— 1 — 4 V Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Ffäher r Abends 8 Uhr offen. 5 3 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3———üü—— l K 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und eihezeit. Dieſelbe iſt auf 1 Tage fsſtgeſetzt und wird Weiterverleihen d 1 darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 8——— — Deerr Zauberer von Rom. Sechster Band. Der Bauberer von Rom. Roman in neun Büchern von Rarl Gutzkow. Sechster Baud⸗ Leipzig: F. A. Br ockhhan s. 1 860. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Uebertragung in fremde Sprachen vor. Fünftes Buch. Fortſetzung und Schluß. Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 4 ———— ———e— 441 13. Noch in derſelben Nacht ſchlug das Wetter um. Zum Schnee geſellte ſich Regen. So begann die Jagd ſchon ganz mit Beſtätigung der trüben Ahnungen, die Tante Benigna um die Nachtruhe gebracht hatten; Paula ſah am Tag zuvor eine Feuersbrunſt und zuſammen⸗ ſtürzende Gebäude, die ſie nicht zu nennen vermochte... Terſchka war heute ſchon in aller Frühe aufgebro⸗ chen und hatte zum Schloß Münnichhof, wo ſich die Mehrzahl der Mitglieder des großen Jagdfeſtes ver⸗ ſammeln wollte, einen Umweg über Kloſter Himmelpfort gemacht... Noch am Abend hatte er Armgart nach dem Stift Heiligenkreuz zurückbegleitet, war ſpät wiedergekommen, dann beim Thee nicht erſchienen.. Bonaventura hatte ſich unmittelbar nach der Viſion ent⸗ fernt... Mit leicht erklärlicher Aufregung hatte er Paula gefragt, welches Gebäude ſie brennen ſähe, und von ihr keine Antwort erhalten... Ja er magnetiſirte ſie, um ihr Auge zu ſchärfen... Sie verfiel dadurch in einen 1*⅔ 4 deſto ſanftern Schlummer, aus dem ſie Niemand mehr wecken mochte... Onkel Levinus gehörte einer Familie an, die in den frühern geiſtlichen Zeiten die Landoberjägermeiſter der Fürſtbiſchöfe von Witoborn geweſen waren. In jagd⸗ gemäßen Traditionen war er aufgewachſen. Aber von dem Ideal eines Nimrod ſtand er ſo weit entfernt, daß Tante Benigna vollkommen Recht hatte zu befürchten, man könnte ſtatt der erlegten Hirſche und Rehe auch allenfalls ihn ſelbſt, den weiland Candidaten des Erb⸗ landoberjägermeiſteramts, auf dem Beutewagen nach Hauſe fahren. Wie ſie ihm die Pelzkappe darreichte, den Fuß⸗ ſack ſeinem Leibſchützen Soetbeer auf die Seele band, ja ſogar dieſem zuflüſterte, wenn der Baron einen feuch⸗ ten oder zu langen Stand im Walde bekäme, den Fuß⸗ ſack bei der Hand zu behalten; wie ſie das Lederfutter unterſuchte, in welchem die prachtvoll damascirte Doppel⸗ flinte geborgen lag, da hätte nur die— frühere Arm⸗ gart gefehlt, um dieſen Abſchied aus dem Tragiſchen ins Komiſche zu überſetzen. Onkel Levinus bewegte ſich in ſeinem Jagdeoſtüme, zu welchem ſich noch die Wildſchur geſellte, wie ein „Pelzmärtel“ zur Weihnachtszeit. Aus Bär und Zobel konnte man ihn kaum herausfinden. Das Geſicht war erkennbar nur an zwei Brillengläſern, ohne die er heute behauptete keinen Rehbock zu treffen. Bei ſeinen Fabrikationen von Berliner Blau, Stärkemehl, Pott⸗ aſche und künſtlichen Düngererden hatte er nie die Brille nöthig; nur auf die Jagd nahm er ſie mit, um den Spott, der ihn als Abkommen ſo vieler fürſtbiſchöflicher * Erblandoberjägermeiſter unfehlbar heute treffen würde, durch ein„kurzes Geſicht“ zu mildern. Und dann war Graf Münnich als ein„ſchußneidiſcher“ Cavalier in der ganzen Gegend bekannt. Der iſt eiferſüchtig auf jeden Schuß, der nicht aus ſeiner Büchſe kommt! ſagte der Onkel mit einem Ton, als fielen heute mindeſtens durch ſeine Kugel ein Dutzend Rehe... Eine Jagd in einem Walde, der im Frühjahr nicht mehr ſein wird! ſeufzte Paula beim Abſchied... Ja, alles wird weggeſchoſſen, was Haar oder Federn hat! renommirte der Onkel... Bitte, bitte, Baron! fiel die Tante ärgerlich über einen ſo gefährlichen und herausfordernden und noch dazu, ſie wußt' es ja, nur affectirten Ton ein; bitte, ſehen Sie nur zu, daß man Ihre Pelzmütze ſchont! Die Tante ließ es noch zweifelhaft, ob auch ſie zu den Transparentbildern Püttmeyer's, die Nachmittags den Damen der vornehmen Jäger gezeigt werden ſollten, kommen würde... Sie wußte, es gab nachher ein ſtattliches Jagdbanket, und die Trauer Paula's geſtattete weder ihr, noch Paula, ſich in dieſem Grade in die Zer⸗ ſtreuungen des Weltlebens zu miſchen... Von Armgart, ſagte ſie, ließe ſich erwarten, daß ſie mit den Stiftsdamen auf Schloß Münnichhof zu Püttmeyer's Triumphen kom⸗ men würde; dieſe hätten drei Equipagen aus Witoborn beſtellt... Zwei Stiftsdamen, Fräulein von Merwig und Fräulein von Abſam, gehörten ſogar zu den Jä⸗ gerinnen und waren berühmt durch ihren Muth und ihre Fehlſchüſſe. 1 Mit der Verſicherung des Onkels, daß man ſich * * 6 verlaſſen könnte, er würde ſich weder zu lange an dem Banket, noch an dem ſelbſt in dieſer frommen Sphäre nach den Jagdpartieen üblichen hohen Spiel betheiligen, entzog er ſich endlich dem beklommenen Abſchied... Das leichte, trotz des Schneeregens offene und freie Jagdwägelchen rollte von dannen. Unterwegs pfiff der Wind nicht wenig. Die Brillen⸗ gläſer des kühnen Jägers beſchlugen; oft verlor er den Athem, wenn der Wind unſetzte und Leibſchütz und Kutſcher, die vor ihm ſaßen, nicht mehr als Windfang dienen konnten. Dennoch wurde er nicht müde, Jagd⸗ anekdoten theils ſelbſt zu erzählen, theils ſich erzählen zu laſſen, Anekdoten, die bis in die glänzendſten Zeiten ſeiner Familie hinaufreichten und dem Ausſpruch: Ecclesia san- guinem abhorret! keineswegs entſprachen; denn immer handelte ſich's darum, wie Se. hochfürſtbiſchöflichen Gna⸗ den dazumalen entweder ſelbſten die Sau abgefangen oder ſich von einem ſichern Standorte aus Flinte auf Flinte, bereits geladen, hätten darreichen laſſen und die herbei⸗ getriebenen Rehe und Hirſ che zum„Plaiſir 3 niſſimi“ zuſammengemördert hätten. 4 Gegen zehn Uhr war man auf Miünnichho.. Auf dieſem ſtattlichen Herrenſitze, der noch mit Zugbrücken und einer Anzahl Lünetten für noch vor⸗ handene alte eiſerne Böller, mit Wällen und in einem großen ringsumher gehenden Arm der Witobach mit vor⸗ geſchobenen Eisbrechern oder ſogenannten Dücs d'Alba ausgeſtattet war und im Innern des Hofs in die Blüte und Herrlichkeit des ſiebzehnten Jahrhunderts zurück⸗ verſetzte, fand man den größten Theil der Geſellſchaft wieder, die neulich dem Freiherrn von Wittekind dei letzte Ehre gegeben hatte... Der Hof war belebt von dem Jagdzeug des Gra⸗ 7 fen, das mit den Contingenten der benachbarten Herr⸗ ſchaften, vorzugsweiſe dem großen Jagdperſonal der Dorſtes vermehrt worden war. Da ſtanden die Wagen für die Jagdtheilnehmer und für die gemachte Beute. Trei⸗ ber und Jagdburſche hielten die Schweißhunde an der Leine und mancher von letztern trug noch am Halſe die„Koral⸗ len“, einen Stachelring, nach deſſen Abnahme man vorausſetzen konnte, das gereizte Thier würde um ſo gieriger an die wilde Arbeit gehen. Der muſikaliſche Theil der Jagd war durch einige horngeſchickte Jäger, vorzugsweiſe durch die in Jagdcoſtüme gekleideten Trom⸗ peter der Huſarengarniſon von Witoborn vertreten, ja ſogar ein Bajazzo fehlte nicht— der buckelige Stam⸗ c mer hatte ſich vom gräflich Dorſte'ſchen Oberförſter ein Coſtüm erbettelt und blies aus Leibeskräften mit den übrigen. In ſeiner grünen Mütze mit einer Feder ſah er aus wie ein Heuſprengſel und die Gräfin von Münnich, eine fromme Dame, die ohne eine kirchliche Buße nicht ins Theater ging, mußte im Kreiſe ihres Be⸗ ſuchs wider Willen über ihn lachen, als ſie auf einen Balcon hinaustrat, der in den Hof ging, angelockt von einem Hornſolo, das jedoch des Guten zu viel that und in Diſſonanz verendete... Zu der Blüte des Adels, zu jungen und alten im Bann der hieſigen Anſchauungen lebenden Cavalieren, auch Offizieren der benachbarten Garniſonen, hatte ſich ſchon jetzt eine nicht geringe Anzahl Frauen geſellt. — N. Amazonenhaft traten nur einige wenige auf. Mit Spannung erwartete man vorzugsweiſe die Damen aus dem Stifte... Die Fräulein von Merwig und von Abſam blieben ohne Zweifel ſchon auf dem für den Be⸗ ginn der Jagd abgeſteckten Standorte zurück, an dem 8 ſie vorüberfahren mußten und wo ſich alle diejenigen einfinden wollten, die erſt über Münnichhof einen Um⸗ weg gemacht hätten... Terſchka war nicht zu ſehen... Jeder fragte nach ihm... Feſt ſtand, daß ihn ſeine Ritterlichkeit heute wieder zur Hauptperſon des Tages machen würde... In der That ſchon mit„Schußneid“ ſagte das Graf Münnich, ein ſchlanker, von Kopf bis zu Fuß jagd⸗ gemäß gerüſteter Herr, deſſen Aufregung unter den zwanzig bis dreißig Cavalieren die lebhafteſte war... Benno und Thiebold ſollten gleichfalls kommen... Letzterer als baldiger Herr des heute und bis zum Frühjahr zum letzten mal vom Jagdruf widerhallen— den Waldes... Der auch an ihn ergangenen Einladung hatte er um ſo weniger widerſtehen können, als er nach den geſtrigen ſchmerzlichen Erfahrungen für Benno's ihn„jetzt ängſtigenden“ Trübſinn und den minder gefähr⸗ lichen eigenen die erheiternde Wirkung eines ſolchen Ver⸗ gnügens geltend machte, auch„nicht leugnen“ konnte, daß ihm ein vom jungen Tübbicke in Witoborn ſchleu⸗ nigſt nach dem Modejournal angefertigtes Jagdcoſtüm nicht übel ſtehen müßte.. In dem großen Ahnenſaal, in welchem neben den bis weit über den Weſtfäliſchen Friedensſchluß hinaus⸗ reichenden Familienporträts die wunderbarſten Hirſch⸗ geweihe hingen, ſolche ſogar, die mit Baumäſten ver⸗ wachſen waren, nahm man ein Frühſtück ein. Dann wäre man, da die, welche noch fehlten, auf dem ge⸗ wählten Schießſtande im Warten ungeduldig werden konnten, unfehlbar aufgebrochen, wenn ſich nicht die Scene auf eine eigenthümliche Art durch das Eintreten einer Perſönlichkeit geändert hätte, deren Erſcheinen hier Niemand erwartete. Ein magerer Herr in mittlerer Statur, in der ſo⸗ genannten Armeeuniform, die Bruſt mit Orden bedeckt, trat ein... Hinter ihm folgte ein Jäger, der, wie alle Leibſchützen, die Flinte ſeiner Herrſchaft trug... Der Landrath! ging es mit einſtimmigem Murmeln durch die Reihen der aus ihren ſchon wieder angezoge⸗ nen Pelzröcken und Ueberwürfen kaum erkennbaren Phy⸗ ſiognomieen. Niemand war beſtürzter, als der Wirth, Graf Münnich ſelbſt... 22* Was iſt das? rief er erſtaunt und allen hörbar... Bald ſtellte ſich heraus, daß den Landrath von Enckefuß Niemand eingeladen hatte... Noch mehr... Der feierliche Aufzug des in dieſer Sphäre ſchon lange durch die Zeitereigniſſe Proſcribir⸗ ten hatte etwas Beängſtigendes... Daß dieſer weiland „ſchöne Mann“, ein alter Cavalerieoffizier, ſich mit der größten Befliſſenheit ſeinen Bart, ſein Haar gefärbt, ja ſogar die Runzeln ſeines faſt fleiſchloſen und nur aus Haut und Knochen beſtehenden Kopfes weggemalt hatte, überraſchte Niemanden. Auch heute hatte er ſeine all— bekannte Toilette, dieſelbe Chevalerie mit den Damen, 10 daſſelbe ſtramme Auftreten mit den hohen Stulpſtiefeln, dieſelben Scherze, die man an ihm gewohnt war... Aber in ſo ſeltſamer Uebertreibung kam alles an ihm zum Vorſchein, daß man annehmen mußte, entweder hatte er bereits ſeinem vormittägigen Lieblingsgetränk, dem Cüracäo, ſtark zugeſprochen oder er befand ſich in allem Ernſt in geiſtiger Unzurechnungsfähigkeit... Sofort bildete ſich eine Phalanx gegen den Vertreter der Regierung, gegen den Mann, der einen Bruder des Kirchenfürſten im Duell erſchoſſen hatte, gegen den Freund des Kronſyndikus, gegen den Vater des Aſſeſſors, des jetzigen Rathes von Enckefuß... wiederum ſah man die große Kluft des Vaterlandes und immer peinlicher wurde die Verlegenheit für den Jagdherrn... Allgemein ſtellte man ihm in ergrimmter Aufregung die Zumuthung, er ſolle den unberufenen Eindringling bedeuten, daß ſein Eintreffen auf Schloß Münnichhof ein Misverſtänd⸗ niß wäre... Sogar die Gräfin beſaß den Muth, die Bedenklichkeiten ihres inzwiſchen zaghafter gewor⸗ denen Gatten zu überwinden und mit der Würde ihrer äußern Erſcheinung, mit dem Hochgefühl ihres Zuſammenhangs mit dem Träger der dreifachen Krone, den Landrath auf ein Misverſtändniß aufmerkſam zu machen... ſie wollte ſagen, daß ſie ſich ein Gewiſſen daraus gemacht haben würde, den Herrn von Enckefuß „mit Elementen“ zuſammenzuführen,„die ihm höchſt unangenehm ſein müßten”“... Jetzt aber erfuhr ſie durch die Dienerſchaft, Herr von Enckefuß wäre durch die Nichteinladung zu einer Jagd, an der jeder Adelige der Gegend theilnähme, in einem 4 rathen“; aber hinter jedem der Jagdtheilnehmer ſtand ein Jäger und bediente das Schießzeug— man mußte etwas vorſichtig ſein und that beſſer, zu ſchweigen... Pancraz! rief aber auch Terſchka wild auf und ein Jägerburſche, in der grün und gelben Livree der Dorſtes, ſprang hinzu und bot Armgart die Flinte, offenbar ſchon im Einverſtändniß und nach geſtern Abend mit ihr getroffener Verabredung... Sie nahm ſie, wie wenn ihre Hand aus einer Urne ein Todesloos zog... Trara! Trara! Trara! begann es jetzt überall und Halloh! Halloh! An die Plätze! rief man... Nun lief alles und ſtellte ſich erwartungsvoll... Der mittlere Plan war leer... Zwei Zägerreihen zogen ſich vierhundert Schritt entlang... Am äußer⸗ ſten Ende ſtand der immer laut perorirende Landrath... Ein Raſcheln, ein Knacken hörte man jetzt... Siehe da! Fünf Hirſche brachen aus der rechten Flanke des Quarrés, das die Geſellſchaft bildete... Die Hunde, die noch an der Leine gehalten wurden, winſelten... Die Thiere ſtanden noch Keinem ſchußrecht... Da plötzlich ruft eine Stimme— es war die des Grafen:— Tire haut! Tire haut?... Alles lachte... Der Lärm der Treiber hatte die gefiederten Be⸗ wohner der Baumkronen in Aufregung gebracht, aber der Onkel hatte ganz Recht, als er heftig lospolterte: Was ſind das für Sachen! Dieſer verdammte Münnich! Nur die Aufmerkſamkeit will er vom laufen⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 2 18 den Wild ablenken durch die Vögel, die heute gar nicht in Betracht kommen! Es ſind nur Flederwiſche da oben! Doch über ihn her fiel Schnee von einem abſtieben⸗ den Auerhahn... Pancraz ſagte: Herr Baron! Oben„ſteht Alles ein“! Während Armgart über den techniſchen Ausdruck von„einſtehendem“ Geflügel vom Onkel eine Belehrung zugeflüſtert bekam, erſcholl es Piff! Paff!... Von allen Seiten... Vier Hirſche lagen; der fünfte war durchgebrochen... Aber auch der Auerhahn ſtürzte herab... Dieſen hatte Terſchka geſchoſſen... Darüber gab es Verwirrung genug. Man hatte nun die Hunde losgelaſſen. Verwundet war das fünfte Thier entflohen. Auf dem Schnee ſah man die Schweiß⸗ ſpuren. Einige Hundert Schritt von der andern Flanke der Pläne, die man beſtand, ſtutzte der Hirſch, machte, von den Treibern der andern Seite empfangen, Halt und wandte ſich zurück. Nun ſtellte ihn die Meute und der Zunächſtſtehende war berufen, das Thier zu ſchießen... Es waren gerade Benno und Thiebold... Thie⸗ bold,„vorwitzig, wie auch nur ich ſein kann“, ſchoß— ſchoß fehl... Jetzt legte Benno an— wollte los— drücken... Paff! Im Nu ſchon ſank das Thier, von einer Kugel getroffen, die vom äußerſten Ende der Jagdreihe kam... Der Landrath hatte geſchoſſen. Aus einer Eniferuung, wo ihm zum Schuß jede Be⸗ rechtigung fehlte... Darüber gab es denn einen gewaltigen Lärm.. 19 Dieſe Anmaßung war gegen alle Regel... Die Kugel hätte fehltreffen, Jemanden verwunden, tödten können... Zornig ſchrie man durcheinander... Dem Onkel wurde es immer wirrer zu Muthe... Das fortgeſetzte Knallen der Büchſen— an andern Orten brach neues Wild durch— die Nähe der Schießſtände, das Pfeifen der Kugeln, Armgart's ihm jetzt doch„tollkühn“ erſchei⸗ nende Anweſenheit, alles mahnte zur Vorſicht und in leib⸗ hafter Geſtalt ſah er Tante Benigna neben ſich, die mit den ängſtlichſten Warnungen ihn beſchwor, ſich um aller Heiligen willen in keine Gefahr zu begeben... Jetzt auch bemerkte er die geheimen Inſtructionen, die ſein Leibſchütz Soetbeer mitbekommen... Hätte Soetbeer vor dem jetzigen Durcheinander etwas von„Fußſack“ merken laſſen, würde der Onkel es ihm ſchön gegeben haben; nun, in dem Geknatter und dem Pulverdampf, ließ er alles zu ſeinem Beſten geſchehen.. Ein Rehbock kam mit zwei Riekchen und ging dicht an ihm vorüber... Der Rehbock kam erſtaunt und nicht einmal beſonders geängſtigt„dahergeſtapelt“, wie Fräulein von Merwig rief— die Familie des Fräuleins hing nach dem Onkel unfehlbar mit dem Geſchlecht der alten Merovinger zuſammen— der Bock ſchien zu wiſſen, daß wenigſtens die beiden Rieken, die ihn begleiteten, ſonſt vor dem Schuſſe ſicher ſind, da man Weibchen nicht ſchießt; es galt aber einen Vertilgungskampf. Un⸗ ter dem Beileid der kunſtgerechten Jäger brachen auch dieſe zarten Thierchen zuſammen und mit ſo vielen Ku⸗ geln, daß ſich darüber neuer Streit erhob. Armgart war ſchon in fieberhafter Ereegung gekom⸗ 2* 20 men... jetzt ſtand ſie zitternd und hielt ſich an Terſchka, der nach dem Meiſterſchuß auf den Auerhahn nicht mehr ſchoß und nur links und rechts ſpähte, vorzugsweiſe hinüberſchielend auf Benno und Thiebold... Benno gehörte plötzlich zu den wildeſten Jägern... Jede Ladung ſuchte er ſo ſchnell wie möglich los zu wer⸗ den... Thiebold bat ihn wiederholt, ſich zu mäßi⸗ gen... Nach ſeinem Fehlſchuß hatte er die Courage verloren... Armgart kam ihm vor, ſagte er, als wollte ſie das Ziel aller Kugeln ſein... Und doch ſchien ſie ein überirdiſcher Geiſt, den keine Kugel treffen konnte.. Inzwiſchen fuhr der Landrath fort, eine Unvorſich⸗ tigkeit nach der andern zu begehen. Eine ſeiner Kugeln ging dicht am Handgelenk der Frau von Böckel⸗Doll⸗ ſpring⸗Sandvoß vorüber... Die Fräulein aus dem Stifte, ohnehin gegen ihn tendenzgereizt, ſprachen über den„tollen Mann“ in Ausdrücken, die keineswegs ver⸗ riethen, daß auch ſie zu den Dichterinnen im Stifte ge⸗ hörten... Auf der Jagd, in der Hitze des erregten Blutes, wählt man die Ausdrücke nicht und ſo hörte der Land⸗ rath eine Beleidigung nach der andern... Seltſam