--——--——:j⁰ éh-- 9, Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nückaabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1. .2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verp flichtet, 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— d V V — Der Zauberer von Rom. Siebenter Band. Der Bauberer von Rom. Roman in neun Büchern von Karl Gutzkom. Siebenter Bamnd. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1860. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Uebertragung in fremde Sprachen vor. 4 — n Sechstes Buch. Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. A Oeſterreich und Wien!... Wer konnte ſonſt beide Namen nennen hören und vernahm nicht ſofort Muſik!... Und wenn dich auch jetzt noch mit Windesflügeln das Dampfroß in einem einzigen Tag von der Elbe an die Donau entführt, ſo grüßen den haltenden Zug mitten auf der Heide, mitten in der Nacht, zwei Stationen vor Ankunft in Wien, Clarinette und Geige... Der Sturmwind fegt den Novemberregen an die Fenſter... Hinaus blickſt du durch die beſchlagenen Scheiben.. Nichts, als öde geſpenſtiſche Nacht vor deinem Auge— und doch empfängt dich Jubel und Luſt... Seltſames Bild... Auf einen Stab geſtützt, am Rand des Erd⸗ walls, ſtarrt ein Schäfer im zottigen Lammfell auf den haltenden Zug... Ein Wanderhirt, der aus Ungarn kommt und weiter zieht mit ſeiner nächtlich raſtenden Heerde... Die öſterreichiſche Geſchichte.... Einſame Nachtträume der Völker, ſtill am Weg ſich ſehnend nach Erfüllung... Unter lachender Luſt und Freude... Am Donauſtrand— auch da wispert es ebenſo— leiſe und leiſe— um die alten Ritterburgen... Klage⸗ 1* 4 laute um verſunkene Banner und Kronen... Was liegt nicht begraben im feuchten Schooſe der Donau!... Was könnte ſich nicht melden zur Auferſtehung unter dem nächtlichen Sternenhimmel, wenn ringsum auf den düſtern Bergwänden die Geiſterjungfrauen geheimnißvoll ihre Harfen zu ſchlagen beginnen!... Von Tyrol und Salzburg her, aus den ſagenhaften Schluchten des Untersbergs und von den echoreichen grünen Bergſeen Steiermarks erſchallt die Zither... Die Zither, dies liebliche Inſtrument, könnte Sancta⸗ Cäcilia ſtatt der Orgel erfunden haben... Du kennſt es nur aus dem lampendunſtigen und cigarrendurchqualmten Keller der leipziger Meſſe, kennſt es nur aus dem Concert aufgeputzter Jodeltyroler ... Aber auch da wird die Zither dich gerührt haben — ſo, daß du den Genius Oeſterreichs hätteſt fragen mögen: Was lachſt du ſo traurig, was weinſt du ſo froh? Wenn ſo rührend die bebende Saite unter kraftvol⸗ lem Finger ihre Schwingungen austönt... Wenn der Ton, immer gebrochen, immer in der Geburt des Halls ſchon halberſtorben und doch, neugefaßt vom kunſtgeüb⸗ ten Finger, neubelebt, Rieſenfermaten aus lauter kleinen zitternden Tremolos hält... Wenn der Ton ſich feſt⸗ klammert, gleich einem Knaben, der nicht ruht den höch ſten Aſt eines Blütenbaums zu erklettern... Auf der höchſten Höhe, in die uns die Töne der Alpenzither ſchwingen können, welch ein Blick dann auf die Thäler der Erde!... Deine Jugend ſiehſt du, ſiehſt den grü nen Plan deiner Kindheit, athmeſt im Herzen auch die 804 5 reinſte Alpenluft... Selbſt unter dem„Soll und Haben“ und dem Strumpf⸗ und langen und kurzen Waa— renhandel der leipziger Meſſe in Auerbach's Keller konnteſt du die Thränen nicht zurückhalten, wenn das berühmte Tyrolerquartett— nur nicht ſingt! Das ſchenke ihm die Muſe!— nur die Zither ſchlägt... Die Spie⸗ lerin ſammelt mit dem Notenblatt... Im koketten Bruſtlatz, mit dem ſpitzen Hut ein unſchönes Mannweib ... Aber— ſie ſpielte dir— und ſich auf der Zither — Oeſterreich... Sie ſpielte ein Ahnen, Suchen, Seh⸗ nen nach unbeſtimmten, dem Land und Volk ſelbſt nicht klaren Zielen... Sie ſpielte das Wittern einer Geiſter⸗ luft, Morgengrauen ſchönerer Hoffnungen... Sie ſpielte die Freude, die ſich ſelbſt nicht vertraut, und ein Leid, das dem Schöpfer zürnen möchte, weil er die Erde bei alledem und alledem— ſo ſchön erſchuf... Muſtk iſt der erſte Gruß in Oeſterreich... Auch in Wien... Die große Hauptſtadt iſt erreicht, die bremer echte Havanacigarre glücklich eingeſchmuggelt... Der Ve⸗ nusberg geöffnet... Tannhäuſer zieht den ſchwarzen Frack an und die gefirnißten Tanzſtiefel und vertanzt ſich das gebrochene Herz... Strauß und Lanner! Sie geben ſchon lange Troſt für die„Zerriſſenheit“ ſelbſt im Alpengemüth— ſelbſt für„Weltſchmerz“ im Puſztenſohne... Hört dieſe Tänze!... Ein Dämon liegt in ih⸗ nen... 8 Wie mit Kirchenglocken fangen ſie an, ſanft und feierlich... Das Adagio eines Meßganges... Sitt⸗ 6 ſamer, concordatsmäßiger Niederſchlag der Augen Das führt, denkt man, geradeswegs nach Mariazell und Loretto—!. Plötzlich wirft der kaum geordnete Nonnenzug die Kapuzen ab... Nun hüpft die Freude— erſt wie ein Füllen luſtig über den Klee. Erſt nur noch— ein fußtrillerndes Ausſchlagen des Uebermuths... Erſt nur Kopfüber der Fröhlichkeit, Humor, der, wie Har lekin Colombinen, neckt, ſpaßelt, thaddädelt— alles ſo, wie ſich nach dem genommenen Ablaßzettel im einleitenden Adagio vergeben läßt. Dann aber wird der Humor zur Selbſtironie. Der Walzer cancant, die Grazie tanzt auch hier wie in Paris mit Formen der Cpilepſie, die Melodie geht rückwärts, läßt ſich die Augen verbinden, tanzt unter Eiern, ſchiebt einen Karren auf dem Seil zum Thurm hinauf, geht auf beiden Händen, dreht ſich als Kopf überm Rumpf herum und ſagt dem Rücken„guten Tag“! Halt! ſpringt die Sittenpolizei dazwiſchen... Met ternich's Cenſur und Moral, die noch in den von uns geſchilderten Tagen regieren, und der Dämon wird raſch wieder ein Kind, das unter Blumen ſpielt, ein Kind, das nur nach Schmetterlingen haſcht oder vor einer Hummel entflieht— aber— welch einer Hummel! Brummelt die ſo ſpaßig, ſo taumlig, ſo torklig .. Baßgeige, wohin rennſt du?... Baßgeige, biſt du betrunken?— Leute, entflieht! Entflieht!... Staberl ſpannt ſeinen Regenſchirm auf— haltet doch! Das gibt ja Sturm— Wo führt's dich hin? Zum — 7 „Stuwer?“... Sind das Pot⸗a⸗Feu's? Döbler'ſche Sträußchen? Sternſchnuppen?... Wohinaus? Ins Firmament! Grad' in die Milchſtraße, aber von Würſteln und Kringeln behangen... In einen Kometenſchweif von feurigen Naſen... Ein einziger Strohhalm die ſchwindelnde Brücke, auf der alle Walzen— den zugleich über den unermeßlichen Abgrund hinüber müſſen... Heiliger Nepomuck, jetzt hilf!... Sie faſſen ſich alle an, klammern ſich an die Rockſchöße... Strauß nimmt den Fidibus, ſteckt noch den Strohhalm über das Weltgebäude hinweg in Brand und nun müſſen die Paare hinüber... Die Glöckchen, die klingen, die Pickelflöte, die lacht, die Geigen, die quinkeln über den äußerſten Steg hinweg... Das gibt ein Un— glück! Aber— der Maeſtro bringt ſie alle wohlbehalten in ſeine Schlußcoda zurück... Baß, Trommel, Poſaune finden ſich in harmoniſcher Vereinigung bei den letzten Takten wieder zuſammen... Alles bricht in pyrami dalen Jubel, in„Fanatismo“ aus... Der taktirende Maeſtro verbeugt ſich gelaſſen und ruhig,„der Tanz ein Leben“ oder„das Leben ein Tanz“ iſt beendet und nebenan— ſind die Tiſche weiß gedeckt für die harmloſeſten Bedingungen des irdiſchen Daſeins—„Back⸗ hänerln”“,„Roßbrateln“,„Beflamoths“,„lämmernen Haſen“,„Engländern“ und allen möglichen National⸗ gerichten der claſſiſchen Küche Oeſterreichs So war auch das Gewirr, in das Benno von Aſſe⸗ lyn eingetreten 8 So übertäubt— im Spätherbſt, beim Blatter⸗ fall und häufigen, noch warmen Regenſchauern ſchon an die bevorſtehenden Freuden des Winters erinnert irrt er durch die Straßen Wiens— verfolgt von bun ten Anſchlagzetteln, Aufforderungen zu Luſt und Freude Eben ſehen wir ihn in die ſtolze Herrengaſſe tre ten Fußgänger umdrängen ihn, Wagen nollen, Roſſe ſprengen dahin... Nur immer Achtung! Ausweichen! Ausweichen!... Auch den von den Regenſchirmen niedergießenden Fluten Einige Minuten verlieren wir den trotz ſeiner Auf⸗ regung bleichen jungen Mann mit ſeinem regenfeuchten, ſchwarzen Bärtchen, im triefenden, neuerfundenen Ma cintoſh, vor Wirrwarr um ſich her und in ſich ſelbſt ohne Regenſchirm! Aber bald tritt er aus einem hohen, mit Karyatiden geſchmückten vornehmen Palaſt wieder hervor Er ſinnt: Wohin?... Auf die Schottenbaſtei hin⸗ aus zur Linken?... Auf die Freyung zu meinem guten Chorherrn hinüber, bei dem ich wohne?.. Zu den Zickeles, an die du empfohlen und für jeden Abend geladen biſt?... Oder noch in irgendein Theater? Das Burgtheater ſoll ja— in der Nähe ſein Da ruft ihn der Portier zurück Verzeihen's!... Den Dreimaſter lüftend, fragt er: Waren's Herr Baron von Aſſelyn? Mein Name! Benno von Aſſelyn war ſchon zweimal unter dem hohen Portal des gräflich Salem⸗Camphauſen'ſchen Pa⸗ ——O——ÿ—ÿ—x:x— 9 lais geweſen, hatte ſchon zweimal mit dem Hüter des Eingangs über die Nichtanweſenheit des Grafen geſpro⸗ chen... Dieſe Leute haben nur ein Gedächtniß für empfangene Trinkgelder Ein Brief für Euer Gnaden vom Herrn Grafen Erlaucht ſollte eben zum Herrn Baron hinübergetragen werden! Der Brief lag auf dem Sims des kleinen Guck fenſterchens der Portierſtube... Benno nahm ihn an ſich... In der Auffahrt des Palais brannte hochoben eine etwas düſtere Lampe... Der Portier deutete auf ſein Stübchen und ein dort befindliches Licht, das zwar auch keine Millykerze war, aber es reichte hin für die kurze Lectüre... Eine Secunde und Benno hatte ge leſen, daß ihn Graf Hugo aufs dringendſte morgen zum Frühſtück auf ſeinem Schloſſe Salem erwartete Der Portier ſah dem ſchlanken jungen Manne jetzt voll Spannung nach und ahnte und vermuthete etwas Die Bedienung eines großen Hauſes hat ein ſcharfes Auge für die innern Angelegenheiten ihrer Herrſchaft Hängt Der mit unſer Aller Schickſal zuſammen? mochte er denken und ſah lange hinter ihm her, ſah, wie der junge Mann davonſchoß und ſo in Gedan⸗ ken, daß er immer noch nichts vom Regen zu merken ſchien Benno hatte ſich rechts gewandt, ging, auf die mor⸗ gende kleine Reiſe geſpannt, und fühlte nun doch wol an ſeinem Hut und den Stiefeln, daß es Zeit war irgendwo unterzutreten. Er ſtand am Burgthor 8 10 Da las er an einer vom Thor geſchützten Wand: „K. K. Hofburgtheater.“ „Hamlet, Prinz von Dänemark.“ Er trat in das nahe kaiſerliche Theater... Ein labyrinthiſches, von kleinen Winkelgängen durch kreuztes Gebäude nahm ihn auf... Schwer fand er ſich zurecht bis zur„Kaſſa“... Noch war dieſe offen, aber kein Billet mehr zu haben... In Oeſterreich gewöhnt man ſich— mit Unrecht— nur an die⸗ jenigen Unmöglichkeiten zu glauben, die ſich auch dem Klang des Silbers gegenüber nicht wegräumen laſſen Benno's Zweifel fanden kein Gehör. Er verließ ohne Billet die„Kaſſa“ und verwickelte ſich in den Gängen. Ein gefälliger Herr, der ſich verſpätet zu haben ſchien und hinter ihm herging, wies ihn zurecht Der Ausgänge ſchien es mehrere zu geben... Der freundliche Herr ließ es ſogar geſchehen, daß Benno in eine Wachtſtube gerieth, die ganz den bekannten Kaſer nenduft hatte... Grenadiere ſpielten hier Karten und dennoch huſchten Damen in eleganten Kleidern hindurch, ja Benno ſtand ſogar plötzlich zweien Geſtalten gegen über, die jedenfalls zu dem Gefolge des Königs Clau⸗ dius von Dänemark auf der Bühne gehörten. Der fremde Herr ſah Benno's Erſtaunen und ſagte zu ihm lächelnd: Ei, Sie ſind fremd, mein Herr? Schon zog er die Doſe gegen den Wachtſtuben⸗ geruch Nicht wahr, das erinnert Sie an eine Dorffomödie? 44 11 fuhr er fort. Aber es thut mir leid, daß Sie vielleicht mit dieſem Eindruck weiter reiſen! Sie haben kein Billet bekommen... Wenn ich Ihnen einen Platz in meiner Loge— Bitte... In allem Ernſt... Meine Loge liegt zwar nur im dritten Stock... Deſpectirlich iſt das aber keineswegs, lieber Herr!... Ohne Spaß... ich mache mir ſehr ein Vergnügen daraus... Kommen Sie nur! Das gemüthliche Air des feinen Herrn war ſo ein nehmend, daß Benno in der That nach einigem Zögern, aber auch fernerem Zureden folgte Ich gehe voran! ſagte ſein Führer und plauderte im Gehen: Nicht wahr, Sie denken hier an eine mögliche Feuers brunſt? Er deutete auf die Enge der Logentreppen... Man ging in die Stockwerke hinauf, wie auf einer Wendeltreppe zu einem Thurm. Im ſeltſamen Contraſt zu dieſer Aermlichkeit ſtanden die reichgallonirten Diener mit ihren Servirbrettern, auf denen ſie„Gfrornes“ trugen Benno entſchuldigte ſich unausgeſetzt über ſeine Drei ſtigkeit und ſchüttelte ſeinen Hut und ſeinen Macintoſh... Im Gegentheil! erwiderte ſein freundlicher Protector und ordnete inzwiſchen gleichfalls ſeine Toilette und mit einem Kämmchen ſein weißes, krauſes Haar Die Dreiſtigkeit iſt auf meiner Seite... Sehen Sie nur, jetzt muß ich Sie auf meine beiden Plätze ſogar durchs Paradies führen... Aber zur Linken haben wir dennoch einen kaiſerlichen Hofrath und zur Rechten einen Millionär von der haute finance... Die Logen ſind 12 bis in den Kronenleuchter hin ſchon auf Jahre voraus geſucht... Und wie iſt das heute überfüllt... Immen ſo bei denen claſſiſchen Stücken jetzt und beſonders wann im Kärthnerthor eine durchgefallene deutſche Oper wie derholt wird. Durch die dichtgedrängte Galerie machte der Logen ſchließer dem geſprächig ſatyriſchen Herrn Platz und nahm den naſſen Macintoſh, unter dem Benno ſich glücklicher weiſe im Salonfrack befand... Faſt in der Nähe des Kronleuchters lag allerdings die Loge des freundlichen Führers... Die Ränge waren eben nicht zu ſtark be⸗ ſetzt... Deſto voller war es unten... Kopf an Kopf in einem langen düſtern Saale, deſſen Bauart mehr zum Hören, als Sehen des auf einer ſchmalen Scene Dargeſtellten beſtimmt ſchien... Eben ſprach der Darſteller des Hamlet eine der längern wirkſamen Reden in melodiſchem Tonfall, mit ebenſo viel Kraft wie Anmuth... Befangen ſuchte ſich Benno in ſeine ſo ſchnell und überraſchend ihm gekommene Situation zu finden... Sehen konnte er allerdings vom Spiel ſo gut wie nichts... Er mußte ſich an die Worte halten und an ſeines Begleiters Erläuterungen, die von einem: Guten Abend! hier, von einem: Küß' die Hand! dort⸗ hin unterbrochen wurden... Die Beſchwörungsſcene war im Gange...„Schwört auf mein Schwert!“ ſprach Hamlet, der mit hinreißen dem, vielleicht zu vielem Feuer geſpielt wurde. Im Saal war alles todtenſtill... Man hörte das dumpf aus der Erde kommende:„Schwört!“ des Geiſtes... Alles das hinderte aber ebenſo wenig den 4 4* 13 Protector Benno's wie die Umgebungen immerfort da⸗ zwiſchen leiſe zu kritiſiren und zu„plauſchen“. Schau, ſchau! ſagte erſterer. Das ſchreibt ſich ge wiß unſer Herr Profeſſor da auf...„Schwört auf mein Schwert!“... Nicht wahr, lieber Profeſſor, das iſt für ein italieniſches Ohr rein kalmückiſch? „Schwört auf mein Schwert!“... Ich muß aber auch ſagen, was der Deinhardſtein da wieder für eine Ueberſetzung genommen hat... Oder ſoll's ausdrück lich ein Wortwitz a la Sa— Ei guten Abend, Reſi!... Ei, küß' die Hand!... Wie kommt denn heute der Profeſſor in Ihre Begleitung— Protegirt er auch den Herrn— Wie heißt der neue Debutant, den die Kai ſerin protegirt?... Kein Zettel da?... Die Unord⸗ nung in denen Logen greift immer mehr um ſich! Warum iſt kein Zettel da? Für Benno mußten dieſe Abſprünge des Tons vom zarteſten Gemüth bis zur ſchärfſten Ironie, jetzt an den Logenſchließer zur entſchiedenſten Grobheit, höchſt charakteriſtiſch ſein... In einem und demſelben„Ge⸗ plauſch“ wurde der Logenſchließer geputzt, ein junges, heiteres Mädchen, das vor ihm ſaß, angeredet, eine höchſt ſteife, lange Figur, in einer weißen Halsbinde neben ihr ironiſirt, der fremde junge Mann unterrichtet, die Darſtellung beurtheilt, alles mit derſelben Lebhaftigkeit und den leichteſten Uebergängen eines Seelenzuſtandes in den andern. Bald Gefrierpunkt der Kritik, bald Siedepunkt des Enthuſiasmus... Dazu noch die Doſe gezogen und geſchnupft und Benno nach dem wievielten Tag ſeines Aufenthalts gefragt, auch auf die Theuerung 14 Wiens aufmerkſam gemacht und bei alledem auch noch eine bedeutende Perſönlichkeit in dieſer Loge und in jener lorgnettirt.. Die Ringsumſitzenden hatten im Grunde alle dieſelbe Manier. Sie fanden wenigſtens dieſe queckſilberne Be weglichkeit, dies Abſpringen von der Hitze im Saal auf das heute„ein Biſſel“ mangelnde Feuer im Spiel„der Uebrigen“, von der brillanten Toilette dieſer und jener Fürſtin auf die„ſchauerlich“ ſchlechte und abgenutzte Decoration in der Scene ganz in der Ordnung. Und bei alledem, wenn auch noch ſoviel kritiſirt und„mechant“ gefunden wurde, bei einem: Bravo! ſtürmte ſich ein förm liches Liebesfeuer von Enthuſiasmus urplötzlich entbren⸗ nend aus... Trotzdem, unmittelbar darauf erfolgend, über dies und das ein leiſes:„Unter der Würde!“ Benno ſah, daß dieſe Art, ſich zu geben, aus dem Gemeingefühl einer Stadt entſpringt, deren Bewohner ſich gleichſam zu einer einzigen großen Familie bekennen Die Worte„Herz“,„Gefühl“,„Gemüth“ wurden ſowol hier, wie auf den Brettern gehandhabt wie eine Priſe Schnupftaback... Die ſchwungvolle Darſtellung des Hamlet ausgenommen, war die Vorſtellung mehr im Geiſte Iffland's...„Vater“,„Mutter“, alle dieſe Worte wurden mit einer beſonders biedern Treuherzigkeit betont. An ſeinem Protector fiel Benno auf, wie er ihn trotz ſeiner kindlichen Harmloſigkeit doch ab und zu höchſt ſcharf beobachtete... Sogar eine klug lauernde Kälte lag in dem Blick der kleinen glänzenden Augen mit höchſt ſcharfen grauen Brauen... S ℳ 9 15 Ein Zwiſchenact trat ein, den eine würdige Muſik belebte... Benno konnte ſich jetzt in ſeinen nähern und ent⸗ ferntern Umgebungen zurecht finden. Auch fiel er ſelbſt ſchon auf— nach ſeiner ſchlanken edeln Geſtalt, nach einem feinen Lächeln der anziehenden Geſichtszüge einigen Entfernteren... Nach ſeiner fremdartigen Ausſprache allen Näherſitzenden... Die Plaudereien ſeines Pro⸗ tectors veranlaßten die vor ihm Befindlichen, ſich öfters nach ihm umzuſehen... Nur dem Italiener wurde das Umſehen ſchwer. Ent— weder war der Nacken zu ſteif oder nur die weiße Halsbinde war es. Flüchtig erhaſchte Benno ein gelbes, von Blatter— narben entſtelltes Antlitz. Um ſo lieblicher hob ſich von ihm der ſchelmiſche Mädchenkopf ab, die Reſi, wie ſie ſein Protector nannte... Es war eine muntere Brü— nette, nicht mehr„zu jung“, die ſich unausgeſetzt gar luſtig halb italieniſch, halb deutſch mit ihrem Nachbar neckte. Der Italiener blieb auch kalt zu dieſen Spöttereien. Seine Geſichtsformen ſchienen von einer Pergament— haut überzogen zu ſein, die ſich nicht veränderte, auch wenn er ſelbſt etwas ſprach, das andre lachen machte ... Reſi ſtritt mit ihm über den Charakter der Deut ſchen und nannte Hamlet einen Däaͤnen, auf den die Malicen ihres Nachbars nicht im mindeſten paßten... Ma questo strofinaccio ha frequentato una univer- sità tedescha! ſagte der Italiener... Benno verſtand und ſprach das Italieniſche wie ſeine Mutterſprache... Er durfte annehmen, daß der Profeſſor, der Hamlet ſeiner Thatloſigkeit wegen einen 16 „Waſchlappen“ genannt hatte, ein Muſiker war. Reſi lenkte ihre jetzt zorniger werdenden Erwiderungen immer auf das muſikaliſche Gebiet. Sein Führer, der endlich den Theaterzettel bekommen hatte, las dieſen laut, lachte dabei über den Streit, blin zelte Benno zu und ſagte: Der Laertes— der ſoll engagirt werden... Eine Empfehlung aus München... Der ganze Hof iſt des halb zugegen... Reſi, wie kommt's, daß heute der Dal ſchefski ſeinen Platz abgetreten hat?... Herr Profeſſor, eine ſeltene Ehre für die deutſche Kunſt!...„Müller“ heißt der Debutant... Die allerhöchſten Herrſchaften ſind ſo außerordentlich gnädig... Der Menſch kann aber ſeine Beine noch nicht halten Benno würde an dem kleinen Kriege auf den Bän⸗ ken vor ihm, wo ſich noch eine ältere Dame und ein anderer Herr befanden, ſeine harmloſe Freude gehabt und ſein ſchmerzlich zerriſſenes, hochgeſpanntes und ſozu⸗ ſagen überbürdetes Gemüth erleichtert haben, wenn nicht plötzlich im Lauf der Neckereien ſein Begleiter mit einem Namen wäre angeredet worden, der ihm das Blut er⸗ ſtarren machte Und mehr noch Kaum hatte er die Anrede:„Herr von Pötzl“ zum zweiten mal vernommen, da ſtieg ſein Schrecken bis zur Beſinnungsloſigkeit, denn im weitern Verfolg der wieder neubegonnenen Handlung auf der Bühne reichte ihm ſein Führer das Perſpectiv mit den geheimnißvoll geflüſterten Worten: Jetzt aber! Jetzt ſchauen's!... O ich bitt'!... Da— 17 1 Das iſt merkwürdig!... Unſer Schickſal! Im Hamlet!... 3 Dieſer Herr Müller iſt gut empfohlen... Nein, ſchauen's 1 doch, Reſi!... Beim Staatskanzler— Alle die römiſchen 4 Herrſchaften... Der Principe Rucca... Und die Dame da... Das iſt die Herzogin von Amarillas... Benno lehnte das ihm dargereichte Perſpectiv ab... Seeine Hand zitterte... Sein Athem verſagte ihm... Bald richtete er ſein Auge ſtarr auf den Träger eines Namens, der— er wußte es jetzt— ſeiner Schwe⸗ ſter Angiolina gehörte, bald auf die ihm noch im fernen Lampen⸗ und Lichtdunſt ſchwimmende Erſcheinung— ſeiner Mutter—— V Das Spiel ging indeſſen weiter... Aber es wogte ein Rauſchen und Flüſtern durch den Saal... Die eben eingetretenen fremden Herrſchaften, die mit dem aus Rom gekommenen Cardinal Ceccone in Ver 1 bindung gebracht wurden, erregten das allgemeinſte Auf ſehen... Es kamen immer mehr... Der Principe Rucca war ein junger Mann im rothen, geſtickten Kleide... Auch der Name Maldachini wurde genannt... Alle Gläſer richteten ſich nach jener Logenreihe und Reſi's Frage ſogar: Ja, mein Gott, trägt denn der kleine Rothrock nicht gar ein ſchwarzes Pflaſter überm Auge? mehrte Benno's Aufregung... Denn nach einem erſt heute früh erlebten Vorfall ſah er, daß er mit den Perſonen, die er mit heißeſter Sehnſucht ſuchte und— mit Entſetzen und Grauen floh, bereits zuſam⸗ mengetroffen war, ja mit ihnen ſchon in einer Verbindung ſtand... Gutzkow, Zauberer von Rom VII. 8 18 Zweimal erwiderte er, auf alles Erläutern und Zei⸗ gen ſeiner Umgebungen: Weſſen— Loge— iſt das?... Des Staatskanzlers! hieß es... Doch auch die Logen neben jener hatten ſich inzwi⸗ ſchen gefüllt... Benno kämpfte mit ſich, ob er biszu Ende bleiben ſollte... Hamlet's Lage war ſeine eigene... Auch mit ihm ſprachen ja Geiſter, die außer ihm hier niemand ſah... Auch ihm ſträubten Enthüllungen das Haar zu Berge; auch ihn hätten ſie wach rufen ſollen zu Thaten der Sühne und Gerechtigkeit... Aber auch ihm lähmten hundert Erwägungen den Arm... Wahnwitz, das fühlte er jetzt, kann den ergreifen, der ein Ungeheueres machtlos im Buſen bergen ſoll... Auflodern, allen zurufen hätte er mögen: Das iſt ja meine Mutter!... Er hätte ſei⸗ nen Nachbar anrufen mögen: Wie trägſt du, du nur den Namen meiner Schweſter?... Ophelia, angeredet von Hamlet mit dem unendlich ſchön geſprochenen Ab⸗ ſchiedswort:„Geh' in ein Kloſter!“ verwandelte ſich ihm in die Trägerin ſeiner eigenen Leiden... Daß man dann ſagte, die Gräfin Olympia Maldachini ſähe ſo keck ſich um, wie in einem Ballſaal, ließ ihn vollends erbeben ..Auch ſie kannte er ja... Sie ſchon ihn... Die Loge war zu entfernt für ſein Auge ohne Bewaff⸗ nung durch ein geſchärftes Glas... Dennoch bog er ſich ſchwindelnd über, um zu ſehen— um ſtarren zu können... Wieder war inzwiſchen der Vorhang gefallen. Wieder begann eine Zwiſchenmuſik... Der Profeſſor, der inzwiſchen ebenfalls in große nd Zei⸗ inzwi⸗ ollte.. it ihm ſih... Berge; Sühne zundert zlte er klos im hätte tte ſei u nur geredet a Ab⸗ h ihm 5 mlan ſo kech rbeben ewaff⸗ er ſic den... große 19 Aufregung gerathen war, erklärte, nur eben dieſer„Römer“ wegen hätte er den Platz des Profeſſors Dalſchefski über⸗ nommen... Er zankte mit Thereſen... Er war aufge⸗ ſtanden und ſprach jetzt mit höchſter Lebendigkeit ſeiner bis⸗ her ſo ſtarr geweſenen Geſichtszüge die italieniſchen Worte: Ja! Das ſind ſie!... Die Herzogin kenn' ich nicht ... Aber ſehen Sie nur den Grasaffen, den Rucca! 62 Und das, das iſt die kleine Gräfin Olympia!.. Corpo di Bacco!... Als zehnjähriges Kind ſchon hatte der Fratz ſich in einen Apollino im Braccio nuovo verliebt, ver⸗ langte vom Cardinal Ceccone, ihrem— Onkel, ihm einen Kuß geben zu dürfen, ſpringt ſelbſt an den jungen marmornen Gott hinauf, umſchlingt ihn und beide ſtür⸗ zen vom Poſtament herunter... Thorwaldſen hat ihn reſtauriren müſſen... Und ein ander mal— ha, da hat— dieſe Olympia—— Ich muß aber bitten! Schweigen Sie! unterbrach ihn Reſi entrüſtet... Die Dame hat auch bis dahin Ihre Verleumdungen gehört! Eben richtet ſie das Lorgnon auf Sie!... Wahrhaftig... Herr von Pötzl, ſchauen's 1. D as iſt ja prächtig! Sie ruft den mit dem ſchwarzen Pflaſter, auch die Herzogin und die ſämmtli⸗ chen Cavalieri— geben Sie Acht, Profeſſor, Sie müſſen ihr Revanche geben, Sie unverbeſſerlicher Carbonaro!... Herr von Pötzl beſtätigte alles, ſtaunte und lachte über⸗ mäßig... Benno aber ſtand, als ſchweb in den Lüften... Nein, die iſt ungenirt!... ſprach alles ringsum durcheinander... Wie in Neapel!... te er, ein Fieberkranker, 20 Sie grüßt wirklich hier herauf! lachte Herr von Pötzl .In der That beſtätigten alle, durch ihre Lorgnons blickend, daß die Kleine mit dem Diamantendiadem zu ihrer Loge hinauflache... Sie ergriffe eben das Taſchentuch und winke herüber, ergänzte Reſi... Wem gilt denn das?... ſagte Herr von Pötzl hoch⸗ erſtaunt und ſchaute ſich überall um und fixirte endlich den Fremden neben ſich, ſeinen Protégeé... Dieſer ſtand keiner Beſinnung fähig... todtenbleich .. Eben ſtreckte Benno die Hand vor, um das ihm dar⸗ gereichte Perſpectiv zu ergreifen, da blieben ihm die Finger wie gelähmt hängen... Er ſank bewußtlos auf ſeinen Seſſel zurück... Sie ſind unwohl! rief Herr von Pötzl erſchrocken... Ein Glas Waſſer! Bitte.... oder kommen Sie... Friſche Luft!... Benno erhob ſich allmählich, lehnte Hülfe ab... Das Spiel begann eben wieder«e Er wandte ſich zum Gehen... Ja, gehen Sie lieber, mein beſter Herr, ſagte Herr von Pötzl ängſtlich beſorgt... Der Dunſt der Lampen hier oben iſt aber auch heute fürchterlich... Benno wollte ablehnen... Herr von Pötzl führte ihn, während alles rings voll Theilnahme aufgeſtanden war, ſelbſt durch die Sitzreihen der Galerie und hinaus auf den Corridor. Es war der zweite Tag, den Benno in Wien verbrachte. Pötzl gnons m zu rüber, hoch endlich 2. nbleich n dar Ats im Beginn des diesjährigen Frühlings Benno m die von Aſſelyn mit ſeinem Freunde Thiebold de Jonge von Witoborn nach der Reſidenz des Kirchenfürſten zurück⸗ reiſte, that letzterer„von ſeinem Standpunkte aus“ alles fer.. Mögliche, die ſchmerzlichen Nachklänge des ſo gänzlich den„gehegten Erwartungen nicht entſprochenen“ Wito⸗ borner Aufenthaltes zu mildern... Das Was nur aus dem unerſchöpflichen Born ſeiner guten h zum Laune zu ſchöpfen war, gab Thiebold zur Zerſtreuung bereitwilligſt her, und ſogar ſeine eigene Perſon „ Her Doch Benno blieb für alle Anſchläge ſeines erfinde⸗ riſchen Genius unempfänglich... ampen 3 n.— A. 5 Ja er verdarb Thiebold ſogar den„Spaß“, daß dieſer führte Extrapoſt nehmen wollte, um in der„Einſamkeit der der Landſtraße“ den„gegenſeitigen Gefühlen“ Luft zu machen... ſu Benno kannte dieſe Thiebold'ſchen Extrapoſtfahrten hinaus 24. 8... mit ihren„gemüthlichen kleinen Aufenthalten“ von vier bis fünf Stunden, ihren Nachtlagern, ihren Wirthshaus⸗ bekanntſchaften, ihren Abſtechern auf gerade den Abend aangeſagte Caſinobälle in kleinen Städten, zu denen ſich brachte. 22 Thiebold sans géne wie ein alter Stammgaſt einzuladen verſtand... Sie fuhren mit der Schnellpoſt und kamen auf dieſe Art raſcher als mit Thiebold'ſcher Extrapoſt wieder zu⸗ rück in ihre„laufenden Verhältniſſe“... Das durch vier Mitpaſſagiere auferlegte Schweigen über die Reſultate der Witoborner Erfahrungen hatte etwas Feierliches... Thiebold verbrauchte ſeinen letzten Cigarrenvorrath mit Blicken der Reſignation... Er gefiel ſich in dem von ihm ſonſt ſo oft an Peter unerträg⸗ lich gefundenen Syſtem des Au contraire gegen ſämmt⸗ liche Mitpaſſagiere, deren Behauptungen ihm in der Regel unbegründet und haltlos erſchienen, ob ſie nun den Segen der zu erwartenden Ernte oder die projectirten Eiſenbahn⸗ linien oder die Zukunft der damals neuerfundenen Stahl⸗ federn oder den Kirchenſtreit betrafen... Thiebold wußte zwar, daß er durch ſeine unausgeſetzten:„Er lauben Sie!“, mit denen er ſeine„thatſächlichen Berich tigungen“ einführte, Benno zum ſtillen Märtyrer machte, aber es blieb ihm unmöglich, die Aufregung ſeines Gemüths, den„ſtellenweiſen“ Schmerz ſeiner Erinnerungen anders zu beſchwichtigen, als durch eine auf fortwährende Be⸗ richte von„Augenzeugen“ gegründete Polemik... Nur in der Nacht traten Pauſen der Ergebung ein, die Thie— bold theils durch Schnarchen, theils durch Seufzer ausfüllte .. Hätte er nicht von Seiten Benno's das ſchnöde Wort: „Machen Sie ſich nicht lächerlich!“ gefürchtet, er würde von den Sternen geſprochen und die von Joſeph Moppes im⸗ mer ſo zart geſungene Arie mit nachgeahmter Waldhorn⸗ begleitung intonirt haben:„Ob ſie meiner noch gedenkt?“... aden dieſe zu⸗ igen jatte zten Er räg⸗ umt⸗ egel egen aähn ahl⸗ old 23 Als dann Thiebold ſeinem Vater hinter„Maria auf den Holzhöfen“ über die„verfehlte Speculation“ des Ankaufs der Camphauſen'ſchen Waldungen, infolge des bedeutungsvollen Fundes der Urkunde und des Abbruchs aller Verhandlungen mit Terſchka drei Tage vor der ihnen noch nicht bekannten Flucht deſſelben, berichtet und dafür ein:„Geſegn's Gott!“ geerntet hatte, fand ſich leider „noch immer die ſtille Stunde nicht“, nach der ſein Herz ſich ſehnte, die Stunde, um mit Benno„alles durchſpre— chen“ und das Thema variiren zu können:„Iſt denn wol das alles ein Traum geweſen?“... Benno hatte ſofort mit den Berichten zu thun, die er Nück zu erſtatten hatte... Thiebold ſelbſt war theils überhäuft mit Commiſſio⸗ nen, die ihm die Stiftsdamen mitgegeben, theils war ſeine Ankunft die erfüllte Sehnſucht aller ſeiner übrigen Freunde, beſonders Piter's, den Treudchen's Flucht ins Kloſter und die bevorſtehende mögliche Einkleidung des geliebten Weſens „rein in einen Schatten“ verwandelt hatte... Erſt die überraſchende Mittheilung, daß ſich auf einer Reiſe nach England Wenzel von Terſchka einige Stun den in der Stadt aufgehalten, ohne jemanden zu beſu⸗ chen, brachte den„Austauſch der Gefühle zuwege“, nach dem Thiebold ſo dringend verlangte... Eines Abends ſechs Uhr war es, auf der Straße, die Sonne war noch nicht untergegangen, die letzten Auſtern,„auf die man ſich allenfalls noch verlaſſen konnte“, waren aus Oſtende angekommen... Ein ſtiller Winkel auf dem Hahnen⸗ kamm lockte mächtig... Benno wurde gezwungen zu folgen... Benno tadelte keinen einzigen Vorſchlag, den 24 Thiebold über die Sorte Wein machte, die ſie zu den noch„unbedenklichen“ Auſtern wählen wollten „Terſchka geht denn alſo nach England, um die Gräfin über die Urkunde und die gänzliche Veränderung der Dinge auf Schloß Weſterhof in Kenntniß zu ſetzen“. Das war das wehmuthsvolle Thema und anders noch konnten die Vermuthungen nicht lauten. Die zweite Schlußfolgerung war die Ahnung von einer Heirath Paula's mit dem Grafen Hugo Die dritte die Unentbehrlichkeit Armgart's für Paula und demzufolge— die Heirath mit dem Freund des Gra fen, mit Wenzel von Terſchka, ſelbſt. Nie hatte Thiebold ſeinen männlichen Freund ſo klein müthig geſehen, nie ſo nachgiebig gegen jede Vermuthung Benno lehnte ſelbſt die Hypotheſe nicht ab, daß Armgart„keinem von ihnen beiden hätte wehe thun wollen“... Beide Freunde redeten ſich in das Unergründ liche ſo hinein, daß Benno ſich zuletzt die ſchwarzen Locken aus der heißen Stirn ſtrich, wild den Arm aufſtennte und alle jene Anklagen des Schickſals ausſtieß, die Thie bold ſonſt„unmännlichen Weltſchmerz“ zu nennen pflegte... Heute„unterſchrieb“ er alles, was Benno in ſein grünes Römierglas wetterte... De Jonge! Ich fand Ihre Entſagung natürlich... Ich würde Ihnen Armgart nimmermehr gelaſſen haben... Vergeben Sie mir dieſe offenherzige Sprache... Selbſt auf Gefahr, Sie zu beleidigen... Unter Männern volle Wahrheit! entgegnete Thiebold und ſtieß die leeren Auſterſchalen zurück, um für neue Platz zu machen, die er wie mit einem Mordmeſſer behandelte... — 25 Sie konnte in der That nur mich lieben!... Ich habe Vorzüge vor Ihnen... Nicht daß ich lateiniſch, griechiſch und italieniſch verſtehe, de Jonge... Sie ſprechen engliſch und ſpaniſch... aber mein Vorzug liegt im Herzen!... Mein Herz kann lieben, das Ih⸗ rige nicht, de Jonge!... Morden Sie mich dafür mit Ihrer Auſterngabel!... Nein im Gegentheil! rief Thiebold und ſeine Augen leuchteten vor Begeiſterung über ſeinen Freund.. Nein! Sie haben recht! Ich ſchaudere über mich ſelbſt... Ich kann lieben— nie aber auf die Länge!. Thiebold ſchenkte mit wilder Geberde die Gläſer voll .Sein ganzes Sein war aufgelöſt in— Behagen nur allein über Benno's„edle Vertraulichkeit“... Ja, zum Beweiſe, daß er Urſache zum Zorn hätte, doch ſich„zu mäßigen wünſche“, warf er ſein Glas hinterwärts in tauſend Scherben... Was koſtet das? ſetzte er zum erſchrocken herbeieilenden Kellner hinzu... Dieſe Stunde iſt mir in dem Grade feierlich, Louis, erklärte er dem Staunenden, daß nie wieder ein Menſch aus dieſem Glaſe trinken ſoll! Geben Sie mir aber ein neues!... In dieſer Art„ſprachen“ beide Freunde von ſieben bis gegen Mitternacht in einer„ſtillen Stunde“ ihre Witoborner und Weſterhofer Erinnerungen, ihre An ſchauungen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft „durch“... Beide Jünglingsſeelen nenne man deshalb nicht oberflächlich in ihrem Schmerz... Männer be⸗ dürfen ſolches heftigen Ausbruchs ihrer Gefühle... Benno tobte und fand es unerträglich, daß der Kellner ſich unterſtand, mit dem Beſen die Splitter zuſammen⸗ 26 fegen zu wollen. Hinaus! rief auch er... Beide Freunde waren nicht im mindeſten trunken... Das iſt die Jugendkraft... Zorn, Eiferſucht, Schmerz müſſen in jungen Seelen ſolche Formen haben, um zu den einmal nicht zu ändernden Geſetzen des Lebens zurückkehren zu können... Acht Tage nach dieſem Abend, der nichtsdeſtoweniger in Benno's Seele nur neue Wunden ſchnitt, nicht heilte, erhielten beide Nachricht, daß Terſchka entflohen und ein Prieſter, ein Jeſuit war.. Das Staunen mußte das mächtigſte ſein... Sie erfuhren die unglaubliche Kunde zu gleicher Zeit mit der Nachricht, daß Terſchka in England zu bleiben ge dächte, ſich unter den Schutz Englands ſtellte, ſeinen Glauben entweder ſchon geändert hätte oder zu ändern gedächte und ohne Zweifel von Gräfin Erdmuthe, die einen Triumph über das Papſtthum, eine Genugthuung für die entſetzenerregende Urkunde ſah, Verzeihung er⸗ halten würde... Ueber Terſchka's Verhältniß zu Armgart mußte jetzt eine ganz neue Beleuchtung fallen und wieder begannen die Hoffnungen... Bonaventura war es dann, der, unterwegs da und dort in Amtsgeſchäften aufgehalten, erſt vierzehn Tage nach ihnen eintraf und dieſe Thatſachen beſtätigte... Beide Freunde kannten Armgart's katholiſchen Sinn ... Aber ſtand nicht Armgart jetzt unter der Lei⸗ tung ihrer Aeltern, deren freiſinnige Richtung allbekannt war?... Jeder wußte, daß Armgart's Aeltern ſich um ihrer Principien willen ausgeſöhnt hatten... Graf ſeinen ndern jetzt annen a und Tage Sinn Lei kannt h um Graf 27 Hugo iſt Lutheraner, hieß es auf Nüchs Schreibſtube, Terſchka wird zum Grafen Hugo zurückkehren Nück aber erklärte dies in Rückſicht auf Oeſterreich für unmöglich... Bonaventura kam trauernd, ernſt und ſchweigſam... Es beſtätigte ſich: Er war Domcapitular geworden... In ſo jungen Jahren... Sein ſchnelles Emporſteigen auf der Staffel der geiſtlichen Würden war eine Folge der immer heftiger gewordenen Kämpfe mit der Regierung ... Die alten Bewohner des Domſtifts erlagen dieſen Aufregungen... In auffallender Schnelligkeit raffte der Tod die ſchwachen Greiſe hinweg, die nicht mehr wuß— ten, wie ſie ſich zwiſchen ihren geiſtlichen und weltlichen Oberhäuptern in der Mitte halten ſollten... Der Kirchenfürſt und ſein Kaplan Michahelles blieben ge— fangen... Bonaventura's Stellung zum täglichen Gottesdienſt ver⸗ inderte ſich infolge ſeines Aufſteigens... Doch bei feier lichen Gelegenheiten trat ſie in deſto höherer Bedeutung hervor... Gleich die Oſterzeit theilte auch ihm den ganzen Nimbus mit, den gerade in dieſen Tagen die katholiſche Kirche um ſich zu verbreiten weiß... Auf die goldenen Gewänder, die Fahnen und Baldachine fällt gerade in dieſer Zeit auch zugleich der Strahl der erſten Frühlingsſonne... Jeruſalems Palmen grünen in den noch kalten Kirchen... Ueber den Garten von Gethſe⸗ mane breitet ſich das abendliche Dunkel der Vigilien... Selbſt den Hahn der Verleugnung glaubt man bei all dieſen Nachbildungen der heiligen Leidens⸗ und Oſter⸗ vorgänge in den katholiſchen Kirchen rufen zu hören— — 28 ſo weiß man das Alte wach zu halten... Bonaventura bedurfte dieſer ſchönen Phantasmagorieen, um— ſein Leiden zu mildern und— ſein Denken zu unterbrechen Die Beichten kamen wieder, die Prüfungen in dem kleinen Flüſterwinkelchen, das Bonaventura nicht aufgeben durfte... Renate bat ihn um Schonung ſeiner ſelbſt ... Ihr Pflegling kam von Witoborn zurück um Jahre älter geworden... Mittheilſam ſprach er ihr wol von der Mutter und breitete alles aus, was dieſe ihm für die alte Dienerin ſowol, wie für ihn ſelbſt mitgegeben Aber es drückte ihn Schmerz und Unmuth Er war umſponnen von wie viel geiſterhaften Fäden!... Viſion und Wirklichkeit hielten ihn in einem ſteten Zauber⸗ bann... Seine alten Zimmer behielt er in dem großen Gebäude des Domſtifts Gerade weil er ſo viel Neues in ſeinem Herzen trug, hatte er das Bedürfniß, außerlich es beim Alten zu laſſen... Bonaventura ſah Benno wieder, ſah Nück, auch Lu cinden... Wie gewaltige Veränderungen waren vorge⸗ gangen! Aeußerlich ſowol, wie innerlich Benno konnte er nicht ſehen ohne die tiefſte Rührung... Immer und immer empfand er den Reiz, dem Freunde die Binde von den Augen zu reißen und ihn ohne Rückhalt über ſeinen Urſprung aufzuklären... Noch aber fehlten die vollen Verſtändigungen darüber mit dem Dechanten und ſeinem Stiefvater Von Stunde zu Stunde mußten ſie kommen... Nück war und blieb Bonaventura ein Gegenſtand des Grauens Der Unheimliche umſchlich ſeinen Beichtſtuhl und gab nicht undeutlich zu erkennen, daß er eunde ohne Noch it dem stunde nſtand ſeinen daß er 29 von mancher Bürde frei zu werden wünſchte... Bo⸗ naventura lenkte die Geſtändniſſe, die bald aus dieſem Munde an ſein Ohr drangen, auf den Brand von We⸗ ſterhof, auf die Urkunde... Nück ſtellte ſich da völlig nichtwiſſend... Aber bei den Verirrungen ſeiner Phan⸗ taſie blieb er ſtehen und fragte eines Nachmittags geradezu, was die Kirche riethe, wenn man ſich von allen ſeinen Sün⸗ den und Schwächen aufraffen wolle und es auch könne, jedoch von dem einzigen dazu verhelfenden Mittel ein⸗ geſtehen müſſe, daß es nicht minder der göttlichen Ver⸗ zeihung bedürfe... Bald kam die faſt gefliſſentliche Hindeutung auf Lucinden... Das war die ganze Ab⸗ ſicht dieſes Beichtſtuhlbeſuchs... An Wahrheit und Auf⸗ richtigkeit konnte einem Nück nicht gelegen ſein.. Warum ſpracher von einem Weſen, das er nicht nannte, das ihn frevleriſch beſtricke, von einer verzehrenden Glut ihres Athems, von ſeinem Bedürfniß, ſich von einem ſo ſtarken weiblichen Willen beherrſchen zu laſſen, ja daß er ſchon jetzt nichts mehr ohne ſie thäte?... Nück ſprach von einer Aenderung ſeines ganzen Lebens, von einer Aufgabe ſeiner Geſchäfte, einem Zurückziehen ins Pri— vatleben, von Ankauf eines Gutes, von Reiſen in ſüd⸗ liche Gegenden... An allem iſt ſie betheiligt! ſagte er ſeufzend und ſo betonend— als wollte er nur den Prie⸗ ſter ſelbſt damit durchbohren... Das rauhe, ſtruppige Haar des hochberühmten Rechtsgelehrten neben ihm flößte Bonaventura den tief⸗ ſten Abſcheu ein... Er beeilte ſich, von dem häßlichen Bild dieſer Seele hinwegzukommen... Abſchüttelnd, was vom ſogenannten Molinismus oder der Jeſuitenmoral — 30 in ſolchen Fällen des Verhältniſſes der größern zu kleinern Sünden gerathen wird: Sei wie die entwöhnende Amme! Verwandle, was du dem Sünder bieteſt, erſt in einen dem Kind die gewohnte Milch vergegenwärtigen den Brei! ſprach Bonaventura: Was ſind das für geringere Sünden, mit denen man größere austreibt!... Leſen Sie die Schrift und Sie werden David's Leidenſchaften und ſeine Reue fin— den!... Ich will Sie an den Knaben David erinnern, wie er den Rieſen Goliath erſchlug... Er hielt ſich zu ſeinem Schleuderwurf fünf Steine bereit, obgleich ihm der Rieſe wol nicht für die Abſchleuderung des zwei⸗ ten Zeit gelaſſen hätte... Ein Uebel rottet ſich am beſten dadurch aus, daß man ihm die Nahrung nimmt Ergreifen Sie noch vier andere Leidenſchaften, ich meine edle Leidenſchaften... Sie werden dann an die unedle fünfte nicht mehr denken... Beten Sie ein Ave auf dem Hügel der letztbegrabenen Angehörigen Ihrer Familie... Friedhöfe zu beſuchen, das wäre eine der Leidenſchaften, die ich meine... Legen Sie ſich vier ſolcher ſteten Reſervebeſchäftigungen Ihres Thuns an und Ihre Phantaſie hat eine Milderung... Hendrika Delring war gemeint... Was gibt es Heilenderes, als die Erinnerung an unſere Vergänglichkeit!... Bonaventura wußte nur nicht, wie wenig Nück's verirrter Seelenzuſtand am Tode ein Grauen empfand... Lucinden ſah Bonaventura oft genug, nur nicht mehr im Beichtſtuhl, den er ihr verboten hatte Er ſah ſie beſonders in der Zeit, wo die Kattendyk⸗ . 31 ſche Familie ſich nach Witoborn zu den Exercitien der Frau von Sicking begab... Statt ihrer hatte ſich erſt Johannens Verlobter, der Profeſſor a. D. Guido Goldfinger, an dieſe Uebungen anſchließen wollen... Da der praktiſche Mann jedoch angefangen hatte, ſich, erſt„nur der Zerſtreuung wegen“, auf Delring's verlaſſenen Comptoirſeſſel zu ſetzen und Pitern im Familienintereſſe der Jahresdividenden zu überwachen, ſo ging mit der Mutter und Schweſter die Frau Oberprocurator... In dieſer Zeit war Lucinde tagelang in den Kirchen, flüchtete auch oft in die Rumpelgaſſe zu Veilchen Igels— heimer, auch auf den Römerweg zu Treudchen Ley... Nück, in übermäßiger Freude über das gänzliche Ver⸗ ſchollenſein des Brandſtifters Jan Picard, nicht einmal beläſtigt von deſſen Drohbriefen um Geld, beruhigt ſogar über Hubertus, der in der That mit Pater Sebaſtus auf der Flucht nach Rom war, lebte nur ſeinen jetzt doppelt entfeſſelten Begierden... Er ſuchte Lucinden mit allen nur erdenklichen Kundgebungen ſeiner Gefühle zu umſtricken... Er vernachläſſigte ſeinen Beruf und gab ſich Blößen vor allen ſeinen Arbeitern... Benno beſtätigte, was Bonaventura ſchon aus dem Beichtſtuhl wußte... Sie wollen mich jetzt verlaſſen, jetzt?! rief Nück Benno und ſeine Augen traten in ihre Höhlen zu⸗ rück und ließen nur einen einzigen weißen Schimmer ſe⸗ hen... Sie dürfen nicht! Sie müſſen bleiben!... Und ich habe es gut mit Ihnen vor! lenkte er ein. Sie miſſen eine glänzende Carriere machen... Dieſer Staat hier bietet Ihnen nichts... Herr von Aſſelyn, Sie 32 bleiben? Wenigſtens bis zum Herbſt?... Ich wickle dann mein Geſchäft ab und gebe meine Praxis auf... Wer den Sie mein Nachfolger oder— ich erfinde noch etwas ganz Anderes für Sie... On ne marche qu'avec les hommes! ſagte Mirabeau, fuhr er fort... An Menſchen hänge dich an... Die nur tragen dich, wie der heilige Chriſtophorus das Kind übers Meer trug... Meinun⸗ gen, Ueberzeugungen, Pflichterfüllung— pah— das iſt all nichts... Ich ſetze Sie auf die Schultern von Menſchen — ja des erſten Mannes in der weltlichen Chriſten⸗ heit und Ihren Couſin, den Domcafitular, auf die Schultern des erſten Mannes in der geiſtlichen Nur durch Menſchen kommen wir vorwärts.. Benno, von Nück oft ſo auf Kaiſer und Papſt ver⸗ wieſen, lachte, hatte aber die tiefſte Abneigung gegen ihn. Da er in der Proceßfrage der Camphauſen arbei⸗ tete, hinderte ihn die eigene Theilnahme, von Nück zu rückzutreten, wie er am Tage nach dem Auffinden der verdächtigen Urkunde gewollt hatte... Den Regierungs rath von Enckefuß ſah er oft... Er mochte von ſeinen Ahnungen nicht ſelbſt beginnen und dieſer wollte entweder durch Schweigen ſeine Maßregeln verſchleiern oder war zu ſehr vom Antreten ſeiner eignen traurigen Erbſchaft in Anſpruch genommen... Dionyſius Schneid durch Steckbriefe zu verfolgen, wie Herr von Enckefuß ſchon auf Schloß Weſterhof vorgeſchlagen, hatte Levinus von Hülleshoven nicht unterſtützen wollen, obgleich die Spur des Verwundeten aufzufinden unmöglich war... Hubertus, der ihn geborgen, wurde vernommen, aber ſeine Ausſage lautete auf ein freiwilliges Weiterwandern ◻☛☛ 1 ndern 33 eines Abenteurers, der für Pater Ivo und Löb Selig⸗ mann in den Gewölben einer Kloſterkirche verſchwunden war... Löb Seligmann hatte ſich noch nicht veranlaßt ge⸗ fühlt, in einer ſo frommen Gegend mit Zeugenausſagen hervorzutreten gegen Klöſter und hohe Adelsſitze... Eines Tages— es war gegen Pfingſten— erhielt Bonaventura folgende Zeilen: „Hochwürdiger Herr! Eine Novize bei den Karme⸗ literinnen, Gertrud Ley aus Kocher am Fall, wünſcht ſchon ſeit lange Ihnen Beicht zu ſprechen. Herr Caje⸗ tanus Rother verhinderte dies. Jetzt iſt er lebensgefähr⸗ lich erkrankt und bedarf eines Subſtituten. Es wird Ihnen ein Leichtes ſein, von der Curie dieſe Stellung zu erhalten. Sollten Sie von dem Gerücht, daß Sie Comteſſe Paula magnetiſirten, Unannehmlichkeiten haben, ſo wollt' ich Ihnen nur bemerken, daß, wenn auch je⸗ den, der ſich auszeichnet, Neid verfolgt, doch in dieſem Fall die Intrigue der Frau von Sicking bei Witoborn die Veranlaſſung etwaiger Verdrießlichkeiten iſt...“ Der überraſchende Brief war ohne Namen, konnte aber nur, die Handſchrift bewies es, von Lucinde kommen... Bonaventura war aufs Aeußerſte betroffen Von der„Seherin von Weſterhof“ hatte er überall unbefangen geſprochen... Die„ Intrigue der Frau von Sicking“?... Dieſe Dame war von ihm vernach⸗ läſſigt worden; er hatte gleichgültig von ihren Bußunter⸗ nehmungen geſprochen... Dafür konnte ſie an ihm Rache nehmen?...„Paula magnetiſirt?“.. Die Geiſtlichen der Michahelles'ſchen Richtung beklagten aller⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 3 34 dings, daß Paula's Elſtaſe keine rechtgläubig religiöſe war... Die Irndifferenten lächelten öfters zweideutig, wenn ſie mit Bonaventura von ſeiner Reiſe ſprachen. Der Weihbiſchof, ein Greis, hatte ihm manches mitge⸗ theilt, was hinter ſeinem Rücken geſprochen wurde.. Sogar der Onkel Dechant hatte ihn in einem ſeiner jetzt öfter als ſonſt geſchriebenen Briefe gewarnt vor böſen Gerüchten, auch Hunnius und Rother als ſeine Gegner genannt...„Gib Acht“, ſchrieb er ihm,„greift die In⸗ trigue um ſich, ſo verbieten ſie Dir trotz Deiner hohen Stellung noch den Beichtſtuhl... Halte Dich nur mit dem Generalvicar, der ein aufgeklärter Mann iſt...“ Bonaventura hatte ſich gelobt, Lucinden zu betrach⸗ ten, als wäre ſie nicht mehr für ihn auf der Welt... Er hatte zu Renaten, als ihm dieſe mittheilte, jeden Abend ginge eine verſchleierte Dame an einem auf eine kleine Gaſſe hinausgehenden Fenſter ſeiner Zimmer vor⸗ über und ſähe minutenlang hinauf— bittend geſprochen: — Reden Sie doch nicht mehr davon!... Er wollte Lu⸗ cinden vergeſſen... Er wollte den Muth zeigen, ſich nicht zu fürchten vor ihren Drohungen... Bei jeder Leiche, die er ſegnete, ſah er im Geiſt den Sarg von St.⸗Wolfgang offen und Lucinde mit dem„Geheim⸗ niß über ſein Leben“ ihn anſtarren wie die Sphinx .. Er wollte auch jetzt von dieſen Zeilen ſich nicht er⸗ ſchüttern laſſen, wollte nicht durch zu langes Verweilen bei ihrem Inhalt Lucindens wahrſcheinliche Abſicht unter⸗ ſtützen, mit Gewalt wieder Poſten in ſeinem Innern zu nehmen... Der Abſchied von Paula lag zu ſchmerz⸗ haft noch auf ſeinem Gemüth... Er ſah immer näher kom⸗ Lu⸗ ſich jeder von heim⸗ phinx gt er⸗ eilen nter⸗ mern merz⸗ kom⸗ * 35 men, was ihm und Paula der Tod war, die von den Standesrückſichten gebotene Ehe derſelben mit dem Gra⸗ fen Hugo— mit dem Geliebten der leichtſinnigen und verlorenen Schweſter Benno's!... Das waren Fern⸗ ſichten, gegen deren Düſter das nächſte Leid verſchwand... Da kam in der That ein Brief von der Curie, worin ihm die Inſpection der Klöſter anzeigte, daß die Damen auf dem Römerwege wünſchten, ihn für die andauernde Krankheit ihres Beichtvaters bei ſich in Stell⸗ vertretung zu ſehen... An der kurzen Dauer, in der ſich die Curie für die Genehmigung dieſer Bitte ent⸗ ſchied, ſah er doch nur einen geringen Widerſtand, der ſich gegen ihn zu regen wagte... Freilich bürdete man ihm nur zu ſchnell jede neue Laſt auf... So ging denn Bonaventura eines Tages in erſter Morgenfrühe auf den Römerweg... Er gedachte der ihm ſo werthen Gertrud Ley, ge⸗ dachte, wie wol Paula von dieſem Kloſter zu ſprechen pflegte, wenn die Rede ging, daß ſie möglicherweiſe den Schleier nähme... Hier betete Schweſter Thereſe, die ehemalige Verlobte des Pater Ivo, für das Heil der umnachteten Seele ihres Freundes, dem ſogar noch ein Gelübde ſeiner entfernteſten Ahnen zu einer Gewiſſens⸗ frage hatte werden können... Immer lehnte er die Wahl gerade dieſes Kloſters ab; denn ſich Frauen den⸗ ken zu müſſen unter einem geiſtlichen Führer, wie Ca⸗ jetan Rother, mußte ihm der Anblick des— von Wür⸗ mern zernagten heiligen Brotes ſein... Er gedachte: Iſt dies Haus, das ſo ganz verſteckt und verbaut, äußerlich kaum neben einem kleinen Kirchthurm erkenn⸗ 36 bar, zwiſchen dem Waiſen⸗ und Jeſuitenprofeßhauſe liegt, der Himmel auf Erden oder die Hölle?... Wer ergründet das?... Die Biſchöfe dürfen wol zuweilen dieſe nur den Frauen gewidmeten Räume betreten; ſie dürfen in die Zellen blicken... Auch die Wahl eines fremden Beichtvaters, ſtatt des gewöhnlichen, ſteht den Nonnen frei... Aber wie viel Dinge ſind erlaubt und man verſagt ſie ſich doch... Wie viel Klagen erſterben in Rückſichten... Wehe denen, die in einem Gemeinweſen etwas wagen, das dem allgemeinen Esprit de corps widerſpricht... Bei den Nonnen macht ſich vor allem die weibliche Natur ſelbſt geltend, die räthſel— hafte Gattungsſtimmung, für die die Männer ſelten richtiges Verſtändniß haben... Die weibliche Natur wird an die Geſetze des Lebens, an Hinfälligkeit und Schwäche mehr erinnert als wir... Die Männer bindet dann der Geiſt; ihre irdiſche Natur können ſie zuweilen abſtrei⸗ fen... Frauen aber ſtehen immer im Zwang eines gleichen Naturlooſes und entbehren der völlig freien Selbſtbeſtimmung... Daher denn in einem Nonnen⸗ kloſter der doppelt und dreifach gebundene Wille... Ein einziges Gefühl bemächtigt ſich aller; der Inſtinct leitet ſie; ſelbſt die Freiſten werden hinübergezogen in ein allgemeines Sklaventhum... Das alles wußte ſchon Bonaventura... Dennoch hoffte er auf Ausnahmen... Verließ ihn ſelbſt doch nicht die Vorſtellung: Wer weiß, ob nicht eines der großen Benedictinerklöſter in Oeſterreich dir die Welt⸗ entſagung in anderem Lichte zeigen würde, als das Kloſter Himmelpfort mit Klingsohr und Pater Maurus!. B⏑ 37 Die Aebtiſſin, die er fand, war eine Greiſin... Am Stabe daherwankend empfing ſie den Domkapitular, der mit der ganzen männlichen Würde ſeiner äußern Erſcheinung und in ſeinem Ornate kam... Sie gelei⸗ tete ihn in die Kapelle, wo ſich die Vorrichtungen des Beichthörens befinden... Das Kloſter war von keiner zu ſtrengen Regel... Einige der Schweſtern widme⸗ ten ſich der Erziehung im Waiſenhauſe, wohin ſie durch ein Gewirr von Gängen gelangen konnten... Die Annäherung des hochgefeierten Prieſters ſchien Himmels⸗ manna für die verhungerten Seelen... Da und dort tauchten eilende Geſtalten auf hinter den Gittern der kleinen Kirche... Leben und Bewegung, wenn auch geiſterhaft und leiſe, regte ſich ringsum... Dicht am Tabernakel befand ſich ein Zimmer... Hier konnte ſich Bonaventura ungeſtört allein angehören... Ein Zug⸗ fenſter zurückſchiebend, ſah er in einen düſtern Gang, von dem ihn ein einfaches, nicht wie am allgemeinen Sprachgitter übliches doppeltes Gitter trennte... Die Nonnen treten nicht frei in die Kirche. Sie wohʒen ſelbſt der Meſſe nur durch die vergitterten größeren und kleineren Mündungen ihres Kloſtergebäudes bei Hier und da diente ein kleiner Ausbau aus der Kirche ins Kloſter zu Beichten, wenn deren mehrere zu gleicher Zeit zu nehmen waren bei etwaiger Ueberfüllung an Be⸗ wohnern... Bonaventura nahm in einem dieſer kleinen Glas⸗ käſten Platz, während ſein Akoluth Vorrichtungen traf zur Meſſe, die er hier morgen halten wollte... Mit dem Pfingſttage naht die öſterliche Zeit ihrem Ende * 38 Di te ... Schon waren die drei„Bitt⸗Tage“ vorüber. morgende Vigilienfaſte gehörte dieſem Kloſter als ein ganz beſonderer Gründungs⸗ und Seelenläuterungs⸗ tag... Es war draußen heiß, in der Kirche kühl... Hinter einem Gitter, das Bonaventura nicht ganz über⸗ ſehen konnte, ſaßen die Harrenden in ihren braunen Kutten mit leichten weißen Mänteln und weißen Schleiern, einen ſchwarzen ledernen Gurt um den Leib... Von jeder, die ſich ihm nahte, hörte man auf dem ſteinernen Boden das Knarren der groben Lederſchuhe, die anderswo die heilige Thereſe entfernt hat, als ſie aus den Karmeli⸗ terinnen Barfüßerinnen machte, wie ihr Freund, der hei⸗ lige Petrus von Alcantara, den Orden der Franciscaner verſchärfte. Wer ſollte glauben, daß auch dieſe abgeſchloſſene Frauenwelt Erlebniſſe zu berichten hatte... Ihre Ver⸗ richtungen waren ſo einfach... Gebet, Meſſe, Eſſen und Trinken, weibliche Arbeiten, Singen, Beten und Schlafen... Das war die Ordnung jedes Tages, etwa bei vier oder fünf ausgenommen, die Unterricht gaben— eine Licenz, zu deren Erlangung bis nach Rom hin hatte berichtet werden müſſen... Nach den erſten fünf oder ſechs Beichten, die ſchon die Zeit bis faſt gegen elf Uhr einnahmen— Treudchen Ley mußte als Neuling bis zuletzt bleiben— überſah der ſtill horchende und murmelnde Märtyrer ſchon das ganze Seelenleben eines Nonnenkloſters... Die hoch⸗ betagte Oberin ſprach wie ein Kind... Sie ſchien ſeit Jahren dieſelben Fehler zu bekennen... Sie hatte am 39 Roſenkranzgebet einzelne Kugeln überſprungen Sie hatte um des geliebten Schlafes willen ſich einige— mal krank melden laſſen... Sie hatte bei einem Ueber⸗ maß von Fliegen in ihrem Zimmer ſie durch eine Jagd getödtet in den Zwiſchenpauſen ihrer— Gebete... Alledem ſprach Bonaventura milde und den Fehl eigent⸗ lich in anderm ſuchend, als die Beichtende.... Da ſeine Gewohnheit war, durch eine plötzliche Querfrage ein⸗ gelernte Beichten zu durchkreuzen und lehrreiche Stockun⸗ gen des Gewiſſens hervorzubringen, ſo geſtand ihm auch dieſe gute alte Frau zuletzt ein, daß ſie allerdings in Streit und Zank lebte... Zunächſt galt dann das Bedürfniß der Reue über leidenſchaftliche Ausbrüche ihres Tem⸗ peraments einer— Henne, die regelmäßig vom benach⸗ barten Profeßhauſe der Jeſuiten über die Mauer flog und durchaus ihre Eier hier bei den Karmeliterinnen im Garten legte. Um dieſe Henne und um dieſe Eier war das ganze Kloſter in Aufruhr!... Die Aufwärterin von drüben, die Hanne Sterz, begehrte von der ver⸗ e flogenen Henne die Eier und im Kloſter war man ver⸗ ſchworen, ſie nicht herauszugeben, die Vicarin ausgenom⸗ men, Schweſter Thereſe... Das war nun die große, wochenlang alles ergreifende Frage unter dieſen Frauen Daran waren alle betheiligt... Wie oft ſaß Bona⸗ ventura zu St.⸗Wolfgang in ſeiner Jasmin⸗ und Nacht⸗ violenlaube und las die Worte der Braut im Hohen Liede: „Erquicket mich mit Blumen, labet mich mit Aepfeln, denn ich bin krank vor Liebe!“ oder er überſetzte Lope de Vega's Sonett von jenen beiden Frauen, von denen Eva ſogleich nach reifen Aepfeln griff und alles verlor, 40 Maria aber nur nach der künftigen Blüte aus der Wurzel Jeſſe und alles gewann— Renate konnte aber auch da während deſſen mit den Nachbarn um Aepfel zanken, die über den Zaun gefallen waren, um Trauben, die bei ihnen reiften, während der Stamm im Pfarr⸗ garten ſtand... Auf alles das i*ſt ein katholiſcher Prie⸗ ſter auch in der Beichte gefaßt... Daß ſich aber auch ein Kloſter von achtzehn Bewohnern um die Eier einer Henne in Gewiſſensſcrupeln befand, entſetzte ihn— um Paula's willen... Die Schweſtern dürften die Eier der Gartenverwü⸗ ſterin und Kloſterfriedensbrecherin dem Nachbar vorent⸗ halten, entſchied er, wenn ſie dies in der Abſicht, zu ſtrafen, thäten und die nachläſſige Beſitzerin der Henne gewöhnen wollten, ihre Henne beſſer zu hüten.. Sie würden es aber wahrſcheinlich mit Schadenfreude gethan und ſich am Beſitz der Eier liſtig erfreut haben . Da wäre es denn freilich ein Raub...„Sam⸗ meln Sie jetzt die Eier und ſind es ihrer jedesmal eine Mandel, ſo ſchicken Sie ſie nebenan ins Waiſenhaus!“... Als die Aebtiſſin mit dieſem Beſcheid gegangen war, kamen die alten Nonnen zuerſt... Das Warten ſchien ihnen beſchwerlich zu fallen... Rother hatte es auch ſo eingeführt, wahrſcheinlich, um ſie raſcher zu entfernen ... Fanatismus für Formalitäten, wie er namentlich im eheloſen Stand die Frauen mit der Zeit alle Stadien der Qual für ſich und andere durchmachen läßt, ſprach ſich umſtändlich genug aus... Einige hatten dabei ein nervöſes Zucken, andere eine Sprechweiſe, die vor Ueber⸗ haſtung nicht einen einzigen geordneten Satz vorbringen 41 konnte... Dann hatte die Art, wie die von ihm auf⸗ erlegten Bußen ſofort ausgeführt wurden, wenn er den ſich Entfernenden nachſah, etwas Erſchreckendes durch den Mechanismus und den eiligen Eifer der Formalität ohne jeden Duft der Innerlichkeit... Das Schönſte am Weibe, die ſcheue Unſicherheit in ſolchen Bewegungen, die der Natur und dem ſonſtigen Triebe des Weibes wider⸗ ſprechen, fiel hier weg... Das Zuſammenleben in einem weiblichen Freiſtaat hob die Grazie auf, die aus dem Zu⸗ ſammenleben mit Männern entſpringt... Er ſah eine Nonne eine Betglocke an Stricken ſo haſtig ziehen, wie eine Magd den Brunnenſchwengel regiert, wenn ihr Salat wartet... Alles wurde mit dem reizbarſten Fa⸗ natismus hervorgebracht; die Regel der Tagesordnung, der Küche, der Bekleidung, des Backens, das Scheuern, Beten, Singen und Gewinnen von Geld durch weibliche Arbeiten, wie Blumenmachen, Stickereien, Wäſchenähen und ⸗zeichnen— alles wie im Krampf... Eine be⸗ aufſichtigte die andere und ganz erſichtlich war es, daß hier nur die geringeren Seelenthätigkeiten des Men⸗ ſchen in beſtändiger Erregung blieben... Man denke ſich die alte Mönchsregel, die einſt Sebaſtus zu Bona⸗ ventura wiederholte:„Wir Mönche kommen zuſammen und kennen uns nicht, wir leben zuſammen und lieben uns nicht, wir ſterben zuſammen und beweinen uns nicht!“ — angewandt auf Frauen... Das weibliche Herz ver⸗ knöchert, das angeborne Bedürfniß der Liebe erſtarrt!... Die Schulſchweſter Beate und die Vicarin Thereſe folgten ſich unmittelbar... Wie war jene ſo häßlich mit ihren Zahnlücken... Und dabei war ſie die Ein⸗ „ 42 zige, die dennoch zu lächeln verſuchte— mit Weh⸗ muth zu lächeln... Sie hatte noch Formen des Zuſam⸗ menhangs mit der Außenwelt... Vorzugsweiſe ſchien der Geiſt der Intrigue in ihr mächtig zu ſein... Sie allein klagte Rothern an... Sie ſagte, ſie wäre durch die Reihe der Jahre gewohnt, das Sakrament der Buße zu leicht zu nehmen... Sie ſchlüge ſich oft mit der Geißel um Fehler, die ſie nur ſo eingeſtünde, um vor den andern nichts voraus zu haben... Bo⸗ naventura ließ ſich nicht irre machen, er rüttelte an der nur halbgeöffneten Thür des Gewiſſens und ſah bald, der hinterhaltige Sinn des ſtarkwilligen Mädchens öffnete nicht... Sie blieb bei Oberflächlichem und mußte, da ſie zuletzt nur noch geſtand, ihr Herz wol zu ſehr an ein Hündchen gehängt zu haben, hören, daß dies aller⸗ dings eine Sünde wäre, wenn ſie dem Hunde die Liebe ſchenkte, die ſie den Menſchen verſagte... Voll Un⸗ muth und Staunen über dies Wort erhob ſie ſich nach der ihr auferlegten Buße, drei Tage lang im Waiſen⸗ hauſe für ſich allein, ohne Bericht an die Direction, nie einen Fehler mit Züchtigungen zu beſtrafen, ſondern nur mit Worten... Bonaventura hatte ihre Heftigkeit er⸗ kannt... Sie verſchwand eilends nach einer entgegen⸗ geſetzten Seite hin, als die andern Nonnen... Schweſter Thereſe, die ehemalige Freiin von See⸗ felden, war klein und blaß und ſchien mehr von Erge⸗ bung, als von Seelenſchmerz verzehrt... Sie gehörte ſcheinbar jener ſeltſamen Stimmung ihrer Standes⸗ und Stammgenoſſen an, die die Begriffe der Eiikette, Conduite, Tournüre vom Leben auch ohne alles weitere 43 Nachdenken auf das Verhältniß zum geoffenbarten Gott und zur Kirche übertragen... Auch ſie zeigte zunächſt kein beſonderes inneres Leben. Sie hatte nur Form⸗ fehler zu beichten und Nachläſſigkeiten, die ſie ſich in ihrem Unterricht zu Schulden kommen ließ... Bona⸗ ventura rieth nur auf ſie aus der feinern Sprechweiſe und dachte ſich: Das iſt alſo die Nonne, von der eine ganze Landſchaft ſpricht und der ſich Paula als Freundin zu nähern hofft! Welch ein Nimbus umgab ſie aus der Ferne und nun— wie war auch ſie ſchon abgeſtorben— ſchon ſo ſchattenhaft geworden—.. Am Schluß der Beichte, die ihn zweifelhaft ließ, ob er wirklich mit der Verlobten des Pater Ivo, des Marienſängers, geſprochen, rührte ihn die Selbſtan⸗ klage, daß ſie ſich freute über jeden Tag, wo im Wai⸗ ſenhauſe der Schulunterricht ausgeſetzt wäre... So auch auf morgen... Widmen Sie ſich dieſer Thätigkeit nicht mit voller Be⸗ friedigung?... fragte Bonaventura... Nein— lautete die zögernd gegebene, aber aufrich⸗ tige Antwort... Bonaventura tadelte eine ſolche Geringachtung der Verſüßung des Kloſterlebens.. Hochwürdiger Vater, ſprach Schweſter Thereſe, das Kloſter und das Leben gehen nicht Hand in Hand.. Wir ſind Erzieherinnen, ja— aber die rechte Erziehung, die Erziehung zur Freiheit des Lebens kann nur von der Freiheit kommen... Die Kinder wollen dem Leben erzogen ſein und wir kommen nicht aus dem Leben... Mein Kind, entgegnete Bonaventura nichtzuſtim⸗ 44 mend, jeder Chriſt muß in ſeinem Innern eine Stelle haben, um die es nur allein wie der Friede eines Klo⸗ ſters weht... Selbſt im rauſchendſten Gewühl des Le⸗ 3 bens, ſelbſt im höchſten Genuß der Kraft und der Freude d ſoll die Chriſtenheit etwas achten, was ungefähr dem Leben mit ewig bindenden Gelübden gleichkommt... Für dieſe heilige Stelle im Gemüth erzieht man überhaupt und erziehen Sie... Selbſt die Mütter können ſo nicht erziehen, wie die Erzieherin... Die Mutter ſteht zu ſehr unter dem Eindruck des eigenen Lebens, um Kindern immer allein den Werth des Hohen und Gött⸗ lichen und der von allem Erdenwuſt befreiten Bildung zu vergegenwärtigen... Wollen Sie nicht in dieſem. Geiſte erziehen?..... Schweſter Thereſe blickte einen Moment mit leuch⸗ tenden Augen auf und ging, wie es ſchien, ermuthigt für ihr langſames Sterben im Kloſter... Bonaventura ſah ihr voll Wehmuth nach... Er hatte den Schmerz, ſich ſagen zu müſſen: War denn dein Wort auch wol mehr, als nur eine Phraſe?... Du fürchteteſt zu hören, daß ſelbſt das Lehren und Unterrichten der Jugend einer vom Leben getrennten Kaſte nicht gebühre; du fürchteteſt, daß dir wol gar noch die letzte Glorie des Kloſterlebens, die Krankenpflege, als Anhalt deines gläubigen Sinnes entzogen würde?... Zum Nachdenken über ſolche Zweifel blieb indeſſen keine Zeit... Neue Stimmen murmelten ſchon... Kleinigkeiten und Kleinigkeiten... Rother gehörte zu denen, die da lehrten: Die Kirche will alles, auch das Kleinſte wiſſen!„Was iſt kleiner“, predigte Beda Hun⸗ 45 nius über die Beichte,„als Regentropfen! Und den⸗ noch entſtehen daraus Ströme, die Häuſer niederreißen! Was iſt kleiner, als ein Sandkorn! Aber überladeſt du ein Schiff damit, ſo wird es in den Abgrund fahren!“ Und darauf hin verlangte er in der Beichte jeden Regen⸗ tropfen und jedes Sandkorn aus dem Privatleben ſeiner Gemeinde zu wiſſen... Wie ſprach da wieder Eine mit der Geſchwindigkeit einer Flattermühle, die im Korn die Spatzen verſcheuchen ſoll... Welche Fülle von Sünden gab es auch noch unter den Heiligen Die ganze Stufenfolge der „ſieben Todſünden“, der„ ſechs Sünden in den Heiligen Geiſt“, der vier„himmelſchreienden“ Sünden und der neun„fremden Sünden“... Und als kannte die Schweſter Küchenmeiſterin vollkommen die Unterſcheidung dieſer neun„fremden Sünden“, in welchen der Menſch erſtens zur Sünde rathen, zweitens die Sünde befehlen, drittens in die Sünde einwilligen, viertens nur paſſiv zu ihr reizen, fünftens die Sünde loben, ſechstens zu ihr ſtillſchweigen, ſiebentens dieſelbe überſehen, achtens ſelbſt daran theilnehmen und neuntens ſie bei etwaigem Anlaß blos vertheidigen kann— ſo blitzten alle dieſe Fa⸗ cettirungen der Jeſuitendialektik auf in der Klage über die Verhältniſſe des Marktes, der Speiſekammer, des Backens, des dabei vorgekommenen Naſchens und aller möglichen Sorgloſigkeiten... Hier tauchten jetzt auch zwei halb⸗ und drei ganze Novizen auf und im ſpru⸗ delnden Mittheilungsdrang zum erſten male mit Namen⸗ nennung Treudchen Ley, die nach Bonaventura's War⸗ 46 nung, Niemand zu nennen, dann als die Koſtgängerin bezeichnet wurde... Manches Wort aus dem lebensklugen Jeſus Sirach, dem Montaigne und Knigge der Bibel, war eigens wie für die Schweſter Küchenmeiſterin geſchrieben... In ihren Bekenntniſſen liefen ganz harmlos auch die Schüſſeln mit unter, die im Kloſter für Cajetan Rother zubereitet und in ſeine Wohnung geſchickt wurden... Am Sprachgitter der Eingangspforte mußten Schachteln und Körbe immer unterwegs ſein, denn ſelbſt ſeine Wäſche ließ der Pfarrer im Kloſter waſchen— ſodaß es Bo⸗ naventura nicht Wunder nehmen konnte, von der fol⸗ genden Nonne, die die Schweſter Wäſchmeiſterin war, unter den heißeſten Thränen ein Bekenntniß zu erhalten, wo plötzlich wieder Namen fielen wie Eva und Apollonia Schnuphaſe... Die Wäſchmeiſterin beichtete: Vor vierzehn Tagen kam ein Korb auf einer Karre vor der Thür des Kloſters und ſo ſchwer ſtand er am Gitter, daß die Damen Schnup— Keine Namen! ſagte Bonaventura.. — die gerade im Kloſter waren, ſelbſt, ſie vom Gitter zu heben, angreifen mußten... Sie ſagten, es wären lauter neue Servietten für die Wirthin„Zum goldnen Lamm“... Sie wollten den Korb zum Zeichnen in die Zelle der Gertrud Ley tragen.. Keine Namen! wiederholte Bonaventura aufs ſtrengſte... Ich ſehe den großen Waſchkorb und ſage: Die Zelle der Koſtgängerin iſt dafür nicht groß genug... Der 47 Korb muß in die Nähſtube... Die beiden Fräulein widerſprachen... Ich werde darüber zornig und ſage: Ich denke, ich bin hier die Wäſchmeiſterin! Nun ergaben ſich die damen— Sonſt ſo hochmüthig und vornehm— heute trugen ſie mit ihren feinen Händen und Hand⸗ ſchuhen den Korb ſelbſt und das fiel mir auf... Durch⸗ aus wollten ſie damit zur Koſtgängerin... Dieſe war im Chor... Sie lernte ſingen... Wie die beiden Fräulein ſo durchaus den ſchweren Korb, ſtatt in die Wäſchſtube, an der wir ſchon ſtanden, in die Zelle bringen wollten und niemand auf dem Gange war— die Schweſtern waren alle im Chor— ſagte ich und ſchon mit Furcht und Ahnung zu dem Fräulein Eva, der Aelteſten:— Was iſt das heute mit dem Korb? Gleich machen Sie auf!... Da wurden die Mäd⸗ chen blaß wie die Wand und nun ich das ſah, da riß ich ſelbſt den Korb auf und— heiliger Joſeph!