4 e — 1 ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † 13 von—„ Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die B ulivther ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Ruckgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. en 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Cuntion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe „Pinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Rr. f. 1 MR 5 Pf. 2 Wer f. 7. Ausleihezelt. Dieſelbe iſt auf 14 Tage fe eſetzt und wi beſonders darauf aufmerkſam gemacht, 29 ant eetrund puird „**— E ‿— f 7 6 ₰ 7 4 / 7/ ν 6 2/ 8 7 ₰ 1 Erſter Band. Stuttgart. Arabbe. C ar l 1851. — —— 8 ering& H Fr. Gedruckt bei K. Anyhalt. 4 Seite bn 1. Kapitel. Unter dem Stadtgraben...... 3 7 II. 5 Unter dem Stadtgraben..... 11 III. 5 Unter dem Stadtgraben...... 22 . IWV.„ Unter dem Stadtgraben....... 32 H V.„ Ein Bürgerball und ſeine Folgen.... 53 VI.„ Ein Bürgerball und ſeine Folgen.... 64 VII. 4 Aus dem Marſtall......... 85 87 VIII.„ Aus dem Marſtall......... 99 IN.„ BVor dem Hoſballe..... 112 X. 8 Aus dem Marſtall......... 126 1 XI.„ Ein Hofball und ſeine Folgen..... 137 XII.„ Aus dem Kutſcherzimmer....... 150 9 XIII. 8 Ein Hofball und ſeine Folgen..... 181 6 XIV„ Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig... 195 ¹ XV.„ Unter dem Stadtgraben...... 2410 4 XVI. Ein Bürgerball und ſeine Folgen 228 4 XVII.„ uunter dem Stadtgraben....... 256 XVIII„ Im Hoftheater.......... 2066 XIX. 7 Ein erſtes Deßut.... S. 224 XX. 5 Thauwetter und Frühlings⸗ Aufang⸗... 284 Unter dem Stadtgraben —..—————— △☛— Namenloſe Geſchichten. Hacklander, Namenl. Geſchichten. I. 4 Es mag wohl manchem unſerer Leſer ergehen wie uns, daß Ausſehen fremdartig in unſer Leben hineinblickt. Sind es nicht die neue Generation herabblickt, welche ſie umgibt, und die nicht ſelten ebenſo verwundert hinaufſchaut. Die alten Häuſer rings 4 hängen in den ſonderbarſten Geſtalten allerlei Dachrinnen⸗Thlere, Erſtes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. er ſich nämlich beim Anblick alter, zumal verfallener Gebäude und bei Spaziergängen auf wüſten Plätzen, die früher von einiger Bedeutung waren, unwillkürlich aber gern der Vorzeit erinnert, welche jene alten halbverfallenen Gebäude bevölkerte und in glänzenden Gewändern voll Luſt und Freude über die jetzt ſo öden Plätze dahinſchritt. In unſerer Umgebung, und wohnten wir auch in der kleinſten Stadt, iſt ſo Manches, das durch ſen. alte Schlöſſer, welche Künſt und Fleiß der Vorfahren mit rieſen⸗* haften, reichverzierten Thorwegen, mit Statuen und Seulpturen aller Art geſchmückt, ſo iſt es ein einſamer Marktbrunnen mit Rhhren in Geſtalt fabelhafter⸗Unthiere, aus denen das Waſſer ſprudelt, oder eine alte Rittergeſtalt, die ſonderbar lächelnd auf um den Brunnen ſind dieſelben geblieben, und an hohen Giebeln 3 1* 8 4 Erſtes Aapitel. die ſo häßlich, wie ſie der Künſtler geſchaffen, nie exiſtiren konn⸗ ten; die Kirchthurm⸗Uhr hat denſelben bekannten Klang, wie vor vielen hundert Jahren, nur iſt ſie vor Alter etwas heiſer gewor⸗ den; die Thüren da unten öffnen ſich auf dieſelbe Art wie früher, und die Bewohner der Häuſer kommen nach wie vor aus denſel⸗ ben heraus, aber der alte Ritter da oben auf dem Brunnen ſieht mit jedem Jahrzehnd das Aeußere dieſer Menſchen wechſeln, und wie hat ſich daſſelbe gar geändert ſeit der Zeit, wo er von ſeinem Piedeſtal herabſteigend, ohne viel Aufſehen zu erregen, unter ihnen hätte herwandeln können! 3 Es iſt aber nichts ſo geeignet, dergleichen Phantaſteen Raum zu geben, wie die Zeit der ſtillen Mitternacht, wo die Straßen leer, die Häuſer geſchloſſen ſind; nichts iſt dann hörbar, als das Rauſchen der Brunnen, und dieſe rieſelten damals gexade ſo wie heute, in derſelben Geſtalt, mit demſelben Ton. An das Portal eines alten Hauſes gelehnt und an dem großen, mit Eiſen beſchlagenen Thor deſſelben lauſchend, iſt man leicht verſucht, zu glauben, drinnen erhebe ſich das alte, luſtige Leben und verjage die neue nüchterne Zeit mit ihren froſtigen, poeſteloſen Geſtalten. Dumpf wirbeln die Pauken, der Baß reißt gellend den Takt in das wirre Tongemälde einer luſtigen Tanz⸗ muſik, Gläſer klirren, und der Thorweg iſt mit Dienern aller Art angefüllt, welche Fackeln tragen, um ihre Herrſchaft nach Hauſe zu begleiten. Jetzt öffnen ſich geräuſchlos die Flügel des großen Thors, und die Treppe herab wimmelt der glänzende Zug der Gäſte, die das gaſtliche Haus verlaſſen; Fackelglanz und Kerzenſchimmer erhellen die gewölbten Vorhallen und ſchimmern auf Gold⸗ und Silberſtickerei, auf buntem Sammt und wallenden Federn. Der Hausherr ſteht oben an der Treppe, die Hand der Gemahlin ruht in der ſeinigen, und Beide winken⸗den Gäſten recht wehmüthig zum Abſchied bis zur nächſten Mitternacht. Der Page, der vor ihnen ſteht, hält den kleinen Bologneſer empor, der mit hinabſchlüpfen wollte. Endlich hat ſich das Haus entleert, Unter dem Stadtgraben. 5 Herr und Herrin auf der Treppe werden immer bleicher, immer un⸗ beſtimmter und verſchwinden endlich in dem Dampf der Fackeln und Kerzen; die geſpenſtigen Gäſte ziehen in die Nacht hingus mit unhörbaxem Tritt, und obgleich die Damen von den Cava⸗ lieren aufs Beſte unterhalten werden, hört man weder ſprechen noch lachen: dunſtig und nebelhaft ſchweben ſie dahin und zer⸗ fließen vor dem nachſchauenden Blick, ehe ſie ihm verſchwinden. So hat jeder Platz auf der Erde, jedes Haus, das wir bewohnen, ſeine manigfachen Geſchichten, die ſich dem Auge des tiefer Schauenden bald anmuthig bald grauenhaft enthüllen. Vor Allem aber wollen wir in dieſem Sinne einen Platz ins Auge faſſen, auf welchem unſere einfache Geſchichte beginnt. Nicht als ob derſelbe große welthiſtoriſche Momente geſehen hätte, oder als ob auf demſelben viel Ungeheures geſchehen ſei— nein, im Gegentheil, was hier geſchah und wie ſich dieſer Platz im Laufe der Jahre änderte, ſo mag es auch an vielen andern Orten eben ſo geſchehen ſein; nur erinnern wir uns nicht, daß ſchon Jemand deſſelben anderswo mit einigen beſchreibenden Wor⸗ ten erwähnt hätte. 8 1. 3 Wie alle deutſchen Städte in vergangen g Tagen, ſo hatte auch die Reſidenzſtadt, von der wir eben ſprechen, in alten, mit⸗ telalterlichen Zeiten Wall und Mauer, breite Gräben und Zug⸗ brücken. Viele Schutzmittel gegen äußere Feinde zwängten die wie in einen eiſernen Gürtel zuſamimen und geſtatteten lange nicht, daß ſich Leben und Treiben, Handel und Verkehr über dieſe engei Schranken hinaus ergoß. Als aber die Zeiten etwas milder wurden, oder die Stadt als feſter Punkt ihre Be⸗ deutung verlor, ode das immer mehr ſich regende Leben gewaltſam überſprudelte und vor den Mauern Häuſer erſtehen ließ, die hohnlachend über die abendliche Straßenſperre zu den alten Thoren hereinſahen, da begannen dieſe allmählig zu verfallen, zuerſt die Mauern, dann die Thorbogen, dann die feſten Thürme, 3 ſich nicht von ſelbſt demüthigte und aus Altersſchwäche Erſtes Kapitel. 8 und Lebensüberdruß verfiel, dem half die Menſchenhand nach und riß die alten Werke ebenſo emſig nieder, wie ſie dieſelben früher aufgebaut; die Gräben füllten ſich mit Schutt und Steinen, darüber wuchs Unkraut und Strauchwerk, Gras und Blumen, und dieſe verwesten wieder und wurden zu Staub und guter Erde, woraus wieder Neues erwuchs; und das ging ſo fort, bis ſich die tiefen Gräben langſam auffüllten; und da auf dem guten, feuchten Grunde hier Bäume trefflich heranwuchſen, ſo gab es unter ihren überhangenden Zweigen bald ſchattige, angenehme Spaziergänge. Nur einer dieſer Gräben widerſtund hartnäckig jedem Ver⸗ ſuche ihn zu entfernen. Nachdem auf faſt allen Seiten der Stadt die Gräben verſchwunden und einige der alten Thürme und Thorbogen, mit dichtem Epheu bewachſen, nur noch als eine Merkwürdigkeit faſt mitten in der Stadt ſtehen geblieben waren, hatte ſich einzig und allein auf der Stelle, von der wir ſpre⸗ chen, der Graben in ſeiner ganzen Tiefe und Breite erhalten. Nicht als ob die Stadt hier in ihrem Wachsthum zurückgeblieben ſei,— im Gegentheil, ſie war hier ausgedehnter als irgendwo, und den alten Stadtgraben faßten auf beiden Seiten lange Reihen neuer Häuſer ein. 85. Der erſte Grund zu dieſem hartnäckigen Feſthalten um ſeinem längſt nicht mehr zeitgemäßen Daſein war wohl, daß der alte Stadtgraben hier nicht ſo breit und tief war, wie anderswonund man wohl glauben mochte, wenn erſt die tieferen Stellen zuge⸗ ſchüttet ſeien, werde das Bischen hier von ſelbſt nachfolgen. Zweitens hielt ihn als eine Art Kirchhof das Volk heilig; denn an dieſer Stelle war bei den vielen erungen, welche die Stadt ausgehalten, Sturm und Vertheidigung beſtändig am hef⸗ tigſten geweſen; manch ein Bürger und Bürgerskind ſchlief da, niedergeſtreckt auf dem Felde der Ehre, den ewigen Schlaf. Mochte es nun die Rückſicht ſein, um die Gefallenen hier zu ehren und 1 ihrer Ruheſtatt eine gewiſſe Weihe zu geben— genug, Unter dem Stadtgraben.— 2 8— an dem Stadtgraben mit den Steinen der Mauer ein Kloſter, und fromme Kapuziner machten ihn zu ihrem Garten und pflanzten da in ſtiller Beſchaulichkeit ihren Kohl. Auch verſäumten ſie nicht, wo bei dem Aufgraben des Grundes Lanzenſpitzen, Schwerter⸗ klingen, Pickelhauben und Menſchenknochen in größerer Anzahl zum Vorſchein kamen, ein Kreuz zu errichten, um, indem ſte auf dieſe Art die Gefallenen ehrten, ihren Garten ſelbſt gegen die Angriffe der Stadtbehörde ſicher zu ſtellen. So lag der Kloſtergarten lange Zeit in einem ſtillen Grunde mitten in der Stadt, rings herum hatten die Mönche tüchtige Mauern aufgeführt, um die Blicke der Neugierigen abzuhalten, ſie hatten Bäume gepflanzt, Waſſer hergeleitet und lebten da unten fromm und gottgefällig. Da aber in dieſer Welt nichts von Dauer iſt, ſo hörte auch das Kloſter an einem ſchönen Tage auf, ein Kloſter zu ſein, Lie Mönche verſchwanden, die kleine Thür, die aus dem Gebäude in den Stadtgraben führte, wurde zugemauert, der Garten ver⸗ wilderte, die Waſſer hörten auf zu laufen, und die Bubenſchaar beluſtigte ſich lange Zeit damit, die Mauern abzubrechen und lang⸗ ſam in den Graben hinabrollen zu laſſen; denn der Magiſtrat war noch nicht mit ſich darüber einig, was mit dem alfen Stadt⸗ graben zu beginnen ſei. Endlich beſchloß man, denſelben aufzu⸗ füllen, und that von Rechts wegen, was die Knaben der Stadt unbefugter Weiſe angefangen: die Mauern wurden hinabgewor⸗ fen, der Stadtgraben an beiden Seiten geöffnet und zum Durchgang in zwei Straßen gebraucht, die bis jetzt keine Verbindung hatten. Das Kapuziner⸗Kloſter vermiethete man an eine Menge ärmerer Familien, von denen eitehrte Anzahl in dem großen weitläufigen Gebäude Platz fand; des Gartens bemächtigten ſich die Kinder der Stadt zu einem außerordentlich gut gelegenen Spielplatze, und hier geſchah alles das, was die Jugend in ihrem lebensfrohen Ueber⸗ muth nur auszuführen pflegt. Bald wurde der Angriff und die Ver⸗ theidiguns der Stadt dargeſtellt, und die junge Generation kämpfte 1. Erſtes Kapitel. mit hölzernen Schwertern und eben ſolchen Spießen tapfer und heldenmäßig auf derſelben Stelle, wo ihre Vorfahren in alter Zeit das Gleiche gethan. Die Kinder äfften den Lauf der Zeit vollkommen nach, und als wegen allzuviel zerſchlagener Naſen und blauer Augen, nicht zu gedenken der zerriſſenen Hoſen und Jacken, das Kampfſpiel verboten wurde, ſo beſchloß die ganze Verſammlung das Kloſterleben wieder erſtehen zu laſſen und als⸗ bald tönten in dem Stadtgraben geiſtliche Geſänge, der weibliche Theil der Schule wurde ſtreng abgeſondert, und feierlichen Schrittes zogen die Buben in Proceſſton unter dem Steingerölle dahin. Dieſe harmloſen Spiele aber ſollten ein blutiges Ende nehmen; nicht als ob eines der Kinder einmal bedeutenden Schaden genom⸗ men hätte, ſondern der Magiſtrat beſchloß in ſeiner Weisheit, den alten Stadtgraben zur Richtſtätte umzuwandeln, und hier wurde nun eine Reihe von Jahren geköpft und geſtäupt und alle mög⸗ lichen Strafen ausgeführt, die das Gericht für gut fand, den Verbrechern aufzulegen, ohne daß die Menſchheit durch die vielen Beiſpiele im Geringſten gebeſſert worden wäre. Doch war der Platz von da an geflohen und gemieden, und man erzählte ſich unter der Hand an langen Winterabenden von ſchrecklichen und unerhörten Spuckgeſtalten, welche in dem alten Stadtgraben ſichtbar wurden und die umher Wohnenden ängſtigten. Bald wollte man die alten, längſt vermoderten Kämpfer der Stadt geſehen haben, wie ſie den letzten Geköpften voll Abſcheu, daß das unreine Blut ſich mit dem ihrigen vermiſche, über die Mauer entfernt hätten; bald habe ſich, ſo ſagte man, zur Nachtzeit die kleine vermauerte Thür des Kloſters geöffnet, und die Mönche ſeien paarweiſe er⸗ ſchienen mit feierlichem Schritt und h nit traurigem Geſang den Graben durchſchritten, wehklagend, daß die heilige Stelle ent⸗ weiht ſei. Obgleich nun, wie es bei allen Geſpenſtergeſchichten geht, nie Einer behauptete, er habe dies und das mit ſeinen eige⸗ nen Augen ge eſehen, ſo wurde doch, namentlich in der Dunkelheit, der alte Stadtgraben von Niemand gerne beſucht, und ma d. X Unter dem Stadtgraben. lieber einen großen Umweg, wenn man von einer Straße, welche in gerader Linie durch den Stadtgraben verbunden wurde, in die andere wollte. Die Bubenſchaar hatte ſich längſt einen anderen Spielplatz ausgeſucht und ließ dem Unkraut und Strauchwerk freien Spielraum, welches ſich behaglich ausdehnte und dieſen Platz mitten in der Stadt höchſt unangenehm für das Auge machte. Endlich wurde dieſer Anblick den Vätern der Stadt uner⸗ träglich, auch war man des Platzes hier ſehr benöthigt, und ſo faßte man die großartige Idee, den alten Graben theilweiſe zu überwölben, anderntheils zu pflaſtern und den benachbarten Haus⸗ eigenthümern unentgeldlich kleine Stücke zu Hofraum und Garten abzutreten. Dieſer Durchgang, finſter und unheimlich, wie er war, ge⸗ hörte nicht zu den angenehmen Theilen der Stadt und war doch den mittleren und ärmeren Volksklaſſen, die hier herum und nament⸗ lich in dem alten Kloſter wohnten, von großem Nutzen. Da hatten Obstverkäuferinnen, vor dem Regen geſchützt, ihre Waaren aufgeſtellt, da befanden ſich kleine ambulante Bücher- und Bilder⸗ läden, und, wenn es draußen gar zu ſehr ſtürmte und ſchneite, trieb auch wohl eine Knabenſchaar ihre lärmenden Spiele hier und freute ſich an dem dumpfen Klang, mit dem ihre dünnen Kin⸗ derſtimmen von dem Gewölbe wiederhallten. 1 Der Eingang ins Kloſter war in demſelben frei gelaſſen worden und befand ſich an der Seite in einem kleinen melancho⸗ liſchen Hofe; hier ragten die von Alter geſchwärzten Mauern unendlich in die Höhe, und neue viereckige Fenſter wechſelten ab mit den alten gothiſchen des ehemaligen Kloſters; ein einſamer Streifen Epheu ſchlang ſtch dort hinauf, und wenn er auch wenig Sonnenlicht genoß, ſo hatte er deſto mehr Feuchtigkeit, denn die alten, ſeltſam geformten Dachrinnen mündeten alle in den kleinen Hof, und wenn es regnete, ſpie es eine wahre Sündfluth von Waſſer herab. Jedes der verſchiedenen Fenſter hier war anders verziert: an dieſem flatterte Wäſche an dünnen Seilen, an jenem 10. Erſtes Kapitel 22 waren Blumenbretter angebracht, und Geranien und Kapuziner friſteten hier in dem dunklen Winkel ein kümmerliches Daſein; auf dem Boden dieſes Hofes ſtanden Fäſſer von allen erdenklichen Formen, um das koſtbare Regenwaſſer aufzufangen, und wenn man dazwiſchen die großen Kehrichthaufen ſah, ſo konnte man ſich kopfſchüttelnd fragen, warum die geſtrenge Polizei nicht kräftigſt einſchritt. Doch wußte jeder, der hier genauer bekannt war, daß es unter den ordentlichen Familien, die hier wohnten, auch viel ercentriſche Gemüther gab, die es der Polizei ſchwer machten, ſich allzu vorſorglich in ihre innnern Angelegenheiten zu miſchen. Dieſer Durchgang nun, ſowie die umliegenden Gebäude heißen: „Unter dem Stadtgraben.“ — 2 ₰ 1 — 8 Zweites Kapitel. Unter dem Stadtgraben. 1 Wenn der alte Stadtgraben ſchon am hellen Tage bei 4 Sonnenſchein ein unheimlicher und trübſeliger Aufenthalt war, ſo konnte man ihn wirklich troſtlos nennen, wenn man ihn an einem Abende betrat, wie an demjenigen, an welchem unſere namenloſe Geſchichte beginnt. Es war ein unfreundlicher, trüber Novembertag; dichte Nebel, welche die Erde einhüllten, hatten Vor⸗ und Nachmittags kräftig mit einander gerungen, bald waren ſie aufgeſtiegen und bedeckten die Höhen rings um die Stadt mit ſchweren, grauen Kuppen, bald ſanken ſie auf den Erdboden nieder und hüllten dort Alles ſo dicht ein, daß man, auf der Straße gehend, nicht 1 auf drei Schritte deutlich bemerkte, ob einem ein Menſch, ein ¹ Pferd oder ein Wagen begegnete; dazu war es naßkalt, das Pflaſter feucht und ſchlüpfrig, und man mußte feſt auftreten, um nicht auszugleiten. Was der Nebel ſchon am Morgen hätte thun ſollen, nämlich vollſtändig auf die Erde herab kommen, das that er erſt am Abend, indem er ſich in einen feinen, ſcharfen Regen” auflöste, der mit einigem Schnee vermiſcht, den Dahinwandelnden vom Wind unangenehm in das Geſicht geweht wurde. Dabei — 12 Zweites Kapitel. befanden ſich die Straßen der Stadt theilweiſe in großer Zer⸗ ſtörung; man war im Begriff, die alten Straßenlaternen zu penſtoniren und die Reſidenzſtadt mit Gas zu erleuchten; deßhalb war das Pflaſter in einer Breite von vier Fuß und dabei oft ganze Straßenlängen ausgehoben und ein tiefer Graben gemacht, um den Gasröhren im Schooße der Erde ein bequemes Lager be⸗ reiten zu können. Wo dieſe Röhren bereits lagen, da war der Graben wieder zugeworfen, und wenn auch der harmlos Vorüber⸗ wandelnde, der zufällig auf die loſe Erde trat, tief einſank, wenn auch Eilwagen und Omnibus, die mit zwei Räder hineingeriethen, dem Umſchlagen nur mit genauer Noth entgiengen, ſo waren das kleine Uebelſtände, die in Anbetracht der allgemeinen Nützlichkeit der Sache wohl zu ertragen waren. Wo aber die Röhren noch nicht gelegt waren, da gähnte der Graben in einer Tiefe von vier Fuß, und um den Darüberſchreitenden zu warnen, hatte man an ſolchen Stellen kleine ſchwarze, ſchmutzige Laternen aufgeſteckt, die, ſchon an ſich trübſelig, jetzt durch Oelmangel, Nebel und Regen in einem wahrhaft jammervollen, trübrothen Licht däm⸗ merten und den Wanderer ſchon allein durch ihr melancholiſches Ausſehen darauf vorbereiteten, daß ſich zu ſeinen Füßen etwas Furchtbares aufthue. Ein ſolcher Graben mit einer ſolchen Laterne ſperrte den einen Eingang des Stadtgrabens vollſtändig und zum großen Aerger aller Leute, die ihren Weg eigens hieher lenkten, um unter dem Gewölbe eine Zeil lang im Trockenen gehen zu können, und man hörte an dieſer Stelle viele leiſe Flüche, ſowie den halbunter⸗ drückten Schrei weiblicher Stimmen, wenn ſte an den tiefen Gra⸗ ben kamen und den Sprung wagten, das Lachen der Straßen⸗ jungen, die dieſen unwillkürlichen Kraftanſtrengungen zuſchauten und ſie mit einem Zungenſchlag, wie auf der Rennbahn, begleiteten; dann traten Alle ſchallenden Schrittes in das Gewölbe, ſtampften mit den Füßen und ſchüttelten ihre Mäntel und Regenſchirme, um den anhängenden Schnee zurück zu laſſen, der auf dieſe Art in⸗ — S— ——— —, 6 . * Unter dem Stadtgraben. 3 13 dem Gewölbe liegen blieb und daſſelbe noch feuchter und unbehag⸗ licher machte. Dazu pfiff der Wind von einer Seite, und die Straßenlaterne, die in der Mitte dieſes Durchganges hieng, ächzte kläglich hin und her. In dem kleinen Seitenhofe brach ſich der Luftſtrom und fuhr heulend und pfeifend, da er keinen Ausweg an den ſteinernen Mauern fand, in die Höhe und ins Freie. Kein Thier war auf der Straße oder im Gewölbe zu ſehen, und eine Katze, die eben von einem nachbarlichen Beſuche kam, eilte mit raſenden Sätzen über den kleinen Hof ins Kapuzinerkloſter, um ſobald als möglich ihren warmen Ofenwinkel zu erreichen. Wer hätte nach allem dem glauben ſollen, daß in dieſem Gewölbe trotz des Unwetters eine Geſellſchaft menſchlicher Weſen, auf einem Stein neben der verwitterten Kloſterthür ſitzend, ruhig und unerſchüttert von Sturm und Regen auf etwas zu warten ſchien? Es mochten ſechs bis acht Frauen aus der niederen Volksklaſſe ſein, die dort neben einander kauerten, mit einem trübſeligen Schweigen, das nur zuweilen unterbrochen wurde durch einen abſichtlich ſehr laut ausgeſtoßenen Seufzer oder durch die Bemerkung, es ſcheine, als wolle der ganze Himmel mit all' ſeinen Waſſern auf die Erde herabkommen. Die Weiber waren ärmlich angezogen, ſie hatten unter ihre Umſchlagtücher Kopf und Arme verborgen und zitterten trotzdem vor Kälte und Näſſe; eine brennende Laterne ſtand in der Mitte vor ihnen und beleuchtete die abgemagerten und traurigen Geſichtszüge, und zeigte zu gleicher Zeit, daß vor jedem der Weiber auf dem Boden eine ebenſolche Laterne, aber unangezündet, nebſt einem kleinen blechernen Gefäße ſtand. Dieſe Frauen waren nichts mehr und nicht weniger als Dienerinnen der Stadt, und hatten die wichtige Verkechtung, täglich die Straßenlaternen mit friſchem Oel zu verſehen und ſte anzuzünden. Das Oel wurde jeden Abend unter ſie ausgetheilt, und beim Eintreten der Dämmerung fanden ſie ſich zu dieſem Zwecke an gewiſſen Orten ein und verkürzten ſich die Zeit, bis 4 ZBweites Kapitel.* ſie ihr Oel erhielten und an die Arbeit gehen konnten, mit allerlei Bemerkungen über ihr ſauer verdientes geringes Brod, wobei ſie gewöhnlich verſicherten, daß das Amt einer Laternen⸗Anzünderin eine langſame Art von Hungertod ſei. Doch hatten ſich dieſe Anſichten der armen Weiber ſeit einiger Zeit bedeutend geändert, und wenn wir vorhin von unterſchiedlichen Seufzern ſprachen, ſo waren ſte nicht vom ſchweren Amte erpreßt, ſondern galten einer neuen Einrichtung, die ſie mit dem Verluſte ihres Kmerbs be⸗ drohte— der Gasbeleuchtung nämlich. Ein neuer heftiger Windſtoß, der durch das Gewölbe heulte und vor der Oeffnung deſſelben die kleine Laterne an dem breiten Graben auslöſchte, brachte die Zungen der Laternen⸗Anzünderinnen auf einmal in Bewegung. „Geh' Sie doch hin, Winklere!“ ſagte eines der Weiber, „und zünd' Sie die Laterne wieder an; nicht wahr Sie thut's mit Ihrem guten Gemüth? Mir wär's dort finſter genug, und wenn's in der Finſterniß ein paar zerbrochene Beine gäbe, welche die Gaſſenlicht⸗Herren zu bezahlen hätten, thät' mich's auch freuen.“ „Natürlich werd' ich's wieder anzünden,“ entgegnete die Angeredete, indem ſie gewaltig huſtete und ſich zugleich erhob. 78 r zwar eine kleine buckelige Perſon, welche die brennende Laterne vom Boden aufhob und damit dem Eingange zuſchritt. „Gebt nur Acht,“ fuhr die andere Stimme fort„die Wink⸗ lere weiß ſchon, warum ſie beſorgt iſt, die ſchleicht ſich ſchon wieder ain ein Aemtchen hinein, die wird ſchon wieder angeſtellt, und wenn ſie ſie auch nur als Wetterher auf das Dach ſetzen.“ 2 „Habt Ihr denn eigentlich eine Idee davon,“ ſagte eine andere Stimme,„was das mit bem C Gaſſenlicht eigentlich ſagen mwill, und warum wir unſern Dienſt deßhalb verlieren müſſen? Laternen müſſen ſie nun doch einmal haben, und die Laternen muß auch ein Chriſtenmenſch putzen And muß ihnen Oel geben, das liegt auf der Hand; aber ich weiß ſchon, wir ſollen abgeſchafft werden, denn die Herren vom Stadtrath werden ſchon andere , Unter dem Stadtgraben. Leute im Auge haben, welche die Laternen anzünden ſollen, ja, ja, ganz andere Leute, wie wir, und natürlich viel jünger und verſtändiger.“ „Schwätz, Sie kein ſo dummes Zeug!“ ſagte die erſte Stimme wieder,„das Gaſſenlicht iſt nicht, wie ſo verflucht's Maſchinenwerk; da bauen ſie draußen ein Gaſſenhaus, und in daſſelbe kommen graßeſaſchinen, wie in der Spinnerei drüben aͤm Bach, und ein großet Schornſtein daneben, und das arbeitet in einer Bertelſtunde alles das, wofür ſich alle Laternen⸗ Anzünderinnen Morgens und Abends zu plagen haben, ich ſage Eich, dieſe Maſchine iſt unſer Unglück, und wo ſo ein Unrath anfängt zu laufen und zu wuſelu, ollt man's gleich zerſchlagen.“ Eine dritte Stimme erhobeſſich jetzt ſchüchtern und wollte gehört haben, das Gaſſenlicht bekäme kein Oel, ſondern werde E durch die Luft allein hervorgebracht,— eine Behauptung, über deren Unhaltbarkeit und Lächerlichkeit ſämmtliche Weiber in ein gellendes Gellichter ausbrachen. „Luft, Luft?“ ſagte die erſte Stimme wieder;„wie man nur ſo dumm ſein kann und ſo etwas glauben! Wozu legen ſie denn dieſe dicken eiſernen Röhren? Wohl damit die Luft hin⸗ durch geht? eine eiſerne Röhre für die Luft! nun hör' mir einer n, ſo was hab' ich mein Lebtag nicht gehört. Ich will's Euch ſagen„was die Röhren bedeuten: Dieſe Röhren laufen in dem Gaſſenhaus alle in einem großen Keſſel zuſammen und dieſer große Keſſel iſt voll Oel, und da thut man nichts, als jeden⸗ Abend den Hahnen aufmachen und läßt das Oel in die Laternen laufen, und ſo braucht man Euch nicht mehr— verſtanden?“ „Bloß die Winklere allein,“ ſagte eine vierte Stimme mit krächzendem Ton,„dort kommt ſie zurück gehumpelt, bloß die wird beibehalten, und, wenn man ſie nicht als Wetterher brauchen kann, ſo darf ſie an dem noßen Oelhahnen ſitzen und ihn lang⸗ ſam aufdrehen.“ 8 „Spottet nur, ſagte die alte verhöhnte und ſetzte die Zweites Kapitel. , Laterne ruhig auf den Boden.„Ihr wißt Alle, daß ich ein ſo armes Weib bin, wie Ihr, die ihre paar Groſchen vom La⸗ ternenanzünden für ihr kümmerliches Leben ebenſo braucht und die ſonſt nichts hat.“ „Und die uns das Geſchäft verderbt,“ ſagte die erſte Stimme mit bitterem Tone,„ja Winklere, Sie hätte uns doch das Ge⸗ ſchäft verdorben, wenn's der Teufel in den nächſten Tagen nicht ganz holen würde.“ „Ich, und womit denn?“ „Ja Sie! Hat Sie nicht durch Ihr Scharwenzeln und durch Ihre Bittgänge heraus geſchlagen, daß die nichtsnutzige Weibsperſon, die Marie, die Laternen in der hohen Gaſſe an⸗ zünden darf, und ſind wir dadurch nicht alle verſchimpfirt worden, und, ſagt nicht ſeit der Zeit der Stadtſoldat Steinmann, der, bei⸗ läufig geſagt, einſt in der Hölle in dem Oel braten wird, das er uns abgezwackt und dem Rathe geſtohlen, hat er nicht ſeit der Zeit geſagt, wir ſeien alle zuſammen liederliche Weibsbilder? „Ja, ja, das hat er geſagt!“ riefen mehrere Weiber;„und ſobald wir entlaſſen ſind,“ ſetzte eine ſchrille Stimme hinzu, n kratze ich ihnr ſein ſcheeles Auge aus.“ 7. „Und das iſt noch nicht Alles,“ ſagte die erſte Stimme, nietzt liegt die Marisſchon ein halbes Jahr zu Bett als Strafe für ihren fündhäften Lebenswandel, und was thut die Frau Wink⸗ lere, die hochmüthige Mama von dem hochmüthigen königlichen Stallkgecht? Anſtatt die Gelegenheit zu benutzen, um die Weibs⸗ perfon los zu werden, geht ſie her und verſieht die ganze Zeit den Dienſt der Marie. u „Und iſt da was Böſes drinn?“ fragte die Winklere. „Ci, nun ſeh' mir eins die Frage an!“ antwortete die An⸗ dere, was hat der Steinmann neulich geſagt? Er hat geſagt, 1 wenn er gewußt hätte, daß eine von uns zwei Stadtviertel verſehen önnte, ſe han⸗ man eigenilich nur die Hälfte von Lampen⸗ Anzünderinnen anzuſtellen gebraucht, und hat hinzugeſetzt, wenn Unter dem Stadtgraben. nicht ohnehin Alles aufhörte, ſo würde man darauf hin die Hälfte von uns fortjagen.“ „Der Steinmann iſt ein hartherziger, ſchlechter Kerl,„ ſagte die Winklere, die auch anfieng, in Zorn zu gerathen, ſo heftig es ihre zarte Stimme erlaubte,„und der Steinmann wird ſeiner 1 gerechten Strafe nicht entgehen.“ Ueber dieſen Punkt waren ſämmtliche Weiber vollkommen einig und eite mit einer ſehr ſchrillen Stimme meinte, wenn es unter dem größten Höllenofen ein recht tiefes und glühendes Aſchenloch gäbe, ſo wäre das ein paſſender Platz für den Steinmann. . Doch wie man in der Fabel nur den Wolf zu nennen braucht, damit er erſcheine, ſo war es auch hier, und die Weiber, die im Begriff waren, noch einige beſondere und recht empfindliche Strafen— zu erdenken, die den Stadtſoldaten im Jenſeits unfehlbar erwarten dürften, bemerkten ſie am Ende des Durchgangs in demſelben 1 Augenblick eine lange Geſtalt und den Schein einer Laterne, welche .„ hiinnter dieſer Geſtalt hergetragen wurde, wodurch dieſelbe, da man weder das Licht ſelbſt noch den Träger ſah, wie in einem rothen Feuer heranzuſchweben ſchien. Dieſe Geſtalt war Herr Stein⸗ mann, welcher ein größes Oelgefäß in der Hand trug, und hinter 1 ihm drein wandelte ein kleiner Bube mit der Laterne, von welcher der oben erwähnte Schein herkam.* r Bei dieſem Anblick verſtummten die Weiber plötzlich und flüſterten ſich nur leiſe zu, keine ſolle mit dem Ungeheuer ein 4 Wort ſprechen, 2 Dieſes Ungeheuer näherte ſich nun langſamen Schrittes, huſtete zuweilen, und wenn daſſelbe auch nicht gerade ausſah, wie man ſich die Ungeheuer gewöhnlich vorſtellt, ſo war ſein Geſicht doch ſo ſeltſamer Art, daß man glauben konnte, der Herr Stadt⸗ ſoldat Steinmann habe einmal bei einer nächtlichen Runde etwas ganz furchtbar Entſetzliches geſehen, wodurch ſeine Geſichtszüge auf ine ſolch' unangenehme Art verzerrt worden ſeien, wie ſie zum Schrecken aller kleinen Kinder ſich öffentlich ſehen ließen; dabei 3 Hacklander, Namenl, Geſchichten. I. 4 2 aanzeigten, daß es ihnen an der nothw der Steinmann habe unten „Empfängerinnen mit einem Zweites Kapitel. war er blatternarbig und hatte nur ein einziges Auge, welches ſehr unangenehm ſchielte. Wenn er als Diener der öffentlichen Gewalt die Knaben⸗ ſchaar zur Ruhe bringen wollte, ſo brauchte er ſich nur vor ſie hinzuſtellen und ſte mit ſeinem einzigen Auge ſcharf anzuſehen, was vollkommen hinreichte, um die Buben in höchſter Angſt nach Hauſe zu jagen. Ja, ſein Anblick erſchien denſelben ſo entſetzlich, daß ſie, um ſich ſelbſt recht in Furcht und Schrecken zu jagen, zuweilen Steinmannles ſpielten, wobei dann der Knabe der ihn vorzuſtellen die Ehre hatte, ſich bemühte, durch die furcht⸗ barſten Grimmaſſen und Fratzen die Geſichtszüge des Stadtſol⸗ daten nachzuahmen. In ſeiner Eigenſchaft als Oberaufſeher der Lampen⸗ putzerinnen und Oelvertheiler hatte er ſich den Ruhm erworben, daß ein Wort von ihm, ja ſein Anblick hinreichte, um die armen alten Frauen zur ſtrengſten Pflichterfüllung anzuhalten. Wie eine Katze ſchlich er Tag und Nacht umher, und wenn eines der Weiber zufällig ein bischen Oel in ihrem Kännchen übrig behielt und nicht alles in die Laterne goß, ſo koönnte plötzlich in dem hellen Scheine dicht vor der Uebelthäterin das ſchreckliche Geſicht des Herrn Steinmann auftauchen und ſte lächelnd an ihre Pflicht erinnern. Dabei maß er ihnen das O Oel ſo knapp zu, daß die — 4 2 Laternen ſchon eine Stunde, bevör ſie erlöſchen durften, auffallend zu kränkeln begannen und durch ein trübes Aufflackern deutlich endigen Nahrung fehle. Doch konnte man dem Steinmann darüber nichts anhaben, denn das Gefäß war bis an den Rand gefüllt, und wenn er der letzten Anzünderin ihr Oel gegeben, ſo drehte er daſſelbe um, und es rann kein Tropfen mehr heraus; böſe Zungen aber behaupteten, in ſeinem Oelgefäß einen großen auſe in ſeine eigene Lampe auspreſſe. ute Abend begann von Seiten der melancholiſchen Schr Schwamm, den er ſpäter zu H Die Oelvertheilung heu weigen und von Unter dem Stadtgraben. 19 Seiten des Austheilers mit einem bösartigen Blinzeln ſeines einzigen Auges; er bemerkte wohl, daß die Weiber beſchloſſen hatten, keine Unterhaltung anzuknüpfen, und es verurſachte ihm deßhalb die größte Freude, durch ein einziges Wort im Stande zu ſein, ihre Zungen auf's Feindſeligſte zu entfeſſeln. Während die Weiber ihre Oelgefäße ſchloſſen und jede ihre Laterne anzündete, zog der Stadtſoldat eine Schnupftabacks⸗ doſe aus Birkenrinde hervor und nahm bedächtig eine Priſe und verſtcherte, wie leid es ihm thäte, daß er durch die neue Gasbe⸗ leuchtung gezwungen ſei, bald für immer eine ſo angenehme Unterhaltung, wie ihm die Oelaustheilung gewähre, verlieren zu müſſen. 85 Die Winklere ſchloß mit einem ſtillen Seufzer ihre Laterne, die übrigen Weiber rafften ſich entſchloſſen von ihrem Steinſitze auf, um davon zu gehen. „Von morgen an,“ ſagte der Stadtſoldat ſehr bedächtig und langſam, indem er eine zweite Priſe nahm,„braucht nur die Hälfte hieher zu kommen, um Oel zu faſſen!“— und bei dieſen Worten verzerrte ſich ſein Geſicht zu einem ſcheußlichen Lachen, als er bemerkte, wie auf dieſe Neuigkeit hin die Weiber plötzlich Halt machten und ihn ängſtlich und erwartungsvoll anſahen. 8 „Ja, ja, von morgen an nur noch die Hälfte,“ fuhr er fort und klappte den Deckel auf ſeine Doſe;„wir haben die Gasbeleuch⸗ tungs⸗Geſellſchaft unabläßig angetrieben, und obgleich ſie erſt im nächſten Monat anfangen wollte, ſo werden doch ſchon, Dank unſern Bemühungen, in dem dritten, ſechsten und achten Stadt⸗ viertel die Gaslaternen morgen Abend angezündet werden kön⸗ nen; die betreffenden Frauen ſind deßhalb von heute an ſchon entlaſſen.“ Ankündiguug hin ein wahrer Strom von Worten, Klagen, ja Schmähungen los; manche Weiber ſetzten ihre Laternen hin, 2* Wie der Steinmann vorausgeſehen hatte, ſo brach auf dieſe A₰ 2o Zweites Kapitel. fuhren mit dem Schurzzipfel an die Augen und meinten, es ſei gar nicht möglich, daß man ihnen ſo plötzlich und über Nacht ihr bißchen Brod nehmen könne. Es war in dem engen Durchgang ein Klagen und Lamen⸗ tiren, daß es einen Stein hätte erbarmen können; aber je mehr die armen Weiber wehklagten und weinten, um ſo inniger freute ſich Herr Steinmann; auch ſchien es ihm durchaus nicht wehe zu thun, wenn mitunter ſehr harte Aeußerungen gegen ſeine eigene Perſon fielen, ja er nahm ganz ruhig und lächelnd eine neue Priſe, als der Jammer der Weiber in offene Rebellion auszubre⸗ chen drohte, indem die Hartnäckigſten erklärten, wenn man ſie ſo ſchonungslos fortjage, ſo würden ſie auch heute ſchon keinen Dienſt mehr thun, und der Teufel möge die Stadt beleuchten wie er wolle, und ihnen ſei es gleich, wenn dies ſogar durch eine große Feuersbrunſt geſchehe. Der Stadtſoldat ſtand, wie geſagt, in dieſem Lärmen ruhig und lächelnd da, als wenn ihn das alles durchaus nichts angienge, und nur wenn eines der Weiber in ihrer Aufregung etwas zu nahe auf ihn zutrat, wandte er ſich um und ſcheuchte ſie mit einer furchtbaren Grimaſſe weit zurück; ihn ſchien dieſes Geſchrei außer⸗ ordentlich zu amuſtren, und anſtatt, daß er ſich Mühe gab, den Sturm zu beſchwichtigen, vermehrte er ihn vielmehr noch durch ſeine Bemerkungen. „Dankt Gott,“ ſagte er lachend,„daß der ſcheußliche Hunde⸗ dienſt ein Ende hat! Habt Ihr nicht alleſammt oft bedauert, daß Ihr Euch je zum Geſchäft des Lampenanzündens hergegeben, was? he? Habt Ihr nicht immer Euch verſchworen und Euch ſelbſt Eſel genannt, daß Ihr je dieſes Geſchäft übernommen? Jetzt ſeid Ihr's ja los, dankt Eurem Heiland auf den Knieen dafür, dankt dem Steinmann,— jetzt macht daß Ihr fortkommt, oder... Das einzige Auge des Stadtſoldaten begann vor innerer Luſt und Bosheit zu funkeln, und er ſtreckte den gebieteriſchen Arm nach dem Eingange aus. Unter dem Stadtgraben. 21 Dies war das gewöhnliche Ende von dergleichen Scenen geweſen, und es hatten ſich die Weiber darauf ſtillſchweigend entfernt; heute aber, wo das lange Befürchtete ſo plötzlich über ſte hereingebrochen war, wo die armen, durchnäßten und frierenden Weiber den harten Winter vor der Thür ſahen, folgten ſie nicht dem gebieteriſchen Wink ihres ewigen Plagegeiſtes, ſondern ihre Thränen begannen reichlicher zu fließen und ihre Klagen übertönten das Geheul des Windes und den niederplätſchernden Regen in dem engen Hofe nebenan. Leute, die durch das Gewölbe eilten, blieben einen Augen⸗ blick erſtaunt ſtehen und giengen dann raſch fort, als ſie den Stein⸗ mann gewahrten. Dieſer ſchnupfte heftig und wollte ebenfalls den Schauplatz ſeiner Thaten verlaſſen, als eine große ſtarke Frau, gefolgt von zwei Dienſtmädchen, die auf ihren Köpfen große Körbe mit Wäſche trugen, in das Gewölbe trat und erſtaunt bei den heulenden Weibern ſtehen blieb.: Der Leſer aber ſoll im nächſten Kapitel erfahren, wer dieſe Frau war und was ſich weiter begeben. Drittes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Die Frau, welche bei dem großen Jammer der Lampen⸗ anzünderinnen plötzlich erſchien und vor denſelben ihren feſten, aber eiligen Schritt anhielt, war die ehrſame Wittwe eines könig⸗ lichen Hofkutſchers, der in ſeinen beſten Jahren das Zeitliche ge⸗ ſegnet und die Frau mit drei kleinen Kindern zurückgelaſſen hatte⸗ Da die Beſoldung des Kutſchers von jeher nicht groß zu nennen war, auch derſelbe bei dem ſtundenlangen Sitzen auf dem Bockann er bei Bällen, Concerten und dergleichen in bitter⸗ kalter Nacht auf ſeine Herrſchaft zu warten hatte, von dieſer kleinen Beſoldung ein Erkleckliches verwenden mußte, um ſich Behufs innerer Erwärmung etwas Geiſtiges anzuſchaffen, ſo kann man ſich leicht einbilden, daß der Frau von den Ueberbleib⸗ ſeln des Gehaltes nicht viel zu gute kam, weßhalb ſie ein einträg⸗ liches Geſchäft, das ſie von ihrer Mutter überkommen, ſorgſam beibehielt und möglichſt ausdehnte. Dieſes Geſchäft beſtand in dem Beſorgen der Wäſche für die Geſandtſchaften und andere große Häuſer der Stadt.. Frau Welſcher hatte ihren Mann, den Hofkutſcher, eigent⸗ lich nur zum Staat geheirathet, und es ließ ſich auch in den erſten X N ——jy Unter dem Stadtgraben. 23 Jahren ganz gut an, wenn die junge hübſche Frau mit dem ſtatt⸗ lichen Manne in glänzender Livree Arm in Arm dahin wandelte. Sie hatten drei Kinder miteinander, als der Mann ſtarb, und der Frau blieb von ihm nichts übrig, als das Andenken an manchen guten und manchen böſen Tag, die ſie mitſammen ver⸗ lebt, ſowie die Kundſchaft einiger Hofdamen, die der ſelige Kut⸗ ſcher Welſcher beſtändig gefahren und in welch' angeſtrengtem Dienſt er ſich, ſo behaupteten nämlich ſeine Kameraden, den frühen Tod geholt; denn ſo eine Hofdame läßt nicht mit ſich ſpaſſen und ſpaßt auch nicht mit ihrem Kutſcher und ihren Pferden, und wenn Nachts alle Geſchöpfe zur Ruhe gegangen ſind, wenn ſogar Wachpoſten und Nachtwächter einnicken, ſo hört man gewiß noch eine verſpätete Equipage auf dem Pflaſter raſſeln— einen Hofdamenwagen. Frau Welſcher hatte ſich bei ihrem Geſchäft und durch den Umgang mit vornehmen Leuten oder doch mit deren Kammer⸗ dienern und Kammerjungfern einen gewiſſen Grad von Bildung angeeignet, die ſonſt Leute ihres Ranges nicht beſitzen; hierdurch, ſowie durch einen außerordentlich rechtlichen und ehrſamen Lebens⸗ wandel hatte ſich die Frau nicht nur in dem Hauſe, wo ſie wohnte, ſondern im ganzen Stadtviertel, wo dieſes Haus lag, ein größeres Anſehen erworben, als ſelbſt der Polizei⸗Commiſſär zelaß. Sie wohnte in dem alten Kapuzinerkloſter und war bei häufig vorkom⸗ menden Streitigkeiten der Nachbarſchaft eine vollkommen competente richterliche Behörde, und wer bei einem Streit von ihr Unrecht bekam, der mochte ſein Urtheil in aller Geduld hinnehmen, denn eine Appellation dagegen würde ihm die ganze Nachbarſchaft für ein Majeſtätsverbrechen ausgelegt haben. Dieſes Anſehen nun, in welchem die Waſchfrau ſtand, äußerte ſich auch bei ihrem Erſcheinen ſogleich auf die heulenden Lampen⸗ anzünderinnen, ja ſogar auf den hartherzigen Steinmann. Die Weiber hörten auf zu weinen und eine beeilte ſich auf die Frage der Frau Welſcher nach dem Spectakel die ſchreckliche Urſache 24 Drittes Kapitel. deſſelben anzugeben und hinzuzuſetzen, auf welch boshafte und ſcheußliche Weiſe der Stadtſoldat ihnen ihre Entlaſſung mitgetheilt. Die Waſchfrau ſtemmte den Arm in die Seite, und die beiden Dienſtmädchen hinter ihr thaten das Gleiche, es gehörte ihr ganzes Anſehen dazu, die keifenden und lärmenden Weiber zu vermögen, ihr Maul zu halten, nachdem ſie, wie eine Schaar Gänſe durcheinander ſchreiend, ihre Anklage alle zuſammen be⸗ kräftigt hatten. Jetzt aber ſchwiegen ſie mit Einemmal und hoben ihre M⸗ ternen in die Höhe, um aus den Geſichtszügen der Frau Welſcher zu erfahren, ob ſie aus denſelben eine Hoffnung ſchöpfen könnten; natürlicher Weiſe war dem nicht ſo, die Waſchfrau ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Seht, Ihr Weiber, da iſt nichts zu machen, der Stadtrath iſt in ſeinem Recht; er hat Euch angenommen, um die Straßenlaternen anzuzünden und jetzt, da keine mehr anzu⸗ zünden ſind, wenigſtens nicht in der Art wie früher, entläßt er Euch und hat ſein vollkommenes Recht dazu.“ Ein tiefer Seufzer war die Antwort auf dieſe Entſcheidung, und die Weiber waren von dieſem Augenblick an ſo hoffnungs⸗ los, als hätte der oberſte Gerichtshof des Landes dieſen Ausſpruch gethan. „Ihr könnt nichts thun,“ fuhr die Frau fort,„als Euch an die Gnade des Rathes wenden, um irgend ein anderes Aemt⸗ chen zu erhalten; leider habt Ihr keine Ausſicht, mit dieſem Ge⸗ ſuch von Eurem Aufſeher, dieſem Menſchen da, unterſtützt zu werden; doch Gott iſt barmherzig, und wenn ich einer von Euch mit meinem beſonderen Rathe dienen kann, ſo wißt Ihr alle, wo ich wohne. Ihr aber“, wandte ſie ſich zum Stadtſoldaten,„ſolltet Euch in Eure Seele hineinſchämen, dieſe armen Weiber, die mit dem erbärmlichen Lohne oft noch Mann und Kinder ernähren mußten, zu verhöhnen und ihren Abſchied ſauer zu machen.“ „Vor wem ſoll ich mich ſchämen?“ grinzte der Steinmann, „vor Euch vielleicht?“ Fral nder war dem vor Ste han faß etz ein gen wü und Unter dem Stadtgraben. 25 „Ja, und vor der ganzen Stadt, die Euch kennt,“ ſagte die Frau, und die beiden Dienſtmädchen ſetzten laut genug hinzu: „der widerwärtige, häßliche Kerl!“ Der Stadtſoldat wollte alles Ernſtes böſe werden, doch war er klug genug, ſich zu beſinnen, daß er in einem Viertel ſei⸗ dem nicht zu trauen, und daß es nur Ein Wort von der Frau, die vor ihm ſtand, bedürfe, um ihm den nächſten Beſuch unter dem Stadtgraben ſehr unangenehm zu machen; auch ſtanden die beiden handfeſden Mädchen der Waſchfrau ſo herausfordernd da, ja, ſie faßten ſchon an ihren ſchweren Körben, um ſie auf den Boden zu ſetzen, was ganz wie eine Vorbereitung zum Kampfe ausſah, wie ein:„Macht Euch fertig!“— um bei dem geringſten beleidi⸗ genden Worte, das er gegen ihre Frau und Meiſterin ausſtoßen würde, über ihn herfallen zu können, daß er es für beſſer hielt, unter verſchiedenartigen Drohungen für die Zukunft mit ſeiner Laterne den Heimweg anzutreten. Auch die Weiber verabſchiedeten ſich von der Frau Welſcher und gingen ſtill ſeufzend ihres Weges. Anfänglich wankten die Laternen auf Einem Punkte durch das Gewölbe bis zum Aus⸗ gange, die ärmlichen Schuhe ſchlurften auf dem Pflaſter, die Oel⸗ maße klapperten, hier und da huſtete Eine ſchwer auf, und als die Weiber von dem noch heftig ſtrömenden Regen auf's Neue durchnäßt wurden, ſagten ſte einander wehmüthig gute Nacht und giengen nach allen Richtungen auseinander. Noch lange ſah man die kleinen rothen Lichter in den Straßen umher irren, hörte die ſchweren Seile der Straßen⸗Laternen nie⸗ derraſſeln und ſah manch' blaſſes, eingefallenes Geſicht, wie es ſich bemühte, den halb durchnäßten Docht in dem gläſernen Behäuſe anzuzünden. Droben aber, in den Fenſtern der Häuſer, wurden ebenfalls Lichter angezündet, und manch, frohes Kindergeſicht drückte in dem behaglichen, warmen Zimmer die Naſe platt an das ange⸗ laufene Fenſter und konnte nicht begreifen, was die Frau an ihrer— 7 26 3 Drittes Kapitel. Laterne ſo lange zu ſchaffen habe; der Vater aber, der hinzu trat, ſagte:„Nun, das hört glücklicher Weiſe auf, die ganze S adt wird ſich freuen über das Gaslicht, das wir jetzt bekommen.“ Unterdeſſen gieng die Frau Welſcher ihrer Wohnung zu und hatte ein Geſpräch angeknüpft mit der Winklere, die nebenher hinkte, um an dem alten Kapuzinerkloſter ein Laterne anzuzünden. „Wie geht's Eurer Kranken?“ ſagte die Waſchfrau,„Ihr könnt morgen eine warme Suppe für ſte holen,— was macht die Marie?“. „Ach, Ihr wißt ja noch nicht, Gott, das hab ich vergeſſen,“ entgegnete die Winklere und ſetzte Oelmaß und Laterne auf den Boden,„Gott hab' ſie ſelig, die unglückliche Perſon! Sie iſt heute Mittag geſtorben, ich glaube an Entkräftung, denn mit ihrer Schwindſucht hätte ſie's noch ein paar Monate ausgehalten; ich hätt' es aber auch gewiß nicht früher ſagen dürfen, denn wenn der Steinmann erfahren hätte, daß ſte ſchon heute Mittag ge⸗ ſtorben ſei, ſo hätte er mir unbedingt den Lohn für den letzten Tag abgezogen.“ „Die arme Perſon!“ ſagte die Frau Welſcher weich,„und wo iſt das Kind?“ „Ja, das Kind, das hab' ich bei ihr laſſen müſſen; ich hab's bei ſeiner armen Mutter eingeſchloſſen.“ „Bei der Todten?“ fragte entſetzt die Waſchfrau. „Ich konnt's nicht anders machen,“ entgegnete die Winklexe, nes klammerte ſich an das Bett feſt und wollte ſeine Mutter durch⸗ aus nicht verlaſſen; hätt' ich es mit Gewalt hinweggenommen, ſo hätte das Gezeter und Geſchrei des kleinen Mädchens die Nach⸗ barn aufmerkſam gemacht.“. „Aber was wollt Ihr heute Nacht machen?“ Frau;„wo ſoll das Kind bleiben?“ „Ich will es in Gottes 9 fragte die tamen in mein Stübchen nehmen und morgen ſehen, ob ſich mitleidige Seelen finden, die etwas für das Kind thun wollen.“ .„ Unter dem Stadtgraben. 27 .„Und von dem Vater hat man nichts gehört?“ fragte die Waſchfrau,„hat er ſie ſo elend zu Grunde gehen laſſen, die arme Marie?“ „Ach, daß ſich Gott erbarme,“ entgegnete die Winklere, „was denkt ſo ein Herr weiter an ein armes bürgerliches Mädchen, wenn er ſie ins Unglück gebracht! Von ſich hören laſſen? ja, abgereist iſt er und hat ſte nicht wieder geſehen, und was hat er ihr zurückgelaffen? ein paar ſeidene Kleider, einen goldenen Ring und ſo etwas Flitterkram.“ „Ich mochte die Marie immer leiden,“ ſagte betrübt Frau Welſcher,„es war ein gutes Geſchöpf, eine fleißige Näherin, aber immer etwas leichtſinnig.“ „Ob ſte ein gutes Geſchöpf war!“ ſagte die Winklere, und Thränen rollten über ihre Backen;„wie hat ſie ihr Mädchen, das arme Kind, gepflegt! und ſie hat es recht gut erzogen und immer aufgeputzt, wie eine Puppe, ach, daran hat ſie ſich die Schwind⸗ ſucht an den Hals und zu todt genäht, Gott hab' ſie ſelig! Und als ſte nun endlich auf dem Bett lag und nicht mehr ausgehen konnte und auch am Ende nicht mehr im Bette nähen, und der Armendoctor kam, wie hat ſie es da getrieben? Obgleich ihr der Tod in den Augen ſaß, hat ſie ihn nie um ihren Zuſtand ge⸗ fragt, ſondern nur geſagt: Das Kind darf doch auch davon nehmen? das arme Kind i*ſt ſo ſchwach; und denken Sie nur, als zer einmal Wein mitgebracht, da mußte die Kleine den Wein trinken, und die arme Creatur ſagte, es ſtärke ſie ſo viel mehr, wenn ſte ſehe, wie das Kind wieder zu Kräften komme, als wenn ſie den Wein ſelbſt trinke; ja, Frau Welſcher,“ ſchloß die Winklere ihre Rede und trocknete ihre Augen mit dem Halstuche: ves iſt viel Elend in der Welt!“ Die Waſchfrau, deren Augen ebenfalls feucht wurden, ſchien KAber etwas ernſtlich nachzudenken; ſie ließ die beiden Mägde in das Haus hinauf gehen und ließ ſie droben ſagen, ſie werde in einer halben Stunde nach Hauſe kommen; dann beſann ſie ſich 28 Prittes Kapitel. noch einen Augenblick und ſagte darauf zur Winklere:„Komm' Sie, Frau, wir wollen zu dem armen Kinde gehen, ich will es 4* heute Nacht zu mir nehmen, und morgen wollen wir ſehen, was weiter zu machen iſt.“ Die arme Lampenanzünderin, welche über dieſen Entſchluß m höchlich erfreut war, verſicherte wiederholt, Gottes Segen werde ſolch' einem edlen Werke nicht fehlen, und ſo giengen die beiden Frauen dahin durch den Stadtgraben bis an's Ende der andern Straße, wo ſie vor einem kleinen, unſcheinbaren und höchſt irm⸗ 1 lich ausſehenden Hauſe ſtehen blieben; die Winklere deutete mit dem Finger auf ein Fenſter im untern Stock, das gänzlich finſter da lag und ſo niedrig am Boden, daß man daraus abnehmen konnte, das Zimmer, zu welchem dieſes Fenſter gehöre, müſſe mehrere Fuß unter dem Boden liegen; das erſte Stockwerk dieſes Hauſes war, wie es bei alten Gebäuden oft der Fall iſt, über das untere hinausgebaut, und dann kam eine zweite, dritte und vierte Etage, und in allen brannte Licht, ſogar in dem einzigen Giebelfenſter, zu welchem die ſchneidenden Töne einer Violine in. die Nacht hinausſeufzten; nur unten war's finſter!— Vor dieſem Hauſe b ——2— efand ſich eine Straßenlaterne, und die Winklere öffnete den kleinen Kaſten und ließ ſie herab, dann zündete ſte das Licht in derſelben an, mehr zu ſich ſelber, als zu der Waſchfrau ſprechend:„Ach, dieſe Laterne habe ich immer am liebſten angeſteckt, ein Licht konnten wir bei aller Sparſamkei für die arme Perſon da drinnen nicht herausſchlagen, und nuß wußt' ich wohl, wie ſehr ſie ſich in ihrem dunklen Zimmer freute, „ wenn ſie mich endlich kommen hörte, ſie und das Kind, und wenn ſie in einem leichten Schlummer lag, dann wachte ſie gern auf bei dem Raſſeln der alten Laterne und verſicherte, es ſei ihr ordentlich, als erwärme ſich die Stube, wenn die Lichtſtrahlen hineinfielen. Sie fielen gerade auf ihr Bett, und wenn Sie durch das Fenſter ſchauen wollten, Frau Welſcher, ſo könnten Sie die arme, todte Perſon in ihrem Bette liegen ſehen.—— 3— 8 1 4N 4 Unter dem Stadtgraben. 29 Gott! das arme kleine Kind, es hat mich gehört, hören Sie, wie es mir ein Zeichen gibt!“ Und die Waſchfrau, der es ſchauderte durch das Fenſter zu ſehen, hörte wirklich, wie von innen an die Thür leiſe geklopft wurde— drei leichte, dumpfe Schläge. Raſch fuhr die Winklere in die Taſche, holte einen Schlüſſel heraus und öffnete die Hausthür, welche zugleich den Eingang zum Zimmer bildete. Es war hier früher einmal ein Laden ge⸗ weſen, aber die Specereiwaaren verdarben, weil das Gewölbe zu feucht war. Klopfenden Herzens traten die beiden Weiber in das Ge⸗ mach, und ein kleines Mädchen von vier bis fünf Jahren lief eilig 9 auf die Winklere zu und verbarg ihr Geſicht in die Falten ihres Rockes.„Ach Frau, ach Frau,“ ſagte das kleine Weſen,„laßt mich nicht mehr allein, die Mutter lacht nicht und ſpricht nicht mit mir, freilich iſt ſie todt, habt Ihr geſagt, und der Kummer habe ſie todt gemacht, aber ich habe ihr ja nichts gethan, und mit mir könnte ſie doch wohl ſprechen.“ „Sei ruhig, mein Kind,“ ſagte die Winklere;„das kommt Alles wieder.“ Und ſie trat mit gefalteten Händen und ſchweigend 3 vor das Bett der todten Mutter. Die Waſchfrau hatte ſich vor demſelben auf ein Knie nieder⸗ gelaſſen und betẽte leiſe und innig; das Kind kauerte ſich neben Kſte hin und legte die kalte ſtarre Hand auf ſeinen Kopf, um die Mutter zu vermögen, ihr durch die dichten Locken zu fahren, was ſie in früheren beſſeren Tagen ſo oft gethan. Aermlich war das Gemach über alle Beſchreibung, ſo wie das Bett, in welchem die Todte lag; ein Stuhl mit einigem elendem Weißzeug und eine Kiſte in der Ecke, keine Truhe, die etwas Werthvolles verſchloß, ſondern eine einfache Kiſte aus weißen Brettern, mit Heu ausgefüllt, welches mit einem alten Weiberrock bedeckt war— dort hatte das Kind geſchlafen. I Die Todterlag auf ihrem Bette ausgeſtreckt, eine Hand auf 4 4 A — 30 Drittes Kapitel. dem Herzen, die andere auf dem Kopf des Kindes; ihr Geſicht war, wie es bei Bruſtkranken gewöhnlich der Fall iſt, eingefallen und wachsbleich, doch hatte der Tod daſſelbe nicht verzerrt; es war das Antlitz eines jungen Weibes von einigen zwanzig Jahren, dem man anſah, daß es einſtens ſchön geweſen war. Durch das gewölbte Fenſter drang der Schein der Straßenlaterne, und da dieſelbe vom Winde hin und her bewegt wurde, ſo warf das flackernde, zitternde Licht ſeine beweglichen Strahlen über das Antlitz der Geſtorbenen, daß man hätte gl bisweilen mit den Lippen. Nachdem die beiden Weiber eine Zeit lang ſtill gebetet, erhob ſich die Frau Welſcher und zog das ärmliche Leintuch über das Angeſicht der Verſtorbenen. Die Winklere nahm den alten Wei⸗ berrock aus dem Kaſten in der Ecke und heftete ihn mit einigen Stecknadeln vor das Fenſter des Zimmers; ſie ſagte, es ſei ihr ſchauerlich, wenn das Licht der Laterne die ganze Nacht durch auf das Geſicht der armen Marie falle, und ſie könne ſich nicht des Gedankens erwehren, als werde ſte davon aufgeweckt und ſchaue um ſich, verwundert, daß ſie geſtorben ſei; auch ſetzte ſte mit leiſer Stimme hinzu:„Ich wohne hier neben dran, und wenn ich heute Nacht vorbeigienge, ſo müßte ich immer durch das Fenſter hinein ſehen und würde immer glauben, ſie lebe doch noch. Als dieſes geſchehen war, zog ſte eine Putzſchachtel unter dem Bette hervor und nahm daraus einige alte ſeidene Tüche welche ſie dem kleinen Mädchen um den Kopf und um den La wand, zog ihm ein Paar Handſchuhe an und ſchob ihm ein zu⸗ ſ n Arm. Damit war der An⸗ auben können, ſie zucke ſammengedrehtes Hemdchen unter de und Auszug für das Kind beſorgt, die Frau Welſcher nahm es bei der Hand, und alle drei verließen das Zimmer. Nachdem die Thür geſchloſſen war, beteten ſie noch ein Vaterunſer, und die Waſchfrau ſagte:„Komm' Sie morgen früh, um nach dem Kinde zu ſehen, Winklere,“— und alsdann gieng ſie ihrem Hauſe zu. ſc, gien anzu der Pla dar⸗ den Nie fern rol Unter dem Stadtgraben. 31 Die Lampenanzünderin nahm ihre Laterne auf, überzeugte ſich, daß der alte Rock das Fenſter vollkommen verdecke, und gieng dann eilig an ihr Geſchäft, die übrigen Straßenlaternen anzuzünden. Sie hatte viel Zeit verloren und fürchtete nun, der Steinmann möge ihr unterwegs begegnen. Doch war dieſer Plagegeiſt längſt zu Hauſe; überhaupt ſchien Niemand ſonderlich darauf Acht zu haben, daß jetzt erſt die Laternen angezündet wur⸗ den; es ſtürmte und ſchneite an Einem fort, auf den Straßen war Niemand mehr zu ſehen, und nur zuweilen hörte man in der Ent⸗ fernung auf den breiteren Straßen eine herrſchaftliche Equipage rollen. 4 Viertes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. * Das Haus, in welchem die Frau Welſcher wohnte, das ehe⸗ malige Kapuzinerkloſter, war von außen durch die daſſelbe um⸗ gebenden Häuſermaſſen der benachbarten engen Straßen und des Stadtgrabens kaum ſichtbar; es hatte ſich, des Unſchönen ſeines Aeußern bewußt, bereitwillig verſteckt und war zufrieden, daß blos ſein einziger allenfalls ſchöner Theil,— es war ein rieſenhafter, treppenförmiger sgiebel,— über die andern Dächer hinweg⸗ blickte und daß eine alte roſtige Wetterfahne mit ſtattlichem Kreuze heute noch, wie ſchon vor ein paar hundert Jahren, von den um⸗ liegenden Höfen deutlich geſehen wurde. Auch im Innern war das Kloſter zur Zeit ſeines Beſtehens in der damaligen Umgebung wenig intereſſant geweſen; heute aber, wenn man durch die Straße kam, wo all' die neuen Häuſer ſtanden, mit viereckigen Fenſteru und eben ſolchen Thüren, geraden Treppen und hellen Gängen, konnte man ſich eines gewiſſen Eindrucks nicht erwehren, wenn man in das ehemalige Kloſter trat. Der Eingang war in dem erwähnten kleinen Hofe, und an der kleinen maſſiven Thüre ſah man deutlich das verſtümmelte 4 4 1 9₰ Unter dem Stadtgraben. 33 Wappen des gräflichen Geſchlechts, unter deſſen Protectorate das Kloſter erbaut ward; hinter dieſer Thür, die Tag und Nacht offen ſtand, gähnte ein langer finſterer Gang dem Eintretenden entge⸗ gen, und es dauerte eine Zeit lang, ehe in die Finſterniß einiges Licht kam, und zwar, wenn es draußen nicht gar zu dunkel war, durch eine kleine viereckige Oeffnung, die ins Freie gieng; dann bemerkte man, wenn ſich das Auge etwas an die Dunkelheit ge⸗ wöhnte, im Hintergrunde des Ganges von oben herab eine dürf⸗ „tige Helle, welche bei längerem Hinſtarren die Formen einer alten Wendeltreppe erkennen ließ. Dieſe Helle kam aus dem erſten Stock, wo ſich eine kleine Weinwirthſchaft befand, welche recht ſinnig das Refectorium des Kloſters zu ihrem Gaſtzimmer gemacht. Von den untern Räumen des Hauſes war nichts bewohnbar, und in dieſem feuchten, dunklen Gewölbe wurden Fäſſer aufbe⸗ wahrt und äͤllerlei Geräth, das den Miethsleuten des Kloſters im Wege ſtand. 2... Die Wendeltreppe war von Stein und die einzige bequeme Einrichtung im Hauſe; gehörig breit und ſolid, wie ſie war, konnten die Leute des Hauſes die ſchwerſten Laſten bequem auf ihr transportiren. Für die Kinder dieſer Hausbewohner war ſie nebenbei eine Quelle beſtändigen Vergnügens und ein Gegenſtand ſtillen aber angenehmen Grauens; auf ihrem bretten Geländer rutſchten die Knaben von oben hinunter, und auf den ungeheuren Ruheplätzen trieben die Mädchen ihre harmloſen Spiele. Vom zarteſten Lebensalter an bis zu der Zeit, wo man die Schule ver⸗ läßt, tummelten ſich die Kinder, die in dem Kloſter wohnten, auf der Treppe herum, und auf dem alten Steinwerk jauchzte und lachte es den ganzen Tag, rumorten und krabbelten eine Menge⸗ kleiner Geſchöpfe beſtändig auf und nieder. Dieſe Treppe war ihre Gouvernante, ihre Amme, ihre Kleinkinderbewahr⸗Anſtalt, und das dauerte den ganzen Tag, bis der Schatten des Abends begann zuerſt den Fuß der Treppe und den untern Gang in tiefe Dunkelheit zu hüllen, und dann das erſte Stockwerk, wo Hackländer, Namenl, Geſchichten. I. 3 4— 4— zu Leide gethan; viele 88 Viertes Kapitel. ſchon Frößere Fenſter waren, und alsdann das zweite und zuletzt das dritte, wo ein großer Bogen im Dache die Treppe ſo lange erleuchtete, als überhaupt das Licht in der Natur noch nicht vollſtändig verſchwunden war. Die Kinder folgten all⸗ abendlich dem verſchwindenden Licht, und dann hörten die lärmen⸗ den Spiele der Buben auf, ſte kauertan zu den Mädchen hin auf 2 großen Ruheplätzen, *auf dem zweiten, und wenn ihnen die unerbittliche, finſtere Nacht überall geheimnißvoll und düſter folgte, ſo ſaßen ſie zuletzt noch an dem großen Dachbodenfenſter und ſchauten in die goldene Abendluft und ließen ihre kleinen Geſt chter beſtrahlen von der letzten Gluth der untergehenden Sonne. In ſolchen Momenten ſtockte die luſtige Unterhaltung der Kleinen, und aus dem dunkeln Treppenhauſe ſchienen ſchwarze Schatten emporzuſteigen und miſch⸗ ten ſich in die kindlich⸗frohen Geſpräche; alsdann fröſtelte es ſo⸗ gar den keckſten unter den Buben, die Kinder jedes Stockwerks drängten ſich eng zuſammen und ſuchten haſtig, den Beherzteſten an der Spitze, ihre Stuben auf, und bald war die Treppe leer und lag einſam und ausgeſtorben da. Es gieng nämlich die Sage, es ſei in dem alten Kloſter zur Nachtzeit nicht geheuer , und die verſtorbenen Kapuziner wandel⸗ ten oft gefpen rsiig darin heklunn⸗ namentlich wäre, ſo hieß es, der Bruder Pförtner ein unruhiger Geſell und erſcheine allabend⸗ lich auf der Erde, um ſich ſchmerzlich zu überzeugen, daß die Thür, die er ſo ſorgfältig verſchloſſen, allnächtllch offen ſtehen bliebe. Der Bruder Pförtner, deſſen Ebenbild aus Holz geſch großen Schlüſſelbund am Gürtel unten an der Tre übrigens ein harmloſes Geſpenſt und hatte nie Bewohner des Hauſes bereitwillig, daß ein Bruder, ein Onkel, den Kapuziner deutlich wandeln geſehen. er habe ihn ſelbſt huſten gehört, und ein S der von ſeinen ſtillen Wirthshaus nitzt mit einem ppe ſtand, war Jemanden etwas erzählten gern und eine Tante, ein Vetter Einer ſogar behauptete, chuſter im dritten Stock, freuden ſchon zu jeder Stunde r ” 1. 1 1 zuerſt auf dem erſten Stocke und dann ₰ Unter dem Stadigraben. der Nacht nach Hauſe gekommen war, ſagte aus: Den K. ziner habe er eigentlich nicht geſehen, wohl aber ſei er im Stande, tauſend Eide zu ſchwören, daß in einer Nacht die Statue an der Treppe verſchwunden geweſen ſei; er habe mit den Händen auf den leeren Fleck gefühlt, und am andern Morgen ſei ſie wieder unten geſtanden, wie immer. Tiefe Stille lag heute Abend in den untern Räumen des alten Hauſes, ſogar in der Schenkſtube befanden ſich des ſchlechten Wetters wegen nur zwei Gäſte, welche vor dem helllodernden Feuer ſaßen, deſſen Schein es war, welcher durch eine Oeffnung in der Thür die Treppe etwas Weniges beleuchtete; von hier aber gieng ſie finſter in den zweiten Stock und lag da ſchmutzig und unrein⸗ lich mit Gemüſe⸗Abfällen und Strohhalmen bedeckt; die Kalkwand, an der man ſich hinauffühlen mußte, war glänzend und unange⸗ nehm ſchlüpfrig; im zweiten Stock waren die Bewohner alle in ihren Zimmern, darum hier Alles finſter, und es koſtete einige Mühe, in den dritten Stock hinauf zu tappen, wo die Frau Wel⸗ ſcher wohnte.. Man muß nicht glauben, daß dieſe würdige Frau ſo hoch hinaufgezogen wäre, um wohlfeiler in der Miethe zu ſitzen, ſie hatte vielmehr die großen Räume und Bodenkammern, die zum Trocknen ihrer Wäſche unerläßlich waren, IeA gefaßt, ſo wie eine feuerfeſte, gewölbte Küche, die ihr ſehr zu Statten kam. Aus dieſer Küche nun brach, ſo oft ſich die Thür öffnete und ſo oft die hin⸗ und herlaufenden Dienſtmädchen die großen Ofen⸗ thüren aufſtießen, ein gewaltiger Feuerſchein auf den Gang hinaus und beleuchtete die ſchwarzen Wände und das Geländer der Treppe blutroth. Die Wäſche der Frau Welſcher war an dem heutigen Tage in jenes Stadium getreten, wo ſte durch Bügeln einen ſanften Glanz erhält und die letzte Hand an ſie gelegt wird. Dieſes Ge⸗ ſchäft wurde im großen Wohnzimmer rechter Hand verſehen, und alle Augenblicke öffnete ſich die Thür und liefen die Mädchen zur 3* 3 1 4* 8. 1 3 8 Antte die Mutter der Frau Welſcher ſchon l g Viertes Kapitel. WMüche, um neue glühende Bolzen zu holen; die Ofenthür wurde mit einer eiſernen Stange aufgeſtoßen, und darin ſah es aus wie in einem kleinen Hochofen: eine unendliche Gluth ſtrahlte heraus, und die Bügelſtähle lagen darin roth und weiß glühend; hie und da fiel eines dieſer glühenden Eiſen auf den Steinboden, dann. ziſchte die Feuchtigkeit deſſelben hoch auf, die Mädchen ſchrieen und ſuchten mit roth angeſtrahlten Geſichtern den Deſerteur zu fangen und ſperrten ihn lachend in das ſchwarze Bügeleiſen. In dem Wohnzimmer der Frau Welſcher ſah es nun recht behaglich und freundlich aus; dieſes Wohnzimmer war zugleich das Schlafgemach der Frau ſelber, und das große Ehebett ſtand in der Ecke hinter dem Ofen. Leider war dieſes Bett ſeit dem Tode des ſeligen Herrn Welſcher viel zu groß für die einſame Frau, da ſie ſich nie entſchließen konnte, ihrem erſten Manne einen Nachfolger zu geben. Zwei große gothiſche Fenſter giengen auf den ehemaligen „Stadtgraben und zeigten bei Tage ein gutes Theil Dächer und Schornſteine der neueren Stadttheile. Das Wohnzimmer war ordentlich und reinlich möblirt. Doch ſah Mun jedem einzelnen Stücke an, daß es ſchon lange Zeit gedient; auch war in der Farbe der Stühle von Eichenholz, Fowie in dem Getäfel, welches durch das Zimmer lief, eine Harmonie eingetreten, die deutlich an⸗ zeigte, daß beide ſchon lange Jahre zuſammen gewohnt hatten und älter geworden waren. Und ſo war es auch. Dieſe Wohnung ange Jahre vor ihreni Tode inne gehabt und hier daſſelbe Geſchäft getrieben, von dem die Tochter jetzt ihren Lebensunterhalt zog. In der linken Ecke des Zimmers ſtand ein großes Sopha, ſeine gepolſterten Arme mütterlich weit geöffnet und in ſeiner auf⸗ fallenden Größe im Stande, eine ganze Familie all ſchlingen. Hier befand ſich die nachwachſende Familie Welſch beſtehend aus zwei Mädchen und einem Buben, erſtere im Al⸗ liebend zu um⸗ 5 Unter dem Stadtgraben. 39 Es bedarf nur eines Blickes auf die Nadel, welche dieſelbe, ein junger Mann von vielleicht dreiundzwanzig bis vierundzwan⸗ zig Jahren, in der Hand hielt, ſo wie auf ſeine nach orientaliſcher Weiſe untergeſchlagenen Beine, um vollkommen gewiß zu ſein, daß wir es mit einem Schneider zu thun haben; auch müſſen wir leider hinzufügen, daß der junge Mann nur ein Flickſchneider war. Wir können dies mit dem beſten Willen unmöglich verheitlichen, denn er war gerade im Begriffe, an einem Beinkleid des jun⸗ gen Herrn Welſcher einen defect gewordenen, ſehr nothwendigen Theil zu ergänzen. An der ganzen Figur des Schneiders iſt vor der Hand nichts Auffallendes und Bemerkenswerthes, als ein wirklich ausdrucksvolles Geſicht, ſehr weiße Hände und eine gewiſſe gute Manier, mit welcher er ſein volles, blondes Haar um den Kopf geordnet hatte; fieng er aber an zu ſprechen, ſo be⸗ merkte man einen gelinden Zungenanſtoß, verbunden mit der Schwierigkeit, den Buchſtaben St auszuſprechen, welchem Natur⸗ fehler er dadurch abzuhelfen ſuchte, daß er auf dem S ſo lange verharrte, bis er in den Bereich des T kam und alsdann krampf⸗ haft über daſſelbe herfiel und es feſthielt. Eine Zeitakang finden wir keine Gelegenheit, die ſeltſame Sprachweiſe zu vernehmen, denn Alles iſt mit ſeiner Arbeit be⸗ ſchäftigt, und Niemand hat Zeit, eine Converſation anzuknüpfen. Endlich jedoch fieng die Schwarzwälder Uhr neben dem Ofen ſehr laut an zu ſchnarren und ſchlug darauf hell und vernehmlich ſieben Mal; was den jungen Herrn Welſcher außerordentlich zu beun⸗ ruhigen ſchien, denn er verſicherte mit vollen Backen und immer⸗ fort kauend, daß es jetzt ſchon ſteben Uhr ſei, und er um dieſe Zeit gewöhnlich ſein Nachteſſen bekomme. Jungfer Kiliane, welche ihrem Gehör nicht recht traute, blickte die Uhr einen Augenblick durch ihre Brille feſt an und ſagte: „Wahrhaftig, es iſt ſchon ſieben Uhr, ich weiß nicht, wo die Frau bleibt.“—— „Die Frau,“ entgegnete der Schneider,„bleibt ſelten über 8 Viertes Kapitel. ſieben Uhr aus, und ich glaube faſſſſ⸗t geriſſſſt ihr etwas Son⸗ derbares begegnet.“ „Sie werden ſie im Gaſthof lange aufgehalten haben, es G iſt eine engliſche Familie dort mit drei erwachſenen Töchtern und die kaueil ihrer Wäſche nie ein Ende finden.“ 8„&ᷣ haupt gar ſonderbare Leute, dieſe Engländer, äfih zuisbergnügt, haben viel Geld und ſind dabei ſehr knauſerig. Gott, wenn ich ſo viel Geld hätte! ich habe mir oft gedacht, Jungfer Kiliane, wenn ich viel Geld hätte, was das für ein Leben gäbe.“ „Nun, was wär' es weiter?“ fragte die alte Jungfer. „Zu erben habe ich eigentlich gar nichts,“ ſeufzte der Schnei⸗ 8 rechtmäßiger Weiſe keinen Kreuzer; aber die Lotterie, das iſſſſ⸗t mein Troſt, meine Hoffnung.“ „So ſpielt Er in der Lotterie?“ fragte die Kiliane. „Das nicht,“ entgegnete der Schneider,„man muß das Glück ſeinen eigenen Weg gehen laſſen, ihm bei Leibeni t. greifen, auch hab' ich kein Geld dazu; doch denk' ich im bekomme einmal ein Loos geſchenkt und dieſes Loos ge höchſſſſeten Satz. ¹ Die alte Büglerin ſchüttelte ue dem Kopf und meinte, da könne er lange warten.— „Das glaub' ich auch,“ meinte der arme Flickſchneider und ließ einen Augenblick die Hand mit der Nadel ſinken,„und doch Hiſſffe der Gedanke ſo ſchön, es ſind meine ſeligſſſſ⸗ten Träume, daß, wenn eines Tages der Collecteur zu mir hereinträte und während er ſpräche: Lieber Herr Dubel, ſich vor Freude und Rührung die Augen mit ſeinem Sacktuch abwiſchte, lieber Herr Dubel, Sie haben das große Loos gewonnen, blick wär' wahrhaftig ſelig.“ Die Kiliane lächelte bei dieſen Worten und ſagte:„Jetzt wär ich doch begierig, was Er mit all' dem Gelde anfienge, 0. — dieſer Augen⸗ wenn 1 mar Er dabe Ko⸗ i Unter dem Stadtgraben. 41 man Ihm ſo zehn Säcke Doppel⸗Louisd'or ins Haus ſchleppte. Er kaufte Sich zuerſt ein ſchönes Haus und neue Kleider?“ Und dabei ſah die alte Perſon fragend in die Höhe. Herr Dubel ſchüttelte ſtill lächelnd mit dem Kop „Nicht? Nun Er würde ſich ein großes Logie nehr einen Koch anſchaffen, Equipage halten.“ Herr Dubel ſchüttelte abermals mit dem Kopf „Auch das nicht?“ fragte verwundert die Kiliane,„Er wird doch alsdann nicht Flickſchneider bleiben wollen?“ Der Schneider ſteckte die Nadel auf ſein linkes Knie, fuhr mit ſeiner weißen Hand durch die vollen Haare und ſchaute, wie in ſeligen Gedanken verſunken, ſchmunzelnd an die Decke. Nach einigen Augenblicken, während welcher die alte Büglerin ihn auf⸗ merkſam anſah und ebenfalls ihr Eiſen ruhen ließ, ſagte der Schneider:„Sieht Sie, Jungfer Kiliane, ich würde alsdann meinen Gedanken ausführen, den ich ſchon ſeit meiner frühſſſſ⸗ten Jugend im Herzen trage, eine Schwärmerei, der ich mich nicht entſchlagen kann, eine Lieblings⸗Idee, die mich verfolgt bei Tag und bei Nacht, ich würde nämlich— aber Sie wird lachen, Jung⸗ fer Kiliane,— ich würde nämlich Theater⸗Director werden.“ „Theater⸗Director?“ ſagte erſtaunt die Büglerin und ließ ihre Hände in den Schooß hangen „Ja,“ fuhr der Herr Dubel eifrig fort,„Theater⸗Directotr, Heger und Pfleger dieſer ſchönen Kunſſſſ⸗t, ich würde ein ſolches Regiment, einen ſolchen Herrſcherſſſſ⸗etab nicht mit dem Zepter eines Kaiſers vertauſchen; wäre ich nicht reicher und mächtiger, wie jedes gekrönte Haupt, ſſſſ⸗tänden mir nicht alle Theile dieſer Welt, alle SSSS⸗tände dieſer Erde zu Gebot? Ich will nach Aſien! ein Zug an der Klingel und Aſiens Palmenwälder, Aſtens Bambushäuſer ſſſſ⸗tehen vor meinem erſſſſ⸗taunten Blick und aus allen Büſchen ſchweben die Bajad eren hervor und loben mich, ihren Gebieter. Zu heiß iſſſſ⸗t mir dieſe Luft, zu drückend; ich will die brennende Bruſſſſ⸗t kühlen am Eiſe des Nordpols; 42² viertes Kapitel. noch einige tauſend Meilen weiter, wie ſelbſſſſ⸗t Franklin und Roß gekommen, will ich die Schneeluft genießen— Verwandlung, und es ſſſſetarren die Eismaſſen empor, ein ewig zugefrorenes Meer liegt unabſehbar vor mir ausgebreitet, das Eis kracht, der Seevogel krächzt, die Einſamkeit thut dem Herzen wohl. Doch bin ich endlich überſättigt von dem einförmigen Anblick dieſer ſſſſetarren Maſſen— zurück nach dem Süden! italieniſche Luft, italieniſcher Himmel, ein Gaſthaus in Terracina, das Schlafge⸗ mach der ſchönen Zerline!“ Bei dieſer heftigen Rede ſchüttelte die Kiliane erſtaunt den Kopf und ſagte:„Nehm' Er's mir nicht übel, Dubel, aber der⸗ gleichen ſchiefe Anſichten kommen von dem Leſen der vielen confu⸗ ſen Bücher her, mit denen Er ſich abgibt.“ Der Schneider hatte ſeine Scheere auf den Schenkel geſtützt, ungefähr in der Art, wie gemalte Marſchälle ihren Stab zu hand⸗ haben pflegen, und ſchaute triumphirend um ſich, indem er fort⸗ fuhr:„Und das alles wäre mein, und das alles hienge an dem Blick meines Auges und hoffte und fürchtete bei dem Zucken meiner Wimper— o, ich wäre ein glückſeliger Menſch, ich dürfte mich in den Couliſſen aufhalten, ich dürfte mit den hochmüthigen Schauſpielerinnen ganz vertraulich ſprechen, dürfte den coquetten Sängerinnen einen kleinen Verweis geben und dürfte mit den niedlichen Tänzerinnen lachen und ſcherzen, und dabei wäre ich nicht bloß geduldet, ich wäre die Perfon, um welche ſich Alles dreht; vor mir zieht der Theaterdiener ſeinen Hut, und mich be⸗ trachtet der erſſſſ⸗te Held in ſſſſ⸗tiller Ehrfurcht... 5 Gott, das wird aber nie ſein, und ich werde mein Lebtag nichts werden, als ein erbarmungswürdiger Flickſchneider!“— Haſtig warf er die Scheere in der Hand herum und begann auf dem Tiſche mit großem Geklapper ein Stück Zeug zuzuſchnei⸗ den; die Kiliane verfolgte mit ihrem kleinen Bügeleiſen aufmert⸗ ſam und hartnäckig eine eigenſinnige Falte, die ſich unbefugter — Unter dem Stadtgraben. 43 Weiſe ineine Chemiſette eingeſchlichen, und vertilgte ſie endlich nach längerem Kampfe. Die Bügeleiſen klapperten wie zuvor, die Leinwand ziſchte, die Uhr pickte, und es war daſſelbe Geräuſch und Geſumme, wie den ganzen Abend, mit dem kleinen Unterſchiede, daß der junge Herr Welſcher eingeſchlafen war und ein außerordentlich heftiges und tactmäßiges Schnarchen hören ließ. Eine der Büglerinnen meinte, es wäre, als ſäge er einen eichenen Block durch, und eine andere ſetzte lachend hinzu:„Ja, und jetzt kommt er wieder an einen harten Aſt, und da ſpringt ihm die Säge zurück.“ Jungfer Kiliane hatte die Falte ausgerottet und nahm das vorige Geſpräch wieder auf, indem ſie ſagte:„Aber wenn Er ſo und wird Schneider bei der Theater⸗Garderobe?“ 6 A viel Luſt zum Komödienſpielen hat, warum geht Er nicht hin 4 — f „Ich habe früher auch daran gedacht,“ entgegnete Herr Dubel, „und will Ihr geſſſſ⸗tehen, daß ich mir einſſſſ⸗tens alle Mühe gab, eine ſolche SSSS⸗telle zu erhalten, doch kam ich davon zurück, denn es iſſſſ⸗t ein ganz poeſieloſes und ärmliches Geſchäͤft; was iſſſſ⸗t ſo ein Theaterſchneider? Den Tag über ſitzt er zuſam⸗ mengekrümmt und muß nähen, bis die Nadel glüht, ach, und all' die ſchönen Kleider, die Abends auf dem Theater ſo herrlich ſſſſ⸗trahlen und glänzen, ſetzt er zuſammen aus geringen, ſchlech⸗ ten SSSS⸗toffen, und die herrlichen SSSS⸗tickereien, womit ſte prangen, ſind nur elendes Flitterwerk, das er aufnäht, und kommt nun endlich die SSSS⸗tunde, wo der glückliche Künſſſſ⸗tler ſſſſetolz in ſeine Garderobe tritt, ſo iſt der arme Schneider ſein unterthäniger Diener, und muß ſich hudeln laſſen nach der Laune des Herrn, ja, nach dem Charakter der Rolle, die er gerade ſpielt. Tritt der Schauſpieler als König auf, ſo iſſſſ⸗t der Schneider der Sclave, und der Tyrann, welchen er anzieht, läſſſſ⸗t ihn für ein fehlendes Band, für eine etwas kurze Taille grimmig merken, wie es ihn nur Ein Wort koſſſſ⸗te, um ihn lebenslänglich auf die Galeere zu ſchicken, oder wie er nichts Anderes verdiene, als unter Viertes Kapitel. dem Beil des Henkers zu fallen. Hat er den Anzug eines feilen ir Böſewichts, eines entſetzlich ſchlechten Kerls zu beſorgen, ſo erhält das er die heimtückiſchſſſſ⸗ten, boshafteſſſſeten Redensarten für einen daßt kleinen Fehler: er ſolle Gift ſaufen bei der nächſſſſ⸗ten Veran⸗ gac laſſung, wünſcht ihm der ſchlechte Charakter, oder er fährt plötz⸗ die lich mit der Hand nach der verborgenen Taſche ſeines Rocks, wo wo er den Dolch aufbewahrt, und auf dieſe Art, Jungfer Kiliane, muß ſich ſo ein armer Teufel abplagen und muß bald häor, bald da ſein. Kaum hat er den König und den Böſewicht angezogen,⸗ ſo erſucht ihn der würdige Hausgeiſſſſ⸗tliche, ihn endlich auch mal zu bedienen, zuerſſſſ⸗t würdevoll und liebreich, wie es 68 Rolle vorſchreibt, dann aber heftig, wie in der Ermordungs⸗N Scene des SSSS⸗tückes, und iſſſſ⸗t dieſer endlich befriedigt, ſo⸗ muß er einen Trabanten anziehen, bis er, wenn das Zeichen zum Anfange des SSSS⸗tückes gegeben wird, ermattet in einen SSSS⸗tuhl fällt, und auch jetzt noch keine Ruhe, keine Idee, daß er hinter den Couliſſen ſſſſetehen und das SSSS⸗tück mit anſehen dürfe; der erſſſſ⸗te Liebhaber hat während des erſſſſ⸗ten Acts ſeinen Mantel umzunehmen, und der unglückliche Schneider wird mit dem Mantel an die letzte Couliſſe poſſſſ⸗tirt, hinter einem alten Felſen und muß dort das SSSS⸗tichwort abwarten.—— Jetzt ſchreit der Held:—— 3 .— 8 9 we Zu den Waffen, tapfere Gefährten, 3 ein Nieder mit dem Tyrannen! me und rennt mich beinahe um. Geſchwind meinen Mantel! eilen I Sie doch ins Teufels Namen, Sie ſind entſetzlich ungeſchitt⸗ Jetzt ſpringt er wieder auf die Bühne— 4 zu Hinaus in jene Wüſſſſte—,— ¹ 8 8 „Er erzählt das ſo lebendig,“ ſagte die Jungfer aue 8 lachend,„als habe Er das ſelbſt mit angeſehen.“ 3 „Das hab' ich auch,“ entgegnete trübſelig der Schneidet meiner meiner Bekannten iſſſſ⸗et in der Garderobe des Theaters n n 4 ¹ en 15 Unter dem Stadtgraben. 47 wir ſind überzeugt, daß ſie in dieſem Augenblick entſchloſſen war, das Kind ſelbſt aufzunehmen, wenn die Frau Welſcher ſich veran⸗ laßt ſehen könnte es fortzuſchicken; doch ſo wie die Waſchfrau das Factotum des ganzen Stadtviertels war, ſo war die alte Büglerin die oberſte rathgebende Behörde bei der Frau Welſcher ſelbſt, und wozu die Kiliane rieth, das geſchah unwiderruflich. In dieſem wichtigen Falle nun wollte die Kiliane mit ihrem Rathe zurück⸗ halten, Lis ſie einen feſten Entſchluß ihrer Freundin erfuhr, und dieſer Entſchluß ließ nicht lange auf ſich warten⸗ Die Waſchfrau blieb mitten in dem Zimmer ſtehen, ſchlug alt der linken Fauſt auf die rechte Handfläche und ſagte entſchie⸗ den:„ und wenn ich heute zum erſten Male Ihrem Rathe nicht folgen ſollte, Kiliane, ſo behalt' ich dieſes arme kleine Mädchen doch da; wo drei Kinder eſſen, kann auch ein viertes mithalten.“ Die Kiliane faltete die Hände, und ein paar Thränen rollten über ihr weißes Geſicht.„Gott weiß, daß Sie Recht hat,“ ſagte ſte triumphirend,„vollkommen Recht, Frau, aber das war eine wichtige Sache, da mußte ich mit meinem Rathe zurückhalten, bis Sie mir Ihren feſten Entſchluß geſagt.“ Inzwiſchen war das Kind, über deſſen Schickſal hier entſchie⸗ den wurde, der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit ſämmtlicher An⸗ weſenden; die Mägde, welche neue Bügelſtähle holten, blieben einen Augenblick an der Thür ſtehen, die Büglerinnen ſchauten mehr auf das Mädchen, als auf ihre Arbeit, und ſogar der Herr Dubel war von ſeinem Liſch herabgeſtiegen mit der Abſicht, einen Blick auf die Uhr zu werfen, eigentlich aber, um die kleine Fremde zu beſchauen; am geſpannteſten aber waren die drei Kinder der Frau Welſcher auf die Dinge, welche da kommen ſollten; ſie ſtan⸗ den im Halbkreis um das Mädchen herum, eiferſüchtig und halb gereizt, wie es kleine Hunde zu machen pflegen, wenn ſich ein framder Eindringling zeigt. Das fremde Mädchen nun ſtand neben dem Ofen auf dem⸗ ſelben Platze, wo die Waſchfrau ſeine Hand losgelaſſen, und —= Viertes Kupitel. ſchaute verwundert in das ſeltſame Getriebe um ſich; es mochte, wie früher ſchon geſagt, in einem Alter von vier bis fünf Jahren ſein, war ziemlich groß und zierlich gewachſen und hatte ein feines, blaſſes und ſehr ausdrucksvolles Geſicht; lange, ſchwarze Locken, b die früher ſorgfältig geordnet waren, denen man aber anſah, daß in den letzten Tagen keine ſorgſame Hand ſich um ſte bekümmert, beſchatteten ihren Kopf, und ein großes glänzendes Auge gab den etwas ermatteten Zügen Leben und Bewegung. Der Anzug war ärmlich und beſtand in einem Kleidchen von Wollenzeug, in dunk⸗ len Strümpfen und Schuhen, welche letztere offenbar einer er⸗ wachſenen Perſon angehörten. Um den Hals hatte das Mäͤdchen ſeltſamer Weiſe einen langen, blauſeidenen koſtbaren Seidenſtoff“ gewunden, wie ihn vornehme Herrn zu einer guten Toilette zu tragen pflegen, und ihre Hände ſtacken in weißen, wenig be⸗ ſchmutzten Glage⸗Handſchuhen, die ebenfalls einem Manne gehört hatten, und deren große Formen an den kleinen Fingern des Kin⸗ des ſonderbar ausſahen. Jungfer Kiliane trat ein und gieng ſtillſchweigend an ihre Arbeit, die Frau Welſcher machte einen Gang durch's Zimmer, ſagte ihren Kindern ein freundliches Wort, lobte den Fleiß der* Büglerinnen und ſetzte das fremde Mädchen auf einen Stuhl neben den Ofen, nachdem ſte ihm zuvor das blaue Tuch und die Hand⸗ ſchuhe ausgezogen, Beides in ein Papier gewickelt und in einem Schubladenfache ſorgfältig aufgehoben. Mittlerweile war es acht Uhr geworden, die Dienſtmädchen räumten einen der großen Tiſche ab, deckten ein ſauberes, großes, leinenes Tiſchtuch darüber und brachten zinnerne Teller, Neſſer und Gabeln, ſowie eine Schüſſel voll dampfender Suppe und eine dergleichen voll Kartoffeln in der Schale, zu welcher ein Teller mit Gänſefett aufgeſetzt und das Abendeſſen auf dieſe Art herge⸗ richtet wurde. Alsdann ſetzte ſich Alles zu Tiſche, die Jungfer Kiliane nahm den obern Platz am Tiſche ein, neben ihr ſaß junge Herr Welſcher, dann die Waſchfrau ſelbſt, dann das wx 4 1 1 „ — Unter dem Stadtgraben. 