jedoch, er brach auf alles, was ihm von nahe und von fern zugerufen wurde, in Gelächter aus ... Man würde ihn fortgewieſen haben, wenn nicht jetzt auf ein gegebenes Signal der Stand geändert worden wäre, um mehr oſtwärts zu ziehen. Dem Oberförſter am des Wildes zu wenig... Auf Rechnung des Win⸗ 21 des ſchrieb er's... Nun trat alles aus den Büſchen hervor und zog weiter. Onkel Levinus aber war entſchieden dafür, daß man erſt den Mann entfernte,„durch den hier heute noch ein Unglück entſtehen würde“... Alle die, welche ſchlecht geſchoſſen hatten, unterſtützten ſeine Meinung... Meine Damen! rief der Landrath im Dahinwaten über die Pläne, wo inzwiſchen ſchon das gefallene Wild von dem dazu beſtimmten Jagdperſonal ſchnell ausgeweidet wurde... Amor ſchießt blind, immer blind und trifft doch! Haha! Hier ſoll man bei offenen Augen die Kugel im Lauf behalten? Korn und Viſir! Ein Blinzeln von ſo ſchönen Damenaugen— und ich gehöre gleich zu den lumpigſten„Schneidern“, die's nur geben kann— Meck! Meck! Meck! Meck! Die Amazonen, ſelbſt die hinter Terſchka einher⸗ ſchleichende und Benno und Thiebold wie ihr Gewiſſen vermeidende Armgart nicht ausgenommen, waren Ken⸗ nerinnen der Jagd genug, um zu wiſſen, wie von ihm dies Meck! Meckl ſpottweiſe gerufen wurde, weil ſchlechte Schützen„Schneider“ genannt werden. Fräulein von Merwig hatte den beſtändigen Beinamen des„Fräu⸗ leins von Anflicker“, den ſie von ihrer Leidenſchaft für die Jagd und ihrer geringen Trefffähigkeit fürs Leben zu behalten fürchten mußte. Doch ſchon aus dem Aerger, den ſie über dieſen Spottnamen empfand, konnte man ſich denken, wie verletzend es wirkte, daß nun der Landrath allen Jagdgenoſſen unausgeſetzt ſein höhniſches Meck! Meckl nachrief... Die gutmüthigſten Naturen können auf der Jagd, 22 beſonders wenn die Füße kalt werden und die Hände lieber in den Pelzhandſchuhen ſtäken, als harrend am kalten Lauf der Flinte, einen determinirten Anflug von Malice bekommen. Jetzt riefen ſogar ſchon die früher ſchweigſamern Stimmen: Ungebetene Gäſte wirft man zur Thür hinaus! Andere: Werft das Geſcheite(das Eingeweide) in den Buſch für die Füchſe! Andere wand⸗ ten ſich zu den Damen: Meine Damen, Sie ſprechen von Amor? Wir haben allerdings einen blinden Paf ſagier unter uns! Graf Münnich wollte keinen Eclat und bot ales auf, den Frieden zu erhalten. Darüber kam man an den neuen Stand, den der Ober⸗ förſter bereits angeordnet hatte. Es war wieder eine Pläne, hier rings nur von Tannendickicht umgeben... Leider hatte ſich der Oberförſter verrechnet... So lange man auch harrte, ſo lange auch die Treiber raſſelten und mit ihren Knütteln an die Bäume ſchlugen, keine„Pfote kam heraus“— zuletzt einen einzigen Haſen ausgenommen, deſſen Erſcheinen ein all⸗ gemeines Gelächter erregte... Lampen ſchoß in natürlicher Großmuth als zu ge⸗ ringfügige Beute Niemand, ſondern durch die Stände hindurch wurde der Geängſtete hin⸗ und hergewieſen, bis er den Damen faſt ſo nahe zugetrieben wurde, daß ſie ihn an den Ohren hätten faſſen können.... Wieder ſtörte der Landrath dies komiſche Intermezzo durch ſeinen aufgeregten Eifer. Er ſchoß den Haſen dicht vor den Füßen Armgart's nieder und hätte dieſe, die ſich nichts gewärtigte, leicht verwunden können.. inde ſe n, daß ego aſen eſe, 23 Darüber brach der Unwille der ganzen Geſellſchaft in helle Flammen aus... Armgart lag halb bewußtlos an einen Fichtenſtamm gelehnt; die Flinte, die ſie, ohne zu ſchießen, in der Hand gehalten, war ihr entfallen; Benno und Thiebold waren auf halbem Wege ihr zu Hülfe geſprungen, ja ſetzten ſich ſelbſt darüber dem nächſten Schuſſe aus... Ueber alles das entſtand eine Scene der höchſten Aufregung... Sie mehrte ſich, als der Landrath vorſprang und rief: Wer raiſonnirt hier? Ruhe! Ich befehle! Ich! Jetzt ſtand er wuthſchäumend auf der Mitte der Pläne... Ein gemeinſamer Ruf unterbrach ihn: Er iſt verrückt! Haltet ihn! Bindet ihn! Wirklich ſchlug der tolle Mann um ſich, drohte mit ſeiner Doppelflinte, deren einer Lauf wahrſcheinlich noch geladen war, und würde ein Unglück angerichtet haben, wenn nicht Jemand hervorſprang, ihm die Arme zu halten. Man hielt Benno und Terſchka zurück, auf die Jäger rechnend. Eine leicht erklärliche Scheu vor der erſten Verwaltungsbehörde der Gegend hielt die Nächſtſtehenden noch eine Secunde ohne Entſchluß— Da theilten ſich die Büſche und mit dem Rufe: Pax vobiscum! ſprang mit auffliegender Kutte ein Francis⸗ canermönch auf den Plan, hielt mit einem Arm die Flinte des Landraths und griff mit dem andern ſo ge⸗ ſchickt beide durch die Luft fuchtelnden Hände des un⸗ geberdig Drohenden und Raſenden, daß dieſer zwar mit ſchaumbedecktem Munde ſich feſt und aufrecht erhielt, aber auch bewegungslos verharrte, nur noch machtlos ſeinen Bändiger anſtarrend... Bruder Hubertus war es, der ſelbſt weiland ein Jäger geweſen und den entweder das Gebell der Hunde, das Knattern der Flinten oder Terſchka's Anweſenheit angezogen hatte— im Kloſter hatte er ſich vor wenig Stunden ihm zu nähern geſucht und war von Terſchka ſchnöde abgewieſen worden.. Die Geſellſchaft, außer ſich über den Vorfall, um⸗ ringte die Gruppe und rief dem Mönch, der wie der bändigende Tod daſtand: Bewachen Sie ihn! Führen Sie ihn fort! Ich will Ihnen Leute zurücklaſſen! rief Graf Münnich... Der Mönch ſchüttelte den Kopf, ſich verbürgend, er würde ſchon allein den Unglücklichen in Sicherheit bringen. Inzwiſchen blieſen auf ein gegebenes Zeichen die Hörner... Schon zog ſich die ganze Geſellſchaft in den dichtern Wald... Armgart geführt von Thiebold — Terſchka war im Augenblick, da Hubertus erſchien, verſchwunden... Still und ſtiller wurde es ringsum... Die Sig⸗ nale nur hörte man, die den Treibern die Veränderung der Stellung ankündigten und die von dieſen fernher wieder beantwortet wurden.... Ein einziger ſchreckenvoller Augenblick... Jeder⸗ mann eilte, ihm zu entfliehen. 14. Wie in nächtlicher Waldeinſamkeit zwei kämpfende Hirſche ſich ihre Geweihe ſo ineinander gebohrt haben können, daß ſie ſich nicht mehr auseinander zu winden wiſſen, die Kraft der Stirnen nachlaſſen fühlen und beide ermattet und zum Sterben bereit, ja wie im Tode zuvor noch verſöhnt, zu gleicher Zeit hinſinken, ſo ſtanden ſich der Mönch mit dem Todtenkopf und ein Irrſinniger gegenüber... Immer ſchwächer und nachgiebiger wurde der Wider⸗ ſtand des Wuthſchäumenden, der barhaupt, ohne ſeine herabgefallene Mütze, daſtand mit ſchweißbedeckter Stirn. Zuletzt begann er, wie aus einem Traum erwachend, in Ohnmacht zu ſinken.. Der Mönch fing ihn mit ungeſchwächter Kraft auf. Er hielt ihn unbeweglich in ſeinen Armen... Kein Laut, keine Anrede kam aus ſeinem Munde... Der Landrath brach zuſammen und verlor die Beſinnung... Einſamkeit ringsum... Nur die düſtern Tannen ſtille Zeugen des ſchreckhaften Auftritts... Beide Männer auf dem ſchmelzenden Schnee ſtehend ... Hubertus in Sandalen, der Näſſe und Kälte nicht achtend, der Rittmeiſter mit Koth beſpritzt bis zur Achſel... Ein Gegenſatz zu dem ſich weitab verziehenden Lärm der Jagd, zu dem Knallen der Büch⸗ ſen, zu dem Bellen der Hunde, zu dem noch jeweiligen Durchbrechen des Wildes, das ſcheu und ſtutzend hielt, der den Muth und die Geiſtesgegenwart eines Helden herausforderte. Den Arm des Landraths ließ der Mönch noch immer nicht. Er wollte ihn, wenn er zur Beſinnung kam, verhindern, zu entfliehen und der Geſellſchaft wieder nachzurennen; denn daß er mit einem Mann zu thun hatte, der das Licht der Vernunft verloren, hörte Hu⸗ bertus bald an dem, was der Unglückliche allmählich zu ſprechen begann... Ich bin der Landrath—! ſagte er erwachend... Wohl! Wohl! Herr von Enckefuß! flüſterte der Mönch mit milder und beruhigender Stimme... Nehmen Sie ſich vor mir in Acht! Ich kenne Sie ſehr wohl! fuhr der Rittmeiſter nach einer Weile fort... Große Ehre, Herr Landrath! Sie ſind der Doctor Klingsohr! Pater Sebaſtus jetzt! Wie konnten Sie ſich unterſtehen, mich von meinem Freunde— Wittekind fortzuſchicken? Das war ja mein beſter, einzigſter Freund! Und der— wollte doch ſonſt das Pfaffengeſindel nicht! Laß mich, Kapuziner! Der Mönch bedeutete den Rittmeiſter, der den Gra⸗ fen Münnich mit dem Kronſyndikus verwechſelte, auf ehend Kälte bis eitab Büch⸗ ligen hielt, elden mmer kam, ieder thun Hu⸗ h zu inem mein ſonſt Hra⸗ auf 27 deſſen Jagden er früher den Matador gemacht, mit nickenden Zuſtimmungen... Nicht wahr? Ich bin eingeladen? fragte jetzt der Landrath kleinlaut... Dieſe Worte wiederholte er öfter und mit Pfiffigkeit und fuhr dann ſtolz fort: Mein Vater hat die Schlacht bei Belle⸗Alliance ge⸗ wonnen! Sagſt du auch: Wellington? Landesverräther! Man muß euch hier alle niederſchießen! Alle! Eher kommt keine Ruhe und kein Patriotismus ins Land! Beide gingen dabei ſchon fürbaß... Manchmal noch rangen ſie, manchmal zankend, manchmal beruhigt ſtill ſtehend... Der Mönch ermüdete nicht, durch Eingehen auf die Vorſtellungen des kranken Mannes ihn zu be⸗ ſänftigen... Der Tobende rief: Ich werde euch zeigen, welche Verwandte ich habe! Ihr ſollt euch wundern, wer meine Protection iſt! Der König hat ſchon mehr als dreißigmal mit mir geſpro⸗ chen! Betteln kann ich ſo gut wie andere, aber— ich gebe keine fünfzig Procent! Auf Spiel, da ſteht jetzt Strafe... Haha! Tangermann! Zimmer 15! Leu⸗ tenant von Barnekow und Rittmeiſter von Enckefuß— nehmt euch in Acht! Rittmeiſter a. D.... Ade!... Soll ich denn mit Gewalt ein Müller werden? Dies letztere Wort ſprach der Verwirrte plötzlich faſt weinerlich... Ermuntert zur Nachgiebigkeit wurde er durch den Zuſpruch des greiſen Mönchs, der bald die Milde, bald die Energie ſelbſt war, ihm in allem Recht gab, ihn in 28 dem Glauben beſtärkte, daß er der vornehmſte, geache tetſte und arrangirteſte Mann der Provinz wäre und doch wieder feſthielt, wenn er ungeberdig um ſich ſchlug ... Hedemann, ſagte Hubertus, das, das wäre ja der Müller, aber auch noch ein Oberſt könnte hier ein Mül⸗ ler werden, ſetzte er plaudernd hinzu. Fehlte irgendetwas, um dem in ſeinem Weſen ein⸗ fachen, ja trotz ſeiner Kraft kindlichen Mönch das Ver⸗ trauen des Unglücklichen zuzuwenden, ſo war es die Erwähnung ſeines Sohnes... Auf das Kichern und Lachen, mit dem der Landrath ein Dutzend mal auf die Erwähnung des Oberſten hin⸗ tereinander: Papiermüller! Papiermüller! rief, hatte er einen uneröffneten Brief hervorgezogen und ſtolz ge⸗ rufen: Na da kuck' einmal! Das iſt von meinem Sohn! Von Ihrem Herrn Sohn? hatte kaum der Mönch wiederholt und von ſeiner letzten Reiſe her deſſen hoffnungs⸗ volle Carriere gerühmt, ſo leiſtete der Landrath keinen Widerſtand mehr, ſondern ergab ſich ruhig, folgte und ſprach, auf den Brief deutend, mit Behagen: Ja, mein Sohn, der iſt in drei Jahren Miniſter! Den Adlerorden, den hat er ſchon— er darf ihn nur noch nicht zeigen! Alles weiß mein Junge... Und wenn du ſchweigen kannſt, Pfäffchen, ſollſt du hören, was mir mein Sohn geſchrieben hat! Das iſt die Handſchrift, die an ihm der König ſo ſehr liebt! Sein König!... Das kennt ihr hier zu Lande gar nicht, was es heißt: Mein König!...„Helft Leute mir vom Wagen ab“(ſang er mit leiſer Stimme),„mein König trank 29 daraus!“... Lies, Alter, und ſiehſt du, der Binde⸗ ſtrich immer wie ein Grundſtrich und der Grundſtrich immer wie ein Bindeſtrich... Das hilft nun nichts! Etwas Apartes muß der Menſch haben! Mit der feierlichſten Würde ſeine Autorität behaup⸗ tend öffnete er den vielleicht kurz vor dem Verlaſſen ſei⸗ ner Wohnung empfangenen amtlichen Brief und ließ, während er ihn vorleſen wollte, den Mönch mit ein— ſehen. Nicht daß der Alte in der braunen Kutte neugierig war... Ihm genügte, daß dieſe Gedankenreihen den Wahnwitzigen zerſtreuten und daß er hoffen konnte, ihn ſo allmählich zum Meyer von Borkenhagen, dem nächſten Ort, zu führen, wo er gedachte ein Fuhrwerk anſpannen zu laſſen, um den Kranken nach Witoborn in ſeine Woh⸗ nung zurückzubringen... Plötzlich aber fiel ihm in dem Briefe, der eiligſt und offenbar unter dem Siegel amtlicher Verſchwiegenheit geſchrieben war, ein Zeichen auf, vor dem ihn Schau⸗ der ergriff... War in dem Briefe— von ihm ſelbſt die Rede?... Stammer(der als der Jagd unwürdig am fernen Waldrand bei der Wagenburg geblieben war) hatte an jenem Abend im Finkenhof Recht gehabt— Hubertus trug jenes bekannte Verbrecherzeichen auf ſeinem fleiſch⸗ loſen Arme... Was ſollte das jetzt—? Er ſah dies Zeichen abgebildet in dieſem Brief... Der Landrath hielt, wie ein Fernſichtiger, den Brief ſo weit von ſich zurück, daß Hubertus während des Vor⸗ leſens mit einſehen konnte... ——xx— 30 Aber merkwürdig, der Jerſinnige las etwas völlig Anderes, als was im Briefe ſtand. Nur die Ideen las er aus ihm heraus, die in ſei⸗ nem Kopfe lebten, während Hubertus ſogleich bemerkte, daß der Inhalt ein hochwichtiger und ihn perſänlich betreffender war... Der Landrath las: Lieber Vater— die Canaillen helfen einmal nicht— Dieſer Kattendyk iſt und bleibt ein Eſel— Nück hat Dir den Tod geſchworen— Deine Widerſacher triumphiren! Halt' aber aus, bis ich ans Ruder komme— Dann kann es mir und Dir nicht fehlen und Du zahlſt es auch dem Präſidenten heim, gegen den Du viel zu lange zu ſtolz geweſen biſt!— Warum läſſeſt Du Dir Dein Schweigen nicht bezahlen? Warum ſchonſt Du Räuber und Mörder und thuſt es umſonſt? Weil Du zu ſtolz biſt? Ha! Cavalier vom Tſchako bis zum Sprungriemen! Lernt uns von Anno 13 kennen, einen Rittmeiſter von den braunen Huſaren! Landfriedensbrecher! Ihr Römlinge! Die Cocarde er⸗ kenne ich euch ab!... Auf die Jagd bekommſt Du Deine Karte ſo gut wie hier jeder andere von Diſtinction! Monsieur le Baron d'Enckefuss est invité à la chasse! Mit dem Brief ſalutirte der Rittmeiſter an ſeiner wachsledernen Mütze, die Hubertus ihm von der Erde genommen, dann getragen und allmählich aufgeſetzt hatte .Seine ſchwarzen Augen funkelten, die rothe Naſe glühte, die Tuſche ſeiner Geſichtsfarbe hatte ſich im Regen verwiſcht und floß um den jetzt in ſeiner Grauheit ſich verrathenden Bart. Jeder, der im Walde dahergekommen in ſei⸗ nerkte, ſönlich aillen bleibt Deine ch ans fehlen en den Zarum zarum ſonſt? ſchalo * 13 aren! de er⸗ t Du etion! asse! ſeiner Erde hatte Naſe tegen tſich umen wäre und hätte die beiden ſchreckhaften Geſtalten geſehen, wäre bebend zurückgewichen. Aber auch Hubertus hätte ſich jetzt an dem Wan⸗ kenden halten mögen... Sein Geiſt war mächtig in der Kraft des Willens, nicht in der Combination... Erſt ohne Verſtändniß blickte er in die Schrift, die ihm der Landrath entgegenhielt, bald aber las er im klarſten Zuſammenhange, die Pauſen des Landraths nutzend, Folgendes: „Lieber Vater! Eine Nachricht von Wichtigkeit, die ich Dir perſönlich mittheile, damit Du Dir ganz allein das Verdienſt dieſer Entdeckung erwirbſt und die Krän⸗ kungen, die der Parteigeiſt über Dich verhängt, durch Deine Thätigkeit beſchämen kannſt! Ein Verbrecher, der zwanzig Jahre in Frankreich auf den Galeren lebte, iſt in unſere Gegend gekommen und hat ſich ſogleich bei ſeinem erſten Auftreten in ſeiner ganzen Gefährlichkeit gezeigt. Auf einem Kirchhof hat er einen Sarg erbro⸗ chen. Ein halbes Jahr hat er dann verſtanden, ſich in unſerer Stadt an einem noch unbekannten Orte verbor⸗ gen zu halten. Bei den Unruhen, die noch täglich in unſerer Stadt über die Verhaftnahme des Kirchen⸗ fürſten ſich wiederholen, wurde auch er bemerkt und ohne Zweifel ſteht er im Solde Nück's, dieſes verſchlagenen, heimtückiſchen Menſchen. Hammaker, der uns allerdings ſeit Jahren das Nückſche Treiben beaufſichtigte, wollte erfahren haben, daß dieſer Kerl in Eure Gegend gehen würde, um daſelbſt etwas auszuführen, was Hammaker nicht zu wiſſen behauptete. So viel weiß ich, daß Jean Picard oder Jan Bickert(Hubertus ſtockte im Leſen und 32 hielt ſich an den vorſtehenden Zweigen eines Buſches) d auf dem Wege in Eure Gegend iſt, reich ausgeſtattet l mit Geld. Suche auf Grund des nachfolgenden Signa⸗ lements hinter eine mögliche Verkleidung zu kommen: Jean Picard iſt gegen fünfzig Jahre, ſpricht ſchlecht deutſch, gut franzöſiſch, holländiſch, hat mittlern Wuchs, röthliches Haar und eine ſtark orientaliſche Phyſiognomie. Auf ſeinem linken Arm befindet ſich das Zeichen der franzöſiſchen Galeren T. F.; auch ſoll ſich, wie von der 1 1 Verwaltung der Galeren in Breſt geſchrieben wurde, der holländiſche Verbrecherſtempel(Hubertus ſtarrte der Abbildung des Zeichens) auf ihm eingebrannt finden. Schließlich mach' ich Dich aufmerkſam, daß auch ſoeben in größter Eile von hier eine Dir vielleicht von früher her nicht unbekannte Dame Lucinde Schwarz auf Witoborn gereiſt iſt. Beobachte die Schritte derſelben! Um ſo 6 mehr, als ich vermuthe, daß ihre plötzliche Abreiſe im( Zuſammenhang mit irgendeinem wahrſcheinlich auf Nück's Anſtiften bezweckten Unternehmen des Jean Picard ſteht. ——,— — Lucinde Schwarz wird Dir dicht in der Nähe ſein und bei einer Frau von Sicking wohnen, an die ſie von hier aus empfohlen iſt. Beobachte ſie und ihren Umgang und laß beſonders das Schloß Weſterhof bewachen, da ich eine Ahnung habe, daß ſich gerade dort etwas ereignen könnte, was nicht in der Ordnung iſt! Lieber Vater, in Eile ... Dein treuer Sohn E.