— ſtatt Wäſche ſtak— eine Mannsperſon unter dem Deckel... Bonaventura mußte der Bekennerin Kraft zur Sammlung laſſen... Ich weiß nicht, hochwürdiger Vater, fuhr ſie fort, wo ich es hergenommen habe, daß ich nicht ſofort in Ohnmacht fiel... Ich ſchrie: Herr! Verlaſſen Sie jetzt nicht ſogleich auf demſelben Wege, wie Sie herein⸗ gekommen ſind, ſo auch wieder hinaus dies Heiligthum unſrer allerſeligſten Jungfrau und des gekreuzigten Jeſus, ſo zieh' ich hier an der Glocke und rufe das ganze Kloſter zuſammen... wehe dann Ihnen und Ihren Helfershelferinnen— Und Sie, meine Fräulein, wandte ich mich zu dieſen— Aber nun konnte ich nicht weiter... —-— q——— 48 Die beiden Nichtswürdigen ſielen in die Kniee und baten um alle Wunden Jeſu, ſie nicht zu verrathen... Ein Glück für ſie, daß die Orgel ſo laut ging... Der junge Mann ſtand noch im Korb und wollte herausſprin⸗ gen, zog auch eine volle Börſe, die er mir in die Hände drücken wollte... Nein, ſchrie ich, danken Sie allen heiligen Märtyrern und Bekennern, daß die Schweſtern im Chor ſingen und die Nähſtunde ſchon geſchloſſen iſt... Entfernen Sie ſich augenblicklich!... Damit drückte ich den jungen Mann, ſo vornehm und ſtark er war, wieder in den Korb hinunter, zwang ihm den Deckel über den Kopf und die beiden Damen mußten ihn ſelbſt wieder an beiden Henkeln zum Sprachgitter hinausſchleppen, wo ſie ſich bald damit verhoben hätten, um ihn nur an die Oeffnung hinaufzubringen... Da waren denn zwei Kerle, die ſchon auf alle Fälle be⸗ reit ſtanden, nahmen die Laſt wieder an ſich und trugen ſie zur Straße hinaus wieder auf die Karre... Bonaventura konnte bei dieſem auf Treudchen be⸗ rechneten Beſuch nur an Piter Kattendyk denken... Und Ihre Sünde?... fragte er nach einer Weile, ohne ſich das Bild: Piter im Waſchkorb, in ſeinem komiſchen Effect— zu lange auszumalen... Er fühlte ſogar Antheil der Freude über einen Beweis ſo großer Liebe, die Treudchen hatte gewinnen können... Sünde? Daß ich den Vorfall— verſchwieg— ſagte die erſchöpfte Wäſchmeiſterin... Verſchwieg? Einer pflichtgetreuen That ſoll man ſich gegen niemanden rühmen... Muß das Kloſter nicht geſühnt werden?... ——— 49 Nein.. Die beiden ruchloſen Frauen kommen noch immer und ich laſſ' es zu... Sie werden ſich beſſern... Als der Korb und die Frauen hinaus waren, rannt' ich umher wie ſinnlos und— Mußten es los werden?... Erzählten es alſo doch?... Die Beichtende ſchwieg... Sie waren mir alſo jetzt eben unwahr!... Das iſt ein Frevel— ich will ihn verzeihen... Die natür⸗ lichſte Mittheilung, die Sie jedoch machen konnten, war die bei dem armen Kind, deſſen Ruf durch dieſen Vor⸗ fall ſo heillos bedroht wurde... Thaten Sie das? Der Pfarrer hat— Die Stimme ſtockte... Dann ergänzte ſie zagend: Hat befohlen, ihr davon nichts zu ſagen und— ohne⸗ hin— mit ihr kein Wort zu ſprechen, das nicht— heilig iſt... Bonaventura konnte nicht die Befehle ſeines Vor⸗ gängers brechen... Er konnte ohne Gefahr für die geiſtliche Würde nicht fragen: Warum nur Geiſtliches mit Treudchen Ley?... Er half ſich wie öfter in die— ſem Theil ſeiner römiſchen Zauberkunſt und hielt ſich an die Geſinnung, die ſich eben, im Bekennen, offen⸗ barte, nicht an den ſchwierigen Fall ſelbſt... Er hatte die Nonne auf Lügen ertappt... So ſprach er denn von dem bedenklichen Vorfall ſelbſt nicht mehr, ſondern von der Wahrheit, deren Umgehung ſchon Adam mit Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 4 50 Nachtheil ſich hätte zu Schulden kommen laſſen, als er den Genuß der verbotenen Frucht auf Eva ſchob, und ſchon Eva, als ſie die Schuld wieder der Schlange zu⸗ ſchrieb... Die Lüge der Lügen nannte er es aber, wenn man mit dem ausdrücklichen Schein, wahr ſein zu wollen, dennoch lüge... Er legte der Wäſchmeiſterin eine Buße auf, die ſeiner immer mehr zunehmenden Reizbarkeit und dem Verdruß, daß hier Alle etwas aus⸗ geplaudert bekamen und nur Die nicht, der dadurch ein Beweis entging, wie ſehr ſie geliebt wurde, entſprach Er befahl ihr, ſich der nächſten Beichte der— Kinder im Waiſenhauſe anzuſchließen, und ſagte: Mein Kind! Als Erwachſene lerne etwas bei dir behalten!... Die Wäſchmeiſterin entfernte ſich mismuthig. Das Läuten einer Glocke, die eine Nonne mit der ſchon geſchilderten Haſt zog, zeigte Bonaventura an, daß er ſchon drei Stunden im„Holz der Buße“ geſeſſen hatte... Nur die Spannung, ob denn nicht endlich auch Treudchen Ley erſcheinen würde, gab ihm Kraft, noch auszuharren... Da ſah er denn endlich den Gang daher kommen eine kleine Geſtalt im braunen Kleide— unverſchleiert .. Eiin Häubchen bedeckte den Kopf, der ihm aus dem Dunkel des Ganges allmählich erkennbar wurde. Ein halbes Jahr hatte die lieblichen Züge des jungen Kindes, das ſchon ſo viel des Trüben erfahren hatte, mit melancholiſcher Verhärmung angehaucht... Die blonden Haare, die bald unter der Schere der Kloſter⸗ regel fallen ſollten, waren in der unkleidſamen Haube 51 verſteckt... Um ſo edler traten die Formen des blaſ⸗ ſen Antlitzes ſelbſt hervor... Die Melancholie hatte ihnen nichts von der angebornen Schönheit nehmen kön⸗ nen... Treudchen näherte ſich mit gefalteten Händen... Sie ſchien von einem Gebet zu kommen und leuchtete wie eine Verklärte. Hoffnungſtrahlend und doch zaghaft ſchritt ſie nähen und legte jetzt, wie Bonaventura ſah, mit ausbrechenden Thränen ihr Haupt auf das Holz, einer Verbrecherin ähnlich, die den Todesſtreich erwartet... Was geht nur in dieſer kindlichen Seele vor? dachte ſich Bonaventura... Welche Verwüſtungen hat ein ruchloſer, langſam, aber ſicher wühlender Prieſter, der ſie ohne Zweifel in dieſem Kloſter feſthalten will, in ihr angerichtet?... Schon hatte Bonaventura, da Treudchen noch ſchluchzte, angefangen aus ihrer Seele zu beten und, wie ſie für die Beichte gelehrt war, den Heiligen Geiſt anzurufen, der dem Menſchen erleichtere, ſich ſelbſt zu erkennen— da vernahm er hinter ſich in der kleinen Kirche ein auf⸗ fallendes Geräuſch... So wenig ihn ſonſt beim Spenden des Bußſakra⸗ ments Reden, Singen, Wandeln in der Kirche zu ſtören pflegte, jetzt mußte er ſein Haupt von der zuſammen⸗ geſchlagenen Stola erheben... Er hörte einen lebhaf⸗ ten und unziemlichen Wortwechſel zweier Männerſtim⸗ men... Sein eigener Akoluth war es, der ihn begleitet hatte, 52 und der Meßner vom Berge Karmel drüben, die mit⸗ einander ſtritten... Kaum hatte Bonaventura einige Worte unterſcheiden können, ohne ganz die Urſache des Streits zu verſtehen, als ſich beim Umwenden ſeinem Auge der ſchreckhafte An⸗ blick eines im Meßornat daherkommenden Prieſters darbot, der, kaum ſich aufrecht erhaltend, an den Chorſtühlen mit den Händen entlang taſtete und ſich auf ihn zu⸗ ſchleppte... Ein langes Scapulier hing ihm wie einem Mönch von den Schultern herab bis an die Knie... Es war ein Abbild des bekannten Scapuliers, das die allerſeligſte Jungfrau im 13. Jahrhundert einem General der Karmeliter verehrte und mit deſſen Nachahmung behangen jeder Sterbende den ſeligen Tod gewinnt... Der Pfarrer vom Berge Karmel war es ſelbſt, Cajetan Rother... Sonſt eine hohe, wohlgenährte, mit glühenden Au gen ein Bild des Lebens darſtellende Perſönlichkeit... Heute dahinſchleichend, gelb, von Fieberflecken entſtellt und offenbar eben aus dem Krankenbett gekommen Gerufen vielleicht durch die beiden intriguanten Nonnen Er taumelte unſicher und in jeder Bewegung wie zum Zuſammenbrechen... Bonaventura überſah ſofort, daß auch dieſe üble Nachrede ſeines Glaubens, daß die Beichtväter der Non⸗ nen von heftigſter Eiferſucht gegeneinander entbrannt ſein könnten, keine Fabel war... Der Zorn, die Ungeduld, vielleicht auch die Furcht, vielleicht eine Anzeige der Nonnen, hatten den Mann vom Lager getrieben... Ein fremder Wolf bricht in —— 53 deine Hürde! ſtand auf ſeinem verzerrten Antlitz... Er erſchien begleitet von ſeinem Meßner, der gegen Bonaventura's Akoluthen ſchon ſeinen frechſten Einſpruch erhoben hatte, und redete, erſt noch mit gezwungener Freundlichkeit, heiſer, vom dumpfhohlen Huſten unter⸗ brochen, auf drei Schritte den ſich erſtaunt erhebenden Bonaventura an: Mein Herr Bruder! Ei danke! Danke!... Ich bin ja geſund und wieder wohlauf... Bitte!. Sie ſind— ja— ſehr raſch und— auch hier wieder mein Nachfolger geworden— Ich erfahre das— ſo— eben erſt— Bitte— Erlauben Sie—... Bonaventura ging ihm entgegen und ergriff ſeine Hand, die ſich eiskalt anfühlte... Sie ſind krank— ſprach er... Ich beſchwöre Sie— Gehen Sie nach Hauſe—... Mit künſtlicher Kraftäußerung ſchlug der Pfarrer an ſeine Bruſt und ſprach ſo laut, daß es in der Kirche weithin ſchallte: Geſund bin ich!... Danke, Herr Bruder!... Mit Gott!... Mit Gott!... Adieu!... Schon drängte er zu dem Gitter, in welchem Treud⸗ chen's Haupt unbeweglich lag und nicht aufblickte... In Bonaventura's Innerm wühlten alle Schwerter des Schmerzes... Auch das, auch das iſt möglich— bei unſerm Prieſterthum!... Dein heiligſter Name, Jeſus von Nazareth, wird in ſolchem Mund zur Läſterung!... Bei dem Gedanken, daß dieſer ruchloſe Prieſter nur verzweifelte, Treudchen Ley könnte einem andern ver⸗ trauen, was ihre Seele belaſtete, ergriff es ihn 54 mit ſolcher Wallung des äußerſten Zornes, daß er, nichts mehr achtend von dem, was er ſonſt, ſelbſt mit Bekäm⸗ pfung ſeiner Ueberzeugungen, zu ſchonen pflegte, rief: Sie unterbrechen eine heilige Handlung, die ich be reits begonnen habe... Nach einer Stunde überlaß' ich Ihnen den Sitz in dieſem Stuhle... Jetzt aber gehen Sie!... Die Hände des Pfarrers griffen krampfhaft am Sca⸗ pulier hin und her und wickelten ſich bald in das lange Tuch hinein, bald aus ihm heraus... Der Fiebernde konnte kein Wort gewinnen... Die beiden Diener ſtanden wie auf der Flucht in einiger Entfernung... Bonaventura hatte noch die Selbſtbeherrſchung, am Git⸗ ter das Schiebfenſter zuzuziehen und Treudchen von dieſer unwürdigen Scene zu trennen... Herr Domkapitular!... ſprach Rother mit hämi⸗ cher Betonung der ihm vorgeſetzten Würde und taſtete dabei zitternd nach dem Eingang in den kleinen Ausbau Es war eine Scene, die Bonaventura an ſein Erlebniß mit dem Habicht erinnerte, deſſen Fänge ſich, wie ihn Pater Sebaſtus in der kleinen dunkeln Kapelle beim Kreuzgang der Kathedrale ergreifen wollte, ebenſo an die Altarſäulen feſtgeklammert hatten, während der Raubvogel mit umgewandtem Kopf dämoniſch ſeinen An⸗ greifer anſtarrte... Sich ſammelnd, hauchte er jetzt leiſe: Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Würde! .Ich befehle Ihnen— mir die Functionen zu laſ⸗ ſen, die mir die Curie übertrug... Nun aber lachte Rother hellauf und zog unter ſei⸗ — 55 nem Scapulier einen Brief hervor, rief ſeinem Meß⸗ ner, hielt den Brief in die Höhe und krächzte mit hei⸗ ſerer Stimme: Da, Fangohr!... Tragen Sie— den Brief ſo— fort in— die Curie... Die Kirche muß neu ge⸗ weiht werden— das heilige Holz— exorciſirt—! Dieſe reinen Seelen meiner Himmelsbräute— verführt mir ein— Magnetiſeur—!... Dies Wort wurde von dem ſich Kraftgebenden wie eine Waffe geſchleudert. Ein Wurſſpieß konnte nicht drohen⸗ der fallen. Der Brief war ein Proteſt des Pfarrers, den er ſchriftlich aufgeſetzt hatte, und Fangohr, ſein Meßner, ergriff ihn, um ihn zum Generalvicar zu tragen... Bonaventura ſtand ſtarr... Nichts mehr hörte er von alledem, was in fieberhafter Haſt, mit froſtklappern⸗ den Zähnen der ſelbſt in Todeskrankheit noch unbändige Menſch an Verwünſchungen und Anklagen gegen ihn ſchleuderte... Ein dumpfes Brauſen benahm ihm die Beſinnung... Alles um ihn her ſchwankte... Seine edelſten Empfindungen waren entweiht, ſeine heiligſten Gefühle auf die Straße geworfen... Einen Augen⸗ blick zuckte ſeine Hand, dem Meßner die Schrift zu entreißen... Dann beherrſchte er ſich, ordnete ſeine in Verwirrung gerathenen Gewänder und verließ, ohne ein Wort der Erwiderung, vom tiefſten Entſetzen durch⸗ rieſelt, eine Stätte, auf die das Wort des Heilands gepaßt haben würde:„Ihr macht mein Haus zur Mör⸗ dergrube!“.. 68 Schon nach einigen Tagen zeigte ſich die Wirkung der nunmehr offen ausgeſprochenen Anklage... Die geheimen Mächte, die alles Edle und Bedeu⸗ tende in dieſer Welt umwühlen, hatten endlich die Achillesferſe des bisher ſo Unverwundbaren gefunden... Wer die Anklage zuerſt formulirt, ſie verbreitet hatte, war nicht zu ſagen... War es Frau von Sicking? ... In ſolchen Dingen macht ſich alles von ſelbſt und namenlos, bis dann einer hervortritt und für alle redet... Die Nachricht über den Vorfall im Kloſter verbreitete ſich blitzesſchnell... Die Mehrzahl ſprach über den allgeliebten Prieſter ihr Bedauern aus und doch— das Mitleid iſt ein Zoll, der, wenn auch mit noch ſo voller Hand gereicht, keine Zinſen trägt... Ein Gefühl des Beiſtandes muß fruchtbar, muß die Liebe mehrend ſein ... Hier ſtockte alles und im negativen Bedauern— verlor der junge Prieſter... Bonaventura, deſſen ganzes Leben unter Roms Ma⸗ gie litt, war nun ſelbſt ein Magier geworden... Man theilte ihm die Anklage des Pfarrers vom Berge Kar⸗ 57 mel im Original mit... Wie im Geiſt des Mittel— alters ſtellte eine zitternde Handſchrift Beſchwerde über die Wahl dieſes Stellvertreters, der ihm„ſeine Beicht⸗ ſeelen beſchädige“. Der Domkapitular von Aſſelyn hätte in Witoborn die Gräfin Paula von Dorſte⸗Camp⸗ hauſen magnetiſirt, hätte dadurch Viſionen veranlaßt und da man den Geiſt, aus dem dieſe Thätigkeit der menſch— lichen Hand ſich offenhare, noch nicht zu erkennen ver möge, da die Kirche trotz einzelner Beiſpiele der An— erkennung und Heiligſprechung der Prophetengabe doch über alles, was an Zauberei erinnere, den Stab breche und mit Moſes Zeichendeuterei und Aberglauben verwerfe, ſo müſſe er das Heil ſeiner Beichtkinder wahren und wünſchen, daß die Seelen der Nonnen am Römerweg vor der Berührung mit einer ſo gefährlichen Natur, wie die des Domkapitulars, behütet würden Ddieſe Warnung vor Aberglauben kam aus dem Mund eines Mannes, der ein Scapulier trug, das den Sterbenden den Tod erleichtern ſoll!... Aus dem Mund eines Mannes, den Bonaventura vernichten konnte, wenn die Geſetze Roms die Mittheilung deſſen geſtatteten, was ein Prieſter aus der Beichte weiß!... Selbſt die Frevel jener Verbindung der Schnuphaſes mit dem Kloſter durften von ihm nicht angezeigt werden... Und hätte Treudchen Ley geſtanden, was ſie, ſie vollends drückte— mußte er nicht auch da ſchweigen?... Das ſah Bonaventura deutlich, was ihm dieſe Aermſte hatte geſtehen wollen... Unter dem Schein der Religioſität hatte der Seelenmörder das zur Schwärmerei geneigtee Kind mit geiſtlich⸗ſinnlichen Vorſtellungen erfüllen wollen —— 58 „Er hatte ihr Beten, Faſten, Kaſteien in Formen vorgeſchrieben, die unſicher auf der Grenzlinie zwiſchen Demuth und Schamloſigkeit hingingen... Die furchtbarſten Strafen des Himmels hatte er ihr ohne Zweifel angedroht, wenn ſie verriethe, was er ſie lehrte, um dem Erlöſer mit ſeinen blutenden Wunden auch körperlich ähnlich zu werden... Angſt um ihre Ge— ſchwiſter im Waiſenhauſe, Verehrung vor Prieſterhoheit und Prieſterunfehlbarkeit überhaupt hatte das ungebildete Kind mit widerſtrebenden Gefühlen zur Sklavin ſeiner Autorität gemacht... Das alles, Bonaventura wußte es, war bei einem Cajetan Rother möglich und Treudchen Ley litt unter nichts anderm... Der alte Pater Syl⸗ veſter, von dem Serlo's Denkwürdigkeiten erzählten, hatte in ſeiner Weiſe im Seminar alle dieſe alten Methoden, Heilige zu machen, mit kindiſch raffinirter Naivetät erzählt... Nück, der geiſtige Bundesgenoſſe ſolcher Frevel, und Lucinde umflatterten ihn wie mit ſchwarzen unheimlichen Schwingen... Wieder erhielt er anonym folgende Zeilen: „Sie werden von der Beichte ſuspendirt werden.. Um dies zu vermeiden, räth man Ihnen, ſelbſt Vacanz zu begehren, um eine Reiſe zu machen... Nur gehen Sie nicht nach Witoborn, wodurch Sie das Uebel ver⸗ mehren würden, gehen Sie nach Kocher am Fall... Uebernehmen Sie die Aufträge nach Wien, ſo gilt dies für einen Bruch mit der Regierung... Doch wie Sie wollen; nur folgen Sie mit Vorſicht den Rathſchlä⸗ geen Nüchs...“ 6 Der Athem ſtockte dem Prieſter beim Leſen.. 59 Nück begegnete ihm auf der Straße und rieth ihm, für immer mit dieſem Staat zu brechen... Wir müſ⸗ ſen alle an Oeſterreich halten! ſagte er... Fort! fort!... Was ſollte Bonaventura thun!... Der Rath Lu— eindens war klug, beachtenswerth... Aber ein Rath aus dieſem Munde!... Nück' Abſicht, ihn für immer zu entfernen, war unverkennbar... Man kam ihm wieder mit dem Auftrag, nach Wien zu gehen... Er ſollte dem erwarteten Cardinal Ceccone und dem Staats⸗ kanzler die Vermittelung mit Rom und dem Landes⸗ fürſten, die Befreiung des gefangenen Erzbiſchofs, dem die Kirche zum irdiſchen Erſatz für ſeine Märtyrerkrone den Cardinalshut ſchicken wollte, aufs dringendſte ans Herz legen... Bonaventura war wie Benno ein Geg⸗ ner der Waffengewalt, die die Regierung angewandt hatte... Dennoch gingen ſie beide ſo wenig mit dem Geiſte, aus dem Nück alles leitete und einfädelte.. In dieſer zagenden Ungewißheit theilte ihm Kano— nikus Taube, der Hausfreund der Kattendyks, im Ton des Bedauerns die Nachricht mit, daß man ihn bis zur Entſcheidung der Frage über den Magnetismus durch' die Pönitentiarie in Rom ohne Zweifel vom Beichtſtuhl entbinden würde... Er möchte ſich, ſetzte der Welt⸗ kluge hinzu, raſch zur wiener Miſſion entſchließen... So entginge er allen ſeinen Neidern und Feinden... Der Regierung bliebe er ja doch unter allen Umſtänden anſtößig, wie jetzt ſämmtliche Prieſter, die adelige Namen trügen... Bleiben Sie ſo lange in einem Donaukloſter, bis eine Pfründe offen wird! Ja, es ſind die Tage — 60 des Exils! ſagte er und ging zur Whiſtpartie bei der Commerzienräthin. Auf einzelne hervorragende Häupter legt ſich in gro⸗ ßen Kriſen die Verantwortung. Es ſind oft nur Looſe des Zufalls. Irgendein Misverſtändniß, irgendeine un⸗ begründete Annahme vertheilt die Rollen. Vollends kann ein katholiſcher Prieſter ſeine wahren Meinungen und Geſinnungen nicht kund geben. Bonaventura war gegen den damaligen ſo nüchternen und freiheitsfeind⸗ lichen Geiſt der Bureaukratie tief eingenommen, er war adelig, galt von früherher noch für geſpannt mit ſei— nem Stiefvater, dem Präſidenten, war intim mit dem hervorragenden Adel um Witoborn— wegen alles deſ⸗ ſen galt er für einen Römling... Wie konnte er da⸗ gegen proteſtiren! Der alte Weihbiſchof überſah ſeine ganze Lage und rieth ihm gleichfalls, eine Vacanz zu begehren, um vor⸗ käufig in Kocher am Fall den kränkelnden Dechanten zu beſuchen Benno rieth ebenſo... Niemand wußte beſſer, als Benno, wie Bonaventura dazu gekommen war, ſeine Hand auf Paula zu legen Er wurde dazu gezwungen, um Schmerzen zu ſtillen... Armgart hatte mit Gewalt ſeine widerſtre⸗ bende Hand ergriffen und geführt... Dann war dafür der Oberſt an ſeine Stelle getreten— ſchon bei dem Mittagsmahle, wo Paula eine Viſion von ihrer Hei⸗ rath hatte— auch bei ſeinem Abſchied, wo er ſie ſchla— fend fand und ſie ihn Biſchof nannte... Alles das— er hätte es ſo gern vergeſſen— rief man gewaltſam 61 wieder in ſeinem Gedächtniß wach...„Nach Wito⸗ born?“ Das war unmöglich... Aber als Benno dann ſagte:„Vielleicht übernehme ich ſelbſt es, dem Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler offen unſere ganze hieſige Lage zu ſchildern, Nück drängt in mich, daß ich ſeine Proceßacten befördere“— als Bennon fort— fuhr und ſagte, daß es ihn ewig ſüdwärts zöge und er ſich vorkäme wie ein Zugvogel, der wider Willen auch den Winter im Norden zubringen müſſe, weil ihm die Flügel gebrochen wären; als er ſagte, es wäre ihm, als hätte er ſonſt die Sprache Aegyptens verſtanden, nun aber kämen die andern Störche im Frühjahr von der Reiſe zurück und plauderten Dinge von den Pyramiden, die er nur noch halb verſtünde— da entſchloß er ſich, einige Wochen in der Dechanei des Onkels zuzubringen; denn zu mächtig ſchlug ſein Herz, Benno endlich ſagen zu dürfen, wo ſein wahrer Dachgiebel zum Neſtbauen im Norden und im Süden wäre— auf Schloß Neuhof und in Rom... Vielleicht gab die Pfingſtzeit, wo Benno nach Kocher nachzukommen verſprach, die Stunde der Enthüllung... So reiſte denn Bonaventura nach Kocher am Fall... Er fand den Onkel erregter denn e Was ſich auch ſeit den Enthüllungen über Benno's Urſprung in des Neffen Gemüth gegen den leichtſinni⸗ gen„Abbé“ aus der Napoleoniſchen Zeit feſtgeſetzt hatte, bald wich es dem edeln und verſöhnenden Ein⸗ druck, den des Onkels liebevolle perſönliche Erſcheinung machte... Und nun fand er den Milden, Gütigen in einer 62 faſt krankhaften Aufregung und von allen ſeinen alten Principien der Gleichgültigkeit beſorgnißerregend ver⸗ laſſen... Um zehn Jahre war er älter geworden, muthloſer, verdrießlicher, die Fliege an der Wand konnte ihn ängſtigen... Leicht drohte auch eine Unterſuchung für den alten leichtſinnigen Betrug... Frau von Gülpen war eine Mehrung dieſer Unzu⸗ friedenheit des Greiſes mit ſich ſelbſt und keine Linde⸗ rung... Seit dem grauenvollen Erlebniß mit ihrer Schweſter, ſeit der Hinrichtung des Mörders derſelben war eine Schreckhaftigkeit über ſie gekommen, die in allem Gefahren ſah, ſelbſt in dem Alleinwohnen auf der Dechanei... Wäre nicht Windhack's gute Lanne die alte geblie⸗ ben, das Leben ſeiner jetzigen Vereinſamung wäre dem Onkel ganz die Qual geworden, die der römiſche Prieſter für ſeine alten Tage fürchtet Die Frage nach einer neuen Nichte war keineswegs unerörtert geblieben... Bonaventura erſtaunte, auf wen der Onkel, angſt⸗ voll, ſein Auge gerichtet hatte... Nach den erſten Begrüßungen, nach den erſten Aus⸗ laſſungen des Scherzes, ſogar über die Urſache dieſer Reiſe des Neffen, über den magnetiſchen Rapport deſ⸗ ſelben mit der ſchönen Seherin von Weſterhof, folgte die Mittheilung, daß der Briefwechſel zwiſchen ihm und dem Präſidenten von Wittekind aufs lebhafteſte andauere. Der Renegat Terſchka hatte zwar Schweigen gelobt, aber man müſſe alles höchſt vorſichtig„applaniren“, auch mit der Schweſter Benno's— Angiolina Pötzl in Wien... e traut zu machen, daß die heimliche und trügeriſch ge⸗ 63 Auf dieſe hatte er für ſeine letzten Lebensſtunden und zur Vorbereitung der Erkennungen ſein Auge ge⸗ richtet und darüber nach Wien geſchrieben... Freilich war ſchlimme Antwort gekommen... Graf Hugo lebte wie durch die Ehe mit ihr verbunden... Wäre auch, hieß es, ein Bruch infolge der Heirath des Grafen mit Paula vorauszuſehen, ſo eigne ſich doch weder der Ruf noch das Naturell jenes vom Glück verwöhnten, in Erfül⸗ lung aller ihrer Wünſche auferzogenen Mädchens für die Rückſichtsnahmen einer geiſtlichen Wohnung Der Präſident, Bonaventura's Stiefvater, über⸗ raſcht und faſt erſchreckt durch Terſchka's Flucht nach England und ſein dortiges Auftreten unter Proteſtanten und Mitgliedern der italieniſchen Emigration, ließ jetzt in ſeiner Reizbarkeit gegen die Anerkennung ſeiner ihm bekannt gewordenen Geſchwiſter nach, correſpondirte mit Lehrern des Kanoniſchen Rechts und wurde vorzugsweiſe von ſeiner Gattin beſtimmt, ſich mit dem Gedanken ver⸗ ooſſene zweite Ehe ſeines Vaters vor der Kirche zu cht beſtünde... Schon ergab er ſich jeder Wen⸗ g der Zukunft und erklärte, auf weitere Nachforſchun⸗ gen ſeinerſeits verzichten, auf Ausgleichungsvorſchläge ge⸗ faßt ſein zu wollen.. Bonaventura ſtaunte, daß ſowol vom Kloſter Himmel⸗ pfort wie von Wien und Rom aus über dieſe Angelegen⸗ heit ein plötzliches Schweigen eingetreten war... Hatte ſich Ceccone den Jeſuiten unterworfen?... Zuletzt war es ſeine Mutter, die in ihrer ſteten Gewiſſensbe⸗ drängniß und dem den Frauen eignen Syſtem der Ver⸗ 3 64 tuſchung von ſelbſt darauf kam, ihr Gatte ſollte ſich den Blick in die Zukunft dadurch erleichtern, daß er dem Schlimmen aus eignem Antrieb entgegenkäme... Ihr mit wühleriſchem Verſtand um ſich blickender Sinn er⸗ kannte zuerſt, daß die ihr jetzt erſt ganz offenbar gewordenen Beziehungen des Kronſyndikus zum Dechanten mit dem Daſein Benno's zuſammenhingen... Der Präſident hatte in einem eben beim Onkel angekommenen Briefe ſeine Ueberraſchung über die ihm von ſeiner Gattin mitgetheilte Möglichkeit ausgeſprochen und den Dechanten erſucht, den vortrefflichen jungen Mann, den er ſchon ſchätzte, den Freund ſeines Sohnes, des Dom⸗ kapitulars, klug und beſonnen ſeinem brüderlichen Herzen näher zu führen. Dieſe Enthüllung erfolgte dann in den Tagen, als Benno, nichts von dem ahnend, was ihm bevor— ſtand, gleichfalls in Kocher erſchien... Auch Benno wohnte in der Dechanei... Er kam heitrer und ſorg loſer, als man ihn ſeit lange geſehen hatte... Er brachten Briefe von Thiebold, der ſich ſoeben in Geſchäftsſa in England befand und Wunderdinge berichtete über Anſehen und die Geltung, die ſich Terſchka in Lo durch ſeinen wirklich erfolgten Uebertritt und den Anſch an die Sache Italiens erworben hatte... Benno war beſonders auch für Frau von Gülpen ein troſtreiches Element. Ihr Herz hing an ihrem Zög⸗ ling mit der ganzen Innigkeit, die bei Frauen zwiſchen polternden Vorwürfen, wie ſchlecht man ſeine Wäſche behandeln laſſe, und der Angſt, man könnte ſich bei geringſter Erkältung, z. B. auf Windhack's Sternwarte den Schnupfen holen, die hin- und hergehende Mitte hält... Dann war es an jenen Abenden, wo die Caſſiopeja ihren funkelnden Schein zur Vorleuchte am Baldachin des Himmels macht, wo der„Schwan“ aus Nordoſt ſein mildes, wie ein flockenreines Gefieder ſtrahlendes Licht erzittern läßt, unter dem Schmettern der Nachtigallen, die im Park der Dechanei niſteten, beim Duft der Hol⸗ lunderblüten— als Benno im ſtillen Wandeln unter den einſamen Alleen aus Bonaventura's Mund das Geheim⸗ niß ſeines Lebens, ſeinen wahren Namen— Julius Cä ſar von Wittekind erfuhr... Er erfuhr ihn allmälig... Beim feierlichen Nach⸗ zittern des Stundenſchlags der Kathedrale von Sanct⸗ Zeno, nach einem feierlichen Gelübde, das ihm Bona— ventura abnahm, nichts zu unternehmen, was nicht mit den Intereſſen ſeiner nächſten Freunde und jetzigen Verwandten im Einklang ſtand... Er erfuhr zuerſt den Namen und die Lebensſtellung ſeiner Mutter... So ſteigt die Sonne mit purpurrothen Gluten aus der Erde... So kommt eine Friedensbotſchaft an die Menſchheit, ver⸗ kündet von dem Klang unzähliger in den Lüften ſchwe⸗ bender Harfen... Eine Römerin!... Aber noch fehlte der ſchrille Accord: Der Name des Vaters... Die Schwere des Erlebniſſes war zu niederdrückend Noch wurden nur die Namen Kaſſel, Alten⸗ kirchen, Rom, auch Wien, letzteres um der Schwe⸗ ſter willen, genannt, noch erſt die Auffaſſungen der Kirche und des Dogmas erörtert... Faſt ſprachlos ſtarrte Benno, der wie ein Träumender ſtand, allem, was Bonaventura ſagte... Die Freunde mußten ſich unter Hollunderbüſchen auf eine Bank niederlaſſen Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 5 — 66 Die Schilderung der Scene in der Waldkapelle, wo ſeine Mutter von einem verbündeten Complott ſo ruchlos betrogen wurde, raubte Benno die Sprache... Stumm blickte er auf die Lippen ſeines Freundes, der in ſeiner milden, innig zum Herzen ſprechenden Weiſe entſchuldigend erzählte und alles nannte bis auf den Nanien— des Vaters... Nenn' ihn nicht! rief Benno, als müßte er die Mutter rächen, wie Oreſt den Vater rächte... Bonaventura ſagte: Er iſt todt... Endlich nannte er auch dieſen Namen... Da brach Benno zuſammen an des Freundes Bruſt... Ein Gefühl der Scham überflog ihn und wie ein Gifthauch ſüdlicher Luft nahm ihm den Athem... Auf die ſo plötzlich auf⸗ geſprungene Blüte ſeines wunderbaren Daſeins das ſtö⸗ rende Wälzen eines großen giftigen Skorpions... Tiefgeheimnißvoll iſt das Blut, das durch die Ge⸗ ſchlechter rollt... Der geſpaltene Funke wird da zur Flamme; die geſpaltene Flamme mehrt ſich an Kraft Ein Geſchlecht kann auf Jahrhunderte die Signa⸗ tur des Körpers und Geiſtes bewahren, wenn die Mi⸗ ſchungen bedacht ſind, immer wieder auch das Fremd⸗ artige liebend ſich anzueignen... Benno aber mußte mit erſtickter Stimme ſprechen: Ich ein Wittekind!... Iſt das, wie wenn Wetterſturm aus den Schluchten des Teutoburger Waldes brauſt! Meine Ahnenreihe bis in die Sagenzeit... Doch— Friedrich und Jéröme von Wittekind meine Brüder!... Der Geiſt abgewelkt im Vater ſchon!... Oder war das nur das Loos der Ich⸗ ſucht?... Ja, ſo gehen Despoten hinüber, die keinen Gegner finden, der ſich mit ihnen mißt!... 67 Alle die Beziehungen des Vaters, die Benno ſo gut kannte, wurden dem von Entſetzen Ergriffenen wie der Eingang in eine dunkle Höhle voll unheimlicher Geſtal⸗ ten, die er in Waffen betreten ſollte... Kline sohr, . gsoh der Sohn des ermordeten Deichgrafen, der geiſtige Sohn des Kronſyndikus, ſtand plötzlich mit wirren Locken vor ihm und reichte ihm mit dem Brudernamen die blu— tige Rechte... Ein Fieber ergriff ihn... Wie eine Mutter nach der Geburt... Wie das Hemd des Neſſus brann⸗ ten alle dieſe Namen und Beziehungen... Angiolina— und— Pötzl— ein höhniſcher Satyr⸗ kopf dieſer Name hinter Roſenbüſchen... Wie kam der alte Schauſpieler Pötzl bei den Kattendyks zu dieſer Ver⸗ lornen?... Auch die Mutter, Herzogin von Amarillas— die„Freundin“ eines Cardinals Ceccone—. Leiden unter etwas Angeborenem i*ſt nicht zu ſchwer... Der Krüppel, der Blinde, der Taube nimmt das Leben, wie es ihm die Geburt beſchert... Aber die Schön⸗ heit erſt verlieren, das Häßliche erſt gewinnen, plötzlich ein Blinder, plötzlich ein Tauber werden, das iſt ein furchtbares Menſchenloos... Benno riß ſich an jenem Abend aus Bonaventura's Armen und rief: Ich könnte in die Wälder rennen wie ein Wolfs⸗ menſch!...— Ruhe! Ruhe! ſprach Bonaventura und beſchwichtigte ihn durch ſeine Umarmung.. Am Morgen nach dieſem verhängnißvollen Abend war die Begegnung mit dem Onkel und mit Frau von Gülpen erſchütternd... Der Onkel grüßte mit Weh⸗ 5* ſſſſſſſ 68 muth und die Augen tief niederſchlagend... Er hätte die ewig dunkle Binde über Benno's Augen vorgezogen... Das ſagte er auch und lobte, als ihm Benno krampf⸗ haft um den Hals ſtürzte, die Blindgeborenen, weil die alle ſo heiter blieben... Benno preßte nur ſtumm ſeine Hand... Es lag die Verzeihung der Liebe und der Dank für ein ganzes, doch nur vom Dechanten ihm gerettetes Leben darin... Reden konnte er nicht... Das Blut rollte ihm wie ein ihm fremd gewordenes und ungebändigt durch die Adern .. Als er zu ſcherzen verſuchte, ſagte der Onkel: Das hat ér ganz von ſeinem tollen Alten! Der konnte auch, wenn er wollte, ganz verteufelt liebenswürdig ſein!... Dies Wort kam noch zur Unzeit.. Aber, als Benno düſter die Augenbrauen zuſammenzog, ſagte der Dechant auch da: Wie ſein Vater, der grimme Jäger!... Der On kel hatte das Bedürfniß, das Ueberſeltſame wieder in das Altgewohnte zurückzulenken... Da ſprach denn, als auch Frau von Gülpen, Benno's zweite Mutter, ſich ausgeweint hatte, Benno: Nun bitt' ich nur um eines! Gebt mir meine fünf Julius Cäſar⸗Jahre heraus, die ich ſchon länger auf der Erde weile, als ich Erinnerungen habe— und die Taufſcheine es wußten. Um wie viel früher hätt' ich jetzt Hoffnung, meinen Militärmantel abzulegen!... Alle nähern Umſtände dieſer Verheimlichungen wur⸗ den erzählt... Mit dem ihm eignen ſcharfen, aller Lebensverhältniſſe kundigen Ueberblick durchſchaute Benno alle neuen und nicht offen kund zu gebenden Bedingungen ſeines Lebens... Er beruhigte den Präſidenten in 69 einem Schreiben, in dem er ihn als Bruder begrüßte .. Mit edler Selbſtbeherrſchung bot er jede Bürgſchaft, daß ſeine langgeprüfte Geduld, die Ergebung in ſein räthſelhaftes Daſein ihn an Entbehrung äußerer Aner⸗ kennungen gewöhnt hätte... Ja, der Adoptivname, den er einſtweilen trage,„von Aſſelyn“, wäre ihm ja durch ſeine theuerſten Freunde geheiligt, auch von der Krone genehmigt... Er mache nur dann Anſprüche auf die Wiederherſtellung ſeiner Stellung zum Leben, wenn nie— mand damit eine Kränkung widerführe, am wenigſten ſeiner noch lebenden Mutter... Dieſe freilich in ihrer Anſicht über das Vergangene zu erforſchen, ihr ſich, wenn es irgend ohne Verletzung äußerer Rückſichten mög⸗ lich wäre, zu nähern— dafür ergriffe ihn ein unwider⸗ ſtehliches Verlangen... Ebenſo zöge es ihn zur Annähe— rung an Angiolinen... Eine Reiſe nach dem Süden läge nun feſt beſchloſſen in ſeiner Seele... Der Präſident antwortete voll Güte und gerührt dan⸗ kend... Er bot ihm reichere Mittel, als Benno annehmen konnte, da eine zu ſchnelle Veränderung ſeiner Lage leicht hätte Vermuthungen wecken können, die von allen Bethei⸗ ligten nicht gewünſcht werden konnten... Auch Thiebold durfte nichts erfahren... Der tolle Menſch, ſagte Benno zu Bonaventura, thut in der Regel alles, was ich zu thun mich ſchäme, aber gern im Stillen manchmal thun möchte... Er verhindert mich an Thorheiten, weil er ſie ſelbſt übernimmt... Ich glaube, er übernähme dies Drohen mit meinem Geheimniß, dies Zupfen an Schleiern, die man allenfalls lüften könnte... Beſſer, wir ſchweigen auch gegen ihn... 70 8 Je lichter ſomit von der Dechanei aus der Blick auf das ſonnige, waldumkränzte, ſolange geheimnißvoll verſchleiert geweſene Schloß Neuhof wurde, deſto düſterer blieb der auf Witoborn und Weſterhof... Bonaventura hatte ſeit einem Vierteljahr ſich nur im Entſagen geübt, auch nichts mehr von dorther vernommen, was ihn beſonders wieder hätte aufregen können... Der Oberſt, das erfuhr er erſt hier, leitete die Vorbe⸗ reitungen zu ſeinem Papierbetrieb... Der muthige Mann fand die größten Schwierigkeiten... Sie gingen bis zu muthwilligen nächtlichen Zerſtörungen ſeiner Bauten .. Armgart und Monika mußten ſich in ihrer ganzen Kraft zeigen... Sie hatten ein kleines Haus in Wito⸗ born gemiethet und es geſchmackvoll, wenn auch einfach eingerichtet... Hedemann ſchrieb an den Dechanten von einer Heirath mit Porzia Biancchi, der Tochter des Gips⸗ figurenhändlers... Seine Aeltern waren ſchnell hinter⸗ einander geſtorben... Ein ſo ſchönes Familienverhält⸗ niß hätte ſich jetzt begründen können, aber die Benn— ruhigung durch die lichtſcheue Bevölkerung der Gegend war zu groß... Armgart verlöre, hieß es, allen Halt in ihren Anſchauungen... Wo ſie hinginge, müßte ſie —„ſie“!— Reden halten zur Vertheidigung— des Papiers und der Aufklärung!... Ulrich von Hülleshoven überflügelte bald die Herr⸗ ſchaft ſeines Bruders Levinus auf Schloß Weſterhof... Mußte ihm das gelingen ſchon durch ſeinen männlich feſten Sinn, ſeine Lebenserfahrung, ſo kam der wohl⸗ thuende Eindruck hinzu, den er auf die Frauen machte... Er war in der Lage, Monika's ſchroffe Entſchiedenheit, 71 die indeſſen den Dechanten noch immer in ihrer Correſpon⸗ denz entzückte, zu mildern... Während Monika bald das Stift Heiligenkreuz zum Feinde hatte, während ſie die Frau von Sicking zur Aenderung ihres Aufenthalts be⸗ wog und in dieſen Kämpfen von Armgart's wie aus einem Traumleben erwachendem geſunden und friſchen Sinn unterſtützt wurde, ſchlöſſe man ſich, erzählte der Onkel aus Monikas Briefen, dem Oberſten an, der zu begütigen und auszugleichen wiſſe... Paula gewann ihn, das wußte Bonaventura, beſonders lieb und erlag ſeiner magneti— ſchen Einwirkung... Der Oberſt durfte ſie nur berüh⸗ ren und ſie verſank in jenen Schlummer, der ihr ein⸗ ziges Labſal war im Schmerz des Nerven⸗ und Seelen⸗ lebens... Bonaventura beobachtete dies gleich an dem letzten Mittag vor Terſchka's Flucht, wo Paula bei Tiſch mit der abweſenden Armgart zu ſprechen angefangen... Der Oberſt führte ſie damals in ihr Zimmer und ſie antwortete auf jede ſeiner Fragen... Bonaventura erzählte davon dem Onkel... Paula, berichtete er, ohne Zweifel übermannt von der ſeit dem Fund der Urkunde ſie folternden Angſt um den Grafen Hugo, hatte die bei Tiſch fehlende Arm— gart gefragt, was ſie am Schranke ſuche?...„Am Schranke?“... fragte man...„Ein Kleid?“. Nimm ein weißes, ſprach ſie, es ſteht dir beſſer! Auch die Myrte nimm! ſetzte ſie hinzu... Die Myrte? fragte der Oberſt. Macht denn Armgart Hochzeit?... Darauf ſtockte Paula und erwiderte: Armgart ſucht ein mand hatte den Muth, zu fragen: Heiratheſt du für ſie aus... Sie meinte: für ſich ſelbſt... 72 denn?... Ihr Kleid iſt aber noch nicht fertig! ſagte ſie dann wie aus ſich ſelbſt und zeigte hinauf in die Luft mit den Worten: Sieh, ſieh, die vielen Körbe!... Faſt ſo heiter ſprach ſie das, daß die Umſtehenden an die Zahl der zunehmenden Bewerber denken mochten... Aber Paula ſetzte hinzu: Korb an Korb!... Am Altar der„beſten Maria“ ſtehen ſie!... Jetzt hätte leiſe die Tante erklärt: Terſchka erzählte vom Schloß Ca⸗ ſtellungo, daß die nächſtliegende Kapelle der„beſten Maria“ gewidmet wäre und die maleriſch ſchönen Sei⸗ dencocons oft in hunderten von Körben unter Blumen dort niedergeſtellt würden zur Segnung durch Prieſter⸗ hand... Paula entſchlummerte dann... Jeder ſagte: Sie hat in den Körben die Anfänge ihres Brautge⸗ wandes geſehen. Der Onkel ſchüttelte den Kopf, verſank aber über die Nennung des Namens Caſtellungo in ein ſtaunen⸗ des Nachdenken... Bonaventura führte ſich ſelbſt noch oft ſeine letzten we⸗ ſterhofer Tage vor... Er riß ſich an jenem Mittag voll Verzweiflung los... Er glaubte überhaupt keinen Ab⸗ ſchied von Paula nehmen zu können und griff zur Feder, um ſeine Empfindungen niederzuſchreiben... Zwei Briefe entwarf er... Einen in der ſtürmiſchſten Liebes⸗ betheuerung mit dem Bekenntniß aller Gefühle, die auf dem geheimſten Grund ſeines Herzens lebten... Es war ein trunkener Rauſch der Herausforderung an ſein Geſchick und doch— er warf ihn in die Flammen.. Einen zweiten ſchrieb er milder, erſichtlich zum ewigen Ab⸗ ſchied... Auch dieſen vernichtete er... So ſtand er 73 rathlos... Da hörte er neben ſeinem Zimmer das Aechzen ſeines Wirths Norbert Müllenhoff, der im erſten Stockwerk ſchlief... Das an der Pfarrhausthüre ausgeſetzte Kind gehörte ohne Zweifel nur dem wun— derlichen Zeloten... Die Zukunft des Unglücklichen war zerſtört, wenn die Rache der Hebamme, im Bund mit dem buckeligen Geiger, die finkenhofer Lene zum Ge⸗ ſtändniß vor Gericht brachte... Einmal hörte er den Pfarrer in ſeiner Kammer laut ausrufen: Allmächtiger Schöpfer Himmels und der Erden!... Es war ein Ruf wie aus der tiefſten Seele... Die Hände wur⸗ den dabei zuſammen geſchlagen wie von einem Verzwei⸗ felnden— Dann war wieder alles ſtill... Bonaven⸗ tura erbebte... Es durchſchüttelte ſein Gebein, dieſen Ausruf zu hören, der aus der Tiefe des Jammers kam... Müllenhoff ſah voraus, daß ihm eine zeitweilige Ver⸗ weiſung in das Strafkloſter Altenbüren gewiß war... Ein ewiger Makel haftete damit an ſeinem Leben, ein Hinderniß an jeder Beförderung... Hätte nicht auch Bonaventura in dieſe Anrufung des Schöpfers der Natur einſtimmen und alle Elemente entbieten mögen, ihm bei⸗ zuſtehen, die Zwingburg unnatürlicher Geſetze zu bre— chen?... Er klopfte an die Kammer und trat ein mit der Frage an den Stöhnenden und jetzt mit zuſammen⸗ gefaltenen Händen wie bewußtlos Daliegenden, ob er ihm in irgend etwas vor ſeiner an demſelben Abend bevorſtehenden Abreiſe behülflich ſein könnte... Anfangs fuhr Müllenhoff in gewohnter Grobheit auf... Dann beſann er ſich, bat für ſein ungeberdiges Weſen um Verzeihung und wagte es, überwältigt ſchon 2 74 von der unendlichen Milde in Bonaventura's Ton, unter dem Siegel der Beichte, ſeinen Vorgeſetzten zu bitten, zur Frau Schmeling und zu jener Lene zu gehen „ 3 b 3 zu geh und— den Verſuch zu machen, die ihm drohende Ge— ſahr abzuwenden... Bonaventura fand ſich bereit dazu... Er betrat das Häuschen der Hebamme, redete ihr, ihrer Magd und der noch anweſenden Lene, jeder erſt unter vier Augen, dann allen zugleich zu, die Verfolgung des Pfarrers von Sanct-⸗Libori zu unterlaſſen... Die nicht kleinen Summen, die es zu bieten gab, um ein Schwei⸗ gen nach allen Seiten hin zu erwirken, legte er aus... Ach, wie unrein ſchienen ihm ſeine Hände, als er ſich aus dieſem Hauſe entfernte!... Die Küſſe, die man ihm darauf gedrückt hatte, mehrten nur das bren⸗ nende Gefühl, ſich in unwürdiger Berührung befunden zu haben.. Dieſe Verrichtung des Mitleids brachte Bonaventura um die Gelegenheit, den Düſternbrook und die beiden Eremiten zu beſuchen... Er hörte nur, daß ſie vom Zuſtrom der Umgegend heimgeſucht und Gegenſtand der lebhafteſten Verhandlungen zwiſchen ihrem Kloſter, ſeinem Stiefvater und den Behörden waren... Jetzt waren ſie auf dem Wege nach Rom... Auf Weſterhof erſchien er dann wirklich noch per⸗ ſönlich zur ernſten Abſchiedsfeier... Aber als Prieſter — als ſchwankes Rohr, als„Begriff, den zwei Jahr⸗ tauſende mit bunten Kleidern behängen“... Vor allem, was er dann doch vielleicht blindlings aus einer Todes⸗ urne hätte ziehen können, bewahrte ihn Paula ſelbſt... . 75 Sie war, erzählte er wieder dem Onkel, gerade ent⸗ ſchlummert... Der Oberſt ließ ſeine Hand auf ihr ru⸗ hen und ſprach mit ihr wie mit dem willenloſen Werk⸗ zeug ſeiner eigenen Kraft... Verwandtſchaftlicher Rechte ſich bedienend, fragte ſie der Oberſt mit Ver⸗ traulichkeit:„Siehſt du den, der eben ins Zimmer tritt?“...„Sie ſieht ihn!“ lautete die Antwort „Willſt du mit ihm ſprechen?“...„Sie ſtört ihn!“...„Warum ſtört ſie ihn?“. „Er opfert....„Siehſt du einen Prieſter?“... „Einen Biſchof!“...„Iſt er allein?“...„Kinder ſtehen um ihn!“...„Sie tragen leinene Streifen am Arm?..„ Du ſagſt es!“...„So firmelt dein Freund die Knaben und die Mädchen... Redet er?... Sprich ihm nach, was er redet!“...„Ich glaube an Gott, den Schöpfer Himmels und der Erden, an die Liebe, die Erhalterin der Welt, gelehrt durch Jeſus Chriſtus, an den Geiſt der Wahrheit, der uns zur ewigen Hoffnung führt!“... Wieder traten die zahl⸗ reich Umſtehenden befangen zurück... Wieder war es eine jener„incorrecten“ Viſionen wie Frau von Sicking zu ſagen pflegte Paula ſprach, nach des Onkels Anſicht, einen Glauben aus, den ſie in Bonaventura's und des Oberſten Innerſtem zu leſen glaubte... Das erzählte aber Bonaventura nicht, daß er ſich da— mals, noch ehe ſie erwachte, losriß mit Thränen im Auge und abreiſte, begleitet von den Dank⸗ und Se⸗ genswünſchen aller derer, die ihm nahe gekommen waren— von denen ſeiner Mutter an, die ihn in Witoborn noch 76 an der Poſt überraſchte, bis auf den Händedruck Müllen⸗ hoff's, der ihm flüſternd—„in monatlichen Raten“ zurückzuzahlen verſprach, was ſeine Güte unter dem Dach der Verſchwörer für den neuen Concordatsſtifter und exemplariſchen Bußheiligen verauslagt hatte... Paula hatte Bonaventura als Biſchof geſehen... Der Onkel verlangte, daß Bonaventura auch in ſeinen Wirkungskreis nicht ohne eine höhere Würde zurück⸗ kehrte... Begib dich, wenn ſie dir nicht zu Willen ſind, ſolange in ein Kloſter!... Ein Menſch wie du darf nur fallen, um deſto größer wieder aufzuſtehen... Und die Leiden des Gemüths ſeines Neffen wol über⸗ blickend, ſprach er: Armer Thor, was ſenkſt du das Haupt und kannſt dich in dein prieſterlich Erbtheil nicht finden!... Zwei weibliche Schatten umkreiſen dich! Ein dunkler und ein lichter!... Jenen fliehſt du und dieſen wagſt du nicht feſtzuhalten!... Ich bin dir kein Muſter, aber ich könnte dir beſſere Naturen, als die meinige nennen, die auch eines Tages zwiſchen dem Gott in der Natur und dem Deus in pyxide wählten und für erſteren entſchieden... Und ein andermal ſprach er: Sagſt du für Franz von Sales gut?... Ich theile alle Heiligen in drei Klaſſen... Solche, die die verbotene Frucht bereits brachen und denen es dann, als ſie ſatt waren, leicht wurde, in die Wüſte zu gehen— in dieſem Sinne haben wir noch jetzt Millionen Heilige und ſeit zwanzig Jahren bin ich der Allerheiligſte unter ihnen— Dann in ſolche, die entweder geborene Narren waren oder es wurden, weil ſie gerade auf den Natur⸗ trieb hin, um dieſen und nur dieſen zu unterdrücken, 77 das Tollſte erfanden— wahre Caſanovas der Fröm⸗ migkeit nenn' ich ſie... Ihre innerſte Sinnenqual ver⸗ ſetzte ſich ihnen, wie bei einer jungen Mutter die Milch in den Kopf ſteigen kann, ſo in religiöſe Narrheit... Endlich die dritte Gattung ſind jene ganz geſchlechtsloſen Conſtitutionen, bei denen die Tugend eine fehlerhafte Organiſation ihres Körpers iſt... Dieſe Halblinge findeſt du meiſtens unter äußerlich imponirenden Ge— ſtalten... Darauf hin konnte auch mein Leo Perl in Paris ruhigen Bluts zuſehen, wenn ſich die andern im Palais⸗Royal ergingen... Sei überzeugt, alle die Heiligen, die nicht auf die Klaſſe I und II paßten, ge⸗ hörten zur Klaſſe III! Waſſerpflanzen, wo auch die ganze Kraft— wie da drüben auf meinem Weiher!— in den breiten, trägen, ſchönen Blättern liegt... Solche Geſpräche gab es häufig, ſelbſt in Gegen— wart Benno's beim Wandeln durch den Park, unter den eben ſich erſt mit dem jungen Laub ganz ſchließen⸗ den Alleedächern, beim Zwitſchern der Vögel, beim Duft der Blütenpyramiden der Kaſtanienbäume, der Maiblu⸗ men und Narciſſen auf den Buchsbaumbeeten, beim Schimmern der Dotterblumen von den Wieſen her... Einmal an einem Strauch von Weißdorn ſtill ſtehend, ſagte Bonaventura: Onkel, ich bin ſo weit gekommen, daß ich an einem ſolchen einzigen Blatt, wie du hier ſiehſt, ſtundenlang beobachten kann!... Sieh, es hat ſich eben aus ſeiner Knospe entrollt! Wie zart dies Grün! Wie ſanft aufge⸗ kräuſelt die Windungen des kleinen Sproſſes! Die kleinen Härchen, die auf dem jungen Keime ſitzen, möchte man 78 zählen! Es gibt nichts, was uns gegen alles das retten kann, was du ſchilderſt, als die Betrachtung des Kleinſten!... Ich heuchle dir nicht Frömmigkeit, nicht mehr Begeiſterung für meinen Beruf, den ich ſchmerz⸗ lich erkannt habe— ich habe aber ein Vergeſſen des Allge⸗ meinen und meiner ſelbſt in einem kleinen ſtillen Glück wie dem hier— vor einem ſolchen Frühlingsblatt... Das ſind bei mir die Radirungen und Kupferſtiche... ſagte der Onkel, der für ſeine vorjährigen Warnungen gegen Rom eine frühzeitige Genugthuung erhielt... Benno mußte zeitiger nach der Stadt zurück... Er reiſte an ſeiner Seele wie mit Adlerſchwingen... Er hoffte ſich zunächſt von einem Staatsleben frei— machen zu können, das damals für den Menſchen in ſeiner angeborenen Freiheit keine Bürgſchaft bot Er wollte im Herbſt über Wien nach dem Süden... Er widerſprach dem Onkel nicht, als dieſer, ohne daß es Bonaventura hörte, ſagte: Vielleicht kannſt du die Angelegenheiten Paula's zu einem guten Ende führen! Vielleicht deiner verwilderten Schweſter die Nachfolgerin geben, die dem Hauſe Salem⸗ Camphauſen unerläßlich iſt! Schon hör' ich, daß die Gräfin Erdmuthe nach Schloß Weſterhof reiſen und verſuchen wird, alle Bedenklichkeiten perſönlich zu be⸗ ſeitigen.. Bonaventura war bei dieſen Worten wol zugegen, hörte ſie aber nicht... Er ſah zu den Bäumen auf, unter denen ſie dahinwandelten, und ſprach, als beide näher kamen: Wie doch ſeit Jahren der Fink immer nur wieder 79 zwiſchen denſelben Aeſten ſich anſiedelt, die Nachtigall denſelben dunklen Buſch ſich ſucht, die Schwalbe in demſelben Geſims an deinem Portale hauſt... Ein ſolches Heimatsgefühl!... Jeder findet ſein rechtes Neſt... ſprach nach einigen weitern Schritten ruhigen Wanderns der De⸗ chant... Auch— Paula wird wiſſen, daß die Liebe zu einem römiſchen Prieſter nicht zu den Möglichkeiten dieſer Erde gehört und— wird nach Wien gehen... Ich will ſie ſelber trauen! fiel Bonaventura mit einem zuckenden Schmerzensausdruck ein... Es war ein Wort von ſolcher Schwere, daß der Dechant und Benno erſchüttert ſchweigen mußten ... Letzterer gedachte auch des immer mehr ihm und Andern verklingenden Namens:— Armgart... Als Benno dann abgereiſt war, kam in der Dechanei ein neuer Brief von Monika... Das war ein Erguß friſcher und geſunder Lebens⸗ anſchauungen... Sie berichtete dem Dechanten von einer nothwendi⸗ gen Reiſe des Oberſten nach England— von einem vielleicht gelegentlichen Abholen der Gräfin Erdmuthe— von Armgart's Begleitung des Vaters nach England— von Paula's leider ſchon bedenklich eingeriſſener Gewöh⸗ nung an die magnetiſche Behandlung durch ihren Gat⸗ ten— von der Angſt und Sorge, die man nun ohne ihn über ihren Zuſtand haben müſſe... Bei Erwähnung der gegen Bonaventura gerichteten Anklagen, deren Kunde ſchon bis Witoborn gedrungen war, ſprach ſie von dem einſtimmigen Urtheil aller 80 Betheiligten, daß die Ehe mit dem Grafen Hugo ge— ſchloſſen werden müßte... Monika bekannte ſich als entſchiedenſte Beförderin dieſer Verbindung... Graf Hugo wäre eine Natur mit Eigenſchaften, die nur entwickelt zu werden brauch ten, um vor ihm mehr, als Achtung, ſogar für ihn Neigung zu empfinden... Bequemen Temperaments, wollte er beherrſcht ſein und jeder müſſe ihm eine wür— digere Leitung wünſchen, als er ſie bisjetzt gefunden... Was an Terſchka noch allenfalls Gutes wäre, verdanke dieſer dem Grafen... Der jeſuitiſche Intriguant hätte die Macht einer guten und harmloſen Natur ſo auf ſich einwirken gefühlt, daß er an ſeinen Aufträgen irre gewor den wäre... Wenn Paula in ein Kloſter ginge, würde ſie nach wenig Jahren eine Beute des Todes ſein... Sie müſſe die Gräfin von Salem-Camphauſen wer den... Der Domkapitular von Aſſelyn müßte ſogar die Kraft über ſich gewinnen, ſelbſt die Hand zu bieten zu dieſer nach allen Richtungen hin bedeutungsvollen ge miſchten Ehe... In dem lieblichen Salem, in dem, wie ſie gehört hätte, noch glückſeligeren Thale von Ca⸗ ſtellungo würde die junge Gräfin, als Gattin, als Mutter blühender Kinder, als Theilnehmerin an den vielen gemeinnützigen Unternehmungen der Gräfin Erd muthe, Lebensluſt und Lebenskraft gewinnen... Alle, alle, ihre Schweſter Benigna, Onkel Levinus, die Be wohner von Neuhof wären der gleichen Meinung... Die einzige Armgart, die noch immer widerſpräche, hätte ſie auch deshalb mit dem Vater nach England geſchickt, wo ſie überhaupt bei Lady Elliot eine Zeit lang bleiben 81 und neue geſunde, praktiſche Anſchauungen gewinnen müſſe... Armgart hätte ſich indeſſen bei einigen Con⸗ flieten in der That mit großem Muth benommen und wäre ſeit den drei Tagen Correctionsgefängniß im Müh⸗ lenthurm mehrfach anders geworden... Die Begeg⸗ nung mit Terſchka fürchte ſie nicht mehr; London wäre wie ein Ameiſenhaufen; Armgart hätte Kraft und Cha⸗ rakter aus Inſtinct ſchon immer gehabt— jetzt fange ſie auch an, zu wiſſen, was ſie wolle... Das war eine Sprache, als ſah man die kleine junge Frau ihre grauen Locken ſchütteln und mit blitzendem Auge, friſcher Wange, ihren weißen Zähnen aller Be⸗ denklichkeiten geringſchätzig lächeln, die nach ihrem Sinn nur krankhafte Empfindſamkeit geltend machen konnte. Der Dechant war ganz gleicher Anſicht... In dem kleinen grünen Studierzimmer, wo die Worte nicht ſo ungehindert gewechſelt werden konnten, wie unten im Garten und im Park, den zu beſuchen nicht jedem Bewohner der Stadt erlaubt war, laſen Beide dieſen Brief.. Geſtört von dem Rollen der Thüren und dem Hor⸗ chen und Bangen Petronellens, erhob ſich Bonaventura, riß ſich von der Hand des Greiſes, die ihn halten wollte, los und eilte erſt in den Park, den er eine halbe Stunde lang wie ein Geiſtesabweſender durchſchritt, dann flog er auf ſein Zimmer, um an Levinus von Hülles⸗ hoven zu ſchreiben... 4 Er hätte mit Bedauern gehört, ſchrieb er, daß ſich die Leidenszuſtände Paula's vermehrten, daß ihr Leben ſchon ganz abhängig zu werden drohte von einer Ein⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 6 82 wirkung, die beiden Theilen zuletzt die drückendſten Ver⸗ pflichtungen auferlegte... Auch von den fortgeſetzten Bildern und dem Sinn der Träume des edeln Mäd⸗ chens hätte er gehört und beklage ſchmerzlich, daß ſie übel gedeutet würden... O könnte man doch, klagte er, ganz den Vorhang ſchließen, der ſie in ein Land blicken ließe, für deſſen Beurtheilung der Welt alle Bedingun⸗ gen fehlen... Sie ſollte dem Zug der Demuth fol⸗ gen, der ſtets in ihrer reinen Seele der vorwaltende ge⸗ weſen... Nimmermehr aber ſollte ſie ihre Wünſche auf ein Kloſter richten... Er geſtünde es offen, ſeine Einblicke in die Kloſterwelt wären die enttäuſchendſten ... Wie im Kloſter Himmelpfort wär' es überall, nur vielleicht da ausgenommen, wo man Kranke heilte. Paula wäre ſelbſt des Arztes bedürftig... So müſſe ſie denn hinaus auf die hohe Flut des Lebens... Sie müſſe Gott vertrauen und wie eine treue Magd ſich jenem Dienſte widmen, der dem Weib ſchon im Pa⸗ radieſe angewieſen worden, eine Gehülfin zu ſein dem Manne... Wenn ſie den Grafen Hugo in ſanfterer Weiſe, als durch die Intrigue der Geſeellſchaft Jeſu verſucht worden, in den Schoos einer Kirche führte, die ein Zuſammenſein im Schooſe der Seligen auch von dem gleichen Bekenntniß auf Erden abhängig mache, ſo löſte ſie, wenn ſie das wolle oder könne, eine ſie viel— leicht erhebende Aufgabe... Ein Mann ſei ja jedem Weibe, das von ihm zur Ehe genommen würde, vorher ein unbeſchriebenes Blatt... Selbſt ein längeres Ergrün⸗ den und Kennen des Verlobten ſchlöſſe ein Räthſelhaftes nicht aus, das ſich ganz erſt in der Ehe ſelbſt lüften könne... Wie aber auch der Erfolg dieſer Ehe ſich er⸗ gäbe und wenn die Glaubensbekenntniſſe ſich auch nicht vereinigten, ſo ſollte ſie dem fremden Mann vertrauens⸗ voll die Hand nicht weigern... Ja, wenn ihm die Gräfin ſeinen eigenen Prieſterberuf, den Beruf der Ent⸗ ſagung auf eigenes Glück und der Fürſorge nur für fremdes, zu einer beſondern Weihe erheben wolle, ſo ſollte ſie ihm die Ehre und die in Gott empfundene Seligkeit gönnen, daß Er es wäre, der— entweder zu St.⸗Libori oder in Wien, wohin zu reiſen er deshalb zu jeder Stunde bereit wäre— ihre Hand in die des Grafen Hugo legte... So ſchrieb er und als der Brief geendet und zur Poſt gegeben war, umarmte er den Onkel mit den Worten: Laß mich ſo!... Jeder Menſch ſchafft ſich ſeine eigene Religion und iſt ſich ſein eigener Prieſter! Mit gehobener Kraft verblieb Bonaventura noch einige Tage auf der Dechanei... Sein Ringen nach einer idealen Lebenshöhe hatte einen neuen Anhalt, einen neuen Rundblick gewonnen... Schmerzlich genug war er erkauft... Aber er hielt ihn feſt mit dem leuchtenden Aufblick der innern Ver⸗ klärung und des Gefühls, ſich eins zu wiſſen mit dem unerforſchlichen Verhängniß... An die Wirkung ſeines Briefes in Weſterhof mochte er nicht denken... Er ſtürzte ſich in das Allleben der Natur, umfaßte nicht mehr zagend und bangend blos das Einzelne... Beim Beſteigen der grauen Berglehnen, die durch die noch wenig belaubten Weinſtöcke noch kahler erſchie⸗ nen, umzog ſich vor ſeinem Blick aus der eigenen Bruſt heraus alles wie ſchon mit den Früchten des Herb⸗ ſtes... Mit Gewalt wollte er ſich helfen; er grüßte freundlicher, er ſtand denen Rede, die ihm im Felde begegneten, auch denen, die ihm nachſchlichen, wie— Löb Seligmann, der ſeit einigen Wochen in ſeine Heimat zurückgekehrt war und ſich hoffnungsvolle Ernten auf 85 Reps und Taback ſuchte, auf die er Vorſchüſſe gab... Das war die ſicherſte Anlage ſeiner um Witoborn ver⸗ dienten Gelder... Und wäre nun Bonaventura bei all ſeiner Men⸗ ſchenliebe doch darin weniger„Egoiſt“ geweſen, daß er mehr aus andern heraus die Menſchen und Dinge be⸗ urtheilt hätte, hätte er ein wenig mehr neugierige Vertie⸗ fung in das irrende Flimmern der kohlſchwarzen Augen Löb's, ein wenig mehr Leſekunſt geübt in den ſo eigen⸗ thümlich fragwürdig ſtehen bleibenden Lachmienen deſſel⸗ ben— er hätte ja ſelbſt zu ihm ſprechen müſſen: Nicht wahr, Herr Seligmann, ſeitdem Sie zur Hälfte unſer Viergeſpräch auf Schloß Neuhof belauſchten, ſagen Sie auch:„Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unſere Schulweisheit ſich träumen läßt“?... In der That, ſo kann kein Beichtvater(in ver⸗ botener Weiſe) lächelnd an denen vorübergehen, die ihm geſtanden, daß ſie keineswegs das ſind, was ſie vor der Welt erſcheinen, als Löb Seligmann im wogenden Kornfeld, unter blauen Cyanen, im Wiederklang der von ſeinem innerſten Herzen geſungenen Roſſini'ſchen Tyro⸗ lienne:„Blütenkränze, Luſt und Tänze“ den hochge⸗ ſtellten jungen Geiſtlichen nicht blos grüßte, ſondern endlich einmal auch wie mit dem Wort: Ich weiß alles! anredete... Er näherte ſich ihm auf Fußzehenweite... Sein ganzes Herz war übervoll von dem Frevel des Dechanten, den man noch„leicht auf die Feſtung bringen“ konnte, von den leider nur halb erfahrenen eriminaliſtiſchen Thatſachen aus dem Leben Leo Perl's, * 86 übervoll um ſo mehr, als er nur einer einzigen Seele auf Erden, Veilchen Igelsheimer, vollſtändige, der Haſen⸗ Jette, ſeiner Schweſter, und David Lippſchütz nur leiſe Andeutungen über ſeine Geheimniſſe gegeben hatte... Dennoch brachte ſein Mund zum tiefgezogenen Hute, als Bonaventura ſtehen blieb und fragte: Wünſchen Sie etwas, Herr Seligmann? in äußerſter Verlegenheit nichts hervor von dem geheimen Betrug einer italieniſchen Pri⸗ madonna, nichts von der Herzogin von Amarillas, nichts von Leo Perl's erſter geiſtlichen Handlung auf Veranlaſſung des„Alcibiades“ drüben in der Dechanei, als das Wort: Ich wollte— um Vergebung— Herr Domkapipitular — wollte nur fragen— Erlauben Sie— iſt wol noch Bröder's lateiniſche Grammatik gut genug— zu gebrauchen zum Unterricht für einen hoffnungsvollen Knaben?... Zu Gunſten des immer kräftiger auf die Beine gekommenen David Lippſchütz, des kleinen Voltaire von Kocher, ließ Bonaventura ſich auf alle Vorzüge eines wahrſcheinlich durch Löb vom Antiquar erſtandenen alten „Bröder“ ein und nannte berühmte Gelehrte, die auch ohne den„Zumpt“ ein claſſiſches Latein geſchrieben hätten... Nach dieſen lehrreichen Auseinanderſetzungen, denen Löb nur zu zerſtreut zuhörte, war ein Rückblick auf Witoborn und Umgegend nicht zu vermeiden... Löb erzählte, was er„nach dem Herrn Domkapipitular“ noch erlebt hätte... Zart und discret deutete er alles nur in leiſen Contouren an... Selbſt die Gerüchte über Terſchka, deſſen plötzliche Abreiſe ihm manches ſchöne, bereits angeknüpfte Geſchäft zerriß, tauchten in ſeinem — Fe 2 87 Munde wie nicht mehr ſicher zu verbürgende Sagen der Vorzeit auf... Es gab auch dunkle Vermuthungen über einen gewiſſen Jeſuitenorden und ein Uebergetreten⸗ ſein zur proteſtantiſchen Religion, die aber auch wie Ver⸗ hältniſſe aus der Zeit der Makkabäer aus Löb's discre⸗ tem Munde hervorkamen... Löb genoß zunächſt nur das ſtille Wandeln mit dem vornehmen Prieſter, das Grüßen der Vorübergehenden, die gleichſam auch ihn jetzt grüßen mußten... Es war die Begebenheit an ſich, die ihn erfüllte, ganz wie jenes ſchmeichelhafte Begoſ⸗ ſenwerden damals mit der weſterhofer Spritze nach dem Schloßbrande... Dies wie jenes ein Zuſtand feinerer Beziehungen... Nur erſt als von den beiden Flücht⸗ lingen nach Rom, von den Eremiten, dem Düſternbrook die Rede kam, deutete er verſchämt lächelnd ſeine Mit⸗ verdienſte um die Rettung des verunglückten Dieners an... Bonaventura wünſchte mehr zu hören; der Diener war ſo auffallend verſchwunden; ja er fragte, ob es wahr wäre, daß der Bruder Hubertus, der ihn daaongetragen und im Kloſter Himmelpfort eine Zeit lang verborgen gehalten haben ſollte, eine Beziehung zu dem Fräulein Schwarz gehabt hätte, das bei Frau von Sicking wohnte— man ſpräche davon— Löb, Zeu⸗ genausſagen vor Gericht und etwaiges Schwörenmüſſen wie den Tod fürchtend, ging nur gerade bis an die äußerſte Grenze ſeines Wiſſens, erzählte die Fahrt des Kranken bis an das Kloſter und würde vielleicht all⸗ mählich ein wenig den Schrei in der Kirche, das furchtbare Krachen und das Licht im Todtengewölbe in Aphorismen leiſe angedeutet haben, wäre die fortgeſetzte Wan⸗ 88 derung nicht durch die eben erreichte Stadt unterbrochen worden... So zur Seite eines Prieſters durch Kocher zu gehen, würde ſich für die beiderſeitige Stel⸗ lung nicht geziemt haben... Das gemüthliche Selb⸗ ander wurde vom rauſchenden Fall, von den Gerber⸗ wäſchen und Metzgerllötzen unterbrochen... Auch mit Beda Hunnius, mit Major Schulzendorf und Grützmacher knüpfte Bonaventura wieder in flüch⸗ tiger Begegnung an... Jenem hatten die Zeitläufe bittere Erfahrungen be⸗ reitet... Ein ſeraphiſcher Briefwechſel mit Lucinden und Joſeph Niggl war zu den Acten der über ihn ver— hängten Unterſuchung gekommen... Der„Kirchen⸗ bote“ erſchien nicht mehr; um ſo größer war ſeine Er⸗ muthigung durch die mächtige, mit brauſendem Wogen⸗ ſchlag zurückgekehrte Flut der hierarchiſchen Bewegung nach kurzer Ebbe... Er rühmte das kirchliche Leben jener öſtlichen Gegenden, wo Bonaventura im Winter geweſen und ihm beſonders die reformatoriſchen Beſtre⸗ bungen eines Norbert Müllenhoff wie Bonifaciusthaten erſchienen... Bonaventura lächelte... Doch auch Beda lächelte... Ueber den gegenwärtigen Urlaub des ſo ſchnell Geſtiegenen... Um ſeine Schadenfreude zu verbergen ſagte er: Procul a Jove, procul a fulmine .. Er lobte ſeine Stadtpfarre... Aber grade über Paula's Viſionen mußte Bonaventura ihm bis an die Pforte der Dechanei erzählen.. Schulzendorf war gekniffen und ſüßſäuerlich... Die Zeitverhältniſſe verhinderten den zu häufigen Be⸗ ſuch der Soupers in der Dechanei... Seine Naſe 89 hatte einen Charakter von Pfiffigkeit bekommen, die jetzt weniger zu verrathen ſchien, wo Trüffeln, als wo— Verſchwörungen lagen.. Grützmacher gratulirte zu einem Avancement, das ſchneller gekommen wäre,„wie's bei's Militär“ mög⸗ lich geweſen... Er klagte über den Dechanten, der alt würde... Von ſeiner leider ohne„Prämie“ ge⸗ bliebenen großen Satisfaction„von wegen det ausge⸗ buddelte olle Männeken“, ſagte Grützmacher: Darüber ſind wir„in's Reine“— Es war ein ehemaliger Ga⸗ leerenſträfling, der ein paar Jahre in Paris gelebt hat, dann hierher kam, Pferdehandel treiben wollte, gleich da ſchon die Leute anſchmierte, dann auf ein paar Wo⸗ chen Knecht im Weißen Roß war, hierauf den Coup auf Ihrem Kirchhof machte, der nichts einbrachte, nachher bei alten Kunden und Hehlern von Gaunern ſich verkrochen hatte, vielleicht gar mit dem Hammaker, den Sie ja ab⸗ ſolvirt haben, Herr Kapitular, bekannt war, und zuletzt ſoll er denn auch noch unter falſchem Namen nach Witoborn gegangen„ſind“... Da das Feuer, ſagen ſie, hätt' er angelegt auf Schloß Weſterhof... Darüber hört man denn— hm!— freilich allerlei... Aber jetzt, wie geſagt, iſt er chappirt und wird wol in Amerika„ſind“ ... Und wenn Grützmacher hierauf, während Bona⸗ ventura aufmerkſam zuhörte, zu ſeiner Frau ſagte:„Ne, dieſe kathol'ſchen Pfaffen, doch nichts Aufrichtiges! Jetzt auch ſchon Der! Und ein ehemaliger Portespéefähnrich das!“— ſo hatte er Recht. Jüterbogk und Rom reden allerdings ſeit drei Jahrhunderten verſchiedene Sprachen und Bonaventura hörte ihm über die angereg⸗ 2 90 ten Punkte, gebunden durch Furcht, Beichtgeheimniſſe und äußerſte Spannung, zu... Dem Oheim gegenüber legte Bonaventura vor ſeiner Abreiſe eine übertriebene Scheu ab und theilte ihm nach kurzem Kampf mit, was er ſeither über den Inhalt des Sarges des alten Meviſſen und über deſſen Räuber er⸗ fahren hatte... Gab der Onkel auch nicht zu, daß ſein Bruder Friedrich noch lebte, ſo mußte der alte Diener deſſelben doch ein Geheimniß bewahrt und in ſeinen Sarg Dinge gelegt haben, die mit einem Verlangen in Verbindung ſtanden, daß ſie einſt vom Tode auferſtehen ſollten— zu irgendwelchem noch verſchleierten Zwecke... Bonaventura erzählte dem Onkel, daß der Fund in Lucindens Händen wäre... Dem darüber Hocherſtaunenden nannte Bonaventura auch die Drohung, die Lucinde ausgeſtoßen, und hielt nur zurück, als er die außerordentliche Aufregung ſah, in die er damit den Onkel verſetzte... Das iſt ja erſchreckend, ſagte dieſer... Und du haſt von ihr noch immer nicht dieſe Papiere verlangt?... Mit Gewalt verlangt?... So fliehſt und verachteſt du ſie?... Bona! So alt ich bin, durch meine Adern rollt Feuerſtrom, ſo oft ich an die wenigen Tage denke, die dies Weſen bei uns zubrachte... Ich nehme ſie morgen wieder, wenn ſie will... Meine Macht im Hauſe hat zugenommen... Hm! Hm!... Was kann nur jene Schrift enthalten?... Und von wem iſt ſie ausgeſtellt?... Auf die von Bonaventura zuſammengefaßten nähern 1* 91 Angaben, auf die Mittheilung, jene Schrift, deren Ur⸗ heber er nicht kannte, ſollte ebenſowol mit ſeiner per⸗ ſönlichen Ehre wie mit dem ganzen Bau der Kirche zu⸗ ſammenhängen, und Lucinde könnte alle ſeine Hand⸗ lungen, ſelbſt wenn er die dreifache Krone trüge, damit entwerthen, ja ungeſchehen machen— lachte endlich der Onkel und hielt die Meinung feſt: Da hör' ich die verſchmähte Liebe!... Das ſind jene Erfindungen, die die Frauen zu machen pflegen, wenn man mit ihnen„bricht“... Regelmäßig gibt es dann Papiere, von denen es heißt, ihre Veröffent⸗ lichung würde uns„vernichten“... Oder der Brief⸗ wechſel würde zwar ausgeliefert werden, aber„Abſchriften würde man auf alle Fälle davon zurückbehalten“ u. ſ. w.... Der Onkel rieth ernſtlich mit Lucinden Frieden zu ſchließen... Das Leben iſt ſo arm an Liebe, ſagte er, daß man nie eine dargereichte Hand ablehnen ſoll... Als Bonaventura eine Liebe bezweifelte, die fortwäh⸗ rend in Haß und Nache überzuſchlagen drohte, entgeg⸗ nete der Onkel: So ſind ſie ja alle!... Meine eigene Petronella würde mich mit kaltem Blut an einer Paſtete ſterben ſehen, wenn ich„mit ihr bräche“!... Selbſt die Buſch⸗ beck, deren grauſamem Charakter ich den Beſitz ihrer Schwe⸗ ſter verdanke— letztere war jünger; Benno's Vater trat ſie mir ab— aus Geiz— ab, um nicht,, zwei von dieſer Bande“ ernähren zu müſſen— ſelbſt Brigitte von Gülpen, die älteſte Tochter der Biſchofsköchin und fürſtabtlichen Blutes nicht unverdächtig, wäre beſſer geworden durch 92 gewährte Liebe... Die Idee, für einen treuloſen Ge⸗ liebten, der ins Kloſter ging, die Menſchheit zu tyran⸗ niſiren, Kindern und Mägden das Leben zu vergiften, ſich ſelbſt das Brot abzuhungern, vergegenwärtigt dir jene tiefe Bedürftigkeit des Weibes, unter allen Umſtän⸗ den ein Weſen ſein zu nennen und wär's zuletzt nichts als ein alter, mit einer Flanelljacke bekleideter Mops, der am Aſthma in den Armen ſeiner weinenden Gebieterin ſtirbt... Deine Renate— wie alt iſt ſie?... Nahe den Siebzigen... Du wirſt an einen Erſatz denken müſſen... Und wehe dir auch da, wenn ſie deine Abſicht merkt... Schlage die Concilien nach... Sie ließen lange zwei⸗ felhaft, ob die Frauen überhaupt Menſchen ſind... Bonaventura ließ, wenn auch zögernd, dieſe Auf⸗ faſſung der Drohungen Lucindens gelten. In fernern Geſprächen zeigte ſich auch noch zuletzt, warum der Onkel regelmäßig bei Erwähnung des Schloſ⸗ ſes von Caſtellungo in Nachdenken verfiel... Das zufällige Ausſprechen der Worte: Fiat lux in perpetuis! brachte zwiſchen beiden das Geheimniß des empfangenen lateiniſchen Briefes zur Sprache... Der Onkel öffnete kopfſchüttelnd ſein Schreibbureau und reichte dem Neffen die ihm gewordene anonyme Aufforderung... Sie war gleichlautend mit der, die auch Bonaventura empfangen hatte... Ich werde die bedenklichen Ehren eines Huß und Sa⸗ vonarola nicht mehr gewinnen, ſagte der Onkel, und hüte auch du dich vor ihnen... Welche Myſtificatio⸗ nen das!... Bonaventura verſicherte, daß ſein Glaube feſtſtünde, 93 der Eremit von Caſtellungo wäre ſein Vater... Er wäre in Italien Waldenſer geworden und hätte, ein Opfer der römiſchen Scheidungsgeſetze, den Gedanken einer Kirchenverbeſſerung gefaßt... Würde er auch an jenem 20. Auguſt der Verſammlung, zu der er einlud, achtzig Jahre ſein oder nicht mehr leben, ſo würde man doch ſeine Gemeinde finden... Nach allem, was ich höre, ſchloß er, iſt dort eine Simultankirche auf den Grund der Bibel errichtet worden, die bis dahin an Macht und Ausdehnung gewonnen haben kann... Wenn ſie nicht die Jeſuiten zerſtören! unterbrach der Dechant... Lieber Sohn! Welche Träume! Sehen ſie meinem Bruder Friedrich ähnlich?... Nein, nein — Myſtificationen!... Doch die Eichen von Caſtellungo grünen! entgegnete Bonaventura... Caſtellungo gehört dem Grafen Hugo... Fra Federigo, ein Deutſcher, lebt unter dem Schutz der Gräfin Erdmuthe... Paula ſah ihn deutlich und ſagte in einer ihrer Viſionen, er gliche mir... Der Onkel ſtaunte, lächelte dann aber Weil ſie auch dich an einer Himmelsreligion bethei⸗ ligt glaubt, die den Prieſtern erlaubt zu heirathen!... Nein, nein... Das alles iſt nur Spuk und hängt mit den Umtrieben zuſammen, die plötzlich jenen Terſchka enthüllten... Coni oder Cuneo ſteht in der anonymen Aufforderung?... Fefelotti, Ceccone's Gegner im Con⸗ clave, iſt ſoeben aus Rom verbannt und Erzbiſchof in Cuneo geworden... Ihr armen Waldenſer jetzt! Eure Bibeln werden bald confiscirt ſein!... Den Anklagen, die der Onkel auf Ceccone, auf Fefe⸗ 94 lotti, auf alle, die mit Roms Intriguen zuſammenhin⸗ gen, ſchleuderte, lieh Bonaventura um ſo bereitwilliger ſein Ohr, als jetzt auch durch Benno's Lebensſchickſale ſich ein Netz um ſie alle her zu ſpinnen ſchien, deſſen Fäden immer enger und enger wurden und ganz auf Rom führten... Zum Glück hab' ich euch beide— Ultramontanen bei Zeiten angehalten, italieniſch zu lernen! ſcherzte der Onkel, ohne— darum doch den Beängſtigungen, die in den betheiligten Gemüthern dieſ Dunkelheiten zu⸗ rücklaſſen durften, ſich ganz zu entziehen... Inzwiſchen kamen aus der Reſidenz des Kirchenfür⸗ ſten Briefe vom Generalvicariat, die bis auf weitere Entſcheidung Roms über den Magnetismus jede Beein⸗ trächtigung des Domkapitulars in ſeinen Würden nieder⸗ ſchlugen... Rother's Anklage wurde als ungebührlich abgewieſen... Die Genugthuung war demnach vollſtändig... Den⸗ noch reiſte Bonaventura voll Bangen... Er ſah das Alter und den Kummer des Onkels... Er fürchtete ſich vor einer Stadt, die er auch ſonſt ſchon gemieden... Sein Ehrgefühl war doch verletzt worden... Feinde wirkten gegen ihn und zu der Kraft ſich zu erheben, die Haß oder Verachtung verleihen, vermochte ſein Gemüthnicht... Auch wo Lucinde weilte, konnte ihm niemals Frieden kommen... Er fand Briefe von Schloß Neuhof vor— auch vom Onkel Levinus... In letztern fand ſich jedoch kein Wort über die doch gewiß mächtig, nach allen Seiten hin aufregend gewe⸗ ſene Wirkung, die ſein Brief aus Kocher am Fall hervor⸗ gebracht haben mußte... Nur die Anzeichen eines Be⸗ ſuchs der Gräfin Erdmuthe auf Weſterhof mehrten ſich... Bonaventura's Herkunft, ſeine würdige äußere Hal⸗ tung, ſeine Kenntniß des Italieniſchen, alles das ver⸗ anlaßte aufs neue die Bitten der Curie, er möchte eben ſowol für die Befreiung des Kirchenfürſten wie für die Stockung aller kirchlichen Gerechtſame der Stellvertre— tung deſſelben die Reiſe nach Wien übernehmen... Der Staatskanzler galt für einen Gegner der Jeſuiten; auch Ceccone hatte mit ihnen ſeit dem Sturz Fefe⸗ lotti's Friede geſchloſſen; vielleicht war in Wien der gute Wille zu gewinnen, die römiſche Curie zur Nachgiebig⸗ keit zu bewegen... Bonaventura ſollte es ſein, der den Unterhändler zum Frieden machte... Er entzog ſich dieſen Vorſchlägen, ſolange er konnte ... Er wußte noch nicht, wie ſeine Reiſe in Weſterhof würde aufgenommen werden... Auch hörte er nur, daß vorzugsweiſe Nück es war, der alle dieſe Rathſchläge ertheilte... Konnte von ſolcher Seite Gutes kommen? ... Nück kam wieder in ſeinen Beichtſtuhl und gab ihm in der That vier Davidsſteine an, die er gegen den Goliath der Leidenſchaft in ſeiner Bruſt in Bereitſchaft hielt: An⸗ kauf eines Ritterguts, ſagte er, landwirthſchaftliche Stu⸗ dien, Rückkehr zu alten Dichtverſuchen, die er in ſeiner Jugend gemacht, und die Erlernung der türkiſchen Sprache ... Das Beſuchen von Gräbern nütze ihm nichts, ſetzte er hinzu; ihm wär' es aus alter Liebe zum Tode, wie den Türken, die auf Gräbern Kaffee tränken... Eine Ahnung konnte der ſo von Nück offenbar ver⸗ höhnte Geiſtliche nicht überwinden, die, als ſpräche alles 96 das nur die Eiferſucht... In einer Zeitſchrift gab Nück mit voller Namensunterſchrift als einen Wurf mit ſeinem dritten Davidsſteine in Verſen die Klage, daß man das Höchſte, was ein Weib geiſtig einem Manne ſein könne, doch nie ohne die Vertraulichkeit der Sinne gewinnen könne... Die volle Unterſchrift:„Dominicus Nück“ beleidigte Stadt und Land... Seine Freunde ſo⸗ gar ſprachen von einer plötzlichen Enthüllung des„Pferde⸗ fußes“... Goldfinger junior, inzwiſchen mit Johanna Kattendyk vermählt, rückte ihm aufs Zimmer und ſtellte ihn über dieſe muthwillige Zerſtörung des Rufes der Familie zur Rede...„Kümmern Sie ſich um Ihre heilige Botanik oder, wenn Sie wollen, um unſere Conto⸗ Currentbücher!