F—* X d—. ———-—— 2— ,—— ——— ¹ 7 .„ 4.— 1 1* .— 2— 4 Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5— Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wir — — 8 11 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für Wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——-——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 1 1„— u 2 1„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beichanute, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Lum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Der Zauberer von Rom. Band. Neunter Der ZBauberer von Rom. Roman in neun Büchern von Karl Gutzkow. Neunter Ban d. Leipzig: F. A. Brochhaus. 1861. —————— Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Uebertragung in fremde Sprachen vor. Achtes Buch. Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 1 1. Mühſam windet ſich ein mit fünf Roſſen beſpannter Reiſewagen die Höhen eines kahlen Gebirges hinan... Die Straße iſt es, die von Nizza über den Col de Tende nach dem Piemont führt.. Kreidige Felſen, Reſte vulkaniſcher Zerſtörungen, heben ſich ſchimmerndhell vom tiefblauen Himmel... Die Vegetation wird immer lebloſer, je näher dem höch⸗ ſten Kamm der vom mächtigen Rückgrat der Schweizer⸗ und Savoyer- ſich abzweigenden Seealpen... Noch jetzt, noch am Ende des Juni, liegt Schnee in einzelnen verſteckten Spalten, die ein ſchneidend ſcharfer Wind be⸗ ſtreicht... Zeitig waren die Paſſagiere von Sospello auf⸗ gebrochen... Sie hatten Vorſpann nehmen müſſen ... Bald verließen ſie den Wagen, um den Pferden die Laſt zu erleichtern... Drei Frauen, die rüſtig zu⸗ ſchritten, ſchienen an Anſtrengungen gewöhnt... Ein Kind, das bald ermüdete, ließ man wieder einſitzen... Die beiden Männer ſchritten anfangs mit wetteifernder Ausdauer. 1* ———— ———— Bald aber ermüdete auch von ihnen der eine... Ein heftiger Huſten zwang ihn oft, ſtill zu ſtehen... Nun machten ihm die übrigen Vorwürfe über die An⸗ ſtrengungen, die er ſich zumuthete... Er lächelte eine Weile, ſchüttelte den Kopf, deutete an, es würde gehen ... Zuletzt zwang man ihn, in den Wagen zu ſteigen ... In einen grauen Leibrock mit Metallknöpfen ge⸗ kleidet, ſchien er ein Diener zu ſein— ein weißes Staub⸗ hemd darüber flatterte im Winde.. Im Wagen nahm er das etwa dreijährige Kind, ein heiteres, ſchwarzäugiges Mädchen, auf den Schooß ... Eine der Frauen— man hiütte ſie für die Zofe der beiden andern Damen halten dürfen— ging im ärgſten Staube neben dem Schlage des Wagens und reichte zuweilen die Hand hinauf, die der Kranke dann mit Liebe drückte, während gleichzeitig ein ſanfter Blick ſeines Auges auf die Frauen deutete, die ſeine Begleiterin nicht aus dem Auge verlieren ſollte... Jene aber nahmen die kürzeren Wege und klletterten wie die Ziegen, die in Schaaren auf den kahlen Höhen die wenigen Stellen ſuchten, wo die Vegetation von ihren üppigſten Entfaltungen, die die Reiſenden noch geſtern begleitet hatten, in letzten Kräutern und Grashalmen erſtarb... Geſtern noch Oliven, Gärten voll Orangen, Gebüſche von Myrten und hier und da die einſam träu⸗ mende Dattelpalme; noch in Sospello die nächſten An⸗ höhen bewaldet von Kaſtanien— jetzt aber ſchon ſeit einer Wanderung von zwei Stunden nichts als niedriges Buſchwerk und ſelbſt die Alpenflora durch die große Trockenheit des Bodens gehindert... Hier und 5 da leuchtete wol das ſchöne Himmelblau der Gen⸗ zianen. Die beiden Frauen, in breitrandigen, am Kinn be⸗ feſtigten„Nizzahüten“, deren Strohgeflecht feſt genug iſt, um von den jeweiligen Windſtößen nicht bald dieſe, bald jene Geſtalt zu gewinnen, ſammeln dem Kinde, der kleinen Erdmuthe, was ſie allenfalls an blauen, auch hier und da noch weißen und roſenrothen Blumen entdecken können... Die Alpenroſe findet ſich hier nicht, ſagte die ältere und kleinere Dame; ſie muß doch mehr Schnee und Eis haben, um fortzukommen.. Vielleicht jenſeitis— auf dem niedergehenden Ab⸗ hang— entgegnete die jüngere und nickte vertröſtend der Kleinen zu, die verlangend von der Straße her aus dem Wagen ihr Händchen ſtreckte, an ihrem haſtigen Begehren durch den Fahrenden gehindert, der ſie auf ſeinem Schooße ſchaukelte... Der Arme! Wie er huſtet! ſeufzte die ältere der Frauen mit Hindeutung auf den Mann im weißen Staubhemd... Sie fügte hinzu: Er hätte gar nicht ausſteigen ſollen... Auch die Nähe eines Kranken kann bald zur Ge⸗ wöhnung werden... Selbſt ein hoffnungsloſer Zuſtand wird zuletzt mit Ergebung in die einmal nicht zu ändernde Lebensordnung ſeiner Umgebungen hingenommen... Auf den ſchottiſchen Hochgebirgen fand ich, wie hier am Mittelmeer, nahm die jüngere mit Beziehung auf die fehlende Alpenroſe wieder die frühere Aeußerung auf, ganz die gleichen Blumen... Dieſelben Formen haben ſie, dieſelben Farben... Auch die langen Wurzeln, mit denen ſie ſich feſtklammern müſſen, um den Stürmen zu trotzen... Die Stiele ſind immer kurz... Keine wagt ſich zu ſehr über den ſchützenden Boden hinaus ... Und ſiehe da! Die kleinen Sternblümchen ſchon verwelkt!... Alles wie in Schottland... Ein kurzer ſchöner Frühling— kein Sommer— gleich der Winter... Die Mutter, die wir an ihren grauen Locken als Monika von Hülleshoven erkennen, war ſchon an ſich bewegt vor Erwartung des Ziels dieſer Wanderung... Noch heute konnte ſie hoffen, endlich nach langer, langer Trennung die greiſe, dem Tod nahe Gräfin Erdmuthe von Salem⸗Camphauſen auf Caſtellungo zu ſehen, die Pathe da der kleinen Erdmuthe Hedemann... Mehr als zehn Jahre nach den Tagen damals in der Reſidenz des nun auch ſchon zu ſeinen Vätern verſammelten Kirchen⸗ fürſten, als die Gräfin ſo feſt darauf gerechnet hatte, ihre geliebte Monika würde ſchon den nächſten Frühling in Caſtellungo zubringen... Was war nicht alles da⸗ zwiſchengekommen, bis ſie die edle Greiſin endlich auf ihrem ſchönen italieniſchen Schloſſe wiederſah... Nun ergriff ſie noch Armgart's Wort:„Ein kurzer Frühling— ohne Sommer— gleich der Winter!“... Auf wen wol paßte die Vergleichung mit dem Leben der Alpenblumen mehr, als auf ſie, die jetzt— achtundzwanzigjährige— unver⸗ mählte Armgart!... Sie hatte ſich mit den Jahren dem Vater da, der, um ſich etwas zu verſchnaufen, mit einem Ziegenhirten plaudert, nachgebildet, war in Wuchs gekommen und ein hochaufgeſchoſſenes, ſchlankes Fräulein geworden, wofür ſie nie Ausſicht gegeben... — 7 Um ſo zarter und behender waren ihre Glieder geblieben ... Der Kopf unter dem Strohhut war wol jetzt vom Steigen roſig erglüht; ſonſt aber ſah ihr Antlitz bei weitem blaſſer aus, als in ihrer Jugend und als noch jetzt die Mutter ausſieht, die an ihrer apfelgleichen Friſche und Rüſtigkeit nichts eingebüßt hat... Jenes ihr eigene halbe Lächeln mit den beiden ſchimmernd weißen Vorderzähnen hatte Armgart behalten, aber es gab ihr jetzt eher etwas Strenges; ihre ſchönen Augen waren ernſt und faſt ein wenig ſtarr geworden... Eine Jungfrau, die mit ihren Hoffnungen abſchließt, macht ſchmerzhafte Kriſen der Seele durch... Im übrigen würde Monika, die immer die Gegen⸗ wart und die nächſte Pflicht im Auge behielt, kaum ſo in Rührung gekommen ſein über dieſe Vergleichung.. Noch in Sospello, wo ſie den Berg taxirte und dem Poſthalter, der drei Pferde Vorſpann begehrte, eines als einen Misbrauch abgehandelt hatte, war ſie wie immer laut und entſchloſſen geſprächſam geweſen... Jetzt lag das Jenſeits des hohen Kulms geheimniß⸗ voll vorm Auge... Nun konnte ſie nur mit Weh⸗ muth auf die da und dort ſich ſorglos bückende Armgart ſehen— konnte ſich nur ſagen: Arme Alpenblume auch du! Auch du hatteſt einen ſchönen Mai- und Wonne⸗ mond, dann ſogleich den Herbſt und vielleicht— den ewigen Winter!... Armgart aber rief jetzt lachend: Fühlt ihr nun, daß der Col de Tende ſich ſehen laſſen kann?... Ich ſagt' es ja gleich nach allem, was ich in Nizza erzählen hörte... Den Gipfel er⸗ 00 reichen wir noch vor drei Stunden nicht... Seht ihr auch da oben noch das Haus?... Da füttert der Poſtillon noch eine Stunde und auch wir werden ohne Collation nicht fortkommen... Armgart ſchien die Ruhe und Ergebung ſelbſt ge⸗ worden zu ſein... Sie war ſelbſt um Paula und ihre liebe alte Gräfin, ihr ketzeriſches„Großmütterchen“, nicht aufgeregt, die auch ſie ſeit zehn Jahren nicht ge⸗ ſehen hatte und dort— jenſeits der kahlen Höhe mor— gen, eine Sterbende, finden ſollte!... Paula! Sogar von ihrer geliebteſten Freundin hatte das Leben und die bewegte Zeit ſie faſt im Geiſt verdrängen können... Zu den bitteren Kämpfen, die ſie alle und zumal ihre Familie ſeit zehn Jahren durchgemacht, gehörte ein weh⸗ müthiger, wenn auch unausgeſprochener Zwieſpalt Arm⸗ gart's mit Paula, hervorgerufen durch die ſo mannichfache Verſchiedenheit der Meinungen und Ueberzeugungen... Nächſter Anlaß dieſer Reiſe war keinesweges allein das dringende Bedürfniß, ſich endlich wiederzuſehen, ſon⸗ dern mehr noch der zufällige Umſtand, daß Hedemann, der ſich in einer bewegten Zeit dem Wohl des Oberſten von Hülleshoven geopfert hatte, heftig an der Bruſt er⸗ krankt war, Genf, wo der Oberſt mit den Seinigen ſeit den letzten Jahren gewohnt hatte, erſt mit Nizza ver⸗ tauſchte und dann in der Heimat ſeiner Porzia für immer zurückbleiben— vielleicht dort ſterben wollte... Die Aerzte hatten ihn aufgegeben... Doch die Auflöſung eines ſo kraftvoll gebauten Körpers ließ einen langen Kampf erwarten.... b Ulrich von Hülleshoven, deſſen Locken nun auch ſchon — 9 ergraut ſind, ſchreitet ſchon wieder wacker voraus.. Seit Jahren begleitete ihn auf ſolchen und ähnlichen Wanderungen immer derſelbe mächtige Alpenſtab... Er kehrte dieſen jetzt um, hielt das Ende mit der eiſernen Spitze oben und ſtreckte den Griff ſeiner Frau und Tochter zu mit der ſcherzenden Aufforderung, ſich feſtzuklammern, er wollte ſie hinaufziehen... Aber Armgart ſtemmte im Gegentheil beide Hände an ſeinen Rücken, um ihm hin— aufzuhelfen... Vorwärts! Vorwärts! rief ſie und ihre Kraft gab ihr das Zeugniß noch der Jugend... Porzia unterhielt ſich indeſſen mit dem Poſtillon über ihre endlich wieder begrüßte Heimat, in der ſie die Aeltern nicht, die in Deutſchland waren, nicht die alten Seidenwürmerkammern ihrer mütterlichen Hütte fand, aber die Pathin ihres Kindes, die edle Gräfin, die ſie einſt nach England mitgenommen hatte... Die kleine Erdmuthe plauderte bald deutſch, bald ita⸗ lieniſch... Da ſie ſo viel vom Sterben hörte, fragte ſie, ob es von hier in den Himmel ginge.. Das war nun alles ſo, wie es war und nicht anders ſein konnte... Darum brannte die Sonne ſo drückend wie nur in jedem Juni, pfiff ein ſcharfer, der Hitze widerſprechender Wind aus Nordoſt herüber— hüpften die Ziegen, zankten die Hirten, grüßten die über den Berg gekommenen Fuhrleute, die in zweirädrigen, maul⸗ thierbeſpannten Karren den guten Wein von Coni und Robillante nach dieſſeits führten, und— zankte auch wol Monika, die, als der Poſtillon am Wirthshaus wirk⸗ lich hielt und die Locandiera auf die Beſtellung einer Collazione lauerte, ſagte: 10 Das muß man den Leuten ganz abgewöhnen, den Reiſenden ihren freien Willen rauben zu wollen... In Italien ſoll man nur immer den Muth haben, in jeder Lage Ja! oder Nein! zu ſagen... Sie ließ der kleinen Erdmuthe nur Milch geben... Mutter, entgegnete Armgart, milde lächelnd, dies Haus iſt in der Vorausſetzung gebaut worden, daß man hier nach Eiern und Schinken, nach Wein und vielleicht ſelbſt nach einem kalten Huhn frägt... Es zu bauen hat Mühe gekoſtet... Die Galerie da, die Thüren, die Verſchläge ſind von Holz und Holz wächſt hier nicht... Unſer Leben iſt ja eine einzige große Verſchwörung der verbündeten Menſchheit gegen den Schöpfer, der uns vieles doch ſo gar, gar ſchwer ge⸗ macht hat, beſonders die Exiſtenz... Muß denn nun immer alles ſo regelrecht gehen?... Wenn es nach mir ginge, ich kehrte in jedem Wirthshauſe ein— ich beſtelle auch hier Schinken, Cier und Wein... Das waren nun ſo die kleinen Intermezzis des ge⸗ meinſchaftlichen Reiſens, wo ſich die gegenſeitigen Stel lungen ergaben... Der Oberſt ging gern auf den Ton ſeiner Tochter ein, der ihm ſympathiſch war, wenn er auch wol ſich hütete, die Mutter in ſolchen Fällen ganz Unrecht behalten zu laſſen... Der kleine Imbiß wurde beſtellt... Am öde und einſam gelegenen Wirthshauſe wurde es mit der Zeit ganz lebhaft... Die Weinfuhrleute richteten an den abgeſtiegenen und ſich ganz, als wäre er geſund und nur ein Diener, benehmenden Hedemann die Frage, ob 11 ſie denn auch Neuigkeiten aus der Welt mitbrächten und vor allem von Rom Entſcheidendes über die Belagerung der ewigen Stadt durch die Franzoſen.. Armgart trat über dieſe Fragen zur Seite und Monika wußte, warum ſie es that... Nun beſtellte die Mutter ſelbſt noch mehr, als Armgart gewollt hatte... Auch der Oberſt verſtand Armgart's Beiſeitetreten, ſeufzte und bedeutete Hedemann, der den Fuhrleuten in gebrochenem Italieniſch kurz erzählte, was er wußte, daß er ſich dem ſcharfen Winde nicht ausſetzen und ſo⸗ gleich ins Zimmer treten ſollte... Hedemann erwiderte mit einer Stimme, die ſeine alte Kraft und Männlichkeit nicht mehr erkennen ließ, daß ihm wohl wäre... Auf dieſer luftreinen Höhe, unter dem blauen Dach des Himmels hatten aus dem Munde eines rettungslos Dahinſiechenden die Worte der Ergebung einen doppelt wehmüthigen Nachdruck... Nach einer Raſt von mehr als einer Stunde er⸗ klommen die Gefährten neugeſtärkt die Spitze des nun immer noch kahler werdenden Paſſes... Wie glich ihr mühſames Aufwärtsſchreiten den Kämpfen ihres eigenen Lebens ſelbſt, denen erſt jetzt eine etwas glücklichere Ruhe gefolgt war!... Aber Muth! leuchtete aus dem Auge Monika's, Hoff— nung! aus dem Auge Armgart's... Des Vaters kräftige Hand half jetzt den Klimmenden nach und mancher Scherz über die Poſſirlichkeiten der Klei⸗ nen erheiterte die Stimmung, trotz Porzia's Trauer, trotz Hedemann's wiederholtem: Die Gräfin ruht wol ſchon in Gottes Schooß! trotz aller der Miſchungen von Freude und Schmerz, die ihnen die Nennung der Namen Paula's, des Grafen Hugo und des jetzigen Erzbiſchofs von Coni, Bonaventura von Aſſelyn, bereiten durften. 2. Das waren denn jene muthigen Menſchen, die einige Jahre hindurch, ſchon vor Paula's Vermählung, mit einer Stadt wie Witoborn, mit einer Landſchaft wie die um Kloſter Himmelpfort und weit hinaus in die Ebene hin, einen geiſtigen Kampf zu beginnen gewagt hatten, in dem ſie auf alle Fälle unterliegen mußten... Sie waren nur Sieger über ſich ſelbſt geworden oder trugen, wie Hedemann ſich ausdrückte, das Sterben des Herrn am eigenen Leibe, auf daß an ihnen auch das Leben des Herrn offenbar würde. Der Oberſt hatte ſein kleines Vermögen, auch frem⸗ des, auf die Anlage einer Papierfabrik verwandt... Gerade deshalb, weil in jener Gegend dieſe Induſtrie brach lag, hatte er geglaubt, die Waſſerkraft der Witobach und die ſchon vorhandenen Mühlenwerke für eine ſolche Unternehmung nutzen zu können... Die Kapitalien wurden vom Onkel Dechanten, ſogar zuletzt vom Onkel Levinus dargeboten, letztere allerdings nur von Paula entlehnt— vor dem mächtigen Blick und der bündigen Rede Monika's verſtummte auf Schloß Weſterhof jeder 14 Widerſpruch... Lenkte doch auch ſie die ſo wünſchens⸗ werth gewordene friedliche Ausgleichung mit der jüngeren Linie der Camphauſen in einer ſo entſchiedenen Weiſe, daß überall die nächſten äußerlichen Sorgen ſchwanden ... Endlich hatte auch der Oberſt magnetiſche Gewalt über Paula... Unentbehrlich war er ihr geworden in jenen Zeiten, wo ſich in Paula's Herzen die ſchmerzlich⸗ ſten Kämpfe vollzogen, Kämpfe, die ihren Körper zu zerſtören drohten— ihr Wachſchlummer, ihre Viſionen, die ſonſt lindernd auf ſie gewirkt hatten, traten nach und nach zurück... Der Oberſt mußte ſeiner Penſionsanſprüche wegen dann auf kurze Zeit eine Reiſe nach England machen ... Um Paula's Leiden kehrte er zeitiger heim, als er im Intereſſe Armgart's wünſchen konnte... Dieſe hatte er mitgenommen, da ſie trotz der Ausſöhnung ihrer Aeltern, trotz der Befreiung von Terſchka's Werbungen ein tief in ſich verſchüchtertes Leben darbot und in ihrem Stift Heiligenkreuz um ſo weniger ſich heimiſch fühlte, als Armgart, wie Lucinde, zu jenen Naturen gehörte, die ſelten die Anerkennung der Frauen gewinnen... Was ſie that, wurde wenigſtens in ihrer Heimat aben⸗ teuerlich gefunden; was ſich an ihren Namen knüpfte, wurde ihr zur Ungunſt gedeutet... Sie hatte, ſagte man, Benno von Aſſelyn, Thiebold de Jonge, vielleicht ſelbſt Terſchka„auf dem Gewiſſen“... Die Scheu der katholiſchen Rechtgläubigkeit vor allem, was den Nimbus ihrer Kirche gefährden konnte, verhinderte, daß man um Witoborn offen von Terſchka, als von einem„Jeſuiten der kurzen Robe“ ſprach, von einem Proſelyten dann, em 15 der Glauben und Gelübde in London gewechſelt... Die Aufregung der Gegend um die Vorgänge auf Weſterhof, um den Brand, um die Urkunde, den vielleicht erneuerten Proceß, das mögliche Auftreten und Erſtarken lutheriſcher Elemente in dortiger Gegend wurde ſo groß, daß Arm⸗ gart den Vater auch ganz gern begleitete... Er ließ ſie zurück bei Gräfin Erdmuthe, die bei Lady Elliot theils in der Stadt, theils auf dem Lande wohnte.. Armgart wurde allmählich den Töchtern der Lady un⸗ entbehrlich; ſie hatte in der Geſellſchaft Erfolge, die die Aeltern nicht ſtören mochten... Selbſt die Nähe Terſchka's beunruhigte ſie nicht... Ihr Vater hatte ihn in London wiedergeſehen, hatte ſeinen Muth, mit den Jeſuiten zu brechen, bewundert und vermittelte eine Verſtändigung des Flüchtlings mit dem Grafen Hugo.. Letztere gelang äußerlich, zumal da der Graf durch Terſchka die Aufforderung erhielt, der beim Brand von Weſterhof gefundenen Urkunde entſchieden zu mistrauen und unerſchrocken wieder aufs neue den Proceß zu be— ginnen... Als man Terſchka's Einfluß auf dieſe von Wien verlautenden Drohungen erfuhr, wollten ihn zwar auf Schloß Weſterhof Tante Benigna und Onkel Levi⸗ nus als einen unverbeſſerlichen Sohn der Hölle darſtellen, Monika aber fand ſein Benehmen in der Ordnung und erklärte, daß ſie an des Grafen und Terſchka's Stelle ebenſo handeln, vor allem Lucinden in Wien, den Mönch Hubertus in Rom, den Doctor Nück in der Reſidenz des Kirchenfürſten vernehmen, ja verhaften laſſen würde... Als dann Bonaventura, nach Lucindens Beichte zu Maria⸗ Schnee in Wien, dies große Aergerniß von einer der 16 erſten Familien Deutſchlands abgewandt hatte, als Graf Hugo plötzlich auf Weſterhof erſchien und Paula nach dem ausdrücklich und wunderbarerweiſe von Robillante ge⸗ kommenen Zeugniß Bonaventura's: Dieſer Mann darf dir gehören und du ihm! jetzt willenlos geworden, ja vurch Bonaventura's plötzliche Verpflanzung auf einen Boden, auf den ſie ihm gebührenderweiſe— als Gat⸗, tin des Grafen— ſogar folgen durfte, überwältigt, ja davon wie berauſcht, nachgegeben hatte, gewan⸗ nen der Oberſt und Monika eine mächtige Anlehnung auch an den von ihnen immer empfohlenen Grafen... Dieſer ſchätzte und verehrte ſchon lange die ehemalige Bewohnerin des Kloſters der Hospitaliterinnen in Wien ... Paula ſelbſt fand er dann unter dem magnetiſchen Rapport des Oberſten... Sein eigenes beklommenes, tief verdüſtertes, erſt durch jenen mit Bonaventura auf Schloß Salem hingebrachten„Einen Tag“ dem Aeben wiedergewonnenes Gemüth ſchloß ſich zuletzt beſonders innig dem friſchen, lebendigen Sinn der Bewohner Wito⸗ borns, den„Papiermüllers“ an, wie Oberſt Hülleshoven und die Seinen ſpottend von der ganzen Provinz und den adeligen Genoſſen genannt wurden. Und anfangs machten ſich die Verhältniſſe ganz nach Wunſch... Monika's Rath war für die irrend hin⸗ und hertaſtende Schweſter Benigna, für den vom Erſchei⸗ nen des Grafen Hugo um alle Faſſung gebrachten Levinus unerlaßlich... Paula's Aufregung mußte freilich die Freunde und Verwandte mit Schrecken erfüllen 8... Sie ſchlief zwei Wochen lang nicht eine Nacht und ſprach und that dabei doch alles, was man verlangte, ordnete ihre Wien iſchen nenes, a auf Abben ſenders Wito⸗ hhoven z und n nach nd hin⸗ Erſchei⸗ kevinus lch die Sie ach und ete ihre 17 Ausſtattung, wobei ſie ſelbſt wie eine Magd angriff, der ein höheres Geheiß geworden... Wenn alles er⸗ ſtaunte:„Der Domkapitular iſt Biſchof in Italien!“— wenn man lächelte:„Biſchof in dem Sprengel, wo die Güter der künftigen jungen Gräfin Salem⸗Camphauſen liegen!“, ſo hörte und ſah Paula nichts von Alledem... Graf Hugo wurde ihr in der That noch der liebſte von all den Menſchen, die es außer Bonaventura und Armgart in der Welt gab— war er nicht der Bote, der Bevoll⸗ mächtigte Bonaventura's— war er nicht zart und rückſichtsvoll in ſeinem Benehmen...? Paula war ſcheinbar ſo lebensmuthig geworden, daß ſie ſelbſt dem Troſtworte Monika's nachdenken konnte:„Un mariage de raison! Le comte renoncera à tout droit de pos- session—!... Freilich hörte ſie nicht, was Monika zur Schweſter Benigna hinzuſetzte: Muß man franzöſiſch ſagen, was uns nicht erröthen laſſen ſoll!... Sie hörte das Schmollen nicht über die Unnatur des katholiſchen Prieſter⸗ ſtandes, über die Unnatur des Lebens der höhern Stände überhaupt... Doch allerdings erklärte Monika, hier keinen andern Weg zu wiſſen, als den„eurer üblichen Convenienz“—... Die Familienzweige der Dorſtes durften nicht auseinander gehen.. Niemand unterſtützte dieſe Wendungen mehr, als Bonaventura's Mutter, die Präſidentin von Wittekind⸗ Neuhof... Ihr war es faſt, als könnten nur ſo die düſtren Schleier gewahrt bleiben, die ſich inzwiſchen ſchon theilweiſe von Angiolinen, von Benno und von der Herzogin von Amarillas gelüftet hatten... Wenn Graf Hugo fand, daß gerade er es„nicht um Benno und Bonaven⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 2 18 tura von Aſſelyn verdient“ hätte, auf Schloß Neuhof ſo ſcheu empfangen zu werden, ſo gab ſeine„lutheriſche Religion“ einen Entſchuldigungsgrund für eine Scheu, eben in ihm den Pflegevater, den Geliebten Angiolinens zu ſehen ... Durfte man doch die Beſorgniß hegen, ihn wol gar von dem flüchtigen Terſchka über alles unterrichtet zu wiſſen, was damals in jener von Löb Seligmann belauſchten Ver⸗ handlung zur Sprache gekommen war... Die kluge Präſidentin wollte ihren Gatten, den„Büreaukraten“, wie er um Witoborn hieß, mit dem Geiſt der Provinz verſöhnen und nahm ſogar an den Cxercitien der ab⸗ und zugehenden, ſeltſamerweiſe dem Schloß Weſterhof entſchieden feindlichgeſinnt bleibenden Frau von Sicking Theil... Schon war Paula, opferfreudig und nunmehr in ihrem katholiſchen Sinn heilig überzeugt, daß ſie gerade durch ihre Heirath dem Abgott ihrer Seele, einem Prieſter, noch eine Glorie des Himmels mehr gäbe— ihrem Gatten nach Wien gefolgt, als man immer anregendere und überraſchendere Mittheilungen aus England erhielt . Terſchka ſpielte in London eine glänzende Rolle ... Auch dort ſtanden ihm fördernd ſeine geſelligen Ta⸗ lente zur Seite... Sein Bruch mit dem katholiſchen Glauben, ſeine Flucht vor den Jeſuiten, zu deren Orden er gehört hatte, ſein Anſchluß an Giuſeppe Mazzini, den italieniſchen Agitator, und deſſen Freunde, alles das gab ihm ſelbſt in den Kreiſen der engliſchen Ariſtokratie einen Nimbus... Armgart begegnete ihm in den hohen Kreiſen, in denen ſie lebte... Freilich ſah ſie in ihm ihrerſeits nur das Abbild jener düſtern Tage, wo ſie 19 D Neuhof geglaubt hatte, ſie müßte ſich dem ungewiſſeſten Schickſal heriſche opfern, um nur ihre Mutter vor einer Verirrung zu u, eben bewahren, die die Ausſöhnung mit dem Vater unmöglich u ſehen machte... Aber ihre ganze Verachtung vor dem inner⸗ zarvon lich hohlen, nur geſellſchaftlich verwendbaren Mann durfte en, was ſie ihm nicht ausdrücken, da die Aeltern ſelbſt zu viel auf Ver⸗ ſeine gegenwärtige Geſinnungsänderung hielten, die Gräfin kluge Erdmuthe ihm verziehen hatte, Lady Elliot ihm eine faten“, Stellung über allen Makel gab... rovinz Die Briefe, die in Witoborn bei dem„Oberſten Pa⸗ er ab⸗ piermüller“ ankamen, brachten immer überraſchendere ſſterhof Mittheilungen... Um Terſchka fingen an ſich Gerüchte Sicing zu verbreiten, als ſpielte er eine doppelte Rolle... Er hätte nicht aufgehört das zu ſein, was er war... Ganz übereinſtimmend mit jener vom alten Zickeles in Wien zu Benno gethanen Aeußerung:„Die Jeſuiten erade rieſte,, laſſen ihn auch ſein Proteſtant!“... Schon verlautete ihrem mancher Zweifel an ſeiner fanatiſch zur Schau getragenen eendere lutheriſchen Kirchlichkeit und italieniſchen Freiheitsſympa⸗ axhielt thie... Armgart ſprach von ihm als von einem„ewig Rolle Gezeichneten“... Sie lehnte ſeine Begleitungen ab, n Ta⸗ ſchlug die Huldigungen aus, die ihr ſeine immer noch liſchen lebhafte Galanterie und unbeugſame Elaſticität im ge⸗ Orden ſelligen Verkehr brachte... Manche behaupteten, ſchrieb i, den ſie, Terſchka ſpiele leidenſchaftlich und wäre ſtets in 4 das Verlegenheiten... Letzteres mußte wol der Fall ſein; rtrate denn man bemerkte, daß ihm der Präſident von Witte⸗ bohen kind Geld ſchickte... 1 im Armgart ſelbſt befand ſich im Punkt der Religion 9 ſi immer noch da, wo ſie gleich anfangs mit ihrem, in⸗ 2* 8 H 20 zwiſchen nach Weſterhof, Wien und Italien gegangenen „ketzeriſchen Großmütterchen“ Gräfin Erdmuthe geſtanden ... Lady Elliot beſaß denſelben Bekehrungseifer, wie Gräfin Erdmuthe— hätte ſie nicht Gegner gefunden, ſie würde ſie geſucht haben... Da kam nun ihrer dogmatiſchen Streitſucht ein geiſtesfriſches Mädchen nach Wunſch, das von den Entdeckungen, die Armgart an dem Glauben ihrer Aeltern machte, in einer ſteten, oft, nach Empfang von witoborner Briefen und Nachrichten, fieberhaft kampf⸗ luſtigen Beunruhigung lebte... Die Engländerinnen konnten Armgart um die Geltendmachung ihrer noch ungebrochenen katholiſchen Geſinnung nicht zürnen; denn einmal war und blieb ſie in ihrem Weſen für eine we⸗ niger engherzige Beurtheilung, als die in Stift Heili⸗ genkreuz, die Anmuth ſelbſt und ebenſo beſtrickend war die eigenthümliche Art ihres Wahrheitsſinns, der ſeiner⸗ ſeits aus freiem Trieb ſelbſt nichts ſchonte, was ihr am katholiſchen Leben die flüchtige und entſtellte äußere Er⸗ ſcheinung war. Sie behauptete, nur den Kern feſtzuhalten, und rechnete dann freilich dazu das Martyrium, ihren Umgebungen ſo beſchränkt und lächerlich wie möglich zu erſcheinen. Sie aß am Freitag kein Fleiſch, ſie machte ihre Kreuze, ſie ging in die Meſſen; ſie ſagte: Das iſt blos meine Religion, euch lächerlich zu erſcheinen!... Wenn man ihrer ſpottete und ſie fragte: Wie viel Jahre Ablaß und Milderung für die Läuterung im Fege⸗ feuer ſie ſchon gewonnen hätte? zeigte ſie ihr Büchelchen und gab die Addition von einigen Millionen Jahren an mit den Worten: Die Ewigkeit iſt lang!... Aber im Grunde der Seele wurde ſie über dies und * ngenen ſtanden Gräfin würde atiſchen ch, das nihrer 1g von kampf⸗ erinnen er noch ¹; denn ine we⸗ Heili⸗ d war ſeiner⸗ ihr am ere Er⸗ chalten, ihren lich zu machte das iſt t... Jahre Fexe chelchen ren au es und 21 anderes doch ernſter und bekümmerter... Aus ihrer ſichern, ja trotzigen Lebens⸗ und Denkweiſe, die von einigen großartigen, bis zum Anerbieten glänzender Hei⸗ rathspartieen gehenden Huldigungen unterbrochen wurde, weckten die, trotz ihres Proteſtes dagegen, doch zur hal⸗ ben Engländerin Gewordene mehre der erſchütterndſten Botſchaften, die faſt zu gleicher Zeit in England eintrafen... Die eine war die Nachricht von jener Bewegung um den„Trierſchen Rock“, der ſich die Aeltern, Hedemann und einige Gleichgeſtimmte, ſelbſt in dem urkatholiſchen Witoborn, angeſchloſſen hatten... Die Aeltern hatten in der That förmlich mit der Kirche gebrochen... Sie hatten eine deutſchkatholiſche Gemeinde gebildet, der ſich auch Proteſtanten anſchloſſen... Den Gottesdienſt leiteten abwechſelnd durchreiſende, von ihren Pfarreien oder Vikarieen gewichene Kaplane... Statt der Orgel ſpielte die Tochter des Pfarrers Huber die Harmonika Sogar Püttmeyer wurde ſeinen Gönnern und geiſtigen Gefängnißwärtern rebelliſch und ließ ſich einige⸗ male bei jenen Erbauungen betreffen, bis dann Angelika Müller von den Adeligen aus Wien verſchrieben wurde und die Rechte einer zwanzigjährigen Verlobung geltend machte, um den großen Mann in die Kirche und die Beichtſtühle von Eſchede wieder zurückzuſchmeicheln... Manche in gemiſchten Ehen lebende Gatten oder Brautpaare ent⸗ ſchloſſen ſich, dieſen Ausweg einer neuen Kirche aus aller⸗ lei confeſſionellen Bedrängniſſen zu ergreifen... Der proteſtantiſche Staat, damals überwiegend jeſuitiſch inſpi⸗ rirt, erſchwerte die Bildung auch dieſer witoborner Ge⸗ meinde, konnte ſie aber nicht hindern. 22 Für Witoborn und Umgebung war hiermit ein Aergerniß ohne gleichen gegeben... Norbert Müllenhoff betheuerte auf der Kanzel der Liborikirche: Die Familie des Oberſten von Hülleshoven und ſein Anhang müßte aus dieſer rechtgläubigen Gegend, wo bisher nur Gottes Athem geweht hätte, weichen, es koſtete was es wolle! ... Stutzig wurde er zwar, als die alte Hebamme, auch der buckelige Stammer und ſogar die Finkenhof⸗Lene der neuen Religion ſich anſchloſſen— Das iſt das ſchmerzliche Verhängniß der beſten Principien, daß ſie anfangs die umirrenden und moraliſch heimatloſen Naturen zuerſt anlocken!— Aber ſein Wort verhallte nicht und da die Familie Hülleshoven nicht wich, da die Gemeinde ſich durch die achtbarſten Elemente vergrößerte, ſo kam es zu Aufläufen, zu Beſchädigungen der Fabrik, zum Einſchreiten der bewaffneten Macht... Allen dieſen Prüfungen ſetzte die kleine Gemeinde, die ihre ſchlechten Elemente bald aus⸗ ſchied, Muth und Entſchloſſenheit entgegen... Sie ver⸗ größerte ſich durch die Arbeiter der Fabrik, die aus fernen Gegenden genommen werden mußten, weil auf Prieſter⸗ vorſchrift heimiſche ſchon gar nicht mehr in ſie eintreten durf⸗ ten... Damals holte ſich Hedemann die Keime ſeiner Krank⸗ heit... Der Vielgeprüfte, der an ſeinen verkümmerten Aeltern erlebt hatte, wohin getäuſchtes Vertrauen zur Prie⸗. ſterwürde führen konnte, wollte nach beiden Richtungen hin auf dem Platze bleiben, wollte den Betrieb des Geſchäfts ebenſo abwarten, wie den Ausbau einer von Rom abgefal⸗ lenen, apoſtoliſchen Kirche... So gewaltig ſeine Körper⸗ kraft war, ſie erlag dieſen Mühen, Beunruhigungen, Nacht⸗ wachen, Kämpfen, die bis zum Handgemenge gingen... nit ein pallenhoff Familie g müßte Gottes z wollel bamme, hofLene iſt das daß ſie Naturen und da inde ſich n es zu ſchreiten en ſetzte d aus⸗ Sie ver⸗ 5 fernen Grieſter⸗ en durf⸗ Krank⸗ nmerten ur Prie⸗ 1 ngen hin eſchiſts abgefal⸗ Körper⸗ „Nacht⸗ gen.. 23 In einer kalten Winternacht, als Hedemann im Mühlenwerk noch ſpät allein gearbeitet hatte, ging er, über und über in Schweiß gebadet, in ſeine nahe gelegene Wohnung... Dort warf ihn ein auflauernder Haufe Fanatiker in die an ihrem Urſprung nicht frierende, aber eiſeskalte Witobach... Mit Stangen hatten ſie den Unglücklichen verhindert, aus dem bis an ſeine Bruſt gehenden Strom heraus⸗ zukommen... Sein Hülferuf, der Hülferuf Porzia's, die ſchon im Bett lag und durch die lärmende Scene ans Fenſter getrieben wurde, verjagte die böſe Rotte und end⸗ lich konnte der Mishandelte ans Ufer... Fieberfroſt durchſchauerte ihn; eine lange Krankheit warf ihn aufs Lager... Von dieſer Nacht an ſchrieb ſich der Keim einer Krankheit, die ſeine Lungen zerſtörte... Noch aber würde vielleicht Armgart auf ſolche Schreckenskunden nicht aus England zurückgekehrt ſein, hätte ſich nicht auch um dieſelbe Zeit auf ihre ſtillverſchwiegene Liebe zu Benno und Thiebold— die ſeltſame Einigkeit beider Namen dauerte fort— der trübſte Schatten ge⸗ ſenkt..5. Die Nachricht, daß ſich Benno in die Ver⸗ ſchwörung der Brüder Bandiera eingelaſſen hätte, ge⸗ fänglich eingezogen und auf die Engelsburg gebracht war, hatte nur vorübergehend erſchütternd gewirkt; denn wenige Wochen darauf kam die frohe Botſchaft ſeiner Befreiung ... In dieſen Wochen aber fühlte Armgart erſt, daß es ihr wie Fürſtin Olympia Rucca ging und Thiebold doch nur„eine ſchöne Eigenſchaft an Benno mehr“ war. Sie hatte Benno ſonſt nur, wie ſie ſelbſt glauben wollte, ſchweſterlich geliebt; gibt es aber in der Liebe Stufen? ... Gott, Weib, Kind— es iſt daſſelbe allzündende 24 Feuer, entglommen demſelben Altar, entlodert derſelben Sonne— nur verehren will dies Gefühl und zuletzt erſt erkennt es ſich ganz— in der Sehnſucht nach Erwi⸗ derung... Im ſtillen hatte ſich dieſe Sehnſucht immer höher geſteigert... Wer ſchärfer beobachtete, ſah, Armgart hatte ihre Heiligen, von denen ſie ſprach; ſie hatte noch Heiligere, von denen ſie ſchwieg... So war Paula ihrem wehmüthigen Blick ſchon lange der Sphäre des Irdiſchen entrückt— ſie billigte ihre Ehe, abtr ſie trauerte doch um ſie...„Katholiſch ſein heißt einen geheiligten Willen haben“, hatte ſie einſt zu Lucinden geſagt — dieſe Lehre war groß und doch in den meiſten Fällen— ſchmerzlich... Ebenſo mit Benno und Thiebold... Sie hatte beide in ihrer Verblendung um Terſchka's Willen gekränkt, von beiden für immer Abſchied genommen— wie gedachte ſie jener Scene in der Kapelle mit Thiebold, des Abſchieds von Benno, als dieſer ſie ſo tief beklagte! ... Sie ſchrieben ſich nun nicht, einer ließ den andern nichts von ſich hören— und doch war alles, was Arm— gart erlebte, nur wie ein Stoff zum künftigen Bericht an beide, deren ſie als Freunde ſo gewiß zu bleiben glaubte wie ihres Schattens... Sie tummelten ſich ja jetzt nur in der Welt, wie ſie; ſie würden ſchon wieder zuſammen⸗ kommen und Benno würde dann alles vergeben, was zu vergeben war, würde ausgleichen, was auszugleichen— Damals hatte ſie einem alten Herzog, der ſie, für ſo arm und papiſtiſch ſie galt, zu ſeinem Range erheben wollte, geſagt, ſie wäre verlobt... In jenen Wochen der Angſt und Verzweiflung um erſelben lett erſt Erwi⸗ höber rmanrt te zoch Paula re des er ſie einen geſagt len— Willen gen— jiebold, eklagte! andern Arm⸗ ſcht au tte wie nur in mmen⸗ vas zu gen— für ſo echeben ng um 25 Benno's Schickſal, hätte ſie ſogar Terſchka's Rath und Beiſtand angehen können; denn zu, zu verlaſſen fühlte ſie ſich... Wem ſollte ſie ſagen, was ihr Benno von Aſſelyn geweſen und geworden!... Sie flatterte wie ein zum Tod verwundeter Vogel und ſuchte nun auch Terſchka ſelbſt auf— ſie ſchrieb ihm... Aber gerade jetzt fehlte der ſonſt ſo Zudringliche, jetzt verbarg er ſich— wo und warum?... Sie erhielt einen Brief von Schloß Neuhof, in welchem ſich eine Einlage des Präſidenten für Terſchka befand... Dieſe wollte ſie ihm überſchicken; es hieß, Baron Terſchka wäre verreiſt— einige Italiener ſagten, ſeine Abweſenheit hinge mit dem Aufſtand der Brüder Bandiera zuſammen, die von Korfu nach Calabrien ein⸗ gebrochen waren, mit ihrer kleinen Schaar geſchlagen wurden, im Silaswalde lange umirrten, dann von eini⸗ gen Gefährten verrathen und in Coſenza— ſtandrechtlich erſchoſſen wurden*)——... Den Zuſammenhang des Geſchicks dieſer edlen, da— mals von ganz Europa bemitleideten Jünglinge mit Benno kannte ſie nicht... Sie hörte nur überall den Schrei der Entrüſtung über die Grauſamkeit der Regierung Neapels... Sie durfte damals noch das Aeußerſte auch für Benno fürchten... Im Begleitſchreiben der Ein⸗ lage an Terſchka las ſie, daß der Präſident ſofort die Ver⸗ mittelung der Regierung zu Gunſten Benno's in Anſpruch genommen hatte, aber der traurige Beſcheid war gekom⸗ *) Thatſache. 26 men, daß dieſe den ehemaligen Landwehrmann Benno von Aſſelyn ſchon lange als fahnenflüchtig, zum mindeſten als aus dem Unterthanenverband ausgeſchieden betrachten und ihn ſeinem Schickſal überlaſſen müſſe... Man ſolle ſich an Oeſterreich wenden, hatte es mit bitterer Betonung geheißen, in deſſen Diplomatie er eingetreten ſchiene ſeit ſeiner„Courierreiſe“ nach Rom... Bald aber kam die Kunde, Benno wäre befreit und von der Engelsburg entflohen... Terſchka war es, der dieſe Botſchaft brachte... Von ihrer Liebe konnte er ſich an Armgart's Jubel überzeugen... Seiner Erzählung nach wurde Benno mit dem Advocaten Ber⸗ tinazzi und einigen angeſehenen Männern gefangen ge⸗ nommen... Ein Graf Sarzana konnte ſich nicht unter ihnen befunden haben; denn von Luecinden erzählte Terſchka zu gleicher Zeit, daß ihre ſchon in London bekannt gewordenen Hoffnungen, eine Gräfin Sarzana zu werden, nicht die mindeſte Störung erlitten hätten... Durch eine Fallthür war es dem größten Theil der überraſchten Loge möglich geweſen, einen aus dem Hauſe des Advo⸗ caten führenden geheimen Ausgang zu gewinnen... Nun aber wäre Benno frei, befände ſich in Marſeille und müßte in dieſem Augenblick in Paris ſein... Der Stachel, den Terſchka mit den Worten:„Man ſagt, die allmächtige Nichte des Cardinals Ceccone hätte ihn be⸗ freit!“ in ihr Herz drückte, haftete nicht allzu lange, denn Terſchka führte den Stich nur zögernd; er ſchien vollauf mit dem Brief des Präſidenten beſchäftigt— mit welchem er über die von ihm noch zurückgehaltene vollere„Orienti⸗ rung des Grafen Hugo in Betreff Angiolinens und der an Benno windeſten betrachten .. Man iit bitterer eingetreten efreit und war es, ebe konnte .Seiner raten Ber⸗ angen ge⸗ nicht unter erzählte zin bekannt u werden, .. Durch berihie des Adbo⸗ ... Nun feille und .. Der ſagt, die 3 ihn be⸗ nge, denn en vollauf t welchem Orient⸗ z und der 27 Herzogin von Amarillas“ ſchon lange correſpondirte und — rechnete... Während Armgart nun von Tag zu Tag auf Nach⸗ richten aus Marſeille oder Paris harrte oder wenigſtens aus Witoborn oder Kocher am Fall— auch mit dem Onkel Dechanten correſpondirte ſie— erfuhr ſie die über⸗ raſchende Anweſenheit Paula's und ihres nunmehrigen Gatten wieder auf Schloß Weſterhof... Paula hatte ſich in Wien nicht heimiſch fühlen können und war in ihre magnetiſchen Zuſtände zurückverfallen... Der Oberſt ſtand mit ihr im Rapport— Graf Hugo ſah ihr jeden Wunſch am Auge ab... Noch mehr, als die Provinz erleben ſollte, der deutſchkatholiſche Oberſt magnetiſirte die Gräfin Dorſte, entführte ſie ihr Gatte ſelbſt dieſen Conflicten und wollte mit ihr nach Italien... Die Mutter des Grafen ſah darin nichts als die äußerſte Schwäche ihres Sohnes, der ſogar ſeine Gattin dem Prieſter zuführe, den ſie liebe... In jenen Tagen geſchah dies alles, wo Bo⸗ naventura in Rom war, um ſich zu vertheidigen wegen ſeines Schutzes waldenſiſcher Sektirer, ja wegen ſeines Rufs, ein Magnetiſeur geweſen zu ſein.. Wie mußte Armgart erſtaunen, als Terſchka die Bot⸗ ſchaft brachte: Biſchof Bonaventura kehrt nach dem Thal von Caſtellungo als Erzbiſchof von Coni zurück! An die Stelle ſeines grimmen Feindes Fefelotti!... Wie⸗ der war es, wenigſtens in Terſchka's Darſtellung, Für⸗ ſtin Olympia Rucca, die als die Retterin und Vor⸗ ſehung auch dieſes Aſſelyns genannt wurde... Schon ſetzte Terſchka mit zweideutigem Lächeln hinzu, Fürſt Ercolano Rucca hätte ſich zum Attaché der Nuntiatur in 28 Paris machen laſſen und ſeine Frau wäre ihm voraus⸗ geeilt, um in Paris— eine Wohnung zu beſtellen. Noch glitt aller Verdacht von Armgart's reiner Seele Nur das Eine begriff ſie nicht, warum von Thiebold nichts verlautete, warum Benno nicht nach Lon⸗ don kam, wo ſich doch alle Freunde Italiens ſammelten, auch die Trümmer jener ſo unglücklich geſcheiterten Ban⸗ diera'ſchen Expedition... Terſchka konnte dann nicht länger bei ihr gegen Benno wühlen... Wieder war er für einige Zeit vom Schauplatz der Geſellſchaft Londons verſchwunden... Seit dann Bonaventura in der That mit glänzender Genugthuung Erzbiſchof von Coni geworden war, hörte ſie von Weſterhof, mit Ausnahme der ihre Aeltern be⸗ treffenden Nachrichten, eine Weile nur Frohes und Gu⸗ tes... Noch war Paula in Weſterhof... Armgart ſchrieb ihr, ſie möchte alles aufbieten, die Aeltern vor dem Aeußerſten ihrer Unternehmungen zu bewahren... Als ſie Briefe erhielt, die hier jede Möglichkeit der Einwirkung in Abrede ſtellten, kämpfte ſie mit ſich, ob ſie nicht ſo⸗ fort abreiſen ſollte... Sie würde dieſem Triebe gefolgt ſein, wenn nicht von ihrer Mutter das ausdrückliche Ver⸗ bot gekommen wäre... Die Mutter fügte hinzu, daß ſich auch gegen Paula's und des Grafen längeres Ver⸗ weilen in der Provinz Intriguen zeigten... Die Geiſt⸗ lichen hätten gegen die Wunderkraft Paula's gepredigt ... Der Zuſtrom derer, die Heilung begehrten, hätte, ſeitdem überall in den Beichtſtühlen der Beſuch Weſter⸗ hofs widerrathen würde, abgenommen... Die Ehe mit einem Lutheraner, die geiſtige Verbindung mit einem nvoraus⸗ ellen... ner Seele rum von nach Lon⸗ mmelten, ten Ban⸗ un nicht war er Londons änzender r, hörte tern be⸗ nd Gu⸗ Armgart vor dem Ass ſie mwirkung nicht ſo⸗ gefolgt he Ver⸗ u, daß es Ver⸗ e Geiſt⸗ epredigt „hätte, Weſter⸗ Fhe mit einem 29 Deutſchkatholiken könnte ja auf alle Fälle nur Unheil bringen... Man trüge ſich mit Abſchriften der Ge— ſichte, die Paula unter des Vaters magnetiſcher Hand gehabt hätte, und fände in ihnen einen Himmel und eine Erde, die mit den rechtgläubigen Bedingungen nichts gemein hätten... Während Paula alle Obliegenheiten ihres Glaubens noch immer erfülle, erſchiene ihr in ihren Wahn⸗ und Ahnungsgebilden weder der blutende Chri⸗ ſtus, noch ſein durchſtochenes Herz, weder das Lamm mit der Fahne, noch die Mutter Gottes... Sie ſähe Tempel, aber ſie wären ohne Hochaltar; ſie ſähe Opfer, aber ſie ſchienen nichts als der Duft der Blumen zu ſein... Paula behaupte, von jedem Dinge die Seele zu erblicken und dieſe trüge nichts zur Schau von einem Verlangen nach Erlöſung... Meiſt ſchwebte alles, was ſie ſähe und erkenne, über einen unermeßlichen Regen⸗ bogen hinweg... Armgart's Bildung und Stimmung war reif genug, zu ſagen: Sie ſieht aus den inneren Er⸗ fahrungen ihres Herzens das Land ihrer Sehnſucht, wo es keinen Haß und keine Verfolgung mehr gibt!... Die Mutter ſagte: Sie ſieht, unter meines theuern Gatten Hand, das Land der Wahrheit... Der Onkel Dechant ſchrieb: Sie ſieht— Italien!... Die Gegenſätze hatten, das erkannte Armgart, um Witoborn eine Höhe erreicht, wo es keine friedliche Aus⸗ gleichung mehr gab... Schon hatten Monika und Benigna, Ulrich und Levinus Hülleshoven wieder ihre natürlichen Stellungen eingenommen und trotzdem, daß oft der Oberſt nach Weſterhof kam, innerlich gebrochen ... Selbſt Graf Hugo war geneigt, für die Bewahrung 30 des Alten Partei zu nehmen, wenigſtens keinen Anſtoß erregen zu wollen durch zu auffallende Begünſtigung der kleinen Ketzergemeinde in Witoborn... Und Monika ſagte offen, daß Paula noch den Grafen zu ihrem Bekenntniß hinüberziehen würde... Briefe voll äußerſten Schmerzes kamen darüber aus Caſtellungo von des Grafen Mutter ... Armgart ſchrieb hin und her zur Vermittelung, zur Aufklärung... Vergebens; der Bruch zwiſchen ihrer Mutter und Weſterhof wurde unheilbar... Graf Hugo konnte ſich nur mit Schwierigkeit, Oberſt Hülleshoven unter keinerlei Bedingung mehr in Witoborn halten... Armgart's Aufregung wuchs, als der Onkel Dechant, der von allen dieſen Vorgängen, von Benno's Schick⸗ ſalen, von den allmählichen Entdeckungen über deſſen Her⸗ kunft ſeine ſchon dem Erlöſchen nahe Lebensflamme noch einmal neu und nicht wohlthuend geſchürt ſah, gerade ihr, der er ſich, ſeit Armgart's vertrauensvoller Bitte um ſeine Hülfe beim Ausſöhnen ihrer Aeltern, beſonders theilneh⸗ mend zugewandt hatte, aus Kocher ſchrieb:„Zu den Mislichkeiten des Kampfes deiner Aeltern gehört vorzugs⸗ weiſe die ausbleibende Unterſtützung durch den Staat... So tiefe Wurzeln hat bereits die durch die katholiſche Reaction geſchürte Reue über den Abfall von Rom bei den maßgebenden Proteſtanten geſchlagen, daß ſich nie⸗ mand findet, der dieſe große Bewegung einer Reform des römiſchen Glaubens würdig unterſtützt... Die proteſtan⸗ tiſchen Regierungen fühlen ganz das, was die Jeſuiten zum Staatskanzler geſagt haben ſollen: Wir ſind Conſerva⸗ toren! Wir erhalten und bekämpfen eben das, was ihr! ... Die Fürſten Deutſchlands ſuchen die kleinſte Aen⸗ Anſtoß ung der ila ſagte kenntniß chmerzes Mutter ng, zur n ihrer f Hugo eshoven len... Dechant, Schick⸗ ſen Her⸗ me noch ade ihr, um ſeine theilneh⸗ Zu den vorzugs⸗ taat... tholiſche Rom bei ſich nie⸗ orm des roteſtan⸗ ten zum onſerva⸗ was ihrl nſte Aen⸗ 31 derung des Gegebenen zu hindern, im Vorgefühl, daß ein einziges weggenommenes Sandkorn zur ſtürzenden La⸗ vine anwachſen könnte... So muß dieſe denkwürdige Bewegung, da ſie ohne den Beiſtand tieferer Geiſter bleibt, in ſich erſterben, ja ſie wird zum Gewöhnlichen herabgezogen und, ganz nach den Anweiſungen der Jeſuiten, zu einer Sache mehr oder weniger nur des Pöbels gemacht werden“. Die kindliche Liebe, die Bewunderung, die Armgart vor der treuverbundenen Zärtlichkeit ihrer Aeltern er⸗ füllte, entwaffnete ihren Widerſpruch gegen alles, was von den Aeltern unternommen wurde... Wie es ver⸗ zweifelte Aufgaben mit ſich zu bringen pflegen, die Wahl der Hülfsmittel, die die Aeltern ergriffen, konnte ſie unmöglich alle billigen... Selbſt der ruhige, kalt⸗ blütige Vater ließ ſich vom trotzenden Sinn der Mutter zu Unbedachtem fortreißen... Allen Adelsgenoſſen der Gegend bot er das Schauſpiel eines mit Abſicht den Nimbus ſeiner Geburt Zerſtörenden... An ſeiner Fabrik betheiligte er ſich wie ein Arbeiter, ließ ſich wie ein Schrei⸗ ber in ſeinem kleinen Wohnhauſe mit der Feder hinterm Ohr erblicken, unterſchrieb die kleinſten geſchäftlichen Ver⸗ öffentlichungen mit ſeinem vollen Namen und löſte auf dieſe Art jeden Zuſammenhang mit ſeinen Standesgenoſſen... Und doch rührte es Armgart, daß die Mutter bei allen dieſen Dingen gleichſam nachholte, was ſie in zwölfjähriger Trennung ihrem Manne zu ſein unterlaſſen hatte... Zur ſelben Zeit, als es dann plötzlich hieß, Paula iſt wirklich nach Italien gereiſt— es mußte in ſchnellem Ent⸗ ſchluß geſchehen ſein, da Armgart nicht einmal von Paula 32 ſelbſt die Nachricht erhielt— erlebte Armgart den Schrecken, daß Thiebold in London war und ſie nicht beſuchte.. Terſchka war ſeit einiger Zeit ihren Blicken ganz ent⸗ ſchwunden, ſie konnte von ihm über dieſe betrübende Er⸗ fahrung keine Aufklärung erhalten... Allmählich hörte ſie, daß Thiebold in jener trüben Gensdarmenzeit ſeinerſeits in der Heimat ſich auch nur mit Mühe von politiſchem Ver⸗ dacht über ſeinen Aufenthalt in Rom hätte reinigen können ... Ueber Benno hörte ſie, daß der Präſident für ihn die freie Rückkehr zu erwirken geſucht hätte, aber auch damit nicht durchdrang... Die Mutter ſchrieb ihr nach allerlei ſelt⸗ ſamen Andeutungen über Benno's jetzt immer mehr ſich lüftende Herkunft, daß ihr alter Freund undankbar genug gegen dieſe Verwendungen proteſtire; Benno wollte, hätte er aus Paris geſchrieben, jetzt ganz nur noch Italiener ſein .„Man weiß ja“, ſchrieb die Mutter,„wer alles ſeine Flucht ermöglicht hat!... Die dir wol noch be⸗ kannte Lucinde Schwarz hat das römiſche Staatsruder in Händen!... Iſt die Abenteurerin vielleicht einer Regung von Dankbarkeit für die Familie gefolgt, die ihr und dem Doctor Abaddon, Herrn Oberprocura⸗ tor Nück, das Zuchthaus erſparte?... Wie ſolche und ähnliche Menſchen Rom nach Gutdünken regieren, erſieht man ja aus Bonaventura's Laufbahn... Trotz des Staatsverbrechens ſeines Anverwandten Benno, trotz der gegen ihn erhobenen Anklage über ſeine Antecedentien als„Magnetiſeur“, trotz ſeiner an und für ſich höchſt achtbaren Unterſtützung der waldenſiſchen Bewegungen Italiens iſt er nach einem kurzen Auf⸗ enthalt in der„ewigen Stadt“ als Erzbiſchof in die Thäler Schrecken, ſuchte... ganz ent⸗ ibende Er⸗ glich hörte ſeinerſeits chem Ver⸗ en können ar ihn die zuch damit llerlei ſelt⸗ mehr ſich Har genug e, hätte er iener ſein wer alles woch be⸗ taatsruder eicht einer folgt, die rprocura⸗ ie ſolche regieren, .. Trot Benno, ber ſeine an und denſiſchen tzen Auf ie Thäler 33 ſeiner neuen Heimat zurückgekehrt, nachdem er vorher Lucinden in der Kirche der Heiligen Apoſtel in Rom mit einem päpſtlichen Gardiſten getraut hat... Freilich ſoll die in Paris verweilende Fürſtin Olympia Rucca, die Be⸗ herrſcherin des Kirchenſtaats, alles möglich machen—— Hier brach der Brief mit räthſelhaften Gedankenſtrichen ab... Centnerſchwer wälzten ſie ſich auf Armgart's vereinſamtes Herz... Es folgten dann in dem ver⸗ bitterten, im Ton höchſter Reizbarkeit geſchriebenen Briefe noch Scherze über den Onkel Levinus, der in allen Bibliotheken nachſchlüge, um eine klare Vorſtellung über das alte Cuneum, jetzt Cuneo oder Coni, zu gewinnen— Tante Benigna vergliche die Ehrfurcht, die hier zu Lande vor dem entthronten Kirchenfürſten geherrſcht hätte, die Trauer über ſeinen nach ſeiner Freiſprechung bald er⸗ folgten Tod, die Feſtlichkeiten der Inthroniſation ſeines Nachfolgers mit dem Bilde der Feſtlichkeiten in Coni, zu denen wol Paula nun perſönlich erſcheinen würde — Paula's Gatte hätte vor ſeiner Abreiſe ſeine Beſitz⸗ antretung vollſtändig geordnet, hätte die Verträge mit den Agnaten abgeſchloſſen, hätte das vorausſichtliche Erlöſchen ſeines Stammes mit dem Präſidenten von Wittekind, dem nächſten Erben, zum Gegenſtand gericht⸗ licher Punktationen gemacht— und da dann auch der Präſident ohne Kinder wäre, ſo wäre manche geheimniß⸗ volle Seite aus dem Lebensbuch des verſtorbenen Kron⸗ ſyndikus, des Tyrannen, jetzt zur offenen Kunde gelangt— Noch läge ihr zwar nicht offen, warum in letzter Inſtanz das ausſchließliche Erbrecht Bonaventura's durch eine an⸗ derweitige Beziehung gemodelt werden könnte— aber man Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 3 34 ſpräche jetzt allgemein, durch Hülfe des kanoniſchen Rechts könnte ſelbſt Benno noch vor Bonaventura die Vorhand gewinnen— Nicht unmöglich, ſchrieb die Mutter, daß eine in Rom, jetzt in Paris lebende Herzogin von Ama⸗ rillas, eine ehemalige Sängerin aus Kaſſels weſtfäliſcher Zeit, mit dem Kronſyndikus eine geheime Ehe geſchloſſen hat und Benno ihren Sohn nennen darf—!... Benno Sohn des Kronſyndikus!... Ueber alle dieſe ſo räthſelhaften und ganz nur abgeriſſen mitgetheilten und mit religiöſen Betrachtungen ſchließenden Dunkelheiten durfte Armgart wol in eine Aufregung gerathen, die ſie der Mutter kaum ſchildern konnte... Sie ſah Benno in Rom— in Paris— in den Ar⸗ men einer Mutter, die eine Herzogin war— eine Fürſtin hatte ihn gerettet— Lucinde war eine Gräfin Sarzana geworden—!... Noch floſſen ihre Thränen nicht; noch glaubte ſie an den Sieg des Guten und Edeln; noch ſtanden nur lichtverklärte Bilder vor ihren Augen... War nicht das Höchſte möglich—: Graf Hugo führte Paula nach Coni zum Freund ihrer Seele!... Sie ſah noch ihre magiſch ſeraphiſche Welt, ihre in den Wolken ſchwebenden Roſenkränze, ihre großen Thaten der Entſagung und der opfernden Liebe... Aber ſchon die Vorſtellung: Benno ein Sohn des Kronſyndikus!— das war ja ein Bild wie aus der Welt des Teufels, an die jetzt auch die Mutter nach ihren religiöſen Ausdrücken zu glauben ſchien... Der Onkel Dechant, den Armgart's reife und inhalt⸗ reiche Briefe beſonders zu erfreuen ſchienen, ſchrieb ihr: „Nun hat deine ſonſt ſo treffliche Mutter gar den Stand⸗ punkt einer bloßen Vernunftoppoſition gegen den Katho⸗ Rechts Vorhand ter, daß —n Ama⸗ ffäliſcher ſchloſſen dieſe ſo en und telheiten die ſie den Ar⸗ Fürſtin arzana t; noch „ noch a.. bführte die ſah Wolten fagung ellung: ja ein uch die hien... inhalr⸗ eb ihr: Stand⸗ kalho⸗ 35 licismus verlaſſen!... Der der deutſchkatholiſchen Be⸗ wegung gemachte Vorwurf, es läge ihr ja kein Bedürfniß nach Religion, am wenigſten nach dem Chriſtenthum, zu Grunde, beſtimmt ſie, ſich dem Einfluß unterzuordnen, den Hedemann um ſo mehr auf ſie ausübt, als die freudige Geduld und werkthätige Liebe, mit der dieſer Treueſte ſich ſeinem Beruf widmet, allerdings jeden, der ſein Leiden, den ſchmerzlichen Hinblick auf die junge Frau ſieht, die ſich ſo innig ihm anſchloß, ergreifen und rühren muß... Aber eine Monika verirrt ſich in die trübe Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben!... Ich mußte deiner Mutter ſchreiben:«Durch den Grundverderb unſerer Kirche, den auch ich in unſern Ehegeſetzen finde, ſind Sie aus dem Denken und Fühlen Ihrer Jugend hinausgedrängt worden— aber daß Sie, Sie einen Teufel durch den andern austreiben, das iſt beklagenswerth!... Sie herrliche, klare, geiſtesfriſche Frau, wie kommen Sie zu Hedemann's Bibelgefangenſchaft?... So oft ich dem von Amerika angeſteckten Quäker hier beim Oberſten be⸗ gegnete, erkannte ich die unwürdigſte Abhängigkeit des Menſchen, die vom Buchſtaben... Unſere Zeit iſt nicht zu neuen Religionsſchöpfungen gemacht, die einzige Re⸗ ligion des Bruchs mit aller Religion etwa ausgenommen, und was wir von Verbeſſerung unſerer kirchlichen Zuſtände gewinnen können, wird immer nur die Folge gelegentlicher Veranlaſſungen ſein... Selbſt zu Luther's Zeiten war es nicht anders... Deutſchland hatte ſich damals in ſeiner Reichsverfaſſung überlebt, die Fürſten waren zu mächtig geworden und ſuchten ſich zu kräftigen durch alles, was ſchwach und leicht zu erobern war; ſie riſſen die geiſt⸗ 3* 36 lichen Güter an ſich und ſo zerfiel der Zuſammenhang mit Rom von ſelbſt... Aehnliche Umwälzungen wer⸗ den auch wir wieder erleben und aus Benno's traurigen Verirrungen erſeh' ich wenigſtens eine ſchöne und große Hoffnung... Was er von Italien ſchreibt, der arme Ver⸗ lorene, iſt herrlich... In der Geſchichte ſtraucheln die Be⸗ wegungen der Maſſen und Intereſſen über einen Strohhalm und ich juble im Geiſte dem neuen Tag entgegen, wenn 9ta⸗ lien dem Papſtthum ſelbſt den Schemel unter den Füßen wegzieht...)“ Wie erſchrak Armgart!...„Traurige Verirrun⸗ gen?“...„Der arme Verlorene?“... Schon floſſen ihre Thränen... Sie ſchrieb an Bekannte in Paris, ihr von einer gewiſſen Herzogin von Amarillas zu be⸗ richten... Am Tage darauf kam wieder ein Brief aus Kocher am Fall... Der Dechant, wie aus Reue, die Mutter bei Armgart angeklagt zu haben, ſchickte ihr auch eine eben erhaltene Antwort der Mutter auf ſeinen Brief... Die Mutter hatte dem Dechanten geſchrieben, daß ſie ſonſt immer ſo gedacht hätte, wie er, und mit Hede⸗ mann und Erdmuthe hätte ſie in gleicher Weiſe geſtritten ... Indeſſen wäre der Vorwurf, daß die Gegner Roms ohne ein religiöſes Bedürfniß überhaupt wären, zu empfindlich für die Sache der geiſtigen Freiheit geworden und deshalb hätten ihre Angehörigen den Beweis liefern müſſen, daß ſie dem gemeinſchaftlichen Urquell des Lichtes näher ſtünden, als ihre Feinde...„Ich erkannte“, las Armgart,„daß die Verneinung nur auf der Schärfe eines Meſſers geht und dabei keinen Schritt vor dem Aus⸗ —————— umenhang gen wer⸗ traurigen und große arme Ver⸗ in die Be⸗ trohhalm denn Ita⸗ en Füßen Verirrun⸗ en floſſen n Paris, 3 zu be⸗ 6 Kocher Mutter eine eben f. 3 den, daß iit Hede⸗ geſtritten er Roms ren, zu eworden g liefern Lichtes te“, las efe eines m Aus⸗ — 37 gleiten ſicher iſt... Das erkannt' ich, als ich in unſrer kleinen Gemeinde, die eines Tages ohne Lehrer war, reden wollte... Man kann nicht reden, wenn nicht aus der reichſten Fülle des Stoffs... Jede andre Belebung zum Sprechen iſt todt und hülflos... Hier einen Satz zu⸗ geben, dort einen wegnehmen, da halb, da beinahe halb dies oder jenes wollen oder ſagen, das erzeugt vielleicht das Feuerwerk eines feinen und ironiſchen Kopfes, aber es leuchtet nur eine Weile und verpufft... Nun ſah ich, warum nnſer herrlicher Hedemann immer und im⸗ mer ſprechen kann... Einfach iſt ſeine Rede, aber ſie hat die Fülle der Beredſamkeit und erwärmt... Warum? Ich mußte mir ſagen: Aus dem Vollen nur kann ein lebendiger Glaube kommen und ſich auch im Ausſprechen lebendig bewähren!... Glaube iſt nicht die blinde An⸗ nahme des Uebernatürlichen, ſondern Verſenkung in die ganze Erſcheinung einer Sache... Das Evangelium wird dem Glaubenden wie ein Freund, auf den man ſchwört, weil man ihn in einer großen Probe einmal erkannt hat... Die Ueberzeugung, daß die Bewäh⸗ rung im Einen da iſt, erleichtert das Vertrauen dann auch auf die Bewährung im Andern... So verſenkt' ich mich in die Schrift und die beiden Hauptgegenſtände ihrer Verherrlichung, in Gott und ſeinen Sohn... Mehr braucht die Religion der Menſchheit nicht... Dieſe beiden großen Bilder haben ſo tauſendfache zarte Pinſel⸗ ſtriche, daß ſie jede andere Weisheit überflüſſig machen ... Nicht daß ich Wiſſenſchaft und Kunſt zurückwieſe und wie Omar alle Bücher verbrennen wollte, wenn nur die Bibel bleibt; aber ein ganzes volles Leben und ein 38 Leben der Gemeinſamkeit zwiſchen vornehm und gering, zwiſchen gelehrt und arm an Geiſt iſt nur durch die Schrift möglich... Und dieſes gemeinſame Feld iſt nicht etwa eng und das Ergehen auf ihm bald ermü⸗ dend; im Gegentheil, ich entdeckte einen Schatz nach dem andern, als ich die Bücher noch einmal zu leſen begann, die ich früher als eine Quelle der Verdunkelung des Verſtandes geflohen war... Ich finde die höchſte Weisheit in dem, was uns belohnt für das Gebot des Apoſtels: Forſchet in der Schrift!... Das menſchliche Herz will nun einmal Liebe und Liebe muß fühlen und Gebet iſt Erhöhung des Gefühls, Sammlung zum Aufblick. Worauf? Auf das Beſſere und die Beſſeren... Die große Zahl von Beſſeren, die die Katholiken als Heilige verehren, ſind die zu üppige Erweiterung eines Gefühls, das an ſich ganz richtig iſt... Die Liebe geſtaltet alles perſönlich und das iſt denn der perſönliche Gott, der lebendige, der unmittelbar auf uns wirkende, der Gott der Offenbarung... Mein Glaube ſieht im per⸗ ſönlichen Gott keine irdiſche Geſtalt, ſie zieht das Un⸗ ausſprechliche und Unbegreifliche nicht in die Sprache der Dichter und Propheten herab; für mich und für die, die fühlen wie ich, iſt der perſönliche Gott die Wirkung ſeines Vorhandenſeins in uns; ſeine größte Offenbarung war die in jenem, der den Muth hatte, ſich deshalb auch geradezu Gottes Sohn zu nennen... Nehmen Sie nur einmal wieder die Evangelien in die Hand, mein theurer Freund, und nicht Ihren Horaz und Virgil! Wiſchen Sie weg, was auf dieſe ehernen Tafeln der Witz, der menſchliche Spott und ſelbſt die gelehrte d gering, durch die Feld iſ ld ermü⸗ nach dem begann, ung des höchſte ebot des enſchliche hlen und Aufblick. .Die Heilige Gefühls, geſtaltet He Gott, nde, der im per⸗ das Un⸗ Sprache für die, Wirkung nbarung deshalb men Sie d, mein feln der gelehrte Kritik geſchrieben haben, und ſehen Sie dann, was übrig bleibt... Von dem Tage an, wo ich prieſter⸗ lich fühlte— und jeder Religionsſtifter muß prieſter⸗ lich fühlen, keine Religion macht ſich am Theetiſch— von dem Tage an iſt mir die Erſcheinung unſeres Herrn und Heilandes Jeſu Chriſti aufgegangen wie die meines beſten Freundes... Ich wandle mit ihm am See Tiberias, ich ſpreche mit ihm bei ſeinem Freunde Laza⸗ rus vor, ich ſehe die Fußtapfen, die er hinterlaſſen hat und die überall geſegnete ſind... Sein Leiden iſt ganz perſönlich das meine; ſeinen Todeskampf ring' ich mit; er lehrt mich am Kreuz lieben und vergeben.. Auf Liebe, Glaube, Hoffnung, begründet durch Chriſtus und einen perſönlichen Gott, müſſen wir unſere Kirche er⸗ bauen—“... Darunter hatte denn der Onkel mit ſeiner alten zitternden Hand und in ſeinem friedlichen Sinn ge⸗ ſchrieben:„Im Grunde ganz unverfänglicher Glaube des Petrus Waldus, in Ruhe geſtorben um 1200, aber in ſeinen Anhängern, den Waldenſern, gekreuzigt, gerädert, gevjertheilt, verbrannt bis auf den heutigen Tag. Fiat lux in perpetuis!“... Das Unkatholiſchſte, was ſich denken läßt, iſt eine in der Kirche ſprechende Frau... Aber Armgart, ohnehin ſchon in einem geknickten Zuſtande, fühlte ſich durch dieſen Brief der Mutter vollends daniedergebeugt... Weniger empfand ſie Rührung um das Bekenntniß der Mutter, als um den tiefinnern, ſoweit ſchon gekommenen Schmerz, der ihm offen zu Grunde lag, um die ungeheure Aufregung, den Bruch der Seele in dieſer ſtolzen Frau zu erkennen zu geben... Sie ſah die erbangende Liebe für den Vater, 40 Liebe für den von ſeiner Krankheit gebeugten Hedemann ... Ein ſchlichter, wiſſenſchaftlich ungebildeter Mann hatte durch die immer gleiche Gediegenheit ſeines Charakters und die unerſchütterliche Conſequenz ſeiner Denkweiſe die Oberherrſchaft über ſeine Umgebungen gewonnen... Die Mutter wollte nichts mehr wiſſen von der Herrlich⸗ keit und Einbildung dieſer Welt— ſie wollte fühlen wie der geringſten einer und ihr Gatte folgte dem Beiſpiel, das ſie mit ſo beredten und feurigen Worten zu erläutern wußte... Armgart durfte ſich bei Alledem wenigſtens ſagen: Du allein haſt die Aeltern ſo verbunden!... Voll Rührung ſchrieb ſie der Mutter, ſie wolle nun zu ihnen kommen... Die Mutter, ihr ſelbſt ſich nicht im mindeſten ebenſo weich offenbarend, wie dem Onkel, entgegnete ihr:„Kind, du weißt, daß Paula, dein einziger hieſiger Anhalt, den ich geſtatten würde, in Italien iſt... Daß du deine Stelle im Stift einnimmſt, wieder mit Benigna, die dich mir einſt ſchon raubte, in Weſterhof lebſt, iſt nicht möglich... Es wäre ein Bruch mit allem, was unſer Stolz, unſere Erhebung geworden iſt... Dieſe Menſchen hier ſind ja wahnſinnig... Gott der Herr wird auch an ihnen gute Gründe finden, warum er ſie nicht ganz ver⸗ wirft; ich verwerfe ſie... Im Stift Heiligenkreuz würdeſt du nur zu unſerer und deiner Kränkung deine Stelle ein⸗ nehmen... Glücklicherweiſe iſt dir auch geſtattet, deine Penſion auswärts zu verzehren... Wir ſehen jedoch ein, daß unſere eigenen Wege für deine Jugend noch zu rauh ſind! Bleibe alſo noch getroſt bei deiner trefflichen Lady!“ ... Dann folgte eine Antwort auf die Frage nach de demann un hatte garakters veiſe die I... Herrlich⸗ len wie Zeiſpiel, läutern nigſtens lle nun ebenſo „Kind, lt, den u deine na, die iſt nicht zunſer enſchen uch an nz ver⸗ würdeſt lle ein⸗ deine ch ein, mrauh ſady!” ich de 41 räthſelhaften Andeutungen über Benno's Urſprung in dem letzten Briefe der Mutter, die Verſicherung, daß Benno der Bruder des Präſidenten von Wittekind wäre und noch eine Schweſter beſeſſen hätte, die einſt Graf Hugo ent⸗ deckt, erzogen, geliebt und daß er lange ihr trauriges Ende beweint hätte. Das war, alle ihre Lebensgeiſter erſchütternd, gerade der empfangene Eindruck, als ſie nun von jener Freundin in Paris, die von ihr um die Herzogin von Amarillas befragt wurde, Aufklärungen erhielt, die dieſe, ohne das nähere Intereſſe Armgart's zu kennen, in aller Harmloſig⸗ keit gab... Die Herzogin von Amarillas, hieß es, hat aus erſter Ehe einen Sohn, der ſich Cäſar von Montalto nennt und ſie mit einer wahrhaft ſchwärme⸗ riſchen Liebe verehrt... Herr von Montalto ließ ſich in Conſpirationen ein und gerieth in die Engelsburg... Seine Retterin, ſagt man, war die Nichte des Cardi⸗ nals Ceccone ſelbſt, die ihm hierher nachgereiſte Fürſtin Olympia Rucca... Herr von Montalto ſoll anfangs nur an die Hülfe ſeiner Mutter, der Herzogin von Ama⸗ rillas, geglaubt haben... Natürlich ergriff er die Hand, die ihm die Mittel bot, aus einer ſo verzweifelten Lage zu entfliehen... Schon die Unterſuchung, ſchon die bis zur Tortur gehenden Fragen nach den übrigen Mitgliedern der nicht ganz geſprengten Loge, die Fragen nach dem Zuſammenhang ſeiner Verhältniſſe mit denen jener in eine Falle gelockten Gebrüder Bandiera, erzählte man uns, hätten jahrelang dauern können... Herr von Montalto erkannte erſt durch die Bequemlichkeit der ihm gebotenen Hülfsmittel, durch den Fund eines geregelten Paſſes, 42 durch die ſichere Einſchiffung in Civita⸗Vecchia auf einem nach Marſeille beſtimmten Handelsſchiff die mächtige Hand, die über ihm waltete... Wenige Wochen und die pariſer apoſtoliſche Nuntiatur erhielt einen neuen Attaché im Fürſten Ercolano Rucca.. Seine Gattin, eine allerliebſte kleine Hexe, wenn ihr Teint auch faſt grünlich iſt und ihr Wuchs einem Däumling gleicht, doch mit Augen wie funkelnde Diamanten und einem wahrhaft märchenhaft blauſchwarzen langen Haar, das ſie in reizenden Flechten trägt, und die Herzogin von Amarillas wohnen gemeinſchaftlich in einem und dem⸗ ſelben Palais der Rue Saint⸗Honoré... Beide ſtehen im Vordergrund der pariſer Geſellſchaft... Cäſar von Montalto wird täglich mit der wilden Italienerin geſehen, die Furore macht... Ich höre, die franzöſiſche Regie⸗ rung hat von Metternich Befehl erhalten, alle italieniſchen Flüchtlinge auszuweiſen... Herr von Montalto wird dann wahrſcheinlich mit ſeiner Mutter und der Fürſtin Rucca nach London kommen... Düſtere Nacht legte ſich nach dieſer Mittheilung auf Armgart's Auge... Nun wußte ſie alles... Und doch ſollte ſie ihre Geiſteskraft zuſammennehmen, um aus London zu entfliehen... Denn bleiben konnte ſie nicht ... Sie lebte in der großen Welt, ſie konnte, ſie mußte den Ankömmlingen begegnen... Sie mußte, vor dem Verlorenen entweichend, in die Heimat zurück... Nun erſt verſtand ſie gewiſſe Aeußerungen in den Briefen des Onkel Dechanten, verſtand, warum er ihr übexrhaupt ſo oft und ſo eingehend ſchrieb— Er wollte ſie zerſtreuen, vorbereiten auf die Entdeckung... O mein Gott! beteten cia auf hiff die Wenige er erbielt leca... ihr Teint däumling ten und n Haar, gin von nd dem⸗ de ſteben iſar von geſehen, Regie⸗ jeniſchen wird to „Fürſtin lung auf Ind doch im aus ſie nicht e mußte dor dem „Nun efen des gupt ſo eſtreuen, beteten ihre zitternden Lippen, als ſie nach dieſen Briefen ſuchte „Wir Menſchen“, hieß es noch vor kurzem in einem derſelben,„ſind das Product unſerer Verhältniſſe... Die Freiheit des Willens iſt eine Illuſion... Die Tugend, auf die Spitze getrieben, wird Laſter... Dem Mann gehört die Welt und gewiſſe Dinge müſſen ihm kaum bis an die Knöchel reichen...“—— Das waren halbe Scherze, ſchienen nur Aeußerungen zu ſein, um Frau von Gülpen zu necken oder den alten Windhack mit ſeinen auf dem Monde entdeckten vorurtheilsloſen Sitten und Einrichtungen zu vertheidigen; aber— nun ſah ſie, ein wie bitterer Ernſt ihnen zu Grunde lag—! Der Ernſt, daß Benno durch den Einfluß ſeiner Mutter, durch die Rührung und Liebe für ſie, endlich durch die Dankbarkeit für ſeine Retterin aus ihrem Lebensbuche geſtrichen war... Es beſtätigte ſich, daß Fürſt Ercolano Rucca Attache in London wurde... Sie ſchrieb nichts darüber nach Witoborn... Ein klares Gefühl wurde ihr überhaupt nicht mehr zu Theil... Auch nicht in den jeweiligen Anwandelungen des Haſſes gerade gegen Benno's Mutter, die von andern Bekanntſchaften, die in Paris waren, als eine hochmüthige Frau geſchildert wurde... Dem Haß auf den Vater konnte ſie ihre Kinder opfern! ſagte Arm⸗ gart, nun den Verhältniſſen immer vertrauter und den von der Mutter und vom Dechanten erhaltenen Aufklärungen folgend. Gott hat ſie ſchon in Angiolinens Tod beſtraft; ſie wird auch noch Benno's Verderben ſein!... Cäſar von Montalto!... In Fieberhaſt flog Armgart nach Deutſchland zurück... 44 Sie überraſchte die Aeltern, die ihr Kommen nicht ahnten... Sie fand die ganze Verwirrung, die ſie erwarten durfte— den Vater mit Piſtolen bewaffnet Das Beſitzthum verkauft; ein Anerbieten, ſich an einer großen Fabrik im Magdeburgiſchen zu bethei⸗ ligen, war vom Vater für ſich und Hedemann angenommen worden... Sie wollten reiſen... Hedemann, ein Schatten gegen ſonſt, doch in der That von einer wun⸗ derbaren Durchgeiſtigung... Auch die Mutter gab ſich ſeltſam feierlich... Nur der Vater blieb, wie immer, ruhig, natürlich und entſchieden.. Die Gründe, warum Armgart ſo raſch und unvor⸗ bereitet aus London kam, lagen inſofern auf der Hand, als über die Ausweiſung der Flüchtlinge aus Frankreich genug in den Zeitungen geſprochen wurde und Marco Biancchi, Porzia's in London lebender Onkel, von einem Beſuch bei Cäſar von Montalto ſchrieb, dem er vor einigen Jahren den Rath zur ſchnellen Abreiſe aus Deutſchland verdankte... Doch wurde aus Schonung von alledem nur ausweichend geſprochen... Wie fühlte ſie aber dieſe Schonung!... Wie durchbohrte ſie die harmloſe Frage der in Eſchede der Welt entrückten Angelika Müller nach Benno, als ſie der ſeltſamſten Hochzeit beiwohnte, die je geſchloſſen wurde, der zwiſchen Püttmeyer und ſeiner alten Verehrerin!... Zwei in ſich vertrocknete Menſchen, die noch alle Stadien der Aufregung, ſogar der Eiferſucht durchmachten!... Frau von Sicking, Gräfin Münnich, Präſidentin von Witte⸗ kind, Benigna von Ubbelohde, alle drangen auf die Ehe Püttmeyer's, die doch erſt durch das Erringen des en nicht die ſie rwaffnet en, ſich bethei⸗ nommen n, ein rwun⸗ ab ſich immer, unvor⸗ Hand, nlreich Marco einem er vor ſe aus honung VWie bohrte rückten amſten wiſchen wei in n der Frau Witte⸗ ie Ehe n des 45 Hegel'ſchen Lehrſtuhls hatte möglich werden ſollen; ſie erwirkten eine Beförderung des von Pfarrer Huber's harmonicaſpielender Tochter bedenklich Begeiſterten zum biſchöflichen Archivar in Witoborn und die Verſetzung Huber's... Wie war Armgart, durch ihren dreijährigen Aufenthalt in London, allen dieſen kleinen Anſchauungen entrückt... In ihrem Stifte war ſie nur einen Tag ... Nach Weſterhof durfte ſie der Mutter wegen auch nur ein einziges mal—... Tante Benigna und Onkel Levinus umſchlangen ſie voll Inbrunſt und hätten jetzt alles darum gegeben, das ſonſt ſo viel geſcholtene Kind bei ſich zu behalten und ſchon fingen wieder die alten Ent⸗ führungspläne an... Da entſchied der Vater für den Ausweg, daß Armgart, die zwar nicht zu den Deutſch⸗ katholiken übertreten, wol aber mit Freuden in die Ge⸗ genden der Elbe mitziehen wollte, wohin die Aeltern gingen, die Mühſeligkeit dieſer Irrfahrten nicht theilen, ſondern nach Kocher am Fall zum Onkel Dechanten, zur lange ſchon kränkelnden„Tante Gülpen“, ziehen ſollte... Armgart erfüllte dies Gebot der Aeltern und zog nach Kocher am Fall... 3 Hier war ſie denn des mit dem freudigſten Willkom⸗ men! ſie aufnehmenden Dechanten letzte und würdigſte „Nichte“... Tante Gülpen hatte ſie nicht aus dem Wochen⸗ blatt verſchrieben, hatte ſie nicht auf fremde Empfehlung in die Dechanei geſchmuggelt... Sie war in Wahrheit eine nahe Verwandte und gab der immer ſchroffer ge⸗ wordenen Beurtheilung gegen den Dechanten keinen An⸗ ſtoß... Franz von Aſſelyn erklärte, ſich auf ſeine letz⸗ ten Lebenstage keiner ſolchen„Eroberung“ mehr gewär⸗ 46 tig geweſen zu ſein... In dieſer holden äußern An⸗ muth beſaß er alles, was ſeinem Auge, in Armgart's innerm Weſen, was ſeinem Herzen wohlthat... Da waren einige gute Elemente der Feuernatur Lucindens ohne die verheerenden Folgen derſelben; da war die ewig dienende Natur Angelika Müller's ohne deren trockene Regelmäßigkeit... Da hatte er eine der Seelen, von denen er ſagte: Die gehen in ſolche kleine Vögel über, wie ſie unter meinem Baum am Fenſter niſten! Von Armgart's Seelenwanderung verſprach er ſich vor⸗ zugsweiſe den Beſuch ſeines Grabes, von dem er oft und gern ſprach... Er war gerüſtet, täglich hinabzuſteigen „Die Aufregungen der letzten Jahre waren für ihn zu mächtige geweſen... Seine heitere Laune kam ſchon ſeltener und währte nicht lange... Während nun der Oberſt unter den mannichfachſten Bedrängniſſen in Deutſchland umirrte— in Magdeburg löſten ſich bald die angeknüpften Verhältniſſe— und ſich zuletzt, ermüdet durch die gänzlich durch den Proteſtan⸗ tismus ſelbſt zerſtörte Hoffnung auf eine große geſchicht⸗ liche Bewegung der Geiſter, nach der Schweiz begeben hatte, verlebte Armgart noch einige Jahre in Kocher am Fall... Die Eindrücke hier waren nicht immer erhebend War auch die Verbindung mit allen den ihr werthen und theuren Menſchen gerade durch die Dechanei die lebhafteſte, ſo erfolgten doch ſelten Mittheilungen, die eine wahre Freude verbreiten durften... Die ſchmerz⸗ lichſten von allen betrafen Benno... Sie waren ſo trüb, daß ſelbſt Thiebold nur einmal nach Kocher kam ...Einmal hatte ſich Thiebold mit der ganzen Liebe und n An⸗ gart's . Da iindens ie ewig rockene , von über, h vor⸗ ft und iſteigen ür ihn ſchon achſten deburg und ſich oteſtan⸗ eſchicht⸗ egeben zer am thebend werthen nei die en, die chmerz⸗ aren ſo er kam ebe und 47 Hingebung ſeines Gemüths, wenn auch wie immer als „närriſcher Kerl“ ſich einführend, einige Tage zum Gaſt der Dechanei gemacht, hatte,„über ſich, als Mann, faſt ſchamroth“, die Reife Armgart's, ihre vorgeſchrit⸗ tene Bildung, die Sammlung ihres Charalters bewundert, hatte italieniſche Anekdoten, Reiſeabenteuer erzählt, von Nück berichtet, dem in Italien, andere ſagten im Orient Verſchollenen, hatte von Schnuphaſe, der eine Pilgerfahrt zum heiligen Grabe mit Stephan Lengenich und mehreren andern Erleuchteten bezweckte, erzählt— aber die Art, wie er von Benno's italieniſcher„Nationaliſirung“, von den Erlebniſſen in Rom, vom gegenwärtigen londoner Wirken und Treiben Benno's als eines„mit Gott und der Welt zerfallenen“ Sonderlings und Grillenfän⸗ gers ſprach, überhaupt als von einem Menſchen, den man„nach dem allerdings bedauerlichen Ende der Ge⸗ brüder Bandiera“ gar nicht mehr wiedererkannte— alles das ſagte genug, um ſein einziges— das dann „etwas deutlich gegebenes“ Wort zu verſtehen:„Als wir ja damals für immer Abſchied nahmen in der weſterhofer Kapelle!“... Armgart lächelte zuſtimmend, ſie ver⸗ ſtand, was Thiebold mit„für immer“ ſagen wollte... Thiebold war dann nach dem kocherer Beſuch gleich nach London gegangen, wo er oft monatelang verweilte ... Von dem Luxus und den Extravaganzen Olympiens konnte ſein Bericht nicht genug erzählen... Drei Briefe von Olympien wurden ihm nach Kocher mit einem Carissimo nach dem andern nachgeſchickt... Für Armgart gab es in Kocher Zerſtreuungen der in Wehmuth erbangenden Seele an ſich genug.. 48 Darunter freilich auch die erſchütterndſten... Der Onkel wollte noch einmal vor ſeinem Ende nach ſeinem geliebten Wien, wohin ihn die Curatverhältniſſe des Doms von Sanct⸗Zeno riefen— da ſtarb an einer Erkältung Windhack... Und als für das alte treue, gelehrte Factotum der Verſuch mit einem neuen Diener gemacht werden ſollte und der Dechant dabei blieb, reiſen zu wollen, kam aus Wien die Nachricht, ſein alter wür⸗ diger Gaſtfreund, Chorherr Grödner, wäre dem öſter⸗ reichiſchen Landesſpleen erlegen und hätte ſich erhängt... Die Schrecken mehrten ſich dem tieferſchütterten Greiſe; Frau von Gülpen that des Nachts, wo ſie ſchon ſonſt um jedes kleine Geräuſch aufſtehen konnte und nun nicht mehr den Lolo als Führer hatte und überall ihre Schweſter, die Hauptmännin, und ihren Mörder, den Hammaker, ſah, und dennoch das nächtliche Rumoren und Wandeln und Pochen an alle Thüren, ob ſie auch gut verſchloſſen wären, nicht laſſen konnte, einen unglücklichen Fall— woran ſie ſtarb... Und wenige Monate darauf legte ſich auch der Dechant und hauchte ſeine edle Seele in Armgart's Armen aus... Sein Teſtament hatte Franz von Aſſelyn ſchon lange geändert und ſein anſehnliches Vermögen in drei Theile zerlegt, für Bonaventura, Benno und Armgart... Benno, in einem Briefe Thiebold's, und Bonaventura, in directer Zuſchrift an Armgart, verzichteten zu ihren Gunſten ... Armgart war nun ein vierundzwanzigjähriges wohl⸗ habendes und mit einer auch von Heiligenkreuz ſich meh⸗ renden Rente ausgeſtattetes Stiftsfräulein... Alle dieſe erſchütternden Vorgänge erlitten diejenigen 5 . Der h ſeinem 8 Doms erkältung gelehrte gemacht iſen zu er wür⸗ öſter⸗ ngt... Greiſe; en ſonſt un nicht hweſter, mmaker, Vandeln ſchloſſen Fall— auf legte Seele in n lange Theile Benno, directer Gunſten s wohl⸗ ich meh⸗ iejenigen 49 Unterbrechungen, die das Traurige haben— andere ſagen das Gute—, das Leben ſelbſt beim größten Schmerz immer noch erträglich und anziehend zu machen ... Die Sonne leuchtete auch ſo und die Blumen blühten auch ſo... Für Armgart geſellte ſich zu den Zerſtreuungen der Dechanei, zu kleinen Reiſeausflügen, zu Briefen von nah und fern und zu jenen Fortſchritten der innern Bildung, die uns ſogar ſelbſt überraſchen und erfreuen dürfen, die Steigerung des Intereſſes, das an ihrer Perſon genommen wurde... Mancher Offtzier mit dem flatternden Huſarendolman ritt im Park der Dechanei täglich die Schule, um nur von ihren Fenſtern aus beobachtet werden zu können; mancher junge Be⸗ amte intereſſirte ſich für die alten Möpſe und Papagaien der in Kocher lebenden Honoratioren, um nur auch bei ihren Kaffees zuweilen der intereſſanten jungen Stiftsdame zu begegnen... Armgart blieb jugendlich wie ihre Mutter, wenn ſie„im Geiſt auch ſchon eisgraue Haare“ hatte und über die Roſenzeit des erſten Mädchen— frühlings hinweg war... Sie gehörte dem Leben an, wo es ſich nur regte, nicht um ſeine Freuden zu genießen, ſondern um ſeine Räthſel zu belauſchen und ſeine Aufgaben zu löſen... Am liebſten wandelte ſie mit dem Onkel, wie er in ſeinen letzten Tagen liebte, über den Fried⸗ hof... Schon lange und ſeit dem Tode Windhacks und der Mutter Gülpen ſagte der Onkel nicht mehr:„Der allein richtige Gattungstrieb des Menſchen iſt der, leben zu wollen; kommt der Tod, ſo iſt er da und es kann ja auch einmal eintreffen, daß gerade unſereins den Be⸗ weis führt, daß das Sterbenmüſſen ſeit Jahrtauſenden Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 4 50 nur ein bloßes Verſehen der Aerzte geweſen! Die Wiſſen⸗ ſchaften machen ſo außerordentliche Fortſchritte!“. Dieſe Lebensfreudigkeit, ſonſt auch zu Benno und Bo⸗ naventura ausgeſprochen, hielt im letzten Jahre nicht mehr Stand... Er liebte die Gräber und las ihre Inſchriften... Aus jeder ihrer goldenen Lettern hörte er ſeine eigene Grabſchrift heraus, beſtellte ſich, wie er die ſeine haben wollte, und ſah im Geiſt die Leute an einer ſolchen Stelle eines kleinen Kreuzgangs hinter dem Sanct⸗ Zeno ſtehen und leſen:„Hier ruht in Gott“— Nun ſetzte er wol hinzu:„Der alte Narr, der—“... Eine Selbſtkritik folgte... Alles das plauderte er im lang⸗ ſamen Gehen und beſtellte ſich in der Nähe des einſt ihn im Kreuzgang deckenden Steines Roſen und Vergiß⸗ meinnicht... Armgart erfreute ihn dabei durch Eines — durch jenes gründliche Eingehen auf ſeinen Tod und ſein Begräbniß— eine Tugend, die viel beſſer wirkt, als ein ewiges Weg- und Ausredenwollen des Sterbens .„Darin kann ich Karl V. ganz verſtehen, daß er ſich Probe begraben ließ!“ ſagte ſie... Des Dechanten Hauptbeſchäftigungen im letzten Lebens⸗ jahr waren ſeine Briefe mit Cäſar von Montalto und Bo⸗ naventura... Armgart erfuhr wenig von ihrem Inhalt— aus den von Italien kommenden nur das, was Paula und Gräfin Erdmuthe betraf... Oft fuhren Onkel und Nichte zuſammen nach Sanct⸗Wolfgang, beſuchten das Pfarrhaus, auch das erbrochene, jetzt wohlerhaltene Grab des alten Meviſſen... Ja noch ein Studium nahm der Dechant in ſeinem letzten Lebensjahre vor, die italieniſche Sprache... Oft ſprach er von Bonaventura's Vater Wiſſen⸗ 1*..„ nd Bo⸗ e nicht as ihre börte er er die einer Sanct⸗ -Nun . Eine lang⸗ einſt und wirkt, terbens daß er ebens⸗ d Bo⸗ halt— Paula el und n das Grab zm der eniſche Vater 51 und verſenkte ſich in deſſen Entwickelungsgang. Als Paula einmal ſchrieb, ſie lerne provencaliſch, die Sprache der Troubadours, rühmte der Dechant ſeinen„verſtor⸗ benen“, im Schnee des Sanct⸗Bernhard„ſo elend ver⸗ kommenen“ Bruder, der in ſeinem immer romantiſch geweſenen Jugendſinn auch dieſe Sprache ſich angeeignet hätte vom dritten Bruder Max, dem Offizier, dem Adop⸗ tivvater Benno's, der die Kenntniß derſelben aus dem ſüdlichen Frankreich und den Pyrenäen mitbrachte... Er las die Minneſänger und vergaß ſeine Acten! ſagte der Dechant träumeriſch von ſeinem Bruder Friedrich . Es war ein Thema, über das er in ein langes, ſeltſames Schweigen verfallen konnte... Ueber Benno's Urſprung wurde wenig geſprochen... Die Erinnerung an die falſche Trauung im Park von Altenkirchen war dem Greiſe zu unheimlich... Kurz vor ſeinen letzten Stunden raffte der Greis noch den Reſt ſeiner Kraft zuſammen und ließ ſich über man⸗ cherlei in einem langen Briefe an den Erzbiſchof von Coni aus, den er ſchon theilweiſe Armgart dictiren mußte... An gewiſſen Stellen nahm er ſelbſt die Feder und ließ Armgart nicht leſen, was ſeine zitternde Hand geſchrie⸗ ben... Er verbreitete ſich über alles, was noch in Bonaventura's Leben, nach ſeinem Wiſſen, unaufgelöſt und zu verklingen übrig blieb... Auch die Loſung: Fiat lux in perpetuis! wiederholte ſein entſchwebender Geiſt ſtill vor ſich hinmurmelnd... Armgart ſchrieb mit Erſtaunen und ſchon an Irrereden glaubend: Nun würde er dieſe Worte nicht mehr unter den Eichen von Caſtellungo, ſondern im Vorhof der Seligen hören; ſein 4* 52 Huß⸗ und Savonarola⸗Scheiterhaufen würde die läuternde Flamme des gelöſten Weltenräthſels ſein! Sollte Bona⸗ ventura noch einſt, dictirte er, den Eremiten im Silas⸗ walde ſehen, ſo mög' er ihm ſagen: Im Leichenhauſe des großen Sanct-Bernhard hätte auch er eine neue Offenbarung über Gott und die Welt gefunden—— Da beſann ſich der Greis und ſtockte... Er ließ ſich die Feder in die Hand geben und verſuchte ſelbſt weiter zu ſchreiben... Die Hand verſagte den Dienſt... Armgart mußte noch den Brief vor ſeinen Augen ver⸗ ſchließen und dann ſorgſam ſiegeln... Man ſenkte den Greis unter die kalten Steine des Kreuzganges, pflanzte aber um die Oeffnung des Bogens, der in den Friedhof führte, Roſen und Vergißmeinnicht... Beda Hunnius, auf dem nun ganz von den Jeſuiten eroberten Terrain, auch jenſeits der Elbe, wieder zu Ehren gekommen, wurde ſein Nachfolger... Zu ſeinenn Kaplan machte ſich dieſer neue Dechant den in Lüttich er⸗ zogenen Schifferknaben von Lindenwerth, den Thuriferar von Druſenheim, Antonius Hilgers... Der Arme hatte die ganze Erziehung und Abrichtung erhalten, wie ſie Rom für ſeine Prieſter beanſprucht... Er war noch ärgerer Zelot als Müllenhoff... In dem ſchweren Amt der Beſtattung und der Ueber⸗ nahme der Hinterlaſſenſchaft fand Armgart Beiſtand und überwand alles voll muthiger Entſchloſſenheit, noch ehe ihr Vater zu ihrer Hülfe aus der Schweiz herbeigeeilt kam ... Armgart hatte ganz Kocher zu Freunden 4 hre Maxime war, bei jedem, der„ihr etwas zu haben ſchien“, ſtill zu ſtehen und zu fragen: Iſt etwas zwiſchen uns? .Q.Q.ͤ— läuternde e Bona⸗ n Siſ„e n Eilas⸗ chenhauſe ine neue ließ ſich t welter ſeinen üttich er⸗ zuriferar r Arme wie ell, ar noch Ueber⸗ ind und och ehe eilt kam Ihre ſchien 1 uns? 53 .. Das konnte ſie ſelbſt dem hämiſchen Hunnius ge⸗ genüber, der mit ihr wie mit jeder„Nichte“ der Dechanei gegen deren Bewohner zu conſpiriren ſuchte... Sie erfreute ihn durch ihre Empfänglichkeit für ſeine geiſtliche Poeſie... Die„Dichterapotheke“ von Weihrauch, Myrrhen, Narden, Alos und ähnlichen Spezereien, die ſo ſtark aus ſeinen Verſen„ſtank“, wie der Onkel ſagte, er⸗ innerte ſie doch noch immer an die Zeit ihrer erſten Jugend, wo ſie den Roſenkranz mit ſeinen fünf ſchmerz⸗ haften, fünf freuden⸗ und fünf glorreichen Geheimniſſen in alle Himmel ausgebreitet ſah, die Sonne als Mon⸗ ſtranz und die Seelen als beflügelte Kreuze dem großen Herzen Gottes mit der lodernd über ihm thronenden Flamme zufliegend... Die Zeiten dieſer Anſchauungen waren freilich auch bei ihr vorüber... Nur hielt ſie an ihrer allgemeinen Stimmung feſt und die blieb eine gebundene— ſchon um Paula's willen, die ihr in der Ferne wie eine leuchtende Glorie, ein Ziel der Sehn⸗ ſucht und heißeſten Wünſche verblieb... Unter den Beileidbezeugenden erſchien auch Löb Seligmann... Er war ja ſo engverbunden der Dechanei, ſo engverbunden auch den Geheimniſſen von Weſterhof, von Kloſter Himmelpfort und Schloß Neu⸗ hof... Seitdem man allgemein wußte, daß Benno von Aſſelyn der Sproß einer ruchlos geſchloſſenen Ehe des Kronſyndikus war, hatte endlich auch Löb ſeine Miene vertraulicher Protection gegen den Dechanten gemildert . Dieſem hatte er ſich wirklich eines Tages ganz offenbart, als er gerade von Reiſen zurückkehrte und auch voll Wehmuth Veilchen Igelsheimer auf den Friedhof 54 hatte tragen helfen... Sein Auge weinte... Die ſanfte Zimmerblume war an ihrer ſtillen Hektik dahin gegangen und hatte den rauhen Nathan von ihrem Huſten befreit, den ihre zarte Schonung, ſagte Löb, ſich nur des Nachts geſtattete! Am Tag, da hielt ſie jeder unter den lachenden Masken und bunten Schellenkappen für wohlauf und geſund... Bis zum letzten Augenblick hatte Veilchen zum„Carneval des Lebens“ geſcherzt — und ſelbſt noch im Tode waren ihre langen Locken ſo ſchwarz wie in ihrer Jugend geblieben, wo ſie in eben dieſem Park der Dechanei Spinoza kennen gelernt ... Der Dechant, nicht wenig erſchreckend über Selig⸗ mann's befremdliche Beichte, ſagte damals zu ihm: Auch daran trag' ich ſchuld, daß Leo Perl dieſe beſcheidenen Mädchenträume nicht erfüllte!... Löb, durch und durch „Trauermarſch“ aus„Montecchi und Capuletti“, erzählte dem Dechanten mehreremale, in mannichfachen Variationen, was ihn das Schickſal in Schloß Neuhof belauſchen ließ .. Er gab aber die Bürgſchaft ſeiner Discretion fürs ganze Leben und hatte gleich alles doppelt erzählt, gleich auch für die, vor denen er zu ſchweigen gelobte... Armgart wurde die beſondere Flamme Löb's... Wie oft auch beſuchte ſie die noch lebende„Haſen⸗Jette“ und hörte dort die Neuig⸗ keiten— über ein ſeidenes Kleid, das Frau Treudchen Piter Kattendyk ſchickte, über die in Rom eine Gräfin gewor⸗ dene„damalige Lucinde Schwarz“, von der auch Veilchen noch oft geſprochen hätte, über die Barone von Fuld, die den Seligmann zuweilen noch in Druſenheim ſahen, aber nicht mehr zum„Speiſen“ einluden, ohnehin, ſeitdem ſie die Rothſchilds ſtürzen wollten; vor allem aber die Ent⸗ .. Die ſtik dahin m Huſten ſich nur der unter ppen für ugenblick geſcherzt n Locken ſie in gelernt Selig⸗ 7: Auch zeidenen durch erzählte ationen, zen ließ is ganze uch für wurde che ſie Neuig⸗ n Piter gewor⸗ eilchen d, die aber em ſie Ent⸗ 55⁵ zückungen der glücklichen Mutter über David, ihren Sohn .. David Lippſchütz war auf die Beine gekommen, hatte Schulen, hatte ſchon einige Jahre die Univerſität beſucht und war bereits ein berühmter Dichter... David Lippſchütz und Percival Zickeles in Wien vertraten vorzugsweiſe die⸗ jenige neueſte lyriſche Schule, der es„die Loreley an⸗ gethan“ hat... Allerdings koſtete dieſe Liebe zur Nixe des Rheins dem Onkel Seligmann viel Geld... Monat für Monat gingen ſeine mit einem frommen „Jehova“ beſchriebenen Zehnthalerſcheine(ein bekann⸗ ter jüdiſcher Heck⸗, Vermehrungs⸗ und Verluſt⸗ abwendungs⸗Segen) in die Ferne und ſuchten den David unter nordiſchen Tannen und ſüdlichen Palmen, tiefunten am Kyffhäuſer beim ſchlummernden Rothbart oder auch„dort oben auf luft'gen Höh'n, wo Adler die Neſter ſich bau'n“, und ähnlichen halsbrechenden Adreſſen auf... Dafür war aber auch David Lippſchütz mit Percival Zickeles der Träger der neueſten Romantik, blies mächtig des Knaben Wunderhorn in allen Zeitſchriften und ſorgte dafür, daß dem deutſchen Volk ſeine Nixen, Zwerge, Held Siegfried, ſein Ritter Tannhäuſer, vor allem aber die Anerkennung ſolcher Beſtrebungen nicht abhanden kam... Ja Beda Hunnius ſogar blieb zu⸗ weilen auf dem Markt in Kocher am Fall ſtehen und fragte die ihm begegnende Haſen⸗Jette: Ja, iſt denn das da wirklich euer— es folgte ein intolerantes und liebloſes auf Reinlichkeit gehendes Eigenſchaftswort— euer David, der jetzt ſoviel die Nixe belauſcht, ſo ihr Goldhaar ſtrählt mit dem ſilbernen Kamm?... Die Mutter, allerdings gedenkend, wie ungern ihr David ſonſt ſich kämmen ließ, 56 beſtätigte leuchtendes Auges die volle Identität... Die reiche Frau Piter Kattendyk, weiland Treudchen Ley, erzählte ſie, hätte den David auch in Wien— Piter, noch im Bruch mit ſeiner Familie, war meiſt auf Reiſen —„zur Tafel gehabt“ Eine ſolche Hunnius'ſche Anrede wirkte dann unten im Ghetto von Kocher am Fall mit einem ſpät verklingenden Echo als belohnender Erſatz für all die Summen, die der Onkel auf die Länge nicht mehr ganz mit dem Humor in die grünen Fluten warf, mit dem er ſonſt beim Raſiren die Barcarole ſang: „Werft aus das Netz gar fein und leiſe. Der brave Grützmacher war nach der Gegend von Jü⸗ terbogk zurückverſetzt worden und wohlbeſtallter Schleuſen⸗ meiſter an einem jener Kanäle, die Elbe und Oder ver⸗ binden... Und Major Schulzendorf hatte das eigenthüm⸗ liche Loos gezogen, eine große Strafanſtalt für ſittliche Ver⸗ wahrloſung zu dirigiren, die zu den Werken der„Innern Miſſion“ gehörte, jener bekannten, hier offen, dort ge⸗ heim wirkenden Bundesgenoſſenſchaft der Jeſuiten... Einer ſeiner Söhne, der die Rechte ſtudirt hatte, war bereits bis zum Präſidenten eines Regierungsbezirks, als Nachfolger des Herrn von Wittekind⸗Neuhof, avancirt ... Dieſer kluge Mann hatte die Gewohnheit gehabt, auf Reiſen, ſelbſt an offner Table⸗d'höte, vor der Suppe erſt die Hände zu falten und zu beten... Dieſe Ge⸗ wohnheit wurde in den maßgebenden Kreiſen bekannt und ſo wohl aufgenommen, daß man ihn in ſeiner Carriere einige Zwiſchenſtufen überſpringen ließ... Oberſt Hülleshoven nahm nach des Dechanten Tode ſeine Tochter mit nach der Schweiz, wo er und Hede⸗ —— —— —— — .. Die en Ley, Jiter, Reiſen ius ſche im Fall Erſatz enicht warf, ſang: Qut 8n Jü⸗ euſen⸗ 57 mann, ſoweit letzterer noch konnte, ſich in induſtriellen Unternehmungen zu bewähren ſuchten und Monika jede Aufforderung ergriff, theilzunehmen an irgendeinem Werk der Geſinnung und der auch den Frauen geſtatteten öffent⸗ lichen Bewährung... Sie hatten abwechſelnd in Baſel⸗ Landſchaft, dann im Aargau, zuletzt am Genferſee gewohnt .. Der Oberſt leitete Ingenieurarbeiten für die ſchwei⸗ zeriſche Armee; Hedemann bebaute mit Porzia's Hülfe das Feld; Monika reiſte viel; ſie hatte zuletzt eine große Vorliebe für Genf und die calviniſtiſchen Anſchauungen... Daß ſie ſich das Denken durch eine immer weiter gehende Vertiefung in Chriſtus vereinfachen zu müſſen erklärte, war theils die Rückwirkung Hedemann's, theils der auch jetzt nicht nachlaſſende Trotz gegen Armgart... Der unruhige Sinn der Aeltern ging glücklicher⸗ weiſe im gleichen Takt; uneins mit der Welt und der Zeit, waren ſie doch einig mit ſich... Sie kauf⸗ ten jetzt— in jener Haſt, die Monika eigen war— mit Armgart's bedeutendem Gelde ſofort eine herrliche Beſitzung, die Armgart gehörte, dicht am Genferſee ... Es war das Schloß Bex, das einem Patricier Berns gehört hatte— dicht in der Nähe jenes Waldes, wo ſich im Jahr 1689 von den aus ihren Thälern in Italien mit Feuer und Schwert vertriebenen Waldenſern 900 wieder ſammelten und unter Heinrich Arnaud's tapferer Führung jenen Heldenzug über den Genferſee, durch Savoyen hindurch und zurück in ihre heimatlichen Thäler unternahmen, eine Unternehmung, die nach dem Aufgebot zweier Truppencorps Ludwig's XIV. und Vic⸗ tor Amadeus' vollſtändig vom Siege gekrönt wurde... 58 Als ſie das Schloß bezogen, entdeckte man freilich hundert Fehler und hätte es gern wieder veräußert... Aber Armgart ſagte nun: Ihr reißt euch gleich das Bein ab, wenn euch der Schuh drückt!... Sie drang darauf, das Schloß, den Park, die ſchönen Weinberge mit allem, was daran ſchadhaft war, zu behalten... Dabei grenzte ſie ſich ihr Leben eigenthümlich ſtreng von dem der Ael— tern ab... Sie hatte ihre eigenen Zimmer, Freitags ihre eigene Mahlzeit, manchen Abend ſogar in ihrem Flügel Geſellſchaft für ſich und die Aeltern eine andere in dem ihrigen... Der Ton war mild, oft innig ... Die Aeltern wußten, was im Innern ihres Kindes zu ſchonen war und woher ſie den Anlaß zu ihrem jetzt ſchon eigenthümlich gehaltenen, allmählich ſogar ſpröden und ablehnenden Weſen nahm... Benno von Aſſelyn, überall anerkannt als Halbbruder Friedrichs von Wittekind und demgemäß mit Lebensgütern reich geſegnet, verweilte nach wie vor als Cäſar von Montalto in London— bei ihm die Mutter und die Fürſtin... Dieſe Exiſtenz währte einige Jahre, bis eine un⸗ erwartete Wiederbegegnung den ſchon mächtig hereinzu⸗ brechendrohenden Stillſtand und Abſchluß in Armgart's jungfräulichem Leben unterbrach und überhaupt die Schick⸗ ſale der ganzen kleinen Colonie wieder in neue Bewegung brachte. nu freilich äußert... h das Bein ang darauf, mit allem, bei grenzte t der Ael⸗ Freitags in ihrem ine andere oft innig res Kindes ihrem jetzt röden und n, überall kkind und vellte nach n— bei eine un⸗ hereinzu⸗ trmgarts ie Schick⸗ zewegung 3. Eines Winterabends herrſchte auf Schloß Bex eine große Aufregung... Sie galt einer Karte, die man, heimkehrend von einer Thalfahrt an den See, auf dem großen grünver⸗ hangenen, von einer brennenden Ampel beſchienenen Tiſche des Eintrittsveſtibüls vorgefunden hatte, wo regelmäßig die Karten der inzwiſchen dageweſenen Be⸗ ſucher niedergelegt wurden... „Der Baron Wenzel von Terſchka“ lautete die Auf⸗ ſchrift... Dazu ſein Wappen und die mit„p. f. v.“ bezeich⸗ nete Ecke eingebogen... Terſchka!... rief Monika erſtaunt und reichte Arm⸗ gart die Karte... Der lebt noch!. Seit lange hatte man von ihm nur gehört, daß er nach Amerika gegangen war... Armgart, die nun ſchon über die Mitte der Zwanzig gerückte ſchlanke, ſtattliche Herrin von Schloß Bex, ſchlug ihren Schleier auf, der ſie beim Heimfahren im offenen Wagen gegen die rauhe Winterluft geſchützt hatte, und 60 ſah, ſo erröthet ſie war, ſogleich erblaſſend auf die Karte, die in ihren Händen zitterte... Erregt ergriff auch der Oberſt die Karte... Düſter drückte er die Augenbrauen zuſammen und wiederholte mehrmals: Iſt der aus Amerika zurück!... Armgart hatte den Abend für ſich allein ſein wollen . Es war der 28. Januar, der Tag der heiligen Paula... Sie hatte ihren Kalender, den ſie auf eigene Art einhielt... Schon freute ſie ſich auf die Wärme ihres Zimmers... Am Kamin wollte ſie ſitzen, ihren Thee für ſich allein nehmen, ihre alten Angedenken her⸗ vorſuchen und über den Montblanc hinweg ſo ſtark und lebhaft nach Caſtellungo und Coni, wo Paula mit ihrem Gatten in Bonaventura's unmittelbarer Nähe wohnte, hinüberdenken, daß Paula, dachte ſie, ſie ſehen müßte . Schon hatte ſie ſich ausgemalt, wie zu gleicher Zeit, während die Uhr über ihrem Sopha tickte, Paula den Brief las, den ſie ihr zu ihrem Namenstage ge⸗ ſchrieben... Vielleicht war der, wie man hörte, in viele Händel verwickelte Erzbiſchof bei ihr... Schwer⸗ lich die alte Gräfin... Aber gewiß alle Freunde und Verehrer, die einer ſo hochgeſtellten Dame, wie Paula, auch dort nicht fehlen konnten... Sie hatte in jenem Briefe von Sancta⸗Paula geſchrieben, jener römiſchen jun⸗ gen Witwe, die ſich von ihren Kindern trennen konnte, um die Stätten Jeruſalems zu ſehen und mit Hülfe des heiligen Hieronymus über dem Grab Chriſti ein Kloſter zu bauen ... Und um ſo lieber träumte ſie von jenem eigenthüm⸗ lichen Verhältniß, in dem ihre Lieben dort lebten, als auf die .. Düſter iederholte n wollen heiligen uf eigene 2 Wärme en, ihren nken her⸗ ſtark und iit ihrem wohnte, en müßte gleicher 2, Paula ztage ge⸗ gärte, in Schwer⸗ unde und Paula, in jenem ſchen jun⸗ ante, um heiligen zu bauen genthüm⸗ tten, als 61 ſich vieles davon aus Paula's Briefen doch nur zwiſchen den Zeilen erſehen ließ und der immer und immer be⸗ ſprochene endliche Beſuch des Thals von Caſtellungo ſeine Mislichkeiten bot... Ohne die Aeltern mochte ſie nicht gehen und mit ihnen hatte es der religiöſen Diffe⸗ renzen wegen ebenſo ſeine Schwierigkeiten, wie in Rückſicht auf den Vater, der mit Paula im magnetiſchen Rapport geſtanden hatte... Dieſe Zuſtände hatten in Italien ab⸗ genommen; aber Gräfin Erdmuthe, ſo ſehr ſie die Fa⸗ milie der Hülleshovens ſchätzte und liebte, ſchien eine ver⸗ ſtärkte Rückkehr derſelben zu befürchten, wenn ſich ihrer Schwiegertochter wieder die alten Elemente ihres Um⸗ gangs näherten... Die alte Gräfin trug ſchon ſchwer genug an Bonaventura, den ſie lieber ganz gemieden hätte, wäre nicht einſt ſein Eifer ſo muthvoll für ihren Ere⸗ miten aufgetreten... Die Reiſe über die Alpen war unter ſolchen Umſtänden nur ein Sehnſuchtsziel der Fa⸗ milie geblieben... Dies ſtille Abendträumen mußte ſich Armgart nun verſagen... Denn mit dem Namen Terſchka zog Be⸗ unruhigung ins ganze Haus, Schrecken vorzugsweiſe in ihre eigene Seele... Ein eiſiger Winter war es wieder ... Sie ſah ſich wie damals im froſterſtarrten Walde zwi⸗ ſchen Weſterhof und ihrem Stifte, ſah an ihrer Seite den dämoniſchen Schmeichler, von dem ſie damals mit Recht geglaubt hatte, daß er die Mutter berückte... Ein Schauder ergriff ſie in Erinnerung an ihr Gelübde, an ihr Suchen der Gefahr, an ihre Hingebung an dieſen Mann ohne jede Spur der Neigung, an alles, was ſie um ihn verloren und freiwillig geopfert hatte... Wieder 62 in ihrer Nähe dieſer Schein der Harmloſigkeit, dieſe leichte zutrauliche Manier, die nichts begehren zu wollen ſchien und eben deshalb ſogleich alles beſaß?... Vater und Mutter, die ſich mit politiſchen Dingen deshalb ausdrücklich nicht befaßten, weil ihrer religiöſen Richtung vorgeworfen wurde, daß ſie nur die maskirte Revolution wäre, hatten nichts mehr über Terſchka's Leben und Treiben vernommen... Nur das eine war ihnen zu Ohr gekommen, daß Terſchka in irgend⸗ einer Weiſe, welche, wußten ſie nicht, ſogar mit dem Unter⸗ gang der Brüder Bandiera in Verbindung ſtand, einem Ereigniß, an dem der Oberſt den ſchmerzlichſten Antheil nahm, da ihm in Amerika der Vater der Jünglinge be⸗ kannt geworden war und durch Thiebold auch deſſen an Benno aufgetragenen Grüße ihm ausgerichtet wurden... Noch hatte man vernommen, daß Terſchka in dem Augen⸗ blick London verließ, als Benno dort ankam... Eine große Geldſumme, die ihm ſpäter, als er wieder zurück⸗ gekehrt war, von Witoborn aus zugekommen ſein ſollte, mußte, glaubte man im engern Kreiſe des Oberſten, vom Präſidenten auf Neuhof herrühren, der mit ihm über die Enthüllungen der zweiten Heirath ſeines Vaters ſchon längere Zeit in näherer Verbindung ſtand... Dann war er nach Amerika gegangen.. Monika konnte nie wieder ganz das Bild jener wiener Zeiten bannen, wo Graf Hugo und Terſchka ſo heiter und ſorglos verkehrten, die alte Gräfin trotz erſter Abneigung gegen Terſchka für ihn ſchwärmte, ja ſie ſelbſt von ihm mit einer Leidenſchaft verehrt wurde, die ihr Herz in Unruhe, ihre Entſchlüſſe in Schwankungen iſſe leiche len ſchien n Dingen religiöſen maskirte Terſchka's das eine irgend⸗ m Unter⸗ d, einem Antheil linge be⸗ eſſen an den... Augen⸗ „Eine zurück⸗ in ſollte, n, vom ber die ſchon Dann jener cka ſo erſter ja ſie de, die kungen 63 verſetzte... Daß Terſchka, der ſchon immer und immer mit dem Uebertritt umging, wie Monika ſelbſt, die Hoffnungen auf ihre Gegenliebe damals, als er Arm⸗ gart und deren förmliches Sich⸗ihm⸗anbieten, um die Mutter von ihm abzuziehen, kennen gelernt hatte, auf⸗ gab, ſchien ihr natürlich zu ſein; eine alte Theilnahme löſcht ſich im Frauengemüth nie aus; wo ſie einmal Partei genommen, ſind ihre Entſchuldigungen unerſchöpflich... Nur Armgart, die nun ſchon wieder ganz allein in ihrer Abneigung zu ſtehen fürchtete, ſagte: Er hat irgend⸗ eine Schuld auf ſeinem Gewiſſen! Dieſe jagt und ver⸗ folgt ihn! Dieſe treibt ihn vom Guten auf, wenn er das Schlechte eben verlaſſen hatte und das Gute lieben möchte! Dieſe macht ihn zum Werkzeug jedes energiſchen Willens, der ihm imponirt!... In ängſtlicher Spannung ſaßen ſie beim Thee; der Sturm mehrte ſich, manche Zweige an den ächzenden Pap⸗ peln, die in nächſter Nähe des Schloſſes ſtanden, bra⸗ chen... Jeden Augenblick, glaubte man, müßte die Glocke an der Eingangspforte gezogen und Terſchka's Rückkehr gemeldet werden. Es wurde neun, zehn Uhr... Schon wollte man zur Ruhe gehen, da zog es an der Glocke... Es war eine weibliche Stimme, die ſich hören ließ... Porzia Hedemann kam noch ſo ſpät aus ihrem dem See näher gelegenen Häuschen... Sie hatte ſich nicht überwinden können, ihren theuren Gönnern und Beſchützern noch von einem Beſuch des Barons von Terſchka zu erzählen... Freude ſtrahlte aus ihrem Auge und ergänzte ihre ge⸗ brochene deutſche Rede... Terſchka hatte in gewohnter 64 Weiſe die Spuren ſeines Erſcheinens ſogleich angenehm bezeichnet, hatte von Mitteln geſprochen, die unfehlbar die kranke Bruſt Hedemann's heilen müßten.. . Alle Zau⸗ ber Amerikas breiteten ſich ſchon um ihn, als nun auch der Oberſt einräumte, die Indianer beſäßen Heilmittel, von denen ſich die Weisheit unſerer Aerzte nichts träumen ließe... So ſchwebte ſchon Terſchka, noch ehe man ihn wiederſah, in dem gewohnten Nimbus ſeiner Liebens⸗ würdigkeit... Am folgenden Tage erſchien er in der That... Er war in Genf abgeſtiegen, kam in einem Ein⸗ ſpänner dahergeflogen, den er ſelbſt führte, und ſah in ſeinem ſchnurbeſetzten Pelzrock, von Wetter und Sturm geröthet, trotz ſeiner fünfzig Jahre, noch immer ganz ſtatt⸗ lich aus... Die kleinen Formen des Siebenmonatkindes konnten eher, als plaſtiſcher ausgebildete, durch die Jahre zuſammengehen. .. Sein Auge hatte das alte lebhafte Feuer; ſein kurzgeſchnittenes Haar war, trotz der Be⸗ ängſtigungen, die ſein Gemüth die Reihe von Jahren hindurch ſchon ausgeſtanden haben mochte, nur von einem leichten Hauch der Verwandlung in Grau über⸗ flogen... Mit einer Unbefangenheit gab er ſich, als ſetzte die Gegenwart die nur kurze Zeit unterbrochen geweſene und völlig ungeſtört gebliebene Vergangenheit fort... Die befangenen Mienen des Oberſten klärten ſich auf, als Terſchka mit Begeiſterung von Amerika ſprach ... Monika ſah in jeder Freude ihres Gatten ihre eigene und ſchürte dies Behagen Vom frühern 78 Jeſuiten, von der Umwandelung in einen Proteſtanten, vom Freunde der italieniſchen Emigranten konnte um genehm bar die le Zau⸗ auch der tel, von träumen he man jebens⸗ n Ein⸗ ſah in Sturm ſtatt⸗ tkindes Jahre lebhafte der Be⸗ Jahren ur von über⸗ s ſetzte eweſene d... een ſich ſprach en ihre frühern ſtanten/ nte um 65 Armgart's willen nicht lange die Rede ſein... Dieſe noch unverheirathet zu finden, ſagte Terſchka, überraſchte ihn nicht, denn er hätte ſie und ihre Familie auch jenſeits des Oceans nicht aus dem Auge verloren... Sein Weſen blieb harmlos; nicht eine Miene verrieth: Du liebteſt einſt dieſe Mutter, deren Locken nun immer ſilberner geworden! Und wie nahe warſt du, auch die Tochter, dieſe immer noch blühende, ſchöne, reiche Herrin von Schloß Bex die Deine zu nennen!... Hedemann wurde gerufen... Trotz ſeines„Sterbens in Chriſto“ kam er neubelebt... Porzia war hoch in der Hoffnung und der Gedanke des Todes, ſonſt ein ihm ſo lieber und vertrauter, erfüllte ihn jetzt mit Trauer ... Terſchka verſprach, ihn ſeines Mittels wegen zu be⸗ ſuchen... Im Plaudern hatte er eine noch auffallend genaue Kenntniß aller Verhältniſſe und Perſonen, mit denen er ſonſt gelebt, verrathen und bedurfte darüber keines Unterrichts, den er eher noch ſelbſt ertheilen konnte ... Ohne Schärfe ließ er zuweilen und wie zufällig eine Anſpielung auf den natürlichen Sohn des Kronſyndikus, Cäſar von Montalto, oder auf die Fürſtin Rucca fallen ... Er übertrieb, bei Gelegenheit des Grafen Hugo, das Princip der Dankbarkeit, ſagte aber auch, in An⸗ ſpielung auf Benno's Dankbarkeit für ſeine Befreierin, die Fürſtin Olympia: Meine Damen, als ich noch ein Jeſuit war, kam im Colleg zu Rom die Frage auf die Dankbarkeit... Wir trieben Moral nach allen möglichen Unterſcheidungen hin; aber von Dankbarkeit war wenig die Rede... „Seid dankbar in allen Dingen, denn das iſt der Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 5 66 Wille Gottes in Chriſto Jeſu an euch!