“ 3 Schon auf eine bloße Anerkennung der vortrefflichen 8 Handſchrift des Briefes hin konnte der Mönch ihn ganz 1 an ſich nehmen und behalten... Seine knöcherne Hand zitterte, als er den Brief in ſeine Kutte ſteckte... Er, der ſonſt ſo ſchnell Gefaßte, hatte die Beſinnung ver⸗ loren... Denn ſeit Monaten ſuchte er ja zwei Menſchen, deren Andenken ihm in dem Augenblick aufs lebhafteſte entgegen⸗ getreten war, als er die Anzeige erhielt, eine ermordete Frau hätte ihm ein Vermögen von zwanzigtauſend Tha⸗ lern hinterlaſſen... Längſt hatte er der Erinnerung an jene Entſetzliche ſich entwöhnt... Sein Leben lag ihm nur noch im flüchtigen Augenblick... Nur in Geſprächen mit dem Pater Sebaſtus tauchte zuweilen ein altes buntes Bild verklungener Tage auf... Sebaſtus ſagte noch kürz⸗ lich in ſeiner Krankenzelle zu ihm: Hubertus! Sie müſſen in Java gelernt haben Liebestränke brauen! Gewiß hatte die Frau einen Trank von Ihnen gekriegt! Denn zeit⸗ lebens dachte ſie nur an Sie und ich will nicht hoffen, fuhr Sebaſtus fort, daß Ihre Erbſchaft das Ergebniß einiger Giftmorde iſt, in denen ihrerſeits Frau von Buſchbeck ihre Force gehabt haben ſoll!... Hubertus, hocherſtaunend, lehnte die Antretung der Erbſchaft nicht ab... Die grau⸗ ſame Zerſtörerin ſeines Lebensglücks war durch die Hand jenes Mannes gefallen, der ihn einſt in jenen Con⸗ vict begleitet hatte, wo er am Pater Fulgentius ein ſo ernſtes Strafgericht gehalten, indem er den, der den Tod zu lieben vorgab, auch wirklich nicht verhinderte aus dem Leben zu gehen. Damals noch war dieſer hingerichtete Jodocus Hammaker ein junger Mann von Bildung, von Talent geweſen, ein Mann von angeneh⸗ men, gefälligen Formen... Wie, hatte er gedacht, wie hatte ein ſolcher Mann ſo verwildern, ſo zum Mörder werden können!... Das weckte ihm ſein eigenes ver⸗ Gutzkow, Zauberer von Nom. VI. 3 2 34 gangenes Leben, eine Jünglingszeit, wo auch er am ſchaudervollen Rande des Verbrechens ſo gefahrvoll für ſeine Seele dahingeſchritten... Gedenkend des Tages, als er dem Mörder Jodocus Hammaker im Kloſtergarten von ſeiner Vergangenheit, von ſeinem Sprung aus einem brennenden Hauſe erzählte, kam ihm mit wehmuth⸗ vollen Klängen die Erinnerung an die beiden Kinder, die damals ſeiner Obhut anvertraut geweſen, dieſe Kin⸗ der, die Gott durch ein Wunder, durch ſeinen Muth errettet wiſſen wollte, dieſe Kinder, von denen er ſich, als man ihn nach Java ſchickte, mit ſo bitterm Kummer ſeines jungen Herzens getrennt hatte... Wo mochten ſie wol ſein 2... Das beſchäftigte den„ſeltſamen Heiligen“ in ſeiner Kloſtereinſamkeit wie ſchon ſonſt ſeit Jahren, ſo jetzt aufs neue und lebendiger denn je. Was war aus ihnen geworden?... Wie, wenn ſie im Elend, auf dem Weg des Verbrechens lebten?. Er erhielt dieſe anſehnliche Summe! Er mochte ſie ſeinem Kloſter nicht geben, ſeitdem der ihm und allen verhaßte Pater Maurus Guardian und ſogar Provinzial ge⸗ worden... Wie, dachte er, wenn ich das Geld an⸗ nähme, meine alten Pflegebefohlenen zu entdecken ſuchte und es ihnen zukommen ließe, falls ſie's bedürfen ſoll⸗ ten oder deſſen würdig wären?... Dieſe Vorſtellung er— füllte den Greis mit ſolcher Lebhaftigkeit, daß er in der Einſamkeit der Klöſter, auf den Wanderungen, die er im Auftrag des Provinzials zu machen hatte, ſtündlich dar⸗ auf zurückkam: Wo lebt wol Wenzel von Terſchka? Wo Jean Picard?... Vor einem halben Jahr hatte er auf einer dieſer Wanderungen die Nachricht über jene er am voll für Tages, ergarten ng aus ehmuth⸗ Kinder, iſe Kin⸗ 1 Muth et ſich Kummer mochten eltſamen iſt ſeit .. ennn ſie ſeinem erhaßte ial ge⸗ ‚Ad an⸗ ſuchte en ſoll⸗ sung er⸗ in der er im ch dar⸗ rſchka⸗ atte er er jene Erbſchaft zuerſt empfangen... Gerade war er in Or⸗ densaufträgen in Belgien geweſen, ging nach Holland, kam eben aus Gröningen zurück, hatte von Jean Picard nichts vernommen, als daß er nach einer Reihe von Jahren von Breſt fortkam und in Paris verſchollen ſein ſollte; von Wenzel von Terſchka nichts, als daß er nach ſeinem Unfall in Amſterdam nach der Schweiz und von dort nach Italien gegangen war... Nun be⸗ gegnete er plötzlich vielleicht beiden!... Hier! Hier — dem einen in einer vornehmen, glänzenden Stel⸗ lung! Dem andern auf dem längſt von ihm geahnten Wege des Verbrechens!... Wenzel von Terſchka war allerdings ein Name, der, wie er ſchon gehört hatte, in Böhmen ſo häufig war, wie die Namen Wilhelm von Schulz oder Heinrich von Schmidt in Deutſchland ſein könnten... Aber die ſeltſame Aehnlichkeit der Züge mit denen jenes Kindes, das er bis zum fünften Lebensjahre gekannt hatte, als er an der einſamen Mühle des Müllers Sterz, dann bei einem Scharfrichter zwiſchen Zütphen und Deventer mit den Knaben lebte... Allerdings, dieſer vornehme Cavalier, der in ſo geheimnißvoller Weiſe heute mit dem Pater Maurus eingeſchloſſen war— im einſamen Bibliothekſaale des Kloſters, der für dieſen Zweck eigens hatte geheizt werden müſſen— dieſer ſtand ihm keine Rede, lehnte jede Frage nach ſeiner Geburt und Jugend und nach Angehörigen ſeiner Familie ab... Jetzt aber— wirklich Jean Picard! Der lebte! Lebte hier! ... Ein Mann mit dem Verbrecherſtempel, den er auf Terſchka's linkem Arm bei der Jagd hätte entdecken mögen ... Und um ſo mehr! Dieſem Picard geſellte ſich der 3* 36 Name jener Lucinde, die er auf dem von ihm gemiede— nen Schloß Neuhof ſelbſt zwar nie geſehen hatte, die er aber in allem kannte, was ſie dem armen, gebrochenen Pater Sebaſtus, dem weiland Doctor Klingsohr, ſo werth gemacht hatte und noch machte... Auch ſie in der Nähe!... Sie, um derentwillen Sebaſtus noch jetzt in ſeiner Strafzelle klagte... um derentwillen er, vor ſeiner Rückkehr aus Holland, mit einigen Fremden, die ihn beſuchten, eine Flucht verabredet hatte... Sie in Verbindung mit Verbrechern!... Unmöglich, unglaub⸗ lich!... War ſie in der That bei jener vornehmen Frau von Sicking, ſo beſchloß er, ſoweit ihm die Ueberraſchung, ſoweit ihm die Sorge um den Kranken, den er führte, jetzt ſchon einen Entſchluß, den er zu faſſen hatte, mög⸗ lich machten, zunächſt Lucinden aufzuſuchen, ihr dieſen Brief zu zeigen, ihr nach Jean Picard Fragen vorzulegen, ihr die Pflicht vorzuhalten, ihn jetzt zu unterſtützen, ſoweit ſeine Kraft reichte, Verbrechen zu hindern, in denen dieſer Unglückliche nur zu heimiſch zu ſein ſchien.. In ſolchen Stimmungen, ſolchen Aufregungen und Ahnungen gewaltiger Conflicte mit ſeinem Kloſterfrieden verlor er um den Kranken, den er führte, die Obhut und Sorge nicht aus dem Auge. Das ſeltſame Paar hatte den Wald verlaſſen und entfernte ſich von dem immer mehr verklingenden Lärmen der Jagd... So manches Reh war an ihnen vorübergeſprungen ... In den kahlen Zweigen der Bäume rauſchte es von den aufgeſcheuchten Bewohnern derſelben... Schon war es Ein Uhr... Die Jagd dauerte bis gemiede⸗ die er ochenen öhr, ſo in der och jetzt er, vor den, die Sie in mglaub⸗ en Frau aſchung, führte, „ mög⸗ dieſen ulegen, ſoweit dieſer n und frieden Obhut n und armen ungen zte es te bis 37 gegen Untergang der Sonne. An einer beſtimmten Stelle waren die Vorbereitungen zu einem Imbiß im Freien ge⸗ troffen. Vor fünf Uhr rechnete man nicht auf die dann im Schloß zu genießenden Leiſtungen der gräflich Münnich'⸗ ſchen Küche, während bis dahin die ſich anſammelnden Damen der Jäger von Püttmeyer's Transparentbildern unterhalten werden ſollten. Immer ruhiger, immer ſtiller und hinfälliger wurde der Landrath. Hubertus mußte bedacht ſein, den Frie⸗ renden, fieberhaft Zitternden unter Dach und Fach zu bringen... Der Regen mehrte ſich. Auf dem an man⸗ chen Stellen ſpiegelglatten Boden war kaum noch fort⸗ zukommen... Kaum hielt ſich der Landrath noch auf⸗ recht... Hubertus mußte mehr ihn tragen als füh⸗ ren... Der Wille des Kranken, aus Ueberreizung zur Ohnmacht Zuſammenſinkenden, Zähneklappernden äußerte ſich nur noch durch Zeichen... Ein ſo unend⸗ lich wehmüthiger Ausdruck war trotz der entſtellten und beſchmutzten Geſichtszüge aus ihnen herauszuleſen, daß man wohl annehmen konnte, dem leichtſinnigen, ehrgei⸗ zigen Manne hatten die fortgeſetzten Kränkungen ſeines Ehrgefühls, die er nun ſchon ſeit Jahren und beſonders ſeit den letzten Monaten erfuhr, das Herz gebrochen. Der dem Walde nächſte Kamp war dem Mönche als der armſeligſte in ganz Borkenhagen bekannt... Hier wohnten jene im Kirchenbann befindlichen Ael⸗ tern Hedemann's... Daß gerade auch der Landrath es geweſen, der dieſe mit ins Elend gebracht hatte, wußte Hubertus... Er ſah ſich in der Gegend um... Niemand war 38 da, der ihm den ohnmächtigen Mann abnehmen und in ein Obdach tragen konnte, das er als Angehöriger der Kirche nicht betreten ſollte... Er wagte jedoch die Sünde auf Rechnung der vielen, die er bald zu beichten haben würde, wenn er fortfuhr nach den Eingebungen zu handeln, die nun plötzlich durch Nennung des Namens Terſchka und den Brief, den er in ſeiner Kutte trug, ſeinen ganzen Menſchen er füllten... Eine kleine Anhöhe ging es hinauf, die zu dem Erbe Hedemann's führte, zu den Alten, die für die Beſtellung deſſelben ſeit Jahren nichts mehr gethan hatten.. Da lag ihnen ſchon das Staket, das ſonſt das wie tief in die Erde gekrochene Haus einfriedigte, in einzelnen Theilen im Wege... Am Brunnen, den kein⸗ Stroh vorm Erfrieren des Waſſers ſchützte, lagen die Eimer leck oder eingefroren... Eine Leine hing von einem der wenigen noch umſtehenden Bäume zum an⸗ dern; einige weiße Fetzen an ihr, ausſehend vor Froſt wie Vogelſcheuchen, die geſpenſtiſch im Winde flatterten .Aus dem Hauſe drang ein blauer ſtickiger Qualm. Die Thür ſtand offen; ein Birkenſtamm verſperrte den Eingang, der vor Rauch kaum zu gewinnen war... JIn der Küche am Herd ſaßen auf dem im Kamin brennen⸗ den Baum die beiden Alten. der Vater ſchnitt Dauben und Klammern— ein Er⸗ werb, den er auf Drängen des Meyers ergriffen, als der Sohn in der Fremde nicht ahnte, wie übel es mit den Aeltern ſtand; ein Erwerb, den er fortſetzte, obgleich er nun es nicht mehr nöthig hatte; ein Verlaſſen oder Verbeſſern Hedemanm's Mutter ſpann, Erbe tellung ihres Kamps konnte Hedemann zwar ebenſo wenig be wirken, wie ihnen eine Bequemlichkeit durch eine Magd oder einen Knecht anbieten... am Nöthigſten aber fehlte es ihnen nicht mehr... Der Mönch wußte ſchon, daß er keinen Gruß bekam, daß ihn ein dumpfes Murmeln hinwies, ſich das zu nehmen, was er begehrte. Selbſt der ungewohnte Anblick, ein Mönch, der einen kranken vornehmen Herrn, den Landrath ſelbſt, herein⸗ trug und auf einen Futterkaſten ſetzte— der Landrath fieberte und war beſinnungslos— nichts konnte dieſe Leute aus ihrer welt⸗ und menſchenſcheuen Faſſung bringen... Die Alte ſpann, der Greis ſchnitt ſeine Dauben... Hubertus fand jedoch Hülfe.. Wie er an den Herd gehen wollte, um den großen Keſſel abzuhenken, in dem ſich immer in dieſen Bauern⸗ häuſern das heiße Waſſer befindet(er hoffte Butter und etwas Brot zu finden, um dem Kranken eine Suppe zu bereiten), bemerkte er in der geſpenſtiſchen Stille eine dritte Perſon in der Ecke des Kamins. Ein Mann ſaß da, über ein Buch gebeugt, in dem er las. Wie aus einem Traum erwachend fuhr der Leſer auf und ſah erſt jetzt, was während ſeiner Zerſtreuung geſchehen war... Den Landrath erkannte Remigius Hedemann ſogleich; denn dieſer war es, der hier bei ſeinen Aeltern geſeſſen und inzwiſchen in ſeiner Lectüre ſich nicht hatte ſtören laſſen... Er las in einer italieniſchen Bibel.. Was iſt das? fragte er, ſich erhebend und voll 40 Staunen den Rittmeiſter von Enckefuß betrachtend. Hat der Landrath ein Unglück gehabt? Der Mörnch erklärte in Kürze den Zuſtand des Lei⸗ denden und bat, ſich ſeiner annehmen zu wollen... Er wollte indeſſen, nach weiterer Beſinnung, lieber zu⸗ rück auf Münnichhof und den Diener des Landraths rufen nit einem Wagen, der den Unglücklichen nach Witoborn in ſeine Wohnung führen könnte... Nun half Hubertus dem unerwarteten Beiſtand, den er gefunden, um den Beſinnungsloſen auf ein Stroh⸗ lager zu tragen.. Sein Auge fiel dabei auf das ſtarke Buch in klei⸗ nem Format. Er hielt deſſen Sprache für Latein und drückte ſein Erſtaunen aus über die Gelehrſamkeit, die Hedemann aus Amerika mitgebracht... Da iſt es kein Wunder, ſagte er, daß Ihr in Witoborn Papier machen wollt! Lächelnd erwiderte Hedemann: Thut Buße und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geiſtes empfangen! Im Anordnen des Ruhelagers erwachte der Land⸗ rath, beſann ſich jedoch weder auf die Lage, in der er ſich befand, noch auf die Perſonen, die ihn umgaben. Seinen Bedienten verlangte er und ſeinen Pudel. Den, letztern ſah er deutlich vor ſich und lachte, wie kahl er den Kerl geſchoren hätte... Er hielt die Finger ſpielend in die Höhe, als ließe er die Flocken durch⸗ gleiten, die er dem Thier kürzlich weggeſchnitten... Es waren die bekannten Geberden eines Sterbenden... Hubertus verſprach, Hülfe ſo ſchnell wie möglich zu Hat Lei⸗ r zu⸗ rufen oborn , den Stroh⸗ 41 ſchicken... Thut wohl euerm Feinde und ſo ihn hun⸗ gert, ſpeiſet ihn! ſagte auch er mit Bibelworten, das Verhältniß des Landraths zu dieſer Hütte andeutend... Zu ſeinem eigenen Nachtheil hatte ja der leichtſinnige Landrath dieſe Leute einſt in ihrem patriarchaliſchen Glauben an die Heiligkeit des geweihten Prieſterthums irre gemacht... Hedemann nickte dieſem Wort, warf einen Blick auf die Kleidung des Mönchs und ſagte, zunächſt wol nur mit einer Andeutung des Kirchenbanns, in dem ſeine Aeltern lebten: Darin ſind wir ja einig!... Der Landrath blieb bei ſeinen Feinden... Hede⸗ mann pflegte den Sterbenden und gedachte jenes Tags nicht mehr, wo ihn und Porzia Biancchi deſſen Sohn beleidigt hatte im Wirthsgarten der Landſtraße von Sanct⸗Wolfgang nach Kocher am Fall... Seine Mutter ſpann; ſein Vater ſchnitzelte Dau⸗ Hen.... Während Hubertus, beruhigt jetzt über das nächſte Schickſal des Landraths, deſſen Diener und Wagen auf Schloß Münnichhof zu ſuchen eilte und überlegte, wie er in Witoborn es verſuchen wollte, ſich bei Frau von Sicking einzuführen; während er überlegte, wie er Schloß Weſterhof umſpähen, Jean Picard entdecken, ihn vielleicht an einem Verbrechen hindern ſollte— hatte ſich auf Schloß Münnichhof immer zahlreicher jener Kreis der Damen gemehrt, die gleichfalls von Runen und von Zeichen, gleichfalls von Kreuzen und von Rädern ſich ergreifen laſſen wollten, freilich in einem andern Sinne, als der — 42 unbekümmert um Schnee und Regen dahinſchreitende, tief den Todtenkopf in ſeine braune Kapuze hüllende gute alte Laienbruder... Die Simultankirche, worin wir alle zu Einem Gott beten, war in einer Bauernhütte geweiht durch Nächſtenliebe und vielleicht im Schloß des Grafen durch einen Denkergeiſt? Doctor Laurenz Püttmeyer erſchien gegen drei Uhr auf Schloß Münnichhof ſo feierlich, wie wenn er die erſte Vorleſung auf dem endlich ihm überlaſſenen Lehr⸗ ſtuhl Hegel's zu halten gedächte.. Noch kunſtvoller als neulich hatten die Muſen und Grazien von Eſchede die Schleife ſeines weißen Hals⸗ tuchs gebunden... So gründlich raſirt war er, daß man der Meinung hätte ſein können, die Natur hätte ihn in das Geſchlecht der Blaubärte verſetzen wollen; denn offenbar war er mit dem friſch raſirten Kinn in die Kälte gegangen, wovon der Menſch bekanntlich blau wird... Auf der ſauber gefältelten Hemdauslage ſtrahlte eine echte Brillantnadel; die weiße Weſte, obgleich et— was gelblich durch zu langes Kommodenliegen, war mit einer ſchweren Uhrkette garnirt... Die elegante⸗ ſten gelben Handſchuhe, die nur in Eſchede waren auf⸗ zutreiben geweſen, ſaßen, wenn auch mit etwas zu langen Fingern, doch das Feierlichſte verſprechend, auf ſeinen Händen, die heute das Ewige, das Unergründliche hin⸗ ter ölgetränktem Papierrahmen ſichtbar und anſchaulich machen wollten... Alles was der Doctor jener Cu⸗ ratel, unter der er ſtand, hatte abtrotzen können, ſchmückte ihn heute, auch der große Siegelring mit einem präch⸗ —= G S ——— — de, tief 2 gute vir alle geweiht Grafen ei Uhr er die Lehr⸗ en und Hals⸗ einung ſchlecht var er angen, trahlte ich et⸗ war gante⸗ n auf⸗ langen ſeinen e hin aulich Cu⸗ nückte präch⸗ 43 tigen Karneol, der freilich unter dem Handſchuh etwas die Naht geſprengt hatte. Von einigen zwanzig vornehmen Damen wurde er mit jenem ironiſchen Lächeln begrüßt, das die vornehme Weltbildung dem der höhern Lebensformen ungewohnten Gelehrten immer bereit hält. Indeſſen war dies Lächeln, wenn auch ſatyriſch, doch nicht boshaft. Man ließ die hohe Wiſſenſchaftlichkeit des Doctors um ſo mehr gelten, als man ja in ihm eine eigenthümliche, unter den beſondern Bedingungen dortiger Landſchaft ſtehende Denkergröße beſaß. Seine mathematiſche Philoſophie inter⸗ eſſirte Jung und Alt in den gewählten, hier die übliche Landſtraße deutſchen Dichtens und Denkens gänzlich ver⸗ meidenden Kreiſen und er ſchätzte ſich glücklich, heute einen kurzen Ueberblick ſeines Syſtems den vornehmſten und angeſehenſten Damen der ſonderthümlichſten Gegend des deutſchen Vaterlandes geben zu können. Die Gräfin Münnich verſicherte dem Denker von Eſchede, daß er in dem jenſeit des hohen Ahnenſaals liegenden Zimmer bereits alle Vorbereitungen getroffen finden würde, die er in einem umſtändlichen Kanzleiſchreiben an die Frau Gräfin ſich erbeten hatte: Ein dunkles, ganz verhangenes Zimmer, ein Gerüſt, einige Näpfchen mit Oel, eine große Flaſche Spiritus. Das Uebrige brachte er ſelbſt mit und bat ſich nur die Erlaub⸗ niß aus, vorläufig die Vorbereitungen treffen zu kön⸗ nen, bis er die hochgeehrten gnädigſten Damen abrufen würde... 