¹ 1 J Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— euf Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Pinien und Cypreſſen bezeichnen die Stätte, von wo das Auge die im Abendroth verſchwimmenden violetten Contouren des Horizonts bis zu den Sabiner⸗ und Al⸗ banergebirgen verfolgen kann. In nächſter Nähe ſchwimmt, von Abendnebeln durchzogen, das unermeßliche Häuſer⸗ meer, durchſchnitten von den Krümmungen der Tiber. Zahlloſe Kirchen ragen auf, zahlloſe Paläſte, das Capi⸗ tol mit ſeinen Trümmern aus der eiſernen Römerzeit, die Engelsburg mit ihrem ſein Schwert ſenkenden Sanct⸗ Michael auf der Zinne... Ein Bild, groß und herr⸗ lich wie die Viſion einer Verheißung... Der erſte Gedanke jedes Pilgers, der in Rom an⸗ 4 kommt, iſt die welthiſtoriſche Macht der chhriſtlichen Idee... Die Schauer der Erinnerung an die blutige Märtyrerzeit begleiten ihn ſchon vom Fuß der Alpen... In Rom angekommen, ſieht er die Triumphe des Kreuzes... Kein Tiber, kein Nero, kein Domitian beherrſchen mehr das Univerſum... Die Vexillen und blutigen Fasces der Imperatoren, unter denen der chriſt⸗ liche Bekenner verſpottet, gefoltert, den wilden Thieren vorgeworfen wurde, ſind zerriſſen und zerbrochen... Der capitoliniſche Jupiter ſtürzte ſelbſt vom tarpejiſchen Felſen; den Rand ſeines zurückgebliebenen Seſſels ziert das Kreuz... Das Kreuz triumphirt über Cicero, Cato, Auguſt, Seneca... Es triumphirt ohne Rache... Sanct-⸗Michael auf der Engelsburg hält ſein Schwert nicht drohend empor, ſondern ſenkt es verſöhnt zur Erde... So kann man fühlen, wenn Hunderte von Glocken nach San⸗Pietro in Montorio hinauf das Angelus tragen... Der nächſte Gruß kommt links aus San⸗ Onofrio, von Taſſo's Eiche herüber; zur Rechten von Santa⸗Cecilia über die botaniſchen Gärten aus Traſte⸗ vere... Hier oben bei den reformirten Franciscanern wird es ſpäter Nacht, als im Thal da unten, wo ſchon Hunderte von Lichtern aufblitzen... Die Mönche ſitzen ſoeben im Refectorium— eſſen Polenta— köſtlichen jungen Salat aus ihrem eignen Garten... Salz und Pfeffer, nicht Aſche darauf geſtreut, wie Petrus von Alcantara, der Stifter dieſer—„Reformation“— mit ſeinem Salat es zu halten pflegte. Der fromme Pater Vincente, für den Bonaventura jetzt in Robillante Biſchof iſt, fehlt heute unter den Brüdern der braunen Kutte... Er liegt in ſeiner Zelle und erbittet ſich von Gott Kraft und Sammlung zu dem harten Weg, für den ge⸗ rade ihn heute ein Loos getroffen. Alle Klöſter der von Almoſen lebenden Orden ſind eingeladen, heute in der Nacht auf Villa Rucca zu erſcheinen, um dort die Gaben des jungen, heute ver⸗ mählten fürſtlichen Paars, die Abfälle der köſtlichen Tafel zu empfangen... Der alte Fürſt Rucca, Generalpächter der Steuern an der Nordküſte des Kirchenſtaats, will zeigen, daß das Sprüchwort falſch iſt:„Unrecht Gut gedeiht nicht!“— Was kann gedeihlicher ſein, als Almoſen an Klöſter und Bettler... Guardian und Brüder wußten, daß Pater Vincente einſt um einen„Kuß in der Beichte“, den ſein Gewiſſen und ſeine Phantaſie ihm nur vorgeſpiegelt hatten, hier oben Jahre lang hatte büßen wollen... Büßen zu dem Stachelgürtel, den Barfüßen und den aus drei Brettern beſtehenden Betten, die hier Regel ſind, noch hinzu!... Ein Troſt der Brüder war, daß doch noch nicht ganz gelebt werden mußte, wie der Freund der heiligen Thereſe, der Beichtvater des Einſiedlers von Sanct⸗Zuſt(Karl V.), Petrus von Alcantara lebte, in einer Zelle, die kürzer war, als ſeine Leibeslänge! Ging man über den Hof hinweg, ſo fand man von Bramante eine Kapelle juſt über der Stätte erbaut, wo der Apoſtel Petrus einſt mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wer⸗ den wollte— Sanct⸗Peter wollte nicht die Ehre haben, 6 zu ſterben, wie ſein Herr und Meiſter... Der Jani⸗ culus iſt das zweite Golgatha. Was ſagten, ſolchen Lei⸗ den gegenüber, drüben die dunklen Zellen mit eiſernen Gittern, in deren einer der ſelige Bartolomäus von Saluzzo zehn Jahre hinbrachte, ein Prieſter, der die Dreiſtigkeit hatte, ſchon dem Rom ſeiner Zeit, Päpſten und Cardinälen, zu ſagen: Nicht einer unter euch iſt ein wahrer Prieſter!... Pater Vincente ſchien kein ſo wilder Feuerkopf. Ein Schwärmer aus dem Thal von Caſtellungo, gehörte er ohne Zweifel zu jener dritten Art der Heiligen, den Geſchlechtloſen, von denen damals der Onkel Dechant ge⸗ ſprochen... Im Süden ſind vollkommen ſchöne Jung— frauen nicht ſo häufig, wie dieſe rein vegetativen, willen⸗ loſen, zuweilen bildſchönen Jünglinge... Ein Mönch lebte gefangen auf San-Pietro in Montorio, der den Pater Vincente nur einmal ſah und ſich ſagte:„Nun begreif' ich Horaz und Alcibiades, Plato und— Platen—.. Wer konnte wol hier oben in Rom vom deutſchen Dichter Platen ſprechen?——. Pater Vincente hatte das Loos gengen, der Hoch⸗ zeit ſeines böſen Beichtkindes beizuwohnen... Er ſollte die Speiſen in Empfang nehmen, die man ihm in ſeinen Querſack ſchütten würde, den jedoch ein ſtär⸗ kerer Laienbruder tragen ſollte... Dieſer Laienbruder war krank... Das Fieber ſpringt in Rom von einem Berg zum andern... Im Monat Mai hockt der un⸗ heimliche Dämon auf dem Janiculus... So hatte man beſchloſſen, einen der beiden deutſchen Gefangenen, die hier in Rom auf der Höhe des freien Vogelflugs in 7 ſtrenger Haft ſaßen, ihm zur Begleitung mitzugeben... Der eine, den die Mönche„den Todtenkopf“ nannten, war ſo ſtark, daß er im erſten Anfall ſeiner Ungeduld die verroſteten Eiſenſtäbe ſeines Kerkers verbog und faſt zerbrach... Jetzt war Bruder Hubertus ſchon lange ruhiger geworden... Er ließ nach dem letzten Vierteljahr, das er und Pater Sebaſtus noch für ihre Flucht aus dem Kloſter Himmelpfort in Deutſchland hier zu büßen hat⸗ ten, ein nützliches Mitglied der Alcantarinergemeinde erwarten, falls Pater Campiſtrano, der General der Franciscaner, und der Cardinal⸗Großpönitentiar ihm und dem nur noch ſchattenhaft am Leben hängenden Doctor Klingsohr die Beſtätigung gaben, daß ihre Abſicht, zu den„Reformirten“ ihres Ordens überzutreten, auf einem wirklichen Bedürfniß der Seele beruhte. Als Pater Vincente gehört, er müßte auf das ganz Rom in Bewegung ſetzende Hochzeitsfeſt der Gräfin Olympia Maldachini mit dem Sohn des reichſten aller Römer nächſt dem Fürſten Torlonia gehen und unter den hundert Bettlern auch für San⸗Pietro in Montorio ſeine zarte, weiche, frauenzimmerliche Hand offen halten, die einen Biſchofsſtab hätte tragen dürfen, wäre er nicht voll Demuth geweſen, war er in ſeine Zelle gegan⸗ gen, faſtete und betete... Dem„Bruder Todtenkopf“ hatte man den Vorſchlag gemacht, den vorausſichtlich heute überfüllten Zwerchſack zu tragen... Bruder Hu⸗ bertus ſang ſeit einiger Zeit ſo viel heitere Lieder, daß man den Verſuch glaubte wagen zu dürfen, ihn ins Freie zu laſſen, hinaus in eine allerdings fieberſchwan⸗ gere Mainacht... Hubertus hatte erwidert: Wohlan! Laßt mir aber den Pater Sebaſtus mit... Es iſt zu grauſam, in Rom angekommen zu ſein und neun Monate lang nichts davon geſehen zu haben, als eine Zelle von zehn Fuß Länge und zehn Fuß Breite... Beim Kreuz des heiligen Petrus drüben, laßt ihn ohne Furcht mit mir gehen!... Schon deshalb, weil er vielleicht ein Fieber mitbringt und ich dann Gelegenheit habe, euch zu zeigen, wie ich in Java das Fieber curiren lernte... Der nimmt die Arznei, vor der ihr euch ſo fürchtet... Die Mönche lachten über dieſe Worte aus zwei Ur⸗ ſachen... Einmal weil ſie aus einem Kauderwälſch von allerlei Sprachen beſtanden... Holländiſch, Deutſch, etwas Meßlatein und ſo viel Italieniſch, als man auf einer Wanderung durch Italien bis hieher und in dem beſchränkteſten Verkehr mit der Welt erlernen konnte... Dann, als man zum Ueberſetzen den Pater Sebaſtus herbeigerufen, lachte man wieder über die Methode des Fiebercurirens, die nach Hubertus hauptſächlich in einer ſonſt nicht normalen Anwendung von Theer und Kuhmiſt beſtehen ſollte... Die Stimmung wurde dem Mitgehen des Paters Sebaſtus günſtig... Der Herbeigerufene trat in das Refectorium ein... Er ſah ſchon aus wie ein echter Nacheiferer des heiligen Petrus von Alcantara . Hätte ihn ſein General geſehen, er würde geſagt haben: Auch du, mein einſt ſo wilder Kriegsmann, wirſt mit der Zeit reif, die Wonne der heiligen Thereſe zu wer⸗ den! So mochte einſt der edle Ritter Don Quixote de la Mancha ausgeſehen haben! So fleiſchlos hingen auch die Arme des Don Pedro von Alcantara, ſo voll 9 Schwielen waren ſeine Kniee! So ſah er aus, als er in der ſchauerlichen Einöde zu Eſtremadura ſeinen furcht⸗ baren Tractat über den„Seelenfrieden“ ſchrieb!... Armes Jammerbild des Wahns!... Aber„doch noch ein Glück dabei!“ ſagt der gute Bruder Lorenzo 4 in„Romeo und Julia“... Dinte und Papier hatte man dem Pater Sebaſtus gelaſſen. Man hatte ihm Bücher gegeben, um ſich in der italieniſchen Sprache zu vervollkommnen. Man hatte gefunden, daß er beſſer Latein verſtand, als der Pater Guardian, der ſeit dieſem deutſchen Pflegbefohlenen ſeine Sprachſchnitzer nicht mehr ſo oft vom General unten im Kloſter Santa⸗Maria corrigirt bekam... Der Gefangene tilgte ſie zuvor... Pater Sebaſtus, fahl und bleich, mit übergebeugter, hohler Bruſt, hüſtelnd, unſichern Ganges, flößte dem Guardian keine Beſorgniß mehr ein, daß er entfliehen und ſich dem wahrſcheinlich doch nur noch kurzen Reſt ſeiner Strafzeit entziehen könnte... Der Guardian be⸗ trachtete ſeine Collegen, wie der heilige Vater im Con⸗ ſiſtorium die Cardinäle... Quid vobis videtur? Worauf ein einmüthiges Stillſchweigen die jahrtauſendalte Regel iſt... Zuſtimmung ſchien auch hier aus Jedes Auge zu leuchten... Bei dem„Bruder Todtenkopf“ verſah man ſich ja, daß er keinen Schinken, keinen Büffelkäſe als zu viel ablehnen, ſondern den Sack ſo vollſtopfen würde wie nur möglich— eben um ſeine Kraft zu zeigen, über —— die er etwas ruhmredig und plauderhaft war, der alte 6 Polterer... Man beſchloß, den Pater Sebaſtus mitgehen zu laſſen und unterrichtete nur noch beide, wie ſie es an— ſtellen müßten, um von Koch, Kellner, Haushofmeiſter des 10 Fürſten Rucca mehr, als alle andern Klöſter, beſonders die nicht blöden Kapuziner von Ara Coeli, zu bekom⸗ men... Das Hauyctmittel, begriff ſchon Hubertus, war auch hier die Fauſt... Wenn um Mitternacht die große Tafel, die der alte Fürſt Rucca ſeinem Sohn und der „Nichte“ des Cardinals Ceccone ausrichtete, zu Ende war, begann die Austheilung... Brachen die Mönche um die zehnte Stunde auf, ſo kamen ſie gerade recht ... Wogte es dann ſchon die ganze Nacht in jenen Straßen, die zur Villa Rucca führten, ſo ging für ſie der Weg durch entlegenere Gegenden, wo ſich raſcher da⸗ hinſchreiten ließ... Die Frate waren, in Hoffnung auf die große Beute, ſo nachſichtig, daß ſie ſogar in dem Verlangen des Pater Sebaſtus nach Siegelwachs heute nichts Sträfliches fanden und ihm die Mittel einer unerlaubten Correſpondenz an die Hand gaben;— es ſollte alles, was die beiden deutſchen Mönche auf die Poſt gaben, erſt hinunter an den General kommen... Heute ging in den Würſten, Schinken, Käſen, den feinern Tafelreſten, die man erhoffte, ein Brief unbemerkt hin, den Pater Sebaſtus faſt ſicht⸗ barlich ſeinem Leidensgefährten Hubertus zuſteckte, daß er ihn vorher läſe und mit unterſchriebe... Er wollte noch eine Weile ſich ruhen, den Brief dann ſiegeln, mitnehmen und irgendwie ſuchen„der Poſt beizukommen“, — das flüſterte er auf deutſch dem Leidensgefährten.. Klingsohr hatte Rom, ſein ewiges, hochheiliges Rom, bisher nur erſt aus der Ferne geſehen... Er kannte nur ſeit drei Vierteljahren dieſen magiſchen Anblick zu⸗ weilen vom Fenſter des Refectoriums... Nun ſollte er — 2 11 im Mondſchein zum erſten mal den heiligen Boden be⸗ treten... Die Sonne ſank in ihrer goldenſten Pracht ... Dieſen Anblick hatte er zuweilen an Feſttagen ge⸗ habt, durch die Olivenbäume des ſich vom Fenſter des Refectoriums abdachenden Bergabhangs hindurch... Heute verweilte er länger bei ihm... Sein dumpf gewordener Geiſt belebte ſich... Aus den matten Au— gen glitt ein Schimmer der Erwartung... An den Biſchof von Robillante hatte er geſchrieben... Robillante lag ja da, da, wo die Sonne ebenſo ſchön unter⸗ ging... Er wußte, Bonaventura von Aſſelyn war jener Biſchof dort geworden, der hier oben Pater Vincente hätte ſein können, wenn er gewollt... Vincente's Ge⸗ ſchichte war das große Wunder, das man auf San⸗Pietro jedem erzählte, der etwas länger blieb, als nöthig, um die Bilder Sebaſtian's de Piombo in der Kloſterkirche und die alten paoliſchen Waſſerleitungen zu ſehen.. Unbeſchreiblich iſt die Schönheit des letzten Blicks der ſcheidenden Sonne Italiens, wenn ihre Strahlen ſich zu⸗ letzt nur noch leiſe durch die grünen Zweige der Bäume ſtehlen... Ein Olivenwald vollends iſt an ſich ſchon zauberiſch... Seine Schatten ſind ſo licht, das Laub iſt ſo ſeltſam graugrün blitzend... Und wenn ſeine Stämme hundertjährig ſind, ſo ſind die Geſtalten der Zweige und über dem Boden herausragenden Wurzeln ſo phantaſtiſch, daß ſie ſich im purpurnen Dämmerlicht der Sonne zu bewegen ſcheinen wie die Bäume in den„Metamor⸗ phoſen“ Ovid's... Ein magiſcher Sommernachttraum gaukelt durch einen ſolchen uralten Olivenhain... Sie⸗ ben, acht Stämme ſind zu Einem zuſammengewunden... 4 12 Wie Polypen von Holz ſind ſie aufgeſchnitten, das Mark iſt heraus und nur die Rinde noch zurückgeblieben, aber die trägt die graugrünen Blätterkronen mit den blauen klei⸗ nen Pflaumen der Frucht ganz ſo, als wäre Herz und Seele noch drinnen... Dieſe groteske Welt, voll Fratzen, als hätte ſie Höllen⸗Breughel geſchaffen, ſchwimmt nun im Lichte und wird zu purem Golde; die untergegangene Sonne läßt am Horizont einen rieſigen Baldachin der glänzendſten Stickerei zurück Flimmernde Goldfranzen hängen in Himmels⸗ breite an violetten und roſa Wölkchen... Während nach der öſtlichen Seite hin ſchon die Nacht urſchnell und tiefblau, mit ſofort ſichtbaren Sternen aufleuchtet, ſteht noch im Weſten dieſe Phantasmagorie der Farben⸗ miſchungen eine wunderbare Weile... Endlich wird auch ſie röther und röther; die goldnen Franzen, die Sticke⸗ reien von Millionen von Goldperlen erbleichen; dann wird der weſtliche Himmel dunkelblauroth... Nun ſchwimmt der Olivenwald wie in einem Meer von auf⸗ gelöſtem Ultramarin... Die Nacht im Oſten iſt ſchon tiefſchwarz... Alles das lehrt— Ewigkeit des Schönen... In ſeiner dunkeln Zelle hatte Hubertus heute eine zinnerne Oellampe... Sie war an ſich armſelig, aber ſie konnte doch in Pompeji geſtanden haben... Der Docht brennt in der Mitte gleichſam eines Tulpenkelches aus vier Oeffnungen... Er las jenen Brief, den er mit Pater Sebaſtus verabredet, um durch Bonaventura's Vermittelung viel⸗ leicht für ſie beide ein beſſeres Loos zu erzielen, als das ihrer durch den Spruch aus Santa⸗Maria da unten ha — 13 harrte und ſelbſt für den Fall harrte, daß ſie ſich die⸗ ſem römiſchen oder ſonſt einem Kloſter der Alcantariner einreihen durften.. Der Brief mußte ſo geſchrieben ſein, daß er im äußerſten Fall auch in die Hand des Generals gerathen und ſie nicht aufs neue compromittiren, nicht zur Fort⸗ ſetzung ihrer Leiden Anlaß geben durfte... So hatte denn Dr. Heinrich Klingsohr, weiland göt⸗ tinger Privatdocent, ganz im gebührenden Ton, wie etwa Pater Vincente gethan haben würde, wörtlich an Bona⸗ ventura geſchrieben*): „Vivat Jeſus! Vivat Maria! Halleluja! Friede ſei mit Ihnen, hochwürdigſter Herr und hochgnädigſter Herr Biſchof! Hat unſer Ohr recht gehört, ſo iſt ein Wunder geſchehen! Hochgeehrteſter Herr, Sie verweilen nicht mehr auf deutſcher Erde, wo das Salz dumm geworden iſt, Sie führen den apoſtoliſchen Stab im Lande der Verheißung!... Hochgnädigſter Herr und Biſchof! Wir ſind die beiden Flüchtlinge aus dem Kloſter Himmelpfort, die wir ſchon einmal Schutz gefunden durch Ihre gnädigſte Frau Mutter, als wir lieber unter den Thieren des Waldes und in einer Hütte von Baumzweigen wohnen wollten, als länger in der üppigen Völlerei der entarteten Minderbrüder des heiligen Franciscus. Liebloſigkeit, Zank, Mangel an gottſeliger Geſinnung haben uns von einer Stätte getrieben, wo unſer allerheiligſter Herr Jeſus von ſeinen eigenen Jüngern täglich noch gekreuzigt wird! In dem großen Feldzug, den die Kirche gegen *) Vielen dieſer Einzelzüge liegen Actenſtücke zu Grunde. den Belial der Aufklärung gerade in unſerm Vaterland zu beſtehen hat, ſind dieſe Klöſter, in denen ſich nichts als der Schein der alten Regeln erhalten hat, nur zu Verſchanzungen des böſen Feindes nütze. Provinzial Mau⸗ rus hat an unſern General eine Liſte unſerer Verbre⸗ chen geſchickt und ſo müſſen wir denn, da man uns ohne Richterſpruch verurtheilte, unſer ſehnſüchtiges Verlangen nach der reformirten Regel der Minderbrüder durch eine Gefangenſchaft büßen, die hier auf San⸗Pietro in Montorio bereits drei Vierteljahre dauert; freilich ſchmach⸗ ten wir in der Nähe des Kerkers, den der ſelige Bar⸗ tolomäus von Saluzzo zehn Jahre lang innehatte... Aber die Krone des Himmels zu gewinnen wird, ach! zu mühſelig für die ſchwache Kraft unſrer Sterblichkeit... Hochgnädigſter Herr Biſchof! Wir ſchöpfen wol Muth aus dem Vorbild der Märtyrer und heiligſten Apoſtel, aber unſere Kräfte ſchwinden, unſere Hoffnungen auf die Macht der Wahrheit erlöſchen, zu ſchwer für menſchliche Schultern iſt, was wir ſeither erlitten!... Von dem unterzeich⸗ neten Pater Sebaſtus, hochgnädigſter Herr Biſchof, wiſ⸗ ſen Sie aus einer denkwürdigen Stunde mit dem ge⸗ fangenen Kirchenfürſten, daß er die Rettung ſeiner Seele dem«Bruder Abtödter» verdankt, der im Gegentheil im Lebendigmachen ſich auch hier ſchon mannichfach be⸗ währt hat. O daß ich in einem einfachen, ſchlichten Menſchen mehr fand, als in meinen weiland Genoſſen, Hochgebildeten, die mich durch die ſophiſtiſche Moral der heidniſchen„glänzenden Laſter“ zum Tödten eines Mit⸗ menſchen, Ihres Verwandten, reizen konnten! Hubertus hat mich oft meilenweit Nachts auf ſeinen Greiſesarmen getragen, — 15 wenn wir auf unſerer Flucht mit nackten Füßen den Häſchern zu entrinnen ſuchten. Vom Düſternbrook, von der verhäng⸗ nißvollen blitzzerſchlagenen Eiche an bis zu den trauernden Cypreſſen dieſes heiligen Sanct⸗Peter⸗Kreuzes⸗Hügels ver⸗ folgte uns das Concil von Trident, nach dem xein ent⸗ ſprungener Mönch ſeinem Kloſter zurückzuführen iſt)... Wir lebten von Wurzeln und Beeren, ſuchten die einſam— ſten Straßen des Rhöngebirges, des Schwarzwaldes und der Alpen auf... Nie legten wir unſer hären Ge⸗ wand ab, unſers heiligſten Franciscus Ehrenkleid, das ich einſt, Sie wiſſen es, im ſchnöden Rückfall um jene Lucinde verleugnen konnte... Nie gönnten wir uns eine andere Erquickung, als unſern blutenden Füßen die kühlende Welle des Waldbachs... Auf der Schweizer⸗ grenze ergriffen uns die durch Steckbriefe aufgewiegelten Häſcher... Nur der Kraft des Bruders Hubertus, die er indeſſen ſeinem Gebet zuzuſchreiben bittet, gelang es, daß wir aus einer Polizeiwache auf dem Transport entſprangen und uns drei Tage und drei Nächte, dem Verhungern nahe, unter dem Heu einer Scheune ver⸗ bargen... Zu unſerm Uebergang über die Alpen wählten wir die einſamſte Straße, die des Großen St.⸗Bernhard... So verſchmachtet und verkommen waren wir, daß wir den Gerippen glichen, die dort von verſchütteten Wegwanderern aufbewahrt werden“... (Sebaſtus ahnte nicht, wie gerade dieſe Worte auf Bo⸗ naventura wirken mußten, wenn er den Brief empfing!)... „Nur die Hoffnung auf Rom belebte uns... Rom! Rom! rief es in unſern Herzen und geſtärkt erhoben wir uns, wie verſchmachtete Kreuzfahrer einſt mit dem Feldruf: 16 Jeruſalem!... Aber auch in dieſen heißerſehnten Ge⸗ filden verfolgte uns die Hand des Paters Maurus. Jedes Kloſter unſers Ordens drohte zum Gefängniß für uns zu werden. In den Reisfeldern Pavias, wo wir uns in gif⸗ tigen Sümpfen verſtecken mußten, ergriff mich das Fieber. In der Nähe jener prachtvollen Certoſa, einer architekto⸗ niſchen Wunderblume deutſcher Baukunſt in einer Oede voll Trauer, trauriger als die Fieberkrankheit, glaubte ich zu ſterben. Mein zweiter Vater rettete mich und der innere Stern des Morgenlandes ſchimmerte wieder am Wege ... Rom! rief es von unſichtbaren Geiſtern, in die zu⸗ letzt wirkliche Stimmen, die Stimmen der Pilger einfielen, denen wir uns anſchloſſen... Alle meine Gräber öff⸗ neten ſich in meiner öden Tannhäuſerbruſt... Leiche auf Leiche erhob ſich... Die Wiſſenſchaft, die Kunſt, die Philoſophie, die ſeraphiſche Liebe— alles wachte auf in dieſer Sehnſucht nach Rom!... Ich fühlte unendliches Leben in meinen Adern... Wir kamen ein kahl Gebirge, die Apeninnen, hinauf und ſahen das Meer — Zum zweiten male ſah ich's und mein Führer kannte es von Indien... Was blieb da noch die Oſtſee! Nußſchaale gegen einen Bethesdateich!— Dort, dort lagen Afrika, Aſien— Hannibal ſtieg mit uns nieder, Scipio kam von Karthago— Hinan! Hinan!... So wanden wir uns drei Wochen durch Etrurien hindurch nach dem Sanctum⸗Patrimonium... Mit den Pilgern, mit manchen Verbrechern, mit denen uns die Nachtwan⸗ derung vereinigte, hofften wir: Rom iſt die Stadt der Gnade!... Ein Pilger rief: Rom iſt mit Abläſſen gepflaſtert! Ich verzieh einem Mund, der dem natür⸗ 17 lichen Jubel des frommen Entzückens erwiderte: Noch mehr, denk' ich, dein eigen Herz!— Dieſe Denkerphraſe — deutſch geſprochen! Ich verzieh dem Sprecher, weil er ein Greis war“.. Hubertus hielt hier einen Augenblick inne... Die⸗ ſes greiſen deutſchen Pilgers hatte er oft gedacht... Auch ihm und Klingsohr war er ſtreng geweſen; aber eine ver⸗ klärte und wieder andere verklärende Natur bei alledem ... Wo mochte wol dieſer Reiſegefährte weilen!... Dann fuhr Hubertus zu leſen fort: „Wir mußten mit den andern oft in den Felſen ſchlafen, vermieden die großen Städte, deren Zinnen und Domthürme ich nur fernher aufragen ſah, wie die Märchenerinnerungen meiner Jugend... Parma! Flo⸗ renz! Siena! Welche Klänge!... Aber in Höhlen, oft zu Räubern, mußten wir flüchten, bis wir endlich in dieſem öden Keſſelthal ankamen, das Euch die«wüſtey Campagna heißt— Die wüſte! Ihr leipziger Nationalökonomen, ein Hirtenland mußt' es ja ſein, wo wieder die Krippe des Heiles ſteht! Hier darfſt du ja, verlorene Welt, nur Schafhürden und Ställe ſuchen! Hier ſollſt du ja nur der Hirten Lobgeſang hören wollen, der dich doch in Correggio's«Nacht» entzückt, warum nicht in Wirklich⸗ keit?... Endlich eines Morgens ging die Sonne auf und wir ſahen— die Stadt der Städte! Im Kern einer großen Muſchel liegt, nächſt Jeruſalem, die köſtlichſte Perle! ... Das Auge unterſchied die Peterskuppel... Schon hörte das Ohr die Glocken der verſunkenen Kirche, die in meiner Bruſt ſchon ſeit dreißig Jahren Rom» läu⸗ ten; ich hörte ſie— nun von ſichtbaren Thürmen nieder⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 2 * t — 18 hallen— Hoſiannah! rief alles um uns her... La capitale du pardon! jauchzte ein Franzoſe... Da umringen uns wieder die Häſcher des Paters Maurus. Die in der Kna⸗ benlectüre vielbelachten—«Sbirren“— häßliche Drei⸗ maſter von Wachsleinen auf dem Kopf—... Sie wiſſen, wer wir ſind. Sie wiſſen, woher wir kommen... Sie führen uns über die Tiber zurück, die wir ſchon hinter uns hatten!... In der Abenddämmerung geleiten ſie uns einen jener rieſigen Aquäducte entlang, die man nicht ſehen kann ohne an Roms ewige Größe, an die fruchtloſen Belage⸗ rungen durch Attila, die Hohenſtaufen und Beelzebub zu denken, führen uns durch ein entlegen Thor auf einen hohen Berg und hier in ein Gefängniß, das wir ſeit dieſer Stunde nur zuweilen im Umkreis einiger hundert Schritte verlaſſen haben!... Vor unſerm Kloſter ſtürzen ſich die Waſſer jenes Aquäductes, dem wir folgten, in ein Becken und gleiten nach Rom hinunter, das, ſagt man, vom Gerieſel der Brunnen und Cascaden wie ein einziger Quell des Lebens rauſchen ſoll!—— Wir hier oben aber ver⸗ ſchmachten! Wir müſſen uns der Gewalt des Pater Mau⸗ rus, die bis hieher reicht, ergeben!—... Wohlan, die Ordnung herrſche in der Welt, ſelbſt in den Händen un⸗ würdiger Gotteswerkzeuge! Wir wollen unſer Joch⸗Jahr dulden. Aber die Zukunft! Soll ſie denn nur, nur den Tod bergen?... Wenn Ihre große Güte, hochgnädigſter Bi⸗ ſchof, es übernähme, ein Wort des Zeugniſſes für uns beim General zu ſprechen! Wenn Sie Ihren Nachbar, den Erz⸗ biſchof von Coni, Cardinal Fefelotti, der, wie man ſagt, die Stelle des Großpönitentiars der Chriſtenheit erhalten wird, für uns gewännen! Das Elend meines Lebens kennen Sie! Sie wiſſen, was ich dem Kreuz des Erlöſers ſchon alles von Menſchenſchuld aufgebürdet habe! Sie kennen Klingsohr's Sünden— auch ſeine verwelkten Roſen— Sie wiſſen, welche Hand den Lebensfrühling mir zerriß... Ueber Trümmern aber iſt das Kreuz erſtanden! Ich will meine Fahne nicht mehr laſſen, die Fahne des geopferten Lammes! Laſſen Sie nich nicht ſtreiten unter ſinnlo⸗ ſen Führern! Das iſt das Schrecklichſte, unter Mitknech⸗ ten ſtehen, die nicht wiſſen, weſſen Harniſch ſie ange⸗ than haben! Müßten wir nach Deutſchland zurück, zurück nach Witoborns öden Gaſſen, zu den dumpfen Wänden Himmelpforts, ſo würde der letzte Funke unſers Lebenslichtes erloſchen ſein! Lieber das Grab in Rom, als ein Leben im Leichentuch Deutſchlands! Sie, Sie ſind glücklich! Sie dürfen reden, hochwürdigſter Herr und Biſchof! Legen Sie Zeugniß für uns ab! Ein Wort von Ihnen zu unſerm General, ein Wort zu Cardinal Fefe— lotti, und man wirft uns nicht mehr mit denen zuſammen, die wie der Tag kommen und gehen. Auch mein guter Führer und Lehrer ſtürbe ſo gern in der Stadt der Kata⸗ komben. Er hat noch auf dem Amt in Witoborn eine Summe Geldes liegen, ungerecht Gut, das er'der Sache der Gerechtigkeit ſchenken möchte. Er hoffte in Rom einen Erben zu finden, einen Krieger im Heer Seiner Heiligkeit, den zu erkundſchaften ihm noch keine Muße geboten ward. Fände er dieſen nicht, ſo würde er das Vermögen dem General ſeines Ordens anweiſen ... Laßt ihn eine Weile ſuchen! Laßt uns doch noch irgend eine ſchaffende Thätigkeit! Der Trieb zu helfen iſt Gradmeſſer noch vorhandener Lebensluſt. Mit dieſer 2* — 20 neuen ſchönen Sonne, die wir Gefangenen nur zu ſpärlich ſahen, iſt er in uns zurückgekehrt. Ich jage nicht mehr dem Spuk der nordiſchen Phantome nach. Dieſer blaue Him⸗ mel, dieſe göttliche Luft, dieſe immer gleiche Stimmung der Natur ſelbſt im Blättergrün, das im Winter nicht ent⸗ ſchwindet, ach! ſie gießen einen ſo vollen Glanz der Schön heit ſelbſt über unſre beſcheidenſten Wünſche, daß ich mir vor⸗ komme, als hätte meine ſeitherige Vergangenheit nur unter meiner unrichtigen Geburt im Norden gelitten. Meine Zwei⸗ fel ſchwinden. In einem römiſchen Sonnenuntergang glaub' ich an das Labarum des Conſtantin, das ihm in den Wolken erſchien! Ich ſehe das Tabernakel des Hoch⸗ amts in jeder bunten Wolke dieſes italieniſchen Himmels! Halleluja! Die Kreuzesfahne voran! In dieſem Zei⸗ chen Sieg und Hoffnung! Retten Sie uns! Retten Sie uns! Heinrich Klingsohr, genannt Pater Sebaſtus a Cruce. San ⸗Pietro in Montorio, im Mai 18*¾9.“ Zu dieſem Namen ſchrieb Bruder Hubertus: „Eines hochgnädigſten Herrn und Biſchofs gehor⸗ ſamſter Kreuzesträger und apoſtoliſcher Pilger Frater Hubertus.“ Dieſen Brief ganz flüſſig zu leſen und dann zu unter⸗ ſchreiben koſtete dem„Todtenkopf“ einige Mühe... Seine knöcherne Hand kritzelte lange an den wenigen Worten... An der Stelle, wo von ſeinem Geld die Rede war, hielt er beſorgt inne... Er gedachte mismuthig jenes Wenzel von Terſchka auf Weſterhof, von dem er ſchon lange ahnte, daß er deſſen Verſicherungen, er wäre nicht jener Soldat, der einſt im römiſchen Heer geſtanden, zu leichtgläubig hingenommen, von deſſen Verbleiben aber, Urſprung, ſpäterer Flucht, Uebertritt, gegenwärtigem Auf⸗ enthalt in London die Eremiten im winterlichen Walde, die Flüchtlinge durch Deutſchland und Italien, die Gefangenen von Rom nichts erfahren hatten. Klingsohr kannte dieſen Terſchka nicht einmal dem Namen nach... War die Er⸗ wähnung ſeines Geldes praktiſch?... Wie würde dieſe Stelle auf den General wirken, wenn er ſie läſe?... Vielleicht ganz förderlich! dachte endlich Hubertus mit einiger Pfiffigkeit... Gegen zehn Uhr erhob er ſich von ſeinem Maisſtroh ... Aufgeſchreckter denn je... Dachte er an Terſchka, Picard, ſein Geld, ſo erſchienen ihm Eulen und Fleder⸗ mäuſe und Brigitte von Gülpen rang unter ihnen die Hände und Hammaker's blutigen Kopf ſah er und Pi⸗ card hing am brennenden Dachbalken und den Pater Ful⸗ gentius, den er„richtete“, indem er ihn ruhig ſich ſelber tödten ließ, ſah er am Seile ſchweben... Der Riegel ſeines Kerkers wurde klirrend zurückgeſchoben... Der fieberkranke Laienbruder war es ſelbſt, der, ſich ſchüttelnd, den mächtigen Sack brachte... Er geleitete Hubertus an Sebaſtus' Zelle... Auch hier fiel die eiſerne Klammer... Sebaſtus ſtand in erregter Spannung... Rom und die langen Leiden hatten ſeinem ſonſt ſo vornehm verächtlich, ſo hoch⸗ müthig geringſchätzend in die Welt und auf andere Menſchen blickenden Weſen ſeit einiger Zeit eine vor⸗ theilhafte Veränderung gegeben... Er ergriff den heimlich dargereichten Brief, ſiegelte ihn, während Hu⸗ bertus dem Laienbruder, um dieſen zu zerſtreuen, ſeine Pillen rühmte und zu größerer Deutlichkeit das Ver⸗ 22 ſchwinden des Fiebers mit der Leere des mächtigen Sackes verglich... Dann ſteckte Sebaſtus unter der braunen Kutte den Brief zu ſich und folgte dem Laienbruder, der beide auf die Terraſſe zu den rauſchenden Waſſern führte... Hier harrte ihrer Pater Vincente... Benedictus Jesus Christus!... In aeternum, Amen!... Die drei Mönche ſchritten den Hügel San⸗Pietro nieder in jene kleinen geſpenſtiſchen Schatten der Bäume und Häuſer, die ein helles Mondlicht wirft... Alle drei ſchritten ſie nach Rom hinunter in den glei⸗ chen Kutten... Die Kapuze über den Kopf gezogen, um den Leib des heiligen Franz von Aſſiſi fliegende weißwollene Schnur... Die beiden Deutſchen noch nach ihrer alten Regel in Sandalen... Pater Vin⸗ cente mit entblößten Füßen. Pater Vincente war wol ſchon dreißig Jahre alt; doch hatte er noch alles von der weichen Jünglingsſchön⸗ heit des Antinous... Seine Augen waren ſanft braun... Die Farbe ſeines Antlitzes, und nicht ganz vom Widerſchein der Strahlen des orangegelb über dem Albanergebirge her⸗ ausgetretenen Mondes, war faſt gelblich... Das kurz⸗ geſchnittene und die ſo ſchöngeformten kleinen Ohren grell freilaſſende Haar dunkelſchwarz... Der braune, jetzt von der Kapuze bedeckte Nacken ſchweifte ſich ſanft⸗ gebogen... Sein Mund war etwas aufgeworfen und wie zum Genuß des Lebens beſtimmt... Die hohle Wange ſtand in Verbindung mit ſanften Er⸗ höhungen an den Winkeln und Lippen... Seine Geſtalt hatte etwas Aetheriſches; ſie ſchien, wie dies einſt dem heiligen Franciscus in Wirklichkeit geſchehen ſein ſoll, in den Lüften zu ſchweben... Viele, die ihn kannten, prophezeiten auf ſein Haupt— noch einſt die dreifache Krone— wie man in der katholiſchen Chriſten⸗ heit jedem Leviten thut, der ſich durch gottſeligen Sinn auszeichnet... eine Strafe der Verbrecher; Philippus trug ſich immer Die beiden Deutſchen gingen hinter dem Italiener, wie ſeine Diener... Doch wollte dieſer nur ihr Führer ſein... Hubertus ließ ſich auch nichts von ſeinem be⸗ ſtimmten, feſten, muntern Naturell nehmen... Was ihm durch den Sinn kam, plauderte er aus... Die Bäume am Wege nannte er alte Bekannte aus Indien; die Düfte, die von den botaniſchen Gärten herüberka⸗ men, analyſirte, er nach den Pflanzen, denen ſie ange⸗ hörten... Den ſchmetternden Nachtigallen paßte er ſtillſtehend auf; dem Mond drohte er, ihn, wenn er noch größer und ganz wie in Java würde, vor Freude in den Sack zu ſtecken... Alles das, ſagte er, iſt darum ſo prächtig hier, weil es ohne die Schlangen und die Tiger iſt!... Die Heiterkeit des wunderlichen Alten hatte ſeinen Leidensgefährten ſchon ſeit Jahren aufgerichtet... Se⸗ baſtus nannte ihn ſchon im Kloſter Himmelpfort den zweiten Philippus Neri... Philippus Neri war jener „kurzangebundene, humoriſtiſche“, römiſche Heilige, von dem Goethe in ſeiner italieniſchen Reiſe erzählt. Könnte ich Ihnen den Schamanen und indiſchen Gauk⸗ ler austreiben, ſagte Sebaſtus ſchon oft, Ihre Wun⸗ derkraft und Heiligſprechung wäre verbürgt! Philippus Neri legte ſich auf das Studium, den Menſchen manch⸗ mal ſo unausſtehlich zu werden wie möglich. So auch Sie! Es gelang freilich Ihrem heiligen Vorbilde nicht immer ſo ganz, wie Ihnen! Je mehr Philippus verletzte, deſto mehr liebte man ihn. Ja ſogar die Thiere liefen ihm nach. Hunde zu tragen— war ſonſt 25 mit Hunden und duldete den Spott der römiſchen Zu⸗ gend. In die Kirchen ging er und unterbrach die römi⸗ ſchen Fenclons und Bourdaloues ſeiner Zeit gerade an ihren blumenreichſten Stellen. Da wollte er ihre Demuth prüfen, ob auch wol die geiſtreichen Rhetoriker nun ebenſo gelaſſen blieben, wie ſie ihren Zuhörern anempfahlen. Erſchien ihm die allerſeligſte Jungfrau, ſo ſpie er ſie an, und ſiehe da! es war eine Teufelslarve. Er ſagte: Ihm müßte dergleichen viel herrlicher erſcheinen!... Die„Vernunft“ in unſerer Heiligengeſchichte iſt noch gar nicht genug geſchildert worden... So ſprach Klingsohr in Himmelpfort— Faſt hätte ſich auch in Rom veranlaßt fühlen dürfen, wieder an dieſe alten Vergleichungen zu erinnern... Hubertus ſprach den ganzen Weg bis zum Ponte Siſto, der die Wan⸗ derer über die Tiber führte, vor Aufregung alles bunt über Eck durcheinander... Ja er wagte ſich an den Pater Vin⸗ cente mit der italieniſchen Frage, nicht etwa wo das Capitol oder das Coliſeum oder die übrigen Klöſter des heiligen Franciscus lägen, ſondern wo er die päpſtliche Reiterkaſerne finden könnte... Pater Vincente zeigte weit weg über die Tiber zur Peterskuppel hin und ſprach von einer dort befindlichen Porta Cavallaggieri... Nun ereiferte ſich Hubertus über den Mangel an Briefkäſten... Und daß auch die Hauptpoſt nicht ein⸗ mal des Nachts einen Briefkaſten offen hielt, wie ihm Pater Vincente verſicherte, rügte er ebenſo, wie der hei⸗ lige Philippus Neri mit den Inſtitutionen von fünfzehn Päpſten, die er erlebt hatte, in ſtetem demokratiſchen Hader lag und noch wenige Jahre vor ſeinem Tode und ſchon im Geruch der Heiligkeit nahe daran war, ſtatt als„heiliger Diogenes in der Tonne“ in allerlei römi⸗ ſchen Winkeln zu leben, als Staatsgefangener auf die Engelsburg zu ziehen. Als Hubertus die Unmöglichkeit, den Brief abzuge⸗ ben, in deutſcher Sprache beklagte, mußte er erleben, daß Pater Vincente ſich umwandte und mit gebrochenem Deutſch einfiel: Wiſſet Ihr denn nicht, daß Ihr keinen Briefwechſel führen dürft? Laßt mich doch nicht zum Beſchützer einer unerlaubten Handlung werden!... Die betroffenen Mönche erfuhren zum erſten mal, daß Pater Vincente ſoviel Kenntniſſe in den Sprachen beſaß... Sie mußten ihren Unterhaltungen einen Dämpfer auflegen... Hubertus murmelte, verdrießlich über ſoviel Loyalität: Sind wir wirklich im Lande der Mörder und Räu⸗ ber?... So kam er in die andächtig und feierlich gehobene Stimmung Klingsohr's, um den jetzt nur noch bald die Volksſtürme der Gracchen rauſchten, bald die erſten feier⸗ lichen Geſänge der Katakombenkirchen... Die Wanderer hatten die innere Stadt betreten, die in ihren lebhafteſten Theilen jeder andern ſüdlichen gleicht und außer den an den Häuſern zahlreich angebrachten Balconen nichts Auffallendes hat. Die„ewige Stadt“ zeichnet ſich auch ſonſt am Tage durch ihre Schweigſam⸗ keit aus, die gar nicht mit der lärmenden Weiſe Süd⸗ europas ſtimmt. Die Herrſchaft der Prieſter bedingt do— —————.—., den Ton der Ehrfurcht und Zurückhaltung. Beim erſten Betreten macht Rom einen Eindruck, wie Venedig auf den Lagunen— lautlos gleiten die Gondeln über die dunkle Flut... Jetzt war nun noch die Nacht herein⸗ gebrochen und vollends ſtill lagen die hier ſo engen, den erwerbenden Klaſſen angehörenden Straßen und kleinen Plätze. Dunkle Schatten hüllten die verſchloſ⸗ ſenen Häuſer ein. Nur da und dort brach der goldene Strahl des Mondes hervor und gab den ſchmutzigen Eckgiebeln, den verſchwärzten Balconen, hochragenden Schornſteinen eine verklärende Beleuchtung. Die vie⸗ len Fontainen Roms belebten die Stille. Fiel der Mond auf die Strahlen und die Baſſins, in die jene niederglitten, ſo glaubte man Büſchel von Gold- und Silberperlen zu ſehen. Oeffnete ſich ein größerer Platz und zeigte eines der hohen Staatsgebäude, eine der Kirchen oder einen der in dieſer Gegend ſeltenern Pa⸗ läſte, ſo ſah man die Giebel, Thürme und Kuppeln in um ſo magiſcherem Lichte, als die Dunkelheit der Schat⸗ ten daneben den Glanz derſelben erhöhte. Dazwiſchen durfte das Auge dann und wann glauben, Schneeflocken auf den Höhen zu ſehen. Das war dann weißer Marmor, ahnungerweckend aufblitzend... Klingsohr ſah wie zum zweiten mal geboren um ſich... Die Erinnerungen umkrallten ihn rieſig, als Pater Vin⸗ cente, der ſein hartes Wort wieder gut machen zu wollen ſchien, Erläuterungen zu geben begann... Da ſagte der ſanfte Führer auch unter anderm auf ein wüſtes Gewirr von Häuſern zur Linken zeigend: II CEhetto!... — — — Der Ghetto der Juden!... Die„Rumpelgaſſe“ Roms!... Ob auch hier, wo eine Nachtigall ſo mächtig ſchlug, wo die Fontana Tartarughe ſo traulich plätſcherte, wo am Mauerwerk wie verſtohlen eine ſchwarze Cypreſſe hervorlugte, ein Veilchen Igelsheimer leben mochte?... Ob auch hier die nächtliche Vertauſchung einer Mönchs⸗ kutte möglich war gegen einen Ueberrock, mit dem ein toller Mönch in die Theater Roms lief?... Lucinde huſchte für Klingsohr ſchon lange, lange am Wege... Da gab es ſchon ſo manchen ſchönen Kopf mit aufgelöſtem Haar an einem Fenſter, ein Mädchen, das eben ſchelmiſch noch einmal den Mond anguckte und dann erſt zu Bett gehen wollte... Da tönte eine Guitarre... Da ſcholl aus einer Schenke ein Jauchzen— das Schreien beim Morraſpiel ... Jeſus, mein Feldherr! mußte ſchon der ewige Fah⸗ nenflüchtling rufen... Lucindens Geſtalt begleitete den ſo tief Verkommenen in jeder ſchönen Situation, ihn, den wie der Brief zeigte, den er in ſeiner Kutte trug, die trübſte Lebenserfahrung ſchon ſo tief gedemüthigt, ja zu der ihm ſonſt nicht eigenen Verſtellung gebracht hatte... Wie oft hatte nicht Lucinde, wenn Jéröme von Wittelind ſie im Latein unterrichtete, von Rom geſprochen und ihm was ſie gelernt wiedererzählt bei ihren Stelldicheins hin⸗ term Pavillon unter den alten Ulmen auf Schloß Neuhof und noch in Kiel... Im Profeßhauſe der Jeſuiten hatte ſie dem Gefangenen Bilder einer größern Wirkſamkeit vor⸗ gegaukelt, deren Fernſichten bis nach Rom gingen... Wo mochte ſie wol jetzt weilen, ſie, die in ihren auch im Klo— ſter Himmelpfort ſpäter bekannt gewordenen, von der Re⸗ gierung veröffentlichten Briefen an Beda Hunnius ihr ——— 29 Lebensſymbol nicht ſelten wiederholt hatte: An der Schwelle der Peterskirche möcht' ich ſterben!... Was alles mit ihr Hubertus in Witoborn vorgehabt, hatte Sebaſtus von dieſem nicht ganz erfahren können... Pater Vincente blieb freundlich und milde... Ging doch auch er mit der mächtigſten, gewiß auch ihm auf⸗ wachenden Poeſie im Herzen dahin... Klingsohr hatte das Erlebniß von dem Kuß in der Beichte gehört... Er ſelbſt kannte dieſe Schemen, die den heiligen Antonius peinigten, nur zu gut... Und dieſe Luftſpiegelung der erregten Sinne, für die der ſchöne Jüngling und Mann dort hatte fünf Jahre büßen wollen, vermählte ſich heute!... Er bettelte nun an ihrer Thür!... Da war ja die Welt Heinrich Heine's, die ihn einſt ſo umfangen gehalten... Das kommt, weil man„Madame“ tituliret Mein ſüßes Liebchen— Jeſus hilf! rief es in Klingsohr's Seele... Pater Vincente deutete auf eine rechts ſich noch ein⸗ mal öffnende Durchſicht über die Tiber und auf einen jenſeits in den blauen Lüften ſchwebenden fernen Punkt und ſprach: Das da iſt das Aſyl der Pilger! Eine fromme Stif⸗ tung des heiligen Philippus Neri!.. Hubertus lachte und drückte ſpähend ſeine ſchwarzen funkelnden Augen zu und hob die Kapuze in die Höhe und ſah die ſo achtbaren Erinnerungen an einen Mann, mit dem er Aehnlichkeit haben ſollte... Und ganz im Neri'ſchen Geiſt ſprach er in ſeinem holländiſchen Deutſch durch⸗ einander, raſch, als wenn Pater Vincente folgen könnte: gute Wein wächſt— Est! Est! ſagte der deutſche Das Haus ſieht groß genug aus, um den Seckel der Wirthe zu füllen! Ja— wer Gott liebt, dem müſſen alle Dinge zum Beſten dienen— namentlich die Wohlthaten, die er ſpendet! Pater, wo wir in Italien auch hingehört haben, bringen die Bettler, die Armen, die Pilger, die Wallfahrer den Stiftern erſt recht das Geld ein. Wie ſo? Wir ſind mit Wallern gezogen, klopften an alle Pilgeraſyle und bekamen ein Eſſen, ſo ſchlecht — um ſich davon abzuwenden! Aber wir ſahen die Oberalmoſeniere und Spitalprioren in Kutſchen an uns vorüberfahren. Im Walde gab es beſſeres Laub zum Schlafen, als in ſolchen Pilgerbetten... In Turin und in Parma flohen die Wallfahrer vor allen heiligen Aſylen, weil ſie, eben todtmüde angekommen, erſt eine Proceſſion durch die Stadt machen ſollen, ehe ſie zu eſſen kriegen... Herrgott, wer vollends, wie wir, die Sehnſucht hat,'nmal eine hübſche Stadt näher zu betrachten, eine Stadt, die man endlich mit müden Füßen erreicht hat, dem ſchließen ſie die Pforte vor der Naſe, wenn er ſich auch nur fünf Minuten an einem gnadenreichen Altar verſpätete — Campirt draußen! heißt's... Da lernten wir den deutſchen Pilger kennen— Woher kam er doch? Von Caſtellungo! Der alte Naſeweis und Ketzer, aber ein redlicher Mann... Der ſagte uns: Es ſteht geſchrie⸗ ben: Nächſt dem Gebet eines Heiligen iſt nichts vor Gott wirkſamer, als das Gebet eines Wallfahrers... Freilich, das war Spott... Ein andrer Pilger war bereits dreißig Jahre auf dem Wege nach Jeruſalem und immer— bei Montefiascone kehrte er um, da, wo der 31 Pilger. Sie, Pater Sebaſtus, wußten gleich ein deutſches Lied darauf, das der andre auch gekannt. Widrige Winde machten nach Jeruſalem die Schiffahrt gefährlich! ſagte der dicke Pilger nach Montefiascone ſeit dreißig Jah⸗ ren. Der Schelm lebte von Hühnern und Gänſen— die man dem ewigen Kreuzfahrer nach dem heiligen Est! Est! nicht freiwillig gab... Was zu ſchwer zum Fort⸗ tragen war, half ihm ein dritter frommer Bruder ver⸗ zehren, der eine Kette an den Füßen durch Spanien, Frankreich und Italien ſchleppte... Nicht daß er von den Galeren kam— wenigſtens ſagte er's nicht— er kam aus Marokko, wo er der Sklaverei entronnen ſein wollte, und das Stück Kette trug er jetzt ordentlich wie ſeinen— Orden... Heiland, das Italien iſt buntes Land! Ha⸗ ben die Leute nicht falſche Briefe mit großen Siegeln, wie nur echte Siegel ausſehen können! Und wußten ſie nicht alle Gebete, die den Seelen der frommen Stif⸗ ter von Pilgeraſylen im Himmel zugute kommen!... Dort drüben alſo auch?... Wird's beſſer da herge⸗ hen?... Der heilige Philippus hat glücklicherweiſe das Gebet ſolcher verdächtigen Kreuzfahrer und erlöſten Chriſtenſklaven nicht nöthig... Manchmal muß ich dem deutſchen Ketzer in ſeinen Zweifeln an allem von Herzen Recht geben... Wo mag der Alte im Bart wol hin⸗ gekommen ſein?... Ich ziehe in die Katakomben! ſagte er immer... Es klang wie Kyrie Eleyſon... Der„heilige Mynheer“, wie Hubertus zuweilen von Sebaſtus genannt wurde, ſetzte beim Pater Vincente eine zu große Vollkommenheit in der Sprache voraus, die er ohnehin ſelbſt nur mit vielen Freiheiten ſprach — ... Sein ganzer Ausfall auf die Wohlthätigkeitsanſtal⸗ ten der Kirche, die in den Schriften ſo vieler von Rom Verzauberten prunkend verzeichnet ſtehen, auf die mangel⸗ hafte Polizeiverwaltung, auf das ungeregelte Paßweſen bei Vagabunden— die ehrlichen Leute werden genug damit geplagt— erntete aus dem Munde des der Hochzeit Olympia's wehmüthig gedenkend dahinſchreitenden Prie⸗ ſters nur die einzige Erwiderung: Sil Si! Si... Quest' un' theatro antico... Il theatro di Marcello!... Selbſt die Erwähnung Caſtellungo's ſchien der Pater Vincente überhört und von dem Pilger nichts verſtan⸗ den zu haben... Und doch war es wol nur Fraͤ Fe⸗ derigo, ſein Lehrer, ein Deutſcher, jener Mächtige, vor deſſen Lehren er einſt geflohen war und der faſt ſchon den Bruder Hubertus zu ſeinen Anſchauungen hinüber⸗ gezogen zu haben ſchien... Sebaſtus hörte nichts von alledem... Der ſtarrte nur den im Schatten liegenden antiken Trümmerbau an... Hier aber war es lebhafter geworden... Einzelne vergoldete Kutſchen mit prächtigen Livreen jagten vor⸗ über, die Pferde aufgeputzt mit hängenden rothen Trod⸗ deln am Ohr und mit bunten Geſchirren... An die Rennbahn der Alten ließ ſich denken... Sebaſtus dachte, da er vom Marcellustheater hörte— an die alten Tage von Göttingen— Seltſame Ideenverbin⸗ dung! An den auch von Doctor Püttmeyer verherrlichten „Quincunx“— das Schenkenzeichen!... Denn die „Goethe⸗Kneipe“ mußte ja hier in der Nähe liegen, Goe⸗ the's Campanella, jetzt nur noch berühmt durch ihr Frem⸗ ur denbuch und ihren ſchlechten Wein... Die Trümmer des Marcellustheaters waren in Hütten und Paläſte verbaut... Dicht in der Nähe lag der Palaſt der Beatrice Cenci... Auf alles das beſann ſich Klingsohr aus ſeiner alten„klaſſiſchen Zeit“. Aber auch die„romantiſche“ wirkte mächtig. Schon begegnete man im ſich mehrenden Straßenleben andern Mönchen, die mit Körben und Säcken gleich⸗ falls zur Porta Laterana liefen... Kapuzinern in lan⸗ gen Bärten, Franciscanern aller Grade, Auguſtinern, Karmelitern; ſelbſt die vornehmen Dominicaner erinner⸗ ten ſich, daß ſie das Gelübde der Armuth abgelegt hat— ten; auch ſie ſchickten ihre„Brüder“ auf die Hochzeit der Nichte des Cardinals... Kein Trupp ſtand dem an⸗ dern Rede... Kein Lächeln hatten ſie oder nur eines, das nicht im amindeſten die phantaſtiſchen Geſtalten als in einer tollen Mummerei begriffen und ſich(Augur augu- rem]) erkennend darſtellte... Nur der Gewinnſucht galt es und dem Vorſprung, den ein Kloſter vor dem andern ſuchte... Die beiden Deutſchen ſahen ihre Mitſtreiter im römiſchen Lager... Welche Welt!... Und hier nun doch noch ſo ſpät ein Leben und Bewegen?... Da noch wird gekocht und geſchmort auf offener Straße?... Da noch werden Melonen ausgeſchrieen?... Noch Citronenwaſſer?... Friſche Kirſchen?... Klingen nicht ſogar Geigentöne?... Lacht nicht ein Poli⸗ cinell im Kaſten?... Das alles heute in der Hochzeit⸗ nacht Olympiens!... Roms Saturnalien!... Noch haftete Sebaſtus' Phantaſie, wie das in Rom ſo geht, bald an Goethe, bald an Winckelmann, bald an Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 3 b ——:— Ovid, bald an Horaz, die den Marcellus beſungen haben, den Neffen des Kaiſers Auguſtus, dem dies Theater da gewidmet... Da erſcholl plötzlich ein fernes Klage⸗ geheul und ein hundertſtimmiges Miſerere... Es kam, wie Pater Vincente erläuterte, von der „Bruderſchaft des Todes“, den Begleitern der Leichen, die in Rom bei Nacht begraben werden... In wilder Haſt, als wenn der Todte die Peſt ver⸗ breitete oder als wenn Chriſten einen eben gerichteten Märtyrer in die vor den Thoren gelegenen heimlichen Begräbnißſtätten flüchteten, trugen Männer in langen, ſchwarzen oder weißen, über den Kopf gezogenen Kutten, die nur den Augen zwei kleine Lücken ließen, wie Ge⸗ ſpenſter einen Sarg dahin... Andere dazu ſchwan⸗ gen Fackeln... Neben den Fackeln liefen Burſche und ſammelten in Schalen das tröpfelnde Wachs, das ſich wieder brauchen ließ... Schnuphaſe hätte ſich nieder⸗ geworfen wie alle— er ſchon vor ſolcher heiligen Spar⸗ ſamkeit... Mönche und Bruderſchaften, einen Prieſter mit ſeinem Akoluthen und Meßknaben umringend, ſangen: Miserere! in nicht endender Litanei... Vor dem klin⸗ gelbegleiteten Sanctiſſimum, das der Prieſter hoch in den Fackelqualm emporhielt, warf ſich alles nieder... Aber immer weiter, weiter, wie auf raſender Flucht, ging der Zug dahin... Pater Vincente ſagte— um die Leiche in eine Kirche jenſeits der Tiber zu ſtellen, von wo ſie erſt der gewöhnliche Leichenwagen abholt... Der Todten⸗ kopf des„Bruder Abtödter“ war Leben gegen die Vor⸗ ſtellung, daß unter allen dieſen weißen und ſchwarzen Kutten und Kapuzen Skelette wandeln müßten... Aus den kleinen Oeffnungen vor den Augen dieſer Männer glühte es wie leuchtende Kohlen.. Nehmen wir den Weg über das Capitol! ſagte Pa⸗ ter Vincente, als ſich die Mönche mit den andern wieder erhoben hatten und der wilde Zug vorüber war. Ihn ſchien er nicht erſchüttert, nicht ſo zur Eile gedrängt zu haben, wie den Pater Sebaſtus... Zur Eile!... Muſterte eben die„Braut von Rom“, wie ein Schmeich⸗ ler die junge Fürſtin heute beſungen, oder der Cardinal oder die Herzogin von Amarillas die Reihen der Men⸗ dicanten, die an der Pforte der Villa Rucca ſtanden— er war ja deſſen gewiß, daß San⸗Pietro in Montorio vor allen andern Klöſtern bedacht werden würde... Olympia zeichnete reuevoll ſein Kloſter aus... Ihn bedrohte, das ſagte man ſeit einiger Zeit, in der That der Hut des Cardinalats... Bei Klingsohr— wie war da nun freilich die Er⸗ innerung dahin— an Goethe's Campanella—!.. Dieſer ſchreckhafte Leichenzug— und jene Römerin, auf deren Rücken der Dichter des Fauſt hier einſt Hexameter getrommelt zu haben vorgab, die Goethe, Klingsohr wußte es, erſt in Weimar auf dem Rücken der„Dame Vulpius“ trommelte, paßten nicht zuſammen... Memento mori! .Auch Goethe hat es erfahren! ſagte ſich Klingsohr futnend zum Capitol aufſteigend... Hier, wo er den Becher der Lebensluſt, kurz vor dem Scheiden der männ⸗ lichen Kraft, in ſeinen vierziger Jahren noch einmal wie ein Sohn der Griechen getrunken hat, hier mußte er ja dem einzigen Sohn, dem Sohn jener in römiſche Reminiſcenz en maskirten Thüringerin, an der Pyramide 3* 36 des Cäſtius, dem Begräbnißplatz der Proteſtanten, eine wahrere Grabesinſchrift ſetzen... Hier ſtarb Goethe's einziger Sohn... Flüchtig zog und faſt ſchon von ihm in Rhythmen gebracht der Gedanke durch ſeine Seele: Wo nur find' ich den Wirth zur Campanella! Der Schenke, Wo ich Falerner geſucht—„Lacrymä Chriſti“ nun fand! Firnen aus Golgatha! Nicht aus den Trauben der Schlacke, Die der Veſuv uns ſchenkt, Leidenſchaft, wenn ſie verglüht! Deutſcher Apoll! Hier war's, hier haſt du Verſe getrommelt— Auf der Römerin Leib— ſchwelgteſt in ſeliger Luſt— Und erfuhrſt nur dein Maaß! Die Pyramide des Cäſtius Blieb das Ende vom Lied! Blieb der Morgen der Nacht—! Wahrheit und Lüge! O wohl, ſo mürriſch ſtrafen die Götter! Wandle gen Rom, o Menſch! Rom iſt der Menſch und die Welt! Ein tiefes, tiefes Schweigen folgte nun... Glocken hallten von den Thürmen... Man erſtieg einen Cal⸗ varienberg— das ſind die Stufen zum Capitol... Zur Linken wohnt— der heimatliche Geſandte, auf deſſen Autorität vor drei Vierteljahren drei Gensdarmen am Ponte Molle auf die deutſchen Flüchtlinge gewartet hatten!... Zur Rechten— der tarpejiſche Felſen, der jetzt derſelben Krone gehört... Wie ſchüttelte Sebaſtus all dieſen„Staub“ von ſeinen Füßen!... Wie hatte er für ewig dieſer„ghibelliniſchen“ Welt entſagt!.. Das Capitol! rief er und über ſeinen Sandalen ſchmerzte ihm der Fuß, ſo trotzig ſtampfte er vor dem Wappen ſeines Landesherrn auf... Da lag ein mittelalterlich Haus vor ihm, die Stätte des gebrochenen Capitols... Einige Brunnenſtatuen vor ihm und ein kleiner Platz, auf dem, vom Mond beleuch⸗ tet, Marc Aurel zu Pferde ſitzt— Ein Gelehrter, der über dem Studium der Philoſophie ſeine alten Schlachten vergaß! ſagte Klingsohr mit Hindeutung auf die ihm nicht kriegeriſch erſcheinende Haltung des Reiters und auf—„Euern Friedrich, den ſogenannten Großen—!“ Jetzt ſchlug es elf... Bergab ging es auf die Trümmerſtätte des alten Forums... Ein Leichenfeld! ſprach Pater Vincente. In ſeinen Erläuterungen ging er nicht über Petrus und Paulus hinaus... Die Gracchen— Cicero!. Das mußte ſich Klingsohr ſelber ſprechen... Sein Blick ſtarrte dem Untergang der Erhabenheit... Hubertus kannte von den alten Zeiten nur ſo viel, als nöthig war um zu begreifen, daß hier die begrabene Macht eines alten Volkes lag, das einſt die Welt be⸗ herrſchte... Zertrümmerte Portale, einſame Säulen, Triumphbögen mit zerbrochenen Statuen... Am Tag ein wüſt erſchütternder Anblick, den jetzt das Zauberlicht des Monds verklärte... Dort oben auf dem Pelatin wohnten die weltgebietenden Cäſaren... Ein magiſches Goldnetz hält die grünen Hügel und die Steine umwoben ... Wären dieſe vom Corſo herüberraſſelnden Wagen, dieſe lachenden Menſchen nicht geweſen, die zu ſpät zu kommen fürchteten zu der auf Mitternacht angeſetzten Hoch⸗ zeits⸗Girandola, die durch die Fenſter eines am milch⸗ blauen Himmel auftauchenden dunklen Gebäudes ſchon zu beginnen ſchien, wenn ein Knabe rief: Eine Leucht— kugel!— Der Knabe meinte einen Stern, der ſo plötzlich durch die Oeffnungen des Coliſeums blinkte. Das Coliſeum!... Sebaſtus hätte wünſchen mö⸗ gen, Niemand hier zu ſehen und zu hören und nur allein zu wandeln... Allein mit Livius und Niebuhr... Da ein Tempel, dort eine Baſilika... Wie mag es hier einſt geſummt haben, als die Comitien des Volks verſammelt waren und die Conſuln Roms gewählt wur⸗ den!... Wohin entläßt uns dies Thor? flüſterte er... Iſt es nicht der Triumphbogen des Titus, als er Jeru⸗ ſalem zerſtört hatte?... Sein„Credat Judaeus Apella“ fiel ihm ein... Doch der„Virtuoſe im Glauben“— hier hatte er keinen Zweifel zu hegen nöthig. Da an der Wand des Thors ſah er den ſiebenarmigen Leuch⸗ ter, den Tiſch, die Schaubrote, die Jubeljahrpoſaunen, die Bundeslade... Die erhabene Stelle war's, wo ſich Jupiter und Jehova ſo nahe berührten!... Aber— kein Jude geht gern unter dieſem Bogen hinweg, kein. Jude blickt gern auf jenes Rieſengebäude, das dreißig⸗ tauſend gefangene Juden gebaut haben ſollen... Was Vincente ſo und ähnlich erläuterte, wußte Klingsohr alles... Aber kaum gedachte er Löb Seligmann's, deſſen phy⸗ ſiſche Kraft zum Streichen der Ziegel für dieſen Rieſen⸗ bau in keinem Verhältniß geſtanden haben würde— als er Veilchens gedenken mußte... Veilchens, die ihm einſt bei ſeinen Beſuchen in der Rumpelgaſſe geſagt hatte: „Sie ſind ein Menſch der Selbſtqual, der Reue, des Ge⸗ wiſſens— ewig wird's Ihnen gehen, wie's dem Kaiſer Titus ging, als er Jeruſalem zerſtört hatte! Da iſt Titus zu Waſſer gegangen mit ſeiner ſiegreichen Armee und ein Sturm zog herauf und die gefangenen Juden triumphir⸗ ten, weil ſie dachten, Gott hätte ſeine Rache auf das 39 Meer aufgeſpart. Und Titus bekam Angſt, ſpottete und ſprach: Zu Land iſt Adonai ſchwach, aber zu Waſſer — da kommt er, ſcheint es doch, dem Neptunus gleich! Wahrlich, ſpottete er, Adonai hat die Sündflut befoh⸗ len, er hat die Aegypter im Rothen Meer erſäuft, er hat den Siſſera am Strom Kischon geſchlagen, er wird auch für Jeruſalem ſeine Rache nehmen auf dem Mitteel⸗ ländiſchen Meer!... Da aber iſt gekommen eine Stimme aus dem Himmel und hat dem Spötter gerufen: Titus, Titus ich habe Jeruſalem untergehen laſſen wegen ſeiner Gottloſigkeit! Weil du aber meiner Langmuth ſpotteſt, ſo ſollſt auch du meine Macht kennen lernen, aber— zu Lande! Das Meer ward da ſtille und Titus betrat unter dem Jauchzen des Volks das feſte Land. Wie er recht von Herzen über den Iudengott lachte, flog ihm in die Naſe eine Mücke, wie ſie nur auf dem Lande vorkommt, und bohrte ſich tief in ſein Ge⸗ hirn. Sieben Jahre hat Titus davon die ſchreck⸗ lichſten Schmerzen im Kopf gehabt, denn die Mücke ſtarb nicht, ſondern ſie wurde immer größer und ſie ſummte bei Tag und bei Nacht. Einſt ging er bei einem Schmied vorüber. Bei den Amboßſchlägen hörte die Mücke zu ſummen auf. Da ſtellte ſich Titus dreißig Tage an den Amboß und die Mücke ſchwieg. Am einunddreißig— ſten aber fing ſie wieder zu ſummen an; ſie hatte ſich an den Hammerſchlag gewöhnt und Titus mußte ſterben. Als ſie ſein Gehirn aufmachten, kam ein Thier zum Vor⸗ ſchein, ſo groß wie ein Vogel. Der Mund war von Kupfer und die Füße waren von Eiſen——“ Nun ſchloß die Spinoziſtin:„Daß Sie ſind katholiſch und ein 40 Mönch geworden, Herr Pater, das iſt bei Ihnen die Schmiede geweſen und die Mücke iſt nun auch vielleicht dreißig Tage ſtill... Aber ich will nicht wünſchen, daß ſie am einunddreißigſten wieder lebendig wird!“... Wie wurde ſie aber ſchon ſo oft ſo lebendig!... Schon damals wurde ſie's beim Schweigen, das der Kirchenfürſt dem Pater als Buße auferlegt hatte, beim Begegnen Lucin⸗ dens in der Kathedrale... Nun all dies Große und Majeſtätiſche Roms!... Und wenn auch Klingsohr da⸗ mals zu Veilchen ſagte:„Jehova rächte ſich allerdings an den Römern zu Waſſer— durch die Taufe!“— wie ſummte ihm doch die Mücke jetzt und wisperte: Iſt Golgatha die Welt? Haben die alten Götter keine Rechte mehr?... Klingsohr ſchritt dahin, faſt wie einſt in Göttingen, wenn er die Titel der hundert Bücher auf den Lippen führte,„die er ſchreiben wollte“... Pater Vincente, in deſſen Seele es ſtill und ruhig ſchien, lenkte zum Coliſeum ein... Er betrat es, den fremden armen Gefangenen zu Liebe... Wäre die Nacht nicht ſo hell und belebt geweſen, ſo würde dies mächtige Rund den Eindruck eines Schlupf⸗ winkels für Räuber gemacht haben... Es liegt ſo einſam— umwuchert von wildwachſenden Büſchen, die oben aus den Fenſtern herausbrechen; die Vegetation hat ſeit tauſend Jahren in allen Stockwerken bis zur ober⸗ ſten Galerie Platz gegriffen... Die Bogengewölbe, die geborſtenen Säulen, die zertrümmerten Rundmauern waren im Mondlicht wie die Erſcheinung eines Traums ... Von Luft und Licht gewoben ſchien dies Bild eine ——&◻⏑△& 41 märchenhafte Täuſchung... Aber ſicher, feſt und natürlich widerhallte Schritt und Geſpräch unter der Bogenwöl⸗ bung des i end nur zu deutlich ſah man drinnen die Sitze, von denen herab Tauſende auf Menſchenkämpfe einſt blickten mit jenen Thieren der Wüſte, die hinter den eiſernen Gittern da geborgen und durch Hunger zur Wuth gereizt wurden... In der Mitte ſteht zur Ent⸗ ſühnung ſolcher Erinnerungen an den tiefſten Verfall der Menſchheit ein kleines Kreuz... Rundum ziehen ſich die Bilder eines Stationswegs... Eine Heiligung, die edler gedacht als ausgeführt iſt!... Das ſagte ſelbſt Pater Vincente, der niederkniete und einen mit einem Kreuz bezeichneten Stein küßte, auf dem Hubertus müh⸗ ſam las:„Wer— dies Kreuz— küßt, hat auf ein Jahr und 40 Tage— Ablaß.“... Hubertus folgte dem Beiſpiel des frommen Paters ... Natürlich mußte es auch der Mönch Sebaſtus thun, ſo wenig die Hoffnung, vierhundert Tage im Fegfeuer Linderung zu gewinnen, in dieſem Augenblick ſeiner Stim⸗ mung entſprach... Die Mücke des Titus ſchwieg nicht mehr. Er ſtand nicht mehr an ſeiner Schmiede... Es ergriffen ihn die Schauer der Vergangenheit... Wenn er auch nur des heiligen Auguſtin gedachte, der ſeinen Freund Alypius von ſeiner Leidenſchaft für Gladiatoren⸗ kämpfe hier im Coliſeum durch einen plötzlichen Schauer vorm ſtrömenden Blut der ſich Mordenden geheilt ſah, ſo mußten ihm wol ſeine hohlen großen Augen rollen und Gedanken kommen, wie der, den er ausſprach: Hier dies kleine armſelige Kreuz! Hier hätte Miche Angelo einen ſeiner Giganten herſtellen ſollen! So groß, ——õ——— ſo hoch, wie der Koloß von Rhodus! Bis an die ober⸗ ſten Sitze hätte der Blick eines Daniel reichen müſſen, zu deſſen Füßen die beſänftigten Löwen ſich ſchmiegten! Niederbohren mußte der Prophet mit dem Buſch ſeiner Augenbrauen die wilden Thiere auf dem blutigen Sande um ſich her und— die Thiere in den Herzen dieſer Zuſchauer!.... Marcus der Evangeliſt, der die Bibel emporhält, hätte wie ein Geiſterbeſchwörer ſtehen müſſen, ſein aufhorchender Löwe neben ihm, auch gebändigt, auch in die Falten ſeines Gewandes ſcheu ſich ſchmiegend! Was ſoll dies kleine Kreuz!... Hier möcht' ich im Chor ſingen! ſagte Hubertus... Er übte ſeine Stimme ſo laut, daß es weit dahinſchallte... Pater Vincente verſtand ſein deutſch geſprochenes Wort, nickte und entgegnete, das geſchähe hier alle Frei— tage— von den Kapuzinern... Zeigte er dabei auf die Fenſter hinauf mit dem vom Nachtwind leiſe bewegten wildwuchernden Gebüſch, auf den Mond, der hinter den Oeffnungen bald hervorblitzte, bald ſich verſteckte— und dann ſie ſelbſt in der Mitte des rieſigen Baues beleuch⸗ tete, wovon ſie Schatten warfen wie—„kleine buck⸗ lige Gnomen“, ſo war dieſer Vergleich aus Sebaſtus' Munde die von ihrem Führer wol kaum verſtandene— ironiſche Antwort... Die Wanderer wandten ſich der Eingangswölbung zu... Klingsohr fand ſich allmählich zurück in ſeine Gegenwart; ſie näherten ſich heiligen Stätten... Sie beſtiegen einen aufwärts gehenden Weg und kamen in eine Art Vorſtadt, an deren äußerſtem Ende einer der drei Paläſte der Stellvertreter Chriſti liegt, der Lateran. ———o— ——— In alten Zeiten als Burg der dreifachen Krone hervor⸗ ragend vor Quirinal und Vatican, erhält ſich der Late⸗ ran jetzt nur noch in ſeiner Autorität durch die Gerecht⸗ ſame, die nebenan auf der älteſten Pfarrkirche Roms, Sanct⸗Johannes, ruhen, auf dem Heiligthum des größten der von Thiebold de Jonge einſt ſo kritiſch be⸗ urtheilten Kreuzesſplitter, auf der Platte, auf der einſt das Abendmahl eingeſetzt wurde, auf dem Heiligthum jener hier aufgeſtellten„Heiligen Treppe“, an deren Fuß Petrus den Herrn verleugnete... Sonſt iſt hier alles am Tag ſo ſtill und öde, wie ein Sonntagsnachmittag in einer kleinen Stadt— in dieſer Nacht rauſchte ein buntes, bewegtes Leben... Alles drängte dem Thor zu, vorüber am Obelisken des Conſtantin und zur Straße, die hinaus nach Albano führt... Militär ſprengte dahin, um die Ordnung zu er⸗ halten... Wagen in grotesker Vergoldung, mit Bedienten, die hier dem neueſten engliſchen Geſchmack, dort der Rococozeit angehörten, folgten ſich einander— jetzt ſchon in langſamerer Fahrt... Auf den Trottoirs und die langen Mauern der Vorſtadtgärten entlang drängten die Bürger in ihren kurzen Jacken und Mancheſterhoſen, die kurzen Mäntel übergeworfen, weiße Hüte oder bunte Mützen auf den unraſirten braunen Köpfen... Die Frauen ſelten noch in der Tracht der alten Zeit... Englands Baumwolle hat die bunten Nationaltrachten ſchon aus Sicilien und Griechenland verjagt; die gelben Mädchen der Hindus gehen in Kattunröcken unſres Schnitts... Nur der Kopf bleibt noch zuweilen na⸗ tional; hier war das dunkelſchwarze Haar der Röme⸗ — ———õ—— — 44 rinnen ſchön geflochten, geziert vom bunten Kamm, vom ſilbernen Pfeil; ſelbſt der Matrone wirres und weißes Haar blieb nicht ohne Schmuck... Würde und Selbſt⸗ bewußtſein liegt im feſten Gang aller dieſer dicken Krä⸗ mer und Wurſtſtopfer Von den ausgelaſſenen Späßen, mit denen ſich bei ſolchem Anlaß jenſeits der Berge die Volksmaſſen geneckt haben würden, fand ſich wenig Spur... Kein Anſchluß; Jeder für ſich ... Die Erwartung galt der„Girandola“, dem An⸗ blick der geputzten Herrſchaften, den ausgeworfenen Zuckerſpenden und Schaumünzen... Höflich bog man dem ſchwarzen Rock des Auguſtiners aus, der braunen Kapuzinerkutte, der weißen Schnur des Franciscaners, dem grauen Rock des Karmeliters, dem weißen des Do⸗ minicaners... Alle dieſe kamen mit Körben und Sä⸗ cken, mit rieſigen Kannen ſogar, ohne die mindeſte Rück⸗ ſicht auf lächerliche Störung ihres maleriſchen Effects... Italien hat ſeine eigne Aeſthetik... Es beſitzt Ra⸗ phael— aber ein Offizier mit einem Regenſchirm— ein Dorfpfarrer auf einem Eſel— und zwei Reiter zugleich auf Einem Pferde erſcheinen ihm nicht im mindeſten lächerlich... Die herrlichen Gärten dann... Leider nur mit hohen Mauern verſchloſſen, wie überall in Italien... Hängen die Jasminkronen auch nicht herüber, ſo erfüllen ſie mit ihrem Duft die Straßen um ſo ahnungerwecken⸗ der... Da und dort zeigt ſich denn auch wol in den neidiſchen Mauern ein kleiner eiſerner Ausbruch, durch⸗ zogen von blühenden Roſenranken oder purpurrothen Asklepiadeen... Jenſeits des Thors ſchweift der freie — ungehinderte Blick auf die im blauen Licht ſchimmernde Campagna, auf die Gebirge; nun zur Rechten liegen Villen und Gärten, die ſich an die des Lateran anleh⸗ nen... Die fünfte oder ſechste darunter iſt die heut an einer bunten Illumination weithin ſchon kenntliche, vom Volk umwogte Villa Rucca... Vier mit blauen, rothen, gelben, violetten Lampen geſchmückte Obelisken bilden die Eckpfeiler am heute ge— öffneten Eingangsgitter... Die hohe Gartenmauer iſt mit einer flimmernden Guirlande von Hunderten kleiner Flammen geziert... Im Garten vor der beleuchteten Villa brennt eine rieſige Sonne, rings umgeben von den koſtbarſten Südpflanzen... Perſpectiviſch berechnet, am Ende einer ſchimmernden Ahornallee glänzt ein ſichel⸗ förmig niedergleitender Waſſerfall, hinter deſſen kryſtall⸗ nen durchſichtigen Fluten geſchäftige Hände die Künſte der Sanct⸗Peterskuppel⸗Beleuchtung nachahmen, die be⸗ weglichen Lampenſtänder auf-⸗ und niederſchwenkend... Muſik hallt aus den beleuchteten Sälen der illuminirten Villa... Dann und wann ſchießt in die magiſch blaue, unendlich weiche, milde Luft ſchon eine Leuchtkugel, ein mit dem Mondlicht wetteifernder Vorbote des Feuerwerks . Das ihm aufjauchzende Volk drängt bis an die große Sonne... Von da ab werden nur noch die Mönche und die Träger von privilegirten Büchſen hin⸗ durchgelaſſen... Todtenbrüder in ihren unheimlichen Hemden fehlen nicht... Man hatte ausgeſprengt, der Cardinal Ceccone ſpendete heute Gaben im Werth von dreitauſend Scudi und die Aeltern des Prinzen Rucca die nämliche Summe... Das Gerücht ſchien ſich an— — 46 nähernd zu beſtätigen... Ein Harlekin ergötzte das Volk über das Gitter hinweg durch Würfe von Münzen Dieſe waren freilich nur noch von gebackenem Zucker, aber eine Tombola war im Gange, bei der einige ſilberne Uhren ausgeſpielt werden ſollten, ohne daß man den Einſatz bezahlte— die Looſe wurden über die Häupter hinweggeworfen... Nächſt Madonna Maria iſt Fortung die größte Heilige in Rom... Pater Vincente, Pater Sebaſtus, Bruder Huber⸗ tus wurden durch die Chaine gelaſſen, die die Soldaten und Gensdarmen zogen... Man wies ſie an ein Seiten⸗ gebäude, wo vor einer noch geſchloſſnen Pforte eine förm⸗ liche Kirchenverſammlung gehalten wurde... Am hei— ligen Grab in Jeruſalem mag es zur Oſterzeit fo aus⸗ ſehen, wenn ſich die Mönche aller Orden der Chriſten— heit zuſammenfinden und je nach Umſtänden beten, Tauſchhandel treiben oder— ſich prügeln... Die Tür⸗ ken ſollen den chriſtlichen„Caricaturen des Heiligſten“ mit ſtillem Lächeln zuſehen und abwechſelnd bald zum Pfeifenrohr, bald zur Peitſche greifen... Klingsohr fühlte heute ähnliche Anwandelungen aus Goethe's„weſt⸗öſtlichem Divan“... Er drängte vorwärts und ſtaunte der Wiederkehr ſeiner alten göttinger Burſchenkraft... Hubertus warf ſchon hier einen Kapuziner, dort einen Karmeliter aus dem Wege ... Als die übrigen Franciscaner den heiligen Pater Vincente ſahen, fielen ſie ehrfurchtsvoll in den Ruf einiger Stimmen ein: Platz dem Sack von San⸗Pietro in Montorio!... Conteſſina Olympia Maldachini hatte zwar immer die Villa Rucca nach dem runden und geſchweiften Rococo⸗ ſtyl ihrer Bauart eine„altbackene Brezel“ genannt und damit die empfindlichſte Seite der Ruccas, ihren— von einem Bäcker herſtammenden Urſprung berührt... Aber die geöffneten Räume der altmodiſchen mar⸗ mornen Kommode, das große Oval des Saales mit den kleinen Seitenpavillons und den nach hinten hinausgehen⸗ den Terraſſen, die faſt noch eine Ausdehnung des Saales ſchienen, boten doch darum einen glänzenden Anblick... Ein ſolches Feſt, wo das Auge unter Lichtern, Blu⸗ men, Statuen nicht mehr herausfindet, ob der Fuß innerhalb oder außerhalb eines Saales, in geſchloſſenen Räumen oder auf Veranden und Altanen verweilt, kann man nur im Süden feiern... Die Gunſt des Him— mels muß eine ſichere ſein; kein Wölkchen darf das Vertrauen auf die Mitwirkung der Natur zur Luſt der Menſchen ſtören... In dem Saal, in den Nebenzimmern, auf den mit blendend weißen, ſilber- und kryſtallſtarrenden Tafeln ge⸗ ſchmückten Terraſſen wogten einige Hundert der vor⸗ nehmſten Gäſte mit glänzender Dienerſchaft Männer und Frauen in den reichſten Toiletten Die Römerinnen der hohen Ariſtokratie hie und da im⸗ poſant; aber bei weitem die Mehrzahl doch nur zier⸗ liche, kleine, ja nicht ſelten verkommenere Geſtalten, als die majeſtätiſchen, die unſre Phantaſie in Römerinnen erwartet... Auch die Männer ſind nicht das, was wir von den Nachkommen der Scipionen erwarten... Der junge Principe Rucca, in ſeiner rothen, goldge⸗ ſtickten päpſtlichen Kämmerlingsuniform, der glückliche Bräutigam, der wirklich, wie ein Pasquill ſie nannte, die„Katze Olympia“ leidenſchaftlich liebte, braucht dabei nicht mitzuzählen; noch weniger ſein Vater, der immer wie ein alter ſchäbiger, heute einmal ordentlich gewaſchener und lächerlich bunt ausgeputzter Bewohner des Ghetto ausſieht... Aber ſelbſt Principe Maſſimo, der Nachkomme des Quintus Fabius Maximus Cunc⸗ tator, der auf Napoleon's ironiſche Frage: Stam⸗ men Sie wirklich von dieſem glücklichen Gegner des Hannibal her? ſtolz erwiderte: Das weiß ich nicht, Sire, aber man glaubt es von unſerm Geſchlecht be⸗ reits ſeit eintauſendzweihundert Jahren!(eine Antwort, die nach Klingsohr's Auffaſſung der„Heiligen Treppe“, vor der alles Volk im Vorübergehen knixte, Rom und der römiſche Glaube auf alle Zweifel an ſeine Reliquien geben darf—„Sind dieſe Knochen nicht echt“, ſchrieb Klingsohr ſchon zur Zeit des Kirchenſtreites,„ſo iſt doch durch ſein hohes Alter der Glaube an ihre Echtheit ehr⸗ würdig“)—— Principe Maſſimo iſt ein kleiner, feiner ———————.