“ war die Antwort... Es war nur Eine Stimme, der Oberprocurator hatte ſich ſo nur in Lucinde Schwarz verlieben können und dieſe— widerſtand... Benno arbeitete zwar noch bei dem unheimlichen Mann, ſtreifte aber inzwiſchen leiſe alle Feſſeln ab, die ihn noch an ſeine gegenwärtige Stellung gebunden hielten... Auch ſeine Heimats-, ſeine Adoptions⸗ und Unterthanen⸗ verpflichtungspapiere revidirte und ordnete er... Er wollte nach Italien... Seine Forſchungen gingen mit Hülfe des Onkel Dechanten weit über Borkenhagen bis nach Kaſſel hinaus, wo die über die erſten Lebens⸗ jahre eines Julius Cäſar von Montalto gebreiteten Schleier nur noch von zwei Todten, dem Kronſyndikus und ſeinem Adoptivvater Max von Aſſelyn oder von ſei⸗ ner Mutter ganz gelüftet werden konnten... Benno hatte bei allen dieſen Unternehmungen nur zu hüten, daß nicht Thiebold, der im Auguſt aus England zurückgekehrt 1 97 war, mit ſeiner gewohnten„Wißbegierde“ hinter ſein neues, zur Enthüllung noch nicht reifes, auch vor dem Tode des Dechanten wol völlig unmögliches Leben kam... Thiebold hatte die Reiſe nach England im Intereſſe ſeiner canadiſchen Holzgeſchäfte machen müſſen und, wie ſich erwarten ließ, er kam höchſt elegiſch geſtimmt zurück ... London iſt nicht gemacht zum Romantiſchen! ſagte er... In dem Gewühl der Weltſtadt war er dem Oberſten von Hülleshoven, ſeinem Lebensretter, nur ein einziges mal begegnet und— ohne Armgart... Letz⸗ tere war auf dem Lande bei Lady Elliot... Und da er erfuhr, daß auch gerade Terſchka dort zum Beſuch war, hielt er es für„unter ſeiner Würde“, ſich dort anmelden zu laſſen... Nur die Gräfin Erdmuthe und Porzia Biancchi ſah er in London und begleitete beide in ein Bibelgeſellſchaftsmeeting, zu dem ſie vom Lande herein⸗ gekommen waren, und dann eine Strecke am Themſe⸗ ufer entlang auf der Rückreiſe nach dem Landſitz der Lady... Er hätte, erzählte er, nur aus allem, was er mit ihr verhandelt, das Eine herausgehört, wie Terſchka wieder in höchſten Gnaden bei ihr ſtünde... Vom Oberſten wußte ſchon Benno, daß ſeine kühle Geſinnung gegen den katholiſchen Glauben von den Er— fahrungen herſtammte, die er in Canada gemacht. Das Leben in den Klöſtern von Monreal hätte Anlaß zu gerichtlichen Unterſuchungen gegeben und Hedemann hätte dann mit einer angeborenen pietiſtiſchen Anlage den Oberſten auf ihren Reiſen vollends angeſteckt... Auch Bonaventura erfuhr dieſe Mittheilungen... Da ſein Auge, träumeriſch und irrend, immer nach dem Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 7 98 Thal von Caſtellungo gerichtet war, ſo mußten die refor⸗ matoriſchen Beſtrebungen auf dem Gebiet der katholiſchen Kirche mehr denn je Gegenſtand auch der Unterhaltungen werden, zu denen er die Freunde öfters bei einem ein⸗ fachen Mahl in ſeinen Zimmern einlud... Benno's Geſichtspunkte waren ausſchließlich politiſche ... Er ſah in der Kirchenſpaltung den Untergang Deutſch⸗ lands... Er haßte das Betonen kirchlicher Streitigkeiten und lehnte deshalb auch die Anſprüche ab, die der Pro⸗ teſtantismus auf größere Vorzüglichkeit machte... Wenn man den katholiſchen Glauben, ſagte er, von dem Zwang, innerhalb kirchlicher Gemeinſchaft leben zu müſſen, befreien und die Verbindlichkeit der Auto⸗ rität für die Freiheit des Gewiſſens aufheben könnte, ſo liegt eine freundlichere Lebensauffaſſung in all un⸗ ſern Ceremonien, als im Pietismus... Haben Sie in Gegenwart der Gräfin je eine wahre Freude über die Schönheit des Meeres und den blitzenden Spiegel der Wellen äußern dürfen, als Sie mit ihr die Rückreiſe machten, oder haben Sie irgendeinen weltlichen Gegen⸗ ſtand unbefangen nennen können? Hedemann hat uns wenigſtens in Witoborn auf jede natürliche Aeußerung un⸗ ſerer Empfindungen einen ſcheinbar frommen, im Grund aber rechthaberiſchen Dämpfer zu legen gewußt. Bonaventura nannte indeſſen ſeinerſeits die Erſchei⸗ nung des Proteſtantismus nur deshalb unvollkommen, weil er nur durch das Bedürfniß, einen polemiſchen Gegenſatz aufzuſtellen, hervorgerufen wäre... Der Pietismus, ſagte er, das i*ſt ein Verſuch, aus dem Prote⸗ ſtantismus wieder zur Religion zurückzukommen; denn 99 Proteſtant ſein, heißt nicht: Chriſt ſein, ſondern nur: Nicht-Katholik ſein. Und man müſſe ſich allerdings, fuhr er fort, eine Zeit denken können, wo auch der Katholicismus in ſeiner jetzigen Geſtalt aufhörte... Die Verbreitung der Philoſophie würde dann bis in die kleinſten Hirtenthä⸗ ler Spaniens und Siciliens gedrungen ſein... Ich verſtehe, ſagte er, unter Philoſophie eine Aufklärung, die ihre Reſultate mit verſtändlichen Allgemeinbegriffen in die Welt hinausgehen laſſen kann... Dann wird die Frage nur noch lauten: Was iſt rein chriſtlich?... Dann werden ſich Proteſtanten und Katholiken begegnen müſſen im apoſtoliſchen Gemeindeleben... Auf welchem andern Grunde ſoll man ſich zuletzt wieder die Hände rei⸗ chen, als auf dem der Bibel?... Mit Thiebold's ſchüchterner, aber faſt mit latentem Fa⸗ natismus hingeworfener Bemerkung zu Benno:„Voraus⸗ geſetzt daß man überhaupt kein Heide iſt, wie denn doch wol mehr oder weniger Ihr Fall, mein beſter Freund!“ ſchloß die Debatte im Scherz... Ohne zu auffallende Erlebniſſe, ohne ein Lebens— zeichen von Weſterhof, ohne die Ankunft der Gräfin Erdmuthe, nahte ſich ſchon der Spätſommer... Benno wurde indeß erkoren, der Ueberbringer der Pacten zu ſein, die bereits die Agnaten der Familie Paula's, die Land⸗ ſchaft und die Curie von Witoborn dem Grafen Hugo zur Unterſchrift vorlegen wollten... Der Präſident von Wittekind, Bonaventura ſelbſt waren an dieſen Pacten betheiligt und jener erſchien dann auch plötzlich in der Reſidenz des Kirchenfürſten.. 7* 100 Benno und Bonaventura wurden durch ſeinen Be⸗ ſuch in jeder Beziehung überraſcht.. Kein ſtürmiſcher, aber auch kein kalter Gruß war es, mit dem er Benno in der That ſeinen— Bruder nannte... In der darauf folgenden kurzen Umarmung lag ein ganzes Leben... Die Sehnſucht Benno's, Mutter und Schweſter ken⸗ nen zu lernen, fand der ſonſt dem Abenteuerlichen wenig geneigte Mann natürlich... Die Mittel, eine Reiſe nach Wien und Italien zu unternehmen, wurden reich⸗ lich von ihm dargeboten... Das Band des Blutes zwiſchen beiden Männern war ſo eigenthümlich bedingt, daß ſie ſich anfangs ohne Wal⸗ lung des Erröthens nicht anſehen konnten... Die in ſolchen Lagen ſo oft vom Gemüth vorausgeſetzte Gegen⸗ wart eines unſichtbaren Geiſtes, der vom Land der Se⸗ ligen herüber die Hände zweier ſo widerſtrebender Inter⸗ eſſen ineinander legt mit dem Friedenswort: Seid einig! konnte hier nicht vorausgeſetzt werden... Was ſie um⸗ rauſchte war der mitternächtige Flügelſchlag der Eule... Der Hinblick auf Wien— auf die gemeinſame— Schweſter mehrte den unheimlichen, erſchütternden Ein⸗ druck... Der Präſident kam als Vertreter der Agnatenan⸗ ſprüche und als nächſter Verwandter Paula's, er dachte über die Nothwendigkeit dieſer Ehe ganz wie Monika... Eine Schonung Bonaventura's, wenn ſie ihm auch viel⸗ leicht als zu üben bewußt war, forderte nicht die Stel⸗ lung eines Prieſters und überhaupt eines ſolchen, wie ſein Sohn... Eher war die Erwähnung des Grafen Hugo 101 um Benno's willen mislich... Er erzählte von Angio⸗ lina, von der Herzogin von Amarillas, was er mit Vorbedacht erkundſchaftet hatte. Sie werden vorziehen, den Namen der Aſſelyns für immer zu behalten und fortzupflanzen, da er ohne Sie ausſterben würde! ſagte er zum Bruder, den er— nicht Du nannte... Die Gültigkeit der betrügeriſch geſchloſſenen Ehe des Kron⸗ ſyndikus mußte wiederholt zur Sprache kommen... Geld würde es auf alle Fälle reichlich koſten, ſagte er, bis die Sacra⸗Dataria in Rom, natürlich erſt nach dem Tod des Dechanten, zu Ihren und Angioli⸗ nens Gunſten Ihre Deutungen des kanoniſchen Rechts geltend machte... Auch in unſerm Land würde dann die Anerkennung nur ein Gnadenact der Krone ſein kön⸗ nen, der ſich kaum verbürgen ließe, da die Herzogin von Amarillas nicht einmal die Klägerin iſt... Sie wird ſich hüten, das Verbrechen der Bigamie auf ſich zu laden... Sie wird immer ſagen, daß ſie zuletzt den Betrug durchſchaut hätte... Ich bin begierig auf Ihre Begegnung mit ihr... Die Auffaſſungen des Präſidenten widerſtrebten zwar einer Verbindlichkeit derjenigen Ergebniſſe nicht, die etwa Benno von einer Begegnung mit ſeiner Mutter heimbrin⸗ gen würde, nannten aber die katholiſche Lehre von der Ehe gefahrvoll und den bekannten Ehen des Schmieds von Gretna⸗Green nicht im mindeſten unähnlich... Julius Cäſar von Montalto war ein von der Mutter hergenommener Name, die ſich Maldachini nur als Sän— gerin nannte.. Bonaventura vertheidigte die Einfachheit der katho⸗ liſchen Ehe. 102 Sie iſt ein letzter Reſt der apoſtoliſchen Zeit... ſagte er... Die bürgerliche Gemeinde war damals die Kirche und die Kirche war die bürgerliche Gemeinde.. Zwei Liebende ſagten vor dem gemeinſchaftlichen Genuß des Abendmahls: Wir ſind Eins! und keine Macht der Erde konnte ſie trennen... Leider auch die Kirche nicht mehr!... ſetzte der Präſident ſeufzend hinzu... Gewiß ſollte dann auch hier der eigene Wille höher ſtehen als ein Myſterium, das ein Myſterium zu ſein aufhört, wenn ſein Duft verflo⸗ gen iſt, die Liebe... Die eignen Familienbeziehungen wurden für die Fort⸗ ſetzung des Geſprächs zu ſchmerzlich... Den heftigen Anklagen des Präſidenten gegen Terſchka, Rom, die Jeſuiten, Nück konnten die Freunde nicht wi⸗ derſprechen... Auch hier hatte Friedrich von Wittekind Zuſammenhänge, deren Kenntniß ihm nur aus amtlichen Quellen gekommen ſein konnte... Dennoch rieth er Benno, Nück nicht ganz aufzugeben und jedenfalls die Reiſe nach Wien im Auftrag der Dorſte'ſchen Agnaten zum äußern Anlaß ſeiner weitern ſüdlichen„Entdeckungs⸗ fahrt“ zu machen... Nur laſſen Sie ſich kein rothes Kreuz aufheften, um in päpſtliche Dienſte zu treten! fügte er hinzu... Wenn Sie indeß von Nück an den Staatskanzler empfohlen werden, das nehmen Sie als intereſſante Reiſeerinnerung!... Ich würde wie Poſa reden!... ſcherzte Benno... Thun Sie das ja nicht! Dann gibt er Ihnen eine Anſtellung! entgegnete der Präſident... Man ſtritt über dieſen Scherz... Der Präſident ſagte: Glauben Sie mir, der Staatskanzler ſtellt jeden noch ſo 103 freiſinnigen Poſa an, der von guter Familie und katholiſch iſt... Es hat aber gute Wege damit... Sprächen Sie ihn, Sie würden den klugen Mann ſo liebenswürdig fin⸗ den, daß Sie nicht ein einziges freiſinniges Wort gegen ihn aufbrächten... Er wird ſogar liberaler ſein als Sie— wenigſtens fürchtet er mehr als wir die Je⸗ ſuiten... Wenn er jetzt den Schein annimmt, Rom beizuſtehen, ſo iſt es nur, um unſern Staat zu ſchwä⸗ chen... Aber auch das wird er in Abrede ſtellen und dem jugendlichen Sinn jede Zuſtimmung abſchmi⸗ cheln... Bonaventura und Benno blieben Welfen— nicht im hierarchiſchen Sinn, ſondern ſo wie Bonaventura einſt zu Klingsohr hatte ſagen können:„Nichts will im Grunde die Freiheit der Völker und des Menſchen mehr, als die katholiſche Kirche!“... Der Präſident beſuchte, zur Beruhigung des Dechan⸗ ten, noch Kocher am Fall... Er hatte ſich als Be⸗ amter zur Dispoſition ſtellen laſſen, weil ſeine Erb⸗ ſchaft ihn zu ſehr in Anſpruch nahm... Einige Wochen ſpäter war Benno zur Abreiſe bereit ... Bonaventura hatte kein Wort von Paula gehört ... Ihre eklſtatiſchen Zuſtände dauerten fort, aber ihn ſelbſt ſchien ſie aus ihrem Leben geſtrichen zu haben... Es lag eine ſeltſame Strenge, eine Strafe in dieſem Schweigen... Er litt unſäglich... Benno erhielt von Nück die Papiere, die dem Gra⸗ fen Hugo vorzulegen waren. So ſehr er ſich dagegen ſträubte, mußte er dennoch Depeſchen an Ceccone und den Staatskanzler mitnehmen... Er konnte dies in der Fülle der ihm übergebenen Aufträge nicht ablehnen ... Der Dechant empfahl ihn an alle ſeine alten wiener Freunde und beſonders Einen, bei dem er wohnen ſollte ... Benno nahm dies an, obgleich er einſah, daß es ihn ſofort nach Rom ziehen würde... An die Möglichkeit, daß und in welcher Form Ceccone wagen könnte, die Her⸗ zogin von Amarillas ſich nachkommen zu laſſen, konnte niemand von den enger Verbundenen glauben... Thiebold blieb außerhalb aller dieſer Geheimniſſe und litt unter der Trennung von Benno wie ein Lie⸗ bender unter der Trennung von ſeiner Geliebten... Sein„Halt“, ſeine„Führung“ war dahin... Doch zerfloß er nur in jene bekannte Sentimentalität, die ſich vor dem Uebermaß der Selbſtrührung durch Poltern zu bewahren ſucht... Er packte Benno's Koffer, revidirte ſeine Garderobe und zerſtörte ihm ſeine alten Brieftaſchen, Haar⸗ und Nagelbürſten, um ihm nur ein prachtvolles engliſches Reiſeneceſſaire zum Andenken mitgeben zu dürfen... Nicht ebenſo„unausſtehlich“ aufmerkſam, aber theil⸗ nehmend waren auch alle andern Bekannte Benno's Nur Piter hatte ſich ſeit einiger Zeit zurückgezo⸗ gen... Noch am Abend vor Benno's Reiſe kam Thiebold zu Bonaventura ins Domkapitel, wo er hoffen konnte Benno zu finden, und erzählte athemlos einen„ſchönen Skandal“... Piter hatte Treudchen Ley gewaltſam aus dem Kloſter entführt... Denken Sie ſich, erzählte er, Piter ſoll bereits ſchon einmal im Kloſter geweſen ſein und zwar auf welchem hoffentlich„nicht mehr ungewöhnlichen“ Wege?... In einem Waſchkorb!... Ich verſichere Sie auf Ehre! Eingepackt als Leinzeug, das von einer im Kloſter gehal— tenen Nähſchule geſäumt, geſteppt, gezeichnet, gewaſchen und gebügelt werden ſollte.. Bonaventura ſchlug die Augen nieder... Dieſer Ueberfall, fuhr Thiebold fort, misglückte da⸗ mals... Aber— Sie wiſſen ohne Zweifel, Herr Domkapitular, die kleine allerliebſte Blondine, die bei ſeiner verſtorbenen Schweſter diente— dieſe für ihn unbegreif⸗ licherweiſe— nein, um es aufrichtig zu geſtehen, ich kann mir dieſe Verirrung ſeines Geſchmacks,„wenn Sie wollen“ erklären... Nicht nur nicht, daß die Kleine wirk⸗ lich ein Bild von Schönheit, von Sanftmuth, von An⸗ muth— ohne Spaß— ſondern auch— daß ſie— „Mehr Inhalt, weniger Kunſt!“ unterbrach Benno... Thiebold, gewohnt, von Benno'ſchen Dialog⸗Hinder⸗ niſſen gereizt zu werden, hörte nicht auf die Mahnung, ſondern wandte ſich an Bonaventura, der ſein Studir⸗ zimmer den Freunden bereitwillig zum Rauchen her⸗ gab, und fuhr fort: Sagen Sie ſelbſt, Herr Domkapitular, finden Sie es nicht auch begreiflich?... „Nicht nur nicht—“ ſchaltete Benno ungeduldig ein... Wer— ſich— nur— irgend— auf Piter's— Standpunkt— zu— verſetzen weiß— ſagte Thie⸗ bold, jede Sylbe betonend... Ich kenne das junge Mädchen und wünſche jedem Glück, der deſſen Liebe gewinnt— ſchaltete Bonaven— tura zur Beruhigung ein... Vollkommen meine Ueberzeugung! äußerte Thiebold mit einem Mitleidsblick auf Benno... Nur eine„derglei⸗ chen Acquiſition“ konnte„Piter's Naturell Befriedigung gewähren“... Eine Liebe darf manche Charaktere nicht „geniren“... Kurz, Thiebold erzählte von einer Verkleidung, in der ſich Piter ins Kloſter geſchlichen hätte... Früher wäre er im Waſchkorb gekommen, diesmal aber als Mit⸗ glied der weiblichen Nähſchule ſelbſt... Er hätte nicht einen einzigen ſeiner Sherrypunſchfreunde zum„engern Complicen“ gehabt. Der Gedanke wäre ganz original aus „ſeiner Seele allein“ entſprungen. Vielleicht höchſtens mit Hinzuziehung des Fräuleins Lucinde, die dem Treudchen dieſe Partie gönnte—„vermuthete“ Thiebold... Piter hätte ſich in den einfachen Anzug einer Näherin ge⸗ worfen, hätte ſeine intereſſante Erſcheinung durch einen Strohhut mit Schleier unkenntlich gemacht und wäre ſo ins Kloſter gekommen... Das Glück hätte ihn begün⸗ ſtigt und vor einem zu langen Umherirren bewahrt... Treudchen Ley wäre bald aufgefunden geweſen, er hätte ſie in ihrer Zelle überraſcht und ihr ſolange— Thiebold bediente ſich des auf Piter anwendbaren Ausdrucks— „zugeſetzt“, bis das ſchwache, willenloſe Mädchen einge⸗ willigt und mit ihm durch die Gänge, die ins Waiſenhaus führten, das Kloſter verlaſſen hätte... Dort hätte ſie noch erſt ihre Geſchwiſter unter Thränen geküßt und wäre dann ſpurlos verſchwunden... Piter hätte ohne Zweifel den Weg nach einer Gegend genommen, die derjenigen völlig au contraire geweſen wäre, aus der er jetzt„mit ſeinem Hauſe“ correſpondire... Sein Schwager, der Profeſſor außer Dienſten, hätte im Sturm der Indigna⸗ tion ſofort Procura bekommen, während die Commerzien⸗ räthin die„gewöhnliche Farbe ihrer Scheitel aus An⸗ ſtandsrückſichten ins Kummergraue melirt“ hätte Ohne Zweifel würde Piter nach einigen Monaten an der Hand ſeines jungen Weibchens„am Platz“ zurück⸗ kehren und höchſtens nur noch mit den Curatoren des von ihm entweihten Kloſters, namentlich mit dem wie⸗ derhergeſtellten Pfarrer vom Berge Karmel,„einen ſchö⸗ nen Tanz kriegen“... Bonaventura hörte alledem zu, wie ein Arzt ſeinen Kranken reden läßt und durch kein Lächeln verräth, daß die ihm mitgetheilten Symptome ihm in nichts über⸗ raſchend, wenn auch auf völlig andere Urſachen hinzu⸗ leiten erſcheinen, als ſie der Kranke ausſpricht... Die Beluſtigung ſeiner Freunde über„ Piter als Näh⸗ mamſell“ konnte Thiebold, trotz des Verdachts der Blas⸗ phemie,„nicht umhin“ zu theilen und verſprach ſich da⸗ von für den ſtadt⸗ und landerſehnten nächſten Carneval ein„anregendes Motiv“... Benno reiſte am folgenden Morgen ab und Thie⸗ bold gab ihm das Geleite bis auf eine Tagereiſe, Bo⸗ naventura nur bis zur Abfahrt des Dampfboots... In ſeinem letzten Blick und Handdruck lag ein tiefes Bangen vor den Erfahrungen, denen Benno entgegen⸗ reiſte... Die Rührung des Abſchieds konnte nicht zum vollen Ausbruch kommen— Thiebold's wegen, der theils mit den Kofferträgern zankte, theils dem Abſchied der Freunde und den etwa dabei fallenden„letzten Wün⸗ ſchen“ ein aufmerkſames Ohr lieh... Nach einem jener abwechſelungsreichen Tage, wie man ſie auch nur auf einem menſchenüberfüllten Dampf⸗ boot und dann nur mit Thiebold de Jonge, der Seele einer 108 ſolchen Fahrt, verbringen konnte, nahm Benno auch von dieſem Abſchied... Sie hatten noch eine Nacht in einem der ſchönen Hotels zugebracht, deren ſich in der Nähe des Grabes der heiligen Hildegard mehrere erhe⸗ ben... Wieder brach ein milder, ſonniger Herbſttag an, als Thiebold frühmorgens thalwärts, Benno berg⸗ auf weiter fuhren... Ihr Abſchied war, wie Thie⸗ bold verſicherte, nur auf kurze Zeit... Der Landtag, der ſeinen Vater beſchäftigte, trat zwar zuſammen, würde aber der von der Ritterſchaft und den Städten beabſich⸗ tigten Anträge zu Gunſten des Kirchenfürſten wegen ſo⸗ gleich aufgelöſt werden... Er würde dann nicht ver⸗ fehlen, ihn eines Morgens in ‚„Oeſterreich und Umge⸗ gend“ zu überraſchen... Im Fremdenbuch ihres Hotels hatten ſie den Namen Schnuphaſe geſunden...„Stadtrath“ Schnuphaſe... Der von der Commune wegen ſeiner kirchlich⸗oppoſitio⸗ nellen Richtung durch dieſen Titel ausgezeichnete Mann reiſte, wie zu leſen ſtand, gleichfalls nach Wien... Prächtige„Unterhöltung“ das! ſagte Thiebold. Ein „Erſötz“ für meine„unfreiwillige Kömik“... Dieſer letzte„Stich“ vertrieb die Rührung nicht, mit der ſich beide Freunde umarmten... Auch von Thie— bold nahm Benno Abſchied in dem ſeltſam ihn beſchlei⸗ chenden Gefühl, ihn nie wiederzuſehen... Er mußte ſich abwenden, um das flatternde Taſchentuch nicht mehr zu bemerken, mit dem ihm Thiebold ſo lange ſeine Grüße zuwehte, bis der Dampfer, der ihn trug, hinter dem grü⸗ nen Vorgebirge des Niederwalds verſchwunden war... Benno's Schiff ging ſpäter und legte in Rüdesheim an, um Güter und Paſſagiere aufzunehmen... 109 In der That wurde ihm hier Stadtrath Schnuphaſe als Mitpaſſagier zu Theil... Herr Maria mit der rötheſten Naſe, ſonſt wie zu einer Audienz, in weißer Weſte, im Frack, weißer Halsbinde, erſchien auf der Landungsbrücke und ließ eine Menge Koffer, eine Equipage von wenigſtens zehn Cent⸗ nern Uebergewicht aufladen, darunter eine Kiſte, der er eine Aufmerkſamkeit widmete, als wäre ſie ganz mit Monſtranzen, Meßgewändern oder conſecrirten Kerzen gefüllt... Anfangs bemerkte er Benno nicht... Herr Maria war in einem zärtlichen Abſchied be⸗ griffen von einer hohen Geſtalt, die ihm kräftiglich die Hand ſchüttelte... Benno erkannte den Moppes'ſchen Küfer, den Richter von der Eiche am Düſternbrook, den Richter ſeines eigenen Vaters, Stephan Lengenich... Wohl war ihm dieſe Begegnung eine unheimliche... Er wich Schnuphaſen aus, ergriffen wie von einem Omen... Doch allmählich, als das Schiff weiter fuhr und Benno, gegen den noch kühlen Morgenwind in einen Mantel ſich verhüllend, vom Verdeck aus den Küfer lange auf der Brücke harren und mit abgezogenem Hut dann und wann noch den Stadtrath zum Scheiden grüßen ſahe, löſte ſich der Druck der Erinnerung, der mit eiſigen Krallen ſein Herz erfaßt hatte... Auch der Stadtrath hatte ihn jetzt entdeckt, erkannt und mit Bewillkommnungen überhäuft... Wo reiſen Sie hin, Herr Stadtrath?... Auch nach Wien?... fragte Benno gelaſſen. 110 Herr Maria hätte Benno vor Freude über eine ſolche Reiſebegleitung faſt umarmt... Eben fuhren ſie am Johannisberg vorüber. Er ſchilderte geheimnißvoll, was er oben geſtern und heute geſehen auf dem in der Sonne leuchtenden Schloſſe. Er ſchilderte die„Opörtements“, den berühn ten Schreibtiſch, der ganz mit„S— piegeln“ um eben wäre, ſodaß der hohe„S— tötsmönn“, ind m er die Feder führte, immer ſehen könnte, ob hinter ihm die„demögögiſchen Umtriebe“...— St!... unterbrach Benno... Die Kellerei!... Erzählen Sie von der!... Der vor Begeiſterung äuch über dieſe Keller, wie er ſagte,„ſich noch in einem ungefrühs— tückten Zus—tönde befindliche“ Stadtrath machte eine bedeutungsvolle Miene, ſah nach Rüdesheim zurück, dann auf ſein Gepäck und brach von dieſer Frage mit eigenthümlicher Pfiffigkeit ab... Ich glaube gar, Sie haben geheime Aufträge an den Staatskanzler? fragte Benno.. Wieder folgte eine myſteriöſe und diplomatiſche Ab⸗ ſchwenkung... Die Naſe glühte in der Sonne... Das weiße lockige Haar ſtand dem kleinen Haupte ganz ſtaatsmänniſch und bedeutungsvoll... Benno gab ſich der Hoffnung hin, daß ihm ſeine Reiſe wenigſtens von dieſer Seite her Unterhaltung bieten würde. 5. Stadtrath Schnuphaſe hatte den Mentor gefunden, den ſeine in dieſem Sommer mannichfach geprüften Töch⸗ ter mit Verzweiflung vermißten, als ſie hörten, Herr Stephan Lengenich würde nur bis zum Schloß Johan⸗ nisberg mitreiſen... Sie wußten, wie der Vater bei ſeiner enthuſiaſtiſchen Gemüthsart in der freien Luft, beim Anblick der hohen Dome, Domſtifte, Kapellen, Kerzen und Schenken aus ſich„herauszugehen“ pflegte... Erſt in Wien ſelbſt war Ausſicht vorhanden, daß der ſo leicht angeregte Mann durch ſeine mitgenommenen Empfehlungen in eine geregelte Ueberwachung kam.. Schon von Frankfurt am Main aus ſchrieb Schnuphaſe ſeinen Töchtern das Glück, das er gefunden, den Herrn Baron von Aſſelyn als ſeinen Begleiter zu haben.. Es war ein Glück, das Benno theuer bezahlen mußte... Denn Schnuphaſe heftete ſich an ihn an wie eine Klette... Und einen Auftrag an den großen Staatsmann hatte Schnuphaſe auf jeden Fall... Worin— errieth Benno nicht... Schnuphaſe, der ihn ſonſt bis in das Innerſte ſeines Buſens, bis auf alle geheimen Medaillen und Amulete, die er unter dem bloßen Hemde trug, ſehen ließ, vermaß ſich hoch und theuer, hierin müſſe er ſchweigen— er hätte ſich und ſeinem Schutzpatron drei Eide abgelegt— doch würde er bei dem großen Staatsmann für Herrn von Aſſelyn ſprechen, falls er die Bekanntſchaft wünſchte; er würde ihn einführen, ja, wenn er wollte, zu ſeinem„Mit⸗ bevöllmächtigten“ machen... Ums Himmels willen—!... Benno wollte erſt im Scherz zuſtimmen, erſchrak aber über die Möglichkeit, daß der Stadtrath wirklich in Sachen der Politik reiſte... Er konnte nicht auf den Grund kommen, ob es ſich um den Weinkeller oder um die Staatskanzlei handelte... Schnuphaſe bat ihn, ſeinen„Chöröcter“ nicht zu compromittiren, indem er ihn reize, ſeine Geheimniſſe zu„öffenbören“... Sonſt ließ ſich der kühnſte aller Emiſſäre, wenn er dies war, in ſeiner ganzen Auffa ſung der Zeit und der ſchwebenden Fragen ohne alle Rückſicht gehen... Schnuphaſe hatte zwei Brieftaſchen, die er bei jedem Stundenſchlag zog... Eine ſchien myſteriöſen Inhalts... Sie hing, wie Benno allmählich be⸗ merkte, mit den Tageszeiten, Roſenkranzverpflichtungen und den dadurch gewonnenen Abläſſen zuſammen... Von Würzburg hätte Schnuphaſe gern nach dem Würtembergiſchen hinübergeſchwenkt... Bei Ellwangen lag die uralte Kirche der vierzehn Nothhelfer.. Nur durch das Verlangen, zu beobachten, wie ihm das 8₰ 4 4 3 * ——— bairiſche Bier bekommen würde, vermochte ihn Benno zu einem ſchnelleren Betreten Altbaierns... Das thurmreiche Augsburg konnte nicht unberührt bleiben... Mit Sehnſucht blickte Schnuphaſe, der da⸗ bei nie unterließ, als„ Reiſender“ auch in ſeinem Geſchäft zu wirken und bei allen Sakriſteien anzuklopfen, auf die fern aufragenden Voralpen, wo die hochheiligen Wallfahrtsorte Andechs und Altötting lagen... Zwiſchen Augsburg und München erfuhr Benno zwar noch immer nichts von Schnuphaſe's diplomatiſcher „Miſſion“, aber von der geiſtlichen Partie derſelben lüfteten ſich Schleier... Schnuphaſe hatte Commiſſionen aus Belgien und Paris... Er brachte Medaillen, Wunderwäſſer und Roſenkränze in allen Formaten, wie ſie die neue geiſtliche Thätigkeit von Rom und Paris aus ſegnen und mit jenſeitigen Wohlthaten erkräftigen ließ... Er ſelbſt war Mitglied„faſt zu vieler“ Vereine, wie er ſagte, und ſuchte Benno für den Eintritt wenigſtens in einige zu intereſſiren... Mit dem Flüſterwort: Ich bin Rath eines Roſengartens! erklärte er Benno den „marianiſchen Bund“... Dieſe Erzbruderſchaft will den Roſenkranz als ein Lebendiges, in den Perſonen Vertretenes darſtellen... 15 Perſonen ſtellen eine Roſe vor; 11 Roſen, alſo 165 Perſonen einen Roſenſtock und 15 blühende Roſen⸗ ſtöcke einen Roſengarten... Schnuphaſe beaufſichtigte demnach einen Roſengarten von 2475 Perſonen oder, wie er im Styl der Andacht ſagte,„von reuevollen und Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 8 114 demüthigen Seelen“... Die Abläſſe, die die Mit⸗ glieder gewinnen, ſind ſolidariſch und kommen nicht aus dem Verdienſt des Einzelnen, ſondern aus dem der Ge⸗ ſammtheit... Man looſt ſie aus, ſodaß die Hoffnung, eine Seele gewänne durch die Verpflichtung dieſer Erz⸗ bruderſchaft einen Ablaß von hundert Tagen oder eine Verkürzung der Pein im Fegefeuer etwa von hundert Jahren, ſich nicht auf das eigene Verdienſt, ſon— dern auf das Verdienſt eines— Mit⸗Roſenblatts be⸗ gründet... Von dieſer liebeſeligſten aller Gemeinſchaften konnte Schnuphaſe nicht reden, ohne daß in der That alle Roſen auch ſeines Antlitzes in ihren glühendſten Farben ſpielten... Das zweite Büchelchen enthielt die Stunden und Tage der Abläſſe, die ſich Schnuphaſe durch Verrichtung der von den verſchiedenen Genoſſenſchaften, zu denen er gehörte, vorgeſchriebenen Devotionen erwarb... In München lebte Benno den Eindrücken der Kunſt... In einem Kaffeehauſe traf ihn aus einer Zeitung, die er zufällig las, die Nachricht, daß in Wien eine Menge Römer, auch ein Principe Rucca angekommen wäre— in Begleitung der Gräfin Olympia Maldachini, ſeiner Verlobten, und der Herzogin von Amarillas. Er ſprang vom Tiſche auf... So nahe rückte ihm die Entſcheidung!... Doch, doch folgte die Mut⸗ ter dem Cardinal!... Ha, rief es in ſeinem Innern, Du wirſt dieſe Menſchen in glänzenden Carroſſen an dir vorüberfahren ſehen, wirſt vor ihnen entfliehen müſſen .. Wie kannſt du einen Tag in ſolcher Nähe bleiben!... 115 So grübelte er verzweifelnd und doch wieder hoch⸗ erhoben... Das Schickſal kommt dir entgegen! rief er... Es ließ ihn jetzt nicht mehr unter den Bil— dern, Statuen, Baumonumenten, unter— den Lächer⸗ lichkeiten Schnuphaſe's... Dieſer war ganz der Vertreter der Lehre, daß die katholiſche Kirche die heiterſte Luſt am Daſein ſegne und heilige... Wie gute Geſchäfte er machte.. Wie kunſtkenneriſch er vom Bier zu reden begann, obgleich ihm nächtlich der Schlagfluß drohte Wie viel Verbindungen er knüpfte und zwar heiterſter Art... Beim Pſchorr, beim Hackerbräu endete, was im Sanct⸗Peter, der älteſten Kirche der ſchönen Stadt, be⸗ gonnen... Der mächtigſten Bruderſchaft„ Maria⸗Hilf“ gehörte Jean Baptiſt Maria bereits in ihrer belgiſchen Verzweigung an... Wie heimiſch war ihm nun das Gefühl, den münchener Sanct⸗Peter zu betreten, von deſſen Kanzel herab 1683 jene Bitten an die Gottge⸗ bärerin ertönten, die nächſt Sobieski's Säbel die Tür⸗ ken von Wien entfernten... Sie wurden Anlaß zu unſerer deutſchen„Maria vom Siege“— wie die Schlacht von Lepanto und Don Juan d'Auſtria's Sieg einſt zur italiſchen... Kam Schnuphaſen außer dem Anblick von zahlloſen Kerzen an dieſem hochberühmten „privilegirten“ Altar von Sanct⸗Peter(einen„privile⸗ girten“ Altar zu ſehen, iſt dem gläubigen Gemüth ein Genuß, wie euch Weltlichen nur der Anblick einer claſſiſchen Stelle Italiens) ein weltlicher Gedanke, ſo war es der: Der Verein„ Maria⸗Hilf“ iſt recht 8 8* 4 116 gemacht für eine Stadt der Maler... Jedes Mit⸗ glied deſſelben muß bei ſeinem Eintritt geloben, ein Bild der allerſeligſten Jungfrau im Hauſe zu haben... In Regensburg, wohin Benno ſeinen Gefährten mühſamer und mühſamer geſchleppt hatte und wohin ihn zuletzt nur die Angſt beſchleunigte, es könnte ſeine dort⸗ hin auf dem Donau⸗Main⸗Kanal nachdirigirte Bagage und vorzugsweiſe die geheimnißvolle Kiſte verloren ge⸗ gangen ſein, beſtiegen beide das Dampfboot... Eine herrliche Donaufahrt dann!... Die Paſſagiere: Soldat, Bauer, Bürger, wiener Bürger, Baron, öſterreichiſcher Baron, Geiſtliche; Paſſauerinnen,— die mit ihren Augen die„pöſſauer Kunſt“ üben— ſagte Schnuphaſe... Linzerinnen, hübſche,„doch etwas gör zu blöſſe“ junge Mädchen mit großen goldenen Helmen auf dem Kopf—„die ſchon alle mit ruſſiſchen« Herrſchöften» ſcheinen gereiſt zu ſein—“ ſchmunzelte er... Es war ein Gemiſch, das ſich an Buntheit ſicher noch vermehrt hätte, ginge nicht noch immer die „Ordinari“, ein großes Floß, das Thiebold als Holz⸗ händler vielleicht aus Esprit de corps und„ einmal zur Abwechſelung“ vorgezogen hätte... Hinter Paſſau folgte die Reviſion der Päſſe... Die Identificirung der Perſonen... Schnuphaſe flog ſo eifrig von der erſten„Vöslauer“, einem Wein, den er vor⸗ zugsweiſe zu ſtudiren begehrte, auf und reichte ſeinen Paß ſo kühn über die Häupter aller Handwerksburſche hinweg, daß ihm Benno ſagte: Aber machen Sie ſich doch durch übermäßige Loyalität nicht verdächtig!... 8 Die Gepäckreviſion vermehrte Benno's Staunen 117 über Schnuphaſe's Miſſion... Die Mauthbeamten laſen gewiſſe ihnen vom Stadtrath dargereichte Zettel, griffen ehrerbietigſt an ihre Mützen und ließen alles un— unterſucht... Die geheimnißvolle Kiſte, ſah er bei dieſer Proce⸗ dur, war mit Wappenſiegeln verſchloſſen... Benno's Gemüth gerieth in immer tiefere Spannung — abwechſelnd der Freude und Trauer... Er ſah in die hellgrünen Wellen wie in einen Kryſtallſpiegel mit magiſchen Bildern... Er verglich, was ihm wohler gethan: Sein alter Irrthum oder jetzt die Wahrheit!... Die grünen Berge, die den Strom verengten, konnte er nicht ſehen, ohne ſich nicht auf ihren Spitzen Arm⸗ gart zu denken... Welche neue Erſcheinungen ſtanden ihm bevor... Wie ſollte er ſich ihnen nähern... Unter welchen Veranlaſſungen... Er ſah voraus, daß er, wie ſein Bruder geſagt hatte, vielleicht vorziehen würde, das zu bleiben, was er war... In ſcharfen Contouren lagen die ſchon von friſch— gefallenem Schnee glänzenden ſteiriſchen Alpen vor ſei— nem wehmuthumflorten Auge... Die an den Ufern des buchten⸗ und windungsreichen Stromes liegenden Städte ſchimmerten in heller Pracht mit ihren über und über weißgetünchten Häuſern und Kirchen... Linz war erreicht... Ein kurzes Nachtlager... Dann die„Wirbel und Strudel“, die mehr zu reden als zu fürchten gaben... Mitten in der Strömung auf⸗ tauchende„Auen“ und Inſeln erinnerten an die„Weerthe“ des andern geliebten Stromes— an„Lindenwerth“... Mit ſchmerzlichem Sinnen gedachte Benno des vorjäh⸗ 118 V rigen Herbſtes und ſeiner verklungenen Hoffnungen... Eine verlorene Liebe iſt wie die zerſtoßene Perle, die den Becher eines ganzen Lebens würzt— wie der Tropfe zerfloſſenen Goldes, mit dem auf der Palette ein Maler alle ſeine Farben miſcht... Benno ſah jetzt, je näher er Wien kam, alles feierlich und geheimnißvoll... Mit einem Herzen voll Glück hätte ſich ihm manches zugänglicher und verſtändlicher gemacht.. Das Schöne weckt vielen Gemüthern ohnehin nur Trauer... Und ſchön war hier alles... Auch hier ragten die hohen Bergkanten ſchroff empor wie der Geierfels und das Hüneneck... Auch hier blinkten im wilden Geſtrüpp der Büſche, im Geröll zerbröckelnder Burgmauern die Edelſteine der Sagen aus alten Zeiten... Auch hier konnte auf ſo mancher Altane das Auge einen im Wind wehenden Schleier und das Winken der Gefan⸗ genen mit ihres Geliebten bunter Schärpe ſehen Hohe Schlöſſer ragten wie Schloß Neuhof, ſeines Va⸗ ters ſtolzer, erinnerungsdüſterer Stammſitz... Dieſe hier bargen Chorherren und Mönche... Bonaven⸗ tura hatte große Verehrung vor ihnen, weil ihre Bewohner, Benedictiner, den Wiſſenſchaften oblägen... Oft im Frühjahr, nach dem Kampf mit Rother, äu⸗ ßerte er die Meinung, ſich hieher oder in die alten Bibliotheken der Schweiz flüchten zu können... In einzelnen Booten und auf Flößen ſah man Proceſſionen, die zu Maria⸗Taferl wallfahrteten... Viele von den Pavillon⸗Paſſagieren kamen jetzt erſt aus den Bädern zurück.. Es fanden Erkennungen und Begrüßungen ſtatt, auch Misverſtändniſſe und Ent⸗ 119 ſchuldigungen... Dicht an vier in Linz aufgefahrenen kleinen Wägen mit dem überraſchenden Inhalt von Lö⸗ wen und Tigern, die als Nachzügler zu einer in Wien ſchon befindlichen Menagerie gehörten, erklärte ein Witz⸗ bold die Gefangennahme Richard Löwenherzens auf dem gegenüberliegenden Dürrenſtein dahin:„Aber erlaubens, wann ſo ein Engländer auch mit einem Löwen ſtatt 'nem Pudel reiſt, hat der Herzog von Oeſterreich dazumal Urſach' gehabt, den Mann einſtecken zu laſſen!“.. Schnuphaſe war wie im Vorhof des Paradieſes... In Linz war ihm ſchon der Geſchäftsfreund entgegen⸗ gekommen, an den er empfohlen war, der Mitbeſitzer der Paramentenhandlung Pelikan& Tuckmandl auf der Currentgaſſe. Herr Calaſantius Pelikan war eine kleine, dicke und ſehr entſchieden auftretende Natur, mit pechſchwarzen, faſt zottigen Augenbrauen, Ringen an den Fingern, in grü⸗ nem Frack, rothem Halstuch, gelber Weſte, dem luſtig⸗ ſten Farbencontraſt, ganz als wäre das Erdenleben ein ewiger Faſching... Schnuphaſe ſchwamm in Entzücken über dieſe Auf⸗ merkſamkeit, ihm ſo auf Meilen entgegenzureiſen. Er zog Benno in die Beſiegelungen ewiger Freund— ſchaft hinein, die den Mittelpunkt der ganzen Schiffs⸗ converſation zu bilden anfingen... Ja, im Be⸗ wußtſein ſeiner vertraulichen Beziehung zu dem zweit⸗ erſten Manne dieſes großen Staates ergab ſich Schnuphaſe der ſorgloſeſten Sicherheit, die auch bereits mit allen feineren Nuancen der von ihm erprobten Weine des Schiffskellers übervertraut war Er ſah 120 im Geiſt den Stephansthurm umringelt von oben bis unten mit Praterwürſteln... Im„Sperl“ hatte er durch Herrn Pelikan ſogut wie ſchon einen„belegten“ Eckplatz und in„Dommayer's“, in„Hietzing“ wurden durch ihn und die mit ihnen ſpeiſten, bereits die Back— händln rar... An der Table⸗d'höte that es Schnup⸗ haſe nun unter Champagner nicht mehr und Benno mußte nur immer hinterrücks an ſeinem Sommerrockärmel zu⸗ pfen, um ihn nur zu bewegen, gegen ſeine Tiſchnachbarn den großen Allmächtigen aus dem Spiele zu laſſen, den er halb ſchon ſeinen beſten Freund nannte... Schnuphaſe's eigenthümliche„S— pröche“ nannte Herr Calaſantius Pelikan zum tiefſten Schmerz des Stadt⸗ raths:„Wol preußiſch?“... Nach dem Diner ſchmollte darüber Schnuphaſe... Dann aber, wieder ausgeſöhnt, war er ſo neckiſch geſtimmt, daß er's nun auf die„Donauweibeln“ abgeſehen hatte ... Er begab ſich ſchwankenden Fußes nach der Vorder⸗ kajüte und band dicht neben den reißenden Thieren ein Geſpräch mit den blaſſen volksthümlichen Mädchen in goldenen Helmen an, ſie fragend, ob ſie keine Furcht hätten vor den furchtbaren Löwen, Panthern und Hyänen oder, wie der ſich ebenſo ſchmunzelnd hinter ihm hertrot⸗ telnde Calaſantius ausdrückte:„vor oall den talketen Koatzen?“.. Immer feſter aber und enger ſchlang ſich das Band der neuen Eindrücke um Benno... Eine„Muſikbanda“ kam aufs Schiff und ſpielte gellend auf... Bei einer Frage um den Grafen Hugo von Salem⸗Camphauſen ver⸗ wickelte Benno in Geſpräche mit Offizieren.. 121 Seines feſſelnden Eindrucks wegen gab man ſich ihm gern hin... Er ſtudirte das eigenthümliche, zwiſchen Franzöſiſch und Wieneriſch gehaltene Plauſchen der öſter⸗ reichiſchen Ariſtokratie... Der Erzähler dieſer Ge⸗ ſchichten hat das Weſen der meiſten Menſchen nach dem Durchtönen der von ihnen am häufigſten gebrauchten Vocale unterſcheiden wollen, je nachdem die Menſchen in A geſetzt ſind(ſie ſind würdevoll und gleichmäßig), in J(ſie ſind verwundert und fröhlich), in O(Hypo⸗ chonder), in U(Myſtiker), in E(Tadelnde, Nergelnde, Mäkelnde). Die öſterreichiſche Ariſtokratie iſt entſchieden auf E geſetzt. Sie tadelt und kritiſirt in einem fort... Alle Erſcheinungen fremder Küchen, Keller, Sitten ſind ihr„mechant“; einiges wenige ausgenommen, das ſie dann freilich auch ebenſo entzückt„charmant“ oder„ſupeeerb“ findet, wozu das Zuſammentreffen von Bedingungen ge— hören mußte, die Benno erſt zu ergründen ſuchte... Seltſame Welt, die ebenſo viel Selbſtbewußtſein wie einen plötzlichen Mangel aller Unterlagen offenbarte... Selbſt die allgemeine Heiterkeit und Luſt ſchien ſich zu⸗ weilen in eine nur vorgehaltene Maske zu verwandeln... Als Schnuphaſe in der Kajüte ſchnarchte, erwies ſich Herr Calaſantius dem Herrn Baron als ein Mann von Gefälligkeit... Es war ein„nach Wien gehei⸗ ratheter“ Böhme... Er hatte gehört, Benno würde in einem geiſtlichen Hauſe auf der Freyung wohnen und ſtellte nun den Paramentenhändler heraus... Der Onkel Dechant hatte Benno an einen alten Freund und Correſpondenten, den ehemaligen Chorherrn der Prä⸗ monſtratenſer, Herrn Pater Grödner, empfohlen, einen 122 Gelehrten, der an öffentlichen Anſtalten Unterricht gab... Herr Calaſantius Pelikan beſchrieb den Mann und ſein Haus... Von ſeiner eigenen Niederlaſſung in der Currentgaſſe erzählte er, es wäre nahe jener Behau⸗ ſung, wo einſt die allerſeligſte Jungfrau dem heiligen Stanislaus von Koſtka erſchienen wäre und ihm das Jeſuskind zum Spielen auf die Bettdecke dargereicht hätte... Der Herr Stadtrath würde bei ihnen woh⸗ nen... Sein Schwager, der Herr Nepomuck Tuckmandl, wäre der Herbergsvater der Goldſticker, bewahre die In⸗ nungslade und ginge bei den Proceſſionen voran... Alles das würde jetzt wieder„ſo ſchön und neu“ aufgerichtet und der Herr Stadtrath würde, im Ver⸗ trauen geſagt, unter ſehr hoher Protection, einen„chriſt⸗ lichen Geſellenverein“ einrichten, was bei dem„Geiſt der Zeit“ allerdings einige„Schwürigkeiten“ haben würde... Auf jedes Uebermaß der Freude folgt Ernüchterung... Schnuphaſe hatte nach dem Erwachen beſorgliche Zu⸗ ſtände— Nachwehen, Beklemmungen... Die kommende große Stadt fiel ihm ſchwer aufs Herz... Er beſchwor Benno, ihn in dem Gewirr nicht zu verlaſſen... Auch ſeine„Miſſion“ flößte ihm Beſorgniſſe ein... Er wiederholte in allem Ernſt, daß er die„Audienz“ lieber anträte mit„Unters—tützung“ eines„gewöndte⸗ ren Redners“... Könnt' ich mich Ihnen doch nur ganz„öffenbören“— hauchte er... Nach Ihrer vornehmen Kiſte zu ſchließen, ſagte Benno, vermuth' ich, daß es der Protection des fürſt⸗ lichen Kellermeiſters bedarf, um in der ehrenvollen Eigenſchaft Ihres Mitbeauftragten zu erſcheinen... 123 Schnuphaſe ſeufzte wie unter einer ſchweren Laſt... Es war ſchon dunkel, als endlich Nußdorf erreicht war... Die Mauth iſt dann ein chemiſches Reagens, das alle Verbindungen löſt... Jeder muß an ſich ſelbſt denken... Benno fuhr auf dieſe Art in die innere Stadt al— lein Der aufgehobene Chorherr der Prämonſtratenſer, Herr Pater Grödner, war vollkommen unterrichtet und nahm ihn freundlich, wenn auch etwas befangen, in einem großen geiſtlichen Hauſe auf... Der Onkel Dechant hatte ihm vorausgeſagt: Pa⸗ ter Grödner iſt ein Hypochonder, wie im Grund ganz Wien nur deshalb ausgelaſſen luſtig iſt, um ſeine plötzlichen Anfälle von Hypochondrie zu ver⸗ geſſen.. Benno erhielt einige ganz ihm allein angehörende Zimmer... So ſpät es war, eilte er den Abend doch noch ins Freie... Das Gefühl: Hier leben dir eine Mutter— eine Schweſter! drohte ihm die Bruſt zu zerſprengen... Jede weibliche Geſtalt, die er an ſich vorübergehen ſah, betrachtete er mit prüfendem Auge... Von Angiolinen hatte er gehört, daß ſie Lucinden ähneln ſollte... So ſchritt er planlos dahin und athmete ebenſo das allgemeine Leben der großen Stadt wie das Geheimleben, das dieſe Steinkoloſſe gerade nur für ihn erſchließen ſollten... Erſt ein Regenſchauer führte ihn nach Hauſe zurück...Da der Chorherr ihn 124 in nichts ſtören wollte, fand er ein Nachtmahl für ſich aflein... Am folgenden Morgen war das Wetter wunder⸗ ſchön... Es hatte die Nacht hindurch geregnet... Eine laue Luft wehte wie im Frühling... Sein Wirth war ſchon freundlicher... Der lange hagere Herr, bejahrter als er ausſah, lud zu einer Spazier⸗ fahrt ein, ſogar zum„Speiſen“ in Hietzing... Er wollte vom Dechanten, von Monika, von der Seherin von Weſterhof hören... Und mit der Aebtiſſin der Hospitaliterinnen, Schweſter Scholaſtika, bei welcher Monika ſo lange Jahre im Kloſter gelebt hatte, war er auch bekannt... Selbſt von Bonaventura hatte er ge⸗ „hört... Er ſprach von Ceccone... Dieſer wohnte ganz nahebei... Benno wollte die Depeſchen an den Cardinal und den Staatskanzler übergeben... Der Chorherr ſchlug einen Fiaker vor, den man neh⸗ men wollte, um alle dieſe Commiſſionen mit Bequemlich⸗ keit auszurichten... Er gehörte, nach Aufhebung ſeines Kloſters, ſchon ſeit Jahren einer höhern Studienanſtalt an, die gerade Herbſtferien hatte... Alle Erläuterungen, die er gab, begleitete er mit einem eigenen ſeufzenden Lächeln... Er ſprach nicht drei Worte, ohne ſich nicht ſelbſt zu ironiſiren... Als ſie einen Fiaker genommen hatten, fuhren ſie erſt bei Ceccone in einem nahen und beſcheidenen Palais vor... Benno gab die Briefe von der Stellvertretung des Kirchenfürſten ab... Ihre Adreſſe iſt nicht nöthig, ſagte der Chor⸗ herr mit trockener Ironie Wo Sie woh⸗ nen, das weiß heute früh ſchon jeder— Polizeiver traute... Auf der Herrengaſſe vor dem Palais des Grafen Salem⸗Camphauſen ertheilte ein Portier in den Cam— phauſen'ſchen Farben den Beſcheid, daß die Frau Gräfin verreiſt und der Herr Graf auf Schloß Salem wäre ... Benno übergab ein an dieſen gerichtetes Billet, das er für dieſen Fall bereit gehalten... 2 Sie bringen dieſer Familie die Erlöſung, ſagte der Chorherr, und müſſen doch erſt ſelbſt anklopfen!. Gerade wie in der Paſtoraltheologie!.. Noch ehe Benno aus ſeinem Nachſinnen erwacht war, ſtand der Wagen vor der Staatskanzlei... Auch hier ſtiegen beide aus und übergaben dem Portier die Briefſchaften... Preſſant! ſagte der Chorherr zum Portier... Se. Durchlaucht leſen die Briefe lieber des Morgens als des Abends... Der Portier hatte ihm die Briefe mit zu vielem Gleichmuth in ſeine Loge gelegt... Daß doch die Poſten ſelbſt für die Staatsmänner nicht ſicher ſind! ſagte der Chorherr beim Einſteigen. Ich glaube, es kommt daher, weil die Staatsmänner ein ſchlechtes Gewiſſen haben und die Behandlung der Brieffelleiſen kennen... Wenn Sie Geheimniſſe haben, mein Beſter, ſo nehmen Sie nur ja erſt Oblaten und dann Siegelwachs... In ſolchem Fall muß wenigſtens das Couvert abgeriſſen und aufrichtig darauf geſchrieben werden:„Mangelhaft verſchloſſen“—— 126 Die Empfehlungen an ein Haus Zickeles wollte Benno abzugeben noch aufſchieben... Haben Sie noch ſonſt eine Commiſſion in der Stadt?... Benno kämpfte mit ſich, die Namen Angiolina Pötzl und die Herzogin von Amarillas zu nennen... Er unterdrückte den Reiz und gab gern ſeine Zu⸗ ſtimmung, daß nun der Wagen pfeilgeſchwind zum Burg⸗ thor hinausfuhr... Die Unterhaltung konnte nur Erläuterung zu den bunten, mannichfach wechſelnden Eindrücken der Fahrt ſein... Maria Treu das! ſagte der Chorherr auf eine Kirche deutend... Wir haben Maria Stiegen— gehört jetzt den Jeſuiten... Maria Treu— gehört den Pia⸗ riſten— La méême chose— Maria Schnee— gehört den Italienern. In Rom zählt' ich fünfundzwanzig Ma⸗ rienkirchen... Ich war in Rom... Ei, da ſehen Sie, auf dem Gebirg iſt die Nacht ſchon Schnee gefallen!... Da zu, wo Schloß Salem liegt... Kennen Sie die Sage von Maria zum Schnee?... Einige hundert Jahre nach dem Tod unſers Herrn und Erlöſers wußte ein reicher Rö⸗ mer keinen Platz, wo er eine Kirche hinbauen ſollte... Die Gottesmutter erſchien ihm und zeigte ihm den esquiliniſchen Hügel, auf dem die Nacht Schnee gefallen war... Es iſt ein ganz ſinniger Zug, daß man den Italienern auch hier die Kirche„Maria Schnee“ gegeben hat. Maria Schnee iſt das Symbol von Rom in ſeinem Verhält⸗ niß zu Deutſchland... Benno konnte ſich allmählich denken, daß die Freund⸗ ſchaft des Onkels Dechanten für dieſen Chorherrn 127 wohlbegründet war... Doch mochte er ſich nicht von ſelbſt in ſein Inneres drängen... Bei dem zu Hietzing in einem beſondern Cabinet eingenommenen Mahle ergab es ſich, daß der Chorherr jene ſich auf ſich ſelbſt ſtützende Kraft des reichen Klo⸗ ſterlebens alten Styls repräſentirte... Ein lebhaftes Unabhängigkeitsgefühl trat immer mehr zu Tage... Und beim Wein löſte ſich die Zurückhaltung des unter⸗ richtet und höchſt ſcharf urtheilenden Mannes vollends .Der Chorherr war ein Bürgersſohn aus dem Salz⸗ burgiſchen, hatte große Reiſen gemacht, gelehrte Werke herausgegeben und ſtand ſeit der Aufhebung ſeines Prä⸗ monſtratenſerſtifts nur noch im loſen Zuſammenhang mit dem Klerus... Immer heiterer und heiterer wurde er ... Das ganze gleichſam zurückgetretene Liebesgefühl und Liebesbedürfniß des katholiſchen Prieſters, das ſich bei würdigen Naturen in einem nicht zu misdeutenden Be⸗ dürfniß nach männlicher Freundſchaft und namentlich zu Jünglingen ausſpricht— wodurch gutgeartete höhere katholiſche Prieſternaturen eine ſeltene Befähigung zur Erziehung gewinnen— kam auch bei dem bisher ſo trockenen alten Herrn ganz zum Vorſchein... Er konnte die Hand des jungen Mannes wie ein Verliebter drücken... Beim Deſſert ſprach der Chorherr ſchon wie ein Vater mit ſeinem Sohn... Es war ihm nichts fremd von dem, was die Welt bewegte... Nun kam das alles her⸗ aus... Er las, was nur dem Gebildeten zu kennen geziemt... Und ſein Geleſenhaben und Wiſſen war, nun blitzte auch das auf, wie eine geheime Waffe gegen 128 ſeinen eigenen Beruf, eine geheime Rüſtung für die künftige Zeit... Wie Benno die Donaureiſe beſchrieb und freimüthig auf die Zeiten zu ſprechen kam, wo, wie der Jeſuitengeneral einſt zu Terſchka geklagt hatte, ſieben Achtel der öſterreichiſchen Lande proteſtantiſch waren, — wie er dann vollends den Bauernaufſtand des Stephan Fadinger erwähnte und bei Gelegenheit der Woh⸗ nung Schnuphaſe's die Weigerung des frühern lutheriſchen Hauswirths des heiligen Stanislaus, das Allerheiligſte in ſein Haus kommen zu laſſen— da ſagte der Chorherr unerſchrocken: Wir werden noch einmal wieder zurückkommen müſſen auf das ſechzehnte Jahrhundert, mein Lieber! Wir werden noch einmal da anfangen, wo der gute Luther ſtehen geblieben i*ſt, ehe die Habſucht der ſächſiſchen und heſſiſchen Fürſten den ſeltenen Mann in Beſchlag nahm und die Ausartungen ſeiner Reform ihn erſchreckten! Freilich iſt ein Volk, das in einer Wallfahrt ein Gemüthsbedürfniß befriedigt, ein Volk, das ſich zu einer Bruderſchaft vom„Todes⸗ ſchweiß des Erlöſers“ zahlreich einſchreiben laſſen kann, nicht ſofort durch Kant und Hegel für die Aufklärung zu gewinnen. Das Kreuz des Erlöſers wird die Re⸗ form immer mittragen müſſen!... Benno hörte die Anſichten Bonaventura's... Nach Tiſch wandelten beide jetzt ſchon Vertraut⸗ gewordenen in dem bereits entlaubten herrlichen Park von Schönbrunn.. Der Chorherr legte ſeinen Arm in den Arm ſeines jungen Freundes... Mit dem Blick auf die Außen⸗ welt, mit dem herbſtlichen Laub, das vor ihnen der 129 Wind dahinfegte, kehrte die Hypochondrie des Greiſes zuriick... Das herrliche ſonnige Wetter hatte die Käfige der Menagerie geöffnet... Benno folgte dem Zuge der andern Spaziergänger, folgte dem Lachen über die Kunſtſtücke der Affen, dem Brüllen der Löwen, dem Gekrächz der Vögel... Der Chorherr gab nach, obgleich er ſagte: Dieſe Gefangenen machen mich melancholiſch... Beſtien gehören in die Wüſte und der Menſch ſteht gar ſo feige vor dem Gitter und freut ſich, daß er im Sichern iſt Wie ſie im Strom der andern den Behältern näher gekommen waren und vor einem mächtigen Königstiger eine elegante Geſellſchaft von Herren und Damen fan⸗ den, die mit italieniſchen Anrufen das unruhig hin— und hergehende, ſchon bedenklich den Schweif ſchlagende Thier reizten, ſagte der Chorherr: Und das fehlte nun auch noch! Die feigſte Nation von der Welt hat hier Courage. Die Neckenden ſchienen ſämmtlich Italiener zu ſein... Einige Offiziere waren darunter, die der italieniſchen Nobelgarde angehörten... Einige andere gehörten zum Civil... Den Mittelpunkt bildete eine einzige kleine junge Dame, die ſich im Necken des Tigers bis zur Ausge⸗ laſſenheit gefiel... Die ſchlanke und geſtreckte Geſtalt des aufgeſcheuchten Thieres wand ſich in gleichmäßigen Schritten bald rechts, bald links.. Das grünlich⸗ graue Auge funkelte phosphorartig; es war auf die Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 9 ——— — 130 leuchtenden Farben des Kleides und vorzugsweiſe eines kleinen Sonnenſchirms der jungen Dame gerichtet, die nicht aufhörte, mit einer rauhen befehlshaberiſchen Stimme den Tiger anzureden und in ſteigende Gereizt⸗ heit zu verſetzen... Plötzlich fiel der kleine Sonnenſchirm in den Be⸗ hälter des in kurzen Sätzen ſtöhnenden Thieres, aus deſſen Augen helle Funken zu ſprühen ſchienen, Vorboten der ausbrechenden Wuth... Die italieniſchen Herren lachten laut auf... Benno, der dicht dabeiſtand, hörte vom Chorherrn die verächtlich geflüſterten Schiller'ſchen Worte: „Herr Ritter, iſt Eure Liebe ſo heiß, Wie Ihr mir's ſchwört zu jeder Stund', Ei, ſo hebt mir den Handſchuh auf!“. Die ſämmtlichen Umſtehenden ſchienen entweder kein Deutſch zu verſtehen oder nichts von der Schiller'ſchen Ballade zu wiſſen... Die Italienerin war jedoch vollkommen von dem eigenſinnigen Temperament des Fräuleins Kunigunde im Gedicht... Wie ein verwöhntes Kind beklagte ſie ihren Ombrello und verlangte ihn zurück... Die Herren ſprachen vom Wärter, den ſie rufen wollten... Der Tiger kümmerte ſich nicht, wie wenn er ihm doch gehörte, um den etwa einen Fuß vom Gitter ent⸗ fernt liegenden Gegenſtand, ſondern ging nur nach wie vor ſchnaubend auf und nieder oder ſtellte ſich zuweilen zum Sprunge... Das Thier bot alle Veranlaſſung, ohne den Wärter den Sonnenſchirm ruhig liegen zu laſſen... Jetzt erſt ſah Benno das Antlitz der Kleinen... Es war äußerlich ein halbes Kind und doch zeigte ſich eine Entſchiedenheit der Mienen, die erſchrecken konnte... Die Haut, an ſich zart und pfirſichweich, ſpielte ins Grüngelbe... Die Augen ſchwarz, die Lippen rubinroth, die Zähne blendendweiß... Das in Flechten unter dem Hute ſichtbare Haar hatte ein echt italieniſches Blauſchwarz... Die Augenbrauen riß ſie hoch auf wie aus Zorn, Verlegenheit und Be— ſchämung... Alle Zähne ſah man... Ihr Weſen hatte ſelbſt etwas Thieriſches... Am ungeduldigſten und eifrigſten, dem fortwährend um ihren Ombrello klagenden Kinde von vielleicht ſchon zwanzig Jahren eine Beruhigung zu gewähren, zeigte ſich ein junger eleganter Mann von derſelben Unreife der äußern Erſcheinung, doch mit ebenſo ſichern und lebhaften Manieren.. Die Kleine warf dem Dandy in gelben Glacéhandſchuhen vor, daß er nicht einmal zwei Schritte bis ans Gitter zu gehen wagte aus Furcht vor den möglicherweiſe durchgeſteckten Tatzen des Tigers... Die andern Italiener lachten und machten Späße über die Anwendung, die ein bengaliſcher Tiger von einem mailänder Sonnenſchirm machen könnte.. wollten jedoch nur den Wärter rufen... Die zornige junge Dame war nahe daran, um den Sonnenſchirm herauszuholen, einem der Offiziere den Degen aus der Scheide zu ziehen.. berché ella ha quello spiedo! ſagte ſie... 9* . Sie 32 Inzwiſchen hatte Benno ſtatt des„Bratſpießes“ ſein leichtes Spazierſtöckchen verkehrt ins Gitter gehalten und mit dem Griff deſſelben, während die linke Hand den erſchrocken ihn ergreifenden Chorherrn zurückhielt, den Sonnenſchirm aufgegabelt und herausgezogen... Der Tiger blieb ſtutzend ſtehen.. Mit dem geläufigſten Italieniſch übergab Benno der ihm überraſcht ins Antlitz ſehenden Dame den Schirm: Anche le fiere del deserto cognoscono la civiltà, que si deve alle signore!... Grazie, Signore! ſagte die junge Dame mit einer plötzlich veränderten Stimme... In dieſem Dank, in dieſer leichten Verbeugung lag eine Anmuth, die ſelbſt den Chorherrn beſtimmte, zu ſagen: Der Blick war es freilich werth, die„Artigkeit der Wüſtenthiere auch gegen Damen“ zu riskiren! Aber ein merkwürdiges Geſicht das!... Ich möchte faſt ſagen die Schönheit der Häßlichkeit... Eine Stumpfnaſe, eine gewölbte Stirn, ein mürriſch hängen⸗ der Mund, aber alles wie der Blitz in Brillantfeuer verwandelt durch ein einziges Lächeln!... Benno fiel Lucinde ein... Lucinde war ſchöner, edler gewachſen; aber bei der Fahrt von St.⸗Wolf⸗ gang nach Kocher am Fall im vorigen Jahre hatte ſie ſo im Wagen neben ihm geſeſſen, ſo von phan⸗ taſtiſchen Schlöſſern geträumt, ganz mit dieſen verklärt beſtrickenden Augen... 4 Die Italiener waren inzwiſchen verſchwunden und hatten ſich zu„Dommayer's“ wahrſcheinlich erſt jetzt begeben... ½ Benno und der Chorherr fanden ihren Wagen am Eingangsportal des Schloſſes... Dieſe italieniſchen Nobili, die die Politik hier zu einer Garde vereinigt, ſagte der Chorherr, kommen mir vor, wie ſonſt die Heerführer der alten Deutſchen bei den Römern als Geiſeln lebten... Sie ſollen die deut⸗ ſche Weiſe annehmen und in Malland keine Verſchwö⸗ rungen machen... Es wird aber damit werden, wie mit dem Arminius... Der lernte auch in Rom nur die Handgriffe der römiſchen Kriegskunſt und ſchlug damit die Römer... Vom Schwert dieſer Italiener droht uns allerdings wenig Gefahr; aber ſie haben Dolch und Gift und— Rom... Doch— was thu' ich— hü⸗ ten Sie ſich ja, hier von Politik zu ſprechen!... Das Spionirſyſtem erſtreckt ſich bis ins Innerſte der Fami⸗ lien... Was die Polizei nicht thut, thut die Loyali⸗ tät von ſelbſt... Die Sucht nach Auszeichnungen und Anerkennungen iſt ſo groß, daß hier Menſchen auf die gemüthlichſte Weiſe mit Ihnen ſcherzen können und Sie dennoch denunciren— aus„ Patriotismus“... Wer weiß, ob Sie vor mir ſicher ſind!. Benno ergriff lächelnd den Arm des Greiſes und drückte ihn an ſeine Bruſt... Auf ſeine Aeußerung, daß denn doch wol Rom ein treuer Verbündeter des Kaiſerſtaats wäre, erwiderte der Chorherr: Man glaubte eine Zeit lang, daß Cardinal Ceccone ſeine Macht verlieren würde... Seine Gegner im Vatican, beſonders Fefelotti, ſchienen zu triumphiren... Aber es ſcheint, er hat mit den Jeſuiten ein Compro⸗ ⸗ 134 miß getroffen und hält nun wieder alle Bannſtrahlen in ſeiner Hand... Sein Auftreten bei uns iſt bedeu⸗ tungsvoll... Alles, was man für die innere Reform unſerer Kirche gehofft hatte, ſcheint verloren. Die unglückſelige Manie der Fürſten und Staatsmänner, nur Eine Gefahr, die der Revolution, zu ſehen, macht ſie wider Willen zu Beförderern des Aberglaubens und der Hierarchie... Der Staatskanzler haßt die Je ſuiten... Aber ſie nehmen ſeine Deviſe an und ſagen: Nous sommes conserv ateurs comme vous!... Was will er machen!... Dafür, daß wir den Jeſuiten Deutſch⸗ land geben, erbieten ſich wieder die Jeſuiten, an Oeſter⸗ reich Italien zu laſſen... Doch in dieſen italieni⸗ ſchen Köpfen iſt es ſelbſt unter dem Purpurhut nicht geheuer. Benno, Ceccone’s Stellung und die Zähmungsmittel der Jeſuiten vollkommen aus ſeinem eigenen Daſein ken⸗ nend, fragte ſchüchtern nach dem Cardinal und ob ſein Gönner ihn geſehen hätte... Er wagte nicht, tiefer zu dringen. Hier noch nicht! erwiderte der Chorherr... Aber vor Jahren ſah ich ihn in Rom... Ich machte eine Reiſe dorthin zu einer Zeit, wo unſer Deutſchland noch erſt wenig von der römiſchen Curie beachtet wurde... Wie unſchuldig nimmt ſich auch unſer deutſches Kirchlein Maria dell' Anima in Rom aus!... Franzoſen und Spanier haben ſich da ſeit Jahrhunderten wahrhaft kö niglich zu vertreten gewußt... Unſer Kirchlein aber, das hat ſo etwas nur vom tyroler Geſchmack und dennoch macht es den Eindruck des ehrlichſten und aufrichtigſten aller 135 Gotteshäuſer in Rom... Auf die Phantaſie wirkt's nit, das iſt wahr; nur ein reines Herz und rechten Drang zum Beten muß Eins mitbringen, um darin Ge⸗ fallen zu finden... Aber— ja— vom Ceccone ſprach ich... Den ſah ich öfters... Ihn und die mei⸗ ſten Cardinäle... Man muß ſagen, dieſe Mon— ſignori ſind Menſchen, für die Gott ein eigenes Para⸗ dies und eine eigene Hölle muß erſchaffen haben... Sie ſcheinen alle noch wie aus dem Stamm des Cäſar Auguſtus zu ſein... Quos ego! und das ſo mit einem smorzando— ganz nur ſo hingelächelt... Nep⸗ tun's Dreizack geſchwungen mit weißen Ballhandſchuhen — wie Sie auch immer Se. Heiligkeit ſehen werden... Sie wollen ja nach Rom?... Immer hat der Heilige Vater, auch wenn er die Völker ſegnet, weiße Hand⸗ ſchuhe an... Dieſe Cardinäle!.. Da wird das Unmögliche möglich mit einer— kopfabſchneideriſchen Grazie... Die Art, wie blos allein dieſe Ceremonien⸗ meiſter des Himmels über die Marmorböden ſchreiten oder wie ſie die Meſſe leſen, falls ſie die vollſtändigen Weihen haben—— das„laßt“ ſich gar nicht beſchreiben... Benno war im ſteten Bangen um die endliche Er— wähnung ſeiner Mutter... Der Chorherr ließ in der Stadt vor dem Bankier⸗ hauſe Marcus Zickeles halten.. Es war die Mittags⸗ und Börſenzeit... Er fand niemand als einen Buchhalter, dem er ſeine Creditive überreichte... Am Abend beſuchte er das Kärthnerthortheater, wohin ihn der Chorherr nicht begleitete... 136 Von der Herzogin von Amarillas erfuhr er durch Erkundigungen in den erſten Hotels, daß ſie im„Pa— latinus“ wohnte... Er näherte ſich mit klopfendem Herzen dieſem Gaſthof, ſah das Eingangsthor mit Die— nern in prächtigen Livreen beſetzt, hörte italieniſch ſpre⸗ chen... Von einem Mohren hieß es, er gehöre dem Prin⸗ cipe Rucca... Mit der ſogenannten„Gemüthlichkeit“ der Wiener ſtand die kurze Art, wie er da und dort auf ſeine Fragen Auskunft ertheilt bekam, nicht immer im Einklang... Am folgenden Morgen ſprach der Chorherr ſeine Verwunderung aus, daß noch kein Lebenszeichen von der Nuntiatur und der Staatskanzlei gekommen... Benno erwiderte: Wie wäre denn das möglich... Ich brachte keine Empfehlungsbriefe... Man erwartet mich hier nur in der Herrengaſſe... Wie weit iſt Schloß Salem?.. Mindeſtens vier Stunden! ſagte der Chorherr und lud Benno zur Beſichtigung der Gemäldegalerie im Belvedere und dann zu einem Spaziergang im Prater ein... Die Urtheile des Chorherrn über die Schätze der kaiſerlichen Bildergalerie waren treffend und zeigten ein Bindeglied mehr zwiſchen ihm und dem Onkel De⸗ chanten... Wie warm und lebendig wurde er im Gegenſatz zu„Maria vom Schnee“ über Rafael's „Maria im Grünen“!... Wie ſtill und ruhig das alles iſt! ſagte er im Anſchauen... Die Kinder ſpie— len noch mit dem Kreuz, das ſie künftig tragen ſol⸗ len!... Und faſt haſtig führte er Benno zu Carlo tte 137 Dolce's Bild:„Die Wahrheit“— analyſirte es und ſah ſich dann ſcherzend um mit den Worten: Warum ein ſolches Bild— noch nicht verboten iſt.. Beim Verlaſſen der nur flüchtig durchwanderten Säle zeigte der Chorherr eine italieniſche Villa mit noch grü nem Raſen... Der Sommeraufenthalt des Staats kanzlers! erklärte er... Zum Prater wurde ein Fiaker genommen... Als ſie den ſchon völlig laubloſen großen Park er reicht hatten, ſtiegen ſie aus... Der Chorherr rief plötzlich: Schauen Sie da!... Iſt das nicht Ihre geſtrige Dame?... Eine Cavalcade von Reitern ſprengte durch die Alleen... In ihrer Mitte eine Reiterin, auf deren Identität mit der geſtrigen Tigerbekanntſchaft der Chor⸗ herr nur der Offiziere wegen ſchloß, die wieder der ita lieniſchen Garde angehörten... Sie ritten zu ſchnell vorüber, um ſie zu erkennen... Inzwiſchen gingen ſie weiter... Der Chorherr nannte den Prater öde und langweilig... Nur die Abendſonne, ſagte er, macht ihn ſchön... Wenn man ſo hinſchlendert und ſein Tagewerk vollbracht hat Dann freilich kommt die Schönheit— wie ſo oft— aus unſerm Gemüth... Nach einer halben Stunde kamen ſie zu dem im Prater befindlichen großen„Hamburger Berg“, deſſen Schauſtellungen und Sehenswürdigkeiten... Eine große Menggerie kündigte ſich durch ihre aus⸗ gehängten Bilder, Papagaien und Affen an. 85 138 Zieht Sie ſchon wieder ſo ein Spectaculum? ſagte der Chorherr faſt ärgerlich, als Benno einer dicken hinter Vorhängen ſitzenden Dame zunickte, die auf dem Dampfboot ihre verſpäteten Käfige begleitet hatte... Benno berichtete nur vom Dampfboot.. Da plötzlich unterbrach ihn der Chorherr und zeigte auf die in der Nähe ſtehenden dampfenden Roſſe der vorhin geſehenen Cavalcade... Die Italienerin wird ſchon wieder vor den Käfigen der wilden Thiere ſein... ſagte der Chorherr und rief dann aufhorchend: Dal... Hören Sie!... Und in der That hörte man drinnen eine laute Stimme italieniſch rufen... Mitten durch das kurz aus⸗ — geſtoßene, faſt huſtende Brüllen eines gereizten Thieres vernahmen ſie die Worte: Eh! Tu! Muove ti! Dormi? Non essere si pigra!... Dieſe anſtachelnden Worte, ſo unweiblich die Situa— tion war, die ſie begleiteten, übten auf Benno ſowol wie den Chorherrn den Reiz, daß ſie die Hütte betraten... In der That waren es die Italiener von geſtern... „Der weibliche Zwerg“, wie der Chorherr übertreibend ſagte, ſtand diesmal mit der Reitgerte vor dem Käfig einer jungen Löwin und reizte ſie zu einer ſolchen Wuth, daß warnend ſchon der Aufwärter herbeilief... Benno ſah voll Staunen dem wilden Spiel der Italienerin zu.. Die junge Löwin ſprang bald an die Gitterſtangen, bald rannte ſie im Kreiſe und ſtieß Töne aus, die wie aus dem Widerhall einer mächtigen Felſenhöhle kamen... 139 Im ſchwarzen Tuchrock, mit der linken Hand die lange Schleppe haltend, ſtand das kleine Weſen von geſtern, deſſen Kopf wenig über die Stellage, auf der der Käfig ruhte, hinausragte, und ſchlug mit der Reit gerte bald nach links, bald nach rechts in die Stäbe hinein.. Wieder lachten die Herren und bedeuteten den Wär ter, der Signora nicht ihr Vergnügen zu rauben.. Schon lauſchte die geputzte„Marchand' mod'“, wie ſie auf dem Dampſſchiff geheißen hatte, eine Hollände— rin, an dem rothen Vorhang... Schon wurde ein junger Mann, ihr Begleiter, von ihr angerufen, ſich ins Mittel zu legen, als die Jtalienerin von ihrem Ueber⸗ muth plötzlich abließ... Sie hatte Benno erblickt... Mit kalter Ruhe ſtand ſie noch eben vor dem Käfig und trieb ihr Spiel... Jetzt war ſie wie entwaff⸗ net... Ein faſt roſiger Hauch der Freude überflog ſie... Mit dem Schein der mädchenhafteſten Schüch⸗ ternheit ſenkten ſich die langen blauſchwarzen Augen⸗ wimpern... Mit ſchneller Faſſung und plötzlich ihre Stimme mildernd ſagte ſie zu Benno: Ecco il domatore delle bestie feroci!... Benno erwiderte— halb nur für ſich—: Ecco la Romana!... Perché Romana? fragte ſie, ſcharf aufhorchend... Benno hatte„Romana“ betont... Una lupa e stata la nutrice di Romolo... ſagte er, ſprach aber wieder wie nur zu ihr allein.. Ohne ſich von der Vorausſetzung, daß auch ſie von 140 einer Wölfin könnte genährt worden ſein, getroffen zu fühlen, ſchloß ſie ſich Benno an zum Weiterwandeln... Sie gingen die Käfige entlang... All ihre Aufmerk— ſamkeit für die wilden Thiere war verſchwunden... Sie wollte nur Benno feſthalten, nur mit dem ſpre⸗ chen... Ehrerbietig grüßte ſie ſeinen Begleiter, in dem ſie am langen Oberrock den Prieſter erkannte... Kennen Sie Rom? begann ſie, noch über und über erglüht... Ich bin im Begriff, es kennen zu lernen... ſagte Benno... Sie reiſen nach Rom?!... Ein Ausdruck der äußerſten Freude kämpfte in ihren Mienen mit der Verlegenheit, ſich in der ganzen Wir⸗ kung zu verrathen, die ihr ſchon ſeit geſtern der junge anziehende Fremdling gemacht zu haben ſchien... Noch würde das Geſpräch in kurzen Fragen des höchſten Intereſſes und in ausweichenden Erwiderungen ſo fortgegangen ſein, wenn nicht ein tragikomiſches Ereig⸗ niß dazwiſchengetreten wäre... Der elegante junge Mann mit den gelben Glacé⸗ handſchuhen von geſtern war gleichfalls zugegen und etwas vorausgegangen... Schon befand er ſich am Ende der Breterbude, wo ein Elefant auf einer Art kleiner Bühne unter gemalten Drapperieen eingepfercht und an einem ſeiner mächtigen Füße feſtgebunden ſtand . Das gewaltige Thier war vor den Zu⸗ ſchauern völlig frei... Ehe ſich der junge Mann ſei⸗ nes Schickſals verſah, hatte der ſich ſchlängelnde Rüſſel eine Schwenkung um ihn her gemacht und ihm in dem ber 141 Augenblick, wo die Offiziere warnend Altezza! riefen, den Hut abgenommen. Die Altezza, demnach ein Fürſt, ſtieß einen Schrei: Gesü Maria! aus, taumelte zurück und ſank in Ohnmacht... Die Italienerin ſtand inzwiſchen, noch wie von Liebes wonne durchſchauert... Sie ſchien ſo abweſend, daß ſie die Urſache des Rufs nicht verſtand und nur den zuſammenbrechenden jungen Mann ſah, der noch in ſeinen Beinkleidern mit den Sporen obenein feſthakte, an die Bre⸗ terwand ſtürzte, die den erſten vom zweiten Platz trennte und ſich wirklich die Stirn blutig ſchlug... Benno ſah dies kaum, als er ſchon hinzugeſprungen war und die Altezza aufgefangen hatte. Bei Nennung jener fürſtlichen Würde befiel ihn jetzt ein Bangen. Der Hut war vom Wärter ſchon wieder zurückgegeben worden... Die Begleiter hatten ſich geflüchtet... Sie ſchienen über den Elefanten ebenſo erſchrocken wie die Altezza... Voll Aerger über die ſtörende Scene und im Nu ihren ganzen Geſichtsausdruck verändernd, ſagte die Ita⸗ lienerin zu Benno's Begleiter: Sehen Sie da, warum man lieber die Thiere liebt, als die Menſchen!.. Aqua! Aqual E una carozza! rief ſie gellend hinter⸗ her Der Fürſt fing an ſich zu erholen, verſuchte zu la⸗ chen und erſchrak wieder über ſeine blutigen Handſchuhe... Benno übergab ihn aus ſeinen Armen in die ſeiner Begleiter... Er wagte nicht weiter mitzugehen, als bis an die Vorhänge..„ Altezza!“... Waren nicht 142 ſeine Mutter und Olympia in Begleitung eines italieniſchen Principe Rucca angekommen, des Verlobten Olympia’'s?... Die Italienerin rief ergrimmt aufs neue: Non viene la carozza? Fatte subito! Al monte Palatino!... Palatino!... Es war gewiß... Doch„Monte Palatino“... Dann zu Benno raſch ſich wendend, warf der ſüßeſte und zärtlichſte Mund von der Welt wie mit Zaubermeta⸗ morphoſe und faſt leiſe ihm ins Ohr die Worte: Beſuchen Sie uns— den Principe Rucca— morgen um elf Uhr... Wie ſie das geſagt, verſchwand ſie— voraus⸗ ſetzend, daß Benno nicht folgen würde. Aber in ihrem Abſchiedsblick lag ein Ausdruck aller Seligkeiten der Erde und des Himmels, ja als wäre Pſyche überwunden wor⸗ den von Amor... Das iſt eine Eroberung! brach der Chorherr aus, als Benno wie betäubt ſtehen blieb... Und Al monte Palatino! ſetzte er lachend hinzu... Sie glaubt, der Gaſthof zum„Palatinus von Ungarn“ hätte ſeinen Na⸗ men von einem der ſieben Hügel Roms... So ſehen dieſe Menſchen überall nur ſich... Deutſchland iſt ihnen nichts als eine römiſche Vorſtadt, wo zuweilen Schnee fällt Ich zweifle gar nicht, es iſt die— Nichte des Cardinals Ceccone, eine Comteſſe— Maldachini! fiel Benno aus ſeiner Erſtarrung kaum aufathmend ein... Eine Verlobte des Prinzen Rucca, den Sie— aus dem Felde aſligen haben, Beſter! Haha!... Sie 143 en flüſterte Ihnen ja ein Rendezvous zu... Um elf Uhr ... Auf dem Mons Palatinus!.. Meine Mutter— die dritte in dieſem Bunde!— rie⸗ 1 fen tauſend Stimmen in Benno's Innern... Mit bebendem Herzen und tiefbeklommenen Athems fe verweilte Benno noch einige Augenblicke... Dann tra— ten beide gleichfalls hinter den Vorhängen ins Freie und ſe ſahen, wie eben die Herren zu Pferde ſtiegen und ein 1 herbeiſliegender Miethwagen den Principe Rucca und die Italienerin aufnahm... t1 Benno ließ nur den Chorherrn reden, der von der Weichlichkeit der italieniſchen Ariſtokratie ſprach, leiſe An⸗ . deutungen über den Cardinal gab, der einen einzigen Win— 1 ter nicht ohne ſeine gewohnten Umgebungen zu ſein ver⸗ mochte, vom Prinzen Rucca erzählte, daß ſein Urgroß⸗ vater ein Bäcker geweſen— in Rom wäre alles käuf⸗ lich, Grafen- und Fürſtenhüte— nur die Cardinalshüte ſtünden noch im Preiſe... Der Name der Herzogin von Amarillas wurde in Pater Grödner's Geplauder nicht erwähnt, auch der 6 nähere Zuſammenhang Olympia's mit Ceccone zwar d.„möglicherweiſe“ als das des Kindes zum Vater leiſe ſen und ironiſch angedeutet, aber ohne genauere Kenntniß len des wahren Urſprungs, den Benno vollkommen wußte— t wußte bis zu den Namen der Gebrüder Biancchi, deren es Schweſter die Mutter Olympia's war... Luigi Bian⸗ cchi, einer der Brüder des Napoleone und Marco Bian⸗ 1'— cchi, ſollte in dieſer Stadt Muſiklehrer ſein Alles das war ihm durch ſeinen Bruder, den Präſiden— u6 ten, vo bekannt geworden... bie * 8 144 Auch der Chorherr nahm jetzt einen Wagen... In dem Lärm der Stadt verhallte der empfangene Ein druck und die Benno durchzitternde Empfindung: Das Schickſal ruft dich ſelbſt zu deiner Mutter!... Daß er morgen um elf Uhr im Palatinus nach— dem Befinden des Fürſten fragen würde, ſtand feſt bei ihm... Daheim fand er Karten von Stadtrath Schnuphaſe; auch von einem Herrn Harry Zickeles, der Einla⸗ dungen zurückgelaſſen, das Großhandlungshaus Zickeles zu jeder Abendſtunde als ein offenes zu betrachten... Es ſtrömte dann ein anhaltender Regen... Benno verbrachte Stunden der höchſten Aufregung auf ſeinem Zimmer... Die Aufgabe, die ihm für morgen geſtellt war, erforderte ſeine ganze Manneskraft... Gegen Abend erſt ging er aus, ſuchte den„Pala⸗ tinus“, gerieth in die Herrengaſſe, wo das vom Grafen Hugo empfangene Billet nun die morgenden Palatinus⸗ Abſichten durchkreuzte und ihn zwiſchen Mutter und Schweſter, wen er zuerſt ſehen ſollte, wählend ſtellte, kam mit irrendem, hin- und herſinnendem Grü⸗ beln in die Vorſtellung des„Hamlet“, erlebte, daß Olym⸗ pia es war, die in der Loge des großen Kanzlers ne⸗ ben ſeiner Mutter die Gläſer auf ihn gerichtet hielt, ihm durch das ganze Theater hindurch auf italieniſche Art mit ihrem Taſchentuch ein Zeichen des Grußes gab; erlebte, daß die Mutter das Lorgnon auf ihn richtete—— Die verſagende Kraft trieb ihn aus ſeiner Loge— in Begleitung eines Mannes, der den Namen ſeiner Schwe trug! 6. Um den Weg in ſeine Wohnung zu finden, konnte ſich Benno keiner zuverläſſigeren Hülfe bedienen, als des Herrn von Pötzl, der gleichfalls Hut und Regenſchirm genommen hatte und ihm gefolgt war... Ueber den Namen dieſes Mannes hatte ſich Benno beruhigen wollen... Schon daheim, wo er ſo oft dem Kattendybſchen Hausfreund begegnete, dem alten Pfleger der Bolog⸗ neſerhunde, dem als Geſellſchaftsheloten benutzten Spaß⸗ macher Ignaz Pötzl, der ſich darum doch einen Thaler nach dem andern in die Sparkaſſe trug, hatte er dieſen nicht weiter nach ſeiner wiener Verwandtſchaft gefragt, ſeitdem einmal deſſen Antwort lautete, der Pötzls gäb' es wie Sand am Meer und„mit einem alten Junggeſellen, der einen Nothpfennig hinterließe, wäre dann auch noch alle Welt verwandt, ohne Pötzl zu heißen“”.. Fühlen Sie ſich jetzt beſſer? hörte Benno hinter ſich her reden. Die Luft wird Ihnen gutthun... Ja, Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 10 146 es iſt ein überlebtes Gebäude!... Wär's eine Kaſern', ſo wär' ſie längſt umgebaut... Benno mäßigte ſeinen Schritt... Wo aber, lieber Herr, wo wohnen Sie denn?... Vielleicht an der Mölkerbaſtei?... Das wäre gerade auch mein Weg... Benno wohnte an der Freyung... Das kaum geſagt, war auch das gerade Herrn von Pötzl's Weg... Der Regen hatte inzwiſchen nachgelaſſen.. Wie ſich beide vor dem Gewühl der Wagen durch ein ſchnelles Laufmanöver über die Fahrſtraße hinweg ſichern wollten, rief Herr von Pötzl einen an ihnen vorüberſchießenden Herrn an: Gehorſamer Diener, Herr von Zickeles!... Es war noch ein junger, ſchon mit ſtarkem Em⸗ bonpoint verſehener Mann, der eben aus einem be⸗ rühmten Laden mit„Ge'frornem“ trat und noch raſch hinüber in die Vorſtellung wollte... Eine Mittheilung über ein misrathenes neues Stück in der Vorſtadt miſchte ſich in ſeinen Gegengruß und zugleich die Frage, ob doch Herr Müller noch nicht ſeine große Scene gehabt hätte und ebenſo ein forſchender Blick auf Benno— Benno, Herrn von Pötzl's Verlangen bemerkend, ſeinen Namen zu erfahren, ein Verlangen, das er hin⸗ ter einer künſtlichen Verlegenheit, ihn nicht vorſtellen zu können, verbarg, fragte, ob Herr von Zickeles dem Hauſe gleiches Namens angehörte... Er hätte eine Karte von„Harry Zickeles“ gefunden.. Mein Gott!... brach Harry Zickeles aus, be⸗ rade be⸗ 9 147 kannte ſich als Abgeber der Karte und rief: Doch nicht etwa der Herr Baron von Aſſelyn?.. Benno überraſchte mit der Bejahung Herrn Harry Zickeles ebenſo, wie Herrn von Pötzl... Das iſt ja einzig! rief Letzterer und hätte alle Vorübergehende über dieſe Spiele des Zufalls zu Zeu— gen anrufen mögen... Gerade der„Herr Baron von Aſſelyn“ war die Perſönlichkeit, die„beide“„geſucht“ hatten... Herr von Pötzl demaskirte ſich als Bruder des alten Komikers Ignaz Pötzl, der ihm von der Reiſe des Herrn„von“ Schnuphaſe und von dem Herrn von Aſſelyn ausdrücklich„geſchrieben hätt’“... Aber nein! Und Sie geben mir nicht einmal die Ehre!... Die Freud' und die Ueberraſchung!... Benno hatte keine Anweiſung auf die Bekannt⸗ ſchaft dieſes ſo außerordentlich gefälligen Mannes erhal— ten... 7 Dennoch ließ er es nun an dem Schein einer engern Verbindung mit dem Bruder nicht fehlen... Machte i ine offenbare Freude und bahnte vielleicht en an. rung an den alten Thaddädlſpieler zeigte das ganze„G'müth“ des Herrn von Pötzl... Jede Nuance der Charakteriſtik ſeines Bruders unterbrach er mit einem glückſeligen:„Ja! Ja!