1 Dieſe Spannung währte nicht lange. Bald wurden die Damen abgerufen und paarweiſe ſchritten ſie dem 44 glücklichen Seher nach. Lachend und doch beklommen ging es durch den Ahnenſaal, wo ſchon aufs ein⸗ ladendſte die Tafel zum großen Jagdbanket gedeckt wurde. Püttmeyer war ſo erfüllt von ſeiner Aufgabe, daß ihm völlig entging, wer unter den Damen zugegen war... Es waren jüngere und ältere, hohe und kleinere Geſtalten, alle in gewählter Kleidung, mit Trauer⸗ zeichen alle— um den Kirchenfürſten... Paula, Tante Benigna, Armgart— ſie alle glaubte Püttmeyer zu ſehen... So verwirrt war er, daß er eine Gräfin und Freifrau mit der andern verwechſelte... Noch brannten in dem Zimmer, das ſie alle betraten, einige Kerzen... Man mußte ſich wenigſtens orientiren können, wo man Platz nahm... Als dies geſchehen, erloſchen auch dieſe Kerzen und alles war ſtichdunkel... Kichernd und ſcherzhaft um Ruhe ziſchend und ſich räuspernd ſaßen die vornehmen Frauen... Püttmeyer rumorte, wie ein Puppenſpieler, hinter einem großen transparenten Rahmen, der ſich allmählich zu erhellen begann. Zuweilen ſchien ihm eines ſeiner Lichtchen umzufal⸗ len... Die Gräfin rief dann, ob er nicht Beiſtand nöthig hätte?... Nein! nein! Meine Allergnädigſte! antwortete er... Dennoch hörte man ihn entweder mit ſich ſelbſt oder mit einem Gehülfen ſprechen... Eine zarte, ſchüchterne Stimme ſchien die des letztern zu ſein... Himmel! hätte Armgart, wenn ſie hier ommen s ein⸗ gedeckt 0 2, daß ugegen kleinere Trauer⸗ Paula, ittmeyer Gräfin traten, entiren en und nd ſich tmeyer großen erhellen nzufal⸗ eiſtand ddigſte tweder 1... letztern le hier 45 geſeſſen hätte, gewiß gedacht, vielleicht— ſteckt An— gelika hinten, die glückliche Angelika! Wenn ſie dieſen Augenblick, dieſe hohe Anerkennung ihres Geliebten erlebte! Das Zimmer war überheizt und die Damen bekamen ſchon eine eigenthümliche Exaltation von den Ausſtrö⸗ mungen des Ofens... Nnn miſchte ſich noch Weihrauchduft in den frühern, der etwas ſtark auf Verbrauch von Oel und Spiritus ſchließen ließ... Die Stimmung wurde immer erregter... Man ſchwieg jetzt ſchon deshalb, nur um ſich beherrſchen zu können, und harrte der kommenden Dinge.. Endlich klingelte Püttmeyer und mit einer nach Fe⸗ ſtigkeit ringenden Stimme ſprach er: Meine hochgräflichen— hmhm!— und hochfrei⸗ herrlichen Gnaden!— Hmhm!— Ich bin glücklich— den Entwickelungsgang meines Syſtems Ihnen in einer Reihe von Bildern ſo anſchaulich machen zu können, daß Sie ſelbſt prüfen mögen, ob wol meine Lehre— hmhm! — Ihre überzeugte Zuſtimmung findet! Denken Sie dabei nur immer, daß das, was in Gott Ein Moment i*ſt, im Denken— durch Raum und Zeit ſeine— hmhm— Ruhepunkte haben muß! Auch unſer— hmhm!— chriſt⸗ licher Glaube zerlegt Gottes Größe in ein Vorher und Nachher; denn wie würden wir ſonſt die Lehre von den — hmhm!— ſieben Schöpfungstagen haben? Ein Murmeln der Zuſtimmung ging durch den Saal... Dann folgte tiefſte Stille... Die Weih⸗ rauchdüfte mehrten ſich und jetzt begann ſogar zu aller 46 Ueberraſchung etwas völlig Unerwartetes, eine ganz wunderbare Muſik... Wo kam dieſe Muſik her? Leiſe anſchwellend hoben ſich die Töne wie auf Aeolsſchwingen. Was hatte der Zauberer von Eſchede für ein Inſtrument mitgebracht? Es war keine Flötenuhr, kein Klavier, keine Orgel... Es war von allen etwas... Das Zimmer bebte von Wohllautsſchwingungen, die die Luft zur klingenden machten... Brauſend ſchwoll es an, ſo mächtig und doch dann wieder ſo lind und lieblich, daß davon die ganze Seele erfüllt ſein durfte... Und Niemand war erſtaunter, als die Gebieterin des Schloſſes ſelbſt, die nicht hoch genug verſichern konnte, daß ſie kein Inſtrument beſäße von ſolcher Wir⸗ kung, ja das eben vernommene nicht einmal zu nennen wiſſe... Wenn Püttmeyer Orphiſche Urworte lehren wollte, konnte die Vorbereitung des Gemüths nicht mächtiger getroffen werden.. Als die Töne verklungen waren, einer immer ſanft dem andern ſich entwindend, da erblickte man plötzlich die ganze Transparenttafel azurblau und aus dem tief⸗ ſten Grunde ſei's des Himmels oder des Meeres ent⸗ wickelten ſich leiſe Schatten, die allmählich die Form einer Unzahl ſich durcheinander rollender und ſich ein⸗ ander durchſchneidender Kreiſe annahmen... Püttmeyer ſprach mit erhöhter Begeiſterung: Muſik iſt das Leben des Alls! Denn— das All beſteht aus zerſprengten— Atomen, die— ſich ſuchen, ſich finden— ſich abſtoßen, verfolgen!— Sehnſucht on die fjeterin ichern Wir ennen ehren nicht ſanft tzlich tief⸗ ent⸗ Form ein⸗ All ſchen, ſucht 47 und Liebe, demzufolge auch Abneigung— hmhm!— und Haß— iſt die Seele des Alls... Die Kreiſe bewegten ſich auch theilweiſe zurück und es entſtand ein Chaos ſo flimmernder Schatten, wie wenn das geſchloſſene Auge im Blutandrang ein Durch⸗ einanderwirbeln von zahlloſen Staubatomen ſieht... Dazu begann das ſeltſame Inſtrument in lebhaftern Rhythmen eine entſprechende Begleitung... Nicht ſchrill oder in mistönender Malerei— ſeinem Weſen entſprachen nicht ſo grelle Ausdrucksformen— wol aber in Klagelauten, wie aus der tiefſten Tiefe des Schmer⸗ zes und aus der wehmüthigſten Verkennung der Liebe empor.. Inzwiſchen ſchilderte Püttmeyer das aus dem Wir⸗ beln der Atome ſich ergebende Streben alles Geſchaffenen und des Denkens über alles Geſchaffene zum Kreiſe und die Transparenttafel verwandelte ſich allmählich in einen lichten Kreis, die blaue Farbe ging in eine rothe über ... Die Frauen beanſtandeten nicht im mindeſten, was Püttmeyer, in immer flüſſiger gewordener Rede, über das Symbol der Liebe, über den Ring, über die Schlange, ſelbſt über die Schlangeneier ſprach... Das Auge ſah in allem nur die herrlichſten Fata Morganen der Ahnung... Ueber die Muſik, die zuweilen ſchwieg, hatte ſich jetzt von einigen Damen, die eingeweiht waren, herum⸗ geflüſtert, daß ſie auf einer Ueberraſchung beruhte, die man der Gräfin bereitet... Mit dem proteſtantiſchen Pfarrer Huber war jenes ſchöne alte Inſtrument, die Harmonica, nach Witoborn gekommen und, wie der Sinn 48 der Frauen nun einmal iſt, bald hatte ſich verbreitet, daß dies Inſtrument zwar in der Art, wie man es hand⸗ haben müſſe, nicht eben ſchön zu nennen wäre, in ſeiner Wirkung aber nur höchſtens von dem ſeelenvollen Schmelz des Violoncells erreicht würde... Jedermann begehrte es zu hören... Man wußte, der„Pfarrer“, die „Frau Pfarrerin“— wenn dieſe heiligen Worte ſo zu gebrauchen nicht Entweihung war— die ſchon heran⸗ gewachſenen—„Kinder“ deſſelben ſpielten jenes Inſtru⸗ ment mit großer Fertigkeit; aber weder des Mannes Haus zu beſuchen war den hieſigen Verhältniſſen angemeſſen, noch auch der„Würde“ deſſelben zuzumuthen, daß er felbſt oder ſeine Angehörigen ſich mit ſeinen Leiſtungen bei ihnen hören ließen... Um ſo größer die Ueberra⸗ ſchung, daß Püttmeyer das Allerſehnte möglich gemacht hatte... Schon erzählten die Flüſterworte, daß die Verehrerinnen des Doctors in Eſchede dieſe muſikaliſche Illuſtration der Philoſophie ihres Schooskindes zu ſeinem größern Effecte durchgeſetzt hätten, ſie, die Armgart— in ihrer Voreiligkeit mit Kaffeekannen und Strickſtrüm⸗ pfen verglichen hatte!... Der„Prediger“, wie man hier zu Lande Herrn Huber lieber nannte, hatte zu dem Vorſchlag gelächelt, als er an die ihm ſchon durch ſeinen frühern Pflegbefohlenen, den Freiherrn Jeröme von Wittekind, bekannte Philoſophie der Drechſelbank erin⸗ nert wurde; er hatte eingewilligt in den Transport des Inſtrumentes und es heute mit Püttmeyern in einem verdeckten Wagen und ſogar mit ſeiner Tochter abge⸗ ſandt, die in der Kunſt dies Inſtrument zu ſpielen ihn und ſeine Gattin ſchon übertraf... teitet, hand⸗ einer zmelz ehrte die 0 zu eran⸗ aſtru Haus teſſen, felbſt bei erra⸗ nacht dem ſeinen von erin⸗ t des einem abge⸗ ihn 49 Püttmeyer empfand nicht die Genugthuung, die ſei⸗ nem verketzerten Werke:„Chriſtus und Pythagoras“, durch dieſen jetzt gern geſehenen Bund mit den Ketzern wurde. Ach, er war ſchon zu ſehr in ſeiner ſteten Furcht vor Sakramentsentziehungen, dann auch in ſeinem Ma⸗ giſterium eingeroſtet, um von ſich noch gegenwärtig zu haben, daß unter dem alten Schlafrock ſeines freudloſen verkümmerten Daſeins doch noch immer die jugendlich ſchöne Pſyche ſeiner Denkfreiheit mit bunten Schmetter⸗ lingsflügeln verborgen lebte... Nicht ganz paßte auf ihn ein Wort, das Onkel Levinus neulich mit ſtolzem Be⸗ wußtſein bei Gelegenheit einer muthigen That ſprach, die von einem deutſchen Profeſſor gekommen...„Sind wir auch noch ſo verirrt in den Labyrinthen der Meta⸗ phyſik, ſind wir auch noch ſo vergraben im Sand, der die Eingänge zu den Pyramiden verſchüttet, haben wir ſogar als mit Orden umſchnürte Geheimräthe uns ganz verloren in Scherwenzeln und Tellerlecken bei Diplomaten und reichen Glückspilzen, plötzlich ruft uns irgendein Sig⸗ nal an unſere ſtolze Fahne zurück und wir kämpfen doch wieder für die Freiheit und die Unabhängigkeit des Den⸗ kens, wir wiſſen ſelbſt nicht wie!“... Leider galt dies be⸗ geiſterte Wort nur einer in dieſem Kreiſe überraſchenden großen That eines deutſchen Gelehrten... Dr. Guido Goldfinger hatte aus Anlaß des Kirchenſtreites(richtiger ſeiner nah bevorſtehenden Hochzeit mit Johanna Kattendyk und des Wunſches der Mutter wegen, daß die Tochter bei ihr blieb) ſeine außerordentliche, ohnehin unbeſoldete Profeſſur niedergelegt... Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 4 50 Aber edler, viel höher ſtand Püttmeyer... Er em⸗ pörte ſich nicht gegen ſeine Unterdrücker, zu denen auch die Geiſtlichen gehört hatten; er liebte die Kirche, die ihn auf den Index zu ſetzen gedroht; aber ſtolz fing er denn nun auch von ſich zu reden an... Wer würde ſeines Selbſtvertrauens haben ſpotten mögen!... Auch die Frauen blieben im Bann ſeiner myſtiſchen Zeichen und nahmen einen flammenden Triangel für die Dreieinigkeit, nahmen ein dunkelglühendes Kreuz für die Offenbarung der Liebe, ſahen die Offenbarung des Alls im Atom, des Ewigſten im Zeitlichſten... Kommen und Gehen, Werden und Schwinden ſind ja ohnehin Gedanken, die dem Frauendaſein ſo urgegenwärtig ſind... Sie um⸗ ſpannen jetzt wie immer ihre Herzen wie mit magiſchen Fäden... Und ſelbſt Frau von Sicking, die frommſte der Frommen, hätte nicht geahnt, daß dieſe Stunde ſie ebenſo feierlich ſtimmen würde, wie ihr nur je zu Muthe war im Moment der„Wandelung“ beim heiligſten der Opfer.. Andachtsvoll hörte man ſelbſt manchem Scherz Pütt⸗ meyer's zu, ſelbſt dem, daß das doppelte Dreieck, Pen⸗ tagramm genannt, den magiſchen Zeichen der Zauberer angehöre, auch dem Gotte Gambrinus, ſetzte er lachend hinter dem muthmachenden Oelpapier hinzu, der damit in Göttingen anzeige, wo gutes Bier feil wäre,„worin jedoch nur ein tiefes Symbol des Frühlingsanfangs läge, ein Hausthür⸗Gedenkzeichen des Hexenſabbats auf dem Brocken, da ja am 1. Mai der Hexen Ausritt ſtattfände, und zwar“— hier hätte den Doctor eine ſeiner Eſcheder Gönnerinnen allerdings ein wenig am r em⸗ auch te ihn denn ſeines h die 1 und igkeit, arung Atom, Gehen, , die uml⸗ ſchen umſte ee ſie duthe 1der Pütt⸗ Pen⸗ berer chend damit vorin fangs bats ritt eine am 5 Frackſchoos zupfen ſollen—„auf dem Bock, welches Thier denn auch ſothanerweiſe bis gen München hin im in⸗ nigſten Zuſammenhang geblieben wäre mit dem erſten Labetrunk am erſten Tage des Wonnemonds“... Püttmeyer erhob ſich aus dieſen Gedankenreihen, die den Onkel Levinus zu einem Streite über Bock und Eim⸗ bock oder Eimbeck und Eimbecker Bier veranlaßt haben würden, in eine reinere Höhe, als er, angeregt wahr⸗ ſcheinlich von Göttingen und der gerade pauſirenden Har⸗ monica und einem Blick auf die Pfarrerstochter von Eibendorf, mit ſtolzem Selbſtbewußtſein fortfuhr: Heureka! meine Damen, ich habe gefunden! rief einſt Pythagoras, als er ſeinen berühmten Satz vom Qua⸗ dratinhalt der Schenkel des Dreiecks entdeckte! Heureka! ſoll auch der Titel meines nächſten Werkes ſein! Zu Gott hoff' ich, daß ſich mein Loſungswort weiter verbreiten wird, als, wie ich heute erſt erfuhr, in jene Berge drüben, wo ein treuer Anhänger meiner Lehre, Jerome von Wittekind, den Dank für die ihm durch ſie gewordene Anregung auf einen einfachen ſteinernen Wür⸗ fel ſchrieb... Mit der Anerkennung neuer Ideen, meine Damen, iſt es zu allen Zeiten geweſen, wie mit dieſem Gedenkſtein... In einem dichten, unzugängli⸗ chen Walde erſchallt ihr erſtes Echo, wie auch jenes Heu⸗ reka! in der Nähe des Ortes Eibendorf ſich jetzt nur noch ausjubelt ins Ohr der Einſamkeit, an einem nur von Schilf und Blumen umſtandenen ſtillen See... Kein Nachen fährt dahin auf dieſem See, kein Fiſcher ſteht an ſeinem Ufer... Ein ſolches einſames Heureka! iſt nur anfangs für die Wildniß da, für einen Vogel, der 4* — 5² auf ihm ſich ausruht, für eine Lacerte, die ſich ihr Lager im Mooſe geſucht hatte, das ſeinen Sockel überwuchert... Die Zeit kommt dann aber doch, wo auch eine große und bequeme Landſtraße zu einem ſolchen einſamen Steine hinführen wird!... Die Frauen murmelten Beifall.. Die Muſik be⸗ gann ihre anſchwellenden Töne... Püttmeyer rüſtete ſich zu ſeiner Myſtik der Kegelſchnitte.. Vom Denkſtein bei Eibendorf hatte ohne Zweifel die Tochter des Pfarrers ihm auf der Herfahrt erzählt... Von jenem Heureka!, das Jeroͤme von Wittekind einſt auf den Würfel ſchrieb, den er an der Stelle errichten ließ, wo er ſein Elfenkind, Lucinde, im Riedbruch ge⸗ funden... Als Lucinde dort auf ihrer Flucht vor Oskar Bin⸗ der ohnmächtig unter den Farrenkräutern und Glocken⸗ blumen zuſammengeſunken war, glitt allerdings eine Lacerte über ſie hinweg, die ſie damals nicht mehr fühlte... Hätte ſie aber das Thier noch über ihre Hand gleiten geſehen, ſie würde ohne Zweifel ſo aufgeſprungen ſein, wie eben unter den Zuhörerinnen ſich eine Dame erhob mit einem Ausruf, als wenn ihr der Athem verſagte und wirklich eine Schlange ſie ſtäche... Die Dame hielt ſich zwar an ihrem Seſſel, beru⸗ higte die erſchreckenden Frauen mit einer Handbewe⸗ gung, ſprach, zum Sitzenbleiben auffordernd, ein: Bitte! Bitte!— ſchwankte jedoch der Thür zu und verließ das Zimmer. Laſſen Sie! ſagte Frau von Sicking, als die Damen — und vorzugsweiſe die Herrin des Schloſſes von einem nothwendigen Beiſtand ſprachen... Es iſt die Mamſell, mit der ich gekommen bin!... Man glaubte ſich auf die Verſicherung der Dame, die ſie eingeführt, verlaſſen und beruhigen zu dürfen... Die ſeraphiſchen Klänge der Harmonica tönten in⸗ deſſen fort und Püttmeyer erläuterte... 19. 6. 8. 1 Lucinde war es, die ſich aus dem qualmenden dun⸗ ſtigen Zimmer ſo plötzlich entfernt hatte... Sie floh in den großen, nun ſchon dunkelnden Speiſe⸗ ſaal... gejagt von Empfindungen, die zu, zu krampf⸗ haft an ein Herz ſich preßten, von deſſen lauten Schlä⸗ gen ſie fürchtete, ſie könnten noch in der rings ſie um⸗ gebenden Stille vernommen werden... Nicht daß ſie ſo überwältigend die Form des Vor⸗ trags, ihr Inhalt und die Andacht dieſes vornehmen Auditoriums ergriff. Das ſind Narren! ſagte ſie ſich... Nicht daß ſie von Wehmuth ergriffen war beim An⸗ hören der Harmonica, die ihr einen doch immer hold⸗ verklungenen Jugendmärchentraum zurückrufen mußte. Sie war im Stande, in dem Herangewachſenſein der Kinder des Pfarrers, deſſen Namen ſie einſt angenom⸗ men hatte, als ſie die Bühne betrat, verdrießlich nur den Gradmeſſer ihres eigenen Aeltergewordenſeins zu ſehen... Nicht daß ſie Jeröͤme ſo rührte, der um ihretwillen Erſchoſſene, Jéröme, der ſie anbetete wie eine Heilige, Jéröme, der ihr, ihr jenes Heureka! der dank⸗ 55 barſten Erinnerung im einſamen Walde gerufen hatte... Alles das waren Anwandelungen einer ihr fremden Sen⸗ timentalität... Sie lebte nur der verzehrenden Sorge um das Allernächſte. Schon mit klopfender Bruſt war ſie auf dem Schloſſe Münnichhof erſchienen... Schon mit dem größten Widerwillen war ſie in jenes dunkle Zimmer getreten... So gefaßt und ruhig ſie erſchien, als Frau von Sicking ſie als eine ihr aus der Reſidenz des Kirchenfürſten Empfohlene einführte und der Herrin des Schloſſes vor⸗ ſtellte, ſie trat auf einem Boden hier auf, der unter ihr wankte... Dennoch richtete ſie ſich hoch und majeſtätiſch auf, als beim Vorſtellen ihr Name genannt wurde und die An weſenden die ſchlanke Geſtalt, die in Trauer gehüllt war, muſterten, das bleiche, erröthende Antlitz anziehend fanden, ein goldenes Kreuz, das unter einer Trauer⸗ echarpe von Spitzen auf der Bruſt blinkte, für ein Zei⸗ chen von Frömmigkeit nahmen. Jenes Mädchen, das in dieſer Gegend vor längern Jahren, auf Schloß Neu⸗ hof, eine abenteuerliche Rolle geſpielt und das gewiß einige unter den Anweſenden ſchon einmal geſehen hat⸗ ten, erkannte niemand... Dieſe ſchwarzen Augen ſchie— nen die Glut der heiligſten Andacht zu bergen... Dieſer etwas trotzige Mund ſchien nur im Beten ge⸗ übt... Lucinde ſprach wenig und ſetzte ſich zu den in immer größerer Anzahl ſich ſammelnden Damen wie ein Weſen voll Beſcheidenheit, eine Bürgerliche, die den Abſtand ihrer Stellung von der der andern erwog, 56 obgleich dieſe gnädiglichſt anzudeuten ſchienen, daß man auch durch Geſinnung geadelt ſein könnte... Die Namen Neuhof, Aſſelyn, Benno, de Jonge, Stift Heiligenkreuz, Paula, Armgart, Kloſter Himmel⸗ pfort gingen an ihr vorüber, ohne daß Jemand ihren Antheil bemerkte... Selbſt wie ſie die Lehne ihres Seſſels ergriff, als die Stiftsdamen, die von Heiligenkreuz kamen, Fräulein Benigna von Ubbelohde und Gräfin Paula um ihr Fernbleiben von Püttmeyer's„chineſiſchen Schatten“ entſchuldigten und von ihrer geſtrigen ängſtlichen Flam⸗ menviſion erzählten, bemerkte Niemand das Beben der zu⸗ ſammengepreßten Lippen, Niemand die Verlegenheit des Lä⸗ chelns; auch nicht da, als Frau von Sicking ſagte: Ja, ich hoffe Sie morgen auf Weſterhof vorſtellen zu können! In dem luftleeren Zimmer, während der Bewun⸗ derung und des Lauſchens auf die Orphiſche Weisheit des Sehers von Eſchede, hielt es ſie nicht länger... Sie mußte aufſtehen, gehen, reden können... Als ihr Beiſpiel, wie dies der Nervenſchwäche der Frauen ge⸗ ſchieht, anſteckte, als bald eine zweite, bald eine dritte Dame entfloh, huſchte ſie noch aus dem dunkeln Speiſe⸗ ſaal mit ſeinen blendend weißen Gedecken, ſeinen Glä⸗ ſern, Schüſſeln, Tellern, hinaus in das erſte beſte Zim⸗ mer, deſſen Thür ihr zunächſtlag... So betrat ſie ein bereits zum Kartenſpiel hergerich⸗ tetes, behagliches, trauliches Cabinet... Auch hier war es dunkel; aber ſie hätte noch die Vor⸗ hänge herablaſſen, hinter ſich zuriegeln mögen, ſo ſehr fühlte ſie das Bedürfniß, ſich in der Einſamkeit zu den 56 57 Aufgaben zu ſammeln, die ſie auf dieſen für ſie ſo ge⸗ fahrvollen Boden hergeführt hatten... Jetzt, wo ſie ſich erſchöpft auf ein Sopha nieder⸗ warf, jetzt knickte ſie zuſammen. Jetzt war ſie ſo, wie ſie ſchon ſeit einiger Zeit ſich zu geben pflegte, ohne es zu wiſſen... Etwas Spinnenhaftes hatte ſie bekom⸗ men, Mageres, Lauerndes, von„Schmerz Gekrümmtes“, wie ſie's nannte, wenn man deshalb ihr Vorwürfe machte ... Ihr hoher Wuchs ſowol, wie die religiöſe Rolle, die ſie mit immer größerer Uebung, Gewöhnung, ja ſogar ſchon Einverſtändniß ſpielte, brachten es mit ſich, daß ſie zu den vielen mittlern und kleinen„erbärmlichen“ Weſen dieſer Erde den Meduſenkopf niederbeugte... Unter den dichten dunkeln Flechten ihres ſchwarzen Haares, die ſie wie ein Turban umgaben, heute das Werk der Kammer⸗ jungfer der Frau von Sicking(hier hatte ſie nicht Treud⸗ chen, die ihr ſchon zuweilen hochaufſtaunend weiße Här⸗ chen auszog), ſpitzte ſich ihr Ohr und lauſchte ſo, wie ihr Nück ärgerlich einſt geſagt hatte,„jung⸗hexenhaft, daß man mutatis mutandis“— ſie verſtand ja dieſe Bedingung—„an die alte Frau Buſchbeck denken könnte, wenn dieſe mit mir oder mit Hammakern vom Anlegen ihrer Kapitalien ſprach!