—',— ———— 49 diplomatiſcher Herr, der mehr der Sphäre der Abbés, als der Imperatoren anzugehören ſcheint... Da wandeln die Borgheſe, die Aldobrandini... Gegen frühere Geltung ſind es herabgekommene Namen, wenn auch immer noch ſo ſtolze, daß ſie hier vielleicht nicht anweſend wären, ſchwebte nicht der Alter Ego des Stellvertreters Chriſti, Cardinal Don Tiburzio Ceccone, wie ein Apoll von ſechzig Jah⸗ ren durch die Reihen, lächelte bald hier, bald dort, ſtellte, als wäre er der Wirth, neue Mitglieder des diploma⸗ tiſchen Corps den Damen vor, begrüßte junge Prälaten, die ſich eben erſt in die Carriere mit einigen Tauſend Scudi eingekauft haben, neckte die Damen... Dia⸗ manten und Bonmots blitzen... Die ſeidenen Gewän⸗ der ſtreifen ſich und die Galanterieen... Das die Ge⸗ mahlin des Fürſten Doria, eine Engländerin, hoch und ſtolz, ſogar mit einem Orden geſchmückt... Dort die Fürſtin Chigi, deren Urahnen unter dem wilden Papſt Julius II. ihren Gäſten bei ſolchen Gelegenheiten Ragouts von Papagaienzungen vorſetzten und die gebrauch⸗ ten Silbergeſchirre in die Tiber werfen ließen—„Jetzt würden ſie vorſichtiger ſein“, ſpottete ſchon oft Ceccone... Napoleoniden fehlen nicht... Ceccone gibt ihnen mit lä⸗ chelnder Grazie Andeutungen, wie ihre demokratiſchen Beſtre⸗ bungen ihm in Wien Gegenſtand empfindlichſter Vorwürfe für das Cabinet der gekreuzten Schlüſſel geweſen wären... Neulich hatten Räuber den Prinzen von Canino(Lucian Bonaparte) in ſeiner Villa Rufinella aufheben wollen ... Der Cardinal ſcherzt eben darüber mit ihm und ſagt: Wenn man eine Million Löſegeld verlangt hätte, würden Eure Hoheit vielleicht nicht den„Congreß der Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 4 o— —— ————— —D— V — Naturforſcher“ in Piſa begründet haben, der ja wol den Anfang der„Einheit Italiens“ bilden ſoll!... Ein ſcharfes Wort, harmlos vorgetragen, und doch ſo drohend, daß der Prinz hinter dem Mann im rothen Käppchen und in rothſeidnen Strümpfen eine bedenklich ernſte Miene macht... Saht ihr dieſe Miene? Ihr Piombino, Ludoviſi, Odescalchi, Ruspiglioſi—?... Alle dieſe Namen, die freilich in den Liſten des„jungen Italien“ fehlten, fehlten doch nicht bei dem Widerſpruch, den das Prie⸗ ſterregiment Roms ſeit tauſend Jahren bei den Adelsge⸗ ſchlechtern findet... Den Geſprächen zufolge hätte nie— mand an die Stadt der ſieben Hügel denken ſollen... Sie betrafen Theater, Concerte, Moden— aber doch auch Räuber, die nächſten Segnungen des heiligen Vaters, die reſervirten Plätze bei den großen Kirchenfeſten... Die lebhafteſte Converſation führten die Offiziere und die Geiſtlichen... Letztere, Roth⸗ und Violett⸗ ſtrümpfe, ſind gegen die Damen faſt noch zuvorkommen⸗ der, als die erſtern, die vorzugsweiſe der Nobelgarde Sr. Heiligkeit angehören— ſchlanke hohe Geſtalten, jüngere Söhne der Ariſtokratie; nur ihrer achtzig; aber Schooskinder der römiſchen Geſellſchaft, Tonangeber aller offenen Freiheiten, die ſich noch unter dem Prieſterregi⸗ ment geſtatten laſſen— der geheimen gibt es genug— die Begleiter Sr. Heiligkeit auf Reiſen, die Anfüh⸗ rer ſeiner öffentlichen Aufzüge— ein Graf Agoſtino Sarzana darunter— in goldſtrotzender zinnoberro⸗ ther Uniform mit blauem Kragen, weißen Beinkleidern, den ſchönen Römerhelm, mit ſchwarzen hängenden Roß⸗ kleinen weißen Seitenbüſchel da⸗ . Das Souper war zu d dem Feuer⸗ haaren und dem neben, ſchon in der Hand. Ende... Alles drängte dem Garten un werk zu... Graf Agoſtino Sarzana war es, der eine Dame verfolgte, die ſich nach dem Ausſpruch Sr. Emi⸗ nenz des regierenden Cardinals heute ausnahm wie eine „Tochter der Luna“... Die Dame verſchwamm im blauen Aetherlicht wie ein Gedanke voll Ahnung... Sie tauchte auf, da und dort— und verſchwand wieder in den dunkelgrünen und blauen Schatten wie die Luft . JIhre Toilette war der Anlaß dieſer Vergleichung des Cardinals, der ſie gleichfalls mit Feueraugen ver⸗ folgte, wenn er ſie auch nicht vor den vielen andern an⸗ weſenden, die ſeinem Herzen und— Beutel theuer waren, allein auszeichnete... Die Tochter der Luna, der Keuſchen, deren heidniſchen Ruf Ceccone als Prieſter der Chriſtenheit nicht zu ſchonen brauchte, indem er ihr eine Tochter gab, trug ein blaß⸗ blaues Kleid von Donna⸗Maria⸗Gaze, einem durchſich⸗ tigen, damals neu erfundenen Seidenſtoff, überſäet mit klei⸗ nen ſilbernen Sternchen... Das Kleid war nicht ausge⸗ ſchnitten; es verhüllte, der keuſchen Luna ſchon entſpre⸗ chend, Formen, die ſich dennoch verriethen... Als einziger Schmuck blinkte im dunklen Haar ein einfaches Diadem von blankem Silber, in Geſtalt eines Halb⸗ monds... Es war ein Kopf, der ſich mit ſeinem glatt⸗ liegenden Scheitel und dem kräftig gewundenen Knoten im Nacken wie eine lebendig gewordene Statue aus den ägyptiſchen Sälen des Vatican ausnahm... Um 4* — 52 die dunkeln Augen lag eine gewiſſe erhitzte Röthe, wie ſie bei leidenſchaftlichen Naturen vorkommt... Die Stirn war ſchmal; die Wange ebenſo etwas zuſammen⸗ gehend, aber ſanft zum ſpitzen Kinn niedergleitend; die untere Lippe trat mit Muth und Trotz hervor... Es gibt plaſtiſche Geſichtsformen, die nicht altern... Das Schönſte war die Länge der Geſtalt... Die Dame war pinienhaft ſchlank. Graf Sarzana will unſerer„Creolin“ Unterricht im Italieniſchen geben? ſcherzte der Cardinal ſo laut, daß es alle Umſtehenden hörten.. Die„Creolin“ war wieder ein neues Stichwort für die„Tochter der Luna“ und diesmal kam es vom Monſignore Biſchof Camuzzi, dem erſten Secretär des Cardinals, der als Miſſionar Weſtindien bereiſt hatte... Eminenz, ſagte Graf Sarzana, der ſchlanke junge Mann mit athletiſch breiten Schultern, auf denen bei jeder ſeiner Bewegungen die goldenen Epaulettes hin⸗ und her⸗ flogen, und ſtrich ſich den martialiſch gezogenen Schnurrbart, Eminenz haben die Abſicht, die ganze Welt zu reformi⸗ ren! Auch die Garde Sr. Heiligkeit! Wenn ich noch länger in dieſen Feſſeln ſchmachte und nicht erhört werde, geh' ich nach San⸗Pietro in Montorio, nach dem die Dame mich ſoeben gefragt hat... Auf dieſe ſcharf betonte Lokalität und überhaupt auf⸗ fallend grell geſprochenen Worte des Ritters Sr. Heilig⸗ keit, fiſtulirte ein Stimmchen nebenan: Ja, in der That! Pater Vincente iſt ja da!... Dies Stimmchen gehörte dem Bräutigam, der den Na⸗ men des bezeichneten Kloſters gehört hatte und eben von der ———F—ꝛ—ꝛꝛ—ꝛꝛ———— le⸗ der 53 Pforte kam, wo er den ſeiner Perſon ſo ſchmeichelhaften Volksjubel und die Ausſpielung der ſilbernen Uhren hatte controliren wollen... Wir werden das meiner Frau ſagen müſſen! fuhr er, vom Champagner erhitzt mit Lebhaftigkeit fort... Erführe ſie die Anweſenheit des Paters und dieſer ginge, wie er gekommen, ſo wäre ſie im Stande, mir die erſte Gar⸗ dinenſcene zu machen... Die Abbés und Prälaten lachten über die Wonne, mit der jeder junge Ehemann von zwölf Stunden fort⸗ während den Begriff:„Meine Frau“ im Munde führt... Inzwiſchen ſtiegen immer mehr Leuchtkugeln auf und das Feuerwerk ſchien ſeiner Entfaltung nahe zu ſein... Draußen riefen Tauſende von Stimmen und klatſchten bereits im voraus Beifall und die Muſik fiel mit ſchmet⸗ terndem Tuſchblaſen ein... Der alte Rucca und die Fürſtin Rucca Mutter— die jedoch noch keineswegs Matrone ſein wollte und ihren Cavaliere ſervente aufſuchte, um ihm eine Strafrede für Vernachläſſigung zu halten— ſchoſſen hin und her, ſahen nach der Ordnung, ſahen nach dem Aufbewahren der Speiſereſte—„für die Armen“— Der Schwieger⸗ vater Olympiens war bis zum Exceß ökonomiſch.. Der kleine Mann mit einer orientaliſchen Habichtnaſe und dem Band des Gregoriusordens über der Bruſt klagte allen Prälaten über ſeine Domäne, die Zölle der adriatiſchen Küſte... Man nannte ihn gewöhnlich den„Blutſauger“ Dies war ein Titel, der ihm gerade vor andern, die ihn ebenſo verdienten, keinen Vorzug gab... Nie aber hätte ſich allerdings gerade der alte Fürſt Rucca auf der —— — 54 Küſte von Comacchio bis Ferrara ſehen laſſen können, ohne Gefahr zu laufen, von den Schmugglern und ſeinen eigenen Zollbedienten todt geſchlagen zu werden... Aber auch dieſer alte Herr horchte mit dem ſchalkhaf— teſten Lächeln ſeines Nußknackerkopfes ſowol nach der Erwäh⸗ nung des Pater Vincente wie nach dem Unterricht der „Creolin“ hin— er wußte ja, daß es eine Deutſche war... Seinem Sohn rief er gelegentlich ein heim⸗ liches: Asino! nach dem andern ins Ohr, beſon⸗ ders wenn dieſer die Monſignori vom Steuerweſen, den Finanzminiſter Roms, den Cardinal Camerlengo, nicht genug zu honoriren ſchien...„Mauleſel“ nannte er ihn ſogar, wenn er zu wild um Olym⸗ pien her„trampelte“... Klagte nun der junge Ehe⸗ mann über die„ſchlimme Laune“ ſeiner Frau, ſo ſchrieb der Alte das mit eigenthümlichem Meckern auf Rechnung aller Bräute am Hochzeitstag... Dies Meckern machte, daß ſeine Naſe und ſein Kinn ſich küßten und die Nundwinkel zurückgingen faſt in die Ohren... Der Cardinal Camerlengo, düſter brütend wie Judas Iſcha⸗ rioth, der auch zuweilen nicht wiſſen mochte, wie er den Seckel für den erſten Kirchenſtaat von dreizehn Per⸗ ſenen füllen ſollte, ſcherzte jetzt: Sie ſind ſo guter Laune, Fürſt? Im nächſten Jahr verlang' ich eine Mil⸗ lion mehr! Die Zeiten werden ſchlechter und ſchlechter! Wir müſſen aufſchlagen, Hoheit Generalpächter!. Der alte Fürſt drückte ſein„Wie kommen Sie mir vor?“ mit einer charakteriſtiſchen Geberde aus, die zwar ſtumm war, aber das ganze anweſende geiſtliche Ober⸗ Finanz⸗Perſonal des Kirchenſtaates lachen machte. 55 Der Vielſeitigkeit ſeines Geiſtes entſprach ſein Sohn keineswegs... Ercolano Rucca war von Wien beſchränkter als je zurückgekommen... Er konnte überhaupt im— mer nur Einen Gegenſtand im Kopf haben... War dieſer erledigt, erſt dann kam er auf den zweiten... Oft aber dauert es bekanntlich Tage und Wochen, bis in dieſer ſublunaren Welt unter hundert Sachen Eine gründlich durchgeſetzt iſt... Principe Ercolano ſprach dann tage⸗ und wochenlang nur von dieſer Einen Sache, z. B. von der Kunſt, Handſchuhe zu verfertigen aus Rattenleder, was eine Idee war, die der Verwaltung des Steuerweſens Muth geben ſollte, die nördliche Ge⸗ neralpacht im Hauſe der Rucca's erblich zu laſſen. Jetzt ſuchte er nur noch nach der Herzogin von Ama— rillas, die wegen Pater Vincente um Rath gefragt wer⸗ den ſollte... Graf Sarzana hatte ſoeben noch mit der Herzogin geſprochen... Auch die alte Fürſtin ſuchte die Herzogin— wie deren Cavaliere ſervente, Herzog Pum⸗ peo, verſicherte— Dieſer Herzog Pumpeo wollte in ge⸗ rader Linie von Pompeius abſtammen; auch er war ein armer Nobelgardiſt, aber ein Cröſus an guter Laune und für Se. Heiligkeit ſelbſt ein Spaßmacher, wenn gerade an ihn der Dienſt im Vorzimmer oder bei der kleinen Garcontafel des Stellvertreters Chriſti kam.. Se. Heiligkeit ließ übrigens damals den Cardinal Ceccone ſchalten und walten— und um nichts zu verſchweigen, ſagen wir es offen und aufrichtig: Der„Zauberer von Rom“ war bitter Trank.. Dor„Träger der Himmelsſchlüſſel“, der„Patriarch der Welt“, der „Vater der Väter“, der„Erbe der Apoſtel“, der„Hirt 56 der Heerde“, war ein armer Menſch; er fürchtete den Ge⸗ ſichtskrebs zu bekommen*)... Heda, Kamerad! ruft bei alledem champagnerberauſcht Herzog Pumpeo dem Grafen Sarzana zu. Ich ſehe die blaue Eidechſe da, wo die Schwärmer praſſeln!... Hu, wie ſie erſchrickt!... Dort huſcht ſie zu den Mönchen hin⸗ über, von denen ſie einer vielleicht in ſeinen Sack ſteckt und nach Santa⸗Maria trägt... Sie iſt eine„Beate“ (Frömmlerin)... Alle Eure Mühe, ſie zu bekehren, ſcheint mir dergebens, Bruder— oder ſoll's vielleicht heißen: Freut Euch, ihr Jungen! Die Alten bezahlen! Die Alten bezahlen, Nur müßt ihr nichts ſehen— Nur müßt ihr nichts hören— Weiter kam dieſe Läſterung auf Ceccone nicht... Nun war die„Tochter der Luna“ und die„Creo⸗ lin“ auch die„blaue Eidechſe“ und ſogar eine„Frömm⸗ lerin“... Der Graf und der Herzog wandten ſich armverſchränkt beide dem linken Flügel der„Brezel“ zu, wo erſtens die Champagnerſtröme reichlicher floſſen, zweitens die alte Fürſtin Rucca, zornig mit den Augen runzelnd, auf Pumpeo, ihren Ritter, wartete und drittens eine wahre Batterie von Schwärmern losplatzte... Das gab ein Angſtgeſchrei, bei dem die muthgebenden Soldaten nicht fehlen durften... Der Bräutigam kam inzwiſchen mit einer Dame zu⸗ rück, die heute nicht zu den freudeſtrahlenden gehörte... *) Cardinal Wiſemann's„Erinnerungen“. — 57 Auch die Toilette der Herzogin von Amarillas verrieth ihre Trauer... Die Veilchen ſind eine Blume, vor der be⸗ kanntlich jede Römerin, obgleich an Blumenduft gewöhnt, eine bis zur Ohnmacht gehende Abneigung hat; dennoch war das ſchwarzſeidene Kleid der Herzogin ganz von blauen Veilchen durchwirkt; ſchwarze Spitzen ſaßen am Leibchen und am Rock... Auch die grauen Haare waren in ſchwarze Spitzen eingehüllt... Und nur um den Car⸗ dinal nicht zu ſehr zu einem jener Blicke zu reizen, die ihm zuweilen bis zum Tod verwundend zu Gebote ſtanden— ſeit einiger Zeit war er in dieſer Art gegen ſie wie ein Skorpion— hatte ſie dem Anlaß der Freude, die zur Schau getragen werden ſollte, das Opfer gebracht, Hals und Arme mit dunkelrothen Korallen und die Spitzen, die das graue Haar verhüllten, mit friſchen Granaten⸗ blüten zu ſchmücken... Warum ſoll ſie erfahren, ſagte ſie in ihrem bei alledem ſtolzen und feſten Tone, daß Pater Vincente zugegen iſt?... Sie iſt ſo verdrießlich... fiel der beſorgte junge Ehegatte ein... Wir müſſen es ihr auf alle Fälle ſa⸗ gen... Durchaus... Die Herzogin erwiderte nicht minder mismuthig: Sie kennen die Beſcheidenheit des heiligen Mannes ... Olympia wäre fähig, ihn in die Geſellſchaft zu rufen und mit ihm— zu kokettiren!... Das letzte Wort unterdrückte ſie freilich... Sie will ihn zum Cardinal machen... Ehe es Fefe⸗ lotti ohnehin thut... Wir müſſen ihn aufſuchen... Thun Sie das nicht! ſagte die Herzogin. Ich werde es ihr ſelbſt ſagen und dann hören, was ſie etwa wünſcht... Die Ernennung zum„Cardinal“ überraſchte ſie nicht... Sie kannte die Maxime der ehrgeizigen Cardinäle, für die Papſtwahl entweder ſich ſelbſt in Bereitſchaft zu halten oder, falls ſie unterliegen ſollten, irgendeine un⸗ ſchädliche, ihnen verpflichtete Puppe... Pater Vin⸗ cente's Geſchichte war dem Klerus ganz Italiens be⸗ kannt... Das Feuerwerk entfaltete ſich noch nicht in ſeinem vollen Glanze... Die Bravis erſchollen von nah und fern nur noch wie Ironie über die Verzögerung... Das Gewühl des Volks wurde größer und größer... Dabei gingen die abgetragenen Schüſſeln bei den Mön⸗ chen und Repräſentanten der Spitäler und Bettlerherber⸗ gen um... Schon begannen unter knallenden Champagner⸗ korken die Austheilungen... Manche der devoten Frauen, der„Beaten“, betheiligten ſich ſelbſt an der Uebermitte⸗ lung der Gaben... Ihre goldbetreßten Diener ſtanden dann zur Seite und überwachten die glänzenden Schmuck⸗ gegenſtände, die ſie trugen... Olympia, die„Braut von Rom“, beſaß entweder die Reizbarkeit aller kleinen Geſtalten, im Gewirr vieler Menſchen nicht mit den ihnen gebührenden Anſprüchen her⸗ vortreten zu können, oder ihre Stimmung war in der That voll äußerſten Verdruſſes... Sie lief nach rechts und nach links, redete mit dieſem und mit jenem und trug auf der Stirn den erſichtlichſten Ausdruck einer leidenſchaftlichen Nichtbefriedigung... Ganz ſo mürriſch, wie ſie heute in der Frühe in der Kirche Apoſtoli den Ceremonien der Trauung beigewohnt hatte, ſah ſie jetzt das„Bou⸗ quet“ des Feſtes, das Feuerwerk herannahen.. 14 —— — 59 Schon mahnten die Schwiegerältern, daß es paſſend wäre, ſie führe ganz in der Stille während des Feuerwerks mit ihrem Gatten in das Palais der Stadt, das ſie in der Nähe des Pasquino bewohnten— jenes alten Stein⸗ bildes, an deſſen Fuß ſeit urälteſten Zeiten die Satiren Roms angeklebt werden und von deſſen Sockel die Po⸗ lizei ſeit einigen Tagen jeden Morgen in erſter Frühe Spottverſe abgeriſſen hatte, die den Cardinal ernſtlich an die Zeiten mahnen ließen, wo Sixtus der Fünfte ſol⸗ chen Pasquinoſpöttern die Zunge ausreißen ließ... Gerade vor dieſem Augenblick der Abfahrt ſchien aber Olympia Furcht wie zum Entfliehenmüſſen zu haben. Sie ſtand niemand Rede... Dem Gatten nicht... Dem triumphirenden—„Onkel“ nicht.. Ceccone weidete ſich an ſeinem Liebling, deſſen Bewegungen und Erſcheinen ſich wenigſtens durch das Rauſchen des ſchweren Seidentaffetkleides ankündigten, das ſie unter ihrer Brautrobe von Spitzen trug.. Noch wehte ihr wie bei der Trauung und der erſten Meſſe, die das junge Paar anhören mußte, wie bei den conven⸗ tionellen Andachten, die den Tag über an gewiſſen großen Altären und bei dem Beſuch Sr. Heiligkeit, um den Segen des armen mit Tüchern umwundenen Mannes zu bekommen, gemacht werden mußten, der koſtbare Spitzenſchleier im Haar— ſtatt der Myrte war er jetzt von einem Kranz von Orangenblüten umgeben... Schon welkte dieſer; ſchon welkten die gleichen Bouquets, die auf dem Kleide in gewiſſen Zwiſchenräumen zur Seite ſaßen; die Hitze des innern Saals, wo Olympia geſeſſen, war zu groß geweſen; ſie riß auch und zerrte an allem, 8 1 — 60 was ſie hinderte... Den bronzenen Hals ſchmückte ein Collier von Diamanten...„Sie iſt ſchön, wenn ſie liebt“— hatte im vorigen Jahre die Herzogin geſagt... Olympia liebte heute nicht... Ein kurzer Augenblick— hinter einer großen von Hortenſien gefüllten Marmorvaſe— und Ceccone konnte Olympien an ſich ziehen und ſie voll väterlicher Beſtür⸗ zung fragen: Aber was haſt du denn nur, mein geliebtes Kind? Was iſt dir nur heute?... Jettatore anche voi! ziſchte Olympia mit rauher Stimme, ſtampfte den Fuß auf und ſtieß die weichen Hände des Prieſters zurück... Alle Welt will, daß ich ſterben ſoll! ſetzte ſie faſt weinend hinzu... Ein ſolches Wort— dem„Onkel“!. Olympia hatte geſagt, Ceccone wäre gleichfalls ein mit dem„böſen Blick“ für ſie Behafteter, ein Jettatore, „wie alle Welt!“... Das der Dank, daß er der öffent⸗ ichen Meinung trotzte und ungeachtet aller vom Pasquino abgeriſſenen Satiren auf die„Donna Holofernia“, auf die Vermählung derſelben mit dem jungen„Judas Iſcha⸗ rioth Seckelträger junior“, und ähnlicher Anſpielungen ſcheinbar heute ſo ſorglos und unbefangen ſein Haupt erhob... Auch er hatte ja der Sorgen genug! Aber ihm genügte im Augenblick vollkommen der lärmende Antheil der ewigen Stadt an ſeiner Perſon; ihm genügte die unabſehbare Wagenreihe der hohen Ariſtokratie und Prälatur, die bis in die dunkelſten Schatten der Landſtraße hin ſichtbar blieb... Und nun ein Ausbruch ſolcher Nichtgenüge 61 bei dem geliebten Kinde, das ſich zuweilen auch gegen ihn zu empören anfing... Er flüſterte: Täubchen! Liebchen!... Papagallo!... Fiore di luece!l.. Suche dir die„Tochter der Luna“!... erwiderte ſie höhniſch und huſchte fort.. Der Onkel lachte über die„Eiferſucht“ ſeiner Nichte... Da wandte ſie ſich noch einmal... Onkel, ſagte ſie zornig, lache nicht! Ich möchte in dieſem Augenblick ſterben!... Ich wünſchte, du hätteſt nur wegen meiner an Pasqualetto geſchrieben— nach Porto d'Ascoli—... Jeſu! flüſterte der Cardinal, wurde kreidebleich und ſah ſich beſorgt um... Welchen Namen nennſt du da? ... Pasqualetto— St! unterbrach er aufs ſtrengſte Olympiens Gegenrede. Der alte Rucca ging eben vorüber, ſpitzte die Oh⸗ ren, grinzte ſeltſam und ſagte für ſich: Ehl Eh! Ehl... Vieldeutige Laute... Olympia hatte einen Namen genannt, den er gehört zu haben ſchien... Er wandte ſich halb und halb zum Zuhören und liebäugelte einer Schwiegertochter, deren Hochzeit— mit ſeinem verlän⸗ gerten Pachtcontracte zuſammenhing—... Ceccone winkte ihm mit graziöſer Handbewegung zu 9 gehen... Noch iſt ſie mein! ſprach er ſüß und vor allen näher herantretenden Zeugen... Dann legte er die zarten weichen Hände auf das Haupt der kleinen Moduſe, zog ſie wieder an die Hortenſienvaſe und flüſterte: 1 4 Wie kannſt du von Pasqualetto reden?... Was ſoll er 2... Mich ſtehlen und in die Berge ſchleppen!... erwi⸗ derte Olympia... Ich beſchwöre dich, mein ſüßer Papagai! fuhr der beſorgte Vater fort und wollte Olympia noch weiter ins Dunkel mit ſich ziehen, um ſie herzinniger zu küſſen, viel⸗ leicht ſie an den Wagen zu führen, den der junge Gatte zu jeder Minute bereit zu halten verſprochen hatte... Schon rief er nach dem Mohren, der nach ſeiner Taufe den frommen Namen Chryſoſtomo führte... Statt des Chryſoſtomo kam aber der ganze Schwarm der Gäſte... Die Leuchtkugeln erhellten gerade die Vaſe mit den Hortenſien und wo die Braut war, mußten doch alle ſein... Niemand erzürnte gern die wilde Olympia... Es klang ihr jetzt ganz zu Sinn, daß ihr Gatte verſpottet wurde über die Verzögerung des Feuerwerks... Die Raketen haben den Schnupfen! hieß es... In die Cascatellen iſt Waſſer gekommen! ... Die„Feuerräder“ haben die Achſe gebrochen!... Man fürchtet, die„Fröſche“ werden hüpfen wie die Flöhe!... Flöhe... Wer ſolche Italienerworte hätte in dieſer Sphäre für unziemlich halten wollen, mußte eine deutſche oder franzöſiſche Bildung haben... Der Südländer kennt keine Scheu der offenen Namen⸗ gebung deſſen, was natürlich iſt... Die Herzogin von Amarillas machte inzwiſchen einen Verſuch, ſich Olympien zu nähern... Aber Olympia entzog ſich gerade ihr... So beſchloß denn die Herzogin, die Nachricht über den Pater Vincente für ſich zu behalten ... Auch ſie floh vor dem endlich beginnenden Feuerwerk en⸗ ꝛen pia in, ten erk . Alll dies Kniſtern und Knattern, all dieſe Bravis und Ausrufungen waren der Mutter Julio Cäſares nicht zu Sinn... Sie ſuchte den Garten, den Park, der zwar nicht unbelebt, aber dunkler war und an ſeiner äußerſten Grenze Einſamkeit verſprach... In dieſem Verlangen nach dem Pater Vincente, das die Braut ausgeſprochen, lag für ſie ein ihr wohlbekannter Ausdruck des Zorns über Benno's Nichtanweſenheit, über ſein gänzliches Verſchwun⸗ denſein nach den beiden Märchenwonnentagen von Wien, lag der Ausdruck der Reue über die allzu ſchnelle Ernennung Bonaventura's zum Biſchof von Robillante... Benno hatte ſich im vorigen Jahr nach Rom begeben und war dort nicht länger geblieben, als bis— die Mutter und Olympia ankamen... Da war er nach dem Süden entflohen... Er hatte ſich aufs Meer begeben, war über Sicilien, Malta, Genua, Nizza nach Ro⸗ billante gereiſt, wo er in dieſem Augenblick bei Bona⸗ ventura verweilte; er ſtand mit der Mutter im Brief⸗ wechſel, er ſchrieb ihr unter fremden Adreſſen— ſie hatte die ganze Bürgſchaft ſeiner Liebe und Zärtlichkeit für ſich;— aber vor einem Zuſammenleben mit Olym⸗ pien erfüllte ihn ein ahnungsvolles Grauen... Aus dieſer Misachtung der ihm ſo offen in Wien ausge⸗ ſprochenen Liebe Olympiens war eine Gefahr für die Herzogin ſelbſt, für Benno, für alle ſeine Bezie⸗ hungen entſtanden Die Theilnahme, die die Mutter für ihn nicht verleugnen konnte, wurde ihr von Olympien aufs heftigſte verdacht... Nun mußte auch noch die Herzogin in Wien ein junges Mädchen gefunden haben, das, der italieniſchen Sprache 64 vollkommen mächtig, anfangs nur die Vermittelung mit den deutſchen Verhältniſſen erleichtern ſollte... Eine wohlberufene Convertitin, die von einer glühenden Sehn⸗ ſucht nach Rom verzehrt wurde... Die Herzogin hatte den Auftrag erhalten, die Würdigkeit dieſer Empfehlung zu prüfen... Sie ſah ſie, war von einer auffal⸗ lenden Aehnlichkeit derſelben mit ihrem Kinde Angiolina gerührt— es fehlte nur noch die Bekanntſchaft dieſes Mädchens mit Benno und Bonaventura, um ſie nicht wieder freizulaſſen... Es war nun aber Lucinde Schwarz ſelbſt, die ihrer Stellung gefährlich zu werden drohte. Lucinde liebte nicht, ungefragt von ihrer Vergangen⸗ heit zu ſprechen. Sie war nie in der Stimmung, gern von Schloß Neuhof, vom Kronſyndikus, Jeröme von Wittekind zu berichten... Aber die Erwähnung fand ſich zufällig und da ſtand ſie ſchon in Wien Rede... Die Herzogin horchte voll Erſtaunen... Auf die Länge war ſie von Lucinden ſeltſam abgeſtoßen und wieder angezogen... Man nahm ſie mit nach Italien... Erſt ſpäter zeigte ſich die Gefahr dieſer„Eroberung“, wie Cee— cone, überraſcht von Lucindens Geiſt, ſie genannt. Lu⸗ cinde gewann Einfluß über alle ihre neuen Umgebungen, über den jungen Principe, über Olympien, den Cardinal ſo⸗ gar... Jetzt war ſogar ſchon Olympia eiferſüchtig auf„die Tochter der Luna“... Rom hatte Lucinden verjüngt... Das Boskett, das dicht an die zur Verlängerung des Speiſeſaals umgewandelte Terraſſe ſtieß, beſtand aus einer Pflanzung von Nuß⸗ und Kaſtanienbäumen... Aus ſeinem mäßigen Umfang heraus führten Gänge von beſchnittenen Buchsbaum- und Cypreſſenwänden auf kleine Rotunden, in deren Mitte aus Farrenkräutern und Ver⸗ gißmeinnicht Springbrunnen plätſcherten oder Marmor⸗ ſtatuen glänzten, am Fuß von blühenden Cactus, von feurigen Schwertlilien umgeben... Nun kamen die rechts zu den Gärten des Lateran ſich ziehenden Beete... Sie folgten ſich in Abdachungen, die zu Cascatellen benutzt, von Grotten, von Muſchel⸗, von Marmorverzierungen unterbrochen wurden... Zur Linken, jenſeits der großen Platanenallee und des flimmernden Waſſerſturzes führten rieſige Taxuswände zu einer Altane, von welcher ſich ein weites Feld von Weinſtöcken wie ein einziges grünes Dach auf die Landſtraße erſtreckte... Dorthinauf, wo ſich unter wilden Lorberblättern ausruhen ließ, zog es die von den ſchmerzlichſten Ahnungen erfüllte Herzogin... Eine Weile noch wurde ſie auf ihrem Wege von einem Naturſpiel aufgehalten... Das Licht des Mondes und der Widerſchein des Feuerwerks wurden in ihren magiſchen Wirkungen noch übertroffen von zahlloſen Glüh— würmern, die bald grün, bald roth aufblitzend die Luft durchſchwammen, auf den Sträuchern und Blumen wie Edelſteine funkelten, unwillkürlich die Hand lockten, die Luft zu durchſtreifen und nach eitel Funken und Licht zu haſchen. In dieſem Augenblick glaubte die Herzogin die„Toch⸗ ter der Luna“ zu ſehen, die am äußerſten Ende eines der in den Ziergarten einmündenden Heckenwege— von zwei Mönchen verfolgt wurde... Sie ſtaunte des auffallenden Anblicks... Sollten von den Bettlern an der Pforte zwei ſo verwegen gewe⸗ ſen ſein, ſich hierher zu wagen?... Oder konnte ſich Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 5 ———— 66 in falſcher Verhüllung Räubervolk eingeſchlichen haben? ... Eben waren die Mönche und die fliehende Donna Lucinda verſchwunden...„ Oder hatte ſie ſich getäuſcht?... Hatte das mond⸗ lichtfarbene Kleid der Geſellſchafterin ſie irre geführt?... Da hörte ſie das Lachen des Herzogs Pumpeo... Offiziere kamen und junge Prälaten, die der Champagner⸗ rauſch von den alten Damen zu den jungen vertrieb... Einige der ſchönſten hüpften an ihrem Arm— gleichſam nur auf der Flucht vor den gefährlichen Feuerfröſchen... Die Herzogin blieb ſtehen... Faſt wurde ſie umge⸗ rannt von dem aus einem andern der Gänge ihr eilend entgegentretenden Conte Sarzana... Sahen Sie die beiden Mönche, Graf? fragte die Herzogin ängſtlich... Die der Donna Lucinda folgten? antwortete Sarzana mit Theilnahme... Wo ſind ſie?... Ich habe ihre Spur verloren. Beide durchkreuzten den Gang, den die übrige Ge⸗ ſellſchaft herauffam, und eilten der dunklern Gegend jenſeits der Platanenallee zu... Der am Ende derſel⸗ ben funkelnde Waſſerfall gab einen Schein von Bele⸗ bung des Gartens, der ſich indeſſen nicht beſtätigte .. Allles blieb einſam und gefahrvoll... Jetzt rief der Graf: Ich ſehe ſie... Dort beim Aufgang auf die Al— tane... Was wollen die Frechen?... Conte Agoſtino lief mit ſeinen hohen Reiterſtiefeln die nothwendigen fünfzig Schritte voraus und rief ſchon auf halbem Wege dem nächſten der Mönche ein donnerndes: Que commande?... Als er näher gekommen, fand er Donna Lucinda mit geiſterhafter Bläſſe im Geſpräch mit den beiden Mön⸗ chen, die unausgeſetzt wie Eindringlinge von ihm ange⸗ rufen und für verkappte Gauner erklärt wurden... Ging doch auch durch die Stadt das Gerücht, man hätte heute in einer Herberge am Tiberſtrand den berüchtigten Räuber Pasquale Grizzifalcone aus der Mark Ancona geſehen, das Haupt aller Räuber- und Schmugglerbanden der adriatiſchen Meeresküſte... Es konnten ſeine Genoſſen ſein... Die lange ſchlanke Deutſche hielt einen Brief in der Hand und ſagte mit zitternder Stimme und im beſten Italieniſch: Vergebung, Herr Graf! Es ſind— zwei Lands⸗ leute von mir... Sie erſuchen mich, eine Bittſchrift zu übernehmen... Ich werde ſie beſorgen, ihr— from⸗ men— Väter—. Laſſen Sie ſie in Güte ziehen, Herr Graf!... Willkommen in Rom, Pater— Sebaſtus und Frater— Hubertus!... Wir ſehen uns noch... Gewiß! Gewiß!... Felicissima notte... Die beiden Mönche ſtanden lichtgeblendet— wie Saulus am Wege von Damascus... Sie konnten ſich nicht trennen... Inzwiſchen war die Herzogin näher gekommen.. Sie erſchrak bei dem Anblick Lucindens, die tieferſchüt⸗ tert ſchien... Noch mehr entſetzte ſie ſich vor dem An— blick eines dieſer Mönche, der mit ſeinem kahlen und wie fleiſchloſen Kopf aus ſeiner niedergefallenen Kapuze geradezu ein Bote des Todes erſchien.. 5* T —oᷓnnᷓÿnn 68 Auch die Begleiter des Duca Pumpeo kamen, jetzt ohne die Damen, näher, nahmen die Mönche in die Mitte und geleiteten ſie aus dem Garten... Graf Agoſtino erhielt von Lucinden die Bitte und, als er darum noch immer nicht ging, faſt den Befehl, ſie zu verlaſſen... Die Herzogin ſah Lucinden noch wie betäubt an den Sockel einer⸗Statue ſich lehnen, von welcher aus man auf die Plateforme jener Altane ſchreiten konnte... Es war hier ringsum dunkel... Die dichtbelaubten Bäume warfen düſtere Schatten. Die Herzogin widerſtand nicht, Lucinden zu folgen... Dieſe drängte auf die Al⸗ tane hinauf, als fürchtete ſie hier unten zu erſticken oder den Mönchen aufs neue zu begegnen... Sie ſind ja auf den Tod entſetzt, mein Kind! ſprach ſie theilnehmend... Erholen Sie ſich... Dieſe zu⸗ dringlichen Bettler in Rom!... Die Bittſchrift war nur ein Vorwand!... Lucinde ſchlich nur langſam die Erhöhung hinauf... Oben angekommen, ſagte ſie: Nein, nein!... Ich kannte ſie beide... Ich wußte längſt, daß ſie in Rom ſind— ich hätte ſie aber lieber, das iſt wahr, vermieden; ich— mag nichts mehr hören von Deutſchland... Die Bittſchrift iſt— an den Biſchof— von Robillante... Ich will ſie beſorgen... An den Freund meines Cäſar!... ſtaunte die Mut⸗ ter und hätte nun gewünſcht, die Mönche wären nicht vertrieben worden... Beide Frauen blieben auf der einſamen Altane, auf der ſie ſich auf Seſſeln von Baumzweigen niederließen, —— 69 unter einem Dach von künſtlich gezogenem Lorber... Vor ihnen lag vom Mond beſchienen das große ſtille Meer der Weinſtockblätter... In der Ferne Feuerwerk und das lärmende Volk, das jeder Rakete ein Evviva! rief... Obgleich ſich Lucinde allmählich zu faſſen ſchien, kam die Herzogin doch nicht mehr auf die Mönche zurück... Gerade dieſe durch Benno bedingten Wallungen des In⸗ tereſſes zu verbergen, beſaß ſie eine volle Gewandtheit... Sie pries die erquickende Erlöſung von dem rauſchenden Gewühl, das ſich nicht verziehen wollte... Sie ſaßen ſo, daß ſie durch die Büſche zugleich die Künſte des Feuerwerks und über die Weingärten hinweg den ſtiller gebliebenen Theil der Gegend beobachten konnten.. 3 O, hier ſind wir ſicher vor dieſer bunten Poſſe! ſagte die Herzogin. Wenn die Lüge in der Welt ſo rauſchend auftritt, wie ſollte erſt die Wahrheit ſich ankündigen dürfen!.. Die Wahrheit feiert ihre Triumphe in der Stille! entgegnete Lucinde, noch immer athemlos. Dieſe Triumphe ſind die Glühkäfer des Geiſtes, die uns nur auf einſamen Wegen umſchwirren!... Wie heißt denn die Pflanze da, auf der ich vorzugsweiſe die Thierchen wie die Lichter auf unſern nordiſchen Weihnachtsbäumen antreffe?... Lucinde rang nach dem Ton der Gleichgültigkeit... Die rothen Diſteln? Das ſind Artiſchocken! ſagte die Herzogin... Wächſt ſo dummes Gemüſe hier ſo wild und ſchön! ... Carciofoli! Ganz recht!... Eine kurze Pauſe trat ein... Beide bewegten ihre Fächer und wehten ſich Kühlung zu... Mancher ſcherz⸗ 70 hafte Vorfall des Tages, manche Neckerei an der Tafel, mancher Schmuck, manche überladene Toilette ließen ſich beſprechen... Das Geſpräch ſtockte jedoch bald... Es zeigte ſich — dieſe beiden Frauen mußten anfangen eine ſich für ein Hinderniß der andern zu halten... Die Herzogin hatte ſich längſt geſagt: Hier iſt meine Zeit um! Olympia iſt meiner Führung entwachſen! Selbſt den Cardinal, ihren Vater, lehnt ſie für ihre neue Einrichtung als täg⸗ lichen Gaſt ab— Schon hat ſie's ihm angekündigt... Ceccone ſucht— eine neue Häuslichkeit! Dieſe Lucinde, — lockt, reizt ihn— Ich ſah es heute, er ſchien ganz außer ſich... Lucinde ſollte, wie ſich gebührt, zu Olympia ziehen... Dieſe lehnt aber auch ſie ab... Soll alſo ich jetzt—? Ich?... Ich ahne, was Ceccone aus ihr und— mir geſtalten will... Um ſie„mit Anſtand“ zur Nach⸗ folgerin— der Herzogin von Foſſembrona, der Marche⸗ ſina Vitellozzo zu machen, ſoll ich— als Deckmantel?— .. Nimmermehr!... Das zu verweigern bin ich— Benno ſchuldig... Aber Graf Sarzana!... Dieſe Abenteurerin— wie ſie in ſeinen Briefen Benno ſchildert — und Sarzana!... Dieſe armen Teufel freilich— die— Sarzanas!... So empfand die Herzogin... Klug aber und ver⸗ ſtellungsſicher, wie ſie war, nahm ſie das Geſpräch nach einer Weile auf... Es iſt wahr, ſagte ſie, das Leben bringt es mit ſich, daß nur zuweilen die Stacheln der Diſteln, das ſind ja Artiſchocken, jenen nordiſchen Weihnachtsbäumen, die ich kenne, gleichen! Die Illumination der Lüge muß ——. 71 uns ermuthigen, an dieſe kleinen Glühkäfer in der Nacht der Wahrheit, an das hellſte Licht, das Aetherlicht des Schmerzes, zu glauben. Lucinde konnte noch nicht geläufig erwidern... Eine Bittſchrift an den Biſchof von Nobillante, ſagten Sie?... fuhr die Herzogin fort, als Lucinde den Brief träumeriſch betrachtete und ihn ſeufzend in ihrem Buſen barg... Iſt es wahr, daß dieſer Prieſter eine Gräfin liebte, die ſeit einigen Monaten die Gattin des Grafen Hugo von Salem⸗Camphauſen geworden iſt?... Lucinde fixirte die Herzogin mit ſcheuen unheimlichen Augen.... Jetzt erſt recht antwortete ſie nicht... Jetzt erſt fiel ihr ein, daß ſie ja mit einer Frau zuſammenſaß, gegen die ſie ſeit einiger Zeit ſich hatte entſchließen wol⸗ len, einem Serlo'ſchen Gedanken Gehör zu geben... In Serlo's Denkwürdigkeiten ſtand:„Wenn ihr doch nur nicht ewig von Pflichten der Dankbarkeit bei Dienſten reden wolltet, die Euch gar kein Opfer gekoſtet haben!“... Die Herzogin ſprach ſorglos, der bittern Stimmung ihres Herzens folgend: Graf Hugo liebte— hört' ich und ſah ich in Wien— ein junges Mädchen, das ſich aus Verzweiflung— um ihr Schickſal den— Tod gab... Ich ſah— ihre— Leiche, ich ſah ſeine Trauer... Er ſchloß mit dem Leben ab und doch— doch— wie mögen auch bei dieſer Vermählung die Raketen geſtiegen ſein!... Ha, erinnern Sie ſich in Wien der ſchönen Altane, von der wir Abſchied nahmen am Tag vor unſerer Abreiſe?... Es lag tiefer Schnee auf den düſtern Tannen ringsumher... Ich erinnere mich... antwortete jetzt Lucinde, die 72 ſich von Klingsohr und Hubertus allmählich zurückfand. Sie betonte ſcharf. Sie hatte der Herzogin heute ſchon wieder Zurückſetzungen nachzutragen, die ſie ihr in Mienen und Worten an der Tafel hatte widerfahren laſſen... Ob wol das junge Paar an derſelben Stelle wohnt, wo— die— arme— Geliebte— mit zerſchmettertem Haupte lag?... fuhr die Mutter Angiolinens, nichts ahnend fort... Das— junge— Paar wohnt— in der Stadt... berichtete Lucinde—— von dem wirllich geſchloſſenen Bunde Paula's und des Grafen Hugo... Eine lange Pauſe trat ein... Ein leiſer weicher Wind⸗ hauch kam vom Südmeer... Im Weinberg zitterten die Blätter... Es iſt doch gut, daß wir den Geſpenſterglauben haben! ſagte die Herzogin feierlich... Wir fürchten uns doch noch zuweilen ein wenig vor den Gräbern... Die Alten verbrannten ihre Todten, glaubten aber doch auch an eine ſtrafende Wiederkehr; der Geiſt des ermor— deten Cäſar erſchien den Mördern in der Schlacht bei Philippi... Die Chriſten wollten von den Todten ſo wiedererſtehen, wie ſie in ihrer ſchönſten Lebenszeit ausſahen... Angiolina hieß ſie?... Sahen Sie ſchon die Katakomben drüben?... unterbrach ſich die Erinnerungsverlorene... Dort blitzt eine goldene Spitze im Mondlicht auf... Das iſt Santa⸗Agneſe.. Dort ſteigen Sie einmal nieder mit einem guten Führer ... Philipp Neri, der Heilige, hat da unten wochen⸗ lang gewohnt... Die Erde hier ringsum iſt durch⸗ höhlt... Chriſten⸗ und Römergräber in Eins... Ein a — ₰, 1 73 4 Leichenfeld!... Das Leben iſt's... Wer war der eine dieſer Mönche? Er ſah ja wie der Tod... Wie die Auferſtehung! hauchte Lucinde für ſich... Aber der erſte Schrecken war bei ihr nun vorüber... Sie hatte ſich wieder in ihre gegenwärtige Lage zurückgefunden... Ihr Auge fixirte die Herzogin immer unheimlicher... Dieſe erſchrak über die faſt ſchielenden Blicke des Mädchens... Und beim Suchen nach einem gleichgültigen Geſpräche ſchilderte Lucinde die Unzufriedenheit der jungen Fürſtin Rucca... Da betonte ſie ſehr ſcharf den Na⸗ men Benno's... Lucinde that das ſeit einiger Zeit in Gegenwart der — Herzogin öfters... Lucinde hatte allerdings bemerkt, daß die Herzogin von Amarillas in einer geheimen Beziehung zu Benno ſtand... Sie hatte ſchon in Wien das Intereſſe beobach⸗ tet, das dieſe Frau an ihrem frühern Aufenthalt in Deutſchland, an Witoborn, an Schloß Neuhof nahm... Sie wußte, daß ſie eine Sängerin geweſen und— in Leo Perl's Bekenntniſſen war ja von einem gewiſſen Betruge die Rede, den er an einer— nicht genannten Sängerin hatte ausführen helfen... Sie war auf den Gedanken gekommen, ob nicht jene„zweite Frau“ des Kronſyndi⸗ kus, die der vom Wein Aufgeregte und ſchon an Wahn⸗ anfällen Leidende damals in jener Nacht in Kiel mit dem Degen von ſich abwehren wollte, dieſe jetzige Herzo⸗ gin von Amarillas ſein könnte... Ihrer wühleriſchen Combination entging nichts von dem, was ſich aus auf— fallenden Daten ſolcher Art irgendwie verknüpfen ließ ... Sie hatte auch ſchon Benno's ihr hinlänglich bekannte —— 1—— 74 im Familienkreiſe der Aſſelyns und der Dorſtes oft beſpro⸗ chene„dunkle Herkunft“ in den Kreis ihrer Combinationen gezogen und ſtaunte ſchon lange über Benno's Aehnlichkeit mit dem Kronſyndikus und mit der Herzogin... Sie ver⸗ folgte dieſe Gedanken ſtets und ſtets ſeit dem Augenblick, wo ſie bemerkt zu haben glaubte, daß die Herzogin gern über ſie lächelte, ſie gering behandelte und zurückſetzte... Heute war Graf Sarzana, als er ihr den Arm geboten hatte, von der Herzogin auf eine andere Dame verwieſen worden... Dieſe Kränkung hatte ſie nur vergeſſen, weil ſie ſpäter genug von Huldigungen überſchüttet wurde... Solche Geringſchätzungen konnten ſich aber wiederholen... Daher ſagte ſie mit ſcharfſpähendem Blick und ſich aller der Vortheile erinnernd, die ſie über die Aſſelyns hatte: Der Todtenkopf? Nach dem Sie fragten! Ich lernte ihn in Witoborn kennen, in deſſen Nähe ein Kloſter liegt... Es iſt das Familienbegräbniß jener Wittekind⸗ Neuhof, nach denen Eure Hoheit mich ſchon ſo oft gefragt haben... Der vor länger als einem Jahr verſtorbene Stammherr, der Kronſyndikus genannt, hat den Vater des andern, des zweiten Mönches, den Sie ſahen, in einem Wortwechſel erſtochen... Dieſer Unglückliche hieß Klings⸗ ohr und war des Freiherrn Pächter... Der Todtenkopf aber war des Freiherrn Jäger und hieß Franz Bosbeck .Aus Holland ſtammt er, war in Java, gewann auf dem Schloß Neuhof eine Stellung durch die Liebe einer böſen Frau, die dort regierte, Brigitte von Gül⸗ pen... Da ſein Herz an einem andern Weſen hing, rächte ſich dieſe Frau und veranlaßte den Entſchluß ihres Verlobten, der ſeine wahre Liebe durch den Tod verlor, ſich in ein Kloſter zu flüchten... In In⸗ dien ſoll er von den Gauklern Künſte der Abhärtung gelernt haben, weshalb er ſich trotz Entbehrungen und Strapazen ſo rüſtig erhält... Der eine der bei⸗ den Mönche hatte eine Sehnſucht nach Rom, die der andre aus mir unbekannten Gründen theilte... Beide entflohen, ſaßen bisher auf San⸗Pietro in Gefangenſchaft und richten nun, wie ſie mir ſagten, in dieſem Schreiben an den Biſchof die Bitte, ſich zu ihren Gunſten zu verwen⸗ den... Sie fürchten ſich, wie jeder, der einmal in Rom war, nach Deutſchland zurückzukehren—... Lucinde hielt inne, weil ſie die Wirkung ihres Be⸗ richtes beobachten wollte. Die Herzogin folgte mit der höchſten Spannung... Doch hatte Lucinde in der Kunſt der Beherrſchung ihre Meiſterin gefunden... Nach dem erſten leiſen Zucken der Mienen bei den Worten:„Familienbegräbniß der Wittekind⸗Neuhof“, trat trotz der aufs äußerſte erregten Spannung und der ſie blitzſchnell durchzuckenden Vorſtellung: Dieſe Schlange kennt dein ganzes Leben! eine Todtenkälte in die geiſter⸗ haft vom Mond beſchienenen Züge der Herzogin und ſie ſagte nichts als: Kommt der Nachtwind ſo vom Meere? Wovon bewegt ſich das Laub in den Weinbergen?... Sehen Sie nur, als wenn eine einzige große Schlange dahinkröche... So hebt es ſich hier und dort und ſinkt wieder zuſammen... Lucinde hatte nur ihr Auge nach innen gerichtet... Beide Frauen waren zu tief in ihre Erinnerungen, zu tief in die Rüſtung des zunehmenden Haſſes gegen⸗ 76 einander verloren, um einer Beobachtung über den Nacht⸗ wind längern Spielraum zu laſſen... Die Herzogin ging nach Lucindens Mittheilungen in die Worte über: Ich würde vorſchlagen, lieber die Bitte dem Cardi⸗ nal, bei dem Sie ja allmächtig zu werden anfangen, mit⸗ zutheilen, wenn nicht— allerdings Olympiens Laune zu ſchwankend wäre... In der That ſchon oft ſprach ſie ihre Reue aus, einem Fremdling, wie jenem Biſchof, ſo ſchnell den Fuß auf italieniſchem Boden gegönnt zu haben ... In ihren Lobpreiſungen des Pater Vincente, der jetzt am Thor unter den Bettlern ſein ſoll, erkenn' ich die Ge⸗ danken, die in ihrem Innern Geſtalt gewinnen wollen... Lucinde beobachtete, ob wol die Herzogin ihr ganzes Intereſſe für Bonaventura kannte.. Dieſe fuhr fort: Auch iſt der Biſchof von Robillante in der That nicht vorſichtig... Er hat dem Erzbiſchof von Coni mehr die Spitze geboten, als einem ſo ganz den Vätern Jeſu angehörenden, jetzt als Großpönitentiar nach Rom zurückkehrenden Prälaten gegenüber gutgeheißen werden kann... Sein Eindringen in San⸗Ignazio und die Trinita zu San⸗Onofrio hat die Dominicaner gegen ihn aufgebracht... Die Dominicaner ſind in gewiſſen Dingen mächtiger, als die Zeſuiten... Dieſer Orden beruft ſich auf die Privilegien der Inquiſition... Der Biſchof ging an die weltlichen Gerichte... Das war ein Be⸗ weis von Muth, aber auch eine große Unbeſonnenheit... Neun Waldenſer, ſieben Proſelyten, die die Waldenſer unerlaubterweiſe aufgenommen hatten, mußten von den Do⸗ 66 minicanern, die ſie einzogen, herausgegeben werden... Um Einen, der fehlt, kämpft nun der Biſchof noch immer... Wie aber nur möglich, ſich und andere um einen ketzeriſchen Fremden ſo aufzuregen!... Allerdings einen Deutſchen— 1 ſ zureg 9 aber in ſeiner Stellung gebührte ſich gerade gegen ſeine zandsleute die Vermeidung aller Parteilichkeit—... Lucinde horchte mit geſpanntem Antheil... Sie kannte dieſe Gefahren Bonaventura's nur aus flüchtigen Andeutungen Ceccone's... Schreiben Sie ihm doch alles das, wenn Sie den Brief couvertiren ſollten... ſagte die Herzogin. „Schreiben Sie ihm doch alles das—“... Das hatte die Herzogin mit einem ſeltſamen Ton geſagt... Es war der Ton, der etwa ſagte: Ich weiß es ja, Sie ſind die verſchmähte Liebe dieſes Biſchofs!... Lucinde ſagte, demüthig ihr Haupt ſenkend und nur im Blick die Fühlfäden verrathend, die ſie ausſtreckte: Der Biſchof rechnet, denk' ich— auf den Beiſtand der Gönner, die ihm— hier in Rom ihre alte Neigung— ſo⸗ fort wiederſchenken würden, wenn— Herr Benno von Aſſe⸗ lyn, ſein— Vetter zurückkehrt und— nicht länger eine Furcht verräth, die— für einen Mann doch— kindiſch iſt... Welche Furcht?... Das Muttergefühl wallte auf. Aus Beſorgniß, ſich durch Vertheidigung des Sohnes zu verrathen, ſagte die Herzogin gezwungen lächelnd: Dürfen Sie am Hochzeitstag der Fürſtin Rucca von der Furcht eines Mannes ſprechen, der nicht der be⸗ glückte Gegenſtand ihrer Liebe zu werden wünſcht?... Alle Umgebungen der Herzogin und Lueindens wuß⸗ ten, wie das Bild der kurzen wiener Bekanntſchaft vor Schönbrunn und vom Prater immer noch vor Olympiens Seele ſtand... Lucinde ſah ſich in dieſem Augenblick um... Es war um ſie her ein Geräuſch hörbar geworden. Ueber den Fußboden eilte eine jener kleinen Schlangen, deren Augen einen phosphoreſcirenden Glanz von, ſich geben... Lucinde zog erſchreckt den Fuß zurück, ſah die künſtliche Ruhe der an ſüdliche Eindrücke gewöhnten und der Schlange nicht achtenden Herzogin und erwiderte nach einiger Sammlung:. Benno von Aſſelyn fürchtet, an die beſtrickende Olym⸗ pia ein Herz zu verlieren, das— ich will es Ihnen verra⸗ then— einem jungen jetzt in London lebenden Mädchen gehört... Sagen Sie aber nichts davon der Für⸗ ſtin!... Die Züge der Mutter konnten ſich nicht beherrſchen . Sie verklärten ſich... In ihrem brieflichen Ver⸗ kehr hatte ſie nie auf eine Frage nach Benno's Herzen deutliche Antwort erhalten... Wen liebt— Signore— Benno? fragte ſie mit einer ſich bekämpfenden Theilnahme, deren leidenſchaftlichen Ausdruck jedoch ihr ganzes Antlitz verrieth... Er liebt unglücklich... ſagte Lucinde immer forſchen⸗ der und ſchon mit triumphirenden Blitzen aus ihren dunkeln Augen hervorlugend... Sein beſter Freund nächſt dem Biſchof und dem Dechanten Franz von Aſſelyn— Die Her⸗ zogin ſchlug ihre Augen nieder— iſt ein junger reicher Kaufherr, Thiebold de Jonge... Beide wurden, ohne es zu wiſſen, zu gleicher Zeit von einer Liebe zu einem Mäd⸗ —i — 79 chen ergriffen, das damals noch halb ein Kind war... Armgart von Hülleshoven iſt ihr Name... Armgart von—?... Lucinde mußte den Namen wiederholen... Der Mutter klopfte das Herz... Armgart von Hülleshoven... ſagte die Liſtige, die ſich rüſtete, der Herzogin ein für allemal das Ge⸗ ringſchätzen ihrer Perſon zu verderben... Sie iſt, hauchte ſie, die zärtlichſte Freundin jener Gräfin Paula, die die Gattin des Grafen Hugo geworden... Schon einmal geriethen beide Freunde um dieſe Neigung in Streit... Einer entſagte zu Gunſten des andern... Darüber fand Armgart Zeit, erſt eine Jungfrau zu werden, die über⸗ haupt an Liebe denken darf... Ein wunderliches Aeltern⸗ paar hat ſie aus Witoborn nach England geſchickt, wo ſie im Hauſe einer Lady Elliot lebt und ihre Zärt⸗ lichkeit für zwei Liebhaber zugleich an dem Widerſtand gegen einen dritten prüfen kann... Dieſer hat das glücklichere Loos getroffen, jetzt in ihrer Nähe leben zu dürfen... Es iſt dies jener Wenzel von Terſchka, der, wie man ſagt, nur um ihretwillen Prieſtergelübde und Religion und was nicht alles aufgab—... Pater Stanislaus? ſagte hocherſtaunt und ſich ganz vergeſſend die Herzogin... In der Ferne donnerten Böller und ſchmetterten rauſchende Fanfaren... Sollten Sie in Ihrem Briefwechſel mit Herrn von Aſſelyn—... wagte ſich jetzt Lucinde ganz keck her⸗ aus... Ich?... Mit wem?... fuhr die Herzogin auf.. 1 80 Ja Sie, Hoheit, Sie allerdings— mit Benno von Aſſelyn—... lächelte Lucinde... Die Herzogin war aufgeſprungen... Die Bewegung ihres Schreckens, die der Furcht zunächſt vor Olympien galt, war erklärlich... Der Schrecken konnte aber auch von etwas anderm kommen... Die Zweige hatten in nächſter Nähe gerauſcht, wie unter Berührung eines leiſe Dahinſchleichenden... Man iſt doch ſicher hier... konnte noch die Her⸗ zogin ihren Schreck maskirend, fragen.. Da deutete ſie aber ſchon mit einem Aufſchrei auf die grüne Decke des Weinlaubs, aus der ſich ſpitze Hüte und Männerköpfe erhoben... Lueinde wollte im ſelben Augenblick entfliehen... Verge⸗ bens... Schon hatten ſie von hinten zwei Arme ergriffen... Eine wilde Phyſiognomie, die nur die eines Räu⸗ bers ſein konnte, grinſte ſie an... Ein widerwärtiger, dem gemeinen Italiener eigner, vom Genuß der Zwiebel und des Lauchs kommender Athem nahm ihr die Be⸗ ſinnung... Sie konnte nicht von der Stelle... Die Herzogin war an den Aufgang der Altane geſtürzt und rief: Räuber! Räuber! Räuber!. Sie rief dieſe Worte— ſie wußte ſelbſt nicht, ob im Schrecken über den Ueberfall oder in dem über Lucin⸗ dens Vorausſetzung eines Briefwechſels zwiſchen ihr und Benno... Sie wiederholte ſie muthig, trotzdem daß unter dem Weinlaub alles lebendig wurde, wilde Männer in abenteuerlichen Trachten den Rand der Altane erkletterten, Piſtolen und Dolche blitzten, Lucinde in die Arme eines Ath⸗ 81 leten geworfen wurde, der die Mauer ſchon erklettert hatte, während der erſte, der bereits oben war und die im ſtillen Geſpräch Verlorene von hinten überfallen hatte, Miene machte, nun auch die Herzogin zu ergreifen... Die Räu⸗ ber trugen die Tracht der Hirten, kurze Beinkleider, Strümpfe, Jacken, offene blaue Bruſthemden; die Geſichtszüge waren von Bart und künſtlichen Farben entſtellt; die braunen ſehnigen Hände eines dritten, der dem zweiten nachkletterte, ſtopften Lucinden, die vor Schrecken nicht einen Laut mehr von ſich geben konnte, ein buntes Tuch in den Mund... Während die Herzogin, halb auf der Flucht, halb muthig wieder innehaltend, ihre Hülferufe fortſetzte, ſah ſich Lucinde ſchon in den Armen des Rieſen, der ſich, auf den Rücken zweier andern ſich ſtützend, an die Wand feſtſtemmte und die Beute herunterzog mit den der Si⸗ tuation völlig widerſprechenden Beſchwichtigungsworten: Haben Sie doch keine Furcht, ſchönſte Altezza!... Ei, Eure Excellenza ſollen ſo gut ſchlafen, wie in Ih⸗ rem eigenen Schloſſe... Es iſt nur ein Spaß, Sig⸗ nora Excellenza... Tauſend Zechinen... Ei, das wird eine ſo ſchöne Dame ihren Freunden ſchon werth ſein... Da Lucinde den Muth einer Frau ſah, die doch von ihr ſoeben ſo ſcharf verwundet worden, ergriff ſie Beſchämung... Sie hielt ſich an einem großen Oleanderſtamm, der von draußen her an der Mauer aufwuchs, wühlte ſich in deſſen ſchwanke Zweige, die ſie nicht laſſen wollte, und widerſtand um ſo mehr dem Räuber, als ſie hinter ſich ein wildes Geſchrei hörte, das halb aus deutſchen, halb aus italieniſchen Lauten beſtand... Da ließ der Rieſe loſer und loſer... Lucinde Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 6 hielt ſich mit allen Kräften... Hinter ſich hörte ſie ein Ringen, ein Kämpfen... Eine Ahnung erfüllte ſie... Sie krallte ſich feſter und feſter... Da ein Schmer⸗ zensſchrei wie von einem Verwundeten in der Nähe... Nun ein Piſtolenſchuß... Jetzt ſtürzte ſie ſelbſt von der Mauer... Der Rauch um ſie her, ihr Sturz, die Angſt, die Hoffnung— ſie verlor die Beſinnung... Als ſie wieder zu ſich gekommen, lag ſie noch auf dem Boden des Weinbergs... Eben ließ man von oben Leitern herab... Die Terraſſe oben ſtand voller Menſchen... Waffen klirrten noch immer... Graf Agoſtino, ſeiner ſchweren Reiterſtiefeln nicht ach— tend, ſtieg von oben hernieder... Neben ihr lag in ſei⸗ nem Blut der gewaltige Rieſe, den ein Piſtolenſchuß ge— troffen hatte von der Hand eines Mönches. Der Mu⸗ thige kniete neben einem andern Mönche, der verwundet am Boden lag... Da hüllte ſich ihr wieder alles in Nacht... Als ſie aufs neue erwachte, befand ſie ſich in dem großen Saale der Villa... Wüſt durcheinander ſtanden die Tiſche und Seſſel. Das Feſt war zu Ende. Die Kronleuchter brannten nur noch dunkel. Die Zahl von Menſchen um ſie her war geringer geworden... Düſterblickend ſtand Graf Sarzana... Sein Auge hatte eine Macht, vor dem ſie das noch ſo ſchwache ihrige niederſchlug... Sie hörte Ausbrüche des Erſtaunens... Wer hätte ſich auch denken können, daß an einem ſo lebhaften Abend, unter ſo vielen Tauſenden von Menſchen Räuber es wagen würden, ihren gewöhnlichen Anſchlag— Gefangennehmung von Perſonen, die ſich durch Löſegeld loskaufen mußten— ð—. 83 in Ausführung zu bringen... Die Räuber waren unter dem dichten Weinlaubdach hinweggeſchlichen, hatten ſich der einſamſten Stelle des Gartens genähert und würden ihren Raub wenigſtens mit Lucinden ausgeführt haben, wenn nicht die beiden Mönche, freilich auch ihrerſeits in unerklärlicher Abſicht, den gleichen Weg genommen und ſo ihr die Freiheit erhalten hätten... Der Mönch mit dem Todtenkopf entriß einem der Banditen ein Pi⸗ ſtol und ſchoß es auf die gewaltige Geſtalt ab, die Lucinden ſchon davontrug... Ihn ſelbſt hatte dann ein leichter Meſſerſtich verwundet... Der jüngere Mönch aber, Pater Sebaſtus, war lebensgefährlich von einem Stilet verwundet worden... Lucinde blieb unverſehrt ... Soggr der Brief an Bonaventura war nicht aus ihrer Bruf geglitten... Das gehört zu Italien! ſprach eine Stimme. Kommen Sie, wenn Sie können— Ihr Wagen wartet ſchon... Die Fürſtin iſt ſchon lange fort... Graf, Sie begleiten doch die Signora—... Lucinde ſah die Herzogin von Amarillas micht... Sie hörte aus dieſen Worten nur: Dieſe Signora— die die Tochter eines Schulmeiſters vom Lande, eine Abenteurerin iſt— die ehemalige Braut des einen dieſer Mönche— die Genoſſin des andern bei gewiſſen, un⸗ enthüllbaren, heimlichen Dingen!— Laſſen Sie lieber dies Geſchöpf!... Durch die geöffneten Fenſter ſchimmerten die Sterne ... Hätte ſich allerdings Lucinde je einen ſolchen mit Klingsohr noch zu erlebenden Abend träumen laſſen können, als ſie in ihrem Pavillon auf Schloß Neuhof 84 unter den Ulmen wohnte und H. Heine's Liederbuch las, das ihr Klingsohr geſchenkt... Klingsohr— um ihret⸗ willen jetzt vielleicht todt!... Der Graf erbot ſich voll Zuvorkommenheit zur Be⸗ gleitung... Die Mönche bleiben hier; ſagte er... Der eine iſt zu ſchwer verwundet, der andere leichter... Aber Pater Vincente bewacht und pflegt ſie beide... Auch iſt ſchon ein Arzt bei ihnen... Sie liegen drüben beim Haushofmeiſter... Die Villa bleibt die Nacht über bewacht... Der Bargello läßt zehn Mann Wache zurück... Sie werden, denk' ich, ausreichen... In der That war nun auch alles ſchon zerſtoben und verflogen... Der alte Fürſt Rucca war ſo raſch entflohen, als wenn er ſich wirklich an der adriatiſchen Küſte befunden hätte... Von dem getödteten Räuber verſicherte man, es wäre der berüchtigte Pasquale Grizzifalcone ſelbſt geweſen ... Cardinal Ceccone hatte ſich nach dieſer Recognition ſofort von Lucindens Ohnmacht losgeriſſen, war in den Garten geeilt, wo die Leiche lag, und hatte ſich jeden Gegenſtand verabfolgen laſſen, der ſich in den Taſchen des Gefallenen vorfand... Dann war er eilends in ſeine glänzende Carroſſe geſtiegen und mit ſeinen beiden„Caudatarien“(Schleppträgern) in ſeine Wohnung gefahren, die mit der Sr. Heiligkeit unter einem Dache lag, nach dem Vatican... Graf Sarzana lächelte ſpöttiſch bei dieſem Bericht und bot Lucinden den Arm... Sie ſchwankte... Tief erſchöpft ſchritt ſie an den Wagen.... Beide fuhren nach dem Palazzo Rucca am Pasquino. 4. Ganz Rom war von der geſtrigen Begebenheit er⸗ füllt. Der Schrecken des Kirchenſtaats, Grizzifalcone, war getödtet worden von einem deutſchen Franciscaner⸗ mönche!... Der Meſſerſtich, unter dem der Genoſſe des Mönchs zuſammengeſunken war, hätte beſſer dieſem gebührt! hieß es bei den Meiſten... Grizzifalcone wurde bemitleidet! 3—„Der Aermſte ſtarb ohne Beichte—!“ ſagten ſelbſt die, die ihm vielleicht den längſt verwirkten Tod gönnten... Noch mehr! In der Sphäre der Prälatur, des Adels, des gebildeten Gelehrtenſtandes gingen ſelt⸗ ſame Verſionen... Da war Grizzifalcone nicht zufällig, ſondern aus geheimen Abſichten„ermordet“ worden... Man ſah die Kutſche des Cardinals hin und her fahren .„Was man ſolchen Staatsmännern alles aufbürdet! Man beſchuldigt ſie, ſelbſt ihre beſten Freunde nicht zu ſchonen!“... So lautete ein bittres Wort, das aus der Sphäre der„Verſchwörungen“, wir wiſſen nicht, ob des jungen oder des alten Italien kam. Die Aerzte, die der Cardinal in die fürſtlich Rucca'⸗ ſche Villa geſchickt hatte, erklärten, daß die Wunde, die 86 der deutſche Mönch und Gefangene von San⸗Pietro in Montorio empfangen, ſo beſorgnißerregend wäre, daß ſie einen Transport deſſelben auf die Tiberinſel San-Bar⸗ tolomeo zu den Benfratellen für unerläßlich hielten... Der Laienbruder Hubertus kam mit einem leichten Verband davon... Er ließ ſich dieſen nach ſeinen ihm eigenthümlich angehörenden chirurgiſchen Kenntniſſen an⸗ legen und bedauerte nur, nicht gleichfalls zu den Benfra⸗ tellen kommen zu können, wofür nach Pater Vincente's Aeußerung keine Hoffnung war... Wenn der Trag⸗ korb den Pater Sebaſtus abholte, wollten ſie ihm das Geleit geben und dann in ihre luftige Höhe nach San⸗ Pietro zurückkehren... Der Sack des Kloſters war geſtern über und über gefüllt geweſen; aber im Tumult des Ueberfalls, des Schießens, der allgemeinen Auflö⸗ ſung des Feſtes war er von irgend einer vorſorglichen Seele aufbewahrt, d. h. geſtohlen worden... Der Stiletſtich war dem verwundeten Pater Seba⸗ ſtus in die Rippen gedrungen... Er hatte die Be— ſinnung, athmete aber ſchwer und durfte nicht ſprechen ... Was in ſeiner Seele lebte, mühte ſich Hubertus ſtatt ſeiner zu ſagen... Er traf nicht alles... Pa⸗ ter Vincente, der neben den beiden auf Maisſtrohbetten ruhenden Verwundeten und mit dem Luxus einer auf der Erde ausgebreiteten Matratze geſchlafen hatte, berührte das Unſagbare ſchon näher, wenn er ſprach:„So iſt es mit all unſrer Sehnſucht! Ich kann mir denken, daß ihr beide euer Leben lang nach dem Anblick Roms ge⸗ ſchmachtet habt, und die erſte Nacht, wo euch vergönnt war, euch am Ziel eurer Wünſche zu fühlen, mußte -—— ⏑* ſo verderblich enden! Im Coliſeum prieſen wir die menſchlichere Zeit, die uns nicht mehr den wilden Thie⸗ ren vorwirft! Raub und Mord ſind darum von dieſem Boden nicht gewichen!...“„Man kann Italien nicht verwünſchen, das neben Räubern auch einen Pater Vincente hervorbringt...“ dachte Hubertus... Das ſah er wol, Klingsohr's Bewegungen kamen nicht von den Phantaſieen des Wundfiebers allein her... Lu— cinde in Rom!... Lucinde in ſo glänzenden Verhält— niſſen!... Hubertus hatte die Landsmännin bei ihrer Annähe⸗ rung an die Bettlerſchaaren zuerſt erkannt und Klings⸗ ohr auf ſie aufmerkſam gemacht... Dieſem war ſie anfangs eine Täuſchung der Sinne, eine Luftſpiegelung ge⸗ weſen... Soll dieſe erſte römiſche Nacht mich toll machen! rief er... Bald aber ſah er, daß auch Lucinde ſie erkannte, von dem Offizier, der ſie begleitete, fortzukom⸗ men ſuchte und ängſtlich ihren Anblick vermied... Nun wagte er dem muthigern Bruder Hubertus zu folgen... Sie umgingen den Stand des Feuerwerks, ſchlichen ſich in den Park, in den Garten, ſahen, wie Lucinde ſich von ihrer Geſellſchaft frei machte und entfloh... Den⸗ noch ſchnitten ſie ihr den Weg ab... Nun ſchien ſie ihnen wirklich Gehör geben zu wollen und ſchon hatte Hubertus manchem Fragenden den Brief und die Lands— mannſchaft als einen äußern Grund bezeichnet, den ihr Verlangen haben durfte, jene Dame zu ſprechen... Endlich riefen ſie ihr zu, redeten ſie an— nun war ſie gezwungen, ſich ihnen zu ſtellen... Hubertus wußte, was ſie Klingsohr geweſen... Dieſer ſah, wie Lucinde, Rom ſchon längſt als das Höchſte auf Erden an, als das Paradies der Seligen ſchon hienieden... Beim erſten Wort, beim erſten Gruß erging er ſich in jenem Ent⸗ zücken ſeines geknickten Geiſtes, das ihm in ſo beglückender Situation, wie in den beſten Zeiten ſeiner Vergangen⸗ heit, wiederkehren mußte... Selbſt die Eiferſucht loderte auf, als Lucinde nach den Offizieren ſpähte, dann die Aufſchrift des Briefes im Dunkeln zu erkennen ſuchte... Zerreiße den Brief! rief er. Wir wollen ihn nie, nie geſchrieben haben! Biſt du hier nicht mächtiger, als ein Biſchof! Wer feiert eine Hochzeit— als mit dir! Sieh dieſe Fackeln, dieſe Feuerflammen— wie Nero möcht' ich Rom anzünden, um deine Epithalamien zu ſingen!... Jeſus hilf, ſprach diesmal voll Bangen Hubertus ſtatt ſeiner... Dazwiſchen kam die Herzogin und bald der Trupp der Offiziere und der jungen Prälaten... Die beiden Bettler wurden verwieſen, hart bezeichnet mit den ihrer Keckheit gebührenden Worten... Aber die Unge⸗ duld, die Freude, die Spannung auf Verſtändigung nach ſo langer Trennung hatte ſie beide wie im Wirbel ergriffen... Dieſe wilde feſtliche Nacht konnte ſo nicht enden; ſie ſchien alles zu erlauben... Sie ließen den Pater Vincente beim Sack des Kloſters, den die Köche, Diener und vornehmen Damen füllten... Sie ſtreiften zum Garten hinaus, erkannten die Möglichkeit, ihm von der Landſtraße, vielleicht vom Feld her beizu⸗ kommen... Nur ein Wort noch Lucinden, nur noch eine Bitte um Wiederſehen, um die Begegnung in einer Kirche, etwa wie im Münſter zu Witoborn zu den Füßen des heiligen Ansgarius... So ſahen ſie jene 89 ſchleichenden Räuber, wurden Zeugen des Ueberfalls, Lucindens Retter... Klingsohr's Erinnerung an die Zeit der Menſur ſtählte ſeinen entnervten Arm; ohne Waffe erhob er ihn, rang gegen das geſchwungene Stilet des Banditen, riß dieſen nieder und erlag im Stürzen nur einer größern Gewandtheit und der gereizten Wuth der Entfliehenden, die den Garten ſich beleben ſahen, während Hubertus ſchon den Rieſen zugleich mit Lucinden niederzog aus den Zweigen des Oleanders, in denen ſie ſich feſthalten wollte... Hubertus drückte das eroberte Piſtol los— ohne Scheu, wie einem Jäger geläufig war, der ſchon manchen Wilddieb niedergeſchoſſen hatte... Pater Vincente erfuhr, daß die gerettete Dame den beiden Deutſchen werth und näher bekannt war... Wieder offenbarte er die Vertrautheit mit einigen deut⸗ ſchen Worten... Ueber ſich ſelbſt ſprach Pater Vincente wenig... Selbſt die Neigung des geſprächſamen Hu⸗ bertus, ſich, wo er nur konnte, in der Sprache des Lan⸗ des der Schönheit und der Banditen zu vervollkommnen, ergriff er nicht als Anlaß weltlicher Unterhaltung, ſon⸗ dern erinnerte ernſt an jene Bitten, die für Kranke zu ſprechen die vorgeſchriebene Regel des kirchlichen Lebens iſt... Dann— ohne den Sack mit Lebensmitteln ins Kloſter zurückzukehren—! Eine Ausſicht war das auch auf einen Dorn zur Märtyrerkrone mehr... Um elf Uhr ſollte der Tragkorb jener Benfratellen kommen, die einſt auch Wenzel von Terſchka ſo wohl ver⸗ pflegt hatten... Wäre Klingsohr nicht Mönch und bereits dem römiſchen Glauben gewonnen geweſen, ſo hätte man ihn jetzt in eine Anſtalt gebracht, wo in Rom 1 b — 90 „Neuzubekehrende“(Katechumeni und Convertendi) in ſolchen Fällen leibliche und geiſtliche Pflege zu gleicher Zeit erhalten... Das Geringſte doch, womit ſie dann für die Geneſung beim Scheiden danken können, iſt ein ebertritt... Um zehn Uhr ſchon kam die junge Signora vor⸗ gefahren, die geſtern hatte von Räubern entführt werden ſollen und heute der Gegenſtand des Geſprächs und der Aufmerkſamkeit für ganz Rom war... Man nannte ſie, wie ſolche Verwechſelungen vorkommen, bald eine Fürſtin, bald eine„ſpaniſche Herzogin“... Das„Diario di Roma“, die Staatszeitung Sr. Heiligkeit, war noch nicht mit dem aufklärenden Bericht erſchienen, wenn die ſchweigſamſte aller Zeitungen überhaupt von dem ärger⸗ lichen Vorfall Act nahm... In Italien iſt noch bei Hochzeiten die Sitte des „Lendemain“ üblich... Der Palazzo Rucca am Pas⸗ quino wurde von Wägen und den Abgeordneten der fünftauſend privilegirten Bettler Roms(der„Clientela“ der alten Römerzeit) den ganzen Tag nicht frei... Auch nach dem Befinden der Donna Lucinda mußte gefragt werden... Sie ſelbſt hatte ein Dankopfer darzubringen für ihre Neitung..Der nächſten Madonna gebührte der Sitte gemäß dieſe Huldigung So hörte ſie die Meſſe in San-Giovanni di Laterano, dem der Ret⸗ tung nächſtgelegenen Gottestempel... Graf Sarzana hatte ſie auf dieſe Sitten beim Nachhauſefahren auf— merkſam gemacht... Er war im Wagen zurückhaltender geweſen, als in der Geſellſchaft... Am Pasquins war er ausgeſtiegen... Vom Wein, von den Abenteuern 91 und dem Rendezvous bei der Meſſe— ſo ließen ſich denn doch wol auch ſeine Andeutungen verſtehen— erregt, declamirte er Verſe an die Säule des Hadrian, an die Obelisken des Venetianerplatzes, an denen ſie vorüber⸗ fuhren, misbrauchte aber nicht die Vortheile des Allein⸗ ſeins mit dem offenbar zum Tod erſchöpften Mädchen ... Als ſie heute den Pasquinoſtein mit Gensdarmen beſetzt fanden, ſagte er: Iſt dieſe Wache nicht ſelbſt ſchon eine Satire?... Die Meſſe war wie immer in dem„ſtiefmütterlich“ behandelten und gegen die Sanct⸗Peterskirche zurückge⸗ ſetzten Gottestempel am Lateran einſam und der große, wie faſt alle römiſchen Kirchen einem Concertſaal ähn⸗ liche Raum lag ganz in jenem Schweigen, das die Samm— lung unterſtützen konnte... Lucinde kniete und träumte ... Graf Sarzana fehlte.. Er hatte ſich in aller Frühe ſchon wegen ſeines Ausbleibens entſchuldigen laſſen— Im Duft des Weihrauchs ſammelte ſie ſich ... Secreta, Canon—„Wandlung“— ſie unter⸗ ließ kein Kreuzeszeichen und dachte an die noch ſchlum⸗ mernden jungen Ehegatten— an die Morgengeſchenke, die Ceccone ſchon in aller Frühe für das junge Paar geſchickt hatte— auch für ſie lag eine koſtbare Broche, Venetianer Arbeit, dabei— An Graf Sarzana's Schnurr⸗ bart und unheimliche Augen— An die ſchlafloſe Nacht ihrer Feindin, der Herzogin von Amarillas— An Hu⸗ bertus und ſeine Vertrautheit mit der älteſten Geſchichte des Kronſyndikus— An Klingsohr's möglichen Tod— An Bonaventura... Dann ſang der Prieſter: Ite Missa est!... Mit geſtärkter Kraft ſchritt Lucinde über die bunte Marmormoſaik des Fußbodens dahin... Sie trat aus den Reihen der großen Porphyrſäulen hinaus auf den Platz der„heiligen Treppe“ und ließ ſich von ihrem Bedienten in den Wagen helfen... Der Bediente erzählte, der ganze Weg bis zu Caſtel Gandolfo, wohin Se. Heiligkeit heute frühe hinausge⸗ fahren, wäre des Räuberüberfalls von geſtern wegen mit Carabiniers beſetzt und würde eben noch von ein⸗ zelnen Trupps der Leibwache beſtrichen, unter denen ſich auch Graf Sarzana befunden hätte... Deshalb hatte er bei der Meſſe fehlen müſſen... Lucinde konnte erwarten, daß Se. Heiligkeit ſelbſt ſie nächſtens beriefen und ihr perſönlich ſeinen Glückwunſch abſtatteten. Daß die Regierung hier über den Tod Grizzifalcone's anders dachte, als jeder gewöhnliche Freund der Ordnung, wußte ſie ſchon... Beſonders ſollte der alte Fürſt Rucca daran auf verdrießliche Art betheiligt geweſen ſein ... Er hatte ihr kaum einen guten Morgen! gewünſcht, als er ihr auf der Marmortreppe ſeines Palazzo bei ihrer Ausfahrt begegnete und murmelnd in die Bureaux ſeines Parterre ſchlich... Die Fahrt zur Villa Rucca dauerte nur wenige Mi⸗ nuten... Aber der Ueberblick einer Welt konnte ſich für ein Weſen wie Lucinde in ſie zuſammendrängen. Das Nächſte: Sollte Klingsohr die Nacht über geſtorben ſein? war ſchon abgethan... Vor einigen Jahren hätte Lucinde darin eine Gunſt des Zufalls gefunden... Auf ihrer jetzigen Höhe war ihr ein in Clauſur eines ſtrengen Kloſters lebender ehemaliger Verlobter kein zu ——=2” 93 gefährliches Schreckbild mehr... Sie hätte ja lieber mit Klingsohr und Hubertus mehr verhandelt... Sie mußte es auf alle Fälle... Der Herzogin von Ama⸗ rillas wegen, die ſie„unſchädlich“ machen wollte... Wie ſtand ſie überhaupt jetzt zu dieſer„Poſſe des Lebens?... Sie lehnte in ihrem offnen Wagen, die Hände in⸗ einandergeſchlagen und auf ihren weißſeidnen Polſtern ausgeſtreckt, wie eine Fürſtin... Das alſo bot ihr denn doch in der That Rom!... Sehet her, ſo lohnte ſich jener Gang zu dem Biſchof, bei dem ſie einſt ihre „heſſiſche Dorfreligion“, das Lutherthum, abgeſchworen hatte... Der„Augenblick“, der goldene„Augenblick“, wie er jetzt dem auf dem goldenen Kreuz über der Ka⸗ pelle„zur heiligen Treppe“ blitzenden Sonnenſchein glich, gehörte ihr, ihr, der„vom Leben Erzogenen“, mit„Thrä⸗ nen Getauften“—— wie ſie im Beichtſtuhl zu Maria Schnee in Wien, anzüglich genug für— den ungetauften Bonaventura, geſprochen hatte. Sie wollte dieſen Augen⸗ blick ihr Eigenthum nennen; ſie wollte ihn ſobald nicht wieder fahren laſſen... Sie wußte, daß ſie hinunter⸗ ſteigen würde... O, das kannte ſie ſchon als ihr altes Lebensloos... Aber bei einem Sturz kommt es auf die Höhe an, von wo herabl... Die Bedingungen des künftigen Elends, das ſie vollkommen vorausſah, richteten ſich nach der Lage, die ſie verließ... So dachte ſie: Jetzt oder nie!... Was iſt das mit dem Grafen Sarzana?... Warum will mich die Herzogin von Amarillas nicht bei ſich be— halten?... Warum flüſtert der Cardinal ſo lächelnd —— — — —— 1 1 — — — —— — —— 5 2 94 mit dem intereſſanten, geiſtvollen Offizier, der mir offen⸗ bar den Hof macht und doch—... Warum lächelten beide ſo zweideutig?... Seitdem Lucinde damals vor Nück zu Veilchen Igelsheimer entflohen war, hatte ſie für die Verwickelungen des Lebens Gigantenmuth be⸗ kommen... Sie hatte auch den Muth, vor nichts mehr— zu erröthen... Sie ahnte, was zwiſchen Ceccone und dem Grafen Sarzana vor ſich ging... Daß ſie nicht um Kleines zu erobern war, hatte ſie wol ſchon gezeigt ... Ja— haßte ſie nicht eher die Männer überhaupt?.. In„Maria Schnee“ hatte ſie nicht Zeit gefunden, Folgendes zu beichten: Sie hatte das Kattendyk'ſche Haus um den Thie⸗ bold'ſchen Streit über die Kreuzesſplitter verlaſſen... Sie war zur Frau Oberprocurator Nück gezogen, die ſich ſchon längſt ihre wärmſte Freundin und Be⸗ wundrerin nannte...„Jede kluge Frau“— ſtand in Serlo's Denkwürdigkeiten—„macht die zu ihrer Freundin, die ihrem Platz bei ihrem Manne gefährlich zu werden droht. Kühlt ſich durch eine nähere Bekannt⸗ ſchaft dann nicht an ſich ſchon die Glut des Inter⸗ eſſes beim einen oder andern ab, ſo hat die Frau den Vortheil, der Welt die böſe Nachrede zu verderben...“ So dachte freilich die Oberprocuratorin nicht, aber die Wirkung blieb dieſelbe... Lucinde war bei den täg⸗ lichen, mit Frau Dr. Nück gepflogenen Erörterungen über Kleiderſtoffe, Farbenzuſammenſtellungen und die Echauffe⸗ ments ihres Geſichts nirgends vor ihrem Mann ſicherer, als in ſeinem eignen Hauſe... Dennoch verließ ſie es, als ſie eine grauenhafte Sage, die über Nück im Munde ——,— 95 des Volkes ging, beſtätigt fand. Er ſelbſt hatte es ihr einſt geſagt, daß ſich ihm zuweilen eine Binde vor die Augen legte, die ihn verhinderte zu wiſſen, was er thäte. .. Dann müßte er Hand an ſich ſelbſt legen. Es waren wirkliche Thränen—„der Nervenſchwäche“, die ihm floſſen, als er ſagte, in ſolcher Lage würd' er ein— mal ſterben, wenn nicht ein Weſen um ihn wäre, das ihn vor Wahnſinn bewahrte... Was halfen die„Da— vidſteine“ aus ſeiner Beichte bei Bonaventura—! Was half die Erkenntniß, daß jeder, jeder Geiſt untergehen muß, der anders ſpricht und handelt, als er denkt—... Am achten Tag nach Lucindens Einzug in ſein Haus wollte ſie ihm in ſeine Zimmer einen ſpätangekommenen Brief tragen und fand ihn hängend unterm Kronleuchter. Das Sopha darunter, das auf Rollen ging, war zurückgeglitten . Der Anblick war furchtbar... In Momenten der Gefahr bewährte ſich Lucinde nicht. Sie ſah Hamm⸗ aker den ſchwebenden Körper hin- und herſchaukeln; ſie hörte die,, Frau Hauptmännin“ ein Wiegenlied auf ihrer Guitarre dazu klimpern; die Blätter in Serlo's Erzäh⸗ lungen vom Pater Fulgentius und Hubertus flogen auf... Sie floh vor dem grauenhaften Anblick, ohne den Muth zu haben Lärm zu machen... Ja ſie fühlte mit grauſigem Gelüſt der That des Hubertus nach— ihn ruhig hängen zu laſſen— den lebensmüden, gewiſſenszerrütteten Mann — der ſie in ſo entſetzliche Verwickelungen des Lebens geführt, der ſo viel Verleumdungen und Zweifel über ſie in Bonaventura's Urtheil verpflanzt hatte... Aber nun vor ſich ſelbſt als dann einer Mörderin erbebend, konnte ſie nichts thun als die Flucht ergreifen... Sie raffte 96 ihre wichtigſten Sachen zuſammen, klingelte und lief wie von böſen Geiſtern verfolgt zu Veilchen Igelsheimer in die Rumpelgaſſe... Die Nacht über mußte ſie an⸗ nehmen, daß der Oberprocurator— durch ihre Schuld! — todt war... Sie blieb einige Tage verſteckt, ſie, die Mörderin des Verhaßten... Allmählich erfuhr ſie, daß Nück noch lebte und nur heftig erkrankt war ... Ueber dieſe Annäherungen ihres Lebens an Brand und Mord verließ ſie die Reſidenz des Kirchenfürſten. Sie folgte Bonaventura nach Wien... Gefeit gegen alles, zog ſie Männertracht an und lebte wie ein Mann . Sie hatte ſeitdem nichts mehr von Nück gehört, als daß er, zurückgezogen von den Geſchäften, auf dem Lande wohnte... So war ſie reif für Rom!... Ihrem Auge hatte ſich die ſittliche Welt aller Hüllen entkleidet, wie nur einem katholiſchen Prieſter, der, um den Himmel lehren zu können, in den Vorkommniſſen der Hölle unterrichtet wird... Sie haßte und verachtete, was ſie ſah— und im Grunde nichts mehr, als die Männer... Für dieſe hohen Würdenträger der Kirche, für dieſe Tauſende von eheloſen Geiſtlichen, die Rom zählt, war ihr jeder Begriff von Tugend zur Täuſchung geworden. Iſt Rom„mit Ab⸗ läſſen gepflaſtert“, wie jener Pilger zu Bruder Federigo geſagt hatte, ſo ſind die Sünden dort wie Straßenſtaub .Die Beichtſtühle der katholiſchen Welt ſcheinen in Rom mit den Geheimniſſen der Menſchen ſeit zwei Jahrtauſenden umgeſtürzt und ausgeſchüttet worden zu ſein... Ja ſogar der Heiligſte der Menſchen, der Biſchof von Caſtellungo, war—„ungetauft“!... Sein Rival, 97 Pater Vincente, hatte für einen geträumten„Kuß in der Beichte“ gebüßt!... Lucinde nahm nichts mehr, wie es ſich gab; ſie zweifelte an Allem... Dem„ungetauften Heiligen“ hatte Lucinde in Wien Dinge gebeichtet, die bei dieſem allerdings ihren Beſitz der Urkunde Leo Perl's in Schach halten konnten.. Bonaventura durfte nach dieſen Geſtändniſſen ruhiger werden. Sie hatte in der That begonnen von ihrer Bona⸗ ventura ſchon bekannten Begegnung mit Räubern... Sie hatte erzählen müſſen vom Eindruck, den auf eine nicht von ihr genannte, aber leicht zu erkennende Perſon (Bonaventura ergänzte ſich:„Nück!