45 und hat mich hie und da bei großen SSSS⸗tücken auf die Bühne geführt, zu Luſt und Schmerz, und ich gieng gewöhnlich mit zerriſſenem Herzen nach Hauſe.“ „Nehm Er mir nicht übel,“ entgegnete die alte Büglerin eifrig,„aber Er hat gar viel verrückte Ideen in ſeinem Kopf, ſchlag' Er ſich die Grillen aus dem Sinn und bleib' Er fleißig bei ſeinem Handwerk, da kann was Rechtes aus ihm werden; Er iſt ein fleißiger und geſchickter Menſch und würde dem erſten Meiſter der Stadt keine Schande machen; ich begreif' Ihn wahrhaftig nicht, warum Er Flickſchneider bleibt und nicht lieber in eine ſolide Werkſtatt geht.“ Herr Dubel ſeufzte tief auf und entgegnete:„Weil ich meine Freiheit liebe, weil mich alles Rohe und Unelegante aneckelt, ich habe die Gefühle eines reichen Mannes, ohne leider deſſen Geld zu beſitzen, ich kann nicht mit ſechs Geſellen aus einer Schüſſel eſſen, ich kann nicht mit zwei in einem Bett und mit vier in einer elenden Dachkammer ſchlafen, o Gott, ich kann's nicht!“—— In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und die Frau Welſcher trat ein, an der Hand ein kleines Mädchen führend, wel⸗ ches ſich verwundert in dem Zimmer umſah, eben ſo verwundert blickten die Büglerinnen auf die Frau und das Kind, es ruhte für einen Augenblick die Arbeit, und die Stille, welche im Zimmer herrſchte, wurde nur durch das Picken der Uhr und das Schnar⸗ chen des Herrn Welſcher unterbrochen; auch letzteres hürte in einigen Secunden auf, denn das Geſchrei der kleinen Mädchen:„Manga, Mernal“ erweckte den Sprößling, und er fuhr mit einem lauten Gevrüll in die Höhe und folgte ſchlaftrunken ſeinen Schweſtern, welche mit dem Ausdruck des größten Erſtaunens, ja mit einer Art von Schrecken das kleine Mädchen anſtarrten. Die Frau Welſcher ließ das arme Kind in der Nähe des Ofens ſtehen und gieng raſch durch das Zimmer zur Jungfer Kiliane hin, nicht ohne vorher einen prüfenden, ſachkundigen Blick auf die Haufen fertiger Wäſche auf dem großen Tiſche zu werfen; ſie nickte Viertes Kapitel. 46 zufrieden mit dem Kopfe und ſagte alsdann zu der alten Büg⸗ lerin:„Kiliane, komm' Sie ins Nebenzimmer, ich hab' mit Ihr zu ſprechen;“ worauf die Alte ihre Brille ablegte, ſie einen Au⸗ genblick kopfſchüttelnd anſah und alsdann mit ihr ins andere Zim⸗ mer gieng.„ „Höre Sie,“ ſagte die Waſchfrau,„die Marie iſt geſtorben, ſie liegt in ihrem kleinen Zimmer neben der Winklere und hat auf der Herrgottswelt nichts zurückgelaſſen, als das kleine Mädchen, das ich eben mitgebracht; ich frag' Sie jetzt, Kiliane, was ſoll ich mit dem armen, kleinen Geſchöpf anfangen, ſoll ich es nur für dieſe Nacht hier behalten und es morgen der Armen⸗Commiſſion übergeben, oder was meint Sie?“ Die Kiliane ſtemmte die linke Hand in die Seite, ſtützte mit der rechten das Kinn, wie ſte gewöhnlich that, wenn ſie nachzu⸗ denken pflegte, dann ſagte ſie ziemlich raſch und heftig:„Frau, darin kann ich nicht rathen, Sie hat ſelbſt drei Kinder, und wenn Ihr Einkommen auch ziemlich iſt, ſo muß man ſich doch nicht leichtſinniger Weiſe fremder Leute Kinder auf den Hals 15„und obendrein welcher Leute Kind!“ 7 „Die Marie war doch ein braves Mädchen.“— Bis ſie ſich verführen ließ, entgegnetalhie,Kiliane,„und das Mädchen dort in die Welt ſetzte; aber was geht das mich an. Sagt mir Eure feſte Meinung, Frau, und dann will ich Euch ſagen, was ich denke, aber laſſet Euch durch Euer gutes Herz nicht hin⸗ reißen, man kann der ganzen Welt nicht helfen, und wenn man das Seinige vor Gott redlich thut, ſo könnte man, mein' ich, ſchon zufrieden ſein.“. Die Waſchfrau legte ihre beiden Hände auf den Rücken und ſpazierte mit großen Schritten im Zimmer auf und ab; die Kiliane ließ den Kopf ſinken und blinzelte unter ihrem großen Haubenſtreif mit einem ſeltſam pfiffig lächelnden Ausdruck auf die Frau Wel⸗ ſcher hin. Die Kiliane bone nämlich das beſte Herz von der Welt, un * — Unter dem Stadtgraben. 49 8 Kind u. ſ. w. Das jüngſte Fräulein Welſcher, welches auf ſolche Art ihren Ehrenplatz neben der Mama verloren, aß vor Kummer und Neid heute Abend ihr Brod mit Thränen und konnte nur durch die ernſten Blicke der Mutter von einem förmlichen Attentat auf die arme Fremde abgehalten werden. Ueberhaupt zeigten ſich ſämmtliche drei Kinder nichts weniger als freundlich gegen die⸗ ſelbe geſinnt, und der junge Herr Welſcher, nachdem er zum Er⸗ götzen der Dienſtmägde unterſchiedliche Grimaſſen gegen das Kind gemacht, warf ihm eine Hand voll zuſammengeballter Kartoffel⸗ ſchaalen zu, worauf er mit einer klatſchenden Ohrfeige von der harten, knöchernen Hand der Kiliane belohnt wurde. Mittlerweile war die gewaltige Suppenfluth verſiegt, die Kartoffeln verſchwunden, und die letzten Reſte des Gänſefettes vertilgte der junge Herr Welſcher mit einem Stück Brod. Der Tiſch wurde abgeräumt, die alte Kiliane ſowie die Büglerinnen richteten ſich zum Nachhauſegehen, erſtere band ſich eine ſchwarze Kapuze um den Kopf, hängte ein kleines Tuchmäntelchen um und ſteckte ihre Laterne an; letztere richteten die großen Haufen Wäſche auf einen Seitentiſch zuſammen, ſtellten die Bügeleiſen auf einen Haufen und ſchlugen ein großes Tiſchtuch über die fertige Wäſche. Der Herr Dubel zog ſeinen Rock an, ſuchte ſeinen Hut hervor und rechnete mit Waſchfrau ab; dieſe Abrechnung war eigent⸗ lich mehr ein Tauſchgeſchäft zu nennen, denn der Schneider be⸗ ſorgte einen Tag in der Woche die Flickereien für die Familie, und dafür wurde ihm ſeine Wäſche umſonſt beſorgt, und man muß geſtehen, daß dieſe Wäſche, wenn auch klein an Zahl, doch beſtens in Ordnung war. Hiefür ſorgte aber auch die Kiliane, und jedes Hemd, das dem Herrn Dubel gehörte, jedes Vorhemdchen, jeder Vatermörder wurde von ihr mit beſonderer Aufmerkſamkeit durch⸗ geſehen, und wir ſind überzeugt, ſie hätte einen Fehler in der Wäſche eines gräflichen Hauſes überſehen, aber eine ſchlecht ge⸗ bügelte Weſte des Herrn Dubel hätte ſie nicht durchgehen laſſen. Dafuchar der junge Menſch aber auch voll Artigkeit gegen die under, Namenl. Geſchichten. I. 4 —— öö * 50. Viertes Aapitel. alte Perſon, las ihr Abends, ehe das Licht gebracht wurde, an den Tagen, wo er bei der Frau Welſcher arbeitete, die Zeitung vor, begleitete ſte, wie auch heute, nach ihrer Wohnung und führte ſie dabei ſorgſam, wie es nur ein Enkel thun kann, der überzeugt iſt, daß ihm ſeine Großmutter ein bedeutendes Vermögen zu hin⸗ terlaſſen Willens iſt. Heute Abend machte ſich die Kiliane in ihren Taſchen Einiges zu ſchaffen, ehe ſie ſchied, dann pätſchelte ſte beim Weggehen das fremde Kind auf den Kopf und drückte ihm etwas in die Hand. Es wurde nun von allen Seiten gute Nacht gewünſcht,— „wohl zu ſchlafen“,—„bis morgen alſo“— und bald war die Stube der Frau Welſcher leer und man hörte nichts mehr, als das Picken der Uhr, das Sauſen des Windes, welcher Regen und Schnee an die Fenſter trieb, und dazu wie früher das Schnarchen des jungen Herrn Welſcher, der nach genoſſenem Abendbrod auf dem Sopha wieder eingeſchlafen war. Die Waſchfrau ordnete das Zimmer, richtete die Stühle an ihren Platz und nahm ein großes Buch vor, worin ſie Soll und Haben für ihre Kunden eintrug, ins Soll ſo und ſo viel Dutzend Hemden, ins Haben die geleiſtete Zahlung. Nachdem dieſes Ge⸗ ſchäft ece ſie ihre beiden Töchter zu ſich und ſagte ihnen mit kurzer, abet eindringlicher Rede, das fremde Kind werde auch ferner bei ihnen wohnen und müſſe artig und freundlich behandelt werden; wer nicht alſo thue, der werde ſehen, wie es ihm gehe. „Es iſt aber bald Weihnachten,“ ſagte die Frau und rechnete an den Fingern,„Ihr könnt Euch denken, wenn das heilige Chriſt⸗ kind kommt und erfährt, daß Ihr gegen ein fremdes, armes Kind unartig geweſen ſeid, ſo wird die Beſcheerung für dieſes Mal ſchlecht ausfallen. Wer von Euch will zu Eurem kleinen Bruder ins Bett und wer will bei dem Mädchen ſchlafen?“ Auf dieſe Frage erfolgte keine Anuwort, vielmehr zogen ſich die zwei Geſiihter der Fräulein Welſcher bedächtig in die Kiage — —— ⏑Rvi-%—— Unter dem Stadtgraben. 51 und die beiden Schürzen derſelben dirigirten ſich unwillkürlich gegen zwei Paar feuchte Augen. „Wer will bei dem fremden Kinde ſchlafen?“ fragte die Frau abermals.„Du Emilie?“ Ein Kopfſchütteln war die Antwort. „Du, Sophie 2 u Ein zweites Kopfſchütteln. „Schön,“ antwortete die Frau,„alſo wird das Kind im Bett der Mama ſchlafen.“ Das war für die beiden Mädchen ein fürchterlicher Schlag, denn das Mama⸗Bett wurde von den Kindern wie ein Heiligthum betrachtet, und nur bei leichtem Unwohlſein oder bei einer außer⸗ ordentlich guten Aufführung war einem hie und da erlaubt wor⸗ den, in demſelben bei der Mutter zu ſchlafen. Das Mama⸗Bett hatte aber auch namentlich Winters außer⸗ ordentlich ſchätzbare Eigenſchaften: in demſelben befand ſich eine gute, ſehr breite Matratze und ein ſehr dickes und weiches Feder⸗ bett, und dann ſtand es auch in der Nähe des Ofens und war dadurch beſtändig von einer behaglichen Wärme durchſtrömt. Genug. Die beiden Töchter brachen bei dieſer Erklärung der Mutter in ein lautes Weinen aus, dem ſich der junge Herr Welſcher, aus dem zweiten Schlaf erwachend, abermals und jetzt mit einem furchtbaren Gebrüll anſchloß. Das fremde Kind drückte ſich zitternd hinter den Ofen und wußte nicht, was mit ihm geſchehen würde. Nach einigen Secunden aber erklärte ſich Emilie bereit, das fremde Mädchen zu ſich ins Bett zu nehmen, und wie ſchon hier auf Erden die Belohnung einer guten That oftmals raſch erfolgt, ſo auch jetzt: Emilie wurde in das Mama⸗Bett ſpedirt, Sophie und der Herr Welſcher ſollten zuſammen ſchlafen und das Kind allein in dem andern Bett. Ehe aber dieſes geſchah, mußtendie beiden Mägde einen großen Kübel übrig gebliebenen, warmen Seifenwaſſers hereintragen, das 4*† 52 Viertes Kapitel. fremde Kind wurde von der Frau Welſcher ſeiner armſeligen Lümp⸗ chen entkleidet, in den Kübel geſetzt und ſorgfältig gebadet und gewaſchen. Als die Reihe an die Händchen des Mädchens kam, und es das linke, welches es feſt geſchloſſen hielt, öffnen mußte, fand die Waſchfrau in demſelben einen alten holländiſchen Ducaten, 4 welchen die gute Kiliane da hineingeſteckt hatte. Dieſer Ducaten wurde ſorgfältig aufgehoben, alsdann die Haare des kleinen Mädchens ſauber gekämmt und daſſelbe hierauf mit reinem, fri⸗ ſchem Weißzeug und einem geſtreiften Nachtkittel bekleidet, dann wurden die dichten, ſchwarzen Haare unter einem weißen Nacht häubchen verborgen, und als das Kind ſo friſch und glänze daſtand, hatte die gute Frau Welſcher Freude an ihrem Werk, küßte es auf die Stirn, ließ es ein Abendgebet ſprechen und legte es alsdann zu Bette. Die Kinder giengen ebenfalls in das ihrige, Emilie ins Mama⸗Bett, und wir ſind überzeugt, daß die ganze Familie eines guten und ſoliden Schlafes genoß. V‧ fangen ſei, manche Debatte hervorgerufen. So viele Straßen⸗ 14 Fünftes Kapitel. Ein Bürgerball und ſeine Folgen. Die Gasbeleuchtung der Stadt, deren wir in den vorigen Kapiteln gedacht, war nun in einigen Stadtvierteln, namentlich in den neueren und breiteren Straßen, ins Leben getreten; die ſchmutzigen Gräben hatte man meiſt zugefüllt, an einigen Stellen dieſelben ſogar wieder gepflaſtert; doch erwies ſich dieß ſehr bald als unpraktiſch; das lockere Erdreich gab nach, und wo man die Röhren gelegt, bildeten ſchon nach wenigen Tagen die Pfla ſteine eine ziemliche Vertiefung, in welcher ſich Regen und Schnee⸗ waſſer anſammelte und ſicherlich für die Fußgänger und Fahrenden ſchon unangenehm geworden wäre, wenn nicht ein frühzeitiges, aber ſtarkes Froſtwetter den Boden gehärtet und im nachfolgen⸗ den Schneeſturme mit ſeiner weißen Decke wie mit einem großen Mantel chriſtlicher Liebe die Schwächen des reſidenzlichen Pflaſters bedeckt hätte. 3 Es hat um dieſe Gasbeleuchtung bei den Vätern der Stadt manche Streitigkeiten gegeben, namentlich hatte die höchſt ſchwie⸗ rige Frage, was mit den alten Straßenlaternen wohl anzu⸗ Fünftes Kapitel. laternen, die der Stadt ein ſo bedeutendes Geld gekoſtet, ſo mir nichts dir nichts abzuſchaffen, war von den jüngern Mitgliedern des Stadtraths freilich mit jugendlichem Leichtſinn bald ausge⸗ ſprochen; aber die älteren Väter ſetzten lange Zeit hindurch dem Andringen der Neuerungsſüchtigen die Frage entgegen: was geſchieht mit den alten Straßenlaternen? eine Frage, die indeſſen wie ſo manche andere in der Welt nicht vollſtändig gelöst wurde. Genug, die Röhren waren gelegt, die Candelaber aufge⸗ pflanzt, und an einem ſtillen Abend wat die ganze Bevölkerung einiger Stadtviertel in großer Aufregung: es brannten heute die Gaslaternen zum erſten Male. Ein ganzer Haufe Buben zog hinter dem Anzünder her und verwunderte ſich zuerſt höchlich über das ungemein kleine Laternchen, das der Mann an einer langen Stange trug, brach aber alsdann in ein ungeheures Jubelgeſchrei aus, als ſich nun plötzlich die erſte Flamme blendend weiß entzündete und hoch aufflackerte; doch war dieſe Freude nicht von großer Dauer; denn weil die Einrichtung noch ziemlich mangelhaft war, ſo ſank die Flamme bald wieder i zuſammen, brannte dunkelroth, ſprang wieder plötzlich in öhe und geberdete ſich zum großen Ergötzen der Straßen⸗ gend auf ſehr komiſche Art.— Elange, breite Straße, welche zuerſt beleuchtet wurde, ſah aus, wie mit Irrlichtern beſät, die bald groß, bald klein, bald blau, ald roth brannten.. Vorn unter den Zuſchauern, die beim Anzünden um jeden Candelaber einen großen Kreis bildeten, ſah das häßliche verzerrte Geſicht des Stadtſoldaten Steinmann hervor; er freute ſich ganz unſinnig über die neue Einrichtung, und ſeine Freude war um ſo * gkößer, als er unter dem Haufen das betrübte Geſtcht der alten Winklere erblickte, die bei mehreren ihrer entlaſſenen Colleginnen ſtand, die Hände in die Schürze gewickelt und dem neuen Licht traurig zuſchauend. Zuweilen, wenn die Flammen ganz nieder⸗ ſanken und ſich zu beſtnnen ſchienen, ob es nicht beſſer ſei, zu Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 55 erlöſchen, zuckte ein zweifelhafter Hoffnungsſtrahl auf ihrem Ge⸗ ſichte empor; Steinmann wurde in ſolchen Augenblicken ganz in⸗ grimmig und jagte alsdann mit tüchtigen Scheltworten und auf handgreifliche Weiſe die Buben von der Stelle weg, wo die Röhre lag, indem er ſich den Anſchein gab, als glaube er, das Herum⸗ trampeln auf denſelben thue dem Lichte Schaden; hauptſächlich aber war es ſeine Luſt, Kopfnüſſe auszutheilen, was ihn zu dieſem Verfahren bewog. Endlich verlief ſich der Haufe und Steinmann gieng die lange Straße hinab, jede Laterne aufmerkſam betrachtend und hie und da einen harmloſen Spaziergänger wegjagend, der ebenfalls zu⸗ fällig ſtehen blieb oder auf der verbotenen Rinne lief. Sein Hauptaugenmerk hatte der Stadtſoldat aber heute Abend der Straßenjugend gewidmet, welche auf den glatten, mit Schnee bedeckten Trottoirs luſtig ſchleifte; da ſchlich er ſich lang⸗ ſam hinzu, ſtellte dann raſch einen Fuß auf die Schleife und lachte laut auf, wenn die Buben plötzlich und heftig auf ihre Naſe purzelten. Wehe auch dem Dienſtmädchen, das unter dem Schleier der Nacht Waſſer auf die Straße goß! Steinmann war da und Steinmann hielt die Frevlerin am Arme feſt und notirte ſich augenblicklich den Namen der Herrſchaft, ſo wie die Haus⸗ nummer, zur gerechten Strafe.— Unter ſo harmloſen Scherzen und Privatvergnügungen wan⸗ delte der Stadtſoldat ſeines Weges dahin, mit ſeinem einzigen Auge aufmerkſam wie eine Katze umherſpähend. Wo ſich zufälli⸗ ger Weiſe an einer dunklen Hausthür ein Liebespaar ſehen ließ, da eilte er hin; doch war ihm heute Abend die Gasbeleuchtung in Ausübung der Sittlichkeitspolizei hinderlich; denn kaum näherte er ſich beſagter Hausthür, ſo verſchwand das Mädchen hinter der⸗ ſelben, das Schloß fiel zu, und ein langer, wie es ſchien, baum⸗ ſtarker Handwerksgeſell lachte dem Steinmann in's Geſicht Am Ende der Straße blieb der Stadtſoldat vor einem an⸗ ſehnlichen Hauſe ſtehen, gieng die Treppen hinauf und erkundigte 56 Fünftes Kapitel. ſich, als auf ſein Klingeln die Glasthür geöffnet wurde, ob der Herr Stadtrath zu Hauſe ſei. „Der Herr Stadtrath ſind da,“ antwortete das hübſche Dienſtmädchen,„und der Herr Stadtrath raſiren ſich eben.“ „Fragen Sie ihn, ob ich ihn ſprechen kann,“ antwortete der Steinmann ſchmunzelnd und wollte dem Mädchen auf die runden Backen klopfen; doch öffnete ſich in demſelben Augenblick die Thür des Zimmers, der Herr Stadtrath in eigener Perſon trat haſtig in den Gang, und bei ſeinem Anblicke ſah man deut⸗ lich, daß das Dienſtmädchen nicht gelogen, als es vorhin ſeine Beſchäftigung angegeben. Der Stadtrath ſchwang in der linken Hand ein Raſirmeſſer, hatte eine weiße Serviette umgebunden, und der weiße Seifenſchaum auf ſeiner Wange zeigte deutlich an, wo er mit ſeiner Arbeit ſtehen geblieben war. „Iſt Jemand vom Flaſchner da?“ fragte er haſtig und ſetzte verdrießlich hinzu, als er des Stadtſoldaten anſichtig wurde: nſo, der Steinmann! was gibt's Neues?“ Steinmann zog ſeine Mütze herunter und meldete gehorſamſt, daß die Gaslaternen in den Straßen angezündet ſeien und ſo hell und freundlich brennen, daß einem das Herz im Leibe lache. „Schon gut,“ ſagte der Stadtrath verdrießlich, nich danke!— Wenn aber nur der Flaſchner käme!“ ſetzte er ſeufzend hinzu; „guten Abend!“. Damit zog er ſich ins Zimmer zurück, und nachdem der Stadt⸗ ſoldat einen vergeblichen Verſuch gemacht, die Hand des Dienſt⸗ mädchens zu erfaſſen, gieng er ebenfalls davon. In dem Zimmer angekommen, nahm der Stadtrath das Geſchäft des Raſtrens, in welchem er durch die Ankunft des Stadt⸗ ſoldaten unterbrochen worden war, eifrig wieder auf, doch kann man nicht ſagen, daß dieſer Eifer ein anhaltender war: denn kaum hatte er einen kräftigen Strich über die linke Wange gethan, ſo lief er an die Thür des offenſtehenden Nebenzimmers und rief hinein:„„Gott, wenn mich nur der Flaſchner nicht ſitzen läßt, Ein Vürgerball und ſeine Folgen. 57 ich habe eine ſolche Angſt im Leibe, daß ich vor Zittern kaum das Raſtrmeſſer halten kann. Wenn mich der Flaſchner wirk⸗ lich im Stich ließe, ich wäre blamirt, ſowohl als Menſch wie als Stadtrath.“ Aus dem Nebenzimmer antwortete hierauf eine fette weib⸗ liche Stimme:„Warum mußt du dir auch beſtändig ſolche Ge⸗ ſchichten muthwilliger Weiſe auf den Hals laden?— Kümmere. dich künftig um deine eigene Sache!“— Die Stimme ſprach ſo langſam, daß, bevor ſie geendigt hatte, der Stadtrath lange wieder vor ſeinem Toiletteſpiegel ſtand und ſchon einen halben Schnitt gethan hatte; jetzt hielt er aber inne und fuhr wieder an die Thür des Nebenzimmers.„Ich mir auf den Hals laden?“ ſagte er gereizt;„was lade ich mir auf den Hals? was lade ich mir muthwilliger Weiſe auf den Hals? Ich lade mir nichts auf den Hals aber auf meinem Halſe liegt das Wohl der Stadt, dafür muß ich treulich ſorgen, und zu dieſem Wohl der Stadt gehört auch das, was du nennſt: muthwillig auf den Hals laden;— aber ihr Weiber habt keine Einſicht, keinen Begriff vom Großen und Schönen!“— Mit dieſen letzten Worten gieng der Stadtrath wieder an den Raſirtiſch, murmelte aber immer in ſich hinein:„Als wenn ich dergleichen gemeinnützige Anſtalten zu meinem Privatvergnügen zu unterſtützen pflegte! Ich lade mir dergleichen Geſchichten auf den Hals, und obendrein muthwillig, ſagt ſie; ich müßte lachen, wenn ich nicht fürchtete, mich zu ſchneiden.“ Die fette Stimme im Nebenzimmer huſtete gelinde und ſagte dann ruhig wie vorher:„Wer iſt denn am meiſten gelaufen wegen der Gasbeleuchtung, wer hat nicht Ruh' gehabt bei Tag ünd bei Nacht und ſo lange gewirthſchaftet und graben laſſen, bis die ganze Stadt wie ein Moraſt ausſah? Ich für meine Perſon gehe ſeit der Zeit nicht mehr aus dem Hauſe; man läuft ja Gefahr, ſich den Hals zu brechen.“ Ungeachtet der Gefahr des Halsabſchneidens lachte der ——————— * 58 Fünftes Kapitel. Stadtrath bei dieſen Worten krampfhaft auf, doch gebrauchte er dabei die Vorſicht, das Raſirmeſſer weit von ſich weg zu halten; mit zwei Schritten war er wieder an der Thür des Neben⸗ zimmers und rief:„Beim Herkules, es iſt wirklich ſtark, was man Alles von dir erleben muß! Eine Einrichtung, von der ich mit Stolz reden kann, von welcher meine Kinder und Enkel eben ſo ſprechen werden, eine Einrichtung, welche der Nachwelt bis ins hundertſte Glied zu Gute kommt, eine Einrichtung, die dadurch, weil eben bei dieſer Einrichtung ich die Haupturſache wäar, wirk⸗ lich ins Leben trat, und die dadurch für mich ſo äußerſt ehrend iſt, und das Alles begreifſt du nicht einmal! Aberawas ſchwatz⸗ ich hier, was ſprech' ich dir Vernunft vor“ wozu nützt’s? Ich will mich gar nicht mehr ereifern!u— Damit gieng der würdige Vater der Stadt feſten Schrittes zurück an ſeinen Spiegel, und da er ſein Geſchäft eifriger als je aufnahm, ſo wäre er in wenigen Augenblicken fertig geweſen, wenn die fette Stimme im Nebenzimmer nicht auf die eifrige Rede des Stadtraths nach einer ziemlichen Pauſe geantwortet hätte: „Für all das ſchwere Geld hättet Ihr ein ſolides Schlachthaus bauen können.“ „Ein Schlachthaus!“ jauchzte der Stadtrath, und man konfte etnen Moment lang ungewiß ſein, ob dieſes Jauchzen Freude oder Schmerz ausdrückte, aber es war mehr das letztere, was ihn bewegte, und mit einem großen Sprunge ſtand er abermals in der Thür des Nebenzimmers und wiederholte äußerſt zornig: „Ein Schlachthaus, ei, ein Schlachthaus! Frau, man merkt augenblicklich, daß du eine Mezgerstochter biſt! Ein Schlacht⸗ haus und eine Gasbeleuchtung! ob wohl ein vernünftiger M denſch 3 im Stande ſein wird, das in eine Paralelle zu ſtellen— ja, und in Einem Athem zu nennen? Eine Gasbeleuchtung, eine der edelſten und menſchenfreundlichſten Einrichtungen, eine Einrich⸗ tung, welche die Stadt und Reſidenz den erſten und größten gleich. ſtellt,— ud d hüben wir nicht KTfalts ein Schlachthe Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 59 legen, wie ein Schlachthaus gelegen ſein muß, in einem finſtern Winkel der Stadt, klein, unſcheinbar, und iſt dieſe Lage in ihrer Kleinheit und Unbedeutenheit nicht recht ſinnig gewählt? Soll man mit einem Schlachthauſe Staat machen? Nein! Soll man in einem prachtvollen Gebäude zur Schau tragen den ſchmerz⸗ vollen Tod ſo vieler unglücklicher Geſchöpfe, in glänzender Um⸗ gebung recht erkennen laſſen, welch' ein grauſames, blutiges Geſchöpf der Menſch iſt? weite Hallen bauen, um gefühlloſe Zu⸗ ſchauer herbeizuziehen, die ſich weiden an dem fließenden Blut und dem Todesgeröchel unzähliger armer Schlachtopfer menſchlicher Grauſamkeit,? Nein, verehrte Kollegen“— „Ja ſo!“ verbeſſerte ſich der Stadtrath, denn ihm war im Eifer des Geſprächs etwas von ſeiner Rede entſchlüpft, die er vor einiger Zeit in der Stadtrathsſttzung pro Gasbeleuchtung contra Schlachthaus gehalten. „Ich weiß wohl,“ fuhr er hitziger fort,„daß mir gerade aus deiner Familie heftig opponirt wurde, und welche Minen dein Vetter, der Mezgeroberzunftmeiſter, wider mich ſpringen ließz ich werd es ihm nie vergeſſen, daß er abſichtlich den alten Ochſen mehrere Tage hangen ließ, die Nachbarſchaft mit dem Geruch verpeſtete und alſo eine Bittſchrift zu Wege brachte um Erbauung eines Schlachthauſes; aber wir triumphirten— welch' eine Him⸗ melsgabe iſt das Licht u. ſ. w.! Aber jetzt ſpar' deine Bemerkun⸗ gen und laß' mich mit meinem Raſtren zu Ende kommen.“ Für jetzt wurde dieſes Geſchäft denn auch ohne Störung voll⸗ zogen; der Stadtrath wuſch ſich mit einem warmen Schwamme dus Geſicht, kämmte ſein etwas borſtiges Haar gerade in die Höhe, legte alsdann eine weiße Halsbinde um, knöpfte ſich in eine weiße Weſte hinein, ſchlüpfte in einen ſchwarzen Frack, und als er ſich ſo im Ballanzuge in ſeinem Spiegel beſchaute, begriff er vollkommen das Gefühl, mit welchem ſich Gott der Herr am ſechsken Schöpfungstage eingeſtand, daß er mit ſeinem Werke zufrilden gei. G. 1 8* 54 60 Fünftes Kapitel. So angezogen und gerüſtet trat der Stadtrath ins Neben⸗ zimmer; und während er die Hände auf den Rücken legt und mit großen Schritten nachdenkend auf⸗ und abſpaziert, und, ſo oft er ans Fenſter kommt, vergnügt auf die hellen Strahlen der Gas⸗ laternen hinabſchaut, finden wir Zeit, uns in dieſem Zimmer umzuſehen und die perſönliche Bekannt ſchaft jener fetten Stimme zu machen. 3 Das Zimmer, in welchem der Stadtrath ſeinen äußeren Menſchen geputzt, war einfach möblirtz es hatte einen kleinen Sopha von Rohrgeflecht, einige Stühle, Commode und Spiegel und ein kleines Stehpult, auf dem ſich mehrere Actenfaseikel befanden; das andere Gemach daneben war mit einer gewiſſen bürgerlichen Eleganz möblirt, an den drei Fenſtern deſſelben hiengen weiße geſtickte Vorhänge, dieſen Fenſtern gegenüber be⸗ fand ſich ein Sopha von Nußbaumholz mit grünfarbenem Plüſch überzogen, und im Zimmer umher eben ſolche Stühle. Vor dem Sopha ſtand ein runder Tiſch; auf dieſem feine kleine Lampe, ein Kaffee⸗Service mit zwei Taſſen, und vor demſelben auf dem Sopha ſaß die Inhaberin jener fetten Stimme, eine corpulente Frau, die Gemahlin des Stadtraths. Wir wollen dieſer Dame nicht zu nahe treten, indem wir behaupten, daß ſie ſich im tiefſten Negligé befand, und ſetzen deß⸗ halb hinzu, daß dieſes Negligé einen Anſtrich von großer Sau⸗ berkeit beſaß und daß daſſelbe am heutigen Tage eine Ueber⸗ gangsperiode bildete, durch welche die Stadträthin aus dem Alltagsanzuge in den vollkommenſten Ballſtaat überzugehen im Begriffe war. 3 Ja, es war der erſte Winterball dieſes Jahres, der heute Abend in der Bürgergeſellſchaft ſtatt finden ſollte, der erſte Ball dieſes Winters und der erſte Ball ihres Lebens, den Stadtrath und Stadträthin in dieſer neuen Würde mit ihrer Gegenwart verherrlichen wollten. außer runde Mig ten, freue⸗ nen Kide beſo vert etwa doch hen möge. Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 61 Die Frau war eben mit ihrer ſechsten Taſſe fertig, und eine außerordentliche Zufriedenheit glänzte auf ihrem dicken, wohlge⸗ rundeten, nicht unſchönen Geſichte. Die Stadträthin war aus einer reichen Bürgersfamilie, deren Mitglieder ſanont und ſonders zur Wohlbeleibtheit ſich hinneig⸗ ten, ſie war eines jener Weſen, die ſich harmlos ihres Lebens freuen, die keinen Spektakel in der Welt machen wollen und kön⸗ nen und in ſtiller Verborgenheit ein gedeihliches Leben führen. Leidenſchaften kannte die Frau nicht, Kinder hatte ſte keine, und beſondere Vorliebe nur für einen guten Kaffee, im Kreiſe ihrer vertrauteſten Bekanntinnen genoſſen. Die Stadträthin wäre bei etwas mehr Lebhaftigkeit eine intereſſante, ſchöne Frau geweſen; doch nahm ſie ſich kaum die Mühe, ihre Augenlider zu öffnen, und ſchien keine Ahnung davon zu haben, daß ſie unter dieſen Augenlidern ein Paar anziehende, ſchöne Augen verbarg. Der Stadtrath dagegen war eine kleine magere Figur, leb⸗ haft, leicht erregt, und im Sprechen ſowie in den Bewegungen von einer eidechſenartigen Behendigkeit. Er war Patriot und Vater der Stadt im edelſten Sinne des Wortes. Wir müſſen geſtehen, daß er vorhin mit vollem Rechte davon ſprach, welche große Verdienſte er ſich um die Gaseinrichtung in der Reſidenz— ſtadt erworben; raſtlos war er von einer Behörde zur andern gelaufen, hatte Eingaben an das Miniſterium und an den König zu Dutzenden gemacht und in der betreffenden Stadtrathsſitzung durch ſeine feurige Rede, von der wir vorhin einige Proben hör⸗ ten, den Ausſchlag gegeben. Jetzt eilte er mit ſchnellen Schritten im Zimmer auf und ab, horchte bei jedem Geräuſch, das ſich auf der Treppe hören ließ, und ſeufzte bei jeder fehlgeſchlagenen Hoffnung nach dem Flaſch⸗ ner, der immer noch nicht erſcheinen wollte. Bald trommelte er auf die Fenſterſcheiben, bald zupfte er an den Fenſtervorhängen und trat an den Tiſch, ſeine Frau zu ermahnen, daß ſie ſich anzie⸗ fünftes Kapitel. „Meine Liebe,“ ſagte er,„es iſt noch eine halbe Stunde, bis der Wagen kommt, und du weißt, daß wir denſelben mit dem Regierungsrath und Frau genommen haben und dieſelben um alles in der Welt keine Secunde unnöthig vor dem Hauſe dürfen halten laſſen; erzeige mir die Gefälligkeit und laß mich nicht noch obendrein auf dich warten; ich. ſtehe ſo auf Kohlen und weiß mir vor Unruhe gar nicht zu helfen.“ Dabei begann der Spaziergang durch das Zimmer von Neuem und mit ſolcher Haſt, daß die Rockſchöße flogen und der Stadtrath mit größter Mühe kaum im Stande war, nicht einige Stühle und ein Nachttiſchchen über den Haufen zu rennen. Die Frau zuckte die Achſeln und konnte trotz der vorhin ge⸗ hörten Strafpredigt ſich nicht enthalten, abermals zu ſagen: „Ja, wie kann man ſich auch nur ſolche Geſchichten auf den Hals laden?“ Der Stadtrath war im Begriff, äußerſt zornig zu werden, bezwang ſich aber, indem er abermals auf der Treppe ein Ge⸗ räuſch hörte, und eilte achſelzuckend ins Vorzimmer. Gott ſei Dank! es war diesmal der ſo lange erſehnte Flaſchner, und wenn er ſich nicht in ſo außerordentlich rußigem und ſchwarzem Anzuge befunden hätte, ſo wuͤrde ihn der Stadtrath in der Freude ſeines Herzens trotz weißer Weſte und Halsbinde feierlichſt an ſeine Bruſt gedrückt haben; doch begnügte er ſich ihm die Hand zu ſchütteln, und vernahm mit freudeſtrahlendem Geſicht die Bot⸗ ſchaft, daß in der Bürgergeſellſchaft die Gaseinrichtung ſo eben zu Stande gebracht ſei, daß der neue Kronleuchter aufgehängt worden, und daß die Lichter in demſelben zu ſeiner, des Flaſch⸗ ners, vollkommenen Zufriedenheit im Brennen wären. Jetzt ſchwamm der Stadtrath in einem Ocean von Selig⸗ keit; ſein Schritt wurde gemäßigter und feierlicher, er ſtreckte den Kopf in die Höhe, zog die Halsbinde hoch hinauf, und war ſelig in dem Gedanken, trotz vieler Mühe und Widerſprüche ſolche Arrangements getroffen zu haben, die jeden der ankommenden 4 1 Ballg der N gehen wünd darau hinei kram ſo ke ſein gung und Sch ſoga ſtieg nem als Reg aus ihre det — Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 63 4. Ballgäſte aufs Höchſte überraſchen würden, und daß ſein Name, der Name des Stadtraths Schwämmle, von Mund zu Mund gehen und von vielen ſchönen Lippen feiernd genannt werden würde. Die Stadträthin hatte ſich langſam entfernt und kehrte bald darauf im Ballſtaat zurück; ſie war in ein ſchwarzſeidenes Kleid hineingezwängt, und wenn man auf ihrem Rücken bemerkte, wie krampfhaft die Haken und Haften in einander verbiſſen waren, ſo konnte man nur mit Schrecken daran denken, wie furchtbar es ſein mußte, wenn dieſe armen Dinger durch allzu ſtarke Bewe⸗ gung gezwungen würden, einander loszulaſſen und ſich heftig und unaufhaltſam zu trennen. Auf dem Kopfe trug Frau Schwämmle eine zierliche Haube mit Roſaband und hatte ſich ſogar in ihrer neuen Würde bis zu einer künſtlichen Blume ver⸗ ſtiegen. Der Stadtrath zog ſeine Handſchuhe an, befeſtigte an ſei⸗ nem rechten Arm eine weiße Schleife, das Zeichen ſeiner Würde als Feſtordner; dann nahm er ſeinen Hut, denn der Wagen mit Regierungsrath und Frau rollte vor, und nach einigen, durch⸗ aus nothwendigen Complimenten ſaßen alle Vier auf den gemäß ihrem Range ihnen zukommenden Plätzen und rollten dem Locale der Bürgergeſellſchaft zu. — — .„ K Oben Cotil ſtehen der 4 welch 8 Jlg 1 und auf Sechstes Kapitel. un * klei Ein Bürgerball und ſeine Folgen. it 2. Bef geg Wer den Stolz kannte, mit welchem die mittlere und die be reiche Bürgerklaſſe das Local, das ſie zu ihren Wintervergnü-⸗ 1 be gungen erbaut, als ihr Eigenthum zu betrachten pflegte, wie einige der ältern Herrn bei jedem Tanzvergnügen, bei jedem Con⸗ er cert Länge und Höhe des großen Saales mit prüfendem Blick 3 5 fol maßen, um ſich zu überzeugen, daß der Saal der höheren die Bürgergeſellſchaft wenigſtens um ſechs Zoll niedriger und wenig⸗ 4 der ſtens um vier Zoll ſchmäler war; wer die Strenge kannte, mit de welcher in den meiſten Fällen darauf geſehen wurde, daß zur 3 nn Vürgergeſellſchaft, wenigſtens zu den Mitgliedern derſelben, nur 3 ni Urbürgerkinder von reinem Blut zugelaſſen wurden; wer es in wußte, daß bei dem Aufnahmegeſuch eine Urgroßmutter oder ein Urgroßvater, der vor einigen achtzig Jahren eingewandert war, von dem Vorſtand als fremdes, eingeſchmuggeltes und nicht voll⸗ kommen ebenbürtiges Blut betrachtet wurde; wer ſie endlich N kannte dieſe Bürgergeſellſchaft⸗Republik mit ſtreng abgeſonder⸗ ten Kreiſen nach Familien, nach Vermögensverhältniſſen und nach der königlichen Rangordnung, regiert von ſelbſtgewählten „ 4 4 Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 65 Oberhäuptern, ein Staat, in welchem möglicherweiſe der letzte Cotillontänzer von heute morgen an der Spitze der Geſchäfte ſtehen konnte; wer Alles dieß genau überlegt und ins Auge faßt, der beeein den freudigen Schreck, die ſelige Ueberraſchung, welche Jeden überſchüttete und beſchlich, indem er, als ſich die Blugelchüren vor ihm öffneten, ſtatt der bisherigen Ctenritker en und Oellampen den herrlich glänzenden Kranz von Gaslichtern auf dem neuen Kronleuchter erblickte! Es war ein Gemurmel in dem Saale, ein Durcheinander⸗ rennen, ein Betrachten des neuen, fabelhaften Lichtes, vom kleinſten Kellner in der Tiefe bis m Orcheſter⸗Dirigenten in der Höhe, Alles war in außerordentliches Staunen, in vollkommene Befriedigung aufgelöst; Eins rannte, indem es aufwärts ſah, gegen das Andere, und es gab heute mehr Entſchuldigungen wegen Aufeinanderſtoßens und zertretener Hühneraugen, als ſonſt bei der verwickeltſten Cotillon⸗Tour. Es war noch früh, und die, welche zuerſt gekommen waren, erfreuten ſich ſichtlich an dem unbegränzten Erſtaunen der Nach⸗ folgenden; von dem Glanze ſchon etwas geſättigt, warfen ſich dieſe Anweſenden in die Bruſt und fühlten ſich geſchmeichelt Lon den Ausrufungen der Freude, mit denen jeder neue Ballgaſt in den Saal trat, und beantworteten die Fragen nach d em charman⸗ ten Licht mit ſelbſtgefälligem Lächeln, als habe es ſie ſelbſt gar nicht überraſcht, und Jeder ließ den Andern vurgiaum er habe, im Vertrauen geſagt, auch dabei die Hand im Spiele gehabt. Trotz dieſer Undankbarkeit, wodurch die Verdienſte des Vaters Schwämmle etwas geſchmälert wurden, ward ſein Name doch, zuerſt mit leiſem Gemurmel, dann lauter und immer lauter in allen Ecken genannt; einer ſeiner Collegen, der ihm freundlich geſinnt war und der mit ihm pro Gasbeleuchtung contra Schlachthaus geſtimmt, eilte geſchäftig durch den Saal, ſprach ier mit Freunden und Bekannten und Unparteiiſchen, prallte dort Saclander, Namenl. Geſchichten. I. 5 66 Sechstes Kapitel. * mit einer kalten Verbeugung zurück, als er bemerkte, daß er in die Nähe einer Gruppe Schlachthaus⸗Menſchen gerathen war. Der College des Stadtraths Schwämmle, ein ſchon ält⸗ licher Mann von ſanften Geſichtszügen und eben ſolcher Stimme, ſuchte ſchwitzend vor Hitze und innerer Aufregung die Anweſenden zu vermögen, dem Helden des Tages einen freundlichen, feierlichen Empfang zu bereiten. Die Freunde ſtimmten natürlich bei, den Unparteiiſchen war es gleichgültig, und die jungen Herrn und Damen, die eigentlich gar keiner Richtung angehörten, freuten ſich auf das Beifallsgeſchrei. Sogar bei einigen Blutmenſchen ſeiner Bekanntſchaft verſuchte es dex ſanfte College, indem er ihre beiden Hände ergriff, und dabei dieſelben freundlich ſchüttelnd, den Verſuch machte, ihnen ſchmunzelnd von unten herauf in die finſter niedergeſchlagenen Augen zu blicken. Bald ſah man ihn hier, bald dort; jetzt eilte er die Stiege hinauf zum Orcheſter, klopfte dem Dirigenten auf die Schulter, indem er ihm einige Worte haſtig ſagte, bot dem Paukeniſten eine Priſe an und blieb oben ſtehen, ſehr aufgeregt vor Erwartung, und ſah mit klopfen⸗ dem Herzen nach der Eingangsthür des Saales. Jetzt ſtürzt ein Kellner herein und winkt mit der Serviette, der ſanfte College auf dem Orcheſter zupft die Halsbinde in die Höhe und gibt dem Dirigenten einen bedeutſamen Wink. 8 Die Thür öffnet ſich und als Vater Schwämmle hereintritt am Arm ſeiner dicken Gattin, da ſchmettern die Trompeten, da wirbeln die Pauken und der ganze Saal hallt wieder von dem wüthenden Geſchrei: Hoch lebe Schwämmle!— Hoch der Stadt⸗ rath Schwämmle!— Drei Mal donnernder Tuſch, und drei Mal ſchreien die Ballgäſte. Die Orcheſter⸗Mitglieder haben ſich würdig benommen, und namentlich der Paukeniſt, eingedenk der eben erhaltenen ſtadt⸗ räthlichen Priſe, hat gearbeitet, daß es klang, wie ein fern da⸗ hinziehendes Gewitter; ein ſolcher Moment muß das Herz erſchüttern; ja, man bemerkte unten im Saale einige Schlacht⸗ 4 ½ grauſamſte 8 haus ſanft brüll taba ſtock ſtänd men die M die der Me nach ime ——— Ein Zürgerball und ſeine Folgen. 67 haus⸗ und Blutmenſchen, die ebenfalls kräftig mitſchreien; der ſanfte College oben auf dem Orcheſter trommelt mit den Füßen, brüllt, daß er blau im Geſicht wird, und hat die goldene Schnupf⸗ tabacksdoſe in der Hand, womit er alle Bewegungen des Taktir⸗ ſtockes nachahmt; doch iſt er vor Rührung und Hochgenuß be⸗ ſtändig einen Vierteltakt voraus. Vater Schwämmle aber, ſolchergeſtalt überraſcht und na⸗ menlos gefeiert, ließ den Arm ſeiner dicken Gattin los, drückte die Hände vor ſeine Bruſt, als wollte er ſagen: Seid umſchlungen Millionen, und wiſchte ſich alsdann die Augen, indem er auf dieſe Art pantomimiſch ausdrückte: Laßt ſie fließen, die Thränen der Wonne! Dann trat er vollends in den Saal, mehr von der Menge geſchoben, als freiwillig gehend; rechts und links griff er nach den Händen, die ſich ihm entgegenſtreckten, und drückte immer mehrere zugleich an ſein Herz; auch verſuchte er einige paſſende Worte zu ſtottern, aber er zeigte auf ſein Herz: dieſes ſei zu voll, und warf dann einen ſchwärmeriſchen Blick an die Decke des Saales, als wollte er ſagen:„Das will ich Euch nie vergeſſen!“ Einige Augenblicke ſchwelgte der ſanfte College oben im Anblick der Wogen von Glück und Ehre, in welchen der Stadt⸗ rath, ſein Freund da unten herumſchwamm; dann aber, als er bemerkte, wie die Kraft des Schwimmers zu erliegen ſchien und die Fluthen liebevoller Aufmerkſamkeiten über dem Haupt des Freundes zuſammen zu ſchlagen drohten, gab er dem Orcheſter⸗ dirigenten ein Zeichen, worauf dieſer eifrig auf ſein Notenpult klopfte, die linke Hand ebenfalls in die Höhe hob, ſich um einige Zoll ſtrekte, dann die Muſikanten links und rechts herausfor⸗ dernd anſah und beim Niederfallen des Taktirſtockes eine luſtige Polka losbrechen ließ, welche wie friſcher Wirbelwind da unten in das nebelhafte Gewühl fuhr, den Menſchenknäul auseinander trieb, die Paare ordnete und dem Stadtrath Raum und Zeit gab, ſich aus dem erdrückenden Getümmel in die ſtille Heimlich⸗ 5* 68 Sechstes Kapitel. keit eines benachbarten Reſtaurationszimmers an der Hand ſeiner dicken Gattin zurück zu ziehen. hätte Dieſe Reſtaurationszimmer, welche den Saal auf allen man Seiten umgaben, waren ebenfalls ſchon ziemlich angefüllt, und das der Stadtrath Schwämmle ſchritt zwiſchen den Tiſchen hindurch, rechts und links freundlich grüßend und mit einiger Freude die ehrerbietigen Blicke hinnehmend, welche ihm von allen Seiten von ſagte geſpendet wurden.. 1 math Auch dieſe Zimmer waren mit Gas beleuchtet, und die ſchlanken Meſſingröhren hiengen von der Decke herab auf die dur Tiſche, bogen ſich dann unten zlerlich in die Höhe und ließen die weiße Flamme ausſtrahlen. Der Stadtrath hatte faſt das Gemach erreicht, wo ihrem Range gemäß ſeine Gattin ſich gewöhnlich aufzuhalten pflegte, E als ihm die unerwartete Ehre zu Theil wurde, von einem andern ein Tiſche eingeladen zu werden. Dieſer Tiſch war beſetzt von den N Gattinnen einiger Regierungs⸗ und Kanzleiräthe, welche, die 1 Höchſten im Range der Bürgergeſellſchaft, gewöhnlich ein eigenes gen Zimmer behaupteten. Zwar blickten einige ebenfalls hier ſitzende— ſchon ältliche Honoratiorentöchter verſchämt auf ihre Teller, als wi ſich die Mezgerstocher in ihrer Nähe auf einen Stuhl niederließ, 56 «* doch war der Stadtrath heute einmal der Held des Tages, und 5 ſoo konnte man ſich ſchon erlauben, ihn einigermaßen zu feiern, namentlich da der Präſidirende dieſes Damen⸗Cirkels, der pen⸗ 5 ſtonirte Hauptmann von Müller, dem Stadtrath einen Stuhl 3 neben den ſeinigen ſchob und ihm mit kräftigen Worten verſicherte, 4 die neue Gasbeleuchtung hier mache ſich verflucht ſchön. —„Sehr ſchön, wirklich gut, außerordentlich ſchön!“ bekräf⸗. ſ tigten die Damen im Kreiſe, und eine lange, dürre Hofräthin, 3 die vor dem Theekeſſel ſaß, in weißem, zierlich ausgeſchnittenem n Kleid, fügte hinzu, indem ſie der Stadtrüthin eine Taſſe Thee ä reichte:„Ja, dieſes helle Licht iſt ſo geeignet für eine gutge⸗ wählte Toilette.“ t 1* „ und 3 3, η Ein Zürgerball und ſeine Folgen. 69 „Eine herrliche Erfindung!“ ſagte der Hauptmann:„wie hätte man noch vor zwanzig Jahren gelacht bei der Behauptung, man würde heut zu Tage einen Saal mit Luft erleuchten! Denn das Gas, meine Damen, iſt nur eine brennbare Luft, welche von dem Gaſometer durch die Röhren getrieben wird.“ „Nur bei dem Tanzen ſoll es nicht ganz angenehm ſein,“ ſagte eine der altern Honoratiorentöchter,„es ſoll ſehr heiß machen, man muß ſich mit dem Tanzen in Acht nehmen.“ Sie wollte damit andeuten, als ſei ſie freiwillig und aus Furcht vor der Hitze des Gaſes ſitzen geblieben. Neben der dürren, nicht ſehr ſchönen Hofräthin ſaß ein junger blaſſer Menſch von ungefähr zwanzig Jahren, ihr Sohn, was man aus einer erſchreckenden Familienähnlichkeit deutlich ſah. Dieſer junge Menſch ſchien außerordentlich ſchüchtern und hatte ſeinen Stuhl ſo weit zurückgezogen, daß er kaum zwiſchen ſeiner Mama und einer ſehr dicken Kanzleiräthin durchzublicken ver⸗ mochte. So oft er von erſterer ermahnt wurde, einigen Thee zu genießen, ſtreckte er ſeine Hand zitternd durch die kleine Lücke, die ihm geblieben, und Löffel und Taſſe klapperten zuſammen, während er einen furchtſamen Blick umherwarf, um zu erfahren, ob es auch Jemand bemerke, wie ungeſchickt und unſicher er ſich in dieſer gewählten Geſellſchaft benehme. Er befand ſich heute zum erſtenmal auf einem Balle und hatte dieſen Ort des Vergnügens wahrhaftig nicht aus freien Stücken gewählt; die Hofräthin jedoch, welche ſein zwanzigſtes Jahr als den paſſenden Zeitpunkt zum Eintritt in die Welt be⸗ ſtimmte, war trotz ſeines Bittens von dieſer Idee nicht abgegan⸗ gen und behauptete, er könne nur auf praktiſchem Wege ſeine Ungeſchicklichkeit und ſeine Furcht vor dem weiblichen Geſchlecht überwinden.. Der junge Menſch hatte den beſten Tanzunterricht erhal⸗ ten, einer der erſten Schneider der Reſidenz mußte ihm einen außerordentlich eleganten Ballanzug beſorgen, und ſo ſaß er da 70 Sochstes Kapitel. im ſchwarzen Frack und weißen Glacéhandſchuhen und ſchauderte zuſammen, ſo oft ein Kleid hinter ihm rauſchte, denn da er noch ſehr undeutliche Begriffe von den Geſetzen eines Balles hatte, ſo fürchtete er immer, von irgend einer tanzluſtigen Dame in den Tanzſaal geſchleppt zu werden— ein wehrloſes Opfer zur Schlachtbank. Ach! er hatte ſich nie auf den heutigen Abend gefreut, die ganze vergangene Nacht hatte er kein Auge zugethan und immer von allerlei Entſetzlichem geträumt, das ihm begegnen würde. Bald trat er ſeiner Tänzerin auf den Fuß, bald riß er ihr die Schleppe vom Kleid herunter, bald ſtürzte er mitten im Saale hin und über ihn alle Tänzer und Tänzerinnen, einen großen Haufen bildend, wie es zuweilen bei den Buben auf der Schleif⸗ bahn vorkommt; ja, in den Morgenſtunden der vergangenen Nacht hatte er ein noch viel ſchrecklicheres Geſicht: da träumte ihm, er ſtehe in einer Francaiſe, und als er ſich genau beſah, bemerkte er zu ſeinem größten Entſetzen, daß er ſeine— Unaus⸗ ſprechlichen zu Hauſe gelaſſen habe. Aber trotz allem Widerſtreben, trotz allem Bitten, ihm noch einige Jahre Ruhe zu gönnen, mußte er mit auf den Ball; und man klage die Mutter deßhalb nicht der Grauſamkeit an. Sie hatte an ihrem Manne, dem Hofrath, das erſchreckende Beiſpiel erlebt, was es heißt, einen Mann zu beſitzen, der alle feinen Geſellſchaften, alle großen Bälle, alle Tanzvergnügungen, alle Concerte floh und der nur Abends im Wirthshauſe hinter ſeinem Schoppen vergnügt war; ſie wollte ihren Sohn nicht zu einem ähnlichen, unwürdigen Mitgliede der menſchlichen Geſellſchaft erziehen. 1 Die arme Frau hatte in ihrem Eheſtand ſchon viel gelitten; um ſogar in ihren jungen Jahren einen Ball zu beſuchen, hieng ſte beſtändig von der Freundlichkeit, ja, von der Barmherzigkeit anderer Menſchen abz; glücklicherweiſe war ſte Hofräthin, zählte ſich zur ſiebenten Rangklaſſe, weßhalb ſämmtliche Sekretärs⸗ und 8 —ꝰ—— ᷣ ½ Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 71 Reviſors⸗Frauen es ſich zur Chre machten, in ihrer Geſellſchaft zu ſein. Jetzt aber war der Moment gekommen, wo ſtie nicht mehr von der Gnade der achten Rangklaſſe abhieng, indem ihr Sohn in das Alter getreten war, in welchem er ſeine Mutter mit Anſtand auf den Ball führen konnte, und dies war der zweite Grund, aus welchem ſich der junge Eduard hier befand. Die erſte Polka zu tanzen, hatte er entſchieden abgelehnt und horchte mit klopfendem Herzen in den Ballſaal hinüber; er wünſchte, der Tanz möchte eine Ewigkeit dauern, denn für den zweiten, einen Walzer, hatte ihm die unerbittliche Mutter den Befehl gegeben, ins öffentliche praktiſche Leben einzutreten. Man muß aber nicht glauben, daß der junge Eduard ſich in ſeinem ſonſtigen bürgerlichen Leben mit einer ähnlichen Schüch⸗ ternheit bewegte; vielmehr hatte er das Kneipgenie von ſeinem Vater ererbt; er fühlte ſich im Wirthshauſe, in der Weinſtube vollkommen an ſeinem Platze und bewegte ſich allda mit größter Sicherheit. Auch dem weiblichen Geſchlechte war er bis zu einer gewiſſen Rangklaſſe nicht abgeneigt; nur fürchtete er die verbind⸗ lichen Redensarten, die feinen Unterhaltungen, und in der Ge⸗ ſellſchaft eines Kleides von Kattun oder Merino fühlte er ſich weit behaglicher, als beim Rauſchen eines ſeidenen Gewandes oder beim Flattern eines eleganten Ballanzuges. Drinnen im Saale aber ſchnarrte die Violine, jubelte die Clarinette und dazwiſchen ſtöhnte der Contrebaß und ſchien in beſtändigem Hader zu liegen mit den dumpfen Paukenſchlägen, die immerfort bemüht waren, ſeine brummende Stimme zu übertönen. Armer Eduard! Endlich war die Polka beendigt, und er⸗ hitzt vom Tanze, mit blitzenden Augen und glühenden Wangen flüchteten die Bürgerstöchter in die Reſtaurationszimmer und begaben ſich allda unter die ſchützenden Fittiche ihrer reſpektiven Mütter und Tanten, um allda geduldig zu warten, bis beim Wiederanfange der Muſik ein anderer Ritter die ſanft widerſtre⸗ Sechstes Kapitel. Backwerk langte, Es ſchwamm ihm vor den Au als einen entblößten Nacken fenden Herzens. allſaale wandelten unterſchiedliche Gruppen gen Mädchen und jungen Herrn, Sacktüchern Kühlung zu und erholten ſich Aeltere Herrn hatten ebenfalls die Reſt und betrachteten ſich die jüngere weib teenn an die Decke des getrübter Herrlichkeit prangte. Der Stadtrath Saals hinauf, wo chwämmle und ſein ſanfter College gie ebenfalls auf und ab, und erſterer bemüht freundliche Worte, die er an Einz ſteuerte, um ſeinen jungen bende Jungfrau aufs Neue vom Mutterbuſen hinweg in den Wirbel des Tanzes reißen würde. Auch an den Tiſch, einige erhitzte Mädchen, von dem wir eben ſprachen, traten und die ebenfalls dicke und vollbuſige Tochter der Kanzleiräthin, ein munteres, luſtiges Ding, ſich auf den Stuhl ihrer Mutter, lehnte hinter welchem der unglückliche und als ſie nach einer Taſſe Thee und nach einigem ſtreifte ſie bemerklich den ſchüchternen jungen gen, wo er nichts ſah, eine ſchlanke Taille und ein ſehr füll⸗ und faltenreiches Ballkleid. Zu Vermehrung ſeiner Beſtür⸗ zung gab ihm die Mutter einige ſehr bedeutſame Winke und mit dem Finger auf das Mädchen vor ihm, ſo daß ſich nicht anders zu helfen wußte, penſionirten Hauptmann erſuchte, mit ihm einen Gan Saal zu machen. zeigte Eduard als indem er aufſtand und den g in den Nutter entließ ihn mit der ernſten Er⸗ mahnung, um keinen Preis den nächſten T und Eduard verſprach es klop 2 2 z zu verſäumen, von jun⸗ fächelten ſich mit ihren weißen von der gehabten Mühe. aurationszimmer verlaſſen liche Generation oder ſtaun⸗ der Kronleuchter in un⸗ ngen e ſich, durch li evolle, zelne ſpendete, die Eh maßen zu vergelten, die ihm in Maſſe Der Hauptmann und Damenz; aber ſo oft der niger⸗ e zu Theil geworden. der junge Eduard betrachteten ſich die erſtere auf eine Gruppe Mädchen los⸗ Freund vorzuſtellen und ihn zu ver⸗ eine Tänzerin für den nächſten Walz er zu gewinnen, 2 4 Ein Zürgerball und ſeine Folgen. 73 ſchauderte dieſer jedesmal zurück und machte allerlei ſonderbare Einwendungen. Endlich aber klofte der Taktirſtock auf dem Or⸗ cheſter bedeutſam aufs Notenpult— die jungen Damen geriethen in ſichtbare Bewegung, die jungen Herrn ſtürzten wie Raubvögel auf ſie los und in die Nebenzimmer, und dem jungen Eduard klopfte das Herz erſchrecklich und es ſauste ihm gewaltig in den Ohren— der Befehl der Mutter, der Walzer, der eben begann, die Ermahnung des Hauptmanns, ins Teufels Namen endlich zuzugreifen, alles das klang ihm wie Hohngelächter der Hölle, und er kam ſich wie ein Verdammter vor, hinter dem die Him⸗ melsthüre zugeſchlagen iſt, und der hinaus ſoll auf ein weites ſchlüpfriges Meer, wo ihn vor dem fürchterlichen Falle nichts mehr erretten kann. „Engagiren Sie, engagiren Siel rief der Hauptmann, „die Zeit verrinnt, der Watzer beginnt! Sehen Sie, dort ſtehen drei Damen, die, wie mir ſcheint, noch keine Tänzer haben; fahren wir auf das Centrum los, auf jenes hübſche blonde Mä⸗ del, und wenn dieſe ſchon verſagt iſt, ſo wenden Sie ſich an die beiden anderen, nette, allerliebſte Kinder.“ Der gute Hauptmann hatte auch nicht viel Ballkenntniß und ſchien durchaus nicht zu wiſſen, wie ſich junge Damen zu geberden pflegen, die zu Anfang eines Walzers noch keine Tänzer haben; ſolche ſehen ſchüchtern, aber dennoch auffordernd nach allen Seiten und gehen mit entſchiedenen, aber ſehr langſamen„ und kleinen Schritten einem Stuhle in der Ecke des Saales zu, 78 breiten ihren Fächer aus, wenn ſie einen beſitzen, und ſind es mehrere, ſo wandeln ſte Arm in Arm dahin, mühſam aber hör⸗ bar lachend, als wollten ſie ſagen:„die unglücklichen Männer ſuchen Tänzerinnen und merken nicht, daß wir noch nicht engagirt ſind.“ Eine von ihnen ſchleift auch wohl muthwillig einen Wal⸗ zerpas oder rennt unvorſichtiger Weiſe einem jungen Herrn in die Arche und ſagt alsdann vielleicht, wenn der junge Mann ſich entſchuldigt:„Sie irren, ich bin noch nicht engagirt.“ —* = * . 6 Sechstes Kapitel. Die drei aber in der Mitte des Saales, die da feſten Fußes 3½ ſtehen und den Angriff des jungen Eduard erwarten, konnte man, mit einiger Ballkenntniß, nicht zu jenen zählen; ſte erwarten den heranſtolpernden jungen Menſchen ſicheren Blickes, und die kleine Blonde, der es nicht an Tänzern fehlen würde, wenn der Ball auch dreimal vierundzwanzig Stunden dauerte, wirft trotzig die Lippen auf, als der unglückliche Edugrd jetzt vor ihr ſteht und etwas von nächſtem Walzer und großer Ehre und vielem Ver⸗ gnügen ſtammelt, ſie macht einen Knix und bedauert, daß ſie engagirt iſt. Die beiden andern rechts und links, nachdem der jammervolle Blick des neuen Tänzers auf ſie gefallen iſt, kniren ebenfalls und bedauern ebenfallst daß ſie engagirt ſind, und in dem Augenblick glaubt der junge Mann, daß ſämmtliche Damen, „die jetzt in den Ballſaal treten, ihm gleichfalls zukniren und kbenfalls bedauern, daß ſie eben ſo engagirt ſind, und alsdann kniren ringsum die Stühle und Bänke, und bedauern, ihm nicht helfen zu können, und dann knixen die Muſikanten auf dem D Ovrcheſter und ſcheinen zu ſagen, ſie müßten ſpielen, und dann kniren die Flammen auf dem Kronleuchter, weil ſte leuchten müſſen, und dann der penſionirte Hauptmann, und Eduard ſummt und wogt es im Kopfe, und er weiß nicht, wie er an den Theetiſch zu ſeiner Mutter zurückkommt und auf ſeinen Stuhl hinfällt, beladen mit drei allerliebſten Körben. Der Walzer beginnt und zornig ſtrahlen die Augen der Hof⸗ räthin; umſonſt erzählt der Hauptmann leiſe von der erlittenen Niederlage, umſonſt bittet die dicke Kanzleiräthin ebenfalls leiſe, den jungen Menſchen zu ſchonen, Alles umſonſt; erzürnt richtet ſich die Mutter empor in ihrer ganzen anſehnlichen Größe, mit einem Zornblick ſchmettert ſte den Sohn noch tiefer hinab, ver⸗ wandelt darauf durch ein äußerſt ſinnreiches Mienenſpiel das er⸗ zürnte Antlitz in ein mildlächelndes und bittet die ihr gegenüber⸗ ſitzende, etwas ältliche Honoratiorentochter um die Ehre, mit ihrem Eduard den leider ſchon begonnenen Walzer zu tanzen⸗ Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 75 Eduard, durch der Mutter Hand emporgeſchnellt, ſtam⸗ melte etwas von Ueberraſchung, Unmöglichkeit, doch legte dieß die Dame ihm gegenüber als einen glühenden Wunſch aus, mit ihr zu tanzen, ſie nimmt ihr Sacktuch zierlich in die Hand, kommt eilig dem jungen Manne entgegen und der penſtonirte Hauptmann muß das Paar in den Tanzſaal begleiten. Wie ein Fiſch auf trockenem Sand ſchnappt der junge Menſch nach Athem, ſeine Kniee zittern ihm, er drückt krampfhaft die Hand ſeiner Tänzerin, welche dieſen Druck freundlich erwidert. Jetzt treten ſie in den Saal und alle Augen richten. ſich nach dem ſo ſpät eingetretenen Paar, welches die Rollen getauſcht zu haben ſcheint; ſie tritt ſiegreich Kinher mit erhabenem Kopfe, eine reife, ſtolze Sonnenblume, er wankt an ihrer Seite, eine ge⸗ knickte Lilie An der Stelle, wo ſie in die Reihe der Tanzenden eintreten, ſteht Vater Schwämmle und er macht ſich ein Ver⸗ gnügen daraus, den Sohn der Hofräthin, indem er die andern Paare um Entſchuldigung bittet, vorne hin zu ſtellen. „Gleich kommt die Reihe an Sie,“ flüſtert der freundliche Stadtrath, die, welche gerade gewalzt haben, treten klopfenden Herzens in die hinteren Reihen, der Stadtrath zählt ſechs neue Paare ab, voran den unglücklichen Eduard, der nicht mehr weiß, ob er ſich in einem Tanzſaale oder ſonſt wo befindet; er könnte auf einem Carouſſel ſitzen, ſo täuſchend und geſchwind dreht ſich Alles mit ihm herum; er macht einen krampfhaften Verſuch, in ein Nebenzimmer zu entfliehen, doch ſeine Tänzerin hält ihn mit feſter Hand. „Wenn's gefällig iſt,“ ſagt Vater Schwämmle, und wie ein Wirbelwind ſauſen die ſechs Paare dahin; zuerſt erhält Eduard einige Rippenſtöße und gelinde Fußtritte von den Nachfolgenden und genießt dadurch ein momentanes Bewußtſein; auch wird er, ſo oft er beim Orcheſter vorbeirast, durch Trompetengeſchmetter und Paukenwirbel zu ſich ſelber gebracht, ſonſt hat er aber die Augen geſchloſſen, und es iſt ihm zu Muth, als ſänke er lang⸗ Sechstes Kapitel. ſam unter in einem tiefen Waſſer, allerlei Nixen mit blitzenden Au bloßen Armen, in weißen Kleidern, ſchweben neben ihm ha endich kommt er auf den Boden dieſes tiefen Waſſers an und vermag es feſten Fuß zu faſſen; er ſchlägt die Augen auf, athmhet mühſam, und erinnert ſich endlich, daß er im Ballſaal iſt⸗ ſeine Tänzerin ſteht neben ihm und verſichert, es ſei nicht ſo ganz ſchlecht gegangen; der penſionirte Hauptmann kommt und ſagt daſſelbe Eduard, der mit Erſtaunen bemerkt, daß ter nicht nieder⸗ geſtürz t iſt, daß er nicht ein halb Duzend Kleider zerriſſen hat, und daß an ſeinem eigenen Anzug auch nichts fehlt, fühlt ſich wunderbar ermuthigt und geſtärkt; es taucht, obgleich noch ſehr undeutlich, eine Ahnung in ihm auf, daß das Tanzen doch am Ende ein Vergnügen ſei, und als wieder die Reihe an ihn kommt, und als Herr Schwämmle wieder ſagt:„Wenn's gefällig iſt!“— da fühlt er nur ein gelindes Herzklopfen und iſt wirklich ſchon im Stande, bei dem Umherwalzen einige Mal freiwillig die Augen zu öffnen. Jetzt iſt der Tanz zu Ende und die T Tänzerin führt ihren Tänzer im Triumph zum Theetiſch zurück. Mutter Hofräthin, welche die ganze Zeit über auf Nadeln ſaß, und mit banger Sehn⸗ ſucht dem Ausgang des Kampfes entgegen ſah, iſt höchlich erfreut bei der Verſicherung, daß Alles gut abgelaufen. „Jetzt noch eine Françaiſe und eine Polka,“ ſagte das — 10 2. 4* 1 8 ſchelmiſche Mädchen,„und dann iſt Herr Eduard für alle Zeiten eingetanzt.“ „Mit einer ſo vortrefflichen Lehrmeiſterin,“ ſagte lächelnd die Mutter, nkann es ihm nicht fehlen, daß er in kurzer Zeit einige Sicherheit erlangt. Eduard wird Sie, mein Fräulein, um die nächſte Francaiſe und um die nächſte Polka bitten.“ Eduarxpnickte mit dem Kopfe, und einige kaum verſtänd⸗ liche Worte, die er hervorbrachte, ſollten ſagen, daß er ſich außer⸗ ordentlich glücklich ſchätzen würde, und obgleich man den Sinn F Ein Vürgerball und ſeine Folgen. 77 dieſer Rede errathen mußte, ſo verſtand ihn das Fräulein doch vollkommen und erklärte ſich bereitwillig, Françaiſe und Polka mit ihm zu tanzen. G Darauf machte der junge Eduard und der penſionirke Haupt⸗ mann abermals einen Spaziergang in dem Saale, und der Arſtere trat ſchon weit ſicherer auf als früher; er vermochte es ſogar, bei der kleinen, blonden Perſon von vorhin mit., einem kalten Blicke vorüber zu gehen, und alsdann begaben ſich die beiden Herrn nach dem großen Buffet, um einige Gläſer Punſch zu ſich zu nehmen. Hier befand ſich der junge Eduard nun ſchon mehr in ſeinem Element; er ſetzte ſich mit dem Hauptmann an einen Nebentiſch, pflanzte den Hut verwegen auf ſein Ohr und trank einige Gläſer des warmen und ſtarken Getränkes haſtig nach ein⸗ ander aus. Auch der Hauptmann, der verſicherte, daß ihm das Thee⸗ waſſer da drüben den ganzen Magen verdorben, nahm mehr von dem Punſche zu ſich, als er hätte thun ſollen, und in einer V Vier⸗ telſtunde— draußen wurde unterdeſſem die Maſurka getanzt— befanden ſich beide Herrn in dem Anfang einer kleinen geiſtigen Erheiterung und wurden hiedurch ſo außerordentlich luſtig und wohlgemuth, daß ſte beſchloſſen, dieſes erſte Tanzdebut mit einer Flaſche Champagner zu begießen. Wenn man in der Aufregung, namentlich nach einem hef⸗ tig angreifenden Tanze, einigen Punſch genießt und darauf Champagner trinkt, ſo kann es vorkommen, daß man in Folge dieſer verſchiedenartigen Genüſſe zu allerhand luſtigen Streichen aufgelegt iſt. Umſonſt fieng drüben die Frangaiſe an, umſonſt ermahnte der Hauptmann mit einigen ſchwachen Worten, man ſolle die alte Schachtel nicht ſitzen laſſen und an den Zorn der Mama denken; der junge Eduard hielt es in dieſem Augenblicke für weit paſſender, einige kleine Entdeckungsreiſen in der Nach⸗ barſchaft des Tanzſaales anzuſtellen. Der Hauptmann gab nach, 78 Sechstes Kapitel. und die Beiden traten in ein anſtoßendes Zimmer, wo ſich ihnen ein ſonderbarer Anblick darbot. Sie geriethen nämlich in die Garderobe der Bürgergeſell⸗ ſchaft, wo rings an den Wänden Mäntel und Ueberröcke, Kapu⸗ zen and Hüte aller Art hiengen, jedes Stück mit einem Zettelchen verſehen, auf welchem eine große Nummer zu leſen war. 5 Die Atmoſphäre in dieſem Zimmer war nicht gerade ange⸗ nehm zu nennen: vom Buffet herein drang unterſchiedlicher Punſch⸗ und Weingeruch, und die Mäntel und Ueberröcke, die draußen in dem Regen und Schnee ziemlich naß geworden waren, gaben einen wohlbekannten feuchten Duft von ſich, der mit dem oben erwähnten Geruch eine ſonderbare Miſchung hervorbrachte. Inmitten dieſes Gemachs aber hatte ſich eine kleine Tanz⸗ geſellſchaft gebildet, welche außerordentlich heiter und guter Dinge zu ſein ſchien; es waren zwei Herrn und drei Damen; der eine der Herrn hatte eine Serviette unter dem Arm und leiſtete, wenn er gerade nicht mit Tanzen beſchäftigt war, auf dem Balle die Dienſte eines Kellners; der andere Herr aber, geliebter Leſer, war Niemand anders, als der vortreffliche Herr Dubel, der bei Tanzgelegenheiten hier beſchäftigt war, ſeine Kunſt und ſeine Nadel der nothleidenden Menſchheit zu widmen, das heißt, ab⸗ geriſſene Knöpfe anzunähen oder einen im Sturm des Tanzes defekt gewordenen Frackſchoos zu repariren. Von den beiden Damen war die eine eine Nähterin, welche dem weiblichen Ge⸗ ſchlecht der Ballgeſellſchaft dieſelben Dienſte leiſtete, wie Herr Dubel dem männlichen. Das zweite Mädchen war eine junge Dame aus der Stadt, die im Gaſthofe, welcher zur Bürger⸗ geſellſchaft gehörte, das Kochen erlernte; die dritte Dame, eine Putzmacherin, endlich ſaß auf einem Stuhle in der Ecke und ſchaute zu. In dieſen harmloſen Zirkel nun traten der junge Eduard und der penſtonirte Hauptmann, als die zwei Paare ſich gerade, aufgeſtellt hatten, um nach den fern herüberklingenden Tönen . Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 79 der Tanzmuſik eine Francaiſe zu eigenem Nutzen und Frommen aufzuführen. Die Damen wollten ſich beim Anblick der fremden Herrn zurückziehen, doch holte der galante Hauptmann die Nähterin unter einem alten Mantel hervor, wohin ſie ſich geflüchtet, und der junge Eduard that alſo mit der Elevin der Kochkunſt. Nach einigem Sträuben ſtellten ſich die beiden Paare wieder auf; auf einen ermunternden Rippenſtoß des Hauptmanns enga⸗ girte der junge Eduard die Putzmacherin, dann trat der Haupt⸗ mann als viertes Paar ein, und der Tanz begann zum großen Vergnügen ſämmtlicher Anweſenden. Wie fühlte ſich der junge Eduard ſo behaglich in dieſem Zirkel, wie war die Putzmacherin charmant, und wie leicht tanzten die Nähterin und die Elevin, wie amuſant war erſt der Kellner und der Herr Dubel! Namentlich der Letztere machte ſo kühne, herausfordernde Sprünge, Entrechats und Pirouetten; er und der Kellner ſteigerten einander und überboten ſich; aber Dubel blieb der Held des Abends, und bei jeder beendigten Figur ſchwenkte er ſeine Tänzerin im Kreiſe, daß die Röcke flogen, und ließ ſich, nachdem er ihr auf ſolche Art ſeine Kraft und Ueber⸗ legenheit gezeigt, ſanft auf ein Knie nieder, der ſtegreiche Ritter vor der zarten Dame. Auch Eduard war wie ausgewechſelt, er hatte den Hut keck auf ein Ohr geſetzt, bald ſteckte er ſeine Hände in die Hoſen⸗ taſchen, bald ſchritt er an der Hand der Putzmacherin mit einer Sicherheit, die erſtaunend war, und als nun gar der penſionirte Hauptmann einen Damenmantel von der Wand nahm und mit dieſem tanzte, als ſei es eine menſchliche Figur, da ſtieg der Jubel auf die höchſte Höhe. Leider endigte aber in dieſem Augenblick die Frangaiſe drüben, und der junge Eduard, der ſich jetzt zu amuſtren anfieng, be⸗ redete die Anweſenden leicht, einigen Punſch zu ſich zu nehmen und dann die nächſte Polka ebenfalls en petit comité zu genießen. 1 80 Sechstes Kapitel. Mittlerweile hatte ſein Verſchwinden drüben am Theetiſche keine geringe Beſtürzung hervorgerufen; ſeine ihm von der Mutter oktroyirte Tänzerin war gänzlich außer ſich; denn da ſie zuver⸗ ſichtlich auf Eduard wartete, ſo hatte ſie ein anderes Engagement zur Frangaiſe abgelehnt,— ein Fall, der ihr lange nicht vor⸗ gekommen war, und ſie blieb nun doppelt ſitzen. Die Hofräthin, welche begreiflicher Weiſe in dem Ausbleiben ihres Sohnes nur übergroße Angſt und Schüchternheit erblickte, dachte trotzdem auf eine ſcharfe und exemplariſche Beſtrafung, und ſo oft ſich nach Beendigung des Tanzes ein Männertritt im Zimmer hören ließ, richtete ſie ſich in voller Majeſtät empor. Aber Eduard kam immer nicht; die Polka begann, er blieb aus; zu dem Zorn der Mutter geſellte ſich die Beſorgniß, es könnte ihrem einzigen Sohne ein Unglück zugeſtoßen ſein. Die Polka nahm ihren Fortgang, im Tanzſaale unter rauſchender Muſik ausgeführt von einigen vierzig geputzten und geſchmückten Paaren, und im Nebenzimmer des Buffets ausgeführt von der kleinen Privatgeſellſchaft in größter Ausgelaſſenheit, wozu der neu angeſchaffte Punſch das Seinige beigetragen.———— Sogar die ſchweigſame Stadträthin Schwämmle fand nun das Benehmen des jungen Eduard unbegreiflich, und die Hono⸗ ratiorentochter that, als ſei ihr ſo etwas in ihrem ganzen Leben nicht begegnet. 2 4 Als nun auch die Polka beendigt war und kein Eduard er⸗ ſchien, beſchloß die Hofräthin, ihren Sohn aufzuſuchen; ſie nahm die unglückliche Verlaſſene an ihren Arm und betrat den Tanzſaal mit erhobenem Haupte und tiefem Schmerz in ihren Zügen. Zuerſt ſpähte ſie in den Winkeln des Saales umher; denn ſie glaubte nicht anders, als dort ihren Sohn zu finden, zerknirſcht in einer Ecke ſitzend und ſtill weinend aus Furcht vor dem mütterlichen Zorn. Der Ballſaal war nicht mehr in der hellglänzenden und 4 jungfräulichen Friſche, wie vor einigen Stunden; ein feiner — Ein Bürgerball und ſecine folgen. 81 Staub und Duft erfüllte die Räume und verdunkelte die Lichter, welche überhaupt außerordentlich truͤb zu brennen ſchienen. Der Stadtrath Schwämmle und ſein ſanfter College be⸗ trachteten den Kronleuchter, an welchem die Flammen bald un⸗ gewöhnlich hoch flackerten, bald mehr in ſich zuſammenſanken, als gerade nothwendig war; auch brannte das Gas nur hie und da weiß und klar, gewöhnlich aber dunkelroth und mit unheim⸗ lichem Feuer. Tänzer und Tänzerinnen bemerkten dies aber weniger, denn ſie wogten während der großen Pauſe, die jetzt eingetreten war, plaudernd und lachend durcheinander; dort zog eine Schaar Mäd⸗ chen, ſechs bis acht, Arm in Arm, luſtig und heiter, und vor ihnen tänzelten junge Herrn und ſagten ihnen alle erdenkliche Artigkeiten; hier führte ein alter Herr ſeine ebenfalls ſchon ält⸗ liche Tochter ſpazieren und pflichtete derſelben vollkommen bei, die Bürgerbälle ſeien das nicht mehr, was ſie früher geweſen: keine geſetzten Tänzer mehr, die ſich um gebildete junge Mädchen bekümmerten, ſondern nur naſeweiſes junges Volk, kaum der Ammenſtube entwachſen, eine wahre Kleinkinder⸗Bewahr⸗Anſtalt. In der Mitte des Saals trieb eine ſtattliche Mutter mit ſtolz erhobenem Haupte ihre vier erwachſenen Töchter vor ſich her. Dieſe hatten ebenfalls den Kopf hoch und ſtolz erhoben, und wie alle fünf dahinzogen in ihren weißen, bauſchigen Klei⸗ dern, hätte man ſie für Schwäne halten können, wenn ſie ſchweig⸗ ſamer geweſen wären. Weiter hinten bemerkte man eine Anzahl junger Damen, welche zu zwei und zwei in einer Reihe hinter einander giengen und durchaus keinen der jungen Herrn zu beachten ſchienen; jetzt aber wurden die erſten von mehreren Tänzern angeredet und blie⸗ ben plötzlich ſtehen; die nachfolgenden hätten ganz gut an der Seite vorbei gekonnt, aber ſte blieben auch ſtehen und prallten an die erſten an, und die dritten prallten an die zweiten, und die vierten an die dritten und ſo fort; es war ein Anprallen, ein Hackläander, Namenl. Geſchichten. I. 6 5 1 82 1 Sechstes Kapitel. fAr Lachendund Kichern, das höchſt amuſant war—„und wie bin 4 eint ich erſchrocken!“ ſagten die Einen,„und wie haben ſie mich ge⸗ die ſtoßen!“ ſagten die Andern, und das gieng ſo fort, bis ſämmt⸗ liche Damen mit ſämmtlichen Herrn, die ſich hier zufällig begeg⸗ mas neten, in ein eifriges Geſpräch verwickelt waren. ler Aber Eduard kam immer nicht.——— w Die Pauſe war vorüber, der Staub durch ausgeſprengtes 5 Weaſſer niedergeſchlagen, und die unglückliche Mutter ſuchte immer. kha noch vergeblich ihren Sohn; da fügte es das Schickſal, deſſen an unerbittliche Hand ausgeſtreckt über dem Haupte der Menſchen ſü ſchwebt und unberufen und oft ſchrecklich die Zügel des Lebens 5 erfaßt oder den Schleier von ſchauerlichen Thaten hinwegzieht,— an da fügte es das Schickſal, daß die Hofräthin auf einen Knäul dn von Herren aufmerkſam wurde, die in eifrigem und leidenſchaft⸗ n lichem Geſpräche an der Eingangsthür des Saales ſtanden, dort, wo es zum Buffet hineingeht, und es fügte ſich ferner, daß aus dieſem Knäul der Stadtrath Schwämmle mit erhitztem Geſicht ri heraustrat und auf die Hofräthin zuſchritt, ſie im Namen der di Geſellſchaft feierlichſt erſuchend, dem Benehmen ihres Sohnes al Einhalt zu thun, der im Begriffe ſei, etwas Entſetzliches zu d begehen. d Ahnungsvoll, aber gefaßt, trat ſie näher, und wie die 17 d Schaaren der Erwachenden am jüngſten Tage ihre dichten Reihen dem Engel des Gerichts öffnen, ſo öffnete ſich der Knäul der 1 jungen Herrn im Ballſaal vor der heranſchreitenden zitternden d Mutter, und ſie ſah das Entſetzliche, ſie ſah das namenloſe I Unglück, die Schmach, welche ihr Sohn ihrem Namen, ja, der 1 ganzen Bürgergeſellſchaft angethan!——. t Der junge Eduard ſtand in der Eingangsthür zum Buffet 1 mit ungeheuer freundlichem und lächelndem Geſichtsausdrucke, und 1 1 an einem Arme hatte er die ſich ſträubende Putzmacherin, an dem 1 andern Arm die ſich ebenfalls ſträubende Nähterin, und obendrein hatte er das Gräßliche begangen, dem Stadtrath Schwämmle Ein Bürgerball und ſeine Kolgen. 83 einige Grobheiten zu ſagen, als er ihn aufmerkſam machte auf die Unſchicklichkeit, welche er zu begehen im Begriffe ſei. Die Honoratiorentochter wollte bei dieſem Anblicke in Ohn⸗ macht fallen; da ſte aber keinen Stuhl neben ſich ſah und keine bereitwillig geöffneten Arme, ſo ließ ſie es vor der Hand bleiben; doch war es ihr in dieſem ſchrecklichen Augenblicke, als werde es im Ballſaale dunkler und immer dunkler; die unglückliche Hofräthin hatte daſſelbe Gefühl und kam auf die Vermuthung, auch ſie müſſe unbedingt eine Ohnmacht anwandeln, denn es flimmerte ihr nebelhaft vor den Augen; aber auch den jungen Herren, die umher ſtanden, flimmerte es nebelhaft vor den Augen, und der Stadtrath und ſein ſanfter College ſahen mit Entſetzen, daß die Flammen des Kronleuchters ſich unendlich lang ſtreckten und dann zu kleinen blauen Punkten zuſammenſchmolzen. „Entſetzlich!“ kreiſchten viele Damen, und die dicke Kanzlei⸗ räthin, die ebenfalls gefolgt war und an deren Mutterbuſen ſich die dicke Tochter ängſtlich verbarg, ſagte erſchüttert, indem ſie auf das überall verſchwindende Licht zeigte:„Es iſt kein Wun⸗ der, wenn erſchreckliche Zeichen geſchehen an einem Orte, wo Putzmacherinnen und Nähterinnen in der Geſellſchaft anſtändiger Leute erſcheinen.“ Lieber Leſer! haſt du je eine Abbildung geſehen, wie bei dem großen Diner des hochſeligen Königs Sardanapal die Finſterniß das Licht des Tages verſchlang und die entſetzte, ſchauernde Menſchheit ſich gegenſeitig an die Bruſt flüchtete, um Schutz zu ſuchen gegen die hereinbrechenden Schrecken der gewaltigen Na⸗ tur? So ungefähr ſah es in dieſem Moment auch in der Bürger⸗ geſellſchaft aus: noch einmal zuckten die Flammen geſpenſtig lang mit blauem, flackerndem Licht und zeigten die entſetzten Züge der erſchrockenen Ballgeſellſchaft, die ſich ohne Anſehen der Perſon, des Ranges und Geſchlechts gegenſeitig an die Bruſt flüchtete, — dann gieng es wie ein Seufzer rings umher, es ziſchte und 6* Sechstes Kapitel. praſſe s den Röhren, ein Angſtruf erſcholl und— tiefe Finſterniß herrſchte im ganzen Hauſe.—— b Stadtrath Schwämmle⸗Sardanapal hielt mit Mühe die unglückliche Hofräthin aufrecht und ſah mit brechendem Auge, wie mehrere Schlachthaus⸗ und Blutmenſchen, hohnlachenden Larven gleich, mit angezündeten Talglichtern in den Saal ſprangen; die Honoratiorentochter aber ſtürtzte ſchreiend durch das Buffet in das Gaderobezimmer, und als ſie auch dort keinen Stuhl erblickte, wohl aber die geöffneten Arme des Herrn Dubel, ſo fand ſie die⸗ ſen Moment äußerſt paſſend, in wirkliche Ohnmacht zu fallen; wie lange ſte, die geknickte Blüthe, dort in den Armen des Schneiders ruhte, werden wir ſpäter erfahren. Siebentes Kapitel. Aus dem Marſtall. Die Gebäude des königlichen Marſtalles, obgleich ſie in ſtattlicher Länge und Ausdehnung dalagen, ſahen neben dem hohen, impoſanten Schloße durchaus nicht ſchön und bemerkens⸗ werth aus; ſie waren außerordentlich lang, einſtöckig mit einer hohen Manſarde, hatten kleine Fenſter und waren mit blaßgelber Farbe angeſtrichen. 7 2 Wenn man dagegen ſeine Scheu vor dem weißen Plakat, das an dem Thore prangte und auf welchem deutlich zu leſen ſtand, daß für Jedermann, der nichts hier zu thun habe, der Ein⸗ und Durchgang verboten ſei, überwand und in die Ställe trat, ſo mußte man geſtehen, daß die Pferde eine recht veneidenswerthe und angenehme Wohnung hatten; namentlich an froſtigen Tagen oder wenn draußen Schnee und Winterregen fiel, mochte wohl ſchon Mancher die Pferde in ihrer angenehmen Stallung und der thieriſchen Geſellſchaft um die ſanfte Wärme, die hier herrſchte, beneidet haben. Die Ställe waren außerordentlich hübſch und geſchmackvoll eingerichtet; jedes Pferd hatte ſeinen beſonderen Stand, und eins Siebentes Kapitel. em andern durch feſtſtehende Barrieren getrennt. In jedem dieſem Ständer befand ſich eine ſteinerne, glatt geputzte 31 Krippe, eine hübſche Raufe aus Gußeiſen, der Boden war ge⸗ pflaſtert, und wo dieſe kleine Wohnung für jedes einzelne Pferd hinten endigte, war ein zierliches Rohrgeflecht angebracht, wel⸗ ches auf dem Boden auflag und jedes Pferd, wenn es darauf trat, ſanft erinnerte, daß hier die Gränzen ſeines Reiches ſeien und es nicht weiter zurückgehen dürfe. 8.— Ueber jedem Stande hieng eine Tafel, worauf der Name des Bewohners verzeichnet war, und wenn man dieſe Namen las, ſo konnte man glauben, man ſei in die Götter⸗ und Helden⸗ zeit verſetzt und befinde ſich in einem mythologiſchen Reitſtall. Da waren Jupiter und Juno, Mars und Venus, Kaſtor und Pollux, Achill, Ulyſſes, Ajax u. ſ. w. Auch die Namen berühm⸗ ter Orientalen ſah man hier, und neben Achmet und Bairactas ſah man Tamerlan, Roxrana und Soliman. Am allerbehaglichſten war der Marſtall Nachmittags um drei und vier Uhr, wenn die Pferde ihr Diner beendigt hatten, wenn das Heudeſſert verſpeist war und die Thiere einer angeneh⸗ men Sieſta oblagen; alsdann gewährten die ruhig daſtehenden und ſtill vergnügten Pferde in der feierlichen Stille, die ſie um⸗ gab, einen höchſt angenehmen Anblick; in dem mittleren Gange des Stalles, der mit dem techniſchen Ausdruck die Stallgaſſe 4„—„-.„ heißt, war Alles ſchön aufgeräumt, man ſah kein Geräth umher⸗ ſtehen, das nicht hieher gehörte, das nothwendige Lederzeug war an den Pfeilern der Stände zierlich aufgehängt, und wenn man ſo die Stallgaſſe hinabſah, bemerkte man nichts, als die vollen Schweif fe der Pferde, die vergnügt hin and her wedelten, und ſah im Vorbeigehen hier einige mit geſenfkn g Köpfen und träumend daſtehen, während andere leiſe zuſammenflüſterten und allerlei unbekannte, ſeltſam klingende Töne ausſtießen. Im Ganzen heute noch erhöht herrſchte alsdann eine feierliche Stille, welche: „. 1—2 Aus dem Marſtall. oder recht fühlbar wurde durch ein einfaches Lied, untern Theile des Stalles von einer Stallwache gepfiffen wurde. „Wenn die Schwalben heimwärts ziehen“ klang es in melancholiſchen Tönen und lullte die ſchläfrigen Pferde in tiefe und ſanfte Träume von ihrer ſüdlichen Heimath; denn alle, wie ſie hier ſtanden, waren arabiſchem Geblüt entſproſſen. Von dem Künſtler jedoch, der dieſes Lied vortrug, war nichts zu ſehen; er hatte ſich vielleicht nach beendigtem Mittageſſen in einen großen Haufen Stroh gelegt und hielt pfeifend ebenfalls ſeine Sieſta. Das einzige menſchliche Weſen, das wir demnach hier er⸗ blicken, war ein junger Mann in der Livree der königlichen Stallleute, welcher in der Mitte der Stallgaſſe auf der großen Futterkiſte ſaß und mit ſeinen Sporen zum oben erwähnten Liede klirrend den Takt ſchlug. Der junge Mann war groß und ſchlank gebaut, hatte hell⸗ gelbe Lederhoſen an und Kappenſtiefel dazu, der obere Theil ſeines Körpers befand ſich in Hemdärmeln, und die Kleidungs⸗ ſtücke, welche ſolchergeſtalt fehlten, lagen hübſch zuſammenge⸗ faltet neben ihm auf der Kiſte, nämlich eine rothe Weſte, ein blauer Rock und auf demſelben ein Paar Zügel; der lakirte Hut ſtand neben ihm auf einem Schemel und in demſelben die große Wagengpeitſche. Dieß alles deutete darauf hin, daß der junge Mann im Be⸗ griffe war, einen Dienſt anzutreten, und es ward dieſe Abſicht noch beſtätigt durch den Anblick eines Paars mächtiger Schimmel,⸗ die der Futterkiſte gegenüber vollkommen angeſchirrt und in ihren Ständern herumgedreht ſtanden, ſo daß die Köpfe in die Stall⸗ gaſſe ſchauten.— Dieſe Schimmel ſchienen es durchaus nicht angenehm zu fin⸗ den, daß man im Begriffe war, ſie aus der behaglichen Wärme des Stalles und der noch nicht beendigten Sieſta an den Wagen Siebentes Kapitel. enn ſie ſchüttelten unwillig mit ihren Häuptern, ſteck⸗ ten ihre Mäuler zuſammen und ſchienen durch heftiges Schn ben ihren Unwillen über dieſe Ungerechtigkeit auszudrücken; auch ſtampften ſte zornig mit den Hufen und ſchlugen hie und da an die Bretterwand, daß es dröhnte, ſo daß ſich der Kutſcher ihnen gegenüber mehrere Mal genöthigt ſah, ſte mit einigen paſſenden Worten zur Ruhe zu verweiſen. Er ſchien ſich nebenbei für die vorhabende Fahrt mit einem kleinen Veſperbrode zu ſtärken und hatte zu dieſem Zweck a auf den Knieen einen großen Laib Brod, von welchem er von Zeit zu Zeit ein tüchtiges Stück abſchnitt, neben ihm auf der Futterkiſte ſtand ein Schoppenglas mit weißem Wein, das er zuweilen bedeutſam in die Höhe hob und durch daſſelbe, ſo wie durch das Stallfenſter an den grauen Winterhimmel hinaufſah, als vergleiche er die Flüſſigkeit im Glaſe mit der Flüſſigkeit draußen, die in Geſtalt von weißen Schneeflocken luſtig in der Luft herumtanzte. Nach einer jeden ſolchen Betrachtung nahm er einen tüchtigen Schluck und wiſchte ſich alsdann mit der umgekehrten Hand den Schnurrbart. „He, he! alter Pluto!