“... Dann freilich konnte ſie ſich auch wieder aufrichten und ſich beſinnen auf ihre blühenden zwanziger Jahre... Lueinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nück und die hochvornehmſten Kreiſe der Devo⸗ tion.. Sprach etwas gegen ihre Vergangenheit, ſo war ſie ja eine Convertitin... 58 Auch Frau von Sicking war in gleicher Lage... Eine Nachkommin des tapfern Ritters, der mit dem Schwert, wie Ulrich von Hutten mit der Feder, gegen Rom ſein Leben einſetzte, verließ ſie den mit ſoviel Thränen und blutigen Opfern erkauften Glauben ihrer Väter... Sie gehörte jenem Kreiſe der Gottſeligkeit an, der ſich jetzt ſo weit über Europa verbreitet, einem Kreiſe, in den einzu⸗ treten Lucinde das unwiderſtehlichſte Verlangen trug, ſeitdem ſie wußte, daß auch Biſchöfe und Erzbiſchöfe auf weichen Teppichen dahinſchreiten und mit Behaglich⸗ keit die Freuden der Geſelligkeit mit andachtsvollen See⸗ len genießen können... Frau von Sicking war reich... Sie hatte ein Haus bei Witoborn, eine Beſitzung im Süden Deutſchlands, Abſteigequartiere in allen geiſtlichen Städten Deutſchlands und Belgiens... Ihre Corre⸗ ſpondenz erſtreckte ſich nach Rom wie nach den entfernteſten Miſſionen des Sacré Coeur, nach Pondichéry und Guade loupe... Ihr Reiſen, ihr Kommen und Gehen, ihr Correſpondiren konnte man Intrigue nennen... Dennoch lag auf allem, was ſich an ihren Namen knüpfte, ein dieſen Schein mildernder Duft von Andacht, von Be⸗ förderung des Menſchenwohls, von Veredlung dieſer Zeitlichkeit... Jetzt waren die„Exercitien“ ihre Pa⸗ role... Der Andrang dazu war ſo groß, daß Frau von Sicking über die Aufnahme wie eine Ordensmeiſterin ſchal⸗ tete... Der oſtenſible Grund, warum Lucinde Schwarz bei ihr erſchien, war die flehentlichſte Bitte der Frau Com⸗ merzienräthin Kattendyk, doch auch ſie und ihre Töchter an dieſen Exercitien theilnehmen zu laſſen... Lucinde war autoriſirt, im Namen der Commerzienräthin die größten 59 Opfer, die nur verlangt würden, in Ausſicht zu ſtel⸗ len, wenn ſie das Glück und die Ehre haben könnte, an dieſer vornehmen„Andacht zum Kreuze“ theilzuneh⸗ men... Seit geſtern war Lucinde noch zu keiner Faſſung gekommen über die Rückkehr in dieſe Gegenden, auf den Schauplatz, wo Bonaventura weilte, ohne Zweifel, wie ſie ahnte, im glückſeligſten Bunde mit ihrer frühern Pflegbefohlenen Paula... Noch ſah ſie mit dumpfer Starrheit durch das Fen⸗ ſter die vom Abendroth beſchienenen weißen Höhen, auf denen Schloß Neuhof lag, wo der Kronſyndikus nicht mehr lebte... Dieſe Kunde erſchütterte ſie nicht, lockte ihrem Herzen keine Rührung ab... Sie ſah einen gewonnenen Vortheil mehr und wahrhaft tröſtlich erklang es ihr zu hören, als Frau von Sicking ſprach: Die Frau Präſidentin von Wittekind ſcheint die Rolle in Vergeſ⸗ ſenheit bringen zu wollen, die ihr Gatte ſeither als Beiſtand der Regierung geſpielt! Man iſt hier ent⸗ ſchloſſen, nicht ſofort auf ihre Wünſche einzugehen! Nur die Rückſicht auf ihren edeln Sohn, den Domherrn, kann die Geſellſchaft beſtimmen, ihren Empfindungen nicht. ſchon jetzt einen entſchiedenern Ausdruck zu geben!. Selbſt der blitzende Punkt dort in der Ferne, ein vergol⸗ detes Kreuz auf der Kirche vom Kloſter Himmelpfort, wo Klingsohr verweilte, beſchäftigte ſie nicht... Dieſe weiße, mit Abendſchatten ſich füllende Ebene, auf die ſie einſt ſo ſehnſuchtsvoll von Schloß Neuhof hernieder⸗ geblickt hatte wie in ein Land der Freiheit und des unge⸗ bundenern Glückes, als das war, das ſie dort in einer 60 nur ſcheinbar glänzenden Abhängigkeit hielt, bot nichts, was ihr Auge geſucht hätte, als das Schloß Weſter⸗ hof, das indeſſen hinter den Wäldern nicht zu ſehen war.. Bei Bonaventura's Abreiſe hatte Lucinde den Vor⸗ ſatz gefaßt, nur der Rache zu leben... Ohne daß ſie den Oberprocurator, den allmächtigen Dominicus Nück, einweihte in alles, was dieſer von ihrem Herzen theilweiſe ſelbſt ſchon wußte, theilweiſe errieth, war ſie mit ihm vertraut geworden, denn ſeine Huldigung gab ſich ſo maßlos, daß ſie den Ausbrüchen derſelben ſchon deshalb entgegenkommen mußte, um ſein Benehmen der Geſellſchaft nicht zu auffallend erſcheinen zu laſſen... Er kannte ihre Liebe zu Bonaventura und mußte dieſe ſchonen... Sie duldete ſeine von unreinern Wünſchen ſcheinbar plötzlich frei gewordene Leidenſchaft unter der Bedingung, daß Nück ſie wie eine anderweitig Vermählte betrachtete... Bonaventura wurde ihr bald wieder der alte Gott und nur noch die Tempel ſchwur ſie zu zertrümmern, in denen andere ihm huldigten. Von jener Urkunde, mit der ſie ihn ſein ganzes Leben lang, wie ſie gedroht, in Schach zu halten vermochte, ſprach ſie nicht zu Nück... Der Schmerz und die Zeit hatten ihre Rachegefühle gegen Bonaventura gemildert... Nück wurde für ſie ein pſychologiſches Räthſel... Sein Lebensüberdruß war jene Krankheit, die ſich bei allen jenen Menſchen findet, die etwas anderes thun, als ſie denken... Könige haben wir geſehen, die geiſtes⸗ ſchwach wurden, weil ſie eine Welt von ſchönen Gedan⸗ ken, Plänen und Entwürfen in ſich trugen und keine * 61 Menſchen fanden oder— ſuchten, die ſie bei ihrer Aus⸗ führung unterſtützten. Der Muth, der ſchon zum Brechen mit den Rückſichten, die uns binden, bei ihnen nicht vor⸗ handen war, fehlte vollends für alles Uebrige, was das Leben begehrt; ein geknickter Genius ſpielt zuletzt mit Puppen, die er an⸗ und auszieht... Und dann — dann wiſſen: Das iſt unwahr! und es dennoch be⸗ fördern— darum befördern, weil die Lüge einem andern zu Schaden kommt, den man haßt—! das untergräbt vollends die innerſte Seele, wenigſtens deren Ruhe... Nück konnte zu Lueinden auf ihrem kleinen Cabinet oder wenn ſie ihn ſelbſt, ſcheinbar in Aufträgen, in dem Zimmer beſuchte, das zum Garten der Seminariſten hinausging— wenn ſie vor ihm auf ſeinem unheim⸗ lichen Sopha ſaß, unter dem verhängnißvollen Ringhaken an der Decke— ganz wie der verzweifelnde Serlo ſpre⸗ chen: Es iſt nichts mit unſerm Hoffen und Glauben! Erde wird Erde! Wir düngen die Zukunft! Apoſtel oder Mörder— omnes una manet noxl(alle erwartet eine und dieſelbe Nacht!)... Dennoch ging ein Mann mit ſolchen Anſichten in die Kirchen und Kapellen, bückte ſich im Beichtſtuhl und kreuzigte ſich in der Meſſe... Nück konnte ſpotten über die Prieſter, konnte in ſei⸗ ner cyniſchen Art von reichen, wohlgenährten Pfründ⸗ nern, die Lucinde in ſeinem Vorzimmer antraf, ſagen: „Sehen ſie nicht aus wie die rothen Fettäpfel, die die gebratene Gans«Kirche» in ihrem Steiße trägt!“... Sprang auch Lucinde bei ſolchen Worten auf, entfernte ſich, ſo nahm ſie doch das ſtaunende Gefühl mit: Dennoch „ 62 kämpfſt du wie ein Löwe, offen und heimlich, für die Wiedereinſetzung des Kirchenfürſten?... Nück konnte ſo laut lachen über die Verlegenheiten der Regierung, daß es gellend dahinſchallte in den Zimmern ſei⸗ ner Schwiegermutter, die er jetzt jeden Abend beſuchte... Das wird die Lernäiſche Schlange! rief er. Einen Kopf hauen ſie herunter und zwei wachſen wieder! Ha, ha! Die Zeiten ſind vorüber, wo die Schuſterjungen, wenn ſie in Berlin in einem Winkel am königlichen Opern⸗ haus ihre Bedürfniſſe befriedigen wollten, von den Gens⸗ darmen hören konnten:„Wozu iſt denn da drüben die katholiſche Kirche?!“... Solche Cynismen milderte die Lokalſprache, deren ſich Nück bei ſeinen Bildern bediente... Die Frauen proteſtirten durch Aufſtehen und hef⸗ tigſte Vorwürfe... Bald aber ſetzten ſie ſich wieder und lachten über den Sonderling, der dann in die ſüßeſte Courtoiſie verfallen und den Liebenswürdigen ſpielen konnte... Das graue Ungeheuer! nannte ihn, mit Wohlgefallen, ſeine eigene Schwägerin Johanna Katten⸗ dyk... Guido Goldfinger, ihr Verlobter, applaudirte ihm, wenn Nück in ſeinen ſeltnern politiſch⸗conſervati⸗ ven Anwandelungen polterte:„Aufklärung! Aufklärung! Kaum hat der dumme Bauer gehört, daß die Sternſchnup⸗ pen nicht von Gottes Lichtputze kommen, wenn der Alte, im Flurhypothekenbuch der Menſchheit vertieft, ſich nur des⸗ halb die Sternenlichter putzt, um ihre Sünden in deſto deutlicherm Lichte zu ſehen, ſo denkt er ja gleich: Nun all' gut, nun auch gleich Miſtforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll⸗ und Rathhäuſer geſtürmt, 63 wo die unbezahlten Steuerreſter und Schuldverſchreibun⸗ gen liegen!“ Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pöbelauflauf, wenn er nur die„Neunmalweiſen“ in Verlegenheit ſetzte... Ein ſolcher Zuſtand der Seele wird zuletzt haltungs⸗ los, die Widerſprüche heben ſich auf, nichts bleibt übrig, als was Nück in ſeinen geheimſten Stunden war, ein Verzweifelnder, tief Lebensüberdrüſſiger. Nächtlich konnte er umherraſen, in ſeinen grauen, alten Man⸗ tel gehüllt. Frau Schummel war dann die Vertraute der Phantaſieen ſeiner entfeſſelten Sinne; Bedürfniſſe hatte er, deren Befriedigung an einem Abend ein Vermö⸗ gen koſtete... Plötzlich aber ſtieß er wieder alles von ſich und predigte Buße und konnte an Selbſtmord denken... So überraſchte ihn einſt Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen des ſcheinbar ſich Er⸗ hängenwollens... In vertrauteſter Stille konnte er um dieſen Hammaker klagen:„Was war denn nun das für ein Unglück, daß er den böſen Drachen umgebracht hat? Die natürliche Vergeltung iſt das ja hier ſchon auf Erden! Jene hatte andere auf der Seele, dieſe hatten wieder andere und den Hammaker hätte dann auch ſchon Einer gerichtet!“... „Mädchen, kannſt du lügen?“„Kannſt du falſche Handſchriften machen?“„Kannſt du Feuer an⸗ legen?“ So hatte Nück zu Lucinden geſprochen an jenem Piter'ſchen Feſtabend. Aus ihrer unterirdiſchen Wande⸗ rung mit Jean Picard wußte ſie etwas von einer gewiſ⸗ ſen That, für die dieſer durch Hammaker war gedungen 64 worden. Nück war nie wieder auf dieſe Zumuthun⸗ gen, ein Verbrechen zu unterſtützen, zurückgekommen. Einiges hatte er von Lucindens Beſuch im Profeßhauſe und von ihrer damaligen Todesangſt in Erfahrung gebracht— die Erwähnung der„Spinoziſtin“ Veilchen Igelsheimer brachte ſie darauf... Aber über alles Andere, was von ihm zum Gewinn des großen Proceſſes der Dorſtes verbrecheriſch unternommen werden konnte, waren ſeit Benno's Abreiſe nach Witoborn die Schleier der Vergeſſenheit gefallen... So ſchien alles ſtill und friedlich... Lucinde wurde die Vertraute des Hauſes, die Freundin, die Toch⸗ ter, wie oft die Commerzienräthin ihr zuflüſterte— vorzugsweiſe, wenn ſie der Mesalliance gedachte, die ihr durch Piter drohte. Denn Piter ließ nicht von Treud⸗ chen. Au contraire— ſeit ſeinem verunglückten Abend war er entſchiedener, denn je, darauf bedacht, ſich durch gänzliche Nichtübereinſtimmung mit dem, was die ge⸗ ſunde Vernunft von ihm erwartete, allen Menſchen ſo gefährlich wie möglich zu machen... Der uns bekannte Entſchluß Ernſt Delring's, aus dem Geſchäft auszutreten und die Stadt zu verlaſſen, wurde auch durch ein Ereig⸗ niß erleichtert, deſſen betrübender Verlauf von Tiefer⸗ blickenden geahnt werden konnte... Lucinde war nach Witoborn in Trauerkleidern gekommen... Das Haupk⸗ motiv, mit dem ſie das Herz der Frau von Sicking im Intereſſe der Kattendyl'ſchen Bitte zu rühren hoffen konnte, war Mutterſchmerz und Geſchwiſterliebe... Hendrika Delring war nicht mehr... Die ſanfte, gute, liebevolle Frau, die Treudchen ——2 ⏑——92—*—— K 65 Ley einſt ſo herablaſſend zu ſchmücken verſtand; die ſo tief beklommen dem Gebet zugehört, als Treudchen nie⸗ derkniete zur zurückgeſetzten Madonna; die dann gleich⸗ falls die Hände faltete— über der Hoffnung ihres Gat⸗ ten, dem ſie ihr Kind nach deſſen ganzer Zukunft ſchenken wollte; Hendrika Delring, der von Piter tyranniſirte Flüchtling in den Beichtſtuhl Bonaventura's, hatte die Schmerzen der Geburt nicht überſtanden... Ihr ſchon den Jahren nach auf ſolche Proben ſeiner Kraft nicht mehr angewieſener Körper leiſtete Widerſtand; um die Mutter zu retten, mußte das Kind geopfert werden; bald darauf entwich auch ihr die Kraft, ein letzter Hauch des verſagenden Athems und ſie ging hinüber in ein Land, wo ihr die Taufe ihres Kindes keine Leiden mehr bereitete.. Das Leben iſt ſo! ſprach Lucinde zu dem in Thrä⸗ nen verzweifelnden Treudchen, das ſich bis zum letzten Augenblick treu bewährt hatte, ſich nicht hatte nehmen laſſen, die Todte zu entkleiden, zu waſchen, ſie für die Bahre zu ſchmücken... Gerade das, worauf die mei⸗ ſten Vorbereitungen getroffen werden, gerade das, deſ⸗ ſen Eintritt ins Daſein uns nicht hoch genug beſchäf⸗ tigen kann und an das wir all unſern Muth, all unſern Verſtand, unſer ganzes Herz ſetzen, das tritt nicht ein! Lucinde ſprach dies einem Urtheil in Serlo's Papie⸗ ren über eine Dichtung nach.„Der Held mußte ſter⸗ ben! Wie kann man denn ſoviel reden und handeln laſſen, um dem Misgeſchick vorzubeugen, wenn das Mis⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 5 66 geſchick nicht wirklich ein Ungethüm iſt, das Menſchen⸗ kraft nicht überwindet? Die Götter ſtrafen jede Ein⸗ miſchung in ihre Rechte. Das iſt traurig, aber gar nicht ſo niederdrückend, wie es ſcheint. Wenn der Vor⸗ hang fällt, wenn die Menſchen wieder an ihren abend⸗ lichen Kartoffelſalat gehen und ſie hochvergnügt ſcheinen, daß nicht Gott, ſondern die Birch⸗Pfeiffer die Welt re⸗ giert und die guten Seelen zuletzt doch«ſich kriegend, ſo glauben ſie's im Grunde nicht.«Romeo und Iu⸗ lia» kann kein Schauſpiel ſein. Der Tod— der iſt zuletzt doch etwas Süßes für uns und die einzige Schön⸗ heit, die eine That ins Große verklärt. Wäre der Tod nicht, wir unternähmen nichts mehr, was unſerm göttlichen Urſprung Ehre macht. Es iſt, als forderte uns ein Preis heraus, je höher die damit verbundene Gefahr iſt. Was wären wir, wenn das Schöne auf Erden ſich halten könnte! Gerade der unterliegende Kampf gegen das Verhängniß zieht uns himmelan!“ Acht Tage nach dem Begräbniß Hendrika's wurde der Edeln ein Opfer gebracht, das reiner gen Him⸗ mel ſtieg, als alle Seelenmeſſen für ſie, die auf Jahre hinaus von der Mutter geſtiftet wurden. Treudchen Ley, die noch nicht ihr Trauerjahr um ihre Mutter vorüber hatte, kehrte in die theilweiſe ſchon geminderte volle Trauerkleidung zurück. Tief verhärmt war ſie ſchon lange; ihr ſchönes blondes Haar verrieth nichts mehr von der alten gefallſamen Pflege. Schon lange nagten die bitterſten Schmerzen an ihrer Ruhe. Piter hatte einem geheimen Familienconvent nicht beigewohnt. Als er das Reſultat deſſelben erfuhr, das Beziehen des obern ———— ⸗ 3 67 Stocks durch Goldfingers— Johanna ſollte ſich noch vor Beendigung der„Heiligen Botanik“ verehelichen — erklärte er das ganze obere Stockwerk für ſich allein zu bedürfen, für ſeinen nächſtens zu eröffnenden Haus⸗ ſtand, und niemand anders, als„ein einfaches, beſchei⸗ denes Mädchen aus dem Volke“, keine„Staatsdame“, würde er heirathen. Ein Widerſtand dagegen war des⸗ halb auch ſchwierig, weil die ganze Familie Treudchen liebte und ſie ſchon lange wie eine Verwandte behandelte. Da verſchwand eines Tages Treudchen. Sie hinterließ die Kunde, daß ſie bei den Karmeliterinnen war. Man konnte annehmen, daß ſie den Schleier nahm. Ca⸗ jetan Rother, der Beichtvater der Damen vom Rö⸗ merweg, kam ſelbſt zur Commerzienräthin und erklärte, ſchon lange trüge das junge Mädchen die ſchwärme⸗ riſchſte Liebe zur ſeligſten Jungfrau im Herzen und würde der Majeſtät ihres göttlichen Sohnes jeden⸗ falls die Huldigung bringen, eine Braut Chriſti zu wer⸗ den. Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch, den dieſe Nachricht im Kattendyk'ſchen Hauſe zur Folge hatte — Piter drohte nicht weniger, als die Kathedrale bis auf den letzten Stein zu ſchleifen— traten die Ver⸗ anlaſſungen ein, die Lucinden beſtimmten, ſich ſelbſt zur Dolmetſcherin der Wünſche zu machen, die die Commerzienräthin in Betreff der vielbeſprochenen neuen Unternehmung der Frau von Sicking hegte... Eines Tages kam ſie aufgeregt in das Toiletten⸗ zimmer ihrer Gebieterin und erklärte mit angſtentſtell⸗ 5*¾ 68 tem Antlitz, ſie wollte ſelbſt nach Witoborn reiſen, um jene Bußfrage zu ordnen... Wally Kattendyk, hocherſtaunt, weinte Thränen der Rührung über dieſen edeln Entſchluß, küßte Lucin⸗ dens Stirn und Wange und drückte ſie an die eben im Schnüren begriffenen Corſetverſchanzungen ihres Herzens... Noch am ſelben Abend wollte Lucinde abreiſen, unmittelbar nach jenem Beſuch des Herrn Cajetanus Rother.. Nück war Rothern auf der Treppe begegnet... Er kam mit einer Anzahl in den Bart gemurmelter Vermuthungen über die ſeltſam geheimen Zuſammenhänge der dieſer Flucht Treudchen's zum Grunde liegenden Ur⸗ ſachen... Piter war noch auf dem Polizeiamt und requirirte eine Hülfe, die ihm nach der Bulle De salute animarum nicht werden konnte, wenn Gertrud Ley auf ihrem Willen beſtand und von ihrem Vormund in Kocher am Fall, einem ehrlichen Handwerker, die Zuſtimmung zum Eintritt ins Kloſter brachte.. Da hörte Nück von der Reiſe, die die nicht anwe⸗ ſende Lucinde beabſichtigte... Nach Witoborn? fragte er ſtaunend. Das iſt ja ſelt⸗ ſam! ſetzte er hinzu und ſuchte Lucindens Zimmer... Am Vormittag war ſie zweimal bei ihm geweſen, ohne ihn zu finden... Er hatte gerade beim Gericht plaidirt... Als Nück eintrat, fand er Lucinden vollſtändig zur Reiſe gerüſtet... Erſt wollte ſie mit einem Wort aufwallen, dann beherrſchte ſie ſich und ſank auf einen der mehreren Koffer nieder, die rings um ſie her ſtanden... 