“ ſagte Hede⸗ mann und freute ſich der vorgeführten Bilder aus der alten Zeit Witoborns... Das iſt aber die Dankbarkeit nicht, nahm die ſtreit⸗ ſüchtige, ſchon außerordentlich angeregte und ein gewähl⸗ tes Mittagsmahl anordnende Monika auf, die Terſchka meint... Sie wollte hören, wie es mit Terſchka's religiöſem Innern ſtand... Terſchka hatte vom Tode Ceccone's geſprochen, der wol auch die Urſache geweſen ſein mochte, ſagte er harmlos, daß ſeine Nichte ſeit Jahren nicht nach Rom zurückkehrte... Ebenſo lange war Ceccone todt— er war unter ſeltſamen Umſtänden geſtorben... Auch der Oberſt achtete nicht darauf, daß ſich Arm⸗ gart dem Fenſter zuwandte; er ſah nur und freute ſich deſſen, wie geheimnißvoll ſeine Frau für den Mittags⸗ tiſch ſorgte.... „Und ſeid gewurzelt und erbaut in ihm und ſeid feſt im Glauben, wie ihr gelehrt ſeid, und ſeid in demſel⸗ ben reichlich dankbar!“ wiederholte Hedemann zum feſten Zeugniß, daß die Bibel die Jeſuitenlehrer beſchäme... Die Mutter, während Armgart ſchwieg und am Fenſter auf den See und die im Violett ſtrahlenden Schneeberge Savoyens blickte, wollte heute gar nicht Hedemann's Partie nehmen und meinte, manches Ver⸗ hältniß des modernen Lebens, manche Verpflichtung unſerer künſtlichen und unnatürlichen Verhältniſſe ließe ſich kaum aus der Bibel herleiten... In dieſen Gegenden, wo der Bibelglaube und die religiöſe Phraſe 4 faſt an jedem Biſſen Brot, den man in den Mund nimmt, haftete, war Monika allerdings etwas weltlicher 67 geworden; aber auch die Erinnerung an die ſchönen Stunden, die ſie in Wien verlebt, erregte ſie... Hedemann ließ die Meinung nicht aufkommen, daß die Schrift nicht die umfaſſendſtverpflichtende Dankbarkeit anempföhle... David war dankbar gegen Abjathar, den Sohn Abimelech's, der für David geſtorben. David war dankbar gegen Barftllai, den achtzigjährigen, den er mit nach Jeruſalem in ſeine Burg nehmen wollte, weil er ihm früher in Noth gedient... David war dankbar dem Gedächtniß Jonathan's, des Sohnes Saul's, der ihm angehangen, und rief in alle Lande: Wo iſt jemand übriggeblieben von dem Hauſe Saul's, daß ich Barmherzigkeit an ihm übe um Jonathan's willen?!... Dennoch hielt Monika die Frage der Dankbarkeit in einem andern Sinne feſt und ſagte: Die Dankbarkeit, die Terſchka meint, heißt nicht das Erweiſen von Wohlthaten an den, der auch uns Wohlthaten erwies, ſondern die Unterordnung des eige⸗ nen Willens und Intereſſes unter den Willen und das Intereſſe eines andern für ein ganzes Leben lang—... Eine Stille trat darauf ein... Terſchka genoß ihre Wirkung und ſagte, ſo hätte er ſich allerdings dem Gra— fen Hugo hingegeben und ganz von ihm regieren laſſen ... Unſre Profeſſoren auf dem Collegium, fuhr er fort, ließen wenigſtens nicht mit offnen Worten, aber halt ziemlich deutlich keine Dankbarkeit gelten, die eine eigene Benachtheiligung vorausſetzte... Den Vortheil, den ſie auf alle Fälle gewahrt wiſſen wollten, nannten ſie die eigene Vollkommenheit... Hatten wir nicht einen ganzen Tag Disputation über die Frage: Iſt man ver⸗ 5* 68 pflichtet, hundert Zechinen einem Mörder auszuzahlen, der ſich dafür erbot, einen Mord zu begehen?... Der erſte Satz war natürlich: Solange der Mord nicht vollzogen iſt, kann auch von Zahlung gar keine Rede ſein... Man lachte... Selbſt Armgart mußte es... War aber halt der Mord vollzogen, fuhr Terſchka fort— wie dann, wenn der Anſtifter in den Beicht⸗ ſtuhl kommt und, nachdem nun ſein Vortheil bereits ge⸗ wahrt iſt, jetzt keine rechte Luſt mehr bezeugt, die hundert Zechinen zu bezahlen?... Darüber waren die Meinungen der Theologen getheilt... Einige glaubten, daß das Geld, ob vor oder nach der That, wenn auch verſprochen, unter keinerlei Umſtänden bezahlt zu werden brauchte... Schändlich! rief Monika aufwallend... Selbſt dem Mörder muß man die Treue halten.... Sie urtheilen, meine Gnädigſte, fiel Terſchka ein, grad' wie der heilige Liguori, der Stifter der Liguorianer, unſer Schutzpatron, auch urtheilte... Rund und feſt hat der Liguori erklärt: Die hundert Zechinen müſſen dem Mörder unter allen Umſtänden bezahlt werden!... Das beſte Wort, das ich je von einem Jeſuiten ge⸗ hört habe! fiel die Mutter ein und ſetzte die Entwicke⸗ lung ihrer Moral der Hochherzigkeit und des Edel⸗ muthes fort, bis der Oberſt von der Dankbarkeit hinzu⸗ gefügt hatte, daß er Beiſpiele aus ſeinem eigenen Leben kenne, wo ſie manche Charaktere vollſtändig aus ihrer Bahn gelenkt hätte, wo Menſchen, einmal verpflichtet, nie wieder ihren freien Willen bekommen hätten, Offi⸗ ziere, die das Opfer eines einmal unbedacht geſchloſſe⸗ der 69 nen Verhältniſſes ſogar mit ältern Damen geworden und elend untergegangen wären... Da erſt verſtanden denn Monika und Hedemann die wechſelnde Geſichtsfarbe Arm⸗ gart's und ſetzten das Geſpräch, deſſen Bezüglichkeiten ſie ſich jetzt auf Benno deuten konnten, nicht fort... Aber von Lucinden und einem ſeltſamen Zuſammen⸗ hang des überraſchenden Todes ihres Gönners, des Car⸗ dinals Ceccone, wußte nun Terſchka Dinge zu erzählen, die, wenn ſie auch fragmentariſch bleiben mußten, weil ſie für Armgart's Ohr nicht gemacht waren, doch die ganze Behaglichkeit verbreiteten, durch Terſchka wieder in einen Zuſammenhang mit der Welt zu kommen... Armgart hörte aus dem Flüſtern nur, daß Graf Sar⸗ zana gleichfalls als Flüchtling in London und gleich in den erſten Wochen ſeiner Vermählung von ſeiner Frau getrennt lebte. Acht Tage verfloſſen und Terſchka war in dieſer und ähnlicher Art auf Schloß Bex die Hauptperſon geworden ... Die Mutter konnte ſchon ſagen: Was ſollte denn nun auch werden, wenn jedem Menſchen, der einmal ſtrauchelte, der Kainsfluch immer und ewig auf der Stirn gezeichnet bliebe!... Warum gibt es denn keine großen Männer mehr?... Weil die Keime dazu in unſerer Civiliſation falſch aufblühen und leider zuweilen eher in den Zuchthäuſern, als in den Walhallen reifen! ... Verpflanzt doch nur einmal unſern Herrn und Heiland in das Zeitalter der Gensdarmen!... Würde Jeſus von Nazareth drei Jahre haben lehren und hin⸗ und herwandeln können?... Nicht drei Tage hätte ſein hochheiliges Lehramt gedauert... 70 Von Lucinden, Gräfin Sarzana, hatte Terſchka, wie nun Armgart vertraulich von der Mutter erfuhr, erzählt, daß die Klügſte ihres Geſchlechts das Opfer einer In⸗ trigue geworden war, die auch nur in Italien vorkom⸗ men konnte... Graf Sarzana war in der That ein Ver⸗ ſchworener des„jungen Italien“, theils aus Ueberzeugung, theils aus Rache gegen Ceccone, der ſeit Jahren ſeine Familie entwürdigte und wahrhaft misbrauchte... Auch ihm wollte der Cardinal die Hand einer Frau geben, die nur ihm gehören ſollte... Hatte der Cardinal Berech⸗ tigung, von Lucinden ſolche Hoffnungen zu hegen oder nicht, der Gardiſt Sr. Heiligkeit ging wenigſtens ſchein⸗ bar auf den Vertrag ein... Seine Rache wollte einen erlaubten Anlaß haben, Ceccone gelegentlich aus der Welt zu ſchaffen... Die Ehe wurde vollzogen; der gerade in Rom anweſende neuerhobene, glänzend ge⸗ rechtfertigte, wie von unſichtbaren Armen geſchützte Erz⸗ biſchof von Coni hatte früher Gräfin Paula nicht trauen können— aber Lucinde wollte dieſen Vorzug genießen und Terſchka hatte ſogar angedeutet, daß Lucinde Mittel be⸗ ſäße, den Erzbiſchof zu allen möglichen Dingen zu zwingen . Kaum hatte das Sarzana'ſche Ehepaar jenen Palaſt bezogen, in dem früher die Herzogin von Amarillas wohnte, ſo verbreitete ſich ein Gerücht, der Cardinal hätte bei einem Abendbeſuch in dieſem Palaſt einen unglücklichen Fall gethan... Blutend fuhr er nach Hauſe... Wol ein Jahr hätte er ſich dann elend hingeſchleppt, hätte ſehen müſſen, wie Fefelotti ſeinen ihm immer mehr ab⸗ gerungenen Einfluß gewann und wäre zuletzt ſtill vom Schauplatz verſchwunden und ſogar außerordentlich heilig geſtorben... Bald aber nach jener Nachricht von dem „unglücklichen Fall“ wäre Graf Sarzana heimlich aus Rom entwichen, ſeine Gemahlin in ein Kloſter, das der„Lebendigbegrabenen“, gegangen, wohin ſchon einmal ein dunkler Vorfall aus dem Leben des Cardinals ſich der Welt entzogen hätte—... Jetzt wiſſe es alle Welt, hatte Terſchka erzählt, Graf Sarzana hätte ſeine Gemahlin in einer„Scene“ mit dem Cardinal überraſcht, die Thür geſprengt und auf friſcher That auf ihn den Degen gezückt... Der Stoß war nicht tödtlich und erſt nach einem Jahr erlag Ceccone den Folgen der Wunde... Gräfin Sarzana wäre ſeitdem noch gar nicht lange erſt wieder aus dem Kloſter ans Tageslicht gekommen... Armgart wußte freilich aus Briefen, die aus dem Thal von Caſtellungo kamen, daß Gräfin Sarzana ſchon ſeit zwei Jahren in Genua lebte, ja ſogar in Coni erwartet wurde... Sie ſagte alſo: Alles das wird ſich auch wol noch anders verhalten!... Ueberhaupt kannte Terſchka von den Verwickelungen im Leben der Nahebefreundeten Monika's und Ulrich's mehr, als dieſe in ihrem reinen Sinn hören mochten... Selbſt Lucinden ließ der Oberſt, der ſich ihrer wenig ent⸗ ſann und von der er nur hatte erzählen hören, das Urtheil angedeihen: Wir wiſſen nicht, ob die Menſchen, die ſie verurtheilen, recht haben oder nicht; aber für ſoviel Un⸗ glück, als auch gerade ihr beſchieden zu ſein ſcheint, könnte ſie jeden faſt dauern und ihre Erbitterung gegen die Welt gar nicht wunder nehmen... An den in jener Gegend üblichen Erbauungsſtunden und religiöſen Verſammlungen, an den Streitigkeiten 72 über die Erbſünde und die Gnade nahm Terſchka, der nun eingebürgert blieb, ohne beſonderes Intereſſe theil ... Geiſtige Bedürfniſſe lagen ihm überhaupt, wenn ſie Ernſt vorausſetzten, fern... Wenn von Paris, Lon⸗ don und Wien die Rede war, ſeufzte er ſehnſuchtsvoll... Anfangs kehrte er immer wieder, wenn er Schloß Bex beſucht hatte, nach Genf zurück... Zuweilen kam von dort mit ihm Geſellſchaft, anfangs achtbare Perſönlich⸗ keiten, die in einer mit Fremden überfüllten Stadt leicht gefunden ſind... Der einförmige Kreis des Landlebens im Winter erhielt durch ihn Belebung; ſogar mehr, als man wünſchen konnte... Es ſtellte ſich eben eine Toleranz gegen den Erzähler ſeiner Abenteuer und Reiſen wieder her, die alle Bedenklichkeiten des Vergangenen vergeſſen zu haben ſchien... Nur Armgart blieb gegen den nur zu ſchnell wieder zu Gnaden Angenommenen kalt, vermied ihn, wo ſie konnte, blieb, wenn er nicht noch vor Nacht nach Genf heimkehrte, vorſichtig auf ihren Zimmern und lebte ihrer innern Welt, die ſie ſchon ſo früh verſtanden hatte zu ihrem Univerſum zu machen... Ein Kind, das mit einem aus Baumrinde geſchnittenen Schiffchen ſich ſtundenlang den Ocean träumen konnte, war ſie ſonſt; jetzt kannte ſie den großen Ocean des Lebens und ſuchte auf die⸗ ſem nur ihre kleinen Schiffchen... Der Oberſt und Monika waren im Grunde doch nur Gemüthsmenſchen und entbehrten, ungeachtet ihrer ſteten Berufung auf den Verſtand, eines ſcharfen pſychologiſchen Blicks... Sie überſahen, daß es eine Verkommenheit im Menſchen gibt, die dem Kenner ſelbſt durch den 73 äußern Schein des größten Behagens hindurchſchimmert, wie eine nur ſcheinbar gepflegte Toilette durch eine zer— riſſene Naht und ein nicht gehörig verſtecktes Bändchen in ihren geheimen Schäden ſich verräth... Eine ſolche im Sinken begriffene Natur lacht und ſcherzt dann und am Uebermaß des Widerhalls läßt ſich erſt erkennen, wie innerlich alles ſo hohl... Jedes Wort hört der ſcheinbar ſo unbefangen Sprechende dann gleichſam ſelbſt zuerſt; ſein Gang iſt berechnet; der Schatten, den er wirft, ängſtigt ihn... Unruhig ſucht er dann Haltpunkte und Anlehnungen... Sie ſind aber ganz wie im Zufall und wie im Traum ge⸗ wählt... Eine alabaſterne Vaſe, ein Spiegel, um im Bilde zu bleiben, iſt von dem Vorſichtigſten dann zertrümmert, er weiß nicht wie... Für die ſich ganz ebenſo zeigende tiefinnere Verkom⸗ menheit Terſchka's hatte Armgart einen klarſehenden Blick . Während der Unheimliche den Vater durch ſeine Ställe und ſeine Vorſchläge für die Oekonomie feſſelte, die Mutter durch hundert Aufträge, die von ihm für Genf übernommen wurden, Hedemann und Porzia durch Heil⸗ tränke, die in der That vorübergehende Linderungen ver⸗ ſchafften, ſah allein Armgart mit Schrecken, wie Terſchka ſchon ſo im Zuge des Eingreifens in alle Verhältniſſe auf Schloß Bex war, daß ihr bereits die Geldſummen verloren ſchienen, die ihm anvertraut wurden... Sie ſah eine Lebendigkeit um ſich her, die ſie im höchſten Grade be— unruhigte... Terſchka's Genoſſen, jetzt größtentheils Franzoſen von unheimlichen Manieren, gingen ab und zu ... Schon wurden Jagdpartieen arrangirt... Oft war „ 74 die Tafel, ohne irgend eine Einladung, zwanzig Perſonen ſtark... Der Oberſt liebte die Jagd und Monika unterſtützte dieſe Neigung ohnehin, weil ſie— ſie ſagte es ſcherzend— gutmachen wollte, daß der Anfang ihres früheren Zerwürfniſſes mit ihm ein Lachen über die Fehlſchüſſe des eben Erheiratheten war... So ging es hinauf in die Schluchten der Berge, gerade wie um Witoborn ber in die Wälder... Monika, der es an Gründen nie fehlte, wenn etwas Inconſequentes durch Geſetze der Nothwendigkeit entſchuldigt werden ſollte, fand dieſe Bewegungen dem Gatten zuträglich, ſorgend nur, daß Armgart von den Zumuthungen der Theilnahme verſchont blieb... Wohl kannte ſie Armgart's Eriunerung an jenen Tag, wo ſie, todtbetrübt und die Mutter an Terſchka gebunden glaubend, ſich infolge ihres Gelübdes in die gräflich Münnich'ſche Jagd ſtürzen konnte, um für die Erkorene Terſchka's zu gelten. Der Winter verſtrich... Armgart ſaß nicht immer mit ihren Büchern im Zimmer... Sie unterſtützte Hedemann und Porzia im Reinigen und Schwingen der Sämereien, ſtieg in die Keller und wahrte die Wurzel⸗ gewächſe gegen üble Wirkung dumpfer und feuchter Luft, benutzte jeden ſonnigen Tag, wo der Boden der großen Gemüſegärten ſich auflockert, um die Ausſaat ſolcher Pflanzen zu leiten, denen längeres Verweilen des Sa⸗ mens im Schoos der Erde nützt, ließ die Obſtſpaliere und manche freiſchwebende junge Pflanzung mit Stroh umhüllen, unterſtützte gegen den Sturm, der oft aus dem Walliſerland und vom großen Sanct⸗Bernhard her mit Ungeſtüm wehte, die jungen Obſtbäume mit — 75 kräftigen Stecken, ließ die Weinſtöcke niederlegen und gerade wenn ihr Blumengarten dicht voll Schnee lag, ſäete ſie die erſten Boten des Frühlings, Primeln und Aurikeln— ihr Same darf die Erde nur leiſe berühren, nicht in ſie eindringen—... Bei dieſen Beſchäftigun⸗ gen, auch beim Pflegen der Hyacinthen, die in ihren Zimmern, wie ehemals bei Paula, die grünen Keime an⸗ ſetzten, trug ſie ihr ſeltſames Lebensloos und gab, wie in einem ſpaniſchen Gedicht, das Bonaventura auf Weſter⸗ hof einſt ihr und Paula vorgeleſen,„Des Gärtners Lohn“— auf die Frage: „Herr, unter Steinen und Mooſen Was ſchöpfſt du ſoviel aus dem Boru?“ durch Blick, Rede und ganze Haltung die Antwort: „Dir will ich benetzen die Roſen!— Mir will ich benetzen den Dorn!“ Es war ein Nonnenleben ohne Klauſur, das ihr Ideal zu werden ſchien... Die Welt hüllte ſich ihr in eine Trauer, die ſie nicht deuten, ja in einen Schmerz, den ſie kaum anerkennen mochte... Sie wurde ab⸗ lehnend und ſtreng; vielen erſchien ſie kalt... Der Frühling war gekommen, die Hollunderbüſche blühten, die Kaſtanienbäume ſetzten ihre braunen Knos⸗ pen an, der Leman braute jene durchſichtigen, ſonni⸗ gen Nebel, die die wild aus den Bergen ſtürmende „Biſe“ nicht mehr zerriß... Terſchka wohnte nun ſchon oft wochenlang auf dem mit allen Reizen der Na⸗ tur ſich ſchmückenden Schloß Bex... Zu andern Zei⸗ ten wieder überredete er den Oberſten, mit ihm nach dem fremdenüberfüllten Genf zu gehen... Wer das 76 Gefühl hat, mit gegebenen Zuſtänden in Bruch zu leben, ergreift gern die Gelegenheit, aus ſeiner Iſolirung her⸗ auszutreten und da ſich anzuſchließen, wo von den unbe⸗ fangener Urtheilenden die langentbehrte Zuſtimmung nicht ausbleibt... Dieſe reichen Patricierfamilien Genfs mit ihren ſtrengen calviniſtiſchen, aber in andern Dingen wieder republikaniſch unbefangenen Formen wurden eine Welt, in der ſich Monika ſorglos bewegen durfte... Sie ſprach gut franzöſiſch, konnte mit den Profeſſoren der Univerſität Streitigkeiten führen, die für jeden Zuhörer genußreich waren, der Rath des Oberſten wurde in mancher technologiſchen und Ingenieurfrage begehrt, Terſchka war die Seele der auch in Genf vorhandenen ariſtokratiſchen Geſellſchaft... Von den Flüchtlingen, den Polen, Ita⸗ lienern, Deutſchen, hielten ſich alle in Entfernung... Aber gerade von dieſer Seite aus gab es ſcharfe Augen und der geſchmeidige, lebensſchlaue Böhme, der überall nach Macht, Einfluß, Stellung trachtete, mußte erleben, daß ihm ſchon manches fehl ſchlug... Bald hieß es ſogar auch hier: Er ſpielt eine falſche Rolle! Er hat ſie ſchon in London geſpielt! Sein Gewerbe kann nur das eines Spions ſein! Er correſpondirt mit Wien und Rom!... War dem nun ſo oder nicht, Terſchka blieb jener Jeſuitenzögling, der zwar mit ſcheuer Vorſicht ſeinen Weg Schritt für Schritt macht, nie aus ſich ſelbſt heraus, ſondern immer nur aus den andern die Situationen ſeines Lebens entwickelt, niemals kann er recht ein Herr werden, immer nur Diener... Durch ſein Dienen ver⸗ pflichtet man ſich die Menſchen und zuweilen ſind die Men⸗ ſchen edel und heben dafür den andern, der uns dient, wie leben, her⸗ unbe⸗ nicht s mit ingen eine ſoren zörer ncher war ſchen Ita⸗ arfe der nußte Bald olle! fann Lien chka ſicht lbſt nen derr ver⸗ Nen⸗ wie 77 einſt mit ihm Graf Hugo gethan; jetzt aber hatte er zuletzt doch nur noch den Oberſten und Monika für ſich, hundert Zerwürfniſſe und Streitigkeiten ſchon gegen ſich... Bereits hieß es beim Oberſten und Monika: Man müßte doch aus dieſer Gegend fort! Man müßte doch Bex verkaufen, ſo ſchön es auch wäre! Schon wegen— Hedemann'’s ſollte man in eine mildere Gegend ziehen!... Die Herrin von Schloß Bex hatte auch hier, trotz ihrer Schroffheit, Verehrer und Bewerber... Ange⸗ ſehene Namen aus Genfs Patricierfamilien, umwohnende Grundbeſitzer, Reiſende, wiederum auch mancher Eng⸗ länder, huldigten Armgart mit oft maßloſem Eifer... Die Mutter wünſchte die endliche Verheirathung; auch der Vater; ſchon deshalb, um den Schein aufzuheben, als beſtimmten ſie die Tochter ihres Vermögens halber unvermählt zu bleiben... Alledem geberdete ſich Terſchka trotz ſeiner fünfzig Jahre eiferſüchtig, als ſcheute er mit der Jugend keinen Wettkampf... Nicht daß er ſeine eigene Liebe zur Schau trug— wenigſtens warf er ein: Ich werde ſo lächerlich nicht ſein!— immer aber hatte er Gründe, die Bewerber zu verdächtigen und ſuchte Scenen herbeizuführen, die zuweilen ſo aus⸗ arteten, daß die Frauen, vor allem Armgart, wahrhaft darunter litten... Conflicte gab es, wo man erſtaunen mußte, wie ein einziger Menſch, dem der wahre innere Halt des Charakters fehlt, dennoch einen ganzen Lebenskreis verwirren und beſchäftigen kann... Zuletzt ſtanden auch endlich die Hülleshovens mit Terſchka ſo allein, daß ein Entweder⸗Oder ſich ihnen als unabweisbar aufdrängen mußte... Terſchka, fünfzig Jahre alt, in Fällen, wo 78 ſein Benehmen Zeugen hatte, muthig und entſchloſſen, wo er allein war, hinterliſtig, feige ſogar oder doch nur ſchlau, konnte ſchon wieder die Hände vor die Augen legen, weinen wie ein Kind und ſein Lebensloos beklagen, ſodaß die Frauen entweder mit einſtimmen oder entfliehen mußten, um ſich nur dem magiſchen Einfluß eines Gauklers zu entziehen, der die beſonnenſten Menſchen bethörte, ſeine geſchworenſten Feinde irre machte und, das ſah man nun wohl, Armgart noch erobern wollte... Terſchka hatte Schulden; der Oberſt konnte ihm nicht mehr helfen... Monika ſchmollte mit ihm tieferbittert, ſeitdem er, ganz nur wie zum Scherz, die Aeußerung hatte fallen laſſen, er würde, wenn Armgart es beföhle, in den Schoos der römiſchen Kirche zurückkehren. Armgart beſuchte zuweilen die Meſſe in einem zwei Meilen höher hinauf gelegenen katholiſchen Dorfe... Terſchka fing an, ſie dorthin zu begleiten... An der Kirchthür wartete er dann, bis ſie zurückkam... Wieder wurde ihr der Mann wie die Schlange, deren Athem den Vogel beſinnungslos macht... Sie ſtand ohnehin mit ihrem katholiſchen Gefühl hier allein und nun ge— ſellte ſich dieſem, wie ſympathiſch ergriffen, Terſchka zu ... Monika ſagte ihm ſeitdem, ſo oft er ſich auf dem Schloſſe ſehen ließ, mit dem Ton des gebietendſten Ernſtes: Terſchka, verlaſſen Sie uns endlich!... Der Oberſt erklärte in Güte: Terſchka, Ihre Rolle iſt hier ausgeſpielt! Reiſen Sie mit Gott!... In leiſem, ge⸗ müthlichem Ton konnte er dann ſeufzen: Ich gehe!... Er ging und kam wieder Nur einen Augenblick loſſen, h nur Augen lagen, liehen eines nſchen und, obern nicht ittert, erung föhle, zwei in der Gieder Athem nehin ge⸗ ka zu dem iſten Der hier , ge⸗ ntlt 79 blieb er dann, ſchwieg und warf einen Blick des tiefſten Schmerzes auf Armgart... Nicht lange währte es, ſo kniete er hinter ihr in der Meſſe des kleinen Kirchleins im Gebirge... Armgart erhob ſich dann, ſprach nicht mit ihm beim Verlaſſen des Gottesdienſtes und wich ihm für den Heimweg aus, aber ſie ſammelte nur mühſam die Kraft dazu, wankte, wenn er ſich ihr näherte, ſuchte zu entfliehen und konnte nicht von der Stelle... Alles, alles, als wär' er durch ſie und um ihretwillen im Be⸗ griff, wieder Katholik zu werden und als wär' er's ſchon längſt geworden, wenn er nur ſicher wüßte, ob er in dieſem Fall ſeines Prieſtergelübdes entbunden würde. Er behauptete, deshalb in Genf alle Bibliotheken nach⸗ zuſchlagen... So überraſchte er Armgart einſt auf ihrem Zimmer ... Seine Jahre verwünſchend, nannte er die Empfin⸗ dungen, die ihn beherrſchten, wahnſinnig, dennoch erklä⸗ rend, gewiſſe Namen, die gerade damals als Armgart's Bewerber genannt wurden, tödten zu können; er drohte ſich eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen und hoffte bei ſolchen Worten nur, durch Armgart's Erklärung, daß ſie ihn für jung, lebensberechtigt und ihrer endlichen Erhö⸗ rung für vollkommen würdig hielte, aufgerichtet zu werden ... In wilder Haſt ergriff er ein an der Wand hän⸗ gendes Crucifix, küßte es mit leidenſchaftlicher Inbrunſt und bat dem„heiligen Holze“, wie er es nannte, mit lauter Stimme ab, was ſeither von ihm ruchlos am katholiſchen Glauben verbrochen worden... Seinen Prie⸗ ſterſtand würde er nicht zu erneuern brauchen, ſagte er — weil er ihn ja ewig geſchändet hätte... Alles das kam 80 mit einer Wahrheit von ſeinen Lippen, als machte er im Al-Geſu eine jener rhetoriſchen Uebungen durch, wo ſich ein Sprecher in einer von ihm geſchilderten Situation ganz wie ein Schauſpieler verlieren muß... Armgart ſtand am Fenſter und zitterte... Terſchka ſprach, als wäre ſie nicht anweſend... Laut recitirte er eine Litanei an die allerſeligſte Jungfrau... Er kniete nieder, um ſein Gelübde auszuſprechen, in den Schoos der von ihm verlaſſenen Kirche zurückzukehren, auch wenn ihm, dem Leviten, nie wieder Vergebung zu Theil werden würde... Engel würden dann für ihn die Hände erheben und vielleicht im Jenſeits eine beſonders begnadete Seele ihn rettend in ihren Schoos nehmen... Ohne Zweifel erwartete Terſchka, daß Armgart ihn emporziehen, irgend mit ihm einen Ausweg aus dem La⸗ byrinth ſeiner Verhältniſſe bereden würde... Aber ſo ſehr ſich in ihr die alten Stimmungen des Selbſtopfers, die Seligkeiten des gebundenen Willens regten, die Jugend⸗ zeit mit ihren Schwärmereien war vorüber... Mit einem verachtenden Ausdruck ihrer Augen, der den un⸗ verkennbarſten ewigen Bruch zwiſchen ihr und Terſchka verrieth, rief ſie: Nein! Nein! Nein! ließ ihn auf dem Teppich vor ihrem kleinen Hausaltar liegen und entfloh aus dem Zimmer... Da begegnete ihr der Vater, ſah ihre Aufregung, traf Terſchka, noch mit dem Crucifix, das er unaufhör⸗ lich küßte, in der Hand, ſchleuderte ihm einige Ver⸗ wünſchungen zu und wies ihm die Thür. Terſchka erhob ſich von der Erde, auf der er gekniet hatte, ſchwankte eine Weile, taumelte unentſchloſſen, maß den er im ſich ation rſchka citirte . Er den hren, 1ig zu zu die nders 1.. t ihn n La⸗ 81 Oberſten, halb als ob er an ſeinem Halſe ſich ausweinen, halb— als ob er ihn tödten wollte... Und als dieſer wiederholt rief: Sie ſind ein unverbeſſerlicher Abenteurer! Man weiß alles von Ihnen! Sie ſind unter Räubern erzogen, Sie ſind ein Kunſtreiter— noch haben Sie nicht aufgehört den Jeſuiten zu dienen! Die Brüder Bandiera ſind durch Sie verrathen worden— durch einen gewiſſen Jan Picard— ha, kennen Sie den Namen—?— da erblaßte Terſchka, erhob ſich lautlos und verſchwand—... Allgemein glaubte man, er ſäße in Genf im Schuld⸗ gefängniß... Seine Sucht, ſich in den vornehmſten Kreiſen zu bewegen, Cavalier zu ſein, Matador der Geſellſchaft, hatte ihn in nicht endende Verlegenheiten geſtürzt... Nach und nach aber verbreiteten ſich Ge⸗ rüchte, er wäre in den Canton Freiburg gegangen und hätte ſich dort reuig in das dortige, damals allgewaltige Collegium der Jeſuiten zurückbegeben... Die Strafen, die ihn in dieſem Fall dort erwarteten, mußten, wenn er nicht ſchon früher Verzeihung gefunden, furchtbare ſein — deshalb wurde auch von andern die Möglichkeit eines ſo gewagten Entſchluſſes bezweifelt... Auf Schloß Bex ſtellte ſich der Friede wieder her und die Gegenſätze verſöhnten ſich in der einſtimmigen Verwerfung eines ſittlich Haltungsloſen, an den man ver⸗ gebens Milde, Langmuth, Wohlthaten verſchwendet hätte ... Die Schulden, die Terſchka beim Oberſten nicht getilgt hatte, konnten als Vorwand dienen, in Freiburg nach ihm Erkundigungen einzuziehen... Man gab dort eine kaltausweichende Antwort... Der Uebermuth der im Steigen begriffenen klerikalen Partei hatte gerade damals, Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 6 8 82 in der von Bürgerkämpfen zerriſſenen Schweiz, den höch⸗ ſten Grad erreicht... Aber nur noch eine kurze Weile und es ſchlug die Stunde einer großen Bewegung... Jener dreifachgekrönte arme leidende Mann mit dem tücherumwundenen Antlitz auf dem apoſtoliſchen Stuhl hatte ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht, wie ihn die Stellvertreter Chriſti aushauchen— einſam, verlaſſen, in den ſchauerlich öden Marmorſälen des Vaticans ein dem Reiz nach Neuem allzulang verweilender Gaſt... Draußen eine unruhige, großer Umänderungen harrende Menge, die die neue Beſcherung, das beginnende Con⸗ clave und den Namen und die Perſon eines neuen Trägers der Himmelsſchlüſſel erwartet... Der Sterbende iſt dann nur noch eine leere Hülfe... Nur noch einige geringe Würdenträger bleiben bei ihm, die auf den Augenblick harren, wo ihnen gewiſſe Functionen für den Todesfall der Päpſte vorgeſchrieben ſind, das Zerbrechen der Siegel, das Aufbewahren des Fiſcherrings, das Läutenlaſſen einer kleinen ſilbernen Glocke der Peterskirche... Ertönt dieſe geheimnißvolle Glocke, dann müſſen alle Gerichte aufhören, alle Glocken Roms fallen mit ſchauerlichem Ge⸗ läute ein; auf allen Tribunalen wird die Feder ausgeſpritzt und nicht die Trauer, ſondern— die Freude beginnt... Armer Stellvertreter des Gottesſohns!... Nun ver⸗ laſſen dich die Deinen, die ſonſt vor dir knieten!... Nun eilen ſie ſich, ihre geſammelten Schätze in Sicherheit zu bringen... Nun ſchleichen ſie ſchon von deinem Sterbebett, noch ehe du erkaltet biſt!.. Noch einmal taſtet dein erſtarrter Arm nach einem Glockenzug, du jammerſt um einen Labetrunk Waſſers und niemand will kommen, dir deine verſchmachtenden Lippen zu be⸗ netzen!... Wo ſind ſie, die Köche, die Haushofmeiſter, die Frauen deines Barbiers, des Allgewaltigen, den du zum Camerlengo erhoben hatteſt?... Sie ſind beim Packen ihrer Papiere, bergen ihr Gold, ihr Silber. Sowie das Auge ihres Herrn gebrochen iſt, verweiſt ſie die jahrtauſendjährige Regel ſofort aus dem Bereich der neuzulüftenden und friſch zu reinigenden Gemächer des Nachfolgers... Das iſt der Brauch, der nach Rom von Byzanz herübergekommen zu ſein ſcheint— Im Orient iſt der Tod das Geſetz, das ſich auch auf die Umgebungen eines ſterbenden Sultans erſtreckt... So⸗ gar ſeinem Arzt ſieht der ſterbende Herr der Kirche an, daß ihn der Unmuth drückt um den Verluſt ſeiner Stelle— dieſe alten Cardinäle haben ſeit Jahren ſchon ihr Leben auf eigene Art eingerichtet und nichts verpflichtet ſie, das Privatleben ihres Vorgängers fortzuſetzen oder zu ehren... Nicht die jugendliche Sorgloſigkeit eines geborenen Erben nimmt Beſitz vom Throne, nicht die Pietät eines Verwandten, eines Bruders für einen Bru⸗ der, eines Neffen für ſeinen Onkel, ſondern ein fremder Greis folgt einem fremden Greiſe, die langjährige Ver⸗ wöhnung eines Hageſtolzen und die vollkommen ſchon hart⸗ näckig eingewurzelte Lebensart eines Cardinals den Ge⸗ wohnheiten und Launen eines dahingegangenen andern... Neun Tage währt dann äußerlich Klage und Trauer, aber im Stillen läuft und flüſtert die Neugier und In⸗ trigue von Haus zu Haus... Wer wird der Nach⸗ folger ſein!... Couriere kommen und gehen, die 6* 84 Diplomatie hält Beſprechungen, Parteien bilden ſich, Stimmen werden gezählt, die Frauen werben und ſtiften Verſöhnungen, alte Cardinäle vergeſſen, daß die Aerzte ſie längſt aufgaben, ſie werden jung, haben keine Gicht und keine Waſſerſucht mehr, die Frivolen werden fromm, die Frommen weltlich—... Welche Gedanken würden ſichtbar werden, wenn dieſen Cardinälen(ſiebzig ſollen es ſein— nach der Zahl der Aelteſten der Stämme Iſraels), die im Sanct⸗Peter die Meſſe um Erlangung des Heili⸗ gen Geiſtes für die Neuwahl hören, die Decke der de⸗ müthig geſenkten Häupter gelüftet würde!... Nun ziehen ſie feierlich in den Quirinal und finden da die wunder⸗ lichſten Holzverſchläge für ſich hergerichtet... Schon haben tagelang die Maurer alle Thore des Palaſtes außer einem einzigen vermauert, ſchon ſind mindeſtens zwei⸗ hundert Fenſter in ihren Fugen mit Kalk und Mörtel ver⸗ ſtrichen... Die vierzig oder funfzig anweſenden Wähler leben ohne friſche Luft, wie ebenſo viel Mönche, und ſo lange abgeſperrt von der Welt, bis der Geiſt der Erleuchtung zum Siege, zur richtigen Stimmenzahl geholfen hat... Sie leben in ſchnellgezimmerten, auf die langen Corridore ver⸗ pflanzten Zellen, die ausſehen, wie Meßbuden... Jede hat ein kleines Fenſter auf den Corridor... Die un⸗ bequeme Lage iſt peinlich und unterſtützt die Neigung, einig zu werden... Haß und Abneigung ſchwinden mit dem Druck der Entbehrungen... Fefelotti's Pracht⸗ und Bequemlichkeitsliebe, eingeſperrt in einen ſolchen weih⸗ nachtlichen Hirtenſtall! Fefelotti ohne die Hülfsmittel— nur allein ſeiner Toilette!... Der einzige Cardinal Vincente Ambroſi und einige Ordensgenerale mochten 85 wenig den Unterſchied von ihrer gewohnten Lebensweiſe ſpüren... An dem Hauptthor, gegenüber den Roſſen des Monte⸗ Cavallo, ſind vier Oeffnungen mit Drehrädern angebracht, durch welche die Speiſen eingeſchoben werden... Die Maſſen des Tag und Nacht ringslagernden Volkes ſehen es wohl— Fefelotti entbehrt kein einziges ſeiner Leibgerichte; die verdeckte Tragbahre verbreitet den köſt⸗ lichſten Duft... Aber der ſeither Allmächtige muß ſich gefallen laſſen, daß ein mit der polizeilichen Controle des Conclaves ſeit Jahrhunderten betrauter Fürſt Chigi jede Paſtete mit eigener Hand aufſchneidet und ſich über⸗ zeugt, ob ſie im Füllſel nichts Geſchriebenes enthält, keinen Brief vom Staatskanzler des Kaiſers von Oeſter⸗ reich, keine Mahnung aus Frankreich oder Spanien, kein Billet einer Verehrerin, die auf dem Corſo Fran⸗ cesco angſtklopfenden Herzens wohnt und Mittel und Wege ſucht, mit den heiligen Holzverſchlägen in Ver⸗ bindung zu bleiben und die Stimmen zu addiren, ja von außen her den Cardinalbiſchof von Oſtia mit dem Cardinalgeneral der Kapuziner, den Cardinaldiakon der Santa⸗Maria in Via Lata mit dem Cardinalprieſter von Santa⸗Maria della Pace zu verſöhnen... Hülfe, Hülfe — durch die fremden, noch nicht angekommenen Car⸗ dinäle! ſchrieb Fefelotti in einer mit der Gräfin Sarzana verabredeten Chiffreſchrift, die aus Compotkirſchkernen, Ge⸗ flügelknöchelchen und andern Reſten ſeiner Mahlzeit be⸗ ſtand... Die Antworten ertheilte ihm die Gräfin und manche andere ſeiner Angehörigen unter der Etikette jener Weine, die ihm nicht vorenthalten werden durften... 86 Fürſt Chigi betrachtete jede Flaſche am Lichte, ob ſich nicht im Burgunder vielleicht unterm Kork ein verdächtiges Telegramm befand— die Etiketten abzureißen unterließ ſein Mitleid mit einem Manne, der nicht einerlei Wein genießen konnte und ohne Etikette vielleicht die Sorten verwechſelte—... Anfänglich hatte der gottſelige, heiligſtrenge Sinn des Hüters der Katakomben und Reliquien, des Cardinals Vincente Ambroſi, des geheimnißvollen Flüchtlings vor dem Eremiten von Caſtellungo, des Beichtvaters der kleinen Olympia Maldachini, des Gefangenen im Kerker des hei⸗ ligen Bartholomäus von Saluzzo und des dem Erzbiſchof von Coni ſeit ſieben Jahren innigſtverbundenen Freundes die allermeiſten Hoffnungen... Aber eigenthümlich, wie ſelbſt die Frommſten und Trefflichſten unter den heiligen Wählern nicht ganz der Meinung leben, daß der zu Wählende ein durchgreifender Reformator ſein müſſe ... Man wollte denen, die nur einen politiſchen Kopf, einen Lenker des Kirchenſtaats, einen Politiker im Geiſt der Cabinete Neapels und Modenas begehrten, ebenſo wenig das Feld räumen, wie einer kleinen Anzahl, die überzeugt war, es müßte ein Freund der neuen politiſchen Ideen, der Hoffnungen Italiens gewählt werden. Die Verwirrung wurde die größte... Darin aber wa⸗ ren alle, jetzt wie immer, einig, daß der Stellvertreter Chriſti ein Mittelweſen zwiſchen Hart und Weich, zwiſchen Strenge und Milde ſein müßte— Nicht zu heilig und nicht zu weltlich—! Nil humani a me alie- num! die Loſung... Fefelotti täuſchte ſich indeſſen gründlich Bei jedem Scrutinium ſchmolz ſeine 87 Stimmenzahl... Auf die beſten Freunde war kein Verlaß mehr... Fefelotti legte ſich ins Bett, um durch Abweſenheit zu ſchrecken; dann, als dies Mittel fehl ſchlug, erklärte er ſich für in Wahrheit krank, ſo krank, daß man ihn nach Hauſe tragen ſollte— nach der Praxis früherer Wahlen war das eine erwägenswerthe Empfeh⸗ lung— denn um ſo ſchneller machte er einem Nachfolger Platz... Vergebens— Die Cardinäle lachten— Fefelotti regierte draußen die katholiſche Chriſtenheit, aber nicht mehr fünf Stimmen im Conclave und er bedurfte zwei Drittel aller Stimmen!.. Seit ſieben Jahren war Cardinal Vincente Ambroſi aus ſeiner früher im Mönchsgewand ſo paſſiven Rolle mit überraſchender Energie herausgetreten... Er hatte die Hoffnungen aller ſeiner Protectoren getäuſcht... Schon vor ſieben Jahren hatte der junge Cardinal mit Entſchiedenheit Bonaventura's Partei genommen und die⸗ ſem kurz vor Lucindens Einſegnung in der Apoſtelkirche mit unverhohlener Freude die Botſchaft einer Genugthuung gebracht, die ihm der Heilige Vater mit Einſetzung auf Fefelotti's verlaſſenen Hirtenſitz ſchenkte... Ambroſi, nun ſchon graulockig, aber immer noch der„Ganymed unter den Cardinälen“ genannt, trat bei allen Gelegen⸗ heiten hervor, wo irgendein Misbrauch abgeſtellt oder wenigſtens öffentlich gerügt wurde... Er ſowol wie der Erzbiſchof von Coni, dann ein neuer General der Domi⸗ nicaner, auch der General der Theatiner und mehre erſte Pfarrer Roms, galten für muthige Kämpfer gegen die Herr⸗ ſchaft der Jeſuiten... Nachdem noch ſelbſt Cardinal Ceccone gegen ſie geſtritten hatte, war mit Fefelotti Schule, Haus, 88 Kirche, dieſſeitiges und jenſeitiges Leben dem Al-Geſu gebunden in die Hände gegeben worden... Man trug zwar ruhig, man beugte ſich dem Joch Fefelotti's, das ſchwerer noch drückte, als das Ceccone's; im Conclave aber hörte plötzlich alle Verſtellung auf... Da zitterten die Mächtigen, da erhoben ſich die Schwachen... Nehmt Ambroſi oder— mich! donnerte der lange weiß⸗ bärtige, kahlköpfige General der Kapuziner, ein mit kauſtiſchem Witz begabter Greis... Sich ſelbſt zu empfehlen, ſeine eigenen Tugenden zu preiſen iſt im Con⸗ clave durchaus erlaubt... Das wispert dann nachts auf den langen Corridoren... Da ſchleichen die ſchlaf⸗ loſen Greiſe von Thür zu Thür; da wird geflüſtert und hoch und theuer geſchworen und Vortheile werden ver⸗ ſprochen und die Stimmen ſchon für künftige Aemter und Einnahmen ver⸗ und erkauft... Ambroſi hatte bereits zwanzig Stimmen und bot ſie dem General der Kapuziner ... Darüber gerieth das Conclave in Entſetzen... Der? hieß es. Ein neuer Sixtus V., der Rädern und Köpfen zur Tagesordnung macht! Nimmermehr! ſcholl es durch die Bretterwände und verdrießlich legte ſich nun auch dieſer Alte ins Bett und brummte: Wählt wen ihr wollt!... Als er ſich bald in ſein Schickſal gefunden hatte, pochte der General der Dominicaner, der die Jeſuiten über alles haßte, an ſeine Thür und bat: Bruder, wollt Ihr denn das Feld verlaſſen? Wählen wir doch wenigſtens einen, der uns vom Al⸗Geſu befreit! ... Der alte Kapuziner erwiderte: Ihr ſeht ja, wie ſie ihm alle verkauft ſind! Aber ihr habt Recht! Wollen wir nicht ganz erliegen, ſchlagt eine Tabula rasa vor, einen 89 Menſchen, von dem bisher nichts geſprochen wurde! Einen Menſchen, der unter uns iſt und den Niemand kennt! Geht alle Namen durch und von wem ihr nicht wißt, ob er Jeſuit oder Carbonaro oder Theologe oder Heide iſt,“ den ruft durch Inſpiration aus!... Das Ausrufen durch Inſpiration iſt eine eigenthümliche Wahlmethode; mitten im Debattiren, Beten, Singen ſpringt plötzlich ein Inſpirirter auf und ruft: N. N. ſoll es ſein!... Dieſe an Luft, Bewegung, ihre häusliche Ordnung gewöhnten Greiſe ſind durch ihr gefangenes Beiſammenleben und die ſtete Spannung dann ſo nervenerregt, daß ſolche Rufe zuweilen Erfolg hatten und unter Scenen krank⸗ hafter Verzückung Wahlen durch Acclamation zu Stande kamen. Der Kapuziner kannte ſelbſt keine ſolche Tabula rasa Aber General Lanfranco kannte eine... Es gab einen der jüngern Cardinäle, der während aller dieſer nun ſchon mehrtägigen Kämpfe der eingeſperrten Prieſter wenig geſprochen hatte und als Erzbiſchof aus der Provinz den meiſten unbekannt geblieben war... Jeder dieſer Ge⸗ purpurten hatte ſchon eine lange Chronik ſeines Lebens, der heilige Cardinal der Katakomben die allbekann⸗ teſte—... Von dieſem aber wußte man nur, daß er einem Grafengeſchlecht in einer kleinen Stadt an der nördlichen Meeresküſte, dem Schauplatz der Thaten Grizzifalcone's, angehörte, in ſeiner Jugend an dem Uebel der fallenden Sucht gelitten hatte, darum ſowol vom Eintritt bei der päpſtlichen Nobelgarde, wie anfangs vom Prieſterſtande abgewieſen wurde, dann in die beſondere Pflege vornehmer Frauen gerieth und durch deren Betrieb endlich auch zum Prieſteramte zugelaſſen wurde. Durch das Gebet der Fürſtin Colonna verlor er jene Krankheit... Vollends verlor er ſie durch eine Seereiſe, eine Reiſe nach Amerika... Zurückgekehrt er⸗ klomm er eine Würde nach der andern und um Rom hatte er ſich als Erzbiſchof von Spoleto das beſondere Verdienſt erworben, daß er einen Revolutionshaufen un⸗ ter Anführung Louis Napoleon's durch Zahlung von 6000 Scudi an den Freund deſſelben, Sebregondi, von ihrem Marſch auf Rom zurückgehalten haben ſoll). Der Erwählte fiel in Ohnmacht, als auf be⸗ geiſterte Empfehlung Ambroſi's und der beiden Generale aus dem Scrutinium mit der vollen Stimmenzahl ſein Name hervorging... Beinahe hätte ſich gezeigt, daß das Gebet der Fürſtin Colonna und die Seerreiſe noch nicht die volle Wirkung erlangt hatten... Alle mußte es rühren, daß, nachdem man ſich zugeflüſtert hatte, in der ewigen Stadt wäre einſt ein Jüngling ver⸗ zweifelnd am Strande der Tiber auf⸗ und niedergegangen in der Abſicht ſich in die Wogen zu ſtürzen— Militär und Klerus hatten ihn um ſein bemitleidenswerthes Körperleiden abgewieſen— nun das Schickſal in dieſer ſelben Stadt die dreifache Krone auf ſein Haupt hob! ... Der Erwählte erholte ſich in den Armen Ambroſi's und der Ordensgenerale; man legte ihm die Kleider ſeiner neuen Würde an und nannte ihn der Welt und zeigte ihn den Völkern. *) 1831. aſſen erlor eine t er⸗ Rom ndere un⸗ von ondi, aben be⸗ erale ſein daß reiſe Alle uſtert ver⸗ ngen litär thes ieſer hob! oſis eider und 91 Dem Stuhl Petri, ſagt man, naht ſein Verhängniß Diesmal erſt hatte ihn ein Anhänger jener Partei be⸗ ſtiegen, die damals in Bertinazzi's Loge vom Kohlenbrenner — es war Pater Ventura— die der Phantaſten genannt wurde... Durch den Patriarchen von Ronm ſollte vorerſt nur Italien erlöſt und die katholiſche Chriſtenheit über das allen Völkern ihre Freiheit raubende Wirken der Jeſuiten beruhigt werden... Liebenswürdig iſt der Eindruck jedes guten und gläubigen Willens... Wie im roſigen Lichte ſchwimmt noch jede auf ihn geſetzte Hoffnung... Will ſie ſcheitern, ſo müht ſich die edle Abſicht, ihr den Sieg zu erleichtern, wirft aus dem zu ſchweren Fahrzeug Ballaſt über Ballaſt, will nur das Glück, nur den Erfolg, nur den Sieg, den ewigen Sonnenſchein... Umrauſcht vom jauchzenden Zuruf der Völker hebt ſich dann die Bruſt und wagt und wagt und wofür ſonſt jeder Wille gefehlt haben würde, doch wird es vollzogen; Vertrauen heißt die Hand, die den Zagenden weiter und weiter führt; ſchon kann er das Läuten der Glocken, die Freudenfeuer, die don⸗ nernden Salven der Geſchütze, das tauſendſtimmige Hoch der Liebe nicht mehr entbehren... Der neue Zauberer vollzog das Verhängniß eines Wunderthäters von größerer Macht, der über die Geſchicke der Menſchen thront... In der That brachte nach Italien die erſte Botſchaft vom Evangelium der Freiheit— ein Papſt... Doch es war und blieb— eine phantaſtiſche Wahl! ... Ein junger Student, ein Graf, ein neugekleideter Prieſter hatte einſt auf dem Marktplatz zu Sinigaglia nachts ſeine Predigten gehalten, unter freiem Sternen⸗ himmel, umgeben von erleuchteten, mit Tauſenden von 92 Menſchen geſchmückten Fenſtern, an einem improviſirten Altar, auf dem im Augenblick, wo in poetiſchen Bildern von ſeinem beredten Munde das Fegefeuer geſchildert wurde, eine große Schale von Spiritus angezündet wurde, ſodaß hoch die blaue Flamme aufſchlug und den Platz, die Fenſter, das Antlitz aller Hörer geiſterhaft beleuchtete*) ... Nun aber ſchlugen freilich andere Flammen auf... Erſt wurden die Kerker geöffnet, die Verbannten zurück⸗ gerufen... Bertinazzi hatte bis dahin auf der Engels⸗ burg geſchmachtet; er wurde im Triumph durch die Straßen gezogen... Die wenigen, die ſich damals, als Benno gefangen genommen wurde, durch eine Ver⸗ ſenkung retteten— Gräf Sarzana hatte zu ihnen gehört, Benno hatte ſich in dem Leichenbruder nicht geirrt — waren größtentheils nach England geflüchtet und kehrten nun zurück... Auch Sarzana, der, wie man ſagte,„aus Misverſtändniß“ der Mörder Ceccone's ge⸗ worden, kehrte heim— Benno dachte oft an ſein ſtilles Tibergeſpräch mit dem Unheimlichen„über die mis⸗ verſtändlichen Morde zur Cholerazeit“—... Die Her⸗ zogin von Amarillas, die Fürſtin Rucca, auch Cäſar Montalto kamen von London... Rom war über⸗ füllt mit Fremden, mit Flüchtlingen, Enthuſiaſten ... Die Freudenbezeugungen, die Feſte, die Ovationen nahmen kein Ende... Waren es doch—— die Theater⸗ flammen vom Markte zu Sinigaglia—?... Anfangs machten ſich die Ereigniſſe von ſelbſt... Es gibt Zeiten, die ohne Hinzuthun von Menſchenwitz nur *) Préliminaires de la Question Romaine. London 1860. 6 viſirten Bildern wurde, „ſodaß t, die htete*) auf... zurück⸗ ingels⸗ ch die amals, e Ver⸗ gehört, geirrt t und e man es ge⸗ ſtilles mis⸗ Her⸗ Cäſar über⸗ ſiaſten tionen heater⸗ tz nur 1860. die Additionen der Vergangenheit ſind... Das Anathem, das über ſo vieles bisher geſchleudert worden, wurde ihm jetzt von ſelbſt zum Segen... Nicht blos die Eiſen⸗ bahnen wurden von dem Bann der Gottloſigkeit, der auf ihnen ruhen ſollte, befreit, nicht blos die von Rom als Teufelswerk verworfene Gasbeleuchtung; nicht blos die„materiellen Fortſchritte des neunzehnten Jahrhun⸗ derts“, wie Thiebold mit Satisfaction ſagte, wurden an⸗ erkannt... Pater Ventura— General der Theatiner— predigte und entflammte das Volk auf offener Straße mit noch viel weiter greifenden Aufklärungen über die neue Zeit... Im Coliſeum, wie Klingsohr einſt verlangt hatte, ſprach Ventura's flammende Beredſamkeit und erläuterte den Römern, was ihrer geringen Bildung zu begreifen faſt noch verſagt war... Ein Fuhrmann aus Traſtevere, Brunetti, der jene Schenke liebte, wo Benno damals den Orvieto getrunken, ein Freund des Wirths, deſſen Weinkeller mit dem Bertinazzi's in Verbindung ſtand und damals die Flucht eines Theils der Verſchworenen ermöglichte, Retter des„Kohlenbrenners“, des Grafen Terenzio Mamiani, des Advocaten Pietro Renzi, die alle bei Bertinazzi zum„jungen Italien“ geſchworen hatten, ſchwang ſich auf ſeinen zweirädrigen Karren und wurde ein ſo beliebter Volksredner, daß ſein Ruf als„kleiner Cicero“ (Ciceruacchio) durch die Welt erſcholl... Freiſinnige innere Reformen wurden verſucht... Der alte Rucca, ohnehin entſetzt über die Rückkehr ſeiner Schwiegertochter aus London, wo ſie faſt das ganze Vermögen ihres On⸗ kels, des Cardinals, vergeudet hatte, verlor die Pacht der Zölle, die ihm Fefelotti bereits für den ganzen 94 Kirchenſtaat verſchafft hatte... Der Schrecken und der Widerſpruch der Cardinäle, die Beſorgniß der Geſandten wurde durch vorſichtige Allocutionen niedergehalten... Die Amneſtie fand ihre unbeſchränkte Ausführung... Aus Beethoven's„Fidelio“ kennt ihr jene rührenden Züge von Staatsgefangenen— Schaaren, zerlumpt, ver⸗ hungert, hohläugig, gingen ſo aus den überfüllten Kerkern hervor... Das Volk holte ſie im Triumph, hob ſie auf Wagen, ſchmückte und bekränzte ſie... Bürger⸗ wachen wurden gebildet... Ja eine Ausſicht auf eine Repräſentativverfaſſung zeigte ſich, als eines Morgens ein Decret die Vorſtände der Provinzen aufforderte, Männer des öffentlichen Vertrauens zu bezeichnen, die die Regierung in den nothwendigen Reformen des Kir⸗ chenſtaats durch Rath und That unterſtützen ſollten ... Die Bewegung griff weiter und weiter... In der That bewährte ſich, wie noch, die Welt durch Rom getragen und regiert wird... Mit dem, wie ſonſt im Schlechten, ſo hier im Guten ſich gleichbleiben⸗ den Zauber Roms griff die Bewegung über Italien hinaus, ſtürzte den Julithron, rief in Frankreich die Republik hervor, brach die Knechtſchaft Deutſchlands, verjagte den Staatskanzler, entfeſſelte alle Völker, die in unnatürlicher Zuſammenkoppelung zu dynaſtiſchen Zwecken mit Aufgebung ihrer eigenen Nationalität um ſo weniger länger leben mochten, als gerade die zunehmende För⸗ derung der Volksbildung an nichts anderes zunächſt an⸗ geknüpft hatte, als an die Erhebung des Sinns für Sprache, Geſchichte, eigenthümliche Volkslebensart... Auch Dalſchefski und der nunmehr ganz zuſammengegan⸗ renden t, ver⸗ derkern ob ſie ürger⸗ f eine orgens rderte, u, die Kir⸗ ſollten . In durch wie 95 gene, mumienhaft vertrocknete Luigi Biancchi kamen vom Spielberg herunter und Reſi Kuchelmeiſter weinte in ihren Armen... Auch ſie gingen nach Rom, wo aus London Marco Biancchi eintraf— Napoleone blieb bei ſeinen Gipsfiguren, bei ſeiner Giuſeppina, ſeinen Kindern und Erſparniſſen in Deutſchland und ohnehin war er mit ſeiner Tochter Porzia Hedemann geſpannt. Sie hatte ſich nicht bereit finden laſſen, in Witoborn ein Depot für ſeine Heiligen zu übernehmen... Da aber bangte dem nächtlichen Schwärmer vom Marktplatz zu Sinigaglia—... Die blaue Theaterflamme war ihm wider Willen zu einem Fegefeuer ſchon hienieden für Gut und Böſe geworden... Größer und größer wurde der Druck der Mah⸗ nungen von Fürſten und Staatsmännern auf den Trä⸗ ger der dreifachen Krone... Immer weiter griff der Zwieſpalt im geheimen Conſiſtorium... Fefelotti, das Al⸗Geſu, deſſen Bewohner ſich beim erſten Anbruch der großen Veränderungen geflüchtet hatten(die jeſui⸗ tiſchen Rundhüte ſind ſeitdem ganz in Italien ab⸗ geſchafft und eckige geworden wie die Hüte aller an⸗ dern Prieſter), alle Vertreter des geiſtigen und weltlichen Despotismus ſuchten den dreifach gekrönten Schwärmer zur Beſinnung zu bringen... In der That ſtutzte er .. Seine Wonne war zu ſehr nur die äußere Accla⸗ mation geweſen... Dieſe blieb ſchon zuweilen aus; der tauſendſtimmige Mund des Volks ſchwieg zuweilen bei ſeinen Segnungen und ſolche Kränkungen wurzeln im Gemüth eines Mannes, der, wie alle Italiener, den Beifall liebt... Schon ſchmollte er zuweilen... Er fand Freunde und Freundinnen, die ſein Schmollen für gerecht nahmen... Noch nannte er ſeine Erfahrungen die gewöhn⸗ lichen Belohnungen des Undanks... Mit der Zeit vergrö⸗ ßerte ſich die Zahl derjenigen, die mit ihm nicht gern in der Minorität ſtanden... Endlich ſollte gar ſein kleines Heer zu den Kämpfern ſtoßen, die Oeſterreich gegenüber mit den Waffen behaupten wollten, was bisher nur in Liedern geſungen, in Declamationen geſprochen worden ... Da fing die Hand, die die Fahnen zum Unabhängig⸗ keitskriege ſegnen ſollte, zu zittern an... Die Zeit der Dictatoren, der Conſuln und Tribunen Roms mit dem ganzen Gefolge der Demüthigungen des geiſtlichen Primats ſchien im Anzuge... Nun rief der Heilige Vater vom Balcon des Quirinal herab:„Gewiſſe Rufe, die nicht vom Volke, ſondern von wenigen herrühren, kann ich, darf ich, will ich nicht hören!“... Es ſanken die Fahnen der Erhebung Italiens gegen Oeſterreich... Die von Sardinien erhobenen Banner mit dem weißen Malteſerkreuz zerſplitterten... Das „Schwert Italiens“ brach in Stücke... Das hatt' ich nimmermehr gewollt! erklärte der Zauberer aller dieſer Stürme; Prospero, der Beherrſcher der Winde, ging zum Sieger über... Er dachte noch nicht wieder an Fefe⸗ lotti, den er haßte; noch bot eine ſtarke Hand, die den Nachen Petri retten ſollte, Pellegrino Roſſi... Als dieſer vom Dolch eines Mörders durchbohrt, der Vatican von einer Revolution belagert wurde, Kugeln in die Gemächer des Stellvertreters Chriſti flogen— da ver⸗ kleidete ſich der Ueberwundene in den Diener eines deutſchen Grafen, täuſchte ſeine Wächter und überließ die ewige ——2 78 errecht vöhn⸗ ergrö⸗ ern in kleines enüber nur in vorden ungig⸗ Zeit s mit ſllichen Heilige Rufe, ühren, gegen Banner Das att' ich dieſer ging Fefe⸗ ie den .Als atican in die a ver⸗ rutſchen ewige 97 Stadt ihrem Verhängniß, den Siegern, den Bertinazzis, Venturas, Sarzanas, allen denen, die auf Crucifix, Todtenkopf und Roſenkranz geſchworen hatten für eine Sache, der ſie jetzt auf dem Capitol als Rächer ſaßen — Sarzana, das wußte jetzt alle Welt, hatte an Ceccone die geheiligte Rache eines Italieners geübt... Rom war eine Republik geworden und ſtand un⸗ ter dem Bann der kirchlichen Excommunication Die Stadt ſelbſt kümmerte die Ungnade des Himmels wenig;— in einem mit Prieſtern und Mönchen über⸗ füllten Lande fanden ſich Hände genug, die die noth⸗ wendigſten Sacramente ertheilten... Das„Schwert Italiens“ rüſtete ſich am Fuß der Alpen zu einem zweiten Gange... Viele Flüchtlinge der Staaten, wo die frühere Ordnung ſchon wiederhergeſtellt war, ſtröm⸗ ten nach Rom... Cäſar von Montalto— Italiener geworden— nach manchem bittern Seelenkampfe— nun ſchon mit ergrauendem Haar, fehlte nicht unter denen, deren Namen bei Wahlverſammlungen und Ehrenämtern auftauchten... Alles das verlautete nach und nach bis zum Genfer⸗ ſee— dann aber nach Nizza hin, wohin man von Schloß Bex in der That überſiedelte.. Monika hätte ſich anfangs ſelbſt in dieſe Bewegung ſtürzen mögen... So vieles ſah ſie, was, bei aller Uebereinſtimmung, doch noch, nach ihrer Meinung, anders, beſonnener, vorſichtiger hätte unternommen ſein können ... Jener Trieb, der 1793 eine Manon Roland in den Rath der Männer und aufs Schaffot führte, regt ſich in großen Kriſen bei jeder Frau von Geiſt— und keine Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 7 98 große Begebenheit der Geſchichte iſt ohne die Mitwir⸗ kung der Frauen geblieben... Aber die Beſorgniß um den Gatten, die Rückſicht auf den dahinſiechenden Hede⸗ mann, die Gewöhnung an die bibliſchen Auffaſſungen der Ergebung in den Rathſchluß Gottes hinderten die Aus⸗ führung der ſich anfangs wirr durchkreuzenden Entſchlüſſe, die zuletzt nur am Ziel einer Entäußerung des Schloſſes Bex anlangten... Als die Franzoſen der Republik gegen die Republik Rom zogen, ſah die Familie von Nizzas Molo aus die leuchtenden Segel ihrer Flotte... Nizzas mildes Klima war für den Winter dem lei⸗ denden Freunde von einigem Nutzen geweſen... Der Oberſt und Monika verſchlangen die Zeitungen des Café Royal... Armgart hatte ſich dem Zeichnen und Malen ergeben und hörte aus der Welt nur das Allernothwen⸗ digſte... Sie wohnten in einem Gartenhauſe, nicht weit vom Ufer des Meeres... Tag und Nacht vernahmen ſie den gleichmäßigen Schlag der Wogen an das Ge⸗ mäuer der Meerterraſſe... Einen Winter gab es hier nicht... Selbſt im Januar konnte Armgart im Freien, unter dem immergrünen Laub von Lebenseichen ihre kleinen Landſchaftsſkizzen ausführen, während Erdmuthe, Porzia's Kind, um ſie her auf den mit zerbröckeltem Marmorkalk beſtreuten Wegen zwiſchen den buchsbaumunmfriedigten Beeten des kleinen Ziergartens ſich tummelte... Armgart hörte, daß in Rom drei Männer das Heft in Händen hielten, Terſchka's früherer Beſchützer, nach dem Unter⸗ gang der Bandiera entſchiedenſter Gegner Mazzini, mit ihm Saffi und Armellini... Graf Sarzana befehligte ſlitwir⸗ iß um Hede⸗ en der Aus⸗ chlüſſe, hlloſſes publik us die em lei⸗ . Der Cafe Malen hwen⸗ t weit ahmen 6 Ge⸗ es hier preien, lleinen orzia's norkalk edigten mgart änden Unter⸗ 1, mit ehligle 99 einen Theil des Heeres... Oft wurde Cäſar Montalto genannt— einmal als Befehlshaber einer Truppen⸗ abtheilung, die in den Umgebungen Porto d'Ascolis eine Gegenrevolution unterdrückte; die Räuberelemente wur⸗ den noch immer benutzt, um den geſtürzten Machthabern als Anhalt zu dienen und an andern Orten wurde, eine Veranſtaltung derſelben Intrigue, der Fanatismus bis zur Schreckensherrſchaft geſteigert— Opfer über Opfer fielen dann unter den Dolchen dieſer wahnſinnig Gemachten oder Erkauften... Alles das waren bekannte Stratageme aus dem geheimen, allerdings ungeſchriebenen, aber prak⸗ tiſch vorhandenen Codex der Monita secreta Loyola's... In dieſe Schrecken der aufgeregten Leidenſchaft donnerten nun die Kanonen der Belagerung Roms .. Die Höhe, bis zu der die Bewegung durch Rom gekommen, ſollte ſelbſt in den Augen der franzöſiſchen Republik aufhören, die ſich ſchon für den Uebergang zum Kaiſerreich rüſtete... Wir kommen als Freunde! riefen die Abgeordneten der Franzoſen— aber Rom antwortete durch eine Rüſtung zum Kampf auf Leben und Tod... Avezzana, Garibaldi, Sarzana be⸗ fehligten... Der Kampf entbrannte an der Porta San⸗Pancrazio zu einer Schlacht... Die Römer ſiegten... Die Franzoſen, ohne Enthuſiasmus für ihre Aufgabe, zogen ſich zurück... Vom Norden kamen die Heerſäulen Oeſterreichs, vom Süden die des Königs von Neapel... Spanier landeten und die Franzoſen erhielten Verſtärkung... Vergebens rief das römiſche Triumvirat:„Ein feſter Zug waltet im Herzen des römiſchen Volkes: der Haß gegen die Prieſterherrſchaft, 100 unter welcher Form ſie auch auftrete, der Widerwille gegen die weltliche Herrſchaft der Päpſte!“*)... Der Kampf entbrannte aufs neue... Die Franzoſen nah⸗ men die Villa Pamfili und die Villa Corſini... Gari⸗ baldi ſtürzte ſich mit ſeiner italieniſchen Legion auf die letztere und ließ ſie wieder im Sturm angreifen... Drei Stunden der äußerſten Anſtrengung und es ge⸗ lang, die Franzoſen von den Wällen zu vertreiben, zwölfhundert Todte bedeckten das Feld; wieder war der Sieg den Belagerten geblieben... Aber die Ueber⸗ macht war zu groß; nicht endender Kanonendonner ver⸗ wirrte die Gemüther; glühende Bomben flogen bei Tag und bei Nacht, die Luft war ein Feuermeer; unter Schrecken, die dem entſetzten Volk dem Weltuntergang gleichzukommen ſchienen, ließen ſich über Rauch und Trümmern die erſten Franzoſen in der Stadt ſehen... Am 2. Juli empfing Oudinot die Capitulation... Noch vor dieſem Tage, während ſich das blutige Schauſpiel des untergehenden republikaniſchen Roms voll⸗ zog, hatte ſich die Aufregung der Gemüther nicht länger in Nizza beruhigen können... Der Aufenthalt daſelbſt war ohnehin im Sommer zu widerrathen. Trockene ſcharfe Winde wehen von den Alpen her, die Luft iſt heiß, ſpärlich die Erquickung des Schattens, der kreidige Boden ſetzt einen dem Athem beſchwerlichen beizenden Staub ab — die kleine Colonie ſuchte ſich durch Ausflüge in die Berge zu helfen, ſuchte die kühleren, von einer üppigen Vegetation geſchmückten Schluchten der Cimiés auf— *) Note an Leſſeps vom 16. Mai 1849. — 101 aber das Steigen ermüdete Hedemann... Blieb er auch meiſt daheim und athmete die Blumendüfte zahlloſer Gärten, wo allabendlich Tauſende von Orangeblüten friſch gebrochen in die Fabriken künſtlicher Duftgewäſſer getragen werden— alles das, was man von Schönheit und Wohlbehagen als Grund zum Bleiben ſich einredete, half zuletzt nichts, um die große Vereinſamung der Ge⸗ müther zu verbergen... Nun ſchrieben Paula und ihr Gatte von Gräfin Erdmuthens zunehmender Schwäche, von einer bedenklichen Erkrankung, bevorſtehender Auf⸗ löſung, vom dringendſten Verlangen der Gräfin, ſie alle noch einmal zu ſehen— nun beſchloß man, die bisher aufrechterhaltenen Ueberzeugungen über die Schwierigkeit dieſer Begegnungen, alle Gründe dieſes gegenſeitigen langen Vermeidens zu durchbrechen und die Reiſe anzutreten... Paula war von ihrem magnetiſchen Leben befreit... Was die Nähe des Erzbiſchofs nicht mehr hervorrief, konnte doch wol nicht mehr der Oberſt wecken... Zu den Beweggründen der Reiſe geſellte ſich ein nicht zu unterdrückendes Intereſſe für Benno von Aſſelyn . Bellona's Sichel war in mächtiger Arbeit. Graf Sarzana befand ſich bereits, hieß es, unter den Gefallenen... Benno's Schickſal wurde ſelbſt in Paula's Briefen für eine gemeinſame Sorge erklärt... Arm⸗ gart irrte oft einſam wie die Möve am Meeresſtrand ... Entſagt ein Frauenherz, ſo bildet ſich mit den Jahren ein Cultus des Gemüths, der unbewußt die Rechte auf ſein Verlorenes übertreibt, ja ſich das, was nie beſeſſen und genoſſen, wie ein wirkliches, ein volles Glück ausmalt... — =—— — 102 Und ſo erklomm denn jetzt die kleine, aus ſo eigen⸗ thümlichen Elementen beſtehende Colonie den Col de Tende... Sie alle trugen über die Felſen hinweg eine Welt voll Trauer... Ihr Innerſtes war ſchwerbeladen und doch ſchienen ſie am Nächſten intereſſirt... An Steinen, an Blumen, am Plaudern des Kindes... Weiß man denn, was von den Fähigkeiten unſerer Natur mehr zu haſſen iſt, die ſchnelle Gewöhnung an Glück oder die ſchnelle Gewöhnung an Unglück!... Nun iſt die Höhe erreicht... Aber der niederwärts⸗ gehende Weg blieb noch unabſehbar bis zu den grünen prangenden Thälern, die erwartet werden durften... Kahle und öde Geſteine ringsum... Einſame Sennerhütten wechſeln mit Holzſchuppen, Zufluchtſtätten des Wanderers im Winterſturm... Mächtige Steine müſſen an ihnen die Schindelbedachung gegen die Stürme feſthalten... Zwiſchen Felſen und Waſſerſtürzen, oft wunderbaren Lichtungen, wo überraſcht der Blick bis in die Cottiſchen Alpen hinüberſchweift, zwiſchen Reſten alter Römerbauten und zerbrochenen Schlöſſern der rauheſten Zeit des Mittel⸗ alters hindurch, war dann endlich gegen Mitternacht das Städtchen Limone erreicht... Hier überraſchte die Reiſenden Graf Hugo, der die Aufmerkſamkeit gehabt hatte, ihnen entgegenzukommen ... Er kam ohne Paula... Der alte freundliche, herz— liche Ton der Bewillkommnung half ſogleich über die lange Reihe von Jahren hinweg, wo man ſich nicht geſehen hatte... Armgart und der Graf ſahen ſich ſogar zum erſten mal— Sie ſtaunten einander an.. ———.— eigen⸗ ol de Welt en und teinen, denn, haſſen hnelle wärts⸗ grünen ... hütten en die rbaren tiſchen dauten ſittel⸗ t das Das iſt das Große im Menſchen— zwei erdgeborene hülfloſe Weſen können ſich betrachten, wie ein nur ein⸗ mal in der Welt vorhandenes Schauſpiel der Natur und wie eine Begebenheit, die ſo, wie in dieſer Erſcheinung, nirgend und niemals wiederkehrt... Nach einer Verſicherung des Grafen, daß die Mutter noch einige Tage leben würde, überließen ſich die Er⸗ müdeten dem aufgethürmten Maisſtroh in einem Wirths⸗ hauſe, das— in Limone!— den Namen führte „Grand Hötel de[Europe“. 4. Im Widerſpruch mit dem im goldenſten Sonnen⸗ glanz ſtrahlenden Limone lag am frühen Morgen auf den Mienen der nach ſo langer Trennung ſich Begrüßen⸗ den der Ausdruck der Trauer... Die Ankömmlinge ſahen wohl, daß den Grafen geſtern nur die Beſorgniß, die von ſeiner Mutter ſo heißerſehnten Freunde möchten nicht mehr rechtzeitig eintreffen, bis nach Limone getrieben hatte, von wo er über den Col Stafetten ausſenden wollte, als ſie dann endlich ankamen... In erſter Mor⸗ gendämmerung hatte ein reitender Bote den Wink des Arztes gebracht, daß ſeine eigene Rückkehr zu beſchleu⸗ nigen war... Graf Hugo hatte gealtert... Sein braunes Lockenhaar war lichter geworden und an vielen Stellen ergraut... Die ſtattliche Haltung war der zurück⸗ gebliebenen Gewohnheit ſeines militäriſchen Standes zu⸗ zuſchreiben; ſeiner Stimmung entſprach ſie nicht... An ſeinen Antworten auf Monika's Bewunderung der ent⸗ nnen⸗ i auf üßen⸗ zlinge tgniß, öchten rieben enden Mor⸗ des hleu⸗ aunes tellen rück⸗ zu⸗ .An ent⸗ 105 zückenden Gegend ſah man, daß Schloß Caſtellungo ein Ort der Trauer war... Auch Paula war, erfuhren ſie, von Coni, wo ſie wohnte, heraufgekommen und harrte ihrer in Caſtellungo... Der italieniſchen Sitte gemäß, wo Rang und Reich⸗ thum ihren äußern Ausdruck finden müſſen, fuhr mit dem Reiſewagen des Oberſten auch ein Staatswagen, ein Viergeſpann prächtiger Roſſe vor und erlaubte die Theilung der Geſellſchaft... Obgleich ſich Armgart zum Grafen hingezogen fühlte, blieb ſie doch bei den Hedemanns ... Monika, der Oberſt, Graf Hugo nahmen die Plätze der offenen großen Equipage ein, die von einem bunt⸗ gekleideten Kutſcher vom Sattel aus geführt wurde.. Zwei Bediente leuchteten in neuen Livreen mit den Dorſte'ſchen Farben... Man konnte ſich nach Weſter⸗ hof verſetzt glauben, wenn die ſchöne Natur und der blaue Himmel nicht zu ſehr an die Glückſeligkeit Ita⸗ liens erinnert hätte... Die Geſpräche ringsum, ſchon im Gaſthof und im Städtchen, berührten auch die Weltbegebenheiten. Armgart hatte gehört, daß die Kämpfe in Rom zwar noch fortdauerten, aber ſchon für die Republik hoff⸗ nungslos waren... An einem geheimen Blick der Aeltern ſah ſie, daß auch von Benno geſprochen wurde Zitternd ſtand ſie, mochte hören und auch nicht— jetzt ſaß ſie abweſend, faſt fiebernd, auch in Folge der geſtrigen Anſtrengung und einer nur kurzen Nachtruhe ... Neben ihr ſuchte ſich Porzia, in den Wonneſchauern des Wiederſehens ihrer Heimat, durch ein Durcheinander⸗ ſprechen zu helfen; ſie erklärte jedes Haus, jede Mühle 106 und grüßte jeden Vorübergehenden, als müßte ſie noch von allen gekannt ſein... Erdmuthe langte nach den Früchten, die aus den Gärten blinkten— Armgart nahm ſie auf den Schoos, um ſie zurückzuhalten... Dabei ſchwankte ſie doch ſelbſt vor Freude und Bangen in ihrer hochgeſpannten Bruſt... Nach zweiſtündiger Fahrt, die unter Kaſtanien- und Nußbäumen, oft wie unter dem Laubdach eines Parkes dahinging, hielt plötzlich der vorausfahrende Wagen des Grafen... Eine Biegung des zuweilen von rauſchenden Bergwäſſern unterbrochenen Weges verhinderte noch, die Urſache des Haltens zu entdecken... Als Armgart's Wagen näher gekommen war, ſah ſie unter einer Pflan⸗ zung von Eichen, die am Wege auf einer grünen Bö⸗ ſchung ſtanden, eine Gruppe ſich herzlich Bewillkomm⸗ nender... Eine Dame, die, vom blauen Sonnenäther ſich abhebend, hingegeben in den Armen des Vaters und der Mutter lag und doch zugleich mit einem weißen Tuch in die Ferne wehte, um die noch Zurückgebliebenen ſchon zu begrüßen, konnte wol nur Paula ſein... Im erſten Augenblick hätte Armgart laut rufen und alle ihre krampfhaft zuſammengedrängten Empfindungen in einem Schrei löſen mögen... Ihr Wagen flog jetzt dahin und hielt... Der Schlag wurde geöffnet; ſie ſchwebte, ſie wußte nicht wie... Paula lag überwältigt in ihren Armen und ſenkte ihr Haupt auf die Schultern der athemloſen Freundin... Daß beide weinten, trotz der Freude— lag es nur allein im Hinblick auf die Sterbende in Caſtellungo? . Angenommen wurde es... Ihr krampfhaftes, ie noch ach den t nahm Dabei in ihrer en⸗ und Parkes en des chenden ſch, die ngarts Pflan⸗ n Bb⸗ komm⸗ näther ts und n Tuch ſchon n und ungen g jetz et; ſie vältigt ultern s nur ungo? haftes, 107 in kurzen Sätzen erfolgendes Schluchzen, das beiden ihre Empfindungen erleichterte, ſagte wol mehr... Ein dritter Wagen, mit dem nun noch Paula gekom⸗ men war, nahm dieſe und Armgart allein auf... Sie wollten für ſich und hinter allen zurückbleiben... Die andern, dabei eine Italienerin, Begleiterin Paula's, fuh⸗ ren voraus... Nun erſt begrüßten ſich die Freundinnen ganz ſo, wie ſie es für ſich allein bedurften; nun erſt ſahen ſie, was ſie inzwiſchen geworden— ſie ſpiegelten ſich in ihren thränenblinkenden Augen... Paula trug keine Locken mehr... Sie bot vollkommen das Bild einer Dreißigjährigen... Sie war noch nicht verblüht, hatte aber Linien des Grams auf ihrer Stirn und um den Mund jene Einſchnitte, die nicht mehr weichen wollen... Ein leichter, mit blauen Florentinerblumen geſchmückter Strohhut umrahmte ihr edles Antlitz... Die Freundin⸗ nen prüften ſich fort und fort, Auge in Auge... Wer beide beobachtete, konnte zweifelnd bleiben: Sind das zwei Jungfrauen oder zwei Witwen?... Das alſo das Land deiner Verheißungen!... Das das Land— deiner Träume... begann Armgart ſich nun erſt findend und in der immer paradieſiſcheren Gegend umblickend—... Der Bediente war auf die andern Wägen geſchickt worden... Der Kutſcher hatte mit ſeinen Roſſen zu thun... Die Freundinnen konnten annehmen, daß ſie allein waren... Seit ich hier bin, träum' ich ſchon lange nicht mehr, erwiderte Paula... Ich ſehe irdiſch wie alle... Die Luft dieſer Berge iſt geſund... Du und die —— ——— 108 Aeltern, alle müßt ihr nun bei uns bleiben... Mein Gatte— ſagt' er es nicht ſchon?d— ſehnt ſich freilich in die Welt zurück... Der Kriegslärm lockt ihn ſchon lange, um wieder in die Armee zu treten... Aber— ihr bleibt... Die Beziehung zu dem Lande hier war im Kriegs⸗ ſturm gewiß die bitterſte und ſchwerſte? unterbrach Arm⸗ gart... Die Mutter glich alles aus— erwiderte Paula... Sie war— ſo hochverehrt... War!... O, daß ihr zu ſolcher Trauer kommt!... Und auch wir bringen Leid... Der arme Hedemann!... Paula war voll herzlichſten Antheils... Die Freun⸗ dinnen ſprachen wehmuthbewegt von Weſterhof, Witoborn, vom Stift Heiligenkreuz... Neuigkeiten gab es genug ... Vom Erzbiſchof von Coni war noch nicht die Rede — nur von Coni ſelbſt, wo Paula wohnte... Coni iſt zwölf Miglien von hier... ſagte ſie und bediente ſich der italieniſchen Bezeichnung für eine Ent⸗ fernung, die Armgart auf drei deutſche Meilen zu deuten wußte... So weit lag etwa von Heiligenkreuz Schloß Neuhof entfernt... Jedes Wort, das die Freun⸗ dinnen wechſelten, weckte heilige Erinnerungen... Paula deutete auf einen zur Linken ſich erhebenden grünen Hügel, auf den ſich terraſſenförmig ein Stations⸗ weg hinaufſchlängelte und oben eine kleine Kirche maleriſch vom blauen Hintergrunde abhob... Die Kapelle der„beſten Maria!“ erklärte Paula der den landſchaftlichen Reizen ſchon als Künſtlerin lauſchen⸗ den Freundin... .Mein freilich hn ſchon Aber— Kriegs⸗ ch Arm⸗ lla... daß ihr ann!.. Freun⸗ toborn, genug Rede ſie und ee Ent⸗ len zu enkreuz Freun⸗ benden ꝛtions⸗ leriſch la der te⸗ 109 Dieſe konnte in einem Augenblick, wo ſie ſchon ſoviel trübe mit dem Religionszwieſpalt zuſammenhängende Ver⸗ hältniſſe theurer Angehöriger beſprochen hatten, in dieſer Hindeutung auf die„beſte Maria“ nur einen Anlaß finden, an das unſichtbare und ohne Bild verehrte Princip der ſchmerzverklärten weiblichen Liebe überhaupt zu denken ... Sie faltete die Hände und ſagte: Das alſo der Altar, wo die Cocons geſegnet wurden, die dein Brautkleid werden ſollten!.. Paula erröthete... Armgart hielt eine Lobrede auf den Grafen, rühmte den Eindruck, den er mache, ſeine Natürlichkeit, ſeine Trauer um die Mutter. Er iſt gut! bezeugte Paula... Das der beſte Schmuck eines Mannes! entgegnete Armgart mit Andeutung ihrer eigenen trüben Lebens⸗ erfahrung.... Nun ſchwiegen die Freundinnen... Was ſie fühlten, verſtanden ſie ja... Ihr Briefwechſel hatte nichts von ihren tiefern Lebenslagen verſchleiert, wenn ſie auch nicht in Allem gleicher Meinung waren. Die Zahl der Wegwanderer, der Fahrenden, Reiter mehrte ſich inzwiſchen... Obgleich die Embleme des katholiſchen Cultus nicht fehlten, bemerkte doch Armgart Landleute, die einen eigenen Ausdruck der Mienen hatten und der ihr aus Lauſanne und Genf bekannt war... Sie forſchte für ſich nach Waldenſern— nach der ganzen Sehnſucht Hedemann's und ihrer Aeltern.. Ein Städtchen kam mit einer mächtigen dem Ort kaum angemeſſenen Kathedrale... Eine hochgewölbte 110 Kuppel ragte weit über das ganze Städtchen hin⸗ weg... Das iſt Robillante! ſagte Paula... Armgart's Augen fanden ſchon von ſelbſt vor dem Thor der Stadt das biſchöfliche Kapitel... Ein mäch⸗ tiges Gebäude im Jeſuitenſtyl, die Kirche daneben mit Kuppel und ſchnörkelhafter Facade... Die Kirche hatte ein Glockenſpiel und intonirte ſoeben mit kurzem Anſatz den Schlag der zehnten Stunde, dem dann ein Muſikſtück, wie eine Galopade, folgte... Das war nun in Italien nicht anders... Bona⸗ ventura hatte hier als Biſchof, erzählte Paula, die Me⸗ lodie geändert... Sein Nachfolger hatte wieder die Tänze zurückgeführt... Mit dieſer kurzen Erwähnung waren denn, auch jene Kämpfe angedeutet, die der fremde Eindringling auf dieſem Boden zu beſtehen hatte... Im letzten Revolutionsſturm hatten ſie nachgelaſſen... Jetzt, nach Piemonts Demüthigung, begannen ſie wieder... Auch gegen die neue, in Turin im Bau begriffene Waldenſer⸗ kirche hatte der neue Biſchof von Robillante energiſchen Proteſt erlaſſen... Armgart's Phantaſie hatte inzwiſchen Spielraum, ſich auszumalen, wie dort Bonaventura in dem von ehr⸗ erbietig grüßenden Prieſtern umſtandenen, nicht endenden Palaſte wohnte und wie auch einſt Benno und Thiebold hinter jenen ſtattlichen Fenſtern mit den Balconen und grü⸗ nen Jalouſieen dort von ihm aufgenommen wurden—... Die Stadt ſelbſt wurde umfahren... Wieder glänzte im Sonnenſchein Berg und Flur... Nur die vielen, um den hin⸗ vor dem ln mäch⸗ eben mit e Kirche kurzem dann ein .Bona⸗ die Me⸗ teder die n, auch ringling z letzten gt, nach f. Arch aldenſer⸗ ergiſchen um, ſich oon ehr⸗ endenden Triebold und grü⸗ . r glünzte len, un 111 der Seidenwürmer willen entlaubten Maulbeerbäume ſtör⸗ ten den maleriſchen Eindruck... Wieder folgten die Grüße von Landleuten, die auf Armgart einen ſchweize⸗ riſchen Eindruck machten... Waldenſer! beſtätigte auch Paula... Wohlhabende Leute darunter... Dank der Fürſorge der Mutter... Unſere Gemeinde hier iſt nur klein—... Die Mehrzahl wohnt dort oben... In den Thälern um Pignerol ſind ihrer Tauſende... Schon ſuchte Armgart's Auge nach Caſtellungo... Viele Schlöſſer gab es, die auf den grünen Hügeln, den Vorbergen hinterwärts aufſtarrender ſchrofferer Fels⸗ wände, leuchteten... Paula deutete auf einen ſchim⸗ mernden Punkt in weiter Ferne— eine unter einem tief⸗ dunkeln Waldkranz hervorragende Flagge... So krank die Mutter iſt, ſagte ſie, hat ſie zu eurem Empfang das Aufziehen aller Fahnen befohlen... Auch eure Farben und die der Hardenbergs werdet ihr finden... Bei hohen Feſten ſind alle Zinnen damit geſchmückt... Bald wird die ſchwarze Trauerfahne wehen. Das Geſpräch kam auf die Waldenſer zurück und Paula ſprach von ihnen, ohne das mindeſte Zeichen der Abneigung... Alle dieſe Verhältniſſe umſchlang hier ſchon lange das gemeinſame Band der Schonung und Familienrückſicht... Eine Frage wie die: Wird wol Graf Hugo nach dem Tode ſeiner Mutter katholiſch werden? kam nicht von Armgart's Lippen; edle Bildung ſcheut nichts mehr, als das Ausſprechen des Namenloſen; ſie läßt das Misliche an ſich kommen, ohne es zu 112 rufen... Wie Paula, ihr Gatte und der prieſterliche Freund in Coni zuſammenlebten, wußte ja Armgart ſeit Jahren aus dem Briefwechſel der Freundin... Sie kannte, was hier im Herzen edler Menſchen möglich, freilich auch nach der Anſchauung ihrer Mutter und der Mutter des Grafen ein ſprechender Beweis für die tiefe Verwerflichkeit der katholiſchen Kirche war... Um dieſer Schonung ihres Verhältniſſes zu Bonaventura willen berührte auch noch Paula nichts, was zum Unaus⸗ ſprechlichen in Armgart's Seele gehörte... Seitdem Benno ein Opfer der Dankbarkeit für Olympia geworden, hatte er aufgehört, für dieſe ohnehin im Politiſchen nicht mit dem herrſchenden Zeitgeiſt gehenden Kreiſe anders, als in den Bildern alter Zeit zu exiſtiren... Der Graf hatte ſchon in Limone ſeine alte Anhänglichkeit an Oeſterreich zu erkennen gegeben... Die Gegend würde ihn, ſagte er, in dieſer anarchiſchen Zeit mit dem feindſeligſten Mis trauen betrachtet haben, wäre die Mutter nicht ſo hoch⸗ verehrt... Paula verſchwieg nun auch nicht, daß ſie alle anfangs dem Ruf des Erzbiſchofs geſchadet hätten ... Armgart erkannte an allem, was ſie ſo abgebrochen hörte, daß nach dem Tode der Gräfin irgendeine große Entſchließung im Werke war. Der Tod Sarzana's wurde von Paula beſtätigt... Von Lucinde, von Cä⸗ ſar von Montalto hatte man keine Nachricht... Im Austauſch der durch alle dieſe Namen und Verhält⸗ niſſe hervorgerufenen Empfindungen entdeckte man endlich die deutlichen Umriſſe des ſich allmählich als Beherrſcher eines dichtbevölkerten Thals und einer kleinen Ortſchaft erhebenden, aber mehr den Bergen zugelegenen Schloſſes ſterliche art ſeit Sie möglich, und der die tiefe ventura Unaus⸗ Benno hatte er nit dem in den te ſchon eich zu gte er, Mis⸗ ſo hoch⸗ daß ſie hätten brochen große rzanas von Cä⸗ gerhält⸗ endlich errſcher driſchaft chloſſes 113 .. Wohl konnte Armgart begreifen, wie ſich Graf Hugo's Vater mit dieſem Prachtgebäude hatte in Schulden ſtürzen müſſen... Caſtellungo gehörte der Gräfin, aber ihr Gatte hatte beigetragen, es weit über ihre Mittel zu einem leuchtenden Mittelpunkt der reizenden Landſchaft zu erheben— es war der einzige Adelsſitz, der hier noch an die Zeiten der gebrochenen Burgen der Tenda und Saluzzo erinnern konnte... Thürme erhoben ſich mit ge⸗ zackten Zinnen, mit Altanen, freiſchwebenden luftigen Brücken— alles hätte, ohne den düſtern Flor, der auf dem Ganzen lag, einen um ſo anziehenderen Aufenthalt verheißen können, als die Reize der Natur, wie ihm ſchmeichelnd, ſich rings um den mächtigen Bau lehnten ... Eine üppige Fruchtbarkeit, gute, freundliche Men⸗ ſchen, die ihre Wohnungen bis weit hinauf über die Berggelände hatten, alles das machte den wohlthuend⸗ ſten Eindruck... Wie ſchmerzlich, daß die Diener, die den auf dem bequemſten Schlängelpfade bis zum Schloß anfahrenden Wägen entgegeneilten, ſchon in ihren Mienen die ange⸗ brochene letzte Stunde der Gräfin berichteten... Hedemann, nach dem die Sterbende ein beſonderes Verlangen trug, ſtand ſchon an der Eingangspforte unter den mächtigen Wappenſchildern von Marmor und ſah ſich in der weiten ſchönen Gegend und in den blu⸗ mengeſchmückten Höfen des Schloſſes mit einem Blick um, als wollte er ſagen: Hier wirſt auch du dein letz⸗ tes Lager finden!... Eilends ſtiegen alle aus... Bangklopfenden Herzens folgte man dem Grafen, der Monika den Arm bot... Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 8 114 Paula wurde vom Oberſten geführt, der ſich noch ſcheute, ſich ihr zu ſehr zu nähern... Aber Paula's gen Him⸗ mel erhobener Blick ſchien den Dank ausſprechen zu wollen, daß ſich ihr Leben ſchon lange unter die allge— meinen Bedingungen der Natur geſtellt hätte... Feſt klammerte ſie ſich an den ihr ſympathiſchen Mann— den Vater ihrer geliebten, ſo langentbehrten Armgart ... Auch der Mutter warf ſie nur Blicke der Liebe und Verſöhnung zu... Der Aufgang, das Treppenhaus, alles gab ſich in hohem Grade würdig... Decken lagen ausgebreitet auf Marmor und Granit... Die Diener gingen leiſe auf und ab in reicher Zahl... Die alte Gräfin hielt auf den Glanz ihres Hauſes; zumal, ſeitdem die frühere Ent⸗ behrung geſchwunden... Ordnung und Sauberkeit waltete auf allen Gängen... Die ſteigende Mittags⸗ hitze verlor ſich in Schatten und Kühle... Im Schmuck der dann betretenen hohen, luftigen und hellen Zimmer herrſchte ein gewählter Geſchmack... Graf Hugo's Liebhaberei waren ſchon in Salem kunſtvolle Möbel und gediegene Einrichtungen... Schon in Li⸗ mone deutete er dem Oberſten an, daß ihn Langeweile nie beſchlichen hätte— zu thun gäb' es bei großem Beſitz immer und oft fehle ihm die Zeit, alles allein zu beſorgen— Schloß Salem war unverkauft geblieben und ſeit dieſen zehn Jahren jährlich von ihm auf einige Wochen beſucht worden... Für die Ankömmlinge, die er gern für immer gefeſſelt hätte, war ein ganzer Flü⸗ gel des Schloſſes eingerichtet... In einem hellleuch— tenden, ſäulengeſchmückten Saale ſtand dann eine von ſcheute, en Him⸗ echen zu die allge⸗ .. Feſt lann— Armgart er Liebe ſich in eitet auf leiſe auf hielt auf ere Ent⸗ nuberkeit Nittags⸗ . Im d hellen . Graf unſtvolle in Li⸗ geweile großem llein zu eblieben feinige ge, die er Fli⸗ ellleuch⸗ ine von 115 Silber und Kryſtall glänzende, gedeckte Tafel... Hier fanden ſich alle Schloßbewohner beiſammen... Und wohl ſah man, daß der Todesengel waltete... An einer hohen, ſchwarzen, reich mit Holzſchnittarbeit ge— zierten Thür ſtanden weinende Frauen... Einige davon erkannten ſogleich von alten Zeiten her Porzia und begrüßten ſie... Auch Monika und Armgart fanden Bekannte, jene aus Wien, dieſe aus Lon⸗ don... Inzwiſchen öffnete der Graf jene ſchwarze Thür und bedeutete die Freunde ihm zu folgen... In einem Vorzimmer ſollten alle ſo lange verweilen, bis er die Mutter auf die endliche Ankunft derſelben vor⸗ bereitet hätte... Von einem würdigen Manne in ſchwarzer Kleidung, der ein Prediger ſchien, wurden zuerſt der Oberſt und Monika allein hereingerufen... Paula ſchloß ſich ihnen an... Nach einer Weile rief Paula auch Armgart herein... Dann durften Hedemann und Porzia und mit ihnen das kleine Pathenkind kommen... In einem grünverhangenen Eckzimmer lag auf einem Rollſeſſel ausgeſtreckt die Mutter des Grafen, ſchon einem ausgelebten Körper ähnlich... Ihre knöchernen Hände hatte ſie auf der gepolſterten Lehne des Seſſels liegen ... Sie fühlte wol kaum noch die Küſſe, die die um ſie her Stehenden oder Knieenden auf die kalten Finger drückten... Porzia ſchluchzte laut— die andern ſchwie⸗ gen ehrfurchtsvoll, wenn auch ihre Augen voll Thränen ſtanden. Gräfin Erdmuthe winkte, daß niemand wieder hinaus 8* 116 gehen ſollte; ſie wollte ſie alle in ihrer Nähe behalten... Die Augen lagen tief in ihren Höhlen... Doch erkannte ſie jeden... Lichtſtrahlen der Freude, daß ſie Men⸗ ſchen, die ihr zu allen Zeiten ſo werth geweſen, noch einmal ſehen konnte, brachen unverkennbar aus ihren, ſchon halb erſtarrten Zügen. Wo gehſt du denn hin? ſprach die kleine Erd⸗ muthe, da die Gräfin ihre Rede mit einem mehrmaligen: „Ich gehe—“ begonnen hatte... In einen ſchönen— Garten—!... antwortete die Sterbende mühſam jede Sylbe betonend... Wol in den, in den auch der Vater geht?.. fragte das Kind und wurde um dieſer Fragen willen leiſe von Porzia weggezogen.. Aber die Gräfin langte nach ihrem Pathchen und wehrte allen, ihm ſein zutraulich Fragen zu verbieten... Hedemann ſtand hinter dem Stuhl der Sterbenden und verrieth ſein Leiden durch ſeinen Huſten. Die Gräfin hatte ihn mit beſonderer Theilnahme begrüßt ... Da ſie ihm nun, ſich nach ihm wendend, zuflüſterte: „Ei— du— frommer— und— getreuer Knecht!“ fiel er, das Wort des Kindes beſtätigend, ein:„Gehe ein zu deines Herrn Freude!“.. Eine Pauſe trat ein, unterbrochen vom Weinen Por⸗ zia's, auch jetzt vom Weinen des erſchreckten Kindes... Als es ſtiller geworden, winkte die Matrone dem Oberſten, der ihr in Witoborn und Weſterhof immer einen ſo vortheilhaften Eindruck gemacht hatte und dem ſie ſchon aus Reue über ihre Abſicht, Monika mit Terſchka zu vermählen, beſonders ergeben war, und 117 ſprach mit ihm... Es währte lange, bis der Oberſt verſtand, was ſie wollte. Wie iſt es— mit— Rom? verſtand er endlich... Er nannte ihr mit ſcharfbetonten Worten die ge⸗ genwärtige Sachlage des Kampfes... Der Sieg der Franzoſen wäre, ſagte er, ſo gut wie entſchieden... Sie überlegte lange, was geſprochen worden... Monika errieth ihren Gedankengang und half dem Ausſprechen deſſelben nach... Dieſer Sieg, ſagte ſie dicht am Ohr der Gräfin, wird noch einmal die Herr⸗ ſchaft des Heiligen Vaters wieder zurückführen— bis — einſt—... Die Gräfin verfiel in einen röchelnden Huſten, er⸗ gänzte aber, als der krampfhafte Anfall vorüber war, mit einer überraſchenden Kraft: Bis einſt die wahren Streiter kommen.... Das iſt das Lamm auf dem Berge— und mit ihm hundert— und vierzigtauſend ohne andere— Waffen— als—. Nun verſagte die Stimme der Gräfin und Hedemann und Monika fielen ergänzend ein: Als— den Namen des Herrn... Den Namen des Herrn aus Monika's Munde zu vernehmen ſchien der Gräfin außerordentlich wohlzuthun ... Sie hatte früher an ihr den„rechten Grund“ vermißt, wußte nun aber aus Briefen ſchon lange, um wie viel die jüngere Freundin ihr näher gerückt war... Der Sohn trat heran, um die Erregung der Mutter zu beſchwichtigen. Die Mutter hielt ſeine Hand feſt und ſah ihm mit weitgeöffneten Augen ins Antlitz... 118 Warum läuten die Glocken?.. fragte ſie ihn feierlich.. Es klangen keine Glocken... Nur im Neben⸗ zimmer regte ſich der Arzt, der hochberühmte Doctor Savelli aus Coni, der mit einem Glaſe näher trat, an dem nur ſo der ſilberne Löffel erklang... Die Mutter hörte wol dieſen Klang und deutete ihn auf das Läuten von Glocken und ſtarrte wie ins Leere... Nimm, Mutter! ſprach der Graf mit liebevoller Bitte und reichte ihr ſelbſt das Glas dar, das kräftig und würzig duftete... Es war die letzte Stärkung eines von ſeinen Lebensgeiſtern immer mehr Verlaſſenen— edler Tokayerwein... Die Mutter betrachtete das Glas und erkannte wohl, daß das dargereichte Getränk Tokayer war....In ihrem Ideengang unterbrochen, ſah ſie den Sohn mit einem ſchmelzenden Liebesblick an... Nun zog ſie ihn näher und heftete die Augen auf ein gerade vor ihr befindliches lebensgroßes Bild, das den Vater Hugo's in Generalsuniform darſtellte... Der Sohn verſtand ihre Empfindungen... In Ungarn hatten ja er und der Vater geſtanden... Er trocknete den Schweiß vom kalten Antlitz der immer mehr ſich Aufregenden... Hinter dem Arzt trat der Mann hervor, der alle anfangs empfangen hatte... Es war der Geiſtlliche, der„Barbe“ des jenſeits des Waldes, der ſich hinter dem Schloßgarten erhob, gelegenen Waldenſerdorfes, ein Herr Baldaſſeroni... Er hatte bisher für ſich in Diodati's italieniſcher Bibel geleſen... Die Mutter ſah zu ihm hinüber, langte nach der 119 c.. Bibel, ließ ſie ſich auf den Schoos legen und ſetzte mit eben⸗ zitternden Händen das Glas mit dem Tokayerwein darauf oetor.. An ſeinem Inhalt, deutete ſie an, wollte ſie ſich t, an nach und nach erquicken... So ſitzend hielt ſie lange des Sohnes Hand... eutete Sie wiederholte aber, daß ſie Glocken hörte, und ins murmelte, das Ohr gegen das Fenſter richtend: Glocken haben die Armen ja nicht— und keine oller Thürme... Nimm nicht die Glocke— von Federigo's und— Hütte... hörſt du, mein Sohn?... eines Der Graf nickte mit einer Miene, die faſt vorwurfs⸗ 16 voll war... Er that, als traute ſie ihm Unwürdiges zu... Dann winkte ſie Monika und Armgart, daß auch ſie bolſ näher treten ſollten... Beide nannte ſie Du und 8* langte nach Monika's Locken, ſtreichelte ihr auch die nit thränenfeuchte Wange und legte ihre und Armgart's ün Hände ineinander... Dabei ſprach ſie langſam jenen ür ihren Lieblingsvers, der ſie einſt mit dem deutſchen Fremd⸗ uos ling verbunden hatte: 6 Wenn alle untreu werden, So bleib' ich dir doch treu, und Daß Dankbarkeit auf Erden vom Nicht ausgeſtorben ſei—... all Wieder trat eine Pauſe ein— jene Stille, die ihe man den Engel nennt, der durchs Zimmer geht... 1 Die Kleine verſcheuchte ihn... Da ſie den Ernſt tter der Scene ſtörte, ſo duldete jetzt die Leidende, daß 1 Armgart und Porzia das Kind den Dienern im Neben⸗ zimmer zuführte... Die Sterbende ſtarrte wie tief innenwärts und hörte 120 nur ihre Glocken... Sie war ſo abweſend, daß man ſanft das Glas mit der Bibel von ihrem Schooſe fortneh⸗ men konnte, ohne daß ſie es bemerkte.. 1 Ein großes Waſſer— ſprach ſie dann in abgeriſſenen Sätzen, wird gehen und ein Donner wird ertönen— laſſ'— die Glocke unberuͤhrt— Zum Gericht— des Herrn— Schwöre mir's, mein Sohn, auch— wenn — du dem Thiere folgſt-.. Mutter—! rief der Graf voll äußerſten Schmer⸗ zes— und vielleicht weniger über den Verdacht, daß er ſeinen Glauben ändern könnte, als über die Sorgen, von denen ſich die Mutter noch in ihrer letzten Stunde beunruhigen ließ... Die Hochaufgerichtete fühlte den Stachel ihrer Worte in— Paula's Herzen nach... Dieſe ſtand beſcheiden hinter ihrem Seſſel und beugte trauernd ihr lichtblondes Haupt auf die hohe ſchwarze Sammetlehne... Jetzt zog ſie ihr Gatte näher und Paula kniete nieder. Die Mutter gab ihr ein Zeichen verſöhnlicher Ge— ſinnung durch eine Aeußerung, die nur der Graf und die näher. Eingeweihten als eine ſolche verſtehen konn⸗ ten-... Sie taſtete nach dem Buche, das man wegge⸗ nommen... Als Baldaſſeroni es ihr wiedergeben wollte, ſagte ſie: Nol Nol Signorel... La Nobla— Leyçon.. Der„Barbe“ ging in das dunklere Nebengemach und brachte ein altes kleines Pergamentbändchen, in welchem er blätterte... Sie—!. ſprach die Gräfin und deutete auf ihre Schwiegertochter... ß man ortneh⸗ iſſenen den— — des wenn hmer⸗ aß er orgen, tuunde Worte eiden ondes g ſie 121 Mit erſtickter Stimme, vor der Sterbenden knieend, las Paula in einer ſeltſamen Sprache aus dieſem Buche vor... Es war kein Italieniſch und kein Fran⸗ zöſiſch, doch eine wohllautende Sprache... Man hörte Reime... Monika, Armgart und der Oberſt glaubten das Patois von Nizza zu erkennen. Paula las allmählich mit Begeiſterung... Sie nur und Graf Hugo begriffen, wie die Mutter gerade in dieſer Zumuthung, ihr aus der Nobla Leygçon vorzu⸗ leſen, eine Verſöhnung mit Bonaventura ausſprach, den die Mutter mit unausrottbaren Gefühlen des Mis⸗ trauens verfolgte— trotz der damals alles für ſeine Stellung aufs Spiel ſetzenden Verwendung deſſelben für den in Neapel verſchollenen Frä Federigo, trotz ſeines zehnjährigen Kampfes gegen Lug und Trug im hierar⸗ chiſchen Leben um ihn her— ſie konnte eben nur die ihrem Sohn abgewandte Seele ſeiner Gattin feſthalten, deren Kinderloſigkeit, die unmoraliſchen Conſequenzen im römiſchen Prieſterleben, endlich die mögliche Gefahr, daß ihr Sohn nach ihrem Tode übertrat und den myſtiſchen Bund, der hier zwiſchen drei Perſonen waltete, immer noch enger und enger ſchließen half... Die Nobla Leyçon iſt das älteſte in provencaliſcher Sprache geſchriebene Gedicht der Waldenſer... Nie⸗ mand verſtand einſt die provencaliſche Sprache ſo voll⸗ kommen und ſo rein und wußte den umwohnenden Wal⸗ denſern ihre alten, ſämmtlich in der Sprache der Trou⸗ badours geſchriebenen Werke ſo zu überſetzen und zu erläutern wie Federigo, der dieſe Sprache kannte, noch ehe er von der Sekte der Waldenſer wußte... Auch 122 Bonaventura, immer von den Erinnerungen und Sorgen um ſeinen Vater geleitet, auch in ſeinem Intereſſe für die Blüten der alten Kirchenpoeſie, kannte dieſe alte Mundart und Paula erlernte ſie in Coni ihm zu Liebe Daß nun die Mutter im Stande war, ſich von ihr noch zum letzten mal aus dieſem Buche, einem für Paula allerdings ketzeriſchen, vorleſen zu laſſen, war ein Act der Liebe, der Verſöhnung, ein Gruß an den Erzbiſchof... Ihre Aufforderung gab auch Paula wahrhaft Schwingen... Sie las ſo laut die ſchönen wohlklingenden Verſe, als wollte ſie ſagen: Im Geiſt rufſt du nun ja auch noch Bonaventura an dein Lager und verſöhnſt dich mit dem edelſten der Menſchen!.. Als Paula bis zu den Worten gekommen war: „Intrate in la sancta maison!“ blickte ſie auf... Die Mutter ſchien entſchlummert... Paula erhob ſich... Aber auch die Sterbende hob die Augen, ſah eine Weile, als wäre ſie abweſend, ſtarr um ſich und ſprach: „Ich bin— der Weg— die Wahrheit und das Leben— niemand kommt— zum Vater, denn durch mich!.... Das ſahen alle, ſie verweilte in den Erinnerungen an die Hütte jenes Einſiedlers, den ſie ſo wahrhaft verehrt und lieb gehabt und von dem ſie ſeit ſeiner Entweichung nichts mehr vernommen, als, in einem ein⸗ zigen Abſchiedsbriefe für dies Leben, die Bitte an jeden, der ihm Gutes erwieſen und noch erweiſen wollte, nie, aber auch nie mehr nach ihm zu forſchen.. wit korgen ſe für e alte Liebe h von einem laſſen, iß an Paula hönen Geiſt Lager erhob eine rach: das durch ungen rhaft ſeiner ein⸗ ſeden, nie, Intrate in la sancta maison!... wiederholte ſie mit einem Aufblick gen Himmel... Monika und Armgart, die das noch im Nebenzimmer plaudernde Kind nun ganz entfernt hatten, gingen hin und wieder... Immer ſtiller wurde es— ſtill wie ſchon im Grabe .. Jeder hielt den Athem zurück... Da noch einmal ſtreckte die Sterbende die Hände aus und flüſterte mit dem Hohenliede, ſicher in Anregung ihres Gedächtniſſes durch Armgart's Abbildung der im Herzen Gottes als befie— derte Kreuze aufſteigenden Seelen: „Hätt'— ich— Taubenflügel!“... Mit dieſen Worten ſank ſie, von Schmerzen über⸗ wältigt und nach Erlöſung ringend, zurück.. Lange noch wehrte ſie Bilder ab, die ſie beängſtigten... Ihre Stimme blieb erſtickt... Ihre Hände ſanken erſtarrt .. An ihrem geöffnet ſtehenbleibenden Munde traten kleine Schaumbläschen hervor... Sie war noch nicht ganz todt, aber ſchon zeigte ihr Antlitz jene herbe Strenge, die unſern Geſichtszügen der Tod verleiht... Der Arzt, der Geiſtliche traten eilends näher... Leiſe begab ſich alles aus dem Zimmer und trat in den Saal zurück, während die Sterbende auf ihrem Lehn⸗ ſeſſel von Dienern unter Hugo's Leitung ſanft zurück⸗ gerollt wurde in die dunkleren Nebenzimmer... „Ach, hätt' ich Taubenflügel!“... wiederholte Hede⸗ mann... Auch ihm erklang dies letzte Scheidewort der edlen Frau wie der Ruf nach Erlöſung von den Schmerzen, die auf ſeiner kranken Bruſt laſteten... 124 Im Saale, in welchen alle zurückkehrten, brach die Theilnahme in ihrer ganzen bisher zurückgehaltenen Macht aus... Die Frauen ſchluchzten... Auch die Männer traten bei Seite... Monika trat bald zum Gatten, bald zu Hedemann, der am Fenſter ſaß und Weib und Kind liebevoll an ſich gezogen hatte. Es war dann ein Trauermahl, das in dem ſchönen Raume genommen wurde... Unſere menſchliche Natur erſcheint uns nie geringer, wird nie von uns unlieber befriedigt, als wenn unſere himmelentſtammte Seele aufjammern möchte vor Schmerz und doch unſer Leben und Sein unter dem Druck des phyſiſchen Erdenverhäng⸗ niſſes ſteht... Noch ehe das Mahl, deſſen ſtärkende Wirkung alle bedurften, zu Ende war, wurde dem Grafen heimlich eine Botſchaft überbracht, die ihn beſtimmte, ſofort auf⸗ zuſpringen und ſich zu entfernen... Alle folgten ihm erſchreckt... Der Bote ſagte, die Gräfin hätte vollendet... Bebend folgte man dem Grafen... Paula vor allen, deren Bruſt von ſo vielen Schmerzen durchwühlt wurde, deren Gründe ſich von den Andern wol ahnen ließen... In ernſten Kriſen erkannte ſie, wie ſehr der Graf zu lieben war... Der Arzt und der Geiſtliche lüfteten die Vorhänge des Schlafzimmers... Der ſchöne ſonnenhelle Tag ſchien herein und beleuchtete die Züge der Entſchlafenen ... Sie hatte, hörte man, noch verſucht, die Worte nachzuſprechen, die über ihrem Bett unter ein Bild des ihr verwandten Dichters Novalis⸗Hardenberg geſchriebenwaren: ich die altenen uch die d zum ß und chönen Natur nlieber Seele Leben rhäng⸗ alle Uimlich auf⸗ mvor wühlt ahnen r der hänge Tag fenen Vorte s iht aren: 125 „Und wenn Du Ihm dein Herz gegeben, So iſt auch Seines ewig dein!“... Da ſtockte die Zunge wie gelähmt... Sie hatte ausgehaucht. Nun läuteten in der That fernher die Glocken... Die ehernen Zungen eines andern Bekenntniſſes waren es... Auch Geſänge miſchten ſich ein, dicht in der Nähe... Dieſe galten der Entſchlafenen... Ein Chor von Kindern ſtimmte ein geiſtliches Lied unter ihren Fenſtern an... Regelmäßig an jedem Nachmittag hatte ſich die Gräfin von den Kindern der Waldenſer⸗ gemeinde, die vom Gebirg herunterkamen, dieſe Erquickung erbeten— der Pfarrer erklärte dies den Hörern. Jetzt kam auch ein Herr Giorgio, der ſogenannte Moderatore oder Kirchenvorſtand der kleinen Colonie und brachte zu aller Erſtaunen eine Schrift, die die Gräfin in ſeine Hand gelegt hatte mit dem Bedeuten, ſie erſt ihrem Sohne zu zeigen, unmittelbar wenn ſie die Augen geſchloſſen hätte... Der Graf erbrach das unverſehrte Siegel, las un theilte die Wünſche der Mutter den Umſtehenden mit. Sie hatte befohlen, erſt in der kleinen Kirche des Schloſſes ausgeſtellt, dann aber in der Kirche der Wal⸗ denſer und nicht in der Schloßkirche begraben zu werden... Der Graf erkannte, daß dieſer Bitte die Voraus⸗ ſetzung zum Grunde lag, er würde Caſtellungo nicht behalten... Aufregungen, wie ſie mit dem Ausſprechen und Erörtern dieſer Vorausſetzung verbunden ſein konn⸗ ten, hatten ſie jedenfalls beſtimmt, ihm ihr Verlangen nur ſchriftlich auszuſprechen... 