“ rief er jetzt zu den Pferden hin⸗ über, die neue Zeichen der Ungeduld gaben,„kann das alte Vieh nicht einen Augenblick ſtehen? kommſt noch früh genug in den Schnee hinaus, wirſt's ſchon noch ſatt kriegen, alter Kerl!ä Und dann ſeufzte er in ſich hinein:„Heute wird das Fahren wieder einmal kein Ende nehmen, ungefähr ſechs bis acht Viſi⸗ ten— mit der erſten Hofdame,“ zählte er an den Fingern, „dann mit der Kammexiauigfer ein neues Kleid beim Friſeur holen, vielleicht auch Leihbibliothek, um ein altes Buch heranzuſchleppen, dann muf den alten Ball, das wird wieder eine chöne alte Geſchichte werden!— Tibull!“ rief er wieder zu den h 3 Pferden hinüber,„kann der alte Gaul keinen Augenblick ſtill zſtehen? wart, ich werde ihm einen Beſuch machen!“ Mittlerweile hatte ſich die Stallthüre langſam geöffnet und 4 eine ärmlich, aber reinlich gekleidete Frau mit gebeugtem Rücken, — w- * Aus dem Marſtall. etwas hinkend, ſchlich herein und ſah ſich, wie ſie gf herunter kam, ſchüchtern und vorſichtig und nach allen Sei⸗ ten um. Hiebei faßte ſie hauptſächlich die Schilder über den Pferdeſtändern ins Auge, und als ſie ſchon von Weitem ſah, daß„Tibull“ und„Pluto“ zum Herausziehen fertig daſtanden, beſchleunigte ſie ihre Schritte und pätſchelte einen Augenblick die Köpfe der Schimmel, ehe ſie ſich nach dem Futterkaſten umwandte, von welchem der junge Kutſcher lächelnd zuſchaute. „Ich hatte nicht geglaubt, dich hier im Stalle zu finden, Joſeph,“ ſagte die alte Frau, und der Kutſcher entgegnete: „Ich hatt' es auch vor einer Stunde noch nicht geglaubt. Was macht die alte Frau, was läuft Sie in dem alten Schnee⸗ wetter herum?“ „Ei nun,“ entgegnete dieſelbe,„was ſoll ich zu Haus den ganzen Tag Holz verbrennen! Ich hab' nach ein paar Leuten geſehen, und jetzt wollt' ich wiſſen, was du machſt, und gieng glücklicher Weiſe durch den Stall, weil es da ſo angenehm warm iſt, und bin nun froh, dich hier zu finden.“ Der Leſer kann unmöglich errathen, wer die alte Frau ſei; denn obgleich ſite ihm bereits vorgeſtellt wurde, ſo geſchah dies doch nur bei Nacht und Nebel in aller Schnelligkeit, weßhalb wir uns erlauben müßen, zu ſagen, daß wir die Frau Winklere vor uns haben, ſo wie ihren Sohn, den königlichen Kutſcher. „Aber alte Frau,“ entgegnete der junge Winkler,„Ihr wißt, daß der Durchgang durch den fäöniglichen Stall verboten iſt, und wenn Euch der alte 2 eehe ſo wird er ſagen: „Alte Weiber gehören vor allen Dingen nicht in den Stall.“ Nach dieſer Ermahnung, die durchaus nicht ſo ernſt gemeint war, hielt der Kutſcher ſein Glas abermals gegen das Stall⸗ fenſter, dießmal prüfend, ob er von dem Weine etwas abgeben könne. Doch ſchien das Reſultat dieſer Prüfung günſtig auszu⸗ kfallen, denn er reichte das Glas ſeiner Mutter hin:„Trinkt Siebentes Kapitel. einma Frau, es iſt ein vorzüglicher Achter; wollt Ihr ein Stück von dem alten Brod?“ 1 Die Frau Winklere nahm Beides dankbar an und trank mit ſichtlichem Behagen einen Schluck von dem vorzüglichen Ach⸗ ter; eine längere Pauſe entſtand, während welcher der Kutſcher in das Schneegeſtöber hinausſah, die beiden Schimmel die Ohren geſpitzt hatten, indem ſie ebenfalls nach einem Stück Brod lüſtern waren, und die unſichtbare Stallwache, jetzt aber in einer andern Tonart, die Schwalben fortwährend heimwärts⸗ ziehen ließ. „Hat's geſchmeckt, alte Frau?“ ſagte der Kutſcher gut⸗ müthig lachend;„na, trinkt den Wein nur aus, es thut Eurem alten Körper wohl, und dann ſagt, wo kommt Ihr eigentlich her? wart Ihr bei der Frau Welſcher, was macht das alte Kind? ich wollte ſagen, das Kind von der Marie; ſitzt's hinter dem Ofen und freut ſich, daß es einmal in einem warmen Zimmer iſt, das arme Wurm? In meiner nächſten Zeit, die ich zum Aus⸗ gehen habe, werde ich die alte Welſcher beſuchen; in vollſter Uniform werde ich ſie beſuchen, ich werde auf der Treppe mit den Sporen tüchtig klirren, daß ſie im ganzen Hauſe ihre alten Thüren aufreißen und mit Erſtaunen ſehen, wie auch Leute vom alten Hof ſich nach dem Kinde erkundigen. Wird die alte Wel⸗ ſcher es bei ſich behalten?“ fragte er alsdann haſtig, ſetzte aber, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu:„Seht, alte Frau, die Marie— Gott hab' ſie ſelig— hat manchen dummen Streich gemacht, aber der allerdümmſte von ihren Streichen war doch, daß ſte, als diis alte Kind nun einmal ua war und als es laufen konnte, mit dem Steinle, Ihr wißt, den vom Stalle— war freilich nur ein Vicarier,— kein Verhältniß anfangen wollte; der Steinle hat geweint, wie ein alter Schloßhund, und hat bei der Collekte, die wir für das arme Kind zuſammen gebracht, einen ganzen Gulden gegeben; jetzt haben wir doch ſchon vier Gulden und dreißig Kreuzer, und am Ende des Monats, ich kann Aus dem Marſtall. 91 leider für heute nichts thun, lege ich noch einen Gulden und dreißig Kreuzer darauf, das macht ſechs Gulden.“ „Nein, nein!“ ſagte die Frau Winklere,„du kannſt den Monat nichts mehr geben, du haſt ja meine Hausmiethe bezahlt und ſchon Anfangs vierundzwanzig Kreuzer zur Collekte gethan; du kannſt nichts mehr geben,— o Gott, wenn ich doch wieder was verdienen könnte! Du ziehſt dir ja an deinem Munde ab, was du mir zahlſt— ach Gott! wenn ich nur wieder dazu komme, etwas verdienen zu können! Wo bin ich in dieſen vier Tagen nicht als herumgelaufen und hab' doch nichts, wie eine armſelige kleine Hoffnung.“ „Heult nicht ſo, alte Frau,“ ſagte der Kutſcher;„ſo lange was da iſt, geb' ich Euch gern, was thul ich ſonſt mit dem alten Gelde? So Gott will, bekomm' ich nächſtens vier Gulden Zu⸗ lage, und dann wird's ſchon beſſer gehen.“ „Ich habe mir immer gedacht,“ fuhr die Frau betrübt fort, „du willſt einmal zum Stadtrath Schwämmle hingehen; der iſt ein Mann, der bei der Stadt viel vermag und der ſo allerhand kleine Dienſtchen zu vergeben hat; auch iſt er im Grunde Schuld an unſerem ganzen Unglück, denn er hat eigentlich die Gaſſen⸗ beleuchtung angefangen; du nimmſt ein Herz und gehſt zu ihm und ſagſt ihm: Herr Stadtrath, ich bin eine arme, alte Frau und bin durch das Gaſſenlicht brodlos geworden; es gibt freilich viele arme Frauen, die ebenfalls brodlos geworden ſind, aber ich habe einen Sohn, Herr Stadtrath—“ „Nun, was ſoll da herauskommen?“ ſagte der Kutſcher, neugierig und ſtreng ausſehend. „Ich hab' einen Sohn,“ fuhr die Frau fort,„und dieſer Sohn iſt im königlichen Leibſtall, Herr Stadtrath, und dieſer Sohn iſt ein braver Menſch, Herr Stadtrath,— du brauchſt nicht zu lachen, Joſeph,— und dieſer Sohn, Herr Stadtrath, gibt mir mit Gewalt, was er erübrigen kann, und ſehen Sie, das geht nicht bei einem königlichen Bedienten, Herr Stadtrath, 1 Siebentes Kapitel. 9² ein königlicher Diener braucht alles, was er bekommt, und muß immer ſauber und anſtändig einhergehen, namentlich die vom königlichen Stall, Herr Stadtrath, und wenn ſich die vor den Augen des Stallmeiſters nicht immer ordentlich ſehen laſſen, da kommen ſie in Mißachtung und werden hintenan geſetzt, Herr Stadtrath, und bekommen keine Zulage und affeziren nicht und gehen zu Grund, und dann iſt das Unglück erſt vollſtinaig da.“ Die Frau war bei dieſer Rede ſichtlich bewegt geworden und wiſchte ſich mit ihrem Schürzenzipfel die Augen; der Kut⸗ ſcher aber trommelte heftig mit ſeinen Sporen auf dem Futter⸗ kaſten und bekämpfte eine ihm unmännlich ſchkinende Rührung mit Gewalt. Die Frau fuhr in ihrem Berichte fort:.„Und wie heißt Sie?“ fragt der Herr Stadtrath Schwämmle,— Ich bin die Frau Winklere, ſage ich.— Und Ihr Sohn heißt auch Wink⸗ ler? ſagt er, und antworte ich: Das will ich doch meinen, und dann ſagt er: Schau, ſchau, das iſt alſo der Reitknecht Wink⸗ ler, Ihr Sohn; ei, ei, das trifft ſich ja ganz hübſch, ſagt er, ein ſehr gewandter Burſche, ein braver Reitknecht.“ „A hah!“ lachte Joſeph,„jetzt fällt mir ein, warum der— mich lobt.“ „Ihr wißt, Frau Winklere, ſagte der Stadtrath zu mir, daß wir vor zwei Jahren die Prinzeſſin Karolina einholten in feierlichem Auftritt, und damals war ich noch nicht Stadtrath und ritt ein Pferd, das äußerſt unbändig und ſcharf war, dazu die Muſik, die vieltn Fahnen, all' das Volk, das Hurraſchreien— nun, da hat mir Ihr Sohn einen weſentlichen Dienſt geleiſtet.“ Der Kutſcher lachte bei dieſen Worten ſo unbändig, daß er mit ſeinen Händen die Seiten halten mußte, und ſchrie ſo luſtig auf, daß Tibull und Pluto in ihrem leiſen Geſpräch plötzlich ver⸗ ſtummten, und daß ſo gar das Schwalbenlied auf einmal abge⸗ brochen wurde. 4 1 —=——— Aus dem Marſtall. 93 „Der alte Schwämmle,“ ſagte er und niende die Thrä⸗ nen aus den Augen,„der Herr Schwämmle ſaß gar zu komiſch auf ſeinem Pferde, die Knie hoch an den Hals hinaufgezogen, die Fußſpitzen abwärts, die Sporen hinter dem Sattelgurt ver⸗ graben, und das gequälte alte Vieh machte einen Bockſprung um den andern; da kommen wir vorbei geſegelt in vollem Ga⸗ lopp, hinter dem Prinzen Eugen eine zahlreiche Suite, und das klapperte und klirrte auf dem Pflaſter, daß einem das Herz im Leibe lachte; ich ritt damals ſolch einen wilden alten Hengſt, ſchneidig wie der Teufel, kaum vierjährig und dasalte Vieh macht immer noch Sätze von ſechs Ellen; ſo fuhren wir wie das Donner⸗ wetter durch die berittenen Kaufleute, und der alte Schwämmle, deſſen Pferde die Sache gefiel und das mit uns davon wollte, zog die Zügel unmenſchlich kurz an— jetzt ſteigt der Gaul, gerade wie ich neben ihm bin, und ich denke bei mir: du altes Vieh brauchſt auch wegen ein bißchen Haber nicht ſo wild zu thun, und der Schwämmle ſeufzte: um Gottes willen, halten Sie mein Pferd einen Augenblick! und ich, mitleidig, wie ich immer bin, parire den alten Hengſt auf dem Pflaſter, haue dem Gaul des Schwämmle Eins mit dem Knopf der Reitpeitſche über die Naſe, daß er den Kopf zwiſchen die Füße ſtreckte, dann faſſe ich den Stadtrath am Arm, zeichne dem Gaul noch Eins über die Croupe und rufe: er ſolle ins Teufels Namen ſeine alten Sporen heraus⸗ ziehen, ich meinte natürlich aus dem Sattelgurt, der Schwämmle aber verſtand die Geſchichte anders und ließ ſich von ein paar Leuten, die herzu ſprangen, in der Geſchwindigkeit die Sporen aus ſeinem alten Abſatz herausreißen, und von dem Augenblick an gieng der alte Gaul ruhig. Ja, ſo ein Sporn iſt ein gefähr⸗ liches Ding für Jemand, der es nicht verſteht.“ Die Frau Winklere ſchlug die Hände zuſammen und ſagte freudig lachend:„Ei der tauſend, das haſt du mir ja noch gar nie erzählt; deßhalb war der Stadtrath ſo freundlich, ſieh, ſieh! und deßhalb hat er mir Hoffnung gemacht auf einen kleinen Er⸗ 4 ⸗ Siebentes Kapitel. werb; er e nämlich, es ſei eine kleine Stelle bei der Bürger⸗ geſellſchaft offen, um die vierteljährigen Beiträge einzukaſſiren, und die könne er mir vielleicht verſchaffen; obendrein, ſetzte er hinzu, wollten einige Herrn eine concertive Zeitung gründen, und da könnte ich vielleicht als Austrägerin hinkommen— aber warum haſt du mir die Geſchichte nie erzählt?“ Der Kutſcher hielt wiederholt ſein Glas gegen das Fenſter, und während er freundlich mit einem Auge dazu blinzelte, ließ er die Weintropfen, die ſich jetzt noch in demſelben befanden, in einer Ecke zuſammenlaufen, verhalf ſich zu dieſem ſpärlichen Reſte und ſagte alsdann:„Es gibt manche Dinge, alte Frau, die man nicht gleich wieder erzählt, ich hatte den Morgen noch eine Ge⸗ ſchichte, die für mich viel angenehmer war. Wie ich dem alten Schwämmle geholfen und nun ſo dahin fegte, um die alte Suite wieder einzuholen, da ſtand mein Schatz, das heißt mein jetziger Schatz, die Sophie, am Fenſter, und wie ſie mich ſo daher kom⸗ men ſah, ſo hat ſie mir ſpäter geſtanden, habe es in ihrem Herzen lebhaft geſprochen: der und kein anderer! und Ihr wißt, alte Frau, auf die Sophie kann ich mir was einbilden.“ „Das iſt wahr!“ ſagte die Winklere und ſchaute mit mütter⸗ lichem Stolze recht hochmüthig um ſich;„da iſt Keiner vom ganzen Stall, der mit einem ſolchen Mädchen Bekanntſchaft hat, nicht einmal der Oberbereiter.“ — Der Kutſcher, welcher dieſes Geſchäft beendigen zu wollen „ ſchien, ſagte jetzt, indem er von der Futterkiſte herunter ſtieg: „Ihr habt mir aber noch gar nicht geſagt, ob die alte Welſcher das Kind bei ſich behalten will, oder was mit dem Wurm ge⸗ ſchehen ſoll.“ —„Das habe ich wirklich noch nicht geſagt?“ ſagte die Frau 3 eifrig;„nun freilich will ſie es behalten, ach Gott! Die Welſcher iſt eine ſo brave Frau, und auch die Jungfer Kiliane iſt recht brav, ſie hat dem Kinde einen Dukaten geſchenkt, um ihm etwas machen zu laſſen, und will auch mit für daſſelbe ſorgen.“ — Aus dem Marſtall. 4 95 Der Kutſcher winkte vergnügt mit dem Kopfe, dog alsdann eine dicke ſilberne Uhr heraus und überzeugte ſich mit einem Blicke, daß es Zeit ſei, an ſeinen Dienſt zu gehen; doch hielt er ſie zuvor an ſein Ohr, um zu hören, ob ſie nicht zufällig ſtehen geblieben ſei, dann ſagte er:„die Welſcher hat's von ihrem Manne, dem alten Welſcher; ſeh' Sie, Frau, das war ein Kutſcher, der drehte mit Vieren auf einem Teller um, hieb Euch mit der Peitſche einen Achter in die Luft, daß man ihn nachher noch deutlich ſehen konnte. Ich hab' als kleiner Bub' das Fahren von ihm gelernt und manche Ohrfeige von ihm bekommen. Als er geſtorben war, ſoll Se. Majeſtät der König Sr. Excellenz dem Oberſtſtallmei⸗ ſter geſagt haben:„„Geben Sie Acht, alter Oberſtſtallmeiſter,“¹ hat er geſagt,„„ſo Einen, wie den Welſcher, bekommen wir ſo bald nicht wieder, geben Sie Acht, ich hab's geſagt!“u“ Mit dieſen Worten nahm der Kutſcher ſeine rothe Weſte von dem Schemel neben ſich, fuhr mit der Hand an dem Tuch hinunter, als wollte er Staub abwiſchen, deſſen ſich aber keiner da befand, und zog ſte an. Während er vorn zuknöpfte, be⸗ mühte ſich die Mutter, das Futter der Weſte ſo lang als möglich herabzuziehen, ſich freuend über die gute Taille ihres Sohnes. „Aber Joſeph,“ ſagte ſie,„warſt du nicht heute ſchon ein⸗ mal im Dienſt? Wie kommt es, daß du noch einmal einſpannen mußt, und namentlich bei ſolchem Schneewetter?“ „Weiß der Teufel, wie das kommt, alte Frau, das heißt, ich weiß es ganz genau, weßhalb ich heut' noch einmal fahren muß; aber ich möchte eigentlich nur wiſſen, warum bei mir im⸗ mer ſo Widerwärtigkeiten vorkommen. Wird Einer krank, wie heute, ſo iſt es ſicherlich der, für den ich einſtehen muß, und ſo auch jetzt: da hat einer einen Anfall von Wechſelfieber gekriegt, und nun muß ich in dem Hundewetter hinaus und muß den Ge⸗ ſpenſterwagen fahren.“ „Was ſagſt du, Joſeph,“ rief die Mutter entſetzt,„den Ge⸗ ſpenſterwagen?“ 96 Siebentes Kapitel. „Frh, alte Frau,“ entgegnete der Kutſcher und fuhr in ſeinen blauen Rock hinein,„den Geſpenſterwagen.“ „Joſeph, du willſt wohl ſagen: den Leichenwagen,“ ent⸗ gegnete die Winklere. Der Kutſcher, welcher gerade den blauen Rock zuknöpfen wollte, hielt in dieſem Geſchäft plötzlich inne und ſpuckte auf die Seite aus, während er mit einem Blick der ungeheuerſten Ver⸗ achtung vor ſich niederſah. „Einen Leichenwagen fahren?“ ſagte er alsdann bitter lachend; valte Frau, was habt Ihr für merkwürdig verbrannte und alte Ideen! Ein königlicher Kutſcher und ein Leichenwagen! wie kann man das nur in einem Augenblicke nennen? Doch ich ergaß,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„daß Ihr eigentlich nicht wiſſen könnt, was wir Stallleute unter dem alten Geſpenſterwagen ver⸗ ſtehen. Seht Ihr, Mutter, der Geſpenſterwagen, das iſt nichts mehr und nichts weniger, als der Wagen der erſten Hofdame und die Benennung„Geſpenſterwagen“ iſt eine ſehr richtige und gut gewählte alte Benennung, ich habe ſte nicht erfunden.“ Der Kutſcher ſetzte, während er zu ſprechen fortfuhr, ſeinen lakixten Hut etwas keck aufs Ohr, warf die Zügel über die Schul⸗ ter, nahm die Peitſche in die Hand und wickelte die Peitſchen⸗ ſchunr auf, indem er das Ende derſelben mit, Zeigefinger und Daumen erfaßte und alsbann mit der Häͤnd eine kreisförmige Bewegung beſchrieb.„Alte Frau, es mag ein Wetter draußen ſein, welches es will, es mag regnen oder ſchneien, es mag die Sonne ſcheinen oder es mag ſtürmen, daß ſich Hunde und Katzen ‚weerbergen, paßt auf, der alte. Geſpenſterwagen fahrt doch durch die Straßen; es mag Morgens oder Mittags ſein, bei einer Hitze, wo jeder alte Chriſtenmenſch froh iſt, im Schatten zu ſein— der Geſpenſterwagen iſt auf der Straße; es mag Nachmittags ſein oder Abends, ſei es in der Dämmerung oder Mitternachts zwi⸗ ſchen zwölf nud ein Uhr— Ihr könnt drauf fluchen, daß Ihr den Geſpenſtervagen ſeht; ewig rollen die Räder an dem alten 8 Aus dem Marſtall.. 97 Wagen, ewig ſchaukeln die Federn, und ich bin überzeugt, wenn die alte Hofdame einmal einen Tag lang nicht ausfahren ſollte, was jedoch noch nie vorgekommen iſt, ſo würde der Geſpenſter⸗ wagen am ganzen Leibe zitternd in der Remiſe ſtehen, als ſei ihm etwas Entſetzliches begegnet.“ Die Frau Winklere ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte:„Es fahren aber doch keine Geſpenſter darin?“ „Für jetzt noch nicht,“ ſagte Joſeph,„aber wenn die alte Hofdame einmal todt iſt, wollen wir ſehen, was geſchieht; als⸗ dann gehe ich dem Wagen zehn Schritt aus dem Wege; denn daß die Alte da oben einmal ſpucken muß, das kann nicht fehlen⸗ ſonſt gäb' es keine Gerechtigkeit mehr, ſie hat das um uns alle verdient.“ Damit zog Herr Winkler ſeine beiden Schimmel aus dem Stande, ſah ſorgfältig nach, ob nicht ein Hälmchen Stroh oder Heu irgendwo ſitzen geblieben ſei, ſchnallte die Regendecke feſter an und zog, den Hut hälftig auf das rechte Ohr geſetzt, die Stall⸗ gaſſe hinab. Am Ende derſelben links in einem leeren Stande lag auf einem großen Strohhaufen der Pfeifer des Schwalbenliedes und war ſanft entſchlummert; Joſeph, der dies ſchon von Weitem bemerkte, wickelte lächelnd ſeine Peitſche loß und applieirte mit ungemeiner Sicherheit mit dem Ende der Schnur einen feinen Hieb auf einen Theil des. Körpers, den die Stallwache unvor⸗ ſichtigerweiſe emporſtreckte, und als der alſo Getroffene in die Höhe ſprang, rief der Kutſcher mit ernſter Miene:„Thür auf, Thür auf!“ und gieng gravitätiſch mit ſeinen beiden Schimmeln won dannen, innerlich aufs vergnügteſte lachend. Die Frau Winklere folgte ihrem Sohne, aber in ſehr weiter Entfernung von den Schimmeln, denn ſie hatte gehört, daß folche Thiere manchmal ſehr bösartig ſind und gern ausſchlagen. In der Remiſe, die ſich neben dem Marſtall befand, war wegen des ſchlechten Wetters nur eine einzige Thüre geöffnet, Hackländer⸗ Namenl. Geſchichten. I. 7 Siebentes Kapitel. und aus derſelben hervor ragte die Deichſel des Geſpenſterwagens, und der Wind, der durch den Hof in die Remiſe fuhr, ſpielte mit den gelben, ſchweren Troddeln oder ſchüttelte auch zuweilen leiſe das Geſtell des Wagens. Der Kutſcher ſtellte die Pferde zu beiden Seiten der Deichſel, ſchnallte die Aufhalter feſt, dann trat er an den Wagenſchlag, öffnete ihn und nahm ſeinen mit Pelz beſetzten Mantel heraus, den er alsdann mit großer Geſchicklichkeit auf den Sitz des Bockes hinaufwarf. Hierauf ſteckte er die Peitſche daneben, ſpannte die Pferde vollends ein, ſchnallte die Zügel feſt und reichte ſeiner Mutter die Hand zum Abſchied, während er im Begriffe war, hinauf zu ſteigen. „Vergeßt alſo nicht, alte Frau,“ ſagte er,„zu der Welſcher hinzugehen und ihr zu ſagen, daß ich nächſtens komme in großer Uniform, um mich nach dem Befinden des Kindes zu erkundigen; auch mehrere meiner Kollegen werden ebenfalls kommen, und das alte Haus ſoll aufpaſſen, ich meine nämlich das alte Kloſter, wenn 1 es uns heranwackeln ſteht. Adieu Frau!“ Mit dieſen Worten ſchwang ſich der Kutſcher mit großer Leichtigkeit auf den Bock, fühlte mit der Hand, ob der Hut auch recht keck auf dem rechten Ohr ſitze, ſetzte ſich dann ſo leicht und elegant wie möglich in die rechte Ecke des Sitzes(die Kutſcher vornehmer Herrſchaften ſitzen nie anders, als auf dieſe Art), dann nahm er die Zügel feſt in die Hand, grüßte die Mutter nochmals mit der Peitſche und fuhr zum hor hinaus, wobei er ſorgfältig jedem Stoß der Rinnſteine und jedem anderen kleinen Hinderniß durch eine angenehme Biegung des Oberkörpers aus⸗ wich und ſo in beſtändiger Bewegung war, ſeine Arme und Hände ausgenommen, die er unbeweglich und wie feſtgemauert hielt. Die Frau Winklere ſah dem ſtattlichen Sohne nach, bis der Wagen um die Ecke des Schloſſes verſchwand. t Achtes Kapitel. Aus dem Marſtall. 2 Anfangs fluchte Joſeph bedeutend, als er ſo aus dem warmen Stalle heraus in den Schnee des November⸗Nachmittags kam und trotz ſeines dicken Mantels zuſammenſchauderte; auch hielt er kleine heftige Monologe über das alte Hundewetter, wie er es zu nennen beliebte, über den alten Geſpenſterwagen und Über die alten Hofdamen, welche es aus lauter Uebermuth hinter ihrem alten Kamin nicht mehr aushalten können und abſolut in den alten Straßen herumfahren und alle die alten Läden beſuchen müſſen, die ſte ja ſchon hundert Mal geſehen. Daß 4 ſein Wagen gerade der einzige war, der ſich in dem Schnee⸗ 1 geſtöber auf den Straßen bewegte, trug auch nicht zur Erhöhung ſeiner Heiterkeit bei. 4 Jetzt fuhr er vor eines der Schloßportale, hielt die Pferde an,— ein Lakai, der aus der Glasthür herausſprang, oͤffnete 1 den Schlag, warf den Wagentritt herunter und bal der Pof⸗ dame einſteigen. 3 So viel man in der Geſchwindigkeit von derelden fehen konnte, war es eine ie ziemlich ſtarke Dame mit ſehr blondem Haar, 7* 3 100 Achtes Kapitel. die ſich mürriſch in die Kiſſen warf, dem Bedienten einige Worte ſagte, worauf dieſer den Schlag zumachte, dem Kutſcher eben⸗ falls einige Worte zuflüſterte, hinten aufſprang, und dann liefen die Pferde mit dem Wagen in ſcharfem Trabe davon. Dieſes Mal gieng es nach dem erſten Gaſthofe, und als der Wagen dort hielt und der Lakai an den Schlag trat, reichte ihm die Hofdame eine Karte heraus, welche der Bediente dem Portier des Gaſthofes übergab; dann rollte der Wagen weiter und hielt vor einem der erſten Kupferſtich⸗ und Bilderläden der Stadt. Die Hofdame ſtieg aus und verſchwand in dem Gewölbe; der Lakai ſchloß die Ladenthür hinter ihr und trat alsdann ſo nahe als möglich zu dem Kutſcher heran, um einige freundliche Worte mit ihm zu wechſeln.. „Heute wird's einmal wieder lange dauern,“ ſagte der Bediente und hüpfte dabei von einem Beine auf's andere, um ſich die Füße zu erwärmen, wobei ſein überlanger Rock maleriſch in die Höhe wallte;„ich habe da eine ſchöne Liſte von Beſuchen in der Taſche, Freund Joſeph; ich rathe Euch, laßt nur wacker laufen, ſonſt haben wir vor dem Balle keine Viertelſtunde für uns.“ „Wo geht's zunächſt hin?“ fragte der Kutſcher. Lit „Wahrſcheinlich auf den Domplatz zu dem Hofjuweli ich habe ſchon viermal dahin laufen müſſen, und jetzt iſt ihm ein hoher Beſuch von der gnädigen Frau ſelbſt zugedacht; der Mann kann ſich auf eine freundliche Anrede gefaßt machen— wie hat ſie getobt! Ueberhaupt war das wieder ein ſchöner Tag! Sie kam mit rothgeweinten Augen von der jungen Herzogin herauf, das war ſchon um zehn Uhr, dann wurden Briefe geſchrieben * und ich und der Gaderobediener mußten den ganzen Vormittag herumlaufen. Puh, ſchlechtes Wetter, ſchlechtes Wetter!“ „Meint Er hier auf der Straße?“ ſagte lachend der Kutſcher. „Hier und zu Haufe,“ entgegnete der Lakai;„Regen, Un⸗ gewitter und Guurm⸗ was weiß ich!“ Aus dem Marſtall. 101 „Und hat's eingeſchlagen?“ fragte der Kutſcher außerordent⸗ lich vergnügt. 3 „Kann wohl ſein,“ antwortete der Andere; ndie Nelly⸗ hatte ein ganz rothes Geſicht und ſehr verweinte Augen; unter Anderem,“ fuhr der Lakai leiſer fort und kletterte behende auf den Fußtritt neben dem Kutſcherbock,„unter Anderem mußte ich einen Brief zu meinem früheren Herrn, dem Baron Karl, tragen, und als mir die Nelly den Brief gab, ſagte ſie: der iſt auch an all' den Geſchichten ſchuld, wenn nur der'mal vor der Stadt draußen wäre! und dann ſetzte ſte mit einer Beziehung auf mich hinzu: alles Männervolk taugt nicht, alle ſind ſchlecht mit einander.“ „Oh ho!“ ſagte der Kutſcher,„die alte Hexe! ich meine nämlich die Nelly.“ Und dann klaſchte er zwiſchen die Pferde hinein, welche ungeduldig ſcharrten und trippelten, und wieder⸗ holte ſein Oh ho! welches ſowohl den Thieren wie dem Collegen Lakaien galt, der bei der heftigen Bewegung nach dem Peitſchen⸗ ſchlage und der Erſchütterung des Wagens faſt von demſelben heruntergefallen wäre. „Ja, der Baron Karl wär' an Allem ſchuld, ſagte die Nelly, und er thäte am Beſten, ſich gar nicht mehr ſehen zu laſſen. Als ich nun meinem früͤhern Herrn den Brief überbrachte,“ fuhr der Lakai fort, nachdem er wieder auf den Tritt geklettert war,— nich gab ihn dem Jäger und blieb draußen ein Bischen am Kamin ſtehen, um meine Hände zu erwärmen— da hörte ich, wie der Baron drinnen laut lachte, und dann kam der Kam⸗ merdiener heraus und ſagte zum Jäger: jetzt geht's doch auf den Ball, und nach drei Viertel auf acht Uhr ſoll der Brougham be⸗ ſtellt werden.“ „Was ſollen aber all die alten Geſchichten hrißen?“ ſagte Joſeph,„weiß der Teufel, was Ihr da hinten auf Eurem Wagen nicht allerhand Zeug ausheckt! Da haben wir's vorn auf dem — keit ein R für ein N machen und wird auf dieſe Art unentbehrlich.“ Thüre zu und Jean rief, indem er hinter den Wagen ſprang: Achtes Kapitel. 102 Bock beſſer— eingeſpannt, aufgeſeſſen, wohin? dann einen Zungenſchlag— und fort geht's.“.— Der Lakai lächelte pfiffig und ſagte:„Guter Freund, das. verſteht Ihr nicht; wir im Vorzimmer ſehen ſo allerlei merkwür⸗ dige Sachen, und Manches gleitet durch unſere Hand; wißt Ihr, man macht die Augen zu, läßt ſich mit der größten Bereitwillig⸗ Jetzt öffnete ſich die Thür des Bilderladens, und der Be⸗ ſitzer deſſelben erſuchte den Lakaien, einen Augenblick herein zu kommen: ehe er aber herunterſprang, ſagte ihm der Kutſcher eilig: „Wenn wir von hier auf den Domplatz fahren, Jean, ſo— mache ich einen kleinen Umweg; ſollte die Alte deßwegen fragen, ſo ſage Er nur, die gerade Straße dahin wäre ſo verflucht glatt.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Jean pfiffig lächelnd; neine kleine Fenſterparade, Herr Joſeph, verlaßt Euch auf mich.“ Damit ſprang er in den Laden und kam gleich darauf mit einer großen Mappe zurück, die er in die Equipage legte, wonach er der Hofdame ebenfalls hinein half; der Tritt flog herauf, die „Domplatz Nro. vierundſechzig.“— Pluto und Tibull, die einen kräftigen Merks mit der Peitſe bekamen, ſausten dahin, daß der Schnee in die Höhe fuhr; fort⸗ gieng es durch die Straßen und um die Ecken, wobei der Wagen oftmals zur Seite rutſchte, ſo daß die Hofdame zuweilen erſchrocken † ihre Hand an das Fenſter legte und Jean hinten die komiſchſten Seitenſprünge machen mußte, um ſich im Gleichgewicht zu er⸗ halten; doch lachte derſelbe, denn er war des guten Roſſelenkers vorn ſicher und freute ſich innerlich, wie jetzt die Pferde in der Nähe eines unſcheinbaren Häuschens in einen ſanften Trab ver 5 fielen; dann öffnete ſich in dem kleinen Häuschen ein lleineg⸗ Fenſter, und ein hübſches junges Mädchen ſah heraus, welches— dem Kutſcher freundlich mit der Hand winkte und jetzt dem Wagen nachblickte, der nun wieder mit verdreifachter Schnelligkeit davon G 8 Aus dem Marſtall. 103 flog. Jetzt gieng es um eine ſcharfe Ecke herum, ſo haarſcharf an den Mauern eines altes Gebäudes vorbei, daß der Lakai be⸗ ſtürzt zurück blickte, ob nicht etwa ein Rand hangen geblieben ſei; dann fuhren ſie durch eine enge Gaſſe voller Kramläden, ſo eng, daß die Cattunſtücke, die Hüte und Mützen, die da herum hiengen, ſowie Würſte und Schinken, faſt in die Wagenfenſter ſchlugen, und endlich kamen ſie auf den Domplatz und hielten mit einem ziemlichen Ruck vor Nro. vierundſechzig. Schon während des Ausſteigens hörte der Kutſcher die Hof⸗ dame fragen, warum er einen ſolch' horriblen Weg gefahren ſei; doch log der Lakai mit der größten Unverſchämtheit und ſagte: in den andern Straßen ſei an mehreren Stellen wegen der neuen Gasbeleuchtung das Pflaſter aufgeriſſen und deßhalb habe man einen Umweg machen müſſen. Nachdem in dem Hauſe am Domplatz der Hofjuwelier ſeine verdienten Vorwürfe empfangen— warum hatte er auch das Unmögliche nicht gethan?— und der Lakai inzwiſchen die Wagenlaternen angezündet, ſtieg die Dame wieder ein und Joſeph fuhr in mäßigem Tempo davon. Dieſes Mal hielten ſie vor einem Privathauſe, und nachdem Jean ſich überzeugt, daß die Dame, welcher der Beſuch galt, zu Hauſe war, begleitete er die gnädige Frau hinauf, kam aber bald darauf die Treppe wieder herunter geſprungen, trat an die linke Seite des Wagens und nachdem er den Kutſcher gebeten, ein klein wenig Platz zu machen, ſchwang er ſich neben ihn auf den Bock. „Da oben wird's lange dauern,“ ſagte er und zog eine kleine Horndoſe aus der Taſche, um ſich und dem Kutſcher zu einer Priſe zu verhelfen;„wenn die da oben zuſammen kommen, ſo dauert's eine geſchlagene Stunde;' iſt halb fünf, paßt auf, wir ſind um halb ſechs noch auf dem Platz.“ „Ich möchte nur wiſſen,“ brummte der Kutſcher, uwas die jeden Tag zuſammen zu ſchwätzen haben! Unſereins beſucht 10⁴4 Achtes Kapitel. ja auch hie und da einen Bekannten und dann ſagt man: guten Tag!— Wie geht's?— Gut!— Behüt dich Gott! Und dann fährt man ſeiner Wege. Aber die haben immer eine alte Wirthſchaft zuſammen, als hienge das Heil der Welt davon ab. — Brrrr,'s wird kalt!“ „Ja,'s wird kalt,“ ſagte der Lakai und ſteckte ſeine Hände in die Taſchen ſeines langen Rockes,„'s wird recht kalt heute Nacht; ich freue mich jetzt ſchon auf das Warten, wenn der Ball zu Ende iſt, und heute iſt daſſelbe doppelt, für Euch und für mich.“ „Wie ſo doppelt?“ fragte Joſeph,„ich werde doch am Ende nicht mit zwei Wagen hinfahren ſollen?“ „Wenn auch nicht mit zwei Wagen,“ lachte der Lakai,„ſo doch mit einem Wagen zweimal.“ „Macht mir keine alten Geſchichten vor, Freund Jean! Ich fahre die alte Hofdame und das alte Hoffräulein, und damit Baſta!“ „Allerdings,“ entgegnete Jean,„nur mit dem Unterſchiede, daß die Beiden heute nicht zuſammenfahren, wie ſonſt, ſondern Jede allein, macht zweimal;'s hat ja was gegeben.“— Da⸗ mit ſtieß er den Kutſcher pfiffig lächelnd an die Rippen. „Alle Donnerwetter!“ fluchte Joſeph,„was kümmert uns das, wenn's was gegeben ha Ich fahre, wie mein Befehl lautet, einmal mit dem alten Geſeh erwagen vor das alte Schloß und dann nach dem alten Ball;—mal nur, ſage ich Euch, und dann ſpanne ich aus und fahre um zwölf Uhr zum Abholen, aber auch nur einmal.“ „Das iſt bald geſagt,“ meinte der Lakai;„doch habe ich von der gnädigen Frau den Auftrag an Euch und muß es alſo ausrichten: ſie will allein auf den Ball fahren, und wenn das Hoffräulein auch hin will, ſo fahrt Ihr nochmals und holt auch die ab.*— 9 Aus dem Marſtall. 105 „Das iſt doch die infamſte Thierquälerei!“ entgegnete der Kutſcher;„doch nun muß ich's ſchon thun, denn wenn ich's auf eine alte Strafwache ankommen ließe und nur einmal führe, ſo hätte Niemand anders den Schaden davon, als das Hoffräulein, und die mag ich wohl leiden.“ „O, eine ſcharmante Dame!“ entgegnete der Lakai,„ſo freundlich, ſo liebenswürdig, und was ſte ſagt das meint ſte auch, und verklagen thut ſie auch Niemanden, hat's aber auch nicht nöthig; denn wenn ſte zum tölpelhafteſten Schloßknecht ſagt: wollt Ihr ſo gut ſein, mein Freund? ſo gienge er durch's Feuer für ſte,— gebildeterer Leute, wie wir ſind, nicht zu gedenken.“ „Ja wohl, ja wohl,“ bekräftigte der Kutſcher. „Ich glaube, die hat in ihrem ganzen Leben nicht gelogen. Wenn die Andere— die da droben— zufällig ſagt: Jean, ich bin mit Euch zufrieden, ſo kann man drauf rechnen, daß es alsdann bei der Tafel zum Hofmarſchall heißt: der Jean wird mit jedem Tage dümmer und unbehülflicher; und es i*ſt gefährlich, wenn ſie was Böſes über einen ſagt: die Herzogin ſelbſt glaubt ihr in allweg, und da man das bei Hofe weiß, ſo hat ſte einen Anhang, der merkwürdig iſt; und die haßt das Hoffräulein nun ſeit heute, und wie haßt ſie ſie!“ „Aber weßhalb?“ fragte der Kutſcher,“ ſte muß doch, beim Blitz! eine Urſache haben!“'— Der Lakai ſtieß ihn abe ls freundſchaftlich in die Rippen und ſagte mit pfiffigem Läche„Ei, mein früherer Herr, von dem ich Euch vorhin erzählte, der Baron Karl, und das Hof⸗ fräulein.“ 8 Der Kutſcher nickte fragend mit dem Kopfe und der Lakai antwortete durch dieſelbe Bewegung. „Ich habe ſchon lange bemerkt,“ ſetzte der Lakai wichtig⸗ thuend hinzu,„daß Baron Karl dem Fräulein die Cour macht, unſereins bemerkt das augenblicklich.“ 106 Achtes Kapitel. Joſeph hatte einen Augenblick nachgedacht und gab alsdann A das Reſultat ſeiner Betrachtungen Preis, indem er ſagte:„Hört, d alter Jean, das gäbe ein merkwürdig ſchönes altes Paar— ein ſac ſchönes Paar, wollt' ich ſagen; was der Mann für einen Ge⸗ 1 mi ſchmack in Pferd und Wagen hat! wenn ich nicht königlicher ein Kutſcher wäre, oder auch meinetwegen ſo, ſo würde ich mir br wahrhaftig eine Ehre daraus machen, ja, eine Ehre, ich hab' N es geſagt, das Paar zur Trauung in die Kirche zu fahren, ic im großen Staatswagen, ich auf einer reichgeſtickten Bockdecke, ſehr ſchöne Uniform mit weißer Perücke und ſpitzem Hut, vor z mir die zwei prachtvollen engliſchen Braunen, die er hat,— ich ſage Euch, alter Jean, ich will nicht Joſeph heißen, aber die' Leute ſchauten mehr auf Kutſcher und Geſchirr, wie auf den Bräutigam, der drinnen ſitzt.“ „Dahin hat's noch weit,“ ſagte der Lakai und nahm äußerſt wehmüthig eine Priſe Taback,„ja, wenn die da oben wollte!“ 1 1 „Ja, was geht's denn die Alte da oben an?“ fragte der Kutſcher.. G „Merkt Ihr denn gar nichts, Joſeph! habt Ihr denn nie 1 geſehen, wie der Baron Karl halbe Stunden lang am Wagen⸗ ſchlag der gnädigen Frau ſtand und mit ihr ſchwäzte, während er das Hoffräulein, die auch drinnen ſaß, kaum fragte, wie es ihr gehe? 1' „Nun ja, was weiter?“ „Was weiter?“ ſagte Jean;„und im Schloſſe macht er's gerade ſo; Ihr wißt doch, das Hoffräulein, das nicht Vater und Mutter mehr hat, iſt von der alten Herzogin erzogen worden und hat ſich gewöhnt, ſowohl den Befehlen derſelben, als auch. denen der erſten Hofdame, unſerer gnädigen Frau, unbedingt zu gehorchen; ſie iſt jetzt achtzehn Jahre alt und wird natürlicher Weiſe noch immer wie ein kleines Mädchen behandelt; daß ſte ſich die Cour machen ließe, oder daß die überhaupt jetzt ſchon ein Herz hätte, das iſt keiner von den alten Damen eingefallen. Aus dem Muarſtall. Alſo im Schloſſe macht er's gerade ſo: da konnte er wohl Stun⸗ den lang der Hofdame die lächerlichſten Geſchichten erzählen und ſagte dem Fräulein nur hie und da ein einziges Wort; aber für mich, der ich meinen früheren Herrn wohl kannte, war dieſes einzige Wort vollkommen verſtändlich— der gnädigen Frau brachte er die prachtvollſten und ſeltſamſten Blumen und dem Fräulein gab er höͤchſt ſelten eine einfache Blüthe, aber, Joſeph, ich verſtand das Alles, die Frau aber... „Nun?" ſagte der Kutſcher und es ſchien ihm ein Licht auf⸗ zudämmern, ndie Alte...“ „Hat natürlich geglaubt...“ lachte der Lakai. „Hat geglaubt, der Baron..“ ſagte der Kutſcher, eben⸗ falls lachend und nickte mit dem Kopfe. „Sei in ſie ſelbſt verliebt!“ platzte der Lakai laut lachend heraus und der Kutſcher lachte nun ſo heftig, daß Tibull und Pluto erſchreckt zuſammenfuhren. Nachdem ſich Jean durch eine neue Priſe reſtaurirt, fuhr er fort:„Heute iſt nun die Geſchichte an den Tag gekommen, und Ihr könnt Euch denken, wie man bei der alten und jungen Her⸗ zogin den Baron als ein Ungeheuer und das Fräulein als eine ausgelaſſene Perſon dargeſtellt hat; der Brief, den ich heute Morgen habe hinbringen müſſen, hat ihm wahrſcheinlich den Beſuch des Schloſſes unterſagt und ihn auch wohl erſucht, nicht auf den Ball zu gehen, weßhalb es mich freut, daß er doch hin⸗ fahren wird— ha, der würde ſich um des Teufels Hofdamen nicht's bekümmern.“. „Unter dieſen Verhältniſſen,“ entgegnete der Kutſcher, „werde ich wahrſcheinlich nicht zwei Mal zu fahren haben, wie Ihr gemeint habt, Jean; denn es iſt doch ſonnenklar, daß das Hof⸗ fräulein heute Abend zu Hauſe bleibt und nicht auf den alten Ball geht.“ „Ja, das kann ſie aber nicht, denn die Prinzeſſin Eugen, welche den Ball gibt, hat das Fräulein außerordentlich lieb, und 108 Achtes Kapitel. die würde nicht nachlaſſen, bis ſte erführe, weßhalb ſte zu Hauſe geblieben wäre, und dann käme die ganze Geſchichte zu früh an den Tag; nein, das geht nicht! Aber jetzt wollen wir noch eine Priſe nehmen, und dann will ich mich hinauf verfügen, es könnte bald an der Zeit ſein, daß die gnädige Frau herabkäme.“ So war es auch in der That, und Jean war eben ins Haus gegangen, ſo kam er auch wieder heraus, riß den Schlag auf, hob die Hofdame hinein und fort rollte der Wagen. Jetzt gieng es zu einem großen Modewaarenmagazin— weniger um Einkäufe zu machen, vielmehr wollte die Hofdame eine ihrer Bekannten treffen, die dorthin gefahren war. Vor dem Magazin ſtand ein herrſchaftlicher Wagen, und kaum war Jean von dem ſeinigen heruntergeſprungen und hatte den Schlag geöffnet, als die Thür des Ladens aufgeriſſen wurde und eine junge Dame heraustrat, dicht in ihren Shawl gewickelt, die eben in ihre Equipage ſteigen wollte, als Jean mit abgezogenem Hute näher trat und gehorſamſt meldete, hier ſei die Frau von C., welche die Frau Gräfin einen Augenblick ſprechen und deßhalb ausſteigen wolle. Sogleich eilte die junge Dame im Shawl auf die Hofequipage zu; nachdem einige Complimente gewechſelt waren, da Frau von C. unter allen Umſtänden ausſteigen wollte(ſie war nämlich feſt überzeugt, daß die Gräfin dies nicht zugeben würde), ſprang letztere in den Wagen, Jean drückte den Schlag ſanft zu und blieb an demſelben horchend ſtehen. Der Kutſcher auf ſeinem Bock hatte das wohl bemerkt und dachte bei ſich: der infame Schlingel! er muß ſchon wieder wiſſen, was die Zwei da drinnen ſprechen! Damit wickelte er leiſe ſeine Peitſche los und ſchwang ſie herum und traf mit derſelben Ge⸗ ſchicklichkeit den lauſchenden Jean auf denſelben Theil des Körpers, wie früher die ſchlafende Stallwache. Nachdem im Wagen ſelbſt die erſten Begrüßungen vorüber waren, nachdem die Hofdame geklagt, daß ſie entſetzliche Migräne habe, leitete ſie die fernere Unterhaltung ſo gut und zweckmäßige ——— Aus dem Marſtall. 109 ein, daß die Gräfin im nächſten Augenblick vollkommen überzeugt war, es laſte ein ſchwerer Kummer auf dem Herzen der Hofdame; bald hatte ſie auch die Urſache dieſes Kummers entdeckt und erfuhr zu ihrem großen Erſtaunen, daß Baron Karl, einer der liebens⸗ würdigſten, eleganteſten Cavaliere, ſowohl bei der alten wie bei der jungen Herzogin in die vollkommenſte Ungnade gefallen ſei. „Das iſt ja unglaublich!“ rief die Gräfin.„Natürlich kann und darf ich nicht in Sie dringen, eine Urſache dieſes ſchreck⸗ lichen Ereigniſſes zu erfahren; ich kenne den edlen und liebens⸗ würdigen Charakter der Frau Herzogin vollkommen und bin feſt überzeugt, daß der Baron ſich ein bedeutendes Vergehen gegen die hohen Herrſchaften hat zu Schulden kommen laſſen; denn wegen einer Kleinigkeit, wegen einer pikanten Salongeſchichte allenfalls iſt die Frau Herzogin nicht im Stande, Jemanden nur finſter anzuſehen. Ja, ja, dieſe jungen Leute!“ Die Hofdame ſeufzte aus tiefem Herzen. „Ich weiß, was Sie dabei leiden, liebe Freundin,“ fuhr die Gräfin fort; vaber iſt es nicht möglich, etwas Näheres über dieſe Geſchichte zu erfahren, einen kleinen Wink, um die Urſache zu errathen? Hat vielleicht der junge Herzog die, wie man all⸗ gemein ſagt, etwas leichten Geſellſchaften des Barons zu häufig beſucht?“ Die Hofdame ſchwieg und ſeufzte abermals. „Mir iſt das genug,“ fuhr die Gräfin eifrig fort,„ich will der Frau Herzogin beweiſen, daß ihre Feinde auch die meinigen ſind,— darf man die Geſchichte einigen Bekannten anvertrauen 24 „Leider kann man ſie nicht verſchweigen,“ entgegnete die Hofdame.„Liebe Clara, Was mein Herz dabei leidet, können Sie ſich denken. Gott im Himmel! wie ich heute den jungen Mann in Schutz nahm, Sie hätten das hören ſollen! ja es war meine Schuldigkeit, er hat ſich ja gegen mich beſtändig ſo aufmerkſam, ſo liebevoll benommen; ich verſichere Ihnen, Gräfin, ich hatte 110 Achtes Kapitel, mit der Herzogin eine heftige Scene, aber ich mußte ihn fallen laſſen.“ „Sollte hier eine andere Urſache zu Grunde ltegen meine . gute, innig geliebte Freundin?“ ſagte die Gräfin und faßte beide Hände der Hofdame,„vertrauen Sie's mir an, liebe Adelaid; wir haben alle wohl bemerkt, wie der junge Mann beſtändig in Ihrer Nähe war, ſollte er vielleicht— Sie verzeihen meine freundſchaftliche Zudringlichkeit— ſollte er vielleicht von Leiden⸗ ſchaft verblendet—— ja, es kann nicht anders ſein!“ rief ſie aus,„ſollte er Ihnen eine Deklaration gemacht haben? O, dieſe jungen Leute ſind ſo unvorſichtig, ich kenne das!“ „Schweigen Sie, Clara!“ rief die Hofdame mit gebrochener Stimme und drückte ihr Taſchentuch an die Augen. „O läugnen Sie nicht!“ rief die Gräfin dringender, vich kenne Ihr edles Herz, ich kenne Ihr Pflichtgefühl, Sie haben ihn zurecht gewieſen, Sie haben dem jungen Leichtſinn eine tüch⸗ tige Lektion gegeben.“ „Clara!“ bat die Hofdame mit bewegter Stimme. „Jetzt durchſchau' ich die ganze Geſchichte!“ rief die Gräfin triumphirend.„Sie durften das Ihrer hohen Freundin, der Her⸗ zogin, nicht verſchweigen, und der Befehl, das Schloß nicht mehr zu beſuchen, wird nun in der Geſellſchaft durch⸗die Ungnade der Frau Herzogin vollkommen motivirt.“ „Ich bitte Sie, liebe Gräfin!“ entgegnete die Hofdame mit einer Stimme, die überzeugend klingen ſollte,„Sie haben mich vollkommen mißverſtanden, die Sache iſt ganz anders, ich verſichere es Ihnen, ganz anders! Wer das je gedacht hätte!“ ſetzte ſie hinzu und brach in wirkliche Thränen aus. Die Gräfin, ebenfalls tief bewegt, faßte abermals ihre Hände und ſagte mit leiſer Stimme:„Faſſung, theure Adelaid! Wir wollen dieſen jungen Leuten zeigen, was es heißt, ſo leicht⸗ ſinnig und ünüberlegt zu Werke zu gehen; noch hab' ich Zeity einigen meiner Bekannten den Baron als vollkommenes Ungeheuer Aus dem Marſtall. 111 zu ſchildern. Adieu, liebe Freundin, in zwei kleinen Stunden habe ich wieder das Glück, Sie zu ſehen.“ Damit hauchte ſie einen Kuß auf die Stirn der Koſdanne und hüpfte aus dem Wagen. „Ja,“ ſprach ſie zu ſich ſelber, als ſie ihrer Equipage zueilte,„dieſer leichtſinnige junge Menſch, er verdient es voll⸗ kommen, daß man ihn für eine Zeit lang ſchlecht behandelt; geht da her— ich begreife die Welt nicht mehr— und macht der armen Adelaid den Hof, einer Frau hoch in den Dreißigen, als wenn es ſonſt keine ſchönen Frauen in der Geſellſchaft gäbe! Aber er ſoll ſchlecht behandelt werden!“ Damit warf ſie haſtig die Thür ihres Brougham zu und fuhr davon. Jean hatte ebenfalls den Wagenſchlag geſchloſſen, rief dem Kutſcher einen erhaltenen Befehl zu— nach Hauſe!— und ſprang hinten auf; er hatte von der Unterhaltung keine Sylbe verloren, und während er ſo an der Equipage an ſeinen beiden Quaſten hieng und hin und her wackelte, machte er ſich aller⸗ hand ſeltſame Ideen und meinte, es wäre ſo übel nicht, wenn er heute Abend ſeinen ehemaligen Herrn, den Baron Karl, auf einige Augenblicke beſuchte. Sobald ſte vor das Schloß fuhren, war dieſer Vorſatz bei ihm zur Reife gelangt; er verabſchiedete ſich von Joſeph, welcher Pluto und Tibull ausſpannte, und gieng luſtig pfeifend durch die Nacht davon. Neuntes Kapitel. 1 7 2 Vor dem Hofball. 1. G Es wird dem Leſer nicht unangenehm ſein, einen Augen⸗ t blick die feuchten, kalten Straßen zu verlaſſen und mit uns in y eine kleine, ſehr elegante und behagliche Wohnung einzutreten, die ſich am Ende der Stadt befindet. Es iſt ein maſſives, zierlich gebautes Haus, von hohen Bäumen welche in der jetzigen Jah⸗—” reszeit mit ihren kahlen Aeſten das Gebäude von allen Seiten. wie mit einem Gitterwerk umſchlingen und zwiſchen welche hin⸗ durch aus den Fenſtern des erſten Stocks heller Lichterglanz auf die dunkle Straße bricht. Wir betreten den Kiesweg, der nicht unter unſern Füßen knarrt, wir öffnen geräuſchlos die Hausthür und gehen über einen 4 beleuchteten Gang ein escalier dérobée hinauf; oben iſt die Thür eines Vorzimmers nur angelehnt, wir gehen dreiſt hinein und haben das unausſprechliche Vergnügen, hier die Bedienten des Hausherrn zu überraſchen, welche, da das Diner beendigt iſt, hier in behaglicher Ruhe ſitzen und die Reſte einer Straßburger Gänſeleberpaſtete verzehren und dieſes ziemlich ſchwer verdauliche Gericht zur Erleichterung ihres Magens mit einigen Reſten, Bordeaur und Champagner reichlich begießen. — —— Nor dem Hofball. 113 1 Es ſind hier im Ganzen vier Perſonen, die beſagtem Ge⸗ ſchäft mit größerem oder geringerem Eifer obliegen; die eigent⸗ lichen Vertilger der Gänſeleberpaſtete ſind aber zwei ſehr elegant gekleidete Lakaien in himmelblauen Fräcken, langen weißen, mit Gold beſetzten Weſten, weißen Halsbinden, weißen kurzen Hoſen und weißen ſeidenen Strümpfen in ſchwarz lakirten Schuhen. Eine bemerkenswerthe dritte Perſon ſteht mit dem Rücken gegen den Ofen und hält einen Champagnerkelch, den ſie eben ausgetrunken, und ſtiert, wie in tiefe Träumereien verſunken, ge⸗ dankenlos vor ſich hin— dieſe Perſon iſt der Jäger, eine rieſen⸗ hafte Figur, und ſeine Kleidung iſt ebenfalls reich und geſchmack⸗ voll. Beſonders zu beachten iſt der Kopf deſſelben. Wir geſtehen, nie einen volleren und ſchwärzeren Bart geſehen zu haben, er umfaßt die Wangen und das ganze Kinn dichtgekräuſelt, und der Schnurrbart hebt ſich in zwei langen Spitzen drohend davon ab. Der Ausdruck des Geſichtes iſt, wien wir ſchon bemerkten, träumend, ja ſchwärmeriſch zu nennen, und der Jäger erhebt nur zuweilen die Augen, um mit tiefer Verachtung dem gefräßigen Treiben der Lakaien zuzuſchauen. Die vierte Perſon endlich iſt unſer Bekannter von vorhin, der Hoflakai Jean, der ruhig neben dem Ofen auf einem Stuhle ſitzt. „Sie wollen nicht mithalten, Herr Lukas?“ ſagte einer der Lakaien zu dem Jäger und holte gerade eine große Trüffel aus dem Paſtetengehäuſe. „Laßt ihn doch, wenn er nicht will,“ ſagte der Andere,„er würde ja doch behaupten, er träume nur, daß wir eine Gänſe⸗ leberpaſtete eſſen.“ Jean ſah lächelnd zu dem Jäger empor, der ſein Champagner⸗ glas niederſetzte und ruhig aus dem Zimmer gieng.. „Wenn ich der Herr wäre,“ ſagte der erſte Lakai mit vollen Backen kauend, nich behielt' einen ſolchen närriſchen Kerl gar nicht bei mir,“ worauf der Andere lachend entgegnete: Hackländer, Namenl⸗ Geſchichten. I. 8 0.⸗ Neuntes Kapitel. „Sag' ihm doch, er ſolle dich zum Jäger machen und Lukas fortſchicken.“ Der alſo Angeredete zuckte die Achſel und ſagte:„Er hat nun einmal den Narren an ihm gefreſſen; mir kann's im Grunde ſchon recht ſein, aber ich haſſe ihn nun einmal, denn ein Menſch, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, wie wir, oder der nicht verrückt iſt, wie er, kann nicht wie der Herr Lukas glauben, er träume alles, was er thue, er träume, was er eſſe und trinke, und er müſſe endlich an einem ſchönen Morgen einmal ernſtlich aufwachen.“ „Glaubt er wirklich noch daran?“ fragte Jean. „O ja,“ entgegnete der erſte Lakai,„und er iſt ungeheuer pfiffig in ſeiner Narrheit: wenn er etwas nicht thun will, ſo ſagt er: wozu auch? wenn ich nächſtens aufwache, iſt's ja doch nicht geſchehen.“ „Das kannſt du ihm nie verzeihen,“ lachte der andere Lakai 4 und ſetzte dann, zu Jean gewendet, hinzu: ner hat den Lukas .. neulich um zehn Gulden anpumpen wollen, und darauf hat ihm der Jäger geantwortet, er würde es recht gern thun, aber was könne es ihm nützen? beim Erwachen nächſtens habe er ja doch keine zehn Gulden!“ „Ja, ſo iſt's,“ ſagte der erſte Lakai,„aber ich bin feſt überzeugt und hoffe darauf, der wird noch einmal auf eine unan⸗ genehme Art geweckt werden.“ und ſpülte dadurch ſeinen Aerger über den träumeriſchen Jäger hinab. . Der andere Lakai aber, der ſchon länger im Dienſt war, ſagte zu dem Bordeaurtrinker:„Wenn dir übrigens deine Stelle im Hauſe lieb iſt, ſo rathe ich dir, über den Herrn Lukas keine Witze zu machen, am allerwenigſten an Orten, wo man ſie ſchieden. Sieh nur den Jean da hinten an, der wär' auch nicht Bei dieſen Worten verſorgte er eine halbe Flaſche Bordeaur 3 hören könnte; dergleichen iſt bei uns, wie du meißt, kurz ent⸗ Vor dem Hofball 115 aus dem Haus gekommen, wenn er mit dem Jäger hätte leben können.“ „s iſt aber deſſen Schade nicht geweſen,“ ſagte der Erſte. „Allerdings,“ entgegnete der Andere; aber um Hoflakai zu werden, kann man nur Kerle brauchen, die gepfiffen ſind und keine Strohköpfe.“ Jean zupfte geſchmeichelt ſeine weiße Halsbinde und erwiderte, er habe eigentlich durchaus nicht wegen des Jägers das Haus verlaſſen, denn im Grunde ſei der Lukas ein Menſch, neben dem ſich ganz gut leben laſſe;„wohl verſtanden,“ ſetzte er wichtig thuend hinzu,„ein Bedienter, der nur nach der Zufriedenheit und nicht nach dem Vertrauen des Herrn ſtrebt. Ich konnte mich mit erſterer nicht begnügen, ich muß wiſſen, was um mich her geſchieht, und bei einigen Verſuchen, dies zu erfahren, kriegt' ich einen Wortwechſel mit dem Herrn Lukas, und wir trennten uns auf die freundlichſte Weiſe von der Welt.“ Da das Haus, in welchem wir uns eben befinden, ziemlich klein war und unmöglich viel Räumlichkeit enthalten konnte, ſo waren die Bedienten genöthigt, die eben erwähnte Unterhaltung mit gedämpfter Stimme zu führen. An die Thür des Vorzimmers ſtieß drüben das Eßzimmer, in welchem ſich ein kleiner Tiſch zu ſechs Perſonen in jener male⸗ riſchen Unordnung befand, die eine reich mit Silber und Kryſtall beſetzte verlaſſene Tafel darbietet, an welcher ſechs junge Herrn ſo eben ihr Diner eingenommen. In der Mitte des nicht zu großen Tiſches ſtand ein pracht⸗ voller ſilberner Aufſatz, ein Rebengewinde vorſtellend, und zwi⸗ ſchen den fein gearbeiteten Blättern aus mattem Metall ſah man wirkliche Früchte aller Weltgegenden und Jahreszeiten geſchmack⸗ voll geordnet, und oben drauf ein rieſenhaftes Blumenbouquet, welches die herrlichſten Wohlgerüche ausduftete. Doch war ſo⸗ wohl Blumern Zuquet als Fruchtaufſatz zerzaust und in Unord⸗ 8* 116 Neuntes Kapitel. nung gerathen, und von erſterm hatte ſich jeder der jungen Herrn eine wohlriechende Blüthe in das Knopfloch geſteckt. Die leeren Champagnerflaſchen in ſchweren Ciskübeln ſtan⸗ den zwiſchen den Couverts neben kleinen, außerordentlich maſſiven kryſtallenen Gefäßen, welche für jeden Gaſt beſonders mit Eis gefüllt waren, um die Champagnerkelche darin abzukühlen. Reiche Damaſtſervietten lagen neben und über einander, die zu Anfang des Diners ſo ziérliche Gläſerpyramide bei jedem Teller war in Unordnung gerathen, und in ihnen blitzten Ge⸗ tränke von allen Farben vom Weiß der Sauterne bis zum tiefen Purpurroth des Bordeaux; dazu leuchteten ſechszehn Wachskerzen von ſchweren, ſilbernen Girandolen, und ihr Licht ſtrahlte wieder in dem Kryſtall und Silber mit tauſend glänzenden Punkten 355 zitternden Sternen. Das Zimmer ſelbſt war ſehr einfach möblirt, die Wände bedeckte eine einfarbige Ledertapete, in welche unterſchiedliche Fi⸗ guren in altem Geſchmack gepreßt waren; unten war ein drei Fuß hohes Getäfel von geſchnitztem Eichenholz und mit demſelben gelben Leder überzogen wie die Tapeten, nur waren auf ihnen ſtatt der eingepreßten Zeichnungen kleine vergoldete Figuren auf⸗ geſetzt; Fenſter und Thüren waren mit ſchwerem, korinthfarbenem Sammt verhängt, und der Einrichter dieſes ſchönen kleinen Ge⸗ machs hatte vollkommen gefühlt, wie unangenehm es ſei, bei einem guten Diner durch Betrachtung der Fenſterformen geſtört zu werden und dadurch genöthigt zu ſein, einen Theil der ſo an⸗ genehm beſchäftigten Phantaſie auf ſo unnütze Gegenſtände zu verwenden; deßhalb ließ der breite Sammtvorhang nur ahnen, wo vielleicht die Fenſter ſein könnten, und der Blick glitt wohl⸗ gefällig an der weichen Maſſe des Sammts wieder auf den eige⸗ nen Teller hinab. Was den Koch des Hauſes anbelangt, ſo können wir nur ſagen, daß nichts als die in Unordnung gebrachte Tafel an ein 8 Zimmer erinnerte, in welchem eben geſpeist wurde, und daß die Vor dem Hofball. 117 Feinheit der aufgetragenen Schüſſeln dem würzigen Aroma des rieſenhaften Blumenbouquets durchaus nichts von ſeiner Friſche benommen. Heben wir den ſchweren Sammtvorhang, welcher die Thür zum Salon verbirgt, in die Höhe und treten, Dank unſerer Un⸗ ſichtbarkeit, in denſelben unbemerkt ein, ſo finden wir ſechs junge Herrn, welche von den ſechs Stühlen im Eßzimmer aufgeſtanden ſind, ſich nun nach der gehabten Mühe in weichen Fauteuils aus⸗ dehnen und, von einer guten Cigarre unterſtützt, dem Werke der Verdauung obliegen. Der Jäger verließ ſo eben durch die andere Thüre den Sa⸗ lon, mit feſter Hand einen ſchweren ſilbernen Teller tragend, auf welchem er den Kaffee umhergereicht. Dieſer Salon war eben ſo elegant, nur ungleich reicher möblirt, als das Speiſezimmer. In einem großen Kamin von weißem Marmor brannten große Holzblöcke, in welche das Auge, durch die ſpielende Flamme angenehm unterhalten, gedankenlos und doch fanft träumend hineinſtarrte. Die Unterhaltung in dieſem Gemache iſt ſehr einſylbig, und man hört einen Augenblick nichts als das Klappern der Taſſen, wenn ſie auf einem großen Tiſche von Marmor geſchoben werden, der in der Mitte des Zimmers ſteht, oder als das Picken der Uhr, die jetzt langſam, tiefklingend die ſtebente Stunde ſchlägt. „Es iſt ſieben Uhr,“ ſagte einer der jungen Herrn, indem er ſich mühſam aus dem weichen Fauteuil aufraffte;„wer geht mit mir denſelben Weg?“ „Iſt das Gehen,“ fragte ein Anderer,„buchſtäblich zu ver⸗ ſtehen oder haſt du deinen Wagen beſtellt?“ „Ei, mein Lieber,“ verſetzte Jener,„bei ſolch' ſcheußlichem Wetter dürfen meine Pferde nicht aus dem Stalle; doch da auch das Nachhauſegehen nicht buchſtäblich zu verſtehen iſt, ſo habe ich mir die Freiheit genommen, mich einer Drotſchke zu bedienen, welche wahrſcheinlich ſchon dort unten hält.“ 118 Neuntes Kapitel. Mit dieſen Worten trat er an's Fenſter und zählte, durch die Scheiben ſehend, zwei... vier... ſechs Wagenlaternen, welche in dem Hofe durch den dunklen Abend leuchteten. „Ich habe es ebenſo⸗ gemacht,“ ſagte ein Dritter und ſuchte, langſam im Zimmer umhergehend, ſeinen Hut, und ein Vierter ſetzte lachend hinzu: „Da ich im Voraus gewußt, daß Jeder von Euch eine Drotſchke beſtellen wird, ſo habe ich es unterlaſſen, daſſelbe zu thun, und Einer von Euch kann die Ehr⸗ haben mich nach Hauſe zu bringen.“ „Gehen wir alſo,“ ſagte der Erſtere;„guten Abend, Karl! wir ſehen uns doch auf dem Balle? 24 Dieſe Frage richtete er an einen jungen Mann, welcher vor dem Kamin aſaß und einen mächtigen Holzblock mit der Zange herumwarf. „Wahrſcheinlich komme ich auf eine halbe Stunde,“ erwi⸗ derte der Hausherr, denn er war es, und reichte die Hand zum Abſchiede, wobei er aufſtand und ſeine vier Gäſte, welche eben geſprochen, bis an die Thür geleitete.„Behüt' Euch Gott!— Bis nachher!— Bis morgen!“— Der Jäger im Vorzimmer zog die Thüre hinter den Gäſten ins Schloß, ſte ſtiegen die Treppen hinab, und bald darauf hörte man unten drei Wagen über das Pflaſter davonraſſeln. Der Hund im Hofe bellte jedem eifrigſt nach, dann ward es wieder ſtill, wie vorher. In dem Salon blieb bei dem Herrn des Hauſes nur Einer der Gäſte zurück, welcher nun ſeinen Fauteuil näher an das Feuer zog und die Füße behaglich ausſtreckte. Der Baron Karl ſtand ihm gegenüber, auf die Kaminplatte geſtützt, und ſetzte einen kleinen Chineſen, der da ſtand, in Be⸗ wegung, ſo daß derſelbe eifrigſt nit em Kop nickte; dann blickte er auf die Uhr und ſagte:„ Bir haber 1 Zeit, und es iſt ſchön von dir, daß du bl ———— ne Weile Vor dem Hofball. 119 „Schreibe es meiner Neugierde zu,“ entgegnete der im Fauteil.„Deine Andeutungen vor Tiſch haben mich auf die näheren Umſtände heißhungrig gemacht— alſo Alles entdeckt! Du biſt ein entlarvter Verbrecher.“ „In der That ein entlarvter Verbrecher,“ entgegnete der Baron lachend, und der kleine Chineſe bekräftigte es durch un⸗ zähliges Nicken mit dem Kopfe. „Wie iſt aber die Sache ſo plötzlich gekommen?“ forſchte der Andere weiter;„und was ſoll jetzt geſchehen?“ „Ich gieng alſo geſtern ins Schloß,“ antwortete der Baron, „wie immer um dieſelbe Zeit und wurde wie immer angenommen; man öffnete mir den Salon und Jean ſagte mir, Frau von C. werde gleich herauskommen. Ich ſtehe alſo in dem Zimmer, die würdige Dame läßt mich eine Zeit lang warten, ich ſetze mich, ich ſtehe wieder auf, ich ſchaue durch die Fenſter auf den Schloß⸗ hof und beſehe zum tauſendſten Mal alle Bilder und gehe endlich durch eine offen ſtehende Thür, natürlich entgegengeſetzt den inner⸗ ſten geheiligten Gemächern der Frau von C., in ein anſtoßendes Gemach, von da in ein zweites und drittes, komme endlich vor eine halb angelehnte Thür, öffne dieſelbe leiſe— denke dir mein Erſtaunen, meine freudige Ueberraſchung, ich befinde mich im Zimmer meiner angebeteten Pauline und ſehe ſie vor einem klei⸗ nen Tiſchchen ſitzen und zeichnen.“ „Ah!“ rief der Andere aus. „Du weißt, wie viel tauſend Mal ich ſchon im Schloſſe war, du weißt, wie oft ich ſchon den Verſuch machte,— natür⸗ lich in allen Formen,— dem Fräulein meinen Beſuch abzuſtat⸗ ten; du weißt auch daß ich nie dazu kam; dir wird es gerade ſo gegangen ſein: man wurde durch den Lakaien nach den Zimmern der Frau von C. gewieſen, und gewöhnlich in deren Beiſein gab Pauline ihre Audienzen, aan „Das gieng ſo weit ⸗7 ſagie der Andere lachend,„daß von den 20hGhGß e Bekannten nicht genöthigt 1 5 4 120 Neuntes Kapitel. waren, denſelben Weg zu machen; meine Schweſter Clara hat mir's oft erzählt, und die Lakaien haben den beſonderen Befehl, nur die näher Bezeichneten und vollkommen Vertrauten durch den eigentlichen Eingang zu den Zimmern des Hoffräuleins gehen zu laſſen.“ „Einen Augenblick,“ fuhr der Baron fort,„ſtehe ich alſo erſtaunt, und war ſchon im Begriffe, mich zurückzuziehen, als ich ſchnell überlegte, daß eine ſolche Gelegenheit, Paulinen einige Worte allein zu ſagen, nicht ſobald wiederkehren dürfte; au hatte ſte bereits meinen Eintritt bemerkt und war mit einem Aus⸗ ruf der Ueberraſchung von ihrem Sitze aufgeſtanden.“ „Da ich mit meinen Abſichten auf das Mädchen vollkommen im Klaren war, ſo brauchte ich natürlich nicht viele Worte, um mich ihr zu erklären. Daß ſie mir gut war, hatte ich lange be⸗ merkt, doch wollte ich es aus ihrem eigenen Munde hören; und genug, nach einer kleinen Viertelſtunde geſtand ſte mir denn auch, daß ich ihr nicht gleichgültig ſei, und erlaubte mir, bei der Frau Herzogin um ihre Hand anzuhalten.“ „Soweit war Alles gut; aber nun faßte ich ihre Hand, zog ſte ſanft an mich und erlaubte mir einen Kuß auf die Stirn, nur auf die Stirn, ich gebe mein Wort darauf— das Mädchen hat ſo etwas Imponirendes, man kann ihr nur wie einer Heiligen nahen,— ich küſſe ſie alſo leicht auf die Stirn, als ich das Rauſchen eines ſeidenen Kleides hinter mir höre, ich wende mich raſch um und erblickte Frau von C., welche unter der Thüre ſteht und in Ohnmacht ſinken will; doch hielt ſie es für beſſer, dieß nicht wirklich zu thun, ſondern ſie erholte ſich zuſehends und winkte mir majeſtätiſch mit der Hand, ihr zu folgen; ſie ſchritt. vor mir her durch die hohen Zimmer wie ein mächtiges Geſpenſt mit erhobener Hand und ohne mich eines Blickes zu würdigen, bis zu dem Ende ihres Appantemen o ſie die Thür öffnete und mich entließ. Sie kam mir mit dem flammenden Schwert an den Pfor hätte Vor dem Hoſball. 121 mir gar nichts daraus gemacht, daſſelbe, ein zweiter Adam, zu verlaſſen, wenn ich nur meine Eva hätte mitnehmen dürfen.“ „Und verſuchteſt du keine Erplikation?“ fragte der Andere unbändig lachend;„verſuchteſt du nicht ihr deine aufrichtigen Ab⸗ ſichten darzulegen?“ „Nein, wahrhaftig!“ antwortete der Baron;„ihr Blick war fürchterlich, und ich muß geſtehen, daß ich der Frau von C. gegenüber nicht ohne alle Schuld bin.“ „Du haſt ihr die Cour gemacht,“ ſagte der Andere,„das weiß der ganze Hof.“ „Konnte ich denn anders?“ entgegnete heftig der Baton und ließ den Chineſen ein Compliment machen, daß deſſen Naſe den dicken Bauch berührte;„es blieb mir keine andere Wahl, um Paulinen hie und da ſehen zu können; doch iſt die Strafe dem Verbrechen auf dem Fuße gefolgt; heute erhielt ich ein Schreiben der Frau von C., worin ſie mir in Allerhöchſtem Auftrage mit⸗ theilt, daß man vor der Hand nicht mehr wünſche, mich im Schloſſe zu ſehen, und daß ſelbſt Ihre Majeſtät die Königin äußerſt un⸗ gehalten auf mein unziemliches Betragen ſei. Natürlich haben ſie mich als⸗Don Juan II., als Lovelace den Schlimmern geſchildert, ich bin ein verabſcheuungswürdiges Ungeheuer, ein Hofvampyr. — Auch enthielt der Brief die feſte Vorausſetzung, daß ich mich auf dem heutigen Balle der Prinzeß Eugen nicht würde ſehen laſſen; doch haben ſie ſich in dieſer Vorausſetzung vollkommen geirrt, und ich werde nicht fehlen.“ „Hätte ich die Geſchichte nur heute Mittag gewußt, ſo würde ich mich bei meiner Schweſter Clara erkundigt haben, ob du ſchon in die Acht erklärt ſeieſt, was auf keinen Fall ausbleiben kann, und dann wirſt du unmenſchlich behandelt. Von den Frauen verzeiht dir keine, daß du der alten Hofdame ſo lange die Cour gemacht, und die Comteſſen haſſen dich alle, weil du drei Viertel jedes Balls der befohlene Tänzer der Prinzeſſin warſt und ſonſt nur mit Frau pon C zund Paulinen getanzt haſt. u 122 Neuntes Kapitel. Ich muß das über mich ergehen laſſen,“ ſagte achſelzuckend der Baron,„kann aber nicht wegbleiben, denn ich will jeden Verſuch machen, Paulinen ein paar Worte zuzuflüſtern, daß ſte feſt auf mich bauen ſoll, und dann will ich auch deren Beſchütze⸗ rin, der Prinzeß Eugen, den ganzen Verlauf der Sache klar aus⸗ einander ſetzen.“ „Bei Lichte beſehen,“ entgegnete der Andere, indem er aufſtand und einen Blick in den Spiegel warf,„kannſt du auch nichts Beſſeres thun.“ Er zog wohlgefällig ſeine Cravatte in die Höhe und ſtrich den großen ſchwarzen Schnurrbart.„Du biſt eine gefallene Größe, lieber Freund, und obgleich mir dein Mißgeſchick ſehr zu Herzen geht, bin ich doch Egoiſt genug, mich zu freuen, daß wir bei den Frauen einen ſo gefährlichen Neben⸗ buhler los ſtnd.“ „Du biſt mir ein ſchöner Kerl!“ ſagte der Baron lachend, und Jener fuhr fort, indem er abermals in den Spiegel ſah: „Und doch, wenn du das Mädchen heirathen darfſt, ſo biſt du unſer einem nicht mehr im Wege, und wir haben doppelten Vortheil, eine kleine allerliebſte Dame bei deinen vortrefflichen Diner's, was kann erwünſchter ſein 24 „Wenn ich aber nicht heirathen darf?“ ſagte der Baron und ſah lächelnd ſeinen Freund an,„wenn ich in dem Falle nicht mehr hier bleibe und mein Haus geſchloſſen wird?“ „Teufel auch!“ antwortete der Andere ziemlich ernſt;„das wäre höchſt fatal! Ich will dir einen guten Rath geben: wenn ſie dir das Mädchen unter keinerlei Bedingung geben, ſo kehre zu den Füßen der Frau von C. zurück, ſie wird dir verzeihen, und du biſt...“— „Wieder Tänzer der Prinzeſſin!“ ſagte ironiſch lachend der Baron,„werde wieder gut behandeitz ja, ja, ich will mir's überlegen.“.„ „Bis nachher!—-Adieu!⸗. 1 Abermals rollte unten ein 22 bellte — Vor dem Hofball. 123 unten der Hofhund, und der Baron Karl warf ſeine Cigarre ins Feuer und gieng nachdenkend mit großen Schrittengauf und ab; er ſchien mit ſich zu Rathe zu gehen und etwas Wichtiges zu überlegen, und je mehr er ſich in Gedanken vertiefte, deſto heiterer wurden ſeine Mienen, und als er endlich an den Kamin zurück trat und die Klingel zog, ſummte er leiſe vor ſich hin: „Unter blüh'nden Mandelbäumen, An der Loire grünem Strand.“ Lukas trat ein. „Iſt der Hoflakei noch draußen? Laß ihn herein kommen!“ Jean trat ins Zimmer, machte ſeinem ehemaligen Herrn eine tiefe Verbeugung und referirte auf's Umſtändlichſte, was er von der Unterredung der Hofdame mit der Gräfin Clara erlauſcht. Zuweilen unterbrach ihn der Baron mit einem lachenden: „Ei, eil ſchön! ſehr ſchön!“ und ſagte, als der Hoflakai geendigt hatte, indem er aus der Weſtentaſche ein paar Dukaten nahm und ſie ihm hinreichte:„Ich bin dir für deine Mittheilungen ſehr dankbar; hier, bezahle dir eine Drotſchke, damit du nicht zu ſpät ins Schloß kommſt. A⸗ Der Lakai machte eine zögernde Verbeugung, und auf die Frage, ob es noch etwas gebe, ſagte er mit dem allerdevoteſten Tone:„Wenn in dem Haushalt Euer Gnaden wieder einmal eine Stelle frei würde, ſo würde ich mich außerordentlich glücklich ſchätzen, wenn die Augen des Herrn Barons auf mich fielen, ich würde ganz glücklich ſein, wenn ich mir jetzt das Vertrauen des gnädigen Herrn, das mir früher gefehlt, erworben; das war der einzige Kummer, den ich hatte, Herr Baron.“ „Du biſt ehrgeizig, Jean,“ antwortete derſelbe und klopfte ihm lachend auf die Achſeln;„vor der Hand dienſt du mir beſſer in deiner jetzigen Stellung, ſpäter wollen wir einmal weiter ſehen.“— Er winkte mit dem Kopfe und der Hoflakai verſchwand. 1 124 Neuntes Kapitel. Ein neuer Zug an der Glocke rief den Jäger abermals herein. 3 3 7„Wie geht's Lukas?“ fragte freundlich der Baron; nnicht wahr, wir träumen ſonderbares Zeug? Ja, lieber Freund, auch ich habe gar merkwürdige Träume, zuweilen finſter und unheim⸗ lich, aber ich hoffe, das Erwachen ſoll angenehm ſein— was meinſt du?“ Der Jäger zuckte mit den Achſeln und erwiderte ernſt: „Das Träumen dauert aber ſchon lange, Herr Baron, und wenn ich nicht bald aufwache, ſo fürchte ich wahrhaftig, ich muß fort⸗ träumen bis in die andere Welt hinüber; ich habe mich aber ſo an meine Traͤume gewöhnt, ſie ſind unterſchiedlich recht angenehm. Schuld des Herrn Barons, daß wenn ich plötzlich aufwache und den blauen Regenſchirm ſehe, ich mich wahrſcheinlich nach dem langen Schlafe zurückſehnen werde. Aber, Herr Baron,“ ſagte er ſehr ernſt und trat näher,„wenn ich alsdann aufwachte, ganz allein in der Welt ſtehend, und machte mich auf und ſuchte nach Ihnen,— denn ich fange an zu glauben, daß Sie wirklich irgend⸗ wo in der Welt exiſtiren müſſen— ſo dürfte ich doch bei Ihnen eintreten, und Sie nähmen mich vielleicht ſo freundlich in Ihre wirklichen Dienſte, wie Sie es bisher im Traume gethan?“ Man konnte in dieſem Augenblick nicht genau unterſcheiden, ob es das blitzende Auge des Jägers war oder eine Thräne in den dunklen Wimpern, worin ſich die Wachskerzen auf dem Ka⸗ min widerſpiegelten.. Der Baron reichte dem Diener gerührk die Hand und ſagte ernſt und feierlich:„Träumend oder wachend, Lukas, du biſt mir ſtets willkommen; mein Haus iſt beſtändig für dich offen.“ Deer Jäger verbeugte ſich dankend und drückte mit ſeinen . beiden Händen die Rechte des Barons, dann ließ er ſte los und ſtand wieder kerzengerade da, die Befehle ſeines Herrn erwartend. „Lukas, u ſagte derſelbe,„es iſt mir von großer Wichtig⸗ keit, noch vor dem Balle jenen Kutſcher zu ſprechen, welcher die * 1 Vor dem Hofball. 125 Frau von C., die Hofdame, gewöhnlich zu fahren pflegt und auch dieſen Abend fahren wird; kennſt du ihn vielleicht?“ „Es wird Joſeph ſein,“ ſagte der Jäger,„ich habe ihn heute in der Dämmerung fahren ſehen, Jean war hinten auf.“ „So nimm meinen Brougham,“ entgegnete der Baron, „ſuch' den Kutſcher augenblicklich und bring' ihn mir hieher.“ „Der Herr Baron wollen mir die Bemerkung erlauben: es iſt ſchon halb acht, und um dieſe Zeit pflegen die königlichen Kutſcher ihre Pferde aufzuſchirren; er wird nicht Zeit haben, abzukommen.“ 1 „Du haſt Recht,“ ſagte der Baron,„nimm aber dennoch meinen Wagen, fahre an den Marſtall und ſage dem Kutſcher, ich wolle ihn dort ſprechen, aber im Vertrauen ſprechen, ſobald er vom Palais der Prinzeß Eugen zurückkommt,— iſt der Joſeph ein vertrauter Menſch?“ „O ja, Herr Baron, wenn er will,“ entgegnete der Jäger, „und er wird wohl keine Urſache haben, Sie zu täuſchen.“ „Gut alſo,“ ſagte der Baron, veinige Minuten nach Acht fahre ich!“ und ſetzte leiſe zu ſich ſelber hinzu:„Ich werde als⸗ dann etwas ſpäter auf den Ball kommen und gehörig begafft wer⸗ den; das Gift über mich hat dann Zeit ſich auszubreiten; ich muß der Geſellſchaft dieſen Gefallen ſchon erweiſen.“ 3 Er winkte dem Jäger freundlich mit der Hand, der ſich als⸗ bald entfernte, und zog ſich in ſein Ankleidezimmer zurück. Behntes Kapitel. * Aus dem Masrſtall. — O— Es mochte drei Viertel auf Acht ſein, als Joſeph die beiden Schimmel Pluto und Tibull abermals in ihren Ständern herumdrehte und zum Einſpannen fertig machte. Der Stall hatte ein ganz anderes Ausſehen, als heute Nachmittag; viele Laternen, die von der Decke herab hiengen, beleuchteten den langen Gang ziemlich hell, und man ſah jetzt wenigſtens ebenſo viel, wie am Tage; denn die kleinen Fenſter ließen kein überflüſſtges Licht herein. Die Pferde hatten ſoupirt, und unter ihnen war friſches Stroh geſchüttet, in welchem ihrem Bette ſie ſo recht behaglich ſtanden und herumtrampelten. Hier da wandte eins den Kopf herum und ſah mit ſeinen leuchtenden Augen nach den Laternen, deren Licht ſich in denſelben widerſpiegelte; manches wälzte ſich auch ſchon behaglich in ſeinem Strohlager und ſah äußerſt ver⸗ gnügt den armen Collegen zu, welche eingeſchirrt daſtanden, um in Nacht und Regen hinaus zu gehen. 4. b Es war dieſen Abend viel mehr Leben, viel mehr Spektakel 1 in dem Stall, als heute Nachmittag; auch eine Menge Kutſcher 263 2* —,————— Aus dem Marſtall. 127 liefen umher oder ſchirrten auf, dort wurde den Pferden laut zu⸗ gerufen, hier wieherte ein Hengſt, der neben ſeinen Gefährten zurückbleiben mußte, dort zog einer der Stallleute den Rock an und kämmte ſich vor einem handgroßen Spiegel den Backenbart. Auch ſah man dieſen Abend in der Stallgaſſe viel weniger Pferde⸗ ſchweife, aber deſto mehr Köpfe, indem faſt ein Drittel ſämmt⸗ licher Pferde zum Einſchirren bereit ſtanden;— bei ſo einem großen Ball ſind eine Menge Equipagen nothwendig und der ganze Hof bedient ſich derſelben, einſchließlich der Kammerherren und Adjutanten, wenn ſie auch Pferde ſelbſt genug im Stall ſtehen haben. Joſeph ſtand neben ſeinen Schimmeln und war eben be⸗ ſchäftigt, an dem Kopfzeug Tibull's den Kehlriemen zuzuſchnallen, und zog über dem Stirnband das lange, weiße Haarbüſchel herunter.„Ich möchte doch wiſſen,“ ſprach er zu ſich ſelber,„was der alte Baron von mir will! Wenn der Lukas ein Kerl wäre, der überhaupt zu ſo dummen alten Späſſen aufgelegt wäre, ſo würde ich glauben, er wolle ſich einen mit mir machen; aber den alten Jäger habe ich nie lachen ſehen; er ſchaut beſtändig mit einem ſo finſteren Geſicht in die Welt, daß man darauf ſchwören kann, ihm fällt's nie ein, einen alten ſchlechten Witz zu machen. Nun, will ſchon ſehen, was man von mir will.“ In der Stallgaſſe wurde unterdeſſen bedeutend gelärmt, auch mitunter gejubelt, und allerlei Witze und lautes Lachen erſcholl in dieſen ſonſt ſo ſtillen, Räumen. In der Mitte des Ganges gieng eine ſehr dicke Geſtalt auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, in blauem, bis unter den Hals zugeknöpftem Livreerock; derſelbe war von Farbe und Schnitt wie alle übrigen, nur hatte er an dem Kragenrande eine ſchwere Goldborte. Die Beine dieſer Geſtalt waren zum Unterſchiede von den übrigen Stall⸗ leuten mit langen, blauen Beinkleidern verſehen, auch trugen ſie Stiefel ohne Sporen. 128. Behntes Aapitel. Wo ſich aber in der Stallgaſſe der dicke Mann ſehen ließ, da ſank das laute Sprechen zum leiſen Flüſtern herab und das Lachen zu mühſam unterdrücktem Kichern; auch langten die Meiſten ehrerbietig an ihren lakirten Hut, wenn er würdevoll vorüber⸗ ſchritt, und die Stalljungen ſtanden in ſolchem Augenblicke bolz⸗ gerade in den Ständern der Pferde, wo ſie gerade einſchirren halfen. Dieſer Mann war auch eine außerordentlich wichtige Perſon im Staate, es war der Oberkutſcher, Herr Mundels, und er allein hatte das Vorrecht, die Allerhöchſten Perſonen zu fahren— er war nämlich Leibkutſcher des Königs und vollkommen mit ſich darüber einig, daß ſein Amt wichtiger als das einer jeden der oberſten Hofchargen ſei; war es doch z. B. nur bei ganz großen und feierlichen Gelegenheiten ſo einem Hofmarſchall vergönnt, mit ſeinem Stabe vorauszutreten, und konnte ſich auch dieſe Charge nicht rühmen, vor dem König bedeckten Hauptes ſitzen zu dürfen, wohl aber der Oberkutſcher. Wie feierlich und würdig ſchaute er von ſeiner reichgeſtickten Bockdecke herunter, wie wohl that es ihm, wenn Jeder, der nur von Weitem die dicke Geſtalt mit dem Zügel in der Hand da oben erblickte, ſtehen blieb und ehrerbietig an den Hut langte, wie war er ſo voll Ehre, wenn er, freilich etwas mühſam, auf ſeinen Sitz hinaufkletterte! Ja, Herr Mun⸗ dels, der im gewöhnlichen Leben der leutſeligſte und freundlichſte Mann war, machte ordentlich ein ernſtes, ingrimmiges Geſicht, wenn er, den dreieckigen Hut quer auf den Kopf gedrückt und die Peitſche majeſtätiſch auf den rechten Schenkel geſtützt, da oben ſaß. Wie ehrfurchtsvoll langte aber auch der Leiblakei an ſeinen Hut und erſuchte ihn, ob er ſo freundlich ſein wolle, da⸗ und dorthin zu fahren!“ Als er heute Abend ſo in der Stallgaſſe herumſpazierte, hätte man ihn für einen alten Ritter halten können, der eben im 2. 4 Begriffe iſt, ſein Schlachtroß zu beſteigen und Alles vor ſih nieder zu werfen, ſo feierlich und feſten Fußes ſchritt er einher,. Aus dem Marſtall. 129 den Kopf hoch erhoben und im ſtolzeſten Selbſtbewußtſein frei um ſich ſchauend. Sein Page, in Geſtalt eines kleinen Stalljungen, gieng Schritt für Schritt hinter ihm drein und trug ihm Helm und Lanze, das heißt: den dreieckigen, goldbordirten Hut und die mächtig lange Peitſche mit dem Elfenbeingriff. Jetzt wurde dem Oberkutſcher gemeldet, daß für ihn einge⸗ ſpannt ſei, worauf er langſam zur Thür hinausſchritt, eilfertig gefolgt von den andern Kutſchern, welche, ihre Pferde an der Hand, ihm folgten, auch Joſeph mit Pluto und Tibull. Dieſes Mal waren in der Remiſe ſämmtliche Thüren geöff⸗ net, und aus allen ſchauten die Wagendeichſeln heraus; das ſonſt ſo finſtere Gelaß ſah jetzt mit den vielen Wagenlaternen wie illuminirt aus und bot einen freundlichen Anblick dar. Nachdem der Oberkutſcher aus den Händen ſeines Pagen Helm und Lanze empfangen und ſich auf ſeinen Bock geſchwun⸗ gen hatte, fuhr er langſam und feierlich davon, eben ſo Joſeph mit dem Geſpenſterwagen und die übrigen alle, worauf ſie ſich nach allen Richtungen zerſtreuten und bald die Remiſe ſo dunkel ließen, wie früher. N Die Stallthüre wurde geſchloſſen, und wir ſind überzeugt, daß die Stallwache, ſich außerordentlich freuend, bei dem naſſen Regenwetter hier bleiben zu können, ſich abermals auf einen Strohhaufen warf und abermals anfieng, das Schwalbenlied zu pfeifen. Jean hatte Recht gehabt: die erſte Hofdame fuhr allein auf den Ball und ließ außerdem, ehe ſie herunter kam, ihren Wagen noch eine kleine Weile warten, ſo daß Joſeph, als er zum Palais des Prinzen Eugen hinauf fuhr, ſchon ſeinen ſämmt⸗ lichen Collegen begegnete, die von dort zurückkamen. Als er nun zum zweiten Male vor das Schloß fuhr und wieder zum Palais hinauf und dann in die Remiſe zurückkehrte, waren die andern Wagen ſchon alle wieder ausgeſpannt, und er befand ſich in dem Hackländer, Namenl. Geſchichten. I. 9 130 Zehntes Kapitel. dunklen Raum allein, da auch Jean ſchon am Palais ſich eilfertig entfernt hatte. 8 Joſeph hatte kaum die Stränge gelöst und die Aufhalter los geſchnallt, als er das dumpfe, leiſe, zitternde Rollen eines leichten Broughams vernahm und jetzt die beiden Laternen dieſes Wagens ſah, der auf einmal an der Schloßecke hielt; er hörte den Schlag öffnen und ſah, wie ein Herr, in einen Mantel ge⸗ wickelt, ſich der Remiſe näherte. Eine Stimme ſagte:„Iſt es Joſeph?“ und der Kutſcher trat vor. 1 „Es freut mich, daß Ihr Wort gehalten,“ ſagte der Baron Karl, denn er war es, und zog den Kutſcher mit ſich in das Innere der Remiſe; nich glaube, ich kann mich auf Euch ver⸗ laſſen.“ „Was ich verſpreche, gnädiger Herr,“ entgegnete Joſeph, „daran pflege ich ein für allemal nichts zu ändern, und es muß mir eine Ehre ſein, von einem Herrn wie Sie aufgeſucht zu werden.“ „Ihr ſeid ein geſcheidter Menſch,“ fuhr der Baron fort, und werdet mich verſtehen.“ K— „Was das Geſcheidtſein anbelangt,“ ſagte der Kulſcher, „ſo will ich mich allenfalls dazu verſtehen, wenn es in mein altes Geſchäft hineinſchlägt, wenn ich damit dienen kann und es nicht gegen die alte Stallordnung anſtößt, recht gern!“ „Ihr ſollt mir einen Gefallen erzeigen,“ entgegnete der Baron; nes iſt durchaus nichts Unrechtes, was ich verlange, und es liegt in Eurem Geſchäft.“ „Nun, wenn etwas mit Peitſche und Zügel auszurichten iſt und ſonſt keinen alten Hacken hat, da will ich einmal hören.“ „Ihr holt heute Abend die Hofdame, Frau von C. vom Balle ab? „Allerdings, um zwölf Uhr, und auch das alte Hoffräulein.“ „Wen, Alter?“ Aus dem Marſtall. 131 „Bitte um Entſchuldigung, wollte ſagen das Hoffräulein auch von dem alten Balle, Punkt zwölf Uhr, das heißt, etwas ſpäter, da ich zweimal fahren muß.