“... Und als Herr von Zickeles den Witz machte: Sagens doch nicht, Herr Baron, daß er wohlauf iſt! Herr von Pötzl hört viel lieber das Gegentheil! Er will ihn beerben!... er⸗ folgte von Herrn von Pötzl nur ein einziges:„O Sie—!“ Es lagen alle Schäkereien der Welt in dem Ton. 10* 148 Herr von Zickeles gab, wenn auch mit einigem Zögern, den„Hamlet“ und den Applaus eines jungen Schau⸗ ſpielers auf, der auch an ihn empfohlen war... Labrtes, den Herr Müller„ſpüllte“, hatte ſeine Hauptſcene erſt im letzten Act... Herr von Zickeles ruhte nicht, bis der Herr Baron von Aſſelyn verſprach, ſofort,„aber auch auf der Stell'’“ in den Salon; ſeiner Aeltern mitzukommen... Jeden Abend wären ſie nach dem Theater daheim und der Herr von Aſſelyn wäre vol⸗ lends von ſeiner gerade aus Paris anweſenden Schwe⸗ ſter Bettina Fuld und von deren Begleiterin, dem Fräulein Angelika„von“ Müller,“ aufs alleraller⸗ dringendſte erwartet... Angelika Müller!.. Welch ein Mollaccord!. Sanft und wohlthuend verbreitete er ſich über Benno's er⸗ ſchrecktes Gemüth... Er wollte facge... Hier war ede von keiner Willensfreiheit mehr die Harry Zickeles hatte ihn ſchon unterm Arm... Herr von Pötzl folgte in Verklärung... Herr von Zickeles ließ nicht eher a is ſie alle drei vor dem Portal ſeines älterlichen Ha Es lag jenſeit des Grabens dicht in großen Platzes, des„Hohen Marktes“ Herr von Pötzl war etwas ſchwei aber ſo gleichſam, als wenn der Ueberſtrom der Ge⸗ fühle ihm die Worte raubte... Als Herr von Zickeles am Hauſe ſeiner Aeltern ge⸗ ſchellt hatte, zog er die Uhr und ſagte: Freilich— glauben Sie wol, Herr von Pötzl, daß der Labrtes jetzt aus Paris zurückkommen iſt?... Ich 2 H 149 Rtt' ſchön, führen Sie den Herrn Baron zu meinen Aeltern hifauf... Ich hab'— Der junge Mann iſt mir und merkwürdigerweiſe auch— der Kaiſerin Mutter empfohlen worden— Sehr ein hübſches Talent!— Ich —, Oder— Doch lieber— Kommen Sie, Herr von Aſſelyn, ich führe Sie erſt ſelbſt auf und dann ſpring' ich noch ein biſſel in den letzten Act... Nun keuchte der junge dicke Mann die Treppe ran... Das Haus war viel heller erleuchtet, als dos Palais des armen Schuldners der Zickeles, des afen Hugo. Auf der Mitte blieb wieder der Theaterfreund ſtehen, zog wieder die Uhr und ſchien die größte Angſt zu ha⸗ ben, die Scene ſeines Günſtlings, dem er, wie Herr von Pötzl elegiſchironiſch ſagte, ſeine gewohnte Protec⸗ tion durch einen ſtürmiſchen Applaus zugeſagt hatte, zu verſäumen.... Endlich waren alle drei im erſten Stock angelangt... Hier klingelte Herr von Zickeles und erſt, wie er ſicher war, daß der öffnende Bediente den Gaſt direct aus ſeiner Hand empfing und die Anmeldung feſt hatte:„Herr Baron von Aſſelyn!“, bat er für eine halbe Stunde um Entſchuldigung und ſtürzte, um im Burgtheater ſein gegebenes Mäcenatenwort zu löſen, davon. Sehr ein vortrefflicher Menſch und— Kunſtkenner! ſagte Herr von Pötzl mit ſeiner jetzt entſchiedener aus⸗ brechenden maliciöſen— Gemüthlichkeit... Dann ſetzte er, beim Ausziehen der Oberröcke, Benno ins Ohr flüſternd hinzu: Sie werden, wie ganz Wien weiß, hier erwartet 150 wie der Onkel aus Amerika oder das Manna in der Wüſté! ... Gebe der Himmel, daß Ihre Miſſion alk den Herrn Grafen von dem glänzendſten Erfolge gekrönt wird!... Auf Benno's Lippe bebte die Frage: Wie aber kommſt du und die arme dann geopferte Angiolina⸗ zu einem und demſelben Namen—?... Doch er mußte in die Salons der reichen Bankierfamilie treten... Herr von Pötzl„führte ihn auf“ unter einer Sſ von gemüthvollſten Reden, in denen er alles haarklein er⸗ zählte, was ſich zum Erſtaunen und„wie in einem Roman“ ſeit dem Eingang zum Burgtheater bis zum gegenwärtigen Augenblick in Herrn Baron von Aſſelyn's Leben und dem ſeinigen zugetragen hätte. Die Räume waren erhellt, aber noch leer... Nur der Herr Vater, Herr Marcus Zickeles, und die Frau Mutter und noch einige ältere Herren und Damen waren anweſend... Sie bildeten Whiſtpartieen, die im vollen Gange waren, ſodaß trotz der freundlichſten Bewillkommnung die noch nicht zu Ende geſpielten Partieen eine aus⸗ führlichere Begrüßung unterbrachen. Der Vater und die Mutter verwieſen ihn mit aller Freundlichkeit auf den jüngſten Sohn des Hauſes, der ihm beſonders von Seiten der Mutter mit hoher Genug⸗ thuung und den Worten vorgeſtellt wurde: Mein Sohn Percival!... Percival Zickeles war noch ein unreifer, etwas ſchüchterner Jüngling, dem, wie es ſchien, der erſte Buch⸗ halter beiſpringen mußte, um die Honneurs zu machen... Benno war es ſehr zufrieden, daß ihm ſelbſt Herr —— Q̊ e 151 von Pötzl, der ſeines„Aufgeführten“ Bedeutung le iſe tuſchelnd da und dorthin mittheilte, einige Ruhe ließ... Was lag nicht alles centnerſchwer auf ſeiner Bruſt!... Selbſt die harmloſe Erwähnung Angelika's, der„ewigen Verlobten“ Püttmeyer's, weckte Erinnerungen, die ihn haltlos wie in Lüften ſchweben ließen.. Angelika Müller trat auch wirklich ein... Sie, in geſellſchaftlichem Putz und Staat— Sie, die alte verblühte Erzieherin— ſonſt in einem halben Nonnen⸗ kloſter— hier in einem iſraelitiſchen Hauſe... Kaum ſah ſie Benno, ſo ſtieß ſie einen Schreck⸗ und Jubelruf aus, der für die alte„Frau von Zickeles“ im Spiele ſtörend ſchien... Sie wandte ſich um und — ſtumm reichte Angelika jetzt Benno die Hand... Ihr Lächeln war das alte... Es zeigte die ganze Reihe ihrer rieſigen, aber weißen, ſchön erhaltenen Zähne... Eine lange Roſaſchleife erſtreckte ſich von den mühſam zuſammengeleſenen blonden Haaren in den Nacken... Sie trug ihre Arme, ſo mager ſie waren, entblößt... So befiehlt das Sklavenleben des Gou⸗ vernantenthums, den innern und äußern Menſchen den Umſtänden gemäß zu metamorphoſiren... Auch den innern Menſchen!... Es war Angelika Müller und ſie war es auch nicht... Ein Jahr in Paris und auf Reiſen— und dienen, dienen müſſen fremden Lau⸗ nen... Da ſprach ſie ſchon von Armgart wie von einer Jugenderinnerung... Freilich gab es in Arm⸗ gart's Leben die allerüberraſchendſten Veränderungen ... Armgart in dem ihr ſonſt ſo verhaßten England! ... Näheres wußte ſie nicht von ihr... Nur durch 152 Püttmeyer war die„treue Seele“ im uſammenhang mit hang ihrem alten Leben... So mußte wol Benno erzählen ... Er that es voll Liebe und Güte und Schonung Püttmeyer's... An dieſem hielt Angelika unverbrüch⸗ lich feſt... Sie hatte in Paris für ſein Syſtem ge⸗ wirkt; ſie hoffte auch in Wien einige rechtgläubige Spät⸗ linge der Naturphiloſophie für die Philoſophie der Kegel⸗ ſchnitte gewinnen zu können... Frau von Zickeles wurde aufgeregter... Die Geſellſchaftsdame ihrer Tochter ſchien ihr zu ſehr im Vordergrunde zu ſtehen... Sie ſpielte zwar noch Whiſt, unterließ aber nicht, ihrer ſich jetzt mehrenden Geſellſchaft ihre Aufmerkſamkeit zu bezeigen... Nach jeder Karte, die ſie ausgeſpielt hatte, rief ſie: Joſeph! Das galt dem Bedienten... Oder: Pepi! Das galt dem Hausmädchen... Fräulein Müller! Das galt der Geſellſchafterin ihrer Tochter, der Frau Bettina Fuld... Wenn ſie: Percival! ihren Jüngſten, rief, ſo war es ein Ton beſonderer Zärtlichkeit... Sie hatte dem „hoffnungsvollen“ Knaben nach einem Lieblingsdrama der Zeit dieſen Namen nachträglich ſtatt ſeines urſprüng⸗ lichen„Pinkus“ gegeben.. Angelika Müller bekam Augenwinke, die ihr ſagten, daß in den Zimmern außer dem Herrn Baron auch noch andere Herrſchaften wären.... So näherte ſich denn dem„Herrn Baron“ wieder Herr von Pötzl, zog die Doſe, offerirte und genoß die Zinſen von dem auf den Fremden bereits gewandten Kapital von Zu⸗ vorkommenheit... Er flüſterte über den Grafen Hugo... Den Kampf, ob er morgen den Beſuch im Palatinus ₰⁵ —— ₰ 153 oder die Reiſe nach Schloß Salem aufgeben ſollte, hatte Benno ſchon zu Gunſten ſeiner geſchäftlichen Pflicht ent⸗ ſchieden... Auf ſeine Aeußerung, er würde morgen früh dem Grafen Hugo auf Schloß Salem aufwarten, unterließ Herr von Pötzl nicht, die ſchöne Gegend, den Charakter des Grafen zu ſchildern, kleine ſatyriſche Seitenhiebe hineinzuwerfen und ihnen wieder eine Fülle von Gemüth folgen zu laſſen... Die Veränderung wird außerordentlich werden! ſagte er... Und wahrhaftig! Die Zickeles ſind ſehr dabei intereſſirt!... Wo nur Herr Leo bleibt!... Leo iſt das Geſchäft nächſt dem Vater... Ganz Metalliques, blos Abends Wohlthätigkeitsſchwärmer... Ich vermuthe, er ſitzt in dieſem Augenblick Comité... Das Talent, ein gutes Herz zu zeigen, Herr Baron, iſt in Wien ſehr cultivirt, aber— koſtſpielig... Herr Leo von Zickeles wird deshalb wol auch nie heirathen... Er ſieht ſich ſeine Medaillen, Ehrenpatente, ſeine gedruckten Thränen der Witwen und Waiſen an und behält ſein von tauſend Zähren des Dankes emaillirtes Herz für ſich allein... Joſeph! rief hier die Mutter... Hat Herr von Aſſelyn G'frornes?... Joſeph präſentirte... Herr von Pötzl fuhr fort: Den zweiten Bruder, den Herrn Harry haben Sie ſchon kennen gelernt... Auch der iſt Vormittags auf⸗ richtig Metalliques... Aber die übrige Zeit gehört dem Enthuſiasmus für Ruhm und ſchöne Künſte... Sie ſehen, daß er ſich viertheilen laſſen kann, wenn er einem 154 Schauſpieler an einer gewiſſen Stelle einen Applaus verſprochen hat... Es iſt ſchon vorgekommen, daß er einem Maſchiniſten„auf der Wieden“ befohlen hat, an einem Abend eine Störung hervorzurufen, nur da⸗ mit ein andres Stück herausgebracht werden mußte, als dasjenige, wo er ein gegebenes Applausverſprechen wegen eines anderweitigen Theater⸗ oder Concert⸗Engagements nicht erfüllen konnte... Harry Zickeles führt jede in der Theaterzeitung neuangekündigte Unſterblichkeit, wenn ſie nach Wien kommt, in die hieſigen Hallen des Ruhmes ein... Sein größtes Leidweſen iſt dabei nur, wenn ſich ſein Herz zwiſchen zwei Gegnern in zwei Hälften theilen muß... Pepi! rief die Mutter... Hat der Herr Baron G'frornes?.. Pepi präſentirte... Herr von Pötzl flüſterte: Der dritte Sohn, Percival, iſt, wie Sie wol ſchon an dem träumeriſchen Jüngling gemerkt haben werden, ein dichteriſches Genie... Vor zwei Jahren erſt be⸗ kam er den Vornamen Percival... Er hat Romanzen geſchrieben wie Heine, blos daß er zur Abwechslung auch einmal den Palmenbaum, ſtatt von einer Tanne, von einer Alazie geliebt ſein läßt— Wiſſens, von wegen der„Grazie“... Auch hat er einen„Ahasver“ unter der Feder, in dem die geniale Idee vorkommen ſoll, daß Ahasver ſich nach Wien begibt und im„Stock am Eiſen“ einen Nagel vom Kreuz des Erlöſers einſchlägt, gerade noch den letzten, der hinein geht, wodurch ihm die ſelige Ruh' zu Theil wird... 155 Percival! rief die Mutter... Hat Herr Baron G'frornes?... Percival fuhr wie aus Morgenrothsträumen auf, ſtrich ſich ſeine ſchönen langen ſchwarzen Haare zurück und machte eine Miene, als hätte ihm nur eine Geiſter⸗ ſtimme gerufen... Allmälig beſann er ſich aber auf den irdiſchen Begriff des„G'frornen“ und offerirte davon mit einer Miene weltſchmerzlichen Duldens Herr von Pötzl nahm ihm die Schüſſel ab mit der freundlichſten Anrede: Sie, mein liebſter beſter Herr Percival!... Ich glaub' faſt, Sie ſind ſchon wieder einen halben Zoll ge⸗ wachſen.. Percival ſchien die Anerkennung ſeiner Jugend gern zu hören und lächelte... Die Frau Bettina von Fuld— die kennen Sie?... fragte dann Herr von Pötzl, als ſie wieder an einem andern Fenſter allein ſtanden.. Benno mußte dieſe Vorausſetzung verneinen... O ſie muß ſogleich erſcheinen... Mit ihrem Gatten, der etwas in das diplomatiſche Fach ſpielt— ein Changeant, das in Homburg und Baden⸗Baden viel Geld koſten ſoll... Dann iſt noch die jüngere Schweſter, die Jenny, da... Die iſt noch„im Kärnthnerthor“, wo eine abgeleierte Oper von Bellini gegeben wird... Sie hat eine famoſe Stimme... Wenigſtens glauben das die Aeltern und der Profeſſor Biancchi— ja— kennen Sie den Namen?... Das iſt derſelbe, den Sie heut im Theater ſahen... Der wird nicht Urſache haben, dieſe Ueberzeugung von Jenny's Stimme zu be⸗ 156 ſtreiten— denn er„laßt“ ſich die Stund' mit einem Dukaten zahlen... Sie werden ohne Zweifel heute noch Ge— legenheit haben, ſich von dem Raffinement dieſes Italieners mit dem Pergamentgeſicht, das Sie heute ſahen, näher zu überzeugen... Kommt er mit, ſo laßt er ſie ſingen. Ich ſage: laßt ſie... Denn das iſt höchſt merk— würdig... Dieſe Muſikprofeſſoren haben über ihre Schülerinnen eine Autorität wie ein Abrichter über ſeine Affen... Wann der Alte in den Salon tritt, kriegt die Junge regelmäßig einen innern Ruck, wie eine Braut vor ihrem kommenden Bräutigam... Vor keinem Menſchen hat ſie Courage, allein zu ſingen... Steht aber der alte Italiener dabei und ſchlagt mit ſei⸗ ner unerſchütterlichen Pierrotmaske die Noten um, ſo geht's: Perfido! Crudele!— Mamſell Müller! rief jetzt wieder Frau von Zickeles ... Hat der Herr Baron Ge'frornes? Angelika hüpfte zum Whiſttiſch... Sie war ſo in Träumen verſunken, daß ſie nur den Ruf, nicht den Auftrag gehört hatte... Biancchi— Biancchi—!... Auch über dieſen Namen mußte Benno tiefbeklommen athmen... Angelika carambolirte inzwiſchen mit Herrn von Pötzl, der ſich ſelbſt unterbrechend mit der ſüßeſten Miene und wie zum Kniebeugen anbetend auf Damen zulief, die eben ins Zimmer traten und vielleicht die Verläſterten ſelbſt waren... Immer größer und größer wurde der Zuſtrom. Frau von Zickeles zankte mit dem Fräulein Müller 157 über das,„was ſie nicht gewohnt wär' zweimal zu ſagen“ und verwies ſie jetzt auf die Ankommenden... Angelika's Roſabänder flogen einer Dame entgegen, die mit leuchtenden Augen lachend eintrat... Frau Bettina Fuld kam von der„Wieden“ und berichtete über die im dortigen Theater gehörten,„uner⸗ hörten Plattitüden“... lachte aber doch noch bis zum Erſticken darüber... Benno erfreute ſich des angeneh⸗ men Eindrucks, den er zum erſten Mal empfing... Dagegen war Herr Bernhard Fuld ihm zwar äu⸗ ßerlich bekannt, doch mußte er ſich erſt allmälig in ihm zurecht finden, denn er war ſo mit Bart überwachſen, daß man keine Phyſiognomie herausbekommen konnte... Er trug ſein Band der„ehrlichen Legion“. Benno fühlte Mitleid mit dem Grafen Hugo, zu deſſen Leben er hier die Reversſeite ſah... Jetzt kam denn auch Harry zurück... Er hatte noch dem Laértes, als er die Rede für Opheliens und ſeines Vaters Tod gehalten, ſtürmiſch applaudiren können, war dann nebenan in die Loge zur„Reſi Kuchelmeiſter“ gegangen und brachte dieſe und auch den Herrn Profeſſor Biancchi mit... Noch erſchien eine andere ältere auch der Muſik an⸗ gehörende Perſönlichkeit, der Profeſſor Dalſchefski, ein Pole... Es gab eben einen Zank, deſſen Urſache Benno, den ſeltſamen Italiener, Bruder der alten Car⸗ bonari Marco und Napoleone fixirend, nicht ſogleich ergründen konnte... Alles das ging bunt durcheinander und noch bunter, als nun auch Leo Zickeles aus einem ſeiner Wohlthätig⸗ 158 keitscomitäs nach Hauſe kam... Die Whiſtpartieen waren zu Ende, die Spieler ſtanden auf und eine Ne⸗ benthür wurde geöffnet, wo compactere Speiſen auf einem Tiſche ſtanden, auf den die Hungernden„wie die Wölfe“ zufuhren... Reſi Kuchelmeiſter brauchte die⸗ ſen Ausdruck... Sie freute ſich Benno wieder her⸗ geſtellt zu ſehen und begrüßte ihn wie einen alten Bekann⸗ ten ſchon— doch zugleich ſcharf ihn etwas muſternd.. Der alte Herr von Zickeles trat vertraulich zu Benno. Nach einigen Ermahnungen, ſich einen Teller zu füllen, nahm er ihn bei Seite und erörterte den Stand der Angelegenheiten des Grafen... Ja, ſagte er, Seine Erlaucht ſind auf dem Schloſſe Salem... Die Frau Gräfin Mutter Erlaucht wer⸗ den von Schloß Weſterhof erwartet... Hat die Com⸗ teſſe Paula von Dorſte⸗Camphauſen eingewilligt?... Benno konnte keine Auskunft geben... Hm! fuhr der alte Herr fort... Sie, Herr Ba⸗ ron, bringen doch vom Herrn Oberprocurator Nück ſchon die Stipulationes der Agnaten. Der Graf ſoll ſie zuvor unterſchreiben... Die Schuldenlaſt iſt ſehr groß und meine Lage nicht darnach, länger Geduld zu haben... Ich würde Salem und Caſtellungo ſubhaſtiren müſſen... Caſtellungo?... Das gehört der Mutter... Schon längſt hat ſie es für den Herrn Sohn ver⸗ pfändet... Ohne den Zwiſchenfall⸗mit Terſchka wä⸗ ren wir ſchon näher am Ziele... Die Urkunde— Allen Reſpect, Herr von Aſſelyn— Ich kenne Ihre 159 Anſichten nicht— aber doch— ſehr eine verdächtige Geſchichte... Herr von Zickeles wollte ſagen: Terſchka hat im Auftrag Roms das Schloß angeſteckt und dann eine falſche Urkunde producirt— Wenigſtens las Benno dieſe Anſicht in den ſcharfen Mienen des Handelsherrn, der keineswegs zu Scherzen geneigt ſchien... Benno antwortete: Terſchka iſt ja Proteſtant— Proteſtant—! lächelte Herr von Zickeles und flüſterte: Die Jeſuiten laſſen ihn auch ſein Pro⸗ feſtant... Mit einem ſo furchtbaren Streiflicht über Terſchka's Flucht und Aufenthalt in London ſtand Benno eine Weile ſich allein überlaſſen... Denn die Töchter umſchmeichelten eben den Vater, fielen ihm um den Hals, liebkoſten ihn— natürlich, um dabei auch den fremden Baron, deſſen begeiſterte Prophetin ſchon lange Angelika Müller geweſen, näher in Augenſchein zu nehmen... Herr von Zickeles ließ ſich Kinn und Wange ſtreicheln, ſagte auch der hinzugekommenen Reſi Kuchelmeiſter viel Ar⸗ tiges, war ganz nur Patriarch und fuhr dann doch, als die Frauen forthüpften, ſtreng wieder fort: Sie werden es auf Salem ſehr öde und einſam finden... Falls Sie bis dahin zurück ſind, ſeien Sie doch den Mittag morgen bei uns zu Tiſch— Und überhaupt— Herr von Aſſelyn, an jedem Tag finden Sie bei uns Ihr Couvert... Wenn die Gräfin zuletzt mit der wirklichen Entſcheidung eintreffen ſollte— Herr von Zickeles konnte nicht weiter reden. 160 Auch Leo Zickeles nicht, der hinzugetreten war und ſich ins Geſchäftliche miſchen wollte— Mein Gott, was iſt! mußten Vater und Sohn zu gleicher Zeit fragen... Jenny weinte laut... Weil Profeſſor Biancchi mit Reſi Kuchelmeiſter„eine Verſchwörung“ gegen ſie ein⸗ geleitet hätte... Eben jetzt erſt hatte ſie erfahren, daß Biancchi heute Dalſchefski's Platz im Burgtheater be⸗ nutzt und die Reſi begleitet hätte... Sie hatte bisher den Grund, warum er heute nicht im„Piraten“ war, vergebens erforſcht... Soviel etwa verſtand Benno von der Urſache des Streits... Der Vater ging beſorgt in das vordere Zimmer... Frau von Zickeles folgte in großer Aufregung... Leo, der älteſte Sohn des Hauſes, der Wohlthätig⸗ keitsſchwärmer, ein ruhiger, kaltprüfender Mann, ſchenkte Benno Wein und ſagte, ohne ſich um den muſikaliſchen Lärm zu kümmern: Ja, Sie werden den Grafen ſehr in Verſtimmung finden! Aber man kann ihm doch nur Glück wünſchen, daß namentlich auch— das Verhältniß aufhört mit die⸗ ſer— Angiolina... So war das vernichtende Wort gefallen.. Angiolina? ſagte der hinzutretende Harry lächelnd und löſte Leo ab, der von ſeinem Schwager, dem Diplo⸗ maten, in Anſpruch genommen wurde... Haben Sie auch ſchon von dem Fräulein Pötzl ge⸗ hört? fragte er und ſah ſich dabei ſchmunzelnd und ſcheu nach Herrn von Pötzl um.. Wie hängt Herr von Pötzl mit— fragte Benno 161 in abgebrochener Rede... dieſer— Dame— zu⸗ ſammen?.. Bei Leibe, flüſterte Harry und drückte ſeine kleinen Augen vollends zu; nur nichts laut davon!... Sie iſt Herrn von Pötzl's Pflegetochter... Er kennt ſie aber ſeit Jahren nicht mehr, will auch nichts mehr von ihr wiſſen... Auch zu uns kam ſie ſonſt... Herr von Terſchka führte ſie auf... Später ging's nicht mehr— des Verhältniſſes mit dem Grafen wegen, der ſie als Kind hatte erziehen laſſen und dann—... Sie wiſſen... Nur die Einzige, die ſie noch zuweilen ſieht, iſt da die Reſi... Das iſt überhaupt ein lieber Narr! ... Reſi's Vater war unſer erſter Buchhalter und hin⸗ terließ ihr ein hübſches Vermögen... Seitdem wohnt ſie mit einer Tante und will ſeit zehn Jahren ſchon zum Theater... Sie weiß aber nicht, daß das mit ihren fünf⸗ undzwanzig Jahren zu ſpät wird... Meine Schweſtern ſind mit ihr auferzogen worden... Sagen Sie ihr aber um Himmels willen nicht, daß Sie der Employe ſind, der die Heirath des Grafen Hugo mit der Gräfin Dorſte, der Geiſterſeherin, arrangiren ſoll... Sie kratzt Ihnen ſonſt die Augen aus, ſo intim war ſie noch vor kurzem mit Angiolina, die wirklich ſonſt eine Pracht von einem Mädchen iſt... Aber hören Sie, wie die Reſi jetzt den Biancchi zurecht ſtutzt... Sie müſſen wiſſen, die Thereſe wohnt in Einem Hauſe mit den beiden Muſikmeiſtern, die zuſammenwohnen, obwol ſie ganz verſchiedene Syſteme haben... Thereſens Lehrer iſt der Dalſchefski, ein Pole, und der iſt für deutſche Muſik; und unſere Jenny, die hat den Biancchi Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 1 11 162 zum Lehrer und der iſt natürlich ein fanatiſcher Ita⸗ liener... Der Pole und der Italiener wohnen, wie geſagt, in einem Quartier... Auf der Current⸗ gaſſe... Und von Haus aus ſind ſie die beſten Freunde ... Im Vertrauen geſagt wegen der Politik... Aber in der Muſik haſſen ſie ſich... Nun können Sie ſich die Eiferſucht der beiden Mädchen denken!... Unſre Jenny weint eben, weil der Biancchi heute mit der Reſi ins Burgtheater gangen iſt, während ſie im Kärthnerthor allein ſaß!... Welche geringfügigen Leiden! dachte Benno... Mehr konnte Harry nicht mittheilen; alles wurde ſtill, weil die beiden Freundinnen allein das Wort führ⸗ ten... Jenny, nicht ſo anmuthig, wie ihre Schweſter Bettina, mit ſchärferer orientaliſcher Zeichnung, voller, drückte ihr Taſchentuch vor die Augen und behauptete, die ganze Vorſtellung des„Piraten“ wäre ihr heute verdorben geweſen durch das vergebliche Warten auf Biancchi... Und dieſer Mann würde inzwiſchen von Thereſen in Beſchlag genommen!... Der Pole Dalſchefski, ein magerer, ſchmächtiger Alter mit grauen Haaren, immer halb lächelnden, halb melancholiſchen Ausdrucks, ſprach in gebrochenem Deutſch: Mein Freund Biancchi— er hat ſehen wollen— die Loge von großem Kanzler— wo ſind geweſen heute die italieniſchen Herrſchaften aus Rom— hab' ich ihm gegeben meine Platz—... Unbeſonnen genug von Ihnen! entgegnete ihrerſeits die Reſi... Der fremde Herr Baron, der durch Zu⸗ 163 fall Zeuge unſrer Leiden geweſen iſt, wird es beſtätigen können, daß der Maeſtro durch ſeine gehäſſigen Be⸗ merkungen uns die ganze Vorſtellung verdorben hat... Wenn Thereſe Kuchelmeiſter laut ſprach, ſchien es, als wäre dies für alle ein Zeichen, zu ſchweigen... Angelika Müller raunte Benno, der an dem Italiener immer mehr Intereſſe nahm, ins Ohr: Das iſt unſre Armgart— ins Wieneriſche überſetzt... Sie iſt natürlich— aber bis zur Grobheit einer Küchen⸗ magd.. Hören Sie nur!... Angelika ſchien vorauszuſetzen, daß es zwiſchen Benno und Armgart immer noch wäre wie ſonft... Unter allgemeinem Lachen ſagte Reſi, indem ſie von ihrem Teller ein Ragout aß: Ueberhaupt dieſe Italiener!... Nein, die liſtige Artigkeit erſt, mit der er in die Loge kam ſtatt des Dalſchefski, bis ſich dann ſeine wahre Natur ent⸗ hüllte... So iſt's auch in unſerm Hauſe... Wann der„Obers“ zum Kaffee den beiden Herren zu ſchlecht iſt— und es iſt ein Leiden mit der Milch in Wien, nicht wahr, Frau von Zickeles?— ſo ſchicken ſie zu mir herunter und meine Tante laßt ſich regelmäßig be⸗ ſtechen, wann ſie gerad' oben eine Sonat' von Beethoven ſpielen hört... Dann, denkt ſie, hat unſer guter Dal⸗ ſchefski da die Oberhand, das arme fromme Lamm das... Alles lachte... Dalſchefski kicherte, als kraute ihm eine ſanfte Hand— das Fell... Mit unerſchütterlicher Ruhe, einer Mumie gleich, verharrte Biancchi unter dem Gelächter und that, als wenn er überhaupt kein Deutſch verſtünde... 11* 164 Dalſchefski ſagte zu Benno, der im Antlitz des Pro⸗ feſſors Aehnlichkeiten mit Napoleone, Marco Biancchi und— Olympien ſuchte... O, ſie iſt ſchlimm!... Jenny Zickeles ſtand ihrem Lehrer als einem willen⸗ loſen Opfer fremder Intriguen bei, brachte ihm von den Speiſen und ſchlug den Flügel auf... 6 Der Schwiegerſohn des Hauſes, Ritter Fuld, ſchien vor dem Moment des Singens ſeiner Schwägerin ein Grauen zu empfinden, retirirte ſich und zog Benno auf ein Kanapee ins Nebenzimmer... Seine Gemahlin kam ab und zu... Sie lachte faſt zu viel—„ihrer ſchönen Zähne wegen“, flüſterte Herr von Pötzl ſchon bei ihrem Eintreten... Jenny, ihre Schweſter, ſang indeſſen eine majeſtä⸗ tiſche Arie von Caraffa... Biancchi ſchlug die Noten uin...*½ Benno betrachtete in den Pauſen, die ihm Ritter Fuld gewährte, den Italiener... Es mußte der„Onkel“ Olympiens ſein... Nur etwas Außerordentliches hatte dieſen Feind der deutſchen Sprache und Kunſt ins Burg⸗ theater ziehen können... Wie ſprach er von dem Kind ſeiner Schweſter Lucretia... War nicht über ſeine todten Mienen ein plötzliches wildes Erzittern ge⸗ 1 kommen?... Die Arie endete natürlich mit großem Applauſe... Auch Reſi und Dalſchefski klaſchten— um alles wieder gut zu machen... Herr von Pötzl war Fanatismo und 1 zog auch Benno in die Wirbel und Strudel ſeiner Be⸗ * N 5 4 165 wunderung, ob er gleich ihm hinterher leiſe ins Ohr ein: Pitoyable! raunte... Jenny ſtand am Piano und hielt die Hand ihres geliebten Maeſtro mit einer Zärtlichkeit, als wollte ſie ſagen: Du mein Licht, meine Sonne, du Urſache meines höhern Seins, du Erkenner und Bildner meiner unver⸗ gleichlichen Stimme!... Signore parla italiano—? fragte ſie, um dem ge⸗ liebten Profeſſor das Geſpräch zu erleichtern... Denn Benno mußte ſich jetzt dem Sonderling nähern, deſſen Empfindungen er vielleicht nur allein hier verſtand... Dieſer blieb ſo kalt wie Eis... Benno fragte ihn in ſeiner Sprache, ob er die italieniſchen Herrſchaften, die ihn heute ins Burgtheater gezogen hätten, ſchon aus Rom gekannt hätte?... Jetzt blitzte über das gelbe Antlitz ein heller Lichtſchein. Nein, mein Herr, erwiderte er trocken. Einmal dieſe Leute geſehen zu haben, iſt ſchon zu viel... Lieben Sie ſo wenig Ihre Landsleute? entgegnete Benno.. Dieſen Principe Rucca?... ſprach Biancchi. Ha⸗ ben Sie das ſchwarze Pflaſter geſehen? Der junge Affe hat ſich wahrſcheinlich den Kopf an einer Fenſterſcheibe zerſtoßen und geht nun mit einem Pflaſter ins Theater, um Oeſterreich glauben zu machen, ein ſolcher Italiener könnte ein Duell gehabt haben.. Benno erzählte die Urſache der Verwundung, nannte die junge Gräfin Maldachini und ſah das Auge des 166 Italieners unter ſeinen ſchwarzen Brauen immer mehr hin⸗ und herzucken... Ja mit Beſtien muß die ſpielen!... ſagte er und ſixirte Benno mistrauiſch, als müßte er Anſtand neh⸗ men, ſich ganz auszuſprechen.. Dalſchefski horchte gleichfalls ſchlau... Beide Männer ſchienen in ihrem innerſten Weſen noch etwas anderes zu ſein, als was ſie hier vorſtellten.. Benno erkannte immer mehr, daß er wirklich Luigi Biancchi, den dritten der römiſchen Flüchtlinge, vor ſich hatte, in deren Familie ſich Hedemann hineinheirathen wollte... Jenny war überglücklich, die neue Bekanntſchaft des Hauſes ſofort mit Biancchi ſo eng verbunden zu ſehen... Wie beide ihr der Hitze wegen in ein Neben⸗ zimmer folgen ſollten, Benno auf eine Beſtätigung des Urſprungs der Gräfin Maldachini gefaßt ſein konnte, unterbrach Reſi, die gefolgt war, die zur nähern Ver⸗ ſtändigung einleitende Frage Benno’'s: Haben Sie nicht Verwandte, die in Frankfurt am Main und London leben?... mit den deutſchen Worten: Der hat gar keine Verwandte! Der iſt in Italien auf einem Holzapfelbaum ganz für ſich allein gewachſen!... Benno hätte wünſchen mögen, die neckiſche Plauder⸗ taſche hielte ſich jetzt entfernt... Er konnte voraus⸗ ſetzen, daß Biancchi ſich in tiefſter Herzensbewegung befand, ſo ruhig auch wieder ſein Aeußeres erſchien... Da er auf die erneute Frage nach dem„Bildhauer“ Biancchi, wie Benno den Gipsfigurenhändler, und nach dem„Maler“, wie er den Reſtaurator nannte, nur ein 167 Kopfſchütteln als Antwort bekam, ließ er Reſi's Spott gelten... Glauben Sie ihm das alles nicht! ſagte dieſe... Die Leute, die Sie da nennen, die ſind allerdings ſämmt⸗ lich ſeine Verwandte!... Oder ſie mögen nicht weit von ſeinem Stamm gefallen ſein... Aber Dalſchefski muß ihnen regelmäßig ſchreiben, daß der Onkel im Spi⸗ tal läge und ſich ſelbſt von milden Gaben anderer Men⸗ ſchen ſein Leben kümmerlich friſte... Ha ragione! ſagte Biancchi ruhig und nahm eine Priſe, die ihm ſein perſönlicher Freund und Stuben⸗ genoſſe, wenn auch muſikaliſcher Gegner und Rival Dal⸗ ſchefski präſentirte... Beſuchen Sie ihn in der Currentgaſſe, Herr Baron, ſagte Reſi... Ein Haus mit drei Höfen, berühmt durch den heiligen Stanislaus nebenan... Jetzt gehört es der Handlung Pelikan& Tuckmandl... Da werden Sie jeden Mittag um zwölf Uhr, Hof Nr. 3, Thür Nr. 17 rechts dieſen von mildthätigen Gaben lebenden italieniſchen Bettler über einer Paſtete von Rebhühnern und dergleichen und dem beſten Wein Deutſchlands finden, eines Landes, das er ſo gründlich verachtet... Unſere Muſik ſchlecht zu machen hat ihm in dieſem charakterloſen Wien ein Vermögen von fünf⸗ zigtauſend Gulden eingebracht... Nachts fürchtet er freilich zur Strafe die deutſchen Diebe— und darin hat er Recht, es wird in Wien fürchterlich geſtohlen— Frau von Zickeles! In der Joſephsſtadt iſt ſchon wieder eingebrochen!— Dann ruft er in ſeiner Angſt dem Dalſchefski und wenn dieſer edle Pole, der die deutſche 168 Muſik trotz der drei Theilungen Polens ehrt, es vor⸗ zieht, um zwölf Uhr Nachts zu ſchlafen, ſo weckt ihn dieſer grauſame Tyrann, macht Licht und ſchmeichelt ihn aus dem Bett heraus mit dem Zugeſtändniß, daß Mo⸗ zart manchmal ein Italiener geweſen wäre... O, wir kennen alle ſeine Verwandte. Eine Frau Ginſeppina Biancchi zieht in Caſtellungo die beſten Seidenwürmer .Graf Salem⸗Camphauſen hat ſich's eine Unterſu⸗ chung koſten laſſen, als er der Angiolina Stunden gab und ihn auch da einmal Terſchka um ſeine Verwandte zur Rede, er ſich aber darüber völlig unwiſſend ſtellte.. Mit größter Ruhe entgegnete der Maeſtro auf dieſe für Benno tief ergreifenden Einzelheiten: Es iſt ja bekannt, daß dieſer Herr Graf von Salem ſeine Finanzen durch allerlei dumme Poſſen ruinirt hat... Da man lachte, ſo brach Reſi in ein parodirendes: Perſidol Grrrrrudele! aus im Ton der italieniſchen Oper, ſprang zum Klavier, variirte noch eine Zeit lang in dieſem Ton heftige Verwünſchungen gegen Biancchi, ging aber allmählich wie von Rührung über die Erwähnung Angio⸗ linens und die wol jetzt in Erfahrung gebrachte Miſſion des fremden jungen Rechtsgelehrten ergriffen, in andere Melodieen über und ſang zuletzt Schubert's„Wanderer“ mit einem erſchütternden Ausdruck der Empfindung.. Benno hatte indeſſen nicht den Muth, weiter zu forſchen... Ueberall ſah er, daß er Anknüpfungen ſeiner Intereſſen, voll äußerſter Verlockung, ſich zu ent⸗ hüllen, fand und immer, immer war dazu der Begleiter der Schmerz... Er hörte die Thurmuhren draußen 169 feierlich in den ſchönen Geſang hineinſchlagen... Es war wie ein Ruf aus dem Jenſeits... Als Reſi zu Ende war, hätte er gehen mögen... Wie disharmoniſch war der ausbrechende Beifall!... Herr von Pötzl raſte und kein vertrauliches: Pitoyable! folgte... Reſi aber würdigte gerade ihn keines Blicks... Es war, als wollte ſie ſagen: Wir haben eine Loge zuſammen— müſſen gemeinſchaftlich unſere kritiſchen Empfindungen im Burgtheater los werden— aber ein Urtheil über ein Lied von Schubert geſtatt' ich dir nicht... Zuletzt gab man noch Benno für ſeinen wiener Aufenthalt allerlei gute Rathſchläge... Bernhard Fuld warnte vor den Fiakern— Herr von Pötzl, ihm leiſe ins Ohr raunend, vor den„Spitzln“— Frau Bettina Fuld mit einer leiſen Anſpielung auf Terſchka, über den ſie mit ihm einiges geſprochen hatte (ſtaunend und lächelnd; ſie lächelte zu Glück und Un⸗ glück), vor den Böhmen— Harry vor den immer ſehr ſchlechten Eckplätzen in den Theatern— ja ſelbſt Per⸗ cival, den der Schlaf übermannte, thaute noch einmal auf und äußerte ſich ganz praktiſch über das Inſtitut der„Hausmeiſter“, das zwar Trinkgelder bedinge, aber den Beſitz eines Hausſchlüſſels überflüſſig mache... Reſi ſagte: Die Hauptſache, Herr Baron, bleibt immer die, daß Sie ſich nicht beſtehlen laſſen! In Wien ſtiehlt alles! Nicht blos die Raizen und Raſtelbinder— das ſind noch die ehrlichſten von allen! Nur draußen in der Vor⸗ ſtadt, aber auch da nur in der alleräußerſten, gibt's noch 170 ein biſſel Ehrlichkeit! Ganz verlaſſen könnens„Ihnen“ blos auf die Ungarn! Sonſt ſtiehlt in Wien alles... Die Raizen ſtehlen weil ſie's brauchen... Die Italiener ſtehlen, weil ſie die Ehrlichkeit für einen Mangel an Geiſt halten... Die Böhmen ſtehlen, weil ſie ſo wiß⸗ begierig ſind... Die Raben entſchuldigen ſich ebenſo ... Die Polen, lieber Dalſchefski, nehmen Sie mir's nicht übel, die ſtehlen auch; ſie haben das Bedürfniß, die Liebe ihrer Herrſchaft in Prügeln bewieſen zu be⸗ kommen... Ja und alle dieſe Motive zum Stehlen laſſen ſich noch hören... Aber die ſchlechteſte Nation, Profeſſor Biancchi, ſind in dieſem Punkt allerdings die Deutſchen! Die ſtehlen aus dem ganz gemeinen Grund, dasjenige, was andern gehört, lieber ſelbſt haben zu wol⸗ len... Ich ſage das in voller Ueberzeugung und nicht blos deswegen, weil der arme Biancchi ſich über das Schubert'ſche Lied ſchon wieder ganz gelb geärgert hat und morgen am End' die Stund' hier abſagen laßt.. In ſolche und ähnliche luſtige Reden hinein wurden die Mäntel, die Shawls und Hüte aufgebunden... Phantaſtiſch aufgeputzt wurde Biancchi von Jenny und Dalſchefski von der Reſi... Große Shawls hüte⸗ ten die geliebten alten Maeſtri vor„Verkühlungen“... Ein charakteriſtiſcher Zug aller gebornen Wiener war, daß ſie nun noch einſtimmig das Klima ihrer herrlichen Stadt verwünſchten... Frau von Zickeles entwickelte ſich jetzt erſt in einer längern Rede... Angelika Müller pries dafür ihr Landhaus in der„Briehl“ ... Sie ſeufzte auf wie eine Märtyrerin, Benno, als 171 ſtünde ſie an der Maximinuskapelle, zuflüſternd: Ich hoffe auf eine ſtille Stunde!... Harry Zickeles ließ ſich nicht nehmen, Benno nach Hauſe zu begleiten... Alles ſchritt hinunter... Man trennte ſtch... Herr von Pötzl benutzte Harry's Holen eines vergeſſe⸗ nen Halsſhawls, um Benno zu ſagen: Der Harry iſt in Wien„Führer“ par excellence Wo wäre ein neu angekommener Name, den er nicht des Morgens auf den Graben ſpazieren geführt und des Abends nach Hauſe begleitet hätte!... Leo hat ſeine Wohlthätigkeitsdiplome, Percival ſeinen„Ahas⸗ ver“, der Harry wird Ihnen noch ſein„Album“ an⸗ bieten... Dieſes ſechs Pfund ſchwere Buch folgt ihm nach Mailand, Paris und London...Was nur Na⸗ men hat in der wiſſenſchaflichen, künſtleriſchen und geſell⸗ ſchaftlichen Welt, hat da mehr oder weniger hineingeſchrie⸗ ben:„Hommage à mon ami Zickeles!“ Er iſt der einzige Menſch, dem ſich Meyerbeer, Thalberg, Lißzt und andere Genien im Nachtkamiſol und in Unter⸗ beinkleidern beim erſten Morgenbeſuch zeigen und—„Ge⸗ nirens Ihnen nicht, Meyerbeer, ziehen Sie ſich ruhig an, Ihr Freund Harry Zickeles raucht die Cigarre!“— O bitt' ſchön, lieber Herr von Zickeles(unterbrach er ſich)— da ſind Sie ja... Ja, Sie Charmante⸗ ſter... Nur keine Verkühlung... Mein Weg iſt in die Joſephſtadt... Herr von Aſſelyn... Hab' mich un⸗ endlich gefreut... Aber ich hab' noch die Ehre—... Auf die ſchärfſte Satyre folgte der gemüthvollſte Händedruck erſt an Harry, dann an Benno, und nun wohnte Herr von Pötzl doch in der Joſephſtadt, wäh⸗ 172 rend ihn ſo lange, als er über Benno noch nicht im Reinen war, ſein Weg auch über die Mölkerbaſtei und auf die Freyung geführt hatte. Harry ergriff Benno's Arm wie den eines alten Bekannten und gab über den ſchnell davon Huſchenden die Erklärung: Herr von Pötzl iſt ſehr ein rangirter Mann— Witwer— ohne Kinder— Die Angiolina war ſeine Pflegetochter— Graf Salem ließ ſie auf ſeine Koſten von ihm erziehen— Sonſt iſt er— urſprünglich, glaub' ich, ein verdorbener Architekt... Er hatte das Geſchäft gepachtet, im Prater die Buden aufſchlagen zu dürfen... Dann baute er ſelbſt Häuſer oder lieh Geld auf andere... Das hat ihn in die Höh' ge⸗ bracht... Als ſeine Frau ſtarb, verließ ihn die Angio⸗ lina und ihm war's ganz recht, denn er hat einen gro⸗ ßen Nagel im Kopf und hieße gar zu gern der„Edle von Krapfingen“, was eine Beſitzung iſt, die ihm gehört. ... Die Leute ſagen— aber ganz unter uns— hier an dem Gebäude(Harry zeigte auf ein düſteres, Benno ſchon bekanntes Haus— die Polizei) kennt der Mann alle Hinter- und Seitenthüren... Nehmens ſich ein biſſel vor ihm in Acht... Wir haben allerhand Spitzln... Bezahlte und unbezahlte... Wenn Sie in der kleinſten Garküche ſpeiſen, ſo weiß man hier in dem Hauſe ſchon Abends, in was für Münze Sie be⸗ zahlt haben... An dem ſtillen Prieſterhauſe, Benno's Wohnung, mußten die lehrreichen Aufklärungen ein Ende nehmen... im nd 173 Ein großer eiſerner Klopfer wurde noch von dem gefälligen Harry angeſchlagen.. Die Thür ging auf... Benno nahm Abſchied und verſprach, wenn er morgen zeitig vom Schloß Salem zurückkehren ſollte, die Einladung zum Mittagstiſch an⸗ zunehmen, ſonſt aber jeden freien Augenblick in dem unterhaltenden, gaſtfreien, ſo zwangloſen Hauſe zuzu⸗ bringen... Nun ſchritt er durch matt erhellte Gänge und kam in ſeine ſtillen Zimmer, wo er ſuchen mußte, nach ſoviel kaum zu Ertragendem, das heute das Geſchick ihm ver⸗ hängte, im Schlummer die Kraft zu gewinnen für ſein ferneres—„Freudvoll und Leidvoll“. Ein ſchöner Spätherbſtmorgen lachte Benno ſchon ſo heiter und ſonnig auf ſeinem Lager an, als wollte der Himmel ſagen: Muth! Muth! Nun nicht gewichen!... Benno frühſtückte auf ſeinem Zimmer mit dem Chor⸗ herrn, der bei ihm anklopfte, und erzählte ſeine ge⸗ ſtrigen Erlebniſſe... Zur Fahrt nach dem Schloſſe Salem beſtellte der freundliche Wirth ſofort einen Einſpänner, der Punkt neun Uhr vor der Pforte des geiſtlichen Hauſes warten ſollte. Abber wie nun um elf? Wie das Rendezvous im Palatinus? fragte er neckend... Benno berichtete noch von der Begegnung im Theater und nannte den Namen der Herzogin von Amarillas, über die der Chorherr nichts Näheres wußte... Sie müſſen Ihrer Eroberung ein Lebenszeichen ge⸗ ben, ſagte er, ſonſt kommt ſie noch hier am Hauſe vor⸗ gefahren ſeine Karte abgeben.. * Benno wollte im Vorüberfahren am„Palatinus“ 175 Dann erzählte er von dem Abend bei den Zickeles und ſchilderte den eigenthümlichen Gegenſatz deſſelben zu der Lage, in der er den Grafen Hugo anzutreffen er⸗ warten durfte.. Auch dieſen Beziehungen, die eine Schilderung der Macht der Börſe veranlaßten, ſtand der Chorherr zu fern... Als Benno andeutete, daß ihm durch alles, was er hier in Wien und Oeſterreich ſähe und höre, doch ein eigenthümlicher Ton der Trauer mitten durch die Freude hindurch zu gehen ſchiene, eine Verſtimmung, ein Man⸗ gel an Selbſtvertrauen und doch auch wieder kein Vertrauen zu andern, eine bald excentriſche Hingebung, bald ein geheimer Krieg aller gegen alle, kurz eine völlig ato— miſtiſche Zerbröckelung dieſes herrlichen großen Ganzen— da ſagte der Cheorherr, aufs äußerſte erregt und vom gemeinſchaftlich genoſſenen Frühſtück aufſtehend: Das eben bricht mir ja das Herz!...— Das erkennen Sie alſo ſchon, daß, wenn auch unſere Macht⸗ haber nichts lieber wünſchen, als die Beſtätigung des Rufes, in dem wir als ein Volk von Phäaken ſtehen, lebend nur dem immerfort ſich drehenden Bratſpieß, doch dieſer Vergnügungstaumel, in den ſich unſere Be⸗ völkerung zu ſtürzen liebt, um ſo herbere Aſchermittwochs⸗ ſtimmungen zurückläßt?... Aus all dieſer Luſtigkeit hör⸗ ten Sie ſchon heraus: Wien iſt krank!... Mein junger Freund, ganz Oeſterreich iſt es... Der Wahrheitstrieb, der tief in dieſem Volk begründet iſt, findet keine Befrie⸗ digung... So verwandelt er ſich in Mistrauen, kühle Prüfung, zuweilen leidenſchaftlich hervorbrechende Be⸗ 176 geiſterung und wieder ebenſo raſch kommende Ironie ſeiner ſelbſt... Die einen macht ein ſolches Weſen ſchlecht, die andern macht es melancholiſch Was ſoll einſt daraus werden!... Die Maſſe iſt gemüthvoll, iſt gerechtigkeitsliebend, aber von einer be⸗ ängſtigenden Unbildung und Maßloſigkeit... Die Vorſtädte werden an ſich noch wie von den An⸗ ſchauungen alter Frauen regiert, die an den Straßen⸗ ecken die Gemüſe verkaufen... Ein Schrecken vor Ko⸗ meten oder vor dem möglicherweiſe alle Tage wieder⸗ kehrenden Türken oder vor dem Staatsbankrott iſt die feſtſtehende Stimmung des allgemeinen Volksgeiſtes... Nun dieſer Drang nach Oeffentlichkeit, nach Auszeichnung ... Alles was in den Polen, Ungarn, Böhmen, Ita⸗ lienern, namentlich aber in der lebendigſten aller Natio⸗ nen, in— dem todten Iſrael lebt, impft ſich unſerm Volk hier auf... Herrlich, wenn das alles einen würdigen Gegenſtand fände... Aber dafür die ſtrengſte Cenſur, die Verfolgung der Meinungen, die Unterdrückung der Lehrfreiheit und— als Erſatz für alles das, was die Oeffentlichkeit entbehren muß, die immer enger und enger ſich ziehende jeſuitiſche Ueber⸗ ſtrickung... Kirche und Schule, Wiſſenſchaft und Kunſt ſollen vom„joſephiniſchen“ Geiſt gereinigt werden. Einſehend, daß es unmöglich, das Licht, das man fürch⸗ tet, in Säcken und dunkeln Kutten aufzufangen, arbeitet man jetzt an einem andern Syſtem der Bekämpfung des Neuen... Man erbaut Gegengebäude... Man hört die Rathſchläge aus dem Al Geſu in Rom... Und dem allem ſtimmt die öffentlich geheuchelte Loyalität ung eerm nen die die für die ber⸗ unſt ürch eitet des hört Und lität 177 gleichſam zu und doch— im tiefſten Grund— iſt's nichts als Lüge—... An der Lüge geht mein herrliches Oeſterreich zu Grunde!... Die magern Hände des Greiſes zitterten... Sie krümmten ſich... Sein Auge war umflort... Er mußte hundert Schritte im Zimmer auf und nieder machen, bis ſich ſein Blut beruhigte... Ein Hausdiener brachte einen Brief, den geſtern Abend ein fremder Herr bei ihm unten geſchrieben, ver⸗ ſiegelt und an Herrn von Aſſelyn adreſſirt hatte... Er war von Schnuphaſe... Benno mochte nicht leſen.. Als ſie beide wieder allein waren, nahm der Chor⸗ herr die Gedankenreihen, die ihn ſo tief erſchütterten, wieder auf... Unſere gegenwärtigen Regenten— ſind gegen die Jeſuiten... Regenten wollen keine Theilung ihrer Herrſchaft... Aber die Strömung iſt zu groß... Sie kommt zu ſtark und von hoch oben... Immer größer wird die Zahl der mittelalterlichen Fanatiker, die mit feierli⸗ cher Salbung das ausführen, was Gentz nur vom Standpunkt der bloßen Staatsraiſon leicht und heiter hinwarf... Damit das germaniſche Element in Deutſch— land nicht ganz an Preußen übergeht, muß der Proteſtan⸗ tismus in ſich ſelbſt verwirrt, verdunkelt und zum Bunds⸗ genoſſen Roms gemacht werden... Alle Richtungen, die im Denken und Empfinden der Zeit irgendeine Verbin⸗ dung mit dem Mittelalter zulaſſen, ſollen von jetzt an nur noch allein gepflegt und ausgezeichnet werden... Ich habe das Gefühl einer bangen Zukunft... Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 12 178 Der ſich natürlich aufdrängende Gedanke an den großen Staatskanzler beſtimmte Benno, den 3 Schnup⸗ haſe's zu erbrechen... Er las: „Hochwohldieſelben nicht zu Hauſe getroffen, zu haben beklage ſchmerzlichſt, bitte inſtändigſt, jedoch Hochdero er⸗ gebenſten Diener in dieſer großen Stadt nicht verlaſſen zu wollen, ſondern, ihm hülfeflehend die Ehre zu geben für übermorgen anberaumter Hoher Audienz bei ſeiner Durchlauchtigſten Staatskanzler Hochdero ergebenſten Diener begleiten zu wollen, da meine Angſt vor den vorhabenden Mittheilungen alles, überſteigt was in ſol⸗ cher Lage jemals, empfunden zu haben entſinnen kann. Adreſſe: Pelikan& Tuckmandl, Currentgaſſe. Hochdero gehorſamſt Schnuphaſe, Stadtrath. In Eile.“ Benno zerriß den Brief, warf ihn in einen Papier⸗ korb und ſchwieg von dem Inhalt.. Feierlich zündete der Chorherr eine Kerze an und ſagte:. Briefe, die man nicht aufbewahren will, muß man verbrennen... Eine lange Pauſe, während der er feierlich die Stück⸗ chen Papier verbrannte... Rauchen Sie eine Cigarre! ſagte er dann mit weicher Stimme... Sie ſind jung! .. Und kommen Sie nicht zu ſpät zurück... Benno drückte dem Gehenden die Hand... Es war ihm bei dem trefflichen Mann ſo wohl, als wäre er beim Onkel in der Dechanei... Auf eine ſeiner Viſitenkarten ſchrieb er in üulieniſcher den up⸗ 179 Sprache:„— bedauert, für heute verhindert zu ſein, perſönlich nach dem Befinden Sr. Hoheit zu fragen“... Es waren dieſe Worte für den Principe Rucca be⸗ ſtimmt... Buchſtaben, die ſich von ſeinem Herzen, von ſeiner Hand langſam losrangen, wie ein Fürſt die Beſtätigung eines Todesurtheils ſchreiben mag... Dann nahm er die ihm von Nück übergebenen Pa⸗ piere, ſchloß ſie in ein größeres Portefeuille, nahm einen warmen Oberrock, verließ ſein Zimmer und beſtieg den kleinen Wagen, der am Hauſe hielt... Am Palaſt des römiſchen Botſchafters fuhr er vor⸗ über, wie vor einem geheimnißvollen Cocon, in den ſich eine Raupe gehüllt hat, die ihm zum bunten Schmetter⸗ ling werden ſollte... Am Palatinus hielt er... Die Vorhänge an den Fenſtern des erſten Stocks hingen noch hernieder... Einen Troß von Menſchen ſah er wieder im Portal ſtehen... Wieder den Mohren des Prinzen Rucca.. Benno übergab aus dem Wagen dem Portier ſeine Karte... Die Hand zuckte. Er erſchien ſich jener Apol⸗ lin, an den Olympia als Kind hinaufſprang, um ihn zu zertrümmern... Eine heiße Glut durchloderte ihn, wenn er dachte: Sie erwartet dich um elf Uhr in den Zimmern ihres Verlobten, findet deine Karte, auch die Mutter nimmt dieſe in die Hand, lieſt deinen Na⸗ men— Ceeccone kommt hinzu— Du wirſt in Kreiſe gezogen, wo die Verführung dich umgaukelt, wo jeder Schritt für dein Herz und dein Urtheil zur Fußangel werden kann!... Wirſt du in ſolcher Lage, mit allen 12* 180 aus ihr entſpringenden Verbindlichkeiten der Verſtellung ausharren können?... Da war es ihm, als riefe es um ihn her: Fliehe! Jetzt! Jetzt! Noch iſt es Zeit!... Das Rößlein ſchwenkte... Munterer ſprang es dahin in eine ruhigere Seitenſtraße... In der Nähe eines ſeltſam gebauten Hauſes, deſſen Fenſter den Schieß⸗ ſcharten von Kaſematten glichen und die doch einem Fran⸗ ciscanerkloſter angehörten, wie der Kutſcher erläuterte, lag ein altes Haus, am Portal mit dem Bild eines Heiligen und einer ewigen Lampe... Er fragte nach der Currentgaſſe... Die lag in einem andern Theil der Stadt... Wie werth war ihm die Erinnerung an die freimüthige, herzige Thereſe... Sie die Freun⸗ din ſeiner verlorenen Schweſter... Gräber! Gräber—! rief es in ſeinem Innern... Warum öffneſt du ſie ... Fliehe! Fliehe! Noch iſt es Zeit! rief es auch hier um ihn her... Durch ein kleines Thor auf das Glacis gekommen, fuhr er am Kloſter der Hospitaliterinnen vorüber, wo er ſchon die Aebtiſſin, Schweſter Scholaſtika, die geborene Tüngel⸗Heide, hätte beſuchen müſſen... Er wid⸗ mete ihr einen Sehnſuchtsgedanken an die ferne Arm⸗ gart... Immer einſamer und einſamer wurden die Straßen ... Zuletzt gab es nur noch alleingelegene Häuſer mit Gärten und Feldern, Fabrikgebäude mit hohen und rauchenden Schornſteinen... Endlich war die Landſtraße erreicht und der ganze Vollgenuß gewährt der ungehindert ſeingeathmeten kräf⸗ tigenden Herbſtluft... lung fe es .. g es Nähe hief⸗ Fran⸗ terte, eines 181 Benno ſaß im warmen Oberrock bei offenem Ver⸗ deck... Bald bog der Wagen von der Hauptlandſtraße ab ... Kleine Ortſchaften, in denen gerade Markt gehalten wurde, boten den bunteſten Anblick... Der Himmel blieb ſonnig und dunkelblau; nur an den Rändern des Horizonts, den die ſanften Bergeshöhen abgrenzten, ſchimmerten die bunten Irisfarben des Herbſtes, roſa, gelb und violett... Der Kutſcher ſah Benno's Wohlgefallen an der ſchö⸗ nen Umgebung und rieth ihm zuweilen, zu Fuß einen kürzern Weg durch eine Waldpartie zu nehmen, während er die ſich windende Landſtraße weiter fuhr... Aber durch die Eichen⸗ und Buchenhaine war vor ſchon gefal⸗ lenem Laub nicht hindurchzukommen... Nur die grü⸗ nen Tannenbeſtände ließen hier und da den Rath befol⸗ gen... An manchen Durchblicken ſah Benno weiß⸗ ſchimmernde Klöſter und Schlöſſer... Der Blick rings⸗ um öffnete bald dieſe, bald jene Fernſicht, bald zu einem ſchroffen Aufgang zu höhern Felsgeſteinen, bald zur weiten, vom Pflug wieder neugeackerten, dunkelſchwarzen Ebene... Bonaventura— Armgart— Paula ſchrit⸗ ten immer im Geiſte mit ihm... Endlich wurden die Ausſichten begrenzter... Die Hügelreihen zogen ſich enger zuſammen... Der Kutſcher deutete auf den Ausgang eines waldbewachſenen Grun⸗ des als den Anfang des zum Schloß Salem gehörenden Parks... Nach einer längern Fahrt zwiſchen rings ſich thürmenden, noch epheu- und moosbewachſenen, von kleinen behenden Cascaden überrieſelten Felſen ſah man 182 den Weg ſich öffnen und an der Abdachung der ſich in eine neue große Ebene niederſenkenden Berglehnen eine hellſchimmernde, in neuerm Geſchmack angelegte Beſitzung, der man in der Ferne noch nicht anmerkte, wie ſie aus einem alten Renaiſſanceſchloß entſtanden war.. Alte Thürme waren da im engliſchen Caſtellſtil neu ergänzt... Balcone, Erker, gewölbte, mit Epheu und wildem Wein umzogene Fenſter ließen ſich ſchon aus der Ferne erken⸗ nen... Eine Altane bot ohne Zweifel den Blick in die weiteſte Ferne bis zur Donau... Offene Galerieen, ſonſt wol mit Blumen beſetzt, zogen ſich um die Eck⸗ thürme hin... In nächſter Nähe gewann jetzt alles ein gepflegteres Ausſehen... Faſt unmerklich verlor ſich die Straße in einen Park voll kleiner Pavillons, Tempel, Ruhebänken neben ſtürzenden Waſſern; da und dort zeigte ſich wieder eine freie, noch ſmaragdgrüne Waldſtelle, auf der man hätte Rehe ſuchen mögen... Schon fuhr der kleine Wagen in den gekieſelten Gleiſen der Parkwege... Die Fußwege nebenan waren ſauber geharkt... Sie ſchlängelten ſich terraſſenhaft niederwärts bis zum Schloſſe, das bei größerer Annähe⸗ rung ſich immer ſtattlicher entfaltete und nun auch ſeine Nebengebäude, einen großen geräumigen Hof zeigte, den ein eiſernes Gitter und in deſſen Mitte ein hohes, mit dem Camphauſen'ſchen Wappen geſchmücktes Portal vom Park trennte, während der Fahrweg am Portal vorüber weiter ging und auf einer andern Seite wieder auf die allgemeine Landſtraße zurückführte.. So in der Nähe nun zu ſein von all dem ſeither erzählten, vorgeſtellten, gefürchteten Leben einer fremden hochwichtigen Exiſtenz mit all ihren eigenbedingten La⸗ gen, ihren eigengeſchaffenen und wieder für andere maß⸗ gebenden Zuſtänden— gewährte ſchon an ſich eine er⸗ greifende Stimmung... Wie viel mehr noch das Ge⸗ fühl: Hier weilt dir eine Schweſter, die du nie geſehen, vielleicht nie anerkennen wirſt!... Hat Terſchka wirk⸗ lich Wort gehalten und geſchwiegen?... Unwillkürlich kam ihm die Erinnerung an den Park des Vaters auf Schloß Neuhof... Dann raffte er ſich auf— und doch ſuchte er wieder durch die laublofen Bäume hindurch nur ein abgeſondertes Gebäude, das Caſino genannt, in wel⸗ chem, wie er ſchon in Kocher vom Onkel Dechanten ge⸗ hört, ſeine Schweſter für ſich allein wohnen ſollte... Er ſagte ſich: Du biſt ganz wie Bonaventura mit den Bürden ſeiner Beichten!... Wenn du deine Schweſter ſäheſt— würdeſt du kalt und fremd erſcheinen müſſen ... Auch daß der Graf vielleicht das Opfer eines Be⸗ trugs durch eine falſche Urkunde iſt, darf kein Gedanke ſein, der dich irgendwie hier anwandelt... Im grasbewachſenen, gepflaſterten Schloßhof war es, wie noch zur Mehrung ſeiner märchenhaft träume⸗ riſchen Stimmung, menſchenleer... Nur ein einziges Roß ſah er, das geſattelt an einen eiſernen Candelaber gebunden ſtand, deren vier eine Rampe ſchmückten, die die große Auffahrt bildete... Zu dieſem trat durch die Thür eines Seitengebäudes, die zum Stalle zu führen ſchien, eben in ſorgloſer Hal⸗ tung ein Reitknecht, den ſelbſt die Ankunft des Einſpän⸗ ners nicht ſtörte. 184 Inzwiſchen war Benno dicht an die Rampe gefah⸗ ren...— Jetzt ſah er erſt, der Sattel des Pferdes war ein Damenſattel... Ohne Zweifel war er für ſeine Schweſter beſtimmt... Nun mit dem beklommenſten Herzen, jeden Augenblick gewärtig, ihr als Bote ihres Sturzes oder wenigſtens ihrer künftigen äußerlichen Verleugnung zu begegnen, ſah er dem Reitknecht zu, der den Sattel feſter ſchnürte und, während der Kutſcher ſchon ſein Roß ausſchirrte, auf einen Diener deutete, der aus der hohen Glasthür, die von der Rampe zum Schloß führte, mit eilendem Schritt heraustrat... Auch dieſer ging wie der Reitknecht in den„altfrän⸗ kiſchen“ Dorſte'ſchen Farben— grün und gelb, doch in geſchmackvollerer Vertheilung als in Weſterhof... Die Halbröcke von mattgelbem Tuch, kleine Verzierungen daran grün... Eine weiße Weſte, kurze ſchwarze Bein⸗ kleider und Strümpfe ſtimmten zu den artigen Ma⸗ nieren des von der Rampe Herabkommenden, der ein Kammerdiener zu ſein ſchien... Offenbar war der Mann in großer Verlegenheit... Er wußte, daß Benno erwartet wurde und entſchul⸗ digte den Grafen, der noch eine Abhaltung hätte.. Dann nahm er mit freundlicher Geſchäftigkeit das große Portefeuille Benno's entgegen und lud den Gaſt ein, ſich's ſo lange in einem Zimmer bequem zu machen, das er ihm anweiſen wollte... Alle dieſe Worte hörte Benno kaum; denn an einem der hohen Fenſter des obern Stockes, hinter den blut⸗ ul⸗ 185 rothen wilden Weinblättern, die noch nicht ganz von ihrer üppigen Ausbreitung welk herniedergefallen waren, lüftete ſich eben eine weiße Gardine und ein Frauenkopf ſah heraus... Nur ein Moment war's... Sggleich fiel die Gardine wieder zu... Es war ein Kopf, ähnlich dem Lucindens Jugendlicher, von einem Ausdruck der äußerſten Angſt entſtellt— ihm ähnlich... Er konnte annehmen, der Graf befand ſich in einem Téte à⸗Tete der größten Aufregung... Benno, mit dem Gefühl, jedes Auge, das hier auf ihn falle, müßte ihn anſtarren um ſeiner Aehnlichkeit mit Angiolina willen, folgte mit kaum ſich aufrecht hal— tender Betäubung dem Diener, deſſen ganzes Benehmen die Furcht ausdrückte, es könnte der junge ſehnſüchtig erwartete Rechtsgelehrte der Schallweite der obern Zim⸗ mer zu nahe kommen... Von einem runden Ein⸗ gangsveſtibül führte er ihn ſogleich in die entgegenge⸗ ſetzte Richtung, ja ſchloß Fenſter und Thüren, die er offen fand, als könnte noch ein anderer Schall herein⸗ dringen, als der der Geſpräche des Kutſchers mit dem Reitknecht und das Unterbringen ſeines Gefährtes im gräflichen Stall... Endlich kamen ſie in Zimmer, die des Grafen Wohn⸗ zimmer ſelbſt ſchienen und nach dem Garten hinaus gin⸗ gen... Dieſer war nur ein im Charakter etwas ver⸗ änderter Theil des Parks... Die Fahrſtraße umſchlän⸗ gelte das Schloß und lag, kaum hundert Schritte weiter, wiederum dem Blicke offen... Die Zimmer, die ſie durchſchritten, gingen bis in den alten Bau hinein, einen 186 Thurm, von dem eine noch von welken Blumen um⸗ rankte Wendeltreppe in den Garten führte... Das Zimmer, in dem ſich der Diener endlich em⸗ pfahl, war düſter, ſonſt höchſt traulich... Von oben her beſchattete es das Dach der großen Altane des er⸗ ſten Stocks, die man in der Ferne geſehen hatte, auch eine Fülle von Epheu, der von außen faſt in das Zim⸗ mer hereinwuchs.. Es liegt ein eigener Reiz in dem Betreten eines zum ganzen und vollen Ausleben eines fremden Ichs be⸗ ſtimmten Zimmers... Offenbar hatte der Graf ſein Aus⸗ bleiben dadurch mildern wollen, daß er Benno ſogleich in die Räume führen ließ, die er ſelbſt bewohnte... Der Duft der beſten Cigarren kam wie aus eben erſt ver⸗ ronnenen blauen Wölkchen... In der Mitte des Zim⸗ mers lag auf einem großen runden, zierlich ausgelegten Nußbaumtiſch eine Auswahl von bunten türkiſchen und ungariſchen Pfeifen... Cigarrenkiſten aus der Havan⸗ nah waren noch nicht lange geöffnet... Gelber türki⸗ ſcher Taback lag in einer antiken Schale von Metall . Das ſich dem mittelalterlichen Geſchmack nähernde Zimmer war hochgewölbt... An den Wänden hingen türkiſche Waffen, Roßſchweife ſogar, Gemshörner, Al⸗ penhüte, geſchmückt mit Gemsbärten... Dunkelbraune Schränke, gothiſch geformt, ſtanden theilweiſe offen und zeigten goldenen und ſilbernen Militärſchmuck, Säbel, Piſtolen, Jagdflinten... An den Fenſtern waren Glasmalereien angebracht; der Fußboden, am Schreib⸗ tiſch mit einer großen Tigerdecke belegt, war parkettirt „in ſchönen ſymmetriſchen Figuren... Neben dem mo⸗ um⸗ em⸗ oben 8 er⸗ auch Zim⸗ eines s be⸗ Aus⸗ ch in Der ver⸗ Zim⸗ egten und awan⸗ türki⸗ ſetall ernde ingen „Ar⸗ raune und jäbel, daren reib⸗ fettir 187 dernen und gußeiſernen Ofen ſtand ein vollſtändiger Rit⸗ terharniſch von blankpolirtem Stahl... Auf einer hängenden Etagere blinkten Trinkkannen, Krüge mit ein⸗ gebrannten Sinnſprüchen, Becher aus Horn mit ſilber⸗ nen Griffen... Der Schreibtiſch ſtand frei, wohlge⸗ ordnet und bedeckt mit bunterlei Nippſachen... Federn lagen, noch glänzend von friſchgetrockneter Tinte, auf grü⸗ nem querübergeſpannten Tuche... Hinter dem Schreib⸗ tiſch ſtanden in einem dunkeln Winkel zu Fuß eines Por⸗ träts, das einen General und ohne Zweifel den durch einen Pferdeſturz verunglückten Vater des Grafen dar⸗ ſtellte, Hellebarden, Streitkolben, Morgenſterne... Ein kleiner Schrank enthielt eine Bibliothek von ſchöngebun⸗ denen Büchern, militäriſchen und landwirthſchaftlichen Inhalts.. Eine altmodiſche Wanduhr mit hörbarem Pendelſchlag ſchien der Pulsſchlag des ſtillen und doch ſo lebendigen Zimmers zu ſein... Hier hatte Terſchka gewaltet... Hier Angiolina... Benno's Blick fiel auf eine Conſole zwiſchen den beiden Fenſtern, wo im Dunkeln eine Alpenzither lag und auf ihr— ein weiblicher Strohhut... Schon eine Viertelſtunde mochte vergangen ſein, da kam der Kammerdiener zurück und entſchuldigte den Grafen aufs neue... Er wäre zwar im Schloſſe, bäte aber den Herrn Baron aufs inſtändigſte, ihm wegen ſei⸗ nes Ausbleibens nicht zu zürnen... Benno ſah aus den Zügen des Alten, welche Probe ſein Herr zu beſtehen hatte... Er las einen Kampf der Liebe und Leidenſchaft aus ihnen... Er las aus ihnen Schmerz, Verzweiflung, Drohungen... Er mußte 188 krampfhaft ſeinen Hut feſthalten, um nicht das Zittern ſeiner Hände zu verrathen... Der Diener wollte, da Benno eine Erfriſchung zu nehmen ablehnte, wenigſtens zu ſeiner Unterhaltung plau⸗ dern... Er rückte einen beweglichen Lehnſtuhl dem Fenſter näher, um Benno die Ausſicht zu deuten.. Er nannte die Klöſter, die Kirchen, die Dörfer, beſchrieb den Lauf der Donau, die wie ein Flechtwerk ſilberner Bänder in dem faſt überall neugepflügten dunkelſchwar⸗ zen Erdreich glänzte... Leiſe nahm er dabei den Stroh⸗ hut von der Zither, wollte ihn verſtecken, beſann ſich aber, daß gerade dies Wegnehmen erſt recht darauf auf⸗ merkſam machte und legte ihn wieder leiſe auf die Sai⸗ ten, die nun— wie Geiſteraccorde anklangen... Laß mich weinen, laß mich klagen! Frage nicht, warum ich's muß! Iſt es nicht der Götter Schluß: Leben ſteigt aus Sarkophagen Seit des Lebens erſten Tagen! So klang es in einem Liede Bonaventura's, das wehmuthsvoll in Benno nachtönte.: Jetzt horchte der Diener auf... Er ſchien etwas zu hören, was Benno entging... Beſorgt begab er ſich in die offenen Vorzimmer und zog die Thüren, die vorher offen geſtanden, ſorgſam hinter ſich zu.. Benno war keine ſentimentale Natur... Die Jronie pflegte die Regungen ſeines Herzens hinwegzutändeln ... Hier aber kam ihm nichts mehr vom Humor zu Hülfe... Er fühlte die Rechte des Menſchenherzens in dem Leid ſeiner Schweſter— mit Titanenkraft ttern zu lau⸗ dem prieb rner var⸗ roh ſch auf⸗ Sai⸗ 189 ... Armes Kind!... Aber— auch du— arme Paula!... Benno nahm ſelbſt den Hut von der Zither.. Schwarze Sammetbänder glitten über ſeine zitternden Hände... Auf der Spitze des Huts waren fünf Sternchen von ſchwarzem Sammet befeſtigt... Noch duftete der Hut von Angiolinens Haar... Da hörte er Thüren ſchlagen... Er legte den Hut auf die Zither zurück... Es war ihm, als müßte Angiolina geſtürmt kommen und ſelbſt ihren Hut holen... Ein Gefühl, ſie zurückzuhalten und ſie, die eben alles verlor, mit dem Schweſternamen zu begrüßen, über⸗ wältigte ihn einen Augenblick... Wer denkt ſich nicht zuweilen eine That des Heroismus, die, im Urrecht des Genius begründet, alle Schranken der Rückſicht durch⸗ bricht, eine That, die die ordnende Weltſeele ebenſo gut wie jede andere wieder mit dem Hergebrachten würde zu vermitteln wiſſen!... Schon mußte er ſich halten — wie jemand, der zu dicht an einen ungeahnten Ab⸗ grund gerathen und ſtatt zu fallen, mit muthigem Ent⸗ ſchluß den furchtbaren Sprung lieber ſelbſt wagt... Da hört er vom Garten her den Hufſchlag eines Roſſes... Im regen⸗ und nebelfeuchten Kieſe der gleichmäßige Schritt eines Galoppirenden... Jetzt ſchwenkte das Roß... Es war das von vorhin im Schloßhofe... Es ſchwenkte vom alten Ge⸗ mäuer zur Rechten her und dahin über die ſich ab⸗ dachende Straße quer am Schloſſe vorüber... 190 Darauf eine Reiterin... Nur Angiolina konnte es ſein... Im dunkelwallenden Kleid ſaß ſie hoch im Sattel... Ja als ſie an der Front der Schloßfenſter vorüber mußte, ſchien ſie aus dem Sattel ſich zu erheben und ſank wieder zurück... Ein Hut mit blauem Schleier ſchlug hinten über und fiel ihr in den Nacken... Ein ſchöner Kopf, todtenbleich, mit dunkelſchwarzem Haar und lichtverklärt vom durchſichtigen Aether ſich ab⸗ zeichnend... Das Roß wie im Fluge... Die linke Hand hielt die Zügel, die rechte riß den Hut ganz vom Haupte... Nun ragte die Geſtalt ſchlank und luftig ſchwebend... Die Hüfte zum Umſpannen... Benno ſuchte das Auge ... Das ſchien ſie zuzudrücken... Es war, als wollte ſie nichts mehr von dieſer Welt erkennen... Immer weiter und weiter ſchlängelten ſich die Windungen des Weges. Das Roß ſchwenkte... Sie ſelbſt ſchien wie von einer Schaukel gehoben... Nun verlor ſie ſich hinter den Büſchen... Wieder tauchte ſie auf... Ein Bangen ergriff Benno bei dem immer mehr ſich verlie⸗ renden, in den Büſchen bald offenen, bald von ihnen gedeckten Anblick... Wo raſte ſie ſo hin?... Oder— Wie iſt das?... Kehrt ſie zurück?... Iſt ſie nicht ſchon wieder in der Nähe?... Nein... Neuer Roſſeshuf erklingt... Der Reiter ſind aber mehrere. Auch ſie biegen von der Rechten her ums Schloß ... Eine Cavalcade iſt's von mehreren Herren... Eine Dame unter ihnen... Olympia!... Dieſelben 191 Begleiter, wie geſtern... Dieſelbe kleine Geſtalt über und über heute in hellblauem Sammet... Gelbe Seide die Verzierungen... Ein ſchwarzer Chapeau-Mousque- kaire im grellſten Geſchmack des Südens mit Goldtreſſen geſchmückt... Phantaſtiſcher Carnevalsanblick!... Auch ſie jagt dahin und erhebt ſich ebenſo beim Blick auf das Schloß... Sie erkennt Benno... Das Roß ſchwenkt ... Wild ſtieben die Reiter um ſie her... Eine neue Schwenkung... Jetzt iſt Olympia eingeſchloſſen von ihren Begleitern und auch ſie verſchwindet... Benno ſtand beſinnungslos... Er ſah die Wirkung — ſeiner Karte. Ohne Zweifel hatte man ſeine Wohnung erfragt, ſeinen Ausflug erfahren, die Rich⸗ tung erkundſchaftet und war ihm gefolgt... Wieder die Statue des Apollin— von einem Panther umkrallt! So wirkte ihm dieſe Erfahrung... So wild ſich geliebt zu ſehen— muß ja den Tod verſüßen... Da gingen die Thüren und der Diener kam eilends zu dem Beſinnungsloſen. Eben kommen Seine Erlaucht! ſagte er 3 Seine Worte erklangen wie der Ton der Erlöſung und glücklichen Hoffnung... Die Erſcheinung, daß Herrſchaften von Wien her oder der Umgegend die Durchfahrt durch den Park und an Schloß Salem vorüber benutzten, ſchien eine häufig vorkommende zu ſein... Der Diener achtete nicht dar⸗ auf.. Schon im Vorzimmer ſprach eine hellkräftige Stimme mit jener Faſſung, die der Weltbildung geläufig iſt, eine Entſchuldigung für das lange Ausbleiben. 