“) die Mittheilung gemacht hätte, daß jener Hammaker ſeinem frühern Gönner eine tödliche Verlegenheit hinterlaſſen wollte durch eine ins Archiv von Weſterhof einzuſchwärzende falſche Urkunde... Sie hatte Nück's Betheiligung als eine nur paſſive dargeſtellt, ihren eigenen Zuſammenhang ſowol mit dem Brand wie mit dem Fund des Falſificats nur als die äußerſte Anſtrengung, das Verbrechen zu hindern... Dennoch— ſie geſtand es, war es aus— geführt worden... Ein kurzer Schauder Bonaventura's— ein Seuf⸗ zen—„Was muß ein katholiſcher Prieſter alles in der Beichte hören und verſchweigen!“... Dann fuhr ſie fort und berichtete vollſtändig, Jean Picard hätte ſogar für ſeine Rettung und Flucht den Beiſtand eines Mannes gefunden, der zufällig in ihm denjenigen erkannte, für deſſen Wohl er noch die letzten Anſtrengungen ſeines Lebens hätte machen wollen... Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 7 98 (Bonaventura ſagte ſich:„Hubertus!“...) Was aus dem Brandſtifter geworden, wußte ſie nicht... Nück hätte das Geſchehene nicht ohne die größte Gefahr für ſeine Ehre aufdecken können, wäre auch durch nichts dazu ge⸗ drängt worden, da ſowol ein Ankläger fehlte wie die anfangs von ihm ſo gefürchteten Gelderpreſſungen des Brandſtifters, der ſich von ſeinem Unternehmen mit gutem Grund die ſtete vdeehigaun und Ausſchröpfung Nück's hätte verſprechen dürfen... Picard war in einem Grade verſchollen, daß man ſe elbſt ſeinen Tod— wer weiß, ob nicht von den Händen ſeines ungenannten, von Bo⸗ naventura errathenen Retters— annehmen durfte... Alle dieſe Vorgänge beichtete Lucinde in ihrer vollen Wahrheit, gedrängt von den Drohungen des Grafen Hugo... Sie warf ihre Sorge auf die heilige rö⸗ miſche, alleinſeligmachende Kirche, auf die nahe Bezie— hung derſelben zu Gott, auf den Schatz der guten Werke, der die reichſte Vergebung aller der Sünden geſtattete, die die weltliche Welt, die Welt des Geſetzes, die Welt der Fürſten, ihrer Helfer und Helfershelfer nicht zu wiſſen braucht——.. Das war die Lehre der Kirche, die ihr immer ſo wohlgethan... Die gab ihr jenen Muth und jenes Talent, eine„Beate“ ſcheinen zu können... Was auch an Angſt über dieſe Verbrechen in ihrer Seele lebte, ſie warf alles auf Bonaventura... Seiner Vermittelung der grauenhaften und für ihren Ruf, ihre Freiheit ſo gefähr⸗ lichen Vorgänge vertraute ſie— ſeiner„vielleicht noch für ſie erwachenden“ Liebe— ſeiner Furcht auch vor ihrem zweiten„Geheimniß“— über ihn ſelbſt... Zu 99 Enthüllungen über die Urſachen der Flucht Lucindens aus dem Nück'ſchen Hauſe blieb die Zeit nicht gegeben.. Den Ton der tiefſten Entfremdung gegen ſie, einen Ton aus dem Urgrund der Seele, den Bonaventura nicht überwinden konnte, milderten die prieſterlichen Formen . Da erklang der ſanfte Ton der Güte, da das ſtille Murmeln des Gebetes, da die ernſte Ermahnung... Furcht über ihre Mitwiſſenſchaft an ſeinem eigenen tiefen Lebensunglück beherrſchte ihn nicht... Schon beim erſten Nennen Bickert's unterbrach er ſie mit den Wor⸗ ten: Jener Verbrecher, deſſen Reue Sie immer noch unvollſtändig machen durch das Zurückbehalten ſeines Raubes! Warum erhielt ich nie, was Sie von ihm beſitzen? Iſt Ihr Bedürfniß, ſich an mir zu rächen, noch ſo lebhaft? Warum ſagen Sie mir nicht, was ich aus dem beraubten Sarge von Ihnen zu fürchten habe? ... Alle dieſe Fragen ließ Lucinde ohne Antwort und ihn ſelbſt verhinderte ſein Stolz, verhinderte ſein Schmerz um ſeines Vaters ſo ſchwer bedrohtes Schickſal anzudeuten, daß er den Inhalt der Leo Perl'ſchen Schrift kannte . Vollends mahnte die nächſte Gefahr, die vom Grafen Hugo mit Erneuerung des Proceſſes drohte, zu dringend... Zu dringend ſogar die Möglichkeit, daß Lucinde ihrer Freiheit beraubt werden und die Be⸗ ſchlagnahme ihrer Papiere gewärtigen konnte... Nachdem Lucinde in Bonaventura's Ohr geflüſtert hatte, was ſie vom Brand in Weſterhof und aus Nücks Mittheilungen über Hammaker's Vorhaben wußte ver⸗ lebte ſie Stunden der höchſten Angſt... Sie durfte irgend eine Unternehmung, irgend eine Berührung — 100 mit dem Grafen Hugo erwarten... Es wurden aber Tage daraus— zuletzt Wochen... Niemand mehr erkundigte ſich nach ihr... Weder der Graf, udch Bonaventura... Hatte dieſer den Grafen ſo vollſtän⸗ dig beruhigt, ſo ganz die von ihr eingeſtandene Fälſchung der Urkunde verſchleiert?... Sie hörte Bonaventura's italieniſche Predigt; ſie theilte die Bewunderung der Hörer ſowol über den Inhalt, wie über die Form; ſie friſchte ſelbſt ihre alte Kenntniß des Italieniſchen auf und nahm Unterricht darin... Kein Wort aber kam vom Grafen, kein Lebenszeichen von Bonaventura, der inzwiſchen nach Italien abgereiſt war— ohne von ihr irgend einen Abſchied genommen zu haben... Anfangs ſandte ſie ihm einen zornigen Fluch nach, dann erſtickte der Schmerz in Schadenfreude... Graf Hugo war denn alſo wirklich nach Schloß Weſterhof gereiſt und alle Welt erklärte die Heirath zwiſchen dem Grafen und Comteſſe Paula für ſo gut wie geſchloſſen ... Paula vermählte ſich!... Es war das Geſpräch der ganzen Stadt... Inzwiſchen fing ſie an bittre Noth zu leiden... Ihre Geldmittel waren erſchöpft... Was ſollte ſie beginnen? Welchen Weg einſchlagen, um ſich in dieſer ſo ſchwierigen Stellung eines alleinwohnenden Mädchens zu behaupten?... Durfte ſie es ein Glück nennen, wenn ſie hier plötzlich— Madame Serlo und ihren Töchtern wieder begegnete?... Wol durfte die theater⸗ luſtige Stadt beide alte Gegnerinnen zuſammenführen. Serlo's Kinder waren ſchnell herangewachſen und ge⸗ fällige Tänzerinnen geworden. Sie protegirten Lucinden, 101 die ſie herabgekommen, eingeſchüchtert, in ſchon ſchwin⸗ dender Jugend ſahen. Sie boten ihr nicht nur ihren eigenen Beiſtand, ſondern auch den— ihrer Beſchützer. Die Kinder waren leichtſinnig. Die Mutter„genoß“ nun, wie ſie ſagte, ihr Leben nach langer Entbehrung; ſie genoß es auch im Behagen, prahlen zu können; ja —„Herz“ zeigen zu können, gewährte ihr, ganz nach Serlo's Theorie, eine eigene Genugthuung... Frau Serlo— das war ein elektriſcher Leiter für die ganze begrabene Vergangenheit Lucindens... Sie erzählte jedem, was ſie von Lucinden und Klingsohr, von Jeé⸗ röme von Wittekind, vom Kronſyndikus wußte... Daß Dr. Klingsohr in Rom gefangen ſaß, war allgemein bekannt; oft genug wurde Lucinde in die Lage gebracht, über dieſe Beziehungen Rede zu ſtehen.. Sie wohnte in der ärmlichſten Vorſtadt... Em⸗ pfehlungen von Beda Hunnius und Joſeph Niggl öffneten ihr wol manches fromme Haus; die Gewohnheiten einer Convertitin behielt ſie bei; ſie blieb eine der eifrigſten Beſucherinnen der Kirchen und Andachten; aber ihre Lage wollte ſich nicht dadurch beſſern... Von Nück wollte ſie nichts begehren... In ihrer ſteigenden Noth dachte ſie: Du ſchreibſt an den Dechanten, wie ihr damals Bona⸗ ventura durch Veilchen hatte rathen laſſen... Sie unterließ es...„Wenn es nicht die Aſſelyns wären!“ ... Nun ſuchte ſie ſelbſt Stunden zu geben... Ihre Muſik ſuchte ſie hervor... Sie verſuchte ſich ſogar in dem ihr gänzlich verſagten Geſange... Dies Letztere, um zugleich in der italieniſchen Sprache ſich zu ver⸗ vollkommnen und ſich rüſten zu können zu ihrer 102 letzten„Pilgerfahrt nach Rom“—„vor'm Zuſammen⸗ brechen... Sie nahm Singſtunden bei Profeſſor Luigi Biancchi ... Sie waren bei dieſem geſuchten Maeſtro theuer.. Aber für jede Stunde, die ſie in der Currentgaſſe nahm, gab ſie eine in der Weihburggaſſe, wo Serlo's Kinder wohnten... Dieſe wollten den Cavalieren gegenüber, die die Tänzerinnen des Kärnthnerthors auszeichneten, ihre vernachläſſigte Bildung nachholen... Eine Weile ging das alles leidlich... Aber wie viel Stunden ließen die undankbaren Mädchen, die ſie einſt auf ihrem Schooſe geſchaukelt und ſo oft auf ihrem Arm getragen hatte, abſagen und rechneten ſie nicht an!... Zum Glück— bei ihrer Manie für die Ausbildung im Italieniſchen konnte ſie ſo wol ſagen— wurden eines Morgens die beiden alten Männer Biancchi und Dalſchefski— verhaftet!... Der Italiener, der Pole verſchwanden auf dem Spielberg bei Brünn, wo die„ſchwarze Commiſſion“ über die Revo⸗ lutionen tagte... Das Aufſehen, das dieſer Vorfall in ganz Wien machte, der Schrecken, den darüber vorzugsweiſe Reſi Kuchelmeiſter und Jenny Zickeles empfinden mußten, führte Lucinden dieſen beiden Damen näher... Vieleeicht würde ſie ganz in das Zickeles'ſche Haus eingedrungen ſein, wenn ihr nicht die noch bei Madame Bettina Fuld verweilende Angelika Müller,„die dieſe Abenteurerin ſchon ſeit Hamburg kannte“, mit mehr als drei Kreuzen entgegengetreten wäre... Kurz nach Weihnachten hatte Lucinde Tage der Ver⸗ zweiflung... Sie ſprach italieniſch, wie eine ge⸗ nder lber, eten, Heile eßen ooſe agen hrer ſie alten Der bei bo⸗ Vien Reſt rte eich igen puld erin zen 103 borene Italienerin, aber ſie hatte Schulden— Schul⸗ den— bis zum Ausgewieſenwerden aus Wien... Schulden machen den Menſchen erfinderiſch... Sie wecken Genie bei Dem, der dergleichen nicht zu beſitzen glaubt... Die Reſultate des Nachdenkens jedoch über die Mittel, ſich zu helfen, ſind nicht immer unſerer mora⸗ liſchen Vollkommenheit günſtig... Lucinde war nie „gut“; Mittel und Wege, entſchieden„ſchlecht“ zu wer⸗ den, boten ſich ihr genug... Das wohlfeilſte dar⸗ unter, ſich unter die Protection irgend eines Mannes, der ſie zu lieben vorgab, zu begeben, vermied ſie—... Aus zunehmender Abneigung gegen die Männer über⸗ haupt?... Wozu hatte ſie ſo gut Italieniſch gelernt!— .„Freund der Seele, ich komme, um meinen Spuk mit dem Fund aus dem Sarge zu entkräften! Ich will ihn in deine Hände zurückgeben! Ich will mit dir die Frage erörtern: Was iſt dieſe Welt, was Glaube, was unſere ganze dies⸗ und jenſeitige Seligkeit?...„Das blieb ihr denn doch noch immer übrig, noch einmal nach Robillante und Caſtellungo ſchreiben zu können... Jetzt vollends, wo ſich Paula in der That— dem Ver⸗ brechen der Fälſchung?— hatte opfern müſſen—... Lucinde rechnete und wühlte... Serlo's Kinder waren hübſch, aber ohne Geiſt. Ihre Lehrerin brauchte nur beſſere Kleider anzuziehen, als ſie ſich erborgen konnte, und ſie hätte ſchon die Aufmerkſamkeit dauernder gefeſſelt ... Wie ſonſt, ſo auch jetzt... Lucinde konnte ver⸗ ſchwinden und auffallen; ſie konnte als Magd und als Königin erſcheinen; die Devotion war die Maske für beides... Blinzelte ſie nur einmal mit der vollen 104 Macht ihrer kohlſchwarzen Augen, gab ſie ſich mit dem ganzen Vollgefühl ihres übermüthigen Geiſtes, ſo er⸗ ſtaunten Grafen und Fürſten, die, mit Serlo's Töchtern und Madame Serlo plaudernd, die ſchlanke ſchwarze Leh⸗ rerin im einfachen Merinokleide nicht beachtet hatten. Nach einem ſolchen Lächeln war ihr Mancher ſchon nach⸗ geſprungen, wenn die ſchlanke Kopfhängerin mit ihren franzöſiſchen, von den Jeſuiten de la Société de Marie herausgegebenen Geſchichtsbüchern ſich empfahl... Ma⸗ dame Serlo hatte ſie dann beim Wiederbeſuch mit einem Hohngelächter empfangen... Wäre Lueinde ſſenti⸗ mental geweſen, ſie hätte über dies ganze Familien⸗ leben ausrufen müſſen: O wärſt du noch zugegen, du abgeſchiedener Geiſt des armen Vaters dieſer Kinder! Sähe dein erbittertes Gemüth eingetroffen, was du ſchon alles ahnteſt, als du auf dem Sopha lagſt— und ich die Uhr zog, die ich vom Kronſyndikus damals noch hatte, um nach der Stunde zu ſehen, wo du die Arznei nehmen mußteſt!... Wie oft hatte Serlo geſagt: Und geſetzt, ich würde alt und erlebte, was ich vorausſehe, ich kann mir denken, daß ich das Gnadenbrot bei den Meinigen annehme! Nicht wie den alten Lear hinausjagen würden ſie mich; nein, ich bekäme die Reſte von den Orgien, die ſie feiern; ich würde lachen wie ein Luſtigmacher, würde leuchten bis zur Treppe und die Trinkgelder nehmen, die dem Papa in die Hand geſteckt werden...„Hunger— thut weh“! konnte Serlo dann wimmern, wie Edgar im Lear... An Menſchenhaß und Weltverachtung nahm Lucinde immer mehr zu... Sie hatte ſchon im Spätherbſt — ᷣůx———— 105 bei einem Beſuch des Praters die Entdeckung gemacht, daß die aufgeputzte Beſitzerin jener Menagerie von einem jungen Mann begleitet war, über den die alte Hollän⸗ derin mit ängſtlicher Eiferſucht wachte... Lucinde wagte nicht ihn ſchärfer zu betrachten, ſeitdem ſie entdeckte: Das war Oskar Binder, der entlaſſene Sträfling, der ſpätere Spieler unter dem Namen„Herr von Binnen⸗ thal“!... Und von einem aufgehobenen Spielclub hatte ſie gehört, den ein Herr„Baron“ von Guthmann hielt... Die Entdeckung war bei einer polizeilichen Recherche erfolgt, von der die ganze Stadt ſprach... Frau Bettina Fuld wünſchte bei ihrer Abreiſe Andenken zu hinterlaſſen und kaufte zu dem Ende allerlei Schmuckſachen. Sie wollte ihre Kaſſe nicht zu ſehr in Contribution ſetzen und wandte ſich auf den Rath der praktiſchen„Frau von Zickeles“, ihrer Mutter, an eine Auction im Verſatz⸗ hauſe... Wie erſtaunte ſie, dort jenes Armband ver⸗ käuflich zu finden, das ihr vor einem Jahr in ihrer Villa zu Druſenheim abhanden gekommen!... Das verfallene Verſatzſtück war auf den Namen einer Frau von Guthmann eingetragen, derſelben, die damals bei ihr ſo gaſtlich aufgenommen geweſen!... Die Anzeige, die Arreſtation erfolgte... Lucinde las in den Zei⸗ tungen die nähern Angaben... Wie verſetzte die Hellauflachende das alles in ihre erſte Jugendzeit... Vom Lauſcheraugenblick, als jene Frau vor ihrem ſpätern Mann auf den Knieen lag, fing ja ihr ganzes dunkles Leben an. Lucinde würde zur Verzweiflung gekommen ſein, hätte ihr jenes Bild der Jugend nicht auch Treudchen Ley 106 als freundlichere Erinnerung vorgeführt... Durch dieſe beͤſchloß ſie ſich zu helfen... Sie ſchrieb an„Ma— dame Piter Kattendyk“ nach Paris, erzählte, daß ſie in der größten Noth wäre, und bat um Hülfe... Da kam ein unorthographiſcher, liebevoller Brief, der einen Wech⸗ ſel auf hundert Dukaten einſchloß...„Das Glück liegt irgendwo, ſagte ſich Lucinde— wer es nur fände!“. In einem kurzen Sonnenſchein des Glücks ſuchen wir die zuerſt auf, denen wir gefallen möchten... So eilte Lucinde zu Reſi Kuchelmeiſter, deren geſunder Ton ihr in freundlicher Erinnerung geblieben war... Sie fand dieſe in ausdauernder ſchmerzlichſter Trauer über das Schickſal der beiden alten Männer aus der Currentgaſſe... Reſi war an ſich ſo loyal, daß ſie jedes dem Kaiſerhauſe und ihrem großen ſchönen Vater⸗ lande bedrohliche Unternehmen für eine Ausgeburt abſoluter Nichtswürdigkeit erklärte; ſeitdem ſich aber Dalſchefski und Biancchi auf geheimen Umtrieben hatten betreten laſſen, anerkannte ſie wenigſtens pſychologiſche Möglich— keiten ſolcher Verirrungen— Frauen beurtheilen alles aus dem Herzen... Biancchi war denn nur geizig ge⸗ weſen zum beſten der Conſpirationen!... Ein weitver⸗ zweigtes Netz von London über Paris, nach Italien, Un⸗ garn, Polen hatte ſich auch um ihn geſchlungen!. Und Dalſchefski lächelte nur deshalb ſo ironiſch, weil ein Greis mit Jugendmuth in den ſchmerzlichen Nachklängen des Finis Poloniae lebte... Emiſſäre hatte„das arme Lamm“ nach Krakau und Galizien befördert, Flüchtlinge, Mitverbundene— Spione... Dem„elenden Pötzl“ ſchrieb Reſi, vielleicht mit Unrecht, das Unglück der 107 beiden alten Männer zu, die mit ihren verwöhnten Be⸗ dürfniſſen, mit ihren großen edlen Fähigkeiten jetzt in grauen Kitteln zwiſchen den Wällen des Spielbergs le⸗ ben mußten... Reſi's Unmuth war ebenſo groß, wie ihre Erbitterung über die Geſinnungsloſigkeit der Zickeles, wo Jenny plötzlich that, als erinnerte ſie ſich kaum des„Schöpfers ihrer Stimme“— ſie hatte in⸗ zwiſchen einen neuen Maeſtro gefunden, der die Methode des vorigen verwarf, wunderbare Enthüllungen machte über den falſchen Gang ihrer bisherigen Tonbildung und ihres Stimmanſatzes—„eine dilettantiſche Sängerin iſt zu allem fähig!“ ſagte Reſi... Aber auch die Bühne gab ſie inzwiſchen jetzt ſelbſt auf... Wer kann den unglücklichen Männern helfen!... dachte Reſi... Sie hatte ſo vielfache Beziehungen— die einflußreichſte, Graf Hugo, war nicht anweſend... Da fiel ihr ein: Die Herzogin von Amarillas hatte ſo treu ausgeharrt bei Angiolinens Seelenmetten. Zu dieſer ging ſie in den Palatinus... Olympia, die ſie immer noch die Mörderin Angiolinens nannte, war glücklicherweiſe nicht anweſend... Als die Herzogin die Bitte vernommen, die darauf hinausging, daß ſie ſich für einen Landsmann beim Car⸗ dinal, dieſer aber beim Staatskanzler verwenden möchte, ſagte ſie voll Staunen: Luigi Biancchi!... Sie hörte allem, was Reſi in leidlichem Italieniſch von einem ihr ſo wohlbekannten Namen erzählte, mit größ⸗ tem Intereſſe und verſprach auch das Möglichſte zu thun... Die Herzogin konnte nichts thun... Zu Olympien durfte kaum der Name Biancchi ausgeſprochen werden, 108 ebenſo wenig wie zu Ceccone... Reſi vergab ihr den Nichterfolg um des Antheils willen, den die weiche Seele um Angiolinen zeigte Reſi erzählte das Leben ihrer Freundin, ſoweit es ihr bekannt war... Die Herzogin war über jede ihrer Mittheilungen zu Thränen gerührt... Reſi's leidliche Gewandtheit im Italieniſchen be⸗ ſtimmte die Herzogin, von einem Verlangen der Gräfin zu ſprechen, eine Deutſche als Geſellſchafterin zu enga⸗ giren und ſie vielleicht mit nach Rom zu nehmen... Olympia glühte noch ganz für Benno und Bonaventura ... Die Herzogin trug ihr dieſe Stellung an... Reſi ergriff anfangs den Vorſchlag und ſchien nicht abgeneigt ... Zuletzt legte ſich die Anhänglichkeit der Wienerin an ihre Vaterſtadt verhindernd dazwiſchen und ſo brachte ſie„eine Schülerin Biancchi's“, ein Fräulein Lucinde Schwarz für dieſe Stellung in Vorſchlag... Dieſe bewarb ſich und reuſſirte... Das Syſtem, ſich anſpruchslos, unbedeutend, vorzugsweiſe nur an den Uebungen der Religion betheiligt zu ſtellen, ſtand Lu⸗ cinden bei allen Anfängen ihrer Unternehmungen bei So ſehr es aufregt, ſtets in einer fremden Sprache reden zu müſſen; ſo mächtig Phantaſie und Herz von den Zaubern Italiens ergriffen wurden, ſie beherrſchte ſich; ſie ſuchte weder Mistrauen noch Eiferſucht zu erregen... Der Cardinal reiſte erſt ſpäter nach in Begleitung des jungen Fürſten Rucca... Olympia, die Herzogin und Lucinde gingen voraus... Lucinde erkannte bald die Natur der Gräfin, die man flüſternd die Tochter des Cardinals nannte Sie er⸗ 1 109 ſtaunte über die Leidenſchaft, die ſie für Benno von Aſſelyn zur Schau trug... Jetzt erſt erfuhr ſie den eigentlichen Zuſammenhang, wie Bonaventura zu einem Bisthum in Italien hatte kommen können... Benno wurde in Rom erwartet; die Gräfin ſprach von ihm, als ſollte ihre Vermählung nicht mit Ercolano Rucca, ſon⸗ dern mit Benno ſtattfinden... Nun— war er aber wieder entflohen... Jetzt wurde ſein Name mit Ver⸗ wünſchungen genannt... Sie hütete ſich wol, von ihrer Bekanntſchaft mit Benno zu viel zu verrathen... Bald war ihr der junge Principe Rucca eine Art Piter Kattendyk; der alte Rucca ein Stück Kronſyndikus; die Fürſtin Mutter eine der vielen alternden Koketten, die ſie in ihrem Le⸗ ben ſchon kennen gelernt hatte... Der allmächtige Car⸗ dinal hatte geiſtig alles von Nück; nur in ſeinen Ma⸗ nieren war das Streben nach Glanz und Anmuth vor⸗ herrſchend... Sie hatte einigemal ſcharfe Urtheile gefällt, Anſichten über die Zeit, die Verhältniſſe Deutſch⸗ lands ausgeſprochen; bei einigen Feſten ging ſie in ge⸗ wählter Toilette; da merkte ſie— Ceccone warf ver⸗ ſtohlene, glühende Blicke auf ſie... Es ließ ſich ganz ſo an, als wenn ſie eines Tages ſeine Beute werden ſollte —... Sie dachte über die Bedingungen eines ſo außer⸗ ordentlichen Sieges nach... Hätte ſie ſich je dergleichen von Rom träumen laſſen!... Nur die Herzogin von Amarillas wurde ihr mit einem jeweiligen ſonderbaren Lächeln bedenklich... Den Lebensbeziehungen Bonaventura's war ſie wie⸗ der in einem Grade nahe, der ihr die glänzendſte Ge⸗ nugthuung werden mußte... Sie ſah, daß er ſein — —— 1 1 A 110 Amt mit einem auffallenden Streit gegen den Erzbiſchof von Coni begonnen hatte... Der Gegenſtand deſſelben gehörte den Gerechtſamen der Inquiſition an, die zwar nicht mehr mit Scheiterhaufen, aber immer noch mit Einkerkerungen ſtrafen kann... Die Dominicaner ſind die Wächter des Glaubens; ſie halten auf ihre Vorrechte um ſo eifriger, als die Jeſuiten ſie im übrigen überflügelt haben... Der geſtürzte, von Bonaventura befehdete Fefelotti war nicht im mindeſten in dem Grade unterlegen, wie Ceccone gewünſcht hatte... Gegen einen unruhigen Biſchof ſeiner Diöceſe konnte ihn Rom vollends nicht fallen laſſen... Noch mehr; Fefelotti kam in die unmittelbarſte Nähe des Vaticans zurück. Er wurde der erſte geiſtliche Miniſter Sr. Heiligkeit, wäh⸗ rend Ceccone der weltliche war... Jetzt wurde Bona⸗ ventura's Lage vollends ſchwierig—... Noch ein anderer Schlag gegen ihn war in Vorbereitung, die Ver⸗ urtheilung der dem apoſtoliſchen Stuhl aus Witoborn vorge⸗ legten Frage über den Magnetismus—„ob ſich ein Prieſter nicht durch magnetiſches Handauflegen verunreinige“*)?... Mitten im Gewirr dieſer ſich durchkreuzenden Gerüchte und leider nur halbverbürgten Nachrichten, hörte Lucinde, daß Paula's Bund mit dem Grafen Hugo wirklich im Frühjahr war geſchloſſen worden... Reſi Kuchelmeiſter ſchrieb ihr authentiſch dieſe Nachricht... Reſi ſchil⸗ derte, was ſie gehört von der in der Libori⸗Kapelle bei Weſterhof ſtattgefundenen Trauung... Sie ſchilderte Paula's erſtes Auftreten— in Wien— wie die geiſterbleiche, *) Thatſache. 111 mehr dem Himmel, als der Erde angehörende Gräfin ein Aufſehen ſondergleichen mache, wie ſie alle Schichten der Geſellſchaft in Bewegung ſetze... Lucinde be⸗ fand ſich im Glück; das machte ihr Urtheil milder... Bonaventura hatte Paula aufgeben müſſen; das ließ eine Weile ihre Eiferſucht ſchweigen... Auf der Höhe des Verſtändniſſes dieſer unglücklichen Liebe ſtand ſie ohnehin und wohl empfand ſie, was in Paula's Seele vorgehen mußte... Graf Hugo hatte ihr einmal eine ſchreckhafte Stunde des Lebens bereitet, er hatte zornig und drohend mit ihr geſprochen und ſo ſchrieb ſie denn an Reſi:„Das iſt unſer Frauenloos! Die Lilie vom See in einen Stall verpflanzt! Veilchenkränze vom Bachesufer in ein mit Tabacksqualm durchzogenes Zimmer! Hände, weich und weiß wie Schwanenflaum, blätternd jetzt in einem ab⸗ gegriffenen Lebensbuch! Aber gewiß! Der Graf wird ſie ſchonen! All die Künſte der«Egards», mit denen die Männer ſich zu verſtellen wiſſen, wird er entfalten... Er wird ſich auf den Ton der Tugend und Achtung vor dem Schönen ſtimmen! Wie wird er um ſie her einen Tempel aus bunten Lügen⸗Wolken bauen, einen Tempel mit ſchönen Säulen und Vorhängen, die undurchſichtig ſind, um— den Stall, die Cigarre, den Wein, die Un⸗ treue zu verbergen!... Aber manchmal verwickelt ſich denn doch der Sporn des plumpen Fußes in die zarten Teppiche, die auf dem Boden gebreitet ſind; manchmal reißt er die Herrlichkeit der Lüge zuſammen. Da ſtürzen die alabaſternen Vaſen, zerbrechen die kleinen Hausgötter des Friedens, der erlogene Seladon wird zum ſchnurrbärtigen Barbaren, wie ich ſie alle gefunden habe, dieſe Erlauchts, dieſe 112 Excellenzen, dieſe Durchlauchts Dann kommen Dinge zu Tage, die für uns Frauen wie Offenbarungen aus der Welt des Mondes ſind! Seit dem Anfang der Welt belügen ſo die Männer die Frauen, mis⸗ brauchen mit ungroßmüthiger Kraft unſere urewige Schwäche, die immer wieder die Füße küßt, die uns getreten... Vielleicht führt der Graf ſeine Rolle wenigſtens durch bis zum ſtillen Verlöſchen des Lichts, das ihm der Himmel zu hüten beſchieden hat. Viel⸗ leicht beſitzt er, da ſie ihn gutmüthig nennen, wenigſtens die Geduld des Ausharrens bis zum Ende... Ich kann mir den Glauben der Aerzte nicht geben, die dieſe Paula wie eine welk gewordene Blume an ſolchen Küſſen und Umarmungen aufleben ſehen und eine ge⸗ ſunde Mutter mit ſechs pausbackigen Jungen in Per⸗ ſpective dieſer Ehe erblicken. Zieht der Graf nach Schloß Salem, ſo fällt aus der dortigen Luft allein ſchon ein Mehlthau auf die zarte Pflanze; ſelbſt wenn ſie nie erfährt, wer die andre arme Seele war, die einſt dort in den kleinen Entreſols des Caſinos gehauſt hat“ ... Reſi Kuchelmeiſter nahm dieſen Brief ſehr übel und antwortete nicht mehr... Es war eben in der Welt nur Ein Mann, der Lucinden liebenswerth erſchien... Hochthronender denn je unter allem Elend und aller Schwäche dieſer Erde lebte er in ſeinem ein⸗ ſamen Alpenthale... Wie gern hätte ſie ihn in ſeinem jetzigen Glanz erblickt! In ſeiner langen weißen Dalmatica, mit ſeinem ſilbernen Biſchofsſtab, unter ſeiner ſpitzen Biſchofs⸗ krone, die ein Haar bedeckte, das ſchon, wie ſie bei ihrer Beichte zu Maria-Schnee geſehen, zu ergrauen anfing! mmen ngen der mis⸗ wige uns Rolle chts, Viel⸗ ſtens Ich lchen ge⸗ Per⸗ nach rllein wenn einſt hat“ übel inden allem ein⸗ bigen M mit fofß⸗ ihrer fiug 113 ... Wie gegenwärtig war ihr alles, was Bonaventura über dieſen Bund Paula's empfinden mußte... Sie ängſtigte ſich um die Gefahren, die ihn bedrohten... Hätte ſie nur mehr davon erfahren... Sollte ſie ſich an den Cardinal wenden?... Ceccone hatte den Kopf mit dem „Jungen Italien“ und den Vorwürfen des Staatskanz⸗ lers voll und Olympia ſprach nur ſelten noch anders, als mit Hohn über den von ihr zum„Heiligſten der Chriſten“ und zum Biſchof ernannten Deutſchen... Die Herzogin ſchien ihr eher eine Bundsgenoſſin; doch mußte ſie mit dieſer—„erſt einen Vertrag abſchließen“... Eines Tages hatte ſich Lucinde, als Olympia nicht anweſend war, nach einem kleinen Diner bei der Herzogin, dem der Cardinal, einige Prälaten und Offiziere beiwohn⸗ ten, den Scherz erlaubt, den großen rothen Cardinals⸗ hut des erſtern aufzuſetzen und damit vor den Spiegel zu treten... Das Geſpräch war ſo lebhaft, das Lachen ſo natürlich geweſen, daß Lueinde ſich dieſen kleinen Rück⸗ fall in ihre alten„Heſſenmädchen“⸗Naivetäten glaubte beikommen laſſen zu dürfen... Una porporata! rief Ceccone mit glühenden Augen und beifallklatſchend.. Der große rothe Sammthut mit den hängenden Trod⸗ deln von gleicher Farbe ſtand dem ſchwarzen Kopfe in der That allerliebſt... „Die Päpſtin Johanna!“ ſagte ein Offizier, der Lucinden zu Tiſch geführt hatte... Er ſchien ſich gut mit ihr unterhalten zu haben... Man nannte ihn den Grafen Sarzana... Er ſtand bei der Nobelgarde und war noch nicht lange von Reiſen zurück... Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 8 114 Der Cardinal drohte ihm für ſein Wort ſchelmiſch mit dem Finger, ſagte, wie zur Strafe:„Nein! Die Gräſin Sarzana!“... Damit ſetzte er Lucinden den ſchö⸗ nen Helm des Offiziers auf... Eine Purpurglut überfloß ſie... Ihre verunglückte Johanna d'Arc auf der Bühne ſtand wieder vor ihr... Sie hatte keine Kraft, ein Wort zu ſprechen, keine Kraft, den Helm wieder abzunehmen, bis es Herzog Pumpeo that... Der Cardinal hatte den ſeinigen ergriffen... Seit dieſer Zeit wurde ſie mit„Gräfin Sarzana“ geneckt und von niemand mehr als von Ceccone... Der Graf, der ſie nach dieſer Scene anfangs auffallend gemieden hatte, fing plötzlich ſogar ſelbſt an, den Scherz wahrmachen zu wollen... Er zeichnete ſie aus... Lucinde wußte, daß Don Agoſtino ein Graf„ohne Baldachin“ war, d. h. ohne Stellung zum hohen römi⸗ ſchen Adel. Ein Marcheſe iſt mehr als ein römiſcher Graf. Sie wußte, daß Graf Sarzana arm war und unter Cavalieren nach dem Schlag des alten Huſaren⸗ 1 rittmeiſters von Enckefuß lebte. Galanterie und die S Kunſt, mit 1500 Scudi für ſich und ihre Diener aus⸗ zukommen, erfüllte das Leben dieſer„armen Ritter“— unter denen ſich Frangipanis und Colonnas befinden... Wie ſich aber die Neckereien mit der„Gräfin Sarzana“ mehrten, trat ihr die Vergleichung des alten Enckefuß mit dieſen römiſchen Rittern noch in einer andern Beziehung entgegen... Der alte Huſarenrittmeiſter hatte Ehrgeiz, Ritterlichkeit, Treue, Aufopferung für gute Freunde, Tu⸗ r genden, die die Fehler ſeines Leichtſinns vergeſſen ließen . Seltſam aber, ſagte ſie ſich, dieſe romaniſche Art e beſitzt von alledem wenig oder gar nichts und regiert doch die Welt!... Die anſtändigſten Menſchen hatte Lucinde hier gewinnſüchtig und ſchmutzig geizig gefun⸗ den; ein gewiſſer Adel der Auffaſſungen, der ihr ſelbſt noch in der äußerſten Entartung des heimiſchen Junker⸗ thums, im Kronſyndikus, bei ernſten Kriſen erinnerlich war, fehlte hier... Sie ſah anſtändig gekleidete Män⸗ ner Abends in die Kaffeehäuſer zu den Gäſten treten, die Achſel zucken und den Hut hinhalten— um einen Bajocco zu echalten... Selbſt die Herzogin von Amarillas fand in ſolchen Vorkommniſſen nichts als die allgemeine Conſequenz des ſüdlichen Lebens Mit dem äußern Schein der Demuth verband ſich, wo Lucinde hinblickte, eine Gewöhnlichkeit der Anſchauungen, die ſelbſt ihre leichte Art zu denken und zu urtheilen noch überſchritt... Im Theater, das ſie wegen Olympiens Koketterie beſuchen mußte, ſah ſie zwanzig Tage hinter⸗ einander dieſelbe Oper oder Farce... An manchen Stellen, wo Rührung hervorgebracht werden ſollte, zit⸗ terten wol die Stimmen der Sänger, der Schauſpieler; die Taſchentücher wurden gezogen; aber meiſt waren es Ausbrüche von Klagen, die ihr weit eher lächerlich vorka⸗ men... Anderes wieder, das ſelbſt für ſie roh und herzlos erſchien, ging bejubelt oder als„großartig“ vor⸗ über... Maßſtab aller Beurtheilungen war die Klug— heit oder Dummheit, die man bewieſen. Eine geſchickt ausgeführte Liſt erntete Bewunderung... Und nicht an⸗ ders im täglichen Leben. Der alte Rucca war, wie alle ſagten, ein Gauner. Er ſtand im beſten Ein⸗ vernehmen mit den Cardinälen... Sein Sohn hatte die 116 Eitelkeit eines Affen. Seine Kameraden waren ebenſo. Anmaßung, Unwiſſenheit überall... Einige der römiſchen Junker trieben Politik und hielten ſich zur„nationalen“ Partei. Ihre Unzufriedenheit beſtand darin— daß im Sanct-Peter bei großen Feſtlichkeiten„die Geſandten und die Fremden die Plätze erhielten, die ihnen gebühr⸗ ten“!... Oder ſie fanden, daß der Kirchenſtaat zu ſehr von Paris, Neapel und Wien beherrſcht wurde; ſie woll⸗ ten die Herrſchaft der alten Geſchlechter wiederherſtellen. Selten, daß ſich einmal bei der Herzogin eine unter⸗ richtete Perſönlichkeit einfand. Die„Prälaten“ beſaßen Kenntniſſe, mehr noch, angeborenen Geiſt; aber eine Einbildung verband ſich damit, die jedes Maß überſchritt. Nach ihnen war jede Wiſſenſchaft zuerſt in Italien ent⸗ deckt worden... Wenn Cardinal Ceccone„auf ſein Alter Neuerungen liebte“, ſo beſtanden dieſe nur in dem eifrigſten Verlangen, den Einfluß der fremden Cabinette zu beſeitigen... Seitdem hatte freilich der Staatskanzler auch ihm von dem„Salz“ geſprochen, das auf das dem Erdboden gleichzumachende Mailand geſäet werden müßte ... Doch ging alles ſo keck, ſo ſicher, ſo maßgebend her! ... Dieſe elende Verwaltung!... Die Zölle befanden ſich in den Händen von Pächtern, die ſo rückſichtslos verfuhren, daß Zahlungsunfähige wider Willen zu Flücht⸗ lingen, Räubern und Mördern wurden... Auf An— laß des geſtern von Hubertus niedergeſchoſſenen Pas⸗ qualetto wußte Lucinde zwei Thatſachen. Einmal daß ſämmtliche fremde Weine, die Ceccone trank und ſeinen Gäſten vorſetzte, unverſteuerte waren. Zweitens daß Graf Sarzana geſagt hatte: Dieſe Kugel hat den Pas⸗ 117 qualetto für ſeinen letzten Räuberſpaß zu früh geſtraft! Er wollte ja von morgen an ehrlich werden! Er war nur hier, um nach Porto d'Ascoli mit einer Penſion zurückzukehren!... Die ſcharfen und freiſinnigen Urtheile des Grafen kamen nur in vereinzelten Augenblicken... Sie ſchienen einer Stimmung des Haſſes gegen den Cardinal zu ent⸗ ſprechen, des perſönlichen Haſſes; denn die ſämmtlichen Sarzanas waren Creaturen des Cardinals und ihm auf Tod und Leben verpflichtet... Don Agoſtino hatte Ver⸗ wandte, die nicht gerade des Abends in den Kaffeehäuſern achſelnzuckend bettelten, aber für jede Gefälligkeit eine Bezahlung verlangten... Die Schweſter des Grafen war eine Geliebte Ceccone's geweſen— alt geworden hütete ſie ſeine Landökonomieen... Ein Bruder von ihm verwaltete des Cardinals Oelmühlen—... Als er ſich zu viel Privatvortheil aus ihnen gepreßt hatte, ließ ihm der Cardinal die Wahl zwiſchen dem Tribunal del Go— verno oder der Heirath einer ſeiner vielen Nichten, die er nicht alle ſo auszeichnen und unterbringen konnte wie Olympia... Ceccone trieb, das entdeckte ganz aus ſich ſelbſt Lucinde, die Oſtentation mit dieſer Nichte nur des⸗ halb, weil ſo der Schein gewonnen wurde, als hätte er überhaupt nur Eine dergleichen zu verſorgen!... Der Car⸗ dinal lachte überlaut, als ihm Lucinde zwei Tage nach dem aufgeſetzten Purpurhut dieſe Andeutung mit einem verſchämten Blinzeln durch die Finger ihrer vors Ge⸗ ſicht gehaltenen linken Hand gab... Ein dritter Ver⸗ wandter des Grafen war durch Verheirathung mit einer andern Geliebten des Cardinals Aufſeher aller Häfen ge⸗ worden... Und Don Agoſtino?... Pah, dachte Lu⸗ 118 cinde, ſieht Ceccone ein, daß du nicht, wie hier Sitte iſt, durch eine Verheirathung mit ſeinem Majorduomo oder ſeinem Koch zu erobern biſt?... Sollſt du deßhalb, deß⸗ halb die Gräfin Sarzana werden— 2... In dieſen Grü⸗ beleien lebte ſie jetzt... Es gab Entſchlüſſe zu faſſen fürs Leben... Es ſtanden Erwägungen bevor, die die außerordentlichſte Anſtrengung des Verſtandes, der Liſt, der Berechnung, vielleicht— des Herzens koſteten... Sie hatte noch keinen klaren Entſchluß gefaßt—... Aber das ſtand feſt: Benno von Aſſelyn urtheilt gering über dich und ſeine Mutter infolge deſſen lächelt und zuckt dir die Achſeln!... Das ſoll nicht mehr ſein! Dies Lä⸗ cheln der Herzogin von Amarillas ſoll ihr ein für alle⸗ mal verdorben werden!... Lucinde wollte auf Villa Rucca den beiden ihr ſo nahe ſtehenden Mönchen die Theilnahme alter Freundſchaft und Dankbarkeit nicht verſagen, ſich aber im übrigen durch ſie vergewiſſern, ob die Herzogin jene Betrogene von Alten⸗ kirchen, jene Römerin war, von der auf Schloß Neuhof ſo⸗ viel Sagen gingen, die Hubertus doch wol wiſſen mußte... Einen fatalen Eindruck machte es ihr jetzt beim Anfahren, daß ſie die Villa Rucca keinesweges in der Stille antraf, die ſie zur Ausführung ihrer entſchloſſenen Abſichten bedurft hätte... Nicht nur wurden eben von einer Menge Arbeiter die Spuren des geſtrigen Feſtes entfernt, ſondern auch eine Gerichtscommiſſion war zu⸗ gegen, die die geſtrigen Vorfälle aufnahm und der nun gerade ihr Erſcheinen zu ſtatten kam, um von ihr noch einige an ſie gerichtete Fragen beantworten zu laſ⸗ ſen... Der Cardinal ſogar und der alte Fürſt Rucca zitte iſt no oder l, deß⸗ n Grü⸗ faſſen die die er Liſt 1h. gering nd zuck dies Lä⸗ ür alle⸗ ſo nahe aft und zpurch ſie Alten⸗ hof ſo⸗ ußte... gt beim in der loſſenen ben von Feſtes war zu⸗ der nun von ihr zu laſ⸗ 1 Rucca 119 waren zugegen... Sie hörte ſchon, daß beide am Ort des geſtrigen Ueberfalls mit den Mönchen Hubertus und Vincente im Geſpräch verweilten... Ueber Se⸗ baſtus erfuhr ſie, daß es mit ſeiner Wunde nicht gut ſtand und die Benfratellen jeden Augenblick erwartet wurden, ihn abzuholen... Auch dem Cardinal und dem Fürſten war ſie im höch⸗ ſten Grade und als Dolmetſcherin willkommen... Beide ſuchten mit dem drolligen Laienbruder, deſſen Aeußeres vom Dienertroß belacht wurde, eine Verſtändigung, die Pater Vincente nur mühſam vermittelte... Lucinde wurde ſofort gerufen, in den Garten zu kommen... An der Stelle des geſtrigen Erlebniſſes harrten ihrer die drei geiſtlichen Herren und der alte Rucca im lebhaf— teſten Geſpräch.. Hubertus grüßte ſie mit aufrichtigſter Freude und drückte nur mit Trauer Befürchtungen wegen ſeines Freundes Sebaſtus aus... Seine Augen ſagten: Sei dankbar! Es geſchah alles um dich! Bleibe uns ein guter Engel! Entſende den Brief— wenn er noch nö⸗ thig iſt— Deinen Verbindungen gegenüber! Du weißt, was wir beide ſeit Witoborn gemeinſchaftlich zu tragen haben.. Lucinde beglückte und beruhigte ihn durch einen ihrer gütigſten Blicke... Pater Vincente und der Cardinal erhielten von ihr die Ehren, die der kirchlichen Stellung derſelben gebührten... Pater Vincente—„der Rival Ihres Bonaventura um die nächſte vacante Heiligenkrone“—! wie neulich Olympia zur Herzogin geſpöttelt hatte— Ceccone das Bild des Ver⸗ —— ——,, — — — ſuchers, der mit einiger Reſerve über alle Schätze der Erde gebietet... Lächelnd ſtand er und ſchien Lucinden mit geheimnißvollen Zeichen begrüßen zu wollen... Aber ſie blieb voll Demuth... Der alte Fürſt war wie ein luftſchnappender Hecht, der ſich nicht in ſeinem Elemente befindet... Vor dem heiligen Pater Vincente mußte er Ehrfurcht bezeugen und färgerte ſich doch, daß dieſer nicht geläufiger deutſch verſtand..„Mit gemachtem ſüßſauern Lächeln ver⸗ wies er Lucinden auf den von Pater Vincente vorgetra⸗ genen Stand einer Verhandlung, der zufolge ſie er⸗ fuhr, daß der Räuberhauptmann Pasquale Grizzifalcone in der That nach Rom gekommen war auf Veranlaſſung — zunächſt des Fürſten Rucca... Sie traute ihrem Ohre nicht... Der Fürſt verſicherte jedoch ungeduldig: Ebbéne! und wendete ſich zu Vincente mit einem drängenden Parla dunque! nach dem andern... Lucinde hörte, daß der berüchtigte Verbrecher, der ſchon vielfach ſein Leben verwirkt hatte, hier auf dieſer Villa erwartet worden war zu einem friedlichen Geſpräch, das der Fürſt mit ihm unter vier Augen hatte halten wollen... Pasqualetto, wie er im Munde des Volkes hieß, hatte die Bürgſchaft der Sicherheit verlangt... Dieſe hatte er erhalten auf das dem Fürſten gegebene Ehren⸗ wort— des Cardinals... Dieſer nickte ein Ja! und ſetzte ſich jetzt... Zur Summe, die der Räuber als Bedingung ſei⸗ nes Erſcheinens verlangte, hatte dieſer„dumme Kerl“, wie der Fürſt ſagte, noch eine„buona manchia“ extra verdienen wollen; eine Summe von einer der„Prin⸗ zeſſinnen“, die ſich vielleicht im Garten zu ſicher dünk— ten... Vielleicht auch— eine Geiſel für ſeine Si⸗ cherheit zu denen, die er ſchon in den Schluchten der Mark Ancona beſaß... Dies ſetzte der Fürſt mit einem ſelt⸗ ſamen Streiflicht auf das„Ehrenwort“ des Cardinals hinzu.. Sie hätten nun geſtern beinahe noch zwei ſolcher Gei⸗ ſeln gefunden, aber Pasqualetto hätte leider dran glauben müſſen... Leider! betonte der alte Fürſt in allem Ernſt und corrigirte ſich nur pro forma: Der Bluthund!... Dabei ſah er über die Mauer, wo noch die Spuren der geſtrigen Verwüſtung nicht getilgt waren... Der Nimmerſatt! ergänzte Ceccone ironiſch und ließ zweifelhaft, wen er meinte... Lucinde orientirte ſich allmählich... Der Fürſt erging ſich in der heftigſten Anklage eines Menſchen, der hier den Staatsbehörden völlig in der Eigenſchaft einer gleichberechtigten Macht gegenüberſtand ... Dabei richtete er ſeine Vorwürſe geradezu wie die öffentliche Meinung gegen Hubertus.. Dieſer Arme verſtand ſie nicht und ſuchte nur mit ſeinen glühenden Augen, die im Knochenſchädel hin- und herfunkelten, zu deuten, was ſeine Ohren nicht begreifen konnten... So viel merkte er allmählich, daß er den hohen Herren wol gar keinen Gefallen mit ſeiner raſchen Anwendung des Piſtols gethan hatte... Der Cardinal wiegte ſich im Seſſel, brach über ſich Lorberblätter, die er in ſeiner flachen Hand zerklopfte, und beobachtete nur ſcharf fixirend Lucinden... Daß 122 dieſe die Mönche Hubertus und Sebaſtus kannte, ſchien ihm darum von Intereſſe, weil ſich die kleinen pikanten Epiſoden der gewöhnlichen Devotion und amazonenhaften Kälte dieſes fremden Mädchens immer zahlreicher einzu⸗ finden begannen... Durch dieſen Tod, krächzte der alte Fürſt offen zu Hubertus heraus, haben Sie die heilige Kirche um eine große Gelegenheit gebracht, Gerechtigkeit zu üben!... Sie hätten ſich getroſt von hier ſollen entführen laſſen, ſchöne Signora! ſcherzte er, ſich mäßigend... Ich würde mit Vergnügen das Löſegeld gezahlt haben— Der Car⸗ dinal da hätte den Reſt hinzugefügt— ſetzte er mit ſardoniſchem Lächeln und ſeine Aufregung zügelnd hin⸗ 3u... Senza il supplimento!... Ohne das Agio! erwi⸗ derte der Cardinal ebenſo trocken ironiſch... Er ſtreckte ſeine rothen Strümpfe vor ſich auf die unteren Sproſſen eines Seſſels aus... Sein Bein war noch untadelhaft ... Kopfnickend beſtätigte er alles Erzählte, nur mit einer gewiſſen ironiſchen Bitterkeit... Sie können alles wieder gut machen, fuhr der alte Fürſt zu Hubertus fort, wenn Sie ſich die Gnade des Pater Campiſtrano erwerben und wirklich dieſe Reiſe nach Porto d'Ascoli unternehmen wollen... Nach Porto d'Ascoli? fragte jetzt Lucinde ſtaunend über die Anrede, die ſie überſetzt hatte. Beim Namen des Pater Campiſtrano blickte Pater Vincente beſonders ehrfurchtsvoll—... Hubertus ſtand unbeweglich, dem alten knorrigen Myrtenſtamm nicht unähnlich, an den er ſich lehnte... Er — chien nten aften izu⸗ zu eine ſſen, ürde Lar⸗ mit hin⸗ rwi⸗ eckte ſſen haft mit 123 hatte ſchon vorhin von einer Reiſe nach der Küſte geſpro⸗ chen— das war richtig— er verſtand nur noch zu dun⸗ kel den Zweck und ſah auf Lucinden als Hülfe... Dieſe wollte ſich erſt vollſtändiger zurecht finden, wollte auch die Intereſſen des Cardinals erſt ſondiren, ehe ſie vermittelnd eingriff... Wie den Cardinal dieſe Klugheit entzückte, die er vollkommen überſah!... Cec⸗ cone ſchien gleichgültig, ſpielte mit ſeinem Augenglaſe, fixirte bald Lucindens Toilette, bald das Curioſum der Geſichtszüge und Geſtalt des deutſch-holländiſchen Laien⸗ bruders, das er belachte... Hubertus hatte allerlei Dinge von einem Pilger, von einem Deutſchen geſprochen, die ihrerſeits Lucinde nicht verſtand... Erſt allmählich lüftete ſich ihr folgender, größtentheils von Pater Vincente vermittelter Zuſammenhang... Der Räuber Pasqualetto war, wie im Muſter⸗ ſtaat der Chriſtenheit, im Eldorado der katholiſchen Sehnſucht, üblich, unter dem Verſprechen der Sicherheit nach Rom entboten worden, um für eine bedeutende Summe dem Fürſten Rucca Mittheilungen über die Lage ſeiner Intereſſen an der adriatiſchen Küſte zu machen... Der Gewinn, den der gefürchtete Räuber von ſeinen Unternehmungen zog, mußte ſonſt mit ſeinen Gefährten getheilt werden; diesmal wollte er die Frucht langer Verhandlungen, eine lebenslängliche Penſion ganz für ſich allein, wollte ſeine Wohnung inskünftige in der from— men Stadt Ascoli nehmen und ſein bisheriges Leben der Nachſicht der Behörden empfehlen... Solche letzte Friedensſchlüſſe der Regierungen mit den Fra Diavolos 124 der Landſtraßen ſind in Italien nichts Seltenes und für Jedermann daſelbſt das Erwünſchtere, weil Sicherſte... Wenn auch zugeſtanden werden muß, daß ſich Ceccone und das Tribunal gegen dieſe Uebereinkunft ſträubten, ſo wußte doch Fürſt Rucca ſeinen Wünſchen Nachdruck zu geben und nicht blos im Scherz ſagte er zu den höchſten Richtern: Fürchtet ihr, daß eure Namen auch auf der Liſte derer ſtehen werden, die mir die Füllung des Schatzes des Heiligen Vaters mit der Zeit unmöglich machen?. Beſonders ſah wol gar Ceccone den Enthüllungen des Pasqualetto mit unheimlicher Spannung entgegen. Der Fürſt hatte heute ganz den übeln Humor, der jeden Gaſtgeber am Morgen nach einem Feſte, wenn es auch noch ſo ſchön ausfiel, zu erfüllen pflegt... Er äußerte ihn in aller Offenheit mit den Worten: Ich glaube, dieſen Mord des armen Pasqualetto hat jemand auf dem Gewiſſen, der ſich fürchtete, auf zehn Jahre zurück ſeinen Champagner verſteuern zu müſſen!... Der Cardinal zog verächtlich die Lippen... Lu⸗ cinde ſah, daß, wenn der Cardinal hier etwas fürch⸗ tete, mehr im Spiele ſein mußte als ſein unverſteuer⸗ ter Champagner... Doch auch ſchon dieſe Beſchul⸗ digung durfte den Cardinal mit Recht reizen... Er verwünſchte alle die, die der Kirche und ihren Cardinälen Uebles nachſagten.. Hubertus horchte nur. Der Räuber war, erfuhren er und Lucinde, am Ti⸗ berſtrand mit einigen alten Kameraden aus San⸗Mar⸗ tino, einem bekannten Räuberneſt im Albanergebirg, in Berührung gekommen und hatte bloß den Spaß am ür . Feſte ſeines verſöhnten Feindes noch als„Zugabe zum Fleiſch“ ausführen wollen... Die Verſtändigung zwi⸗ ſchen dem Fürſten Rucca und Pasqualetto war auf brieflichem Wege vor ſich gegangen— wenn auch mit der größten Schwierigkeit... Der Schmuggler⸗ und Räuber⸗ hauptmann konnte natürlich ſelbſt weder leſen noch ſchrei⸗ ben... Für ſein Vorhaben, die Hehler unter den Kaufleu⸗ ten und die mit ihnen und den Schmugglern unter einer Decke wirkenden Zollbedienten anzugeben, mußte er ſich eines verſchwiegenen Beiſtandes, der ſchreiben und leſen konnte, bedienen. Für ſolche Fälle gibt es in Italien die Mönche, falls ſie— ſchreiben können... Aber ſelbſt die⸗ ſen hatte Pasqualetto nicht getraut. In Ascoli wollte er ſeine Tage in Ruhe beſchließen; er war wol auch gerüſtet, die Rache der von ihm Verrathenen zeitlebens gewärtigen zu müſſen, hatte ſich auch deshalb für die Schlimm⸗ ſten unter den Defraudatoren die Verzeihung erbeten; aber er vertraute ſich ſogar den Mönchen nicht gern an. Wo fand ſich auch bei ihnen der Muth, Vermittler eines ſo eine ganze Provinz in Furcht und Schrecken verſetzenden Strafgerichts zu werden! Die Mönche mehrerer Klöſter, bei denen er anklopfte, baten ihn him⸗ melhoch, keine dergleichen Thorheit zu begehen und in ſolcher Form reuig werden zu wollen! Wendet Euch doch an uns und die Madonna! ſagten ſogar die Aebte... In der Kathedrale von Macerata gab es ein wunderthätiges Marienbild, das alles vergab... Kurz Pasqualetto war loyaler, als die ehrwürdigen Väter und vollends als die einſam wohnenden Landpfarrer, die ſich mit einer ſolchen Provocation der Rache der Betheiligten am wenigſten 126 einlaſſen wollten... Wie ſehnte ſich der rieſige Pasqua⸗ letto, der eiſerne Pfoſten aus Brettern ausbrechen, nur nicht ſchreiben konnte, nach einem Dolmetſcher ſeiner Wünſche!... Kaum daß er einige Mönche ſo weit brachte, für die Verſtändigung mit dem Generalpächter der Steuern die erſten Einleitungen zu treffen... Hier wollte der Fürſt wieder ſelbſt erzählen... Pater Vincente trug ihm alle dieſe Geſchichten mit einem zu elegiſch eintönigen Klange und wie von der Sünd⸗ haftigkeit dieſer Welt wenig erbaut vor.. Man hörte indeſſen doch aus des Prieſters Munde: Seine Hoheit waren ſeit lange in ihren Einnahmen nicht ſo verkürzt geweſen, wie in den letzten Jahren. Während die ſtatiſtiſchen Ausweiſe aller Staaten eine Zunahme der Zollerträgniſſe erwieſen, ſanken in ſchrecken⸗ erregender Weiſe die des Kirchenſtaats. Ein Gewebe von Defraudationen hatte ſich gebildet, das neben dem geregelten Steuerweſen des Staats und der Pächter ein zweites der Schmuggler, der treuloſen Zollbedienten und Conſumenten bildete. Fürſt Rucca ſchwur, daß er im vorigen Jahr den Ausfall einer halben Million gehabt und in dieſem Jahr würde das Uebel noch ärger wer⸗ den. Er wollte ein Gericht mit Schrecken halten. Wozu war Ceccone's Nichte ſeine Schwiegertochter geworden... Pater Vincente ſprach letzteres nicht alles... Lucinde ahnte es... Der Pater ſenkte die langen ſchwarzen Augenwimpern... Wie ſah er ſo heilig aus... Cec⸗ cone fing an, ihn ſchärfer zu beobachten... Er dachte: Fefelotti will Dich zum Cardinal machen?... Das iſt von meinem Gegner theils Koketterie mit der Mode der Frömmigkeit, theils eine erneute Schauſtellung der Lebensweiſe Olympiens und eine Verurtheilung meines Syſtems... Die geiſtliche Intrigue ergreift jedes welt⸗ liche Mittel... Ceccone verſank in brütendes Nachſinnen... Hubertus aber und Lucinde erfuhren: Pasqualetto wollte ſich durchaus noch immer nicht nach Rom begeben, aber auch ſeine Liſte von Kaufleuten, rei⸗ chen Grundbeſitzern, vielen vornehmen Männern in Rom, vorzugsweiſe von Zollbedienten und Helfershelfern der Schmuggler blieb ungeſchrieben... Das Geſchäft rückte nicht vorwärts... Endlich begab ſich Pasqualetto mit ſeinen nächſten Vertrauten in die Gegend von Loretto... Dort wollte er nächtlich einen Pfarrer überfallen und ihn mit geladener Flinte zwingen, niederzuſchreiben, was ihm „unter dem Siegel der Beichte“ dictirt werden würde .Da fiel ihm vor Loretto ein Haufe Pilger in die Hände. Dieſe, ſo arm ſie waren, plünderte man aus und entdeckte, daß einer derſelben, der der ärmſte von allen ſchien, nur eine Bibel(ein verbotenes und allen Steuerbeamten als zu confisciren bezeichnetes Buch) und ein Taſchenſchreibzeug beſaß... Dieſen glücklichen Fund hielt man feſt... Ein Gefangener, der ſchreiben konnte! ... Ein Bettler, der ſich, wenn es ſein mußte, aus der Welt ſchaffen ließ, ohne daß viel Nachfrage danach war ... Dieſen Unglücklichen ſchleppten die Räuber mit ſich und hielten ihn ſeit Monden gefangen. Es war ein Greis, krank, hinfällig; er kam von den Alpen her, hatte nach dem ſüdlichen Italien gewollt— er nun war der Vertraute einer hochwichtigen Staatsaffaire gewor⸗ den... 128 Und hier eben war es, wo ſchon bei der früheren Erörterung dieſer Dinge Hubertus in ſeiner regſten Theil⸗ nahme aufgewallt war... Ingleichen gab auch Vincente jetzt wie vorhin über dieſen gefangenen, dem Verderben preisgegebenen Pilger Zeichen eines geſteigerten Intereſſes... Den Pilger zwangen die Räuber, Nachts über die wildeſten und ſchroffſten Felſenwände zu klettern und mit ihnen in einſamen Höhlen zu campiren... In einer verlaſſenen Zollwächterhütte am Meeresſtrand fand ſich nach drei Tagen das nothwendige Papier und nun begann die Correſpondenz mit Rom... Das war ein Verkehr wie zwiſchen zwei Cabinetten.. Grizzifal⸗ cone ging vorſichtig zu Werke... Die Actenſtücke ſeines Verrathes mehrten ſich... Der Pilger mußte Namen und Orte, alle Waaren, die ſeit Jahren nicht verſteuert ge⸗ weſen zu ſein ſich die Schmuggler entſannen, alle Heh— ler, auch die Schlupfwinkel niederſchreiben, wo die Waa⸗ ren geborgen wurden, Fiſcherhütten bei San⸗Bene⸗ detto, Leuchtthürme am Foſſo Bagnolo, Felſenſchluch⸗ ten bei Grottamare, Zollwächterhäuſer beim Hafen von Monte d'Ardizza— nichts blieb ungenannt... Der unglückliche Pilger hatte Bogen vollgeſchrieben mit Ge— ſtändniſſen, die dem Fürſten Rucca Gelegenheit zu einem Strafgericht geben ſollten... War nun dies Convo⸗ lut mit Pasqualetto mitgekommen?... Wo befand es ſich?... Es fehlte... Hier fragte Lucinde, warum ſich der Fürſt dieſe Pa⸗ piere nicht ſchon früher hätte zuſchicken laſſen.. Er erwiderte, er mistrauete der Poſt... üheren Theil⸗ in über Pilger ber die en und 5 d fand d nun aar ein rzzifal⸗ e ſeines een und tert ge⸗ e Hel⸗ Wau⸗ Bene⸗ ſcluch⸗ fen von Der it Ge⸗ einem Convo⸗ and es eſe Po⸗ 129 Wer kann ſich auf Eure Poſt verlaſſen! ſagte er bitter und zornig... Der Fürſt, entgegnete Ceccone ſich bekämpfend, wollte nur noch mehr vom Pasqualetto erfahren, als was dieſer wagen würde niederſchreiben zu laſſen... Lucinde ſah, daß es den alten Fürſten mächtig gereizt hatte, gerade die Würdenträger der Kirche, die feſteſten Säulen der Prälatur, einer Ariſtokratie, die noch immer in ihm den Nachkommen eines Bäckers ſah, wenn nicht zu compromittiren, doch necken und in Schach halten zu kön⸗ nen... Er glaubte nicht, daß der Räuber ſchriftlich dieſe und ähnliche Namen angeben würde... Deshalb wünſchte er das perſönliche Erſcheinen... Vincente's Stimme erhöhte ſich jetzt ſeltſam... War es deshalb, weil ſich die Zahl der Unglückli⸗ chen, die in den Händen der Räuber lebten, mehrte und es dem Frevel galt, daß ſogar das geſalbte Haupt eines Biſchofs in dieſe blutigen Dinge verwickelt wurde?... Lucinde hörte, daß Grizzifalcone endlich hatte kommen wollen... Doch ließ er vorher noch den Biſchof von Mace⸗ rata verſchwinden... Vom Beſuch eines Weinbergs, zwiſchen den Bergen dahinreitend, war der hohe Prälat nicht wieder nach Hauſe gekommen. Pasqualetto hatte ſich ſeiner als einer Geiſel verſichert... Im„Diario di Roma“ wurde die Schuld dieſes Ueberfalls allerdings nur dem Pasqualetto zugeſchrieben; aber wie ſehr man verſicherte, daß die bewaffnete Macht ausgezogen ſei, den gefangenen Prälaten zu befreien, man konnte ſeiner nicht habhaft werden und wollte es auch nicht— das ſagte Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 9 130 ſich Lucinde... In der officiellen Zeitung ſtand nichts von dieſem geheimen Zuſammenhang eines ſo betrübenden Vorfalls mit einem großen Staatsact der dreifachen Krone... Nun endlich erſcheint Pasqualetto. Vielleicht, um ſich noch ſicherer zu ſtellen, raubt er vom Hochzeitsfeſt des Fürſten Rucca noch einen der Gäſte... Da unterliegt er ſelbſt! Alle Hoffnungen ſind dahin! Die Verhand⸗ lungen eines Jahres vereitelt!... Der Stand der ganzen Frage beruhte jetzt auf dem Leben und der Freiheit zweier Gefangenen, von denen der eine ein hoher kirchlicher Würdenträger war, der andre die Kenntniß der Liſte hatte... Wäre nur dieſe Liſte gerettet! ſeufzte der Fürſt... Die Gerichtsperſonen hatten ausgeſagt, daß ſich, als man die Kleider des Erſchoſſenen unterſuchte, in den Ta⸗ ſchen Amulete, Muttergottesbilder, geweihte Schaumün⸗ zen genug vorfanden, auch ſämmtliche Briefe eines Kochs des Fürſten, der die Correſpondenz geführt hatte; aber weder in den Taſchen, noch in der Spelunke, wo Pas⸗ qualetto abgeſtiegen war, noch bei gefangenen Compli⸗ cen fand ſich die Liſte, auf die die ganze Sehnſucht des Fürſten brannte... Nun bereuete er, den ſchriftlichen Verkehr durch die Poſt nicht vorgezogen zu haben. Nun bereuete er ſeine geſtrige Angſt, die ihn beſtimmte, ſo eilends zu entfliehen... Wie bitter deu⸗ tete er dem Cardinal an, daß dieſer die Liſte wahr⸗ ſcheinlich geſtern ſogleich aus der Taſche des Ermordeten ſelbſt zu ſich geſteckt hätte... Es waren freilich nur Blicke und Flüſterworte, die — nichts venden fachen m ſich zſt des erliegt chand⸗ f dem denen „der 1. ), als 2n Ta⸗ umün⸗ Kochs aber Pas⸗ kompli⸗ nſucht „, den gen zu die in er deu⸗ wahr⸗ ordeten rte, die die in Demuth fern Stehenden nicht hörten... Lu⸗ cinde verſtand ſie aber.. Der Cardinal nannte in allem Ernſt den Ziſcheln⸗ den jetzt einen Hanswurſten und verlangte von ihm — ja von Ihnen, Altezza!— den Biſchof von Ma⸗ cerata heraus... Pater Vincente hatte vom Schickſal des Biſchofs mit bebendem Ton geſprochen... Pasqualetto iſt todt! rief Ceccone. Wo finden wir das geſalbte Haupt eines der frommſten Prieſter der Chriſtenheit wieder!... Und wo— wo find' ich— die von dem Pilger geſchriebene Liſte! fiel der ergrimmte Fürſt ein... Der Koller des Zorns ergriff den kleinen Mann zum Schlagtreffen. Wenn er den fremden Franciscaner⸗ bruder nicht um ſeine vorſchnelle Art, hier in Rom auf Spitzbuben Piſtolen abzuſchießen, perſönlich mishandelte, wenn er ſich durch die Ankunft der Donna Lucinde hindern ließ, die Worte, die er vorhin geſprochen, zu wiederholen:„Ihr hättet eine Zofe wie dieſe, und wäre es auch Eure ſpaniſche Herzogin ſelbſt geweſen, zehnmal ſollen zum Teufel fahren laſſen—! Wo in aller Welt ergreifen hier Mönche die Waffen!“ ſo war es, weil er wiederholt von Hubertus verlangte, daß dieſer ſeine Uebereilung durch eine That voll Muth, Entſchloſ⸗ ſenheit und Discretion wieder gut machen ſollte... Hubertus ſtand erwartungsvoll und im höchſten Grade bereit dazu... „Wie ſoll ich es?“ fragte nur über die näheren Einzelheiten ſtatt ſeiner Lucinde.. 9* 132 —Siee hörte jetzt noch mehr von jenem Pilger... Huber⸗ tus hatte erklärt, dieſen Pilger zu kennen... Unfehl— bar müſſe es derſelbe geweſen ſein, mit dem er über die Apenninen geklettert und zuerſt beim Beſuch der„heiligen Orte“ des Sanct⸗Franciscus auf der Penna della Ver⸗ nia zuſammengetroffen war... Das Leben dieſes Pil⸗ gers hing ohne Zweifel von einem Haar ab, falls er noch unter den Räubern geblieben war und unter den Zoll⸗ bedienten die Kunde ſeiner Beihülfe zum Verrath ſich verbreitete, die Kunde ſeines vielleicht abſchriftlichen Be⸗ ſitzes der Liſte... Hubertus hatte ſchon ſo viel von dieſem Pilger erzählt, daß Lucinde begreifen konnte, warum auch Pater Vincente lebhaft für ihn eingenommen ſchien und einmal über das andere das Schickſal des armen Gefangenen beklagte... Lucinde hörte das Gepolter des Fürſten... Sie hörte, was ſie überſetzen ſollte... Die Schilderung der unzugänglichen Schluchten am Meer, wo Pasqualetto zu hauſen pflegte... Die Schilderung der Liſt und Verſchlagenheit, mit der man allein ſich dieſen eigen⸗ thümlich organiſirten Banden zu nähern vermochte... Die Schilderung der Ehren und Auszeichnungen, die den Pilger hier in Rom erwarten ſollten, wenn ihn Hubertus glücklich auffände und über die Gebirge brächte... Sie überſetzte eine wiederholte Aufforderung des Fürſten an Hubertus... Reiſet nach der Gegend von Porto d'Ascoli! Sucht, da Ihr muthig und unerſchrocken ſeid, das Ge⸗ fängniß des Biſchofs von Macerata und des Pilgers von Loretto! Alle Briefe, die Pasqualetto ſeit Mona⸗ ten ſchon mit mir wechſelt, ſind von dieſem frommen zuber⸗ nfehl⸗ er die iligen 133 Mann geſchrieben, den die Räuber zu dieſem Be⸗ huf gewiß in den unwegſamſten Höhlen verborgen halten... Ceccone ergänzte: Der Biſchof von Macerata iſt ein Greis—... Der Biſchof von Macerata iſt ein Greis, ſagen Seine Eminenz— fuhr Lucinde fort... Aber mit allen Fähigkeiten der Jugend ausgeſtattet, ſetzen Seine Hoheit, den Pilger meinend, hinzu... Seine Briefe— der Cardinal meinen die Klagen des armen Biſchofs— ſind gewandt und in jeder Beziehung vollkommen, mei⸗ nen Seine Hoheit— Beide ſprechen zu Euch: Kann eine fromme Seele dulden, daß die Mittel, die den Stellvertreter Chriſti auf Erden in ſeiner nothwendigen Würde erhalten ſollen, durch Schurken, ungetreue Haus⸗ halter, Judaſſe verkürzt werden?... O hätt' ich das Ver⸗ zeichniß, ſpricht der Fürſt, das dieſer Mann unter den Flinten der Räuber ſchreiben mußte! Oder könnte den Pilger, wenn Ihr ihn findet, Eure Entſchloſſenheit über⸗ reden, Euch die vorzüglichſten Namen zu nennen, die auf dieſem Papier zur Schande der Chriſtenheit glänzten! Die Namen von Herzögen und Excellenzen behält man doch wol—!... Ich will ihm hier in Rom die glänzendſte Wohnung einrichten, will ihn ſchadlos für alles halten, was er erduldete!... Suchtet Ihr den Pilger und— den Biſchof, ſagen der Cardinal, ſo würdet Ihr eine Krone mehr im Himmel gewinnen! Ich fahre ſofort, ſagen Seine Hoheit, nach Santa⸗Maria und werfe mich dem Pater Campiſtrano zu Füßen, um Eure Verzeihung, Eure Freiheit zu gewinnen, damit Ihr einen Zweck voll⸗ 134 führt, der Euch in jeder Beziehung den Dank der Chri⸗ ſtenheit erwerben wird!... Hubertus überſah jetzt in voller Klarheit das an ihn geſtellte ſchwierige, lebensgefährliche Begehren.. Aber ſeine Bereitwilligkeit, einer ſo ehrenvollen, wenn auch den Tod— und nicht allein von Räuberhand— drohenden Aufgabe ſich zu unterziehen, gab ſich mit der ihm eigenen Liebe zu Abenteuern um ſo mehr kund, als ihm die Ueberzeugung innewohnte von einer Identität des Pilgers mit jenem Deutſchen, den er trotz ſeiner Ketzerei auf der Reiſe nach Rom liebgewonnen... Zuletzt konnte er hoffen, durch ſolche Dienſte, die er dem Heiligen Vater leiſtete, auch für ſeine Wünſche über die Perſon Wenzel's von Terſchka ins Reine zu kommen ... Hatte er bei ſeinem General die Freiheit gewon⸗ nen, ſo wollte er unerſchrocken ſeine desfallſigen Wünſche vortragen, ehe er die Reiſe antrat... Das Vertrauen, heil und geſund nach Rom zurückzukehren, beſaß er voll⸗ auf... Jetzt ergänzte mit verklärten Augen Pater Vincente ſeine Mittheilungen... Alles, was Hubertus erzählt und Lucinde überſetzt hatte, traf auf die Erinnerungen zu, die Pater Vincente vom Bruder Federigo zu Caſtellungo hatte... Auch Lucinde kannte ja dieſen Deutſchen, bei dem Porzia Biancchi ſich die Fähigkeit erworben, ſich als Müllerin Hedemann in Witoborn mit ihren deutſchen Mägden verſtändlich zu machen... Endlich ſprach ſo⸗ gar zu ihrem höchſten Erſtaunen der Cardinal: Gelobt ſei unſere gute Mutter Kirche! Dieſem Pas⸗ qualetto verdanken wir, wie es ſcheint, mehr als einen Chri⸗ an ihn wenn nd— it der , als entität ſeiner er dem her die ommen gewon⸗ zünſche rauen, 4 voll⸗ incente erzählt gen zu, ellungo en, bei ſch als zutſchen ach ſo— n Pas⸗ einen 135 großen Gewinn! Nicht daß ich Hoffnung habe, Eure Hoheit in den Stand geſetzt ſehen, Ihre Klagen über die Diener der Gerechtigkeit und unſere Subalternen beſtätigt zu erhalten— ich würde nur auf die Aus⸗ ſagen eines Räubers am Fuß des Schaffots, nicht auf die Lügen eines Böſewichts etwas geben, der ſich mit lächerlichen Hoffnungen ſchmeichelte, ja noch als Bür⸗ germeiſter von Ascoli ein Leben der Achtung führen zu können wähnte—; aber darin hat er uns einen gro⸗ ßen Gewinn verſchafft, daß er den edeln Söhnen des heiligen Dominicus Gelegenheit gibt, die Milde zu be⸗ weiſen, die ſie gegen Ketzer ſchon zu lange ausüben!... Signora, Sie fragten mich vor kurzem nach den Streitig⸗ keiten des Biſchofs von Robillante?... Hören Sie, was eintreffen muß!... Wenn der apoſtoliſche Eifer des Herrn von Aſſelyn ſein neues Vaterland beſchuldigt, daß Ungläubige hier ſpurlos in den Kerkern der Inquiſition verſchwinden können— ſo erleben wir die glänzendſte Genugthuung! Frommer Bruder, rettet den Biſchof von Macerata! Wagt Euch in die Klüfte, wo dieſe Räuber hauſen! Rettet aber auch dieſen Pilger! Gebt den Be⸗ weis, daß dieſer Flüchtling, den von uns die ſardiniſche Regierung reclamirt, den die Geſandtſchaften Englands, Schwedens, der Niederlande, Preußens in den Händen der Dominicaner vermuthen, in keinem heiligen Inquiſitions⸗ officium, weder ſonſtwo, noch hier in Rom, feſtgehalten wird! Er iſt gefangen! Ja! Aber von Räubern! Er muß, auf den Tod bedroht, dieſen die Beförderung der öffentlichen Wohlfahrt erleichtern, wodurch ihm Verzeihung werden könnte für die viele Mühe und Sorge, die uns bereits ——— —————— it 136 die Nachfragen nach dem Verſchollenen nicht blos von Caſtellungo und Robillante aus, ſondern von Turin, Lon⸗ don, Berlin und Wien gemacht haben! Fefelotti wird mir, ſo wenig er es ſonſt um mich verdient hat, dankbar ſein, wenn ich ihm den Beweis an die Hand liefere, daß nichts mehr im Wege ſteht, ſich mit ſeinem feuerköpfigen Nachbar zu verſöhnen! Guter Bruder! Ihr ſeid von einem Blut, das Euch zu leicht in Euern ſchönen Kopf ſteigt! Wan⸗ dert getroſt, wandert immerhin! Leiht dem Vorſchlag eines Eurer drolligen Ohren! Laßt für Euch in Santa⸗Maria Seine Hoheit jenen Fußfall thun! Euch wird es Segen bringen und einem ſo vornehmen Mann, wie ihm, nichts ſchaden!... Ceccone hatte ſich lächelnd erhoben und ſchüttelte Hubertus, deſſen Augen vom Feuer ſeines Unternehmungs⸗ eifers blitzten, die Hand... Dieſer küßte die ſeinige voll Demuth... Pater Vincente ſtand aufhorchend und feierlich... Lucinde ſtaunte des Zuſammenhangs aller dieſer ſeltſamen Unternehmungen... Nur der alte Rucca zweifelte— Ceccone ſchien ihm auf alle Fälle eine dop⸗ pelte, ihm wahrſcheinlich nur feindliche Rolle zu ſpielen... In dieſem Augenblick hörte man in der Ferne das Läuten einer kleinen Handglocke... Das Glöcklein der Benfratellen! ſagte der Cardinal. Sie kommen mit der Tragbahre, den zweiten unſrer tapfern deutſchen Lanzknechte des Heilands abzuholen!... Frater Hubertus, gebt ihm vorläufig das Geleite; grüßt Euern Guardian in San⸗Pietro und dann— ans Werk! Ihr ſeid, bei Sanct⸗Peter, der rechte Mann für dieſe Auf⸗ gabe, die ich Niemand in Rom ſo gut wie Euch anzu⸗ os von in, Lon⸗ rd mir, ar ſein, nichts dachbar Blut, Wan⸗ geines Maria Segen nichts üttelte nungs⸗ ge voll d und aller Rucca edop⸗ en... e das dingl. ppfern rater Fuern Ihr Auf⸗ anzu⸗ 137 vertrauen wüßte... Ihr aber, Pater Vincente, wandte ſich Ceccone ehrerbietig zu dieſem;— die junge Fürſtin Rucca hatte geſtern das dringendſte Verlangen nach Euerm Segen... Ich hoffe, Euer Kloſter wird mit dem Thier nicht unzufrieden ſein, das, ſtatt Eines Sackes, Euch jetzt zwei zu tragen draußen empfangen ſoll!... Die Zeiten müſſen wiederkehren, wo unſere rothen Hüte auf die Stirn von Prieſtern gedrückt werden, die dem Volk das Schau⸗ ſpiel der Demuth geben... Laßt mir die Ehre, den rothen Zaum von einem meiner Roſſe zu nehmen und den Eſel zu ſchmücken, den Eure Hand durch die Straßen Roms führen wird!... Dies war keine jener ſüdländiſchen Artigkeiten, nach denen der Spanier ſein eigenes Haus demjenigen anbietet, der deſſen Lage reizend findet; es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Anerbieten abgelehnt wird... Bei Pater Vin⸗ cente lag in der That eine Bezüglichkeit des Ernſtes nahe. Er durfte voll Erröthen und mit Nachdruck die ange⸗ botene Auszeichnung ablehnen... Grüßen Sie die junge Fürſtin, ſprach er leiſe zum Cardinal, und ſagen Sie ihr, daß ich oft für das Heil ihres neuen Bundes beten werde... Er faltete die Hände... Das Glöcklein der Ben⸗ fratellen erklang düſter und traurig... Vincente's Auge erhob ſich, wie von einem ſanften Liebesſtrahl entzündet .. Die beiden ſo weltlichgeſinnten Männer mußten erleben, daß Pater Vincente ſie zum Beten zwang... Ecce, Domine, ſprach er mit dem Pſalmiſten in einer eigenthümlich erhöhten Stimmung, tu cognovisti omnia, novissima et antiqua! Quo ibo a Spiritu tuo? Et quo 138 a facie tua fugiam? Si ascendero in coelum, tu illic es! Si descendero in infernum, ades! Vide, si via ini- quitatis in me est et deduc me in viam aeternam! Amen!... Es war ein Gebet wie die Sühne für die ſünd⸗ hafte Weltlichkeit aller dieſer Verhandlungen... Vincente's Augen blieben gehoben wie mit der Bitte, ein Strafgericht des Himmels abzuwenden... Der Geiſt Bartolomeo's von Saluzzo, der Geiſt des Philippo Neri ſchien über ihn gekommen... Sein ſchöner, weicher Mund betonte ſcharf die Worte:„Via iniquitatis!“... Er rich⸗ tete damit die Falſchheit und Unreinheit dieſer Welt und ſchüttelte faſt den Staub von ſeinen Füßen, als er dann Hubertus Hand ergriff und ihn faſt fortführte, als würde ihm eine Seele abwendig gemacht, die ihm an⸗ vertraut war... Bei alledem blieb es entſchieden, daß der Fürſt zum General der Franciscaner fuhr und dieſen unternehmen⸗ den Mönch ſich auserbat, der den Grizzifalcone getödtet hatte und nichtsdeſtoweniger den Muth beſaß, noch den Biſchof von Macerata und den Pilger von Loretto retten zu wollen... In dem Muth, der zu einer ſolchen Unter⸗ nehmung gehörte, lag allein ſchon die Bürgſchaft des Erfolgs... Dem Italiener imponirt jede Kühnheit... Bald mußten über den„Bruder Todtenkopf in der brau⸗ nen Kutte“ Sagen hinausgehen— märchenhaft und wie ein entwaffnender Schrecken... Ceccone ſtarrte mehr noch dem Pater Vincente... Iſt das Papſt Sixtus V., der ſich als Cardinal ſo⸗ lange unbedeutend ſtellte, bis er als Papſt die Maske — tu illie via ini- ernam! ſünd⸗ Bitte, er Geiſt o Neri Mund Er rich⸗ elt und er dann e, als hm an⸗ ſt zum ehmen⸗ etödtet och den retten Unter⸗ ft des eit... brau⸗ nd wie fe.. ial ſo⸗ Maske 139 abwarf? dachte er... Nun ſah er ſogar den alten Heuchler, den Fürſten Rucca, beim Abſchied an der Villa den Strick des Paters ergreifen, dieſen küſſen, dann ſogar niederknieen, Hubertus und Lucinden gleichfalls, alle um den Segen des begeiſterten Sprechers zu empfan⸗ gen... Dieſen Segen ertheilte Pater Vincente mit dem ver⸗ zückten Liebesblick des Sanct⸗Franciscus... Die Jeſuiten haben ihren Popanz für den Stuhl der Apoſtel gefunden! ſagte ſich Ceccone... Er blickte ſtaunend den beiden Mönchen nach, die ſich jetzt empfah⸗ len, begleitet von dem alten, gleich einem Aal ſich bis in die Villa windenden Fürſten Rucca. Das Glöcklein der Benfratellen tönte draußen fort und fort... Miracolo! rief Ceccone Lucinden zu und pries galant die Dienſte, die ſie geleiſtet... Lucinde ſtand gedankenverloren... Sie ſah nun die Gefahren, die den Biſchof von Caſtellungo um⸗ gaben... Der Cardinal konnte jetzt ſich nicht weiter ausſprechen... Die„Caudatarien“, die ihn an eine Sitzung im Vatican und die Anweſenheit ſeines Secretärs zu erinnern hatten, ſtanden harrend in der Nähe... Ceccone plauderte, wie gleichgültig, von der heutigen Speiſeſtunde im Palazzo Rucca und ſeufzte über ſeine Sorgen... Eine„Hochzeitsreiſe“ hatte Olympia abgelehnt. Sie feierte ihren„Lendemain“ nach italiſcher Sitte... Vor hunderttauſend Zeugen... Heute Abend ſollten zwei Muſikchöre die halbe Nacht hindurch am„Pasquino“ 140 ſpielen... Große Feuerbecken beleuchteten dann den Platz ... Fäſſer, mit Reisholz gefüllt, Pechkränze wurden abgebrannt... Der Volksjubel ſollte nicht enden.. Der Fürſt war in der That ſchon nach Santa⸗ Maria zum General der Franciscaner gefahren... Die Benfratellen befanden ſich im Nebenbau, um den Pater Sebaſtus zu holen.. Pater Vincente leitete das bequemere Heraustra⸗ gen... Hubertus ſuchte noch einen Moment Lucinden bei⸗ zukommen, der ſich eben Biſchof Camuzzi genähert hatte. Lucinde verbeugte ſich ausweichend dem Prieſter, der ſie geſtern eine„Creolin“ genannt, und verſicherte Huber⸗ tus, ſoweit es in der Eile ging, daß er ſich aus ſeiner Haft als entlaſſen betrachten dürfte. Den Brief an Bo⸗ naventura gab ſie darum nicht zurück... Eine Ge⸗ legenheit, ſich dem Biſchof in Erinnerung zu bringen, behielt ſie feſt... Und konnte ſie ihm doch auch jetzt Aufklärungen und Warnungen über den Bruder Federigo ſchreiben... Sie forderte Hubertus auf, ſie erſt noch im Palazzo Rucca zu beſuchen, wenn er wilrklich den Biſchof von Macerata und den Pilger entdecken und befreien gehen wollte... Ihr unternehmt das Kühnſte und doch thut ihr, als rieth ich in Witoborn gut, als ich damals ſagte: Flieht in einen hohlen Baum⸗ ſtamm? fragte ſie lächelnd... Hubertus, der unruhige Waldbruder, hätte die endlich errungene Freiheit des Wanderns und des Lebens wieder in freier Luft laut ausjubeln mögen... Ohne die den Platz wurden den. Santa⸗ um den austra⸗ en bei⸗ henähert ſter, der Huber⸗ g ſeiner an Bo⸗ e Ge⸗ ringen, h auch Bruder ſie erſt virllich tdecken it das toborn Baum⸗ endlich wieder ne die 141 mindeſte Furcht bejahte er und zeigte nur traurig auf den verdeckten Tragkorb, den eben die ſchwarzen Söhne des heiligen„Johannes von Gott“ aus dem Hauſe brachten.. Lucinde zuckte bedauerlich die Achſeln und neigte ſich auch dieſen Mönchen... Der Cardinal ſprengte in ſeinem Wagen mit den weißen, purpurgeſchirrten Roſſen zur Porta Laterana hin... Die„Caudatarien“ fuhren in einem zweiten Wagen... In einem dritten mußte Monſignore Ca⸗ muzzi, Biſchof in partibus, der erſte Secretär des Cardi⸗ nals, folgen... Lucinde wartete, bis das Glöcklein der Benfratellen verklungen war... Hinter dem verdeckten Korbe, der ebenſo eilends dahingetragen wurde, wie Klingsohr in letzter Nacht die Leiche hatte tragen ſehen, trottete der vorher erwähnte, von Ceccone's Majorduomo beſorgte Eſel mit den zwei mächtig gefüllten Säcken... Pater Vincente ſchritt mit demüthig geſenktem Haupt und hielt den Eſel an einem einfachen Zügel... Hubertus hatte einen Jasminblütenzweig am Portal der Villa gebrochen und wehrte damit, zeunenal in ſich ſelbſt verloren, dem Thier die Fliegen ab. Nun ſetzte Lucinde ſich in hren Wagen und fuhr mit blitzſchneller Eile an dem unheimlichen Tragkorb und dem Eſel vorüber... Unter dem weißen ausgeſpannten Leintuch des Kor⸗ bes lag Klingsohr—!... Sie ſchauderte— als ſie im Vorüberfahren wie auf ein Leichentuch blinzelte... 