126 Porzia ließ ſich nicht nehmen, die Leiche zu entklei⸗ den, Hedemann nicht, den Katafalk zu ordnen, dem noch für denſelben Abend im Betſaal des Schloſſes jeder nahen durfte, der der Abgeſchiedenen ſeine letzte Ehr⸗ furcht bezeugen wollte.. Es kamen ihrer von nah und fern... Der Bet⸗ ſaal drückte die ganze Geſchichte und Richtung der Gräfin aus— ſchon an den Bildern, die rings an den Wän⸗ den hingen... Der tapfere Heinrich Arnaud in kriege⸗ riſcher Tracht... Biſchof Scipione Ricci, der die Sou⸗ veränetät der Concilien gelehrt hat und vom römiſchen Stuhl als Lutheraner verdammt wurde... Graf Guicciardini, der kürzlich in Florenz Proteſtant geworden . Der Engländer Oberſt Beckwith, der ſein ganzes Vermögen den Waldenſern ſchenkte... Der mächtigſte Beiſtand der Gräfin, Friedrich Wilhelm III. von Preu⸗ ßen, hatte unter den Porträts den erſten Platz... Die Reiſenden richteten ſich inzwiſchen in den für ſie vorbereiteten Zimmern ein... Mit einer eigen⸗ thümlich bedingten Theilnahme beobachteten ſie, wie eifrig Graf Hugo bemüht war, den Erzbiſchof in Coni noch vor Anbruch des Abends über das Ableben ſeiner Mutter mit Angabe aller Einzelheiten in Kenntniß zu ſetzen... Ja er zeigte erſt Paula den Brief und dieſe fügte noch die mehrmalige Aeußerung um die Glocke jenes Eremiten hinzu, um den ſich Bonaventura ſo verdient gemacht Ueber Paula's Leſen aus der Nobla Leygçon hatte ſchon Graf Hugo geſchrieben... Paula ſchien in der That erkräftigt und gefund... Sie ertrug den lange und voll Rührung auf ihr ruhen⸗ übe ſa kor entklei⸗ m noch 3 jeder te Ehr⸗ er Bet⸗ Gräfin Wän⸗ kriege⸗ e Sou⸗ miſchen Graf worden ganzes ſchtigſte Preu⸗ den für eigen⸗ e eifrig i noch Mutter en... te noch remiten cht.. e ſchon 127 den Blick und die unmittelbare Nähe des Oberſten, ohne die Befürchtungen zu beſtätigen, die man ſo lange Jahre über dieſe Wiederbegegnung gehegt hatte... Monika ſagte: Faſt ſcheint es, als wäre eine Kraft über ſie ge⸗ kommen, die ſie früher nicht gekannt hat— die Kraft des Willens... Armgart trauerte... Ob darüber, daß unter denen, auf deren Leben ein letzter Segen und eine letzte verſöhnte Erinnerung hier zurückgeblieben war, ein einziger ausgeſtoßen und un⸗ berückſichtigt blieb— Benno von Aſſelyn?... Oder über ein unausgeſprochenes, erſichtlich vorhan⸗ denes Leid der Freundin, ihres Gatten und des hohen Geiſtlichen in Coni— ein Leid, das ſchon mit geſtei⸗ gerter Offenheit von ihrer Mutter als ein unerlaubt unnatürliches verworfen wurde?... Oder endlich über den Heimgang ihres„Großmüt⸗ terchens“ nur allein?... Der Aufenthalt in Caſtellungo hatte jedenfalls er— ſchütternd und bedeutungsvoll begonnen... 5. Nach Beiſetzung der Gräfin in der von ihr ſelhſt erbauten, oberhalb Caſtellungo's in den Bergen liegen⸗ den Kirche der Waldenſer, einer Feierlichkeit, zu der aus den Bergen und aus der Tiefe des Thals auch die Rechtgläubigen, Jung und Alt, herbeiſtrömten, aus den Thälern von Saluzzo und Pignerol, wo die Waldenſer in Maſſe wohnen, von allen Gemeinden die„Barben“, „Evangeliſten“,„Moderatoren“— nach dieſem Tage hätten nun ruhigere Stunden eintreten können, wenn nicht die politiſche Welt die Aufregung wach erhalten und nun auch Hedemann's Abſchied vom Leben ſich ge⸗ nähert hätte... Die Freude am Tod war bei dieſem wieder bereits eine ſolche, daß er ſich in ſeinen Gebeten Vorwürfe machte, ihn zu eifrig zu wünſchen... Rom war inzwiſchen gefallen... Die letzten Spuren der Revolution wurden in ganz Italien getilgt... Die erſten Vorzeichen jener Zeit brachen an, die in drei Jahren wieder die Kerker nur des Kirchenſtaats allein mit ſechstauſend Menſchen füllen ſelbſt egen⸗ der die den enſer ben“, Tage wenn alten ge⸗ teſem beten ganz Zeit nur üllen — 129 ſollte*)... Fefelotti ergriff jetzt auch noch das welt⸗ liche Ruder außer dem geiſtlichen... Staat und Kirche gehörten ganz den zurückkehrenden Jeſuiten... Auch in der kirchlichen Sphäre der Umgegend zeigte ſich manche Wiederkehr des Alten... Die Jeſuiten hatten in Coni ein von Fefelotti begünſtigtes Collegium beſeſſen, das ſie freilich nicht wieder beziehen durften, da Sardi⸗ niens Verfaſſung ſie verbannte... Aber ſchon war in Schule, Staat und Kirche ihr dennoch geheimwirkender Einfluß bald wieder erſichtlich... Robillante und Pignerol waren zwei Biſchofsſitze, die ausdrücklich ſchon lange durch Männer beſetzt wurden, die dem deutſchen Ein⸗ dringling, dem Erzbiſchof von Coni, wo ſie nur konn⸗ ten, wehren ſollten**)... Der Oberſt und Monika konnten inzwiſchen dem Grafen im Ordnen des Nachlaſſes ſeiner Mutter, in Auszahlung einer Menge von Legaten an die Gemeinden der Thhe hier und drüben am Fuß des Monte Viſo behülflich ſein... Der Graf war es, der am meiſten darauf drängte, daß Paula nach ihrem Wohnhauſe in Coni zurück ſollte... Armgart wollte ſie begleiten ... Wohl ſprach ſie ihr dringendſtes Bedürfniß aus, den Erzbiſchof zu begrüßen, der ſich, ſeiner Stellung gemäß, vom Leichenbegängniß der Gräfin hatte entfernt halten müſſen... *) Thatſache. ***) Monſignore Charvaz, Biſchof von Pignerol, warf ſich Karl Albert von Sardinien zu Füßen, um ihn von ſei⸗ nen Begünſtigungen gegen die Waldenſer zurückzuhalten. Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 3 9 ——— 130 Monika, die zwar zu Paula's Heirath dringend ge⸗ rathen hatte, empfand und tadelte doch, was ſie das Anſtößige dieſer Beziehung nannte, im höchſten Grade ... Hatte ſie ſchon ſonſt die Partie des Grafen genommen und ihn über das Meiſte entſchuldigt, was ſich ſeinen jungen Jahren vorwerfen ließ, ſo erklärte ſie vollends mit ihm Mitleid zu fühlen, ſeitdem ſich jenes myſtiſche Dreiblatt gebildet hatte, dem womöglich fern bleiben zu wollen ſie ſich auf Schloß Bex gelobt hatte... Nun ſah ſie dies Verhältniß einer„Standesehe“ in nächſter Nähe... Und das ſei denn die rechte Höhe, ſprach ſie ſchon eines Tages in Paula's Gegenwart, Opfer über Opfer anzunehmen, nur deshalb, weil man wiſſe, ſie würden von ſchwachen Menſchen ohne Murren gebracht... Ja ſie ſagte ſchon zu ihrem Gatten: Der Graf leidet, weil er Paula liebt— und zu Armgart: Auch Paula, ſcheint es, ringt mit ihrem Herzen, weil ſie den Grafen mehr als achten muß... Daß Paula und Armgart zum nächſtbevorſtehenden Bonaventura⸗Tage in Coni ſein und der Celebration der Meſſe durch den Erzbiſchof an dieſem Tage beiwohnen wollten, konnte Monika nicht hindern... Doch bekam es Armgart bitter zu hören, warum ſie gerade dieſen Tag wählen wollten... Die Mutter ſagte, daß ſie den Doctor Seraphicus, wie Sanct⸗Bonaventura in der Väterge⸗ ſchichte heißt, nicht im mindeſten zu jenen Bekennern und Märtyrern zählen könne, die allenfalls auch die Freude evangeliſchen Sinnes ſein dürften... Ich ſchätze den heiligen Bonaventura noch höher, entgegnete Armgart, als die andern Märtyrer, die nur end ge⸗ ſie das Grade vommen ſeinen ollends nyſtiſche bleiben . Nun nachſter ie ſchon Opfer würden f. e. leidet, Paula, Grafen ehenden ion der vohnen kam es n Tag Doctor äterge⸗ en und Freude höher, die nut 131 zufällig in den Tod gingen und der Nachwelt nichts von ihrem Leben hinterlaſſen haben.. Von ihrem Leben? entgegnete aufwallend die Mutter .. Dieſer Johannes von Fidanza iſt ja das Prototyp aller katholiſchen Schwärmer! Dieſer heilige Bonaventura hat mit ſeinem ſogenannten Gemüth alles verklären und ver⸗ ſchönern wollen, woran wir noch heute leiden... Was nur immer Gregor und Innocenz aus weltlichen Rück⸗ ſichten für die Kirche erfunden haben, umgab dieſer Italiener mit dem Schein beinahe der Philoſophie Mariendienſt, Cölibat, Entziehung des Kelches— alles, alles, was das Tridentiniſche Concil ſpäter in die todesſtarren Formeln gezwängt hat, brachte dieſer heilige Bonaventura als Gemüthsſehnſucht in Curs, gerade wie auch jetzt wieder mit dem Dogma der ohne Sünde geboren ſein ſollenden Mutter Gottes geſchieht... Mir ein Räthſel, wie euer Erzbiſchof zu den Freiſinnigen zählen kann, ſchon in Deutſchland unter den Anfech⸗ tungen der Fanatiker leiden mußte und immer noch ſeine Krone, immer noch ſeinen Krummſtab trägt... Wären ſolche Männer vor einigen Jahren wahr geweſen und in den Zeiten der Bedrängniß zu uns übergetreten, wie anders ſtünde es mit der Sache des Lichts und des Evangeliums!... Hedemann und der Vater dachten ebenſo und ſagten das Nämliche... Armgart aber ſtritt ſchon lange nicht mehr gegen dies ſtete Verurtheilen, ſeitdem ſie für ihre frühere Behauptung, daß Bonaventura ſeine Erhöhung weder Lucinden noch Olympien verdankte, kürzlich Recht erhalten 9* ——, 9 132 hatte. Ihr richtet und richtet, wie ihr's eben verſteht! ſprach ſie damals und verwies auf beſſere Erkenntniß der wahren Sachlagen, wenn ſie auch leider meiſt im Leben zu ſpät käme... Hier in Caſtellungo wurde für beſtimmt eine ſchon früher von Paula brieflich ausge⸗ ſprochene Verſicherung wiederholt, daß der aus Robillante gebürtige Cardinal Vincente Ambroſi vor zehn Jahren in Rom der eigentliche Freund und Fürſprecher Bona⸗ ventura's geweſen... Armgart verwies auch jetzt die Ankläger auf die Siege, deren ſie ſich ja täglich rühmten ... War nicht vor kurzem der vom greiſen General der Kapuziner als Dekan der Studien über die römiſchen Theologen als Examinator geſetzte de Sanctis, Profeſſor der Theologie, Parochus an Maddalena, Beichtvater in den Gefängniſſen der römiſchen Inquiſition, von den Jeſuiten in ſeinen wahren Geſinnungen erkannt, gefan⸗ gen geſetzt worden, entflohen und in Malta zum Pro⸗ teſtantismus übergetreten— 2*)... Wiſſet ihr, ſagte ſie mit Jronie, was in Bonaventurg's Innern vorgeht und was euch alles vielleicht noch von ihm werden kann?... Die hinterlaſſene Bibliothek der Gräfin war eine Fundgrube der intereſſanteſten Anregungen für Monika, den Oberſten und Hedemann... Auch Baldaſſeroni und Giorgio waren Männer, die auf Koſten der Gräfin in Genf, Tübingen und Berlin ſtudirt hatten... Ihr Ton gab ſich milde und rückſichtsvoll— ſie wußten, was bei ihrer jetzigen Schloßherrſchaft zu ſchonen und zu achten war... Auch ſie gaben dem Erzbiſchof das *) 1847. verſteht! kenntniß neiſt im unde für ausge⸗ vbillante Jahren Bona⸗ jetzt die ühmten General miſchen rofeſſor chtvater on den gefan⸗ Pro⸗ ſagte vorgeht m?... r eine onika, ni und ffin in r Ton b was und f das 133 Zeugniß, daß allein ſchon ſein perſönliches Erſcheinen in Rom alle Intriguen hätte entwaffnen müſſen und daß er noch täglich dieſe Macht der Beſchämung über ſeine Gegner übe... Ein Glück, daß Armgart's Vater die Schroffheiten der Mutter milderte... Eine Rechtfertigung der amerikaniſchen Weiſe, ſich zur Religion zu verhalten, ſagte er beim Durchmuſtern eines Schranks voll Alter⸗ thümer und beim Anblick einer kleinen Schaale, die wie eine Taſſe ausſah, aus der einſt Huß den Wein beim Abendmahl dargereicht haben ſollte, find' ich in dem Schickſal des Kelches... Das Trinken aus einem und demſelben Gefäß iſt vielleicht in der That nur einer Ge⸗ meinde möglich, wo ſich alles ſo perſönlich nahe ſteht, wie zur Zeit der Apoſtel und der erſten Bekenner... Wo noch der Liebeskuß als Gruß der Verbundenen möglich war, war auch die Ertheilung des Kelches möglich... Als jedoch die chriſtliche Lehre Staatskirche wurde, als ganze Völker im nächſten beſten Fluſſe getauft werden muß⸗ ten, mußte vieles von den erſten Satzungen des Glaubens verloren gehen... Welcher Reiche gab da noch ſeine Reichthümer hin und warf ſie, ſtatt in die Kaſſe einer ihm befreundeten Gemeinde, in das weite, wüſte Meer des Proletariats!... Wer ſetzte noch gern die Lippe an ein Gefäß, aus dem Hunderte und noch dazu zur Zeit der einſt ſo allgemeinen Peſt und des Ausſatzes tranken! ... Man hat das Chriſtenthum eine Weltreligion ge⸗ nannt; ſie iſt es auch dem Geiſte nach, nicht nach dem Buchſtaben... Wer den apoſtoliſchen Anfängen nach⸗ gehen will, muß die Freiheit Amerikas wünſchen, wo 134 ſich jede Form, Gott zu dienen, auf eigene Art befeſti⸗ gen kann... Geſchieht es dort würdelos, ſo iſt nur der Mangel an Bildung ſchuld... Unſere Gotteshäuſer und die Prieſter, die in ihnen lehren und Ceremonien abhalten, ſollten, wie ich von Ihnen höre— er wandte ſich an Baldaſſeroni— nach dem Ausdruck des Bruders Federigo nur noch Hüter und Wächter des Chriſten⸗ thums ſein, gleichſam die Sänger, die Dichter, die Hiſtoriker der Kirche— ohne ſich den mindeſten Eingriff in die Lebens⸗ und Geſellſchaftsformen geſtatten zu dürfen... Solcher Streitigkeiten gab es viele... Sie konnten zu tagelangen Verſtimmungen führen— namentlich wenn Armgart ſagte: Ein Einzelner gewonnen iſt nichts— Könige, die ohne ihre Krone kommen, ſind vollends nichts; die müſſen gleich ihre Reiche mitbringen.. Wieder den heutigen Streit unterbrach Paula's Ein⸗ treten... Schon hatte Armgart muſternd unter den waldenſiſchen Schwertern, huſſitiſchen Kelchen, den alten Bibeln, Luther⸗ und Zinzendorf⸗Ringen geſagt: Ihr habt doch auch eure Reliquien!... Zu einer Erwiderung kam es nicht, da Paula allerlei Geſchäfte mitbrachte, die ſich auf die ſittlichen Zuſtände der Gegend bezogen... Seit dieſer langen Reihe von Jahren hatte Graf Hugo für ſich und Paula den Weg der Zerſtreuung eingeſchlagen... Nicht nur beſchäftigte er ſich und Paula mit einer umſichtigen Pflege der hier ſo reizenden und reichen Natur, ſondern auch mit den Vorkommniſſen ſeiner geſellſchaftlichen Beziehungen, mit Aufgaben der Wohlthätigkeit Der gute Wille, befeſti⸗ ur der häuſer nonien wandte ruders riſten⸗ , die ngriff en zu onnten wenn s— ichts; Ei⸗ r den alten lerlei ſtände e von Weg ftigte hier t den „ mit Wille 135 nützlich ſein zu wollen, iſt bei gebildeten und gutgearteten Vornehmen immer rege und hier kam ein faſt ängſtliches Verlangen hinzu, durch ſolche äußere Werkthätigkeit aus dem Verſenken in zu große Innerlichkeit entfliehen zu können... Monika mußte freilich ſchon wieder lächeln, wenn ſie ſah, mit welcher emſigen Umſtändlichkeit und mit welchem offenbaren Nichtberuf für praktiſche Bewäh⸗ rungen die junge Schloßherrin, nun die ſouveräne Ge⸗ bieterin von Caſtellungo, die an Glücksgütern geſegnete Herrin von Weſterhof, von Schloß Salem, Beſitzerin eines Palaſtes in Coni, ihre unerſchöpfliche Wohlthätigkeits⸗ liebe zu einer ſegensreichen und mit Vorſicht geſpendeten zu machen ſich mühte, wie ſie in die Hütten der Armen trat, momentane Hülfe, aber ſelten, nach Monika's Meinung, den rechten Rath und die rechte Warnung brachte... Sie weiß nicht, ſagte ſie, wie ſie ſich ſchon mit ihrer Krone am Giebel der Eingangsthür in ſolche Hütten den Kopf ſtößt, vollends, wie ſie zuletzt bei ſolchen Leuten mehr Aufſehen und Schrecken, als Freude, wenn nicht gar Schlimmeres, zuweilen Spott, hinter⸗ läßt... Sie ſpricht mit dieſen Menſchen wie ein Buch . Sie werden ſie alle zu Gevatter bitten— Das pflegt noch die nützlichſte Folge ſolcher vornehmen Herablaſſun⸗ gen zu ſein... Da nach dem Wunſch des Grafen, dem gleichfalls ſolche Herbigkeiten nicht erſpart wurden und der dann oft träumeriſch von Wien als einem Ausweg aus allen Labyrinthen ſprach, der Oberſt fürs erſte hier als Ver⸗ walter wohnen bleiben ſollte— auch gegen die winter⸗ lichen Verheerungen der Verggewäſſer ſollten Brücken und 136 Wehre gebaut werden— ſo ſammelte auf dem Schloſſe ſchon allabendlich Monika die hervorragenderen Perſön⸗ lichkeiten der Umgegend zu einem behaglichen Kreiſe und hatte für dieſe ſichere und feſte Einwohnung ganz den Beifall ſowol des Grafen wie der gütigen Paula, deren weicher Sinn keiner ihrer Schroffheiten aufbieten konnte ..Die italieniſche Sitte kennt nicht die deutſche Unter— ſcheidung zwiſchen den Ständen Der größte Theil des umwohnenden Adels war nach d h deutſchem Geſichtspunkt eine wohlhabende Bauernſchaft— die Contes und Markeſes ritten mit hohen Lederkamaſchen über ihre Felder und ſpran⸗ gen nicht ſelten ab, um bei den Arbeiten mit anzugreifen .Aeltere Diener gehörten mit zur Familie.. Gemeindevorſteher, Forſtwarte, Recheneibeamte ſammelten ſich allabendlich in den unteren Räumen des Schloſſes und ſelbſt der Graf und der Oberſt ſetzten ſich manchmal zu ihnen und verſchmähten nicht den Trunk aus ge⸗ meinſchaftlichem Krug... Einige-reiche Seidenweber, die zu den Waldenſern gehörten, hatten ſich ſonſt allabend⸗ lich auf dem Schloſſe im engern Kreiſe der verſtorbenen Gräfin eingefunden; ſie blieben auch jetzt nicht aus; um ſo weniger, als in der That das Benehmen des Grafen die Beſorgniß erwecken durfte, die Mutter hätte in ſeiner Seele recht geleſen. Man ſah ihm eine große Unruhe an; man fürchtete allgemein den Verkauf Caſtellungos, ja ſogar ſeinen Religionsübertritt... Wenigſtens ſchiene ihm, ſagte man, daran zu liegen, nicht allein nach Oeſter⸗ reich zurückzukehren, ſondern nur mit Paula, für die es dann, ſo offen lag allen das bekannte Verhältniß mit Coni, eine letzte große Entſcheidung geben müßte. chlſſe gerſön⸗ ſe und nz den deren konnte Unter⸗ Theil punkt rleſes pran⸗ reifen telten oſſes zmal N⸗ eber, end⸗ enen um rfen iner 137 Des öſterreichiſchen Grafen vertrauliche Stellung zum Erzbiſchof hätte dem letztern in den Augen der Italiener ſchaden müſſen, wenn nicht die alte Gräfin ſo beliebt geweſen wäre und ſeinerſeits auch Bonaventura ein Anhalt aller Freigeſinnten... Schon mit dem Hirtenſtab des Bisthums Robillante hatte er gewagt, den Neuerungen Fefelotti's die Spitze zu bieten... Als er dann zur Verantwortung für die Vorwürfe, die er den Dominicanern wegen Frä Federigo zu machen gewagt hatte, nach Rom gefordert wurde und ſtatt dort verur⸗ theilt zu werden als„Nachfolger Fefelotti's heimkehrte, hatte er den muthigſten Kampf begonnen, den ein Fremder auf dieſem gefahrvollen Boden nur wagen konnte... Dem Colleg San⸗Ignazio zu Coni ent⸗ zog er ſogleich eine Kirche, auf die die Patres Jeſuiten, damals noch nicht verbannt, Anſprüche machten— er ſetzte bei den Stadtbehörden durch, daß dieſe ihn in ſeiner Weigerung unterſtützten... Ein gewöhnliches Hülfs⸗ mittel der Jeſuiten, das ſie bei neuen Niederlaſſungen, um ſich die Herzen der Umwohner zu gewinnen, an— wenden, beſteht in dem Schein bitterſter Armuth, den ſie ſich geben. Plötzlich erſchallt dann durch die Stadt die ängſtliche Kunde, die unglücklichen Väter verhungerten hin⸗ ter ihren Mauern. Nun rennen fanatiſche Sammler durch die Häuſer und rufen um Hülfe. Man bricht faſt ge— waltſam mit dem geſammelten Gelde, den Speiſen, den Kleidungsſtücken in das Colleg ein und findet auch in der That die armen Väter beim Gebet— verſchmachtet, abgezehrt, vom gezwungenen Faſten faſt leblos*)... Bo⸗ *) Vor einiger Zeit ſo zu Münſter in Weſtfalen geſchehen. 138 naventura bewies jedoch dem Rector Pater Speziano, der dieſelbe Komödie aufführte, und dem Magiſtrat der Stadt, daß das Colleg aus dem Profeßhauſe in Genua eine regelmäßige Einnahme bezog, die weit über die Einkünfte der ſämmtlichen andern Klöſter der Stadt zuſammengenom⸗ men ging... Den Biſchof von Pignerol zwang er, ein höchſt gehäſſiges Inſtitut zu ſchließen. Man entzog unter allerlei Vorwänden den Waldenſern ihre Armenkinder, beſonders ihre Waiſen, taufte ſie ſchnell nach römiſchem Ritus und gab ſie nicht wieder her... Jedes un⸗ eheliche Kind der Waldenſer gehörte an ſich ſchon dieſem „Ospizio dei Catecumeni“... Als vorgekommen war, daß eine Gefallene, um ihr Kind zu behalten, ſich auf die höchſten Spitzen des Monte Viſo vor den Gens⸗ darmen geflüchtet hatte und Kind und Mutter im Schnee elend umgekommen waren*), wallte Bonaventura's Zorn ſo auf, daß er nicht eher ruhte, bis jenes Ospizio ge⸗ ſchloſſen wurde... Das Verkommen im Schnee—— gehörte ohnehin zu den erſchütterndſten Vorſtellungen ſeines Gemüths und zumal, da ſeines Freundes, des Cardinals Vincente Ambroſi, Vater, Profeſſor der Ma⸗ thematik in Robillante(er erfuhr dies zu ſeiner höchſten Ueberraſchung in Rom), eines ſolchen Todes im Alpen⸗ ſchnee wirklich verſtorben war.. Von Genua aus, wohin ſich Gräfin Sarzana be⸗ geben hatte, als ſie wagte, wieder ans Tageslicht zu kommen von den„Lebendigbegrabenen“, in deren Kloſter ſie ſich geflüchtet hatte nach dem Attentat ihres Mannes auf *) Thatſache. ano, der er Stadt, nua eine Einkünfte engenom⸗ Jer, ein ſog unter enkinder, miſchem des un⸗ ndieſem en war, ſch uj Gens⸗ Schnee s Zorn izio ge⸗ — ellungen 5, des r Ma⸗ üöchſten Alpen⸗ na be⸗ ſcht zu Kloſter nes auf 139 Ceccone, wurde der Kampf mit den freiſinnigen Richtungen Italiens um ſo erbitterter geführt, als Genua auch für die Pforte der Mazzini'ſchen Einflüſſe und des engliſchen Ketzerthums galt... Fefelotti bot alles auf, die weibliche Bundsgenoſſenſchaft der Jeſuiten gerade in Genua zu mehren und zu kräftigen... Ein Or⸗ den, der ſich offen„Jeſuiteſſen“ nannte,„Töchter Loyola's“, geſtiftet vor zwei Jahrhunderten, hatte ſich nicht erhalten können; Papſt Urban VIII. ſchaffte ihn ſchon 1631 ab... Aber unſere Zeit hat dieſen Orden erneuert— vorzugsweiſe in den Damen vom Heiligen Herzen Jeſu(Sacré Cocur)... Sie leiten, ſchaarenweiſe von Frankreich kommend, die Erziehung der vornehmen Stände und halten auch außerhalb ihrer Klöſter Schulen für die ärmere Klaſſe; ſie ſind in weiblicher Sphäre das, was die Väter der Geſellſchaft Jeſu für die Erziehung in männlicher... Wo dieſe Heiligen Schweſtern voran⸗ gehen, folgen ihnen in noch nicht einer Generation ihre Brüder, die Jeſuiten, nach... Sie bereiten ihnen den Weg; ſie wecken in den Familien, bei allen Müttern, Vätern, Kindern, eine ſolche Sehnſucht nach dieſen Rathgebern nicht nur der Seele für ihre jenſeitige Be⸗ ſtimmung, ſondern des ganzen auch dieſſeitigen Lebens, daß die Berufung der Väter nicht lange ausbleibt . Umwälzungen folgen dann in den Familien, in der Geſellſchaft... Der ſüße Ton der Andacht, ver⸗ bunden mit den feineren Rückſichten der Geſelligkeit und Eleganz, führt dieſer Congregation des Sacré Coeur alle jungen weiblichen Herzen zu... Mütter, oft be⸗ reuend, was ſie ſelbſt in ihrem Leben verſchuldeten, 140 glauben in ihren Töchtern durch ſo zeitige Fürſorge alles nachholen zu können, was ſie an ſich ſelbſt verſäumten... So ſtrömte auch in Genua und Turin die weibliche Jugend den Herz⸗Jeſu⸗Damen zu... Zweigvereine bildeten ſich unter dem Namen der „Dorotheinerinnen“ bei den Frauen, der„Raffaéliner“ bei den Männern, der„Leonhardiner“ unter den Klerikern... Die obere Leitung aller dieſer weitverzweigten und auf ein Syſtem gegenſeitiger Ueber⸗ wachung(in den lieblichſten Ausdrücken, als:„Bewahre dir den Duft der geiſtlichen Blume zur einſtigen feſt⸗ lichen Ausſtellung am Altare!“ d. h.: Lebe ſo, daß es dich nie verdrießen wird, in den Conduitenliſten von andern nach deiner geiſtlichen Aufführung beurtheilt zu werden!) begründeten Genoſſenſchaften Superioren der Jeſuitenklöſter.. Beichtbedürfniß, T ganzen Anhangs... Die Stadt, das Land wußten, wie nahe der Erz⸗ biſchof von Coni wiederum bei den äußerſten Gefahren für ſeine Stellung angekommen war, als die neue Aera der Hoffnungen Italiens anbrach... Schon vorher war eines Tages Lucinde— ſie zählte nun ſchon dreißig Jahre— in Coni erſchienen und hatte, man ſprach wenigſtens ſo, dem Erzbiſchof aus Rom die ernſteſten Warnungen gebracht... Die Leiden, die ihm dieſer faſt ein Vierteljahr dauernde Aufenthalt Lucindens in Coni zuzog, gehörten ſeinem Innenleben an und konnten nur von wenigen verſtanden werden... Graf Hugo war es, der die Gräfin Sarzana damals mit Gewalt aus der Gegend vertrieb; er erinnerte ſie an Nück und den hatten die . Ihnen gehörte das od und Leben dieſer Seelen und ihres rge alles mten... eJugend deten ſich Frauen, ardiner“ er dieſer leber⸗ Zewahre gen feſt⸗ o, daß tenliſten rurtheilt ken die le das ihres r Erz⸗ efahren Aera r war reißig ſprach ſteſten dieſer s in nnten Hugo ewalt d den 141 Mordbrenner Picard... Hier erſt erfuhr die kleine geufer Colonie, daß Lucinde von hier nach einem Abend ver⸗ ſchwunden war, wo auf Caſtellungo im Kreiſe der alten Gräfin, die ſie nur widerſtrebend empfangen hatte, die Rede auf den Bruder Hubertus kam, der noch im Silaswalde beim Eremiten Federigo leben ſollte... Man hatte erfahren, daß Hubertus einen der Verräther der Brüder Bandiera entdeckt und in ſeinem wilden Zornesmuthe ge⸗ richtet haben ſollte— einen Belgier oder Franzoſen, den die Emigration aus London abſandte, um von Korfu aus die Bandiera zu unterſtützen... Viele behaupteten — erſt jetzt erfuhren dies die alten Bewohner Witoborns — daß dieſer Genoſſe Boccheciampo's*) jener Jan Picard geweſen, der ohne Zweifel den Schloßbrand in Weſterhof angelegt und damals ſpurlos verſchwunden war... Allen ſchien ein Zuſammenhang Lucindens mit dieſen Vorgängen erwieſen... Graf Hugo lehnte die Aufklärungen ab, die von ihm den Freunden gegeben werden konnten .. Man drängte in ihn... Erſt als ſogar Terſchka's Name als deſſen, der jenen Picard der Emigration empfohlen und ſpäter Vortheile vom Scheitern der Expe⸗ dition gezogen haben ſollte, mitgenannt wurde, brach man von den dunkeln, Monika, den Oberſten und Arm⸗ gart erſchreckenden Vorgängen ab... Von Gräfin Sar⸗ zana ſah man wol, daß ihr Muth, ja ihre Keckheit, auf Caſtellungo zu erſcheinen, ihr theuer zu ſtehen ge⸗ kommen war... Paula behandelte ſie mit Artigkeit, der Graf aber nur als eine Störerin der Ruhe ſeines 7 *) Der den Verrath leitete. 142 Freundes Bonaventura und die alte Gräfin vollends wandte der Apoſtatin den Rücken... Statt ihrer erſchien dann die rechte Hand Fefelotti's ſelbſt, Abbate Sturla aus Genua... Die Welt erzählte ſich, daß Sturla's erſter Beſuch beim deutſchen Erzbiſchof einige Stunden gedauert und bei dieſem eine Aufregung hinter⸗ — laſſen hätte, die ihn mehrere Wochen aufs Kranken⸗ lager warf... ff Bald nach Sturla's Abreiſe gingen dunkle Gerüchte von einer neuen Reiſe des Erzbiſchofs nach Rom, ja von baldiger Niederlegung ſeiner hohen Kirchenwürde, 8 von ſeinem bevorſtehenden Eintritt in den Benedictiner⸗ — orden und ſeinem Uebergang in ein deutſches Kloſter... i Da brach die neue Aera an... Abbate Sturla, der in⸗ zwiſchen in Turin und Mailand geweſen(auch hier war der Erzbiſchof ein Deutſcher*)) und über Coni nach Genua zurückkehren wollte, predigte in Robillante... Sturla erlaubte ſich am Schluß ſeiner Rede gegen das in wenig Wochen umgewandelte Rom die Wendung: „Laßt uns beten für das Seelenheil des Heiligen Vaters! Laßt uns beten, daß Gott ihn vor dem Schickſal, ein 15 Atheiſt zu werden, bewahren möge!“**) Da verlangte Bonaventura, daß der Biſchof von Robillante dem Abbate die Kanzel verbot und zeigte den Obern deſſel⸗ 4 ben in Genua an, Sturla ſchiene ihm dem Wahnſinn nahe gekommen und müßte angehalten werden, ſich Geiſtesübungen zu unterwerfen... Sturla floh mit — — — ——— — — *) Gaisruck. **) Sturla's eigene Worte. vollends tt ihrer Abbate ſch, daß of einige ghinter⸗ Kranken⸗ Gerüchte Com, ja enwürde, dictiner⸗ ſter... der in⸗ ich hier ni nach te... gegen endung: Yaters! l, ein rlangte e dem deſſel⸗ ahnſinn , ſich h mit 143 der wachſenden Bewegung nach Frankreich und Spa⸗ nien*)... Nach einer wilden, an Hoffnungen und ebenſo vielen Täuſchungen reichen Zeit, wo namentlich Graf Hugo in der größten Aufregung lebte und unter dem Druck ſeines politiſchen Doppelverhältniſſes bis zu ſichtlicher Verzweiflung litt, war Sturla der erſte, der in Genua wieder die alten Umtriebe begann... Noch ehe die Franzoſen im Kirchenſtaat landeten, erhob ſchon die Reaction ihr Haupt... Was ſich zwei Jahre wie die Schwalben im Sumpf verſteckt gehalten, flog wieder auf... Die Dorotheinerinnen hatten ſich in Piſa, in der Nähe von Florenz, niedergelaſſen... Die Leonhardiner ſuchten wieder die Prieſter für das Gelübde der„Igno— ranz“ zu gewinnen... Die Raffaeliner waren jene ſüßliche Bruderſchaft, die dem Roſenbunde Schnuphaſe's entſprach, ſich und andere als Blume pflegte und be⸗ goß und die kleinen Inſekten der Fehler und Sünden, die etwa dem Wuchs der Nachbarblüte gefährlich wer⸗ den konnten, in Form von Angebereien, letztere in kleine beſchriebene Zettel gewickelt, in eine monatlich am Altar aufgeſtellte Büchſe warf... Dieſen Bündniſſen gehörte der mächtigſte Einfluß auf die politiſchen Wahlen für Staats⸗ und Gemeindeleben... Nach Toscana kehrte eine Dynaſtie zurück, die ſich gelobte, ganz nur die Jeſuiten walten zu laſſen... Jede Bibel, die in eines Katholiken Hand gefunden wurde, wurde ver⸗ brannt... Pater Speziano wagte aus der Schweiz *) Thatſachen. 144 nach Coni zu ſchreiben, er würde mit acht Prieſtern, fünf Scholaren und ſieben Laienbrüdern zu San⸗Ignazio wieder einziehen und getroſt das Martyrium des Kerkers erdulden... Beichtſtuhl, Schule, Penſionat, Univer⸗ ſität, Oberaufſicht der Nonnenklöſter, Miſſionspredigt, die ganze Richtung vorzugsweiſe dieſes freiſinnigen Staates ſollte aufs neue zu einem äußerſten Kampf den Fehdehandſchuh hingeworfen erhalten... Nun war Rom gefallen und die Einnahme der ewigen Stadt das Signal für die Rückkehr aller alten Poſitionen Fefe⸗ lotti's... Das Intereſſe an Ruhe und Ordnung blieb allerdings 5 bei den Poſſidenti das überwiegende; ſelbſt bei den Wal⸗ denſern, größtentheils fleißigen und wohlhabenden Bauern ... Verwünſchungen genug wurden gegen Garibaldi 9 ausgeſtoßen, der den nur unnützen Widerſtand durch das Sprengen der Tiberbrücken um einige Tage hatte ver⸗ längern wollen... Abendlich las man die Schilderungen aus dem„Monitore Romano“, wie die einrückenden Sol⸗ daten zwar mit Ziſchen und den Rufen:„Nieder mit den Pfaffen! Nieder mit den Fremden!“ empfangen wurden; ! aber das Drama der Befreiung Italiens von äußern und innern Feinden hatte ausgeſpielt... Die Ver⸗ 1 theidiger Roms hatten den Verſuch gemacht, ſich nord⸗ 6 I wärts durchzuſchlagen... Dort kamen ihnen die Colon⸗ nen der Oeſterreicher entgegen... Man erſtaunte, wie Garibaldi die Trümmer ſeines kleinen Heeres noch bis nach San⸗Marino führen konnte, wo dann alles ſich auflöſte und wohin irgend möglich zu entkommen ſuchte... Die erſten Acte der wiederhergeſtellten Prieſterherr⸗ 1 Prieſtern, Ignazio 2 Kerkers Univer⸗ tspredigt, eiſinnigen n Kampf hun war tadt das en Fefe⸗ llerdings den Wal⸗ Bauern aribaldi rch das de ver⸗ erungen den Sol⸗ mit den vurden; äußern e Ver⸗ nord⸗ Colon⸗ e, wie ch bis es ſich hte. terherr⸗ 145 ſchaft wurden oft beſprochen... Die flüchtigen Je— ſuiten, hörte man, waren im Al⸗Geſü wieder eingezogen ... Statt des Monitore kam wieder das alte cenſurirte „Diario“... Auch Gräfin Sarzana, las man, kam nach Rom... In den Todtenliſten, die allmählich bekannt wurden, befand ſich ihr Gatte als Gefallener... Eines Abends wurde unter den Verwundeten auch Cäſar von Montalto genannt... Die Geſellſchaft befand ſich gerade am Vorabend des Bonaventuratages, an dem in erſter Morgenfrühe der Graf, Armgart und Paula nach Coni reiſen wollten, im großen Speiſeſaal, als aus den Zeitungen dieſe Nachricht vorgeleſen wurde... Das Geſpräch war bunt durch⸗ einandergegangen... Einigen Gutsbeſitzern der Um⸗ gegend, die von Monika's Stellung zur Kirche keine rechte Vorſtellung hatten und von Hoffnungen ſpra⸗ chen, die man noch auf Se. Heiligkeit und deſſen perſön⸗ lichen guten Willen ſetzen dürfte, hatte dieſe geradezu er⸗ widert: Solche Menſchen ſollen erſt noch geboren werden, die, wenn ſie von Natur eitel ſind, ertragen, daß man ihnen auch nur eine einzige ihrer gewohnten Huldigungen entzieht... Solche Naturen ſchmollen ewig, wie die Ko⸗ ketten, die uns ein Wort über ihren Teint nicht vergeben können... Von Dem erwarten Sie nichts mehr... Paula war wegen Benno's aufgeſtanden... Arm⸗ gart erblaßte ſogleich und ſaß ſtill in ſich verſunken... Graf Hugo nahm die Zeitungen, aus denen Baldaſſeroni vorgeleſen hatte und wiederholte voll Schmerz: Alſo— Cäſar Montalto— verwundet... Der Vater, die Mutter ſahen auf Armgart... Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 10 146 Paula wollte ſich der Freundin hülfreich erweiſen; denn langſam erhob ſich jetzt Armgart... Man konnte zum Glück hinter der Theilnahme für eine Störung, die dem Grafen wurde, die Betroffen⸗ heit verbergen.. Dieſem hatte man eben einen Brief überbracht, mit dem Hinzufügen, auf der Terraſſe draußen harre der be⸗ treffende Herr, der ihn abgegeben, und wünſche den Grafen ſelbſt zu ſprechen... Graf Hugo hatte die wenigen Zeilen des Billets wieder und wieder überflogen und ſtand halb auf dem Sprunge, zu gehen, halb kämpfte er mit ſich zu bleiben — ob aus Theilnahme für Benno, ob aus Intereſſe für Armgart, ob vor Erſtaunen über den Brief, ließ ſich nicht unterſcheiden... Erſt auf Paula's an ihn gerichtete Frage, wer ſo ſpät ihn noch zu ſprechen käme, faßte er einen Entſchluß... Der ſonſt ſo Aufmerkſame erwiderte ſeiner Gattin kein Wort... Wie abweſend verließ er den Saal... Die übrige Geſellſchaft fand in alledem kein Arg und blieb noch beiſammen... Angeregt plauderte man durcheinander, auch nachdem Paula und Armgart ſich entfernt hatten... Stumm, doch innig theilnehmend hatten ihnen die Aeltern nachgeblickt, blieben aber um ſo mehr im Saale, als jetzt auch der Graf fehlte... Nur durch einige Zimmer brauchten die Freundin⸗ nen zu ſchreiten, um auf eine Altane zu treten, von der ſich in den Garten blicken ließ... Es war ein milder Juliabend, der nach brennender Hitze des Tags die ſanfteſte Kühlung brachte... Der Mond, deſſen vollen Strahl 1; denn ſme für etroffen⸗ ſt, mit der be⸗ Grafen Billets uf dem bleiben eſſe für , ließ en ihn käme, in kein in Arg man t ſich hmend er um undin⸗ n der milder ufteſte Atrahl 147 Paula noch immer vermied, war im abnehmenden Licht Nur die Sterne erhellten die ſtille Nacht und weckten, wie ſie ſo dicht auf der Höhe der Seealpen lagen, Sehnſucht in die Ferne, Sehnſucht nach dem großen jenſeitigen Meer... Die Terraſſe, auf die Graf Hugo hinausgerufen, lag unter der Altane zur Seite und ſtieß an ein offenes Gewächshaus, in das man eintreten konnte, um ſich, wenn man wollte, dort auf Ruhebänken behaglich niederzulaſſen... Benno verwundet—! ſprach jetzt Paula und zog liebevoll die tiefergriffene Freundin an die Bruſt... Alles geht hin—! Was bleibt übrig!... hauchte Armgart leiſe und ſchien gefaßt... Wird er ſterben?... lehnte Paula ab... Ich begrub ihn längſt— erwiderte Armgart, mit ſich kämpfend, um nicht, wie ſie ſagte,—„thöricht“ zu erſcheinen... Eine Thräne aber perlte an ihrem Auge Die Freundin küßte ihre Stirn... So lagen ſie eine Zeit lang aneinander... Vom Saale herüber erſcholl wieder die lebhafte Unter⸗ haltung der Geſellſchaft... Wie wird dir's wohl thun, begann Armgart, um mit Gewalt die Gedanken an Benno zu verſcheuchen, wenn du wieder in deinem Hauſe in Coni biſt!... Ich glaube nicht, daß dir für immer die hieſige Welt beha⸗ gen könnte... Der Graf und ich, erwiderte Paula im Gegentheil, wären dennoch lieber hier... Aber müſſen auch wir nicht in Coni um den Freund erbangen?... Oft iſt 10* 148 uns, als könnte ſein Lebenslicht in Einer Nacht er⸗ löſchen... Nenne ſie nicht beide zuſammen!... fiel Armgart ein... Dann ſchwieg ſie lange und ſagte entſchuldigend: Benno liebte faſt zu ſehr ſeine Mutter... In ihr liebte er Italien... Italien iſt ein Gift... O dieſe Mutter!... Sie trägt die Schuld an allem.„Sie hat ihn auch jetzt getödtet... Paula hörte, was ſchon ſo oft von den Freundin⸗ nen beſprochen worden... Sie kannte die Mutter Benno's nur aus den Schilderungen, die Bonaventura und Lucinde von ihr gegeben... Die aus dem Munde der letztern gekommenen waren wenig vortheilhaft für die Herzogin von Amarillas— auch Angiolinens, ihres Kindes Schickſal hinderte den Grafen, mit beſonderer An⸗ erkennung von ihr zu ſprechen... Alles das waren ſchmerzliche Erinnerungen, wehmüthige Vorſtellungen für beide... Armgart bekämpfte ſich, ſchwieg und ſetzte ſich, ihr Haupt aufſtützend, auf einen der gußeiſernen Seſſel, die unter einem zeltartigen Dach von geſtreiftem Zeuge ſtanden... Nach einer Weile fragte ſie: Wer mag den Grafen ſo ſpät noch abgerufen haben?... Man entdeckte den Grafen nicht... Vielleicht war er weiter hinaus in den Garten gegangen, der offen, in nächtlicher Stille und mit ſeinem berauſchenden Dufte vor ihnen lag... Paula ſagte, ſie brauchten wol über das Verbleiben g cht er⸗ omgart digend: In ihr dieſe . Sie undin⸗ Nutter ra und de der ür die ihres er An⸗ waren en für h, ihr el die geuge erufen war n, in Dufte leiben 149 des Grafen keine Beſorgniß zu hegen; ſie ſetzte ſich zu Armgart, die es beklagte, dem Erzbiſchof zu morgen kein würdiges Geſchenk bringen zu können... Wol mochte ſie inzwiſchen an den Aſchenbecher gedacht haben, den ſie einſt Benno gegeben... Paula ſagte: Dich ſelbſt wieder zu ſehen, wird ihm die liebſte Gabe ſein... Wie fürcht' ich ſeine Begegnung mit meinen Aeltern! ... fuhr Armgart fort... Paula beſtätigte dieſe Furcht, wenn ſie ſagte: Oft ſpricht der Freund: Auch wenn zwei daſſelbe ſagen, iſt es darum noch nicht daſſelbe!.. Sie deutete damit den verſchiedenen Grund an, auf welchem von beiden Parteien das Leben der Kirche ge⸗ beſſert werden ſollte, ſetzte aber begütigend hinzu: Aber auch mein Glaube iſt ſchon längſt, daß alles, was wir zu ſehen und zu begreifen wähnen, eine Täu⸗ ſchung iſt... Iſt das ein Haus? Sind das Berge? Wir nennen es ſo... Das mein' ich nicht! widerſprach Armgart. Die Verſtandeskräfte, die uns nun einmal gegeben ſind, ſind unſere ſichern Wegweiſer... Wir haben gar kein Recht, ihnen zu mistrauen... Für uns iſt wahr, was ſie ſagen... Gibt es eine andere Wahrheit, ſo kommt ſie uns gar nicht zu. Waren es die gewöhnlichen Sinne, die mich einſt bei wachem Auge ſchlafen und wachen ließen bei ge⸗ ſchloſſenem? entgegnete Paula... Damals als dem heiligen Stuhl meine Angelegenheit vorgelegt und mein 1 150 Zuſtand verurtheilt wurde, glücklicherweiſe ohne Nach⸗ theil für Bonaventura, hab' ich ein Heft in die Hand bekommen, wo vieles verzeichnet ſtand, was ich ge⸗ ſprochen haben ſoll... Als ich alles das las, war mir's doch wie einem Menſchen, der ſich an den Glauben gewöhnen ſoll, ſchon einmal vor ſeiner Geburt gelebt zu haben... Das glauben freilich auch viele und trauen dem Schöpfer die Armuth zu, den Stoff, aus dem er Menſchen bildete, ſo ſparſam aufbewahren, ſo vorſichtig verwerthen zu müſſen... Armgart gedachte lächelnd des Dechanten, dem ſie Gleiches geſagt, als er ſie in einen Vogel verwandelt prophezeite... Ich las damals, fuhr Paula fort, daß aus mir heraus eine Macht geſprochen hätte, die Frau von Sicking die des Teufels nannte... Meine angebliche Wunderkraft, die Kraft des Gebets verlor ſich in der That; ſchlimme Sagen wurden über mich verbreitet; als ich gar den lutheriſchen Grafen ins Land zog, erloſch an mich der Glaube ganz... Nun ſah ich, was mein Traumreden war; es war die ſtille Anſammlung von tauſend un⸗ ausgeſprochen in mir lebenden Urtheilen und die für ſich ſelbſt fortarbeitende Unruhe des Geiſtes, der ſeine Ein⸗ drücke wider Willen ausſprach... Ich ſah einen neuen Himmel und eine neue Erde; warum? Weil ich eine Welt haben wollte für mich und Bonaventura... Ich ſah die Kirchenväter; ſie ſchlugen andere Bücher auf, als die wir kennen, leſen und befolgen ſollen... Ich ſprach, zumal aus der Seele deines Vaters, Dinge, die ich glaube jetzt auch ohne Hellſchlaf verkünden zu können— Nach⸗ e Hand ich ge⸗ 8, war Hlauben elebt zu trauen dem er rſichtig dem ſie wandelt us mir u von gebliche rThat; ich gar ſnich der mreden nd un⸗ ür ſich e Ein⸗ neuen 151 freilich fehlt mir der Trieb dazu... Die Sprache, die deine Mutter redet, iſt die nicht, die ich dann wählen möchte... Doch glaube mir, Armgart, auch der Erz⸗ biſchof denkt wie deine Aeltern; oft verheißt er Zeiten der größten Umgeſtaltung— nur müſſe die Kraft, die ſich dann bewähre, eine geſammelte und vorbereitete ſein... Rüſte dich, manches an ihm zu entdecken, was dich über⸗ raſchen wird—... Dem Gedanken, meine Aeltern zu verſöhnen, ſagte Armgart, hab' ich meine Jugend geopfert und es ſcheint, mein ganzes Leben wird dieſem Opfer folgen... Tren⸗ nen kann ich mich nicht mehr von dem milden und gütigen Sinn des Vaters und dieſer wieder hat alles in der Mutter, was ihm ſein Leben noch zur Freude macht... Was ihn ſonſt an ihr verletzte, gerade das iſt jetzt ſeine Erhebung geworden... Beide ſeh' ich treuverbunden und darum trag' ich alles und murre nicht und durch Schweigen helf' ich mir oft mehr, als durch Worte... So hoff' ich, komm' ich auch mit dem Erzbiſchof aus, der mir ohnehin zu allen Zeiten mehr ſtreng als nach⸗ ſichtig war... Paula ſuchte der Freundin liebevoll dieſe Voraus⸗ ſetzung zu nehmen und umarmte ſie... Beide ſtanden ſchön und ſchlank im Abendlicht... Paula ſchien jetzt kleiner— doch war die Höhe der Freundinnen gleich ... Paula küßte Armgart's Stirn... Wie vieles von dem, was ich in meiner Krankheit ſah, iſt eingetroffen, ſagte ſie, und nur das eine— eine Bild, wo ich dich und Benno immer nur verbunden erblickte, traf nicht zu. 152 Du ſahſt mich mit ihm auf Felſen, entgegnete Arm⸗ gart, ſahſt mich mit ihm am Ufer des Meeres... In jeder Gefahr war ich ihm zur Seite... Iſt das nicht alles eingetroffen? Jetzt— bin ich auch bei ihm und bald—— bald—... Armgart—! unterbrach Paula die düſtere Erwartung und zog die Freundin an ſich, der ein Strom von Thrä⸗ nen entquoll... Dann entwand ſich Armgart mit ſtürmiſcher Geberde und trat an den Rand der Altane, ihr Haupt auf die hohen Vaſen der Blumen legend... Eine Weile dauerte Paula's beruhigendes Streicheln der Stirn, der Wangen und der Hände der Freundin... Ein leichter Abendwind erhob ſich und brachte noch würziger die Düfte der Roſen und Orangen... Nun wandte ſich Armgart und erinnerte, daß ſie ſchon in aller Frühe aufbrechen müßten... Sie wollten zur Ruhe gehen... Da iſt der Graf... unterbrach ſich Paula im Gehen und deutete auf den Garten... Armgart entdeckte unter den dunklen Schatten des Schloſſes, heraustretend aus einem Boskett von Lorber⸗ büſchen, die mit hochſtämmigen Camellien durchzogen waren, den Grafen mit einem Begleiter... Kaum hatte ſie hingeblickt, ſo ſtieß ſie einen unter⸗ drückten Schreckensruf aus und ſagte: Das iſt ja— Terſchka!... Paula hatte Terſchka's Bild im Gedächtniß faſt ver⸗ loren und lehnte die Richtigkeit der Erkennung ab... Armgart verſicherte aber: e Arm⸗ .. In as nicht jm und vartung Thri⸗ jeberde auf die reicheln dn... brachte 1.r ſchon en zur la im n des orber⸗ zogen unter⸗ t ver⸗ 153 Er iſt es... Verlaß dich... Das iſt ſein Gang „Das ſeine Art, ſo mit den Händen zu fechten.. Der Dämon ſeines Lebens—! ſprach Paula dumpf und mit einer Theilnahme für den Grafen, die die Macht der Gewöhnung über ihr Herz verrieth... Sie konnte nicht liebevoller von einer Gefahr für Bonaventura ſpre⸗ chen, als jetzt von einer für den Gatten... Der nächſte Gedanke an eine für den Grafen zu befürchtende perſönliche Gefahr konnte nicht lange an⸗ halten... Der Graf ging ruhig... Nur der dunkle kleine Schatten neben ihm ſchwankte—... Jetzt ſtan⸗ den die Wandelnden ſtill... Armgart fuhr von einigen hohen Cactustöpfen der Baluſtrade zurück, die ſie verbargen— erbebend vor dem Blick, den Terſchka durch das Dunkel der Nacht auf ſie herüberwarf... Was kann er wollen?... fragte Paula ängſtlich⸗ erregt... Die Freundſchaft, die ſie für ihren Gatten empfand, ließ ſie mit einem einzigen Blick die Gefahren überſehen, die im Gefolg einer ſolchen Wiederbegegnung eintreten konnten... Daß Terſchka zu den Jeſuiten zurückgekehrt war und vielleicht in Freiburg, wo noch vor kurzem Hunderte der vornehmſten Adligen erzogen wurden, ſtreng, doch mit offenen Armen, vorläufig— als Lehrer der Reitkunſt aufgenommen wurde, hatte oft Graf Hugo ſelbſt geſagt... Unmittelbar nach Terſchka's vorausgeſetzter Rückkehr zum Orden brachen die Ereig⸗ niſſe an, die die Jeſuiten von Freiburg verjagten... Paula kannte jetzt alles, was Pater Stanislaus einſt bei ihrem Gatten im Auftrag des Al⸗ Geſuͤſ hatte 154 ſein ſollen; gerade dieſe Gedankengänge hatten ſo oft Veranlaſſung gegeben, im kirchlichen Glauben das Aechte vom Falſchen zu unterſcheiden und Bonaventura's Entrüſtung über die ſeelenmörderiſche Thätigkeit der Ze⸗ ſuiten zu theilen... Paula wußte, daß die verführeri⸗ ſchen Plane des Paters an ihres Gatten geſundkräftiger Natur und Terſchka's Mangel an Selbſtändigkeit ſchei⸗ terten... Was er wäre, hatte oft der Graf zu Paula geſagt, verdankte er dem Leben und— dem Tode An— giolinens, dann freilich vorzugsweiſe dem einen Tage, den Bonaventura mit ihm auf Schloß Salem zugebracht „Verließ ſich auch Paula auf die Wahrheit dieſer Worte, ſo war doch ſchon lange ein trüber Stillſtand in des Grafen Leben eingetreten... Die unerwiderte Zärt⸗ lichkeit für ſeine Gattin, ſein mannichfach getheiltes Herz, die jetzige Erfüllung aller ſeiner äußern Wünſche hatten einen Zuſtand der Muthloſigkeit hervorgerufen, aus dem ſich emporraffen zu wollen ſein feſter Wille ſchien Der Tod der Mutter, die Ankunft des Oberſten ſchien Pläne zu erleichtern, deren Ausführung nun viel⸗ leicht in die Hand— Terſchka's gerieth?... Paula ge⸗ rieth in die heftigſte Erregung... Armgart, aus natürlichen Urſachen ſelbſt erbebend, konnte nicht alles überſehen, was ſich ſo in Paula's Seele an Angſtgedanken jagen konnte... Aber ſie fühlte die Hand der Freundin erkalten, fühlte, daß in Paula's Bruſt eine Theilnahme für den Gatten zitterte, die ihr ſchon lange viel mehr, als nur die Folge der Gewöhnung an ihn ſchien... Staunend und ihres eige⸗ nen Schreckens nicht achtend ſagte ſie: n ſo oft as Aechte ventura's der Je⸗ erführeri⸗ drräftiger eit ſchei⸗ u Paula ode An⸗ n Tage, igebracht it dieſer ſtand in te Zärt⸗ 4 bes, hatten us dem ſchien Oberſten un viel⸗ ula ge⸗ bebend, Paulag ber ſie daß in ſitterte, ge der s eige⸗ 155 Beruhige dich! Sieh, wie friedlich beide neben einan⸗ der gehen... Ausgeſöhnt!... Und— dem Walde zu!... ſprach Paula voll Bangen. Eben gingen der Barbe Baldaſſeroni und der Ael⸗ teſte der Waldenſer denſelben Weg dem Walde zu... Im untern Schloſſe wurde es lebendig; die Geſellſchaft trennte ſich, Diener waren in Bewegung... Armgart glaubte, daß man Paula's Befürchtungen nicht zu theilen brauchte... Sie ſtockte eine Weile, ob ſie den Aeltern von Terſchka's Nähe ſprechen ſollte, unterließ es aber, aus Beſorgniß, daß ihnen mit dieſer Nachricht die Nacht— ruhe geraubt würde... Zu Paula's Beruhigung zog ſie zwei Diener ins Vertrauen, die ſie beauftragte, in einiger Entfernung dem Herrn und ſeinem Gaſt zu folgen... Der Abendwind wurde friſcher; ſie ſollten dem Grafen und ſeinem Beſuche Mäntel nachtragen... Armgart zog die Freundin in ihr Schlafgemach, deſſen Thüren auf die Altane hinausgingen... So lange wollte ſie bei ihr bleiben, bis der Graf zurück wäre... Schon allein das Bedürfniß, ſich über die gebundenen Stimmungen ihrer Seelen auszuſprechen, hielt ſie inzwiſchen beide wach... In der That hatte ſich Armgart nicht geirrt... Terſchka war es— und in leichtem, unprieſterlichem Reiſekleide... Er hatte den Grafen um einen unbe⸗ merkten Empfang gebeten und demzufolge ihn draußen auf der Terraſſe begrüßt... Die Ruhe, die die Frauen am Grafen beobachtet hatten, kam von einer innerſten Erkältung her, mit der er dem enthuſiaſtiſchen Gruß 156* und der beredſamen Darſtellung eines abenteuerlichen Irrgangs durchs Leben vom Tage ſeiner Abreiſe nach Amerika an bis zum gegenwärtigen Augenblick gefolgt war... Damals als ich Ihnen rieth: Greifen Sie die Urkunde an! Sie iſt falſch! Laſſen Sie jene Lucinde ver⸗ haften! konnte alles noch anders werden; aber Sie folgten mir nicht! hatte Terſchka, an den durch die Abreiſe nach Amerika unterbrochenen Briefwechſel anknüpfend, offen ausgeſprochen und angedeutet, um wie viel we⸗ niger grauſam ihn dann die Schläge des Misgeſchicks getroffen haben würden... Graf Hugo war auch darin eine vornehme Natur, daß er ſich ſogar gegen das Zweideutige und Schlechte nicht mit ſofort aufwallender Entrüſtung, nur mit einer Art naiver Ironie, ja einer ſcheinbaren Toleranz verhielt, die jedoch tief erkältend und alles Ungebührliche von ſich ablehnend wirkte... Ein ſich immer gleiches entwaffnendes Lächeln lag dann auf ſeinen Geſichtszügen, ſein wieneriſch gemüthlicher Accent bekam eine ironiſche Schärfe, die verwirrte... So bemerkte er auch jetzt mit einem Schein von Humor: Wirklich, mein alter guter Terſchka, wenn ich Ihnen dienen kann, ſo ſagen Sie es offen!... Ich bin ja reich ... Mama ſtarb vor kurzem... Verfügen Sie über mich... Terſchka kannte dieſe Manier, fürchtete ſie und er⸗ widerte nach einer Weile: Graf, das iſt alles zu ſpät!... Was ich brauche, brauchen darf, das hab' ich ja... Ich muß arm bleiben, wie mein unſeliges Gelübde befiehlt... lo zuerlichen eiſe nach t gefolgt Sie die inde ver⸗ e folgten Abreiſe nüpfend, viel we⸗ ggeſchicks e Natur, Schlechte nur mit rgleranz ührliche Nleiches ftzügen, rroniſche uch jetzt Ihnen ja reich jie über und er⸗ brauche, uß arm. .. 157 Ja, ja, Graf, ich kann nicht mehr zurück— bleibe, was ich war und— wieder bin... O, dieſe Kämpfe — dieſe Martern!... Aber Graf—— Wenn Sie — Sie wollten—. Ich?... Was ſoll ich wollen?... ſagte der Graf... Mit dem Ausdruck des höchſten Schmerzes ſtockte Terſchka und ſah ſich um, ob niemand ihnen folgte... Der Graf wiederholte mit dem Ton der alten Sorg⸗ loſigkeit, wenn auch ſcharf aufhorchend, mehreremal: Sie ſind alſo wieder Katholik, Prieſter, Jeſuit— haben in dieſer wilden Zeit— wo?— in Tirol ge⸗ leßt?... Unter fremdem Namen leitete ich die Erziehung der Söhne eines Grafen von Wallis in Steiermark... Verſteckten ſich bei den Gemſen und auf den Eisfel⸗ dern der Tauern... Hören Sie, da thaten Sie recht .. Ich hörte, daß Ihre alten Freunde in London einige Dolche für Sie geſchliffen hatten, die Ihnen— den Tod der Brüder Bandiera heimzahlen ſollten... Sprechen auch Sie dieſe Verleumdung nach?... wallte Terſchka auf und begleitete ſeine Rede mit den heftigſten Geſticulationen... Durch wen ſollte die Erhebung von Porto d'Ascoli zu einer Espece Räuberfeldzug werden?... entgegnete der Graf mit Schärfe und wiederholte, was durch Bo⸗ naventura und Benno's frühere Briefe ihm erinnerlich war... Durch einen gewiſſen Boccheciampo und Jan Picard, den man aus London nach Korfu geſchickt hatte, um an jener Expedition theilzunehmen... Das Experi⸗ 158 ment misglückte... Der Einfall fand in Calabrien ſtatt... Aber doch ereilte die Nemeſis einen Ihrer Abgeordneten durch den Bruder Hubertus, der Ihnen, hör' ich, ſchon in Weſterhof eine unheimliche Erinnerung geweſen ſein ſoll... Was hatten Sie gegen den Mönch mit dem Todtenkopf, den„Bruder Abtödter“? Ihren Sendling ſoll er wie den Grizzifalcone in Rom bedient haben... Daß die Italiener doch noch manchmal vor uns Deutſchen Reſpect bekommen!... Alles das ſchrieb Cäſar Montalto aus London an den Erzbiſchof?... entgegnete Terſchka mit fun⸗ kelnden Augen... Ich verſichere Sie Graf! Es ſind Lügen... Der Graf hatte die Anklage ausgeſprochen, die Terſchka ſeit einigen Jahren verfolgte; die Anklage, die ihn nach Amerika getrieben; die Anklage, die ihn, aus Furcht vor den Flüchtlingen in Genf, zuletzt die Pforten des Aſyls von Freiburg wieder aufſuchen, ja in den Zeiten der entfeſſelten Revolution ſich ganz in der Welt ver⸗ bergen ließ... Der Graf that dabei ſo, als wenn es ihm gar nicht einfiele, Terſchka's etwaige, höchſt reſpectable Motive verdächtigen zu wollen... Man verlangte damals für die Bandiera, begann Terſchka, entſchloſſene und verzweifelte Männer... Ich ſchickte einen ſolchen... Es war ein Menſch, der mir in London, ich geſteh' es, unbequem wurde... Ich habe Ihnen nie ein Hehl gemacht, Graf, daß, ohne meine Schuld, meine erſte Zugend abenteuerlich war... Nun führte mich eine zufällige Begegnung mit einem Men⸗ ſchen zuſammen, der ſich an mich klettete, mich aus⸗ alabrien Jhrer Ihnen, merung en den dter“? ffalcone ch noch don an t fun⸗ Es ſind Lerſchta ie ihn Furcht n des Zeiten t ver⸗ als 1 höchſt egann . Jch „ der .Ich meine Nun Men⸗ aulb⸗ 159 preßte, beläſtigte in jeder Weiſe... Ich wußte ihm nichts zu bieten, als das Handgeld der Verſchwörer. Noch mehr, ich ſuchte dieſen Picard zuerſt in Londons Tavernen aus freien Stücken auf; ich war ihm als Brandſtifter von Weſterhof auf der Spur... Zwar leugnete er, vermaß ſich hoch und theuer— ich ſetzte ihm aber— in Ihrem Intereſſe, Graf— ſo lange zu, bis ich, ohne Ihre dringende Abmahnung, dieſen Gegen⸗ ſtand weiter zu verfolgen, ohne Zweifel der Wahrheit über den Schloßbrand auf den Grund gekommen wäre—... Sie wußten, daß es ein Gauner war, ſagte der Graf, und empfahlen ihn doch jenen Flüchtlingen, deren Partei ich nicht nehme, die aber, mein' ich, einige brave Menſchen in ihren Reihen zählen... Empfahlen ihnen einen Kerl, der ganz gewiß jener Diener auf Weſterhof war, Dionyſius Schneid ja wol, für den Ihr alter Hubertus hätte verantwortlich gemacht werden müſſen, wenn der alte Freund und zuweilen nicht zurechnungs⸗ fähige Protector Ihrer Jugend, einer unter Räubern zugebrachten Jugend, nicht damals mit dem Doctor— Klingsohr ja wol— entflohen wäre—... Graf—! unterbrach Terſchka mit verdroſſener Ge⸗ berde und hielt, vorauseilend, beide Hände an ſeine Schläfe, als könnte er Dinge nicht hören, die— das Mal auf ſeinem Arm erglühen machten... Nun, nun, beruhigen Sie ſich nur! rief ihm der Graf nach und folgte langſam... Mein Vorwurf trifft nur die Möglichkeit, wie Sie Ihren Freunden in London einen notoriſchen Böſewicht haben empfehlen können!.. 160 Meine Freunde! wiederholte Terſchka und lachte ... Was iſt, was war mir dieſe Freiheit Italiens! Dieſe Aufſtände, dieſe Bewegungen!... Ich bin zu Grunde gegangen an meinem Bedürfniß, andere froh und glück⸗ lich zu ſehen... Jeſus, mein Ehrgeiz war ſchon da befriedigt, wenn ich unter dem Schein der Freundſchaft ſo viele Jahre nur Ihr Bedienter war... Proteſtiren Sie nicht, Graf!... Ich liebte die Geſelligkeit, habe die Rechte, die ſie gab, nie misbraucht, ich lebte ihren oft ſehr ſchweren Pflichten... Sie haben es geſagt, das unglückliche Geſpenſt meiner geringen Herkunft iſt es, das mich überall verfolgt... Sie haben ſich gut erinnern—; ich geſtand es Ihnen ſelbſt— damals, G als Sie ſich von dem lieblichen— Kinde in Zara nicht trennen konnten... Terſchka ſah den Eindruck ſeiner an dieſer Stelle 4 ¹ in Weichheit übergehenden Stimme am Stillſtehen des Grafen... Ein ſtürzendes Bergwaſſer begrenzte den Garten... Eine Erlenbrücke führte hinüber... Der Graf lehnte ſinnend über die weißen Stämme dieſer Brücke hinweg und blickte in die rauſchende Flut... Angiolina! fuhr Terſchka in melancholiſchem Tone 1 fort... Ach, wenn du, du noch lebteſt!... Nie würde 3 dein alter, verwitterter, lebensmüder Freund ſo tief ins 8 Elend gerathen ſein!... O, dieſe Zeiten!... Graf, oft hör' ich ſie noch im Geiſte weinen und— lachen 6... Wie ſie lachen konnte— die Angiolina— wie ſie halt wieder gut machte, was ihre Wildheit zerſtört 1 hatte... O Graf, um Angiolinen ſchont' ich ihren Bruder— noch vor drei Tagen ſah ich ihr Bild wie lachte Dieſe runde glück⸗ pon da dſchaft keſtiren habe ihren geſagt, uft iſt ch gut amals, nicht Stelle u des te den Der dieſer Tone vürde ef ins Graf, achen wie erſtört ihren dwie 161 zum Verwechſeln vor mir— in den Zügen dieſes— mir immer nur impertinent geweſenen Bruders—... Sie ſahen— Montalto? erhob ſich der Graf vom Geländer der Brücke... Wo?... Er ſoll ja verwun⸗ det ſein—.. So wiſſen Sie noch nicht, daß er in Coni beim Erz⸗ biſchof iſt?... Wer? fuhr der Graf auf... Benno von Aſſe⸗ lyn?— in—?... Coni! Auf meiner Fahrt von Genua hierher begegnet' ich ihm... Vor wenig Tagen.. Ich glaubte damals nicht, daß er noch den nächſten Tag überlebt . Aber er iſt, verlaſſen Sie ſich, in Coni—... Der Graf gerieth in die höchſte Aufregung... Dachte er auch nur an die morgende Fahrt nach Coni, ſo war Grund genug vorhanden, ſich zur Umkehr zu wenden... Laſſen Sie mir dieſe letzte Stunde! bat Terſchka und ergriff die Hand des Grafen... Es iſt die letzte — meiner Freiheit! Graf, laſſen Sie uns ſo nicht ſcheiden!... Ich bin eine elende Ruine, zu Grunde gerichtet, verloren... Das iſt mein Unglück, ich kann ohne die rſehua anderer Menſchen, ohne eine Kette nicht leben... O dieſe Kette— wie iſt ſie unendlich — und ach!— wie ſchwer—!.. Sie ſind alſo in der That der Pater Stanislaus wieder!... ſagte der Graf nicht ohne wärmeren An⸗ theil. Die Feſſel iſt dehabar aber ſie reißt— nie!... antwortete Terſchka im Tone der Vernichtung... Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 141 162 Eine dumpfe Pauſe trat ein... Eine öde Stille, .Nur die Blätter der Bäume fingen mächtiger und mächtiger zu rauſchen an.. Der Graf empfand die ganze Verwerflichkeit eines Ordens, den er ſchon lange gelernt hatte vom Katholicis⸗ mus ſelbſt zu unterſcheiden... Aber er empfand mit Terſchka perſönlich Mitleid... Sie Aermſter gehen alſo nach Rom!... Zum Gericht! fiel Terſchka ein... Und kommen direct?... Von Genua—... Da ſahen Sie— Benno von Aſſelyn!... Auf dem Wege nach Coni... Ich ſprach ihn na⸗ türlich nicht... Schon in Witoborn war er mein Tod⸗ feind... Ich ſah ja Armgart eben— auf der Altane ... Graf, es wird kühl... Schließen Sie Ihr Kleid ... Armgart wird erſtaunen— ihren Benno wieder⸗ zuſehen—.. Die nächtlichen Wanderer ſtanden am Eingang zu enem mächtig ſich ausdehnenden Eichenwalde, der die noch unzerſtörte Einſiedelei des Eremiten barg Sie ſchritten in die ſich mehrende Dunkelheit hinaus Eben gingen der Pfarrer und der Gemeinde⸗ älteſte an ihnen vorüber und ſprachen, als beide ſtill⸗ ſtanden und ſie vorüberließen, ein: Salute!... Buon viaggio! durfte der Graf erwidern, da die Wanderer bis zu ihrem Gebirgsthale eine weite Strecke hatten... Terſchka wandte ſich abſeits, um nicht erkannt zu wer⸗ den... In früheren Jahren war er nicht ſelten hier ge⸗ Un Stille r und eines olicis⸗ d mit 163 weſen und geredet wurde noch oft genug von ihm... Er kannte hier Weg und Steg... Werden Sie denn auch für dieſe Schwärmer, fragte er den Vorausgehenden nach, ebenſo ein Protector ſein, wie Ihre Mutter?... Die Geſetze protegiren ſie... entgegnete der Graf und ſah, nur noch Benno's gedenkend, nach der Uhr... Terſchka wollte ihn nicht laſſen... Er ſuchte ihn in Intereſſen zu verwickeln, die für beide gemeinſchaftliche waren... Man ſagt, begann er, daß Ihre Freundſchaft für den Erzbiſchof von Coni— Ihre Zärtlichkeit für— Ihre Gemahlin jetzt ineh— nach dem Tode— Ihrer Mutter——. Der Graf hörte nicht... Seine Gedanken waren nur dem Schloſſe und Coni zugewandt... Warum bin ich nur ſo feige und tödte mich nicht ſelbſt!... unterbrach ſich Terſchka mit wilder Geberde und weckte ſowit gewaltſam den Grafen aus ſeinem fortgeſetzten Brüten... Sie erwarten wirklich jetzt erſt in Rom die ganze Strenge Ihres Ordens für Ihre Flucht!... ſagte der Graf, mit zerſtreuter Theilnahme auf ſeine Worte hörend... Terſchka erwiderte nichts, ſondern blickte nieder... Sie haben mir von den Exercitien des heiligen Ignatius erzählt! fuhr der Graf, um ihn zu beruhigen, fort... Werden Sie alſo in einer dunklen Zelle zubrin⸗ gen müſſen mit einem Todtenkopf auf Ihrem Betpult, mit 11* 164 dem Bild einer— verweſenden Leiche in Ihrem Bett— 2*)... Terſchka ſchwieg... Das ſind doch in der That nur kindiſche Dinge... Auch hab' ich gehört, daß Sie Ihren Uebertritt, Ihren Verrath am Orden, wenn Sie wollen, als eine wohl⸗ berechnete Strategie darſtellen dürfen, als ein Mittel, deſto beſſer zu Ihrem Ziel zu gelangen—... Ja— was war— denn mein Ziel? fiel Terſchka mit zuſtimmendem Aufhorchen ein... Der Graf bereuete dieſe Andeutung gegeben zu haben... Sie werden, begann Terſchka anfangs lebhaft, bald aber ſeine Stimme dämpfend, als könnten die Blätter der immer 1 mehr bewegten Bäume ſeine Worte weiter tragen, Sie werden in dieſem Thal, in dieſen öden Wäldern nicht . ewig bleiben wollen... Ihre Liebe zu den Waffen wird ſich wieder regen, zumal wenn Sie ſehen, daß eine Zeit kommt, wo nur noch die Waffen die Welt regieren... Oft ſchon ſind Ihnen glänzende Anerbie⸗ tungen zum Rücktritt in die Armee gemacht worden... Ihre Lage, zweien Staaten angehören zu ſollen, zumal zweien, die ſich unausgeſetzt befehden werden, wird Sie zuletzt zu einem Entſchluß veranlaſſen müſſen... Ich weiß nicht, wohin Sie Ihre Ueberzeugung zieht... Katholiſch ſein!... Selbſt in jenen lächerlichen Exercitien des 1 Ignatius liegt ein— dumpfer Ernſt— mache nur 1 Einer mit, was ich in Freiburg habe erleiden müſſen *) Kommt in Jeſuitenhäuſern vor. Ihrem S.. Ihren wohl⸗ Mittel, erſchka en zu daber mmer Sie nicht 165 .. Die Revolution machte dem ſchrecklichen Kinder⸗ ſpiel, das man mit mir trieb, ein Ende... Was in Freiburg unterbrochen wurde, wird in Rom wieder aufgenommen werden—?2... Ja Graf—! Aber geſetzt, Sie nähmen wieder bei Ihren alten Waffengefährten Dienſte, Sie lebten in Wien, wofür ſich doch zuletzt die Sehnſucht Ihres Herzens entſcheiden wird— Geſetzt— Sie brauchten ja Caſtellungo nicht zu verkaufen— die Nothwendigkeit für Ihre Gemahlin, in des Erzbiſchofs Nähe leben zu müſſen—... Was reden— Sie!... unterbrach der Graf... Vergebung! ſchmiegte ſich Terſchka in demüthiger Ge⸗ berde... Sie misverſtehen mich— Ich meine, der Oberſt von Hülleshoven iſt ein Projectenmacher und eigen⸗ ſinnig wie ſeine Frau... Hedemann wäre für die Verwaltung Caſtellungos zu brauchen geweſen— Aber der iſt— ja wol auch todt?... Sie ſind— ein ſchneller— Reiter!... entgegnete Graf Hugo, ſich erſt langſam beruhigend... Nie noch hatte jemand gewagt, ihm perſönlich die Nothwendigkeit, Paula in des Erzbiſchofs Nähe zu laſſen, ſo offen auszuſprechen, wie Terſchka... Ihm war Bonaventura nothwendig, Er nur blieb in des Freundes Nähe—! So und nie anders hatte ſich ſeit Jahren das Ver⸗ hältniß im Munde ſeiner Umgebungen geſtalten dürfen... Wollen Sie dieſe herrliche Beſitzung zu Grunde gehen laſſen? fuhr Terſchka immer demüthiger fort . Konnten Sie über meine Art, in Weſterhof zu Geld für Sie zu kommen, klagen?... Behalten Sie mich hier!... 166 Ich verſtehe nicht— entgegnete der Graf... Ich fürchte mich vor Rom... Man wird Dinge von mir verlangen— die über meine Kraft gehen... Die einzige Möglichkeit der Rettung für mich wäre, daß ich draußen in der Welt eine Aufgabe fortſetzte... Was ich Ihnen früher im Geheimen war, Graf, wenn ich es offen würde— und— ſagen könnte—... Der Graf horchte auf... Treten Sie über!... Laſſen Sie mein jahrelanges Werk endlich mit Erfolg gekrönt ſein!... Thun Sie es öffentlich, ſo ſoll es mir nicht zu ſchwer werden, es meinen Obern ſo darzuſtellen, als wenn alles, was ich mir ſeither habe zu Schulden kommen laſſen, nur ein Mittel war zu höherm Zweck... Thun Sie es geheim, wohlan dann deſto beſſer... In dieſem Fall würd' ich Ihr Ge⸗ wiſſensfreund bleiben, würde Ihr Wächter ſcheinen dürfen und könnte ſo fortleben, wie bisher— ſelbſt unterm Schein, Prieſterſtand und was nicht alles verwirkt zu haben... Oeſterreich erhält die Weiſung, meine Lage zu ignoriren— Piemont ſchützt uns ohnehin... Wer⸗ den Sie katholiſch, Graf!... Graf Hugo brauſte nicht auf und entſetzte ſich nicht... Es gab eine Stelle in ſeinem Innern, die von Terſchka's Vorſchlägen elektriſch berührt wurde... Die Jeſuiten waren ihm nicht der Katholicismus... Religion nannte er übliche Sitte und Landesart... Der geſelligen Spaltungen, die in ſeiner frühern mili⸗ täriſchen Stellung für ihn als Akatholiken lagen, erinnerte er ſich ungern... Den ſtolzen Muth ſeiner Mutter, gerade im Widerſpruch mit weltlichen Rückſichten zu anges jie es n, es c mir e war ohlan Ge⸗ ürfen term kt zu Lage Wer⸗ ſi 8 die 167 leben, beſaß er nicht... Mehr noch, wirkliche Liebe zu Paula fing ihn zu beſtimmen an... Um ſich, um die Mutter aus bedrängten Verhältniſſen zu reißen, hatte er eine Standesehe geſchloſſen, ohne Paula die Zumuthungen einer Gattin zu machen—... Und die erſten Jahre war es ein Verhältniß geweſen, wie auch nur je eine Vernunftehe unter hochgeſtellten Perſonen geſchloſſen wurde Als aber Paula in Italien, in Bonaventura's un⸗ mittelbarer Nähe lebte, als ſich die hochgeſpannte Leiden⸗ ſchaftlichkeit dieſer Beziehung milderte, als die beſchei⸗ dene Unterordnung des Grafen unter den Erzbiſchof dieſen nicht minder, wie Paula rührte— die Jahre und die Reife des Geiſtes bringen allem Menſchlichen ſein Maß und lehren uns die wahren Güter des Lebens in Höherem ſuchen, als im perſönlichen Glück— da hegte Graf Hugo Hoffnungen auf ſein Weib ganz mit der Werbung eines Liebenden... Das Ausſterben ſeines Stamms, die der Möglichkeit, noch einen Erben zu gewinnen, immer mehr gezählten Stunden— ſchon allein dieſe Rückſicht verlangte ein Entweder⸗Oder... Und da glaubte denn Graf Hugo ſchon lange, daß er ſich und Paula dieſe Entſchlüſſe durch ſeinen Uebertritt erleichtern würde... Den kirchlichen Beziehungen ſeiner Mutter war er entrückt; die fortzu⸗ ſetzende Verbindung mit den Waldenſern ſetzte eine größere geiſtliche Neigung voraus, als er ſie beſaß... Aus ſol⸗ chem Indifferentismus, verbunden mit Reſignation des Gemüthes, erfolgte ſchon oft ein Uebertritt zur römi⸗ ſchen Confeſſion... Und ſo konnte er Terſchka's Vorſchläge hören, ohne ſie ſofort von ſich zu weiſen .. HKatte er nicht auch eine Reihe der glücklichſten 168 Jahre mit dieſem Menſchen verlebt, oft über ſeine Rathſchläge den Stab gebrochen, oft ſie dennoch be⸗ folgt—?... Zwiſchen ihm und Terſchka hatte von jeher die mitleidige Toleranz eines Herrn für einen erwieſener⸗ maßen nicht immer ehrlichen, aber bei alledem in ſeiner Art unerſetzlichen Diener geherrſcht... Der Abendwind erhob ſich mehr und mehr... Wolken legten ſich über die Sterne... Graf Hugo ließ Terſchka reden— ließ ſich ihm bald rathen, bald ſchmeicheln— ließ ſich von ihm den Rock zuknöpfen, aus Beſorgniß, der Graf möchte ſich„verkühlen“— Bald an dieſer bald an jener Stelle ſeines Gemüthes wurde er berührt... Auch das Glück ſchilderte Terſchka, das er ſonſt hier gefun⸗ den haben wollte bei des Grafen Mutter... Die Herrliche, Gütige! ſprach Terſchka... In Lon⸗ don— da lag ich zerknirſcht zu ihren Füßen... Sie ſchickte mir einen Geiſtlichen, dem ich meinen Glauben abſchwören ſollte... Oeffentlich in einer Kirche hab' ich es nicht gethan— ich ging zum Abendmahl und nahm es in beiderlei Geſtalt... Graf, darin ſind wir— einig; was mich einſt zum Prieſter machte— was war es?... Für mich waren die Weihen nichts, als eine Erlöſung vom Gewöhnlichen... Die klugen Väter erkannten es zu ſpät und gaben mir einen Auftrag, der mich dem Weltleben zurückgab... Kann man den Jeſuiten, den Sol⸗ daten der Kirche, verdenken, daß ſie Werth auf den Beſitz eines Namens legen, wie des Ihrigen?... Graf Hugo verabſcheute, was er hörte, aber— er dachte an Paula und die Zukunft ſeines Namens... ſeine h be⸗ jeher eſener⸗ ſeiner ſung nnten dem Sol⸗ Beſitz — er 169 Der Zauber des gebundenen Willens lag ſchon lange auf ihm... Was jeder verworfen hätte, was Monika Unmoralität nannte, vertrug ſich bei ihm mit manchen geheimnißvollen Stimmungen der Seele... Es gab keinen andern Ausdruck für ſein Gefühl, als den, daß die reinere Natur des Katholicismus, die Natur, die ſelbſt ein Terſchka nicht entweihen konnte, geheime und myſtiſche edle Dinge verklärte...„Der erſte Beicht⸗ ſtuhl wurde aus dem Baum der Erkenntniß gezimmert“ hatte die Gräfin Sarzana vor einigen Jahren hier ge⸗ ſagt... Graf Hugo verſank immer mehr in ein brüten⸗ des Nachdenken... Terſchka erging ſich in Lobpreiſungen des katholi⸗ ſchen Glaubens vom Standpunkt der Weltlichkeit, die beide früher ſo eng verbunden hatte... Und hätte ihn ein noch ſchlimmerer Ruf verfolgt, als der, den der Graf kannte, es lag zu viel Gemeinſames in ihren Lebensbezügen, ihre Erinnerungen trafen ſo oft auf einem Punkte zu⸗ ſammen, daß ihn der Graf nahm, wie er ſich gab... Terſchka knüpfte immer und immer an Angiolinen an... Und der Graf wußte, wie energiſch Terſchka auf Schloß Neuhof für ſie geſprochen hatte... Terſchke kam auf Angiolinens Mutter, die Herzogin von Amarillas, die aus London erwartet würde und wieder in Rom wohnen wollte, wenn ſie nicht, unterbrach er ſich, wol gar noch hierher kommt, um ihren, wie ich glaube, hoffnungsloſen Sohn aufzuſuchen... Der Graf gab alle dieſe Möglichkeiten zu, hörte ſie aber voll Schrecken und Wehmuth... Terſchka erzählte von Fürſtin Olympia, deren Ver⸗ 170 hältniß mit Benno ſchon ſeit lange nicht mehr das alte geweſen ſein ſollte... Der Graf hörte Terſchka's welt⸗ und herzenskundige Auffaſſungen; aber ſo groß ſeine Theilnahme für Angio⸗ linens Bruder war, ſo ſehr er Benno's Seelenkraft be— wunderte ſeit jenem Schreckenstage auf Schloß Salem, wo Schweſter und Mutter in einem und demſelben Augen⸗ blick von ihm gefunden und verloren wurden, ſo ſehr ihn der Eindruck ergriff, den nun Benno's Anweſenheit in Coni auf alle, vornehmlich Armgart hervorrufen mußte— ſein Fragen und Forſchen nach Dieſem und Jenem war nur ein Verbergenwollen der größeren Sorgen, die ſein Inneres um Paula drückten... Terſchka ſah ſeinen Einfluß wiederkehren, ſah, wie Graf Hugo ſich an ſeinen Ton, ſeine alte Weiſe gewöhnte ... Er blickte um ſich... Sie waren tief im Wal— desdunkel vorgedrungen und Zeit hätte es werden müſſen, an die Rückkehr zu denken... Immer mehr und mehr verſtärkte ſich der Wind, der von den Bergen wehte ... Die ſchwanken Wipfel der Bäume ließen Raum hier und da zu Durchſichten, wie in einem kunſtvoll ange⸗ legten Park... Die Wanderer gingen einen Bach ent⸗ lang, der behend unter den jetzt hin- und hergepeitſchten Blütenbüſchen dahinſchoß... Nur allmählich erhob ſich die grüne Bergwand... Schon war die Einſiedelei Federigo's in der Nähe... Eine Gruppe der mächtig⸗ ſten Eichen ſtand auf der Höhe ſo dicht beieinander, daß ihre Baumkronen von fern her zu einem jetzt im Winde den Einſturz drohenden Dach verwachſen ſchie⸗ Nen... s alte undige Angio⸗ ift be⸗ Salem, lugen⸗ ſehr enheit rrufen n und ßeren wie öhnte Wal⸗ lſſen, mehr wehte hier ange⸗ ent⸗ chten ſich delei htig⸗ nder, t im ſchie⸗ 171 Ich war vor drei Tagen noch in Genua, erzählte Terſchka, des Brauſens und Rauſchens um ihn her nicht achtend, wo eben Sturla aus Barcelona angekommen war Dert ſchon hört' ich, daß ſich Cäſar von Montalto, ſchwer verwundet, unter den Trümmern der römiſchen Aufſtandsarmee befand und auf dem Wege nach Coni war, ohne Zweifel zum Erzbiſchof... Auf der ſteilen Riviera di Ponente begegneten wir ihm... Wir? wiederholte der Graf... Pater Speziano und ich—... Pater Speziano! Wagt ihr euch ſo weit ſchon wieder ins Land!... Wir ſtiegen in Robillante aus— wohin ich bis morgen früh— zurück muß... Incognito— bis—— nach Rom— Graf!... Erzählen Sie!... Durch Vintimiglia fuhren wir im Poſtwagen und hielten eine Weile, ohne auszuſteigen... Vor einem Kaffeehauſe, wo unſere Pferde gewechſelt wurden, ſtand ein halb offner Wagen... Sehen Sie da! rief Pater Speziano und deutete auf den Wagen... Ein Kranker lag in ihm zurückgelehnt... Ich blicke näher — mich ſchützten die Jalouſieen des Poſtwagens— und erkenne den Bruder Angiolinens... Sollt' ich es wagen auszuſteigen und ihn anzureden?... Sein Zu— ſtand ſah dem eines Sterbenden ähnlich... Speziano hielt mich zurück... Der Graf gerieth in eine Stimmung des unſaglich⸗ ſten Schmerzes... Sollte alles dem Verhängniß ver⸗ fallen, überall der Tod ſeine Opfer ſuchen!... 172 Wo ſind Sie abgeſtiegen? fragte er noch einmal, ehe ſie ſich zur Rückkehr wandten. In Robillante—... Aber für dieſe Nacht unten in San⸗Medardo beim Pfarrer... Und die Herzogin— ſeine Mutter— 7... Iſt mit Fürſtin Olympia eilends aus London ge⸗ kommen... Die letzten Nachrichten von dieſen Frauen hatte man aus der Schweiz... Erfuhren ſie von Mon⸗ talto's Verwundung und Gefahr und ſeiner Reiſeroute, ſo kommen ſie ohne Zweifel hierher.. Olympia—! rief der Graf und dachte an eine nothwendig werdende Vorbereitung Armgart's auf ſo er⸗ ſchreckende Möglichkeiten... Vielleicht klopfte er noch jetzt dem Oberſten und zog zunächſt dieſen ins Ver⸗ trauen... Aber werden Sie katholiſch, Graf! drängte Terſchka ... Es iſt die Religion der reinen Menſchlichkeit... Krönen Sie mein Werk, dem ich dann achtzehn Jahre meines Lebens geopfert habe— So läßt es ſich wenigſtens darſtellen... Die Mittel, die ich anwandte, ſind natür⸗ liche geweſen und ich bin gerettet—... Sie erlöſen mich von Strafen, die alles überſchreiten werden, was meine Natur erträgt... Das Al⸗Geſu macht ein Endurtheil über mich—... Ich habe keine Kraft, einem Geſchick zu trotzen, das mich in die Mitte der beiden mich verfolgenden Parteien nimmt... Wollt' ich auch zum zweiten male entfliehen, ich wäre vor Mazzini's Rache ebenſo wenig ſicher wie vor der des Al⸗Geſu... Graf, werden Sie katholiſch!... So hab' ich wenig⸗ ſtens hatte iI, ehe unten on ge⸗ Frauen Mon⸗ eroute, eine ſo er⸗ rnoch Ver⸗ rſchka Jahre gſtens natür⸗ rlöſen was t ein Kraft, e der t' ich zinis 1... venig⸗ 173 ſtens Ruhe vor Denen, die auf mich die erſten Rechte hatten... Terſchka verſicherte dann, daß ihn Pater Speziano nach Rom führen müſſe wie einen Gefangenen. Der Graf ſtand ſchon lange wie eingewurzelt... Er blickte um ſich und ſah, daß er in dem Hain des Eremiten unter dem majeſtätiſchen Dach der uralten „Eichen von Caſtellungo“ ſtand... Noch glänzte die von Birkenzweigen und verwittertem Moos gebaute Hütte... Noch lag wie ſonſt der Verſchlag für Federigo's treuen Hund, den.„Sultan“, wie er hieß, unverändert; noch die Hütte für die Ziege, beide Thiere, die die einzige lebende Geſellſchaft des Freundes ſeiner Mutter waren... Eine mächtige runde Steinplatte, verwit⸗ tert und mit gelblichen Moosflechten überzogen, die als Altar zu dienen pflegte, ſtand in der Mitte des mächtigen Rundes, über dem die Baumkronen ſich ſchüt⸗ telten im zunehmenden Sturm... Noch hing in den ächzenden Zweigen des ſtärkſten dieſer Bäume die Glocke, durch deren Ruf der Einſiedler in einiger Verbindung mit der Welt blieb... Die ſchlummernden Vögel auf den Zweigen ſchienen zu träumen, mancher leiſe Laut erſcholl, mancher Vogel flog erſchreckt vom Neſte... Der Wind bewegte durch die Zweige auch die Glocke .. Zuweilen ſchlug ſie an— leiſe, geheimnißvoll, geiſter⸗ haft— Graf Hugo ſah ein ganzes Leben ihn hier wie mit ſtiller Bitte mahnen; er hörte den Ruf der Mutter, als ſie ihn um die Erhaltung der Glocke— um die Erhaltung Caſtellungo's und des Glaubens ſeiner Vä⸗ ter bat... 1 174 Terſchka erkannte dieſe Zauber der Beſtrickung für den Grafen... Oft hatte er hier ſelbſt den Eremiten geſprochen, hatte ſich mit dem„Sultan“ in der Hütte dort geneckt; er wußte, daß dies treue Thier dem vermeintlichen Gefangenen der Inquiſition gefolgt ſein ſollte... Noch deutlich ſah er die Gräfin auf einem Seſſel von Baumzweigen, auf dem ſie hier oft ſtundenlang bei ihrem Schützling zu verweilen liebte... Gerade da— mals war Terſchka hier zum erſten mal geweſen, als ſich die Sage von Vincente Ambroſi verbreitet hatte, der vor Fra Federigo's Lehren geflohen wäre... Träumend ſtand der Graf und blickte auf die Glocke, deren Bewegungen immer ſtärker und ſtärker wurden... Er fuhr auf, als er Fußtritte hörte und die beiden Diener ſah, die gefolgt waren und jetzt näher kamen, um die Mäntel anzubieten... Mechaniſch nahm er den einen und bot Terſchka den andern... Dieſer nahm ihn ſchnell, nur um die Diener zu entfernen... Lebhafter und lebhafter drängte er auf Entſcheidung... Er ſchilderte alles, was er wünſchte, als ein Facit von Umſtänden, die gebieteriſch gegeben wären... Der Graf lauſchte der Glocke unter den Bäumen, die die heftigen Windſtöße in Bewegung erhielten . Der ungleiche Klang war wie die unregel⸗ mäßigen Athemzüge einer von Angſt bedrängten Seele ... Das Bild der ſterbenden Mutter ſtand dem Sohn vor Augen... Ihr Wort:„Du wirſt dem Thiere folgen!“, ihre Bitte für dieſe Glocke, ihre Bitte für den jetzt ſchon in ſo wilder Störung begriffenen Frieden dieſes ng für rremiten r Hütte er dem igt ſein Seſſel ang bei nde da⸗ als ſich te, der auf die ſtärker te und näher ta den um die drängte as er eteriſch zumen, hielten nregel⸗ Seele Sohn Thiere ür den dieſes 175 einſamen Ortes ſprach ihm aus dem Wehen jedes zittern⸗ den Blattes... Laſſen Sie, Terſchka! ſchnitt er jetzt, wie aus Träumen erwachend, alle Vorſtellungen ab, die ihm dieſer im Ton einer unverſtellten Verzweiflung machte— Es war eine Proſelytenwerbung ſo eigner Art, wie ſie auch nur durch Jeſuiten veranſtaltet werden konnte... Keine Salbung, keine Ueberzeugung— eine Sache nur der Etikette und der praktiſchen Pſychologie... Der Graf widerſtand... Dort hinaus führen Sie meine Diener auf kürzerm Weg nach San⸗Medardo zurück, ſagte er... Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht... So, wie Sie es be— gehren, Terſchka, wird und kann es nicht ſein... Graf! flehte Terſchka... Iſt das Ihr letztes Wort?... Mein letztes, Terſchka! Mein Inneres— Sie haben es errathen— iſt zerriſſen und unglücklich... Noch weiß ich nicht, was werden ſoll und ob ich länger mein Loos ertrage... Ich liebe— mein Weib!... Aber Ihr Auskunftmittel—— Weiß ich doch kaum, ob die Gräfin gerade dies noch begehren würde—. Graf, um ſo mehr! ſiel Terſchka ein. Allbekannt iſt die Geſinnung des Erzbiſchofs... Auch die Gräfin, ſie, die einſt eine Seherin war, erkaltete in ihrer alten Glut und Andacht für den Glauben... Es ziehen Gefahren für Ihren Freund herauf, denen er jetzt er⸗ liegen dürfte, jetzt, wo die Richtung der Zeit ſich ändern wird... Verachten Sie meinen Beiſtand nicht— auch ein Sturla kann mich kennen lernen... Aber nehmen Sie mich wieder auf! Schützen Sie mich durch 176 Ihren geheimen Uebertritt! Ich lenke alles, was Ihr Herz, Ihre Natur, das Glück Ihrer Freunde verlangt ... Und Monika, ſelbſt den Oberſten gewinn' ich— pah durch einen einzigen Tag... Selbſt Armgart ſoll nicht vor mir entfliehen... Ich bin ja— ein Greis— alt — ich entwaffne halt jeden durch meine Ergebung— durch meine Demuth... Graf, zum letzten mal, ich, ein Abtrünniger, rettungslos Verlorener, ich darf mit einem großen Zweck leben, wie und wo ich will— ich darf mit den Waldenſern gehen— Proteſtant ſcheinen... Nur beſuchen Sie die Meſſe in Coni, in Robillante— wo Sie wollen— man lieſt ſie Ihnen geheim... Dann gehen wir zuletzt alle nach Wien— Ihre Gattin folgt— Ihr erſtes Kind wird auf einen Heiligen getauft— Das iſt die Sprache der Welt, der ge⸗ ſunden Vernunft, der Verhältniſſe, in denen Sie leben, die Sprache des Troſtes, der Erhebung für— die Gräfin ſelbſt—... Der Graf ſchüttelte den Kopf und entgegnete: Ein Abſchied fürs Leben... Wir ſehen uns nicht wieder—!... Haben Sie Mitleid mit mir— rief Terſchka... Die Glocke ſchlug unausgeſetzt... Die Bäume rauſchten im Sturme... Die Natur war im Aufruhr . Der Graf ging jetzt und wie auf der Flucht... In franzöſiſcher Sprache rief ihm Terſchka nach: Graf! Ich beſchwöre Sie!... Sie werden es einſt aus eigenem Antriebe thun... Thun Sie's jetzt um mich, um Ihren alten— treuen— unglücklichen Freund!.. 3 Jhr rlangt — pah lnicht — alt durch , ein inem darf lte— Gattin iligen ge⸗ nicht n es jetzt klichen 177 Die Glocke tönte... Mit hellen, mit klagenden, mit ſtärkeren, mit ſchwächeren Klängen... Noch einmal wandte ſich der Graf zu Terſchka, wartete, bis dieſer näher kam, bot ihm die Hand und ſagte ihm ein letztes Lebewohl—... Unſere Wege ſind getrennt, ſetzte er hinzu... Erde und Himmel können vielleicht für mich bürgen und für das, was ich thue oder laſſe, Sie nicht mehr... Das ſag' ich alles ohne Groll, Terſchka, ohne Sie kränken oder verurtheilen zu wollen; ich urtheile, Sie wiſſen es, über Menſchen über⸗ haupt nicht; laſſen Sie alles wie es iſt... Beſchütze Sie jetzt der Himmel, Terſchka!... Sans adieu! Sans adieu!... Der Graf ſchritt mächtig zu, gleichſam— um dem drohenden Unwetter zu entfliehen... Auch begann es in der That zu regnen... Ein Diener blieb bei Terſchka in dem wildbewegten Eichenhain zurück... Der Graf ſah ſich nicht mehr um... Ohnehin ging es bergab... Er eilte wie jetzt ſelbſt vom Sturm ergriffen... In einer halben Stunde hatte ſein Fuß das Schloß erreicht... Die Frauen wachten noch... Aber er wollte ihnen nicht die Nachtruhe nehmen durch die Mittheilung über Benno... Sein Mund blieb auch dem Oberſten noch geſchloſſen über alles, was er gehört... Sein Auge durchwachte aber die ganze Nacht und ſein Ohr ver⸗ tauſendfachte ihm alles, was er vernommen... Die grünen ſturmbewegten Wipfel der Eichen rauſchten um ihn her wie ferne Donner... Der Geiſterton der klagenden Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 12 V 5 178 Glocke wurde eine Mahnung, als bedrohte eine Feuers⸗ brunſt die Welt und— vor allem die theuerſten Men⸗ ſchen, die um ihn her in Ruhe ſchlummerten... Hatte es alſo zehn Jahre und erſt des Todes ſeiner Mutter be⸗ durft, um ſeinen ganzen innern Menſchen ſo mächtig aus einem Zuſtande der Lethargie zu erwecken—!... Terſchka ſtand eine Weile vernichtet, bis er ſich ſammelte... Endlich erhob er trotzig ſein Haupt, das nun ſchon durch die Jahre eine natürliche Tonſur trug, griff in die Taſche— gab dem Diener ein Trinkgeld und ließ ſich im Gehen erzählen von den Bewohnern des Schloſſes, vom Tod der Gräfin, vom morgenden Feſt in Coni, von den Ueberraſchungen für den Erzbiſchof, von den Reiſeplänen des Grafen, von der dem Oberſten hier ſchon gegebenen Stellung, von Monika's Reformen, von Armgart... Auch von Federigo ließ er den Diener plaudern, vom Einſiedler, der noch im Silaswalde leben ſollte, nachdem er in die Hände der Räuber gefallen, aus denen ihn Frä Hubertus— wie alle Welt erzählte, mit Hülfe ſeines Hundes, des treuen Sultan— er⸗ rettet haben ſollte... Terſchka forſchte mit kurzen Fragen dieſem unheimlichen Namen nach, forſchte Allem, was von Franz Bosbeck, ſeinem ehemaligen Retter, den die Nemeſis ſchon zum Richter über Jan Picard gemacht, im Volksmunde hier bekannt war... Auch Fra Hubertus mit dem Todtenkopf ſollte noch leben... Er erſtaunte — künſtlich... Alles, was er hörte, war ihm ſchon bekannt—... Froſt durchſchüttelte ſeine Glieder— Jetzt erſt warf er des Dieners Mantel um, den er bisher überm Arm feuers⸗ Men⸗ Hatte ter be⸗ nächtig h. er ſich t, das trug, inkgeld en des en Feſt biſchof berſten ormen, Diener leben ffallen, zählte — er kurzen Allem, c, den macht, bertus taunte ſchon 1 warf Arm getragen hatte, und bat um die Angabe eines kürzern Weges, um ins Thal und dort zum Pfarrer zu gelangen... Der Wind hatte aufgehört... Regenſtröme ergoſſen ſich .. Noch ſchützten ihn und den Diener hier und da die Bäume der Alleen... Sie umgingen das geheimniß⸗ voll nächtlich ſchlummernde Schloß... Eine Weile ſah es Terſchka mit dem Blick verzweifelnden Neides an... Dann fragte er den Diener, ob er ſich auch der Gräfin Sarzana erinnern könnte... Auch von ihr ließ er ſich einiges erzählen... Den im ſpottenden Ton ge⸗ machten Bericht über dieſen Beſuch unterbrach er mit den dumpf vor ſich hingeſprochenen Worten: Auch ſie — iſt in Rom!... Terſchka befahl jetzt dem Diener, ihn allein zu laſſen... Den Mantel ſollte er morgen vom Pfarrer im Thal abholen... Es war über die elfte Stunde — rings ſtichdunkel... Durch ein labyrinthiſches Ge⸗ winde von Gärten, über ſchwellend brauſende Bäche— endlich an einem maleriſch gelegenen Friedhof mit un⸗ heimlich blitzenden Kreuzen vorüber erreichte er das Pfarrhaus San⸗Medardo... Aus einem geöffneten Fenſter, wo noch Licht brannte, begrüßten ihn die heiſern Worte: Ecco! Ecco! Al fine venuto!... Sie kamen von Pater Speziano und klangen wie die Beruhigung eines angſterfüllten Kerkermeiſters, dem ein entflohener Gefangener endlich wiederkehrt... 12* 1 b 6. Als derſelbe Tag noch goldenſonnig am unbewölk⸗ ten Himmel geleuchtet hatte, fuhr ein kleiner, mit Staub bedeckter Halbwagen langſam auf der Landſtraße zwiſchen der Stura und dem Geſſo dahin, zweien Bergſtrömen, die hinter Robillante in ihrem Lauf miteinander wett⸗ eifern... Um die Dämmerung gelangte das kleine Gefährt an die Thore einer Stadt, die in frühern Jahrhunderten ſtark befeſtigt geweſen ſein mußte... Noch erhoben ſich in dem alten Cuneum Römerthürme; noch erſtreckten ſich rund um die Stadt zackige Mauern und tiefe Gräben... Die Straßen Conis, einer 15000 Einwohner zäh⸗ lenden Stadt, waren am ſüdlichen Thor eng und düſter, aber belebt von einer ſchwatzenden, muntern Bevölke rung, wie ſie in Italien der Abend auf die Gaſſe lockt... Kinder, Frauen, Greiſe, nichts bleibt dann daheim im geſchloſſenen Raume; ſelbſt die unterſte Volks⸗ klaſſe ſitzt in Hemdärmeln, Mancheſterjacken, Blouſen vor Kaffeehäuſern, raucht, trinkt, ſchwatzt, ſtreitet über die Tagesneuigkeiten, für deren Kunde ein ein⸗ bewoll⸗ Staub wiſchen trömen, wett⸗ kleine frühern 2... thürme; Mauern er züh⸗ düſter, zevölke⸗ Gaſſe dann Volks⸗ glouſen ſtreitt ein ein— 181 ziges Zeitungsblatt ausreicht, da unter zwanzig meiſt nur einer leſen kann... Geſang ertönte... Drehorgeln durchkreuzten ſich in ihren Melodieen... Der Kutſcher erfuhr in dem Lärm erſt von Andern, daß hinter ihm ſein Paſſagier nach ihm verlangte Er wandte ſich theilnehmend... Coni iſt eine anſehnliche Stadt... Aber die ſchlecht⸗ gepflaſterte Straße mußte dem Paſſagier, der ausgeſtreckt im Innern der Halochaiſe lag, empfindlich werden... Der Kutſcher erfuhr, er ſollte langſamer fahren... Zu⸗ gleich wurde nach dem Palaſt des Erzbiſchofs gefragt und von einem Dutzend Stimmen die Antwort ertheilt... Man begleitete den Wagen, der einen Kranken führte „Es war ein todtbleiches, männlich gefurchtes Antlitz mit vollem wilden, hier und da ergrauten Bart... Benno war damals ein Mann von vierzig Jahren.. Die Straßenjugend folgte dem Wagen, der auf einen großen Platz einbog, einen Exercirplatz, wie es ſchien; rings war das mächtige Quarrée mit duftenden Lin⸗ denbäumen beſetzt... Nicht zu entfernt von einer ſtattlichen Kirche lag hinter einem gegitterten Vorhof ein großartiges Gebäude, vor welchem der Kutſcher in ſeinem weißen Hute, ſeiner braunen Jacke, ſeiner rothen Halsbinde ebenſo ſicher anfuhr, wie der Führer einer ſechsſpännigen Car⸗ roſſe... Er wußte ja, daß er dem Erzbiſchof einen theuren Verwandten brachte... Ein Carabinier mit gezogenem Säbel hielt vor der hohen Eingangspforte des Palaſtes Wache... Er deu⸗ tete auf die Klingel, die der Kutſcher, der ſchon abge⸗ 182 ſprungen war, nur anziehen ſollte... Ein Diener er⸗ ſchien... In einer Art Livree von ſchwarzem Frack, ſchwarzen Beinkleidern, ſchwarzen Strümpfen und Schnallenſchuhen... Der Kutſcher hatte ſchon eine Karte in Bereitſchaft, die dem Diener zur Anmeldung des Beſuches übergeben werden ſollte... Zugleich bat er um Hülfe, den Kranken aus dem Wagen zu ſchaffen... So wie er da läge, il povero, brächte er ihn dritto aus Genua... Miracolo! ſetzte er mit beredſamem Blick hinzu— er brächte einen Mann, der nur durch ein Wunder noch lehte.. Benno, bleich, mit blaſſen Lippen, ſtarren Gliedern, auf einer halb zum Sitzen, halb zum Liegen eingerichteten Matratze, hörte und ſah alles, was ſein Führer trieb, aber er ſchwieg... In der That ſchien er an den äußerſten Grad der Erſchöpfung angelangt... Noch manches Jugend⸗ liche hatte ſich in ſeinen Zügen erhalten... Schmächtig und mager ſchien er geblieben, aber ſein Haupthaar war faſt grau, wie der mächtige Bart hier und da von glei⸗ cher Farbe... Geronimo, der Kutſcher, erzählte den ſich ſchon mehrenden Dienern, zu denen ſich Prieſter ge⸗ ſellten, der Kranke hätte in Rom einen Schuß in die Bruſt bekommen und die Kugel ſäße noch feſt; die Aerzte hätten behauptet, der Verwundete würde, nach⸗ dem die Anſtrengungen der Flucht von Rom nach Genua ihn ſchon dem Tode nahe gebracht, eine weitere Reiſe ſchwerlich überſtehen, aber nichts hätte ihn abbringen kön⸗ nen, ſeinen Transport bis nach den Thälern von Piemont zu verlangen. Ihn ſelbſt zwar hätte das Hospital gemiethet er er⸗ Frac, n und eiſſchaft, ergeben ranken a läge, a. — er er noch liedern, iichteten , aber ßerſten zugend⸗ mächtig nar wat on glei „ nach⸗ Genua eReiſe en kön⸗ giemont emietbel 183 und ihm als Ziel ſeiner Reiſe nur Nizza genannt. Daß es Coni und dort das erzbiſchöfliche Palais ſein ſollte, erfuhr Geronimo erſt vom Verwundeten ſelbſt in Vinti⸗ miglia. Dieſer konnte die Arme nicht bewegen, konnte keine Briefe ſchreiben— ſie aber von andern ſchreiben zu laſſen, hätte er abgelehnt. Niemand ſollte erfahren, wohin ſeine Reiſe ging. Selbſt im Spital hätte man ſein wahres Ziel nicht wiſſen ſollen... Wenn der Verwundete jedem die Fährte der Nachfrage nach ihm abſchneiden wollte, ſo war es wol die natürliche Lage eines politiſchen Flüchtlings... Schon wurde Benno emporgehoben und auch die Schildwache griff mit an... Der Leidende überwand die Schmerzen, die ihm dieſe Bewegungen zu verurſachen ſchienen... War doch die Sehnſucht ſeines Herzens er⸗ füllt, die letzte Freude ſeines Lebens gewährt... Ge⸗ ronimo hatte recht berichtet— Benno wollte allen denen, die noch an ſeinem Leben Intereſſe haben konnten, ſelbſt ſeiner Mutter, verborgen bleiben... Deshalb ver⸗ traute er ſelbſt dem Spital in Genua nichts über ſeine Abſichten, am wenigſten der Poſt—... Und ſelbſt die Feder zu führen, verbot ihm ſein Zuſtand... Still in Bonaventura's Armen zu ſterben, war alles, was er vom Leben noch begehrte... Dieſen hoffte er zu fin— den, auch ohne ſich ihm angekündigt zu haben.. So kam es, daß ihn hier niemand erwartete.. Die Diener jedoch, auch wenn ſie den Namen„Cäſar Montalto“, der auf der Karte ſtand, nicht zu deuten gewußt hätten, thaten darum nicht befremdet... Was V 184 ſollte nicht bei ihrem Herrn ein Sterbender ſeine letzte Zuflucht ſuchen können—!.. Noch war der Fremde nicht bis an die große Mar⸗ mortreppe getragen worden, als auch ſchon von oben her, gefolgt von Prieſtern und Dienern, der Erzbiſchof in ſeinem wallenden Hauskleid, einem prieſterlichen Rock mit violettem Ueberwurf und goldener Kette, in athem⸗ loſer Haſt erſchien, ſich über den unglücklichen Freund warf, ihn in beide Arme ſchloß und unter Thränen an ſein Herz drückte... Mein Bruder—! rief er unausgeſetzt.. Mehr konnte nicht von ſeinen Lippen kommen— und Mein Bruder! Mein Bruder! hatte er auf der Stiege ſchon, abwechſelnd in deutſcher und in ita⸗ lieniſcher Sprache, gerufen... Jtalieniſch, um ſeine Umgebungen über den Anlaß eines ſo außergewöhnlich großen Schmerzes und ſein Verlaſſen aller Formen der Etikette, die in dieſem Hauſe waltete, gebührend auf⸗ zuklären und ſie aufzufordern, in ſeine Trauer mitein⸗ zuſtimmen... Das Bedürfniß, zu helfen, drängte nun ſofort jede andere Empfindung zurück... Schon wurden die erſten Aerzte der Stadt gerufen Schon hörte man oben Thürenſchlagen, ein emſiges Rennen, ein Klopfen und Hämmern, um Zurüſtungen für ein Lager zu treffen .Das ganze, nur von Prieſtern bewohnte Haus war in Bewegung... Die Worte: Wie konnteſt du in dieſem Zuſtand eine ſolche Reiſe unternehmen! kamen nur halb von Bona⸗ ventura's Lippen... Laßt! bat der Majorduomo, ein ſtat nen an nen— duf der in ita⸗ ſeine ühnlich en der d auf⸗ mitein⸗ t jede erſten man llopfen treffen s war d eine Bona⸗ o, ein 185 ſtattlicher Herr mit einer ſilbernen Kette auf der Bruſt und wehrte der Ueberzahl der helfenden Hände Nach Benno's Wunſch leitete dieſer dann allein den Transport... Auch für den Erzbiſchof war Sorge zu tragen... Am eiſernen Geländer der mächtigen Treppe hielt er ſich müh⸗ ſam aufrecht; anfangs vermochte er den Männern, die Benno hinauftrugen, vor phyſiſcher Schwäche nicht zu folgen... In meine Schlafkammer! war alles, was er zu ſagen vermochte, und wieder doch zum Kutſcher mußte er ſich wenden, der auf die Anrede des Major⸗ duomo, woher ſie kämen, vor dem Erzbiſchof ſein Knie beugte und Segen— und Trinkgeld begehrte... Ohne den Auseinanderſetzungen Geronimo's, ſo wichtig ſie ihm waren, länger zuzuhören, riß der Erzbiſchof unter ſeinem Ueberwurf ſein Almoſenbeutelchen hervor und reichte dem Knienden den ganzen Inhalt... Jetzt raffte ſich der Erzbiſchof auf und ſchwankte am Geländer der Stiege entlang... In den hohen weiten Sälen des erſten Stockwerks ſtanden alle Thüren geöffnet . Die letzten Abendſonnenſtrahlen beleuchteten die koſt⸗ baren Tapeten von Seide, die bunten Malereien, die ſich ſein Vorgänger Fefelotti für die kurze Zeit ſeines Verweilens in dieſen Räumen hatte anfertigen laſſen... Die Fußböden waren parquettirt... Die Wände ſtarrten von Bronze und Kryſtall... Die Wohnung eines Fürſten ſchien es zu ſein und erſt in dem mit grünen Vorhängen von einem Bibliothekzimmer getrennten Schlaf⸗ gemach des Erzbiſchofs ſah es einfacher aus... War auch hier nicht die rauhe Kaſteiung ſichtbar, die einſt —— ———— 186 Bonaventura beim Kirchenfürſten am großen vaterlän⸗ diſchen Strome beobachtet hatte und die in dem dem Schönen abgeneigten Sinn deſſelben eher ihren Grund gehabt haben mochte, als im ascetiſchen Bedürfniß, ſo hatte doch Bonaventura hier ſowol wie in ſeinen nächſten Zimmern die Spuren der Ueppigkeit ſeines Vorgängers ſo weit getilgt, als das dem Palaſt erblich angehörende Mobiliar von ihm verändert oder entfernt werden durfte... Da lag nun Benno ſchon auf ſeinem einfachen Lager, verlangte von allem, was ihm zur Er⸗ friſchung angeboten wurde, nur ein kühlendes Citronen⸗ waſſer, vor allem Ruhe und— allein zu ſein mit dem geliebten Freunde, der an ſein Bett niederkniete, um Benno's glühheiße Hand zu küßen... Alle Umgebungen waren in Beſtürzung über den Schmerz des Erzbiſchofs —... Noch dazu wurde ihm dies Erlebniß am Abend ſeines Namenstages... Der Majorduomo ſorgte dafür, daß die Verwandten allein blieben und nur die Aerzte noch zugelaſſen wur⸗ den... Auch zu einem Kloſter der Barmherzigen Brü⸗ der wurde geſchickt, um einen erfahrenen Krankenwärter zu holen... Mit den von Fefelotti eingeführten Töch⸗ tern des heiligen Vincenz von Paula hätte man dem Erzbiſchof nicht kommen dürfen—... Die Freunde waren allein— allein mit dem letzten Strahl der Sonne, der ſich durch die herabgelaſſenen Vor⸗ hänge ſtahl— allein mit dem Todesengel, deſſen dunkler Fittich ſeit einiger Zeit von Bonaventura's Lieben nicht mehr weichen zu wollen ſchien— allein mit den Rückblicken auf ein ſo tief verfehltes Leben, wie es Benno geführt, aterlan em dem Grund dürfniß, ſeinen ſeines erblich entfernt ſeinem zur Er⸗ itronen⸗ nit dem te, um ebungen biſchofs Abend wandten en wur⸗ en Brü⸗ nwärter Töch⸗ an dem letzten en Vor⸗ dunkler en vich dblider geführt 187 auf ein ſo tief vereinſamtes, wie es Bonaventura mitten im rauſchenden Gewühl der Zeit und der Welt führte Wie brachen die ſchönen freundlichen Sterne der Jugend wieder aus den Wolken, die ſie ſo lange ver⸗ ſchleiert gehalten hatten... Wie klang ein Ton ſo wehmüthig und klagend durch die bangen Seelen der Freunde und ſprach: Das, das wollten wir— und das haben wir gefunden!... Bonaventura's Lippen bebten, ob ſie fragen ſollten: Weißt du denn auch, wie dein irrend Leben gerade jetzt hier angekommen iſt bei ſeinen erſten Anfängen— und daß die liebliche Armgart in unſrer Nähe weilt? Weißt du, daß ich aus Deutſchland den Beſuch meiner erkrankten Mutter, den Beſuch Friedrich's von Wittekind, deines Bruders, ſoeben gemeldet erhielt? Wird dich denn auch, ohne ihre letzten Küſſe, deine in der Schweiz genannte Mutter ſterben laſſen? Wird jene Verirrung, die für immer die Flügel deines Lebens knickte, Olympia, deinen Tod ertragen können, jene Circe, die deine Sinne verwirrte mit dem Zaubertrank ihrer— wer kennt den Inhalt der Miſchungskünſte, die eine Frauenhand bietet! Oder— nun kehrten ihm Klänge des längſt abgebro⸗ chenen Briefwechſels wieder— war es deine eigene Seele, die dich berauſchte, deine eigene Natur, die ſich des Höchſten vermaß und ſich doch beſiegen ließ von dem, was die Menſchen dir immer und du dir ſelbſt als dein ärmſtes deuteten— deinem Gemüth!... Dankbar wollteſt du ſein—! Deutſcher nicht mehr bleiben— ſeit du eine von Deutſchen gemishandelte Mutter ge⸗ funden— und, faſt möcht' ich nach deinen Briefen —— — ——— — 188 ſagen, mehr noch— ſeit die Bandiera deine Freunde gewor⸗ den, die Bandiera, die die Kugel des Henkertodes traf— Benno, Benno, welche Dämonen haben dich fortgeſchmei⸗ chelt von Deutſchlands Herzen und hinüber in ſoviel Irr⸗ gänge deines Lebens und in dies erſichtliche Ende!... Zehn Jahre—! ſprach jetzt Benno mit einer dumpfen, heiſern Stimme, die ſich mühſam von ſeiner keuchenden Bruſt rang... Rege dich nicht auf! entgegnete Bonaventura und ſetzte ſich auf den Rand des Bettes... Schlummre! ... Du bedarfſt nur der Ruhe!... Benno winkte, daß Bonaventura die Vorhänge am Fenſter lüften möchte... Er wollte den Erzbiſchof ſehen, wollte vergleichen, wie auch ihn das Leben nach ſo langer Trennung gezeichnet hätte.... Bonaventura erfüllte ſein Verlangen und ſah Benno's noch volles, aber ergrautes Haar—... Sein eigenes war ebenſo gefärbt... Die Magerkeit des Erzbiſchofs hatte zugenommen... Die glanzvollen Augen lagen tief in ihren Höhlen... Furchen umgaben den Mund... Aber die edle Bildung des Kopfes, die Geſtalt ſelbſt konnte durch die Spuren der Jahre nicht geändert wer⸗ den und vielleicht der jüngſte und noch immer jugendlichſte Kirchenfürſt in Roms Hierarchie blieb er nächſt Vincente Ambroſi in Rom bei alledem... Bonaventura ſprach von der Kunſt der hieſigen Aerzte.... Vom Doctor Savelli, der das Leben der Gräfin Erdmuthe ſo lange erhalten hätte... Von dem Arzt der Garniſon, der ſich auf den letzten Schlacht⸗ feldern bewährt hätte... gewor⸗ traf— eſchmei⸗ hel Irr⸗ 1.. einer ſeiner a und ummrel orhänge zbiſchef n nach eenno's eigenes biſhoſs gen tief 1.. ſelbſt t wer⸗ dlichſte incente ieſigen een der on dem chlache 189 Benno ſchüttelte das Haupt und erwiderte: Die Kerze iſt— nieder... Bonaventura konnte ſolcher Schwäche gegenüber nichts entgegnen... Man brachte den Erquickungstrank... Der Freund reichte ihn dem Verſchmachteten und als er getrunken, winkte nach einer Weile Benno ſelbſt, daß das Fenſter wieder verhangen würde... Fieber durch⸗ ſchüttelte ihn plötzlich... Sogar auf die grünen Vor⸗ hänge des Bibliothekzimmers, durch die ſich zu viel Licht ſtahl, deutete er... Sie wurden zurückgeſchlagen und dafür die Thürflügel ganz geſchloſſen... Die Erſchöpfung ſchien durch den Lichtreiz gemehrt zu werden... Bonaventura bat ihn vor allem, nur zu ſchweigen Rieden und Denken griffe ihn erſichtlich an... Nur fühlen, träumen ſollte er— glücklich ſein — Du biſt— bei mir! ſprach er mit der ganzen Innigkeit liebevoller Sorge und faſt ſchon hätte er, an Armgart denkend, geſprochen:„Bei uns.. In Benno's Auge, das wol von Armgart weit⸗, weitab irrte, traten Thränen... Er ſchwieg und lehnte das Haupt zur Seite, jetzt in der That, wie um zu ſchlummern... Nun faſt ſtörte es, daß die Aerzte kamen... Sie nahten ſich dem Lager, ſtreiften die Decke auf und riethen, trotzdem daß der Kranke ſich nicht bewegen konnte und mochte, ihn ganz von ſeinen Kleidern zu ent⸗ blößen... Die entzündete, den Lungen nahe Stelle, wo die Kugel ſitzen mußte, war bald gefunden... Der Kranke zuckte mit einem kurzen Schrei auf, als ſie berührt wurde... Die Kugel herauszunehmen hätte den ſofortigen Tod veranlaßt... b 190 Im Blick der Aerzte lag die Andeutung, daß auch ſo die Auflöſung ſchwerlich ausbleiben würde... Die Ruhe, ja die ſtarre, krampfartige Erſchöpfung, in der ſie den Kranken fanden, verordneten ſie durch nichts zu ſtören... Zwei Barmherzige Brüder, die inzwiſchen gekommen waren, wußten, was ſie die Nacht über zu beob⸗ 1 achten hatten... Jetzt galt es, den von der Unterſuchung H ſeiner Wunde Ohnmächtigen ſich allein zu überlaſſen... Bonaventura kehrte, die Hände gen Himmel erhe⸗ bend, in ſeine hohen, ſo prachtvollen, durch die eigen⸗ thümlichen Anordnungen, die er ihnen gegeben, wohn⸗ lich umgeſtalteten Zimmer zurück... Sein einfacher Abendimbiß, der inzwiſchen aufgetra⸗ gen wurde, konnte ihn nicht zum Niederſitzen bewegen ... Nur wie ſchwebend ſchritt er dahin, faltete die Hände und ſah nieder wie ein Verzweifelnder... Ein einziger Augenblick— wie hatte dieſer ſo den Frieden um ihn her verwandeln können!... Den Frieden!... Hatte ſeine Seele Frieden?... Erloſch um ihn her nicht ein Auge nach dem andern?... Das tragiſche Geſchick, das über ſein Haus und über ſämmtliche Angehörige deſſel⸗ h ben hereingebrochen ſchien, hatte er erſt heute wieder ge⸗ ſehen, als vom Präſidenten die Nachricht gekommen, daß die Aerzte ſeiner Mutter den Aufenthalt im Süden vor⸗ 1 ſchrieben... Sie würden nach Neapel gehen, hatte 1 der Präſident geſchrieben... So nahe dem Silaswalde! 