“ „Ganz recht, ganz recht! Und wenn Ihr mit dem Hof⸗ fräulein zurückkommt, ſo könnte es Cuch ja in der Nähe des Triumphbogens paſſiren, daß eines von Euren Pferden ſich einen Stein in das Hufeiſen träte; was man in dem Falle thut, wißt Ihr ja.“ „Ah ja!“ ſagte der Kutſcher, und ein leichtes Lächeln flog über ſein Geſicht. „So wie Ihr alſo am Triumphbogen merkt, daß das Hand⸗ pferd einen Stein im Hufe hat, ſo...“ „Halte ich an,“ ſagte Joſeph,„und klopfe den alten Stein wieder heraus, ich verſtehe.“ „Ganz recht! Zu lange wird das Herausklopfen nicht dauern,“ fügte der Baron hinzu;„und wenn man in dem Wagen ungeduldig wird, wird man es Euch ſchon ſagen.“ „Verſtanden,“ antwortete der Kutſcher;„iſt das Alles?“ „Vor der Hand, ja,“ Fentgegnete der Baron und näherte zu gleicher Zeit ſeine Hand der des Kutſchers, wo er etwas hin⸗ eingleiten ließ.“ Joſeph ſträubte ſich anfänglich, die Geldſtücke zu nehmen, und hielt den Baron, der ſich aus der Remiſe entfernen wollte, am Mantel feſt.— „Laßt nur gut ſein, Joſeph,“ ſagfe dieſer,„eine Kleinigkeit! Oder wollt Ihr ſonſt noch etwas ſagen?“ fügte er hinzu, als ihn der Kutſcher nicht los ließ. „Verzeihen Sie, Herr Baron,“ ſagte Joſeph, naber ich hätte allerdings noch etwas zu bemerken; ich wollte nämlich nur fragen, ob auch dem Hoffräulein ein Gefallen damit geſchieht, wenn ich ſie an dem alten Triumphbogen mitten in der Nacht auf einmal halten laſſe, ich kann es wahrhaftig nur in dem Falle 9*½ — ——-— Zehntes Kapitel. thun, wenn es ihr recht iſt, und das werden Sie mir in Wahr⸗ heit ſagen.“„ „Unbeſorgt,“ ſagte der Baron,„es geſchieht mit ihrem Willen— nun was weiter?“ „Dann möchte ich noch wiſſen,“ fuhr der Kutſcher pfiffig lächelnd fort, und faßte zur Entſchuldigung, daß er den unge⸗ duldigen Cavalier ſo lange aufhielt, ehrerbietig mit der Hand an ſeinen lakirten Hut,„dann wollte ich alſo nur noch wiſſen, wenn die alte Hofdame da oben die Geſchichte zufällig einmal erfahren ſollte, ob es ſie auch vielleicht recht freuen würde.“ „Im Gegentheil,“ lachte der Baron, indem er davonſprang, „die würde kein ſonderliches Gefallen daran haben.“ „Ganz gut,“ ſagte der Kutſcher,„Tibull ſoll ſich einen mächtigen Stein in den alten Huf eintreten.“ Draußen rollte der Brougham davon, und Joſeph trat an ſeine Wagenlaterne, öffnete behutſam ſeine Hand und ſah mit wirklich außerordentlichem Erſtaunen daß er vier Dukaten in der⸗ ſelben hielt; doch mochte die Größe dieſer Summe daran Schuld ſein, daß er auf den Gedanken kam, es könne für ſo viel Geld unmöglich etwas Anderes als etutos ſehr Unrechtes von ihm verlangt werden, weßhalb er ſich die Sache hin und her überlegte und zu Beruhigung ſeines Gewiſſens endlich vollkommen mit ſich im Klaren war, daß es durchaus nicht gegen die Stallordnung und gegen den königlichen Dienſt verſtoße, an dem alten Triumph⸗ bogen einen Augenblick zu halten. „Was ich verſprochen, werde ich thun,“ ſagte er zu ſich ſelber,„aber etwas Anderes geſchieht unter keiner Bedingung; die alte Wagenthür darf mir nicht geöffnet werden, und es darf Niemand hinein, und es darf Niemand heraus.“ Ihm ſchwebte etwas von einer gewaltſamen Entführung vor, und in Folge deſſen beſchloß er, daß unter gar keinen Be⸗ dingungen die Wagenthür geöffnet werden dürfe.— „Der Teufel auch,“ ſagte er,„das gäbe eine ſaubere alte Aus dem Marſtall. 133 Geſchichte, wenn ſie mir das Hoffräulein wegnähmen, und es hieße am andern Morgen: Der Joſeph, der Eſel, iſt mit einem leeren Wagen nach Hauſe gekommen! Daraus wird nichts! Und was das Geld anbelangt,“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort und beſah die vier funkelnden Goldſtücke,„ſo iſt es beſſer, ich behalte für meine Perſon nichts davon. Dieß da,“ er ſchob ein Stück in die linke Weſtentaſche,„iſt für die alte Frau,'s iſt da ſo gut angelegt, als wenn ich es in die Armenbüchſe thäte; dieß da,“ er ſchob zwei Stück in die rechte Weſtentaſche, viſt zur Collekte für das arme Kind, und für den letzten Dukaten werde ich heute Abend in der Kutſcherſtube einen capitalen Punſch auf⸗ wichſen; ich bin das meinen Kameraden ſchuldig, denn jeder von ihnen hätte eben ſo gut wie ich zufällig den alten Geſpenſter⸗ wagen heute Abend fahren und das Geld ebenfalls verdienen können. Abgemacht! Komm, Pluto!“ Damit warf er die Zügel über die Schulter, nahm die Peitſche in die Hand und zog in den Stall. Bald waren die Pferde ausgeſchirrt; Joſeph ſteckte die Hände in die Taſchen und gieng in die Stadt hinaus, um augen⸗ blicklich die Ingredienzien zum erwähnten Punſch einzukaufen. Wie naß war es auf den Straßen, wie fegte der Wind und raſſelte mit den wenigen alten Straßenlaternen, die noch hie und da hiengen und trübſelig roth brannten! Wenige Leute waren in dem Wetter draußen, und dieſe Wenigen eilten, in Mäntel eingehüllt, raſch ihres Weges oder balancirten mühſam die durch den Sturm rebelliſch gewordenen Regenſchirme. Der Kutſcher mußte lachen, als er vor ſich her einen Mann gehen ſah, der mit ſeinem ohnehin defekten Regenſchirm alle mög⸗ lichen Verſuche machte, ſich vor der Näſſe zu ſchützen und dem Sturme Trotz zu bieten. Bald drehte er das hellbraune, vor Alter verſchiedenartig geſtreifte Dach links, bald rechts, hob es jetzt hoch empor und ſenkte es dann auf ſeinen Kopf, wobei er bald ausſah, wie ein wandernder Pilz, und jetzt, als er ſich ganz 134 Zehntes Kapitel. niederduckte, um eine vom Regen angeſchwollene Rinne zu über⸗ ſpringen, und dann wieder, vom Winde geweht, rechts fuhr und darauf wieder links, wie eine wahnſinnig gewordene Schildkröte. — Der unglückliche Träger des unglücklichen Regenſchirms, der ſich noch zu guter Letzt durch einen außerordentlichen Wind⸗ ſtoß verzweiflungsvoll überſchlug und wie um Barmherzigkeit jammernd ſeine früher abwärts gekehrten Spitzen nun wie eben ſo viel Arme aufwärts gen Himmel ſtreckte, trat zu gleicher Zeit in den Laden des Spezereihändlers. Wie lachte der Kutſcher, als er nun in das Geſicht des Regenſchirmmannes ſah und auf die ärmlichen Kleider deſſelben, an welchen das Waſſer heruntertröpfelte! Doch lachte Joſeph nicht aus böſem Herzen oder aus Schadenfreude, ſondern weil er ſich freute, in dem Durchnäßten einen alten Bekannten zu finden, und weil er merkte, daß derſelbe trotz des ſchauerlichen Wetters in einem dünnen ſchwarzen Frack ſich befand und daß er gelbe naſſe Glagehandſchuhe anhatte und daß der eine ſeiner Vater⸗ mörder ſchlaff herabhieng und der andere hoch aufgerichtet da⸗ ſtand, als fordere er die ganze Welt zur Rechenſchaft auf über die Niederlage ſeines leblos hingeſunkenen Kameraden. Dem Durchnäßten war nicht wohl zu Muthe— er blickte mit einer Jammermiene auf ſeinen zerſtörten Schirm und auf ſeine ruinirte Toilette, und der Kutſcher mußte alle möglichen Troſtgründe aufſuchen, ehe es ihm gelang, auf dem blaſſen Ge⸗ ſicht des Andern ein leichtes Lächeln hervorzurufen. 4 „Nehm' Er's mir nicht übel, Dubel,“ ſagte Joſeph immer fort lachend,„aber Er ſieht ſo komiſch und defekt aus, ſo einer naſſen alten Katze ähnlich, daß man Ihn unmöglich ohne Freu⸗ den anſehen kann! Was hat Er denn zum Teufel in dem alten Hundewetter auf den alten Straßen herum zu laufen„und oben⸗ drein in dem alten ſchwarzen Frack? Ich glaube gar, Er will auf den Hofball, he? alter Suitier!“ Der Schneider mußte bei dieſer Anrede ebenfalls mitlachen, 7 — 7 —+——S· Aus dem AMarſtall. 135 und ſeine feurige Phantaſie ſpiegelte ihm vor, es könne einem Cavalier, der wirklich zum Hofball gehe, ebenfalls ein ſolches Unglück zuſtoßen; doch beſchatteten ſich gleich darauf ſeine Züge wieder und er ſtieß einen ſchweren Seufzer aus. „Hatt' Er heute Abend was vor, alter Dubel?“ fuhr der Kutſcher fort; nich glaube wahrhaftig, Er war auf dem Wege zu einem alten Rendezvous, he! hab' ich's getroffen?“ Der Herr Dubel erhob ſein niedergeſchlagenes Auge, und der ſchmerzlich lächelnde Blick, mit dem er den Kutſcher anſah, ſagte mehr als tauſend Worte, daß das unerbittliche Regenwetter wirklich eine der ſchönſten Hoffnungen des Schneiders vernichtet. „O Gott!“ ſeufzte er,„was ſoll ſie— was ſoll man, wollte ich ſagen, von mir denken?“ „Alſo wirklich ſo ein altes Rendezvous?“ lachte der Kut⸗ ſcher,„Dubel, Dubel, Er iſt ein Himmelſakermenter!“ „Ach, geht mir weg, Joſeph,“ entgegnete der Schneider, „man kann ſo was nicht gleich Rendezvous nennen! ſagen wir: eine Einladung in ein höchſſſſ⸗t anſſſſ⸗tändiges und achtbares Haus, wo ſich allerdings eine junge Dame befindet, die mir gewiſſer⸗ maßen eine Erkenntlichkeit ſchuldig iſſſſet, ein ſehr anſſſſ⸗tändiges Haus.“— Dabei machte er den vergeblichen Verſuch, den herab⸗ hängenden Vatermörder ſanft aufzurichten. „Jetzt iſt aber dieſe Einladung,“ antwortete der Kutſcher, „aus lauter Waſſer zu Waſſer geworden, und ich will Ihm was ſagen, alter Dubel: ſo kann Er in das anſtändige Haus nicht gehen, alſo weiß Er was, komm' Er mit mir in den Stall; ich will hier eben das Nöthige zu einem tüchtigen Punſch einkaufen, und da kann Er mithalten,'s iſt beſſer ſo; in dem anſtändigen Hauſe bekommt Er doch nur Thee zu ſaufen, und kann auch an einem andern Abend hingehen. Komm' Er nur mit! ich geb' Ihm da meinen alten Mantel, und da kann Er Seinen Frack zum Trocknen an den Ofen hängen.“ Der Schneider ſtellte den rechten Fuß zierlich vor den linken, 136 Zehntes Kapitel. erkundigte ſich, wie viel Uhr es ſei, und verſank, indem er die Hände auf den Rücken legte, einen Augenblick in tiefes Nach⸗ denken. Wollte man der Wichtigkeit ſeiner Mienen glauben, ſo konnte man vorausſetzen, er ſpräche ungefähr folgender Maßen zu ſich ſelber:'s iſt jetzt halb Neun; bis ich zu Hauſe bin, iſt es Neun; meinem Kammerdiener gab ich die Erlaubniß, auszugehen, mein Kutſcher, der Schlingel, iſt im Wirthshaus; ehe ich mich alſo umkleide, ehe ich durch den Stallbuben einſpannen laſſe, iſt es halb Zehn; nein, nein, das geht nicht! ich komme auf jeden Fall zu ſpät! Und nachdem der Schneider alſo gedacht, entſchloß er ſich, von ſeiner hohen ſocialen Stellung herab zu ſteigen und im Kutſcherzimmer des königlichen Marſtalles einen Punſch ein⸗ zunehmen. Einige Flaſchen Rum, ſowie der nothwendige Zucker und Citronen waren bald gekauft, und die Beiden traten ihren Rück⸗ weg an. Der Herr Dubel machte keinen weitern Verſuch, mit dem widerſpenſtigen Regenſchirm gegen Wind und Wetter zu ſteuern, und langte aus dieſem Grunde ſo ziemlich bis auf die Haut durch⸗ näßt in dem warmen Kutſcherzimmer an, wo er ſich behaglich an dem Ofen niederließ und ſeinen dünnen Frack mit dem dichten Mantel vertauſchte. Eilftes Kapitel. Ein Hofball und ſeine Folgen. Alnterdeſſen rollte der Baron Karl, in die Ecke ſeines Wagens geſchmiegt, dem Palais des Prinzen zu. Ein Anderer an ſeiner Stelle würde Angeſichts der drohenden Wetterwolken, welche an ſeinem geſellſchaftlichen Horizont finſter und haſtig em⸗ porſtiegen, einigermaßen bekümmert, wenigſtens ſehr nachdenkend geweſen ſein; Letzteres war der Baron auch, aber ohne daß irgend eine Bekümmerniß an dieſem Nachdenken Schuld geweſen wäre; vielmehr nickte er zuweilen befriedigt mit dem Kopfe oder lachte vergnügt in ſich hinein, und als er jetzt an dem dumpfen Rollen der Räder hörte, daß er unter dem gewölbten Steinportal des Palais angekommen ſei, öffnete er behende wie ſonſt den Schlag ſeines Wagens, ſprang hinaus und ſagte freundlich zu dem Jäger, indem er ſeinen Mantel abwarf, er bäte ihn, ſeinen Wagen nicht zu vergeſſen. Lukas nickte und fuhr davon.. Der Baron ſchritt durch die geöffneten Glasthüren feſten Schrittes und aufrechten Hauptes an den ſich tief verneigenden Portiers und Lakaien vorbei und gieng auf dem dicken Teppich⸗ 138 Eilftes Kapitel. 4 4 ſtreifen die breite Steintreppe hinauf, welche durch Gewächſe aller Zonen und durch Reihen blühender Blumen zu einer Gartenteraſſe umgewandelt war. Der Baron erſchien in der That etwas ſpät an den Thüren des Vorzimmers, und da es keine Kleinigkeit iſt, auf einem Hof⸗ balle zu ſpät zu kommen, ſo würden Viele an ſeiner Stelle dieſe geheiligten Räume mit bangem Herzen betreten haben, wenn ſie 36 b auch nicht, wie er, mit doppelter und dreifacher Schuld beladen geweſen wären. Geräuſchlos öffneten ihm die Kammerdiener die Thür eines erſten Zimmers, und er trat ſtolz und vornehm hinein. Hier waren ſolche Gäſte verſammelt, welche als Beamte von der und der Rangklaſſe zu den größeren Bällen bei den höch⸗ ſten Herrſchaften geladen wurden, meiſtens ältliche und gebrech⸗ liche Geſtalten mit eckigen Haartouren, ſteifen, ernſthaften Ge⸗ ſichtern, weißen, mehrere Stockwerke hohen Halsbinden und eben ſolchen Weſten, deren Schnitt etwas Patriarchaliſches hatte. Die Fräcke dieſer Herrn ſtammten gleichfalls nicht aus dem letzten 8 2 Jahrzehend und waren meiſtens aus der Frühlingszeit ihres Lebens, weßhalb ſie auch größtentheils etwas Leichtes, Idylliſches hatten; vorn war es unmöglich, ſie zuſammen zu knöpfen, und hinten endigten ſie mit langen Schößen im Schwalbenſchwanz⸗ geſchmack. So ſtanden ſie eng geſchaart, die kleinen Würde⸗ träger des Beamtenthums, in zwei Reihen, einen Durchgang 8 frei laſſend, und ſowohl die Eingangs⸗ wie die Ausgangsthür * feſt im Auge behaltend, allzeit fertig, durch einen tiefen Bückling die Aufmerkſamkeit einer hohen Perſon auf ſich zu ziehen.— Unter ihnen befanden ſich etliche jüngere Geſtalten, einige 4 mit aufgeweckten Geſichtszügen und gewiſſermaßen eleganter Tol⸗. lette, junge Künſtler, welche die kunſtliebende Fürſtin nicht zu vergeſſen pflegte und die ſich hier zeigen durften. Ihre Hofball⸗ exiſtenz war eigentlich nicht luſtiger und vergnügter, als die der 4 anndern Herrn, bei welchen ſie ſtanden; einige der Keckſten unter⸗ 6 nahmen wohl ſchüchtern eine Entdeckungsreiſe in die angränzenden 4 E Ein Hofball und ſeine olgen. 139 höhern Regionen, kehrten aber baldigſt zurück, geblendet von dem Sternenſchimmer und dem Kerzenglanz; nur zuweilen wagte es ein außerordentlich unternehmender Segler und wand ſich durch die ſtarren Eismaſſen der Hofherren hindurch in die Nähe des Tanzſaales, bis es für ein ſo kleines, unbedeutendes Schifflein kein Fahrwaſſer mehr gab, oder bis dem Wagehals an einem gewaltigen Eisblock in Geſtalt einer dicken, alten Hofdame, die nicht zu umſegeln war, der Schiffbruch drohte. Der Baron grüßte die ſich verneigenden Beamten freundlich, winkte hie und da einem Künſtler mit der Hand und bemerkte mit ordentlichem Wohlgefallen, wie kühl und förmlich ihn der Cava⸗ lier des Hauſes, ein alter, eingetrockneter Kammerherr, grüßte. Der Baron konnte es nicht unterlaſſen, ihm auf das freundlichſte die Hand zu drücken und ſte ihm länger als gewöhnlich zu ſchüt⸗ teln, wobei er ſich auch freute an der erſchrecklichen Freundlichkeit, mit welcher ihn der verlegene Cavalier angrinste. In dieſem zweiten Zimmer ſah es ſchon ganz anders aus: hier glänzten und ſtrahlten die verſchiedenartigſten Uniformen, und höhere Beamte und Stabsoffiziere freuten ſich allda ihres Lebens. Schüchterne Lieutenants, die eben in die Welt traten und in der Geſellſchaft noch nicht vorgeſtellt paren, rüſteten ſich klopfenden Herzens und verſuchten es, unter immerwährenden Entſchuldigungen, unter tauſend Verbeugungen und ſüßen Worten, den Durchgang zum Ballſaal zu erzwingen. Im dritten und vierten Zimmer bemerkte man vereinzelte Damen, ſo wie deren in kleinen Gruppen, welche von ältlichen Herrn eifrig unterhalten wurden. Man könnte die Zimmer eines Hofballs füglich mit den verſchiedenen Regionen eines Gebirges vergleichen— erſtes Zim⸗ mer: Schneeregion, wenige verkrüppelte Zwergtannen; zweites Zimmer: hochſtümmige, ſteife Fichtenwaldungen, einige Vogel⸗ kirſchen mit rothen glänzenden Beeren; drittes und viertes Zim⸗ mer: etwas wärmeres Klima, vereinzelte Alpenblumen, die 140 Eilftes Kapitel. ſchon ein rauheres Klima vertragen können, und vereinzelte Erlen im Geſpräche mit unterſchiedlichem Nadelholz; im fünften und ſechsten Zimmer blühen ſchon ſeltenere Gewächſe aller Art; auch Brillanten gedeihen hier, doch erlangen ſte in dieſen Gemächern noch nicht vollkommene Reife und große Schönheit; ſtark ver⸗ goldetes Silber, Granaten, Bernſtein, Emaille iſt vorherrſchend; etwas tiefer unten im achten, neunten Zimmer, und vor dem Ballſaale entfaltet ſich aber vor dem erſtaunten Auge die ganze Pracht einer ſüdlichen Zone; Brillanten ſind vorherrſchend, und große Rubinen mit dem flammenden tiefen Roth, prachtvolle, feingezackte Spitzen in den phantaſtiſchſten Zeichnungen wallen auf Roben von weißer und farbiger Seide. Bunte Stoffe mit den glühendſten Farben flattern, Fächer mit bunten Federn zittern hin und her, glänzende Augen ſtrahlen, und zwiſchen allem dem befinden ſich ſchwarze Fräcke, ſteif und unheimlich, oder ſpazieren umher wie hochmüthige Raben auf einem Schneefelde unter an⸗ muthig gezackten Eis⸗ und Schneeblumen. Der Baron hatte auf ſeiner Wanderung bis hieher unter⸗ ſchiedliche und durchaus nicht zu verkennende Merkmale entdeckt, welche ihm deutlich ſagten, daß im Morgenroth des Lebens ſein Stern ſchon verblichen. Eine Whiſtpartie wurde ihm im vierten Zimmer angetragen, er aber gleich darauf von ſeinem Partner gebeten, ſein ſchlechtes Gedächtniß zu entſchuldigen, indem Graf X. die vierte Karte bereits in Empfang genommen. Aeltliche Damen, mit denen er ſonſt auf dem freundlichſten Fuße ſtand, hatten ſeinen Gruß mit einem unendlich tiefen und förmlichen Knir erwidert, eine Schaar von Comteſſen endlich ſchaute ihm neugierig und erwartungsvoll nach und folgte ihm in einiger Entfernung, um ſeinen Empfang bei den hohen Herrſchaften zu ſehen... Das Gift gegen ihn hatte tüchtig gewirkt, und die Mitthei⸗ lungen über ihn waren von ſeiner Freundin, der Gräfin Clara, gewiſſenhaft benutzt worden; er ſah nicht ohne Lächeln, wie Frau A⁴ Ein Hofball und ſeine Folgen. 141 von C. bei ſeinem Eintritt überraſcht das Taſchentuch an das Geſicht führte, und wie ihn die Gräfin Clara ſcheinbar mit einem Blicke des größten Erſtaunens grüßte. Nach allem dem gehörte ſeine ganze Gewandtheit dazu, um ſich völlig unbefangen und ebenſo elegant und redſelig wie ſonſt dem Kreiſe der höchſten Damen zu nähern, der fürſtlichen Wirthin ſein Compliment zu machen und mit dieſer liebenswürdigen Dame in dem Geſpräche fortzufahren, in dem Moment, als die alte Herzogin hinter ihrem rieſenhaften Fächer ſein tiefes Compliment erwiderte, als habe ſie nicht ihm, ſondern einer Schaar liebens⸗ würdiger kleiner Kinder zugelächelt, die auf eben dieſem Fächer gemalt waren. Dieſe ſo ſichtbar ausgedrückte Ungnade fiel für die noch nichts Wiſſenden des glatten Hofzirkels wie ein Stein auf die ſtille Fläche eines See's und zog weite Kreiſe, die ſich immer mehr ausdehnten und den Sturz den entfernten Geſtaden mittheilten. Was kümmerte aber alles dieß den Baron? Stand nicht hinter dem Stuhle der jungen Herzogin das Hoffräulein, ſeine angebetete Pauline, die Königin ſeines Herzens, vor ſeinem Gewiſſen und vor Gott ſeine Braut? Er hätte Stunden lang hier ſtehen können, von Allen begafft, von Niemand angeredet, wenn er nicht hätte fürchten müſſen, die Ungnade, welche auf ihm laſtete, auch auf die unſchuldige Quelle derſelben überzu⸗ tragen, indem ſein Auge nur an ihr hieng, an ihr, die ſich ver⸗ wirrt zu einer Bekannten niederbeugte, um ihr etwas Gleich⸗ gültiges ins Ohr zu ſagen. Aus dieſem Grunde aber riß er ſich aus dem ihm ſo ſüßen Anblicke los, machte ſeine Verbeugung und trat zurück. Wo er aber gieng und ſtand, fühlte er deutlich, wie die Blicke der Um⸗ ſtehenden auf ihm hafteten, und hörte, wie man ſich in die Ohren ziſchelte, und konnte lächeln, wenn er bedachte, wie un⸗ zähliche falſche Vermuthungen man über ihn wohl habe und welche 142 Eilftes Kapitel. Urſache für die Ungnade, in die er ſo plötzlich gefallen, ange⸗ geben wurde. Der Ball nahm unterdeſſen ſeinen Fortgang, und die Zeit rollte unaufhaltſam dahin, wie es dieſe ſanfte Tröſterin für alles menſchliche Unglück ja immer zu machen pflegt. Stundeum Stunde verrann hier im Tanzſaal unter rauſchender Muſik, unter fröhlichen Menſchen— ſte waren es wenigſtens dem Aeußern nach,— berechnet nach Walzer, Maſurka, Frangaiſe; und verrann eben ſo in irgend einem dämmerigen Krankenzimmer, wo die Secunden gezählt wurden von fieberhaften Pulsſchlägen mit tiefem, ſchwerem Athemholen.—— Die Lieutenants und andern jungen Herrn tanzten mit den jungen Damen nach der rauſchenden Muſik, und die älteren Damen ſaßen in lebhafter Unterhaltung um die Kamine; die älteren Herren ſpielten Whiſt oder ennuyirten ſich; von den Bewohnern der Schneeregion verſchwand einer nach dem andern, zufrieden, ſich gezeigt zu haben und auf dem Hofballe geweſen zu ſein. 1 Der Baron ſchritt durch den Tanzſaal, wechſelte mit guten Bekannten, die ſich aus der Ungnade, welche über ihn verhängt war, nichts machten, einige freundliche Worte und ſtieß endlich auf ſeinen Gaſt bei dem heutigen Diner, den er unter dem Arme nahm und in ein Nebenzimmer zog. „Höre,“ ſagte dieſer lachend,„du thäteſt beſſer, meinen Arm los zu laſſen; Menſch, du compromittirſt mich auf eine fürchterliche Art, ſiehſt du? ſchon ſchaut man neugierig auf uns herüber! O Gott, wenn das meine Schweſter Clara ſieht, ſo werde ich heute Abend keinesfalls zum Tanze rekommandirt!“ „Laß das gut ſein,“ ſagte der Baron,„meine Sonne geht unter, um ſich deſto ſtrahlender wieder empor zu ſchwingen; ich bin ein ſchwüler Sommerabend, ein heftiges Gewitter hat mich verfinſtert; dann folgt aber eine liebliche milde Nacht; du weißt, wenn die Wolken ſich wie weiche Schleier anmuthig dehnen, und wenden und einen pas de shwal mit dem Monde tanzen. Jetzt ₰ — Ein Hofball und ſeine Folgen. 143 tändeln ſte um ihn herum und laſſen nur an dem ſanften Glanze ahnen, wo ſich der ſchöne Himmelskörper befindet; jetzt hebt ſich das ſilberne Gewebe, und er lauſcht verſchämt hindurch; die untern Wolken ſinken abwärts, und bald ſteht ein ungetrübter, klarer Himmel vor uns.“ „Das iſt Alles ſchön und gut,“ ſagte der Andere, nach⸗ dem ſich die Beiden in einem entfernten Zimmer in zwei Fauteils am Kamine niedergelaſſen,„das iſt Alles ſchön und gut, aber ich glaube, deine Nacht wird verzweifelt lang ſein, ſo eine Polar⸗ nacht, und wenn deine Sonne wirklich wieder aufſteigt, leuchtet ſie trübſelig am Horizont durch dichte Nebel und erhebt ſich zu keinem rechten Licht und Glanze mehr.“ Der Baron bemühte ſich, die glimmenden Holzblöcke in dem Kamin anzufachen, und als ihm dieſes gelang, ſo daß die Flammen hell hinaufſchlugen, ſagte er triumphirend:„Glänzend wird ſie wieder ſtrahlen, die Flammen meines Glücks werden aufſchlagen, wie die Flammen aus dieſer erloſchenen Gluth; aber ernſtlich geſprochen, gib' mir einen Rath, was in meiner Sache zu machen iſt.“ „Da iſt guter Rath auf jeden Fall theuer,“ entgegnete der Andere, voder ſehr wohlfeil, wie du willſt. Laß morgen früh einſpannen, fahre zur alten Herzogin und halte um die Hand des Hoffräuleins an; du biſt eine der erſten Parthieen die ich kenne, man kann dir das Mädchen im Grunde nicht abſchlagen!“ „Und wenn ſie es doch thun, wenn ſie ſich darauf caprieiren, mir ihren Beſitz zu verweigern, wie dann?“ „Ja, was dann? dann bleibt freilich nichts übrig— 4 „Als Paulinen zu entführen, meinſt du.“ „Bst, bst, bst!“ ſagte der Andere erſchrocken und ſah ſich ſchüchtern rings um:„wie kann man nur ſo etwas ſagen! eine Entführung bei Hofe! das iſt ja ſeit ewigen Zeiten nicht vorgekommen.“ „Weil es ſich ſeit ewigen Zeiten der Mühe nicht lohnte, von —õ—x—x——— 144 Eilftes Kapitel. da etwas zu entführen; aber verzeihe mir den Spaß, ich denke nicht im Entfernteſten an dergleichen. Meine Meinung iſt eben⸗ falls, ich laſſe mich morgen früh melden und werde neugierig ſein, zu erfahren, welche Gründe man geltend machen könnte, um mir die Hand des Fräuleins zu verſagen.“ „Das iſt Alles ganz ſchön und gut,“ entgegnete der An⸗ dere,„aber ich kann dir verſichern, daß es ihnen an Gründen durchaus nicht fehlt; es wäre bei Gott am Beſten, du näherteſt dich auf die eine oder die andere Art der Frau von C. wieder. Du kannſt ihr ja vielleicht ſagen oder ſagen laſſen— 4 „Ich liebe eigentlich nur ſie,“ willſt du ſagen.„Nein, nein! ich habe gegen ſie gefehlt, ich hätte ehrlicher ſein ſollen, ich habe unter der Maske geſpielt, das iſt wahr; aber wenn ich mich ihr je wieder nahe, ſo ſei es mit offenem Viſir und ſei es, indem ich durch ein offenes Bekenntniß meiner Liebe zu Paulinen den Verſuch wenigſtens mache, mich in ihrer Gunſt zu reſtauriren.“ „Aber eben zu dieſem Zwecke mußt du dich der Baronin wieder nähern,“ antwortete der Andere und ſah mit Schrecken auf ſeine Uhr, wie ſchnell die Zeit vergehe. Er verſicherte, zu einem Walzer, der nächſtens anfangen müſſe, und zu einer Ma⸗ ſurka, zu einem Strohmann im Whiſt engagirt zu ſein, und ſchwor, für einige ſehr wichtige Cauſerieen in Anſpruch genommen zu ſein. Aus all' dieſen Gründen ſtand er von ſeinem Fauteuil auf⸗ und wiederholte:„Aber eben zu dieſem Zwecke halte ich es für⸗ dringend nothwendig, daß du es verſuchſt, bei Frau von C. vorzukommen. Zum Teufel! du mußt nicht den Allzukoſtbaren ſpielen und vom allen Dingen nicht vergeſſen, daß die Einwilli⸗ gung zu einer Verbindung mit Paulinen ſehr von der Baronin abhängen dürfte.“ Bei dieſen Worten hatte der Graf eine ſehr wichtige Miene angenommen, zupfte vor dem Kaminſpiegel ſeine Halsbinde in die Höhe und ſtrich wohlgefällig das rothe Ordensband, welches Ein Hofball und ſeine Folgen. 145 um dieſelbe geſchlungen war, nieder.„Glaub mir, Charles,“ fuhr er fort,„ohne Frau von C. geht's nun einmal nicht; ſchreib' ihr zwei Zeilen, und noch heute Abend, jetzt gleich— dort auf dem Tiſchchen ſteht Alles, was du brauchſt; man läßt es ihr noch heute Abend zukommen— es iſt wahrhaftig das Beſte ſo.“ Der Baron ſah nachdenkend in die Flamme des Kamins und ſtieß mit dem Schüreiſen die glühenden Kohlen zuſammen; er ſchien ſich nur ungern der Baronin zu nähern, ſah aber zu gleicher Zeit, wie nothwendig es ſei, dieſen Schritt zu thun. Der Graf fuhr fort:„Je mehr ich mir das überlege, ſo iſt dieß der einzige Weg zu dem Ziele zu gelangen. Nebenbei ge⸗ ſagt, biſt du der Frau von C. wahrhaftig eine kleine Erklärung ſchuldig; ſchreib' ihr alſo zwei freundliche Zeilen, aber ganz in demſelben Styl wie früher, und bitte ſie, ſte möge dir auf morgen eine Stunde beſtimmen.“ Der Baron gieng widerſtrebend an den kleinen Schreibtiſch, aber er gieng und ſchrieb mit noch größerem Widerwillen ſechs Zeilen„ die er in ein Couvert ſteckte, verſiegelte und ſeinem Freunde übergab. „Da nimm!“ ſagte er,„aber beſorg's pünktlich, ich fahre gleich nach zwölf Uhr zu Hauſe; wenn du nach dem Ball noch einen Augenblick bei mir vorkommſt, ſoll mich's freuen; im an⸗ dern Fall aber laß' mich mein Schickſal morgen früh mit ein paar Worten wiſſen.“ „Du gehſt ſchon?“ „Was ſoll ich hier machen? Paulinen kann ich ohne Auf⸗ ſehen zu erregen, nicht ſprechen; Prinz Eugen(wird von der alten Herzogin nicht losgelaſſen, und im Uebrigen iſt mir draußen Regen und Schnee lieber, als all die Geſichter hier, die es heute für unverantwortlich von mir halten, daß ich in der Welt bin, daß ich überhaupt je geboren wurde.— Gute Nacht!“ Der Graf ſteckte das Briefchen in ſeine Weſtentaſche, fuhr Hacklander, Namenl. Geſchichten. I. 10 146 Eilftes Kapitel. emſig mit der rechten Hand über ſeinen linken Handſchuh, wo ſich eine kleine Falte gezeigt, und gieng in den Ballſaal zurück. Der Baron blieb noch einen Augenblick ſtehen, und ſeine Augen folgten ihm; doch glitten ſeine Blicke bei der dahin wan⸗ delnden Geſtalt vorbei und blieben auf einer Francaiſe haften, die ſich im Tanzſaal aufgeſtellt. Sie war es, die dort hervor⸗ leuchtete, umgeben von Ordensſternen und Brillanten, und es kam ihm vor, als werde jede Figur nur deßhalb gezogen und ausgeführt, um ihre Schönheit in vollem Licht zu zeigen. Wie ſtolz und doch lieblich ſchritt ſie einher an der Hand des fürſtlichen Wirthes, des Prinzen Eugen— und dieſes herrliche Mädchen war ſein, und was das Schönſte war, es wußte Niemand von dem geſchloſſenen Bund dieſer beiden Herzen; ja, Niemand Frem⸗ des kannte dieſes ſüße Geheimniß, Niemand, als dort das Mäd⸗ chen ſelbſt im Glanz von tauſend Kerzen und hier er, in dem halb dunklen Zimmer, ſie von fern betrachtend! Der Baron mußte ſich mit Gewalt von dem Anblicke losreißen und eilte, indem er die glänzenden Zimmer hinter ſich ließ, über eine kleine, ihm bekannte Treppe hinunter in das Veſtibul und dann hinaus in die Nacht. Der Graf war in den Ballſaal getreten und glitt durch weinen Haufen Zuſchauer, welche bewundernd die Francaiſe be⸗ trachteten; leicht und gewandt ſchoß er dahin, mit vollen Segeln, bald ſeine Flagge hoch am Maſt tragend bald dieſelbe tief. ſenkend— * voor einer höchſten Perſon, und war gerade im Begriff, ſich bei mehreren Damen an einem Kamin zu einer Cauſerie niederzulaſſen, als er plötzlich von ſeiner Schweſter Clara geentert wurde, die ihn in ein ſchon ziemlich leer gewordenes Vorzimmer entführre. —— ——— Die Dame ſtellte ſich an einen Marmortiſch, ſtützte die eine Hand darauf, während ſie mit der andern ihr großes Ballbouquet ſchwang, und ſagte:„Nun, du kannſt es brauchen, daß du dich ſtundenlang mit dem Baron Karl in ein Nebenzimmer zurück — — — —— Ein Hofball und ſeine Folgen. 14⁴47 ziehſt, vor den Augen des ganzen Hofes bei einer ſo offenkundigen Ungnade!“ „Bah!“ entgegnete der Bruder,„was geht das mich an? Mit deiner Wuth, alle Geſchichten zu vergrößern! Stundenlang, ſagſt du, ſei ich mit ihm in einem Nebenzimmer geweſen?— Kaum eine Viertelſtunde, und wer wird's geſehen haben, wer wird auf uns achten?“ „Auf dich allerdings Niemand,“ lachte ſpöttiſch die Schwe⸗ ſter,„aber dem Baron folgen heute Abend tauſend Augen— und wenn Ihr nur etwas Wichtiges zu verhandeln hättet! Aber was wird's ſein? ein neues Pferd, eine Whiſtparthie,— wie geſagt, Alfons, du ſollteſt klüger ſein.— Mit wem haſt du heute Abend getanzt? Biſt du von einer fürſtlichen Perſon be⸗ fohlen worden?— Natürlich nein!“ fuhr die Schweſter nach einer kleinen Pauſe fort, als der Graf ſchweigend, aber im Ge⸗ fühl ſeiner ſonſtigen Unwiderſtehlichkeit Cravatte und Ordensband abermals zurecht rückte—„natürlich nein! weil Jedermann weiß, wie liirt du mit dem Baron biſt— und dich obendrein mit ihm abſondern! ſei klug, Alfons!“ „Bah!“u ſagte abermals der Graf,„bedenke nur, Clara, ein Freund und ſo eine einfache Ungnade!“ Die Gräfin ließ faſt vor Schrecken ihr Ballbouquet fallen. „Eine einfache Ungnade, ſagſt du?— eine dreifache, eine zehn⸗ fache, eine tauſendfache ſag' ich dir! und deine Eriſtenz bei Hofe ſo auf's Spiel ſetzen! wegen gar nichts, wegen eines morgigen Diner's, wegen einer Opernprobe oder dergleichen! nicht wahr?“ „Du biſt einmal wieder voreilig und oben hinaus wie immer!“ entgegnete Alfons wichtig thuend und fuhr fort, nach⸗ dem er ſich überzeugt hatte, daß das Briefchen noch in ſeiner Weſtentaſche war:„Wir haben Wichtiges verhandelt, ſehr Wichtiges!“ „Wichtiges?“ ſpottete die Schweſter;„hat er dich vielleicht 10* 148 Eilftes Kapitel. aufgeklärt über ſein Verhältniß zu der armen Adelaid— das Ungeheuer— ſo ſprich doch, wenn du etwas weißt!“ Der Graf ſah ſich vorſichtig nach allen Seiten um, lächelte abermals ſehr wichtig, zog das Briefchen aus der Taſche und ſagte, indem er es ſeiner Schweſter zeigte:„du ſiehſt nun, daß weder von einem Diner, noch von einer Opernprobe die Rede war; ich ſoll das der Frau von C. übergeben.“ „So gib her!“ ſagte eifrig die Gräfin und wollte das Billet an ſich nehmen,„ich kann es beſſer beſorgen als du.“ „Unmöglich, liebe Clara!“ entgegnete der Graf lachend, „das iſt für mich viel zu wichtig, ich muß der Frau von C., deren Augen wahrſcheinlich unter den Tauſenden waren, die mir nach⸗ geſehen, begreiflich machen, was ich in dem Nebenzimmer zu thun hatte—'s iſt nur wegen der Ungnade,“ ſetzte er ſpottend hinzu. Die Gräfin biß ſich auf die Lippen, und nachdem ſie einen Moment nachgedacht, war ſie entſchloſſen, dem Bruder bei der allmächtigen Hofdame den Rang abzulaufen und ihr tröſtend zu verſichern, der Baron ſcheine ſein grenzenloſes Unrecht einzuſehen und werde den Verſuch machen, ſich ihr de⸗ und wehmüthig zu nahen. Damit rauſchte ſie hinaus und ließ ihren Bruder ſtehen. Dieſer ſäumte auch nicht lange und hatte bald die paſſendſte Gelegenheit gefunden, ſein Billet der Hofdame überreichen zu können... Frau von C. verließ in der nächſten halben Stunde ihre Geſellſchaft, warf ſich in einen einſam ſtehenden Fauteil, der durch eine Gruppe rieſenhafter Orangenbäume gedeckt und verein⸗ zelt daſtand, und nahm den Grafen ſehr gnädig auf, der ihr mit wenigen entſchuldigenden Worten das Briefchen übergab und ſich dann ſchleunigſt zurückzog. Ihm kam es vor, als habe ihre Hand gezittert, als ſte das Billet übernahm; doch beobachtete er ſie aus der Ferne und ſah bald darauf, wie ſie ſich triumphirend von ihrem Fauteuil erhob und unter der Menge verſchwand. 4* Ein Hofball und ſeine Folgen. 149 „Ich möchte doch wiſſen,“ ſagte Alfons zu ſich ſelber, „was dieſer Kerl da geſchrieben hat; ich fürchte, er dreht den Mantel nach dem Winde,— arme Pauline!“ Seine Vermuthung, als habe der Baron etwas außerordent⸗ lich Freundliches und Liebenswürdiges geſchrieben, wurde für ihn faſt zur vollkommenſten Gewißheit durch die gnädige Behandlung, die ihm von der Frau von C. ſpäter zu Theil ward. Nicht nur, daß ſie faſt zehn Minuten lang über die gleichgültigſten Dinge, aber vor den Augen der alten Herzogin, mit ihm ſprach, ſondern es wurde ihm auch das hohe Gluͤck zu Theil, auf dem heutigen Balle zwei Mal zum Taͤnzer für die jüngeren Prinzeſſinnen be⸗ fohlen zu werden.— Glückſeliger Alfons! Zwölftes Kapitel. 1 ½ Aus dem Kutſcherzimmer. Das Kutſcherzimmer des königlichen Marſtalles war an Ballabenden wie der heutige der Verſammlungsort für ſämmtliche dienſtthuende Kutſcher, welche ſich hier durch allerlei Kurzweil die Zeit bis zur Mitternacht vertrieben und alsdann ihre Wagen wieder einſpannten, um ihre Herrſchaften vom Ball abzuholen. * Dieſes Gemach, in den Manſarden des Marſtalls gelegen, 3 1 5 war außerordentlich groß und wurde zur Geſchirrkammer für alte 2 Prachtſtücke gebraucht, welche außer Cours gekommen waren— und nur hie und da noch bei Maskeraden, Carouſſels und der⸗ 1 gleichen benutzt wurden.— ⁵ᷣ⸗ Rings herum an den Wänden hiengen dieſe alten Geſchirre, 1 reich mit Silber und vergoldeter Bronze beſchlagen, mit bunten Bändern und farbigem Sammt aufgeputzt, in ſeltſamen Formen, 2 3 die ein Sattler unſerer Zeit in ſeinen kühnſten Phantaſteen ſnne mehr hätte erfinden können. Daneben ſtanden ungeheuerliche Sättel, und wo die blanken Nägel ſaßen, da hatte der Roſt 4 jedes Mal einen kleinen braunen Ring herumgezoͤgen oder das Zeug durchfreſſen, und ſie ſtacken vereinzelt in dem alten Holz. Auch alte, merkwürdig ausſehende und ſonderbar errzert Schlitten Aus dem Kutſcherzimmer. 151 waren’da mit vergoldeten Geſtellen, auf welchen Hirſche, Bären und andere Unthiere ſtanden, deren Leib oben geöffnet und mit ſchwarzem Pelz ausgeſchlagen war, um die Herrſchaften in ſich aufzunehmen. Dieſe waren ebenfalls ſeit undenklichen Zeiten nicht mehr gebraucht worden und ſchauten wehmüthig zu den kleinen Fenſtern der Manſarde hinaus, wenn draußen der Schnee fiel und ſie zurückbleiben mußten. Ingrimmig riß ein weißer Eisbär ſeinen Rachen auf, und wir ſind überzeugt, daß er hie und da einen klagenden Laut ausſtieß und wüthend ſein Schellen⸗ geſchirr ſchüttelte, wenn draußen die lange Peitſche knallte, wenn die Schellen an luſtig dahinfahrenden Schlitten klingelten, wenn Fackelglanz an den trüben Fenſtern vorbeifuhr, das Gemach auf einen Augenblick wie Blitze erhellend. Die ganze Einwohnerſchaft dieſes Zimmers war überhaupt recht geſpenſterhaft und ſehr geeignet zu einem kollen Getreibe um Mitternacht. Da ſtand das Schlachtroß irgend eines alten Her⸗ zogs, plump ausgeſtopft, mit den glaſtgen Augen weit in unab⸗ ſehbare Fernen hinausſtierend, als erblicke es die Vergangenheit und ſehe deutlich vor ſich das alte blutgetränkte Feld, wo es ſich zum letzten Mal wiehernd gebäumt, und die alten Fahnen, denen es voll Kampfbegierde gefolgt. Auf ſeinem Rücken lag derſelbe alte Sattel, und in deſſen Halftern ſtacken noch dieſelben alten Piſtolen, die ſein Herr gebraucht. In der einen befand ſich viel⸗ leicht noch altes verroſtetes Pulver, eine alte, fleckige Kugel und irgend ein zweihundertjähriger Papierpfropfen, abgeriſſen von einem unvordenklichen Landesanzeiger. Neben dieſem Schlachtroß befand ſich ein kleines Voltigir⸗ pferd von einem außerordentlich füllenartigen Anſehen; der Kopf. hatte einen höchſt wunderlichen Ausdruck und ſchaute auf dem dünnen Halſe ſehr altklug in die Welt; dazu der runde, mit Leder aus⸗ geſtopfte Rücken, die vier geraden, unten ausgeſtreckten Beine, unförmlich und eckig, wie die eines lebendigen Füllens. Dieſer Voltigirbock war um die Mitternachtsſtunde das prachtvollſte 44 Zwölftes Kapitel. 4 angehende Geiſterpferd, das man je hätte ſehen können; wie ſchauerlich und komiſch zugleich, wenn es, von irgend einem Ko⸗ bold geritten, daher galoppirt wäre, beſtändig ſtolpernd mit den unbehülflichen, ſteifen Beinen und beſtändig wackelnd mit dem viel zu ſchweren Kopfe! .. Wenn wir uns auch nicht unbedingt für das Daſein von Spuckgeſtalten und Geſpenſtern ausſprechen, ſo glauben wir doch lebhaft an leiſe Geſpräche, welche das hohe, weitgereiste Schlacht⸗ roß mit dem kleinen, nicht über die Sattlerwerkſtatt und den Marſtall hinaus gekommene Voltigirpferd zur Erinnerung an alte, herrliche Tage für das Eine und zur Belehrung für das Andere hielten. b „Gibt'’s Länder, Vater, wo nicht Berge ſtud?“ Wenn man nun zu dieſem kleinen Gemach ſehr niedrige Manſardenfenſter nimmt, mit kleinen Scheiben, die angelaufen ſind und trüb und dunſtig in allen Farben des Regenbogens ſpielen und obendrein durch dichte Spinngewebe tief verſchleiert ſind, und wenn man hiezu die ſonderbaren Fresken betrachtet, welche von der kunſtreichen Hand talentvoller Stallbuben keck auf die ſchmutzig⸗gelben Wände geworfen, Bilder aus dem Stall⸗ dienſt oder Stillleben im Stalle darſtellend, ſo kann man dieſes Gemach nicht geradezu wohnlich und annehmlich finden. Die eben erwähnten Fresken waren entſtanden zu einer Zeit, als das Zimmer eine Art von Carcer für die Stallbuben war, weßhalb ſich hier namentlich Scenen aus dem Märtyrerthum verſchiedener Reitzöglinge vorfanden.. Dort war der Oberkutſcher Herr Mundels zum Sprechen ähnlich getroffen, wie er im Begriffe war, mit einer Hand von ſechs Fingern eine ungeheure Ohrfeige auszutheilen; hier ſtand ein arabiſcher Hengſt, der, wenn die Zeichnung vollkommen correkt war, was Körperſchönheit anbetraf, freilich weit hinter dem Voltigirbock zurückblieb, und war derſelbe in dem Moment aufgefaßt, wo er ſich vermittelſt mehrerer, der Anatomie bis *½ —. 3 22g — Aus dem Kutſcherzimmer. 153 jetzt unbekannter Gelenke in ſeinem Rückgrathe, auf's allermerk⸗ würdigſte bäumte. Daneben ſah man Hinrichtungen verruchter Verbrecher, ſo wie einige Stallobere gezeichnet, ſinnreich mit der Erſcheinung einiger handfeſter Mägde in Verbindung gebracht, wie ſie hand⸗ greiflich auf verbotenen Wegen giengen. Bei Abend dagegen, wenn namentlich, wie es heute der Fall war, in dem Zimmer einige Talglichter brannten, wenn der große Ofen in der Mitte eine behagliche Wärme ausſtrömte, ſo daß der Schlitten⸗Eisbär vor Wärme beinahe zu heulen an⸗ fieng,— eine merkwürdige Thatſache, welche die Menagerie⸗ beſitzer zu behaupten pflegen,— wenn die lebloſen Geſtalten rings umher, wie heute, mit luſtigen Geſichtern beſetzt waren, ſo be⸗ fand man ſich nicht ſo übel in dem alten Kutſcherzimmer. Wenn wir ſo eben von den lebloſen Gegenſtänden rings umher ſprachen, die von den Anweſenden beſetzt ſeien, ſo iſt dieß buchſtäblich zu verſtehen; denn da es in dem Kutſcherzimmer an Stühlen und Bänken fehlte, ſo wurden Schlitten oder Sattel⸗ böcke zum Liegen oder Sitzen benutzt. Der Oberkutſcher, Herr Mundels, welcher die Einladung Joſeph's auf eine Herzſtärkung herablaſſend angenommen, hatte es ſich in einem Schlitten bequem gemacht und ruhte in dem Bauche des erwähnten Eisbären, denſelben vollkommen ausfüllend; hinter ihm auf der Wurſt hockte ein Vorreiter, die Peitſche im Stiefel, und ein anderer Kutſcher hatte ſich vorn auf das Trittbrett geſetzt, dem Vorgeſetzten die Ausſtcht auf den Ofen und den Punſch ge⸗ horſamſt freilaſſend. Joſeph befand ſich neben dem Ofen ſelbſt, ſchüttete Rum und warmes Waſſer in eine ſehr große Waſch⸗ ſchüſſel, ſchnitt Citronen und Zucker hinein, ungefähr in denſelben Dimenſionen, wie man den Pferden das Brod einbrockt, und rührte dieſe Brühe behutſam mit einem zinnernen Löffel um, nachdem er denſelben vorher vermittelſt ſeines Sacktuches vom Staube gereinigt. 154 Zwölftes Kapitel. Im Ganzen waren acht Perſonen hier verſammelt, worunter zunſer Bekannter, der Herr Dubel, der neben dem Ofen auf dem defekten Sitz einer Kutſche ſaß, den er aus einem Winkel herbei⸗ geſchleppt hatte. Seinen Frack hatte der Schneider zwiſchen die Geweihe eines Schlittenhirſches zum Trocknen aufgehängt und fühlte ſich in dem ihm verheißenen und auch zu Theil gewordenen Kutſchermantel, durchglüht von dem warmen, ſtarken Getränke, äußerſt behaglich. Jean, der nicht fehlte, hatte ſich ein Lager auf dem Boden zubereitet und ruhte da auf einem alten ledernen Sitzkiſſen. Zwi⸗ ſchen dem Gaſtgeber ſelbſt und dem Jäger Lukas, der ebenfalls erſchienen war, hatte ſich ein kleiner Höflichkeitsſtreit entſponnen, indem Jeder dem Andern den Sattel des Schlachtroſſes anbot und Jeder mit dem Voltigirbock vorlieb nehmen wollte. Endlich aber drang Joſeph durch, der Herr Lukas ſchwang ſich auf den ſchwar⸗ zen Hengſt, und das alte Geſtell erzitterte, während er aufſtieg, wahrſcheinlich aus Freude über den ſtattlichen paſſenden Reiter; denn wie der Jäger da oben ſaß mit dem bleichen Geſicht und g dem kohlſchwarzen Bart, in dem grünen, reich mit Gold ge⸗ ſchmückten Kleide, fiel es Jedem auf, wie ſehr Pferd und Reiter zuſammenpaßten. Der Herr Dubel, der ſehr für das Wunderbare geneigt war, verſicherte, es ſei ihm, als müſſe der todte Hengſt jeden Augen⸗ blick anfangen zu wiehern; und der Oberkutſcher meinte, nach⸗ dem er einen tüchtigen Schluck von dem Punſch zu ſich genommen, es habe durchaus keinen Anſtand, daß der Jäger auf dem Schlacht⸗ roſſe, wie der ſelige Herr von Rodenſtein, der wilde Jäger, ſelbſt ausſchaue. Lukas ſelbſt fand dieſe Vergleichung außerordentlich paſſend und meinte, ein ſolcher Traum in dem gewöhnlichen, lang⸗ weiligen Traum des Lebens würde ihm nicht ſo übel gefallen. Joſeph ſchwang ſich, nachdem alle Gläſer gefüllt waren, auf den Voltigirbock und ſetzte ſich dort zurecht, beide Beine auf ſt Aus dem Kutſcherzimmer. 155 einer Seite, wie es in manchen Gegenden die Bauern zu machen pflegen, wenn ſte zu Markt fahren. „Ja, ja,“ unterbrach nach einer Pauſe der Oberkutſcher die Stille,„es hat durchaus keinen Anſtand, daß der alte Hengſt mehr erfahren hat, als wir alle zuſammen; wenn der erzählen wollte!“ „Es iſt auf jeden Fall etwas Merkwürdiges um das Aus⸗ geſtopftwerden,“ ſagte Jean;„das iſt doch dieſelbe Haut von demſelben Hengſt, den der alte Herzog ſelbſt geritten.“ „Und daſſelbe alte Sattelzeug und dieſelben alten Piſtolen,“ ſagte Joſeph, und Lukas fügte hinzu: „Man fühlt ſich auch ganz ſonderbar hier oben, und wenn man ſo hinausſtarrt und mit den Augen die Mauern durchbohrt, ſo kann man einen hübſchen Schlachtenlärm träumen.“ Jean, der ſein großes Glas ausgetrunken hatte, konnte ſich von der Idee des Ausſtopfens nicht trennen und meinte, es ſei ſehr traurig, daß man nicht auch die Menſchen ſolchergeſtalt con⸗ ſervire, auf jeden Fall ſollte man in jeder Familie das ausge⸗ ſtopfte Exemplar eines berühmten Vorfahren beſitzen. „Es muß doch eine ganz eigene Race von Pferden geweſen ſein, dieſe Dinger da,“ ſagte ſchüchtern der Vorreiter,„denn wenn man annimmt, daß ſo ein Vieh den ſchweren Reiter trug und in der Schlacht bolzgerade in die Höhe ſtieg und ſo zu ſagen mitkämpfte,— das würde keines mehr von unſern Gäulen thun.“ „Das macht der Ehrgeiz und das Selbſtgefühl,“ ſagte wichtig der Oberkutſcher;„in der heutigen Schlacht lauft Alles in Einer Reihe und Eins verläßt ſich auf das Andere; aber damals giengen ſo zwei Reiter auf einander los— haſt du nicht geſehen! und wenn ſich die Herren mit ihren Schwertern zerſchlugen, ſo hieben die Pferde mit ihren Hufen auf einander los; ich habe einmal in einem Buch geleſen, wie das Schlachtroß eines Ritters mit dem rechten Huf die Lanze des Feinds auf die Seite ſchlug, 156 Zwölftes Kapitel. während es mit dem andern das Pferd ſo oft auf die Brieß ſtieß, „daß es ſich überſchlug.“ 4„Erſtaunlich!— Unbegreiflich!“— ſagten die Zuhörer, und der Oberkutſcher, der in den Augen Joſeph's und des Jägers einige Zweifel zu leſen ſchien, fügte hinzu:„Ich verſichere Euch, dergleichen hat durchaus keinen Anſtand, und Niemand von Euch wird einem Pferde Klugheit und Muth abſprechen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Kutſcher auf dem Trittbrett,„ein Pferd iſt das geſcheidteſte Thier in der ganzen Welt;“ und der Vorreiter fügte hinzu:„das Allergeſcheidteſte.“ „Ich möchte mir erlauben zu ſagen,“ miſchte ſich der Herr Dubel ſchüchtern in die Unterhaltung,—„daß neben dem Pferde wohl der Elephant genannt werden könnte; der Elephant iſſſſ⸗t wohl eben ſo intelligent, wie das Pferd.“ Der Oberkutſcher dachte einen Augenblick nach, that einen tüchtigen Zug aus ſeinem Glaſe und ſagte alsdann beiſtimmend: „Es hat durchaus keinen Anſtand; namentlich iſt der Elephant außerordentlich ehrgeizig; ich habe einmal in einem Buch geleſen, daß ein Elephant in einer Menagerie, der bei einer Vorſtellung zu viel Rum trank und ſich vor einem hohen Adel und verehrungs⸗ würdigen Publikum berauſcht zeigte, ſich aus Schaam und Reue ſelbſt um's Leben brachte.“ „Wahrhaftig!“ riefen der Kutſcher und der Vorreiter, und der Herr Dubel erlaubte ſich ſchüchtern zu fragen, wie der Elephant das angefangen, worauf der Oberkutſcher verſicherte, er habe ſich an ſeinem Rüſſel aufgehängt und hinzuſetzte mit einem Ton, der alle Zweifel niederſchlug:„Es hat durchaus keinen Anſtand, daß ſich ein Clephant an ſeinem eigenen Rüſſel aufhängen kann. 4 Dieſe Erzählung aber war den Anweſenden ſo wunderbar erſchienen, daß eine Zeit lang tiefes Stillſchweigen herrſchte, und als darauf der Herr Dubel die Unterhaltung wieder aufnahm,— zeigte deſſen Frage, daß ſich ſein Geiſt mit etwas Phantaſtiſchem beſchäftigte; denn er erkundigte ſich, ob Niemand von den An⸗ — — mi eri en Aus dem Kutſcherzimmer. 157 weſenden wiſſe, ob die Benennung:„Geſpenſterwagen“, welchen ſein Freund, der Herr Joſeph, heute Abend zu führen die Ehre habe, nicht irgend einen beſtimmten und glaublichen Grund habe. Joſeph zuckte die Achſeln und ſagte, er habe ſich nie darum bekümmert und die alte Benennung recht paſſend gefunden für das ewige Herumſchwärmen des alten Geſpenſterwagens. Der Kutſcher auf dem Trittbrett aber meinte, indem er ſich nach dem Oberkutſcher umſah, er habe früher einmal etwas von einem Geſpenſterwagen gehört, und wenn eine dergleichen Geſchichte wirklich exiſtire, ſo müſſe dieſelbe dem Herrn Mundels unbedingt bekannt ſein. „Es hat durchaus keinen Anſtand,“ ſagte der ſo ſchmeichel⸗ haft Aufgeforderte, daß einmal in früheren Jahren eine Geſchichte mit einem Geſpenſterwagen paſſirt iſt, und ſo viel ich mich deren erinnere, will ich Euch davon mittheilen. Joſeph ſchwang ſich von ſeinem Voltigirbock herab, füllte die Gläſer auf's Neue, und der Oberkutſcher erzählte: Von Veilchen I. und dem Geſpenſterwagen. „Vor langen Jahren, ich glaube, es war in der Zeit, wo der ſchwarze Hengſt da noch als Füllen auf der Wieſe herumlief, und wo die Schlitten und Geſchirrſtücke hier im Zimmer nur als etwas außerordentlich Prächtiges bei hohen feſtlichen Gelegen⸗ heiten gebraucht wurden, da war ein Ur⸗Urvetter meines Vaters ebenfalls Kutſcher bei Hof, und dem iſt eine ſeltſame Geſchichte mit dem Geſpenſterwagen paſſirt. Da war nun ein alter Kammerherr bei Hof, der bei ſehr vielen guten Eigenſchaften eine Schwäche für Veilchen hatte: das ganze Jahr ſtanden dergleichen Blumen blühend in ſeinem Zimmer, ſeine Knieſchnallen an den weißen ſeidenen Strümpfen waren mit Veilchen geſtickt, ſeine Beinkleider waren veilchenfarben und die goldenen ciſeltrten Knöpfe auf ſeinem Rock bildeten eben⸗ 158„ Zwölftes Kapitel. falls dieſe Blumen; dabei hatte er gewöhnlich einen Veilchen⸗ ſtrauß in der Hand, ſeine ſämmtlichen Kleider rochen nach Veil⸗ chenpulver, und die Hofherrn nannten ihn nur Veilchen I. Der Kammerherr wäre ein vortrefflicher Mann bei Hof ge⸗ weſen, wenn er nicht einen großen Fehler gehabt hätte: er litt nämlich an einer fürchterlichen Zerſtreuung, die ſich ſchon öfters kund gethan und manche komiſche Geſchichten hervorgebracht hatte. Endlich eines Tages wurde er beauftragt, eine ſehr vornehme Dame zum Hofdiner abzuholen. Hätte man nun ſchon damals die kleinen miſerablen zweiſitzigen Coupé's gekannt, welche, bei⸗ läufig geſagt, kein ordentlicher Kutſcher im Stande iſt, würde⸗ voll und großartig zu führen, ſo wäre dem Kammerherrn wahr⸗ ſcheinlich nichts paſſirt; aber in jener Zeit war ein Hofwagen eine majeſtätiſche ſchwere Maſchine, ſechsſitzig, mit hohen Spie⸗ gelgläſern, auf allen Seiten ſchwer vergoldet, mit ungeheuer hohen Federn und kleinen Rädern, und wenn davor ein Kutſcher ſaß, von ſolidem Umfange, mit weißer Perücke und langem ge⸗ ſticktem Paraderock, ſo hatte es gar keinen Anſtand, daß eine ſolche Auffahrt ſich prachtvoll und großartig ausnahm. Der Kammerherr nun fährt vor, holt die vornehme Dame auf's zierlichſte aus ihren Gemächern herab, und als ſie unten am Wagen angekommen ſind, begeht er in der Zerſtreuung das Entſetzliche— ſteigt zuerſt bhinein, ſetzt ſich auf den Chrenſitz und läßt die vornehme Dame auf dem Rückſitz Platz nehmen. Wie ſehr ſte ſich auch bemüht, auf den andern Platz zu gelangen, ſo gibt es der Kammerherr um keine Welt zu, da er feſt und ſteif glaubt, er ſitze, wie es ſich gehöre, auf dem Rückſitz, und bittet die Dame um Gotteswillen, ihm das nicht anzuthun und auf ſeine Seite zu ſitzen. 3 So kommen ſie vor's Schloß unter beſtändigen Demonſtra⸗ tionen und Complimenten, gehen zum Hofdiner, und als dort die Hofherren Veilchen I. ſeine Zerſtreuung erzählen, fällt er wie Aus dem Kutſcherzimmer. 159 aus den Wolken und bald darauf in die tiefſte Ungnade, und ich verſichere Euch, es iſt kein Spaß, bei Hof in Ungnade zu fallen. Seine vertrauteſten Freunde wandten ſich von ihm ab, er fand keine Partie Piquet mehr, die Kammerdiener, welche früher die Thür weit aufriſſen, wenn er hereintrat, öffneten ſte jetzt faul und nachläßig, ſo daß er öfters mit dem Degen anſtieß; die Damen bei Hof, welche ihn bisher um ſeine Leidenſchaft für die Veilchen bewundert, konnten plötzlich den Geruch dieſer Blumen nicht mehr ausſtehen; bei den größten Cirkeln ſprachen die höch⸗ ſten Perſonen mit ihm kein Wort, und wenn er den Dienſt hatte, ſo pflegte der Fürſt, wenn er ſich zurückzog, die Thür ſeines Schlafzimmers ſelbſt zu öffnen; kurz, Veilchen I. war eine gefallene Größe. Umſonſt ſprachen einige ihm treugebliebene Freunde von lebensgefährlichen Selbſtmordverſuchen, die der unglückliche Kam⸗ merherr glücklich überſtanden; umſonſt fiel er in eine lange Krank⸗ heit— ſein Glück wollte nicht aufblühen; man that, nachdem er endlich wieder kam, als ſei er geſtern erſt dageweſen, und fragte nicht einmal, warum man ihn mondenlang nicht geſehen; umſonſt ſchwand er zum Schatten und wurde entſetzlich mager, Niemand erkundigte ſich, wo ſeine Körperfülle geblieben. Da kam er auf die ſinnreiche Idee und ließ ſich einen neuen Anzug machen, wieder mit Veilchen beſetzt, aber ſtakt der veilchen⸗ farbnen Beinkleider waren dieſelben von ſchwarzer Seide, und ſtatt des dunklen Violett prangten dieſe Blümchen auf Rock und Weſte jetzt im ſtiefſten Schwarz; er ſah von Weitem aus, wie mit großen ſchwarzen Schmeißfliegen bedeckt, und ſein Anblick glich dem eines kranken und melancholiſchen Fliegenſchimmels. Das wirkte endlich, und bei dem nächſten großen Hofeirkel, als er ſo auf dieſe Art tieftrauernd erſchien, blieb der Fürſt er⸗ ſtaunt vor ihm ſtehen und ſprach mit ihm. Wie Engelsgeläute klang die Frage die er that in den Ohren des armen Kammer⸗ herrn; der Fürſt fragte nämlich: Sind Sie muſikaliſch? und Zwölftes Kapitel. Veilchen I. bückte ſich tief und antwortete: Ja, Ew. Durchlaucht, ich ſchlage das Spinett und ſinge häufig: Bluͤhe, liebes Veilchen! Der Fürſt lachte, der ganze Hof lachte, und Veilchen I. lachte mit.“ Hier machte der Oberkutſcher eine Pauſe und ließ ſich neuen Punſch eingießen; die Anderen änderten ihre Stellung ein wenig, um bequemer zu ſitzen, nur Lukas behauptete wie eine Statue ſeinen Sitz in dem alten Reiterſattel, er verſetzte ſich lebhaft in jene Zeit zurück, und wenn er ſich die Sache recht überlegte, ſo hatte er vielleicht damals ſchon einmal gelebt und träumte vielleicht von da an immerfort, ſchon ein paar Jahrhunderte lang. Aber nein; einmal hatte er eine kurze Zeit lang wirklich gelebt und etwas Entſetzliches erlebt, das war ihm in ſeinen Träumereien vollkommen klar, und doch kam er ſich zuweilen vor wie ein Weſen, das von Anbeginn der Welt exiſtirt und das, Gott weiß in welchem unbekannten Winkel irgend eines alten Hauſes fort⸗ ſchlummert und an dem lange, lange Jahre vorbeirollen, wäh⸗ rend es ſchläft und träumt; ein Weſen, das ſich nur einmal, wie geſagt, erhoben hatte und wirklich ins Leben getreten war; aber an den Moment dachte er nur mit Schaudern und war außer⸗ ordentlich froh, als er darauf wieder einſchlief und ruhig fort⸗ träumen konnte.. Im Uebrigen trank er ſeinen Punſch ſo gut wie jeder An⸗ dere und horchte aufmerkſam wie jeder Andere auf die Erzäh⸗ lung des Oberkutſchers, der alſo fortfuhr: „Es hat alſo durchaus keinen Anſtand, daß man anſieng, den armen Kammerherrn bei Hofe wieder zu bemerkeny und daß die Sonne der Gnade wieder über ſeinem Haupte zu leuchten be⸗ gann; aber es war keine fette, wohlthuende Sommerſonne, die einem alten Körper ſo gut anſteht, nein, es war eine magere, blaſſe Winterſonne, die ſich meiſtens hinter neidiſchen Schnee⸗ — Aus dem Kutſcherzimmer. 161 wolken verbarg und nur höchſt ſelten ein kümmerliches Licht auf den armen Kammerherrn fallen ließ. Als er das nächſte Mal den Dienſt hatte und dem Fürſten die Thür des Schlafzimmers öffnete, ſah ihn Se. Durchlaucht lächelnd an, bewegte die Lippen und pfiff zum höchſten Entzücken des Kammerherrn einen Theil von der Melodie: Blühe, liebes Veilchen! Der Glückliche war außer ſich und gieng aufrechten Hauptes und ſtolzen Schrittes durch die dichten Reihen der Dienerſchaft nach Hauſe. Daß eine ſolche Gnade, eine ſolche Anerkennung ihm heute zu Theil geworden war, konnte ſein ſchwaches Herz nicht ohne heftige Aeußerungen ertragen. Zu Hauſe angekommen, ſetzte er ſich an ſein Spinet und raste in wilden Phantaſieen über das Thema: Blühe, liebes Veilchen! Natürlicher Weiſe ließ der Kammerherr am andern Tage die Trauer von ſeinen Kleidern verſchwinden und die Veilchen an ſei⸗ nem Leibe blühten in ihrer natürlichen Farbe und Schönheit wie⸗ der auf; aber Niemand bemerkte es: die Zeit ſämmtlicher Veil⸗ chen war eigentlich vorbei, und nach dieſem Rückfalle grämte ſich der Kammerherr mehr als je ab, er wurde nach wie vor nicht bemerkt, man ſprach nicht mehr mit ihm— doch halt!— richtig! noch ein einziges Mal, als er den Dienſt hatte, ſah ihn der⸗Fürſt an und pfiff gedankenlos einen Takt des bekannten Liedes, worauf ſich Veilchen I. tief, fehr tief verneigte und worauf die Gnaden⸗ ſonne für ihn auf immer untergegangen war. Vergeblich kam er nach längerer Zeit, als er gänzlich un⸗ beachtet blieb, wieder mit den Trauerveilchen, ſelbſt das ſchlug nicht mehr an; vergebens erklärte er, unter ſolchen Umſtänden ſeinen Abſchied nehmen zu müſſen, es hielt ihn Niemand davon zurück; ſein Schmerz ſteigerte ſich auf eine fürchterliche Höhe, er Hackländer, Namenl. Geſchichten. I. 11 162 Zwölftes Kapitel. begann unzuſammenhängend zu ſprechen und allerlei ſeltſames Zeug zu treiben. So geſchah es, daß, als er eines Tages den Dienſt hatte und den Fürſten an der Thür an ſich vorbeigehen ließ, er den Kopf erhob und halblaut zwiſchen den Zähnen ſummte:„Blühe, liebes Vellchen!“ Der Herr lachte aber nicht mehr darüber, ſah vielmehr ſeinen Kammerherrn ernſt an, machte eine ſonderbare Handbewegung, und den andern Tag wurde der Kammerherr in Ruheſtand verſetzt. Der Ur⸗Urvetter meines Vaters fuhr ihn an jenem Tage nach Hauſe und hat verſichert, er hätte nie ein jämmerlicheres Geſchäft verſehen; den Strauß, den er in der Hand trug, zer⸗ pflückte er unterwegs Stück für Stück und ließ die Blumen auf die Straße flattern; in ſeinen Zimmern angekommen, ſetzte er ſich an ſein Spinet und ſpielte die verhängnißvolle Melodie immer und immerfort, ohne aufzuhören, von Morgens zehn Uhr bis Nachts um zwölf Uhr, und auch da ſpielte er noch fort, in die ſtille Mitternachtsſtunde hinein, und wie Geiſterruf klang es durch die hohen Zimmer:„Blühe, liebes Veilchen!“ Geſpenſtige Schatten ſtiegen aus den Saiten des Spinet's hervor: eine Legion verſtorbener Kammerherrn, die alle in Ungnade gefallen waren, ſchritten ins Zimmer und begrüßten ihn freundlich, nickten ihm zu und winkten ihm, in ihre Reihe zu treten. Aus der Luft herab fielen Myriaden von Veilchenblättern und hüllten die ganze Welt in violette Trauerſchleier. Die Wachskerzen auf den ſchweren Leuchtern tropften dicke Thränen herab und hüllten ſich ebenfalls in dichte Wachsſchleier, und rings durch das Zimmer zogen tiefe Seufzer.“——— Hier hielt der Oberkutſcher einen Augenblick inne, um den Eindruck zu gewahren, welchen die tiefen, mitternächtlichen Seufzer auf ſeine Zuhörer hervorgebracht. Augenſcheinlich waren Alle davon ergriffen, und er fuhr alſo befriedigt fort: „Es hat demnach keinen Anſtand, daß ein ſolch' mitter⸗ —————,—— Aus dem Kutſcherzimmer. 163 nächtliches Geſeufze etwas höchſt Grauſiges an ſich hat. Keiner von Euch hat je etwas dergleichen gehört— oder du etwa?“ wandte ſich der Herr Mundels zum Vorreiter, der unruhig hin und her rückte;„haſt du etwa ſchon ein Geſeufze um Mitternacht gehört? und wenn du ſchon eines gehört haſt, ſo wird es wohl ein eigenes geweſen ſein, daß du mit einer blauen Naſe nach Haus gekommen biſt— aber,“ fuhr der Oberkutſcher feierlich fort,„ein Seufzer, den die Wände ausſtoßen, iſt etwas höchſt Merkwürdiges, das fühlte auch der Kammerherr, ließ ſich zu Bett bringen und legte ſich hin, um nicht mehr aufzuſtehen.“ „Er wäre am Ende ruhig und ſanft geſtorben, wie es einem guten Chriſten zukommt, und ſein ewiger Schlaf wäre wahr⸗ ſcheinlich nicht geſtört worden, wenn ihm nicht ein alter Be⸗ kannter unvorſichtig und voreilig genug erzählt hätte, daß ſich der Fürſt oft ſeiner in Gnaden erinnere, daß er faſt jeden Abend beim Zubettegehen den dienſtthuenden Cavalier frage: Wie war doch die verrückte Melodie?— blühe— blühe— und daß der Herr ebenſo wenig wie der Diener die Melodie je vollkommen zu Stande brächten. „Und was pfeift der dienſtthuende Kammerherr auf die Frage Seiner Durchlaucht für eine Weiſe? fragte der Sterbende mit matter Stimme, und der Andere antwortete: Nun, eine belie⸗ bige Melodie. Eine beliebige Melodie ſtatt des herrlichen Liedes: Blühe, liebes Veilchen! das iſt ja ganz entſetzlich! und damit ſchloß er die Augen und war todt. „Kurze Zeit darauf, es war Winter geworden,“ erzählte der Oberkutſcher mit ernſter Stimme weiter,„ſtand der Ur⸗ Urvetter meines Vaters ſpät in der großen Remiſe und putzte die Spiegelſcheiben an dem Wagen, womit er an dem Abend die Herrſchaften vom Balle abholen mußte; der Wagen ſchaukelte 11* 164 ZBmölſten Mapitel. und ächzte von der Bewegung, draußen war es kalt und unfreund⸗ lich, und als er mit ſeinem Geſchäft fertig war, ſetzte er ſich hinein auf die weichen Sammtkiſſen der Caroſſe und verſank bald in einen feſten und geſunden Schlaf. Mitten in ſeinen Träumen aber war es ihm, als ſtehe vor vem Wagen und ſchaue durch die Spiegelfenſter hinein ein ihm wohlbekannter Lakai und ſage, er, der Kutſcher nämlich, habe vor zwölf Uhr einzuſpannen und um die Mitternachtsſtunde vor die St. Hubertuskirche zu fahren. Das träumte ihm nur, aber ſo außerordentlich klar und deutlich, daß unſer Vetter, als er um drei Viertel auf zwölf Uhr aus ſeinen Schlaf erwachte, eilig ſeine beiden Pferde einſpannte und nach der St. Hubertuskirche fuhr. Er hat ſpäter oft geſagt, wenn er dieſe Geſchichte erzählte, er ſei nie im Stande geweſen, darüber nachzudenken, wie ſonder⸗ bar es doch ſei, daß er Nachts um zwölf Uhr Jemanden an der Hubertuskirche abholen ſolle, er habe ſich dieß und das gedacht und es für nicht unglaublich gehalten, daß es einer Hofdame wohl einmal einfallen könne, Nachts um zwölf Uhr eine Beichte zu thun. So ſei er alſo ruhig hinaus gefahren und habe gleichmüthig vor dem Thore des Friedhofs gehalten, welcher die Kirche um⸗ ſchließt. Bald darauf habe ſich dieſe Thüre geöffnet, es ſei Jemand herausgekommen und ſei in den Wagen geſtiegen, auch habe es außerordentlich nach Veilchen gerochen, Der Kutſcher hat ſich in dieſem Augenblick nur gewundert, daß der Wagen gar* keine Bewegung gemacht und daß er, ohne einen Befehl zu er⸗ halten, vollkommen genau gewußt, er müſſe nach Hof fahren. Das that er denn auch, und obgleich er ſelbſt durchaus nicht er⸗ ſchreckt oder alterirt war, ſo waren dagegen die beiden Rappen vor dem Wagen, ſonſt die beſten Pferde von der Welt, kaum zu halten. Am Portal des Schloſſes angekommen, wurde der Wagen geöffnet, die dienſtthuenden Lakaien im Gange ſtießen einen ent⸗ lt it 1 Aus dem Kutſcherzimmer. 165 ſetzlichen Schrei aus, indem die Wagen⸗ und die Schloßthür von ſelbſt aufſprangen, ohne daß man Jemanden hindurchgehen ſah, und unſer Vetter, der Kutſcher, der jetzt plötzlich wie aus einem tiefen Schlaf erwachte, jagte nach Hauſe, ſpannte aus und ver⸗ kroch ſich zitternd in ſein Bett.“ Hier ſchwieg der Oberkutſcher, trank den Reſt ſeines kalt gewordenen Punſches aus und war ſichtlich erfreut, ſeine Zu⸗ hörer in großer Spannung gelaſſen zu haben und mit einiger Neugierde, was mit dem Paſſagier des Geſpenſterwagens eigent⸗ lich geſchehen ſei. Der Herr Dubel konnte auch nicht unterlaſſen, ſich nach demſelben zu erkundigen, worauf ſich der Herr Mundels ſein Glas abermals füllen ließ und mit ernſter feierlicher Stimme ſprach: „Als ſich nach Beendigung dieſes Hofballes der Fürſt in ſein Schlafgemach zurückzog, ſoll er zu ſeinem dienſtthuenden Cavalier geſagt haben: Mein armer Kammerherr ſchläft alſo ruhig bei St. Hubertus; ſchade um ihn, er hatte ſonſt gute Eigenſchaften— wie war doch die bewußte Melodie? Doch ehe der Cavalier antworten und den Mund öffnen konnte, trat eine ſonderbare Geſtalt aus dem leicht verdunkelten Nebenzimmer im weißen Kleide, mit ſchwarzen Veilchen geſtickt, neigte ſich tief, öffnete ihre eingefallenen Lippen und ſummte mit tiefer, ſchauerlicher Stimme: Blühe, liebes Veilchen! Dann zerfloß ſie in Nebel, die Geſtalt nämlich, und der Herr und der Cavalier ſtanden da, ſtarr vor Entſetzen. So ſoll es geſchehen ſein,“ ſchloß der Oberkutſcher und ſah ſich vorſichtig rings um. Die Zuhörer ſahen ebenfalls vorſichtig rings in die dunklen Ecken des großen Zimmers, und bei dieſer Bewegung, die ſie auf ihren Sitzen machten, klingelten die alten Schlittenglocken und klirrten die Ketten an dem Geſchirr des alten Schlachtroſſes, 166 Zwölftes Kapitel. der Kukſcherbock, auf dem Herr Dubel ſaß, ſeufzte bei dieſer Veranlaſſung ſo bedenklich, als habe er die ganze Geſchichte mit⸗ gemacht und ſei von ihm aus der Geſpenſterwagen an jenem Abend dirigirt worden. Noch eine Zeit lang, nachdem der Herr Mundels dieſe Ge⸗ ſchichte erzählt, blieb ein gewiſſer Ernſt auf den Geſichtern und Unterhaltungsgegenſtänden der Zuhörer haften und es wurde viel von Träumen geſprochen, welche namentlich der Herr Lukas, ſowie auch der Herr Dubel als etwas durchaus Untrügliches dar⸗ zuſtellen verſuchten. Der Oberkutſcher meinte jedoch, gute und böſe Träume kämen aus dem Magen, und da das, was man eſſe, doch einigermaßen mit dieſem Theile des Körpers in Verbindung gebracht werden könne, ſo bilde ſich die Gattung der jedesmaligen Träume nach der Gattung des jedesmaligen Eſſens.. „Ich kann ſicher darauf gehen,“ ſagte Herr Mundels,„wenn ich Blutwurſt eſſe, ſo träumt es mir von Gefechten, ungeheuren „ Schlägereien und ſchrecklichen Geſchichten; eſſe ich aber z. B. Kutſcherbraten, ſo träume ich des Nachts gewiß etwas, was mit meiner Kunſt in Verbindung gebracht werden kann. So hatte ich unter Anderem vor einiger Zeit in Folge eines derartigen Nachteſſens einen ſehr unangenehmen und peinigenden Traum. Mir träumte nämlich, ich ſei ein Omnibus, ein alter, ge⸗ brechlicher Omnibus, der auf ſeinen Rädern hin und her wackelte und der bei jedem Anſtoß auf der Chauſſee krachte und ſeufzte. In mich hinein packte der Omnibuskutſcher, ein eigenſinniger, ſchlecht geſinnter Hallunke, eine ſolche Menge von Paſſagieren, daß meine Seiten auf eine ſchreckliche Weiſe aus einander getrieben wurden, und das Volk in dem Omnibus, das heißt in mir, mte auf eine ganz unanſtändige Weiſe; auch glaube ich, daß ſie ſehr viel Bier und ein nicht geringes Quantum Wein getrunken hatten, es kam mir auch vor, als rauchten die Sünder in dem Ommibus entſetzlich ſchlechte Cigarren; kurz, ich wackelte in Aus dem Kutſcherzimmer. 167 einem furchtbar elenden Zuſtande über die Straße und dabei war vor mich hin ein ſtruppiger, krummbeiniger und lahmer Gaul geſpannt, der es auf meine Schienbeine abgeſehen hatte und ſo oft nach ihnen ausſchlug, als ich einen Verſuch machte, mich aus Verzweiflung in einen Chauſſeegraben zu wälzen. Endlich kamen wir ans Thor und als wir hinein wollten, war ich, oder der Omnibus, viel zu breit und das Thor viel zu eng; ich ſollte hineingezwängt werden, die Kerle in mir ſchrieen, der Kutſcher ſchimpfte, der Thorwärter fluchte, der alte Gaul ſchlug heftiger als je an meine Schienbeine, und ich erwachte.“ „Erſtaunlich!“ ſagte Jean. „Das war ein fürchterlicher Traum,“ meinte Joſeph und beeilte ſich das Glas des Oberkutſchers wieder aufzufüllen, damit er das Andenken an dieſes ſchxeckliche Geſicht hinabſpüle in den Sitz der Träume. Der Jäger meinte auf ſeinem Schlachtroß, nachdem er ſein Glas ausgetrunken und es dem alten Gaul wie eine Kappe auf's linke Ohr geſtülpt:„Wenn wir, d. h. wenn ihr heute Nacht träumt, ſo werdet ihr glauben, in Citronengärten zu wandeln.“ „Oder,“ ſetzte Jean hinzu, nes kommt uns vielleicht auch vor, als ſeien wir dort hinten in Jamaika und müßten als elende Gſchlafen Rum kochen.“ „Ganz richtig!“ lachte der Oberkutſcher, deſſen dickes Ge⸗ ſicht auf eine merkwürdige Art zu leuchten begann,„und ich komme mit der großen Fahrpeitſche als Oberaufſeher hinter euch.“ Pflichtſchuldigſt lachten der Kutſcher auf ſeinem Trittbrett und der Vorreiter hinten ungeheuer über den Witz ihres Vorge⸗ ſetzten, ſo daß derſelbe faſt von ſeiner Wurſt hinuntergefallen wäre. Als nun gar Jean hinzufügte, der Herr Lukas werde eine ſolche Eriſtenz, wenn ſie wirklich beſtände, für einen ſehr ſchlech⸗ ten Traum, halten, gieng das Lachen von Neuem los. Der Herr Mundels ſtrampfte mit den Füßen in dem alten Eisbären, die Thränen liefen ihm über die blauroth angelaufenen Backen, und N 168 Zwölftes Kapitel. 8 als ihm in dieſem Moment obendrein noch ein Stück von einem Citronenkern in den unrechten Hals kam, ſo fieng er an fürchter⸗ lich zu huſten und erlitt einen kleinen Erſtickungsanfall, der nur dadurch gehoben werden konnte, daß der Vorreiter hinten ſeinen lackirten Hut wegwarf und ſich mit dem Kopfe in den Rücken des Oberkutſchers eingrub und ihn ſo plötzlich in eine aufrecht⸗ ſttzende Stellung brachte, Ueber die Züge des Jägers glitt bei dieſer Veranlaſſung ein leichtes Lächeln, er nahm Schluß in dem Sattel des alten Gaules, faßte die Zügel und ſah aus, als wolle er hohnlachend die kleine Menſchheit da unten über den Haufen reiten. Der Herr Dubel ſah mit großer Ehrerbietung zu ihm hinauf. „Was wollt' ihr von Träumen ſprechen?“ fragte Lukas; „was ihr des Nachts ſeht oder zu ſehen glaubt, kommt aller⸗ dings aus dem Magen, das ſind keine Träume; wenn man heute Nacht ein Omnibus iſt und morgen vielleicht ein Karren⸗ gaul, und wenn man vielleicht übermorgen ohne Hoſen auf dem Markt herumläuft,— das iſt nicht geträumt; aber wer kann ſagen, er träume immerfort? Immer daſſelbe Leben, bald an⸗ muthig, bald langweilig, und wo er an ſeinem Traume heute aufhört, fangt er morgen wieder an; wer kann das von ſich ſagen?“ „Ci, ei,“ antwortete der Oberkutſcher, indem er ſich mit einem rothkarrirten Sacktuch die letzten Thränen aus dem dicken Geſicht wiſchte;„das iſt mir auch ſchon vorgekommen, daß ich mehrere Nächte hinter einander von einem ungeheuren Nieren⸗ braten geträumt habe.“ „Ein Traum ohne Unterbrechung?“ rief Lukas,„durch nichts unterbrochen, als die ſtille ruhige Nacht, wo ein geſunder Menſch ſchlafen und keine Träume haben ſoll— aber ein Traum am Tage, das iſt etwas ganz Anderes.“ „Und ſind Sie aus dieſem Traume niemals aufgewacht? u fragte Jean pfiffig lächelnd. we uf. — Aus dem Kutſcherzimmer. 169 „Bis jetzt nicht,“ entgegnete der Jäger;„wird aber viel⸗ leicht noch kommen.“— „Und könnten Sie uns nicht erzählen, theurer Herr Lukas, wann der Traum eigentlich anfieng?“ Der Jäger fuhr mit der Hand durch ſein ſchwarzes Haar, und ſeine Augen leuchteten wie Blitze; er paßte ſo genau zu dem kohlſchwarzen Roß mit den unheimlich glänzenden ſtieren Blicken, als habe nie etwas Anderes auf dem Sattel geſeſſen. Mann und Roß ſchienen Eins zu ſein, ein berittenes Geſpenſt, gleich bereit, in der Mitternachtſtunde irgend einen wilden Spuckritt anzutreten. 4 „Ihr wollt wiſſen,“ ſagte der Jäger,„wann ich anfieng zu träumen? meinetwegen, ſei's darum!'s iſt eine kurze Ge⸗ ſchichte.“ Und Lukas erzählte alſo: Vom blauen Kegenſchirm. „Ich war ein junger Bauernburſche, lebhaft und vergnügt, ſiebenzehn, achtzehn Jahre alt,— ja, es mäg ſo lange her ſein,— und ich hatte für nichts Sinn als für die Pferde, mit denen ich auf dem Felde ackerte, und für die Blumen, welche ich im Walde fand, für letztere aber nur, weil ich ſie, ſo lange es deren gab, allabendlich der jungen Tochter unſerer Nachbarin, einer armen Frau, gab, und das Maädchen war ſehr ſchön. Das fühlte ich wohl, und wenn der Tag noch ſo freundlich aufſtieg, und wenn die Morgenwolken noch ſo roſig am Himmel zogen, und wenn die Lerchen noch ſo munter aufwirbelten aus dem grünen thauigen Fruchtfelde, das alles war für mich nur dann erſt ſchön, nachdem ſie ihr kleines, mit Papier verklebtes Fenſter geöffnet hatte und hinaus rief: Guten Morgen,⸗Lukas! Damals träumte ich auch zu Nacht und träumte, wie das Mädchen mein wäre und ich ſie in meinem Arm hielt, kurz, wie wir liebten und glücklich waren; dazwiſchen lagen aber in der — 170 Zwölftes Kapitel. Wirklichkeit noch ganze Berge von Hinderniſſen, und wenn ich mit dem Vater nur ſprach von der Bettlerin und ihrer Tochter, 1 ſo verfinſterte ſich ſein Geſicht, und einmal, als ich wie im Scherz T ſagte, die möchte ich heirathen, da hob er ſeine ſchwere Peitſche an gegen mich auf. n Trotzdem aber war ich viel drüben in dem kleinen verfallenen da Häuschen und half der Alten, wo ich nur helfen konnte. Das Mädchen war meiſtens traurig und in ſich gekehrt, die Alte dagegen luſtig und guter Dinge, namentlich wein ich A ihr ein Säckchen mit Frucht über den Zaun warf oder des Win⸗ ters einige Scheiter Holz oder dergleichen. Das dauerte ſo eine Zeit lang fort, und alsdann giengen Mutter und Tochter nach der großen Stadt, die nahe lag, um für das Mädchen ein Unterkommen zu finden; und ſie fand auch eins bei einer Nähterin und gieng von da an jeden Morgen dort⸗ hin und kam Abends wieder. Bald beſſerte ſich auch das Ver⸗ hältniß der Alten; es gieng ihr nicht mehr ſo ſchlecht wie früher, und ich— nun, ich freute mich darüber. Das Mädchen war damals fünfzehn Jahre alt und friſch und geſund aufgeblüht wie eine Roſe, man konnte nichts Schö⸗ neres ſehen. Wenn ſie aber ſo zuweilen daher kam durch das Dorf an Sonn⸗ und Feiertagen, und wir junge Burſche ſtanden beiſammen, und ich dem Mädchen triumphirend nachſah, indem es in mir ſprach:„die wird doch dein werden!“ dann ſtießen ſich einige der ältern Burſche lachend an; und als ſte eines Tages ein neues hübſches Tuch trug ſagte er von ihnen:„Ich möchte beim Vlitz, die hätte das Geld von mir verdient!“ und P uu⸗ dern lachten. Das aber gieng mir im Kopf herum, und ich dachte darüber nach und grübelte und wollte doch nichts herausbringen; auch mit der Alten ſprach ich darüber, doch die lachte, ſah mich mit einem ſonderbar pfiffigen Blick an und brummte in ſich hinein:. „Man muß ja leben, das Hungerſterben iſt ſehr unangenehm... —— Aus dem Autſcherzimmer. 171 Mir ließ aber dieſe Geſchichte Tag und Nacht keine Ruhe, und nachdem ich lange hin und her geſonnen, gieng ich eines Morgens vor Tagesanbruch nach der Stadt und verbarg mich am Thor, bis das Mädchen kam, dann folgte ich ihr von Weitem nach und ſah, wie ſie allerdings zu einer Nähterin gieng, um da zu arbeiten. Ich blieb und wartete Stunde um Stunde, und endlich gegen vier Uhr, es war im Spätherbſt, kam ſie wieder heraus. Abermals folgte ich ihr von Weitem und ſah, daß ſie abſichtlich durch mehr Straßen gieng, als nothwendig war, und daß ſie herumgehen wollte, bis es anfieng dunkel zu werden; dann trat ſie vor ein großes Haus, ſah ſich ſchüchtern nach allen Seiten um und eilte durch ein Hofthor und dann durch eine kleine Thür in dieſes Haus hinein, das ſah ich. Ich ſchlich ihr nach, fand eine kleine, finſtere Treppe, die ich langſam hinauftappte, und kam auf einen ebenfalls dunklen Vorplatz, wo ich nichts bemerkte, als gleich zwei feurigen Punkten zwei Schlüſſellöcher, durch welche das Licht in den Zimmern auf den Vorplatz fiel. An dem einen horchte ich: es waren zwei Stimmen, die zuſammen ſpra⸗ chen, Gott ſei Dank! zwei Männerſtimmen— aber was ſprachen ſie? Der Eine ſagte lachend und flüſternd:„Wer iſt da?“ und die andere Stimme antwortete: „Es iſt das hübſche Bauermädel, die alle Mittwoch und alle Samſtag kommt.“ „Schade um die,“ erwiderté die erſte Stimme,„die hätte in diggrechten Hände fallen ſollen, als daß ſie ſo auf eigene Fauſt herumnläuft;“ und die andere Stimme entgegnete: „Allerdings, es iſt eigentlich ſchade.“——— Ich gieng zurück an die andere Thür, und vor⸗derſelben ſtand ein alter blauer Regenſchirm, den ich ganz genau kannte; vor nicht langer Zeit hatte ich an eben dieſem alten blauen Regen⸗ ſchirm, als ich Abends in dem ärmlichen Zimmer draußen im Bwölftes Kapitel. Dorfe ſaß, die Stange mit einem Nagel befeſtigt,— ſehen und hören konnte ich aber nichts aus dem Zimmer, wo der Regen⸗ ſchirm ſtand, es herrſchte da eine entſetzliche ſonderbare Stille.— Ich gieng langſam des Weges zurück, wo ich hergekommen und es fror mich auf eine ſchreckliche Art, die Zähne ſchlugen mir im Munde zuſammen und meine Hände waren ſtarr, doch war⸗ tete ich geduldig, bis ſte aus dem Hauſe auf der kleinen Treppe und dem dunklen Vorplatz herunter kam, und dann folgte ich ihr von Weitem, und als ſie in einen kleinen Laden trat, gieng ich ebenfalls da hinein. Als ſie mich ſah und erkannte, erſchrack ſie ſichtlich und fuhr zuſammen; ſie ſah ſonderbar aus, ich habe ihr Geſicht ſeit damals nicht vergeſſen; ihr Auge war feucht, und ihre Hand zitterte, als ſie ihre kleinen Einkäufe bezahlen wollte; auch wandte ſie ſich ängſtlich rechts und links und wollte mich das Geleſtück nicht ſehen laſſen, das ſie gab.“—— Nach einer Pauſe, die der Jäger hier in der Erz macht, fuhr er ruhig und gleichmüthig fort: „Es war ein Zweiguldenſtück und ich ſagte: Du verdienſt viel Geld, worauf ſie mit leiſer Stimme antwortete: „Ach Gott! ich habe das eigentlich nicht verdient; ich habe es mir nur entlehnt, und es hat mich eine entſetzliche Mühe ge⸗ koſtet, es zu bekommen. Aber, 4 ſetzte ſte haſtig hinzu,„„ich habe es wahrhaftig nothwendig. gebraucht, ich verdiene täglich 3 ſechszehn Kreuzer, und davon können wir nicht leben. 44 „Das iſt ganz richtig,“ entgegnete ich ſehr ruhig,„da⸗ von könnt Ihr nicht leben; aber wenn du es mir geſagt hätteſt, ſo hätte ich dir zwei Gulden geſchenkt, ſo viel kann ich ſchon erübrigen.“ 8 Darauf zitterte ihre Hand heftiger als zuvor, und die Geld⸗ ſtücke, welche ſie zurück bekam, klapperten ordentlich zuſammen. „Wir wollen nach Hauſe gehen,“ ſagte ich nach einer Pauſe, ählung ge⸗ Aus dem Kutſcherzimmer. 173 und ſie ſah mich mit einem ſchrecklichen Blick an.„Ja, wir wollen nach Hauſe gehen,“ fuhr ich fort, vich will dich begleiten.