142 Der Wagen fuhr am Coliſeum vorüber, durch den Bogen des Titus, die Baſilika entlang... Der Kutſcher ließ das Capitol links und lenkte zur Säule des Tra⸗ jan... Lucinde lebte innenwärts... Sie merkte nicht, daß ſie ſchon an Piazza Sciarra, dicht in der Nähe des „Schatzes der guten Werke“ war... Hier hielt der Wagen... Der Kutſcher blickte ſich fragend um, ob ſie nicht zur Herzogin von Amarillas wollte, die hier wohnte. Sie winkte: Weiter! Weiter!.. Sie mußte zu Olympien... Die höchſte Zeit war es, dieſe nach ihrer Brautnacht zu begrüßen... Sie durfte nicht fehlen zur Chocolade, die heute das junge Paar allen Gäſten, die ihre Aufwartung mach⸗ ten und die Neuverbundenen mit lächelnder Zweideutig⸗ keit nach ihrem Befinden fragten, in goldenen und ſil⸗ bernen Taſſen mit eigner Hand zu credenzen hatte. 8 5. In dieſer„Stadt der Wunder“ bewohnte die Herzo⸗ gin von Amarillas einen dem Cardinal gehörenden, äu⸗ ßerlich dunkeln und ganz unanſehnlichen Palaſt in einer der den Corſo durchſchneidenden Straßen zwiſchen Piazza Sciarra und der Gegend um Fontana Trevi... Mit ſeiner verſchwärzten Außenſeite ſtand aber das heitere und bequeme Innere in Widerſpruch... War der Thorweg geöffnet, ſo ſah man wol erſt einen kleinen düſtern Hof, umgeben von einem hier und da von Marmorkaryatiden geſchmückten viereckten Ar⸗ cadengang von Travertingeſtein, ſah in der Mitte ein kleines blumengeſchmücktes Baſſin, das ein waſſerſpritzen⸗ der Triton aus Bronze dürftig belebte, ſah Remiſe und Stallung kaum von den Arcaden bedeckt; aber die hin⸗ teren Fenſter des einen Flügels gingen in einen hier ungeahnten kleinen Hausgarten von Roſen, Myrten und Orangen hinaus. Sie hatten ein volles, ſchönes Licht und gewährten im geräuſchvollſten Theil der Stadt ein friedlich beſchauliches Daheim. Zudem war in der Einrichtung dieſer hohen und geräumigen Zimmer nichts — ę— 144 geſpart. Es war eine Wohnung, die verlaſſen zu müſſen Schmerz verurſachen durfte... Und doch konnte die Herzogin dies Ende vorausſehen... Der Cardinal behauptete ſeit einiger Zeit, ihre Augen nicht mehr ertragen zu können. Was Olympia von ihm geſagt, das ſagte er von der Herzogin... Ihre Augen hätten für ihn die Wirkung des„Malocchio“... Der Italiener hat vor dem„böſen Blick“ eine ſelbſt von Aufgeklärten nicht überwundene Furcht... Dieſe üble Wirkung ihrer Augen, von der ſie hörte, erläuterte die Herzogin nur aus Ceccone's Gewiſſen. Wol müſſen meine Augen einen giftigen Eindruck auf ihn machen, ſagte ſie ihrem alten Diener Marco, der ſchon früher im Unglück bei ihr geweſen und nur des Alters wegen nicht damals mit nach Wien gefolgt war ... Meine Augen nennen ihn undankbar... Keineswegs wollte die Herzogin ſagen, daß der „böſe Blick“ eine Fabel iſt. Als echte Italienerin glaubte auch ſie an Menſchen, die„Jettatore“ heißen. Dieſe können Krankheit und Tod„anblicken“... Sie hatte ihre alte Freundin und Geſellſchafterin Marietta Zurboni ſchon lange begraben, aber die Fabel⸗ und Traumbücher derſelben waren ihr und dem alten Marco geblieben... Konnte ſie doch zittern vor Angſt, als eines Tages Olympia, die ebenſo dachte wie ſie, ſagte:„Seh' ich im Leben dieſen Signore d'Aſſelyno wieder und er verräth, daß ich Wahnwitzige ihm in zwei Tagen meine ganze Seele zum Geſchenk gegeben, ſo laß' ich die Erde aus der Stelle ausſchneiden, die ſein Fuß berührte, und hänge ſie— in den Schornſtein!...“ Um Jeſu willen! hatte die Herzogin erwidert, du wirſt ſolche Sünden unterlaſ⸗ ſen!... Sie wußte, daß ein ſolcher Zauber einen Abwe⸗ ſenden langſam zum Tod dahinſiechen läßt... Olympia war nach dem erſten Rauſch der Flitter⸗ wochen und den vorauszuſehenden Zankſcenen mit ihren Schwiegerältern ins Sabinergebirg gezogen... Dort und im Albanergebirg beſaßen die Ruccas und Ceccone prächtige Villen... Der welt⸗ und menſchenkluge Car⸗ dinal hatte zur Zähmung des wilden Charakters der jungen Fürſtin angerathen, ſie zu beſchäftigen... Er hatte(ſchon von der ihm immer vertrauter werdenden Lucinde) einige anonyme Briefe an ſie ſchreiben laſſen, in denen von Unterſchleifen in der Verwaltung dieſer Güter die Rede war... Das wurde dann ein Feld für die erſte unruhige Thatenluſt der jungen Ehefrau... Einige Wochen hindurch, vielleicht einige Monate konnte man Hoffnung hegen, daß ſie ſich auf dieſe Art in ihrer neuen Stellung als Fürſtin und Gattin gefallen würde .. Bis dahin hatte ſie ohne Zweifel mit den Ael⸗ tern vollſtändig gebrochen, hatte das Perſonal in der Rucca'ſchen Verwaltung umgewandelt, hatte ſoviel Sce⸗ nen des Zanks, ſoviel angedrohte Dolchſtöße, auch Fußfälle und Handküſſe erlebt, daß ſie vollauf damit beſchäftigt war... Lucinde und der Cardinal ſtimmten ganz in dem Serlo'ſchen Wort überein:„Die Seele des Menſchen will gefüttert werden, wie der Magen“... Die Herzogin erzürnte den Cardinal immer mehr durch ihre Feſtigkeit, Lucinden als Mitbewohnerin ihrer Behauſung abzulehnen... Lucindens neuliches Wort von ihrem„Briefwechſel mit Benno“ war beim Begeg⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 10 —— 146 nen nicht wiederholt worden... Der Schrecken über den gleichzeitigen Ueberfall durch die Räuber konnte ein Misverſtändniß veranlaßt haben... Das ſagte ſie ſich zu ihrer Beruhigung... Die„Abenteurerin“, wie ſie in der That Benno mehrmals genannt hatte, wurde auch auf Villa Torreſani, einem Erbgut der alten Fürſtin Rucca, wo die junge Fürſtin wohnte, abgelehnt... Lucinde woͤhnte mit der alten Fürſtin beim Waſſerfall von Tivoli, in einer andern Rucca'ſchen Villa, Villa Tibur... Niemand kam nun noch zur Herzogin, da der Cardinal nicht kam... Seltener und ſeltener kam ſie auch ſelbſt aus ihrem Palaſt heraus, in dem es geſpenſtiſch öde und einſam wurde... Wie mußte ſie bereuen, ein Weſen von ſo gefährlicher Schmiegſamkeit in die Kreiſe ihres bisherigen Einfluſſes gezogen zu ha⸗ ben!... Lucinde wurde immer mehr die Seele in dem alten und dem jungen Rucca'ſchen Kreiſe... Und wenn ſie ſich geirrt hätte! Wenn Lucinde wirklich von einem Briefwechſel zwiſchen ihr und Benno geſprochen!... Dann fehlte nur noch das eine Wort: Benno von Aſſelyn iſt ja dein Sohn! und ihre Niederlage war entſchieden... Olympia würde, erfuhr ſie das von Lucinden, geſagt haben: Nun verſteh' ich alles! Du, du warſt es, die den Angebeteten von mir entfernt gehalten hat. Daß den Cardinal, von dem ſich die junge Für⸗ ſtin nicht minder wie von ihr zu befreien ſuchte, eine Leidenſchaft für die fremde Abenteurerin ergriffen hatte, wurde immer mehr ein öffentliches Geheimniß... Und bei alledem konnte niemand die Huldigung des Grafen Sarzana begreifen... Hätte es ſich um eine Schein⸗ ehe gehandelt, die die Schulden eines leichtſinnigen Ca⸗ —— valiers decken ſollte, ſo würde man in Rom, in der Stadt der Heiligung des Prieſtercölibats, dies Benehmen Don Agoſtino's begriffen haben; denn dieſe Arrangements kamen hier zu oft vor, um aufzufallen— wenn auch die Contracte nicht in die Archive der Curie niedergelegt wurden... Don Agoſtino war aber keiner der Leicht⸗ ſinnigſten unter den„Achtzig“... Da er Kenntniſſe beſaß und ſie zu vermehren liebte, galt er ſeinen Ka⸗ meraden für einen Pedanten... Die Wartung ſeiner Uniform, ſeines Pferdes, noch mehr ſeiner kleinen Häus⸗ lichkeit war bis in die minutiöſeſten Dinge ſauber und zierlich... Seine Familie war verwildert, das wußten alle, die Umſtände hatten die Creaturen geiſtlicher Würden⸗ träger aus ihr gemacht, deren Unregelmäßigkeiten ſie decken mußte... Graf Sarzana würde die Hand keiner Dame auch nur zweiten oder dritten Ranges in Rom haben anſprechen können... Aber eine Geliebte des Cardinals zu nehmen zwang ihn nichts... Noch we⸗ niger begriff man ſeine Leidenſchaft, wenn ſie eine auf⸗ richtige war. Lucinde konnte die Capricen des ermüde⸗ ten Alters reizen, ſie konnte die Vorſtellung einer Ver⸗ nunftehe durch eine darum noch nicht ausgeſchloſſene Mög— lichkeit jugendlicher Reminiscenzen mildern; was war ſie aber einem jungen, noch in Lebensfriſche befind⸗ lichen Krieger?... Sie beſaß freilich Geiſt, Beleſen— heit, Koketterie... Feſſelte ihn das?... Seine Kame⸗ raden pflegten ihn mit ſeinem Einſiedlerleben, das der Lectüre gewidmet war, zu necken und ſein wärmſter Freund ſogar, der Herzog von Pumpeo, hatte ihm den Beinamen des„Küſters vom Regiment“ gegeben... 10* 148 Bei alledem ließ es ſich immer mehr dazu an, daß die Herzogin den Palaſt würde zu verlaſſen und — dem jungen Ehepaar Sarzana einzuräumen haben... Ihrem Julio Cäſare ſchrieb die Mutter von allen dieſen ihren Leiden und Befürchtungen nichts— nichts von den Gefahren, die ihr durch Lucinden drohten... Einestheils wollte ſie Benno's bei ſolcher Mittheilung leicht vorauszuſehende Abſicht ihr zu helfen nicht früher hervorrufen, als nöthig war; anderntheils vermochte es ihr Stolz nicht, Befürchtungen auszuſprechen, die ſie mit dem größten Zorn erfüllten, ſo oft ſie nur an ſie dachte ... Benno hatte ihr die Verſicherung gegeben, daß der einzige Vertraute ihres Briefwechſels nur Bonaventura war... Die Herzogin lag eines Morgens noch in ihren Hauskleidern auf einer Ottomane und blätterte in den franzöſiſchen Zeitungen, die in Rom verboten ſind, vom Cardinal aber gehalten und nach alter Gewohnheit, wenn ſie benutzt waren, noch an ſie abgeliefert wurden... Sie las um ſo lieber in ihnen, als die einheimiſchen Blätter faſt von nichts als von Feſten und großen Ce⸗ remonieen berichteten, zu denen ſie nicht mehr geladen wurde... Auch bei einem großen Ereigniß, das vier Wochen nach Olympiens Hochzeit ſtatthatte, bei der wirklich erfolgten Einkleidung des Paters Vincente— zum Cardinal hatte ſie gefehlt... Sie hatte gefehlt bei einem Feſt, das wiederum Rom in Bewegung ſetzte .Bei einem Feſt, wo Olympia und Lucinde die üblichen Honneurs des erſten Cardinalempfanges machten ... Bei einem Feſte, das eine Woche dauerte und alle 149 Zeitungen erfüllte... Der neue Cardinal Vincente Am⸗ broſi fand ſich voll Demuth, aber ganz gewandt in ſeine neue Würde.. Unmuthig warf die Herzogin die einheimiſchen Blätter fort; wieder auch war im Gebirg eine große Kir⸗ chenfeſtlichkeit geweſen, bei der die junge Fürſtin Rucca als erſter Stern am Himmel der Gnade und Wohlthä— tigkeit geglänzt haben ſollte. Schon ergriff ſie die Feder und wollte dem Cardi⸗ nal ſchreiben, ſie bedürfte Unterhaltung... Sie bäte, wollte ſie ſich in ihrer Bitterkeit ausdrücken, um einige Einlaßkarten für den Tag, wo die Räuber gulllotinirt werden würden, deren man als Complicen Grizzifalcone's allmählich viele aufgegriffen hatte— Die Miſſion des Bruders Hubertus war ihr durch die vorläufig er⸗ folgte Befreiung des Biſchofs von Macerata bekannt ge⸗ worden... Sie wollte ihrem Schreiben hinzufügen, der Cardinal vergäße ſeine Weine, die in ihrem Keller lagerten; es waren unverſteuerte... Sie grübelte Cec⸗ cone's Intriguen nach... Benno's letzter Brief lag vor ihr, in dem dieſer auf Anlaß des von Lu⸗ cinden an Bonaventura eingeſandten Briefs der bei⸗ den deutſchen Flüchtlinge und eines inhaltreichen Cou⸗ verts, das ſie hinzugefügt, geſchrieben:„O fände ſich doch dieſer Wanderer nach Loretto! Wäre es der, den mein Freund ſeit faſt dreiviertel Jahren ſucht! Er wird es nicht ſein... Die Dominicaner haben ihre anderen Gefangenen herausgeben müſſen dieſen ſchickten ſie nach Rom, wo ihre Gefängniſſe unzu⸗ gänglicher ſind, als hier... Ceccone verweigerte bis⸗ — 150 jetzt die Genehmigung, die Kerker des heiligen Officiums unterſuchen und den Dominicanern einen Beweis von Mistrauen geben zu laſſen... Fra Federigo ſchmachtet in ihren Händen wie Galiläi, Bruno, Pignata und ſo viele andere Opfer der Unduldſamkeit!“... Daß ſchreckenvolle Dinge in Rom möglich waren, wußte die Herzogin... Sie wußte, daß Ceccone mit dem Meiſten, was er that, eine andere Abſicht verband, als die man vorausſetzte... Zwiſchen dem alten Rucca und dem Cardinal war es zu einer andauernden Spannung ge⸗ kommen, ſeitdem Hubertus zwar durch eine Liſt den Bi⸗ ſchof ans Tageslicht gebracht hatte, aber von einer Ent⸗ deckung des Pilgers nichts hören und ſehen ließ, ja ſeit einiger Zeit von ſich ſelbſt nichts mehr... Schon war das Gerücht verbreitet, daß die Carabinieri der Grenz⸗ wache vorgezogen hätten, ſtatt den römiſchen Abgeſandten in ſeinen Bemühungen zu unterſtützen, ihn— todt zu ſchlagen... Sie ſah überall Gewalt und Intrigue... Sie kannte Ceccone's Anſichten über die Zeit und die Menſchen... Menſchenleben kümmerte ihn wenig, wo durchgreifende Zwecke auf dem Spiele ſtanden... Durch einen der Ver⸗ wandten Sarzana's, eine der von ihm beförderten Crea⸗ turen, hatte Ceccone alle Häfen auch der Nordküſte in ſeiner Obhut... Wer konnte wiſſen, was aus dem Rucca'ſchen Sendboten geworden war... Jenſeits der Apenninen, am Fuß des Monte Saſſo, an der Grenze der Abruzzen war jede Controle abgeſchnitten.. Dorthin hatten ſich in der That die letzten Wege des kühnen deutſchen Mönches ſpurlos verloren... — —— 151 Die Zeitungen waren„mit ihren Lügen“, wie die Herzogin vor ſich hin ſprach, durchflogen... Es war gegen Mittag... Sie konnte an den Beſuch einer Meſſe denken... 4 Da bemerkte ſie, daß im Hauſe laut geſprochen wurde... Sie wollte klingeln... Marco war beim Pantheon auf den Gemüſe⸗ und Fleiſchmarkt, um ein Mittagseſſen einzukaufen; die Dienerinnen waren an der Arbeit... Schon hörte ſie Schritte... Schon unterſchied ſie die Stimme Olympiens... Dann war wieder alles ſtill... Die Herzogin glaubte ſich getäuſcht zu haben... Schon öfter war ihr geſchehen, daß ihre aufgeregte Phan⸗ taſie Menſchen nicht nur hörte, ſondern deutlich vor ſich ſah, Menſchen, die mit ihr ſprachen... Sie brauchte nur ihren geheimen Schrank aufzuſchließen, brauchte nur Angiolinens blutiges Haar aus einem großen Paſtell⸗Me⸗ daillon des Herzogs von Amarillas zu nehmen, dies Haar nur eine Weile vor ſich hinzulegen— und ſie ſah Angiolinen ſich langſam an ihren Tiſch begeben und hörte ſie laut mit ihr ſprechen. Benno trat in die⸗ ſer Art jeden Abend in ihr Zimmer... Sie hatte nach ihm die Sehnſucht einer Braut— eine Sehnſucht voll Eiferſucht... Aber kein Madonnenbild mehr konnte ſie ſehen in dieſer madonnenreichen Stadt, ohne voll Zärt⸗ lichkeit an Armgart von Hülleshoven zu denken, die ihr Lucinde als ihres Ceſare Ideal bezeichnet hatte... Die Stimmen kamen wieder näher... Diesmal rief wirklich Olympia: 152 Da nicht! Nein, nein!... Dort geht der Kamin entlang!... Die Hitze iſt für ein Bett unerträglich... Was will— die Mörderin meiner Tochter? fuhr die Herzogin auf... Weiß ſie wirklich noch, wo ich wohne?... Will ſie wol wieder zu mir ziehen oder was ſoll— das Bett— von dem ſie ſpricht?... Man rückte nebenan die Möbel... An einer an⸗ dern Stelle des Hauſes hörte man ein ſo ſtarkes Häm⸗ mern, als ſollten Mauern eingeſchlagen werden... Indem öffnete ſich die Thür und aus dem Empfangs⸗ ſalon trat die kleine Fürſtin, in glänzend outrirter Toi⸗ lette; Lucinde, nicht minder gewählt gekleidet; die Schwiegermutter, eine noch immer anziehende, jedenfalls gefallſüchtige Frau; Herzog Pumpeo, der für ihren Liebhaber galt; hinter ihnen zwei junge elegante, wohl⸗ friſirte Prälaten; zuletzt auch Graf Sarzana... Alle ſchienen überraſcht zu ſein, die Herzogin zu finden... Sie wollten ſogleich, Olympia ausgenom⸗ men, wieder zurück... Sie hatten die Herzogin nicht an⸗ weſend vermuthet oder thaten wenigſtens ſo... Olympia hielt ſie jedoch feſt, ſchritt weiter, achtete nicht im mindeſten auf die am Tiſch beim Sopha erſtaunt Verharrende, ſondern rief, das Zimmer durchſchreitend: Hierher würd' ich rathen, von jetzt an das Eßzim⸗ mer zu verlegen... Oeffnen wir dieſen Balcon, ſo hat man das beſte, was dieſer alberne Garten bieten kann, etwas Kühle... Chryſoſtomo! Wir nehmen hier ein Frühſtück! Setzen Sie ſich, Lucinde!... Graf, Sie werden hungrig ſein! Kommen Sie doch! Wir ſind ja, denk' ich, bei uns!... 153 Mit Widerſtreben und in offenbar ungekünſtelter Verlegenheit war Graf Sarzana gefolgt, hatte ſich ſtumm der Herzogin, die hier nicht mehr wohnhaft geglaubt wurde, verbeugt und trat in das Balconzimmer zu den übrigen, die unterdrückt kicherten— Lucinde ausgenommen, die von einem der Prälaten geführt wurde und ſcheu zur Erde blickte... Die junge Fürſtin, die kaum bis zum Thürdrücker, einem ſchönen bronzenen Greifen⸗Flügel, reichte, warf zornig die Thür zu... Im erſten Augenblick hätte die Herzogin ihr nach⸗ ſpringen und ſie zerreißen können... Viper, Schlange, Baſilisk! zitterte es auf ihren Lippen... Die Worte erſtickten... Sie hatte in dieſem Augenblick keine andere Waffe, als ein lautes, gellendes Lachen... Hahahaha! ſchallte es nebenan zur Antwort... Olympia erwiderte in gleichem Tone.. Dabei klirrten Gläſer, Meſſer, Gabeln... Olympia hatte hieher ein Frühſtück beordert... Der Mohr Chry⸗ ſoſtomo wollte ihr durch eine andre Thür folgen... Schon trug er ein Plateau voll Gläſer und ſilberner Gefäße .Die Herzogin ergriff wenigſtens dieſen und warf ihn zur Thür hinaus... Dann ſchloß ſie ſämmtliche Thüren ſo haſtig, als fürchtete ſie, ermordet zu wer⸗ den... Nebenan lachte und ſprach Olympia mit gellender Stimme faſt immer allein... Sie that wie jemand, der hier noch zu Hauſe war... Demnach wurde die Herzogin, da ſie nicht von ſelbſt ging, zum Hauſe hin— ausgeworfen... Hatte Olympia vielleicht erfahren, wer 154 Benno war?... Verdankte die Herzogin dieſe Demü⸗ thigung Lucinden?... War dieſe wirklich in ihr Leben eingedrungen oder woher dieſer plötzliche Angriff, dieſe Scene ohne jede Vorbereitung?... Die Herzogin beſann ſich, daß Olympia dergleichen Stücke auch ohne alle Veranlaſſung auszuführen liebte... Es konnte ein momentaner Einfall ſein... Sie hatte ſich wahrſcheinlich für einige Tage mit ihrer Schwiegermutter ausgeſöhnt, hatte von dieſer vielleicht eine Anerkennung für einen neuen pariſer Kleiderſtoff gefunden; daher ein gemeinſchaftlicher„Carnevalsſpaß“ auf Koſten einer Per⸗ ſon,„die der Lächerlichkeit zu verfallen“ anfing... Die Herzogin weinte... Sie dachte an die Jahre, die ſie an dies Weſen dahingegeben, an die ſorgenvollen Stunden, wenn Olympia krank geweſen... Sie hätte, da ſie deren Natur entſchuldigen und Ceccone dafür ver⸗ antwortlich machen mußte, dieſem an den Hals fahren und ihn erwürgen können... Sogar Lucindens Haß auf ſie ließ ſie gelten; denn ſie hatte abgelehnt, der Deckmantel eines Verhältniſſes zum Cardinal zu ſein... Aber auch Lucinde wieder verſöhnt mit Olympia?... Olym⸗ pia hatte damals dieſe Erklärung der Herzogin gebilligt. Die Herzogin hatte geglaubt, von Olympiens Eiferſucht auf Lucinden Vortheil ziehen zu können... Nun ſah ſie das Leben dieſer Menſchen des Müßiggangs und des Glücks, dieſe Zerwürfniſſe, dieſe Verſöhnungen um nichts... Um irgend ein auf der Villa Torreſani ge⸗ ſprochenes Schmeichelwort Lucindens war Olympia im Stande zu ſagen: Was iſt das nur mit der Herzegin? Ihr Palaſt ſoll jetzt bald nur Ihnen und Sarzana ge⸗ n Kkkkk⸗ 155 hören! Machen wir doch kurzen Proceß!... Oder et⸗ was dem Aehnliches war vorgefallen... Männer waren zugegen, Prieſter... Graf Sarzana ſogar, der ſie zwar immer kalt, aber doch höflich behandelt hatte... Sich aus dieſem Zimmer entfernen konnte die Her⸗ zogin nicht, da das ganze Haus ſich belebt hatte... Von den Köchen der jungen Fürſtin war ein Frühſtück über⸗ bracht worden... Ein Troß von Dienerſchaft ſchien aufge— boten... Dabei arbeitete man im Nebenzimmer zur Linken, klopfte, hämmerte— Es waren Schreiner und Tapezierer... Die Gardinen wurden abgenommen, die Tapeten abgeriſſen... Das Ganze war eine Unter⸗ haltung des Uebermuths... Wer konnte ſo ſchnell hier einziehen wollen?... Die Declaration des Grafen Sarzana war doch wol noch in einiger Entfernung... Vernichtet ſank die mit Gewalt Verjagte auf ihr Kanapee... Ihre Bruſt hob ſich in hörbaren Athem⸗ zügen... Sollte ſie rufen: Megäre, lade noch deine Mutter zu deinem Gelage, die tolle Nonne drüben aus den Gräbern der„Lebendigbegrabenen“!... Was half das alles!... Sie hatte nicht einmal den Muth, dem alten Marco zu erwidern, der ihr am Schlüſſelloch wisperte .. Sarzana, Sarzana! ſprach ſie wiederholt vor ſich hin... Auch Er läßt die Mishandlung einer Frau zu und ißt und trinkt und ſtößt mit dem Teufel in Men⸗ ſchengeſtalt an!... Sie malte ſich das alles wenigſtens ſo aus... Mit doppelt ſtarker Stimme, damit die Herzogin nebenan nichts davon verlor, rief beim Mahle Olympia und faſt immer allein ſprechend: 156 Wie viel Löſegeld würde wol damals Don Pasquale für Sie gefordert haben, Signora Lucinda?... Wie ſagen Sie, Graf?... Zum Gelde würde es gar nicht gekommen ſein?... Sie hätten ſie mit Ihrem Säbel herausgehauen?... Haha! Ich weiß noch ein anderes Mittel, falls die Herzogin mit gefangen geweſen wäre; ein Mittel, wo⸗ durch ſie alles in die Flucht geſchlagen hätte!... Durch eine ihrer alten Arien... Schallendes Gelächter... Gewiß hatte ſie auf meiner Hochzeit die Hoffnung, zum Singen aufgefordert zu werden... Darüber vergaß ſie den Auftrag meines Mannes, mir die Anweſenheit des Cardinals Ambroſi anzuzeigen... Jetzt blieb alles ſtill... Das war der Grund dieſes plötzlichen grauſamen Einfalls?... Nimmermehr! ſagte ſich die Herzogin... Oder doch— 2... Die Erhebung des Paters Vincente war auffallend genug... Man ſchrieb ſie der Abſicht zu, dem neuen Großpönitentiar, Fefelotti, zuvorzukom⸗ men, der dieſen Mönch zur nächſten Cardinalswahl em⸗ pfohlen hatte... Ceccone hatte ſich raſch des neuen Cardinals ſelbſt bemächtigt... Olympia hatte die Honneurs ſeiner Ernennung im dazu hergeliehenen Palazzo Rucca gemacht; alle Welt war verliebt in den ſchönen jungen Cardinal Ambroſi, der wie ein Ganymed, ein David im Purpur ausſah; gar nicht unmöglich, daß Olympia ihre erſte Untreue als Frau zu einer geiſtigen machte und wieder in leidenſchaftlicher Andacht für einen Prie⸗ — 157 ſter ſchwärmte, den ſie ſchon einmal ſo unglücklich ge— macht hatte... In der That— die Herzogin konnte hören: Zieht ſonſt niemand hier ein, den der Onkel lieb hat, ſo iſt das kleine Haus ganz geeignet, von einem ſo be⸗ ſcheidenen Prieſter bewohnt zu werden... Ich mache dem Cardinal Ambroſi ſeine ganze Einrichtung... Cardinal Ambroſi ſoll hier wohnen!... Benno's Nachfolger in deinem oberflächlichen Herzen!... In der That wurde das Geſpräch rückſichtsvoller ge⸗ führt... Die Herzogin verſtand nichts mehr... Herzog Pumpeo machte den Wirth und ſchenkte ein... Trinken Sie, Graf Sarzana! rief er... Oder haben Sie noch immer Ihre geringe Meinung über den Champagner, den Sie damals auf unſerer Landpartie nach Subiaco— vor drei Jahren— das„Bier der Franzoſen“ nannten?... Graf Sarzana, Sie ſind überhaupt inconſequent! fiel Olympia ein... Wie konnten Sie je die Deutſchen und die Franzoſen ſo haſſen! Jetzt lieben Sie— ein deutſches— Halt, Principeſſa! unterbrach einer der Prälaten... Wir lieben in dieſem Augenblick nichts als die Heiligen .. Die Signorina hier kennt alle Gebräuche der Beati⸗ fication vom Tu es Petrus an bis zur Rede des Advo- catus Diaboli... Wenn nächſtens die Seele der Euſebia Recanati heilig geſprochen wird, fiel der andere der Prälaten ein, wer wird da wol die Rolle des Advocaten der Hölle übernehmen?... ———— 158 Schweigen Sie! Keine Läſterungen, Monſignore! unterbrach Olympia mit energiſchem Ruf... Die Herzogin lachte bitter auf und ſprach für ſich: Fürchteſt du dieſe„heilige“ Euſebia, weil ſie dich— an deine Mutter erinnert?... Oder ängſtigen dich die Anſprüche, die der Teufel ſelbſt an die Heiligen macht— wie vielmehr an deinesgleichen!... Graf Sarzana's Stimme, ein voller wohlklingender Baryton, wurde mit den Worten vernehmbar: Cardinal Ambroſi lebt noch vierzig Jahre... Alſo erſt in 140 Jahren iſt es möglich, auf ſeine Kanoni⸗ ſation anzutragen... Auch bei ihm wird jemand den Auftrag bekommen, geltend zu machen, welche Rechte auf ihn der Teufel hat... Abbate Predari!.. Geſetzt, Sie bekämen dieſe Aufgabe! Wie würden Sie Ihr Thema anfaſſen?... Halten Sie eine Rede gegen den Cardinal zum Beſten der Hölle!... Vergeſſen Sie dabei nicht dieſen ſchönen Palaſt!... Und die nichtswürdige Art, wie er eingeweiht wurde! ergänzte die Herzogin... Und die zerbrochenen Beine, als die Tribüne einſtürzte, auf der die Menſchen bei ſeiner erſten Meſſe im Sanct⸗ Peter ſtanden!... bemerkte die alte Fürſtin... Die ſchlechten Plätze, die gewöhnlich der römiſche Adel bekommt! ergänzte der zweite der Prälaten, ein jün⸗ gerer Chigi.. Laſſen Sie mich! rief ſich räuspernd Abbate Predari ... Die Rede halte ich!... Ich kann von Ambroſi's erſter Jugend anfangen, von ſeinen erſten Ketzereien bei den Wal⸗ denſern... Ich war ſein Schulkamerad in Robillante... —— 159 Dann wird nur zu ſehr die Stimme des Neides aus Ihnen ſprechen! unterbrach ihn Olympia, die be⸗ fürchten mußte, in dieſer Rede ſelbſt eine Rolle zu ſpie⸗ len... Genug! Genugl unterbrach ſie aufs neue die Ermunterungen zu einer Rede, die durchaus Abbate Pre⸗ dari halten wollte... Gewiß würde er ſie nicht ſo ge— wandt haben, als Advocat des Teufels zu ſagen: Siehe, ich ſandte dir einſt eine meiner Botinnen in den Beicht⸗ ſtuhl!... Olympia wollte aber nichts von allen dieſen „Blasphemieen“ hören und erklärte, jetzt denjenigen ſtrafen zu wollen, der dies Thema aufgebracht hätte, den Grafen Sarzana—... Wiſſen Sie, Lucinde, wandte ſie ſich zu dieſer, daß ich früher eine Neigung für den Grafen hatte? .Ich will es Ihnen nur geſtehen!... In meiner kurzen Geſchichte mit Don Pallante, die Sie kennen, machte dieſer Herr da den Vermittler und die Vermittler wiſſen oft die Thränen ſo gut zu trocknen, daß ſie ſelbſt an die Stelle der Ungetreuen treten... Ich liebte Don Agoſtino, den Boten Pallante's— aber beruhigen Sie ſich!— nur drei Tage lang... O mir war er zu ge— lehrt, zu pedantiſch, zu ſpöttiſch, zu eingebildet— er las zu viel... Viel leſen, das beweiſt, daß man wenig eigenen Geiſt hat... Graf! Ich rathe Ihnen, ſich bei der Entzifferung der Obelisken und Pyramiden anſtellen zu laſſen... Wenn Sie nicht im nächſten Carneval tan⸗ zen, geb' ich Sie zu unſern gelehrten Eminenzen oben am Braccio nuovo im Vatican in die Lehre, zu Angelo Mai und Ginuſeppe Mezzofanti!... Die Männer lachten dieſer Spöttereien... Die —————— 160 Schwiegermutter rief ſogar: Auf das Wohl des Küſters vom Regimente!... Ihr Herzog Pumpeo hatte dieſen Witz gemacht... Pumpeo bat um Frieden und brachte das Wohl aller ſchönen Spötterinnen aus, denen ſein Freund bereits vergeben hätte... Die Empfindungen der völlig ignorirten Herzogin, die zuletzt nur noch das Klappern der Schüſſeln und Klingen der Gläſer und ein Durcheinander von Witzen und Anekdoten, in denen Pumpeo und die beiden Prä⸗ laten excellirten, hörte, löſten ſich wieder in Thränen auf... Nur die Stille des präſumtiven Sarzana'ſchen Ehepaars verſöhnte ſie... Als das Frühſtück beendet, die Geſellſchaft entfernt, die Dienerſchaft mit den Reſten der Mahlzeit gefolgt war, nahm die Herzogin die Unſchuldsbetheuerungen der ihr noch gebliebenen Dienerſchaft entgegen, vor allen die Verſicherungen des faſt weinend eintretenden alten Marco, und ſuchte noch am ſelbigen Tage eine andere Wohnung. Sie wollte zu einem Miethbureau und dann in der Runde zur Beſichtigung von Wohnungen fahren... Als ſie den Wagen beſtellt hatte, erfuhr ſie, daß auch Wagen und Pferde auf Befehl der jungen Fürſtin Rucca fortgeführt wären... Auf dieſe Nachricht ſank ſie in Ohnmacht... Der „Intendente“ des Hauſes, der bisher alles für ſie be⸗ zahlt hatte, zuckte die Achſeln; es war ein von Ceccone eingeſetzter Koch... Er geſtand, daß er ſchon lange vom Cardinal nur mit Widerſtreben die Zahlungen für die Bedürfniſſe des Hauſes erhalten hatte, packte dann ſeine Sachen und zog nach Villa Torreſani ins Gebirge, wo es 2 161 hoch und herrlich herging... Die Erklärung hinterließ er, daß ſich hier wahrſcheinlich das ganze Hausweſen zur Be⸗ dienung des Cardinals Ambroſi neugeſtalten würde... Marco machte Vorſchläge von Wohnungen, die der Bedachtſame ſchon lange für dieſen vorausſichtlichen Fall in Augenſchein genommen... Noch an demſelben Abend und bis in die Mitternacht zog die Herzogin um ... Sie nahm ein Stockwerk von mehreren geſund ge⸗ legenen und ſchön möblirten Zimmern auf der Höhe des Monte Pincio... Die dortigen luftreinern Straßen konnte ſie als Vorwand der Veränderung nehmen... Um ſich nicht als zu tief gefallen darzuſtellen, ſetzte ſie alle ihre Erſparniſſe daran. Zu alledem läuteten nun die Glocken der dreihundert⸗ fünfundſechzig Kirchen Roms— brauſten die Orgeln— ſchmetterte die Janitſcharenmuſik der Hochämter— wan⸗ delten unter Pfauenfederwedeln und Baldachinen die wohlgenährten Pairs der Kirche— rannten die Eng⸗ länder nach den Katakomben und convertirten— ſchwärm⸗ ten die Deutſchen von den Bildern des Fieſole— knie⸗ ten die Franzoſen in Trinita di Monti drüben und küß⸗ ten die Hände einer Gräfin⸗Aebtiſſin der hier eingepfarrten „Soeurs grises“ aus den erſten Geſchlechtern Frank⸗ reichs... Rom ſpielt ſeine äußere heilige Rolle mit Glanz.. Wer kennt das Innere....... An Benno ſchrieb die vernichtete Frau auch noch jetzt nicht alles, was ihr begegnet war... Sie er⸗ ſchien ſich zu tief gedemüthigt... Zu lange Jahre hatte ſie auch die den Umgang verſcheuchende und die Men⸗ ſchen vereinſamende Wirkung des Unglücks kennen ge⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VIlII. 41 en. 162 lernt... Dann beredete ſie ſich, ſie wollte lieber erſt die Antwort auf einen Brief an Ceccone abwarten, in dem ſie von ihren Empfindungen nichts zurück⸗ gehalten hatte... Schließlich hatte Benno ſelbſt ſeit Wochen nicht geſchrieben... Sie fing für die Sicher⸗ heit ihres Briefwechſels immer mehr zu fürchten an... Am vierten oder fünften Tage weckte ſie aus einem Zuſtand der Erſtarrung, den das fortgeſetzte Nicht⸗ eintreffen eines Lebenszeichens von Benno mehrte, der erſte Beſuch, den ſie in ihrer neuen Wohnung empfing... Eine glänzende Equipage ſtand am Hauſe.... Sie kam aus Villa Tibur und brachte Lucinden... Mit kalter Ruhe und Sammlung führte ſich dieſe bei ihr mit den Worten ein, der Cardinal hätte ſie beauftragt, der Herzogin einen Jahrgehalt anzubieten, den er ihr mit Dank für die geleiſteten Dienſte ausgeſetzt hätte... Er be⸗ dauerte, fügte ſie hinzu, den Einfall der jungen Fürſtin, an dem er ſchuldlos wäre— wie wir alle— ſagte ſie... Olympia ſchwärme für den Cardinal Ambroſi und— wollte wol auch alle diejenigen ſtrafen, die dem Biſchof von Robillante den Ruf des erſten Prieſters der Chriſtenheit gegeben hätten— ſetzte ſie lächelnd hinzu... Cardinal Ceccone, ſchloß ſie, würde ſelbſt gekommen ſein—.. Wenn er nicht meine böſen Augen fürchtete! unter⸗ brach die Herzogin und in der That konnte ihr Blick den Tod androhen... Der ausgeſetzte Jahrgehalt reichte kaum für die Wohnung und die für Italiens Sit⸗ ten ſo nothwendige Equipage aus... Lucinde zuckte die Achſeln... Zu allzu vielen Erörterungen ſchien ſie nicht aufge⸗ 163 legt.... Sie hatte Eile, käme überhaupt ſelten in die Stadt— ihr ganzes Weſen war voll Unruhe, ge⸗ machter Vornehmheit, Uebermuth... Unter andern war ſie eben bei Klingsohr geweſen... Sie kam von Santa⸗Maria, dem Mutterkloſter der Franciscaner... Dort hatte ſie den glücklich geheilten und zu Gunſt und Gnaden angenommenen Pater Sebaſtus am Sprach⸗ gitter geſprochen... Sie hatte ernſte Dinge mit dem vor Schwäche noch an den Händen Zitternden, aber in ihrem Anblick Ueberglücklichen verhandelt... Nach dem, was ſie ſchon von Hubertus, als dieſer von ihr Abſchied genommen, über die zweite Ge⸗ mahlin des Kronſyndikus in Palazzo Rucca erfahren, ließen die jetzt endlich möglichen Mittheilungen Klingsohr's keinen Zweifel, daß dieſe zweite Gemahlin allerdings eine ehemalige kaſſeler Sängerin Fulvia Maldachini, dann alſo die— Herzogin von Amarillas geweſen ſein mußte... In dem lateiniſchen Bekenntniß Leo Perl's hatten die Namen gefehlt und auch noch jetzt bei Ver⸗ ſtändigung mit Klingsohr hütete ſie ſich, die Fingerzeige allzu grell zu geben... Sie mußte dann auch den kaum Geneſenen ſchonen... Gab ihm das Wiederſehen einen erhöhten Ausdruck der Spannung und Kraft, ſo forderte ſein todblaſſes Ausſehen, ſeine gekrümmte Haltung, die der eines Greiſes glich, zur Schonung auf . Von Benno ſprach ſie zu Klingsohr nicht, da auch Hubertus nichts von Kindern dieſer zweiten Ehe gewußt hatte... Noch war ſie ſchreckhaft erregt von Klings⸗ 11* 164 ohr's Hoſiannah des Dankes für ihren Beiſtand, vom Triumphgeſang ſeiner Hoffnungen für eine neue Zukunft in Rom, wo„ſelbſt der Tod mit leichterer Hand abgewehrt würde, als anderswo“... Er hatte ihre ihm durchs Sprachgitter dargereichte Hand krampfhaft feſtgehalten und ſie mit Verſen begrüßt, die ſchon bereit gehalten ſchienen, wenn er ſie wiederſehen würde... Er gab Minerva, die Weisheit, Maria, den Glauben, hin— Sie, ſie, die Botin Aphrodite's, gäb' ihm allein die volle Lebenskraft... Pallas Athene! Wär' ich immer Gefolgt nur Deinem Schild und Speer— Ich wäre längſt ein Abendſchimmer, Begraben in dem ew'gen Meer! Was zog mich denn mit Zauberbanden Hinauf zu Schnee und Alpenhöhn? Was ließ in fernen, heil'gen Landen Mich Ziele noch und Wünſche ſehn? Todmatt und krank, gedörrt die Lunge— Nahſt Du dem Auge kaum, dem Ohr, NRaff' ich mich ſchon mit Löwenſprunge Ein Held zu neuer That empor. Was komme jetzt? Nur Du gebiete! Zum Frühling wird des Kerkers Haft! Maria—? Pallas—? Aphrodite, Du biſt die Lebens⸗— Liebeskraft! Sie ſagte dem Wahnbethörten, fieberhaft Blicken⸗ den, von Reflexionen Umgewirbelten lächelnd, daß ihn der Cardinal bei der Congregazione del' Indice für die Beaufſichtigung deutſcher Kunſt und Wiſſenſchaft verwen⸗ —— —— 165 den wollte*)... Von Hubertus wußte man auch in Santa⸗Maria noch nichts... Klingsohr verſicherte, die Entſchloſſenheit ſeines tapfern Freundes würde ſich in jeder Lage zu helfen wiſſen... Sie wohnen hier ſehr hübſch?... fuhr Lucinde, ſich im Empfangzimmer der Herzogin umſehend und von ihrer Erſchöpfung durch die empfangenen Eindrücke ſammelnd, fort... Hundert Fuß vom Erdendunſt entfernter, als an Piazza Sciarra... lautete die Antwort... Lucinde drückte der Herzogin wiederholt ihr Bedauern über die neuliche Scene mit Olympien aus und ver⸗ ſicherte, ihrerſeits angenommen zu haben, daß die Her⸗ zogin bereits ausgezogen wäre... Der Cardinal hatte, denk' ich, die Abſicht, dies Palais — Ihnen als Ausſteuer anzubieten? ſagte die Herzogin... Immer hörte Lucinde von dieſer Frau nur gewiſſe höhniſche Betonungen... Immer nur gewiſſe Zweifel der Ironie. Graf Sarzana wird den Dienſt bei Seiner Heilig⸗ keit nicht aufgeben? fuhr die Herzogin fort Sie hoffen ein ſtilles und glückliches Leben führen zu können?... Vergeſſen Sie nicht, wenn der Cardinal Ambroſi die Wohnung zu beziehen ausſchlagen ſollte, einige Verbeſſerungen— des Küchenherdes im Palais vorzunehmen... Sonſt iſt alles gut im Stande... Schwach ſind die Frauen wahrlich nicht, wenn ſie ihre Empfindungen ausſprechen... Lucinde kannte auch *) Die Stelle Auguſtin Theiners aus Schleſien. 166 darauf hin ihre Mitſchweſtern... Aber der„Küchenherd“ ſchien ihr denn doch eine Anſpielung geradezu auf die Zeit, wo ſie eine Magd war. Sie ſehen mehr, als ich, Hoheit! ſagte ſie, ſich ergrimmt auf die Lippen beißend... Sind die Verhältniſſe noch nicht ſo weit?... fuhr die Herzogin fort... Die Verhältniſſe!... Welche Verhältniſſe?... Eure Hoheit haben mich in dieſe Verhältniſſe empfohlen... Sie ſind auch dankbar dafür... lächelte die Her⸗ zogin ironiſch... Sie aber ſind nicht großmüthig, Hoheit! ſagte Lucinde. Ich höre, daß Sie dieſe mögliche Zukunft zu verhindern ſuchen und mich nicht für würdig halten, eine Gräfin zu werden. Ich bin allerdings keine geborene Marcheſina von Montalto, wie Sie! Ich bin eine einfache deutſche Bäuerin— das iſt wahr! Oder hat man Ihnen aus Robillante anders geſchrieben?... Aus Robillante—? Mir?... So hört' ich— alſo neulich am Hochzeitstage— doch recht?... Wie kom⸗ men— Sie denn—... Sie ſtehen im Briefwechſel mit Robillante... unter⸗ brach Lucinde ſchnell und entſchieden... Mit— Ihrem Biſchof—?... entgegnete die Her⸗ zogin, noch mit einer gewagten Sicherheit, aber ſchon erzitternd... Mit Ihrem Sohne Benno von Wittekind⸗Neuhof, mein' ich... warf Lucinde wie einen den Sieg ver⸗ bürgenden Trumpf aus... Die Herzogin wollte erſt auflachen... Dann deu⸗ hof tete ſie auf Lucindens Stirn, als wenn ihr Verſtand nicht in Ordnung wäre... Lucinde erhielt ſich in unbeweglicher Ruhe und wie⸗ derholte langſam, was ſie ſoeben geſprochen hatte... Die Herzogin ergriff Lucindens Arm, ſtarrte ſie mit aufgeriſſenen Augen an und ſchwankte an die Thüren, um wenigſtens dieſe feſter anzuziehen... Sie litt nicht für ſich— was hatte ſie zu fürch⸗ ten!... Sie litt für Benno, der ſeines zweideutigen Urſprungs nicht froh zu werden ſchien... Sie— ſind— wirklich— ein Teufel!... hauchte ſie, ſich halb ohnmächtig niederſetzend... An dieſem„Wirklich“, ſagte Lucinde, erkenn' ich die mich betreffenden Stellen Ihres Briefwechſels... Jen⸗ ſeits der Alpen iſt man noch immer nicht im Reinen, für welchen Ofen der Dante'ſchen Hölle ich paſſe. Aber Ihr Sohn ignorirte mich doch mit einer gewiſſen mitleidigen Toleranz... Ein vortrefflicher Menſch, nur mit dem Einen Fehler, daß er zu den Män⸗ nern gehört, die Verſtand bei Frauen für Anmaßung halten... Eine lange Pauſe des Triumphes trat ein... Die Herzogin raffte ſich allmählich empor und ſuchte, um Luft zu ſchöpfen, das Fenſter... Ich ſpreche eine Vermuthung aus, die ich beweiſen kann!... fuhr Lucinde ihr nachblickend fort... Leo Perl hieß der Geiſtliche, der Sie traute... Ein Jude war es und es geſchah auf dem Schloß Altenkirchen... Ich kenne viele Folgen dieſes abſcheulichen Betruges, arme Frau!... Benno von Aſſelyn iſt die beſte davon... 168 Ein trefflicher Menſch, ſagt' ich, ob er gleich dem Kronſyn⸗ dikus ähnelt und— Ihnen... Madame, Sie wiſſen, daß ich nur wenig Freunde im Leben gefunden habe... Laſſen Sie mir die, die ich hier gewinne... Ich ver⸗ ſpreche Ihnen, Sie werden von mir unbehelligt bleiben... Ich weiß vom Cardinal, daß hier nur die Jeſuiten und der General der Franciscaner Ihr vergangenes Leben kennen, Olympia im Allgemeinen... Arme Frau! Aber da die erſte Hochzeit falſch war, konnte man Sie nicht der Bigamie anſchuldigen, was Ihre und Cec⸗ cone's Feinde thun wollten... Sie wurden glorreich gerechtfertigt... Ihr Geheimniß dann mit Benno— das weiß niemand außer mir... Ich werde es zu bewahren wiſſen, nur— bitt' ich von jetzt an und be⸗ fehl' es Ihnen, lächeln Sie nicht mehr, wenn mein Name genannt wird— genannt, ob nun in Verbindung mit dem Cardinal oder mit dem Grafen... Laſſen Sie ſich von Ihrem Sohn nichts über mich erzählen, was Sie veranlaſſen könnte, etwaigen Hoffnungen, die ich habe, welche es auch ſein mögen, ſchaden zu wollen... Das iſt es, was ich Ihnen ſchon am Hochzeitsfeſt zu ſagen hatte und nur verſchob, weil die Räuber uns hinderten und wir im Gebirge kaum zur Beſinnung kommen... Noch Eins und in aller Aufrichtigkeit... Erneuern Sie die Warnungen für den Biſchof von Robillante!... Schrei⸗ ben Sie Ihrem Sohn davon!... Man erwartet Fefe⸗ lotti... Dieſer bringt die Einleitung eines Proceſſes auf Abſetzung des Biſchofs... Das wäre entſetz⸗ lich, wenn ſich Biſchof Bonaventura um eine ketzeriſche Perſönlichkeit ſo fortreißen, von Gräfin Erdmuthe auf — 169 Caſtellungo ſo beſtimmen ließe... Der Cardinal meinte es aufrichtig, als wir den Pilger zu entdecken ſuchten... Es iſt nicht ſeine Schuld, daß Hubertus ſo räthſelhaft an der Grenze der Abruzzen verſchwun⸗ den iſt... Hören Sie aus alledem, daß ich der Mei⸗ nung bin: Wir ſind Freunde, Verbundene, Herzogin!. Waffenſtillſtand, Friede zwiſchen uns!... Kein Wort an Olympien! Nimmermehr! Verlaſſen Sie ſich auf mich! Das verſprech' ich Ihnen... Aber jetzt muß ich auf Villa Tibur zurück... Der Weg iſt weit... Achthundert Scudi nur, Herzogin; ich find' es erbärmlich! ... Aber— was kann ich thun!... Sagen Sie das Ihrem Sohne— Benno... Sie ſind glücklich, einen ſolchen Sohn zu beſitzen!... Wo fanden Sie ihn? Wie erkannten Sie ſich?... Sie haben recht; für die Fürſtin war er zu gut... Nie, nie darf ſie davon erfahren... Ihre Rache würde keine Grenzen kennen... Regen wir uns nicht auf!... Sie ken⸗ nen jetzt meine Wünſche— meine Befehle!... Auf Wie⸗ derſehn!... Lucinde war verſchwunden, wie ſie gekommen... Sie hatte, um die Bedienung in Bereitſchaft zu halten, ſelbſt geklingelt... Die Herzogin blieb zurück, erſtarrt— gebunden an Händen und Füßen... Sie fühlte ganz die Wirkung, die Lucinde beabſichtigt hatte... Mußte ſie„dieſe Schlange an ihrem Buſen erwärmt“— ſie ſelbſt nach Rom geführt haben!... Unter dieſem Damokles⸗ ſchwert ſollte ſie nun leben!... Was thun? Was um Benno's willen unterlaſſen?... Ihre Correſpondenz ſchien ihr nicht mehr ſicher, trotz der Adreſſen, die an die geringſten Leute hier und in Robillante gingen... Dieſe Sprache, dieſe kurze Eröffnung, dieſe Schonungs⸗ loſigkeit!... Benno ihr Sohn!... Von Angiolinen, der Lucinde ſelbſt ſo ähnelte, hatte ſie geſchwiegen.. Wußte ſie nichts von ihr?... Sie wußte genug, um ſie in ewige Feſſeln zu werfen... Alles das mußte die vereinſamte Frau nun in ſich ſelbſt verwinden... Trotz des Vorwands mit der„beſſern Luft des Monte Pincio“ verließen ſie alle ihre Bekannte... Sie hatte ohnehin nie die erſte Rolle ſpielen dürfen, ſolange ſie mit Ceccone und Olympia lebte... Was war ſie der Welt!... Jetzt bereuete ſie zu klug geweſen zu ſein und ſagte: Wie viel haben bei alledem die Menſchen voraus, die ſich allein den Ausbrüchen ihres Temperaments hingeben! Sie er⸗ leben immer noch etwas mehr Unglück und Demüthigung, als wir andern, die wir ſo klug ſein wollen, das iſt wahr; aber ihre Perſonen feſſeln und laſſen ihre Ver⸗ hältniſſe vergeſſen... Nicht einmal ein paar alte Prälaten hatten das Bedürfniß, bei ihr zu ſpeiſen... Von Benno keine Andeutung, wie ſie ſich verhalten ſollte... Seine Briefe blieben aus... Sie war in Verzweiflung... Ihr Geiſt hatte ſeit einem Jahr ganz in dem geliebten Sohn gelebt... Seine Briefe waren wie an ein Ideal gerichtet. Nur einen einzigen Tag hatte er die Mutter geſehen und geſprochen und gerade dar⸗ um war ihm alles an ihr neu und reizvoll geblie⸗ ben... Die ganze, ſeit ſo lange von ihm beklagte — 171 Heimatloſigkeit ſeines Daſeins fand in ihr Ruhe und Sammlung... Und auch ſie lebte nur in ſeinen Mitthei⸗ lungen und bildete ſich aus ihnen, ſo fragmentariſch ſie waren, jetzt ihre Welt... Sie las zitternd alle ſeine letzten Briefe... Sie waren der einzige beglückende Eindruck, der ihr noch geblieben... Da lag die ſchöne Alpengegend Piemonts... Da lagen die Thäler, die ſchattenreichen Kaſtanien⸗ und Nußbaumwälder, in denen ſich der Geliebte mit Bonaventura erging... Da ſchilderte Benno das rege Leben der Bewohner und die blühendſte Seidenzucht... Ort reihte ſich an Ort— erkennbar war jeder Weiler an den viereckigen Kirchthür⸗ men mit heitern Glockenſpielen... Schlöſſer ſtanden auf höchſter Höhe, gebrochene Zeugen der Wildheit des Mittelalters, tiefer abwärts von dieſen Trümmerſtätten lagen wohnliche neue Sitze des Adels, darunter Ca⸗ ſtellungo, erkennbar ſchon in weiter Ferne am we⸗ henden Banner der Dorſtes... Wie ⸗oft hatte der Kronſyndikus ſie vor Jahren verſichert, daß gerade um dieſer Dorſtes willen ſeine zweite Ehe noch ge— heim bleiben mußte... Sie ſah Benno hinüber- und herüberreiten zwiſchen Robillante, einem freundlichen Städtchen, und Caſtellungo... Die alte Gräfin Erd⸗ muthe bediente ſich ſeiner als Vermittlers zwiſchen ihr und dem Biſchof, den ſie ſeltner ſah, obgleich er ganz in ihrem Sinne wirkte und Benno nicht genug von Bonaventura's Muth ſchreiben konnte, der jenen von der Gräfin beſchützten Waldenſern ihre Gerechtſame wahrte ... Sie ſah die Eichen von Caſtellungo, die verlaſſene Einſiedlerhütte, die Proceſſionen zur Kapelle der„beſten 172 Maria“... Seltſam durchſchauerte ſie etwas von Geheimniſſen, die auf allen dieſen Beziehungen liegen mochten... Sie wußte ſchon ſo viel, daß dem Bi⸗ ſchof jene Gräfin Paula werth geweſen, die inzwiſchen die Nachfolgerin ihres Kindes geworden... Sie fühlte die Dämmerungsſchleier ſo vieles Zarten und Ahnungs⸗ vollen, das auf jenen Gegenden lag, und die ſich ſchon ihr ſelbſt auf Auge und Herz zu legen anfingen... Selbſt die Anſtrengungen Bonaventura's, jenen Eremiten den Händen der Inquiſition zu entreißen, machten ihr einen eigenthümlich perſönlichen Eindruck... Wie ein ſtilles Abendläuten war alles, was von dort herüberklang... Nun ſollte ſie an Benno die unheimliche Nachricht ſchrei⸗ ben: Dein Geheimniß iſt in den Händen dieſer Lucinde, die mich entwaffnet, verſteinert hat— ich konnte ihr nicht widerreden— konnte dich nicht verleugnen! Schien ſie doch voll Antheil für unſer aller Schickſal!... Die Nachricht, jene düſtern Gemäuer von Coni, die erz⸗ biſchöfliche Reſidenz würde ihren Souverän, den grimmen Fefelotli entſenden und dieſer würde neue Schalen angeſam⸗ melten Zornes bringen, um ſie über die ihr ſo werthen Menſchen auszugießen, war wie das Anrollen eines Ge⸗ witters, das—„doch wol auch Benno ſelbſt hören mußte“ ... Sie wußte nicht, was beginnen... Wenn er nur endlich, endlich ſelbſt ſchriebe!... Zunächſt mußte die Kraft ihres ſtillen Liebescultus für den Sohn und die Erinnerung ihr helfen... Sie legte ſich ſchon lange auf, die Plätze zu beſuchen, von denen ſie wußte, daß Benno bei ſeinem Aufenthalt in Rom vorzugsweiſe von ihnen gefeſſelt worden. Benno ——ÿ—ÿ—x—xx—-˖˖—B—B—ꝛ——. 2— hatte an der Ripetta gewohnt, mit der Ausſicht auf die Peterskirche. Er hatte ſeine Betrachtungen an ſo manches geknüpft, was ſie bisher verhindert geweſen, wieder in Augenſchein zu nehmen und nach Benno's Weiſe auf ſich wirken zu laſſen. Sie ſtaunte nun, alles ſo zu finden, wie Er ihr geſchrieben— in Briefen, die ihr ein Heiligthum wurden und die ſie in ihren einſamen Stunden wieder und wieder las. Jetzt ſagte ſie: Ja, er hat Recht: Die Peterskirche macht keinen gewaltigen Ein⸗ druck! Die gelbangeſtrichenen Säulenarcaden drücken ſie zum Gewöhnlichen herab!... Sie ſagte: Er hat Recht: Das Innere der Peterskirche iſt kalt; man athmet hier nur in der Sphäre des Stolzes und der Vermeſſenheit der Päpſte!... Er hat Recht: Die Engelsburg iſt wie ein Reitercirecus!... Er hat Recht, wenn er ſchreibt: Als ich nach Rom kam, erſchien mir der Engel auf ihrer Spitze wie ein Lobgeſang auf die Idee des Chriſtenthums, jetzt nur noch wie eine Satyre!... Er hat Recht: Die Kirchen ſind Concertſäle; nicht eine hat die Erhabenheit eines deutſchen Domes!... Er hat Recht, wenn er ſchreibt: Unter den Bildſäulen der Muſeen ver⸗ weilt' ich lieber, als unter den Bildern; ſie lehren Ver⸗ gänglichkeit und Trauer und das Muſeum auf dem Ca⸗ pitol iſt geradezu die heiligſte Kirche Roms; nur dort hab' ich Thränen geweint, unter den geſpenſtiſchen Mar⸗ morgöttern, den Niobiden, den ſterbenden Fechtern, den gefangenen Barbarenkönigen!... Er hat Recht: Kein chriſtlicher Sarkophag hat mich ſo gerührt, wie im La⸗ teran die heidniſchen Aſchenſärge mit den zärtlichſten In⸗ ſchriften:„Gattin dem Gatten!“... Er hat Recht: — 174 Nichts haſſ' ich wie das Coliſeum! Ich kann es nicht mehr ſehen... Er hat Recht: Wie wenig kann ich mich mit Michel Angelo befreunden! So oft ich von ihm ein Werk erblicke, hab' ich das Gefühl, er hätte etwas geben wollen, worauf die gewöhnlichen Vorſtellungen vom Schönen nicht paſſen— Raphael hat allein das Einfache und Richtige! Was ein Ding ſein muß, das iſt es bei Raphael; bei Michel Angelo iſt's immer etwas anderes, als das natürliche Gefühl erwartet... Raphael's Bilder betrachtete ſie nun ſtundenlang— die Ma⸗ donnen waren dann Armgart— ſüßer heiliger Friede ſenkte ſich auf Augenblicke in ihre Bruſt— Dann fuhr ſie wieder auf und ängſtigte ſich um die Ahnung, daß ſie Benno nicht wiederſehen würde... Nun fehlte ein Brief ſchon ſeit Wochen von ihm... Und ihr Herz, ihre ganze Seele war ſo voll— ſo übervoll—!... Es war die Zeit, wo in Rom jeder, der nur irgend kann, auf dem Lande lebt... Die Herzogin mußte ſich dieſen Schutz gegen die Wirkungen der „Malaria“ verſagen... Neulich war ſie in ihrem vom Schrecken des Gemüths gehetzten„Wieder⸗ aufſuchen Roms nach Benno's Anſchauungen“ beim Kloſter der„Lebendigbegrabenen“ angekommen... Sie fand da einen ſchönen, luftreinen Garten... Oef⸗ ters ſchon war ſie hinübergegangen zu dieſen Schwe⸗ ſtern der„reformirten“ Franciscaner; ſie wohnten an Piazza Navona, nahe der Tiber... Sie, die Mit⸗ wiſſerin eines ſchweren Geheimniſſes, blieb dort gut auf⸗ genommen, aber um achthundert Scudi jährlich kauften die Andern ihr Schweigen ab... Sie, ſie war es nun, die dieſem Kloſter die Laſt Olympiens abgenommen... Nicht alle Gründe hatte ſie Benno erzählt, die die fromme Ge⸗ noſſenſchaft damals beſtimmten, eine ſo gewagte Hand⸗ lung zu begehen wie die, eine Nonne einzukleiden, die ihnen eine geheime Commiſſion des peinlichen Tribunals als eines Attentats auf den Inquiſitor Ceccone verdäch⸗ tig überwieſen hatte und die ſchon allein deshalb abzu⸗ weiſen war, weil ſie möglicherweiſe niederkommen konnte. Nichts ſeltenes, daß Verbrecher den Klöſtern zur Auf— bewahrung übergeben werden; aber eine Braut des Him⸗ mals, die geſegneten Leibes war— von einem Monſignore, der einen Mordanfall unter Umſtänden von ihr erlitten hatte, die keine nähere Unterſuchung des Frevels wünſchen ließen... Das Kind blieb am Leben und wurde nicht aus dem geräumigen Kloſter entfernt. Man hatte Gründe für dieſe Zurückbehaltung. Vorzugsweiſe fürchtete man, ſolange man ein pflegbefohlenes Kind lieber ſelbſt hütete, weniger für den Ruf des Kloſters, das leicht ſeine gegenwärtige Auszeichnung, die Pallien weben zu dürfen, verlieren konnte und ſie an andere abtreten mußte, die auf dieſe Ehre und den Gewinn eiferſüchtig waren ... Außerdem hatte dies Kloſter noch eine Ehrenaufgabe, auf welche die jungen Prälaten neulich anſpielten... In der zu ihm gehörigen Kirche befand ſich eine „Mumie“... Dies war der Leichnam der Stifterin des Kloſters, einer Franciscanerin, die im Jahr 1676 die ſtrengere Regel Peter's von Alcantara angenommen hatte. Bei zufälliger Oeffnung ihres Sarges im Be⸗ ginn dieſes Jahrhunderts fand man die Schweſter Euſebia Recanati nicht verweſt. Der Leichnam hatte ſich in ſei⸗ 176 ner urſprünglichen Geſtalt erhalten, während die Ge⸗ wänder, der braune Rock, der ſchwarze Schleier, das weiße Kopf⸗ und Halstuch zuſammenfielen. Ohne Zweifel ein Wunder. Seit dreißig Jahren petitionirte das Kloſter um die Heiligſprechung der Euſebia Re⸗ canati, die in einer Kapelle der Kirche, in einem ver⸗ ſchloſſenen Schrank, unter Verglaſung, in ſitzender Stel⸗ lung an gewiſſen Tagen dem Volk gezeigt wurde. Seit dreißig Jahren beſtand eine Commiſſion zur Prüfung der Anſprüche, die Euſebia Recanati auf den Schmuck des Heiligenſcheines hatte. Dem Kloſter wäre die wirklich erfolgte Heiligſprechung und ein unverſehrter Heiligenleib zur Quelle des größten Gewinns gewor⸗ den. Aber die Orden regten ſich voll Eiferſucht — die ſchwarzen Oblaten und Urſulinerinnen, die weißen Camaldulenſerinnen und Karthäuſerinnen, die hellbraunen Olivetanerinnen, die ſchwarzweißen Philip⸗ pinen, die ſchwarzbraunen Auguſtinerinnen, die weiß⸗ ſchwarzen Dominicanerinnen, die braunen Karmeliterin⸗ nen und Kapuzinerinnen, die blauen Annunciaden, die rothen Sakramentsanbeterinnen und hinter ihnen die entſprechenden Mönchsorden mit allen ihren Generalen. Die geringere bloße„Seligſprechung“ der Mumie ge⸗ nügte den„Lebendigbegrabenen“ nicht, ſie wollten der Chriſtenheit eine heilige Euſebia geben, die in der That dem Kalender noch fehlte. Sie bewieſen, daß dieſe ſchrecklich anzuſehende, verſchrumpfte, braunem Leder gleichkommende Euſebia Recanati, ein Grauenbild, ge⸗ ſchmückt mit den glänzendſten Kleidern und mit goldenen Spangen befeſtigt, Wunder verrichtete, Lahme geſund 177 machte, Blinde ſehend. Die Oppoſition blieb aber zu ſtark... Dreißig Jahre ſchmachteten die Nonnen ſchon nach Entſcheidung der Cardinäle! Als einen vorläufigen Erſatz erhielten ſie das Pallienweben, in dem ſie ſich, dreißig an der Zahl, auszeichneten wie Penelope auf Ithaka; Ceccone war es, der ſie ſo in ihren Hoff⸗ nungen auf die Heiligſprechung der Mumie, die ſie nicht aufgaben, ermunterte. Auch wären ſie gewiß ſchon durchgedrungen, ſeitdem ſie das Meiſterſtück ihres guten Willens, die Verheimlichung eines Prälatenkindes, durchführten; wenn nur nicht auch Fefelotti und die Jeſuiten ihre Feinde geworden wären. Dieſe beſchütz⸗ ten die neuen vornehmen Orden, die Saleſianerinnen, die Annunciaden, die Sakramentsanbeterinnen, vorzugs⸗ weiſe die Damen vom Herzen Jeſu. Die Zeſuiten ließen mit jenem Schein„wahrer Aufklärung“, der ihnen über⸗ all an geeigneter Stelle ſo geläufig iſt, alle Wunder, die die Mumie vollzogen haben ſollte, ärztlich unterſuchen und erklärten ſie für null und nichtig. Die Profeſſoren der Jeſuiten lehrten auf der„Sapienza“(der Univerſität Roms) die Heilkunde und Naturwiſſenſchaften. Die Gutachten, die ihre Commiſſion für die Heiligſprechung der Euſebia Recanati übergab, waren von einer Frei⸗ müthigkeit, als hätte ſie Humboldt verfaßt. Die Waffen der Wiſſenſchaft, die in den Händen der Jeſuiten glän⸗ zen, ſenken ſie nur dann, wo es gilt höhere Zwecke zu ſalutiren... In ſolchen Klöſtern, wo ein Induſtriezweig getrie⸗ ben wird, z. B. Blumenmachen, ſieht es wie in einer Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 12 Fabrik aus. Man läßt anderwärts Zöglinge und Kinder zur Mithülfe zu; die„Lebendigbegrabenen“ repräſentirten ihr kleines„Mancheſter“ für ſich... Ihr Fleiß hielt gleichen Schritt mit der Sterblichkeit unter den Biſchöfen von 131 Millionen Seelen. Sie ſchoren und ſpannen und webten und die Herzogin von Amarillas konnte einige Uralte unter ihnen nicht anders betrachten, als unter dem Bild der Parzen Clotho, Lacheſis und Atropos. Auch Lucrezia Biancchi ſpann und ſipann... Dazu ſang ſie alte Lieder— Freiheitslieder, die ſie von ihren Brüdern gelernt hatte, weniger von Napoleone, als von Marco und Luigi... Für einen kleinen Schwe⸗ ſterſohn von ihr, den die„ſchöne Wäſcherin“ vom Tiber⸗ ſtrand erzog, als ſie die neue Judith zu ſpielen begann, hatte der liebevolle Ceccone großmüthigſt geſorgt... Dieſer war, als ſeine Oheime Luigi und Napoleone nur durch die Flucht von den Galeeren freikamen, als Marco ſogar zum Tode verurtheilt, dann zu den Galeeren begnadigt, endlich verbannt wurde, erſt ſieben Jahre alt. Ceccone ließ den kleinen Achille Speroni verſchneiden und zum Sopranſänger der Sixtina machen... Die Herzogin beſuchte am Abend nach der Schreckens⸗ ſcene mit Lucinden den Garten dieſes Kloſters... Da ſaß die Mutter Olympia's, die Mutter eines Kindes, dem ihre Seele fluchte, als ſie es empfing, die irrſinnige, magere, hohläugige Lucrezia und ſpann wie immer... Selbſt aufgeſchreckt wie ein verfolgtes Wild, erzählte ſie ihr von ihres Bruders Luigi Gefangenſchaft... Die Spinnerin hielt einen Augenblick inne und zeigte auf die Wolle am Rocken und auf den langen Faden, den ſie —1 aufgewickelt hatte... Das iſt recht! Er muß Geduld haben!... ſagte ſie und feuchtete den Faden an... Ja, ſagte die Herzogin, du meinſt die Zeit! Schwe⸗ ſter Joſepha— ſo war ſie beim Einkleiden getauft wor⸗ den—, der lange Faden iſt die Zeit! Auf den müſſen wir viel, viel aufreihen!... Die drei Parzen in der Nähe lächelten und nickten Beifall... Die Herzogin beneidete faſt die Schweſter Joſe⸗ pha.. 2 Dies arme Weſen, das einſt auf einen Mann, in deſſen Arm ſie ruhete, ein Meſſer zücken konnte, wußte nichts von ihrem Kinde, das eine Fürſtenkrone trug und Menſchen tyranniſirte... Sie hatte die fixe Idee von ausbleibenden Briefen— Briefen, die Gott, Jeſus, St.⸗Johannes, die Heiligen an ſie ſchrieben— es wa⸗ ren die Briefe ihrer verbannten Brüder... Ihrer Brüder, die in den Gefängniſſen Roms, unter den Torturen geſeſſen hatten, die vom Rechtsweſen des Mittelalters gerade im Kirchenſtaat noch am längſten zurückgeblieben ſind... Als die Herzogin aus dem Kloſtergarten, von den kleinen Lämmern, von den Webſtühlen zurückkam, war ſie über ausbleibende Briefe ſo troſtlos wie Schweſter Joſepha... Nun mußte ſie auf alle Fälle Benno den Vorfall mit Lucinden, überhaupt alles berichten, was ihr ſeit fünf Tagen widerfahren war... Seit Benno's letztem Brief waren Wochen verfloſſen... Täglich fragte ſie bei einem Lotteriecollecteur, der eine große Corre⸗ ſpondenz unverfänglich führen durfte, ob nichts für ſie 12* — 180 angekommen wäre... Endlich, endlich durfte doch wol ein Brief— morgen eintreffen. Er kam aber auch morgen nicht... Auch nicht am nächſten Tage... Schon fragte die Verzweifelnde und wie auf der Flucht vor ſich ſelbſt Dahinwankende das Orakel der Karten, das ſie ſtundenlang vor ſich ausgebreitet hatte und bei verſchloſſenen Thüren durchforſchte... Sie nahm eines jener ſchöngeformten eiſernen Geſtelle, in die man in Italien die Waſchſchüſſel ſtellt, und ſtand wie Pythia am Drei⸗ fuß, um an den Wellenſchwingungen, die ins Waſſer geworfene Kieſel hervorbringen, zu erkennen, ob die Ringe, große oder kleine, Glück oder Unglück bedeutende wären ... Sie nahm Aſche vom Feuer des Herdes, ſtreute ſie Nachts auf den Sims eines vom Wind beſtrichenen Fenſters und ſchrieb mit zitterndem Finger die Frage, ob Benno geſund wäre...„Sano?“.. Am Morgen dann las ſie mit banger Erwartung, was der prophetiſche Wind aus den Buchſtaben gemacht haben würde... Das Orakel antwortete: Santo... Wie, dachte ſie den Tag über— er iſt doch nicht auch in ein Kloſter gegangen?... Auch er will uns ein Prieſter werden?... Damit quälte ſie ſich einen Tag... Kein Brief kam... Am Abend ſchrieb ſie wieder: Sano?... Am Morgen las ſie in dem verwehten Aſchenſtaube: Cane.. Himmel, dachte ſie jetzt und raufte ſich wie wahn⸗ ſinnig das Haar, ein toller Hund hat ihn gebiſſen!... Am dritten Tage las ſie: Caro... Das machte ſie ein wenig ruhiger... So war er —,——— —— 181 5 vielleicht nur verliebt und vergaß ſie um— weſſent⸗ 8 willen?... Armgart's?... 3 Am vierten las ſie: Sale— Salz oder Verſtand— 7... M Die Ironie des Zufalls lehrte ſie nicht, daß ſie dei ihre Thorheiten laſſen ſollte... Sie grübelte, worin * Benno's Schweigen gerade jetzt ein beſonderer Beweis von Verſtand ſein konnte... ten Als ſie am Tage, wo ſie Sale geleſen hatte, lei⸗ von einer Corſofahrt nach Hauſe kam, am Hauſe des ier Lotteriecollecteurs wieder nichts für ſich gefunden hatte, ge⸗ ſchleppte ſie ſich faſt zuſammenbrechend die Treppe hin⸗ ten auf.. ute Eben wollte ſie ihre Hauskleider anlegen... Da neu hörte ſie von der Straße her einen Wagen anrollen und ge, ſtill halten... 4 Nach einer Weile klingelte es und Marco kam mit ng, hochaufgeriſſenen Augen und brachte die Wundermär: cht Cardinal—— Fefelotti!... Die Herzogin traute ihrem Ohr nicht und erhob ſich... uch Es war in der That der Crzbiſchof Fefelotti, Car⸗ ein dinal und Großpönitentiar der Chriſtenheit— in eigener Perſon... ief Von ſolchem Beſuch ahnte ſie jetzt nichts Uebles... 4 Das„Salz“ des Orakels—„Verſtand“ traf zu... be: Nicht beſonders älter war Fefelotti geworden, ſeitdem die Herzogin ihn zum letzten male geſehen... Im ⸗ Gegentheil, die Ruhe in Coni, die Sicherſtellung ſeiner Unternehmungen durch die Jeſuiten, die Nothwendigkeit, die gottſeligſte Miene zu zeigen, hatte die ſonſt ſehr er lebhaften Verzerrungen ſeiner unſchönen Geſichtszüge ge⸗ 4 — 182 mildert... Sind die Hunde aus den Wölfen entſtanden, ſo ſtellte Fefelotti jenen Uebergang dar, wo möglicherweiſe die Wölfe zuerſt anfingen ſich in den Gewohnheiten des Hausthiers zu verſuchen... Seine runde Naſe, ſeine buſchigen Augenbrauen, ſein von Pockennarben zerriſſenes Geſicht war daſſelbe wie ſonſt, aber eine heilige, geſät— tigte Ruhe lag auf ſeinen Mienen... Konnte er doch wahrlich lächeln über ſeinen neueſten Sieg... Konnte er doch lächeln über ſeine Rückkehr aus einer Verbannung— wo er für den„ſchlechteſten Chriſten“ hatte gelten ſol— len, dem man den„beſten“ zur„Verſöhnung der Gott⸗ heit“ gegenübergeſtellt!... Konnte er doch lächeln über Ceccone's ohnmächtiges Schnauben, von dem er ſogleich andeutete, daß es ſich jetzt ſchon an Frauen auszuto⸗ ben anfinge... Das war nun jene Dame, zu der Fefelotti ſonſt als Prälat ſo gern gegangen war, die aber ſeine Intrigue mit der„kleinen Wölfin“ bei den „Lebendigbegrabenen“ und die Verhinderung der Cardi⸗ nalserhebung Ceccone's ſo eiligſt gekreuzt hatte.. An ein Verſchleiern ſeiner Empfindungen denkt in ſolchen Fällen kein Italiener... Fefelotti lachte ſich weidlich aus... Sowol über die Höhe der Treppen, die er hatte erſteigen müſſen, wie über die Möbel, wie über die Dienerſchaft und— ein„Sommerlogis“ auf dem Monte Pincio... Sie kluge Frau, ſagte er, ich habe Sie immer ſo gern gehabt! Wie konnten Sie ſich nur von meiner Fahne entfernen!... Sie haben ſechzehn Jahre Ihres Lebens verloren... Wie hoch iſt die Penſion, die Ihnen mein alter Freund Don Tiburzio zahlt?.. —.— unden, Die Herzogin hatte die Schule der Leiden in einem rweiſe Grade durchgemacht, daß ſie ſich weder über Fefelotti's n des Beſuch allzu erſtaunt zeigte, noch auch Ceccone's Un⸗ ſeine dankbarkeit ganz nach den Empfindungen ſchilderte, die ſenes ſie darüber hegte... Sie wünſchte dem Großpöni⸗ geſät⸗ 2 tentiar Glück zu ſeiner neuen Erhebung, ließ die von ihr doch betonte wahrſcheinlich nahe bevorſtehende Papſtwahl nicht nte er ohne Bezüglichkeit für die Hoffnungen des ehrgeizigen 9— Prieſters— ſie klagte aber Ceccone keineswegs allzu ſol⸗ heftig an... Gott⸗ Fefelotti ſah die Schlauheit der weltgewandten Frau... über Sich mäßigend ſchlug er die Augen nieder, beklagte die gleich Leiden Seiner Heiligkeit und geſtand offen, daß durch zuto⸗ die Wiederherſtellung des Jeſuitenordens, deſſen Affiliirter der er ſchon ſeit lange war, in die ſchwankenden und von die 1— den Perſönlichkeiten der Päpſte abhängigen Zuſtände der den Kirche endlich Feſtes und Dauerndes gekommen wäre ardi. Seine eigene Wiederberufung bewieſe, daß ſich ohne den Rath des Al Geſu nichts mehr in der katho⸗ 1 n liſchen Welt unternehmen laſſe. ich In der Art, wie Fefelotti es ſich dann unter den Rſi von dem trippelnden Marco inzwiſchen angezündeten 14 Kerzenbüſcheln bequem machte, wie er ſogar herbeigeholte 3 Erfriſchungen nicht ablehnte, lag das ganze Behagen ausge⸗ aij drückt, ſich bei einer Frau zu befinden, die nach aller Berechnung menſchlicher Natur ſeine Verbündete wer⸗ er ſo den mußte... Von Ceccone's„häuslichen“ Verhältniſſen ahne ließ er ſich erzählen... Er hatte ſeine Freude an dem ben kleinſten Verdruß, den„ſeinem Freunde“ das Schickſal mein bereitet hatte... Er ſtellte ſich wie ein in einem kleinen 46 4. 184 Landſtädtchen begraben Geweſener, nur um recht viel Neues, Ausführliches und pikante kleine Details erfah⸗ ren zu können... Und die Herzogin war klug genug, trotz ihrer Abneigung gegen den häßlichen Mann, deſſen falſche Zähne nach jedem Satz, den er ſprach, ein eige⸗ nes Knacken der Kinnlade von ſich gaben und gegen den Ceccone noch jetzt ein Apoll war, doch dies Verlangen nach Befriedigung ſeiner Schadenfreude nicht ganz un⸗ erfüllt zu laſſen... Sie gab eine ungefähre Schilde— rung der Mühen und Sorgen, unter denen Ceccone's Ehrgeiz allerdings ſtöhnte und ſchmachtete.... Fefelotti ſchlürfte Sorbett... Seine Zähne bekamen vorübergehend einen beſſern Duft von den Orangen, aus denen es bereitet war und ſie lnackten jetzt nur noch von der Berührung mit dem Löffel... Immer mehr gewöhnte ſich die Herzogin an das Wiederſehen eines Mannes, der ohne Zweifel doch nur allein der Anſtifter der den Jeſuiten nicht geglückten Verfolgung gegen ſie wegen Bigamie geweſen... Kannte er alle Geheimniſſe ihres Lebens?... Kannte er die Exiſtenz Benno's?... Ihr Antheil an ſeinem Kampf mit Bonaventura, gegen den er vielleicht einen Proceß auf Abſetzung inſtruirte, rüſtete ſich, ihn möglichſt unverfänglich über dies und anderes zu befragen... Sie ließ dem Gefährlichen den Vorſchmack der Annehmlichkeiten und Vortheile, die er denn doch durch dieſen Beſuch gewinnen konnte.. Roms Lage iſt ſchwierig, ſagte Fefelotti bei Erwähnung des Ceccone'ſchen Aufenthalts in Wien... Auf der einen Seite bilden wir das Centrum der Welt, auf der andern das Centrum Italiens... Wir ſollen rein geiſtlich und für 4 1* c 4 —--—y —— —— 185 die Ewigkeit auf die Gemüther wirken und ſind von allen politiſchen Strudeln des Tags ergriffen... Die neue Zeit hat dem apoſtoliſchen Stuhl eine faſt unerſchwing⸗ liche Aufgabe geſtellt... Ohne die weltliche Würde kann die geiſtige Souveränetät des Heiligen Vaters nicht auf die Dauer beſtehen... Beides für die Zu⸗ kunft zu einen, erfordert die äußerſte Anſtrengung... Ich billige ganz, wenn Ceccone ſeine kleinen Koketterieen mit den ſogenannten„Hoffnungen Italiens“ zu unter⸗ laſſen angefangen hat... Erzählen Sie mir noch mehr — von Wien!... Die Herzogin beſtätigte, daß Ceccone von Wien in ſei⸗ nen politiſchen Neuerungstrieben bedeutend abgekühlt zurück⸗ gekehrt wäre. Der Fürſt Staatskanzler hätte ihn belehrt, daß die Tribunen Roms ſich immer zuerſt am Entthro⸗ nen der Päpſte und am Halsabſchneiden der Cardinäle geübt hätten... Fefelotti lachte mit vollem Einverſtändniß... Die Herzogin dachte an Benno und ſeine Freunde... Sie gab der guten Laune des Schrecklichen die gewünſchte Nahrung... Sie erzählte: Ceccone hätte beim Nach⸗ hauſefahren von einer ſolchen Scene mit dem Staats⸗ kanzler immer nur Fefelotti! Fefelotti! gerufen... Bestia! unterbrach der Cardinal... Dann hätte Ceccone Olympien geſchildert, was„po⸗ litiſche Reformen“ wären...„Nur Ein Bedienter für dich, monatlich nur Ein Paar neue Handſchuhe und die Nothwendigkeit, deine Hemden ſelbſt nähen zu müf⸗ ſen!. Fefelotti hielt ſich die Seiten vor Lachen... 186 Ich bin mit Ceccone's politiſcher Haltung ganz ein⸗ verſtanden, ſagte er... Sie iſt jetzt ſtreng und feſt... Sie läßt ſich auf keine Transactionen mehr ein... Rom iſt unterwühlt von Verſchwörungen... Ver⸗ bannung nur und Galeere können helfen... Das ge⸗ ringſte iſt das Verbot aller zweideutigen Schriften... Wiſſen Sie— apropos— nichts Näheres über— Grizzifalcone—?... Die Herzogin hörte Geſinnungen, die ſie haßte, ver⸗ barg jedoch ihre Aufwallung hinter einem Erſtaunen über das, was Grizzifalcone mit Roms— Politik gemein haben könnte—?.. Der Cardinal drückte ſeine kleinen Rattenaugen zu... Ein bedeutſames Knacken ſeiner Zähne trat wieder an die Stelle ſeiner Worte... Der Duft der Orangen verflog... Glücklicherweiſe nahm er eine zweite Schale Sorbett... Die Herzogin mußte die Geſchichte der Gefahr er⸗ zählen, die ſie an Olympiens Hochzeitstage überſtanden hatte... Lucindens Name mußte genannt werden. Dieſer war ihm keineswegs unbekannt... Eine Neubekehrte? warf er ein.. Sie hütete ſich ein Wort der Misachtung zu ſagen... Fefelotti kehrte dringender auf Grizzifalcone zurück ... Glauben Sie, ſagte er, daß Ceccone jene für den Fürſten Rucca beſtimmte Liſte in den Taſchen des Räu⸗ bers fand und einſteckte?... Ich glaube nicht... Dieſe Liſte beſaß Ceccone ohne allen Zweifel ſchon vorher in Abſchriften genug... Er brauchte ſie ja— Hm!... Räthſelhaft ſind die Aufträge, die dem wilden deut⸗ 187 ſchen Franciscanerbruder gegeben wurden... Nun ſagt man ja, er wäre ſpurlos verſchwunden... Mit jenem Pilger zugleich... Hörten Sie davon?... Der Pilger und der Mönch ſind von den Zollwächtern, die verrathen zu werden fürchteten, ohne Zweifel todt geſchlagen wor⸗ den... Die Herzogin entſetzte ſich... Und warum„brauchte Ceccone die Liſte“?. Eine Weile verzog ſich der bisherige heitere Aus⸗ druck der Mienen Fefelotti's, ſeine ſchwarzen Brauen ſenkten ſich auf die kleinen Augen, die ein verderbliches wildes Feuer zu verbergen ſchienen... Dennoch ſuchte er die Stimmung des Scherzes zu— rückzuführen und ſprach lieber von Olympien, die er beſchuldigte, in der„Argentina“ bei allen neuen Opern die Stellen zu beklatſchen, die für die Tauſende von Carbonaris, die auch in Rom wären, oft ein Loſungswort gäben... Das Junge Italien hat allein zwölf Logen in Rom! ſchaltete Fefelotti ein... Doch erzählen Sie von Olympien!... Die Herzogin hörte nur und hörte.. Fefelotti ſah, daß die Herzogin in politiſchen Dingen nicht mehr Ceccone's Vertrauen beſeſſen hatte... In die Argentina geht Olympia jetzt ſeltener, ſagte ſie mit bitterer Erinnerung an den neulichen Spott Olympiens über ihre Beziehung zur Muſik... Sie verlangte von mir, daß ich erklärte: Unſere neuere Muſik anhören zu müſſen verdiente, daß die Componiſten mit den Ohren angenagelt würden... Dieſe Strafe trifft in der Türkei die Bäcker, wenn ſie 188 ſchlechtes Brot backen!... Dieſer Witz wird den alten Rucca geärgert haben, wenn er ihn hörte... ſagte Fefelotti.. In dieſer heitern Weiſe dauerte die Unterhaltung fort... Auch auf den Cardinal Ambroſi kam Fefe⸗ lotti zu ſprechen... Ich habe ihm, ſagte er, ſofort eine Amtswohnung anweiſen laſſen, indem ich ihn zum Vorſtand der„Congre⸗ gation der Reliquien und Katakomben“ machte... Viel⸗ leicht iſt er ſo galant, Olympien mit der Heiligſprechung der Euſebia Recanati ein Gegengeſchenk für ſeine Erhe⸗ bung zu machen... Sie wiſſen doch noch, daß wir einſt um die kleine„Wölfin“ bei den„Lebendigbegra⸗ benen“ auseinander gekommen ſind— Sie ſchlimme Frau, die Sie mir auch in Wien einen noch gottſeligeren Prie⸗ ſter auf Erden entdeckt haben— Ja Sie! Sie! Ich weiß es— Meinen Nachbar bei Coni— den magnetiſchen Biſchof Bonaventura von Aſſelyn... Sie haben ihn zuerſt Olympien empfohlen... Der Spott dabei auf mich kam allerdings wol nur von dem kleinen Gras⸗ affen... 