1 62 ſeufzte Bonaventura— und die Mutter bat ihn inſtändigſt, vorher noch in Rom mit ihr zuſammenzutreffen—... Eben noch hatte Bonaventura an ſeinen Freund, den Cardinal Vincente Ambroſi, geſchrieben— hatte —— — ——— — 1 daß auch . Die ;, in der nichts zu inzwiſchen zu beob⸗ erſuchung iſſen... el erhe⸗ ie eigen⸗ 1, wohn⸗ nufgetra⸗ bewegen Hände einziger um ihn . Hatte er nicht Geſchi, . deſſel⸗ der ge⸗ en, daß en vor⸗ „ hatte walde! indigſt Freund) — hatte 191 ſich ihm auf Beſuch angemeldet... Eben noch hatte er ihm die Nachricht mitgetheilt, daß Pater Speziano wagte, heimlich eine Nacht in Robillante ſich aufzuhalten, in Begleitung des Doppel⸗Apoſtaten Terſchka.. Wie mußte bei ſolchen Bildern die Erinnerung an die alten Tage des Glücks und der Hoffnung über ihn hereingebrochen ſein... Im Lehnſeſſel, am Schreib⸗ tiſch, an ſeinem hohen Fenſter hatte er geſeſſen und beim Abendläuten in die roſige Glut des Himmels ge⸗ ſchaut... Morgen war ſein Namenstag... An den ſchönen Strom der Heimat hatte er denken müſſen, an ſein kleines erſtes Pfarrdorf Sanct⸗Wolfgang, an eine Gemeinde, wenn ſie zum erſten mal den Namenstag ihres Seelſorgers feiert... Das ſtille Leben eines Landpfarrers hatte ihm wieder als ein ſo beneidens⸗ werthes Glück vorm Auge geſtanden... Er hörte die Frühglocke ſeiner Kirche; von ſeinem Gärtchen aus zählte er die Reihe der Kirchgänger; fühlte ſeine erſte Pfarrers⸗ angſt, ob ihrer auch genug kämen, um ihm die Beruhi⸗ gung zu geben, daß ſie ihn liebten... Wieder ſah er ſich auf dem engen, kaum zum Umwenden ausreichenden Platz vor ſeinem Hochaltar, hörte ſeinen eigenen Geſang und in der markigen edlen Sprache der Heimat, die er nun ſchon ſo lange auf immer abgeſchworen, ſeine Predigt . Wie ſah er denn auch nur gerade heute den alten Meviſſen ſo ernſt und feierlich in ſeinem Stuhl ſitzen, den treuen Hüter der Geheimniſſe, die ſo ganz, ganz anders, als vielleicht ſein Vater gewollt, in ſein Leben griffen... Auch ſeines Kainsmaals gedachte er, jener noch immer unenthüllten Beichte Leo Perl's, eines Spuks, 192 der ihn freilich nicht mehr wie ſonſt ſchreckte... Die Jahre und die innern Revolutionen ſeiner Ueberzeugung hatten ihn allmählich bewahrt, über die Thorheit eines wahnwitzigen Prieſters dauernd in ſolcher Verzweiflung zu leben, wie anfangs... Das erzbiſchöfliche Pallium trug er nicht wie eine gleißneriſche Hülle innerer Un⸗ wahrheit; mit ſichrem Vertrauen auf ſeine Lebenskraft hatte er ſich ein Ziel geſteckt, dem er nachlebte, ein Ziel, das nur durch den Hirtenſtab eines mächtigen Biſchofs er⸗ reicht werden konnte, ein Ziel, dem die Enthüllung ſeiner unvollendeten Taufe eine Glorie mehr wer⸗ den ſollte... Als Lucinde von ihm mit dem Grafen Sar⸗ zana getraut wurde, hatte er mit ihr Frieden geſchloſſen(ſie ſchickte ihm an jedem Namenstage, anfangs aus dem Kloſter der Lebendigbegrabenen, ſpäter aus Genua, dann aus Rom, das letzte mal aus Venedig, zu dieſem Tage ein Ange⸗ denken und ihr diesjähriges war bereits wieder von daher eingetroffen)— von ihrer alten Drohung,„ihn vernichten zu wollen“, war nichts mehr zurückgeblieben, als eine Art Superiorität, die ihr wenigſtens in des Erzbiſchofs Nähe z. B. bei ihrem Beſuch in Coni eine Stellung ſicherte, auch wenn andere ſie eine Jeſuitin, wol gar eine Brandſtifterin nannten... Ihr diesjähriges Geſchenk war ein Kelch von Kryſtall, umſponnen mit ſilberner Filigranarbeit, eine Arbeit aus den Werkſtätten Venedigs, von wo ſie noch ihre Begleitzeilen datirt hatte... Sie wäre auf dem Wege nach Rom, hatte ſie geſchrie⸗ ben,„um den Raben auf den Leichenfeldern ihren Mann zu entziehen und ihn anſtändig begraben zu laſſen“... Wie hatte ſich das alles mit den Jahren umgewandt!... ... Die berzeugung rheit eines veiflung zu ſe Pallium nnerer Un Lebenskraft „wein Ziel, ziſchofs er⸗ Enthüllung ehr wer⸗ rafen Sar⸗ hloſſen(ſe em Kloſter aus Rom, ein Ange von daher vernichten s eine Art pofs Nähe g ſicherte, gar eine Geſchent ſilbernen Venedig⸗ 193 So weilten Bonaventura's Gedanken in fernen glück⸗ licheren Zeiten— da kam dieſe neue trübe Mahnung an die Gegenwart... Bonaventura hatte nun den ſteten Anblick und Um⸗ gang Paula's, hatte die ſeltenſte Freundſchaft des Gra⸗ fen, hatte die unermüdliche Sorgfalt Aller für ſein Wohl, hatte die edelſten Freuden der Geſelligkeit, jede nur erdenkliche Fürſorge und Ueberraſchung, die ſonſt nur einem Gatten von ſeinem Weibe, einem Vater von ſeinen Kindern kommt— und doch fehlte das Glück .. Der Kampf mit Roms Hierarchie war ihm an ſich eine Freude— er hatte hier und da offene und ge⸗ heime Bundesgenoſſen— aber Inneres und Aeußeres in ihm war nicht ausgeglichen... Nur das Nächſte brauchte er zu betrachten— im Grafen ſah er Kriſen entſtehen, die zu neuen Kämpfen der Seele führen mußten— und, blickte er in die Ferne, war denn jenes in die Ferne gerückte Räthſel des Eremiten, ſeines Vaters, gelöſt?-.. Friedrich von Aſſelyn, ſein Vater, war damals nur vor ſeinem Sohn aus Caſtellungo entflohen... Er wollte todt ſein und das Schickſal ſendete ihm in ſeine Ver⸗ borgenheit gerade den eigenen Sohn!... Er erblickte darin die Entdeckung ſeines Geheimniſſes... Seit den lebensgefährlichen Abenteuern, die er beſtehen mußte, lebte er jetzt im Silaswalde—... Cardinal Ambroſi hatte erſt vor Kurzem wieder geſchrieben, daß ſein Jugendlehrer dem muthigen Kirchenfürſten ewig Dank wiſſen werde für die Mühe und Sorge, die er ihm damals, mit Gefahr ſeiner hohen Würde, gewidmet; daß er ihn aber fort und fort beſchwöre, bis zu einer be⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 13 194 ſtimmten Stunde ſeiner Lebensſpur nicht zu folgen, ja daß er ihm das heilige Verſprechen abnähme, ihn bis dahin nie mehr unter den Lebenden zu ſuchen—... Fiat lux in perpetuis! hatte dieſe erneute Bitte des Eremiten geſchloſſen Das Loſungswort der Briefe, die ihm und dem Onkel Dechanten einſt aus Italien gekommen waren— der Augenblick der Ver⸗ ſammlung unter den Eichen von„Caſtellungo“ an einem Sanct⸗Bernhardstage... Noch lag dieſer Tag um Jahre hinaus und doch mußte er beſtimmend und bindend wirken... Mußte nicht Bonaventura des Vaters Bitte ſchon um ſeiner noch lebenden Mutter willen er⸗ füllen?... Zu ſeiner Beruhigung diente, daß dem Vater ein treuer Wächter im Silaswalde geblieben war, ſein Retter aus Räuber⸗ und Mörderhand, jener kühne Laienbruder Hubertus... Wie die Reiſe der Mutter nach Neapel in dieſe Räthſel eingreifen konnte, hatte ſich der Sohn mit banger Spannung eben vergegenwärtigt ..Cardinal Ambroſi war inzwiſchen der innigſte Vertraute ſeines Lebens geworden— nur wußte derſelbe nicht, daß Federigo des deutſchen Freundes Vater war; Vincente Ambroſi und Bonaventura hatten ſich ſo gefunden, daß in den Zeilen, die er ihm eben geſchrieben, jene Be⸗ ziehung ausgenommen, ſonſt die geheimſten Saiten ſeines Innern widertönen durften... Ein Erzbiſchof kann, wie ein Fürſt, nicht frei gehen und wandeln; er iſt der Gefangene ſeiner Würde... Im Speiſezimmer wurde Licht angezündet und der Haushofmeiſter kam mit bittender Miene, Excellenza möchte ſich nicht dem Mahl entziehen und die nothwen⸗ n, h n bis te des der t aus Ver⸗ einem um und Jaters en er⸗ dem war, fühne utter hatte artigt traute duß ſcente daß Be⸗ eines gehen 195 dige Stärkung zu ſich nehmen... Der Erzbiſchof aß nicht allein... Eine Anzahl Hausbewohner, Hülfs⸗ prieſter, Secretäre, Schüler, waren ſeine regelmäßigen Tiſchgenoſſen... Gelaſſen gab Bonaventura den Bitten nach, ſetzte ſich zur Tafel auf ſeinen Ehrenſeſſel und ſah voll Wehmuth auf ein neben ihm liegendes Buch, das er be⸗ fohlen hatte, heute Abend neben ihm aufzuſchlagen... Es war ein Theil der Werke des heiligen Bonaventura, denen er ſich ſeines Namenstages wegen hatte widmen wollen... Es iſt mein Namenstag morgen— ſprach er mit leiſer Stimme und im reinſten Italieniſch; ich beſchäftigte mich gerade mit unſerm Doctor seraphicus... Die Stelle, die ich vorleſen wollte,—(er blätterte mit ſeinen magern weißen Fingern)— ich kann ſie nicht wiederfinden... Leſen Sie, wandte er ſich erſchöpft zu einem jungen Vicar, der bei ihm den Freitiſch genoß — eine jede Stelle wird auf unſer Leben paſſen. Der junge Mann las, was er fand:„O wär' ich doch jener Baum des Kreuzes und wären die Hände und Füße des Gekreuzigten an mich geheftet geweſen, ſo hätt' ich zu jenen Menſchen geſprochen, die ihn vom Kreuze abnahmen: Nimmermehr laß' ich mich trennen von meinem Herrn; begrabt mich mit ihm! Doch da ich das dem Leibe nach nicht thun kann, ſo thu' ich es der Seele nach. Drei Stätten will ich mir im Gekreuzigten erwählen; die eine in den Füßen, die andere in den Händen, die dritte in ſeiner Bruſt! Dort will ich athmen und ruhen! Dort wohnen, trinken aus dem Quell ihrer 13* 196 unausſprechlichen Liebe! Oft wandelt mich Furcht an, ich möchte herausfallen aus dieſem Aufenthalt! Glück⸗ ſelige Lanze, glückſelige Nägel, die ihr dieſen Weg des Lebens uns öffnet! O wäre es mir vergönnt geweſen, jene Lanze zu ſein, nimmermehr wär' ich dann aus dieſer göttlichen Bruſt zurückgekehrt!“... Läſterung! unterbrach der Erzbiſchof plötzlich auf⸗ wallend und nahm das Buch an ſich... Alle erſchraken... Doch bei näherer Beſinnung war ihnen dieſe Kritik nicht befremdlich an ihrem Ober⸗ hirten, der die Wärme der Religion nur beim Lichte ſuchte... Er winkte mit der Hand und deutete an, daß man unbehindert den Speiſen zuſprechen ſollte... Da er ſelbſt nur wenig aß, konnte er ſeinen Tiſchgenoſſen ſagen: Wohin verirrt ſich nicht der ſpielende Witz einer Andacht, die mit der Feder in der Hand betet!... Wahrheit! Wahrheit!... Und vor wem denn mehr, als vor dem Herrn der Welten, vor dem Gedanken: Was iſt die Ewigkeit!... Dann erzählte er von Benno's Leben— bis ſeine Thränen ihn hinderten... Der Haushofmeiſter, der am untern Ende der Tafel vorlegte, kannte Benno noch von ſeinem Aufenthalt in Robillante her... Es war ein ſchlichter Mann, der dem Erzbiſchof von dort gefolgt war und Ordnung und Sparſamkeit in Fefelotti's Hinterlaſſenſchaft gebracht hatte... Daß der ſich jetzt Cäſar von Montalto nennende, verwundete Vetter des Erzbiſchofs vom Kriegs⸗ ſchauplatz in Rom kam, war kein Geheimniß und cht an, Glück⸗ deg des ſeweſen, in aus h auf⸗ innung Ober⸗ Lichte ß man Da er ſagen: dacht, heheit! ls vor zas iſt riege⸗ und 197 mehrte das Intereſſe; in dieſem Lande war das Urtheil über Italiens Angelegenheiten freigegeben... Allgemein nahm man die Möglichkeit, in ſo krankem Zuſtand von Rom bis hierher reiſen zu können, für ein Hoffnungs⸗ zeichen möglicher Geneſung... Bonaventura dachte anders... Es hat ihn nur ge⸗ zogen, hier ſein letztes Lager zu ſuchen... Noch ein⸗ mal wollte er in ſeinen Anfang zurück... So nur war ihm dies Suchen eines letzten Wiederſehens erklärlich... Das beſcheidene Mahl war zu Ende, als das leb⸗ hafte Gehen der Thüren nach dem Schlafzimmer zu auf ein Vorkommniß im Zuſtand des Kranken ſchließen ließ... Der Erzbiſchof erhob ſich eilends und ging in die anſtoßenden Zimmer... Alle folgten... Einer der Brüder kam ihnen mit einem Gefäß voll Schnee ent⸗ gegen, den man anwenden wollte, um den Blutandrang zum Kopf des Kranken zu mildern... Bonaventura hörte ihn laut phantaſiren... Als er näher gekommen war, fand er Benno hochaufgerichtet im Arm des andern Bruders, ſeiner nicht bewußt— auch Bonaventura nicht erkennend... Es ſchien, als befeh⸗ ligte er noch auf den Breſchen der Mauern Roms— als riefe er die Wankenden zuſammen... Mit erhöhter Stimme ſprach er bald italieniſch, bald deutſch, bald engliſch... Er redete Perſonen an, die er leibhaft vor ſich ſah... Sarzana! rief er und lachte ſogar... Da haben Sie's denn nun!... Leichenbruder!... Auch Hamlet hatte erſt Muth, als eine Ratte hinter der Wand raſchelte!... War's nicht ſo auch mit Ihnen, Ihrer neuen Loge damals—?... Stehen Sie jetzt auf, Sar⸗ 198 zana!... Ich bitte Ihnen ab, daß ich Sie für einen Verräther hielt... Ein tollerer Hamlet waren Sie freilich noch als ich... Achtung aber der Dame, die da kommt und die eine Krone zu tragen würdig iſt— Nein— es iſt— ja nur die Kammerjungfer—... Bonaventura las aus Benno's wilden und lachenden Mienen die Erinnerungen, die ihn quälten... Die letzteren ſchienen Lucinden zu gelten... Er redete dem Freunde zu, ſich zu faſſen... Seine Hand ſtrich ihm das Haar aus der Stirn.. Endlich ſchien der wie von Geſpenſtern verfolgte und wie um Hülfe bittende Blick des Phantaſirenden den Freund zu erkennen... Seine wilde Rede ſtockte. Das Auge ſtarrte um ſich; der Kopf neigte ſich zum Kiſſen zurück und nur die abwehrenden Hände ver⸗ riethen, daß die Gedanken des Leidenden keine heitern waren... Fort! Fort! rief er und ſuchte ſich der An— näherung von Menſchen zu erwehren, dann murmelte er vor ſich hin in jetzt nicht mehr zu verſtehenden Lauten ... Allmählich trat eine Entkräftung ein, ſo bedenklich, daß die hinzugekommenen Aerzte dem Bewußtloſen Stär⸗ kungen einflößen mußten... Darüber verfiel er in einen Halbſchlummer... Inzwiſchen war im Nebenzimmer ein Bett aufge⸗ ſchlagen worden... Bonaventura hatte angeordnet, daß hier, in ſeiner Bibliothek, ſein Nachtlager ſein ſollte... Man beſchwor ihn, ſeiner ſelbſt zu ſchonen— Morgen in erſter Frühe wollte er die Meſſe leſen... Er erwiderte: Nachtwachen bin ich gewohnt... Dann trat er ans Fenſter und deutete an, daß ein Unwetter heraufzöge; reinen en Sie ne, die it ichenden . Die tte dem d ſtrich gte und den den 9... ch zum e ver heitern. der An nelte er Lauten denllich, Stär⸗ neinen aufge⸗ tt, daß lle... rxgen in widerte: er and ꝛufzöge, 199 man möchte die Fenſter ſchließen und ſich zur Ruhe be⸗ geben... In der That brauſte ein plötzlicher Wind, warf offenſtehende Thüren und Fenſter... Man entfernte ſich und ging ſcheinbar zur Ruhe... In Wahrheit ſchmückte man heimlich den Palaſt zum morgenden Feſte... Der Kranke lag, als Bonaventura an ſein Lager zurückkehrte, in Schlummer verſunken... Sein Athem— zug ging ſchwer und ungleichmäßig... Die Brüder ſchloſſen nebenan die Fenſter und Thüren— das Brauſen des Windes nahm zu... Auch die Thür, die das Schlafcabinet vom Bibliothekzimmer trennte, wurde wie⸗ der geſchloſſen... Bonaventura trat in letzteres zurück und war nun allein— unter ſeinen Büchern, von denen die meiſten ihm über die Alpen(ohne Renate, die gutverſorgt daheimgeblieben bald nach der Trennung von ihrem Pflegling ſtarb) nachgekommen... Seine Studirlampe brannte auf dem grünbehangenen Tiſche... Die Glocken ſchlugen zehn... „Nachtwachen bin ich gewohnt“... Bonaventura war es ſchon in ſeinen glücklicheren Tagen... Wie viel mehr in denen, die ſeiner Reiſe nach Wien folgten Seinen Brief an Ambroſi holte er hervor... Am⸗ broſi hatte dem Heiligen Vater auf ſeiner Flucht folgen müſſen... Nun zog er wol wieder mit ihm in Rom ein . In Rom, wohin auch ihn, den Sohn— die Mutter rief... Bonaventura hatte vor zehn Jahren Rom nur flüchtig kennen gelernt... Damals war er als ein Angeklagter erſchienen, anfangs in ſeinen Schritten ge⸗ hemmt, dann, als ſich alles zum Guten wandte, von Hul⸗ digungen der maßloſeſten Art, durch die Herzogin von Ama⸗ rillas, Olympien, Lucinden, am wenigſten freigegeben... — 200 Damals war Benno bereits durch die Hülfe der Frauen gerettet... Die Herzogin von Amarillas hatte ſich mit Olympien durch die Sorge um ihren Sohn ausgeſöhnt ... Daß Benno ihr Sohn, verkündete ſie nun ſelbſt; ihr verzweifelndes Muttergefühl hatte ohne jedes Be⸗ ſinnen den Schleier des Geheimniſſes zerriſſen— und Lucinde, die vorher ſo gefürchtete Mitwiſſerin des Ge⸗ heimniſſes, wurde nun ohne Scheu die Dritte im Bunde; die Herzogin hatte jede Demüthigung vergeſſen ... Zwei Menſchen gab es nur, die helfen konnten, Olympia und Lucinde— ihr erſchienen ſie jetzt wie Engel und gottgeſandte Heilige... Als Benno in Sicherheit war, errichteten die Frauen Pforten des Triumphes für Bonaventura... Fefe⸗ lotti mußte ihn von ganz Rom wie auf Händen getra⸗ gen und ſogar vom Heiligen Vater begnadet ſehen... Er⸗ müdet und beſchämt von ſoviel Glück und Erfolg, hatte Bonaventura den Troſt, zu ſehen, daß ſeine Sache wenigſtens von einigen unabhängigen Männern und Richtern aus Ueberzeugung gefördert wurde... Er hatte gehört, daß ſeine Angelegenheit beſonders freund⸗ lich Ambroſi vertrat Dieſen ſeltſamen M ſchen, für den er ja ſelbſt in Robillante Biſchof ge⸗ worden und von dem er mit doppelt begründeter Rüh⸗ rung vernommen, daß ſein Vater ein Profeſſor in Ro⸗ billante war, der auf einer Alpenwanderung, wo Ver⸗ meſſungen von ihm vorgenommen werden ſollten, umge⸗ kommen— dieſen beſuchte er jetzt... Wie drängte es ihn, zu hören, ob ſein Vater⸗ der einen ſolchen Tod nur fingirt hatte, mſeblich als Lehrer oder Ver⸗ Frauen ich mit geſöhnt ſelbſt, 8 Be⸗ — und 3 Ge⸗ te im rgeſſen onnten, t wie Frauen Fefe⸗ getra „Er „hatte Sache n und .Er reund, ℳ dof ge⸗ Rüh⸗ in Ro⸗ 0 Ver⸗ umge⸗ drängte ſolchen r Ver⸗ 201 führer zu ketzeriſchen Geſinnungen mit ihm in näherer Verbindung ſtand... Im früheren germaniſchen Collegium liegt die„Cu⸗ ſtodia der Reliquien und Katakomben“... In dem untern Geſchoß des düſtern Palaſtes befinden ſich lange, an den Fenſtern vergitterte Säle, in denen die alten Steinſärge ihres Inhalts entleert, die vermoderten Kno⸗ chen geſäubert und in grünangeſtrichene Kiſten geſam⸗ melt werden... Nach den Inſchriften der Särge werden die Namen der Bekenner feſtgeſtellt... Findet man kleine Phiolen mit einer eingetrockneten Flüſſigkeit, die vielleicht Blut war, ſo hegt man die Ueberzeugung, die Knochen eines Märtyrers gewonnen zu haben... Ueberall liegen hier Glasſplitter, zerbrochene thönerne Lampen, ſelbſt Kleiderreſte einer uralten Vergangen⸗ heit... Soeben war Cardinal Ambroſi beſchäftigt, einen von einem Profeſſor des Collegiums, einem Jeſuiten, „getauften“ heiligen„Xyſtus“ nach Amerika zu ver⸗ ſenden, wo man in Mexico das dringendſte Bedürf⸗ niß ausgeſprochen und viel Geld darum nach Rom geſandt hatte, für eine neugebaute Kathedrale den koſtbarſten Schmuck in einem heiligen Reliquienleib zu beſitzen... Bonaventura wartete in einem Nebenzimmer und gedachte an das Wort:„Ich ziehe in die Katakomben!“ ein Wort, das Frä Federigo zu Klingsohr und Hu⸗ bertus geſprochen hatte... Ueber Hubertus hatte ſich Bonaventura ſchon bei Klingsohr beruhigt, den er mehrmals in Santa⸗Maria beſuchen wollte, endlich nur im Archiv des Vatican fand, wo Pater Se⸗ V 202 baſtus die deutſchen Schriften excerpirte, die Rom auf den Index ſetzt— Wohl eine Thätigkeit, die Bonaven⸗ tura an Benno's Wort vom Vatermorde erinnern konnte, deſſen dieſer den Sohn des Deichgrafen mehr bezichtigte, als ſeinen eigenen Vater, den Kronſyndikus... Klings⸗ ohr's demüthiger Brief aus San⸗Pietro in Montorio nach Robillante, den Lucinde damals beſorgen ſollte und beſorgt hatte, ſtand im auffallendſten Widerſpruch — mit einer Cigarre, die Pater Sebaſtus am offenen Fenſter in der Nähe der Loggien des Raphael zu rauchen wagte. Soviel ſtand feſt— die Si— tuation hier oben, dieſer Blick auf die Größe Roms, dieſer heraufſtrömende Duft aus den lieblichen Gärten des Vatican— es verlohnte ſich, mit dem deutſchen Va⸗ terland, mit Schiller, Goethe, Kant gebrochen zu haben .. Klingsohr analyſirte ſein Glück mit der ganzen Kraft der ihm zu Gebote ſtehenden poetiſchen Reproduk⸗ tion—... Die„dummen, albernen Wahngebilde“ in den Büchern vor ihm, die ewige Schönheit Ra⸗ phael's um ihn her— auch Lucindens beſeligende Nähe— alledem wußte der kahlköpfige, hektiſch huſtende Mönch goldene Worte zu leihen... Von Hubertus berichtete er, daß dieſer den Pilger von Loretto aus der Gefangenſchaft der Räuber mit Lebensgefahr befreit hatte, dann aber leider, den Verfolgern ausweichend, mit dem Geretteten nach dem Süden verſchlagen wäre... Hu— bertus unterhandelte damals mit dem General der Fran⸗ ciscaner um die Erlaubniß, in dem Kloſter San⸗Firmiano, am Eingang in den Silaswald, für immer bleiben zu dür⸗ fen und ſchon hatte ſeine Bitte die Unterſtützung Lucindens Rom auf Bonaven en konnte, dezichigte .Künge Montorio en ſollte derſpruch offenen phael zu die Ei e Roms, Gärten chen Va⸗ u haben ganzen deproduk ngebilde heit Ra— jſeligende huſtende zubertus aus der eit hatte, mit dem .5r er Fran irmiane, n zu dir⸗ zucindens 203 und Ceccone's gefunden— Beide waren froh, den Unheim⸗ lichen in der Ferne zu wiſſen... In ruhiger Ergeben⸗ heit ließ Bonaventura Klingsohrn die Gelegenheit, alle Erfahrungen ſeines Gemüthes gegen einen Mann durch⸗ zuſprechen, der ihm ſo mannichfach nahe ſtand Und wie orakelte Klingsohr!... Am längſten verweil⸗ ten ſeine Einfälle und Paradoxen diesmal beim Leben— der„Thierſeele“... Hubertus ſollte den Pilger mit Hülfe eines Hundes, ohne Zweifel des ſeinem Herrn bis nach Loretto und dann bis an die Bai von Ascoli nachgelaufenen„Sultan“ entdeckt haben... Den Pilger ſelbſt charakteriſirte Klingsohr als einen Deutſchen, der der alten Zeit des Turnerthums und der Romantik entlaufen wäre und„ſozuſagen Eichendorff ins Proteſtantiſche überſetzt hätte—“, wahrſcheinlich hätte er in Loretto „die Andacht ſtatiſtiſch ſtudiren“ und das hochheilige Wunder von der durch die Lüfte nach Loretto getragenen Heilandskrippe in der Darmſtädter Kirchenzeitung lächer⸗ lich machen wollen... Grizzifalcone hätte einen ſcharfen Blick verrathen, als er dieſen Mann zu ſeinem Schrei⸗ ber machte... Bonaventura hielt ſeinen heftigſten Zorn und Unwillen zurück und rühmte nur die Bildung des Verſchollenen.. Klingsohr räumte dieſe ein und erzählte: Als wir in einer Nacht im Walde campirten und ich nicht ſchlafen konnte, ſang er, neben mir im Mooſe liegend, ein pro⸗ vengaliſches Lied... Von einer edlen Dame, glaub' ich, der ein in den Kreuzzug ziehender Ritter ſeinen Hund und ſeinen Falken zurückläßt... Ich überſetzte es— glaub' ich: n 204 Weil ich Dich, Liebſte, laſſen muß, Wie darf ich je noch fröhlich werden! Nimm hin noch mit dem letzten Kuß Das Liebſte mir nach Dir auf Erden!—— Bonaventura ging dann erſchüttert... Er ſah ja den Abſchied des Vaters von Gräfin Erdmuthe... Als er erfahren hatte, daß ſich in Santa⸗Maria vielleicht eine Möglichkeit fand, mit dem Silaswald in Verbindung zu treten, als Klingsohr mit elegiſchem Aufſchlag ſeiner ſchwimmenden hellblauen Augen von Lucindens Macht und Einfluß und, Bonaventura's faſt ſpottend, von ihrer bal⸗ digen Grafenkrone geſprochen hatte, verließ er ihn, um ihn nicht wiederzuſehen... Klingsohr behandelte ihn, im Hinblick auf Lucinden, mit Vertraulichkeit, faſt Pro⸗ feckion... 8 Es währte eine halbe Stunde, bis Ambroſi, den er für fernere Nachforſchungen im Silaswalde zu intereſſiren hoffte, ſich ihm widmen konnte... Er ſah ſich die auch in ſeinem Wartezimmer befindlichen alten Marmorſärge an... Auf allen Verzierungen derſelben fanden ſich die nämlichen Embleme des Glaubens an Aufer⸗ ſtehung... In roher Darſtellung, ohne Zweifel von Fabrikhänden gefertigt, waren die Verſtorbenen als Jonas im Bauch des Walfiſches dargeſtellt, ein Mythus, der den Formen der Schönheit wenig entgegenkommt— ebenſowenig wie der auf allen Särgen wiederkehrende Fiſch, der in ſeinem griechiſchen Namen die Anfangs⸗ buchſtaben für Jeſus und ſeine Erlöſerwürde ausdrückt... Endlich erſchien der Cardinal... Bonaventura fand eine kleine Geſtalt, von weiblichweichen Formen, von einer ah ja den .Als a keicht eine erbindung ag ſeinet Nacht und ihrer bal⸗ ihn, um delte ihn, aſt Pro⸗ den er tereſſiren die auch morſärge fanden Aufer⸗ ifel von s Jonas zus, der umt— kkehrende Anfange rückt. ura fand von einer 205 noch ebenmäßigeren Schönheit, als ſie ihm oft war ge⸗ ſchildert worden... Ambroſi's Lächeln war fein, ſarka⸗ ſtiſch ſogar, ſeine Sprache ſanft und melodiſch.. Was er Bonaventura zur erſten Begrüßung ſagte, ſchien ein Herzensbedürfniß auszudrücken, das ſchon lange von ihm genährt wäre und in dem Wunſch nach inniger Bekanntſchaft mit einem Manne beſtünde, der einen Bi⸗ ſchofsſitz einnahm, der vor einem Jahre ihm beſtimmt geweſen... Nach Entſchuldigungen dann für die Eile, die die Verpackung des heiligen Xyſtus hätte, da ein Segelſchiff in Civita⸗ Vecchia nach Mexico bald die Anker lichte, nach den erſten ſchärferen Forſchungen in der Natur der beiden ſich in ihrem innern Grund bereits bekannten Männer, ſagte Bonaventura beziehungsvoll: Es weht mich aus dieſen Symbolen, ſo unſchön die Formen ſind und ſo— man kann wol ſagen, roh, einem Bauer gleich, die Geſtalt Jeſu abgebildet wird, doch eine ſeltſame Weihe an... Man ſieht einen nächt⸗ lichen Gottesdienſt geheimnißvoller Verbrüderung in einer unterirdiſchen Krypte... Die nahe Erwartung des Heils liegt in dieſen myſtiſchen Zeichen! ſprach Ambroſi und führte ſeinen Beſuch an den Steinſärgen entlang, auch an noch uneröffneten „Der Geruch in dieſen Sälen war peinlich genug; die Stimmung aller Anweſenden ſeltſam beklommen; nicht gerade des Moders wegen, ſondern wie im ver⸗ ſchütteten Pompeji nicht Ein Glasſcherben von den Ar⸗ beitern mitgenommen werden darf, ſo hier keiner dieſer einträglichen Knochen, die im Preiſe von Juwelen ſtanden 206 ... Ein Prieſter mußte den andern bewachen und die Wächter hatten wieder über ſich ihre Wächter... In der That— als wenn man eine Orphiſche Nacht⸗ religion mit geheimnißvollen Wunderzeichen dargeſtellt ſähe! ſprach Bonaventura, ſtaunend über die an den Särgen angebrachten Basreliefs... Der Cardinal unterrichtete ſeinen Beſuch über die neueſten Forſchungen in den Katakomben... Dann ſagte er: Die Gleichheit aller Särge und die gemeinſame Begräbnißſtätte erweckt die Vorſtellung von einer faſt familienartig zuſammenhängenden Gemeinde... Inzwiſchen wurden dem Cardinal eine Kerze und Siegelwachs entgegengehalten Ein großes Pet⸗ ſchaft zog er aus ſeinen Kleidern und verſah mit dem Wappen der gekreuzten Schlüſſel und der dreifachen Krone die Stricke und die Nähte der Emballage... Nachdem wollte der Cardinal ſeinen Beſuch in die obern Zimmer führen; wieder fand ſich eine Störung Gleichſam als käme alles zuſammen, was den Gedanken wecken mußte: Sind denn das nicht Heuch⸗ ler, die einen gottſeligen Sinn haben wollen und ſolchem Aberglauben huldigen?— traten ihm die Supe⸗ riorin, die Vicarin und Sacriſtanin der„Lebendigbe⸗ grabenen“ in ihren braunen Röcken und weißen Schleiern als Abgeordnete ihres Kloſters entgegen, um das Für⸗ wort des jüngſten der Cardinäle für die Heiligſprechung ihrer Mumie zu gewinnen... Sie verneigten ſich tief ... Ambroſi nahm ruhig ein Verzeichniß aller Wunder entgegen, die weiland Eunſebia Recanati ſchon bewirkt haben ſollte... n und die ſche Nacht ſtellt ſähen in Särgen ſüber die . Damn emeinſam einer faſ Kerze und oßes Pe zmit dem dreifachen ge ch in die Stbrung was der cht Heuch n ſolchen ie Supe ſebendigbe Schleien das Fü giprechun n ſich t r Wunde on bewie 207 Bonaventura ſah, daß Ambroſi nicht lächelte, ſon⸗ dern ernſt die Blätter überflog, ſie zu ſich ſteckte und die Angelegenheit der Nonnen zu prüfen verſprach... Beide begegneten ſich als katholiſche Prieſter... Beide waren erzogen und emporgekommen in ihrem Beruf... Jedenfalls kannten ſie keine Reform, als die auf Grund⸗ lage des katholiſchen Lebens... An einen Uebertritt zum Lutherthum denkt nicht der alleraufgeklärteſte, nicht der allerunabhängigſte unter den Katholiken... Als die Nonnen ſich entfernt hatten, ſaßen zwei Menſchen, Heilige, wie ſie oft genannt wurden, ſich gegenüber und forſchend ruhten auf einander ihre Blicke Der eine war ein Märtyrer des Duldens und ſtand deshalb jetzt erhöht... Der andere wurde immer ver⸗ folgt und entfloh nur von Würde zu Würde. gener ein contemplativer Charakter, dieſer zum Han⸗ deln und zur praktiſchen Bewährung geneigt... Die Ruhe beider die gleiche; beim einen war ſie ein Wachen wie über einen Schatz von ſchönen Hoffnungen, die alles Leiden endlich belohnen würden, beim andern wie über einen Schatz voll Ergebung, dem kein neues Leiden mehr eine Ueberraſchung bieten konnte... Ambroſi lobte Bonaventura's Eifer für die Waldenſer, nicht weil er ihre Lehre billigte, ſondern weil die Waldenſer ihre Rechte hätten... Voll Theilnahme und beruhigend ſprach er über den Eremiten, den er einen Landsmann des neuen Erzbiſchofs nannte und im Silaswalde wußte... Die Berichte, die er gab, beſtätigten, was Bonaventura inzwiſchen ſchon zu ſeiner Beruhigung erfahren hatte... 208 Als Bonaventura von Fra Federigo nähere Kunden zu hören wünſchte, wich allerdings ſein Gönner aus und rühmte nur— die Gegend um Robillante.. Auf einſamen Wegwanderungen hab' ich da die großen Begebenheiten kennen gelernt, die dem Einſamen Stoff zur Betrachtung geben— ſagte er... Mein erſtes Evangelium war tagelang ein Vogel oder eine Wolke ... Als ich ſpäter in die Schule, ins Seminar, ins Kloſter kam, fand ich freilich, daß ich infolge dieſes Träumens alles, was eine Unternehmung werden ſollte, linkiſch anfaßte; der Erfolg war immer kleiner, als meine Abſicht... Da begann ich nichts mehr und nun hatt, ich alles... Gefahrvoll für die Welt, griffe ſolcher Quietismus um ſich!... ſagte Bonaventura mit aufrichtigem Tadel... Darauf machte mich Fra Federigo aufmerkſam, dem ich mein Leiden klagte... fuhr der Cardinal mit voller Zuſtimmung, offenbar über ſeine Worte wachend, fort... Warum ſuchten Sie ihn auf?... fragte Bona⸗ ventura... Ich wollte deutſch von ihm lernen, um in die Schweiz zu reiſen... Ich brachte es nicht weit ... Ihre Heimatſprache iſt ſchwer und wir plauder⸗ ten wenig über die Grammatik, mehr über Gott und die Welt... Bonaventura ſah den Einfluß ſeines Vaters auf den jungen Theologen und fragte: Sie wußten, daß Sie mit einem Ketzer ſprachen?... ——⸗ 7 Kunden zus und da die linſame in erſte Velt ar, in e dieſe nſollt ls meine un hatt jetismus ichtigen m, den it volle wachend Bona in d 209 Das wußt' ich... Ich ging auch mit großer Angſt zu ihm... War ich aber bei ihm und es wurde Nacht und ich ging dann heim, ſo erſchien ich mir wie Jakob, der auf dem Felde einem Engel begegnete und im Nebel mit ihm rang... Ich kämpfte oft einen Rieſenkampf gegen dieſe mächtige Erſcheinung und doch ſuchte ich meinen Gegner wieder auf, gerade weil ich bei ihm die Kraft fand, um mit jenem Engel im Nebel, mit Gott zu ringen... Jeder Schlag, den ich von Gottes all⸗ mächtigem Geiſt empfing, verbreitete Kraft durch meine Glieder... Sie hatten Recht, mein theurer Bruder, ſich für dieſen edlen Landsmann zu verwenden... Ich denke, Sie ſind jetzt über ihn beruhigt?... Bonaventura's Bruſt hob ſich mit dem Gefühl der Beſeligung und zugleich der Spannung auf die Möglich⸗ keit, daß Ambroſi ſeine nähere Beziehung zum Eremiten kannte... Iſt es wahr, begann er nach einigem Schweigen, während deſſen ſeine Augen umirrten, daß Sie doch zuletzt vor ſeinen Lehren geflohen ſind?... Der Cardinal erröthete, wie öfters, ſo auch jetzt — gleich einem Mädchen... Dann wiegte er den ſchönen Kopf wie über die Seltſamkeit aller ſolcher Gerüchte und über ſein Antlitz verbreitete ſich ein mildes Lächeln. Er hatte geſchwiegen, aber ſeine Geberden ſagten ein Ja! und wieder auch ein: Nein!... Nur ein Italiener oder ein Orientale beſitzt die Fähigkeit eines ſo ausdrucks⸗ vollen Mienenſpiels... Ein Mönch zu ſein! fuhr Bonaventura beobachtend Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 14 210 fort. Konnte— Sie das ſo reizen— ſo zu den ſtau⸗ nenswertheſten Entbehrungen—?7.. Ein Mönch in alten Tagen, unteorkrach der Cardi⸗ nal die ihm dargebrachte Huldigung mit lächelnder Miene, war ein lebensmüder Einſiedler... In den unſern bedeutet er entweder weniger oder— mehr... Ich ſtellte mir mit meinem Verlangen nach Gott eine Aufgabe... Iſt es nicht mit unſerm ganzen Glauben ſo, daß wir unſere Schultern nur zum Tragen göttlicher und unſicht⸗ barer Dinge ſtärker machen wollen?... Dieſe Reli⸗ quien, dieſe Seligſprechung, von der Sie eben hörten— dieſe rechne ich auch zu dem, was mit dem Baldachin des Himmels, der Offenbarung, der Verehrung für über⸗ irdiſche Dinge überhaupt zu tragen iſt... Warum tragen wir es noch und handeln danach?... Noch? wiederholte Bonaventura... Ein flüchtiges Zittern bewegte die Augen- und Mund⸗ winkel des Cardinals... Wieder folgte ein vielſagendes Mienenſpiel, ein beredſames Schweigen... Wie mit plötzlicher Erleuchtung glaubte Bonaventura eine Viſion zu ſehen... Dieſer Prieſter, ſagte er ſich, iſt ein Schüler deines Vaters!... Alle Grundſätze deſſelben hat er eingeſogen!... Um ſie in die katholiſche Kirche einzuführen trachtete er danach, eine hohe Würde zu erklimmen, die ihm möglich machte, Reformator mit Erfolg zu ſein... Unter allen Mitteln, um zu ſteigen, wählte er das— eines Lebens der Asceſe... Bo⸗ naventura gedachte der Mahnung an die Eichen von Ca⸗ ſtellungo, an den Tag des heiligen Bernhard, an den Tag, wo Scheiterhaufen oder göttliche Läuterungsflammen der ſtau⸗ kardi⸗ Niene, deutet e mit wir ſſicht⸗ Rel⸗ en— in des über⸗ arum dund endes 2 mit giſton tein elben lliſche Lürde mator m zü .Bo nG Tag, i der 211 Kirche ſich erheben würden... Fiat lux in perpetuis! ſchwebte auf ſeinen Lippen... Schon wollte er die geheimnißvolle Loſung ausſprechen... Da fuhr der Wagen mit dem heiligen Kyſtus vom Hauſe ab... Nicht zu weit entfernt vom Sopha, auf dem ſie ſaßen, ſtand ein Tiſch, auf dem eine Anzahl jener gelben, wie Ockererde zerbröckelnden Reliquienknochen lag ... So mußte er ſeine Viſion wol als eine Vorſtellung des Wahns wieder von ſeinen Augen bannen.. Sie ſind befremdet, ſprach der Cardinal, der ihn ſo in Gedanken verloren fand, wenn ich Ihnen geſtehe, daß ich dieſem Ihnen vielleicht verdrießlich erſcheinenden Amte ſogar mit Liebe obliege?... Es erinnert mich doch gewiß an Eines— an den Tod, der unſer aller ſicherſtes Loos iſt... Aber dieſe Reſte der Vergangenheit verehren? ent⸗ gegnete Bonaventura mit wiederkehrendem Muthe... Sogar Wunder verlangen von dieſen— todten Knochen? .. Ich habe in meinem Wirken als Pfarrer und Bi⸗ ſchof die Reliquienanbetung— nie unterſtützt... Es war ein gewagtes Wort, das Bonaventura ge⸗ ſprochen—... Der Cardinal nahm es ruhig hin... Der Aufgeklärte und Denkende, ſprach er, wird immer trauern, wenn er ſieht, daß dieſen todten Reſten der Vergangenheit eine göttliche Ehre erwieſen wird .. Aber trägt man denn nicht auch den Ring einer Ge⸗ liebten, das Haar einer theuern Mutter, und treten Sie nicht mit feierlichem Gefühl in die Gruft der Scipionen, die Sie auf der Via Appia finden?... Iſt nicht der Beſuch der Gräber die heiligſte Gelegenheit, unſere 14* 212 irdiſchen Gedanken zu läutern und von uns ſo vieles abzu⸗ ſtreifen, dem wir allzu thöricht nachjagen?... So möcht' ich auch dieſe Gebeine, die man tauſend Jahre lang heilig hielt, nicht ſofort, wie die Sansculotten mit den Grä⸗ bern der franzöſiſchen Könige in Sanct⸗Denis thaten, auf die Straße werfen... Aber den wahren Sinn des Sicherinnerns im Kirchenleben wünſch' ich allerdings ge⸗ deutet und die Verehrung vor den Reliquien nur zu einer Sache der Dankbarkeit gemacht... Bewundert doch, möcht' ich rufen, den Zuſammenklang der Zeiten! Dieſe von uns fortgeführte Melodie alter Hoffnungen und Tröſtungen!... Wer kann die Heiligen mit einem Federſtrich tilgen! Sie leben ſo gut wie Chriſtus... Aber auch hier: Sie können immer mehr dem rein äußer⸗ lichen Bann ihrer Bilder entſchweben, können immer mehr in ihren irdiſchen Farben erbleichen und vergeiſtigt in die Herzen der Menſchen einziehen— das ſoll und muß und wird kommen—... Aber wie ſoll unſere Kirche dieſe Formen ſo ſchnell zertrümmern ohne Gefahr, auch das Gute zu verlieren, das ſich an ſie knüpft?... Zu⸗ mal in ſüdlichen Ländern, wo Jahrtauſende hindurch die Religion nur auf dem Weg der Phantaſie in die Her⸗ zen zog... Bonaventura ſah die Richtung ſeiner eigenen Stim⸗ mungen... Auch ihn band Pietät... Doch hatte ſein Glaube angefangen, alles auf die Bibel zu geben ... Und er ſagte dies... Sorgen Sie nur, daß ſie alle leſen können!... erwiderte der Cardinal mit einem Seufzer... Das Bild des Aberglaubens im Volke, der Unbil⸗ abzu⸗ möcht heilig Grä⸗ thaten, an des gs ge⸗ ur zu undert eiten! nungen einem 1 nußer⸗ mehr n die ß und dieſe h das Zu⸗ h die Her⸗ Stim⸗ hatte geben Unbi⸗ 213 dung der Maſſen lag nun ganz vor den beiden frei⸗ geſinnten Prieſtern... Ambroſi hörte die beredte Schilderung des Biſchofs, wie Deutſchland ſo weit voraus wäre... Wie Italien dagegen zurückſtand, zeigte die Erinnerung an die Gefangenſchaft Federigo's unter den Räubern— alle ihre Qualen verdankte der Unglückliche allein ſeiner Schreibekunſt.. So ſprachen beide noch lange fort und Bonaven⸗ tura ahnte die Erfüllung ſeiner kühnſten Träume in den Gedanken einer gleichgeſtimmten Seele... Die Formen der katholiſchen Kirche aufzugeben und ſo zu denken, wie Luther dachte, war ihnen nicht gegeben— ſie woll⸗ ten dieſe Formen zurückgelenkt ſehen in die Bedürf⸗ niſſe des Gemüths, dieſe geläutert durch einen Geiſt, deſſen allgemeiner Ausdruck die Anerkennung der bisher im katholiſchen Kirchenleben verpönten Bibel war. Im Haß gegen die Geſellſchaft Jeſu waren ſich beide gleich; beide gelobten, ſie mit allen Mitteln be⸗ kämpfen zu wollen... Das läßt mich meinen Krumm⸗ ſtab lieben, daß er in dieſem Feldzuge ein Commando⸗ ſtab iſt, keine ſchwache einzelne Kriegerwaffe—!. ſagte Bonaventura... Bald verrieth Ambroſi's leuchtendes Auge, daß auch ihm der Proteſt eines einzelnen Pfarrers oder Mönches nur ein Tropfen auf einen glühenden Stein war; das ziſcht auf und hinterläßt nichts, als ein wenig Rauch... In der Frage, die er dann an den Biſchof richtete, ob er dieſen oder jenen Namen der Hierarchie ſchon kannte, lag die Andeutung, wie ſchon die Zahl der Gegner Ceccone's und Fefe⸗ lotti's im Wachſen war... 214 Bonaventura verſprach, ſich den genannten zu nähern ... Die hohe Wonne, die dem Menſchen Uebereinſtim⸗ mung gewährt, verklärte ſein Angeſicht... Noch mehr, ſelten iſt das Glück gewährt, noch in ſpäteren Lebens⸗ jahren, in Stellungen, die den Anſchluß der Herzen nicht mehr erleichtern, eine Freundesbruſt zu gewinnen ... Das hob ihm jetzt die ſeinige... Das Geſpräch wurde lebhafter und zutraulicher... Dieſem Prieſter, den Bonaventura einen„heiligen Scheinheiligen“ hätte nennen mögen und mit mancher ähnlichen Erſcheinung der Kirchengeſchichte, mit Philippo Neri verglich, hätte er ſich ganz entdecken mögen... Kämpfend mit dem, was in ihm hindernd noch dazwiſchenlag und doch ſchon auf ſein Bedürfniß der vollen Hingebung zielend, ſagte er: So vieles in unſerm Glauben iſt wie die Beichte ... Auch ihr liegt eine Erfahrung des Gemüths zum Grunde, die ohne höhere Einbuße niemanden entzogen werden kann... Aber wie ſie jetzt beſteht, iſt ſie doch der unwürdigſte Zwang... Eine Zeit wird kommen, wo man erkennt, daß ſie dem Prieſter das Unmögliche zumuthet... Was drückt unſere innere Würde mehr als die Beichtbürden, die wir tragen, ohne das Gute befördern, das Schlechte, das wir erfahren, verhindern zu können... Wenn die Unmöglichkeit und der nothwendige Heuchelſchein des katholiſchen Prieſterthums erſt erkannt ſein wird, dann—... Bonaventura brach ab und erhob ſich, weil ein Ge⸗ räuſch vernehmbar wurde... Auch der Cardinal erhob ſich und betrachtete Bona⸗ ventura mit heißen, glänzenden Augen... nähern inſtim⸗ meht, gebens⸗ Herzen winnen eſprach rieſter, hätte einung ätte er n, was on auf e er. Beichte s zum atzogen ſie doch ommen, rügliche mehr Gute hindern nd del rthund in Ge Bona 215 Ich möchte nur von dem die Beichte hören, dem ich ſie ſelber ſpräche, ſagte er... Ein Austauſch des Vertrauens unter Freunden—... Ihnen—— könnt' ich wahr ſein—... wallte Bonaventura in ſeiner deutſchen, vom Herzen kommenden Regung auf und hielt dem Cardinal die Rechte hin... Der Cardinal nahm ſie zitterndbewegt—... Da trat einer der Caudatarien ein und erinnerte an die vorgerückte Stunde... Eine Sitzung des Conſi⸗ ſtoriums rief ihn ab... Der Caudatar ließ die Thür offen, durch die er ge⸗ kommen und wieder gegangen war, und harrte im Nebenzimmer... Es handelt— ſich heute— um Ihre Ernennung zum Erzbiſchof von Coni— ſprach Ambroſi tief bewegt. Sie ſollen an die Stelle Fefelotti's kommen... Bonaventura's Mienen drückten einen Schmerz aus, als trüg' er zu ſchwer ſchon an ſeinem gegenwärtigen Kleide des Neſſus... Der Cardinal winkte ihm— zu ſchweigen— Die Zahl der Diener, die draußen harrten, mehrte ſich... Denken Sie an Ihren Commandoſtab! ſprach er . Es muß ein Feldherrnſtab ſein—, den wir in unſern Händen haben! Was iſt ein— einzelnes Kriegerſchwert!... Der Ton dieſer Worte war ſo muthig, ſo offen— daß Bonaventura ſeine Viſion beſtätigt ſah... Ambroſi hatte Jahre lang ſich ſelbſt getödtet, um eine Aufer⸗ ſtehung zur That zu feiern... Kein Zweifel, daß dieſe Annahme die richtige war... Und nun hätte er weiter 216 forſchen, von ſeinem Vater beginnen mögen, fragen, ob nie über deſſen Herkunft, über deſſen frühere Verhältniſſe von ihm geſprochen wurde— nur ſeiner Mutter wegen hemmte er den Drang der Mittheilung, der immer höher ſtieg— Endlich begann Ambroſi, der Umgebang lauſchend, von gleichgültigen Dingen... Ein Schim⸗ mer von Liſt ſogar blitzte aus ſeinem Antlitz... Einige Worte wagte er in deutſcher Sprache; ſeine Gedanken wurden nicht klar; er ſprach wieder italieniſch... Aner⸗ kennend urtheilte er von Klingsohr's Gelehrſamkeit... Vom Bruder Hubertus ſagte er: Dem kommt es zu ſtatten, daß der geiſtliche Stand im Süden Europas etwas anderes iſt, als im Norden ... Unſere Mönche ſind ſchwer an ihre Regel zu bannen... Sie ergreifen jede Gelegenheit, ihrem Temperament zu folgen und viele gibt es, die immer unterweges ſind... Aufträge gibt es genug und wenn ſonſt kein Entſchuldigungsgrund vorliegt, wird dem Drang zum Betteln als einer heiligen Vocation Ge⸗ hör gegeben... Ich war zugegen, wie der Todten⸗ kopf den Auftrag erhielt, den Biſchof von Macerata zu befreien, und noch dringender, den Gefangenen des Grizzifalcone, den Pilger von Loretto... Eines gelang ihm durch Liſt, das andere, hör' ich, durch wun⸗ derbare Abenteuer, an denen— ſogar die Treue eines Hundes betheiligt iſt... Der Cardinal erzählte, was Bonaventura durch Klingsohr wußte... Die Vertraulichkeit kehrte wieder ganz zurück... Mit leiſer Stimme gaben ſich dieſe Gefangenen ihrer Würde der Geſtändniſſe immer mehr. Ambroſi gab die Beſtä Benn die d erha daß Dop en, ol ältniſſ wegen imner gebung Schim⸗ Ennige danken Aner⸗ ... Stand ſorden gel zu ihrem mmer wenn ) dem n Ge⸗ lodten⸗ ata zu des Eines wun⸗ eines „was Mt würde b die 217 Beſtätigung der Schilderungen, die Bonaventura von Benno nach ſeiner Befreiung von Frankreich aus über die Loge bei Bertinazzi und den Brief Attilio Bandiera's erhalten hatte... Bonaventura hörte die Vermuthung, daß ſein unglücklicher Vater in ſeiner Gefangenſchaft die Doppelrolle Grizzifalcone's hatte unterſtützen müſſen, die Dienſte, die er dem Fürſten Rucca im Interreſſe der römiſchen Finanzen und die er dem Cardinal Ceccone im Intereſſe der Politik leiſten ſollte... Nur ange⸗ deutet zu werden brauchte dieſe Vermuthung, um auch die Gefahr auszuſprechen, in die ſich Federigo geſtürzt haben würde, wenn er, durch die Kunſt der Feder⸗ führung zum Vertrauten des verſchmitzten, beutegierigen Räubers geworden, nach Rom gekommen wäre und ſeine Geſtändniſſe wirklich dem alten Rucca hätte aus dem Gedächtniß wiederholen wollen... Ich würde ſagen, ſchloß der Cardinal, vom erglühten Aufhorchen ſeines Beſuches nicht zu auffallend befremdet, ich würde ſagen, beide, der Gefangene und ſein muthiger Befreier, verabſcheuten die Rückkehr in eine ſo verderbte Welt, wenn nicht auch der ſtille Waldesfriede, den ſie dann gefunden haben, wiederum von menſchlicher Verworfen⸗ heit wäre heimgeſucht worden; man ſagt, daß im Silaswald der von Grizzifalcone angelegte Verrath zum Ausbruch kam und auch dort der muthige Mönch ſeine Miſſion der ſtrafenden Gerechtigkeit an einem der ge⸗ dungenen Verräther vollziehen konnte... Bonaventura hörte zum erſten mal von den näheren Umſtänden, unter denen die Invaſion der Bandiera geſchei⸗ tert war... Bisher hatte er nur gewußt, daß die kleine 218 Schaar durch einige aus ihrer Mitte verrathen wurde... Die Caudatarien hatten ſich zurückgezogen, blieben jedoch hörbar... Der Cardinal ſah auf die Uhr... Er hatte nur noch einige Minuten Zeit... Wir ſehen uns leider ſo bald nicht wieder! ſprach er mit Trauer... Ich muß einige Tage von Rom fort und auch Sie werden Eile haben, in Turin die Wünſche des Conſiſtoriums früher geltend zu machen, ehe dort die Intriguen Fefelotti's ankommen... Laſſen Sie ſich's nicht verdrießen, daß Ceccone es iſt, der Ihre Erhöhung fördern muß...„Die Gottloſen richten ihre Schemel auf und erheben nur die Gerechten“... Nicht wiederſehen— Nach Turin eilen— dachte Bonaventura mit Schmerz und ſtand im Kampf mit ſich ſelbſt... Sollte er dem Cardinal ſagen, daß es auch ihn aufs mächtigſte nach dem Silaswalde zog? Aber— wie konnte er es— da ſein Vater offenbar nur vor ihm, nur vor ſeines Sohnes wunder⸗ barer Verpflanzung nach Robillante geflohen war... Cardinal Ambroſi ſagte, daß er nichts unterlaſſen würde, ſich durch die Klöſter über Federigo’s Befinden zu unterrichten und dann ſeinem muthigen Vertheidiger über ihn Kunde zu geben... Ohne das mindeſte Anzeichen, als wäre ihm Federigo's näheres Verhältniß zu ſeinem Beſuche bekannt, kam er wieder auf ſeine Heimat und ſeinen eignen Vater zurück... Dieſer war ein Lehrer der Mathematik auf dem Lyceum zu Robillante geweſen, hatte eine Alpenreiſe gemacht, war nicht wiedergekehrt und nie wieder aufgefunden worden... Um im Berner errathen blieben r.. ſprach er zn Ron. urin die machen, . Laſſen iſt, der nrrichten 1, dachte npf mit daß es de zog⸗ n Vater wunder .. terlaſſen nden zu ger über nzeichen ſeinen nat und n Lehrer geweſen ergekeht ꝛBerrer 219 Oberland, wo er Höhenmeſſungen hatte vornehmen wol⸗ len, Spuren ſeines Verbleibens aufzufinden, hatte der junge Student des Seminars von Robillante bei Federigo Deutſch lernen wollen... Die Reiſe, die er dann wirklich gemacht, war ohne Erfolg geblieben... Bonaventura, der dies Verhältniß nie ſo vollſtändig überſehen hatte, wie nach dieſer Erzählung, ſtand wie an einem Abgrund... Warum nur trat ihm die furchtbare Morgue auf dem Sanct⸗Bernhard vors Auge!... Er gedachte: Wie muß dieſe Eröffnung des jungen Mannes damals auf den Vater gewirkt haben, der eine mit dem Vater des Cardinals ſo ganz gleiche Lage— nur fingirt hatte—... Federigo konnte damals— wol noch nicht lange— bei Caſtellungo ſein—? fragte er... Als ich ihn zuerſt ſah?... Als Ihr Vater vermißt wurde—. Einige Wochen erſt... Sprach Ihnen— Federigo— nie— von den Ge⸗ fahren des Schnees— denen auch— Er—?2... Ambroſi blieb dem plötzlich ſtockenden Wort ein unbe⸗ fangener Hörer und verweilte nur bei ſeinem eigenen Leid... Ohne Mutter, ohne Verwandte, wär' er nur der Zögling der Liebe ſeines Vaters geweſen... Als er ihn verloren, hätte er ein Gefühl der Theilnahme bei allen gefunden; doch ein ſolches, das ganz ſeinem Schmerze gleichgekommen, nur bei Federigo... Dieſer Edle hätte ſeine Thränen aufrichtig zu denen gemiſcht, die er ſelbſt vergoſſen... Er hätte ihn ſeinen Sohn genannt—... 220 Bonaventura ſtand über eine dunkle Ahnung zitternd... tt le Er verſicherte mich, fuhr Ambroſi, des Sichabwendens ſcholl ſeines Beſuchs nicht achtend, fort, für beſtimmt, daß mein Vater todt wäre, er ſäh' es im Geiſt,— doch ſollte ich 1 ihn nur aufſuchen... Verlorenes, wenn auch Un⸗ aus 1 wiederbringliches ſuchen wäre ſo gut wie es finden— ſond wenigſtens fände man anderes, neue Schätze...— Seine Thränen deutete mein Gönner nicht allein auf broſt die Theilnahme für den Vater, ſondern auch auf die n il Erkenntniß, daß auch ihm aus tiefſter Reue über ſeine am begangenen Fehler, aus Suchen nach ewig Verlorenem e. erſt die Kraft der Erhebung geworden wäre... der Bonaventura verbarg die Thränen in ſeinem Auge— das er verrieth nichts von einer Ahnung, daß des Vaters du g fingirter Tod— wol gar mit dem wirklichen Tode des Enſſe Profeſſors Ambroſi zuſammenhing... Wenn hier eine Er 4 Schuld des Vaters vorläge? dachte er ſchaudernd... ihm Seine Hände zitterten... Das erbrochene Grab des an 5 alten Meviſſen, die aufgefundenen Angedenken, die Urkunde und Leo Perl's, alles trat ihm geſpenſtiſch entgegen... auf Sein Vater— konnte doch— kein— Verbrecher güb ſein—!... er Iſt Ihnen nicht wohl? fragte Ambroſi, ihm näher tretend... Er Bonaventura hätte ſich ihm an die Bruſt werfen, ver alles offenbaren, alles von ſich und von ſeinem Vater T eingeſtehen mögen... Aber dieſe neue Verwickelung ſei 4 4 wieder— war zu beängſtigend— ſie zwang ihn, ſeine bli Worte zu hüten... Nachdem er ſein Befinden als B wohl bezeichnet, wagte er noch ein Entſcheidendes, indem di ternd.. wendens aß mein ſollte ich uch Un⸗ den— ein auf auf die er ſeine lorenem luge— Vaters de des er eine d... rab des Urkunde ... brecher näher werfen, Vater icellung , ſein en alt indem 221 er leiſe, gleichſam nur in Hindeutung auf den ver⸗ ſchollenen Vater Ambroſi's, die Worte ſprach: Räthſel— Räthſel... Fiat lux— in perpetuis!... Eine Bewegung in den Mienen des Cardinals blieb aus... Sein Antlitz blieb ruhig... Von einem be⸗ ſondern Sinn dieſer Worte ſchien er nicht betroffen... Nun mahnten die Caudatarien wiederholt... Am⸗ broſi mußte Abſchied nehmen und ſofort für längere Zeit, da ihn unmittelbar nach dem Conſiſtorium Ausgrabungen am untern Lauf der Tiber zu einer Reiſe veranlaßten ... Noch ſprach er ſein ſichres Vertrauen aus, daß der an die Krone von Piemont gehende Vorſchlag, das Erzbisthum Coni an den Biſchof von Robillante zu geben, Erfolg haben würde— rieth aber, nach dem Entſchluß des Papſtes ſofort nach Turin zu reiſen. Er wünſchte Bonaventura Glück und trennte ſich von ihm, nur noch mit einer bedeutungsvollen Erinnerung an die einſt zwiſchen ihnen auszutauſchende Freundesbeichte und einer vollkommen unbefangenen Verſicherung, daß es aufgeklärte, brave und wohlwollende Prieſter auch in Rom gäbe... Ueber den Eremiten im Silaswalde würde er ihm unfehlbar binnen kurzem nach Coni ſchreiben... Bonaventura wurde vom apoſtoliſchen Stuhl zum Erzbiſchof von Coni vorgeſchlagen... Auch Ceccone verlangte, daß er, um Intriguen vorzubeugen, ſofort nach Turin eilte... Den Cardinal Ambroſi hatte Bonaventura ſeitdem nicht wiedergeſehen... Aber ihr Briefwechſel blieb der lebhafteſte, blieb die Fortſetzung ihrer erſten Begegnung... Bonaventura ſah das Wachſen des Lichts und der Aufklärung auch in Italien... Ambroſi 222 geſtand in aller Offenheit, daß ſchon lange und noch immer eine fortgeſetzte Beziehung zwiſchen ihm und Frä Federigo beſtand... Aber das Wort deſſelben: Er beſchwöre den Erzbiſchof von Coni, bis zu einer beſtimmten Zeit ſeiner Spur nicht zu folgen! wurde von ihm ohne die mindeſte Ahnung der Verwandtſchaft wiederholt; es wurde nur auf die Lage des Erzbiſchofs, ſeine Theilnahme für einen Deut⸗ ſchen bezogen... Unterwarf ſich Bonaventura dieſem Be⸗ fehl?... Die That eines Mannes, ſagte er ſich zuletzt über dieſe ſchmerzliche Lücke ſeines Lebens, darf nicht halb ſein... Darf ich den Vater hindern, ſeinen Ausgang aus dem Leben ſo weit zu vollenden, als er ihm ohne den Selbſtmord möglich ſchien?... Noch lebt die Mutter .„Es iſt eine der grauſamſten Handlungen, die es geben kann, jemand an einem ſchon begonnenen Selbſt⸗ mord hindern“, hatte ihm der Onkel Dechant geſchrieben und noch in dem letzten, theilweiſe Armgart dictirten Briefe an Bonaventura ſtand:„Ich nehme dein Ehren⸗ wort, Bona— nehme es nicht vom Prieſter, ſondern vom Aſſelyn, daß du vor dem Tod deiner Mutter den Eremiten vom Silaswalde nie ſuchſt— nie kennſt—“... Bonaventura gelobte es... Sein Brief kam zwar nach Kocher am Fall zu ſpät, das Gelöbniß blieb aber gegeben. Mit Freuden riß ſich damals der ſo mannichfach gebundene und durch ſeinen Beruf, durch das ihm auch in Rom geſchenkte Vertrauen ſo mannichfach willensunfrei gewordene Prieſter von der ewigen Stadt los... Er ſah die Leidenſchaft Olympiens für Benno— er ſah die Ausſöhnung der ihm ſchon in Wien nur wenig ſympe Er ſ lano zu komn wol Man verſu haſſen überr lich? oder h immer Federig wöre den eit ſeine mindeſte enur auf en Deut⸗ eſem Be⸗ h zuletz icht hall Ausgang ohne den Mutter die ei Selbſt⸗ ſchrieben dictirten n Chren⸗ ſondern Nutter — ai in Brii Helübri mnichfac ihm auc ensunfte F C er ſe ir wen ſympathiſchen Mutter mit ihren ärgſten Feindinnen... Er ſah die Zurüſtungen der Reiſe, durch die Erco⸗ lano Rucca„an die Bruſt ſeines beſten Freundes zu gelangen“ wünſchte... Er ahnte alles, was kommen mußte, las es aus den Mienen Lucindens, die wol auch ganz offen ſagte:„Benno liebt ja Olympien! Man liebt mit Leidenſchaft nur das, was man verſucht ſein könnte unter andern Umſtänden zu haſſen! Er ſieht alle ihre Fehler, aber er wird ſich überreden, ſie verbeſſern zu können. Und iſt es unmög⸗ lich? Wir Frauen ſind die Erzeugniſſe unſeres Glücks oder unſeres Unglücks!“... Bonaventura traute Lucinden mit dem Grafen Sarzana, nachdem er die Bedingung gemacht, daß ihm Beichte und Examen(beide müſſen jeder Trauung voran⸗ gehen) vom Pfarrer der Apoſtelkirche, der die Ceſſion gegeben, abgenommen wurde... Wie traten ihm die Stimmungen jener Tage aus dem Briefe wieder entgegen, mit dem Lucinde ihr heutiges Geſchenk begleitet hatte!... Grade heute hatte ſie ihm geſchrieben:„Dieſer Sarzana! So hat er denn die Glorie ſeines Lebens gefunden, der tückiſche Schurke, den ſie in die Grube geworfen haben ordent— lich mit Ehren! An den Galgen gehörte er von Rechts wegen— wenn ich auch die Poſſe mitmachen und ihm durch eine Beiſetzung eine anſtändige Entſühnung geben will... Ich beſchwöre Sie, mein hochverehrter Freund! Laſſen Sie doch von nun an Ihre kleinen Fehden gegen den Geiſt der Zeit! Mit unverſöhnlicher Macht ergreift Rom jetzt die Zügel und ich weiß, es wird b 1 4 4 1 3 — 224 niemand mehr geſchont werden! Der Schrecken wird die Welt regieren— und es iſt gut ſo, denn die Tyrannen hab' ich immer menſchlicher gefunden, als die Philoſo⸗ phen, die Humanitätsſchwärmer, die Tugendhelden, die Volksfreunde, die Aufklärer, die Pietiſten, die Gensdarmen, die Vertreter der unendlich ſuffiſanten Ordnung und Rich⸗ I tigkeit des Lebens— die fand ich immer grauſam, herzlos und da, wo ſie recht tüchtig Widerſtand finden, recht feige und erzdumm... Denken Sie nur allein an die Intrigue, die mich damals zur Gräfin Sarzana machte— muß man nicht das italieniſche Volk gehen laſſen, wie es iſt? Eine Beſtie iſt's und zum Gehorchen beſtimmt... Und, 1 mein Freund— die Kirche! Ich begreife in der That Ihr Reformen nicht!... Die katholiſche Kirche iſt gerade 4 darum ſo ſchön und rührend, weil ſie ganz und gar eine Antiquität iſt. Mir iſt ſie nun auf die Art geradezu eine wurmſtichige alte Kommode geworden, in der ich meine liebſten Siebenſachen, meine alten verblaßten Bänder, meine alten zerknitterten Ballblumen liegen habe... Aus meinem im Herzen noch manchmal wiederkehrenden Frühling leg' ich dann und wann eine Roſe in die alten Schubläden hinein und deren Duft durchzieht dann die alte beweinenswerthe 4 6 Herrlichkeit... Ein bischen moderig bleibt's immer, nun ja! aber der Duft der Roſe dringt doch auch in das alte, wurmſtichige Holz mit den meſſingenen Ringen und ſchnörkligen Schildern dran ein— ach! auch ſchon manche Thräne iſt mir in den alten Rumpelkaſten gefallen... Laſſen Sie doch Ihre Principien, hochverehrter Freund! Der alte Gott ſorgt ja ſchon ſelbſt für ſeine Anerken⸗ 4 nung!... Der Vernünftigſte, den ich ſeit lange be⸗ wird die hrannen Philoſt den, die Sdarmen nd Rich herzlos cht feige Intrigue, — uuf ees iſt⸗ .. Und hat Ihr gerade gar eine ſezu eine ch weine er, meine zmeinen ling leg in hinein swerthe ner, nun das alt gen un manch allen. Freund Anerte ange d 225 obachtet habe, war Ihr Vetter Benno, von dem ich gar nicht einen ſolchen Cäſar Montalto erwartet hätte— den dummen Rückfall ausgenommen, der ihn nach Rom unter die Narren von 47 trieb!... Glauben Sie mir, er hat in Paris und London glückliche Stunden verlebt; er nahm, was ſich ihm bot, und reflectirte nicht... Kommen Sie nun auch endlich einmal ordentlich nach Rom? — Sie müſſen Cardinal werden, und mehr! Nur be⸗ ſchwör' ich Sie, machen Sie es einſt, wenn Sie die dreifache Krone tragen, wie es alle machten, nicht etwa wie unſer jetziger Phantaſt, der ſich auf den Vatican, die Hochwarte des wenigſtens mir ſicher bekannten Univerſums, wie ein Kind hinſtellen und aus einem thönernen Pfeifen⸗ ſtummel Seifenblaſen puhſten konnte!... Wie leben Sie denn, mein hochverehrter Freund?... Iſt die alte Gräfin auf Caſtellungo entſchlafen in jenem HErrn, bei dem nur ſie allein courfähig war?... O, des Hochmuths dieſer Frommen!... Finden Sie nicht, mein hochver⸗ ehrter Freund, daß Jeſus in den Evangelien eigentlich nur recht bei denjenigen ſteht, die ſich gegen Geſſetz und Regel auflehnen, tief in der Irre gehen und mit den reſpectabeln andern Leuten auf geſpanntem Fuße le⸗ ben?... Rauft einer am Sonntag Aehren aus, gleich entſchuldigt er ihn; wäſcht ihm eine Frau die Füße mit koſtbaren Salben, gleich ſagt er: Laßt doch die gute Närrin! Alles, was Jeſus that, war, wie's die andern Leute nicht thun—... Und das wäre denn der Herr für dieſe wohlanſtändigen, vornehmen Seelen, deren Sünden höchſtens Neid und Hochmuth ſind? Nimmer⸗ mehr!... Auch das hat mich katholiſch gemacht, daß Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 15 226 mein allerſüßeſter Jeſus Mein ganz aparter Freund iſt... Im Dunkel einer kleinen Kapelle, da ein Gekennzeich⸗ neter, ein polizeilich Verfolgter, vom vornehmen Phari⸗ ſäervolk Geſteinigter wie ich, gehört er ausſchließlich Mir an... Vor dem dunkelſten Altar, da, wo von einem Crucifix, von einem ſchlechten Tüncher geklext, die Tropfen Blutes am Haupt und in der Seite, zum Greifen dick, herunterfließen, da hab' ich den Liebling meiner Seele und hör' es, als ſagte er: Lucinde— Alte, wie geht es dir? Biſt du immer noch in der Irre, immer noch unver⸗ ſtanden und ohne Herzen, die dich lieben?... Das iſt wahr, vor der allerſeligſten Jungfrau, zu der Sie mir vor langen Jahren riethen, mich beſonders ver⸗ trauensvoll zu beugen, vor Maria entzündet ſich noch immer nicht ganz mein Herz, wie ich möchté... Ach, die Königin des Himmels hat einen Sohn verloren, hat den geläſtert geſehen— das ſind gewiß, gewiß große Lei⸗ den— aber ſie ſelbſt litt nicht viel unter Läſterungen... Maria iſt noch immer meine Feindin, wie alle Frauen . Grüßen Sie Paula, die ich mehr liebe, als ſie glaubt... Hindern Sie den Grafen nicht, katholiſch zu werden... Es wird ſich dann alles zwiſchen Ihnen leichter machen... Die katholiſche Religion iſt die der menſchlichen Schwäche— und eben in ſeiner Schwäche liegt die Größe des Menſchengeſchlechts...“ Jahr ein, Jahr aus kamen dieſe Ausbrüche einer erbitterten Welt- und Lebensanſchauung... Näherer perſönlicher, ſo innigſt von ihr geſuchter Umgang war ihm mit Lucinden vor einigen Jahren in Coni unmög⸗ lich geweſen— eben durch die Art, wie ſich ihre Denk⸗ diiſt.. ennzeich⸗ Phar⸗ ſchließlic on einem Dopfen fen dic eele und es dir⸗ ˖unver⸗ . Das der Sie rs ver⸗ ch noch „Ach, ten, hat koße Lei⸗ igen.. Frauen als ſie atholiſch Ihnen die der zchwüch he einer Näheret ng we unmäx e Den 227 und Gefühlsweiſe mit einer ſcheinbar tiefüberzeugten Art, allen, ſelbſt den bigotteſten Vorſchriften der Kirche nach⸗ zukommen, vertrug und wie ſie ihm dadurch den katholiſchen Glauben, dem er immer noch ſein Tieferes und Beſſeres abzuringen ſuchte, ganz verhaßt machen konnte. Unrichtig getauft zu ſein hatte Bonaventura nur damals ſchrecken können, als er es zuerſt erfuhr und das Bekenntniß eines verbitterten Hypochonders in den Händen einer rachſüchtigen Feindin wußte... Dieſe Feindſchaft hatte ſich durch Paula's Heirath, durch Lucindens nothwendig gewordene Beichte zu Maria⸗ Schnee in Wien gemildert, ja ſie hatte wieder der alten Hoffnung und dem alten Werben um Bonaventura's Liebe das Feld geräumt... In Bonaventura's Innern gingen ſoviel Veränderungen vor, daß ihm an ein Ver⸗ hältniß, das er nur zum größten Triumph derjenigen Richtungen hätte aufklären können, die er bekämpfte, die Gewöhnung kam... Einen Augenblick, der in den immer höher geſteigerten Wirren der Zeit einſt ihm noch kommen müſſe, einen Augenblick großer Entſcheidungen dachte er als ihm ganz gewiß beſchieden. Dann wollte er zur Widerlegung des tridentiniſchen Concils ſich erheben und ſagen:„Prieſter oder Gott— das iſt die Frage! Hat Chriſtus ſeine Vertretung in der Gemeinde oder nur im geweihten Vorſtand derſelben? Kann der Wille eines ſchwachen Menſchen deshalb, weil er geſalbt wurde, die Menſchenſeele zu ſeinem Spielball machen? Seht, ich bin getauft nach allen Regeln der apoſtoliſchen Einſetzung der Taufe! Und doch, doch bin ich ein Heide, wenn unſere Seele von Prieſtern abhängt! 15* 228 Unſere Kirche ſteht und fällt mit der Entſcheidung über mein Lebensſchickſal!“... Dann ſich denkend, daß alle ſeine Würden von ihm niedergelegt werden müßten, alle kirchlichen Acte, die er vollzogen, für ungültig erklärt, ſich vorſtellend, daß er in ein Kloſter gehen, ſich neu taufen, neu weihen laſſen müßte, fühlte er das mächtigſte Verlangen, bei irgend einer großen Kriſis der Zeit ſeine Lage ſelbſt zu offenbaren... Einſtweilen hatte er Leo Perl's Beiſpiel befolgt und eine Urkunde auf⸗ geſetzt, die nach ſeinem Tode erbrochen werden ſollte In ihr hatte er ſeinen Fall ausgeführt... Noch wußte er nicht und kämpfte mit ſich, ob er dies Bekenntniß in die Hände des römiſchen Stuhls ſelbſt oder nur in die ſeiner näherverbundenen Freunde legen ſollte... Innerlich war er mit ſich im Reinen— er verachtete den Spuk des Zufalls... Nur der höhnende Schatten deſſelben konnte ihn zuwei⸗ len ſchrecken— Lucinde... Aber ſelbſt als ſie von Ca⸗ ſtellungo im äußerſten Zorn damals geſchieden war, ſelbſt da hatte ſie zu Bonaventura, der ſie, um Abſchied von ihr zu nehmen, im Kloſter der Herz⸗Jeſu⸗Damen beſuchte, auf ein Käſtchen gedeutet und verſöhnt geſagt:„Dort liegt mein Teſtament! Sie überleben mich und ich vermache Ihnen alles, was ich hinterlaſſe— cum beneficio inventarii — meinen Schulden! Sie finden Serlo's Denkwürdig⸗ keiten, die, wie ich Ihnen ſchon vor Jahren ſagte, die Schule meiner Kunſt wurden, Leiden zu ertragen. Glauben Sie mir, Thomas a Kempis war nichts als der geiſtliche Serlo und Thomas a Kempis hat ganz die nämliche Philo⸗ ſophie, nur daß der Mönch ſeine Verachtung der Welt und ng über daß alle ten, alle erklär ſich neu dächtigſt eit ſeine hatte de auf n ſollte t.. er dies s ſelbſt e legen er zuwei von Ca⸗ t, ſelbſt von ihr hte, auf gt mein Ihnen ventarll würdig gie, de Hlauben geſſlih Philo zelt un 229 Menſchen in religiöſe Vorſchriften kleidete... Wenn Thomas a Kempis anräth, Gott zu lieben, ſo wollte er nur wie der Schauſpieler Serlo ſagen: Verachtet die Welt und die Menſchen!... Dann finden Sie— noch—“ ſetzte ſie ſtockend und leiſe hinzu:„die Hülfsmittel jener— Rache, die ich Ihnen einſt in einem kindiſchen Wahnſinnanfall geſchworen hatte —... Und die Sie noch immer nicht Ceccone oder Fefelotti auslieferten? warf Bonaventura ein ... Lucinde erhob ſich, nahm einen Schlüſſel, der an dem immer auf ihrer Bruſt blinkenden goldenen Kreuze hing, ging an ihr Käſtchen und ſchloß es auf... Nehmen Sio, ſagte ſie und deutete auf ein gelbes, vielfach gebrochenes großes Schreiben mit zerbröckeltem Siegel... Es war ein Moment, an den Bonaventura oft zu⸗ rückdenken mußte... Damals drängte ſich alles zu⸗ ſammen, was oft ſo centnerſchwer auf ſeiner Bruſt lag und nun— ein Augenblick der ſeligſten Erleichterung—! ... Aber wie ein Blitzſtrahl fuhr es auch zu gleicher Zeit durch ſein Inneres: War und iſt dein Leben und Ringen wirklich nicht mehr, als die Furcht vor dieſem zu⸗ fälligen Verhängniß? Biſt du nicht Herr deines Willens, Schöpfer deiner Freuden und Leiden? Wie kannſt du er⸗ bangen vor einer Anklage, die du verachteſt, weil ſie die teufliſche Verhöhnung der chriſtlichen Idee iſt?... Bonaventura wandte ſich und ſagte: Behalten Sie!... Lucinde verſtand dieſe Weigerung im Sinn eines ihr geſchenkten Vertrauens und wurde davon ſo überwältigt, daß ſie eine Weile hocherglühend und in zitternder Un⸗ entſchloſſenheit ſtand, dann ihr Knie beugte und ſich 230 vor Bonaventura zur Erde niederließ... Gräfin, laſſen Sie! bat er erbebend und der alten Scenen gedenkend... Lucinde neigte den Kopf bis auf ſeine Füße... Ein in der Nähe entſtandenes Geräuſch mußte ſie beſtimmen, ſich zu erheben... Man hörte Schritte... Noch ehe ſie den Schrein geſchloſſen, den Schlüſſel wieder zu ſich geſteckt hatte, trat die Aebtiſſin der Herz⸗Jeſu⸗Damen ein, die nicht verfehlen wollte, dem Erzbiſchof bei ſeinem Kloſterbeſuch die ſchuldige Ehrfurcht zu bezeugen... Einige Zeit nach einem ihm unvergeßlichen Seelenblick, den damals Lucinde auf ihn warf, war es Bonaventura, als fand ſich in den Drohungen Sturla's, der von Genua kam, ein Anklang an die Urkunde Leo Perl's... Doch konnte er ſich auch irren... Der kecke Jeſuit hielt ihm ein Bild der deutſchen Geiſtlichkeit vor, deſſen Züge auf den fremden Eindringling paſſen ſollten, und unter anderm lief die Bemerkung unter:„Unglaublich, was die Ar⸗ chive Roms von Deutſchland mittheilen könnten, hätte nicht die Kirche vor allem an ihren eigenen Organen Aergerniß zu vermeiden!“... Wie bitter, und ſogar triumphirend waren im Briefe Lucindens die Andeutungen über Paula!... Auch er fühlte es ja nach, was die lutheriſchen und abgefallenen Freunde der Familie oft genug unter ſich ſagten: Solch ein unnatürliches, jede Empfindung verletzendes Ver⸗ hältniß iſt nur auf katholiſchem Gebiete möglich!... An ſich, vor den Augen der Welt war jede Rückſicht auf Misdeutung gewahrt— Paula war die Nichte des Kron⸗ ſyndikus, Bonaventura der Sohn des Präſidenten, ihres Vetters— die Verwandtſchaft war die allernächſte des n, laſſen ſeend. lin in de ſich) he ſie der h geſtec men ein i ſeinen gen.. eelenblic aventura eon Genui .Dol ihm ei auf den andern die A en, hätt Organe m Brief Auch? efallene n: Gelt des Ver ch!. ſſicht 1 des Ke en, ihre ächſted 231 Blutes und Graf Hugo durfte, ohne Anſtoß zu er⸗ regen, in Coni einen ſchönen Palaſt bewohnen, wo im Kreiſe einer Geſelligkeit, die Paula mit Mitteln zu unterhalten wußte, die ſich ihr in dem fremden Lande mit ſonſt nicht gewohnter ſicherer Beherrſchung zu Gebote ſtellten, allabendlich der Erzbiſchof verweilte Mieiſt war Muſik das Organ der Verſchmelzung oft ſchroffer Gegenſätze, ja Paula wurde erfinderiſch und ergab ſich jenem ſchönen Triebe, nach⸗ und voraus⸗ zudenken allem, was über rauhe Stunden des Lebens zerſtreuend hinweghelfen kann... Aber ein Vorwurf des Gewiſſens fehlte nicht bei Alledem— es war ein Verhältniß, an dem, wie ſich Bonaventura ſagte,„Gott keine Freude haben konnte“... Ein zärtliches Ueberwallen der Liebe hatte ſich in Bonaventura und Paula längſt gemildert... Auf Ent⸗ ſagung blieb ihr Gefühl ja auch gleich anfangs begrün⸗ det... Und lenkt nicht jede Liebe, ſelbſt die leidenſchaft⸗ lichſte, zuletzt die Flut in ruhiger wallende Strömung? .. Kuß und Umarmung! Was ſind ſie denn, als ein letztes Ziel, ein Zerreißenwollen jedes Rückhaltgedankens, der Brücke, die den geliebten Gegenſtand noch einmal zur alten perſönlichen Freiheit zurückführen könnte; Kuß und Umarmung werden begehrt und gewährt, weil ſie den Begehrenden und Gewährenden als Ich vernichten, künſt⸗ lich gleichſam eine gemeinſchaftliche Schuld erzeugen, die beide Theile faſt zwingt, auf ewig Eins zu ſein... Aber bald tritt die volle Beſeligung der Liebe nur im Austauſch des ſeeliſchen Lebens ein. Ineinander zu leben iſt dann nur noch ein Bedürfniß des Herzens. Kommen 232 erweckt ein Jauchzen der Bruſt und Gehen iſt die Hoffnung nur auf den Gruß, auf das Lächeln des Wieder⸗ ſehens... Dann zerlegt ſich in ſeine Stunden der Tag, in ihre Minuten die Stunde, jedes Atom der Zeit iſt erfüllt vom Glück der Gewöhnung an ſo viel willkommene Freuden und noch willkommenere Sorgen— Das iſt das Glück, das auch in der Ehe, lange ſchon vorm Erſterben der Leidenſchaft, Ausdruck des wahren Beſitzes bleibt... In dieſem letzten Stadium des Verbundenſeins der Liebe befand ſich der Erzbiſchof, nachdem er in jedem früheren längſt überwunden hatte... Jeden Abend war er auf dem Schloß des Grafen, das mitten in der Stadt lag und einer der vielen weiland großen Fa⸗ milien des Landes gehört hatte, die im Lauf der Zeiten zu Grunde gingen und nichts behielten, als die glänzende Hülle ihrer Vergangenheit... An dieſen Palaſt ſchloß ſich ein Garten, altmodiſchen Geſchmacks, wie die Gärten auf den Borromäiſchen Inſeln... Der Graf hatte eine Aufgabe, dieſen Garten der freien Natur zurückzugeben ... Ein geſelliger Kreis wurde vor dem Kriege durch nichts geſtört... Später blieben freilich nur Einige, die ſich durch die Empfindungen des Grafen nicht ſtören ließen... Gewiß wäre der Graf, als die Revolutionen ausbrachen, nach ſeinem deutſchen Vaterland zurückgekehrt, wenn nicht auch dort die Verwirrung für ſeine Denk⸗ weiſe das Maß überſchritten hätte... Seit lange hatte Oeſterreich geſiegt— er mäßigte den Ausdruck ſeiner Freude und konnte infolge deſſen bleiben... Bonaventura kannte die Sehnſucht nach Thätigkeit, die den Grafen be⸗ ſtimmen mußte, entſcheidende Entſchlüſſe zu faſſen, ja er iſt de Wieder der Tag Zeit iſt kommene giſt das Erſterben leibt.. eins der in jedem end war in der hen Fa⸗ Zeiten inzende ſchloß Garten tte eine zugeben e durch Einige, ſtören tionen gekehr, Dent lange feiner eenturn fen bh⸗ kannte des Grafen Sehnſucht— nach einem Erben— ... Noch mehr, Graf Hugo liebte Paula... Es mußte kommen, daß dies zehnjährige Zuſammenleben in Coni aufhörte... Und doch, doch kannte er den Grafen dafür, daß dieſer im Stande war, die Nachricht von ſeiner Berufung zur Mutter nach Rom mit den Worten aufzunehmen: Die Frau Präſidentin iſt krank und Herr von Wittekind in Rom? Das wird Ihre Kraft überſteigen, mein theurer Freund, wir müſſen Sie begleiten; wir gehen mit nach Rom... In ſolchen, ſein Inneres zerreißenden Stimmungen, zu denen ſich an jedem der ihm beſonders wichtigen Ge⸗ denktage ſeines Lebens noch der Hinblick auf den mit jedem Tag ſich dem Abſcheiden vom Leben nähernden Vater geſellte, verweilte Bonaventura heute unter ſeinen Büchern... Hier, wo ihn ſo oft die nächtliche Stille geheimnißvoll umfing— hier, wo ſein Gemüth der Mutterſprache noch zuweilen ein Opfer brachte, wie in den Verſen: Du wunderbare Stille, Wer deutete dich ſchon, Im Erd⸗ und Himmelſchweigen Den Weltpoſaunenton! Die namenloſe Sehnſucht In flücht'ger Welle Gang, In ſtiller Brunnen Plätſchern Den mächt'gen Rededrang! Wenn Mondenglanz die Roſe Sanft zu entſchlummern ruft Und Nachtviole trinket Den Thau der Abendluft, 234 Wenn frei die Sterne treten Aus ihrem blauen Zelt, Worin das Licht der Sonne Sie Tags gefangen hält— Wie predigt da die Roſe! Viole ſingt im Chor; Das kleinſte Blatt hält Tafeln Der Offenbarung vor! Es rauſchet und es klinget Ein jeder todte Stein; Der Stäubchen allgeringſtes Will nur verſtanden ſein! Nur in die dunklen Schatten Hat Gott das Licht geſtellt, Nur in die öde Wüſte Die Herrlichkeit der Welt; Nur brechend nimmt ein Auge Den rechten Lebenslauf! O, ſchließet euch, ihr Zauber Der ewigen Stille, auf! Der buntfarbigen Blume ſich zu vergleichen, die, hoch⸗ ragend und ſtolz, doch erſt aus welken Blättern empor⸗ ſteigt— ſo erhebt ſich die Lilie über den am Fuß des Schaftes ſchon beginnenden Tod— dafür beſaß ſeine Selbſtſchau zu viel Demuth und doch— nun ſchon wieder um ihn die„heilige Stille“ und ein brechend erſt den rechten Lebenslauf nehmendes Auge——!. Ein wilder Sturm, wie er in Berggegenden oft ohne die mindeſte Vorberettung entſteht, hatte ſich er⸗ hoben und ſtörte die Stille der Nacht... Während die Fenſterläden des Palaſtes gerüttelt wurden, der die, hoch mempor Fuß dei aß ſein in wiede erſt der iden f ſich a Pähren den, d 235 Wind in den rauſchenden Wipfeln der Bäume des großen Platzes tobte, konnte kein Schlaf über Bonaven⸗ tura's Auge kommen... Und doch nahm der morgende Tag ſeine ganze Kraft in Anſpruch. Er wußte, daß ſich Stadt und Umgegend nicht nehmen ließen, den Namenstag ihres Oberhirten zu feiern... Schon nach fünf Uhr wollte er die Meſſe leſen... Nie ergriffen ihn die Anfangsworte der Meſſe:„Der du meine Jugend er⸗ freuſt, o Herr!“ mächtiger, als an dieſem Tage der Jugenderinnerung... Wo das Gehör einen Dienſt der Liebe verrichtet, verſagt die Natur den Schlaf... Bonaventura mochte ſich zuletzt auf ſeinem Lager noch ſo ermüdet ſtrecken, ſein Ohr lauſchte jeder Bewegung im Nebenzimmer... Sturm und Regen hatten aufgehört, der Morgen graute ſchon und noch hatte Bonaventura kein Auge geſchloſſen. Eben mochte ſich vielleicht für einige Minuten die ermüdete Wimper geſenkt haben, als ſie ſich ſofort wieder erhob... Bonaventura hatte das ſchnelle Auf⸗ treten der dienenden Brüder gehört... Erſchreckend über eine mögliche Verſchlimmerung im Befinden des Kranken, ſprang er, wie er war, halbangekleidet, vom Lager... Als er die Thür geöffnet hatte, fand er, von einem Licht beſchienen, den Leidenden aufgerichtet... Die die⸗ nenden Brüder reichten ihm eben von einer Arznei... Benno lehnte das Glas ab... Als er Bonaventura erkannte, ſagte er, er hätte lange und feſt geſchlafen .. In der That blickte ſein Auge weniger fieberhaft und ſeine Hand, die er in der Bonaventura's ruhen 236 ließ, hatte die feuchte Wärme, die faſt auf eine Kriſis ſchließen ließ... Welche Zeit iſt's? fragte er.. Man ſah auf die Uhr und nannte die vierte Stunde... So geh zur Ruhel bedeutete er den Freund... Dieſer nahm jedoch an ſeinem Lager Platz und ſagte, daß er der Ruhe nicht mehr bedürfe.. Auf dies beharrlich wiederholte Wort der Liebe wandte der Kranke ſein Haupt nach den beiden Mönchen und gab ſeinen Wunſch zu erkennen, mit dem Erzbiſchof allein zu ſein... Ein Wink deſſelben und die Mönche traten in ein Nebencabinet, das nach Oſten lag... Beim Oeffnen der Thür ſah man den erſten Frührothſchimmer der aufgehenden Sonne. ne Kriſt te viert 1. e. nd ſagte, er Liebe Mönchen azbiſchof in ein Oeffnen er der 7 Ehe ich vom Leben ſcheide— begann Benno... Mein theurer Freund, unterbrach ihn Bonaventura, du wirſt leben!. In deinem Gedächtniß— im Gedächtniß manches, der auf meine Zukunft Hoffnungen ſetzte und ſchwer be⸗ greifen wird, warum ſie nicht erfüllt wurden und warum ſie gerade ſo— ſo— endigen mußten... Meine Mi⸗ nuten ſind gezählt... Noch deinen Namenstag feir' ich, dann iſt das Liebſte da, was ich— vom Weltgeiſt begehre... Freund!... unterbrach Bonaventura voll äußer⸗ ſten Schmerzes... Dieſe Worte Benno's wurden ſo zuverſichtlich, ſo feſt geſprochen, daß ſie keine Wider⸗ legung zuließen... Ich will nicht ſterben, ſagte Benno, ohne mit den letzten Segnungen unſerer Kirche verſehen zu ſein... Sorge dafür... Die Rückſicht deines Hauſes erfor⸗ dert es... Wer mit den Prieſtern ein Leben des Kampfes geführt hat, mag ſich im Tode ihre Nähe ver⸗ bitten; ich kämpfte nicht mit ihnen— meine Gegner 238 ſucht' ich mir auf andern Schlachtfeldern auf... Einem deiner Vicare werd' ich beichten, daß ich nie an Religion betheiligt war... Sie war mir kein Bedürfniß... Bonaventura ſchwieg Er wußte, daß keine Confeſſion ſo ſehr religiöſen Indifferentismus bei Gebil⸗ deten erzeugt, wie die katholiſche.. Einen Kranken erquickt nichts mehr, als von ſeinen Umgebungen die Anerkennung zu hören, daß er krank iſt; einen Sterbenden nichts mehr, als die Anerkennung, daß er ſtirbt... So kam es, daß Benno mit jener Kraft der Stimme ſprach, die in letzten Augenblicken oft wunder⸗ bar wiederkehrt... Ich erfülle, ſagte er, das Geſchick unſeres Hauſes— wie mir einſt in Rom der feindliche Dämon deines Lebens verheißen hat— als Lucinde jene Klagen ausſtieß, die ich dir vor Jahren— von London berichtete. Vor— faſt zehn Jahren!... Deinen letzten Brief hab' ich in meinem Portefeuille— und heute erſt beantwort' ich ihn durch mein— Teſtament... Was konnt' ich dir ſagen, nachdem ich mit allem gebrochen, was andere von mir vorausſetzten?... Skeptiker, Indifferentiſt — das gibt eine impoſante Lebensſtellung, wenn man in die Lage kommt, nur reflectiren zu brauchen, ſich die Zähne zu ſtochern, im Salon die Beine überein⸗ anderzuſchlagen... Stell' einen der Weiſen, die im Chor der Tragödie den Heroen ſo gute Lehren geben, ſelbſt auf die Breter, er macht die Tragödie zur Burleske.. Benno hielt inne, ſammelte neue Kraft und lehnte Bonaventura's Entgegnungen mit einem Zeichen der Hand ab... . Einen Religien 6.. aß keine i Gebi n ſeinen rank iſt ng, daß draft der wunder⸗ uſes— Lebens ieß, die e... tef hab antwort onnt' ich Jandere ferentiſt man in ſch u überein⸗ im Cher elbſt au ö... d lehni hen de 239 Ich ſaß auf der Engelsburg, fuhr er fort, mit Räubern, deren Ungeziefer mich die Freiheit erſehnen ließ... An ſich iſt die Freiheit zu verlieren kein beſondres Unglück... Ich hätte Steine klopfen können, um ungeſtört über mich und die Dinge und dann vielleicht endlich Gott nachzudenken... Nur der Schmuz des Ge⸗ fängniſſes entſetzte mich... Wieder hielt der Kranke inne... Wieder fuhr er, um des Freundes Nachſicht bittend, nach einer Weile fort: Eines Tags ſtand die Thür meines Kerkers offen und eine Mutter war es, die ich glücklich machte durch meine Flucht... Selbſt Lucinde nahm es ernſt mit meinem Schickſal, war ganz bei der Sache, ohne mei⸗ ner Verkleidung zu ſpotten— Der arme Bertinazzi erhielt die Galeere auf Lebenszeit... Als ich die Hin⸗ richtung der Bandiera erfuhr, brach mein Lebensmuth — die Mutter— konnte mich damals— gängeln wie ein Kind—... Bonaventura folgte aufmerkſam allen dieſen ſchmerz⸗ lichen Erinnerungen... Man ſoll die Seinen nicht analyſiren... fuhr Benno fort in offenbarer Wallung gegen ſeine Mutter Wol Uebermaß im Verkehr der Herzen waltet— da welkt nur zu bald die Blüte... Bonaventura wußte, daß Benno von London im tiefſten Bruch von ſeiner Mutter und von Olympien ſich losgeriſſen und gleichſam nach Rom nur entflohen war ... Er hörte nun alles das, neigte ſein Ohr dicht an den Mund des Freundes und bat ihn nur, ſich zu ſchonen... Meine Retterin, fuhr Benno in Erregung fort, war 240 die Fürſtin Olympia Rucca... Es hat ſchon oft Seelen gegeben, die plötzlich den Teufel in ſeiner Rech⸗ nung betrogen— Die Heiligengeſchichte erzählt von ihnen . Eine Heilige iſt Olympia nun nicht geworden ... Aber aus einer Tyrannin wurde ſie eine Sklavin ... Ich habe nie ſo dienen ſehen, wie Olympia ein Jahr lang dienen konnte... An einem Tigerkäfig hab' ich ſie kennen gelernt; ſie war nun ſelbſt gezähmt zu einem der jungen Lämmer, die ſie— als Kind erwürgt haben ſoll— aus— Zärtlichkeit... Solche Frauen gibt es nicht— in— deiner germaniſchen Welt!... In meiner?... fragte Bonaventura mit leiſem Vorwurf... Benno ſchwieg eine Weile... Dann ſprach er einen Vers des Bonaventura'ſchen Gedichtes:* „Einmal, eh' ſie ſcheiden, Färben ſich die Blätter roth—“ Er legte in den Ton der Recitation die Anerkennung deutſchen Weſens im Denken und Empfinden, fügte aber hinzu: Als ich mein Lebensräthſel erfuhr, als ich meine todte Schweſter ſah, die Mutter an ihrer Leiche kennen lernte, ergriff mich Haß gegen alles, wofür ich bisher und worin ich gelebt hatte... Ich brach mit einem Vater, der lügen und morden konnte; ich brach mit einem Staat, der damals keine freien Bürger duldete; ich brach mit einem Volke, das der Tyrann andrer Völker ſein konnte; ich folgte in allem meiner Mutter, deren Namen ich annahm. hon df er Rec on ihnen gewordn Sklavir npia ei fs hi zu einen gt haber uen gu t leiſem er einen rkennung gte abe ne todl n lernt her unn n Vater t eine ich brac ſker ſe n Nan 241 Bonaventura kannte dieſe Umwandlung, die nicht der ſeinigen glich... Nicht lange war ich in Paris, fuhr Benno fort, ſo erſchien Olympia, ausgeſöhnt, engverbunden mit meiner Mutter, die mich anbetete... Du mußt wiſſen—— als ich Olympien zum letzten mal geſehen hatte, war mir in— der Villa Hadrians durch eine ſeltſame Scene— durch die Umgebungen— durch die Umſtände, die meine Sorge um das Schickſal der Bandiera heraufbeſchworen, —— ein Stelldichein von ihr aufgedrungen worden.. Es war ein Zwang, der ſich nicht ablehnen ließ... Was dem Mann Bettelpfennig, wird dem Weibe Kröſusſchatz— kann ein Mann mit Betteelpfennigen geizen!... Tugend—?!—— Ich fühlte eine mächtige geiz 9— htig Hand, die mich zurückhielt— ich ſuchte faſt den Tod, um dem Wiederſehn auf Villa Rucca zu entfliehen—... Olympia und das Schickſal hielten ſich an mein erzwungenes Ja!... Nicht Nacht war es, als ich ſie wiederſah in einem eleganten Salon— in der Rue Rivoli zu Paris — ſie hatte mich befreit— ich hieß Cäſar Montalto, haßte die Tyrannen, liebte meine Mutter, Italien— den⸗ noch wehte Afrika's Wind vom Meer herüber, Millionen Blüten hauchten ihren Duft in linde Abendſtille Die Fürſtin nahm ſich den Dank, wie ſie ihn begehrte... Wieder trat eine Pauſe ein... In Bonaventura's Blick lag die Anerkennung alles deſſen, was hier mög— lich geweſen... Saß er nicht an einem Leichenſtein, der verſöhnt—?... Frankreich, England, das Land der ſchönſten Frauen, Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 16 242 konnte an ſich kein Schauplatz für die an Triumphe des per⸗ ſönlichen Erſcheinens gewöhnte Nichte Ceccone's ſein... Der Cardinal wurde ein Opfer der dir bekannten Ita⸗ lienerrache... Olympia gerieth in Bedrängniſſe und die Reihe, ihr zu helfen, kam nun an mich... Einander nützlich ſein— veredelt— bindet— feſſelte hier aufs neue... In Olympia kehrten Regungen des Ge⸗ fühls, die ſie ſchon dem Mönch Vincente Ambroſi einſt be wieſen hatte, zurück... Sie ertrug den Verluſt ihrer glänzenden Lebensſtellung, ertrug die ihr folgende Ver⸗ ringerung ihrer Hülfsmittel... Einige Jahre fand ſie in der That in mir die Fülle ihres Glücks wie ein Kind Dieſe abzuwehren war unmöglich... Wie die Schlange ihr Opfer nicht läßt, fand ich bei jeder Pforte, durch die ich hätte entfliehen wollen, meine Beſtimmung .Dieſe war verloren an— zwei Frauen... So dachte auch die Welt und entſchuldigte dich... warf Bonaventura mit mildem Tone ein... Ein Zuſtand des Elends blieb es... fuhr Benno fort, während ſeine Züge einen Ausdruck des höchſten Schmerzes annahmen. Jedes einzelne Leid fühlte ich wie das natürliche Kettenglied der Folgen, die ich über mein Leben heraufbeſchworen hatte, als ich dem ſüdlichen Blut in meinen Adern folgen wollte... Ich wollte Partei nehmen für die betrogene Hälfte meines Erdenlebens und— von Wahn zu Wahn, von Traum⸗ bild zu Traumbild lockte mich die mütterliche Welt, die mir zuletzt ein Gift wurde, das mich— langſam tödtete—... ſe des pe s ſein. nnten R. ſe und! Einand ſſelte h des 0 einſt vluſt ihee ende Ve e fand ſ ein Kin Wie d ſtimmun dich. r Bem s höchſte eid fühll „die ie ich der — . V te mein 1 Trau 2 he We 1 langſo er Pforte 243 O mein Freund! war alles, was Bonaventura aus der Tiefe ſeines Herzens entgegnen konnte. Beklage mich nicht! ſprach Benno... Ich hatte zahl⸗ loſe, flüchtige Stunden des Glücks; ich trotzte der Sehn⸗ ſucht meines Gemüths... Reich iſt der menſchliche Geiſt an Gedanken, die einen Kampf gegen die innern Vor⸗ würfe des Gewiſſens unterſtützen, ja auf Augenblicke ihn ſiegen und triumphiren laſſen... Ich durfte mir ein— künſtliches Pflichtenleben ſchaffen— die brüder⸗ liche Freigebigkeit des Präſidenten entzog mich den Sorgen für meine Erhaltung... Ich las, ſtudirte, ſchrieb— Da ich für einen Italiener gelten wollte, hatte ich Mühe und Verdruß genug durch die Vorbereitung zu dem, was nun— geſcheitert iſt... Welche Menſchen! Verunreinigend durch ihre Schwächen und Laſter die hei⸗ ligen Dinge, die ſie im Munde führen—... Freilich die Gegner—! Sind ſie nicht ebenſo verächtlich? Ich kannte ſie ja alle, die Diplomaten von Paris und London... Nur in den Formen liegt der ÜUnter⸗ ſchied... Oft gab es Stürme im Glaſe Waſſer— elende Streitigkeiten; doch konnten ſie mit dem Schiffbruch der Betheiligten enden... Terſchka— wo wol mag der Schurke— hingerathen ſein—!... Bonaventura ließ dem Freund den Glauben an eine hienieden ſchon waltende Nemeſis... Drängte es ihn auch, von Terſchka's Beziehung zum Verrath der Bandiera zu erfahren, ſo gab er es doch auf— denn die Kraft des Freundes drohte zu verſiegen. Benno ſchloß eine Weile die Augen; dann erhob er ſie wieder und ließ die irrenden Sterne derſelben wie 16* 244 ausruhen an der Decke des immer mehr ſich erhellen⸗ den Zimmers; unbeweglich ſtarrten ſie wie in eine un⸗ ergründliche Tiefe... Es gab auch Edle unter dieſen Kampfgenoſſen! begann er aufs neue wie mit feierlicher Andacht... Euch hab' ich folgen wollen, ihr Brüder, die ihr den grauſamſten Tod erlittet! Ihr leuchtetet mir voran, Dioskuren am Himmelszelt auf weißen Roſſen!... Die Welt ſich zu erſchaffen aus freiem Willen— iſt edler Mannestrotz! ... Lernt' es auch, als ich, ein Katholik, dem heimat⸗ lichen Staate trotzte... Haben mir's ſpäter bitter heim⸗ gezahlt, als— dem Präſidenten— auf ſeine Verwen⸗ dung die Antwort— wurde: Iſt ja öſterreichiſcher Ca⸗ binetscourier—!... Warum wurde Germanien nur ſo — ruſſiſch... Lebt— denn— noch— Nück? Und— ſchreibe ſogleich— wenn ich—... an— Thiebold—... Weiter reichte nicht mehr die erſchöpfte Kraft, die ſich übernommen hatte.. Die Aerzte kamen... Schon läutete draußen von allen Thürmen das Angelus,... Es war fünf Uhr ... Der helle Tag lag hinter den Vorhängen der Fen⸗ ſter... Benno hatte ſich eine zu große Anſtrengung zugemuthet und war erſchöpft in die Kiſſen geſunken... Faſt ſchien ſeine Zunge gelähmt... Die Aerzte ſagten, die letzte Stunde ließe ſich nicht vorausbeſtimmen... Sie baten den Erzbiſchof, ſich zu ſchonen... Bonaventura rief die Mönche und überließ ihnen und den Aerzten die Sorge für den Geliebten, für den von heißen Qualen— der Seele Zerriſſenen... Zur n! begar Cuch ha auſamſte kuren ar lt ſich innestrch mn heirat tter hein Verwan iſcher C en nur c? an— traft, d ußen ve der Fer ſtrengun 245 Frühmette wollt' er nun in den Dom, wo an dieſem Tage ſeit Jahren die Stadt gewohnt war, ihn erwarten zu dürfen.. Bonaventura's Aufmerkſamkeit, in die Mittheilungen Benno's verloren, hatte nichts vernommen von den Zu⸗ rüſtungen der Ueberraſchungen, welche ihm Verehrung und Liebe bereiteten... In ſein Wohnzimmer getreten, fand er die Wände mit Blumen geſchmückt... Koſtbare neue Teppiche lagen über die Stühle gebreitet... Geſchenke von Gold und Silber ſtanden auf den Tiſchen... Alte Werke, ſeltene Drucke und Holzſchnitte hatte ihm Graf Hugo hinlegen laſſen... Der Hanushofmeiſter, die Caudatarien, ihre Glückwünſche ertheilend, nannten die Namen der Geber, unter denen Paula's Name obenan glänzte... Es lag in ſeinem Berufe, daß ſich Bonaventura in ſeine goldſtarrenden Gewänder werfen mußte Die Biſchofskrone prangte auf ſeinem Haupte Schon ſpiegelte ſich die nach der allmählich wieder ru— higer gewordenen Nacht goldig aufgegangene Sonne in den koſtbaren Edelſteinen ihrer Verzierung... Unter einem von ſechs Knaben getragenen Baldachin, begleitet von allen im Treppenhauſe verſammelten Abgeordneten der Kirchen und Klöſter der Stadt, den Civilbehörden, den Ober⸗ offizieren des Militärs, trat der Erzbiſchof, gebeugt und trauernd, aus dem Eingang des Portals, das mit Guirlanden geſchmückt war... Der Vorhof innerhalb des Gitters war leer, draußen wogte die Menſchenmenge . Die halbe Stadt war in Bewegung... Selbſt einer vom Erzbiſchof ſonſt verfolgten Unſitte, der rauſchen⸗ — — ————— 246 den Muſik des Militärs bei Kirchenfeſten, konnte heute, auf Anlaß eines ſolchen Freudentages, nicht gewehrt wer den... Jung und Alt ſchloß ſich der glänzenden Pro ceſſion an, die in den Dom zog... Bonaventura hatte ſonſt dieſe Ueberraſchungen an ſeinem Namenstag unmöglich machen wollen; hatte kurz vorher Reiſen an⸗ getreten oder war ein andermal in ein Kloſter ge⸗ gangen... Allmählich aber hatte er auch hierin der Landesſitte nachgegeben und dem Onkel Dechanten bei⸗ geſtimmt, der ihm geſchrieben:„Nimm doch Liebe, wo ſie geboten wird! Iſt die Zeit angethan, ſich der Ernte ſeiner Saaten zu entziehen!—?“... Angeregt von ſol— chem Zuſpruch konnte er wol einmal auch ausrufen und den gewohnten Klageruf ſeiner Selbſtgeſpräche unterbrechen: Nimm an der Welt dein ganzes Theil, Nimm es mit vollen Händen! Was du verſchmähſt, wird nicht zum Heil, Nicht zum Gewinn ſich wenden! Der Blüten nur im Lenz gedenk', Die rings den Raſen decken, Vom Apfelbaume ein Geſchenk Den Winden, ſie zu necken! Und doch im Herbſt— der liebe Baum Was er an Früchten ſpendet! Erinnern kann er ſich noch kaum Der Blüten, die verſchwendet. Zur Erde blicke nicht hinab, Wenn Götter dich umſchweben! Für jeden iſt das kühle Grab, Für jeden erſt das Leben! nte heute ehrt wen den Pro naventunr amensta eiſen an oſter ge dierin der iten be ijebe, we der Ernte von ſol ufen und rbrechen 247 Für jeden dreifach ein Genuß Und Einmal nur Beſchwerde! Es wogt ein ſel'ger Ueberfluß Der Freude durch die Erde! Heute dagegen trug er im Herzen„Maria's achtes Schwert“, wie er jene Leiden nannte, die jedem nur allein verſtändliche, nur allein von Gott ihm zu tröſtende und zu heilende wären... So ſchritt er in ſeinem Trauer⸗Triumph⸗ zug, unter dem Geläut der Glocken dahin... Die große, mit drei Kuppeln gebaute, dem vorigen Jahr⸗ hundert angehörige Kirche war überfüllt... Seine Mi⸗ niſtranten waren heute ſeine nächſten Würdenträger Den geheimnißvollen Ritus der Meſſe aus der Kirche zu verbannen würde ſich Bonaventura nicht verſtanden haben... In einem gelegentlichen Streit mit Gräfin Erdmuthe hatte er geſagt:„Allerdings, die Meſſe ſollte in der Landesſprache geleſen werden! Aber ich gebe auf die ſtummen Augenblicke in der Meſſe mehr, als auf die geſprochenen... Ein Gottesdienſt muß mehr als nur eine Predigt ſein... Unſrer Meſſe iſt lediglich der Schein, daß ſie ein unblutiges Opfer wäre, ſonſt nichts von ihren myſtiſchen Vorgängen zu nehmen... Kirchen, die nur um der Predigt willen da ſind, müſſen ja mit der Zeit leer ſtehen— wer verbürgt denn nur dem Preiſe Gottes immer würdige Sprecher, Zungen, die nicht anſtoßen, Kehlen, die nicht heiſer und rauh erklingen? Was macht die Gotteshäuſer der Proteſtanten ſo leer? Die alleinige Herrſchaft der Kanzel und die Ein— ſamkeit am Altar!...„Gott wohne nicht in Häuſern, von Menſchenhänden gemacht?y Gewiß! Aber der ge⸗ 248 wölbte Raum der Kirche ſagt Ihnen, daß Gott nich Ihr Gott allein iſt, nicht der, den Sie in Ihrem«Käm— merlein) ſich zurecht gemacht haben, ſondern der Gott des Univerſums!... Gerade da muß Ihr Eifer, ihn perſönlich für ſich aus der Maſſe der um ſeine Gunſt Werbenden herauszugewinnen, um ſo lebendiger ange⸗ facht werden; die Entſchließungen Ihrer Bruſt können erſt in der Kirche erkennen, wie ſchwer es iſt, unter ſo vielen, die ſeine Liebe zu gewinnen ſuchen, gleichfalls mit Würde zu beſtehen... Still dann zu ſein in einer Kirche mit tauſend andern Stillen— das iſt, denk' ich, die feierlichſte Aufforderung zur Einkehr in ſich ſelbſt ... Oder— ſoll die Religion ohne Formeln ſein? Dann iſt ſie Philoſophie... Daß die Philoſophie eben Wahrheit des Lebens werde, zwingt ſie, die Reli⸗ gion beſtehen zu laſſen... Der proteſtantiſche Gottes⸗ dienſt ſagt nur: Wir ſind nicht katholiſch!— Das iſt gewiß wahr und war hiſtoriſch richtig— Soll aber dieſe Zeit des Proteſtes ewig dauern? Kann ein Gottesdienſt der ewigen Negation bei den Proteſtanten Sinn haben, wenn die katholiſche Kirche ſich läutert?... Eure Predigt wird ſich unſere Meſſe zu Hülfe rufen müſſen, um— ſchon allein die Herrſch- und Streitſucht Eurer Parteien zum Schweigen zu bringen... Dann wer⸗ den die Proteſtanten nicht mehr Nichtkatholiken, die Ka⸗ tholiken nicht mehr Ni htpu teſienban, ſondern beide erſt wahre Chriſten ſein—“.. Unter den Anweſenden waren Paula und Armgart zugegen... Beide eben von Caſtellungo angekommen — beide eben von der ſchmerzlichen Ueberraſchung unter⸗ t nich Käm⸗ r Gott er, ihn Gunſt ange⸗ können nter ſo ichfalls n einer enk ich, Hſelbſt ſein? oſophie Reli⸗ Hottes⸗ Das iſt ber diſe tesdienſt haben, Eure müſſen, Euret nn wer⸗ die Ka⸗ de erſ lrmgart konmen nter⸗ g ul 249 richtet, die ihrer harrte... Der Graf hatte ihnen Benno's Anweſenheit und Lebensgefahr erſt gemeldet, als ſie ſich trennten, er, der Proteſtant, zu Benno's Lager eilte, ſie mit dieſer Nachricht nun in die Meſſe ſchwankten... Erkundigungen, welche Graf Hugo auf der Herfahrt eingezogen, hatten ihm beſtätigt, daß Benno wirklich in Coni war... Mit dieſem Stich im Herzen ſank Armgart unter die tauſend Beter nieder, die am Fuß des Hochaltars knieten... Sollte ſie weniger vermögen, als jener Prieſter dort, den die gleiche Nachricht nicht hinderte, laut ſeine Pſal⸗ men zu ſingen?... Als die Feierlichkeit vorüber und Bonaventura auf einem kürzern Wege, unbemerkt und in einfacher Klei⸗ dung, in ſeine Wohnung zurückgeeilt war, fand er den Grafen ſchon lange mit Benno beſchäftigt... Die beiden Frauen harrten in einem Gemach, wo des Kirchenfürſten Audienzen gegeben wurden, vom Schmerz überwältigt und in Thränen gebadet... Natürlich hatte man bereits die Veranſtaltung getroffen, daß der Erzbi⸗ ſchof heute nur noch ſeinen nächſten Freunden gehörte... Die Glückwünſchenden wußten nun, welches Leid dieſem Hauſe an einem Freudentage beſchieden war... Graf Hugo hatte dem Sterbenden Armgart's An⸗ weſenheit angezeigt... Den Frauen hatte er dann nicht verſchwiegen, wie dieſe Nachricht Benno erſchütterte Bonaventura richtete ſein Auge auf Armgart — auch er hatte ſie ſeit ſo vielen Jahren nicht geſehen... Sie war ihm aber wie geſtern erſt von ihm geſchieden... Ihr gemeinſames Leid verband ſie 250 ſofort und ſein ſeelenvoll auf ſie gerichteter Blick ſchien fragen zu wollen: Aermſte, wie trägſt— nun gar erſt Du das alles—?.. Ein Geſang der chriſtlichen Dichtkunſt ſpricht aus, was edle Herzen bei höchſtem Leid erfüllt... Das „Stabat mater“ in ſeiner unnachahmlichen Magniloquenz ... Jacopone da Todi war der Dichter dieſer Threnodie der verlaſſenen Liebe, die zurückgeblieben am letzten Reſt ihres Daſeins, dem todten Leib des Geopferten, trauert . Die Erde iſt verfinſtert; die Menſchen, von Furcht und Bangen erfüllt, ſind geflohen— Gott hat ſeine größte Offenbarung gegeben und doch leiden und weinen grade diejenigen Menſchen, denen ſeine große Wohlthat zuerſt zugute kommt... Wer kennt denn, was uns frommt—! . Jacopone hatte ſein Stabat aus eigenem Schmerz gedichtet... Zeitgenoſſe Dante's, berühmter Rechtsge⸗ lehrter, Liebhaber der Weltfreuden, ſah er bei einem Feſt eines vornehmen Hauſes die Decke des Tanzſaals einſtür⸗ zen, ſah die edelſten Frauen todt oder verwundet— und ſein eigen Weib, eine blühende Schönheit, hoffnungslos aus den Trümmern davongetragen... Man entkleidete die Sterbende und unter den rauſchenden Prachtgewän⸗ dern trug ſie, die eben nach des Gatten Wunſch noch heiter und ſcheinbar lebensfroh getanzt hatte, ein grobes Büßergewand... Jacopone, von Beſchämung und Schmerz überwältigt, verlor den Verſtand... Die Ver⸗ wirrung ſeiner Gedanken hellte ſich erſt allmählich auf; doch beherrſchte ihn ein räthſelhafter Zuſtand, welchen er nicht bewältigen konnte; er redete in der Irre und wußte es, daß er ſo redete; er wußte die Weisheit der Das quenz nodie Reſt auert urcht rößte grade zuerſt — 25 1 Welt, aber er vermochte nicht, in ihr ſich auszudrücken... Endlich meldete er ſich am Thor eines Kloſters, um als Mönch aufgenommen zu werden... Die eben neu⸗ gegründete Regel des Franz von Aſſiſi wies ihn ab, wenn er nicht Beweiſe ſeines Verſtandes gäbe... Da zwang er den ſich jagenden, fiebernden Gedanken ſeiner Seele gewaltſamen Halt auf und dichtete, wie zu gleichem Zweck einſt Sophokles den Chor„Im roßprangenden Land“, ſo ſein„Stabat mater“... Nun erhielt er die Aufnahme... Beweiſe ſeines wiedergekehrten Geiſtes gab er dann ferner genug, gab ſie auch im Freimuth ſeiner Gedichte... Ueber die Sophiſten von Paris ſchwang er die Geißel ſeiner Satire... Dem aus den Felsſchluchten der Abruzzen auf den apoſtoliſchen Stuhl berufenen Einſiedler Petrus von Morrone, der als Cöleſtin V. dem verwilderten Rom die Zügel halten ſollte, ſagte er: „Jetzo kommt an Tageshelle, Was du ſannſt in ſtiller Zelle— Ob du Gold, ob Kupfer, Eiſen, Muß ſich jetzt der Welt beweiſen!