“ Sie gieng neben mir her, und erſt als ich's ihr zehnmal geſagt, hieng ſte ſich an meinen Arm, und da es heftig regnete, ſo ſpannte ich den alten, blauen Regenſchirm, der auf dem Vor⸗ platze geſtanden, über uns aus. Unterwegs muß ich allerlei ſonderbares Zeug zu dem Mäd⸗ chen geſprochen haben; oft lachte ich laut auf, und dann ſchau⸗ derte ſie zuſammen, endlich aber hörte ich ſte einen gellenden Schrei ausſtoßen, und dann war ich allein, doch kümmerte mich das durchaus nicht weiter; ich ſpazierte mit dem blauen Regen⸗ ſchirm ruhig nach Hauſe, legte mich zu Bett, und da war es, wo ich in einen tiefen, tiefen Schlaf fiel. Entſetzliches träumte mir: bald lag ich in einem glühenden Ofen, bald lag ich eingefroren in einem See und ſah ganz ſonderbare, gräßliche Geſtalten, Gewürme, das aus dem glühen⸗ den Ofen an mein Herz kroch, und ſeltſame Eisvögel, die auf dem See um mich herum flogen; am ſchrecklichſten aber war mir der blaue Regenſchirm, den ich häufig ſah— zuerſt war es eine blaue Wolke, auf welcher ſie lag, ein fünfzehnjähriges Mädchen, friſch und blühend; die Wolke ſank aber tief herab und verwan⸗ delte ſich in einen ſchmutzigen, gähnenden Schlund, und als ich ihr nachſchauen⸗wollte, ſchloß es ſich krachend über ihr zuſammen. Dann träumte mir, es werde Frühjahr und ich kam hinaus in den grünen duftenden Wald zu einem Förſter und lebte da ein ruhiges, träumeriſches Leben. Jahre vergiengen, ſo träumte ich nämlich, und dann wurde ich herrſchaftlicher Jäger, Alles im Traume, und heute Abend träume ich von einer luſtigen Punſch⸗ Partie, die man eigentlich nicht mit alten, unangenehmen Erinne⸗ rungen trüben ſollte. „Joſeph,“ ſo ſchloß der Jäger,„fülle mein Glas auf!“ damit nahm er daſſelbe vom Ohr des Pferdes herunter, ſchwang * 174 Zwölftes Kapitel. ſich aus dem Sattel auf den Boden und trank das gefüllte Glas auf einen Zug. „Luſtig, luſtig!“ ſagte er mit blitzenden Augen;„das Leben iſt ein Traum, das haben ſchon weit klügere Leute als ich geſagt und bewieſen; nur fürchte ich mich einigermaßen vor dem Erwachen nach jenem Abend,“ ſetzte er plötzlich ernſt werdend hinzu, und ſeine Züge nahnien einen geſpenſtigen Ausdruck an; „wenn ich einmal erwache, ſo ſteht neben meinem Bette der blaue Regenſchirm, und ich muß hinaus an den tiefen Dorfſee und mit den andern Burſchen mit langen Stangen nach ihrem Leichnam ſuchen.“— Draußen auf den Kirchthürmen ſchlug es zwölf Uhr. Die Erzählung des Jägers hatte die Anweſenden ſonderbar geſtimmt, und Alle waren es zufrieden, daß die Mitternachts⸗ ſtunde zum Aufbruch mahnte. Der Oberkutſcher wälzte ſich aus ſeinem Schlitten und meinte, es habe durchaus keinen Anſtand, daß das ein ganz curioſer Vorfall ſei; der Kutſcher und der Vor⸗ reiter ſprangen eilfertig in die Höhe, und während der Erſtere ſeinem Vorgeſetzten den Rock, der ſich durch's Liegen etwas in die Höhe geſchoben hatte, ſanft herabzog, reichte ihm der Vor⸗ reiter die kleine Mütze, die vom Kopf des Herrn Mundels ge⸗ fallen war.„ Joſeph füllte zum letzten Male die Gläſer, und der Herr Dubel, den die Geſchichte des Jägers beſonders angeregt hatte, und der dieſelbe ſehr poetiſch fand, ſah nachſinnend in die leere Punſch⸗ und Waſchſchüſſel, er ſeufzte tief auf und wandte ſich an Lukas, der ſein Glas in der größten Ruhe trank. „Für mich,“ ſagte er,„wäre es wahrhaftig außerordent⸗ lich angenehm, auch ſo träumen zu können, nur möchte ich wün⸗ ſchen, daß dieſe Träume angenehmer Art wären;— was bietet uns das Leben? was bietet mir das Leben?“ ſetzte er ſkaurig hinzu.„Ach! meine Eriſſſſetenz, mein wirkliches Daſein iſt ein höchſſſſet bejammernswerthes, und doch bin ich nicht dazu Aus dem Kutſcherzimmer. 175 gemacht, als Flickſchneider untergehen zu müſſen, wenigſſſſ⸗tens fühle ich es in meinen Träumen; oder wenn ich anmuthige Bücher leſe, ja, dann fühle ich es, wie ſehr ich meinen Zweck verfehlt habe. Warum bin ich nicht mit meiner Nadel zufrieden? warum zieht es mich zu einem vornehmen, eleganten Leben, wenn ich nicht die Mittel dazu beſitze?“ „Das ſind ebenfalls Träume,“ ſagte Jean,„und wir alle haben dergleichen Gedanken.“ „Aber nicht wie ich,“ ſagte haſtig der Schneider;„Ihr fühlt Euch in Eurem Zuſſſſ⸗tande glücklich, Ihr wünſcht Euch nichts Anderes, als...“ „Höchſtens eine tüchtige Zulage!“ lachte Jean. „Aber ich,“ fuhr der Herr Dubel fort,„verzehre mich in Sehnſucht nach einem Glück, das mir doch nie zu Theil wird; bei jeder Cquipage, die vorbeirollt, denke ich an meine eigene, die ich beſitzen könnte; wenn die Leute ins Theater fahren, ſo ſehe ich im Geiſte meine Loge von rothem Sammt mit weichen Stühlen, und die liegt,“ ſetzte er trübe vor ſich hin lächelnd hinzu,„dicht neben der Bühne und hat eine Thüre da hinaus.“ Alle lachten bei den Phantaſieen des Schneiders; der Ober⸗ kutſcher ſagte, es habe gar keinen Anſtand, daß es viel beſſer und vernünftiger ſei, ſich mit ſeinem kleinen Looſe zu begnügen. Dabei ſchaute er auf ſeinen dicken Bauch und dachte an ſeinen reichgeſtickten Rock, der zu Haus im Schranke hieng, und er⸗ blickte ſchmunzelnd in dem Punſchglaſe die große Staatscaroſſe und die Leute mit den abgezogenen Hüten. Alle, wie geſagt, lachten über die Worte des Schneiders, nur der Jäger nicht, der mitleidig zuſchaute, wie der Herr Dubel den warmen Kutſchermantel auszog und ſich beſondere Mühe gab, ſein noch feuchtes Fräckchen an den Leib zu bringen. „Ich bin ja nicht unbeſcheiden in meinen Wünſchena klagte der Schneider, indem er die Arme weit aus einander breitete und unter kräftigem Ringen den Verſuch machte, den Kragen ſeines 8 176 Zwölftes Kapitel. engen Rockes ſeinem Halſe näher zu bringen,„es könnte mich ja glücklich machen, wenn ich nur auf Augenblicke in dem Wagen eines vornehmen Herrn ſchwelgen könnte; ich bin gewiß nicht unbeſcheiden. 4 „Dazu könnte Rath werden,“ meinte der Jäger;„wenn es Ihn z. B. glücklich machen kann, einmal mit allein Zugehör nach Hauſe gefahren zu werden, ſo komm Er mit mir, ich will Ihn in aller Form vor Seine Wohnung bringen.“ Herr Dubel lächelte ungläubig; aber Jean, der dem Jäger einen Wink gab, ſagte:„Warum denn nicht? ich bin überzeugt, wenn der Herr Lukas was ſagt, ſo fährt er Euch in dem Broug⸗ ham des Barons nach Hauſe.“ Joſeph trat ebenfalls lachend näher, klopfte dem Schneider auf die Schulter und ſagte:„Steig' Er ein, alter Dubel; mich ſoll der Teufel holen, wenn in dem alten Stall dergleichen alte Späſſe nicht übel aufgenommen würden, ſo führe ich Ihn auch einmal nach Hauſe.“ Und der Oberkutſcher ſetzte hinzu, das ſei ohne allen An⸗ ſtand ein Kapitalſpaß. Demgemäß verließen Sämmtliche von der Punſchgeſellſchaft das Kutſcherzimmer und ſtiegen in den Stall hinab, oder giengen, um ihre bereits eingeſpannten Equipagen aufzuſuchen. Lukas, der mit dem Schneider gieng, blieb vor dem Thor des Marſtalles ſtehen und wartete auf die Equipage des Barons, die auch bald mit zwei Laternen heranrollte. Der Herr Dubel lachte freudig in ſich hinein über die bevorſtehende Fahrt und be⸗ dauerte nur, daß es nicht Mittagsſtunde ſei, um Bekannten, die ihm allenfalls begegnen würden, freundliche Grüße zu ſpenden. Ernſt und feierlich wie immer öffnete der Jäger den Schlag des haltenden Broughams, erkundigte ſich, ob Seine Gnaden eine Cigarre anzuſtecken wünſchten, machte auf die bejahende Antwort Feuer und reichte daſſelhe dem Schneider ſammt einer guten Cigarre, welche der Herr Dahel alsbald anbrannte, ſich darauf in die ch ja agen nicht venn ehör Aus dem Kutſcherzimmer. 127 weichen Kiſſen zurückwarf und ſchläfrig befahl, nach Hauſe zu fahren. „Elſtergaſſe, Nummer vierundvierzig!“ ſagte Lukas zu dem Kutſcher, und der Herr Dubel fügte hinzu:„Vier Treppen hoch, hinten hinaus!“ und dahin fuhr der elegante Brougham, dumpf rollend und angenehm ſchaukelnd. Die Laternen warfen zitternde Lichter auf die Gegenſtände rechts und links, an welchen ſie vorbeikamen; die Hufe der Pferde klapperten auf dem Pflaſter, und der Herr Dubel war überglücklich. „Ach,“ ſeufzte er,„wenn mich ſo die Honoratiorentochter ſehen könnte! wenn ich ſo bei ihr vorfahren dürfte!'s wäre doch eine Möglichkeit da, ihr Herz zu erringen.“ Es gieng dem Schneiderein dieſem Augenblicke, wie es den meiſten Menſchen geht, die immer weiter ſchweifen, wenigſtens in Gedanken, obgleich das Schöne doch ſo nahe liegt. Ihm ge⸗ nügte nicht mehr der elegante Wagen, in welchem er lag: nein! er knüpfte an denſelben Eroberungsverſuche, Herzenseinnahmen, das ganze luſtige und leichte Leben eines reichen Cavaliers und fand ſich deßhalb ſehr unangenehm berührt, als der Wagen in die tiefer gelegenen Stadttheile einbog, wo arme Miethsbewohner bei kleinen Gewerbsleuten ihr beſcheidenes Zimmerchen haben. Man hätte dieſes Viertel den Federviehhof der Stadt nennen können; denn in ihm gab es Elſter⸗ und Krähenſtraße, Tauben⸗ und Hühnerhof; und hier wohnte auch der Herr Dubel, dort in jenem langen, ſchmalen Gebäude, ausgezeichnet durch einen kohlſchwarzen Giebel und durch ein kleines, ſtilles Weinhaus im untern Stock, welches gewöhnlich von Gäſten aus der höheren Bürgerklaſſe benützt wurde. Man ſollte glauben, dieſelben hätten Wirthshäuſer, auf den breiteren Straßen gelegen, beſucht; dem war aber nicht ſo, und je enger und ſchmieriger eine Weinkneipe zwiſchen Häuſer und Düngergruben einßekeilt lag, deſto größeren Zuſpruchs erfreute ſie ſich in hieſiger Stadt. Nur recht verborgen, nur ungeſehen Hacklanber, Namenl. Geſchichten. I. 12 178 Zwölftes Kapitel. von der ganzen Nachbarſchaft mußte man in die Wirthsſtube ge⸗ langen können, das war neben einem guten Wein ein Haupterfor⸗ derniß und ein Anziehungspunkt für die Stammgäſte. Ein ſpekulativer Kopf, deſſen Haus mit der vorderen Seite an einer belebten Straße lag, während auf der andern Seite des Hauſes ein tiefer Graben war, der das Gebäude von einem unſcheinbaren Stadtviertel trennte, und von wo man nur auf ausgetretenen Treppen zwiſchen den ſchmutzigen Mauern auf⸗ wärts in das Haus gelangen konnte, hatte die glückliche Idee, den Eingang zur Weinſtube nach hinten zu verlegen,— eine zeit⸗ und ſtadtgemäße Veränderung, welche ihm eine ungeheure Menge Gäſte zuführte und ihn in Kurzem zum wohlhabenden Manne machte. In der Elſtergaſſe nun, vor dem Hauſe Nummer vierund⸗ vierzig, ſtanden in der geöffneten Thür neben dem ſchlaftrunkenen Wirth die letzten Gäſte, welche die Mitternachtsſtunde zum Auf⸗ bruch gemahnt hatte und die daran waren, ſich nach Hauſe zu verfügen. Sie waren gerade im Begriff, das Wetter für die nächſten Tage zu prophezeien, und einer unter ihnen wollte aus verſchiedenen lichten Streifen am Himmel ein heranziehendes Froſtwetter erkennen. Es waren ihre drei, die da ſtanden, wovon zwei außer dicken Ueberröcken und Mützen nicht viel Bemerkenswerthes hatten, der dritte dagegen, der im Laufe des Geſpräches mit„Herr Di⸗ rektor“ angeredet wurde, eine hohe, d. h. große Perſönlichkeit, war, mit gerade aufſitzendem, etwas nach vorn geneigtem Hute, in einen weiten Carbonarimantel gewickelt. Er hielt in der Hand ein langes, ſpaniſches Rohr mit goldenem Knopf, das er ſtolz auf das Pflaſter aufgeſetzt hatte, ungefähr in der Art, wie man es auf der Menſur mit dem Stoßdegen zu machen pflegt. Zwiſchen dieſe Gruppe hinein rollte der Brougham des Barons und die drei Gäſte, denen vor dem Wirthshauſe in der Elſtergaſſe noch nie ein ſolches Attentat auf ihre Hühneraugen en Aus dem Kutſcherzimmer. 179 begegnet war, hatten kaum Zeit, an das Haus zu ſpringen. Der Kutſcher, den der Jäger von dem Spaß unterrichtet, fuhr ſo dicht hinan, daß die Räder des Wagens die ausgetretenen Treppenſtufen faſt berührten, und parirte die Pferde im ſchärfſten Trab. Lukas flog vom Bocke herunter, riß den Schlag auf, ſalutirte dem ausſteigenden Schneider und ſagte ernſt und würde⸗ voll:„Wünſche wohl zu ſchlafen!“ Er hätte gern hinzugeſetzt: „Herr Graf,“ fürchtete aber damit den Spaß zu verderben. Dann ſchwang er ſich wieder neben den Kutſcher, ſchrie ihm viel lauter als nöthig war in die Ohren:„Nach dem Schloſſe!“ und dahin ſauste der Wagen. Die drei Stammgäſte blickten verwundert den Schneider an, der ebenfalls einen Augenblick unter der Thür ſtehen blieb und nach dem Wetter ſah, und dann wandten ſie ſich an die Wirthin, welche im Ton der höchſten Ueberraſchung ausrief:„Ei, der Dubel!“ um zu erfahren, wer der Mann der Equipage eigent⸗ lich ſei. Der Schneider, der durch das Schaukeln in dem Wagen ganz in die Rolle eines gnädigen Herrn verfallen war, nahm ſehr würdevoll den alten zinnernen Leuchter aus der Hand der Wirthin, lüftete ſeinen alten Hut kaum merklich zum Gruß und ſtieg die Treppen hinan. Die drei Stammgäſte aber, wenigſtens zwei von ihnen, ſteckten ihre Köpfe mit denen des Wirthes und der Wirthin zu⸗ ſammen und vernahmen zu ihrem größten Erſtaunen, daß der junge Menſch ein Flickſchneider ſei und in der vierten Etage hinten hinaus wohne. Der dritte der Stammgäſte, der Herr Direktor, ſchüttelte den Kopf und meinte, dahinter ſtecke etwas, der junge Menſch müſſe, Gott weiß woher, eine vornehme und ſehr mäch⸗ tige Protektion haben. Er ſprach dieſe Worte, obgleich in ziemlich ordentlichem Deutſch, doch mit ſehr fremdem und weichem Accent. Was er ſagte leuchtete auch dem Wirth und der Wirthin ein, und ſte 12* 180 Bwölftes Kapitel. beſchloſſen, den Herrn Dubel künftig mit größerer Achtung als bisher zu behandeln. Dann ſchloß ſich das Haus und ſtarb für heute Nacht wie die umſtehenden ab; noch eine kleine Weile ſah man flackernde Lichter an den Fenſtern hin und her wandeln, dann erloſchen auch dieſe und Alles war nächtig und finſter. Die Stammgäſte zogen ihres Weges, zwei rechts, der Herr Direktor links, und wenn man ihn ſo dahinwandeln ſah, den Mantel maleriſch umgeworfen, die Beine zierüich ſetzend, und wenn man noch in der Entfernung hörte, wie der Stock auf dem Pflaſter klirrte, den er feſt und gleichmäßig aufſetzte, ſo paßte Figur und Gang ſo gar nicht in das Revier der Elſtergaſſe, und man hätte darauf ſchwören mögen, der Mann gehöre dahin, „wo die letzten Häuſer ſteh'n,“ und dieſe Anſicht war auch keineswegs unrichtig, denn, theurer Leſer, der Mann, der dort hinwandelt, iſt keine geringe Perſön⸗ lichkeit, es iſt vielmehr Signor Benetti, Direktor des königlichen Ballets und der königlichen Tanzſchule. —— —— z königlichen Dreizehutes Kapitel. Ein Hofball und ſeine Folgen. Joſeph hatte jetzt für heute zum dritten Mal ſeine Schimmel eingeſpannt und wartete, bis ſämmtliche Hofwagen die Remiſe verlaſſen hatten, dann öffnete er die Laternen, blies die Lichter aus, indem er bei ſich dachte:„Das Anhalten an dem alten Trimphbogen wird ſich viel ſchöner ausnehmen, wenn der alte Wagen ohne Licht daſteht, als wenn die beiden naſeweiſen Laternen weit in die Nacht hinaus rufen: hier ſteht eine herrſchaftliche Equipage.“ Nachdem er dieſes Geſchäft beſo ſtieg er auf den Bock und fuhr langſam dem Palais zu.. Dort an den hellen Fenſtern, die eigenthümlich gefärbt waren, je nach den Farben der ſeidenen Vorhänge, und auf dieſe Art mit blauem, rothem und grünem dämmerigem Scheine in die Nacht hinaus ſchienen, ſah man Gruppen von Ballgäſten ſtehen, aus dem Tanzſaale drangen die Töne eines zweiten und dritten Cotillons, und dort ſah man die Paare bei den Fenſtern vorbeiſchweben. Auf dem weiten Platze vor dem Schloſſe wimmelte es von Cquipagen aller Art, und die Pechkränze, die dort in dem großen, * 182 Dreizehntes Kapitel, eiſernen Becken flammten, beleuchteten die herrſchaftlichen Kutſcher auf dem hohen Bocke und die Droſchkenführer auf ihren niedrigen Wagen. Dort ſtand eine ganze Menge Equipagen zuſammen⸗ geſchichtet und die Kutſcher unterhielten ſich läͤrmend. Hier fuhr einer im kurzen Trab umher, um die Pferde warm zu erhalten, und die glänzenden Laternen ſpiegelten ſich auf dem naſſen Boden und bildeten, wo der Wagen auch hinfuhr, neben den Rädern einen leuchtenden Streifen. Jetzt war drüben der Cotillon zu Ende, der Prinz Eugen führte ſeine Gemahlin durch die Zimmer zurück in das Innere des Palais und nahm die tiefen Verbeugungen, die dem Fürſten und dem liebenswürdigen Wirthe zugleich galten, mit freund⸗ licher Handbewegung entgegen. In dem letzten Gemache des Ballappartements, wo ſich noch höhere Perſonen und vertraute Bekannte des Hauſes befan⸗ den, krönte ein letzter kurzer und freundlicher Cercle das anmuthige Feſt. Dann machte die Prinzeſſtn gegen die Anweſenden eine leichte Verbeugung, der Prinz grüßte zur guten Nacht freundlich mit der Hand, die Hof⸗ und anderen Damen in dem Cercle machten zu guter Letzt einen tiefen Knir, die Herren betrachteten entzückt lächelnd ihre Schienbeine, und Alles rauſchte durch die Zimmer die Treppen hinab in das Veſtibul, nach Bedienten oder Wagen rufend. Die erſte Lneahen von C., welche während der erſten Hälfte des Balles ſindig in ſtummem Schmerz dageſeſſen und welche, die höchſten Perſonen abgerechnet, nur mit einigen genauen Bekannten freundliche Worte gewechſelt, war nach dem Empfang des Billets wie umgewandelt; ihr Auge 3 zte auf, ſte athmete tief und heftig, und in ihrem ganzen Weſen gieng ſeit jenem Moment eine große Veränderung vor. Sie hatte danach eine lange Unterredung mit der alten Herzogin, und als ſich ſpäter dieſelbe entfernte, küßte Hochdieſelbe im Vorbeigehen zum Eiſtaunen aller Umſiehenden das Hoffräulein auf die Stirn und hen Kutſcher nz Cugen das Innere m Fürſten nit freund⸗ o ſich 3 befan⸗ nuthige nden eine freundlich dem Cercle etrachteten durch die jenten oder hrend der dageſeſſen it tinigen nach dem te auf, ſte gieng ſeit 1 danach als ſich gehen zum Stirn und Ein Hofball und ſeine Folgen. 183 ſagte ihr:„Gute Nacht, meine Liebe, auf baldiges Wiederſehen; folge der Frau von C., ſie weiß meinen Willen.“ Dem jungen Mädchen waren dieſe Worte nicht aus dem Ge⸗ dächtniß entſchwunden, ſie wiederholte ſich dieſelben tauſend Mal, konnte aber keinen rechten Zuſammenhang darin finden. Während des Abends blickte ſie zuweilen ſchüchtern nach dem Baron, und wenn ſie es auch ſchmerzte, ihn nicht zu ſehen, ſo war ſie andern⸗ theils froh darüber; denn ſchon allein die Erinnerung an den geſtrigen Abend, ſo oft ſte dieſelbe aus dem Innerſten des Her⸗ zens hervorrief, ließ ein tiefes glühendes Roth in ihrem Geſichte aufſteigen. Aber er konnte wenigſtens im Schloſſe bleiben! dachte Pauline, denn ſte fühlte in der Francaiſe, als ſie mit dem Prinzen tanzte, daß er jetzt weggieng; ſie ſah ſeinen Freund, den Grafen, aus dem Nebenzimmer kommen, ſah ſpäter die Gräfin Clara mit Frau von C. verkehren, ſah, wie die Hofdame den Brief las, und all' dieſes Räthſelhafte erſchütterte ſie tief. Frau von C. blieb in einem der äußern Zimmer ſtehen, und als das Hoffräulein herankam und ſchüchtern hinter ihr ſtehen blieb, wandte ſte ſich um und ſprach ſeit geſtern Morgen wieder zum erſten Male mit dem jungen Mädchen. Auf ihren Zügen lag ein gewinnendes Lächeln, und als ſte ſagte:„Wir fahren zuſammen, meine liebe Pauline!“ hätte man glauben können, ſie ſei die zärtlichſte Mutter und habe den ganzen Abend für nichts Sinn gehabt, als für das Glück Uraſ ſoönen Tochter und für die Triumphe derſelben während des heutigen Balles. Pauline fühlte ſich unangenehm berührt, ohne zu wiſſen, weßhalb; ſie ließ ſich klopfenden Herzens von Jean ihren Mantel umgeben und trat mit der Hofdame in das Veſtibul. CGs waren draußen ſchon viele Wagen weggefahren, nament⸗ lich hatte ſich die Zahl der hell glänzenden Laternen ſehr vermin⸗ dert, da faſt der ganze Hof ſchon nach Hauſe war; man konnte es deßhalb einem Droſchkenführer nicht verargen, daß er, als Jean hinausrief:„Hofwagen!— Joſeph u— laut antwortete: 8 184 Dreizehntes Kapitel. „Es iſt kein Hofwagen mehr da!“ denn er hatte den Wagen hinter ſich mit den erloſchenen Laternen nicht für einen ſolchen an⸗ geſehen. Doch Joſeph nahm dieſe Bemerkung gewaltig übel, und als er im kurzen Galopp die Rampo zu dem Palais hinauf⸗ fuhr und ſo dicht bei dem Droſchkenführer vorbei, daß ſich der⸗ ſelbe auf den Tritt ſeines Wagens retiriren mußte, konnte er ſich nicht enthalten, ihm zornig zuzurufen:„Meint Er vielleicht, alte Droſchke, wenn ſo ein Hofwagen zufällig keine Laternen hat, es ſei ein alter Miſtkarren? Platz da!“ Und damit hielt er vor der Glasthür, ſich ſorgſam umſehend, wer hineinſteige, damit es ihm nicht paſſtre, daß er mit der unrechten Dame an dem alten Triumphbogen halte. Doch wie ward ihm zu Muth, als nun beide Damen vortraten, zuerſt die Frau von C., dann das Hoffräulein, als Jean den Schlag zuſchloß und hinaufrief: „Nach Hauſe!“ „Alle Hagel!“ fluchte der Kutſcher unmuthig; nda ſoll ein altes Donnerwetter drein ſchlagen! Was mach' ich nun? halte ich an dem alten Triumphbogen oder halte ich nicht an dem alten Triumphbogen?“—— Joſeph wußte ſich durchaus nicht zu helfen, denn ihm waren für den Fall keine Inſtruktionen zugegangen, und er beſchloß, zu einem Mittel ſeine Zuflucht zu nehmen, das ihm ſchon öfters in zweifelhaften Fällen gut gedient: er zählte nämlich die Gaslaternen ab und ſagte an der erſten Ja! an der zweiten Nein! und ſo fort, bis er an den Triumphbogen hinkam, wo ihm die letzte Laterne mit freundlichem Flackern ein luſtiges Ja! zurief. Augenblicklich hielt der Wagen und augenblicklich voltigirte Joſeph von ſeinem Bocke und Jean von ſeinem Tritt herunter. „Einen Stein in den Huf getreten!“ brummte der Kutſcher und dabei faßte er den Lakaien kräftig am Kragen und zog ihn vor bis zu den Pferden hin und hob alsdann den linken Vorder⸗ fuß des ehrlichen Tibull auf, der mit dem Kopf ſchüttelte, als en Wagen olchen an⸗ C., dann und er das ihm te nämlich er zweiten kam, wo luſtiges voltigirte runter. Kutſcher dzog ihn Vorder⸗ rälte, als ——.— Ein Hofball und ſeine Folgen. wolle er verſichern, daß er dieſen Spaß ganz und gar nicht ver⸗ ſtände. Joſeph hämmerte aber unverdroſſen an dem Huf herum und gab ſich eine Mühe, als müſſe er einen Meilenſtein daraus entfernen; und Jean wollte an den Wagenſchlag eilen und die Baronin über den Aufenthalt aufklären, als raſch ein Mann in einem Mantel an die Equipage trat, die Hand der Baronin er⸗ griff, welche eben das Fenſter heruntergelaſſen, ſie heftig küßte und alsdann ſagte:„Verzeihung fuͤr den Ueberfall, aber ich muß Sie einen Augenblick ſehen!“ Der Kutſcher hörte auf zu klopfen, denn er dachte: Jetzt geſchieht da etwas Verkehrtes und abſonderlich Falſches. Jean biß die Lippen auf einander und riß dann das Maul vor Erſtaunen weit auf, als er die Stimme der Frau von C. hörte, welche antwortete:„Ei, ei, Baron, kommen Sie lieber morgen, als daß Sie ſich hier einer Erkältung ausſetzen;— gute Nacht!“ Das Licht der unglückſeligen Laterne, welche Ja! geſagt, ſchien hell und glänzend in den Wagen hinein, der Baron be⸗ merkte ſeinen entſetzlichen Irrthum und trat verwirrt und betreten zurück, als habe er eine ganze Legion Geſpenſter geſehen; Joſeph, der dieß für ein Zeichen zum Weiterfahren nahm, ſchwang ſich behende auf den Bock, Jean hinten auf den Tritt, und fort gieng es, was die Pferde laufen konnten. Der Kutſcher, obgleich unſchuldig, war außerordentlich unzufrieden mit ſich ſelbſt, und wenn nicht leider ſchon ein Theil ſeiner vier Dukaten für den famoſen Punſch aufgegangen geweſen wäre, ſo würde er, nachdem er die Damen am Schloſſe abgeſetzt, wieder mit dem Wagen umgekehrt ſein nach dem alten Triumph⸗ bogen, um das Geld an den Mann zurück zu geben, an den Mann, der wahrſcheinlich dort noch immer ſtände, ſteif vor Entſetzen. So aber fuhr Joſeph aufgeregt und zornig nach dem Stalle, knallte mit ſeiner Peitſche für einen Hofkutſcher ſehr un⸗ anſtändig durch die ſtille Nacht und hätte an der Ecke des Schloſſes beinahe noch ein Individuum überfahren, das ihm in den Weg trat. 186 Dreizehntes Kapitel. Dieſes Individuum, ſtatt auf die Seite zu ſpringen, blieb keck vor den Pferden ſtehen und ergoß ſich in einen Strom von Citaten aus dem Polizeireglement über ſchnelles Fahren um die Ecke und über Fahren ohne Laternen bei der Nacht. „Platz da!“ rief der Kutſcher;„aus dem Wege, alte Ratte!“ und dabei wirbelte er die Peitſche verdächtig in der Luft, Tibull und Pluto wurden unruhig, und das Individuum, wel⸗ ches ſah, daß hier in der Einſamkeit nicht viel auszurichten ſei, ſprang auf die Seite, der Wagen ſchoß vorbei, und die Peitſche des Kutſchers, einmal in Bewegung geſetzt, ruhte nicht eher, als bis ſie behende rückwärts gefahren war und das Individuum fein, aber ſcharf getroffen hatte und zwar genau auf dieſelbe Stelle, wie den Singer des Schwalbenliedes und wie Jean den Lakaien. Im Schloß aber ſchritten die beiden Damen durch die halb⸗ dunkeln hallenden Corridore die einſamen breiten Marmortreppen hinauf, und es war in dem großen, weiten Gebäude Niemand wach, als ſie und das Echo, welches die Tritte wiederhallen ließ und vervielfältigte, als gienge über alle Corridors und Trep⸗ pen eine ungeheure Menge von unſichtbaren Ballgäſten nach Hauſe. Auch die hohen Zimmer lagen düſter da, und die Wachs⸗ kerzen, die Jean voraustrug, zeigten nur in unbeſtimmten Um⸗ riſſen die großen Familienbilder an den Wänden, die ſich zu ver⸗ neigen und zu bewegen ſchienen, und ſtrahlten wieder von irgend einem vergoldeten Möbel in der Ecke, das da wie ein unbekanntes Thier lag mit vielen funkelnden Augen. Die Kronleuchter glänzten und rauſchten, wie ſie unter ihnen dahinſchritten, der Tritt war unhörbar, und ſo glitten die beiden weißen Geſtalten von einem Gemache in das andere und alle ſchienen bei Nacht gleich groß, gleich dunkel, gleich unheim⸗ lich. Nur das Boudoir der Frau von C. machte hievon eine Ausnahme: es war kleiner, hier brannten mehr Lichten, und hict fühlte man eine behagliche Wärme.— en blieb trom von dren um die alte der Luft, die Peitſche ht eher, Individuum derhallen und Trep⸗ on irgend bekanntes ſie unter alitten die mdere und h unheim⸗ jevon eine bte⸗, und Ein Hofball und ſeine Folgen. 187 Die Hofdame ſetzte ſich in einen Fauteuil und winkte ihrer Begleiterin, nachdem Jean abgetreten war, in dem andern Platz zu nehmen. Es entſtand für den Augenblick eine tiefe Stille, die nur unterbrochen wurde durch das Picken der Uhr auf dem Kamin und durch das Picken der Uhr im Vorzimmer, welche in eifrigem Geſpräch begriffen zu ſein ſchienen; bald ſchienen dieſe Uhren der gleichen Meinung, dann fiengen ſie an gelinde zu ſtreiten, wur⸗ den immer heftiger, haſpelten durch einander, wollten ſich über⸗ tönen, und das gieng ſo fort. Dazwiſchen huſtete im Schlaf⸗ zimmer zuweilen eine ſchlaftrunkene Kammerjungfer, und dann war es wieder ganz ſtill. „Ich war geſtern etwas hart gegen dich,“ ſagte die Hof⸗ dame und breitete ihren Fächer aus;„ich geſtehe mein Un⸗ recht vollkommen ein; du warſt überraſcht und wußteſt nicht, was du thun ſollteſt; es iſt das in der Welt ſchon öfters vor⸗ gekommen.“ Die Uhren ſchienen der gleichen Meinung zu ſein. „Es läge auch durchaus nichts Schlimmes, nichts Straf⸗ bares darin und liegt auch dergleichen nicht zum Grunde; denn ich bin überzeugt, daß du dieſe unangenehme Sache für das an⸗ ſiehſt, was ſie leider iſt, für einen unverantwortlichen Leichtſinn des Barons, für eine Ueberraſchung, ja, für eine Ueberrumpe⸗ lung, wie man ſte ſich gegen ein junges unerfahrenes Mädchen zuweilen erlaubt.“ Die Hofdame ſchlug ihren Fächer zu und ſah Paulinen mit einem feſten Blicke an. Die Uhren begannen ihren kleinen Streit wieder und ſchienen nicht ganz derſelben Anſicht zu ſein. „Antworte mir Pauline,“ fuhr Frau von C. fort,„ant⸗ worte mir, mein liebes Mädchen, denn ich bin überzeugt, daß dü mir in deinem Herzen Recht gibſt; darum geſtehe es mir zu, daß du jene unangenehme Ueberraſchung zu würdigen weiſt und 188 Preizehntes Aaxitet. nein! das man mit dir treiben wollte. Geſtehe es deiner mütter lichen Freundin.“ Das junge Mädchen fuhr ſchmerzhaft berührt zuſammen und blickte, ohne ein Wort zu ſprechen, aber flehend auf ihre mütterliche Freundin. b Die Uhr neben ihr auf dem Kamin und die im Vorzimmer ſchienen ſich immer mehr zu entzweien, ſie begannen einen leb⸗ V haften, heftigen Streit mit einander, und es war ungewiß, welche den Sieg davon tragen würde. „Antworte mir doch, liebe Pauline!“ fuhr die Hofdame b fort und ſchlug ihren Fächer ungeduldig und ſehr raſch zuſammen, „ſprich dich aus über die... Vermeſſenheit jenes Mannes, über jene Unſchicklichkeit, die du wohl fühlen mußt, namentlich du, ſonſt in allen Dingen ſo zart und ſo außerordentlich empfindlich für jede noch ſo leichte Berührung;— oder ſiehſt du vielleicht,“ fuhr ſie lauernd fort,„nicht die Unſchicklichkeit ein, die gegen dich begangen wurde, eine ganze Kette von Unzartem, von Un⸗/ artigem, von dem Moment an, wo er in dein Cabinet drang,/ bis zu dem Moment, wo er dich küßte?——— Ja, dich küßte, mein Fräulein!“ fuhr Frau von C. entſchieden fort, alß ſte bemerkte, wie das junge Mädchen die Hand erhob und anſ⸗ worten zu wollen ſchien—„aber jetzt bitte ich dich um An wort! Fandeſt du das Benehmen des Barons gegen dich nich im höchſten Grade unſchicklich und lächerlich?“ „Nein!“ ſagte das Mädchen mit kaum hörbarer Stimme, „ich kann das gerade nicht finden; u ſaßte dabei aber die Lehte ihres Seſſels, Als fürchte ſte, nach dieſer Antwort durch einen Blick ihrer mütterlichen Freundin in einen bodenloſen Abgrund geſchleudert zu werden. Frau von C. aber ſank bei dieſer Antwort in die innerſt Tiefe ihres Fauteuils und wunderte ſich alsdann ungemein, da die Erde ſie nicht wirklich und wahrhaftig: viſörungen. ——— — daß du es begreff das Spiel, das man mit dir getrieben, uef N — 4— rieben, oden, iner müten diea rer Stimuh er die Eehi durch ein ſen Abgrunh die innerſtt mein, da SMein en. Ein Hofball und ſeine Folgen. 189 „In der That,“ ſagte ſie nach einer langen, langen Pauſe, während welcher die Uhren, ein unangenehmes Geſchlecht, nach⸗ dem ſte kaum wieder einig geworden waren, ſchon wieder ihren Streit begonnen,— vin der That mein Fräulein, Sie ſehen das wirklich nicht ein? In der That nicht?— Ganz gewiß nicht?— Und empfinden nicht die entſetzliche Unſchicklichkeit, Zie man gegen Sie begangen?“ „Nein!“ wiederholte das Mädchen abermals und dieſes Mal mit etwas beſtimmterem Tone, vich kann das, was geſtern Morgen zwiſchen dem Baron und mir vorgefallen, wohl eine Ueberraſchung nennen, aber keine Unſchicklichkeit; es iſt durchaus nichts, was mich herabſetzen könnte— durchaus nichts— ich glaube wenigſtens ſo, meine theure Frau von C., gewiß nichts, was mir Ihre Vorwürfe zuziehen könnte.“ „Keine Unſchicklichkeit wäre begangen worden? nichts, was Ihnen Vorwürfe zuziehen könnte?!“ rief die Hofdame ſo laut, daß ſte die leiſen Stimmen der Uhren übertönte;„o Gott, wie das naiv iſt! Keine Unſchicklichkeit, wenn ein junger Mann ein Hoffräulein in ihrem Zimmer küßt?— Die Frau Herzogin aber,“ fuhr ſie ſtrenger fort und ſprang bei der Nennung dieſes Namens 4 von ihrem Fauteuil auf, als ſei die gewaltige Dame ſelbſt in der Nähe,„die Frau Herzogin aber und ich, wir halten dafür, daß man Sie compromittirt hat, daß man ſich ſehr unſchicklich gegen Sie betragen.“ 1 Das junge Mädchen war ebenfalls aufgeſtanden und ſagte mit leiſer Stimme, aber beſtimmt und feſt:„Ich kann nur be⸗ dauern, gnädige Frau, daß ich zum erſten Mal im Leben in den 1. für mich traurigen Fall gekommen bin, wo meine Anſichten mit den Ihrigen nicht übereinſtimmen; der Baron hat mir keine Lie⸗ beserklärung gemacht———— aber er bot mir ſeine Haäand an.“ „Er bot dir ſeine Hand an?“ ſagte die Hofdame und lachte dabei entſetzlich laut.„In der That, mein Fräulein, er bot dir — — 4—— 2 — 4 * 8 — — ⸗ —— 190 Dreizehntes Kapitel. feine Band an; er ein reicher, unabhängiger, junger Man ein armes mittelloſes Fräulein, darin liegt ja eben das, da 4 Komiſche, wenn es nicht ſo furchtbar ernſt wäre.“ — Sie drückte ihren Arm feſt auf die Kaminplatte, zerknitterte dabei die herrlichen Spitzen ihres Ballkleides und bemerkte nichtz einmal, daß ſie das Schloß eines ihrer Armbänder aufgedrückt und daß dieß in die glimmende Aſche gefallen. Doch mochte ſie dem jungen Mädchen gegenüber, deren Geſtalt um ein Bedeuten⸗ des höher, ihr imponirend vor ihr ſtand, für beſſer halten, wen ſie ihre frühere ſitzende Stellung wieder einnahm, überhaupt ihre Angriffsplan änderte; genug, ſte glitt in ihren Fauteuil zurü brachte ihre Hand mit dem Schnupftuche vor das Geſicht un weinte heftig; wenigſtens glänzte in ihren großen, immerhi ſchönen Augen eine Thräne, als ſie nach ein paar Minuten di Hand mit dem Schnupftuche ſinken ließ und mit der anderen di Rechte des Mädchens ergriff und ſie ſanft in ihren Seſſel zurückzog. „Mein liebes, gutes Kind,“ ſagte ſie mit bewegter Stimme, —— „ich bin ja nur um dein Wohl beſorgt, wir wollen ja nur dein Beſtes; traue mir, Pauline, traue der Freundin, die es gut mit dir meint! Es iſt vielleicht grauſam, dir deinen Glauben zu zerſtören, aber zu deinem Beſten muß es ſein; glaube, der Baron meint es nicht gut mit dir— ich weiß es, arme Verblen⸗ dete! Was er dir geſtern Morgen geſagt, hat er vielleicht heute Abend mehreren Andern wiederholt.“ „Hätteſt du nicht,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„bis jetzt in glücklicher, beneidenswerthen Unwiſſenheit gelebt, ſo wür⸗ deſt du Manches gehört haben von dem leichtſinnigen, wilden Leben, das der Baron ſchon ſeit längerer Zeit mit mehreren ſeiner Bekannten führt; ſehen hätteſt du es wenigſtens ſchon lange müſſen, wie er in der Geſellſchaft umherflattert, von einer Dame zur anderen, und wie er, man muß das geſtehen, bei allen Theilen gern geſehen wurde. Man ſagt, der Blick der Liebe ſei ſcharf,— o liebes Kind, der Blick einer mütterlichen Freundin rerknittert nerkte nichtz aufgedrückt mochte ſie n Glauben übe, der Verblen⸗ icht heute ort,„bis„ ſo wür⸗ wilden ren ſeiner on lange er Dame bei alle gbebe ſel greundin 191 iſt ſchärfer; ich könnte dir Details erzählen,“ ſagte ſie ſeufzend, „deren hundertſter Theil zu viel wäre, um ſie in dem Reſte dieſer bald abgelaufenen Nacht ſagen zu können.— Mich ſelbſt,“ fuhr die Dame fort und ſenkte ihre Augen,„mich ſelbſt verfolgt er mit ſeinen Galanterieen, allerdings ſehr unverfänglicher Natur, die ich ihm jedoch hundertmal unterſagt, obgleich umſonſt; du warſt heute Abend beim Nachhauſefahren Zeuge davon. Eine andere Dame, die wir Beide genau kennen, bat er heute Abend mit dieſen Zeilen— um eine Zuſammenkunft auf morgen.“— Sie ſuchte bei dieſen Worten ein Billet hervor, faltete es auf, und während Pauline mit zitternder Hand daſſelbe in Empfang nahm und durchlas, ließ ſie das Couvert mit der Adreſſe in die glühenden Kohlen fallen.— Das junge Mädchen ſaß da, ein Bild des Jammers; eine erſchreckende Bläſſe bedeckte ihr Geſicht, ihre Bruſt wogte heftig und einzelne ſchwere Thränen ſtahlen ſich unter den langen Wim⸗ pern hervor und rollten über ihr Geſicht; ſie hob das Auge mit einem unnennbar flehenden Ausdruck zu ihrer mütterlichen Freun⸗ din empor, und ihr Blick ſagte:„Iſt es wahr, was du ſo eben geſprochen? Bin ich wirklich eine Unglückliche? um ſo unglück⸗ licher, da mein Herz ſich raſch und warm erſchloß? dreifach un⸗ glücklich, da ich, dem Blick ſeines Auges, ſeinem Worte trauend, ihm ohne Scheu geſtand, was in meinem Herzen für ihn ſprach, daß ich ihn liebe und daß ich ſein Weib werden wolle.“ Frau von C. folgte dieſen ſtummen Fragen mit ihrem Blicke, und als verſtände ſte vollkommen, was die bebenden Lippen nicht ſprachen, nickte ſte mit dem Kopfe und zerriß mit dieſer ſtummen Bejahung das Herz des armen Mädchens vollends. Es entſtand eine längere Pauſe, an den hohen Fenſtern Ein Hofball und ſeine Folgen. rauſchte der Wind und die Nacht ſah geſpenſtig herein zwiſchen den ſchweren Seidevorhängen und ärgerte ſich über die brennenden Wachskerzen, welche ihr ſo hartnäckig die Herrſchaft in dem Zimmer ſtreitig machten. 7 wohlbekannt, ein Blick, der ſich nicht abweiſen ließ und der, ich ſchreiben. Adieu, meine Liebe!“ 192 Er ehnes Kapitel. Du weiſt, Jauline,, 2 fuhr Frau von G. fon,„wie ſeh mir dein Wohl, dein Beſtes am Herzen liegt; würde ich ſo mi dir ſprechen, wennees nur eine Möglichkeit gäbe, dir eine ſo ehrenvolle und glänzende Exiſtenz zu verſchaffen, wie eine Heirath mit jenem Manne? Nein, gewiß nicht! Glaube mir, wir alle, die für dich beſorgt ſind, haben die Sache reiflich hin und hey überlegt, es iſt nur ein Mittel da, um dich aus einem unan genehmen Gerede zu bringen, das auf jeden Fall entſtehen wird 3 ſowie man dem Baron Zeit läßt, die Vortheile zu verfolgen, welche du ihm unbedachtſamer Weiſe eingeräumt.—— die Frau Herzogin hat deßhalb befohlen, daß du noch heute den Hof auf einige Zeit verlaſſen und dich zu meiner Verwandten nach B. begeben ſollſt. Ihre Hoheit hat es mir zur traurigen Pflicht ge⸗ macht, dir dieſes anzukündigen, ſowie ſte mir auch befahl, dir in ihrem Namen ein herzliches und freundliches Wort zum Abſchiede zu ſagen; es iſt keine Ungnade, mein Kind, die dich betrifft; 15 machſt eine kleine Reiſe und Phrft nich einicer Zeit hieha ückh———— Dieß war ein ſchrecklicher Moment für das arme Hoff räu⸗ rein; ſte fühlte halb die Wahrheit des Geſagten, oder es wurde ihr vielmehr dieſe Wahrheit eingeredet; dabei hatte die Frau von C. ihr ſtrenges Auge feſt auf ſie geheftet, ein Auge, ihr ſo V 1 nnnenn wenn er fragte, nur eine Bejahung wollte. Die beiden Damen erhoben ſich darauf, wie nach einem vollkommen abgemachten Geſchäfte; Pauline machte eine Der⸗ beugung und fragte, wann ſie reiſen ſollle, „Die Nacht iſt bald vorbei,“ entgegnete Frau von C. mit heinem leiſen Seufzer und warf einen Blick in den Schloßhof der Wagen iſt für dich mit Tagesanbruch beſtellt, und während Ieinpacken läßt, will ich mich hinſetzen und einige Briefe für. 8 — — Mit teſen Worten faßte ſie die beiden Hände des Mädchens 8 ni ihn de ich ſo mi dir eine ſo eine Heirath nir, wir alle, und hef einem unanz aiſtehen wird u verfolgen, fahl, dir in n Abſchiede betrifft; rZeit hieher — rme Hoffräͤu⸗ es wurde ie Frau ge, ihr ſo z und der eim Var⸗ * nach einem 3 Ein Hofball und ſeine Folgen. und küßte ſte auf die Stirn, auf dieſelbe Stelle, wo geſtern andere Lippen eine Secunde geruht,— ein Kuß, wonach geſtern das Herz des Mädchens freudig und glückſelig geſchlagen,— aber jetzt!—— Sie gieng in ihr Zimmer, in daſſelbe Zimmer⸗ und ſetzte ſich an den Tiſch, an denſelben Tiſch, ſie ſtützte, die Stirn auf ihre Hand, fuhr aber gleich darauf wieder erſchreckt in die Höhe und beſchaute ängſtlich die Handfläche, als wäre darin ein rothes, brennendes Mal zurückgeblieben. Frau von C. ließ ſich einen Tiſch an den Kamin ſetzen und ſchrieb, während der Tag langſam zu grauen anfieng, mehrere Briefe. Als ſie fertig war und aufſtand, glänzte ihr aus den Kohlen das herabgefallene Armband entgegen, ſte hob es auf und betrachtete es nachdenkend; es war ein einfacher goldener Reif mit einer Muſchel⸗Camee, das Portrait Paulinens. Dieſe hatte es ihr einſt zu ihrem Geburtstage geſchenkt. Das Gold war von der Gluth der Kohlen matt angelaufen und die Camee war zerſprungen.——= Der junge Tag kam endlich herauf, faul und langweilig, nicht wie der Sohn des Hauſes, ſondern wie ein gemietheter Knecht; zuerſt zog er im Oſten die grauen Regenvorhänge aus einander und ließ ſich in einem mattgelben Streifen ſehen, der aber verdrießlich bald wieder verſchwand; bald darauf kam er auf die Erde, ohne viele Umſtände, ohne Glanz und Pracht, in grauem naſſem Wettermantel, deſſen Enden der ſcharfe Mor⸗ genwind hoch emporjagte; triefend von Regen und mißmuthig ſetzte er ſeine Füße in die großen Waſſerlachen, welche Straßen und Plütze bedeckten. Draußen aber im Freien war es noch unheimlicher, als in — der Reſidenz, der Wind bog die Pappeln an der Landſtraße, 3 trieb unterſchiedliche Wettrennen mit den Regenſchauern, welch niederſchlugen, und beide, Wind und Regen, jagten einem einſamem Reiſewagen nach, der ihnen vorausfuhr und weit und breit allein unterwegs war. Hacklander, Namenl. Geſchichten. I. 13 —— 8 3 8 194 3 Dreizehntes Kapitel. Der Poſtillon trof vor Näſſe, die Pferde giengen in ſchläf⸗ ſchläf⸗ 2. klaſch iderſ, ber der ſe ds* 2 langen— Vierzehntes Kapitel. Elſtergaſſe Nummer vierundvierzig. Es mochten nach den oben erzählten Vorfällen ungefähr aacht Tage verfloſſen ſein, der Winter war ſtrenger eingetreten und es herrſchte jene trockene Kälte ohne Schnee, welche ſo em⸗ pfindlich und unangenehm iſt. Es war Abend, die Sterne funkelten am Himmel, der Boden war hart gefroren und der einſame Schritt eines Wande⸗ rers in den engen Straßen der untern Stadt hallte an den Häu⸗ ſern wieder. Dieſer einſame Wanderer, welcher trotz der durchdringenden Kälte außerordentlich leicht gekleidet war und die Hände in die Hoſentaſchen geſteckt und die Schultern, als wolle er die Ohren ſchützen, in die Höhe gezogen hatte, hüpfte mehr als er h gieng und war unſer Freund Dubel, der von ſeiner Arbeit nach einem mühſam vollbrachten Tagewerk in ſeine beſcheidene Klauſe zurückkehrte. Der Wagen des Baron Karl hatte ſeit jenem denkwürdigen Abend auf die Hauswirthin on Nummer vierundvierzig der Elſterſtraße ſeine Zauberkraft noch nicht verloren, und ſte, welche — 13* 196 Vierzehntes Kapitel. ſich früher um den Dubel nur vielleicht an Quartalen, wo der Miethzins fällig war, den aber unſer Freund noch nie einen halben Tag ſchuldig geblieben war, bekümmert hatte, war ſeit damals aufmerkſam gegen ihn geworden, reichte ihm nicht ſelten höchſteigenhändig den zinnernen Leuchter dar und fah obendrein darauf, daß dieſer Leuchter, wie es der Herr Dubel ſo ſehr liebte, blank und ſauber geputzt wurde. Seinerſeits hatte aber auch der Schneider jenen Abend nicht vergeſſen, und wenn er von da an in die Küche trat, um beſagten Leuchter zu holen, ſo erkundigte er ſich ſorgfältig, ob keine Briefe für ihn angekommen ſeien. Dieſer Fall war indeſſen bis jetzt noch nicht eingetreten, Herr Dubel beſaß auch keine auswärtigen Correſpondenten und deßhalb wunderte er ſich um ſo mehr, als ihm die Wirthin zugleich mit dem zinnernen Leuchter ein kleines Billet einhändigte, welches er, als ſei es etwas durchaus nichts Ungewohntes, nachläßig in ſeine Weſtentaſche ſteckte. Herr Dubel ſtieg die Treppen hinan, die ſchmalen gewun⸗ denen Treppen mit dem vor Alter glänzenden, ſchwarzen Ge⸗ länder und jeder Tritt krachte unter ſeinen Füßen und er gieng langſam hinauf in den erſten, zweiten, dritten und vierten Stock und öffnete im letzen eine Thür, welche in ſein Appar⸗ tement führte. 2 Dieſes Appartement befand ſich im Giebel des Hauſes und 3 hätte eigentlich Bodenkammer genannt werden ſollen, hatte ſich⸗ aber den ſtolzen Namen„Zimmer“ erworben, weil die Decke deſſelben geweißt war und die vier Wände tapezirt, auch befand ſich ſogar ein Nebenkabinet da, eine Art Verſchlag unter dem Dache, in welchem das Bett des Inwohners ſtand, und auf dieſe Art war der Herr Dubel vollkommen berechtigt, von ſeinen Ap⸗ partements zu reden, denn er hatte ein Schlafzimmer, ſo wie einen Salon, um ſeine Freunde zu empfangen. Wir müſſen leider geſtehen, daß der Salon auf Koſten der nächtlichen Wärme des im Bette liegenden Inwohners erſchaffen wo der ie einen war ſeit ht ſelten bendrein rliebte, end nicht beſagten e Briefe bis jetzt ärtigen Elſtergaſſe Nummer vierundvierzig. 197 war, denn der Verſchlag unter dem Dache war einigermaßen der äußern Luft zugänglich; namentlich in kalten, windigen Nächten, wenn die Ziegel auf dem Dach vor Kälte und Wind klapperten und ſeufzten, machte es der Herr Dubel in ſeinem Bett aus der⸗ ſelben urſean nicht ſelten ebenſo. Nachdem der Schneider ſein Licht auf einen kleinen Tiſch geſetzt, der im Zimmer ſtand, warf er ſeinen dünnen Rock ab, eilte in das Schlafgemach und kehrte bald darauf mit einem Arm voll Holz zurück, worauf er ſich bemühte, ein Feuer in dem kleinen eiſernen Ofen des Salons anzumachen. Bald krachten auch die Holzſcheiter luſtig durcheinander, ziſchten, ſeufzten, und hie und da geſchah ein kleiner Knall in dem Ofen, auf dem Fuß⸗ boden ſpiegelte ſich eine röthliche zitternde Helle ab und bald begann von dem kleinen Ofen eine behagliche Wärme auszu⸗ ſtrömen, die das Zimmer nach und nach erfüllte, ſo daß der alte Tiſch und ein paar alte Stühle vor Vergnügen zu knaxen anfiengen. Herr Dubel rückte nun den Tiſch in die Nähe des Ofens, holte hiezu aus der Ecke einen etwas wackeligen Lehnſtuhl, öffnete einen kleinen Schrank, aus welchem er eine große Taſſe, einen Theetopf, einen Waſſerkeſſel und eine Zuckerdoſe nahm und pflanzte dieſe Gegenſtände ſymetriſch aufden Tiſch, nachdem er dieſelben zuvor mit einer Art Serviette bedeckt, d. h. Theekanne, Zucker⸗ doſe und Taſſe kamen dort zu ſtehen, der Waſſerkeſſel aber wurde gefüllt und in den Ofen geſchoben. Der Herr Dubel vollbrachte dieſe kleinen häuslichen Arbeiten mit einer gewiſſen Behaglichkeit, er pfiff eine Melodie dazu, warf, ſo oft er bei dem kleinen Spiegel, der an der Wand hieng, vor⸗ bei kam, einen wohlgefälligen Blick in denſelben und ſtrich ſich alsdann die Haare in die Höhe. Bald ſummte das Waſſer in dem Keſſel, Herr Dubel goß das kochende Waſſer auf den Thee, ſtellte alsdann den Waſſerkeſſel wieder in die Ecke, ſchnitt etwas Brod auf einen Teller, den er neben die Taſſe ſetzte, rückte auf 198 Vierzehntes Kapitel. dem Tiſche Alles in die ſchönſte Ordnung, warf noch einiges Holz in den Ofen und verſchwand alsdann in ſein Schlafgemach. Bald darauf erſchien er wieder und wunderbar verändert: ſtatt der dünnen Beinkleider und Stiefel trug er eine weite, blaue Morgenhoſe und geſtickte Pantoffeln, und ſtatt des fadenſcheinigen Röckchens hatte er einen rothkarirten Schlafrock an, der um den Leib von einer dicken Schnur, an welcher anſehnliche Quaſten hiengen, zuſammengehalten wurde. Das Haar war ſorgfältig gekämmt und bedeckt mit einer blauſammtnen Mütze. Die Verwandlung des Herrn Dubel war ſo außerordentlich und überraſchend, daß das kleine Gemach ſogar in einem andern Lichte zu ſtrahlen ſchien, der Ofen glitzerte freundlicher, die Thee⸗ kanne warf ſtolze Rauchwolken in die Höhe und von dem Talg⸗ licht in dem zinnernen Leuchter ſprühten glänzende Funken ab, als freue es ſich, einem ſo vornehmen Herrn zu leuchten,— und wie würdevoll ſchritt der Schneider auf ſeinen Tiſch zu! Er war nicht mehr derſelbe, der er vor wenigen Minuten geweſen, ein ganz anderer Menſch hatte das Feuer angezündet, den Theetiſch beſorgt, ein armes dienſtbares Weſen, das demüthig verſchwand, wie der Herr eintrat. Herr Dubel trug ein paar Bücher unter dem Arm, welche er auf den Theetiſch niederlegte und es ſich darauf in dem großen Lehnſtuhl vor dem kleinen Tiſch am Feuer ſo bequem wie möglich machte. Er goß ſich eine Taſſe Thee ein, that Zucker hinzu und ſchien ſich durch eine graziöſe Handbewegung für Rahm, für wel⸗ chen er keinen Geſchmack hätte und welchen er niemals zum Thee nähme, bei ſich ſelber zu bedanken. Er lehnte ſich ganz zurück in die geöffneten Arme des alten Möbels, legte die Füße auf einen Stuhl, ſchlug die Enden des herabfallenden rothen Schlafrocks zierlich auf ſeinen blauen Beinen über einander, rückte ſeine Sammtmütze auf das Ohr und öffnete das Buch, nachdem er einen zufriedenen Blick rings um ſich her geworfen. 8 einiges Elſtergaſſe Nummer vierundvierzig. 199 3 Dieß Buch war eine Ueberſetzung Bulwer's„Pelham“ oder Schickſal eines Weltmanns, und der Herr Dubel vertiefte ſich in dieſe Lektüre und gieng mit dem Helden der Geſchichte auf Soireen und Bälle, war ein vornehmer Mann, wie Pelham ſelbſt, ver⸗ edeſße Zeit in nichtsbedeutenden Geſprächen auf ſchwellen⸗ den Polſtern mit eleganten Damen, hatte Wagen und Bediente wie er, kurz war überglücklich. Häufig veränderte er ſeine Stellung, je nach dem Inhalt, ſah bald zufrieden lächelnd in das Buch, bald runzelte er finſter die Stirne, und wenn von einem kleinen, feinen Diner die Rede war, ſo nahm er einen Schluck Thee und aß ein Stück Brod dazu. Jetzt ſtüͤtzte er den einen Arm auf den Seſſel, legte den Kopf darauf, ſtellte die Füße auf den Boden und hielt das Buch etwas weiter von ſich ab— und ſo ſaß er, vertieft in Leſen und Theetrinken, vergeſſend mit welch' ſaurer Mühe, mit welch' tage⸗ langer, harter Arbeit er dieſe paar glücklichen Stunden erzwang, und träumte dabei von einer beſſern Zukunft bei einem angenehmen eleganten Leben, von ſchönen Augen, die ihn zärtlich anblickten, von weißen Armen, die ſich ihm öffneten, und fühlte in ſolchen Momenten die Kraft, den Muth ſich in den Strudel des Lebens zu ſtürzen, um ſchwimmend eine glückſelige Inſel zu erreichen, oder— unterzugehen— ein zwetter, anderer Don Quixote. Herr Dubel hatte ſo eben für einen Augenblick ſein Buch weggelegt, als etwas die Treppen heraufpolterte und an die Stubenthür klopfte. r „Herein!“ Es trat ein junger Mann ins Zimmer in einem anſtändigen Paletot, einem ſehr ſchönen, neuen Hut auf dem Kopfe und dieſer Angekommene freute ſich, wenn man ſeinen Worten und ſeinem äußerſt gleichgültigen Geſicht glauben wollte, den Herrn Dubel zu Hauſe zu finden und ſo ein angenehmes, warmes Zim⸗ mer anzutreffen. Er rieb ſich die kalten Hände und bat den 5 200 Vierzehntes Kapitel. Schneider, der aufſtehen wollte, ruhig in ſeinem Lehnſtuhle zu bleiben, ſtellte ſich mit dem Rücken gegen den Ofen, hob die Schöße ſeines Paletots in die Höhe und wärmte ſich auf behag⸗ liche Art, wobei er ſich zuweilen ſchüttelte, wenn er an die Kälte dachte, die draußen herrſchte, und die weiße klare Mondſichel er⸗ blickte, die durch einen Riß in dem Vorhang zum Zimmer hereinſah. Herr Dubel ſchien durch den ſo eben Angekommenen nicht unangenehm überraſcht, er holte eine zweite Taſſe aus dem Schrank und nachdem er ſeinen Gaſt mit Thee bedient, erkundigte er ſich nach der Veranlaſſung, welche ihm die Ehre verſchaffe, denſelben noch ſo ſpät bei ſich zu ſehen. Der Angeredete war ein junger Mann, nicht älter wie der Schneider, groß und ſchlank gewachſen, mit einem etwas ver⸗ lebten Geſicht, dunklen Augen und Haaren und ſehr leichten und freien Manieren. Er trug eine Brille, gehörte im Allgemeinen zur Klaſſe der Literaten und war im Speciellen Verfaſſer von Theaterrecenſtonen für einige unbedeutende Winkelblätter der Re⸗ ſidenz. Sein Name war Stechmaier— Herr Doktor Stechmaier nannten ihn ſeine Freunde. Er nahm einen Schluck von dem warmen Thee, ſah einen Augenblick aufmerkſam an die Decke, betrachtete alsdann den Fußboden und antwortete:„Ich war gerade im Begriffe, zu Bette zu gehen, als ich, ehe ich ins Haus trat, noch hier oben bei Ihnen Licht ſah, und kam deßhalb herauf, um mich ein wenig zu wärmen und einige Augenblicke mit Ihnen zu verplaudern.“ „Sie wohnen noch immer hier im Hauſe?“ frägte Herr Dubel mit einem ſonderbaren Lächeln. „Leider!“ ſagte der Doktor und zuckte mit den Achſeln, „was ſoll ich machen? die Einnahmen ſind ſchlecht, anſtändig gekleidet muß ich wegen meiner Stellung, die ich in der Welt ein⸗ nehme, doch gehen, und ſo fällt für ein anſtändiges Quartier nicht viel ab, ich mache mir eigentlich auch nichts aus einer guten — Elſtergaſſe Nummer vierundyierzig. 201 Wohnung, bin ja doch nie zu Hauſe. Heute Abend hatte ich eine Einladung in ein ſehr ſolides Haus, wo der Taſſo vorgeleſen werden ſollte, doch wurde die Dame des Hauſes krank und die Geſchichte abgeſagt und ich hatte nicht mehr Zeit, mich irgend⸗ wo anders einladen zu laſſen; im Kaffeehaus am Petersplatz war Niemand mehr von meinen Bekannten und in andere Wirths⸗ häuſer, wo ich welche von ihnen hätte treffen können, kann ich nicht gehen, ich bin in den meiſten zu viel ſchuldig, es thut ſich wahrhaftig nicht mehr.“ Der Schneider erſchrack ordentlich über die Ruhe, mit wel⸗ cher der Doktor von ſeinen Schulden ſprach, und erkundigte ſich ſchüchtern, ob er denn keine Ausſicht habe, ſich etwas zu arrangiren.ℳ „Ich bin im Begriff,“ entgegnete Stechmaier,„einen neuen literariſchen Klubb zu bilden, ich habe ſchon zehn Unter⸗ ſchriften, wir werden alsdann zwei Zimmer miethen, einige Zeitungen auflegen, ein Sopha anſchaffen und darauf werde ich dann des Nachts ſchlafen, ſo lange der Winter dauert; ich muß auch geſtehen, daß ich unten im Hauſe das Quartier voll⸗ kommen ſatt habe.“ „Sie wohnen,“ ſagte ſchüchtern der Schneider und ſah den Doctor fragend an,„Sie wohnen da unten, wie ich mir ſagen ließ...—— „In dem Wandſchrank im Gange,“ entgegnete der Doktor ſehr ruhig;„'s iſt leider wahr, ich kann es nicht leugnen, doch iſt der Wandſchrank ſehr breit, ziemlich lang, auf dem Boden liegen eine Menge alter Mehlſäcke, und wenn es nicht zuweilen ſo verdammt kalt wäre, ſo würde dieſe Wohnung nicht ſo ſchlecht ſein, als man glaubt; auch hat ſie für mich den großen Vortheil, daß ſte auf der Polizei eigentlich nicht als Wohnung gilt und es deßhalb meinen Gläubigern unmöglich wird, eine Execution gegen mich auszuwirken. 1—+ 202 Vierzehntes Kapitel. Ich war noch heute zufälliger Weiſe bei dem Commiſſär des Viertels; er hatte ſich ſchon lange darnach geſehnt, meine Be⸗ kanntſchaft zu machen, aber auf ſeine höflichen Einladungen, die mir hie und da von den Polizeidienern ausgerichtet wurden, ents gegnete ich ſtets, ich könne dergleichen nicht unter freiem Himmel annehmen, man möge es in meiner Wohnung hinterlaſſen. Heute aber, wo mir dieſer würdige Staatsbeamte ſelbſt begeg⸗ nete, konnte ich ihm ſeinen Wunſch nicht abſchlagen und mußte ihn auf die Polizei begleiten.“ „Herr Doktor, ſagte er allda, die Polizei befindet ſich in dem Falle, durchaus wiſſen zu müſſen, wo Sie eigentlich wohnen.“ „Herr Commiſſär,“ entgegnete ich ihm, nich finde dieſes Verlangen der Polizei vollkommen begreiflich, bin aber nicht im Stande, meine Wohnung anzugeben, da ich nicht ſo glücklich bin, eine Wohnung zu beſitzen.“ „Sie beſitzen keine Wohnung?“ „Nein, Herr Oberpolizeicommiſſär, ich bin Literat, Schrift⸗ ſteller, Poet, ich kann mich nicht in die engen Mauern einſchließen, ich finde dort nichts, was meinem Geiſte Nahrung gewährt, ich muß das öffentliche Leben ſtudieren, bei Tag und bei Nacht, und bin deßhalb, wenn nicht gerade im Wirthshaus oder in den Häu⸗ ſern meiner Freunde, unter freiem Himmel.— Sie werden be⸗ merken, Herr Dubel, daß icde Pot belogen habe.“ „Aber,“ fuhr der Commär fort,„Sie müſſen doch ſchla⸗ fen und zum Schlafen ein Bett haben und zum Bett einen Platz, wo Sie daſſelbe hinſtellen?“ worauf ich entgegnete! „Ohne ſtolz zu ſein, Herr Oberpolizeicommiſſär, kann ich mich für eine Ausnahme von der gewöhnlichen Regel halten, ich ſchlafe ſitzend und ſtehend, wie es gerade vorkommt, aber immer ohne Bett und ohne Wohnung.“ „Ohne Wohnung?“ entgegnete er,„da wird die Polizei ſich veranlaßt ſehen, Ihnen eine freie Wohnung anweiſen zu müſſen.“ A 2 203 Elſtergaſſe Nummer vierundvierzig. rd„Wenn Sie,“ ſagte ich,„unter polizeilicher Wohnung das G verſtehen, was man im gewöhnlichen Leben Gefängniß heißt, ſo ſehe ich in meiner Abneigung, in einem Bett, in einer Woh⸗ nung zu ſchlafen, keinen hinlänglichen Grund dafür ein; ich glaube, daß jeder freie deutſche Mann das Recht hat, keine Woh⸗ nung zu haben, und daß deßhalb die Polizei das Recht nicht hat, ihm eine Wohnung anzuweiſen.“ „Dieſe Gründe ſchienen dem Commiſſär einzuleuchten, er ſtimmte den ernſten Ton ſeiner Rede etwas herab und fragte mich, wo ich früher gewohnt, früher nämlich, ehe ich es für paſſender gehalten, ſtatt wie andere Menſchen zu ſchlafen, auf den Straßen 4 herum zu laufen.“ „In dem Wolfsgäßchen Nummer vier,“ entgegnete ich. „Warum ſind Sie dort ausgezogen?“ „Ich bin dort eigentlich nicht ausgezogen, Herr Oberpolizei⸗ commiſſär, ſondern vielmehr ausgezogen worden; denn als ich eines Nachts nach Hauſe kam und mit dem Hausſchlüſſel die Thür 24 öffnen wollte, fand ich den Riegel vorgeſchoben, und es blickte 1 von oben der Eigenthümer herab und verſicherte mir, ich ſei aus⸗ gezogen. Er gab mir ſein Wort, ich wohne nicht mehr in ſeinem Hauſe, und da er das beſſer wiſſen mußte als ich, ſo gieng ich meiner Wege.“ 2 „Sie hatten wolcymehrere Quartale Ihre Hausmiethe nicht bezahlt?“ fragte der Commiſſär, und ich entgegnete ihm, das h ſchla könne wohl der Fall ſein, und ſo war es auch in der That.“ Plat Der Herr Dubel hatte bei dieſer Erzählung einigermaßen bewundernd zu dem Doktor aufgeſehen und fand, daß trotz des kann ich neuen Paletots und Hutes und trotz des Beſuchens von eleganten ten, ich Geſellſchaften, ſein, des Schneiders Loos noch weit behaglicher imm ſei, als das des Doktors Stechmaier. Wenn er auch des Mor⸗ gens ärmlich gekleidet, ja frierend an die Arbeit gieng, ſo hatte er doch dafür Abends eine warme Stube, eine gewiſſe Bequem⸗ lichkeit, ja Eleganz um ſich, die ihn für A die Leiden auf dem 204 Vierzehntes Kapitel. Nähtiſche entſchädigten; er dachte bei ſich, ſo ſollte der Boktor auch ſein Leben einrichten, nämlich wenig auf ſeine Kleidung wenden und ſich für das, was er verdiene, eine ordentliche ie Wohnung anſchaffen; und der Herr Dubel machte in dieſer Rich⸗ tung einen kleinen Bekehrungsverſuch. Der Doktor hatte ſich gerade kommen gewärmt und ſtand jetzt e hatte er das Geſicht der Hitze wegen etwas abgewendet. Dubel trug ſeine Gründe vor und verſicherte, wie viel rathſamer er es hielte, etwas weniger auf ſeinen äußern Menſchen zu verwenden, dagegen eine Stelle zu haben, wo man ſein Haupt ruhig und ungehindert hinlegen könne. Der Doktor zuckte die Ach zwei Seiten des Körpers voll⸗ n face gegen den Ofen, doch ſeln und ſagte mit unverwüſtlicher Ruhe und völligem Gleichmuth:„Beſter, das verſtehen Sie nicht! Freilich, wenn ich das Geld daliegen hätte oder mir das⸗ ſelbe eingienge und ich die Wahl hätte Paletot, einen neuen Hut zu kaufen anzuſchaffen, ſo würde ich vielleicht hatte weder zu dem Einen, noch zu dem Andern die nöthige Baarſchaft und rechnete ſo: der Zimmermiether gibt dir vier, höchſtens acht Wochen Credit, der Schneider und Kaufmann aber mindeſtens ein halbes Jahr; weßhalb ich mich zu Gunſten der Letztern entſchied. ¹ 4 „entweder einen neuen „oder mir eine Wohnung das Letztere thun; aber ich „Alſo Sie haben Ihren Paletot und Hut nicht bezahlt? fragte der Schneider mit etwas langem Geſicht; und der Doktor verſetzte: „Ich bin nicht im Stande, etwas Unmögliches zu thun; leider waren meine Einnahmen für ſchriftſtelleriſche Arbeiten in der letzten Zeit ſo außerordentlich gering, daß ich damit kaum ein Mittagseſſen und den nöthigen Kaffee beſtreiten konnte; ich bin, was die Schulden anbelangt, wirklich einigermaßen her⸗ untergekommen, und wenn eines Tages irgend ein Zauberer vor 1 Toktor Kleidung dentliche i er Rich⸗ 4 205 Elſtergaſſe Nummer vierundvierzig. meinen Augen in die Hände klatſchte und ſpräche: Was du nicht bezahlt haſt, fliege ab von dir!— ſo würde ich in vollkommenem Naturzuſtande zurückbleiben.“ „ Ach,“ ſagte der Schneider,„das iſſſſet eigentlich ganz entſetzlich!“. „Das Entſetzliche daran iſt eigentlich,“ verſetzte der Doktor, .„daß das Schuldenmachen einen magiſchen unſichtbaren Kreis um einen herumzieht, den man nicht durchbrechen kann, der einen gewaltig einengt, der einen ſehr genirt. Ein Menſch ohne Schulden— dieſelben ſind freilich ſehr ſelten— wandelt durch alle Straßen aufrechten Kopfes, ſieht jedem frei ins Geſicht, kann vor jedem Laden ſtehen bleiben, gefällt ihm etwas und er hat Geld dazu, ſo kann er's kaufen; hauptſächlich aber befindet ſich ein ſchuldenfreier Menſch in der Lage, ohne Schwierigkeit enorme Schulden machen zu können. Der Schuldbeladene dagegen, der mit Mahnbriefen Verfolgte und mit Erecutionsdrohungen Ueber⸗ ſchüttete, muß, im Fall er ſich eine Wohnung ſucht, eine ſolche nehmen, welche auf einen Hof hinausgeht, damit man von der Straße kein Licht ſieht, er muß ſeine Schlüſſellöcher zuſtopfen, er muß ſich angewöhnen, nicht zu ſingen, und wenn er gern pfeift, dieß leiſe zu thun, und muß ſich vor allen Dingen einen Stadtplan kaufen „Einen Sbielan?⸗ fragte erſtaunt der Herr Dubel. „Allerdings, einen Stadtplan,“ entgegnete der Doktor und zog ein ähnliches Inſtrument aus der Taſche, welches er zur beſſeren Ueberſicht auf den Tiſch legte.„Bemerken Sie hier,“ fuhr er fort,„welche Straßen mit rothen Streifen bezeichnet ſind? All' dieſe Straßen ſind für den Schuldbeladenen verbotene Wege, in all denſelben befinden ſich für ihn Scyllen und Charybden, und wenn ihn vielleicht der Tabackshändler nicht mit den freundlichſten Worten in den Laden hineinlockt, um ihm da furchtbar die Mei⸗ nung zu ſagen, ſo thut es der ihm gegenüber wohnende Schuſter auf noch gröbere Art. Demnach muß man ſich an jedem Morgen 206 Vierzehntes Kapitel. einen Feldzugsplan entwerfen, man muß genau wiſſen, wo man an dem und dem Tage hingehen will, und wie man ſich amge⸗ ſchickteſten dahin dirigirt, um ſo wenig Zeit als möglich zu ver⸗ lieren. Sie bemerken dieſen dicken Strich auf der untern Königs⸗ ſtraße?“ ſagte der Doktor ſeufzend und nahm ſeinen Hut ab und betrachtete ihn wehmüthig.„Sehen Sie, dieſer Hut koſtet mich den für alle Communikationen nothwendigen untern Theil dieſer Straße; bemerken Sie hier, welch' furchtbaren Umweg ich neh⸗ men muß, um künftig von der unkeren in die obere Stadt zu ge⸗ langen; ja, ja, dieſer Hut iſt theuer bezahlt!“ Der Herr Dubel putzte das Licht in ſeinem zinnernen Leuchter und gratulirte ſich im Geheimen über die beſſere und anſtändigere Stellung, die er ſelbſt in der menſchlichen Geſellſchaft einnehme. Er war ein ſehr gutherziger Menſch und erkundigte ſich deßhalb nach einer längeren Pauſe, ob denn der Doktor keine Ausſicht für eine beſſere Zukunft habe, worauf dieſer entgegnete: 3 „Wahrhaftig, ich habe drei merkwürdig ſbne Projekte, ich glaube, daß eins davon reuſſtren muß. Das erſte iſt der Klubb, von dem ich vorhin ſprach, das zweite iſt die Idee zu einer conſervativen Zeitung, die äußerſt zeitgemäß wäre und ſehr paſſend, um einem längſt gefühlten dringenden Bedürfniſſe abzu⸗ helfen, das dritte Projekt wäre zugleich die Befriedigung einer längſt in mir ſchlummernden Neigung und beſteht darin, auf's Theater zu gehen, Schauſpieler zu werden.“ Der Schneider ſchaute mit verklärtem Geſicht empor, als der Andere vom Theater ſprach und nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. Der Doktor Stechmaier verließ ſeine Stellung am Ofen, nachdem er auf allen Seiten ziemlich geröſtet war, und ſetzte ſich dem Herrn Dubel gegenüber auf die Ecke des Tiſches, während er das Theaterprojekt weiter ausmalte und alſo ſprach: „Ich glaube nicht, daß mir beim Theater bedeutend fehlen könne; ich bin ziemlich gerade gewachſen, habe dunkle wo man amge⸗ zu be⸗ Königs⸗ ab und ſiet mich eil dieſer ich neh⸗ t zu ge⸗ Leuchter indigere inehme. deßhalb lusſicht rojekte, iſt der Idee zu id ſehr alzu⸗ jeiner auf „ als tt dem Ofen,, te ſich hrend utend unkle — Elſtergaſſe Nummer vierundvierzig. 207 Augen und Haare, was ſich auf Theater am beſten macht, mein Organ urde ſchon öfter gelobt, Auswendiglernen iſt mir eine Kleinigkeit, und nebenbei verpflichte ich mich im Geheimen Theaterrecenſionen zu ſchreiben, was meine zukünftigen Collegen außerordentlich für mich einnehmen wird.“ „Ach jan ſeufzte der Schneider,„Ihnen iſſſſ⸗t von der Natur Alles verliehen, Sie brauchen nur in das Leben hinein⸗ zugreifen und haben gleich eine Handvoll— ach, wenn nur unſereins auch ſo glücklich wäre!“ „Ich habe hier,“ fuhr der Doktor wichtig fort, und zog ein Blatt Gedrucktes aus der Taſche, nich habe hier im Tagblatt „die Spinne“ eine äußerſt gelungene Recenſton geſchrieben und darin den erſten Regiſſeur im Hoftheater ehrenvoll erwähnt und mit kurzen, aber kräftigen Worten geſagt, wie vortrefflich er als Künſtler, als Menſch und als Heranbilder junger Talente ſei, unerreichbar in ſeinen Rollen, gebildet im gewöhnlichen Leben und eifrigſt bemiht, das junge emporkeimende Genie zu unter⸗ ſtützen, dem unbekannten Genius, der ſchüchtern die Schwingen regt, einen ehrenvollen Platz zu verſchaffen; ich werde mit dieſer Recenſton nächſtens zu dem erſten Regiſſeur hingehen, und geben Sie Achtung, ich debutire in kurzer Zeit.“ 3 „Das glaube ich auch,“ entgegnete der Herr Dubel;„wer es ſo in ſeiner Macht hat wie Sie, alle hindernden Schranken niederzutreten, der muß ans Ziel kommen; aber ein armer Teufel wie ich bleibt auf der ſchmutzigen Landſſſſ⸗traße ſitzen, und wenn er zwei Schritte vorwärts macht, ſo rutſcht er drei Schritte zurück, 's iſſſſ⸗t jammervoll! a 3 Ach ja, es ſah wirklich jammervoll im Innern des Herrn Dubel aus; ſeine Seele verlangte nach Erlöſung und höhern Sphären, ſein Körper nach andern Verhältniſſen, über ſeinem Haupte ſchwebten da wenisfe und Scheere. Auch das kleine Stübchen ſchien Mitgefühl it ſeinem Bewohner zu haben — es wurde kälter, da das Feuer am Ausgehen war, und 2 208 Verzehntes Kapitel. düſterer, da das Talglicht in dem zinnernen Leuchter in degz letzten Zügen flackerte. Der Doktor Stechmaier verſprach nächſtens mitzutheilen, wie es ihm mit ſeinen Bemühungen, zum Theater zu gelangen, gegangen, und verfügte ſich alsdann die Treppen hinab nach ſeinem ſonderbaren Schlafgemache. Der Herr Dubel zog Schlafrock, Morgenhoſen und Pan⸗ toffeln aus und legte Alles zuſammen mit der blauſammtnen Mütze in einen kleinen Koffer unter dem Bette. Der Arbeits⸗ anzug für morgen wurde mit einem tiefen Seufzer vorldaſſelbe auf einen Stuhl gelegt, ſich ſelbſt aber waxf der Eigenthümer ins Bett, wo er bald einſchlief. Nicht ſo leicht wurde es dem Herrn Doktor Stechmaier zur Ruhe zu kommen; der Wandſchrank, von dem wir oben ſprachen und welcher ſich in der Flur des Hauſes befand, war richtig die einzige Wohnung, die der Literat beſaß; für den Weinwirth. unten im Hauſe hatte er einmal in öffentlichen Blättern eine Lanze gebrochen, als demſelben vorgeworfen wurde, ſein Zwölfer ſein ein ſaures, miſerables Getränk, und ſein Achtzehner ſel aus demſelben Faße; und zur Erkenntlichkeit dafür hatte ihm der Wirth den Wandſchrank für die Nacht zur unentgeltlichen Be⸗ nützung eingeräumt. Dieſer Wandſchrank befand ſich ungefähr zwei Fuß vom Boden, war vier Fuß lang und zwei Fuß tief, weßhalb ſich der Doktor Stechmaier bequemen müßte, in etwas zuſammengezoge⸗ ner Stellung zu ſchlafen. Doch dieß war nicht das kleinſte Uebel, was den armen Schlafgänger hie und da betraf; vielmehr ſtopf⸗ ten Mägde und Knechte allerlei Geräthſchaften, die ihnen gerade in die Hand kamen, Abends in den Wandſchrank und dieſe Sachen mußte der Doktor vorher beſeitigen, ehe er ſeinen dürftigen Platz einnehmen konnte.. So auch heute, und er brauchte eine gute Viertelſtunde, ehe er die Beſen, die leeren Flaſchen, die Regenmäntel und alten gelangen, inab nach 15 Pan⸗ uſammtnen r Arbeits⸗ or daſſelbe genthümer zmaier zur ſprachen richtig di S Zwölfer ner ſel aus e ihm der llicen Be⸗ Fuß vom t ſic der iengezoge⸗ iſte Uebel⸗ ehr ſioff⸗ nen gerade ſe Sachen igen Platz rielſtunde⸗, und allen Elſtergaſſe Nummer vierundvierzig. 209 Säcke gehörig aufgeſtapelt hatte; dann zog er ſeinen Paletot aus, hängte ihn nebſt dem Hut an die innere Seite des Wandſchrankes, ſtieg hinein und wickelte ſich in eine große wollene Decke und träumte, wie der Schneider im vierten Stock, vom Theater, von der Stelle und dem Gehalt eines erſten Liebhabers, von großen Appartements und einem reichen und bewegten Künſtlerleben. Hacklander, Namenl. Geſchichten. J. 14 Fünfzehntes Kapitel. 3 Unter dem Stadtgraben. Das kleine Mädchen, welches die Frau Welſcher zu ſich genommen hatte und das ebenfalls Marie hieß, wie ſeine verſtor⸗ bene Mutter, war ein freundliches, hübſches Kind, das in kurzer Zeit alle Bewohner des alten Kloſters lieb gewannen. Als das Kind einige Tage im Hauſe war und ſeine Scheu vor den fremden Geſichtern, die es umgaben, abgelegt hatte, wurde es außerordentlich zutraulich, unterhaltend und hatte ſich bald, was viel ſagen will, die Neigung der beiden kleinen Töchter des Hauſes und ſogar diejenige des Herrn Welſcher junior er⸗ worben. Dieſer behauptete nämlich, keine der beiden Schweſtern ſei im Stande, ſo angenehm und freundlich mit ihm zu ſpielen, wie die kleine Marie. Sie gieng leicht in ſeine Ideen ein, krähte mit ihm um die Wette wie der Hahn, miaute außerordentlich tänſchend wie die Katze und ſetzte ihm bereitwillig die Kegel auf, wenn er auf dem weiten ſteinernen Vorplatze mit großem Gepolter dieſes Spiel trieb. Dabei hatte das kleine Mädchen eine merkwürdige Ord⸗ nungsliebe und ein Auge für Symetrie, daß es faſt unglaublich war. Die Spielſachen räumte ſie allabendlich ſorgfältig auf, rückte ſſchr zu ſich ſeine verſtor⸗ das in kurzer ſeine Scheu gelegt hatte, und hatte ſich en Töchtet junior er⸗ Schweſtern „zu ſpielen, tin, kräͤhte Kerordentlih „Kegel auf, zem Gepoltet 61% ung lau blich a auf, ricte Unter dem Stadtgraben. 211 die Stühle in die Ecken, wo ſie hingehörten, litt nicht, daß die Bügeleiſen, die, wenn ſie nicht gebraucht wurden, auf einem kleinen Gerüſte hinter dem Ofen ſtanden, in Unordnung waren, das heißt, daß ſie nicht gerade neben einander ſtanden, zuerſt die ganz kleinen, dann die mittleren und größeren, denn ſie richtete ſie immer wie die Orgelpfeifen. Auch die zerbrochenen Spiel⸗ ſachen wieder ſo gut als möglich zuſammen zu ſtecken und die Stücke mit Bindfaden wieder zu vereinigen beſchäftigte das Kind angelegentlich. Da die Jungfer Kiliane die kleine Marie unter ihren be⸗ ſonderen Schutz genommen hatte, ſo vergalt ſie alle Güte und Freundlichkeit der alten Perſon durch eine außerordentliche An⸗ hänglichkeit, welche das Kind, wo es nur konnte, für dieſelbe an den Tag legte. Wenn die Büglerin bei der Frau Welſcher be⸗ ſchäftigt war und Mariechen aus der Schule kam, wohin ſie mit den andern geſchickt wurde, oder wenn ſie einen freien Nachmit⸗ tag hatte, ſo war ihr erſtes Geſchäft, der Jungfer Kiliane alles zu zeigen, was ſie in der Schule gelernt, und wenn dieß vorbei war und ſich ihre Gönnerin zufrieden erklärte, ſo nahm die Kleine einen Schemel, ſetzte ſich neben die Büglerin und ahmte mit einem kalten Bügeleiſen an einem Stücke Zeug alle Bewegungen der Jungfer Kiliane auf's Genaueſte nach. Sie bügelte das Stück Zeug unverdroſſen, faltete es zuſammen, warf es wieder aus einander und trieb das Spiel ſo fort; ſie eiferte auch hiedurch die kleinen Welſcher zur Nachahmung an, und eines Sonntag Nach⸗ mittags, als die Waſchfrau aus der Kirche nach Hauſe kam, ſaß die kleine Marie auf dem Platze der Jungfer Kiliane, hatte die Haube und Brille derſelben aufgeſetzt und bewegte den Kopf ernſthaft und gemeſſen hin und her, wie es die alte Perſon zu machen pflegte. Von den beiden Fräulein Welſcher ſtellte die eine die Mutter vor, die andere war eine Bü iglerin, und der Herr „Welſcher ſaß als Herr Dubel mit untergeſchlagenen Knieen auf dem Tiſche. 144. 212 Fünfzehntes Kapitel. Die Waſchfrau behauptete ſpäter immer, die Marie habe Jungfer Kiliane auf eine wirklich erſchreckend ähnliche Weiſe ¹ dargeſtellt. Ueberhaupt hatte das Kind ein ungemeines Nachahmungs⸗ talent und eine Beweglichkeit in ſeinen kleinen Gliedern, die er⸗ 3 ſtaunlich war. So war namentlich das Tanzen für ſie Ahe große I Luſt, und obgleich ſie weder von Frangaiſe, Walzer noch ſonſt dergleichen eine Idee hatte, tanzte ſie die Art dieſer Figuren, ſo oft ſich eine Straßenorgel hören ließ oder der Klang der vor⸗ überziehenden Militärmuſik aus der Entfernung in das Zimmer drang; ja, der Tanz war ihre Leidenſchaft, und wenn ſie un⸗ beachtet war, tanzte ſie ſo zu ſagen Alles, was ſie zu thun hatte;. tänzelnd ſchritt ſte im Zimmer auf und ab, ſchwenkte in der Ecke zierlich herum, holte mit einer angeborenen Grazie ein Buch, ein Gefäß oder dergleichen, und am liebſten war es ihr, dergleichen Sachen auf den Kopf zu ſetzen, mit einer Hand zierlich feſt zu halten und ſie leicht heranſchwebend dem zu brin⸗ gen, der ſie verlangt. Das Mädchen hatte durchaus nichts Eckiges, nichts Unbe⸗ hüfliches, wie viele andere Kinder in dieſem Alter, weder in ihren Bewegungen, noch in ihrem Wuchſe; dieſer war ſchlank und zierlich, im vollkommenſten Ebenmaß, ſie trug ihren Kopf auf einem langen Halſe und hatte allerliebſte kleine Füße und Hände. Das Geſicht hatte einen nachdenkenden, ja ſchwermüthigen und dabei tiefſinnigen Ausdruck; und ſo war auch die Denkungs⸗ art des Kindes: ſo leicht ſie in ihrem Gange um die äußern Ge⸗ genſtände ween ſene e ernſt und tief dachte ſte über Alles b nach, was ihr unbegreiflich erſchien. So konnte ſie oftmals ſtundenlang an dem großen Bogen⸗ fenſter ſitzen und hinaus in die Gegend ſehen, neben einer der Hausmägde, welche die Küche beſorgte, und konnte mit tauſen⸗ derlei Fragen immer weiter und weiter ſchweifen. „Was kommt hinter jenem großen Hauſe? fragte ſte, und Marie habe lliche Weiſe hahmungs⸗ en, die er⸗ Ge große noch ſonſt Figuren, ſo ag der vor⸗ das Zimmet enn ſie un⸗ hun hatte; nkte in der Grazie ein var es ihr, tiner Hand m zu brin⸗ iichs Unbe⸗ veder in war ſchlank en Kopf auf und Haͤnde. ermüthigen denkungi⸗ zußern Ge⸗ über Alles zen Bogen⸗ einer der mit tauſen⸗ te ſte, 1nd Unter dem Stadtgraben. 213 die Magd antwortete: Eine Straße.— Und hinter jener Straße?— Andere Häuſer und andere Straßen.— Und dann? Wieder Häuſer und wieder Straßen und zuletzt das Ende der Stadt.— Und dann?— Feld und Wald und große Flüſſe.— Und dann?— Wieder Feld und Wald und das unendliche Meer, wohl k, viele Tauſend Stunden lang.— Und dann?— Hört Alles auf,“ ſagte zuletzt die Magd, die anfieng um eine Antwort verlegen zu werden. Nach dieſer erhaltenen Aufklärung reiste aber das kleine Mädchen in Gedanken in die Welt hinaus und tanzte im Zimmer auf und ab und ſagte, wenn ſie an die Wand kam:„ZJetzt bin ich am Ende der Stadt, jetzt reiſe ich durch's Feld, durch den Wald und uͤber große Flüſſe, jetzt wieder über Feld und Wald und komme an das unendliche Meer;“—„worauf die großen Schiffe fahren,“ ſagte die älteſte Tochter Welſcher—„ganz richtig, wo die Schiffe fahren,“ wiederholte die kleine Marie, drehte den Fußſchemel herum, ſetzte ſich hinein und ſteuerte über das große Weltmeer. Die fremden Leute, welche im Hauſe aus und ein giengen, machten ihrem Nachdenken viel zu ſchaffen; in den nachmittägli⸗ chen Freiſtunden konnte ſie lange, lange Zeit in einem verborge⸗ nen Winkel an der Treppe ſitzen und ſtudirte auf's Sorgfältigſte jedes Geſicht, das herauf kam oder hinunter gieng. Dieſe fremden Geſichter brachte ſte mit den Erzählungen in den Bilderbüchern der Kinder Welſcher zuſammen und bevölkerte die gedruckten Seiten mit dieſen lebendigen Geſtalten. Jener mit dem langen Bart und dem dunkeln, finſtern Geſicht mußte unbe⸗ dingt der verkleidete Kohlenphilipp ſein, welcher plötzlich hervor trat und die Kinder mitnahm, wenn ſie unartig waren. Der alte Mann mit weißem Haar und freundlichem Geſicht, ein Schul⸗ kamerad der alten Kiliane, der zuweilen auf ein Viertelſtündchen kam, der Büglerin einen Beſuch zu machen, war Niemand an⸗ ders, als der Herr Winter ſelbſt, der Herr Winter, der im Monat 214 Fünßzehntes Kapitel. Mai verſtirbt, nachdem er ſein Töchterlein Frühling, welches er mit tauſend Knospen und Blüthen geſchmückt an, der Hand führt, zur Herrſcherin des Erdenreichs eingeſetzt hat. Ja, ſie kannte ſte, alle jene Geſtalten, welche den Kindern* ſo viel Vergnügen und Entſetzen einjagen; ſogar den Blaubart ſe hatte ſie einige Mal geſehen und den Zwerg Naſe; auch krieben ſich Abends auf dem großen Boden gar ſeltſame und verdächtige Katzen herum, und wenn der Mond in das große Bogenfenſter herein ſchien und den Vorplatz mit ſeinem Licht erfüllte, dann war es der kleinen Marie genau zu Muth, als ſchwebe die Lilien⸗ königin empor und befehle ihr, mit den Nachtvögeln, den Schmet⸗ terlingen und Leuchtkäfern um die Wette zu tanzen und in dem klaren Dufte zu ſchweben— und in ſolchen Momenten konnte das Kind ſeine Röckchen zuſammen nehmen und mit dem bleichen Geſichte gegen den Mond gekehrt, zierlich und ſonderbar tanzen, V immer ſtärker, immer wilder, die zierlichſten Sprünge machen, nie geſehene Figuren mit ihren Füßen beſchreiben, und hatte da⸗ bei das ſchwarze Auge feſt auf die Mondſcheibe gerichtet. Sie 3 tanzte in Einem fort und fort, bis man ſie mit lauter Stimme ins Zimmer rief oder ſie feſthielt und herein führte. Danach ſetzte ſte ſich jedes Mal in eine Ecke des alten Canapee's und ſchlief mit zufrieden lächelndem Geſicht ein. Die Jungfer Kiliane aber wollte dieſes Tanzen im Mond⸗ ſchein auf's Strengſte verboten haben, denn ſte hatte einmal eine V grauſige Geſchichte geleſen, wo junge Mädchen, die es nicht un⸗ terlaſſen können, in den Strahlen des Mondes zu tanzen, nach ihrem Tode nicht ruhig im Grabe zu liegen vermögen, und das erzählte ſte eines Tages dem Kinde zur Warnung. „Siehſt du,“ ſagte die alte Perſon mit zitternder Stimme, „es muß etwas Köſtliches ſein um die Ruhe im Grabe, und denke dir nur Kind, wie es jenen unglücklichen Perſonen geht, von I denen ich dir ſagte: alles ſchläft da unten tiefen, erquickenden Schlaf, nur dieſe nicht; kaum ſteigt der Vollmond am Horizont welches er Hand führt, Bogenfenſter füllte, dann ge die Lilien⸗ n Schmet⸗ nd in dem ten konnte dem bleichen rbar tanzen, ge machen, r Stimme „ Danach rn ee und an „im Mond⸗ „einmal eine z nicht un⸗ mren, nach 3 id das en, u „ Stimme, und denke von en geht, enden aquickend au Horizont 5 Unter dem Stadtgraben. empor und blitzt durch die Trauerweiden auf dem Kirchhofe, ſo bewegt ſich das Gras und Geſträuch um die Gräber jener Un- glücklichen, es zieht ſie herauf in die Nachtluft, und ſte müſſen tanzen die ganze Nacht hindurch und dabei immer den Mond an⸗ ſehen, bis er wieder untergeht.