69 Was iſt denn, mein Fräulein? fragte er mit hoch aufgeriſſenen Augenbrauen... Ich reiſe— nach Witoborn!... war die leiſe verhauchende Antwort... Hör' ich ja mit Befremden, erwiderte Nück... Und mit Extrapoſt noch dazu?... Im Hof unten ſteht Mutters Reiſewagen... Joſeph begleitet Sie doch?... Und nicht einmal das?... Nur die Pferde fehlen noch?... Liebſte Freundin, welche Eile—? Alles das — der Exercitien wegen— 7 Lucinde ſaß, die Hände aufgeſtützt... Ihre Hand hielt die Bänder eines Reiſehuts, der beinahe auf der Erde ſchleifte... Allmählich hob ſie von unten her den Blick und durchbohrte mit prüfender Schärfe die völlig ruhigen Züge des Oberprocurators... Sie waren bei mir, um Abſchied zu nehmen— 2 fragte dieſer voll erhöhten Erſtaunens... Zweimal... antwortete ſie ſcharf betonend und doch durch ſeine Ruhe in ihrer Elaſticität ſchon nach⸗ laſſend... Geſtehen Sie, wandte ſich Nück ihr näher, es iſt die Eiferſucht, die Sie ſo mächtig ergreift!... Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehört... Tagelang iſt er mit Gräfin Paula... Er magnetiſirt ſie... Lucinde hielt die Hände über die Augen, als blen⸗ deten ſie die Lichter, die auf dem Tiſche ſtanden. Haben Sie ſchon vom Tod des Kronſyndikus gehört? fuhr Nück fort. Ich hörte, daß er ſterben wird! Fürch⸗ ten Sie, von ſeinem Teſtament ausgeſchloſſen zu ſein? Lucinde ſchwieg.. 70 Der Präſident von Wittekind iſt nach Neuhof ge⸗ reiſt... Hätten auch Sie noch ſo viel Theilnahme für den alten Tyrannen, ihn noch einmal ſehen zu wollen? Lucindens Erinnerungen liefen geiſterhaft an ihrer Seele hin... Sie ſah den Kronſyndikus in Hamburg aus dem Wagen ſteigen, als er ſie, ſchon damals leichen⸗ blaß, bei den Geſchwiſtern Carſtens aufſuchte... Sie ſah ihn in jener Nacht in Kiel, wo er geſpenſtiſch mit dem Degen in der Hand von ſeiner zweiten Frau ſprach . Dann aber drängte ſich in die Theilnahme für ihn ſein Schweigen, als ſie mit Serlo's Familie um⸗ herirrte, darbte und vergebens auf ſeine Hülfe hoffte... Sie zeigte ſich zu ſeinem möglichen Tode ohne jede Theil⸗ nahme... Nun, in Nück' Benehmen keine Beſtätigung ihrer Ahnungen findend, erhob ſie ſich und ging entſchlußlos im kleinen Zimmer auf und nieder... Wollen Sie Klingsohrn das Mittel mittheilen, das ich Ihnen neulich ſagte, um ihn aus dem Kloſter zu bringen? Alle dieſe Namen berührten Lucinden nur ſchmerzlich und trugen ihm ein: O ſchweigen Sie! nach dem andern ein... Ihr Reiſegrund war in der That einer, den ſie ihm nicht mitzutheilen wagte... Am frühen Morgen, als ſie in die Meſſe gehen wollte, hatte ſie eine Entdeckung gemacht, die ſie mit eiſigem Schrecken überlief... Am Poſthof hatte ſie vorüber müſſen und war eines Briefes wegen in dieſen eingetreten... 7l Da ſtand ein Eilwagen, der ſoeben beſpannt wurde... In Begriff einzuſteigen ſah ſie in Pelzen, mit Handtaſchen, Fußſäcken, ſechs bis acht Paſſagiere har⸗ e. Eine dieſer Geſtalten fiel ihr auf und noch mehr fiel ſie, wie ſie ſogleich ſah, dieſem Reiſenden ſelbſt auf... Kaum hatte ſie einen prüfenden Blick auf einen Mann in einem waſſergrünen Flausrock, mit einem rothen Comfortable um den Hals, geworfen, als ſich der⸗ ſelbe auch ſofort abwandte und die Hände ſchnell aus den Rocktaſchen zog, in die er ruhig ſie geſteckt hielt... Sie ſagte ſich: Das iſt ja Bickert!... Darüber konnte kein Zweifel ſein... Wuchs, Geſichtszüge wa⸗ ren unverkennbar, nur das Haupthaar ein anderes... Sonſt roth, war es jetzt dunkelſchwarz und lockig... Sie mußte ſtehen bleiben und wandte ſich, um den Verbrecher näher in Augenſchein zu nehmen.. Jetzt, ſah ſie, entdeckte er, daß auch ſie ihn erkannt hatte, und immer mehr vermied er nun, ihr ins Angeſicht zu ſehen... Einen Augenblick that ſie, als entfernte ſie ſich; doch nur um wieder zurückkehren zu können und ſich vor die auf den Thüren befeſtigten Tarife zu ſtellen und ſchein⸗ bar dieſe zu leſen... Jetzt wurde das Gepäck der Reiſenden gebracht... Sie hörte:„Nach Witoborn!“... Ihre Bruſt klopfte... Sollte ſie den Unglücklichen anreden, der ihr ſeine Nichtentdeckung, dem aber auch ſie kürzlich eine große Hülfe und Rettung ihrer Ehre ver⸗ dankte, ihn, der ſie mit jenen Papieren aus dem Sarg des — 72 alten Meviſſen, wie ſie wenigſtens glaubte, zur ewigen Herrin über Bonaventura's Schickſal gemacht hatte?... Sollte ſie ihn fragen, ob er es wäre, der nach Wito⸗ born reiſte?. Da fiel ihr ſeine Mittheilung über Hammaker's An⸗ träge, ſein Wort vom„rothen Hahn auf ein Schloß“ ein, ſein: Sapristi! als ſie in dem unterirdiſchen Gang ſelbſt von Weſterhof, ſelbſt von Nück begonnen hatte... Noch wogte ihre Angſt um ein Verbrechen, in das ſich nun Nück doch noch einließ, noch wogte die Furcht, hier ſo länger ſtehen zu bleiben, als die Na⸗ men der Paſſagiere aufgerufen wurden... Der, der ihr Jean Picard ſchien, ſtieg mit der Bezeichnung: „Herr Dionyſius Schneid“ in den Wagen... Sie hatte ſich's wohlgemerkt; der Name wurde zweimal ge⸗ rufen. Nun blies der Poſtillon... Der Verbrecher fuhr von dannen... Unter dem Eingang der Poſt drückte er ſich in eine Ecke, um nicht beim Vorüberfahren ganz aus nächſter Nähe beobachtet zu werden... In erſter Aufregung flog Lucinde zu Nück, um aus ſeinem Benehmen zu erkennen, ob ſie ſich wirklich ihn, ihn ſelbſt im Zuſammenhang mit dieſer Reiſe denken mußte— im Poſtbureau wurde ihr beſtätigt, daß Herr Dionyſius Schneid aus Strasburg ſeinen Platz bis Wito⸗ born genommen hatte— Dann ſagte ſie ſich: Nein, wie kannſt du Nück an Dinge erinnern, die von ſeiner Seite nur ein einziges mal und auch da nur ſo flüchtig und ſcherzhaft hingewor⸗ fen wurden!... Sie wußte, um was es ſich in jenem 73 zu Nück's tiefſtem Verdruſſe verlorenen Proceß handelte, jenem Proceß, der Paula's Lebensſchickſal entſchied. Sie wußte, daß mit dem Fund der Urkunde Paula zwar ihr Erbe erhielt, aber auch das von einer durch die ganze Verwandtſchaft feſtgehaltenen Etikette geſtellte Anſinnen, ſich mit dem um ſeine Hoffnungen betrogenen Gra⸗ fen Hugo zu vermählen... Ihrer Rache konnte an ſich nichts Süßeres geboten werden als dieſer ſchaden⸗ frohe Hinblick auf— Bonaventura's Schmerz, und den⸗ noch— zu mächtig wirkte entweder noch die Liebe und Sorge für ihn in ihrem für alles Uebrige abgeſtorbenen Herzen, um nicht zu erſchrecken bei dem Gedanken, daß um den grauſa⸗ men, ſie„mit Füßen tretenden“ Mann ſoviel Wildes ſich, begeben könnte, oder ſie gedachte der Gefahr eines Fre⸗ vels, der leicht dem Scheitern ausgeſetzt ſein konnte und ſie ſelbſt vielleicht in neue Wirren ſtürzte... Schon war wiederholt ihr Name bei der Veröffentlichung der Beda Hunnius'ſchen Briefe genannt worden... Sollte ſich der Fluch ihres Daſeins immer greller und greller er⸗ füllen?... Sollte ſie durch dieſe wirkliche Ausführung geheimer Thaten auf die Bahn des Verbrechens hinü⸗ bergeführt, ihrer Bekanntſchaft mit Bickert überwieſen, um ihrer Erlebniſſe auf dem Profeßhauſe willen wol gar dem öffentlichen Gerichte preisgegeben werden?.. Sie wünſchte die Folgen der That mit heißeſter Begier, zitterte aber vor ihrem Mislingen... Und nun er⸗ griff ſie die ihr eigene namenloſe Angſt, die ſie immer hatte vor jeder Kataſtrophe, ehe ſie da war. Flügel hätte ſie ſich geben mögen, den Verbrecher einzuholen, ihm nicht von der Seite zu weichen, ihn von ſeinem 74 Vorhaben zurückzuhalten... Noch einmal ging ſie zu Nück, fand ihn aber wieder nicht.. Die Ruhe des Nück'ſchen Hauſes, die Ordnung des Geſchäfts, der Reichthum, dem ſie auf Tritt und Schritt begegnete, ſagten ihr wol: Thörin, Thörin, weſſen hältſt du einen Nück für fähig! Für wahnſinnig würd' er dich halten, ſprächſt du davon!... Und bin ich's vielleicht nicht ſelbſt?... Seh' ich mich nicht ewig mit Hammaker auf dem Schaffot, ſeh' ich mich da nicht mit meinen Brü⸗ dern, mit Oskar Binder, mit meiner Hauptmännin— alles ſo, wie ich's ſo oft träume!... Die Stimmung einer wie von Furien Verfolgten und wie der höchſten Gewiſſensangſt kam über die in ſich haltloſe und ſo tief ehrgeizige Seele... Und um nur etwas zu thun, was den Augenblick feſthielt, betrieb ſie ihre Reiſe, ſchützte Gründe der Eile vor, ließ alle Anſtalten wie zu einer Flucht treffen... Sie glaubte wenigſtens darin das Beſte zu thun, daß ſie, ſelbſt wenn keine Verſtändigung mit Nück möglich war, doch in die Nähe des Verbrechers zu kommen ſuchte, um ſeinen Arm zu ergreifen und ihm zuzurufen: Die ewigen Mächte ziehen mich durch dich noch nicht rettungslos hin⸗ unter! Das„Heſſenmädchen“— die halbe Bäuerin— das war ſie geworden!... Geworden durch Schönheit, Ehrgeiz, Geiſt und—„Unglück!“... Sie ſah Nück in ihrem kleinen Zimmer jetzt an wie eine Verzweifelnde... Ihm aber erſchien ſie bei alledem eine Zauberin; nur die rothen Kleider, die phantaſtiſchen Zeichen fehlten um ihre Schultern, der goldene Stab in ihren Händen; er hätte 5 ſie zur Prieſterin welcher Religion ſie wollte ge⸗ macht... Schon ſprach er, mit heißen Seufzern ſich ihr nähernd: Sie ſind krank! Lucinde! Sie fuhr zurück, als vergiftete ſie ſein Athem... Sich ſammelnd bat er ſie, ſich zu beruhigen und die Pferde abbeſtellen zu dürfen... Seine Augenbrauen zuckten hin und her... Er öffnete das Fenſter, ſprach in den Hof hinunter und beſtellte die Pferde ab... Lucinde ließ nun alles geſchehen.. Kommen Sie! Was haben Sie? Sprechen Sie aufrichtig mit mir! Ich kann alles hören! begann dt Dieſe gleisneriſche Ruhe war ſo entwaffnend, daß ſie, als glücklicherweiſe die Thür aufging und die Com⸗ merzienräthin, Johanna, die Hausfreunde herbeigeeilt kamen und ſtaunend von dem veränderten Reiſeplan ſprachen, einwilligte zu bleiben, zuſtimmte nach vorn zu gehen und ihre Furcht und ihr Bangen für den Augenblick beſchwichtigte.. Nück folgte mit Ingrimm... Er war geſtört wor⸗ den in einer längſt erſehnten Stunde... Doch ſcherzte er alles hinweg und ſagte, daß er es ſo weit zu brin⸗ gen nie geglaubt hätte, ſich wieder an Thee zu gewöh⸗ nen Einige Tage vergingen Lucinden auf den Anblick der Harmloſigkeit des ſchreckhaften Mannes in einem Zuſtand ſcheinbarer Beruhigung oder der Abſpannung 3 Monika von Hülleshoven machte Condolenzbe⸗ ſuch und nahm Abſchied, um ebenfalls auf Witoborn 76 zu reiſen... Lucinde hätte ſich der Hand dieſer klei⸗ nen freundlichen und mit Rührung von Hendrika Del⸗ ring ſprechenden Frau anklammern und rufen mögen: Nimm mich mit!... Doch Monika's Blick war ihr kalt und ſtreng und es ſchien, als wollte auch ſie ſchon nach ſeither öfter erfolgter Begegnung ſagen— wie faſt alle Frauen—: Wir gehören nicht zuſammen! Ihre Furcht erwachte aufs neue.. Zu ſchreiben an Nück wagte ſie nicht... Täglich hatte Nück das Princip wiederholt, das ſie ſchon bei der erſten Unterhaltung von ihm gehört: Nicht ſchreiben!... Schon nach drei Tagen war ihr Zuſtand völlig rathlos... Als ſie gerade in den obern, ſchon von Delring ver⸗ laſſenen Zimmern des zweiten Stockes etwas räumte, kam ihr eines Morgens Nück entgegen. Es war wie zufällig. Hier, in den ſchallenden Zimmern, ohne Tiſch und Stuhl, hier wagte er, nicht achtend der Erinnerung an eine Sterbeſtätte, auf der ſie ſtanden, eine Scene herbeizufüh⸗ ren, wie die erſte geweſen an jenem Piter'ſchen Feſt⸗ abend und wie ſie neulich ihm geſtört worden war.. Lucinde unterbrach ihn aber und ſagte: Wollen Sie mich wieder auffordern, das auszufüh⸗ ren, wofür Hammaker Bickert gedungen hat, der in die⸗ ſem Augenblick vielleicht im Begriff iſt, Ihren Proceß durch Mordbrennerei zu entſcheiden? Nück ſah ſie mit ſeinen weit aufgeriſſenen weißen Augen an.... Schon ertrug ſie dieſe Augen, die ihr früher ſo ent— ſetzlich geweſen... 776 In— dieſem— Augenblick—? Was reden Sie da? ſprach er.. Lucinde wiederholte ihre Frage... Hammaker? Wer iſt— Sie kennen— was— wer iſt— Bickert? Dieſe Frage war eine heuchleriſche. Die erſten Reden jedoch, die Nück in unterbrochenen Sätzen aus⸗ geſtoßen hatte, ſchienen in der That unverſtellt geweſen zu ſein... Bickert, ſagte Lucinde, jede Fiber in ſeinen Bewe⸗ gungen beobachtend, Bickert iſt jener Kirchhofräuber des Dorfes Sanct⸗Wolfgang... Ich entdeckte ihn hier bei jener Gefahr im Profeßhauſe, von der ich Ihnen noch nicht alles erzählt habe... Aber Sie, Sie hat er mir ge⸗ nannt als den Mann, der ihm die Mittel geben würde, für immer nach Amerika zu entfliehen, wenn er— ſtau⸗ nen Sie nur!— zuvor auf einem Schloſſe— Feuer angelegt und bei dieſer Gelegenheit eine falſche Urkunde— Himmel! unterbrach ſie Nück... Die Wände haben ja Ohren—! Was ſprechen Sie da?. Sprachen Sie nicht einſt ſelbſt ſo zu mir? Jch?... Zu Ihnen?... Wann? Nück ſtand beſinnungslos... In weſſen Auftrag iſt Dionyſius Schneid nach Witoborn gereiſt? fuhr Lucinde mit überlegener Ruhe fort... Dionyſius— Schneid—? Wer— iſt— das? Nück zeigte eine unverſtellte Befremdung, war aber zugleich in eine Aufregung verſetzt, die ihm, dem Kal⸗ ten, Ruhigen, Allem gleichgültig Zuwartenden den Schweiß auf die Stirne trieb... Kein Stuhl war im 78 Zimmer, auf den er ſich hätte niederlaſſen können... Er taumelte zum Fenſter hin, um ſich dort zu halten; zu⸗ fällig ergriff er eine noch zurückgebliebene Vorhangſchnur und ließ dieſe ſofort aus den Händen gleiten, ſtöhnend: Ich hielt meinen Schutzengel von der Reiſe zurück! ... Ich fange an— zu— ahnen—! Jeſus Maria!... Ja, ja!... Sie müſſen fort, fort, ſogleich!... Wär' es denn möglich! Ich ſah nichts, nichts als Ihre Liebe zum Domherrn... Sogar die todten Schatten Serlo und Klingsohr beneid' ich noch—! Fort! fort! In dieſem Augenblick! Jetzt noch mehr erbebte Lucinde vor dieſer Angſt des ſonſt ſo muthigen Mannes... Wenn ich an jenem Abend, fuhr er mit ungewiſſem Stammeln und grauenhaftem Auf⸗ und Abgehen ſeiner Kinnladen fort, über— die Urkunde— ſcherzte; wenn ich — die Urkunde nannte, die zu Ihrer Freude Paula zur Gräfin von Salem⸗Camphauſen— machen könnte, ſo geſchah's im Taumel der Freude, Sie allein zu ſehen, Sie in Ihren Geheimniſſen zu überraſchen, Sie zu ſehen an einem ſo berauſchenden Abend in Ihrem Glanz, in Ihrer Schönheit... Können Sie glauben, daß ich in meinem Haß ſo, ſo weit gehen konnte—? Aber ja, Sie haben Recht... Ich Wahnſinniger, ich habe einſt zu einem ſolchen Plane gelacht... Ich habe drei ver⸗ zweiflungsvolle Monate meines Lebens über dies Lachen hingebracht... Drei Monate, wo Hammaker unter den Verhören der Richter ſtand... Damals kam kein Schlaf über meine Augen... Ich irrte umher, ſcherzte und — lachte, aber unterm Damoklesſchwert... Hammater Er zu⸗ hnur end: rück! Päͤr' iebe Herlo war— muß ich es doch zugeſtehen!— ein Höllenbrand... Für ſeine verlorene Ehre, für die Bildung, die er beſaß, rächte er ſich am Menſchengeſchlecht... Wie er mich auf dem Gewiſſen hat, darüber beicht' ich Ihnen, Lucinde, Ihnen— doch nur— wenn wir beide in Rom ſind... Laſſen Sie mir dies Bild— in der Wüſte meines Lebens! ... Hammakern ließ ich— ſchon ſeit lange— für ſich — gewähren und ſuchte nur von ihm loszukommen... Merkte er dieſe Abſicht, dann konnt ich ſicher ſein, einen neuen Anſchlag von ihm zu gewärtigen... Er war der dunkle Schatten meines Lebens— Und ſo unzertrennlich blieb er von mir, daß ich ihn ſogar vor Gericht noch vertheidigen mußte!... Die unglückſelige Doſe!... Daß ich ſie auch gerade ziehen mußte und ihm in ſie den Griff verweigern!... Eine Hölle grinſte mich gleich an aus ſeinem Racheblick... Ich ſehe— ſie iſt jetzt losge⸗ laſſen. Nück mußte ſich halten... Er war zu erſchüttert — Lucinde dachte an Serlo, der einen Abend hatte zu⸗ bringen können, zu rathen, wen wol Goethe in ſeinem „Clavigo“ im Sinne gehabt, als er Carlos ſagen läßt: „Ich, der ich dabei war, als dem Erſten der Men⸗ ſchen die Angſttropfen auf der Stirn ſtanden“— 7 Lucinde hätte unter den vielen Beiſpielen verzweifelnd Ueberführter oder unerwartet vom Schickſal Geäffter, die Serlo aus ſeinem Leben nennen konnte, jetzt den Oberprocurator Nück anführen können Eines Tages, fuhr Nück in ſtammelnder Rede und ſo, als würde ſchon durch ſeine Erzählung der Moment des Handelns verſäumt, fort— eines Tages, als ich über 80 die fehlende Urkunde in dem großen Proceſſe klagte, ſagte Hammaker, der ein Juriſt war, ſeltene Kenntniſſe beſaß: Nück! Spielen wir doch— ein bischen Pſeudo⸗Jſidor! Sie verſtehen das nicht... Doch! ſagte Lucinde. Der heilige Iſidorus von Sevilla hat die Regeln aufgeſchrieben, nach denen ſich allmählich euer kirchliches Recht bildete! Ein Geiſtli⸗ cher in Mainz, Benedictus Levita, gab hierauf dieſe noch einmal heraus, gefälſcht aber durch Zuſätze, die der Macht der Biſchöfe über den Klerus günſtig waren. Um nun wieder die Biſchöfe ſicher zu ſtellen vor den Folgen jener Verfälſchung, ließen dieſe durch neue Fälſchungen dem erſten Biſchof in Rom die höchſten Ehren. Ohne dieſe Lügengewebe des falſchen Iſidorus von Sevilla gäb' es keinen Papſt in Rom, keine dreifache Krone, die die Welt beherrſcht, auch keinen Orden vom goldenen Sporen—— Nück reichte gezwungen lächelnd mit der zitternden Hand zu Lucindens Stirn hinauf, als wollte er ſagen: Werth biſt du ſelbſt eine Krone zu tragen!... Mit einem Gemiſch von Huldigung, von gemachter Frömmigkeit und Ironie warf er die Worte hin: Bei alledem ſind Sie eine große Ketzerin!... Dann fuhr er fort: Ja! Hammaker ſprach von dieſem Pſeudo⸗Iſidor, der aller⸗ dings Rom groß gemacht hat und Rom gedeihe doch! Gedeihe durch eine Lüge! ſagte der Schurke. Ich lächelte — lächelte ohne Arg... Ich beſchwöre Ihnen dies! Ich beſchwör' es— bei— Ihrer— Liebe zum Domherrn— denn an etwas anderes in der Welt glauben Sie doch nicht! Hammaker veranſtaltete alles, was ich— zwar nur ſo obenhin, aber doch ſchon von 81 