“ Dante ging einſt zu einem Turnier und blieb unter⸗ wegs im feſtlichen Gewande an einer Goldſchmiedbude ſtehen, um eine Spange zu kaufen, die noch ſeinem Kleide fehlte... Da ſah er ein Buch auf der Lade des Goldſchmieds liegen und fing, während die Wagen und Reiter an ihm vorüberſauſten und der Goldſchmied die paſſende Spange ſuchte, zu leſen an... Noch kannte er die Gedichte Jacopone's nicht... Immer mehr vertiefte er ſich in die Ergüſſe einer verwandten Seele, 252 überhörte die Mahnungen des Goldſchmieds, ſich zu eilen, und verſäumte das Turnier... Als bereits die Kämpen mit zerſplitterten Lanzen nach Hauſe ritten, ſtand Dante noch immer in die Pergamentblätter ver⸗ loren, die ihm der Goldſchmied nicht verkaufen wollte Lucinde, die Dante nicht leiden konnte, ſagte bei Erzählung dieſer Geſchichte: Da ſieht man, wie die Dichter ihre Rivalen leſen! Mit einem Neid, der ihnen Hören und Sehen vergehen läßt!... Paula und Armgart wurden an Benno's Lager ge⸗ rufen... Armgart beugte ſich über den todblaſſen Mann... Die Thränen, die ihr ſonſt verſagten— rannen jetzt in Strömen... Benno mit ſeinen grauen Locken lag ſtarr und drückte die Augen zu... Seine Lippen ſogen die Tropfen ein, die über ſeine Wange aus Armgart's Augen rieſelten... Daß es Armgart war, die ſo weinte, wußte er... Er wußte auch, daß Paula in der Nähe ſtand... Allmählich trat eine Todtenſtille ein... Des Sterbenden Stimme erhob ſich wieder, aber die Worte, die noch verſtanden wurden, gaben den Ent— fernterſtehenden keinen Zuſammenhang... Nur Armgart, die ſich dicht über ihn beugte, ver⸗ ſtand allmählich: Armgart— nordiſche— kalte— Maid!... Lebe! Lebe! rief Armgart und küßte die Stirne Benno's, ſtrich die grauen Locken vom perlenden Schweiße zurück und weinte ſo heftig, als wollte ſie jetzt die Be⸗ weiſe ihrer Herzensglut nachholen... eilen, t die ritten, er ver⸗ wolle gte bei die die ihnen ger ge⸗ ... en jetzt en lag weinie, r Nähe Stirne hweiße die Be⸗ 253 Einſt— warnt' ich dich— vor— deiner Zu⸗ kunft, Mädchen!... Ich—— Thor—!... Die Worte, die noch folgten, blieben auch Armgart nicht vernehmlich... Der Graf trat näher... Paula wandte ſich er⸗ ſchüttert zum Vorzimmer. Indeſſen war Bonaventura eben eiligſt abgerufen worden... Auch Armgart wollte ſich erheben und zurücktreten ... Der Sterbende ließ ihre Hand nicht frei... Armgart ſtarrte Alledem mit Blicken, die dem Grafen Sorge um ſie ſelbſt einflößen mußten... In ihrem Antlitz lag eine ihrer ganzen Natur fremde, faſt wilde Geberde... Unſer— guter— Thiebold! ſprach Benno... Schreib's— dem beſten— Freund— der Erde—... Auch— Du— Mit— Bona—!... Armgart verſprach jeden ſeiner Aufträge zu erfüllen und ſetzte mit bitterm Lächeln, ja wie mit prophetiſchem Schwunge hinzu: Stummes Räthſel der Frauenbruſt!... Starrer Mund, der nicht reden kann, wenn doch ein Mädchenherz überquellen möchte vom Drang nach helfenden Worten! ... Lieber erſtirbt das eigene Leben in uns, als daß die Lippe zu brechen wäre, die Starrſinn ſchließt!... Ach nur dir, nur dir hab' ich jeden Gedanken meiner Bruſt geweiht! Nur dir jeden Schlag des Herzens— dir hab' ich geſprochen in öden, ſternenloſen Nächten—. Armgart— hauchte Benno und erhob ſich— geiſter⸗ haft und ſtreckte ſeinen Arm ſo aus, daß der Graf, aufs 254 tiefſte von dieſem freien Bekenntniß der Liebe über⸗ raſcht, vom Zuſpätkommen eines ſo herolſchen Muthes erſchüttert, ſich zwiſchen die Umſchlungenen drängen mußte... Benno ſah ihn lange und wildfremd an... Freund— meiner— Schweſter Angiolina! ſprach er, wie jetzt ihn erſt erkennend... Bezeuge— was — die— Liebe eines— Weibes— vermag—!... Auch in des Grafen Augen traten Thränen. Bona! Bona! wandte ſich Benno an dieſen, der eben zurückkehrte... Dann ſah er ſich fieberhaft um, ſah Armgart mit dem zärtlichſten Blick der Liebe an und ſank in ſein Kiſſen zurück, die Hand Armgart's krampf⸗ haft feſthaltend.* Bonaventura kam, durch irgend eine neue Veran⸗ laſſung ſichtlich aufgeregt... Das Geflüſter der Aerzte, die im Nebenzimmer ſich befanden, mehrte ſich Auch verbreitete ſich Weihrauchduft... Der Prieſter, den Benno begehrt hatte, war in der Nähe mit dem Sterbeſakrament... Aber noch eine andre Urſache ſchien Anlaß der Er⸗ regung des Erzbiſchofs zu ſein... Er nahm den Grafen bei Seite und flüſterte ihm, während Benno in ekſtatiſcher Begeiſterung:„Einmal— eh' ſie— ſcheiden“, ſprechen wollte und auf Armgart als die„letzte Freude“ ſeines Lebens deutete... Dieſer Taumelkelch des letzten Entzückens ſollte entweder zu hoch aufſchwellen oder ſich bitter— ver— gällen... Bonaventura berichtete laut die eben ge⸗ meldete Ankunft eines ſechsſpännigen Reiſewagens, der, Veran⸗ er der zrte ſich . Der ähe mit der Er⸗ hm den enno in ſie= 2 letzte ſollte — vel⸗ kben ge⸗ 18, det, 25⁵ mit einigen Damen beſetzt, ſofort am Portal ſeines Hauſes angefahren wäre... Die eine der Damen, die ältere, wäre ſchon in den Vorzimmern— während die an⸗ dere noch im Wagen verweilte... Armgart erhob ſich... Eine Todtenſtille trat ein ... Auf Bonaventura's Lippen lag die Ergänzung des Berichtes: Die Fürſtin Olympia— und die Herzogin von Amarillas... Alle blickten auf Benno, ob er gehört hätte—... Das— Sakrament—... ſagte er leiſe... Die Umſtehenden, zu denen ſich jetzt in höchſter Angſt auch Paula geſellte, glaubten, daß Benno die Worte des Erzbiſchofs nicht verſtanden hatte... Deine Mutter iſt da... Bereite dich, ſie zu empfangen... wiederholte Bonaventura mehrmals und dicht an ſeinem Ohre... Schon vernahm man eine wehklagende Stimme in der Nähe, der ſich die Stimmen der Mönche geſellten, die nach vorn gegangen waren und die plötzliche Beſtürmung des Kranken hindern wollten... Paula und der Oberſt gingen ſchleunigſt, um ihre Bitte zu unterſtützen... Bonaventura hielt den Freund in ſeinen Armen, der mit Geberden, die denen eines flehenden, fiebergeängſteten Kindes glichen, ihn anſah und ſprach: Die beſten Jahre— meines Lebens hab' ich ihnen — geſchenkt— Der Tod— ſei wenigſtens mein und — ſei euer— Laßt mich— von ihnen— frei... Fort! Fort!... Beide!— Beide—!... Eiligſt war der Graf an die Thür, welche in die Bi— bliothek führte, getreten und hatte dieſe verriegelt... 256 Benno ſah dieſe Handlung, dankte mit zitternd aus⸗ geſtreckten Händen, ſah flehend in Bonaventura's Augen und krampfte ſich um ſeinen Hals wie ein Schutzſuchen⸗ der, wie ein Verfolgter, und wiederholte ſein erſchrecken⸗ des, wie Geſpenſter verſcheuchendes Fort! Fort!... Bonaventura, ohne Faſſung, that jetzt nur alles, was Benno's nächſten Wunſch unterſtützen konnte, ver⸗ riegelte auch noch die zweite Thür, die in jenes Cabinet führte, in welchem die Mönche ſich aufgehalten hatten und jetzt der Prieſter mit dem Sakrament harrte... Im Bibliothekzimmer wurde es ſtill... Bonaventura bat wiederholt, die Mutter und die Freundin nicht abzuweiſen.. Rufe den Prieſter— entgegnete Benno— Ich kann — nicht mehr— italieniſch— ſprechen... Armgart — mein Cherub! Helft, helft mir—!... Fort!— ... Und— Beide!—... Du wirſt leben, Freund! betheuerte Bonaventura, in der That noch in Hoffnung auf die große Kraft, die ſoviel Erregungen zu ertragen fähig war... Wie könnteſt du bei dieſem Entſchluß verharren?.. Ich riß mich— von meinen— Feſſeln los und gelobte, ſie— nie wieder— anzulegen!... Ich ſehe dich, Schweſter—!... Mag die Selbſtanklagen, die wilden Worte nicht— hören... Friede!— Friede! — Friede!... Mein— Gefühl für dieſe Mutter war— wie der angeſammelte Schatz meiner uner⸗ widerten Liebe zu allen Menſchen der Erde Was hab' ich ihr— nicht alles hingegeben... Als dieſe heiligen Flammen verloderten, ſah ich nur die Aſche 5 aus⸗ Augen hrecken⸗ alles, , ver⸗ Labinet en und . Im nd die h kann bentura, aft, die 3 Wie 's und ch ſehe en, dis Friede. Nutter uner⸗ AS ie Aſche 257 — Berechnung— Eigenwille— Liſt, Rache, Haß... Hab's— lange ertragen—... Abgerechnet— nun mit— ihr und— ihrem Schatten—... Stille— nur Stille— um— mich her... Ich— erſticke— noch— vor— ſüdlicher— Luft—!.. Bonaventura und Armgart erbebten... Sie ſahen zehn Jahre eines Lebens voller Qualen, eines Lebens ohne Willen, eines Lebens der Gebundenheit und eine furchtbar ausbrechende Reue... Wie ſollten ſie hel— fen—!... Eben mußte auch die Fürſtin heraufge⸗ kommen ſein— Wieder wurde es im Bibliothekzimmer unruhig... Man hörte das Schluchzen und laute Reden italieniſcher Frauenſtimmen. Benno bat mit ſtummem Blick, die Thür nicht zu öffnen... Die Kraft ſeines Blicks ſtand in wunder⸗ barem Contraſt mit dem erſichtlichen Zunehmen ſeiner Schwäche... Ich will gehen, Freund... ſprach Armgart athem⸗ los... Laß' ſie ein, ſie, denen du jahrelang ihr Glück geweſen biſt... Benno hielt krampfhaft ihre Hand feſt und ebenſo die des Erzbiſchofs... Die Frauenſtimmen verhallten wieder und nun ſagte Bonaventura, er wolle gehen und ſie beruhigen, Benno würde inzwiſchen ſelbſt auf einen andern Entſchluß kommen.. Nein... Nein—!... ſprach dieſer und fuhr in kurzen Unterbrechungen fort: Prieſter!... Wenn der letzte— Wunſch eines— Sterbenden— dir heilig iſt, bewahre mich vor dieſen Klagerufen!... Die Todten Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 17 258 — hören noch lange— hören die Klagen um— ihr— Abſcheiden... Angiolina, auch du vernahmſt— den Ruf der Mutter—!... Abgerechnet— Stille— Stille — wie im Walde— die Blätter— rauſchen— an unſerm— ſchönen— Strom— Armgart!— Laßt —— mich—.. Im Hinblick auf Hüneneck, Druſenheim und Linden⸗ werth ſchien ſein Bewußtſein zu erlöſchen... Erſchöpft ſank Benno in die Kiſſen zurück... Bonaventura fragte Armgart, ob ſie die Kraft be⸗ halten würde, eine Weile allein beim Freunde auszu⸗ harren, bis er den Vicar ſchicken würde... Armgart verneigte bejahend das Haupt... Bonaventura verließ durch die hintere Thür das Zimmer, machte einen Umweg durch mehrere der Gemächer und kam in den Empfangsſaal zu den Aerzten und den Brüdern, die er glücklicherweiſe allein fand... Er be⸗ deutete ſie, leiſe und unbemerkt mit dem Prieſter und dem Sakrament zum Lager des Kranken zu treten... Dann ging er ins Nebenzimmer, aus dem die wildeſten Weherufe der Frauen erſchallten... ihr— den Ruf Stille 1— an — Kaßt Linden⸗ Erſchöpft traft be⸗ e auszu⸗ uür das hemächer und den „Er be⸗ iſter und ten.. wildeſten 8. Vier Perſonen traf Bonaventura, die wol die größ⸗ ten Gegenſätze der Charaktere und der äußeren Erſchei⸗ nung bildeten.. Olympia, die jetzt Dreißigjährige, in Reiſekleidern... Die Herzogin von Amarillas, eine weißhaarige Ma⸗ trone— redend gegen die verſchloſſene Thür, ja an ihr— mit den Nägeln kratzend... Graf Hugo, der die Herzogin von Amarillas, nach⸗ dem ſie ihm als Angiolinens Mutter bekannt war, heute zum erſten male ſahe.. Die reine, nur in der Hoheit ihres Schmerzes ſtrah⸗ lende Paula troſtſpendend und verſuchend die Frauen zu beruhigen. Olympia ging, wie die Löwin im Käfig, auf und nieder... Schmerz, Reue, tieſbeleidigter Stolz kämpften in ihren Mienen... Reue— denn ſie hatte ſeit eini⸗ gen Jahren mit Benno in Streit gelebt, hatte ihm, als er ohne ſie nach Rom gegangen war, Lebewohl für immer geſagt... Die kleine Geſtalt war bewegt von 17* 260 Athemzügen, die ihr mächtig die Bruſt hoben... Ihre ſeidnen Gewänder rauſchten ganz ſchrillenden Tones... Die Herzogin, ohnehin von der Reiſe erſchöpft, ſank zitternd, beengt von den Umgebungen, auf einen Seſſel .Sie blickte auf den Grafen, auf die Thür... Ihr ganzes Benehmen drohte mit einem Ausbruch von Irrſinn... Der Graf mußte ſich mit Paula beſchäftigen, die keine Kraft beſaß, dieſen wilden ſüdlichen Leidenſchaften, denen, wie man deutlich erſah, Benno's Kraft ſchon in Paris und London hatte erliegen müſſen, länger die Spitze zu bieten... Noch ahnten die Ankömmlinge nicht die Ablehnung Benno's... Sie jammerten nur um die länge Ver⸗ zögerung, die Vorbereitung des Todkranken auf ihr Er⸗ ſcheinen... Sie wußten doch, daß Armgart von Hülleshoven am Krankenlager war... Olympia kannte dieſe als Benno's Jugendliebe... Ihre Mienen glichen dem elektriſchen Leuchten eines dunkeln Gewölks, das ein Ungewitter birgt... Als die Herzogin und die Fürſtin Bonaventura eintreten ſahen, ſtürzten ſie auf ihn zu, warfen ſich ihm an die Bruſt, umklammerten ſogar ſein Knie und beſchworen ihn, ſie wiſſen zu laſſen, wie es ihrem Cäſare erginge... Sie wollten den Geliebteſten ſehen... Graf Hugo und Paula traten in die vorderen Zimmer... Sie ſahen am Benehmen des Erzbiſchofs eine feierliche Bewegung des Ueberlegens, eine ernſte Entſchlußnahme... Wohl kannten ſie die Strenge, deren ſein ſonſt ſo mildes Gemüth unter Umſtänden fähig Ihre e... ft, ſank Seſſel Ir... uch von en, die chaften, chon in ger die lehnung e Ver⸗ hr Er⸗ tt von kannte glichen ts, das ventura fen ſich nie und Cäſare vorderen biſchoft biſhſ e ernſte Strenge 261 war, kannten die ganze Aufrichtigkeit, mit welcher in ſolchen Lagen ſelbſt der Schein der Grauſamkeit von ihm nicht geſcheut wurde... Meine Damen! begann er in italieniſcher Sprache Welches traurige Wiederſehen!... Tröſte Sie wenigſtens die Gewißheit, daß mein edler Freund in den Armen von Menſchen weilt, die ihn lieben... Mehr, mehr, als wir?!— Als wir?!— Laſſen Sie uns zu ihm! riefen beide Frauen zugleich und wie im Ton der wildeſten Eiferſucht... Erfüllen Sie mir eine Bitte, ſprach Bonaventura . Die Augenblicke des Geliebten ſind gezählt... Er ſtirbt?... riefen beide zugleich und die Mutter brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus... In wenig Stunden iſt ſeine edle Seele hinüber... Laſſen Sie ihm die Ruhe— die jetzt um ihn her waltet... Eben verſieht ihn— die Hand des Prieſters... Ohne mich, ohne— ſein Weib?— fiel die Fürſtin ein... Sie konnte nicht ganz ihre Rede vollenden... Ein ſtrafender Blick traf ſie ſowol aus dem Auge des Erzbiſchofs, wie aus dem des Grafen, der die Thür zuzog ... Dem Grafen war die Wiederbegegnung mit dieſen Frauen eine ſo aufregende, daß Paula jetzt ihn be⸗ ruhigen mußte... Angiolinens Tod, der Ritt Olympiens durch den Park von Schloß Salem ſtand vor ſeinen Augen... Die Herzogin war im Caſino damals an⸗ fangs ſeinem Schmerz theilnehmend verbunden geweſen — die Zeit, die Ueberlegung, die Beurtheilung des Preisgebenkönnens ihrer Kinder hatte die freundliche Stimmung des Grafen von damals verändert... 262 Beruhigen Sie ſich beide, ſprach der Erzbiſchof, ich achte die Anſprüche, die Sie auf den letzten Händedruck des Freundes haben—... Meines Sohnes! verbeſſerte die Herzogin und richtete ihr Auge auf die Thür, die zu den nach Benno's Lager auf andrem Wege führenden Zimmern offen ſtand und jetzt von Bonaventura geſchloſſen wurde, indem er ſprach: Nehmen Sie an, Sie hätten für immer von Ihrem Sohne Abſchied genommen—... Für immer—?— riefen beide Frauen und Olympia fügte mit gellender Betonung hinzu:... Er will uns nicht ſehen—?... Bonaventura ſchwieg... Die Mutter blickte wie geiſtesabweſend um ſich... Dann ſchien ſie nachzudenken, welche Empfindungen ihren Sohn zu dieſer Erklärung hätten beſtimmen können ... Endlich raffte ſie ſich mit leidenſchaftlichem Entſchluß auf und wollte an die Thür des Bibliothekzimmers... Der Erzbiſchof vertrat ihr den Weg und wollte jedes ſtörende Geräuſch verhindern... Herzogin—! ... ſprach er feſt und beſtimmt... Dann ſeine Stimme mildernd und auf die der Herzogin ſich anſchließende Olympia blickend, begann er: Geben Sie dieſe Beweisführung Ihrer Liebe auf! ... Niemand zweifelt daran!... Aber der letzte Augen⸗ blick eines Sterbenden, ſein letzter Wille ſei Ihnen heilig . Vereinigen Sie Ihre Klagen mit den unſrigen, weinen Sie mit uns—!... An ſeinem Bett wacht die Liebe ſeiner Freunde—... Laſſen Sie ihm die ſtille Ruhe des Abſchieds vom Leben... Er entſchläft— Ge her f, ich dedruck richete Lager dd und ſprach: Ihrem lympia ungen önnen vchluß wollte in je der nn er: — auf! Augen⸗ heilig ſrigen, cht die e ſtil äft— 263 in Gott... Er bat nur um Eines— um— ewige Ruhe... Welche Liebe? wandte ſich jetzt Olympia mit einer Miene, als hätte ſie des Erzbiſchofs Worte nicht ver⸗ ſtanden... Meinen Gatten will ich ſehen— denn das iſt er—!... Sie raſſelte an der Thür, bis Graf Hugo eintrat und ihr nicht endendes Mia anima! Mio cuore! zu be⸗ ſchwichtigen ſuchte.. Wie aus einer fremden Welt verhallten dieſe Klage⸗ laute— ohne Echo, ohne ein Zeichen, daß ſie drüben vernommen und erhört wurden... Graf Hugo ſchloß noch die von innen verriegelte Bibliothekthür ab, ſteckte den Schlüſſel zu ſich, ging zu Paula zurück und blickte nur im Vorübergehen auf den Erzbiſchof, andeutend, ob er nicht beſſer thäte, zu Benno zurückzukehren und zu verſuchen, ihn umzuſtimmen... Aber Bonaventura ſtand regungslos... Wir ſtören die heilige Handlung des Abbate Orſini, ſagte er... Beten können wir auch hier... Olympiens Augen wurden weiß vor Zorn... Ihre Geſtalt ſchien wie von Luft... Sie ſchwebte hin und her und murmelte eine Reihe zuſammenhangloſer Worte, die dem Erzbiſchof ſehr wohl als Erinnerung an ſein Emporkommen und Verurtheilung ſeiner Undankbarkeit verſtändlich waren.. Nichtsdeſtoweniger wiederholte er: Beten wir!. Drüben hörte man die Klingel des Miniſtranten ... Weihrauchduft durchzog die Zimmer... Die Herzogin weinte nur noch... 264 Bonaventura ſprach ihr mit weicher Stimme: Die Seele unſeres Freundes iſt ebenſo krank, wie ſein Körper... Laſſen Sie ihm den letzten Frieden, um den er gebeten... Mich, einen Prieſter, bat er, die Mutter und die ehemalige Freundin ſelbſt dann noch fernzuhalten, wenn ſein Auge gebrochen iſt... Es muß ihm ein heiliger Ernſt mit dieſen Wünſchen ſein ... Kann ich etwas dagegen thun?... In jener Zeit, wo der Freund nur noch Ihnen und Italien angehörte, muß er ſchwer gelitten haben... Wahnſinn!... Wahnſinn!... rief Olympia... Sagen Sie: Verklärung und Erhebung vom Ir⸗ diſchen! entgegnete Bonaventura... Ein Gericht hat er nicht über Sie halten wollen, ſondern über ſich... Sie können nicht begreifen, wie ſein Leben von Deutſchlands heiligen Eichen ausging, wie die Wipfel der Tannen, unter denen Sie einſt betrogen wurden, Herzogin— wir alle wiſſen es mit Beſchämung— doch ihm die ſüßeſten Märchenträume ſangen... Anfangs wand er ſich künſt⸗ lich vom Zauber ſeiner Heimat, ſeines deutſchen Vater⸗ terlandes los und verbitterte künſtlich ſein Gemüth gegen die Welt, in der er lebte... Da fand er dann Sie und der künſtliche Haß wurde ein ſcheinbar natür⸗ licher... Ihnen, dem Lande ſeiner Mutter, Ihren Intereſſen, Ihren Hoffnungen widmete er ſich ganz 3 Das wurde zum Fieberbrand, der ihn zuletzt verzehrte... Der nordiſchen Sehnſucht zum Süden ging es immer ſo... Nun aber, nun weht ihn noch einmal die Kühle aus den deutſchen Eichen an— um⸗ gaukeln ihn die Bilder aus den grünen Tannenwäldern der Yate Ergh nach einſ ſein und ſeine Unv zur habe Wer nur ben um die wu gar zwe geg wid nI, wie Ftiedden, bat er, in noch .. Es hen ſein ter Zeit, gehörte, pig... om Jr⸗ hat er .. Sie chlands , unter wit alle ſüßeſten b künſt⸗ Vater⸗ Gemüth r dann natür⸗ Itra h ganz zulett Süden in noch — um⸗ rdm 265 der Heimat des Mannes, der ihn erzog, ſeines wahren Vaters, des Dechanten— laſſen Sie ihm dieſe letzte Erquickung des Verlorenſeins in ſeiner deutſchen Jugend nach dem heißen Sonnenbrand, während Sie drei ja einſt— genug zuſammen glücklich waren—... Die Zauberei eines Mädchens ſeh' ich, das ihn in ſeinen letzten Augenblicken beſtrickt! unterbrach Olympia und ihre Zähne glänzten, wie ſie der Wolf im Anblick ſeiner Beute wetzt... Läſtern Sie nicht, Fürſtin! ſprach Bonaventura voll Unwillen, doch kehrte er zur Milde zurück und ſagte zur Mutter: Reiſen Sie mit Gott, Herzogin!... Sie haben lange ein Herz beſeſſen, das ſich Ihnen opferte... Wenn dies Herz im letzten Augenblick umfangen ſein will nur von jener Einſamkeit, die den armen verſtoßenen Kna⸗ ben, der ſich ſelbſt ſo oft einen Zigeuner im Leben nannte, umfing, wenn er an die grünen Wälder zurückdenkt, die Sie verfluchten, weil Ihr Ehrgeiz dort betrogen wurde, laſſen Sie ihm dieſe Erinnerungen... Arm⸗ gart von Hülleshoven ſchloß ebenſo die Augen ſeines zweiten Vaters, des Dechanten... Ich vermochte nichts gegen einen Wunſch des Freundes, der ſo feſt, ſo un⸗ widerruflich feſt ausgeſprochen wurde—... Die Herzogin weinte und ſchien ſich zu ergeben... Sie erinnerte ſich der letzten Jahre in London, die un⸗ ausgeſetzt für Benno nur Qualen geboten hatten— Olympia hatte wieder angefangen, ihre tyranniſche Na⸗ tur, Eiferſucht und jede Plage geltend zu machen—. Die Mutter verſtand, was Benno gethan, als er floh, und was er eben that— ſie verſtand, warum ſein 266 ſchroff gewordener, verdüſterter Sinn ſo und nicht anders aus dem Leben ſcheiden wollte... Olympia fühlte die gleiche Berechtigung ſo harter Strafe, aber ſie ergab ſich nicht... Starr blickte ſie zur Erde... Sie hatte ſich allmählich ſetzen müſſen ... Ihre Bruſt kochte vor Rache und Eiferſucht... Die Thränen der Herzogin rührten den Erzbiſchof ... Er gedachte der eigenen Mutter, die nun auch viel⸗ leicht bald vom Leben ſchied und im brechenden Auge das Gefühl einer großen Schuld zeigen konnte... Er bemerkte die wiederholt bittenden Blicke des Grafen, der von Olympiens Kälte und ihrem drohenden Schweigen allmählich das Schlimmſte befürchtete... Schon hatte er gehört, daß ſie in Verbindung mit Gräfin-⸗Sarzana ſtand... Jetzt mußte er ſogar der Terſchka'ſchen Droh⸗ ungen gedenken... Bitte! ſprach er zum Erzbiſchof und deutete an, daß man beſſer thäte, den Verſuch zu machen, ob ſich nicht Benno umſtimmen ließe... Wollen Sie mir verſprechen, ſich ruhig zu ver⸗ halten? erwiderte Bonaventura... Ich will noch ein⸗ mal an Ihres Sohnes Lager treten... Die Frauen hoben flehend die Hände, ſelbſt Olympia... Da trat Paula, die inzwiſchen durch die andre Verbindung der Zimmer in der Nähe der Sakraments⸗ ertheilung geweilt hatte, ihm entgegen und ſank weinend in die einzigen Arme, die ſich ihr entgegenſtrecken durf⸗ ten— die ihres Gatten... Sie ſagte mit erſtickter Stimme: Er iſt hinüber... liener Weil in d Fra⸗ heit bewi anders harter icte ſie müſſer h... tbiſchof c viel⸗ m Auge . Er en, der hweigen n hatte arzana Droh⸗ of und machen, zu ver⸗ och ein⸗ ſelbſt andre zments⸗ weinend n dutf erſtikte — 267 Der Ausdruck des Schmerzes bei den beiden Ita⸗ lienerinnen war unverſtellt... Sie ſchwiegen eine Weile, wie vom Strahl des Himmels getroffen— und in der That wie beſtraft für all' die Qual, welche Frauen, unter dem Vorwande der Liebe, über die Frei⸗ heit des männlichen Willens und ein nothwendiges Sich⸗ bewußtbleiben feiner Kraft verhängen können—... Sie drängten, Benno ſehen zu wollen— die Mutter wie eine Irrſinnige—... Bonaventura erinnerte ſie, wie oft der Freund von Angiolinens Tod geſprochen, wie oft er behauptet, die Schweſter hätte die entſetzliche Scene zwiſchen ihm und der Mutter noch hören müſſen, die Todten ver⸗ ließen die Erde weit langſamer als wir glaubten... Und eben noch hatte der Freund in dieſem Sinn um die Stille ſeines Sterbelagers gebeten... Bonaventura bat die Frauen, zu bleiben... Selbſt Klagen, ſelbſt Thränen nicht in ſeiner Nähe!... Er hätte dies dem Freunde geloben müſſen... Abbate Orſini ging eben mit den Sterbeſakramenten an der offengebliebenen Thür vorüber.. Der Anblick der Monſtranz gebot den verzweifelnden Frauen Ruhe und Selbſtbeherrſchung... Bonaventura benutzte dieſen Moment, um ſich zu entfernen... Graf Hugo begleitete ihn... Es drängte beide an das Lager des todten Freundes... Beide durften es Paula überlaſſen, mit der ihr eigenen Güte des Tons, mit der ihr im bitterſten Leid eigenen Ho⸗ heit den zurückbleibenden Frauen Worte des Troſtes zu ſpenden... 268 Die Fürſtin ſah, daß die Herzogin dieſer edlen Er⸗ ſcheinung gegenüber ſchon lange die Faſſung verloren hatte, ob ſie gleich wußte, daß dieſe blonde Deutſche die Urſache des Bruchs zwiſchen dem Grafen und Angiolinen war... Oft, wenn von ihrem Ritt durch den Park von Schloß Salem als Urſache des Todes An⸗ giolinens geſprochen wurde, hatte Olympia die Schuld auf dieſe Gräfin und ihr Geld geworfen... Jetzt auch ſah Olympia allmählich ſchon verächtlich zu ihr empor und ſprach zur Herzogin, die auch von den Jahren ſchon tiefgebeugt ſchien, ein Andiamo! nach dem andern; ja als dieſe mit den Nägeln in ihrem Antlitz wühlte, brauchte ſie die kalten Worte: Keine Schwäche!... Die Nähe des nun wirklich eingetretenen Todes beäng⸗ ſtigte im Grunde niemanden mehr als Olympien... Sie hätte den ehemals heißgeliebten Freund vielleicht nicht einmal im Tod betrachten können...„Nichts iſt ſchöner, als der Tod!“ hatte einſt die Mutter Benno's geſagt, als ſie zu Angiolinens Leiche trat... Sie wiederholte dies Wort—... Sie kannte aber Olym⸗ piens abergläubiſche Furcht, ergab ſich und ſagte nun ſchon, daß ſie auch ihrerſeits fürchtete, dem Anblick zu erliegen... Die aufgeregt hin- und hereilenden Bewohner und Diener des Hauſes konnten es zuletzt natürlich finden, daß die greiſe Dame, die zum allge⸗ meinem Staunen die Mutter des Hingeſchiedenen war, langſam die Treppe niederſtieg und am Portal in ihren Wagen ſank... Die Fürſtin ging der Schluchzenden zur Linken... Paula begleitete ſie zur Rechten... Auf der Mitte der Stiege waren ihnen noch der Hot 269 tn Er⸗ Erzbiſchof und der Graf nachgekommen und begleiteten ſie verloren beide bis zum Portal... Noch einmal bat Bonaven⸗ tſte die tura um Vergebung und lud die Frauen ein, in einigen zziolinen Stunden wiederzukommen— Graf Hugo träfe Anſtalten, urch den dem Geſchiedenen einen militäriſchen Katafalk zu errichten des ne⸗ mit allen kriegeriſchen Reliquien, die ſich noch in Benno's huld un Gepäck vorgefunden hätten... Ohne Zweifel ſtrömte auch ſch die ganze Stadt herbei, den römiſchen Republikaner zu por und ſehen... Die Herzogin verſprach, in einigen Stunden en ſchon zu kommen. dern; jt Olympia ſchwieg... Sie ſah ſich mit Verachtung wühlte und einer vor Zorn bitterlächelnden Miene um... e!... Ihre Gedanken ſchienen abweſend... Faſt war es, beäng⸗ als wollte ſie die Menſchen meſſen, die ſie ſah, und en... etwa wahrnehmen, bis wie weit ſie an ihnen ihre Rache wielleicht kühlen könnte... ſichts iſt Der Graf bot ſofort den beiden Scheidenden eine Bennob Wohnung in ſeinem Palais an, ja er traf in ihrer .. Er Gegenwart Anordnungen, ſie bis zum Begräbniß und r Olym⸗ noch auf längere Zeit würdig bei ſich zu beherbergen.. gte nun Die Herzogin ſah gerührt und bittend auf Olympien Arnblic... Dieſe nickte gelaſſen mit dem Kopf und ließ zum reilenden Hotel fahren... zulett Olympia hatte anders beſchloſſen... m alge⸗ Von den flehentlichſten, ja fußfälligen Bitten der Her⸗ en wa zogin, daß ſie beide wenigſtens bis zum Begräbniß in ihrn blieben, erfuhren nur zufällige Lauſcher an den Thüren vchzrde des Hotels... Trotz Benno's Beiſtand, trotz der Mit⸗ i. tel, die ihr Benno ſchon bei ſeiner Abreiſe nach Rom uch lebenslänglich ausgeſetzt hatte, war die Herzogin ſchon — 270 wieder nur die Duenna Olympiens... Sie hatte gegen dieſen wilden Charakter keine Kraft des Wider⸗ ſtands... Olympia fragte die gebeugte, reuevolle Frau mit durchbohrender Ironie, ob ſie Verlangen trüge, Armgart von Hülleshoven kennen zu lernen— 2. Alle Welt erſtaunte, als ſie dann Poſtpferde beſtellte .. Dieſe kamen nicht ſofort und ſchon machte ſie dem Wirth eine Scene... Ihr Reiſewagen fuhr an, ſie bezahlte den Aufent⸗ halt dieſer wenigen Stunden und ſchritt ruhig die Treppe des Hotels nieder an den geöffneten, rings von Men⸗ ſchen umſtandenen Schlag ihres Reiſewagens... Die Herzogin kam nicht... Olympia ließ den Poſtillon eine Mahnung blaſen... Zehn Minuten und die Her⸗ zogin erſchien.. Wären die Frauen noch einen Tag geblieben, ſo hätte ſich ein Zwieſpalt, der, wie ſämmtliche über dieſe Abreiſe erſtaunten Freunde fürchten mußten, nicht ohne Folgen bleiben konnte, durch eine glückliche Vermittelung vielleicht gelöſt... Thiebold de Jonge traf am Mor⸗ gen nach dem erſchütternden Heimgang Benno's ein und bot eine wahrhafte Erquickung allen trauererfüllten Her⸗ zen, die er hier antraf... Auch der Oberſt und Mo nika waren von Caſtellungo herübergeeilt, ſogar Hede⸗ mann, der dem erſten Jugendleben Benno's ſo nahe ge ſtanden hatte... Thiebold, der in innigſter Verbin⸗ dung mit Benno geblieben war, hatte kaum von den erſten Opfern der Belagerung Roms an Porta Pancrazio geleſen, als er ſich„vom Geſchäft“ losriß und„bei ie hatte Wider⸗ fFrau mit Armgart beſtellte ſie dem Aufent⸗ e Treppe on Men⸗ .. Da Poſtillon die Her⸗ tben, ſo ber dieſe ſicht ohne mittelung mm Mor⸗ ein und ten Her⸗ nd NMo a Hede⸗ nahe ge Verbin von den gancrait und„bei 271 7 . allem Unglück den glücklichen Gedanken“ hatte, erſt über Coni und Caſtellungo zu reiſen... Mit dem gan⸗ zen Schmerz der hingebendſten, treueſten, bis über den Tod ausdauernden Freundſchaft traf er den Freund ſchon vom Leben geſchieden... Bebend trat er an den ausgeſtellten Leichnam, weinte wie ein Kind— ordnete aber doch ſogleich des Freundes graue Locken mit ſeiner Linken und drückte mit der Rechten Armgart's Hand, die ihn gewähren ließ... Fand er von allen gebeugten Herzen den Ton der natürlichen Ergebung zuerſt wieder und konnte, den theuern, mit ſeinem Leben ſo innig ver⸗ wachſenen Freund betrachtend, mit liebevollſter Proſa ſagen:„Merkwürdig; eigentlich hat er ſich nicht ver⸗ ändert!“ ſo konnte er doch ſein„Er hat mich erzogen!“ mit einem Schluchzen ſprechen, wie eine mit vierzig Jahren„mutterlos daſtehende Waiſe“... Die Ver⸗ bindung mit Benno war ungetrübt geblieben; ſeine von unermüdlichem Hin⸗ und Herreiſen begleitete Vermittler⸗ ſchaft hatte in den ſtürmiſchen letzten Lebensjahren des Freundes die äußerſten Kataſtrophen zu verhindern ge⸗ wußt... Jetzt war alles ſo gekommen, wie jener Scherz in den zauberiſchen Tagen auf Villa Torreſani bei Rom nicht ahnen ließ und wie er doch, nach den Regeln der Nemeſis, hatte enden müſſen... Armgart und Thiebold konnten an Benno's Leiche noch manche Melodie aus alten Zeiten vernehmen. Dieſe Melodieen riſſen freilich ſchmerzlich ab—„Durch weſſen Schuld—?“ lag in Thiebold's Blicken, als er die hohe, ſo ſeltſam anders, als er erwartet, ent⸗ wickelte Geſtalt Armgart's betrachtete und an den räth⸗ 2 272 ſelhaften Abſchied erinnerte, den ſie ihnen beiden einſt im Schloß zu Weſterhof— ihres Gelübdes wegen— hatte geben können... Jetzt erdrückte ihn faſt eine Art„Ehr⸗ 4 furcht“ vor Armgart's Geiſt und gereiftem Urtheil... Die Veränderung des tiefbetrübten Lebenskreiſes wurde die mächtigſte, als Bonaventura unmittelbar nach Benno's Beſtattung zu ſeiner inzwiſchen in Rom ange⸗ kommenen Mutter gerufen wurde und in der That der Graf, trotz aller Gährungen ſeines Innern, erklärte, 3. das Bedürfniß zu haben, auch ſeinerſeits den Präſi⸗ denten zu begrüßen und deshalb mit Paula den Erz⸗ biſchof zu begleiten... Monika erglühte über dieſe Aus⸗ 3 33 rede, die einer ganz andern Rückſichtsnahme galt, vor mächtigſter Regung einer Entrüſtung, die ſie ſich nur ge⸗ rade jetzt in dieſer allgemeinen Trauerſtimmung auszu⸗ ſprechen ſcheute... Ein Glück, daß Thiebold's rege Fürſorge für alle und 3 über alles wachte... Das Begräbniß des Freundes, die Ausſchmückung des Grabes, das Errichten eines Denkſteins, alles das fiel auf ſeinen Theil und nichts ließ er ſich von dem,„was ſich ja von ſelbſt verſtände“, nehmen... Er ſagte:„Auf unſerm gegenſeitigen Con⸗ tocorrent hat Benno noch ſo viel Saldi und Ueberträge zu gute, daß ich ſie in dieſem Leben nimmermehr aus⸗ löſchen kann!“.... Armgart, wie die Sonne am herbſtlichen Tag, dankte ihm voll wehmüthiger Freude— ſo für ſein Kommen wie für ſein längeres Bleiben—... einſt im — hatte t,Chr⸗ eil... nskreiſes dar nach n ange⸗ hat der erklärte, Präſt⸗ en Erz⸗ zſe Aus⸗ alt, vor nur ge⸗ auszu⸗ alle und reundes, en eines d nichts ſtünde“, en Con⸗ berträge ehr aus⸗ z dantte Kommel 3 9. Zwiſchen dem Joniſchen und dem Mittelmeer erſtreckt ſich die eine Hufeiſenhälfte des ſüdlichen Italien und berührt in ihrer Spitze beinahe das Haupt der alten Trinacria, Siciliens. Die Scheide zwiſchen beiden Meeren bilden die Ausläufe der Apenninen mit, den hohen Bergſpitzen des Monte Januario und Monte Calabreſe... Zwiſchen beiden erhebt bo eine bewaldete, hier in ſchroffe Felsklüfte zerſpaltene, dort in grüne, weiden⸗ reiche, aber engumſchloſſene Thäler ſich abſenkende Ge⸗ birgskette, der Silaswald...— Wer da weiß, daß man auf dem Aetna, wäh⸗ rend unten die Dattelpalme und Feige grünt, auf der Höhe von Schneeſtürmen überfallen werden kann, begreift, daß zwar auch der benachbarte Silaswald an ſeinen Füßen und an beiden Meeren hin die ganze Pracht der ſüdlichen Vegetation entfaltet, auf ſeinen Höhen aber und in ſeinen Schluchten den Alpencharakter der Schweiz tragen muß— ſchmale, an reißenden Berg⸗ gewäſſern hingehende Wege, Thäler, die von hohen Felſen Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 18 — 274 umgeben ſind, auf denen Adler horſten, Wälder, an die ſich ſeit Jahrhunderten die Axt nicht legte, weil die Mittel und die Kräfte fehlen, die Stämme in die Ebene zu füh⸗ ren... Oft wirft die Sonne ihre ſüdlichen Strahlen ſenkrecht in die feuchten Felsritzen und läßt in ihnen eine tropiſche Luft entſtehen, wie in einem Treibhauſe; aber an anderen Stellen pfeift dann wieder durch die offenen Lücken zwiſchen den von Zwergeichent umkränzten Spitzen des Hochgebirgs die Bora ſo eiſig, daß die Hirten ihre un⸗ gegerbten Schaffelle, mit denen ſie den nackten Körper bekleiden, über und über zuſammenbinden müſſen wie die Grönländer... Weiße ſpitze Hüte decken die ſchwarzbraunen, ſcharfgeſchnittenen Köpfe mit ihren dunkelbraunen Augen, deren lange ſchwarze Wimpern manchen Phyſiognomieen einen ſanften, gutmüthigen Ausdruck geben... Andere blicken dafür wieder deſto wilder.. Die Schaffelle ſind am Leib nach innen, an den Füßen nach außen⸗gekehrt und bis zum groben Holzſchuh hinunter durch Schnüre befeſtigt... Ein braunrother Mantel dient als Decke für die Nacht oder gegen die zuweilen urſchnell aus⸗ brechenden Gewitter... Die Thätigkeit der Silaswald⸗ bewohner iſt größtentheils Viehzucht... Die Ziegen Calabriens, die zu Tauſenden an den ſchroffen Felsab⸗ hängen ihre Nahrung ſuchen, während die Hirten den Dudelſack blaſen oder auf der alten Pansflöte viel⸗ ſtimmiges Echo wecken, liefern jene eleganteſten Hand⸗ ſchuhe von Paris und Mailand... Wer im Silaswald nicht Ziegen treibt oder für Schafe und Rinder die fetteren Weideplätze ſucht oder Kohlen brennt, verlegt ſich auf das einträgliche an die Mittel zu füh⸗ Strahlen nen eine aber an n Lücken zen des hre un⸗ Körper wie die rraunen, Augen, nomieen Andere haffelle agelehrt Schnüre s Deck ell aus⸗ aswald⸗ Ziegen Felsab⸗ ten den te viel⸗ 275 Gewerbe des Schmuggels, ſeit uralten Tagen für dies buch⸗ tenreiche Land ein ebenſo überliefertes wie der Raub „Hier weht die claſſiſche Luft, die uns umfängt, wenn wir von den Thaten des Hercules, der die Land⸗ ſtraßen ſäuberte, von Theſeus, von den ſtrengen Geſetzen der Republiken des alten Griechenland leſen Von Oſten her weht helleniſche Luft, vom Sü⸗ den ſarazeniſche... Flibuſtierthum iſt die eigentliche Lebensbewährung aller dieſer am Meer wohnenden Völker, die auch ſchon deshalb das Leben nicht ſo ruhig, wie andere, nehmen können, weil unter ihnen der Boden vulkaniſch wankt und zu ſagen ſcheint: Was du dir nicht heute genommen vom Ueberfluß der Erde, das verſchlingt vielleicht ſchon morgen der uralte Neid der Götter auf unſer Menſchenglück—... Wenn ſich auf einem zweirädrigen, aber menſchen⸗ überfüllten, von einem Pferd und einem Maulthier zu⸗ gleich gezogenen Karren, der in Kalkſtaub gehüllt die Felſenſtraße von Coſenza ſich hinaufwindet, die Furcht ausſpricht, daß auf dem Wege bis Spezzano der Abend hereinbrechen würde und mancher ſeine kleine Baarſchaft an ein mit Flinmtenläufen unterſtütztes: Gott grüß! hin⸗ geben müßte, ſo hatte ſie vollkommene Begründung ... Nur dürfen ebenſo die acht Perſonen, die an dem zweirädrigen Karren wie Bienen an einem Baumaſt hän⸗ gen, dem Impreſario der Gebirgsdiligenga, Meiſter Scagnarello, Recht geben, der die unausgeſetzten, bald liebkoſenden, bald drohenden Anſtachelungen ſeiner Thiere mit einem lauten Lachen unterbrach, als ein Handſchuh⸗ macher aus Meſſina in ſeinem ſicilianiſchen Dialekt noch 5 18* 276 von dem furchtbaren Räuber Gioſafat Talarico zu meckern anfing und vom Scagnarello hören mußte: Das wißt ihr alſo noch drüben nicht, wer euer vor⸗ nehmer Nachbar geworden iſt?... Auf Lipari, dicht vor eurer Naſe, könnt ihr den Vater Gioſafat und ſeine ganze Familie wie einen Prätore leben ſehen.. Seine Excellenz der Miniſter waren ſelbſt von Neapel nach Coſenza gekommen, ſprachen ein ernſtes Wort mit dem tapfern Mann und für achtzehn Ducati monatlich ver⸗ gnügt er ſich jetzt auf der Jagd am Strand der See .. Sie klagen in Coſenza, daß ſeitdem ſo wenig wilde Gänſe mit dem Südweſt zufliegen... Die Geſellſchaft, die auf dem Karren trotz eines Umfangs deſſelben von nur acht Fuß Länge und ſechs Fuß Breite doch in mehreren Stockwerken ſaß, ordentlich, dem Preiſe nach, ein Coupé, ein Intérieur und eine Imperiale hatte, ja noch Körbe, Säcke und Felleiſen in einer wahren Laokoon⸗Verſchlingung unter⸗ zubringen wußte, mußte beſtätigen, daß Meiſter Scag⸗ narello vollkommen Recht hatte... Nachdem die Re⸗ gierung in Coſenza damals an einem Tage zwanzig Inſurgenten, die Brüder Bandiera an der Spitze, hatte erſchießen laſſen, mußte ſie wol des Blutes für einige Zeit genug haben... Del Caretto, gewöhnlich der „Henker Neapels“ genannt, kam nach Coſenza, nahm die Fürbitte des Erzbiſchofs für die durch einen glück⸗ lichen Zufall gefangene Bande des Gioſafat Talarico, der an Morden und unzähligen Räubereien mit Pasquale Grizzifalcone in der Mark Ancona wetteifern konnte, in ernſte Erwägung und vollzog es wirklich, was larico zu ußte: euer vor⸗ dicht vor eine ganze . Seine apel nach mit dem tlich ver⸗ der See ſo wenig oß eines ge und en ſaß, aterieur icee und g unter⸗ rSeag⸗ die Re⸗ wanzig hatte einige ich der nahm glück⸗ larico, 1 mit teifern was 277 der alte Principe Rucca in Rom und der ſelige Cec⸗ cone nur für eine erwägenswerthe Möglichkeit gehalten hatten... Lipari erhielt den Gioſafat zwar nicht als Bür⸗ germeiſter, wie ſich, vor dem Schuß des deutſchen Mön⸗ ches Hubertus, Grizzifalcone von Ascoli geträumt hatte, aber er lebte daſelbſt freier und vergnüglicher, als Napoleon auf Sanct⸗Helena... Mit den achtzehn Ducati hatte es ſeine vollkommene Richtigkeit*)... Darum war es aber im Silaswald noch nicht eben viel geheurer geworden... In Coſenza ſah man ja hinter den Gittern eines Thurms dieſer alten Stadt, wo einſt am Buſento Alarich, der Gothenkönig, ſein geheim⸗ nißvolles Grab gefunden, genug halbnackte Gefangene um Almoſen betteln und, wenn ſie keins erhielten, hinter⸗ her eine höhniſche Frazze ſchneiden... Bis die Diligenca Signors Scagnarello in der Nothwendigkeit war, um der engen Wege willen die Thiere ſo zu ſpannen, daß ſein Maulthier voran, ſein Rößlein hinterher ging, war die Zahl ſeiner Paſſagiere bedeutend zuſammengeſchmolzen... Der Handſchuhmacher traf die Ziegen, die er erhandeln wollte, ſchon in Pe⸗ daco, dann wollte er ſich um den unheimlichen Silas⸗ wald herum nach Roſſano auf die große Ledermeſſe begeben— ein Männlein war's, wie die feinen Leute dort gehen, in dunkelgrüner Jacke, kurzen braunen Beinkleidern, braunen Strümpfen und ſchwarzen Ka⸗ maſchen, mit einem braunen Mantel und einem weißen Hut, ſo ſpitz wie ein Zuckerhut, eine rothe Feder *) Gregorovius'„Siciliana“. 278 darauf, als gehörte auch er zur Bande des Talarico ... Hinter ihm her wurde vielfach gelacht, auch von zwei Prieſtern, die hier in vergnüglichſter Weiſe ganz zum Volke gehören und oft vertrauter mit den Räubern ſind, als mit ihren Verfolgern... Zuletzt blieb dem Scagnarello von Männern nur noch ein Soldat treu, der den Weg von Coſenza zu Wagen machte, obgleich er zu den be⸗ rittenen Scharfſchützen gehörte— Sein Pferd lag hüf⸗ tenlahm, erzählte er, in Spezzano, einem Oertchen, das ſonſt keine Beſatzung hatte, heute aber mit Soldaten überfüllt war— eine Erſcheinung, die die Paſſagiere nicht zu ſehr überraſchte, denn wo waren nicht die Truppen jetzt nöthig, um heute eine Verhaftnahme eines noch aus den kaum beſchwichtigten Stürmen der letzten Jahre zurückgebliebenen verſteckten Compromittirten vorzunehmen, morgen eine wiederum drohende neue Con⸗ ſpiration zu erſticken— Sicilien und Calabrien hatten auch für ihre politiſchen Vulkane geheime Zuſammen⸗ hänge genug... Außer dem Soldaten blieb auf dem Karren noch eine Frau mit einem Kinde, die weiter wollte als bis Spezzano und ſchon ſeit Coſenza mit Signore Scagna⸗ rello in Unterhandlungen ſtand, was ſie wol zahlen würde, wenn ſie die Diligenca noch bis in die letzte fahrbare Gegend des Gebirges benutzte, bis nach San⸗Giovanni in Fiore hinauf... Eigentlich wollte ſie zum Franciscanerkloſter San-Firmiano, wo die hierorts bekannte Welt aufhörte; denn jenſeits Firmianos begann die Wildniß, die nur den Räubern, einigen Hirten und den Geiſtern gehört, ſowol den alten larico von zun d, als rarelle Weg en be— hüf⸗ ,, das — 279 dorthin gebannten claſſiſchen, als welche im Volksglauben beſonders noch Cicero und Virgil ſpuken, wie den neueren muſelmänniſchen, beſonders ſeeräuberiſchen, vor⸗ zugsweiſe dem berüchtigten Renegaten Uluſch⸗Ali und ähnlichen Dämonen, die ſchon manchen hier in die Hölle abholten... Sechs Uhr war es und doch lag das enge Thal, aus deſſen Mitte Spezzano auf einem hochgelegenen Felſen hervorragte, ſchon in einiger Dämmerung... Nur das Städtchen ſelbſt oben langte noch in den vollen goldenen Sonnenſchein Der Ort war ſchwer zu erreichen... Langſam wand ſich der Weg auf und ab, oft tief hinunter über das brückenloſe wilde Rauſchen hier des Crates, dort des Buſento, die querdurch vom Wäglein mit Sack und Pack paſſirt werden mußten, bald wieder hinauf in die ſteilſte Höhe, wo es dann einen entzückenden, die Phantaſie dieſer Reiſenden wenig be⸗ ſchäftigenden Fernblick auf das dunkelblaue Meer bis hinüber zu dem Felſeneiland Lipari gab... In den Schluchten war die Vegetation die üppigſte, aber kaum ließ ſich begreifen, wie ſich an den ſchroffen Abhängen den Kaſtanienbäumen beikommen ließ, um die ſchweren Laſten, die ſie trugen, abzuernten... In Spezzano, einem Oertchen von einigen hundert Seelen, einem Durcheinander von Lumpen, Schmutz, von wie Wäſche aufgehängten friſchgewalzten Nudeln, von wildwuchernden rieſigen Feigenbäumen an Schutthaufen alter Caſtellmauern, fanden die beiden letzten Paſſagiere die größte Aufregung durch die Soldaten, die ſchon einen Tag hier campirten... Das raſſelte mit langen 280 Säbeln über die höckerigen Straßen, die faſt erklettert werden mußten. Die Pferde konnten nur am Zügel geführt werden... Außer den Reitern gab es ein De⸗ tachement Fußſchützen, die zur Schweizerarmee gehörten — Leute, die nicht eben heiter blickten, da die mili⸗ täriſche Zucht in den Schweizerregimentern von furcht⸗ barer Strenge iſt und die Offiziere gegen die Gemeinen mit einer das deutſche Gemüth wahrhaft verletzenden Unfreundlichkeit verfahren... Faſt ſcheint es, als hätten die in der Schweiz ſo wenig bedeutenden höhern Anſprüche einiger alten Adelsgeſchlechter, beſonders in den Urcantonen, durch die militäriſche Organiſation der Fremdenregimenter ſich in Rom und Neapel eine Satis⸗ faction für die heimatliche Abſchaffung des Mittelalters holen wollen... Was aber mag denn nur vorgehen? fragte jetzt doch Signor Scagnarello, als er ſeinen Pepe, das Maul⸗ thier, und ſeine Gallina, das Rößlein, ausſpannte und ganz Spezzano zuſammenlief, um die wichtigen Begeben⸗ heiten des Tränkens, Fütterns, Verwünſchens der Wege, Verwünſchens der Fliegen, des Ausſcheltens des noch trinkſcheuen„Pepe“, Schmeichelns der alten geduldigen „Gallina“ lachend und ſpottend mit durchzumachen— (in Italien geht das nicht anders und Neapel ſcheint vollends die Stammſchule aller Poſſenreißer zu ſein und trotz der ſchönen, edlen, maleriſchen Geſtalten, die überall ſich lehnten und kauerten, den Uebergang vom Affen⸗ zum Menſchenthum zu vertreten)... Was mag nur vorgehen? rief Scagnarello im Stall... Die Kopfſteuer haben wir doch ſchon am Erſten bezahlt klettert Zügel in De⸗ ehörten nmili⸗ furcht⸗ meinen zenden als höhern ers in eon der Satis⸗ alters doch Maul⸗ e und geben⸗ Wege, noch digen 1 ceint ſein die 281 und die Vettern des Talarico— die hoffen ja auch auf ihre Anſtellung beim Zollfach und halten ſich... Das Feſt der Madonna von Spezzano iſt erſt übermorgen und zu unſerer Illumination, ſeh' ich, hilft von den Soldaten Keiner, obgleich die Offiziere beim Pfar⸗ rer wohnen... Die Swizzeri bringen uns nie et⸗ was, ſondern holen nur... Von Spezzano— 1... Unſer armes, frommes Spezzano!... Bauen ſie nicht ſchon wieder der heiligen Mutter Gottes einen Triumph⸗ bogen und die Bora hat erſt zu Maria Ascenſione alle Lampen zerbrochen—!... Von den durch die letzten Abſtrafungen revolutio⸗ närer Regungen gründlich abgeſchreckten Bewohnern Spezzanos konnte niemand dieſe ſtarke Einquartierung begreifen, noch auch von den Soldaten, die ihre eigene Verwendung nicht kannten, darüber eine Aufklärung erhalten... Ein bunter Kreis bildete ſich um das von Scagnarello gehaltene Gaſthaus, die„Croce di Malta“, wo ſeine Giacomina die Militärchargen bewirthete und des Hausherrn Einmiſchung in ihr Departement nicht litt „Die Offiziere hörten dem Handel der von Co—⸗ ſenza mitgekommenen jungen Frau zu, die, ihr Kindlein im Schoſe, auf einem verwitterten Steinblock ſaß und ihre Weiterreiſe nach San⸗Giovanni in Fiore in die Wild⸗ niß hinein und zwar aufs lebhafteſte erörterte... Alles bewunderte den Muth Scagnarello's, der ſich bereitwillig fand, nach einer einſtündigen Raſt ſeines Pepe, noch bis in die ſpäte Nacht hinaus in die Berge zu fahren. Die alte Gallina beſaß die Ausdauer nicht, wie der wilde ohrenſpitzende Pepe, dem die Freuden im„Torre del 282 Mauro“, dem beſten und einzigen Wirthshaus von San⸗Giovanni in Fiore, ſo lebhaft von ſeinem Herrn geſchildert wurden, als müßte die ganze außergewöhnliche Unternehmung, die der Frau baare zwei Ducati(Thaler) koſtete, erſt von ſeiner gnädigſten Zuſtimmung ab⸗ hängen... Die Frau, die ſich ihrerſeits des freundlichſten Ge⸗ ſprächs der auf guten Erwerb bedachten Giacomina zu erfreuen hatte, kam aus Nocera, das über Coſenza hinaus dicht am Meere liegt.. Sie hätte ihrem Kinde zufolge noch jung ſein müſſen; aber ſie trug ſchon, wie hier überall die Frauen, die Spuren zeitigen Ver⸗ blühens... Sie war die Frau eines Krämers in Nocera und konnte ſich etwas zu Gute thun auf die Feinheit ihres Hemdes, das mit ſchönen Spitzen beſetzt theils über ihr Mieder hinauslugte, theils an den Achſeln ſichtbar wurde, wo die Aermel ihres braunen Kleides nur durch Schnüre am Leibchen befeſtigt waren... Auf dem Kopf trug ſie ein rothgelbes Tuch, das in Ecken gelegt flach am ſchwarzen Scheitel auflag und mit ſeinen Enden, die mit gleichfarbigen Franzen beſetzt waren, an ſich gar ſchelmiſch in den Nacken fiel... Die ſchwarzen Augen der ſonſt ſchmächtigen und behenden Frau gingen hin und her, ſchon vor Aufregung über die wilde Bewegung in dem ſonſt ſo friedfertigen Spezzano... Ihre kleine Marietta zappelte bald nach den bunten Lampen, die ſchon an den Gerüſten für das Madonnenfeſt hingen, bald nach den bunten Uniformen der Soldaten, von denen einige Liebkoſungen mit ihr wechſelten wie„Biſch gust?“„Willſch Röſſli reita?“ und ähnliche deutſche ſenza iyrem ſchon, Ver⸗ ocera ihres ihr urde, hnüre trug h all „die gar ugen 1 hin egung kleine „ die ingen, von Biſch 4 utſc Herzenslaute, die auch keineswegs der Mutter in ihrem Sinn verloren gingen; denn auch ohne Wörterbuch, und keinesweges nur durch den Austauſch von Blicken und Ge⸗ berden, verſtehen ſich in guten Dingen alle Nationen — nur Haß und Eigennutz hat die Verſchiedenheit der Sprachen erfunden... Durch den dolmetſchenden Bei⸗ ſtand der Umſtehenden kam es heraus, die Frau war an den Gewürzkrämer Dionyſio Mateucci in Nocera verheirathet, hieß urſprünglich Roſalia Vigo und wollte nach San⸗Firmiano, wo ihr Bruder im Kloſter lebte... Auf dieſe Mittheilung hin belebten ſich Scagna⸗ rello's Züge und niemanden mehr, als dem Pepe wurde nun voll Staunen und Verwunderung die ganze Ge⸗ ſchichte dieſer Frau erzählt... Die Roſalia Vigo! Die Schweſter des ehemaligen Pfarrers von San⸗Gio⸗ vanni in Fiore!... Das iſt nur gut, daß Herr Dom Sebaſtiano(der Pfarrer von Spezzano) beim Erzbiſchof in Coſenza iſt— denn noch in ſeiner letzten Predigt an Mariä Ascenſione nannte er ihren Bruder einen Unglücklichen, der im Fegfeuer noch einmal ſo lange ſitzen müſſe als andere, weil ihm ſein geſchorenes Haupt mit heiligem Prieſteröl geſalbt wäre und bekanntlich Oel im Feuer nicht eben löſcht-.. Scagnarello war nunmehr auf die intereſſanteſten Neuigkeiten und noch ein ganz beſonders gutes Trinkgeld gefaßt... Vollends hörte er von der Abſicht der Schweſter des Pfarrers, ihren geliebten Bruder wol gar aus San⸗ Firmiano ganz abzuholen und mitzunehmen... Der ſeit⸗ wärts ſchielenden Blicke einiger alten Bettler von Spezzano, des Murmelns einiger Graubärte, der Bekreuzigungen 284 einiger Matronen, die Hexen nicht unähnlich ſahen, achtete Scagnarello nicht— obgleich er alles zu deuten verſtand und vollkommen wußte, wie ſehr es eine ganz eigene Be⸗ wandtniß hatte mit der Geſchichte des Pfarrers von San⸗ Giovanni in Fiore... Ach, auch Roſalia Matteucci verſtand, warum einige alte Schäfer, die in der Nähe ſtanden und den Soldaten gegenüber ihre Flinten, über ihre Schaffelle hinausragend, mit aller Keckheit trugen— ſie wollten zur Meſſe nach Roſſano— auf ihre großen Hunde blickten und deren Bläſſe berühr⸗ ten, die der Pfarrer von Spezzano mit Weihwaſſer be⸗ ſprengt hatte... Pepe und die Gallina und alle Pferde, Eſel und Maulthiere, alle Hunde und Katzen, überhaupt was nur irgend mit dem Menſchen hier in näherem Umgang lebte— das wilde Heer des nächſten Umgangs der Flöhe u. ſ. w. ausgenommen— hat in Italien durch Prieſters Hand die Heiligung empfan⸗ gen*).. Mit dem allgemeinen, die junge Frau mehr beſchä⸗ menden, als erhebenden Rufe: Das iſt die Roſalia Vigo! Die Schweſter des Pfarrers von San⸗Giovanni in Fiore! fuhr die Schweigſame und nun recht in Gedanken Ver⸗ lorene endlich nach ſieben Uhr aus dem noch hellſonnigen Spezzano in die ſchon dunkeln Felſenſchluchten nieder .Schauerlich durfte es ihr erklingen, als am Fuß des Felſens, auf dem Spezzano liegt, ein Schweinehirt, der dem auf dem zerbröckelten Geſtein des Weges hin⸗ und hergeſchleuderten Karren Platz machte, ihr einen Will⸗ *) Ueblicher Brauch. 285 kommen und Abſchied auf einer rieſigen Meermuſchel blies... Scagnarello offenbarte im Fahren dem FHirten, der ihnen folgen konnte— ſogleich ging es wieder berg⸗ auf— ſein abenteuerliches Unternehmen, noch in die lichte Mondnacht hinaus bis in den Torre del Mauro von San⸗Giovanni fahren zu wollen... Rühmte er ſich auch nicht, mitzutheilen, was er damit verdiente, ſo ſchil⸗ derte er doch die Fahrt als eine, die ſich ſchon allein durch die guten Leute von San⸗Giovanni belohne... Im Grunde alles nur, um die vollere Zuſtimmung des Pepe zu gewinnen, deſſen beide Ohren an dem furchtbaren Klange der Muſchel einen muſikaliſchen Genuß empfunden haben mußten; Pepe ſchlich, wie in ſehnſuchtsvolle Ge⸗ danken verloren... Auch Roſalia blieb nachdenklich... Ohnehin an Unter⸗ haltung durch den Lärm der rauſchenden Gewäſſer, die wieder ohne Brücken zu paſſiren waren, gehindert, be⸗ gann ſie ihre Marietta in Schlummer zu ſingen... Sie brachte dies zu Stande nicht etwa durch ein heiteres Wiegenlied, ſondern durch einen einzigen, lang gehalte⸗ nen Ton in A... Dieſen ſetzt die italieniſche Mutter ſo lange endlos fort, bis ihr Kindchen einſchläft.. Eine Melodie würd' es ja wach erhalten—.. Auch Scagnarello rief ſeinem Pepe unausgeſetzt ein Wort, das freilich im Gegentheil ein Wachbleiben und muntres Traben hervorrufen ſollte: Maccaroni!... Der Neapolitaner legt dabei den Ton auf die letzte Silbe ... Soll es dem Zugthier die Hoffnung erwecken, am ex⸗ reichten Ziel ſeines Führers Lieblingsſpeiſe theilen zu dürfen, 286 oder iſt es noch ein alter Reſt der hier einſt üblich geweſenen Griechenſprache, wo Maxdpte! ein Schmei⸗ chelwort war, wie: Du altes gutes Haus!“— 2 Gleichviel, Pepe that ſein Möglichſtes... An die Stelle der Liebkoſungen traten freilich auch zuweilen die in Ita⸗ lien üblichen energiſchen Peitſchenhiebe... Zur Linken ſah man nach einer Stunde nichts mehr, als einen Wald von rieſigen Farrenkräutern, die ſich zum Ufer des auf dem Gebirgskamm entſpringenden Neto niederzogen... Zur Rechten ſtarrte die ſchroffe Fels⸗ wand... Jenſeits der Anhöhe leuchteten noch in der Sonne die Kronen eines Buchenwaldes, die dann jede weitere Ausſicht verſperrten. Miracolo!... begann jetzt Scagnarello; ihr ſagt, Euer Bruder würde San⸗Firmiano verlaſſen können und wieder nach San⸗Giovanni in ſeine Pfarre kommen, die er vor zehn Jahren— der Aermſte—!— hat ver⸗ lieren müſſen? Warum doch?... Die Frau unterbrach ihr Singen und mußte die kleine Marietta aufheben, die ſich noch nicht ganz wollte zum Schlafen bändigen laſſen... Ihr glaubt, ſagte ſie, auf eine ſolche Pfarre, wo die Birnen aus nichts, als kleinen Steinen beſtehen? ... Nein, ich glaube nicht, daß in San-Giovanni auch jetzt noch ein anderer Wein wächſt, als den zu meiner Zeit kaum die Ziegen getrunken hätten... Signore! Nein!... Seine Excellenza hat mir eine beſſere Hoff⸗ nung gemacht... Mein Bruder wird Pfarrer zu San⸗ Spiridion in Nocera... Ho! Habt ihr Euch nicht verſprochen, Frau? brach Scagt umwe San⸗ keinen einen 287 Scagnarello in Erſtaunen aus und Pepe benutzte ein Sich⸗ umwenden ſeines Herrn, um ſogleich ſtill zu halten... San⸗Spiridion in Nocera?... Da tauſcht er ja mit keinem Erzbiſchof drüben in Sicilien... Dies ſetzte er mit einem Avanti! und einem tüchtigen Peitſchenhieb hinzu ... Freilich— in Sicilien hab' ich ein Kloſter gekannt, wo die Brüder verhungerten, wenn ſie nicht abends mit der Flinte aufpaßten, ob Engländer vom Aetna kamen. Aber in Nocera ſoll Euer Bruder Pfarrer werden!... Scagnarello war gutmüthig genug, ſeine Meinung: „Ich dachte, daß ihm ſowol im Jenſeits, wie ſchon hie⸗ nieden die ewige Verdammniß beſtimmt iſt“— nicht auszuſprechen... Bei San⸗Gennaro! ſagte die Schweſter Paolo Vigo's; ich dächte, daß er ſich dieſe Auszeichnung redlich erwor⸗ ben hat... Zehn Jahre hat er büßen müſſen und die Heiligkeit iſt er ſelbſt geworden... Wißt Ihr für ganz gewiß, daß ſie ihn losgeben? äußerte Scagnarello mit beſcheidenem Zweifel und der giftigen Rede des Pfarrers von Spezzano gedenkend... Der heilige Erzbiſchof von Coſenza, fuhr die Frau fort und reichte ihrem mildurtheilenden Führer, der die ſchlimmen Anſichten der übrigen Bewohner von Spezzano gegen ihren Bruder nicht zu theilen ſchien, eine Flaſche Wein aus einem ihr zu Füßen ſtehenden großen Korbe, der mindeſtens auf eine Woche mit all' den Dingen ver⸗ ſehen war, die man, nach ihrer Erfahrung, hinter San⸗ Giovanni in Fiore nicht mehr als in der Welt auch nur ge⸗ kannt vorauszuſetzen berechtigt war— der heilige Erzbiſchof von Coſenza, ſagte ſie zuverſichtlich, hat es noch geſtern n 288 betheuert... Ich bin dreimal von Nocera herüber⸗ gekommen und jedes mal war der heilige Herr liebreicher und gnädiger mit mir... Alles hab' ich ihm erzählt, warum mein Bruder ins Unglück gekommen iſt—... Redet nur nicht davon! unterbrach ſie jetzt Scagnarello mit einigem Schaudern, die Flaſche zurückge⸗ bend, aus der er einen kräftigen Zug gethan hatte ... Der Trunk hatte, ſchien es, ſein Gedächtniß ge⸗ ſtärkt, das ihm anfangs verſagte, als es ſich um den Gewinn von zwei Ducati handelte... Roſalia Mateucci nahm die Flaſche, ſtellte ſie wie⸗ der in den Korb und ſchwieg in der That... Sie verſtand vollkommen, daß es gewiſſe unheimliche Dinge im Leben ihres Bruders gab, von denen man in ſolcher Abenddämmerung und in der ſtillen Gebirgswildniß nicht ſprechen ſoll... Ohnehin galt der Silaswald für verzau⸗ bert... Es iſt dies die Ruheſtätte, wo noch immer der „große Pan ſchläft“... In Abenddämmerung begegnen uns hier noch Satyrn mit Bocksfüßen und Hörnern genug, ſehen aus den Bäumen noch nickende langhaarige Dryaden, ertönt oft noch ein ſchrilles Lachen in der Luft und nie⸗ mand weiß, wo all die vergeſſenen Schelmerein des Alterthums am Tage ſich verſteckt halten; des Nachts ſind ſie da... Roſalia Mateucci begann wieder ihr Wiegenlied... Die Sonne war höher und höher an die Buchen⸗ gipfel geſtiegen und endlich ganz verſchwunden Schon hatte der Mond ſich in dem weiteren Himmel, der auf kurze Zeit jetzt zur Rechten ſichthar wurde, mit ſilbernem Glanze gezeigt... Die Straße, die eigentlich über⸗ eicher zählt, e jetzt ücge⸗ hatte fx den wie⸗ .Sie Dinge olcher nicht rzau⸗ e der egnel genug, haden, nie⸗ des dachts 289 nur ein jetzt ausgetrocknetes Flußbett war, zwängte ſich durch zwei Felſen, die ſich ſo nahe ſtanden, daß ſie ober⸗ halb, einige hundert Fuß höher, durch eine Brücke hätten verbunden werden können... Scagnarello wußte nun allmählich im vollen Zuſam⸗ menhang, daß ſeine Paſſagierin Roſalia Vigo, die jüngſte Schweſter ihres Bruders Paolo Vigo war, der in Neapel Theologie ſtudirt hatte und doch nur die ärmſte Pfarre der Welt, zu San⸗Giovanni in Fiore im Silaswalde, gewann... Ein feuriger, muthiger, wiſſensdurſtiger Jüngling, hatte er aber dieſe Pfarre bereitwilligſt ange⸗ treten, weil ſie mit einer Aufſicht über das naheliegende Kloſter San⸗Firmiano, eine Art geiſtlicher Strafanſtalt, verbunden war; andererſeits weil das Innere des theil⸗ weiſe unzugänglichen Silaswaldes noch von Ketzern be⸗ wohnt ſein ſollte, welche ſich aus urälteſten Zeiten dort erhalten haben und mit zerſtreuten Anhängern in Ver⸗ bindung ſtanden, die an gewiſſen Tagen, auf nur ihnen bekannten Wegen, dort zuſammenkamen*)... Seinem jugendlichen Glaubenseifer hatte ſich die Bekämpfung und Ausrottung dieſer Secte gerade empfohlen... Die Ketzer trieben Zauberei, beſonders mit Hülfe der Bibel... Da erfuhr dann aber alle Welt, daß im Gegentheil auch Paolo Vigo plötzlich von ihnen verwirrt wurde, die Bibel auf die Kanzel von San⸗Giovanni mitbrachte und auf Denunciation des Pfarrers von Spezzano ſuspendirt, ja nunmehr ſelbſt in jenes Kloſter der Pönitenten verwie⸗ ſen wurde, wo er hatte erziehen und beſſern wollen... *) Ph. J. von Rehfues; Schriften. Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 19 290 Der Guardian dieſes Kloſters mußte in San⸗Giovanni ſolange die Meſſen übernehmen, während die übrigen pfarramtlichen Handlungen von Spezzano aus verrichtet wurden... Roſalia Mateucci wußte gegen die Auffaſſung des Pfarrers von Spezzano und des Signor Scagnarello über ihren Bruder an ſich nichts einzuwenden... Doch behauptete ſie, daß ihr Bruder, wenn auch eine Zeit lang von Zauberern verblendet, doch nie im Stande geweſen wäre, in die unkatholiſchen Greuel mit einzuſtimmen... Daß Paolo Vigo beſchuldigt wurde, vorzugsweiſe gegen Einen, den auch Scagnarello vollkommen als einen ge⸗ fürchteten Hexenmeiſter kannte, Nachſicht geübt zu haben — das alles ließ ſich nicht wegleugnen... Auch nicht die haarſträubende Geſchichte von einem feuerſchnauben⸗ den, geradezu aus der Hölle gekommenen Hunde, welcher auf dem Markt von San⸗Giovanni in Fiore einſt laut geredet und die Seele des Pfarrers in ſeine Gewalt zu bekommen begehrt haben ſollte, obgleich derſelbe ihn dann mit eigener Hand todtſchoß... Scagnarello wußte das alles und ſagte beim Anſtreifen an dieſe unheimlichen Erinnerungen: Bitte! Bitte!— fragte aber doch, ob ſich die Frau noch des Skeletts erinnerte, das dazumal ihren Bruder um den Tod des hölliſchen Hundes ſo in Harniſch gebracht hätte?...— Des Fra Hubertus! ſagte die Frau mit einem halb beklommenen, halb freudigen Tone... Er lebt noch „Ich weiß es ja—! An ſeinen Knochen kann man zwar von Fleiſch kein Pfund mehr zählen! entgegnete Scagnarello, aber— ovanni übrigen errichtet ung des gnarello . Doh eit lang geweſen men... e gegen nen ge⸗ 1 haben ch nicht ßte das unlichen och, 0b dazumal 8 ſo il em halb ebt noch tiſc tin aber 291 gewiß lebt er noch— und ich will Euch nur geſtehen— ich hätte mich nicht heute Nacht noch in den Wald ge⸗ wagt, könnten wir nicht hoffen, noch den Bruder Hu⸗ bertus einzuholen... Heilige Mutter Gottes! rief die Frau freudig erregt und wagte die gefährlichſte Stellung von der Welt in Scagnarello's zweirädrigem Karren. Sie ſtand auf, hielt ihre ſchlafende Marietta mit Gefahr, ſelbſt überzuſtürzen, im Arm und reckte ſpähend den Hals in die Weite... Saht Ihr denn den Frä Hubertus? rief ſie und lugte in die dunkle Ferne... Beruhigt Euch! ſprach Scagnarello und bezog dieſe Aufregung misverſtändlich auf eine Anwandlung von Furcht ... Wenn ich meiner Frau, meinen Kindern und dem Pepe zugemuthet habe, mich bis Mitternacht noch auf die Straße zwiſchen Spezzano und San⸗Gio hinauszulaſſen, ſo iſt es, aufrichtig geſagt, geſchehen, weil ich hörte, daß Fra Hubertus uns ein paar hundert Schritte voraus iſt... Denn was der Frate nun auch ſein mag, ob ein Ruſſe oder von Geburt ein Türke, wir alle haben ihn hier anfangs gleichfalls für den leibhaftigen Boten der Hölle gehalten— ja da erſt gar, als er den fremden Mann nicht weit von hier in den Neto geſtoßen—!... Ich bitte Euch!... ſagte die Frau ſich niederſetzend... Aber habt darum keine Furcht! fuhr Scagnarello fort .. Holen wir den Bruder ein, ſo haben wir mit ihm ein Regiment Soldaten... Der Pfarrer von Spezzano, im Vertrauen geſagt, mag ihn noch jetzt nicht— aber darum hat der Bruder, der ſoeben in Neapel war, doch hohe Gönner und Beſchützer und, was ſeine Leibeskräfte 19* 292 anlangt, ſo kenn' ich manchen, der ihm noch jetzt abends aus dem Wege geht—... Er war in Neapel— Und iſt zurück!... Ich weiß es ja— weiß alles—... rief Roſalia freudig und verſtummte dann. Letzteres zum Aerger Scagnarello's .. Er merkte, daß es etwas ganz Neues aus dem Leben ſeiner Paſſagierin zu erfahren gab... Dieſe wich ſeinen Fragen aus und verſank in eine wehmüthige Stim⸗ mung... Es knüpften ſich ihr aus der Zeit, wo ſie vor Jahren ihres Bruders Wirthſchaft in San⸗Giovanni geführt hatte, an dieſen„Bruder mit dem Todtenkopf“ Erinnerungen voll Schrecken... Ihr Bruder Paolo hatte lange liebevoll für die Seinigen geſorgt, hatte ihnen jede Erſparniß nach Salerno, wo ſie her waren, geſchickt, hatte, der gute Sohn, die Gebühren ſeiner erſten Meſſen nur ſeiner Mutter verehrt... Zwei Jahre war ſie dann bei ihm im Silaswalde geweſen und hatte das Ihrige gethan, ihm einen ſo traurigen Aufenthalt einigermaßen erträglich zu machen... Aber Paolo Vigo verfiel in Melancholie, zumal durch die Nähe des Kloſters San⸗Firmiano ſelbſt... Seinem Gemüth mußte es ſchmerzlich ſein, ſo viel verab⸗ ſcheuungswürdige Prieſter kennen zu lernen, die in jenem in Felſen eingezwängten, eine melancholiſche Aus⸗ ſicht in eine düſtere Waldgegend bietenden Kloſter leben mußten... Außerdem lebten hier alle ehrlichen Leute damals im Kampf mit Gioſafat Talarico... Die Räuber der Abruzzen, die Genoſſen des Grizzifalcone, ſtanden mit denen Calabriens in einem Schutz⸗ und Trutz⸗ ie vor ovanni nkopf“ Paolo hatte 293 bündniß und bedrohten unausgeſetzt die Sicherheit der Einſamwohnenden... Schon waren aus dem Kirch⸗ lein in San-Giovanni die heiligen Geräthſchaften des Opferdienſtes geſtohlen worden... Kein Wunder, daß der Pfarrer ſich mit Waffen verſah und zu jeder Zeit eine geladene Flinte über ſeinem Bett hängen hatte... Nun geſchah es aber eines Tages, daß die Bewohner von San⸗Giovanni in der größten Aufregung durch⸗ einander rannten, auf dem Marktplatz, dicht vorm Fen⸗ ſter des Pfarrers auseinander flohen und ſich in ihren Häuſern verſteckten... Roſalia und ihr Bruder traten ans Fenſter und erkundigten ſich nach dem Grund des lauten Geſchreis... Da hieß es, im Orte wär' ein toller Hund... Vom Fenſter aus erblickte man in der That ein wandelndes Thiergerippe, die Zunge lang aus dem Munde hängend, die Haare borſtig aufwärts gebäumt— es war ein Hund, der einem verhungerten Wolfe glich... Kaum konnte das entſetzliche Thier ſich aufrecht erhalten... Schon knickte es zuſammen und taumelte dann wieder wildſchnappend auf, bis es aufs neue zuſammenſank... Der Pfarrer erwies den Bewohnern von San⸗Giovanni die Wohlthat, in raſcher Regung die Flinte zu ergreifen, abzudrücken und das Ungethüm niederzuſchießen... Und eben die Folgen dieſer raſchen That waren die ſeltſamſten... Sie lagen in Schleier gehüllt, endeten aber damit, daß Roſalia's Bruder oft tagelang abweſend war, mit dem Bruder Hubertus geſehen wurde, ſogar einen Ziegenhirten in San⸗ Giovanni, der ſchon ſeit lange für einen Ketzer galt, an ſeinen Tiſch nahm, zuletzt mit der Bibel auf der Kanzel 294 erſchien und in einer Weiſe predigte, die einen ſo großen Anſtoß erregte, daß ihn ſein Diöceſanbiſchof ſuspendiren mußte... Man ließ ihn bis auf Weiteres im nah⸗ gelegenen Kloſter wohnen und verbot ihm ſeine kirchlichen Functionen und Reden Aus dieſer proviſoriſchen Maßregel wurde ein Zuſtand, welcher Jahre dauerte und nicht mehr enden zu wollen ſchien... Die Stol⸗ gebühren von San⸗Giovanni behagten auch dem Dom Sebaſtiano von Spezzano... Scagnarello war durch die Hoffnung, bald den rie— ſenſtarken Bruder Todtenkopf einzuholen, ſo ermuthigt, daß er, trotz der ſchauerlichen Einſamkeit, wagte, auf alle dieſe unheimlichen Dinge anzuſpielen... Es iſt eine Pflicht unſerer Seelenhirten, ſagte er nach einer Betrachtung über feurige Hunde, die ſich öfters hier den Schäfern nächtlich zugeſellen, für das geiſtige und leibliche Wohl der Ihrigen zu ſorgen... Der Pfarrer in Spezzano iſt gewiß ein Santo, aber auch er heilt die Kröpfe und kann Geiſter bannen... Meinen Pepe da hat er mit allen Weihen verſehen... Roſalia Mateucci hatte das Thema des verhäng⸗ nißvollen Hundes verlaſſen... Scagnarello richtete je— doch mit umſpähender Miene an ſie die Frage: Frau— noch ſeh' ich den Bruder Franciscaner nicht— ſagt: Iſt es wahr, hat der den Hund ganz feier lich begraben—?... Kaum war das aus der Hölle gekommene Thier, erzählte ſie, gefallen, ſo kam, wie wir damals glaub⸗ ten, ein Abgeſandter des Satans, der die ihm ver⸗ fallene unreine Seele abholen ſollte... Auf dem Platz Wohl ezand je und er mit häng⸗ te je⸗ Scaner fäier Thier, glalk⸗ vel⸗ 295 erſchien ein langer hagerer Mönch mit einem Todtenkopf, der, wie die Magd erzählte, im Kloſter Firmiano vor kurzem erſt Herberge gefunden hatte... Die Kinder liefen ihm aus dem Wege— eine Sprache hatte er, wie unſer Truthahn, wenn ich mein rothes Kleid anziehe... Das alles hat ſich geändert! unterbrach Scagnarello Jetzt fürchten ihn nur noch die Leute mit zu langen Flinten und beſonders der Schmied von Spezzano Denn ein Hrfeiſen bricht er wie trockene Nudeln ent— zwei, wenn die Arbeit ſchlecht iſt... Gäule heilt er, die ſchon unter den Galgen kommen ſollten... Talarico! Der bekam Angſt vor ihm, als er hörte, daß das der Frate war, der in Rom dem Grizzifalcone den Garaus gemacht Nun, bei San⸗Firmiano! Der heilige Vater hat ihn auch gewiß nur hergeſchickt, daß er's dem Gioſafat ebenſo machen ſollte... Signora, ich hörte aber doch — mit dem Hund hatt' es Dinge auf ſich, die einen guten Chriſten um die Abſolution bringen können... Andere meinen, der Alte mit dem Todtenkopf hat we⸗ nigſtens ſeitdem nichts mehr mit der Hölle... Ein Hei⸗ liger iſt's geworden, wie nur der Erzbiſchof von Coſenza auch— und— CEuer, unter uns geſagt, vortrefflicher Bruder=... In voller Glückſeligkeit über dieſe Anerkennung ſagte Roſalia: Ja, Signor!... Ich glaube es für Pnuiß daß Fra Hubertus ſich zu Gott gebeſſert hat... Gerade von ihm hat mir der heiligſte Erzbiſchof von Coſenza geſagt: Geht getroſt, liebe Frau! Bis Ihr in San⸗Gio⸗ vanni in Fiore ſeid, iſt Frä Hubertus von Neapel zurück⸗ 296 gekehrt... Und nun iſt er da... Und ich denke doch, es muß alles gut werden... Scagnarello erhielt noch einmal die Flaſche, leerte ſie und lobte ſehr den Wein von Nocera... Auf ſeine Frage, was nur der Todtenkopf in Neapel gethan hätte, erhielt er die Antwort: Der heilige Erzbiſchof ſchickte ihn nach Neapel, um ſein Begehren beim rechten Mann vorzubringen... Beim rechten Mann?... wiederholte der Kutſcher ... Und welches Begehren—... Daß die Bewohner von San⸗Firmiano nicht mehr — wie die Canarienvögel von Coſenza gehalten werden... Sind ſie denn nicht alle Santi geworden? Hat mein Bruder ſie nicht bekehrt? Hat der Todten⸗ kopf ihnen nicht allen die Schrecken der Hölle zu Ge⸗ müth geführt, die er ſo gut kannte—?... Ich ſage Euch, bis nach Nocera hin ſteht das Kloſter im Geruch der Heiligkeit—!... Scagnarello wußte vollkommen, daß unter den Ca⸗ narienvögeln die gelbgekleideten Galerenſträflinge zu ver⸗ ſtehen ſind, die in Neapel öffentlich im Dienſt der Straßen⸗ und Hafenpolizei arbeiten müſſen... Auch über die gute Aufführung der Bewohner von San⸗Firmiano herrſchte nur Eine Stimme und Alle wußten, daß Dom Seba⸗ ſtiano darüber nicht reden konnte, ohne ſo zornig zu werden wie ein Puterhahn... Nach einer ſeiner letz⸗ ten Predigten gab es Tugenden, die blos vom Teufel kämen—... Doch war Seagnarello vorſichtig und hielt ſeine Meinung zurück... Die Einſamkeit, welche dann und wann nur vom edoch, , leerte Neapel del, um huſſher ht mehr gehalten vorden? Todten⸗ 50 Ge ch ſage Geruch 297 Gruß eines Hirten oder eines mühſam ausbiegenden Eſeltreibers unterbrochen wurde, hörte bei Annähe⸗ rung an San⸗Giovanni auf... Es wurde leb⸗ hafter rings im Gebirge... Zwar war die Nacht nun ganz hereingebrochen, Nebel ſtiegen auf, welche die Feuchtigkeit der Luft ſo vermehrten, daß Scag— narello und Roſalia ihre braunen Mäntel übernah⸗ men; der mondſcheinblaue Luft⸗ und Nebelhauch gab den grünen Waldabhängen, den einzelnen Wieſenteppichen eine geiſterhafte Beleuchtung; aber, wo der Strom der Gewäſſer am Wege nicht zu rauſchend ſtürzte, da hörte man deutlich und von mannichfachem Echo weiterge— tragen, das Locken und Rufen der Hirten an ihre Heerden, die zur Nachtruhe unter den mächtigen Eichen ſich lagerten, hörte das Blaſen einer einſamen Schal⸗ mei oder an einer andern Stelle das unaufhaltſame und unerſchöpfliche Lungen vorausſetzende Schnurren eines Dudelſacks... Jagdſchüſſe erſchollen ſogar zu⸗ weilen dicht über den Häuptern der Gefährten und machten den Pepe ſtutzig und unterbrachen dann die Reiſe durch ein Intermezzo von Apoſtrophen, die Scagnarello an die Vernunft des Thieres richtete... Tüchtige Peitſchen⸗ hiebe unterſtützten die Beweiskraft... Um ein verhältnißmäßiges Stück war man ſchon ganz in die Nähe San⸗Giovannis gekommen... Roſalia erkannte die Gegend... Die mit Früchten überladenen Kaſtanienbäume, die zuweilen am Wege ſtanden, rauſch⸗ ten ihr wie mit vertrautem Gruß... Dort ſtand ein altes Gemäuer, das der urälteſten Zeit Groß⸗Griechen⸗ lands angehörte... Der Mond ſchien durch die zer⸗ 298 klüfteten Fenſter... Sie kannte jeden dieſer, bald als Aufbewahrungsort des friſchgemähten Heus, bald als Ver⸗ ſammlungsort der Hirten bei Unwettern benutzten Orte... Ihr Herz wurde ihr immer frohbanger und zagendhoff⸗ nungsvoller... Scagnarello erzählte jetzt von einem Stein, an welchem ſie bald angekommen ſein müßten, wo Frä Hubertus vor Jahren mit jenen zwei Männern gerungen hätte, die im Silaswald umirrten und die„Freimaurer“, welche ſpäter in Coſenza erſchoſſen wurden— die Bandiera und ihre Genoſſen— verrathen wollten... Denen begegnete „dort oben am Kreuz“, erzählte er, der Bruder mit dem Todtenkopf, redete den einen, den er kannte, in fremder, ich glaube ruſſiſcher Sprache an und warf ihn jählings von oben da am Kreuz hinunter in den Neto.. Die Bürgersfrau von Nocera, die ſich auf Betrieb des Bruders vortheilhaft mit einem Verwandten ver⸗ heirathet hatte, war in dieſen Ereigniſſen bewandert... Sie konnte leſen und ſchreiben und führte ihrem Mann ſein Hauptbuch... Was im Silaswald vorging, hatte ſie ſeit Jahren um des geliebten Bruders willen mit dem größten Intereſſe verfolgt... Lebhaft ſtand ihr in Erinnerung, wie man ſich damals gewundert, warum der fremde Mönch, ein Sohn des heiligen Franciscus, wie⸗ derum auch für dieſe wilde That ſo heil und ungeſtraft davonkam... Diesmal wie bei Gelegenheit der immer⸗ hin bedenklichen Todesart des Grizzifalcone... Roſalia ſprach noch jetzt dies Erſtaunen nach... Er hat gute Freunde, ſagte Scagnarello... Er hat ſie da, wo ſie am meiſten nützen können— in Rom dhof⸗ elchem s vor ie im ſpäter ihre egnete 1.. nn ſein hatte m mit ihr in im der , Wie geitraſ immer⸗ Roſali 299 . Und wenn man Rom hat, hat man Neapel... Damals, als der Freimaurer in den Neto flog, ſah und hörte man lange nichts mehr vom Fra Hubertus... Mit Einem mal war er wieder da und der Sindico von Spezzano zog den Hut vor ihm ab... Hätte der Bruder die Weihen, er wäre längſt in San⸗Firmiano Guardian... Roſalia kannte alles das und ſchwieg, in Hoffnung auf die Geltendmachung eines ſo großen Einfluſſes in Neapel... Nach einer Weile fragte Scagnarello: Signora— wart ihr denn auch ſchon dazumal an — den— ich meine, an den Bluteichen—?... Die Frau erſchrak über dieſe Frage und ſchwieg... Ich meine, habt Ihr ihn nie geſehen? fuhr Scagna⸗ rello leiſe und lächelnd fort... Die Frau wußte vollkommen, was und wen Scagna⸗ rello mit ſeiner Frage meinte... Hm! Hm! räusperte er ſich und fuhrt fort: Ich möcht' es, bei San-Gennaro, auch einmal wagen und ihn beſuchen... Nur um die Nummern zu hören, die ich im Lotto ſpielen ſoll... Da war ein Mann von Cotrone— wißt Ihr, was er dem geſagt hat, als der die nächſten Nummern hören wollte, die herauskom⸗ men=?... Er ſollte arbeiten und auf Gott vertrauen—?... antwortete Roſalia... Nein, entgegnete Scagnarello— Das kann ſich Jeder ſelbſt ſagen—! Dem Mann von Cotrone hat er geſagt: Wer gab dir früher deine Nummern?...„Der Pfarrer 300 von San⸗Geminiano in Cotrone!“... Kamen ſie heraus?...„Nein! Auch die auf den Namen Mariä nicht!“... Warum nicht auf den Namen Mariä? .„Der Pfarrer rechnete die Nummern nach den Buchſtaben aus— M. war 12. Sie kamen aber nicht heraus.“. Ich verſtehe! Kannſt du leſen?... „Nein!“... Auch nicht das ABC?..„Nein!“... Im Namen Maria kommt zweimal A vor— das gab zweimal 1..„Da nahm der Pfarrer für das zweite 1 das Doppelte; manchmal das Dreifache; ſo hab' ich zehn Jahre auf Maria“ und die Heiligen geſetzt, aber nicht mehr gewonnen, als ausreichte, um den Pfarrer zu bezahlen—8“... Der Pfarrer ließ ſich bezahlen?... „Ich bezahlte die Meſſen, die meine Todten aus dem Feuer erlöſten!“... Nun, mein Sohn, ſagte der Alte von den Bluteichen, ſo nimm einmal den Namen„Jeſus!“ Siehſt du, das ſind auch fünf Buchſtaben, auch fünf Zah⸗ len und die letzte nimm dann gleichfalls doppelt— 9. 5. 18. 20. 36— So hab' ich ſie behalten——! unterbrach ſich Scagnarello— Gewinnſt du, ſagte der Hexenmeiſter, dann danke deinem Erlöſer durch gute An⸗ wendung des Geldes! Verlierſt du aber, ſo nimm an, daß er dir eine chriſtliche Lehre geben wollte und dich blos durch deine Arbeit reich machen wird!... Der Mann aus Cotrone ſpielte und gewann— eine Terne; es iſt auch ſo ein ganz reicher Mann... Das Ding ſprach ſich aus; alles ſetzte auf den Namen Jeſus; es hat aber keinem mehr ſo glücken wollen, wie dem Mann aus Cotrone. Roſalia ſeufzte über dieſe Zaubereien und ſann über men ſie Mariä Mariä? nach den ber nicht 12... inln... das gab s zweite hab ich ſfetz, aber farrer zu lten— agte der gute An⸗ mm an, dich blos er Mann ep es i g ſyra „es hl 301 Scagnarello's Aeußerung, daß der Mann von Cotrone wol noch eine beſondere Anweiſung bei dieſem kabba⸗ liſtiſchen Spiel des Einſiedlers von den Bluteichen hinzu empfangen haben müßte... Sie hatte die vollkommene Geneigtheit, dieſer Meinung zuzuſtimmen... Zuletzt bat ſie ihn beim Blut des heiligen Januarius, von ſolchen durch die Hölle angerathenen Lottonummern, auch von den Bluteichen, von den nächtlichen Verſammlungen, welche dort die Geiſter hielten, beſonders aber von dem erſchoſſenen feurigen Hunde und den blutigen Thaten des Bruders Hubertus zu ſchweigen und auf eine baldige glück⸗ liche Ankunft in San-Giovanni zu hoffen... Nach einer halben Stunde, welche Scagnarello im ſchmollenden Geſpräch mit Pepe und zuletzt mit Klagen über die theuere Zeit und die von der Hitze verſengte zweite Heuernte zubrachte— letzteres im Intereſſe eines erhöhten Trinkgeldes— deutete er mit der Peitſche auf einen im Mondlicht grell beleuchteten Gegenſtand an dem⸗ ſelben Wege, welchen ſie fuhren... Schon lange hatte auch ſchon Roſalia ihr Auge auf dieſen Punkt gerichtet und fragte jetzt: Seht Ihr denn da etwas, Signor?. Es iſt— ſo wahr ich Napoleone heiße— endlich der braune Bruder... Ich wette um meinen Pepe— er iſt's... Sein Maccaroni wurde jetzt wacker durch die Peitſche unterſtützt... Die Frau konnte nicht umhin anzuerkennen, daß Scagnarello's Vermuthung über einen an einem hölzer⸗ nen Kreuz auf einem Stein ſitzenden Mönch Wahr⸗ 30² ſcheinlichkeit für ſich hatte... Die braune Kapuze war halb niedergeſchlagen; ſo ſchwarz und ſtarr konnte dar⸗ unter hervor nur ein Kopf lugen, der ſo gut wie keiner war oder wenigſtens nur dasjenige, was übrigbleibt wenn von einem Kopf Haare und Fleiſch weggenommen werden.. Scagnarello, jetzt vollends ermuthigt und ſogar von dem hinter den Felſen her immer heller und heller läutenden Glockenthurm von San-Gio ſchon angenehm überraſcht, ſchwang ſeine Peitſche und gab der hochgeſpannten Frau, die glücklich war, ſchon jetzt dem Manne zu begegnen, welcher die gute Kunde aus Neapel nach San⸗Firmiano bringen ſollte, jede tröſtliche Verſicherung. Ein Franciscaner, in Sandalen, mit brauner Kutte, den weißen wollenen Strick um die magere Hüfte, ſaß in der That auf dem Stein am Wege... Es war Fraͤ Hubertus... Er ſaß am Gedächtnißkreuz des von ihm vor Jahren hier in den brauſenden Neto geſchleu— derten Jän Picard... Als er die Klingel des Pepe hörte, ſtand er auf und ging fürbaß... Er ſchien keine Neigung zu haben, auf eine verſpätete Equipage zu war ten und ſich in ſeinen wahrſcheinlich düſter angeregten Empfindungen ſtören zu laſſen.. Ihn einzuholen wäre beim Bergauf unmöglich ge— weſen, wenn ihm nicht Scagnarello alle möglichen In⸗ terjectionen nachgerufen hätte aus jenem unerſchöpflichen, in ſeinem Reichthum noch von keinem Gelehrten würdig abgeſchätzten Wörterbuch der neapolitaniſchen Naturſprache . Zu den thatſächlichen Motiven, welche Scagnarello mit civiliſirteren Worten einmiſchte, um den rüſtigen R ſe war te dar⸗ e keiner igbleid ommen gar von utenden rraſcht, n Frau, gegnen, ermiano en keine uI war⸗ eregten lich g— elt Jr pflichen würdi iſprat anarell riſſige 4 Greis zum Stehenbleiben zu bewegen, gehörte, in ſelt— ſamen Abkürzungen freilich, die ganze Geſchichte der Frau, welche hinter ihm hochaufgerichtet ſtand, in der Linken mit dem ſchlafenden Kinde, in der Rechten mit ihrem Tuch, mit dem ſie unabläſſig wehte; gehörte end⸗ lich auch ein Gruß vom Erzbiſchof von Coſenza und die ganze Ausmalung aller der Glückſeligkeiten, die ſich nun in San⸗Firmiano und in San⸗Spiridion zu Nocera be⸗ geben würden... Der lange hagere Knochenmann ſtand endlich ſtill und lachte des tollen Gewälſchs... Sein Kopf wurde darüber ein einziges— Gebiß von Zähnen... In der„Campaniſchen“ Sprache, jenem Italieniſch der Neapolitaner, in welchem die Buchſtaben mit allen nur er⸗ denklichen Freiheiten behandelt werden, oft der eine ganz für den andern eintritt und ſtatt„Michel“ Kaspar ge⸗ ſagt wird, hatte Hubertus in der That Fortſchritte ge⸗ macht... Er blieb ſtehen... Dann freilich entſprach ſeinem erſten frohen Gruß an die ihm ſehr wohl erinnerliche Schweſter Paolo Vigo's keineswegs ſein fernerer Mittheilungsdrang... Letzterer ſchüttelte er zwar als alter Freund die Hand und nahm das jetzt erwachte, ſchreiende Kind auf den Arm, verſichernd, daß ſeine Sehnſucht, den trefflichen Bruder der Signora nach ſechs Wochen wiederzuſehen, nicht minder groß, als die ihrige nach ſo vielen Jahren wäre— ja er kannte das ſchöne dem Bruder winkende Gotteshaus zu San⸗Spiridion in Nocera vollkommen und gab zu, daß der Erzbiſchof von Coſenza hinläng— lich heilig wäre, um auch weiſſagen zu können... 304 Gewiß! Gewiß! Es wird alles gut werden! wiederholte er zum öftern... Aber— dem ganzen Weſen fehlte die rechte, von Innen kommende Freudigkeit... So kommt Ihr von Neapel und habt noch nichts Beſtimmtes erfahren? fragte die Frau voll Beſtürzung über dies Benehmen und lud den frommen Bruder ein, neben ihr Platz zu nehmen. Hubertus folgte dieſer Aufforderung, nahm die noch an Schönheitsanſchauungen nicht gewöhnte und wenig vor ihm erſchreckende kleine Marietta auf den Schoos, ſang ihr eine alte holländiſche Liedſtrophe und ver⸗ ſicherte, die Hoffnung wäre das ſchönſte Lebensgut, das ſich der Menſch nur immer friſch in allen Nöthen bewah⸗ ren müſſe... 4 Die Hoffnung?... Bei San⸗Gennaro! rief die Frau und zitterte... Weiter bringt Ihr nichts von Neapel zurück, als— Hoffnung?... Und ſchöne Feigen! Seht die Feigen! erwiderte Hubertus und reichte deren aus ſeiner Kutte Marietten eine Hand voll, während die Frau ihm bereits ihre Eß⸗ waaren angeboten hatte... Was kann mir alles das helfen? wehklagte Roſalia Mateucci... Hab' ich darum ſo viele Jahre die Reiſe von Nocera nach Coſenza gemacht?... Haben wir darum zwanzig Ducati an die Mutter Gottes Della Salute und abermals funfzehn an den heiligen Gennaro von Coſenza bezahlt?... Das wird ſich einbringen, Frau... Hofft in Got⸗ tes Namen! wiederholte Hubertus... Inzwiſchen fing er mit einem bei weitem dringli⸗ erholte fehlte nichts ürzung Bruder widerte arietten re Eß⸗ Roſalia e Reiſe en wit Della jennato in Got dringli Bimiuͤ 305 cheren Intereſſe an, dem Meiſter Scagnarello ſein Er⸗ ſtaunen über die neue Garniſon von Spezzano auszu⸗ drücken... Was wollen nur all dieſe Reiter und Jäger wieder? Geht der Weg nach Frankreich durch den Si⸗ laswald?... Scagnarello deutete an, daß nicht gut von ſolchen Dingen zu reden wäre, ſeitdem hier ſchon die beſten Leute zu den„Canarienvögeln“ in Neapel gekommen wären... Guter Bruder, was bringt Ihr von Neapel?.. drängte die Frau... Ihr redet von Canarienvögeln... Nur zu wohl weiß ich, die Raben, die ſchwarzen, die hacken dem heiligen Franciscus gern die Augen aus Steht das wo geſchrieben? entgegnete Hubertus und ſchien betroffen von dieſer Rede, die er vollkommen verſtand und für ebenſo prophetiſch hielt, wie ſie wohlge⸗ ſetzt war... Die Jeſuiten(dieſe nur konnte Roſalia unter den ſchwarzen Raben verſtanden haben), hatten aller⸗ dings hier die Hauptentſcheidung... Auf den Spruch der Jeſuiten hatte der Erzbiſchof von Coſenza als die letzte Inſtanz verwieſen, von welcher hier alles abhängen würde... Alle Welt wußte, daß zwar in den Be⸗ wegungstagen zwanzig Kutſchen voll Jeſuiten aus Neapel hatten entfliehen müſſen, ſie waren aber in vier⸗ zig wiedergekommen und die rechte Hand des Herrſchers über dies unglückliche Land blieh des Königs Beicht⸗ vater, Monſignore Celeſtino Cocle, Erzbiſchof von Neapel, ein fanatiſcher Agent des Al Geſu, eben jener„rechte Mann“, von welchem die Wünſche der Bewohner San⸗ Firmianos abhängen ſollten... Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 20 306 Zehn Jahre, erzählte wehklagend die Frau, hab' ich meine Kniee gebeugt vor dem heiligen Erzbiſchof von Coſenza... Jeden Quatember, wenn neue Prie⸗ ſter geweiht wurden, lief ich zu Fuß die zehn Miglien von Nocera nach Coſenza und beugte meine Kniee auch nach der Meſſe noch... Wenn der heilige Herr in ſeinen Palaſt ging, rief ich ihn um Gnade an für meinen unglücklichen Bruder... Und immer gab er mir ſeinen Segen und ſagte: Ihr ſeht ja, liebe Frau, die Pfarre von San⸗Giovanni bleibt ihm offen; das Sacro Officio prüft lange, aber gründlich—... Heiliger Gennaro!... Zehn Jahre prüfte das Officio—!... Ich wußte nicht, ob mein Bruder noch lebt—!... Wir ſchickten— mein Dionyſio iſt gut— was wir nur vermochten— bald an den ehrwürdigen Guardian, bald an den heiligen Erz⸗ biſchof— aber meines Paolo Briefe meldeten nichts von ſeiner baldigen Freiheit... Sogar damals, als doch alles frei wurde, als ſelbſt die, denen zeitlebens die Kugel am Fuß zu tragen beſſer geweſen wäre, zu Ehren kamen, kehrte mein Bruder nicht aus dieſer traurigen Einöde zurück... Damals hatte nur Marietta leider das Fieber, mein Dionyſio mußte unter die Guardia civica, Jeder war froh, wenn in ſeinem Garten noch die Feigen wuchſen— Verdienſt gab es nicht... Dann aber, als die Ruhe wiederkehrte, als alle Welt erzählte, wie die Gefangenen und Verwundeten in San⸗Firmiano chriſtlich verpflegt wurden, da fiel ich vor dem hei⸗ ligen Erzbiſchof in der Kirche ſelbſt auf die Kniee und bat vor allem Volk um Paolo's Freiheit... Zum Glück— verzeih' mir's die heilige Jungfrau!— war ab' ich ef von Prie⸗ Miglien ee auch zerr in meinen ſeinen Pfarre Officio tol... te nichkt, — mein ald an n Crz⸗ nichts als doch e Kugel Ehren aurigen leider zuardia noch di Dann erfühlte jrmiano em hei⸗ iee und . Zumn — pa 307 gerade unſer Pfarrer von San⸗Spiridion geſtorben und weil ich hörte, daß ſich zehn Pfarrer um die Stelle bewarben und ſie vorerſt keiner bekommen ſollte, weil auf ein Jahr die Einkünfte auch dem heiligen Erzbiſchof gutſchmecken, kauft' ich nochmals, nach allem, was ſchon draufgegangen war, für zehn Ducati Wachskerzen und ſchenkte ſie in Coſenza der heiligen Roſalia... Seitdem hieß es:„Seid gutes Muthes, Frau, reiſt getroſt nach San⸗Giovanni— In San⸗Firmiano ſind Wunder geſche⸗ hen— Der Guardian hat einen Boten nach Neapel geſchickt an das heilige Officio. Wir wiſſen es ja, das ganze Kloſter iſt heilig geworden— Sie bekommen alle die beſten Stellen in der Chriſtenheit, denn die Mutter Kirche iſt gütig und belohnt jeden, welcher ſie liebt— ja, und ein Bote, Fra Hubertus, muß bald zurück ſein von Neapel—“... So ſprach der Erzbiſchof und das ganze Kapitel ſtimmte ein... Da vertraut' ich denn und machte mich auf den Weg und jetzt bin ich da und Ihr ſeid es auch und nun bringt Ihr doch nichts und ſchweigt— 2 Ihr wißt, denk' ich, nur zu gut, daß mein guter Bruder nur durch Euch ins Elend gekommen iſt.... Ohne Euch könnte er längſt in Nocera Biſchof ſein... Dieſe muthige, für Scagnarello zum Bewundern ſach⸗ gemäße und kenntnißreiche, nur am Schluß etwas frauen⸗ zimmerlich ausfallende Rede hatte Hubertus theils mit ſeufzenden, theils mit begütigenden Worten begleitet... Scagnarello hoffte, der ſchwer Beleidigte würde mit einer Rechtfertigung früheter Misverſtändniſſe, vor allem mit Rückblicken auf die wunderbare Geſchichte vom feu— rigen Hunde vernehmbar werden; aber Hubertus be⸗ 20* — — 308 ſchäftigte ſich allein mit dem Kinde und ſang ſeine „ruſſiſchen“ Lieder. Roſalia Mateucci erſah nun wol aus Allem, daß Hubertus kein Vertrauen auf den Erfolg ſeiner Miſſion hatte, und fuhr in ihren Klagen über dieſe arge Welt fort... Sie ließ dabei jedem ſeine äußere Ehre, be⸗ zeichnete ihn aber bei näherer Betrachtung um ſo mehr als Spitzbuben... Vom Standpunkt einer vermögen⸗ den Krämerin von Nocera gab ſie einen Rückblick auf die ganze bewegte Zeit der letzten Jahre— namentlich auf die wilde Anarchie, welche damals entſtand, als die in Neapel durch Lazzaroniaufſtand und Schweizer⸗ regimenter geſprengte Nationalvertretung ſich in Coſenza noch einmal, unterſtützt von einem Aufſtand der Cala⸗ breſen, wieder geſammelt hatte, doch von jenem ehe⸗ maligen Räuber, ſpätern General Nunziante, im Süden, vom General Lanzi im Norden angegriffen mehr durch Un⸗ einigkeit, als Ueberlegenheit der Truppen ſich auflöſte... Die Bewaffneten wurden damals zu Flüchtlingen, und wie es im Süden geht, zu Wegelagerern und Räubern . Dieſer anarchiſche Zuſtand hatte im Silaswald erſt ſeit kurzem aufgehört... Das Kloſter San⸗Firmiano hatte lange Zeit nur ein Gefängniß und Lazareth ſein können, wo die Brüder ſich wahrhafte Verdienſte erwar⸗ ben... Und nun ſollten alle dieſe guten Thaten ohne ihren Lohn bleiben? Märtyrer ſollten ſich bewährt haben und keine Krone gewinnen—! Da müßte ja der Gioſafat von Lipari als ein wahrer Retter erſehnt werden und mit der Zeit in Neapel am königlichen Schloſſe kein Stein mehr auf dem andern bleiben. Coſenza 309 Hubertus entgegnete in leidlichem„Campaniſch“ auf dieſe unausgeſetzten Verwünſchungen, die ſchon Marietta's Weinen und Scagnarello's loyalen Proteſt zur Folge hatten: Beim heiligen Hubert, meinem Schutzpatron! Frau, ich kann Euch verſichern, daß ganz San⸗Giovanni und wer anders noch von damals am Leben i*ſt, ſich freuen wird, Euch und die kleine Marietta zu ſehen... Euern heiligen Bruder nehm' ich nicht aus, wenn ich auch zweifle, daß Eure Hoffnung, ihn als Pfarrer in San⸗ Spiridion nach Nocera zu bekommen, ſo bald in Erfüllung geht, zugleich auch, ob dies ſeinen Wünſchen entſpricht... Indeſſen beruhigt Euch!... Ei, ſo weint nicht!... Ich will Euch ſagen, wie es iſt... Ich hätte gute Freunde und Gönner— ſagt man?... Nun, das San⸗Officio in NKeapel war ſackgrob—... Aber gut— ich fand immer, die Leute ſind geneigter, uns Gehör zu geben, wenn ſie grob ſind... Leider, leider— kann ich daſſelbe nicht vom Ohr und Mund Seiner Majeſtät, Monſignore Ce⸗ leſtino, ſagen... Das iſt wahr, artig war er... Dem mußt' ich haarklein erzählen, was ſeit Jahr und Tag hier in dieſen Bergen vorgegangen iſt!... Und wenn ich jetzt ſo ſchlummerköpfig nachdenklich bin, ſo iſt es blos, weil ich, aufrichtig geſagt, meine Erzdummheit bereue... Ich ging auf alle ſeine Artigkeiten ein... „Gut! Gut! Das freut mich! Um ſo beſſer! Und was wünſchen die guten Brüder von San⸗Firmiano?“—. Ich Tropf! Das hätt' ich mir doch ſagen ſollen, daß es mit all dieſen Süßigkeiten nur bitter ſtand—81... Wir Brüder haben in San⸗Firmiano um nichts gebeten, 310 als um was die Hechte bitten, wenn in einem Teich ihrer zu viel ſind... Laßt Euer Licht leuchten vor den Leuten! hat ſchon unſer allerheiligſter Erlöſer ge⸗ ſagt— und nur deshalb ſehnen ſich unſere Gefangenen von San⸗Firmiano in ihre Klöſter und Pfarreien zurück, um zu zeigen, daß ſie aus Wölfen gute Hirten geworden ſind... Seht nun, das alles hab' ich in Neapel vor⸗ getragen; aber— Ei was! Bei Alledem kann ich mich irren! Es iſt im Namen unſres heiligſten Erlöſers gar nicht unmöglich— wir finden in San⸗Firmiano fröhliche Geſichter und Euer edler Bruder lacht hellauf, wenn er morgen früh— eher rath' ich nicht bei unſerm Kloſter anzupochen— die Ueberraſchung hat: Gelobt ſei Jeſu Chriſt! von ſeiner Schweſter zu hören und gar von der Kleinen da— wie heißt ſie?... Alles heißt hier Marietta... Kommt niemand von Euch auch einmal — auf den Namen— Hedwigis.. Dieſe Worte waren ſo gutmüthig, endeten mit einem ſo elegiſchweichen Tone, daß Roſalia Mateucci der wohl⸗ thuenden Wirkung derſelben ſich nicht entziehen konnte ... Sie ſagte: Bei San⸗Gennaro! Hat denn San⸗Gio jetzt gar die neue Beleuchtung von Neapel—! Seht, wie hell es da liegt!...— Nun lachte ſie freudiglich... Scagnarello fand die Aufnahme des Mönches beim Erzbiſchof von Neapel ebenfalls nicht ſo bedenklich und im Gegentheil außerordentlich ſchmeichelhaft... Nun ver⸗ ſteh' ich, ſagte er, warum die Leute Recht haben, wenn ſie ſagen, daß ſogar Seine Heiligkeit in Rom ein alter Freund und Bekannter von Euch wäre und Euch ſchon in Rußland kannte; denn unſer heiliger Vater iſt weit⸗ 311 Täich gereiſt!—... Ja aber auch mit Recht! Habt Ihr nicht en vor das hochheilige Erbe Petri vom Grizzifalcone befreit?... er ge⸗ Wußte denn auch der Erzbiſchof das alles von Euch?... ngena Hm! auch vom Kreuz— da überm Neto?... Und prit,— hm! hm!— von Eurem— feurigen Hunde?... worden Auf den ich Euch manchmal aufbinden möchte! ſchnitt el vor⸗ Hubertus die neugierige Rede ab... Was ſchlagt Ihr h wich nur ſo grauſam auf Euern armen Pepe! In Spezzano, ds grr vor Eurer Abfahrt nach Coſenza, da konntet Ihr ihm rählihe gewiß ſchmeicheln! Da konntet Ihr ihn nennen: Pepito! dunn 6 Mein zuckerſüßes Brüderchen! Unterwegs aber iſt alles gloſer vergeſſen!... Der Gerechte erbarmt ſich auch ſeines geſu Viehs und Wort halten muß man Jedermann— der ſelbſt ſeinem Mauleſel!... Ein alter Jäger weiß ich, daß im Wald und auch draußen in der Welt unſere beſten Freunde— wie oft— doch nur unſere Pferde tt bier enmd t und unſere Hunde ſind!