“ Es ſchauderte dem Kinde bei dieſer Erzählung, und der junge Herr Welſcher verſicherte hoch und theuer, wenn die Marie das Tanzen draußen im Mondſcheine nicht ließe, ſo ſchliefe er nicht mehr in einem Zimmer mit ihr, das ſei ihm gar zu grau⸗ ſelig. Das kleine Mädchen verſprach dann auch, ſie wolle nicht mehr draußen im Mondſchein tanzen, und ſo war die Sache für jetzt abgemacht. Es gieng in dem Welſcher'ſchen Hauſe alles ſeinen regel⸗ mäßigen Gang fort, wie ein Uhrwerk, und jedem Tage, jeder Stunde war von der ordentlichen Frau ein Geſchäft zugewieſen. Samſtags und Montags kamen ungeheure Haufen Wäſche an, welche ſortirt und zum Waſchen vorbereitet wurden; dann erſchien am Montag Abend die erſte Wäſcherin, eine alte gediente Perſon, welche nie anders ſprach als mit in den Seiten geſtemmten Armen. Sie hieß Frau Wurzel und hatte in ihrem ganzen Leben nichts gethan, als gewaſchen und immerfort gewaſchen. Die Frau Wurzel nun holte ſich den großen Hausſchlüſſel und erſchien Nachts um ein Uhr wieder mit dem Glockenſchlage der alten Kirchenuhr, und in ihrem Gefolge waren drei bis vier andere Waͤſcherinnen, und jede derſelben trug eine kleine Laterne in der Hand, und dann begannen ſie um ein Uhr ihr Geſchäft, nahmen gegen vier Uhr des Morgens einen Schnaps und ein Stück Brod, um acht Uhr ihren Kaffee, um zehn Uhr ein Glas Wein und Brod, nach dem Mittageſſen um vier Uhr wieder ihren Kaffee, und wenn Abends zum Nachteſſen die Suppe auf den Tiſch kam und die große zinnerne Schüſſel mit Kartoffeln, Wurſt und Gänſefett, dann war für heute ihre Arbeit fertig, und die Frau Wurzel gieng zu einer andern Frau, ſich den Hausſchlüſſel 216 Fünfzehntes Kapitel. zu holen, und in der nächſten Nacht um ein Uhr ſtanden die armen Weiber vor einer andern Thür und fiengen ihr mühſeliges Tagewerk von Neuem an. Bei der Frau Welſcher aber wurde Mittwochs die Wäſche auf dem großen Boden getrocknet, und Donnerſtag Morgens er⸗ ſchien Jungfer Kiliane und Freitags der Herr Dubel und die Näh⸗ terinnen, und Samſtag Mittags war Alles wieder in Ordnung. Heute war es alſo Freitag und die Stube ſah Nachmittags bei Tageslicht ungefähr gerade ſo aus, wie an jenem Abende, wo wir ſie zum erſten Mal betraten, mit dem einzigen Unter⸗ ſchiede, daß die drei Kinder Welſcher und die kleine Marie, welche ſo eben aus der Schule gekommen waren, um ein Tiſchchen in der Ecke des Zimmers ſaßen und ihren Kaffee tranken,— ſonſt war Alles wie damals; draußen in der Küche klapperten die Bügeleiſen, im Zimmer pickte die Schwarzwälderuhr und ziſchte die Wäſche; Jungfer Kiliane ſaß am Fenſter, neben ihr die Näh⸗ terinnen und auf dem Tiſche Herr Dubel. Nach einer längeren Pauſe ließ die Kiliane ihr kleines Bü⸗ geleiſen ruhen, ſchaute bedächtig zum Fenſter hinaus und prophe⸗ zeite wegen des Glanzes am Himmel und der Gluth, mit welcher die Sonne untergieng, ein ſtrenges Froſtwetter für die nächſten Tage, und das ſagte ſte ſo beſtimmt, daß es den Herrn Dubel im Voraus fröſtelte und die Weiber am Bügeltiſche ſchon ſeufzend einen Holzaufſchlag berechneten und verſicherten, das Geld für's Brennholz ſei gar nicht mehr aufzubringen. „Wenn es nur keinen Winter gäbe!“ meinte der Schneider; „wenn man nicht mehr im Schnee zu waten brauchte und kein Feuer anzuzünden! Ach, was müſſen das für herrliche Länder ſein,“ ſetzte er ſchwärmeriſch hinzn,„wo ein ewiger Frühling herrſcht, wo die Bäume immer grün bleiben, wo immerfort die Blumen blühen, wo es keine kalte Jahreszeit gibt!“ „Solche Länder,“ entgegnete die Kiliane,„haben dafür anderes Ungemach genug; da brennt die Sonne im Sommer die ſtanden die mühſeliges die Waͤſche Norgens er⸗ ddie Näh⸗ rOndnung. Nachmittags m Abende, gen Unter⸗ rrie, welche eiſchchen in — ſonſt pperten die und ziſchte rdie Näh⸗ leines Bü⸗ nd prophe⸗ nit welcher nächſten ſeufzend Held für's Schneider; und kein he Ländet Frühling erfort die en dafür mmer die —j Unter dem Stadtgraben. 217 Leute ſchwarz und braun; da gibt es ſchreckliche, reißende Thiere, Schlangen und giftiges Gewürm, das den Menſchen ſeines Lebens nicht froh werden läßt. Bei uns legt man ſich, wenn man müde gearbeitet iſt, in ſein Bett und ſchläft getroſt ein; wird man auch Nachts von einem kleinen Stich geweckt, ſo hat das weiter nichts zu ſagen; aber in jenen Ländern, wo man nicht weiß, was einem Nachts durch das Bett kriecht und einen ohne Schmerzen im Schlafe umbringt— huh, das iſt grauſig! Ich möchte nicht da wohnen.“ „Ganz richtig,“ ſagte Herr Dubel und ſchaute nach⸗ ſinnend zum Fenſter hinaus,„und dann iſſſſ⸗t in jenen Ländern eine Einrichtung, eine Eintheilung der Menſchen in Claſſen, welche alles Selbſtgefühl zu Boden drückt: wer nicht vornehm geboren iſſſſ⸗t, bleibt all' ſein Leben ein Paria, das heiſſſſ⸗t, ein unterdrückter, nicht geachteter Menſch.“ „Ganz richtig!“ ſagte die Kiliane,„was man bei uns ein Gſchlaf nennt.“ „Das iſt doch hier ganz anders,“ fuhr der Schneider fort; „wenn es auch höchſſſſet mühſam iſſſſet, ſich aus einer niederen SSSS⸗tufe empor zu ſchwingen, ſo iſſſſt doch die Möglichkeit vorhanden, und wenn der Menſch von der geringſten Famtlie ſich Reichthümer erworben hat oder ein Amt, ſo kommt er in die Rangklaſſe, die ihm gebührt, und iſſſſet eben ſo geachtet, wie der Grafenſohn. Nehmen Sie einmal meinen SSSS⸗tand an, es iſſſſ⸗t leider keiner der bevorzugteſſſſ⸗ten, ja ich muß es geſſſſ⸗tehen, er wird mit einer unverdienten Lächerlichkeit betrachtet, man ſagt ſchlechtweg: ein Schneider! und zuckt die Achſeln, und doch wie viel Schneider haben ſich ſchon empor geſchwungen zu Reichthum, zu großen Aemtern und Würden! Ich meine nicht einmal Leute, wie der große SSSS⸗tulz, die auf dem Handwerk reich wurden und Schulen und mildthätige Anſſſſ⸗talten bauen ließen; nein, ich meine ſolche Schneider, welche durch außerordentliche Geiſſſſ⸗tes⸗ gaben, die durch Tapferkeit ſich hervorthaten.“ 1 218 Fünfzehntes Kapitel. Die Kiliane ſah bei Nennung dieſes Prädikats lächelnd zu dem Herrn Dubel auf, doch dieſer ließ ſich nicht ſtören. Er ſchwang die Scheere begeiſtert in der Luft und fuhr, da er den Blick der Kiliane wohl bemerkt, fort: „Ja, auch durch Tapferkeit— Schneider haben ſchon in allen Fächern der Kunſſſſ⸗t und Wiſſenſchaft geglänzt; es fallen mir nur gerade keine Namen ein, und wenn ich einen nenne, von dem ich noch vor Kurzem geleſen, nämlich Jan von Leyden, der König zu Münſſſſ⸗ter wurde, ſo will ich ſein Treiben durchaus nicht loben, doch war er ein verflucht geſcheidter Kerl, der wahr⸗ ſcheinlich unter anderen Verhältniſſen ein beſſeres Ende genommen hätte, und was die Tapferkeit anbelangte, ſo iſſſſat dieſe Eigen⸗ ſchaft dem Schneider nicht abzuſprechen— es ſind ſchon Mehrere von unſerem Handwerk Generale geworden.“ Ob dieſer kühnen Behauptung ſchüttelte die Kiliane den Kopf und verſicherte, davon habe ſie in ihrem ganzen langen Leben nichts gehört; der Herr Dubel aber richtete ſich ſtolz auf, hielt die Scheere wie ein Schwert in der rechten Hand, faßte mit der linken ein Tiſcheck an, als wolle er ein Schlachtroß zügeln, und ſagte: „Mir hat gerade dieſes Beiſpiel von Tapferkeit ein Kunſſſſ⸗t⸗ maler erzählt, bei dem ich zuweilen arbeite; er hat mir auch den Namen des Schneiders genannt und dabei verſichert, es ſeien ſchon mehr als tauſend Schneider Generale geworden.“ Dagegen ließ ſich nun freilich nichts einwenden, und die Jungfer Kiliane, welche ſah, wie Herr Dubel in Begeiſterung zum Fenſter hinaus ſchaute und die Arbeit liegen ließ, brachte das Geſpräch auf ein anderes Thema und fragte den Schneider, warum er vergangenen Freitag nicht zur Arbeit gekommen ſei; worauf derſelbe ſeinen Blick alsbald in's Zimmer zurück wandte, im Geiſt von dem Schlachtroſſe herunter ſtieg und die Scheere zu dem gebrauchte, wozu ſie eigentlich da war. „Am vergangenen Freitag,“ ſagte Herr Dubel und paßte 3 lächelnd t ſtören. Er ör, da er den aben ſchon in gt; es fallen nenne, von Leyden, der ben durchaus I, der wahr⸗ de genommen dieſe Cigen⸗ ton Mehrere Kiliane den zen langen ich ſtolz auf⸗ nd, faßte mit btroß zugeln, in Kunſſſſ⸗t⸗ mir auch den ert, es ſeien en, und die Begeiſterung leß, brachte 1 zchneide kommen ſeij ück wandte, Scheert zu tund paßte Unter dem Stadtgraben. 219 mit einigen kühnen Schnitten ein Stück Zeug zu einem anderen, wozu es gehörte,„war ich außerordentlich verhindert; ich fand Donnerſſſſetag Abends in meiner Wohnung ein Billet vor, von dem Jäger eines meiner hoher Gönner, des Herrn Barons Karl, worin ich gebeten wurde, den andern Tag beim Ausbeſſern eini⸗ ger Livreeſſſſ⸗tücke zu helfen— ein charmanter Herr, der Baron Karl, ein liebenswürdiger Cavalier!“ „Ah ha!“ ſagte die Büglerin;„Frau Welſcher hat ſeine Wäſche; ein ſehr ordentlicher und ſauberer Mann, es iſt derſelbe, von dem mir die alte Winklere erzählte, der die Geſchichte bei Hof hatte...“ „Und in Ungnade fiel wegen des ſchönen Hoffräuleins,“ ergänzte Herr Dubel. „Was da oben für merkwürdige Leute ſind!“ ſagte die Kiliane und ließ ſich ein neues und heißes Bügeleiſen bringen, wodurch in ihrer Arbeit eine kleine Pauſe entſtand, während wel⸗ cher ſte die Hände in den Schooß legte und zum Fenſter hinaus ſah.„Bei uns Bürgersleuten iſt man froh,“ fuhr ſie fort, „wenn ein armes Mädchen eine gute Parthie macht, und die da oben trennen ein ſolches Paar gewaltſam,'s iſt kein Menſchen⸗ verſtand darin!— Und weiß man nicht, wohin ſte das arme Fräubin geſchickt haben? u „Vor der Hand wiſſen wir es nicht,“ antwortete der Herr Dubel ſehr wichtig;„ich habe mir die Geſchichte ausführlich von dem Lakaten Jean erzählen laſſen, der weiß Alles, was bei Hofe geſchieht; auf einem Hofballe wurde das abgemacht, und nachher in aller Früh reiſſſſ⸗te das Fräulein fort. Der Baron Karl, wel⸗ cher das alles am andern Morgen erfuhr, eilte in's Schloß und ſoll mit einer der Hofdamen eine furchtbare Scene gehabt haben; dieſe fiel darauf in Ohnmacht, ein Umſtand, der an ſich bei ſol⸗ chen Damen nicht viel ſagen will; doch in dieſem Falle wurde die Alteration, welche der Baron der erſſſſ⸗ten Dame verurſacht, für ſehr wichtig genommen und war Urſache, daß man ihn beſſſſ⸗timmt 220 Fünfzehntes Kapitel. und ausdrücklich hat, das Schloß ferner nicht mehr zu beſuchen. Hierauf entſchloß ſich der Baron, die SSSS⸗tadt zu verlaſſen, wahrſcheinlich will er das Fräulein aufſuchen, und ich wurde deß⸗ halb am vergangenen Donnerſſſſ⸗tage durch ein Billet meines ge⸗ nauen Bekannten, des Herrn Jägers Lukas, eingeladen, Einiges an den Reiſelivreen zu verbeſſern. Morgen oder übermorgen reiſſſſet der Baron ab, und da wird das hübſche Haus, das er in der Allee draußen hat, geſchloſſen, und in all' den Zimmern, wo man ſo ſchön wohnen könnte, wird ſich ferner keine Seele aufhalten.“ Dieß ſagte der Schneider mit einem tiefen Seufzer. „Und das Fräulein?“ forſchte die Kiliane,„hat ſie keine Eltern, keine Verwandten, keine Heimath, wohin man ſie ge⸗ ſchickt haben wird und wo der Herr Baron ſie leicht finden kann?“ „Ich glaube nicht,“ entgegnete Dubel;„ſie ſoll ein ver⸗ waiſſſſetes Kind ſein und hat, ſo viel ich höre, nur noch einen einzigen Onkel, der da unten an der belgiſchen Grenze wohnt, der ſich aber nie viel um ſte bekümmert; zu dem hat man ſte auf keinen Fall geſchickt. Aber laßt's nur gut ſein,“ fuhr der Schnei⸗ der beſtimmt fort und ſchwang drohend ſeine Scheere,„wir wer⸗ den ſie ſchon finden, Jungfer Kiliane, es iſſſſ⸗t Alles bereits dazu eingeleitet, und dann proſtt die Mahlzeit, Hofdamen, alte Her⸗ zoginnen, dann wird geheirathet trotz aller Einſprachen!“⸗ Herr Dubel hätte noch längere Zeit ſolchergeſtalt ſeinem Ingrimme gegen ſchreckliche Hofintriguen, wie er es nannte, Luft gemacht, wenn nicht in dieſem Augenblicke die Frau Welſcher eingetreten wäre und darauf Jedes beim Anblick der geſtrengen Frau ſeine Arbeit eifrigſt fortgeſetzt hätte.——— Unten aber, in dem Durchgange des alten Stadtgrabens wurde eine außerordentlich glänzende Geſellſchaft ſichtbar, welche ſich auf das alte Kloſter zu bewegte, in die Thür deſſelben ein⸗ trat und nun ſporenklirrend, lachend und lärmend die breite fin⸗ ſtere Wendeltreppe hinaufſtieg. Unter dem Stadtgraben. 221 ör zu beſuchen. Dieſe Geſellſchaft war nichts Geringeres als der Hofkutſcher, dt zu verlaſſen, Herr Joſeph Winkler, mit ein paar Collegen und Stallbuben, ich wurde deß⸗ ferner der Herr Vicarier Steinle, welche alle zu dem Zweck ge⸗ etemeines ge⸗ kommen waren, um dem alten Kloſter einen Begriff davon zu nden, Einiges geben, wie ſehr ſich die vom alten Hof bemühten, ihre Theil⸗ t übermorgen nahme für das Kind der verſtorbenen Marie an den Tag zu legen. Haus, das er Zu dieſem lobenswerthen Zwecke hatten ſich ihnen angeſchloſſen: den Zimmern, der Jäger Herr Lukas und der Hoflakai Herr Jean. r keine Seele Alle befanden ſich in großer Uniform, die Stallbeamten in weißen Lederhoſen, glänzenden Kappenſtiefeln, himmelblauem ufzer. Leibrock, mit Gold beſetzt, und ſauber lakirten Hüten, die alle hat ſte keine keck auf dem rechten Ohr hiengen. Die Stallbuben trugen den man ſie ge⸗ Anzug der Vorreiter, hatten himmelblaue Jacken an, ebenfalls den kann?¹ mit Gold geſtickt, und eine runde Jockaimütze mit ſchimmernder ſoll ein ver⸗ 4 Troddel. noch einen Jean hatte ein Uebriges an ſich gethan und zeichnete ſich e wohnt, namentlich durch glänzend weiße, feine, waſchlederne Handſchuhe man ſie 41f aus; Lukas war ebenfalls im höchſten Staat, ſein grüner Rock da Scnei⸗ 8 ſchimmerte von Stickereien, ſein reiches Wehrgehänge mit dem „wit wer⸗ Hirſchfänger klapperte und glänzte, auf dem Kopf hatte er einen bereits dazu 1 großen Hut mit wallendem, dunkelgrünem Federbuſche und an ;, alte Her⸗ den Händen ſchwarze Stülphandſchuhe. Beſonders ihn ſchien een!“: ddeer alte hölzerne Bruder Pförtner, der unten an der Wendel⸗ talt ſeinem treppe ſtand, freundlich anzuſehen; derſelbe hatte vor langen, tannte, Luft langen Jahren gewiß viele dergleichen kecke Jägergeſtalten ins u Welſcher Kloſter eintreten ſehen, und als ihm Lukas lachend auf den dicken geſtrengen hölzernen Bauch ſchlug, würde er gewiß mit gelächelt haben, 1 wenn es zufällig gerade um die Mitternachtsſtunde geweſen wäre. dtgrabens Als die Geſellſchaft auf dem erſten Stocke ankam, ſtutzte r, walce Joſeph, als er ein neues Schild ſah, das, wie früher mit weißen ſelbm in: mageren Buchſtaben auf einem ſchwarzen Brett, jetzt mit Gold breite fin⸗ auf Grün deutlich ſagte:„Weinwirthſchaft.“ Seine Col⸗ 4 (ꝛ——ꝗoo¶/— 222 Fünfzehntes Kapitel. legen und der Vicarier ſtutzten ebenfalls, und die Stallbuben ſchmunzelten.—’ Weinwirthſchaft! Dieſes Wort hat eine merkwürdige Anziehungskraft, beſonders wenn man es mit goldenen Buchſta⸗ ben auf grünem Grunde liest und eine etwas regſame Phantaſie ſich dabei den goldenen Wein in grünen Flaſchen vorſtellt. Der Zauber ſtegte auch dieſes Mal, und Alle traten, die Stallbeamten voran, in das ehemalige Refectorium des Kloſters. Es war eine große, geräumige Stube mit hohem, vor Alter geſchwärztem Getäfel, und gewiß einmal ſehr luftig und hell ge⸗ weſen, denn es hatte zwei große Bogenfenſter, von denen aber das eine im Verlauf der Zeit wegen allzu viel zerbrochener Schei⸗ ben zugemauert worden und deßhalb die Fenſterwand heutigen Tages recht trübſelig und einäugig anzuſchauen war, um ſo trüb⸗ ſeliger, als das noch vorhandene Fenſter nebelhaft angelaufen ausſah, wodurch man jetzt beim ſchönſten Wetter und beim klar⸗ ſten Himmel in der Stube geſchworen hätte, es regne draußen. Möbelwerk, Fußboden, Thür, Decke, Ofen und Wirthin paßten zu dieſer Trübſeligkeit; hetztere eigentlich war das unpaſſendſte Möbel in der ganzen Wirthſchaſt, denn eine dickere, ſchmutzigere und ſchlampigere Vettel war auf zehn Meilen im Umkreiſe nicht zu finden; ſie ſah aus, wie Grau in Grau gemalt. Dieſe Wirthin nun wandte ſich beim Eintritt der Geſellſchaft ſchmunzelnd um, warf Ueberreſte von Kartoffelſchalen und eine große ſchwarze Katze vom Tiſche herab und eilte in den Schenk⸗ verſchlag um mehrere Schoppen des befohlenen Achter ſo ſchnell wie möglich herbeizubringen. Am Ofen ſaß ein einziger Gaſt, welcher bei dem Sporen⸗ geklirr nicht umgeſchaut hatte, wenigſtens ſchien es ſo; auch nahm er gar keine Notiz von den Eingetretenen, ſondern ſchien ange⸗ legentlich die Zeichnungen an dem großen, gußeiſernen Ofen zu betrachten. Joſeph, der ſich ſcheute, mit den weißen Reithoſen auf die — Unter dem Stadtgraben. 223 ſe Stalluten ſchmutzige Bank hinzuſitzen, lehnte ſich an den Tiſch und trank . das Wohl der alten Frau Welſcher, der alten verſtorbenen Marie merkwürdige und blinzelte dabei auf den Mann am Ofen hin, dem dieſer Toaſt enen Busſt⸗ 4 nicht beſonders zu behagen ſchien. Auch die ſchmutzige Wirthin me Phantaſte hätte etwas Anderes gewünſcht, denn ſie warf die Oberlippe auf lt. Der und murmelte dem fremden Gaſte lachend etwas in die Ohren. Stallbeamten Dieß hielt aber den Kutſcher durchaus nicht ab, beſagten Toaſt noch einmal auszubringen, und dabei ſtieß er den Hofla⸗ hem, vor Alter kaien Jean in die Rippen, murmelte lachend ein paar Worte und und hell ge⸗ zeigte dabei auf den Mann am Ofen. in denen abet Jean ſchmunzelte, hob ſein Glas in die Höhe und ſagte: vchener Schei⸗„He, Joſeph! wißt Ihr nicht, wer jener dumme Kerl war, der aand heufitgen Euch beim letzten Hofball in den Weg ſprang und den Ihr nur um ſo trüb⸗ dreiſt hättet überfahren ſollen?“ ſt angelaufen„Genau weiß ich es nicht,“ lachte der Kutſcher,„aber es ad beim klar⸗ wird wohl ein Polizeiſpion geweſen ſein. Ueberfahren, das darf draufen. man nicht thun, bei Leibe nicht! aber ich habe meine neue Peit⸗ dirtbin paßten ſchenſchnur an ihm verſucht, daß der Hallunk einen Satz machte, zunpaſſendſte es war gar zu poſſterlich.“ ſozmutigene„Wer war das, von dem die Rede iſt?“ fragte der Jäger. Untriſe niht b„Wer wird's geweſen ſein?“ ſagte Joſeph:„ſo ein alter räudiger, abgeſchlagener alter Hund von einem Aufpaſſer, ſo ein Ggſellchaft Kerl, der es nicht wagt, ein paar Beſoffene feſtzuhalten, die aus 4 Ind eine dem Wirthshaus heraustorkeln und den größten Scandal auf der Schm⸗ Straße machen, weil er fürchtet, Prügel zu bekommen, ſo ein . ſuell verflitzter alter Hallunke, der einen Hofwagen Nachts um ein Uhr ter ſo ſch 1 anhält, wo weit und breit keine Menſchenſeele mehr auf der orul⸗ Straße, einen alten Hofwagen, die immer in ſolidem Trab fah⸗ dem Eh un ren und noch nie Jemanden beſchädigt haben, ſo ein alter Kerl, jauch un der allen Mädels nachläuft, der anſtändigen Leuten das Eigar⸗ ſtien aad renrauchen verbietet und armen Weibern, die ihr altes Amt ver⸗ men Ofen z lieren, durch ſcheußliche, giftige Bemerkungen das Leben ſauer fdie macht— ſo ein alter Lump— ein miſerabler— einäugiger!“ boſen auf 9⁰ 224 Fünßehntes Kapjtel. Der Gaſt am Ofen zuckte bei den Ehrentiteln, die dem großen Unbekannten ſo freiwillig geſpendet wurden, heftig zu⸗ ſammen und war namentlich beim letzten Prädikat, das von einem fehlenden Auge ſprach, im Begriff, ſich haſtig herum zu drehen; doch bezwang er ſich und blieb ruhig ſitzen. Der Achter war endlich getrunken, und die Geſellſchaft ſchickte ſich an, mit großem Geräuſch, laut geſprochenen Worten und vielem Sporengeklirr in den zweiten und dritten Stock hinauf zu ſteigen. Kaum aber hatten Alle das Zimmer verlaſſen, ſo ſprang der Gaſt am Ofen von ſeiner Bank in die Höhe, ballte die Fäuſte nach der Thür, fletſchte die Zähne und rief, während ſein einziges Auge giftig leuchtete:„Wartet, ihr Hofgeſindel, ich will Euch den einäugigen, miſerablen Lump noch eintränken!« Droben indeſſen klopfte der Herr Joſeph Winkler gar zier⸗ lich an die Thür der Frau Welſcher, und als man von innen Herein! rief, öffnete er, und der Glanz und die Pracht, von der wir oben geſprochen, trat in das Zimmer vor die verwunderten Büglerinnen. Nach ein paar Augenblicken des Staunens von Seiten der Frau Welſcher, der Kiliane, des Herrn Dubel und ſämmtlicher Kinder und Arbeiterinnen nahm Joſeph das Wort und erklärte, daß ſie ſammt und ſonders gekommen ſeien, um der Frau Wel⸗ ſcher feierlichſt dafür zu danken, daß ſte ſich des armen und ver⸗ waisten Kindes angenommen, wofür ihr Gottes Lohn nicht aus⸗ bleiben werde, und daß ſie ferner ſich erkundigen wollten, wie es der kleinen Marie gehe und was ſte thue und kreibe, daß ſie nicht unterlaſſen könnten eine Kleinigkeit an Geld, worunter zwei Du⸗ katen, die ſie für das Kind zuſammengebracht, hiermit geziemend zu übergeben. Dieſe Rede des Herrn Winkler war ſehr rührend und feier⸗ lich, und die Frau Welſcher, welche dieſelbe Livree vor ſich ſah, die ihr ſeliger Mann auch getragen, fuhr, übermannt von ſüßen Crinnerungen und nachdenkend, mit der Hand über die Augen; eln, die dem ;, heftig zu⸗ as von einem n zu drehen; ⸗Geſellſchaft nWorten Stock hinauf verlaſſen, ſo böhe, ballte tef, während Aehrodn eintränken!a er gar zier⸗ von innen ct, von der eerwunderten n Seiten der ſämmtlicher und erklärte, Frau Wel⸗ ien und ver⸗ nicht aus⸗ ten, wie es daß ſie nicht n zwei Du⸗ t gtziemend — dund fei nt ſi ſoh t von ſüßen. die Augen) * Unter dem Stadtgraben. 225 die alte Kiliane trocknete ſich ein npaar Thränen ab, Herr Dubel war ſichtbarlichſt gerührt, der Vicarier Herr Steinle verzog ſein Maul auf eine entſetzlich wehmüthige Art, als er das Kind der Marie vor ſich ſtehen ſah, und der junge Herr Welſcher heulte ohne alle Urſache, vielleicht weil er die Kiliane weinen ſah oder weil ihm ſeine Schweſtern den Reſt des Kaffee's ausgetrunken hatten. Nachdem das vorüber war, bot die Frau Welſcher ſo viel Stühle an, als ſie beſaß, und Alle fanden einen Sitz bis auf die Stallbuben, welche ehrerbietigſt an der Thür ſtehen blieben. Da wurde nun geſprochen von den letzten Augenblicken der unglücklichen Marie, von ihrer Herzensgüte und ihrem luſtigen Sinne; ferner von der alten Winklere, daß ihr der Stadtrath Schwämmle das Austragen der Muſeumsquittungen anvertraut, und daß ſie nächſtens auch bei einer conſervativen Zeitung ange⸗ ſtellt werden würde; ferner von der Abreiſe des Baron Karl, welche die Frau Welſcher ſehr betrübe,— ſo ſagte dieſelbe zum Jäger Lukas und verſicherte, einen anſpruchsloſeren und artigeren Herrn habe ſie noch nicht bedient; dann ſprach man vom Wetter, von der Geſundheit der Kiliane, vom Heranwachſen der Wel⸗ ſcher'ſchen Sprößlinge; dann wurden Stühle gerückt, Sporen klirrten gegen einander, die Stallbuben riſſen die Thür auf, und nach vielmaligem Abſchiednehmen und außerordentlich zahl⸗ reichen„Behüt Euch Gott!“ polterte die ganze Geſellſchaft die Treppen hinab, mit Ausnahme des Jägers Lukas, welcher mit der Frau Welſcher in das Nebenzimmer gieng, um einige Rech⸗ nungen in Ordnung zu bringen. Dieſes Geſchäft war bald abgemacht; der Jäger bedauerte, ſo ſagte er als höflicher Mann, daß er morgen die Stadt ver⸗ laſſen müßte, und ſetzte hinzu:„Ich hoffe nicht, daß mein Herr lange Zeit ausbleiben wird, vielmehr, daß wir bald und glücklich zurückkehren und den Leuten hier zeigen, wie viel es geſchlagen hat. Apropos!“ fuhr der Jäger fort,„ich habe noch eine Com⸗ Hackländer, Namenl. Geſchichten. I. 15 226 Fünßzehntes Kapitel. miſſton von meinem Herrn an Sie; er weiß nämlich genau, wie ſehr alle Leute, die Sie kennen, von Ihrer Rechtlichkeit überzeugt ſind und wie man ſich darauf verlaſſen kann, wenn Sie Jemanden empfehlen. Nun bin ich vor einiger Zeit zufällig mit dem jun⸗ gen Menſchen, dem Herrn Dubel, der draußen in Ihrer Stube ſitzt und arbeitet, bekannt geworden und bin im Stande, etwas für ihn zu thun, im Falle Sie mir ihn als zuverläſſig und getreu empfehlen können.“ Die Waſchfrau nickte vergnügt lächelnd und hörte aufmerk⸗ ſam zu. „Mein Herr,“ fuhr der Jäger fort,„verreist, wie Sie wiſſen, morgen und hat ſeine Gründe, von beiden Lakaien keinen im Hauſe zu laſſen, wünſcht aber einen vertrauten Menſchen, der ſich Nachts dort aufhält, der Briefe ꝛc. die für uns ankommen, weiter beſorgt, der vor allen Dingen ehrlich und verſchwiegen iſt; und zu dieſem Poſten habe ich den Herrn Dubel vorgeſchlagen.“ „Und da haben Sie ein ſehr gutes Werk gethan,“ ſagte die Waſchfrau freudig überraſcht,„ich kenne den Herrn Dubel von ſeiner Kindheit an und kann ihn in alle Wege zu dem Poſten empfehlen.“ 4— „Abgemacht!“ ſagte der Jäger und reichte die Hand zum Abſchied.„Bitte, dem Herrn Dubel noch nichts darüber zu ſagen, da ich mit dem Baron noch Einiges beſprechen muß. Adieu, Frau Welſcher! halten Sie ſich geſund, ich hoffe, wir ſehen uns bald wieder.“ Damit verließ der Jäger das Zimmer, grüßte den Schneider und die Jungfer Kiliane und ſtieg die Treppen hinab. Der Herr Dubel, der keine Ahnung davon hatte, welcher helle Stern in der Nacht ſeines Daſeins aufzuſteigen im Begriff war, nähte emſig darauf los, bis es acht Uhr ſchlug; dann aß er mit der Familie zu Nacht, gab beim Abſchiednehmen der kleinen Marie die Hand und brachte die Jungfer Kiliane nach Hauſe, worauf er eiligſt durch die glatten Straßen ſchlüpfte, um ſeine Dachkammer zu erreichen, ſeinen Thee im Morgenanzug zu ge⸗ genau, wie überzeugt Jemanden dem jun⸗ hrer Stube de, etwas und getteu te aufmerk⸗ „wie Sie aien keinen nſchen, der ankommen, wiegen iſt; ſſchlagen.” an,“ ſagte Dubel von dem PJoſten Hand 3 zum r zu ſagen, Adieu, ſeehen uns z. giñn den ven hingb. te, wel ſcher m Begtif dunn ah e der kleinen ich Hauſe, um ſeine aug zu ge⸗ 227 Unter dem Stadtgraben. * nießen und ſich, in Pelham leſend, für einen angehenden großen Herrn zu halten. Bald hatte der Herr Dubel die Elſtergaſſe erreicht und kam an das Haus Nummer vierundvierzig, vor welchem ſich eine viel⸗ leicht fünf Fuß breite Eismaſſe gelagert hatte; Dubel mit ſeiner Leichtfüßigkeit ſetzte zum Sprunge an, flog in die Hausthür hinein zierlich und gewandt und parirte auf dem glatten Stein, als ſtehe er auf einem Teppich, weil er ſah, daß er im anderen Falle einen Herrn faſt umgerannt hätte, der aus der Thüre der Wein⸗ ſtube trat. Dieſer Herr aber blieb ob Sprung und Parade erſtaunt ſtehen, klatſchte langſam und gemeſſen in die Hände und ſagte: „Bravo, bravo! ein ſchöner Sprung, ein merkwürdiger Aplomb, bravo!“ Der Schneider ſah den Lobſprecher erſtaunt an, zog aber höflich ſeine Mütze, als er den gravitätiſch ausſehenden Mann genau anſah und den königlichen Balletmeiſter erkannte. „Bravo!“ wiederholte Signor Benetti,„Sie entwickelten eine Gelenkigkeit und Kraft, wie man ſie ſich auf der Bühne nur wünſchen kann.“— Er hätte wahrſcheinlih noch weiter fortgeſprochen, doch wurde in dieſem Augenblicke die Hausthür von einer rieſenhaften Figur verdunkelt, welche Niemand anders war, als der Herr Lukas, der ſich nach dem Herrn Dubel erkundigte. Der Balletmeiſter verließ das Haus, und die beiden Andern ſtiegen die Treppe hinauf.— Bald war der Schneider von dem Glücke, das ihn erwar⸗ tete, in Kenntniß geſetzt, und man kann ſeine Seligkeit, eine elegante Wohnung ſowie einen kleinen Gehalt zu erhalten, kaum ermeſſen. Er verließ noch denſelben Abend die Elſtergaſſe; ſein OQuartier, das faſt noch ein Vierteljahr bezahlt werden mußte, kam dem Doctor Stechmaier zu Gute, der ſeinen Wandkaſten verließ und ſich oben einlogirte. Sechzehntes Kapitel. Ein Bürgerball und ſeine Folgen. Die Hofräthin war nach jenem unglückſeligen Bürgerball das nicht mehr, was ſie früher geweſen; im innerſten zarteſten Kern ihres Lebens war ſie ſchmerzlich verwundet, und ihr Sohn, auf den ſie alle Hoffnung geſetzt, daß er nicht in die Fußſtapfen des Vaters treten, vielmehr ihr, der Trauerweide, ein Stab ſein werde, an welchen ſie geſtützt fortan durch das Leben ſäuſeln könne,— ihr einziger Sohn, ihr Eduard hatte Schmach auf ihren Namen gehäuft, hatte eine ganze ehrenwerthe Bürger⸗ geſellſchaft blamirt, hatte mit einer Putzmacherin getanzt! Zwiſchen jenem unglücklichen Ballabend und jetzt lagen ſchon ein paar Wochen, und während dieſer Zeit hatte die Hof⸗ räthin nebſt Gemahl und Sohn ihre bisherige Wohnung ver⸗ laſſen und war in den oberen Stock zu dem Herrn 2uduaij Schwämmle gezogen. Dieſe Wohnungsveränderung, obgleich ſchon ſeit einen halben Jahr vorbereitet und deßhalb mit der Ballgeſchichte in keiner Verbindung ſtehend, wurde doch wegen letzterer eine Quelle der bitterſten Vorwürfe für Gatten und Sohn. Die Hofräthin, Bürgerball n zarteſten ihr Sohn, Fußſtapf ein Stab ben ſäuſeln Hmach auf Lüigrr nzt. thzt lagen die Hof⸗ nung ver⸗ Studtrath 8. eit einem chichte in ne Quelle Hofraͤthi — Ein Vürgerball und ſeine Folgen. 229 welche von ihrer zerknickten Hoffnung auf den Sohn immer in Parabeln ſprach, wie von einer theuren Verſtorbenen, konnte, ſo ſagte ſie nämlich, die alten Räume, in welchen ſie ſich ſo glücklich geträumt, ferner nicht mehr ſehen und wurde, auf dieſe Art gezwungen, die ihr ſo unnennbar lieb gewordenen Zim⸗ mer zu verlaſſen. Umſonſt hatte ſich der Hofrath eines Tags unterſtanden, ihr zu bemerken, es ſei ja ſchon vorher eine andere Wohnung gemiethet geweſen; dieſe unzarte Aeußerung hatte nur einen heftigen Migränenanfall zur Folge und das arme Schlacht⸗ opfer zog ſeufzend in die neue, viel ſchönere Wohnung. So ſehen wir ſie am Fenſter ſitzen und bemerken, wie ſte ihren Blick zuweilen, über Nähzeug und Nadel ſeufzend, auf die beſchneiten Dächer der nachbarlichen Häuſer wirft. Neben ihr in einem Arbeitskörbchen befinden ſich verſchiedene Bücher höchſt frommen Inhaltes, und wir wollen es im Vertrauen geſtehen, daß die Hofräthin einmal faſt im Begriff war, einer frommen Brüdergemeinde beizutreten und Betſtunden zu beſuchen; doch überdachte ſie noch zeitig genug, daß ſie als Mitglied einer ſol⸗ chen Bälle und Theater unbedingt für Anſtalten des Teufels zum Fange einer armen Seele betrachten müſſe, und das war nicht gut thunlich, denn ſie hatte im königlichen Hoftheater ein halbes Jahresabonnement mit zehn anderen Damen der ſieben⸗ ten Rangklaſſe auf einen Sitz der zweiten Gallerie, und dieſes Abonnement war nicht rückgängig zu machen... Was ſollen wir von Eduard ſagen?— von Eduard, deſſen Gemüth nicht ſo verhärtet war, daß er nicht am andern Morgen 3 den Kummer der Mutter und die Unſchicklichkeit gefühlt hätte, die er begangen? Aber der Vater Hofrath hatte dieſen Keim zum Guten mit roher Hand erſtickt, indem er des andern Tages bei Tiſche, als ihm die Geſchichte erzählt wurde, laut hinaus lachte. Wie ſchauerte dabei der Hofräthin zart Gemüth zuſam⸗ men! Welcher Abgrund von Schlechtigkeit öffnete ſich vor ihren Augen! Sie hatte ihren Mann freilich ſchon als roh erkannt, 230 Sechzehntes Kapitel. als unzart im höchſten Grade, aber als ſo verderbt, wie ſie ihn jetzt kennen lernte, hatte ſie ſich ihn nicht vorgeſtellt. Sie ſpielte hierauf eine Zeit lang die arme Dulderin, huſtete bedeutend, ließ den Arzt kommen, trank ungeheure Medieinflaſchen leer und ließ in das Tagblatt ſetzen, es werde auf nächſtes Frühjahr eine Eſelin geſucht, die gute Milch habe. Alles umſonſt! Der Hofrath gieng nach wie vor ins Wirthshaus und in ſeinen Klubb, und der Sohn gieng in mehrere Klubb's und in mehrere Wirthshäuſer! Darauf hatte die Hofräthin ihren Kriegsplan geändert; ſte machte ihrem Manne das Leben ſauer, wo es thunlich war, das heißt beim Kaffeetrinken und Mittagseſſen und Nachts in ihrem Bette, wo ſte bei zugezogenen Gardinen die furchtbarſten Pre⸗ digten hielt. Andere Stunden des Tages und Abends war der Hofrath nicht zu haben, wohl aber der unglückliche Eduard— er mußte mehrere Abend in der Woche zu Hauſe bleiben, bekam keinen Hausſchlüſſel, mußte hie und da mit der Mutter eine Viſite machen, kurz, er wurde außerordentlich tyranniſirt. Es mochte gegen elf Uhr Morgens ſein, als es bei Hof⸗ raths draußen an der Klingel ſchellte und gleich darauf der Schritt des Hausherrn hörbar wurde, der ſich den Schnee von den Stie⸗ feln klopfte und ins Zimmer trat. Der Hofrath war ein großer, ſtarker Mann mit rothem, freundlichem Geſicht und einem höchſt glücklichen harmlos ver⸗ gnügten Zug in demſelben. Er kam ſo eben von der Bibliothek, wo er ſeine Beſchäftigung hatte, und wollte zu Hauſe nur einen Augenblick nach eingelaufenen Briefen ſehen und ſich alsdann in ſeinen Klubb begeben, um die Zeitung zu leſen und zur Stär⸗ kung des Appetits einen Schoppen Zwölfer zu genießen. Zu dieſem Geſchäfte mit Hut, Mantel und Stock gerüſtet, trat er in das Zimmer der Hofräthin, um ſich eine vergeſſene Cigarren⸗ doſe zu holen, und der Hofräthin kam ein ſehr guter Gedanke. 6 ———— — wie ſie ihn Sie ſpielte er und ließ ühjahr eine ponſt! Der d in ſeinen din mehrere s in ihrem arſten Pre⸗ lds wat der Eduard— ell eine Viſtte es bei Hof⸗ fder Schritt— n delt Stie⸗ nit rothemn, umlos ver⸗ Bibliothek, enur einen alsdann in ur Stůr⸗ ßen. Zu t, trat er Cigarren⸗ ben, bekan 231 Ein Bürgerball und ſeine Folgen. Sie nickte bei ſeinem Eintritt kaum merklich mit dem Kopf, ſchaute alsdann gedankenlos durch's Fenſter und ſagte mit der gleichgültigſten Miene von der Welt:„Es iſt gut, daß du kommſt, ich wollte dich gerade von der Bibliothek holen laſſen.“ „Was hat's gegeben, mein Schatz?“ fragte der Hofrath mit vergnügtem Heſicht„Was wird von mir gewünſcht, womit kann ich dienen?“ Die Hofräthin hob ein Sacktuch, welches ſie gerade aus⸗ gebeſſert, gegen das Licht und ſagte, indem ſie aufmerkſam nach einer defekten Stelle ſpähte:„Du weißt, wir wohnen ſchon vier Tage hier im Hauſe und haben bei Stadtrath Schwämmle's noch keinen Beſuch gemacht; es iſt unumgänglich nothwendig, dieß heute noch zu thun, man kann nicht längere Zeit mehrz ſo hingehen laſſen.“ „Ich ſollte meinen,“ ſagte lächelnd der Gemahl,„daß das eigentlich nicht nothwendig ſei, bei ſo guten Bekannten wie Schwämmle's einen formellen Beſuch zu machen; man thut das wohl bei wildfremden Leuten, zu denen man ins Haus zieht,— geh' mein Schatz, das iſt eine leere Förmlichkeit.“ Die Hofräthin ließ ihr Sacktuch wie entſetzt in den Schooß fallen und ſchaute ihren Mann ein paar Sekunden lang mit dem ihm wohlbekannten feſten Blicke an, einem Blicke, den er un⸗ möglich lange Zeit aushalten konnte. „Leere Förmlichkeit!“ ſagte ſie alsdann;„ja, du möchteſt freilich alle Formen aus der Welt verbannen, dir könnte freilich die Geſellſchaft nicht zwanglos genug ſein,— ein Einzugsbeſuch ſei eine leere Förmlichkeit?! O, es iſt unglaublich, was ich Alles erleben muß! Aber,“ fuhr ſte heftig fort,„in dem Hausweſen, dem ich vorſtehe, die Formen des Anſtandes aufrecht zu erhalten, ſo weit es meine ſchwache Kraft zuläßt, werde ich mich bemühen, und ſollte ich darüber zu Grunde gehen, trotz deinen Einreden und dem ungeſchliffenen Betragen deines Herrn Sohnes! Die Stadträthin Schwämmle gibt heute Abend eine große Theege⸗ 232 Sechzehntes Kapitel. ſellſchaft und nur ein Menſch ohne alle Formen, iſt im Stande, zu glauben, man könne da erſcheinen, ohne einen Einzugsbeſuch gemacht zu haben.“ „Aber ich ſehe durchaus nicht ein, warum ſich ereifern!“ ſagte der Hofrath und ſteckte die Cigarrendoſe ein, die er gefunden. „Warum ich mich ereifere?“ rief die Hofräthin mit ziem⸗ lich lauter Stimme;„freilich, warum ich mich ereifere? Die Frage habe ich auch ſchon tauſend Mal an mich ſelbſt geſtellt und finde auch nur eine einzige Antwort; warum mich ereifern, warum auf die nothwendigen Formen halten?——— um wenigſtens vor den Augen der Leute mit einigem Anſtand und Chre beſtehen zu können.“ Sie warf ſich erſchöpft in ihren Stuhl zurück und ſchaute gen Himmel auf, als wollte ſie ſagen: Unterſtützt mich kein Donner, ſpricht kein Blitz für mich?“ Der Gemahl aber, dem bei allem Gleichmuth nichts unan⸗ genehmer war, als häusliche Scenen, denn er kannte die Zähig⸗ keit der Hofräthin und wußte, daß ſie nicht nachließ, ihm eine und dieſelbe Geſchichte wochenlang vorzukauen, hackte ſeinen Mantel los und erlaubte ſich dabei die ſchüchterne Frage.„Aber mein Schatz, könnteſt du dieſen Einzugsbeſuch nicht allein beſorgen?" Ein vernichtender Blick aus den grauen Augen der Hof⸗ räthin zeigte ein ſchweres Unwetter an, das alsbald erfolgen würde, und gleich darauf brach es auch wirklich los und platz⸗. regnete eine Fluth von Worten:„Ich allein ſoll hinuntergehen?“ jammerte die unglückliche Frau;„ich allein, immer allein, ewig allein? Sind wir denn eigentlich zuſammen verheirathet, oder betrachteſt du mich nur als deine Sclavin— Ich allein?— Ich allein, das iſt das Loſungswort, das mich durch dieſen Eheſtand geſchleppt hat— nun ſchon ſeit zwanzig Jahren allein zu Hauſe, allein auf der Straße, allein in der Kirche, allein auf Bällen, allein im Theater, allein, immer allein! Und du, wo warſt du in all' den Stunden, da ich nun ſchon ſo lange, Jange Jahre —— tim Stande, Linzugsbeſuch ch ereifern!“ er gefunden. n mit ziem⸗ eifere? Die ſelbſt geſtellt nich ereifern, —— Um Anſtand und und ſchaute zt mich kein sichts unan⸗ die Zähig⸗ om eine und Aber mein beſorgen?” der Hof⸗ ld erfolgen und platz⸗⸗ tergehen?¹ lein, ewig thet, oder in?— Ic Eheſtand au Hauſe, af Bälen, 9 warſt d mge Jahre zugsbeſuch machen. Nach dieſer Mittheilung verſchwand Stadt⸗ Ein Bürgerball und ſeine Folgen., 233 3 allein verbringen mußte?— In Geſchäften?— nein: aber im Wirthshaus, im Klubb; ja, dieſen Orten dem Klubb und dem Wirthshaus bin ich geopfert worden, o, es iſt herzzerreißend! Tauſend Jahre ewigen Sprechens könnten nicht all' die Leiden erzählen, die ich in all' den langen Jahren erduldet habe, ich unglückliche Frau! In der ganzen Reſidenz, ja im ganzen Lande gibt es keine, die den hundertſten Theil ſo viel durchgemacht hat, wie ich.“— Der Hofrath hatte die gute Eigenſchaft, daß er dergleichen heftigen Redeausbrüchen durch Erwiderungen keinen Damm ent⸗ gegen zu ſetzen ſuchte, vielmehr riß er alle Schleuſen auf und ließ das Waſſer füei durchſtrömen, indem er hie und da mit dem Kopfe nickte oder Ja, Ja! ſagte, oder Freilich! und dergleichen mehr. Er wußte, daß die Hofräthin doch am Ende aufhören würde— dann folgte noch ein ſanftes Thränengerieſel, und danach hatte er wieder auf circa acht Tage Ruhe. Er legte ſeinen Mantel ab, zuckte mit den Achſeln, meinte, wenn es nicht anders ſei, ſo müſſe man in Gottes Namen bei Schwämmle's einen Beſuch machen und zog ſich in ſein Zimmer zurück, um die zu einem ſolchen Einzugsbeſuche bei guten Freun⸗ den die man täglich ſah höchſt nothwendige Toilette zu machen, den ſchwarzen Frack, die ſchwarze Halsbinde anzuziehen, kurz, ſich äußerlich wie bei den feierlichſten Gelegenheiten heraus zu putzen. Die Hofräthin, welche nach dem eben gehabten Erfolge beſchloß, heute feſt aufzutreten, umgeben von ſämmtlichen Großen ihres Reichs, ſandte in die benachbarte Buchhandlung, wo Eduard auf dem Comptoir beſchäftigk war, und ließ ihn augen⸗ blicklich herkommen; dann mußte Hofraths Mine, ihre Magd, zu gleicher Zeit einen freundlichen Beſuch bei Stadtraths Ricke, der anderen Magd, machen und mußte im Geſpräche fallen laſſen, Hofraths würden nach zwölf Uhr herabkommen und einen Ein⸗ 234 Sechzehntes Kupitel. raths Ricke in das Zimmer der Frau Schwämmle und ſagte, als ſie wieder kam, Stadtraths würden auf jeden Fall heute Mittag zu Hauſe ſein, und nachdem dieſe diplomatiſchen Ver⸗ handlungen beendigt waren und deren Reſultat der Hofräthin mitgetheilt, warf ſte ſich in ein dunkelgrünſeidenes Kleid und ſchmückte ſich auf's Beſte zu dem vorhabenden Beſuche. Der junge Eduard, der vor Tiſche Fine Partie Billard paſſender geſunden hätte, fügte ſich dem ſtrengen mütterlichen Befehl, warf ſich zu Hauſe angekommen ebenfalls in einen ſchwarzen Frack, und ſo gerüſtet ſtand die hofräthliche Familie da, wartend, bis es zwölf Uhr ſchlagen würdg, Endlich verkündeten alle Glocken der* die Mittags⸗ ſtunde, und wenige Minuten nachher zog der Hofrath an der Klingel des Stadtraths, und es zeigte ſich, daß der Herr Hofrath und Hofräthin dem Stadtrath und der Stadträthin einen Beſuch zu machen gedächten, Auf die Verſicherung von Stadtraths Ricke, daß Stadt⸗ raths zu Hauſe ſeien und daß es dem Herrn Stadtrath und der Frau Stadträthin ein außerordentliches Vergnügen machen würde, den Herrn Hofrath und die Frau Hofräthin bei ſich zu ſehen, traten die Letzteren in das Beſuchszimmer, Nachdem das Dienſtmädchen der Frau Hofräthin einen Platz auf dem Sopha angewieſen, für den Hofrath und Hofraths Eduard Stühle da⸗ neben geſtellt, entfernte ſie ſich, und aus dem Nebenzimmer trat der Stadtrath Schwämmle mit ſeiner dicken Gattin, der Stadt⸗ räthin, heraus. Schwämmle's ſonſt ſo lebhaftes Geſicht war in feierliche Falten gelegt, die außerordentlich leichten Bewegungen, welche er ſonſt im Gehen auszuführen pflegte, waren gemäßigt; denn wenn er auch den Hofrath faſt jeden Tag in dem Klubb ſah, wenn er auch die Hofräthin häufig auf der Treppe, auf der Straße oder bei ſeiner Frau angetroffen, wenn auch beide Fami⸗ lien in einem ſehr befreundeten Verhältniſſe zuſammen ſtanden, mmle und ſagte, jeden Fall heute lomatiſchen Ver⸗ t der Hofräthin benes Kleid und riie Billard gen mütterlichen 4 enfalls in einen rithliche Familie dt die Mittags⸗ Hofrath an der er Herr Hofrath bin einen Beſuch ke, daß Stadt⸗ Suoditath und rgnügen machen thin bei ſich zu „ Nachdem das auf dem Sopha jard Stühle da⸗ mimmer trat in, der Stadt⸗ ar in fäierlice ungen, welche mmißi denn m Klubb ſah, gppe, auf det ch beide gani⸗— umen ſtanden Ein Vürgerball und ſeine Folgen. 235 ſo war doch ein ſolcher erſter Beſuch als Mitbewohner deſſelben Hauſes ein viel zu feierlicher Akt, als daß man ihn nicht hätte außerordentlich würdevoll begehen ſollen. Die Stadträthin machte bei ihrem Eintreten einen Knix, der Stadtrath zwei tiefe Reigungen mit dem Kopfe, welche Be⸗ grüßungen von Hofraths durch Aufſtehen von Stühlen und So⸗ pha, durch eben ſo Kele Neigungen mit dem Kopfe des Hofraths aund durch einen ebenm. ſo tiefen Knix von der Hofräthin erwidert wurden. Der junge Eduard, der die üble Gewohnheit hatte, bei einer Verbeugung mit dem Fuße hinten auszuſcharren, warf bei dieſer Gelegenheit den Stuhl um, auf welchem er geſeſſen, was eine augenbe liche Störung verurſachte; doch war der Stadtrath Schwämmle Weltmann genug, die Sitzung ſchnell wieder herzuſtellen. Die Stadträthin ſaß an der linken Seite der Hofräthin auf dem Sopha, der Stadtrath und der Hofrath hatten ihre Stühle gleich weit vom Tiſche und vom Sopha entfernt, wie es die Etiquette verlangte und der junge Eduard, dem dieß noch beſonders eingeſchärft worden war, hatte reſpektvoll ſeinen Stuhl ungefähr einen halben Schuh hinter den ſeines Papa's zurück⸗ gezogen. Alle drei Herrn aber befleißigten ſich, wie es in hie⸗ ſiger Reſtdenz als Ausdruck des höchſten gegenſeitigen Reſpektes angeſehen wurde, von ihren Sitzen nur den kleinſten Raum einzunehmen, und alle drei ſaßen ſo ſcharf auf der Kante ihrer drei Stühle, daß ſie bei dem geringſten Huſtenanfalle unfehlbar herabgeſtürzt wären. Zum Eingange des Beſuches wurde ſich nach den Geſund⸗ heitsumſtänden der verehrten Anweſenden und ſämmtlicher Fami⸗ lienangehörigen bis ins hundertſte Glied ſorgfältig erkundigt; daß jedes einen Katarrhanfall und Huſten gehabt hatte, ver⸗ ſtand ſich von ſelbſt. Die Hofräthin klagte mit einem bedeu⸗ tungsvollen Seitenblick auf den Hofrath, daß ſtie in letzterer Zeit ſehr an Herzklopfen und Migräne gelitten; die Stadträthin — 236 Sechzehntes Kapitel. Schwämmle befand ſich noch äm leidlichſten und dankte für die gütige Nachfrage nach der Geſundheit ihres Vaters, des Herrn Oberzunftmeiſters. Der Hofrath und der Stadtrath hatten außer den angegebenen Uebeln ebenfalls nicht viel zu klagen, und der junge Eduard befand ſich nur inſofern unwohl, als er lieber von der ſtadträthlichen Viſtte weit entfernt geweſen wäre Das Geſpräch drehte ſich ferner um das Wetter und die Hofräthin prophezeite einen längeren Froſt... „Mit einigem Schnee in den nächſten Tagen,“ meinte die Stadträthin, und der Stadtrath, den ſeine Hühneraugen ſchmerz⸗ ten, glaubte, etwas Regen werde nicht ausbleiben, worauf der Hofrath auf Thauwetter rieth, und der junge Eduard, um auch etwas zu ſagen, dieſe vier Meinungen reſumirte und in einiger Geiſtesabweſenheit von ſehr ſtarkem Froſt mit Schnee und Regen und großem Thauwetter ſprach. Hierauf bot das Theater weiteren Stoff zu eben ſo intereſ⸗ ſanten und geiſtreichen Geſprächen. Die Hofräthin war über⸗ zeugt, baß das Haus beſtändig angefüllt ſein würde, wenn man bei Entwerfung des Repertoirs billige Rückſichten auf das Pu⸗ blikum nähme. Aber es könne einer deutſchen Frau doch nicht zugemuthet werden, ſo fort und fort und weiter nichts als ita⸗ lieniſche Muſik zu hören, und was die Trauerſpiele anbelange, ſo ſei man nur dazu da, den Herrn B. in einem neuen Kleide zu bewundern und das Fräulein C. in irgend einem graſſen franzöſiſchen Machwerk als ſchreckliche Mutter oder Gattin zu verabſcheuen.—„Gemüthliche deutſche Trauerſpiele werden gar nicht mehr gegeben, und von den Luſtſpielen, die uns früher ſo ergötzten, will ich gar nicht reden.“ „Aber das Ballet,“ ſagte der unglückliche Eduard,—„iſt doch recht ſchön“— ſo hatte er eigentlich ſeine Rede beſchließen wollen, doch Umerkte er noch frühzeitig genug den ſtrafenden Blick ſeiner Mutter und erinnerte ſich ihrer Lehre, daß es unan⸗ ſtändig ſei, vor anſtändigen Bürgerfrauen und Töchtern vom und dankte für die Vaters, des Henn dtrath hatten außer u kagen, und der r lieber von ³ Wetter und die agen,“ meinte die eraugen ſchmerz⸗ ,worauf der ard, um auch rte und in einiger eben ſo intereſ⸗ räthin war über⸗ e, wenn man uf das Pu⸗ rau doch nicht ir nichts als ita⸗- ſpiele anbelange, nem neuen Kleide nd einem gruſſen oder Gattin zu ſwiele werden gat die uns füher ſt Eduard,— iif’ hade beſchlichen 1 den ſtrafenden daß es unan⸗ Töchtern vom Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 237 Ballet zu ſprechen. Die Hofräthin und die Stadträthin ſchlugen hierauf vereint ihre Augen nieder und ſchämten ſich r tbar. Vater Schwämmle aber zog den Mundwinkel in die e und gedachte jenes unvergeßlichen Bürgerballes. Die eben ſo unpaſſende als unzarte Erwähnung des Ballets hatte den Redefluß auf einige Sekunden gehemmt, und es ſchlich ſich, wie man zu ſagen pflegt, ein Polizeidiener durch's Zimmer. In anderen Städten pflegt man auch bei ähnlichem plötzlichem Stillſchweigen zu ſagen, es ſchwebe ein Engel durch die Conver⸗ ſation; hier aber war es ein Polizeidiener, und der Stadtrath Schwämmle bemächtigte ſich ſeiner augenblicklich, und brachte das Geſpräch geſchickt auf polizeiliche ſtädtiſche Verordnungen und Einrichtungen, auf Straßenreinigung, Kaminfegerrecht, Feuerſchau und verſicherte, als er bei Feuersbrünſten im Allge⸗ meinen angekommen war, die Einrichtung eines Pompier⸗ und Löſchcorps ſei eigentlich nicht ſo außerordentlich nothwendig; die Spritzen befänden ſich in anſtändigem Zuſtande und aiſte⸗ ten, wenn ſie einmal auf dem Platze ſeien und wenn nicht ge⸗ rade etwas am Pumpwerk gebrochen oder eine Röhre geplatzt ſei, die erſprießlichſten Dienſte.„Ich bin,“ ſagte der Stadt⸗ rath Schwämmle mit erhobener Stimme,„pro neue Kirche, contra Pompiercorps; Feuersbrünſte haben wir, Gott ſei Dank! ſehr wenig, und es geſchehen geringe Unglücke dabei; gegen alle dieſe Firlefanzereien: bewegliche Brandleitern, Rettungs⸗ ſäcke für Menſchen und Mobilien, bin ich unbedingt, es kommt nichts dabei heraus. Unglücksfälle gibt es überall, und daß eine Feuersbrunſt nicht ohne dergleichen abgeht, iſt voraus zu ſehen.“ Die Frau Stadträthin Schwämmle, welche große Luſt hatte, gegen ihren Mann in Oppoſition zu trel„um ſich des neuen 2 öſchcorps, contra neue Kirche anzunehmen, dachte zur guten Zeit noch, wie wenig die Feier eines erſten Beſuchs zu einem derartigen Streite geeignet ſei, und ſchwieg ſtill. 238 Sechzehntes Kapitel. Die Hofräthin würde aber auch unbedingt auf Seite des Sanhe⸗ neue Kirche getreten ſein, und ſo war es gut, daß dielkadträthin das Geſpräch fallen ließ. Jetzt erhob ſich die Hofräthin von dem Sopha, ſtammelte etwas von ewiger Freundſchaft, von gutem Einvernehmen, und dann empfahl ſich die hofräthliche Familie unter alt hergebrachten Förmlichkeiten unter den verſchiedenen Kniren und Verbeugungen, welche bei⸗ ſo einer feierlichen Veranlaſſung gegeben und angenommen wer⸗ den. Der Stadtrath begleitete die Familie bis an die Glasthür, die Stadträthin aber nur bis an den Ausgang des Zimmers, was die Hofräthin ein wenig übel nahm. Darauf aber verfüg⸗ ten ſich Hofraths nach Hauſe, und da es für den Chef des Hau⸗ ſes zu ſpät für einen Schoppen Zwölfer undfür den jungen Eduard zu ſpät für eine Partie Billard war, ſo ſetzte ſich die ganze Familie alsbald zu ihrem Mittagsmahl nieder. Nachher machte Hofraths Mine der Stadtraths Ricke einen ebenfalls ſehr nothwendigen Einzugsbeſuch, welcher der Hof⸗ raths Mine eine Viertelſtunde darauf von der Stadtraths Ricke feierlich erwidert wurde. Wir können aber, obgleich wir bei den verſchiedenen Diner’s im Hauſe vollkommen überflüſſig ſind, daſſelbe doch ſo bald nicht verlaſſen, indem ein unterſchiedlicher Geruch von feinem Back⸗ werk im untern Stock, ſo wie zahlreiches Porcellan, das in der Küche aufgeſtellt iſt, vermuthen läßt, daß der Thee, welchen die Frau Stadträthin heute Abend gibt, ſehr glanzvoll zu werden verſpricht und wohl der Mühe werth ſein wird, um ihm unſicht⸗ 4 bar beizuwohnen. Nach Tiſche begann auch in der Küche der Stadträthin äin unerhörtes Rumoren, eine beiſpielloſe Geſchäftigkeit. Ricke hite alle Hände voll zu thun, die lange nicht gebrauchten Theekäſſen ſauber auszuwiſchen, während die Stadträthin das Bafhwerk zierlich auf die dazu beſtimmten Platten ſchichtete; dann holte Ricke aus der Speiſekammer mächtige Gläſer voll eingemachter t auf Seite des . ſo war es gut, Jetzt erhob ſich ras von ewiger inn empfahl ſich Förmlichkeiten ge genommen wer⸗ n die Glasthür, des Zimmers, aber verfüg⸗ Chef des Hau⸗ für den jungen ſetzte ſich die zRicke einen lccher der Hof⸗ ztadtraths Ricke giedenen Diners oc ſo bald nicht n feinem Back⸗ an, das in br ee, welchen di goll zu weiden n ihm unſſcht⸗ äthin a 2 dich 4 14 4 en, welche bei⸗ ee 1 is than mit ihrem ſchwarzſeidenen Kleide, welches wir vom Bürger⸗ Ein Vürgerbalt und ſeine Folgen. 239 Früchte, womit von der Stadträthin verſchiedene Porcellan⸗ und Kryſtallſchaalen angefüllt wurden. 2 So gieng der Nachmittag vorbei, und ehe es eng zu dämmern, wurde der Theetiſch in dem Beſuchszimmer hergerichtet — und welcher Theetiſch! Eine mächtige Tafel, an welcher wenigſtens zwanzig Perſonen Platz haften. Darüber wurde ein feines Tiſchtuch und eine rieſenhafte Theeſerviette gebreitet, dann die Taſſen umhergeſtellt, an die Unterſeite der Tafel, wo die Stadträthin ihren Sitz hatte, der Waſſerkeſſel von engliſchem Metall mit der Spirituslampe, Theeſeiher, Zuckerzange, einigen Vorrathslöffeln und dergleichen Kleinigkeiten mehr. In der Mitte der Tafel ſtand ein broncener Armleuchter und trennte dieſelbe ſo zu ſagen in zwei Hälften, welche beide mit einer wahren Armee von Backwerk und Süßigkeiten beſetzt wurden. Das Centrum dieſer beiden Heerflügel bildete hier eine rieſenhafte Punſch⸗, dort eine eben ſo große Sandtorte; Kugel⸗ hopfen mit und ohne Chocolade⸗Ueberguß beſchützten das Cen⸗ trum wie ſchwere zwölfpfündige Batterien, dann kamen ganze Regimenter von kleinem Backwerk und es iſt faſt unmöglich, die Namen all' der Legionen, die hier aufmarſchirt waren, anzu⸗ geben. Da ſah man Theebrod von allen Formen, Seelen, Kaffeeküchlein, übergoſſenen Zwieback, Zimmtſterne, Berliner Pfannkuchen, hernach unter dem gemeinen Troſſe: Hefenkränze, Mannheimerle, Kümmelkuchen und Mürbes in allen Geſtalten. Dieſe zahlreiche Armee wurde flankirt und umſchwärmt von einem ganzen eingemachten Sommer und Herbſt. Von den Erdbeeren des Frühjahres waren alle Früchte vertreten bis zu den welſchen NMi en des Spätjahres, und wehe der Hausfrau, welche irgend emachte Frucht nicht aufgetiſcht hätte oder auf deren Tafel haftes Backwerk gefehlt— ihr wäre beſſer, ſie wäre nie nen . So ſtand die Tafel gerüſtet und die Stadträthin war ange⸗ 240 Sechzehntes Kapitel. ball her kennen; der Stadtrath war ausgegangen, da es nur eine Damengeſellſchaft war, zu welcher die Männer nur inſofern Zu⸗ tritt hatten, als ſie ſpät am Abend ihre Frauen und Töchter ꝛc. abholen durften. Stadtraths Ricke empfing die Ankommenden an der Glas⸗ thür, und bald nach ſieben Uhr war die ganze Geſellſchaft verſam⸗ melt und Jede hatte den Platz eingenommen, zu welchem ſie durch Geburt und Rang berechtigt war. Wie ſie ſo um den Tiſch herum gereiht ſaßen, hatte man vor ſich in ſtrengſter Folge ein ſchönes Stück der königlichen Rangliſte, welche von der ſechsten bis zur achten zahlreich vertreten war. Auf dem Sopha wurde erſtere durch ein paar Oberregierungsräthinnen vertreten, an dieſe ſchloſſen ſich rechts und links Angehörige der ſiebenten Rang⸗ klaſſe: Kanzleiräthinnen, Hofräthinnen, dann kam die achte Rang⸗ klaſſe: Stabsſekretärinnen, Poſtmeiſterinnen bis hinab zu einer Schweſter der Stadträthin, welche das Unglück hatte, zu gar keiner Rangklaſſe zu gehören, da ſie einen Kaufmann und Laden⸗ beſitzer geheirathet hatte. Der Thee und Vanille war angebrüht, ſämmtliche Strick⸗ zeuge hervorgeſucht, und wenn man die Damen ſo daſitzen ſah, die Ellbogen in Folge des Strickens heftig auf⸗ und abbewegend, ſo hätte man auf die Vermuthung gerathen können, man ſehe vor ſich eine Heerde wilden Geflügels, welches eben im Begriffe ſei, aufzufliegen. Die Unterhaltung war auch durchaus nicht lebhaft; die achte Rangklaſſe ſchwieg vorab— in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle gegenüber der ſechsten und ſiebenten Rangklaſſe,= die ſtebente horchte aufmerkſam auf die ſechste, und eine der Ober⸗ regierungsräthinnen, die einigermaßen alterirt ausſah, erzählte gerade eine ſchauderhafte Geſchichte von der Frau eines Poſtſekre⸗ tärs, welche ſich einen Sammtmantel hatte machen laſſen. Ein Schrei des Entſetzens erſcholl an dem ganzen Tiſche; die ſtebente Rangklaſſe lächelte verächtlich, und die achte ließ ihren gerechten ——— da es nur eine ur inſofern Zu⸗ 4 und Töchter t. en an der Glas⸗ ſellſchaft verſam⸗ zu welchem ſte ſo um den Liſch engſter Folgt ein von der ſechsten u Sopha wurde vertreten, all ſibenten Rang⸗ die achte Rang⸗ z hinab zu einet thatte, zu g nann urd Laden⸗ Immtliche Stiik ewnh und abbewegend, F' znuen, man ſh ci lehaft öOS durchbohneſen 6 . 4 b Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 241 Zorn an ſehr großen Stücken übergoſſenen Zwiebacks und Kugel⸗ hopfens aus. Wir können nicht umhin, ein paar alte Bekannte zu grüßen, das„alt“ im Sinne des„längſt“ genommen, nämlich die dicke Kanzleiräthin vom Bürgerballe her mit ihrer ebenfalls dicken Tochter und die unglückliche, uns wohlbekannte Honoratioren⸗ tochter. Letztere hatte ſich neben die Stadträthin Schwaͤmmle geſetzt und ſah etwas angegriffen, ja leidend aus. Allmählig kam friſches Leben in die Unterhaltung; die achte Rangklaſſe lachte häufig, machte zuerſt ſchüchterne Bemerkungen unter einander, wagte dann ein Geſpräch mit der ſiebenten Rang⸗ klaſſe, welche ein Auge zudrückte und ſehr herablaſſend war, und als ſich erſt die andere Oberregierungsräthin, eine liebe, char⸗ mante Frau, nach dem Befinden eines kranken Kindes der ihr gegenüber ſitzenden Stabsſekretärin erkundigt hatte, lüfteten ſich in etwas die ſtarren Bande der Etiquette, die Zungen wurden frei und heitere Geſpräche zu Nutz und Frommen der abweſenden Nebenmenſchen nahmen an dem Theetiſche überhand. Wetter⸗ beobachtungen und Geſundheitsverhältniſſe, incluſive Ausgleiten und Fallen auf dem Glatteis, waren abgehandelt, und indem man das Repertoire des Theaters zerfleiſchte und die einzelnen Mitglieder ſcharf vornahm, hatte man Blut geſchmeckt und gieng mit voller Kraft an die Creigniſſe des Tages. Zuerſt wurden ſämmtliche Mägde verdammt und ſchreckliche Beiſpiele erzählt von der Rohheit und dem Uebermuthe dieſer verworfenen Klaſſe: hatte nicht die Oberregierungsräthin erlebt, daß ihr Bäbele, nachdem ſie eine ſchöne Taſſe zerbrochen— man fand ſte nämlich zerbro⸗ chen in der Küche ſtehen,— ihr zur Antwort gab, es ſei noch die Frage, ob ſie, nämlich das Bäbele, die Taſſe wirklich zer⸗ brochen oder nicht vielleicht Jemand anders— Jemand anders? konnte das Bäbele nicht vielleicht damit geſagt haben wollen, am Ende habe die Oberregierungsraͤthin die Taſſe ſelbſt zerbro⸗ chen— fürchterliche Frechheit! Der ganze Tiſch erhob einen Hacklande r, Namfenl. Geſchichten. I. 16 3 242 Sechzehntes Kapitel. Weheruf und verſicherte, ſo etwas ſei ihm noch nie vorge⸗ kommen. Eine andere, nicht minder ſchreckliche Geſchichte erzählte die Kanzleiräthin: nur durch nachläſſiges Verſchließen der Wärm⸗ flaſchz im Bette ihres zehnjährigen Sohnes ſei derſelbe ganz durchnäßt worden, und als man das der Marie vorgehalten, habe ſie gelacht und die Frechheit gehabt zu erwidern: das Vett ſei des Durchnäſſens ſchon gewohnt. Sämmtliche unverheirathete Damen ſchlugen bei dieſer Geſchichte die Augen nieder und die Verheiratheten fanden ſie ebenſo ſchrecklich, wenn nicht noch ſchrecklicher, als die der Oberregierungsräthin. Von den Mägden kam man auf die Bedienten, auf die Handwerker, auf die niederen Beamten und allmählich auf die Colleginnen der ſechsten, ſiebenten und achten Rangklaſſe. In dieſem Augenblicke trat der penſtonirte Hauptmann von Müller in das Zimmer, und ſein Anblick wurde mit außeror⸗ dentlicher Freude begrüßt. Er war, da er nicht Gattin noch— Schweſter abzuholen brauchte, einer von den wenigen Männern, welche das Vorrecht hatten, früher kommen zu dürfen; er war das aufregende Element bei dieſen Geſellſchaften, indem er mit den Anſichten der Damen faſt immer in Oppoſition war und es zuweilen wagte, ihnen ſeine Meinung unverholen zu ſagen. Nach ſeinem Erſcheinen ward das Geſpräch anfänglich ſanf⸗ ter, als es bis jetzt geweſen; auch brachte der Hauptmann eine Menge Neuigkeiten mit, von einem alten Schornſtein, in wel⸗ chem es gebrannt, von einem Concerte oder Balle bei Hof, von einem ſchrecklichen Unglücksfalle und dergleichen mehr, und ſo⸗ floſſen einige kleine Stündchen dahin unter Theetrinken, Back⸗ werk⸗ und Eingemachtem⸗Eſſen, Stricken und ſanftem Geplauder. Nach und nach erſchienen noch die muſterhafteſten der Ehe⸗ männer, welche ſich eine Stunde vom Wirthshauſe abzogen, um noch eine Zeit lang in der Theegeſellſchaft zubringen zu können. Vater Schwämmle erſchien auch, daß aber der Hofrathe 4 * ich nie votge⸗ hte erzäͤhlte die en der Waͤrm⸗ derſelbe ganz thalten, habe das Vett ſei unverheirathete nieder und die enn nicht noch nten, auf die auptmann von mit außeror⸗ Gattin noch gen Männern, ürfen; er war indem et mit n war und 65 zu ſagen. rfänglich ſanf⸗ nptmann eine tein, in wel⸗ bei Hof⸗ von nehr, und ſo enken, Back⸗ un Geplauder. ſten der Ehe⸗ ꝛuſe abzogen, ubringett il r der hoftat Ein Zürgerball und ſeine Folgen. 243 und der junge Eduard nicht erſchienen, brauchen wir nicht zu ſagen. Stadtrath Schwämmle erzählte von einem höchſt unerwar⸗ teten Bankerotte, der in der Stadt ausgebrochen ſei, und ver⸗ ſicherte, nur merkwürdige Unglücksfälle hätten den Fall des Herrn A. zu Wege gebracht. Der Herr A. war als fleißiger und geſchickter Kaufmann bekannt, aber Frau A. hatte das Unglück, beſtändig eine ſehr gewählte Toilette zu beſitzen, weßhalb der Damenkreis dieſes Falliment mit wenig chriſtlicher Liebe beſprach. „Wer einen ſolchen Aufwand macht,“ meinte die Kanzlei⸗ räthin,„wer namentlich an Wochentagen ſeidene Kleider trägt, bei dem muß es bergab gehen.“ „Namentlich war es bei der Madame A. vorauszuſehen,“ ſagte eine der Regierungsräthinnen, welche gewöhnlich wie eine Vogelſcheuche ausſah, aber in Geſellſchaft und des Sonntags das Uebermögliche an ſich leiſtete.„Wer ſollte es glauben, daß die A. ſich einmal unterſtanden hat zu ſagen, eine anſtändige Frau müſſe immer ſauber und gut gekleidet gehen undebrauche keine eigenen Sonntagskleider!“ Bei der Kundgebung dieſer frevelhaften Aeußerung der un⸗ glücklichen Madame A. kreiſchte am untern Ende ein ganzer Chor von Weiberſtimmen entſetzt auf und die gellend laute Stimme einer Sekretärin drang durch den Lärmen und rief:„Was die Frau Oberregierungsräthin ſo eben erzählt haben, iſt vollkom⸗ men richtig und ſehr glaublich, daß ſie noch viel Schlimmeres geſagt, denn Madame A. iſt ja eine... eine...“ Lieber Leſer, du wirſt etwas Entſetzliches erfahren, was die gute Madame A. wirklich iſt; wir können das durchaus nicht läugnen und müſſen der Wahrheit die Ehre geben; aber ſie iſt an der Benennung eigentlich unſchuldig, früher konnte man ſie eigentlich nicht ſo nennen, aber ſeitdem ſte die Mauern hieſiger Stadt bektat, wurde ſte es.— Wir ſchaudern!— Die gellende Stimme der Sekretärin rief alſo, Madame A. 16* 244 Sechzehntes Kapitel. ſei eine— Fremde. Wie lächelten die Damen, welche dieſes ungeheure Verbrechen der Madame A. ſchon kannten, auf ihren mit Backwerk angefüllten Teller, wie wunderten ſich die Anderen nun nicht mehr, daß der Herr A. fallirt ſei und wie befriedigte unt beglückte Alle der Gedanke, daß die Fremde nun nicht mehr im Stande ſei, auf der Straße ſeidene Kleider zu tragen, daß ſte es jetzt wohl unterlaſſen würde, franzöſtſche und andere Stoffe den inländiſchen vorzuziehen, und daß ſie ſich nicht mehr unter⸗ ſtehen würde, ächtes kölniſches Waſſer für beſſer zu halten, als das in hieſtger Stadt fabricirte Eau de Colosne— die Sünderin, die Anmaßende! Warum war auch Madame A. eine Fremde? Aber ſie war es ja nicht überall, ſte hatte ja eine Heimath und hatte dieſe Heimath ihrem Manne zu lieb verlaſſen, der hieher zog und ohne ſeine Schuld zu Grunde gieng. Ja, ſte war eine Fremde, und das war in hieſiger Stadt ein Fehler, ein Unglück, das nicht vergeſſen, nicht ſo leicht wieder gut gemacht werden kann. Eine Fremde oder ein Fremder in hieſiger Stadt iſt nämlich ein Weſen, das man ſich mit allen Fehlern und Untugenden des menſchlichen Geſchlechts begabt vorſtellt. Anderswo wundert man ſich, wenn ein Fremder plötzlich häßliche Eigenſchaften kundgibt, denn man hielt ihn bis dahin für einen ordentlichen Menſchen; hier dagegen wundert man ſich, wenn ein Fremder, nachdem er Jahre lang in der Stadt gewohnt, weder gemordet noch betrogen, weder ein Saufer oder ein Spieler, noch ſonſt ein liederlicher Menſch war. Manche dieſer Eigenſchaften hatte man bei ihm vorausgeſetzt, weßhalb?— Weil er ein Fremder war. Was anderswo eine Empfehlung war, war hier, wie geſagt, ein Verbrechen; anderswo nimmt man ſtich eines Fremden an, iſt ihm freundlich und behülflich und wartet ruhig ab, ob er ſich dieſer Theilnahme werth oder unwerth erzeigt, und läßt ihn im letzten Falle natürlicher Weiſe laufen und links liegen; hier aber läßt man ihn von Anfang links liegen und laufen, und wenn er „welche dieſes ten, auf ihren ich die Anderen ie befriedigte icht mehr u nagen, daß dandete Stoffe ht mehr unter⸗ zu halten, als die Sünderin, Aber ſte war und hatte dieſe irher zog und i ein Unglück, das werden kann iſt nimlcch ein den des Untugenden des 4 wundert man haften kundgibt, chen Menſchen; . nachdem er noch bettogen, ein lisderlichtt Fremde, genannt. Ein Vürgerball und ſeine Folgen. 245 einmal zwanzig Jahre in der Reſidenz zugebracht und ſich in all' der Zeit muſterhaft und gut betragen, ſo öffnen ſich ihm— nicht die Herzen der Einwohner, auch nimmt man ſich ſeiner noch nicht an,— ſondern es öffnen ſich ihm vielleicht ein paar anſtändige Häuſer, die den Muth haben, gegen den Strom zu ſchwimtgen. Das war ſo in hieſiger Reſidenz vor nicht gar langer Zeit und iſt auch heute noch nicht ganz verſchwunden. Geh noch heu⸗ tigen Tages und erkundige dich nach einer Straße, ſo kann es dir paſſtren, daß dir unter dreien wenigſtens einer ins Geſicht lacht und ohne zu antworten davon geht, indem er überzeugt iſt, daß du ein Fremder— er erkennt dich nämlich an der Sprache — ſelbſt ganz genau wüßteſt, wo die fragliche Straße iſt und du ihn nur zum Beſten haben wollteſt.— Die Sekretärin hatte die Madame A. ſo niedergeſchlagen mit dem einzigen Worte, ſie ſei eine Fremde, wie wohl jene Dame in Venedig, als man ihr die Larve abriß und der Chor der jungen Eddelleute rief: Es iſt Lucretia Borgia!— Sie war todt für dieſen Kreiß; ihr Name wurde fürder nicht mehr Es war nun noch an der Zeit, dem Stadtvater Schwämmle, den man ſeit jenem Ballabende ſo öffentlich nicht mehr geſehen, einige Worte der Anerkennung und des Beileides zu ſtammeln, und die Hofräthin entſchloß ſich zu dieſem ſchwierigen Geſchäfte. Der Stadtrath, der ſeit jener Zeit die beſten Vorkehrungen hatte treffen laſſen, damit ein ähnliches Unglück nicht wieder vorfallen könnte, glänzte vergnügt wie der Mond in lichten Abendwölkchen und ſprach die Hoffnung aus, daß der nächſte Ball, der in wenigen Tagen ſtattfinden werde, außerordentlich glänzend aus⸗ fallen müſſe, worauf der Kanzleiräthin Tochter, welche auch etwas Freundliches ſagen wollte, mit der Nachricht herausplatzte, wie ſie ganz genau wiſſe, daß auf dem nächſten Balle eine Gas⸗ beleuchtungspolka geſpielt würde, in welcher die Muſik das Er⸗ löſchen der Flammen angebe, die Verzweiflung der Ballasſell⸗ 246 Sechzehntes Kapitel. ſchaft, um damit mit einem neuen glänzenden Aufflackern aller Lichter, beziehungsweiſe Inſtrumente zu ſchließen. Dieſe Polka aber, ſetzte ſie ſchüchtern hinzu, werde dem würdigen Stadtrath Schwämmle gewidmet ſein. Die Theilnahme ſämmtlicher Damen ſowohl für den Stadt⸗ rath Schwämmle, wie für die Gasbeleuchtungspolka ſprach ſich in lautem Beifallrufen und Händeklatſchen aus, welches noch lauter und ſtürmiſcher wurde, als der Hauptmann von Müller verſicherte, er habe aus guter Quelle gehört, daß die Blutmen⸗ ſchen einen Talglichtgalopp und eine Schlachthauspolka compo⸗ niren ließen. Ja, der Enthuſiasmus pro Gasbeleuchtung contra Schlachthaus und pro Gasbeleuchtungspolka contra Talglichts⸗ galopp gieng ſo weit, daß ſämmtliche Damen ſich entſchloſſen, die letztgenannten Tänze, falls ſie wirklich zur Ausführung kämen, zu refüſtren; die älteren Damen und die ältere Honoratioren⸗ tochter gaben dieſe Erklärung mit feſter lauter Stimme von ſich, die jüngeren Damen aber etwas unbeſtimmter und ſchüchtern. Da nun das Geſpräch einmal bei jenem unvergeßlichen Ball⸗ abende war, ſo beſprach man noch eine Zeit lang die Vorfälle auf demſelben und die Hofräthin war hochherzig genug, ſogar der Verirrung des jungen Eduard ſelbſt zu gedenken als jugend⸗ lichen Leichtſinn—„und,“ rief die Sekretärin mit der gellenden Stimme,„als ſchändliche Verführung jener beiden Geſchöpfe.“ Bei dem Worte„Verführung“ ſchlugen die jüngeren Damen die Augen auf die Teller und verſpeisten eifrig Backwerk und eingemachte Früchte, ja, die Honoratiorentochter erröthete ein klein wenig, und es wurde dieſes Wort zu einem Thema, deſſen ſich die Herrn faſt ausſchließlich bemeiſterten. Der Stadtrath Schwämmle erzählte ſchauerliche Fälle der Art, wie es kühnen, unternehmenden Putzmacherinnen und Nähterinnen gelungen ſei, die Herzen ehrbarer Bürgersſöhne zu erwerben und dieſelben in allerhand verdrießliche Geſchichten zu verwickeln. Seiner Anſicht nach, ſo aufgeklärt auch dieſelbe lufflackern aller Dieſe Polka igen Stadtrath für den Stadt⸗ olfa ſprach ſich „welches nuĩ nn ß die Blutmen⸗ spolka compo⸗ btung contra tra Talglichts⸗ ich entſchloſſen, führun g f amen, Honoratioren⸗ imme von ſic ſchüchtern. rgeßlicen Bal⸗ 1g die orfälle gemn ſogat 4 als jugend— iit der g gellenden geſchöpft. ingeren Damen Backwerk und r erröthete iin ahema, deſſ 6 vetimen und — iche auch dieſelt e —— Ein BZürgerball und ſeine Folgen. 4 247 ſich ſonſt zu ſein bemühte, ſollte man von Polizei wegen ein ſtrenges Auge auf derlei Umtriebe haben, und er war dafür, den Kaſtengeiſt wieder ſo weit einzuführen und zu verſchärfen, daß ſchon das Sprechen ſolch' unbefugter Weſen mit Bürger⸗ ſöhnen durch harte Strafen geahndet werden könne. Sämmtliche Damen pflichteten ihm bei, und die Sekretärin meinte wahrhaft kreiſchend, da man leider ſolche Individuen, wie Putzmacherinnen, Nähterinnen und dergleichen nun einmal haben müſſe, ſo ſollte man wenigſtens ein ſtrenges Auge auf ſie haben, ihnen eigene Straßen anweiſen und nur erlauben, zu gewiſſen Stunden des Tages auszugehen. „Gott,“ ſagte die dicke Kanzleiräthin und ſchlug die Augen gen Himmel,„wie haben ſich die Zeiten geändert! Wie hätte ſich vor Jahren eine Putzmacherin unterſtanden, nur einen Ball⸗ ſaal zu betreten, in welchem ſich unſereins befindet, und jetzt?“ ſagte ſie mit einem krampfhaften Lächeln;„ich glaube, jetzt würde ſich ein ſolches Geſchöpf nichts daraus machen, vor un⸗ ſeren Augen herum zu tanzen.“ „Allerdings nicht, Frau Kanzleirath,“ ſagte die Sekretärin; nes ſoll ja im vergangenen Winter bei einem Maskenballe paſſirt ſein, daß einige ſolcher Geſchöpfe es gewagt, im Domino ver⸗ mummt, dort zu erſcheinen und noch mehr, ſogar Einige vom königlichen Ballet.“ „Vom Ballet?“ murmelte der Damenkreis entſetzt, und der Stadtrath Schwämmle gab dieſes entſetzliche Faktum achſel⸗ zuckend zu. Der Hauptmann von Müller war der Einzige, der es wagte, dieſes allgemeine Murmeln des Entſetzens nicht zu thei⸗ len und der die kühne Behauptung aufſtellte, daß es unter Putz⸗ macherinnen, Nähterinnen und unter dem Ballet ganz anſtändige Perſonen gebe. Es erſcholl aber ein wahrer Schrei der Entrüſtung gegen 248 Sechzehntes Kapitel. ihn, den er, ſich im Voraus auf die Oppoſition freuend, ſtill⸗ ſchweigend und lächelnd austoben ließ und dann fortfuhr: „Ich verſichere Ihnen, meine Damen, was ich vorhin be⸗ hauptet, hat gewiß ſeine vollkommene Richtigkeit. Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß kein Menſch im Stande iſt, bei ſeiner Geburt ein Wort mitzuſprechen. Wer ſeine erſten Tage auf einem ſchönen Bette verträumt unter der Obhut und Sorg⸗ falt geſchickter Aerzte, hat gewöhnlich ein platt geebnetes Leben vor ſich, und die Hand einer ſorgſamen Mutter führt das Mäd⸗ chen, wenn es ein ſolches iſt, auf's Angenehmſte ins Leben hinein, läßt ſte Nöthiges und Unnöthiges lernen; ſie weiß, daß ihr Vater Geld hat und einen Titel, und ſie auf ſolche Art einen guten und vornehmen Stand hat, ohne daß ihr Inneres deßhalb beſſer zu ſein braucht oder iſt, als das jenes armen Kindes, welches bei ſeiner Geburt in elende Lumpen gewickelt wird, ein armes kleines Geſchöpf, das die noch ärmere und elendere Mutter in Ermanglung einer Wiege vielleicht in die Schublade einer Kommode auf ihr armſeliges Weißzeug bettet, damit es weich liege. Beide wachſen zuſammen auf, jenes unter Luſt und Scherz, vor aller Verführung bewahrt, dieſes unter Thränen und Noth, aller Verführung Preis gegeben, aber derſelben nicht immer unterliegend und ſich in ſeinem leichten Kattunkleidchen oft ein eben ſo reines Herz bewahrend, wie die reiche Bürgers⸗ tochter in ihrer feinwollenen Robe. Ja, ich verſchärfe meine Be⸗ hauptung noch,“ ſetzte der Hauptmann mit erhobener Stimme hinzu,„ſpreche wenigſtens meine Meinung frei und offen aus, welche dahin geht, daß ich der Nähterin, welche anſtändig und tugendhaft geblieben,— ja, der Nähterin, meine Damen, der Tänzerin und der Putzmacherin vor der Bürgerstochter im glei⸗ chen Falle den Vorzug gebe.“ „Den Vorzug gebe!“ kreiſchte die Sekretärin und ſagte leiſe und ſpöttiſch lachend zu ihrer Nachbarin,„daß über die Herkunft der Mutter des Hauptmannes ein gewiſſes Dunkel liege.“ freuend, ſtill⸗ riffuhr: ich vorhin be⸗ Eil ulen kalt wird, ein re Mutter ade einer amit es weich nter Luſt und unter Thränen erſelben nicht da tunkleidchen Bürgers⸗ „ Po⸗ meine Be⸗ ner Stimme doffen aus, anſtändig und Damen, der ocht er im glii⸗ n und ſagte ndaß übet d 4 Dunke Ilegt, Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 249 „Ja wohl den Vorzug gebe,“ fuhr der Hauptmann fort; „denn ich nehme an, daß der Urſtoff, der bei roher Berührung und Angriffen aller Art klar und rein geblieben iſt, den Vor⸗ zug vor dem verdient, welcher beſtändig eingewickelt und keinem rauhen Lüftchen ausgeſetzt war.“ Mehrere Herrn und Damen warfen ſich in Parade, um die wirklich außerordentlich unpaſſenden Worte des Hauptmanns zu widerlegen; doch kündigte die Hofräthin, bekannt durch ihre ſcharfe Zunge, durch ein lautes Räuſpern und Huſten ihren un⸗ zweifelhaften Entſchluß an, als Sprecherin aufzutreten, daß Alles ehrfurchtsvoll ſchwieg— Alles, bis auf die Sekretärin, welche nicht unterlaſſen konnte, zu bemerken, daß ſie bei den Herrn Offizieren ſchon oftmals ſo leichte Geſinnungen ange⸗ troffen; ein Ausfall, den der Hauptmann aber nicht der Mühe werth fand, auch nur mit einer Sylbe zu beantworten. Dier Hofräthin wandte ſich zum Hauptmann und ſagte:„Demnach ſtellen Sie eine Putzmacherin, Nähterin ꝛc. über unſere Tochter und erkennen jenen wenigſtens in der Geſellſchäſt den gleichen Rang zu?“ „Unter den oben angegebenen Verhältniſſen“ verſetzte der Hauptmann,„allerdings, das heißt in der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft; in der Geſellſchaft dagegen, wie ſte ein hohes und verehrungswürdiges Publikum verſteht, kann man ſo etwas freilich nicht verlangen, und da brauche ich nicht einmal einen ſolch' rieſenhaften Sprung zu machen, wie von der Nähterin zur Hofräthin, und weiß wohl, daß viele kleinere Rangdifferenzen ſich dort nicht zuſammen fügen laſſen; dafür iſt aber auch, meine Damen,“ ſagte der Hauptmann, welcher warm wurde,„von einer Geſellſchaft nichts zu erwarten, in der jede Rangklaſſe und tauſend Thaler mehr Vermögen ein eigenes Zimmer, ein eigenes Lokal bedingen.“ „Sie wollen demnach,“ kreiſchte die Sekretärin,„alle Standesunterſchiede niederreißen?“ 250 Sechzehntes Kapitel. „Durchaus nicht,“ ſagte ruhig der Hauptmann,„aber alle Standesüberhebungen, wenn ich es könnte, mit den Füßen niedertreten; ich kann und will nun einmal nicht ein⸗ ſehen, daß der, welcher in glücklicheren Verhältniſſen geboren iſt, als ich, berechtigt ſein ſoll, mir auf dem Kopf herumzu⸗ treten und mich fühlen zu laſſen, er ſei aus einem beſſeren Stoffe, als ich. u „Aber,“ antwortete die Hofräthin mit voller Majeſtät, „würde es denn nicht gegen Ihre Gefühle anſtoßen, auf einem Bürgerball, wo unſere Töchter tanzen, auch Putzmacherinnen und Nähterinnen mit dem gleichen Rechte herumſchweben zu ſehen, würde Ihnen Ihr Gefühl dieß nicht als unpaſſend bezeichnen?“ „Und wenn dieß ſo wäre,“ ſagte der Hauptmann,„würde vielleicht daraus folgen, daß die Bürgerstöchter im Grunde eine beſſere Art Weſen wären, als jene Geſchöpfe, welche, auf ihren eigenen Füßen ſtehend, ſich ihr Leben mit harter Arbeit friſten müſſen?“ „Und kann das noch eine Frage ſein?“ kreiſchte die Sekre⸗ tärin. Aber der Hauptmann fuhr ruhig fort: „Wenn Sie, Frau Hofräthin, mit mehreren Ihrer ſehr achtbaren Bekannten zufällig auf einem Hofball erſchienen, wür⸗ den ſämmtliche Hofdamen Sie nicht als unbefugte Eindringlinge anſehen, Ihr Betragen nicht höchſt unpaſſend finden? Daß dem ſo wäre, müſſen Sie mir zugeben, und ich frage Sie ferner, halten Sie ſich im Grunde deßhalb geringer, als eine Hof⸗ dame?“ Die Hofräthin warf ſich in die Bruſt, blickte ſtolz um ſich, als wollte ſte ſagen: Ihr kennt mich Alle! Der Hauptmann aber fuhr fort und ſagte: „Unſer Geſpräch, meine Damen, hat ſich einigermaßen verirrt und wir ſind auf ein Terrain gekommen, das wir An⸗ fangs nicht betreten wollten. Jeder behalte den Rang, auf den ihn Geburt und Vermögen geſtellt, aber Jeder hüte ſich, durch n, naber alle te, mit den al nicht ein⸗ ſſen geboren pf herumzu⸗ ſſeren Stoffe, ter Majeſtät, , auf einem herinnen und n zu ſehen, bezeichnen?“ nn,„würde Grunde eine ze, auf ihren Arbeit ftiſten te die Sekte⸗ n Ihret ſeht. ienen, wür⸗ Eindinglinge „ Daß dem Sie ferner⸗ z eine Hof⸗ ſtolz um ſich Hauptmann iinigermahen as wir Mne ng, auf den , durch — — Ein Zürgerball und ſeine Folgen. liebloſe Aeußerungen und durch hartes Benehmen jene Schran⸗ ken zu erhöhen, welche nun einmal einen Stand vom andern trennen.“ „Mein Herr Hauptmann!“ rief die Sekretärin mit äußerſt gellender Stimme,„Sie mögen einen Rückzug antreten, ſo fein Sie wollen, und mögen ſagen, was Sie wollen, ich bleibe doch dabei und ſage: wenn es je eine etwas leichte Bürgerstochter gegeben hätte, ſo wäre ſie doch noch mehr werth, als zwanzig tugendhafte Putzmacherinnen.“ Der Hauptmann zuckte mit den Achſeln, die meiſten der Damen ließen ein leiſes Gemurmel vernehmen, welches deutlich anzeigte, daß ſte mit den Anſichten der Sekretärin wohl har⸗ monirten, die Hofräthin aber ſagte, anſcheinend mit großer Bekümmerniß:„geben Sie zu, beſter Herr Hauptmann, daß unter jener Klaſſe von Menſchen eine große Immoralität herrſcht, daß die meiſten derſelben ein ſchrecklich leichtes Leben führen.“ „Sie wollten ſagen,“ verſetzte der Hauptmann, ironiſch 251 lächelnd,„daß jene Klaſſe der menſchlichen Geſellſchaft nicht ſo die Mittel hat, ihr Thun und Laſſen zu verſchleiern, wie andere, und daß man viel eher reden hört von den Fehltritten von zwan⸗ zig Putzmacherinnen, als von denen einer einzigen Bürgers⸗ tochter; ich gebe das gern zu, nur müſſen Sie bedenken, daß die Anſicht, welche Sie von dem Lebenswandel dergleichen Mäd⸗ chen haben und welche Sie, meine Damen, täglich ausſprechen, ſehr viel Schuld an der Immoralität derſelben trägt. Wenn Jemand. weiß, Sie halten ihn unbedingt für einen Dieb, weil ſein Bruder einer war, ſo denkt er vielleicht: was hilft's mir, daß ich nicht ſtehle, man glaubt mir's doch nicht!—— Ich will das gerade nicht entſchuldigen, aber es iſt ſo.“ „Der Herr Hauptmann entwickeln ſonderbare Anſichten, u kreiſchte die Sekretärin,„und machen ſich eine Ehre daraus, die Liebſchaften liederlicher Mä ißen zu entſchuldigen.“ 252 Sechzehntes Kapitel. Auch die Hofräthin ſchien entrüſtet und ſagte:„ſo kön⸗ nen wir nicht fortſtreiten, wenn Sie ſich gänzlich auf die Seite von Perſonen ſtellen, die ſich nichts daraus machen, alle Jahre, um mich gelinde auszudrücken, bereitwillig eine Menge Lieb⸗ ſchaften einzugehen und dieſelben eben ſo bereitwillig wieder auf⸗ zulöſen.