3 Die Herzogin ſpitzte ihr Ohr... Jedes Wort in dieſen leichten Scherzen und drohenden Neckreden war bedeutungsvoll... Ihr Palais an Piazza Sciarra ſtand alſo noch leer... Cardinal Ambroſi hatte ſich Olym⸗ piens Verehrungscultus entzogen... Bonaventura's heiliger Ruf wurde keineswegs von ihr abgelehnt... Mit einem faſt ſchelmiſchen Trotz berief ſie ſich auf das Urtheil der deutſchen Kirche... Gut, daß ich mich an dieſem Eindringling auf ita⸗ 189 lieniſchen Boden habe überzeugen können, wie ge⸗ fahrvoll dieſe deutſche Kirche wird, erwiderte Fefe⸗ lotti... Kaum in ſein Amt eingeführt, begeht der Freche eine Unthat nach der andern... Der Ver⸗ bündete einer Ketzerin, die auf dem Schloſſe Caſtel— lungo hauſt, wahrt er den durch die Milde der Zei⸗ ten übrig gebliebenen Reſten einer ſchismatiſchen Sekte die Rechte, die ſie verbrieft beſitzen wollen, beſtreitet das ihnen ſtreng eingeſchärfte Verbot, Proſelyten zu machen, behauptet, die Dominicaner hätten außer dieſen gefäng⸗ lich eingezogenen, dann freigegebenen religiöſen Fanati⸗ kern noch einen Eremiten eingekerkert, der den Wohl⸗ thäter des Volkes machen wollte und nur ein Verbreiter ruchloſer Lehren war... Auch dieſer Eremit war ein Deutſcher!... England und Deutſchland! Das wird unſer Kampfplatz werden!... In Deutſchland iſt es ſchon wieder wie zur Zeit Luther's... Ein Prieſter iſt aufge— ſtanden, der dem Biſchof von Trier die Ausſetzung des Heiligen Rocks zum Verbrechen am„Geiſt der Zeit“ macht! .Die ketzeriſchen Bewegungen auf dem Gebiet der Lehre, ja des Cultus nehmen überhand... Erkundigungen, die wir über den Biſchof von Robillante eingezogen haben, machen ihn zur Abſetzung reif... Und der blinde Wahn dieſes Mannes geht ſo weit, hieher nicht als ein Angeklagter, ſondern als ein Richter kommen zu wol— len. Hieher—? Er wird berufen?... fragte die Herzogin erbebend vor Angſt und doch auch ver Freude... Der Biſchof behauptet, fuhr Fefelotti in geſteigerter 190 Aufregung fort, die Nachricht, daß man jenen Eremiten in der Mark Ancona als Pilger geſehen hätte, wäre ein ab⸗ ſichtlich ausgeſprengter Irrthum... Dieſer Eremit wäre nach Rom überführt worden und ſäße hier in irgendeinem Kerker... Der Pilger von Porto d'Ascoli, erklärte er noch kürzlich, wäre ein anderer... Seit man jetzt ver⸗ breitet, er wäre ermordet worden, hatte ich eine Scene mit ihm, die zu ſeiner ſofortigen Verhaftung hätte führen müſſen, wäre nicht die beſonnene Vermittelung eines ſeiner Verwandten von ihm dazwiſchen getreten... Des Signore— Benno—?... fragte die Mutter nach Gleichmuth ringend... Der Cardinal beſtätigte dieſen Namen.. Benno lebt denn alſo noch!... dachte die Mutter und verbarg hinter Bewegungen, die ihr als Wirthin eines ſo hohen Beſuches zukommen durften, das Gemiſch ihrer Freude und Beſorgniß... Fefelotti ſprach Benno's Namen harmlos aus... Er ſchleuderte nur ſeinen Bannſtrahl über Deutſchland und Bonaventura... Dann fragte er wiederholt nach Lucinden... Er wußte, daß ſie dem Cardinal nahe ſtand und Ausſicht hatte, Gräfin Sar⸗ zana zu werden... Nach den Berichten der kirchli⸗ chen Fanatiker Deutſchlands nannte er ſie eine Hocher⸗ leuchtete, der ſich nur die eine Schwäche nachſagen ließe, für jenen Biſchof von Robillante eine unerwiderte Liebe im Herzen getragen zu haben... Die Herzogin nahm ihm nichts von allen dieſen Vorſtel⸗ lungen... Sie ſah, dem Großpönitentiar lag das Leben aller Menſchen aufgedeckt... Er fragte wiederholt, 3 191 was die Herzogin über Donna Lucinde wiſſe und ob ſie gut mit ihr ſtünde... Die Herzogin ſah, daß Fefelotti bei Ceccone eine Spionin ſuchte... Vielleicht fand er ſie in Lucinden .Sie hütete ſich, Lucinden nach ihrer Auffaſſung und eigenen Erfahrung zu charakteriſiren... Eine Ver⸗ mittelung dieſer Bekanntſchaft durfte ſie aus nahe liegen⸗ den Gründen— um Ceccone's willen— ablehnen... Es war ſchon halb elf Uhr, als der Cardinal ſich endlich erhob... Er hatte ein paar angenehme, höchſt trauliche, für ihn mannichfach anregende Stunden verbracht . Er hatte ſich ſchnell wieder in den römiſchen Din⸗ gen orientirt... Er verſprach wiederzukommen... Dann küßte er der Herzogin mit aller Galanterie die Hand, ſagte ihr die Tage und die Orte, wo er„zum erſten male aufträte“— d. h. die Meſſe leſen oder ſie mit Pomp anhören würde... Das waren Schauſpiele, wo ſich alles, was zur Geſellſchaft gehörte, verſammeln mußte... Er verſprach ihr die„beſten Plätze“, unter andern zu einem morgenden Gebet von ihm in der Six⸗ tina.. Daß ich, ſagte er beim Gehen, Ceccone's Feind nicht mehr ſein will, beweiſe ich dadurch, daß ich den Schein von ihm entferne, als könnte er einer Dame, der er ſich lebenslang verpflichtet fühlen ſollte, wie Ih⸗ nen, undankbar geweſen ſein... Mit dieſer artigen Wendung empfahl er ſich... Die ganze Dienerſchaft, die der alte Marco raſch durch einige Hausgenoſſen vermehrt hatte, ſtand in den Vorzimmern... Die Umwohner hatten ſich den Schlaf 192 verſagt, um dem Schauſpiel der Abfahrt eines Cardinals beizuwohnen... Fefelotti's Pferde trugen am Kopf⸗ geſtell der Zäume die rothen Quaſten. Die Kutſche war vergoldet; zwei Lakaien ſprangen hinten auf, während ein dritter mit dem Ombrellino an der Hausthür wartete und beim Einſteigen den kleinen ſtämmigen Prieſter begleitete, der ſeinerſeits nur einfach, nur mit dem rothen dreiecki⸗ gen Interimshut erſchienen war... Einige Freude empfand die gedemüthigte Frau denn doch über dieſen Beſuch... Sah ſie auch Gefahren über den Häuptern der ihr allein noch im Leben wer⸗ then Menſchen ſich zuſammenziehen, ſo blitzte doch in ſol⸗ chen Nöthen ein Hoffnungsſtrahl auf durch die Beziehung zu einem ſo mächtigen Mann, der glücklicherweiſe ihren vollen Antheil an den Schickſalen der Bedrohten nicht ahnte... Benno hatte jener Scene beigewohnt und ihren ſchlimmen Ausgang gemildert... Sie wollte noch einen Tag warten und dann auf jede Gefahr hin dem Sohn mittheilen, worin ſie alles ihre Sorge auf ihn, ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand werfen müßte... Die Vorladung Bonaventura's ſchien noch nicht entſchie⸗ den zu ſein... Am Abend nach dem Beſuch Fefelotti's kam die Her⸗ zogin aus der Sixtiniſchen Kapelle, wo Fefelotti ſein „erſtes Abendgebet“ gehalten hatte... Der kleine Raum war überfüllt geweſen... Der Qualm der Lichter, die Atmoſphäre ſo vieler Menſchen ließen ſie faſt erſticken .. Fefelotti hatte der Herzogin in aller Frühe ſchon einen reſervirten Sitz zur Verfügung geſtellt... Wie kräftig ſprach er ſein„Complet“— las den 1 —— 193 90. Pſalm Qui habitat in adjutorio Domini, ſang mit jenem conventionellen Ton, der vom Herzen ſanft der Rührung den Weg durch die Naſe läßt, ſein Gloria Patri, worauf die Kapelle mit Simeon’s Lobgeſang: Nunc dimittis antiphoniſch einfiel... Nicht eine der zu Cec⸗ cone's engeren Beziehungen gehörenden Perſönlichkeiten war zugegen... Ceccone hatte die erſten Weihen, er nahm vor kurzem auch die letzten; er übte ſich täglich im Meſſeleſen, um ſeinerſeits mit den unerläßlichen Be⸗ dingungen zur Papſtwahl hinter andern nicht zurück⸗ zubleiben... Fefelotti's Virtuoſität in allen kirchli⸗ chen Functionen war ihm ein Gegenſtand beſondern Nei⸗ des... Die Herzogin verſank auch hier wieder in die ſchwärme⸗ riſchſte Sehnſucht nach ihrem Sohn... Gerade dieſe kleine Kapelle, die für die Hausandacht der Päpſte beſtimmt iſt, enthielt Michel Angelo's„Jüngſtes Gericht“. Man ſieht nur noch ein wüſtes Durcheinander dunkler Farben an den lampenrußgeſchwärzten Wänden Benno hatte ihr geſchrieben, der berühmte Geſang in dieſer Kapelle hätte ihm nie die mindeſte Erhebung gewährt; die unglücklichen Verſtümmelten, die zur päpſt⸗ lichen Kapelle gehörten, hätten im Discant geſungen wie Hühner, die plötzlich den Einfall bekämen, wie die Hähne zu krähen; die Bäſſe wären küſtermäßig roh; die alten Weiſen Durante's und Pergoleſe's kämen in ihrer einfachen Erhabenheit unwürdig zu Gehör... Und für alles das ſchwärme der dentſche Sinn! Dieſe Siytini— ſchen Kapellenklänge allein ſchon wirkten wie ein Zauber Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 13 ———— 194 der Sehnſucht nach Deutſchland hinüber! Erſt der ger⸗ maniſche Geiſt, der ſchon ſonſt das Chriſtenthum über⸗ haupt zur weltgeſchichtlichen Sache des Gemüths gemacht hätte, hätte auch hier wieder in das Abgeſtorbenſte, in die Kirchenmuſik, neues Leben gebracht... Wie klang das alles der Herzogin beim Schlußgebet des Erzbiſchofs von Coni nach: Omnipotens, sempiterne Deus!.. Geſtern Nacht hatte ſie in die Aſche„Sano?“ ge⸗ ſchrieben und der Wind hatte in der That an dieſem Morgen„Canto“ daraus gemacht... Darum war ſie mit Hoffnung in die Kapelle gefahren... Sie war im Wagen die Treppe hinauf gekommen an den ſalutirenden, hanswurſtartig gekleideten Schweizern vorüber; ſie hatte, vorſchriftsmäßig vom ſchwarzen Schleier verhüllt, zur Menſchenmenge nicht aufgeblickt vom kleinen ihr re⸗ ſervirten Plätzchen aus... Die von Michel Angelo in die Hölle geſchleuderten Biſchöfe und Cardinäle waren ihr heute nicht wie ſonſt Gegenſtände der Zerſtreuung, wenn ſie in ihnen zum Sprechen ähnlich getroffene noch lebende Würdenträger ſuchte... Das verſchrumpfte Antlitz Achille Speroni's auf dem Singchor ſah ſie ohne Lächeln ... Speroni, der Couſin der jungen Fürſtin Rucca, ſtand in ſeinem violetten Rock mit dem weißen Spitzenüberwurf und der rothen Halsbinde anfangs wie ein Mann, ſang auch eine Zeit lang wie ein Mann: Maria, ad te clama- mus exules filii Evae!... Dann aber, bei den für einen exul filius Evae doppelt rührenden Worten:„Maria, zu dir ſeufzen wir auf, weinend und flehend, in dieſem Thal der Thränen!“ ſprang der Unglückliche in die äu⸗ ßerſte Kopfhöhe über, fiſtulirte eine Weile und war zuletzt 195 bei den für einen Entmannten erſchütternden Worten: „Zeig' uns, Maria, die geſegnete Frucht deines Leibes!“ ein vollſtändiges Frauenzimmer... Die Herzogin kannte nicht wörtlich den Inhalt dieſer für die Trinitatiszeit normalen abendlichen Horengeſänge; ſie verſtand nicht, wie die Worte in ſchneidender Jronie zur Verſtümmelung des Sängers ſtanden; im Geiſt aber hörte ſie Benno's Aeußerung: Schon um dieſe krähenden Hühner der Sixrtiniſchen Kapelle allein muß die römiſch⸗katholiſche Kirche, wie ſie jetzt iſt, untergehen!... Mancher lächelnde und ironiſche Blick haftete an der Herzogin... Er ſollte ihrem Sturz gelten... Sie dagegen durfte dieſen Monſignores, Ordensgeneralen, Uditores und Adjutantes di Camera nicht minder ironiſch lächeln... Wie nur eine Hofdame bei einer großen Cour die Geheimniſſe all dieſer ſo ſteif ſich verbeugen⸗ den Welt von ihrer Reversſeite überſieht, ſo blickte auch ſie auf alle dieſe tonſurirten Häupter, die das Frauen⸗ thum aus ihrem Leben ausgeſchloſſen zu haben ſchienen und die alle, alle doch gerade vom Frauenthum am meiſten abhängig waren— nächſt ihrem Ehrgeiz... Ihren Wagen behielt ſie und befahl dem Kutſcher, ſie heute auf den Corſo und in den Park der Villa Borgheſe zu fahren... Sie kam ſich wie wiederher⸗ geſtellt vor... Wie ſie gegen neun Uhr nach Hauſe kam, hörte ſie, daß ein Fremder nach ihr verlangt hätte... Er wollte morgen zeitig wiederkommen— hieß es... Dem beſchriebenen Wuchſe nach war es Benno... Ein dunkler, voller Bart, der das ganze Geſicht beſchat⸗ 13* 196 tete, ein grauer Calabreſerhut— das ſtimmte freilich nicht zu ihrer Erinnerung... Aber— wer konnte es denn anders ſein?... 1 Zu Nacht ſpeiſte ſie nichts vor Aufregung... Mit zitternder Hand ſchrieb ſie in ihre Aſche: „Sano?““... Kaum, daß ſie einige Stunden ſchlief... Am Morgen las ſie:„Salve!“.. In der That lag ſie einige Stunden ſpäter in Ben⸗ no's Armen. ilich es ſche: zen⸗ Ein geliebter Freund, der aus weiter Ferne von Rei⸗ ſen zurückkehrt, breitet zuvor ſeine Geſchenke aus... Benno brachte genueſer Korallenſchmuck und mailänder Seidenſtoffe... Koſtbarer aber, als alles, war ſein eigenes Selbſt... Und war er es denn auch wirklich?... War es jener liebenswürdige junge Mann, der vor einem Jahr am Kärnthnerthor zu Wien aus dem vierſpännigen Wagen der Herzogin von Amarillas ſprang?... Aeußerlich machte er geradezu den Eindruck eines Italieners. Geſtern, friſch vom Poſtwagen gekommen, hatte er noch einen Calabreſer aufgehabt... Heute hatte er der Mode zwar den Tribut eines ſchwarzen Hutes gebracht, ſeinen verwilderten Bart ein wenig geſtutzt; aber das lange ſchwarze Haar, die Bräune des An⸗ tlitzes, die leichte, heitere Beweglichkeit, alles das war nicht ſo, wie es die Mutter kannte aus den wenigen unvergeßlichen wiener Augenblicken des äußerſten Schmer⸗ zes und der äußerſten Freude... Aber es war ſchöner noch; es war verwandter, heimatlicher als in der Er⸗ —,—„ ————— 198 innerung. Sie erſtickte ſeine erſten Worte mit ihren Küſ⸗ ſen und Umarmungen... Er war es— ihr Julio Cäſare... Nichts iſt anziehender als ein lebensmuthiger, froher, ſorgloſer junger Mann... Ihm gehört die Welt... Alles, was die Gegenwart bietet, muß ſich ihm zu Gefallen ändern... Der Tag rauſcht dahin, Jahre vergehen; den Reichthum ſeiner Lebenskraft ſcheint nichts zu berühren ... Gefühle, Leidenſchaften, Gedanken, mit denen das Alter geizt, von denen die Erfahrung nur noch Einzel⸗ nes und Abgegrenztes entgegennimmt, ihm iſt das alles noch eine in ſich zuſammenhängende große Welt, die den ganzen Menſchen ergreift, alle Sinne zu gleicher Zeit, die Seele und den Leib— den Leib und die Seele... Benno verrieth anfangs nur die Stimmung, in die ihn die glückliche Lage verſetzen durfte, von ſeinem Bru⸗ der Wittekind anerkannt worden zu ſein... Seine Geld⸗ mittel floſſen nach Bedürfniß... Schon hatte er ſich bei Sopra Minerva eine Wohnung gemiethet... Endlich — er war bei ſeiner Mutter... Allmählich erſtaunte er, die Mutter auf dem Monte Pincio zu finden... Wie oft hatte er im letzten Herbſt den Palaſt betrachtet, wo er wußte daß ſie wohnte. Das ihm nun enthüllte Schickſal der Mutter durfte ihm, was die Geldmittel anbelangte, gleichgültig erſchei⸗ nen.. Dennoch betraf es ihn tiefſchmerzlich... Mehr noch, er deutete faſt mit Vorwurf an, wie verdrießlich es ihm war, dieſe Veränderung erſt jetzt zu erfahren. Warum, mein Sohn—? fragte die Mutter voll Beſorgniß... 88 199 Er wäre dann vielleicht nicht gekommen! ſagte er... Die Betroffene erzählte ihm die Einzelheiten ihres Bruchs mit Ceccone... Dieſer Elende! rief Benno... Dann aber ſprach er dumpf vor ſich hin: Hätte ich— das geahnt!... Aber was haſt du? fragte immer beſorgter die Mut⸗ ter... Du rechneteſt auf Olympiens Liebe—? ſetzte ſie angſtbeklommen, wenn auch lächelnd hinzu... Benno erröthete und erwiderte nichts... In ſeinem Schweigen lag— ein aufrichtiges Ja!... Die Mutter ſtand mit bebenden Lippen vor ihm und hielt ſeine beiden Hände... Benno verhieß jede Aufklärung... Jetzt ſprach er von einem Freund, der ihn vielleicht bei dem jungen Fürſten Rucca ſchon angemeldet hätte. Ich Thörin! wehklagte die Mutter. Ich mistraute der Sicherheit unſerer Briefe und ſchrieb dir nichts... Die Mutter wagte noch nicht von Lucinden zu ſpre⸗ chen... Benno wurde zerſtreuter und zerſtreuter... Er ſchützte für eine vorläufige Entfernung das Suchenmüſſen ſeines Freundes vor... Dieſer hatte bereits vor ihm eintreffen wollen... Er erzählte nur noch einiges von Bonaventura's ſchwieriger Stellung, vom Dank, den ſich ſein Freund erworben durch die Befreiung einiger Opfer der Inquiſition, von Bonaventura's Mistrauen in die ihm von Rom durch Lucinde und die Mutter gewordenen Mittheilungen über die Identität jenes Pilgers mit dem Eremiten Fra Federigo, der ſich nach allgemein dort verbreiteter Meinung in den Kerkern der Inquiſition zu 200 Rom befinden müſſe, von der bedenklichen Feindſchaft Fefelotti's, die es indeſſen zu einer förmlichen Anklage durch die Congregazione de Vescovi e Regolari noch nicht hatte kommen laſſen... Die Mutter wagte ſich mit einigen ihrer Erfah⸗ rungen hervor... Sie erzählte von Fefelotti... Sie erzählte endlich auch— Lucindens Mitwiſſenſchaft um das Geheimniß ſeines wahren Namens... Von dieſer Seite konnte nur das Verhängniß kom⸗ men! erwiderte Benno mit den lebhafteſten Zeichen der Betroffenheit... That ich recht, mit einem ſolchen Dämon Frieden zu ſchließen? fragte die Mutter und las voll Angſt in ſeinen Mienen... Gewiß! gewiß! ſagte er faſt abweſend... Er wollte gehen und den Freund ſuchen... Of⸗ fenbar kämpfte ſein Inneres irgend einen gewaltigen Kampf... Die Mutter ſah es und wollte ihn nicht laſſen.. Als er dann aber doch gegangen war mit dem Verſpre⸗ chen, gegen Abend zurückzukehren, als ſie in die letzte Um⸗ armung die ganze Empfindung ausgeſtrömt hatte, die ſie vorm Jahr nach ihrem:„Auf Wiederſehn!“ in ihr Herz verſchloſſen und angeſammelt, überfiel ſie jenes Bangen, von dem wir ſelbſt nach der mächtigſten Freude und dann ohne allen Grund erſchreckt werden können. Salve! Salve! rief ſie ihm zwar nach und ihres Orakels dank⸗ bar gedenkend. Aber nun wuchs das wiedereroberte Glück zu ſolcher Höhe, daß ſie ein Schwindel ergriff. Iſt es denn möglich, rief ſie, ſein Vaterland ſcheint nicht mehr dieſer kalte Norden zu ſein! Er ſpricht im Geiſt ſeiner Mutter, nicht blos ſo ſchön in den Lauten unſerer Zunge!... Daß ſie in dieſer Seligkeit nicht lange verweilen durfte, machte ſie weinen... Was hat er mit Ceccone — was mit Olympien?... Zwei Stunden war er bei ihr geweſen... Nun erſt dachte ſie allem nach, was er geſprochen.. Er hatte politiſche Aeußerungen fallen laſſen... Er hatte nach einigen freiſinnigen Namen, nach Lu⸗ cian Bonaparte gefragt... Himmel, rief ſie, ich ſollte erleben, daß ich eine Römerin werde wie die Mutter der Gracchen! Cäſar, Cäſar, ich bin nicht ſo ſtark wie Cornelia! Ich zittere vor Gefahren, in die du dich begibſt.. Was iſt ihm nur verdorben durch meinen Bruch mit Ceccone—? grübelte ſie... Bedarf er eines ſo Mäch⸗ tigen?... Fühlt er ſich nicht ſicher?... Sie erſchrak, daß er von einem Gang auf die öſter⸗ reichiſche Geſandtſchaft als von etwas für ſeine Lage Ueber⸗ flüſſigem ſprach... Er lehnte den Wunſch eines Zu⸗ ſammenhangs mit Deutſchland ab... Nun drängte ſich anderes in ihre Erinnerung an dieſe ſeligen zwei Stunden... Wie ſinnig hatte er das Paſtellmedaillon des Herzogs von Amarillas betrachtet!... Wie wehmuthsvoll umflorte ſich ſein Auge, als ſie dies Medaillon öffnete und Angiolinens blutiges Haar hervorzog!... Sie hatte ein geheimes Fach eines Schreibſecretärs aufgezogen und ihm Erinne⸗ rungen an Kaſſel, Schloß Neuhof, Altenkirchen gezeigt, die gefälſchten Demiſſorialien, die Zeugenausſagen der 20² Freunde Wittekind's.Alle dem ſprach er Worte voll Ernſt und Charakter... Zuletzt nahm ſie alles leichter.., Sein Lächeln war zu lieb und ſicher geweſen... Er hatte ſie zu innig umarmt, zu oft an den Spiegel geführt und ſich mit ihr verglichen; ihre Hände küßte ſie an den Stellen, wo er ſie geküßt hatte... Sie fühlte ihre Jahre nicht mehr, ſie gedachte ihrer graen Haare nicht, ſie liebte Benno mit dem Feuer eines Mädchens, das ein Abbild ihrer Träume gefunden... Zu Lucinden hätte ſie hinaus⸗ fahren und ihr rufen mögen: Was willſt du uns!. 4 Ueber Armgart, von der ſie ſogleich geſprochen, hatte ſich Benno nur träumeriſch ablehnend geäußert. Alle ihre Unruhe ſammelte ſich jetzt in der Sorge um ein würdiges Empfangen des Sohns für den Abend „Er kam dann vielleicht mit ſeinem in Ausſicht geſtellten und vielleicht gefundenen Freunde... Letzterer hätte drei Tage ſchon vor ihm in Rom ſein ſollen, hatte Benno erzählt und ſeinen Namen mehrmals genannt... Daß ſie ihn behielt, war von einer Italienerin nicht zu dverlangem Auch Marco und die andern Dienſtboten, die befragt wurden, ob wol jemand nach Baron d'Aſſelyno im Hauſe gefragt hätte, behielten ihn, obgleich ihn Benno auch ihnen nannte, nur unter dem Namen des vielleicht noch kommenden„Signore biondo“— des„blonden Herrn“... Sonſt ſchien man wegen eines ſo außer⸗ ordentlich warm begrüßten Fremden wie Benno im Hauſe nicht zu neugierig... Marco beherrſchte ſich... Er war das Prachtexemplar eines italieniſchen Bedienten... Schon in den Vor⸗Ceccone'ſchen Zeiten der Herzogin ll hatte er Abends ihren Kammerherrn, Vormittags die Scheuerfrau gemacht... Jetzt ſank er zwar nicht ganz In zu dieſer Vielſeitigkeit herab, aber den Koch mußte er zu doch heute Abend mit dem Kammerherrn zu verbin⸗ ich den wiſſen... Er verſprach ein Souper herzurichten, n, wie es ſich für eine Herzogin gebührte... Die Mutter ht ordnete und ſchmückte die Wohnung und— ſich ſelbſt... ke Das Haus war in Aufregung... Una conoscenza della Padrona— aus Wien... Wozu brauchte es weiterer Aufklärung... Das beſte Zimmer der Etage bot einen Ausgang auf eine prächtige Altane— das Dach eines vorgebau⸗ ten, niedrigeren Hauſes... Hier war die Plateforme 8 mit rieſigen großen Blumentöpfen beſtellt, mit kleinen 9 Orangen⸗, großen Oleanderbäumen... Die geöff⸗ f nete Thür ließ die Wohlgerüche der Pinciogärten in das ri einfache, heute doppelt ſorgfältig geordnete Zimmer tk einziehen... Noch wurden Teppiche auf die Stellen . gebreitet, die die Blumenſtöcke leer ließen... Das die Wijn unſchuldigſte Nachahmung der„hängenden Gärten der 55 Semiramis“... Ein ungehinderter Fernblick zeigte ein agt Häuſermeer, aus dem die Kirchen, Säulen und Obe⸗ 3 lisken, ſchon von der ſinkenden Sonne beleuchtet und roſig n verklärt, emporragten... Die Luft noch wie frühlings⸗ iht milde... Die Mutter hätte der Welt rufen mögen: Wo iſt ben heute eine Feſtesfreude, wie bei mir!... her⸗ Marco lief hin und her und kaufte ein... Mag er ein uſe wenig die Ohren ſpitzen, mag er ſogar denken: Das iſt var wol gar der Vielbeſprochene, um den die Fürſtin Rucca ſo manche Taſſe zerbrach und ſo manchen gin 204 Teller an den Kopf der Diener ſchleuderte!... So dachte ſi... Aber nun: Was wird Olympia ſagen! Da ſtand ſie beim Arrangement ihrer Blumen ſtill und flüſterte: Wohl! Wohl! Was wird Olympia ſagen! .Mehr ſchon zu faſſen und zu denken vermochte ſie noch nicht... Benno kam dann rechtzeitig und noch vor dem Abend... Der Freund war nicht angekommen... Er hieß Thiebold de Jonge—„Tebaldo“, wie man wemgſtens den Vornamen behielt. Iſt es wol der? fragte die Mutter und erzählte was ſie von Lucinden über Armgart's drei Freier wußte... Benno zog die gelben Handſchuhe aus, knöpfte den ſchwarzen Frack auf, ſtrich den langen lockigen Bart, der auf die weiße Weſte niederglitt, und ſagte: Es iſt unwürdig, von Arnigart in einem Augenblick zu ſprechen, wo ich nur zu ſehr verrathe, daß— ich bedauere, von Olympien vergeſſen worden zu ſein... Wieder daſſelbe Räthſel, wie heute früh. Die Mutter begriff dieſe Aeußerung nicht... Aber ſie wußte, daß die Aufklärung nicht fehlen ſollte... Jetzt hatte ſie nur mit Benno's Perſon, mit dem Glück, ihn zu beſitzen, zu thun und war wie eine Braut mit ihm.. Eine Braut iſt in den erſten Tagen ihres Glücks ganz nur von ſtiller Prüfung und Beobachtung erfüllt, wie ſich der Geliebteſte in der ihm jetzt geſtatteten engeren Ver⸗ traulichkeit des Umgangs ausnimmt; wie ihm die Berüh⸗ rung mit ihrem eigenen kleinen Daſein ſteht; wie ihre Blu⸗ men, ihre Bücher, ihre kleinen Pedanterieen am Nähtiſch — 205 von ihm beurtheilt werden; wie in die tägliche Ordnung des Aelternhauſes ſein Weſen ſich beſcheiden oder vielleicht gar— o Wonne und Glück!— ihre aparten Anſichten über dieſen Brauch und jenen Misbrauch den Aeltern gegen⸗ über unterſtützend fügt... Wohl dem Bund, wo dann alles ſo ſtill beklommen Beobachtete die Seligkeit des Beſitzes mehrt, kein plötzlich ausbrechender Thränenſtrom verräth, daß oft ein einziges, allzu ſorglos hingeworfenes Wort den Cultus eines ganzen erſten Jugendlebens ſtürzt— Welten wie Spinneweben zerreißt... Wohl dem Bund, wo die Harmonie der Herzen dann auch eine des Geiſtes und unſers irdiſchen, oft allerdings launiſch bedingten Daſeins wird!... Benno ſpöttelte immer noch gern und war nie ein— Zwirnabwickler, wie Armgart die Männer nannte, die ſie nicht mochte. Aber„Mutter Gülpen“ in der Dechanei hatte ihn doch ein wenig für die Schwächen der Frauen erzogen. Wo er mußte, fügte er ſich dem Ton, den die Frauen lieben. Auch Gräfin Erdmuthe hatte nachgehol⸗ fen. Er kam ſo geſchult, ſo rückſichtsvoll und artig, daß die Mutter ihre Freude hatte zu ſehen: So nimmt er ſich aus vor andern! So gleicht er— dem böſen Vater und ſo gleicht er ihm auch nicht!... Das Haar unter dem großen Medaillon des mit Orden bedeckten weiß⸗ lockigen Herzogs von Amarillas hatte er ſich wieder be⸗ trachten zu dürfen erbeten... Benno ſah ebenſo voll Wehmuth den Inhalt der Kapſel, wie mit Intereſſe das Bild des greiſen Herzogs, der in jedem Zug den Spa— nier verrieth... Die Politik war in der That die Seele von allem, 206 was Benno in längerer und ausführlicherer Erörterung ſprach... Er ſah ſich um, ob ſie unbelauſcht blieben ... Die Mutter führte ihn auf die nun dunkelnde Altane hinaus... Hier war alles ſtill... Da ſaßen ſie unter den duftenden Blüten... Ihre Hände ruhten auf dem Schoos der Mutter ineinander... Benno's die Mutter außerordentlich überraſchende Berührung mit den politiſchen Umtrieben der Jugend und den Flüchtlingen Italiens beruhte auf einem perſön⸗ lichen Erlebniß... Nachdem er ſeiner Fürſorge für Bonaventura's Gefahr noch einmal alles hatte berichten laſſen, was die Mutter von Fefelotti vorgeſtern gehört, erzählte er es... Sein Grübeln über den Anlaß aller dieſer Lebenswir⸗ ren— es war Bonaventura's Schmerz um das traurige Geſchick ſeines Vaters— unterbrach er faſt gewaltſam... Er erzählte, daß er vorm Jahre mit den Depeſchen des Staatskanzlers nach Trieſt und von dort zu Schiff nach Ancona gereiſt wäre— den kürzeſten Weg, um Rom in Zeit von acht Tagen zu erreichen... Auf dieſem Dampfboot hätte er eine Bekanntſchaft gemacht... Ein hoher ſtattlicher Mann wäre ihm aufgefallen, ein Greis mit weißen Haaren, aber kräftigen dunkelge⸗ bräunten Antlitzes, eine Erſcheinung, vor der die Bemannung des Schiffes ebenſo wol, wie die Paſſa⸗ giere die größte, wenn auch etwas ſcheue Hochachtung bezeugt hätten... Bald hätte er erfahren, daß dieſer in einen grauen militäriſchen Oberrock, ſonſt in Civil gekleidete Mann einer der erſten Namen des Kaiſer⸗ reichs wäre, Admiral der öſterreichiſchen Flotte, Fran⸗ cesco Bandiera*)... Italiener von Geburt, Venetianer aus den alten Geſchlechtern, hatte Bandiera die angeborene See⸗ mannsnatur zu Gunſten des Staates ausgebildet, dem ihn die Geſchicke Europas nach dem Sturz Napoleon's zugewieſen... Er hatte die kaiſerliche Marine ebenſo vervollkommnet, wie ihrer Geſchichte Lorbern errungen— er befehligte die öſterreichiſche Fregatte„Bellona“, die noch vor kurzem ein engliſches Bombardement von Saint⸗Jean d'Acre unterſtützte... Reiſen nach Amerika hatte er gemacht und trug, wenn er ſich in ganzer Repräſen⸗ tation ſeiner Würde hätte zeigen wollen, die Bruſt mit Orden bedeckt—... Die Herzogin kannte die Lage dieſes Mannes... Sie wußte, warum ſein Blick ſo traurig und die Ehrfurcht vor ihm ſo ſcheu geweſen ſein mußte... Zwei ſeiner Söhne, beſtätigte Benno, hatten die Loya⸗ lität des hochgeſtellten Vaters auf eine in Oeſterreich mit Indignation, in Italien mit Jubel aufgenommene Weiſe compromittirt... Attilio und Aemilio Bandiera ſtanden als Marinelieutenants unter ihrem Vater.**) Mit dem Piſtol in der Hand und im Bund mit einigen Verſchworenen hatten ſie ſich das Commando der Fre⸗ gatte„Bellona“ erzwingen und mit ihr nach der Küſte der Romagna ſegeln wollen, wo ein gleichzeitig organi⸗ ſirter Aufſtand den Verſuch einer Inſurrection erneuern ſollte, der ſchon einmal bei Forli und Rimini geſcheitert war... Bandiera ſelbſt, der Admiral, ihr Vater, hatte **) Geboren 1780 in Venedig. **) Wir geben nur Thatſachen. 208 ſich damals den für einen Italiener zweifelhaften, für einen Oeſterreicher achtbaren Ruhm erworben, die Trüm⸗ mer der in Rimini und Forli geſprengten Inſurrection — Louis Napoleon Bonaparte war unter den Entkom⸗ menen, ſein älterer Bruder unter den Gefallenen— zur See vernichtet zu haben... Aber der Ueberfall der Fre⸗ gatte„Bellona“ mislang... Die beiden dem„Jungen Italien“ affiliirten Söhne des Admirals entflohen... Bandiera, vor dem Kaiſerſtaat in ſeinen Söhnen com⸗ promittirt, riß ſich im erſten Anfall ſeines Schmer⸗ zes die Epauletten von den Schultern, band ſich die goldene Schärpe ab, legte ſeine Würde nieder und begab ſich nach ſeinem Landgut Campanede bei Meſtre an den Lagunen Venedigs; er bekannte ſich ſeiner Stellung für nicht mehr würdig... Die Herzogin kannte alle dieſe ergreifenden Vorfälle... Wohl kannſt du denken, fuhr Benno fort, wie mich der Anblick dieſes Greiſes erſchütterte!... Die markige Geſtalt war vom tiefſten Schmerz gebeugt... In die Wellen blickte Francesco Bandiera wie Jemand, der den Tod einem Leben ohne Ehre vorzieht... Abge⸗ ſchloſſen hielt er ſich von der ganzen Equipage des Schiffs ... Ich hörte flüſtern, er wollte nach Korfu, wohin ſeine Söhne geflohen waren, wollte ihnen zureden, zurückzu— kehren, ſich dem Kriegsgericht zu ſtellen, das ſie ohne Zweifel zum Tode verurtheilen würde— er wollte ſie ermuntern, ſich der Gnade des Kaiſers zu empfehlen und eine Gefängnißſtrafe zu büßen, die vielleicht keine lebenslängliche war... Auch ihm perſönlich konnte dann noch vielleicht möglich bleiben, eine Stellung zu 209 behalten, die er trotz ſeiner Jahre liebte... Das Blut eines alten Seemanns fließt unruhig und geht nicht im gleichen Takt mit dem Leben auf dem Lande... Die Mutter verſtand die Schwere eines ſolchen Schick⸗ ſals und horchte...„Eine Mutter“, ſagte ſie,„iſt die Vorſehung ihres Kindes!“ Das waren deine Worte, mein Sohn, als wir an Angiolinens Leiche ſtanden!... Ein Vater aber, fuhr ſie fort, iſt der Sohn ſelbſt... Das iſt nur Eine Perſon mit ihm— Vater und Sohn, beide haben nur eine und dieſelbe Ehre—... Benno ſeufzte... Er verfiel auf Augenblicke in ein Sinnen. Nicht um den Kronſyndikus, wie die Mutter dachte... Ebenſo hatte Bonaventura geſprochen, der keine Ruhe mehr im Leben finden zu können erklärte, ſolange er wüßte, in einem Kerker der Inquiſition ſchmachtete ſein Vater... Benno theilte die Ueberzeugung, daß Fra Federigo Friedrich von Aſſelyn war... Er ſah Conflicte kommen mit Friedrich von Wittekind, der ihn todt glauben mußte... Sich aufraffend fuhr er fort: Die Begegnung des Vaters mit ſeinen Söhnen ſchien eine Scene des höchſten Schmerzes werden zu müſ— ſen... Ich betrachtete den gebeugten Helden mit jener Rührung, die das tragiſche Schickſal einflößt... Doch gerade meinen Blick vermied er... Es hatte ſich herumgeſprochen, daß ich als Courier für die Regierung reiſte. Meine Taſche mit den Depeſchen verrieth mich; Geheimhaltung war mir nicht anbefohlen worden... Benno war ſchon ſo auf die Weiſe des politiſchen Le⸗ bens in Italien geſtimmt, daß er den beſorglichen Blick der Mutter wohl verſtand... Ein Courier mit öſterrei⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 14 210 chiſchen Depeſchen iſt in Italien nicht vor dem Tode ſicher... Die Fahrt dauerte zwei Tage und zwei Nächte... erzählte Benno. Die Küſte der Romagna kam und verſchwand wieder. Die hohen Apenninen ſah das Fern⸗ rohr bald, bald verloren ſich die zackigen, zuweilen ſchneebedeckten Höhen. Jenſeits derſelben lag Rom!... Auf die Länge war nicht zu vermeiden, daß Bandiera mit mir in Geſpräche verwickelt wurde. Er erkundigte ſich nach meiner Heimat. Da er ſie nennen hörte, ſprach er von einem mir unendlich theuern Namen, der aus dortiger Gegend gebürtig iſt. Den engliſchen Oberſten Ulrich von Hülleshoven hatte Bandiera auf der Rückreiſe von Rio Janeiro, wohin er die Erzherzogin Leopoldine von Oeſterreich als Kaiſerin von Braſilien überführt hatte, in Canada kennen gelernt... Den Vater deiner Armgart!... ſagte die Mutter lächelnd... Benno erwiderte: Du ſahſt wol an Lucindens Schilderung, daß dieſe Liebe mehr ein Gegenſtand des Spottes als des Glück⸗ wunſches iſt... Schon hab' ich mich gewöhnt, ſie wie meinen Stern des Morgenlands zu betrachten, dem die Lebensreiſe unbewußt folgt... Ich hoffe um ſo weniger auf Erfüllung, als der Freund, den ich jeden Augenblick erwarte, ebenſo leidet wie ich... Mein Sohn, ſagte die Mutter voll Theilnahme, es gibt in der Liebe vielerlei Wege... Die gerade Straße führt nicht immer zu dem, was für uns beſtimmt iſt... Hoffe!... — de — 211 Benno hielt einen Augenblick inne und ſchüttelte ſeine ihm faſt auf die Schultern reichenden ſchwarzen Locken... Nach einer Weile fuhr er fort: Auf dieſe Mittheilung, die mich außerordentlich über⸗ raſchte, wurde ich mit Admiral Bandiera vertrauter... Daß der vom Staatskanzler mir gegebene Auftrag eine ganz zufällige Veranlaſſung hatte, ſchien ihn faſt zu erfreuen... Er faßte Vertrauen, als ich ihm ſagte: Die Jugend des jetzigen Europa wächſt in neuen An⸗ ſchauungen auf! Zwei Offiziere, die ihren Eid brä⸗ chen, könnte man freilich nicht entſchuldigen; aber wie oft hätten auch die Völker und die Fürſten in dieſen Zeiten ihre Eide brechen müſſen!... Nein, wallte er auf, ich ſchieße ſie nieder, die Fahnenflüchtlinge, Verräther an ihrem Kaiſer, ihrem Schiff, dem ſie an⸗ gehörten, dem Palladium ihrer Ehre!... Die Erregung, mit der der greiſe Admiral dieſe Worte ſprach, glich der des Brutus, der ſeine Söhne zu richten hat... Dennoch konnt' ich erwarten, daß dieſe Reiſe nach Korfu, wo die Söhne ein Aſyl bei den Engländern gefunden hatten, die Wendung der Verſöhnung nahm. Ich benitlleidete den Greis, deſſen Inneres von Folterqualen zerriſſen ſchien... Die Mutter nahm ſchon längſt Partei für die Söhne .. Sie machte eine jener verächtlichen Mienen, von denen auch nur, wenn innerliche Abneigung ſie ergreift, die Südländerin ihre Geſichtszüge entſtellen läßt... Ihren Pahs! und Ehs! erwiderte Benno: Ich rechnete zu des Vaters Leiden die mir vollkom⸗ men erſichtliche Liebe und Theilnahme für ſeine Söhne Sie ſchienen die Augäpfel ſeines Lebens... 14* Beide Söhne waren der Stolz der Mutter, die nach Mai⸗ land geeilt war, um die Gnade des Vicekönigs anzurufen ... Sie hatte tröſtende Verſprechungen zurückgebracht, falls die Flüchtlinge reuig wiederkehrten... Ja im Stillen gährte in des Alten Bruſt die Regung des geborenen Ita⸗ lieners. Er glaubte vollkommen an die Möglichkeit dieſer Verirrung, ſchrieb er ſie auch nur auf Rechnung der Ver⸗ führung— Er, er wollte ihnen lieber die kaiſerliche Kugel vor die Stirn brennen laſſen, rief er aus, als ſie mit dieſen Mordbrennern und Mördern in London, Malta, Korfu, wo die Junten des„Jungen Italien“ ſäßen, Hand in Hand gehen zu ſehen— Bald jedoch ſetzte er hinzu: Dort ſuchen und finden ſie die Kugel ſichrer, als wenn ſie nach Venedig zurückkehren, ihren Richtern ſich ſtellen und ihr Schickſal der Gnade des Kaiſers em⸗ pfehlen!... Was thun ſolcher Jugend, fuhr er wie— ein Italiener zu calculiren fort, ein paar verlorene Jahre? Bis dahin ändert ſich vieles. Aemilio, mein jüngerer, iſt kräftig; Attilio, der ältere, zarter— erſt dreiund⸗ zwanzig Jahre alt... Das Auge der Herzogin leuchtete hell auf... Ihr Herz ſchlug für die jungen Flüchtlinge, die zu jenem Bunde gehörten, von dem zwölf Logen auch in Rom wirken ſollten— zu jenen Verſchwörungen, um derent⸗ willen Fefelotti und Ceccone ſcheinbar Frieden geſchloſſen .. Nur blieb ſie beſorglich geſpannt... Wie konnte dieſe Begegnung Veranlaſſung ſein, daß Benno ſo plötz⸗ lich nach Rom kam und ſogar wünſchen konnte, Ceccone und Olympien wieder zu begegnen... Ihre Augen, die wie glühende Fragezeichen auf dem ſonnenverbrannten 213 Antlitz des Sohnes hafteten, ſprachen: Was willſt du mit alledem?... Mutter, ſagte Benno liebevoll, ich geſtehe dir's, ich habe bei allen dieſen Beziehungen nur an dich ge⸗ dacht, habe aus deinem Sinn heraus darüber geur⸗ theilt— du hatteſt mich ſchon in Wien zum Italiener gemacht... Divino! flüſterte die Herzogin und küßte Benno's Stirn... Benno drückte ihre Hand und fuhr fort: Ich empfand Mitleid mit dem Vater und den Söh⸗ nen... Auch die Söhne ſchienen ihren Vater zu lieben und die Schande vollkommen zu erkennen, die ſie ihm bereiteten... Er erzählte die rührendſten Züge ihrer Anhänglichkeit... Wie erkannt' ich das ſchöne Band, das einen Sohn an ſeinen Vater feſſeln kann— wie den Schmerz, nicht mit ihm dieſelbe Bahn gehen zu dürfen!... Ich vergegenwärtigte mir den Mann, deſſen Namen auch wir tragen ſollten und ſagte mir: Hätteſt du ihn im Leben zur Rechenſchaft fordern dür⸗ fen, wer weiß, ob ſein Anblick dich nicht entwaffnet hätte... Oreſt tödtete ſeine Mutter! wallte die Herzogin auf... Aber die Furien verfolgten ihn! entgegnete Benno... Ein unheimliches Brüten trat in die Augen der Her⸗ zogin... Sie ſchien ſich auf die Momente Wittekind's zu beſinnen, von denen ſie ſelbſt erzählt hatte, daß ſie beſtrickend ſein konnten... Sie brütete, ob ſich Benno etwas daraus machen würde, ſich mit der Zeit einen 214 Wittekind zu nennen... Fefelotti konnte mit einem Fe⸗ derſtrich ihre Ehe legitimiren... Für wiſſentliche und unwiſſentliche Bigamie gab es in Rom dicht an der nächſten Straßenecke die officielle Entſühnung... In Ancona nahm ich Abſchied von dem greiſen Hel⸗ den, fuhr inzwiſchen Benno fort. Obgleich das Schiff einen Tag raſtete, blieb der Admiral auf ſeinem Elemente. An⸗ conas Thürme ſchreckten ihn. Er hatte die Fahne des „Jungen Italien“ auf ihnen geſehen. Er hatte die Flüchtlinge von Forli und Rimini aufgefangen und an die Kerker des Spielbergs ausgeliefert... So lohnte ihm die Nemeſis... Er drückte meine Hand, er⸗ mahnte mich, wenn ich Aeltern hätte, ihnen Freude zu machen, empfahl ſich dem Oberſten von Hülleshoven und zeigte nach Südoſt, zu den joniſchen Inſeln hinüber. Die Heimat des Ulyſſes! ſagte er... Ihm würde keine Ruhe mehr werden, deutete er damit an. Er wollte ſeiner Weinreben in Campanede warten. Der Gedanke an ſeine Gattin, die Mutter dieſer geliebten Söhne, füllte ſein Auge mit Thränen... Die Herzogin machte eine Miene, als wollte ſie ſa⸗ gen: Ah bah! Was hilft das uns! Kümmere dich nicht um ihn!... Ich erlitt in Ancona eine Verzögerung, fuhr Benno fort, weil gerade damals Grizzifalcone den Weg nach Rom beſonders unſicher machte... Der Eilwagen fuhr in Begleitung eines Detachements Carabiniers... Ueber den Angriff bei Olympiens Hochzeit, über die Gefahr der Mutter, den Tod des Räubers hatten ſich die Briefe genugſam ausgeſprochen... Dennoch kam 215 Benno mit neuem Bedauern darauf zurück... Dafür kürzte er die Schilderung ſeines Aufenthalts in Rom ab, der bis zum Carneval und bis zur Ankunft der Mutter gedauert hatte... Da entflohſt du wieder!... ſagte ſie. Bereiteteſt meiner Sehnſucht die ſchmerzlichſte Enttäuſchung!... Nun ich von deiner Liebe zu Armgart weiß, verſteh' ich es— und alles das nennſt du deutſch! Deutſch iſt euch die Ehrlichkeit—!... Dein Vater war nun auch ein Deutſcher und dennoch— Doch fahre fort!... Ich ahne— ſagte die Mutter mit zagender Stimme— du lernteſt die Gebrüder Bandiera ſelbſt kennen. Ich ging nach dem Süden, ſprach Benno mit beja⸗ hender Miene, ſah Neapel, ſchwelgte in Sorrent, klet⸗ terte über die Felſen Capris und Ischias, lernte die Sprache des Volks, die eine andere als die der Gram⸗ matik iſt, und reiſte nach Sicilien... Ich machte die Reiſe mit einigen Engländern, die ich in Sorrent ken⸗ nen gelernt hatte im Hauſe der Geburt Taſſo's... Wir ſtimmten beim Anblick einer alten Bronzebüſte des Dichters überein, daß nach dieſem Abbild Taſſo die häßlichſte Phyſiognomie von der Welt gehabt haben müßte und dadurch ſeine Stellung zu Leonore d'Eſte eine neue und komiſche Beleuchtung erhielte... Ich blieb mit dieſen heitern Engländern zuſammen. Wir reiſten nach Palermo... Dort beſuchten wir ein eng⸗ liſches Kriegsſchiff, das im Hafen lag... Wir dinirten am Bord deſſelben; köſtlicher und fröhlicher, als ich ſeit Jahren auf dem Lande gelebt... Der Wein floß in Strömen... Die Engländer meiner Bekanntſchaft wa⸗ 216 ren mit dem Kapitän von der Schule zu Eton her be⸗ kannt... Am Tiſch ſaßen zwei junge Männer, Ita⸗ liener, die bei dieſer ausgelaſſenen Schwelgerei die Zu⸗ rückhaltung und Mäßigkeit ſelbſt waren... Sie ſpra⸗ chen Deutſch und Engliſch, waren bildſchön, hatten Au⸗ gen von einem glühenden und doch wieder ſo milden Feuer—.. Wie du! unterbrach die Mutter wie mit dem Ton der Eiferſucht... Sie weidete ſich an Benno's Anblick, der ein edler und männlicher war.. Sage, wie— verkleidete Angiolinen!... entgeg⸗ nete Benno... Die Söhne Bandiera's waren wie Caſtor und Pollux... Redete man den einen an, ſo erröthete ſtatt ſeiner der andere... Nach Tiſch wurde auf dem freien Element bei einem Sonnenſchein, der alle Herzen der Menſchen mit Liebe und Verſöhnung hätte erfüllen ſollen, politiſirt... In der Ferne lag das rau⸗ ſchende wilde Palermo mit ſeinen Kuppeln und Thürmen; ſein Kauffahrteihafen mit Hunderten von Maſten; das engliſche Kriegsſchiff mit achtzig Kanonen lag dicht am Caſtell und diente zur Unterſtützung einer Differenz des engliſchen Leoparden mit der Krone Neapels*)... Dicht lag es an dem abgeſonderten Feſtungshafen Caſtel⸗ lamare... Ich erzählte den Brüdern meine Begeg⸗ nung mit ihrem Vater und fragte nach dem Reſultat... Sie ſehen es, ſagten beide zu gleicher Zeit und zu glei⸗ cher Zeit füllten ſich beider Augen mit Thränen. Abwechſelnd, wie nach Verabredung und doch nur in⸗ *) Die bekannte„Schwefelfrage“. 217 folge ihrer guten Erziehung und brüderlichen Eintracht, ſprach immer der eine und dann erſt der andere. Ihr Gemüth ſchien ein einziges Uhrwerk zu ſein. Was auf dem Zifferblatt der eine zeigte, ſchlug mit dem Glocken⸗ hammer der andere... Sie erzählten, daß ſie wol ge⸗ wußt hätten, welchen Kummer ſie dem Vater und der Mutter bereiteten und wie ſie des erſtern ehrenvolle Lauf⸗ bahn unterbrächen. Sie hätten aber ſchon lange keinen freien Willen mehr. Einmal eingereiht in den Bund des „Jungen Italien“ müßten ſie vollziehen, was ihnen be— fohlen würde. Die Befehle kämen von London, Malta und Korfu. Nur durch dieſe blinde Unterwerfung und gänzliche Gefangengabe ſeiner eigenen Perſönlichkeit könnte eine große Zukunft erzielt werden. Italien müßte frei von den Fremden, frei von ſeinen eigenen Unterdrückern, müßte einig werden und eine große untheilbare Repu⸗ blik. Ich mochte, weil dieſer Wahn zu eingewurzelt ſchien, ihn nicht bekämpfen... Wahn? unterbrach die Mutter. Glaubſt du, daß dieſe Ceccones, dieſe Fefelottis ſo zittern würden, wenn ſie ſolche Hoffnungen für Wahn hielten?... Alle Cabinete Italiens fürchten ſich vor dieſen beiden Jünglingen... Die Republik, ſagte Benno, iſt nur möglich für Völker, die in dieſer Staatsform eine Erleichterung für ihre übrige tägliche Sorge, für eine vom Gewinn oder von der Furcht geſtachelte einzelne Hauptthätigkeit ihres ge⸗ ſelligen Verbandes finden. Sie iſt möglich bei einem Volk, das in der Lage iſt, ſich täglich vertheidigen zu müſſen, wie die Republiken Griechenlands; ſie iſt bei leidenſchaftlichen und den Erwerb liebenden Ackerbauern, wie in der Schweiz, bei leidenſchaftlichen Induſtriellen, wie in den Nieder⸗ landen und in England, bei Handeltreibenden, wie in Hol⸗ land und Amerika möglich. Jede Nation aber, die ſich Zeit zum Träumen laſſen darf, die nichts erzielt, nichts hervorbringt, Nationen, wie ſie Südamerika, Spanien, Italien, ſelbſt Deutſchland bietet, ſind unfähig zur Re⸗ publik... Die Herzogin erwiderte: Der Italiener liebt den Gewinn mehr, wie Einer... Italien ſind nicht die Gaſtwirthe! entgegnete Benno und wollte dem Thema ausweichen.. Die Mutter aber hielt es feſt und ſah in Italien die Republik unter dem Schutz eines verbeſſerten Papſt⸗ thums wieder aufblühen... Rom beherrſcht noch einmal die Welt! ſagte ſie. Das erhöhte, zur wahren Capitale der Chriſtenheit erhobene Rom!... Mit oder ohne Jeſuiten?... fragte Benno iro⸗ niſch... Ein ſpaniſcher Jeſuit lehrte, es ſei erlaubt, Tyrannen zu morden... Ketzeriſche Tyrannen!... Marco hatte ſein Souper beendigt, hatte ſich in ſei⸗ nen ſchwarzen Frack geworfen und ging lächelnd und ſchmunzelnd wie ein alter Hausfreund drinnen im Salon auf und ab... Mutter und Sohn mußten ſchweigen, weil der Alte näher kam, auf die Blumenterraſſe durch die halbgeöffnete Thür blickte und fragte: Altezza werden nicht mehr auf den Corſo fahren— 7 Marco that, als wäre es ganz in der Ordnung, — 219 wenn man hier jeden Abend ein gewähltes Souper fand... Hier iſt unſer Corſo—! ſagte die Mutter... So will ich die Pferde ausſpannen laſſen... blin⸗ zelte Marco und ging... Die Pferde waren gar nicht angeſpannt geweſen... Ein Miethkutſcher in der Nähe lieferte ſie nach Beſtel⸗ lung... Wurden ſie nicht beſtellt, ſo war es eine kleine Erſparniß... Benno, der dieſe kleinen Manöver, die Marco machte, um die Armuth ſeiner Gebieterin zu verbergen, mit Rüh⸗ rung bemerkt hatte, lenkte, da die Herzogin den Nacht⸗ imbiß noch etwas verſchieben zu wollen Marco nachgerufen hatte, wieder auf ſeine Erzählung ein... Er ſchilderte den Eindruck, den ihm die Brüder Bandiera gemacht hätten, als einen ſo nachhaltigen, daß er ſeit jenem Beſuch des Kriegsſchiffs in den Intereſſen dieſer jungen Männer wie in denen ſeiner älteſten Freunde lebte... Ich habe, ſagte er, an jungen Bekannten Deutſchlands die gleichen Stimmungen und Ueberzeugungen oft beſpöttelt und ih⸗ nen keine Lebensfähigkeit zugeſtanden; aber ſelten auch fand ich einen idealen Sinn in ſolcher Reinheit, eine dem Unmöglichen zugewandte Ueberzeugung ſo feſt und als ſelbſtverſtändlich aufrecht erhalten. Dieſe Brüder hatten ſich ebenſo zu Kriegern wie zu Gelehrten gebildet. Sie ſprachen von den Wurfgeſchoſſen bei Belagerungen mit derſelben Sachkenntniß wie von Gioberti's Philoſo⸗ phie. Sie hatten Ugo Foscolo, Leopardi, Silvio Pel⸗ lico, alles, was die Cenſur in Oeſterreich verbietet, in ihr Lebensblut aufgenommen und bei alledem blieben ſie 220 Jünglinge, die wie aus der Märchenwelt gekommen ſchienen. Daß ſie ſich unter den Eindrücken der See, der rohen Matroſen, des zügelloſen Hafenlebens ſo rein hat⸗ ten erhalten können, ſprach für die Mutter, die ſie bil⸗ dete, für die ſtrenge Mannszucht, die der Vater übte ... Den Aeltern, ſagten ſie, hätten ſie Lebewohl ſa⸗ gen müſſen für dieſe Erde... Der Vater hätte ſie an⸗ fangs begrüßt wie— Schurken. Geſchieden wäre er von ihnen wie ihr Bundsgenoſſe. Er wohne jetzt zu Campanede wie ein Sklave, der nur ſchon zu alt wäre, noch ſeine Feſſeln zu brechen. Die Mutter würde ihm die Freude an ſeinen wenig genoſſenen Blumen und Früchten verſüßen und ihn von ſeinen jungen Tagen er⸗ zählen laſſen, da ſie fünfundzwanzig Jahre mit ihm ver⸗ heirathet wäre und nicht fünf Jahre ihn beſeſſen hätte. Mögen Venedigs Gondeln, ſprach Attilio, mit ihren geputzten Sonntagsgäſten, mit ihren Stutzern und Da⸗ men unter leuchtenden Sonnenſchirmen, an Meſtre vor⸗ überfahren und auf Campanede's kleine Häuſer deu⸗ ten, wo ihr Vater wohne— ſie würden nicht lachen, ſie würden ihm— um ihretwillen ſtille Evvivas brin⸗ ger... Ha ragione! ſagte die Mutter feſt und beſtimmt... Sie hatte keine Theilnahme für den Vater, ſondern nur für die Mutter und die Söhne.. Doch wollte ſie dieſe nicht als Märtyrer, ſondern als Sieger ſehen... Die Roſſe ſollten ihnen vom Schickſal ſo wild und ſtolz gezäumt werden, wie den olympiſchen, die ſich drüben auf dem Monte Ca⸗ vallo aus des Praxiteles Hand bäumten... Dieſe — Evvivas, ſagte ſie, werden bald laut werden und Sieg bedeuten!... Benno zuckte die Achſeln... In ſeinen Mienen lag der Ausdruck des Zweifels... Es lag aber auch der Ausdruck der Kämpfe in ihnen, die ſchon lange in ſeinem Innern vor ſich gingen... Er war nie ein Ghi⸗ belline geweſen im Sinn der Bureaukratie Deutſchlands wie ſein Bruder, der Präſident— aber ein Welfe zu werden, wie etwa Klingsohr, Lucinde, andere Abtrünnige, wider⸗ ſtand ihm ebenſo... Der Mutter konnte er ſeine irrenden Gedankengänge nicht mittheilen... Er erzählte nur... Zunächſt berichtete er, wie er die Brüder auf dem Kriegsſchiff täglich beſucht und mit ihnen politiſirt und philoſophirt hätte, bis das Schiff die Anker lichtete und nach Malta ſegelte... Später, als die Hitze in Sicilien und bei ſeinen Wanderungen auf den Aetna zu unerträglich ge⸗ worden, wäre auch er ihnen nach Malta gefolgt; er hätte ſie auf dem felſigen Eiland mitten unter den für ſein Gefühl zweideutigen Elementen der emigrirten Ver⸗ bannten wiedergefunden wie zwei Engel des Lichtes... Schreckhaft, fuhr er in ſeiner Darſtellung fort, war die Seefahrt ſelbſt... Nach Tagen der drückendſten Hitze ſprang das Wetter um und ich erlebte einen Sturm. Die Küſte Siciliens wurde ein einziger Nebelball. Das dunkelgraue, bald nur noch einem weißen Giſcht gleichkommende Meer wälzte ſich wie von einem un⸗ terirdiſchen Erdbeben gehoben. Das Schiff, ein eng— liſcher Dampfer, ſank und ſtieg, wie von geheimen Schlünden ergriffen, die es bald hinunterzogen und wie⸗ der ausſpieen. Jeder Balken ächzte. Der Regen floß in Strömen. Das Arbeiten der Maſchine mehrte unſere Beklemmung, die den Untergang vor Augen ſah. Schreck⸗ haft, wenn nur immer die Räder der Maſchine hochauf ins Leere ſchaufelten— man fühlte dann die furcht⸗ bare Gewalt des Dampfes, der keinen Gegenſtand fand und die Eſſe hätte ſprengen müſſen. Aber in dieſem Toben und Raſen des Sturms und des Waſſers er⸗ kennt man die allgemeine Menſchenohnmacht und ergibt ſich zuletzt— faſt wie der Träger einer Schuld, die gleichſam unſer Vorwitz ſchon ſeit Jahrtauſenden gegen die Natur auf ſich geladen hat. Auf dem engen Lager der Kajüte hingeſtreckt, erfüllte mich zuletzt Seelenruhe, auch wenn in der Nacht das Schiff auf ein Riff oder ein ihm begegnendes Fahrzeug geſchleudert worden wäre. Der Tod infolge einer Naturnothwendigkeit hat, wenn man ſich daran zu gewöhnen Zeit bekommt, nichts Schreck⸗ haftes mehr... Ich erzähle das alles, weil Aemilio Bandiera ganz ebenſo vom Segeln auf den Wogen der Zeit ſprach... Die Mutter machte alle möglichen Zeichen der Ab⸗ wehr und des Proteſtes gegen eine ſolche Ergebung in das Unglück... Mitgefühl und Aberglaube lagen auf den geſpannten Zügen ihres Antlitzes, das jedesmal, wenn eine edle Leidenſchaft es erregte, einen lichtverklärten Anhauch ehemaliger Schönheit erhielt... Attilio ſetzte hinzu, fuhr Benno fort, bei ſolchen Schrecken ſtünden ſoviel unſichtbare Engel zur Seite und fingen den Streich der Nothwendigkeit auf und ſoviel Tauſende riefen: Uns ging es ja ebenſo!... Oft, wenn ich mit den Brüdern auf dem Molo von La Valette ſpazieren ging, rings das weite Meer wie nach beru⸗ higter Leidenſchaft in lächelnder Majeſtät lag, wenn ich mich in allem erſchöpft hatte, was die Geſchichte und die geſunde Vernunft gegen die italieniſche Form, die Freiheit der Völker zu erringen, lehrten— antworteten ſie: Das mag auf euch paſſen, aber nicht auf uns! Und auch auf euch paßt es nur den Männern, nicht der Jugend! Die Jugend und ein unreifes Volk folgen der Ueberlegung nicht, ſondern dem Inſtinct. Wir wiſſen, daß unſere Einfälle, die wir da oder dort in das Erbe der Tyrannen machen, noch ſcheitern müſſen. Aber weit entfernt, daß ſie darum dem Spott unterliegen, laſſen ſie immer etwas zurück, was dem nächſtfol⸗ genden Verſuch zugute kommt. Immer iſt wenigſtens Ein heroiſcher Zug, Ein überraſchender kleiner momen⸗ taner Erfolg vorgekommen, der dann für den nächſten Verſuch ermunternd wirkt; man hatte ein Schiff, einen Thurm erobert, es waren einige der Gegner gefallen— Wenn Sie Recht haben ſollten, daß die Freiheit immer nur eine Folge eines andern hiſtoriſchen großen Im⸗ pulſes iſt— wie Graf Ceſar Balbi lehrt, der für Italien erſt den Untergang des osmaniſchen Reichs als erlöſend betrachtet— ſo muß für eine ſolche mög⸗ licherweiſe eintretende Kriſis die Geſinnung vorbereitet ſein. Wir müſſen dieſe Aufſtände, ſo nutzlos ſie ſchei⸗ nen, nur allein der Anregung wegen machen. Sie wer⸗ den noch lange Jahre hindurch ſcheitern, manche Kugel wird noch die Beſiegten mit verbundenen Augen in den Feſtungswällen niederſtrecken, manches Haupt wird auf dem Henkerblock fallen: das thut nichts; alles das hält 224 nur die Frage wach und bereitet vor für ihre künftige Entſcheidung... Die Mutter horchte voll Grauen... Als ich entgegnete: Lehrt durch Schriften und Gedan⸗ ken!— lachten beide und erwiderten: Italien und ein Kind begreifen nur durch Beiſpiele! Der Buchſtabe, Dank der langen Beſchränkung deſſelben, kommt unſerm ungebildeten, wenn auch geiſtesregen Volk nicht bei; hier will man ſehen, hier mit Händen greifen, die Wundenmale berühren! Von den Jeſuiten erzogen, wird dies Volk belehrt, daß die Patrioten lächerlich und ſchwach wä⸗ ren. Aber das Beiſpiel eines Aufſtands in Genua oder Sicilien oder in der Romagna muß deshalb auf einige Tage das Gegentheil beweiſen. Italien bewundert Räu⸗ ber um ihres Muthes willen! ergänzte Attilio. Was iſt der Tod! fiel Aemilio, der jüngere, wieder ein. Schreckhaft nur, wenn man im Leben Dinge verfolgt, die ſich aus⸗ ſchließlich an unſere eigene Perſon knüpfen. Aber ſchon der Krieger gewöhnt ſich und ſogar im Frieden durch die Tauſende, die mit ihm in gleicher Lage ſind, von ſeinem Ich als einem völlig Gleichgültigen zu abſtrahiren. Einer da mehr oder weniger— wen darf das ſchrecken! Vol⸗ lends, ſprach der ernſtere und ruhigere Attilio, wenn man die Philoſophie zu Hülfe nimmt! Die Erde iſt ein Atom im Weltgebäude; dieſe Luft, dieſe Geſtirne, dieſe Welten, dieſe Bäume, dieſe Menſchen ſind nur Schatten eines andern wahren Seins, das mit unzer⸗ ſtörbarer Göttlichkeit über dieſer Welt der flüchtigen Er⸗ ſcheinungen thront!... Die Herzogin erhob ſich, überwältigt von den an⸗ s iſt khaft aus⸗ ſchon die inem Liner Vol⸗ venn iſt 225 geregten Empfindungen... Sie wollte, wenn von Italien die Rede war, nur vom Siege, nur von Kränzen des Triumphes hören... Der Tod iſt nur für die Feigen da, für die Tyrannen! rief ſie. Auch Benno war in höchſter Erregung aufgeſtanden ... Auch durch ſeine Adern pulſte das Blut in mäch⸗ tigerer Strömung... Nach einigen Gängen hin und her auf der dunkelgewordenen Altane beruhigte er ſich und fuhr leiſer ſprechend fort: Ich blieb länger auf Malta als meine Ueberlegung hätte geſtatten ſollen... Die liebenswürdigen jungen Männer, mit denen ich auch über Deutſchland, über unſere Dichter und Denker ſo gut wie über Italien ſprechen konnte, feſſelten mich zu lebhaft. Ich wußte nicht, um was ich ſie mehr lie⸗ ben ſollte, ob um ihrer Freundſchaft und brüderlichen Eintracht willen oder um einen ſich ſo bewundernswerth ruhig gebenden Fanatismus. Was nur Schönes in der Menſchenbruſt leben kann, das hatten dieſe Jünglinge ſich zu erhalten und auszubilden gewußt. Die Schilderung der Sternennacht auf den Lagunen Venedigs, in der ſie nach ihrer von London erhaltenen Weiſung beſchließen mußten, zum Verräther an ihren nächſten Lebenspflichten, an ihres Vaters Ehre, an ihrer eigenen, am Herzen der Mutter zu werden, war erſchütternd— Sie erzählten, daß ſie unſchlüſſig geweſen wären, ob ſie ſich nicht ſelbſt erſchießen ſollten... Ich nannte im Gegentheil das Martyrium unſerer Zeit: Sich dem nicht ent⸗ ziehen, worauf uns Geburt, Stellung und das Ver⸗ trauen der Menſchen angewieſen haben!... Möglich, daß ich dies Axiom zu ſehr von Prieſtern entnahm, die Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 15 226 unter dem Druck ihrer Gelübde leben müſſen und ſie nicht brechen wollen— aus Furcht, einer Sache zu ſcha⸗ den, die ſie in ihrem Weſen lieben... Mit einem Wort— ich ließ ein Herz voll Freundſchaft in Malta zurück... Auch voll Dankbarkeit... Das felſige Ei⸗ land feſſelte mich mit ſeinen geſchichtlichen Erinnerungen län⸗ ger, als ich hätte bleiben ſollen; bald bildeten ſich unter den Flüchtlingen zwei Parteien; eine, die das Vertrauen der Brüder Bandiera zu mir theilte, eine andere, die mich für einen Spion erklären wollte. Meine Kurierreiſe von Wien war bekannt geworden und ſprach gegen mich. Ich fing an mich vertheidigen zu wollen und, wie in ſolchen Fällen es geht, verwickelte mich dadurch nur deſto mehr. Ich fürchtete Conceſſionen zu machen, die über mein noch nicht reifes Nachdenken über dieſe Fragen hinausgingen. Die Miſchung der Charaktere, die ich antraf, war abenteuerlich genug. Kaum waren reine und conſequente Geſinnungen unter Menſchen vorauszu⸗ ſetzen, unter denen ein wankelmüthiger, ſchwacher, aus Furcht vor ſeiner Schwäche wieder tückiſch gewaltſamer Menſch wie Wenzel von Terſchka eine Hauptrolle zu ſpielen ſcheint... Auch Pater Stanislaus war zugegen?... wallte die Mutter erſchreckend auf... Nicht in Perſon— er dirigirt von London aus... Wo er dein Nebenbuhler iſt—... Lucinde hat dich gut unterrichtet!... ſagte Benno Da ſprach ſie ſicher auch von Thiebold de Jonge?... Auch von ihm... — d ſie ſcha⸗ einem Nalta 2 Ei⸗ län⸗ rden der mich von Ich lchen deſto über ragen ich reine uszu⸗ aus amer le z dallte Thiebold wurde die Urſache, daß ich endlich von Malta und den immer bedenklicher gewordenen Verpflichtungen aufbrach... Mein Freund war nach Italien gekommen und wartete auf mich in Robillante... Wenn ich dir die Verſicherung gebe, daß Thiebold de Jonge zwar das närriſchſte Italieniſch ſpricht, aber das beſte Herz von der Welt und eine Freundſchaft für mich hat, wie ſie nur die Brüder Bandiera gegeneinander beſitzen, ſo wirſt du mir vergeben, wenn ich ihn zum Vertrauten meiner ganzen Lebenslage gemacht habe... Die Mutter horchte auf... Noch mehr! fuhr Benno fort. Ich habe nur im vollen Einverſtändniß mit ihm gewagt hierher zu reiſen und einen Plan zu verfolgen, der— mir— eine Sache des Herzens war... Indeſſen— jetzt... Welchen Plan? fragte die Mutter, noch immer der letzten Aufklärung harrend.. Marco meldete ſich im Eßzimmer mit dem Geklapper ſeiner Anrichtungen... Benno ſprach leiſer: In ſo haſtiger, völlig unüberlegter Eile hat mich die Freundſchaft für die Brüder Bandiera hergeführt... Nach⸗ dem ich Malta verlaſſen, blieben ſie mit mir im Briefwechſel ... Ich kann ſagen, es ſind die erſten Männer, die mir im Leben nächſt meinem Freund Bonaventura imponirten. Selbſt wo ich ihre Anſichten verwerfen muß, rühren ſie mich. Ich ordnete mich ihnen ſchon in Sicilien unter... Ich möchte dieſe herrlichen Jünglinge ebenſo meinem Leben, wie dem Leben der Menſchheit erhalten; ich möchte ſie dem Vater, der Mutter erhalten, ihnen, die zwar äußerlich tief 15* gebeugt und voll Demuth an den Ufern der Lagunen wandeln, innerlich aber doch ihren Stolz auf„die Kna⸗ ben“ behalten haben—... Mein Gott! Die Stunden der armen Unglücklichen ſind gezählt—... Wie? Warum?... rief die Mutter... In wenig Wochen vieelleicht ſchon— flüſterte Benno... Ein Aufſtand?! fuhr die Mutter empor und hielt Benno's Hand mit ihrer eigenen krampfhaft ausgeſtreck⸗ ten Rechten... 4 Ein umfaſſend vorbereiteter! ſprach Benno leiſe... Es gilt Rom ſelbſt! Der Herrſchaft Ceccone's! Der Einſchränkung dieſes freiheitsfeindlichen Papſtes Man erwartet Mazzini in Genua, Romarino in Sar⸗ dinien, erwartet einen Aufſtand in Sicilien... Die Brü⸗ der Bandiera ſind von Malta aufgebrochen... Sie ließen zweifelhaft, wohin ſie gingen... Einige ihrer Freunde waren weniger gewiſſenhaft... Sie dirigirten Flüchtlinge, die über die Alpen aus der Schweiz kamen, nach Robillante... Unter mancherlei Geſtalten, als Pil⸗ ger, als Mönche reiſen ſie vorzugsweiſe nach der adria⸗ tiſchen Küſte der Romagna... Dort, bei Porto d'Ascoli, dort, wo ſeltſamerweiſe jener Pilger und der deutſche Mönch verſchwunden ſind, ſoll alles vorbereitet ſein zu einem Handſtreich... Die Brüder Bandiera werden eine Landung befehligen... Ancona, Ravenna, Bologna werden von den Verſchworenen an einem und demſelben Tage überfallen werden... Der Erfolg kann meiner Ueberzeugung nach kein glücklicher ſein... Warum nicht? rief die Mutter. 229 Die Brüder werden in die Hand Ceccone's fallen... Nimmermehr!... Sie werden das Schaffot beſteigen.. Die Führer all dieſer Aufſtände des„Jungen Italien“ ſollen, das iſt die gemeinſchaftliche Verabredung der betheiligten Ca⸗ binete, auch des Cabinets der gekreuzten Himmelsſchlüſſel, den Tod durch Henkershand erleiden.. Jeſu Maria! rief die Mutter... Ich ſehe dieſe edeln Jünglinge das Schaffot beſtei⸗ gen!... Das iſt die Angſt, die mich nach Rom ge⸗ führt hat.... Die Mutter ſtürzte an den Hals ihres Sohnes... Nun hatte ſie die Urſache, warum Benno wünſchte, ſie wäre bei Olympien und— Olympia begrüßte ihn noch mit ihrer frühern Neigung... Benno hatte gehofft, ſo den Brüdern Bandiera das Leben retten zu können... Marco! Einen Augenblick! Laß doch! Laß doch! rief die Mutter in den Salon und warf die Glasthür au... Als ſie mit Benno auf der Altane abgeſchloſſen war, warf ſie ſich ihm wiederum mit Ungeſtüm an die Bruſt... Ich Olympien zürnen! ſprach ſie. Nimmermehr! Wenn du ihrer bedarfſt, ſo hab' ich nichts von ihr erduldet! Laß ſie mich mit Füßen getreten haben— wenn ſie dich nur liebt, wenn ſie deinen Wünſchen nur Erhörung gibt — Jeſu Maria, nur dieſe Söhne Italiens vor dem Hen⸗ kersſchwert bewahrt... Benno ſtand gedankenverloren... 230 Die Mutter fuhr fort: Ich weiß es, Ceccone brütet furchtbare Dinge... Er muß es thun... Fefelotti, das Al Geſu, der Staats⸗ kanzler, ſeine eigene Liebe zur Macht treiben ihn dazu ... Aber— ſei ruhig, mein Sohn!... Laß Olym⸗ pien in deinen Armen ruhen! Laß ſie die Hände zu f deinem ſtolzen Nacken erheben... O ſie ſind zart, dieſe Hände... Sie mordeten— nur Lämmer... Olym⸗ V pia iſt ein Kind! Noch jetzt! Noch jetzt!... Vielleicht, V daß du, du ſie zum Guten erziehſt! Vielleicht, daß du mit deinem Liebeskuß das Eis ihres Herzens aufthauſt!... Sie kann ſchön ſein, wenn ſie liebt! ſagt' ich dir ſchon in Wien... Sie kann vielleicht auch gut ſein, wenn ſie liebt!... Mein Sohn, habe Muth, vertraue! Wir Frauen ſind alles, was ihr aus uns macht!... Fliege hin zu ihr, höre das Jauchzen ihrer geſtillten Sehnſucht, fühle die Glut ihrer Zärtlichkeit, ſei, ſei, was ſie will—!... Es iſt zu ſpät—! erwiderte Benno... Um meinetwillen zu ſpät? fuhr die Mutter fort und raunte ihm ins Ohr: Ich beſchwöre dich... Ich habe dich hier nie als einen Rächer für mich erwartet... V Pah! Attilio Bandiera hat Recht: Was ſind un— ſere Perſonen!... Das Vaterland iſt die Loſung... b Sollen dieſe Jünglinge, deine Freunde, die Hoffnungen Italiens verderben—?... Nimmermehr!... Ein Kuß von deinem Munde und Olympia zerreißt alle To— desurtheile!... Benno ſtrich ſich das Haar in wildeſter Erregung... Seine Augen glühten... Seine Bruſt hob ſich... Der Raum der Altane war zu eng für das mächtige Ausſchreiten ſeines Fußes... Iſt es denn aber auch gewiß, fragte die Mutter leiſe, gewiß, daß dieſe Invaſion bevorſteht?.. Die Küſte der Adria iſt reif zum Aufſtand! flü⸗ ſterte Benno... Die Zollbedrückungen Rucca's ſollen unerträglich ſein... Die achtbarſten Kaufleute arbeiten der Inſurrection in die Hände... Und hier in Rom— Zwölf Logen gibt es hier!... fiel die Mutter ein... Benno ſchwieg... Er ſchien mehr zu wiſſen, als er ſagte... Die Brüder Bandiera, fuhr die Mutter fort, ſind, wenn ihr Beginnen ſcheitert und ſie nicht fallen oder entfliehen können, nicht, anders vorm Tode zu retten, als durch Olympia... Ich weiß es, ſelbſt die Hand des Hei⸗ ligen Vaters ſcheut das Blut der Rache nicht mehr für die, die die dreifache Krone antaſten— Auch das zwei⸗ ſchneidige Schwert Petri iſt gezückt— Laß alles! Gehy) zu dem jungen Rucca! Verſtändige dich mit deinen wie⸗ ner Freunden— Auch mit Lucinden! Kenne mich nicht mehr in Rom!... Ich verlange es!... Benno ſtand, immer in dumpfes Brüten verloren.. Ich verlange es! wiederholte die Mutter... Weiß ich dich nur in meiner Nähe! Kann ich deine Stirn nur zuweilen küſſen!. Laß mich, mein Sohn— Du fühlſt wie ein Sohn meines Landes! Das macht mich allein ſchon glücklich! Benno— Soll ich ſo dich nicht lieber nennen— nicht Cäſar?... Wage du dich nicht ſelbſt an Dinge, die mich um das Glück deiner Liebe bringen müſſen... Oder— doch?... Thu, wie du mußt! 3-⸗ 232 2 Nur geh' morgen zum jungen Rucca, den du— in Wien vorm Tode durch einen Elefanten retteteſt... Dein Name, dein Anblick wird Wunder wirken... Ich kenne Olympiens verzehrende Sehnſucht Nach den Begriffen des italieniſchen Volks iſt Größe der Empfindung mit Liſt vollkommen vereinbar... Wie ihr mir, ſo ich euch! lautet die Moral des Südens.. Die Herzogin ſchilderte die Lächerlichkeit des jungen Er— colano Rucca, ſein Prahlen mit jenem Angriff eines Elefanten auf ihn, die Sehnſucht, die er noch immer nach dem Beſtätiger ſeines Muthes ausſpräche, ſeine Sorgloſigkeit Olympien gegenüber, die bald über ſie ge⸗ kommene Langeweile, die ſie vorläufig im Gebirge in Re⸗ formen der Ackerwirthſchaft austobe... Zwar wäre ſie auf die Grille gekommen, den ehemaligen Pater Vincente, von dem ich dir in Wien ſchon erzählte, ſagte ſie, zum Cardinal zu erheben und ihn jetzt wie ihre Puppe zu be⸗ handeln, die ſie ſchmückt... Aber dein erſter Gruß löſcht alle dieſe Flammen aus—.. Im Lauf der ſich überſtürzenden Qaßurichel⸗ und Ermuthigungsreden der Mutter bemerkte Benno: Von dieſem Vincente Ambroſi hab' ich in Robillante ſeltſame Dinge gehört Jener Eremit von Caſtellungo bekannte ſich zu den Lehren der Waldenſer, die das erſte apoſtoliſche Chriſtenthum beſtten wollen... Eine zahl⸗ reiche Gemeinde bildete ſich. zu ihr gehörte ein junger Zögling des Collegs von Robillan nte, der ſich zum Prieſter bilden wollte. Die Lehren des Eremiten zogen ihn an. Oft ſoll er Tage und Nächte bei ihm im Walde zuge⸗ bracht haben. Die Geſſetze verbieten aufs ſtrengſte den 233 in Uebertritt zu den Waldenſern. Eines Tags verſchwand . der junge Ambroſi und war Franciscaner geworden... Ich Man ſchickte ihn zu ſeiner weitern Ausbildung nach Rom. Seine dortigen Schickſale erzählteſt du... Ueber⸗ röße raſchend iſt es, daß mancher in Robillante glaubt, er hätte Wie ſich durch ſein Buß⸗ und Leidensleben nur einem von jenem Eremiten ihm ertheilten Auftrag unterzogen und Er⸗ ſtünde noch jetzt mit ihm in Verbindung... nes Die Herzogin hörte nichts mehr... Sie war zu mer erfüllt von der einzigen Nothwendigkeit, daß Benno zu eine Olympien müßte... Sie blieb bei ihrem Wort: ge⸗ Olympia läßt von allen, wenn du erſcheinſt!... Re⸗ Du bleibſt der Sieger!... ſie Wenn ſich Benno im Lauf dieſer Ermunterungen nte, und Verſicherungen allmählich ſcheinbar für überwunden zum erklärte, ja ſogar dem Ernſt ſeiner Mienen einige Streif⸗ be. lichter des Scherzes folgen ließ, ſo war ein Gedanken⸗ — gang daran ſchuld, den die Mutter nicht ſofort verſtehen 3 konnte... Er ſagte, mit dem Kopf nickend: nnd Bin ich nicht glücklich?... Ich habe eine Mutter, die mich verzieht und mir gegen alles Verdienſt ſchmeichelt; einen Bruder, der mir bei Torlonia einen Creditbrief m offen hält, von dem ich dir die Penſion Ceccone's ver⸗ igo doppeln zu können hoffe; einen Oheim, der mich und rli Bonaventura zu ſeinen Erben macht, wenn auch Frau uül von Gülpen bis an ihr Lebensende die Nutznießung ſeines ger Vermögens behält; dann hab' ich in meinem jungen Leben ſte ſchon vier wahre Freunde gefunden, Bonaventura, Thie⸗ , bold, Attilio, Aemilio... Nun höre noch dies, Mutter! ge⸗ Ich wollte nicht übermüthig ſein... Ich wollte mich in den 4 234 die Strudel des Wiederſehens der jungen Fürſtin mit Vor⸗ ſicht wagen... Hatten wir Stunden der Trauer zu erwarten, mein Freund Thiebold de Jonge ſollte uns Erheiterung bringen... Das Idol ſeines Herzens— ſchon einmal hat er es mir geopfert... Und auch jetzt wollte er meinem Gewiſſen einen tapfern Beiſtand leiſten... Mit einer Gemüthsruhe, die nur verſtändlich iſt, wenn man die perſönliche Bekanntſchaft dieſes närriſchen Men⸗ ſchen gemacht hat, ſprach er, als er meinen Kampf und die Furcht b mich nach Rom zu begeben: Beſter Freund—— Noch hatte Wenno das Lieblingswort Thiebold's: „Ich kann mich vollkommen auf Ihren Standpunkt ver⸗ ſetzen“ nicht ausgeſprochen, als es draußen heftig klin⸗ gelte... Wer ſtört uns! rief die Herzogin, ſtand auf und wollte Befehle geben, die ſie für niemand anweſend ſein ließen... Schon aber klingelte es zum zweiten mal.. Mutter, ſagte Benno, das kann nur mein ſtürmi⸗ ſcher Freund ſein! An dieſer kurzen Pauſe zwiſchen dem erſten und zweiten Klingeln erkenn' ich Thiebold... Gegen alle Verabredung hat er ſich verſpätet Ich ging zu Land, er den kurzen Weg über Genua zu Waſſer—... Man hörte die laute Stimme eines radebrechenden Fremden, der nach„Ihrer Hoheit der Herzogin von Amarillas“ verlangte... Er iſt es! ſagte Benno... Ich bin wenigſtens froh, daß er noch am Leben iſt!. venn Ren⸗ Die Mutter wußte, daß der alte Marco die Ge⸗ wohnheit hatte, vertraute Geſpräche ſeiner Gebieterin nicht zu unterbrechen... Sie wußte, daß er ſolche Störungen mit völlig unklarem Bewußtſein, ob Altezza zu Hauſe wäre oder nicht, zu beantworten pflegte.. So kam er auch jetzt mit einer fragenden Miene... Aber kaum ſah er: Willkommen! im Antlitz ſeiner Ge⸗ bieterin, ſo war er auch ſchon wieder draußen und mit den heiterſten Scherzen hörbar... Die gute Laune kam wieder, da er ſah, es fing um ſeine Gebieterin an leb⸗ hafter zu werden... Thiebold de Jonge trat ein... Er ſah aus wie ein Räuberhauptmann... Nur mit dem Unterſchied, daß dieſer einmal gelegentlich, etwa zum Behuf einer ihm von Aerzten vorgeſchriebenen Bade⸗ reiſe, eine elegantere Toilette gemacht hat... Sonſt konnte er von ſeiner„Verwilderung kein Hehl machen“ .Die Geſichtsfarbe war braun„wie ein kupferner Keſ⸗ ſel“... Sein Bart wie die Mähne eines Löwen... Sonſt trug er ſich vom Kopf bis zum Fuß in Nanking— ſtoffen... Auf dem weißausgelegten Hemd von bielefel— der Leinwand blitzte eine Bruſtnadel von Diamanten, die abends jedem Räuber eine Aufforderung zu einem kühnen Griff erſcheinen durfte... Weſte, Pantalons, gefirnißte Stiefel, alles war von jener Fashion, die dem Mode⸗ journal und den heimatlichen Gewohnheiten entſprach... Mindeſtens glich er bei alledem doch einem„Schiffs⸗ capitän, der zweimal die Linie paſſirte“... Mit einem Gemiſch von Worten, das wahrſcheinlich bedeutete:„Ich muß tauſendmal um Entſchuldigung bitten, Frau Herzogin!