—... Hubertus ſprach voll Scherz, aber auch voll Weh⸗ t einen muth und hörbaren Anklangs an einen Gegenſtand, der er voßl ihn rührte—... Doch kam er nicht auf den Hund... wkunnt Im Gegentheil zeigte er Roſalien die ſich jetzt ein wenig zan⸗Gid öffnende Gegend, an deren öſtlicher und walddunkler eht, wi I Grenze, dicht unter den glänzendſten Sternbildern, eine lich.. 1 ſchwarze Thurmſpitze in die Höhe ragte— das Kloſter ſes benn San⸗Firmiano... und in San⸗Giovanni war erreicht... Ein Bergflecken, kun u wo ſich vor Jahrhunderten einige Menſchen um einige , vem halbzerſtörte Thürme der Normannenzeit angeſiedelt und en d³⁴ einige hundert Nachkommen hinterlaſſen haben, die keinen uch ſchl Anblick für Götter bieten... Aber ein Maler hätte it vel darum doch ſeine Luſt an dieſem Städtchen gehabt.. Die Thurmmauern ragten von Epheu überwuchert... In rieſiger Ausdehnung ſpazierte der immergrüne Kletterer bis auf die Felſen hernieder und an dieſen wieder, wie eine einzige Wieſe, entlang bis zu den rauſchenden, ſich hier vereinigenden Gewäſſern des Neto und des Arvo... Ein viereckiger Glockenthurm der Kirche war der Mittel⸗ punkt einiger im wirren Durcheinander von den beiden Wildbächen ſich aufdachenden ſogenannten„Straßen“... Nun erſt entdeckte man, warum es ſcheinen konnte, als wäre in San⸗Gio die Gasbeleuchtung eingeführt... Schon in einiger Entfernung hörte man die beim Morra⸗ ſpiel üblichen, aber in San⸗Gio nie ſo laut vernom⸗ menen Flüche und Verwünſchungen... Auch deutſche Laute wurden hörbar... Pechkränze und Bivouakfeuer loderten auf... Auch San⸗Giovann' war von Soldaten überfüllt... Hubertus ſah das voll äußerſten Erſtaunens, ſprang vom Wagen und eilte in wilder Erregung auf den Marktplatz... vo.. Mittel beiden 10. konnte, rt...... hurrr Der„Torre del Mauro“ eine Locanda, die einer Ldn Scheune ähnlich ſah, war erreicht... rnom⸗ 2. Man fand ſie von Soldaten in Beſchlag genommen... Ein Leutnant in einer jener überladenen ſüdeuro⸗ päiſchen Uniformen, mit Troddeln und Stickereien, die bei uns keinem Oberſten zukommen würden, ſtand mit der Cigarre im niedrigen rauchgeſchwärzten Thor eines von brennenden Spänen erleuchteten Hofraums... Die Bivouakfeuer brannten auf dem Platz vor der ſt. ſprang den if der Kirche... Dünſte von gebratenem Speck, von Zwie⸗ beln, von Käſe ließen auf einen eben abgehaltenen reichlichen Abendimbiß ſchließen... Viele der Soldaten, in Mäntel gehüllt, ſchnarchten ſchon auf ausgebreitetem Stroh unter freiem Himmel... Dieſe fliegenden Corps waren in den letzten Zeiten im Silaswalde ſo oft geſehen worden, daß ſie eigentlich niemanden beſonders auffallen durften... Nur Hu⸗ bertus, ſchon aufs bedenklichſte aufgeregt, ſah neues Unheil und Scagnarello, der ſich mit San⸗Gios Einwohnerſchaft 314 in lebhafteſte Converſation verſetzt hatte, ſchürte jetzt ſeine Beſorgniß— denn Dom Sebaſtiano von Spezzano hatte allerdings kürzlich gepredigt, San⸗Gio müßte noch einmal untergehen wie Sodom und Gomorrha.. Den Mönchen wurde von Del Caretto's und Cele⸗ ſtino Cocle's Regierung wenig getraut... Ein Schwei⸗ zeroffizier, welchen Hubertus in deutſcher Sprache um die Urſache dieſer Expedition anging, ſchien zwar vom Laut der Mutterſprache freundlich berührt, aber Ordre hatte auch er, nichts verlauten zu laſſen... Auf den im ver⸗ laſſenen Pfarrhaus einquartierten Oberoffizier verweiſend, miſchte er ſich unter die andern Offtziere, die ſich mit ziemlich derben Späßen auf Koſten einer Fraun unter⸗ hielten, die„der ſchöne Mönch wol nicht in ſein Kloſter entführen, ſondern ihnen überlaſſen würde—“. Hubertus wandte ſich einem Hauſe zu, das hier ein Ziegenhirt erſten Ranges, ein„Rico“, ein Reicher be⸗ wohnte... Meſſer Negrino hieß er; er war ihm be⸗ ſonders befreundet... Leider aber war dieſer im Ruf der Ketzerei ſtehende erſte Bürger von San⸗Gio nicht zu Hauſe... Mit ſeiner Heerde war er unterwegs und vielleicht auf der Meſſe von Roſſano... Schon wußte ganz San⸗Gio, wer mit Scag⸗ narello gekommen war... Schon hatten ſich Gruppen von alten Bekannten gebildet, welche die Schweſter ihres in San⸗Firmiano wohnenden ehemaligen Pfarrers ſehr wohl erkannten und ſich zu Theilnehmern einer Verhand⸗ lung über die Frage machten, ob es gerathener wäre, daß Roſalia Mateucci noch mit ihrem Kinde dem Bru⸗ der Hubertus folgen und am Eingangsthor des Kloſters jetzt Nano voch Cele⸗ chwei⸗ in die Laut hatte ver⸗ eiſend, h mit unter⸗ loſter et ein ſer be⸗ zm be⸗ n Nuf unter einem Dach, das die Madonna ſchützte, übernach⸗ ten oder in einem Bette bleiben ſollte, das ihr der alte, hocherfreut ſie begrüßende Meßner ihres Bruders in ſeinem niedrigen Häuschen anbot... Scagnarello hatte ſchon den Pepe ausgeſpannt und mußte ihm die Streu im Freien machen, da den Stall die Soldaten eingenommen hatten... Als weltkundiger Mann hatte eer zum Bleiben gerathen... Es ſchien ihm, als würde Paolo Vigo ſchwerlich ſich ihm morgen als Rückpaſſagier anſchließen können... Hubertus, vom Hauſe Negrino's zurückkehrend, ſcherzte bei allen dieſen Verhandlungen mit Jung und Alt, nahm die jetzt verdrießlich aus der Ruhe gekommene Marietta auf den Arm, gab Auskunft über ſeine Reiſe ſowol dem „Sacriſtano“ wie dem„Sindico“, welchem letztern er einige auf ſeine Reiſe übernommene Aufträge ausgerichtet hatte— aber die Soldaten, deren Abſichten auch die erſte Magiſtratsperſon des Ortes nicht zu deuten wußte, beunruhigten ihn ſo ſehr, daß er von Roſalia Mateucci für heute Abſchied nahm und ſofort nach San⸗Firmiano aufbrach, um, wie er verſprach, ſchon beim Mitternacht⸗ gebet dem Bruder die frohe Kunde zu bringen und dieſem zur Ueberlegung Zeit zu laſſen, wie er am paſſendſten ſeine Schweſter empfangen wollte. Unter den Scherzen der Soldaten, die Hubertus ſeines Todtenkopfes wegen ſchon gewohnt war, verließ er den Platz und begab ſich in großer Spannung nach ſeinem Kloſter... Der Sindico, der zugleich die Poſt von San⸗Giovanni hielt, hatte verſichert, daß allerdings amtliche Briefe ſeit einigen Tagen für den Guardian 316 des Kloſters genug angekommen wären... Das gab ihm Hoffnung... Der Sindico wußte, Hubertus hatte die in San⸗Firmiano ſeit Jahren Eingekerkerten in Neapel erlöſen wollen... Zöglinge waren ſie alle der ſeltnen Strenge dieſes einfachen Mönches, Zöglinge des ihm von Fra Federigo eingepflanzten leidlich evangeliſchen und aufgeklärten Geiſtes Mit ſeiner Fürbitte war Hubertus von Coſenza nach Neapel verwieſen worden... Hier hatte er nur die Dominicaner ver⸗ drießlich und unfreundlich, alle andern Behörden gü⸗ tig und ganz erfüllt von der ihm immer gewährten Nach⸗ ſicht gefunden... Allerdings wurde Hubertus von Rom protegirt... Seit Jahren hatte man ihm geſtattet, in Firmiano zu leben; ſogar die Unterſuchung über den Tod eines Genoſſen des Boccheciampo war ihm erlaſſen wor⸗ den; man geſtattete ihm all die Freiheiten, ohne welche ſein unruhiges Temperament nicht leben zu können ſchien... Der Sindico konnte nicht genug ſchildern, was ihm die angekommenen Briefe ſchon von Außen inhaltreich und bedeutſam erſchienen wären.. Hubertus verließ San-Gio... Einſam ging er den dunkeln Weg... Seine aufgeregte Phantaſie brachte dieſe Soldaten mit ſeiner Reiſe in Verbindung... Der Erzbiſchof von Neapel hatte eine Menge Fragen an ihn gerichtet— vorzugsweiſe über Frä Federigo... Dem hohen Herrn war alles bekannt geweſen, was dieſen Einſiedler betraf, der deutſche Urſprung deſſelben, ſeine Flucht aus einem piemonteſiſchen Thal, ſeine dortige Förderung ketzeriſcher Beſtrebungen, ſeine Gefangenſchaft unter den Genoſſen ) und 19 er daten f von 1— Herrn etraf einem iſcher noſſen ——ü — 317 Grizzifalcone's, dann Hubertus' muthige Befreiung deſſel⸗ ben... Daß Frä Federigo noch lebte, wußte der Erzbiſchof nicht minder, ja er beſchrieb mit genaueſter Ortskenntniß ein von Bergen umſchloſſenes enges Thal im Silaswalde, wo jener Flüchtling unter den ſogenann⸗ ten Bluteichen ſeit vielen Jahren einſiedleriſch lebte... „Bluteichen“ hießen jene uralten Stämme aus den Tagen, wo auch in Calabrien für die evangeliſche Lehre Blut⸗ ſtröme gefloſſen waren und Scheiterhaufen loderten... Paolo Vigo war infolge einer Bekanntſchaft mit Frä Federigo in ſeinen Kanzelreden verdächtig und dem Klo— ſter Firmiano zur Correction übergeben worden. Allen dieſen Verhältniſſen hatte der Erzbiſchof ſeine volle Aufmerkſamkeit geſchenkt, wußte, daß Coſenzas Kirchen⸗ fürſt vom Guardian zu San⸗Firmiano Bericht über Be⸗ richt über die Umwandlung erhielt, welche mit den unter ſeine Obhut gegebenen Spielern, Fluchern, Gottesläſte— rern vor ſich gegangen war und dennoch gab er auf die Frage, db nicht endlich die jetzt ſo anerkennenswerthen Bewohner des Kloſters in ihre Aemter zurückkehren durften, keine entſcheidende Antwort... Bruder Hubertus hatte in San-Giovanni einige Stärkung zu ſich genommen... Der alte Franz Bosbeck, der noch im hohen Alter einer ungebrochenen Kraft ſich rühmen zu können gehofft hatte, war er nicht mehr Die lange Kette ſeiner Lebenserfahrungen war zu drückend und ſchwer geworden... Schon war es über zehn Uhr— nach italieniſchem Zifferblatt die dritte Stunde— ſeine Kloſtergenoſſen mußten ſchon ſchlafen— wecken wollte er niemand, da — 318 ohnehin die Matutin in den nächſten zwei Stunden ſie wach rief... So unterbrach er ſein Steigen auf dem ſchmalen Felſenpfade und ſetzte ſich auf einen verwitter⸗ ten, mit Moosflechten überzogenen Stein, traurig hinaus⸗ blickend in die grüne Wildniß, in die ſtille Mondnacht, in die rauſchenden Waſſerſtürze am Abhang des Felſens — hinaus in jene noch entlegenere Einſamkeit, wo ein deutſcher Schwärmer ſeit länger als zehn Jahren unter Büchern, Schriften und ländlichen Beſchäftigungen ſich vergraben hatte—... Alles nächſte rundum und in der Ferne war grabes⸗ ſtill— auch San⸗Giovanni, das zum Handausſtre⸗ cken vor ihm liegen blieb, ob er gleich um eine Stunde Weges ſchon von ihm entfernt war... Die Schweſter Paolo Vigo's wiedergeſehen zu haben, die Erwähnung des„feurigen Hundes“, der Anblick des Kreuzes über dem Neto— alles das hatte mächtig die alten Erinne⸗ rungen ſeines Lebens geweckt—... Welche Reihe von Schickſalen konnte er über⸗ blicken—!... Seine Jugend verlebt unter Räubern... Die einſame Mühle eines Diebshehlers... Die Gefangen⸗ nahme der Picard'ſchen Bande... Das Hochgericht... Die Meeresfahrt des holländiſchen Rekruten... Java mit ſeinen braunen Menſchen, Palmen, Löwen, Schlangen⸗ beſchwörern... Wieder dann Europa... Deutſch⸗ land, zur Zeit Napoleon's— Schloß Neuhof mit ſeinen grünen Wäldern— Der grimme Wittekind— Hedwig, ſeine geopferte Liebe... Brigitte von Gülpen's Betrug —... Die Flucht in ein ſchützendes Kloſter— die mit gen⸗ lſch⸗ inen wig, trug die * 319 Verwilderung der dortigen geiſtlichen Zucht— ſein treuer Beiſtand durch Abt Henricus— ſeine Reiſen— ſeine That am melancholiſchen Bruder Fulgentius, den ſeine Hand vom Riegel nicht losſchnitt, an dem er ſich erhängt hatte— die Begegnung mit Hammaker, einem ſo hochgebildeten Manne, der dennoch ein Mörder werden konnte— mit Klingsohr— mit Lucinden— die Flucht in den blitzgeſpaltenen Eichbaum— die Flucht nach Italien— die Gefangenſchaft auf San⸗Pietro in Montorio— die Nacht auf Villa Rucca— Pasqualetto's Tod— dann ſeine Reiſe, um den Biſchof von Macerata und den Pilger von Loretto zu entdecken—... Wie führte ihn ſchon allein die Erwähnung des treuen„Sultan“, welcher durch Paolo Vigo, den Pfarrer von San⸗Giovanni, ein ſo trauriges Ende nehmen ſollte, ſo lebhaft in die Tage zurück, wo Italiens Reiz dem „chriſtlichen Schamanen“, wie ihn Klingsohr genannt, die alte Abenteuerluſt weckte—!... Als damals Hubertus, entlaſſen und abgeſandt vom Fürſten Rucca, vom Cardinal Ceccone, von Lucinden und vom frommen Mönch Ambroſi, dem biſchöflichen Kapitel von Macerata gerathen hatte, die wunderthätige Ma⸗ donna zu verbergen, hatte er ſich die Bevölkerung der nördlichen Felſenküſte des Kirchenſtaats zu Bundesge⸗ noſſen für die Ausführnng der Befreiung des Biſchofs gemacht... Durch die Volkswuth über die fehlende Ma⸗ donna geängſtigt, lieferten die Anhänger Grizzifalcone's den Biſchof ohne Löſegeld aus... Ueber den Pilger von Loretto jedoch hatte Hubertus vergebens geſucht, ir⸗ gend etwas in Erfahrung zu bringen... Schon 320 konnte ſich Verdacht regen, daß wol gar der geſpenſtiſche fremde Mönch, der, ohne ſich deutlich ausdrücken zu können bettelnd bald hier bald dort auftauchte, ſelbſt der Mörder des Grizzifalcone ſein mochte... Hubertus mied die ausgeſtellten Wachen der Schmuggler, mied die Gens⸗ darmen, welchen er ſchwerlich, in Folge der Rucca'ſchen Drohungen, eine willkommene Erſcheinung ſein konnte, und quartierte ſich auf einer Strecke von zehn Miglien bald an der Küſte bei Fiſchern, Zöllnern ein, bald land⸗ einwärts ſich wagend, in Klöſtern oder bei einſamen Häuslern. Vorausgeeilt war er der Kunde, daß Grizzifalcone in Rom von der Hand eines Mönchs gefallen war... Er vernahm ſie zuerſt im Kreiſe von zechenden ünd ihre Beute theilenden Schmugglern... An der Art, wie ſie ihre Dolche ſchwangen und ihm Rache ſchwuren, erkannte er ſeine Gefahr... Von den vielen Wohnungen, welche der Räuberhauptmann innezuhaben pflegte, hatte er eine nach der andern durchſpäht und nichts konnte er in ih⸗ nen von einem Gefangenen entdecken.. Da ſchloß ſich ihm eines Morgens ein Hund an, der, von langer Wegwanderung ſo hinfällig wie er ſelbſt, ihm zur Seite ſchlich, anfangs ihm einen unheimli⸗ chen Eindruck machte, dem er ausweichen mußte, der aber dann immer mehr ſein Mitleid erregte... Mit dem Wenigen, was er ſelbſt noch an Eßwaaren bei ſich trug, erquickte er das verhungerte Thier... Der Hund um⸗ ſchnupperte ihn, wie einen alten Bekannten... Auf— fallend war ihm der ſtete Trieb des Thiers, zum Mee⸗ resſtrand zu gelangen... Schon war vorgekommen, 321 daß gegenüber kleinen Eilanden, die vom Felſenufer ab⸗ geriſſen aus dem Meeresſpiegel aufragten, ſein Begleiter ins Waſſer ſprang, hinüber zu ſchwimmen verſuchte und vom mächtigen Wogendrang zurückgeworfen, winſelnd wieder zu ſeinen Füßen kroch... Hubertus war ein zu guter Jäger, um ſich nicht zu ſagen: Dem Thier muß irgend eine große Sehnſucht inne wohnen, der nur die Sprache fehlt... Jener Felſeneilande gab es hie und da größere... Sie ſchienen bewohnt; wenigſtens wurden ſie dann und wann, beſonders im Abenddunkel, von Nachen umfah⸗ ren... An einem der ſchroffſten, zu welchem gewiß eine ſchützende Bucht gehörte, die ſich, da ſie dem Meere zu⸗ lag, dem Auge nur entzog, entdeckte Hubertus die Segel eines ſchon leidlich großen Schiffes... Das Benehmen des Hundes, das Spitzen ſeines Ohrs, ſein heiſeres unterdrücktes Bellen erſchien ihm immer auffallender... Schon nahm Hubertus an, das treue Thier hätte wol gar dem Pasqualetto ſelbſt gehört und ſuchte zu den nächſten Verbündeten des Räubers zurückzukommen... Seine Erkundigungen machten ihm immer mehr und mehr wahrſcheinlich, daß jene wie ein rieſiger Felſen⸗ zahn aus dem Meer aufragende Klippe die Stelle war, die er ſuchte... Eine unruhige, über Entſchlüſſe brütende Nacht verbrachte er auf dem Steingeröll am felſigen Ufer... Hubertus ſetzte ſich der Gefahr aus, vom Anwachſen der Flut verſchlungen zu werden... Ueber ihm ragten die ſtarren Häupter der Küſte, um⸗ flattert von aufgeſchreckten Seegeiern... Zuweilen ließen ſich oben die Stimmen dort hanthierender Menſchen Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 21 322 vernehmen... Um Mitternacht tauchten auf dem Waſſer⸗ ſpiegel Segel auf... Deutlich ſah Hubertus, wie nur immer und immer drüben die eine Klippe geſucht wurde .. Schon richtete ſein bei Nacht doppelt wachſamer Hund Auge und Ohr mit ſtarrem Verlangen hinüber... Plötzlich hörte Hubertus in der Nähe des Ufers ein Rauſchen... Er erhob ſich von ſeinem Verſteck am Fuß des feuchten Felſens, den nur zu bald wieder die herantretende Flut beſpülen konnte, hielt dem Hund, um durch ſein Bellen nicht verrathen zu werden, feſt die Lefzen zuſammen und lauſchte, ob es wol eine Barke war, was am Kieſelſand die Felſenküſte entlang ſo anſchlug und vom Wellenſchlag mehr geworfen, als getragen wurde... Vom Seetang, auf welchem Hubertus kuhte, kroch er vor und entdeckte einen Kahn, den ein einziger Ru⸗ derer mit größter Anſtrengung führte... Ein Mo⸗ ment und Hubertus rief ſogleich in ſeiner humoriſtiſchen Zutraulichkeit: Heda, ſeid Ihr's denn—? Endlich! Endlich!... Ja, Tonello! lautete die Antwort... Sind die Kiſten herunter?... Die Kiſten herunter—? dachte Hubertus—. Sie laſſen oben an Stricken die Schmuggelwaaren herunter, die zu Waſſer dann am Ufer entlang weiter geführt werden ſollen—... Raſch hatte er ſeine Kutte ausgezogen, ſie wie einen Mantelſack zuſammengerollt, auch die San⸗ dalen von den Füßen geſchnallt, alles, um nicht auf den erſten Blick als Mönch erkannt zu werden Ebenſo ſchnell nahm er die volle Sprache eines Hol⸗ länders an... Da er der Tonello nicht ſein konnte, Vaſſer⸗ wie nur cit wurde vachſamer nüber... Ufers ein rſteck am ſjeder die dund, um die Lefzen „was am und vom d... te, kroch ger Ru an Mo orſſtiſchen 1ſest Endlich! t werden sgezogen , San⸗ die En nicht al 323 wollte er ſich wenigſtens für einen mit Tonello im Ein⸗ vernehmen ſtehenden fremden Matroſen geben... Inzwiſchen war die Barke ganz um den Felſenvor⸗ ſprung herumgekommen... Ihr Führer war ein junger Burſche... Nicht wenig erſtaunte er, hier ſtatt des Tonello einen halbnackten Menſchen zu finden, der ſich ihm durch unverſtändliche Reden, aber deutliche Geberden, vorzugsweiſe durch ein Zeigen bald aufs Meer, bald auf ſeinen Hals, dem gewiß die Schlinge drohe, als einen Ausreißer von ſeinem Schiffe zu erkennen gab, der mit den oben vorausgeſetzten Helfershelfern im Einver⸗ nehmen ſtand... Ohne weiteres deutete Hubertus an, der Schiffer möchte ihn ja in ſeine Barke aufnehmen und auf den Felſen hinüberfahren, wohin ſchon lange die andern, ſo ſprach mit unwiderſtehlicher Beredſamkeit ſein Mienenſpiel, voraus wären... Durch ſein Fragen beſtimmte der Burſche ſchon im⸗ mer ſelbſt die Antworten, die Hubertus geben konnte ... Und bald war die Barke dem Ufer ſo nahe, daß ſein Hund nur einen Satz brauchte, um hinüber⸗ zuſpringen... Hubertus folgte, ergriff noch ein zweites Ruder, das am Boden lag, und deutete auf den Felſen, dem zuſteuern zu ſollen der Burſche unaus⸗ geſetzt in einer kauderwelſchen Sprache von ihm bedeutet wurde; die Genoſſen hier am Meer gehörten allen Nationen an; vorzugsweiſe fehlten flüchtige Matro⸗ ſen von Dalmatiens Küſte nicht, deren Sprache vielleicht nach des Knaben Meinung es war, die der halbnackte Menſch mit dem grinſenden Todtengeſicht ſprach... Hu⸗ 241* 324 bertus hatte ſeine Kutte mit ſeiner weißen Schnur um⸗ wickelt... Je mehr Hubertus durcheinander ſprach, deſto ſichrer wurde der Knabe und noch ſichrer mußte ihn das Be⸗ nehmen des Hundes machen, der mit vorgeſtreckter Schnauze und aufgereckten Ohren wie auf dem Sprunge ſtand— keine Muskel rührte, das Auge unverwandt dem Felſen zu gerichtet... Die glückliche Erwartung des Thiers verrieth dann und wann ein leiſes kurzes Bellen... Die Fahrt dauerte länger, als ſich Hubertus vorge⸗ ſtellt... Das Meer lag durchaus ruhig und doch ging bis zum Landen eine Stunde hin... Die wunderlichſten Bewegungen, Sprünge und das kurze Bellen des Hundes mehrten ſich... Kaum war der Nachen an einem zum Landen geeigneten Vorſprung des Ufers angekommen, ſo war Hubertus nicht mehr im Stande, dem Knaben Auskunft zu geben; denn ſein Hund ſprang wie der Blitz aus dem Nachen und im Zanken darüber, im Begehren, den Flüchtling feſtzuhalten, konnte ihm Hubertus nacheilen ohne damit aufzufallen ... Satz über Satz ging es vorwärts, als wäre der Hund auf der Inſel zu Hauſe—... Kaum konnte Hubertus folgen... Nun mußt' er wol fürchten, der Hund möchte den Räubern gehören, deren Anweſenheit ihm jetzt aus Ton⸗ nen, Waarenballen, großen runden Flaſchen, wie ſie auf Schiffen gebraucht werden, unzweifelhaft wurde... Erkannte man ihn, ſo hatte ſeine letzte Stunde ge⸗ ſchlagen... Alles blieb ſtill... Die Waaren lagen aufgeſpei⸗ in ſein nd im halten, ufallen re der konnte 325 chert unter den Wölbungen hoher Felsgeſteine, verbor⸗ gen von wildwucherndem Strauchwerk... Manche die⸗ ſer Wölbungen waren tiefgehende Höhlen... Der hellſte Mondſchein ließ alles deutlich erkennen. 3 Im Schneckengang wand ſich der oft ſchlüpfrige und unterm Fuß zerbröckelnde Felſenpfad hinauf, bis endlich ein lautes Bellen des Thieres anzeigte, daß ſeine An⸗ ſtrengungen belohnt waren... Hubertus folgte und ſah, wie der Hund an einem Holzgatter kratzte, das einen mannshohen Felſenſpalt verſchloß... Offenbar war dieſer hinterwärts ſich erweiternde Raum eine menſchliche Wohnung... Hell ſchien an einer andern Seite, der See zu, durch einen kleinern Spalt das Licht des Mondes... Kaum hatte Hubertus, den Hund beſchwichtigend, die Pforte des Gitters ergriffen und ſie geſchloſſen gefunden, kaum einige Geräthſchaften wie Tiſche, Seſſel unterſchie⸗ den, ſo beſchien auch vom jenſeitigen, zum Meer gehen⸗ den Spalt aus der Mond eine auf einem Lager am Boden ausgeſtreckte menſchliche Geſtalt... Die Freude, die Aufregung des Hundes war nicht mehr zu ſtillen... Hubertus ſchwebte zwiſchen Leben und Tod—... Gleichviel ob dort der Pilger, der Gefangene Pasqualetto's, lag oder ein Angehöriger der Räuber, ſein Leben hing an einem Haar... Er packte den Hund und erſtickte ihn faſt durch Zuſammenwürgen der Kehle. Der Schläfer auf dem Lager erhob ſich indeſſen.. Hubertus ſah einen Kopf, den ein langer weißer Bart umflutete... Es war nicht möglich, die Geſichtszüge zu erkennen... Die Geſtalt erhob ſich allmählich... Der 326 Mordſtrahl der jenſeitigen Felsöffnung beleuchtete ſie.. Der Mann kam langſam näher und mit einer Hubertus nun bekannten Stimme hörte er auf italieniſch: Was iſt dein Begehr?— Weißt du nicht, daß der Eingang am andern Gitter iſt—?2... Jetzt unterbrach der Gefangene ſich ſchon ſelbſt ... Er erkannte den Hund und ſank zu dieſem nieder... Machtlos ſtreckte er durch das Gitter die Hände nach ihm aus... Hubertus ließ die Kehle des Thieres jetzt frei und ſagte in deutſcher Sprache: Mann! Mann! Du biſt es! Gott gelobt! Ich komme, dich zu befreien! Erhebe dich! Auf! Auf! Verweilen bringt Gefahr—... Noch hatte Frä Federigo, der es war, nicht die Sprache gewonnen; er ſah nur auf ſeinen Hund... Aus Piemont bis hieher war ihm das treue Thier ge folgt... Hubertus konnte nun dem Thier nicht mehr wehren; durch lautes Bellen gab es ſeine Freude kund... Aber ohne Zweifel gab es auf dem ein⸗ ſamen Felſen Schläfer, die geweckt werden konnten... Auch Federigo erhob ſich jetzt von ſeinem Niederknieen, hielt ſeine Hände durchs Gitter, zog den ſich aufbäu⸗ menden Sultan zärtlich an ſich und ſuchte ihn zu be— ruhigen... Inzwiſchen entdeckte Hubertus die Stelle, wo ein Eingang hinter dem Felſen an der Meeresſeite lag und wie dieſer zu erreichen war... Er entdeckte ein Bret, das von den Räubern aufgelegt und wieder weggenom⸗ men werden konnte und das den Zugang zur Höhle bildete... Das Bret ſtand an die Felſenwand ge⸗ ingang ſelbſt er... : nach i und uu biſt Erhebe ht die er mehr Freude m ein⸗ en... knieen, ufbäu⸗ zu be⸗ vo ein 327 lehnt und mußte über eine Spalte gelegt werden, unter welcher ein tiefer Abgrund gähnte... Hubertus hatte Mühe, den Hund zurückzuhalten, der ſchon Miene machte, hinüberzuſpringen... Glücklicherweiſe ſchwieg jetzt Sultan und winſelte nur vor Begier, über die furchtbare Lücke zu kommen ... Hubertus legte das Bret ſorgfältig auf und konnte auf eine andere Kante des Felſens gelangen, auf wel⸗ cher ſich bequem bis zu jener dem Meere zu gelegenen Oeffnung gehen ließ, die in halber Manneshöhe den Eingang bildete. Da fand denn Hubertus ſeinen Reiſegefährten, den Pilger von Loretto... Er fand den greiſen, einem Schatten ähnlichen Bewohner dieſes grauſamen Behäl⸗ ters, eines Neſtes für Raubvögel— fand ihn in den Umarmungen ſeines Thieres, die Augen voll Thränen und ſprachlos vor Bewunderung und Freude... Zu Verſtändigungen war keine Zeit gegeben... Hu⸗ bertus, gleichfalls vom Pilger ſofort als der Gefährte jenes deutſchen Mönches Klingsohr erkannt, drängte zu ſofor⸗ tiger Flucht... Laßt mich hier ſterben! ſprach Fe⸗ derigo... Doch Hubertus zog ihn an die Oeffnung und deutete auf Stimmen, die am Fuß des Felſens ihm vernehmbar ſchienen... Es iſt die Welle, die brandet! ſagte Federigo und taſtete ſchon unwillkürlich nach ſeinem Pilgerkleide, raffte einige Wäſche zuſammen und ſuchte ſeinen Stab... Ich bringe Euch nach Rom! ſprach Hubertus. Mich ſchicken Eure Befreier! Wer weiß, ob dieſe Böſewichter, wenn ich auch den Kahn gewinne und allein entfliehen 3 A 328 wollte, Euch nicht inzwiſchen an einen andern Ort führen, falls ich auch morgen mit der Küſtenwache hier ein⸗ träfe und Euch abholen wollte... Kommt lieber ſogleich!... Ihr habt Recht, nur die Brandung iſt's! ...— Wohlan— Gut Heil—!... Hubertus half dem Greiſe zuſammenraffen, was um ihn her ausgebreitet lag und nur irgend raſch zu erfaſſen war... Selbſt die Decken, auf denen er ſchlief, bür⸗ dete er ſich auf; die Papiere, auf die ihn Rucca ſo ausdrücklich verwieſen hatte, ballte er zuſammen. Der Hund hüpfte und tänzelte nur um beide her und ſchon waren ſie zur Oeffnung hinaus, ſchon ſchwankte Federigo auf dem ſchmalen Stege über die grauſige Tiefe— ſchon rafften ſie die andern Sachen zuſam⸗ men, die ſie ans Gitter der größeren Oeffnung geworfen hatten, ſchon ſchickten ſie ſich an, in eilendem Schritt den Felſenpfad hinunter zu entfliehen und das Ufer und den Nachen zu gewinnen. Das kluge Thier, gleichſam als merkte es die Vor⸗ ſicht, die hier zu üben war, begleitete ſein Laufen und Wiederlaufen, ſein Springen und Schmeicheln nur mit einem leiſen freudigen Winſeln... Aber dennoch war es auf dem Eilande lebendig geworden... Federigo hielt inne... Lichter ſchwankten unterwärts am Geſtade auf und nieder, Fackeln leuchteten auf, Laternen... Durch einen Spalt des immer noch ſchroffen Geſteins ſah Hubertus, daß der Knabe den Nachen verlaſſen hatte und wahrſcheinlich zum Lager der Räuber ge⸗ gangen war und dieſe geweckt hatte... Vorwärts! Vorwärts! trieb er den Befreiten an... Dieſer führen, et ein⸗ t Ueber g iſtl das um erfaſſen f, bür⸗ ccg ſo 1n ,. ſer und wantte rauſige S chrut d fer und ie Vor⸗ fen und ur vit war d go hielt Geſtode n. vien erlaſſe ber g. rwärtt Dieſe 329 folgte, ſprach aber beſorgt den Namen Grizzifalcone's aus... Wißt Ihr denn nicht, daß Euer Peiniger todt iſt? flüſterte Hubertus.. Er iſt todt— ſeit acht Tagen— wiederholte er dem Staunenden und ſetzte hinzu: Und ich bin es ſelbſt, der ihn erlegte.. Unglücklicher! rief Federigo voll Entſetzen über dieſe Tollkühnheit und die mögliche Rache ſeiner Genoſſen ... Er hielt aufs neue ſeine Schritte an... Nun aber war ſchon der Weg zu ſchroff, als daß ſein Fuß ſich noch ſelbſt regieren konnte; er mußte vorwärts wider Wilſen.. Indeſſen wuchs der Lärm an den Stellen, wo man Licht bemerkt hatte... Nur noch hundert Schritte waren die Fliehenden entfernt vom Nachen; dennoch konnte der kurze Weg den Tod bringen... Die Gefahr wuchs, als Sultan die Herbeieilenden bemerkte, wüthend zu bellen anfing und ſich zum Angriff rüſtete... Schon ſprang er einigen Männern entgegen, die mit Piſtolen und Flinten, halbnackt und ſchlaftrunken, von einem Felſen⸗ vorſprung her ſich näherten.. Indeſſen hatte Hubertus den Nachen gewonnen und den ermatteten Federigo mit Gewalt vom Ufer zu ſich herübergezogen... Sultan! Sultan! riefen beide im ſchaukelnden Kahne, den Hubertus ſchon losband... Da blitzte Pulver auf den Feuerröhren der An⸗ kommenden auf, Schüſſe fielen, Kugeln ſauſten... Darüber flog der Nachen vom Ufer... 330 Sultan, der nachſprang und von Federigo's ausge⸗ ſtreckten beiden Armen nachgezogen werden ſollte, ſank unter, getroffen von einer Kugel, die ſeinem Herrn gegolten... Von der unruhigen Brandung geſchleudert flog der Nachen machtlos in die Weite... Das treue Thier blieb auf dem Meeresgrund oder in der Gewalt der Verfolger zurück... Mit einem Schmerz, der ſich in lauten Jammertönen kund gab, brach Federigo auf dem Boden des Fahrzeugs zuſammen—... Ja— dieſer wunderbaren Nacht mit ihrem Gefolge von Freude und herzzerreißendem Leid mußte jetzt Huber⸗ tus gedenken auf dem ſtillſten Orte der Welt, in dieſem einſamen Gebirgsthal Calabriens, ruhend auf einem Stein, um den ſelbſt die Eidechſen und Käfer jetzt ſchliefen... Bilder des Kampfes, Bilder neuer Ge⸗ fahren traten vor ſein erregtes Gemüth... Eine Ah⸗ nung, welche mit dem von Neapel hinweggenommenen Eindruck der Falſchheit zuſammenhing, ſagte dem ſchlichten Mann, der alles, nur kein Menſchenkenner war: Wenn ſich Federigo's ruheloſes Leben erneuerte! Wenn der hochbetagte Greis in ſeinem düſtern Waldesdunkel nicht länger ſicher bliebe!... Seit jener Flucht vom Felſeneiland bei Ascoli wa⸗ ren faſt zwölf Jahre vergangen... Doch traten gerade heute alle Einzelheiten derſelben vor die Seele des ein⸗ ſamen, hier wie am Grabe der Natur wachenden Wan⸗ derers... Er gedachte, wie damals der erſte Schmerz um den Verluſt des wie man glauben mußte todten Thie⸗ res alles andere überwog— wie die Flüchtlinge da⸗ ausge ſank Herrn leudert 3 treue Gewalt ertönen zrzeugs Gefolge Huber⸗ dieſem einem jett Ge⸗ ne Ah⸗ mmenen hlichten Wenn un der el nich oli wa zerade des ein n Wan 331 mals ſich vorſtellen mußten, wie oft der brave Sultan gefangen geweſen ſein mußte, um ein Jahr zu brauchen, die Spur ſeines Herrn von Piemont bis zur Mark An⸗ cona wiederzufinden—!... Und am Ziel ſeines edlen Naturtriebes*) mußte das treue Thier zuſammen⸗ brechen—... Aber Hubertus gedachte nun auch, wie damals mit dem anbrechenden Tage die Sorge wuchs und ihre Kräfte nicht mehr ausreichten, den Nachen zu regieren— wie der Nachen ans Ufer getrieben wurde und die Lan— dung neue Gefahren brachte, da Federigo dem Vorſchlag, ſich den Grenzbeamten zu überliefern und nach Rom zu fliehen, aufs allerentſchiedenſte widerſprach, immer und immer als das Ziel ſeiner vor dreiviertel Jahren unter⸗ brochenen Pilgerſchaft nach Loretto, das er ſich nur der Merkwürdigkeit und des allgemeinen Pilgerſtromes wegen hatte anſehen wollen, nur den Silaswald in Calabrien be⸗ zeichnete... Wie erbebte noch jetzt des guten Bruders Theilnahme unter der Erinnerung an die ſeltſamen Gründe, welche für dieſe Reiſe damals Federigo angab und Hubertus wol ſchwerlich ſämmtlich erfahren hatte—... Die von Ceccone geleiteten Fäden der Ver⸗ lockung der Bandiera in einen Aufſtand der Räuber hatten ebenſo in Federigo's Händen gelegen, wie die jener Mittel, durch welche ſich Grizzifalcone die Er⸗ kenntlichkeit des Fürſten Rucca erwerben wollte... Jene Liſten, welche er dem Räuber hatte ſchreiben müſſen, beſaß er— er warf ſie zu Hubertus' Erſtaunen zer⸗ *) Ein Factum. —— riſſen ins Meer... Lebhafter war Federigo's Drang, die Inſurgenten in Korfu zu warnen... Federigo hoffte irgendwo eine Poſt anzutreffen, um einen Brief nach Korfu an die ihm wohlbekannten Adreſſen der Emigration zu ſchicken... Dies that er dann auch... Um die Landung in Porto d'Ascoli zu hintertreiben, um vor den Namen zu warnen, die bisher nach Korfu gleichſam als Einverſtandene und zur Invaſion Ermun⸗ ternde geſchrieben hatten, ergriff er die erſte Gelegenheit, um einige Zeilen aufzuſetzen... Hubertus erfuhr, daß der Gefangene in jener Höhle Briefe, deren Zuſammen⸗ hang und Beſtimmung er nicht kannte, anfangs harmlos geſchrieben... Als er die Abſichten ahnte, die ihm die un⸗ heimlichſten ſchienen, zwangen ihm nur noch die furchtbarſten Qualen und Drohungen der von Cardinal Ceccone ge⸗ dungenen Räuber die Feder in die Hand—... Eine Folge der, des unſichern Poſtganges wegen, mehr⸗ fach aufgeſetzten, aber in Korfu richtig angekommenen Briefe war dann die Landung der Bandiera in Cala⸗ brien... In jenem Briefe Attilig's, von welchem da⸗ mals in Bertinazzi's Loge ſich Benno ſo mächtig hatte aufregen laſſen, waren dieſe Mittheilungen Federigo’s ſämmtlich wiedergegeben worden... Langſam kamen der Gerettete und Hubertus, welcher ſich von ſeinem neuen Freunde nicht zu trennen vermochte, durch die Abhänge des Monte Saſſo und durch die Abruzzen ... Erndlich erreichten ſie jenen alten Wald, in welchem Federigo ſeine Tage beſchließen wollte... Die reli⸗ giöſen Geſpräche des Pilgers, ſeine genaue Bekanntſchaft mit jenem deutſchen Landſtrich, wo Hubertus ſoviel Drang, Fdderigo en Brief eſſen der auch... ertreiben, ich Korfu Ermun⸗ legenheit uhr, daß uſammen⸗ harmlos n die un⸗ btbarſten ie ge en, mehr⸗ kommenen in Calr llchem de Htig hat Federigo 8, welcht ammoch 4 Abru n welch Die 1 fanntihe 4 ſodl 116 9 333 Freude und Leid erfahren, des Pilgers Bekanntſchaft mit ſoviel Perſonen, die in die ſchmerzlichſten Schickſale ſeines Lebens verwickelt waren, feſſelten ihn in dem Grade an den deutſchen greiſen Sonderling, daß er ſich nicht mehr von ihm trennen mochte... Durch ihn ließ er dann an Lucinden nach Rom ſchreiben, bat ſie, ſeinen Auf⸗ enthalt vorläufig noch dem Cardinal und dem Fürſten Rucca zu verſchweigen, fügte hinzu, ſie möchte ihm ins⸗ geheim von ſeinem General die Erlaubniß erwirken, in San⸗ Firmiano, einem Franciscanerkloſter, bleiben zu dürfen, das glücklicherweiſe in der Nähe des Ortes lag, wo ſich Federigo ſeine Hütte gebaut... Sein früherer Pfleg⸗ ling, Pater Sebaſtus, war geneſen und hatte eine ſeinen Wünſchen entſprechende Stellung gefunden... Lucinde vermittelte alles, was er wünſchte und ſeine Bitte wurde gewährt... Durch eine wunderbare Fügung des Zufalls traf es ſich auch, daß gerade dies plötzliche Verſchlagenwer⸗ den nach dem Süden Italiens zugleich die Anknüpfungen an eine ſo lange von Hubertus verfolgte Abſicht bot, ſein von Brigitte von Gülpen ererbtes Vermögen dem ver⸗ haßten Kloſter Himmelpfort zu entziehen und zweien Per⸗ ſonen zuzuwenden, die ihm ſeine von Gott ihm auf die Seele gebundenen Kinder ſchienen, da ſie einſt in ſeinen Armen gerettet blieben bei jenem verzweifelten Sprunge aus der Höhe eines brennenden Hauſes in Holland... Einer derſelben hatte ſeine Güte nicht verdient... Und doch hatte wiederum Jän Picard, damals Dionyſius Schneid genannt, aus dem Brand von Weſterhof von ihm gerettet werden müſſen... Anderthalb Jahre war es da⸗ mals her, daß Löb Seligmann am Eingang zur Kirche des Kloſters Himmelpfort jenes furchtbare Krachen ge⸗ hört und im Todtengewölbe Licht geſehen hatte... Da— mals benutzte Hubertus die gerade noch im Bau be⸗ griffene Begräbnißſtätte des Kronſyndikus, um den muthmaßlichen Brandſtifter im Todtengewölbe der Kirche zu verbergen... Die mächtige Marmorplatte, auf welche Namen und Würden des Geſchiedenen gemeißelt werden ſollten, ließ er oberhalb der Grube nieder⸗ fallen, in die ſein damals noch unwiderſtehlicher Arm den Verwundeten über die hinunterführende Leiter trug... Für einige Augenblicke machte er dann Licht und bereitete unter den Särgen dem Kranken ein Lager ... Seine Drohungen mußte Jän Picard aus einem ſo entſchloſſenen Munde für Ernſt nehmen... Drei Tage und drei Nächte verpflegte ihn Hubertus, ohne in den Verſtockten dringen, ganz ſeine auf Weſterhof voll— führte That erforſchen zu können... Sein Intereſſe für Terſchka, ſeine Sorge für den auf ſeiner Zelle und unter des Pater Maurus' Zucht verzweifelnden Klingsohr beſtimmten ihn, dieſe Laſt ſich je eher je lieber abzu⸗ ſchütteln... Lucinden hatte er das Wort gegeben, ihn nicht zu verrathen... Zugleich vertraute er dem Ton der Verſtellung, die von einer dumpfen Bigotterie, die in Picard lebte, unterſtützt wurde, nahm von ihm das Gelöbniß der Beſſerung entgegen, ließ den gegen religiöſe Eindrücke nicht Verſchloſſenen bei einem der auf den Gräbern angebrachten Kreuze ſchwören und vertraute dem Verſprechen, daß der Zögling der Ga⸗ leeren nach Amerika auswandern und dort mit Hülfe ur Kirche achen ge⸗ ... Da⸗ Bau be⸗ um den der Kirche latte, auf gemeißelt e nieder⸗ ſcher Arm de Leite dann Lic ein Lager einem ſo „ohne im rchof voll Intereſſ Zelle un Klingsoh ber ab geben, dem 2 tterie, von i den 9 einem oören 1 Nte mit! der großen Summe, die er ihm für dieſen Fall be⸗ ſtimmt hatte, ein neues Leben beginnen wolle... Dieſe Summe, vor kurzem erſt erhoben, trug Hubertus in Papieren bei ſich... Die Ueberraſchung und Geld⸗ gier des Räubers nahm die Form einer Dankbar⸗ keit an, die aufrichtig ſchien... Picard vermaß ſich hoch und theuer, an den Ufern irgend eines der Ströme Amerikas Grundbeſitz kaufen und ſein Leben hinfort nur noch der Reue und Arbeit widmen zu wollen... Nach einigen Tagen, während ihn Hubertus unter den Sär⸗ gen verpflegt hatte, brachte er ihn mit größter Behut⸗ ſamkeit auf den Weg nach Bremen... Picard ging, wie wir wiſſen, über London und ge⸗ rieth unter ſeine gewohnte Geſellſchaft... Er verthat die für England nicht zu große Summe in kurzer Zeit . Ohne Mittel, fiel er in ſeine frühern Gewohn⸗ heiten zurück... Die franzöſiſche Sprache, deren er mächtig war, die anfänglich ihm ſo reich zu Gebote ſtehen⸗ den Summen hatten ihn in Verbindungen gebracht, die weit über die Sphäre gingen, auf welche ſeine rohe Bil⸗ dung angewieſen war... So war es möglich ge⸗ worden, daß er Terſchka begegnete, den er von Weſterhof kannte... Ohne ſich ihm als Dionyſius Schneid zu erkennen zu geben— ſeine kunſtreichen Perücken ſind uns vom Finkenhof her bekannt— knüpfte er an die ihm von Hubertus ausgeſprochenen Vermuthungen über Terſchka's Perſon an, erinnerte an ihre gemeinſchaftlich bei einem Müller, ſpäter bei einem Scharfrichter verlebte Jugendzeit und hatte, da ſich Terſchka, trotz der lockenden Aufforderung, die ſein Jugendgeſpiele an ihn richtete, er ———„———————— — — 336 ſollte ſich getroſt die auch ihm beſtimmte Summe vom alten Jugendkameraden, Franz Bosbeck, dem jetzigen när⸗ riſchen Mönch Hubertus kommen laſſen, befremdet und höchſt entrüſtet zeigte und dieſe Reden zurückwies, die Frechheit, Terſchka's Rock⸗ und Hemdärmel aufzureißen und ihm das holländiſche Brandmal der Verbrecher auf ſeinem Arm zu zeigen... Terſchka, nun zum Schweigen verurtheilt, kämpfte mit ſich, was er thun ſollte... Hubertus war nach Italien gegangen; eine Correſpondenz mit dem in Rom auf San⸗Pietro in Montorio Ver⸗ weilenden war nicht möglich, ohne ſein Geheimniß noch mehr zu compromittiren;— die große Summe reizte ihn aber— für ihn beſtimmt war ſie in Witoborn nie⸗ dergelegt... Terſchka mußte ſie zu bekommen ſuchen... Einſtweilen ſuchte ſich Terſchka Picard's ſelbſt zu ent⸗ ledigen... Die Reihen der Emigrationen waren von je gemiſcht... Mit dem Schein des politiſchen Flüchtlings umgibt ſich der betrügeriſche und flüchtige Bankrottirer, der Spion, der falſche Spieler... Unter den verbannten Karliſten und Sicilianern gab es Cha⸗ raktere, für deren erſte Lebensanfänge niemand gutſagen konnte... Nicht nur Ceccone's Intrigue, die Intrigue der meiſten Regierungen ging in England dahin, irgendwie in das innere Getriebe der Conſpirationen einzutreten. Zu Horchern und Provocatoren geben ſich dann— reine Charaktere nicht her— ſo mußten ſich den oft phan⸗ taſtiſchen und der Welt unkundigen Edelgeſinnten Be⸗ trüger zugeſellen... Das große Weltgewühl erſchwert die gegenſeitigen Prüfungen... Picard, der ſeit Jahren ſchon verſchiedene Namen geführt und in den zureißen cher auf chweigen de.. pondenz io Ver niß noch ne reizte abwechſelndſten Lagen gelebt hatte, ſchloß ſich den für Malta und Korfu geworbenen entſchloſſenen Revolutionären an .Boccheciampo, ein ehemaliger ſieilianiſcher Bravo, ging wie jeder andere Flüchtling unter einer Mehrzahl unbeſchol⸗ tener und den reinſten Ueberzeugungen lebender Männer ... Dieſem ſchloß ſich Picard an... Mit goldenen Ringen, Uhrketten überladen, nannte er ſich einen Belgier van der Meulen... Boccheciampo leitete jene Intrigue des Car⸗ dinals Ceccone, der zufolge mit den römiſchen Invaſionen der Flüchtlinge, um ſie zu compromittiren, die Räuber⸗ elemente der Mark Ancona und der Abruzzen verbunden werden ſollten... Van der Meulen reiſte mit Bocche⸗ ciampo über Gibraltar und Malta nach Korfu... Hier muſterten die Bandiera ihr Fähnlein und beurtheilten es im beſten Vertrauen auf die Bürgſchaft der londoner Abſender... Schon ſollte ein von ihnen gemiethetes und commandirtes Schiff nach Porto d'Ascoli in See ſtechen, als die Briefe des von Hubertus befreiten Federigo an⸗ kamen und die Inſurgenten vor einer ihnen gelegten Falle warnten... So ſpielte ſich der Schauplatz der demnach ſchon im Keim hoffnungsloſen Unternehmung auf eine andere Stelle Italiens, wo eine gleichzeitige Erhebung Siciliens in Ausſicht geſtellt wurde... Hier offenbarten ſich die ſchlechten Elemente, die ſich unter den Inſurgenten befanden*)... Mit der drei⸗ farbigen Fahne marſchirten die Verſchworenen, die in *) Mazzini hat über die Vorwürfe, die ihm wegen ſeiner mangelhaften Ausrüſtung der Bandiera'ſchen Expedition gemacht wurden, eine eigene Rechtfertigungsſchrift herausgegeben. Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 22 338 Punta d'Allice landeten, über Roſſano auf Salerno zu, wo gleichfalls eine Erhebung angeſagt war... Aber im Gegentheil; vorbereitet fand man überall nur den Widerſtand; ſämmtliche Bürgergarden waren einberufen ... Wuchs auch der Haufen der Inſurgenten von Ort zu Ort, ſo konnte er doch die erſte Begegnung mit re⸗ gulären Truppen nicht aushalten... Die Trümmer des zerſprengten Corps ſuchten Schutz auf dem hohen Kamm der Apenninen... Hier irrten ſie bis auf die höchſten Gipfel und bis da hinauf, wo im ſchmelzenden Schnee die Ströme des Neto, Leſo, Arvo ihren Urſprung nehmen... Huber⸗ tus erfuhr im Kloſter, daß die Bandiera mit zwanzig ihrer Angehörigen in jene Schlucht gedrungen waren, wo unter den Bluteichen Frä Federigo ſeine Hütte erbaut hatte... Unruhig, ob ſich die Nachricht beſtätigte, daß von Spezzano aus eine Militärcolonne in den Wald rücken ſollte, verließ Hubertus ſein Kloſter, ging die Win⸗ dungen des Neto entlang und begegnete zweien zerlump⸗ ten, Banditen ähnlichen Männern, die in Eile daher⸗ laufend und ſich ſcheu umblickend ihn anriefen: Sind in San⸗Giovanni Soldaten?... Kaum waren ſie ſo nahe, um unter ſeine Kapuze zu blicken, ſo wandte ſich der eine... Die Stimme, die Huhertus gehört, ſchien ihm bekannt; der flüchtige Blick hatte ihm eine ſelbſt in ſol⸗ cher Verwilderung erkennbare Phyſiognomie ins Gedächtniß gerufen... Das iſt ja Picard! ſagte er ſich mit dem höchſten Erſtaunen und beflügelte ſeine Schritte, die Flüchtigen einzuholen... Je lebhafter ſie von ihm verfolgt wurden, deſto ſchneller eilten ſie vorwärts... uberuſen von Ort mit re⸗ Trümmer m hohen und bis öme des Huber zwanzig waren, gerlump e dahet Sin : E en ſieſ ndte ſi 339 Bei San⸗Giovanni machten ſie einen Umweg und ſchlichen unterwärts durch die Kornfelder... Hubertus folgte raſtlos; zumal da er ſah, wie ſie ſich furchtſam die Mauern entlang drückten und den Schutz der Gärten ſuchten... Es iſt Picard! wiederholte er ſich. Picard, den ich in Amerika glaubte! Picard, der die Kraft meines Armes fürchtet!... Der Ideenkreis unſres guten Hubertus war klein — aber klar trat ihm Picard's Theilnahme an jener von Porto d'Ascoli aus irregeleiteten Unternehmung vors Auge... Eine Gefahr, ſowol für die ihm durch Federigo's Mittheilung bemitleidenswerth ge⸗ wordenen Brüder Bandiera, wie für Federigo, welcher die der deutſchen Sprache Kundigen vielleicht gaſtlich auf— genommen— ſtand lebhaft vor ſeinen Augen. Ahnend, daß die Flüchtlinge trotz der Soldaten ausdrück⸗ lich Spezzano ſuchten, ſchnitt er ihnen bei ſeiner ſchon gewonnenen Terrainkenntniß den Weg ab... Inzwiſchen kletterten die Flüchtlinge aus der Tiefe, die keinen Weg mehr bot, zur oberſten Saumthierſtraße empor... Hier erwartete ſie jedoch ſchon der ſchreckhafte Mönch, ein Knochenſkelett... Hubertus trat ihnen muthig entgegen... Picard! rief er, noch zweifelnd; aber Picard war es, er erkannte den Räuber... Zu— rückbebend ſagte dieſer, und zum Tod erſchrocken, in deut⸗ ſcher Sprache: Jeſus Maria! Seid Ihr es, Bosbeck? Ich glaubte Euch in Rom! Dort wollt' ich Euch aufſuchen! Steht uns bei! Wir müſſen nach Spezzano... Sind Soldaten in Spezzano? unterbrach der andere auf italieniſch... Picard fuhr fort: Iſt alles vorüber, Alter 22* 340 ſo erzähl' ich Euch, wie ſchlecht es mir am Ohio gegan⸗ gen... Und wieder rief mit wildem Ungeſtüm der andere: Sagt raſch, raſch, raſch; ſind Soldaten in Spez⸗ zano?... Was wollt ihr mit Soldaten? antwortete Hubertus, der wohl begriff, daß des Italieners Worte nach Sol⸗ daten ein Verlangen nach ihnen und keine Beſorgniß aus⸗ drückte... Sie werden euch fangen— ſetzte er for— ſchend hinzu. Gewiß ſeid ihr von der Bandiera⸗Bande aus Korfu... Das mag recht ſein! erwiderte der andere— es war Boccheciampo... Aber nur ſchnell! Schnell! Führt uns auf dem kürzeſten Wege nach Spezzano!... Aus Dem, was die athemloſen und erſchöpften Männer ſonſt noch vorbrachten, erſah Hubertus, daß ſich beide von den übrigen Flüchtlingen getrennt hatten, ſich mit den ausgeſtellten Poſten der bewaffneten Macht in Ver⸗ bindung zu ſetzen hofften und ohne Zweifel einen Zug anzeigen wollten, welchen, wie er erfuhr, der Reſt der Inſurrection von den Bluteichen aus dieſe Nacht über den Kamm der Montagne delle Porcine hinweg unternehmen wollte, um den Meerbuſen von Squillace und von dort die See zu gewinnen... In San⸗Giovanni di Fiore, hörte er, würde dieſer Zug um Mitternacht ankommen und leicht von den Truppen aufgehoben werden können, wenn dieſe ihm nicht ſofort bis zu den Bluteichen entgegengehen wollten... Hubertus ſah die verrätheriſche Abſicht... Dieſen Zug wollt ihr angeben? fragte er und hielt ſchon Picard's Arm feſt... 341 Picard kannte die Stärke des Mönchs und erblaßte nicht wenig über die funkelnden Augen, deren unheim⸗ liche, einer Kraftentfaltung vorausblitzende Macht er aus ſeinen Jugenderinnerungen heute zum zweiten mal wieder erkennen ſollte... Mit dem Narren in die Hölle! rief Boccheciampo, Hubertus' Geſinnung ahnend, zog ein Piſtol und ergriff zu gleicher Zeit Picard's Arm, um ſeinen Gefährten zu befreien und ihn ſich nachzuziehen... Einen Augenblick fuhr Hubertus vor dem Piſtol zurück, ſah auch, mit einem zuckenden Blitz des Auges, daß Picard mit der Linken ein blankes Meſſer aus ſeinen Lumpen zog... Doch ſchon hatte den wilden Mönch der Anblick zweier Böſewichter, die, um den Preis ihrer eigenen Freiheit, andere ins ſichere Verderben ziehen wollten, zur Wuth entflammt... Seine Hand drückte Picard's Arm ſo mächtig, daß dieſer aufſchrie und ſeinen Arm für gebrochen erklärte. Hubertus ſuchte am Felſen ſeinen Rücken zu decken, ohne dabei Picard's rechten Arm loszulaſſen... Laßt mich! ſchrie dieſer, drängte vorwärts und drohte mit ſeinem blitzenden Meſſer in der Linken... Wie ein dem Ertrinken Naher, mit der ganzen fieberhaften Kraft, deren ſelbſt die Feigheit fähig iſt, wenn ſie ſich vor äußerſter Gefahr zu retten ſucht, ſuchte ſich Picard loszuwinden und dem Italiener zu folgen, deſſen Piſtol ſich jetzt zur Mehrung ſeiner Wuth als nicht geladen erwies... Nun mußte Hubertus auch Boeccheciampo abwehren ... Alle drei rangen... Hubertus gegen zwei... 342 Immer näher kam der wilde Knäul dem jähen Abgrund des Felſenweges... Mit verzweifelnder Anſtrengung wollten ſich die Ringenden der andern Seite zuwenden, wo die Felswand wieder höher emporſtieg... Da riß ſich mit einer höhniſchen Lache Boccheciampo plötzlich aus dem Knäul los, ſtürzte die andern vom Rand des Weges in die Tiefe und entfloh... Mit einem gellenden Schrei ſuchte Picard ſich im Fall zu halten— Vergebens; die beiden Sinkenden glitten tiefer und tiefer... Unten rauſchte die wilde Flut des Neto... Hubertus hielt ſich an einer hervorragenden Strauchwurzel— ein Moment— und er hörte, daß Picard, der die Beſinnung verloren hatte, unaufhaltſam in die zuletzt nur noch ſchroff ſich abſenkende Tiefe ſtürzte... Eine Beſinnung, eine Entſchlußnahme war anfangs auch für Hubertus nicht möglich... Eine Viertelſtunde ver⸗ ging, bis er ſo viel Kraft geſammelt hatte, um ſich wieder auf die Straße hinaufzuarbeiten... Da hörte er in der Ferne Schüſſe... Als er auf die Straße kam, hatte ſie ein Piket Soldaten beſetzt und hielt Bocche⸗ ciampo gefangen... Auch den Mönch nahm man mit und ließ ihn ſtreng bewachen... In der Nacht krönte ſich Boccheciampo's Verrath... Aus dem Thurm zu San⸗Giovanni, in welchen Hubertus, ohne die Flüchtlinge warnen zu können, gefangen ge⸗ ſetzt wurde, vernahm er, wie oberhalb Firmiano's, wo ein einſamer, unbekannter Waldweg über den höchſten Gebirgskamm führt, ein kurzer verzweifelter Kampf der kleinen Schaar ſtattfand, die auf ihrem Wege gekreuzt ——— nd des vollten wo die ch mit s dem eges in ich im kenden e Flut genden „daß altſam Ti efe fangs ſe ver⸗ wieder er in kam, oeche⸗ n mit ochſt Nl e 5f Kamt ekreui 343 und zuletzt gefangen genommen wurde... Boccheciampo hatte den Soldaten die richtige Anzeige ihres nächt⸗ lichen Zugs gemacht... Man führte die Verlorenen nach Coſenza—... Auch Frä Hubertus wurde ſpäter dorthin abge⸗ führt... Der Erzbiſchof nahm ſich des Klerikers an, berichtete an den General der Franciscaner nach Rom und wieder kam die Weiſung, den Worten des Bru— ders Hubertus vollen Glauben zu ſchenken und ihm jede Nachſicht zu gewähren... Die Nachforſchung nach dem verunglückten Gefährten des mit Penſion nach Stromboli geſchickten Boccheciampo gerieth ins Stocken . Einige Wochen nach Hinrichtung der Bandiera, kam Hubertus auf freien Fuß... Wie Hubertus erſt heute wieder jene Stelle des Ringkampfs geſehen, wie er jetzt zu jenem Felſenpfade über ſich emporblickte, der damals ein Todespfad für zwanzig Menſchen geworden war, brachte ihm die bange Stimmung ſeines Gemüths in voller Gegenwärtigkeit auch den Augenblick zurück, wo er damals, nach Entlaſſung aus ſeiner Haft in Coſenza, von jenem Kreuze aus, das er am verhängnißvollen Orte vom Sindico zu San⸗ Giovanni auf Befehl der Regierung errichtet fand, ein Wagſtück vollführte, welches allen, die davon erfuhren, unglaublich erſchien... Mit Stricken, Hacke und Beil ſtieg der Tollkühne am ſchroffen Felsabhang nieder und ſuchte dem Opfer beizukommen, das dort unten noch im feuchten Schoſe des an jener Stelle von Menſchenfuß noch nicht berührten Neto ruhte... Im Ringen hatte Hubertus bemerkt, daß Picard unter ſeinen zerlumpten Kleidern ein Portefeuille trug, auch Geld und Geldeswerth bei ſich hatte... An letz⸗ term lag ihm nichts; im erſtern aber fand er vielleicht Aufklärungen über die ihn wahrhaft empörende und mit höchſtem Zorn erfüllende Täuſchung, der er ſich hingegeben vor noch nicht zwei Jahren, als er glaubte, Picard wäre nach Amerika gegangen... Nur eine ſo von frühſter Jugend gehärtete, an jede Lebensgefahr gewöhnte Natur, wie die ſeinige, konnte die Schwierigkeit dieſer Unternehmung überwinden... Hundertmal glitt ſein halbnackter Fuß am zuletzt völlig ſenkrechten, glücklicherweiſe ſtrauchbewachſenen Abhang aus... Nichts hielt dann die Wucht des Körpers, als ein Zweig, eine Wurzel, welche die ſchon blutig zerriſſene Hand unterſtützte... Wo ein hervorragender Stein oder ein Aſt kräftig genug ſchien, befeſtigte der Muthige mitgenommene Stricke, die den Rückweg erleichtern ſollten, falls ſich aus der Tiefe der Schlucht ſelbſt kein anderer Ausweg bot... Ganz allein, und ohne irgend einen Zeugen ſich an dieſe muthige Unternehmung wagend, kam Hubertus, blutend an Armen und Füßen, endlich bei den an dieſer Stelle ge⸗ hemmten, in einem Keſſel wildtobenden Fall des Neto an... Hoch ſpritzte der Schaum des von zerriſſenen Fels⸗ blöcken zurückgeworfenen Gewäſſers auf— weitab nur vom Rande des Strombetts ließ ſich an den Büſchen mühſam weiterklettern... Die Kohlenaugen des alten Jägers ſpähten rundum... Hubertus fand, daß der Wild⸗ bach irgendwo ein Hemmniß hatte... Von Weißdorn⸗ icard trug, n let⸗ elleicht und er ſich laubte, o von vöhnte dieſer t ſein erweiſe nn die welche Wo genug 8, die Tiffe Ganz uthige Armen . ge⸗. Neto Fels⸗ b nur üſchen alten Miſd Wu büſchen wildüberwuchert zeigte ſich ein Vorſprung, um den das ſchäumende Gewäſſer ſich herumzwängen mußte... Endlich fand ſich— unter den Büſchen das Schreck⸗ bild einer zerſchmetterten und verweſten Leiche... Der Kopf war ſchon unkenntlich, aber die andern Glieder hatten ſich noch unzerſtört erhalten— die kühle Waſſer⸗ luft verzögerte die Auflöſung... Eine Weile währte es, bis Hubertus es wagte näher zu treten und den vollen Anblick des Schreckens dauernd zu ertragen... Ein Dolch, den er nach Landesſitte in ſeiner Kutte trug, ſchnitt die Kleider der Leiche aus— einander... In den Taſchen lag noch Geld, eine Uhr; die Brieftaſche war nicht zu finden... Hubertus durch⸗ ſuchte den ganzen Körper... Das Portefeuille war verſchwunden... Ohne Zweifel war es beim Sturze aus der Taſche geglitten... Aber auf dem ſteinigen Grund der kryſtallenen Woge blinkte Gold auf... Hubertus blickte weiter um ſich... Da lagen auch Blätter Papier, eingeklemmt in die ſpitzen Steine... Die naſſen Vlätter gingen beim Aufnehmen auseinan⸗ der... Hubertus ſah, daß es Bruchſtücke waren, die einem Paß oder einem ähnlichen Document angehörten ... Wieder ſuchte er mit ſpähendem Auge„Wi eder fanden ſich, jetzt auch am Ufer, einzelne zerſtreute Blät⸗ ter... Vom Regen und vom Schaum des Neto waren ſie ſo aufgeweicht, daß ſie ſchon beim Aufnehmen unter der Hand auseinandergingen... Dennoch nahm er alles vorſichtig an ſich und wickelte es zum Trocknen in ſein Taſchentuch... 346 Nach langem Suchen dann nichts mehr findend, nahm er einige wild durcheinanderliegende Steine, bildete in Manneslänge in der Erde eine Höhlung, warf in ſie die Reſte des verweſten Körpers und bedeckte alles mit den Steinen und buſchigen Weißdornzweigen, die er mit dem Dolch abſchnitt... Uhr und Geld nahm er in ſein Bündel noch hinzu, ſprach einen kurzen Segen und machte ſich auf den Heimweg, deſſen noch geſteigerte Schwie⸗ rigkeiten die Gewandtheit ſeines Körpers überwand... Von jener Brieftaſche fand ſich nichts mehr— er durfte ſich ſagen, daß die Papierreſte, die er ge⸗ funden, hinreichten, um einem ſo kleinen Behälter ſchon einen anſehnlichen Umfang zu geben... Das Geld floß dem nächſten Opferſtock an der Kirche von San⸗ Giovanni zu; die Uhr und die Papiere wurden bei paſſender Gelegenheit für einen Beſuch bei Federigo auf⸗ geſpart... Sie zu leſen verhinderten— natürliche Schwierigkeiten... Nicht zu oft durfte es Hubertus wagen, die Bluteichen zu beſuchen... Nur dann ging er, wenn ihn zu mäch⸗ tig die Sorge für den immer mehr verwitternden Greis ergriff— nach einem ſtürmiſchen Wetter, nach einem Briefe, deren zuweilen welche für Federigo— dann waren ſie eingelegt an Hubertus— beim Guardian einliefen; dieſe kamen von Rom und waren, wie Hubertus gelegentlich bemerkte, in ſeltſamen Chiffern geſchrieben... Als den Mönch eines Tages wieder die Hütte ſeines Freundes mit ſeinem, dem Leichnam abgenommenen Funde beherbergte, betrachtete dieſer die Uhr mit äußerſtem Er⸗ ſtaunen... Der Eremit erkannte ſie für die ſeinige nahm ete in ſie die es mit er mit er in en und Schwie⸗ d auf⸗ ürliche kteichen mäch⸗ Greis einem dann. ardien lbertus 347 .Nicht daß ſie ihm jetzt geraubt war, ſie hatte ihm vor vielen Jahren gehört... Daß Picard ſie aus dem Grabe des alten Meviſſen geſtohlen, konnte durch die Mittheilungen des Mönches theilweiſe errathen werden — Hubertus wußte, daß Picard auf dem Friedhof eines deutſchen Dorfes ein Grab erbrochen hatte... War es das des alten Meviſſen—? dachte Federigo. Welche Verwickelungen konnten dann entſtanden ſein, falls ſein Vertrauter an ſolchen Erinnerungen noch mehr in die Grube mit ſich genommen hatte!—... Mit einer Auf⸗ regung, die Hubertus an ſeinem Freunde ſonſt nicht gewohnt war, durchflog dieſer die Papierreſte, die ſich in Picard's Nähe gefunden hatten... Ihr Inhalt ſchien ihn allmählich zu beruhigen... Aus einigen Brieffragmenten ergab ſich aber eine Be⸗ ziehung Picard's zu Terſchka... Sie hatten ſich, das erſah man deutlich, in London gekannt... Die Briefe waren vorſichtig abgefaßt und enthielten ſogar beſonnene Mahnungen, manche Ablehnung der Picard'ſchen Zudring⸗ lichkeit— Terſchka's Ton war hier in hohem Grade vertrauenerweckend—... Die nunmehrige Entdeckung der Thatſache, daß ſich Hubertus damals auf Schloß Weſterhof in Terſchka's Perſon nicht geirrt hatte, nahm ihn trotz Terſchka's da⸗ mals ſo ſchroffer Ablehnung für ihn ein... Die Klage Terſchka's über ſeine eigene hülfloſe Lage, auch die zufälligerweiſe in dieſen Briefen von ihm ausge⸗ ſprochene Reue über ſeine ſchnöde Behandlung des„gu⸗ ten Franz Bosbeck“, der ihm ſo wohlgeſinnt geweſen, alles das konnte Hubertus nicht hören, ohne an ſein noch in Witoborn bei einem Advocaten ſtehendes Geld zu denken... Auch Federigo kannte von Caſtellungo her den Lebenslauf Terſchka's, kannte ſeinen Uebertritt zu einer Confeſſion, die an Federigo und den Waldenſern der nur in jüngeren Jahren fanatiſch katholiſche Mönch zu achten gelernt hatte, und rieth dazu, dieſen Wink des Schick⸗ ſals zu beachten... Wenn Hubertus doch einmal ſein Vermögen dem Kloſter Himmelpfort entziehen wollte— und nach ſeinem Tode würde Pater Maurus in Him⸗ melpfort ſich ſchon zu Gunſten ſeiner Anſprüche regen und geltend machen, daß Hubertus nur als ein auf Ur⸗ laub befindlicher Mönch ſeiner Provinz betrachtet wer⸗ den konnte— ſo ſollte er ſich eilen, dem Erben, den er ſich nun einmal gewählt und der hoffentlich beſſer damit verfahren würde, als Jän Picard, ſeine, wie man ſähe, dringend erſehnte Hoffnung nicht zu entziehen— Die Partheilichkeit, die Gräfin Erdmuthe für Terſchka von jeher gezeigt, hatte ſich auch dem Einſiedler mitgetheilt... Durch ihn, als Schreibkundigen, zugleich durch den wohlgeſinnten Guardian des Kloſters Firmiano, leitete Hubertus eine Verhandlung mit den Gerichten im fernen Witoborn ein, der zufolge Terſchka die Summe, die er dieſem gleich anfangs beſtimmt hatte, richtig in London ausgezahlt erhielt... Es währte ein Jahr, bis dieſe Procedur zu Stande kam... Terſchka's Dankesbriefe hoben nicht wenig das Gefühl des alten Mannes, der ſich einer guten That bewußt war und oft mit Schmerz von ſeinem Schickſal ſprach, das ihn gerade über die, denen er Gutes erweiſen wollte, zum willenloſen und wie von Gott beſtimmten Richter machte... eld zu go her zau einer der nur London is dieſ esbrieſe 6s, der Schmen ber die, und N 349 Die Räthſel, die den deutſchen Pilger umgaben, hatten ſich für Hubertus nur theilweiſe gelüftet... Bald nach dem Vorfall mit jener Uhr, einem Zuſammentreffen, das Federigo am wenigſten aufklären mochte, kam das Ende des treuen Sultan, der, von ſeiner Wunde geheilt und einen Augenblick die Freiheit nutzend, ſeinem Herrn wieder bis auf mehr als funfzig Meilen gefolgt war und am Ziel ſeiner Sehnſucht durch den Pfarrer von San⸗Giovanni ſo misverſtändlich ſein Ende finden mußte*)... Lebhafter denn je gedachte Hubertus heute der Fol⸗ gen, welche damals eine an ſich ſo entſchuldigte That des edlen Paolo Vigo nach ſich zog... Er gedachte ſeiner Klagen damals, als ſein zufälliger Ausgang aus dem Kloſter, um zu terminiren, ihn nach San-Gio führte, ein Volkshaufe um den verendenden Hund ſtand, er ihn erkannte, ins Kloſter trug, ganz ſo, wie zuweilen Sanct— Philippo Neri, mit dem ihn Klingsohr ſo oft verglichen, abgebildet wird... Paolo Vigo erfuhr die Geſchichte des Hundes, war davon aufs tiefſte ergriffen und be⸗ ſuchte den Eremiten unter den Bluteichen, gleichſam um ſeine raſche That zu entſchuldigen... So knüpfte ſich zuletzt eine Freundſchaft, die auch ihn ins Strafkloſter Firmiano brachte... Hier aber zeigte ſich die gute Wirkung ſolcher Nach⸗ barſchaft... Jähzorn, Völlerei, alle Leidenſchaften, von denen das Amt des Prieſters geſchändet wird, fingen dort allmählich zu verſchwinden an... Nicht *) Gleichfalls Factum. ——— 350 genug konnte der Guardian, ein milder gutgeſinnter Mann, nach Coſenza rühmen, wie ſich ſeine Pfleglinge gebeſſert hätten... Schickte man aber eben des⸗ halb ſchon ſeit lange niemanden mehr her?... Nahm man eben deshalb niemanden mehr fort?... Es war, als wenn dies ſtille Waldkloſter in der Welt vergeſſen war... Hatte Hubertus Recht gethan, ſo ausdrücklich die Jeſuiten an die Exiſtenz deſſelben zu erinnern?... Gerade Dieſem vorzugsweiſe nachdenkend, hörte Huber⸗ tus jetzt die Uhr des Kloſters die vierte, d. i. die elfte Stunde ſchlagen und machte ſich, von Unruhe getrieben, noch früher auf den Weg, als er anfangs beabſichtigt hatte ... Ueber die Höhen wehte ein friſcher Nachtwind... Noch eine halbe Stunde brauchte er, bis er am Kloſter⸗ thor die Glocke zog... Hier ſollte ihn aber dann ſogleich ein glücklicher Zufall begrüßen... Es war Paolo Vigo ſelbſt, der heute den Pförtnerdienſt verrichtete... Eine edle Geſtalt voll ernſter Würde, mager, abgezehrt, begrüßte ihn... Der Pförtner trat Hubertus mit dem froheſten Willkommen entgegen... Hubertus ſah ihn voll Erſtaunen, band ſich ſeine beim Steigen losgegangene Kuttenſchnur feſter und ſprach: Das muß ja dem Guardian ein Traum eingegeben haben, Euch gerade heute an die Thür zu ſtellen! Ihr ſeid noch wach? Ich bitte Euch, bleibt es ja!... Weckt unſere Schlafſäcke die Matutin, ſo laßt Euch nur vom Guardian auf der Stelle Urlaub geben—. Nicht wahr? Um unſern Vater aufzuſuchen— 2... fiel Paolo Vigo mit lebhafteſter Erregung ein... Ich —— konn eſinnter leglinge en des⸗ . Nahm Es wer, vergeſſen drücklich Huber⸗ Stunde n, noch gt hatte ic ſeine ſprach: ben ngeget 1 an en! 351 konnte mir doch denken, daß Ihr gerade zum zwanzigſten Auguſt wieder zurückſein würdet... Zum zwanzigſten Auguſt—?2... Verderbt mir den Willkomm nicht! entgegnete erſchreckend Bruder Hubertus ... Bei Sanct⸗Hubert! Wo hatt' ich meinen Kalender! ... Haben wir heute den heiligen Rupert und bei Wi⸗ toborn die erſten Schnepfen——! Und ich— ich— — Eſel... Morgen iſt doch Sanct⸗Bernhard! beſtätigte Paolo Bigo. Wißt ihr das nicht— 5... Ich ſtehe wie ein Soldat auf Schildwacht und bitte Gott, mir eine gute Ablöſung zu geben... Ihr ſeid voll guter Anſchläge, Bruder; ſagt, wie fang' ich es an, ſofort zu den Blut— eichen zu kommen!... Drei Nächte hatt' ich denſelben Traum und keinen guten mein' ich... Ich hörte an meiner Zelle kratzen, wie von einem Hunde, der herein wollte... Ich ſah im Geiſt den guten Sultan vor mir... Oeffnete ich dann, ſo fand ich nichts—... Dreimal das hintereinander!— Ich glaube an ſolche Dinge nicht— aber ich meine doch— Federigo iſt krank oder es geſchieht ihm ſonſt nichts Gutes—... Der heilige Bernhard iſt morgen—! ſprach Huber— tus dumpf und vor ſich hinſinnend, immer beſorgter und im Ton des härteſten Vorwurfs gegen ſich ſelbſt... Leb' ich ſo in den Tag hinein!... Ihr träumtet vom Sul⸗ tan? Und ich träume ſchon ſeit Neapel von nichts, als von Wölfen, die an den Bluteichen eine Lämmerheerde freſſen... Wißt Ihr hier denn auch nicht, wa⸗ rum unſer San⸗Giovanni drüben ſo voll Soldaten ſteckt?.. ——— —yy-— 352 San⸗Giovanni?... entgegnete Paolo Vigo be⸗ ſtürzt... Euer Pfarrhaus und alle Scheunen ſind voll... Auch in Spezzano ſiehts wie im Lager aus... Iſt morgen Sanct⸗Bernhard—!.. Glaubtet Ihr, daß ich um irgendetwas Anderes Ur⸗ laub wünſchte, als um an dieſem Tage— Nun Ihr wißt doch, daß ich jedesmal, wo ich an dieſem Tage nicht bei den Bluteichen war, erklärte, ein Jahr aus meinem Leben verloren zu haben—!. Hubertus hatte ſich inzwiſchen durch die niedrig und rundbogig gewölbten Gänge zum Refectorium begeben, wo noch auf dem Speiſetiſche die Lampe brannte... Paolo Vigo folgte ihm in den anmuthig kühlen, von kleinen gewundenen Säulen arxabiſchen Geſchmacks getragenen Raum... Ein Schrank enthielt die Vorrichtung, ſich zu einem hier immer bereit⸗ ſtehenden Kruge voll Wein durch Drehen eines Hahns friſches Quellwaſſer zur Miſchung zu verſchaffen.. Das Waſſer tröpfelte hörbar von den oberen Bergen zu ... Hubertus war erſchöpft; Paolo füllte einen der im Schrank ſtehenden hölzernen Becher mit Wein und Waſſer und erwartete vom ſo ſchweigſam gewordenen Send⸗ boten nähere Aufklärungen über Verhältniſſe, die beiden gleich theuer und werth waren...— Alles ringsum blieb ſtill... Nur die Waſſellei⸗ tung tröpfelte geheimnißvoll und lauſchig in dem wieder geſchloſſenen Schrank... Düſtere Schatten warf die matte Lampe durch die alterthümliche Halle.. Briefe ſind ja von Coſenza gekommen?... fragte go be⸗ —4 . NM eres Ur⸗ dun Ihr m Tage ahr aus niedrig ectorium Lampe 353 Hubertus, der die Meldung der Ankunft Roſalia Ma— teucci's über die andern, ihm viel wichtigeren Dinge vergeſſen hatte... Briefe von Coſenza? Nein! Aber vom Sacro Officio aus Neapel! entgegnete Paolo Vigo und ſetzte hinzu: Lei⸗ der! Sie geben dem Guardian keine Hoffnung. Spracht Ihr denn nicht den Monſignore?. Die bange Vorſtellung, die den Alten ſchon lange beſchäftigte, es könnte einen Schlag auf Federigo und ſeine geheimverbundenen Anhänger gelten, trat mit quã⸗ lender Gewißheit vor ſeine vom mühevollen Wandern ohnehin erhitzten Vorſtellungen; aus fieberhaftem Blut ſteigen nach körperlichen Anſtrengungen Wahnbilder und krankhafte Gedanken auf... Der zwanzigſte Auguſt war ſeit zehn Jahren in den faſt unzugänglichen Schluch⸗ ten des Silaswaldes ein Tag, wo anfangs nur drei oder vier Männer, jetzt ſchon oft zwanzig bis dreißig mit ihren Familien ſich verſammelten... Hubertus äußerte ſeine entſchiedenſten Beſorgniſſe und Paolo Vigo redete ſie ihm keinesweges aus... Schon berechnete Paolo, ob nicht vielleicht die Einquartierung in ſeinem Pfarrhauſe Anlaß geben könnte, den Guardian um Urlaub zu bitten—... Sinnend fuhr er fort, man müßte doch morgen in erſter Frühe in San⸗Giovanni hören können, was die Soldaten wollen... Was ſie wollen— hm! hm!l fiel Hubertus ein— Wenn ich an die lachende Miene des Monſignore denke und denke an den Golf von Neapel, der im Sonnen⸗ ſchein funkelt wie ein Paradies und doch den Veſuv im Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 23 354 Leibe hat, ſo wird mir bange wie einer Mutter um ihr Kind... Der zwanzigſte Auguſt!... Mein Sohn, ich bitte Euch, mich dem Guardian nicht zu melden... Ich bin noch nicht angekommen... Hört Ihr!... Lebt jetzt wohl! In drei Stunden bin ich an Federigo's Hütte und ſchicke Jeden nach Hauſe, der etwa heute oder morgen kommen ſollte, um für die Seelen der armen Märtyrer Pascal und Negrino zu beten... Guter Bruder! entgegnete Paolo Vigo ablehnend und erklärte auch ſeinerſeits zu dieſer Warnung bereit zu ſein... Ihr muthet Euch ein Uebermaß zu... O, daß ich ſtatt Eurer hinauffliegen könnte! Soldaten! ſagtet Ihr?... Ich ſagte ja gleich, daß der aus Neapel vom Sacro Officio angekommene Brief ebenſo hinterhaltig iſt, wie ſchon lange das Benehmen des Erzbiſchofs von Coſenza... Und der Monſignore gab Euch in Nichts einen tröſtlichen Beſcheid?... So artig war er, ſprach Hubertus, wie Papa Kattrepel in meiner alten Stadt Gröningen, der jeden Armen⸗ ſünder, wenn er ihm den Kopf abſchlug, erſt um Ver⸗ zeihung bat... Laßt mich doch jetzt nur ſogleich gehen ... Schon hör' ich den Rumor da oben... Mitter⸗ nacht muß vorüber ſein... Geht! Geht!... Ja, all ihr Heiligen, daß ich es nicht vergeſſe! Bei Sanct⸗ Hubert's Bart, wo hab' ich meine Gedanken! Gütiger Gott, mach' auf mein Alter keinen Schwabenkopf aus mir!... Mein Sohn, laßt Euch getroſt Urlaub geben nach San⸗Gio!... Da werdet ihr ja eine Perſon finden, die viel lieber hat, Euch ſchon morgen wie ſonſt in Eurem Hauſe oder beim alten Meiſter Pallantio die um ihr n Sohn, lden... irl... Federigos heute oder er armen ablehnend ng bereit onſignore Kattrepel a Armen⸗ um Ver⸗ icch gehen Mitter⸗ . Ja, all 355 Polenta auf den Tiſch zu ſtellen— lieber, als den ſteilen Weg hieher zum Kloͤſter erſt heraufzuklettern—... Eine Perſon? Die Polenta? Wer? fragte Paolo Vigo und ließ ſich von Hubertus die überraſchende Be⸗ gegnung mit dem keuchenden Pepe, mit Scagnarello, Roſalia und Marietta Mateucci erzählen... Gütiger Himmel! rief Paolo Vigo in doppelter Freude—... Erſt aus Liebe zu ſeiner ſeit Jahren nicht geſehenen Schweſter— dann um die Gelegenheit, nun auf alle Fälle Urlaub zu bekommen... Hubertus mußte ſich jetzt verſtecken, wollte er un⸗ angemeldet bleiben... Schon ertönte die Glocke, welche die ſämmtlichen Bewohner des Kloſters weckte und in die Kirche rief, wo ſie ſingen mußten. Während Paolo Vigo in größter Ueberraſchung, in Spannung und Rührung ſtand und jedenfalls ent⸗ ſchloſſen blieb, den Guardian um die ſofortige Erlaub— niß zu bitten, ſeiner geliebten Schweſter und ihrem hol⸗ den, von ihm noch nie geſehenen Kinde entgegenzugehen außerhalb des Kloſters übernachten zu dürfen, ſchlüpfte Hubertus eine vom Refectorium in die Zellen führende enge Wendeltreppe hinauf, um wo möglich, ehe die Frate kamen, ſeine Zelle zu erreichen und dort ſich zu verbergen... Schon hörte man einen Mönch, der heute das Amt des Weckers hatte, in einem entfernten Gange an die Zellenthüren pochen... Der Regel des heiligen Franciscus gemäß rief er alle Schläfer aus ihren ſüßeſten Träumen... Hubertus erreichte glücklich und unbemerkt ſeine dunkle Zelle... Sie war nicht breiter und nicht tiefer, 23* 356 als zwölf Fuß, und enthielt als Bett einen Sack von Maisſtroh— die Decke darüber war ſo grob wie ſeine Kutte... Von Glasfenſtern war keine Rede; nur eine rohgezimmerte Holzjalouſie ſchützte gegen die im Winter oft ſchneidend kalte Luft... Hubertus warf ſich auf ſein Lager... Er hatte vor Uebermüdung jene Empfindung, die ihn an die Zeiten erinnerte, wo auch er ſich in Java an Opium gewöhnt hatte... Traumartige Bilder traten vor die wachen Sinne... Alles ſchwebte um ihn in Licht und Farbe und Licht und Farbe war auch wieder wie Muſik 3 So ſoll einem an Erſtickung Sterbenden der Tod ſein... Geſtalten, die ihm wie Hexen hätten erſcheinen dürfen, waren ihm jetzt freundlich und nickten ihm mit ſüßem Lächeln... Mit ſeiner noch nicht be⸗ ſonders geläuterten Religion nannte Hubertus das die Triumphe des Teufels, den er namentlich auch beim nächtlichen Chorſingen um zwölf Uhr Mitternacht gern in Thätigkeit wußte und oft ſchon hinter dem großen Miſ⸗ ſale mit ſeinem Hörnerkopfe als einen höhniſchen 4 ſänger oder am Weihwaſſerkeſſel, den verunreinigend, er⸗ blickt hatte... Er rüttelte ſich wach und horchte nur, ob der Lobgeſang in der Kirche bald vorüber ſein würde... Die Lampen in den Händen, ſchlichen die Mönche und geiſtlichen Züchtlinge erdfahl und ſchlaftaumelnd durch die Gänge... Hubertus, der auch hier ſchon manchen Verſchlafenen— wie oft ſonſt Klingsohrn!— um ſolche Stunde auf den Armen in den Chor getragen hatte, lauſchte dem öden Widerhall... Endlich ſangen einige zwanzig Stimmen.. In einfacher Cantilene an die Opium vor die ht und Muſſk en der hätten nicken 357 wurde ein Pſalm vom Guardian verleſen und ſeinen Worten an beſtimmten Stellen von den andern re— ſpondirt... Als nun wieder alles nachtſtill geworden war und jeder auf ſeiner Zelle wieder ſein Lager erreicht hatte, erhob ſich Hubertus von dem ſeinigen... Hatte Paolo Vigo Ur⸗ laub erhalten, ſo mußte ein andrer Pförtner für ihn eingetreten ſein und jedenfalls erwartete ihn dann der Be⸗ urlaubte nirgend anderswo, als in ſeiner eignen Zelle... Letztere erreichte Hubertus ungeſehen, trat bei Paolo ein und fand ihn in der That bereit, das Kloſter zu verlaſſen... Auf die freudige Botſchaft, ſeine theure Schweſter wäre in San⸗Giovanni, war ihm die Erlaubniß ertheilt worden, ihrem Beſuch zuvorzukommen und ſie, wenn ihn ſein Herz dazu triebe, überraſchen zu dürfen... Bleibt aber Ihr zurück! ſetzte Paolo Vigo bittend hinzu... Alter, Ihr ſeid zu erſchöpft... Und nur darin ſteht mir bei; geht morgen früh meiner Schweſter entgegen und haltet ſie vom Kloſter eine Weile entfernt, bis ich um die achte Stunde von den Blut⸗ eichen in San-Gio wieder zurück ſein und Euch Alle bei meinem alten Meßner Pallantio begrüßen kann—... Wie zwei Jünger, die für ihren Meiſter ihr Leben zu laſſen bereit ſind und um den Vorzug in den Be⸗ weiſen ihrer Liebe ſtreiten, ſo ſtanden ſie am offenen Fenſter und ſtritten, ob es nicht gerathener wäre, Paolo Vigo überließe den Gang nach den Bluteichen, um die am Morgen dort Verſammelten zu warnen, an Hubertus und ginge lieber ſelbſt nach San-Gio zur Ueberraſchung für ſeine Schweſter.. Mein Sohn! bat Hubertus... An mir iſt wenig gelegen... Wenn aber Euch zum zweiten Mal eine Strafe träfe, wie ſie Euch ſchon einmal ſo lange Eure Freiheit gekoſtet hat!... Jetzt brächet ihr ja geradezu auch das Herz Eurer Schweſter!... Sie verſprach, am Morgen zum Kloſter zu kommen... Ihr liebliches Kind wird Euch die Wange küſſen... Wagt nichts Neues wieder, nachdem Ihr ſchon ſo lange gebüßt habt... Paolo Vigo hatte jedoch den Geiſt empfangen, der in edlen Dingen den Menſchen unwiderſtehlich zum Selbſtopfer treibt... Eine heilige Glut durchloderte ihn, ſeine Augen funkelten, wie die Sterne über den leiſe Flüſternden... Er ergriff die Hand des Greiſes und ſprach: Weiß ich doch nicht— ich ahne die letzte Stunde unſeres Freundes... Krank iſt er zum Tod ſchon ſeit lange und es geht das Gerücht, daß ſein ſtilles Wirken entdeckt iſt... Seit jenem letzten Brief, den Ihr aus Rom brachtet, muß eine große Veränderung mit ihm vorgegangen ſein... Ich ſah ihn ſeitdem nur einmal — und da ſchon wollte er Abſchied nehmen für immer, wogegen meine Worte kaum aufkommen konnten... Es ſchien, als wenn er eine wichtige Kunde aus der Welt empfangen hatte, die ihn zur Auferſtehung, zur Beendigung ſeiner Einſiedlerſchaft und zur Rückkehr ins Leben rief... Schon aus freien Stücken ſchien er gehen zu wollen und nun ahn' ich, er hätte beſſer gethan, dieſer Regung zu folgen—... Wenn man ihn heute holte, am Tage der Verſammlung, ihn in die Kerker der Inquiſition würfe—! Lebt wohl, Alter—!... e Eure eradegu ſprach, ebliches Neues n, der h zum loderte er den Hreiſes Stunde on ſet Wirken hr aus nit ihn einmal immer, .. Es us der g, zur tehr ins r gehan gethan, zn heul⸗ erker de 359 Nicht ohne mich—!... ſprach Hubertus und blieb dem Unheilverkündenden unabweislich zur Seite... Mein Fuß iſt jünger, als der Euere! bat Paolo und wollte nicht dulden, daß Hubertus weiter, als bis an die Zelle des Pförtners folgte... Während noch beide, und mehr mit Geberden als mit Reden, die ohnehin geflüſtert werden mußten, ſtritten, erſcholl in einiger Entfernung außerhalb des Kloſters ein klagender muſikaliſcher Ton... Er kam von einer Pansflöte, wie ſie hier die Hirten blaſen... Aus kleinen Rohrſtäben iſt eine einfache Scala zuſammengeſetzt, die unter geübten Lippen eine in nächtlicher Einſamkeit wohl⸗ lautende Wirkung hervorbringt... Horch! rief Paolo Vigo und bedeutete Hubertus, Acht zu haben... Die Flöte blies eine Melodie... Es waren die einfachen Töne eines Kirchenliedes... Tanto— Christo— amiamo!... ſprach Paolo Vigo mit Ueberraſchung der Melodie nach... Es iſt die Erkennungsloſung der Freunde... Man ruft uns . Seht ihr, eine Gefahr iſt da... O— mein Gott—!. Auch Hubertus lauſchte voll höchſter Betroffenheit und räumte ein, ſo könnte ſich nur ein Verbündeter zu erkennen geben... Herüber von der Mauer des Kloſtergartens tönte die ſanfte Flöte fort und fort... Sie blies das alte Waldenſerlied„Tanto Christo amiamo—“ zu Ende... Pater Cöleſtino! rief nun ſchon Paolo Vigo mit ſtarker Stimme in eine Oeffnung, die aus dem Corridor in 360 die Zelle des Pförtners führte... Ich gehe... Be⸗ müht Euch aber nicht... Ich öffne ſchon... Gelobt ſei Jeſu Chriſt!... Amen! rief Pater Cöleſtino von drinnen her und ließ getroſt den Beurlaubten den Riegel ſelbſt zurückſchieben Nur langſam erhob er ſich, um ihn wieder anzu⸗ ziehen... Doch auch Hubertus war inzwiſchen ſchon ungeſehen entſchlüpft und kaum konnte Paolo Vigo ihm folgen... Mit raſchen Schritten gingen beide dem Orte zu, wo aufs Neue unausgeſetzt die Melodie der Hirtenflöte ertönte... Endlich, an einem breitaſtigen, der Kloſtermauer ſich anſchmiegenden türkiſchen Haſelnußſtrauch entdeckten ſie einen alten Hirten und einen Knaben... Letzterer war es, der die Flöte blies... Der Hirt war ein wohlbekannter alter Freund... Er gehörte zu den Nachkommen des von den Waldenſern hochgefeierten Negrino*)... Ein äußerlich ſchlichter, doch kluger und allgemein geachteter, auch wohlhabender Ziegenhirt, der alte Ambrogio Negrino aus San— Gio... Oft reiſte der ſchlichte Mann mit ſeinen Heerden bis Salerno und trieb einen einträglichen Han⸗ del mit den Gerbern ſelbſt von Palermo und Meſſina ... Heute, als Hubertus in ſeinem Hauſe vorſprechen wollte, hatte man ihn auf der Meſſe zu Roſſano ge⸗ glaubt... Inzwiſchen kam er heim und hatte Veran⸗ laſſung gefunden, ſofort wieder die Flinte überzuwerfen, *) Starb den Hungertod in Coſenza. und Ueß cſchieben der anzu⸗ ngeſehen gen... orte zu, rrtenflöte aldenſern zter, doch habendet San Han en* Meſſina . en rſprechen — mit ſeinem jüngſten Sohn Matteo aufzubrechen und, wie er ankündigte, nach den Bluteichen zu eilen.. Ihr Herren! rief er den Ankommenden entgegen. Gott ſegn' es, daß ihr kommt!... Ich ſage euch! Es gibt eine große Gefahr für unſern Vater Fede⸗ rigo... Die Soldaten in San⸗Gio wiſſen von nichts, als von Morden, Brennen und Gefangennehmen... Und wen?— Das haben Offiziere im Weinrauſch aus⸗ geplaudert... Um vier Uhr brechen ſie auf und um⸗ zingeln die Bluteichen—... Ueber den Aspropotamo her kommen die andern—... Wer mag ihnen ver⸗ rathen haben, daß heute der zwanzigſte des Monats iſt! .. Bleibt daheim— Herr Pfarrer, und auch ihr, guter Hubertus... Nur deshalb raubte ich euch die Nachtruhe, weil ich euch warnen wollte, falls euch der Geiſt getrieben hätte, heute auch an den Eichen zu er⸗ ſcheinen... Nimmermehr, wir gehen mit Euch! fielen Hubertus und Paolo Vigo in banger Beſorgniß ein... Beide achteten der Bitten Ambrogio Negrino's nicht .. Sie verharrten dabei, ſich ihm anſchließen zu wollen— ... Unwiderſtehlich zöge ſie ihr Verlangen, dem greiſen Freunde in einer Stunde ſo großer Gefahr nahe zu ſein... Ohne Clauſur, wie ſie eben waren, wollten ſie die glücklicherweiſe ihnen zu Gebote ſtehende Freiheit nach dem Bedürfniß ihres Herzens benutzen. Matteo! rief Paolo Vigo dem nach San⸗Gio zurück⸗ geſchickten Knaben nach; geh ſogleich zu Meiſter Pallantio, meinem Küſter, wecke die Signora, die dieſen Abend bei ihm angekommen iſt und ſprich zu ihr: Sie ſollte 362 unter keinerlei Antrieb morgen hinauf nach San⸗Firmiano gehen... Morgen in erſter Frühe, ſo Gott will, um acht oder neun Uhr würd' ich ſchon ſelbſt bei ihr vorſprechen—. Ambrogio Negrino unterbrach: Heiliger Prieſter, wenn man Euch an den Bluteichen träfe—... Wirſt du ausrichten, Matteo, wiederholte Paolo Vigo, was du gehört haſt? Willſt du einen herzlichen Gruß an meine liebe Schweſter und die kleine Marietta beſtellen?.. Matteo gab jede Beruhigung und wandte ſich mit dieſen Aufträgen nach San-Gio zurück... Die drei Verbundenen geſtatteten ſich keinen längern Aufenthalt, ſondern machten ſich ſofort auf den mühe⸗ vollen Weg, der zu den Bluteichen führte... Firmiano will, um be ihr Bluteichen olo Vigo, Gruß an len?... ſich mit längern : mühe⸗ 11. Paolo Vigo's Wort:„Er nahm Abſchied von mir wie auf ewig“ wurde nun auch von dem alten Ziegen⸗ hirten wiederholt... Es fiel ihnen allen auf die Seele, als würden ſie den Geliebten nicht wiederſehen, wenn ſie ſich nicht eilten, es noch einmal jetzt zu thun.. Daß ſie zu dem Ende die Würfel ihres eigenen Looſes warfen, kümmerte ſie wenig... Sie hofften jedoch auf ihr zeitiges Eintreffen... Wenn noch Zeit zum Ergreifen und Ausführen eines Entſchluſſes gelaſſen war, ſo ſollte ſich ihr Freund, nach Negrino's Meinung, am ſicherſten über den Monte Gi⸗ gante hinweg nach dem Meerbuſen von Squlllace be⸗ geben oder im äußerſten Fall in einer in der Nähe be⸗ findlichen Höhle verbergen. Jährlich nur einmal, am 20. Auguſt, fanden ſich die letzten Trümmer der einſt ſo zahlreich im unteren Italien ausgebreiteten Söhne des Peter Waldus zu⸗ ſammen... Drei Jahrhunderte waren ſeit jenen Schei⸗ 364 terhaufen verfloſſen, die auch die Fortſchritte der Refor⸗ mation in Calabrien geendet hatten... Frä Federigo fand davon im Silaswalde keine andern noch erſicht⸗ lichen Spuren, als die„Bluteichen“, wo einſt Hunderte der Reformirten und Waldenſer— wie die Schafe mit dem Meſſer abgeſtochen wurden... Zufällig begegnete ihm dort ein alter Ziegenhirt, Ambrogio Negrino, der ihm dieſe Dinge erläuterte und ſich dann ſelbſt als einen Nachkommen des Märtyrers Negrino zu erkennen gab ... Ihm verdankte der Einſiedler die Bekanntſchaft mit noch einigen andern Trümmern der alten Sekte... Ge⸗ hörten ſie auch alle der herrſchenden Kirche an, ſo hatten ſich doch alte Gebräuche, Erkennungszeichen, Ge⸗ bete, letztere meiſt in provencaliſcher Sprache in ihren Familienkreiſen erhalten— Ambrogio Negrino beſaß ein altes Buch, das er ſelbſt nicht leſen konnte— die waldenſiſche Nobla Leyçon... Federigo überſetzte ſie ihm— anfangs allein; bald brachte Negrino andere mit, die gleichfalls dieſen Gruß ihrer Vorvordern aus alten Jahrhunderten aus ſeinem Munde vernehmen wollten... Der Kreis von Verehrern und Freunden des Ein⸗ ſiedlers, der ſeinerſeits noch unter dem beſonders über ihm wachenden Schutze des Mönchs Hubertus zu San⸗ Firmiano ſtand, mehrte ſich wider Willen Federigo's... Von Nah und Fern wurde ſein Rath begehrt... Frei⸗ lich hielten ihn die Meiſten für einen Hexenmeiſter... Wie Paolo Vigo veranlaßt wurde, ihn zu beſuchen, wurde erzählt... Aus ſeinen wiederholten Wanderungen in die Wildniß und den ihr folgenden Erörterungen ent⸗ ſtanden in Paolo Vigo Zweifel, ernſte, kummervolle Be⸗ Hunderte Schafe mit gegnete ihm h der ihm als einen ren gaf ennen gal ſchaft mit erſetzte ſie ndere mi, aus alten 36 Ou trachtungen; er verrieth die Reſultate derſelben in ſeinem Wirkungskreiſe und erlitt die Strafe einer, wie wir geſehen, nicht endenden Suspenſion und Einſperrung in San⸗Firmiano... Der Einſiedler, erſchreckt von ſolchen Vorkomm⸗ niſſen, bat fort und fort ſeine Freunde, ihn der todes⸗ ähnlichen Stille in ſeinem Waldthale zu überlaſſen... Hubertus beſorgte dann und wann einen Brief, den der deutſche Sonderling nach Rom ſchrieb und von dorther beantwortet erhielt... Das war des Ere⸗ miten einziger Verkehr mit der Welt... Er lebte vom Honig ſeiner Bienen, von Früchten, die er ſelbſt zog, von Vorräthen, die ſeine Freunde ihm brachten... Zuletzt war es Sitte geworden, daß alle die, welche auf dreißig Miglien in der Runde gleichſam unter des alten Ambrogio Negrino Controle ſtanden, ihn wenig⸗ ſtens einmal im Jahre beſuchten, am 20. Auguſt, den er nach langem Sträuben endlich als Erinnerungstag an die alte Schreckenszeit feſtgeſetzt hatte... Ich habe es immer gefürchtet, ſprach Hubertus, die athemloſe Eile des Wanderns unterbrechend, und ließ ſich wiederholt erzählen, was der weltkundige, weitge⸗ reiſte Hirt, ein Greis mit langen weißen Locken, ſonnen⸗ verbranntem braunem Antlitz, von den Reden der Offi⸗ ziere gehört hatte... Um vier Uhr, wiederholte Am⸗ brogio Negrino in einer gewählteren Sprache, als dem hier üblichen Patois, rücken die Truppen von San⸗ Giovanni aus, vertheilen ſich in den Bergen und wollen von verſchiedenen Seiten dem Thal der Bluteichen ſo beizukommen ſuchen, daß ſie die ketzeriſche, dem Teufel 366 opfernde Verſammlung mitten in ihren Greueln auf⸗ heben können... Die Möglichkeit einer ſo irrthümlichen Auffaſſung ihrer Verſammlungen war ihnen nach dem Geiſt ihrer Umgebungen vollkommen erklärlich... Sie verweilten nicht bei dem Ausdruck ihres Schmerzes über ein ſo großes Misverſtändniß; ſie überlegten nur... Die Verſamm⸗ lung mußte verhindert und Frä Federigo, wenn ſein Ent⸗ kommen unmöglich war, in einer Felſenſpalte verborgen werden, welche Ambrogio Negrino ſchon lange für dieſen Fall aufgefunden und jedem Uneingeweihten unzugänglich gemacht hatte... So ſehr auch die Männer eilten, ſie konnten nicht hoffen, vor Anbruch des Morgens an Ort und Stelle zu ſein... Auf dem kürzeren Pfade, den ſie einſchlu⸗ gen, um an die Abhänge der oft ſchneebedeckten Serra del Imperatore zu kommen, begegneten ſie Niemanden... So durften ſie annehmen, daß die geheimverbundenen Getreuen ſich längſt ſchon auf den Weg gemacht, ja an der Hütte ihres Meiſters ſchon die Nacht verbracht hatten... Die Wanderer kannten ſich in ihrer Theilnahme für den einſamen Bewohner des Waldes und hatten nicht nöthig, dieſe noch durch viel Worte kundzugeben... Sie tauſchten nur ihr Urtheil über die kürzeren Wege aus, wenn die Wildniß überhaupt noch etwas bot, was einen Weg ſich nennen ließ... Nur kleine ausgetrocknete Strombetten waren noch die beſten dieſer Wege; dieſe gingen verborgen unter Geſtrüpp und Büſchen hin... Die Nachtluft wurde friſcher... Nebel ſtiegen auf, jeln auf⸗ Auffaſſung Geiſt ihrer verweilten iſo großes Verſamm⸗ ſein Ent⸗ verborgen verborgen dieſen zugänglich nten nicht die den leichtbekleideten Wanderern ein froſtiges Schauern verurſachten... Der Hirt bot Paolo Vigo ſeinen lang⸗ haarigen Mantel, den dieſer nicht abſchlug... Zum Glück trug der Pfarrer Schuhe, nicht, wie Hubertus, Sandalen... Hubertus hatte, als wäre ihm ſeine ganze Kraft ungeſchwächt zurückgekehrt, ſein dolchartiges Meſſer ge⸗ zogen... An manchem Gebüſch von Steineichen, wo durch die ſtachlichten Blätter ſchwer hindurchkommen war, ſchnitt er die Zweige nieder und machte die Wildniß wegſam .Dann kamen zuweilen Buchenhaine, die wie zum nächtlichen Reigen der Elfen beſtimmt ſchienen; ſo licht und traulich glänzten ſie im abnehmenden Mondlicht und unter den allmählich erblaſſenden Sternen... Eine Sorge der Verbundenen konnte ſein, ob nicht auch den Lauf des Neto herauf von Strongoli oder aus Umbriatico über den Aspropotamo und Gigante her ſchon Corps Bewaffneter herüberkamen und das Thal der Bluteichen bereits früher eingeſchloſſen hatten, als es von ihnen erreicht wurde... Schon war es vier Uhr... Schon ſah man die zunehmende Helle... Immer matter wurde die Scheibe des Mondes, immer röthlicher erglänzten am blauenden Himmel die Sterne... Schon zeigte ſich auf Serra del Imperatore, einem Berg, der an manchen Stellen gen Oſt offen und rieſig groß vor ihnen lag, die dunkel⸗ rothe Glut der aufgehenden Sonne... Die Spitze des Aspropotamo war die erſte, die vom Sonnenlicht hell aufleuchtete... Aengſtlich ſpähten ſie rundum, ob nicht irgendwo am Rand des von andern Seiten zugäng⸗ 368 lichen, in grünen und grauen Nebeln ſchwimmenden Thales eine Waffe blitzte...— Wie ſie faſt erwartet hatten, ſo geſchah es auch... Als ſie mit hellem Tagesanbruch endlich in der Ferne die Bluteichen ſahen, entdeckten ſie ein reges Gewimmel von Menſchen unter den mächtigen Baumkronen... Bald erſcholl auch aus der Tiefe, zu der ſie niederſtiegen, ein vielſtimmiger Geſang... Er erklang gegen die dumpfe Litanei in San⸗Firmiano wie ein jubelndes Schwirren der Lerche in blauer Luft verglichen mit dem trüben Ruf der Unke... Reine helle Frauen⸗ und Kinderſtimmen ſchwangen ſich wie geflügelte Tongeiſter über die Laubdächer... Sie ſangen die auch ihnen wohlbekannten einfachen Hymnen, die aus alten Zeiten ſtammend das Lob des Höchſten prieſen und die heilſame Veranſtaltung der Erlöſung und die Hoffnung aller Chriſten... Dazwiſchen läutete ein Glöcklein, von welchem ſie wußten, daß es denen, die vielleicht noch entfernt waren, den Weg zur Hütte andeuten ſollte... Alles das geſchah wie im tiefſten Frieden.. Wol hätten die Wanderer ſich ſagen mögen: Wer wollte dieſe ſtille Andacht ſtören! Wer könnte hier etwas finden wollen, was vor Gott oder Menſchen ein Ver⸗ brechen wäre!... Dennoch mußten ſie eilen, die ge⸗ fahrvolle Feier zu unterbrechen... 5 Nach einer kurzen Stille, welche die Wanderer durch einen die Betenden erſchreckenden Zuruf aus der Ferne nicht unterbrechen mochten, begannen die Stimmen aufs neue und ließen nach einem vollen, mächtig an den Bergwänden widerhallenden Geſang jene Pauſen ein⸗ 369 mmenden treten, von denen die Wanderer wußten, daß ſie die bis zu ihnen herauf nicht hörbare Stimme Federigo's füllte auch„Federigo ſprach dann die Worte vor, die zu ſingen er Ferne waren... Alles das, erinnerungsfriſch vor ihre Seele Hewimmel tretend, bewegte ſie um ſo mächtiger, als noch immer hen... der Anblick der Hütte ſelbſt verborgen blieb... derſtiegen, Endlich aber zeigten ſich die Windungen von Rad— „aon di en die gleiſen, die im grünen, weichen, oft moraſtigen, dann von den herrlichſten Farrenkräutern überwucherten Bo⸗ den von kleinen Karren zurückgeblieben waren... Es mußten heute von weitweg, auch von Roſſano und Co⸗ nigliano die dem Ziegenhirten wohlbekannten Nachkommen der Waldenſer erſchienen ſein... Der helle Lichtſtrahl des immer höher und höher über dem Meeresſpiegel herauf⸗ geſtiegenen Sonnengeſchirrs fiel auf die obern Ränder des Thals... Die Nebel zertheilten ſich und nun hatte ihr beſorgter und zugleich verklärter Blick die volle entfelltt Ausſicht auf die Gruppe der Menſchen, die da unten dehi verſammelt waren und die ſie meiſt kannten... Kinder 4 lagen im Graſe; andre hielten die Mütter auf ihren Armen; g Männer in zottigen Schafspelzen, andere im kurzen — Rock des Alpenjägers, Fiſcher, die vom Meer herüber⸗ e gekommen, in ihren rothen Mützen und ihren braunen Mänteln— alle umſtanden die Hütte... Ein Haufe von nahezu achtzig Seelen, hochbetagte Greiſe dar⸗ — unter; aller Mienen mit jenem Ausdruck, den eine M gutmüthige Denkart geben... Noch verdeckten ſie das e M Bild des Mannes, der ihnen, auf die zufällige Veran⸗ laſſung ſeiner Begegnung mit Ambrogio Negrino, zehn Jahre lang hier nichts, als nur die Geſchichte ihrer un⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 24 glücklichen Vorfahren erzählte und nicht hindern konnte, daß ſie von ihm Belehrung und Anleitung zu reinem Sinn, zur Beurtheilung des Glaubens begehrten, in welchem ſie leben mußten... Federigo enthielt ſich jeder Aufwiegelung ihres an die Gebräuche der herrſchenden Kirche gebunde⸗ nen Gewiſſens... Auch war die Höhe der Bildung, die im Waldenſerthal bei Caſtellungo geherrſcht hatte, hier nicht anzutreffen... Schon wollte Negrino hinunterrufen, da hinderte ihn die jetzt hörbar werdende weiche, volle, innig zum Herzen dringende Stimme des Sprechers... Die dem Volk vollkommen verſtändliche, wenn auch fremdartige italieni⸗ ſche Rede deſſelben feſſelte ſie... Was beſtimmte nur die Warner, dieſe Feier nicht zu unterbrechen! Was gab ihnen ſo urplötzlich ein felſenfeſtes Vertrauen auf den Gott, der ſich in jedem Menſchenherzen, auch in dem der Verfolger, offenbaren müſſe—!... Hubertus kündigte ſich ſonſt durch ſcherzende Töne an, die ihn bei Jung und Alt im Gebirge bekannt machten; jetzt beſchien der erſte Sonnenſtrahl, der ſich durch den Imperatore und den Gigante ſtahl, die glänzende Stirn, die weißen Locken des Freundes und Lehrers, ſein unter weißen Brauen aufgeſchlagenes begeiſtertes Auge— jetzt ſtand er im Pilgerkleid von ſchwarzem rauhwollenem Tuch, mit entblößtem Halſe, um den Leib einen ſchwarzen Seidengürtel, ſo hoheitsvoll und edel, daß alle drei aufhorchen und den Fuß hemmen mußten. Die Farbe des Antlitzes, die Hände, alles ſah am Freunde blaſſer und krankhafter aus als ſonſt. Das von ihren Augen wieder aufgenommene theure Bild connte, daß nem Sinn, welchem ſie fwiegelung ſe gebunde⸗ r Bildung, hatte, hier inderte ihn um Herzen dem Volk g italieni⸗ umte nu- Was auch in Hubertus ie ihn bei 1 beſchien mperatore ie weißen er weißen hwollenem aib einen del, dj zten. eines Greiſes, den für ſeine letzten Lebenstage noch durch die Erregung ſeines Geiſtes ein jugendliches Feuer durch⸗ glühte, ſchloß doch in der That die Beſorgniß nicht aus, daß dieſe Lebenstage kaum bis zum beginnenden Winter andauern konnten... Federigo ſah die Dahereilenden nicht... Sein Blick war nach innen gewandt... Schon ſprach er Worte, welche die Kommenden allmählich im Zuſammen⸗ hang verſtehen konnten... Zu den Erweckungen der Waldenſer hatten im Piemont gewiſſe Formen einer öf⸗ fentlichen Beichte gehört... Wie die erſten Chriſten ſich ein Gemeindeleben aus ihren Privatbeziehungen bil⸗ deten und eine Oeffentlichkeit der letzteren einführten, bei welcher nicht fehlen konnte, daß die perſönlichſten Lei⸗ denſchaften zur Klage und Rüge kamen, ſo walteten die Diaconen und„Barben“ auch bei den Waldenſern des Amts der Gerechtigkeit und des Auflegens von Bu⸗ ßen und Strafen... Ebenſo trat auch hier bei dieſen Verſammlungen einer nach dem andern vor und wurde entweder aus eigenem Antriebe oder durch Mahnung ver anlaßt, ſich zu vertheidigen, ſich zu erklären, Lehre oder Verſöhnung anzunehmen... Hubertus und Paolo Vigo kannten den Segen, welchen dieſe Verſtändigungen der kleinen Gemeinde unter ihren Gliedern ſchon ſeit lange hervorgebracht hatten*)— Unterwegs hatte Paolo Vigo ſeinen Begleitern, ſo wenig ſie auch durch Geſpräch ihre Schritte hemmen mochten, doch gelegentlich wiedererzählt, warum Fra Fe⸗ *) Rehfues'„Neue Medea“. 24* 7 ——— —— — derigo, als die Genoſſen Negrino's ihn endlich zur Ab⸗ haltung mindeſtens Einer Verſammlung im Jahre über⸗ redeten, gerade den Tag des heiligen Bernhard dazu wählte... Nicht nur, daß in der Höhe des Auguſt die wichtigſten Ernten beendet waren, Frä Federigo hatte ihm auch das Gedächtniß des Abtes Bernhard von Clair⸗ vaux als ein feſtzuhaltendes Spiegelbild frommerer Zeiten dargeſtellt, wo einſichtsvolle freimüthige Prieſter noch zu heilſamen Zwecken in den Rath der Großen traten... Siebenhundert Jahre war es her und in der Blütezeit des Mittelalters, als ein hoher Ernſt die Völker ergriff und Männer erſtehen ließ, die in einer wilden, kriegeriſchen Epoche kaum von ſolcher Weihe und Thatkraft erwartet werden durften... Damals, als die Philoſophie in Frankreich, England und Italien erblühte, die Dicht⸗ kunſt ſogar über das rohere Deutſchland hie und da einen milden Glanz der Sitten verbreitete, die Kreuzzüge einen ſeltenen Aufſchwung des Gemüths und der Phan⸗ taſie hervorriefen, zerſtörte Rom und die Herrſchaft der Päpſte noch nicht alle Hoffnungen der Völker und ver⸗ dunkelte noch nicht alle Lichtſchimmer einer beſſeren Auf⸗ klärung... Ein einfacher Bürger in Lyon, Pierre Vaux (Peter Waldus), las damals die Bibel in einigen Abſchnit⸗ ten, welche in die gewandteſte und poeſiefähigſte Sprache damaliger Zeit, die provencaliſche, überſetzt waren . Ein wunderbarer Lichtglanz überfiel ihn beim Leſen des den Laien gänzlich unbekannten Buches— ge⸗ rade wie die Jünger, die nach Chriſti Tod im Dunkeln wandelten, plötzlich an ihrer Seite einen Wanderer be⸗ merkten, der ſo mächtig die Schrift auslegte... Wal— lich zur Ab⸗ Jahre über⸗ enhard dazu des Auguſt ederigo hatte von Clalr⸗ merer Zeiten ſter noch zu traten... Blütezeit des ergriff und kriegeriſchen aft erwartet loſophie in Dicht e und da Kreuzzüge der Phan⸗ rrſchaft der r und ver⸗ n Abſchnit ſe Sprach tt ware ihn bein 16= g a Dunkelt 5 underer Pa 373 dus las ſeine Entdeckungen Befreundeten vor, ließ auf ſeine Koſten die Bibel noch vollſtändiger in die Sprache ſeiner Landsleute überſetzen und nahm die einfachen For⸗ men des erſten apoſtoliſchen Chriſtenthums an... Sein Vermögen gab er ſeiner Gemeinde; ihre Prieſter, denen die Ehe unverboten blieb, wählte die Gemeinde ſelbſt; von den Sacramenten behielt man nur Taufe und Abend⸗ mahl; letzteres hörte auf ein myſtiſcher Act zu ſein und blieb nur noch ein Opfer der Erinnerung; es war eine Reformation ohne Schulgezänk, ohne Dis⸗ putation der Theologen, eine Läuterung der Lehre allein durch das Herz... Mit reißender Schnelligkeit verbreitete ſich das Wirken der Waldenſer... Ein ganzer Gürtel Europas von den franzöſiſchen Abhängen der Pyre⸗ näen an bis nach Süditalien fiel vom herrſchenden Kir⸗ chengeiſte, vom weltlichen Streit der Päpſte mit dem Kaiſer und von Geiſtlichen ab, die damals ſogar die Waf⸗ fen führten und oft im glänzenden Harniſch zu Roß ſaßen, im wildeſten Kampfgewühl die zum Segnen be— ſtimmte Hand mit Blut beſudelnd... Mit einem war⸗ men, lebendigen Eifer für die apoſtoliſche Reinheit der Lehre und des kirchlichen Lebens ging Hand in Hand die Geſittung... Gerade dieſer Gürtel Europas wurde der blühendſte an Gewerbfleiß, Erfindungen, in Künſten und Wiſſenſchaften... Immer weiter und weiter ſchwang ſich ein lichtheller Iris-Bogen über Europa Burgund, Deutſchland, Böhmen erglänzten von ſeinem ſie⸗ benfachen Strahl... Wo der Webſtuhl ſauſte, wo die Induſtrie der Städte mit dem Betrieb des Ackerbaues zu regem Austauſch ihrer Erzeugniſſe verkehrte, da er⸗ 374 ſchollen auch bald die neugedichteten Lieder zum Lob des Höchſten... Ganze Städte, ganze Länderſtrecken hatten ſchon keinen andern Gottesdienſt mehr, als den der Waldenſer, der Humiliaten, Armen Brüder, der ſelbſt die Kirchen und ihre Pracht für überflüſſig erklärte und jeden grünen Raſenplatz, jedes Laubdach einer Eiche für eine Gott wohlgefällige Kapelle erklärte... Paolo Vigo ſchilderte die furchtbare Verfolgung, welche von Rom aus über dieſe Bekenner des reinen Chriſten⸗ thums anbrach... Die Päpſte nannte er, die zum Morden aufforderten... Jene Schreckensthaten des Abtes von Citeaux und jenes Vorbildes eines Alba, des Grafen Simon von Montfort, ſchilderte er, wie ſie mit Feuer und Schwert Männer, Weiber, Kinder vertilgten Damals kam der Satz der römiſchen Kirche auf:„Ketzern iſt keine Treue zu halten“; päpſtliche Legaten ſchwuren auf die Hoſtie, daß, wenn die Ketzer ihnen die Mauern öffneten, ſie nur allein mit einigen Prieſtern einziehen würden, um die bethörten Bewohner zu bekehren; geſchah es aber, ſo warfen ſie die Prieſterkleider ab, zogen verborgene Schwerter, die Reiſigen der fanatiſirten Glaubensarmee brachen nach und kein Säugling auf dem Mutterarm entkam dem allgemeinen Blutbade... Beutegier, Habſucht ſchürten die Verfolgung... Simon von Montfort, Abt Arnold ſchlugen herrenlos ge⸗ wordene Länderſtrecken zu Fürſtenthümern zuſammen... Damals war Raimund, Graf von Toulouſe, das un⸗ glückliche Oberhaupt der bedrängten evangeliſchen Be⸗ kenner, wie ſpäterhin das Haupt der Hugenotten Co⸗ ligny... Endlich flüchteten ſich die letzten Reſte zum Lob derſtrecken als den der ſelbſt flärte und Eiche für ng welche Chriſten⸗ die zum jaten des Alba, des nit Feuer „Ketzern ſchwuten Mauern einziehen „ geſcha , zagen natiſirten gling auf bade... „Simon nlos ge⸗ 375 dieſes unabläſſigen Mordens in die Berge, die Pyre⸗ näen, die Alpen, die Apenninen... Jahrhundertelang erhielten ſie ſich dort, trotz einer ſie auch hier erreichen⸗ den zweiten blutigen Verfolgung, die dann das Werk der neuen Kreuzritter wurde, der Jeſuiten... Damals griffen ſie in den Thälern Piemonts wieder zu den Waffen... Zu den tapfern Namen, die in älteren Tagen mit Macca⸗ bäermuth ihre heilige Sache, Haus, Herd, Weib und Kind vertheidigten, geſellten ſich neue, wie Heinrich Arnaud, der in offener Schlacht mit einer kleinen Schaar Tauſende zurückgeſchlagen hatte, ſich über die ſteilſten Felſen Pie⸗ monts zurückzog, ein Lager in einer Schlucht wie eine Feſtung erbaute, acht Monate lang, nur von Kräutern lebend, mit ſeiner kleinen Schaar gegen die Kanonen kämpfte, die auf ſein kleines Häuflein von den Felswänden aus ein mörderiſches Feuer unterhielten, bis ſich Arnaud endlich mit dem Reſt ſeiner Schaar, 350 an der Zahl, einen ruhmvollen Abzug erkämpfte... Wie dann auch in Calabrien die Waldenſer hingeſunken waren, hatte Federigo oft genug erzählt... Damals ſtarb Ne⸗ grino in Coſenza den Hungertod, Pascal in Rom auf dem Scheiterhaufen... Oft hatte Federigo's rührende Stimme geklagt, daß beſonders ſolche Thorheiten ver⸗ derblich wären, die ſelbſt in den Gemüthern der Edel⸗ denkenden Raum gewinnen könnten... Bernhard von Clairvaux, Abt eines Kloſters in Frankreich, Lehrer ſeines Jahrhunderts, ein Orakel der Fürſten, ein Rath ihrer Rathgeber, ein Straf⸗ und Bußprediger der Geiſtlichkeit, ſogar den Päpſten ein: Bis hierher und nicht weiter! gebietend;— ach! auch der, wie die heilige 376 und ſo edle Hildegard, ſah in den Thaten und Lehren der Waldenſer nur die Eingebungen des Teufels—... Am⸗ brogio Negrino und Hubertus waren nicht befähigt, ſich zu all den Bildern und Erinnerungen aufzuſchwingen, die von Paolo Vigo's fiebernderregten Lippen kamen... Herr, erleuchte die Weiſen! verſtanden jetzt auch die Ankömmlinge aus Federigo's Rede... Mildere ihr Ver⸗ trauen auf die eigene Kraft! Wecke dem Guten und Ge⸗ rechten Deine Fürſprecher im Rath der Großen! Erſticke den Durſt nach Rache im Gemüth beleidigter Macht⸗ haber!... Es ſchien in der That, als wollte Federigo von ſeinen Freunden Abſchied nehmen... Mehr als ſonſt riß ihn heute ſeine Rede hin... Er berührte katholiſche Punkte, die er ſonſt vermieden hatte— er wollte Niemanden die Möglichkeit nehmen, mit ſeinem Pfarrer in leidlicher Verbindung zu leben... Mit großer Wehmuth ſprach er: Der heilige Bernhard kann uns in vielem ein Vor⸗ bild ſein— hochragend wie jener Berg im Norden, der mit ewigem Schnee bedeckt, ſeinen Namen trägt... Wiſſet, daß Bernhard jene Lehre, nach welcher auch die Mutter Jeſu ohne Sünde empfangen ſein ſoll, für Sünde hielt—!... Ihr fragtet mich darum, weil der Heilige Vater dieſe neue Lehre zu verehren befohlen hat—! Nun wohl! Eines Weibes Name iſt heilig, wohl trägt Maria die Erdkugel in Händen, wenn Maria die Kraft bedeuten ſoll, deren ein ſchwaches Weib in ſeinem Auf⸗ ſchwung fähig iſt... Wohl iſt zu faſſen, möglich, wie die alte wilde grauſame Zeit, die heidniſche, die ſelbſt des ehren der ähigt, ſich ſchwingen, mmen... auch die ihr Ver⸗ und Ge⸗ Erſticke Macht⸗ on ſeinen riß ihn Kunkte, Punkte, ein Vor⸗ rden, der Igt.. auch die ull, für weil der hat— hl trägt ie Kraft em Auf ich, ni llbſt de 377 Heilands ſpottete, der am Kreuze ſich ſelbſt nicht hätte helfen können, doch vor einer Mutter erſchrak, vor einer Mutter ſich beugte— o noch den Mörder befällt vor ſeiner Hinrichtung die Trauer um den Kummer, den er ſeiner Mutter bereitete.. Hier ſtockte der Redner und wollte abbrechen... Aber einige Stimmen unterbrachen ihn und deutlich ver⸗ nahm man aus einem ſchlichten Hirtenmunde, der da⸗ zwiſchen ſprach, die Worte: Wo Maria dann auch ganz die Königin des Himmels werden ſoll, wo bleibt ihr Sohn? Wo kommt der wahre Mittler zu ſeiner ihm allein gebührenden Ehre?... Im höchſten Grade geſpannt horchten die Ankömm⸗ linge und ſogen die Worte ein, welche Federigo erwiderte: Laſſet das gehen—!... Seht, es war ja ſogar ein anderer Heiliger— Bonaventura ſein Name— ein Heiliger, der zur Zeit jenes Bernhard lebte— auch der hat den Pſalm David's genommen:„Herr, auf dich traue ich, laß mich nimmermehr zu Schanden werden!