“ „Das kommt Alles nur auf die Art an,“ verſetzte der Hauptmann,„wie man ſolche Liebſchaften ſchließt und auflöst; eine Nähterin, eine arme Tänzerin hat freilich keine Ausſichten zum Heirathen und ſagt nichts deſto weniger zu dem, der ihr gefällt: lieben wir einander ſo lange es geht, und wenn wir einander nicht mehr gefallen, ſo trennen wir uns; ſo ſagt die Nähterin und macht kein Hehl daraus, und eben ſo denkt manche Bürgerstochter und macht aus dieſem Gedanken ein großes Geheimniß.“ Die Damen ſaßen erſtarrt... „Wollen ſie mir vielleicht abſtreiten, meine Damen,“ fuhr der Hauptmann fort,„daß es bei recht anſtändigen Mädchen vorkommt— wenigſtens gelten ſte dafür,— daß ſie ihre Lieb⸗ haber in einem Jahre mehrmals wechſeln? Und das wirft durchaus keinen Mackel auf ſite, wenn nur der Schein gehörig bewahrt wird. Dem Fräulein A. nähert ſich der Herr B. und fängt mit ihr eine kleine Liebſchaft an;— natürlich, es ſoll geheirathet werden, wenn es die Verhältniſſe erlauben; aber die Verhältniſſe erlauben es nicht, und der Herr B. wird nach eini⸗ gen Monaten, oder wenn Sie auch wollen, nach einem Jahr, von dem Herrn C. erſetzt— wieder dieſelben Verhältniſſe, den Herrn C. erſetzt der Herr D., dieſen der Herr E. u. ſ. w.; und das hat durchaus nichts auf ſich; denn alles, was in ſolchen Fällen geſchieht, geht vor ſich unter dem Deckmantel einer viel⸗ leichtigen Heirath mit hoher Bewilligung der ganzen Familie; und eine ſolche junge Dame, die das halbe Alphabet durch⸗ 253 Ein Vürgerball und ſeine Folgen. te pi hn gemacht hat, bleibt was ſie iſt; ſie hat nur einiges Unglück zuf die Seite gehabt.“ alle Jahre, Lieb⸗ Der Hauptmann ſchwieg, die Damen ſchwiegen auch, nicht dieder auf⸗ als ob ſie ſich überwunden gefühlt, nein, ſie erkannten den Hauptmann nicht mehr als ebenbürtigen Gegner und hielten es unter ihrer Würde, demſelben ferner zu antworten, und als verſette der 8 bald darauf die Theegeſellſchaft aus eineinander gieng, als Alle und auflöst, der Frau Stadträthin Schwämmle verſicherten, einen köſtlichen ne Ausſichten Abend verlebt zu haben, und darauf die Meiſten voll Gift und dem, der ihr Galle ſchieden, war es ſtillſchweigend unter ihnen ausgemacht, d wenn wir den Hauptmann zu keiner Theegeſellſchaft mehr einzuladen. ſo ſagt die Sie verließen das ſtadträthliche Haus und wandelten ihres ſo denkt Weges; Laternen jeder Rangklaſſe leuchteten ihnen heim, und nein großes von der Sekretärin wiſſen wir es beſtimmt, daß ſie zu Hauſe ein niederſchlagendes Pulver nahm.— Sehr vielen Damen und jungen Mädchen zu Hauſe, die nicht bei der Theegeſellſchaft führ waren, wunden noch die ſchrecklichen Aeußerungen des Haupt⸗ au, h mannes mitgetheilt, und manche, die das Buchſtabiren ſchon hen Mahe recht tüchtig erlernt, legten ſich ſeufzend, aber ſehr gekränkt zu ſ ihre lib⸗ Bette. d das wirft; tein gehöig=l Die Honoratiorentochter allein gieng aufrechten Hauptes hein g 1 und ſtolzen Schrittes über die Straßen, ſte war im Punkte des zar B. und es ſoll Buchſtabirens noch ein ganz kleines, unſchuldiges Kind, und 4 be die wenn auch in ihrem Herzen ein A. aufdäͤmmerte, ſo warf ſie — geſchwind einen Schleier darüber. Dieſes A. kam jedoch immer nach eili⸗ — 4 wieder, zog ſich in die Länge, und es wurde daraus die Geſtalt a ſſ, d 1 jenes jungen blonden Mannes, der ſie an jenem Ballabende an mniſ 1 In 1 ſeinen Buſen gedrückt, bis die Schlachthaus⸗ und Blutmenſchen he d auch die ſtille Garderobe mit Talglichtern erleuchtet. Darauf hatte 3i 9 ſte ſich mit Schrecken emporgeriſſen und war wie aus einer tiefen Bewußtloſigkeit erwacht; Dubel aber, den die ſchönen Blumen in dem ſchwarzen Haar etwas verwirrt gemacht, der dl einer vil 1 nen Familte abet durch⸗ 254 Sechzehntes Kapitel. die vollen überſchwellenden Formen der ältlichen Honoratioren⸗ tochter in dem Roſacrepekleide für Glanz der erſten Tugend hielt, hatte einige verlegene Worte geſtammelt, von außer⸗ſich⸗ſein, von unnennbarem Glück und dergleichen mehr, und Beide waren geſchieden mit einer kleinen Herzbeklemmung. Als nun gar wenige Tage darauf die Jungfer Kiliane im Hauſe der Honoratiorentochter einige Wäſche beſorgte, als nun zufällig das Geſpräch auf jenen Ballabend und den Herrn Dubel kam und die alte Büglerin voll ſeines Lobes war, da las die Honoratiorentochter die Geſchichte der Maria Stuart und an⸗ derer hochgeſtellter Damen, die in Liebe entbrannt waren zu Individuen ſehr niederen Rangs, und beſuchte in Folge dieſer Lektüre eines Abends die arme Kiliane, welche ſich unwohl be⸗ fand, und das war gerade jener denkwürdige Abend, wo wir im Regen und Wind den Herrn Dubel auf dem Wege nach einem ſehr anſtändigen Hauſe begegneten, jenen Abend, den er im königlichen Kutſcherzimmer beſchloß. An das alles dachte die Honoratiorentochter, während ſte ihres Weges gieng, hinter ihrer Magd drein, welche ihren Pfad mit einer großen Laterne beleuchtete. Sie hatte einen weiten Weg zu machen, und als ſie in die innere Stadt kam, wo es auf den Straßen ſchon ſehr menſchenleer war, hörte ſte ſich plötzlich von einer wohlklingenden Stimme angeſpro⸗ chen, welche leiſe und ſchüchtern einen guten Abend bot und darauf ſagte: „Es iſſſſ⸗t das größßßß⸗te Glück meines Lebens, Ihnen, mein Fräulein, ſo unvermuthet zu begegnen.“ Die Honoratiorentochter erſchrack anfangs heftig, dann aber gab ſte dem jungen Manne, der neben ihr herwandelte, eine nicht gar zu harte Antwort, und ſo entſpann ſich ein Ge⸗ ſpräch, welches andauerte faſt bis zu dem Hauſe der Dame; dann verſchwand der junge Mann, von dem wir nicht beſchwören Honomtioren⸗ Tugend hielt, rußer⸗ſich⸗ſein, Beide waren her Kiliane im gte, als nun Herm Dubel r, da las die uart und an⸗ int waren zu Folge dieſer h unwohl be⸗ end, wo wir n Wege nach bend, den er 1 während ſie welche ihren „hatte einen „Stadt kam, war, hörte ne angeſpro⸗ end bot und gfig, dam herwandel ſich ein Gr⸗ 4 Dame; t beſchvinn Ein Vürgerball und ſeine Folgen. 255 können, wer es eigentlich geweſen; auch wiſſen wir nicht, ob er nicht einen ſchüchternen Verſuch gemacht, die Hand der Ho⸗ noratiorentochter zu küſſen, eben ſo wenig ob dieſer Verſuch gelungen oder mißlungen; ſo viel aber wiſſen wir, daß die Ho⸗ noratiorentochter die Einzige war, welche den penſionirten Haupt⸗ mann einigermaßen entſchuldigte. Siebenzehntes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Der Herr Dubel hatte ſich in ſeiner neuen Wohnung in dem hübſchen Hauſe des Barons Karl baldigſt und ſehr ange⸗ nehm eingerichtet und führte hier ein ſtilles, beſchauliches Leben. Seine Stube gieng ins Freie hinaus und war mehr als an⸗ ſtändig möblirt; ja, Lukas hatte ihm ſogar ein Fauteuil hin⸗ aufgeſtellt und ihn durch dieſes Möbel in den Stand geſetzt, des Morgens eine Cigarre, wie ein echter Cavalier, rauchen zu können. In dem Hauſe war ſonſt Niemand, als ein alter Diener, der die Appartements in Ordnung hielt. Dubel, der eine Art Oberaufſicht führte, kleine Aufträge beſorgte, welche ihm der Jäger ſchrieb, Briefe und dergleichen beförderte, hatte einen kleinen Gehalt für dieſe leichten Geſchäfte, faſt von der⸗ ſelben Größe, wie das, was er ſich früher mit ſeiner Nadel verdient. Dubel, der demnach ſehr gut leben konnte, fühlte ſich außerordentlich glücklich in ſeinen neuen Verhältniſſen und hatte, was ſeine Kunſt anbelangt, nur ein paar Häuſer in der Stadt nicht aufgegeben, wo man ihn lange Jahre beſchäftigt hatte, Unter dem Stadtgraben. und wo er aus einem Gefühle der Dankbarkeit nicht wegbleiben mochte; ſo, wie man ſich leicht denken kann, unter andern das Haus der Frau Welſcher. Dubel hatte ſich eine elegantere Toilette zugelegt und es würde ihm jetzt nicht mehr paſſirt ſein, daß er bei ſchlechtem Wetter oder überhaupt bei irgend welchem Wetter im fadenſchei⸗ nigen ſchwarzen Frack über die Straßen gegangen wäre. Es war Sonntag Morgens zehn Uhr, und der ehemalige Flickſchneider ſaß oder lag vielmehr in ſeinem Fauteuil, vor ſich eine Taſſe Kaffee, welche ihm der alte Diener bereitet hatte. Dieſelben lebten nach dem Lancaſter'ſchen Syſtem, welches ſich zwar nicht auf gegenſeitige Belehrung, aber auf gegenſeitige Dienſtleiſtung gründete. Dubel's Leben begann ſich recht freund⸗ lich zu geſtalten, wenigſtens nahm er ſeinen jetzigen Zuſtand für ein Verſprechen des Glückes, daß ſein Schickſal von jetzt an eine beſſere Wendung nehmen werde; ſeine glühendſten Wünſche fiengen an, ſich zu realiſiren. Lebte er nicht in einem anſtändigen Hauſe, konnte er nicht ſeine Lebensbedürfniſſe be⸗ friedigen auf eine elegante Art, wie ſolches ſeinem Herzen ſo wohl that, ohne ſich dafür auf einer anderen Seite das Noth⸗ wendigſte abzwacken zu müſſen? Durfte er nicht ſogar in die Biblioihek hinunter ſteigen und von den Büchern des Barons Wohnung in ad ſehr ange⸗ nliches Leben. mehr als an⸗ Fauteuil hin⸗ Stand geſett rauchen zu ein alter gebrauchen, was ihm gerade gefiel? Dubel, der.;. Dubel, ſi 8 So ſaß er, wie geſagt, in ſeinem Fauteuil, las zuweilen orgte, weig in einem Buche, zog zuweilen einen Zug aus ſeiner Cigarre, „ hatte 3— 4 rderte, ha trank darauf einen Schluck Kaffee und ſchaute alsdann zum Fen⸗ faſt von der⸗ ſter hinaus auf die kahlen winterlichen Aeſte der Bäume, welche „ Nade ſeiner Na das Haus umſtanden. Jetzt bellte unten im Hofe der Hund, es kam Jemand die Treppen herauf und klopfte an. Es war der Briefträger mit einem Schreiben des Herrn Lukgs, worin dem Herrn Dubel einige kleine Aufträge ertheilt wurdenz nun entnahm derſelbe aus dem Befehle des Barons, eingelaufene Hackländer, Namenl. Geſchichten. I. 17 „fätle ſih „ und hatit in de Studt häftigt hatte 258 Siebenzehntes Kapitel. Briefe ꝛc. wieder nach einer anderen Stadt zu dirigiren, daß derſelbe immer noch ohne Ziel umherſtreife.. Der Briefträger gieng fort, der Hund unten bellte aber⸗ mals, dann wieder, und es ſtieg ein neuer Gaſt die Treppen herauf, welcher anklopfte und gleich darauf die Thür öffnete. Es war der Doktor Stechmaier, der ohne Complimente herein⸗ trat, er war in ſeinen blauen Paletot gekleidet, hatte ſeinen faſt neuen Hut auf und that wie immer ſehr gleichgültig gegen Alles. Nachdem er die dargebotene Cigarre genommen, ſetzte er ſich auf die Fenſterbank, mit dem Rücken gegen das Freie und putzte ſeine Brillengläſer ab, welche von der Kälte draußen und der Wärme drinnen angelaufen waren. Sodann erzählte er von den Fortſchritten, die er in den verſchiedenen Fächern ge⸗ macht, um ſich in die Höhe zu bringen. „Mir ſcheint's,“ ſagte der Doktor,„daß von den drei Projekten, die ich habe, nämlich: dem literariſchen Klubb, der conſervativen Zeitung und dem Theater, wohl das letztere für mich etwas werden könnte; ich habe den Oberregiſſeur geſpko⸗ chen, er iſt mit meinem Aeußern nicht unzufrieden, auch mein Organ gefällt ihm wohl, und er hat mich dem Intendanten als ein junges ſtrebſames Talent vorgeſtellt. Der Intendant ſchien mit ſeiner Anſicht und meiner Perſon nicht unzufrieden, und ſo kann ich mit einigem Stolz ſagen, daß mir in einem klaſſiſchen Stücke der nächſten Woche bereits eine Rolle zugetheilt wurde.“ „Eine Rolle!“ rief der Schneider und ſprang von ſei⸗ nem Fauteuil in die Höhe, neine Rolle in einem klaſſtſchen SSSS⸗tücke? O Sie Glücklicher!“ „Allerdings in einem ſehr klaſſiſchen Stücke,“ verſetzte ruhig der Doktor—„Hamlet, Prinz von Dänemark— ich werde den Fortinbras ſpielen und hoffe ihn darzuſtellen, wie er bis jetzt noch nicht dargeſtellt worden. Dieſe Rolle iſt allerdings keine der bedeutenderen und wurde deßhalb bis jetzt immer von untergeordneten Subjekten gegeben, von Chdriſten und der⸗ dirigiren, daß ten bellte aber⸗ aſt die Treppen e Thür öffnete. plimeme herein⸗ det, hatte ſeinen gleichgültig gegen genommen, ſetzte gegen das Rele Kälte draußen dann erzählte enen Fächern ge⸗ aß von den drei chen Klubb, der das letztere für reegiſſeur giſpka⸗ ieden, auch mein Intendanten als Intndant ſiin fried um klaſſlſchen t wurde⸗ den, und M — Unter dem Stadtgraben. 259 gleichen Leuten, denen alles Verſtändniß Shakeſpeare's man⸗ gelt; ich aber will als denkender Künſtler ſpielen und hoffe ſie dadurch hervorzuheben, das Auftreten in dem Fortinbras iſt nicht ſo übel.“— Hier hüpfte der Doktor von der Fenſterbrüſtung herunter und machte drei große dröhnende Schritte in das Zim⸗ mer.„Fortinbras kommt zu Ende des Stückes in voller Rüſtung, um die Krone Dänemarks in Empfang zu nehmen: Die Niederlage hier ſchreit Nord! O ſtolzer Tod, Welch' Feſt gieng vor in deiner ew'gen Halle, Daß du auf einen Schlag ſo viele Fürſten So blutig trafſt?—— Dann nehme ich die Krone in Empfang, blicke den Ster⸗ benden, die da liegen, ſchaudernd ins Antlitz— ungefähr ſo— trete bis an den Souffleurkaſten, blicke gen Himmel— ich kann in dieſem Moment auch noch einen Blick rückwärts auf die Todten werfen— und beſchließe aͤlsdann das Stück mit den Worten: Mein Glück empfang' ich traurend. Dann fällt der Vorhang und ich glaube auf Applaus rechnen zu dürfen.“ Staunend hatte der Herr Dubel zugeſehen und zugehört.— Sein Bekannter, der Doktor Stechmaier, der Mann, welchem er aus ſeinem Wandkaſten in ſeine eigene Wohnung geholfen, dem er manchen Thee, manche Cigarre gegeben und der ihm deßhalb ſehr nahe befreundet— angenommen bei der könig⸗ lichen Hofbühne, ein dramatiſcher Künſtler— Prinz Fortinbras! Was hätte er nicht alles um ein gleiches Loos gegeben! Wie ſtand der Doktor Stechmaier in dieſem Augenblick erhaben da, nachdem er das erreicht, was Dubel in ſeinen ausſchweifenden Träumen für ſich ſelber ausgemalt!. „Ich werde natürlich im Harniſch ſpielen,“ ſagte der Doktor; nich werde ferner dem Souffleur einen freundlichen 17* — — 260 Siebenzehntes Kapitel. Wink ertheilen, den Vorhang nicht zu ſchnell fallen zu laſſen, damit ich vollkommene Zeit habe, mein durchdachtes Spiel vor dem Publikum anzubringen— herausrufen wird man mich nicht, man unterläßt das gewöhnlich bei ſolch' einer kleinen Rolle und bei einem erſten Debut; doch hoffe ich bald als wür⸗ diges Mitglied der Hofbühne dazuſtehen.“ „Und Sie fühlen keine Angſſſſ⸗t,“ ſagte der Schneider, „ſo hinaus zu treten vor die vielen Menſchen? Ich glaube, ich könnte vor Beklemmung kein Wort hervorbringen.“ „Ich glaube kaum, daß ich Angſt habe,“ ſagte der Doktor zuverſichtlich, und drückte die Brille feſter an die Naſe; nich bin ſchon mehrere Mal vor einem größeren Publikum aufgetreten, wenn auch nicht als dramatiſcher Künſtler und habe meine öffent⸗ lichen Reden beſtändig mit ziemlichem Beifalle gehalten.“ „Ach ja,“ ſeufzte der Herr Dubel,„Sie haben gediegene Kenntniſſe, die unſer einem abgehen, haben Vorſſſſ⸗tudien ge⸗ macht; Sie ſind vollkommen befähigt zu einer künſſſſ⸗tleriſchen Laufbahn.“ Der Doktor zupfte geſchmeichelt an ſeiner Halsbinde und erkundigte ſich danach, wo der Herr Dubel heute zu Mittag ſpeiſe. „Ich denke in meinem gewöhnlichen Koſſſſ⸗ thauſe, 4 ant⸗ wortete derſelbe,„in der Krähengaſſe.“ „Man ſpeist da nicht ſchlecht?“ „Sehr gut und billig!“ ſagte Herr Dubel; und da ihm die Idee kam, es könne ſeinem Rufe nur nützen, wenn er mit einem angehenden Künſtler zu Tiſche käme, ſo lud er den Doktor zum Diner ein, was derſelbe auch annahm, nachdem man ſich vorher über die Straßen geeinigt hatte, auf welchen man in das Koſthaus in der Krähengaſſe gelangen wollte. Da der Doktor zugeſtand, im Hinblick auf ſeine eben beginnende glänzende Carriere, und weil er ſich durch einen Spaziergang mit dem Oberregiſſeur neuen Credit verſchafft, noch einige weitere Schul⸗ zllen zu laſſen, zttes Spiel vot nd man mich einer kleinen der Schneider, zch glaube, ich 8 gte der Doktor Naſe; vich bin m aufgetreten, meine öffent⸗ zaben gediegene rſſſſetudien ge⸗ anſſſſ⸗tleriſchen Salsbinde und ute zu Mitag thauſt,“ ant⸗ da ihm und d wenn er mi ☛—— Unter dem Stadtgraben. 261 den contrahirt zu haben, ſo waren die Beiden genöthigt, um zu der Krähengaſſe zu gelangen, einen Spaziergang um beinahe die ganze Stadt zu machen, was, wie der Doktor verſicherte, ſehr appetiterregend und außerordentlich angenehm ſei. Sie giengen demgemäß zuſammen fort, ſpeisten mit ein⸗ ander zu Mittag, dann nahmen ſie von einander Abſchied und der Herr Dubel begab ſich unter den Stadtgraben zu der Frau Welſcher, um mit dieſer würdigen Frau gemeinſchaftlich zur Jungfer Kiliane hinzugehen, welche die Beiden zu einem Kaffee bei ſich eingeladen hatte. Jungfer Kiliane wohnte am andern Ende des Stadtgrabens im dritten Stock eines anſtändigen Hauſes, und ihr Apparte⸗ ment beſtand aus zwei Zimmern und einer kleinen Küche. Die Möbel der alten Büglerin, womit dieſe Zimmer geziert waren, noch ein Erbtheil ihrer Mutter, hatten ein durchaus ehrwürdiges Anſehen und paßten vollkommen zu der Beſitzerin, nur war die Beſitzerin rüſtiger auf ihren Beinen, als man dieß von ſämmt⸗ lichen Möbeln ſagen konnte. Die Stühle mit den hohen Lehnen waren etwas wackelig und litten am Beinfraß, die Commoden und Tiſche ſtanden vor Alter auf die Seite gebeugt, und nur die große Schwarzwälderuhr, die ebenfalls ein halbes Jahr⸗ hundert alt war, pickte luſtig und unverdroſſen darauf und ſchlenkerte den Perpendikel verwegen hin und her, als wollte ſte im Takte ſagen: Seht mich an, ihr alt Gerümpel, Seht mich an, wie jung ich bin. Dabei müſſen wir leider geſtehen, daß die Möbel, über⸗ haupt die Geräthſchaften des Appartements, nicht ſo in Ordnung gehalten waren, wie die Perſon der Jungfer Kiliane ſelbſt; das heißt, ſie waren im Zimmer nicht ordentlich aufgeſtellt, obgleich auf den Tiſchen kein Stäubchen zu ſehen war und die Kiſſen⸗ überzüge der Stühle friſch gewaſchen und ſehr reinlich waren. „ 262 Siebenzehntes Kapitel. Es ſah in dem Zimmer aus, als ſei die Beſitzerin eben erſt ein⸗ gezogen, ſo proviſoriſch ſtanden alle Möbel umher; ja die Bett⸗ lade war noch nicht einmal zuſammengefügt, und Jungfer Kiliane ſchlief auf ihren Matratzen am Boden. Man hätte glauben können, ſie ſei erſt ſeit einem halben Quartal eingezogen, und doch wohnte ſie ſchon ſeit ſechs Jahren in dieſem Quartier; aber ſte fand platterdings keine Zeit, ihre Einrichtung zu machen, wie ſie Willens war.„Sonntags,“ ſo ſagte ſte,„kann ich doch eine ſolche Arbeit nicht vornehmen; der Sonntag iſt zum Ausruhen und Beten da, und bis jetzt habe ich immer darauf gewartet, daß ich einmal ein Bischen unwohl ſein würde und deßhalb zu Hauſe bleiben müßte.“— Aber dieſer Tag war bei der vortrefflichen Geſundheit der vierundachtzigjährigen Dame immer noch nicht erſchienen, und ſo blieben Möbel und Bett ſtehen und liegen, wie die Laſtträger ſte ins Zimmer gebracht.— Der Kaffee, der beiläufig geſagt, ſehr gut war und wel⸗ cher aus alten ſoliden Porcellantaſſen getrunken wurde, war in der Abſicht arrangirt, um in Betreff der kleinen Marie eine Art Familienrath zu halten, und zu dieſem Zwecke waren der Herr Winkler und ſeine Frau Mutter ebenfalls eingeladen, in⸗ dem ſich der Hofkutſcher durch die Spendung der beiden Dukaten und durch ſonſtige mannigfaltige Freundſchaftsbezeugungen gegen das alte Kind ein Recht erworben hatte, über ihr künftiges Schickſal ein Wort mitzuſprechen. Frau Welſcher hatte nämlich, als ſie die einzige Verlaſſen⸗ ſchaft der verſtorbenen Marie, den kleinen Koffer, der unter dem Bette der Verſtorbenen ſtand, genau unterſucht und unter meh⸗ reren Briefen, von dem Vater des kleinen Mädchens an die arme Marie geſchrieben, ein Papier gefunden, welches mit einer Oblate verſtegelt war und auf welchem geſchrieben ſtand: „Für den, der ſich meines armen Kindes annimmt.“ In dieſem Packet fanden ſich Aufklärungen über den Stand und die Verhältniſſe des Vaters— eine Geſchichte, wie ſie oft ℳ eben erſt ein⸗ ja die Bett⸗ ungfer Kiliane itte glauben gezogen, und antag iſt zum immer darauf n würde und Tag war bei gebracht.— ar und wel⸗ wurde, war Marie eine ke waren der jden T ukaten zungen gegen br künftiges „ Verlaſſell⸗ Unter dem Stadtgraben. 263 vorkommt:— ein junger, reicher Mann hatte das arme ſchöne Mädchen kennen gelernt, da er einen Zeitvertreib für einige Tage oder Wochen ſuchte; angezogen von der Herzensgüte, der Fröhlichkeit und der Gemüthstiefe des Mädchens, wurde dieſes Verhältniß dauernder und löste ſich erſt mit einer traurigen Ka⸗ taſtrophe, als nämlich jener junge Mann die Reſidenz verlaſſen mußte und von einer Scheidung für immer, aber von einer Ver⸗ ſorgung für ſie und das neugeborene Kind ſprach. Da ſah ſich die Aermſte an einem Abgrund ſtehen, den ſie ſich aber ſelbſt mit den trügeriſchſten Hoffnungen, mit Bildern einer glänzenden, ja, ehrenvollen Exiſtenz verdeckt. Wenn ſie auch an eine Ver⸗ bindung mit jenem Manne nur in ihren Träumen und zitternd gedacht, ſo hatte ſie doch daran gedacht, und wenn in einſamen, traurigen Augenblicken, deren ſte viele hatte, ihre heißen Thränen auf das holde Geſicht des kleinen hülfloſen Weſens in ihrem Schooße fielen, ſo ſprach die Hoffnung in ihr: Dies iſt das Band, das. uns zuſammenhält, das nie zerriſſen werden kann.— Und Soch wurde es zerriſſen jenes Band und ihr Herz zerriß mit und die roſenfarbenen Nebel über dem tiefen Abgrunde zerriſſen eben⸗ falls, und da ſtand ſie am Rande der gähnenden Kluft, ſie mit ihrem Kinde diesſeits, er jenſeits. Wohl ſtreckte er zum letzten Male die Arme nach ihr aus, aber ſte waren getrennt für immer; ſie konnte und wollte nichts mehr von ihm wiſſen, ſie ſtrengte ſich an in harter Arbeit für ſich und ihr Kind— auch für ſein Kind— und wies alle Briefe, alle Unterſtützungen, die Jahre lang an ſie kamen, zurück.—— Bei dieſen Papieren fand ſich eine Schrift der Mutter, worin ſie bat, man möge das kleine Mädchen eine Tänzerin werden laſſen, denn ſie habe die feſte Ueberzeugung, daß ſie nur auf dieſe Art zu einer guten und glänzenden Eriſtenz ge⸗ langen könne.„Sie hat ja keinen Vater,“ ſchrieb ſte,„und ſo leider einen Mackel an ſich, der ihr in Manchem, was ſter ergreift, hinderlich ſein wird; auch hat mein kleines Mädchen 264 Siebenzehntes Kapitel. ein großes Talent zum Tanzen, ich habe das ſchon vor ihrer Geburt gewußt, daß ſie es haben würde.“ Dieſe Bitte hatte der Frau Welſcher viel zu denken gegeben, und wenn ſte auch eine aufgeklärte Frau war, aufgeklärter, als viele Damen ſämmtlicher Rangklaſſen, und wenn ſie auch voll⸗ kommen überzeugt war, daß jedes Geſchäft den, der es ordent⸗ lich ausführt, ehrt, ſo hatte ſie doch ein ſtarkes Aber gegen das königliche Ballet und hielt bei dem heutigen Kaffee eine feierliche Rede, bei deren Schluß ſie den Wunſch der verſtorbenen Mutter ausſprach, wonach das kleine Mädchen eine Ballettän⸗ zerin werden ſollte. Die alte Kiliane ſchüttelte bedächtig mit dem Kopfe, huſtete bedeutend und räuſperte ſich ſehr ſtark, ehe ſte ihre Meinung von ſich gab, welche dahin gieng, daß der Stand einer Ballettän⸗ zerin ein ſehr leichter, beweglicher ſei und daß man feſt auf ſeinen Füßen ſtehen müſſe, um ſich ſeinen Füßen ganz allein anver⸗ trauen zu wollen.“ Doch hatte die alte Jungfer, welche ſelbſt ſo nahe am Grabe ſtand, einen gewaltigen Reſpekt für alle Stim⸗ men von jenſeits, wie ſie Teſtamente und letzte Willen zu nennen pflegte, weil ſie hoffte und wünſchte, daß auch ihr letzter Wille in allen ſeinen Theilen erfüllt werden würde, ſo daß ſie es nicht wagte, viel gegen den letzten Wunſch der Verſtorbenen zu ſagen. Die Frau Welſcher gieng von der vernünftigen Anſicht aus: wenn das Kind Luſt habe, eine Tänzerin zu werden, und wenn die Leute, die es verſtänden, Talent an ihr entdeckten, ſo ſolle man demſelben nicht in den Weg treten, und es könne ja in ſeinen Freiſtunden noch alles Mögliche erlernen.„Eine geringe, unbedeutende Tänzerin iſt ein ärmliches Geſchöpf, aber wenn man an große Tänzerinnen denkt, ja, das iſt ſchon was Schö⸗ nes; ich habe damals für die Taglioni gewaſchen und kann Euch verſichern, keine Prinzeſſin iſt beſſer verſehen, wie es jene Dame war.“— 3 2 Die Winklere trank ſehr viel Kaffee, aß ſehr viel Mit Unter dem Stadtgraben. 265 vor ihrer dazu und war bei einer jedesmaligen Anſicht mit der Majorität ſo vollkommen einverſtanden, als man es nur von einem unbe⸗ ken gegeben, deutenden Mitglied eines Familienrathes verlangen kann. ſgeklärter, als Auch der Herr Dubel und der Herr Winkler, namentlich ich voll⸗ der Erſtere, ſprachen ſich ſehr für den letzten Willen der Ver⸗ ordent⸗ ſtorbenen aus, und Dubel war entzückt mit dem Gedanken, daß 3 Aber gegen das kleine Kind zu gleicher Zeit mit ſeinem Freunde, dem Doktor Kaffee eine Stechmaier, eine glänzende Laufbahn auf den Brettern beginnen ſtorbenen ſollte. Der Hofkutſcher, der weniger die Kunſt im Auge hatte, ine Ballettän⸗ freute ſich abſonderlich auf das Vergnügen, das der alte Vicarier Steinle haben würde, wenn er das Kind der Marie eines Tags in dem alten Theaterwagen nach Hauſe führen könne. Er lud den Teufel ein, ihn gelegentlich zu holen, wenn er eine Lüge r Ballettän⸗ ſage und wenn es ihm nicht ſelbſt Spaß machen würde, einmal feſt auf ſeinen daſſelbe zu thun; doch erlaube es ihm ſein Rang nicht, indem allein anver⸗ kein Hofkutſcher, ſondern nur Vicariere und Maulthierfnech e he ſelbſt ſo die oben genannte Equipage zu fahren pflegten. A. uv⸗ 4 5 alle Stim⸗ Es iſt wohl ſelten ein Familienrath über das esEaf es 4 n zu nennen Pflegebefohlenen ſo bald einig geworden, wie der unſrige. Nicht ziet Will ſo bald war die Kaffeekanne geleert und von dem Backwerk nichts 3 7 es nicht mehr übrig, ſo war auch beſchloſſen, daß der Herr Dubel am zu ſagesä. andern Tage ſich mit der kleinen Marie zu dem königlichen Ballet⸗ zuſict aus meiſter begeben ſolle, um mit ihm das Nähere zu beſprechen. cd Wel Die Briefſchaften und Papiere der kleinen Marie verſchloß Jung⸗ 1 4 15 oll fer Kiliane in eine alte Schublade. könne ja in Eine geringe⸗ aber wenn nwas Schö⸗ kann Euch Achtzehntes Kapitel. Im Hoftheater. Da am andern Morgen die Witterung etwas zweifelhaft war, ſo beſchloß der Herr Dubel, eine Droſchke zu nehmen, um vor etwaigem Schnee geſchützt zu ſein und ſeine Auffahrt bei dem königlichen Hoftheater, alſo eigentlich bei Hofe, glanzvoller zu machen. Er holte die kleine Marie ab, welche in ihrem hübſcheſten Kleide prangte und mit den ſchön geringelten ſchwarzen Locken wie ein kleiner Engel ausſah. Man hatte ſie ſchon darauf vor⸗ bereitet, was ſie dem Wunſch ihrer Mutter gemäß erlernen ſollte, und der Gedanke, tanzen zu dürfen, machte ſie ganz glücklich. Auch war es für ſie ein unbeſchreibliches Vergnügen, zum erſten Mal in einer Kutſche fahren zu dürfen. Sie ſtrampfte mit den Füßchen und lachte hell auf, ſo oft der Wagen ſcharf um eine Ecke fuhr und ſie ſich ein wenig auf die Seite neigen mußte und bald hatten ſie das Theater erreicht und ſich in dem weitläufigen Gebllder bis zu dem Balletſaal durchgefragt, aus welchem die ſcharfen Töne einer einzelnen Violine herausklangen und wo Beide, der Herr Dubel wie das Kind, herzklopfend ſtehen blieben. z zweifelhaft nehmen, um fahrt bei dem anzwoller zu m hübſcheſten varzen Locken darauf vor⸗ ernen ſollte, nz gücklic. zum erſten fte mit den arf um eilt mußte und veitläuftgen nelchem die — und doo ben blieben. — Im Hoftheuter. 267 Nachdem Erſterer verſchiedene Male und vergeblich angeklopft, öffnete er die Thüre und trat in den Saal. Dieſer war ſehr groß, ſehr lang, ziemlich ſchmal und der Fußboden deſſelben abwärts geneigt, wie es bei der Bühne ſelbſt der Fall iſt, damit die jungen Künſtler und Künſtlerinnen die Schwierigkeit des Zurücktanzens bergauf ſchon hier überwinden lernen. An den Wänden dieſes Saales waren lange Stangen horizontal angebracht und an dieſen Stangen befanden ſich die Tänzerinnen, hielten ſich mit den Händen daran feſt und machten mit den Füßen die ſonderbarſten und ſeltſamſten Verdrehungen. Es war hier ein heiteres Völkchen beiſammen und dieſes Völkchen um ſo luſtiger, als ſich ihr Chef, Signor Benetti, mit den Solotänzerinnen im Nebenzimmer befand. Da ſtanden ſie in den merkwürdigſten Coſtümen und Farben, vorherrſchend waren Papilloten und kleine Hauben, worunter das Haar ver⸗ ſteckt war; eng anliegende Mieder von farbigem oder weißem Zeuge zeigten die ſchlanke Taille und unter einem ſehr kurzen, weißen Tanzröckchen ſah man den unentbehrlichen ſeidenen Tricot und alte, ſchon halb abgenutzte Tanzſchuhe. Lautes Lachen und fröhliches Sprechen flog durch den Saal. Hier ſtanden drei bei⸗ ſammen, die Füße fürchterlich auswärts gedreht, die Hände auf dem Rücken— eine Stellung, die das Durchbiegen deſſelben er⸗ leichtert und die Bruſt herausbiegt— und erzählten ſich eine höchſt merkwürdige und lächerliche Geſchichte; dort verſuchten zwei mit einem langen, dürren Chortänzer einen neuen Pas, zu welchem ein zweiter Tänzer mit dem Stabe den Takt ſchlug. Mehrere andere polkten zu ihrem Privatvergnügen in einer ent⸗ fernten Ecke des Saales und kleine Anfänger und Anfängerinnen, mit dem techniſchen Ausdruck„Ratten“ genannt, verſuchten eine äußerſt ſchwierige Schlußgruppe, die aber nie gelingen wollte. Bald gab Eins bald das Andere nicht Achtung und alsdann purzelten ſie durch einander, fielen auf den Boden, krabbelten wieder in die Höhe und verſuchten ihr Glück und ihre Kunſt 3 4 4 „268 Achtzehntes 4 apitel⸗ abermals. Andere Tänzerinnen hatten eines ihrer Beine hoch auf die Stange gelegt und dies bildete alsdann mit dem anderen, das auf dem Boden ſtand, einen ſtumpfen Winkel. In dieſer Stellung verharrten ſte immer einige Minuten und plauderten während der Zeit mit einander. Mit dem Abend auf der Bühne verglichen, wo bei der rauſchenden Muſik die Tanzfiguren ſicher und feſt gezogen wer⸗ den, wo die Haare zierlich geordnet ſind, wo die Geſichter von Schminke und Erhitzung aufflammen, wo die goldgeſtickten Klei⸗ der in dem glänzenden Farbenſpiel ſtrahlen,— gegen eine ſolche Balletaufführung hatte das Getreibe hier in dem Tanzſaale bei hellem Tageslicht etwas Abgeſchoſſenes, Nebelhaftes. Es war wie ein Ball, der bis zum Tagesanbruch gedauert, wo Anzug und Friſur der Tänzerinnen zerſtört, ihre Geſichter blaß und vollkommen erſchöpft ausſehen. Bei dieſem Anblick blieb der Herr Dubel an der Thür ſtehen, und es dauerte ein paar Minuten, bis er von den Anweſenden bemerkt wurde, oder vielmehr, bis die Tänzerinnen das kleine niedliche Kind erblickten, ihre Stellungen, ihre Polka, ihren Pas verließen und neugierig herbeikamen, um daſſelbe in der Nähe anzuſehen. Ein Gemurmel des Beifalls flog durch ihre Reihen, namentlich wurden die hellen Augen, die ſchwarzen Haare und die kleinen Füßchen des Kindes bewundert, und die ganze Schaar begleitete den Heyrn Dubel an die Thür des Neben⸗ zimmers, wo mehrere der„Ratten“, die vorausgeſprungen waren, mit ihren kleinen Fingern eifrigſt anklopften. Dubel trat mit dem Kinde in dieſes Nebenzimmer und machte vor Signor Benetti, der ſich dort befand, eine tiefe Verbeugung. Der Ballettmeiſter und Chef der königlichen Tanzſchule ſtand da im Gefühl ſeiner Würde, jeder Zoll ein großer Künſt⸗ ler, und richtete ſich noch ſtraffer empor und drehte ſeine Fuß⸗ ſpitzen noch mehr auswärts, als er einen Fremden eintreten ſah. Er war in ganz helles, faſt weißes Zeug gekleidet, trug Schuhe r Beine hoch dem anderen, In dieſer plauderten Geſichter von ſtickten Klei⸗ neine ſolche nzſaale bei Thür ſtehen, nweſenden das kleine galka, ihrn ſeelbe in der a durch ihre je ſchwarzen ert, und die des Neben⸗ zg ſp rungen zen Dubel machte bor rbeugung⸗ „Tanzſchule zer Künſt⸗ „Fuß⸗ ſeine? „treten ſah. 9 Schuh Im Hoftheater. 269 und Strümpfe, weite Beinkleider und eine rund abgeſchnittene Jacke, aus deren einer Taſche ein rothſeidenes Sacktuch hervor⸗ glänzte. Auf dem Kopfe hatte er eine rothe Mütze mit goldener Quaſte, welche er abnahm und die Verbeugung des Herrn Dubel herablaſſend erwiderte. Signor Benetti war ein Italiener, vielleicht fünfzig Jahre alt, ziemlich dürr von Figur und Geſicht und hatte ſchwarzes, aber ſchon ſtark grau melirtes Haar. In demſelben Zimmer befand ſich ein anderer Tänzer, eine dürre, beſcheidene Figur, welcher in der Ecke ſtand und ſchwer athmend von der gehabten Anſtrengung ausruhte. Die beiden Solotänzerinnen, die ebenfalls hier waren, ſchöne volle Figuren, die eine mit hellblonden, die andere mit kohlſchwarzem Haar, ließen ſich beim Eintritte des Herrn Dubel auf ein paar Stühle nieder und ſchauten mit Theilnahme auf das kleine Kind. Sie waren bei weitem eleganter gekleidet, als ihre Colleginnen draußen, und trugen feine weiße Tanzröcke. Ihre Mieder von ſchwarzem ſtarkem Atlas, der bei jeder Bewegung krachte, waren an den Armen und am Halſe mit ſchwarzen koſtbaren Spitzen beſetzt. Signor Benetti ſtrich ſich mit der Hand über das Geſicht und erinnerte ſich, den Heryn Dubel ſchon irgend wo geſehen zu haben, worauf dieſer die Elſtergaſſe nannte, und, indem er ſich in die Bruſt warf, hinzufügte, er glaube den Herrn Ballet⸗ meiſter eines Abends erſchreckt zu haben, indem er in der Equi⸗ pagt eines— Bekannten zu hart an dem /Hauſe vorgefahren ſei. „Doch wohne ich nicht mehr in der Elſtergaſſe,“ ſetzte der Herr Dubel hinzu,„ſondern an dem Petersthore in dem dort einzeln ſtehenden Hauſe.“ Der Balletmeiſter verbeugte ſich, als wolle er ſagen, er kenne das Haus und den vornehmen Eigenthümer deſſelben voll⸗ kommen und ſagte, indem er ſich an die beiden Tänzerinnen wandte:„Meine Damen, ich ſah dieſen Herrn neulich Abends auf glattem Eisboden einen Sprung machen, einen Sprung von ſechs Fuß, wie geſagt, auf glattem Eiſe, und dann auch feſt⸗ 4 77 7 Pr,D 4 270 Achtzehntes Kapitel. ſtehen mit einem Aplomb, der wirklich ins Fabelhafte gränzte. Ich mache Ihnen nochmals mein Compliment darüber.“ Herr Dubel verneigte ſich ſehr geſchmeichelt und begann von dem Grunde ſeines Beſuchs zu reden, indem er das Kind, das hinter ihm mit großen neugierigen Augen die beiden Tän⸗ zerinnen betrachtete, vorführte. Der Balletmeiſter warf ſich in eine prüfende Stellung und drehte ſeine Beine ſo furchtbar auswärts, daß man glau⸗ ben konnte, er müſſe nothwendig umfallen und gebrauche für ſolche Momente den großen Stock, mit dem er den Takt auf den Boden ſtieß, um ſich feſt zu erhalten. Dabei neigte er den Kopf auf die rechte Seite und unterſtützte das Kinn mit der Hand. „In der That,“ ſagte Signor Benetti nach einigen Augen⸗ blicken,„dem Aeußern nach ein niedlicher Amor, eine kleine Liebesgöttin— wie ſchlank das Kind gewachſen iſt! ſehen Sie, meine Damen, die ſchlanke Taille und die kleinen Füßchen. Die Tänzerin mit dem ſchwarzen Haar zog das Kind an ſich, nahm es auf den Schooß und küßte es auf die Stirn, während ſie mit der Hand durch die ſchwarzen Locken fuhr. Die Andere mit dem blonden Haar beſah aufmerkſam ſeine Füßchen und bewunderte die feinen Knöchel derſelben.. Signor Benetti nahm den Herrn Dubel etwas bei Seite und fragte mit ſehr wichtiger Miene:„Das Kind iſt doch von guter anſtändiger Familie und wird dem Theater nicht zur Laſt fallen?“— welches letztere der Herr Dubel eifrigſt verneinte und hinzuſetzte, man ſei im Stande, für ſeinen Unterhalt beſtens zu ſorgen.. „Und der Vater?“ erkundigte ſich der Herr Balletmeiſter weiter, worauf Herr Dubel mit voller Wahrheit entgegnete: der Vater ſei von angeſehener und reicher Familie, wünſche aber nicht genannt zu ſein. — lhafte gräͤnzte. ber.“ und begann r das Kind, beiden Täͤn⸗ Stellung daß man glau⸗ gebrauche füt den Takt auf neigte et den Kinn mit der gen Augen⸗ eine kleine ſehen Sit üßchen. das Kind all uf die Stirn, ken fuhr. Die zine Füßchen as bei Seite iſt doch von nicht zut daſt rneinte und chalt beſtens galletmeiſtet entgegnetk⸗ wünſche Im Hoftheater. 271 „Ich verſtehe,“ ſagte der Balletmeiſter vollkommen befrie⸗ digt und verſprach, bei dem Intendanten des Hoftheaters, wel⸗ cher der Aufnahme der Kleinen gewiß kein Hinderniß in den Weg legen werde, Alles einzuleiten.„Sie gefällt mir außerordent⸗ lich,“ ſagte er,„es iſt draußen von allen Ratten keine, die ſich entfernt mit ihr meſſen könnte; ja, ich finde im Geſicht eine Aehnlichkeit mit Ihnen, Mademoiſelle Eliſe,“ ſagte er zu der Tänzerin mit ſchwarzem Haar, welche geſchmeichelt die kleine Marie noch freundlicher küßte. „Jetzt aber meine Damen,“ ſagte der Balletmeiſter,„wollen wir in unſerer Scene fortfahren, wenn es dem Herrn Spaß macht, uns zuzuſehen, ſo werden Sie wohl nichts dagegen haben; alſo en place, meine Damen!“ Die Tänzerinnen ſprangen auf, Herr Dubel ſetzte ſich auf den Stuhl der blonden Dame; der Tänzer am Fenſter band ſein langes Haar mit einem ſeidenen Faden an dem Kopf feſt, daß es nicht ſo herumflattere, und ein alter Muſtiker, der hinter einer ſpaniſchen Wand ſeine Violine mit einer neuen Saite bezogen, kam zum Vorſchein, ſchnupfte mit dem Balletmeiſter aus der Doſe des Letzteren, und die Scene begann. „Alſo, meine Damen,“ ſagte Signor Benetti,„es kommt die Scene, wo Sie, Mademoiſelle Pauline— ſo hieß die Tän⸗ zerin mit dem blonden Haar,— Ihr Pas de deux mit dem Ritter Aſtolfo tanzen; ſchon im Adagio zeigt er Ihnen an, daß er Sie liebe, und ſagt Ihnen tanzend: was ſind die Reize meiner Braut, die mir vom Schickſal beſtimmt iſt, gegen die deinigen, o Holde? Die erſte Pirouette kommt an das Wort: o Holde, und wenn Sie halten, ſtrecken Sie ſehnſüchtig die Arme nach Mademoiſelle Pauline aus, die von dieſem Geſtänd⸗ niß erſchreckt, entſetzt vor Ihnen flieht.— So!— eins!— zwei!— drei!— vier!— fünf!— ſechs!— ſieben!— acht!— Pirouette: o Holde— fliehen Sie, Mademoiſelle Pauline!— So!— Aber das Entſetzen müſſen Sie kräftiger Achtzehntes Kapitel. 2) ansdrücken, ſonſt war es nicht ganz ſchlecht,— mehr Entſetzen! Bedenken Sie dieſen wichtigen Moment! Die Entwicklung des ganzen Ballets beruht darauf;— noch einmal!— eins!— zwei!— drei!— vier!— fünf!— ſechs!— ſieben!— acht! Pirouette: o Holde!— die Arme viel flehender ausgeſtreckt, viel flehendet!— Bravo, Mademoiſelle Pauline! Ihr Ent⸗ ſetzen war köſtlich, ſehr ſchön!— Weiter: in Ihrem Solo antworten Sie ihm, Sie können ihn nicht lieben, er habe ja eine Braut, und dabei drücken Sie den Schmerz aus, daß es ſo ſei, denn eigentlich lieben Sie ihn doch— ſo! jetzt Ihre Pirouette, dann drücken Sie pantomimiſch aus: leider trennt uns das Schickſal!— ſchön!— gut gemacht!— Jetzt kommt das große Solo Ritter Aſtolfo's, er kann ohne Sieznicht leben, es iſt ſein Tod, er wird dahinſterben in Kummer und Verzweif⸗ lung— ſo!— ſehr gut!— Bei Ihrem Solo, Mademoiſelle Pauline, laſſen Sie ſich erweichen, Sie werden hingebender — ſo iſt's recht!— vortrefflich!— Sie machen die Hingebung ſehr gut;— jetzt beginnt das Allegro, das Pas de deux, Sie entfliehen dem Ritter, er führt Sie zurück, Sie halten Ihre Hände beſchämt vor das Geſicht, er nimmt die Roſe aus Ihrem Haar, Sie entreißen ſie ihm wieder,— Bravo! Mademoiſelle 1 Pauline— bravo! Sie vertheidigen Ihre Roſe ſehr ſchön—’ ſo iſt's recht!— Ritter Aſtolfo, dringender!— dringender— bomm!— bomm!— bodomm!— bomm!— bomm! er hält ſie feſt, ſie ſinkt an ſeine Bruſt, dumpfer Paukenwirbel — ſechste Scene— der ſchwarze Ritter tritt auf. Der Balletmeiſter macht den Paukenwirbel mit ſeinem Stock ſo gut wie möglich nach, ergriff dann die Hand der Mademoiſelle Eliſe, und ſein Geſicht verzerrte ſich auf eine ſelt⸗ ſame und ſchreckliche Art— er ſelbſt war der ſchwarze Ritter und trat jetzt aus dem Hintergrunde mit der unglücklichen Braut näher, welche mit Wuth im Herzen ihre Nebenbuhlerin in den Armen des Ritters Aſtolfo findet. Schrecklicher Moment!— — Im Hoftheater. 273 nehr Entſetzen! wicklung des Sie tritt zwiſchen Beide, während der ſchwarze Ritter im Hin⸗ tergrunde die befriedigte Rache außerordentlich kunſtvoll aus⸗ — einsl!— 3—: eina 1 drückt.—„So, meine Damen,“ ſagte der Balletmeiſter,„die ſeben!—„.„. 4 fetten 1 Scene iſt recht gut gegangen, wir wollen für heute beſchließen.“ r ausgeſtreckt Der Herr Dubel, welcher mit größter Aufmerkſamkeit und ¹ Ihr Ent⸗ klopfenden Herzens zugeſchaut, erhob ſich dankend und verſicherte Ibrm Solo in den gewählteſten und blumenreichſten Ausdrücken, dieſer ſchöne n, er habe ja Blick in das Innere, Heiligſte der Kunſt, den man ihm erlaubt, aus, daß es werde ihm ewig unvergeßlich ſein. Darauf nahm er die kleine ſol jetzt Ihre Marie, welche eben ſo entzückt von dieſer Probe ſchien, bei der leider treunt Hand, gieng durch den großen Balletſaal die dunklen Treppen — Jetzt kommnt des Theaters hinab und fuhr mit den widerſtreitendſten Gefüh⸗ tanicht leben, len in ſeiner Bruſt nach Hauſe. Er verglich die beiden Damen, nd Verzweif⸗ welche er eben bewundernd angeſtaunt, mit der Honoratioren⸗ Mademoiſelle tochter— weßhalb, wußte er eigentlich ſelbſt nicht— und gieng, n hingebender nachdem er die Frau Welſcher von dem wahrſcheinlich günſtigen zie Hingebung Ausgange ſeines Beſuchs in Kenntniß geſetzt, ziemlich unbefrie⸗ de deux, Sie digt nach Hauſe. „ halten Ihre„. 4 ſe aus Ihtem Mndemoiſell ſihr ſchön— dringender— bomm! er Prukenwibel — —— mit ſeinen e Hand da auf eine ſelt⸗ watze Rtin güccee Bruut glein in den Nomt! f K 8 4 lnzehrte⸗ a,ni. 5 Der Tag, an welchem der Doktor Stechmaier auf den Brettern der königlichen Hofbühne glänzen ſollte, kam immer näher, und endlich an einem ſchönen Morgen wurde in der Elſtergaſſe Nummer vierundvierzig eine Probe auf den andern Tag um zehn Uhr angeſagt, welche Ankündigung der Doktor durchaus nicht mit bangen; wohl aber mit ſehr truunphirenden Gefühlen entgegen nahm. Es war ein fremder bedeutender Gaſt da, welcher den Hamlet ſpielte, und darum dauerte heute die Generalprobe län⸗ ger als ſonſt, da für den Gaſt manche ganze Scene, manches Auftreten und dergleichen mehr abgeändert wurde. Doktor Stechmaier gieng mit verſchränkten Armen hinter den Couliſſen auf und ab, warf ſich in die Bruſt und deklamirte in einem leiſen Tone: „Die Niederlage hier ſchreit Mord, o ſtolzer Tod!“ und machte alsdann vier gewaltige Schritte auf dem dunklen Raum hinter dem letzten Vorhang, griff an eine hölzerne Mauer, die maiet auf den te, kam immer wurde in der auf den andern ung der Doktor riumphirenden welcher den neralyrobe län⸗ geene, manches Armen hinta und deflamint Tod! und nklen Raum d— ne Mauet, d Ein erſtes Debut. 275 gerade da ſtand, als wolle er die Krofle Dänemarks in Ensfeng nehmen, und ſagte: „Mein Glück empfang ich traurend.“ 4 4 Fortinbras kommt bekanntlich am Solufe des 3 fünften Akts, alſo des ganzen Stücks, und der Doktor war überzeugt, daß ſein Auftreten, ſein Spiel, ſeine Deklamation ſchon auf dieſer Generalprobe eine kleine Senſation hervorrufen würde. Vielleicht applaudirten ihm ſeine künftigen Herren Collegen, es war das ſchon vorgekommen abei meiſterhaft ausgeführten Scenen, und wenn es nicht geſchah, ſo tröſtete er ſich auch, indem er dachte, daß Neid und Mißgunſt dem Debutanten gewöhnlich kein freund⸗ liches Wort gönnen. So kam der Moment heran, der Inſpi⸗ eient rief den Doktor Stechmaier zu ſich, nahm ihn beim Arm und harrte des Augenblicks, wo er den jungen Künſtler loslaſſen wollte, wie einen Schweißhund von der Leine. „Gleich kommt Ihr Srichwort,“ ſagte der würdige Thua⸗ terbeamte und ſchaute mit trübem Auge durch eine Brille, einen ſogenannten Naſenklemmer, auf das alte zerwetterte Exemplar von Hamlet, das er in der Hand trug; dabei neigte er den Kopf werwärts, um das Stichwort zu erlauſchen.—„Jetzt hinaus!“ Woher es kam, wußte der Doktor nicht, aber ihn befiel in dieſem Augenblick ein kleines Herzklopfen. Vergeſſen war ſein Vorſatz und was ihm der Regiſſeur angegeben, nämlich mit weiten dröhnenden Schritten auf die Bühne zu ſtürmen. Er— Fortinbras, ein allgewaltiger, normänniſcher Kriegs⸗ held— zitterte ein wenig; das: Jetzt hinaus! war ihm ſo plötz⸗ lich gekommen, wie ein ungeahnter Guß kalten Waſſers, un⸗ verſehens, obgleich er den ganzen Morgen nichts Anderes ge⸗ dacht— alſo hinaus! Der Doktor kam heraus, nicht wie ein kecker Prinz, der mit gewaltiger Hand die Königskrone an ſich nimmt, ſondern 813* 7 gh, ,, 276 Neunzehntes Aapitel. er ſchlich aus der Couliſſe, wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz, dem in der Ecke, die er jetzt hinter ſich hat, ein heftig geſchleuderter Beſen unſanft zwiſchen die Füße kam; auch dekla⸗ mirte er nicht den hundertſten Theil ſo gut, wie er es früher in ſeiner Stube gethan, ſondern die Niederlage hier ſchreit Mord! wehklagte der Doktor, und es klang wie Unkengeſchrei und Jammerruf, ſo daß der Oberregiſſeur vorn am Tiſche ſich die Ohren zuhielt und die Wiederholung des Auftritts, noch ehe er beendigt war, verlangte, aber leider nicht mit den begeiſterten Worten, mit welchen man gewöhnlich ein Dacapo begehrt. „O ho, Herr Doktor!“ rief der Oberregiſſeur,„Sie haben das ſehr ſchlecht gemacht, Sie trippeln da heraus, wie ein bleichſüchtiges Mädchen, bedenken Sie doch den Moment! Auch kleben Sie an den Couliſſen feſt wie ein leckes Schiff, das ſich nicht ins offene Waſſer wagt; ſteuern Sie von der Couliſſe aus dreiſt mitten auf die Bühne und kommen in einem großen Bogen nach vorn, mit weiten, hallenden Schritten; ich will Ihnen das einmal vormachen— ungefähr ſo— dann halten Sie einen Augenblick und beginnen mit kräftiger Stimme: Die Niederlage hier ſchreit Mord u. ſ. w. Etwas will ich Ihnen aber dabei noch bemerken: Sie ſind ein Norddeutſcher, und man iſt hier ſehr empfindlich für das G und Ja. Ihr Glück, das Sie traurend empfangen, ſchwebt immer zwiſchen den beiden Buchſtaben; ich muß mir ausbitten, daß Sie deutlich ſagen Glück mit G, denn wenn Sie deklamiren: Mein Ilück empfang ich traurend, ſo lacht Sie das ganze Publikum aus, alſo...“ Dieſes Mal gieng es etwas beſſer; der Doktor ſtürzte wie ein Raſender auf die Bühne und hätte um ein Haar einige t eingezogenem hat, ein heftig m; auch dekla⸗ er es früher in kengeſchrei und Tiſche ſich die noch ehe er den begeiſterten po begehrt. ur,„Sie haben raus, wie ein Woment! Auch Sbif, das ſic er Couliſſe aus mgtoßen Bogen ic will Ihnen ih will Ih galten Si einen rken: Sit ſid 6 für das angen, ſchwelt r ausbitten, klamiten: indli mi Sit de Ein erſtes Debut. 277 Damen des däniſchen Hofes umgerannt, dann wandte er ſich nach links, dann nach rechts und lavirte ſolchergeſtalt bis vor den Souffleurkaſten. Er hatte die Augen weit aufgeriſſen und ſchnaubte ordentlich vor Wuth und Kühnheit; auch die Sprach⸗ klippe umſchiffte er glücklich und empfieng das Glück ohne J, ja mit einer ſtarken Hinneigung zum K. Den andern Morgen beim Frühſtück erhielt der Doktor einen Theaterzettel und las ſich mit einigem Stolze gedruckt zwi⸗ ſchen den Namen der beſten Künſtler des Hoftheaters. Prinz Fortinbras...... 1 † † und dieſe drei Kreuze hießen weiter unten: Herr Stechmaier als erſter theatraliſcher Verſuch. Bis zu dieſem Moment hatte er ſich noch immer gefaßt. Wenn es mich auf einmal gereute, Schauſpieler zu werden, oder wenn ich fühlte, es gienge doch nicht recht, was würde mich verhindern, zurück zu treten? Dieſes Bewußtſein, den Rückzug frei zu haben, hatte ſeinen Muth bedeutend gehoben und aufrecht erhalten; jetzt aber, als er vor ſich ſah, wie dem verehrungswürdigen Publikum der Herr Stechmaier als erſter theatraliſcher Verſuch angekündigt war, wie er, wenn es ihm plötzlich einfiele, nicht zu ſpielen, die Wuth des Parterre's deut⸗ lich vorausſah, wie ſte tobend den Debutanten Stechmaier ver⸗ langten, wie er ſolchergeſtalt an das Theater gekettet ſei, wie er den Rubikon überſchritten, ſeine Brücke hinter ſich abgebro⸗ chen, ſeine Schiffe verbrannt hatte, da rieſelte es ihm leicht den Rücken herauf, und es wollte ihm der Kaffee durchaus nicht ſchmecken. Auch verlief der heutige Tag ſo außerordentlich geſchwind — kaum hatte er ſeine Rolle ein paar Mal überleſen, ſo war es ſchon Mittag, und kaum hatte er dinirt und darauf eine kleine Promenade gemacht, ſo fieng es ſchon an zu dämmern. Dieſe Promenade aber hatte ihn erfriſcht und ihm neuen Muth ge⸗ 278 Neunzehntes Kapitel. macht, und ſo betrat er das Theater gefaßt und wieder mit dem alten Glauben an ſeine Unfehlbarkeit. Bei einem Trauerſpiele iſt es auf der Bühne hinter den Couliſſen durchaus nicht behaglich, es pulſirt alsdann dort kein fröhliches und luſtiges Leben, wie bei einer Oper oder einem Ballet. Alles iſt ſtill, der Inſpicient, die andern Beamten gehen auf den Fußſpitzen umher und ſehen ſich bei dem kleinſten Geräuſch zornig um, jeden Augenblick heißt es: 8sst!— ssst! — Die erſten Künſtler ſtehen in den Couliſſen und wagen kaum eine halblaute Bemerkung über den fremden Collegen, der den Hamlet ſpielt, über ſein Coſtüme und über eine verfehlte Stelle. Ophelia, eine ſtolze Dame, rauſcht nach jeder Scene in ihre Garderobe zurück und findet es nicht der Mühe werth, mit den Schauſpielern zweiten Ranges ein Geſpräch anzuknüpfen; Po⸗ lonius iſt verſtimmt, denn der Gaſt hat ihm durch zu raſches Einfallen eine ſehr gute Bemerkung abgeſchnitten; das Gefolge des alten Königs und die norwegiſchen Krieger des Prinzen Fortinbras lungern hinter der Bühne, die däniſchen Hofdamen führen halbleiſe Haushaltungsgeſpräche und ſtricken ſehr lange, wollene Strümpfe; die Zimmerleute ſchleichen faul und ver⸗ droſſen einher, denn es gibt nicht viel zu thun, keine ſchönen Dekorationen und doch alle Augenblicke eine Verwandlung⸗ Hinter der Scene iſt ein großer Raum, den die Helle der Gaslichter nicht erreicht und der in tiefem Halbdunkel liegt; dort ſpaziert in der ſchwarzen Rüſtung der Geiſt von Hamlet's Vater⸗ auf und ab, einer der erſten Schauſpieler, den es gerade nicht ſehr amüſirt, dieſe kleine, aber wichtige Rolle zu ſpielen. Schon zu Anfang des Stückes ſtieß der Debutant, Herr Doktor Stech⸗ maier, an dem eben beſchriebenen Orte auf den Geiſt von Ham⸗ let's Vater, welcher dort, da der Geiſt ſehr fett und corpulent iſt, mit ſchweren, dröhnenden Schritten auf⸗ und abſpaziert. Der Debutant, welcher ja erſt am Schluſſe kommt, iſt natür⸗ licher Weiſe nych nicht angezogen und zieht vor dem ſchwarzen ieder mit dem e hinter den as Gefolge des Prinzen n Hofdamen n ſehr lange⸗ zul und ber⸗ keine ſchönen ndlung⸗ z Helle der nd crpulent atſprzint . iſt natür⸗ m ſchwarzn — Ein erſtes Debut. 279 eiſernen Geſpenſte verehrungsvollſt den Hut. Der Geiſt von Hamlet's Vater bleibt ſtehen, nimmt eine ſtarke Priſe und ſagt: „Sie ſind der junge Mann, der heute zum erſtenmal auftritt?“ „Ihnen zu dienen, Herr Maurer,“ ſagt der Debutant; „ich mache heute meinen erſten theatraliſchen Verſuch. u „So bewundere ich es,“ entgegnete der Geiſt,„daß Sie noch nicht angezogen ſind.«² „Ich habe geglaubt, ich hätte noch vier Stunden Zeit und brauchte mich deßhalb mit dem Anziehen nicht zu beeilen.“ „Junger Mann,“ verſetzte das Geſpenſt und nahm aber⸗ mals eine Priſe,„Sie müſſen nicht vergeſſen, daß Sie, wie geſagt, heute zum erſtenmal auftreten, und daß Sie vom Kopf bis zu den Füßen in einen Harniſch geſteckt werden, und in ſolch' einem Harniſch bewegt man ſich verflucht ſchlecht, das kann ich Ihnen verſichern; man muß ſich mehrere Stunden daran gewöhnen.“— Bei dieſen Worten raſſelte der Geiſt von Ham⸗ let's Vater bedeutend mit ſeiner Rüſtung und gieng klirrenden Schrittes von dannen. Der Debutant, dem der rauſchende Beifallsſturm des über⸗ vollen Hauſes die Nerven ſchon ziemlich erſchüttert, indem er bedenkt, wie kräftig ein ſolches Publikum allenfalls ſein Miß⸗ fallen auszudrücken im Stande wäre, geht in die Garderobe, und bittet den bei ſolchen Gelegenheiten anweſenden Flaſchner⸗ meiſter, ihn gefälligſt zu wappnen. Darauf zieht man dem Prinzen Fortinbras gelbe Tricots an, zwängt ihn in einen blauen Leibrock mit kurzem Schooß und führt ihn nach einer Rüſtung, die in der Garderobe auf dem Boden liegt, ein wah⸗ rer Berg von Meſſingplatten, von Gelenken aller Art, von Riemenzeug und Schnallen. Zuerſt werden ſeine Füße und Beine beſchient und bepanzert, dann ſchnallt man ihm den Har⸗ niſch an, hängt ihm den Ringkragen auf, ſteckt ihn in die Arm⸗ ſchienen, ſetzt ihm den Helm auf, gürtet ihm das Schwert um; der Friſeur hatte ſeine Haare geordnet, ihm einen verwegenen ο— 280 Neunzehntes Kapitel. Bart aufgeklebt, und ein gefälliger Choriſt färbte ihm ſeine Backen roſenroth. So ſteht er da, eng zuſammengeſchnallt und gepreßt, ein armes Opfer der Kunſt, und iſt nicht im Stande, eine Bewe⸗ gung zu machen, welche einer menſchlichen ähnlich ſieht; er kann die Arme kaum an ſeinen Leib bringen, ſondern muß ſie immer von ſich abgeſtreckt halten; die Knieſcheiben, welche etwas zu lang für ihn ſind, erlauben ihm nicht, auf natürliche Art ſeine Beine zu biegen, und ſo muß er, wenn er gehen will, mit den Füßen eine Seitenbewegung machen, wie die Matroſen zu thun pflegen und was man weitſpurig gehen zu nennen pflegt. Da⸗ bei raſſelt der Harniſch auf eine unerträgliche Art, und wo er ſich hinter den Couliſſen ſehen läßt, da ſchreit der Inſpicient ſein: ssst!— ssst! und die Schauſpieler, die gerade hinaustreten wollten, bitten ihn, ſich ſo weit wie möglich ztrückzuziehen. Dieß Alles verurſacht ihm ein gewiſſes moraliſches und phyſiſches Unbehagen, und als nun der zweite Akt vorbei iſt, bedenkt er, indem er gelinde ſeufzt, daß jetzt nur noch drei kleine Akte ſind und dann an ihn die Reihe kommt. Der Geiſt von Hamlet's Vater erklärt ſich mit ſeinem Anzuge vollkommen ein⸗ verſtanden, und der Oberregiſſeur ſagt ihm einige ermunternde⸗ Worte. Der dritte Akt geht vorbei, und die zu langen Knieſcheiben haben den armen Prinzen Fortinbras faſt ganz wund gedrückt; der Inſpicient ſteht ihn beim Beginn des vierten Aktes ſcharf durch die Brille an und ſagt ihm mit gleichgültigem Tone, als wenn das gar nichts wäre, und ſich ganz von ſelbſt verſtünde: „Im nächſten Akt kommen Sie.“— Ja, im nächſten Akt h denkt der Debutant, und es fröſtelt ihn in der kalten Rüſtung. Iſt pielleicht der Ringkragen zu feſt geſchnallt oder der Schwert⸗ gürtel? Genug das Athemholen wird ihm ſauer, und er muß oftmals tiefe Seufzer ausſtoßen. Gott, wenn es ihm draußen ſchlecht ergienge! wenn ihn ſein Gedächtniß verließe! wenn er Ein erſtes Debut. 281 bte ihm ſeine den todten Hamlet, der auf dem Boden liegt, auf die Naſe träte! Alles das kann ihm paſſtren, er kann ſich lächerlich gepreßt, ein machen vor dem Auge des Publikums, er kann ſich blamiren eine Bewe⸗ vor ſeinen Kunſtgenoſſen, er kann ſeine ganze Carriere ver⸗ jeht; er kann derben!— Ja, wenn dieß vielleicht erſt nach einem Jahre ge⸗ ſie immer ſchehen könnte, aber nein! das kann in einer halben Stunde ſche etwas zu vor ſich gehen, ſeine Zeit iſt um, der Zeiger geht unaufhaltſam liche Att ſinle vorwärts, ſeine Stunden, ſeine Minuten ſind gezählt; wie die rill, mit den eines zum Tode Verurtheilten. Es ergreift ihn eine namenloſe roſen zu thun Angſt.— Der fünfte Akt beginnt. Der unglückliche Debutant kann ſich von der Idee, als ſei er zu einem moraliſchen Tode verdammt, nicht losmachen, er ſteht auf dem dunklen Platz hinter der Scene und ſieht den Geiſt von Hamlet's Vater nochmals vorübergehen aber der Geiſt iſt iſches und dieſes Mal ein Ueberrock und will ſich gerade nach Hauſe be⸗ 4vrbe ſt geben. Aus der Couliſſe raſſelt es auf ihn zu, wie von vielen 1 Harniſchen: es ſind ſeine Reiſigen, das Gefolge des Prinzen Fortinbras, die mit ihm eindringen in die däniſche Hofburg; ſte ſind geführt von dem Schlachtenlenker der Bühne, welcher den ungkücklichen jungen Schauſpieler fragt, ob er bereit ſei. Wie ſchaut ihn der Schlachtenlenker mit dem wilden falſchen Bart und den ſchwarzgemalten Augenbrauen ſo finſter an! Wie klingt ſeine Stimme ſo tief und grimmig, als er fragt: Sind Sie . bereit?— Der Inſpicient ſchaut hinter dem Vorhange hervor 4 und ſagt:„Herr Stechmaier, Sie kommen bald!“ Prinz 1 Lene, a Fortinbras rafft allen ſeinen Muth zuſammen und tritt in die b und wo er picient ſein: hinaustreten uziehen. och drei kleine der Geiſt von kommen ein⸗ ermunterid/ Knieſcheiben nd gedrückt; Attes ſcharf utime Couliſſe; ſeine Mundwinkel. zucken, ſein Auge ſtarrt, und er würde todtenblaß ausſehen, wenn ihn der Choriſt nicht ſo ſöin roſenroth bemalt hätte. „Kann es nicht zuweilen vorkommen,“ fragt er den Schlach⸗ tenlenker mit zitternder Stimme,„daß ein Schauſpieler in der Couliſſe unwohl wird und nicht auftreten kann?“ worauf Jener nächſteut? Attk ten Riſtung. rSchwett⸗ 1 und er muß ußen 19 drauß wenn et zel wenn 8. 82 282 Neunzehntes Kapitel. antwortet: Das ſei noch nie vorgekommen und ein Schauſpieler, der einmal angezogen in der Couliſſe ſtehe, müſſe auch hinaus, und wenn man ihn hinausſchleppen ſollte. Denn, wenn einer fehlt, iſt ja das ganze Stück umgeworfen, und das Publikum würde einen ſchönen Lärm machen.— So?— Ganz gewiß! — Der Mann ſagte das ſo beſtimmt und mit feſter Stimme, daß den Prinzen Fortinbras ſchauerte; er dachte an einen kleinen Fluchtverſuch und wandte ſich um; doch ſtand der Schlachten⸗ lenker hinter ihm, ihn mit feſtem Blicke anſehend, und ſein eige⸗ nes Gefolge hielt in Wehr und Waffen die Couliſſe ſo beſetzt, daß an kein Entrinnen zu denken war. Hamlet hat ſeine letzte Rede. „Herr Stechmaier,“ ſagt der Inſpicient,„jetzt kommt’s.“ Dem Debutanten tritt der Schweiß auf die Stirn, und er ſagt ſtotternd dem Schlachtenlenker:„Wahrhaftig, ich kann nicht hinausgehen, mich bringt die Angſt um, ich kann kein Wort ſprechen.“ „Sie müſſen,“ ſagt der finſtere Mann in dem großen Bart,„Gott verdamm' mich, das wär' eine ſchöne Geſchichte! ich ſchiebe ſte im Nothfalle vor mir her; paßt mir auf, Soldaten — vorwärts!“ 7 Durch einen gelinden Druck von der Hand des Schlachten⸗ lenkers ſtolpert Prinz Fortinbras einige Schritte vorwärts; er muß eine Couliſſenſtange überſchreiten, die vor ihm am Boden liegt, über welche er faſt hinſtürzt, da er ſte nicht ſteht; er fühlt zugleich, daß ihm an ſeiner Rüſtung etwas geriſſen iſt und daßt die Knieſcheibe klafft. Der Hof des Königs und die däniſchen Damen ſehen ihn mit Entſetzen an; vor thm liegt dek todte Königsſohn und ſeine Naſe, wie abſichtlich, um ſich darauf treten zu laſſen. Die Proſceniumslampen tanzen auf und ab, und bilden ſeltſame Schlangenlinien, das Publikum wogt vor ihm, ein ſtürmiſchesMeer,— wilde bewegte Wellen in allerlei Farben. — Schauſpieler, auch hinaus, wenn einer as Publikum Hanz gewiß! r Schlachten⸗ dſein eige⸗ je ſo beſetzt t kommt§.“ und er ſagt kann nicht kein Wort dem gtoßen ee Geſchihte! uf, Soldaten Schlachten⸗ orwaͤrts; er m am Boden ht; er füblt wiſt und daß die däriſchen * d todte ſich darauf, f und ab⸗ vor all m wogt len in allerlei — —-—— Ein erſtes Debut. 285 Er ſtottert etwas Weniges von Niederlage und Mord, von einem Feſt, das in dieſen heiligen Hallen, wo man keine Rache kennt, vor ſich geht; man drückt ihm die Krone in die Hand, und wie der Vorhang langſam herunter fällt, erwacht er eben ſo langſam aus einem entſetzlichen erdrückenden Gefühl, und erſt, als er die Proſceniumslampen nicht mehr ſieht, holt er tief Athem, läßt die Krone fallen und fühlt ſich wie erwacht aus einem wirren, geſpenſterartigen Traume.——— Glücklicher Weiſe hatte die Vorſtellung bis halb Zehn ge⸗ dauert, das ermüdete Publikum erhob ſich beim Tode des Prin⸗ zen Hamlet, um nach Hauſe zu gehen, und ſchenkte dem Eintritte des unglücklichen Prinzen Fortinbras wenig Aufmerkſamkeit. Der Doktor Stechmaier gieng ſehr erſchöpft in die Gade⸗ robe, er fühlte ſich furchtbar ermüdet. Es iſt aber auch keine Kleinigkeit, vier Stunden lang, in einen engen Harniſch ge⸗ ſchnallt, hinter den Couliſſen ſtehen zu müſſen; das erkannten auch ſämmtliche Schauſpieler mitleidig an, und der Oberregiſſeur meinte, es werde bei einem zweiten Verſuch ſchon beſſer gehen; nur ſcheine ihm die Perſönlichkeit des Doktors für heroiſche, kräftige Charaktere nicht beſonders paſſend. Der Debutant verließ das Theater, und als er die hohen Mauern hinter ſich hatte, kam er ſich vor, als ſei er wunderbar und glücklich gerettet, einer fürchterlichen Zauberhöhle entſprun⸗ gen. Ihm ſchauderte, wenn er an den fünften Akt des Hamlet zurück dachte, und er beſchloß, den literariſchen Klubb zu gründen und mit allem Eifeß das conſervatige Journal zu redigiren, ver⸗ ſchwor ſich hoch und theuer, nie mehr jene Bretter zu betreten, welche die Welt bedekten. 8 Zwanzigſtes Kapitel. Thauwetter und Frühlings⸗Anfang. Thauwetter iſt eine Revolution gegen den Winter, jenen harten, gewaltigen Selbſtherrſcher größer Reiche, und je größer die Veränderungen ſind, die dieſer Erdberer in den Gewohn⸗ heiten und Sitten der unterworfenen Völker erzwingt, da er ja die Länder ſelbſt bei ſeinem Regierungs⸗Antritt nach ſeinem Eigenſinn umwandelt, um ſo gewaltiger iſt auch jener Aufſtand ſämmtlicher Völker in Wald und Flur, in Waſſer und Auft gegen ihn, wenn ſeine Kraft einmal anfängt, nachzulaſſen. Aber es geſchieht ihm ſchon recht, dem Tyrannen Winter! Hat er wohl eine einzige der Regeln und Vorſchriften befolgt, welche kühne, eroberungsſüchtige Heerführer ele und zur Nachahmung beſtens empfohlen haben? er achtet nicht die Lebensweiſe der unterdrückten Völker, 3 ſogar das Aeußere des Landes, das ſeine kriegeriſchen Heerſchaaren überzogen, muß ſich ſeingm allgewaltigen Willen fügen. Er ſchüttelt das letzte Laub von den Bäumen, befiehlt der weichen, guten Erde ſich⸗ zu verhärten, hält Bäche und Flüſſe in ihrem Laufe auf und läßt ſie ſtill ſtehen. Die Thiere des Waldes, die Vögel in der Luft ——,—„——— 2/-—— ang. en Gewohn⸗ agt da er ja nach ſeinem ner Auffand er und Luit ulaſſen, nen Winter! tten befolgte⸗ tellt und zut achtet nicht das Aeußelt zogen, muß lt dus letzte Erde. ſich auf und lißt Luft in der 1 3 285 Thauwetter und Frühlings-Anfang. zittern bei ſeiner Ankunft vor ſeinem ſcharfen, unheilbringenden Odem und verkriechen ſich unter das raſchelnde Laub des Waldes und in ihre weichen Moosbetten.— Umſonſt! Er dringt ihnen nach, er fährt ſchaurig wehend über die Erde, und Alles, was noch widerſtanden, fügt ſich dem eiſtgen Hauch und erſtarrt bis zur Lebloſigkeit. Jetzt iſt der Winter Herr und Meiſter, und da er das Innere ſeiner Untergebenen nach ſeinem Willen geändert, ſo macht er ſich jetzt auch an's Aeußere, und vom Himmel herab fällt Tage und Nächte lang der weiße Stoff, aus dem er ſeine Livreen bereiten läßt. An einem ſchönen Morgen ſind ſie fertig, und Alles, ſo weit das Auge ſteht, prangt in weißem Pelzwerk — aber was iſt weißes, koſtbares Pelzwerk gegen ein, wenn auch ganz nacktes Daſein, in welchem man ſich frei bewegen kann, jedem zarten Lufthauch folgend, ſich leicht hin und her in der lauen Luft wiegend? So denken die revolutionären Bäume und Sträucher, und das Gras unter der weißen Schneedecke bewahrt merkwürdige Traditionen von ſonnigen, heißen Tagen, von friſchen, ange⸗ nehmen Regenſchauern, die Pflanze und Wurzel ſo angenehm tränken und wonach Tauſende von Blumen emporſprießen. Sie fflüſtern einander zu: Sie kehrt zurück, dieſe ſchöne Zeit— ach du Zeit des Frühlings und Sommers!— wo wir uns ſchmücken mit Blumen und allen Farben und wo unſere Modehändlerin⸗ nen, die Spinnen, glänzende Schlaier über unſere Köpfe ziehen, unter denen wir u geputzte Bräute ſtehen. Unterdeſſen wird der Winter alt und ſchwach, ſeine Hand erlahmt und iſt nicht mehr im Stande, ſtark und gewaltig die/ Zügel ſeiner Reiche zu führen. Wo er früher mit ſtrenger, aber/ anhaltender Kälte regierte und die Gefilde mit ſeinem weißen Wollenpelz warm bedeckt hielt und ſich ſeiner Macht bewuß war, da iſt er jetzt boshaft und tückiſch geworden; er hört v, Aufſtands- Verſuchen in Wald und Feld und ſchickt* 4 4 Zwanzigſtes Kapitel. ſchlimmſten Geſellen, den eiſigen Winterregen, der unter dem Schnee nachſehen muß, ob Alles in gehöriger Ordnung und feſt gefroren ſei. Er führt die Zügel des Regiments ſchwach und wankelmüthig, bald zieht er ſte in Erinnerung an frühere Macht zu ſtraff an, daß die Erde und was auf ihr waͤchst, ſich vor ſei⸗ nem Grimme beugt, bald läßt er ſie wieder weichlich ſchießen, und dieſen Augenblick benutzt ſeine ewige Feindin, die Sonne, und zaust an den weißen Winter⸗Livreen, reißt das Pelzwerk hie und da hinweg, befreit für einen Augenblick die ſtarren Bäume und Geſträuche aus ihrem Gefängniß und treibt allerlei Kurz⸗ weil, die der Winter, ſobald er ſie merkt, nicht ungeahndet läßt. Er ſchließt in der Nacht die Gefängniſſe wieder feſter, und das arme kleine Volk hat wie immer, wenn ſich ein paar Mächtige zanken, den Schaden davon. Dort erfriert ein Weinberg vor plötzlich eingetretener Kälte, hier bleibt ein Menſch auf der Land⸗ ſtraße todt, der leichtſinniger Weiſe geglaubt, es ſei jetzt ſchon mit der Macht des Winters vorbei. Dieſer aber bietet ſeine letzten Kräfte auf, um ſich noch ſo lange wie möglich auf dem Throne zu erhalten; aber vergebens! ſeine Zeit iſt um, die Winde, die er ſo lange regiert und die nach ſeinem Sinne ſcharf und eiſig geſprochen, ſind ſeiner harten Regierung müde, machen Oppoſition und blaſen warm und angenehm. Die Vögel in den Lüften ſind die Erſten, welche dieß be⸗ merken und jubeln in Feld und Wald hinaus, daß ein ander Regiment beginne. Schwere Tropfen als hinterliſtige Spione fallen heimlicher Weiſe von den Bäumen und ſagen es dem Schnee auf dem Boden an, daß die Dinge da oben eine andere Wendung nehmen; die Waſſentropfen dringen durch den Schnee, vermehren ſich in demſelben durch alle leichtfertigen und verwege⸗ nen Köpfe, welche begierig ſind, die Revolution mitzumachen, und rieſeln unbemerkt, gedeckt durch die äußere Schneerinde, durch die anſcheinend puhige Haltung dieſer guten Bürger, auf dem Boden dahin, Alles unterwühlend und zum Einſturz reif machend. er unter dem nung und feſt ſchwach und rühere Macht ſich vor ſei⸗ ſchießen, und — und Pelzwerk hie tarten Bäume allerlei Kurz⸗ ahndet läßt. r, und das er Michtige nberg vor uf der Land⸗ ſej jetzt ſchon et bietet ſeine zglich auf dem ſt um, die Sinne ſhaf müde, machen G e⸗ elche dieß b gß ein andet ſtige Spiolt 1 en es dem ag in ein den Schnet e andere — Thauwetter und Frühlings-Anfang. 287 Von allen Seiten ſtrömen dieſe Bächlein hernieder, ſammeln ſich und ſtürzen mit, gewaltiger Kraft als angeſchwollene reißende Waſſer von der Höhe des Bergwaldes in's Thal, wo der ent⸗ ſetzte Winter ſich auf die großen Flüſſe zurückgezogen hat und da, geſtützt auf ſeine eisgeharniſchten Schaaren, den Angriff des revo⸗ lutionären Bergvolkes erwartet. Oftmals gelingt dieſer Angriff nicht gleich, oft ſpringt einer der warmen Winde um und befeſtigt im Rücken der herabrieſeln⸗ den Waſſer das Reich des Winters auf's Neue. Entſetzen faßt die Schaaren, die in ihrem heftigen Laufe nicht mehr anhalten und doch nicht mehr vorwärts dringen koͤnnen, ſie zertheilen ſich, erſtarren auf dem Eiſe, das unter ihnen nicht ſchmelzen will, gleiten an kalten Felſen hinab und bleiben dort hangen, erbar⸗ mungswürdige verunglückte Eiszapfen. Anders aber iſt es, wenn das aufthauende Gebirge immer neue Kämpfer nachſendet,— wie rauſchen die Waſſer, wie reißen ſie mit ſich fort, was ihnen nicht gutwillig folgt, und wie impo⸗ ſant ſtürzen ſte in die großen Flüſſe, den dort lagernden Winter unter ſeinen Eismaſſen angreifend! Heftig iſt ihr Kampf, feſt ſtehen dagegen die ſtarren Streiter— jetzt ſind die Bergwaſſer zurückgeſchlagen, es iſt ihnen unmöglich, die feſtgefrornen Pha⸗ lanxe zu durchbrechen, ſie ergießen ſich rechts und links durch das platte Land und bringen denen, welchen ſie helfen wollten, Tod und Verwüſtung. Auch würden ſie von dem Kriege gern abſtehen, doch das ganze Gebirge hinter ihnen iſt im Aufruhr begriffen, ſchiebt und drängt ſie vorwärts. Ein neuer Angriff— das Eis unterliegt. Keck haben es die leichten behenden Fluthen um- gangen, ſind unter die Maſſen hineingedrungen und heben die CEisdecke kräftig in die Höhe⸗ Ein entſetzliches Krachen wird ge⸗ hört,— die Macht des Winters iſt gebrochen und das zerſtückte Heer flieht den Strom hinab. Wie knirſchen die Eisſchollen, wie ſtürzen ſte neben und über einander hin! Der Winter in eiliger Flucht zerrauft ſeinen langen weißen Bart und findet nirgends 288 Zwanzigſtes Kapitel. mehr Hülfe und Unterſtützung. Hinab in's Weltmeer treiben ihn die empörten Maſſen, und dort verkriecht er ſich in irgend eine finſtere Höhle und denkt an die Zukunft, an ſeine Zeit, die wiederkehren wird, und die auch wirklich wiederkehrt. In der Stadt wollen nun die Hausdächer, die ſich eben⸗ falls für Gebirge halten, den großen Befreiungskampf der Natur nachäffen, und der Schnee auf ihnen fängt ebenfalls an zu ſchmelzen. Wie gießen die übervollen langweiligen Rinnen, wie plätſchern ſie ſo pöbelhaft herab aus den langen Blechröhren und verwandeln die Straße in einen unergründlichen Moraſt! Was draußen nothwendig war, iſt hier lächerliche Affenwirth⸗ ſchaft, eine tolle Laune des losgelaſſenen Regenpöbels, ein ſchauerliches Interregnum. Die Flucht des Winters hat alle Bande der Ordnung gelöst, und die zarte Hand des Frühlings iſt nicht im Stande, das trotzige Geſindel zu bändigen. Da treibt es ſich als ſchmutziges Waſſer herum, auf Plätzen und Gaſſen, ein Schrecken aller reinlichen Leute, aller dünnen Herren⸗ ſtiefel und aller weißen Damenſtrümpfe. Und erſt das Glatteis, das vorhergeht, welcher furchtbare Feind aller Eleganz, ja, aller Sitte und alles Anſtandes! Betrachten wir jenen jungen Herrn, der ſeine Füße ſtets ſo zierlich auswärts ſetzte, der den dünnen Spazierſtock nur zum in der Luft herum Fuchteln brauchte, der nie auf den Boden ſah, ſondern immer in die Luft hinauf, at die Fenſter der erſten Stockwerke und auch hie und da einen Blick höher warf an die zweiten und dritten. Vorhin bei einem zierlichen Gruß wäre er um ein Haar hingeſchlagen, jetzt aber ſchleicht er vorſichtig weiter und nimmt ſich ungemein zuſammen, denn er kommt an ein Haus, wo er ohne Gnade hinaufgrüßen muß, ob Jemand da iſt oder nicht; er grüßt hinauf hundert Mal die Vorhänge oder die Blumen am Fanſter, die er recht ſinnig für das Geſicht der Intereſſanten hält; jetzt ſchwingt er den Hut, blickt hinauf, ſieht ltmeer treiben ſich in irgend ſeine Zeit, die die ſich eben⸗ myf der Natur renfalls an zu „Rinnen, wit n Blechröhren ichen Moraſt! H Affenwirth⸗ npöbels, ein aters hat alle es Frühlings digen. Da Plützen und nen Herren⸗ a5 Glatteis, ganz, ja, allet J Füße ſitts ſ t nur zum in 4 Boden ſah, i r der erſten an die wäͤre er weiter r warf Gruß orſichtig ein Haus„ 5 da iſt odet inge odet di⸗ Geſicht de 1 tinuf ſaht t al 289 Thauwetter und Frühlings-Anfang. ſte am Fenſter und— bauz! liegt er auf dem glatten Eiſe. Ach! dieſe Niederlage wird ihm nie vergeſſen. Zwei dicke Damen wandeln die Straße entlang, und eine hält ſich an der anderen feſt,— es geht Alles gut, bis an die Ecke der Straße; ſie haben ſich in Acht genommen, ſorgfältig auf ihre Füße geſehen, und da ſte ſich feſt zuſammen geſchloſſen halten, ſo bilden ſte einen einzigen Körper mit vier Beinen, von denen ſchon zwei immerhin ohne Gefahr ausgleiten können. Aber an der Straßenecke müſſen ſie nothwendig der Madame X. nach⸗ ſehen, walche ſchon wieder mit einer neuen Mantille kommt, und was für eine Mantille!— dunkelblauer Sammt mit ſchwarzen Spitzen— vergeſſen iſt Glatteis und Gefahr, ſie wenden ſich um, gleiten aus und fallen hin, und man ſieht im nächſten Augenblicke nichts wie einen großen Kleiderhaufen und zwei Paar weiße Strümpfe an zwei Paar etwas unförmlich dicken Beinen. Es iſt eine ſchlechte Zeit, das Glatteis, eine Zeit ohne Treu' und Glauben, man kann ſich nicht einmal mehr auf ſich ſelbſt verlaſſen und während wir daſtehen und den komiſchen Fall eines armen Nebenmenſchen belächeln, verlieren wir ſelbſt das Gleichgewicht und gleiten in eine tiefe Eisrinne, deren bräunlich graue Sauce himmelan ſpritzt. Ein ſolides Thauwetter dagegen ziehen wir unbedingt vor, gerüſtet mit hohen Waſſerſtiefeln, einem undurchdringlichen Pa⸗ letot und einem Hut vom vergangenen Jahr, bei Leibe aber mit keinem Regenſchirm. Wir haſſen und verabſcheuen die Regen⸗ ſchirme und thun es um ſo mehr, als wir gerade vor uns zwei junge Damen ſehen, die, mit dieſem Inſtrument beladen, alle Hände voll haben. Die Rechte hält krampfhaft den Griff des Schirms und zu gleicher Zelt ein Stück des Mantels, das Kleid und ein Paar ſehr weiße Unterröcke, die Linke ein Pickeichen und 3 ebenfalls Mantel, Kleid und Unterrock. Hackläander, Namenl. Geſchichten. I. 19 290 Zwanzigſtes Kapitel. So wandeln ſte dahin, klagen entſetzlich über das Wetter, über die ſchmutzigen Straßen, und wie ſie einen Hügel in der Stadt abwärts ſteigen, heben ſie die Röcke immer mehr auf⸗ wärts.— Liebenswürdiges Thauwetter! was man bei deinem Regiment zu ſehen bekommt, iſt nichts Zufälliges, Entſetzliches, wie bei jenen alten Damen auf dem Glatteis, ſondern es iſt wohlberechnet für ein dahinwandelndes, kunſtgeübtes Auge; unten zierlich ſchlank und anmuthig und weich anſchwellend, wie der volle, warme Ton eines Waldhornes in ſtiller Nacht!— Wo du bei einem Thauwetter das Kleid lang herabwallen ſiehſt, und die Röcke dahinſchleifen in Koth und Schmutz: 2 „Da begehre nimmer zu ſchauen Was ſie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“ Die vielen glatten Strümpfe auf der Straße und die zier⸗ lichen Stiefelchen ſind eine Vorahnung des Frühlings: ent⸗ feſſelt von mancherlei Verhüllungen langer, dicker Röcke und „Pelzüberſchuhe ſind ſie die erſten Boten einer herannahenden beſſern Zeit, die erſten Blumen, die nach Schnee und Eis auf⸗ blühen, und nur aus dieſem Grunde angenehm und höchſt er⸗ freulich zu ſehen. Und es iſt dieß ja nur eine ſehr kurze Zeit, ein raſch vorüberfliehender ſchöner Moment, wie die Schnee⸗ glöckchen für den Blumenfreund, der Schnepfenſtrich für den Jäger. 3 8 Dichte Wolken bedecken während dieſer Zeit den Himmel und nur hie und da ſchlängelt ſich ein Sonnenblick auf die Erde herab und läuft eilfertig über die naſſen Felder, gefolgt von dunklen Wolkenſchatten, die ihn ſchleunigſt zu verjagen ſtreben; nach und nach werden dieſe Sonnenblicke häufiger, und wo ſie Feld und Wald den warmen Kuß aufdrücken, ſprießen tauſend grüne Keime, Blätter und Blüthen empor; hoch in der Luft aber „ er das Wetter, Hügel in der s iſt ller Nacht!— bwallen ſiehſt, .⁴ „und die zier⸗ üblings: mnt⸗ ter Röcke und berannahenden und Eis auf⸗ und höchſt et⸗ ſehr kurze Zeit, die Schner⸗ trich für den — Chauwetter und Frühlings-Anfang. 291 ſind noch Abkömmlinge der gewaltigen Winterwolken zurückge⸗ blieben und ſtrelten tagelang und heftig mit der jungen Früh⸗ lingsſonne. Eiſige Winde helfen ihnen, und der Himmel, der eben noch ſo klar und ſchön glänzte, iſt nun dunkelgrau über⸗ zogen und ſendet unangenehmen Schnee hernieder und ergrimm⸗ ten Hagel. Doch iſt es aus das kalte Reich des Winters, um⸗ ſonſt verſuchen jene Wolken ihre letzte Kraft,— ſte müſſen unterliegen und entfliehen lang geſtreckt und in phantaſtiſchen Formen zerriſſen; die Lerchen aber, die allenthalben auffliegen, ſingen Siegeslieder und jauchzen dem Frühling zu, der nun kräftig das Regiment übernimmt. Wie in Wald und Feld ſich der Frühling bemerkbar macht durch das Herausſchießen der grünen Blätter, durch das Ent⸗ falten der Blüthen mit ihren hellen lieben Farben, durch den Geſang der Vögel, ſo iſt es in der Stadt die liebe Jugend, welche ein Ahnungsvermögen der nun wilrklich erſcheinenden ſchöneren Zeit beſitzt und mit Jubelgeſchrei auf Gaſſen und Plätzen dieſelbe verkündet. Der Bergſchlitten wird auf den Söller ge⸗ ſtellt, bleibt da träumend bis zum nächſten Winter ſtehen und ſetzt in ſeinem Mißmuthe den allerſtärkſten Roſt an; die Kinder dagegen eilen freudig auf die Straße und beginnen ihre Spiele, welche nach alt hergebrachter Reihenfolge immer dieſelben ſind. Der Schmutz auf den Straßen und die breiten Waſſerrinnen locken zum Stelzenlaufen und man ſieht die kleinen Burſche und Mädchen auf einmal ungeheuer groß geworden über die Spiel⸗ plätze eilen; um einen Virtuoſen in der Kunſt des Stelzenlaus fens verſammeln ſich Alle und ſehen mit Bewunderung, wie weit es derſelbe darin gebracht. Nicht nur, daß er auf ſei⸗ nen Stelzen eine Polka taitzt, er nimmt die eine wie ein Ge⸗ wehr in den Arm, und während er auf der andern herum⸗ hüpft, macht er mit der erſteren das ganze Erercitium durch; die kleineren Buben natürlich verſuchen ebenfalls all dieſe Kunſt⸗ 292 Zwanzigſtes Kapitel. ſtücke, fallen eben ſo natürlich von ihren Stelzen herab und kommen dann, was am allernatürlichſten iſt, mit blutigen Naſen nach Hauſe. Bald aber verſchwinden ſämmtliche Stelzen— ſie ſind für dieſes Frühjahr aus d ode gekommen, und es iſt zu Anfang Mai nicht mehr uware ſich auf ihnen ſehen zu laſſen. Jetzt bilden Kirchen und andere große öffentliche Gebäude den Ver⸗ ſammlungspunkt der ſpielluſtigen Jugend, namentlich auf der Sommerſeite derſelben, wo die warme Sonne Schnee und Regen ſchnell wegtrocknet und wo die breiten, warmen Steine ſo freund⸗ lich zum„Anwerfen“ einladen. Da ſitzt die kleine Generation in großen Haufen beiſammen, klebt an dem Gebäude feſt und ſchwärmt durch einander herum, wie über ihrem Haupte die Fliegen und Bienen. So wie aber die Sonne ſtärker wird und die Straßen und Plätze allmählig anfangen, ihre winterliche Feuchtigkeit zu verlieren und hübſch ſolid aufzutrocknen, ſo ziehen die Kinder ſich auch von den Mauern der Sommerſeite hinweg⸗ breiten ſich in den Straßen aus, ſchlagen den Reifen, werfen den Kreiſel, die Maͤdchen ſpielen mit bunten Steinkugeln und werfen Knöchel auf, die Buben ſpielen Räuber und Gensd'armen, man ſieht bunte Bälle auffliegen, und Nachmittags nach vier Uhr ſind die Hauptplätze der Stadt bedeckt mit dem kleinen luſti⸗ gen Volk. Es iſt merkwürdig, wie faſt in allen Städten Deutſchlands, wenn ſte auch ſonſt durchaus keine Aehnlichkeit mit einander haben, wenn in jeder andern Beziehung hier und dart die Lebens⸗ weiſe vollkommen verſchieden iſt, doch die Kinderſpiele ſich in ihrer Art und Reihenfolge ſo vollkommen ähnlich ſind. Man fängt faſt überall im Frühjahre mit dem Stelzenlaufen an und hört im Spätherbſt mit dem Papierdrachen auf; auch die Art der Spiele iſt fich durchaus ähnlich: man ſpielt in Stettin und itzen herab und blutigen Naſen 1— ſe ſind für es iſt zu Anfang zu laſſen. Jetzt bäude den Ver⸗ mentlich auf der hnee und Regen Steine ſo fteund⸗ zude feſt und rem Haupte die tärker wird und ihre winterliche ocknen, ſo jiehen mmerſeite hinweg, eifen, werfen den ugeln und werfen zd'armen, man z nach dier uhr inen luſti⸗ em kle n deutſchlandd⸗ mit einander ne Generation 5„ —· CThauwetter und Frühlings-Anfang. 