“ 236 kam er über die Schwelle des Salons geſtolpert. „Noch taumelte das kaum verlaſſene Schiff mit ihm.. An ſeinem Strohhut, den er, wie er Benno zuraunte, „in erſter Verlegenheit“ zerdrückte, flatterten zwei rothe Bänder, wie am Hut eines Matroſen... Seine Corpulenz hatte zugenommen... Bei alledem war er anziehend und für Italien als Blondin doppelt in⸗ tereſſant... Seinen Freund Benno noch in der Hauptſache igno⸗ rirend, radebrechte er, immer zur Herzogin gewandt, daß er eben angekommen wäre und ſeinen Freund aufge⸗ ſucht und deſſen Spur bei Piazza Sciarra und endlich auf dem Monte Pincio aufgefunden hätte... Bitte, Hoheit, ich bin nur da, um ihm meine Adreſſe, die auf ein vis à vis ſeiner Wohnung lautet, zu bringen oder etwa eine Verabredung für morgen zu treffen oder falls Ho⸗ heit heute Abend noch Befehle hätten, ſie auszuführen — Ich werde überhaupt in Rom lieber Eurer Hoheit, als einem Menſchen folgen, der mir den Weg über Genua angerathen hatte, ohne zu wiſſen, daß die Dampf⸗ ſchiffe von Genua nicht auf Paſſagiere warten, die ſich von wunderbaren Kaffeehäuſern und Hotels in Nizza und Genua nicht gut trennen können... So bin ich aus Zerſtreuung in Genua ſitzen geblieben und wider Verabredung um fünf Tage zu ſpät gekommen, hoffe in⸗ deſſen, daß der von meinem Freunde beabſichtigte Feldzug auch ohne die Trancheen, die ich— Dies ſchwierige Bild aus der Kriegstaktit auszufüh⸗ ren ſcheiterte nicht gerade an Thiebold's Sprachkenntniſ⸗ ſen, wol aber an ſeinem Gedächtniß... Er hatte ſeine — rt... m traunte, i rothe Seine n war elt in⸗ 7 eigno⸗ wandt, aufge⸗ endlich Hoheit auf ein er etwa lls ho⸗ uführen Hoheit, 9 über Dampf⸗ die ſich m Nizza bin ich wider offe in⸗ Feldjug iezufüh⸗ kentniſ⸗ ſeine t te —————— 237 Rede italieniſch gehalten und auswendig gelernt... Die Ehren, die er der Herzogin ließ, waren ungefähr die, die er etwa in Deutſchland einer regierenden Lan⸗ desmutter von Braunſchweig oder Naſſau hätte erweiſen müſſen... Die Herzogin reichte dem närriſchen Signore Tebaldo die Hand und bat ihn, ſogleich zum Souper zu blei⸗ ben... Sie klingelte, ließ ihr kleines Mahl anrich— ten, trat am Arm Tebaldo's in ein Eßzimmer, wo die kleine Tafel ſinnig geordnet war, und fand ſich in ihn ſo gut, als hätte ſie ihn ſeit Jahren gekannt... Das Gefühl, in ihm einen Mitwiſſer des Geheimniſſes zwi⸗ ſchen ihr und Benno zu ſehen, durfte ſie nicht ſtören; Signore Tebaldo war nur durch die ihm nicht geläufige Sprache und die Anweſenheit der Diener verhindert, ſo⸗ fort jeden„Zwang als bei ihm völlig überflüſſig“ zu bezeich⸗ nen und die„Sachlage“ und die„vollendete Thatſache“ und überhaupt alles auf„ſeine natürlichen Vorausſetzungen zurückzuführen“... Sein Sprachgemiſch, zu dem ſich als letzte Aushülfe Franzöſiſch geſellte, ſein Benehmen gegen Benno, die Art, wie er die Terraſſe„ himmliſch“ und „ſtellenweiſe die drei Treppen belohnend“ fand, die Kritik des„kühlen Speiſeſaals“, die Leichtigkeit, mit der er ſeinen Stuhl ergriff und die entzückende Natur Ita⸗ liens, ſelbſt mit„radicaler Unerträglichkeit“ ſolcher Strecken wie von Civita⸗Vecchia bis hierher, die Einfach⸗ heit der Sitten, die Frugalität der Soupers—„mit Ausnahmen“— anerkannte, Roms Trümmerwelt als einen„das Auge mehr oder weniger beleidigenden polizeilichen Skandal der Jahrhunderte“ bezeichnete, alles — 4— —— eeee—— 88 ’ 238 1 as hatte etwas ſo Vertrauenerweckendes und über jede Schwierigkeit ſogleich Hinwegſetzendes, daß die Herzo⸗ ſgin nicht die mindeſte Scheu vor ihm empfand... Zwiſchen eine Erzählung über ſeine Reiſeabenteuer von Robillante bis hierher und die erſten Erfahrungen in einem römiſchen Hotel, das er ſofort verlaſſen hätte, weil der„erſte Cameriere ſich gegen ihn das Benehmen eines Miniſters erlaubt hätte“, ließ er bei Abweſenheit der beiden Diener die kühn ſtiliſirten Worte fallen: Altezza, anch' io suon un' filio perduto, ma ri- trovato!... Auch ich hab'nmal eine Mutter gehabt, die in einem Zeitalter geſtorben iſt, von dem ich mir nur noch eine dunkle Erinnerung bewahrt habe! Jedoch an jedem Sterbetag der frühvollendeten Dulderin hab' ich mit dem alten Mann, meinem Vater, eine Meſſe für ſie leſen laſ— ſen und ging in die Kirche, was ſonſt meine Gewohn⸗ heit weniger iſt... Gott, das ſind jetzt zwanzig Jahre her und oft hat mich ſchlechten Menſchen dieſe Gewohnheit genirt. Aber ich that's um meines Vaters willen. So lang' ich lebe und es noch Kirchen gibt, ſetz' ich dieſe Gewohnheit fort an jedem vierzehnten October, Tag des heiligen Burkard, vorausgeſetzt, daß unſere Kalender ſtimmen, Hoheit!... Ich bin nicht ganz ſo aufgeklärt, wie mein Freund da— Aſſelyn. Ich kann Ihnen, wenn Sie es wünſchen, Herzogin, auf jede Hoſtie— ſelbſt eine wunderthätige— beſchwören, daß ich mir die Ehre, Mitwiſſer Ihres„übrigens längſtgeahnten“ Ge⸗ heimniſſes zu ſein, durch eine Discretion verdienen werde, die Ihnen möglicherweiſe ſelbſt auf die Länge peinlich wer⸗ den dürfte!... Unglaublich! Wirklich— der Kronſyn⸗ 239 dikus—! Na, wiſſen Sie, Benno, wie wir damals bei dem Leichenbegängniß—... Doch kein Wort!... In der Kunſt, ſich dumm zu ſtellen, hab' ich die Vortheile vor— aus, die einem gemeinſchaftlichen Freund von uns zugute kamen, der eines Tags die Entdeckung machte, daß durch ſyſtematiſches Ignoriren ſich am beſten die Ignoranz ver⸗ decken läßt!... Bruto e muto!... So wahr wie— Marco's Kommen unterbrach einen, wie es ſchien, auf Haarſträubendes berechneten Schwur... Die Herzogin verſtand aus den franzöſiſchen Bei⸗ miſchungen ſeiner Rede, was er andeuten wollte, und Benno küßte die Hand der Mutter— Thiebold bat um die gleiche Gunſt... Die Glückliche ſaß, wie ſie ſagte wie die Perle im Golde... Marco ſchien ihr alles das von Herzen zu gönnen Er ſah auf nichts, als auf die Leiſtungen ſeiner Kochkunſt.. Die trauervollſte, ernſteſte Stimmung mußte durch Thiebold de Jonge immer mehr gemildert werden.. Thiebold erzählte, bald italieniſch, bald deutſch, bald franzöſiſch und noch öfter Benno zum Ueber⸗ ſetzen veranlaſſend, von einem aus Paris von Pi⸗ tern vorgefundenen Brief... Er verbreitete ſchon damit über die Züge der Herzogin den Ausdruck einer Heiterkeit, die ſie ſeit Jahren nicht gekannt hatte... Thiebold's Humor hatte die ſeltene Eigen⸗ ſchaft, beim Scherz dem etwaigen Ernſt, der eingehalten werden mußte, nicht im mindeſten ſeine Würde zu nehmen... Jede vom ab- und zugehenden Marco und ſeinem Genoſſen, der eine ſtattliche Livree trug, gelaſſene 7 240 Pauſe, benutzte er, die Saiten zu berühren, die in Benno's Innern zu mächtig nachbebten... Wie wuchs die Verehrung vor ihrem Sohn, als die Mutter ſah, daß Benno ſolche Freunde gewinnen konnte... Thiebold äußerte in noch verſtärkterem Grade die Beſorgniß, die Benno über das Schickſal der beiden Männer hatte, die ihm ſo werth geworden... Er theilte„unbekann⸗ terweiſe“ ganz dieſe Sympathie für die Gebrüder Bandiera— ohne allen Neid... Er ſah eine Sorge im Gemüth des Freundes und ſuchte ihr abzuhelfen; das war ihm Aufgabe genug... Ohne ſelbſt Politik zu treiben, konnte er ſich„dergleichen Wahngebilde von ei⸗ nem fremden Standpunkt aus vollſtändig erklären“... Es war der immer gleiche Trieb der Gefälligkeit, der in Thiebold's Herzen ſo freundliche Wirkungen hervor⸗ brachte. Dieſer Trieb verband ſich mit dem behaglichen Gefühl ſeiner ſorgloſen Lebenslage, ſeiner reichlichen Mittel, vorzugsweiſe dann freilich auch— mit dem ungewiſſen Halt ſeiner eigenen Bildung. Sah er kluge Leute von einer Sache intereſſirt, ſo war er ſelbſt klug genug, ihren Mei— nungen„vollſtändig Rechnung zu tragen“... Italien und Rom„waren nun einmal da“... Die Intereſſen dieſes „überhitzten und in einem ſüdlichen Klima gelegenen Lan⸗ des“ waren ebenſo abzuwarten, wie der Hemmſchuh des Vetturins... Vollends war„die Gutllotine kein Spaß“... Thiebold beſaß jene ſeltene Toleranz, die eine fremde Welt um ſo mehr achtet, je weniger ſie da⸗ von verſteht... Nur ſchade, daß die Herzogin der„neuerfundenen Miſchſprache“ Thiebold's nicht immer folgen und ſo recht —— 14 dieſes Lan⸗ ſchuh kein die 7* eda⸗ denen recht 241 die Gegenſätze und Natürlichkeiten genießen konnte, die in dieſer empfänglichen Seele zu gleicher Zeit Platz hat⸗ ten... Die Nacht wa rniedergeſtiegen... Millionen Sterne funkelten a kkeln Himmel... Auf der Altane, auf die man nach Souper, dem ſogar Champagner nicht fehlte, zurückkehrte, brannte eine Lampe... Drei ſo traulich Verbundene ſaßen unter dem Duft der Blumen und in dem ganzen Zauber ſüdlicher Natur, der ſich ſelbſt beim nächtlichen Gewirr der Städte nicht verliert... Glocken läuteten; die Luft, die nach dem Untergang der Sonne an⸗ fangs kühl geweht, hatte wieder ihre alte Weiche gewon⸗ nen; die Lampe warf geheimnißvolle Reflexe in das tief⸗ dunkle Grün der hohen Zierpflanzen und zog ſchwirrende kleine Käfer an, die in ihr eine lichtere Schlummerſtätte zu finden glaubten, als die Orangen- und Granatenblüten, in deren Kelchen ſie ſchon gebettet lagen... So erlie⸗ gen wir den Ausſtrahlungen höherer Ziele, die ein Geſetz unſerer ſchwachen, dem Irrthum unterworfenen Natur raſtlos uns auch dann noch ſuchen läßt, wenn wir uns ſchon längſt hätten genügen ſollen... Benno und die Mutter knüpften an die frühere, von Thiebold unterbrochene Stimmung an... Thiebold konnte nun ſelbſt das ſagen, was eben Benno als ſeine Hülfe in der möglicherweiſe verhängnißvollen Wiederbe⸗ gegnung mit Olympien hatte berichten wollen... Ja— Armgart—! ſeufzte Thiebold... Wir lie⸗ ben ein und daſſelbe Mädchen, Hoheit, und längſt hab' ich entſagt zu Gunſten meines Freundes. Ich Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 16 242 beanſpruche nur noch bei ihm Pathenſtelle... Seine Großmuth lehnt nun freilich mein Opfer ab und darin hat er Recht: Der Gegenſtand unſerer Liebe neckte einen mit dem andern Dieſe Cigarren⸗ taſche, die von ihr iſt— ſehen oheit, dieſe ſo— mangelhafte Arbeit— deutet au Berechtigung, das Andenken der Geliebten gleichſam ebensgefährtin ma⸗ chen zu dürfen, während mein Freund einen Aſchenbecher erhielt, ein Mobiliar, das ſich nur in den vier Wän⸗ den benutzen läßt... Er vergaß es in Robillante— ich hab's mitgebracht, lieber Freund—... Andererſeits könnte damit freilich das Princip der Häuslichkeit ange⸗ deutet ſein... Genug—„ſei dem, wie ihm wolle“ und wie ſehr wir beſorgen müſſen, daß eine raffinirte Natur wie die des Ex⸗Paters Stanislaus mit Hülfe der ſo fana⸗ tiſch lichtfreundlichen Aeltern uns beide aus dem Felde ſchlägt, ich habe meinem Freund als einzigen Ausweg aus dem Labyrinth ſeiner möglichen Verirrungen mit Für⸗ ſtin Rucca den Ariadnefaden meiner eigenen Liebe zu ihr vorgeſchlagen. Die Herzogin begriff nicht... Altezza! Ich kenne überraſchende Wirkungen der blon⸗ den Haare in Italien! unterbrach Thiebold Benno's Er⸗ läuterung... Ich habe haarſträubende Erfolge erlebt! Ich werde noch mehr gewinnen, wenn ich Fortſchritte in dieſer verdammten— gottlichen Sprache mache, die mich beſchämend genug an mein altes Latein— Secunda— erinnert... Ich liebe die Fürſtin Rucca bereits bis zur Narrheit! Ich werde Benno's Erfolge paralyſiren... Die Herzogin fragte nach dem Sinn dieſer Worte 243 und fixirte den Sohn, den Thiebold nicht aufkommen ließ... Es iſt dies: Ich, ich liebe Gräfin Olympia Malda⸗ chini bereits aus dem Garten von Schönbrunn, ſchon aus der Menagerie im Prater... Die Erzählungen über ſie wirkten ſo auf mich, daß ihr die Wahl zwiſchen mir und Benno unmöglich werden ſoll... Schon vor fünf Ta⸗ gen ſollt' ich im Palazzo Rucca meine Karte und einen Em⸗ pfehlungsbrief von Benno an den jungen Elefantenkäm⸗ pfer abgegeben haben... Nun iſt es ſpäter geworden und der Fürſt iſt auf dem Lande... Ich reiſe morgen in er⸗ ſter Frühe nach Villa Torreſani, auch nach Villa Tibur, wo Lucinde wohnt, im Widerſpruch mit allen, die ſie ver⸗ dammen, bekanntlich eine leidenſchaftliche Neigung von mir ... Scherz bei Seite, Hoheit, die Schilderung der Per⸗ ſönlichkeit der Fürſtin Olympia hat mehr, als meine Neu⸗ gier erregt. Grüner Teint, blaue Haare, Wuchs bis Ben⸗ no's Taille— ich werde Lucinden ſofort Erklärungen ma⸗ chen und um die Vermittelung meiner Wünſche bitten. Ich mag dieſe kleinen Figuren! Armgart iſt auch nicht groß. Ich werde der Fürſtin zeigen, was bei uns in Deutſch⸗ land ſchwärmen heißt. Weiß ich dann auch, daß mich die ſpätere Ankunft Benno's, die ich in Ausſicht ſtelle, aus dem Sattel heben wird, ſo werd' ich doch ſein Schick⸗ ſal ſo lange durchkreuzen, aufhalten und nur über meine Leiche hinweg ihn zum Sieger über dieſe gebietende Göttin des Kirchenſtaates werden laſſen, daß darüber das Schick— ſal der Gebrüder Bandiera ſich entſchieden haben dürfte . Ich weiß nicht, ob ich deutlich geweſen bin, Ho⸗ heit... 163* 244 Die Mutter begriff halb und halb und ſah lachend auf Benno, der eine abwehrende Miene machte.. O, fuhr Thiebold auf, ich weiß durchaus nicht, ob es nach genommener Verabredung iſt, daß mich mein Freund Aſſelyn hier in unſerm Plan durch ein ironiſches Lächeln unterſtützt!... In Robillante waren wir einig: Wir wagen uns beide in die Höhle des Löwen! Wir bitten die Herzogin von Amarillas um ihre Protection! Wir unterwerfen uns Sr. Eminenz dem Cardinal Ceccone in gebührender Demuth! Wir laſſen in dieſer großen, vorneh⸗ men Welt, in der Sie leben, gnädigſte Frau Herzogin, unſer Licht leuchten ſo gut es geht und ſollte mir mein Freund Aſſelyn wirklich von jenem grünen Teint und jenen blauen Haaren in Gefahr für ſeine Tugend gera⸗ then, ſo verderb' ich ihm jedes Rendezvous und ſetze das ſo lange fort, bis Rom entweder eine Republik geworden iſt oder Ceccone, was mir wahrſcheinlicher erſcheinen dürfte, die Sentenz für die Gebrüder Bandiera zu unter⸗ ſchreiben hat—... Die Herzogin ſah den Irrthum Thiebold's über ihre gegenwärtige Lage, unterſtützte aber ſeinen überraſchenden Einfall durch jede Geberde... Sie unterdrückte jede Einſprache Benno's, nannte Ceccone ihren Freund, ihren Gönner, Olympia ihr treueſtes Pflegekind... Sie er⸗ muthigte beide, mit der jungen Frau ihr Heil zu ver⸗ ſuchen... Es ſchlug nun elf Uhr... Thiebold mahnte an den Aufbruch... Benno blieb traurig und ſchien keinen Willen mehr zu haben... achend ob es freund ächeln Wir bitten Wir one in orneh⸗ tzogin, mein nt und gera⸗ tze das worden ſcheinen unter⸗ er ihre cenden te jede „ihren Sie er⸗ zu ver⸗ mehr 245 Die Mutter ließ ihn nur mit den Beruhigungen ſchei⸗ den, die ſie verlangte... Er mußte verſprechen, mor⸗ gen im Palazzo Rucca nach dem Principe Ercolano zu fragen und ſeine Karte abzugeben— Thiebold ſollte in— zwiſchen ſchon ins Gebirge und auf die Villa Torreſani reiſen... Das alles ſtand feſt und unwiderruflich... Die Mut⸗ ter führte Benno an das Medaillon des Herzogs von Amarillas, ergriff ſeine drei Schwurfinger und flüſterte ihm—„bei Angiolinens Angedenken!“— einen Schwur ... Er ſollte geloben, daß er ſich mit Lucinden ver⸗ ſtändigte und in die Welt Ceccone's und Olympiens einträte, ohne die mindeſte Rückſichtsnahme auf irgend⸗ etwas, was ihr perſönlich begegnet war... Benno erwiderte: Rom iſt die Tragikomödie der Welt! . Er gab der Mutter in dem, was ſie vorläufig begehrte, nach... Beim Nachhauſegehen war Thiebold entzückt von dieſer „ſeltenen Frau“... Er verwünſchte ſeine mangelhaften Kenntniſſe im Italieniſchen, ſchwur, täglich ſechs Stun⸗ den Unterricht nehmen zu wollen und erſtaunte dann nicht wenig, als ihm Benno beim Herabſteigen von jener gro⸗ ßen Treppe, die auf den ſpaniſchen Platz führt, erzählte, daß ſich die Stellung ſeiner Mutter zu Ceccone und Olympia gänzlich verändert hätte... Nun erſt begriff Thiebold die kalte Aufnahme, die er an Piazza Sciarra erfahren hatte, als er dort nach der Herzogin von Amarillas fragte. Er verwünſchte die römiſche Welt nicht wenig... Dann verglich er Rom bei Nacht mit ſeiner Vater⸗ 246 ſtadt bei Nacht... Die Beleuchtung war hier„unter der Würde“— Rom verwarf bekanntlich damals als „revolutionäre Neuerung“ nicht blos die Eiſenbahnen, ſon⸗ dern auch die Gasbeleuchtung*)—... Die Freunde verabredeten ſich, morgen in alter Weiſe gemeinſchaftlich zu frühſtücken und das Weitere ernſt zu berathen... Thiebold wollte zu Benno kommen.. Den Aſchenbecher vergaß ich in Robillantel rief Benno Thiebold nach, als dieſer ſchon an die Pforte ſeiner Wohnung geklopft hatte, die derjenigen Benno's gegen⸗ über lag... Bringen Sie ihn doch morgen früh mit. Das einzige Wort, mit dem Benno die zum Tod betrübte Stimmung ſeines Innern verrieth. 4 *) Thatſache. Die Wirkung einer Karte, auf der zu leſen ſtand: „Monsieur Thiebold de Jonge, recommandé par le Baron Benno d'Asselyn“ war außerordentlich... Sie fiel in die Sieſtenſtunde, wo auf Villa Torre— ſani die junge Fürſtin Rucca bei herabgelaſſenen Ja⸗ louſieen auf ſchwellenden Polſtern ausgeſtreckt lag und vielleicht in Liebesſchauern vom ſchönen Cardinal Am— broſi träumte... Sie fuhr empor... Halbentkleidet lag ſie auf einem Ruhebett ausgeſtreckt ... Dicht war ſie gegen die böſen„Zanzari“ in Muſſe⸗ linvorhängen eingehüllt... Mit halbſchlafendem Brüten hatte ſie ein Deckenbild des Bettes, eine Amorettenſcene von Albani angeſtarrt... Dieſe Villa war der Mittelpunkt einer durch Kunſt und Natur zum reizendſten Aufenthalt beſtimmten Schöpfung... Die Villa Torreſani lag auf Bergabhängen hinge⸗ haucht wie im tändelnden Muſenſpiel... Alles an ihr war leicht, zierlich und gleichſam ohne Mühe geſchaffen . Die Treppenaufgänge waren in ihren Geländern 248 mit zierlichſter Symmetrie durchbrochen, auf ihren Wan⸗ gen mit Statuen, Aloé⸗- und Cactustöpfen geſchmückt... Wo ſich bei jeder neuen Etage die Treppe zwiefach theilte, plätſcherten Springbrunnen oder muſchelblaſende Tritonen ... Oben auf der gekieſelten Plateforme erhob ſich ein Bau voll Pracht und Schönheit, in zwei Stockwerken, verſchwenderiſch geziert von Säulen, Niſchen, Statuen, abgeſchloſſen hoch oben von einer Attika, deren vier Ecken freiſchwebende Marmorbilder begrenzten... Eine ſilber⸗ weiße Herrlichkeit war es, weithin leuchtend aus einem dunkeln Boschetto von Lorberhecken und urmächtigen Ei⸗ chen... Hier rauſchten die Waſſer, dort ſangen die Vögel, ſummten die Käfer... Weit hinaus zur Ebene verfolgte das Auge die gelblichen Fernſichten herbſtlicher Stoppelfelder; ſie milderten ſich durch die quer hindurchlau⸗ fenden Weingehänge und die breitaſtigen, nicht ängſtlich beſchnittenen Pappeln... In der Ferne erhob ſich Rom, die Peterskuppel, ſie, der immer hocherhobene Finger, der die Welt aus dem Erdendunſt gen Himmel weiſen ſoll... Wer aber ſchweift hinaus bei ſo beglückender Nähe!... Hier waltete die Kunſt und die in ihren Weihemomenten überraſchte Natur... Durch die zur Erde gehenden Fenſter des Palaſtes ſah man die an den Capitä⸗ len bronzirten ſchwarzen Marmorſäulen eines großen Speiſe⸗ ſaals mit dem weißſchwarzen Marmorgetäfel des Fuß⸗ bodens... Nach hinten empfingen die Schlaf- und Sieſtenzimmer die Kühle einer angrenzenden Cypreſſen⸗ gruppe, den Duft des zur Berglehne reichenden Blumen⸗ gartens, in dem die Pflanzen eines noch tieferen Südens im Winter durch Glasdächer geſchützt wurden... Dort an⸗ 249 reiften Bananen... Dicht am Fenſter, wo Olympia ſchlief, hauchte eine Gruppe Gardenien aus ihren wei⸗ ßen, großmächtigen Blütentrichtern und aus der wollüſtig feuchten Wärme der fortdauernd zu erneuernden Berieſelung einen Duft aus, gegen den der Duft der Roſe verſchwand... Olympia lachte im Halbſchlaf— Sie lachte ſogar des Cardinals Ambroſi, der ſich ihren Sorgen für eine ſei⸗ ner würdige Einrichtung durch den eiferſüchtigen Fefelotti hatte entziehen müſſen... Dann erſchrak ſie, weil den— Cardinal⸗Conſervator der Reliquien nichts als Todtenſchä⸗ del umgaben... Durch eine nahe liegende Ideenverbin⸗ dung kam ſie auf den deutſchen Mönch Hubertus und Grizzifalcone... Sie warf ſich auf die andere Seite und wieder lachte ſie ihrer Schwiegermutter, die ſie fort⸗ während hofmeiſtern wollte... Sie lachte Lucindens, des Cardinals und der Herzogin von Amarillas—... Da eben erſcholl das Klopfen des betreßten Dieners — Da kam die Karte... Drei, vier Klingeln gingen durcheinander, als ſie die Karte geleſen hatte... Portier, Diener, Kammerzofe — wen hatte ſie nicht alles Befehle zu ertheilen!... „Recommandé par le Baron d'Asselyn“... Die Fürſtin, außer ſich, weckte ihren nebenan ſchnar⸗ chenden Ercolano... Für dieſen war ſogar ein Brief vom Signor d'Aſ⸗ ſelyno durch den draußen harrenden mit Extrapoſt vor⸗ gefahrenen Monsieur Thiebold de Jonge ſelbſt über⸗ bracht worden... Sie herrſchte dem ſchlaftrunkenen Gatten zu, er ſollte den Fremdling ſo lange unterhalten, bis ſie ſich in Toilette -—— 250 geworfen hätte... erbrach ihn... Benno von Aſſelyn beklagte in dieſem Briefe ſein bisheriges Los, das ihn in der Welt hin⸗ und herzureiſen gezwungen und erſt jetzt nach Rom zurückgeführt hätte ... In acht Tagen ſpäteſtens würde er dem Fürſten ſeine Glückwünſche und der Fürſtin ſich ſelbſt zu Füßen legen... So ſchallen auf der Inſel Ceylon plötzlich wunder⸗ bare Klänge aus der Luft... So richtet ſich die Blume auf, die nach langer Dürre ein ſtürzender Regen er— friſcht... Olympia flog in ihre Garderobe 6 Thiebold de Jonge hatte inzwiſchen in einer Em⸗ pfangsrotunde Gelegenheit, die Geſchichte der alten Kunſt zu ſtudiren... Neun Marmorſtatuen zierten ſie, ge⸗ ſchmackvoll in Niſchen angebracht; ſie ſowol wie der Moſaikfußboden gehörten dem wirklichen Alterthum an... Hier war alles echt... Das alte Rom war hier noch nicht untergegangen... Später hat es Thiebold oft erzählt, wie ihm der erſte Anblick der„kleinen Heuſchrecke“, die nach einer halben Stunde in gelbnaturſeidenen, mit grünen Blättern und bunten Blüten bedruckten Gewändern hereinrauſchte, Lexikon, Grammatik, Alberti's Complimentirbuch in voll⸗ ſtändigſte Verwirrung brachte... Die„gelbe Hexe“ wäre viel, viel anziehender geweſen, als er erwartet... Dennoch mußte er ſich früh erholt haben... Er „reuſſirte“ ſchon beim erſten Gruße... Benno hätte ſich getroſt noch acht Tage in Rom können verſteckt hal⸗ ten... Thiebold beſchäftigte den Fürſten und die Für⸗ ſtin ſchon am erſten Tag mit all den Erfolgen, die wir Den Brief nahm ſie ſelbſt und ————————— — 2æ und ſein teiſen hätte ſeine als die gewöhnliche Belohnung ſeiner geſelligen Talente kennen... Sogar ein Begrüßen der Villa Tibur wurde ihm am erſten Tag nicht möglich... Das Franzöſiſche unterſtützte die Verſtändigung... Olympia und Erco⸗ lano ließen den liebenswürdigen„Baron“ de Jonge nicht wieder frei... Der Brief, die Ankunft Thiebold's hatten ſich ver⸗ ſpätet... Folglich erſchien Benno ſchon am Tag nach dem Sieſtentraum... Ercolano holte ihn aus Rom ab und er holte ihn im Triumph... Da hatte denn der junge Römer den Mann, der es möglich machte, die Geſchichte von ſei⸗ nem„Kampf mit einem Elefanten“ zu wiederholen... „Dies iſt der Herr, der mich damals in Wien—“... Ercolano erdrückte Benno mit ſeinen Umarmungen... Und ſiehe da!... Als Benno auf Villa Torreſani ankam, hatten ſich gerade— Thiebold und Olympia ſchon bei einem Ausflug in den Gebirgen verſpätet... Es konnte kein Wunder nehmen, daß in drei Ta⸗ gen Thiebold und Benno ſchon auf der Villa Torre⸗ ſani ſelbſt wohnten... Im Garten gab es mehrere, die reizendſte Ausſicht gewährende Pavillons... Dieſe allerliebſten kleinen Häuschen mit den grünen Jalouſieen! hatte Thiebold ſeltſam kokettirend zur Fürſtin geſagt und ſogleich wurde eines für ſie aufgeſchloſſen... Es war die Zeit, wo alles auf dem Lande lebte... Was wol⸗ len Sie in Rom, was in Tivoli!— wo die Freunde ſich eingerichtet hatten im Gaſthof zur Sibylle— Sie wohnen bei uns! jubelte Ercolano... Lucinde wohnte tauſend Schritte weiter von den Waſſerſtürzen Tivolis 252 ... Weder Benno noch Thiebold hatten ſie begrüßt und ſchon wohnten ſie in dem Pavillon der Villa Torreſani... Die Italiener ſind ſonſt nicht gaſtfrei... Hier aber traten Gründe ein, dieſe beiden jungen Fremdlinge nicht wieder frei zu laſſen... Schon das erſte Zuſammentreffen des Beſuchs mit einer Viſite der Schwiegermutter, das Hin⸗ zukommen anderer Nachbarſchaften entſchied—... Alle ſagten: Dieſe beiden Deutſchen werden die Löwen der römiſchen Geſellſchaft!. 3 Thiebold's Kunſt, die Menſchen und Verhältniſſe in Verwirrung zu bringen, ohne die erſtern übermä⸗ ßig zu reizen und die letztern zu unglücklich ausgehen zu laſſen, bewährte ſich auf eine beſtrickende Art... Benno konnte in der That einige Tage zweifelhaft ſein, ob nicht Thiebold den Sieg davontrug... Thiebold hatte ſogar den Muth, des Abends ſentimental zu wer⸗ den... Beim Anblick der Wirkungen, die er damit auf die junge Fürſtin machte, erleichterte ſich ihm die anfangs beklommene Bruſt, erheiterte ſich ſein Rundblick auf die Verhältniſſe, in die ihn die Sorge um zwei dem Tod beſtimmte Freunde Benno's wider alle Neigung gezwängt hatten... Benno, dem die Fürſtin noch gleichſam ſchmollte, blieb ernſt und düſter... Nun haben wir's, ſagte Thiebold, als Benno das reizende Gartenhaus mit ſeiner Ausſicht auf das vom Kaiſer Hadrian„Tempe“ geuannte glückſelige Thal mit ihm bezogen hatte und voll Verdruß die glänzende Ein⸗ richtung, die bronzirten Seſſel, die Sammtkiſſen, die Verſchwendung an Marmor und Kryſtall ſah, nun wer⸗ den Sie eiferſüchtig auf mich!... Wir ſtreiten uns, entgegnete Benno, wie zwei Fechter, die zum Tode beſtimmt ſind! Auf dem Programm der Niedermetzelungen geſchieht dem einen weniger Ehre, als dem andern!... Bin ich darum wol— etwa trau⸗ rig?... Das Verhältniß Olympia's zu Benno war in Wahr⸗ heit dies: Als ſie mit Benno zum erſten male allein war und von Wien zu reden begann, erbleichte ſie, zitterte und verließ, keines Wortes mächtig, das Zimmer... Um nur Faſſung zu gewinnen, gab ſie ſich den Schein mit ihm zu ſchmollen... Eine Täuſchung nur... Sie war auf dem Gipfel alles Erdenglücks... Sie ritt, ſie fuhr, wie in ihrer fröhlichſten Zeit... Thiebold machte ſich zu ihrem dienenden Cavalier und ſie ließ ſich's gefallen... Thiebold plauderte zu amu⸗ ſant, war immer lebhaft und gefällig— immer„prä⸗ ſent“— das wollen die Frauen—... Sie konnte vollkommen mit zwei ſolchen jungen Männern zu glei⸗ cher Zeit fertig werden... Thiebold hatte Recht, wenn er ſagte: Unſere Tugend rettet ihr Embarras de ri- chesses!... An lange Einſamkeit und ein ungeſtörtes Begegnen war freilich wenig zu denken... Die Fürſtin war eine Neuver⸗ mählte, Ercolano rauchte nicht eine Cigarre ohne ſie, trank nicht ein Glas deutſcher„Birra“ ohne Benno und ſein Leben beſtand aus Trinken und Rauchen... Reiter und. Fuhrwerke belagerten die Thore der Villa Torreſani... Zankte auch wol der alte Fürſt, der aus der Stadt ab und zu kam, über einen Landaufenthalt, der ſeinen Zweck, zu ſparen, gänzlich verfehlte, ſo war nun einmal Olym⸗ 254 pia die Nichte des regierenden Cardinals und hatte als ſolche den Zuſtrom der Fremden und Einheimiſchen... Da gab es hundert Monſignori, die Carriere machen wollten; Aebte, Biſchöfe kamen von nah und von fern; Fefelotti ſogar ordnete ſich Ceccone's geſellſchaftlicher Stellung unter... Fremde kamen, die aus Kunſtinter⸗ eſſe, andere, die aus Frömmigkeit, die meiſten, die aus Geſelligkeitstrieb nach Rom wallfahrteten... Das Princip der römiſchen Ariſtokratie, ſo unzugänglich wie möglich zu ſein, ließ ſich hier nicht durchführen... Olympia wollte nicht aufhören, die Beherrſcherin Roms zu bleiben... Und wie war die Zeit bewegt... Couriere kamen und gingen... Außerordentliche Botſchafter von Nea⸗ pel, Florenz und Modena gab es zu empfangen... Schon hörte man von Verhaftungen in Rom... Von Aufhebung einzelner„Logen“... Die Gefäng⸗ niſſe der Engelsburg und des Carcere nuovo füllten ſich ſo, daß die Gefangenen des Nachts, mit ſtarken Escorten, nach Civitavecchia und Terracina geſchickt wurden... Von ungewöhnlichen Streifcolonnen hörte man, die durch die Gebirge zogen... Die Ma⸗ rine Neapels, Sardiniens, Oeſterreichs kreuzte in den Gewäſſern von Genua, um Sicilien her und im Adria⸗ tiſchen Meere... Schon wurden allgemein die Brü⸗ der Bandiera als Anführer von Trupps genannt, die demnächſt an verſchiedenen Stellen Italiens landen wür⸗ den.— devoteren Gefährten Thiebold die Hand zum Kuſſe Ceccone, der Benno ſehr artig begrüßt und dem ———— gereicht hatte, war, das beobachteten beide, in äußerſter Aufregung... Seine Kutſche fuhr hin und her... Sie wurde regelmäßig von zwölf Berittenen der Nobelgarde begleitet, wenn er nach Caſtel Gandolfo fuhr, wo der Heilige Vater eingeſchloſſen lebte und mismuthig über ſein Körperleid die Bullen, Breves und Allocutionen unterſchrieb, die man ihm aus den verſchiedenen Collegien ſeiner Weltregierung überbrachte. Bücher wurden ver⸗ boten, Excommunicationen ausgeſprochen... Wächter der Kirchenintereſſen gab es genug... Wenn auch der Hoheprieſter nichts las, als mediciniſche Schriften, nichts hören wollte, als ärztliche Conſultationen... Seine Zuflucht war damals, wie bekannt, ein deutſcher Arzt ge⸗ worden.... Olympia hatte in der That jetzt keine geringe Ab⸗ neigung gegen die„Erhebung Italiens“... Sie räderte und köpfte—„Ein paar Handſchuhe monat⸗ lich— Ein Bedienter nur— Und deine Hemden ſelbſt flicen—“? Mazzini, Guerazzi, Wenzel von Terſchka — jeden erwartete, wenn man ſeiner habhaft wurde, ein eigener Galgen... Bekanntlich unterſchreibt der Heilige Vater nie die Todesurtheile ſelbſt; man überreicht ſie ihm— wenn er nichts dagegen einwendet, hat die Gerechtigkeit ihren Lauf... Man kann die Religion der Milde nicht milder betrügen! ſagte Benno... Als Benno zum erſten mal mit Ceccone beim jungen Rucca dinirte, bedurfte er der ganzen Erinnerung an die Verſtellungskunſt— des ihm ſchon einmal in ſeinem Leid aufgegangenen Hamlet... Er gab jede Auskunft, die der geſchmeidige Prieſter zu hö⸗ 256 ren wünſchte... Er widerſprach keinem Urtheil, das ſich ja auch hier nicht berichtigen ließ... Er hörte nur mit Schrecken: Wir wiſſen alles! Wir ſind unterrich⸗ tet über die Perſonen! Wir kennen die Orte... Wir wiſſen, wo die Fackel der Empörung zuerſt auflodern ſoll!... Zwanzig Mitglieder der„Junta der Wiſſenden“ haben auf die Hoſtie geſchworen, mich binnen einem Jahre zu tödten!... Ich weiß, daß gelooſt worden iſt! Ich weiß, daß ein Mann in Rom, in meiner unmittel⸗ baren Nähe leben ſoll, der die Aufgabe hat, mich zu ermor⸗ den!... Nun wohlan! Ich will es aufgeben zu forſchen — ſonſt mistrau' ich jedem, der mich grüßt, jedem, der in die Nähe meines Athems kommt... Eben war bei Tiſch geſprochen worden von einigen Königsmördern, die kurz hintereinander in Frankreich guillotinirt wurden... Benno horchte, ob bei allen dieſen Schilderungen ein Advocat Clemente Bertinazzi würde genannt werden, der ihm als Mittelpunkt der Ver⸗ ſchwörer in Rom bezeichnet worden und— der ihn ſogar ſelbſt erwarten durfte... Er erblaßte, als Cola Rienzi genannt— Rienzi's Haus am Tiberſtrand geſchil⸗ dert wurde— Bertinazzi wohnte dicht in der Nähe... Niemand ſprach von Bertinazzi... Benno bedurfte der neuen Anmahnung ſeiner Mutter, um in dieſer peinlichen Lage harmlos und unbefangen zu bleiben... Nur endlich zu Lucinden zu gehen, be⸗ ſchwor ſie ihn... Immer noch war er nicht auf die Villa Tibur gekommen... Die Schwiegermutter Olym⸗ piens war wieder einmal mit ihrer Tochter im Strei- Lucinde ſollte„Farbe halten“, und nicht auf Villa Tor⸗ N 257 reſani erſcheinen... Das verlangte die alte Fürſtin Und die junge verlangte gleiches von ihren Haus⸗ genoſſen... Ceccone emancipirte ſich... Das ſahen Benno und Thiebold mit Erſtaunen— Nach den Di— ners fuhr Ceccone auf Villa Tibur... Die Voraus⸗ ſetzung, daß Graf Sarzana dennoch dieſer Donna Lucinde in redlichſter Abſicht den Hof machte, hörte Benno in der That... Noch hatte er dieſen Cavalier nicht geſehen ... Aber die Art, wie in Italien die Ehe geſchloſſen wird und um ihrer Unauflöslichkeit willen ſich mit allen Ver⸗ irrungen der Leidenſchaft vertragen muß, hatte er genug beobachtet... Lucinde— eine Gräfin!... Er konnte ſich nicht genug die Wirkung davon in Witoborn, Ko⸗ cher am Fall und in der Reſidenz des endlich freigege⸗ benen Kirchenfürſten ausmalen!... Thiebold war nicht mehr zurückzuhalten, Lucinden zu beſuchen... Er kam von ihr zurück und hatte ſie außerordentlich vornehm gefunden... Sie gäbe Audienzen wie eine Fürſtin... Sie hätte ſich höchſt bitter über Benno be⸗ klagt, der ſie nicht zu begrüßen käme... Nur die Nähe eines„Conclaves von Prälaten“, darunter Fefe⸗ lotti, hätte verhindert, daß er ſich darüber ganz mit ſeiner nalten Freundin“ ausgeſprochen— mit ihr, die ihm den Streit über die Kreuzesſplitter als Urſache ihrer gegenwärtigen Anweſenheit in Rom dankte.. Olympia hörte dieſen Bericht voll Neid und ſagte grimmig lachend: Benissimo! Die Kammerzofe meiner Schwiegermut⸗ ter!. Gutzkow, Zauberer von Rom. VIlI. 17 —.— 258 Sie aber werden ſie nicht ſehen... Ich verbiete es . wandte ſie ſich zu Benno... Benno brauchte ſich nicht zu verſtellen, wenn er ſeine Geringſchätzung Lucindens andeutete... Da aber mahnte jetzt ſogar der Cardinal um den Beſuch in Villa Tibur... Olympia hörte dieſe Flüſterworte und wollte aufs neue widerſprechen... Benno warf einen einzigen Blick auf ſie und ſagte: Ich reite morgen hinüber, Eminenz!... f Die junge Fürſtin ſah empor zu ihm, wollte bitter ſchmählen, dann ſchlich ſie ſtill davon... Welch ein Glück beherrſcht zu werden von dem, den man liebt ... Wie gern hätte ſie ſo ihr ganzes Leben ihm zu eigen gegeben... Der Cardinal ſah das und verſtand alles... Er lachte dieſer demüthig niedergeſchlagenen Augen, mit denen ſein Kind, erſt zornig aufwallend, ſich beherrſchte und hinter den Säulen des Eßſaals verſchwand... Dergleichen war ihm an Olympien noch nicht vorge⸗ kommen... Am andern Tage fuhr ſie dann aber doch mit Thie⸗ bold und ihrem Mann nach Rom— eines Modeartikels wegen, ſagte ſie— Sie ſchmollte mit Benno... Als dieſer feſt blieb und bat, ihm ein Pferd nach Villa Tibur bereit zu halten, weinte ſie und zog ihre Fahrt bis zum Abend hinaus... Lueinde ſchien ihr die Einzige, die ihren beiden Freunden gefährlich werden konnte... Benno durfte hoffen, Lucinden allein zu finden ... Er hatte gehört, daß auch die alte Fürſtin in Rom war, wo ſie öfter verweilte als auf dem Lande— Pum— 259 peo's wegen— Seine erſte Aufwartung hatte Benno ihr in Rom gemacht... Lucinde, die Benno in ſo vielen ſich widerſprechenden Situationen, in Demuth und Glück, in Verzweiflung und Uebermuth, ſchön und häßlich, fromm und heuchleriſch, verführeriſch und abſtoßend geſehen hatte— Sie jetzt auf ſolcher Höhe!... Ihr ſich beugen zu müſſen, von ihr durchſchaut zu werden, ſich und ſeine Mutter abhängig von ihrer Großmuth, von ihrer Selbſtbeherrſchung zu wiſſen — wol durfte ihn das alles mit Bitterkeit und Mismuth erfüllen... Er umritt das ſchon im Abendgold ſchwimmende Tivoli und ſuchte dem Bett des Anio von der Seite ſeines rauſchenden Sturzes beizukommen... Der Lärm des Städtchens oben, die Schrei⸗Concerte der Eſel, das Lachen und Schwatzen des Volks, das Begegnen der Fremden hätten ſeiner Stimmung wenig entſprochen... Anfangs mußte er ſich vom Rauſchen des Waſſer⸗ falls in ſeinen verſchiedenen Spaltungen entfernen, dann kam er ihm wieder näher... Vögel flogen über ihn her, wie aufgeſchreckt vom Donnerton der ſtürzenden Gewäſſer. Sie flogen zur Linken— Unglücksboten, wie er nach an— tikem Glauben ſich ſagen durfte beim Anblick des wohl⸗ erhaltenen Veſtatempels, der oben auf der Höhe ſchim⸗ merte, und in Erinnerung an die Sibylle Albunea, die einſt hier die Orakel verkündete... Liegt die Villa Tibur ſo nahe dem Rauſchen des Anio? ſprach er zu ſich ſelbſt und gedachte— Arm⸗ gart's, die einſt ſo im Rauſchen der Mühlen von Wito⸗ born Ruhe und ihre Aeltern gefunden hatte 47* 260 Die ſchon dunkle Schlucht mit ihren ſilbernen Schaum⸗ terraſſen, ihren feuchtkühlen Grotten, ihrem wilden Baum⸗ und Pflanzengewucher blieb zur Rechten... Villa Ti⸗ bur lag noch höher in die Berge hinaus... Nur wie ein fernes Meeresrauſchen, immer gleich, immer raſtlos, nie endend als nur durch die einſtige Zerſtörung dieſer Felſen beim Weltgericht— ſo mußte der Sturz vernom⸗ men werden in der kleinen Villa, die ſich durch Oliven⸗ wälder und Bergzacken endlich unterſcheiden ließ... Hoch oben glänzte noch der goldene Sonnenſchein, der hier unten im Geklüft ſchon fehlte... Die Cypreſ⸗ ſen an der endlich erreichten Thorpforte ſtanden ſo ernſt, wie nebenan einige Hermen... Ein Reitknecht in Li⸗ vree war zunächſt zur Hand, der ſchon ein Roß am Zügel hielt... Das Roß des Grafen Sarzana! dachte Benno... In der That war dieſer der Herr des Knechts ... Er erwartete ihn, ſagte er, jeden Augenblick von oben... Gleich an der Pforte lag ein Wirthſchafts⸗ gebäude, wo, wie Benno ſah, an Dienern kein Mangel war... Ihnen gab er zur Hut das Pferd aus Erco⸗ lano's, ihres jungen Fürſten, Stall... Ueber ſich ſchlängelnde und terraſſirte Wege ging es aufwärts zur Villa, die ſich an Großartigkeit mit Villa Torreſani nicht meſſen konnte... Sie war ſo klein, daß Lucinde hier höchſtens nur zwei Zimmer bewohnen konnte... Schön aber war auch ſie, wenn auch alter⸗ thümlicher, als die auf der andern Seite des Berges ... Die Decke des Veſtibüls enthielt Lunettenbilder von erſten Meiſtern... Der Garten bot Laubengänge und Boskets... Man zeigte einen Gang hinunter, den die 261 Weinrebe aus lieblichen Guirlanden bildete... Dort ſollten Donna Lucinda und Graf Sarzana verweilen... Dieſer Gang endete in einem Rundbogen von geſchnit⸗ tenen Myrten... Hob ſich hier vom dunkelgrünen Hintergrund in blendendweißem carrariſchen Marmor eine in Schilfblät⸗ tern kniende Nymphe mit einem Schöpfkrug als eine Erinnerung an die Waſſerwelt des fernher rauſchenden Anio an ſich ſchon bedeutungsvoll ab, ſo noch mehr die an das Poſtament dieſer Gruppe gelehnte Geſtalt Lucin⸗ dens... Benno ſah, was das Glück vermochte... Lucinde, die in St.⸗Wolfgang von der alten, über die Al⸗ pen ihrem Pflegling, dem Biſchof, gefolgten Renate verachtet wurde, von Grützmacher nach einem Steckbrief verglichen, von Tante Gülpen aus der Dechanei verwieſen, Lucinde, die ſich in der Reſidenz des Kirchenfürſten nur durch Nück's Intereſſe für ſie erhielt, die nicht unverdächtig der Theil⸗ nahme an einem Verbrechen auf Schloß Weſterhof ge⸗ blieben war— ſein Beichtwiſſen durfte Bonaventura auch an Benno nicht verrathen— ſie, die Bonaventura in Männerkleidern nach Wien gefolgt war— ſoviel hatte Benno von ihm erfahren— ſie, ein Kind der Armuth, in ihrer erſten Jugend eine Magd—... Da ſtand ſie jetzt— in einem purpurrothen Kaſchmirſhawl, den ſie um beide Arme geſchlungen hielt... Ihr weißes Gewand lag eng an ihrer ſchlanken Hüfte .. Ihr Haar, um den Kopf in Flechten gewunden, war frei... Im ſtarren Auge lag die alte Unheim⸗ lichkeit des Blicks, ihre Rache an dieſer Welt für etwas, das ſie vielleicht ſelbſt nicht angeben konnte... Ihre blin⸗ zelnde Augenwimper, ihre leiſe, zurückhaltende Sprache . Letztere ſchon in der Todtenſtille angedeutet, die Benno antraf, obgleich ihr gegenüber auf ſeinen langen Degen ſich ſtützend Graf Sarzana ſtand, den bebuſch⸗ ten ſilbernen Helm in der Hand... Dennoch unterhiel⸗ ten ſie ſich... Benno konnte den Bewerber erſt er⸗ blicken, als ſein Fuß ſchon in die Myrtenrotunde einge⸗ treten war... Vorher ſtand nur Lucinde ſeinem Auge erſichtlich— Sie, die Richterin über das Geheimſte, was mit ſeinem Daſein zuſammenhing. Herr von Aſſelyn! ſprach Lueinde Benno dem Gra⸗ fen vorſtellend— ohne einen Schritt weiter zu gehen oder ſich in ihrer Stellung zu verändern. Zu Benno ſagte ſie lächelnd: Kommen Sie alſo endlich?... Sie hatte den Ankommenden ſchon beim Abſteigen vom Pferde geſehen und längſt ihrem Blute Ruhe ge⸗ boten... Graf Sarzana hatte ſich eben entfernen wollen. Benno betrachtete Lucinden, die ſo ruhig that, als hätte ſie ihn erſt geſtern zum letzten mal geſehen, betrach⸗ tete den Cavalier, der in ſo ſeltſamer Umſtrickung lebte .. Beide mit dem größten Befremden... Graf Sar⸗ zana war ein Mann zwiſchen den Dreißigen und Vier⸗ zigen... Seine Augen ruhten auf Benno mehr finſter, als freundlich. Er verneigte leicht ſein Haupt und ſagte, daß er ſchon von Signor d'Aſſelyno gehört hätte... Benno hatte auf den nahe liegenden Beſitzungen des Cardinals 263 Verwandte des Grafen geſprochen, die da und dort die Oekonomie verwalteten... Ein Brautpaar konnte Benno kaum zu ſehen glau⸗ ben... Die Kälte und Ruhe Lucindens war der Ausdruck der höchſten Abſpannung... Graf Sarzana ſchien aufgeregter, wenigſtens ſtand ein unausgeſetztes Streichen der Haare ſeines Helms mit ſeiner ſcheinbaren Ruhe im Widerſpruch... Unwillkürlich bot ſich für Benno die Vergleichung mit Paula und dem Grafen Hugo... Wie anders dies Gegenbild!... Der Abſchied des Grafen verzögerte ſich... Benno's ſcharfes Auge glaubte einen gemachten Zug von Verachtung vor dem ſich Empfehlenden auf Lucin⸗ dens Lippen zu ſehen; ſie wollte wol nur damit an ihre Liebe für Bonaventura erinnert haben... Aber auch der Graf ſchien nur eine eingelernte Rolle zu ſpielen ... Zwar blieb er artig und plauderte noch einige Dinge, die einen Fremden intereſſiren durften. Die Stunden, wo der Heilige Vater ſeine Segnungen ertheilt, ſind jedem Fremden in Rom von Wichtigkeit; ſie ſind das, was anderswo die Wachparaden und Manöver. Einige Paläſte, einige Sammlungen ſind ſchwer zugänglich... Graf Sarzana's Erbieten zur Vermittelung war freundlich .Auch ſchien er unterrichtet und behauptete Samm⸗ ler zu ſein... Er bewunderte, wie beide Deutſche ſich in die italieniſche Art gefunden hätten, rühmte die deutſchen Schulen und ſchien vorauszuſetzen, daß Lu⸗ cinde eine Erziehung genoſſen hätte, die ihr die Kennt⸗ 264 niß des Lateiniſchen ſchon durch die Fürſorge des Staats verſchafft hätte... In allem, was er ſprach, lag ein Anflug von Ironie... Graf Sarzana hatte auf ein Convolut von Papie⸗ ren gedeutet, das auf einer Bank Lag.... Das ſind deutſche Acten! ſagte Lucinde und fuhr fort: Der Graf thut, als wenn ich ſo friſchweg die Ge⸗ dichte leſen könnte, die drüben auf den Waſſerfall Ca⸗ tull gemacht hat!... Ich verſtehe das Breviarium— Das iſt alles... Der Graf that, als hinderte ihn am Gehen eine Zärtlichkeit, die Benno für gemacht halten mußte... Er wollte Lucinden die Hand küſſen, die ihm dieſe mit Koketterie entzog... Ihre Reſerve hatte immer etwas Anlockendes... Der Graf hörte in der Ferne das Stampfen und Wiehern ſeines ſchönen neapolitani⸗ ſchen Roſſes und konnte nicht fortkommen... Unter anderm ſprach er von einem Feſt, das der Heilige Vater noch dem jungen Rucca'ſchen Ehepaar nachträglich geben wollte... Es war eine Gunſtbezeugung, die nicht zu ſelten ertheilt wird, ein Mahl im Braccio nuovo des Va⸗ tican... Die dort aufgeſtellten Meiſterwerke der alten Bild⸗ hauerkunſt werden dann im Glanz der feſtlichſten Beleuch⸗ tung geſehen... Lucinde kannte dieſe Wirkung noch nicht und bedauerte, daß nur Eine Dame, die die Honneurs macht, dabei zugegen ſein dürfte— diesmal Olympia ... Der Vatican, beſtätigte Graf Sarzana, gilt aller⸗ dings für ein Kloſter... Lucinde kannte allerlei Aus⸗ nahmen von der Regel der Klöſter... Ihr Lä⸗ cheln konnte beim Nennen der im Braccio nuovo aufge⸗ ſtellten Sculpturen dem Vorfall mit dem von Thor⸗ waldſen reſtaurirten Apollin gelten... Sie that, als ſähe ſie ganz die Furcht, die Benno ſchon in Wien hatte, für die junge Fürſtin das zu werden, was dem Ueber⸗ muth des Kindes jene Statue geweſen... Ihr Blick blieb forſchend... Inzwiſchen zeigte ſich der Graf unterrichtet über die Meiſter und die Schulen, denen jene Bildwerke zugeſchrieben werden... Endlich ging er und bald hörte man nur noch das Klirren ſeiner Sporen, bald nur noch den Hufſchlag ſeines dahinſprengenden Roſſes... Nun kommen Siel ſagte Lucinde. Wir haben dort einen bequemeren Platz und ich bin ermüdet... Sie deutete an, daß ſie den Grafen nicht im mindeſten liebte und von ſeiner Bewerbung nur fatiguirt würde... Mit einigen Schritten befand man ſich in einem ringsumſchloſſenen traulichen und völlig einſamen Bosket, wo mehrere gußeiſerne Seſſel ſtanden... So finden wir uns wieder!... ſprach ſie jetzt... Und ich ſehe ſchon— Sie kommen voll Zorn auf mich! . Hat mich die Herzogin ſo verklagt?... Im Gegentheil, erwiderte Benno, des Mädchens, ihrer Umgebung, ihrer Haltung ſtaunend; meine Mutter rieth mir, mit Ihnen Frieden zu ſchließen... Sie wiſſen, ich habe das immer als das beſte Mittel erkannt — mit Ihnen auszukommen... Ein Lachen deutete an, daß ſie ſich nicht verletzt füh⸗ len wollte... Nun, nun, ſagte ſie, verwundern Sie ſich nur erſt recht aus!... Ja, das iſt hier Italien, das iſt Rom, die 266 Villa des Mäcenas drüben— das hier Villa Tibur!... Nicht wahr, wer das alles von Ihrem und unſerm Leben geahnt hätte, als ich unreifes Kind auf Schloß Neuhof lebte, unter Männern voll Grauſamkeit und Tücke, von denen der ärgſte Ihr Vater war!... Der beſte von allen— war mein guter, närriſcher Jeröme, Ihr— Bruder! Seltſam! Ich hatte dort ſchon Träume, die mir alles zeigten, was ſeither eingetroffen iſt... Ich ſah Ihre Mutter— wie oft!— in den Kellern des Schloſſes... Ich ſah die alte Hauptmännin Buſchbeck mit der Gift⸗ ſchale in der Hand... Ich ſah das Daſein Ihrer Mutter in den Viſionen Ihres Vaters... Wie ich Ihnen dann zum erſten mal an der Maximinuskapelle begegnete!... Wiſſen Sie noch? Sie trugen den rothen Militärkragen jener blonden, hellblauäugigen Sandlands⸗ klugheit, der Sie Gott ſei Dank! Valet geſagt haben . Frau von Gülpen ahnte ſchon meine Mitwiſſen⸗ ſchaft an ſo manchem und wies mich deshalb aus der Dechanei... Wie ich dieſe ſtille Stätte des Friedens und der Hoffnung verlaſſen mußte, brach mir das Herz ... Ihr Onkel war ſo gut... Und Ihnen iſt er der Retter Ihres Lebens geworden!... Ich liebe, im Vertrauen geſagt, die Reue nicht, ganz wie die Spinoziſten— alle Magdalenenbilder ſind mir ſchrecklich— Aber ſchön und ein ganzes Leben verklärend war Ihres Pflegvaters Reue über einen ſchlimmen Antheil, den er doch wol auch an Ihrem Daſein hatte— denn der Kronſyndikus war ſein intimſter Freund... Wie geht es dem Dechanten?... Er freut ſich jeder frohen Botſchaft aus Italien... Grüßen Sie ihn von mir!...„Frohe Botſchaften . Leben euhof „von von mir Ihre Giſt⸗ Ihrer ie ich apelle othen ands⸗ haben wiſſen⸗ 3 der edens Herz Retter rauen alle m und vaters auch z war 1.. 267 aus Italien!“... Kämen ihrer nur mehr!... Ich fürchte, ihr, ihr gerade ſiedet und kocht ihm nichts, was ihn laben wird... Euer Biſchof bringt ein Un⸗ geſtüm über die Berge, das dieſſeits nicht am Platze iſt „Wer iſt denn nur jener Eremit, um den er ſich noch ins Verderben ſtürzt?... Ein Deutſcher!... Er⸗ innern Sie ſich Ihrer Scherze zu dem Gypsfigurenhändler, als wir über den St.⸗Wolfgangberg keuchten?... Halt! unterbrach ſie ſich plötzlich... Ich vergaß die Papiere, wo wir ſtanden... Holen Sie ſie mir!... Benno folgte, wie von einem mächtigen Willen re⸗ giert... Er hörte und hörte nur... Ueber den Eremiten hatte ſie harmlos und ſozuſagen waffenlos geſprochen... Nach wenigen Schritten war Benno zurückgekehrt und gab Lucinden ein Pack ſauberer Velinpapierbogen, die deutſche Scripturen enthielten... Sie war aufgeſtanden und ſetzte ſich wieder.. Sie ahnen ſchwerlich, was dieſe Papiere enthalten! — ſprach ſie, das Convolut neben ſich legend... Sie verwies ihn auf den nächſten Stuhl... Ich höre, Sie und Klingsohr ſind die Referenten der Curie in deutſchen Angelegenheiten geworden! erwi⸗ derte Benno... Wir haben, wiſſen Sie gewiß, eine Reformation in Deutſchland... Sind das die betreffen⸗ den Actenſtücke?... Sie ſchüttelte den Kopf, ließ den angeregten Ge⸗ genſtand fallen und fixirte nur Benno mit prüfenden Blicken... Seltſam! ſagte ſie... Ihr Haar iſt von der Mut⸗ ter... Die Augen haben Sie vom Vater... Ihr 268 Blut ſcheint von Natur langſam zu fließen, wie— durch d Kunſt bei Ihrer Mutter... Ihr Verſtand, der iſt hitzig, wie beim Kronſyndikus— und wiſſen Sie, ich hätte Sie 1 ſchon in St.⸗Wolfgang mit ruhigem Blut in allerlei Unglück ſehen können— Nicht dafür, weil Sie kein In⸗ tereſſe für mich hatten— Armgart hatte es Ihnen ſchon damals angethan— Nein, Sie trugen den Kopf ſo ſchrecklich hoch— um Ihrer Klugheit willen!... Das haben Sie ganz von Ihrem Vater... Der konnte auch jedem einen Thaler geben, wer ihn klug nannte... Ich läſtere ihn nicht... Mir war der Schreckliche gütig... Nur zuletzt nicht mehr... Hätt' er mich da noch auf⸗ recht gehalten, ich würde nicht ſo elend in die Welt hinausgefahren ſein... Es— iſt— nun ſo.. Dafür machen Sie jetzt Ihren Weg! fiel Benno mit Bitterkeit ein... Wann werden Sie Gräfin Sar⸗ zana ſein?... Sie hörte auf dieſe Frage nicht, ſondern ſagte träu⸗ meriſch: Wenn ich rachſüchtig wäre... b Manche bezweifeln Ihre Großmuth—... Und wenn ich ſie nun nicht hätte, habt ihr mich nicht dahin kommen laſſen?... Etwa auch meine arme Mutter?... Der Herzogin, das iſt wahr, war ich zu Dank ver⸗ pflichtet; aber ſie war nicht gut gegen mich... Wir Frauen wiſſen, daß wir Urſache haben, uns im Leben an eine ſtarke Hand zu halten... Nun finde ich hier vielleicht eine ſolche... Konnt' ich ertragen, daß Ihre Mutter über mich lachte und ihrem Briefwechſel mit Ihnen, 3 — durch ſt hitzig, tte Sie allerlei in In⸗ n ſchon opf ſo . Das e auch . Ich ig ch auf⸗ Velt Benno Sar⸗ träu⸗ mich f ver⸗ Wir Leben hier Ihre hnen, 269 den ich vorausſetzen durfte, Ihre und des Biſchofs Urtheile über mich entnahm und weiter verbreitete?... Ich leugne nicht meine Herkunft und meine ehemalige Lage.. Ich weiß auch, daß mich im Leben noch niemand gemocht hat, und habe mir längſt darüber mein Syſtem gemacht. Ich ahne ſogar— im Vertrauen— daß auch dieſe Herr⸗ lichkeit hier bald zu Ende ſein wird... Aber was ich mir an Unglücksfällen erſparen kann, das will ich denn doch nicht unterlaſſen haben. Ihrer Mutter, einer höchſt gefährlichen, völlig in ſich unklaren, halb ehrlichen, halb liſtigen Frau, einer echten Italienerin, mußt' ich einen Vergleich anbieten... Ich will wünſchen, daß ſie die Bedingungen ebenſo hält, wie ich ſie halte... Sie ſind mit der jungen Fürſtin Rucca intim, fragen Sie ſie in einer Schäferſtunde, ob ich geplaudert!... Selbſt über Armgart werden Sie ſie nicht unterrichtet finden — Sie Ungetreuer! Was wird Armgart ſagen! Nicht nur Sie, ſondern auch Herr de Jonge brechen ihr die Treue!... Meine Herren, ſie erfährt alles! Dar⸗ auf verlaſſen Sie ſich... Herr von Terſchka wird ſie von allem in Kenntniß ſetzen... Apropos, hü⸗ ten Sie ſich doch vor den politiſchen Grillen Ihrer Mutter... Benno mußte anerkennen, daß der Ton des Wohl⸗ wollens durch alle dieſe Reden klang... Dennoch lag er auf der Folter und hätte mit einem einzigen Wort die Maske ſeiner Selbſtbeherrſchung abwerfen mögen... Werden Sie den Namen Aſſelyn behalten? fragte Lucinde nach einer Weile... 270 Benno konnte die quälende Erörterung nicht mehr pariren... Auch ſah er, daß ſich ihr Sinnen immer mehr und mehr auf den Biſchof richtete... 3 Der Name Aſſelyn— erwiderte er— klingt dem Italiener nicht fremd. Der Präſident, Ihr Bruder, iſt kinderlos— fuhr ſie fort— Wenn Sie da— Nein, nein— laſſen Sie die Wittekinds ausſterben! Bleiben Sie der räthſel⸗ hafte„Sohn der Spanierin“, der Neffe des guten De⸗ chanten, ein Aſſelyn!... Ich habe mir viel Mühe ge⸗ geben, hinter Ihr Geheimniß zu kommen, das iſt wahr .Aber es wiſſen nicht mehr darum, als der Bi⸗ ſchof, ich, ohne Zweifel der Dechant und meine alte Freundin, Frau von Gülpen... Aber Thiebold de Jonge ſcheint eingeweiht... Das iſt thöricht... Sie müſſen ihn freilich erprobt haben... Ganz ſo dumm, wie Piter Kattendyk iſt er nicht... Sagen Sie, wie können Sie Dergleichen um ſich ertragen! Benno erhob ſich und ſagte halb ſcherzend, halb im Ernſt: Nun wollen wir von den neueſten mailänder Mo⸗ den ſprechen... Sonſt erleben Sie, daß ich Sie auf Piſtolen fordere... Piſtolen! ſagte ſie kopfſchüttelnd. Auch das kommt in Italien nicht vor... Wer uns hier beleidigt, fällt durch das Stilet eines Rächers, den man dafür bezahlt .Das iſt ſchrecklich und doch— iſt es nicht eine unendliche Wonne, aus den deutſchen Verhältniſſen erlöſt zu ſein?... Rom hat ſeine Lügen, ſeine Schlechtigkeiten — aber dieſes Maß von ſchwatzhafter Tugend, eitler Sittſamkeit, biederer Langeweile von jenſeits der Berge gibt — mehr immer t dem fuhr n Sie tthſel⸗ De⸗ je ge⸗ wahr 271 es hier gar nicht... Erzählen Sie mir aber—!... Ja wie geht es Nück? Ich weiß durch Herrn de Jonge, daß er ohne ſeine Frau in Wien iſt und noch unentſchloſſen ſein ſoll, ob er nach dem Orient geht oder nach Rom... Ein ſolches unentſchloſſenes Umherblicken wird ſeine Halsſchmerzen vermehren... Sie ſind boshaft!... Lucinde erröthete und ſchwieg... Woher erfuhren Sie die näheren Umſtände meines Geheimniſſes? Gewiß iſt vorzugsweiſe Nück betheiligt?... begann Benno, der endlich mehr die Oberhand gewann... In dieſem Augenblick läutete es von Tivoli herüber .Lucinde ſenkte den Blick und ſprach für ſich den engliſchen Gruß... Benno durfte der frommen Sitte ſich nicht entziehen... Darüber hatte ſie Zeit gewonnen und kam auf die verfängliche Frage wegen Nück nicht zurück... Die Dämmerung war hereingebrochen... Ueber die Höhen des Gebirgs ſah man Streifen des Monds ſchimmern, die bald ihr mildes Licht über die dunkelnde Schlucht verbreiteten... Läßt mir der Biſchof nichts, gar nichts ſagen? begann Lucinde. Nein! erwiderte Benno und ſprach der Wahrheit gemäß... So war es ja immer, ſagte ſie mit ſtockender Stimme .Lieblos entzogt ihr mir die rettende Hand!... Hinweggeſchleudert habt ihr mich wie ein Weſen ohne Bildung!... Wie hab' ich gerungen nach euerer Freundſchaft, nach euerer Schonung nur... Kalt, grauſam habt ihr mich zurückgeſtoßen!... Nun mußt' 272 ich mir freilich ſelbſt helfen... Das iſt die größte Feig— heit der Männer: Ein Weib um ihrer Thorheit willen leiden ſehen und ſie dann auf Vernunft und Beſinnung verweiſen.Vernunft und Beſinnung haben wir ja nicht... Nur in der That, ſei's der That der Liebe, ſei's dem Rauſch des Wahns oder dem Klagegeſchrei der Ent⸗ täuſchung, nur in Handlungen und Zuſtänden ſind wir, was wir ſind... Vernunft und Beſinnung!... Nach⸗ denken und Reflexion!... Was ſoll das uns!... vergebe dem Biſchof— doch nie, was er alles, alles an mir gethan hat. Benno wußte kaum, was er einem weiblichen Leſen merwidern ſollte, das auf einen katholiſchen Prieſter Rechte der Liebe zu haben behauptete... Er begnügte ſich, die Wild⸗ aufgeregte zu beruhigen mit einem einfachen und ironiſchen: Sie beteten doch eben voll Frömmigkeit das Ave Ma⸗ ria— und verlangen das Unheiligſte... Sie haben nie das Gemüth dieſes edelſten der Menſchen verſtanden... Ein Gemüth iſt's, wie das dieſer Bildſäule! ſagte Lucinde zornig... Als wenn ein Prieſter von ſeinen Gelübden ſprechen könnte, der ſie doch einer andern gegenüber nicht hält!... An jenem Abend auf dem Friedhof von St.⸗Wolfgang ſchon, wo wir unter den —— Gräbern wandelten, funkelten die Sterne herab, als wollten ſie ſagen: Halte ſie doch feſt, die Stunde der Verſöhnung!... Sieh, dies wahnſinnige Weib, ſo ſprachen die Sterne, hat zwei Jahre geſchmachtet nach Wiedervereinigung mit dir! Nun kommt ſie und pocht voll Hoffnung an deine Hütte! Du— du opferſt ſie aber ſchon der alten Magd, die dich bedient!... Ich —— —— te Feig⸗ t willen eſinnung wir ja be, ſeiſs er Ent⸗ nd wir, Nach⸗ . Ich Weſen ſchte der eWil⸗ niſchen: ve Ma⸗ haben den... ſagte ſeinen andern if dem er den herab, Stunde 1 . eib, ſo et nach pocht opferſt 5 273 Lachen Sie nicht!— Die Sterne ſprachen mehr... Sie ſagten: Du ſchmähſt ihre Verehrung, die ſo ganz ohne Intereſſe, nur ein reines Opfer der Liebe iſt!— Ich bin um dieſen Mann katholiſch geworden— ich wäre ſchon glücklich geweſen, nur dann und wann mit ihm ſprechen zu dürfen... Daß ich ſeine Magd hätte ſein können, mich wirklich als Bäuerin bei Renate verdingen, davon will ich gar nicht reden... Ich war heimiſch in ihm, als ich ihn das erſte mal ſah... Ich fand einen Menſchen wieder, der todt war und in ihm ſein Teſtament zurückgelaſſen hatte... Schon damals, als Ihr Vetter geweiht wurde, kannte ich ſeine Zukunft; ich kannte die ganze kommende Zerriſſenheit ſeines Gemüths; wußte, daß er dort enden würde, wo er jetzt ſteht— an einem furchtbaren Ab⸗ grund, den nur noch ſeine äußere Würde deckt... Ich kannte alles, was ihm über die Leiden dieſes Daſeins hinweggeholfen hätte... Er verſchmähte es... Nun folg' ich dem Ruf in die Dechanei, erlebe die Demüthigung, zum Hauſe hinausgeworfen zu werden; ich klammere mich an den Saum ſeines Kleides, an den Teppich der Altäre, die ſein Fuß berührt; ich wage mich in die ſchwierig⸗ ſten, demüthigendſten Lebensverhältniſſe, nur um eine Erhörung meines— um Güte und Vertrauen— Gott, ich ſage nicht: um Liebe— verſchmachtenden Herzens zu finden... Keine Hülfe!... Nichts als die kalte Sprache der Lehre und Ermahnung... Mit der Zeit konnt' ich ihm furchtbar erſcheinen, konnte ihm drohen, ich that es auch—. Als ich dennoch mich bekämpfte, dennoch von dem beweinenswerthen, raſenden, wahnſinnigen Gefühl für dieſen Mann mich beherrſchen laſſe, alle meine Waffen Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 18 274 ſenke, find' ich noch immer keine Regung der Verſöhnung, kein Wort der Güte, keines des Vertrauens!... Noch in Wien ſtößt er den Nachen zurück, auf dem ich mich zu— ihm geflüchtet... Das iſt wahr— er nahm mir in Wien eine Bürde ab, die mich zum Tod niederdrückte— aber kaum fließen meine Thränen, ſo läßt er mich auch wieder hinaus auf die ſtürmende See in ein Leben, das bisher nur Noth und Demüthigung mir gebracht... Jetzt hab' ich einen kurzen Augenblick des Glücks! Er macht— euch alle ſchwindeln...— Mich nicht! Ich weiß, was ich thue!... Ja! Wie eine Bettlerin— will ich nicht wieder vor euern Thüren ſtehen!... Lucinde war aufgeſtanden... Benno erbebte vor ihrem Blick... Er fürchtete für Bonaventura's ſchwierig gewordene Stellung... Sie ſind bei alledem dem Biſchof werth... ſagte er und mit voller Ueberzeugung... Sie anerkannte dieſe Aeußerung, fuhr aber fort: Weil er mich fürchtet! Weil ihr alle mich fürchtet!... Ich habe mich freilich rüſten müſſen gegen euch! Geſucht hab' ich nichts— ich fand alles von ſelbſt.. Auf dem Schloſſe Ihrer Väter hab' ich ſchon als Mäd⸗ chen von ſechzehn Jahren die ſibylliniſchen Bücher auf⸗ geſchlagen geſehen und verſtand nur noch nicht die Zei⸗ chen, die in ihnen wie durchſtochene blutige Herzen fun⸗ kelten... Jetzt liegt mir jeder Traum der Kindheit offen... Ich verſtehe das Wimmern und Seufzen in den Ulmen des Schloßparks von Neuhof, ich ſehe die Verwirrung euerer ganzen Familie und euer— tragiſches Ende... Mit dem Biſchof hab' ich Mitleid... Er liebt, ein hnung, Noch in nich zu mir in ckte— h auch 1, das 275 umgekehrter Jupiter, ſtatt eines Weibes eine Wolke... Erzählen Sie mir von Paula! Ich denke, ich verdiene, daß Sie ſich's etwas koſten laſſen, mich wenigſtens— zu unterhalten... Dieſe Worte waren freundlich... Benno mußte ihr den vorangegangenen Ton des übermüthigen Empor⸗ kömmlings vergeben... Sie ſetzte ſich wieder... Zenno ſollte es ebenfalls thun... Angezogen hatte ſie ihn niemals ſo wie heute... Die Leidenſchaft ver⸗ jüngte Lucinden zu ihrer erſten Jugendſchönheit... Ja ſie fiel ſogar in ihren naiven„Heſſenmädchen“⸗-Ton... Alſo— Paula! Bitte, bitte!... Erzählen Sie!... Ich kann Ihnen nur erzählen, ſagte Benno, was alle wiſſen! Ich ehre den Biſchof zu ſehr, als daß ich ihm durch unberufene Fragen Gelegenheit geben ſollte, ſich über Gefühle auszuſprechen, die ihm ſchmerzlich ſind—... Die Wunde nicht berühren, heilt ſie euch!... ſchal— tete Lucinde ein. In den meiſten Fällen iſt es auch ſo... Ob beim Bi⸗ ſchof und bei Paula— ich weiß es nicht... Ich kann nur berichten, daß dieſer Ihnen ſo undankbar erſcheinende Bonaventura an Verklärung und Hoheit der Geſinnung von Tage zu Tage wächſt... Er entſchwebt dem Irdi⸗ ſchen und ich mag ihn durch Fragen nicht niederziehen aus ſeinen reinen Höhen... So viel aber weiß ich, daß doch Er es war, der Sie vor allen mislichen Folgen Ihrer Verbindung mit Nück geſchützt hat... Ich weiß, Graf Hugo gab ſeine Abſicht, die Urkunde anzuzweifeln, 18* 276 erſt nach einer langen Unterredung mit dem Biſchof auf... Lucinde horchte... Sagen Sie ſelbſt, fuhr Benno fort, was hätte den Biſchof verhindern können, dem Grafen zu rathen: Han⸗ deln Sie getroſt nach allem, was Ihnen Terſchka mit⸗ getheilt hat! Zu offen lagen aller Welt die räthſel⸗ haften Vorgänge des Brandes in Weſterhof. War ich nicht ſelbſt ein Zeuge derſelben? Dieſer Bruder Hu⸗ bertus— der— leider— ſo räthſelhaft auch— jetzt verſchollen iſt—.... Den ich unter die Räuber und Mörder ſchickte?... ſagte Lucinde verächtlich... In der That— überall ſtellen ſich ſeiner Vernehmung eigenthümliche Hinderniſſe entgegen... Den Dionyſius Schneid hat er gerettet, hat die Hälfte ſeiner Erbſchaft aufgenommen und nach London geſchickt, wohin dieſer Menſch, unzweifelhaft ein Brandſtifter, über Bremen entkommen ſein ſoll... Alſo wer und was ſchützte mich—— vor dem Zuchthauſe?... unterbrach Lucinde.. Wenigſtens vor der Anklagebank ſchützte Sie Graf Hugo von Salem⸗Camphauſen... Er that dies infolge einer Bürgſchaft, die doch ohne Zweifel nur der Biſchof für Sie übernahm... Er mag dem Grafen Dinge über Sie geſagt haben, die Ihnen nicht würden gefallen haben; aber ſie beſtimmten ihn, ſich dem Unvermeidlichen zu fügen... Er hat die Urkunde anerkannt—.. Lucinde hätte gern geſagt: So kann alſo euer Biſchof wirklich auch— lügen?... Sie hörte nur Biſchof tte den Han⸗ a mit⸗ aäthſel⸗ ar ich er Hu⸗ — jetzt hmung nyſius bſchaft dieſer remen dem Graf ffolge iſchof über aben; en zu euer nur 277 voll Spannung über die Folge von Bekenntniſſen, von denen Benno nicht einmal zu wiſſen ſchien, daß ſie in kirchlicher Form ſtattgefunden hatten... Dann, fuhr Benno fort, erfolgte die Verſtändigung mit Schloß Weſterhof... Worin lag zuletzt für Paula die Bürgſchaft des Werthes, den Graf Hugo, nach dem Zeugniß, das der Biſchof ihm ausſtellen ſollte, ihr haben durfte? fragte Lucinde... Die Bedingung, die Paula geſtellt haben ſoll, kannte ja die ganze katholiſche Welt... Ich denke in der Art, ſagte Benno, wie Graf Hugo die Ergebniſſe ſeinen Rückſprache mit Ihnen aufnahm... Beide Charaktere lernten ſich zum erſten mal kennen, ſprachen ſich aus und ſchätzten ſich... Ganz und ohne Rückhalt? zweifelte Lucinde lachend... Ich traue ihm zu, daß er ehrlich zu Bonaventura ſagte: Sie lieben die Gräfin Paula!... In der That?... Sie freilich glauben nicht an Wahres und Gutes in dieſer Welt... Nie an den Sieg des Wahren und Guten... So weiß ich keine andere Erklärung... Der Graf kennt ebenſo Paula's Empfindungen für Bonaventura wie Bonaventura's für Paula... Dieſer blieb mit jenem einen Tag auf Schloß Salem allein und die Folge war die Reiſe des Grafen nach Weſterhof... Eine Andeutung, daß der Graf— katholiſch werden wird! ſagte Lucinde. Er hat unſere Religion in den Be⸗ kenntniſſen eines Prieſters achten gelernt... Was ſagt die Mutter dazu?... 278 Benno ſchwieg eine Weile... Er wußte allerdings, daß der Graf ſeit jener Unterredung von der tiefſten Ver⸗ ehrung Bonaventura's durchdrungen war... Er wußte, daß die alte Gräfin auf Caſtellungo ſich auf Grund dieſer Verehrung mit bangem Herzen zum Biſchof von Robillante verhielt und die Freundſchaft des Grafen für den Biſchof nur deshalb nicht nachdrücklicher bekämpfte, weil dieſer ihre Theilnahme für die Waldenſer und für den Ere⸗ miten Federigo theilte. Benno erſtaunte, daß Lucinde, die alles wußte, was ihn und Bonaventura betraf, nicht in dieſem Eremiten den Vater Bonaventura's ſah... Alle dieſe Rückhaltsempfindungen verbarg er unter den Worten: Die beſte Religion, die wir haben könnten, wäre eine auf die Erkenntniß der tiefſten und edelſten Mög⸗ lichkeiten und Fähigkeiten unſerer Menſchenbruſt begrün⸗ dete! Liebe, Freundſchaft, Vertrauen, alles Edle im Menſchenherzen— ich dächte, das iſt die einzig wahre Bürgſchaft der Gottesnähe... Lucinde zeigte auf den kleinen Veſtatempel, der auf der Höhe des Gebirges über dem Katarakt wie ein weißer Nebelring ſchwebte. Sogar Benno von Aſſelyn ſchwärmt! ſagte ſie. Nein, dieſe Religion, die Sie da nennen, iſt keine... Oft ſchon hat die Gottheit verſucht, ob ſie ſich im reinen Menſchen⸗ thum offenbaren könnte... Die Götter kamen auf die Erde in allem Reiz der menſchlichen Phantaſie... Da ver⸗ wilderten ſie... Dann kamen ſie noch einmal im Reiz des menſchlichen Duldens... Auch das— im Vertrauen rdings, n Ver⸗ wußte, dieſer illante Biſchof dieſer Ere⸗ unter wäre Mög⸗ egrün⸗ ble im wahre er auf te ein Nein, ſchon ſchen⸗ eErde ver⸗ Reiz rrauen 279 geſagt— erlag— für den Denker... Die Götter wohnen jenſeits dieſer Welt... Es war ſtill ringsum... Das Dunkel mehrte ſich... Lucinde warf ihre religiöſe Maske ab... Aber als wenn ſie Reue darüber befiel, ſo ergriff ſie die Papiere, erhob ſich und deutete auf einen Weg zur Villa, wo es heller war.. Dabei ſprach ſie: Sie haben ganz Recht! Paula, Graf Hugo und Bonaventura gehören einer einzigen Kirche an... Doch die Kinder? ſagte ſie plötzlich, zu den Religions⸗ formen der Erde zurückkehrend und des oft an ihr nagen⸗ den Bundes gedenkend, den der heilige Franz von Sales gerade mit einer verheiratheten Frau, mit der Stifterin der Viſitandinen geſchloſſen—... Nein! Nein! beantwortete ſie ſich ſelbſt ihre Frage... Die werden nicht kommen!... Wenigſtens nach dem Ur⸗ theil der Aerzte nicht— Die Gräfin hat ihre Viſionen noch immer... Sogar jetzt in Witoborn, wohin ſie nach dem wiener Winter mit dem Grafen gereiſt iſt... Die in Salem heftig eintretende Rückkehr ihrer Viſionen, die Auf⸗ regung derſelben für Wien, das Andrängen der Aerzte, die Neugier der Forſcher und Träumer brachten beim Grafen den Entſchluß zu Wege, ſeine Güter um Weſter⸗ hof zu beſuchen... Vielleicht regte ſich in Paula die Sehnſucht nach des Oberſten von Hülleshoven magneti⸗ ſcher Hand... Ueberraſchend! entgegnete Benno.. Dieſe Nachrichten hatten wir ſelbſt noch nicht in Robillante... Woher wiſſen Sie alles das?... 280 Unwillkürlich ſiel ſein Blick auf die Papiere, die ihm Lucinde entzog... Seine Neugier mußte ſich ſteigern, als ſie fortfuhr: Auch Sie ſollten nun doch für immer in Rom bleiben und ſich hier nützlich machen... Sie ſollten Partei ergreifen .. Wem kann das Glück mehr lächeln als Ihnen?.. Fürchten Sie ſich doch nicht ſo ſehr vor einem Roman mit Olympia Rucca!... Die Zeiten ſind vorüber, wo böſe Frauen ihre ausgenutzten Liebhaber vom Thurm zu Nesle ſtürzten... Jetzt geben ſie ihnen Anſtellungen und manchmal ſogar— Frauen... Bleiben Sie in Rom! Nehmen Sie hier eine Stelle, die nicht zu gebunden iſt!... Schon ließ Sie, hör' ich, der Staatskanzler in eine ver⸗ lockende Zauberlaterne blicken... Für Ihre Heimat haben Sie ſeit Ihrer Courierreiſe doch den Credit ver⸗ loren... Auf dem Venetianiſchen Platz kann ich das große ſchöne Haus mit dem ſchwarzgelben Banner nie anſehen, ohne nicht die Stelle wenigſtens eines öſterreichiſchen Legations⸗ ſecretärs an Sie zu vergeben... Rom iſt die Welt... Und ſelbſt wenn Sie Rom nur ſtudiren wollten— ich kenne Ihr Verhältniß zu Ihrem Bruder, dem Präſidenten von Wittekind nicht— ſo brauchen Sie dazu ein Leben... Sie können hier jeden Tag eine andere Inſchrift, jeden Tag einen andern Marmorſtein vornehmen... Und verſtellen Sie ſich nicht! Ganz gleichgültig iſt Ihnen Olympia keineswegs... Man flieht nicht ſo eifrig vor dem, was man verachtet... Wär' ich ein Mann, mich würd' es ſogar reizen, dieſen Panther zu bändigen... Schwärmen Sie in der That noch immer für die Lindenwerther— Kindereien?... — — die ihm ſteigern, iben und 281 Da Sie alles wiſſen, erwiderte Benno mit dem Aus⸗ druck jener Toleranz, die Männer ein für allemal der kecken Rede aus Frauenmund zu gewähren haben, was wiſſen Sie von Armgart?... Von den engliſchen Cardinälen, entgegnete Lucinde, von jenen Aermſten, die ſich alle drei Jahr dem Martyrium ausſetzen, ſich in England von den Roheiten John Bull's beſchimpfen laſſen zu müſſen, hat Cardinal Talbot Armgart in London geſehen... Bei guter Laune ver⸗ glich er ſie dem Heiland, der als Kind im Tempel pre⸗ digte... Sie legt die Bibel aus, wie ihre Mutter... Eine Krankheit das— nur findet ſie bisjetzt noch immer das in der Bibel, was die Engländer erſt ſehen, wenn ſie in den Katakomben waren... Wenn ſie nicht auf die andern Thorheiten der Engländer einginge, würde man ſie kaum dulden... Glücklicherweiſe reitet ſie nicht nur und ſchießt, ſie ſchwimmt und angelt auch... Sie könnte die Herzogin von Norfolk ſein, hör' ich, wenn die Auswahl ihrer Bewerber nicht zu groß wäre... Ob ſie für die beiden jungen Männer, die ihr einmal eine Flucht aus der Penſion erleichterten, noch die alte Pietät bewahrt, zweifl' ich faſt... Im Bericht des Cardinals erfuhr ich nichts davon... Mit Baron Terſchka hat ſie ſich aus⸗ geſöhnt... Ja, ja, die Gefühle junger Mädchen wollen ihre Nahrung haben. Thut man auch gar nichts, lieber Herr, um ſie an ſich zu erinnern, ſo unterhält ſolche kleine Koketten mehr noch der Haß, den ſie auf manche Menſchen werfen, als eine bald verklingende Liebe aus dem Penſionat... Benno widerſprach nicht... Er war in die Erin⸗ 282 nerung an ſein zu Armgart geſprochenes Wort, ſie würde noch einſt lange in der Irre gehen und dann voll Weh⸗ muth an ihn zurückdenken— ſo verſunken, daß Lucinde eine Frage wiederholen mußte, die ſie an ihn gerichtet hatte: Was halten Sie von Paula's Viſionen?. Ich glaube nicht an ſie, aber ſie können zutreffen, ſagte Benno... Das iſt ein Widerſpruch... 