“— und hat in jedem Seufzer des Vertrauens und der Liebe zu Gott an die Stelle Gottes— ruchlos, um es nur aus⸗ zuſprechen— ein Weib mit ſeinen menſchlichen Fehlen und menſchlichem Elend geſetzt:„Maria, auf dich traue ich—! Mutter Gottes, du haſt mich erlöſet!“ So den ganzen Pſalm— 1... Und dennoch danken wir auch dem heiligen Bonaventura ſo viel Entſiegelungen der friſche⸗ ſten Lebensbrunnen des chriſtlichen Geiſtes—... Nein, unterbrachen die Stimmen der Aufgeregten, er läſterte—!... Ich beſchwöre euch, rief Federigo, habt Mitleid mit 378 jenen armen Verblendeten, in deren Schooſe ihr, kummer⸗ voll genug ihre Bräuche theilend, voll Bangen und voll Za⸗ gen lebt... Laßt ſie die Altäre einer Frau zu Ehren mit Zierrath und mit Bändern ſchmücken—! Laßt ſie ihr Gebet des Morgens, des Mittags und des Abends wenigſtens an Etwas richten, was dem Heiland verwandt iſt—!... Aber das iſt wahr(nun erhob ſich des Sprechers Stimme, von dem man ſah, daß ihn die Geſinnungen ſeiner Umgebungen fortriſſen), wenn Maria es iſt, die uns erlöſt und vor Gott vertreten ſoll, ſo konn⸗ ten jene Räuber, die mit dem Gioſafat eure Hütten ver⸗ brannten, eure Heerden raubten, getroſt auf ihrer fühl⸗ loſen Bruſt ihr Bildniß tragen—!.. Eine freudige Zuſtimmung ging mit Zornesruf durch die Reihen—... Wehe einem Kind, fuhr Federigo, aufgeregt und ganz ſich vergeſſend fort, das für ſeine Bewährung im Leben nur die Nachſicht einer Mutter hat!... Nie, nie, wenn auch heute in Spezzano die Lampen brennen werden, nie ſollt ihr auf Fürſprache nur der Mutterſchwäche hoffen! Denkt an die klugen Jungfrauen, die im Dunkeln ihr Oel hüteten und die Lampen nur anzündeten, wenn ihr rechter Bräutigam, der Heiland, kam!... Nein, ich ſehe es, ihr glaubt nicht an die Wahrheit eines gottesläſter⸗ lichen Bildes, das ſich in einer der großen und herrlichen Kirchen Milanos befindet und das einen Traum unſres heutigen heiligen Bernhard darſtellen ſoll—! . Zwei Schiffe ſteuern dem Himmel zu; des einen Steuer führt der Herr; des andern Maria... Jenes bricht zuſammen und ſeine Mannſchaft ſinkt in den kummer⸗ zu Chren Laßt ſie s Abends verwandt ſich des ihn die an Maria ſo konn⸗ itten ver⸗ rer fühl⸗ uf durch und gang im Leben nie, wenn erden, nie e hoffen! rihr Oel zr rechter ſehe es, tesläſter⸗ n Traui 379 Abgrund; dieſes gleitet ſicher dem Hafen des Himmels zu— Maria ſtreckt ihre hülfreiche Hand nach den Scheiternden aus und nun kommen auch ſie in den Hafen der Gnade, ſie, die mit Chriſto gingen, ſie, die mit Chriſto verloren ſein ſollen, ſie, nur noch erlöſt durch Maria—!... Ein Ausruf des Schreckens über ſolche Lehren theilte ſich ſelbſt Negrino, Hubertus und Paolo Vigo mit... Zorn regt ſich in eurer Bruſt? ſprach Federigo — Eure Blicke ſagen: Nimmermehr kann ſolches ein Heiliger auch nur geträumt haben!... Ihr ſprecht: Du von Rom verrathener, von Rom auf das Steuer eines untergehenden Schiffes verwieſener Heiland, du, du biſt allein der wahre Führer! Deine Hand ſtreckte ſich einſt aus und ließ über Wellen den Verzagenden ſogar hinweggehen! Der Nachen, den du, du gezim⸗ mert haſt, Sohn des Zimmermanns, die Flagge, die du als Wahrzeichen aufgeſteckt, ſie, die dein mit dem Blut beſchriebenes Kreuz trägt, ſie ſollte nicht die glück⸗ liche Fahrt, die Einkehr in den Hafen der Seligen ge⸗ winnen?...— Doch wohin verirren wir uns— meine Freunde—! Ihr müßt in eure Wohnungen zurück — wieder ſein, was euch drei Jahrhunderte zu ſein zwangen— müßt leben mit den ſchuldloſen Nachkommen der Mörder euerer Urväter— Vergebt ihnen im Geiſte der Liebe und Hoffnung—! Verſagt euern Prieſtern nicht die Spenden, die ſie noch begehren dürfen! Auch die Spenden der Andacht nicht, die in dieſen Ländern üblich! Ein Korn Goldes iſt immer noch bei dem ſchlechten Blei verdorbener Lehre! Noch iſt die Zeit nicht reif, wo 380 der Schmelztiegel Gut und Böſe ſcheiden wird! Aber das Lamm wird bald das fünfte Siegel aufthun, von welchem ich euch ſchon oft geſprochen habe! Unter den Altären des Himmels werden die Seelen derer, die erwürgt wur⸗ den um des Wortes Gottes willen zu zeugen beginnen, daß es auf Erden weithin widerſchalle!... Die Stunde kommt näher—! O, bald wird die Freiheit im Glauben und Denken auch für Italien anbrechen! Auch in dieſe Thäler wird der Lichtſtrahl einer neuen Sonne dringen! Läutert euch für dieſen großen Augenblick! Thut das Gute, tragt im Herzen euren reinen Sinn und eure geläuterte Hoffnung! Wenn ich— ach! heute von euch ſcheide— ja, Geliebte ich ſcheide von euch! Es iſt das letzte, letzte— Mal—... Warum mußte nur das Ohr der drei Ankömm— linge und aller in Thränen gebadeten Hörer ſo gebannt ſein von dem allgemeinen Schluchzen, Wehklagen, von den Thränen des Redners, daß jene ſich ſtill hinter einer der Bluteichen verbargen und die Worte ihres Freundes und Lehrers nicht ſtören mochten—!.. Jetzt mußte Hubertus, der Schärferſpähende, die er⸗ ſtickte Abſchiedsrede Federigo's unterbrechen, mußte auf die ihnen gegenüberliegenden waldbedeckten Berge deuten und in wilder Haſt wie ein Verzückter rufen: 3 Beſteigt den Nachen Jeſu! Rettet, rettet euch!... Und auch aus dem um den Greis zuſammengedräng⸗ ten Haufen mußten nun wol andere, die ſeinen Leib zu umfaſſen, ſeine Hände, ſeine Füße zu küſſen nicht hindurch⸗ dringen konnten, ihr Auge auf die von Hubertus bezeichnete Stelle gerichtet und unter den Bäumen an einzelnen of⸗ —y— Aber das nwelchem 1 Altären ergt wur⸗ beginnen, e Stunde Glauben in dieſe dringen! Thut das und eure von euch iſt das gebanci gen, ron nter einer Freundes 381 fenen Stellen ſchon dieſelbe Störung erblickt haben... Ihr Ruf fiel in den des Mönches ein... Voll Entſetzen erkannten Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, die mechaniſch dem voranſtürmenden Hubertus gefolgt waren, die Fliten der gefürchteten Jäger von Salerno, die in der That, unabhängig vom Corps in San⸗Giovanni, über den Aspropotamo und Gigante gekommen waren... Schon ſtand Hubertus mitten unter den in noch wildere Aufregung gerathenden, theilweiſe zu den Waffen greifenden Verbündeten... Die Frauen flüchteten ſich zu ihren Karren... Die Kinder drückten ſich ſchreiend an ihre Väter, die rathſchlagend zuſammentraten... Hubertus hatte Federigo ſchnell begrüßt und ſeine Hand ergriffen, um ihn den Weg zu führen, den Am⸗ brogio zum Entkommen für den ſicherſten hielt... Federigo deutete gelaſſen auf eine andere Stelle des dichten Waldkranzes, wo die rothen Pünktchen ſich mehrten, die Federbüſche an den Hüten der Jäger von Salerno... Die von San⸗Giovanni erwarteten Trup⸗ pen hätten allerdings vor drei Stunden noch nicht ein⸗ treffen können... Dies war ein Detachement, das vom Meerbuſen von Squillace gekommen... Nun war alles auseinander geſprengt und raffte die Karren, die ausgelegten Geräthſchaften, die Kinder zu⸗ ſammen... Die Männer ſtanden unentſchloſſen, ob ſie zur Flucht oder zu Widerſtand ſchreiten ſollten... Heute zum erſtenmal hatte ihr ſtetes Drängen, daß ihr Freund und Rathgeber ſie über Rom, über die Prieſter und die Lehre der Kirche aufklären ſollte, eine Erhörung ——* — — — — —— ‿ — —jj, 382 gefunden— Den Greis hatte der Schmerz der Trennung fortgeriſſen... Vier Männer, unter ihnen Ambrogio, ſchwangen ihre Flinten über Federigo's Haupt Die Hitze des ſüdlichen Temperaments war bei die⸗ ſen Männern von ihrer religiöſen Denkart nicht überwun⸗ den worden... Hatte man auch nur ein Dutzend Schuß⸗— waffen, funfzehn Alpenſtäbe waren mit Eiſen beſchlagen; Meſſer, welche die Fiſcher und Kohlenbrenner am Gürtel trugen, waren lang und geſchliffen... Hubertus wartete nur auf das Zeichen, das Federigo geben ſollte ... Er ſelbſt hatte ſich mit einem: Halt da! denen gegenübergeſtellt, die ihn nicht kennen mochten und das Erſcheinen eines Mönches und eines Prieſters für die Vorboten einer unentrinnbaren Gewaltthat anſahen... Meine Freunde! rief Federigo in die wilde Bewe⸗ gung... Verſchlimmert die Sache nicht noch mehr, als ſie ſchon iſt!... Wir wiſſen, daß dieſe Krieger das Ge— birge durchſtreifen ſeit den blutigen Aufſtänden an den Meeresküſten... Wer weiß, ob ſie nur uns ſuchen... Wo Weiber und Kinder zugegen ſind, konnte nichts Uebles geſchehen... Ambrogio Negrino mußte ihm dieſe Vorausſetzung nehmen... Er erzählte, was von ihm in San⸗Gio⸗ vanni gehört worden... Paolo Vigo und Hubertus riethen, lieber ſofort das Aeußerſte anzunehmen und die Sicherheit zu ſuchen... Seit dem Aufſtand der Ban⸗ diera war nicht vorgekommen, daß ſich zu gleicher Zeit eine ſo große Anzahl von Soldaten in dieſen Gegenden hatte erblicken laſſen... Viele der Frauen hatten Soldaten im Leben nicht geſehen... Sie ſtanden überwun nd Schuß eſchlagen, m Gürtel Hubertus ben ſollte a! denen und das n an den uchen.. bts Uebles 8 an⸗ Gie⸗ Hubertut n und die der Ban . Aalt eichet Gegenden en hatten 383 ſtarr vor Entſetzen und mehrten die Rathloſigkeit der Mähnner, von denen die Mehrzahl ſich vertheidigen wollte.. Federigo bat alle, ſich der Sorge um ihn ſelbſt zu entſchlagen und nur auf die eigene Rettung bedacht zu ſein... Den Zumuthungen zur Flucht widerſtand er entſchieden, ordnete die Leute ſo, daß ſie in zerſtreuten Haufen ſich auf die Heimkehr über ſolche Wege begaben, die nur ihm bekannt waren... War auch das Thal ſo eng, daß ein auf dem Gebirgskamm plötzlich fallender, ſchon als Alarmzeichen dienender Schuß ringsum in ſiebenfachem Echo widerhallte, ſo fehlten Auswege nicht und nicht alle Gebirgsſpalten konnten zu gleicher Zeit beſetzt ſein... Inzwiſchen mehrten ſich die verdächtigen Zeichen und ſchon wurden die militäriſchen Commandos hörbar... An ein Entrinnen iſt nicht zu denken! ſagte zu aller Schrecken der jetzt für immer dem Verderben ge— weihte Pfarrer von San⸗Giovanni... Ambrogio und Hubertus ſchilderten zu wiederholter Beſtätigung, was ſie in San⸗Giovanni und Spezzano geſehen hatten... Inzwiſchen war von den Entſchloſſeneren unter den Männern ein Rückzug angeordnet worden, der vielleicht über die Serra del Imperatore möglich war... Eiligſt warf man die Geräthſchaften auf die Karren, gebot den Kindern Ruhe, brachte die Maulthiere und Eſel in Bewegung und in einer Viertelſtunde war es um Fe⸗ derigo's Hütte ſtill geworden... Nur noch Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino blieben zurück... Inſtändigſt bat ſie der Greis, jenen Felſenſpalt, den er kannte und für vollkommen ſicher erklären mußte, 384 ſtatt ſeiner aufzuſuchen... Eilt euch, meine Freunde! ſprach er... Kümmert euch nicht mehr um mich... Meine Stunden ſind gezählt und ich habe nicht einmal eine ſchlimme Hoffnung für mich— ich habe ſie nur für elich... Wir ſind dort alle ſicher... entgegnete Ambrogio... Ich beſchwöre euch, geht allein! wiederholte Federigo . Ich ſuche mein Ende... Laßt, laßt mir, was beſchieden iſt—!... Ich verſichere euch, es wacht nicht nur Gott über mich, ſondern auch manche Freundes⸗ ſeele unter den Menſchen... Soll ich euch, meine geliebten, theuern Freunde, unglücklicher machen, als ihr jetzt ſchon mit euerm getheilten, zaghaften Herzen ſeid?... Gott iſt mein Zeuge, ich pflanzte nichts in euch, was nicht ſchon in euch war!... Ich hielt euch zurück, euch den größten Gefahren preiszugeben... Wenn ich mich dem Drängen nach Entſcheidung heute fügte, ſo iſt es billig, daß mich die Folgen allein treffen . Flieht, flieht—!... Bewahrt euer Geheimniß, lehrt dieſe Menſchen das ihrige hüten— bald brechen neue Zeiten an!... Vielleicht vernimmt noch Euer Ohr den Sieg des Evangeliums von Rom!... In dieſem Wettſtreit— die Verehrer des Greiſes wollten ſein Schickſal theilen— mehrte ſich die Un⸗ ruhe ringsum... Das Thal wurde lebendiger... Von Aexten getroffen brachen hie und da die Zweige zu⸗ ſammen... Hier blitzten Flinten auf, dort entluden ſich welche... Federigo wehrte Hubertus, der ihn auf ſeinen Armen forttragen wollte... Rettet nur euch! bat er wiederholt... Für mich iſt geſorgt... Freunde! cht enmal ſie nur für brogio... e Federigo mir, was vacht nicht Freundes⸗ ich, meine ceen, als en Herzen in treffen Gehe ld brechen ſoch Euer 3 Greiſes die Un⸗ diger. weige zu⸗ ſich tluden ſic auf ſeinen 385 Alle ſtarrten, als ſie ſahen, wie Federigo jetzt in ſeine Hütte trat, dort ein brennendes Licht ergriff, die Flamme an die Wände hielt, die von dürrem Mooſe gefugt waren, und ſeine Einſiedelei in Flammen ſteckte... Paolo Vigo ſuchte das verzehrende Feuer abzuhalten von den Gedankenſchätzen, die hier in Büchern und Blät⸗ tern aufgehäuft lagen und aus denen er jahrelang Troſt und Erhebung geſchöpft hatte. Aber die Papiere und Bücher brannten ſchon und bald züngelte die Flamme um die ganze Hütte. Gedanken an Rettung und Flucht verließen nun die drei Freunde gänzlich... Willenlos ließen ſie den Greis gewähren... Sein Betragen war ſeltſam... So faſt, als käme ihm dieſer Ueberfall erwünſcht, ja als wäre er früher oder ſpäter auf einen ſolchen vorbereitet geweſen... Aus dem Brande ergriff er einige wenige Bücher, um ſie zu retten und ſeltſamerweiſe noch drei Stäbe, von denen er jedem der Freunde einen einhändigte mit den Worten: Schützt euer Leben und euere Freiheit—... Bewahrt aber, jeder von euch, wie irgend möglich, dieſen Stab, den ich euch auf die Seele binde—!.. Nun vollends blieben ſie wie angewurzelt ſtehen... Er wiederholte ſeine Worte und ſetzte hinzu: Sucht mit äußerſter Anſtrengung euch dieſe Stäbe zu erhalten... Wenn ihr nicht entweichen wollt, ihr Ar⸗ men, ſo bitt' ich nur noch dies... Es kommt ein Augenblick, wo ich oder irgendwer euch mittheilt, welche Anwendung ihr von dieſen Stäben machen ſollt... Die Hütte brannte nieder... Eine Viertelſtunde Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 25 darauf waren auf einer rauchenden Trümmerſtätte alle vier die Gefangenen der Inquiſition... Fünfzehn auf der Flucht noch aufgegriffene Männer, an ihrer Spitze auf einem und demſelben Karren Fede⸗ rigo, Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, kamen am Abend deſſelben Tages zu Spezzano nicht nur von Reitern und Fußvolk geleitet an, ſondern vom Schwarm der Bewohner des halben Gebirgs.. Das Kirchenfeſt von Spezzano mit all den Späßen, die mit tauſend Lichtern und Lampen die Gottheit, wie die Chineſen den Neumond feiern, war im vollen Gange... Die Ketzer von den Bluteichen! hieß es—... Und mancher ſtaunte, darunter einem alten Bekannten zu begegnen... An der Spitze des Zugs befand ſich der„Hexenmeiſter, der von den Fanatikern verſpottet, von den meiſten mit unheimlichem Grauen betrachtet wurde... Die Mehrzahl wurde nach Coſenza abgeführt .. Die vier verbundenen Freunde kamen nach Neapel... Der Abſchied, den ſie alle von einander und von den Ihrigen nahmen, ließ ſelbſt die von ihrem Pfarrer fanatiſirten Bewohner von Spezzano glauben, daß die Ketzer Menſchen bleiben wie andere... Das Weinen der Frauen ſteckte an... Die Volkshaufen konnten zu⸗ letzt von den Mönchen und Prieſtern, die anhetzen wollten, nicht mehr recht zu Beſchimpfungen entflammt werden... Am meiſten rührte der Abſchied, den Roſalia Mateucci von ihrem in San⸗Giovanni in ſolcher Lage begrüßten Bruder, dem Pfarrer Paolo Vigo, nahm... In Spez⸗ zano entriß ihm zwar eine Frau das Kind, das er ſegnen wollte, aber das halbe San⸗Giovanni, das bis Spez⸗ rftätte alle ne Männe arrren Fede⸗ o Negrino, nicht nur ddern vom n Späßen, ttheit, wie Gange.. Bekannten eefand ſich deteachtet abgeführt leapel... und von m Pfarrer daß die z Weinen erden.. Mateucii begrüßten In Spe⸗ er ſegnen bis Speh G☛ 6 zano mitgezogen war, trat dazwiſchen und Scagnarello erbot ſich ſogar, die weinende Roſalia nach Coſenza umſonſt zu fahren... Was ſie an Geld bei ſich trug, hatte ſie dem heißgeliebten, unglücklichen Bru⸗ der aufgezwungen, den in ſo unwürdiger, dieſſeits und jenſeits verlorner Erniedrigung wiederzuſehen ihr das Herz brach... Paolo Vigo ſprach laut über die Freude, leiden zu dürfen um des Heilands willen... Als er laut betete, ſenkten ſich die Häupter... Niemand un⸗ terbrach ſeine feierlich erhobene Rede... Paolo Vigo zog allem, was ihn treffen konnte, das Glück vor, bei Federigo zu ſein... Alles hatte man ihm genommen, nur den Stab nicht, den auch die beiden andern Gefangenen trugen... Der Pfarrer von Spezzano zeigte dem Guardian von San⸗Firmiano, der ſeinen beiden Kloſterangehörigen bis Spezzano gefolgt war, eine Vollmacht des Erzbiſchofs von Coſenza, der zu⸗ folge das Kloſter die beiden Leviten nicht reclamiren durfte... Roſalia Mateucci ſchwur dem hochheiligſten Erz⸗ biſchof von Coſenza eine Rache— wie ſie nur vom Blick einer Neapolitanerin begleitet ſein konnte... Transporte von Gefangenen waren und ſind in dieſem Lande an ſich etwas Gewöhnliches... Der Wagen, begleitet von ſechs Schweizer⸗Drago⸗ nern, glitt niederwärts— der kreidigen, ſtaubbedeckten Landſtraße und— den blauen Wogen des Meeres zu— hin nach Neapel, wo Hubertus, mit Verzweiflung ſich allein als den Urheber aller dieſer Schrecken anklagend, nur einen einzigen Gegenſtand ſuchte— die Rauchſäule des Veſuv... 25* 12. Was Lucinde vor Jahren geahnt hatte, daß ſie nach einer kurzen glänzenden Periode des Glücks nur zu bald wieder in Elend verſinken würde, war allerdings nach dem Tode Ceccone's für einige Zeit eingetroffen... Aber wie ſie am Tage nach dem Hochzeitsfeſt Olym⸗ piens berechnet hatte, ſie war wenigſtens die rechtmäßige Gräfin Sarzana geblieben... In ihrer Theilnahme an den Demonſtrationen modiſcher Kirchlichkeit lag eine Ver⸗ ſöhnung für alles, was in zweideutiger Weiſe ihren Nuf treffen konnte. Sie war eine Büßerin, trug nur dunkle Farben, ſenkte ihr ohnehin ſchon zur Erde ſich nei⸗ gendes Haupt in dem Grad, daß die jetzt faſt Sechs⸗ unddreißigjährige einen gekrümmten Rücken bekommen zu haben ſchien und mit ihren noch immer blitzenden Feueraugen die Menſchen, das Leben und die Welt von unten her um ſo unheimlicher betrachtete.. Jetzt, wo Friede und Ruhe wieder in Rom eingezogen war, hatte ſie ſogar die Mittel gefunden, eine Art„Kreis“ um ſich zu ziehen... Die Sorge um einen ſolchen „Kreis“ iſt nicht gering; ſie iſt mit ſteter Aufregung und ¹ ——— mancherlei Aerger verbunden... Sie hatte einen Donnerstag proclamirt, an dem ihr Haus allgemein und maſſenhaft zugänglich war, während ſonſt zu ihrem engern Kreiſe nur wenige„Intimitäten“ gehörten... Dieſe Wiederherſtellung war ihr in dieſem Herbſt und Winter nach vielen Mühen gelungen... Die„Don⸗ nerstage“ der Gräfin Sarzana waren beſucht... Die Wohnung, die ſie innehatte, gehörte dem älteſten Rom des Mittelalters an und lag in der„Straße der Kaufleute“... Hier ſtanden alte Paläſte, die den herab⸗ gekommenen Geſchlechtern alter Tage gehörten; dunkle, verwitterte Steinmaſſen, im Erdgeſchoß und Bodengelaß oft zu Waarenmagazinen benutzt, umgeben von baufälli⸗ gen Nachbarhäuſern... Es lag ein gewiſſer Nimbus um dieſe alterthümlichen Wohnungen und ſelbſt im drit⸗ ten Stock, den die Gräfin Sarzana bewohnte, war einer dieſer Paläſte leidlich„anſtändig“, auch wenn man im Eingang an den Fäſſern eines großen Kaufmanns⸗ geſchäftes vorüber mußte und die Treppen mit Wollſäcken verengt fand, die innenwärts auf die oberen Böden ge⸗ wunden wurden... Darum hatten die innexen Gemächer, zumal wenn ſie erleuchtet waren, doch durch Bauart und architektoniſche Ausſchmückung ein beinahe fürſtliches Aus⸗ ſehen... An ihren„Donnerstagen“ bedienten mehre Diener in Livree... Für gewöhnlich hatte die Gräfin nur ihrer zwei... Auch eine Equipage, eine gemiethete freilich, durfte nicht fehlen... Es war ein Geheimniß, woher die Einnahmen dieſer deutſchen Dame floſſen... Oft hatten ihr Bonaventura, Paula, Graf Hugo vergeblich Penſionen angeboten... 4 — — — „——— Ceccone's letzter Wille verlangte, daß ſie zeitlebens das kleine Palais bewohnte, in welchem ihm Graf Sarzana den Tod gegeben... Sie bezog es nicht; verwerthete aber die Vergünſtigung durch Vermiethung... Als Olympia in London ſelbſt nicht mehr mit ihren Einnahmen auskommen konnte, ſtellte ſie die Bedingung, daß Gräſin Sarzana das Palais ihres Onkels entweder bezog oder die Nutz⸗ nießung an ſie, ſeine Erbin, abtrat... Lucinde zog letzteres vor... Nun, wo ihr jährlich tauſend Scudi fehlten, traten die harten Zeiten ein... Ihre„Miſſions⸗ reiſen“ wurden ihr zwar bezahlt, ſie wohnte in Ordens⸗ häuſern, auch hatte ſie eine Hülfe, die ihr manchmal in äußerſten Fällen beiſtand— die alte Fürſtin Rucca ... Nur wurde auch dieſe vom Herzog Pumpeo ſo in Anſpruch genommen, daß ſie Schulden hatte und dann im Gegentheil von Lucinden zu borgen kam... Lucinde nahm in ſolchen Fällen keinen Anſtand, über die Börſen derer zu gebieten, die unter ihren Bekannt⸗ ſchaften reich waren... So bei Frau von Sicking, die auf ihren geiſtlichen Tendenzreiſen oft nach Rom kam und Lucindens Protection begehrts... Treudchen Ley, deren Gatte, Piter Kattendyk, ſich nicht nur in die ernſte Lebensaufgabe geworfen hatte, Stadt⸗ und Com⸗ merzienrath zu werden, ſondern ſich auch mit der ſo ſchmählich von ihm beleidigten Kirche und Religion auszuſöhnen(Profeſſor Guido Goldfinger hatte das Ge⸗ ſchäft gerettet und ſchwang ſein Scepter über die Haupt⸗ bücher mit tyranniſcher Gewalt), auch Treudchen Piter Kattendyk ließ ihrer Freundin Gräfin Lucinde Sarzana eine regelmäßige, wenn auch nur kleine Penſion aus⸗ 391 dens das zahlen Goldfinger hatte dieſe als Tribut der Fa⸗ tzana den milie, desgleichen infolge letzten Willens der ſelig ver⸗ aber die blichenen Schwiegermutter Wally Kattendyk, anerkannt ympia in und ſogar etwas vergrößert unter ausdrücklicher Neben⸗ eskommen bedingung, daß Lucinde in der Peterskirche an einem Sarzann gewiſſen Altar für das Haus Kattendyk und die Ange⸗ die Nutz⸗ hörigen deſſelben jährlich eine Meſſe leſen laſſen ſollte inde zog— ſie erſtand ſie wohlfeiler, als von Deutſchland aus möglich war... Alle dieſe Hülfsmittel würden nicht ausgereicht haben, Scudi iſſtons Ordens⸗ 1 z. B. dem Andenken des Grafen Sarzana, trotzdem, „ daß er für die Sache des„Atheismus“ efallen war, mal in. he d 1 12 eſac auf dem Kirchhof an Porta Pancrazio ein glänzendes Denkmal zu ſetzen, im eigenen Wagen zu reiſen, einen alten Palazzo in der Strada dei Mercanti zu bewohnen, einen Jour fixe, regelmäßig zwei Bediente und 4 8 eine Equipage zu halten— wenn nicht Lucinde noch Zelnu⸗ 4 einen Beiſtand gefunden hätte, welcher der frommen Con⸗ D e s vertitin ſeltſamerweiſe— aus der Türkei kam... din, ni Gräfin Sarzana kannte Italien und wußte, daß kon hn dort Speculation nicht ſchändet... Sollte es all⸗ chen deh, mählich herauskommen, daß ſie einen Handel mit allerlei rin de koſtbaren türkiſchen Waaren, Shwals, Seidenſtoffen, nd Com⸗ Kleinodien trieb— was that ihr das—!... Dieſe mit-dei Dinge kamen ihr aus Kleinaſien zu, wo in Bruſſa, an Religin den Abhängen des Olympos, da wo einſt im ambroſi⸗ das Ge⸗ 99 ſchen Licht die Götter Homer's gethront, Abdallah Mu⸗ ie Haupt i ſchir Bei wohnte, ein vornehmer reicher Mann, Renegat, hen Piter niemand anders, als der ehemalige päpſtliche Sporen⸗ Srnjan ritter und Oberprocurator Dominicus Nück... Wir kennen die Schreckensſcene, als Ceccone, der ohne Lucindens Plaudereien nicht leben konnte, in einem Cabinet, deſſen Thür durch Zufallen von innen ſich von ſelbſt verſchloß, bei ihr verweilte, Sarzana mit blanker Klinge die Thür ſprengte und nach dem Cardinal ſtach ... Als damals Lucinde zu den„Lebendigbegrabenen“ geflohen war, ließ ſich eines Tages am Sprachgitter ein Fremder melden, welcher ſeinen Namen nicht nennen mochte... Ueberall Mord und Verrath fürchtend, wagte ſich Lucinde nicht ans Gitter, ſondern ließ ſich verleug⸗ nen... Dieſelbe Meldung kam acht Tage ſpäter wieder ... Als ſie nun tiefverſchleiert und wie eine Nonne am Gitter erſchien und den Mann erkannte, welcher ſie zu ſpre⸗ chen wünſchte und den ſie zum letzten mal geſehen als einen faſt von ihrer eigenen Hand Erhängten, erbebte ſie, über⸗ flog in ſchneller Faſſung die gegenwärtige Stellung, in der ſie ſich befand, ihre Rückſichten, die Geſinnung, die ſie zur Schau tragen ſollte, wechſelte nur wenige kalte Worte mit ihm und gab ſich ganz den Nimbus, der ihr als Gräfin und Fromme gebührte... Bei einer dritten Meldung nahm ſie den unheimlichen Beſucher gar nicht an... Inzwiſchen blieb ſie bei den alten Parzen des Kloſters wohnen und ſah die wahnſinnige Lucrezia Biancchi in ihren Armen ſterben... Jetzt ſchrieb ihr Nück... Ob ſie denn ganz die deutſche Heimat ver⸗ geſſen hätte, ob ſie ihn für unwürdig hielte, dem Puppenſpieler Weltgeiſt hinter die Couliſſen zu ſehen, mit einzublicken in die Gedankenmaſchinerie einer großen, ſtolzen und die Welt verachtenden Seele, wie die ihrige— oder ob ſie Furcht haben könnte— vor ſich von t blanker nnal ſtach rabenen“ rachgitter t nennen d, wagte verleug⸗ er wieder onne am zu ſpre⸗ non 393 wem?— vor was?— Vor ſich ſelbſt— doch gewiß am wenigſten!— Wol gar vor ihm—!... Er bot ihr, die in ſo viele Geheimniſſe ſeines Daſeins eingeweiht war, die ihn vor den ſchrecklichen Fol⸗ gen der Rache Hammaker's vom Hochgericht hernieder bewahrt hatte, den Mitgebrauch ſeines Vermögens, das er, nach einer Trennung von ſeiner Frau, ſo weit an ſich gebracht hatte, als ihm ſein eigen Erworbenes nicht entzogen werden konnte... Zur Ehe nehmen konnte er Lucinden nur dann, wenn beide die Religion wechſelten... Auch das ſchlug Nück vor... Er ſchil⸗ derte den„ſchwarzen Falken“, einen Indianerhäuptling voll Tapferkeit, Großmuth, Gerechtigkeitliebe, der an nichts geglaubt hätte, als an den„großen Geiſt“—... Er erläuterte die Philoſophie Buddha's mit wenig Feder⸗ ſtrichen—... Jedenfalls ſchlug er nicht den verhaßten „Rückſchritt“ des Proteſtantismus, ſondern, wenn ſie wolle, Islam oder Judenthum vor... Lucinde war damals ſo unglücklich, daß ſie dieſe Zeilen lange mit Aufmerkſamkeit betrachtete. Es war ein Brief in den Wendungen, wie ſie Nück liebte— Cynismus abwech⸗ ſelnd mit Melancholie... Offen geſtand er, daß er ſich daheim nicht mehr hätte halten können; zu ſchlimme Gerüchte hätten ihn verfolgt; ein ruheloſer, unſtäter Geiſt irre er jetzt von Stadt zu Stadt und wiche Jedem aus, der ſich, weil er wiſſe, daß er einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine hätte, ein vernünftiges Weſen dünke ... Rom, für deſſen Macht und Herrlichkeit er ſonſt ſeine eigene Vernunft eingeſetzt, erſchiene ihm eine wüſte Einöde... Er müſſe ſein altes von Hauſe mitge⸗ brachtes Rom nehmen und über die langweilige Stadt, die er hier anträfe,„überſtülpen“, um hier nur aus⸗ zuhalten... Nur den ihm geiſtesverwandten Klings⸗ ohr hätte er beſucht und von dieſem die Empfehlung eines ehemaligen türkiſchen Prieſters, der Chriſt gewor⸗ den, erhalten... Um ſeinerſeits umgekehrt vielleicht ein Türke zu werden, lerne er von dieſem die türkiſche Sprache... Er bot Lucinden an, ſein Weib zu wer⸗ den und mit ihm nach Kairo zu gehen. Sie antwortete ihm nicht und Nück verſchwand dann aus Rom... In Neapel vervollkommnete er ſeine Kenntniſſe im Türkiſchen, ging nach Stambul, von da nach Bruſſa ... Ohne ihr die ihm bewieſene Kälte nachzutragen, ſchrieb er Lucinden als Abdallah Muſchir Bei... Die bberedteſten Schilderungen zeigten ihn als leidlich glücklich; er beſchrieb ſeine Einrichtung, den Harem ſeiner Frauen; — nur bedauerte er, daß er krank und alt wäre... Gerade dies von Erdbeben heimgeſuchte, jedoch über alle Beſchreibung ſchöne Bruſſa hätte er gewählt, weil die berühmten Schwefelquellen der Stadt„direct aus der Hölle flöſſen“... Seinen Juſtinian könne er nun nicht mehr verwerthen und hätte auch nach ſo langer Advocatenpraxis ein unwiderſtehliches Bedürfniß nach Ehrlichkeit... Deshalb wolle er— Kaufmann werden, wie ſein Schwager Guido Goldfinger— im Orient be— fleißigte der Kaufmannsſtand ſich wirklich der Ehrlich⸗ keit... An den berühmten Seidenwebereien Bruſſas betheiligte ſich Abdallah Muſchir Bei mit Kapitalien... Jetzt antwortete ihm Lucinde und es vergingen ſeit⸗ dem nie ſechs Monate, wo nicht über Stambul Stadt, iur aus⸗ Klings⸗ pfehlung gewor⸗ vielleicht türkiſche zu wer⸗ ann aus enntniſſe Bruſſa utragen, langer ß nach werden, ient be⸗ Ehrlich⸗ F B — ruſſas lien. zen ſeit⸗ ge Stambul und Venedig her ein Geſchenk an koſtbaren Stoffen, ſei⸗ denen oder wollenen, an Teppichen und Shwals, auch an koſtbaren Geſchmeiden für ſie ankam... Da in dieſen Briefen jeder ſeinen Standpunkt beibehielt, ſo konnten ſie nicht ohne Reiz zur Fortſetzung bleiben... Abdallah verharrte dabei, daß er Lucinden geliebt hätte, liebe und lieben würde in Ewigkeit... Auch noch jetzt könnte er ſeinen Sklavinnen nur Geſchmack abgewinnen, wenn ſeine Phantaſie ſie in Lucinden verwandelte... Die Geſchenke Abdallah's zurückzuſchicken oder abzulehnen war zu umſtändlich— Lucinde behielt ſie und verkaufte ſie ge⸗ legentlich, wenn ſie in Noth war... Ein einziger Shwal half ihr dann auf Monate... Ihre demnach mit türkiſchem Geld unterhaltenen „ultramontanen Donnerstage“ wurden von allen jenen Menſchen beſucht, die nach Rom ziehen, wie die Weiſen des Morgenlands nach Bethlehem... Alle Nationen waren hier vertreten... Die ſüßlächelnden jeſuitiſchen Abbes der Franzoſen; die engliſchen Katakombenwallerin⸗ nen, die im feuchtmodernden Tuffgeſtein die anderthalb⸗ jahrtauſendalten Fußtapfen der Wiſeman'ſchen„Fabiola“ ſuchten; deutſche Künſtler, die den Untergang des Ge⸗ ſchmacks von den zu weltlichen Madonnen Raphael's her⸗ leiteten und an Giotto anknüpften; Gelehrte, die alle gangbaren Geſchichtsbücher umſchrieben, ſo, daß ſie im⸗ mer das Gegentheil deſſen, was die deutſchen Kaiſer er⸗ ſtrebten, als das Richtigere darſtellten, die Päpſte zu allen Zeiten Recht behalten ließen— meiſt fanatiſche, geiſtvolle Menſchen— und Gräfin Sarzana wußte ſelbſt Die unter ihnen zu feſſeln, die nicht die Intrigue liebten 396 Das Deutſche, mit dem ſie oft begrüßt wurde, behauptete ſie vergeſſen zu haben; ſchon lange ſprach ſie ihr Italieniſch mit Feinheit und jedenfalls in jenem rauhen, tiefliegenden Ton, der am gewöhnlichen Organ der Italienerinnen den bekannten Wohllaut ihres Ge⸗ ſangs bezweifeln laſſen könnte... Ihre Kunſt, einen Abend belebt zu machen, Niemanden zu lange im Schatten ſtehen zu laſſen, galt für muſterhaft... Gelehrte Streitigkeiten duldete ſie bis zu einem gewiſſen Grade, der jedoch bei weitem über den der Oberflächlichkeit hin⸗ ausging—... Viel hockte ſie unter Büchern, die ihr Klingsohr bis an ſeinen vor einigen Jahren er⸗ folgten Tod zutrug— die Hektik, die Cigarre und der Orvieto untergruben ihn—; ſie lernte unaufhörlich und konnte aus Bibel und Kirchenvätern eine Menge Beiſpiele für Behauptungen anführen, die den größten Lichtern der Sapienza und des Collegio anregend waren Ihr Vorſprung war dabei der, daß ſie alles Vergangene ſo nahm, wie Gegenwärtiges... Die Menſchen hatten nach ihrer Auffaſſung zu allen Zeiten dieſelben Schwächen, dieſelben Bedürfniſſe; die For⸗ derungen der Natur waren ſich zu allen Zeiten gleich .„Sonderbar!“ ſagte ſie—„Die Gelehrten ſind auf dieſe Vorausſetzung ſo wenig gerüſtet! Für das Natürlichſte, für den Gebrauch eines Naſentuches in der Hand Cicero's, muß ihnen erſt ein Citat aus einem alten Schriftſteller die beruhigende Anlehnung geben!“... Von Klingsohr, dem es gegangen, wie den deutſchen Lanzknechten im Mittelalter, wenn ſie bis zu dem alt⸗ gefährlichen Capua kamen, ſchrieb ihr Abdallah Muſchir 397 wunde, Bei:„Iſt er nun zu ſeinem Vater und zum Kronſyn⸗ rach ſie dikus! O, dieſes eitlen Prahlers! Er erſtrebte eine Bedeu⸗ jenem tung, zu welcher ihm weniger Fleiß und Beharrlichkeit, wie Organ er vorgab, als ſchöpferiſch geiſtige Kraft fehlte! Statt es Ge⸗ letzteres offen einzugeſtehen, ſchmähte er die Trauben, die „einen ihm zu hoch hingen! Das ganze deutſche Volk iſt wie catten Klingsohr und gewiß freſſen es auch noch einmal die Kal⸗ zelebrte mücken und Tartaren!“... Lueinde theilte dieſe Anſichten rnde,’.. Als ſie die ihr von Klingsohr hinterlaſſene Habe deſſel⸗ t hir⸗ ben muſterte, Brauchbares verkaufte, ſeine Papiere, ſeine de angefangenen philoſophiſchen Werke unbarmherzig ins . 2 Feuer warf, ſogar ſeine Gedichte, in denen doch nur ſie 8 de beſungen war, ließ ſie ſich ſelbſt von jener Brieftaſche nicht rühren, die einſt in Klingsohr's und ihrem eigenen 4 Jugendleben eine ſo große Rolle geſpielt hatte... Nach⸗ dem ſie einen Augenblick zweifelhaft geweſen, ob ſie dies Angedenken an die düſteren Verwickelungen im Hauſe der Aſſelyns und Wittekinds nicht gleichfalls mit in jenes Käſtchen von Ebenholz legen ſollte, das ihren ganzen Lebensſchatz enthielt— mit zu den noch unverkauften⸗ Gold- und Silbergeſchenken Nücks— zu all den Brie— fen und Blättchen, die ſie von Bonaventura's Hand beſaß— zu Serlo's Denkwürdigkeiten und zur Urkunde Leo Perl's— verbrannte ſie es— gerade an einem Tage, wo drei deutſche Pilger bei ihr vorgeſprochen hatten, die zu Fuß nach Rom gewallfahrtet kamen, Stephan Len⸗ 1 genich, Jean Baptiſte Maria Schnuphaſe und der Para⸗ 5.. mentenſticker Calaſantius Pelikan aus Wien...— ütſchen Alle drei erhielten zeitig den geſandtſchaftlichen Rath ab⸗ m alt⸗ zureiſen— ſie betranken ſich täglich... * * — 398 So gab es der Abwechſelungen genug, zu denen ſich dann die Reiſen, der Aufenthalt in Genua, in Coni geſellte, bis die Revolutionen ausbrachen, wo ſich Lucinde in Venedig und glücklicherweiſe durch die Hülfe hielt, die ihr aus dem Orient kam.. Jetzt war ein halbes Jahr ſeit„Wiederherſtellung der göttlichen Ordnung“ verfloſſen... Wieder war die römiſche Saiſon, kurz vor dem Carneval, in auf⸗ ſteigender Höhe... Wieder war ein„Donnerstag“ geweſen. Lucinde ſaß, zufrieden mit der Zahl ihrer heutigen Gäſte, mit der Erinnerung an ihre eigenen Einfälle und Repliken, die ſie zum Beſten gegeben(was muſtert man nicht alles nach einem Geſellſchaftsabend am Effect, den man im Leben machen ſoll oder will!)... Die Herzogin von Amarillas war zugegen geweſen, noch immer tief in Trauer gehüllt— im übrigen ſtarr, verſtei⸗ nert, bis zum Peinlichen unbeweglich geworden... Olym⸗ pia Rucca, die zur Beſſerung ihrer Finanzen mit ihren Schwiegerältern Frieden geſchloſſen hatte und ſich gleich⸗ falls noch derſelben Trauer widmete, die auch nicht Erco⸗ lano, ihr Gatte, um Cäſar Montalto abgelegt hatte— Ercolano ſah in Benno's Verhältniß zu Olympien nur eine perſönliche Aufopferung der Freundſchaft zu Gunſten ſeines Friedens, zur Vereinfachung ſeiner Sorgen um eine„nun einmal ſchwer zu behandelnde“ Frau—„Es gibt ſolche Ehemänner—!“ ſagte Lucinde... Auch Fe⸗ felotti, der wiederum allmächtige Cardinal, war dage⸗ weſen und hatte Lucinden durch eine heimlich zugeflüſterte Mittheilung erfreut... Sie hatte den Athem des —— u denen in Coni h Lueinde lfe hielt, erſtellung der war heutigen Einfälle muſtert Effect, —₰ Hie „verſtei⸗ „Olym⸗ nit ihren ch gleich⸗ ht Erco⸗ hatte— vien nur Gunſten gen um =„05 luch Fe⸗ ar dage⸗ füſtet 399 Mannes zwar nicht gern in ihrer Nähe, aber ſie hörte doch mit Vergnügen, was er ihr heute zugeziſchelt... Es erfüllte ſich alſo, daß(irgendwo in Europa) mit einem hochbetagten lutheriſchen Landesvater, bei deſſen Hoftheater die beiden Fräulein Serlo als Tänzerinnen engagirt, dann im geheimen zu Freiinnen von Tn erhoben waren, durch Vermittelung dieſer Favoritinnen ein für Rom günſtiges Concordat abgeſchloſſen werden ſollte... Hatte auch Lucinde, die dies Arrangement zu Stande gebracht, gerade kein beſonderes Intereſſe an der Summe, die man ihr zahlen wollte, wenn die Freiinnen von*** nebſt ihrer alten Mutter ſo lange weinten und ſich kaſteiten und ſich abhärmten und den alten Landesvater ſelbſt beim Champagner und nachts zwölf Uhr, wenn er im Mantel verhüllt nach Hauſe ſchlich, durch ihre Gewiſſensbiſſe peinigten, bis dieſer nach⸗ gab und den für ein proteſtantiſches Land ſchmählichen Vertrag mit Rom abſchloß*)— ihr genügte ſchon, ſich die Curie gründlich verpflichtet zu haben und bitter⸗ lächelnd— an Serlo's Phantaſieen über die Zukunft ſeiner Töchter denken zu können—... Heute war ein neuer Gaſt zum dritten mal dage⸗ weſen— Pater Stanislaus aus dem Al Geſu, Wenzel von Terſchka... Sechs Monate hatte dieſer Verlorene in Rom verweilt, ohne daß ihn jemand erblickte. Man ſagte allgemein, er hätte eine qualvolle Gefangen⸗ ſchaft, dann eine glorreiche Umänderung ſeines Sinnes zu beſtehen gehabt und nun wäre er nahezu ein Heiliger *) Ein Factum? 400 geworden... Jedem, der etwa erſtaunte, wie hier mög⸗ lich geweſen, daß ein Mann erſt Prieſter, dann als ſolcher weltlich beurlaubt, beauftragt, in kurzer Robe ſich in die allgemeine Geſellſchaft zu miſchen, dann in London zum Ketzerthum übergetreten war, wieder nach Rom zurückkehrte, ſein altes Prieſterkleid—„re quasi bene gesta“ ſagte Lucinde— wieder anzog— Dem wurde erwidert: All dieſe Wandelungen im Leben Wenzel von Terſchka's beruhen auf Verleumdung! Nie war er vorher ein Prieſter! Nie war er ein Proteſtant! Jetzt erſt führte ihn das Bedürfniß der Heiligung über ein leicht⸗ ſinniges Leben in die geſchloſſenen Räume eines Buß⸗ hauſes! Erſt jetzt iſt er geiſtlich geworden; jetzt in den Orden des heiligen Ignaz getreten— und auch jetzt erſt heißt er Pater Stanislaus... Allen denen, die etwa an der Richtigkeit dieſer Darſtellung zweifeln mochten, mußte dieſelbe glaubhaft erſcheinen, wenn ſie die hohle Wange, das düſter irrende Auge, den ſcheuen Blick, den faſt ver⸗ ſtummten Mund, eine erſchreckende Vernichtung an einem Mann wiederfanden, der ſonſt in Geſellſchaften wie Queckſilber glitt... Der dritte Donnerstag war es heute, wo der unheimlich brütende, willenlos gewor⸗ dene— alte Mann bei Gräfin Sarzana ſaß... Mit dem Schlag der zehnten Stunde brach er jedesmal auf; er, dem ſonſt die Nacht gehören mußte... Punkt fünf⸗ zehn Minuten nach zehn mußte Pater Stanislaus hinter ſeinen düſtern Mauern ſein... Lucinde urtheilte über dieſe Eindrücke, wie über et⸗ was, was ſich von ſelbſt verſtand auf dem Gebiet ihres Wirkens und Lebens... Sie, die ja auch in dieſer hier mög⸗ dann als tzer Robe dann in eder nach „,Te Quas D em e Wange, faſt ver⸗ einem ften wie unterhielt... Ende Auguſt ſchon hatte ſie in Erfahrung gebracht, daß Frä Hubertus und jener Einſiedler, wel⸗ cher ihnen vor Jahren ſoviel zu ſchaffen gemacht, auf Be⸗ fehl der Inquiſition gefangen genommen worden... Noch zuckte Fefelotti, den ſie deshalb befragte, die Achſel und ſagte: Die Jeſuiten ließen dieſen Ketzer allerdings gefan⸗ gennehmen, mußten ihn aber mit ſeinen Genoſſen an die Dominicaner ausliefern! Sie kennen die Eiferfucht der weißen Kutten gegen die ſchwarzen!... Lucinde hörte, daß Bonaventura's Verbleiben in Rom mit Ge⸗ heimniſſen des Sacro Officio zuſammenhing; die klare Ueberſicht des Thatſächlichen fehlte ihr noch... Sie durfte erbangen über ein Wiederbegegnen mit Hubertus; aber ſie wollte glücklich ſein, wollte hoffen— faßte alles im heiterſten Sinne auf und fürchtete für nichts... Heute ſaß ſie in der allerlebhafteſten Spannung... Der Grund, warum ſie heute noch nicht zur Ruhe gehen wollte und konnte, war kein anderer, als die noch wie im Sturm der Mädchenbruſt gefühlte Spannung ihrer Ungeduld, ob die für morgen früh beim erſten Morgen⸗ grauen angeſetzte endliche Abreiſe des Grafen— mit oder ohne Paula ſtattfand—... 8 Das gräfliche Paar lebte ſehr zurückgezogen in einem der großen Hotels an Piazza d'Espagna... Der Schleier des Geheimnißvollen, welcher Bonaventura, der ſeinerſeits bei Ambroſi wohnte, und die Freunde umgab, war ſelbſt für Lucinden in den meiſten Dingen undurch⸗ dringlich... Lucinde hatte auch für die gegenwärtige Situation nichts anderes erſpähen können, als die Ab⸗ ſicht des Grafen, in erſter Morgenfrühe die längſt beab⸗ 406 ſichtigte und immer wieder aufgeſchobene Reiſe nach Deutſchland anzutreten... In erſter Morgenfrühe ſollte ein Bekannter eines ihrer Bedienten von Piazza d'Es⸗ pagna, wo dieſer im Hotel aufwartete, die Nachricht bringen, ob Graf Hugo— mit oder ohne ſeine Ge⸗ mahlin abgereiſt war. Reiſte der Graf mit Paula, ſo war es ihre Ab⸗ ſicht, für ihre noch immer glühende Liebe eine neue De⸗ monſtration zu verſuchen... Sie wollte beim Cardinal Ambroſi vorfahren, wollte die Urkunde Leo Perks, ein⸗ geſiegelt, mit einem Schreiben an Bonaventura verſehen, am Palaſt der Reliquien abgeben— ſie wollte die Bitte hinzufügen, den Empfang ihr durch eine ausdrück liche Meldung an ihren Wagenſchlag oder einen Gruß am Fenſter beantworten zu wollen... Reiſte Paula nach Wien, ſo hatte ſie die Abſicht, ſich aufs neue in der Glut ihrer nur mit dem Tode erſterbenden Liebe zu zeigen, ſelbſt mit Gefahr, den Bund, der ſich gegen Bonaventura verſchworen zu haben ſchien, zu Gegnern zu bekommen und die Protection Fefevtti's zu verlieren... An ihre ſchon grauen Haare, an ihren gekrümmten Rücken, an ihre ſechsunddreißig Jahre ſollte ſie dabei denken—?... Was iſt einem Weib von Geiſt— ihr Spiegel! Liebesfähigkeit gibt ihr der Wille und des Willens ewige Jugend!... Da ſcheut ſie keinen Wettkampf mit der glatten Wange des Mädchens — eine„Jungfrau“ war ſie ohnehin geblieben bei allen ihren Herzensconflicten mit Oskar Binder, Klingsohr, Serlo, Nück, Ceccone, Fefelotti— Gräfin Sarzana war ſie nur am Altar geworden. L von verſe los Diar überl verſch geher zu e Es nicht — B 407 Lucinde nahm aus ihrem Schreibbureau ihr Käſtchen ... Es hatte die Form einer größern Reiſecaſſette, war von ſchwarzgefärbtem Holz und mit einem guten Schloß verſehen... Sie ſchloß es auf— blätterte in Ser⸗ lo's Papieren— ließ einige Brochen von Türkiſen und Diamanten am Lichte funkeln— verlor ſich in Träume, überlegte den Brief, welchen ſie ſchreiben wollte, verſchloß ihr Käſtchen wieder und wollte nun zur Ruhe gehen... Als ſie in ihrem Schlafcabinet begonnen hatte ſich zu entkleiden, hörte ſie in der Nähe ein Geräuſch... Es war ein eigenthümlicher Ton, deſſen Urſache ſie ſich nicht erklären konnte... Sie ergriff ihr Licht... Indem ſie um ſich leuchtete, fiel ihr ein, daß ſie im Nebenzimmer ihr Schreibbureau offengelaſſen und ihr Käſtchen nicht wieder eingeſchloſſen hatte—. Darüber ſchon zitternd trat ſie ins Nebenzimmer, fand hier alles ſtill, verſchloß raſch ihr Käſtchen und blickte um ſich... Wieder erſcholl der fremdartige leiſe Ton, der von irgend woher draußen und dicht neben ihrem Fenſter hörbar blieb... Jetzt hätte ſie den Ton ſo erklären mögen, als bewegte der Wind einen Klingel⸗ draht... Da ein ſolcher nicht in der Nähe und die Luft ſtill war, die Nacht eher ſchwül, als windbewegt, ſo konnte jenes Geräuſch vom Winde nicht herkommen... Es dauerte fort... Sollten Diebe in der Nähe ſein?... Ihren Dienſtboten zu rufen, verſagte ihr bei dieſem Ge⸗ danken ſchon der Athem... Sie wohnte zwar in einer 408 lebhaften Straße, aber mit dem Gegenüber eines alten unbewohnten Palaſtes... Lauter Ruf hätte auch viel⸗ leicht die Diebe entwiſchen laſſen... Jetzt bemerkte ſie, während jener leiſe ſchnurrende Ton fortdauerte, am Fenſter einen Schatten, wie von einem Seil... Ihr Auge blieb auf dieſen hin- und herſchwankenden Schatten ſtarr gebannt... Sie klingelte jetzt heftig... Im gleichen Augenblick ſtürzte vom Dach über ihr ein Ziegel oder ſonſt ein Gegenſtand auf die Straße, der unten zerbrach... Auf ihren Balcon, der vielleicht gat durch ein Seil von oben her ſollte erſtiegen werden, hinauszuſtürzen hatte ſie keinen Muth... Der große weite Saal, zu wel⸗ chem jener Balcon gehörte, war unheimlich; um zu den Bedienten und Mädchen zu gelangen, mußte ſie ihn durchſchreiten... Sie klingelte wiederholt und bekam endlich die Hülfe ihrer Leute... Vom Balcon aus entdeckte man in der That einen vom Plattdach herabhängenden Strick... Die Diener, leidlich beherzte Burſche aus dem Ge⸗ birg, ſprangen, ungeachtet alles Abmahnens, mit großen Küchenmeſſern einen Stock höher und von dort, wo ſich die Waarenlager eines Tuchhändlers befanden, auf die Plattform... 2 Hier regte ſich nichts.... Man hatte nur den freien, ſternenhellen Himmel und ein unabſehbares Durch⸗ einander von Schornſteinen... Der Dieb hatte ſich alſo bereits in eines der Nachbarhäuſer geflüchtet... der eine alten ätte auch viel⸗ ſe ſchrurrende n, vie von 409 Luigi, einer der Bedienten, fand das Seil, das mit dreifachem Knoten um einen hohen Schornſtein ge⸗ wunden war und das jedenfalls einen Menſchen halten konnte, der ſich— etwa auf dieſem Wege zum Balcon hätte hinunterlaſſen wollen... Ueber dem lauten Rufen und Erörtern wurde auch die nächſte Nachbarſchaft im zweiten und dritten Stock lebendig... Die Mägde machten ſich durch das lauteſte Schreien Muth... Die Nachforſchungen, jetzt von den Nachbarn unter⸗ ſtützt, führten zu keiner Entdeckung, welche den Strick er⸗ klären konnte... Beim Schein des von Lucinden in ihr Schlafcabinet getragenen und da erſt von ihm ent⸗ deckten Lichtes hatte ſich ohne Zweifel der Dieb aus dem Staube gemacht... Die Gräfin mußte warnen, die Unterſuchungen auf dem Boden fortzuſetzen, da die Lichter hin und her flackerten... Jetzt erſt erkannte ſie, in welcher feuergefährlichen Nachbarſchaft ſie lebte—! .. Die Tuchhändler des Ghetto hatten hier ihre Vor— räthe an Tuch und Wolle liegen... Das Parterre war allerdings ſo verfallen, daß dem Beſitzer des Hauſes auf anderm Wege für dieſe Räume keine Miethe mehr wurde... Als es ſtill geworden, der Strick abgeſchnitten, die Schlöſſer und Riegel der Schränke unterſucht waren und alles wieder zur Ruhe ging, warf ſich die Gräfin in höchſter Aufregung auf ihr Bett und ließ ſich von den ſchreckhafteſten Bildern peinigen, die dieſen Ueberfall als wirklich vollzogen ausmalten... Und wenn er ſich wiederholte—? Wenn der Dieb wol gar im Hauſe, in den Zimmern noch ver⸗ ſteckt wäre 2... 4 Sie hatte ſich eingeriegelt und ihr koſtbares Käſtchen jetzt mit in ihr Schlafcabinet genommen. Allerdings lag es nahe, an ihre wunderlichen Han⸗ delsgeſchäfte, an ihren häufigen Verkauf von Pretioſen zu denken... Ihr aber bildeten ſich andere Vorſtel⸗ lungen... Sie dachte an die abenteuerlichſten Abſichten — ſie ſah einen Abgeſandten Fefelotti's, der ſich ihres Käſtchens bemächtigen ſollte... Die längſt ver⸗ bleichten Bilder Picard's, Hammaker's, Oskar Binder's tauchten mit friſchen Farben vor ihren Augen auf... Der Morgen erſt bot Beruhigung, der ermuthigende, alles belebende Sonnenſchein... Rings öffneten ſich die an jedem Fenſter in Rom angebrachten Mar⸗ kiſen, die ſich Lucinde freuen konnte dieſe Nacht nicht geſchloſſen gehabt zu haben; denn nur ſo hatte ſie hören können, was am Fenſter vorging... Von allen Bewohnern der Straße ſchien das nächtliche Ereigniß erörtert zu werden... Neugierige ſammelten ſich, blickten nach oben und disputirten... Noch einmal ſuchte man auf den Dächern die Spur des Diebes und fand noch manchen Ziegelſtein losgeriſſen und manchen alten leeren Blumentopf zertrümmert... Aber die Oeff⸗ nung, wo der Dieb niedergeſtiegen und entkommen ſein mußte, konnte in einer Häuſerreihe, welche ſich bis an Piazza Navona zog, nicht entdeckt werden.. Um ſechs Uhr kam eine Botſchaft, welche die Theil⸗ nahme Lucindens für jede andere Angelegenheit, ſelbſt für den Beſuch des Polizeimeiſters(natürlich eines Prälaten) und di entgege render ihr au Reiſe hochbe führen nicht Wien jahrel Neue Mah die l erkant ihre- N nehr neue ſie Herz Ceſt den den nehr Aug Frei in dem 411 und die Unterſuchung des von ihm als corpus delicti à inöch Lei⸗ entgegengenommenen und vielleicht auf Entdeckungen füh⸗ 1 renden Stricks zurückdrängte... Ihr Kundſchafter zeigte ares Käſtchen ihr an, daß Graf Hugo nach fünf Uhr in einem leichten Reiſewagen, welchen drei Pferde zogen und dem ſich ein hochbepackter vierſpänniger, Gepäck und Dienerſchaft führend, anſchloß, abgereiſt war... Paula war dere Virſte nicht zurückgeblieben... Sie folgte ihrem Gatten nach ſten Abſchter Wien... 3, de ſich So war denn die Entſcheidung erfolgt— das ängft ver⸗ jahrelang Keimende endlich zur Reife gediehen—... Neue Sterne— neue Bahnen... Paula folgte den g. Mahnungen ihres einſt gegebenen Jaworts und zahlte nuthigend die lang geſtundete Schuld der Ehe... Lucinde fj erkannte die ganze Tragweite dieſer Veränderungen; ihre Phantaſie ging über ſie noch hinaus... Nun galt es in Bonaventura's Leben die freigewordene Stelle ein⸗ nehmen... Und wie ergriff ſie die Aufgabe, die ihr ein neues Hoffen ſtellte—!... Entſchieden und offen wollte ſie den Geliebten vor den geheimen Conſpirationen der Herzogin und der Fürſtin warnen, die ſchon ſeine Heimat, Ceſtellungo, Neapel und die Verließe der Inquiſition in den Kreis ihrer Forſchungen gezogen zu haben ſchienen .. Scie wollte ihm den nächtlichen Ueberfall anzeigen, den ſie heute erlebt hatte und Veranlaſſung daraus ſeir nehmen, zunächſt die Urkunde einzuſiegeln und einen an Augenblick zu erſpähen, wo ſie Bonaventura bei ſeinem Freunde ſicher zu Hauſe fand... Auch ſie hielt ſich Theil⸗ in ſeiner Nähe einen Spion, einen Prieſter, welchen llöſt für dem fremden Kirchenfürſten ſeit einem halben Jahr —— —e· — 412 die Congregation der Biſchöfe zur Verfügung geſtellt hatte. Ihre tägliche Meſſe hörte ſie—„um es mit keinem zu verderben“— bald hier, bald dort... Sie kleidete ſich an und fuhr zunächſt an einen Ort in der Nähe des Ambroſi'ſchen Palaſtes, wo ihrer an jedem Morgen jener Prieſter harren und ihr ſagen mußte, wo ſie den Freund den Tag über ſehen könnte, was er begin⸗ nen, wo celebriren, wo in Geſellſchaft ſein würde... Der junge Abbate ſprang dann an den Wagenſchlag; ſie lehnte ihm ihr Ohr hin und erfuhr, wo ſie hoffen konnte Bonaventura zu begegnen... Heute hörte ſie zwei Nachrichten... Eine erfreuliche, die, daß beide Cardinäle dem großen Sprachenfeſt der Propaganda beiwohnen würden, ſie alſo Bonaventura ſehen könnte—... Dann eine erſchreckende— beide Cardinäle würden einen Ausflug nach Neapel machen... Es war Winterszeit und letztres ſchon glaublich... Konnte ſie aber nicht folgen? Konnte ſie nicht den neueſten Ausbruch des Veſuv ſehen wollen oder vom römiſchen Winter, der diesmal ſogar Eis gebracht hatte, gleichfalls vertrieben werden?... Andrerſeits ſah ſie mit zunehmendem Befremden die wichtige Rolle, die im Leben Bonaventura's Neapel zu ſpielen anfing—... Mit dieſen wichtigen Kunden fuhr ſie in die nächſte Kirche— die des Al⸗Geſu, in der eigentlich Jeder die Meſſe hören mußte, wenn er zum guten Ton, na⸗ mentlich zum triumphirenden der Reaction gehören wollte—... Während ſie dort, über ihre nächſten Entſchlüſſe 401 geſtelt Weiſe zu den Wiedergeborenen gehörte, ließ ganz ebenſo Terſchka gelten... Sie begrüßte ihn ohne jeden Schein einer Kritik und gab dem Pater Stanislaus die Ehre, die ſeinem Stande gebührte. Nur ein einziges nagendes Gefühl quälte Lucinden unausgeſetzt... Sie, die ſonſt die Reue als„unnütze Selbſtquälerei“ verwarf, bereute doch Eines... Es war ein Wort, das ihr einſt bei ihrer erſten Bekanntſchaft mit Cardinal Ceccone über den damaligen Biſchof von Robillante entfallen war:„Ich beſitze in meinen Hän⸗ den etwas, was ihn auf ewig vernichten kann!“... Daß ihr dies Wort hatte entſchlüpfen können, war nur möglich geweſen im erſten Rauſch über die ihr gewor⸗ denen neuen Erfolge— auch im Zorn nur über Bo⸗ naventura's damalige Abreiſe von Wien... Bonaven⸗ tura hatte ſie in einer Stadt, wohin ſie ihm verkleidet durch ganz Deutſchland nachgereiſt war, zurückgelaſſen, ohne ſich weiter um ſie zu kümmern.. Oft hatte ſie dieſe Aeußerung, die ſie auch aus Furcht vor den Drohungen des Grafen Hugo that, wenn ſie daran erinnert wurde, in Abrede geſtellt, hatte ihren Sinn harmlos zu deuten geſucht; aber Ceccone, Olympia, die Herzogin von Amarillas hatten die Aeußerung behal⸗ ten, oft wiederholt und ſo rückhaltlos wiederholt, daß — *8* ſie Fefelotti bekannt wurde... Dieſer, von Haß und wusſt Rache gegen Bonaventura ſeit Jahren unveränderlich eder d erfüllt, hatte der Vorgeſchichte Bonaventura's nach⸗ na⸗ , geſpürt, dem Verſchwinden ſeines Vaters, dem beraub⸗ ge ten Sarge auf dem Friedhof von Sanct⸗Wolfgang... Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 26 —y— 402 Nach ihrer fernern frühern Aeußerung:„Käme, was ich habe, zu Tage, ſo müßte der Unglückliche auf ewig in ein Kloſter!“ fehlte nicht viel, daß die ſeit dem Tode Benno's zu einem großen Schlage der Rache Verbundenen, Fefelotti, Olympia, die Herzogin, ſchon aus ſich ſelbſt heraus die volle Wahrheit trafen... Zu einer ſolchen Entſagung konnte nur Jemand gezwungen werden, der mit einem dem Prieſterthum widerſprechenden Makel behaftet war... Selbſt die Beſuche Terſchka's, ſein lauerndes Umblicken und grübelndes Schweigen ſchien dem Privatgefühl Lucindens, das von ihrer öffentlich geſpielten Rolle abwich, mit einer Verſchwörung gegen Bonaventura— ſogar mit ihrem Käſtchen in Verbin⸗ dung zu ſtehen... Bonaventura war noch in Rom— mannichfach be⸗ gnadet und höher noch gehoben, als er ſchon ſtand .. Im Sommer angekommen, hatte er ſeine Mutter ſterbend gefunden, ſie aus dem Leben ſcheiden ſehen, von ſeinem Stiefvater, der dann nach Deutſchland zurückkehrte, Abſchied genommen und eben nach Neapel reiſen wollen, als er durch einen jener plötzlichen Ein⸗ fälle, welche an dem inzwiſchen wieder auf den Stuhl Petri zurückgekehrten Statthalter Chriſti alle Welt kannte, zum Cardinal erhoben wurde... Quid vobis videtur? hatte es aus des heiligen Vaters Munde im Conſiſtorium geheißen und alles blickte auf Fefelotti... Die alte Regel, zu ſolchen perſönlichen Willensacten des Papſtes zu ſchweigen und ihm die volle Gerechtſame ſeines Her⸗ zens zu laſſen, Cardinäle nach eigener Gemüthsregung zu ernennen, wurde auch hier innegehalten ſo ſehr ſich —Añ— e, was ich ff wig in den Tode erbundenen, ſih ſelbſt ner ſolchen in, der m Makel a?, ſein a ſchien r ifentlich rung gegen in Verbin⸗ Deutſchland ich Neapel den Stuhl ellt kannte, videtur? enſiſtorium Die alle es Papſtes eines Hel äthsregun ſo ſeh ſih die Zeiten verändert und die Porporati den Charakter einer Ständekammer angenommen hatten, aus deren Majorität weltlichverpflichtete Miniſter kamen... Die Trauer eines Sohnes um ſeine Mutter war die nächſte Urſache dieſer Erhöhung... Ein Erzbiſchof mußte hierher nach Rom zu ſolchem Leide kommen——! Der heilige Vater konnte ihm dafür nur den Purpur ſchenken.. Fefelotti ſchäumte vor Wuth über die ewigen„Rück⸗ fälle“ des„unverbeſſerlichen Schwärmers“, der die dreifache Krone trug... Er ſtürmte zu Lucinden, warf ihr die Veränderung ihrer Geſinnungen für den Ver⸗ haßten vor, reizte ſie durch Paula's Glück, die gleich⸗ falls in Rom war, und verlangte von ihr geradezu — jenes Gewiſſe, das ſie gegen die„Creatur einer ihm feindlichen Partei“, wie er Bonaventura nannte, ſeit Jahren in Händen hätte... Die düſtern ſchwarzen Augenbrauen zuſammenziehend ſtellte Lucinde ihre ehemalige Aeußerung wiederholt in Abrede... Jetzt zumal, wo ſie mit Bonaventura auf dem Fuß neuer Hoffnungen ſtand... Ihre Jahre ſchreckten ſie nicht—... Sie hatte die drei verbun— denen Freunde Bonaventura, den Grafen Hugo und Paula nicht aus dem Auge verloren... Sie beobachtete ſcharf... Sie hatte in Erfahrung gebracht, daß ſich im Herzen dieſer drei Verbundenen große Kämpfe voll⸗ zogen; Bonaventura ſprach für die Wünſche des Gra⸗ fen, der ganz nach Wien überſiedeln oder wieder in Militärdienſte treten wollte... Paula ſtand an einem 26* Scheidewege— ob Rom, ob Wien... Ging ſie nach Wien, ſo waren die Würfel gefallen— Dieſe Ehe hatte dann ihre natürliche Ordnung gefunden... Und Bo⸗ naventura—?... Lucinde war ſo erregt von dem Ge⸗ danken, Bonaventura wäre als Cardinal nun an Rom gebunden, müſſe dann und wann von Coni herüber kommen, könne ſich ihr, ihrer Macht, ihrem Einfluß nicht entziehen, daß ſie Fefelotti mit Indignation von ſich wies und dieſen Gegenſtand nie wieder zu er⸗ wähnen bat.. Auffallend war es, daß der neuernannte Cardinal, dem am Tage der Uebergabe des Purpurhutes eines der erſten Fürſtenhäuſer Roms die üblichen Honneurs machte — Olympia, die Herzogin von Amarillas wohnten dieſen Feſten nicht bei— doch noch ſo lange in Rom verblieb... Der Herbſt war gekommen— ſogar auf den Winter kehrte der jüngſte der Cardinäle immer noch nicht nach ſei⸗ nem Erzbisthum zurück... Niemand wußte die Veran⸗ laſſung dieſer verzögerten Abreiſe... Bonaventura ſelbſt ſchützte für ſein Bleiben Studien über Rom vor... Sein einziger Umgang war Ambroſi und die Saleni⸗ Camphauſen'ſche Familie... Selbſt als es mit Olympia zu den unangenehmſten geſellſchaftlichen Reibungen kam, blieb dennoch Bonaventura bis in das neue Jahr hinein ... Er will den Carneval ſehen! hieß es... Man beruhigte ſich ſcheinbar, nur Fefelotti umgab ihn mit Spionen... Auch Lucinde forſchte... Ganz leiſe hatte ſie einige Fäden von einem Verkehr aufgegriffen, welchen der neue Cardinal mit Neapel, ja mit dem Silaswalde 413 ng ſie nach brütend kniete, ſaß Bonaventura in den düſteren Zimmern ſe Ehe hatte des Katakombenpalaſtes in der That voll tiefſter Trauer... . Und Be⸗ Die Unfähigkeit des Grafen, länger ſeine Liebe zu on dem Ge⸗ beherrſchen, hatte im Wettkampf dreier Herzen den Sieg davongetragen... Noch vor einigen Tagen hatte Paula vom Eintritt in ein Kloſter geſprochen—... Der Tod der Präſidentin von Wittekind war unmittelbar und in der ganzen Herbigkeit eines ſich nur ungern dem Geſetz der Natur bequemenden Scheidens von den Freunden miterlebt worden—... Nun erfuhr Bonaventura, gardinal, daß das ſtille Gute Nacht! des geſtrigen Abends der Höhe ſeines Lebens gegolten hatte... Nun konnte es nur noch abwärts gehen... Es war zwiſchen den Freunden ſo verabredet worden, daß ſie ſich ganz ohne Abſchied trennten... kte Die nächſte Zerſtreuung, die nächſte Füllung der ſa⸗ Lücke ſeines Innern bot die Reiſe nach Neapel... . Ambroſi kannte jede Beziehung im Leben ſeines Freundes... Als Bonaventura's Mutter geſtorben war, ging eine Anzeige dieſer Entſcheidung in den Silaswald Bonaventura würde die Botſchaft ſelbſt überbracht haben, hätte ihn nicht noch des Präſidenten Gegenwart und tiefſte Betrübniß zurückgehalten— dann, als der Präſident abreiſte und nun der Vater, wenigſtens für ihn, auferſtehen, der Sohn ihm an die Bruſt ſinken konnte, ſeine Ernennung zum Cardinal... Federigo's Abſicht, ſelbſt nach Rom pilgern zu wollen, hatten die Freunde nicht erfahren können. .. ſe hatte Ji Denn die jeſuitiſche Reaction, die mit dem Jahre 1849 welczen de 1 über Europa hereinbrach, drang ſelbſt bis in jenen dunkeln Winkel eines calabriſchen Waldes und machte den Einſiedler zum Gefangenen... Monſignore Cocle, Bevollmächtigter Fefelotti's, hatte jene Verſammlung des 20. Auguſt geſprengt und ſämmtliche Ketzer des Silas⸗ waldes feſtnehmen laſſen... Ambroſi mußte das Aeußerſte aufbieten, Bonaventura von unüberlegten Schritten zurückzuhalten... Sofort nach Neapel zu reiſen, dort an die Pforte der In⸗ quiſition zu klopfen, wie Bonaventura wollte— es war für einen Cardinal und Erzbiſchof unmöglich, falls nicht davon zu gleicher Zeit Vater und Sohn die größ⸗ ten Nachtheile haben ſollten... Ambroſi kannte aber den Haß der Dominicaner gegen die Jeſuiten, die In⸗ quiſition gehörte jenen; er zog den General⸗Inquiſitor ins Vertrauen... Pater Lanfranco wirkte in der That im günſtigſten Sinne nach Neapel... Bald wurde, zur Wuth der Jeſuiten, der alte Negrino freigegeben, ſelbſt Paolo Vigo ſollte unter gewiſſen Bedingungen zu Oſtern das Sacro Offizio verlaſſen... Von Frä Federigo ſowol wie von dem, auf Betrieb der Jeſuiten, aufs heftigſte von den Franciscanern reclamirten Huber⸗ tus hieß es, beide würden nach Rom geſchickt werden, ſo⸗ bald die Acten ſpruchreif wären und den letzten Spruch ſollte dann das heilige Officium von Rom fällen. Alles das wurde allerdings in einem Stil verhandelt, wie er den in ſolchen Fällen ehemals üblichen Scheiterhau⸗ fen entſprach... Im geheimen gab aber Pater Lanfranco die Verſicherung, daß ſchon bis zur Weihnachtszeit beide Gefangene in Rom ſein würden; ſchon jetzt würden ſie beſſer gehalten, als jemals andere in ähnlicher Lage... und machte nore Cocle, umlung des des Silas⸗ onadentura „Sofort 3 te dr In⸗ G ngungen zu Von Fra r Heſuten, ten Huber⸗ 415 Alles das geſchah aus Achtung vor den Empfehlungen zweier Cardinäle und vorzugsweiſe den Jeſuiten zum Trotz—... Eine ſofortige Unterbrechung der üblichen Proceduren war nicht möglich... Federigo galt für einen Waldenſer, war beſchuldigt, Proſelyten gemacht zu haben, Bonaventura mußte ſich ergeben in Das, was zunächſt nicht zu ändern war. Ambroſi bat den Freund in Rom auszuharren. Er beſchwor ihn, ſein Intereſſe für den unglücklichen Vater nicht zu ſehr zu verrathen— unfehlbar würde er ihn damit nur verderben—... Die beiden Frauen, die vor Jahren die maßloſeſten Huldigungen vor dem Biſchof von Robillante zur Schau getragen hatten, ſaßen jetzt im Palaſt des alten, zum ſchäbigſten Wucherer ge⸗ ſunkenen Rucca, auf Villa Tibur und Torreſani, und erſannen nichts als Kränkungen für einen Prieſter, deſſen Erhöhung ſie nicht hindern konnten... Die Herzogin hatte ſich dem Präſidenten mit kalter vornehmer Haltung als ſeine Stiefmutter vorgeſtellt... Obſchon Erbin eines Vermögens, das Friedrich von Wittekind ſeinem natür⸗ lichen Bruder ausgeſetzt hatte, gab ſie ſich doch die Miene, dieſe Mittel nicht zu bedürfen... Beide Frauen waren jetzt verbunden mit Fefelotti... Sie ſahen Terſchka bei ſich, ſie hatten Geheimniſſe, die ſelbſt die ſchlau aufmerkende, freilich immer ſanft erſchei⸗ nende, immer demüthig ergebene Gräfin Sarzana nicht erfuhr... Ambroſi bat, alles ſeiner Führung und der nächſten, ſicher nicht zu entfernten Zeit zu über⸗ laſſen... Mit Ambroſi war jener Austauſch der Freundes⸗ —— 416 beichten, von welchem ſie vor Jahren geſprochen hatten, wirklich erfolgt... Einer ſah auf den Grund des andern... Ja— Ambroſi war ein Schüler Federigo’s und nur glücklicher, als Paolo Vigo... Ambroſi war ein Märtyrer geworden— um einſt mehr zu ſein, als ein Mönch... Was iſt ein Dorfpfarrer, ſagte er in der That, ganz nach Bonaventura's Ahnung, der mit einem Biſchof einen Streit beginnt!... Nur ein mit dem Papſte Streit beginnender Biſchof refor⸗ mirt die Kirche!... Das war ſeine Loſung... Die politiſchen Stürme unterbrachen ſeine Entwickelung, aber die Stunde reifte... Vor dem 20. Auguſt 18** hatte auch er dem Bruder Federigo geloben müſſen, nichts zu ſein, als Katholik wie die andern... Bonaventura hatte dem Freunde offen geſtanden, wer Federigo war... Mehr noch— er hatte ihm ge⸗ ſagt, daß ihm— die Taufe fehlte... Getauft biſt du mit dem Geiſte Gottes! war die Antwort des mu⸗ thigen Prieſters, der ihm ebenſo offen geſtand, er hätte ſein Leben daran gegeben— einſt Statthalter Chriſti zu werden... Sein Gebet um Kraft und Ausdauer war nichtsdeſtoweniger ein reines, ein aufrichtiges... Er brauchte ſeine Tugend nicht zu heucheln... Einmal nur ſtrauchelte er, als Olympia von ihm geſagt hatte, ſeine Lippen hätten im Beichtſtuhl ihren Mund berührt ... Ach, er hätte ſie geliebt! geſtand er dem Freunde. Er hätte ſein Bekenntniß darüber, als er beſtraft wer⸗ den ſollte, nicht zurückgehalten— Aber— ſeltſam! ſelbſt dieſer Fanatismus, dem Geiſt einer Sache, nicht ihrem Buchſtaben wahr ſein zu wollen, hätte ſich ochen hatten, Grund des er Federigo's . Ambroſi aſt mehr zu Dorfpfarrer, a's Ahnung, 1... Nur ziſchif refor⸗ .. Die ttln ng, äber Geidoſt w vort des mu⸗ and, er hätte zalter Chriſi dusdauer war „Er Einmal nur hatte, ſine und berührt dem Freunde beſtraft wel⸗ — eltſant Sahe, richt , lüte ſ 417 ihm in Segen verwandeln müſſen— für um ſo heiliger hätte man ihn ſeitdem gehalten—!. u Bona⸗ ventura ſagte: Die Welt erkennt na Heilige, wenn es ihrer nur gäbe—!— ſo überhoben ſich beide nicht — ihr Sinn war der der Läuterung, Demuth und Entſagung— Die Rettung vor katholiſchen Kirche iſt ein allgemei⸗ nes Concil... In deſſen Hände legt der Statthalter Chriſti ſeine Gewalt nieder—... Das war ihre Loſung und beide liebten das Kreuz... Daß die Religion nicht Philoſophie ſein könne, verſtand ſich ihnen ebenſo von ſelbſt, wie, daß der Katholicismus nicht zum Luther⸗ thum übergeht... Der treuverbundene Freund hatte dem Trauernden, deſſen Liebe zu Paula aufs tiefſte aus den eigenen Ent⸗ behrungen ſeines Lebens von ihm nachgefühlt werden konnte, unausgeſetzt Nachrichten vom Vater aus Neapel gebracht, hatte ihn um Mäßigung gebeten, hatte alles gethan, um die Ungeduld des Sohns von übereilten Schritten zurückzuhalten... Bis zur Weihnachtszeit wollte ſich Bonaventura zufrieden geben... Aber die Roratemeſſen kamen, die Weihnachtskrippen, das neue Jahr brach an— die Gefangenen kamen nicht. Nun wollten ſie allerdings beide ſelbſt nach Neapel... Den Vormittag des 6. Januar brachte Bonaventura mit geſchäftlichen Briefen zu, die an ſein erzbiſchöfliches Kapitel gerichtet werden mußten... Er ſpeiſte alleii— Ambroſi war auswärts und durch ſein Amt bis über Mittag gehindert... Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 27 Als Ambroſi zurückkam, begleitete er den Freund zur Piazza d' Espagna, wo die Miſſionäre der Propaganda ihr großes Sprachenfeſt hielten... Dort mußten ſie Pater Lanfranco finden... Er⸗ theilte ihnen dieſer keine Beruhigung, ſo wollten ſie am nächſten Morgen nach Neapel reiſen. Der Saal war überfüllt... Alle Welt ergreift in Rom die Gelegenheit, Würdenträger der Kirche in reicher Anzahl verſammelt zu ſehen... Erſchienen ſie hier auch nicht in ihren großen außergewöhnlichen Pracht⸗ gewändern, ſo trugen doch viele ihre regelmäßigen Ordenskleider... Griechen, Armenier, Kopten, Maro⸗ niten befinden ſich immer in ihren eigenthümlichen Trachten... Auch für den Freund der Phyſiognomik gibt es ſchwerlich einen intereſſanteren Genuß, als ſoviel markirte Prieſterköpfe zu ſtudiren... Bonaventura und Ambroſi kamen an, als die Feier⸗ lichkeit ſchon im Gange war... Die Schüler der Propaganda, jüngere und ältere Scholaren, darunter manche bereits geweihte Kleriker, ſprachen in all den Zungen, in welchen ſie einſt auf Miſſionsreiſen die Botſchaft des Heils zu verkündigen hofften... Wenigſtens konnten Proben von einem Viertelhundert Sprachen vernommen werden... Ein erhabener Gedanke— ergreifend ſeine Bedeutung — aber die Ausführung brachte Späße mit ſich ... Drollig erklang es dem italieniſchen Ohr, wenn ihm Slaviſch geſprochen wurde... Ambroſi hatte Bo⸗ naventura in eine Falle gelockt... Er wollte ihn auf— heitern... Als beide ankamen, lachte die Verſammlung —— 419 en Freund zur grade über die Art, wie ſich eine Lobpreiſung des Höch⸗ er Propaganda ſten im Polniſchen ausnahm... Bonaventura glaubte anfangs in einen Concertſaal den.. Er⸗ zu treten... Bald entdeckte er die kleine Fürſtin vollten ſie am Rucca, die in eleganteſter Toilette neben ihrem Erco⸗ lano ſaß und ſo vertraulich mit dieſem lachte, als hätte die elt ergreift in zehnjährige Epiſode ihres Lebens mit Benno gar nicht Kirche in ſtattgefunden... In einer geſtickten ordenüberladenen Uni⸗ Erſcienen ſie form ſaß Ercolano, lorgnettirte die Damen und klatſchte wie llichen Pracht⸗ im Theater mit ſeinen hellen Glageehandſchuhen Beifall, regelmäßigen 6 wenn eine gewandte Zunge raſch über die ſchwierigen Paſ⸗ en, Maru⸗ ſagen der fremden Idiome hinwegkam... Neben Olym⸗ 7 pien ſaß zur andern Seite die Herzogin von Amarillas mlichen mit ſchneeweißen Haaren; ſie blickte mit unverſöhnlichem Phyſiognomik ſoviel Groll auf Bonaventura... Olympia beugte ſich de— muthsvoll dem Cardinal Ambroſi und verzehrte ihn noch als die Feier⸗ jetzt mit ſüßlächelndem Gruß— eine Geberde, die 3 ihr auch jetzt noch angenehm ſtand; gegen Bonaventura „ und ältere dagegen verwandelte ſie die ſüßen Züge in jene ihr bte Alerier, eigne plötzliche Kälte und verneigte nicht einmal ihr g. en auf Haupt, wie dies die Herzogin doch beiden that... ha 4 Gräfin, Sarzana fehlte nicht... Sie hatte in ihrer 6 E Nähe ſo viele, die ſich mit ihr unterhielten, daß ihr don Olympia ſchon neidiſche Blicke zuſchoß... Der Tadn von Ambroſi den Freunden beſtellte Sitz war zufällig dem e Sedeänee der Gräfin Sarzana ſo nahe, daß ſie mit Bonaventura e m ig einige Worte wechſeln konnte... Natürlich galten dieſe Ohr, um der Abreiſe Paula's... Schließlich ſagte ſie: i hatr Lo Morgen in der Frühe, um zwölf Uhr— find ich lite ihn alf Sie da in Ihrer Wohnung, Eminenz?.. Zu keinem zexſammlung 27* Beſuch... Nur einen gewiſſen Gegenſtand wollt' ich an Ihrem Portal abgeben und eine Beruhigung über den richtigen Empfang haben... Und denken Sie ſich — dieſe Nacht ſollte— bei mir—.. Ein ſchallendes Gelächter machte ſoer fernere Rede für Bonaventura unhörbar... Ein Neger hatte eben madagaſſiſch geſprochen und Gurgeltöne hervorgebracht, die noch kaum der menſchlichen Sprache anzugehören ſchienen—. Bonaventura war über Lucindens Arnblick, ihre Rede, ihr Bedauern wegen Paula's ergriffen.. Welche glänzende Toilette hatte die Gräfin gemacht.—. Sie trug ein ſchwerſammetnes Kleid von dunkelrother Farbe... Arme und Hals waren frei... Den allzu grellen Effect milderte ein ſchwarzer um den Hals feſt⸗ zugehender Spitzenüberwurf... Um den Nacken ſchlang ſich eine Kette von ſchwarzen Perlen— mit jenem gol⸗ denen Kreuze, das ſie nie ablegte... Hier und da war ihr Haar ſchon grau; ein kleines ſchwarzes Spitzentuch, das an beiden Seiten mit Brillantnadeln feſtgehalten wurde, lag darüber... Die unter den Spitzen vor⸗ ſchimmernden immer noch wohlgerundeten braunen Arme trugen am Handgelenk kleine zierlich gewundene Schlan⸗ gen aus ſchwarzer Lava... Vorzugsweiſe ſchien Fürſt Ercolano die Claque zu leiten... Eine Cöterie ihm ähnlich aufgeputzter Dandies ſchlug auf ſeinen Wink die Hände zuſammen, ſo oft eine halsbrechende Paſſage ohne Stocken von den Lippen der Sprecher glitt, unter denen ſich Neger und Malaien be⸗ fanden... Selbſt das heilige Hebräiſch fand keine Gnade tand wollk' ich eruhigung über denken Sie ſich fernere Rede er hatte eben bracht, ren ſo oft eine „Lippen der 421 vor den Ohren dieſer Zuhörer, denen die andächtiger geſtimmten Fremden ſchon zuweilen ziſchen mußten Frreilich klangen einzelne Sprachen komiſch genug; andere deſto melodiſcher; z. B. Türkiſch... Als türkiſch geſprochen wurde, ſchlug Gräfin Sarzana die Augen nieder... Fürchtete ſie, um Abdallah Muſchir Bei beobachtet zu werden—?... Das Arabiſche klang ſchroff, raſch,„wie Roſſeshufſchlag“*)... Ein ſyriſcher Prieſter ſprach kurdiſch; in ſanftem Wellenſchlag floſſen oft die Idiome der wildeſten Völ⸗ ker... Dunkel dagegen und trübe erklangen die Sprachen des Nordens, das Engliſch der Irländer und Schotten... Einige förmliche Wettreden wurden auf⸗ geführt, an denen mehrere Sprecher theilnahmen... Auch das Holländiſche wurde hörbar— Deutſch durch den rauheſten oberbairiſchen Dialekt, der nicht im min⸗ deſten Anklang fand und vorzugsweiſe von Olympien lächerlich gefunden wurde, indem ſie höhniſche Blicke auf Bonaventura warf... Ein unverkennbarer Blick aus den Augen der Gräfin Sarzana ſagte: Sprächeſt Du das Deutſche, ſo wär' es Wohllaut und die Sprache der Götter!. Die Stimmung, in welcher ſich Bonaventura befand (vor ihm lagen die Fenſter der von Paula heute ver⸗ laſſenen Wohnung; ſie waren geöffnet, mit Spuren der Abreiſe ihrer bisherigen Bewohner) beſtimmte ihn, ihrem Blick durch milden Ausdruck des ſeinigen zu erwidern . War es eine durch die deutſche Sprache geweckte *) Neigebaur:„Der Papſt und ſein di. 422 Rührung beim Gedanken an die Heimat, beim Hinblick Lobg auf alles, was ſein Leben, das Leben ſeiner Nachbarin ſeine auf dem Boden des Vaterlandes ſchon durchlaufen hatte und wie ſie beide das Gewand einer fremden Nationa⸗ laii lität angezogen hatten und jetzt in der That durch ihre Lage Verbundene waren— oder welches andere Gefühl Vo ihn ergriffen haben mochte— ſein Blick blieb voll Milde nei und Antheil... Lucinde hätte gewünſcht, die Rückgabe der Urkunde ſchon für heute angeſagt zu haben... din Sie ſuchte nach einer Gelegenheit, ſich ihm verſtändlich zu machen und hatte ihn auf alle Fälle wegen Neapels ar zu befragen—... d Vor Bonaventura ſaßen mehre Mönche in ſchlichten E Ordensgewändern... Unter ihnen befand ſich Pater Lanfranco, der Gene⸗ hõ ral der Dominicaner... de Ambroſi blinzelte ſeitwärts auf Bonaventura und ü flüſterte ihm die Bitte, an den General keine Frage wegen Federigo's zu richten... Neben dem General ſaßen zwei fremde, wie es ſchien, angeſehene Weltprieſter, denen. d ſich anmerken ließ, daß ſie zu den Affiliirten der Jeſuiten 1 n gehörten... Römiſchkatholiſche Geiſtliche haben darin einen Blick, der ſich ſelten täuſcht... Pater Lanfranco in ſeiner weißen Kutte ſaß mit ge⸗ b beugtem Haupte, unbeweglich; am kahlen Scheitel-war erſichtlich nur ſein Gehör in Thätigkeit... Ein d ſüdfranzöſiſcher Kopf, ſcharf ausgeprägt... Ein Schädel nicht rund, eher länglich und nach oben viereckt aus⸗ laufend, wie die getrocknete Feige... Bei einem ÿÿ — u Hinblic Nachbarin laufen hatte n Nationa⸗ durch ihre ere Gefühl voll Milde e Rückgabe aben. verſtändlich en Neapels ſchlichten ntura und rage wegen eral ſaßer eſter, denen er geſuiten ben darin 423 Lobgeſang auf Maria in provencaliſcher Sprache wurde ſeine unbewegliche Geſtalt lebendiger.. Ein italieniſcher Zögling trat auf und ſprach ma⸗ laiiſch— die Abwechslung blieb die bunteſte—... Als der Redner in ſeinem wunderlich lautenden Vortrag ſtockte, ſagte einer der Nebenmänner des Ge⸗ nerals: Im Sacro Officio ſollen Ihre Brüder in Neapel einen Mönch haben, der dieſe Sprache beſſer verſteht!... Sie kommt mir vor, entgegnete Lanfranco in fremd⸗ artigem Italieniſch, als balancirte ein Jongleur auf der Lippe mit geſchliffenen Meſſern; da kann wol eins zur Erde fallen.. Bonaventura konnte nicht den Namen Neapels nennen hören ohne aufzuhorchen... Noch dachte er nicht an den Bruder Hubertus, deſſen ehemaliges Leben in Java ihm bekannt ſein durfte. Nach einer Weile wurde auch ein auf dem Programm verzeichneter holländiſcher Vortrag gehalten, für welchen der General der Jeſuiten, ein Holländer, competent ge⸗ weſen wäre— er war nicht anweſend... Dieſe Probe ging geläufiger.. Der General der Dominicaner ſagte zu ſeinem Ne⸗ benmann: Iſt Ihr Malaie nicht auch mit dem Holländiſchen vertraut?... Gewiß! ſagten ſeine beiden Nebenmänner zu gleicher Zeit und einer fügte hinzu: Jener Bruder Franciscaner, der vor Jahren den Pasqualetto erſchoß... 424 Bonaventura, erkennend, daß von Hubertus die Rede war, wollte ſich in die Unterhaltung einmiſchen, and als ihn Ambroſi mit einer heimlichen Handbewegung zurückhielt... da Merkt Ihr denn nicht, mein Freund, flüſterte er üt ihm zu, daß es nur darauf abgeſehen iſt, Ihre Auf⸗ merkſamkeit zu erregen?... be In der That warfen die beiden Weltgeiſtlichen flüchtig ſchielende Blicke auf die hinter ihnen Sitzenden und tru⸗ n gen ihre Plaudereien ſo ſtark auf, daß Ambroſi's Ver⸗ 3 dacht ſich beſtätigte... Der General ſchien wie Ambroſi zu denken und ſchwieg... Doch nun wurden von ſeinen Nebenmännern auch die ſ Ketzer des Silaswaldes erwähnt... Frä Federigo's d Name fiel, für beide, Bonaventura und Ambroſi, ein elektriſcher Schlag... Immer wieder unterbrach der Redeactus, das Beifall⸗ klatſchen und Lachen, das Blättern in den Programmen eine Unterhaltung, die der General offenbar auf andere Gegenſtände zu lenken ſuchte, als die waren, an denen ſeine Nebenmänner feſthielten... Jetzt ſagte der Geſprächigſte, der dem General zur Linken ſaß: Eure Gnaden werden am beſten die Bücher leſen können, welche bei jenem Hexenmeiſter im Silaswald ge⸗ funden wurden; die meiſten verbrannte er in ſeiner Hütte... Sie ſind in provencaliſcher Sprache ge⸗ ſchrieben... 425 Sind die Gefangenen eingetroffen? fragte jetzt der andere... Ich hörte bei Monſignore Cocle, fuhr der erſte fort, daß Einer von ihnen kaum die Anſtrengung der Reiſe üſterte er überleben wird... hre Auf⸗ Dennoch ſind ſie da! ſprach Lanfranco ſcharf und beſtimmt und ſchnitt damit das Geſpräch ab... Kflüchtig Die Wirkung dieſer Worte, wurden ſie nun in berech⸗ und tru⸗ neter Weiſe ſo betont geſprochen oder nicht, war keine ſis Ver andere, als daß ſich Bonaventura ſofort erhob und zum Gehen Bahn machte... Das Aufſehen dieſer Entfernung, der ſich auch und Cardinal Ambroſi anſchloß, war allgemein... Jetzt ſah man recht, wie dieſe beiden Prieſtererſcheinungen das Intereſſe der römiſchen Geſellſchaft bildeten... Für ihren hohen Rang zwei noch ſo jugendliche und männlich ſchöne Geſtalten... Der eine ſchlank und Beial⸗ ernſt wie die Cypreſſe, der andere blühend wie ein ronmmn Roſenſtrauch... Von manchem Maler, mancher eng⸗ liſchen Touriſtin, wurden ihre Züge verſtohlen aufge⸗ if andere. G. w eren fangen... Beide ſenkten ihre Augen... Jener, um m a nur ſeiner Sinne mächtig zu bleiben und im über⸗ dl Er füllten Saal nicht ohnmächtig zu werden; dieſer mit der ihm eignen lächelnden Schüchternheit, die ihm ſelbſt in ſeinem jetzigen reiferen Alter geblieben war.. Der Salonwitz nannte beide Freunde die„Inſéparables“, andere„Caſtor und Pollux“, andere„Oreſt und Pylades“ — natürlich mit jenen verdächtigen Nebenbeziehungen, die dem katholiſchen Prieſterſtand zur Strafe anhaften werden, ſolange er das Weib verſchmäht... 426 1 Im Vorſaal wurde dem Cardinal Ambroſi von einem Dominicaner ein Brief übergeben... Er erbrach ihn raſch... Als die beiden Niegeue in ihrer alterthümlichen ver⸗ goldeten Kutſche ſaßen, gab Ambroſi den Brief an Bo⸗ naventura... Er enthielt die Worte: „Die Männer von Calabrien ſind angekommen... Dem Beſuch des Erzbiſchofs von Coni bei ſeinem Diö⸗ ceſanen, dem Einſiedler von Caſtellungo, ſteht nichts im Wege— Leider findet er den Mann, trootz aller ärzt⸗ lichen Bemühungen, dem Tode nahe.... Zum Vatican! rief Bonaventura dem Kutſcher mit fieberhaft zuſammenſchlagenden Zähnen... Beruhige dich—! ſprach Ambroſi und zitterte doch ſelbſt... Wir treffen ihn ſterbend—!.. Wie ich geahnt! — Meine Strafe—!... Ambroſt verſuchte Hoffnungen auszuſprechen... Die Stimme verſagte ihm... Wie eine Mutter nach ihrer Geburtsſtunde von Fieberſchauern erſchüttert wird, ſo lag Bonaventura in Ambroſi's Armen... Selbſt dem Befremden, das Ambroſi über die Reden der bei⸗ den Geiſtlichen aus Neapel auszudrücken verſuchte, konnte ſein Ohr nicht mehr achten.. Der Wagen jagte über den Corſo, der Tiberbrücke zu und zum Vatican—... Für viele der beim Sprachenfeſt Zurückgebliebenen hatte die Sitzung durch die Entfernung der beiden ge⸗ feierten jungen Cardinäle ihr Intereſſe verloren... Da ſie nicht wiederkamen, ſo entfernten ſich auch andere 427 DScogar Olympiens Wagen und der der Herzogin rollten bald dahin... Vor ihnen hatten ſich ſchon die beiden Weltgeiſtlichen entfernt... Nun ging auch der General der Dominicaner. Lucindens ſcharfes Auge beobachtete wohl, wie alles das in irgend einem Zuſammenhange ſtand, wie irgend etwas vorgefallen ſein mußte, was erſchütternd in das Leben ihres Heiligen griff... Was konnte es ſein—! Ihr konnte etwas verloren gehen—?.. Was hatte Olympia im Werk?... Auch ihr war nur ein flüchtiger Gruß von ihr zu Theil geworden—... Schon oft hatte auch Olympia nach dem Inhalt ihres Käſtchens verlangt—... Schon oft hatte auch ſie von den Geheimniſſen der Inquiſition geſprochen und ihre Thorheit verwünſcht, die ſie vor Jahren die Dominicaner, um Bonaventura's willen, beleidigen ließ—... Lucinde, hochaufgeregt, erhob ſich... Daß ſie am Palaſt der Katakomben halten und durch ihren Bedienten hinaufſagen ließ: Gräfin Sarzana erkundige ſich, ob Seine Eminenz ein Uebelbefinden betroffen hätte? war in der Ordnung... Sie erfuhr, daß beide Cardinäle noch nicht zurück waren... So konnte der Geſundheit des Freundes nichts Be⸗ denkliches begegnet ſein—... Sie ſann den Gründen ſeiner ſchnellen Entfernung vergeblich nach und verlor ſich in Vorſtellungen wun⸗ derlicher Art... Und wie es dem Menſchen geht, daß er ſeine eigne Betheiligung am Schickſal andrer nur allein vor Augen hat und, ſei's im guten oder ſchlimmen 428 Sinne, dieſe übertreibt, ſo ſtand ihr auch nur ihr Ge⸗ heimniß über Bonaventura's Taufe vor Augen.. Es iſt entdeckt—! ſagte ſie ſich... Sturla wußte davon... Es fehlt noch die authentiſche Beſtätigung — die Urkunde aus meiner Hand—!... Man wollte ſie ſchon dieſe Nacht ſtehlen—... Sie hätte ihm Leo Perl's Brief noch heute zurückgeben mögen... Bei alledem— welch glückliche Beziehung ſchien ſich nun doch, ohne Paula, wiederherzuſtellen—!... Die Wonnen eines liebenden weiblichen Herzens ſind nicht zu ermeſſen... So nur allein am Fenſter des Geliebten einige Minuten harren, ſo nur die Kunde empfangen zu dürfen, man würde die Anfrage ausrich⸗ ten— er kommt— er denkt an dich— er beſinnt ſich auf den gewiſſen Gegenſtand— er lächelt— er erinnert ſich der beiden Abſchiede, die ich von ihm nahm, jener beiden Male, wo ich vor ihm auf der Erde lag— alles das ſchon allein kann eine Welt des Glücks für ein wahnbethörtes, für die größten Lebenshoffnungen von kleinen Almoſen zehrendes Herz werden... Die Gräfin kam in ihre heute aus Beſorgniß dop⸗ pelt erhellte Wohnung gerade zur rechten Zeit, um ſich mit dem Monſignore Vice⸗Camerlengo, dem Gouver⸗ neur von Rom, zu verſtändigen... Auch dieſer Be⸗ amte war ein Prieſter... Er ertheilte den im Kirchen⸗ ſtaat in ſolchen Fällen üblichen Beſcheid: Laſſen Sie es auf ſich beruhen, Eccellenza—! Entdeckt man die Sache, wie ſie iſt, ſo könnte es— noch ſchlimmer werden!... Lucinde kannte Rom... Der hohe Prälat blieb 429 eine Weile zum Plaudern; dann war ſie allein— frei — ſchloß ſich in ihr Zimmer ein und begann den Brief, der die Urkunde begleiten ſollte... Sie hauchte in dieſe Zeilen ihr ganzes Leben.. —— 13. Beſucht man in Rom die Peterskirche, läßt ſich ihre geheimen Kammern aufſchließen, die gleich fürſtlichen Antichambren eingerichteten Sakriſteien, und ſchreitet man dann über einen kleinen, der deutſchen Nation uralt an⸗ gehörenden Kirchhof und an Gebäuden vorüber, in de⸗ nen die Wäſche des heiligen Vaters und das Leingeräth zum Kirchengebrauch im Sanct⸗Peter gereinigt und ge⸗ trocknet wird, ſo findet man in einer engen menſchen⸗ leeren Gaſſe ein unſchönes Eckgebäude mit kleinen, un⸗ regelmäßigen Fenſtern— ein Gebäude, das einer alten Kaſerne gleicht... Ein unförmliches Thor ſieht vollends dem Eingang zu einer Feſtung ähnlich... Im düſtern Hofe befindet ſich ein Wachtpoſten... Man gefällt ſich in Rom darin, dies Gebäude der Welt als ein ſolches zu zeigen, das ſich gleichſam überlebt hätte... Es iſt der Palaſt der Inquiſition... Michael Ghislieri, als Pius V. Anſtifter der Bar⸗ tolomäusnacht, war einſt der Beſitzer dieſes Palaſtes und machte ihn den Dominicanern zum Geſchenk... X. „ —— 431 Im vorderen Hauſe wohnen die Inquiſitoren und ihre „Familiaren“... Dann kommen zwei Höfe, die von einem Mittelgebäude getrennt werden... Im hintern Hauſe liegen die Gefängniſſe des Sacro Officio... Im achtzehnten Jahrhundert war auch in die ka⸗ tholiſche Kirche der freiſinnige Geiſt der Zeit gedrun⸗ gen— die Franzoſen der Republik fanden 1797 die Gefängniſſe der Inquiſition leer... Ihre Folterkammern und unterirdiſchen Verließe konnten nicht entfernt wer⸗ den; ſie blieben grauenvoll genug anzuſehen, wie nur ein alter Hungerthurm von Florenz oder Piſa... Die Römlinge behaupten, die Revolution von 1848 hätte das Bedürfniß gehabt, wirkliche Gefangene,„Opfer der Inquiſition“, jedenfalls menſchliche Gebeine, Todtenſchä⸗ del, Zangen und Folterinſtrumente vorzufinden und die Dictatoren der Republik hätten zu dem Ende das Ar⸗ rangement getroffen, dergleichen vorfinden zu laſſen... Einige Profeſſoren der Sapienza ſind noch jetzt bereit, zu erzählen, daß ein ganzer Vorrath von Gerippen, Knochen, unter andern das Skelett einer Frau, von deren Schädel noch das ſchönſte Haar niederfloß, aus der Anatomie zu dieſem Zweck wäre geliefert wor⸗ den... Als noch lebenden Gefangenen entdeckte der ſtürmende Volkshaufe von 1848 einen einzigen... Einen ägypti⸗ ſchen Erzbiſchof, der hier ſeit Jahren eingekerkert ſaß; widerrechtlich hatte er die erzbiſchöfliche Weihe empfangen, entkleidet konnte er derſelben nicht mehr werden, der Duft der prieſterlichen Salbung verfliegt ſelbſt am Verbrecher nicht— ſo mußte der ägyptiſche falſche Kirchenfürſt ſich gefallen laſſen, hier im lebenslänglichen Kerker Erzbiſchof eines Pyramidengrabes zu ſein... Die Aegypter lieben und verehren die Thiere... Der Gefängnißwärter, ein Laienbruder der Dominicaner, be⸗ ſaß einen Vogel... Dieſen hatte der falſche Erzbiſchof die ſchönſten Weiſen gelehrt, ihn täglich gefüttert— einige Jahre lang... Da brach der Volkshaufe ein, befreite ihn— der Aegypter kehrte in die Welt zurück, wußte aber nicht, was er in ihr beginnen ſollte.. Er hatte Sehnſucht nach ſeinem Vogel und bat, ihn lebenslänglich in ſeinen Kerker zurückzulaſſen*)... Die alten Verließe, in denen es einſt nicht ſo idylliſch herging, ſind noch da; ſogar die Reſte des Neroniſchen Circus, auf welchen dieſe ganze Umgebung des Vatican gebaut wurde... Folterkammern, und nicht aus heid⸗ niſcher, ſondern chriſtlicher Zeit, eiſerne Ringe an den Mauern, Inſchriften an den Wänden, die von den Ge⸗ fangenen herrühren, wie:„Selig ſind, die um Gerech⸗ tigkeit willen leiden, denn das Himmelreich iſt ihrer“— Alles das findet ſich... Auch die Stätten ſind da, wo die Bekenner des geläuterten Glaubens verbrannt wurden, wie jener Luigi Pascal aus dem Silaswalde... Hier liegen noch zu Tauſenden die Exemplare jener oft kaum noch aufzutreibenden Bücher, die Rom verbrennen ließ... Die Proceßacten aller Inquiſitionsopfer liegen hier beiſammen zu Kapiteln in der Geſchichte des menſchlichen Geiſtes, die noch geſchrieben werden ſollen... Und noch jetzt ſtehen über der Schwelle jedes Kerkers Bibel⸗ *) Thatſache. 433 ſprüche, die gewiß oft mit grauſamem Hohn die Seele des Gefangenen verwunden mußten, wenn er ſie beſchritt und las:„Du wirſt verflucht ſein, wenn du eingehſt, und verflucht, wenn du ausgehſt!“—*)... Die Verurtheilung der Bibelleſer und der Verbreiter des Proteſtantismus durch die Inquiſition fehlt allerdings auch noch jetzt keineswegs... Die Dominicaner von Florenz, die einſt ihren eigenen Prior Savonarola ver⸗ brannten, thaten auch noch gegen das Madiai'ſche Ehe⸗ paar**) ihre Pflicht... Aber die Folterwerkzeuge und Hinrichtungen ſind jetzt in Italien an die politiſchen Gefängniſſe übergegangen... Vorführungen und Ver⸗ urtheilungen im ſchwarzverhangenen Saale des Tribunals mit dem Wappen Pius' V. und dem Porträt des heiligen Dominicus kommen nur noch ſelten vor... Die Qualifi⸗ catoren und Familiaren der Inquiſition ſitzen dann wie beim Gericht der Vehme... Die Fenſter ſind verhangen— Altar und Crucifix ſtehen unter einem Baldachin von ſchwarzem Sammet— ſechs Wachskerzen ſind angezündet ... Zur Seite erhebt ſich eine ſchwarze Eſtrade, auf welche der Pater Ankläger tritt, um die Beſchuldigungen vor⸗ zuleſen... Beginnt ein Gericht, ſo öffnet ein Official der Inquiſitoren die Thür und ruft: Ruhe! Ruhe! Ruhe! Es nahen die heiligen Väter!... Dann treten dieſe, in ihren weißen Kutten, ſchwarzen Mänteln und Kapuzen, feierlich ein, knieen vor dem Altar, beten, erheben ſich, und ihr Führer, der Inquiſitor⸗Commiſſarius, beginnt den hei⸗ *) Wörtlich zu leſen. zn) 1856. Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 28 434 ligen Erleuchtungsgeſang:„Veni Creator spiritus“... Dann ergreift der Vorſitzende die ſilberne Klingel und die Angeklagten müſſen erſcheinen— in braunen Klei⸗ dern, um den Hals den Strick, in der Hand eine brennende Kerze... Auch ein aus Neapel hereingebrachter„waldenſiſcher Geiſtlicher“ und ein Laienbruder des heiligen Franciscus, der eines unſteten, abenteuerlichen Lebens angeklagt war, mit ihnen ein Geiſtlicher, welcher trotz ſeiner Klauſur in einem Strafkloſter dennoch zu mehreren von jenem Geiſtlichen verführten ketzeriſchen Seelen hielt, end⸗ lich ein alter Hirt aus Calabrien hatten allerdings ſo noch im vorigen Jahr vor einem Gericht der dortigen Inqui⸗ ſition geſtanden. Das heilige Officium von Neapel lieferte ſie auf höhere Weiſung nach Rom— wohin drei von ihnen vor kurzem angekommen waren... Verſchmachtet der Eine— nicht infolge der an ihm verübten Martern oder peinlicher Entbehrungen, ſondern durch die Jahre... Die beiden andern gedrückt durch Kummer und Sorge um dieſen ihren greiſen Mitgefangenen... Negrino wurde in den Silaswald zurückgeſchickt... Einen Tag vor ihrer Abreiſe von Neapel ſtanden ſie alle vier vor dem dortigen Gericht zum letzten mal —.. Den Bruder Federigo mußten ſchon da die Laienbrüder der Dominicaner tragen... Was ihnen allen zur Laſt gelegt wurde, hatten die Gefangenen einge⸗ ſtanden... Der Spruch war nicht zu hart... Die Jeſuiten wollten das Verderben dieſer Leute— ſo trotzten die Dominicaner... Das iſt die innere hierar⸗ 435 chiſche Welt... Hubertus ſollte zu ſeinem gleichfalls in Alarm gebrachten Orden zurück in die Strafzellen auf San⸗Pietro in Montorio... Federigo ſollte ſeinen Spruch in Rom empfangen... Paolo Vigo hatte geloben müſſen, Italien zu verlaſſen... Negrino wurde auf einige Jahre excommunicirt und unter poli⸗ zeiliche und kirchliche Aufſicht geſtellt... Die Oberaufſicht über die Gefängniſſe der Inquiſi⸗ tion hat nicht der General der Dominicaner allein, ſon⸗ dern mit ihm ein Maeſtro del Sacro Palazzo, gleich⸗ falls ein Dominicaner, zu gleicher Zeit Haushofmeiſter des Papſtes, nach unſerm Sprachgebrauch Kammerherr und Oberhofmarſchall... Die Aufſicht im Inquiſitions⸗ palaſt ſelbſt führt ein einfacher Prälat des Officiums... Dieſer war keinesweges erſtaunt, in ſo eiliger Haſt zwei Cardinäle vorfahren zu ſehen... Der General, — dieſer war es, der dem Cardinal Ambroſi geſchrieben — hatte bereits auch ihn inſtruirt... Der Erzbiſchof von Coni hatte ordnungsgemäß die ſeelſorgliche Compe⸗ tenz für den ehemaligen Eremiten von Caſtellungo... Waren vollends beide Deutſche, ſo konnte der Beſuch ganz in der Ordnung erſcheinen... Im Vatican waren Bonaventura und Ambroſi gerngeſehen; der Maeſtro del Sacro Palazzo, Hofmarſchall Pater Tom⸗ maſo hatte ſchon ſeit längerer Zeit zu allen, jene Ketzer aus dem Silaswald betreffenden Wünſchen Ambroſi's ſeine Zuſtimmung gegeben... Cardinal Ambroſi ſtieg zuerſt aus und erklärte mit bewegter Stimme, Monſignore d'Aſſelyno wünſche Ein⸗ laß in die Zelle des ſogenannten Fra Federigo... 28* 436 Der Prälat ſetzte der Erfüllung dieſes Wunſches nichts entgegen und machte dem noch im Wagen ſitzen⸗ den Cardinal d'Aſſelyno die Anzeige, der General und Pater Tommaſo hätten bereits die entſprechenden Befehle gegeben. 3 Bonaventura ſtieg aus—... Seine Caudatarien mußten ihm aus dem Wagen helfen... Ambroſi kannte Hubertus von ihrem Zuſammenleben im Kloſter San⸗Pietro in Montorio her... Nicht auf⸗ fallen durfte es, wenn auch er wünſchte, ſolange zu einem der Gefangenen gelaſſen zu werden... Hubertus war ein Mitglied des Ordens, dem er ſelbſt angehörte... Der Prälat erklärte, daß Hubertus und Paolo Vigo verſprochen hätten, ſich bis auf weiteres nach San⸗ Pietro in Montorio zu begeben— aber der Aelteſte der Gefangenen, Fra Federigo, wäre bedenklich erkrankt und ſchiene ſeinem Ende nah... In Ambroſi's Antlitz zuckte es ſchmerzlich auf— er wollte die vielleicht letzte Be⸗ gegnung zwiſchen Vater und Sohn nicht ſtören... Obſchon ſelbſt von mächtigſter Sehnſucht nach ſeinem alten Lehrer ergriffen, ließ er Bonaventura den Vortritt... Der Prälat führte ſeinen hohen Beſuch über den Hof eine Stiege hinauf, wo ſich die Cardinäle trennen mußten... Noch geleitete Ambroſi den halb ohnmäch⸗ tigen Freund bis vor die Zelle, die er bat für dieſen aufzuſchließen... Ueber ihr ſtanden die grauſamen Worte aus dem 109. Pſalm:„Der Satan muß ſtehen zu deiner Rechten!“*)... Wie auch die Jeſuiten alles *) Vorhandene Inſchrift. es Wunſches Wagen ſitzen⸗ General und enden Befehle Caudatarie 437 aufboten, die Dominicaner zur Ausübung ihrer alten Gerechtſame zu zwingen, doch konnte man ſagen: Der Katholicismus dieſer Form iſt todt und das Al⸗Geſu kann und wird ihn nicht wieder lebendig machen... Die Thür ſteht offen! ſprach der Prälat... Zwei Väter ſind beſchäftigt, dem Unglücklichen die letzten Trö⸗ ſtungen zu geben... Aerzte hat er abgelehnt... Doch ſind deren in der Nähe... Sie geben keine Hoff⸗ nung—.. Die letzten Tröſtungen!— ſprach für ſich Ambroſi und ſetzte laut hinzu: Ueberlaßt die Vorbereitung ſeinem Oberhirten!... In der Stille der Einſamkeit wird die Seele des Armen ſeinen Mahnungen zugäng⸗ licher ſein.. Der Prälat, einverſtanden und verbindlich ſich ver⸗ beugend, öffnete ohne Argwohn die Thür... Zwei weißgekleidete Mönche ſaßen in einem dunklen Vorgemach und laſen mit lauter Stimme im Brevier Der Prälat winkte ihnen aufzuhören und ihm zu folgen... Sie traten mit ihm hinaus... Bonaventura's Seele drohte den Körper zu verlaſſen ... Bewußtlos hob er den Fuß über die Schwelle— Die Thür wurde leiſe hinter ihm angelehnt... Hin— ter dem dunklen Vorgemach folgte ein Zwiſchenzimmer „Es wurde durch eine Lampe erhellt, die in einem dritten Raum, in einem Alkoven ſtand... Noch konnte der athemlos und zitternd Stehende nicht das Lager entdecken, wo jener ihm nun endlich zugängliche— Begriff lag, der einen Augenblick nach dem Gruß der Liebe und des Erkennens vielleicht für immer aus dem Leben 438 ſchied... Ein Begriff—?... Wenn die Perſon, die ihn erfüllte, dennoch eine andre war—?... Eine Weile verharrte Bonaventura in einer unbe⸗ weglichen Stellung... Alle Lebensſtröme ſchienen in dieſem Augenblick ihm zu ſtocken... Eine unendliche Freude und ein unendlicher Schmerz ſtritten um die Herrſchaft in ſeinem Innern... Qui— viene?... erſcholl es jetzt mit einem Ton, der dem Lauſchenden durch die Seele ſchnitt und der ihm nicht bekannt war.. Bonaventura ſchritt näher... Jetzt ſah er, daß in einem Winkel des Alkovens ein Bett ſtand, auf welchem eine Geſtalt in einem braunen, warmwollenen Büßerkleide lag... Er ſah nur die langen weißen Haare des ihm abgewandten Hauptes... Auch eine erwärmende Decke lag auf dem ausgeſtreckten Körper. Siete— voi, miei— cari— figliuoli?... fragte die Stimme und ſetzte die Anweſenheit der Mönche voraus... Die Stimme durchſchnitt des Sohnes Herz... Nun war es doch wie ein Klang, den er kennen mußte — ein Klang wie die Erinnernng eines Weihnachtliedes der Jugendzeit... Legite dunque!... La vostra lettura— non mi dispiace... ſprach der Greis mit matter Stimme— Die Bewegung, welche die Rede unterbrach, ſchien von Fieberfroſt zu kommen... Bonaventura trat einen Schritt vor und fragte, mit leiſer Stimme und in deutſcher Sprache: Habt Ihr es kalt, mein— Vater— 7. „Kalt“ und„caldo“ ſind in beiden Sprachen Perſon, einer unde ſchienen in e unendlich Fr 439 Gegenſätze... Bonaventura ſprach ſo leiſe, daß ver⸗ nehmbar nur das Wort„kalt“ von ſeinen Lippen kam... Caldo! Caldo!l ſprach der Greis mit Misverſtänd⸗ niß und deutete mit beruhigtem Ton an, die Wärme der Decke genüge ihm.. Bonaventura ſah nun vollkommen die langausge⸗ ſtreckte Geſtalt— die ſich ein wenig wandte, da der Schatten, welchen der Angekommene auf die weißgetünchte Wand fallen ließ, den Greis zu befremden und aufzu⸗ regen ſchien... Caldo— nahm Bonaventura, ſich jetzt ein Herz faſſend, das Wort wieder auf und ſetzte in italieniſcher Sprache die verhängnißvolle, den Moment der Erken⸗ nung, wenn es ſein Vater war, entſcheidende Frage hinzu: Caldo come sotto una coperta di neve=... Auf dies Wort:„Warm wie unter einer Schnee⸗ decke?“— folgte erſt eine Todtenſtille... Dann rich⸗ tete ſich der Greis auf, ſank, da die Kraft nicht aus⸗ reichte, auf ſeine beiden Arme zurück, die ſich gegen das Lager anſtemmten, und richtete die mit weißen Brauen umbuſchten Augen weit aufgeriſſen auf die im Glanz ihrer Cardinalswürde vor ihm ſtehende Geſtalt... Er mochte denken: Kommt ihr endlich— und biſt du Ambroſi oder mein Sohn?. Nun ſah Bonaventura das von den Spuren des Alters, des Kummers und der nahenden Auflöſung zer⸗ ſtörte Angeſicht, ſah Züge, die nur mühſam aus dem weißen Barte, aus dem langhinflutenden Haare zu er⸗ kennen waren— aber— es war ſein Vater... Hatte ihm der Ton der Stimme ſchon die volle Beſtätigung 440 gegeben, jetzt bedurfte es keiner weiteren Verſicherung ... Langſam ſank Bonaventura zur Erde nieder und beugte ſein Haupt vor dem Greiſe, der nur durch dieſe Zeichen der Liebe und durch die koſtbaren Gewänder ſeinen Sohn erkannte—... Durch die lange Reihe der Jahre hatte auch dieſer eine Veränderung ſeines Aus⸗ drucks erfahren, die jenen Züngling, deſſen Bild der Vater im Herzen trug, nicht wiedererkennen ließ... Bona—! hauchte der Greis... Was weckſt du— mich vom— Tode—!... Ich liege— unter dem Schnee— der Alpen... Und der Tod der Mutter— erſt— durfte den Schnee ſchmelzen!... wehklagte Bonaventura mit thränen⸗ erſtickter Stimme und mit einem wie vorwurfsvollen 4 doch innigzärtlichen Ton Der Greis legte die mageren, zitternden Finger auf das purpurrothe Sammetbaret und die Tonſur des Sohnes... Wie ein Blinder, der durch Taſten ſich er⸗ fühlen muß, was ſein Auge nicht erkennt... Schon war er auf ſein Lager zurückgeſunken, als er mit Thränen hauchte: Der Menſch iſt ſich— ſeine eigene Welt... Was zürnſt du mir—!... Dann— lange ihn betrach⸗ tend— fügte er faſt ſcherzend und doch tief wehmüthig hinzu: Ich— kenne— dich nicht... 