192 Graf Hugo trat ein. Eine ſchöne männliche Erſcheinung... Am Ende der Dreißiger... Hochgewachſen wie ſeine Mutter Erdmuthe... Das Haar braun, lockig; hie und da dünn an der Stirn und den Schläfen; Lippen und Kinn trugen den Bart deſto voller... Die Augen blau... Der erſte Eindruck vor den Bewegungen der Höflichkeit und einer nur mühſam verborgenen Erregung unbeſtimmt und faſt zu lebhaft... Der Graf trug ein kurzes, militäriſches, weißes Hauscollet mit einer leich⸗ ten Paspoilirung von Roſaſchnüren an der Bruſt, an den Achſeln und Aermeln; lange eng anliegende blaue Beinkleider, unten mit einem Beſatz von glänzend lakir⸗ tem ſchwarzem Leder, das gegen Hausſtiefel von bunter ruſſiſcher Lederſtickerei grell abſtach... In einer Sprechweiſe wieneriſchen Tonfalls entſchul⸗ digte er ſich, daß ihn Geſchäfte abgehalten hätten, ſich in eine vollſtändigere Toilette zu werfen. Alles das kam, als hätte er eben nur eine Abhaltung gehabt in ſeinen Ställen oder ſonſt bei einem Lieblings⸗ geſchäft, das abgewartet werden mußte... Der Uebergang zum Rauchen, das Nöthigen auf ein dunkel geſtelltes, ganz in der Ecke hinter dem Schreib⸗ tiſch befindliches Kanapee, alles war ſo leicht, ſo im Ton der harmloſeſten Zuvorkommenheit, daß jeder andere nicht gemerkt haben würde, wie die Art, mit der er in die Kiſſen zurückſank und wie von ſeinen Wangen die leichte Röthe der erſten Begrüßung verſchwand, doch die äußerſte Erſchöpfung nach einer aufregenden Scene ausdrückte... Im forſchenden Blick auf Benno der 193 völligſte Ausdruck der Unbefangenheit über deſſen Bezie⸗ hung zu Angiolina... Und kein Stutzen etwa über irgendeine Aehnlichkeit... Ungeordnet, abgeriſſen war alles, was der Graf von Benno's Aufträgen ſprach.. Dieſer ſammelte ſich ſelbſt erſt durch das Aufſchlie⸗ ßen ſeines Portefeuille... Die Eindrücke ſtürmten zu mächtig auf ihn ein... Die Verlegenheit des Grafen wurde von der ſeinigen übertroffen... Herr Graf, begann er allmälig, da ich die Ehre habe— Frau Gräfin Mutter zu kennen und— den Be⸗ wohnern von Schloß Weſterhof durch lange Jahre nahe ſtehe, ſo hab' ich— bei Veranlaſſung einer Reiſe nach dem Süden, gern die Aufträge übernommen, die mir Herr— Dominicus Nück gegeben... Ich ſoll Ihnen — vorlegen, was die Agnaten der Dorſtes, die Land⸗ ſchaft, die witoborner Curie zuvor geſichert wünſchen müſſen, ehe die Vermählung zwiſchen Ihnen und— Comteſſe— Paula zu Stande kommt— worüber Sie wahrſcheinlich ſchon die directe Entſcheidung durch Ihre Frau Mutter erhalten haben... Kein Wort—! ſagte Graf Hugo, immer noch wie ſcherzend... Er verſuchte, eine Cigarre anzündend, den Ton der Leichtigkeit beizubehalten... Kein Wort, wie⸗ derholte er, das entſcheidend wäre— Die Mutter kommt in dieſen Tagen zurück— Sie kann ſchon heute da ſein— Da werden wir ja— hören... Ich zweifle nicht, daß ſie die Nachricht von Comteſſe Paula's Einwilligung bringen wird— Ich wünſche 13 Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 194 Ihnen Glück zur Verbindung mit einem der edelſten Weſen der Welt... Graf Hugo ſchwieg... Die Cigarre, die nicht brennen wollte, fortlegend, ſagte er: Sie bringt mir ein großes Opfer Es währte eine Weile, bis er, während er die Hand aufſtützte, fortfuhr: Ich bin beſchämt davon... Herr von Aſſelyn, das ſind ſehr traurige Nothwendigkeiten... Sie werden ja unterrichtet ſein— wie— alles das ſchon ſeit Jahren— Mit dieſem Worte ſtockte ſeine Rede. Benno ſah, wie ſich die hochgewölbte, männlichſtarke Bruſt hob und ſenkte.. Man ſollte— ſagte der Graf, wieder nach einem möglichſt heitern Tone ringend— man ſollte eigentlich niemals großmüthig ſein... Es war ſeit Jahrzehnden in unſerer Familie die ſtehende Redensart: Allerdings wenn die Urkunde ſich fände—!... Nun iſt ſie da und alle unſere Bravaden werden beim Wort genom⸗ men... Soll ich wieder aufs neue proceſſiren?. Soll ich die Urkunde angreifen?... Soll ich die Ver⸗ bindlichkeit als eine gefälſchte leugnen?... Ihr Staat dul⸗ det bei Teſtamenten keine Religionsverbindlichkeiten.. Das weiß ich vollkommen... Ich würde ſelbſt einem Gegner, wie Nück gegenüber, gewinnen..Aber erſt nach zehn Jahren... Dieſe Zuſtände einer Proceß⸗ führung ſind nicht mehr zu ertragen Als Benno zuſtimmend ſchwieg, fuhr der Graf fort: ten 195 Die Leute ſagen, die Urkunde wäre ein Extraſtück Terſchka's, befohlen aus Rom... Aufrichtig, ich glaube das nicht... Der arme Schelm hat uns alle betrügen müſſen... Das iſt wahr... Aber hierin iſt er un⸗ ſchuldig... Meine Mutter hat ernſte Scenen mit ihm gehabt... Ich will hoffen, daß ihm England den „neuen Menſchen“ anzieht, der, wie Sie wol wiſſen, zur Garderobe meiner guten Mutter gehört... Die Arme!... Ihr Eifer, ihre Bemühung rühren mich Ich will alles thun, was Mama auf ihre alten Tage Beruhigung gewährt... Benno breitete die Papiere aus und horchte den Worten, die nicht herzlos klangen, horchte um Terſch⸗ ka's willen, dem das Zugeſtändniß der Verſchwiegenheit und einer wirklich geübten Discretion machen zu müſſen, ihn faſt ſchmerzte... Meine Religion iſt in dieſem Land ſehr ſchwer ge⸗ ſtellt, fuhr der Graf in den Papieren blätternd fort, .Ich fürchte, Gräfin Paula wird darin am meiſten Anſtoß bei mir nehmen... Zumal bei ihrer übergeiſtig⸗ ten Richtung Ich hoffe, Ihre Papiere enthalten nichts von einer Bedingung, mir erſt durch eine Con⸗ verſion die Gemeeinſchaft auch des Himmels mit ihr ſichern zu ſollen?... Benno beſtätigte dieſe Vorausſetzung und berichtete, daß die Vorbehalte lediglich auf Beſitzfragen gingen... Der Graf erklärte, alles das, was er da fände, ſchon mit wiener Advocaten beſprochen zu haben und ſagte, die Papiere zurücklegend: Am liebſten fänd' ich in dieſen Papieren ein Bild 13* 196 der Gräfin... Wie iſt es jetzt mit ihrer Krankheit? Meine Mutter ſchreibt nichts darüber... Wahrlich, ich geſtehe, ich würde verzweifeln, wenn ſich alle dieſe Dinge hier ſo fortſetzten, wie in Weſterhof... Man ſagt, die Ehe hebt einen ſolchen Zuſtand... entgegnete Benno... Graf Hugo erhob ſich, ſah zum Fenſter hinaus und ſprach mit einer Schüchternheit, die Benno an einem Mann, der die Geſetze des Lebens ſo leicht zu nehmen ſchien, kaum erwartet hatte: Die Ehe! Eine Ehe, wie ſie eben in unſern Stan⸗ desverhältniſſen ſo oft geſchloſſen wird—! Udd ich ſoll dann nach Weſterhof kommen... Ich bin es kaum im Stande—... So— fürcht ich mich... Benno ehrte dieſe Ausbrüche des ringenden Ehrgei⸗ zes durch Schweigen... Ich weiß es ſehr wohl, fuhr der Graf fort, wir Männer bringen mit unſerm Herzen viel zu Stande... Wir können aus unſerer Liebe nicht das nur einmal vorhandene Kleinod machen, das eben die Frauen darin ſehen wollen... Nach dieſen mit einem leichten Seufzer und einem ſchärfern Fixiren Benno's begleiteten Worten verlor ſich der Blick des Grafen wie innenwärts... Er ſtand am Fenſter, ſtrich ſich ſein Haar, ergriff mechaniſch von der Conſole ein kleines Fernrohr, wie Offiziere beim Feld⸗ dienſt führen, und ſah weithin in die Ebene... Es wa⸗ ren Bewegungen, die der Zerſtreuung angehörten. Benno lenkte zu den Papieren zurück, die er in der Hand behalten hatte... ſie ni nkheit? ahrlich, e dieſe nd... us und einem nehmen n Stan⸗ Und ich es kaum Ehrgei⸗ rt, wit ande.. reinmal en darin nd einem ebr ſt Er ſtald niſch von ein Feld Es wa den.. er in del 1p 197 Plötzlich blickte der Graf ſtarr durch ſein Perſpectiv, das er zu verlängern anfing... Einzelheiten deſſen, was den Grafen beim Sehen in die Ferne zu intereſſiren ſchien, konnte Benno bei der ohne Zweifel großen Entfernung nicht unterſcheiden, aber die Gruppen der Reitenden waren es gewiß... Der Graf erblaßte, reichte Benno das Glas und ſagte: Was ſehen Sie, Baron?... Benno ſah zwei Reiterinnen, Angiolina und Olym⸗ pia, im Wettlauf... Die Offtziere ſchienen beide um⸗ ringt zu haben... Nach der ſelbſt bei der großen Ent⸗ fernung erſichtlichen Schnelle mußte es wie im Sturm dahingehen... Wer ſind denn dieſe Unverſchämten! rief der Graf mit ausbrechendem Zorn, ſah ſich nach dem Klingelzug um, nahm ſchnell wieder das Glas zurück und ſtarrte hinaus... Sie umringen ſie ja mit Gewalt! ſprach er mit er— ſtickter Stimme... Sie will von ihnen los... Benno nannte den Namen der Italienerin... Offiziere der italieniſchen Garde!... ſetzte der Graf hinzu... Graf Zerbelloni ſcheint's... Mar— cheſe Melzi... Zornfunkelnd ſprühte des Grafen Auge... Er ſah ſich um, wie nach Waffen. Dann bekämpfte er ſich und trat vom Fenſter zurück ... Der Wald unten verbirgt ſie... ſagte er... Benno ergriff noch einmal das Glas.. Man ſah nichts mehr... 198 Ich kann mich auch geirrt haben... ſprach jetzt der Graf erſchöpft und glaubte den Beruhigungen, die Benno gab... Nach einer Weile, in der Benno die wildeſten Kämpfe des eigenen Herzens zu beſtehen hatte, brach der Graf, anfangs mit nur leiſer, allmälig aber lauter, weicher und wohlklingender Stimme, in die Worte aus: O mein beſter Herr von Aſſelyn!... Was iſt das doch für ein Menſchenleben!... Terſchka's Maxime, wenn der arme Teufel ſich zuweilen ſo ängſtlich umſah— ich habe für Terſchka Mitleid— war die: Wir können zu jeder Stunde annehmen, daß alles, was wir unſer tiefſtes Geheimniß glauben, jedermann bekannt iſt... Lieben Sie a la Egmont ein Mädchen in der Vorſtadt und glauben noch ſo unbemerkt zu ſein, wenn Sie zu ihr gehen— man hat Sie doch geſehen... So will ich auch gar keinen Anſtand nehmen Ihnen zu beſtätigen, was Sie ohne Zweifel ſelbſt ſchon beobachteten, daß ich ſoeben die furchtbarſte Scene meines Lebens durchgemacht habe!.... Ayez pitié de moi... Vous en dévinez la cause... Damit ſank Graf Hugo auf ſein dunkles Kanapee nieder, legte einen Fuß auf die Polſterung und bot ein Bild der tiefſten Erſchöpfung... Er ſchwieg... Die lange Verſtellung rächte ſich... Seine Kraft war dahin.. Ganz leiſe flüſterte er allmälig, wie um Benno— zu zerſtreuen: Das da iſt mein Vater!.. Als ich ſeinen Tod erfuhr, war ich noch ein Knabe... Benno bat, ſich nicht aufzuregen und ſich um ihn rach jetzt gen, die vildeſten 2, brach er lauter, arte aus: z iſt das ne, wenn — ich Innen zu er tiefſtes eben Sie glauben gehen— auch gar vas Sie eden die abe!... ause ,. Kanapee bot ein Die raft wal enno— Tod nen um ihn 199 keinen Zwang anzuthun... Er ſchlug vor, daß er ſich allein in den Park begeben oder anſpannen laſſen wollte... Nein, nein! ſagte der Graf... Nur das Geheim⸗ thun erſchöpft... Nun geht es ſchon... Benno ſah den ganzen Ausbruch der Liebe zu einem Weſen, das ſo wunderbar mit ſeinem eigenen Daſein verbunden war... Ihm verhängte das Schickſal nichts Geringeres als dem Leidenden, der ſich wenigſtens ausſprechen durfte... „ Ach. verſichere Sie, fuhr der Graf fort, ich habe den heiligſten Willen, feſt und ſtandhaft zu bleiben... Ich ſagte ſoeben: Die Stunde iſt gekommen, die über mein Leben entſcheidet! Ich gewinne die Hand einer Heiligen und kenne das Opfer, das mir und dem gemein⸗ ſchaftlichen Namen gebracht wird— Wir müſſen uns trennen... Ich habe dich als halbes Zigeunerkind einſt in Zara gefunden... In Zara, wo ich die Pfeifen da kaufte und die Waffen an der Grenze erbeutete von Bosniern... Ja, Baron, in Zara ſah ich das kleine Mädchen hoch zu Roſſe ſtehen... Es war allerliebſt ... Wenn das Kind durch die bunten Reifen, mit und ohne Sattel, geſprungen war und nur Ein Sprung war misglückt, ſo ſchüttelte ſie den Kopf zu allen Beifalls⸗ zeichen und rief: Niente! Niente!... Es war eine italieniſche Truppe... Benno wandte ſein Auge ab, das ſich mit Thränen füllte... Die Unterhaltung in Zara, fuhr der Graf fort, dauerte vierzehn Tage... Die Geſellſchaft wollte ab⸗ 200 reiſen und wir Offiziere hatten an dem Kind eine ſolche Freude, daß ich meinen Kameraden den Vorſchlag machte: Kaufen wir's dem Führer ab! Wir wollen's erziehen laſſen!... Die Kameraden wollten nicht... Da that ich's für mich allein... Die Geſellſchaft war klein; der Director machte ſchlechte Geſchäfte... Er ließ mir Angiolinen für zweihundertfunfzig Gulden... Oeffnet euch, ihr blauen Vorhänge des Himmels, daß ich meine Hände ausbreite zur Anklage eines Va⸗ ters, deſſen Unthaten ſolche Opfer forderten!... So rief es in Benno's Innern...„ Er konnte nur leiſe fragen: Wem gehörte das Kind?... Es war wild aufgewachſen, erzählte der Graf... Der Director wird's geſtohlen haben, wie dieſe Leute wol thun... Später haben wir nachgeforſcht und kamen bis ins Reich hinaus... Eine italieniſche Familie, die am kaſſeler Hof bei der Oper mit der Feuerwerkerei beauftragt war, hatte das Kind bei ſich... War's ein Kind dieſer Italiener, ich weiß es nicht... Der Krieg hetzte damals alles durcheinander... Angiolina war elf Jahre, als ich ſie mitnahm und noch einmal taufen ließ... Ich gab ſie einem gewiſſen Pötzl in Wien zur Erziehung ... Nicht wegen ſeiner— ſondern wegen der Frau, die eine gute Haut war... Da iſt das Mädchen erzogen worden... Es war eine Pracht, wie ſie heranwuchs, ſich bildete und keinen gewöhnlichen Geiſt beſaß... Ich ließ ihr die Sprachen und etwas Muſik beibringen Das alles hab' ich im reinſten Sinn gethan... m -——,— wol nbis am cragt dieſer mals als Ich hung die zogen uchb, ngen 201 Benno ſchwieg, von innigſtem Herzen zuſtim⸗ mend... Nachdem, fuhr der Graf ſich ſelbſt die Bruſt erleich⸗ ternd fort, kam Terſchka in meine Nähe... Ich kann nicht ſagen, iſt's Zufall, weil das Mädchen damals die liebreizendſte Erſcheinung wurde, oder eine Folge der Eiferſucht, weil Terſchka ein Auge auf ſie warf— Der Jeſuit!— warf Benno ein... En vacances! lächelte der Graf... Aber ſa⸗ gen Sie das hier ja zu Niemand anders, als zu mir! Die hieſige Geſellſchaft erklärt ihn für einen Abenteurer und Betrüger... Verlaſſen Sie ſich, die Jeſuiten hat⸗ ten ihn abgeſchickt, mich katholiſch zu machen... Und er fing's ſehr richtig an... Wär' ich ihm in allem gefolgt, ſo ſäß' ich jetzt bei achtunddreißig Jahren mit beſtändigem Frieren und verſucht' es vielleicht, ob mich nicht ein Ordenshabit erwärmte... Eine Frage im Ver⸗ trauen, Herr von Aſſelyn!... Ich hab' gehört, Ihr Herr Oberprocurator Nück litte—— an einem curio⸗ ſen Spleen— an der Hängemanie... Iſt das wahr?... Man ſagt es... beſtätigte Benno... Ich kannte einen dalmatiniſchen Schiffskapitän, der mich verſicherte, das Hängen wäre der ſchönſte Tod, man wüßte das ganz genau in der Türkei, wo die grüne Schnur zu Hauſe iſt... Und gerade ebenſo wußte Terſchka den allmäligen Untergang an Leib und Seele zu einem Genuß und einem Genuß ohne Gexwiſſensbiſſe zu machen... Daß er ſich ſelbſt dabei ſo erhalten hat, machte ſein Mangel an Reue... Nichts ruinirt mehr als die Reue, ſagte er... Terſchka's Satz war: Betrachte jeden Menſchen wie ein Glas, an dem man mit einem Inſtrument den Ton ſucht, in dem es wiederklingt! Den Ton forcire dann— bis es bricht!... So wußte er von Jedem ſeine innerſte Natur zu entdecken, nach der ſetzte er ſich mit ihm und kam auf die Art mit allen aus... Bei mir ſtützte er ſich auf Bagatellen— auf die Pferde ... In ſeiner Jugend muß er ein Kuͤnſtreiter geweſen ſein ... Kurz, erſt als Terſchka ſagte: Um Ihrer Frau Mutter willen müſſen Sie anfangen, nicht ſo oft zu den Pötzls zu gehen— ging ich alle Tage hin... Das Ende war, daß ich, als die Pflegemutter ſtarb, Angio⸗ linen vom Alten wegnahm, erſt ihr Bruder und dann ihr Geliebter wurde... Das iſt manches Jahr her und ich kann wol ſagen: Dieſe Liebe hat mich vom Un⸗ tergang gerettet! Angiolina wurde mein Schutzgeiſt... Nicht etwa durch Moral, die hier nicht am Platze iſt ... Im Gegentheil, ſie konnte trotzen, ausſchlagen, lügen, ſich rächen, wie nur einer, der gereizt wird. Doch es gab nur einen Menſchen in der Welt, um den ſie das alles that... Der trug einen Helm mit Federn, einen blanken Harniſch, wenn er im Dienſt war, und außer Dienſt und auf Urlaub, wie jetzt, war er ein Kind, das einen ganzen Tag damit zubringen konnte, für ſie Pappkäſtchen zu machen... Benno warf in das Leben Blicke, wie er ſie noch nicht gethan... Er wagte, ſich auf des Grafen Standpunkt zu ſtellen und ſagte: Angiolina wird Ihnen— nach der Heirath— un⸗ verloren bleiben... „ it einem t! Den eer von er ſetzte aus... e Pferde eſen ſein er Frau zu den .Das Angio⸗ nd dann gahr her oom Un⸗ geiſt... atze iſt cllagen, d... lt, um Am mit nſt war, war er — konnte, ſie noch ſtellen — u⸗ 203 Nein! entgegnete der Graf... Ich habe die Ab⸗ ſicht, wenn Comteſſe Paula meine Gattin wird, ſie in Wahrheit zu verdienen... Glauben Sie mir, das Ge⸗ ſchick meines Hauſes, meines Namens, dieſe letzte Täu⸗ ſchung durch die Urkunde, die ich ohne einen furchtbaren Lärm für die Welt nicht abſchütteln kann, erſchüttern mich... Ich war glücklich mit Angiolina, aber ich gefiel mir nicht in dieſem Glück... Sie war ein Weib mit allen Schönheiten und allen Untugenden ihres Ge⸗ ſchlechts... Großmüthig und rachſüchtig, offen und falſch, alles in Einem Herzen... Zu ertragen war es nur von dem, der für ſie die Welt war und— Zeit dazu hatte... Es mußte aufhören... Benno gedachte bei Schilderung ſeiner Schweſter der gemeinſamen Vaternatur... Dieſe Erfahrung mit Terſchka, fuhr der Graf fort, hat mich aufgerüttelt... Ich werde kein Kopfhänger werden und zu ſprechen anfangen wie meine Mutter ſpricht ... Aber ich denke ſo: Hab' ich die Mittel, die mich aus meiner traurigen, ſchon vom Vater geerbten Finanz⸗ lage befreien, ſo nehm' ich meinen Abſchied... Ich werde bauen, pflanzen, für die Erhaltung meines fort⸗ blühenden Stammes ſorgen... Noch mehr, ich liebe Paula ... Sie lächeln?... In der That, ich blicke voll Andacht zu ihr hinüber... Ich bin eiferſüchtig— auf das Kloſter, das ſie wählen wollte, Herr von Aſſelyn... Benno ſtutzte über die Betonung ſeines Namens. Sie war ſo ſcharf, daß ſie faſt Bonaventura zu gelten ſchien... 3 Ich ſagte Angiolina: Du erhältſt deinen Lebens⸗ 204 unterhalt, wie es meinem Adoptivkinde gebührt! Du ziehſt zu deiner einzigen Freundin, die dir noch geblieben iſt— einer gewiſſen Thereſe Kuchelmeiſter... Dieſe will zur Bühne gehen; ſie wird reiſen... Störe mei⸗ nen Entſchluß nicht, der unwiderruflich iſt... Von der Stunde an, wo ich einen Boten erwarte, deſſen Vorlagen ich unterſchreiben muß, räumſt du drüben den Pavillon... Ich ſagte ihr das täglich, wiederholte es ſeit drei Tagen ſtündlich... Ich bat ſie um Hülfe gegen mich ſelbſt, bat ſie um ihren Haß, ihre Verach⸗ tung— Sie warf ſich vor mir nieder und umſchlang meine Kniee... Tödte mich! rief ſie noch im letzten Augenblick vor einer Stunde... Erſchieße mich!. Sie reichte mir eine Piſtole, die ſie heimlich geladen hatte und bei ſich trug... Ich entriß ſie ihr... Da rollte Ihr Wagen an und es war aus... Ich kann es ſelbſt in der Schilderung nicht zum zweiten mal erleben... Benno hatte ſich dem in den Sopha zurückgeſunkenen, die Augen mit der Hand bedeckenden Grafen genähert Er hatte ſeine Hand, ob ſie gleich ſelbſt zitterte, auf die Schulter des kraftlos Zuſammengebrochenen ge⸗ legt.. So ſtand er eine Weile voll ſtummberedſamen An⸗ theils und rang mit den ſtürmenden Geiſtern, die aus ihm ſelbſt hervorzubrechen drohten... Zu Hülfe kam ſeiner Selbſtbeherrſchung ein Klopfen des Kammerdieners und die Meldung, daß angerichtet wäre.. Ein Frühſtück... auch das muß ſein... ſagte der Graf und erhob ſich... Du lieben Dieſe mei⸗ Von deſſen n den rholte Hülfe erach⸗ hlang letzten laden Ich mal tenen, ähert terte, ge⸗ An⸗ aus kam ners agle Benno blickte auf die geöffnete Thür ablehnend... Nein, nein!... Kommen Sie—! ſagte der Graf und führte Benno... Der Kammerdiener hielt ſich in ehrerbietiger Ferne und ſchien den Grafen, der ein Gemiſch von Gutmü⸗ thigkeit und Phlegma bot, nicht im mindeſten zu ſtören, denn im Gehen fuhr dieſer fort: Sie iſt auf ihrem Pferde, das ſie behalten will, nach Wien... Franz hat ſie doch wol, wandte er ſich zum Kam⸗ merdiener, zur rechten Zeit eingeholt?... Am Meilenſtein ſchnitt er ihr den Weg ab! ſagte der Diener. Franz war der Reitknecht von vorhin... Obgleich Benno voranging, bemerkte er doch, daß der Kammerdiener hinter ihnen her den Strohhut ergriff und ihn auf dem Rücken haltend mit ſich nahm, jeden⸗ falls um aus dem Zimmer ſeines Herrn alle Er⸗ innerungen an die abgeſchloſſene Vergangenheit zu ent⸗ fernen... Graf Hugo war in dem Grade der Selbſtbeherr⸗ ſchung fähig, daß er trotz ſeiner Erregung im Gehen an einen zweiten Diener, der ſie in einem zwei Zimmer weiter gelegenen kleinen Eßſaal empfing, die Frage richtete: Was iſt das für eine Livree da draußen?... Dieſe Frage war mit einem Blick auf den Garten verbunden.... Erſt jetzt bemerkte Benno, daß ein Wagen mit vier Pferden langſam durch den Park fuhr, mit zwei ſeltſam ½ 8 206 coſtümirten Bedienten auf dem Tritt und einem phan⸗ taſtiſch gekleideten Mohren neben dem Kutſcher... Eine fremde Herrſchaft aus Italien iſt es! ſagte der Diener... Eine Dame ſitzt im Wagen... Sie ge⸗ hört zu den Reitern, die noch nicht lange vorbeikamen .. Ein junger Herr iſt bei ihr, der ein ſchwarzes Pflaſter an der Stirn trägt... Principe Rucca— und— unſre Mutter!... ſagte ſich Benno und ſuchte ſich zu halten. Zum Tod erblaßt ergriff er den Seſſel und ließ ſich dem Grafen gegenüber nieder... Der Wagen war verſchwunden... Nur das Knir⸗ ſchen ſeiner Räder hörte man noch im feuchten Kieſe... Iſt Ihnen nicht wohl? fragte der Graf, jetzt erſt bemerkend, daß ſein Gaſt kaum die Serviette zu ergreifen vermochte... Es iſt vorüber... hauchte Benno mit äußerſter An⸗ ſtrengung ſich bekämpfend... 3 Mein Gott! Sie haben ſo lange gefaſtet! entgegnete der Graf und rieth erſt zu einem Glaſe Wein... Benno lehnte alles ab... Er ergriff den Löffel zur Suppe... In Gegenwart der Diener ließ ſich das begonnene Geſpräch zwar nicht ganz wie vorhin fortſetzen, aber es blieb ernſt... Man ſprach über Wien, Oeſterreich, über diejenigen Eindrücke, die jedem Fremden zuerſt auf⸗ ſtoßen müßten... Der Graf ſchilderte die Lage der öſterreichiſchen Ari⸗ ſtokratie als eben nicht beneidenswerth.. Wir leben, ſagte er, nach den Anſprüchen, die unſer ge⸗ amen arzes erſt eifen 207 Stand und die Geſellſchaft mit ſich bringen; daher in einer fortwährenden Steigerung unſerer Bedürfniſſe. Unſer Beſitzthum verringert ſich indeß an Werth... Ich kann Ihnen die erſten Herrſchaftsbeſitzer nennen, denen ein einziges Reh in der Verwaltung ihrer Wälder durch⸗ ſchnittlich fünfhundert Gulden koſtet und die von leid⸗ licher Ordnung ſprechen, wenn es um zehn Gulden an den Wildprethändler verkauft in der Rechnung ſteht ... Das iſt die Incongruenz aller unſrer Lebensbe⸗ ziehungen—... Durch Caſtellungo gehörte auch der Graf Sardinien an... Er forderte Benno auf, den Beſuch Caſtellungo's nicht zu verſäumen... Die dabei unvermeidlichen Uebergänge des Geſprächs auf bezügliche Namen und ſchwebende Intereſſen, auch auf die Cardinäle Fefelotti und Ceccone, brachten das Geſpräch auf Bonaventura „Der Graf blickte nieder und ließ ſich erzählen... Man erwartet ihn ja wol auch hier?... fragte er mit einem Ton, der Benno auffallen durfte.. Gegen Ende des einem Diner vollkommen ent⸗ ſprechenden Mahles bemerkte man das längere Ausblei⸗ ben der Diener und eine lebhafte Bewegung in den Zimmern... Im ſchnellſten Trabe wurde ein Reiter vom Garten her vernehmbar... Die Diener blieben zuweilen beim Serviren wie an— gewurzelt an einer Stelle ſtehen, warfen ſich bedeutſame Blicke zu und ſchienen ſprechen zu wollen... Wieder hörte man Hufſchläge... Alles ringsumher bekam einen Ausdruck von Unruhe und Störung der 208 bisherigen Ordnung, ohne daß man Ausrufe oder auch nur laute Stimmen hörte... Der Graf fragte endlich die am Büffet flüſternden Diener faſt unwillig: Was gibt es denn?... Da die Diener nicht antworteten, wiederholte er ſeine Frage und legte ſchon erblaſſend die Serviette nieder... Er ſchien einer üblen Botſchaft gewärtig... Franz iſt zurück... ſagte der ältere Diener zögernd... Der jüngere fügte zagend hinzu: Es hat— ein Unglück gegeben... Der Graf erhob ſich.. Seine Augen zuckten.. Daß es Angiolina war, die ein Unglück getroffen, verſtand ſich von ſelbſt... Die Diener ſahen zum Fenſter hinüber... Was iſt denn?!... Ein Sturz vom Pferde?!... rief der Graf oder wollte dies rufen... Die kurze Frage kam nur noch halb von ſeinen Lippen... Benno war in gleichem Entſetzen aufgeſprungen... Die Diener trugen dem Grafen einen Seſſel nach; er hatte zur Thür gehen wollen und war zuſammen⸗ gebrochen... Verwundet doch— nur— à rief Benno, zu ſei⸗ nem Herzen greifend, als bräche es auch ihm im Krampf... Die Diener ſtockten und erklärten gleichzeitig und mit demſelben Ton: Lebensgefährlich!... Sie iſt todt— hauchte der Graf... Ich weiß es! — oder auch lüſternden ſte er ſeine nieder... te Diener ckten... getroffen, 9—* de?!.. Die kurze ungen... ſſel nach; zuſammel⸗ o, z ſi⸗ crampf. eiti und weiß es 1 209 ſetzte ſeine zitternde Stimme hinzu... Seine Hände richteten ſich wie die eines Irren gen Himmel... Die Diener beſtritten dieſe ſchnelle Annahme... Sie wäre ſofort in ihren Pavillon getragen worden— ſagten ſie... Ein Arzt wäre aus dem nächſten Ort gerufen... Die fremden Herrſchaften, die vorüber⸗ ritten, wollten nach einem Stadtarzt ſchicken... Sie ſind ſchuld an ihrem Tod! ſchrie der Graf und eine zuckende Bewegung ergriff ſeine Hände und Füße ... Franzw! rief er... Warum folgte ihr Franz nicht ſchon von hier?... Seine zornige Rede erſtickte im Schmerz... Es war nichts mehr zu ändern... Seine Anklagen ver⸗ hallten in den beiden Händen, die er vor die weinen⸗ den Augen hielt... Benno glich dem von Schlangen umringelten Laokoon, der Hülfe rufen will für ſich ſelbſt und den eignen Tod nicht achtet in der Angſt um ſeine Lieben... Sie ritt bergab mit verhängtem Zügel! berichtete der Diener... Allmälig ging das Pferd lang⸗ ſamer... Sie ſchien es nicht zu achten... Da ſtand es ganz ſtill... So ſaß ſie im Sattel wie abweſend... Indeß war Franz unten an der Land⸗ ſtraße und wartete am Ausgang des Parks beim Mei⸗ lenſtein... Da kommen die Fremden im vollen Trab herunter... Des Fräuleins Pferd ſcheut... Sie ver⸗ liert die Balance, verliert den Steigbügel... Die Reiter, ſelbſt im Niederſchießen, können nicht innehalten .. Des Fräuleins Pferd bäumt ſich, geht durch und gleich querfeldein... Das Fräulein rafft ſich auf, kniet mit Gutz kow, Zauberer von Rom. VII. 14 210 dem rechten Fuß auf dem Sattel, erhebt ſich, ſteht eine Weile hoch in der Luft und ſtürzt dann kopfüber. Die Reiter waren oben auf der Landſtraße... Franz mußte ins Feld hineinreiten, ſprang herunter, ließ ſein Pferd laufen, fand das Fräulein blutend am Boden und ſchon bewußtlos... Die Offiziere, Italiener, ka⸗ men näher, nahmen ſie dann auf, legten ſie querüber auf ein Pferd und führten ſie langſam, indem einer der Herren ging, zum Caſino. Graf Hugo war inzwiſchen ſchon umgekleidet... Er hatte ſich in einen weißen Mantel geworfen, den die Diener hinten zuſchnürten... Seine Hand hatte keine Kraft mehr... Im Nebenzimmer hatte er die Fußbekleidung ge⸗ wechſelt... Eine militäriſche Interimsmütze lag auf dem Kopf loſe und haltlos... Die Hand der Diener mußte ſie erſt auf den braunen Scheitel feſtdrücken... Schluchzend ſtützte er ſich auf Benno— auf einen Beiſtand, der ſelbſt den Tod im Herzen trug.. Die Schweſter gefunden— ſo!— und die Mutter arglos in der Nähe—!... Er konnte keinen Gedan⸗ ken mehr, ſich ſelbſt nicht feſthalten... Der Graf führte— ihn... Den Einſpänner Benno's und ein eigenes Gefährt, das ſchon im Hof gerüſtet ſtand, lehnte der Graf ab... Ich fürchte mich vor Pferden... ſagte er heiſer, mit erſtickter Stimme... Und— wir— kommen— ſetzte er bitter lächelnd hinzu— zu— einer Todten— auch zeitig genug... ſteht eine über... .. Franz ließ ſein im Boden liener, ka⸗ e querüber ndem einer leidet... voorfen, den Hand hatte eidung ge⸗ dem Kopf mußte ſie auf einen trug.. die Mutter nen Gedal⸗ Der Graf 25 Gefährt raf ab.. er heiſe ommen— Todten 211 Damit lenkte er, wie ein zum Tod Verwundeter, vom Veſtibüle des Eingangs den ſchwankenden Schritt zum Garten hin.. Hier öffnete ſich links eine lange Allee von ſchon kahlen, wie zu einer unabſehbaren Laube zuſammenge⸗ wachſenen Platanen. Durch ein Meer von raſchelndem Herbſtlaub ſchritten beide wie geiſterhafte Schatten dahin. 8. Links ragte eine ſonnenbeſchienene, mit Flechten, Moos und Epheu beſetzte Bergwand... Rechts lagen die Abdachungen des Gartens und Parks in die herr⸗ liche Ebene, ein Bild des Lebens, hinaus... Die Stämme der Platanenallee ſo weiß, ſo hell⸗ grünlich ſchimmernd... Das gelbe Laub weithin leuchtend... Unter den todten Zacken und gekappten Veräſtelungen der kunſtvoll gezogenen Platanen... Die Sonne mittagshell... Der Abſchied der Natur ſo froh, ſo glückverheißend... Wiederſehn im Früh⸗ ling! rief alles... Aber aus den fernen Büſchen ſah man ſchon den Prieſter des nächſten Orts im Ornat daher eilen— mit den Sterbeſakramenten... Der Graf blieb ſtehen. Die nachfolgenden Diener ſprangen hinzu... Er deutete nur ſtumm auf die eilende Proceſſion... Benno ſtarrte... Sein Blick irrte... Er ſuchte den vierſpännigen Wagen... Flechten, ſchts lagen die herr⸗ „ſo hel— Unter den kunſwvoll der Natur in Früj⸗ ſchon den eilen— eſſion.. Er ſuchte 213 Die Wanderung im raſchelnden Laube dauerte eine halbe Stunde... Sie glich dem Wandeln in einem Leichenconduct... Benno konnte nichts reden. Nicht ein Wort, nicht eine Miene des Grafen verrieth, daß Terſchka ſeinem Freund die Scene vom Schloß Neuhof, die Verhand⸗ lungen zwiſchen drei Prieſtern und dem Präſidenten verrathen hatte... Er kämpfte mit ſich, ob er es jetzt nicht ſelbſt thun, ſich Angiolinens Bruder nennen ſollte . Die Laſt wurde zu ſchwer... Am Ende der Felswand, die ſich zuletzt ſanft ab⸗ dachte, lag das Caſino... Es war ein düſteres Gebäude... Obgleich mit den ſchönſten Ausſichten auf die Donau und zur Linken und rückwärts bis zu den ſteieriſchen Alpen verſehen, war es doch ein für ein junges lebensfrohes Gemüth beängſtigender Aufenthaltsort. Aus der Ferne geſehen mochte das Haus einen poetiſchen Anblick gewähren.... Es glich einem alten Maiſon⸗de⸗Logis aus der Rococozeit... Rings war es von einer Allee von Rieſentannen, mit Zweigen, die ſich voll und ſchwer am Boden hinſchleppten, umgeben. In der Nähe ſahen die Bäume wie die Umgebung eines Mauſoleums aus... Die untern Räume waren nur ein einziger großer Speiſeſaal mit Nebencabineten... Ein Hinterhäuschen ge⸗ hörte dem dienenden Perſonal und mochte die Küche bergen... Auch dies war ganz in Tannen verſteckt Im hohen Sommer mochte man hier Kühle und Schatten haben; jetzt war der Anblick nur in den kleinen 214 runden Entreſolfenſtern der obern Etage wohnlich... Unten ſchroff abwärts zog ſich die Landſtraße... Auf einer Treppe von verwittertem, moosbewachſenen Erlen⸗ holz konnte man von da zum Caſino hinaufſteigen... Die volkreiche Gegend mußte dem entſetzlichen Un⸗ glück ſchon eine Menge Zuſchauer gebracht haben... Eine Menſchenmaſſe belagerte unten das Portal zur Treppe, das man ſchon geſchloſſen hatte... Viele andere waren ſchon vorher eingedrungen und ſtanden im Hauſe... Andere liefen noch herbei durch den Park... Der Prieſter war bereits bei der Todten oder Sterbenden... Weihrauchduft ſtrömte den Eintretenden entgegen. Dem Grafen, der an Faſſung gewonnen hatte, wich man aus.. Daß ſie zu einer Todten kamen, lag vorausver⸗ kündigt auf aller Mienen. Einige zum Dienſt des Hauſes gehörende Frauen wehklagten und ſchrieen laut... Noch lauter beim Er⸗ ſcheinen des Grafen... Scheinbar ruhiger geworden blickte der Graf, der hier ein öffentliches Gericht für ſich ſelbſt zu beſtehen hatte ... Er betrat zwei aus dem Hof ins Haus führende Stufen, durchſchritt eine kleine Rotunde und ging in einen die ganze Länge des Caſinos einnehmenden Saal, deſſen theilweis herabgelaſſene Jalouſieen dem Raum eine Düſterheit gaben, die zu dem ſchmerzlichen Anblick ge⸗ börite.. Der Geiſtliche ſprach ſchon ſeine Segnungen.. nlich... ... Auf en Erlen⸗ gen... ichen Un⸗ aben... ortal zur .. Viele d ſtanden durch den dten oder ntretenden atte, wich orausver⸗ e Frauen beim E⸗ Hraf, det then hatte führende g in einen al, deſſen um eine nblick ge 215 Der Arzt, den man an der Sonde erkannte, die er noch in der Hand hielt, öffnete eine Decke... Auf einem langen runden Tiſch lag auf Matratzen und Betten eine ausgeſtreckte, halb entkleidete jugendliche Ge⸗ ſtalt... Geſtreckt und ſchlaff lagen die Arme und Füße ... Der edelgeformte Kopf war wachsfarben... An den Schläfen quoll noch Blut aus der tödlichen Wunde... Das lange ſchwarze Haar war aufgelöſt; ein Theil lag ab⸗ geſchnitten daneben... Der Sturz hatte die Hirnſchale zerſchmettert und eine Blutergießung verurſacht... Schon trug das mit den regelmäßigſten Formen gezeichnete Antlitz jenen Ausdruck der Ergebung, den der Tod ver⸗ leiht, jene ernſte Strenge, die ſo hoheitsvoll mit jedem Abgeſchiedenen verſöhnt, ſelbſt mit dem Verbre⸗ cher... Bruſt, Hand, die Symmetrie aller For⸗ men war wie von Künſtlerhand... Die Stirn nur klein, aber ſanft und eben... Die beiden ſchwarzen Augenbrauen über den ſchwarzen Wimpern zeichne⸗ ten ſich wie zwei ernſte Fragezeichen... Sie waren nicht rund, eher wellenförmig gezeichnet wie bei allen leidenſchaftlichen Naturen... Benno wagte noch nicht dauernd hinzuſehen... Er fürchtete ſich, ſich ſelbſt wiederzufinden— und die Todte des Kronſyn⸗ dikus... Während der Graf über die Leiche ſtürzte, lange nur ſchluchzend ſo ausgeſtreckt lag, dann auffuhr und rief: Ich kann dieſe Glieder nicht kalt fühlen!— betrachtete Benno allmälig ſein Ebenbild mit dem tiefſten Grauen.. Er glaubte, jeder müßte ihm zuflüſtern: Das ſind ja Ihre Züge. Beſonders der Wuchs und die 216 mehr runden, als ovalen Formen des Kopfes waren dieſelben wie bei ihm. Die linke Hand der Todten ergriff er und bebte zurück vor der Kälte, Erſchlaffung und Feuchte der Haut... An den wellenförmigen Augenbrauen erkannte er den Vater, den er im Winter beſtatten half.. Der Prieſter hatte geendet und ſprach einige Worte, die nicht dem Formular angehörten, Worte ohne Strenge... Der Arzt vereitelte jede Hoffnung... Das Halten eines Federflaums oberhalb der Lippen zeigte nicht die leiſeſte Bewegung... Der Graf bat mit leidender Stimme, ihn allein zu laſſen... Auch Benno möchte eine Weile gehen... Aber nur eine Weile, ſagte er... Er müſſe noch mit ihm — jetzt aber mit der Todten allein reden... Es war ein ſchauerliches Verlangen... Alle baten den Tiefgebeugten um Schonung ſeiner ſelbſt... Da der Graf die Bitte wiederholte, ging man... Benno ſchwankte, ob er nicht bleiben ſollte... Der Strom der Uebrigen drängte ihn mit fort. Die Diener ſorgten, daß ſich alle Neugierigen und auch die wirklich Theilnehmenden nach und nach entfernten... Man ließ niemand mehr ins Haus... Man brachte es auch dahin, daß ſich allmälig die Menſchen über die kleine Treppe oder in den Park⸗ wegen entfernten. fes waren und bebte euchte der en erkannte lf.. ige Vorte, orte ohne das Halten e nicht die allein zu .Aber mit ihm llle baten eugierigen und nadh nehr ins mälig die n Parf Benno ſtand unter den dunklen Tannen und ſuchte in dem vor ihm ausgebreiteten Panorama den vierſpän⸗ nigen Wagen... Er gedachte der Mondnacht auf Altenkirchen, wo die Mutter ihre Scheinehe ſchloß, dieſer Nacht— auch unter ſolchen Tannen, die den Anfang all dieſer ſchmerz⸗ lichen Geheimniſſe gab... Der Drang, ſich zu offen⸗ baren, war mächtig in ihn: aber, er fühlte auf die Länge, er mußte ſchweigen... Er hätte in die weiteſte Ferne entfliehen mögen... Er zuckte auf bei jedem Geräuſch... Er glaubte den Wagen hören zu müſſen, in dem die Schickſalsmächte die Mutter heranzögen... Er ſah Dämonen mit Fackeln die Roſſe f führen... Die Roſſe Feuer blaſen aus ihren Nüſtern... Der Bo⸗ den unter ihm wankte... Der Arzt und der Geiſtliche ſchloſſen ſich ihm an .Er hätte auch ſie fliehen mögen, wie alle... Er mußte mit ihnen eine Weile unter den düſtern Tannen auf und nieder gehen... Das ägyptiſche Todtengericht fehlte nicht... Man ließ der Unglücklichen manche gute Eigenſchaft... Dennoch nannte man ſie eine Verirrung des Grafen und verhieß für die Zukunft, wenn Angiolina am Leben geblieben wäre, keinen Beſtand ſeiner ehelichen Treue... Das hieß ſoviel, als: Sie iſt zum Glück geſtorben!... Benno war zu gebrochen, um dem feſten Willen, der eben erſt aus des Grafen Chüſhliora geſprochen hatte, ein beſſeres Zeugniß zu geben. Es war ihm auch, als nähme er dami einen letzten Schmuck vom Grabe ſeiner Schweſter... Er ließ ihr 218 den Schein der Gefahr für den Grafen... Ein Gedicht mußte ſo in ſeiner Art würdiger verhallen.. Die Begleiter kehrten zu neuen Ankömmlingen zurück... Zwei Aerzte kamen aus der Stadt... Noch waren ſie von den italieniſchen Offizieren be⸗ gleitet, die theilweiſe ihre Pferde den Dienern gelaſſen und jetzt einen Wagen genommen hatten.. Olympia fehlte... Daß ſich wieder der vierſpännige Wagen würde ſehen laſſen, wurde für Benno immer gewiſſer... Der Wagen hatte die Reiter verfehlt, hatte noch vielleicht eine weitere Ausfahrt gemacht und war mit dem Ereigniß noch nicht zuſammengetroffen... Benno's Faſſung mußte ſich auf das Alleräußerſte rüſten... Er dachte ſich: Wenn jetzt die Mutter käme!.. Dann immer noch ſchweigen?... Seine Nerven zuckten, ſeine Lippen fieberten, ſeine Augen verdunkelten ſich bei dieſem Gedanken... Er riß ſeinen Oberrock auf... Er fürchtete zu erſticken. Die Offiziere näherten ſich ihm und erzählten den Vorfall ſo, daß der Graf ſeine Gereiztheit gegen ſie zurücknehmen mußte... Auch waren ſie ſchon an der Leiche bei ihm geweſen... Benno hörte nur... Der Traum eines Fieberkranken währte fort... Eben kam wirklich der vierſpännige Wagen langſam die Landſtraße daher... Die Menſchen, die bei Benno bald ſtehen blieben, bald vorübergingen, nannten den Namen der Herzogin von Amarillas... Die Offiziere gingen der Herzogin theils entgegen und theils ins Caſino wieder zum Grafen. Gedicht urück... eren be⸗ gelaſſen n würde .. Der leicht eine Ereigniß ng mußte äme!.. Nerven dunkelten Oberrock lten den gegen ſie 1 an der gerkranken ge Wagen ſhen, die ergingen, las.. entgegen 219 Benno blieb hinter einer der großen Nadellaubpyra⸗ miden... Er ſtand, als müßte er ſich vor dem ganzen Leben verbergen... Eine hohe ſtattliche Dame in den ſüdlichen, für unſern Geſchmack nicht üblichen Farbenzuſammenſtellungen, mit grünem Atlaskleide, einem rothen Sammethut mit Mara⸗ boutfedern, ſtieg die Erlenholztreppe hinauf, vermied das Caſino, kam zu der Tannenallee und ging an Benno vorüber... Neben ihr hüpfte in trippelnder Unruhe Principe Rucca, noch immer mit dem ſchwarzen Streifen an der Stirn... Noch zwei Herren und ein Diener folgten... Der kleine Principe ſah ſich ängſtlich um... Er wollte offenbar nur ungern bleiben... Der Tod war hier ſo nahe.. Da erkannte er Benno hinter den Tannen, begrüßte ihn mit der ganzen Ueberraſchung, die in der Situation lag, nannte ihn den Salvatore della sua vita und ſtellte ihn der Herzogin von Amarillas vor... Den Sohn— der Mutter... Die„Stimme des Blutes“ iſt eine Täuſchung... Wo der Geiſt nicht die Empfindungen regelt, können dieſe durch ſich ſelbſt nichts erkennen... Die Empfindungen der Liebe, der Freundſchaft durch⸗ ſtrömen uns mit wonnigen Schauern; aber erſt die Seele iſt es, der Wille, der Gedanke, der den Empfin⸗ dungen Ausdruck und Klarheit geben muß... Die Herzogin von Amarillas, auf Benno aus einem bleichen Antlitz voll kalter Würde einen ſcharfen prüfen⸗ 220 den Blick entſendend, wußte, daß dieſer junge Mann der Gräfin Olympia, ihrer Pflegbefohlenen, zwei⸗ mal begegnet war und daß heute in der Frühe, nach Abgabe der der Gräfin von den Dienern des Principe mitgetheilten Viſitenkarte, die Adreſſe Benno's ſofort von allen Lohnbedienten des Hotels hatte auf⸗ geſucht werden müſſen... Schon die Diener kannten das Intereſſe, das die junge Gräfin an dem„Lebens⸗ retter“ des Fürſten nahm... Nach einer Stunde wußte Olympia Maldachini Benno's Wohnung und ſeine Ausfahrt nach dem Schloſſe Salem... Die Herzogin ſah in ihrem Zögling eine Leidenſchaft entſtanden von jener Conſequenz, die ein wildes Naturkind ſonſt nur 8 im Haß und Eigenſinn beſaß... Olympia wollte ins 1 Gebirg reiten und das Schloß Salem ſehen... Ein, Widerſpruch war nicht möglich... Olympia beantragte dieſe anſtrengende, weit über ihre Kräfte gehende Partie, die Herzogin verſprach nachzukommen in Begleitung des Principe... Olympia ritt mit den Freunden ihres Verlobten, erſebte— veranlaßte vielleicht das Unglück und war zur Stadt zurück. Der Name„von Aſſelyn“ auf der abgegebenen Karte hätte ſich der Sängerin Fulvia Maldachini vom Dechanten her befeſtigt haben ſollen... Ihr klang in der Erinnerung ein deutſcher Name wie der andere... *Sie war Olympia mismuthig nachgefahren, verlor ihre Spur, ließ dem Gebirge zu weiter fahren, kehrte zurück und hörte von dem vorgefallenen Unglück. Dem Principe war es peinlich, ein Haus des Todes zu nge Mann n, zwei⸗ r Frühe, enern des Bennos hatte auf⸗ er kannten „Lebens⸗ r Stunde und ſeine Herzogin unden von ſonſt nur wollte ins „. E eantragte de Partie, tung des en ihres 3 Unglück gegebenen chiini vom er Name ,, verlor n, kehrte lüd... Todes zl 221 beſuchen... Er kam nur herauf, um die italieniſchen Offiziere zu begrüßen... Nachdem dieſe ihr Beileid bezeigt hatten, wollten auch ſie mit ihm und der Herzogin zur Stadt zurück... Einige Offiziere hatten noch ihre Pferde... Für die Aerzte, für den Principe, für die Her⸗ zogin und die Unberittenen gab es jetzt zwei Wagen... Principe Rucca war für Benno die Zuvorkommen⸗ heit ſelbſt... Er konnte die Gefahr vor dem Elefan⸗ ten nicht lebensgefährlich genug darſtellen... Er er⸗ zählte auch jetzt noch jedem, daß ihn ein Elefant geſtern hätte zum Frühſtück verſpeiſen wollen... Benno ant⸗ wortete und ließ das Erzählte gelten und wich ruhig aus... Der Principe mußte von ſeiner Verlobten Befehle erhalten haben, die auf eine ſofortige Feſſelung des ihr ſo Werthgewordenen gingen... Inſtändigſt bat er, ihm geſtatten zu wollen, daß er ihn heute Abend abholte und in eine Geſellſchaft zum Cardinal Ceccone führte, der auch bereits das lebhafteſte Intereſſe an den Tag gelegt hätte, ihn kennen zu lernen.. Die Herzogin hörte mit einigem Intereſſe das im geläufigſten Italieniſch geführte Geſpräch, wandte ſich aber ab und unterſtützte dieſe Einladung nicht... Ihr Lä⸗ cheln gab ihr einen Schimmer der ehemaligen Schönheit ... Sie war von ebenmäßiger, ſchon zum Embonpoint übergegangener Geſtalt... Ihr Auge dunkelbraun und voll Feuer... Die Augenbrauen überſcharf gezeichnet ... Das Haar nicht echt... Auch die Zähne ſchwer⸗ lich ohne Beihülfe der Kunſt ſo wohl noch an einan⸗ der gereiht... Ihre Haut dunkel, etwas gelblich... Die Wangen, die Naſe, das Kinn, noch von plaſtiſcher 222 Schärfe... Würde man ihr den geſchmackloſen Hut abgenommen, den falſchen Scheitel entfernt, das graue Haar aus der Stirn nach oben zuſammengewunden, gefärbt, vielleicht mit Goldſtaub überſtreut haben, ſo wär' es eine der Geſtalten geweſen, in deren Betrach⸗ tung wir uns in Muſeen verlieren... Eine Imperatoren⸗ mutter mit blutigen Erinnerungen... Terſchka, der Jeſuitenzögling in Rom, ſah einen ſolchen Kopf als Herme in den quirinaliſchen Gärten des Heiligen Vaters... Iſt ſie ganz todt, die Arme? näſelte der junge Fürſt... Iſt es eine Verwandte vom Grafen?.. Sind Sie gern bei Todten?... Ich nicht... Ver⸗ weilen Sie noch lange hier?... Kommen Sie mit uns zurück... Diniren wir vielleicht zuſammen?... Waren Sie bereits ſchon im„Schwan“?... Ge⸗ fällt Ihnen dieſe Gegend?... Benno ſtand nur hörend und ſehend... Antwor⸗ ten zu geben war ſeine Zunge gelähmt... Die Herzogin durchſchritt die kleine dunkle Bauman⸗ lage... Als wenn ſie Benno's Gedanken errathen hätte, der ſich ſagte: Sieh ſie dir nur an, dieſe nor⸗ diſchen Tannen, die du ſo haſſeſt!... Sie belächelte nach einem kurzen conventionellen Bedauern des hier ſtattgehabten Unglücks, die Aeußerungen des Principe über die ſchöne Natur... Um das ſchönſte Pa⸗ norama von Berg, Strom, Wald, Ebene und in der Mitte der von ſonnigen Nebeln umzogenen Stadt mit dem rieſigen St.⸗Stephan gleichgültig anzuſehen, ſtieß ſie mit der Fußſpitze die Zweige aus dem Wege loſen Hut das graue gewunden, ut haben, n Betrach⸗ nperatoren⸗ rſchka, der Kopf als Vaters... der junge afen?.. Ver⸗ n Sie mit men?... Ge Antwor⸗ Bauman⸗ n errathen dieſe nor⸗ 4 belächelte des hier Principe und verrieth nicht minder, wie der Principe, nur die größte Ungeduld, ſich wieder entfernen zu konnen... Als ſie hörte, daß die Offiziere noch im Hauſe wären, ſagte ſie, man ſollte doch nur ruhig den Grafen ſeinem Schmerz überlaſſen... Iſt ſie eine Verwandte von ihm? fragte ſie dazwiſchen... Mit einer feſten Betonung ihrer tiefliegenden und bei längerem Sprechen ungleichen, ja rauhen Stimme ſchloß ſie: Was kann man da thun!... Nicht düſtrer erhoben ſich ringsum die herrlichen Bäume, als Benno nur ſo ſtand und ſah und hörte. Die Offiziere waren wieder inzwiſchen aus dem Hauſe getreten und erklärten, nur noch auf die Aerzte warten zu müſſen, die ſie mit zurückzunehmen hätten.. Vom Grafen ſagten ſie, daß er in den obern Stock, in die Wohnzimmer der Unglücklichen gegangen wäre... Angiolinens Stellung zum Grafen wurde mit drei Wor⸗ ten angedeutet... Die Herzogin horchte auf... La Poveral ſagte ſie— und wollte fort... Für den Principe begann der Vorfall jetzt inter⸗ eſſanter zu werden. Er bekam Luſt, die Unglückliche zu ſehen... Während er den Offizieren unſchlüſſig folgte, fragte die Herzogin den zurückbleibenden Benno, deſſen ſtarr auf ſie gerichtete Augen ihr auffallen mußten... Aus welchem Theil Deutſchlands ſind Sie?... Benno, nun entſchloſſen, nannte denjenigen Theil, der ſie aufmerkſam machen mußte.. Aus der Gegend von Kaſſel... 224 Darauf hin betrachtete ſie ihn ſchärfer... Ihr Auge blitzte... Vorher war ſie nur ſo apathiſch ge⸗ weſen, weil ſie an völlig anderes dachte— vielleicht an das, was Benno eben mit einem einzigen Worte traf... Benno hatte weniger von den Zügen des Kronſyn⸗ dikus, als ſeine Schweſter... Er glich der Mutter... Ganz ſich ſicher fühlend, fragte ſie: Kennen Sie in jener Gegend ein Schloß— „Neiovo“—?... Sie meinte Neuhof... Benno's Lippen bebten... Jede Möglichkeit, ſich in ihrer Perſon geirrt zu haben, war nun verſchwunden... Neuhof? ſagte er leiſe... Wittekind-Neuhof?... Das ſind von Kaſſel mehr als funfzehn Meilen. Aber... in der Nähe Kaſſels, fuhr er fort, liegt... ein Schloß mit einem Park voll ſolcher Tannen, wie Sie hier ſehen— Meinen Sie vielleicht— Altenkirchen?. Die Herzogin hatte einen Fächer in der Rechten... Schon auf den Namen Wittekind⸗Neuhof ſchlug ſie mit dieſem Fächer unausgeſetzt in die Linke... Altenkirchen! ſprach ſie, faſt die Sylben des ſchweren Wortes zählend, und nun traten erſichtlich hundert Fragen auf ihre Lippen... Die braunen Augen blitzten.. Eben kamen ihnen die Aerzte entgegen, zuckten die Achſeln und riethen zum Gehen... Sie ſagten, der Graf hätte ſich vor allen Zeugen ſeines Schmerzes ver⸗ borgen und wäre oben auf Angiolina's Zimmern.. Im Hofe war alles ſtill... Am Hauſe vorüber⸗ gehend ſah man, daß eine Dienerin mit verweinten . Ihr athiſch ge⸗ ielleicht an tte traf... s Krorſyn⸗ Mutter... Schloß— keit, ſich in sunden... euhof?... deilen... egt... ein eSie hier gen?... dechten... ſchlug ſie ſchweren ert Fragen tzten... uckten die agten, der erzes vel⸗ Ar.. vorüber⸗ erweinten 225 Augen eben auch den großen Saal ſchließen wollte, in dem die Leiche zurückblieb. Die Herzogin ſtand auf das Wort„Altenkirchen“ noch immer wie gebannt... Sie ſah die düſtere Hinterfacade des Hauſes mit den kleinen Entreſolfenſtern an und hauchte, wie von Erinnerungen durchſchauert: Wie ein Grabgewölbe das!... Eben hörte man das Drehen des großen Schlüſſels... Es klang wie ein: Es iſt vollbracht!... Blick hin!... Komm!... Zum letzten mal iſt es möglich, daß du das eine deiner Kinder ſiehſt!... rief es in Benno's Innern... Die Seelenmeſſe für ſie, von der du eben ſprichſt, wirſt du verſäumen!... Jetzt, jetzt, wo du eben hörſt, Graf Salem wäre ein Ketzer, laß dein Staunen,, laß dein Fragen! In dieſen ſtillen Saal ruft die letzte Stunde—... Kennen Sie die Familie der„Grafen“ von Witte⸗ kind?... fragte die Herzogin... Freiherren! verbeſſerte Benno... Eben dieſem Ge— ſchlecht gehört Neuhof... Die Herzogin ſtand eine Weile ſinnend; dann fragte ſie: Sie bleiben noch hier?... Ich habe die Ehre, Ihnen heute Abend meine Auf— wartung zu machen... Bei Cardinal Ceccone?... Dort bin ich nie! ... Aber ſpeiſen Sie morgen bei uns— im Palati⸗ uus... Benno hatte dieſer Aufforderung gegenüber keine f Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 15 226 ſofortige Sammlung... Die Herzogin wollte, ſchien es, mit ihm über die Schauplätze ihrer Vergangenheit reden... Fürſt Rucca, der nun doch vorgezogen hatte, ſeinem Auge den Anblick einer wenn auch noch ſo ſchönen Todten zu verſagen, war bereits an der kleinen Holz⸗ treppe, als plötzlich wieder der Graf erſchien... Leiſe war er von oben gekommen, hatte ſchon ſeinen Mantel abgelegt, verbeugte ſich der Dame, den Herren, reichte Benno die Hand und ſprach: Sie ſehen, ich bin nun hier zu Hauſe... Ich will hier ſo lange bleiben, bis die letzte ſchwere Pflicht erfüllt iſt... Der Graf ſchien gekommen, um für heute von Benno Abſchied zu nehmen... Die Herzogin ſprach ihre Theilnahme aus... Madame, wandte ſich der Graf zu ihr und ſagte in franzöſiſcher Sprache: Ich bin ſehr unglücklich... Ich habe ein liebendes Herz verloren... Und zu Benno ſich wendend, fuhr er mit unſicherer Stimme deutſch fort: Unſere Angelegenheit iſt unterbrochen. Ich bin heute keines Gedankens mehr fähig... Fürchte auch jede Stunde die Ankunft meiner Mutter... Es wäre ein großer Act der Freundſchaft für mich, wenn Sie die Güte hätten und nach Wien eilten, meine Mutter zu begrü⸗ ßen und zu ſorgen, daß ſie auf dies Schickſal ſchonend vorbereitet wird... Sie liebte Angiolinen... Die Herzogin hörte ſo aufmerkſam, als verſtünde ſie jedes Wort... Benno erbot ſich zu allem und bat den Grafen nur, er möchte ſeinen Kutſcher benachrichtigen laſſen, daß er e, ſchien es, eit reden.. atte, ſeinem ſo ſchönen einen Holz⸗ ... Leiſe nen Mantel rren, reichte . vere Pflicht von Benno und ſagte cklich... Und zu er Stimme ochen... Fürchte Es wäͤre mn Sie dit r zu begrü⸗ ll ſchonend rſtünde ſie rafen nul, 1, daß el allein zurückfahren möchte... Zur Herzogin gewandt, ſprach er, in den beiden Wagen fände ſich vielleicht noch ein Platz für ihn.. Ohne Zweifel! ſagte die Herzogin, aber— wandte ſie ſich jetzt zum Grafen, der ſich zurückziehen wollte, und plötzlich wie im heroiſchen Entſchluß: Ich will erſt noch die Unglückliche ſehen... Madame— lehnte der Graf ab... Es iſt ein ſchmerzlicher Anblick—... Perché! erwiderte ſie... Kennen Sie etwas Schö⸗ neres, als den Tod?... Geſtatten Sie mir dies Opfer ... Principe! rief ſie... Meine Herren! Bedienen Sie ſich Ihrer Pferde und des zweiten Wagens! Ich folge mit dem Herrn von—— Aſſelyn!— ergänzte der Fürſt... Die Herzogin hatte ſchon wieder Benno's Namen vergeſſen... Graf Hugo machte eine ablehnende Bewegung... Benno jedoch, faſt von Freude erregt bei allem Schauer, bedeutete den harrenden Diener der Herzogin, vorauszugehen, er ſelbſt würde ſpäter ſeine Gebieterin hinunterbegleiten... Der Graf ließ nun wieder den Saal auſſchließen, bat mit ſtummer Geberde um Entſchuldigung und kehrte über die Stiege in Angiolinens Wohnzimmer zurück mit der ihm von Benno gegebenen Verſicherung, daß er ſofort auf die Herrengaſſe eilen würde, um für den Empfang der Gräfin Mutter und die vorſichtige Ein⸗ leitung der Schreckensnachricht zu ſorgen... Die Herzogin betrat den dunkeln Saal... Benno folgte, ſchon an die erſchütternde Situation gewöhnt... 45* 228 Mit feſter Hand lehnte er die hohe Thür an, die Dienerin bedeutend, ſie beide allein zu laſſen.. Ein ſpärliches Licht fiel in den weiten hohen Raum durch einen einzigen geöffneten Fenſterladen... Die Herzogin trat näher und ſah auf die Todte, von deren Antlitz Benno ein leichtes Tuch nahm... Welch ſchmerzlicher Anblick!... hörte er ſie leiſe ſprechen... Wie jung— wie ſchön! Fünfundzwanzig Jahre... Fünfundzwanzig Jahre ſchon?... Am Mund ſieht man das und an der Stirn... Großer Gott, die Stirn blutet noch... Warum mußte ſie auch der wilden Olympia begegnen!... Ihr Roß ſcheute... Daher wol dies Unglück... Glauben Sie, daß die Gräfin die Schuld trägt?... Benno hätte ſagen mögen: Oder Ich! Denn um meinetwillen kam Olympia!... Eine elektriſche Kraft gab ihm den Muth, zu erwidern: Das Leben iſt eine Kette von Urſachen und Wir⸗ kungen... Wir geben uns auf dieſe Art alle einander den Tod... Dieſe Arme würde hier auch ohne die Gräfin liegen... In der That?... Aber der Graf betet ſie doch an?... fragte die Herzogin... Seine Liebe war ein ſchöner Traum... Vor eini⸗ gen Stunden ſagte er ihr, daß ſie erwachen müßte.. Ich verſtehe... ſprach die Herzogin ſeufzend... Armes Kind, du wollteſt kein Erwachen... Wen hei⸗ rathet der Graf? ir an, die ſſelt... ſen Raum die Todte, m... er ſie leiſe Mund ſieht Gott, die auch der Denn unn. ſche Kraft und Wir le einandel h ohne die tt ſie doch Vor eini⸗ müßte 229 Eine Gräfin Paula von Dorſte⸗Camphauſen, Nichte des Kronſyndikus von Wittekind⸗Neuhof. Die Herzogin zuckte zuſammen... Sie erhob ſich, ſah geiſterhaft um ſich, betrachtete Benno, dann athmete ſie tief und ſchwer und beugte wieder das Haupt.. Benno war nicht ſo grauſam geweſen, dieſen Namen ſeines Vaters zu ſcharf zu betonen... Er knüpfte gleichſam nur an die Erwähnungen von vorhin an Sie kannten— dieſen Syndikus der Krone? ſprach die Herzogin nach Gleichgültigkeit ringend Benno erwiderte: Ich ſah ihn nur auf der Bahre, als man ihn in die Gruft ſeiner Väter ſenkte— Er lag— ganz ebenſo, wie hier— Benno hielt inne, um nicht zu viel zu ſagen. Eine lange Pauſe trat ein Schon wollte ſich die Herzogin, die das Bedürfniß zu haben ſchien, ſich von Benno über jene Familie, der ſie ſo nahe ſtand— im Wagen mehr erzählen zu laſſen, zur Thür wenden... Jetzt oder nie! riefen Benno's innere Stimmen und ſo wagte er die Worte—„Seine Tochter“— die er nicht ausgeſprochen, zu umſchreiben Ich denke mir, ſagte er, daß der Kronſyndikus in ſeiner Jugend Aehnlichkeit mit den Geſichtszügen dieſer Unglücklichen da hatte... Sehen Sie nur dieſe Stirn Tritt ſie nicht ganz ſo— trotzig hervor, wie— bei— jenem— Tyrannen? Das Antlitz der Herzogin vibrirte... Sie horchte der ſeltſamen Vergleichung hoch auf... 230 Benno, dem Himmel dankend über ſeine Gewandt⸗ heit, in der Sprache ſeiner Mutter ohne das mindeſte Hinderniß reden zu können, fuhr fort: Sehen Sie, da liegt noch die Schere, mit der der Arzt die Haare von der Wunde wegſchneiden ließ... Die ſchönen Haare!... Ich nehme dieſe Locken zu deinem Angedenken mit, arme—— Schweſter!.. Dieſe Anrede wurde feſt, wenn auch mit zitterndem Herzen geſprochen.. Die Herzogin fuhr jetzt zurück... Sie mußte glau⸗ ben, der junge Mann wäre plötzlich in Irrſinn verfallen ... Sie ſuchte ernſtlich die Thür... Ich nenne dich Schweſter! rief Benno noch lauter und bannte damit den Schritt der Entfliehenden... Finden Sie nicht, Herzogin, daß auch ich die Züge der Unglücklichen trage?... Die Herzogin blieb wie auf der Flucht... Sie glaubte einen Narren reden zu hören... Dennoch verglich ſie ihn und die Todte... Deshalb nannt' ich die Aehnlichkeit mit dem Kron⸗ ſyndikus— Denn, Herzogin, ich, ich bin mit dem Kronſyndikus verwandt... Die Herzogin konnte nicht von der Stelle... Aſſelyn!... ſprach Benno... Hörten Sie denn niemals dieſen Namen?... Die Herzogin hörte nur und beſann ſich... Da biß ſie plötzlich krampfhaft auf ihre Lippen... Es gab doch einen Freund des Kronſyndikus... Einen Abbate— Francesco... Kannten Sie denn den Abbate Francesco nicht?.. ne Gewandt⸗ das mindeſte mit der der en ließ... ſe Locken zu éſter!... t zitterndemn mußte glau nn verfallen noch lauter henden... ch die Züge . Sie „Dennoch dem Kron⸗ n mit dem .. Sie denn 1 231 Die Herzogin machte eine Bewegung, als hätte ſie der Stich einer Schlange getroffen Iſt das— Ihre Familie—?... ſagte ſie mit lauerndem Blick... Benno ſchwieg... Die Herzogin wollte, beſchlichen von einem furcht⸗ baren Gedanken des Mistrauens, den unheimlichen Saal verlaſſen... Sie ſah ſich um... Sie ſchien ſich auf noch einen andern Prieſter als den Abbate Francesco zu beſinnen, auf den Pater Stanislaus; ſie fragte: Graf Salem⸗Camphauſen ſagten Sie?... Aber gehen wir! lächelte ſie und die Frage wie zu— rücknehmend... 4 Vergebung, Herzogin!... ſprach Benno immer fe⸗ ſter auftretend... Ich kann mich nicht trennen... Dies Blut iſt mein eigenes... Ein Geheimniß, Her⸗ zogin!... Sie werden mich für wahnſinnig halten? Ich ſuche ſeit Jahren eine Schweſter... Ich glaube ſie in dieſer Unglücklichen gefunden zu haben... Still, ſtill!... Unter uns!... Noch einmal, ſinden Sie nicht, daß wir uns ähneln?... Die Herzogin bebte wieder zurück über den Ausdruck in den Zügen des jungen Mannes... Arme Schweſter, fuhr Benno fort, zum Paradieſe geleitet dich dein Schutzgeiſt mit trauernder Miene... Sie wird Einlaß finden, Herzogin, nicht wahr?... Denn ich und meine arme Schweſter, wir beide haben eine Mutter, die uns verlaſſen konnte... Eine Mut⸗ ter iſt die Vorſehung ihrer Kinder— aber Sie haben recht, was ſagten Sie eben? Eine Mutter kann in ihrem 232 Kinde den Vater haſſen?... War es nicht das?... Nicht alle ſind ſo groß und eitel, wie Ihr Cardinal Ceccone, der in ſeinem Kinde— die Mutter zum zwei⸗ ten male liebt.... Jetzt hatten ſich Benno's Züge wirklich verzerrt... Die Herzogin, die an der Thür, erſt um zu ent⸗ fliehen, ſtand, drückte jetzt die Thür noch feſter zu, blieb aber wie trotzend ſtehen... Vergeben Sie, Herzogin! fuhr Benno fort. Wir wollen die Ruhe meiner Schweſter nicht ſtören... Aber mein Geheimniß... Nicht wahr, ein Geheimniß für Sie und mich?... Auch ich glaubte von Zigeunern zu ſtammen, wie dieſe Arme, wenigſtens aus Spanien glaubte ich zu kommen... Ich entſinne mich einer Frau, einer jungen ſchönen Frau, die mich zuweilen — ich konnte nur ein Kind von drei oder vier Jahren ſein— holdſelig anlächelte, zuweilen auch wol eine Thräne auf mich fallen ließ; es konnten auch am Kindesauge nur ihre Diamanten haften geblieben ſein... Herzogin, da erfuhr ich plötzlich, daß ich eine Schweſter habe... Sie iſt geboren mitten auf der Landſtraße... Mit⸗ ten unter den Schrecken des Kriegs, auf der Flucht... Vor fünfundzwanzig Jahren... Von einer Mutter, die eine Italienerin, eine Sängerin war... Sie hieß— Basta cosi! ſchrie die Herzogin mit dem Ton der Furie... Sie lief auf Benno zu, ergriff ſeine Hand, ſah ſich wild um, richtete ihre beiden noch der höchſten Glut fähigen Augen auf nur drei Zoll Nähe dicht in die ſeinigen und ſtarrte ihn wie die Erinnye mit weißen Augen an.. das? Cardinal zum zwei⸗ zertt. um zu ent er zu, blieb fort. Wir Aber eimniß für Zigeunern Spanien nich einer zuweilen Jahren ne Thräne auge nur zogin, da abe... Mi⸗ Flucht.. r Mutter, ie hieß— Ton der ine Hand, böchſten dicht in t weißen 233 Schurke, der du biſt! fuhr ſie fort... Nachfolger des Paters Stanislaus! Nun weiß ich alles... Hier, hier in dieſem Hauſe wohnte ja Pater Stanislaus, Wenzel von Terſchka... Sollſt du es beſſer machen, als die— ſer undankbare Teufel, der dem Al Gesù ſéinen Spaß verdorben hat?! Mutter—! rief Benno auf dies entſetzliche Wort aus der tiefſten Tiefe des Schmerzes, des Mitleids, der Liebe hervor... Mutter, wie redeſt du! Sein Ton war ſo zart, ſo innig, daß er von keinem Betrüger kommen konnte Die Gefolterte ſtarrte ihn an... Die verzerrten Züge ihres Antlitzes milderten ſich, das Auge, immer ſich einbohrend in die Augen Benno's, verlor ſeine ſtechende Schärfe, immer ſchwankender wurde ihre Hal⸗ tung, die Hände ſuchten einen Halt, ſie ſank—„Mut⸗ ter?“ hauchte ſie ihm nach.Benno ſtürzte auf ſie zu und überwunden lag ſie in ſeinen Armen Eine Weile währte es, bis ſie ſich aus einer Ohn— macht erholte. Benno lüftete ihren Hut, der ſofort niederfiel.. Das Haar verdeckte ein Netzwerk, unter dem ein ehr würdiges Grau ſchimmerte. Allmälig erſt gewann ſie Sprache und hauchte, zu ihm aufblickend, noch tief zweifelnd, aber ſchon mit lie⸗ bender Zartheit: Ce— ſa— re— 2.. Julius Cäſar... beſtätigte Benno, richtete die Augen auf die Leiche und ſagte: Und dieſe nannte man Angiolina. 234 Die Augen der Frau erhoben ſich wie irr bald auf Benno, bald auf die Leiche, bald gen Himmel... So währte es eine Weile... Dann gingen die Augen nur noch vom Sohn zur Tochter und vom Tode zum Leben hinüber... Endlich riß ſie ſich wild los und ſchrie: Licht! Licht!... Die Fenſter auf!... Ich muß meine Kinder ſehen!... Meines Mörders Kinder... Ha, ha!— Wach auf, wach auf, Mädchen!... Ich kenne dich ja nicht—... Benno gewann zuerſt die Faſſung... Man hörte Geräuſch... Schritte eines Kommenden... Es klopfte leiſe... Der Graf war es, dem das lange Verweilen, das laute Sprechen bei der Leiche auffallen mußte. Die Herzogin lag ausgeſtreckt über der Leiche, ver⸗ barg ihr Haupt und war ſelbſt wie entſeelt... Der Graf durfte dieſen Ausdruck weiblicher Theil- nahme an einer Südländerin natürlich finden und folgte Benno harmlos, der ihn mit äußerſter Beherrſchung ſeiner ſelbſt aus dem Saale zog... Die Herzogin blieb allein zurück... Sie ſah um ſich, ſie taſtete hin und her, ſie ſtürzte auf die Leiche, ſie riß ſich wieder auf, nahm ihren entfallenen Hut, drückte ihn auf das Haar, das ſie erſt zerwühlen wollte... Dann nahm ſie mit irrer Geberde die abgeſchnittenen blu⸗ tigen Haare und verbarg ſie wie im Diebſtahl... Nun preßte ſie wieder einen Kuß auf die Lippen der Todten, dann wandte ſie ſich und wollte wieder zurück... Der Graf ſtand inzwiſchen wieder in der Thür... er bald auf el gingen die Hvom Tode ch wild los .Ich muß Kinder... chen!... Man hörke Es llopfte veilen, das geiche, ver⸗ cher Theil und folgte eherrſchung zie ſah um 235 Wir verweilten lange bei dem lieblichen Engel— ſprach ſie in kurzen Sätzen... Segne Sie— Gott, Herr Graf, für die Liebe, die Sie ihr ſchenkten— Es gibt nur Eine Liebe— mag ſie auch Namen haben, welche ſie wolle... Benno bot ihr, da ſie zuſammenzuſinken drohte, ſei⸗ nen ihm ſelbſt zitternden Arm Der Graf dankte für ſo viel Theilnahme und beglei tete beide bis an die weißſchimmernde Stiege, rieth freundlich zur Vorſicht, empfahl Benno ſeine vorhin ausgeſprochene Bitte und nahm zum zweiten mal von einem Beileid Abſchied, das alles das zu erkennen gab, was in ihm ſelbſt vorging Ohnmächtig ſinkend, ja ſtürzend ſchwankte die Herzo⸗ gin die gebrechliche Stiege hinunter Unten ſtanden zwei Diener... Der Schlag des vierſpännigen Wagens flog auf... Benno trug die zuſammengebrochene Frau mehr, als er ſie führte. Sie ſank in ihren Sitz... Er ſtieg ihr nach Der Schmerz der Herzogin konnte allen erklärt erſchei⸗ nen aus dem empfangenen, an das gemeinſame Men ſchenloos erinnernden Anblick Die vier Roſſe zogen an... Pfeilgeſchwind flogen ſie dahin Cielo!... Destino!... Manda mi la morte!... So brachen die Empfindungen der Herzogin aus... Benno ergriff die Hände der jetzt ohnmächtig zuſammen⸗ ſinkenden Mutter... Es war wie eine zweite Geburtsſtunde, die ſie er⸗ lebte... Ihre Zähne klapperten.... Allmälig ſchlug ſie die Augen auf, betrachtete Benno und wollte mit der Geberde einer Fieberkranken die mitgenommenen blutigen Haare küſſen... Benno riß dieſe fort und umſchlang die Mutter mit ſeinen Armen... Wieder verſank ſie in Ohnmacht und ſieberte laut... In dem weichgepolſterten Wagen ging es auf der Landſtraße eine Weile dahin wie in einem lautloſen Zimmer... Als der Wagen eine kleine Höhe bergan fahren mußte und es langſamer ging, ſchlug die Herzogin die Augen auf, rang die Hände, riß Benno an ihr Herz und küßte ihn... Du biſt es! rief ſie... Wüßte es doch alle Welt! ſetzte ſie hinzu... morte! in aus. zuſammen⸗ die ſie er betrachtete berkranken Nutter mit d ſieberte zauf der lautloſen an fahren rzogin di ihr Herz doſt! lle Welt! Mutter! lehnte Benno ihren Wunſch ab, der faſt wie Beſorgniß klang... Wer weiß es noch ſonſt? fragte ſie.. Ich hier allein! antwortete Benno und deutete auf ſein Herz. Meine Ahnung iſt erfüllt! ſprach ſie... Mit ban⸗ gem Herzen bin ich nach dieſem Lande gekommen Ich ahnte, daß ich das alles, alles erleben würde. Nicht aber ſo! klagte Benno das Schickſal an So grauſam nicht!... Das Leben im Tode O zürnſt du mir?... Sie ſchüttelte den Kopf... Niemand weiß es? fragteſie wiederholt und zweifelnd.. Vier fremde Prieſter, beſtätigte Benno, ich und mein Bruder— der Präſident von Wittekind— Friedrich iſt mein Freund und der deine... Sie fand ſich langſam zurecht Aber wer weiß, begann ſie, ob ich deine Stimme ge hört hätte, wärelſie nicht von dem Schweigen einer Todten unterſtützt geweſen... Angiolina!... Ja, ich hatte mich mit Haß gerüſtet, mein Sohn... Hätte Gott es nicht ſo verhängt, daß ich meine Kinder ſo— ſo wie— dergeſehen— wer weiß—!... Angiolina!... Eine — Verlorene!. Benno unterbrach dieſe Gedankenreihen und fragte liebend vorwurfsvoll: Selbſt auf deine Kinder wollteſt du Haß werfen?... Ja, mein Sohn! beſtätigte die Frau, deren Lipper noch wie von Fieberfroſt auf und zu gingen.. Es liegt eine wunderbare Macht, fuhr ſie, an Angiolinens 238 Verirrung anknüpfend, fort, in dem Geſetz... Aber eine Frau kann ſich von ihm verirren und, wird ſie nur ge⸗ liebt, ſo vergißt ſie alles, Urtheil der Welt und künftiges Gericht... Täuſcht ſie aber der, den ſie liebte und um den ſie alle Sünden der Welt ertrug und ſelbſt be⸗ ging, ſo welkt ihr jeder Baum und jede Farbe verbleicht ihr und ich haßte dich ſchon damals ebenſo, wie ich dich anfangs geliebt hatte... Ich ſchleuderte— Angio⸗ linen— dies Kind wie eine Laſt von mir... Ihm zu Füßen!... Da haſt du, was dein iſt, Schurke!... Ich ſah meine Geburt nur einmal— wie ſie ins Leben trat... Das wird vor Gott ein Verbrechen ſein— aber er ſtrafte mich jetzt ſchon, daß ich mein Kind ſo wieder⸗ ſehen mußte... Sie verſank in Thränen und küßte die blutigen Haare... Sei verſöhnt! ſprach Benno mit Milde und wie jeder, der an ein mühevolles Ziel glücklich angelangt iſt, dann erſchöpft zuſammenbricht... Dir bin ich es, mein Sohn! wandte ſich ihm die ſtolze Frau zu, jetzt, um ihn zu ermuthigen, mit zärt⸗ lichſtem Tone, ja wie eine Braut ſo weich— aber— Medea— erhob ſie ſich wieder— Medea ſchlachtete dem treuloſen Vater ihre Kinder... Nein, nein!... beſchwichtigte ſie gleichſam... Wie kommt das alles— daß du hier biſt? Suchteſt du mich? Woher weißt du deinen Urſprung?.. Benno ſammelte ſich und die Mutter am zweckmä⸗ ßigſten durch die vollſtändige Erzählung der ihm all⸗ mälig gewordenen Enthüllungen... Er ſchloß ſeine kurzgefaßten Mittheilungen mit dem Wort: Aber eine ſie nur ge⸗ d künftiges liebte und d ſelbſt be⸗ de verbleicht wie ich dich — Angio⸗ . Ihm ſchurke!... e ins Leben hen ſein— d ſo wieder⸗ en Haare. e und wie angelangt i zwecknl ihm al ſchloß ſein 239 Die Kirche anerkennt deine Ehe!... Sprich das nicht aus! entgegnete ſie... Meine Feinde haben mir auch mit lächelnder Miene dieſe Andeu⸗ tung gegeben... Meinen Frevel, die Hand des Herzogs von Amarillas zu nehmen, die ich nahm aus Stolz und Scham über mich ſelbſt, verzeiht das Geſetz; denn ich kannte die Lehre der Kirche nicht... Ich wußte, daß mich dein Vater betrogen hatte und war frei... Wann erfuhrſt du das? Als ich einige Laute dieſer eurer rauhen Sprache gelernt hatte, die du nur ſchön ſprichſt, du, mein Sohn! ... Als ich ein Flüſtern zu verſtehen anfing, wenn Witte⸗ kind mit ſeinen Freunden zuſammen war, ich auf meine Anerkennung drängte und nicht mehr in meine Pflichten nach Kaſſel zurückkehren zu wollen erklärte, wenn ich auf Neuhof geweſen... Ich erlebte die Grauſam⸗ keit des Mannes!— O mein Cäſar— haſt du etwas in deinen Zügen von dieſem Tyrannen— Zeſus ja, du biſt ſein Bild!... Nicht im Herzen! ſagte Benno, ſchlug die Augen nieder und zog die Mutter an ſeine Bruſt... Er warf mich eines Tages in einen Kerker! fuhr ſie fort... Er ließ mich hungern... Ich ſchrie um Hülfe... Zuletzt konnt' ich nicht mehr... Er kam in die unterirdiſchen Gewölbe und kniete an meiner Thür nieder und weinte... O Cäſar... Er konnte be⸗ ſtrickend ſein wie ein Kind, wenn er wollte und Nach⸗ ſicht bedurfte... Zweimal geſchah das... Ich ſaß in den unterſten Gewölben und fror und hungerte— ich, ſein rechtmäßiges Weib! Wie ich damals noch— 240 und freilich nur noch das erſte mal glaubte... Ein Teufel von einem Weibe bewachte mich... Brigitte von Gülpen, ergänzte Benno... Sie ſtrafte der Himmel... Sie iſt ermordet worden... Gott wird ihrem Mörder zum Paradieſe verhelfen! Ja, Brigida hieß ſie—! Ich vergeſſe den Ton nicht, wenn ſie ſich meldete und ich rief: Wer da!... Sie ſpitzte dann den Mund und lockte mich: Täubchen!... Sie hätte mich würgen können wie eine Taube... So auch ſtarb ſie... ſagte Benno und erzählte den Tod der Hauptmännin... Dann fuhr er fort: Aber ſie hatte eine Schweſter— Petronella hieß ſie— Ihr dank' ich mein Leben, meine Pflege, meine Er⸗ ziehung... Meinem Onkel, dem Abbate Francesco, verdank' ich meinen Namen... Ich hieß der Sohn ſeines Bruders... Ich heiße Benno von Aſſelyn... Julius Cäſar von Wittekind heißt du!— und eine Weile nach mir Montalto!... verbeſſerte ſie ſtolz und fuhr in den ſie erleichternden Erinnerungen fort... War ich er⸗ müdet und kraftlos und verhallte meine Stimme ohnmäch⸗ tig an den Wänden, ſo kam dein Vater und beſchwor mich, ihm zu vertrauen... Er könnte mich noch nicht aner⸗ kennen, wehklagte er... Er verlöre die Hälfte ſeines Vermögens... Auf ſeinen Witthum beruhte ſeine ganze Kraft... Mit der zweiten Heirath würde er der Sklave ſeiner Kinder werden... Er nannte Namen, die ich bald vergaß, Verhältniſſe, die meine Begriffe überſtie- gen... Er bat, er flehte hinter dem Gitter.. Er knieete nieder, ſchilderte eine glänzende Zukunft... Ich ließ mich bethören und verſprach nachzugeben Dieſe meine erſt ei durch 9, we B ihre Wie teter chen. A ter m betrog wurde Ich beſtim vor n ſagte der T füßt nich Katl betre dam fuhr zu e von te 2 s rrhelfen! on nicht, . Sie en. erzählte er fort: fe— ine Er mncesco, Sohn hn... Weile fuhr in ich er⸗ —umäch⸗ or mich, t aner⸗ ſeines eganze Sklave die ich berſtie⸗ Er 3- Jc) 241 Dieſe Augenblicke, wenn er den Schlüſſel zog, wenn er meine Schwüre hören wollte, daß ich ihm verziehe, erſt ein Piſtol mir entgegenhielt und dann doch wieder durch das Gitter mich mit Küſſen verlocken wollte— O, was hab' ich gelitten, mein Sohn!... Benno umarmte ſie, ſtreichelte ihre Wange, küßte ihre Hände... Er ſtarb im Wahnſinn, ſagte er... Wie zur Sühne ſolcher Frevel ſtarb er— ein Geäch— teter... Einen ſeiner frühern Freunde hat er erſto⸗ chen... Wär' es einer von denen geweſen, ſagte die Mut⸗ ter mit Bitterkeit, die mich in der Kapelle zu Altenkirchen betrogen!... Und doch, du ſagſt es, einer von ihnen wurde dein zweiter Vater?... Lebt der Abbate noch?... Ich glaubte, gerade der wäre zur ewigen Verdammniß beſtimmt!... Gerade er machte und wie aus Achtung vor mir den Miniſtranten— ein Prieſter!... Ich ſagte ihm Dank, als wir ins Schloß zurückkehrten nach der Trauung, Dank für die Ehre, die er mir gewährt ..“. Seine Hand zitterte, als er dafür die meinige küßte... Ein Jude war der falſche Prieſter— der mich drei Jahre lang betrog— Auch in der großen Kathedrale von— wie hieß der Ort— Witoborn— betrog—!... Er las die Meſſe... Ich wußte damals nicht, daß es ſeine erſte war... Später er⸗ fuhr ich's, als ich anfing, mich heimlich nach ihm zu erkundigen... Kurz vor der Flucht des Hofes von Kaſſel, längſt ſchon in Angſt um Wittekind's kal⸗ tes Benehmen, in Hoffnung mit— Angiolinen, in Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 16 242 Angſt vor den wilden Koſakenhorden, die nach der gro⸗ ßen Schlacht bei— Leipzig ſchon bis dicht an die Thore ſchwärmten, ſagte mir Wittekind ins Geſicht, daß er mein Bleiben nicht dulden würde und daß ich ſein Weib gar nicht wäre... Trommelwirbel fielen in dieſe Worte... Die Glocken läuteten Sturm— Feuer! rief es in den Gaſſen... Schon brannt' es in den nächſten Dörfern... Beſinnungslos folgt' ich der all⸗ gemeinen Flucht... In der unglücklichen Lage eines: Weibes, wenn ſie die Zwecke der Schöpfung erfüllen ſoll, ward ich von den Angehörigen der Truppe, zu der ich gehörte, fortgeriſſen... Schon am Abend, in einer Scheune, auf dem Wagen eines Kunſtfeuerwerkers un⸗ ſers Ballets, kam ich nieder... Ich raffte am an⸗ dern Morgen den letzten Reſt meiner Kräfte zuſammen⸗ ſtoße das Kind, wie alles um mich her, von mir— Die Geſellſchaft wird von den Vorpoſten der Ruſſen auseinander geſprengt— Ich gelte für eine Todte— So kam ich auf einem Bauerwagen nach Frankreich, verfolgt von dem Hohn: Das iſt der Hof des Königs Hieronymus!... Ich verfiel in eine lange Krankheit, nach der ich mich erſt allmälig auf alles beſann, was vorher mit mir vorgefallen... Arme Mutter! ſprach Benno und ſuchte ſie zu be⸗ ruhigen... Aber die Sprecherin war in mächtigſter Erregung und fuhr fort: Der Krieg kam näher und näher... Ich benutzte meine erſten wiedererlangten Kräfte, an Wittekind zu ſchreiben; an den Biſchof von Witoborn, dem ich noch Anſtan die B. Witte weift gobßer wve war ware Nach lebteſ Mon von kenne der gro⸗ e Thore daß er ch ſein in dieſe Feuer! in den der all⸗ ge eines erfüllen „zu der in einer ers un⸗ am an⸗ ammen⸗ nir— Ruſſen dte— nkreich, Königs ankheit, n, mas zu be⸗ rregung genutzte nd zu h noch Anſtand nahm alles ganz wie es war mitzutheilen; an die Behörden... Letztere wurden eben neu eingeſetzt... Wittekind antwortete nicht... O die Scham und die Ver⸗ zweiflung über meinen eigenen Unverſtand waren noch größer als mein Rachegefühl... Ich ſuchte mich der Welt zu verbergen, ich verrieth niemanden, was mir geſchehen war... Meine nächſten Vertrauten und Umgebungen waren durch die Zeitumſtände von mir geriſſen... Nachrichten über ein Bauerhaus einzuziehen, wo du lebteſt, wurde unmöglich... So bracht' ich einige Monate in Paris zu... Da lernte mich der Herzog von Amarillas, Marquis Don Albufera de Henares, kennen... Die Mutter hielt inne, um neue Kraft zu ſchöpfen... Benno bat ſie, ſich zu ſchonen. Bei dem Wort, das er ausſprechen wollte, er würde ſie ja nun oft ſehen können... ſtockte er... Wir ſehen uns in Rom! ſagte er... Nein, ſchon hier! wollte ſie mit überwallendem Ge⸗ fühl ausrufen; doch auch ſie unterbrach ſich jetzt und geſtand, ihre Stimme dämpfend: Meine Lage iſt— frei⸗ lich nicht ſo— daß ich— Benno ſah, daß hier ſeind Aufgabe erfüllt war.. Was ſollte er noch in Wien?... Sollte er wie Ham⸗ let einen ungeheuern Schmerz im Buſen tragen und ihn vertändeln in der Geſellſchaft, in einem Liebesroman mit Olympien?... Die Herzogin fuhr inzwiſchen fort: Die Feinde hatten Paris genommen... Ein Flücht⸗ ling vor Napoleon, kehrte der Herzog mit dem vertrie⸗ 16* 244 benen Ferdinand VII. nach Spanien zurück... Er kam aus England und erkrankte in Paris... Der Streit unſerer Meinungen hinderte nicht die Annäherung der Sympathieen... Der Herzog wohnte in einem Hauſe mit mir... Er war alt und gebrechlich... Seine gänzlich verarmte Lage rührte mich... Ich fing wie— der an zu ſingen und theilte mit ihm, was ich hatte... Dennoch war alles nur Rache an Wittekind— der mich endlich mit Geldmitteln und höhniſchem Spott und einer teufliſchen Bitte um Verzeihung bedachte— Rache, daß ich ihm als Herzogin antwortete und ihm ebenſo höh⸗ niſch, wie er geſchrieben, auch ihm ſeine Kinder em⸗ pfahl, für die er zu ſorgen gelobte, die ich aber— Gott wolle es mir verzeihen!— wie alles verfluchte, was mich an ihn erinnern konnte... 