4 Nein!... Niemand kann freilich ſehen, was erſt die Zukunft ins Leben rufen muß... Aber ein Auge wie Paula's blickt unbeirrt von den Verhältniſſen, die uns andere zerſtreuen... Wir würden alle ein wenig ſozuſagen allwiſſend ſein, ſchärften wir nur unſer inneres Auge, jenes Auge, das nicht mit dem Verſtand, ſondern mit dem Herzen ſieht... Nun— dann hoffen Sie!... Paula ſieht Armgart in ihren Viſionen— immer nur mit Ihnen verbunden... Sie ſtaunen?... Ueber dieſe Papiere?... Nun ja, freilich, das ſind Abſchriften der Viſionen Paula's... Genau geſammelt ſeit einer Reihe von Jahren und fortgeführt bis in die neueſte Zeit... Ich erwarte ſchon morgen aus Witoborn eine neue Sendung... Wer ſie nieder— ſchreibt, weiß ich nicht. Frau von Sicking— oder Nor⸗ bert Müllenhoff in ihrem Auftrag— möglich... Sie wiſſen vielleicht nicht, daß Fefelotti die Frage zu ent⸗ ſcheiden hat, ob das magnetiſche Leben innerhalb des Chriſtenthums Berechtigung hat... Ich fürchte, man wird den Magnetismus verwerfen... Die Concilien ſprechen nichts davon... Mich ängſtigen die Gefahren würde Weh⸗ Lucinde erichtet reffen, s erſt ge wie ie uns uſagen Auge, en mit art in .Sie tilich, Henau eführt orgen ieder⸗ Nor⸗ Sie 1 ent⸗ des man cilien ahren 283 des Biſchofs, wenn ich auch beim Leſen dieſer Blätter lachen— freilich auch viel mich ärgern muß... Ich ſehe die Zipfelmütze des alten Onkels Levinus und ſeine gelehrten Forſchungen— Ich ſehe die Tante Benigna und ihre Schweinemaſt... Aber auch vieles Andere... Nur ſeltſam! Die wahren Verhältniſſe der Aſſelyns und Witte⸗ kinds, wie ich ſie kenne, ſind Paula unbekannt... Benno wurde eben von einem der näher gekommenen Diener mit einem Blick befragt, ob ſein Pferd in Be⸗ reitſchaft gehalten werden ſollte... Im Wandeln waren ſie ſchon dicht bei der Thorpforte angekommen... Reiten Sie jetzt zurück! ſagte Lucinde... In Italien iſt die Nacht unheimlich... Und Sie, Sie überſetzen dieſe Viſionen ins Italieni⸗ ſche? fragte Benno erſtaunt... Im Auftrag Fefelotti's! beſtätigte Lucinde... Fefe⸗ lotti iſt es, der die Kirche regiert... Und glauben Sie nicht, daß man dem Biſchof hier die Kerker der Inquiſition öffnet und jenen greiſen Be⸗ wohner des Thals von Caſtellungo herausgibt?... Das iſt nicht möglich— und zwar deshalb nicht, weil man ihn gar nicht in Gewahrſam hat... Das glaubt der Biſchof nicht... Aber es iſt ſo... Als es hieß, Pasqualetto hätte den Vielbeſprochenen in Geſtalt eines Pilgers von Loretto gefangen genommen, freuten wir uns alle des Beweiſes, den jetzt die Dominicaner nicht mehr zu geben brauchten, indem ſie ihre Gefängniſſe öffneten... Letzteres thun ſie nicht .. In Rom gewiß nicht, verlaſſen Sie ſich darauf... 284 Hubertus wurde entſandt, den Pilger aufzuſuchen... Seither ſind leider beide verſchwunden... Warnen Sie den Biſchof, dieſen Streit nicht wieder aufzunehmen... Fordert man ihn vor die Schranken eines geiſtlichen Ge⸗ richts, ſchlägt man hier in den Archiven nach, wo über Tauſende von Seelen der katholiſchen Welt— Geſtänd⸗ niſſe und Aufklärungen liegen—... Lucinde hielt inne... Sie konnte nicht wiſſen, ob nicht in der That die Curie von Witoborn von Leo Perl's Geſtändniſſen damals nach Rom Bericht gemacht hatte.’ Daß man die Frage über den Magnetismus anregt, iſt mir ſchon ein Beweis, wie man in unſers Freundes Vergangenheit einzudringen ſucht— fuhr ſie nach eini⸗ ger Beſinnung fort... Ich wünſche ja aufrichtig, daß Bonaventura hier eine ganz andere Krone als die des Märtyrers trägt... Wäre er darum nach Italien gekommen, um hier— in einem Kloſter elend unterzugehen— 5. Die Waſſer des Anio rauſchten ſo mächtig, daß ſie das Geſpräch übertönten... Beide hatten die Eingangs⸗ pforte mehrmals umkreiſt... Das Roß ſcharrte ſchon im Kieſelſande.. Es wird zu ſpät! ſagte ſie. Ich lade Sie nicht ein, bei mir zu einem Nachtimbiß zu bleiben... Auch iſt die Fürſtin Ihnen gram... Sie hat ihrem Sohn Vor⸗ ſtellungen gemacht über die Aufführung ſeiner jungen Frau... Sie verlangt— hören Sie's nur— daß Sie und Thiebold von Villa Torreſani wegziehen. Das alles findet ſich— beſonders wenn Sie der guten —————— 1... en Sie 6n.. en Ge⸗ o über eſtänd⸗ n Leo emacht nregt, undes eini⸗ ichtig, als nach ele end 285 Dame ſelbſt ein wenig den Hof machen... Wir haben ſoviel gemeinſchaftliche Sorgen!... Aber— vielleicht auch Freuden!... Glückauf in Rom!. Geben Sie mir die Hand! Laſſen Sie uns Verbundene bleiben!.. Benno reichte die erſtarrte, kalte Hand... Lucinde ſchied mit einer Miene der Protection, wirk⸗ licher Theilnahme und— Koketterie... Sie ſagte: Verſprechen Sie mir, daß Sie auf Villa Torreſani nie anders von mir reden, als ſo, daß ich Männern noch in einer einſamen Abendſtunde gefährlich werden könnte—... Damit ſchlug ſie nach ihm mit einer Päonienblüte, die ſie am Wege abgebrochen hatte und in ihrer gewohn⸗ ten Weiſe zu zerzupfen anfing... Der Diener hatte den Rücken gewendet... Die deutſche Unterredung ſchützte beide vor dem ver⸗ fänglichen Inhalt ihrer Worte... Benno ſchwang ſich in den Sattel... Lucindens„Auf Wiederſehn!“ war wie ein Gruß zu einer Reihe der unterhaltendſten und vertraulichſten Be⸗ ziehungen auf lange, lange Zeit... Benno ſchied halb außerordentlich gefeſſelt, halb in der Hoffnung, binnen wenig Wochen vom giftigen Hauch dieſer ganzen Atmoſphäre befreit zu ſein—... Der Weg war dunkel und abſchüſſig... Er mußte langſam reiten.. Hinter der finſtern, ſcheinbar vom Silber des Waſ⸗ ſerſturzes mehr als vom Mond erleuchteten Schlucht unterhalb Tivolis verbreiterte ſich der Weg... Die — 286 Krümmungen des Anio hatten hier Anbau... Zur Linken ragten die Trümmer der zu einer Schmiede ge⸗ wordenen Villa des Mäcenas mit dem Schimmer der Cascatellen, die aus ihren Fenſtern gleiten, und mit Feuereſſenglut auf... Ringsum war es ſtill, doch nicht einſam... Einzelne Wanderer hielten am Wege inne... Da und dort erhob ſich aus den hohen, noch nicht abgeernteten Maisfeldern ein ſpitzer Hut... Benno ritt tief verloren in Gedanken.. Paula, Bonaventura, alles was ihm theuer war, umſchwebte ihn... Welche Welt geſtaltete ſich in ſeiner Bruſt! Welches Chaos rang zum Lichte! Es waren nichts als glühende Tropfen, die Lucinde auf ſei⸗ nes Herzens geheimſte Stätten hatte fallen laſſen... Allmählich beläſtigte es Benno, von drei Reitern, in der Tracht römiſcher Landbeſitzer, mit hohen Flinten auf dem Rücken, ledernem Gürtel, Gamaſchen bis weit übers Knie, auf unruhigen, ohrſpitzenden Maulthieren, faſt in die Mitte genommen zu werden... Eben wollte er ſeinem Roß die Sporen geben, um ſich dieſer unfreiwilligen Begleitung zu entziehen, als die Reiter innehielten, wie der Blitz abſchwenkten und zur Schlucht zurückritten... Hatten ſie ſich in ſeiner Perſon geirrt?. Wenige Secunden und Benno begriff, daß ihr Auge und Ohr ſchärfer als das ſeinige geweſen war... Er hörte den gleichmäßigen Trab bewaffneter Reiter. Bald ſah er einen Trupp Carabinieri, denen in einiger Entfernung eine Kutſche folgte... Es war die Kutſche des Cardinals Ceccone. . Zur de ge⸗ er der d mit doch Wege noch war, ch in ! Es uf ſei⸗ eitern, klinten z weit gieren, Eben dieſer Reiter clucht Auge .Er einiger 287 Benno gab ſeinem Pferd die Sporen... Windſchnell ſuchte er vorüberzufliegen... Er mußte vor einem zweiten Reitertrupp abſchwenken, der die Arrieregarde des Wagens bildete.. In die unheimlichſten Geſpenſter ſchienen ſich ihm jetzt rings die Bäume und Felſen zu verwandeln... Wie von einem Höhnen der Natur verfolgt, ſprengte er dahin ... So ſchuldlos ihm ſein eigenes Innere erſcheinen durfte, immer mehr Schrecken begehrten Einlaß in ſeine Bruſt... Iſt das Rom, das gelobte Zauberland der Chriſten—8!... Ceccone fuhr ſoeben zu Lucinden, die der Mann im Purpur ohne Zweifel allein wußte . Die Unterredung mit ihr hatte Benno's ganzes Intereſſe gewonnen... Er hatte erkannt, daß Lu⸗ cinde in der That aus dem Trieb ihrer Liebe zu Bona⸗ ventura auf Wegen wandeln könnte, wo man ihr eine Anerkennung nicht verſagen durfte... Nun ſtürzte alles zuſammen... Er ſah nur noch— die Buh⸗ lerin. Wie glücklich war er, als er, die hohen ſpitzen Aloes und Statuen erblickend, die die Treppengelände der Villa Torreſani zierten, unterſchied, daß in den Sälen kein Licht war... So war Olympia doch noch nicht zurück... Und ſie blieb wol über Nacht in Rom... Er ſprang vom Pferde und flüchtete ſich in die Ein⸗ ſamkeit ſeines Pavillons.. Wer waren die drei Reiter?... Schwerlich Räuber ... Man kennt dich in den geheimverbundenen Kreiſen als einen Freund der Bandiera— du haſt die Begrü⸗ 288 ßungsformeln des„Jungen Italien“ und dennoch weilſt du in der Nähe eines Mannes, den— Mord und Ver⸗ rath umſchleichen—!.. In ſeiner gewagten Doppelſtellung glaubte Benno ſich nicht mehr lange halten zu können... Es mußte zu Entſcheidungen, zu Entſchlüſſen fürs Leben kommen... So ſuchte er die Ruhe, von der er wußte, daß er ſie nicht finden würde... Man brachte ihm noch einen Brief, der während ſei⸗ ner Abweſenheit angekommen war... Die verſtellte Handſchrift war die der Mutter.... Die Mutter ſchrieb, daß ſich in ſeiner Wohnung, dann bei ihr ſelbſt der berühmte Advocat Clemente Bertinazzi hatte erkundigen laſſen, ob Herr von Aſſelyn nicht bald aus dem Gebirge zurückkehrte. Das war eine Mahnung, der er ſich entſchließen mußte, Folge zu leiſten... Sie konnte gefährliche Folgen nach ſich ziehen, wenn er nicht auf ſie hörte.. daß er nd ſei⸗ rſtellte dann tinazzi t bald mußte, nach Als nach Mitternacht Olympia von Rom zurückgekehrt war und ſie ihm dann in der Frühe beim Wandeln im Garten begegnete— Thiebold freilich immer in der Nähe, heute mit dem Begießen von Blumen beſchäftigt — ſah Benno wol, daß auf die Länge des Freundes Beiſtand nicht mehr vorhielt... Mit der Gießkanne und ähnlichen Hülfsmitteln konnte er nicht überall hin folgen... Olympia wollte heute ſogar ihre Schmähun⸗ gen über Lucinden Benno nur allein vertrauen... Menſchen wie Thiebold können für den Umgang unentbehrlich werden; doch erfüllen ſie nicht die Phan⸗ taſie... Sie laſſen ſich als Freunde, als Gatten, nicht als Liebhaber denken... Benno erhielt ſeinen vollen Platz in Olympiens Herzen und die Stunde rückte näher und näher, wo die zunehmende Vertraulichkeit um ſo mehr eine ſchwindelnde Höhe erreichen mußte, als ſein„beſter Freund“ Ercolano plötzlich ſchüchtern und verlegen zu wer⸗ den anfing. Die Mutter hatte in der That ſeine Eiferſucht angeregt... Das Wohnen auf ſeiner Villa hatte ſie eine lächerlichen Beweis von Schwäche genannt... Olym⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VlIII. 19 290 pia trotzte der Zumuthung, die deutſchen Freunde aus ihrer Nähe entfernen zu ſollen... Darüber ging Er⸗ colano wie in der Irre... Thiebold war bald nur noch der Vertraute ihres Geheimniſſes mit Benno... Er wurde nichts als eine „ſchöne Eigenſchaft“ ſeines Freundes mehr... Thiebold übernahm die Commiſſionen ihrer Launen, für die ſie den Angebeteten ſelbſt zu hoch hielt... Thiebold mußte „das Verhältniß zum Cardinal Ambroſi“ löſen, d. h. die letzten Aufmerkſamkeiten und Geſchenke überbringen, die noch für deſſen Einrichtung beſtimmt waren„.. Sonſt aber ärgerte ſie ſich ſchon lange über Thiebold's Allgegenwart... Bald hatte dieſer Unbequeme gerade an derſelben Stelle, wo niemand anders als Benno er⸗ wartet wurde, ſeine Brillantnadel, bald ſein Portefeuille verloren; er ſuchte und fand den Freund immer an einer Stelle, wo ſie mit Benno allein zu ſein hoffte... Wenn ſie geneigt wurde, beide aus dem Pavillon der Villa Torreſani nach einer ihr noch bequemeren Beſitzung des Cardinals umzulogiren, ſo war es, weil Thiebold wahrhaft Benno's Schatten blieb... In Rom ſpielte ſelbſt im Sommer eine Operntrußpe Olympia beſuchte dieſe Vorſtellungen wieder... Das Sitzen in den Logen bot Zerſtreuung, kokette Un⸗ terhaltung, neckendes Fächerſpiel, Gelegenheit zum Hin⸗ und Herfahren, Abholen, Sichbegleitenlaſſen, Verfehlen 1. ſ. W... Da die Freunde trotz der Schönheiten des Landlebens doch von den Merkwürdigkeiten Roms gefeſſelt ſein mußten und manchen Tag in der Stadt blieben, ſo walte de aus g Er⸗ ihres s eine Hiebold ſie den mußte d. h. ringen, ade an no er⸗ ffeuille einer n der itzung lebold 29ʃ die junge Fürſtin zu gleicher Zeit mit Villa Torreſani auch die„Brezel“ an der Porta Laterana bewohnen... Die Aeltern waren entſchieden dagegen und beriefen ſich auf die Ehepacten, die jeden Punkt der Vergünſti⸗ gungen bezeichneten... Sie verlangten, daß ihre Schwie⸗ gertochter die Villa Torreſani bis zu einem beſtimmten Tage nicht verließ... Manchen Menſchen, ſagte Lu⸗ cinde zu Thiebold, der hier vermitteln ſollte, iſt es Be⸗ dürfniß, ſich zu ärgern... Wenn die Fürſtin ihre Tochter in ihrer Nähe entbehren ſollte, entgeht ihr ein Motiv der Aufregung... Die Mutter iſt ſo gut ge⸗ wachſen, daß ſie ſich gern ihrer Schwiegertochter als Folie bedient... Wir Frauen heben nicht den Arm auf, ohne nicht zu berechnen, wie unſer herabſtrömendes Blut ihn weißer machen muß... Beſter Herr de Jonge, hei⸗ rathen Sie niemals!.. Vierzehn Tage drei Wochen gingen in dieſer Weiſe vorüber Zum Glück hatte man Anzeichen, daß die Nachricht einer Inſurrection jeden Augenblick von der Küſte des Adriatiſchen Meers kommen mußte... Couriere gingen und kamen; die bewaffnete Macht war aufgeboten, ver⸗ vollſtändigt, marſchfertig... Die Conſulta hielt täglich Sitzungen... Der Verkehr mit den auswärtigen Geſandten nahm Ceccone's ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch.. Von Angſt und Sorgen ſah er in der That niedergedrückt W Wie beim herannahenden Sturm jede Hand ihr Haus rſchließt und den Gefahren der Zerföru ag vo Ijubden fu ſo zeigte ſich auch jetzt in den — Umgebungen dieſer 19* 292 Machthaber mehr politiſches Leben, als ſonſt... Man— cher Mund ſprach ſogar beredt und frei... Manche ge⸗ heime Hoffnung ſah eine Erfüllung voraus und verrieth vorſchnell ihr)e Freude... Jene große Mehrzahl von Menſchen, die als Ballaſt nur den ruhigeren Gang der Fahrt entſcheidet, gleichviel unter welcher Flagge ihre Fahrzeuge ſegeln, warf ſich unruhig hin und her.. Vorahnend machte ſie gleichſam nur ihr Gepäck leichter, um bequemer von einem Lager ins andere überlaufen zu können... Wie richtig hatten dieſe Bandiera die Ita⸗ liener beurtheilt! ſagte ſich Benno. Der Erfolg iſt hier alles! Der Muth einer That entſcheidet ihre Bedeu— tung... Nur in der Prieſterſphäre waltete unerſchütterliche Zuverſicht... Dort ſtand es feſt, daß ein Kampf mit dem Intereſſe„Gottes“ Jeden zerſchmettern müſſe— „Selbſt die Pforten der Hölle werden dich nicht über⸗ winden!“ lautete der tägliche, ſeit dreihundert Jahren im Mund der Katholiken übliche Refrain, der auch hier über das Antlitz der jungen und alten Prälatur einen lächeln⸗ den Sonnenſchein verbreitete... Den„böſen Mächten“ gehört ja die Welt, dem Zufall, der Intrigue, der Selbſt⸗ verſtrickung alles Guten— Wie kann— geſetzt die Re— volution wäre das Gute—„in dieſer Welt das Gute ſiegen!“ hatte Lucinde ganz im Geiſt der Jeſuiten ge⸗ ſagt... Unter den Freigeſinnten gab es zwei Richtungen, die ſich mit Schärfe bekämpften. Für die ausführlichere Begründung ihrer Anſichten fanden ſich in England, in Frankreich, in der Schweiz und auf den Inſeln um Ita⸗ . Man anche ge⸗ verrieth ahl von jang der gge ihre her.. leichter, ufen zu die Ita⸗ iſt hier Bedeu⸗ ttterliche npf mit üſſe— t über⸗ gren im er über 293 lien Gelegenheiten zum Druckenlaſſen... Die eine Partei wollte ein einiges Italien, an deſſen Spitze der Heilige Va⸗ ter als wahrer Friedensfürſt und Verbreiter aller Segnun⸗ gen ſtehen ſollte, die durch die Chriſtuslehre dem Men⸗ ſchen verbürgt und nur noch nicht genug anerkannt ſind .. Die andere ſah im apoſtoliſchen Stuhl die gefährlichſte Anlehnung der Despotie, verwies den Papſt aus den Rei⸗ hen der Souveräne, ließ ihm nur allein noch die Bedeu⸗ tung, Pfarrer einer Metropolitankirche der Chriſtenheit, der Peterskirche, zu heißen und nahm ſeinen irdiſchen Beſitz in die allgemeine Verwaltung eines republikaniſch regierten Italiens... Freiheit von Oeſterreich wollten beide Parteien. Die Souveräne und Würdenträger der Hierarchie waren auf die Hülfe dieſes Staates an⸗ gewieſen; die Väter der Geſellſchaft Jeſu machten die Vermittler zwiſchen Wien und allen denen, deren Beſitz in Italien bedroht war... Da die Jeſuiten dem Staatskanzler zu weſentliche Dinge überwachten, da ſie zu viel Dämonen der Weltverwirrung ihm mit gebundenen Händen überlieferten, ſo hatte er ſich wol gewöhnen müſſen, ſie zu ſchonen und ihnen über ſeine eigene Macht hinaus den Paß zu gewähren, den ſie gewinnen wollten für die ganze Welt... Das übrige Deutſchland, ſelbſt im Norden, gehörte ſchon den Jeſuiten... Der Kirchenfürſt war freigegeben... Der Proteſtantismus ſchien alles Ernſtes zur Unterwerfung wieder unter Rom durch die Innere Miſſion und die Wiederaufnahme der Romantik vorbereitet zu werden... Das Wunderlichſte war der Contraſt, in welchem die Rückſichten der Geſelligkeit zu den Zerwürfniſſen in —— 294 der Rucca'ſchen Familie ſtanden... Selbſt wenn Cec⸗ cone keine Fremden zu bewirthen hatte, keine Prälaten aus der Provinz, keine Geſandten und hohe Reiſende, ſo fehlten doch auf Villa Torreſani Ercolano's Freunde nicht, die jeunesse dorée Roms, Ariſtokraten, deren Le⸗ ben nur von Liebesabenteuern und den neueſten Moden erfüllt wurde... Der Baron d'Aſſelyno und der Marcheſe de Jonge wurden in alle Geheimniſſe der⸗ ſelben eingeweiht Niemand verbreitete mehr Ge— räuſch von ſeinem Daſein, als die jungen Prälaten... Dieſe geiſtlichen Stutzer machten das Glück der Familien zweifelhaft... Der Eine nahm dabei die Miene eines Tartufe, der Andre die ſtolze Zuverſicht eines künftigen Papſtes an... Ehrgeiz und Selbſtgefühl drückte jede ihrer Lebensäußerungen aus... Einige Jahre hatten ſie in der Gefangenſchaft der Jeſuiten gelebt, die die Stu⸗ dien an ſich geriſſen haben; dann traten ſie in die Welt mit all den Anſprüchen, die ſchon eine geringe Bildung unter einem Volk voll Ignoranz geben darf... Sie ſtanden ſpät des Morgens auf, machten wie Frauen ihre Toiletten, ließen ſich ſtutzerhaft friſiren, ſchlugen in ihren Liſten nach, wo ſie ſeit lange in dieſem oder je⸗ nem Hauſe nicht zum Beſuch geweſen— Den Tag über rannten ſie müßiggängeriſch durch Rom und ſeine Kir⸗ chen... Manche ihrer Liebesabenteuer nahmen ſie ernſt und führten duftende, oft verſificirte Correſpondenzen ... Alles das verband ſich auf das leichteſte mit einer ununterbrochenen Ehrfurcht vor dieſem Altar, jenem Cru⸗ eifix, vor jeder geweihten Stelle, die zu küſſen die Sitte verlangte, ſelbſt wenn damit kein beſonderer Ablaß ver⸗ eenn Cec⸗ Prälaten Reiſende, Freunde eren Le⸗ Moden und der iſſe der⸗ ehr Ge⸗ nten... Familien ne eines künftigen cte jede atten ſie ie Stu⸗ ie Welt Bildung Sie Frauen ſchlugen nder je⸗ g über ne Kil⸗ je ernſt ndenzen t einer m Cru⸗ Sitte 295 bunden... Die Religion iſt in Rom ein Geſetz der Höflichkeit, wie bei uns das Hutabnehmen und Grüßen vor Hochgeſtellten oder guten Bekannten... Ercolano hatte nach einer heftigen Scene mit ſeiner Mutter vorgezogen, dem Baron d'Aſſelyno eine legitime Stellung als Ehrencavalier ſeiner Gattin zu geben... Das iſt in Italien eine ſociale Poſition wie etwa die jedes Geſchäftscompagnons... Ercolano wollte keinen Bruch. Er war im Stande, außer ſich in den Garten⸗ pavillon zu rennen und Benno zu beſchwören,„beſſer“ mit ſeiner Frau zu ſein, nachgiebiger, aufmerlſamer... Sie drohte, krank zu werden, wenn Benno Zerſtreuung, Abweſenheit, Melancholie verrieth und ſie vernachläſ⸗ ſigte Zwei Tage vor dem glänzenden Feſt in dem Braccio Nuovo des Vatican war eine große Geſellſchaft auf Villa⸗ Torreſani Olympia ſaß in den Reihen der Geladenen und lebte nur für Benno... Ihre Augen ſogen ſich den ſeinigen mit dem zärtlichſten Verlangen ein... Die Mutter Ercolano's verließ voll Verdruß darüber ſogleich nach Tiſch die Villa Torreſani... Herzog Pumpeo eilte ihr nach, um ſie zu beruhigen... Sogar Thie⸗ bold wollte folgen... Er hatte die Abſicht, Lucindens Rath zu befolgen und die feindſelige Stimmung der alten Fürſtin durch ein neues„Opfer ſeiner Tugend“ zu pa⸗ ralyſiren... Lueinde hielt ihn jedoch zurück... Der Au⸗ genblick war nicht günſtig; Herzog Pumpeo galt für einen Raufbold... Sarzana fehlte gleichfalls nicht... Lu⸗ einden führte er zu Tiſch... Sein Benehmen war leb⸗ — 2965* hafter, denn je... Ausgelaſſenheit ſtand ihm aber nicht ... Lucinde mußte ſagen: Benno überragt alle. Nach der Tafel beſuchte die Geſellſchaft eine der großartigſten Trümmerſtätten, die in jener Gegend das Alterthum zurückgelaſſen hat, die nahe Villa des Kaiſers Hadrian... Weitverzweigt iſt dieſer Rieſenbau, den Benno in elegiſcher Reflexion das Sansſouci jenes alten Kaiſers genannt hatte... Thiebold begann, dieſen Gedanken ſei⸗ nes Freundes in die entſprechenden Einzelheiten zu zer⸗ legen... Die Zimmer ſah er, wo Kaiſer Hadrian nach Tiſch den Kaffee trank und junge hoffnungsvolle Dichter und Künſtler ermunterte, in ihren Studien fortzufahren ... Hier blies Hadrian die Flöte! ſagte er... Hier lagen ſeine Lieblingshunde begraben!... Dort ſpielte er wahrſcheinlich Billard!... In der That war hier das Leben eines Kaiſers jener Univerſalmonarchie in allen Momenten beiſammen... Raths⸗ und Erholungsſaal, Bäder, ſogar die Kaſernen fehlten nicht, in denen die zur Bewachung commandirten Legionen untergebracht wurden... Für allzu heiße Tage ſchien geſorgt durch einen halbunterirdiſchen, bedeckten Gang, den einſt die koſtbarſten Moſaikfußböden, die ſchönſten Frescobilder und eben jene Statuen geziert hatten, die ſich jetzt im Braccio Nuovo des Vatican verſammelt finden... Hier nun war es, wo ſich plötzlich die Geſellſchaft in den Gängen verirrte und beim Lachen über die Ver⸗ gleichungen des Marcheſe de Jonge, der eine ganz neue Art von Alterthumskunde lehrte, auseinander kam. In einem Seitenraum dieſer Gänge blieb Benno ber nicht eine der end das Kaiſers enno in Kaiſers nken ſei⸗ zu zer⸗ an nach Dichter ufahren . Hier ſpielte ar hier in allen gsſaal gen die ebracht durch nſt die er und Braccio elſſcaft e Ver⸗ neue 1. Benno mit Olympia allein zurück... Thiebold's Stimme klang in weiter Ferne; kein Fußtritt wurde mehr hörbar Der Augenblick, den Benno immer noch verſtanden hatte, nur flüchtig andauern zu laſſen, der entſcheidende, den ſeine eigene Selbſtbeherrſchung immer noch vermie⸗ den, Thiebold's Liſt durchkreuzt hatte, ſchien gekommen Jetzt, wo es vielleicht nur noch acht Tage währte, daß die ſiegreiche oder geſcheiterte Unternehmung der Ge⸗ brüder Bandiera dieſer falſchen Poſition des Herzens und der Geſinnung ein Ende machte.. Olympia hielt Benno zurück und ſagte mit einer ein⸗ zigen Geberde, die einem Strom begeiſterter Worte glich: Wir— ſind— allein!... Und ihr Flammenblick ſchien dieſe Trümmerwelt neu zu beleben... Die verwitterten Mooſe und Schnecken an den feuchten Wänden verſchwanden... Die hier und da noch erkennbaren Farben der alten Wandgemälde glühten zu Bildern der Mythenwelt auf... Amor und Pſyche, Venus und Adonis ſchwebten ringsum... Selbſt der Fußboden wurde belebt zum kunſtvollſten Mo⸗ ſaik... Wohl konnten der beglückten Phantaſie noch die goldenen Armſeſſel ſtehen, vor denen die ſchöngefleckten Felle der Leoparden und Tiger gebreitet lagen.. Benno mußte ſeinen Arm um die luftige Geſtalt winden, mußte ihre Linke, eine Kinderhand, weich wie Flaum, an ſich ziehen und küſſen... Die junge Frau blickte zu ihm auf mit jenem Ausdruck der Liebe, der in der That ihre Züge verſchönte... Ihr Mund zitterte; ihre Augen waren von einem ſo hellen Glanz, als ſpiegelten ſich die Bilder, die ſie aufnahmen, 298 in einer reinen Seele. Mit weicher zitternder Stimme, die ihre Worte wie aus einem der Welt ganz an ihr fremden Regiſter der Stimme ertönen ließ, hauchte ſie: Ja, ich ſollte dich haſſen, du Treuloſer!... Wüßteſt du— was ich alles um dich gelitten— um dich für Thorheiten beging... Rom, die Welt hätt' ich zerſtören mögen und am meiſten mich ſelbſt... Benno hatte ſchon Tauſenderlei zu ſeiner Entſchuldi⸗ gung geſagt... Auch wollte ſie jetzt nichts mehr vom Vergangenen hören... Ihre Lippen wollten gar keine Worte... Sie verlangten nur die Berührung der ſei⸗ nigen... Die blendend weißen Zahnreihen blieben wie einer Erſtarrten geöffnet ſtehen... Liebe verklärte jede Fiber ihres Körpers, wurde das Athmen der Bruſt, das erſterbende Wort ihres Mundes— Das Geheimniß der Welt Liebe, Religion Liebe, Leben Liebe... Sie ſenkte die langen Wimpern über die im träumeriſchen Vergeſſen verſchwimmenden, ihren Stern ganz innenwärts und hoch hinauf einziehenden Augen... Leicht lag ſie ihm im Arm wie eine Feder. Benno, kaum noch ſeiner Sinne mächtig, zuckte ab⸗ ſichtlich wie über eine Störung... Da die Fürſtin nur in den Bewegungen des Geliebten lebte, machte ſie die gleiche Geberde... Jeder Zug der Schönheit verſchwand auf eine Secunde... Das 1 Ohr ſpitzte ſich... Das Auge blickte groß und ſtarr... Alles blieb aber ſtill... Nur über die feuchten Mauertrümmer ſickerte draußen ein Wäſſerchen... Und im Nu, wie von unſichtbarer Muſik regiert, verwandelten zitternder elt ganz ten ließ, Wüßteſt dich für erſtören niſchuldi⸗ ehr vom gar⸗keine der ſei⸗ blieben verklärte r Bruſt, eheimniß .Sie geriſchen enwärts ickte ab⸗ Heliebten der Zug Das ſtarr.. feuchten . Und andelten 299 ſich ihre Züge zur ſeligſten Harmonie... Ihr Sein war nur Eine Hingebung, Eine Hoffnung... Die zar⸗ teſten Sylphenglieder ſchwebten in Benno's Armen... Er hätte ſie emporſchleudern können; wie ein Kind würde ſie ſich um ſeinen Nacken mit den Armen feſtgehalten haben... Auf dieſen ihren entblößten Armen ſchim⸗ merte ein großmächtiges goldenes Armband— eine ein⸗ zige Spange nur, von unverhältnißmäßiger Größe... Das Gold blitzte in Benno's Augen... Er küßte den Arm um dieſes goldenen Glanzes willen, der wie ein Zauber auf ihn wirkte... Seine Knie wankten... Erſt jetzt war er in gleicher Höhe mit ihr... Ex verlor die Beſinnung Olympia war es, die ſein glühendes Antlitz mit Küſſen bedeckte... Sie nannte ihn Verräther! Treu⸗ loſer! Geliebter!... Sie verſicherte, ihn nicht mehr laſſen zu können, ihn bis in den Tod lieben zu müſſen —.. Bennol ſagte ſie dann, faſt die Buchſtaben zäh⸗ lend, und nichts mehr anderes ſprach ſie... Aber dennoch will das Glück ſeinen vollen Ausdruck haben... Dieſe Statuen, die hier einſt ſtanden, rief ſie endlich, kann ich nicht mehr anrufen, Zeugen unſerer Liebe und Hörer unſerer Schwüre zu ſein... Ver⸗ nimm, mein Freund! Im Braccio Nuovo bin ich auf dem Feſt des Heiligen Vaters! Ich bin nur allein dort! Nur bis elf Uhr darf im Vatican der Fuß eines Weibes verweilen! Die Männer werden ſich ſo zeitig nicht ven dem Bacchanal Sr. Heiligkeit trennen wollen! Geliebter, mein Auge ſieht dich auf dem Feſt in allem, — 300 was die Statuen Schönes bieten... Antinous, Apollo biſt nur du.. Das genügt— gehe du ſelbſt nicht auf dies Feſt!... Sei aber um die elfte Stunde an Villa Rucca, wo ich— übernachten will... Dort, an der Stelle, wo Pasqualetto Lucinden und die Her⸗ zogin entführen wollte, iſt ein leicht zu gewinnender Ein⸗ gang in die Villa... Erſteige die Mauer!... Du kennſt die Stelle an der Veranda... Dorthin begeb' ich mich, wenn ich vom Feſt zurückgekommen bin... Ich werde vorſchützen, im Garten noch friſche Luft ſchöpfen zu wollen und find' ich dann dich— ſo bleibſt du in meinen Armen—... Schwöre mir's, daß du kommſt! ... Zwei Nächte noch— Schwöre!... So lag einſt Armgart an Benno's Bruſt— Sie „das Vögelchen“ in ſeiner Hand, wie er ſie damals ge⸗ nannt... Die Genien ſenkten die Fackeln... Keine Störung, keine Hülfe... Feuer loderte durch Benno's Adern; die Berührung hatte die Glieder ſeines Körpers mit elektriſchen Strömen erfüllt... Auf der Lippe brannte ihm der Ausruf: Ich komme!... Nur ihre Lippen hinderten ihn, ihn wirklich auszuſprechen... Da zuckte ſie aber plötzlich ſelbſt auf... Diesmal war es nicht der ſickernde Tropfenfall am moosbewach⸗ ſenen Geſtein, es war der Fuß eines eilend Daherſchrei⸗ tenden... Ich komme! war noch nicht geſprochen. Die Fürſtin nahm ſein Ja! aus ſeinen Augen, von ſei— nen Lippen... Die Störung verdroß ſie nicht mehr... Das junge Paar fuhr auseinander und gab ſich die Miene, als wär' es hier nur aufgehalten worden von einer gleichgültigen Abſicht... Benno ließ die Fürſtin „Apoollo ſ nicht unde an ſchöpfen du in kommſt! = Sie als ge⸗ Keine Bennos börpers Lippe r ihre lesmal ewach⸗ ſchrei⸗ L on ſei⸗ .. h die n von ürſtin 301 frei, trat ſeitwärts, ſuchte etwas Blinkendes unter den Steintrümmern an der Bogenlichtung des Gemäuers... Die Fürſtin that, als wartete ſie nur auf ihn, um weiter vorwärts zu ſchreiten... Der Zeuge, der ſie überraſchte, war Lucinde... Da ihr Antlitz glühte, ſo war ſie raſch gegan⸗ gen... Als ſie ſah, daß ſie das Paar zu ſtören fürchten mußte, kam ſie wie auf einer harmloſen Promenade und that, als ſuchte auch ſie nur, ſelbſt eine Verirrte, auf dieſem Weg zur übrigen Geſellſchaft zurückzukommen... Sie leuchtete im feſtlichen Glanz... Ein leichter Sommerhut mit kleinen Federn ſchwebte loſe auf ihrem geſcheitelten Haar... Ueber dem hellfarbigen ſeidenen Kleid trug ſie einen großen breitgewebten Shwal von phantaſtiſch bunten, grünen, rothen und gelben Querſtreifen... Indem ſie ſcheinbar ruhig die Hände übereinander legte, ſchlu⸗ gen die beiden Flügel dieſes Shawls zuſammen und machten den Eindruck einer Erſcheinung aus der Zigeu⸗ ner⸗ oder Zauberwelt Sie wollte Olympien nicht erzürnen, vermied auch die leiſeſte Spur eines Lächelns und ſagte nur athemlos: Ich ſuchte Sie, Herr von Aſſelyn... Ich bekam eben vom Cardinal, der ſich empfohlen hat, Mittheilun⸗ gen, die nicht gut ſind—.. Worüber? fragte Olympia vöne allen Verdruß... Sie bot Benno den Arm, um weiter zu wandeln... In der Ferne hörte man die Annäherung der Ge⸗ ſellſchaft... Lucinde beherrſchte ihre Erregung... Konnte ſie c 02 doch dieſen Augenblick der Leidenſchaft Olympiens für Benno zu irgendeinem Vortheil benutzen... Ich höre, ſagte ſie, daß die Gefahren Ihres Vet⸗ ters, des Biſchofs, immer drohender heraufziehen... In der That iſt er förmlich nach Rom beordert und be⸗ fohlen worden.. Was kann ihm geſchehen? fragte Olympia, ſich an Benno's Arm preſſend... Benno wiederholte, wie mit Beſchämung:. Der Biſchof von Robillante iſt nach Rom beordert worden?... 3 Ich kann nicht ſagen, fuhr Lucinde fort, ob wegen Prüfung des Magnetismus von der Pönitentiarie oder wegen der Dominicaner und ſeiner Vorwürfe gegen die Gerechtſame der Inquiſition... Der Biſchof von Robillante? ſagte Olympia leicht und obenhin... Was thut das ihm und uns!... Tod ſeinen Feinden!... Fefelotti ſoll ihm ſein eigenes Erz⸗ bisthum abtreten müſſen!... Das will ich! Ich! Ich! Der Hut des Cardinals ſoll ihn für jede Kränkung ent⸗ ſchädigen... Das will ich! Ich ſchütze ihn— und ſeine Freunde... Sie blickte voll Zärtlichkeit auf Benno... Lucinde hielt ein Papier in Händen, das ſie halb in ihrer Bruſt verborgen getragen und zaghaft halb her⸗ vorgezogen hatte... Es war ein in lateiniſcher Sprache gedruckter kleiner Zettel... Die an alle Cardinäle ver⸗ theilte Anfrage des Domkapitels von Witoborn über den Magnetismus! erklärte Lucinde, als Olympia dies Pa⸗ pier ihr abgenommen hatte... viens für hres Vet⸗ hen. und be⸗ ſich an beordert ob wegen rie oder gegen die vig leicht 202 595 Benno nahm das Blatt, verſprach, es Bonaventura zu ſenden und fragte, ob es nicht möglich wäre, den Freund zu einer nur ſchriftlichen Vertheidigung zu ver⸗ anlaſſen... Nein! Nein! Er ſoll perſönlich kommen! ſagte Olym⸗ pia... Er ſoll ſeine neuen Würden ſelbſt mit nach Hauſe tragen!... Ein Aſſelyn!... Ein Kampf?... Divertimento!... Wer ſind ſeine Gegner?... Nach einem Augenblick des Nachdenkens ſagte ſie lachend: Ha, ich beſinne mich, die Dominicaner!... Wohlan, reiſen wir ſelbſt nach Porto d'Ascoli, um den deutſchen Mönch und den Pilger zu ſuchen!... Ich weiß, worauf hier alles ankommt... Olympia kannte die geheimnißvollen Umſtände, unter denen Pasqualetto nach Rom gekommen war... Sie kannte das Intereſſe, das ihr Schwiegervater an jenem Vermittler dieſes Wagniſſes, an dem Pilger von Loretto hatte... Sie kannte die Botſchaft, die der deutſche Mönch Hubertus übernommen; kannte die mannichfachen Deutungen, die man jetzt dem ſpurloſen Verſchwinden ſowol des Suchenden als des zu Findenden geben wollte... Mein Oheim ſoll alle ſeine Zweifel löſen! fuhr die Fürſtin fort... Noch iſt, denk' ich, Cardinal Ceccone, was er war... Man ſagt, eine Revolution iſt im Anzuge... Nun wohl! Sie wird mit dem Schaffot endigen! Wer will uns hindern, die Geſetze zu handhaben!... Ich danke Ihnen, Signora, für Ihre Theilnahme zum Beſten der Aſſelyns... Niemand 304 ſoll dieſem Heiligſten der Prieſter, der unter meinem Schutze ſteht, ein Haar krümmen... Nicht das erſte mal, daß ich von den Fußzehen des Heiligen Vaters nicht früher aufgeſtanden bin, bis ich nicht die Gewäh⸗ rung meiner Bitten erhielt— und— die Zahl der Knienden nach mir war— nicht klein... Das alles, mit dem Ton des größten Uebermuthes geſprochen, klang wie beruhigende Muſik... Lucinde fühlte ganz die Erquickung, die dieſe Worte gaben... Auch Benno ſtellte ſich, ſie zu fühlen... Olympia weidete ſich an den Wirkungen ihrer Macht... Schon war inzwiſchen der nachgebliebene Reſt der Geſellſchaft ſichtbar geworden... Graf Sarzana kam faſt ſchmollend auf Lucinde zu und erklärte, ſie überall geſucht zu haben... Er bot ihr den Arm und ent⸗ führte ſie faſt wie mit Eiferſucht... Thiebold bildete den Mittelpunkt der Luſtwandelnden . Er war in einem nationalökonomiſchen Streit mit dem alten Rucca begriffen und zeigte ſich nicht im mindeſten befangen, als„Marcheſe“ ſeine Kenntniſſe der Holzcultur zu verrathen... Sah er doch auch nach allen Seiten hin dieſen römiſchen Adel mit Speculationen be— ſchäftigt... Einige der nähern Verwandten Ercolano's, die die Nacht über auf Villa Torreſani bleiben wollten, glichen vollkommen den Zickeles und den Fulds. An ein ungeſtörtes Alleinſein für den Ablauf des Tags mit Olympien war für Benno glücklicherweiſe nicht mehr zu denken... Der unheimliche, Benno zuweilen mit zweideutigem Blick fixirende Sarzana war zwar mit Lu⸗ cinden auf Villa Tibur gefahren, andere fuhren nach Rom, 305 einem die Nachbarn zerſtreuten ſich in ihre Villen, aber genug erſte blieben zurück, die Olympien in Anſpruch nahmen... aters Genug, die auch unbefangen darüber plaudern konnten, äh⸗ daß Donna Lucinda und Graf Sarzana ſicher in kurzer Zeit durch das Band der Ehe verknüpft ſein würden... Schon im Herbſt würden ſie das kleine Palais bei tthes Piazza Sciarra beziehen, hieß es... Olympia hörte wenig darauf— Sie ließ allen ihr Glück; hatte ſie lder du doch ihr eigenes... Jeder Blick aus ihren Augen mpin verwies auf die elfte Stunde nach— noch zwei Son⸗ nenuntergängen... Für Benno— die ausgelöſchten Vder Fackeln ſeines Lebens, denen eine ewige Nacht folgen kam mußte... berall Einen Punkt in ſich zu wiſſen, wo es nicht hell eit und rein im Gemüth iſt, wird dem edeln Sinn zum tiefſten Schmerz... Jeder unbelauſchte Gedanke fällt 4 dann in ein Grübeln zurück: Wie kannſt du dieſen üüe Flecken von dir tilgen! Wie kannſt du Ruhe und Zu⸗ Streit..... . friedenheit mit dir ſelbſt gewinnen!... Jünglinge, t n Männer können zuweilen in die Lage kommen, an Frauen edei Empfindungen zu verſtrömen, die nur formelle Erwide⸗ dle rungen ohne wahre Betheiligung des Herzens ſind... 8 Irgendeine Schonung fremder Schwäche galt es da, ir⸗ o d gendein mildes Entgegenkommen gegen einen Wahn, der lien, ſich ſo ſchnell, wie wol die Wahrheitsliebe mochte, nicht im . verirrten Frauengemüth heilen ließ... Verſtrickt dann des zu ſein in die Folgen ſolcher Unwahrheit, die ſich nicht das Herz, um ſeiner thörichten Schwäche willen, vor⸗ eilen werfen muß, leiden zu müſſen um etwas, was man ſo tLu⸗ gar nicht empfunden, ſo gar nicht gewollt hatte, das ſind Nom, Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 20 306 Qualen der Seele, die an ihr brennen können wie das Kleid des Neſſus... Nach dieſer Scene in den dunkeln Gängen der Villa Hadriani ſaß Benno am Whiſttiſch bei den geöffneten Fenſtern des ſchönen Geſellſchaftsſaals der Villa Torre⸗ ſani... Da gab es einen Seitenflügel, deſſen Zimmer ganz zur nächtlichen Herberge der Verwandten und Gäſte beſtimmt waren... So ſaß im Saal bis zur neunten, zehnten Stunde noch eine große Geſellſchaft beiſammen... Die milden Düfte der Orangenbäume zogen in die Fenſter ein ... Phalänen mit durchſichtigen Flügeln ſchwirrten um die Glasglocken zweier hoher bronzener Lampen, die, aus dem Boden zwiſchen den Säulen ſich erhebend, hier einen Atlas vorſtellten, der die Weltkugel trägt, dort eine ſchwe⸗ bende Eos, die zwei Leuchtgläſer auf ihren Fingerſpitzen balancirt... Auf ſchwellenden Ottomanen rings an den Wänden des Saals entlang ſtreckten ſich die ermü⸗ deten Schönen, die halbſchlafend ſich keinen Zwang mehr anlegten... Andere ſchlürften Sorbet und wehten ſich mit ihren Fächern Kühlung, hingegoſſen an den offenen Fen⸗ ſtern auf niedrigen Seſſeln, die kaum einen Fuß hoch über dem Marmorboden ſich erhoben... Weich und lind zog die Nachtluft herein... Bis in die Fenſter wuchſen die üppigen Beete ausgewählter Pflanzen mit ihren ſeltſam geſtalteten Blütenkelchen, an ſich ſchon Symbolen der Freiheit der Natur, Symbolen des all— bindenden alles entfeſſelnden Liebestriebs— wer kann Blüten von Orchideen, Lilien, Nymphäen, Gardenien ſehen, ohne an die Myſterien des Lebens erinnert zu werden... Ein fernes leiſes Rauſchen konnte vom 307 Sturz des Anio Vommen— es konnte auch der Sang der Cicaden ſein... Trenta duel ſchnarrten die Methuſalems der Rucca⸗ Familie beim Spiel... Der Alte ſelbſt war bei ſeinem Sohn geblieben und nicht nach Villa Tibur gefahren, wo er überhaupt nur ſelten verweilte, weil er dort morgens nicht zum Auszanken all ſeine Arbeiter beiſam⸗ men hatte... Aber auch dieſe genoſſen abendlich ihren Lebenstraum... Einige ſangen in ſchmelzenden Tenor⸗ tönen:„Amore re del mondo!“... Andere ſpielten bei Laternenſchimmer die Morra— leidenſchaftlich und wild und wie alles in Italien gleich auf Leben und Tod... Felicissima notte!... ſprach endlich gegen halb elf Uhr Olympia zu Benno, als ſie von des ſchon halb ſchlafwandelnden Ercolano Arm entführt wurde... Es klang wie der letzte Gruß— einer Braut vor dem Hochzeitstage... Gegen Thiebold konnte ſich Benno nicht mehr aus⸗ ſprechen... Die Loſe waren zu ernſt, zu furchtbar be⸗ ſtimmend gefallen... Thiebold ſprang dem zum Pavillon Vorauseilenden von der Geſellſchaft angeregt und lachend nach... Benno erzählte, als ſie durch den Garten huſchten, von Bonaventura's Gefahr, von ſeiner Berufung vor ein geiſtliches Gericht, vom Stab, der für immer über Paula's Seelenleben gebrochen wurde... Thiebold fand ſich aus ſeinen römiſchen Verwicke⸗ lungen mit Schwierigkeit in die eigentliche Aufgabe der Freunde zurück... Die aus Thiebold's Vaterſtadt gekommene, an ſich 20* 308 wohlwollende, die Anſchuldigungen der Frau von Sicking und des Cajetan Rother ſogar zurückweiſende Anfrage ent⸗ hielt Stellen, die in deutſcher Uebertragung lauteten:*) „Iſt die Perſon, über welche die Magnetiſirte ge⸗ fragt wird, abweſend, ſo iſt dazu eine Haarlocke von deren Haupte vollkommen hinreichend. Sobald die Haar⸗ locke in ihrer Handfläche ruht, ſieht ſie ſchlafend und mit geſchloſſenen Augen, wo dieſe Perſon verweilt und was ſie thut”... Eine Haarlocke!... ſprach Benno... Schon ergrauten des theuern Freundes Locken... Und ſeine eigenen—?.. Er ſah den Aſchenbecher Armgart's... Gedachte des Abſchieds— des Briefwechſels durch—„ausge⸗ tauſchtes Blut“... Thiebold verſtand Benno's heute ſo düſteres Leid nur aus Bonaventura's Gefahr und vertröſtete, übermüdet von den Huldigungen, die ſeine Galanterie ſo vielen Conteſſinen und Principeſſen dargebracht hatte— und die wiederum auch ihm zu Theil geworden waren, ſich entkleidend, mit Olympiens und Ceccone's Schutz... „O ſo wolle“, überſetzte Benno eine andere Stelle, „eine hohe Curie nach deren Weisheit, zur größern Ehre des Allmächtigen, zur größern Wohlfahrt der Seelen, die unſer Heiland ſo theuer erlöſt hat, entſcheiden, ob alles das eine göttliche oder nur ſataniſche Einwirkung iſt“— 2) *) Dieſer Anfrage wörtlich entlehnt. **) Gleichfalls. 309 Benno ſchleuderte das Papier von ſich... Die Verſicherung Thiebold's, daß Olympia alle ſchützen würde, konnte wenig nachhaltenden Troſt ge⸗ währen... Thiebold ermunterte zum Ausharren... Mit größter Spannung ſprach er von dem Feſt im Braccio Nuovo, auf das er ſich nicht nur in der Toi— lette, ſondern auch mit einem Handbuch der Antiquitäten gründlich vorbereiten wollte... Am folgenden Morgen— wieder ein Brief der Mutter und— unter dem mit verſtellter Handſchrift ge⸗ ſchriebenen Couvert, wieder die kurze Anzeige, daß ſich Advocat Clemente Bertinazzi aufs neue nach Signore d'Aſſelyno hätte erkundigen laſſen... Benno kleidete ſich raſch an, ließ im Stall des Fürſten ein ihm immer zu Gebot geſtelltes Roß ſatteln, verbarg ſich vor jedermann, ſelbſt vor Thiebold, und ſprengte ſofort und in höchſter Eile nach Rom. Unterweges hatte Benno ein Misgeſchick mit ſeinem Pferde... Er mußte dem Thier, das ſich den Fuß ver⸗ ſtauchte, mitten auf der Heide, in einer Schäferhütte der Campagna, einige Stunden Ruhe gönnen... So war es ſchon ſpät Nachmittag, faſt Abend ge⸗ worden, als er in Rom ankam... Er mußte ſogleich das kranke Pferd in Palazzo Rucca den Leuten des alten Fürſten übergeben.. Dann eilte er in ſeine Wohnung. Sein Zuſtand war der der zerzweiflung... Für morgen erwartete ihn die junge Fürſtin auf Villa Rucca . Zu gleicher Zeit mahnten ihn die Freunde der Gebrüder Bandiera... Nicht umſonſt war er in die Kreiſe der Revolution getreten... Unſichtbare Geiſter nicht nur, nicht nur die Stimmen ſeines Innern, ſon⸗ dern wirkliche Perſonen, die ihn beobachteten, ihn viel⸗ leicht richteten, verlangten eine Entſcheidung. Todt blickte ihn die„Stadt der Städte“ an Nur Opfer des geiſtigen Despotismus ſah er überall „Jeder Abbate, der an ihm vorüberhuſchte, lächelte 311 ihm wie mit geheimem Hohn... Die Menſchen gingen und kamen ſo gedankenlos und leer... Die Trümmer des Alterthums waren ihm mehr denn je nur Gräber⸗ ſtätten— und was war— die lebendige Gegenwart? Aus Gebetbüchern an den Schaufenſtern der Buchläden ſprach ſie.. Es war faſt Abend... Er fürchtete ſich, zur Mutter zu gehen... Die Scham, eingeſtehen zu müſſen, wie weit er mit Olympien gekommen, hielt ihn zurück... Aber dennoch, dennoch mußte er nach einer Trennung von mehreren Tagen ſie begrüßen, mußte um die auffallenden Mahnungen Bertinazzi's nähere Erkundigungen einzie⸗ hen... Er nahm ein leichtes Mahl in der Nähe des Corſo... Im Winter beſuchte er, um den Kaffee zu trinken, öfters das Café Greco... Sonſt ſetzte er ſich gern zu den deutſchen Malern, die im Café Greco hauſen... Aber auch hier war es ihm jetzt nur unheimlich gewor⸗ den... Die Monotonie klappernder Dominoſteine, das Raſcheln der Taſſen auf den ſchmuzigen Marmorplatten der Tiſche, die rauhen Kellnerſtimmen, die in den lä⸗ cherlichſten Tonſchwingungen Erfriſchungen, die aus der Küche heraufgebracht werden ſollen, ausſchreien, die phan⸗ taſtiſch aufgeputzten Bettler an der Schwelle, die ſich als Modelle vermiethen zu jener unwahren Welt, die die Romantik der Maler noch immer in ihren Ateliers mit ſüdlichen Staffagen gruppirt, während Italien dieſe Trach⸗ ten und Sitten naturwüchſig nur noch an wenig Stellen bewahrt hat— vollends die Künſtler ſelbſt konnte Benno 312 ſchon lange nicht mehr ſehen, ohne auch ſie der Fort⸗ pflanzung jener lügenhaften Zauber anzuklagen, mit denen Rom die Welt gefangen hält... Die Akademie ſage ihnen ſchon, was ſie allein hier finden ſollten... Sel⸗ ten, daß ſich eine Urkraft gegen die Tradition erhöbe und von Rom nicht blos Lehren, ſondern auch War⸗ nungen mitnähme...„Eine phraſenhafte Welt, in die ich alle dieſe Künſtler verſtrickt gefunden habe! Klings⸗ ohr— das wäre ihr Mann! Klingsohr müßte auch hier mit der Cigarre ſitzen und orakeln!“.. Benno begab ſich, da er auf den Monte Pincio wollte, in ein Café am Spaniſchen Platz... Da konnte er eine deutſche Buchhandlung überſehen, beſucht von ab⸗ und zukommenden Geiſtlichen, die ſich nur Schriften kauften, die in Wien, München, Regensburg, Münſter und Köln erſcheinen... Er ſah die augsburger„Allge⸗ meine Zeitung“, auf die ihn der Staatskanzler ange⸗ wieſen hatte... Er fand in allem Deutſchen nur noch die Spuren Klingsohr's... Es war ihm jener fort⸗ geſetzte Vatermord, deſſen dieſer ſich faſt in Wirklichkeit ſchuldig gemacht hatte... Er ſah in Deutſchland überall vom hohen Roß der gelehrten doctrinären Anmaßung die grünen Saaten der Neubildungen im Geiſtesleben der Völker zertreten und was gab den geheimen Druck der Sporen? Das egoiſtiſche Intereſſe der Fürſten, des Adels, der Geiſtlichkeit... Die Bewegung um den „Trierſchen Rock“ hatte immer mehr um ſich gegriffen ... Die„Allgemeine Zeitung“ verrieth ihm, wie ſelbſt nach Witoborn die Bewegung hinüberzuckte... Er dachte an Monika, Ulrich von Hülleshoven, Hedemann... riffen elbſt achte 313 An Gräfin Erdmuthe und— ihre apokaly ptiſchen Bil⸗ der über Rom... Es gibt Naturen, die vom Zweifel und einer Weltauffaſſung der Ironie in überraſchender Plötzlichkeit zu einer Leidenſchaft überſpringen können, die an ihnen völlig unvermittelt erſcheint... Es gibt Naturen, die jede Vorausſetzung, die ſogar nur von ihrer Beſonnen⸗ heit gehegt werden durfte, plötzlich durch die thörichtſten Handlungen Lügen ſtrafen... Die Umſtände hatten Benno aus der Bahn des hei⸗ matlichen Lebens und Denkens hinausgeworfen... Jene Courierreiſe, von den Umſtänden ſo harmlos ge⸗ boten, gab ihm den Anſtoß zu einer immer mehr um ſich greifenden Revolution ſeines Innern... Auf dem Capitol beim Geſandten ſeines engern Vaterlandes war er deshalb vorm Jahr kalt empfangen worden... Aber auch auf dem Venetianer Platz beim Geſandten Oeſter⸗ reichs, wo er ausgezeichnet worden, erwartete man ver⸗ gebens ſeine Wiederkunft... Durch ein zufälliges Be⸗ gegniß, durch einen Antheil ſeines Herzens, genährt durch die Erinnerung an ſeine Mutter, genährt durch die Mah⸗ nung, daß römiſches Blut in ſeinen Adern floß, hatte er ſich den hervorragenden Erſcheinungen des„ZJungen Italien“ genähert—... Schon hatte man ihm mehr Vertrauen geſchenkt, als er begehrte und als vielleicht von andern gutgeheißen wurde... Und dennoch lebte er in vertraulichſter Beziehung zu Menſchen, die er haßte und die er aus Grund der Seele hätte meiden ſollen... Dieſe Heseſite unterwühlten ſeine Ruhe, brachen ſeinen Muth. Auf ſeinem Antlitz fühlte er 314 eine brennende Maske, ein Mal der Scham... Sein Glaubensbekenntniß des Sichergebenmüſſens in Lagen, in die uns die Laune des Zufalls geſtellt hätte, war dahin... Nimm Partei! riefen ihm geheimnißvolle in⸗ nere Stimmen ſchon ſeit jener Stunde, als ſich ihm die Mutter in Wien in der ganzen Einſeitigkeit ihrer Na⸗ tionalität offenbart hatte... Als er dann Italien ſelbſt geſehen, als er auch Bonaventura in ſo wunderbarer Schnelligkeit auf den gleichen Boden verpflanzt gefunden, da führten die gemeinſchaftlichen Anſchauungen, die über⸗ einſtimmenden Ergebniſſe des Nachdenkens beide auf die feſte Ueberzeugung, daß nur in Italien und vorzugs⸗ weiſe aus der römiſchen Frage heraus die Entſchei⸗ dung der weltgeſchichtlichen Schickſale Europas zu ſuchen wäre. „Die Zeit deiner großen Revolutionen“, hatte Benno noch vor kurzem an den Onkel Dechanten geſchrieben, „iſt näher, als Du in Deinem friedlichen Aſyle ahnſt! .Die Frage, um die ſich Beda Hunnius ſo erhitzt, die Frage eines Bruchs der deutſchen Kirche mit Rom iſt nur ein Symptom... Rom und die große Sache der Geiſtesfreiheit können zu ihrem Abſchluß nur durch die politiſchen Schickſale Italiens kommen... Wird der Schemel der irdiſchen Macht dem Stellver⸗ treter Chriſti unter den Füßen weggeriſſen, dann kann ihm nichts mehr von ſeinen alten, auch den geiſtigen Druck der Welt unterſtützenden Machtanſprüchen bleiben ... Eine Weile wird er ſich noch Patriarch von Rom nennen dürfen; aber jede neue Phaſe der Geſchichte nimmt ihm eine Würde nach der andern... Damit bricht der Sein dagen, war le in⸗ m die Na⸗ ſelbſt barer nden, über⸗ f die tzugs⸗ ſſchei⸗ ſuchen Benno ieben, ahnſt rhitzt, Rom große nur elver⸗ kann ſſtigen leiben Nom rinamt tt der l 315 Bau der Hierarchie und das ſchon halbvollendete Werk der Jeſuiten zuſammen“... Ob auch der Katholicismus?... Benno hatte ſeinen zwiſchen Katholicismus und Pro⸗ teſtantismus in der Mitte gehenden Standpunkt offen dargelegt... Er hatte dem Onkel geſchrieben: „Ich glaube nicht an die propagandiſtiſche Kraft des proteſtantiſchen Geiſtes; ich zweifle ſogar an dem entſchei⸗ denden Ausſchlag, den die Völker der germaniſchen Zunge überhaupt noch der Geſchichte geben... Das germaniſche Mutterland iſt in zwei Hälften geſpalten: Oeſterreich hat die Gedankengänge der romaniſchen Welt angenommen; Preußen hat die kühne Neugeſtaltung Friedrich's des Großen nicht zu verfolgen gewagt... Die germaniſche Welt wäre nur inſofern kraftvoll, als ausſchließlich mit ihr der Proteſtantismus geht... Eine durch Oeſterreich vertretene germaniſche Welt iſt keine oder der Name Deutſchland wird zum Schrecken jeder Na⸗ tion, die ihre Freiheit anſtrebt... Nun aber lieb' ich Deutſchland, liebe ſeine Bildung, anerkenne ſeinen Beruf . So ſeh' ich keine Hülfe, die ihm geboten werden kann, als den Untergang Roms, die Zertrümmerung der⸗ jenigen Beſtandtheile der katholiſchen Kirche, die uns Ka⸗ tholiken von einer engern Gemeinſchaft mit den Pro⸗ teſtanten trennen... Ein geſtürztes Papſtthum wird Deutſchland einigen; ein frei gewordenes Italien wird Oeſterreich erinnern, wo Kaiſer Joſeph die Kraft des Kaiſerſtaates ſuchte— in einer Fortſetzung des Fridericia⸗ niſchen Zeitalters der Preußen... Gibt es einen Katho⸗ licismus ohne den Papſt?... Das iſt die große Frage 316 der Befreiung der Gewiſſen... Und wird ſie in dem Sinne beantwortet, daß Rom aufhört, die Metropole der katholiſchen Kirche zu ſein, was kann, das iſt die zweite Frage, von ihrem Leben zurückbleiben, um die Schranken zwiſchen ihr und den Proteſtanten niederzureißen?... Bonaventura will die Bibel und eine geläuterte Meſſe... Es ſind ſeine täglichen Gedanken— ſie erfüllen ihn ganz ...Ich ſelbſt beſitze zu wenig das Bedürfniß des— Cul⸗ tus, um darüber ein Urtheil zu haben“.. Benno fand die Mutter nicht daheim... Marco, der ihn bei jedem Beſuch mit größerm Befremden mu⸗ ſterte, verſicherte, er würde ſie beim Kloſter der„Leben⸗ digbegrabenen“ oder vielleicht jenſeits der Tiber finden ... Sie hätte Sancta Cäcilia, der heiligen Sangesmuſe, ihrer alten Schutzpatronin,„der ſie ſo vieles Gute dankte“, ihre Verehrung bezeugen wollen... Von be⸗ denklichen Vorfällen meldete Marco nichts... Der Ad⸗ vocat Bertinazzi hatte in der That zweimal anfragen laſſen... Was iſt Religion! ſagte ſich Benno— als er ſich auf den Weg machte zu den„Lebendigbegrabenen“... Bei ihnen war heute die Mumie ausgeſtellt... Die Men⸗ ſchen ſtanden noch bis auf die Straße hinaus und jeder hatte dem gläſernen Kaſten ein Leiden vorzutragen... Starr hing das braune Schreckbild der Euſebia Recanati an ſeinen goldenen Klammern... Die Menſchen berührten den Glasſchrank und erwarteten Hülfe... Selbſt aus der Zahl der Falten ihrer Kleider ſuchten ſie ſich die Num⸗ mern— die ſie für die nächſte Tombola ſetzen wollten! ... Die Maſſe iſt unverbeſſerlich! ſagte ſich Benno. n dem ropole weite ranken eſſe... ganz Cul⸗ karco, mu⸗ Leben⸗ finden muſe, Gute en be⸗ r Ad⸗ fragen h auf Bei Men⸗ hatte Start ti an en den s der Num⸗ iten! 317 Die Eingeweide der Vögel oder die Gewänder einer mung der Luft, der Wind, das anſteckende Beiſpiel— Ohne den Widerſtand der Prieſter und der Doctrinäre könnte der Deutſchkatholicismus ſogar den Rationalismus zu einer Art von Myſtik erheben, deren die Menſch⸗ heit nicht ſcheint entbehren zu können... Weder vor der Kirche, noch im Kloſter bei Olym⸗ piens Mutter fand ſich die Herzogin... Equipagen gab es genug; keine mit dem Wappen des Marquis Don Albufera de Hetares, Herzogs von Amarillas, ein Wappen, das der Miethkutſcher auf ſeine Wägen zu ſetzen geſtattet hatte... Benno wollte nach Sancta Cäcilia, zu welcher Kirche gleichfalls ein Kloſter gehörte. Es war nun in den Straßen dunkel geworden, ob⸗ gleich die Abendröthe noch ſchimmerte... Das Volks⸗ gewühl begann in dieſer Gegend wie täglich bei Un⸗ tergang der Sonne... Da wogten die Menſchen durcheinander, da erſcholl jener Lärm des Südens— um ein Nichts, um ein Paar alte Schuhe, um Schwe⸗ felfaden, um etwas Waſſer mit einem Stückchen Eis... Immer glaubt man, ein Kauffahrteiſchiff wäre eben an— gekommen und lüde die Schätze beider Indien aus.. Schon dampften Maccaroni in den auf offener Straße errichteten Küchen... Fiſche wurden geſotten in Pfan⸗ 318 nen, über die— wende dich ab, deutſcher Geſchmack!— der aufgekrämpte rothnackte Arm der Volksköchin die Oel⸗ flaſche gießt... So mancher Arbeiter hält jetzt erſt ſein Mittagsmahl auf Piazza Navona... Die Flei⸗ ſcherbuden bieten noch feil... Seltſam geformt und faſt an die alten Arenen erinnernd ſind die zertheilten Stücke, an denen die Knochen mehr als bei uns zurück⸗ bleiben...„Unſere Sitten das und unſere Sitten ſind gut!“— liegt auf den Mienen dieſer ſchreienden, ſin⸗ genden, ſchmauſenden— dann auch dazwiſchen wieder betenden Welt—... Die Thüren der erleuchteten Kirche Santa Agneſe ſtehen weit offen... Auf ihren Stufen im herausſtrömenden Weihrauchduft lagert ſich in be⸗ quemſter Behaglichkeit das ſüdliche Abendleben... Vorüber am Pasquino— am Palazzo Rucca— am Ufficio delle SS. Reliquie e dei Catacombe, wo Car⸗ dinal Ambroſi wohnt... Benno ſtand ſchon zu mehreren malen an dem grauen ſpaniſchen Gebäude mit den vergitterten Fenſtern ... Er dachte: Da hinten im düſtern Hofe wohnt ein Menſch, der ein Geheimniß iſt!... Bonaventura er⸗ fuhr ſein Leben von mir... Er floh vor einem Sek⸗ tirer— hatte die Mutter erzählt... Und doch ſoll er mit Fra Federigo im Einverſtändniß leben?.. So bilden ſich die Sagen, ſo verknüpft der Volks⸗ glaube... Das Volk kann das Seltene ſich nicht denken ohne unmittelbare Beziehung zu Gott; das Edle kann ihm nie ohne Wunder ſein; zwei große Menſchen können ihm nicht ohne das Band des Einverſtändniſſes leben—.. Dieſer einfache, ascetiſche Mönch erhielt eine Geſchichte, k— te Oel⸗ tt erſt Flei⸗ ſt und heilten zurück⸗ ſind wieder Kirche 9 0 Car⸗ n dem enſtern nt ein ra er⸗ Sel⸗ 319 von der er ſchwerlich ſelbſt eine Ahnung hatte Benno mußte auf den Beiſtand auch dieſes Cardinals rechnen, wenn Bonaventura in Rom erſcheinen ſollte .Eine Regung der Dankbarkeit für Fra Federigo ließ ſich bei ihm vorausſetzen... Und Fra Federigo ſelbſt!... Benno's eigene Erinne⸗ rungen trugen von Friedrich von Aſſelyn kein Bild. Nur aus Bonaventura's Charakter, nur aus dem Be⸗ ſtreben ſeines Vaters, für die Welt ſeinem Weibe zu Liebe ein Geſtorbener ſein zu wollen, konnte er ſich die Züge erklären, die allgemein von jenem Einſiedler unter dem Laubdach eines waldenſiſchen Eichenhains erzählt wur⸗ den... Von Gräfin Erdmuthe wußte er, daß ſie eines Tags vor längern Jahren aus einem walden⸗ ſiſchen Gottesdienſt zu Fuß nach Hauſe kam, mit einem ihrer Diener auf dem Heimweg deutſch ſprach und dar— über von einem Mann angeredet wurde, der hinter ihr her ging, ſich als Deutſcher zu erkennen gab, auf einer Fußwanderung nach den Seealpen begriffen zu ſein er⸗ klärte und durch Zufall jener Predigt beigewohnt hatte, die ein Geiſtlicher gehalten, der keinen katholiſchen Ornat trug... Der Fremdling konnte dieſe faſt altlutheriſchen Sitten des Gottesdienſtes nicht unterbringen und ließ ſich über die Waldenſer von einer Dame unterrichten, in der er mit Ueberraſchung einer geborenen Freiin Harden⸗ berg, aus altem norddeutſchen Geſchlecht, begegnete. Ihm ſelbſt, ſagte er, wären die Gedichte eines Hardenberg Novalis) von größter Anregung geweſen... Dann— bei tiner Kapelle— zur„ beſten Maria“, an der ſie vorüber mußten— bekannte er ſich der über die Anerkennung ei⸗ 320 nes Verwandten freudigerregten Frau zwar als Katholi⸗ ken, ſagte aber: Was hat wol Ihr frühvollendeter Vetter unter jener Maria verſtanden, die er zum Anſtoß der Seinen ſo oft beſang! Doch wol nur Sophia von Kühn, die er liebte und die ihm ſtarb, noch ehe ſie die Seine geworden! So wird unſer eigenes Leben zuletzt die lau⸗ terſte Quelle unſerer Religion... Hardenberg⸗Novalis ſang, fuhr er fort: „Wenn alle untreu werden, So bleib' ich dir doch treu—!“ Er ſang es in ſo perſönlicher Freundſchaft für den Erlöſer, daß ich dieſem Lied mein Glaubensbekenntniß verdanke .. Die Religion muß für jeden Einzelnen ſein eigenes perſönliches Verhältniß zu Gott werden und die Kirche ſoll nur ſo viel dazu mitthun und mithelfen, wie ein Wächter, der ein Stelldichein der Liebe hütet! Alles andere, jede andere Einmiſchung in unſere innere Welt iſt vom Uebel! .Die Gräfin, die ihren herrenhutiſchen Glauben annähernd richtig gedeutet ſah, bat den Fremdling, auf Caſtellungo einige Tage Raſt zu halten... Er zögerte anfangs, folgte aber doch, da er ermüdet und offenbar im Beginn einer Krankheit ſchien... Dieſe überfiel ihn denn auch, als er das ſtolze Schloß beſchritten und die erſte freundliche Bewirthung der Gräfin genoſſen hatte... Sein überreizter Zuſtand gab ſich ſogleich in einem heftigen Strom von Thränen kund, dem ein Fieberfroſt und eine lange Nervenkrankheit folgte... Die Gräfin widmete ihm die größte Sorgfalt und erfüllte zugleich die Bitte, die ſich in einzelnen lichten Momenten von ſeinen fahlen Lippen ſtahl, daß ſie keine Nachfor⸗ s Katholi⸗ deter Vetter Anſtoß der von Kühn, die Seine st die lau⸗ g⸗Novalis den Erlöſer, ß verdanke ſein eigenes Kirche ſol en Wächter, andere, jede vom Uebel! en Glauben ndling, auf Er zögerte nd offenbar iſe übeffi ſcriten und fin genoſſen lech in anin n Ficbaft Die Grufn ällte unlit wmenten 1 ne Nachſor ſchungen über ſeinen Namen und ſeine Herkunft anſtellen ſollte... Er hätte keine Verwandte mehr, wollte todt ſein und bäte, ihn nicht anders als Friedrich zu nennen— Das Reich des Friedens, ſagte er, find' ich nicht mehr auf dieſer Erde, ich zöge gern hinüber; mir ſelbſt aber den Tod zu geben, wäre vermeſſen; unſichtbare Feſ⸗ ſeln halten mich auch noch— doch bin ich nicht mehr, was ich war— ich bin ein Todter... Die Gräfin hatte Benno erzählt, daß der Fremdling damals wenig über vierzig Jahre zählte, eine ſeltene Bildung beſaß und mit den Lehrſätzen ſeiner Kirche um perſönlicher Er⸗ lebniſſe willen in Spannung ſchien... Oft hätte ſie ihn für einen flüchtigen Prieſter gehalten... In ihn zu drängen und Namen und Stand von ihm zu begehren, widerſprach ihrer Sinnesart, ja die Verehrung vor dem „Signor Federigo“, wie ihn ſogleich die Schloßbewohner nannten, wuchs bei ihr zu einer ſo innigen Freundſchaft, daß die ſchon gereifte Frau, damals Witwe, ſein Schei⸗ den nur mit größter Betrübniß würde erlebt haben ... Er ſeinerſeits faßte die gleiche Neigung für die edle Dame, deren religiöſe Denkweiſe nicht ganz mit der ſei⸗ nigen übereinſtimmte, die aber Verbindungsglieder ge⸗ meinſchaftlicher Anſichten und Stimmungen bot... So knüpfte ſich zwiſchen beiden ein ſeeliſches Band, das aus den Erzählungen der Gräfin mehr von Benno geahnt werden konnte, als ihre Worte ſchilderten... Sie ließ die jedenfalls auf Friedrich von Aſſelyn paſ⸗ ſende Aeußerung fallen, daß der Fremdling die Wappen und Farben ihres Hauſes von der ältern Linie her kannte, ſie oft mit Rührung betrachtet hätte und ſelbſt wol Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 241 322 dem Adel angehörte... Faſt wie aus Furcht vor Be⸗ gegnungen, die gerade auf dieſem Schloſſe nicht unmög⸗ lich waren, hätte der Fremde ſowol den langen Bart, der ihm in ſeiner Krankheit gewachſen war, nicht entfernen, noch auch auf dem Schloſſe ſelbſt länger wohnen mögen... Unter dem Schutz der Geſetze, die aus aufgeklärtern Zeiten, als die unſerigen, ſtammten und den die Gräfin ſo muthig wiedererobert hatte, verweilte er eine halbe Meile vom Schloſſe entfernt in einem Hauſe, das 3 er ſich im Wald aus Baumſtämmen ſelbſt gezimmert hatte... Die Menſchen der Umgegend nannten ihn „Fra Federigo“... Man rühmte ſeine Kenntniſſe in der Heilkunde, in Sachen des Ackerbaus und der Güterbe⸗ wirthſchaftung... Er kannte das Recht, die Geſchichte, die Lehnsverhältniſſe in allen europäiſchen Geſetzgebungen ... Anfangs ließ er ſich nur mit Widerſtreben von den Umwohnenden beſuchen. Zuletzt, wenn die Gräfin auf längere Zeit nach Wien mußte, war ſein Rath allen und ihren eigenen Verwaltern unumgänglich... Unter ſeiner Eiche hielt er eine Bienenzucht und nahm in dieſer ſummenden Geſellſchaft, zu der noch eine Ziege und ein Hund gehörten, immer mehr die Weiſe eines Eremiten an, der, geſchieden von der Welt, auch ſein Aeußeres nicht mehr nach den Geſetzen der Geſellſchaft einrichtet... Briefe empfing er nicht; ebenſo las er anfangs keine Zeitungen; ſpäter deſto theilnehmender, bis er ſich dieſe Lectüre verſagte, nur um nicht den Reiz der Rück⸗ kehr in die Welt zu mehren... An Anfechtungen durch die Geiſtlichen und Behörden fehlte es nicht... Seine Anſpruchsloſigkeit und der Schutz der Gräſin bewahrte vor Be⸗ unmög⸗ art, der en, noch gen... eklärtern Gräfin er eine iſe, das zimmert ten ihn ſe in der Güterbe⸗ heſcichte gebungen von den din ꝛuf llen und er ſeiner n dieſer und ein niten an, ds nicht htet. 4 s keine a ſS der Rück gen durcj Seine teorhrie ihn vor größern Unbilden... Bis dann freilich die Jeſuiten immer mächtiger und mächtiger wurden und die Eiferſucht der Dominicaner reizten... Hof und Ca⸗ binet von Turin kamen in die Hände der Jeſuiten... Nun begannen Verfolgungen, Einkerkerungen... Bald nach Fefelotti's Erſcheinen verſchwand plötzlich der in⸗ zwiſchen zum Greiſe gewordene gütige und allgeliebte Waldbewohner... Eines Morgens fand man ſeine Siede⸗ lei leer; ſeine Ziege hatte noch ihr Futter für einige Tage, ebenſo ſein Hund, der angebunden war... Als er los⸗ geſchnitten wurde, rannte er ſchnurſtracks nach Coni bis in das dortige erzbiſchöfliche Ordinariat, wo die übrigen Gefangenen ſaßen... Dort wurde er feſtgehalten und eingeſperrt... Als man ihn eines Tags losgeriſſen fand, behauptete man, ihn in Robillante geſehen zu haben und zwar, wie die Gräfin Benno verſicherte, mit eingeklemmtem Schweif, herabhängenden Ohren, trauernd hinter einer düſtern und verſchloſſenen Kut⸗ ſche herlaufen, die von zwei Gensdarmen begleitet wurde .Die Kutſche kam aus dem Officium der Domi⸗ nicaner zu San⸗Onofrio und fuhr der großen Straße gen Oſten zu... Das Thier, ſagte ſie, hatte die Witterung ſeines Herrn und konnte ihm in ſeiner verſchloſſenen Kutſche nicht beikommen... Selbſt als man ſpäter vom Auftauchen Fra Federigo's bei Lo⸗ retto und unter den Räubern der Mark Ancona gehört hatte, ließ ſich die Gräfin nicht nehmen, daß jene noch an einigen andern Orten auf ihrer geheimnißvollen Fahrt geſehene Kutſche ihren Freund nach Rom abgeführt hätte— eine Anſicht, die niemand mehr als Bonaven⸗ 21* 324 tura theilte— er, der ſie mit einem Schmerz nachfühlte, dem Benno in Gegenwart der Gräfin nur einen unvoll⸗ kommenen Ausdruck geben konnte... Benno's Anſicht: Dein Vater erfuhr deine wunderbare Ernennung zum Bi⸗ ſchof von Robillante und floh aus eigenem Antrieb vor dir und vor dem möglichen Wiederſehen deiner Mutter und Friedrich's von Wittekind!— ließ Bonaventura in einem Augenblick gelten, im andern trat ihm wieder das Bild der verſchloſſenen, von Gensdarmen nach Rom geführten Kutſche wie eine Mahnung entgegen, nicht eher zu ruhen und zu raſten bis ſein greiſer Vater aufgefunden war... Benno wurde aufs mächtigſte von dieſen Räthſeln er⸗ griffen beim Hinblick auf San⸗Pietro in Montorio, wo Bruder Hubertus gewohnt hatte... Er hatte die Mutter in Traſtevere geſucht... Auch in Santa⸗Cecilia, bei den Benedictinerinnen, fand er ſie nicht... Nun wollte er einen Miethwagen nehmen und nach Monte Pincio zurückfahren... Da im allerletzten Abendſonnenſtrahl leuchtete ſo ſchön und verklärt, San⸗Pietro in Montorio auf... Wo konnte er ſich beſſere Kunde vom Bruder Hubertus holen, als dort oder vielleicht— bei Sebaſtus in Santa⸗Maria?... Letztern zu meiden drängte ihn alles... Er erſtieg den Hügel, auf dem die Paoliniſchen Waſ⸗ ſerleitungen ſich ſammeln, klopfte an das Kloſter, neben einer Kirche, der einſt Raphael ſeine Transfiguration ge⸗ malt... Von den beim Nachtimbiß ſitzenden Alcantarinern kam einer an das Sprachgitter und ſagte auf Benno's Fragen: Wir wiſſen von dem deutſchen Bruder nur, daß man ihn cffühlte, unvoll⸗ Anſicht: um Bi⸗ ieb vor tter und neinem s Bild führten mruhen par... ſſeln er⸗ rio, wo Mutter bei den wollte Pincio enſtrahl ontorio Bruder ebaſtus gte ihn en Waſ⸗ . neben tion ge⸗ ern kam Fragen: nan ihr — 325 noch in Ascoli ſah... Die Leiden des Biſchofs von Ma⸗ cerata ſind im Druck erſchienen und Ihr werdet ſie ge⸗ leſen haben... Seine Befreiung iſt dem wunderthä⸗ tigen Marienbild von Macerata beizuſchreiben, das eines Tages ſpurlos verſchwand*)... Das Volk gerieth in Aufregung und beſchuldigte das Kapitel von Macerata, das Bild weggeſchloſſen zu haben, um auf dieſe Art die Räuber zu zwingen, den Biſchof freizulaſſen... In der That bemächtigte ſich eine ſolche Unruhe der Ge⸗ gend, daß die Genoſſen des Grizzifalcone Angſt bekamen und ſich herbeiließen, lieber den Biſchof auf freien Fuß zu ſtellen... Der Heilige hat viel dulden müſſen— das Marienbild iſt dann wieder erſchienen... Von Bruder Hubertus, der dem Domkapitel jene Hülfe angerathen hat und ſo ohne alle Mühe den Biſchof rettete, iſt ſeit⸗ her nichts mehr vernommen worden... Wir wiſſen, er hat den Grizzifalcone getödtet in einer Nacht, wo wir ganz andere Dinge von ihm erwarteten... Ein Toll⸗ kopf war's... Er auch nur allein konnte ſich unter Räu— ber begeben, deren Hauptmann er getödtet hatte... Auch von dem Pilger wißt Ihr, der dem Grizzifalcone für ſeine Bekehrung hat alles leſen und ſchreiben müſſen?... Ein Franciscanerbruder ſprach vor einigen Tagen bei uns vor und hat ausgeſagt, man hätte den Mönch mit dem Todtenkopf und mit ihm zugleich den Pilger jenſeit der Grenze in den Abruzzen geſehen... Auf Benno's dringenderes Forſchen rief der Pförtner den Guardian... *) Thatſache. 326 Dieſer kam und verſicherte, beide Verſchollene wären auch ſchon lange nicht mehr in den Abruzzen, ſondern in Calabrien, wo ſie ein Wallfahrer in dem ſchluchtenreichen Silaswalde wollte geſehen haben... Im Silaswalde!... An der äußerſten Grenze Italiens — Auf den meerumbuchteten Landzungen Neapels ſchon — in den älteſten Hainen der Welt von Eichen⸗ und Ka⸗ ſtanienbäumen—... Immer weiter und weiter rückte die Beruhigung des aufgeregten und ſelbſt ſo düſter bedrohten Freundes in Robillante... Würde Benno ſich freier be⸗ wegt haben, er hätte ſich an Ort und Stelle begeben, um nach dem geheimnißvollen Pilger zu forſchen... Die Ungewißheit, der Einfall der Gebrüder Bandiera, die Furcht vor Olympia's Rache, Bangen vor den Mah⸗ nungen Bertinazzi's hielten ihn von der Ausführung dieſes Vorſatzes ab. Benno kämpfte mit ſich, ob er die Mutter heute auf⸗ geben und nicht lieber ſofort zu Bertinazzi gehen ſollte, den er erſt morgen in erſter Frühe hatte beſuchen wol⸗ len... Die volle Nacht war hereingebrochen, als Benno von San⸗Pietro niederſtieg. Die Einſamkeit des Weges beflügelte ſeinen Schritt⸗ . Schon im zweifelhaften Abendlicht ſind die nächſten Trümmerhaufen und Gartenmauern Roms unheimlich. Er wandte ſein Auge vom Anblick der Peterskuppel ab... Das Bild: Morgen um dieſe Stunde wer⸗ den dort die marmornen Bilder des Vatican lebendig! machte ihm das Blut erſtarren... Er kannte dieſen Braccio Nuovo.. „Hundert lachende Prieſter ſah er in wären dern in nreichen taliens Mah⸗ führung ute auf⸗ n ſollte, en wol⸗ nno von Schritt nächſten nlich. tetuppel de wel⸗ tbendig! e dieſen h er in feſtlichen Gewändern, bei Fackel⸗ und Kerzenſchein, durch die mit den Marmorſärgen der erſten Chriſten geſchmück⸗ ten Corridore ſchreiten... Die Statuen der römiſchen Kaiſer wurden lebendig und ſchloſſen ſich ihnen an... Im Saal des Braccio Nuovo ſchimmerten Bankettiſche, Vaſen voll Blumen, ſilberne Urnen voll Eis mit dem „Bier der Franzoſen“, wie Sarzana geſagt hatte; alles im glänzenden Licht, ausgeſtrömt von zahlloſen Ker— zen... Die Julien, Livien und Agrippinen der Impe⸗ ratorenzeit kamen mit ihren faltenreichen Gewändern in den Saal und ſetzten ſich zu den Zechenden... Da thront Ceccone, mit dem Rücken gelehnt an die berühmte Gruppe des Nil.. Sechszehn kleine Genien kugeln ſich über⸗ müthig auf dem koloſſalen Sinnbild der Ueppigkeit und Fruchtbarkeit... Der lachende Silen blickt auf den neugeborenen Bacchus dicht neben Biſchof Camuzzi... Fefelotti liebäugelt mit der berühmten Statue des Demo⸗ ſthenes, die ſoviel zierliche Fältchen wirft; mehr, als ein Redner voll Natürlichkeit ſeiner Toga erhalten konnte, als er gegen Philipp von Macedonien donnerte.. Nun trommelt die Schweizergarde Immer neue Gäſte kommen im Purpur vorgefahren und die Meduſen⸗ häupter nicken ihnen den Gruß; die Athleten erheben ſich, die Iſisprieſterinnen verneigen ſich... Olympia— läßt lachend vor Erwartung den Arm auf dem Sockel ihres Apollin ruhen—... Oder blickt ſie finſter wie die„ver⸗ wundete Amazone“—?... Er ahnte, daß ſie diesmal ſeiner Flucht aus Villa Torreſani nicht im mindeſten zürnte, ſondern feſt und ſicher ihn für morgen erwartete * 328 Die Qual der Entſchlußloſigkeit trieb Benno dahin, wie von Furien gepeitſcht... Er kam der Tiber näher... Die Brücken, die in die innere Stadt führten, waren entlegen... Hie und da ging eine Treppe nieder, wo in einem angebundenen Kahn ein Schiffer ſich ſtreckte und auf einen Verdienſt wartete... Er wollte ſich überſetzen laſſen. Wie ein Träumender blickte er um ſich... Hier in der Nähe ſind die Spitäler... Es konnte nicht befremden, daß da und dort jene geſpenſtiſchen Geſtal⸗ ten der Todtenbruderſchaft auftauchten... Die Begräb⸗ niſſe finden des Nachts ſtatt... Benno erblickte einige dieſer bald weißen, bald ſchwarzen Kutten in Kähnen auf dem gelblichen Strom dahinglei⸗ ten. Die Via Lungaretta ſchien ihm heute endlos... Er hatte überſehen, daß er die Abbiegung zur Bartolo⸗ mäusbrücke ſchon hinter ſich hatte und ſich an Ponte Rotto befand, einer Gegend, wo es ſchwerlich Fiaker gab Memento mori!... Sollte er den Beſuch der Mutter für heute aufge⸗ ben?... Sollte er zu Bertinazzi gehen?.. Da ſchritt wieder vor ihm her ein ſchwarzer Todten⸗ bruder... Er kam aus dem engen Winkelwerk der Häuſer heraus und ſtieg eine Treppe nieder... Hier glänzte die Tiber auf... Im Abenddunkel boten die Lichter am Ufer und die in den Strom hineingebauten Mühlen einen be⸗ ſonders lebhaften Anblick... Eine Schar von Bettlern und Straßenjungen zeigte Benno hinter einem Gebäude den Kahn, den der Todtenbruder ſuchte.. 