Entſetzen ergriffen— plötzlich zu ahnen begann... Im⸗ mev hatte er etwas, was bald zu meinem Glück, bald zu meinem Verderben ausſchlagen konnte... Alle Kennt⸗ niſſe beſaß er, die dazu gehörten, eine falſche Urkunde im Geſchmack alter Zeit aufzuſetzen, ſie aufs zierlichſte zu copiren, ſie mit chemiſchen Mitteln wie wurmſtichig zu machen, ſie mit Kaffeeſatz zu bräunen... Nur durch einen Act der Liſt oder Gewalt konnte dieſe Ur⸗ kunde in die Archive kommen... Ich ahnte ein Vor⸗ haben dieſer Art, das mich ewig zu ſeinem Sklaven machen mußte... Das wollte er denn auch... Indeſſen — ich beruhigte mich— ich ſah ja ſein nahes Ende... Im Gefängniß wär' ich gern einmal auf meine Furcht Zurückgekommen, nur hatt' ich immer Feuer an den Sohlen, ſo oft ich mit ihm reden mußte... Noch jetzt— ſehen Sie— Nur an ihn zu denken und nicht ſchon handeln iſt gefährlich— Sie müſſen reiſen, Lucinde... heute, heute noch!... Lucinde ſtand mit klopfendem Herzen, ein Bild zwar des Schreckens, aber doch ſchon gefaßter, da ſie die Mit⸗ furcht eines ſo mächtigen Dritten hatte... Vielleicht irr' ich mich in den Vorausſetzungen über die Verkleidung jenes Picard... ſagte ſie... Nein, nein! Hammaker hat mir dieſen Dank fürs Leben hinterlaſſen wollen! Nun weiß ich es für gewiß! Folge mir auch dul riefen die Teufel in ſeiner Bruſt, als er aufs Schaffot mußte... In meinen Ge⸗ fängnißgeſprächen mit ihm deutete ich auf jene frühern Aeußerungen über den falſchen Iſidorus hin... Da fuhr er auf und ſagte höhniſch, daß ich ihm denn doch Gutzkow, Zauberer von Rom. VI.. 6 82 auch zu viel Devotion für meine Intereſſen zutraute... Für— meine Intereſſen? fragte ich forſchend, mußte aber ſchweigen und ſehen Sie da, wie ich mit ihm ſtand — jedesmal daß ich bei ihm war, hatte ich Gift bei mir und wollte es ihm anbieten... Einmal machte ich davon eine Andeutung... Da ſprang er auf mich zu und erſchlug mich faſt mit der Handſchelle... Ich ent⸗ floh, die Wache kam herein... Ich hörte die nichtswür⸗ digſten Worte hinter mir hergerufen... Er glaubte nicht an ſeine Hinrichtung— er wollte die Buſchbeck nur im Ringen, nur im Vertheidigungsſtand gegen eine Wüthende erwürgt haben... Voll Rache, auch gegen mich und meine ſcheiternde Vertheidigung, beſtieg er das Schaffot. Seitdem athmete ich auf und ahnte nicht, daß er mich nach ſich zieht... Neulich merkt' ich etwas davon zum erſten male... Ein Menſch kommt zu mir und ſtellt ſich mir vor als ein von Hammaker Ge⸗ dungener— Den— Den mein' ich!... beſtätigte Lucinde... Als ein Menſch, der von mir tauſend Thaler be⸗ kommen würde, wenn er auf Schloß Weſterhof bei Wi⸗ toborn im dortigen Archiv Feuer anlegte... Bei dem dann entſtehenden Tumult ſollte er eine Urkunde, die er wohlverwahrt bei ſich zu Hauſe hätte, in das Archiv bringen... Ich ſtand erſtarrt... Mich endlich ermannend fuhr ich dem wüſten Menſchen an die Gur⸗ gel und wollte die Wache rufen... Darüber wieder entſank mir der Muth... Ein Verdacht, ein Flecken würde immer geblieben ſein... So redete ich dem ſtumpfſinnigen, der deutſchen Sprache kaum mächtigen 83 Menſchen zu, bat ihn vernünftig zu ſein, ſolche Nichts⸗ würdigkeiten nicht zum zweiten male gegen mich auszu⸗ ſprechen und gab ihm hundert Thaler zur ſofortigen Abreiſe... Wie bereu' ich die geringe Summe, die ich gegeben! Auch die Drohungen, die ich ihm nach⸗ rief! Ich fahre ſofort auf das Polizeiamt! ſprach ich ihm die Thür weiſend; ich werde Sie anzeigen und beob⸗ achten laſſen!... Da erſt beſann ich mich: Ham maker wird ihm geſagt haben: Gelingt es oder nicht, ſo ſind tauſend Thaler mehr oder weniger für Nück's Furcht eine Bagatelle! Ewig kannſt du auf die Art von ihm ziehen! Jedenfalls mehr, als wenn du in Weſterhof uns, heute oder morgen, beide angäbeſt und zum Dank— dann doch auch mit ans Eiſen müßteſt!... Ich höre alles das!... Lucinde, wir erleben eine große Demüthigung... Nück brach faſt zuſammen. Er kam zu keiner Beſin⸗ nung mehr, ſteckte mit ſeiner Furcht aufs neue Lueinden an, die an manche Beruhigung ſich halten wollte, drängte in ſie, abzureiſen, Bickert aufzuſuchen und durch ihre Beredſamkeit, natürlich auch durch ſo viel Geld, als ſie nur mitnehmen wollte, den Verbrecher von ſeiner That zurückzuhalten... So reiſte ſie noch am ſelben Abend ab und kam nach Witoborn in der leidenſchaftlichſten Erregung... Nur zu bald erfuhr ſie hier, wo ſich ein gewiſſer Dionyſius Schneid befand... Schon auf Weſterhof! ... Schon am Ziel ſeiner gewinnſüchtigen und frev⸗ leriſchen Abſichten!... Wie aber näherſt du dich ihm? Wie retteſt du dich vor Schimpf und Schande 6* 84 ... Im Geiſt ſah ſie ſich durch alle dieſe Vorgänge auf der Bank vor den Aſſiſen... Willenlos hatte ſie ſich heute ſchmücken laſſen... Willenlos war ſie nach Münnichhof gefahren... Paula hatte ſchon eine Viſton von einer Feuersbrunſt gehabt!... Das hörte ſie dann... Sie ſah in Pütt⸗ meyer's Bildern immer nur Brand und Brand... Sie mußte ſich ſelbſt wie ſchon aus den Flammen losreißen... Brütend, wie ſie an Dionyſius Schneid kommen ſollte, ſaß ſie in dem dunkeln Zimmer, zum Tod ver⸗ nichtet... Entſetzt fuhr ſie zuſammen, als ein Bedienter den Kopf durch die Thür ſteckte und ſie nach ihrem Namen fragte... Vor ihren Blicken ſtanden gleich Häſcher und Richter... Der Bediente ſagte, ein Mönch, ein Laienbruder hätte bei einigen Dienern, die von Witoborn mit gekom⸗ men wären, nach dem Fräulein gefragt und zu ſeinem Erſtaunen gehört, daß ſie ſelbſt hier anweſend wäre... Ob er ſie ſprechen dürfte?... Wer? fragte ſie halb ablehnend, balb nicht begrei⸗ fend... Ein Bruder Hubertus! Ein frommer guter Alter ... Aus dem Kloſter Himmelpfort drüben... Hubertus?... Den Namen kannte ſie ja... Aus Serlo's Erinnerungen ſah ſie den Pater Ful⸗ gentius vor ſich, den Hubertus einſt gerichtet hatte... Sie wußte auch, Hubertus war der ehemalige Ver⸗ ten nen 85 lobte ihrer Hauptmännin... Der„Bruder Abtödter“ war's, der Klingsohr zum Pater Sebaſtus gemacht hatte... Naht ſich ſchon wieder die Kette, die dich ewig an das Vergangene ſchmiedet? rief es verzweifelnd in ihrem Innern. Sie wollte den Mönch abweiſen... Doch, noch ehe ſie erwidert hatte, öffnete ſich die Thür und ein dunkler Schatten huſchte herein. 16. Vor der Unſchönheit des Anblicks, der ſich ihren Augen darbot, ergriff Lucinden ein Schauder... Das waren keine Züge, die dem Leben angehörten ... Jene Chineſenköpfe, die ſie einſt im verſchloſſenen Zimmer der Buſchbeck geſehen, traten ihr entgegen... So lächeln Mumien... Was wünſchen Sies? fragte ſie indeſſen mit ſich ſam⸗ melnder, ablehnender und hoffärtiger Kälte... Sie erwartete eine Botſchaft von Klingsohr und konnte ſich darum noch weniger zur Freundlichkeit ſtimmen... Mein geehrtes Fräulein— begann Hubertus mit ſeinem im wunderlichen Tonfall geſprochenen fremd⸗ artigen Dialekt und unterbrach ſich dann ſchon ſelbſt, um ſich erſt zu verſichern, ob ſeine Rede unbelauſcht blieb... Lucindens Schrecken mehrte ſich... Was wollen Sie? ſprang ſie voll Furcht und Un⸗ willen auf... Dunkler und dunkler war es geworden... In 87 einem Kamin, ſah Lucinde erſt jetzt, leuchteten noch halbglimmende Kohlen... 1 Mein Fräulein, begann der Mönch aufs neue und mit Milderung ſeiner auffallenden Haſt, Sie wohnen ja wol bei Frau von Sicking—? Ja! Warum?... Sie heißen Lucinde— Schwarz— was fragen Sie danach? Ich möchte wiſſen, ob Ihnen der Name— eines gewiſſen— Jean Picard bekannt iſt?... Lucinde mußte ſich am Rand des Kamins halten... Da war das tödliche Wort gefallen... Das Geheimniß ihres Innerſten ausgeſprochen... Die Welt wußte ſchon alles!.. Der Alte ſah die Vermuthung des Briefes be⸗ ſtätigt... Allmählich zog er aus der innern Taſche ſeiner Kutte das Papier... Vor Aufregung lächelte er ſelbſt... Konnte eine ſo ſchöne, junge Dame mit Verbrechern be⸗ kannt ſein?... Bei ſeinem Lächeln gingen ihm die Winkel ſeines Mundes faſt bis zum Ohr... Es war nicht zu unterſcheiden, ob der ſchreckliche Mönch ihr Vorwurf oder Theilnahme bezeigte... Lucinde ſtöhnte mit ſchwerem Athem: Jean Picard?... Den Namen hab' ich— einmal nennen hören... Ja!... Was ſoll es mit ihm?... Er hat auf einem Kirchhof einen Sarg erbrochen. Der... Der! Ganz recht!... ergänzte der Mönch, entfaltete den Brief und prüfte Lucindens Be⸗ nehmen, das ſich vergebens zu faſſen ſuchte.. 88 Wiſſen Sie, wo er iſt? Sie würden den Behörden — mit der Angabe— einen Gefallen thun! ſagte ſie kleinlaut... Hubertus legte die Hand an den Knochen, der ſein Kinn war, und betrachtete von unten her, forſchend und mistrauiſch, die kalte Ruhe, die ſich ihm gegenüber ſo als völlig ſorglos zu geben ſuchte... Ob dieſe Ruhe gemacht war, unterſchied er nicht... Der gute Bruder hatte ein edles Herz, hatte viel erlebt, doch ſeine Geiſtesgaben waren nicht die hervorragendſten... Fräulein, ſprach er, als Lucinde ſo erwartungsvoll fragend ſtand... Hier iſt ein Brief an die Behörden in Witoborn... Der Regierungsrath von Enckefuß wünſcht, daß Sie— ja Sie, Fräulein— von ſeinem Vater, dem Landrath, um Ihre Bekanntſchaft mit dieſem Jean Picard befragt werden... Lucinde hatte von Serlo einen Grundſatz angenom⸗ men. Dieſer hieß: Droht dir eine Gefahr, und du weißt es und ſie naht endlich, dann denke dir nur immer gleich die ganze Fülle des Elends! Laß nichts von beſchöni⸗ genden Mittelſtufen, von möglichen beſſern Erwartungen aus! Sage gleich: Alles iſt verloren! Und bricht dann doch nicht alles ſo herein, wie du fürchteteſt, ſo haſt du ja gleich eine kleine Abſchlagzahlung wieder auf das Glück!... So ſah ſie ſich jetzt, wo ſchon die Sicherheitsbehör⸗ den ihr Geheimniß wußten, geradezu bereits in Ketten und Banden... Sie ſagte ſich: So wandelſt du hin! So wird dein Loos ſich erfüllen! Das wird aus einem Weibe, wenn—„es die Liebe nicht findet“...! So 89 war dir's, als du auf der Bühne ſcheiterteſt!... So war dir's, als dir in der Dechanei gekündigt wurde! .. Nun ſteh nur zu, was kommt!... Der Mönch betrachtete das ihm durch Klingsohr ſo wohlbekannte Mädchen voll Staunen und Mitleid... Kreidebleich, wie der Rand des Kamins, ſtand ſie und bemerkte nicht, daß ihr der Alte mit ſeiner knöchernen Hand den Brief ſelbſt zu leſen gab... Die Augen gingen ihr tief innenwärts... Leſen Sie's nur ſelbſt, ſagte der Greis und ſprach dies ſchon wie ſtrafend... Zu dunkel iſt's! antwortete ſie, wollte leſen und konnte nichht... Sie wandte ſich, weil ihre Hände zitterten und hauchte: 1 Sagen Sie doch ſelbſt, was darinnen ſteht! Hubertus theilte ihr den Inhalt des Briefs im kur⸗ zen Zuſammenfaſſen mit... Lucinde hörte ihr Todesurtheil... Sie ſah Flam⸗ men um ſich her und konnte nicht entfliehen... Sie hörte Sturm läuten von den Thürmen und rannte ſinn⸗ los mit den andern... Grützmacher, der Wachtmeiſter aus Kocher am Fall, ſtand vor ihr mit ſeinem Signa⸗ lementbuch und ſprach ſein: Na Paſchol, Mamſell!... Eine Emiſſärin hieß ſie den Behörden ſchon lange. So ſtand ſie wie eine Statue... Bei alledem ſagte ſie: Dummheit! Ich ſehe da die ganze— blonde— blauäugige— Weisheit des— Herrn von Enckefuß! ... Wie kommen denn Sie— Sico, ein Kloſterbruder, 90 dazu, von dieſen Menſchen— in— Criminalſachen gebraucht zu werden? Der Landrath kennt dieſen Brief noch nicht! ſagte Hubertus. Auch ſoll er ſeinen Inhalt nicht erfahren— Darauf geb' ich Ihnen mein Wort— falls Sie mir ſagen, Fräulein, wo ich— Jean Picard finde! Lucinde wandte ſtaunend ihr Antlitz... Und was geſchah? Da lag das Papier ſchon auf dem halb im Verkohlen begriffenen Feuer des Kamins... Der Mönch hatte es eben hingeworfen und das plötzliche Wehen des Kleides, das entſtanden war, als Lucinde hoffnungsbelebt einen Schritt zurückfuhr, brachte den Zugwind, an dem ſich das Papier entzündete und langſam zu verbrennen anfing... Ich begreife Sie nicht—! flüſterte ſie und fühlte bereits jene Serlo'ſche„Abſchlagzahlung wieder auf das Glück“— ihre Augen blitzten wie ein Sonnenſtrahl aus Wolken. Mein Fräulein, begann der Mönch, mag dem ſein wie ihm wolle, und was Sie auch mit ſolchem Volk zuſammenbringt, ich gebe Ihnen den Schwur beim Pa⸗ tron meines Ordens, daß ich dieſen Teufel kneble, binde, geradezu aufhänge, wenn ich ihn finde, um ihn von ſeinem Laſterleben zurückzuhalten... Sagen Sie mir nur, wo ich ihn entdecke— dieſen Jean Picard!... Waren denn das Worte der Verſtellung?... War denn dieſer muthige, entſchloſſene Ton die Sprache eines Feindes oder Bundesgenoſſen? Der Greis richtete jene Miene auf ſie, die, das erkannte ſie jetzt, Lächeln ſein ſollte... Sie vertraute ſein poll ble, Sie Var ute 91 dem innigen Ton der heftigen Rede des Alten und fragte mit Wonneſchauern glücklicher Hoffnungen: Was haben denn aber Sie für ein Intereſſe an ſol⸗ chen Verbrechern, die, wie Herr von Enckefuß glaubt, meine Freunde ſein können? Bei Sanct⸗Franciscus! rief Hubertus... Das iſt, denk ich, keine Kleinigkeit, wenn man in Liebe an Jemand jahrelang denkt, ihn wiederſehen will und wieder⸗ ſehen muß und gerade im ſelben Augenblick von ihm er⸗ fährt, ein Dieb, ein Räuber iſt's geworden, wie— die andern waren... Sehen Sie dieſen Picard milder an, ſo weiß ich nicht, warum, Fräulein. Ich habe in jun⸗ gen Jahren ein paar gute Körner in den Schurken ge⸗ legt... ſind die ſo ſchlecht aufgegangen? So ganz der Apfel beim Stamm geblieben? Zwiſchen zwei Bäu⸗ men mach' ich im Wald eine Hängematte aus ihm und laß ihn nicht eher zur Erde, als bis er vor Gott mir ein beſſerer Zeuge wird! Das ſchwör' ich Ihnen! Wie kühlender Regen nach wochenlanger trockener Hitze überrieſelten dieſe Worte Lucindens Furcht und Bangen... Sie ſah eine Möglichkeit, den Verbrecher von ſeinem boshaften Plane, Nück zu Geldzahlungen zu zwingen, zurückzubringen... Aus ihrer unterirdiſchen Wanderung mit Bickert entſann ſie ſich ſeiner Scheu vor einem Madonnenbilde, entſann ſich ſeines Ganges in den Beichtſtuhl Bonaventura's... Vielleicht war er nicht nur einer Drohung, ſondern ſelbſt einer Mahnung zum Beſſeren zugänglich... Es lebte in ihm jene Ideen⸗ verwirrung, die die moraliſche Milde des Katholicismus in den Köpfen der Maſſe anrichtet... Sie ſündigt 92 und beichtet und beichtet und ſündigt... Der Bravo läßt den Dolch weihen, der gedungen iſt, einen andern zu morden... Die gemachte Beute wird mit der Got⸗ tesmutter und mit den Heiligen getheilt... Um ihre Freude nicht zu verrathen, ſchwieg ſie und redete auch da noch nicht, als Hubertus mit immer dringlicherer Eile fortfuhr: Sie kennen ihn! Sagen Sie mir aufrichtig, ohne Furcht: Wo iſt er? Verlieren wir keinen Augenblick! Ich will ein Wort mit ihm reden wie Jüngſtes Gericht! In Lucindens Innern zog es wie eine himmliſche Muſik auf... Hubertus erſchien ihr ſchön... Sie hätte ihn küſſen mögen... Aber auch ſchon lachen vor innerſtem Krampf und namenloſer Freude... Sagen Sie mir es nicht? Mir? Mir nicht? Was ſollte auf Weſterhof geſchehen?... Lucinde zuckte zuſammen... Reden Sie! Ich bitte! Ich will Ihnen vertrauen! ſprach ſie. Auch ich — möchte— den— verirrten— Menſchen ſchonen! Eine elende Vorſpiegelung hat ihn beſtimmt, hieher zu reiſen und ein Verbrechen auszuführen, das ich— Ihnen nicht anzugeben weiß, das aber gute— unſchuldige Menſchen— ja mich ſelbſt in peinliche Lagen brin⸗ gen kann!— Verſichern Sie ſich ſeiner Perſon! Haben Sie Einfluß auf ihn, ſo können Sie mir und manchem, der Ihnen dafür ewig danken wird, keinen größern Dienſt erweiſen, als wenn Sie ihn, wie Sie nur irgend können, unſchädlich machen! Ich wünſchte, Sie wären nicht ſo geldſcheu, wie dies Kloſterbrüder zu ſein pflegen! —⁶—ä 93 Geld ſcheint das einzige Mittel zu ſein, dieſe wüſte Seele zum Böſen oder vielleicht ebendeshalb auch noch zum Guten zu lenken— und wenn ich Ihnen aus meinen Mitteln— Das laſſen Sie nur! unterbrach Hubertus. Sehen Sie, wie ſich alles treffen mußte— Dem Schurken hielt ich zehntauſend Thaler in Bereitſchaft—! Sie ſtaunen? Noch mehr! Das iſt Geld, an dem Ihre eigenen Thränen haften, Fräulein! Ja Ihre! Ihre! . Geld, das Sie, Sie mit erwerben halfen durch Hunger und Entbehrung! Jene Erbſchaft der ermor⸗ deten Frau, die auch Sie auf dem Gewiſſen hat— fiel ja mir zu... Lucinde war es nicht gewohnt, etwas von ihren Thränen zu hören... Und wie ſich der ewig Un⸗ glückliche des Glücks entwöhnen kann und deſſen An⸗ näherung gar nicht mehr mit voller Beſeligung fühlt, ſo entwöhnt ſich auch das Herz, das man ewig kalt und empfindungslos nennt, der Anerkennung ſeiner beſſern Gefühle... Sie war mehr erſtaunt als gerührt über dieſe Worte... Sie erſchrak ſogar über ſie; ſie erin⸗ nerten an Klingsohr.. Woher wiſſen Sie das? fragte ſie... Durch Pater Sebaſtus! beſtätigte Hubertus und muſterte Lucinden mit dem ganzen Rückblick auf alles, was er über ſie wußte und nach dem Eindruck, den ſie ihm machte, jetzt wohl für glaublich halten konnte.. O wüßt' er, fuhr er mit freundlichem Nicken fort, daß Sie in ſeiner Nähe ſind! Darf ich's nicht dem Armen ſagen? 4 4 4 — 94 Wem? fragte ſie ausweichend und befremdet.. Heinrich Klingsohr!.. Wir ſprechen von den Gefallenen, nicht von den Er⸗ höhten! ſagte Lucinde mit einer der ihr geläufig ge⸗ wordenen devoten Wendungen... Sie finden den, den Sie ſuchen, auf dem Schloſſe Weſterhof! Unter dem Namen„Schneid“ hat er dort eine Stelle gefunden ... Sein Aeußeres— Seit wie lange ſchon ſahen Sie ihn nicht? Ich habe das Merkzeichen meiner Kinder... Und ſchon in Weſterhof!... Was wollt' er dort?... Warnen Sie ihn! Warnen?... Damit halte ich mich nicht auf!... Ich trag' ihn auf einen Thurm und werf' ihn hundert Fuß tief, wenn er nicht Ordre hört! Iſt aber an ihm noch zu flicken, ſo ſchaff' ich ihn nach Bremen und von da aufs Schiff und mag er dann nach Amerika gehen... Lucinde ſagte ſich ſelbſt: Werde nur nicht übermüthig, ſeit du ſiehſt, daß dich der Himmel noch liebt! Hubertus begann eine Frage, die er nun auch noch nach Terſchka richten wollte, unterbrach ſich aber, weil in der Ferne die Jagdhörner ertönten. Alſo Weſterhof! wiederholte er... Schneid!... Und— Sie— Sie Wilde, Wilde! Warum ſoll ich nicht den Pater Sebaſtus grüßen? Einem Kloſter ziemt kein Frauengruß! ſprach ſie mit Lächeln.. Der Arme ſitzt in Haft... Wie hätt' ich ihm ge⸗ gönnt, nach Lüttich zu entfliehen... So vertraut war Hubertus mit Klingsohr... 