4 Benno erkannte die pſychologiſche Möglichkeit... Nach einer ſtarren Betrachtung der blutigen Locken Angiolinens fuhr die Mutter fort: Ich reiſte nach Madrid... Der Herzog, mein Gemahl, hatte eine Stellung am reſtaurirten Thron der Bourbonen erhalten... Bald aber kehrte Napoleon von Elba zurück; auch in Madrid erhob ſich die Revo⸗ lution... Der Herzog erlag den Anſtrengungen einer Flucht vor der Cortesregierung nach Portugal und ſtarb ... Wieder ſtand ich allein, wieder ohne Schutz und Lebenshalt; jetzt bereuend, daß ich mich ſelbſt ſo raſch zu dieſer Veränderung meiner Anſprüche auf Wittekind hatte beſtimmen können... Ich reiſte nach Rom... Von dort begann ich in meiner erſten Verzweiflung, mit Schloß Neuhof zu correſpondiren und einlenkende Sc ſt Gel Sch Er kam r Streit ung der Hauſe Seine ng wie⸗ atte... der mich d einer he, daß ſo höh⸗ der em⸗ — Gott 2, was Locken mein ron der poleon Revo⸗ einer d ſtarb tz und raſch ittekind klung, nkende 4 245 Schritte zu thun... Später drohte ich... Man ſchrieb mir oder ließ mix ſchreiben... Ich empfing einiges Geld, im üreßde die alten höhniſchen und bäuriſchen Scherze und Bitten um Verzeihung...Las ich dieſe Briefe, ſo hörte ich das wiehernde Gelächter, das dein Vater zu— weilen ausſtoßen konnte für ſich ganz allein— nur für ſich allein... Ergjubelte dann über ſeinen Verſtand und über die Dummheit der ganzen Welt... Das hat ſich traurig gewendet! ſagte Benno... Jéröme, ſein zweiter, ſchon geiſteskranker Sohn, ſtarb im Duell... Auch Friedrich, der Erbe, iſt nicht glück⸗ lich... Doch bin ich mit Friedrich einverſtanden und be⸗ freundet... Er kennt meine Reiſe hierher und billigt die Begegnung mit dir... Befiehl du ſelbſt!... Er ordnet ſich allen deinen Wünſchen unter... Die Herzogin horchte aufmerkſam und überlegte... Sie ſchien das Fortwalten des Geheimniſſes vorzuziehen ... Wenigſtens ſagte ſie: Mein Sohn!... Ich bin die Tochter eines Mar⸗ cheſe im Ravennatiſchen, der ſein Vermögen verlor... Ich mußte früh an die Verwerthung eines Talents den⸗ ken, das mich und die Meinigen erhielt. So legte ich den Namen der Marcheſina von Montalto ab und nahm den der Fulvia Maldachini an... Von Rom kam ich erſt nach Parma... Von dort nach Mailand, von Mailand nach Paris, von Paris nach Kaſſel... Ich kannte dieſe ganze dortige fremde Welt nicht und ver⸗ achtete ſie zu ſehr... Meine einzige Umgebung war eine alte Römerin, die mich ſingen gelehrt hatte.. Sie war halb erblindet, erſchien aber durch ihre Ma— 246. nieren wohl geeignet, meine Duenna vorzuſtellen... Auch ſie verſtand die Welt nicht, in der wir mit An⸗ ſtand lebten... Ich genoß die größten Auszeichnun⸗ gen und hatte ſelbſt die Liſt des Königs zu fürchten... Ich war tugendhaft, mein Sohn!... Ich war es vielleicht nur— aus Stolz... Den Freiherrn erhörte ich erſt, als er mir die heimliche Ehe anbot und ich ſie vor Gott, einem Pfarrer oder deſſen Subſtituten und mehr als zwei Zeugen, die hingereicht hätten, richtig geſchloſſen glaubte... Meine Entbindung von dir ſiel in die Zeit der Ferien an unſerer Bühne... Ich genas in einer der kleinen Meiereien, die zu den Beſitzungen deines Vaters gehörten... Eine Bäuerin nährte dich... Noch war deine Geburt eines Familienſtatuts wegen zu verbergen . Aber du hatteſt meine ganze Liebe.. Nie konnte ich dich in den ſchmuzigen Umgebungen wie ein Bauern⸗ kind ſehen, ohne nicht ſofort mit deinem Vater die ern⸗ ſteſten Kämpfe über die endliche Enthüllung unſers Ge⸗ heimniſſes zu beginnen... Anfangs erfolgten die Be⸗ ſchwichtigungen in Güte... Die ſpätere Wendung er⸗ zählte ich dir... Wäre ich nicht von den Pflichten meines Berufs, den ich liebte und den ich ſo viele Mei⸗ len von Neuhof entfernt ausübte, gebunden geweſen, ich hätte ſo lange mein Geheimniß nicht bewahren können... Als ich endlich den Betrug durchſchaute, übertrug ich meinen Haß auch auf meine Kinder... Und ich ſag' es dir, Cäſar, ich würde dich und Angio⸗ lina nie anerkannt haben ohne dieſe heutige Wendung des Geſchicks, die mir ſo ſchreckhaft ſagte: Die Rache laſſe der Menſch dem Himmel!... Oft befiel mich 2 — ellen.. mit An⸗ szeichnun⸗ chten... h war es i erhörte ich ſie vor und mehr geſchloſſen Zeit der einer der es Vaters Noch war verbergen eie konnte Bauern⸗ die ern⸗ ſers Ge⸗ die Be⸗ dung er⸗ Pllichten tele Mei⸗ geweſen, hewahren cſchaute, er... Angio⸗ zendung Rache el niic 247 melancholiſche Sehnſucht nach den beiden Weſen, die ich unterm Herzen getragen... Einmal— ja, da war ich nahe daran, mich zu entdecken, als jener Pater Sta⸗ nislaus, den du kennſt—... Wenzel von Terſchka—... Nach Deutſchland reiſte und ſich mir empfahl... Ich lebte jedoch ſchon damals in Verhältniſſen, die mir die Feſthaltung meiner Stellung als Herzogin von Ama⸗ rillas zur unbedingteſten Pflicht machten... Und noch— jetzt, mein Sohn—... Die Erzählerin ſtockte und wandte ſich ab... Benno glaubte die Beſchämung zu ſehen, die An⸗ ſtand zu nehmen ſchien, von Cardinal Ceccone, ihrer dritten Verbindung, zu ſprechen... Ein unendliches Weh legte ſich auf ſein Herz... Mein Sohn, ſprach die Herzogin, ſeine Gedanken errathend... Wenn Cardinal Ceccone in allem ſo heilig wäre, wie in ſeinem Verhältniß zu mir, ſo würde man ihn nach ſeinem Tode kanoniſiren... Eher kannſt du in Rom hören, daß—— Ceccone wie Papſt Alexander Borgia ſeine eigene Tochter liebt, als das Wort— die Herzogin von Amarillas ſtünde in einer nähern Verbindung mit ihm, als der, die Duenna ſeiner—„Nichte“ zu ſein... Mein Sohn, du ſiehſt mich hier mit vier Pferden fahren, Bediente umringen mich, ein römiſcher Principe reicht mir den Arm, um mich in die kaiſerlichen Theater zu führen, in die Loge des mächtigſten Staatsmannes der Welt— ich bin nichts weiter als eine Gouvernante.. 248 Benno ergriff gerührt die Hand der Mutter und ſah in ihre umflorten Augen... Unter unſern Cardinälen, fuhr ſie mit ſchmerzlichem Lächeln fort, gibt es einige, die wohl verdienen, Muſter der Chriſtenheit genannt zu werden... Ihre Zahl iſt nicht groß... Die übrigen theilen ſich in zwei Klaſſen . In ſolche, die die Gelübde aus Indolenz hal⸗ ten, und ſolche, die die Natur nicht betrügen können ... Alle aber, ſelbſt die letztern bewahren den An⸗ ſtand... Saltem caute!l iſt unſere römiſche Deviſe... Um die immer prüfend und lauernd auf ſie gerichteten Blicke der Menſchen, namentlich der Prieſter, zu zer⸗ ſtreuen, zeigen die Cardinäle ſich abſichtlich ganz welt⸗ lich, leichtſinnig, geſellſchaftsbedürftig und doch nicht anſtößig. Das iſt, wie die Frauen im Cicisbeat einen Deckmantel für eine in ganz anderer Sphäre verſteckte Leidenſchaft haben... Jeder Gatte läßt ſeine Gemah⸗ lin ruhig mit dem Cicisbeo gehen... Dieſer iſt der Freund des Hauſes, der Freund des Mannes, der Beſchü⸗ tzer der Frau, deren anderweitige Verhältniſſe am wenig⸗ ſten der Cicisbeo kennt... So haben auch die Cardi⸗ näle ein Haus, an das ſie attachirt ſind, wo ſie Audienzen geben, wo ſie ſich ausruhen, Whiſt ſpielen und wirklich, wenn auch mit den leichteſten Formen, die Tugend und Entſagung ſelbſt ſind... Das weiß in Rom jeder⸗ mann... Cardinal Ceccone kann nach ſeinen Arbeiten in der Sacra Conſulta nicht anderswo ſich erholen, als bei der Herzogin von Amarillas, wo es hergehen würde ſo ſtill und fromm, wie im Kloſter von Camalduli, wenn nicht Olympia mit den Jahren immer gefahrvoller 4 utter und merzlichem , Muſter e Jahl iſt ei Klaſſen plenz hal⸗ en köͤnnen den An⸗ ebiſe... gerichteten „zu zer⸗ anz welt⸗ och nicht eat einen verſteckte Gemah⸗ eiſt der Beſchü⸗ nwenig⸗ Cardi⸗ ludienzen wirklich, end und n jeder⸗ Arbeiten len, als würde nalduli, grvoller 249 ſich entwickelt hätte— Cäſar!— unterbrach ſich die Sprecherin und betrachtete Benno mit einer Miſchung von Staunen und Schrecken— wie nur war es mög⸗ lich, daß gerade du, du mein Sohn, Cäſar von Witte⸗ kind, es ſein mußteſt, der—... Doch— fuhr ſie plötzlich auf— fliehe Olympia! Sie zerreißt, was ſie liebt... Benno gexieth in die größte Verwirrung... Seine Ueberzeugung, daß er in Wien ſeit dieſer Stunde nichts mehr zu vollbringen oder abzuwarten hätte, mehrte ſich... Die Mutter fuhr fort: Ich bin nicht die einzige Herzogin, lieber Sohn, die in Roms dunkelſten Gaſſen wohnte und nur— in den Kirchen, deren wir zu dieſem Zweck Gott ſei Dank genug haben, von einem ihrem Stand gebührenden Glanze umgeben iſt... Man iſt arm, aber vom Munde darbt man ſich den Miethwagen ab, der uns des Abends eine Stunde auf den Corſo führt... Sonſt geht man des Ta⸗ ges zu Fuß... Ein Schleier genügt, nicht einmal ein Bedienter... Alle hundert Schritt liegt eine ſchöne ge⸗ räumige Kirche, gebaut aus Marmor, mit ſtillen Ka⸗ pellen, dunkeln Ecken, da eine Lampe, hier ein Schemel für die Füße, ein Bild von Domenichino, eine Sculp⸗ tur von Michel Angelo— ſo kann man ſchon eine Stunde lang verträumen, ein Leben der Armuth an⸗ ſtändig verſchleiern... Du wirſt das ſehen, wenn du in Rom biſt... Du gehſt nach Rom!... O wohl, wohl!... Du ſollſt es... Oder was— was glaubſt du, mein Sohn?... Benno hatte die Miene gemacht zu fragen, ob ſie 250 es nicht wünſche... Er ſah, wie ſeine Begegnung ſie bei alledem zu ſtören anfing... Die Kirchen, fuhr die Herzogin nach einigen zärtlichen Blicken fort, die Kirchen in Rom ſind zum Beten da; aber ſie verbinden zugleich den Zweck, eine Promenades zu ſein, eine Promenade, die zu betreten nichts koſtet... Ich hörte einen Attaché der Geſandtſchaft des Königs von Preußen, der erſt einige Tage in Rom war, außer ſich gerathen bei der Erzählung: Ich beſuche den Carcer Mamertinus beim Capitol, die Kapelle, die über jenem Gefängniß er⸗ baut iſt, wo Sanct Peter vor ſeiner Hinrichtung gefangen ſaß, und ein Geiſtlicher tritt herein, kniet vor einem Betpult nieder, wendet das Antlitz zum Altar, zieht, ehe er betet, ſein Taſchentuch, ſeine Doſe, nimmt eine Priſe und dann erſt faltet er die Hände!*)... Dies Bild brachte den Lutheraner außer ſich, beleidigte jedoch von uns Römern niemand... Es war ein heißer Tag; der arme Dorfpfarrer, der die Merkwürdigkeiten der Stadt anſah, wollte ſich ausruhen und benutzte die kühle Kapelle St.⸗Pietro in carcere... Daß man ſich an einem ſolchen Ort mit der Geberde des Betens aus⸗ ruht, bringt die Rückſicht auf den Ort und diejenigen mit ſich, die vielleicht ringsherum wirklich beten... Die Kirchen Roms ſind nicht Kirchen allein, ſondern die ehemaligen Thermen der Kaiſer... Sie ſind die Gärten und Promenaden der Stadt, die allen gehö⸗ ren, den Armen und Reichen, den Königen und Bettlern .Iſt denn nicht auch das Religion, was alle gleich *) Factiſche Reiſeerinnerung. egnung ſie Fürtlichen da, aber de zu ſein, Ich hört Preußen, rathen bei amertinus ngniß er⸗ gefangen or einem r, zihht, mt eine .. Dies te jedoch heißer digkeiten zutzte die man ſich ens aus⸗ iejenigen 1 ſondern find die n gehö⸗ Bettlern egleich 251 macht?... Wer gefallen iſt, Könige, die ihre Krone verloren, können keine bequemere Stadt der Welt finden .. Für die, die ohne Demüthigung ſein und vergeſ⸗ ſen wollen, iſt Rom die Stadt der Städte... Dieſe Aeußerungen einer Frau, die in ſo unmittel⸗ barer Nähe der Tonangeber der Chriſtenheit lebte, muß⸗ ten Benno wol die Frage wecken: Wieſtehen ihre Ueber⸗ zeugungen im Verhältniß zur Kirche und zu dem Zweck der Sendung des Cardinals?... Doch überwog jetzt noch das Intereſſe am Perſönlichen... Fünf bis ſechs Jahre, fuhr die Mutter fort, lebte ich in dem ſteten Kampf mit mir, welche Entſchließun⸗ gen ich faſſen ſollte... Ich war nicht mehr jung .. Meine Schönheit, wenn ich ſie je beſaß, war ver⸗ blüht... Ich zog niemanden an, als dann und wann ein paar Prieſter, die bald wegblieben, als ich ihnen keine Tafel ſerviren konnte... Zur Devotion hatte ich kein Talent... Im Singen zu unterrichten widerſprach meinem Stolz... Ich proceſſirte mit den Gerichten Spaniens; die Revolutionen und die Cortes wieſen mich ab... Wittekind erlebte in meiner Verzweiflung einige⸗ mal die Drohung, daß ich nach Deutſchland kommen und die Gerichte gegen ihn anrufen würde... Ich ging ſo weit, mich über die Geſetze wegen unwiſſent⸗ licher Bigamie zu unterrichten... Ich überzeugte mich, daß meine Ehe nach kanoniſchen Regeln anerkannt wer⸗ den konnte... Dann aber hatte ich in Bigamie gelebt und mußte erſt von dieſer Sünde wieder befreit werden . Das iſt das beſonders Schmerzliche am Unglück, es macht zuletzt feige... Das Unglück verwirrt uns 252 und läßt uns falſche, oft ganz unwürdige Maßregeln er⸗ greifen... Ich fand wenigſtens meine Hülfe da, wo ich nimmermehr geglaubt hätte, daß ich ſie ſuchen würde... Benno horchte voll höchſter Spannung... Jenſeit der Tiber wohnen in Rom jene Volksklaſſen, die ſich noch eine gewiſſe Natürlichkeit, ſoweit ſie bei römiſcher Unbildung möglich iſt, bewahrt haben; Hand⸗ werker, die größerer, lichterer Räume bedürfen, als ſie die innere Stadt dieſſeit der Tiber bietet... In Tra⸗ ſtevere wohnte ein Metzger, von dem ich mir zuweilen den Luxus geſtattete, ein beſſeres Stück Fleiſch, ein gan⸗ zes junges Lamm für die Küche zu beſtellen... Noch lebte meine alte Marietta Zurboni, die mich ſo lange Jahre begleitet hatte... Nun war ſie ganz blind; ich gönnte ihr zuweilen Feſttage in Wirklichkeit, nicht blos die, die im Kalender ſtehen— Was ich da alles rede! unterbrach ſich die Herzogin und ſtarrte in die Ferne und in die noch nicht erreichte Stadt... Benno erkannte, daß die Mutter ſo plötzlich der Schmerz um die Todte, die nun ſchon in Entfernung faſt einer Meile zurückgeblieben, ergriff... Sie hielt beide Hände nach der Gegend hin, wo Schloß Salem lag... Eine Geberde der Bitte um Verzeihung... Sie küßte wieder die blutigen Haare... Benno beruhigte ſie. Eines Tages, fuhr ſie nach einem kurzen Weinen fort, hatte ich mich von Kirche zu Kirche bis Santa⸗Cecilia gebetet— dies war die einzige Art, wie ich als Herzogin am Tage ohne Equipage vegetiren konnte— Ich that, egeln er⸗ ülfe da, ie ſuchen ksklaſſen, ſie bei „Hand⸗ als ſie In Tra⸗ zuweilen ein gan⸗ .Noch ſo lange lind; ich ht blos s rede! Ferne lich der fernung jie hielt Salem ng... Weinen Cecilia erzogin hthat, 253 als könnte ich, da ich doch einmal bei Meiſter Pascarello in der Nähe war, bei dieſer Gelegenheit, obgleich ich eine Herzogin war, auch wol mein Oſterlamm ſelbſt beſtel⸗ len... Hoheit, ſagte er, warum ſind Sie nicht zehn Minuten früher aus Ihrer Andacht erwacht! Soeben hatte ich noch fünf Lämmchen, weiß wie Schnee, ſo un⸗ ſchuldig, daß ſie die heilige Agnes mit in den Himmel hätte nehmen können!... Ich bedauerte... Hätt' ich dieſe Ehre geahnt! fuhr er fort. Aber, den Heiligen ſei Dank, die Kleinen kommen wenigſtens in gute Hände und Gott ſegne, daß ihre Wolle dem Pascarello Ehre macht!... Wer erhielt ſie denn? fragte ich... Der ehrliche Metzger zeigte über die Tiber hinweg und ſprach: Wenn die Thierchen gebraten werden, Hoheit, einen ſolchen vornehmen Roſt haben Sie doch nicht! Ich glaube faſt, der des heiligen Laurentius ſelbſt wird dazu genommen! ... Ich ahnte eine Beſtimmung für die Kirche und Meiſter Pascarello erzählte mir noch eine Geſchichte, die in Rom jedermann weiß... Im Kloſter der Nonnen, die man die „Lebendigbegrabenen“ nennt, werden die Lämmer gezo⸗ gen, aus deren Wolle die weißen, drei Finger breiten Schulterbinden, Pallien genannt, gefertigt werden, die Rom jedem neuernannten Biſchof der Chriſtenheit zu⸗ ſchickt... Die Achſelklappen zu den Uniformen der großen römiſchen Armee... Die Lämmer können ihre zarteſte Wolle nur jung liefern, werden nach der Schur geſchlachtet und der Heilige Vater bewirthet mit dem Fleiſch jährlich die zwölf Apoſtel, denen er die Füße wäſcht; es ſind Arme, die zu dieſer Ehre ſchon lange auf einer Liſte verzeichnet ſtehen... In dem Kloſter 254 ſagte Meiſter Pascarello, muß ein Wolf hauſen oder eine Wölſin— verbeſſerte er ſich—; denn ich habe die Ehre, des Jahres viel Lämmer dorthin zu liefern, mehr als in einem Jahr in der Chriſtenheit Biſchöfe ſterben und neue gewählt werden!... Seltfam!... ſagte ich gleichgülſtig und— betete mich wieder in meine dunkle Gaſſe bei Piazza Navona zurück, in der ich wohnte ... Ich erzählte dieſen Vorfall einem Prälaten, der mich oft beſuchte, obgleich ich ihn nicht mochte wegen ſeines giftigen und intriguanten Weſens... Leider hatt ich ihm ſchon mehr von meinen Lebensverhältniſſen ver⸗ traut, als ich hätte thun ſollen... Es iſt der jetzige Cardinal Fefelotti, wie man weiß, der Feind Cecco⸗ nes... Benno hatte dieſen Namen als jetzigen Nachbar des Grafen Hugo in Caſtellungo heute nennen hören... Auch wußte er, daß Olympia's Mutter im Kloſter der „Lebendigbegrabenen“ lebte... Er fürchtete die Auf⸗ regung der Mutter und ſagte: Laß es!... Du wirſt mir noch oft erzählen kön⸗ nen... Eine ſolche Stunde kommt uns nicht ſo bald! erwi⸗ derte ſie ſeufzend... In Rom!... Ich verlaſſe Wien... ſagte er. Nein! rief die Mutter leidenſchaftlich, umſchlang und küßte ihn... Ich gehe nach Rom... Heute noch... Cäſar! rief die Herzogin wie im Ausbruch des äußer⸗ ſten Schmerzes und— doch voll Freude.. Nach einiger Sammlung fuhr ſie fort: 8 aus ſio fin le „Sie ſten Züge ſzen Plan tigſte bändi wußte ermom Ben ſen oder habe die n, mehr ſterben agte ich e dunkle wohnte en, der wegen er hatt ſen ver⸗ t jetzige Cecco⸗ bar des 1.. ter der e Auf⸗ 255 Fefelotti machte eine ſchlaue Miene und ſagte:„Dar⸗ aus erkenne ich ja die Wahrheit eines Gerüchtes! Mon⸗ ſignore Tiburzio könnte, mein' ich, von dieſer kleinen Wöl⸗ fin leicht ſeinen Cardinalshut zerriſſen bekommen“. „Sie wiſſen“, ſetzte er hinzu,„daß Tiburzio im näch⸗ ſten Conclave den Purpur erhalten wird“... Die Züge Fefelotti's verzerrten ſich noch häßlicher, als ſie ſchon von Natur ſind... Ich ſah, daß er über einen Plan brütete... Ceccone war ſchon damals der mäch⸗ tigſte Mann in Rom... Er hatte die Revolution ge⸗ bändigt, die Carbonari verbannt oder eingekerkert; man wußte, daß ihn eine Römerin, Lucrezia Bianecchi, hatte ermorden wollen... Olympia iſt das Kind einer neuen Judith! ſagte Benno... Alle Welt weiß es jetzt... beſtätigte die Mutter . Aber damals noch nicht... Der General⸗ inquiſitor Ceccone ſchlug die Unterſuchung des Mord⸗ anfalls einer jungen Wäſcherin auf ihn nieder und brachte die Mörderin heimlich zu den„Lebendigbegra⸗ benen“... Das fanatiſche Mädchen, das ihre Ehre geopfert hatte um ihn zu tödten, kam dort nieder.. Olympia wurde im Kloſter fünf Jahre alt... Es war ein Kind der Sünde— ein Kind der Lüge, der Wol⸗ luſt, des Mordes... Von ſolcher Wildheit des Blu⸗ tes war ſie, daß ſie mit den kaum geborenen Lämmchen ſpielend oft eines erwürgte... Das Opfern dieſer Läm⸗ mer iſt eine heilige Procedur, die am Feſt der heiligen Agnes öffentlich vollzogen wird... An der Wolle ſoll noch jetzt niemand eifriger ſpinnen, als die ſchon in der 256 Geburt ihres Kindes vom nicht abgewarteten Milchfieber irrſinnig gewordene Lucrezia... ui Was iſt Wahrheit! klagte es tief ſchmerzlich in Ben⸗ l no’'s Gemüth... Ein rieſiges Gebäude ſteigt auf, ein Vh ſtolzer Dom... Die Pfeiler ragen wie über felſen⸗ Fami * feſtem Grunde... Die Wölbungen ſind wie für die ucir Ewigkeit berechnet... In den Riſſen wächſt, mit bun⸗ bei teſtem Farbenreiz ſie verdeckend, die Flora der Phantaſie ne und des Gemüths... Die heiligſte Andacht nimmt nutſ dieſe weißen Pallien mit den vier ſchwarzen Kreuzen ſagen darauf als die Sinnbilder jenes verlorenen Lamms, dd das der gute Hirte geſucht— und wie macht ſich das tn alles in Wirklichkeit!...„Rom blüht und gedeiht 15ti doch!“ hatte Hammaker beim Vorſchlag eines neuen,„fal⸗ enden ſchen Iſidorus“ geſagt—... nen Die Mutter ſchien dieſen ſchneidenden Contraſt nicht ihm nachzufühlen... Die Römer nehmen, was von ihnen dan kommend die katholiſche Welt andachtsvoll verehrt, wie Nur ihr tägliches Brot und als ſich ganz von ſelbſt ver⸗ dn ſtehend... d Ich gönnte Fefelotti nicht den Triumph ſeiner In⸗ din trigue, fuhr ſie fort... In einer jener Anwandlungen u von Thatkraft und Muth, die ſchon längſt bei mir auf⸗ gehört hatten, ſchrieb ich an Monſignore Ceccone und warnte ihn, er möchte auf der Hut ſein und aus dem Kloſter eine gewiſſe— kleine Wölfin entfernen... Die li Biſitation durfte ohnehin kein Kind im Kloſter dulden den ... Dann auch noch warnte ich ihn vor den unbeſon⸗ ſten nenen Plaudereien Pascarello's in Traſtevere... Ich entſ hatte mich genannt und durfte nicht erſtaunen, unmittel⸗ Suu ichfieber in Ben⸗ auf, ein felſen⸗ für die mit bun⸗ Zhantaſte t nimmt Kreuzen Lamns, ſich das gedeiht n,„fal⸗ iſt nicht ihnen t, wie ſſt ver⸗ er In⸗ lungen ir auf⸗ ne und us dem . Die dulden tbeſon⸗ .Ich nittel⸗ bar darauf den Beſuch des Monſignore ſelbſt zu em pfangen... Ich fand in Ceccone einen Mann von hinreißendem Benehmen, angewieſen auf die Gunſt der Frauen... Ich für mein Theil fühlte, daß ich nichts mehr für einen ſolchen Mann beſaß, als höchſtens etwas Verſtand und das unendlichſte Vedürfniß nach Beiſtand, das zuweilen die Menſchen bindet, beſonders wenn ſie nicht gut ſind... Gefällig ſein heißt bei vielen, nur ſeine Macht zeigen wollen... So entdeckte ſich mir Ceccone ganz, dankte für meine Theilnahme, warnte vor Fefelotti, der ſein Feind ſeit früheſter Jugend und ſchon von der Schule wäre, und machte mir den Vorſchlag, daß ich einen Palaſt bezöge, den er für mich miethen wollte, wenn ich Olympia zu mir nähme... Noch mehr! Es wäre ihm lieb, ſagte er, wenn ich ihr einen Namen, vielleicht von meiner Verwandtſchaft gäbe... Ich ging auf dieſe Vorſchläge ein... Ich gab Olympien den Namen, den ich in dieſem rauhen und grauſamen Lande zurück⸗ gelaſſen habe, Maldachini... Den Grafentitel, den das Kind bekam, bezahlt man in Rom... Principe Rucca's Urgroßvater war vor hundert Jahren ein Bäcker... Benno horchte nur... Meine Lage beſſerte ſich... Sie wurde glänzend Ceccone ſammelte Schätze und hatte eine ſolche Liebe zu ſeiner Tochter, daß ſie ihm, wenn wir noch in den Zeiten des„großen“ Nepotismus lebten, eine Für⸗ ſtenkrone werth wäre... Die Krone des Prinzen Rucca entſpricht nur noch der jetzigen Stellung des römiſchen Stuhls... Aber die Zähmung der jungen Wölfin iſt Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 17 258 mir nicht gelungen... Sie iſt eine Blume, die aus Blut emporgeſproſſen... Ihr Daſein verdankt ſie einem Haß, der ſich in Liebe nur verſtellte... Lucrezia Bian⸗ cchi ſuchte die Bekanntſchaft im Hauſe des Inquiſitors durch eine Wäſcherin, die für ihn arbeitete... Sie begleitete dieſe, nahm ihr zuweilen die Uebergabe der Wäſche ab... So begann ein Roman, den ſie benutzte, um den Feind der jungen Freiheit Italiens wie Judith den Holofernes zu ermorden... Wir haben ein ſchö⸗ nes Land, aber— wilde Menſchen... Noch wer⸗ den die Zeiten eiſern werden... . A⁴ Benno war zu ergriffen, um von den Brüdern Lucrezia Biancchi's, von den Oheimen der„Grä⸗ fin“, zu ſprechen, von der Nähe des alten Profeſſors Luigi... Schlimme Stunden werden auch noch für uns allein kommen, mein Sohn! ſeufzte die Mutter... Olym⸗ pia hatte nie einen Wunſch, der unerfüllt blieb... Sie heirathet den Principe nicht, um ſeine Liebe oder ſeinen Namen zu haben, ſondern nur, um eine Frau zu ſein .. Dadurch erſt gewinnt ein Weib größere Freiheit .Mein Sohn, Rom hat keine Erziehung, keine Bil⸗ dung— keine Tugend—... Es hat nur Leidenſchaft und Verſtellung— Wir haben die Formen der Devotion Dieſe vertreten den öffentlichen Anſtand... Alles Uebrige iſt die größere oder geringere Kunſt der Verſtellung Tugend iſt nur da, wo die natürliche Empfindung ſie zugleich mit hervorruft, oder nur da, wo ſie ſchon die natürliche Begleiterin von Stolz und Liebe iſt... Ein Staat von Prieſtern, die unter einem unnatürlichen Ge⸗ ſete habe freſſ das ſti R Erl Oe „ die aus ſie einem zia Bian⸗ nquiſitors . Sie ergabe der ee benutzte vie Judith ein ſchö⸗ Noch wer⸗ Brüdern 1„ Grä⸗ Profeſſors uns allein Olym⸗ .. Sie der ſeinen u zu ſein e Freiheit keine Bil⸗ ſeidenſchaft Devotion .. Alles gerſtellung npfindung ſchon die .Ein chen Ge⸗ 259 ſetze leben, kann nichts anderes hervorbringen... Ich habe es einmal erfahren, was ein in Rom entſtandener freiſinniger Gedanke koſten kann... Ceccone neigt, wie das im Alter ſo geht, zu politiſchen Verbeſſerungen und iſt in ſeinem innerſten Herzen Italiener, ja mehr noch, Römer... Olympia ſowol wie ich arbeiten auf die Erhöhung Italiens— eine Zukunft, die ohne Bruch mit Oeſterreich nicht denkbar iſt... Benno ſah ſich betroffen um... Die Diener hätten hören können... Schon näherte man ſich den volkrei⸗ chen Vorſtädten.. Seine Beſorgniß war ungegründet... Fefelotti, fuhr die Mutter unerſchrocken fort, der gleichfalls inzwiſchen Cardinal wurde, erhob ſich wie die Schlange, die ein Fuß nicht ganz zertreten hat... Dieſen Winter war es... Da begannen die Intriguen der immer mächtiger werdenden Jeſuiten... Ich ſollte auf der Reiſe hieher, die ſchon lange zu Olympiens Aus⸗ bildung beſchloſſen war, die Anklage erhalten, die Gattin zweier Männer geweſen zu ſein... Zum Glück, wie ich hier wol ſagen kann, ſtarb der Kronſyndikus... Aber die Intrigue ruhte nicht... Wir haben uns der Feinde verſichern müſſen.. Ceccone verſprach dem Al Geſu, ſeinen Befehlen zu gehorchen—!.. Ja! erwiderte die Mutter wie eine Römerin, die nur triumphiren wollte mit dem Berichte: Fefelotti iſt geſtürzt und in ein Erzbisthum verbannt... Weit von Rom entfernt, im Piemonteſiſchen, krümmt er ſich jetzt, 17* 260 racheſchnaubend, aber ohnmächtig... Wir fühlen ſeine— Hand nicht mehr... Warum ſtaunſt du?... M Benno unterdrückte ſeine Empfindungen... In We ſolche Umtriebe des Ehrgeizes machtbegehrender Prieſter la miſcht ſich das Wohl der Staaten, die Freiheit der 8 Völker, die Erleuchtung der Gewiſſen!... 6 Die Mutter kam auf dieſe Vorſtellungen nicht... d Sie ſprach von Olympien... Ihre erſten Lebensjahre wurde ſie im Kloſter ver 4 borgen gehalten... Das Kloſter liegt nicht einſam u Man hatte Urſache, das Schreien des Kindes zu K erſticken... Man erſtickte es durch Liebkoſungen und die L Gewähr jedes Wunſches... Ein Nein! gab es nicht 3 bei Nonnen, die über eine Entdeckung zitterten... Daß ſ ſie gleich anfangs eine Nonne aufnahmen, die Mutter ij wurde, machte die Habgier... Ein Kloſter iſt bei uns 6 für Wohlthaten und Geſchenke, die man ihm ſpendet,. zu allem fähig... Dieſe Mönche und Nonnen gewöh⸗ L nen ſich ſo an die Vortheile, die ihnen die Beſitzthümer ihres Kloſters gewähren, daß ſich die wunderbarſte Einigkeit zwiſchen allen herſtellt, wenn ſie nur wiſſen: Das iſt dein Antheil an dem gemeinſamen Gewinn... Die Menſchen der Entbehrung und Einſamkeit werden ſo; ſie handeln im Charakter eines Ameiſenhaufens, der eine einzige Ameiſe voll Intelligenz iſt... Dem Kloſter dann heimlich entführt und in meine Obhut ge⸗ geben, erlebte Olympia einige entſchiedene Anwandlungen meiner Neigung, ihr eine Erziehung zu geben... Der Erfolg war nicht ermunternd... Laſſen Sie das Kind ſein, wie es iſt! ſagte der zu einer Miſchung von halb fühlen ſeine 0. .. Vn der Prieſter Freiheit der nicht.. Kloſter ver nicht einſam Kindes zu gen und die ab es nicht en... Daß die Mutter iſt bei uns m ſpendet, nen gewöh⸗ zeſitzthümer underbarſte nur wiſſen: jewinn.. keit werden ſenhaufens, .. Demn Obhut ge andlungen . Der das Kind von halb Trajan, halb Nero geborene Cardinal... Nur ein Menſch von ſtarkem Willen lebt ſiegreich in dieſer halben Welt! ſetzte er hinzu... Oft ſah ich mir in der Ga⸗ lerie Borgheſe das Bild an, das Rafael von Cäſar Borgia gemalt hat... Ein Kopf wie ein Räuberhaupt⸗ mann, voll ſchreckhafter Männerſchönheit... Macchia⸗ velli machte aus ihm das Muſter eines echten Fürſten So war Ceccone in ſeiner Jugend und Olympia ähnelt ihm... Sie bekam ſchon als Kind galante Briefe und Gedichte von denen, die ihren Schutz begehrten... Sie wählte ſich ſelbſt ihre Geſellſchaft... Sie ließ Schäferknaben von ihrer Hürde in der Campagna weg⸗ nehmen und in prachtvolle Kleider ſtecken, um mit ihnen ſpielen zu können... Ebenſo oft aber auch nahm ſie ihre Gunſtbezeigungen wieder zurück... Ich hatte Scenen mit dem Cardinal voll äußerſter Aufregung... Er konnte ſo grauſam ſein und mir ſagen: Madame, Sie ſind die Kammerfrau einer Fürſtin, nichts weiter! . Ich ertrug dieſe Ausbrüche des Dünkels und der Tyrannei, denn ich hatte zu viel gelitten und war an⸗ gekommen an jenem ſchreckhaften Wendepunkt im Frauen⸗ leben, wo der Muth, die Hoffnung verſiegt und uns die Angſt vor dem Alter ergreift... Benno drückte der Mutter die Hand und ſprach: Trenne dich von dieſer Welt und ſei ganz nur mein!... Wird das gehen? ſagte die Mutter ſchmerzlich lächelnd und— ablehnend... Sie küßte ſeine Stirn.. Nein! ſetzte ſie in der That den Kopf ſchüttelnd hin⸗ zu.. 262 Warum nicht?... lag in Benno's betroffenen Mienen... Olympia hatte zum Glück die gute Eigenſchaft, fuhr die Mutter ausweichend fort, daß ihr feſter Wille zu⸗ weilen eine edle Sache ergriff... Daß die Sache edel war, war dann nur ein Zufall... Sie wählte immer nur diejenigen Standpunkte der Auffaſſung, die ihr der Zufall und eine perſönliche Empfehlung boten... So ſind alle Vornehmen... Brachte ein Pächter eine Bitt⸗ ſchrift und hob ihr den Fächer auf, der ihr gerade ent⸗ fallen war, ſo ruhte ſie nicht, bis ſeine Wünſche erfüllt wurden... Ebenſo groß aber auch ihr Haß und ihre Rachſucht... Einen jungen Geiſtlichen, der ihr die Beichte hörte, gab ſie an, daß er ſie im Beichtſtuhl ge⸗ küßt hätte... Benno entſetzte ſich.. Es war eine Lüge... Sie führte dieſe Lüge mit allem Aufwand der Verſtellung durch... Der junge Prieſter hatte ihr einige Strafen auferlegt, denen ſie ſich nicht unterziehen wollte... Der Unglückliche verdarb ſein Schickſal vollends durch die ſeltſamſte Grille von der Welt...Er räumte ein, daß Olym⸗ pia, damals vierzehn Jahre alt, recht gehabt hätte.. Es war ein Alcantarinermönch aus dem Norden Italiens, der der ſtrengſten Regel der Franciscaner angehört... Sie ſah ihn eines Tages in der Sintina und wollte ihn ſofort zum Beichtvater... Der Cardinal ließ den Pater Vincente aufſuchen und beſtimmte ihn, in Rom zu bleiben... Pater Vincente, bildſchön, träumeriſch von Natur, hatte durch ſeinen ſchweren Orden die Kraft betroffenen ſchaft, fuhr Wille zu Sache edel ählte immer die ihr der n... Co Heine Bitt⸗ gerade ent⸗ nſche erfüll ß und ihre eer ihr die chtſtuhl ge⸗ jeſe Lüge . Der egt, denen inglückliche ſeltſamſte aß Olym⸗ älte.. Italiens, ehört... nd wollte ließ den in Rom umeriſch die Kraft 263 der Nerven verloren... Er erröthete bei jedem Wort, das man an ihn richtete... Dennoch wurde er Olym⸗ pia's Beichtvater und bezog das römiſche Kloſter der Alcantariner... Nach ſechs Wochen endete dieſer Ro man in der Art, wie ich ſagte... Olympia rächte ſich für ſeine Strenge und wollte ihm nicht länger beich⸗ ten... Sie log und alles ſprach ihn frei... Er aber— er hatte ſich in der That in ſie verliebt und gab etwas zu, was nur das Spiel ſeiner Phantaſie ge⸗ weſen ſein mochte... Er ſagte: Ich habe ſie geküßt!*) Der Unglückliche ſchmachtete fünf Jahre in einer Strafzelle der Alcantariner... Olympia iſt ein Teufel! wallte es in Benno auf und es auszuſprechen hinderte ihn nur der Gedanke an den Pater Sebaſtus und den Bruder„Abtödter“, die nach Rom zu den Alcantarinern geflüchtet waren.. Lucinde, Bonaventura traten vor ſein irrendes Auge... Die Mutter fuhr fort: Als Pater Vincente eingeräumt hatte, daß er Olym⸗ pien im Beichtſtuhl küßte, erſchrak ſie ſelbſt und bereute nun ihre That... Sie ſchrie und weinte darüber... Sie lief zum Cardinal und warf ſich ihm zu Füßen... Sie küßte ſeine Zehen, was ſie immer als Ausdruck der höchſten Schmeichelei für ihn thut, da ſie ſo aus— drücken will, daß ihm die dreifache Krone beim Tod des Papſtes nicht entgehen könnte... Sie ſchwur, daß ſie gelogen hätte und bat um die Freilaſſung des Prie⸗ ſters... Der Cardinal that alles, was in ſeinen *) Thatſächlich. 264 Kräften ſtand... Aber Pater Vincente verharrte bei ſeiner Verſicherung, er hätte ſie geküßt und verdiene ſeine Strafe... Da war bei ſeinem General nichts aus⸗ zurichten... Erſt vor kurzem kam uns die Kunde von ſeinem Schickſal in Erinnerung... Es war die Rede davon, daß neben Fefelotti, der jetzt auf ſeinem Erz⸗ bisthum Cuneo, auch Coni genannt, ſich beſindet, ge⸗ rade auch das Bisthum Robillante frei geworden... Man ſagte, daß dem„ſchlechteſten Chriſten“ eigentlich der„beſte Chriſt“ gegenüberzuſtellen wäre... Cec- cone dachte an einen Beaufſichtiger Fefelotti's, die an⸗ dern an einen wirklich heiligſten Prieſter... Der iſt nicht zu finden! hieß es allgemein... Olympia be⸗ ſann ſich eine Weile und ſagte mit blitzenden Augen: Der beſte Prieſter der Welt iſt Pater Vincente bei den Alcantarinern!... Als man ſtaunte, ſagte ſie: Ich ſtürzte ihn ins Unglück und er wollte für ſeine Gedanken büßen! Macht ihn zum Biſchof von Robil⸗ lante!... Man ging auf den Plan ein. Um ſo mehr, als man erfuhr, daß dieſer Biſchofsſitz in der Heimat des Paters Vincente liegt... Er iſt aus dem Thal von Caſtellungo gebürtig... Caſtellungo? unterbrach Benno... Ein Thal am Fuße des Col de Tende im Piemon⸗ teſiſchen... Das Schloß von Caſtellungo gehört demGrafen Hugo, von dem wir eben Abſchied nahmen!... Die Mutter horchte auf und ſetzte hinzu: Ja, die Gegend iſt ketzeriſch... harrte bei diene ſeine ichts aus⸗ kunde von die Rede inem Er⸗ indet, ge⸗ rden. eigentlich Cec⸗ „die an⸗ Der iſt zmpia be⸗ n Augen: cente bei⸗ agte ſie: für ſeine n Robil⸗ ſo mehr, r Heimat em Thal Piemon⸗ „Grafen die 265 Benno's Gedanken waren auf den„beſten Prieſter der Welt“— auf Bonaventura gerichtet... Pater Vincente, fuhr die Mutter fort, die ſeines hochgeſpannten Antheils gerade über dieſen Vorfall ſtaunte, hatte ſeine Schuld gebüßt und war vom General ſeines Ordens längſt wieder in ſeinen alten Stand eingeſetzt; noch lebte er im Alcantarinerkloſter, ſchlug aber die Ehre aus... Er ſagte, gerade vor jenem Thal von Ca⸗ ſtellungo wäre er geflohen... So iſt der Sitz noch unerledigt... Vor jenem Thal wäre er— geflohen?... fragte Benno ſinnend... Wir erfuhren nichts davon durch Pater Vincente... Andere erzählten, die Ketzer in jenem Thale hätten ſein Gewiſſen verwirrt... Vorzugsweiſe ein Eremit— ein Deutſcher— Fra Federigo! rief Benno... Den Eremiten Fe⸗ derigo kannte er von dem Nachmittag des vorjähri⸗ gen Sommers, als Benno, Hedemann und Lucinde mit dem Gipsſigurenhändler Napoleone Biancchi zuſammen⸗ trafen und den St.⸗Wolfgangsberg erſtiegen... Daß Bonaventura auch ſeinen Vater in dem Eremiten von Caſtellungo vermuthete, wußte er nicht, wenn er auch ſelbſt zugab, daß Friedrich von Aſſelyn noch lebte. Die Viſion Paula's von dieſem Winter war auch ihm bekannt geworden; aber die Deutung, die ihr Bonaven⸗ tura gegeben, war von dieſem ſelbſt ſchon aus Schmerz um ſeine Mutter nicht weiter ausgeſprochen worden.. Das träumeriſch ausgemalte Bild: Bonaventura— Biſchof in jenem Thale, wo Paula vielleicht auf dem 266 Schloſſe die Herrin und die Gattin des Grafen Hugo wird—! ſtand in magiſch zauberhaftem Lichte einen Augenblick vor Benno's Auge... Er ſagte: O ich weiß einen Prieſter der Erde, der würdig iſt, Fefelotti gegenüberzuſtehen... Einen Vetter von mir, Bonaventura von Affelyn... Ich nenn' ihn Olympien und er hat den Biſchofsſitz ... ſagte die Mutter. Olympien!.. Die Mutter wollte beginnen, von Olympiens Lei⸗ denſchaft und dem Eindruck, den ihr Benno gemacht, zu ſprechen... Ihre Rede verhallte im Lärmen der jetzt wirklich erreichten Stadt... Der Wagen durchflog die volkreichſte Vorſtadt... Schon die vier Roſſe allein machten auf dem Straßenpflaſter ein Ge⸗ räuſch, das jede Verſtändigung im Wagen unterbrechen mußte. Der ganze Schmerz, die ganze Freude des Erlebten fiel noch einmal auf die Herzen der beiden ſo wunder⸗ bar Verbundenen... Die Herzogin riß an ihren Kleidern, in denen ſie Angiolinens Haar verbarg, und rief: O mein Sohn! Auch ich will nicht mehr leben!... Dann aber zog ſie laut— faſt lachend und wieder weinend den Sohn an ihre Bruſt... Erſchreckend vor den Blicken von Menſchen, die her⸗ einſahen, faltete ſie die Hände krampfhaft gen Himmel und betete mit den Geberden einer Verzweifelnden... Das ganze entfeſſelte Naturell der Südländerin machte ſich geltend... Oft ſchlug ſie an die Stirn, = 2 2— rafen Hugo ichte einen würdig iſt rvon mir, Biſhofsſtt npiens Lei gemacht, n Lärmen r Wagen die vier ein Ge⸗ terbrechen Erlebten wunder⸗ denen ſie eben!... d wieder die her⸗ Himmel erin ri tirn, nd G 267 als faßte ſie nicht, was ſie alles in dieſen Stunden er— lebt hatte... Benno ſuchte ſie zu beruhigen... Der Graf, ſagte ſie, weiß nichts von den Gebräu— chen unſerer Kirche... Erinnere ihn an die Seelen⸗ meſſen... Laß ſie täglich leſen!... Täglich ſehen wir uns dann bei dieſen Meſſen und wären wir beide auch nur ganz allein zugegen... In den Begegnungen mit Olympia und dem Cardinal freilich— unterbrach ſie ſich... Mutter! Wenn ich nicht offen deinen Namen be⸗ kennen kann, kann ich hier— dir nicht mehr begegnen! rief Benno.... Cäſar—! Cäſar! rief die erregte Frau... Aber, ich ahne, fuhr ſie fort, du liebſt und haſt ſchon dein Herz vergeben— Es iſt wahr, Olympia iſt deiner nicht wür— dig... Sie iſt häßlich... Nein, nur wenn ſie haßt... Sie iſt ſchön, wenn ſie liebt... Sie liebt dich... Sie gäbe den Principe hin... Doch nein, nein... Das darf nicht ſein... Benno ſah, daß in ſeiner Mutter Verſtand und Ge⸗ müth in ſtetem Kampfe lagen.. Sie ſagte: Erweiſe dem Principe die Aufmerkſamkeit, ihm heute zu Ceccone zu folgen... Sei klug, ſei vorſichtig mit Olympia... Jeder Widerſtand erhöht ihren Eigenſinn ... Jetzt lad' ich dich nicht ein, in den Palatinus zu folgen... Nicht wahr?... Es war gewagt, daß wir dem Oheim nachkamen?... Olympia hatte keine Ruhe... Der Principe Rucca deckt die Convenienz... Wir 268 haben tauſend Verpflichtungen hier... Auch die, daß wir die Vertreter der Heiligen ſind... Ich bin nie beim Cardinal... Auch Olympia nie vor andern... Der Cardinal kommt zu uns... Morgen, mein Sohn!... Heute gehſt du noch mit dem Principe?... Wir beide ſehen uns ſo, wie wir fühlen— bei Angiolina's Seelen⸗ metten... Da knieen wir nebeneinander und ſprechen, wie und was das Herz will... Das iſt auch ein Gebet und— ein Geheimniß kann auch ſüß ſein... Weiter konnte die aufs äußerſte erregte Frau im über⸗ haſteten, eines ins andere drängenden Strom ihrer Em⸗ pfindungen und Worte nicht kommen... Schon hielten die vier in der Stadt zur letzten Anſtrengung angeſtachel— ten Roſſe in der belebteſten Straße Wiens nicht weit von dem„Monte Palatino“... Benno hatte ganz bewußtlos geklopft— der Wagen hielt— der Mohr öffnete— Nun mußte er ausſteigen ... Ein krampfhafter Händedruck— ein Gefühl in ihm: Zum erſten und zum letzten mal— Gruß und Abſchied? .. So ſtand er auf der Straße... Der Wagen flog weiter... Aus dem Traumreich kaum zu ahnender und doch ſo wirklicher Erlebniſſe kehrte Benno in das rauſchende Gewühl einer Stadt zurück, deren Bewohner— mitten unter ſolchen Verhängniſſen— nur an den bunten An⸗ ſchlagzetteln betheiligt ſchienen, die die Straßenecken be⸗ deckten und zu Vergnügungen einluden... Erreicht! Erreicht, was du ſuchteſt! hätte er un⸗ ter den tauſend Menſchen ausrufen mögen, die um ihn her gingen— fuhren— auf Roſſen dahinſprengten... Eine Eine Ban will doch nich Ge die, daß bin nie dern... Sohn!.. Wir beide 8 Seelen⸗ ſprechen, auch ein ſein... im über⸗ ihrer Em⸗ on hielten ngeſtachel⸗ weit von er Wagen usſteigen lin ihm: Abſchied? ddoch ſo rauſchende — mitten nten Au⸗ necken be⸗ er un⸗ um ihn gten., 269 Eine Schweſter gefunden— und ſo verloren—!=.. Eine Mutter— Und auch ſie?... Auch ſie!... Da ſtockten ſeine Empfindungen... Eine unendliche Bangigkeit bemächtigte ſich ſeines Herzens... Dieſe Mutter mußte er bewundern um ihres Geiſtes willen, ihrer Leidenſchaft, ihrer Kraft... Und doch— doch trennte ihn etwas von ihr, das er nicht nennen, nicht in klare Begriffe zerlegen konnte... Sie wünſchte aufs entſchiedenſte die Fortdauer des Geheimniſſes... Das konnte er an ſich nicht übel deuten... Wie war es auch möglich, daß ſie durch Enthüllung ſich ſelbſt und ihn ſo gänzlich in ihren Le⸗ bensſtellungen veränderte... Aber dieſe ſchnelle Hülfe, die ſie in der Verſtellung, ja in der Liſt fand... Er ſollte zu Ceccone... Sollte dieſem ſchmeicheln... Er ſollte Freundſchaft halten mit dem Principe Rucca und ihn täuſchen... Er ſollte ſich den Launen Olym⸗ piens gefangen geben...„Sie iſt ſchön, wenn ſie liebt“... Und er mußte ſich, bei aller Wärme ſeiner Erinnerungen an Armgart, ſagen: Ja, wenn ſie lächelt, ſproßt der Frühling... Er fürchtete ſich, ihr wieder zu begegnen... Ein Grauen befiel ihn, als er am„Stock am Eiſen“ vorüberging und, trotz der Lächerlichkeit der Er⸗ findung, des Ahasver gedachte, der hier nach Percival Zickeles einen Nagel vom Kreuz des Erlöſers eingeſchlagen und dann die ewige Ruhe gefunden haben ſollte... Ruhe, Ruhe ſollte auch dir nun werden! ſagte er... Heute noch ſollteſt du dieſen Boden verlaſſen und entfliehen!... Du kennſt deine Mutter... ſahſt ſie—!... Iſt es * 270 denn möglich, mit ihr im Zuſammenhang zu leben... Deu⸗ tete ſie nicht ſelbſt an, daß ſie Schonung bedürfen— ſie von deiner Seite anerkennen würde?... Deutete ſie nicht an, daß ihr die Verbindung Olympiens mit dem Principe unerläßlich ſchien und du— du nur— ſtörteſes... Die Vorſtellung, daß er hier in Wien nicht länger bleiben konnte, daß er nicht die Kraft beſitzen würde, eine ſolche Rolle der Verſtellung durchzuführen, bildete ſich ihm klar und feſt aus... Und fände ſich auch, warf er ſich ein, vielleicht die Kraft, ſo würde die Luſt, ſie zu üben, fehlen! Die Freude über dich ſelbſt, die Zufrie⸗ denheit mit dir bliebe aus... Dein Stolz würde leiden... So ging er, Trauer und Freude, Heimat und Fremde, Tod und Leben im Herzen, der Herrengaſſe zu, um ins Camphauſenſche Palais die Unglücksbotſchaft ent⸗ weder zuerſt zu bringen oder, wenn ſie ihm ſchon vor— angegangen war, ſie zu beſtätigen... Sein Herz blutete und Alles ging heiter und ſorglos an ihm vor⸗ über... Niemand las von ſeinen Mienen, was er Grauſames erlebt hatte... Sein Innerſtes erfüllte ſich ſo mit Wehmuth, daß er ſich immer entſchiedener und feſter ſagte: Du vermagſt dieſe Kraft des Verſteckens mit einem großen Geſchick nicht über dich zu gewinnen . Laß alles einen ſchönen Traum geweſen ſein! Fliehe! Reiße dich noch heute los bis aufs künftige!... Der Mutter wird es ebenſo ſein... In Rom dann—! In Rom!... In der Herrengaſſe war das auf dem Schloß des Grafen vorgefallene Unglück ſchon bekannt... Benno hatte es dem geſammten mit Beſtürzung ihn dunri einm G al, eint benc Auc an d begt dun irte irfen— ſie ete ſie nicht i Principe rteſo.. icht länger pürde, eine bildete ſich auch, warf e Luſt, ſie die Zufrie⸗ eleiden.. d Frende, 2 zu, um chaft ent⸗ chon vor⸗ ein Herz ihm vor⸗ was er ffüllte ſich dener und zerſteckens gewinnen Fliehe! . Der ann—! 271 umringenden Dienſtperſonal mit allen Umſtänden noch einmal zu erzählen... Mit erſtickter Stimme ordnete er die Verhinderungen an, die nöthig waren, um die Gräfin, die jeden Tag eintreffen konnte, vom Vorgefallenen nicht zu jäh zu benachrichtigen... Die Tiſchzeit bei den Zickeles war verſäumt... Auch würde Benno nicht die Stimmung gehabt haben, an einer gemeinſchaftlichen Tafel theilzunehmen... Er begnügte ſich mit einem ſtillen Winkel in einer der ſchon dunkeln Nebenſtraßen am Hohen Markt... Sich ver⸗ irrend kam er in die Currentgaſſe... Er kämpfte mit ſich, ob er zu Thereſe Kuchelmeiſter gehen ſollte, der einzigen Seele, die nächſt dem Grafen und der Mutter hier wol wahrhaft wie er mitfühlte... Er mußte es aufgeben, aus Furcht— ſich durch ſeine Thränen zu verrathen... Als er in ſeine Wohnung zurückkehrte, wurde von den Zickeles aus zu ihm geſchickt... Die Unglücks⸗ kunde hatte ſich ſchon verbreitet... Harry kam dann ſelbſt, abgeſandt, wie er ſagte, von Thereſen, die in Verzweiflung wäre... Harry erhielt die Mittheilungen, die ihn fähig mach⸗ ten, von jetzt an bis Mitternacht jedem Vorübergehen⸗ den oder allen im Theater vor und neben ihm Sitzen⸗ den das Neueſte mit der Verſicherung zu erzählen: Ich war ſo gut wie ſelbſt dabei!... Der Chorherr war noch nicht daheim... Es war ſechs Uhr, da kam auch Herr von Pötzl voll Beſtürzung... Mit und ohne Verſtellung zeigte er das hohe Intereſſe, das gerade er an dieſem erſchütternden Vorfall zu nehmen 272 hatte... Mancher Charakterzug der ſo früh Hinge⸗ ſchiedenen vervollſtändigte das Bild eines Weſens, das an einer innern und äußern Heimatloſigkeit zu Grunde gegangen war... Benno's Lage war bei allen dieſen Erörterungen die tiefſchmerzlichſte... Die Frage: Ob Selbſtmord oder nicht? wurde in Gegenwart des inzwiſchen gleichfalls be— ſtürzt heimgekommenen Chorherrn erörtert... Auch der hatte ſchon die Kunde vernommen... Herr von Pötzl weinte... Sein Taſchentuch war über und über naß ... Er„verbürgte“ ſich für einen bloßen Unglücks⸗ fall... Alle Welt kenne ja die Wildheit der Gräfin Maldachini... Der Chorherr ſtimmte ihm nicht bei, ſondern ſagte: Selbſtmord iſt die Folge einer lange vorausgegan⸗ genen Abwägung der zu tragenden Leiden und der Kräfte, die ſie tragen ſollen... Ueberwiegt die Summe jener, ſo hört die Willensfreiheit auf und jeder Athemzug ſagt dann mit Seneca:„Die Thür ſteht ja offen— ſo geh' doch... Pötzl ſchauderte vor dieſem heidniſchen Worte... Der Chorherr ſprach von dem Selbſtmord eines geiſtvollen Benedictinermönchs, der ſich von der Höhe eines der palaſtähnlichen Donauklöſter in die Fluten ge⸗ ſtürzt hätte... Von einem kaiſerlichen Cenſor, auch einem ſinnigen Dichter, der ſich aus Zerfallenheit mit ſich und der Welt getödtet... Er ſprach, wie Ludwig Löwe ſo ſchön in der Burg als„Roderich“ ſagt: „Und ſelbſt die Träume ſind nur Traum!“... guter tereſ Sein ihm haſe Seh nicht geſch üh Hinge⸗ ſens, das u Grunde rungen die mord oder ichfalls be⸗ Auch der von Pötzl über naß Unglücks er Grüfin „ſondern ausgegan er Kräfte, mme jener, Athemzug offen 8 dorte... oord eines der Höhe Fluten ge⸗ uch einem ſich und vig Löwe ig 273 Alle Erſchütterung und wehmüthige Betrachtung Pötzl's ſchloß bei dieſem die Bemerkung nicht aus, daß der Graf in den Entreſolzimmern des Caſinos wahr⸗ ſcheinlich den Nachlaß von Briefen und„dergleichen“ mit Beſchlag belegt, vertilgt und überhaupt wol die Erbſchaftsfrage vereinfacht hätte... Benno ging auf dieſe Gedankengänge, die die der Habſucht waren, ein, um etwas von Angiolinens Urſprung zu hören... Weſentlich Neues erfuhr er nicht... Der Bemerkung, daß nun durch eine ebenſo über⸗ raſchende wie ſchmerzliche Fügung des Himmels die Willensfreiheit des Grafen und das Arrangement ſeiner Finanzen geſicherter wäre, konnte er ſich nicht entzie⸗ hen— um ſo weniger, als jetzt auch Leo Zickeles voll Schreck und Staunen kam und die nämlichen Geſichts⸗ punkte brachte... Pötzl ging und flüſterte Benno ins Ohr: Noch eins, Herr Baron!... Ich kann Ihnen aus guter Quelle mittheilen, Ihre Anweſenheit erregt In⸗ tereſſe in— den höchſten Kreiſen, ſage den höchſten... Seine Durchlaucht wundern ſich, daß Sie ſich nicht bei ihm perſönlich gemeldet haben... Stadtrath Schnup⸗ haſe wird morgen von ihm empfangen werden... Sehr begierig iſt man, von Ihnen über— doch ich weiß nichts, als daß der Herr Oberprocurator von Nück hierher geſchrieben haben, Sie hätten die Abſicht, in diesſeitige Staatsdienſte zu treten... Da werden Sie ja bald das Nähere erfahren.. Benno horchte ſtaunend auf und lehnte dieſe Nück⸗ ſchen Vorausſetzungen als völlig unbegründet ab... Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 18 274 Pötzl ging klug und ſchmerzlich lächelnd— mit ein und derſelben Miene... Auch Leo Zickeles blieb nich zu lange... Die Bildung eines Comites zur Unter⸗ ſtützung von Hinterlaſſenen war hier nicht am Platze... Der Chorherr wurde abgerufen... Sein Blick war voll Trauer, ob er gleich Angiolinen nicht gekannt hatte. Schon ſchlug es ſieben Uhr... Um acht wollte Fürſt Rucca kommen... Es fehlte Benno jede Neigung, heute den Cardinal Ceccone kennen zu lernen. Entſchloſſen, ſich zur Geſellſchaft nicht anzukleiden, ging er mit ſteigendem Unmuth auf und nieder.. Da kam der Chorherr eilends mit einem Schreiben zurück, das ihm eben für Benno— aus der Staats⸗ kanzlei zugekommen war. Ein kaiſerlicher Rath ſchrieb: Seine Durchlaucht hätten die überbrachten Briefe empfangen und würden, da der traurige Vorfall von heute bei Seiner laucht dem Grafen von Salem⸗Camphauſen ihm wol ohnehin für ſeine nächſten Aufträge Muße gäbe, es gern ſehen, wenn die von Herrn Stadtrath Schnuphaſe in Ausſicht geſtellten mündlichen und die ſchriftlichen Mit⸗ theilungen des Herrn Dr. Nück von ihm ergänzt und beſtätigt würden... Seine Durchlaucht erwarteten ihn morgen in der Frühe um zehn Uhr... Benno betrachtete das überraſchende Schreiben von allen Seiten, kaum ſeinen Augen trauend. Nun erſt haftete er an Pötzl's Aeußerung: Nück empföhle ihn für den hieſigen Staatsdienſt... Iſt denn das eine gewaltſame Entfernung, die Nück über dich verhängt?... Kann er meinem Blick, meinem — mit einer blieb vicht zur Unter⸗ Platze... lick war voll unt hatte... wollte Fürſt äigung, heute anzulleiden, eder... m Schreiben der Staats⸗ Durchlaucht und würden, Seiner Er⸗ en ihm wol äbe, es gern hnuphaſe in ftliche Mit⸗ ergänzt und warteten ihn hreiben von rung: Nütt g, die NRück ich, meinem 275 Verdacht nicht mehr begegnen?... Und darum die ſtete Aeußerung: Der Domkapitular muß ein Bisthum antreten— in Oeſterreich, in Ungarn!... Wohin möchte er uns nicht verbannen, nur um— Lucinden ganz für ſich allein zu haben oder weil er fürchtet— wir mistrauten der Urkunde?... Benno's nicht minder erſtaunter Wirth wünſchte ihm Glück und ſetzte in ſeiner ironiſchen, durch einen elegi⸗ ſchen Ton gemilderten Weiſe hinzu: Es iſt nur ſchade, daß der große Staatsmann die Gewohnheit hat, alles ſchon von ſelbſt zu wiſſen... Er ſagt, er will von Ihnen lernen und wird Sie nur belehren... Das iſt ſeine Art... Er fängt einen Satz an, Sie wollen ihn ergänzen, Sie rufen: Sire, geben Sie Gedan—— Da haſtet ſein Auge an Ihren Rockknöpfen und ſagt Ihnen, wo in Oeſterreich die beſten Knopf⸗ fabriken wären... Sein Hauptgedanke iſt jetzt unſer Anſchluß an den Zollverein, um den Supremat Ihres Staats zu beſchränken... Nehmen Sie getroſt eine Anſtellung— im Finanzfach... Das muß raſch kommen, erwiderte Benno, denn ich reiſe vielleicht ſchon morgen. Wie? rief der Ueberraſchte... In allem Ernſt!.... Das Nichtglaubenwollen des Greiſes hinderte Benno nicht, zu erklären— Graf Hugo wäre von ſeinem Unfall zu ſehr erſchüttert, um mit ihm geſchäftlich zu verkehren... Er würde demzufolge ſeine Reiſe nach Italien beſchleunigen... Der Chorherr wurde unwillig... Er beklagte, den Abend nicht frei zu haben, um ihm dieſen Plan gründ⸗ 18* 276 lich durch eine Zerſtreuung auszureden... Er ſcherzt und ſagte, er würde zu der Italienerin gehen, die wens früh ſchon um ſeinetwillen ihr ſtilles Haus alarmirt hätte und die würde ihn ſchon feſthalten... Wiſſen Sie denn nicht, welche Connexionen Ihnen für Italien und Rom entgehen?... Die Menſchen muß man, gleichviel ob ſie gut oder ſchlecht ſind, blos als Material benutzen, um ſich daraus das Leben auf ſeine Weiſe zu geſtalten ... Bleiben Sie heute Abend zu Hauſe, leſen Sie für dieſe möglicherweiſe folgenſchwere Audienz im Con⸗ verſations⸗Lexikon drüben bei mir, machen Sie's wie die Großen, wenn ſie imponiren wollen... Den erſten beſten Artikel z. B. über die Muſchelkalkverſteinerungen lernen Sie auswendig und bringen Sie das Geſpräch durch eine einzige geſchickte Wendung auf— urwelt⸗ liche Auſtern— Sie wiſſen, die Diplomatie beißt da immer an— und laſſen Sie dann einige entſprechende Citate von Cuvier und andern fallen, ſo ſind Sie ein gemachter Mann! Denn man wird glauben,„urweltliche Au⸗ ſtern“ wären bei Ihren Kenntniſſen das tägliche Brot.... Nein, nein!... Der Fürſt ſteht freilich ſchon, hör' ich, auf dem Standpunkt des Fertigſeins, wo ſich ein Großer nach 5 einer Audienz nicht mehr ſagt: Wie hat mir der Mann gefallen? ſondern: Wie hab' ich ihm gefallen?... Aber das Ereigniß bleibt darum merkwürdig an ſich!... Sie bleiben und nehmen jedes Anerbieten... Unſer Curs ſteht noch leidlich... Einmal fängt man überhaupt an... 4 Gewiß, gewiß!... Ich werde Sie reiſen laſſen!... Der Chorherr ſchloß Benno faſt ein... Es war acht Uhr... In der Ferne hörte Benno ne 9 Er ſcherte n, die heute is alarmirt Wiſſen Sie Italien und i, gleichviel lal benutzen, zu geſtalten leſen Sie 3 im Con⸗ ie's wie die Den erſten ſteieerungen s Geſpräch — urwelt⸗ ie beißt da tſprechende d Sie ein zeltliche Au⸗ Brot.. ör ich, auf Froßer nach der Mann ... Aber 1... Sie Curs ſteht pt an... ſſen!... te Benne 277 das Rollen in den Straßen... Es war wie das Rauſchen des Meeres... Nun begannen dieſe Abende der Geſelligkeit... Dieſe Sicherheit der Lüge und des Zwanges... Mit Herzen voll Trauer können andere lächeln... Wegtändeln ſollſt auch du ſolche Lebensbür⸗ den!... Sollſt morgen— nach dieſem Heute?... Nein, wie könnteſt du, ohne Aufſehen und mit einem triftigen Grund, ſchnell und ungehindert von dannen kommen?... Er ordnete ſeine Effekten... Da wurde an ſeine Thür gepocht und der Mohr des Principe Rucca, in weißen Kleidern mit Gold⸗ treſſen, erſchien, um ihn abzurufen. Der Wagen ſtünde unten... ſagte er in gebroche⸗ nem Italieniſch... Benno entſchuldigte ſich und zeigte auf ſeine Haus⸗ toilette... Der Mohr verſtand nur halb, ging und kam mit dem Principe ſelbſt... Aber mein Himmel, rief dieſer, was iſt das! Sie hatten uns ja verſprochen—... Vergebung, Hoheit, ich bedauere— Ich fühle mich nicht wohl... Aber der Cardinal erwartet Sie ja ſchon... Sie müſſen kommen!... Benno ſchützte ſeine Erſchöpfung vor, die Nachwir⸗ kung der traurigen Eindrücke des Tages... Auch eine wichtige Einladung auf morgen in der Frühe... Principe Rucca machte eine Phyſiognomie, wie ein Kind, dem man ein Naſchwerk verſagt... Seine rothe geſtickte Uniform ſchien er einen Augenblick zu vergeſſen 278 .Sein ſchwarzes Bärtchen wäre ihm ohne Zweifel ſonſt ebenſo wichtig geweſen wie ſein großer Stern auf der Bruſt— das Pflaſter hatte er abgelegt— Jetzt zerzupfte er vor einem Spiegel die Feder an ſeinem Galahut... Ich kann mich ja nicht ſehen laſſen! ſagte er... Der Cardinal wollte Sie ſchon mit dem Bisthum überraſchen für Ihren— Herrn— Bruder— nicht wahr,?... Die Herzogin hat ihm alles erzählt... Die Gräfin n ſogleich an den Onkel geſchrieben: Der heiligſte P ſter der Welt iſt gefunden!... Die Sühne für die Exiſtenz eines Fefelotti auf Erden! Der Bruder des Herrn Baron von Aſſelyn!.... O machen Si keine Scherze... Kommen Sie!... Ich wage 367 S 3 nicht zum Cardinal zu fahren... Ihr Bruder ſoll ogleich nach Wien kommen... Wenn er nur etwas Italieniſch ſpricht, ſo braucht er nur hier an ngerer Kirche„Ma⸗ ria zum Schnee“ dreimal zu celebriren und iſt Biſchof von Robillante... Das Uebrige findet ſi. Benno blieb bei ſeiner Weigerung...* Der Principe mußte in ſeinen Wagen allein zurück⸗ kehren... Er ging wie ein Kind, das eine große Strafe fürchtet, und verlangte faſt einen Schwur, daß Benno morgen im Palatinus beim Diner nicht fehlte... In höchſter Aufregung blieb Benno zurück„.. Er hatte an Bonaventura, an den Onkel Dechanten, an ſeinen Bruder, den Präſidenten ſchreiben wollen... Nun ging er rathlos in ſeinem Zimmer auf und nieder... Es ſchlug neun... Es ſchlug zehn... Da klopfte es heftig am Hausthor und in dem ſtillen A 1 — Pri lau ohne Zweifel r Stern auf gt— Jetzt an ſeinem er. Der überraſchen wahr?... Gräfin hat iligſte Pofe⸗ ihne für die Bruder des en Sie keine — 7.. ne Sie nicht ſoll ſogleich s Rtalieniſch eirche„Ma⸗ iſt Biſchef F.= llein zurück⸗ große Strafe daß Benno e... f.. E chanten, an en... Nun nieder... dem ſtillen 279 Prieſterhauſe wurde es noch einmal lebendig von einer lauten Stimme, die nach ihm fragte... Er erkannte Harry Zickeles, der ihm noch einen an ſein Haus adreſſirten Brief von dreifachem Porto brachte.. 1 Ich dachte, daß es Ihnen angenehm ſein würde, den Brief ba haben— ſagte er, als er ſich erſchöpft nieder⸗ gelaſſen e daß Sie zu Hauſe ſind! Wer hätte das erwartet!... Ganz Wien iſt voll von dem Unglück mit der armen Angiolina, das Sie erleben mußten... Mein —= laßt auf ſie eine Ode drucken... Der Graf muß in Verzweiflung ſein... Ich war in der Joſeph⸗ ſtadt... Ein neues„Ausſtattungsſtück“... Charmant für die dortigen Kräfte... Aber morgen ſpeiſen Sie bei uns?... Nein?... Warum nicht?... O dann kommen Sie den Abend!... Der Laertes von geſtern iſt engagirt... Biancchi und Dalſchefski arbeiten ſchon ge⸗ meinſchaftlich, was ſagen Sie! gemeinſchaftlich, an einem Requiem für Angiolina... Und haben Sie den Pötzl beobachtet?— Wiſſen's, als er bei Ihnen war, hat er unten auf den Leo gewartet und ſchon von der Erb⸗ ſchaft geſprochen... Nehmen's Ihnen in Acht vor dem Mann!... Er ſagte, Sie erregten in höchſten Kreiſen Aufſehen... Man weiß, was bei ihm darunter zu verſtehen iſt—. Benno fand nur nothdürftig Zeit, einzuwerfen: Der Staatskanzler hat mir für morgen früh eine Audienz anberaumt... Harry traute ſeinem Ohre nicht... Er ſah Benno mit ſtaunenden Augen an... 280 Bei Seiner Durchlaucht— wiederholte er, um ſich ganz zu vergewiſſern... Morgen früh um zehn Uhr... Dieſe Thatſache war außerordentlich... Sie bot Chancen für ein geheimnißvolles Beiſeitnehmen aller Menſchen... Sie bot natürliche Nachwirkungen eines unausgeſetzten: Aber der Harry Zickeles weiß es für ganz beſtimmt... Es iſt von einer Staadezebenge über man weiß noch nicht was die Rede!... Harry zog vor, ſich ſofort zu entfernen und ſeine Neuigkeit noch um elf Uhr nachts wenigſtens bei einigen ihm bekannten vorübergehenden Nachtſchwärmern und im Salon ſeiner Aeltern in Umlauf zu ſetzen. Für Benno hätte es ſonſt eine Erquickung gewähren dürfen, einen ſechs Bogen ſtarken Brief von Thiebold de Jonge leſen zu können. Heute—— verſchob er es für den folgenden Tag. 4 t, um ſich Sie bot men aller en eines iß es für degebenheit und ſeine di einigen n' und im gewähren Thiebold den Tag. 10. Nach einer faſt ſchlafloſen Nacht, nach phantaſtiſchen wilden Bildern und geſpenſtiſchen Erſcheinungen, die ihn um Mitternacht vom Lager trieben, Licht anzünden ließen und zwangen, auf dem Sopha mit geſtütztem Haupt ſich zu ſammeln, nach neuen Verſuchen, auf dem Lager Ruhe zu gewinnen und neuen Spukgeſtalten mit verzerrtem Antlitz, brach kaum der Morgen an, als ſich Benno ſchon erhoben hatte und von der kühlen Herbſtluft ſein glühendes Antlitz erfriſchen ließ... Noch mochte er im Hauſe niemand wecken... Sein Herz war voll Fieberunruhe... Er wollte Wien verlaſſen— durchaus— er dachte ſich vielleicht ſogar beim Staatskanzler zu entſchuldigen. Ruhe für die Stürme, die in ſeiner Bruſt tobten, konnte er in dieſer Audienz nicht finden... Die Pein der Zweifel konnte ſie nur mehren... Sein Reiſe⸗ ziel war durch ein wunderbares Zuſammentreffen aller Umſtände in einem einzigen Tag erreicht; was er ſuchte, war gefunden— es zu beſitzen war nicht möglich... In Italien, dachte er, dort verſuchen wir eine Form des neuen Daſeins zu finden... Er zog ſeinen Koffer her⸗ — — 1 II 282 vor und fing ihn zu ordnen an, um zunächſt über Trieſt nach Mailand zu gehen... Er ſah Thiebold's Brief⸗.. Er erbrach ihn in der ſicher nicht ungegründeten Beſorgniß, der Ton und Inhalt deſſel⸗ ben würden zu ſeiner Stimmung nicht im mindeſten paſſen... Dennoch las er ihn.. Die Buchſtaben flimmerten vor ſeinen ermatteten— im Grunde nur der Thränen bedür⸗ fenden Augen... Thiebold ſchrieb ganz ſorglos: „Verehrter Freund! Sie werden es für eine meiner ge⸗ wöhnlichen Redensarten halten, wenn ich Ihnen die Verſiche⸗ rung gebe, daß ich in dieſer Stadt nur noch vegetire! Seit⸗ dem Sie ſich unſern bekannten klimatiſchen Einflüſſen ent⸗ zogen haben, kann ich keine verſpätete Schwalbe und keinen lahmen Storch mehr ſehen, ohne nicht von einem unwi⸗ derſtehlichen Verlangen heimgeſucht zu werden, Sie eines ſchönen Morgens mit meiner Ihnen nicht immer willkomme⸗ nen Gegenwart zu überraſchen... Hätte ich nicht den alten Mann, meinen Vater, bei Beginn der Gansbraten⸗Saiſon in ſeiner Diät zu überwachen und wär' ich nicht für den Win⸗ ter, wo endlich wieder getanzt werden ſoll, breitgeſchlagen worden, einige Cotillons zu arrangiren, ſo würde mich keine Macht der Erde abhalten, ſelbſt Ihr eigener Verdruß über meine Zudringlichkeit nicht, das Schrecklichſte der Schrecken wahr zu machen und Sie in Perſon zu überfallen.“ „Aus Weſterhof und Witoborn erfahr' ich wenig... Mehr aus dem Stift Heiligenkreuz... Siebzehntehalb Freundinnen hab' ich mir daſelbſt erworben durch meine Empfänglichkeit für Poeſie, Austauſch höherer Gefühle, Nichtberechnung der Portoſpeſen für Notenſendungen, 283 ber Trieſt— er Trieſt Parfümerieen, ja ſelbſt Modeſachen... Ich ſage in meiner Verzweiflung über dieſen Reichthum bei jeder Gelegenheit zu Moppes: Sie können verſichert ſein, beſter Freund, das Fräulein von Merwig hat ſich in der ſicher halt deſſel⸗ wen Ihr: Matkäferlein, flieg' auf!) verliebt und ſingt es den Paſr täglich... Aber ich flicke ihm weder die«Anflickerin“ noch eine der übrigen Veteraninnen als Correſpondentinnen an ... Timpe, Effingh, Schmitz, Niemand nimmt mir dieſe Velinpapier⸗Correſpondenz ab... Und gerade jetzt, nae de⸗ wo der alte Mann, mein Vater, wieder Land ſteht und heuajihe in ſyſtematiſcher Oppoſition macht, gerade jetzt, wo ich mit — Selt dem Holzhandel mehr als zur Genüge beſchäftigt bin... ſlüßſenent Sie wiſſen, welche Empfindungen der Menſch zwiſchen einem und fäien Haufen Buchen⸗ und einem Haufen Eichenholz haben kann!“ diet nli„Freilich, damals, als wir, im Winter, hinter zwei Eie eini Erlen ſtanden! Zwei Procent nur wär' es geweſen— villomm aber unvergeßlich!!!—————— Malen Sie kden aüen ſich dieſe Gedankenſtriche mit Schiller, Goethe und en⸗Gaiſon Nück aus! Nück— das iſt ein Skandal— dichtet rden Wir⸗— und wie!— Keinem Zweifel unterworfen, dieſer ütgeſchlagen Mann iſt zum Tollhaus reif!... Einen ſchwarzen würde nich Frack trägt er nicht, daran verhindert ihn ſeines ver⸗ er Verduuß weigerten Ordens wegen ein Gelübde, aber grün mit klichſte der Mattſilber, blau mit gelb, ſogar rothe Sammetweſte überfallen. mit weißem Atlasfutter... Piter iſt nichts dagegen, wenig.. der übrigens in Paris ganz glücklich verheirathet ſein ſoll.“ bzehntehal„Nück' Gegenſtand iſt natürlich Niemand anders, urch meine als die Heilige, die einem On dit zufolge das Kattendyk' r Gefühle, ſche Haus verläßt, weil ſie ſich mit Guido Goldfinger, ſendungen, jetzt Procura, nicht vertragen kann infolge folgender—“ 284 „Zwei Tage ſpäter. Soll ich denn auf die Ge⸗ ſchichte zurückkommen? Na! Es war der erſte«Abend» nach Piter's Entführung der Gertrud Ley, dem bekann⸗ ten Skandal auf dem Römerweg, als von Goldfingers in ihren neuen Räumen eine Geſellſchaft gegeben wurde ... Rührender Hinblick auf die Zimmer des verbann⸗ ten Piter, die Treppe, wo das leiſeſte Knarren ihn ſchamroth machte, auch auf die früh vollendete Schwe⸗ ſter, die Delring— Delring jetzt in Antwerpen eta⸗ blirt— großes Geſchäft— möglicher Ruin von Katten⸗ dyks... Kurz, Moppes und Timpe ſehr geſprächig Kamen aus Paris, erzählten von einem neuen Mittel, das Piter gefunden hat, immer noch intereſſanter zu werden... Statt: Au contraire! mit dem er uns, Sie wiſſen es, ſogar bei Gräfin von Camphauſen damals in Angleterre ausſtach, ſtatt ſeines impertinenten ewigen: Im Gegentheil! ſoll ihm Nück in einem Zornausbruch etwas anderes gerathen haben, um noch intereſſanter zu erſcheinen, nämlich— ſich dumm zu ſtellen... Piter über⸗ legte ſich das... Moppes und Timpe haben ihn in Paris beſucht, wo er mit ſeiner kleinen Exnonne glän⸗ zendes Haus macht... Richtig, ſtatt nun wie bisher jähzornig aufzufahren und mit: Das verſtehen Sie nicht! Im Gegentheil! um ſich zu werfen, ſpielt Pi⸗ ter den von der Liebe Gezähmten, träumeriſch und kindlich in dieſer komiſchen Welt Umherirrenden, un⸗ bewußt die gewöhnlichſten Gegenſtände aus Ueberfülle an Geiſt Verwechſelnden; kurz, wenn von Schinken ge⸗ ſprochen wird, beſchreibt er na! ein Thier, von dem man na! einen gewiſſen Theil ſeines Körpers mit beſonderm Bch Räu dann ken? Kurz kel au ſeiner Sort mußt dieſen über ſein dies eine und ſers vorn f die Ge⸗ Abend) mbekann⸗ oüfingers den wurde verbann⸗ arren ihn te Schwe⸗ erpen eta⸗ in Katten⸗ geſprächig eem neuen tereſſanter n er uns, n damals ewigen: ausbruch ſanter zu iter über⸗ en ihn in nne glän⸗ vie bisher ehen Sie pielt P⸗ riſch und den, un⸗ leberfülle inken ge⸗ dem man eſonderm 285 Wohlgefallen auswähle und na! durch die Methode des Räucherns roh oder gekocht zu verſpeiſen pflege und ruft dann die Geſellſchaft: Herr Gott, Sie meinen ja Schin⸗ ken? ſo ſagt er lächelnd ſich beſinnend: Na ja, richtig!... Kurz er beſinnt ſich vor Ueberfluß an Geiſt nur ganz dun⸗ kel auf ſeine alte Köchin Kathrine Fenchelmaus im Hauſe ſeiner Aeltern und ſagt auch z. B. bei einem Diner prima Sorte, das Moppes und Timpe bei ihm durchmachen mußten: Ich bitte dich, Treudchen, warum ißt man nur dieſen Plät da mit der Gabel?... So ſtellt er ſich über alles ſo unwiſſend, wie vielleicht in Wirklichkeit ſein Fall iſt... Aber die anweſenden Fremden ſchwuren, dies ſimpelhafte, nirgends mehr Land wiſſende Weſen müßte eine wahre innere Ueberſchwemmung von Geiſt verdecken und Piter wäre eine der genialſten Offenbarungen un⸗ ſers ſich überlebt habenden und demzufolge wieder von vorn anfangen müſſenden Jahrhunderts.“... „Doch ich komme von meinem Abend bei Goldfingers ab. Alſo—“ „Zwölf Stunden ſpäter!... Mein Brief wird, ſeh' ich, endlos... Alſo denken Sie ſich— erſtens Lucinde... Sie trug, da die Haustrauer zu Ende iſt, in ihrem ſchwarzen Haar einen Turban von gelbem und rothem Kaſchmir mit an beiden Seiten herunterfallen⸗ den Perlenſchnüren... Nie hab' ich ſie ſo vornehm und ſo ſchlank geſehen... Enganliegendes aſchgraues Atlas⸗ kleid, gleichfalls mit gelben und rothen Bandſchleifen beſetzt... Ich habe den Abend faſt nichts als Toi⸗ letten beobachtet, weil dies nämlich der intereſſantere Theil meiner Correſpondenz mit den Stiftsfräulein iſt ———xãèqä— —— A 1 286 ... Da bei Goldfingers nicht eine einzige Adelige vor⸗ handen war und ich, wie Sie wiſſen, in Witoborn und Umgegend zum Adel gehöre, ſo ſammle ich ohne alle An⸗ züglichkeit für mich den Stoff zu einer Menge Fi-dones und Abſcheulichs, die mir aus dem Stift über die hieſigen Farbenzuſammenſtellungen bei Toiletten zur Antwort wer⸗ den... Ich bekomme auf die Art das Zeug, ein— förm⸗ licher Kattundrucker zu werden... Getanzt wurde nicht, aber nahe daran kam's; Nück, zum Stutzer adoniſirt, into⸗ nirte Moppes' Maikäferlied und der ganze Chorus fiel ein ... Die herzloſe Bande hatte die arme Hendrika ſchon vollſtändig vergeſſen und ich, ſeit Sie fort ſind, immer weh⸗ müthig geſtimmt, ich verlor mich in dem Grade in Re⸗ flexion, daß die Frau Oberprocurator Nück, die bekannt⸗ lich in jeder Geſellſchaft über Hitze klagt, in den Schatten meiner kühlen Denkungsart flüchtete, ja, daß mich ſogar Lucinde als Fächer benutzte gegen Nück, den man allge⸗ mein unausſtehlich fand...“. „Wieder ſechs Stunden ſpäter... Na ja, mein Alter opponirt richtig gegen die Regierung in Sa⸗ chen des Kirchenfürſten-... Wir werden ſchöne Späße erleben... Alſo, wo blieb ich ſtehen?... An— fangs ging es in unſerer gewöhnlichen Cadenz fort: Langeweile, Thee, Langeweile, Klavier, Langeweile, Quartett— Endlich hatte Lueinde, die in ihrem türki⸗ ſchen Staat die beſcheidene Magd ſpielen wollte, beim Ser⸗ viren einige Teller zerbrochen, auch mehrere Kleider verdor⸗ ben und mit dem Profeſſor einen Zank angefangen, als dieſer, ohne je in Aſien oder, wie Moppes ſagte, wenigſtens im pariſer Jardin des plantes geweſen zu ſein, behaup⸗ 2* tele, kenne ſeine heilig grün holz delige vor⸗ bborn und alle An⸗ Fi-dones die hieſigen twort wer⸗ n— förm⸗ zurde nicht, niſirt, into⸗ rus fiel ein drila ſchon immer weh⸗ dde in Re⸗ ie bekannt⸗ n Schatten mich ſogar nan allge⸗ Na ja, ng in Sa⸗ ne Späße „. NM⸗ denz fort: Langeweile hrem türk⸗ beim Ser⸗ der verdor⸗ ngen, als wenigſtens , behaup⸗ 287 tete, das Holz der Cedern auf dem Libanon ſo gut zu kennen, wie deutſches Fichtenholz— denn, ſagte er, zu ſeiner heiligen Botanik» hätte er vierzehn verſchiedene heilige Kreuzpartikeln in Deutſchland und der Schweiz gründlich ſtudirt— unſer Erlöſer wäre auf Cedern⸗ holz geſtorben...“ „Lucinde, gereizt von den Vorwürfen über ihr Ser⸗ viren, entgegnete: Entweder ſind Sie im Irrthum oder der heilige Bernhard iſt es...“ „Wie ſo? rückte der Profeſſor ſeine goldene Brille in die Höhe und mochte ſich erinnern, daß vorm Jahr eine Etage tiefer Armgart's Mutter auch ſehr ſchlimm mit ihm geſtritten hatte... Terſchka erzählte es. 5 „Lucinde ließ ſich nicht werfen... Zornig, wie ſie war, entgegnete ſie: Nach dem heiligen Bernhard beſtand das Kreuz des Erlöſers aus Cedern⸗, Cypreſ⸗ ſen⸗, Oliven⸗ und Palmenholz...“ „Natürlich— mich als Holzhändler intereſſirte das...“ „Nur Cedernholz! donnerte der Profeſſor, bei allem Reſpect vor dem heiligen Bernhard 14 „Die Commerzienräthin bat um Unterlaſſung ſolcher Streitigkeiten... Sie können ſich aber denken, verehr⸗ ter Freund, daß mich der Gegenſtand hinriß... Mein Tem⸗ perament zwang mich zu der beſcheidenen Bemerkung:—“ „Wieder einen Tag ſpäter! Ich mußte geſtern einer Holzauction in Euskirchen beiwohnen!... Mein Al⸗ ter iſt in der Majorität und macht Enckefuß ſchön zu ſchaf⸗ fen... Den Telegraphen kann ich gar nicht mehr ſpielen ſehen, ohne mir nicht zu ſagen: Dieſe Manbver, die die Flügel machen, bedeuten: Stecken Sie nur gleich die 288 ganze de Jonge'ſche Familie, Vater und Sohn, zu Loch!... Wo blieb ich geſtern? Richtig; ich erlaubte mir die beſcheidene Bemerkung, daß die Bauten des Königs Salomo bereits die erſten Grundlagen des Holz⸗ handels, und zwar nach Tyrus, gelegt und bewieſen hätten, daß Paläſtina und Umgegend wenig Waldung gehabt hätte, demnach alſo, daß, als drei Kreuze auf dem Berge Golgatha auf einmal gebraucht werden mußten, dieſe leicht und wahrſcheinlicher- und möglicherweiſe allerdings aus mehreren Holzarten genommen werden mußten...“ „Da die ganze Geſellſchaft über dieſe Bemerkung in ein ſehr unpaſſendes Gelächter ausbrach— was mich verdroß, da ich mir bewußt war, wiſſenſchaftlich ge⸗ ſprochen zu haben, ſo ſchnurrte mich der Extraordinäre a. D. an wie ein Kater, betrachtete mich von oben bis unten und machte Miene, als wollte er, um mich zu ſtrafen, auf dieſe Aeußerung griechiſch antworten...