4 Mein Vater! rief Bonaventura, des Ortes, wo er ſich befand, nicht mehr achtend, beugte ſich über den Greis und bedeckte ihn mit ſeinen Küſſen. Die Thränen mehrten ſich in des Greiſes Augen, die ſich wieder ſchließen mußten... Leiſe ſprach er: Verſicherun e meder und er durch dieſ en Gewände gge Reihe de s Aus 441 Nur eine— kurze— Auferſtehung!... Lebe, mein Vater!... Iſt denn kein Arzt hier?... O, verſchmähſt du alles?... Daß ich einen Heiligen Gottes nicht noch erhöht ſehen ſoll—!... Die rechte Hand des Greiſes deutete eine Weile nach oben— warnte zur Vorſicht, wobei ein unendlich liebevoller Blick der Augen ihn unterſtützte— dann ſank die Hand kraftlos auf die Decke... Eine Pauſe trat ein, die nur vom ſtillen Weinen Bonaventura's und von den liebkoſenden Bewegungen ſeines Vaters unterbrochen wurde... Hat dich Gott ſo erhöht!... ſprach der Greis, die Gewänder des wiederholt Knienden berührend... Und als dieſer ſchwieg und die Zeichen ſeiner Würde mit Ge⸗ ringſchätzung betrachtete, ſetzte er hinzu: Als du— Biſchof in Robillante wurdeſt, da— mußt' ich fliehen... Denn eines Mannes— That ſoll — nicht halb ſein... Ich wollte nicht— mehr für die Welt— am wenigſten die Meinen— am Leben ſein... Deine Mutter— wollt' ich glücklich machen.. Sie wurde es nicht—!... ſprach der Sohn... Der Greis erwiderte nichts.. Damals ſchon wollt' ich dich einem Schickſal ent⸗ reißen, dem du nun doch erlegen biſt—! fuhr der Sohn fort und betrachtete die elende Umgebung... Man wird dich mir herausgeben müſſen... Man ſoll dich in einer Sänfte in meine Wohnung, in die Wohnung deines edeln Ambroſi tragen—. Ambroſi! ſprach der Vater und faltete voll Ver⸗ ehrung die Hände... Wo iſt— er—?... 442 * Ich rufe ihn— fuhr Bonaventura fort.. Der Greis taſtete nach ſeiner Hand und ſprach: Zum— Ketzer— und mich— in das Haus— der Cardinäle?... Ich ſehe— auch ſo— mit Freuden auf meine— Saat... Herzen fand ich, in denen ſie aufgegangen... Auch in den euern... Mein Ge⸗ heimniß— bleibe bedeckt— vom— Grabe.. Vater! flehte Bonaventura, wir beide ſehnen uns nach dem Martyrium!... Auch Vincente iſt angekommen an der Grenze ſeiner großen Gelübde... Nur auf der Höhe wollte er leiden, wie Jeſus auf einem Berge litt ... Dank, Dank deiner Lehre... Er iſt heilig— nicht ich!... Der Greis faltete, allen dieſen Worten ſcharf auf⸗ merkend, ſeine Hände und ſprach: 7 Die Zeugen des gekreuzigten— Lammes ſeh' ich— in weißen Gewändern... Sind das— die Glocken — der Peterskirche— die ſo läuten—?... Kann— auf Erden— Stolz wol ewig— währen?... Mit bangem Herzen hatte ſich Bonaventura erhoben und eine hölzerne Bank dem ärmlichen Bette näherge⸗ rückt... Erſchüttert von dem, auch ihm aus der Seele geſprochenen Worte, daß die Peterskirche nur den Ein⸗ druck des Stolzes mache und beſchämt vom Pomp ſeiner bunten Kleider, bat er wiederholt:— Schon die ſechste Stunde iſt es... Alles iſt dunkel Ich laſſe eine Sänfte bringen und ſie tragen dich in die Wohnung Ambroſi's... Und das Officium geſtattet es... Mehr noch, ich bekenne dich als meinen Vater... E 55 ☛ = 8 1 mit Freuden in denen ſie Mein Ge ſehnen uns angekommen es iſt dul 443 Mein Sohn! wiederholte abwehrend der Greis... Unſer Geheimniß decke das Grab... Schon um Wittekind's willen... Ich habe den ſeligſten Tod Schöner, als ich ihn je geträumt... Konnt' ich nicht in meiner Wildniß— bittrer enden?... In Caſtellungo—... Horch, was— läuten— ſo— die Glocken—!... Die Augen des Greiſes wandten ſich wie innen⸗ wärts... Jedes Wort iſt ein ewiger Vorwurf meines Innern! nahm Bonaventura mit äußerſtem Schmerz die abbrechende Rede des ohne Zweifel in Erinnerungen an Gräfin Erd⸗ muthe und an ſeine Hütte bei Caſtellungo verlorenen Vaters auf... Dieſer betrachtete ihn und ſprach liebevoll mit zu⸗ rückkehrendem Bewußtſein: Nein, mein Sohn!... Vor dem Tode— deiner Mutter dich wiederzuſehen— das hätt ich nicht ertragen... Lieber hätt' ich vor Schaam mir ſelbſt den Tod gegeben— den ich nun auch— in— Jeſu Namen—. Gib uns nicht den Schmerz, daß du nicht mehr le⸗ ben willſt—! unterbrach Bonaventura... Laß nur noch die beiden treuen Seelen— entgeg⸗ nete der Greis, die mich ſo oft— erquickt, ſo oft dem Leben— erhalten haben, nicht ohne deinen Schutz— wenn du, hoff' ich, noch Schutz verleihen kannſt, nachdem du— einem Ketzer— deine Theilnahme bewieſen... Einem Ketzer! Vater!... ſprach Bonaventura und ſetzte dicht am Ohr des Greiſes hinzu: Ich ſelbſt— bin ich— denn nicht— ſelbſt— ein Ungetaufter!... 444 Der Greis wandte die Augen auf den Sohn voll Beſtürzung... Was Leo Perl einſt— dem Biſchof von Witoborn — bekannte— ich ſollte es ja erfahren! fuhr Bona⸗ ventura fort... War es nicht dein Wunſch?... Im Sarge deines alten treuen Dieners fand ſich ja—... Mein Wunſch? unterbrach der Vater ſtaunend und ſeine letzte Kraft zuſammenraffend.. Bonaventura hielt inne... Die Aufmerkſamkeit des Greiſes war zu erregt... Auch machte ihn ein oberhalb des Zimmers wie von einem Fußtritt vernehm⸗ bares Geräuſch einen Moment betroffen... Dann begann er leiſe eine Erzählung vom erſten Eindruck, welchen damals das Verſchwinden des Va⸗ ters auf die Welt und ihn gemacht hätte, vom neuen Bund der Mutter, von des Onkels Fürſorge für ihn, von ſeinem eigenen Entſchluß, Prieſter zu werden, von ſeiner Pfarre in Sanct⸗Wolfgang, einem Ort, wo dann zufällig des Onkels Max ehemaliger Diener ſchon ſeit Jahren ſich niedergelaſſen hatte... Bonaventura erzählte, wie treu der alte Meviſſen ſein Geheimniß gehütet— treu, falls er gewußt, daß der Ver⸗ ſchollene lebte... Dann ſchilderte Bonaventura die beim Tode Meviſſen's vorgefallenen Dinge, welche durch Hubertus dem Vater nur hatten unvollſtändig bekannt werden können... Eben war er an die Beraubung des Sarges angekommen, als ihm der veränderte Blick des Vaters auffiel... Bonaventura mußte ſich unterbrechen und fragen: Vater— wie iſt dir—!... he on Witoborn fuhr Bona⸗ nſch unſch?.. erden, von t, wo dann Geheimnit 445 Dieſer antwortete ſchon nicht mehr und lag wie be⸗ täubt... Bonaventura eilte, um nach Waſſer zu ſuchen... Aus einem Glaſe, das er mit Waſſer gefüllt fand, be⸗ netzte er dem Greiſe die Stirn... Noch einmal ſchlug Friedrich von Aſſelyn die Augen auf... Liebevoll ließ er das Beginnen des Sohnes gewähren... Plötzlich ſtarrten ſeine Augen nach einer Uhr, die an der Wand hing, und er ſprach: Laß dir— von meinen Begleitern— die ich deiner Liebe empfehle—... Vater!... unterbrach Bonaventura, voll Entſetzen die Veränderung der Geſichtszüge, ein krampfhaftes Zucken des Kinns, ein Schütteln der Hände bemerkend... Die— Stunde— iſt—— hauchte der Sterbende mit kaum noch vernehmbarem Ton... Bonaventura wollte die Mönche und etwaigen andern heilkundigen Beiſtand rufen... Der Vater hielt noch krampfhaft ſeine rechte Hand feſt... Bonaventura's Linke nahm mit ſeinem Taſchentuch vom Mund des Sterbenden ſchon leichte Schaumbläschen ... Zugleich vernahm er noch die Worte: Laß dir von meinen Begleitern— laß dir von ihnen — die Pilgerſtäbe geben... Dort der meine... Ich ſehe ihn nicht... Iſt's ein Baum—... Er grünt— und wächſt—!... Sieh die kühlen— Schatten.. Die Zweige wie ſie— dicht—... Vater, dich täuſcht dein Auge... 446 Bonaventura ſah die Kennzeichen des Todes, deren er in kurzer Zeit ſo viele hatte ſammeln müſſen... Ein Baum— wie die Eichen in— Caſtellungo... Ha! Sieh— das Feuer!... Sieh, von roſigen Wol⸗ ken— alles bedeckt... Von Licht— und— Wonne des Triumphs... Sie kommen von allen Zonen und bekennen das Lob des Höchſten... IIs— engendron — Dieo— in lor—— mesemes...— In ſich Gott und— Gott— in— uns... Die— Nobla Leygon— hörſt du— der— Waldenſer— Lob— geſang—.... Vater! flehte Bonaventura und mühte ſich, dem Sinn dieſer Worte zu folgen—— Ich rufe Ambroſi — den Arzt—... Der Sterbende beherrſchte noch einmal ſein unauf⸗ haltſam ihn fortreißendes Irrereden und fuhr fort: Die Nobla Leygon nimm— öffne die Wanderſtäbe — meiner— Führer... In ihnen— findeſt du— mein Leben— und deines—... Kennſt—— die Nobla— Leyçon?.... Ich kenne ſie... hauchte Bonaventura mit ſtocken⸗ dem Athem und die ſchweißbedeckte Stirn des Vaters trocknend... Er verſtand, daß in den Wanderſtäben der Gefangenen ihm ein letzter Gruß geſagt werden follte... In kurzen abgeriſſenen Sätzen ſprach der Vater: Sie können nicht leſen, was— die Chiffern ſagen —... Der Schlüſſel— iſt— die Nobla Leygon ... Im— Anfang— war das Wort— und das Wort—... d— Wonn n Zonen und -engendrol — In ſich e— No Bonaventura's Lebensgeiſter blieben in fieberhafter Spannung, während die des Vaters entſchwanden... Die Nobla Leyçon— macht die Chiffern— der Pilgerſtäbe— zu Worten... O frayres— entende — una— nobla— A= und B... Mein Alpha und— Omega—„Herr bleib— mit— Deiner— Gnade—“... Der Irreredende erhob die Stimme zum Singen—... Die erſten Worte der Nobla Leyçon enthalten das Alphabet— des— Teſtamentes, das du mir— hinter⸗ laſſen wollteſt—! ſprach Bonaventura dicht am Ohr des Sterbenden—... Amen! ſprach der Greis und ſank zuſammen... Und wieder regte es ſich in der Nähe... Und wieder war es, als huſchten oberhalb ſchleichende Fuß⸗ tritte... Diesmal kam auch Geräuſch von der Thür... Ohne Zweifel ſetzten die Harrenden voraus, daß die Beichte des Ketzers vorüber war... Wenn ſein Seelenhirt noch länger blieb, konnte es ſein, daß ihm auch aus ſeiner Hand die letzte Oelung und das Abendmahl ertheilt wurde... Die Thür öffnete ſich... Der General der Do⸗ minicaner trat ſelbſt herein, die Monſtranz in der Hand .. Ein Aſſiſtent hinter ihm mit den Werkzeugen der letzten Oelung... Die Thür blieb offen... Draußen ſtanden Cardinal Ambroſi, der Prälat des Hauſes— Bruder Hubertus und Paolo Vigo folgten— beide freigegeben, um ihre Wanderung auf San⸗Pietro in Montorio anzutreten, wohin man auch Paolo Vigo zu⸗ 448 nächſt verwies... Schon hielten beide ihre Habe und ihre Stäbe in den Händen... Alle Dominicanermönche murmelten draußen das Confiteor Der Sterbende erhielt noch einmal einen Augenblick ſeine Geiſteskraft, überſah, was geſchehen ſollte, über⸗ ſah die Lage des Sohnes. Mit letzter Kraft der Stimme murmelte er— zuerſt das lateiniſche Con⸗ fiteor, dann begann er italieniſch und ging allmählich in die deutſche Sprache über mit den Worten: Laſſet uns beten!... Ich bekenne— an der— katholiſchen Kirche alles, was wir ihr— ſchuldig ſind — aus dem Geiſt der Liebe— und der Dankbarkeit . Wer in dieſer Kirche—— geboren wurde— Weiter vermochte der Sterbende nicht zu reden... Schon wollte Ambroſi von ſeinem Gefühl übermannt, vortreten, als ihn die laute Rede des calabriſchen Prie⸗ ſters veranlaßte, dieſem den Vortritt zu laſſen... Paolo Vigo trat vor, beugte ſich am Sterbelager nieder und erhob die Stimme, um zu vollenden, was zu ſprechen nicht mehr in ſeines Lehrers Kraft ſtand... Wer in dieſer Kirche geboren wurde, ſprach Paolo Vigo feſt und beſtimmt und des Generals und der Cardinäle nicht achtend, der hat ſie gelernt unter dem Bilde einer Mutter verehren... Nun wohl— ein reiferer Ver⸗ ſtand des erwachſenen Kindes erkennt die Schwächen ſei⸗ ner Aeltern; doch wird ein Sohn die ſilberne Locke des Vaters ſchonen und ſelbſt Flecken am Ruf ihrer Mutter die Tochter überſehen... Was die Kirche an heiligen Gebräuchen beſitzt, ſeh' ich allmählich— entkleidet ſeiner dunkeln, unnatürlichen Zauber—... Prieſter! Legt e Habe und canermönche Augenblic ſollte, über etzter Kraft 449 die Gewänder der Ueppigkeit und des Stolzes ab! Wer⸗ det Menſchen! Redet die Sprache, die euer Volk ver⸗ ſteht, auf daß der Ruf: Sursum corda! auch wahrhaft zum Empor der Herzen wird... Laßt die Meſſe, wenn ſie geläutert wird! Ein Zwiegeſpräch ſei ſie mit Gott— .. Bildder des Gekreuzigten— tragt ſie im Herzen—! Und ſolange die Völker der Erde nicht aus eitel Wei⸗ ſen beſtehen, ſolange noch Heide und Muſelman die ſtrahlenden Ordenszeichen ihres Glaubens verehren, ver⸗ ehrt auch äußerlich das Kreuz... Macht es jedoch lebendiger noch in euch—... Lebendig macht alle Ströme des Heils—!... Hinweg mit Dem, was das Herz erſtarrt=en. Freiheit dem Gebundenen... Sakra⸗ ment ſei nicht die eiſerne Feſſel—!..„Im Tod rufe dir din Arzt der Seele— wenn ein Zeichen und ein Work von ihm ſtatt— deiner reden ſoll... Netzt ſögar dem müden Wanderer, wie Magdalena dem Herrn, die Glieder... Erquickt ihn, wenn er es begehrt, durch— das Brot des Lebens!—.. Die Umſtehenden erkannten aus dieſen Worten der Verzückung wohl die Irrlehren, für welche Paolo Vigo verſprochen hatte, Italiens Boden zu verlaſſen... Doch der General warf einen Blick auf die Mönche, die Paolo Vigo umringten... Sein würdiges Beneh⸗ men gebot ihnen Ruhe... Er übergab dem Erzbiſchof das heilige Brot, das dieſer dem Sterbenden reichte... Auch mit dem Salböl benetzte Bonaventura die Stirn und die Hände des Entſchlafenden... Heiliger, als dies Oel aus geweihtem Gefäß, ließ er auf die immer mehr erſtarrenden Züge des Sterbenden ſeine Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 29 450 Thränen rinnen, unbeſorgt um die rings im Kreiſe er⸗ ſichtliche Befremdung... Die Ceremonie jener gewaltſamen Bekehrungen wie ſie hier in dieſen Räumen oft genug vorgekommen ſein mochten, war vorüber—... Die überfüllten engen Räume entleerten ſich... Ein Arzt hielt dem Ster⸗ benden den Puls... Cardinal Ambroſi, der dem Sohn bisjetzt in allem den Vorrang gelaſſen, beugte ſich über den Entſchlummernden, der ihn nicht mehr er⸗ kannt hatte, und ſprach: Er iſt— hinüber—... Pater Lanfranco wußte und erzählte, daß der Er biſchof in dieſem Sterbenden einen nahen Vermändten g troffen hatte... Bonaventura wandte ſich... Als der Freüp 8 Augenlider des Sterbenden ſchloß, durchbrach ſein fühl jede Rückſicht... Zu mächtig zerriß der Schmerz ſein Inneres... Ueber die ausgeſtreckt liegende erſtarrte Geſtalt warf er ſich und rief in italieniſcher Sprache, daß alle es hörten: Lebe— wohl— mein theurer Vater—!.. Die Prieſter, die Mönche und Aerzte ſahen beſtä⸗ tigt, daß der deutſche Cardinal in dieſem waldenſiſchen Prediger, der ſeiner Herkunft nach gleichfalls ein Deutſcher war, einen nahen Verwandten— padre, einen„Freund“, einen„Gönner“— wiedergefunden hatte... Ein Wunder war es, das ganz Rom beſchäftigen mußte. Aber ſelbſt den Heiligen Vater durfte es rühren, zu hören— Cardinal d'Aſſelyno hatte im Kerker der In⸗ quiſition einen ihm aus ſeiner Iugendzeit unendlich m Kreiſe er ehrungen w gkoommen ſein rfüllten engen U I dom Sfor t dem Ste 451 werthen Angehörigen gefunden und ihn in ſeiner letzten Stunde bekehrt... So nur und nicht anders konnte ſeines Ruhmes neue Mehrung lauten. General Lanfranco hatte ſich zuerſt entfernt... Bonaventura war vom Freund emporgezogen wor⸗ den... Hubertus und Paolo Vigo, jener in der Fran⸗ ciscaner⸗, dieſer in der Büßerkutte, drückten ihre Lippen auf die Wange des Geſtorbenen— auch auf Bonaven⸗ tura's beide Hände... Bedeutungsvoll gab ihm Paolo Vigo ſeinen Stab und ſagte— er möchte ſich dar— auf ſtützen... Bonaventura ergriff den Stab... Der andere, den ebenſo Hubertus trug, konnte gefunden werden, von wem er wollte— niemand hätte ſeinen Inhalt entziffern kön⸗ nen... Der dritte, der Stab Federigo's, war viel⸗ leicht in der That nicht zu finden... Niemand brauchte ſich darum zu beunruhigen... Daß die beiden Cardinäle noch länger blieben, war nicht zu rechtfertigen... Das Leben des Greiſes war entflohen... Hubertus hatte ſich über ihn gebeugt, hatte eine Wollflocke ſeiner Kapuze an ſeinen Mund gelegt— ſie bewegte ſich nicht mehr. Mit einem letzten Scheideblick ebenſo ſprachloſer wie, wenn die Sprache auch nicht verſagt hätte, unausſprech⸗ barer Rührung riſſen ſich beide Cardinäle vom ärmlichen Lager los, auf welchem ſie den abenteuerlichſten Schwär⸗ mer, einen Märtyrer der Ehegeſetze der katholiſchen Kirche, als Leichnam zurückließen... Die Beſtattung mußte freilich an jener Stelle erfol— gen, wo die Aſche der verbrannten Märtyrer, eines Pas⸗ 29* 452 cal, eines Paleario moderte... Aber bei allem, was die Sachlage hier mit ſich brachte, war doch für ein ehren⸗ volles Begräbniß, wenn auch innerhalb dieſer Mauern, geſorgt... Schon morgen in allererſter Frühe wollten die Freunde zurückkehren... Das düſtere Gebäude war jetzt von Kerzen erhellt, die die Laienbrüder der Dominicaner trugen... Schon kamen einige derſelben, um die Leiche in die Todtenkam⸗ mer zu bringen... Hubertus hielt den die ſteinernen Stufen hinunter⸗ ſchwankenden Bonaventura, den er in Witoborn als Domkapitular ſo oft geſehen und nun den leiblichen Sohn ſeines geliebten Federigo nennen durfte— Am⸗ broſi hatte ihm auf ſeiner Zelle ſein ſo lange verſchloſſe⸗ nes Auge geöffnet, auch die Gründe genannt, die ein Verſchweigen des Geheimniſſes und ſelbſt noch in dieſer Stunde, um des Präſidenten von Wittekind willen, drin⸗ gend anriethen—... Jetzt begriff Hubertus, wie mit dem Tod der Mutter Bonaventura's die Sehnſucht des Eremiten ſich regen durfte, in die Welt zurückzukehren; begriff, wie ſeine Gefangennehmung im Auguſt ihm ſo willkommen, ja nach den Mittheilungen aus Rom, die von Ambroſi kamen, nicht unerwartet erſcheinen durfte; Hubertus begriff ſchließlich auch die Schonung, die, ihnen allen zu Theil wurde... Ambroſi nahm den zweiten Alpenſtab... Die Uhr des Verſtorbenen hatte der Prälat an ſich genom⸗ men— ſie gehörte, den Regeln des Hauſes gemäß, den Laienbrüdern... Bonaventura ſtützte ſich nicht auf den empfangenen à allem, was für ein ehren⸗ jeſer Mauern, Frühe wollten derzen erhellt en... Schon 453 Stab... Er ſchritt voll Faſſung, wenn auch tief ſein Haupt zur Erde neigend, dem Ausgang zu... Inzwiſchen beſchäftigte die Aufmerkſamkeit der mit ſtaunender Bewunderung vor zwei für ihre fromme Opferfreudigkeit ſo wunderbar belohnten Cardinälen die Treppe niederſteigenden Begleitung derſelben ein Lärmen draußen auf der Straße... Eine Glocke der Peters⸗ kirche läutete in unabläſſiger Haſt... Es war die Feuerglocke des großen Doms... Andere Glocken fielen mit gleicher Eile ein... An der nahen Porta Cavallaggieri, wo die Kaſernen liegen, erſcholl das Blaſen einer Trompete... Trommeln lärmten... Eine Feuersbrunſt! hieß es... Ein nicht zu häufiger Vorfall im ſteinernen Rom... Die erſt langſam dahinſchreitende Begleitung bewegte ſich allmählich raſcher... Bonaventura und Ambroſi blieben mit ihren nächſten Begleitern, langſamer durch die Höfe ſchreitend, allein zurück... Da verſchwand plötzlich auch Hubertus... Er war nicht dem Drängen nach dem Hausthor gefolgt... Es hieß, er wäre zurückgekehrt... Seht da! Wer iſt der Mann? rief plötzlich, alle er⸗ ſchreckend, ſeine Stimme von einer Galerie herab, die rings um den Hof ging... Er rief dieſe Worte einem Manne nach, der in gebückter Haltung an einer andern Stelle der Galerie durch eine Thür verſchwand Es war ein Mann in einem ſchwarzen, faſt prie⸗ ſterlichen Oberkleid geweſen... Raſch war derſelbe in eine hohe Glasthür, die auf die Galerie führte, zurückgetreten... 454 Ein einziger leidensvoller Blick, den Bonaventura vom Hofe aus in die Höhe warf, ließ in Ambroſi den Gedanken entſtehen: Glaubt der Freund— daß er belauſcht wurde—?... Hubertus blieb verſchwunden... Inzwiſchen aber waren die Cardinäle zu ſehr er⸗ griffen, um dem Zwiſchenfall lange nachzudenken, und ſtanden ſchon am geöffneten Schlage ihrer Kutſche... Auch die Caudatarien beſtätigten eine Feuersbrunſt... Zugleich hatten ſie von einem ſoeben hier geſtorbenen deutſchen Verwandten des Cardinals d'Aſſelyno gehört und durften nichts Auffallendes darin finden, daß die Cardinäle tief erſchüttert waren, herzlich von dem im Kreiſe einiger Dominicaner ſtehenden Paolo Vigo Ab⸗ ſchied nahmen, ebenſo wenig, wie, daß ihnen letztrer als Andenken an den Pilger von Loretto zwei Wander ſtäbe in den Wagen nachreichte... Hubertus war inzwiſchen nicht zu finden... Die beſtürzten Mönche, die ihn und Paolo Vigo nach San⸗ Pietro in Montorio escortiren ſollten, ſuchten ihn. Beide auf San-Pietro ſchon morgen zu beſuchen und ſie dem dortigen Guardian zu empfehlen, wurde von Ambroſi verſprochen... So ſtiegen die Freunde ein.. Die Menſchen ringsum rannten indeſſen der Piazza Navona zu... Dort ſollte das Feuer ſein... Ueber die Tiberbrücke von der Engelsburg abſchwenkend ſahen beide die Rauchſäule. Bonaventura's Haupt lag auf den Schultern des Freundes... de 45⁵5 Ambroſi ließ ihn ſchweigend gewähren... Worte des Troſtes helfen nicht in ſolcher Lage... Auch ihn betrübte es, daß er nicht noch einmal Frä Federigo umarmen und ihm ſagen konnte: Sieh, bis hieher kam ich durch deinen Rath und deine Lehre!... Er hatte vorgezogen, alle Gefahren zu bewachen, alle mislichen Zeichen draußen den Dominicanern zum Guten zu deu⸗ ten und dem Freund die Vorhand zu laſſen... Er hatte ſich in allem, was ſeither geſchehen, kraftvoll und entſchloſſen gehalten... Was ſollen die Stäbe? fragte er endlich ſanft, als ſich der Wagen in den Straßen mühſam durch das Ge⸗ wühl der Menſchen Bahn machte. Bonaventura nahm ſie und betrachtete ſie voll Rüh⸗ rung... Noch konnte er nichts erwidern. Inzwiſchen hatten ſie den Corſo erreicht, auf dem wenigſtens für Wägen Platz blieb... Endlich in ihrer entlegenen Wohnung angelangt, ſchwankte Bonaventura aus dem Wagen und ſank, als beide allein waren, ohnmächtig zuſammen.. Lange währte es, bis ſich der Unglückliche erholte... Auf Ambroſi's dringendes Verlangen mußte er einige Stärkung zu ſich nehmen... Dann trat ein ſtilles Weinen ein... Die Natur erholte ſich erſt, als ſie ihre Rechte gefordert hatte. Mit den erſten Worten, deren er fähig war, bat Bonaventura um ein Exemplar der„Nobla Leyçon“... 14. Zu ſeinem höchſten Erſtaunen erfuhr der Freund die nähere Bewandtniß, die es mit den Stäben haben ſollte Es waren Hirtenſtäbe, wie ſie in Calabriens Bergen getragen werden... Die Griffe gewunden— die Spitzen von Eiſen... Griffe und Spitzen, das ſah man bald, ließen ſich abſchrauben... Das Innere fand ſich ausgehöhlt... In beiden Stäben befand ſich eine mit lateiniſchen Buchſtaben beſchriebene Rolle Papier. Das Geſchriebene war ein Durcheinander von un⸗ ausſprechbaren Wortformen... Die„Nobla Leyçon“ gab den Schlüſſel... Die Buchſtabenordnung war dieſelbe, die bereits in dem zwi⸗ ſchen Ambroſi und Federigo gepflogenen Briefwechſel gewaltet hatte... Beide Rollen hatten denſelben In⸗ halt... Schon entzifferte Ambroſi ein Wort nach dem andern und ſchrieb auf, was er gefunden... Er ſtockte... Es war deutſch— die Ausübung einer ſchon lange ge⸗ läufigen Fertigkeit wurde gehindert... der Freun täben haber iens Berge Spitz Sbibe aehöhlt tlateiniſc e der von u in dem zu Briefwech 6 enſelben 457 Ambroſi bat den Freund, ſich zu ruhen... In⸗ zwiſchen, ſagte er, wollte er verſuchen, den Inhalt, ſo⸗ weit ihm möglich, mechaniſch zu dechiffriren... Das Vertrauen des Freundes gehörte ihm in allem..Es konnte auch hier kein Geheimniß mehr geben, deſſen Kunde ſie nicht theilen wollten. Nach wenigen Stunden ſchon, während die ſonſtige Stille der nach hinten hinaus gelegenen Wohnzimmer des alten Gebäudes anfangs noch vom Lärm der Glocken und Feuerſignale geſtört wurde, Bonaventura ſtillverzwei⸗ felnd ſein Haupt ſtützend und zum Tod erſchöpft auf einem Ruhelager ſich wand und ſein ganzes vergangenes und zukünftiges Leben an ſich vorübergleiten ließ, unter⸗ brochen vom Bild der letzten Liebesblicke des Vaters, kam Ambroſi in hoher Aufregung mit einer Anzahl Blätter, auf welche bereits ein großer Theil der Er⸗ Fffnungen Federigo's an ſeinen Sohn mechaniſch nie— dergeſchrieben war... Die deutſche Sprache kannte er zu wenig, um ganz zu verſtehen, was, Buchſtabe an Buchſtabe gereiht, ſeine Blätter bedeckte.. Es war nun auch von draußen her ſtill geworden Schon mochte die zehnte Stunde geſchlagen haben... Bonaventura konnte leicht die Buchſtaben zu Worten fügen und die Sätze durch Punkte trennen.. Durch gegenſeitige Unterſtützung kamen die Freunde zu rfolgender Entzifferung: „Mein Sohn! Das iſt ein Brief, den dein Vater dir aus dem Jenſeits ſchickt—!... Höre— richte und gedenke mein—!.. „Du erfuhrſt von den Zeiten, wo ich einſt beauf⸗ 458 tragt war, den Uebergang Witoborns an unſere Re⸗ gierung zu regeln... Du kennſt die Gründe, welche mich damals den Tod wünſchen ließen... Oft, oft überfielen mich Gedanken an Selbſtmord—!.. Sie hafteten nicht, weil Selbſtmord nur denkbar iſt im Zuſtand einer Verzweiflung, die mit dem ganzen Leben abzuſchließen vermag— Das war nicht meine Lage... Wohl ging mein Blut ſtürmiſch, wenn ich ſah, wie mein Weib am beſten meiner Freunde hing, dieſer an ihr; dacht' ich aber an die Mittel, mich ſolcher Schmach zu entziehen, ſo lockte mich wol die Welle des Stromes, der Blitz der tödtlichen Waffe eine Weile; bald aber erkannte ich dann wieder, wenn nur die Geſetze unſerer Kirche über die Eheſcheidung andre wären, daß der Anfang eines neuen Lebens voll neuer Bewährung für mich anbrechen könnte—... Ich wollte den Wunſch des geiſtig ſchon lange ehelich verbundenen Paares er⸗ füllen und würde eine Scheidung durch Confeſſionswechſel möglich gemacht haben— aber in dieſem Punkte würde die Mutter nicht meinem Beiſpiel haben folgen können — aus innerem Triebe nicht— auch ihres neuen Gatten wegen nicht, der ſich kaum würde entſchloſſen haben, ſchon aus Rückſicht auf den ſchlimmen Ruf ſeines Va⸗ ters, dem Geiſt der Provinz ein Aergerniß zu geben So kam ich, ohnehin von manchem Misverhältniß zu meinem Beruf getrieben, auf den Entſchluß, mir den Schein des Todes zu geben—...“ Die Entzifferung ging noch bis jetzt aufs leichteſte von ſtatten... „Ich ließ dich einem neuen Vater und die Mutter S, Spe nom theil kend hein kunf ſeine zu be ei, Aus konr chen NaB ſein ein weſe det, von Am zub. ſtan war terl, heſſe mich ſolche lle des 459 einem neuen, Gatten zurück, der ein reicher Mann war und für euch beide ſorgen konnte... Außerdem hatteſt du den Onkel. Hatte zwar mein Bruder Franz ſchon den Adoptivſohn meines Bruders Max, den dieſer aus Spanien mitgebracht, in ſeine väterliche Obhut ge⸗ nommen—“... Wie? unterbrach Bonaventura ſeine Wortein⸗ theilung und Ueberſetzung des Berichtes für den aufmer⸗ kenden und in Bonaventura's Familienverhältniſſen völlig heimiſchen Freund; kannte ſelbſt der Vater nicht die Her⸗ kunft Benno's?... Er las ſtaunend weiter: „— ſo geſtattete ihm doch ſein gutes Herz und ſeine Vermögenslage, auch dich in deiner Laufbahn zu befördern, die dir ohnehin, da du Soldat werden ſoll⸗ teſt, bald die volle Selbſtändigkeit geben konnte... Zur Ausführung meines Vorhabens bedurfte ich Beiſtand.. Ich konnte mich auf einen Menſchen verlaſſen, der, ſeines Zei⸗ chens ein einfacher Tiſchler, mit meinem Bruder Max unter Napoleon in Spanien gedient hatte, ihm eine Rettung ſeines Lebens verdankte, aber auch ohne dieſen Anlaß ein Muſter von Pünktlichkeit und Verſchwiegenheit ge⸗ weſen wäre... Ihr alle, die ihr mich überleben wer⸗ det, vor allem auch du, Benno von Aſſelyn, niemand von euch wird je geahnt haben, daß mit dem ſchweren Amt, einen kaum geborenen Knaben aus Spanien mit⸗ zubringen, dieſer alte treue Meviſſen in Verbindung ſtand—... Selbſt mir bekannte es der Brave nie, warum auf ſeinem Todbett Max die Weiſung hin⸗ terlaſſen, eine Summe, die ich ihm noch ſchuldete, in beſſerer Zeit, wenn ich könnte, einem in der Nähe 460 Kochers am Fall, in Sanct⸗Wolfgang, wohnenden und von dort gebürtigen Tiſchler, einem ehemaligen Soldaten ſeiner Compagnie, auszuzahlen... Da die Zahlung nicht drängte, ich auch die Summe nicht ſofort beſaß, ſprach ich zu niemand davon, am wenigſten zu unſerm guten Bruder Franz... Letztrer würde die Summe gegeben, aber auch die Verwendung derſelben haben erfahren wollen... Benno war ſchon damals zum Hüfner Hedemann in Borkenhagen bei Witoborn gegeben .. Ohne Zweifel iſt Benno entweder das Kind einer ſpaniſchen vornehmen Frau oder einer Nonne. Meviſſen kannte das Geheimniß; er hütete es wie ein Soldat die Parole ſeines Wachtpoſtens...“ Bonaventura mußte voll Rührung ausrufen: Guter, kindlicher Sinn des Vaters—!... Alle dieſe Dinge— wie waren ſie ſo ganz anders und nur dir blieben ſie verborgen!... Die Neugier ſeines älteſten Bruders, meines freundlichen Erziehers war ſeine Furcht!... Und gerade in deſſen Händen lagen, ſelbſt dem Bruder verborgen, die Fäden aller der Veranſtaltungen, die für den armen geopferten Benno getroffen werden mußten—!. Ambroſi kannte die Beziehungen und vermochte voll geſteigerten Antheils zu folgen... „Es drängte mich, endlich jene Schuld von einigen hundert Thalern an den alten Soldaten in Sanct⸗Wolf⸗ gang zu berichtigen... Als ich Abſchied von meinem bisherigen Daſein und meinem Namen nehmen wollte, beſuchte ich deshalb den kleinen Ort, den Meviſſen be⸗ wohnte... Ich fand einen räthſelhaft verſchloſſenen Menſchen; einfach und würdig ſein Benehmen; obſchon richt geſtor für ernä moch hatte ſtänd Sum er d den voll mein belte pen ſein Chr als woll und Unte ich Ber voll gang was geka das enth 461 nicht mehr zung, hatte er geheirathet, ſein Weib war geſtorben; ohne Kinder hielt er eine kleine Tiſchlerwerkſtatt für die einfachen Bedürfniſſe des Landlebens, die ihn ernährte... Die Summe, welche ich ihm ſchuldete, mochte er früher mehr bedurft haben, als jetzt; dennoch hatte er nicht gedrängt... Nach den erſten Ver⸗ ſtändigungen ſah ich wohl, daß ſich Meviſſen jene Summe durch irgend einen werthvollen Beiſtand, den er dem Bruder geleiſtet, verdient hatte... Ich ſuchte den Anlaß ſeiner Bewährung zu erfahren und zeigte mich voll Neugier ſchon aus Intereſſe für Benno's Vater, meinen zu früh vollendeten Bruder Max... Ich grü⸗ belte, forſchte— kein anderes Wort kam von den Lip⸗ pen des ſchlichten Mannes, als daß mein Bruder— ſein bravſter Chef geweſen... Angezogen von ſoviel Ehrlichkeit und Charakterſtärke, beredete ich ihn, mich als Diener auf einer Schweizerreiſe, die ich machen wollte, zu begleiten... Er nahm dieſen Vorſchlag an und ihm verdank' ich die Ausführung meines gewagten Unternehmens—... Den Schein zu erwecken, daß ich zu den Opfern der Lawinen des großen Sanct⸗ Bernhard gehörte, das war die Aufgabe...“ Ambroſi ſeufzte... Bonaventura's Herz klopfte voll geſpannter Erwartung... Es war die noch nicht ganz enthüllte Stelle im Leben des Vaters... „Im Canton Wallis, zu Martigny, legt' ich alles ab, was an mich erinnern konnte. Ich hatte mir neue Kleider gekauft, die in einem Packet verborgen werden mußten, das Meviſſen trug— Das meiſte, was mein Koffer enthielt, hatten wir verbrannt—... Der Dunſt, 462 den die verbrannten Papiere und die ſengenden Kleider verbreiteten, fiel im Gaſthof zu Martigny auf; ſo hielten wir mit unſern Zerſtörungen inne... Einiges mußte auch für das Leichenhaus auf dem großen Sanct⸗Bernhard zurückbehalten werden... Meviſſen's Handſchlag durfte mir genügen, um die Gewißheit zu haben, daß von ihm ſein Geheimniß würde mit ins Grab genommen werden... Unter dem Zurückbehaltenen be⸗ fand ſich vielleicht eine ſeltſame Urkunde, von welcher ich dir reden muß— aus Gründen, die du erfahren ſollſt—... Bonaventura verſtand das ſchmerzliche Lächeln ſeines Freundes... Es galt der Erinnerung an die Qualen, die ſich früher, in ſeinem jetzt überwundenen Glauben, der unrichtig Getaufte über ſeine Lage bereitet hatte... „Mein Sohn! Ich rufe dir mit der Schrift:„Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“—— Ich hatte in Witoborn mit dem Huſarenrittmeiſter von Enckefuß, dem neuen Landrath des neugebildeten Kreiſes, die Beſitz⸗ ergreifung, namentlich die Archive aus einer heilloſen Verwirrung zu ordnen, in welche ſie während des Krieges gerathen waren, wo man die wichtigſten Acten zu Streu für die Pferde benutzt hatte... Biſchof Konrad war ein wohlwollender, aufgeklärter Mann... Ich, hatte ſein Vertrauen gewonnen; auch er liebte, wie ich, alte Drucke, Miniaturen, kunſtvolle Heiligenſchreine, ohne daß er darum, wie ich, auch geiſtig unter den Ranken und Blüten der damals modiſchen Romantik und Phan⸗ taſtik wohnte... Auf einem Krankenlager, von welchem er nicht wieder erſtehen ſollte, übergibt mir der Biſchof .. 36,9 wie ich, hreine, den Ran f und! Konrad einen ſoeben empfangenen Brief des am ſelben Tage zur Ruhe beſtatteten Pfarrers von Borkenhagen, eines ge⸗ tauften Juden... Nehmen Sie das! ſprach der Biſchof. Es iſt das Teſtament eines Narren! Ich ſoll es nach Rom ſchicken! Wahnſinn! Doch— da manches Geheimniß Ihrer Familie betheiligt iſt— zerreißen Sie die Stil⸗ übung—! Sie iſt lateiniſch geſchrieben—. „Ich las den Erguß eines melancholiſchen Gemüthes, das, zerfallen mit ſich ſelbſt und mit der Welt, in dieſem Brief das Judenthum für die vollkommenſte Religion er⸗ klärte, die Lehre Jeſu nur eine von Jeſus nicht beabſich⸗ tigte Abweichung vom Judenthum nannte und ſich in ſeiner letzten Stunde von einem Gaukelſpiel losſagte, das er jahrelang mit Bewußtſein getrieben hätte... In dieſer Ueberzeugung, hieß es in dem merkwürdigen Briefe, hätte er zwar nicht damals gehandelt, als er den Glauben gewechſelt— damals hätte er Jeſus und der chriſtlichen Kirche etwas abzubitten gehabt— aber die Erinnerung an ſeine Verwandte, die Thränen einer verlaſſenen Geliebten hätten ihn beſtimmen ſollen, wenig⸗ ſtens nicht auch Prieſter zu werden... Er hätte es werden müſſen; er hätte die Weihen annehmen müſſen aus Furcht vor einem Tyrannen, dem Kronſyndikus auf Schloß Neuhof... Mishandlung, Drohung, ſogar Weinen und Flehen dieſes Mannes hätten ihm ſo lange zugeſetzt, bis er Prieſter wurde... Jahrelang aber hätte er ſein Amt mit Unluſt und ohne Ueberzeugung geführt ... In dieſem Sinne, ſchrieb er, hätte er die Sakra⸗ mente ertheilt, ohne die entſprechende Richtung des Willens... Getauft hätt' er in beſtimmter Voraus⸗ 464 ſetzung, daß das, was er that, eine leere Formel war So zunächſt alle Verwandte des Kronſyndikus — ſogleich ſeinen erſten Täufling, Bonaventura von Aſſelyn... Seine erſte Trauung, zwiſchen Ulrich von Hülleshoven und Monika von UÜbbelohde, gleichfalls Ver⸗ wandte ſeines Peinigers, wäre von ihm vollzogen worden, ohne den Willen und die Ueberzeugung, daß er wollte, was er that... Mit dieſem bittern Hohn gegen ſein Geſchick, zu welchem ſich die Andeutung über eine unrichtige Ehe geſellte, die einſt irgendwo von ihm vor⸗ her ſchon hätte geſchloſſen werden müſſen— und wie zu vermuthen war, auch dieſe auf Anſtiften des Kron⸗ ſyndikus— wollte der menſchenfeindliche Mann, der ein Rabbiner, ja, wie man aus einigen Stellen ſeines Briefes erſah, ein Kabbaliſt geblieben war, aus dem Leben ſcheiden...“ Bonaventura erkannte jetzt die Gründe, warum Lu⸗ cinde vor Jahren, damals, als ſie ſeinen Epheu zer⸗ ſtörte, von Monika's Ehe als von einer löslichen ge⸗ ſprochen... „Meine Empfindungen waren damals noch ſo ka⸗ tholiſch, daß ich über dieſe Entdeckung den größten Schmerz empfand und darüber anders dachte, als mein hochbetagter freidenkeriſcher Biſchof, der einige Tage nach Uebergabe der Urkunde an mich gleichfalls aus dem Leben ſchied... Aber ſollte ich meiner Familie, meinem eige nen Kinde noch einen neuen, von mir mit Entſetzen empfundenen Makel anhängen?... Ich dankte der Vorſehung für dieſe glückliche Wendung, die ein ſo wich tiges Document in meine Hand gelangen ließ... Sollte aventura vor en Ulrich vor lleichfa s Ver 465 ich ſie zerſtören? Daran verhinderte mich mein recht⸗ gläubiges Gemüth, ja der feſte Entſchluß, eines Tages deine richtige Taufe nachholen zu wollen... Und in dieſe Schrecken und Beunruhigungen meines Gewiſſens miſchte ſich die immer mehr geſteigerte Trauer um mein unſeliges Verhältniß zu deiner Mutter... Ein treuer, aufrichtiger Freund, den ich um ſo mehr liebte, als ſeine kühle und verſtändige Natur zu meinem eige⸗ nen Weſen die heilſamſte Ergänzung bot, konnte ſich einer Leidenſchaft nicht entwinden, die die einzige war, welche ihn vielleicht je überkommen... Noch mehr, ich war von ihm abhängig; die Güter des Lebens, die ich nie zu verwalten wußte, verbanden uns, während alles andere uns hätte rathen müſſen, uns zu trennen . Eine Lage entſtand, die vor der Welt meine Ehre in einem Grade bloßſtellte, der mich über mich ſelbſt verzweifeln machte... Ich ſprach nie von dem, was mich drückte, und doch erkannte ich alles, was vorging „Ich ſah, daß Wittekind meinen Haushalt beſtritt, meine Schulden bezahlte, die Entſcheidungen in jeder Frage gab, wo meine Zuſtimmung kaum noch begehrt wurde... Schon gab ich mir die Miene, ſolche Zuſtimmungen von meiner Seite gar nicht mehr zu beanſpruchen— ich vergebe deiner Mutter; ſie folgte ihrem weiblichen Sinn, der ſich an Starkes und Verwandtes halten will— unwahr iſt es, daß ſich nur die Gegenſätze lieben—...“ Die Freundſchaft der Leſenden, grade die aus dem Ge⸗ fühl entſprungen war, ſich verwandt zu ſein, mußte dieſen Ausſpruch beſtätigen... Bonaventura dachte an die Sterbeaugenblicke ſeiner Mutter, die in Einem Punkte Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 30 466 ruhigere geweſen waren, als er erwartet hatte— ihr zweiter Gatte hatte mit der Ueberzeugung von ihr Abſchied nehmen dürfen, daß ihr ganzes Glück und ihre wahre Lebens⸗ beſtimmung nur er geweſen... Bonaventura gedachte des Tages, wo auf Schloß Weſterhof die Mutter ihm geſagt hatte, gern beuge ſich ein Weib dem Worte: „Und er ſoll dein Herr ſein!“— wenn der Gatte es nur wäre—!... „O mein Sohn, damals verehrte ich noch eine Kirche, die einer Form zu Liebe zwei Menſchen, und wenn ſie ſich haſſen und wenn ſie ſich zum Anlaß ewiger Verwilderung werden, doch aneinanderſchmiedet— eine Kirche, die dem frivolſten Prieſterwillen eine Macht über unſer ewiges und zeitliches Wohl gibt... Aber mein Sinn ſollte ſich ändern... Er änderte ſich in dem Grade, daß ich nicht für mich allein der Wohlthat der Erleuchtung theilhaftig werden wollte... Als du Geiſtlicher wurdeſt, als ich hörte, du hätteſt dich den Römlingen angeſchloſſen, da erfreute es mich zu ver⸗ nehmen, daß Meviſſen jene Urkunde damals beim Ver⸗ brennen meiner Effecten im Gaſthof zur Balance zu Martigny zurückbehalten hatte... Mein braver Be⸗ gleiter ſchrieb mir zuweilen und unter anderm meldete er:«Einiges hab' ich nicht verbrennen mögen... Beſonders auch Geſchriebenes nicht... Es iſt bei mir ſicher wie im Grabe... Und ſollte ſich einſt noch einmal Ihr Wille ändern oder eine andere Zeit kommen, wo Sie bereuen, was Sie gethan— dann laſſen Sie in Gottes und ſeiner Heiligen Namen mein Grab öffnen. Was ich nicht vernichtete, finden Sie vort!»... ¹ 2— ilr zweite bſchied nehmen wahre Lebeng atura gedacht e Mutter it dem Worte der Gatte es ich noch ei Renſchen, und Anlaß ewige niedet— ein e Macht übe Balance braver d derm mebe mögen⸗ iſt bei m Hei⸗ Zeit konma m laſſen E . vra mein 467 Und dies Grab iſt erbrochen worden—!... Ich weiß es— ein Räuber, deſſen Hand mein treuer Hubertus richtete, hat die Witterung gehabt, daß ein Schatz— der Liebe mit dieſem armen Manne begraben rvurde—! Daß es zu ſpät ſein mußte, ihn zur Ver⸗ antwortung zu ziehen und mich zu beruhigen über das Verbleiben jener Urkunde—! In deinem eignen Dorfe rnußte ein Fluch zu Tage kommen, den deinem Leben ein wahnwitziger Prieſter geſchleudert—! Haſt du ihn vernommen, ſo vernimm ihn von mir! Bona, du biſt Würdenträger einer Kirche, die ein Recht heanſprucht, dich ſofort aus ihrem Schooſe auszuſtoßen . Warum?... Weil es ein Prieſter ſo wollte—! Mit einem Zucken ſeiner Miene, einem tückiſchen Hinter⸗ palt ſeiner Gedanken wollte—! Bona, verkünde dieſe Vermeſſenheit des katholiſchen Prieſterthums—!. Verkünde ſie der Welt! Zeige, wohin die Anmaßung der Foncilien und der Päpſte geführt hat! Frage, ob alle vie neugetauft werden müſſen, die du taufteſt— alle die neu verbunden, die du verbandeſt— alle Sünden noch einmal vergeben, die du vergeben—!... Ich wünſchte, daß die dreifache Krone dein Haupt zierte und du ſagen könnteſt: Höre, höre, Chriſtenheit— wenn Roms Geſetze Recht behalten, ſo iſt ſein oberſter Brieſter jetzt— ein Heide—!...“ Tieferſchüttert hielten die Freunde in ihrer Arbeit ſne... Schon ſchlug die mitternächtige Stunde. Eiſige Schauer überliefen ſie... Ein Diener kam und ſchürte die ſchon erloſchene Flamme im Kamin..Einen ſurzen Bericht, den er vom jetzt gelöſchten Brande an 30* 468 Piazza Navona gab, hörten die Tiefergriffenen kaum ... Abweſend war ihr Geiſt, ergriffen ihr Ohr und ihr Auge von dem, was ſie dem entrollten Papier ent zifferten, ebenſo wie von den Andeutungen eines Zukunft bildes, das ſich mit himmliſchen Farben vor ihrem gei ſtigen Blick entrollte... „Doch“, fuhr Bonaventura fort, die Buchſtaben zu leſen und zu überſetzen, die Ambroſi mit Geſchicklich⸗ keit zu Papier brachte—„kehre mit mir zurück auf den Tag meines ſcheinbaren Todes!... Gefahr⸗ volle Schneeſtürme hatten geweht und mühſam erklom⸗ men wir die mächtige Höhe... In der Nähe des Hospizes warfen wir Pilgermäntel über, ließen uns die Morgue aufſchließen und, während Meviſſen be⸗ ſchäftigt war, den führenden Auguſtinerbruder nach einem der dort aufgeſtellten Gerippe, vor welchen alles, was an und bei ihnen gefunden wurde, beiſammen lag, zu fragen und ihn zu zerſtreuen, legte ich vor einen der jüngſt Verunglückten, der mir an Wuchs ziemlich glich und an dem durch ſeinen Sturz zerſchmetterten Kopf völlig unkenntlich war, mein Portefeuille und den Trau⸗ ring deiner Mutter—...“ Ambroſi ſagte: Vor meinen Vater—!... Wie hat das Schickſal uns ſo wunderbar verbunden—!...— Bonaventura, erlöſt von dem jahrelang ihn quälenden Bilde eines unheimlicheren Zuſammenhangs der Todes arten ihrer Väter, der natürlichen des Profeſſors Am broſi, der künſtlichen Friedrich's von Aſſelyn— konnte nur mit ſeinen zitternden beiden Händen die linke Hand [ν 8 ergriffenen kau en ihr Ohr llten Papier n eines Zukun vor ihrem e Buchſtaben mit Geſchickli mir zurück a ... Gefat mühſam erklor der Nähe d er, ließen! Meviſſen l erbrude na Gen al beiſammen! ich vor e Puchs zier chwetterten N und den Li at das Sell 469 Ambroſi's ergreifen und mit ſtummer Geberde ausſprechen, was er empfand... „Als ich dann noch die Portefeuilles vertauſcht hatte, fiel mir erſt die ganze Schwere meiner That aufs Ge⸗ wiſſen... Mein Führer, muthvoller als ich, mahnte zum Gehen— ſeine Abſicht mußte ſein, ſoviel als möglich für die Auguſtiner nicht wiedererkennbar zu er⸗ ſcheinen... Am Hospiz, wo uns die Mönche einluden, einzutreten, trennte ſich Meviſſen— er mußte es ſchnell thun, um unſere Phyſiognomieen nicht zu lange dem Gedächtniß der Nachblickenden einzuprägen... Es war ein Abſchied für ewig und dennoch ging Meviſſen— wie zu einem Wiederſehn auf den folgenden Tag—...“ Solche Treue lebte jahrelang neben mir und dem Onkel— ohne ihres Ruhmes zu begehren— ſchaltete Bonaventura ein... „Aber, der Gedanke: Die Spur jenes Unglücklichen, für welchen du nun genommen werden wirſt, blieb viel⸗ leicht den Seinigen auf ewig verloren— du haſt ein Verbrechen auf dich geladen, größer, als dein Selbſt— mord geweſen wäre!— der verfolgte mich bald mit allen Schrecken eines böſen Gewiſſens... Im Portefeuille des Todten, für welchen man mich nehmen konnte und ſollte, fand ich keinen Namen, nur Höhenmeſſungen und Zahlenreihen... Noch im erſten Eifer meiner ſchein⸗ baren Selbſtvernichtung warf ich dieſe Anklage gegen mich in die Tiefe eines Waldſtroms... Ringend, mich in die Stimmung meines alten Leichtſinns, meiner romantiſchen Sorgloſigkeit, meiner angebornen läſſigen Natur zurück⸗ zuſchmeicheln, umging ich Turin... Die Thäler, die 470 ich mit meinen neuen Kleidern durchwanderte, waren zufällig Waldenſerthäler.. Ich kannte die roma niſche Sprache... Aber ich floh vor allem, was mich an Religion erinnerte... Nur mein roman⸗ tiſcher Trieb gab mir Kraft, nur jener phantaſtiſche Sinn, der dem Schönen und Reizvollen ſich ergibt und mo⸗ raliſcher Imputationen nicht achtet... Ich wollte nach Genua, wollte mit dem Reſt meiner Baarſchaft zu Schiff gehen und mir in Südamerika ein neues Leben begründen... Ueber Coni hinaus wurde ich krank; ſeeliſch und körperlich angegriffen, ſchleppt' ich mich jetzt nur noch langſam vorwärts... Scheu mied ich die große Straße und ruhte mich oft in Wäldern... Da war es denn, wo ich in einem einſamen Thale aus einem ſchönen Hauſe einen vollſtimmigen Choral vernahm... Ich trat in einen neugebauten Raum, wo ein Redner geiſt— liche Erweckungen hielt... Der Gottesdienſt war bald zu Ende... Ich ſah eine hohe ſtolze Dame, der, als ſie aus dem Hauſe trat, alle ehrerbietig auswichen, ich grüßte ſie und folgte ihr... Zu meinem Erſtaunen ſprach ſie mit ihrem Diener deutſch... Ich redete ſie in gleicher Sprache an... Dies gethan zu haben, bereute ich freilich ſofort, denn ich hörte ihren Namen und mußte erſtaunen, mich in der Nähe eines entfernten Zweigs meiner eigenen Familie zu befinden... Entfliehen konnte ich nicht; ich war zu hinfällig, wurde krank, kam dem Tod nahe und befand mich monatelang in einem Zuſtand faſt der Geiſtesabweſenheit... Als ich genas, war ich ſo von Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dieſer edlen Frau erfüllt, aß ich mich nicht mehr von ihr trennen konnte... Da ich dame, der auswiche Erſtaune Ich red zu haber Namen! 471 mich als Katholiken bekannt hatte, durfte ſie in meiner Abſicht, als Einſiedler in ihrer Nähe zu leben, nichts Auffallendes finden...“ In Bonaventura's Innern klangen die Lieder des Dich⸗ ters Novalis... Sein Vater klagte ſich nur allein an... Was ſein träumeriſchphantaſtiſcher Sinn hätte aus dem Geiſt der Zeit entſchuldigen können, ergänzte nur die Liebe und Bildung des Sohnes... „Die Gewiſſensſchuld, der Schmerz um meine That auf dem Hospiz, die Gewißheit, daß aus meinem geglaubten und beſtätigten Tode bereits ein neues Leben in der aufgegebenen Heimat erblüht war(die Gräfin erzählte mir von einer Heirath des Präſidenten von Wittekind, eines Couſins der reichen Erbin, mit der ſie zu proceſſiren angefangen— eine Zeitungsannonce nannte den Namen der Gattin Friedrich's von Wittekind—) alles das gab mir eine tiefe Traurigkeit und mehrte den Ab⸗ ſchluß mit dem Leben... So entſtand die Neigung, mich um die Lehre der Waldenſer zu kümmern... Gräfin Erdmuthe gab mir die alten Schriften, die ſie geſammelt hatte und die in ihrem Text vielleicht niemand ſo verſtand, wie ich.. Auch Ambroſi war in ein tiefes Erinnern verſunken und ſchien kaum zuzuhören... Bonaventura chiffrirte inzwiſchen für ſich weiter und las... Die Darſtellung des Vaters lenkte jedoch auf jene Empfindungen zurück, die ſich in Ambroſi's Innern an⸗ geſponnen haben mußten; deshalb begann der Freund aufs neue die laute Mittheilung... 472 „Ich würde vergebens gerungen haben, aus meinen ſchere durch die Ehegeſetze geweckten Zweifeln an Roms Hier⸗ müth archie zu einer Verſöhnung mit dem ewigen Grund ich aller Dinge, der in unſerm Gewiſſen den einzigen Weg zu ſeiner Erkenntniß vorgezeichnet hat, zu gelangen, wenn den nicht ein wunderbares Erlebniß mich zum Frieden mit ihm mir ſelbſt gebracht hätte... Alle Schätze der Erde mein ſind nichts gegen die Seligkeit eines erlöſten Schuldbewußt⸗ imm ſeins... Dann ſtreckt jubelnd die Dankbarkeit ihre Hände hard gen Himmel und ruft: Verhängniß, Zufall oder wie dein oft Name ſein mag, ewiges Geſetz des Lebens, ich bringe dem dir den Dank einer befreiten Seele bis in den Sphärenſang vas der Sterne—!... Unter den vielen, die in meine ſtell Waldhütte kamen, um ſich Raths zu erholen, wie ich vern ihn grade geben konnte, kam auch ein anmuthiger Züng⸗ man ling... Seine Mienen hatten einen melancholiſch trauern⸗ Mö den Ausdruck... Ich konnte ihn nicht ſehen, ohne deſt ſogleich mit tiefſter Wehmuth auch deiner zu gedenken gefc ... Es war verboten, daß ſich die geiſtlichen Schüler aus von Robillante, überhaupt rechtgläubige Seelen meiner mei Hütte nahten— dennoch geſchah es— ich wurde ein gehe Beichtiger wider Willen... Auch dieſe Schüler, die gelt ſich oft in den Wäldern tummelten, gingen nicht, mei ehe ich nicht jedem gethan oder gerathen, wie und was Sch er wollte... Vielen Umwohnern mußt' ich Briefe die ſchreiben, andern über ihre Geldſachen rathen, manchen beſu lehrte ich die Sprachen, auch deutſch— Knaben wie aus Mädchen... Jener Schüler aus Robillante wollte befr Deutſch lernen... Die Gabe der Sprachen ſchien dem mal jungen Novizen verſagt; deſto reger war ſein For⸗ drau 4 .——— us meinen Roms hier⸗ igen Grund nzigen Weg ngen, wenn Frieden mit der Erde huldbewußt⸗ ihre Hände er wie dein ich bringe phärenſang in meine 473 ſchereifer in Aufgaben der Phantaſie und des Ge⸗ müths... Vincente Ambroſi wollte Mönch werden; ich that nichts, um ihn in dieſem Entſchluß wankend zu machen, kämpfte auch nicht gegen ſeinen Glauben, den er mit Hingebung und innerlich ergriff... In ihm liebte ich dich... Schon lange bewohnte ich meine einſame Hütte und war noch ohne Seelenruhe, immer noch gefoltert vom Hinblick auf den Sanct⸗Bern⸗ hard und meinen Betrug... Meine Thränen feuchteten oft mein nächtliches Lager... Oft trieb es mich, nach dem Hospiz zurückzukehren und nach allem zu forſchen, was ſeither dort geſchehen war... Aber die Vor⸗ ſtellung: Deine Gattin hat ſich mit dem Freund vermählt und darf nicht in Bigamie leben! ſchreckte mich; man konnte mich erkennen; dieſe einſam wohnenden Mönche behalten die wenigen Eindrücke, die ihnen werden, deſto lebhafter... Immer und immer aber ſah mein gefoltertes Gewiſſen die größten Verwickelungen entſtanden aus den verwechſelten Portefeuilles, aus dem Hinlegen meines Ringes unter die Sachen, die einem andern gehörten, deſſen Spur nun verloren und der, für mich geltend, begraben wurde... Was half mir das Glück meines äußeren Schickſals, die liebevolle Sorge und der Schutz meiner Gräfin—... Mir fehlte Seelenfriede... Dieſen fand ich erſt, als mich wieder jener Prieſterzögling beſuchte, der oft in dieſe Gegend Almoſen zu ſuchen ausgeſchickt wurde... Er klagte über die Nicht⸗ befriedigung ſeines Innern und erſchloß mir zum erſten mal, warum ſein Gemüth ſtets ſo krank, ſein Sinn ſo traurig war... Er hatte bei unſrer erſten Begegnung 474 früher Deutſch von mir lernen wollen, weil er nur zu ſehr bedauerte, es in einer ernſten Sache, von der er damals nicht ſprach— es ließ ſich an den Selbſtmord des Vaters denken— nicht verſtanden zu haben. Er wäre das einzige Kind ſeiner Aeltern; ſeine Mutter, eine Frau von hoher Bildung, wäre eben aus dem Leben geſchieden geweſen, ſein Vater, Lehrer der Mathematik am Colleg zu Robillante, um ſich in ſeinem tiefen Schmerz aufzurichten, hätte ihn ins Seminar gegeben und eine Fuß⸗ reiſe in die Alpen angetreten... Um die Savoyer und Deutſchen Alpenzu vergleichen, hätte er vier Wochen aus⸗ bleiben wollen und wäre nicht zurückgekehrt... Da alle Nachforſchungen ohne Reſultat blieben, machte ſich nach einigen Monaten der Sohn auf den Weg, um wenigſtens Einiges über des Unglücklichen Schickſal in Erfahrung zu bringen... Der Vater war die Straße über den kleinen Bernhard, den Bernhardin, gegangen, hatte von da aus die Walliſer, die Berner Alpen beſucht— überall fand er des Vaters Spuren, auch auf der Heimkehr noch am Genferſee, noch in Martigny, ja bis zum Hospiz hinauf... Da war dann plötzlich derjenige, von welchem er geglaubt hatte, daß es unfehlbar nur ſein unglücklicher Vater hätte ſein müſſen— ein anderer, den gleich⸗ falls der Schneeſturm überfallen, ein von einem, deut⸗ ſchen Domherrn und ſeinem Diener damals erſt vor einigen Wochen in Saint⸗Remy begrabener, ein Deutſcher, Friedrich von Aſſelyn genannt— Den Namen hatte er deutlich und richtig aufgeſchrieben; er ſtand in Saint⸗Remy auf meinem vom Bruder Franz geſetzten Grabſtein—...“ 475 Die Freunde konnten an dieſer Stelle nichts thun, als ſich gerührt die Hände drücken... „Weinen durfte ich bei der Erzählung des Jüng⸗ lings— denn ſein Leid hätte jeden gerührt... Mein Weinen war aber ein Weinen der Freude, das der junge Geiſtliche nicht begreifen konnte... Ich rief ihm, da mein Entſchluß, mein Geheimniß zu hüten, ſo lange deine Mutter lebte, feſtſtehen ſollte: Ich kann dir nicht ſagen, mein Vincente, daß dein Vater lebt; aber glaube mir, die Stunde der Trauer, als alles dir zu ſagen ſchien: Du findeſt ihn, wenn auch im ſchreckhafteſten Bild des Todes, und du ſahſt dich dann doch in deiner ſchmerzlichen Hoffnung getäuſcht— dieſe Stunde, mein Sohn, wird dir gelohnt werden mit ewigen Himmels⸗ kronen!... Der Jüngling deutete alles im Bilde „Ich wurde ihm näher verbunden und tiefer ver⸗ loren wir uns in die großen Aufgaben des Lebens... Von dieſer Zeit an erhob ſich mein Inneres zum Dank gegen Gott... Denn Dank gegen Gott, das iſt das Gefühl, deſſen Ausdruck wir tauſendmal im Munde führen und doch nur ſelten verſtehen, ſelten in die Urſachen ſeiner wahren Beſeligung zergliedern können...“ Wieder hielten die Freunde inne... Wieder be⸗ ſiegelte ihr Händedruck den gottgeſchloſſenen Bund ihres Lebens... „Nun wagte ich, auch an die Läuterung Anderer, an die der Kirche zu denken... Gräfin Erdmuthens Glaube überträgt unſer Glück auf die Wohlthat der Erlöſung durch die Gnade... Dies Bild der Gnade begriff ich und pries am Glauben der Proteſtanten, daß 476 ſie, die ſo Vieles aufgaben, was ſie noch wie andere Chriſten hätten hüten und tragen ſollen, ſich das Be⸗ wußtſein einer faſt perſönlichen Wahl und Führung Gottes gewonnen hatten... Ich ſah die Hand der Vergebung vor mir, ich fühlte an mir ſelbſt die wider Verdienſt ge⸗ ſchenkte Gnade des großen Erlöſungswerkes... Nun verſtand ich die reinen, andächtigen Bücher der Waldenſer, kindliche Hingebungen an die Schrift... Die Bibel wurde mir ein Buch göttlich geführter Menſchenſchickſale „Liebe, Glaube und Hoffnung wurde mein Evan⸗ gelium... Warum mehr? Und wozu irgend etwas, was nicht auf dieſem Grunde ruht?... So lehrte ich an manchen Tagen unter meinen alten Eichen und die Menſchen kamen von nah und von fern, bis die Ver⸗ folgungen ſie hinderten... Da hätt' ich denn ſchon den wirklichen Tod ſuchen können, wenn in dieſer Welt auf ſolchen Drang der Tod geſetzt iſt... Immer entſchloſſener theilt' ich die Ueberzeugung der Gräfin, daß das Verderben der Welt der Stuhl des Antichriſts in Rom iſt... Die Fortſchritte der Bibelverbreitung, das Wirken engliſcher Miſſionäre gerade auf italieniſchem Boden, die enge Verbindung zwiſchen Politik und Religion gerade in dieſem Lande, der erwachende Freiheitsdrang Italiens, der nur allein über die Zerſtörung der Prieſterherrſchaft Roms hinweg ſein erſehntes Ziel des Volks⸗ Berede erringen kann, alles das erfüllte mich mit hoher Spannung 1 .. Ja, in einer ſolchen Stunde kam mir der Ge⸗ danke, nicht allein meinen zweiten Sohn, Vincente Am⸗ broſi, für die Sache einer großen Reform zu gewinnen — ihn nannt' ich auch in dieſem Sinn ſchon mein— ſon⸗ dern Rön hört jene Gri nah⸗ in Fra eine den ſelb beſe geſc übel die lere tur nur ger zur ung Gottes Vergebung erdienſt ge⸗ .Nun Waldenſer, Die Bibel Die Dibel henſchickſale nein Evan⸗ end etwas, So lehrte niſchloſſenet Verderben Di engliſcer die enge e in dieſen s, der nl hoft Ren ürgerwehl Spannund 6 r der 477 dern auch meinen erſten, der, wie ich hörte, in die Netze der Römlinge gefallen war... Noch ſchob ich es auf, bis ich hörte, daß ſich Dein Wahn ſogar an den Unternehmungen jenes Kirchenfürſten betheiligte, von denen mir die Gräfin in höchſter Aufregung leidenſchaftlichſter Partei⸗ nahme für den gekrönten Vorkämpfer des Proteſtantismus in Deutſchland erzählte... Da ſchrieb ich dem Bruder Franz und dir, Bonaventura, sub sigillo confessionis eine Aufforderung zu einem Tag des Concils unter den Eichen von Caſtellungo... Es war eine That, die ſelbſt die Möglichkeit, mich, deine Mutter, uns alle zu beſchämen, nicht ſcheute, eine That der Uebereilung gewiß, geſchehen in jener alten Haſt, die ich noch nicht ganz überwunden hatte— Ach, es ſollten Prüfungen kommen, die mein Blut in ruhigere Wallung, mein Denken in küh⸗ lere Erwägung brachten—...“ Cardinal Ambroſi mußte beſtätigen, daß Bonaven⸗ tura's Vater ſchon damals von ſeiner baldigen Entfer⸗ nung aus Caſtellungo geſprochen... Die Geſtändniſſe kehrten auf den in heftigſte Erregung gerathenen, auf und niederſchreitenden Vincente ſelbſt zuriick... „Wie aber erreicht man ein allgemeines Concil? Wie ſetzt man die Majeſtät dreier Jahrhunderte des Lichts zum Richter über das Concil von Trident? Arme Mönche und Landpfarrer haben keine Stimme im Rath der Kirche! Ein Cardinal, ein Papſt muß es ſein, der dem Schöpfer das Wort nachſtammelt:«Es werde Licht!“ Und wie wird man Cardinal, wie Papſt—!— So ſprach mein Schüler eines Tags mit bebender Stimme. 478 „Dazu ſind alle Wege offen!“ erwiderte ich lächelnd. Keiner iſt freilich ſicher!y Einer, ſetzte ich hinzu, wäre neu, der: In Rom ein Mönch im alten Sinn der Väter zu ſein! „Werde ein Heiliger, mein Sohn!» ſprach ich... Das will ich werden! antwortete Vincente... Ich erſchrak, ergriff ſeine Hand und fuhr fort: Mein Sohn, kein Ur⸗ theil über die Menſchen und Dinge dieſer Erde darf dann früher über deine Lippen kommen, bis die kühle Erde oder der Purpur deine Stirn bedeckt!„Das ſchwör' ich zum dreieinigen Gott!» ſprach Vincente Ambroſi und ging nach Rom—...“ 1 Ambroſi hatte ſich niedergelaſſen, legte ſein Haupt auf den Tiſch und faltete die Hände.. Auch Bonaventura's Schweigen war ein Gebet... Nach einer feierlichen Stille ſagte er: Und ich, ich mußte dir das letzte Wiederſehen deines Vorläufers und Apoſtels rauben—! Den Blick— der Bewunderung—!... Er iſt jetzt unter uns! ſprach Ambroſi mit ver⸗ klärtem Blick gen Himmel... Und wie bald— einigt uns alle— das große Gottesherz—!... Eine lange Pauſe trat ein... Dann mahnte Ambroſi ſelbſt, daß der Freund fort⸗ fuhr.... Dieſer las:„Als mein treuer Schüler nach Rom zu den ſtrengen Alcantarinern gepilgert war, hätte ich in hoher, göttlicher Freude in meiner Klauſe leben können, wenn ich mich nicht einige Jahre ſpäter hätte zu jenen Briefen hinreißen laſſen... So lebte ich mit Zittern und Zagen unter den Eichen von Caſtel⸗ lungo meine ſein- Jahr die 7 Robi 479 lungo, hoffend und wieder erbangend, erbangend, daß meine Entdeckung nahe war... Meviſſen mußte todt ſein— ich hörte nichts von ihm... So ging noch ein Jahr, noch ein zweites hin... Da kam plötzlich die Nachricht, daß mein eigener Sohn als Biſchof in Robillante erwartet wird—1... Ich wußte nichts vom Zuſammenhang dieſer wunderbaren Wendung, ich ſah nur die Wirkung meiner Mahnung an die Eichen von Caſtellungo... Dein Denken, dein Fühlen entnahm ich aus dem, was ich allein von dir wußte... Es war mir verhaßt; ich hätte fürchten müſſen, dich in die traurig⸗ ſten Conflicte zu verwickeln... So entfloh ich... Ich bot alles auf, dir, deiner Mutter, deinem zweiten Vater die volle Freiheit eueres Lebens zu laſſen, mir nur den Schein meines Todes... Ambroſi wurde der treue Vermittler zwiſchen deiner Liebe und meiner Furcht .. Ich hörte von deiner veränderten Richtung, von deinen Kämpfen, deinen Siegen... Iſt es nicht gut, zu entbehren um einen Gewinn?... Sah ich dich nicht, ob hier, ob dort, in meinen Armen, vereint mit dir in jenen großen Opfern, die nie ausbleiben werden, ſo⸗ lange die Erde in ihren Bahnen der Dunkelheit und der Sehnſucht zum unſterblichen Lichte rollt—!... Ich fürchtete nichts von den Schrecken dieſer Welt— nichts von den Schrecken Italiens... Müſſen ſich nicht ſelbſt die Drohniſſe der Natur in Quellen der Freude ver⸗ wandeln, wenn ſie uns die Gemeinſamkeit des Erden⸗ looſes lehren und das Bild eines großen Zweckes auf⸗ ſtellen, dem aus Tod erſt an der ewigen Schöpfungsquelle vie Erfüllung wird!... Wenn ich dir ſchildern ſollte, 480 wie ich auf meinem Pilgergang nach Loretto, in der Ge⸗ fangenſchaft der Räuber, im Silaswald in jener Wald⸗ einſamkeit, die ich in meinen Jugendträumen ſo oft geprieſen und erſehnt, hin und her bewegt wurde von einer Welt andringender, mich ſtets beſchäftigender Thatſachen, wie ich namentlich im Hinblick auf dich und deine große Laufbahn von Zweifel, Hoffnung, innigſter Vater⸗ ja Freundesliebe bewegt wurde— dann ſoviel freundliche Genien fand, die mich auch wiederum einen Jüngling wie Ambroſi, entſagungsmuthig, willensſtark und willensrein finden lißen— Paolo Vigo— wie ich nun drei ſchon einem Gottesreiche gewonnen ſah, das mit klingenden Harfen näher und näher den Nebeln der Erde kommt—...“ Bis hierher hatten die Freunde geleſen, als die Lampe erloſch und ſie ſahen, daß der helle Morgen tagte.. Sie hatten das Schwinden der Zeit nicht bemerkt ... Auch das Verglimmen des Feuers im Kamin nicht ... Nun meldeten ſich die Rechte der Natur im Ge⸗ fühl, daß es Winter war... Draußen läuteten die Morgenglocken... Sie waren ſo ſelig ergriffen von Freundſchaft, Liebe und Hoff⸗ nung, daß ihnen die Beſinnung auf die Welt, ſogar der Hinblick auf die in den öden Mauern des Inqui⸗ ſitionspalaſtes liegende Hülle der edlen, ſchwärmeriſchen Seele, die hier zu ihnen ſprach, wie ein Traum, eine märchenhafte Jugenderinnerung war... Den Reſt der Blätter wollten ſie auf den ſtilleren Abend laſſen und wenige Stunden noch ruhen... mern lege dürf ſtau eine daß wär tto, in der Ge⸗ in jenet Wald⸗ räumen ſo oſt vegt wurde von beſchäftigender k auf dich und fnung, innigſter — dann ſoviel wiederum einen willensſtark und — wie ich nun ſah, das mit jebeln der Erde Morger 6e Morg t nicht bemerkt im Kamin nicht Natur im Ge⸗ Sie waren iebe und Heff ee Welt, ſogar ern des Inqll⸗ ſſchen ſchwärmerlſ eine in Traum, ſilleren auf den ſtl Ihen och t 481 Dann hatten ſie die Abſicht, zunächſt zum General der Dominicaner zu fahren und dem zu danken... Hierauf wollten ſie in den Inquiſitionspalaſt, ſpäter nach San⸗ Pietro in Montorio... Schon hörte man von der Straße her den Lärm des Tages... Eben wollten die Freunde ſich trennen, als ſie be⸗ merkten, daß der Diener, welcher die auf dem ent⸗ legenen Zimmer Eingeſchloſſenen nicht ferner hatte ſtören dürfen und auch inzwiſchen geruht hatte und ſie ſtaunend noch nicht zu Bett gegangen wiederfand, noch eine Eröffnung für ſie bereitzuhalten ſchien... Er ſagte, daß die trübe Nachricht erſt nach Mitternacht gekommen wäre und er nicht ſofort ſie zu melden gewagt hätte... Es war verhängt, daß ſich keine Ruhe auf die leid⸗ überladenen Herzen ſenken ſollte... Die Feuersbrunſt hatte auf Via dei Mercanti ſtatt⸗ gefunden... Sie war ſeit Jahren eine der größten, die in Rom ſtattgefunden... Die daſelbſt in einem alten Palaſt befindlichen Waarenmagazine waren von den wüthenden Flammen zerſtört worden... Von oben und unten ſich begegnend hatten ſie die Stiegen unbetret⸗ bar gemacht... Man beklagte Verluſt an Menſchen⸗ leben... Ambroſi und Bonaventura fragten nach Gräfin Sarzana... Der Diener berichtete ihren Tod... Ein Franciscanerbruder, erzählte er und die ſich mehrende Dienerſchaft ergänzte ſeinen Bericht, hätte retten wollen... Muthig ſtürzte ſich der Mönch in die Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 31 482 Flammen, zumal als man zu ſehen glaubte, daß eine Dame, die oben einen Ausgang aus der Zerſtörung ſuchte, einem Räuber ein Käſtchen entriß, das ſie mit Ver⸗ zweiflung und hülferufend vor ihm zu wahren ſuchte ... Auf einer mit Eiſenblech beſchlagenen Leiter erreichte der Mönch den Balcon, der ſchon mit brennendem, zur Rettung beſtimmtem Geräth überhäuft war, kletterte in ein vom wirbelnden Qualm und mit kniſternden Funken erfülltes Zimmer, wo durch die zerſprungenen Fenſter⸗ ſcheiben hindurch deutlich das Ringen der Dame mit einem Mann erblickt werden konnte, dem ſie jenes Käſtchen nicht überlaſſen zu wollen ſchien. ſich Bahn, ergriff den kleinen Schrein, warf ihn auf die Straße— in die verzehrende Glut, die ihn ſofort zer⸗ ſtörte... Die Flamme loderte ſo hoch auf, daß bereits die glühend gewordene Leiter brannte... Eine neue verſuchte man anzulegen... Vergebens... Noch einmal hörte man aus dem allgemeinen Lärm der Ver⸗ wüſtung und Zerſtörung heraus die Stimme des Mönchs, der ſeine ſchon brennende Kutte abgeriſſen hatte, hörte den mächtigen Ausruf:„Schon einmal gelang es, Brü⸗ derchen!“... Da verloren ſich die italieniſchen Worte, die der Muthige noch verſtändlich gerufen hatte, in eine fremde Sprache... Mit dem einen Arm ergriff der Mönch den Räuber, mit dem andern die Gräfin Sarzana, hob beide hochhinweg über die brennenden Geräthſchaften auf dem Balcon und ſchickte ſich zum Sprunge an... Die Balken des Daches ſtürzen, die Flamme ſucht mit gierigem Schlund die ſchon Erſtickenden... Jetzt, mit dem Ausruf: Noch einmal in Jeſu Namen! ſpringt der .. Der Mönch machte Re bte, daß eine ſtörung ſuchte, ſie mit Der wahren ſuchte Leiter erreichte ennendem, zur r, kletterte in ernden Funken genen Fenſter⸗ ame mit einem jees Käſtchen Nürt machte rf ihn auf die f, dal 3„Noch Lärm der Wer⸗ . des Mönche, hatte, hörte lang es, Brü niſchen Worte batk in ein rm ergrif 1 räfin Sarzan Aaft Geräthſche 4 runge al: 483 Rettende in die Tiefe... Mit zerſchmetterten Gliedern lagen drei Menſchen auf der Straße— bedeckt von den brennenden Balken und dem Schutt der Zerſtörung— ... Sie lagen todt.. Während Bonaventura erſtarrt zur Bildſäule, von Ambroſi gehalten, jedes Wort wie die Spitze eines Dolches fühlte, doch mit dem innigſten Antheil ſein Ohr darhielt, fuhr der Bericht fort: Nun ſtellte es ſich heraus, daß der eine der beiden Männer jener deutſche Mönch war, der einſt den Griz⸗ zifalcone erſchoſſen hat, Frä Hubertus... Der andere hat ſich keineswegs als Räuber herausgeſtellt... Es war— ein Freund der unglücklichen frommen Gräfin, der nur allein zum Helfen gekommen war— ein Prieſter des Al⸗Geſu, Pater Stanislaus.. Die Gräfin Sarzana wurde über die Engelsbrücke getragen, noch hatte ſie einige Beſinnung; ſie erreichte das Krankenhaus der Deutſchen nicht mehr... An den Stufen der Peters⸗ kirche hielt die Bahre... Dort iſt ſie verſchieden... Bonaventura war auf einen Seſſel geſunken.. Den todten Pater Stanislaus, hieß es, holten ſeine Ordensbrüder... Frä Hubertus hätte, verſicherte man, mit ſeinem Muth und ſeiner unbändigen Kraft den ſchreckhaften Ausgang auf alle Fälle verhindert, wär' er nur anfangs auf dem Brandplatz verblieben... Aber mitten im Gewühl behauptete er die Spur eines Man⸗ nes verloren zu haben, dem ſein leichtbeſchwingter Fuß aus dem Sacro Officio gefolgt war und den er im Ge⸗ dräng der Menſchen aus den Augen verlor... Darüber verſtrich die Zeit... Endlich erblickte er in jenem 31* 484 vermeintlichen Kampf mit Gräfin Sarzana den Geſuchten, rief Worte in einer unverſtändlichen Sprache hinauf, kletterte in die Höhe— alles ſtand entſetzt... Es war— als wenn der Tod, ein Knochengeripp, beleuch⸗ tet vom blutrothen Schein der Flammen, die ſchon 1 brennenden Sproſſen der Leiter herabklimmen wollte, zwei Leben im Arm— Der Erfolg des Sprunges gab dem Senſenmann, was er ſuchte—. Die Erzählenden hielten auf einen Wink Ambroſi's inne.. Bonaventura vernahm nichts mehr. den Geſuchten, prache hinauf, etzt...Es eripp, beleuch⸗ en, die ſchon nen wollte, Sprunges gab ak Ambroſis Neuntes Buch —— 18² Selbſt am brauſenden Donnerton des Waſſerſturzes niſtet ein Vogel im traulichen Verſteck. Die ermüdete Menſchenſeele, Erquickung bedürfend, ſucht ſich ihre Ordnung aus den Schrecken der Zer⸗ ſtörung, ſucht— und findet ihre alte, ihr ſo wohlbe⸗ kannte Gewöhnung an Freud' und Leid— auch in Sturm und Ungewitter... Am Fuß eines alten unſchönen Gemäuers in Rom, die Pyramide des Ceſtius genannt und, der Inſchrift zufolge, das Grabdenkmal eines woßlhabenden Kochs aus Kaiſer Auguſtus' Zeit, ſchmettert in die blaue ſonnige Früh⸗ lingsluft eine Nachtigall. Die Sängerin der Haine würde vielleicht entfliehen, wenn die Fittiche der Nachtunholde, das hägeinde Schlei⸗ chen einer Schlange ſie umkreiſten— die Wildheit der Menſchen ſtört ſie nicht. Kanonen donnern— Wilde Lieder erſchallen— . Tauſende von Menſchen üben ſich im Dienſt der Waffen... Die Nachtigall ſingt ihre Klage unter Roſenbüſchen. 488 Am Fuß des alten Gemäuers breitet ſich ein Kirch⸗ Vor hof aus... Att Wohlgewählt dieſer Platz beim alten Cajus Ceſtius, auf Koch und Gaſtwirth in dem alten Rom—! Auch Her⸗ ha berge gab er ohne Zweifel den Fremden— den Griechen, au Perſern, Afrikanern... Und dieſer Kirchhof hier gibt de jetzt den Juden und Ketzern Herberge, wenn ſie in bil Rom ihr Auge ſchloſſen... Dieſe Roſen und Lilien an Tr dem alten Gemäuer, wo die Nachtigall ſchlägt, gehören dü dem Kirchhof der Proteſtanten. Rom iſt in Waffen... Ein Dictator iſt erſtanden... Eben ſteht er we oben und überſchaut an dieſem entlegenen Ende der ve Stadt, vom Monte Teſtaccio aus, die Ebene mit ſeinem hie Fernrohr... Eine kräftige, gedrungene Geſtalt mit nt gebräuntem Antlitz, ſchlichtem, ſchon weißem Haar, faſt der deutſchen Augen... Ein Italiener iſt's mit dem grauen die Reiterhut und einer rothen wallenden Feder drauf... 5 Sein militäriſcher Stab begleitet ihn... en Von hier aus ſieht man deutlich drei Heere z ge gleicher Zeit, die in Latiums großer Ebene, der Cam⸗ o pagna, ſo lagern, wie einſt die Cimbern und Teu⸗ Re tonen hier und zur Zeit der Völkerwanderung die.. Hunnen lagerten... Dem Meere zu liegt das Heer be der Franken... Dem Gebirge zu das Heer der mi „Deutſchen“— was eben„Deutſche“ unter Oeſterreichs me Fahnen ſind—... An der ſüdlichen Seite liegt das zu Heer der Italiener, im Bund mit der Erhebung in me Rom und ſeinem ſieggewohnten Führer... m Der Monte Teſtaccio iſt ein ſeltſamer Berg... m 1 8 l ſich ein Kirch⸗ Cajus Ceſtins, -. Auch her den Griechen, hhof hier gibt wenn ſie in und Lilien an hlägt, gehören Eben ſteht er en Ende der it ſeinem ſtalt mit em Haar, faſl nit dem grauen der drauf.. de Heere zu ar, der Can bern und Tel wanderung 1 leegt das de das Heer f ter Oeſtertnn Seite liegt „Erhebung 7, Beng 489 Vom Abfall der Küchen, die eine Verwaltung, die im Alterthum ſorgſamer als die ſpätere päpſtliche war, hier auf einen Haufen an die Thore der Stadt ſchaffen ließ, hat ſich ein Hügel erhoben, in welchem Unkraut wuchert auf angeflogener Erde, die, in die Ritzen eingedrungen, den Mörtel dieſer zu einem Ganzen vereinigten Scherben bildet... Wie mancher ſchöne Henkelkrug liegt da in Trümmern—!... Weſſen Hand mag ihn einſt an die dürſtende Lippe geſetzt haben—!... Noch ſind die Götter des friedlichen Hauſes nicht ganz von dieſen Gefäßen gewichen, die ihnen einſt geweiht waren... Der Monte Teſtaccio iſt ausgehöhlt und verbreitet ſüßen Kelterduft aus zahlloſen Weinkellern... Hier hatte vielleicht ſchon Cajus Ceſtius ſeine Weinvor⸗ räthe... Ueber dieſe Trümmer gibt es Treppen, Eſtra⸗ den, Lauben von Akazien⸗ und Holunderbüſchen, wo die, die einen Guten im Kühlen zu ſchätzen wiſſen, in Hemdärmeln ſitzen und das ſchöne„Aller Weisheit ſich entſchlagen“ üben, das in Rom von jeher beim Becher geliebt wurde... Auch heute fehlen, wie nicht die Nachtigall und die Roſen unter den Gräbern, ſo auch die Trinker nicht ... Maſſenhaft durchforſchen ſie die heiteren Katakom⸗ ben des Teſtaccio... Wilde und ſanfte Geſtalten ge— miſcht— Prieſter und Mönche ſogar— in Waffen, die meiſten mit rother Blouſe— die Büchſen ſind in Haufen zuſammengeſtellt... Der nahe Kirchhof ſtört da Nie⸗ manden— hat doch der Tod ſeit Jahren in Italien furchtbare Ernten gehalten... Throne brachen zuſam⸗ men... Völker kämpften gegen Völker... Die letzte Entſcheidung über Italiens Wiedergeburt iſt nahe her⸗ beigekommen... Die Waffenruhe trat ein durch den Tod des Stell⸗ vertreters Chriſti. Ihrer mehre ſind ſich in kurzer Friſt gefolgt... Einige Greiſe ſanken in ſtürmiſcher Zeit dahin, wie ſchon ſonſt ein Stephan II. nur drei Tage auf jenem Stuhl ſaß, auf welchem man, nach Innocenz' III. Wort,„zwar weniger, als Gott, aber mehr, als ein Menſch iſt“— Bonifaz VII. ermordete ihn. Auch dieſer wich in einem Jahre ſchon vor Donus II. Auch Clemens II. Freiherr von Horneburg, ein Deutſcher, blieb in jener Schwebe zwiſchen Himmel und Erde nur ein Jahr; Gregor VIII. nur wenige Wochen... So herab bis zu Pius VIII., der gleichfalls nur wenig über ein Jahr die Himmelsſchlüſſel trug... Seitdem kamen andere und ſchon hatte Frankreich in Avignon, Oeſterreich in Salzburg einen oder den andern wählen und krönen laſſen... Das neuntägige Trauergeläut unterbrach den Kano⸗ nendonner in der Campagna und Roms Dictator, be⸗ ſtürmt von ſeinen Kriegern, beſtürmt vom freiſinnigen Theil Europas, daß Er am wenigſten noch in Rom eine Papſtwahl dulden möchte, erhob dennoch ſein Schwert und ſprach: Der letzte der Reihe!... Doch hört ſein Wort! Iſt es ein Prätendent auf die weltliche Herrſchaft Roms, wie ſie alle waren, ſo ſenden wir ihn zu den beiden Heerſäulen draußen, deren Bajonnete ihn halten mögen, den Schatten ohne Macht und Würde... Iſt es aber densf Hand trage Erlöf nur! ſehnli ſtünd und jeder Rom ſchüt und zende ſich zwöl An d ware die erwar brem Card ſaßen I ſpren Thor 491 ſt nahe her⸗ aber ein Nachfolger Petri im Geiſte Petri, ein Frie⸗ densfürſt und Apoſtel, ſo ſoll die Welt ſeine ſegnende d des Stel⸗ Hand nicht entbehren... Dann wird unſer Schild ihn tragen... Unſer ihm zujubelnder Beifall feiert eine lgt.. Einige Erlöſungsſtunde der Menſchheit... je ſchon ſonſt Drei Tage dauerte nun ſchon das Conclave von Stuhl ſaß, nur noch dreißig Cardinälen... Immer noch eine an⸗ ort,„zwar ſehnliche Zahl von Anweſenden unter den meiſt unvoll⸗ ein Menſch ſtändigen Siebzig— in ſolcher Zeit—!... Offen h dieſer wich und ehrlich hatte der Dictator in die Welt gerufen, daß Clemens II jeder, der den Purpur trüge, unbekümmert an die Thore lieb in jener Roms pochen dürfe; Rom würde ihm öffnen und ihn ein Jahr; ſchützen... „ herab bis So ruhten denn nun ſeit zwölf Tagen die Waffen 2* an gahr und an das Schreckensvolle, an brennende Dächer, ſtür⸗ amen ardert zende Thürme, an die Verheerungen der Seuchen, hatte Aſeich in ſich die bedrängte Stadt ſchon wieder ſo gewöhnt, daß N zwölf Ruhe⸗ und Trauertage Feſttage ſchienen krönen mnd lini An die Thore, die mit haushohen Barrikaden befeſtigt den Haue⸗ waren, hinter die Schanzkörbe der Mauern wagten ſich d den 1 be die Frauen, die Kinder, die Greiſe... Bang und — a erwartungsvoll umſtanden ſie die Batterieen, die mit 8 3 beſin ie brennenden Lunten den Monte Cavallo umgaben, wo die ncch in fun Cardinäle eingemauert und den Heiligen Geiſt erwartend. democh ſaßen... zu Pon Der Dictator hatte wieder ſein Roß beſtiegen und h t ſein 2* ſprengte mit ſeinem Stab vom Fuß des Teſtaccio dem 1 iſcaft im Thor der Bocca della Veritä zu und zur Stadt zurück n. 1. Er blickte ſorglos... Durch nichts verrieth halten nh ſer, daß die Welt in dieſem Augenblick einer Mine glich, 492 die ein einziger Funke in die Luft ſprengen und ihn vor allem ſelbſt vernichten konnte... Lächelnd grüßte er zwei ihm wohlbekannte Damen in Trauer, welche die allgemeine Erlöſung vom Schrecken dieſer Tage benutzten, um den Sonnenſchein, die Nachti⸗ gall, die Roſen und die Gräber zu beſuchen... Von bebenden Hoffnungen, ſchmerzlichen Erinnerungen bewegt, ſuchten ſie Erholung auf dem Friedhof... Ein blühender Knabe von ſieben bis acht Jahren ſaß munter und ruhig vor ihnen... Die Reiter bogen aus und ließen den offenen Wa⸗ gen hindurch... Mitten durch die Zelte und Gruppen der ſingenden oder ſich im Kriegsſpiel übenden Krieger hindurchfahrend, ſteigen die Frauen, der Knabe und ein Diener am Thor des Friedhofs der Proteſtanten aus .. Sie tragen Kränze in den Händen... Der kleine grüne Fleck dieſes Todtenackers war in den letzten Stürmen ſichtlich verſchont geblieben... Manche der Ahornbäume, die ſeine Alleen bildeten, lagen zwar niedergeſägt; ebenſo Sträucher mit verwelkten Schnee⸗ ballen oder Jasmindolden; die Gräber waren verſchont geblieben... Der ſtille Geiſterhauch, der doppelt geheim⸗ nißvoll über dieſe in der Fremde Geſtorbenen hinweht, ſchien ruhige Grüße der Sehnſucht nach dem Vaterlande hinüber oder von dorther zurückzutragen... Aeltern, Geſchwiſter, Kinder der hier Ruhenden weilen in der Ferne... Manchem jenſeits der Alpen Weinenden ruht hier ſein ganzes Glück— unter einem— wie oft!— nur einfachen grünen Hügel... Doch prangen auch auf marmornem Monument die Bildniſſe berühmter Künſtler, Geſch dieſen betro manc geſuc Fiebe ſchla vom auf e und ihn vor ekannte Damen vom Schrecken en, die Nacht⸗ hen... Von rungen bewegt en offenen Wa e und Grnppen genden Kriegel nackers war in geblieben.* bildeten, lage ſten Sni waren verſcho doppelt gehem rbenen hinbe Vaterlan Aelter rwe dem weilen M Weinenden i W 21 wie ofl angen aut äbmtel ühn. cG alf aanſtler⸗ r Künſt 8 493 Gelehrten, hochgefeierter Staatsmänner... Meiſt ſind die Züge der Abgebildeten leidend— man ſieht es, der Geſchiedene hatte noch auf dieſe milde weiche Luft, auf dieſen heitern Sonnenſchein ſeine Hoffnung geſetzt und ſie betrogß ihn—... Dürftige Holzkreuze mahnen an manchen armen jungen Maler, der in Italien ſein Ideal geſucht und in einem römiſchen Spital in einer einzigen Fiebernacht es finden ſollte.. Jetzt halten die beiden Damen in Trauer— hohe, ſchlanke, edle Geſtalten, gefolgt vom Diener und geführt vom voranſpringenden Knaben— vor einem Denkſtein, auf welchem der Name zu leſen ſteht: „Graf Hugo von Salem⸗Camphauſen.“ Sie nehmen dem Diener ihre Roſen und Lorberkränze ab, die dieſer aus dem Wagen mitgebracht, und legen ſie auf das Grab, das erſt kürzlich ſeine Vollendung erhalten hatte... Graf Hugo, nicht in die Dienſte ſeiner Armee zurückgetreten, hatte auf Schloß Salem ſeiner Gattin gelebt und dem Sohn, den ſie ihm gebar Benno Thiebold Bonaventura Graf von Dorſte⸗ Salem⸗Camphauſen wurde lutheriſch getauft... Graf Hugo ſtarb bei allem Glück an einem Siechthum des Herzens— es hatte ſeit Jahren der Kämpfe zu viel beſtanden... In Rom hatte er Geneſung gehofft und heute vor einem Jahr erloſch ſein Auge... Das da i*ſt ſein lieber Sohn— er wird erzogen von zwei Müttern ſtatt einer—... Von Paula und von Armgart... Letztere iſt nun auch ſchon von grauen und nicht(wie bei ihrem auf Caſtellungo noch mit dem Vater lebenden ſtreitbar rührſamen Mütterchen) verfrühten Locken... 494 Das heutige Opfer der Freundſchaft und Dankbar⸗ keit konnte nicht lange währen; denn die bangen weib⸗ lichen Herzen entdeckten bald, daß ſie zu allein waren in ſo wildem Kriegerjubel— Es war eine Stunde Allerſeelen... Sie gedachten voll Innigkeit aller Todten⸗ hügel, die ſich ihnen in der Welt ſchon erhoben... In der Ferne das noch immer von Armgart mit Roſen und Vergißmeinnicht umfriedigte Grab des Onkels Dechanten— Benno's— der Tante Benigna, des Onkel Levinus— des Präſidenten von Wittekind— ... Auch in der Nähe gab es trauervolle Erinnerungen ... Nicht weit von hier, auf dem Kirchhof der Lateran⸗ gemeinde, lag ein Hügel, der die Herzogin von Ama rillas bedeckte, von welcher man ſagte, daß ſie ein Jahr vor ihrem Ende nachts wie ein verſtörter Geiſt in ihren Zimmern umirrte und die Ruhe ſuchte, die ihr nur noch der Tod geben konnte... Am Vatican befand ſich Lucin⸗ dens Grab... Im Inquiſitionspalaſt ein Hügel, der Bonaventura's Vater deckte. Bruder Hubertus' Aſche ruhte auf San⸗Pietro in Montorio... Terſchka's Ruheſtätte kannte man nicht... Die Frauen ſuchten und forſchten auch nicht nach ihr— ebenſo wenig, wie nach den Umſtänden, unter denen Lucinde, Terſchka und Hu⸗ bertus aus dem Leben gingen... Es gab darüber grauenvolle Sagen— Armgart und Paula glaubten ihnen nicht; nicht mehr um der Religion willen, ſondern deshalb, weil ein weibliches Herz die Schleier böſer Dinge ungern gelüftet ſieht... Wo iſt der Widerhall zu finden, die ganze Grabesrede, die jedem dieſer Menſchen gebührte!... Nur in Gott ruhen ſie; nachfühlen und Dankbar⸗ bangen weib⸗ allein waren in reeine Stunde t aller Todten⸗ erhoben.. art mit Roſen des Onkels Benigna, des Wittekind- te Erinnerungen of der Lateran mvon Ama ß ſie ein Jahl „ zn ihrer 1 v 10G d and ſich Lucin ein Hügel, de Hubertus nder uder Terſchlui ſuchten un zz wie nac enig, wie 4 uen 4 Hr ſſchla und † rl ab darlle bö eier Paula glouhe willen, ſengen 495. und von ihnen träumen mag der Dichter... Paula und Armgart waren gerechter als andere— was man von Lueinden ſprach, erſchöpfte ſelbſt ihrem Urtheil nicht die volle Wahrheit... Oder ſollte Lucinde wirklich den Tod gefunden haben, überraſcht bei einem Briefe, den ſie gerade an Bonaven⸗ tura ſchrieb—?... Vor einem offenen Käſtchen, in welchem Documente lagen, die— mit den Schickſalen der Familien Wittekind und Aſſelyn zuſammenhingen, mit Benno's Urſprung, wie man glaubte, mit ſeines Vaters betrügeriſcher zweiter Ehe, mit dem ſcheinbaren Tod des weiland Regierungsraths von Aſſelyn—! Was ließ ſich nicht alles an unheimlichen Stellen im Leid dieſer Fa⸗ milien auffinden—... Oder ſollte es wahr ſein, daß Fefelotti, das Al⸗Geſü und Olympia im Bunde jenes Käſtchen bei Gelegenheit einer Feuersbrunſt ebenſo wollten verloren gehen laſſen, wie die verhängnißvolle falſche Urkunde, die Hammaker geſchrieben, einſt bei jenem Brande zu Weſterhof gefunden wurde—?.. War es wirklich Terſchka, der dieſen Raub hatte auf ſich nehmen wollen—— müſſen— ihn ſchon lange verſuchte—? ... Hatte Terſchka's Ohr im Inquiſitionspalaſt, in welchen nur die Verſchlagenheit des ehemaligen Anwohners der Porta Cavallagieri ſich einzuſchleichen wußte, die Beziehungen belauſchen ſollen, die zwiſchen Bonaventura und dem deutſchen Einſiedler aus dem Silaswald obwal— teten=2... Und hatte die Feuersbrunſt zu früh begonnen und der Mönch mit dem Todtenkopf, der alte Freund aus ihrer Jugendzeit, der zwiſchen Weſterhof und Himmelpfort ſo oft im wogenden Kornfeld traulich mit . 496 ihnen plauderte und ſcherzend ihnen Cyanenkränze wand, ſeinen ſeit Jahren geſuchten zweiten Schützling in dem Augenblick wiedergefunden, wo ihn zugleich auch über dieſen der Himmel zum Richter machte— freilich mit dem Einſatz ſeines eignen Endes—?.. Wandte ſich alledem ein grübelndes Forſchen und Staunen zu, ſo ließen die beiden Frauen andere die geheimen Fäden offen und klar darlegen; ſie ſelbſt ver⸗ glichen das Meiſte, was im Schooſe Gottes ruht, dem ſtillwaltenden Naturgeheimniß, das oft ein einfaches Summen ſchwärmender Käfer im heißen Sommerbrand tiefer auszudrücken ſcheint, als Bibliotheken voll Menſchen⸗ weisheit—... Mochten ſie nicht glauben, daß ein Falter, der von Blume zu Blume fliegt, vom All mehr ſchon erfahren hat, als wir— 2. So war es ihnen, wenn man von Lucinde ſprach... Eine Stunde verging... Die düſtern Vorſtellun⸗ gen ſchwanden im Hinblick auf die Enthüllungen des Conclave... Bonaventura, der muthige Bekämpfer der jetzt überall aus Italien vertriebenen und nur noch in Spanien und Deutſchland niſtenden Jeſuiten, Bonaven⸗ tura, der noch immer in Coni wohnende Segner alles deſſen, was Fefelotti von Trident und Brixen, zuletzt von Salzburg, Wien und Würzburg verdammte— auch er war eingezogen in den wiederum vermauerten Palaſt des Quirinal... Von ihrer Wohnung aus, die ſie in Palazzo Rus⸗ piglioſi genommen, hatten die Frauen den Einzug der Cardinäle mit angeſehen... Die lange Proceſſion war durch die Krieger hindurchgegangen, deren drohen⸗ hina wied ſich bling in dem eich auch über — freilich mit Forſchen und en andere die ſie ſelbſt ver⸗ tes ruht, dem ein einfaches Sommerbrand U Menſchen⸗ en, daß ein 5 „ MI mehr Vorſtellun⸗ des thüllungen des hige Belämpfe nd nur noch in iten, Bonavel⸗ e Segner alles Briren, zulet dammte— nnh mauerten Poloſ 497 des Toben der Dictator beſchwichtigten mußte Tauſende bis in die höchſten Dächer und Schornſteine hinauf blickten nieder auf die ſeit lange zum erſten mal wieder zuſammengekommenen höchſten Würdenträger der in Auflöſung begriffenen Hierarchie... Noch befanden ſich unter ihnen manche der Alten und Unverbeſſerlichen Da eine hagere, leichenfahle Geſtalt, gebeugt von der Laſt der Jahre, aber funkelnden ehrgeizigen Auges .Dort eine beleibte, freundlich lächelnde, ſelbſt mit dem Bäuchlein grüßende und nicht minder hoffnungs⸗ volle— trotz der Sorgen, die auf dieſer erledigten Krone laſteten... Hier eine mit wirklichem Schmerz niederblickende, der ſchweren Zeit gedenkend—. Geprüft waren ſie alle, dieſe„letzten Märtyrer“, durch die bitterſten Erfahrungen, zum mindeſten durch ihre ungewohnten Entbehrungen... In dieſer diesmaligen Wahl entſchied ſich die Frage der ſäculariſirten Hierarchie für immer... 4 Unter ihnen ſchritt Cardinal Vincente Ambroſi— gern als der künftige Stellvertreter Chriſti bezeichnet... Noch immer gab er ein wohlthuendes Bild männlicher Schönheit... Schneeweiß ſein Haar, ſchwarz die ſcharfe Augenbraue... Ihm galt der Zuruf der Römer —... Um ſo mehr, da man wußte, daß das alte Recht der drei großen rechtgläubigen Dynaſtieen Frank⸗ reich, Oeſterreich und Spanien gegen ihn geübt werden ſollte— das Recht, daß, als Bevollmächtigter einer dieſer Monarchieen, ein Cardinal gegen ihn proteſtiren durfte... Gegen Einen nur und Einmal nur durfte proteſtirt werden— dann„ſtirbt die Biene, wenn ſie Gutzkow, Zauberer von Rom. IX. 32 498 den Stachel in ihren Feind ſenkte“, wie Cardinal Wiſeman ſagt... Auch Fefelotti folgte... Krumm, ganz vom Alter gebeugt, citronengelb, geführt von zwei Conclaviſten... Ein Ziſchen und Höhnen der Maſſe verfolgte ihn, wie mit Spießruthen; jeder Mund hatte eine andere böſe That von ihm zu erzählen... Auch die Feuersbrunſt vor Jahren auf Strada dei Mercanti wurde nur ihm, nur der Fürſtin Olympia Rucca mit ihm im Bunde zugeſchrieben... Letztere war nach Spanien entflohen und lebte ihre angeborene Natur, vielleicht auch innern Schmerz, jedenfalls die Zerſtörung und den gänzlichen Verfall, den ſolchen Naturen das Alter verhängt, in den Stiergefechten von Madrid, im Muth der Espadas und Picadoren aus... Alle Trümmer des ehemaligen Roms verendeten in Spanien— Der junge Rucca befand ſich dort mit ſeinen Orden, mit ſeinen Titeln und dem klingenden Werth aller ſeiner verkauften Güter—... Ein Glück für Fefelotti, daß ihm im Zug der Car⸗ dinäle Bonaventura d'Aſſelyno folgte— ſein Gegner, ein Name, den Italien verehrte—... Sogleich verſtummte der Hohn, als die rollenden Augen dieſer wilden Menſchen den Erzbiſchof von Coni ſahen... Auf Bo⸗ naventura paßten die Worte Samuelis:„Sieh nicht auf ſein Angeſicht, noch auf die Höhe ſeiner Geſtalt— ſieh auf ſein Herz“... Angeſicht und Geſtalt ragten im Zuge majeſtätiſch und doch ſprach nur jeder von ſeinem muthigen Geiſt, von ſeinem edlen Herzen— Nach des Präſidenten von Wittekind Tode wußte alle Welt die Geſchichte Federigo's... ardinal Wiſeman ganz vom Alter Conclaviſten... ffolgte ihn, wie ine andere böſe die Feuersbrunſt wurde nur ihm, ihm im Bunde anien entflohen ct auch innern den gänzlichen 3 in den erhängt, in den Rucca beſand Titeln und den Güter—. Zug der Cur in Gegner, en leic verſtunmt dieſer wide MAuf B Sich ict u Geſtalt—— ſ nit mgtn i der von ſine 1— Nadh de el d 3 alle Wll 499 Drei Tage hatte das Volk durch einen kleinen Schorn⸗ ſtein am Quirinal den aufſteigenden Rauch beobachtet, der vom Verbrennen der Wahlzettel im Ofen der Ka⸗ pelle des Conclave kommt... Im kleinen Garten, der zu dem von ſeinem Beſitzer verlaſſenen und deshalb leicht zu ermiethenden Palaſt Ruspiglioſi gehörte, wan⸗ delten Paula und Armgart ſchon ſeit drei Tagen auf und nieder wie mit Flügeln, die ihr Wille gewaltſam niederhalten mußte; bangfrohe Sehnſucht und Erwartung hob ihre Seelen, als wäre nur noch der Aether ihr Bereich.. Die dreifache Krone gewinnt nur Er—! ſprach Arm⸗ gart zur Freundin, der ſie Führerin und Lenkerin aller ihrer Lebensentſchlüſſe geworden... In deinen Jugend⸗ träumen haſt du ihn ſo geſehen; ſo wird es ſich auch erfüllen!... Was ſah' ich nicht alles und die Erfüllung—— blieb aus!... ſprach Paula... Alles kam anders— als wir erwarteten, aber es traf zu— zum Guten—!... Armgart durfte gewiß ſo ſprechen in Rückſicht auf den eignen Frieden, der in ihr Inneres eingezogen war Thiebold's Hand hatte ſie abgelehnt, aber die fort⸗ dauernden Beweiſe ſeiner Freundſchaft ließ ſie ſich ge⸗ fallen; wenn die Trennungen zu lange dauerten, konnte ſie ſeine erheiternde Nähe kaum entbehren... Thiebold, reich und guter Laune, gefällig, alles zum Beſten wen⸗ dend, reiſte zwiſchen den„letzten Trümmern ſeiner ſchö⸗ neren Vergangenheit“ hin und her.. Sein Pathe, Benno, wie er genannt wurde, hatte 32* 500 jetzt nur die Krieger im Auge, die Kanonen an den Schanzkörben hinter dem braunen Geſtein der Ceſtius⸗ pyramide, die dreifarbigen Fahnen und die blitzenden Bajonnete auf dem nahegelegenen alten Römerthor... Als ich heute in unſerm Hauſe das Bild des Guido an der Decke betrachtete, ſprach Paula, den Aufgang Aurorens über die Gewäſſer, mußt' ich deiner Er⸗ zählung gedenken, die du nach dem Schreckenstage des Weſterhofer Brandes vom Jagdgelag auf Münnichhof gabſt— an des ſeligen Onkels Schilderung der Farben, die dem Aufgang der Sonne über Meereswogen voran⸗ gehen... So geh' ich auch heute ganz in Licht und Purpurx... Armgart drückte die Hand der Freundin und ſprach: Wir ſind bis zu Gräbern gekommen und haben immer noch Hoffnungen für dieſe Erde—!... Während ſie ſo plauderten auf dem marmornen Sar⸗ kophage, verſunken in Träume und Erinnerungen, und ihre Augen dem Knaben folgten, der nach Schmetter⸗ lingen haſchte, erbebte plötzlich die Luft vom Donner eines Kanonenſchuſſes... Die Krieger ringsum griffen zu den Waffen.. Auch auf dem Monte Teſtaccio wurde es lebendig... Der Schuß kam von der inneren Stadt... Bald fielen, während die Kanonenſchüſſe ſich wieder⸗ holten, Glocken ein... Immer mehr und mehr der ehernen Zungen begannen auf allen Thürmen zu läuten ... Ueber die ganze Stadt wehte ein einziger klingender Luftſtrom... hu nonen an den der Ceſtius⸗ die blitzenden ömerthor... ild des Guido den Aufgang H deiner Er⸗ eckenstage des f Münrichhof i der Farben, ogen voran 09 in Licht und armornen Sau nerungen, Schmetter umd 501 ⸗ Die Wahl iſt vollzogen! rief Armgart und brach auf... Der Knabe wurde gerufen... Sicher war es jetzt kaum zum Hindurchkommen, wenn man auf den Monte Cavallo zurückfahren wollte... Paula mußte ſchon geführt werden... Sie ſchwankte in zitternder Erwartung... Der Donner der Kanonen, das Läuten der Glocken währte fort... Pfeilgeſchwind ſchoß der Wagen durch die Vorſtädte Im Innern der Stadt mußt' es langſamer gehen... Haben wir das verſäumt! klagte Armgart und zu⸗ gleich erwartungsvoll forſchend, ſo oft der Wagen im Gewühl der Truppen, der Bivouaks, der Volksmaſſen halten mußte... Sie fragte, was man wiſſe... Man hörte ſnur Trommeln, Commandowörter, Dro⸗ hungen ſogar—... Zu den Waffen! ſchrie das Volk und von Traſte⸗ vere ſtürmten die Menſchen in wilder Wuth über die Brücken... Was mag es geben! fragten ſich die Frauen, voll Bangen über eine unerwartete Wendung... Daß zur beſtimmten Stunde aus dem kleinen Schorn⸗ ſtein nicht Rauch gekommen war, galt bis jetzt für das einzige Zeichen, daß Jemand das richtige Zweidrittel der Stimmen für die Wahl erhalten hatte... Wer es war? wußte noch niemand... War es Fefelotti— dann Tod und Verderben—!... Dem Monte Cavallo zu, wo nur denen Platz ge⸗ —— ꝗ ͦ-—— 50² laſſen wurde, die beweiſen konnten, daß ſie dort wohnten, hieß es: Fefelotti iſt es nicht... Aber auch Ambroſi war es nicht... Man hatte gehört, daß von den drei weißen Ge⸗ wändern, die für den neugewählten Papſt bereitgehalten werden müſſen, nicht dasjenige geholt worden war, das zu einer kleinen Geſtalt paßte... Anfangs hieß es: Man holte das mittlere... Endlich, ſchon an dem von Truppen umlagerten vermauerten Palaſt, lärmten die Rufe wie bei den Vorbereitungen zu einem Bühnenſpiel durcheinander: La roba grande!... Halb ohnmächtig über die Schlußfolgerungen, die ſich aus dieſem üblichen Vorſpiel eines überlebten Vor⸗ gangs ziehen ließen, kam Paula am Thor des Palazzo Ruspiglioſi an... Armgart ſprang aus dem Wagen — eilte durch die Säle, riß eines der von den Dienern und deren Freunden und Angehörigen nicht belagerten Fenſter auf und blickte in den ſchon vom Abendlicht beleuchteten menſchenüberſäeten Platz Hoch und herrlich bäumten ſich über dem Gewühl von Menſchen, Roſſen, Kanonen, Waffen aller Art, wehenden Fahnen die Koloſſe der Dioskuren, die Phidias und Praxiteles geſchaffen... Jeder der ehernen Roſſebändiger hatte in der einen freien Hand die dreifarbige Fahne... Armgart rief nach Paula.. Dieſe ſchwankte näher— krampfhaft ihren Sohn umfaſſend... Ueber dem Portal des päpſtlichen Pa⸗ laſtes am großen Fenſter wurde es lebendig... Eine Mauer, vor wenig Tagen erſt aufgeführt, riſſen in wilder daß ſie dort i weißen Ge⸗ bereitgehalten den war, das ngs hieß es: an dem von — — lärmten die Bühnenſpiel ☛—— die gerungen, dle u Vor⸗ 3 ben Dienern ict belagerten am Abendlicht . Hec in ven Nenſcn enden Fahnen und Praritelei ziniger hul e Fahne. ihren Söh äpftlichen d Eine Ig. viber Ule n in iſſe 1 503 Haſt Arbeiter im Schurzfell nieder... Stein auf Stein fiel... Die Balconthür wird frei... Ein lieblichſter Abendſonnenſtrahl fällt auf die bunten Gewänder der Männer, die jetzt auf dem Balcon erſcheinen... Cardinal Ambroſi tritt hervor, jubelnd vom Volk bewillkommt... Er trägt eine Rolle in der Hand... Trotz des Purpurſtrahls der Sonne und ſeiner Gewänder erſchien er vor Aufregung hocherröthet... Das Jauchzen, das Rufen der Menge, die ihn gleich⸗ ſam für eine getäuſchte Hoffnung ſchadlos hielt— er konnte nicht der Gewählte ſein— hörte endlich auf Todtenſtille trat ein, unterbrochen vom Krachen der Kanonen auf der Engelsburg, vom Läuten der Glocken... Ambroſi, wie Johannes der Täufer den Ruhm ſeines Freundes Jeſus verkündete, rief mit lauter Stimme: Annuncio vobis gaudium maximum!... Habemus Papam eminentissimum Cardinalem Archiepiscopum Cuneensem Dominum Bonaventuram d'Asselyno... Trommeln wirbelten, Trompeten ſchmetterten— Fahnen flatterten... Von ſeinem Roß herab ſalutirte der Dictator mit ſeinem im Sonnenſtrahl blinkenden Schwert dem neuen Biſchof Roms, einem Deutſchen... 1 Wohlgefällig und neugierig murmelnd ging es durch die Reihen... Der Name war bekannt und in ſeinem Ruf bewährt... Es war eine Wahl, die zugleich ein Symbol der Univerſalität und Unparteilichkeit der Kirche erſcheinen durfte... In italieniſcher Sprache fuhr Ambroſi fort: —— 504 Der erſte Papſt, der nicht heilig geſprochen wurde, hieß Liberius I.... Der neue Biſchof von Rom nennt ſich in Demuth Liberius II.... Die Spannung mehrte ſich... Ambroſi fuhr fort: Liberius II. nimmt die Wahl unter der von den Cardinälen zugeſtandenen Bedingung an, daß ſeine erſte That als gekrönter Biſchof von Rom die Berufung eines allgemeinen Concils iſt... Der Dictator ſchwang ſein Schwert... Ein Sturm der freudigſten Unterbrechung folgte... Die Krieger riefen wie mit ehernen Zungen: Evviva!... Ambroſi fuhr fort: Auf daß ſich jedes katholiſche Herz auf die ſeit drei⸗ hundert Jahren ruhende Frage der Kirche und Lehre, auf eine Kirchenverbeſſerung nach dem Wort Gottes, Chriſti und der Apoſtel vorbereite, gibt das verſammelte Conclave der zweiten Bedingung des neuen Herrſchers der Kirche die Zuſtimmung: In allen Sprachen der Chriſtenheit iſt das Leſen der Bibel geſtattet! Von allen Kanzeln der katholiſchen Chriſtenheit ſollen die Völker ausdrücklich ſieben Wochen lang und in jeder Abendſtund dazu aufgefordert und angeleitet werden—!.. Der Dictator nahm ſeinen Reiterhut mit der wal⸗ lenden Feder vom greiſen Haupte... Geiſterhaft lag ein heiliges Schweigen über dem Menſchenmeer... Endlich ſchloß Ambroſi: Und daß das Concil in heiliger Stille, fern vom Ge⸗ räuſch der Waffen und weltlichen Störungen gehal⸗ ten werde, ſo iſt dafür ein ſtilles Alpenthal Italiens der Moh ſamu ein prochen wurde, en Rom nennt der von den daß ſeine erſte die Berufung „Ein Sturm Die Krieger die ſeit drei⸗ e und Lehre, Ber Gottes, verſammelte uen Herrſhers Sprachen der eſtettet! Vmn lle die Vil er Aberdſtunde nit det mal Heſſterhaft la nmeer fern vom Ge⸗ rungen iii thal Julen 505 beſtimmt in der Erzdiöceſe des Gewählten... Zwiſchen Coni und Robillante im Piemont liegt das Schloß Ca⸗ ſtellungo... Dorthin und zum 20. Auguſt dieſes Jah⸗ res, zum Tag des heiligen Bernhard von Clairpaux iſt die Verſammlung der Biſchöfe der Chriſtenheit us⸗ geſchrieben!... Betet, daß der Geiſt Gottes die Stätte und die Stunde ſegnen möge!... Der Jubelruf nahm an Kraft und lufterſchütternder Macht noch zu, als, von den üblichen Gewohnheiten der Papſtwahl abweichend, diesmal der Gewählte ſelbſt vom Cardinalvicar vorgeführt wurde und an dem rieſigen Fenſter in den Kleidern ſeiner Würde erſchien... Dieſe Kleider ſind eines Zauberers Tracht— In Perſien tragen ſich ſo die Eingeweihten der Geheimniſſe der Natur... Aber der neue Zauberer von Rom erſchien, ob auch unter ſilbergeſticktem, weißen Traghimmel, ob auch in der Sottana von weißem Moor, ob auch die weiße Mozzetta auf der Bruſt, ob auch mit dem roth⸗ ſammetnen Baret auf, dem edlen Dulderhaupt, doch wie ein Menſch der Demuth und Schwäche, wie ein Vater, ein Freund, ein Bruder aller Menſchen— Alle blickten zu ihm auf voll Liebe... Lang umfloſſen die weißen Locken das allmählich freudig nieder⸗ lächelnde Haupt des Gewählten... Die Hände ſtreckten ſich ſegnend über die in endloſen Jubel ausbrechende Menge; an der Rechten blitzte der mächtige Fiſcherring Pekri Die Abendſonne beglänzte einen Verklärten... Als ihre Strahlen ſein braunes Auge trafen, mußte er es 506 ſchließen... Er ſchloß es auch um des thränenvollen Blickes willen auf jene beiden Frauen am wohlbekannten Fenſter, deren weiße Tücher ihm: Hoſiannah, Sieger und Ueberwinder—! entgegenwinkten—... Das ſah der letzte der Päpſte wol nicht, wie hinter den Frauen ein kräftiger Männerarm ſich Bahn machte und einen Knaben emporhielt... Thiebold war es, plötzlich angekommen und keine Gefahr des Krieges ſcheuend... Wie konnte Er— fehlen bei ſolchem Augenblick der Verheißungen und Erfüllungen—!... Endlos war der Jubelruf des Volks.. Ging es zum Frieden mit der Welt oder zur letzten Entſcheidung mit dem Schwert— die hier Verſammelten riefen die Forderung der Jahrhunderte, die unvertilgbar ewige Loſung und das gottgegebene Erbe der Menſchheit: Freiheit—! Freiheit—! Freiheit—! es thränenvollen n wohlbekannten ſiannah, Sieger ht, wie hinter ch Bahn machte iebold war es, r des Krieges r Verſammelten at ertilgbar unn unb Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Oanes rey Control Chart 25 Green vellow Hed Magenta Grey 4