293 Königsberg Anwerfen und Räuber und Gensd'armen ebenſo, wie an der Schweizer Gränze. Ja, wir hatten ſogar einmal Ge⸗ legenheit, in Konſtantinopel auf dem Atmaidan einige kleine Türken ein ähnliches Spiel, wie das erſtgenannte, ſpielen zu ſehen. Es ſind dieſe Kinderſpiele wie die Kinderlieder und wie die Mährchen— ſie ſind auf der ganen Welt verbreitet und man weiß kaum, wo ſie zuerſt entſtandén ſind. Ach, es iſt etwas außerordentlich Anmuthiges und Lieb⸗ liches um die hellen, friſchen Kinderſtimmen, wenn ſie auf der Straße jubeln und luſtig aufſchreien— namentlich für den Ge⸗ neſenden, den eine ſchwere Krankheit zwingt, den herannahenden Frühling in ſeinem Zimmer zu erwarten. Die Luft iſt für ihn noch zu ſcharf, er darf ſie nicht einathmen, ſelbſt der Duft der erſten Blumen iſt ihm noch nicht erlaubt, ſie regen ſeine Nerven auf, und es iſt dem Arzte nicht lieb, daß beim Anblick der erſten Veilchen ſeine Thränen fließen— aber Eines hört er mit Ent⸗ zücken von ſeinem Lehnſtuhl am Fenſter aus, und das ſind eben jene jubelnden Kinderſtimmen, die eine Luſt ausſprechen, welche er ſelbſt fühlt, da er ſte ehedem mitgemacht. In welch' ſüße Träume verſetzt ihn das luſtige Geſchrei! Er denkt des Tages, wo er in der erſten Hoſe zum erſten Mal ſchüchtern mitgemacht; wie er größer wurde und unter den Wilden der Wildeſte war; wie er endlich in die Flegeljahre trat und in ſeinem hochmüthigen Sinne, der nach Tabak und Bier trachtete, bei jenen harmloſen Spielen mit der gebührenden Verachtung vorüberſchritt, wie ſie ihm ferner wisder lieb und immer lieber wurden, dieſe Spiele, je mehr er ſich von dem Zeitpunkt entfernte, wo er ſelbſt mitge⸗ macht; wie er ſie allmählig nur noch mit wehmüthiger Freude anſah, bis endlich jener große Moment kam, wo er ſein Contin⸗ gent zu der Bevölkerung des Spielplatzes ſtellte, wo ſein Erſt⸗ geborener in der erſten Hoſe ſchüchtern daſtand ünd wo er eben . 294 Zwanzigſtes Kapitel. dieſen Erſtgeborenen eines Tages antraf, wi dieſe erſte Hoſe freventlich zerriſſen hatte. An das Alles denkt er in ſeinem Lehnſtuhl am Fenſter, an Freunde, die mit ihm geſpielt und gelitten, und noch an tauſen⸗ derlei andere traurige und heitere dinge.———— Der finſtere Durchgang unter dem Stadtgraben hatte immer noch daſſelbe öde, kalte und unfreundliche Anſehen, wie in der Mitte des Winters, wo noch überall das Eis auf den Straßen lag und der Schnee ſeine luftigen Flocken hineinwirbelte. Der kleine Hof vor dem Kloſter ſah ſchon etwas freundlicher aus, die grünen Blätter des Epheu's wankten, vom Winde bewegt, auf und ab, und hoch über den vier ſchwarzen Mauern, die dieſen Hof bildeten, ſah man ein freundliches Stück des blauen Him⸗ melsgewölbes. Das Innere des Kloſters war eben ſo unfreundlich, wie immer. In der Schenkwirthſchaft des erſten Stockes brannte im Kamin noch ein mächtiges Feuer und durch die trüben Bogen⸗ fenſter konnte man nicht recht unterſcheiden, ob der Himmel grau oder blau ausſehe. Die dicke ſchmutzige Wirthin ſpülte einige Gläſer, das heißt, ſie goß ſchmutziges Waſſer hinein und trock⸗ nete ſté mit einem ſchmutzigen Tuche wieder ab. Auf der Ofenbank ſaßen zwei Perſonen, die ſich angelegent⸗ lichſt unterhielten; ſie hatten dem Zimmer den Rücken zugekehrt und ſchlenkerten während der⸗Converſation mit den Füßen hin und her. Die Weinkneipe hatte zu dieſer Jahreszeit, namentlich am Tuge, faſt gar keine Gäſte; denn auch der getreue Stammgaſt, der täglich ſeine ſechs Stunden feſtſaß, dem der Wein im Glaſe über Alles gieng, liebte es doch, wenn ein heller Sonnenſtrahl ihm denſelben vergoldete. Die Beiden aber, die hier am Ofen dieſe erſte Hoſe Fenſter, an noch an tauſen⸗ wie in der auf den Straßen der wegt, auf die dieſen blauen Him⸗ freundlich, wie fockes brangite im trüben Bogen⸗ r Himmel grau ein ſoülte einigtn rund trok⸗ zug 44 ſich m nam nentl zuaabs 11 ue 3 W ein im Gliſe 4 „Sonnenſtu ller T am Ofe die hiet 1 * Thauwetter und Frühlings-Anfang. 295 F⸗ ſaßen, paßten nt ihren Reden vollkommen in die trübſelige Um⸗ gebung, und es war ihnen offenbar lieb, daß ihr Geſpräch mit keinem heiteren Blick der Frühlingsſonne beleuchtet wurde. Wenn wir uns um die Ofenbank herumſchleichen, um den beiden Gäſten in's Geſicht zu ſehen, ſo erkennen wir in dem einen unſern alten Bekannten, den Herrn Stadtſoldaten Stein⸗ mann, der mit ſeinem einen Auge gar vergnügt blinzelte und mit dem ganzen Körper behaglich wackelte. Das andere Subjekt, das neben ihm auf der Bank ſaß, hatte in ſeinem Geſicht eine Familien⸗Aehnlichkeit mit dem Herrn Steinmann, übertraf ihn aber, was Häßlichkeit anbelangt, bei Weitem. Dieſe Familien⸗Aehnlichkeit beſtand nämlich in einem höchſt unangenehmen Schielen mit beiden Augen, welches ſehr bedenklich wurde, wenn das Individuum angelegentlich etwas ſprach. Zuerſt neigten ſich die Augen in einem harmloſen Winkel zu einander, je eifriger aber jener ſprach, um ſo ſtumpfer wurde dieſer Winkel, und zuletzt hätte man glauben können, die beiden Augen ſchauten ſich gegenſeitig an, ergrimmt und boshaft. Dazu war das Individuum in ſeinem Aeußern erſchrecklich vernachläßigt, und wenn man es mit dem Stadtſoldaten auf der Straße hätte gehen ſehen, ſo würde man darauf geſchworen haben, daſſelbe würde von jenem als Vagabund der ſchlimmſten Art auf die Polizeiwache gebracht. Seine Beinkleider(die Stiefel an ſeinen Füßen waren ſolche Ruinen, daß es eigentlich nicht verlohnt, ihrer zu erwähnen)“ von grauem Militärtuch waren ziemlich abgeſchabt, und unterſchiedliche Löcher in denſelben hatte das Individuum mit weißem und ſchwarzem Zwirn zugenäht. Durch ſehr lange Steege war dieſes Kleidungsſtück entſetzlich in die Höhe gezogen, reichte aber trotzdem nicht bis an den zuge⸗ knöpften ſchwarzen Frack und ließ bei jeder Bewegung da, wo Hoſe und Frack ſich hätten berühren ſollen, ein ſchmutziges Hemd 296 Zwanzigſtes Kapitel. . ſehen. Die Halsbinde war ſtrickähnlich aus einem bunten Cat⸗ tuntuche zuſammengedrah⸗ und auf dem ungekämmten Haar ſaß eine verwelkte Mütze. Die Sprache des Individuums, tief und heiſer, paßte zu dem Anzug, eben ſo ſeine Manieren und Reden, welche letztere nicht ohne Humor waren, und wenn man alles das zuſammen nahm, ſo war man feſt überzeugt, daß man es mit einem ausgemacht ſchlechten Kerl zu thun hatte. Der Steinmann that jetzt einen großen Zug aus ſeinem Weinglaſe und ſagte:„Ihr wißt ganz gut, daß ich mich durch⸗ aus in keine Geſchichten einlaſſen kann, die nur einigermaßen öffentlich betrieben werden, in Geſchäfte, bei denen man zulangen muß, wo es gilt, ſich ſelbſt und ſeinen guten Namen auf's Spiel zu ſetzen; ich bin das mir ſelbſt und meiner Stellung ſchuldig, alſo kein Wort mehr davon!“ Der Andere lächelte, und während er in den entfernteſten Winkel des Zimmers zu ſchauen ſchien, ſind wir bei der Con⸗ ſtruktion ſeiner Augen überzeugt, daß er dem Steinmann feſt in's Geſicht blickte.„Ihr habt es eigentlich ſehr angenehm, Ge⸗ vatter,“ ſagte er alsdann:„Ihr tragt Eure Haut niemals zu Markt, geht bei irgend einem Geſchäft in den angränzenden Straßen ſpazieren und ſeid eben ſo bereitwillig, das Gewonnene mit uns zu theilen, als uns feſtzunehmen, ſobald einmal die Geſchichte fehlſchlüge.“ „Dummheiten!“ brummte der Steinmann.„Soll Euch vielleicht einer von der Polizei die Leiter halten, oder arbeite ich nicht außerordentlich für Euch, indem ich mich Abends vor den Häuſern ſehen laſſe und die Leute alsdann glauben, ſie könnten ruhig ſchlafen?— Laßt das dumme Geſchwätz ſein und ſagt mir lieber, ob Ihr was erdacht habt, wie wir jenen Hallunken faſſen können, den Hofkutſcher, den miſerablen Lump, der mich einen räudigen, abgeſchlagenen alten Hund genannt; ja einen Auf⸗ im bunten Cat⸗ mten Haar ſaß ns, tief und en und Reden, enn man alles t, daß man es zug aus ſeinem ich mich durh⸗ r Jin nan zulangen nen auf's Spiel lung ſchuldig, entfernteſten ir bei der Con⸗ Steinmann feſt angenehm⸗ Ge⸗ aut niemals z 1 nnnbinie 1s Gewonnene alb einmal die „Soll Guch oder arbeiteich bends vor den n, f lun⸗ in und d ſagt m zallunken 4 * nich iinan a einen luf —;— 1 297 CThauwetter und Frühlings-Anfang. 4 paſſer hat er mich genannt, einen Spion, und Gott vergeſſe mich, wenn ich ihm das vergeſſe!“— Der Stadtſoldat ſpuckte vor Wuth heftig auf den Boden und ballte ingrimmig die Fäuſte. „Das Beſte wäre,“ meinte der Andere,„wenn wir ihm Abends einmal aufpaßten, unſer vier, fünf, in der Dunkelheit, und ſchlügen ihm ein paar Knochen an ſeinem Leibe entzwei,— was meint Ihr dazu, Gevatter?“ „Schlechte Ideen, miſerable Ideen!“ brummte der Stein⸗ mann:„was habt Ihr davon, was hat er davon? Ich ſetze den Fall, Ihr ſchlagt ihm wirklich ein paar Knochen entzwek, ſo koſtet das Euch ebenfalls ein paar Naſen und ein halb Dutzend Zähne; denn der Kerl iſt ſtark und läßt nicht mit ſich ſpaßen; vielleicht erkennt er einen von Euch und verklagt ihn, und dann habt Ihr die Beſcheerung— und was ſchaden ihm die genoſſenen Prügel?— Er legt ſich vier Wochen lang auf die faule Haut, läßt ſich kuriren und iſt nachher eben ſo wohl daran, wie früher— nein, wir müſſen ihn tiefer faſſen.“ „Ich kenne ſeinen Schatz,“ ſagte der Andere nach einer Pauſe,„ein ſehr ſauberes Mädel, aber dumm, ſie will brav bleiben und keine Liebſchaften anfangen, und könnte welche haben, die ihr viel eintrügen; ſollen wir der einmal einen Streich ſpielen, ſie ins Gerede bringen? Die alte Müllere wird ſich ein Vergnügen daraus machen— der hochmüthige Fratz hat ſie ein paar Mal ablaufen laſſen. 4 „Nebenbei könnte das nichts ſchaden,“ entgegnete nach⸗ denklich der Steinmann;„doch wegen der Hauptſache, da muß man das anders anfaſſen, wir müſſen ihm etwas zurecht machen, daß er im Dienſt einen großen Fehler macht, wo möglich ein Unglück anrichtet und ſo ſeine Stelle verliert, wenigſtens vom Hofkutſcher degradirt wird;— o, wenn ich die Freude erleben 298 Zwanzigſtes Kapitel. könnte, den Kerl ſtatt in der rothen Livree in der grauen Jacke mit Mauleſeln und Miſtwagen fahren zu ſehen, wie wollte ich mich hinſtellen und ihn anlachen und ihm den alten, räudigen Hund hinaufwerfen auf ſein altes ſchäbiges Maulthier!“ „Das wäre allerdings zu überlegen,“ entgegnete der An⸗ dere, dem dieſe Idee augenſcheinlich geftel;“ man müßte nur auf eine pfiffige Art dem Wagen, bevor er ihn einſpannt, beizu⸗ kommen ſuchen, eine Schraube an der Deichſel losdrehen, ein Rad losmachen, etwas am Geſchirr verderben, was aber ſchwierig iſt, oder....“ „Vielleicht etwas in den Weg werfen, den er eines Abends zu fahren hat,“ ergänzte Hieinmann, und der Andere entgegnete: „Ja, ja, es will Kberlegt ſein; aber man muß da verflucht vorſichtig zu Werke gehen.4 „Das iſt Eure Sache!“ ſagte der Steinmann ernſt und gebietend;„denkt Ihr auch einmal darüber nach, ich habe ſchon ſo viel ſür Euch herausklügeln und mein Gehirn anſtrengen⸗ müſſen, daß Ihr einmal ſelbſt etwas erfinden mögt, das gelingen wird; denn gelingen muß es, oder mich ſoll der Teufel holen! Herunter muß der Kerl!“— BVei dieſen Worten ſchlug er er⸗ grimmt mit der Fauſt auf die Bank. „Laßt mich nur machen,“ ſagte der Andere lachend und zog ſeine Mütze unternehmend in die Augen;„wenn wir ihn nicht veranlaſſen, an einem ſchönen Abend auf der geraden Straße einen Hofwagen umzuwerfen, ſo ſoll mich der Teufel holen oder mich der Steinmann am hellen Tag bei einem Ein⸗ bruch erwiſchen! „Schrei nicht ſo laut, Vieh!“ entgegnete der Steinmann und ſtieß ſeinen Gevatter freundſchaftlich aber derb in die Rip⸗ pen, dann wandte er ſich an die Wirthin, die eingetreten war, grauen Jacke rie wollte ich räͤudigen ehen, ein aber ſchwierig 5 Abends ne ꝛtgegnete: verflucht nſt und habe ſchon anſtrengen holen! 5,1 enfo eufel ſchlug er er⸗ 8 d achend und nn wir ihn jder geraden ich der daufil inem Ein⸗ teinmann er S n die Ri— netreten wa, inget 5 1 299 Thauwetter und Frühlings-Anfang. und ließ noch zwei Schoppen Zwölfer einſchenken. Die Beiden ſtießen lächelnd an und wußten ganz genau, auf weſſen Geſund⸗ heit ſie tranken. „Aber wie iſt es mit der anderen Geſchichte?“ ſagte das ſchäbige Individuum;„ich muß immer wieder daran denken.“ „Das ſchlagt Euch vor der Hand aus dem Kopf,“ ant⸗ wortete der Stadtſoldat:„was die Alte beſitzt, das hat ſtie gegen gute Sicherheit ausgeliehen, die läßt nie baar Geld bei ſich liegen.“ „Das weiß ich wohl,“ ſagte eifrig der Andere,„aber eben ſo genau weiß ich auch, daß ſte zweihundert Gulden baares Geld bei ſich hat. Woher ſte's hat, weiß der Teufel, aber heute Morgen, ehe ſie hieher ins Haus kam— ſie bügelt droben bei der Welſcher,— gieng ſie zu dem Commiſſionär in der Stein⸗ ſtraße, und als ſie heraus kam, trug ſte ein paar Rollen Geld in ein Sacktuch gewickelt; ich eilte ihr voraus und hörte, wie ſie auf der Treppe zu einer andern Büglerin ſagte, die ſie mit den Worten anſprach: Nun, Jungfer Kiliane, da hat Sie gewiß ein paar tauſend Goldſtücke?—„Ach, es ſind nur zwei⸗ hundert Gulden ſauer verdienten Geldes, ich will ſie auf die Sparkaſſe thun.“ „Ei, ei!“ ſagte der Steinmann, und dachte über etwas nach;„zweihundert Gulden, hm, das wäre nicht ſo übel, wenn wir Beiden die allein verdienen könnten! Kennt Ihr auch das Haus, wo die Kiliane wohnt?“ „Das will ich meinen, ſo ziemlich!“ lachte der Andere, mäßigte aber ſeinen Eifer, als er bemerkte, wie das Auge des Steinmann funkelnd und lauernd auf ihm lag.„Das heißt: ſo ziemlich! wollte ich ſagen,“ fuhr er fort:„es wohnt ja, wie Ihr wißt, die alte Müllere in demſelben Hauſe; ſie iſt meine Verwandte, und ich komme zuweilen hin.“ 300 Zwanzigſtes Kapitel. „Daß Ihr zuweilen hin kommt, weiß ich,“ ſagte finſter der Steinmann,„und ich hoffe, Kamerad, daß du bloß hin⸗ gehſt wegen der Verwandtſchaft mit der alten Müllere; denn das ſchwöre ich dir zu, haſt du dort andere Mucken im Kopf, ſiehſt du mir das kleine Mädel, die Anna, nur mit einem unrechten Blicke an, und ich erfahr's, was nicht ausbleibt, ſo haſt du deinen letzten Gang gemacht.“ „Ach, was werd' ich!“ ſagte der Andere mühſam lachend. „Gott verdamm' mich, was habt Ihr für dumme Ideen, Ge⸗ vatter! Die Anna iſt jetzt achtzehn Jahre und bleibt für Euch aufgehoben; hat's Euch die alte Müllere nicht verſprochen? und die ſitzt wie ein Drache da und hütet das Mädchen.“ „Ich habe ſte ſauer verdient,“ ſagte der Steinmann nach⸗ denkend;„wie viel Geld habe ich nicht an die Alte gehängt! wie oft kam ſie zu mir gelaufen und ſagte: ich muß Dieß und Das haben, ſonſt iſt mir Alles feil: Weiß der Teufel, ich habe dieſes Mädchen doppelt und dreifach bezahlt.“ „Dafür wird ſie Euch auch bleiben,“ antwortete der An⸗ dere, nſie iſt ja noch blutjung.“ .„Aber ſchön, verdammt ſchön! ſagte der Steinmann, „und man hat Beiſpiele...“ „Denkt nicht mehr daran,“ erwiderte der Anderez„was meint Ihr alſo zu der Geſchichte mit dem Gelde? „Nun ja,“ ſagte der Steinmann nach einer Pauſe, nich will nicht mehr daran denken, aber denket Ihr daran, was ich vorhin geſagt.“— Damit langte er ein großes Brodmeſſer vom Tiſche und ſtieß es zwiſchen ſich und dem Gevatter in die Ofenbank. „Natürlich, natürlich!“ entgegnete der Andere;„wir werden uns da nicht betrügen. Alſo abgemacht iſt, daß die alte Kiliane zweihundert Gulden baares Geld hat, die wird ſier — CThauwetter und Frühlings-Anfang. 301 ſagte finſter heute Nacht mit nach Hauſe nehmen und unfehlbar morgen in du bloß hin⸗ irgend einer Sparkaſſe anlegen; denn darin habt Ihr ſchon recht, ere; denn das Gevatter, daß die Alte kein Geld lange bei ſich verwahrt; alſo Kopf, ſtehſt 4 was geſchehen muß, ſoll heute Nacht geſchehen.“ 6 im unrechten 1 4 „Allerdings!“ ſagte der Gevatter Steinmann. t, ſo haſt du „Sorgt mir alſo dafür, daß heute Nacht unter dem Stadt⸗ zſom lachend. graben nicht viel patrouillirt wird, beſchäftigt Eure Herrn Col⸗ legen in einem andern Theile der Stadt und laßt mich das Ge⸗ t Ideen, Ge⸗ 5* ſchäft ausführen.“ leibt für Euch prochen? und„Alſo geht Ihr heute Abend zur Müllere,“ ſagte der Steinmann und blickte den Collegen forſchend an,„verbergt mann nach⸗ Euch da, und wenn Alles ſtill iſt, ſchleicht Ihr Euch hinauf zu Alte gehängt! der Alten und holt das Geld, aber laßt's kein Unglück geben; 5 Dieß und wenn die Alte wirklich aufwacht,— Ihr wißt, ſolche Perſonen fel, ich habe haben einen leichten Schlaf—, begeht mir ja nichts Gewalt⸗ thätiges gegen ſie; der Teufel auch, das könnten wir brauchen! nete det Uu⸗ 9 Um zweihundert Gulden dürfen wir die Müllere, auf die natür⸗ orte lich einiger Verdacht fällt, nicht ausſetzen, daß man hart gegen ſie verfährt; ſchläft aber die Alte feſt und kann man das Geld nehmen: gut, alsdann geht Ihr wieder zurück zur Müllere, und ich komme hinauf— ja, ich komme hinauf,“ wiederholte „Steinmann, Inde ere;„was er mit leiſer Stimme,„und wir theilen gehörig; die Alte muß auch etwas Ordentliches haben, etwas recht Ordentliches.“— gauſe, 7ic Damit trank er ſein, Glas leer, fuhr mit der Hand über die tan, was ich Augen und ſtand von der Ofenbank auf. 3 Brodmeſſer Wir brauchen wohl nicht zu ſagen, daß das Geſpräch ſo oatter in die leiſe geführt wurde, daß Niemand als die Beiden, ja, Niemand, ——— 1 der im Zimmer geweſen wäre, auch nur eine Silbe davon ver⸗ . r 5... 2„ ndere; 4 ſtanden hätte. Vieles, was wir mit Worten ausdrückten, wurde a daß die. 3 ſt, daß d nur leicht angedeutet mit bezeichnenden Geberden. die wird ſie 302 Bwanzigſles Kapitel. Nachdem nun die Beiden eine leichte Converſation mit der Wirthin gehalten, und nachdem der Stadtſoldat ſeinem Gevatter noch ſehr laut, deutlich und beſtimmt geſagt, er warne ihn hiemit zum letzten Mal vor allen böſen Streichen und erſuche ihn, ſich des Vagabundirens zu enthalten, auch ſich eine ſolide Arbeit zu ſuchen und damit ſein Brod ehrenhaft zu verdienen, ſetzte er ſeine Dienſtmütze auf und verließ das Zimmer. Der Gevatter ſcherzte noch einen Augenbliſf mit der dicken Wirthin, dann gieng er ebenfalls hinaus, ſpähte die Treppe hinauf und verließ ſchleichend das alte Kloſter. Zwei Stockwerke höher, als das Gemach, welches wir ſo eben verlaſſen, in dem Zimmer der Frau Welſcher, herrſchte daſſelbe Leben und Treiben, wie wir es ſchon früher geſehen, nur mit dem Unterſchiede, daß ſich der Dubel nicht an ſeinem gewöhnlichen Platze, auf dem Tiſche befand, und daß die Luft heute viel reiner und angenehmer war, da der Bügeldampf zu dem geöffneten Fenſter hinausdrang und dagegen angenehme, freundliche Frühlingsluft hereinſpielte. Die Kiliane ſaß wie gewöhnlich am Fenſter und ſchaute häufig von ihrer Arbeit zum Fenſter hinaus in die blaue Luft auf einen großen Kaſtanienbaum im benachbarten Hofe, der vor allen anderen Bäumen im Frühjahr ſeine ſaftigen grünen Blätter zuerſt trieb, da er auf einer Waſſerleitung ſtand und ſeine Wur⸗ zeln deßhalb ſanft befeuchtet wurden. Sie dachte an all die Jahre zurück, die ſie ſchon verlebt, an all' die neuen grünen Blätter, die ſie ſchon entſtehen ſah, und daß es jetzt ſchon an ſechszig Jahre ſei, daß ſie vor eben dieſem Fenſter eben dieſen Baum zum erſten Mal grün werden ſah. Sie erinnerte ſich noch, wie man ihn gepflanzt, wie der alte Gärtner, der das beſorgt, längſt verſtorben, eben ſo deſſen Gehülfe und Lehrburſche, und wie all' die kleinen Buben, die damals ation mit der nem Gepatter er warne ihn und erſuche eine ſolide pe hinauf und velches wit ſo her hertſchte rüher geſehen, st an ſeinem daß die Luft ügeldampf zu angenehwe, er und ſchaute die blaue Luft Hofe, der vor nrünen Blätter ind ſeine Wur⸗ te an all die Gärtner, Schülf un ie danalt Körper auf die entſetzlichſte Art zu verdrehen, und welcher bei Thauwetter und Frühlings-Anfang. jubelnd den jungen Baum umſtanden, jetzt ebenfalls größten⸗ theils unter dem Raſen lagen, oder wie die, welche noch übrig waren, das graue Haupt gebückt, einhergiengen. Niemand, ſo dachte die alte Büglerin, ſei ſich gleich geblieben wie ſie und der friſche geſunde Baum da unten. Sie hatte nicht gealtert, denn das war ſo allmählig gekommen, daß ſie es gar nicht ge⸗ merkt, und wenn ſie in dieſem Augenblicke die Augen ſchloß und ſich die alte Zeit zurücggief und auf der Straße die Buben ſchreien hörte, ſo meinte ſie, es ſeien dieſelben kleinen Knirpſe, die damals um den Baum ſtanden; denn ſie erinnerte ſich deut⸗ lich des Anzuges eines jeden derſelben und ſah heute noch, wie ſte damals luſtig um den Baum herum tanzten, nachdem er geſetzt war. Die alte Kiliane war aber auch ein liebenswürdiges, gut erhaltenes Bild hohen Alters, und wie ſie ſo daſaß mit ihrem weißen Haar, neben ſich die kleine Marie, die artige Tänzerin mit den langen, ſchwarzen Locken, ſo bildeten die Beiden ein Gemälde von Jugend und Alter, wie man nichts Schöneres ſehen kann. Die Kleine war ganz glücklich und freute ſich zu Hauſe unbeſchreiblich auf den Moment, wo ſie ihre Schularbeiten be⸗ endigt hatte und alsdann ihre Tanzerercition vom Morgen wie⸗ derholen durfte. Frau Welſcher, die ſich über die außerordent⸗ lich guten Zeugniſſe freute, welche die kleine Tänzerin jede Woche von Signor Benetti nach Hauſe brachte, hatte ihr an der Wand eine lange Stange befeſtigen laſſen, wie ſie im Balletſaale war, und da ſtand ſie nun Stunden lang und machte ihre Fuß⸗ und Körperübungen. In dieſen Beſtrebungen wurde ſie nachgeahmt und unterſtützt durch die Familie Welſcher, namentlich durch den Herrn Welſcher, welcher ſich die erſtaunlichſte Mühe gab, ſeinen * 303 304 Zwanzigſtes Kapitel. einem jedesmaligen Verſuch, eine Pirouette hervorzubringen, mit einem lauten Plumps auf den Boden fiel. Wie herzlich lachte die Kleine bei dieſen künſtleriſchen Beſtrebungen und wie unermüdlich drehte ſte den anderen Kindern die Füßchen aus⸗ wärts, und wie manche Thränen entfloſſen den Augen der bei⸗ den Fräulein Welſcher, da ſich die ſtrenge Mutter durch keine Bitte wollte bewegen laſſen, ihre beiden Töchter ebenfalls auf den Balletſaal zu geben! Draußen auf dem Vorplatz war das große Bogenfenſter ebenfalls geöffnet, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne wetteiferten mit der rothen Gluth in dem Bügelofen, wer am beſten die dunkle Treppe zu vergolden im Stande ſei. Später ſaßen die Kinder draußen und ſchauten dieſem Farbenſpiel zu, bis es dunkler und immer dunkler wurde; dann giengen ſie in das Zimmer zurück, es wurde wie gewöhnlich zu Nacht gegeſſen, die Kleinen zu Bette gebracht, und die Kiliane überwachte das Nachtgebet derſelben. Marie mußte immer zweimal das Zeichen des Kreuzes machen, einmal wie die anderen Kinder und das andere Mal, weil ſte eine Tänzerin war; dann küßte die alte Büglerin ſie herzlich auf die Stirn, zündete ihr Laternchen an und ließ ſich von der Frau Welſcher aus dem Wandſchrank ihr rothgeſtreiftes Taſchentuch geben, in welches ſie zwei Hundert⸗ Guldenrollen eingeknüpft hatte. „Laß' Sie doch das Geld da,“ ſagte die Waſchfrau, vich bin überzengt, daß morgen der Dubel kommt, der macht ſich ein Vergnügen daraus, es Ihr auf die Sparkaſſe zu beſorgen; was will Sie ſich damit herumſchleppen. Doch die alte Kiliane ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte: „Sie weiß, Frau Welſcher, daß ich meine Geſchäfte gern ſelbſt beſorge; ich werde morgen eine„Stunde ſpäter kommen und vorhin mein Kapitälchen beſorgen— oder darf ich vielleicht ervotzubringen, Wie herzlich gen und wie Füßchen aus⸗ der bei⸗ durch keine er 8ebenfalls auf ße Bogenfenſter r untergehenden Bügelofen, wer ſei. Später benſciel zu, n giengen ſte in Nacht gegeſſen, berwachte das Zeichen mal das n küßte die alte hr Laternchen an Wandſchank ihr „ vei Hunderi⸗ 3 zwel bhei der macht ſih Thauwetter und Frühlings-Anfang. 305 nicht ſpäter kommen?“ ſetzte ſte ſchlau lächelnd hinzu,„muß ich meine Arbeitszeit ſo genau einhalten?“ „Ach, geh' Sie mir weg!“ ſagte die Frau Welſcher eben⸗ falls lächelnd,„komm' Sie morgen, wann Sie will, mud nicht nach zehn Uhr, damit Ihr Kaffee nicht kalt wird. Gute Nacht!“ 1„Gute Nacht! behüt' Euch Gott!“ ſagte die Kiliane und gieng dießmal allein nach Hauſe mit ihrem Laternchen und ihren zweihundert Gulden im Sacktuche. Hacklander, Namenl. Geſchichten. I. Einundzwanzigſtes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. — Das Haus, in welchem die Jungfer Kiliane wohnte, war, wie überhaupt die meiſten, die, von der Stadt aus gerechnet, dieſſeits des alten Grabens ſtanden, uralt und zählte noch mehr Lebensjahre, als das Kloſter ſelbſt. Es war verſehen mit jenem hohen und ſpitzen Giebeldache, wie es die Alten ſo gern auf ihre Häuſer ſetzten, mit mehreren Etagen, Böden und Kammern; es hielt das Haus warm, ſchützte es vor allen Winterſtürmen und es ſtund darunter da, wie mit einer rieſenhaften und warmen Schlafmütze verſehen. Im Hofe dieſes Gebäudes befanden ſich Wagenſchuppen, Holzremiſen, die, obgleich ſie einer viel, viel ſpäteren Zeit an⸗ gehörten, doch neben dem geſunden und ſoliden Hauptbau krüp⸗ pelhaft und altersſchwach daſtanden. Auf dieſen Remiſen waren ein paar Zimmer, die einmal von einem Handelsherrn erbaut worden, der, im Vorderhauſe wohnend, im Hintergebäude ſeine Schäzeſtuben haben wollte; auch hatte er eine Gallerie bauen vohnte, wal, 46 gerechnet, te noch meht eun auf ihte * Kammern; ginterſtürmen enhaften und Unter dem Stadtgraben. 307* laſſen, durch welche die verſchiedenen Gelaſſe mit einander ver⸗ bunden wurden. Nachdem aber nach einer Reihe von Jahren das Geſchäft des Kaufmannes in dem Vorderhauſe aufgehört, wurden die Stuben im Hintergebäude vermiethet— zuerſt an ordentliche Leute, ſo lange ſte gut ausſahen; ſpäter, als die Tapeten nach und nach alt wurden, als man die zerbrochenen Fenſter nur noch nothdürftig flickte, als die alte Treppe wackelte und unter jedem Fußtritt knarrte, da kam das Logis immer mehr herunter, bis es zuletzt von einer gewiſſen Madame Müller ge⸗ miethet wurde, deren Bekanntſchaft wir ſpäter machen werden, und die in der ſchlechten Wohnung vortreffliche und verborgene Eigenſchaften erkannte, welche hauptſächlich darin lagen, daß man ihr einen Ausgang durch den finſtern Holzſchuppen geſtattet hatte, durch welchen man in ein Labyrinth dunkler Gäßchen ge⸗ langte, vermittelſt deren es möglich war, namentlich bei Nacht, faſt ungeſehen zur Wohnung der Madame Müller zu gelangen. Die Gallerie, von der wir oben ſprachen, wurde, als man die beiden Wohnungen nicht mehr zuſammen benutzte, eben⸗ falls ſehr vernachläßigt; die Bretter, über welche man gieng, verſchwanden nach und nach und flogen in Rauch auf; es blieb nichts, als das nackte Gerüſt, das, ohne erhaltenden Anſtrich, ohne Ausbeſſerung von Regen und Schneewaſſer nach und nach zerfreſſen wurde, und jetzt nur noch zwiſchen beiden Häuſern eine gefährliche Brücke bildete, auf der nur zuweilen die verwegenſten der Buben aus der Nachbarſchaft durch Herumklettern augen⸗ ſcheinliche Halsbrechungsverſuche anſtellten und es gründlich unterſuchten, wie weit die Langmuth ihres himmliſchen Schöpfers und Erbalters gehe. Auch wurde dieſes Gerüſt zum Waſch⸗ trocknen benutzt und that ſo ſeine Dienſte, aus welchem Grunde man es nicht ſchon lange abgeriſſen hatte. Für dieſes Abreißen hatten ſich auch ſchon mehꝛetemale 20** — 4 308 Einundzwanzigſtes Kapitel. die Einwohner des Haupthauſes ausgeſprochen; denn ihnen war dieſe Verbindung zwiſchen ihren Zimmern und denen der Ma⸗ dame Müller durchaus nicht angenehm; es waren im Haupt⸗ hauſe ſchon einigemal allerlei verdächtige Geſchichten paſſirt: Thü⸗ ren wurden erbrochen, Kleidungsſtücke verſchwanden und derglei⸗ chen mehr, überhaupt waren Sachen vorgefallen, zu deren Mit⸗ wiſſenſchaft man die Madame Müller im Hinterhauſe wohl für fähig hielt. Man hätte auch ein ſchärferes Auge auf ſie gehabt; doch gelang es den eifrigen Bemühungen des vortrefflichen Stadt⸗ ſoldaten Steinmann jedesmal, einen— wenn auch geringen— Theil der im Haupthauſe geſtohlenen Effekten, aber in ganz anderen Gegenden der Stadt, zu entdecken, wodurch natürlicher Weiſe die Eigenthümer wegen des Verdachtes, welchen ſie auf Madame Müller geworfen, dieſe arme gekränkte Frau in ihrem Innern ſtets um Verzeihung baten. Aus dieſem Grunde, und weil ein Bauverſtändiger erklärt hatte, daß das alte morſche Gerüſt zwiſchen beiden Häuſern nicht im Stande ſei, einen er⸗ wachſenen Menſchen zu tragen, wurde es nicht weggeriſſen, der Ausſpruch des Bauverſtändigen dagegen mit leſerlicher Schrift als Warnung auf dem Gerüſte ſelbſt bemerkt.—— Es war bereits Abend geworden, als der Stadtſoldat Steinmann, welcher, nachdem er die Weinſtube im Refektorium des Kloſters verlaſſen, noch einige dienſtliche Geſchäfte beſorgt hatte und abermals durch den Stadtgraben gieng, und, als er an dem Hauſe der Kiliane vorbei kam, beifällig hinauf blin⸗ zelte; dann gieng er ſeines Weges durch die Straßen, eine ein⸗ äugige Nemeſis, ein Engel der Gerechtigkeit, hier leiſe warnend, dort ſtrafend; an dieſem Platze jagte er wohlgekleidete Buben, die ein verbotenes Spiel trieben, mit einem entſetzlichen Fratzen⸗ ggeſicht nach Hauſe, an einer andern Stelle, wo er eine Schaar Bettelhuben bei derſelben Beſchäftigung fand, fuchtelte er ſie ihnen war en der Ma⸗ im Haupt⸗ ſſirt: Thü⸗ und derglei⸗ deren Mit⸗ ſe wohl für jſie gehabt; ſchen Stadt⸗ geringen— her in ganz natürlicher chen ſte auf au in ihrem runde, und alte morſche i, einen er⸗ geriſſen, der icer Schrif Stadtſoldat Reftktorium zäfte beſorgt und, als binauf blin⸗ n, eine ein⸗ warnend/ Buben, iſe idete hen Fratzen⸗ — „(Schaar — eine Scha chtelte 4 Unter dem Stadtgraben. 309 mit der ledernen Scheide ſeines Säbels tüchtig zuſammen und war auf dieſe Art ſtreng gerecht und unpartheiiſch. Auch ver⸗ ſchmähte er es nicht, gelegentlich unter Weges in verſchiedene Wirthshäuſer einzukehren, und, indem er den Schoppen trank, den ihm der Wirth bereitwillig und gratis vorſetzte, verſäumte er nicht, nach verdächtigen Geſichtern auszuſpähen; denn er haßte die fremden Gauner und Vagabunden als Störer der öffentlichen Sicherheit und als— Concurrenten. So gelangte er nach und nach in die breite Straße, wo der Stadtrath Schwämmle wohnte, und wenige Zeit darauf ſehen wir ihn auch an der Glasthüre des Genannten die Klingel ziehen. Stadt⸗ raths Ricke öffnete die Thür, und nachdem er abermals den vergeblichen Verſuch gemacht, das geſunde Mädchen in die dicken Wangen zu kneifen, fragte er nach dem Herrn Stadtrath. „Der Herr Stadtrath ſind zu Hauſe,“ ſagte das Mädchen und öffnete ihm die Thüre zum Arbeitszimmer ihres Herrn. Vater Schwämmle, der eben im Begriffe war, eine Rede zu memoriren, die er in der nächſten Stadtrathsſitzung halten wollte pro neue Kirche contra Löſchanſtalt, gieng dem Stadt⸗ ſoldaten entgegen und fragte nach ſeinem Begehren. „Sie verzeihen, Herr Stadtrath,“ ſagte der Steinmann, „daß ich ſo ſpät Abends noch ſtüre; aber es treibt ſich wieder auf den Straßen ſo allerhand verdächtiges Geſindel umher, und ich wollte mir erlauben, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß es gar nicht ſo ſchlimm wäre, in der obern Stadt, wo weniger Läden und weniger Verkehr auf den Straßen iſt, ein Bischen ſchärfer patrouilliren zu laſſen; in der unteren Stadt, wo ich jedes Haus wie meine Taſche kenne, wird nicht leicht etwas vorfallen, und da— bin ich ſelber.“ „Allerdings,“ ſagte der Stadtrath und unterſtützte nach⸗ denkend das Kinn mit der Hand, vallerdings muß die Polizei 310 Einundzwarnzigſtes Kapitel. ihren Dienſt mit der größten Schärfe verſehen; denn ich verſichere Ihn, Steinmann, es iſt entſetzlich, welche Menge Gaunereien und Diebſtähle aller Art in hieſiger Reſidenz vorkommen; alle Tage bekommt man die Meldung von irgend einem Einbruche, irgend einer Spitzbuberei; es iſt ganz entſetzlich, unter den Menſchen gibt es weder Treu' noch Glauben mehr; die Immora⸗ lität iſt furchtbar geſtiegen, und weßhalb? das will ich Ihm ſagen: weil die Hauptſtütze der Moralität, die Religion, in ihren Fundamenten wankt— weil es— weil es— unter den Menſchen faſt keine Religion mehr gibt; deßhalb, Steinmann, geſchehen ſo viele Gräuelthaten und deßhalb muß jeder redliche Staatsbürger,—— jeder rechtliche, eifrige Staatsbürger, und dazu rechne ich auch Ihn, Steinmann, dafür beſorgt ſein, daß die Religioſttät unter den Menſchen immer mehr angeregt wird und daß die chriſtliche Gemeinde, der wir anzugehören die Ehre haben, feſt zuſammenhalte in Glaube, Liebe und Hoffnung.“ „Allerdings!“ ſagte der Steinmann, der außerordentlich gerührt ſchien;„und der Herr Stadtrath haben in jeder Be⸗ ziehung über mich zu befehlen.“ „Ich weiß das, guter Steinmann,“ ſagte Vater Schwämmle, „und rechne in allem Guten ſtark auf Ihn. Wir alle müſſen Hand anlegen, daß die Religion wieder zu einem feſten Band wird, das uns innig umſchlingt und uns ſtark macht, den Verſuchungen zum Böſen zu widerſtehen— nicht wahr, Steinmann? „Allerdings!“ wiederholte der Stadtſoldat und blinzelte mit augenſcheinlicher Freude auf das Papier, welches Vater Schwämmle in der Hand hielt und in welches derſelbe während des Sprechens zuweilen einen Blick warf. „Ein feſtes Band, das uns umſſchlingt, und dieſes feſte Hverſichere Gaunereien men; alle Einbruche, unter den Immora⸗ 1 ich Iöm ligion, in unter den Steinmann, der redliche natsbürger, ſſorgt ſein, r angeregt nzugehören Liebe und erordentlich jeder Be⸗ chwämmle alle müſſen eſten Band nacht, den iht wahr, id blinzelte ches Vater be wihrend dieſes feſe „ Unter dem Stadtgraben. 311 wahren Jammermiene:„der Dienſt, Herr Stadtrath, der Band, deſſen größter und ſchönſter Theil freilich unſichtbar unſere Herzen zuſammenhält, muß auch zur Ehre Gottes ans Tages⸗ licht treten, majeſtätiſch und unvergänglich, in Stein und Eiſen, ein würdiger Dom für die gläubigſte Gemeinde.“ Der Stadtſoldat wiſchte an ſeinem einen Auge, und Vater Schwämmle legte die Hände mit dem Papier auf den Rücken, hob den Kopf in die Höhe und ſchritt würdevoll auf und ab. Es entſtand eine längere Pauſe, welche endlich der Stadt⸗ ſoldat unterbrach, indem er ſchüchtern ſagte:„Es kann mit der neuen Kirche nicht fehlen, Herr Stadtrath, der ganze Honora⸗ tiorenſtand iſt dafür, und die paar Spritzenmacher und Schlauch⸗ weber, welche für das Löſchcorps ſtimmen, ſind nicht der Rede werth.“ „Glaubt Er, Steinmann?“ ſagte Vater Schwämmle, indem er plötzlich ſtehen blieb,„glaubt Er, daß wir durch⸗ dringen?“ 8» „Ohne Zweifel,“ entgegnete der Andere und fügte ſchlau lächelnd hinzu, indem er eine Verbeugung machte:„und wenn alsdann der Kirchenoberälteſte ſich gnädigſt daran erinnern wollte, welch' ſaurer Dienſt bei der Polizei iſt und wie es ſich dagegen in der Meßnerei ſo angenehm ſitzt, ſo wäre der Tag der glück⸗ lichſte für den armen Steinmann.“ Der Stadtrath klopfte ſeinem ergebenen Diener auf die Schulter und ſagte ſichtlich bewegt:„ſein Eifer, mein Freund, im Dienſte der Stadt iſt wohl bekannt, wir wollen ſehen, was für Ihn zu machen iſt; ſuche er mir aber ja Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen, wie im Einzelnen die Stimmung iſt pro neue Kirche contra Löſchcorps— apropos? Er geht doch fleißig in die Kirche? ich ſehe Ihn in der That nicht allzu oft.“ Der Steinmann faltete die Hände und ſagte mit einer 312 Einundzwanzigſtes Kapitel. Dienſt läßt unſereins nicht oft dazu kommen, das Haus des Herrn zu beſuchen. Die Leute haben des Sonntags Morgens eine wahre Wuth, ihre Wäſche zum Fenſter hinaus zu hängen, ſo wie ihre Blumentöpfe vor demſelben zu begießen; auch kann man es den herrſchaftlichen Wagen tauſend Mal anempfehlen, bei der Kirche langſam vorbei zu fahren,'s hilft Alles nichts, und in dem Punkte ſind die Hofkutſcher die allerſchlimmſten und unter den Hofkutſchern einer— wie heißt er doch gleich? — richtig! Winkler! der allerſchlimmſte.“ „Winkler— Winkler,“ entgegnete der Stadtrath;„ſonſt kein übler Mann, dieſer Winkler; ich kenne ihn, ſeine Mutter war früher bei den Stadtlaternen angeſtellt, ich habe ihr jetzt die Muſeumsquittungen anvertraut.“ „Leider!“ entgegnete der Steinmann;„leider! ich muß geg das wiederholen, leider! Es iſt ein altes, böſes Weib, und wenn ich mich recht erinnere, ſo trägt ſie gerade im jetzigen Au⸗ genblicke ein Circular des Löſchcorps herum.“ „Ein Circular des Löſchcorps?!“ rief entſetzt der Stadt⸗ rath;„eine alte Frau, ſo nahe dem Grabe, agitirt contra neue Kirche? Oh, das iſt ganz entſetzlich!“ „Freilich entſetzlich!“ ſeufzte der Stadtſoldat,„und der Herr Stadtrath ſollten auf dieſe Perſon ein ſtrengeres Auge behalten. „Das werde ich, guter Steinmann,“ entgegnete Vater Schwämmle, und machte in ein Papier auf ſeinem Pult eine kleine Bemerkung;„das werde ich, wie kann ein vernünftiger Menſch pro Löſchcorps contra Kirche ſein?“ Der Stadtſoldat, der, innerlich frohlockend, überzeugt war, Unkraut unter den Waizen geſäet zu haben, und den das Ge⸗ ſpräch über eine neue Kirche bedeutend langweilte, zog ſich ſachte nach der Thür zurück, indem er ſagte:„alſo vermelde — Haus des s Morgens zu hängen, auch kann nempfehlen, 3 nichts, ſchlimmſten doch gleich? ath;„ſonſt ine Mutter be ihr jetzt der Stadt⸗ contrà neue „und det geres Auge mete Vater Pult eine vernünftiget nzeugt wak, das Ge⸗ 7 zag ſcc 5 verwielde —,— Unter dem Stadtgraben. 313 ich beim Appel dem Polizeiwachtmeiſter den Befehl des Herrn Stadtraths....“ „In der obern Stadt fleißig zu patrouilliren,⸗ antwor⸗ tete beſtimmt Vater Schwämmle, nich will es ſo, es iſt mein Befehl!“ „Wünſche eine geruhſame Nacht, Herr Stadtrath!“ „Adieu, guter Steinmann!“ Der Stadtſoldat ſtieg die Treppen hinab und konnte kaum an ſich halten, um nicht laut hinaus zu lachen; aber er erſchien mit der freundlichſten Miene von der Welt beim Appel der Polizeimannſchaft und theilte dem Wachtmeiſter mit, daß ihn der Stadtrath Schwämmle erſuchen laſſe, fleißig in der oberen Stadt zu patrouilliren. Unterdeſſen war es ſpät geworden, die Gaslaternen wurden größtentheils ausgelöſcht, und als die Glocken zwölf Uhr an⸗ ſagten, war die gute Stadt ſo finſter, als es Gauner und Spitz⸗ buben nur wünſchen konnten. In dem engen Gäßchen hinter dem Hauſe, wo die Madame Müller wohnte, ſchlich jenes Subjekt, das wir heute Nachmit⸗ tags bei dem Stadtſoldaten geſehen, langſam einher und that, als es die Thür des Holzſchuppens erreicht, drei leichte Schläge mit der Hand an dieſelbe und dann ſpähte der Kerl an den dunk⸗ len Fenſtern hinauf, und als er nach einer Minute bemerkte, daß droben Feuer geſchlagen wurde, zog er einen Schlüſſel aus der Taſche, öffnete die Thür und trat in den Schuppen, da ihm jenes Zeichen geſagt, daß droben die Luft rein und nichts Ver⸗ dächtiges in der Nähe ſei. Er tappte zwiſchen Holzhaufen und altem Gerümpel aller Art vorſtchtig nach einer Treppe, die er hinaufſtieg, oben die Zimmerthür öffnete und in ein kleines Ge⸗ mach trat, welches nur ein einziges Fenſter nach dem Hofe zu hatte; es war eigentlich eine Glasthür, die auf die früher er⸗ 40 314 Einundzwanzigſtes Kapitel. wähnte Gallerie führte und welche, von innen mit einem tüch⸗ tigen wollenen Vorhang bedeckt, keinen Lichtſtrahl in den Hof fallen ließ. Das Zimmer wan klein, mit einer ärmlichen Eleganz möb⸗ lirt, das heißt, es befand ſich ein Sopha da, mit einem, einſtens roth geweſenen Plüſch überzogen, dazu Stühle mit anderfarbigen Stoffen, eine alte Commode, in der Ecke ſtand eine Guitarre, auf der aber ſämmtliche Saiten fehlten. Anweſend war die Madame Müller ſelbſt, eine Frau in den Vierzigen, hoch gewachſen, mit einem verlebten Geſicht, das Spuren früherer Schönheit trug, und dieſe Frau paßte mit ihrem Anzuge, einem abgeſchabten ſchwarzſeidenen Kleide, zu der ärm⸗ lichen Eleganz des Zimmers. „Was gibt's ſo ſpät?“ fuhr ſte den Eintretenden an; nbiſt du wieder einmal auf der Flucht, oder was hat's ſonſt gegeben? — was willſt du hier?“ „Bſt!“ ſagte der Mann und drückte die Thüre hinter ſich zu, worauf er ſich in das Sopha warf und die Frau mit einem frechen lachenden Blick anſah. „Nun, werd ich erfahren, was du hier willſt?“ ſagte dieſe und ſtemmte ihre kräftigen Arme in die Seite. „Thut doch nicht ſo unwirſch! es iſt ja gerabe ſo, als ob Ihr einen freſſen wolltet!— wir haben ein Geſchäft vor, heute Nacht.“ „Ein Geſchäft?“ fragte Madame Müller und ließ die Hände herabſinken;„Ras Per ein Geſchäft, Taugenichts?“ „Das wird ſich Alles finden,“ entgegnete der Andere; „wo iſt die Anna? „Was geht dich die Anna an, Dummkopf!“ entgegnete t einem tüch⸗ l in den Hof Cleganz möb⸗ inem, einſtens anderfarbigen eine Guitarre, eine Frau in Geſicht, das aßte mit ihrem „ zu der ärn⸗ nden an; vbiſt oonſt gegeben? züre hinter ſich rau mit einem tꝛu ſagte dieſe ahe ſo, als t jft vor, heute und ließ die enichts?“ der Anderei A ntgegnet Unter dem Stadtgraben. 315 die Frau und eine gewiſſe Verlegenheit malte ſich auf ihren harten Züge. „Mich geht ſie freilich nichts an,“ lachte der Andere, mit einem entſetzlichen Schielblick und dehnte ſich auf dem Sopha; „aber der Steinmann wird heute Nacht kommen, und wenn der nach der Anna fragt, die— ſetzte er pfiffig lächelnd hinzu — wohl in Geſchäften auswärts iſt, ſo werdet Ihr wohl nicht ſagen, daß es den nichts angehe! O, ich bin nicht ſo dumm, wie der Steinmann bei all ſeiner Pfiffigkeit, das kann ich Euch verſichern.“ „Der Steinmann wird herkommen?“ ſagte Madame Müller und erſchrack ſichtlich. „Ja, der Stenimann wird herkommen,“ äffte ſie der junge Menſch nach,„und wollt Ihr mich jetzt noch anſchnauzen, da ich herkomme, Euch das zu ſagen, he?“ „Aber was will er hier und was willſt du hier?— was habt Ihr für ein Geſchäft?“ „Das will ich Euch einfach ſagen, Frau; da drüben die Alte hat heute Abend baar Geld mit nach Hauſe gebracht, zwei⸗ hundert Gulden baar Geld, und das wollen wir ohne Quittung bei ihr leihen.“ „So, ſo!“ ſagte die Frau und wurde augenſcheinlich freund⸗ licher,„aber,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, nes geht nicht, wahrhaftig, es geht nicht! Wir ſind ſchon im Verdacht, und wenn da drüben wieder etwas paſſirt, ſo werden wir ans Meſſer geliefert.“ „Dafür laßt den Steinmann ſorgen und antwortet mir: iſt Anna im Hauſe oder nicht?“ „Nein, ſie iſt nicht im Hauſe,“ entgegnete die Frau,„aber ich kann ſte holen.“ „So thut das ja, und ſchnell, denn es könnte eine Haus⸗ 316 Einundzwanzigſtes Kapitel. ſuchung geben, und wenn der Steinmann in dem Falle das un⸗ ſchuldige Mädchen nicht in ihrem Bette fände, nun, nun, da wüßtet Ihr ſelbſt, was es geſchlagen hat.“ „Freilich,“ entgegnete Madame Müller,„das wäre ſchlimm, ſehr ſchlimm! Bleibt Ihr unterdeſſen hier, ich will ſie holen; dort im Wandſchrank ſteht ein Krug Wein, auch was zu eſſen dabei, und das Tau werdet Ihr wohl mitgebracht haben?“ „Allerdings,“ ſagte der Andere lachend, vich gehe nie aus, ohne meinen Strick bei mir zu führen; macht aber jetzt, daß Ihr fortkommt.“ Madame Müller nahm ein Tuch von der Wand, ſchlug es über die Schultern und verließ leiſe das Haus. Der junge Menſch aber holte aus dem Wandſchrank den Krug Wein und was er zu eſſen vorfand, und während er ſoupirte, zog er ſeinen Frack aus und brachte einen feſtgedrehten ſoliden Strick zum Vorſchein, den er unter dem Hemde vielfach um den bloßen Leib gewickelt hatte und der von anſehnlicher Länge war. Dann zog er ſeine Stiefeln aus, nahm aus der Hoſentaſche einen kleinen Bindfaden, den er abwickelte und durch eine zerbrochene Scheibe des Glasfenſters in den Hof rollen ließ; ſodann ſtieg er die Treppe hinab, ſchlich auf dem Hofe unter der Gallerie bis an das vordere Haus und ſpähte da nach einem ſtarken, eiſernen Hacken, an dem früher in der Höhe der Gallerie Brandleitern aufgehängt waren. Richtig! dort war der Hacken; er nahm den Strick doppelt und warf die auf ſolche Art entſtandene Schlinge nach einigen fehlgeſchlagenen Verſuchen in den Hacken, ſo daß ſie hangen blieb, band die beiden anderen Enden des Strickes an den Bindfaden feſt, der auf dem Boden lag, ſchlich die Treppen hinauf, leitete den Strick durch die Glasthür in's Zimmer, zog ihn ſo ſtraff als möglich an und befeſtigte ihn Ran dem Steine, worauf der Ofen ſtand. Als er damit fertig S————— Falle das un⸗ un, nun, da wäre ſchlimm, ill ſie holen; was zu eſſen haben 2¹ gehe nie aus, jett, daß Ihr Wand, ſchlug z. Det junge tug zog er ſeinen n Sttick zum e lloßen Lei Dann Wein und war. ze einen kleinen ochene Scheibe n ſtieg el nt zallerie bi an nie, eſſernen Brandleitern hn; er nahm „ entſtandene in den Hacken/ en Enden des a7 lag, ſtlih glusthür ins befeſtigte ihn a damit fmig — Unter dem Stadtgraben. 317 war, ſetzte oder legte er ſich vielmehr wieder auf das Sopha und ſprach von Zeit zu Zeit dem Weinkruge fleißig zu. Es dauerte nicht lange, ſo hörte er unten an dem Holz⸗ ſchuppen die Thür öffnen, es ſtieg Jemand die Treppe hinauf, und einige Augenblicke danach traten Mutter und Tochter in's Zimmer. Letztere, eleganter als erſtere angezogen, war groß, ſchön und ſchlank gewachſen und hatte etwas wirklich Vorneh⸗ mes an ſich. Sie warf einen Blick unausſprechlicher Verachtung auf den jungen Menſchen, der es bei ihrem Eintritt nicht der Mühe werth fand, ſich aus ſeiner Lage zu erheben, und der ihr, mit vollen Backen kauend, vertraulich zuwinkte. Das Mädchen war ſehr jung, friſch und blühend, und bei all' dieſen Körper⸗ vorzügen erſchien die Entſittlichung, der ſie in ihrer frühen Ju⸗ gend— ſte war wirklich erſt achtzehn Jahre alt— anheimge⸗ fallen ſchien, um ſo entſetzlicher. Sie trug ein graues ſeidenes Kleid, einen langen grünen Shwal, den ſie flüchtig umgeworfen hatte; und deſſen Enden auf dem Boden nachſchleppte, eben ſo flüchtig hatte ſie ihren Hut aufgefetzt, und man ſah überhaupt, daß ſie ihre Toilette in großer Eile gemacht. „Ei, ei, mein Lieb,“ ſagte der junge Menſch auf dem Sopha,„warum ſo verdrießlich? hat man dich geſtört? Thut uns gewiß leid, der Mama ſowohl, wie mir, aber was iſt zu machen, mein Engel? Die Pflicht ruft, die Zeit verrinnt, wir müſſen an's Geſchäft gehen.“ Er hatte augenſcheinlich den Wein zu haſtig getrunken und war dadurch luſtiger geworden, als es zu ſeinem Vorhaben gerade nothwendig war. Er wollte auf das Mädchen zu und ſie mit täppiſcher Freundlichkeit umarmen, doch ſtieß ſie ihn mit geballter Fauſt auf die Bruſt, daß er auf das Sopha zurück⸗ taumelte; dazu blitzte ihr Auge, ihre Oberlippe hob ſich trotzig in die Höhe, und während ſie eine Reihe ſchöner, weißer Zähne 318 Einundzwanzigſtes Kapitel. ſehen ließ, ſtemmte ſie den rechten Arm in die Seile und richtete ſich herausfordernd empor, als wollte ſie ſagen: komm heran, wenn du noch was willſt! Als ſich aber der junge Menſch nach dieſem Auftritt emporraffte, und, ohne ſie weiter zu beachten, an die Glasthüre trat, wandte ſich das Mädchen um, ſchleuderte Hut und Shwal auf das Sopha, öffnete ohne Weiteres ihren grauſeidenen Ueberrock, und während ſie ins Nebenzimmer gieng, ließ ſte denſelben von ihrem Körper herabgleiten und auf der Schwelle liegen, nicht ohne mit dem Fuße noch einen Verſuch zu machen, ihn von ſich wegzuſchleudern. „Ihr habt da ein gut Stück Erziehung gemacht!“ ſagte der junge Menſch, als das Mädchen verſchwunden war, zu der Mutter;„die iſt Euch famos über den Kopf gewachſen.“ Die Alte zuckte die Achſeln, ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ohne Antwort zu geben, raffte die Kleidungsſtücke vom Boden und Sopha auf und verſchloß ſie ſorgfältig in einen geheimen Schrank, der ſich in der Mauer hinter einem gewöhnlichen Schranke befand, welch' letzterer mit Weiberröcken ganz geringer Art angefüllt war. Der junge Menſch prüfte die Feſtigkeit des Seiles, und als er es feſt genug angeſpannt fand, zog er ſeine Kleidungs⸗ ſtücke wieder an, bis auf die Schuhe, welche er an einer kleinen Schnur an dem Halſe feſtband; dann wandte er ſich zur Müllere und ſagte:„paßt mir genau auf, Frau, ich gehe jetzt hinüber und will mein Heil verſuchen. Ihr bleibt hier an dem Glas⸗ fenſter ſtehen und behaltet genau die Thüre drüben im Auge; wenn Ihr mich ruhig zurückkommen ſeht und nichts weiter hört, als daß ich die Thür wieder ſchließe, ſo iſt Alles in Ordnung; hört Ihr mich aber wie eine Ratte pfeifen— Ihr kennt das Zeichen?— ſo habt Ihr nichts weiter zu thun, als den Strick vom Ofenſtein loszumachen, ihn in den Hof hinab zu werfen de und richtete komm heran, Menſch nach zu beachten, /, ſchleuderte Leiteres ihren zimmer gieng, und auf der einen Verſuch nacht!“ ſagte war, zu der chſſen.“ Seufzer aus, „ vom Boden nen geheimen gewöhnlichen ganz geringet Seiles, und ne Kleidungé⸗ n einer kleinen ch zur Müllere e jetzt hinüber an dem Glas⸗ een im Augei z weiter hört, in Ordnungi Ihr kennt dos als den S nab zu verſ Stri Unter dem Stadtgraben. 319 und Euch ins Bett zu legen.— Apropos! iſt die Thür am Holzſchuppen blos angelegt, daß ich ſte im Falle der Flucht nur hinter mir zuzuſchlagen brauche?“ „Alles beſorgt!“ ſagte die Frau mit einiger Bewegung; „jetzt aber macht, daß Ihr hinüber kommt, mir iſt das Herz ſo ſchwer, ich habe immer den Gedanken, es müſſe ein Unglück geben.“ 4 „Ich auch,“ ſagte ruhig lächelnd der junge Menſch und fühlte an ſeine Hoſentaſchen, ob ſein langes Meſſer auch da ſei, das er hier gewöhnlich verwahrte.„Alles in Ordnung!“ rief er dann luſtig. Madame Müller löſchte das Licht aus und der Andere ſchwang ſich durch die Glasthür auf die Gallerie und faßte das Seil, das über ſeinem Kopfe hieng, mit feſter Hand. Auf dieſe Weiſe war es durchaus nicht ſchwer, über die morſche Gallerie ins Vorderhaus hinüber zu ſteigen; er trat mit den Füßen auf die alten Balken, denen er nicht mehr zutraute, als er wußte, daß ſie tragen könnten, die jedoch ſeinem, an dem Seile ſchwebenden Körper, einen augenblicklichen Unterſtützungs⸗ punkt boten. Bald hatte er das Vorderhaus erreicht, und die Thüre, welche von dort auf die Gallerie führte, war ſo leicht verſchloſſen und dabei ſo morſch und alt, daß er mit ſeinem Meſſer bequem zwiſchen den beiden Flügeln durchfahren und von innen den Riegel öffnen konnte. Jetzt einmal im Hauſe, ſchlich er die Treppen hinan in den zweiten und dritten Stock und blieb oft⸗ mals ſtehen, um zu lauſchen, ob ſich in dem weiten Gebäude nichts Verdächtiges rege; da war aber Alles ſtill und ruhig, ſo ſtill, daß er aus einem Zimmer an der Treppe die ſchweren Athemzüge eines feſt Schlafenden vernahm und hörte, wie im untern Stock ein kleines Kind leiſe huſtete. Jetzt hatte er die Thür der Kiliane erreicht. Dieſelbe war 320 Einundzwanzigſtes Kapitel. unverſchloſſen— er trat hinein und ſah bei dem Sternenlicht, wie im zweiten Zimmer die alte Perſon ruhig auf ihrer Matratze am Boden ausgeſtreckt lag und ſchlief, und ſchauderte einen Augenblick, denn die Schlafende auf der Matratze mit der rothen Einfaſſung ſah in dem dämmerigen Licht gerade ſo aus, als läge die Perſon in ihrem Blute ſchwimmend auf der Erde. Dem Gauner pochte das Herz heftig in der Bruſt, und ſeine gierig umherſchweifenden Augen entdeckten zu ſeiner größten Freude das rothearirte Sacktuch mit dem Gelde vor dem Lager der Ki⸗ liane auf einem Stuhle liegen, daneben ein Gebetbuch und eine ausgelöſchte Kerze. Er drückte ſein Meſſer feſt in die Hand zurück und ſchlich dem Lager näher. Ihm klapperten faſt die Zähne im Munde, als er bei ſich ſelbſt ſprach:„wenn die alte achtzigjährige Per⸗ ſon dort auf der Matratze jetzt aufwachte und dich mit weit auf⸗ geriſſenen Augen anſtierte, ſo müßteſt du doch vielleicht dein Meſſer gebrauchen!“ Glücklicherweiſe aber ſchlief die Kiliane ruhig fort, der Dieb nahm ungehindert das Geld von dem Stuhle weg und ſchlüpfte zurück ins Vorzimmer; doͤrt ſchaute und tappte er um⸗ her, und ſah in der halb geöffneten Commode neben andern Dingen, die ihm vollkommen werthlos ſchienen, ein kleines Packetchen liegen, das er durch einen raſchen Griff zu ſich brachte, weil es ihm etwas Rützliches zu enthalten ſchien, und ſich nun eilig entfernte. Ihm war außerordentlich wohl zu Muthe, als er ſo mit den zweihundert Gulden in der Taſche die Treppen hinabſchlüpfte in den zweiten Stock, und dann in den erſten, und als er nur noch wenige Schritte bis zur Gallerie, bis zur Sicherheit hatten.* Da blieb er plötzlich horchend ſtehen, denn es war ihm, als höre er in dem ſtillen Hauſe auf einmal leiſe ſchlurfende n Sternenlicht, ihrer Matratze hauderte einen mit der rothen aus, als läge t Erde. Dem nd ſeine gierig größten Freude Lnger der Ki⸗ tbuch und eine ruck und ſchic one im Munde, igjährige Per⸗ mit weit auf⸗ vielleicht dein übig fort, de tuhle weg ud tappte er um⸗ neben andert 2* ein kleines 2 ſch brachte, und ſich nun uu Muthe, d Treppeu Unter dem Stadtgraben. 321 Tritte, die ſich einer der Zimmerthüren näherten, welche auf den Gang hinaus giengen. Ihm ſtockte das Blut in den Adern, er ſtand regungslos da, nur ſeine Augen eilten umher, um einen Verſteck zu ſuchen, wo er ſich verbergen könne. Da war aber nichts wie die platten Wände; hinab in den Parterreſtock durfte er ſich nicht wagen, er hatte da keinen Ausgang und man konnte ihm oben an der Treppe den Rückzug zur Gallerie abſchneiden.— Entſetzlich! Jetzt waren die Tritte an der Thüre, jetzt wurde die Klinke des Schloſſes aufgedrückt, und der Gauner hatte kaum die Zeit, ſein Meſſer zu ziehen und eine Stellung anzunehmen, die es ihm leicht machte, ſich augenblicklich auf den, der heraus trat, ſtürzen zu können. Obgleich das Aufklinken des Schloſſes keine Sekunde dauerte, ſo däuchte es dem jungen Menſchen doch eine lange Zeit, und wenn er auch ſchon viel geſtohlen und betrogen hatte, ſo klebte doch noch kein Blut an ſeinen Fingern, und es war der Augenblick gekommen, wo er ſich ſagen mußte, er ſei vielleicht in der nächſten Sekunde ein Mörder!— Jetzt öffnete ſich die Thüre und es trat ein alter Mann heraus in einem großblumigen Schlafrock, die Nachtmütze auf dem Kopfe, ein Licht in der Hand. Das Entſetzen, als dieſer vor ſich eine Geſtalt erblickte, die mit aufgehobenem Meſſer da⸗ ſtand, lähmte ſeine Zunge und er blieb unbeweglich ſtehen. So ſtanden Beide vielleicht eine Sekunde einander gegenüber, und der Dieb, der wohl wußte, daß, wenn er ſeine Stellung nur im mindeſten ändere, der Andere einen furchtbaren Schrei ausſtoßen würde, ſagte mit leiſer Stimme, ohne die Lippen zu bewegen und ohne ſeinen Blick von dem Auge deſſelben wegzuwenden: „Herr gehen Sie in Ihr Zimmer zurück, oder Sie ſind des Todes!“ Mechaniſch folgte der alte Mann dieſem Befehle, zog ſich rückwärts in das Zimmer zurück, und der junge Menſch auf dem Hackländer, Namenl. Geſchichten. I. 21 322 Einundzwanzigſtes Kapitel. Gange hatte die Geiſtesgegenwart, den Schlüſſel der Thüre augenblicklich umzudrehen; im gleichen Moment wurde von innen der Riegel vorgeſchoben und kaum hatte der draußen die Thüre zur Gallerie erreicht, als er hörte, wie der alte Mann im Zimmer das Fenſter nach der Straße zu aufriß und nach den Nachtwächtern und Patrouillen ſchrie und: Mörder! Räuber! und Feuer! Der Gauner zog die Thüre feſt hinter ſich zu und blieb er⸗ wartend ſtehen, während er fein und ſcharf nach dem Hinterge⸗ bäude hinüberpfiff. Augenblicklich gab der Strick drüben nach und fiel in den Hof, der junge Menſch ſchwang ſich über das⸗ Geländer der Gallerie und rutſchte an dem anderen Ende des Strickes, den er mit den Händen feſthielt, ebenfalls hinab; dann zog er ihn aus dem Haken heraus, warf ihn über die Schulter, verſchwand durch den Holzſchuppen und zog die Thüre deſſelben, welche in die engen Gäßchen führte, hinter ſich zu. 1 In dem eben noch ſo ſtillen Hauſe wurde jetzt auf das Ge⸗ ſchrei des alten Mannes ein furchtbarer Lärmen wach; die Neben⸗ wohnenden, als ſie Mörder und Räuber rufen hörten, ſchrieen unter ihren Decken ebenfalls hervor, und Jeder glaubte ſchon, in irgend einem Fenſtervorhang oder einem Handtuch einen Kerl zu erblicken, der ihm nach Geld und Leben trachte; Kinder ſchrieen, Weiber kreiſchten, und die alte Kiliane, die geträumt hatte, es ſchleiche Jemand in ihr Zimmer, wurde durch den Spektakel erweckt, rieb ſich die Augen, machte Licht und ſah beim Scheine deſſelben zu ihrem größten Entſetzen, daß die zwei⸗ hundert Gulden von ihrem Stuhle verſchwunden waren. Man kann ſich denken, wie ſchnell ſie ihr Kleid überwarf und mit Zetergeſchrei hinabeilte, um drunten den erwachten Hausgenoſſen zu perkünden, daß ſie beſtohlen worden ſei. Der Lärm pflanzte ſich von dem Haus auf die Straße fort, üfſel der Thüre ent wurde von der draußen die ralte Mann im ß und nach den örder Räuber! zu und blieb er⸗ h dem Hinterge⸗ iick drüben nach g ſich über das, deren Ende des Ils hinab; dann et die Schulter, Thüre deſſilben, u. iat af as ge⸗ nach dieNeban hörten, ſchrieen T glaubte ſchon, dtuch einen Kerl Kinder — — Unter dem Stadtgraben. 323 ein herbeigeeilter Nachtwächter ließ ſein Pfeifchen ertönen, als⸗ bald ſchritt eine Patrouille heran und einige Polizeiſoldaten, unter ihnen der unermüdliche Steinmann, welcher immer der Erſte war, wo es galt, für die Ruhe und das Eigenthum der Bürger einzuſtehen. Vorſichtig wurde die Hausthüre geöffnet, der Steinmann mit ein paar Soldaten von der Patrouille herein gelaſſen, und der alte Mann erzählte von dem Mörder, der mit gezücktem Meſſer vor ihm geſtanden, und die Kiliane berich⸗ tete jammernd, daß man ihr zweihundert Gulden baares Geld geſtohlen. „Zweihundert Gulden baares Geld?“ ſagte der Stein⸗ mann entſetzt und ſchlug die Hände zuſammen;„und aus Ihrem Zimmer?“ „Ja!“ jammerte die Kiliane,„zweihundert Gulden in lauter Guldenſtücken, die ich geſtern mit nach Hauſe gebracht— es iſt ganz entſetzlich!“ Und der ganze Chor von alten und jungen Weibern, von alten und jungen Männern, in den phan⸗ taſtiſchſten Coſtümen jammerte nach: nes iſt ganz entſetzlich!“ Der Steinmann und die Soldaten giengen in den erſten Stock hinauf, und Erſterer ließ ſich zeiigen, wo der Mörder mit dem Meſſer geſtanden; dann unterſuchte er den Platz ringsum, gieng an die Thüre zur Gallerie und ſagte, während er that, als ſchiebe er den Riegel der Thüre jetzt erſt zurück:„wenn der Dieb entkommen iſt, ſo iſt er wahrſcheinlich hier heraus geflüchtet.“ „Unmöglich!“ meinte der alte Herr,„auf die morſche Gal⸗ lerie kann ſich keine Katze wagen, und dann meine ich auch, ich hätte ihn die reppen hinab in den untern Stock ſpringen hören.“ „In den untern Stock?“ kreiſchten mehrere Weiber; die da wohnten, und der würdige Polizeiſoldat Steinmann hatte ſein 21* 324 Einundzwanzigſtes Kapitel. ganzes Anſehen nothwendig, um das Geſchrei endigen zu machen und die Ruhe wieder herzuſtellen.„Wir müſſen unbedingt eine Hausausſuchung halten,“ ſagte er und ordnete dazu das Nöthige an. Die Männer des Hauſes ſchloßen ſich den Soldaten und dem Steinmann an, es wurden Laternen gebracht und man fieng zuerſt auf dem Boden des Hauſes an, emſig zu ſuchen, um, wie der Steinmann wohl wußte, nichts zu finden; eben ſo in den Zimmern der Kiliane und in den andern des dritten Stocks, dann im zweiten Stock, im erſten, im Parterre und zuletzt in dem Keller— nirgends fand ſich eine Spur von Räubern und Mör⸗ dern! Der Steinmann war äußerſt ergrimmt und fluchte bedeu⸗ tend über die Frechheit und Verwegenheit der Diebe; er gieng in den Hof hinaus, unterſuchte den Holzſchuppen unter den Zim⸗ mern der Madame Müller, fand aber natürlicher Weiſe nichts und ſah, daß die Hinterthüre feſt verſchloſſen und ſogar von innen verriegelt war. „Es hilft nichts,“ ſagte der Steinmann,„wir müſſen auch die Zimmer da droben im Hinterhauſe unterſuchen, meine Herren, wenn Sie hier unten warten wollen, ich will mit den Soldaten hinauf gehen und mich droben umſehen. ℳ Mit zitternder Hand zog er an der Klingel, die zur Woh⸗ nung der Madame Müller gehörte, und erſt, als er ſah, daß man droben Feuer ſchlug, ſtieg er mit den beiden Soldaten hinauf. Im tiefſten Negligé wurden ſte droben von der Bewoh⸗ nerin empfangen, welche ſich ſchreiend zurückzog, als ſte den Steinmann von der Polizei und ein paar Soldaten erblickte und erſt nach längerem Parlamentiren dem Erſteren den Ein⸗ tritt in's Zimmer gewährte; die Soldaten mußten auf der Treppe bleiben. „Alles in Ordnung?“ grinzte der Steinmann, als die en zu machen nbedingt eine e dazu das poldaten und nd man fieng en, um, wie en ſo in den Stocks, dann lletzt in dem mund Nör⸗ luchte bedeu⸗ Jer gieng in er den Zim⸗ Weiſe nichts dſogar von müſſen auch neine Herren, en Soldaten zur Woh⸗ e ſah, diß n Soldaten der Bewoh⸗ als ſte den ten erblickte n den Ein⸗ der Treppe als die in, Unter dem Stadtgraben. Thüre hinter ihm in's Schloß fiel, und ſetzte lauernd hinzu: „Iſt die Anna im Bette?“ „Verſteht ſich von ſelbſt!“ ſagte die Frau;„das arme Kind iſt ſo erſchrocken!“ „Schön,“ entgegnete der Stadtſoldat und ein Lächeln flog über ſein Geſicht;„ich muß auch in ihrem Zimmer unterſuchen, ob ſich Niemand dort verſteckt hat.“ „Aber, Herr Steinmann,“ ſagte die Alte und that ſehr erſchreckt,„die Anna iſt in ihrem Bette!“ „Deſto beſſer!“ lachte der Andere,„heute komme ich im Dienſte! und wenn ſie ſich an meinen Anblick in ihrem Schlaf⸗ zimmer gewöhnt hat,“ grinzte er luſtig und ſetzte mit einem finſteren und böſen Blicke hinzu:„ſo wird ſie auch ein anderes Mal nicht mehr ſo viele Schwierigkeiten machen. Schließt nur immerhin die Thüre auf, es iſt nicht anders.“ Die Frau gieng an die Thüre ihrer Tochter, klopfte leiſe an und ſagte:„Anna, biſt du wach?“ „Was wollt Ihr von mir? Was ſoll es, Mutter?“ er⸗ ſchallte die Stimme des Mädchens zurück.. „Erſchrick' nicht,“ fuhr die Mutter fort,„in dem vorderen Hauſe hat man eingebrochen und nun iſt Jemand von der Polizei da und muß auch in deinem Zimmer, wie in jedem andern, nach⸗ ſehen, ob ſich vielleicht Jemand hier verſteckt hat.“ „Bei mir iſt Niemand verſteckt!“ ſagte grollend das Mäd⸗ chen,„das muß ich am Beſten wiſſen!“ „Aber wir müſſen uns davon überzeugen,“ entgegnete der Steinmann und ſein Auge funkelte, während er in das Schlaf⸗ zimmer des Mädchens trat. Da lag ſte oder ſaß vielmehr auf ihrem ärmlichen Bette das 326 Einundzwanzigſtes Kapitel. Mädchen, welches mit ihrem ſtolzen Blick und herriſchen Weſen ſo gar nicht in dieſe Armſeligkeit paßte; die blonden, reichen Haare hiengen aufgelöst um ihren Kopf und fielen über ihr er⸗ hitztes Geſicht, erhitzt von Zorn und— Scham; von Scham, daß ſie gezwungen war, ſich vor dem Menſchen, den ſie vor allen anderen grimmig haßte, ſo wie ſie war, zeigen zu müſſen. Ihr dunkelblaues Auge blitzte, während ſie die ſchlechte geflickte Decke ihres Bettes ſo hoch als möglich empor zog und während ſie heftig ſagte:„und das könnt Ihr leiden, Mutter, daß Der in mein Schlafzimmer kommt?“ Die Frau zuckte mit den Achſeln und der Steinmann ſagte entſchuldigend: nes iſt nicht anders, ich muß meine Pflicht thun.“ 4 Das Maͤdchen drehte ihr Geſicht nach der Wand und gab keine Antwort auf die Frage des Polizeiſoldaten, ob ſie nichts Verdächtiges gehört oder geſehen, worauf die beiden Eingetre⸗ tenen das Gemach wieder verließen und der Steinmann die Thüre ſorgfältig hinter ſich zuzog. Als ſie im vorderen Zimmer allein waren, ſagte er mit leiſer, gepreßter Stimme, während er mit flammendem Auge rückwärts nach der Thüre ſah:„'s bleibt dabei, Frau Müller, ich habe die Geſchichte jetzt ſatt und will ernten, wo ich ſo viel geſäet! So wie da vorn im Hauſe Alles ruhig iſt, komme ich wieder, laßt mir die Thüre offen.“ Die Frau preßte ihre Hände in ſichtlicher Angſt zuſammen und ſagte:„Aber, Herr Steinmann, das geht wahrhaftig nicht, es iſt rein unmöglich.“ „Was unmöglich?“ entgegnete er und ein böſer Blick blitzte aus ſeinem Auge;„ich werde das Unmögliche ſchon möglich machen, dafür laßt mich ſorgen! Habt Ihr mir nicht ſchon ſeit längerer Zeit alle Verſprechungen gemacht? warum thut Ihr nicht das Eurige und ſorgt nicht, daß Ihr das, was en Weſen „reichen er ihr er⸗ Scham, ann ſagte ne Pliicht dund gab ſte nichs Eingetre⸗ die Thürt umer allein rend er mit „5 bleibt t und will zaufe Ales 12 zuſommen heſtg nih — 4 Unter dem Stadtgraben. 327 . 1— Ihr verſprochen, auch halten könnt? Mir iſt alles das gleich, jetzt muß ich hinunter, aber ſorgt nur dafür, daß ich eine offene Thüre finde.“ Die Frau ſtieß ſtatt aller Antwort einen tiefen Seufzer aus, und der Steinmann gieng mit den beiden Soldaten wieder die Treppe hinab und verkündigte den unten Harrenden, daß er auch dort oben nichts gefunden. Es herrſchte unter den Einwohnern des Vordergebäudes ein wirres Durcheinanderſprechen, ein Berathſchlagen über ähn⸗ liche Fälle, wenn ſie wieder vorkämen, und es wurden Ver⸗ muthungen aller Art Preis gegeben über den frechen Dieb und ob er entkommen ſei oder trotz des Nachſuchens ſich noch irgendwo im Hauſe verſteckt befinde. Die Mehrzahl des weiblichen Theils neigte ſich letzterer Anſicht zu und drang mit Bitten in die Män⸗ ner, doch ja für die heutige Nacht eine Wache zu beſtellen, wozu ſich auch die Männer bereit erklärten und den Stadtſoldaten Steinmann unter dem Verſprechen einer anſtändigen Belohnung ebenfalls erſuchten, von der Parthie zu ſein. Letzterem ſchien die Idee des Wachehaltens nicht ganz unerwünſcht zu kommen und er ſtimmte bei und ſetzte hinzu:„wenn der Kerl irgendwo im Hauſe noch verſteckt iſt, ſo kann er ſeinen Weg nur hinten hinaus nehmen, weßhalb es, glaube ich, das Beſte iſt, wenn ich da oben die Bewohner des Hinterhauſes erſuche, mir bis zum Morgen einen Platz in ihrem Zimmer zu bewilligen.“ Gegen dieſen Vorſchlag aber erklärten ſich Viele, nament⸗ lich der alte Herr, der vorhin in Lebensgefahr geſchwebt hatte; er ſchwor mehrere Eide, es ſei viel zweckmäßiger, das Vorder⸗ haus zu bewachen und allenfalls eine Patrouille in den Hof gehen zu laſſen, als das Hinterhaus polizeilich zu beſetzen; er ſei zu ſehr alterirt und müſſe eingeſtehen, daß er heute Nacht nicht im Stande ſei, allein in ſeinem Zimmer auszuhalten; auch 2 328 Einundzwanzigſtes Kapitel. — ſei es, da der Mordverſuch vor ſeinem Zimmer ſtattgefunden⸗ das Allerbeſte, wenn ſich der Steinmann dorthin poſtire. Er nahm den Stadtſoldaten bei dieſen Worten am Arm, verſprach ihm, Geſellſchaft zu leiſten, und ſetzte leiſe hinzu: für einen guten kalten Punſch werde er ſchon ſorgen. Da die ganze Hausbewohnerſchaft für die Idee des alten Herrn ſich ausſprach, dieſer auch für alle Fälle erklärte, er gehe heute Nacht unbedingt nur da hin, wo der Steinmann hin⸗ gehe, und ſei es ſelbſt auf die Polizei, ſo ſah ſich der Stadt⸗ ſoldat genöthigt, nachzugeben, und that dieß äußerlich mit vielem Anſtande und gutem Willen, innerlich aber voll Zorn und Bosheit. Nun wurde das Haus mit ſämmtlichen in demſelben woh⸗ nenden Männern und Knaben über zwölf Jahre milttäriſch beſetzt, um den verſteckten Spitzbuben einzufangen. Im Hofe gieng eine beſtändige Patrouille von Vieren, bewaffnet mit Musketen und roſtigen Säbeln; an der Kellertreppe und an der Hausthüre ſtan⸗ den wenigſtens eben ſo viele, auf den Treppen ſaßen die beherz⸗ teſten der Weiber und Mädchen, um im Nothfalle Allarmzeichen zu geben, und vor ſeinem Zimmer auf dem erſten Stocke befand ſich der alte Herr mit dem Steinmann bei einem Glaſe kalten Punſches, und letzterer ſchielte mit ſeinem einen Auge beſtändig nach der Thüre, die zur Gallerie führte, und überlegte, ob es denn wirklich ſo halsbrechend ſei, auf dem alten Gerüſt in's Hin⸗ terhaus zu gehen, in dem Falle nämlich, daß der alte Herr und die übrige Einwohnerſchaft des Wachens noch vor Tagesanbruch müde würden und ihre Betten aufſuchten. In dem Hinterhauſe hatten die beiden Bewohner die Ruhe auch nicht wieder gefunden, welche durch den Eintritt des Stein⸗ mann geſtört und unterbrochen worden war. Die Frau ſaß am gefunden, ſtire. Er verſprach en guten n woh⸗ ch beſetzt, gieng eine keten und hüre ſtan⸗ ie behetz⸗ aumzeichen Herr und esanbruch die Ruhe 63 Stein⸗ au ſaß an ℳ Unter dem Stadtgraben. 329 Ofen, gedachte des Geſprächs mit dem Stadtſoldaten, lauſchte erſchreckt auf jedes Geräuſch draußen und marterte ihr Gehirn ab, um einen Gedanken zu finden, auf welche Art es möglich ſei, den pfiffigen und gewaltthätigen Steinmann zu überliſten. Dabei warf die Frau von Zeit zu Zeit einen ſchüchternen Blick auf ihre Tochter, welche auf der anderen Seite des Ofens ſaß, bald den Kopf in die Hände legte und in tiefes Hinbrüten verſank, bald wieder eben ſo wie die Mutter auf jedes Geräuſch drunten lauſchte, aber nicht verzagt und ängſtlich, wie dieſe, ſondern wild und herausfordernd, als erwarte ſite mit Vergnügen einen heftigen Kampf, der ihr bevorſtehe. Das Geräuſch unten, welches die Beiden hie und da ver⸗ ſchiedenartig aufregte, kam von der Patrouille im Hofe und jedesmal, wenn ſich die Schritte dem Holzſchuppen näherten, richtete ſich das Mädchen in die Höhe, ſchüttelte die blonden Locken aus dem Geſicht, ihre Augen blitzten und unter den trotzig aufgeworfenen Lippen glänzten jedesmal die großen, ſchnee⸗ weißen Zähne. Die Mutter ſeufzte mehrere Mal tief auf, als wolle ſie die Aufmerkſamkeit ihrer Tochter auf ſich lenken, und ſtieß endlich einen wirklichen Seufzer aus, als ihr das nicht gelang und das Mädchen ſie in ihren tiefen Gedanken nicht beachtete. „Wenn die Nacht endlich vorüber iſt,“ ſagte nach einer längeren Pauſe die Mutter und ſchauerte vor Froſt und Erwar⸗ tung,„ſo will ich zufrieden ſein.“ „Und was habt Ihr dadurch gewonnen?“ ſagte das Mäd⸗ chen raſch auffahrend;„dann kommt der Tag und wieder eine Nacht ähnlich der heutigen, o, wir ſind recht unglücklich!“ „Ja, ja!“ ſeufzte die Mutter,„wir ſind freilich recht un⸗ glücklich, und du vermehrſt meinen Kummer durch deine Trotz und deine Unbeugſamkeit.“ 7„ 1*— Einundzwanzigſtes Ropifel „Durch meinen Trotz und meine unbaggfämtete⸗ ſagte das Mädchen krampfhaft lachend;„bin ich gegen Euch rotzig geweſen? habt Ihr mich nicht unter Euren Wilen gebeugt, tief gebeugt, entſetzlich tief gebeugt?! und als ich Euren Willen that und mich herims ließ— o, ſo tief!— habt Ihr mir nicht nie zu nah' kommen dürfe? habt Ihr das nicht gethan?“ „Allerdings!“ ſagte die Frau ſeufzend;„aber was thut die Armuth nicht? habe ich unſer Verhältniß anders machen können, habe ich nicht ſeine Hülfe annehmen müſſen?“ „Nein, bei Gott!“ rief das Mädchen,„das hältet Ihr nicht gebraucht, das hättet Ihr nie nöthig gehabt, wenn Ihr anders n handeln wollen! Warum haben wir bisher nicht gearbeited? Kerdu habt Ihr mich nichts lernen laſſen— als mich anziehen und Guitarre ſpielen?“ ſetzte ſte ſchrecklich lachend hinzu; „warum nicht?— ich will es Euch ſagen,“ fuhr ſie flüſternd fort:„weil Ihr nicht arbeiten wollt und weil Ihr geſehen, wie ich trotz Elend und Kummer geſund und kräftig heranwuchs, wie ich— ja, ich kann es Euch bg— ein ſchönes Mädchen wurde.“ Die Mutter barg das Geſticht in ihre Hände und das Mäd⸗ chen fuhr fort: „Geſchehene Dinge, Mutter, ſind nicht wohl zu ändern; ich will Euch auch nicht fluchen, denn wenn mein Mund gegen Euch harte, zornige Worte ſprechen will, ſo dränge ich ſte ge⸗ waltſam zurück; denn, Mutter, wenn ich einmal anfangen wollte, Euch zu ſagen, wie es mir hier in meinem Herzen zu Muthe iſt, dann ſolltet Ihr entſetzliche Sachen hören!———— Wie geſagt, vergangen iſt vergangen; ich blicke nur ſelten rückwärts und möchte gern vorwärts ſehen, aber ich kann nicht, bei Gott! ich kann nicht; nur das möchte ich Euch tauſend Mal wieder⸗ das Verſprechen gegeben, daß jener ſchändliche, ſchlechte Kerl mir Unter dem Stadtgraben. 331 da ſagte. 4 1 7 woiig holen: ſchützt mich vor jenem Menſchen, oder es gibt ein furcht⸗ nt, tif bares Unglück!“ en that„Ich muß deine Worte ertragen,“ entgegnete leiſe die air nicht Frau, vobgleich ſie nicht ganz gerecht ſind; was hätte ich bei⸗ gerl mir unſerer Armuth thun ſollen, nachdem dein unglückſeliger Vater geſtorben?“ thut de Ar, Mutter!“— omit hätte ich dich erziehen ſollen?“ fuhr die Frau fort, ohne jene Antwort zu beachten;„mußte ich nicht alle Mittel er⸗ ſtet Ihr greifen, um 3 N um— 9. 64„; enn Ihr„Mich erziehen zu laſſen!“ lachte das Mädchen.—„Eine können,/ her nicht vortreffliche Erziehung, die Ihr mir gegeben! Ja, Ihr habt mich als mich erzogen, daß ſich Gott erbarm! zu einer.. hren, dhinzui 1 Statt dieſes entſetzliche Wort auszuſprachen, ſchlug ſie ſich füſternd f ſelbſt mit ihren Händen wie wahnſinnig in's Geſicht. den, wie Es entſtand eine längere Pauſe, dann fuhr das Mädchen, —— e — 2 — uge das mühſam mit ſich gekämpft, fort zu ſprechen:„als der Vater — noch lebte, Mutter, da war es ſchlimm und doch golden gegen 4 3 jetzt. Wohl erinnere ich mich aus meiner Kindheit einer glück⸗ 4 s Mid⸗ licheren Zeit, aber ſie liegt ſo fern und war ſo kurz, daß ich oft f glaube, ich habe ſte nur geträumt. Dann, Mutter, kam das 4 indern; Unglück in unſer Haus, und damals wußte ich nur— ſo ſagtet 8 Ihr mir freilich, wenn Ihr mir des Morgens ſtatt des Frühſtücks d gegen ein Stück Schwarzbrod gabt, dann ſagtet Ihr: Sieh' Kind, an — ſie ge⸗ 4 1 all' unſerem Unglück iſt dein Vater ſchuld! Und wenn ich fragte: 1 uthe iſt Wie, Mutter? dann gabt Ihr mir zur Antwort: das Geld, von 1 Wie dem wir einen ganzen Tag leben könnten, vertrinkt dein Vater 3 ictwärts Abends im Wirthshauſe; und das war die Wahrheit, denn ſo „j Gott! jung ich war, ſo bemerkte ich doch, wie der Vater Abends be⸗ rieder⸗ rauſcht nach Hauſe kam und zitterte, wenn er kam, und ſchlug 332 Einundzwanzigſtes Kapitel. Euch und mich, ein kleines, armes, unſchuldiges Kind, mit den Füßen von ſich ſtieß; denn er ſagte— was ſagte er doch, daß ich ſei?— wißt Ihr's noch? ich habe es nicht vergeſſen— ich ſei ein Baſtard, ſagte er, ein Kukuksei!— o Mutter! von da an, obgleich ich nicht wußte, was er damit meinte, hatte ich ſogar an dem grünen Walde keine Freude mehr, wie die übrigen Kinder, und wenn der Kukuk ſchrie, ſo abin ich 2. die. l zu Haus und ſchauderte.“ Die Frau ſaß da, ohne eine Sylbe zu antworten, ohne einen Blick auf die Tochter zu werfen, den Kopf in die Hände vergraben und ſeufzte und ſtöhnte nur zuweilen tief auf. „Ich habe Euch das noch nie geſagt, Mutter,“ fuhr das Mädchen fort,„und ich thue es auch nur wegen der heutigen Nacht und⸗Egen der Zukunft; aber Ihr ſollt Alles hören! Freilich mißhandelte uns der Vater, Euch und mich, freilich wur⸗ den wir eine Bettler⸗Familie, freilich ſuchte und fand er ſeinen Tod in dem Fluſſe, aber wer, Frau, hat ihn dazu gebracht?— ich will es Euch ſagen— Ihr ſelbſt!“ Bei dieſen Worten fuhr die Frau gewaltſam in die Höhe und ſtarrte ihre Tochter mit einem ſchrecklichen Blicke an; das Müädchen aber erhob ſich ruhig und gab der Mutter Blick um Blick zurück. „Wer hat dir das geſagt?“ brachte die Frau endlich müh⸗ ſam hervor,„wer hat dir das geſagt?“ „Iſt es vielleicht nicht wahr?“ entgegnete ruhig das Mäd⸗ chen,„bin ich vielleicht kein Baſtard— was?“ Die Frau fiel auf ihren Stuhl zurück, ohne eine Antwort zu geben, und die Tochter fuhr fort: „Wie geſagt, das iſt Alles vorbei, und alle Klagen, alle Verwünſchungen beſſern uns beide nicht; doch Mutter, ich be⸗ — mit den h, daß — ich von da atte ich übrigen Schlaͤge ohne Hände uhr das eutigen hören! h wur⸗ rſeinen ¹ Unter dem Stadtgraben. 333 ſchwöre Euch, laßt uns ein anderes Leben anfangen! Ich bin ja jung und ſtark, ich kann und will arbeiten, laßt uns die Stadt verlaſſen, laßt uns im Lande herum betteln gehen— das iſt ja für mich doch nichts Neues!— bis wir einen ehrlichen Erwerbs⸗ zweig gefunden haben.“ Nach dieſer Rede zum erſten Mal ſchaute die Mutter ihre Tochter mit einem Blicke an, in welchem ſich einige Hoffnung malte, und während ſie ſich ſcheu rings umſah, ſagte ſie haſtig, aber mit leiſer Stimme:„ja, wir wollen, mein Kind! mein armes, unglückliches Mädchen!— und zaͤhlreiche Thränen ent⸗ ſtrömten ihren Augen— ja, wir wollen fort von hier, komm!— jetzt gleich! noch heute Nacht!“ „Heute Nacht? jetzt gleich?“ entgegnete das Mädchen und eine tiefe Röthe flammte in ihrem Geſicht auf.„Heute Nacht wird's nicht gut gehen, auch iſt ja die Nacht bald vorüber, aber Morgen Nacht, dann ſicher, Nees refreef ſprecht mir das?“ „Ja, wenn du willſt, mein Kind,“ ſagte die Frau ſicht⸗ lich erleichtert;„aber der Steinmann?— Wenn der Steinmann kommt?“ „Den laßt nur kommen, Mutter,“ entgegnete das Mädchen und richtete ſich hoch empor,„den laßt kommen, mit dem werde ich fertig, wenn Ihr, Mutter, ihn nicht unterſtützt.“ So endigte das Geſpräch zwiſchen Mutter und Tochter, und es war der Frau in dieſem Augenblicke mit der projektirten Flucht vollkommen Ernſt, und während das Mädchen durch den heranbrechenden Morgen ermuthigt, in ihr Bett zurück gieng, ſuchte die Mutter gllerlei Kleidungsſtücke und andere Sachen in den Schubladen und Schränken zuſammen, machte ein Paket daraus und verbarg es in dem geheimen Fache des Wand⸗ ſchrankes. 334 Einundzwanzigſtes Kapitel. Drüben in dem Vorderhauſe ſaßen der alte Herr und de Steinmann noch immer vor dem Zimmer des Erſteren und Beid rauchten fleißig Cigarren und tranken fleißig kalten Punſch dazu. Der Steinmann bemerkte ebenfalls den Morgen, der herauf dämmerte, und wenn er auch ſehnſüchtig nach dem Hinterhauſe hinüber blickte, ſo tröſtete er ſich doch mit dem Gedanken, daß er am heutigen Tage einiges Geld einzunehmen. habe und daß nach demſelben eine andere und beſſere Nacht folgen werde. ————y— — 3 4 8 . 3. S ☛ * Colour& Grey Sontroſ Chart Cyan Green vellow Heod Magenta . —