“ „Sie wiſſen, daß ich nie hitziger werden kann, als da, wo ich mich nicht ganz ſicher fühle... Und gelehrte Seitenhiebe reizen mich vollends bis zur Tollkühnheit ... Moppes, Timpe, Schmitz, Effingh, alle ſtanden jetzt um mich und ſuchten mich zu beruhigen...“ „Mit maliciöſer Zurückhaltung ſagte der gelehrte Kerl jetzt lächelnd: Fräulein Lucinde iſt ſo geiſtreich, daß ihre Erwiderung nur für einen Scherz zu nehmen iſt ... Sie weiß ſehr wohl, die Bemerkung des heiligen Bernhard iſt ein Spiel des frommen Witzes und der Phantaſie... Der hochgelehrte Mann will an jede Gattung ſeiner vier Holzarten Betrachtungen anknüpfen ... Ohne Zweifel ſucht er, ich kenne die Stelle nicht, — „ in d de ſes 1 eine pite Ton leber cht inlc riich fand alle Br Ate ſde ſcho A wil ent für kon die lein me K — Sohn, zu ich erlaubte Bauten des n des Holh⸗ ind bewieſen ig Waldung euze auf dem mußten, dieſe ſe allerdings mußten...“ „Bemerkung — was mich ſchaftlich ge⸗ Ertraordinäre don oben bis um mich zu orten... n kann, als Und gelehrte Tollkühnheit alle ſtanden 7 gelehrte Kerl ſtreich, daß nehmen iſt des heiligen zes und der will an jede anknüpfen Stelle nicht, 289 in den vier Holzarten das Symbol 1) des Lebens— die Ceder, 2) der Trauer— die Cypreſſe, 3) des Tro⸗ ſtes— die Olive und 4) des Friedens— die Palme. Ich habe die feſte Ueberzeugung—“ „Weiter kam er aber nicht; denn ich unterbrach jedes ſeiner Worte...“ „Schweigen Sie! fuhr er mich an, als wenn ich Piter wäre, und als ich ihm ein: Herr Profeſſor! im Ton faſt wie eine Maulſchelle lancirte, mußte ich er⸗ leben, daß dieſer niederträchtige Kerl an den Kamin geht, wo ein eiſerner Holz⸗ und Kohlenkorb ſteht, hin⸗ einlangt und mir feierlich ein Stück Eichenholz über⸗ reicht mit den Worten: Das iſt Ihr Fach!...“ „Nun kann ich Ihnen aber doch ſagen, daß ich Beiſtand fand... Wir Kaufleute halten in Einem Punkt unter allen Umſtänden zuſammen— Anſpielungen auf unſere Branche ſind in dem Grade mauvais gout, daß ich——“* „Wieder einen Tag ſpäter! Faſt wurde mein Alter in die Deputation gewählt, die nach der Re⸗ ſidenz zu Seiner Majeſtät abgehen ſoll... Eine ſchöne Verwirrung hier... Nück hat eine fürchterliche Adreſſe beantragt, fiel aber damit durch... Enckefuß will ihn vor die Aſſiſen bringen... Nämlich— entre nous— das Gerücht geht, Hammaker wäre für Nück gerade zur rechten Zeit um ſeinen Kopf ge⸗ kommen; der Brand und die Urkunde hätten vollkommen die Zweifel verdient, die mich, wie Sie wiſſen, bei Fräu⸗ lein Benigna in Weſterhof plötzlich in Ungnade und um meinen Adel brachten... Da aber mein Vater in der Kirchenfrage ganz mit der Ritterſchaft geht und wir Gutzkow, Zauberer von Rom. VlII. 19 290 plötzlich ſo populär ſind, daß ich mir des vielen Grüßens wegen einen neuen Hut habe kaufen müſſen, ſo ſchlug ich auch an dem Goldfinger'ſchen Abend den Profeſſor vollſtändig aus dem Felde... Nämlich ich wurde wild und ſprach von einer nothwendigen mikroſkopiſchen Unter⸗ ſuchung aller heiligen Kreuzpartikeln durch Profeſſor Lie⸗ big und blieb bei meinen viererlei Holzarten und nannte zu Ehren der Beſchäftigung mit Holz den Erlöſer ſogar ſelbſt den Sohn eines— Zimmermanns... Das machte aber Wirkung... Kanonikus Taube erhob ſich vom Whiſt und ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen .Der Prpoofeſſor verzog ſich... Seine Gemahlin ſprang wüthend ans Klavier und paukte eine neue Tremolo⸗Etüde... Und nach dieſem Abend mußte denn die Commerzienräthin der Lucinde, die allerdings den ganzen Streit angefangen hatte, kündigen und das iſt demnach das Allerneueſte... Sonſt weiß ich nichts, als daß der Domkapitular wieder im alten Anſehen ſteht... Man ſpricht von einer Predigt, die die Regierung ſehr un⸗ angenehm berührt haben ſoll, über den Text: Fürchtet Gott, ehret den König!»... Das ſoll Ihr Couſin ſo ge⸗ wandt haben, daß ein Chriſt Gott zu fürchten, den Kö⸗ nig aber blos zu ehren brauchte... Erzählt man—! ... Ich bin ſo vollſtändig wieder Heide, daß ich ſeit letztem Winter keine Kirche geſehen habe und um ſo mehr wieder Ihrer perſönlichen Anleitung zur Tugend bedarf... Beſter Freund— verlier' ich an Ihnen in Zukunft vielleicht ganz meinen Halt? Man ſagt all⸗ gemein, Sie gingen unter die Diplomaten!— Das könnte mich veranlaſſen, Sie wegen mancher höchſt bedenk⸗ „ * ——— wielen Grüßens ſen, ſo ſlu den Profeſſor h wurde wild opiſchen Unter⸗ Poofeſſor Lie⸗ een und nannte Erlöſer ſogar .. Das machte erhob ſich vom topf zuſammen ine Gemahlin kte eine neue Abend mußte allerdings den r und das iſt ich nichts, als hen ſteht... erung ſehr un⸗ ert:»Fürchtet Couſin ſo ge⸗ hten, den Kö⸗ ählt man—! „daß ich ſet und um ſo zur Tugend an Ihnen in han ſagt all en!— Das höchſt bedent⸗ 291 lichen vertraulichen Aeußerungen zu mir zu denunciren und ſteckbrieflich verfolgen zu laſſen. Adieu, theurer Freund! Wiſſen Sie denn auch, daß die alte Gräfin Camphau⸗ ſen hier durchgereiſt iſt, ohne ſich nach mir erkundigt zu haben! Poſtſcript. Die Damen Schnuphaſe laſſen ihren Vater bitten, ſich nicht zu erkälten!... Von Lon⸗ don nichts— gar nichts!...«„Ob ſie meiner noch ge⸗ denkt!“— O!——— Große Revolution im Männer⸗ geſangsverein, parteiiſche Vertheilung der Solis, Sturz des Präſidiums, Austritt der Minorität, Bildung eines Oppoſitionsmännergeſangsvereins... Nächſtens beſuch' ich Kocher am Fall... Schreiben Sie bald Ihrem— Unver⸗ beſſerlichen!—— Compliment auch von Gebhard Schmitz an Herrn Ritter Fuld in Wien«Man waiß ſchon»...“ Wie lag das alles— nach Ton und Inhalt— dem be⸗ kümmerten und fieberhaft erregten Gemüth Benno's fern... Er legte den Brief— wehmüthig lächelnd in Thiebold's Geſchenk, das große Reiſeportefeuille, das vor ihm auf⸗ geſchlagen lag... In den Andeutungen über Nück, über den Kirchen⸗ ſtreit, Bonaventura's Predigt lag eine Mehrung der Sorgen... Benno ſah voraus, was der Staatskanzler von ihm hören und erläutert wiſſen wollte... Er dachte an die Scherze mit ſeinem Bruder... Einen„Poſa“ hatte er ſpielen wollen!... Wie ſollte er einem vielleicht wohl⸗ wollend Entgegenkommenden eine Seite entgegenkehren, die ſich für ſeine Jugend und unbedeutende Lebensſtellung nicht ziemte?... Und doch— verlockend blieb die Begegnung immer!... Unwahr blieb es, wenn er dem Fürſten in allem zuſtimmte— ihn glauben ließ, daß mit ihm Nück in 19* 292 Uebereinſtimmung gehandelt hätte... Er warf ſich in die ſchickliche Toilette voll äußerſten Unmuths. Der Chorherr kam herüber und machte ihm wegen ſeiner Zurüſtungen zur Abreiſe, die er nun beſtätigt ſah, ernſtliche Vorwürfe... Sie ſind, ſagte er faſt gekränkt, auf der hohen Flut der Gunſt und des Glücks!... Ich ſchreibe heute dem Dechanten... Geſtern Abend war ich bei einer Anzahl alter Freunde und Freundinnen Ihres Onkels ... Alle wünſchen, Sie zu ſehen... Und nun bekommen Sie— das Kanonenfieber... Von einem vernünf⸗ tigen Poſa heißt es nicht: Nach Munkatſch! ſondern: „Der Ritter wird künftig unangemeldet vorgelaſſen!“. Zur Mehrung der Verlegenheit, zur Schärfung der Vorwürfe des Chorherrn kam der Mohr des Prinzen Rucca, brachte eine wiederholte Mahnung, um vier Uhr das Diner nicht zu vergeſſen und ſchlug aus einem Roſaſeidenpapier ein prachtvolles Bouquet, das aus dem Palatinus ihm von Altezza Amarillas oder von Excel⸗ lenza Conteſſina geſchickt wurde... Der Abſender blieb unaufgeklärt— ſelbſt gegen ein überreiches Trinkgeld Es war ein mit italieniſcher Kunſt gewundener Blumenſtrauß von weißen Camellien, in der Mitte ein Herz von Penſées.... Pensez-à-moil! ſcherzte der Chorherr und verließ Benno mit dem ſatyriſchen Zublinzeln, daß er ſich wol hüten würde, einen Boden zu verlaſſen, wo ihm jeder traurige Eindruck ſo hold und vielverſprechend verwiſcht würde... 2 Die weißen Camellien konnten nur der Gedanke ſeiner aif ſich in die e ihm wegen beſtätigt ſah, er hohen Flut chreibe heute ich bei einer ähres Onkels un bekommen m vernünf⸗ iſch! ſondern: helaſſen!“.. Schärfung der des Prinzen g, um vier g aus einem das aus dem r von Exeel⸗ bſender blieb es Trinkgeld gewundener er Mitte ein und verließ er ſich vol vo ihm jeder ind verwiſcht nke ſeiner 4 293 Mutter ſein... Aber den Muth, einem jungen frem— den Mann überhaupt Blumen zu ſchicken, flößte ohne Zweifel nur die junge Gräfin ein... Ihr Verlangen nach ihm ſchien keiner Beherrſchung mehr fähig. Gegen zehn Uhr nahm Benno einen Fiaker und fuhr in die Staatskanzlei... In einem Gewirr größerer Gebäude, die in winke⸗ liger Zuſammenſtellung allen Jahrhunderten angehörten, hier an die Babenberger, dort an die Zeit der Maxi⸗ miliane, da an Kaiſer Joſeph erinnerten, liegt ein Haus mit mäßiger Fronte, einladend nur durch ſeine nach den Baſteien hinaus gerichteten Seitenfenſter... Der Wagen hatte ſich pfeilgeſchwind durch dieſe Winkel und kleinen Plätze hindurchgewunden... Benno ſtieg aus... Bereits ein zweiter Miethwagen ſtand vor dem Portal. Der Miniſter wohnte im erſten Stock. Ein großes dunkles Vorzimmer wurde durchſchritten Dann kam man in ein lichteres, das eine ſchöne Aus⸗ ſicht auf die belebten Umgebungen der Stadt und den Volksgarten bot... Hier hatte der Angemeldete ſich aufzuhalten.. Benno traf, wie er erwartet und gefürchtet, mit Schnup⸗ haſe zuſammen... Herr Maria ſtand unter dem Druck ſeiner„hochges⸗ pönten“ Nerven... Vom Sperl, aus Döbling, aus Hietzing, von allen möglichen Zerſtreuungen, die die Tuckmandls und Pelikans ihrem Gaſtfreund trotz der Wundermedaillen und Paternoſtervereine bereiteten, er⸗. ſchöpft, ſchnappte und ſchnalzte er nach Luft... Jetzt, 294 beim Anblick des Barons von Aſſelyn, hob ſich ihm etwas die Bruſt vor Freude und Ueberraſchung... Der Gruß des Herrn Thiebold de Jonge und die Mahnung an ſeine Leibbinden rührten ihn... Jedes Knarren einer Thür unterbrach die Mitthei⸗ lungen... Benno war wie in einem Traum... Er wußte nicht, wie er hierher gekommen... Um ſeine Aufre⸗ gung zu verbergen, fragte er ſcherzend: Werde ich jetzt erfahren, welches Ihre geheime Miſ⸗ ſion war?... Schnuphaſe hob ſeine weißen Handſchuhe gen Him⸗ mel.. Da öffnete ſich die Thür... Schnuphaſe verbeugte ſich bis zur Erde... Der Eingetretene war noch nicht der Beherrſcher aller europäiſchen Cabinete, ſondern jener Hofrath, der an Benno geſchrieben hatte... Die leutſeligſte Anrede von der Welt berichtigte Schnup⸗ haſe's Irrthum... Der Herr Hofrath wandte ſich an den Herrn Baron von Aſſelyn und entſchuldigte Seine Durchlaucht, die noch einen Augenblick verhindert wären... Herr Stadtrath Schnuphaſe—?... Zu Dero—!.. Die Kiſte iſt angekommen Zu Dero—!. Zum erſten Mal in Wien? kehrte der freundliche Herr zu Benno zurück... In dem Augenblick wurde Stadtrath Schnuphaſe durch ob ſich ihm ng... Der e Mahnung de Mtthe⸗ „Er wußte ſeine Aufre⸗ eheime Miſ⸗ e gen Him⸗ Beherrſcher ofrath, der gte Schnup⸗ derrn Baron laucht, die freundliche haſe durch 295 einen Bedienten abgerufen... Nach einer Thür zu, die eben da wieder hinausführte, wo er hereingekommen war.. Schnuphaſe flog und taumelte mehr, als er ging... Mit einem, wie es ſchien, ſtereotypen, an die„Ge⸗ müthlichkeit“ Pötzl's erinnernden Lächeln, halb prüfend, halb zerſtreut, ſetzte der hohe Beamte ſein Examen über Benno's erſtmalige Anweſenheit in Wien fort... Bei völliger Bekanntſchaft über die Zwecke der Anweſenheit des jungen Mannes kam er auf den geſtrigen„grau⸗ ſamen“ Unfall mit dem„Fräulein von Pötzl“... Das, was ihm, wie er ſagte, ihr Pflegevater ſelbſt ſchon erzählt hatte, konnte Benno beſtätigen... Es folgte das herzlichſte Bedauern und die Mittheilung, daß einige Wochen lang für die arme Seele in„Maria zur Stiegen“ würde gebetet werden... Eine Klingel ging... Der Diener von vorhin öffnete eine andere Thür... Mit einem: Ich hab' mich ſehr gefreut! und dem innigſten Händedruck wurde Benno von dem zuvorkom⸗ mendſten aller Epigonen jener Geſellſchaft, die der über⸗ fliegende Don Carlos mit dem Wort bezeichnet:„Da wo Ihre Domingos, Ihre Albas herrſchen!“ an die Thür begleitet... Noch zwei Zimmer und der unfreiwillige, von dem Syſtem des Staatskanzlers ſonſt mit jugendlicher Idea⸗ lität urtheilende, jetzt wie ein geknicktes Rohr ſich ihm nähernde— Poſa ſtand vor dem neuen— Don Phi⸗ lipp... Der Gefürchtete war an Wuchs etwas kleiner, als 296 Benno... Schmächtig, ebenmäßig gebaut, mit feinen, geiſtvollen Zügen... Die Stirn breit und hochgewölbt... Die Augen blau, die Naſe mäßig gebogen, die Farbe der nicht ſchmalen Wangen blaß... Die Lippen durch lange Gewöhnung— auch die Ehe macht Ehegatten ähnlich— faſt habsburgiſch geworden, doch abwechſelnd belebt von Ironie... Beſonders auffallend blieb die ſchöne, wenn auch ſtark gerunzelte Stirnfläche, mit weit auseinander liegenden Augenbrauen... Das Haar ſchon ergraut und mit erzwungener Jugendlichkeit geordnet... Die Sprache nicht leiſe, etwas unverſtändlich... Benno wußte, daß der Staatskanzler am Gehör litt... Die freundlichſte und herablaſſendſte Begrüßung... Man ſetzte ſich... Nebenan hörte man ein Klingen von Gläſern... Benno ſtaunte... Jedenfalls war Schnuphaſe auf der Höhe ſeiner Miſſion... Der Fürſt ergriff eines von den eleganten großen und kleinen Büchern, die auf einem Tiſch vor dem kleinen Kanapee lagen, ſteckte die Finger in die Blätter, klopfte in leichtem Taktrhythmus auf den Tiſch und be⸗ gann in geſchmeidiger, faſt zu regelrechter Rede alle oſtenſiblen Veranlaſſungen für Benno's Anweſenheit in Wien herzuzählen... Dem Schmerz des Grafen Hugo, der zufälligen perſönlichen Anweſenheit des Herrn von Aſſelyn bei dem Unglück mit Angiolina Pötzl trug er mit unverſtellter Theilnahme Rechnung... Dann kam er auf den Oberprocurator Nück, mit dem er ſeit Jahren „immer ſehr gern zu thun“ gehabt hätte, auf die Em⸗ pfehlungen, die ihm„Doctor Nück“ über Herrn von Aſſelyn und deſſen Wünſche gegeben... ——————/· nit feinen, ewölbt... die Farbe pen durch Chegatten abwechſelnd d blieb die „ mit weit Haar ſchon ordnet... .. Benno ßung... ein Klingen nfalls war en großen vor dem die Blätter, ſch und be⸗ Rede alle veſenheit in afen Hugo, Herrn von trug er mit unn kam el ſeit Jahren if die Em⸗ Herrn von 297 Wünſche?! loderte es in Benno auf und ſofort be⸗ gann er auch: Euer Durchlaucht wollen entſchuldigen—... Ohne jedoch Zeit zu bekommen, irgend auch nur die einfachſte berichtigende Aeußerung zu thun, hörte er den Fürſten ſogleich auf den ihm von Wien her, ja ſchon vom„Parterre der Könige“ in Erfurt ſehr wohl⸗ bekannten Dechanten zu Sanct⸗Zeno übergehen; ſelbſt Bonaventura war ihm genannt worden... Des Für⸗ ſten Familie ſtammte ſelbſt aus der Gegend von Ko⸗ cher am Fall... Die Aeußerung, die der Staatskanzler auf die für Bonaventura gebrauchte Bezeichnung: Er wird ein Hei⸗ liger genannt! ſofort folgen ließ, war charakteriſtiſch... Ich wünſchte wol, ſagte er, der Adel folgte überall ſol— chen Beiſpielen und nähme ſich wieder etwas mehr der Kirche an... Seitdem die Pfründen ſchmaler geworden ſind, hat man ſie nicht mehr für die jüngern Söhne der Fa⸗ milien ſo aufgeſucht, wie ſelbſt noch in meiner Jugend Sitte war... Sagen Sie, würde Ihr Kirchenfürſt den Muth gehabt haben, ſo für ſeine geiſtliche Pflicht auf— zutreten und würde er mit ſoviel Glanz ſein Martyrium durchführen, wenn ihm nicht ſein Zuſammenhang mit dem Adel des Landes zu Hülfe käme?... Der Ueber⸗ gang der geiſtlichen Stellen nur an Bürgerliche öffnet jenem kleinen Ehrgeiz zu ſehr die Bahn, der mit Intrigue verbunden iſt... Dem Emporkömmling wird ja nie genug zu Theil... Wenig Verbindungsglieder fehlten hier und die Gedankenreihe war bei den Jeſuiten angekommen, die 298 der Staatskanzler haßte... Doch unmittelbar flocht ſich die Bemerkung ein: 2 Ein reizendes Geſchöpf, dieſe Angiolina! Ich kann nicht glauben, daß ſie ſich ſelbſt den Tod gegeben hat ... Sie wurde zornig über die, die ihr vorreiten wollten, und überſchlug ſich... Jetzt iſt's freilich eine freiwillige Handlung— ein Poem, ſagte man geſtern... Romantik und leider oft auch Logik machen ſich ſehr oft erſt durch den Zufall ex post, gerade wie der Witz... Manche Leute, die ich poſitiv als dumm kannte, galten auf dieſe Art für geſcheut... Weil ſie immer ſchnell bei der Hand waren, einer zufälligen Wirkung eine prämedi— tirte Abſicht unterzulegen... Das wiſſen Sie gewiß, es gibt einen Humor der Thatſachen... Viele Staatsmän⸗ ner haben ſich Jahre lang damit erhalten, den glücklichen Zufall ſogleich für ihre Abſicht auszugeben... Beſon⸗ ders ſind in dieſem wohlfeilen Klugſeinwollen die Poli⸗ tiker Ihres Staates— Bitte, Herr Doctor Nück ſchreibt mir, Sie wollten daſelbſt keine Carriere machen— Er⸗ zählen Sie mir doch von der dortigen Sachlage, Herr von— Sagen Sie, ſind die Aſſelyns nicht eigentlich italieniſchen Urſprungs?... Benno hätte durchaus erwidern mögen, daß ſich Nück in den Motiven ſeiner Reiſe nicht an die Wahrheit gehalten hätte, hätte alles erzählen mögen, was zur Erleichterung der heimatlichen Schwierigkeiten dienen konnte, mußte aber jetzt nur der geſtellten Frage antworten und ſagen: Doch nicht, Durchlaucht! Frieſiſchen Urſprungs... Sie ſollen aber das Italieniſche à perfection ſpre⸗ chen... fiel der Fürſt ſogleich ein... jaar flocht Ich kann eben hat vorreiten eilich eine eſtern... ſehr oſt Witz... galten auf ſchnell bei prämedi⸗ gewiß, es taatsmän⸗ glücklichen „Beſon⸗ die Pol⸗ ic ſchreibt 4— Er⸗ age, Herr eigentlich ich Nück in it gehalten leichterung te, mußte nd ſagen, ungs. jon ſpre⸗ 299 Ich wollte zunächſt Italien ſehen, um mich in der Sprache zu vervollkommnen und alte Studien wieder auf⸗ zunehmen-... Die italieniſche Sprache iſt ſchwerer, als man an⸗ fangs glaubt, unterbrach der Fürſt, der ſeine eigenen Gedankengänge feſthielt... Sie iſt ebenſo falſch und tückiſch wie die Italiener ſelbſt... Man glaubt mit der Grammatik auf dem beſten Fuße zu ſtehen et d'un tour de main on a perdu tout son latin... Wo ſtudir⸗ ten Sied... Benno nannte die betreffende Univerſität... Der Staatskanzler warf einen der ihm eigenen Augen⸗ blitze, die den für gewöhnlich milden, ja matten Aus⸗ druck ſeiner Augen unterbrachen, ſcharf und beſtimmt zu dem jungen Mann hinüber und hatte jedenfalls eine Rüge der deutſchen Univerſitäten im Sinne, ſprach aber doch: Sie ſind Juriſt... Arbeiteten bei Dr. Nück in der— Apropos, die Gräfin Paula von Dorſte iſt ja clairvoyant! ... Wie ſich das in Wien ausnehmen wird, bin ich begierig... Ein eignes Kapitel, die Clairvoyance! Ich habe ſie in allen Stadien kennen gelernt... Auch in ihrer Verbindung mit der Politik— und gerade bei Ihren aufgeklärten Staatsmännern!... Fürſt Harden⸗ berg war ganz in die Hände der Pythoniſſen gerathen und hat auch, glaub' ich, aus dieſen Quellen ſeine Begeiſte⸗ rung für die Freiheit Griechenlands in Verona geſchöpft... Die Verbindung mit der Religion iſt mir weniger geläu⸗ fig, aber unſere Salons ſprechen davon mit Andacht... Leider wird mit dem erſten Kind dieſe neue Quelle der Unterhaltung für Wien verloren ſein... Ihre Heimat 300 iſt ein ſeltſames Land, Herr von Aſſelyn, kernhaft jedoch und voll aufrichtiger Sympathie für uns... Wir haben davon täglich Beweiſe... In unſerer Armee ſowol wie im Klerus... Kennen Sie die Aeb⸗ tiſſin Scholaſtika?... Eine Tüngel⸗Heide!... Es gibt mehrere Linien der Tüngels?... Schon griff der allein Redende zum lleinen gold⸗ ſchnittgebundenen genealogiſchen Kalender, der auf dem Tiſche lag... Er ſuchte die Tüngel-Heides und die Tüngel⸗Appelhülſens... Nebenan klangen die Gläſer... Benno beobachtete nur und— reſignirte ſich ſchon... In Ihrer Provinz lebt noch feſt und ſicher die Ueber⸗ zeugung, fuhr der Fürſt im Umblättern fort, daß es in jeder Politik nur Erhaltung oder Umſturz gibt... Die Reform ſoll uns heilig ſein, ja! aber ſie muß aus den Elementen der Erhaltung und für die Erhaltung hervor⸗ gehen... Nach Napoleon's Verwüſtung des Beſtehen⸗ den konnte und durfte nichts Anderes kommen... Selbſt Napoleon fing zuletzt an zu erſchrecken vor einer täglich ſich mehrenden Luſt an Neuerungen... Unter dem Zeit⸗ alter der Revolution haben die Völker zu viel gelitten . Sie bedürfen auf hundert Jahre der Erholung... Ich weiß nicht, was dann kommen wird, aber meine Aufgabe war, Halt zu gebieten und ich glaube, die nach mir kommen, werden noch lange dieſelbe Nothwendigkeit einſehen... Ich gebe das ſehr gern den jetzigen römi⸗ ſchen Anſprüchen zu: Es iſt auch ſo mit der Kirche. Die ſchwarzen Herren hören freilich nicht gern, daß der Fels, auf den die Kirche gebaut wurde, irdiſches Ma⸗ 301 terial iſt ſo gut wie jede andere Steinart und daß einſt eine Zeit kommen wird, wo die Philoſophie ſich verbreitet, wie das Klavierſpielen ſchon jetzt bei unſern reichen Bauerntöchtern im Salzburgiſchen— Aha! Da!— „Die Tüngel⸗Appelhülſens. Wappen: Die geſchlän⸗ gelte Schaale eines Apfels“— Falls das nicht— glauben Sie nicht, Herr von Aſſelyn, urſprünglich eine Schleife war? Auch ſo ein Witz— ex post?... Da ſind ja die Camphauſens!... Zwei Linien— Seltſam!... Bei uns lebt die proteſtantiſche und Gräfin Erdmuthe iſt ſogar eine gefährliche Fanatikerin... Der Graf wird den Militärdienſt quittiren... Und—— Ja, der religiöſe Riß in Deutſchland wird oft beklagt— ich ſchätze ihn... Deutſchland kann nur durch das Gleichgewichtsſyſtem beſtehen... Das hab' ich immer befördert und ohne Rückhaltsgedanken... Der Zollver⸗ ein gibt ein zu einſeitiges Uebergewicht... Sie kamen mit dem Herrn Stadtrath Schnuphaſe?... Ich reiſte nur zufällig mit ihm... Doctor Nück ſchickt mir durch Sie alle Tabellen Ihrer Weinverſteuerung, an der ich, wie Sie wiſſen, perſön⸗ lich betheiligt bin... Die Centraliſation der Intereſſen Deutſchlands iſt nicht möglich... Schon die natürlich⸗ ſten Lebensbedingungen, Eſſen und Trinken, beruhen auf disparaten Organiſationen... In Frankreich, Spanien, Italien ſogar, dem ich ſonſt doch jede andere Einheit abſprechen muß und das ich nur für einen geographiſchen Begriff halten kann, hat die Lebensweiſe eine und die⸗ ſelbe Bedingung... Nehmen Sie aber unſere Ver⸗ ſchiedenheiten!... Die barocke Abwechſelung ſchon unſeres — Brotes allein!... Wie verſchieden die Charaktere des 30² Weins am Rhein und an der Donau... Vom Trank der Gerſte gar nicht zu reden... Man glaubt es mir nicht, aber ich bin gegen ein Uebermaß von Uniformirung . Ich haſſe den Joſephinismus— nicht ſeiner Auf⸗ klärung wegen— behüte, nein!— ſondern deshalb, weil er am Ende doch nur den abſoluten Polizeiſtaat procla⸗ mirt... Der abſolute Polizei⸗ oder Beamtenſtaat kann zuletzt nur zur conſtitutionellen Monarchie führen, d. h. zur legaliſirten Revolution und Republik... Die Phantaſie Eurer Durchlaucht überſpringt große Intervallen! ſagte Benno mit Entſchiedenheit... Geb' ich zu— erwiderte der Miniſter und ließ wie⸗ der einen jener ſcharfen Blicke auf Benno hinſtreifen... aber darin denk' ich ganz wie die Kirche.... Gutta cavat lapidem... Apropos, was ſagt der Graf Camp⸗ hauſen von dem ſogenannten Baron von Terſchka?... Der Menſch iſt in London Proteſtant geworden und der intimſte Freund der italieniſchen Emigration... Ein Ex⸗Jeſuit— ſagt man ſogar— aber entre nous... Benno berichtete von dem ihm ſo verhaßten Namen, was er wußte, und wagte, angeregt von den Worten ſeiner Mutter, die Bemerkung: Die größte Gefahr des Stabilitätsſyſtems droht nicht unmöglich von Italien und Rom ſelbſt... Sie meinen, daß die Zeiten des Cola Rienzi wie⸗ derkehren? lächelte der Fürſt, nahm ein großes Kupfer⸗ werk, das vor ihm lag, ſchlug die Abbildung einer Burg auf und zeigte ſie ſeinem Beſuch mit den Worten: Sehen Sie da die Burg in Böhmen, auf die Cola Rienzi flüchtete, als ſeine Zeit in Rom vorüber war! . Zu uns! Nach Böhmen!... Ja, fuhr er dann — Vom Trank zubt es mir niformirung ſeiner Auf⸗ eshalb, weil taat procla⸗ enſtaat kann hhren, d. h. ringt große ad ließ wie⸗ treifen... .. Gutta hraf Camp⸗ ſchka?... n und der . Ein uOus... ten Namen, den Worten tems droht Rienzi wie⸗ hes Kupfer⸗ dung einer en Worten: jdie Cola äber war! r er dann — — · 303 fort, die Italiener ſind allerdings die elendeſte Nation von der Welt und zu allem fähig! Dieſe Nation wird den Monarchen, von denen ſie regiert wird, und uns allen in Europa noch viel zu ſchaffen machen, ſie wird conſpiriren, morden, vielleicht ein vorübergehen⸗ des Glück gewinnen, von einzelnen Mächten vielleicht begünſtigt werden, von England, das für ſeine Waaren ſich einen Abſatz in Sicilien und Neapel zu verſchaffen ſucht— aber elend wird alles nach kurzer Zeit zuſam⸗ menbrechen... Wie Barbaroſſa werden wir dann die Städte in Aſche verwandeln müſſen! Wir werden den Pflug darüber hingehen laſſen und Salz ausſäen müſſen, um eine neue Erde zu ſchaffen... Das Salz wer⸗ den deutſche, ungariſche, böhmiſche Colonieen ſein, unſere Sitten, unſere Verbeſſerungen, unſere Bürgſchaften poli⸗ zeilicher Ordnung... Zurückrufen werden die Elenden uns dahin, wo ſie uns verjagten, um nicht von ihren eigenen Landsleuten gemordet zu werden... Gemordet von ihren neuen Häuptern... Leſen Sie die Geſchichte! ... So ging Crescentius unter... Cola Rienzi flüchtete ... Was wollen Sie von einer Nation erwarten, wo alles käuflich iſt! Wo die Furcht jeden zum Verräther macht! Wir haben alle Conſpirationen in der Hand .. Von jeder Carbonarologe beſitzen wir die Namen ... In Turin regiert ein Fürſt, der als Kronprinz Carbonaro war... Als er den Thron beſtieg, lieferte er uns ſämmtliche Liſten der Venditas aus... Ich zweifle nicht, daß er wieder als Carbonaro endet... Laſſen Sie Krieg kommen— behalten wir Herrn Thiers noch lange am Ruder Frankreichs und will ſein Schüler, der Herzog von Orleans, ſich die Sporen verdienen, ſo 304 haben wir vielleicht Krieg und mit ſchwankenden Erfolgen .Wir ſind heute geſchlagen— aber von dem Tag an, wo die Italiener dankbar und einig ſein ſollen, rufen ſie wieder die Dentſchen zurück und geben uns die alte eiſerne Krone... Dies Italien! Sie müſſen es kennen lernen, Herr von Aſſelyn! Sie wollen dort hin⸗ reiſen? Wollen Sie es bequem, ſo mach' ich Ihnen den Vorſchlag, Depeſchen nach Rom zu übernehmen— Freilich da müßten Sie ſogleich und in dieſem Augenblick reiſen.. Würde Sie das hindern?... Nück ſchrieb mir, fuhr der Fürſt fort, die Verlegenheit und aufwallende Röthe V der Freude im Antlitz des jungen Mannes bemerkend — Sie wollen eine politiſche Laufbahn antreten... Durchlaucht— nein! ſagte Benno feſt und beſtimmt . Der Gedanke: Da erlöſt dich ja das Geſchick im Nu! ließ ihn mit funkelnden Augen zuſtimmen. Sie meinen, Ihre Grundſätze ſind noch zu jugend⸗ lich? Sie opponiren noch? Mein lieber junger Freund, die Staatskunſt muß es machen, wie die Kellerei mit den Weinen... Liegen die Fäſſer zu lange, ſo müſſen ſie aufgefüllt werden... Alte Jahrgänge mit jungen . Sie haben ohne Zweifel die Calamität gehört, die ſich auf meinem Weinberg zugetragen?... Ein nach⸗ läſſiger Küfer hat ſieben der beſten Stück nicht auf⸗ gefüllt und nun ſind ſie Alterationen des Entwickelungs⸗ proceſſes ausgeſetzt— Dergleichen muß geheim bleiben... Bitte... Da Sie aber mit Herrn Stadtrath Schnup⸗ haſe gereiſt ſind—... Der Fürſt öffnete die Thür und machte Benno zum Zeugen einer wie es ſchien ſehr ernſt genommenen Scene... Ein feingekleideter, wohlbehäbiger älterer 9 Herr, t lleiner Dube gebta gebra ſchwe Aufft 8 gen. prüfer Noch Duft Erfolgen dem Tag ein ſollen, n uns die müſſen es dort hin⸗ Ihnen den — Freilich reiſen... wir, fuhr inde Röthe bemerkend ten... d beſtimmt icck im Nul zu jugend⸗ r Freund, ellerei mit ſo müſſen nit jungen gehört, die Ein nach⸗ nicht auf⸗ wickelungs⸗ bleiben.. Schnup⸗ tee Benno nommenen er älterer 305 Herr, ohne Zweifel der Kellermeiſter des Fürſten, ſaß mit Schnuphaſe an Einem Tiſch... Vor ihnen eine Reihe kleiner Flaſchen, die mit Zetteln beklebt waren... Einige Dutzend Gläſer ſtanden in der Nähe, um nacheinander gebraucht zu werden, da der Duft des Weins ſich in jedem gebrauchten Glaſe zu lange erhielt und eine Aufgabe er⸗ ſchwerte, die die zu ſein ſchien, die Miſchungen und Auffüllungen aufs ſtrengſte zu unterſcheiden... Schnuphaſe und der Kellermeiſter waren aufgeſprun⸗ gen... Letzterer mit zwei Gläſern in der Hand, die prüfendſte Miene in den gerötheten Geſichtszügen... Noch ſchienen Zunge und Naſe nur mit Geſchmack und Duft beſchäftigt... Schnuphaſe ſtand mit ſeinem„Glöſe“ ganz„Extöſe“... Der Duft, das Probiren, die Situa⸗ tion, die Nähe des größten Mannes der Zeit, die Satis⸗ faction vor Benno, alles war ihm zu Kopf geſtiegen... Es wird wol nicht anders gehen, bemerkte der Fürſt, man muß unſerer Verwaltung, die an dem Verſehen ohne Schuld iſt und den Küfer entließ, Recht geben und „Dorf“ oder„Berg“ zur Erkräftigung des„Schloß“ wählen?... Ganz wie Ihr jungen Staatsneuerer ja wollt!... Gern adoptiren wir Euer junges Blut!... Oder beides? wandte er ſich... Schnuphaſe ſtand wie ein Retter des europäiſchen Gleichgewichts, obgleich er nahe daran war, das eigene zu verlieren... Das Nippen an jedem dieſer Gläſer, das Streiten und Aeußern entgegengeſetzter Zungenwirkungen, die wiederholt erprobt werden mußten, hatte ihn bereits zum Opfer des in ihn geſetzten Vertrauens gemacht... Der Fürſt billigte jede Entſcheidung der gemeinſchaft⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 20 ———— 306 lichen Berathung und ordnete an, daß auch beim heuti⸗ gen Diner, wo Kenner der Weinblumen des Rheines entboten wären, die Proben ſervirt und einem Ver⸗ dict derſelben unterworfen würden... Die maßge⸗ bendſte Stimme behielten die beiden anweſenden Her⸗ ren ſelbſt und lieb wäre es ihm, ſagte er, ſchon von ihrer ſchnellen Meinungsvereinigung zu hören... Der Gegenſtand war hochwichtig... War für die nächſte Auction irgend im Ruf der vernachläſſigten Fäſſer etwas verſehen und verbürgten ſich nicht die erſten Zungen für die volle Integrität des Gewächſes, ſo konnten dreißig⸗ tauſend Gulden auf dem Spiele ſtehen... Es thut mir leid, ſagte der Fürſt in freundlicher Laune beim Zurückkehren in das vorher von ihnen eingenom⸗ mene Zimmer, daß ich meine Einladung, mein Gaſt zu ſein, nicht auch an Sie richten kann, Herr Baron! Die Aufgabe, die ich Ihnen vorſchlage und der Sie, wenn auch nur Ihrer Reiſekaſſe wegen, da Sie doch nach Italien wollen, ſich immerhin unterziehen ſollten, be⸗ dingt eine ſofortige Abreiſe... Um fünf Uhr Nachmittag geht die Eilpoſt... Sie brauchen ſich nur der Poſt zu bedienen... Von Trieſt aus müſſen Sie über Ancona zur See... Das iſt unerläßlich... Nach einem hal⸗ ben Jahr kommen Sie auf demſelben Wege— ich meine, ohne Ihrer eigenen Kaſſe wehe gethan zu haben— zu uns zurück und ich werde begierig ſein, Ihre römi⸗ ſchen Eindrücke zu vernehmen, falls Sie nicht vorziehen ſollten, ſie mir ſogleich direct oder an die Allgemeine Zeitung zu ſchicken... Wählen Sie für erſtern Fall die Adreſſe eines unſrer Großhandlungshäuſer. 8 Ver hän vor führ ein beim heuti 8s Rheines inem Ver⸗ ie maßge⸗ nden Her⸗ ſchon von 1... Der die nächſte äſſer etwas en Zungen ten dreißig⸗ licher Laune 4 eingenom⸗ mein Gaſt err Baron! der Sie, edoch nach ollten, be⸗ Nachmittag der Poſt zu ber Ancona einem hal⸗ jich meine, ben— zu Ihre römi⸗ vorjiehen Allgemeine ſſtern Fal ſer.. 307 Verſteht ſich, bald dieſe, bald jene... Die Depeſche händigt Ihnen der Herr Hofrath ein, mit dem Sie vorhin geſprochen haben... Man ſoll Sie zu ihm führen!... Glückliche Reiſe! Frohes Wiederſehen!... Der Fürſt klingelte... Damit war die Audienz beendet... Es war Benno, als konnte er nicht von der Stelle ... Er hatte nicht widerſprechen, hatte bei ſeiner Ju⸗ gend, ſeiner gedrückten Stimmung überhaupt nur hören, — wenn er ſprach, nur Nücks Empfehlungen ablehnen wollen... So aber hundert angelegte Fäden— und nicht ein einziger ausgeführt!... Jetzt verſtand er, was man„Treppenwitz“ nennt ... Demoſtheniſche Reden blieben auf ſeiner Zunge lie— gen... Was mochte er nicht alles geſprochen haben! ... Dicht am Weltrade ſtand er... Wie ein donnernder Waſſerſturz mußte ihm die Triebkraft erſcheinen, die dies Rad in Bewegung ſetzte... Noch blieb er wie von einem unſichtbaren Sprühnebel umrieſelt und betäubt... Aber ein Diener folgte ihm und führte ihn ſchon zu dem Hofrath... Sie mußten noch eine Treppe höher ſteigen... Sollſt du— oder ſollſt du nicht?... So ſtand er eine verhängnißvolle Secunde und ſagte ſich: Eine Gunſt des Geſchicks!... Die Uebernahme dieſer Verbindlichkeit verpflichtet dich zu nichts... Du haſt einen triftigen äußern Grund, vor Situationen zu entfliehen, die ſich jetzt noch nicht von dir durchleben laſſen! — 20*. 308 So trat er in ein düſteres Zimmer... Hier wurde ihm die Depeſche, ein einfach verſiegelter großer Brief eingehändigt... Am beſten trägt man das in einer kleinen Taſche, ſagte der freundlichſte aller Hofräthe, aber an einem Riemen!... Haben Sie die Schnalle immer hübſch vorn auf der Bruſt!... Schließlich hält das auch noch den Leib warm... Für die Seefahrt gut... Die Reiſekoſten ſind für acht Tage berechnet, für jeden Tag zehn Dukaten... Sie bekommen eine Anweiſung auf die Caſſa, Herr von Aſſelyn!... Bitte! Nehmen Sie! ... Hier iſt ſie!... Damit Sie keine weitere Mühe haben, werden wir einen Platz im Coupé reſerviren laſſen... Sie zahlen ihn dann bei der Abfahrt... Habe die Ehre, eine glückliche Reiſe zu wünſchen!... Benno reiſte als Courier... Eine unverfängliche Gefälligkeit... Er nahm die Depeſche, die Anwei— ſung... Er ließ ſich einige Zimmer weiter achtzig Du⸗ katen zahlen. Das Ablehnen dieſer Summe würde wunderlich er⸗ ſchienen ſein und den Auftrag leicht rückgängig gemacht haben... Beim Verlaſſen des Palais fand er die Treppe be⸗ lebt. Boten, Jäger, Diener liefen hin und hex... Zwei Lakaien in auffallender Livree eilten haſtig an ihm vorüber... Hinter ihnen ſchritt langſam die Treppe herauf mit ſchwebendem Gang und einer lächelnd um ſich blickenden Sicherheit eine hohe, breitſchultrige Geſtalt in fremdartig verſtegelter nen Taſche, an einem mmer hübſch § auch noch t... Die jeden Tag weiſung auf tehmen Sie! eitere Mühe e reſerviren bfahrt... ſchen!... verfängliche die Anwei⸗ achtzig Du⸗ nderlich er⸗ zig gemacht Treppe be⸗ her... ten haſtig herauf mit blickenden fremdartig 309 prieſterlicher Tracht... Hinter ihm zwei andere, eben⸗ falls Prieſter... 8 Benno empfing aus einem ſtark gerötheten Antlitz einen Blick des holdſeligſten Grußes... Er trat zur Seite und erfuhr, daß es Cardinal Ceccone geweſen, der an ihm vorübergeſchritten... Sein freundlicher Blick war ihm wie der Stich eines Meſſers... Wenn ihn etwas aus Wien vertrieb, hätte nur noch dieſe Begegnung gefehlt... Der üppigſte Triumph, verbunden mit dem Schein der holdſeligſten Demuth und wieder mit den unauslöſchlichen Merkmalen einer ſchon von der Natur in den Augen, ja in den Ohren vorgezeichneten Liſt... Welche Begegnung jetzt drinnen zwiſchen zwei nur äußerlich verbundenen Principien... Der Fürſt, der die Jeſuiten haßte, der Cardinal, der auf ſeine alten Tage unter dem Druck der Frauen die„Freiheit Ita⸗ liens“ anbahnte... Wie unfertig, wie halb, wie überlebt erſchien ihm alles nach dieſer Audienz Wie wehte ihn der Odem Gottes mit neuen, den Völkern und dem Jahrhundert verheißenen Offenbarun⸗ gen an... Am Portal ſah Benno die beiden Miethwagen in beſcheidener Entfernung und hatte noch Zeit nöthig, ſich zu beſinnen, wohin er fahren wollte... Schnuphaſe kam, begleitet vom Kellermeiſter.. Erſterer hatte alle Urſache, dem kräftigen Arm zu dan⸗ ken, der ihn hielt... Die Aufforderung, in der„Stadt Trieſt“ ein ge⸗ meinſchaftliches Mahl einzunehmen, lehnte Benno ab, —ÿõ— — — 310 fuhr auf den Kohlmarkt und kaufte ſich zunächſt— die bewußte Reiſetaſche. Zu Hauſe angelangt, ſchrieb er an den Principe Rucca einige Zeilen und bedauerte ſeine plötzliche Abreiſe nach Rom, behielt jedoch das Billet bis um vier Uhr, wo man ihn erwartete, noch zurück... Lange kämpfte er mit ſich, ob er ſeiner Mutter ſchrei⸗ ben ſollte... Er konnte nicht anders... Doch drückte er ſich in einer Weiſe aus, die ſo unverfänglich war, daß ſie jedermann leſen konnte... „Herzogin!“ ſchrieb er.„Ich erhalte ſoeben einen Auftrag vom Fürſten Staatskanzler, der mich zwingt, augen⸗ blicklich abzureiſen! Ich reiſe nach Rom und hoffe Sie dort in nicht zu entfernter Zeit zu begrüßen. Wien iſt kein Ort, wo die Trauer einen andern Raum findet, als vor den Altären ſeiner Kirchen. Gedenken Sie in„Maria zur Stiegen», wo die Seelenmetten Angiolinens gehal⸗ ten werden, unſerer Rückfahrt von jenem Hauſe des Schreckens... Die dunkeln Tannen, die es beſchatten, werden ſelbſt im ſchönen Italien ſo lange vor meinen Augen ſtehen, bis ich Sie wiederſehe... Benno von Aſſelyn.“ Von Olympia ſprach er in beiden Briefen kein Wort ... Auch des Straußes, der vielleicht von Olympia kam, mochte er keine Erwähnung thun... Der Chorherr blieb über die ſchnelle, nun freilich moti⸗ virte Abreiſe im höchſten Grade verdrießlich... Unbekannt mit den Empfindungen, die Benno von dannen trieben, ſchrieb er ſie lediglich auf Rechnung des mächtigen Ein⸗ drucks, den der große Kanzler denn doch auf den jungen 8 Man zu eines erge man teſti ande So nich aben gem wied imm lich gan nächſt— Principe e Abreiſe dier Uhr, ter ſchrei⸗ cch drückte gich war, ben einen gt, augen⸗ hoffe Sie en iſt kein S vor den Maria s gehal⸗ auſe des zeſchatten, r meinen enno von fein Wort Olympia lich moti⸗ Inbekannt trieben, gen Ein⸗ n jungen 311 Mann gemacht hatte... Er mußte ihm Glück wünſchen zu einer vielverſprechenden Carriere und ſagte: Sehen Sie, ſo mächtig iſt nun doch der blendende Reiz eines bei alledem großen Mannes... Man muß ſich ergeben, hört nur noch und ſtaunt und läßt an dem, was man haßt, das Menſchliche in ſeiner vollen Geltung... Pro⸗ teſtiren Sie nicht! Sie ſind jung!... Geht es mir denn anders? Lieb' ich denn nicht auch mein Land und mein Volk? So lebt man in einer unglücklichen Ehe und kann ſich nicht trennen... Man weiß, man paßt nicht füreinander, aber es gibt ſo viel Bindeglieder des Intereſſes, ſo viel gemeinſchaftliche Sorgen, ſo viel kleine Ausſöhnungen wieder und ſo kurze Momente des Glücks, daß man immer wieder neue Hoffnungen ſchöpft... S iſt frei⸗ lich ein Gemüths-Elend, an dem zwei Menſchen und— ganze Staaten zu Grunde gehen können... Benno mußte ſchweigen.. Er hielt ſich an die ihm von den Umſtänden auferlegte Nothwendigkeit ſeiner Ab⸗ reiſe... Er ertrug den Schein der Inconſequenz... Gern übernahm der ſich allmälig in die Trennung findende Chorherr die Meldung an den Onkel... Auch die Beſorgung aller der Viſitenkarten, die Benno noch zum Abſchied zurückließ... An den Grafen Hugo ſchrieb Benno Worte, die ſeiner Stellung und der Situation angemeſſen waren... Worte des Troſtes und der Hoff⸗ nung für die Zukunft... In das Comptoir der Zickeles mußte er ſeiner Credit⸗ briefe wegen... Es war über dem Schreiben, Packen und Expediren ſeiner Effecten hoher Mittag geworden. Der alte Herr Marcus war eben von der Börſe zurück⸗ 312 gekommen... Leo befand ſich in einem Comité... Harry führte einen neuangekommenen Virtuoſen... Den alten Herrn Zickeles überraſchte Benno's Ab⸗ reiſe nicht im mindeſten... Dieſe Bankiers grüßen ebenſo gleichgültig beim Kommen wie beim Gehen. Nur ſeine Tochter Jenny bedauerte er... Sie hätte dem Herrn Baron noch etwas vorſingen wollen... Eben wäre ſie, ſagte er, und auch Angelika Müller, der Benno ſich ſo gern noch empfohlen hätte, mit Thereſe Kuchelmei⸗ ſter an den Ort gefahren, wo ſich geſtern das Unglück begeben... Auch Dalſchefski und Biancchi hätten ſich dazu entſchließen müſſen... Der alte Zickeles ſah den Vorfall nur in ſeinen Folgen an und ſagte: Das Geſchäft wird ſich nun machen... Der Graf iſt jetzt in Wahrheit frei... Es hängt lediglich jetzt alles von dem ab, was die Frau Mutter aus Weſterhof mitbringt... Wir werden ja ſehen... Benno ſpeiſte dann noch mit dem Chorherrn, den des jungen Mannes Entſchluß nun nicht mehr ſtörte... Auch der Schein des„Gefeſſeltſeins“ nicht... Er glaubte, wie der Onkel Dechant, an Neuerungen und Beſſe⸗ rungen nur infolge großer Erdrevolutionen in der Art der Gletſcherbildung... Gegen vier, wo die Dinerſtunde beim Fürſten Rucca war und die Herzogin und Olympia ihn hochklopfen⸗ den Herzens gewiß ſchon in glänzendſten Toiletten erwar⸗ teten, beſorgte Benno ſeine Briefe in den Palatinus... Die Eilpoſten nach dem Süden gingen um fünf Uhr . Man mußte ſich ſchon um vier in Bereitſchaft ſetzen... nen M na ihr Comitt. ſen.. Zenno's Ab⸗ iers grüßen Gehen... Sie hütte en... Cben der Benno e Kuchelmei⸗ das Unglück hätten ſich zickeles ſah agte: Der Graf diglich jetzt Weſterhof herrn, den ſtörte... .. Er und Beſſe⸗ n der Art ſten Rucca pochklopfen⸗ ten erwar⸗ tinus... jfünf Uhr gereitſchaft 313 Der Chorherr begleitete ſeinen ſo ſchnell gewonne⸗ nen jungen Freund, der voll tiefſter Trauer von dem edeln Manne ſchied und ihn bat, alle ſeine Liebe und Güte auf Bonaventura zu übertragen, falls dieſer in der That nach Wien kommen und dann vielleicht gleichfalls bei ihm wohnen ſollte... Man plauderte... Aengſtlich zog Benno die Uhr, aus Furcht, noch eine Wirkung ſeiner Abſagebriefe zu erleben. Der Chorherr neckte ihn darum... Endlich ſaß er im Coupé, das ihm in der That durch einen Miniſterialboten reſervirt war... Schon benutzte er, da der Chorherr nicht gehen wollte, die Pauſe, die bis zum Schlagen der Abfahrtsſtunde ſo lang⸗ ſam verrinnt, zu einem Abſchiedsgruß an Angelika, den er auf einen Zettel ſeines Portefeuilles ſchrieb und dem Chor⸗ herrn mit einer Andeutung über Püttmeyer's Philoſophie zu eigenhändiger Beſorgung übergab— da kam ein Mann, der haſtig nach Herrn von Aſſelyn fragte, und brachte eine Viſitenkarte aus dem Palatinus... Von Gräfin Olympia? fragte lächelnd der Chor⸗ herr... Verzeihen, ſagte der Lohndiener, Ihre Gnaden die Conteſſina wollten ſelbſt kommen, aber der Fiaker muß falſch verſtanden haben und hat ſie und den Prinzen nach der Briefpoſt gefahren, wo die Courierpoſten abgehen, aber erſt abends... Die Karte war von Benno's Mutter... Auf der Rückſeite ſtand ein einfaches: Al revedersi!... Benno ſah, daß er das Rechte getroffen... Voll Angſt horchte er auf, ob nur nicht noch Olym⸗ pia und ihr Verlobter kämen. 314 Er bat den Chorherrn, der„armen Seele“ zu ge⸗ denken, für die zwölf Tage lang in dem ſchönen Kirch⸗ lein„Maria vom Geſtade“, zur Schifferkönigin Maria — zur Schutzpatronin aller im— Hafen Eingelaufenen gebetet werden ſollte... Der Chorherr drückte ihm zuſagend die Hand... Der Poſtillon ſchwang ſich auf den Sattel des Hand⸗ pferdes, Benno rückte ſeine Depeſche dahin, wo ſie nach dem Bedeuten des Hofraths für ſeine Geſundheit am vortheilhafteſten lag, der Conducteur ſetzte ſich neben ihn.. Schon waren die funkenſprühenden Schläge der ſech⸗ zehn Roſſeshufe auf dem Straßenpflaſter verhallt, noch ſtand der Chorherr träumeriſch ſinnend auf ſeinen Bam⸗ busſtab mit elfenbeinernem Griff geſtützt, dem Wagen nach⸗ blickend— da kam ein Fiaker angebrauſt, aus deſſen Schlag Principe Rucca und ein weiblicher Kopf ſahen... Das Portal der Fahrpoſt wurde eben geſchloſſen... Pater Groödner ſtand ſchon zu fern, um die, wie es ſchien, heftigen Zornausbrüche der Italienerin zu hören. Lächelnd über die Jugend, über den Ehrgeiz, über Menſchen, die Liebe finden dürfen und ſie nicht mögen, kehrte er zurück in ſeine ſtille Klauſe.. Die Bleiſtiftgrüße an Angelika Müller wollte er erſt couvertiren, falls ſein Verſuch, ſie ihr perſönlich einzuhän⸗ digen, mislingen ſollte... Indeſſen ſtand noch ein anderer junger dicker Mann athemlos und verzweifelnd an der Poſthofthür... Harry Zickeles kam zu ſpät— mit ſeinem Album. 8 4 eele“ zu ge önen Kirch⸗ igin Maria ngelaufenen Hand. des Hand⸗ wo ſie nach undheit am ſich neben ge der ſech⸗ hallt, noch inen Bam⸗ Lagen nach⸗ ſſen Schlag chloſſen... a die, wie ſienerin zu geiz, über icht mögen, lte er erſt einzuhän⸗ ker Mann .. Harry 11. Glocken riefen nicht zu den Hochämtern, die in „Maria zur Stiegen“ zum Gedächtniß Angiolina's ge⸗ halten wurden... Nicht brauſte die mächtige Orgel vom Chor, als ihre Seele der Gnade und Verzeihung des Himmels empfohlen wurde... Still und geheimnißvoll ſind ſchon an ſich dieſe Trauermetten, die vor einem kleinen dunkeln Nebenaltar abgehalten werden, denen nur Anverwandte beiwohnen ... Hier trat die Rüge des geiſtlichen Gerichts ein ... Kaum daß die Austheilung jener kleinen Zettel geſtattet wurde, die in katholiſchen Landen den Vor⸗ übergehenden mit einem Liebesblick in die Hand geſteckt werden, der ſie auffordert, für die abgeſchiedene, wenn ihnen auch völlig unbekannte Seele ein gedrucktes Ge⸗ bet zu leſen... Thereſe Kuchelmeiſter hatte dieſe Zettel ſorgſam ausgewählt... Hundert Exemplare eines für dieſe Fälle in den Kunſtläden vorräthigen kleinen Bildes, drei Cherubim darſtellend, von denen der eine das Jeſuskind mit der Friedenspalme trägt, die 316 beiden andern ein Kreuz und eine Dornenkrone— das Jeſuskind lächelt, die drei Engel weinen— Auf der Rückſeite ließ ſie aufdrucken:„O Erſchaffer und Er⸗ löſer aller Gläubigen, verleihe der dahingeſchiedenen Seele deiner Dienerin Angiolina Pötzl vollkommene Verzeihung und Nachlaſſung aller Sünden, damit ſie, von den Schmerzen des Fegfeuers befreit, dich als ihr letztes Ziel anſchauen, lieben und in alle Ewigkeit loben und preiſen möge!“... Das feierliche Requiem Bianc⸗ chi's, Inſtrumentation von Dalſchefski, das ſich ein Ge⸗ ſangverein mit Hinzuziehung Thereſens und Jenny's aus⸗ zuführen erboten hatte, wurde nicht geſtattet... Unter großem Menſchenzulauf hatte das Begräb⸗ niß auf dem ſtillen Dorffriedhof bei Salemhof ſtatt— gefunden.. Hier war es, wo ſich ein junges Mäd⸗ chen, einen Korb voll Blumen in der Hand, über den Sarg warf und ihren Schmerz in Worten Luft machte, die niemanden ſtörten, ob ſie gleich nicht von Seraphſchwingen und Cherubsarmen ſprachen, ſondern einfach lauteten: Hier iſt's nun aus, du armer Narr! Biſt auf Erden viel gehanſelt worden! Aber der gute Gott da oben wird ſchon wiſſen, wo er auch für dich noch ein Platzl hat!.. Thereſe Kuchelmeiſter überwachte alle die, die ſich bei den in der Stadt von ihr beſtellten und bezahlten zwölf Seelenmeſſen einfanden oder einzufinden verſäum⸗ ten... Luigi Biancchi kam nur einmal und erntete dafür die Bezeichnung eines„Ungeheuers“ von Undank⸗ barkeit, da Angiolina die Muſik der Italiener liebte wege Bian haben Audh zu ſtren müt jedes die und llein nur i one— das — Auf der rr und Er⸗ geſchiedenen vollkommene damit ſie, dich als ihr wigkeit loben uiem Bianc⸗ ſich ein Ge⸗ enny's aus⸗ s Begräb⸗ mhof ſtatt⸗ nges Mäd⸗ dand, über orten Luft nicht von n, ſondern Biſt auf te Gott da c noch ein e, die ſic d bezahlten verſääum⸗ ind erntete en Undank ener liebte 317 .Dalſchefski, den die Nichtaufführung des Requiems wegen des in dieſen Tagen außerordentlich erregten Biancchi, der dadurch eine Zerſtreuung würde gehabt haben, verdroß, mußte dafür täglich anweſend ſein... Auch Herr von Pötzl verſäumte nicht ſeine Schuldigkeit zu thun; zu dem Ruf, den er anſtrebte, gehörte die ſtrengſte Unterwerfung unter alles, was Gefühl und Ge⸗ müth mit ſich bringen... Nicht auffallend war die jedesmalige Anfahrt eines vornehmen Wagens, aus dem die erſten drei male zwei Damen in tiefſter Trauer ſtiegen und der Meſſe beiwohnten... Thereſe nannte das die kleinſte Schuldigkeit der„Mörderin“... Zuletzt kam nur noch die ältere Dame allein.. Dieſe ſe fehlte nie. Erſt am Tage nach dem Begräbniß traf des Grafen Hugo Mutter ein. Auf ihrer Rückreiſe war ſie aufgehalten worden... Sie hatte in Nürnberg einer Verſammlung der dor⸗ tigen Bibelgeſellſchaft beigewohnt. Unterwegs ſchon erfuhr ſie vom Tod Angiolinens... Ihre Liebe zum Sohn ging ſo weit, daß ſie dieſen Verluſt wie ihren eigenen fühlte... Sie ſah vorzugs⸗ weiſe nur Hugo's bei noch ſo jungen Jahren ſchon ſo väterlich empfindendes Herz betheiligt... Als der ſtattliche Mann an ihrem Halſe einen Augen⸗ blick feſthing und Thränen in ſeinem Auge blinkten, un⸗ terließ ihre Rede nichts, was ſeinem Schmerz wohlthun konnte... Sie erkundigte ſich nach allen nähern Umſtänden des rührenden Abſcheidens, verwies es aufs ſtrengſte jedem der Diener, der etwa ergänzende Berichte geben wollte, 318 die auf Selbſtmord ſchließen ließen...„Richtet nicht, daß ihr nicht gerichtet werdet!“... Dies Wort ſprach ſie auch ſpäter noch mancher vor⸗ nehmen Dame auf der Herren⸗ und Wallnergaſſe... Im Herauskehren ſeiner geheimen Gedanken iſt ge⸗ rade die vornehme Welt nicht ſo behutſam, wie wir glauben... Majeſtäten, Hoheiten, Excellenzen ſpre⸗ chen, namentlich in Oeſterreich, ihre Stimmungen ebenſo offen aus, wie ſie die geringe Welt zu verbergen pflegt... Man beſprach ſchon beim erſten Beſuch die Angelegenheiten des Grafen, verlangte Nachrichten von der bevorſtehenden Heirath, verurtheilte das„hor⸗ rible Benehmen des Terſchka“ und gab der ſtolzen Gräfin Gelegenheit, ihr Wort öfter zu wiederholen: Dieu est le juge veritable!... Die ſchnelle Abreiſe Benno's von Aſſelyn verdroß die Mutter... Sie wich den Fragen des Sohnes um Paula's Er⸗ klärung noch aus... Sie ſagte ihm: Du ſollſt alles hören... Nur erſt Sammlung und meine langvermißte Ordnung!... Inzwiſchen ſprach ſie doch ſchon zu Hugo und den vielen Beſuchenden, zu den lutheriſchen Geiſtlichen und Glaubensgenoſſen, die ſie ſogleich begrüßten, von ihrem Leben bei Lady Elliot, von den Anſtrengungen des Pa⸗ pismus, in England wieder Grund und Boden zu faſſen, von den engliſchen Biſchöfen, die leider irdiſche Macht⸗ haber geblieben wären und ein Verlangen trügen nach ungeiſtlichem Einfluß, von einem verblendeten Lehrer in Rihtet nicht, mancher vor⸗ ergrſſe.. anken iſt ge⸗ m, wie wir ellenzen ſpre⸗ ungen ebenſo zu verbergen rſten Beſuch Nachrichten e das„hor⸗ der ſtolzen rholen: Dieu lyn verdroß Paula's Er⸗ Sammlung ugo und den eiſtlichen und z, von ihren gen des Pa⸗ den zu faſſen, iſche Macht trügen nach en Lehrer in 319 Oxford, Profeſſor Puſey, der ein Syſtem aufgeſtellt hätte, das auf halbem Wege den römiſchen Irrthümern ent⸗ gegenkäme... Dennoch ſchloß ſie: Es iſt eine Freude, den Ernſt der Engländer zu ſehen... Die Frauen ſind voll Muth und Charakter... Sie beherrſchen die Männer, das iſt wahr, aber ſie beherrſchen ſie zum Guten— Wofür ſich in dieſer Welt das Gefühl der Frauen ausſpricht, das kann vielleicht auf einem Irrthum beruhen, aber dieſer Irrthum ſchändet nicht... Muthig ſprach ſie in ihren eigenen Zimmern und bei den erſten Beſuchen, die ſie empfing: Seit der Veranſtaltung der Jeſuiten, meinen Sohn durch Terſchka dem Glauben ſeiner Väter abwendig zu machen, haben wir doppelt Urſache, jeden Schein der Anhänglichkeit an die Irrlehre zu vermeiden Gräfin Paula verlangt glücklicherweiſe von unſerer Seite keine Annahme ihrer Religion... Ja, wandte ſie ſich zu einem lutheriſchen Geiſtlichen, Terſchka lag zerknirſcht zu meinen Füßen... Im erſten Augenblick verſtand ich nicht, was er mir zu offenbaren hatte... Ich alte Frau zitterte... Auch haß' ich ſchon an ſich die Bezeigung einer Ehrfurcht, die nur Gott ge⸗ bührt... Ich betete zum Herrn um Kraft, Terſchka's Ge⸗ ſtändniſſe zu hören, ſetzte mich nach Faſſung ringend in einen Seſſel und hörte nun alles, was mit jener an dieſem Un⸗ glücklichen bekannten anziehenden Beredſamkeit von ſeinen Lippen kam... Da konnte ich wol anfangs vor Zorn ausrufen:„Der das Ohr gepflanzet hat, ſollte der das nicht hören und ſtrafen!“... Nun aber kam ein reuiges Geſtändniß; der Entſchluß, auf Englands freiem Boden zu bleiben, ſeine Irrthümer abzuſchwören und zu unſerm lebendigen Glauben überzutreten... So verherrlicht ſich Gott in ſeinen Verächtern... Graf Hugo theilte dieſe andauernde Befangenheit für Terſchka nicht ganz, behielt aber ſeine Zweifel an Terſchka's Aufrichtigkeit für ſich... Er war des Strei⸗ tens müde... Der Abend bot die ſtille trauliche Stunde, in der ſich die Gräfin über die Ergebniſſe ihres Aufenthalts in Weſterhof ausſprechen konnte... In einem hohen, mit Seſſeln überfüllten Rococo⸗ zimmer hatte das Theewaſſer auf der Maſchine zu ſie⸗ den begonnen, als die Gräfin begann: Mein Sohn, von Paula von Dorſte, dieſem ſelt⸗ ſamen Weſen, trennt mich allerdings mehr, als ich wün⸗ ſchen möchte. Graf Hugo's Ahnung von neuen Hinderniſſen ſchien beſtätigt zu werden... Ich fand, fuhr die Mutter fort, ein Weſen, das leider nur zu ſehr ihrem Ruf entſpricht... Als ich Weſterhof beſuchte, war gleich die erſte Begegnung ent⸗ ſcheidend... Die Tante Benigna, dann unſere herrliche, nur zu geiſteshelle, winterlich helle Monika, die dich herzlich grüßen läßt, der Oberſt, auch eine treffliche Perſönlichkeit, Onkel Levinus, auch eine gute, nur etwas wunderliche Seele, alle begrüßten mich herzlich und voll Vertrauen — nur Paula war wie die verſchüchterte Taube... Sahſt du nie eine ihrer Viſionen? fragte Graf Hugo... Nie! entgegnete die Mutter... Mit meiner An⸗ und zu unſerm ſo verherrliht Wefangenheit e Zweifel an ar des Strei⸗ tunde, in der 8 Aufenthalts lten Rococo⸗ aſchine zu ſie⸗ „dieſem ſelt⸗ als ich wün⸗ rniſſen ſchien Weſen, das ... Als ich xggegnung ent⸗ ſere herrliche ie dic herzlich Perſönlichkei, s wunderlich oll Vertrauen Taube... fragte Graf meiner Ar⸗ 321 kunft hörte der Spuk auf... Ich kann dir nicht leug⸗ nen, daß ſie während der ganzen Zeit meiner Anweſen⸗ heit krank im Bett lag... Ja, als ich hören mußte, daß meine Perſönlichkeit, ich, ich allein es wäre, die ihr Schmer⸗ zen verurſachte, gerieth ich außer mir... Man nannte eine frühere Erzieherin von ihr, die ganz ebenſo auf ſie gewirkt haben ſoll... Die Nähe eines Weſens alſo, das ihren Irrthümern widerſtrebt, verurſacht ihr Schmerzen! .. Zur Linderung ihrer Leiden berief man von Wito⸗ born den Oberſten, der mit wenigen Handſtrichen ſie auf Stunden beruhigte... Graf Hugo ſtand in großer Erregung auf und machte einige Gänge im Zimmer.. Die Mutter fuhr fort: Glücklicherweiſe beherrſcht Monika das Schloß... Ich ſchrieb dir ſchon, ſie hat den Muth gehabt, Armgart, von der du meine Schilderungen kennſt, nach England zu ſchicken, um dies liebe Kind aus der düſtern, Verſtand und Herz vergiftenden Atmoſphäre jener Gegend zu ent⸗ fernen... Beſonders aber auch, vertraute ſie mir— o wie lieb' ich unſre Monika— deshalb, um auf Paula Armgart's Einwirkung zu hindern... Denn wunder⸗ lich iſt auch dies Kind... Was wir allenfalls erreicht haben, hat Monika allein vollbracht... Allenfalls erreicht? wiederholte der Graf mit Be⸗ fremden und Unmuth... „Alle eure Sorge werfet auf ihn; er wird es wohl machen!“ ſagte die Mutter... Ich war vierzehn Tage in Weſterhof... Comteſſe Paula blieb und blieb Gutzkow, Zauberer von Rom. VII- 21 322 krank... Ich ſah ſie nur zweimal in Toilette, bei der erſten Begrüßung, der ſogleich die Krankheit folgte, und einmal, als die magnetiſche Behandlung durch den Ober⸗ ſten von beſonderer Wirkung geweſen... Sie iſt ſehr ſchön.... Kein Bild von ihr?... In jener Gegend malt man nur die Heiligen, mein Sohn... Ein Kinderporträt wollt' ich nicht mitbrin⸗ gen, da es nicht mehr ähnlich iſt... Sie iſt ſchön, ſag' ich dir... Hoch und ſchlank und in allen Geſichts⸗ zügen edel... Augen, Haar, alles von einem lieblichen Reiz... Die Bildung tief, tief vernachläſſigt... Ja, mein Sohn, das iſt entſetzlich... Aber ihr Charak⸗ ter ſanft, leider freilich— verſteckt und— von jener Zurückhaltung, die mir, du weißt es, an den Katholiken ſo peinlich iſt... Nichts Offenes, nichts Ehrliches... Sie verſichern dich der größten Freundſchaft und du ge⸗ winnſt kein Vertrauen... Das große Prieſtergeheimniß hat ſie alle mit umſtrickt!... Man glaubt, ſie lebten in dem, was wir ſie täglich treiben ſehen— aber es umſpinnen ſie ganz andere Dinge... Paula heilt noch immer und ſegnet Kiſſen und Amulete, aber ſie ſagt, daß ſie ſelbſt nicht mehr daran glaube... Die Geiſtlich⸗ keit wünſcht ihre Viſionen nicht, da ſie merkwürdigerweiſe — nicht katholiſch ſind... Monika ſagte mir, es gäbe eine Partei, die heimlich dahin wirkte, ſie für eine Be⸗ ſeſſene zu erklären... Das iſt Aberglaube... Aber die Macht des böſen Feindes bleibt groß... Wenn ich je an ſeine umgehende Macht und die Verſchmitztheit des Teufels geglaubt habe, war mir's manchmal beim An⸗ llette, bei der t folgte, und rch den Ober⸗ Sie iſt ſehr Heiligen, mein nicht mitbrin⸗ Sie iſt ſchön, allen Geſichts⸗ inem lieblichen ſigt... Ja, r ihr Charak⸗ — von jener den Katholiken Ehrliches.. t und du ge eſtergeheimniß ubt, ſie lebten 1— aber es Paula heil aber ſie ſagt Die Geiſtlch kwürdigerweiſ mir, es gäl für eine de be... M Wenn ich hwitztheit d al beim 323 blick— dieſer unſtäten, irrenden, verſteckten— Au⸗ gen... Mutter! unterbrach Graf Hugo die von ihren in Weſterhof empfangenen Eindrücken aufgeregte Grei⸗ ſin.... Ich will das jungfräuliche Kind nicht anklagen— ſagte die Mutter, fuhr aber ganz wie die heilige Hilde⸗ gard fort: Glaubſt du nicht, daß der Teufel auch die Geſtalt der Engel annehmen kann?... Doch— lenkte ſie dann ein, ich klage die Comteſſe nicht an und theile Monika's Meinung, daß die Ehe das alles ändere... Aber ein Ja! ein Nein! von Paula ſelbſt, von dieſen halben Menſchen, dieſem Levinus, dieſer Benigna zu gewinnen, war unmöglich... Kurz vor dem Tage, wo ich die letzte Entſcheidung wünſchte, bekam ich endlich ein offenes Wort... Aber— rathe, woher?— Aus London— von Armgart... Der Graf nahm einen Brief entgegen, den die Mut⸗ ter den ganzen Tag auf ihrem Herzen getragen zu ha⸗ ben ſchien... Seufzend zog ſie ihn hervor und entfaltete ihn mit den Worten: Dieſer Brief iſt ein trauriger Beleg für die Ver⸗ ſtockung der Gemüther durch das Papſtthum... Graf Hugo nahm den Brief und las, nachdem er über die noch unfertige Handſchrift wie die eines Kindes und die mit derſelben ſo in Widerſpruch ſte⸗ hende Wichtigkeit des Inhalts mit ſchmerzlicher Miene gelächelt hatte.. „Liebes Großmütterchen!“ ſchrieb Armgart... 21* 324 Die Gräfin unterbrach: Ich wiederhole dir, daß dies, ich kann wol ſagen, liebenswürdige Kind zwar mit den Engländern und namentlich mit Lady Elliot auf dem geſpannteſten Fuße lebt, ſich aber an mich, ich kann ſagen, wie ein Hündchen angeſchloſſen hat— Ja, das Wort paßt ganz... Die hohe Begeiſterung, die ich für ihre Ael⸗ tern empfinde, namentlich für ihren Vater, den ich faſt höher ſtellen muß, als Monika— Oder iſt es blos meine Reue, daß ich ehemals Terſchka's Bewerbung un⸗ terſtützen konnte?... Genug, Armgart liebt mich wie ihre Großmutter, erträgt alle meine Vorwürfe, murrt und knurrt dann wol ein bischen— iſt aber gleich wie⸗ der gut... Doch lies!... „Liebes Großmütterchen!“ wiederholte der Graf... „Wie ſehr ich Dich liebe und wie ungern ich mit Dir ſtreite, weißt Du! Porzia ſoll Dir“— Porzia, erläuterte die Mutter, iſt in Witoborn ge⸗ blieben bei jenem Hedemann, der ſich mit ihr in einen Briefwechſel einließ, ihr zu meiner Ueberraſchung eine italieniſche Bibel ſchenkte und ſie heirathen wird— ein Menſch, der mir ſo gefallen hat, daß ich ihn auf Caſtellungo beſitzen möchte... Frä Federigo würde ſeine Freude an ihm haben... „Porzia ſoll Dir den Brief nur geben, wenn Du Dich wohl fühlſt“, fuhr der Graf zu leſen fort.„Sind dann die Berge und dunkeln Wälder meiner Heimat um Dich und die guten treuen Menſchen, wie es deren in ganz England keine gibt, ſo verzeihe mir, daß ich, ein Kind, in ſo ernſte Dinge hineinzureden wage... Lei⸗ del ter! Haar Mutte die d was eehn Erken nicht icht nacht un wol ſagen, gländern und geſpannteſten agen, wie ein s Vort paßt für ihre Ael⸗ t, den ich faſt er iſt es blos bewerbung un⸗ liebt mich wie würfe, murrt ber gleich wie⸗ der Graf... ich mit Dir Witoborn ge⸗ ihr in einen raſchung eine den wird— ich ihn auf würde ſeine 1, wenn Du fort.„Sind r Heimat um es deren in daß ich, 1' ... W 325 der kenne ich ja ſchon alles, was Gattinnen, Müt⸗ ter und Mädchen im Leben zu dulden haben. Meine Haare ſind mir im Geiſt ſchon ſo grau wie der Mutter. Ich bin weiter, als die jungen Ladies Elliot, die vor jedem Mann noch roth werden— müſſen! Sage: müſſen— Sie ſuchen alle mit Eifer, was ich bereits aufgegeben habe... Meine ſieb⸗ zehn Jahre haben wie welke Blüten ſchon Samen der Erkenntniß hinterlaſſen... Geprüfte Seelen ſuchen nicht mehr für ſich das Glück... Auch Paula ſucht nicht für ſich das Glück... Aber klare Rechnung haben macht den Gentleman! ſagt der garſtige dicke Koch Dei⸗ ner Lady, der ſie genug betrügt—“ Ich höre die Mutter des Kindes! ſprach der Graf lächelnd, doch durch ſeine Stimmung geneigt, zu über⸗ ſchlagen... Selbſtgerechtigkeit! warf die Mutter ein... „Daß Ihr Euch der Urkunde unterwerft“, las der Graf weiter,„iſt ſchön von Euch!... Terſchka rieth Dir noch vorgeſtern, ſie durch einen Proceß anzuzweifeln .Das konnte nur ein ehemaliger Jeſuit rathen... Das iſt das Schlechte an den Jeſuiten, daß ſie ſo klug und pfiffig ſein wollen, wie eben die Zweifler auch .Glaube mir, unſer himmliſcher Vater hat auch für den katholiſchen Glauben vielerlei Wohnungen... Katholiſch und katholiſch iſt ein Unterſchied... Wir Rechtgläubigen ſeufzen genug über viele unſerer Prie⸗ ſter und möchten ſie, beſonders wenn ſie ſo recht tabacksſchmutzige blaue Sacktücher, grobe Pfundſohlen an den Stiefeln und harte Hände vom Heufahren und „ 326 Miſtabladen in ihren Höfen haben, faſt hätt' ich ge⸗ ſagt prügeln, gerade wie, nach Onkel Levinus, die Ruſſen mit ihren betrunkenen Popen thun... Das wiſſen wir Katholiken unter uns ſelbſt ſehr gut und leiden darunter, bei der Meſſe ſowol wie im Beicht⸗ ſtuhl... Gewiſſe andere Prieſter mögen wir Katho⸗ liken auch wieder deshalb nicht, weil ſie im Gegentheil wie die Tanzmeiſter ſind... Die, die immer ſüß den Mund ſpitzen und die Augen verdrehen und aus dem lieben Herrgott einen Conditor machen, von dem ſie bei jedem Beſuch Bonbons mitbringen, auch das ſind für uns rechtgläubige Chriſten bloße«Pfaffeny— und zu denen gehören meiſt die Jeſuiten— alle aber auch nicht, Großmütterchen... Dein Fefelotti mag freilich ſchlimm ſein...“ 1 Du weißt, unterbrach die Mutter, wie unſere Be⸗ drängniſſe ſchon anfangen?... Ich werde zu Cardinal Ceccone gehen müſſen, um das Kapitel von Cune⸗ an⸗ zuklagen... Doch— lies!. „Ebenſo ſagte Terſchka, er wollte Beweiſe beibrin⸗ gen, daß eine gewiſſe Lucinde Schwarz, im Auftrag Deines Doctors aus dem Abgrund», an dieſer Ver⸗ anſtaltung nicht unbetheiligt geweſen... Ich halte Lucinden allerdings für fähig, Feuer anzulegen; aber es gibt Verbrechen, die ſo groß ſind, daß ſie ehrwürdig werden, zumal wenn ſie Gutes ſtiften und 5 zu unwiſſentlichen Mitſchuldigen machen“. So vertheidigt die Götzendienerin gegen Lady Elliot auch die gefälſchten Rechte des Biſchofs von Rom!... warf die Mutter ein... „Gr las der dm Te⸗ galſt. lecht.. die Zwe geben, d Euere H ſiten un Du agt ſchreibt aanze I nimmt; Gra gen und ſch geſc Sch⸗ ſeßt die nommen Da dater il ſinlic uhne C De ſanme henden itt ich ge dinus, die .Das gut und im Beicht⸗ wir Katho⸗ Gegentheil er ſüß den d aus dem on dem ſie h das ſind 1)— und aber auch nag freilich unſere Be Cardinal Cuneo an-⸗ äſe beibriu⸗ in Aufttag ditſer Ver Ich halte egen; aber Eäai d Engel Lady Elliu 3„ Rom!. 327 „Großmütterchen, das hat mir von Dir gefallen“, las der Graf weiter,„daß Du dem falſchen Heuchler, dem Terſchka, endlich einmal über eine Sache unrecht gabſt... Der erleuchtete Mann hat ewig bei Dir recht... Ganz vornehm und würdevoll lehnteſt Du die Zweifel ab und wollteſt lieber Dich darein er⸗ geben, daß Paula in ein Kloſter und Euer Name und Euere Herrlichkeit zu Grund ginge, als wieder proceſ⸗ ſiren und die andere Linie ins Zuchthaus ſchicken, wie Du ſagteſt... Paula geht nicht ins Kloſter... Sie ſchreibt mir, daß ich es übernehmen ſoll, Dir ihre ganze Meinung zu ſagen... So wiſſe denn: Jal ſie 44 nimmt Deinen Sohn, wenn—. Graf Hugo war an dieſer Stelle ſchon aufgeſprun⸗ gen und hatte den Brief voll Zorn und Abſcheu von ſich geſchleudert. Schon hatte ſein Auge die Bedingung gefunden, die jetzt die Mutter las, nachdem ſie den Brief an ſich ge⸗ nommen Das iſt es! ſeufzte ſie...„Wenn der liebſte Beicht— vater ihrer Jugend nach Wien reiſt, Deinen Sohn per⸗ ſönlich kennen lernt und dann entſcheidet, ob ſie ihm ohne Gefahr für ihre Seele die Hand reichen kann“ Der Graf war außer ſich und rief:... Von Terſchka— von hundert Zeugen weiß ich, daß ſie dieſen Prieſter liebt!.. Es iſt Bonaventura von Aſſelyn... Die Mutter ſchwieg eine Weile, faltete den Brief zu⸗ ſammen und beſchwichtigte den zornig Auf⸗ und Abge⸗ henden: 328 Aber ſein Verwandter, der junge Benno von Aſſe⸗ lyn, hat dir doch wohlgethan... Ich habe mich gewöhnen wollen, ſprach der Graf, daß meine Gattin das Bild einer andern Neigung im Herzen trägt... Ich würde mich bekämpft haben.. War ich doch ſelbſt nicht treu... Aber ich rang da⸗ nach, treu zu werden... Ich konnte Angiolina entbehren ... Der Himmel erleichterte mir dieſen Kampf—... Und nun ſoll der Geliebte Paula's mir perſönlich gegenüber⸗ treten, mich prüfen, erſt ſeine Entſcheidung geben?. Das iſt mein Ruf? So werd' ich in Weſterhof beurtheilt? Beurtheilt um ein Verhältniß, das der Himmel auf dieſe ſchmerzliche Art löſte? Nein! Nun trotz' ich Allem!... Mein Sohn—!... Ihr Geliebter ſoll mich— prüfen!... Es iſt ein Prieſter, mein Sohn, ſuchte die Mutter zu beruhigen... Einer der beſſeren... Ich hörte ihn predigen.... Der Graf lehnte jede Beruhigung ab... Das iſt die Erklärung, die du von Weſterhof mitbringſt? fragte der Graf mit Entſchiedenheit... Die Mutter zitterte über ſeine drohenden Mienen... Mit bebenden Lippen ſprach ſie: Ich zeigte den Brief Monika... Dieſe, empört darüber, ſtürmte zu ihrer Schweſter Benigna... Be⸗ nigna zog den Onkel Levinus ins Vertrauen... So traten ſie alle drei an Paula's Lager und fragten ſie, ob ſo wirklich ihr Entſchluß wäre? Ob ſie wirklich ſo nach London geſchrieben hätte?.„ Jal ſagte ſie, wandte ſich ab, ſah an die Wand, wo ihr Cru⸗ Erinn die E dunge gar a war, in Aſſ⸗ Graf, ung im h... ng da tbehren .. Und enüber 329 cifir hing und ihr Weihwaſſerbecken— ſprach kein Wort mehr und mit dieſer Entſcheidung kehr' ich zurück... Der Graf konnte ſich nicht beruhigen... Seine Erinnerung an die Hingebung Angiolinens, ſein Stolz, die Erwägung ſeiner ihn zur Annahme ſolcher Bedin⸗ gungen zwingenden Verhältniſſe, ja eine Spannung ſo⸗ gar auf Paula, die zu einem tiefern Intereſſe geworden war, alles ſtürmte zu mächtig auf ihn ein... Er rief aus: So beginne aufs neue der Proceß! Ich zweifle die Urkunde an... Terſchka muß helfen... Mein Heiland! rief die Mutter entſetzt und mit gefal⸗ teten Händen... Darüber gehen wir zu Grunde!... Die Zickeles ſubhaſtiren Salem und Caſtellungo... Mag es! rief der Graf wild und riß ſich los... Verzweifelnd ſtand die Mutter und hörte das Ver⸗ hallen ſeiner Sporen, das heftige Zufallen der Thüren, die er aufriß... Nicht zu ſeinen Zimmern im Palais ging er... Er wandte ſich zur großen Treppe... Sie eilte ihm nach... Er war verſchwunden... Graf Hugo ſtürmte dahin... In ſeinen weißen Mantel gehüllt, mit klirrenden Sporen... Sein Innerſtes— gelähmt durch jenes tiefe Weh, das ſich über unſern ganzen Menſchen ausbreitet— wenn wir Rührung über uns ſelbſt empfinden... Er irrte um die Freyung, wo ſich ihm ein ſo ſchnell gefundener Freund ſo ſchnell wieder entzogen hatte... Er irrte in die Nähe der dunkel gelegenen Kirche, wo die Gedächtnißmetten für Angiolinen gehalten wurden. 330 Er irrte einem Platze zu, 7 ſich die ſtolzen Ge⸗ bäude des Kriegsminiſteriums erheben, bei dem er ſein Abſchiedsgeſuch zurückzunehmen gedachte... So kam er zu den ſogenannten„Obern Jeſuiten“, zum Haus des heiligen Stanislaus... Eine Weile ſtand er trauernd in der dunkeln Gaſſe... Da hörte er einen getragenen Geſang aus einem hintern Hofe her mit einfacher Klavierbegleitung... Thereſe Kuchelmeiſter machte mit den Profeſſoren Dalſchefski und Biancchi das nicht zugelaſſene, in ſchnel— ler Begeiſterung gemeinſchaftlich aus alten Studien zu⸗ ſammengeſtellte Requiem... t Bei einem ſanften Minore, in dem die Worte: Dona eis pacem! erklangen, ließ Thereſe mit den Worten: Jeſus, der GrafW! die Noten fallen. 12. ren nel⸗ zu Einmal, eh' ſie ſcheiden, 1 Färben ſich die Blätter roth, rte: Einmal noch in Freuden 4 Singt der Schwan vor ſeinem Tod— den Und an edeln Bäumen, Wenn der Winter vor dem Thor, Bricht in irrem Träumen Wol ein Frühlingsreis hervor— Stirbt der Lampe Schimmer In des Dochts verkohltem Lauf, Zuckt mit hellem Flimmer Einmal noch die Flamme auf— Einmal wird gelingen, Eh' mein Stundenſand verrollt, Mir von guten Dingen Eines noch, was ich gewollt— Eins wird ſich erfüllen, Eine Freude wird, wie Wein, Schäumen— überquillen—! Mag es dann geſchieden ſein. So fühlte Bonaventura in einem Winter, wo die Novembertage noch faſt ſommerliche Sonnenſtrahlen ent⸗ 332 ſendeten und die Mandelbäume zum zweiten male zu blühen, die Hecken neue Sproſſen zu treiben begannen... Die Vorlagen waren fertig, die Bonaventura, über⸗ drüſſig der wieder aufs neue begonnenen Anfeindungen — jetzt infolge ſeiner Predigt— ſich in der That er⸗ boten hatte, dem Cardinal-Legaten in Wien zu über⸗ bringen... Benno hatte überraſchend ſchon aus Rom geſchrieben und welchen Inhalt barg ſein der Sicherheit wegen durch reiſende Geiſtliche überbrachter Brief!... Wie erſchütternd, wie befruchtend für ein ganzes Leben! .„Komm' auch Du herüber“, hieß es nach der Er⸗ zählung alles deſſen, was Benno in ſo wenigen Tagen erlebt hatte;„ich weiß einen Biſchofsſitz in Italien, der nur allein Dir gebührt und der Dir angetragen wird, ſobald Du in Wien angekommen biſt und an einem gewiſ⸗ ſen Altar zu«Maria Schnee) dreimal celebrirt haſt“ .. Er hatte den Sitz, um Aufregung wegen Paula zu vermeiden, nicht genannt... Und vom Onkel Levi⸗ nus war in der That die feierliche Aufforderung gekommen, ſeine Ermunterung zu Paula's Ehe zu wiederholen, aber nur erſt dann, wenn er den Grafen Hugo perſönlich geſehen, geſprochen und ſeine Würdigkeit geprüft hätte... Im erſten Schmerz nach dem Empfang dieſes Brie⸗ fes ſagte Bonaventura: Das iſt das erſte ſtrafende und herbe Wort, das ich aus Paula's Munde vernommen! ... Eine auferlegte Buße! Eine Strafe!... Sie will, daß ich den Kelch, den ich ihr ſo kalt reichte, ſelbſt leeren helfe!... Jedes Glöcklein in der Mette, jeder Orgelton ſprach ihm jetzt: Sustine et tolle! Halte aus und trage.. war d rictst Kirche als ir ſtrafer Bono So wollte er denn reiſen und länger fortbleiben. Er wollte nach Italien, nach Rom... Er nahm Url aub auf ein Jahr... O du Kreuz, du Holz der Sühne, Wahres Heil der Welt, o grüne, Grüne, blühe, ſproſſe fort—! war der Text ſeiner Abſchiedspredigt. 