5 dahin, die in die und ndenen erdienſt Hier nicht Geſtal⸗ egtäb⸗ 11.. warzen winglei⸗ artolo⸗ Ponte Fiaker aufge⸗ kodten⸗ Häuſer te die n Ufer ien be⸗ ettlern ebäude 329 Es zog auch ihn zum Tode... Er muſterte die ſtolze Haltung ſeines Gefährten... Oft verbargen ſich unter dieſem Kleide die angeſehenſten Nobili, wenn ſie gerade die Reihe des Dienſtes in der Bruderſchaft ihres Viertels traf... Benno rief dem Schiffer, ihn noch mitzunehmen und ſtieg die Stufen nieder... Der ſchwarze Leichenbruder, eine hohe, ſchlanke Ge⸗ ſtalt, hatte eben zum Abfahren winken wollen... Jetzt erſt, da er noch einen Paſſagier ſich nachkommen ſah, ſetzte er ſich... Auf dem trüben, ungleichen, ſtrudelreichen Bett der Tiber glitt der leichte Kahn dahin, geführt von einem jun⸗ gen halbnackten Burſchen, der den vom Kopf bis zum Fuß verhüllten Todtenbruder ſcheu betrachtete und vor Freude über die glückliche Eroberung zweier Paſſagiere ſtatt eines eine Weile ſprachlos blieb... Rings funkelten immer heller und zahlreicher die Lichter von den Ufern auf... Auch bei den Benfratellen drüben war Licht... Man⸗ cher Leidende mochte dort eben ſeinen letzten Seufzer aus— hauchen, mancher Geneſende die Hände zum Dankgebet er⸗ heben... Die hie und da auftauchenden Sterne ſpiegelten ſich nur matt in den trüben Wogen, auf deren Grund ſo tauſendfach die Reſte der Jahrhunderte ſchlummern, ſo man⸗ cher Fund, deſſen Entdeckung das Entzücken des For⸗ ſchers ſein würde... Auf der Quattro⸗Capi⸗Brücke war es ſo lebhaft wie auf Piazza Navona... Noch ſtachelten verſpätete Fuhrleute ihre rieſigen weißen Och⸗ ſen, deren ſtolzgewundene Hörner nur eines Kranzes bedurften, um den Opferthieren Griechenlands zu gleichen 330 ... Noch zankten Treiber mit ihren ſchreienden, in Ita⸗ lien ſo heißblutigen Eſeln... Die Glocken läuteten... Ein ſolcher Abend ſcheint im Süden erſt das Erwa⸗ chen zum Leben zu ſein... Kähne glitten dahin mit aufgehäuften Gemüſen und Früchten ſchon für den mor⸗ genden Markt... Die Ruderer mußten Acht haben; von den Tauſenden von Trümmerſteinen, die in dem Bett des geſchichtlichſten aller Ströme ruhen, iſt die Fahrt auf ihm keine ebenmäßige... Benno, tiefermüdet, redete den Todtenbruder, von dem er nur die Augen ſehen konnte, mit den Wor⸗ ten an: Dieſer Dienſt in der Nacht hat ſicher ſeine Be⸗ ſchwerlichkeit... Der Todtenbruder antwortete nicht... Die Römer ſind ſonſt höflich... Benno glaubte nicht verſtanden worden zu ſein, wiederholte ſeine Worte und ſetzte hinzu: Aber Sie löſen ſich häufig ab?... Der Todtenbruder zog ſtatt der Antwort jetzt ſogar ſeine ſchwarze Kopfbedeckung ſo, daß ſelbſt ſeine feurigen Augen verdeckt blieben.. 2 Seltſam! dachte Benno... Der Mann iſt ſchwerlich taub... Er trägt vielleicht ein Leid wie du.. Benno ſchwieg und hörte auf den Schiffer, der in italieniſcher Gewohnheit ſchon für jede andere Gelegen⸗ heit ſich empfahl, wo die Herrſchaften vielleicht wieder die Tiber befahren wollten... Er nannte ſich Felice und beſchrieb ſeinen Vater, der den Stand an Quattro⸗ Capi drüben hätte und der beſte Schiffer von der Welt p * in Ita⸗ eten... Exwa⸗ hin mit en mor⸗ haben; in dem Fahrt r, ven Vor⸗ ne Be⸗ glaubte Vorte ſogar eurigen werlich der in gelegen⸗ wieder Felice nattro⸗ Welt e 351 wäre... Benno kannte, was man alles bei ſolchen Gele⸗ genheiten in Italien zu hören bekommt; jede neue Kund⸗ ſchaft wird ſogleich fürs Leben feſtgehalten... Er war nicht in der Stimmung, die Unterhaltung mit Felice fortzuführen... Er ſah auf den Todtenbruder, der vielleicht das Gelübde des Schweigens abgelegt hatte . Vielleicht war es ein Vornehmer, den ſein nächtli⸗ ches Amt verdroß... Wieder glitt eine Barke mit zwei Benfratellen, die von der Bartolomäusinſel kamen, vorüber... Auch dieſe hatten ihre Kapuzen über den Kopf gezogen... Sie wurden von einer dritten Barke gekreuzt, die gleich⸗ falls ein Mitglied der Todtenbruderſchaft führte— in weißer Verhüllung... Der Gedanke lag nahe, an eine große Sterblichkeit zu denken, die über Rom gekommen... Im Herbſt pflegte ſich ſeit einigen Jahren regelmäßig die Cholera einzu⸗ ſtellen... Felice beſaß den angeborenen Scharfſinn der Italie⸗ ner... Eine angeſchnittene Melone, die neben dem Mantel Felice's lag, betrachtete Benno mit einem Blick, der bei ſo vielen Todeserinnerungen keinen Appetit danach ausdrückte und Felice las ſogleich die Gedanken in der Seele ſeines zweiten Paſſagiers, denn er ſagte: Eh!... Sie kommt dies Jahr nicht wieder... Benno wußte, was Felice meinte, mochte aber die Converſation nicht fortführen... Felice aber im Gegentheil... Signore, flüſterte er, als handelte ſich's um einen Gegenſtand der größten Discretion, ich ſtehe drüben bei ——— 332 Capo di Bocca— dicht an der Apotheke... Da, wo meine Mutter die Melonen verkauft... Saftige, Herr! ... Sehen Sie, verſuchen Sie!... kommt dies Jahr nicht wieder... Die Krankheit mein' ich, Signore... Der Padrone der Apotheke hat es ſelbſt an die Leute geſagt... Signor, bei Capo di Bocca... Rufen Sie nur immer: Felice!... Woher weiß der Padrone der Apotheke, daß die Cho⸗ lera diesmal nicht wiederkommt? fragte Benno, um dem Redeſtrom ein Ende zu machen... Signore! Weil ſie kein Gift mehr verkaufen dür⸗ fen... Er ſagt' es geſtern erſt dem Wirth der Na⸗ vicella... Signore, das iſt das Kaffeehaus drü⸗ ben, wo mich jeder findet, der nur am Ufer nach Felice—... Gift verkaufen? Wozu Gift—? unterbrach Benno, der ſich die Pein dieſer Kundſchaftsempfehlungen abkür⸗ zen wollte... Haha! lachte Felice und ſtieß ſein Ruder auf ein hartes Geſtein, das— vielleicht der Torſo einer Statue des Praxiteles war... Die Brunnen vergiften ſie nicht mehr... Das glauben die dummen Leute... Eh—! ... Die Brunnen!... Haha, Signore!... Aber ma⸗ chen Sie eine Partie, Herr— Nach Ceri, Herr— Ceri iſt die älteſte Stadt der Welt— Ich nehme meinen Bru⸗ der mit... Morgen?... Meinen Bruder Beppo... Warum ſagt ihr: He? und lacht— Was glauben die klugen Leute über die Cholera—?... Felice machte eine Miene, als durchſchaute er alle Geheimniſſe der Welt... 1 Signore! Nein, ſie e Was iſt's, wenn die Apotheker kein Gift mehr ver⸗ kaufen dürfen? wiederholte Benno... Gift?... Nicht verkaufen?... Die Apotheker ſagen’s und die armen Leute glauben's... Aber die Rei⸗ chen— die bekommen Gift, ſoviel ſie wollen... Und die Aerzte— die brauchen's gar nicht aus der Pharmacia zu kaufen... Die Armen? Die Reichen? Die Aerzte... Wie hängt das alles zuſammen?... Felice machte Mienen, die Benno allmählich verſtand . Er ließ nur einfach die eine Hand vom Ruder los und fuhr damit hinter's Ohr mit ausgeſpreizten Fingern... Eine Miene, die etwa ſagte: Wir ſind nicht ſo dumm, wie wir ausſehen— die Aerzte vergiften zur Zeit der Cholera auf Befehl der Reichen die Armen— ... Signore— nach Ceril fuhr Felice fort, als Benno verſtanden zu haben ſchien und ſeinerſeits gleichfalls eine Geberde machte, die mit ſüdländiſcher Offenheit ſoviel ſagte, als: Felice, du biſt ein Eſel!... Ceri iſt die älteſte Stadt der Welt!... Vielleicht morgen— ich nehme noch meinen andern Bruder mit— Außer Beppo noch den dritten, den Giuſeppe. Die Cholera iſt alſo eine Krankheit, die von obenher befohlen wird! unterbrach Benno... Alle Jahre ſoll einmal der Staatskörper von ſeinem Ungeziefer gereinigt werden! Nicht ſo, ihr Thoren?... Die Miene und Betonung Felice's drückte das ſtarrſte Feſthalten ſeiner Meinung aus... Wie wenig ihm daran lag, ſeine Geſinnung über die Aerzte, Apotheker 334 und die Reichen in Rom geändert zu bekommen, ſagte die Mahnung: Herr, die Tiber kennen ſelbſt die Römer noch nicht alle... Gewiß, Herr, ſelbſt wenn Sie ein Römer ſind, haben Sie noch nicht Caſtellana geſehen... Ci⸗ vita Caſtellana iſt das Wunder der Welt... Wenn wir Morgens um vier Uhr einen Kahn nehmen, natür⸗ lich— mit Beppo, mit Giuſeppe und Francesco— Francesco, Herr, iſt mein vierter Bruder... Das erzählt man allerdings aus der Cholerazeit, unterbrach Benno mit Entſchiedenheit... Wer einen Feind hatte, tödtete ihn bei dieſer Gelegenheit; ſchlechte Frauen vergifteten ihre Männer, ſchlechte Männer ihre Frauen, ruchloſe Kinder ihre Aeltern... Im allgemeinen jammervol⸗ len Klagen und Sterben ging eine Leiche mit der andern, ohne daß man danach fragte, ob wol das Gift, an dem ſie den Geiſt aufgeben mußten, aus der ſchlechten Luft oder — aus den Kellern kam, wo nur die Ratten daran ſterben ſollten... Sagt man nicht das?. Dieſe Frage richtete Benno an den ſchwarzen Tod⸗ tenbruder... Faſt getroffen von Benno's Worten hatte ſich dieſer von ſeinem Sitz erhoben... Vom Nachthimmel ſich abzeichnend ſtand die Geſtalt in ſchöner, langer, ſchlanker Haltung— ein Bote des Minos, ein Abgeſandter des Richters aus der Unterwelt... Benno hatte noch einmal geglaubt den Verſuch ma⸗ chen zu ſollen, den ſtummen Paſſagier zu einer Ant⸗ wort zu bewegen... — ſagte ch nicht Römer . Ci⸗ Wenn natür⸗ 8c0— lerazeit, n Feind Frauen Frauen, mervol⸗ andern, dem ſie ft oder ſterben n Tod⸗ dieſer nel ſich chlanker ter des uch mo⸗ er Ant— Der Todtenbruder ſprach in der That auf ſeine Frage ein leiſes und hohles: Man— ſagt— das... Benno horchte der Stimme und fuhr fort: Eine entſetzliche Vorſtellung, ſich ſo feige Mörder denken zu müſſen, die eine Zeit der allgemeinen Auf⸗ löſung des Vertrauens, eine Zeit der Trauer benutzen, um mit gedecktem Rücken einen dann wahrſcheinlich ſichern Mord auszuführen... Wiileder ſchien der Todtenbruder von dieſen Worten eigenthümlich berührt... Er ſchwieg, fiel nicht zuſtim⸗ mend ein, drückte keine Verachtung eines ſo feigen Mor⸗ des aus, ſondern wandte ſich nur ab, um durch ſeine kleinen Augenöffnungen auf die bald erreichte Brücke der „Vier⸗Häupter“ zu ſehen... Als ſich nun auch Benno erhob, gerieth der Kahn in ein Schwanken... „Felice ſpreitete raſch die Beine aus und hielt das Gleichgewicht. Um ſeine oßneßin wie auf der Flucht vor dem Schmerz⸗ lichſten befindlichen Gedanken nicht zu ſehr aufzuregen, fragte Benno: Kennſt du das Haus des Rienzi, Felice—?... Im ſelben Augenblick ſprach aber auch der Todten⸗ bruder noch eine Antwort auf Benno's Aeußerung von vorhin.. Sie kam verſpätet, kam aus der kleinen Oeffnung der Kapuze, die nur allein dem Mund und der Naſe das Athmen erlaubte, dumpf und hohl ..„ 336 O gewiß— es gibt— genug der Falſchheit— in der Welt.. Dieſe Worte klangen ſeltſam... Sie klangen wie von einem Ergrimmten... Wenigſtens wurden ſie durch die Zähne geſprochen... Benno, der ſelbſt eben geſprochen hatte, verſtand nicht ſogleich und fragte: Es gibt—? ſagten Sie?—... Genug der Falſchheit in der Welt! wiederholte der Todtenbruder ſcharf und gereizt... Benno horchte auf... Dieſen Ton der Stimme glaubte er zu kennen... Noch kürzlich, vielleicht erſt ge⸗ ſtern hatte er dieſe Stimme gehört... Wer iſt das— 2 ſagte er ſich ſtaunend und haftete auf einer Erinnerung an einen der bei Olympien geſehenen Gäſte— Zunächſt an den Fürſten Corſini— der in der That ſeinen Palaſt jenſeits der Tiber hatte... Der Todtenbruder kehrte ihm jetzt den Rücken... Eben fuhren ſie unter der Brücke Quattro⸗Capi hinweg... Wo liegt das Haus des Rienzi? wiederholte Benno noch einmal, ſich zu Felice wendend... Er mußte dabei dem Klang der Stimme nachdenken... 2 Signore, das Haus des Rienzi kenn' ich nicht, er⸗ widerte Felice eiligſt, aber ich verſichere Sie, nach Civita Caſtellana iſt es die ſchönſte Reiſe von der Welt... Auch Cicero hat da gewohnt... Es geht gegen den Strom, aber wir nehmen noch meinen fünften Bruder— Euere Brüder ſind zahllos! unterbrach Benno ungedul⸗ dig... Dann nach dem Todtenbruder ſich wendend, ſagte t— in gen wie ſie durch verſtand olte der Stimme erſt ge⸗ das innerung Zunäcſſt n Palaſt ten.. vo⸗Capi Benno zte dabei ⁴ icht, er⸗ tGrii 4.. egen den ruder— ungedul⸗ nd, ſagte 33 er: Wo hat nicht alles in Italien Cicero gewohnt!... Cicero und Virgil ſind dem Italiener geläufig wie die Heiligen... Aber Cola Rienzi, euer Volkstribun, iſt euch unbekannt geblieben, Felice!. Jetzt glaubte Benno für beſtimmt annehmen zu dür⸗ fen, daß der ſchwarze Leichenbruder unter ſeiner Kapuze lachte... 3 Es war ein Lachen des Hohns... Prinz Corſini konnte das nicht ſein... Corſini gehörte zu den Freimüthigen, aber er war in ſeinen Ma⸗ nieren höflich... Unter dem erſten Hermenkopf der„Vierhäupter⸗ brücke“, eines alten Römerwerks, ſtieg der Todten— bruder aus... Er ſchien voll Ungeduld die Stein⸗ treppe erwartet zu haben... Beim Abſchied bot er Benno auch nicht den leiſeſten Gruß... Seinen kupfer⸗ nen Obolus warf er dem Schiffer in die Mitte des Kahns wie ein Almoſen... Felice's Grazie Eccellenza! ſagte wenig über ſeinen Stand... Benno zahlte mehr, als üblich... Da durfte er ſich nicht wundern, daß Felice, den er fragte, ob er den Todtenbruder kenne, behauptete, dieſen nicht blos öfters, ſondern alle Tage zu fahren... Er nannte ihn einen Herzog, einen Principe,„wenn er auch nur zahlte, was in der Regel“... Daß er Cardinäle fahre, offen und geheim, Principeſſen, mit und ohne Schleier, ſetzte er ermuthigend hinzu... In jener Unermüdlichkeit, mit der der Italiener ſeinen Einen Gedanken des Gewinns, darin ganz dem Juden gleich, feſthält, kam er wieder auf Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 22 f .— —————— die Reize einer Stromfahrt von zwei Tagen bis zu dem Ort zurück, zu deren Merkwürdigkeiten nun auch noch der Eingang in die Hölle gehören ſollte... Benno war endlich von ihm befreit und ging, um⸗ rauſcht vom Lärm der Straßen... Das Benehmen des Todtenbruders, ſein ſtolzes, fe⸗ ſtes Dahinſchreiten am Quai, das Benno noch beobach⸗ ten konnte, ſein höhniſches Lachen, die ſcharfe Betonung über die Falſchheit der Welt veranlaßte Benno, dem Unfreundlichen noch einige Schritte weiter als nöthig zu folgen... Er hatte Worte gehört, die ſein Innerſtes erſchütterten... Wandelte er denn auch auf Wegen, die offene und gerade waren?... In wenig Augenblicken war die geſpenſtiſche Erſchei⸗ nung verſchwunden... Benno ſah ein offenes Thor, durch das der Todtenbruder mit ſeinem flatternden ſchwarzen Gewande hindurchſchritt... Benno befand ſich hier bei den Hinterpforten größerer Häuſer, die nach vorn dem Theater des Marcellus zu liegen... Hier gibt es kleine Gärten, kleine Pavil⸗ lons... Die Dunkelheit verbarg den unſchönen Anblick ttalieniſcher Hinterfronten mit ihren ſchmutzigen Galerieen, ihren ausgehängten alten Teppichen, ihrer aufgehängten zerriſſenen Wäſche, ihren ſchmutzigen Geräthſchaften und jenem Colorit der Wände, deſſen vorherrſchender Ton ein verfängliches Gelb iſt... Alles das vergißt man freilich in Italien um einer einzigen Palme willen, die aus ſolchem Gewirr in einem kleinen Gärtchen verſteck emporwächſt.— Auch hinter jener Pforte, wo der Todtenbruder ver⸗ — zu dem noch der ;, um⸗ zes, fe⸗ eeobach⸗ ettonung », dem thig zu nnerſtes Wegen, Erſchei⸗ s Thor, tternden größeret ellus zu Pavil⸗ Anblick alerieen, ehängten tten und der Ton ißt man llen, die verſtect per⸗ der vel 339 ſchwunden war, lag, wie Benno jetzt ſah, ein ſolches Gärtchen... Wer wohnt hier? fragte er einen am Waſſer mit dem Ausladen eines verſpätet angekommenen Kahns Be⸗ ſchäftigten... In dieſem Palazzo—? erwiderte der Angeredete und bot ſofort ſtatt der Antwort, auf die er ſich die Miene gab, ſich gründlich beſinnen zu wollen, vorerſt ſeine Waaren an, die der Herr gerade hier am zweckmäßigſten angetroffen hätte... Walzbreter zur Bereitung von Nudeln, hölzerne Löffel, einen Steinkrug zur Aufbewah⸗ rung ſeines Oels... Wer in Italien handelt, glaubt, daß mian ſich zu jeder Zeit aus dem Gebiete gerade ſeiner Branche aſſortiren könne; in die Eilwägen hinein reicht man zinnerne und blecherne Küchengegenſtände,„die man jetzt gerade wohlfeil haben könnte“... Und auch dieſer Mann wahrte erſt ſeinen Vortheil und zeigte auf hundert Schritte weiter ſeinen Laden. Aber den Beſitzer des„Palazzo“ konnte er nicht nennen... Dann war es eine großmüthige Regung von ihm, daß er, als Benno keinen Steinkrug für ſein Oel mitnahm, doch einen andern Mann anrief und dieſen fragte: Wer wohnt in dem Palazzo?... Nach vorn hin, hatte Benno inzwiſchen geſehen, ſtand allerdings ein ſtattliches Gebäude... 4 Ein Advocat... Ein reicher Mann— hieß es... Ein Advocat?... Vielleicht Bertinazzi? dachte Benno und ſah ſich nach einem mittelalterlichen alten Hauſe, dem des Rienzi, um... 2 22⸗ 340 Wie auch bei uns die Kinder in die Läden treten und fragen können: Wollen Sie mir nicht ſagen, wie viel die Uhr iſt? und, wenn ſie's gehört haben, als Zugabe ihrer Frage ein Paar Roſinen. verlangen, ſo tauſchten ſich auch hier mit den paar Worten die Intereſſen der ſich verſammelnden Italiener aus... Benno bekam ſo viel Anerbietungen von Waaren, ſo viel Verlangen nach Bajocci, ſo viel Anerbietungen zum Führen, zum Tragen, zum Helfen, daß er zu dem ſeiner Natur wenig entſprechenden Mittel greifen mußte, aus der Geberdenſprache der Italiener eine Miene zu wählen, die die einzige iſt, der die unerträgliche Zu⸗ dringlichkeit weicht... Macht jemand dieſe Miene, ſo iſt der Italiener gewiß, einen Landsmann vor ſich zu haben, von dem er nichts zu erwarten hat... Benno ſtreckte nicht gerade die Zunge aus, was in ſolchen Fäl⸗ len, um vor dem italieniſchen Bettelgeſindel Ruhe zu bekommen, das allerſicherſte Mittel iſt; er warf nur ein⸗ fach den Kopf in den Nacken mit der Miene eines gleich⸗ ſam vor Hochmuth Närriſchgewordenen... Da ließ man ihn gehen... In der That hatte er aber doch erfahren, daß dieſer Hausbeſitzer, dieſer reiche Nann und Advocat— Signore Clemente Bertinazzi war... Bertinazzi!.. Wieder blickte er auf die Pforte und ſiehe da, wieder trat jemand, diesmal ein Mönch mit heraufgezogener Ka⸗ puze ein. Das ſind Verſchworene! ſagte ſich Benno. Der Gedanke überlief ihn wie ſiedende Glut... ³ treten ;, wie n, als en, ſo en die n, ſo tungen u dem mußte, ene zu ſe Zu— ene, ſo ſich zu Benno n Fäl⸗ uhe zu ur ein⸗ gleich⸗ a ließ dieſer ignore wieder er Ka⸗ Er ſann und ſann nun um ſo mehr: Wer war der ſchwarze Todtenbruder, der dich offenbar kannte, der dir ſeine Verachtung ausdrückte— trotz deiner Erwäh⸗ nung Rienzi's... Benno wandte ſich in größter Aufregung wieder der Brücke zu... Hier hatte er einen Fiaker zu finden gehofft... Schon ſuchte er danach nicht mehr... Es trieb ihn in die Straße, nach der hinaus das Wohnhaus des Advocaten ſeine Vorderfront hatte... Auch hier bemerkte er, raſch nacheinander kommend, zwei weiße Todtenbrüder, die in dem offenen Thorweg des Hauſes verſchwanden... Bertinazzi hält eben ſeine Loge... Dieſe Vorſtellung ſtand nun feſt bei ihm... Sollte er folgen?... Er hatte das Loſungswort... Er trug in ſeinem Portefeuille ein Zeichen von Silberblech mit einem aus den Flammen ſich erhebenden Phönix... Beides hatten ihm die Brüder Bandiera für den Fall gegeben, daß er in Rom die Bekanntſchaft des Advocaten Bertinazzi machen wollte, dem ſie aufs wärmſte über ihn geſchrieben zu haben behaupteten.. Mit lautklopfendem Herzen kehrte er zur Flußſeite zurück... Hier war es jetzt ſtiller geworden... Ruhig wogte der Strom... Den Beſuch der Mutter gab er auf... Schon ſchlug es zehn... Im Hauſe des Advocaten, dem er von der Garten⸗ 342 ſeite näher zu kommen ſuchte, war alles ſtill und dunkel ... Es mußte eine gewaltige Tiefe haben; die Entfer⸗ nung vom Ende des Gärtchens bis zur Vorderſeite war eine anſehnliche... Wieder näherte ſich ein Schatten der Gartenpforte— ... Wieder huſchte dieſer an Benno vorüber und ging ins Haus... Benno ſtand— wie am Scheidewege ſeines Lebens ... Der Gedanke an morgen war ihm an ſich ſchon der Tod— was verſchlug es, wenn er den letzten An⸗ lauf nahm und ſich in den Abgrund ſtürzte?...„ Wo ſollte er die Stimme, den Wuchs, den Gang des ſchwarzen Todtenbruders hinbringen... Eine fieberhafte Ideenverbindung zeigte ihm die drei Reiter, die ihm im Gebirge ſo ſeltſam den Weg hatten ab⸗ ſchneiden wollen... Erſchien ſein Umgang mit den Ty⸗ rannen Italiens denen verdächtig, an die er empfohlen war?... Voll Unruhe begab ſich Benno abermals nach vorn... Jetzt ſah er einen Kapuziner zu Bertinazzi eintreten... Und nur ihm ſchien alles das aufzufallen; die Straße hatte ganz ihr übliches Leben... Schon griff Benno nach ſeinem Portefeuille und über⸗ zeugte ſich, daß er das Symbol des Phönix bei ſich hatte... Einen in Hemdärmeln vor der Thür ſeiner Taverne ſtehenden Wirth fragte er: Iſt das— da drüben— ein Kloſter?... Nein, Signore! war die Antwort... Das Haus des Advocaten Bertinazzi.... 8 ddunkel Entfer⸗ ite war forte— id ging Lebens h ſchon en An⸗ v Gang die drei tten ab⸗ den Th⸗ pſohlen orn... ten... Straße d über⸗ bei ſich Taverne Haus 343 Ich ſehe Mönche eintreten... Bei einem Arzt und Advocaten, Herr, ſagte der Wirth lachend, hat alle Welt zu thun... Und nicht jeder zeigt's dann gern... Mancher Principe wartet auf den Abend, wo er die Kutte des Todtenbruders umlegen darf— Und— nun— die Pfaffen gar... Der Wirth machte eine Miene, als wäre Rom einmal die Stadt des Carnevals und der Carneval ſtünde nicht blos im Februar im Kalender— ſondern zu jeder Zeit und dann hätten am meiſten die Prieſter ihre Heimlichkeit... Die Geberdenſprache des Südens iſt die Sprache der größten Deutlichkeit... Benno mußte, um dem vertrauensvollen Manne zu danken, ſeinen Wein verſuchen... Es war nicht der Wirth der nahen Goethe⸗Campa⸗ nella... Der Orvieto, den Benno begehrte, war gut ... Stürmiſch rollte das Blut in Benno's Adern auch ohne den Wein... Er war in einer Stimmung, die Welt herauszufordern... In dem dunkeln Gewölbe der Kneipe ſaßen beim qualmenden Licht der Oellampe Männer aus dem Volk Die Unterhaltung betraf noch immer den Grizzi⸗ falcone... Einige Häuſer weiter hatte der Räuber ge⸗ wohnt, als er die Courage gehabt, nach Rom zu kom⸗ men... Man erzählte ſeine Heldenthaten... Man rühmte auch den Muth der beiden deutſchen Mönche... Benno horchte und horchte... Der Wirth pries ſich glücklich, den Pasqualetto nicht 344 beherbergt zu haben... Die Polizei hätte jeden Winkel der Herberge an der Tiber nach dem Tode des Räubers durchſucht.. Alle Welt wußte, daß niemand durch dieſen Tod glücklicher war, als die Zoll⸗ bediente, auf deren Strafe der alte Rucca es abge⸗ ſehen hatte... Die Pfiffigen und Klugen haben hier immer Recht .. Um den Grizzifalcone blieb es„Schade, daß er nicht— Gonfalionere in Ascoli geworden“... Benno hörte lachen— die Gläſer aufſtampfen— hörte Geſinnungen, die denen der Lazzaronis Neapels entſprachen.. 4 In ſeinem Innern klangen die Worte des Attilio Bandiera:„Man muß die Völker zur Freiheit zwin⸗ ger.... Damals hatte er noch erwidert:„Mit der Gulllo⸗ Kine 2.. Neue Welten waren in ihm aufgegangen. In jenem Hauſe konnte er das Schickſal der Freunde erfahren, um die er ſich in ſo große Gefahren des Lebens und der Seele gewagt hatte... Der Tag, vielleicht die Stunde konnte ihm dort genannt werden, wann die Brüder in Porto d'Ascoli landen mußten, wann Ravenna, Bo⸗ logna ſich erhoben... Er ſagte ſich: Es iſt der Weg des Todes! Sollſt du ihn beſchreiten?... Und gehſt du ihn nicht ſchon? antwortete eine Stimme ſeines Innern... Bleib' auf deiner Straße— des Ver⸗ hängniſſes!... Wild mit der Rechten durch ſeine Locken fahrend er⸗ te jeden m Tode te, daß ie Zoll⸗ 3 abge⸗ r Recht daß er fen— Neapels Attilio zwin⸗ Guillo⸗ reunde Lebens ht die grüder „ Bo⸗ Sollſt timme Ver⸗ hob er ſich... Stürmenden Muthes verließ er die Schenke... Sie rufen mich! ſprach er vor ſich hin und ſah— jene Geiſter des Beiſtands, von denen ihm Attilio geſprochen... Auf der Höhe ſeines Lebens war er angekommen... Dahin alſo hatten alle Ziele ſeines Schickſals gedeutet .Er ſah ſeine erſten Anfänge wieder— fühlte den Kuß jener ſchönen Frau, die ſich trauernd über ihn beugte, wenn ſie aus dem Wagen geſtiegen— Die in Spanien erworbenen goldenen Epaulettes ſeines Adop⸗ tivvaters Max von Aſſelyn blitzten auf... Zigeuner⸗ knabe, du biſt in deiner Heimat! klang es um ihn her wie aus tauſend ſilbernen Glöckchen... Dann wieder waren es Geigentöne— wie ſie damals der buͤcklige Stammer zwiſchen ſeinen Erzählungen von der Frau, die nur die deutſchen Worte:„Tar Teifel!“ kannte, auf dem Finkenhof ſtrich. Du gehſt! ſagte er ſich und ſchritt dem Hauſe nä⸗ her. Und dernnoch würde Benno vorübergegangen ſein, wenn nicht die menſchlichen Entſchließungen unter dämoniſchen Geſetzen ſtünden... Der eine Flügel des offen ſtehenden Hausthors war ſoeben von einer nicht ſichtbaren Hand von innen ge⸗ ſchloſſen worden... Eben bewegte ſich der andere Flügel, um gleichfalls zuznfallen... Der Anblick dieſer kleinen, noch eine Secunde offen gelaſſenen Spalte beſtimmte den wie vom Schwindel Ergriffenen und halb Beſin⸗ nungsloſen raſch vorzutreten und die beiden Worte zu ſprechen: 346 Con permesa!... Eine Stimme antwortete: Que commande?... Eine kurze Pauſe folgte... Die Schlange wechſelt ihr altes Kleidl!... Das Erkennungswort des„Jungen Italien“ war ausgeſprochen... Es war kein freier Wille geweſen, der dieſe ver⸗ hängnißvollen Worte von Benno's Lippen brachte.. Es war ein fremder Geiſt, der aus ihm ſprach, ja— der ihn dieſe Loſung ganz deutlich und feſt ausſprechen ließ... Er trat in den wiedergeöffneten Flügel und befand ſich in einem dunkeln Gange.. Die Thorpforte fiel hinter ihm zu... ver⸗ 10. Kommen Sie aus der Schweiz? fragte aus dem Dunkel heraus eine heiſere rauhe Stimme... Das menſchliche Weſen, dem die Stimme angehörte, entwickelte ſich ſeinem Auge erſt allmählich als eine Frau... Ich will Sie dem Herrn anmelden... lautete die ſeinem Schweigen folgende Rede... Ein Schlorren, ein aſthmatiſches Keuchen... Ein langes Verhallen der Schritte... Dieſe Räume ſchie— nen endlos zu ſein... Es iſt geſchehen! ſprach er zu ſich ſelbſt und ſagte faſt hörbar: Alſo nur die aus der Schweiz Kommenden erkennt man an dieſem Loſungswort, das ich von den Ban⸗ diera weiß!... Benno zog ſein Portefeuille, um das Zeichen des Phönix zur Hand zu haben... Die Flüchtlinge, die ſich in Robillante an ihn wand⸗ ten, um in allerlei Verkleidungen weiter zu kommen, hatten auch ihm ein ſolches Zeichen entgegengehalten... Wenn die ohne Zweifel in dieſem Augenblick hier 348 verſammelte Verſchwörung entdeckt— wenn er ſelbſt mit den Mitgliedern derſelben aufgehoben wurde!... Darin ſah die Zerrüttung ſeines Innern, die Hoff⸗ nungsloſigkeit ſeiner Seele kein Unglück mehr... Beim Suchen nach dem Portefeuille fand Benno ein Mittel, ſich Licht zu machen... Nach italieniſcher Sitte führte er ein Streichfeuerzeug bei ſich... In den finſtern großen Häuſern Italiens hilft man ſich auf dieſe Art gegen die überall mangelnde Beleuchtung... Kleine brennende Wachsenden reichen aus für jeden zu erklet⸗ ternden vierten Stock.. Benno ſah nun eine Halle, die in einen gedeckten und überbauten Hof führte... Da hingen alte Bilder an den feuchten Wänden... Sollte hier die Tiber zuweilen ſo weit austreten, um dieſe Häuſer iiherſchwemmen 8 können?... 1 Die Alte, die mit einer Lampe zurückkam, unterſchi nun... Sie war vom Alter gekrümmt und ſchi dem Reich der Nacht zu kommen.. Mit der Lampe den Fremdling belend Der Herr ſoll wiederkommen— War dein Loſungswort eine Beſs kräftig genug wirkte? ſagte ſich Benno Jetzt überreichte er ſein zweites Creditiv, chen von Silberblech und eine Karte mit men... Die Alte nahm beides, betrachtete es flüchtig und 4 entfernte ſich wieder. Inzwiſchen ging Benno in den Hof, der überbaut war Wieder ſah er einen langen Gang... Seſſel —— —)—y ————— — 349 ſtanden in dieſem an den Wänden, ohne Zweifel für die Clienten vom Lande, die an jedem Markttag die Schreib⸗ ſtuben der Advocaten belagern... Er verglich Nück's Lage mit der Bertinazzi's... Jener der leidenſchaftliche Freund der Jeſuiten und allen Umtrieben derſelben ganz wie ein geheimer Verſchwörer zugethan; dieſer, wie er wußte, ein Angehöriger der Familie jenes Ganganelli, der als Papſt die Jeſuiten aufgehoben hatte, und im Geiſt ſeines Ahnen fortwirkend... Das Syſtem der Menſchen⸗ und Lebensverachtung mußte bei beiden daſ⸗ ſelbe ſein... Die Alte kam zurück und winkte nun ſchweigend... Sie zeigte nach hinten, kehrte noch einmal in den Hof und zur Pforte um, die ſie mit einem eiſernen Quer⸗ balken verſchloß, und bedeutete Benno, der bei einer Stiege angekommen war, dieſe nicht zu betreten, ſon⸗ dern auf eine Thür zuzugehen, die ſie öffnete... Es war eine jener ſüdlichen Matronen, die die Freude eines Balthaſar Denner geweſen wäre, des NRunzel⸗ malars... Durch einige mit Büchern und Landkarten gefüllte Zimmer hindurch kam Benno jetzt erſt an eine andere Treppe, die er erſteigen mußte, um endlich bei dem unter den Römern hochberühmten Doctor der Rechte Clemente Bertinazzi einzutreten Dieſer trat ihm lächelnd entgegen... Benno fand einen langen, hagern Mann... Der Aus⸗ druck ſeiner Geſichtszüge war der jener fanatiſchen und träu⸗ meriſchen Beharrlichkeit, die ſich zunächſt als mathema⸗ tiſche, oft pedantiſche Strenge zu geben pflegt... Ebenſo 350 verband ſich die Pedanterie mit Schwärmerei bei Luigi Biancchi, dem armen Gefangenen von Brünn; ebenſo leidenſchaftlich war in ſeiner träumeriſchen Welt der trockene und magere Püttmeyer... Dieſe Menſchen wußte Benno unterzubringen... Sie hatten nicht die Schön⸗ heit der Willensäußerung, die Grazie der Lebensfor⸗ men Bonaventura's; aber der feſte, beharrliche Sinn war derſelbe... Clemente Bertinazzi hätte in ſeinem langen Haus⸗ kleide, das ihm bequem um die magern Glieder hing, ebenſo einen alten Geizhals darſtellen können, der über ſeinen Schätzen wacht und ſich nächtlich mit einer alten Dienerin in dieſem weitläufigen Hauſe ängſtlich ab⸗ ſchließt... Doch die allmählich erglühende Kraft ſeiner Augen verrieth edlere Eigenſchaften... Bald ſah 2 Benno, daß dem Mann ein eigenthümlicher Flor ü ſeinen Augen und den untern Anfängen ſeiner lag, jener geiſtige unbeſtimmte Dämmer, der nih vot weiſe bei myſtiſchen Naturen findet. 3 Endlich, endlich, Signore lſelyno! ſag vocat und ſtreckte die Rechte aus zu Gruße und zugleich den Eindruck prüfend junge Mann in Geſtalt und Haltur ng mach Benno d'Aſſelyn!... erw triee diefen und legte ſeine zitternde Hand in die des Ad dten.. Warum kommen Sie erſt jetzt? Ich weiß von Ih⸗ nen ſchon ſeit lange über Malta her, wo ſich die Brüder Bandiera für Sie verbürgt haben... Man hat Sie dort verdächtigen wollen... Allerdings kann man Ihre Be⸗ ziehungen zu unſern Tyrannen zweideutig finden... — Ich hörte, Sie lernten unſere Machthaber in Wien ken⸗ nen und da dachte ich: Um ſo beſſer, wenn Sie dieſe Menſchen beobachten... Ich vertraue jeder Bürgſchaft, die die Bandiera leiſten... Kennen Sie meine Freunde perſönlich? ſprach Benno noch in Befangenheit und ausweichend... Nein... erwiderte Bertinazzi und zog, um das Bild eines alten Garcon zu vervollſtändigen, eine Tabacksdoſe... Aber ich habe Urſache von Ihnen das Beſte zu denken... Ja auch ſonſt hab' ich das Princip gehabt, fuhr er ſchnupfend und von unten her Benno muſternd fort, nicht zu weiſe ſein zu wollen... Die Verſchwörer, die überall Spione wittern, haben nie mein Vertrauen gehabt... Haben Sie noch ein drittes Erken⸗ nungszeichen außer dem Gruß und dem Phönix?... Benno verneinte... So gehören Sie den Vertrauten an, nicht den Wiſ⸗ ſenden... Die Zahl dieſer Vertrauten, wußte Benno, war in Italien ſo groß, wie bei uns die der Freimaurer... Sind die Wiſſenden die oberſte Spitze? fragte er. Die oberſte noch nicht! entgegnete Bertinazzi.. Sie haben durch den Phönix den zweiten Grad— einen vorbereitenden— und vielleicht gar ohne Schwur ... Die Wiſſenden ſind erſt der dritte... Der vierte ſind die Leitenden... Erſt der fünfte iſt der höchſte . Das iſt der Grad der Namenloſen... Zu die— ſem gehör' ich nicht einmal ſelbſt und weiß kaum, ob in Rom ein„Namenloſer“ exiſtirt... Dieſe Organiſation kann ſich halten und wird nicht 35²2 verrathen?... fragte Benno— unwillkürlich der Worte Ceccone's— über ſeinen Mörder gedenkend... Sie kann an einzelnen Theilen verrathen werden und wird es auch, antwortete Bertinazzi... Aber die Theile ſind nicht das Ganze... Einer kennt den an⸗ dern auch noch nicht auf dem Standpunkt der Wiſſenden . Derjenige, der wie ich den Grad der„Leitenden“ hat, kennt immer nur zwölf Wiſſende... Dieſe, die eine Loge bilden, ſind ſich untereinander ſelbſt völlig un⸗ bekannt... Die Gruppe, zu der Sie gehören, iſt groß und an Vertrauten mögen wir wol in Rom allein dreitau⸗ ſend haben... Der erſte Grad vollends, derjenige, der die Loſung kennt, iſt dem Verrath am meiſten ausge⸗ ſetzt... Sie werden genug Prieſter und Verdächtige in dieſen Reihen finden... Ich würde Ihnen auch noch auf den Phönix nicht Gehör gegeben haben in ſo ſpäter Stunde, wenn ich nicht glaubte, daß Sie irgend⸗ eine wichtige Sache zu mir führte... Weiß man in den hohen Kreiſen, daß in dieſen Tagen—. Der Advocat hielt forſchend inne.. Ich beunruhige mich über das Schickſal der Gebrüder Bandiera, ſagte Benno... Man erwartet ihren Ein⸗ fall... Wann findet er ſtatt?... Bertinazzi's Miene drückte eine Verlegenheit über dieſe Frage aus... Er ſagte: Für ſolche Dinge haben Sie den Grad nicht... Dann aber, und gleichſam, um ſeine Ablehnung zu mildern, kam er auf Benno's Lebensverhältniſſe... Seltſam— Sie werden, hör' ich, von der kleinen Fürſtin Rucca gefeſſelt... Der Unſeligen!... Nun, nun— 5 1 zu ſin Sie ſind jung und pflücken die Kirſchen, wo ſie reif ſind! . Von Geburt ſind Sie ein Deutſcher. Meine Mutter iſt eine Italienerin... Gut— gut—! Und Sie bringen nichts, was mit Ceccone— Fefelotti— Rucca oder irgendeinem unſerer Tyrannen zuſammenhängt?... Benno ſchwieg... Einige Zimmer weiter ſchien laut geſprochen zu werden... Ohne Zweifel hatte Benno die Loge unterbrochen und ſtörte Bertinazzi... Dieſer nahm auch eine Lampe vom Tiſch und ſagte aufhorchend und mit ausweichender Miene: Ich habe mich gefreut— Sie beſuchen mich wieder?.. Auf Benno's Lippen brannten die Fragen: Befindet ſich hinter jenen Wänden nicht jetzt die Loge—?... Wer war jener ſchwarze Todtenbruder?... Was hab' ich zu thun, um die Stunde des beabſichtigten Aufſtands zu erfahren?... Natürlich, daß ſeine Stimmung dieſe Fragen unter⸗ drückte... Aber ſein Zögern gab dem Advocaten Veranlaſſung zu den leicht hingeworfenen Worten: Treten Sie doch in den dritten Grad!... Sie ſchwören nur, die Unabhängigkeit und Freiheit Italiens mit jedem Mittel zu fördern, das von den Führern Ihnen vorge⸗ ſchrieben wird... Mit jedem Mittel— 2... Auch mit dem Mord?— ſagte Benno nach einiger Ueberlegung... Das iſt der vierte Grad... Zu dem Sie gehören?... wallte Benno auf... Gutzkow, Zauberer von Rom. VIlII. 23 354 Der vierte Grad anerkennt nur zuweilen die Noth⸗ wendigkeit des Todes für Verräther und Tyrannen... Erſt der fünfte Grad vollzieht ihn... Ich ſagte ſchon, ein„Namenloſer“ befindet ſich vielleicht in dieſem Au— genblick weder in Rom noch in Italien. Ceccone weiß, daß ihn ein Verſchworener tödten ſoll... ſagte Benno.. Bertinazzi horchte auf, ſchüttelte dann aber den Kopf und ſagte: Das ſpricht aus ihm die Furcht... Sein Tod iſt von niemand beſchloſſen worden... Er hat Feinde, die der ſonſt Allwiſſende vielleicht an ſeinem eigenen Buſen nährt... In Italien ſterben die Menſchen zuweilen, etwa wie bei der Cholera, aus gelegentlichem Verſehen... Ja, er ſoll ſich in Acht nehmen... Aber nun bitt' ich— mich in der That zu entſchuldigen... Ich habe mich gefreut, daß Sie an uns dachten—! Wirken Sie in Ihrem Kreiſe durch die Geſinnung, ſoviel es geht und— ver⸗ weilen Sie nicht zu lange in ihm!... Man könnte Sie falſch beurtheilen wie ſchon einmal in Malta... Benno's Blut ließ ſich nicht mehr beruhigen... Wann landen die Gebrüder Bandiera—? ſprach er mit drängender Haſt... Bertinazzi zuckte die Achſeln und erwiderte: Darüber— muß ich ſchweigen.. Die Landung wird in Porto d'Ascoli ſtattfinden... Haha! erwiderte Bertinazzi... Das erwartet Cec⸗ cone 5.. Der Advocat ſtand von plötzlichem Zorne geröthet.. Ein krampfhaftes Zucken glitt über ſeine Züge. Noth⸗ ... ſchon, 1 Au⸗ tödten Kopf d iſt e, die Buſen etwa .Ja, mich freut, Ihrem ver⸗ önnte ch er 355 Doch Sie verſtehen meinen Unwillen nicht— beru⸗ higte er Benno und ſich ſelbſt... Die Loge erwartet mich... Bleiben Sie der Geſinnung treu, deren mich zwei edle Menſchen über Sie verſichert haben... Und in allem Ernſt— theilen Sie mir aufrichtig die Gefahren mit, die uns von den Tyrannen drohen, wenn Sie dergleichen durchſchauen... Für heute nun— gute Nacht!... „Benno hielt den Arm des Advocaten, der ihm freund⸗ lich hinausleuchten wollte... Ein fernes Geräuſch, das wol aus der Loge kam, feſſelte ſeine Aufmerkſam⸗ keit... Warum konnte Bertinazzi ſo aufwallen über die Er⸗ wähnung jenes Hafens an der adriatiſchen Küſte?... Alle Verwickelungen ſeines vergangenen, ſeines künf⸗ tigen Lebens ſah Benno jetzt in einem einzigen Augen⸗ blick mit magiſcher Helle... Geboren durch ein Verbrechen, geboren ohne einen Vater, auf den er ſich mit Ehren berufen konnte, geboren ohne eine Mutter, die er ſorglos ſein nennen durfte, gehegt, gehütet von Frauen, von Prieſtern, hatte er eine Einwurzelung im deutſchen Leben um ſo weniger finden können, als auch daheim die Knechtſchaft waltete... Alles, was damals in Deutſchland rang und zum Lichte ſtrebte, war in dieſem Augenblick ſein Bunds⸗ genoſſe... Deutſchland wollte frei ſein von dem⸗ ſelben Geiſt, deſſen Conſequenzen Italien gefeſſelt hielten... Von Italiens Tyrannen gingen die Bann⸗ flüche über Freiheit und Aufklärung in die Welt aus... Drei Geſtalten traten ihm ſchon immer aus der Geſchichte 23* 356 vors Auge— ſie lebten und wirkten gleichzeitig: Fried⸗ rich Barbaroſſa, der Kaiſer— Hadrian IV., der Papſt— Arnold von Brescia, der Tribun von Rom ... Wer ſollte nicht die Größe des Hohenſtaufenkaiſers bewundern— und doch ſchloß Barbaroſſa Frieden mit Hadrian, ſeinem wahren Feinde, und überlieferte ihm zur Beſiegelung eines Actes der Falſchheit, den der nächſte Augenblick zerriß, einen der edelſten Menſchen, Schüler Plato's, Petrarca's, einen Weiſen, der nach langen Irr⸗ fahrten in Frankreich und der Schweiz elf Jahre lang Rom ohne die Päpſte regierte, der die Kirche verbeſſerte, der Vorläufer der Waldenſer und der Reformatoren wurde... Barbaroſſa ſah mit ſeinen bluttriefenden Söldnerſcharen den Scheiterhaufen auflodern, mit dem ſich unter dem ſchützenden Banner des deutſchen Adlers Hadrian an ſeinem geiſtigen Todfeind rächte... Un⸗ ſere Zeit kann nicht mehr mit Friedrich Barbaroſſa, ſie muß mit Arnold von Brescia gehen... Auch Benno's Vater war kein Ghibelline— Doch war er ein Welf im ſchlechten Sinne... Wie der Kronſyndikus wollte ſich Benno nicht zu Roß ſchwingen und die eigene Fahne und die Freiheit ſeiner Hufe wahren im Geiſt Heinrich's des Löwen, vor dem Barbaroſſa einſt kniete und vergebens um Hülfe die Hände rang. Auch der welfiſche Geiſt Klingsohr's war nicht der ſeine... Er wollte die Vernichtung des Ichs zum Beſten des Allgemeinen... Die Form der Frei⸗ heitsthat, das lehrten die Bandiera, iſt in unſern Tagen die Verachtung der materiellen Welt Dieſe, die nur anerkennt, was in Glanz und Würde . Nied⸗ f., der n Rom neaiſers den mit ihm zur nächſte Schüler n Irr⸗ e lang beſſerte, natoren efenden it dem Adlers .Un⸗ varoſſe Auch er ein Indikus nd die ren im eint 3357 ſteht, dieſe, die den Widerſchein der regierenden und mit momentaner Macht ausgeſtatteten Thatſachen in hohler Geſinnung liebedieneriſch auch auf ſich zu lenken ſucht, dieſe, die für äußerſtes Unglück hält, gehäſſig ge⸗ kennzeichnet zu werden durch den Widerſpruch mit dem Gegebenen, hatte Benno ſchon längſt verachten gelernt .In dieſem einen magiſchen Augenblick hörte er eine himmliſche Muſik der Ermuthigung... Boten des Frie⸗ dens ſchwebten über die Erde und retteten ihn von allen Folgen ſeiner falſchen Stellung— retteten ihn vor den Schrecken— vielleicht des nächſten Tags... Bonaven— tura war unter dieſen Seligen— Bonaventura, umringt von den Erfüllungen ſeiner Träume, von den Tröſtun⸗ gen ſeiner Klagen... Was in ſo vielen ſtillen Nächten von Robillante nur von des Freundes beredten Lippen gekommen, ſchien in himmliſchen Geſtalten verkörpert zu ſein... Bertinazzi's erwartungsvoller Blick ſagte: Ich rette dich vor dir— vor Olympien— vor dem geiſtigen Tode—... Und fändeſt du auch den wirklichen, wäre der nicht beſſer als ſolch ein Le— ben—?... Benno entſchloß ſich, nur noch Italiener zu ſein und der Revolution den Schwur des dritten Grades zu lei⸗ ſten... Wenn Bertinazzi über dieſe Erklärung lachte, ſo war es ein Lachen ohne Falſch... Es war das Lachen über einen erwarteten und zutreffenden Erfolg... Bertinazzi hob von der Wand über ſeinem Schreib⸗ tiſch einen Spiegel und ſtellte ihn auf die Erde. Dann drückte er auf die ſcheinbar leere Wand... Sie 358 öffnete ſich... Benno ſah einen Schrank mit verſchie⸗ denen Schubfächern... Das ſind die Acten meiner Loge! ſagte Bertinazzi und ließ Benno in Papiere einblicken, die mit allerhand myſtiſchen Zeichen beſchrieben waren... Ohne Zwei⸗ fel eine Chiffreſchrift, die ohne den dazu gehörigen Schlüſſel nicht geleſen werden konnte... Den Schlüſſel behauptete Bertinazzi in ſeinem Kopf zu tragen— nur mit dieſem allein würde man ſeine Geheimniſſe entziffern... Die Handbewegung auf ſeinen Kopf als Preis der Er⸗ oberung ſeiner Geheimniſſe war der Ausdruck höchſter Entſchloſſenheit... 3 Benno ſah in den Fächern einen leeren Raum, der ſeinem Schickſal beſtimmt ſein konnte... Bertinazzi ſchrieb verſchiedene Adreſſen auf, die ihm Benno gab und wieder andere, die dieſer für Mittheilungen an ihn empfing... Dann verbrannte er vor Benno's Augen alles, was Benno ſelbſt geſchrieben hatte, auch ſeine Viſitenkarte. Hierauf legte er ihm das Formular eines Eides vor und gab ihm als Erkennungszeichen des dritten Grades einen gußeiſernen Ring, den er auf den kleinen Finger der linken Hand Benno's anpaßte mit den Worten: Ein Stück der gebrochenen Sklavenkette der Welt... Ich werde Sie den Verſammelten unter dem Namen Spar⸗ takus vorſtellen... Auch Spartakus, der zuerſt in Italien das Wort: Freiheit! ausgeſprochen hat, war ein Fremder... Den Eid müſſen Sie in der Loge ſelbſt lei⸗ ſten... Leſen Sie ihn zuvor!.. b Benno nahm ein Papier, das ein Gelöbniß enthielt, 359 iſchie⸗ dem„Jungen Italien“ als ein„Wiſſender“ zu dienen — mit Leib und Seele, mit Wort und That, mit der inazzi Spitze des Schwerts im offenen Kampf, mit dem Bei— rhand ſtand bürgerlicher Hülfsmittel bis zum Betrag des vier⸗ Zwei⸗ ten Theils ſeines eigenen Vermögens— endlich mit ſteter örigen Werbung zur Mehrung des Bundes... Alles das hlüſſel auf die Unabhängigkeit Italiens von fremder Herrſchaft, nur Einheit im allgemeinen, Freiheit im beſondern... Die rn... republikaniſche Form blieb unerwähnt... Der Eid er Er⸗ wurde auf chriſtliche Symbole geleiſtet... öhſter Es gibt eine Partei, ſagte Bertinazzi, die den Schwur allein auf den Todtenkopf vorziehen möchte... ,, der In Benno's Ohr klang das Wort des alten Chor⸗ tinazji herrn wieder, der ihm in Wien geſagt: Das Kreuz des w gab Erlöſers wird die Reform mittragen müſſen!... Auch an ihn Bonaventura dachte 1.. Ihm waren dieſe Formeln Augen gleichgültig... 3 fäine Nun erſchloß Bertinazzi einen andern Schrank und nahm ein Hemd der Todtenbruderſchaft heraus, ein wei⸗ es vor ßes, dazu eine gleichfarbige Kopfverhüllung— nur mit iades zwei Oeffnungen für die Augen und einer für den — Mund... Finger Nehmen Sie dieſe Kleidung! ſagte er... Legen 1 Sie ſie inzwiſchen an... Wenn Sie eine Klingel hö⸗ ren, treten Sie in dieſe Thür, durch die ich Sie jetzt Spa⸗ verlaſſe, um in die Loge zu gehen... Sie haben Zeit eiſ 1 genug, ſich umzukleiden... Niemand wird Sie erken⸗ var 9 nen... Ich führe Sie unter dem Namen„Sparta⸗ bſt ler kus“ ein.. rah Bertinazzi ging und ließ Benno allein... Benno legte die Tracht an— Sie war ihm— ſein Todtenhemd... Der Schlag der Stunden von den Thürmen klang nicht ſo geheimnißvoll, wie der leiſe, ſingende Ton einer Pendeluhr über dem Spiegel, der wieder an ſeine alte Stelle gehängt war... Ob du deinen Begleiter von der Tiber finden wirſt? dachte Benno und ſah ſeine völlig unerkennbare Geſtalt im Spiegel... Es war ihm, als gliche er jetzt erſt dem Hamlet, jetzt erſt dem Brutus... Er ſchöpfte Muth— nicht blos für den nächſten Augenblick, ſon⸗ dern für morgen, für alles, was die Zukunft in ihrem Schoſe trug... Die Klingel erſcholl... Benno öffnete die Thür. Anfangs nahm ihn ein Gemach auf, das des Ab- vocaten Schlafzimmer ſchien... Ein grünſeidener Vor⸗ hang trennte den kleinen Raum in zwei Theile.. Eine Lampe zeigte ihm die Thür, die er noch mit feinem flatternden Kleide zu durchſchreiten hatte... Vor ſei⸗ nem geſpenſtiſchen Bilde, das ihm ein anderer Spiegel zurückwarf, erſchrak er ſelbſt. Nun betrat er einen hellerleuchteten Saal, in wel⸗ chem um einen Tiſch, auf dem ſich ein Erueiſex, ein Tod⸗ tenkopf und ein Roſenkranz befanden, auf Stühlen im Kreiſe eine Anzahl der wunderlichſten Geſtalten ſaß. Alle, die Benno das Haus hatte betreten ſehen; Tod⸗ tenbrüder, wie er ſelbſt, Mönche in Kutten, einige als Bettler, andere als Kohlenbrenner, die Unverhüllten mit ſchwarzen Masken... Bertinazzi war in ſeiner gewöhnlichen Haustracht geblieben, allen erkennbar... 4 Schwarze Todtenbrüder erblickte er zwei... Benno konnte den, mit dem er über die Tiber gefahren war, nicht ſogleich von dem andern unterſcheiden... Ihn ſelbſt kannte außer Bertinazzi Niemand... Bertinazzi begann, man möchte das Omen nicht übel deuten, daß ſie ihrer dreizehn wären... Der vier⸗ zehnte fehle einer Reiſe wegen... Doch auch unſer Spartakus— wandte er ſich zu Benno— iſt vorur⸗ theilslos genug, einen Aberglauben zu verachten, der nur die Thoren ſchrecken kann... Benno konnte ſich nicht von dem Eindruck dieſer Vorausſetzung bei den Genoſſen des nächtlichen Rathes überzeugen... Ihre Mienen blieben ihm verbor⸗ geu.. 8 Inzwiſchen hatte er ſich gerade einem Seſſel gegen⸗ über geſetzt, auf dem er die äußere Geſtalt des Todten⸗ bruders zu erkennen glaubte, mit dem er über die Tiber gefahren... Dieſer ſelbſt konnte nicht im mindeſten annehmen, daß ſein Mitpaſſagier ihm gegenüber ſaß... Bertinazzi hatte Niemand ſagen dürfen, wer Spartakus war... Den Schwur leiſtete Benno, indem er ſich an den Tiſch ſtellte und die ihm ſchon bekannten Worte, die ihm noch einmal jetzt von Bertinazzi vorgeſagt wurden, mit einem Jal bekräftigte... Das Kreuz war ein Symbol der Leiden, die man für ſeine Ueberzeugung nicht abzulehnen gelobte; der Todtenkopf drückte die Verachtung jedes Erden⸗ looſes aus, falls die gemeinſchaftlichen Hoffnungen ſchei⸗ tern ſollten; der Roſenkranz bezeichnete all die Freuden, die im Siege der Freiheit lägen... Auch die Bewillkomm⸗ 36² nung durch die übrigen ſprach Bertinazzi vor und über⸗ ließ den Anweſenden nur die Bekräftigung durch ein Ja... Die nächſte Verhandlung knüpfte ſich an einen wäh⸗ rend Bertinazzi's Abweſenheit ausgebrochenen Streit ... Dieſe Männer ſchienen nicht mehr das volle Be⸗ dürfniß zu haben, ſich gegenſeitig unbekannt zu bleiben, obgleich die Masken und Umhüllungen die Stimme dämpften und veränderten... Man ſprach nach dem Act der Aufnahme eines neuen Mitgliedes lebhaft durch⸗ einander... Benno ſah, kaum eingetreten, in der Ein⸗ heit ſchon die Verſchiedenheit... Die ſchönen italieni⸗ ſchen Laute wurden mit Reinheit geſprochen, ein Beweis für die Bildung der Genoſſen... Der Gedanke an den Fürſten Corſini kehrte Benno zurück... Er er⸗ wartete die Stimme zu hören, deren Klang er nicht ver⸗ geſſen konnte... Aber die ſchwarzen Todtenbrüder Benno gegenüber enthielten ſich ihrerſeits des Austauſchs der Meinungen, die über manches nicht die gleichen waren, ganz wie ſchon Bertinazzi angedeutet hatte... In der That ſchien man über die Gebrüder Ban⸗ diera geſprochen zu haben... Benno glaubte von einer Aenderung der Pläne der Brüder zu hören...„ Mehrfach wurden die Jeſuiten genannt... Ein wie ein Kohlenbrenner und demnach als alter Carbonaro Gelleideter ſtieß einen Stab auf den Fußboden und ſagte, die Maske nur loſe mit der Hand haltend: Und noch gibt es Stimmen, die das Heil Italiens, ja der Welt von Rom erwarten?... Dieſe dreifache — 4 363 Tiara ſoll der Friedens⸗ und Freiheitshut der Völker werden?... Die Schlüſſel Petri ſollen die Zukunft der Menſchheit erſchließen?... Ehe nicht der letzte Beichtſtuhl der Peterskirche verbrannt iſt, kann über die Erde kein Friede kommen... Wie immer ſchüttet Ihr das Kind mit dem Bade aus! hieß es unter einer der mehreren, dieſe Meinung abwehrenden Kapuzen... Und Ihr könnt Euch nicht trennen von dem Blend⸗ zauber Euerer Theorieen! fuhr der Kohlenbrenner fort... Sagt vielmehr, nicht von den Beweiſen der Geſchichte! . erwiderte ſein Gegner... Das Vergangene! ſprach der Kohlenbrenner erregter ... Ha, die Abendröthe iſt ſchön, ſie verklärt zuweilen einen ſtürmiſchen Regentag; aber ſie geht der Nacht voran ... Wo Ihr hinſeht, leidet die Menſchheit an der Macht und dem Einfluß, den ſie noch dem römiſchen Zauberweſen geſtattet! Von dem Tag an, wo ſich ein einziger Bi⸗ ſchof über die Rechte der andern erheben konnte, geſtützt auf das alte Anſehen Roms und ſo manche Fälſchung, die der Uebermuth ſchon damals wagte, hat das Chriſten⸗ thum ſeine Segnungen für die Menſchheit verloren. Was die Chriſtuslehre der Menſchheit brachte, iſt wie Leſen, Schreiben, Rechnen ein Erforderniß der allge⸗ meinen Bildung geworden; die Inſtitutionen, die uns die Herkunft dieſer Bildung, ewig ihre erſte Geburt gegen⸗ wärtig erhalten wollen, ſind das Verderben der Jahrhun⸗ derte... Einen Hirten empfehlt Ihr mit Wölfen ſtatt treuer Hunde? Einen Hohenprieſter mit Scheiterhaufen und Schaffotten? Wir Römer, wir gerade müſſen die Welt 364 zum drittenmal erobern, erobern durch die Vernichtung der Hierarchie!... Durch einen einzigen Meſſerſchnitt müſſen wir vollbringen, was Europa durch Tauſende von Büchern, Kathedern, Kanzeln nicht hervorbringen konnte! Wir kennen das Papſtthum nur als eine welt⸗ liche Behörde; als ſolche muß ſie fallen; mit ihr fallen müſſen die Cardinäle, die Generale der Orden, die höch⸗ ſten und mittelſten und unterſten Spitzen dieſer Anſtalten der Verdunkelung— erſt dann iſt die chriſtliche Welt erlöſt! Kommt uns nicht dieſe Loſung von unſern Obern, ſo iſt alle Mühe vergebens! Ihr ſeht's an der ruchloſen Intrigue von Porto d'Ascoli... Benno konnte die leidenſchaftliche Rede nicht mit der ihm auf der Lippe ſchwebenden Frage unterbrechen, was in Porto d'Ascoli geſchehen wäre... Mehrere Stimmen riefen durcheinander: Sie wird kommen!... Sie wird kommen und ihr Erfolg wird dennoch ausbleiben! ſprach zur Widerlegung des Kohlenbrenners mit einer feinen, eleganten Betonung eine andere Maske, deren äußere Tracht einen Kapuziner vorſtellte... Iſt der Sitz des Papſtthums nicht ſchon einmal in Avignon gewe⸗ ſen? War nicht Napoleon der Schöpfer eines weltlichen Königthums von Rom?... Mit je größerer Demüthi⸗ gung die dreifache Krone getragen wird, mit deſto hellerem Heiligenſchein umgibt ſich die Theokratie... Die Menſch⸗ heit ſieht nun einmal im Papſtthum einen zum erſten Kö⸗ nigsrang Erwählten aus dem Volke und kehrt immer wieder darauf zurück... Sie ſieht einen Monarchen, den nur ſeine Tugenden auf den Thron beriefen.. 8½ 4 ——— — 365 Sie hat an ihm einen Beiſtand gegen die Mächtigen der Erde... Napoleon raſ'te gegen Pius und Pius ſprach ruhig: Du Komödienſpieler! Als Napoleon noch heftiger tobte und mit dem Aeußerſten drohte, ſagte er noch verächtlicher, wenn auch mit geſteigertem Schmerz: Du Tragödienſpieler!... Wenn den Papſt der Despotismus tödtet, ſo bietet er ruhig die offene Bruſt; der Begriff lebt wieder auf in ſeinem Nachfolger... Aendert di Geſetze Roms, beſſert die Sitten, laßt den apoſtoliſchen Stuhl theilnehmen an allen Fortſchritten der Zeit, macht unmöglich, daß die Greuel von Porto d'Ascoli die Kunſt des Regiments in Italien heißen und wieder ein Segen kann der Menſchheit werden, was man jetzt nur zu vor⸗ eilig ihren Fluch nennt!... Benno ſtaunte der Dinge, die in Porto d'Ascoli vorgefallen ſein mußten... Wenn er nun auch zu fragen gewagt hätte— ſo war die Aufregung der Strei⸗ tenden ein Hinderniß Sie war zu groß gewor⸗ den.. Ich höre die träumeriſche Weisheit eures gemäßigten Fortſchritts! ſprach der Kohlenbrenner von vorhin... Und von den beiden ſchwarz verhüllten Leichenbrü⸗ dern fiel jetzt der eine, ihn unterſtützend, ein: So habt ihr ſeit dreißig Jahren für die Freiheit Italiens declamirt, geſchrieben, gedichtet, gewinſelt, ge⸗ betet!... Das ſind die frommen Wünſche eurer frei⸗ ſinnigen Barone, eurer aufgeklärten Biſchöfe! Da ſoll das Weihwaſſer nur von unreinen Beſtandtheilen geſäu⸗ bert, der Katholicismus nur wahrhaft zu einem Liebes⸗ bund der Menſchheit erhoben werden... Und in dieſer 366 Geſtalt behaltet ihr alles, was ein Fluch der Menſch⸗ heit geworden iſt!... Ihr behaltet die Gebundenheit der Gewiſſen, die Gelübde, die Unfreiheit des menſchlichen Willens— alles, wovon eine kurze Weile die Praxis einen milden Sonnenſchein verbreiten kann, aber auf die Länge wird alles wieder wie die ſchwarze dunkele Nacht werden! ... Ihr wollt die Hierarchie, Rom und die Cardinäle — nur nicht die Jeſuiten mehr? Werdet ihr die allein 1 ausrotten können? Wodurch? Durch ein Verbot? Wenn 6 alles übrige bleibt? Hat das Zeitalter der Aufklärung, V hat Voltaire ſie ausrotten können? Ich ſpreche nicht von dem Gift, an dem ein Ganganelli ſtarb; ich ſpreche von jener Liſt, die aus Wölfen Schafe machte, von jener Liſt, die ſich der Menſchheit ſo unentbehrlich zu geben wußte, daß ſogar die aufgeklärteſten Staaten, Boruſſia unter Friedrich, Ruſſia unter Katharina, die Jeſuiten als Lehrer beriefen! Sie ſind unvertilgbar durch das Princip 1 der Wiſſenſchaft, deſſen Lüge ſie als Fahne aufſtecken. b ſie nun dieſen oder jenen Namen tragen, bleiben ſie unvertilgbar, ſolange überhaupt unſere Kirche beſteht! ... Dieſe katholiſche Kirche, unter deren heiligſter Ori⸗ flamme Menſchen wie Grizzifalcone für den Beſtand des apoſtoliſchen Stuhls wirken durften!... 4 Der Sprecher war nicht der Mitpaſſagier von der 5 Tiber geweſen... Nun war es alſo der, der fortdauernd 1 ſchwieg... Brütend ſah dieſer vor ſich hin, blieb unbeweg⸗ lich und zog nur zuweilen ſeinen Fuß in die ſchwarze weite Umhüllung zurück und ſtreckte ihn wieder vor.. Letztere Geberde wiederholte ſich, je lebhafter der Streit wurde.. der chen Wollt ihr deshalb die katholiſche Kirche zerſtören? riefen mehrere Stimmen auf einmal... Eine andere ſetzte hinzu: Sie iſt wenigſtens dem Italiener nicht zu nehmen ... Schreibt das nach London, wo man glaubt uns proteſtantiſch machen zu können!... Wer will das? riefen andere Stimmen und unter ihnen aufs heftigſte die des Kohlenbrenners... Der Italiener, fuhr der letzte Sprecher für die Kirche fort, iſt und bleibt Katholik... Ich ſage nicht: Geht und ſeht das Volk ſich beugen vor einer Mumie, die es anbetet! Geht und ſeht den Aberglauben, der die Stufen der heiligen Treppe mit den Knieen hinaufrutſcht! Seht den Schmerz, der ſich einer ganzen Stadt bemächtigen konnte, als ihm ein geliebtes Marienbild abhanden kam! ... Ich finde den Aberglauben überall, ſelbſt bei So⸗ krates, der an ſeinen Dämon, bei Voltaire, der an ſich ſelbſt glaubte.... Nicht an ſich ſelbſt zu glauben, das iſt der Katholicismus, der unausrottbar iſt, ſo lange das Chriſtenthum die Lehre von einem Mittler zwiſchen Gott und dem Menſchen aufſtellt... Hat Italien irgend einen politiſchen Reformator gehabt, den ihr euch ohne Verehrung vor dem Myſterium der Meſſe denken könnt? .Selbſt Savonarola war kein Huß und kein Luther ... Der froſtige Gedanke des Zweifels konnte nie die Oberherrſchaft über Gemüther gewinnen, die nur Phan⸗ taſie und Leidenſchaft ſind... Und wo nun der Ka⸗ tholicismus ſich nicht ausrotten läßt, da—.. Ließe ſich nicht die Hierarchie ausrotten? riefen andere Stimmen. Das beſtreiten wir!... 368 Rom iſt das reine Prieſterthum— fuhr der Vertheidi⸗ ger der Hierarchie fort und ließ ſich nicht irre machen.. Rom kann der Duft, der höchſte Auszug des katholiſchen Prieſterthums bleiben... Alles, was für die ſchweren Pflichten des katholiſchen Prieſters ſeine Belohnung, ſeine Erquickung, ſein Entzücken iſt, iſt der Blick auf die Würden, die er erklimmen kann— auf das letzte Ziel, das ihm vom Tabernakel der Peterskirche in Rom leuchtet... Die Theokratie iſt kein Gedanke der Macht, der Herrſchaft, kein Gedanke der reinen Aeußerlichkeit und Weltlichkeit— . Sie iſt— Ein Wahngebilde der Phantaſten! Ein Schlupfwinkel der Räuber und Mörder! donnerte der Kohlenbrenner. Wie könnt ihr von einem geläuterten Papſtthum ſpre⸗ chen! Wie könnt ihr den Papſt an die Spitze unſerer Reform ſtellen!... Das wird vielleicht die Frauen ge⸗ winnen, die weichmüthigen Seelen, aber nie gibt es ein Fundament für die Hoffnungen Italiens... Ein Menſchenalter verrinnt und wieder tauchen Ceccones und Fefelottis auf—.Sie, die beiden Arme des Papſt⸗ thums, die ſich verſchränken konnten in Thaten, wie dieſer teufliſche Plan gegen die Gebrüder Bandiera war... Die Bandiera? ſprach jetzt Benno laut und vernehm⸗ lich dazwiſchen. Die ſtreitenden Principien— den Kampf der Lehren Gioberti's und Mazzini's— verſtand er, aber die Ur⸗ ſache deſſelben blieb ihm fremd... Alle wandten ſich... Benno war es faſt, als regte ſich ſein Gegenüber, der weren „ſeine ürden, m vom . Die ſchaft, keit— fwinkel her... ſpre⸗ unſerer jen ge⸗ gibt es Ein es und Papf⸗ a, wie andiera ernehm⸗ Lehren die Ur⸗ ber, der 369 zweite der ſchwarzen Leichenbrüder, noch lebhafter als bisher... Aber die ſtürmende Rede des Kohlenbrenners über⸗ tönte alles— auch eine Antwort auf Benno's Frage... Rom bleibt ſo lange das Verderben der Welt, fuhr dieſer fort, als ſeine Geſtalt nicht eine rein weltliche, der geiſtliche Hof für immer aufgehoben wird... Ich bin im Princip für die Republik... Doch ich werde gegen ſie ſein müſſen, weil leider ſie es iſt, die, auf die Maſſen und deren geringe Bildung gebaut, uns immer und immer wieder in Rom die Macht der Päpſte zurückgeführt hat ... Ich muß aus praktiſchen Gründen gegen ſie ſein... Wir müſſen nach Rom ein weltliches Königthum in den Formen der Neuzeit verpflanzen... Ha, die Kö⸗ nige!—8.. Die, die ich ſo liebe, und beſonders die, die mit der Lüge der conſtitutionellen Formen gekräftigt ſind, die wiſſen ſich auszudehnen und zu befeſtigen... Das ſind Schmarotzerpflanzen, die Boden und Luft brau⸗ chen und beides nur zu bald gewinnen werden.. Die pflanzen an die Stelle der geiſtlichen Legitimität ihre weltliche; die ſorgen für ihr Geſchlecht, für die, die ihm dienen... Wir müſſen Rom einem Könige ſchenken, ſelbſt wenn keiner die Hand danach ausſtreckt! Wir müſſen ihm den Köder unſerer eigenen Freiheit bie⸗ ten, die wir ihm eine Weile opfern!... Ich gebe Rom an den, der das Meiſte bietet und das Wenigſte verlangt... Dem Türken, wenn er es begehrt!... Nur nicht einem Volkstribunen, der ſich bisjetzt nur noch durch den Aberglauben der Maſſe hat halten können und zuletzt ſo regiert, wie die Ceccones regierten— durch Gutzkow, Zauberer von Rom. VIII. 24 370 die Räuber... In hundert Jahren hat der Italiener eine Bildung und Erziehung gewonnen, dann—.... Zwei Anhänger der Republik— einer darunter hatte deutlich die Stimme eines Buonaparte, den noch vor kurzem Benno an Rucca's Tafel geſehen— ſtellten dieſe retrogade Wendung, die auch noch jetzt die Republik nehmen würde, in Abrede. Die Mehrzahl widerſprach aber allen dieſen Anſchauun⸗ gen... Sie blieb bei dem Glauben, daß gerade durch die dreifache Krone Italiens Zukunft am eheſten gewinnen würde... Die Fürſten böten keine Bürgſchaft... Die Läuterung des Papſtthums von ſeinen unreinen Elemen⸗ ten, die Sicherung einer beſſern Wahl der Umgebun⸗ gen des Heiligen Vaters, die Auflöſung des Jeſuiten⸗ ordens ſchien der Mehrzahl die ſicherſte Ausſicht für die Verwirklichung ihrer Hoffnungen... In der Abwehr der Fremden waren alle einig... Diejenigen, die der Hierarchie überhaupt, dem Prieſterweſen und der katholiſchen Kirche abgeneigt waren, blieben in der Min⸗ derzahl... Und jetzt lachten ſie ſelbſt darüber, daß in Italien beſonders erhebliche Wirkungen durch Volksunter⸗ richt, Verbeſſerung der Schulen, die Verbreitung nütz⸗ licher Schriften zu erreichen wären... Benno ſah, daß er ſich unter Männern der höheren Geſellſchaft befand, die in der Mehrzahl ſich noch vor äußerſten Schritten hüteten... Die Idee des Papſt⸗ thums möglichſt von weltlichem Einfluſſe zu reinigen, die nächſt bevorſtehende Wahl auf einen Italiener voll Nationalgefühl und politiſcher Aufklärung zu lenken, die Cardinäle, die jetzt den meiſten Einfluß hätten, unſchäd⸗ aliener runter ch vor tellten publik auun⸗ h die innen .Die lemen⸗ gebun⸗ niten⸗ t für 1 der nigen, d der Min⸗ 371 lich zu machen und den Volksgeiſt ſo zu beleben, daß er an allem, was zur Erhebung Jtaliens geſchähe, ein In⸗ tereſſe nähme— das blieb die Loſung der Majorität ... Unter den Hoffnungen für die Papſtwahl wurde Cardinal Ambroſi genannt, den freilich wieder andere eine Creatur der Intriguanten und Tyrannen nannten . La morte a Ceccone! La morte a Fefelotti! war die Schlußbekräftigung... Dieſer Ausruf kam einſtimmig... Er drückte einen Wunſch, eine moraliſche Verurtheilung, wie unſer Pereat! Morde aus... Dennoch folgte Todtenſtille... Jetzt fragte Benno, was den Unwillen der Ver⸗ ſammlung in Betreff Porto d'Ascoli's und der Brüder Bandiera veranlaßt hätte. Er hatte leiſe, wenn auch nicht verſtellt, geſpro⸗ chen... Alle horchten dem wohllautenden Klang der Stimme des neuen„Spartakus“.. Bertinazzi nahm das Wort und ſagte: Die Brüder Bandiera werden nicht in den Kirchen⸗ ſtaat einfallen... Das überraſcht mich... ſprach Benno voll freudi⸗ ger Wallung überlaut und vergeſſend, ſeine Stimme zu verändern... Bertinazzi reichte Benno einen Brief Attilio's... Benno überſah ihn... In jeder Zeile bekundete er ſeine Echtheit... Leſt ihn! ſprach Bertinazzi... Ihr ſeid neu in un— 24* — keine Loſung zum 372 ſerm Kreiſe und wißt nicht, wie tief Rom und die Welt, die ſich noch von Rom beherrſchen läßt, geſunken ſind... Benno las mit ſtarrem Auge... Seine Hand zit⸗ terte...Ceccone, Olympia entſchieden nicht über das Leben der Freunde—?... 2 Inzwiſchen ließ Bertinazzi einige Schriften eirculiren und theilte jedem Exemplare aus... Benno war ſolange ſeiner fieberhaften Erregung allein überlaſſen... Er las, daß die Lenker des Kirchenſtaats gemeinſchaft⸗ lich mit den Jeſuiten einen Plan angezettelt hatten, dem⸗ zufolge die„Verjüngung Italiens“ als der Wunſch— nur der Räuber und Mörder erſcheinen ſollte... Grizzifalcone war auserſehen worden, dies Werk in Ausführung zu brin⸗ gen*)... Bis nach London hin verzweigte ſich eine falſche Fährte, auf der die Verſchwörer in die Lage kommen ſollten, Bundsgenoſſen nur der Schmuggler und der Räuber zu werden... Man hatte vom Vatican aus eine falſche Correſpondenz mit Korfu angeknüpft, um das dortige Comité glauben zu machen, an der Küſte des Adriatiſchen Meers, in Porto d'Ascoli, wäre alles reif, eine Invaſion zu unterſtützen... Während der alte Principe Rucca nur ſeine Zölle im Auge hatte, richtete Ceccone ſeine Blicke weiter... Auch ihm war das Er⸗ ſcheinen des Räubers in der Hauptſtadt der Chriſtenheit willkommen... Auch ſeine Verhandlungen mit ihm, die gleichfalls jener Pilger geleitet hatte, bezweckten eine große Anerkennung des Reuigen... Die Liſte, deren weſent⸗ *) Thatſache. nd zit er das culiren allein nſchaft⸗ „dem⸗ — nur falcone u brin⸗ i0 eine e Lage nuggler Vatican ktnüpft, r Küſte 373 lichen Inhalt er lange ſchon vor dem alten Rucca kannte, ſollte den Schrecken, den Grizzifalcone's Verrath unter den Zollbedienten und Schmugglern verbreiten mußte, zum Verderben der Revolution ausbeuten...Ceecone ließ die Ortſchaften, wo, wie ihm durch londoner Verrath bekannt geworden, die Brüder Bandiera landen ſollten, ſo durch die Anzeigen, die dem Fürſten Rucca gemacht wurden, einſchüchtern, daß die Räuber, die Schmuggler, die Zoll⸗ bediente die Fahne des Aufſtands als Hülfe und Ret⸗ tung begrüßen mußten... Wie dieſe Elemente die Revo⸗ lution verſtehen würden, lag auf der Hand... Hier konnte nur Mord, Brand, Plünderung im Gefolge der dreifarbigen Fahne gehen... Die reinſten, edelſten Zwecke mußten von Brandſchatzungen, lodernden Flammen, Zerſtörung der Wohnſtätten des Friedens begleitet ſein . Dies Mittel, die Revolution zu entſtellen, hatte man in Europa ſchon überall angewandt... Die Bauern Galiziens, entlaſſene Sträflinge hatten Mord und Brand über Paläſte und Hütten verbreitet... Was Szela, der Schreckliche, ſpäter in den Eichen und Gras⸗ wäldern Podoliens wurde, ſollte ſchon Grizzifalcone in der Romagna ſein... Den Communismus ſchürten die Jeſuiten, alle Extreme der freien Ideen förderten ſie, um die öffentliche Meinung vor den Neuerungen zu er⸗ ſchrecken... Im Kirchenſtaat ſollten alle, die durch das Strafgericht Rucca's bedroht waren, auf das Signal warten, die Fackel der Anarchie zu ſchwingen... Fermo, Ascoli, Macerata ſollten in Feuer aufgehen... Italien ſollte ſich mit Schaudern von Freiheitsbewegungen ab⸗ wenden, die der Welt ſolche Schrecken brachten.. 374 Aus dem ergreifenden Gemälde dieſer von den Cardi⸗— nälen der Chriſtenheit, von den Rathgebern des Heilig⸗ ſten der Heiligen angezettelten Intrigue erhob ſich der Proteſt Attilio's Bandiera, wie die Taube weiß und rein am dunkeln Gewitterhimmel aufſteigt— Attilio erklärte, noch zeitig genug gewarnt worden zu ſein. Wie Benno mit bebenden Lippen dieſen Proteſt las und ſah, daß ſich die Loſung verändert hatte— wie er las, daß eine Schar von entſchloſſenen Männern den Verſuch machen würde, von Calabrien aus nach Neapel vorzudringen— wie er ſogar den Silaswald genannt fand— ja wie ſich ihm ein Flor vors Auge legte— als die Namen Fra Hubertus— Fra Federigo auf dem Papier wie Irrlichter auf dunkelm Moore tanz⸗ ten— wie er ein Wort von einem„abgeſandten Fran⸗ ciscanerbruder“ noch mit den letzten Stunden in San⸗ Pietro in Montorio in Verbindung bringen konnte und — ihn die Aufklärung über alles zu belohnen ſchien, was Bonaventura's nächſte Sorge war, da hörte plötzlich ſein Ohr ein dumpfes Murmeln um ſich her. Er blickte auf... 2 Die Männer waren ſchon vorher aufgeſtanden.. Jetzt befanden ſie ſich in einer Gruppe... Der ſchwarze Todtenbruder ſtand mitten unter ihnen in heftiger Geſticu⸗ lation... Bertinazzi bat um Ruhe... Vergebens .. Das Durcheinanderflüſtern mehrte ſich... Ti⸗ moleon! rief Bertinazzi... Nehmen wir unſere Plätze .Nein, nein! riefen andere... Laßt Timoleon reden!. Der ſchwarze Todtenbruder ſchien ungern lauter zu Cardi⸗ Heilig⸗ ſich der ind rein erklärte, teſt las — wie Kännern s nach laswald 3 Auge federigo tee tanz⸗ Fran⸗ 1 San⸗ ate und n, was glötzlich ... hwarze geſticu⸗ gebens .T⸗ gläbe moleon ter zu — 375 ſprechen... Doch nun mußte er es thun... Alles ſtand erwartungsvoll... Ich hatte nur die Abſicht—— eine neue Loge zu ſtiften... ſagte er dumpf und hohl... Benno hörte die Stimme vom Nachen... Die Au⸗ gen des Sprechers funkelten unheimlich durch die beiden Lücken ſeiner Kapuze... Sie waren auf Bertinazzi ge⸗ richtet, der mit dieſem Wunſch einer neuen Logenbil⸗ dung nicht einverſtanden ſchien und beſchwichtigend rief: Laßt das! Laßt das!... In dieſem Augenblick ſtreifte ein Rockärmel Benno's Wange.. Der Freund der Päpſte, der Kapuziner war es, der ſeine Hand ausgeſtreckt, Attilio's Brief ergriffen und das Papier in die Flamme eines der Lichter gehalten hatte... Benno, betäubt noch von dem nicht vollſtändig überleſenen Inhalt, erbebend vor dem Anblick der Namen, die ſein Innerſtes erfüllten— vor dem Silaswald, in deſſen Nähe jetzt, an Punta dell Allice, die Invaſion ſtattfinden ſollte— zu gleicher Zeit mit einer Erhebung in Sicilien und Genua— Benno wollte dies Beginnen, ein Zeichen wol gar des Mistrauens gegen ihn, verhindern und ſprach: Soll ich dieſen Brief nicht ſo gut kennen wie ihr?... Da hatte die Flamme ſchon den Brief verzehrt... Benno ſah, daß das Flüſtern vorhin, dies Entziehen des Briefes aus dem Erkennen ſeiner Stimme durch den ſchwarzen Todtenbruder entſtanden war... Er rich⸗ tete vor Aufregung ſeine Augen ſo zu Bertinazzi, daß ſie wie Flammen dieſem entgegenglühen mußten... Denn 376 auch ihm war der Ton ſeines Anklägers immer bekannter und bekannter geworden... Es fehlte nur noch ein einziges mal, daß jener ſprach, und ein unglaublicher Name, der Name eines offenbaren Verräthers, brannte ihm auf der Zunge... Bertinazzi hatte ſich in der That zu ſeinem Beiſtand erhoben... Wieder drangen die Stimmen in den Leichenbruder, zu reden... Dumpf ſprach dieſer:. Wir ſind in dieſem Augenblick zu dreizehn... Der vierzehnte, unſer Franciscaner, fehlt... Wir dürfen eine neue Loge bilden... Ja, dies will ich... Ich thu' es. Die dazu noihwendigen Zwölf werd ich fin⸗ den—... Benno ſtarrte den Sprecher an... Er wußte, wer geſprochen——. Dann iſt Bertinazzi's Loge verpflichtet, Euch eine Hülfe zu geben!... ſprach der Kapuziner.. Einer von uns trete zu Timoleon's neuer Loge! riefen mehrere.. Looſt! Looſt!... erſcholl es von anderer Seite. Warum looſen! erwiderte der ſchwarze Todtenbruder, der den Namen„Timoleon“ führte... Ich nehme jeden von euch, der ſich freiwillig dazu erbietet— doch— nicht — Spartakus!... Wieder ſprangen alle von ihren Sitzen... Was vor⸗ hin nur ſchien einzelnen angedeutet worden zu ſein, erſcholl jetzt vor aller Ohr... Die Verſchworenen zogen dichter ihre Hüllen vor die Augen... Sie traten auf Benno unnter hy ein blicher rannte eiſtand ruder, . Der dürfen h thu h fin⸗ e, wer h eine Loge! ite.. bruder, e jeden jnicht as vor⸗ erſcholl dichtet Benno dl 377 zu... Schon ſtreckten ſich einige Hände nach ſeiner Kopfverhüllung... Zurück! rief Bertinazzi mit einer Stimme, die an den Wänden widerhallte... Ich bürge für Sparta⸗ Ius... Für einen Verräther?!... Einen Deutſchen?!. Einen Spion Oeſterreichs?!... rief Timoleon... Verräther—? Ich?... Graf Sarzana! Wer iſt hier— der Verräther?... Sarzana! rief die ganze Loge voll Entſetzen... Ein Augenblick und vier, fünf Dolche blitzten... Sie blitzten nicht nur Spartakus, ſondern auch Ti⸗ moleon entgegen... Der Name„Sarzana“ klang wie: Eine Creatur Ceccone's!... Kaum hatte auch Benno jetzt noch den Beiſtand des Meiſters der Loge .. Einen Namen zu nennen war ein Bruch aller Geſetze... Bertinazzi trat den gezückten Dolchen entgegen und rief: Die Loge iſt aufgelöſt!... Friede! Friede! Friede!... Die Lichter wurden ausgelöſcht... Eine kraftvolle Hand drängte Benno aus dem wil— den Tumult... Eine Thür ſprang auf... Mit dem Ausruf: Unglücklicher! ſtieß ihn ſein Retter— der Kohlenbrenner, wie Benno zu erkennen glaubte— in das Dunkel eines engen Corridors... Ein Augenblick der Beſinnung... Benno griff nach einer der kleinen Wachskerzen, die er in der Taſche trug .Damit taſtete er vorwärts, um eine Mauer zu finden, an der er das Wachslicht durch Anſtreifen ent— zünden konnte. 378 Er fand die Mauer... Er hatte Licht... Er blickte um ſich—— 1 Am Ende des langen Corridors ſtand ein ⸗Trupp Gensdarmen, der mit angeſchlagenen Carabinern laut⸗ los ſich auf die Loge zu in Bewegung ſetzte. -d—— Ende des ſiebenten Buchs. Druck von F. A. Brockhaus in Leip zig. Green