0 crux, lignum tinchhlae. Mundi vera salus, vale, Fronde, flore, germine— Worte des Hugo von Aurelia, die ihm Gelegenheit ga— 1 ben, auch von der„Schönheit der Leiden“ zu ſprechen.. Bonaventura ſtand wieder unter doppelter Anfein dung... Ebenſowol von der Regierungs⸗ wie von dern ürlichen Seite... Zwar hatte er die Genugthuung er⸗ halten, daß gegen Cajetan Rother eine Unterſuchung ein⸗ geleitet wurde, die der junge Enckefuß mit Erbitterung führte... Bonaventura hatte in Betreff der jetzigen Madame Piter Kattendyk richtig geahnt, daß der un⸗ getreue Hirt den religiöſen Hang und Treudchens Trauer ebenſo gemisbraucht hatte wie ihre geringen Geiſteskräfte... Er hatte ſie zur Heiligen— me⸗ thodiſch erziehen wollen... Der Kampf der Curie, um eine ſolche Offenbarung beſtialiſcher Verwilderung nur innerhalb der geiſtlichen Ge⸗ richtsbarkeit zu beſtrafen, ging aufs äußerſte... Die Kirche iſt gegen die Verbrechen ihrer Kleriker ſtrenger, als irgend ein weltliches Geſetz; nur will ſie dann allein ſtrafen und dem Staat den Einblick verſagen Bonaventura mußte Zeugenausſagen vor Gericht geben— er 334 Auch das mehrte ſein Unbehagen. Er ſehnte ſich für immer fort... Er hatte die Ahnung, nicht wiederzu⸗ tommen... Je vollſtändiger die Rüſtung Bonaventura's zu ſei⸗ ner Reiſe ſich abſchloß, je mehr ſie den Charakter an⸗ nahm, den nur allein Renate nicht bemerkte, daß er vielleicht in ein ganz nur der Gelehrſamkeit gewidmetes Benedictinerkloſter an der Donau oder in der Schweiz trat, deſto banger wurde ihm die Erhinerun—— an Lucinde... Wird ſie, ſie dich ſo ziehen laſſen? ſagte er.. Er erfuhr von Thiebold, daß ſie zwar aus dem Kattendyk'ſchen Hauſe zur Frau Oberprocurator Nück gekommen wäre, aber nur auf acht Tage, und daß ſie plötzlich dort verſchwunden war... Thiebold erröthete, als er geſtand, daß Nück in ſei⸗ ner Verzweiflung auch zu ihm gekommen war und ihn gebeten hatte, beim Domkapitular anzufragen, ob dieſer keine Auskunft über ſie wiſſe... Bonaventura nahm acht Tage vor ſeiner Reiſe keine Beichte mehr ab... Er erſchrak theils über die Vorausſetzung ſeiner nähern Bekanntſchaft mit Lucindens Verhältniſſen, theils in Vor⸗ ahnung, daß mit dieſer Nachricht vielleicht wieder ſeine Reiſe in Zuſammenhang gebracht werden mußte... Die Abſchiedsſcene vor ſeiner Reiſe nach Witoborn, die Erin⸗ nerung an die damals gegen ihn ausgeſtoßenen Drohun⸗ gen ſtand ſchreckhaft vor ſeiner Phantaſie... „Noch vor acht Tagen begegnete ich ihr in der Ka⸗ thedrale, ſagte er... Sonſt ſeh' ich ſie ja ſchon lange nicht mehr, da ſie meinen Beichtſtuhl nicht— beſucht... 55 8— 8 4— - guten wünſe ters Schre ſchwit an L Wwan fall betre zu h Sege könnt mer, gerat diet gern hatte ſcaf um h für derzu⸗ ſei⸗ r an⸗ aß er dem Nück aß ſie ſei⸗ Hihn dieſer nahm ähern Vor⸗ ſeine .Die Erin⸗ ohun⸗ „Beſuchen darf!“— hallte es in Thiebold wieder ... Es wußte dies die halbe Stadt... Nachdem Thiebold mit tauſend Segenswünſchen, mit guten Rathſchlägen, mit Grüßen an Benno, mit Ver⸗ wünſchungen der großen Demoſthenes⸗Rolle ſeines Va⸗ ters bei den Landſtänden gegangen war, ſiel erſt recht der Schrecken der Mittheilung über Lucindens ſpurloſes Ver⸗ ſchwinden auf Bonaventura's Bruſt... Es war am Abend vor der Abreiſe... Sieben Uhr... Draußen ſſchon lange alles finſter— Sein Gepäck geordnet... Dann und wann blickte er auf die matterhellten öden Gänge des Kapitelhauſes... Es war ihm, als müßte es plötzlich pochen und als würde ihm wieder eine äußerſte Erregung kommen... Konnte er ſich verbergen, daß er Tag und Nacht an Lucinde dachte!... Furcht wvor ihren Drohungen zwang ihn dazu... Jeder irgendwie bedeutendere Vor⸗ fall in ſeinem Leben weckte die Erinnerung an die ihn betreffenden Verhältniſſe, die ſie in ihrer ewigen Obhut zu haben erklärt hatte... Dieſe Drohung, daß ſie jeden Segen, den er zu verbreiten hoffte, in Fluch verwandeln könnte, vergaß er nicht und nahm ſie, immer und im⸗ mer wieder gedenkend, nicht ſo leicht, wie der Onkel ihm gerathen hatte... An dieſem Abend vor ſeiner Abreiſe kam ihm wieder die trübe Vorſtellung mit ganzer Macht... In ſich ſtei⸗ gernder Angſt hatte er ſeine Thür verriegelt... Er hatte ſich allen Abſchieden entzogen... Die Brief ſchaften an den Cardinal Ceccone, in denen die Curie um die Nachgiebigkeit Roms flehte, lagen in einem ge⸗ 336 heimen Fach eines ſeiner mehrern Koffer... Er rech⸗ nete an ſeiner Baarſchaft, ſiegelte die Briefe nach Wito⸗ born und Kocher am Fall und wollte zeitig zur Ruhe Das Dampfſchiff brach ſchon in erſter Frühe auf... Er hatte die Karte vor ſich ausgebreitet... Sein Auge ſchweifte bald auf die nächſten, bald die entfern⸗ teſten Gegenden... Auf Kocher am Fall, wo ihn ein Bangen ergriff: Den theuern Onkel ſiehſt du nicht wie⸗ der—!... Auf Weſterhof und Witoborn, wo ſo viele Herzen gerade jetzt mit gleichen Empfindungen an ihn denken mochten... Paula!... Ein verklungener Glockenhall... Jene„letzte Freude“ ſeines Liedes viel⸗ leicht—„aufſchäumend“ vor dem Tode... Die eigene Mutter— die ihre Theorie vom Nichtwiſſen, das dem Men⸗ ſchen bei mislichen Dingen beſſer wäre, als Wiſſen, auch auf die Verhältniſſe mit Benno übertrug und dem Sohn noch vor kurzem geſchrieben hatte:„Wittekind iſt ſo ge⸗ wiſſenhaft; rege ihn nicht auf mit Benno's Mittheilun⸗ gen aus Wien! Allein ſchon die Nachricht über den Tod Angiolinens raubte ihm die Ruhe der Nächte“... Auf die Donau ſah er dann, auf Wien und ſeine Um⸗ gebungen, wo er den Grafen Hugo prüfen ſollte—! Prüfen, glaubte er, ohne daß es Graf Hugo wußte— Ach, es war wieder jene Welt der Beichtgeheimniſſe, in denen er lebte, jene Welt, wo der Sohn vom Vater, die Tochter von der Mutter, der Schüler vom Lehrer, Geſinde von der Herrſchaft ſpricht... Schon hatte er jene katholiſchen Prieſteraugen, die ſo irrend umgehen ... Wird es dir in Rom, auf das er blickte, gehen wie dem A lungo als in nur bei⸗ kodemus nem Be⸗ zu ihm; Benno Siehſt Brand Blick al Alpen b hard. ſein ſol grade d wegen, Karte wüſſer, rech⸗ Wito⸗ Nuhe Frühe Sein tfern⸗ n ein wie viele ihn gener viel⸗ eigene Men⸗ aulch Sohn o ge⸗ eilun⸗ rden 9 nniſſe, gater, ehrer, te er eh en wie 595 557 dem Auguſtinermönch Luther?... Wirſt du Caſtel⸗ lungo berühren dürfen und deine Mutter— wirklich als in Bigamie lebend erkennen?... Wirſt du dich nur bei Nacht zu Fraä Federigo ſtehlen dürfen, wie Ni— kodemus zum Herrn?... Wirſt du ſo fortleben in dei⸗ nem Beruf? Halb in Haß, halb in unerklärter Liebe zu ihm?... Wo iſt Verſöhnung?... Und ſiehſt du Benno und die beiden flüchtigen Alcantariner? Siehſt du das Schreckbild unſers Glaubens Klingsohr? Siehſt du den„Abtödter“, der— vielleicht am Brand in Weſterhof betheiligt iſt?... Sinnend fiel ſein Blick auf die Karte dahin und dorthin... Mit den Alpen brach ſie ab... Da lag noch der St.⸗Bern⸗ hard... Da lag St. Remy, wo ſein Vater begraben ſein ſollte... Da Aoſta... Dann dachte er wieder, grade dieſe Gegend müſſe er meiden, eben des Vaters ſelbſt wegen, der todt ſein wollte... Zuletzt ging es auf der Karte bergab gen Süden mit hundert kleinen Gebirgs wäſſern, die wie Fäden eines Nervengeflechts dahinſchoſſen, durchſchnitten vom Längenmaß der Karte... Caſtel lungo, Cuneo und Robillante lagen tiefer abwärts, am Fuß der Meeralpen, jenſeit Turins... So in das geheimniß⸗ und verhängnißvoll Leere blickend, erſchrak er vor einem plötzlichen Pochen... Er glaubte ſich geirrt zu haben... Das Pochen war leiſe und wiederholte ſich nicht... Das große Gebäude war in ſeinem Haupteingang verſchloſſen... Eines Ueberfalls verdächtiger Perſonen konnte er nicht gewärtig ſein... Das Pochen erfolgte nach einer Weile zum zweiten Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 22 338 mal und Bonaventura glaubte nun ſchon nicht anders, als Lucinde ſtünde draußen... Der erſte Strom, der ſich von ſeinem erregten Gemüth über alle ſeine Nerven ergoß, war Tod⸗ ſchrecken... Seine Hand langte nach dem Klingelzug und klin⸗ gelte.. Es währte lange, bis ſeine trauernde Renate kam und die verweinten Augen barg... Sehen Sie doch, wer draußen iſt! ſagte er bebend .Iſt es— die Ihnen— bekannte— Perſon, ſo bin ich nicht zu ſprechen.. Mit dieſen Worten ging er in das Nebenzimmer und horchte an der Thür, wer ſich meldete... Renate hatte geöffnet... Die Stimme mußte nur leiſe ſprechen... Bonaven⸗ tura konnte nichts vernehmen... Renate kam zurück und berichtete: Es iſt eine kleine gebrechliche Perſon... Eine Jü⸗ din, wie ſie ſagte... Den Namen hab' ich nicht be⸗ halten.. Eine Jüdin konnte zu Bonaventura nur kommen, um über die Taufe zu ſprechen... Der Fall war ihm neu... Lucinde war es jedenfalls nicht... Dieſem Beſuch konnte er ſich nicht entziehen... Ich eſſe nur wenig zu Nacht, ſagte er milder zu Renaten, und gehe dann zeitig zur Ruhe.. Renate ſeufzte und ließ ihren„Sohn“ allein... Er betrat ſein Zimmer... Die beſcheidene Jüdin war auf dem Corridor geblieben.. zwei 0 wandtf Antwe wied er ihren F hat u ter z anders, erregten r Tod⸗ nd llin⸗ ate kam bebend ſon, ſo zimmer naven⸗ ine Jü icht be⸗ ommen, ar ihm Dieſem lder zu 1.. Jüdin 339 Treten Sie doch näher! ſagte er und leuchtete mit der Studirlampe an die wieder von ihm geöffnete Thür... Eine kleine Perſon, in einen ſchön glänzenden ſchwar⸗ zen Atlasmantel gehüllt, der beim Verbeugen aufſchlug und die rechte Schulter etwas höher zeigte, als die linke, in einem warm gefütterten großen Hut, aus dem zwei lange ſchwarze Locken und im Grund nur eine Naſe herausſahen, trat einen Schritt näher und bat für die ſpäte Störung um Entſchuldigung. Womit kann ich dienen? fengte Bonaventura und ſtellte die kleine grünlackirte Studirlampe auf den Tiſch, dem befangenen Beſuch einen Seſſel darbietend... Ich würde nicht gewagt haben— begann die kleine Geſtalt— Herr Prieſter— Hochwürden— in ſo ſpä— ter Stunde— aber da ich— Verwandte— die von Ihrer Güte, lieber Herr— ich meine Herrn Seligmann in Kocher am Fall—... Herr Löb Seligmann! unterbrach Bonaventura die nur huſtend, athemlos und räuspernd hervorgebrachten Worte mit der ihm eigenen Herzlichkeit... Iſt der Treffliche ein Verwandter von Ihnen?... Nicht zu nah und nicht zu fern! Gerade wie bei Ver⸗ wandtſchaften am beſten... lautete die ſchon dreiſtere Antwort Veilchen's, die jetzt ihren Namen Igelsheimer wiederholte und ſich ſetzte, indem ſie, als Bonaventura ihren Namen fragend nachſprach, ſogleich fortplauderte: Für unſere Namen können wir Juden nicht... Die hat uns die Polizei gegeben... Wenn auf die Aem⸗ ter zu viel Moſes und Iſaaks und Abrahams kamen und 22* 340 die Schreiber nicht wußten, welches der Abraham Mo— ſes und welches der Moſes Abraham war, ſo nahmen die Herren Actuare voll Zorn ganze Gemeinden her und ſagten: Dem wollen wir bald ein Ende machen! ... Und da die Juden ohnehin die Vorſtellung von Thieren auf der Jagd wecken, ſo kamen die ſchönen Na⸗ men Bär, Hirſch, Löwe, Wolf, Adler, auch Haus⸗ thiere: Ochs, Kuh, Rindskopf, Rindsmaul— Nur den Eſel gaben ſie keinem, weil Dummheit auf keinen von unſern Leuten paſſen wollte! Andere Namen ſind nach den Orten gewählt, wo die Leute her ſind, Fuld, Worms, Oppenheim— Ich weiß nicht, wo auf Ihrer Landkarte da mein Stammſitz Igelsheim liegen mag... Durch dieſe überraſchend dreiſte, aber anſpruchslos vorgetragene Rede war Bonaventura gewonnen... Er ſtützte den Arm auf ſeine Landkarte und rückte die Lampe näher, um, wie er ſagte, vielleicht einen Fa⸗ milienzug mit der braven Frau Lippſchütz zu entdecken, die in Kocher am Fall zu ſeinen ſpeciellen Gönnerin⸗ nen gehört hätte... Ich bin aus der Art geſchlagen! ſagte Veilchen. Die Seligmanns ſind ſich untereinander nicht ähnlich. Der, bei dem ich wohne, Nathan iſt er geheißen, in der Rumpelgaſſe, gleicht zu ſeinem Bruder, wie ein Holzapfel einem Paradiesapfel... Bonaventura hörte kaum den Namen der„Rumpel⸗ gaſſe“, als er ſich auf Lucindens letzte Beichte, auf Klingsohr's Beziehung zu dem Trödler Seligmann und die dabei erwähnte Hülfe einer Jüdin beſinnen mußte... S D könnte 8. kehrenn verber m Mo nahmen en her nachen! ng von en Na⸗ Haus⸗ — Nur keinen en ſind „Fuld, vo auf liegen uchslos Er te die en Fa⸗ tdecken, nnerin⸗ eilchen. ähnlich en, in iie ein umpel „ auf n und ßte 341 Schon betroffen fragte er nochmals, womit er dienen könnte Veilchen machte eine Pauſe und ſprach, ihre zurück⸗ kehrende Verlegenheit durch das Lüften ihres Mantels verbergend: Herr Prieſter! Ich möchte mir die Frage erlauben: Was halten Sie— von— der menſchlichen Con⸗ ſequenz?... Bonaventura glaubte nun doch, daß von einem Religionsübertritt die Rede ſein ſollte und antwortete: Sie kann eine große Untugend ſein, wenn ſie tneht iſt, als Treue gegen uns und andere... Mit Erlaubniß... Treue gegen andere kann nicht Conſequenz ſein, entgegnete Veilchen... Was die an— dern Liebe und Treue nennen, die man ihnen gewähren ſoll, führt den Menſchen immer im Kreiſe rundum... Die Liebe iſt ja das eigenſinnigſte Ding von der Welt und Gegenliebe kann nicht conſequent ſein... Bonaventura fand in dieſen Worten keinen Ueber⸗ gang zum Bedürfniß der Taufe Ich ſagte ſchon, ſprach er, daß ich die gerade Linie in unſern Handlungen nicht liebe, wenn ſie zum todten Geſetz wird... Aber keine wahre Liebe wird Untreue gegen uns ſelbſt verlangen... Herr Prieſter, die Liebe will den Löwen zum Haſen, den König zum Bettler, den Philoſophen zum Narren machen— Können Sie bleiben, was Sie ſind, ſo hört die Liebe auf... Frauenliebe gewiß... Eine Frau verlangt, daß der Mann um ihretwillen ſeinen Glauben abſchwört... Sie verlangt's nicht immer und nicht 342 im ganzen Jahr und nicht bei feierlicher Gelegenheit; aber wenn ſie gerade ſchlecht geſchlafen hat, ſagt ſie: Das hilft gegen Kopfweh! und es muß dann ſein... Wohl jedem, der von einer ſolchen Liebe verſchont wird! entgegnete Bonaventura lächelnd... Aber alle Liebe iſt ſo! meinte Veilchen... Die Liebe will im andern untergehen, um in ſich ſelbſt— — deſto ſchöner wieder aufzuſtehen... So lieben wir einen Mann, ſo die Natur, ſo Gott... Was iſt Re— ligion, Herr Prieſter? Gefühl von Kraft oder Schwäche?... Bei den meiſten wol nur von Schwäche Gott ſoll uns lieben, weil wir ihn lieben... Er ſoll uns das ewige Leben dafür auswechſeln... So ſind wir auch meiſt uns ſelbſt getreu, d. h.„conſequent“, weil uns Inconſequenz ein heroiſches Opfer koſten würde... Wo ſollen dieſe Sophismen hinaus? dachte ſich Bo— naventura... Sie werden ungeduldig! ſprach Veilchen, blickte nie⸗ der, ſchwieg eine Weile und begann ihren Hut etwas aufzubinden... Die Verlegenheit machte ihr heiß... Bonaventura nahm ihr ganz den Hut ab und legte ihn auf den Tiſch... Danke! ſagte ſie, indem ſie ſich die langen Locken ſtrich.. Ich bin eitel... Sie könnten glauben, mein Geſicht wäre blos Naſe... Sie iſt freilich mein ſtärkſtes Organ geworden... Alle Menſchen haben in ihrem Alter einen Theil des Körpers, der die Ober⸗ hand gewinnt... Beim einen iſt's der Magen, beim andern die Galle, beim dritten die Leber— bei mir die Naſe!... Ein feines Organ!... Der Sitz der Phan⸗ — taſie! pelga an di „will ſchrar das i ie bſt— en wir iſt Re⸗ t oder hwäche . Er zo ſind uent“, irde.. h Bo⸗ e nie⸗ etwas . legte Locken auben, mein haben Ober⸗ beim ir die Shan⸗ 343 taſie!... Die Phantaſie hab' ich in meiner dunkeln Rum⸗ pelgaſſe nöthig!... Ich gehe des Jahrs nicht zehnmal an die Luft... Ich will nicht!... Was ſag' ich— „will nicht!“... Mein Wille ſtellt ſich an den Kleider⸗ ſchrank und wird verdrießlich, wenn er kein Kleid findet, das ihm zum Ausgehen paßt... Conſequenz! Wille! „Ich kenne z. B. ein ſchönes junges Mädchen—.. Veilchen hielt inne... Ihr Auge blitzte forſchend auf.. Bonaventura athmete hörbar... Dem ſchönen Mädchen hab' ich oft geſagt: Deine Liebe, Kind, iſt ein Irrthum; iſt blos eine Lüge gegen dich ſelbſt! Dich verzehren Eiferſucht, Stolz! Deine Liebe ge⸗ gen den gewiſſen Mann iſt ſogar blos Rache! Willſt ihn nur quälen, immer an dich erinnern— ſagſt darum: Ohne ihn ſterb' ich!... Das Mädchen gibt's zu. Gibt zu, daß ich ihr ſage: Du bedarſſt dieſer Einbildung, um Kraft zu haben, nicht gegen andere ſchwach zu ſein! Möchteſt ſündigen— wenn die Natur ſündigt— aber aus Berechnung klammerſt du dich an deinen Wahn — nennſt den Treue!... Schüttelt ſie den Kopf!... Wahr iſt's, das Mädchen iſt geflohen vor einem ſchlech⸗ ten Mann und wohnt verſteckt in meinem Schlafſtübchen und iſt krank— aus„Liebe!“... Bonaventura hatte ſich bei dieſen Worten, die mit einem prüfenden, faſt liſtigen Forſchen der von unten her zu ihm aufblickenden Augen vorgetragen wurden, ſchon erhoben... Zwei Empfindungen kämpften in ſeiner Bruſt... Ein Gefühl der Entrüſtung über die dreiſte Abſicht die⸗ 344 ſes Beſuchs und die Verzweiflung um Lucindens nicht endendes Wühlen... Daß er eine Botin Lucindens vor ſich hatte, ſah er jetzt... Veilchen erſchrak vor ſeinem Aufſtehen und ſagte einlenkend: Bitte, mein Herr! Was ein römiſcher Prieſter gelobt hat, ich weiß es ſehr gut und hab' es einſt ſelbſt er⸗ fahren... Sie haben gewiß, ſetzte ſie mit ſich er⸗ muthigendem, ſchärfern Ton hinzu, von jenem Leo Perl gehört— den Ihr Herr Oheim einſt verführte— zu— einem gewiſſen Betruge... Dies Wort kam ganz muthvoll... Bonaventura ſtarrte die kühne Sprecherin an, die über einen ſo mächtigen Blick dann doch den ihrigen wieder niederſchlug... Bitte, Herr Prieſter! flüſterte ſie... Vergebung ... Aber wahr iſt's doch... Herr Leo Perl hatte mir die Ehe gelobt..„Ich weiß nicht, ob ich zum Lachen bin, wenn ich mit dieſer Geſtalt ſage, daß ich nach Witoborn reiſte mit unſerer Baſe, Henriette Lipp⸗ ſchütz, und mit ihrem Mann— und daß wir ein Fenſter mietheten dem geiſtlichen Seminar gegenüber.. Ich war nicht ſchön, aber ich hatte noch Wangen um dieſe große Naſe... Ich hatte einen Mund noch mit Lip⸗ pen... Kein Bild war ich, aber weiße— unechte Perlen ſtanden mir gut im ſchwarzen Haar... Der arme Narr, der ein Heiliger werden wollte, weil er Jeſum von Nazareth glaubte bei der falſchen Hochzeit beleidigt zu haben—. 1s nicht eindens ſagte gelobt lbſt er⸗ ich er⸗ 345 Bonaventura konnte keine Worte für ſein Erſtaunen finden... Vom Kronſyndikus von Wittekind mein' ich die Hoch⸗ zeit mit der Italienerin!... Veilchen, die einzige Vertraute Löb Seligmann's, ſprach feſt und beſtimmt... Während Bonaventura vor Entſetzen ſprachlos ſtarrte, kehrte Veilchen auf die Erſcheinung, die ſie am Fenſter abgegeben haben mochte, zurück und ſagte: Jedes Auge iſt ſchön, wenn Thränen darin ſte⸗ hen... So erregte auch mein bittender Gruß, mein verzweifelnder Blick in das geiſtliche Seminar hin⸗ über, wo ich den gelehrten Mann hinter Eiſenſtäben erblickte, ſeine Verzweiflung... Er wollte umkehren .Ich erfuhr es... Aber es war zu ſpät... Um der Thränen willen, die ich Ihrem Oheim verdanke, Herr Prieſter, verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen in ſo ſpäter Nacht aufs Zimmer komme und Sie bitte: Hören Sie dem Fräulein Lucinde, ehe Sie reiſen, und wenn in dieſem Augenblick, noch einmal— einmal— die Beichte... Bonaventura war über die Bekanntſchaft einer dritten Perſon mit dieſen tiefſten Geheimniſſen ſeiner Familie außer ſich Er ſtand nur, unbekümmert um Lucindens jetzt vor⸗ auszuſetzende unmittelbare Nähe, unbekümmert um die durch einen ſolchen Nachtbeſuch ihm drohende Beſchädi⸗ gung ſeines Rufes, und ſtarrte die Sprecherin mit vor Schreck geöffneten Augen an... Fürchten Sie aber nichts, Herr Prieſter! ſagte Veil⸗ 346 chen... Das ſchönſte Wiſſen einer Frau iſt das, das ſie in ihr Herz einſchließt... Und was ich Ihnen ſage, weiß ich auch nur von einem, der, wie unſere ganze Familie, vor dem Dechanten in Sanct⸗Zeno viel zu viel Verehrung und Liebe hat, um je davon einen Misbrauch zu machen... Der Mann wird Sie ſehen, Sie mögen ihn fragen, woher er dieſe Dinge in Kennt⸗ niß genommen hat und er wird Ihnen ausweichen und Sie blos fragen— nach Broͤder's lateiniſcher Gram⸗ matil... Löb— Seligmann?!... ſagte Bonaventura mit tonloſer Stimme.. Von ihm weiß ich, fuhr Veilchen fort, daß Leo Perl mich nicht aus Untreue verließ, ſondern gezwungen durch Umſtände, die ihren Grund auch in ſeinem un⸗ gläubigen Aberglauben, ſeiner geiſtreichen Narrheit ge— habt haben mögen... Ich weiß aus hundert Briefen, daß er den menſchlichen Willen beſtritt und nichts gelten ließ, als den Zufall... Er liebte Ihren Oheim ſo, daß ich darauf eiferſüchtig wurde... Er nannte über⸗ haupt die Leichtſinnigen erſt die wahren Menſchen... Bonaventura hatte nun die äußerſte Furcht um Ben⸗ no's Geheimniß, um Lucindens neue Mitwiſſenſchaft ſo gefahrvoller Verwickelungen... Dieſe Furcht äußerte er zunächſt... Werd' ich, ſagte die Züdin, da ich ſchon die Liebe des Mädchens zu Ihnen eine Rache genannt habe, noch neue Kohlen darauf ſchütten!... Dann bat ſie, daß im Gegentheil der Herr Dom⸗ aopitular den gezwungenen Lauſcher auf Schloß Neuhof 1 den läche ſeine komn die hatt wei Mo büß wien dem am; Niel Kaſ und 347 ſchonen möchte... Sie erzählte deſſen Abenteuer... Sie fügte hinzu, daß er zwar die Charaden gehört hätte, aber nicht ihre Auflöſung... Sie verlor ſich in die Erinnerung an Leo Perl und ſchloß: Er fand den Hochmuth der Sängerin Maldachini gewiß nur lächerlich, weil er ſagte: Was iſt denn Eure Tugend? Die Bequemlichkeit der Umſtände!... Und ſeinem Freund, dem damaligen Kaplan von Aſſelyn, konnte er nichts abſchlagen... Seine Angſt und die Scham kam erſt, als er die Prieſterkleider ſchon an⸗ hatte und die betrogene Frau vor ihm ſtand... Da weiß ich, daß er gern hinausgeſtürzt wäre in den hellen Mondſcheinwald und hätte, ſchon um zu büßen— denn büßen, das iſt grade unſer Jüdiſches— die Kleider nicht wieder abziehen mögen... Auch daß er zur Sühne an dem Betrug einen andern ſchönen Park, den in Kocher am Fall, aufgab, den Park, wo ich von ihm Spinoza und Liebe— ohne Leidenſchaft kennen lernte, auch das iſt dieſe Kaſteiung, die die Chriſten blos uns Juden verdanken Das Chriſtenthum iſt die größte Schmeichel elei an uns Juden... Ein Lächeln begleitete dieſen Scherz... Doch es erſtarb ſchnell, da ſie Bonaventura's. Erregung ſah... Sie fuhr fort: Vor ſeinem Tode gab Perl einem Mönch Namens Hubertus, er iſt jetzt in Rom, eine lateiniſche Schrift, die dieſer einem hohen Geiſtlichen in Witoborn überge⸗ ben ſollte, aber erſt dann, wenn er ohne ein Aergerniß begraben worden wäre... Seltſam, daß ich dieſe Schrift geſehen habe... Ich ſah ſie in der Hand des 348 Fräulein Lucinde... Es war in dieſem Jänner. Kurz vor Ihrer Abreiſe nach Witoborn...Das Fräu⸗ lein brachte die Schrift von einer gefährlichen Unter⸗ nehmung mit, von der Sie ja wiſſen— als ſie den Pater Sebaſtus aus dem Profeßhauſe befreien wollte... Bonaventura ſtand voll bebender Combinationen: Leo Perl— Seine Reue über den Uebertritt— der Zwang des Kronſyndikus— Seine Pfarre in Borken⸗ hagen— Seine eigne Taufe durch Perl— die Schrift — Lucindens Drohung—... Veilchen fuhr fort: Es war ein Brief, den ich nicht leſen konnte— in Latein— Aber vielleicht war es derſelbe an den Bi— ſchof von Witoborn, von dem Löb Seligmann gehört hat, daß er leicht in die Hände Ihres ſeligen Herrn Vaters hätte kommen können, da dieſer gleich nach dem Tode des Biſchofs Konrad, der unmittelbar nach dem Tod des Leo Perl erfolgte— die geiſtlichen Archive— ordnete... Bonaventura hörte nur—... Aber er hörte, wie der Verbrecher in Vorahnung eines über ihn ge⸗ fällten Todesurtheils den Anfang ſeiner Sentenz leſen hört... Er wollte nicht vexrathen, was in ihm vor⸗ ging... Er wollte ſeinem Antlitz den Ausdruck der Ruhe und Faſſung geben... Umſonſt... Ein eiſiger Froſt durchſchüttelte ſeine Glieder... Seine Zähne fingen an zu zittern... Er ahnte einen tiefen, tiefen, ewigen Verdruß ſeines Lebens... Er that einige Schritte voorrwärts und ſank auf einen Seſſel... Mein Gott im Himmel—! rief die Jüdin, er⸗ 4 5 8 Fräu⸗ Inter⸗ 2 den 349 ſchreckend ebenſowol über Bonaventura's Anblick, wie über ihr Unvermögen, einem ohnmächtig werdenden Manne helfen zu ſollen... Was iſt Ihnen?... Bonaventura's Gedanken konnten nicht anders lau⸗ ten, als: Lucinde ſagte, mit dem Inhalt jenes Briefes könnte ſie dich ewig in ihren Händen halten? Deinen Segen könnte ſie in Fluch verwandeln? Selbſt wenn du die dreifache Krone trügeſt, könnte ſie alle deine Handlungen ungeſchehen machen?... Was gibt ihr dieſe Kraft?... Was gibt dir— dieſe Unkraft?... Biſt du— kein Chriſt— 2... Biſt du nicht getauft—?7... Biſt du nicht— richtig getauft—?... Nun ſchoſſen ſeine fiebernden Gedanken weiter: Du biſt von Leo Perl in den Tagen getauft, wo ſein Gemüth von Reue über ſeinen Schritt, von Wuth über den Kronſyndikus, der ihn zwang, Prieſter zu bleiben, ergriffen war... Dieſe Stimmung behielt er vielleicht lebenslang... Seine ganze Stellung war die der Zerfallenheit mit ſich, die der Reue über ſein übereiltes Chriſtwerden, der Rache für den Zwang, der ihm zuletzt auferlegt wurde, der jahrelangen Verſtellung .In dieſer Schrift bekannte er ſich ſchuldig, alle ſeine kirchlichen Functionen ohne Abſicht und Direction des Willens vollzogen, dich und andere„ohne Inten⸗ tion“ getauft zu haben... Der Biſchof ſtarb ſchnell hinter Leo Perl... Sein Vater nahm die Urkunde an ſich und unterdrückte ſie... Leo Perl war todt, das Verbrechen war geſchehen, nicht anders rückgängig zu machen, als durch neue Taufe...Dein Vater, das Auf⸗ 350 ſehen einer ſolchen Handlung fürchtend, längſt ſchon— ihrer Eheſcheidungsverweigerung wegen— zerfallen mit der Kirche, behielt dieſe Urkunde, zerſtörte ſie jedoch nicht, ſondern legte ſie für künftige Enthüllungen zurück, band ſie ohne Zweifel dem alten Meviſſen auf die Seele.. Dieſer nahm ſie mit in ſein Grab, wo ſie lange Zeit unzerſtört bleiben konnte, bis ſie gefunden werden ſollte, dann vielleicht— wenn es Frä Federigo, vielleicht einſt am Tag der Verſammlung unter den Eichen von Caſtel⸗ lungo, begehrte... Picard fand dies Papier im Sarge und gab es Lucinden zur Uebergabe an mich... Lucinde las es... Sie, ſie, die die ganze folgenſchwere Wucht unſerer Lehre von der Intention bei prieſterlichen Handlungen kennt, die Lehre von der wirklichen Ab⸗ ſicht, auch den äußern Ritus ſo zu meinen, wie man ihn vollzieht, ſie, die ſchon höhniſch ſagen konnte, Ulrich von Hülleshoven und Monika, die gleichfalls in jener Zeit von Leo Perl getraut worden, könnten in Rom bei der Behörde der Gnadenertheilung, der Sacra Dataria, ihre Ehe getrennt erhalten— Sie weiß es, daß du nach unfrer Lehre der von Rom ganz in die Prieſtermacht gegebe⸗ nen Seele ein Ungetaufter biſt, ein Nichttheilnehmer, noch weniger ein Förderer am Gottesreich... Sie konnte dir drohen, daß alle deine Handlungen als Prieſter zu⸗ rückgehen müßten, wenn ſie, ſie es wollte— Denn nach Roms Geſetzen biſt du, ob auch getauft, ein Heide—... 8 Die Hände ſchlug Bonaventura vor die Augen... Zwei Convertiten, Leo Perl und Lucinde, hielten das katholiſche Chriſtenthum an ſeinen Conſequenzen feſt zurü ſic gleic ſtan on— n mit nicht, band Zeit ſollt, einſt Laſtel⸗ Sarge teinde Wucht lichen Ab⸗ man llrich Zeit der ihre feſt 351 Was Jedem Thorheit erſchienen wäre, für die Welt, in der Bonaventura eingeſponnen lebte, lag hier ein unermeßliches Aergerniß vor Er beſann ſich und that, als wollte er nur einen plötzlichen Anfall von Unwohlſein verbergen... Es wird vorübergehen! ſprach er und hielt die Jüdin zurück, die, thatunkräftig wie ſie war, zwar nach Waſſer ſich umblickte, nicht aber darnach gehen konnte... Ob⸗ gleich Glas und Flaſche hinter eben demſelben Epheu ſtanden, den damals Lucinde zerpflückt hatte... Das ſah er, die Jüdin beſaß nicht Lucindens ganzes Vertrauen... Ihre Flucht vor Nück, ihre Liebe hatte ſie ihm ge⸗ ſtanden... Die Jüdin hatte es vielleicht aus eignem Antrieb übernommen, den tugendſtolzen Prieſter in ſeiner Ab⸗ weiſung menſchlicher Schwäche wankend zu machen... Das aber ſah er: Sie wußte nichts vom Inhalt der Leo Perl'ſchen Schrift, nichts von der Bedeutung der Intention in der katholiſchen Kirche... Sagte ſich Leo Perl bei der Taufe Bonaventura's: Ich habe nicht die Abſicht, daß das, was ich eben thue, das iſt, was die Kirche damit will! ſo war und blieb Bona⸗ ventura— ein Heide... Der Gefolterte, dem das Schickſal alle Prüfun⸗ gen der Seele verhängt zu haben ſchien, hatte vom Stuhl, von dem er ſich erhob, mühſam das Kanapee erreicht... Da ſank die lange ſchlanke Geſtalt allmählich und langſam nieder.. 352 Das blaſſe Haupt aufſtützend rang er nach Faſſung ... Seine Gedanken rollten ihm um wie die wirbeln⸗ den Kreiſe des Philoſophen von Eſchede... Sie tra⸗ ten ihm wie ein buntes Flimmern vor die Augen... Er wußte keine Vorſtellung mehr feſtzuhalten... Vor⸗ würfe, Anklagen, mit denen ſich das bedrängte menſch⸗ liche Herz in ſolchen Lagen zu helfen pflegt, kamen ihm nicht natürlich und freiwillig... Nur ein Chaos der ſchmerzlichſten Vorſtellungen über die Thatſache und ihre Folgen war es... Es rief ihm alles: Alſo auch das iſt möglich! Möglich unter Menſchen, die ſich auf dieſe Art glauben unter die Herrſchaft des Geiſtes geſtellt zu haben!... Das geſchieht dir, dir mit deinem redlichen Willen, der dir befiehlt, nicht zu murren gegen dein halb ſchon bereutes Prieſterjoch!... Das geſchieht dir in dem Augenblick, wo du dein größtes Opfer bringen wollteſt, dein eigenes Grab zu graben, das Grab deiner Liebe!.. Nun noch dies! Noch dies!... Und Lucinde die Zauberin dieſes Spukes, der dich ein Leben lang wie Hexengruß im falben Mondlicht äffen wird!... Sollſt du deine Würde niederlegen?... Sollſt du dem Ge— neralvicar dich anvertrauen und bekennen: Du biſt kein Chriſt?!... Sollen alle deine kirchlichen Handlungen, die deine ungetaufte Hand verrichtete, erſt nachträglich von einem Spruch Roms die Kraft des Sakramentes erhalten!... Nein! Nein! Nein! Ich trotze dem Ge⸗ ſchick und lüge! Ich muß, ich muß lügen!... Die Jüdin ſah dieſe Seelenkämpfe, zitterte, fragte, bat und— hoffte.... Sie konnte ſeinem Gedankengang über den Inhalt des vo Sie w Religi Gemüt mwang Spinn Chriſt Mücke „1 Iuden Dämo Faſſung virbeln ie tra ſ .Vor menſch en ihm os der id ihre das iſt f dieſe ellt zu dlichen dein hht dir des von Lucinden gefundenen Briefes nicht folgen... Sie würde ſelbſt aus dem Judenthum heraus, aus der Religion des Geſetzes, kaum begriffen haben, wie ein Gemüth, lebte es auch noch ſo ſehr im ſteten Gewiſſens⸗ zwang, ſo doch über Sonnenſtrahlen fallen, ſo über Spinnenfäden ſtraucheln konnte... Sie würde mit Chriſtus geſagt haben: Ihr verſchluckt Kameele und ſeigt Mücken!... „Das Chriſtenthum iſt die größte Schmeichelei an uns Juden“— und Bonaventura ſtand wie ein Verbrecher... Dämoniſche Stimmen raunten ihm zu: Offenbare dich doch Lucinden! Was trennſt du dieſen Schatten deines Daſeins von dir ſelbſt? Lucindens Liebe, Verſchwiegen⸗ heit, Frevelmuth?... Mit ihr vereint iſt ja alles ſtill — Mit ihr vereint erſtirbt ja der Hohn, der um dich her aus tauſend Larven rufen wird: Auch du wandelſt den Weg der Lüge!... Schieben Sie Ihre Reiſe einen halben Tag auf! ſagte Veilchen... Hören Sie die Beichte des armen Mädchens... Sie will nichts, als Ihnen ein Bild ihres gegenwärtigen Innern geben, vieler Geheimniſſe, die ſie drücken, auch der Urſachen, warum ſie ſo plötzlich das Haus des Oberprocurators verlaſſen hat... Ich verſichere Sie, es muß eine große Begebenheit geweſen ſein, die ſie zu mir getrieben— Zu mir, in die dunkle ſchmutzige Rumpelgaſſe, zu meinem unausſtehlichen Na⸗ than, den ich nun ſchon dreißig Jahre nehmen muß, wie er iſt... Ich möchte ſchwören, daß in Holland, wo ſie den ganzen Tag futzen und ſcheuern, keine Stube ſo ſauber und rein iſt, wie meine Schlafſtube im Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 23 354 dritten Stock unſeres Hauſes, das wir glücklicherweiſe allein bewohnen, und doch thut mir das ſtolze Kind leid— im reinſten Glaſe Waſſer ſieht ſie Judenthum ... Aber ſie hat keinen Ort gewußt, wo ſie ſich ver⸗ bergen ſollte... Ich dürfte nicht an Ihrer Stelle ſein, Herr Prieſter... Schon aus Neugier, was ſie von der Marcebillenſtraße verjagt hat... Acht Tage iſt ſie bei mir... Der Nathan ſieht die Polizei jede Stunde kom⸗ men... Ich hab' ihm verſprochen, die Strafe aus mei⸗ ner Gage zu zahlen— 30 Thaler jährlich, Herr von Aſſe⸗ lyn! Ich bin der wohlfeilſte Buchhalter an der deutſchen Börſe... So hockt ſie verzweifelnd auf meinem Ka⸗ napee, ſchreibt Briefe, zerreißt ſie, hat nichts bei ſich, als ein Bündel, mit dem ſie aus dem Nück'ſchen Hauſe entflohen iſt... Hat der Mann Ihre Ehre verletzt? rief ich ſie an... Sie antwortete mir darauf nichts, ſah aber aus, als käme ſie vom Richtplatz und erſt ſeit drei Tagen hör' ich ſie weinen— weinen wie im Bruſtkrampf! ... Sie ſagt: Mein Unglück iſt, ich falle über mich ſelbſt! Ich bin nur für die Schlechten da! Ich habe etwas in meiner Art, das ſelbſt die, die mich lieben wollen, an einem einzigen Tage zu meinen Feinden macht!... Könnt' ich ihm nur einmal noch alles ſagen⸗ und beichten! ſprach ſie dann... Ich geſtehe, Herr Prieſter! Von dem Wort„Beichten“ hab' ich keinen Begriff... Je mehr ich bei mir ſelbſt behalte, deſto feſter und beſſer werden meine Gedanken... Ja die mauern ſich dann erſt recht aus wie ein Schwalbenneſt, das ganz ſauber werden kann aus lauter kleinem Schmutz ... Müßt' ich alles, was ich denke und eben erlebte, 7 — herweiſe ge Kind denthum ich ver⸗ elle ſein, von der t ſie bei de kom⸗ aus mei⸗ on Aſſe⸗ deutſchen em Ka⸗ bei ſich, er mich ch habe lieben Feinden ſagen „Herr keinen deſt ga die enneſt, chmutz rlebte, ſo friſch und weich wieder von mir geben, würde ich wie ein leckes Faß... Ich bin katholiſch! ſagte ſie mir darauf... Mein Gott, da ſtritt ich nicht mehr und weil ich die Neigung ihres Herzens ſchon durch die Bekanntſchaft mit dem Herrn Pater Sebaſtus wußte und wie die Gefahr, nicht an Ihr Ohr zu gelangen, zu groß wurde durch Ihre Abreiſe, da ſagt' ich: Wiſſen Sie— Ich will für Sie gehen, Fräulein, wie Eliezer ging auf die Werbung für Jakob... Sie umarmte mich, beglei⸗ tete mich bis hieher— Unten in der dunkeln Gaſſe da— ſehen Sie, da ſteht ſie und wartet... Geben Sie der Armen den Troſt, daß ſie Ihnen noch einmal, nur als einem Prieſter verſteht ſich, ihr Herz ausſchüt⸗ ten kann... Bonaventura's Gedanken ſammelten ſich in der Vor⸗ ſtellung, was Lucinde ſo plötzlich aus dem Hauſe Nück's entfernt haben mochte... Auch an den Brand und an die Urkunde dachte er... Er ſtand ſinnend und zö⸗ gernd... Die Jüdin blickte aus ihren klugen Augen mit jener Liſt hervor, die auch das gutmüthigſte Kind im Spiele hat, wenn es Freude an einem Sieg ſeiner Klugheit verräth, ohne damit Böſes zu wollen... Bonaventura hatte ſich erhoben... Er hielt ſich vom Fenſter fern... Er überlegte und ſah die Scene, die ihm mit Lu⸗ cinden drohte... Sie konnte jetzt nicht anders enden, als mit ganzer Vertraulichkeit über alles, was ihn drückte ... Ein gemeinſchaftliches Geheimniß zu bewahren bindet die Seelen wider Willen... Er hätte Lucinden nicht 23* 2S 356 anblicken können ohne zu ſagen: Den Brief des Geiſt⸗ lichen Leo Perl— gib mir zurück oder zerreißen wir ihn und laß' ihn zwiſchen uns ein ewiges Geheimniß blei⸗ ben!... Sich einem Weib verpflichtet fühlen, raubt dem Mann ſeine Selbſtäudigkeit und Dank iſt ſchon an ſich eine Pflicht, die eine edle Seele nie karg ab⸗ trägt... Bonaventura ging eine Weile auf und nieder... Er kämpfte... Endlich hatte er entſchieden... Er wollte, er konnte nicht nachgeben... Er ſah in die Zukunft— ahnte, daß ſie ihn immer und immer in Lucindens Bahnen führen würde... Jetzt aber, jetzt in dem letzten Opferdienſt ſeiner Seele für Paula, wollte er ſich rein erhalten... Er ſchüttelte ſein Haupt und ſprach: Ein andermal!... Und für ſich: Komme was komme!... Die Jüdin ſtand in der Nähe der Thür, Hut in der Hand... Es ſchlug neun. ſchon ihren Ich kann meine Reiſe nicht aufſchieben, fuhr Benno fort... Erklären Sie— Lucinden, ich käme— ja zu⸗ rück— und dann— dann vielleicht... Veeilchen ſchüttelte ungläubig den Kopf... Das beſtreitet ſie— ſagte ſie... Sie behauptet, Sie kämen nie zurück... Bonaventura ließ, wie ein Ueberwundener, nur die Arme ſinken und ſchüttelte ablehnend ſein leidendes Haupt... Woraus ſchließt ſie das? fragte er, vor Ueberanſtren⸗ gung ſeiner Seele völlig kraftlos—... Veilchen erwiderte: Man würde Sie in Wien feſſeln, ſagte ſie... Schon wäre Mal bene hole der in u- Geiſt en wir F blei⸗ raubt ſchon g ab⸗ .Er n die er in tzt in er ſich rach: 1 ihren enno 357 wäre ein Verwandter von Ihnen gefeſſelt worden... Man würde Sie nicht ſehen können, ohne die nicht zu beneiden, denen Sie immer angehörten... Ich wieder⸗ hole ihre Worte... Sie nennt ſchon einen Biſchofsſitz, der für Sie beſtimmt iſt, Herr Prieſter... Robillante in Italien oder einen ähnlichen Namen... Im Thal von— Caſtellungo— Das iſt der Name... Ich habe ihn behalten... Bonaventura faltete nur die zitternden Hände Die beiden Mönche, fuhr Veilchen fort, die dieſes Frühjahr von Witoborn entflohen, haben aus Rom ge⸗ ſchrieben, daß in ihrem Kloſter ein Mönch lebt, der ein Bisthum ausgeſchlagen hätte, das ein mächtiger Car⸗ dinal gelobt hätte, dem heiligſten Prieſter in der Chri⸗ ſtenheit zu geben... Und in Wien ſind— Sie, Sie, Herr Domkapitular, ſchon dafür genannt worden... Das wurde hereingeſchrieben... Lucinde weiß alles... Sie werden in Wien mit dieſem Anerbieten empfangen werden... Bonaventura hörte nur... Eine Beſinnung, eine Faſſung lag nicht mehr in ſei⸗ ner Kraft... So hörten Sie ſelbſt das noch nicht? fragte die Jüdin, immer hoffend, den Zweck ihres Beſuchs zuletzt noch erreichen zu können.. Bonaventura hauchte: Sie— berichten— mir— Wunderdinge... Er ließ ſich die Namen noch einmal nennen... Es waren und blieben die Namen Robillante und Caſtellungo... Die Orte, wo Paula leben ſollte— 358 wo Frä Federigo lebte... Er ſah Benno, Olympia, Ceccone betheiligt... Das war das von Benno er⸗ wähnte Bisthum... Gaben es ihm wol gar— die Jeſui⸗ ten? dachte er einen Moment... Verlaſſen Sie ſich! fügte Veilchen hinzu... Sie kom⸗ men nicht zurück... Sie werden in Italien ein Biſchof... Ohne noch zu widerreden, faltete Bonaventura, über⸗ wunden von den Fügungen ſeines Geſchicks, aufs neue die Hände... Er ſah, wie mit übergeiſtigtem Auge, Paula auf dem Schloſſe, auf dem ſie einſt in ihrer Vi⸗ ſion die Fahne mit den Dorſte'ſchen Farben erblickt hatte... Seinen Vater ſah er unter den Eichen von Caſtellungo... Ein Glanz umfloß ihn wie die himm⸗ liſche Morgenröthe... Dennoch ſchüttelte er den Kopf auf die wiederholten Bitten der Jüdin. Herr Prieſter!... Das iſt grauſam, wallte dieſe auf... Solchen Worten zürnte er nicht mehr... Gute Nacht, Liebe! ſprach er... Dank für Ihre Verſchwiegenheit— wegen deſſen, was Herr Seligmann hörte, eine Verſchwiegenheit, auf die ich bei unſerm ge⸗ meinſamen Gott feſt und heilig baue... Sagen Sie aber Lucinden: Wer allwiſſend iſt, iſt auch allmächtig! ... Was kommt ſie zu mir— 1... Herr Prieſter—! bat Veilchen noch einmal inſtän⸗ digſt... 2 Komm' ich in der That nicht wieder, ſo wünſch' ich ihr alles Glück und jeden Frieden des Gemüths... Ich danke Ihnen, daß Sie ihr Bote wurden... Sie ſind: Doch wolle einden kann, Jſt meine daß haft, das! ihre hält Ich all lympia, no er⸗ heſui⸗ ie kom⸗ zof... über⸗ 3 neue Auge, er Vi⸗ erblick in von himm⸗ holten dieſe Ihre mann m ge⸗ Sie cüig! ſtän⸗ ' ich 359 ſind treu, was Sie auch gegen die Treue ſagen.. Doch gehen Sie, ohne mich noch wankend machen zu wollen... Es gelingt nicht... Drohungen, die Lu⸗ cindens Charakter entſprechen, ſchrecken mich nicht; ich kann, ſagen Sie ihr's, alles ertragen... Noch eins! Iſt ſie hülflos, ſo ſchreibe ſie offen und getroſt— an meinen Oheim in der Dechanei... Das iſt nicht wahr, daß alle vor ihr fliehen... Der Onkel verehrt ſie wahr⸗ haft; er wird alles für ſie thun... Sagen Sie ihr das! Mein Oheim iſt ganz der Freund, den ſie ſucht . Sagen Sie ihr auch— daß ich glücklich bin über ihre Trennung von Nück und daß ich nie in dem Ver⸗ hältniß ein Arg gefunden... Nicht aber mehr... Ich kann nicht anders... Die Kraft fehlt mir, all die Bürden zu tragen, die mir ihre Beichte noch auferlegen würde... In Zukunft!... Ich reiſe mor⸗ gen in erſter Frühe... Nun bleibt es dabei... Damit half Bonaventura Veilchen ſchon den Mantel auf die Schultern legen... Sie ſchüttelte den Kopf wie über die Thorheit der ganzen Welt... Still befeſtigte ſie ihren Mantel... Bonaventura leuchtete ihr hinaus und begleitete ſie über den Corridor bis an die nächſte Treppe.. Dieſe war erleuchtet... Veilchen wandte ſich noch ein⸗ mal, ſah den Prieſter mit ihren geöffneten Augen wie einen bemitleidenswerthen Wahnbefangenen an und ſchlich die Treppenſtufen nieder... Bonaventura wartete, bis er hörte, daß ſie das Hausthor gefunden... Dir ſind wol ſchon hundert wie mit unſichtbaren Ketten gebunden, die dir beichteten, ſagte er ſich, zurück⸗ 360 kehrend in ſein Zimmer, mit dem ganzen ausbrechenden Schmerz ſeiner Seele; aber wie du gebunden, du um⸗ ſtrickt biſt von deinen eigenen Lebensräthſeln, das iſt ein Verhängniß wie im Haus— der alten Labdakiden!... Und des ſo wohlthuenden Eindrucks der Jüdin ge⸗ denkend, rief er laut: Gott der Chriſten— Gott der Juden— Allah—! .. Zeus!.. Ja auch der Olymp herrſcht noch... Nicht alle Götter der Alten ſind in nichts zerfloſſen... Die Nemeſis— die Tyche— die Keren haben ihr Amt behalten... Der Gedanke, daß ein Bisthum neben dem Schloſſe, wo Paula wohnen ſollte, für ihn eine Unmöglichkeit wäre, ſtritt mit der Ungewißheit über den Eindruck, den ihm Graf Hugo machen würde und nach dem er doch der Wahrheit gemäß entſcheiden ſollte... Sein Lager ſuchte er, um nur allein die müden Muskeln zu ſtrecken.. Schlaf, wußte er, würde ihn fliehen... Träumte er, ſo würde der Ungetaufte— vom Jordan träumen... In der That erhob er ſich vor Sonnenaufgang ohne Stärkung... Es war ein nebeliger Morgen... Er kleidete ſich an... Renate credenzte ihm den gewohnten Labe— trunk.. Sie weinte... Der gute und ernſte Mann war ihr wie ein Sohn geworden und ſeit Mo⸗ naten ſah er krank und zerfallen aus und auf wie lange verreiſte er.. Auch in Bonaventura's Auge ſtanden Thränen... Er ahnte, daß er die alte Frau nicht wiederſehen würde.. N Es w T wurde F ander im K Schn Curi tereſſ ſeine Bon bold men alles kirte das weit über mit ſtil cher Ne echenden du um⸗ iſt ein . din ge⸗ uskeln 1... ordan ohne feidete Labe⸗ ernſte Mo⸗ lange 361 Rings blickte er auf ſeine Bücher, ſeine Bilder... Es war ein Abſchied auf ewige Zeit... Die Huldigungen, die ſeiner erſten Abreiſe gebracht wurden, fehlten auch dieſer zweiten nicht... Für die von ihm etwa abgefallenen Seelen waren andere eingetreten und die Feierlichkeit der Begrüßung im Kapitelhofe war ſogar noch größer, als früher durch Schnuphaſe's Rede... Sie war geordneter... Die Curie hatte an dem Erfolg dieſer Reiſe das höchſte In⸗ tereſſe... Viele der alten Herren traten ſelbſt an ſeinen Wagen... Dies war ein ganz eleganter, den Bonaventura gar nicht beſtellt hatte... Den von Glückwünſchen faſt Erdrückten hob Thie⸗ bold, der geſtern nur zum Schein Abſchied genom— men hatte, in ſeinen eigenen Wagen... Er hatte alles ſo arrangirt... Der geſtrige Abſchiedsbeſuch mas⸗ kirte die Abſicht, den Hochverehrten nicht blos bis an das Dampfboot zu begleiten, ſondern auch noch eine Strecke weiter hinaus.... Die Blumen wurden einem Altar der Kathedrale überſandt, an dem Bonaventura oft celebrirte... Thiebold ließ ſich nicht nehmen, bis zum Hüneneck mitzufahren... Zwei Stunden lang„zerſtreute zer die ſtille, der Sammlung bedürftige Seele des unglückli— chen Prieſters... Erſt am Hüneneck verzogen ſich die Nebel... Die Gegend, ſelbſt im Winteranfang lieblich wie immer, entſchleierte ſich... Thiebold konnte nicht allen Empfindungen Ausdruck geben, die ihm der Anblick Lin⸗ denwerths, der Blick nach Druſenheim und dem Geier⸗ fels hinüber machte, wenigſtens nicht in Bonaventura's 362 Gegenwart... Am Gaſthaus zum Roland landete der Dampfer... Thiebold ſtieg hier aus und erneuerte den Abſchied... Als Bonaventura allein war und tiefbewegt Rund⸗ gänge, die denen in ſeinem eigenen Geiſteslabyrinth gli— chen, auf dem Verdeck machte, das erſt jetzt von ſeiner Reinigung und der Nebelnäſſe zu trocknen anfing, bemerkte er, gerade beim Hinblick auf die Maximinuslapelle und den Sanct-Wolfgangsberg, hinter dem ſein altes ſtilles Glück lag, einen jungen Mann, der, mit dem Rücken an den Radkaſten der Maſchine gelehnt, ihn mit großen durch⸗ bohrenden Augen anſah... Die Geſtalt war nicht zu groß, zierlich und be⸗ hend... Die Kleidung elegant... Ein Mantel von dunkelbraunem Tuch mit offenen Aermeln, am Kragen beſetzt mit ſchwarzem Sammet, das Futter von einem langflockigen Zeuge und Schnurtroddeln geſchmackvoll zum Zuſammenhalten des Mantels— Darunter ein ſchwar⸗ zer enganliegender Oberrock... Die Cravatte ſchwarz; ebenſo die Handſchuhe... Ein feiner ganz neuer Hut auf dem Kopf... Die Haare kurzgeſchnitten... Ueber den ſtarren Ausdruck des bräunlichen zierlichen Antlitzes flog ein Erröthen und ein verlegenes Lächeln, als Bonaventura's Blick länger auf dem jungen Mann verweilte... Doch zerſtreute ihn bald die theure, geliebte Ge— gend... Es ging vorüber an der Maximinuskapelle, am„Wei⸗ ßen Roß.. 3 Bonaventura bemerkte den jungen Paſſagier nicht * D Vorſic bracht dete der rneuerte Nund⸗ ath gli⸗ n ſeiner bemerkte und den s Glück an den durch⸗ nd be⸗ tel von Kragen einem ll zum ſchwar⸗ hwarz, er Hut erlichen ächeln, Manu 363 mehr... Auch ſpäter bei gemeinſamer Tafel fehlte die Geſtalt, die ihm den unheimlichen Eindruck einer Aehn⸗ lichkeit mit Lucinden machte... Hafenruhe konnte erſt ſpät gegen Abend um zehn Uhr geboten werden... Der junge Paſſagier war verſchwunden... Die Fahrt ging zuletzt im Dunkeln und bedurfte der Vorſicht... Aber ſo kalt es wurde, die Paſſagiere ver⸗ brachten die längſte Zeit lieber auf dem Verdeck... Bonaventura ging auf und nieder... Ein Berg mit einem hochthronenden Schloſſe führte ihm die Scene vor, die Benno mit dem Staatskanzler erlebt und ge⸗ ſchildert hatte... Es war ſchon bald bei Ankunſt in der großen alten„goldenen“ Stadt, wo die Raſt für die Nacht ſtattfinden ſollte, als Bonaventura wieder den jungen Mann erblickte, eingeſchlagen in ſeinen weiten Mantel und nicht weit vom Steuerruder ſitzend... Er rückte und rührte ſich nicht... Ging aber Bonaventura an ihm vorüber, ſo war es ein einziger unter dem etwas breitrandigen ſchwarzen Hut und aus der Umhüllung des emporgezogenen Sammet⸗ kragens hervorzuckender Blitz der Augen— ein Funkeln, wie ein Käfer in der Nacht aufglüht, ein Funkeln, wie ein lauerndes Raubthier ſich durch nichts, als ſeine Au⸗ gen verräth... Kein Laut, keine Bewegung, als ein Zurückziehen des lackirten zierlichen Stiefels, um dem Vorübergehenden Platz zu machen... Die Situa⸗ tion, die Zeitdauer, alles bot dem Prieſter Muße, ſich an die entſetzliche und doch faſt beruhigende Vorſtellung zu gewöhnen: Wenn das Lucinde wäre!... 364 Beim Landen, beim Wohnen in einem„Rheiniſchen Hof“ war die Spur des jungen Mannes verſchwun⸗ den. Nach zwei Tagen und einem Aufenthalt in Frankfurt befand ſich Bonaventura in der Stadt, wo er im Se⸗ minar geweſen... Es war daſſelbe Seminar, von dem Serlo er⸗ zählte.. 3 Er beſuchte alle ihm denkwürdigen Plätze der Erin⸗ nerung... Die Altarſtelle, wo er zum Prieſter geweiht worden... Das Zimmer, wo Paula in der orthopä⸗ diſchen Anſtalt lag... Den Biſchof, bei dem Lucinde convertirte... Den Mitgeweihten Niggl, einen noch immer zwiſchen dem Naiven und Excentriſchen unprak⸗ tiſch, brauſend und ſchnaubend hin- und herfahrenden, gut⸗ müthigen Phantaſten... Bonaventura ſah und begrüßte alles wie zum letzten mal.. 3 Auch das berühmte Hospital des alten Biſchofs Ju⸗ lius ſah er... In dem botaniſch gepflegten Garten ſchien die Jahreszeit noch nicht der November... Die Geneſenden ſaßen zwar nicht im wärmenden Sonnen⸗ ſtrahl, aber die Irren rannten hin und wieder, geſticu⸗ lirten und ſprachen aufs zufriedenſte mit ſich ſelbſt.... Da wieder der Anblick des jungen Mannes vom Dampfboot. 1 Kaum ſchoß er an ihm und an Niggl, der ihn be— gleitete, vorüber, ſo ſagte dieſer: Wer war nur das? Das Geſicht iſt mir ſo be⸗ kannt.. Nach derſchw aſſoeiati erleuchte diele ar lebens wohlbek Beda . G latte, ſſuiteſſe äußern Da ſtand a Bo aber ſe Die regensb Ludwig dort ten die liſchen ſchaft die Ei noch, b an de ſöhnen B efüll auf n. heiniſchen erſchwun⸗ Frankfurt im Se⸗ erlo er⸗ er Erin⸗ geweiht orthopä⸗ Lucinde en noch unprak⸗ en, gut⸗ letzten fs Ju⸗ Garten 365 Nach wenigen Augenblicken, wo der junge Mann verſchwunden war, begann Niggl, von unbewußter Ideen⸗ aſſociation geleitet, von Lucinden als von einer Hoch⸗ erleuchteten, von einer durch Nück und Hunnius und viele andere in alle Vorkommniſſe des innern Kirchen⸗ lebens Eingeweihten... Er ſcherzte über die ihm wohlbekannte Neigung derſelben zu ſeinem Beſuch... Beda Hunnius hatte ihm darüber Mittheilungen gemacht ... Er wußte ſchon, daß ſie von Nück ſich entfernt hatte, und vermuthete, ſie wäre nach Belgien, um Je⸗ ſuiteſſe zu werden—„Redemptoriſtin“— nach dem äußern Ausdruck... Das Geſpräch kam von dem verfänglichen Gegen⸗ ſtand ab... Bonaventura ſah den jungen Mann nicht wieder, aber ſein Herz bebte von den trübſten Ahnungen... Die Donau kam... Bonaventura bewunderte den regensburger Dom und beſtieg die Höhe, auf der König Ludwig die Walhalla erbaut hat... Ein Aufenthalt dort oben wie Athemzüge im Aetherreich... Un⸗ ten die Erde mit ihren Mühen, hier oben die Himm⸗ liſchen... Ausgerungen haben Kampf und Leiden⸗ ſchaft... Hier ſind die Pforten der Welt des Plato, die Eichen im Haine Odin's... Walkyren ſtehen zwar noch, die unerbittlichen Parzen, in marmornen Gebilden an der Schwelle des Tempels; aber ſie ſcheinen Ver⸗ ſöhnerinnen, nicht mehr Rächerinnen... Bonaventura ſtieg die Rieſentreppe nieder— tief⸗ erfüllt von dem empfangenen Eindruck... Da blickt er auf neue Ankömmlinge... Eine Geſellſchaft, die eben 366 mit einem Boot aus Regensburg angekommen ſein mochte, ſteigt ihm von unten her entgegen... In ihrer Mitte — ſein Reiſeſchatten, der junge Mann im braunen Mantel... Dicht ſtreift er, tief niederblickend, an ihm vorüber... Zwei Schiffe kreuzen ſich ſo auf dem Meere. Bonaventura konnte nicht ſtehen bleiben, nicht der ſpukhaften Erſcheinung nachſehen... Sie war ſchon wie ſeine Furcht, wie ſein Gewiſſen geworden... Beim jedes⸗ maligen Begegnen fuhr ein ſchriller Ton durch die Luft: Du Ungetaufter!... Und ebenſo ſagte das Lächeln des jungen Mannes: Bleibe ruhig, ich bin dein Schutz⸗ geiſt!... Die regensburger Geiſtlichen, von denen Bonaven⸗ tura begleitet war, führten den Erblaſſenden, Schwan⸗ kenden noch in einem Wagen nach einem Oertchen, Strau⸗ bing gegenüber... An der Stelle, wo Agnes Bernauer ihren Tod in den Wellen gefunden, beſtieg er das Dampfboot... Er glaubte annehmen zu dürfen, daß er nicht allein fuhr— daß der junge Mann— Lucinde — ſchon auf dem Dampfer war... Er ſah ſie aber nicht... Nicht die ganze Reiſe entlang, die zwei Tage dauerte... Er glaubte nun doch an eine Täuſchung in der Perſon... So kam er nach Wien... Er ſah zum erſten mal eine ſo rauſchende, volkreiche Stadt, wohnte bei dem Chorherrn, der ihn ganz erſt ſo zuwartend und prüfend wie Benno empfing, theilte die Aufgaben, die ſeiner im Gewühl dieſer großen Stadt harrten, gewiſſenhaft ein, überlegte: Wie näherſt du dich dem Grafen!... perſt würd ſters gang Biſch pia, ſeine in mochte, rer Mitte braunen „an ihm auf dem nicht der ſchon wie im jedes⸗ Bonaven⸗ Schwan⸗ fen, daß Lucinde e Reiſe nun doch ſten mal dii dem prüfend iner im ift ein, 367 Darüber vergingen einige Tage. Die Gräfin Erdmuthe war zum Grafen Hugo auf Schloß Salem hinaus, um den grollenden Sohn herein⸗ zuſchmeicheln Bonaventura hatte beim Cardinal Ceccone ſeine Briefe perſönlich abgegeben, war in der That von dem liebens⸗ würdigſten und zuvorkommendſten Benehmen eines Prie⸗ ſters, der die Grazie als Milderung der Liſt über ſein ganzes Weſen ausgegoſſen trug, mit dem Anerbieten des Biſchofsſitzes von Robillante begrüßt worden... Olym⸗ pia, die Herzogin von Amarillas, Benno wurden als ſeine Protectoren genannt Alle ſeine Pulſe flogen, als er, nach der von ihm um Bedenkzeit ausgeſprochenen Bitte die Stufen des klei⸗ nen Palaſtes niederſtieg. Er wußte nicht, wie er auf die Straße kam. Kaum blickte er auf, da rollte ein Fiaker vom Hauſe, der nur auf ihn gewartet zu haben ſchien Aus dem Schlag blickte ein Kopf— der junge Mann im braunen Mantel. Pfeilgeſchwind ſchoß der Wagen vorüber Er verlor die Beſinnung und verirrte ſich in den Straßen Wer Bonaventura ſah, wer ihn nach einer Vor⸗ ſtellung anredete, wen er beſuchte— jeder wußte, daß er Biſchof werden ſollte im Piemonteſiſchen... Jeder fragte nach ſeiner italieniſchen Predigt in„Maria Schnee“, die zugleich mit drei Meſſen bedungen war... Man fand dieſe Erhebung ſo natürlich. Man ſagte, der Domkapitular wäre ein Gefinnungsgenoſſe des 368 Kirchenfürſten und in ſeiner Heimat„unmöglich“ gewor⸗ 3 den... Dort ſchied er aus.. Auch ſeine Geſundheit rathe ihm den Aufenthalt im Süden...„ Sofort in den Palatinus zu gehen vermochte er nicht . Er zitterte, ſich dort zu verrathen... Aber es ſuchte ihn ſchon Fürſt Rucca auf... Olympia überhäufte ihn mit Geſchenken und Zuvorkommenheiten, wie ſie eben nur Prieſter anzunehmen gewohnt ſind... Er rüſtete ſich, noch unentſchloſſen, gedrängt vom Chorherrn— italieniſch zu predigen... An ſich war es ihm ein Leichtes, da er die Sprache ſo gewandt, wie Benno, ſprach... Noch immer ſah er die Herzogin nicht... Der Boden unter ihm wurde heiß wie Feuer... Glühende Lava rann neben ihm... Was ſoll aus Alledem werden! ſtöhnte er vor Schmerz über ſeine Lage... Nun auch noch die fremden Leiden zu den eigenen!... Schon wußten auch die Zickeles, wohin ihn ſeine Credit⸗ briefe führten, von ſeiner Ernennung und wünſchten der Gräfin Erdmuthe Glück, ihn als einen Deutſchen ſo in der Nähe zu haben... Er mußte ſich ſagen: Das zerſtört ja jede Möglichkeit der Ehe ihres Sohnes, wenn Graf Hugo die Abſicht meiner Reiſe erfährt und— Paula's Empfindungen für mich kennt—! In der That, die Gräfin empfing ihn mit der Kälte, die er erwartet hatte... Haßte ſie ſchon das römiſche Prieſterthum an ſich, war ſie wie ihr Sohn tief⸗ verletzt von der Bedingung, daß erſt eines Beichtvaters Ja! oder Nein! über Paula's Willen entſcheiden ſollte, 3 ſo war die Nachricht, dieſer Beichtvater käme nun auch ſogleich dicht in die Nähe Caſtellungo's, wo der Graf 369 eibbt⸗ ſo gern ganz ſich niedergelaſſen hätte, und folgte demnach undheit ſeinem Beichtkinde, für ſie ein wahrer Hohn, den die „Kirche“ dem Stolz dieſer Familie ſprach... Sie 4 er nik. ſah hier nichts als die Veranſtaltung der Jeſuiten lbel es Sie ſah das fortgeſetzte Wirken des Ordens, dem ehäufte Terſchka ſich entzogen hatte... Sie ſah die Feind— ſieeben ſeligkeit des Erzbiſchofs von Cuneo, des Cardinals Fe⸗ ete ſch, felotti, der bereits gewaltſam in die Rechte der Walden⸗ lieniſch ſer eingegriffen hatte... da er Als Bonaventura von ſeiner erſten Begegnung mit der Gräfin mit dem Entſchluß, lieber doch dieſer Lockung Boden des Ehrgeizes, dieſer Lockung ſeiner Liebe zur Geliebten e Lava und zum Vater mit äußerſter Kraft zu widerſtreben, nach ſtöhnte Hauſe kam, regnete es in Strömen. och die Schon war es ſpät... Er konnte nicht ſogleich auf der Freyung die Pforte finden, die die ſeinige war... Tredit Eine Weite dauerte es, bis er ſich zurecht fand.. en der Wie er geklingelt hatte, ſchlug unter den vielen Re⸗ ſo in genſchirmen, die um ihn her ſich faſt den Platz benah⸗ .Das men, einer, ein dunkelblauſeidener, auf... wenn Indem er in ſein Wohnhaus trat, erkannte er die md langſam an ihm vorübergehende Geſtalt im braunen Mantel und mit den ſchwarzen Handſchuhen... it der 119 Das Blau des Schirmes, das Gaslicht der Laterne, n das die gerade neben der Hauptpforte befeſtigt war, der mit I tief Schnee untermiſchte Regen gaben dem Antlitz des jun⸗ vaters gen Mannes den Ausdruck des Todes... ſoltle Kein Wort, nicht einmal ein zweiter Blick, nur ein Lä⸗ auch cheln, wie: Siehſt du nun?— und das Bild war vorüber... Gef Bonaventura ſuchte wie vor einem Geſpenſt ſein einſa⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VII. 24 370 mes Zimmer... Er floh, als wenn Lueinde hinter ihm her und huſchte und höhnte: Heide! Heide! und dann doch ſagte: wu Aber ſei ohne Furcht! Ich ſag' es nur dir!... Sie iſt es, rief er... Sie iſt es... Was kann ſie noch wollen?... ſinn Am folgenden Tage ſah er endlich die Herzogin von— Amarillas... we Olympia ruhte nicht eher.... tie Principe Rucca ſuchte ihn faſt gewaltſam in den zu Palatinus zu führen... vo Ceccone war zugegen... Es war äußerlich ein heiterer Abend... Unter den Scherzen zitterte das tiefſte Leid... läl Angiolina wurde nicht erwähnt... Benno's Mutter fand er, wie ſie dieſer geſchildert... an Unter dem Schein äußerſter, ja abſtoßender Kälte eine lei⸗ denſchaftliche und dann doch wieder plötzlich kalt verſtän⸗ wi dige Seele... Er und ſie benahmen ſich ſo, als wüßten ſie nichts na vom Tiefverborgenen... dr Olympia überhäufte ihn mit Schmeicheleien und Lieb⸗. koſungen— um Benno's willen, den ſie für ſeine Flucht Er einen Maledetto nannte, den ſie nun bald in Rom ſtra— ein fen würde Principe Rucca nannte den Baron von Aſſelyn ſchon pr den allerbeſten Freund, den er in dieſer Welt beſäße.... wi In einigen Wochen hofften alle in Rom zu ſein ... Es ſchienen Menſchen, hergekommen aus jener al⸗ R. ten Welt der Imperatoren, wo die Frauen in ihren her Ohrgehängen den Werth eines Königreichs trugen... Sie fanden ganz in der Ordnung, daß der Biſchof von 1 Robillante ſein Bisthum vom Kapitel verwalten ließ rn den erer und den Carneval in Rom verbrachte... Wie be⸗ wunderten ſie Bonaventura's italieniſche Ausſprache... Die Herzogin war bei all dieſen wilden und leicht— ſinnigen Exclamationen—— die Duenna Olympia's — jene Arme, die ſich von Kirche zu Kirche fortbetete, weil ſie keine Kutſche bezahlen konnte... Sie ſtand tief befangen und mit Zittern lauſchend... Die noch zum Leben verurtheilte— Niobe, wie ſie Bonaventura's von ihr ſeltſam gefeſſeltem Auge erſchien... Die Schwierigkeit der von Paula geſtellten Aufgabe lähmte Bonaventura's Entſchließungen. Wie ſollte er dem Grafen ſich nähern? Wie ihn nur annähernd ergründen?... Selbſt Erkundigungen nur über ſeinen Ruf einzuziehen, widerſtrebte ihm... Auch kannte jedermann und niemand mehr, als Bo⸗ naventura, ſein Verhältniß zu Angiolinen... Er wußte durch Benno, daß der Graf ehrenwerth war, ja edel von Pauta ſprach... Er konnte nur nach Weſterhof ſchreiben: Er iſt vollkommen würdig!... Dennoch ihn ſehen, eine Weile mit ihm leben, war unerläßlich... Die Mutter des Grafen betrachtete ihn indeſſen mit prüfenderen Augen, als er auf ihren Sohn gerichtet haben würde... Als der Graf hörte, Bonaventura ſollte Biſchof von Robillante werden, kam er noch weniger von Schloß Salem herein, von deſſen Verſteigerung man ſchon ſprach... Bonaventura erfuhr letzteres von Angelika Müller... Dieſe, endlich einmal wieder in katholiſchen Berüh⸗ rungen recht ſich ausſchwelgend, ſagte: 24* 372 Gräfin Erdmuthe fährt hin und her, ſchickt Boten über Boten an die Zickeles... Die Kataſtrophe iſt reif... An die Stelle des Adels tritt in dieſer Welt die Börſe... In dieſen Zuſtand der Unentſchloſſenheit, die durch Lu⸗ cindens verlorene Spur gemehrt wurde, hinein drängten ſich die Vorbereitungen zur wirklichen Vollziehung ſeiner Bi⸗ ſchofswahl, noch ehe er ganz entſchieden zugeſagt hatte... Das Kapitel von Robillante hatte ſeiner eige⸗ nen Wahl ſich begeben und der römiſchen Curie die Beſetzung mit einer ihr genehmen Perſönlichkeit über⸗ laſſen... Bonaventura ſtand der Gräfin und dem Grafen gegenüber in einem Licht, das das u ſtigſte von der Welt ſein mußte... Was ſollte Pauka denken! Was ganz Weſterhof!. Da, zur Mehrung des falſchen Scheins, mußte es geſchehen, daß der unwiderſtehliche Zug des Her⸗ zens, der Bonaventura nach den Eichen von Caſtellungo zog, eine Entſcheidung erhielt, die ihn beſtimmte, in der That die Mitra und den Krummſtab anzunehmen, es mochte kommen, was da wollte——... Er war bei Gräfin Erdmuthe geweſen, hoffte wieder vergebens, bei ihr den Grafen Hugo zu begrüßen.. Die Gräfin empfing ihn mit äußerſter Kälte, heute mit einer Aufregung des Zorns... Ihre Augen glühten, ihre Hände zitterten... Ha, brach ſie nach den erſten Begrüßungen aus, da ſeh' ich die neuen Kämpfe, die mir beſchieden ſind! ..„Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand!“ ſpricht der Pro⸗ ihh er 272 373 phet... Ich muß nach Italien... Fefelotti zer⸗ tritt die Früchte meiner Anſtrengungen... Hab' ich darum mit ſoviel Kronen und Cabinetten unterhan⸗ delt!. Bonaventura erfuhr eine Schreckenskunde— auch für ihn... Die nach Witoborn zu Hedemann's Hochzeit reiſende Mutter Porzia Biancchi's, die bei den Seidenwürmern zurückgebliebene Giuſeppina Biancchi, Gattin des frank⸗ furter Napoleone, Schwägerin des Profeſſors Bianechi, der— ein echter Italiener— vor ſeiner Verwandtin plötzlich„verreiſt“ war, hatte dieſe Nachricht eben mit gebracht.. Der Eremit von Caſtellungo, Fraͤ Federigo, war ſpurlos verſchwunden Im Mund des Volkes ging nur Eine Stimme... Der neue Erzbiſchof von Cuneo hatte ihn in die Kerker der Inquiſition geworfen... Als Bonaventura dieſe Mittheilung hörte— als er den Strom von Anklagen und Verwünſchungen, in denen ſich die Greiſin erging, auch nicht mit einem ein— zigen Wort unterbrach, ſondern nur, wie die Wand ſo weiß geworden, den Bericht vernahm und ſich ihn von der hereingerufenen alten Italienerin beſtätigen ließ— wie er ſelbſt dem kleinſten Zug der Mittheilung eine fieberhafte Aufmerkſamkeit ſchenkte, hätte eine mit ge⸗ ringerem Selbſtvertrauen begabte und nicht ganz nur in ſich ſelbſt lebende Perſönlichkeit, wie die der Gräfin, wohl erkennen müſſen, welche Umwälzungen im Innern Bonaventura's vor ſich gingen... 374 Sie ſah in dem Zucken ſeiner Nerven, in ſeinen auf den Lippen erſterbenden Fragen und Antworten nur die Beſchämung eines römiſchen Prieſters... Jetzt bricht es aus, was die„Rotte Korah“, die Väter der Geſellſchaft Jeſu, über unſer Haus verhängt haben! rief ſie leidenſchaftlich aus... Dieſer red⸗ lichſte Freund der Armen, dieſer wahre Prieſter Gottes, dieſer Rathgeber, Tröſter, Lehrer der Unglücklichen und Unwiſſenden, ein heimatloſer Pilger, den ich ſeit Jah⸗ ren ſchützte, ein Deutſcher nach allem, was ich von ihm entdecken konnte, ſo oft ich ſeine einſame Hütte beſuchte und eine Vergangenheit zu ergründen ſtrebte, die er viel⸗ leicht nothgedrungen verhüllt— ſchmachtet jetzt in den unterirdiſchen Kerkern des Kapitels von St.⸗Ignazio— iſt vielleicht ſchon den Ketzerrichtern, den Dominicanern der Trinitä zu San⸗Onofrio übergeben!... Und kein Beiſtand von der Regierung, fuhr ſie fort... Dieſe Regierung ganz in den Händen der Jeſuiten... Kein Beiſtand bei den benachbarten Geiſt— lichen... Nicht bei mir?! rief Bonaventura mit mächtig hal⸗ lender Stimme. Seine Augen leuchteten... Er ſtand aufrecht, erhoben, wie mit einem Blitzſtrahl in ſeinen krampfhaft ausgeſtreckten Händen... Die Gräfin betrachtete die ſeltſame Bewegung, hörte das Wort des Beiſtands mit Theilnahme— aber, da nächſt dem Glauben ihr der Sohn ihr Alles war, ſo ſah ſie jetzt nur die wirkliche Beſtätigung des Gerüchts über Bonaventura's Biſchofsſitz— in der Nähe der lu⸗ * geſtö zur beenn Er! Jtal ſen 375 theriſchen Salem⸗Camphauſens— in der Nähe Paula's, ihrer— allenfallſigen Schwiegertochter... Die Entfremdung blieb die alte... Eine Annäherung an den Grafen war aufs neue geſtört... Eine bloße Formalität, die Bonaventura zur Beruhigung Paula's und der Verwandten ſchnell zu beenden glaubte, wurde immer unmöglicher... Er rannte dahin— wie von Roſſen gezogen... Er hatte ſich noch von der Gräfin und von der alten Italienerin über ſeinen vermeintlichen Vater erzählen laſ ſen.. Jeder Zug beſtätigte ſeine Ahnung... Sein Vater lag nicht in dem Schnee der Alpen begraben, nicht in Sanct⸗Remy— er lebte— war ſeiner Freiheit beraubt... Beraubt durch Fefelotti, dem er berechtigt ſein konnte, gegenüberzutreten... Es gab jetzt keine Wahl mehr für ihn... Er mußte Biſchof von Robillante werden... Paula gegenüber das zu bleiben, was er bisher war, ein Entſagender — dieſe Kraft für ein ganzes Leben ſich zuzutrauen, ent muthigte ihn ja nichts... Wie aber jetzt die Vereinigung aller Intereſſen!... Er hätte dem Grafen ſich ſo gern ganz vertrauen, ihn in ſeine Seele blicken laſſen mögen... Die Heirath Paula's mußte ſtattfinden... Aber auch von ſeinem Biſchofsſtabe konnte er nicht laſſen... Sollte er ſich dem Chorherrn anvertrauen?... Dem Cardinal Ceccone ſelbſt? Sollte er dem Grafen an die Bruſt ſinken? Gerade da ſich ausweinen?... Wäre Benno's Vermitte⸗ lung möglich geweſen!... Faſt war es ihm ein Troſt, 376 den Doppelgänger Lucindens oder ſie ſelbſt zu ſehen... Er konnte annehmen, daß ſie noch nicht alles, alles kannte, was ſeine Seele belaſtete... Daheim erwartete ihn Leo Zickeles, der älteſte der Söhne des großen Handlungshauſes, und beklagte aufs bitterſte, daß der Gang der Geſchäfte mit dem Grafen eine ſo üble Wendung zu nehmen drohte... Alle Hoff⸗ nungen ſchienen zerſtört, die Ausſichten auf die Heirath ſchienen geſcheitert... Die Gräfin, hörte er, hätte neue Verbindungen mit Geldleuten eingeleitet... Sogar an Herrn von Pötzl wäre eine Annäherung erfolgt... Zweideutige Agenten riefe ſie in ihr Palais... Der „ungerechte Mammon“ brachte die liebende Mutter um alle Haltung... Leo Zickeles ſah in dem ſeufzenden Schweigen des jungen vornehmen Geiſtlichen nur— die Verſtocktheit der Kirche gegen eine gemiſchte Ehe, äußerte ſich aber darüber mit der ſeiner Stellung geziemenden Zurück⸗ haltung... Am Abend durfte Bonaventura nicht beim Cardinal Ceccone fehlen... Er ließ ſich getroſt als„Biſchof von Robillante“ begrüßen, komme was da wolle— und doch ſagte er ſich: Treulos handelſt du an den Verwandten Paula's— an dem Grafen Hugo!... Er war mit ſeinem ganzen Daſein zerfallen... Den folgenden Morgen hatte er verzweifelnde Briefe an den Onkel, an Benno geſchrieben... Aber er war willens, in die Kirche„Maria Schnee“ zu gehen, die alle geiſtlichen Functionen, Meſſe, Beichtſtuhl, Predigt ihm ſchon geſtattete.. ſproch U ſelbſt 257 344 Dann wollte er nach Schloß Salem fahren und den Gra fen dort begrüßen— oder nicht eher weichen, bis er ihn ge— ſprochen, ihm— er hoffte es— Vertrauen abgewonnen hätte... Um halb zehn Uhr erhielt er einen Brief vom Grafen ſelbſt... Er war datirt aus der Stadt und vom früheſten Morgen... Man hatte den Brief zurückbehalten, bis Bonaventura ſein Zimmer öffnete... „Hochwürdigſter Herr Domkapitular!“ lautete er. „Noch immer iſt es mir nicht möglich geweſen, in der Stadt Ihren Beſuch zu empfangen und zu erwidern, da ich durch vielfache Geſchäfte an meinen Landaufent⸗ halt gebunden bin. Geſtern Abend bin ich von Schloß Salem hereingekommen und zwar auf Grund eines Briefes, den ich von Herrn von Terſchka aus London erhielt. Er wiederholt die Behauptung, daß die Urkunde, die un— ſere Linie um Hoffnungen betrog, die Jahrhunderte alt ſind, eine gefälſchte iſt. Er verwies mich ausdrücklich auf eine gewiſſe Lucinde Schwarz, mit der ich mich über dieſe Angelegenheit verſtändigen ſollte. Sie wäre, wie er gehört hätte, jetzt in Wien und ſtünde zum Herrn Oberprocurator Dr. Nück in Beziehungen der größten Intimität. Die Ehre und der Beſtand meines Hauſes ſtehen auf dem Spiele. Ich erkundigte mich noch geſtern Abend nach dieſer Dame und fand ſie in der That hier anweſend. Ich ſprach ſie. Ich will jedes Aufſehen mei⸗ den, aber ich muß die Dame durch meine Mittheilun⸗ gen für ſichtlich in Verlegenheit geſetzt erklären. Wenn ich nicht ſofort gegen ſie einſchreite, ſo iſt es, weil mich eine außerordentliche Aehnlichkeit derſelben mit einem We⸗ * 378 ſen rührt, das mir unendlich theuer war. Auf mein wie⸗ he derholtes Androhen, daß ich nichts unterlaſſen würde, ge um eine Frevelthat aufzudecken, an der, wie ich weiß, meine Verwandte unbetheiligt ſind, erklärte ſie mir, ſie zu würde mir eine Antwort zukommen laſſen durch Eure Hochwürden— nach einer in der Beichte genommenen S Rückſprache—— Somit erſuche ich Sie in aller Erge— zu benheit, haben Sie die Güte, von ihr in der Kirche der Italiener, wo Ihnen Kanzel und Beichtſtuhl einge⸗ räumt wurden, die Beichte entgegenzunehmen— und zwar heute in der Frühe, zehn Uhr. Iſt dieſe mit Ihnen S genommene Rückſprache vorüber, ſo bitt' ich mir die Stunde beſtimmen zu wollen, wo ich die Ehre haben an kann, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Um meine gute Mutter nicht aufzuregen, bitt' ich dringend um die Aprreſſe: Profeſſor Dalſchefski, beim St.⸗Stanislaushauſe auf der Currentgaſſe. Mit aller Hochachtung Hugo, Graf von Salem⸗Camphauſen.“... w Bonaventura's Athem ſtockte... Er ſah auf die Uhr... Es war ſchon dreiviertel auf zehn...— Nach einigen Minuten Beſinnung begab er ſich, ge⸗ 1 führt vom Chorherrn, in die Kirche„Maria zum 6 Schnee.... der freundliche Führer weiter wies... Die Sakriſtei liegt ein wenig abſeits von der ur⸗ alt ehrwürdigen Kirche... Wie er ſich zitternd in geiſtliche Kleidung warf, † ſtarrten ihm durchs Fenſter von einem Kreuzggang Bald ſtanden ſie auf einem kleinen Platz, wo ihn 379 her alte Grabmäler und Statuen wie der Tod entge gen Er betrat das Innere des gothiſchen, hellen, nur zu ſehr moderniſirten Gottestempels Es war ihm, als träte er ein— in die Welt des Südens... Doch auch wie ein heißer Sirocco wehte es zugleich ihn an An einem der hohen Pfeiler ragte die Kanzel, wo er am nächſten Sonntag predigen ſollte.. Er verbeugte ſich dem Hochaltar und ſchritt an dem Standbild Metaſtaſio's vorüber—... Der Meßner führte ihn in einen Beichtſtuhl, dicht an einem kleinen Nebenaltar mit brennender Lampe Ein Bild des Gekreuzigten, zu deſſen Füßen zwei Frauengeſtalten, alte Holzſchnittwerke, beteten, zur Rech ten— zur Linken das hohe Eingangsportal In dem engen braunen Häuschen ſank er zuſammen, wie das Vorbild all ſeines Duldens— als dieſem auf ſeinem Todesgang Simon von Cyrene zu Hülfe kam... Es ſchlug zehn Uhr.. Wenig Secunden— und eine Geſtalt— in weib⸗ licher Kleidung— kniete neben ihm Es war Lueinde. Ende des ſechsten Buchs. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. “ *. olour& Grey Controſ Chart Cyan Green Vellow Hed Magenta — 1.