95 In Haft? fragte ſie... Wenn ihn nicht heute der Domherr von Aſſelyn frei bekommt... Ja!... Der wollte ein Wort für ihn beim Provinzial einlegen.. Lucinde ſah im Geiſt zwei, drei Räder gehen und ſich ſelbſt in ihrer Mitte... Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft— alles rollte rundum— und nichts war feſt... Noch einmal rief ſie dem ſchon Abſchiednehmenden und immer vor ſich hin:„Schneid!“„Schneid!“ Mur⸗ melnden und richtete lächelnd die Frage an ihn: Wiſſen Sie nicht irgendeinen hohlen Baum? Eine vom Blitz erſchlagene Eiche? Im Düſternbrook! Gewiß! In dieſen Baum ſoll Klingsohr entfliehen!... In— einen— Baum?.. Ich denke... Wo möchte der Pater am liebſten ſein? Wo Sie ſi oder— in Rom! Nun gut!... Der Weg nach Rom führt durch jenen hohlen Baum— Aber die Jäger kommen... Ein andermal!. Was Jäger! Auch ich war einer— hier und in den Wildniſſen Javas! Was Entbehrung und Anſtren⸗ gung heißt, das kenn' ich... Ich bin von Schlangen gebiſſen worden und Malayen ſogen mir das Gift aus den Wunden... Selbſt lernt' ich Gift aus einem friſch gebrochenen Schlangenzahn ſaugen und keine Schlange mehr hatte ſeitdem Gewalt über mich... Doch ja! Eine— Eine freilich!... Aber was ſoll's mit dem Baum? Ich verſtehe— nur—— aift— halb und halb. Lucinde wiederholte Nück's Rath. 96 Die Regel Ihres Ordens, ſprach ſie ſchnell und wie zwiſchen Thür und Angel, geſtattet Ihnen Verände⸗ rungen Ihrer Lage, aber nur müſſen Sie— vom Strengen zum Strengern übergehen! Flieht der Pater in einen Baumſtamm, lebt dort als Einſiedler, erträgt die Härte des Winters, bleibt in Sturm und Regen, hütet ſein Crucifix und kümmert ſich nicht, wer oder was ihn ernährt, ſo hat kein Kloſter Gewalt über ihn; das Bedürfniß größerer Gottſeligkeit iſt heilig. Kommt dann aber— der Frühling— kommen die Schwalben— Ha! So entfliehen wir nach Rom! Nach Nom? Auch Sie? Auch ich! Nun gut! Aber— ohne Sandalen! Ohne Kapuze! Statt des Stricks— mit dem Stachelgürtel!... Nach der Regel des heiligen Petrus von Alcantara, die Sie vorgeben müſſen, in Rom annehmen zu wollen... Sei⸗ nen getreuen Alcantarinern wird Sanct⸗Franciscus Ver⸗ zeihung gewähren... Die Prüfung iſt groß... Aber wo ſeh' ich Sie wieder?... Man kommt!... Mor— gen in der Frühe im Münſter von Witoborn. Damit drängte ſie den ſtaunenden Bruder aus dem Zimmer, zog die Thür ſofort wieder an ſich und eilte die Reſte des Briefs zu zerſtören, ihr Haar, ihre Klei⸗ der zu ordnen und ſich zur Rückkehr in die Geſellſchaft zu ſammeln. Ihre Bruſt athmete auf... Kann denn für dich, riefen tauſend frohlockende Stim⸗ men, noch ein Wunder geſchehen? Selbſt das Gefühl der Verſöhnung miſchte ſich in ihren Jubel. Wurde das * wie inde⸗ vom ater gen, der umt ilte 97 Verbrechen unterdrückt, ſo zog keine unerbittliche Hand mehr Paula von„Bonaventura's Seite... Auch das glaubte ſie jetzt wünſchen zu können. Mit erleichtertem Herzen, hoffnungsvoll kehrte ſie in den jetzt ſchon von Kerzenlicht widerſtrahlenden Saal zurück... Das ganze Schloß war inzwiſchen in Bewegung gekommen... Hörnerſchall, Peitſchenknallen, Hundegebell hörte man ſchon in nächſter Nähe... Die Jagd kehrte heim... Jubelndes Halali wurde geblaſen ſchon bis in den Schloßhof herein... Die Frauen ſtanden im Saale und zum Empfang der Männer geſchart... Von Püttmeyer's Künſten waren ſie noch alle wie Traumbefangene; der Glanz der Lichter, der Duft der Speiſen rief ſie in eine nicht minder behagliche Wirklichkeit zurück... Der Erfolg der Jagd war zuletzt der lohnendſte geweſen. Das erlegte Wild kam in einer langen Wa⸗ genreihe an hoch bedeckt mit Tannenzweigen. Sämmt⸗ liche Treibleute, die den Tag über und ſchon geſtern meilenweit mitgewirkt hatten, ſtanden im Schloßhof und empfingen ihren Lohn für die gehabte Anſtren⸗ gung. Man zahlte mit Geld und anerkennenden Worten. Der Graf hatte große Treffer von ſich zu rühmen und war in beſter Laune, denn der gefürchtete Terſchka hatte weniger geleiſtet, als man erwartet; Terſchka trug den Tannenſchmuck an der grünen Mütze ohne jede Berechtigung zur Ueberhebung. Nun auch traten der Dorſte'ſche Oberförſter und 7 Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 98 ſeine Gehülfen, der Wildmeiſter und die Leibſchützen mit den bisher zurückgehaltenen Gloſſen der echten Jä⸗ gerpraktika hervor und erklärten jeden Schuß, wie er hätte ſein müſſen, berichtigten jedes Misverſtändniß, deuteten an, wie man jenen Rehbock, dieſen Spießer hätte ſogleich da oder dort aufs Blatt nehmen ſollen... Alle aber waren darin einverſtanden, daß die Freude und das dann zuletzt doch nicht ausgebliebene Glück erſt eingezogen waren, als der Landrath entfernt wor⸗ den... Laut geſprochen wurde über dieſen Zwiſchenfall nicht mehr viel; der Damen wegen flüſterte man nur; der Landrath mußte ja für„tollgeworden“ gelten. Ueber etwa dabei Verſäumtes beruhigte einer den andern, ſeit man von Habertus' glücklich getroffenen Anordnungen und der Abholung des Landraths aus einem Bauernhauſe durch ſein Fuhrwerk und ſeinen Bedienten wußte... Der Hinblick auf die Vorgänge im Hof hätte für die Frauen ein abſchreckender ſein ſollen, denn das letzte erlegte Wild wurde hier von den Jägern ausgeweidet. Lunge, Herz, Leber, das Feiſte in den Wammen, alles fiel den jagdkundigen Helfern zu nach Jägerrecht. Sorglich wurde weder hievon abgewichen, noch von den Trinkgeldern, die man dem in die Hand ſteckte, der das Tannenreis an Hut oder Mütze flocht. Der An⸗ blick, an ſich ſchon wild, machte ſich maleriſch ſchön durch die angeſteckten Fackeln. Rings die alterthüm⸗ lichen Wände und Galerieen. Schon allein das Getreibe der Hunde, die für die lang zurückgehaltene Gier jetzt durch ihren Antheil belohnt wurden, war eine Auf⸗ — gabe für die Vereinigung der Talente eines Snyders und Rubens. Dann wurde der Rückblick auf die Geſchichte des Zuſammenſturzes dieſer Thiere, die mit ihrem Blut den Boden bedeckten, mit einem Stimmeneifer begleitet, als handelte es ſich um die größten Begebenheiten der Welt. Jeder ſtutzende Seitenſprung eines Böckleins wurde noch jetzt belacht, nicht etwa weil die„nobeln Paſſionen“ Empfindungsloſigkeit mit ſich bringen, ſondern weil der Menſch an der Ausübung ſeiner Hoheitsrechte über die Natur doch zuletzt eine berechtigte Freude haben darf. Die Spottreden waren nicht mehr ſo ſcharf geſalzen, wie im Beginn. Hatten doch auch die jedem einzelnen mitgegebenen Jäger, des Tannenzweigs, d. h. Trink⸗ gelds wegen, dafür geſorgt, daß zuletzt jeder auch noch ſo lateiniſche Jäger gleichſam wie von Samiel's Hand eine ſicher treffende Freikugel bekam, und ſollte ſie auch nur in der diaboliſch vermeſſenen Sicherheit beſtanden haben, mit welcher unter fünf auf zwanzig fallenden glücklichen Schüſſen einer ſicher auf den von ihnen ſe⸗ cundirten Herrn gerechnet wurde. Dieſer glaubte es dann ſelbſt und je dunkler es wurde, deſto weniger Widerſpruch auch bei den andern. Onkel Levinus ſtrahlte vor Genugthuung und Zufriedenheit. Auch die Amazonen, ſelbſt Fräulein von„Anflicker“, alle hatten getroffen und zeigten im Hof ihre Opfer... Nur Armgart erklärte mit aller Offenheit, ſie hätte nichts erlegt... Sie war die einzige, deren Zähne vor Froſt klapperten... Sie ſuchte fiebernd den Ofen und hockte da wie ein Wurzelmännlein... Terſchka 7 2½ 100 und Thiebold machten ſich ſtändig um ſie zu ſchaffen... Benno ſah man nicht mehr. Zu Thiebold's Leidweſen hatte er ſich zu Fuß auf den Weg gemacht und war mit läſſig übergeworfener Flinte auf Witoborn zu hin⸗ ausgeſchritten in die ſtille Nacht... Der Graf war der höflichſte Wirth... Die Jäger, die jetzt bei der Bewirthung halfen, gingen mit Tel⸗ lern, Flaſchen, Servirbretern an ihm vorüber, als wenn er heute früh keinen einzigen von ihnen bei Seite genommen und wirklich geſagt hätte: Gegen Baron von Stein, gegen Graf Mengdenberg hab' ich nicht die min⸗ deſte Luſt großmüthig zu ſein! Wie ſie mir, ſo ich ihnen! Laßt ſie nur immer in Büſche treten, wo ſie nicht mehr ein noch aus wiſſen!..Aber auch nach dieſer Jagd⸗ praktik folgte jetzt Behagen, Genuß, Erholung... Die Gattinnen, Töchter und Schweſtern der Nimrods würz⸗ ten nicht nur das Mahl durch ihre Erzählungen über den allgemein mit Verehrung begrüßten Doctor Pütt⸗ meyer, der ſich hier wie ein aufgeſchreckter Gnom des Waldgebirgs ausnahm, vorher ſein Hemd gewechſelt und das gute Fräulein Huber ſogar ohne Dank für ihr Spiel hatte abreiſen laſſen(ſie blieb nicht beim Mahl, trotz der Bitte der Gräfin), ſondern ſie hinderten auch den Ausbruch allzu wilder Natürlichkeiten, die Wahl allzu ſorgloſer Wortbezeichnungen, das Erzählen allzu derber Anekdoten. An Geſundheiten fehlte es nicht. Der Graf ließ ſeine Gäſte leben, die Gäſte ließen Graf und Gräfin leben. Dann kam der Toaſt, der immer neu iſt, wenn auch der gewöhnlichſte von allen, auf die Damen... ——— 101 Unter dieſen fand ſich eine muthige Seele, die Freiin von Böckel⸗Dollſpring⸗Sandvoß, die in ironiſcher Weiſe die Philoſophinnen leben ließ... Ddieſe rächten ſich und ließen durch Mengdenberg die Amazonen leben... Die Amazonen brachten wieder einen Toaſt auf Doctor Püttmeyer aus; es war Fräulein von„An⸗ flicker“, die ihn ſprach. Man nahm dieſen Toaſt mit Jubel auf. Er übertönte das Wohl aller andern um ſo mehr, als inzwiſchen die Huſarentrompeter herauf⸗ gekommen waren und ihre Inſtrumente luſtig in den Saal herein erſchallen ließen. Fanfaren folgten auf Fanfaren, ein Jagdſtücklein aufs andere; der grüne Heu⸗ ſchreck Stammer fehlte nicht und machte ſeine land— bekannten Poſſen. Dann erhob ſich der Oberförſter, der an der Tafel theilnahm, und hielt eine Rede, die ſogar theilweiſe an Thiebold gerichtet war, eine Rede, die ſich in die altdeutſchen Urwälder verlief, in einigen Sümpfen ſtecken blieb und endlich nach langen Umwegen, wo man wunder dachte wo er herauskommen würde, unter Thränenanflug bei ſeiner theuern, liebwertheſten, gnädigſten, jungen Herrſchaft anlangte, bei der Comteſſe Paula.. Das gab dann einen Sturm von Beifall... Alle Gläſer klangen... Auch das Glas Armgart's, die zwiſchen dem Onkel und Terſchka ſaß, erklang... Wie ihre Augen ſich gefeuchtet hatten, bemerkte Niemand... Gräfin Paula auf Weſterhof erſchien allen wie in der Glorie einer Schutzheiligen des Landes... 102 Lucinde ſaß in einem Kreiſe von Offizieren... Schon fing ſie an allgemeines Intereſſe zu erregen... Terſchka hatte ſie ſogleich erkannt und wollte Arm⸗ gart auf ſie aufmerkſam machen.. Dieſe aber redete, um ihr Seelenleid, den ganzen Jammer ihres wahn⸗ bethörten Herzens zu verbergen, mit Püttmeyer, der ihr gegenüber ſaß, und entſchuldigte ihre Nichtanweſen⸗ heit bei ſeinem Vortrag, der, ſie ſprach das im vollen Glauben, ja„ſo entzückend ſchön“ geweſen ſein ſollte... Püttmeyer hörte indeſſen nur halb... er wollte den ihm dargebrachten Toaſt erwidern und es iſt ein eigener Zuſtand im Menſchen, wenn er, ſo zu ſagen, einen Toaſt im Leibe hat. Oder wie anders ſoll man die Lage nennen, die nicht unähnlich ſein muß der Sehnſucht nach einer glücklichen Niederkunft? Sage man was man will, Steckenbleiben iſt bitter und Gei⸗ ſtesgegenwart iſt nicht Jedermanns Sache, am wenig⸗ ſten derer, die Geiſt haben. Da ſitzt ſo ein toaſt⸗ ſchwangerer Menſch und die Speiſen werden ihm ſer⸗ virt und er nimmt mit dem Löffel, was er mit der Gabel greifen ſoll, tief abweſend iſt er und lebt nur in der Repetition der ſchönen Dinge, die er ſagen möchte. Nun begegnet ihm noch das Unglück, daß ihm links ein Nebenmann fortwährend die Flammen der Begeiſterung ſchüren will, mit dem Meſſer an ein Glas zu ſchlagen droht, zum Zeichen, daß hier Jemand ſpre⸗ chen wolle. Um Gottes willen noch nicht! ruft der verzweifelnde Demoſthenes dazwiſchen, während er, ſtatt ſich in Muße ſammeln zu können, wieder zur Rechten von einer unglückſeligen Plaudertaſche ins Gebet genom⸗ Arm⸗ ꝛdete, ahn⸗ der eſen⸗ ollen vollte t ein 103 men wird, die ihn nichts ahnend über alles ausfrägt, über den Kirchenſtreit, den Kirchenfürſten, über Roms Allocutionen, Concordate, Exercitien, Barmherzige Schwe⸗ ſtern, Hoffnungen auf neue Klöſter und Jeſuiten... Eine Erklärung: Beſte gnädigſte Frau Gräfin, ſchonen Sie mich, ich habe einen Toaſt im Leibe! kann ein Menſch von Geiſt unmöglich abgeben, da ein Toaft nur immer die Schöpfung eines faſt bewußtloſen, genial improviſirenden Mittheilungsdranges ſein ſoll. Ein ver⸗ zweiflungsvoller Zuſtand das! Um ſo mehr, wenn der rechte Moment vorübergehen kann, der, wo die Toaſte, die nach vielen andern kommen, ihre Zündkraft ver⸗ lieren... Püttmeyer hatte die Gräfin Münnich zur Linken, das Fräulein von„Anflicker“ zur Rechten, Armgart ſich gegenüber. Klopfte auch Jene nicht, einen„Zu⸗ ſtand“ an ihm bemerkend, vorſchnell mit dem Meſſer an ihr Glas, ſo glaubte doch die Dame zur Rechten alles aufbieten müſſen, den hochberühmten Denker ſo zu unterhalten, wie es einer Dame auch ihres viel⸗ ſeitigen Rufs geziemte; denn Fräulein von Merwig⸗ Anflicker, eine Jungfrau in den Vierzigen, war von einem Unternehmungsgeiſt, der in allen Gebieten Cou⸗ rage zeigte, in der Muſik, in der Plaſtik, in der Poe⸗ ſie, in der Declamation— nichts fehlte, als der Er⸗ folg... 4 Püttmeyer! Püttmeyer! Wahre deinen Vortheil! Gleiche dem Maikäfer, den der glückliche Knabe über die Hand laufen läßt! Im beſten Bewundern ſeines ſchwarzen oder braunen Halsſchildes, ſeiner behaarten 104 Fußſchienen, fliegt er dem Beobachter plötzlich auf und davon! Fräulein von Merwig⸗Anflicker reißt die De⸗ batte an ſich und dich mit hinein! Sie muß ja ſtreiten, ſtreiten bis zum Unſchönen— ſie ſtritt ſchon ſogar einmal bis zu einem nur mühſam beigelegten Piſtolen⸗ duell... Die Offiziere necken ſie heute über den Tiſch hinweg mit ihrer Kunſt zu reiten und ein feinerer Kopf unter ihnen ſpricht in Anſpielung auf die ungedruckten Gedichte des Fräuleins— vom Hufbeſchlag des Pegaſus und vom Riemzeug und vom Geſchirr der Sonnenroſſe ... Nun erwidert ſie: Die Hufeiſen des Pegaſus ſind dem Huf des Götterpferdes verkehrt angeſchlagen! Wer ſeinem Wolkenflug nicht folgen kann, wer ihn nur zu würdigen weiß, wie der Aermſte mit geknicktem Flügel auch wol über die Sandflächen der Erde dahinjagen muß, den führt ſeine Spur immer gerade nur auf die entgegen⸗ geſetzte Seite hin, als wohin ihm die nichtsnutzige Kritik im Sande nachtrottet! Das war ein Wort der Kraft und erntete nicht wenig Zuſtimmung und zerſtreute nur leider Püttmeyern, den das ſympathiſche Wort: Nichtsnutzige Kritik vollends aus dem Kreiſen ſeines Toaſtes brachte... Aber die Sonnenroſſe?— rief Onkel Levinus und hob ſein Römerglas und genoß heute die ganze Freiheit ſeiner— ungeſchloſſenen Ehe... Wie Sonnenroſſe ein⸗ geſchirrt werden, fuhr er begeiſtert fort, das kann man nur wiſſen, wenn man Aurora auf ihrem Geſpann von einem Berg der Alpen begrüßt hat oder vom Capitol in Rom oder von einem Vorgebirge Griechenlands! f und De⸗ eiten, ſogar tolen⸗ Tiſch Kopf uckten egaſus nroſſe des einem digen wol den ſegen⸗ grittk nicht hern, lends jund eiheit ein⸗ man von pitol nds! 105 Da hört man die Sonnenroſſe, wie ſie angeſchirrt wer⸗ den! Da ſieht man's, wenn die erſten gelben Lichter über die dunkelblauen Wellen im Oſt wie von einem Wind heraufgetragen erſcheinen, das Meer geweckt wird aus nächtlichem Schlummer, dann ſich alles purpurn und violett und blau malt! Immer unruhiger jauchzt das Meer der Sonne, wie einem Bräutigam entgegen! Was Correggio, Guido, Raphael gemalt haben, ſieht man jetzt! Neptun, Jo und Jupiter und Europa! Tritonen! Alles bläſt und ſpritzt Waſſerſtrahlen über ſich her und auf Delphinen ſchwimmt ein Brautzug mit Blumen und flatternden Bändern! Nein, meine Herren und Damen, im Süden haben die Sonnenroſſe gar keine Eiſen an den Hufen. Nur hier, hier bei uns, hier wo ſie ihren feurigen Wagen über die traurigen Eisſchollen des Philiſterthums ſchleppen müſſen, hier, hier muß wol— die alte Weſterhofer Schmiede dran! Hurrah! Das gab eine Erregung... So konnte Onkel Levinus ſprechen, wenn durch ſein eigenes Philiſterthum der Genius hindurchbrach ... Der Adel wußte, was er an dem Manne be⸗ ſaß. Er drückte ihm aus, was zu beſitzen ihm Be⸗ ruhigung gewährte, wenn man Schiller und Goethe ab⸗ lehnt. Da waren ja Denken und Dichten, Wahr⸗ heit und Schönheit auch vertreten; wozu brauchte man die proteſtantiſche Welt? Auf Freiherrn Levinus von Hülleshoven war die ganze Provinz ſtolz; nur mußte er nicht von Rom, Griechenland und Je⸗ ruſalem gleich auch nach Abyſſinien und Cochinchina reiſen.. 106 Deshalb kamen die Hörner gerade recht, die ein luſtiges Jagdlied ſchmetterten... Schon war das reiche Mahl faſt zu Ende, ſchon war der heute ſo auffallend ſchweigſame Terſchka in der Nothwendigkeit, auf Rom ſowol, wie auf den Hufbeſchlag der Pferde Rede zu ſtehen— hatte er doch alle Offtziere durch ſeine Kenntniß des letztern, wie die Damen durch ſeine Kenntniß des erſtern oft genug gefeſſelt— als Püttmeyer endlich, endlich an ſein Glas klopfte. Beim fortgeſetzten Gefülltwerden deſſelben hatte er bemerkt, daß ſeine Sinne plötzlich zu ſchwindeln anfingen und der Augenblick zu kommen drohte, wo der Menſch von Einſicht erkennt, daß er keinen Toaſt mehr bringen ſoll... Allgemeines Bravo und Klopfen an die Gläſer.. Püttmeyer ſteht auf... Es war ein Moment, wo ihm der Boden unter den Füßen wankte. Hinter einem Transparent im Dunkeln hatte er ſtundenlang ſprechen können— jetzt aber mußte er ſeinen ganzen Menſchen aufbieten, um ſich zu behaupten. Danken wollte er für das ihm gebrachte Hoch, wollte wiederum, wie ſich's erwarten ließ, ſeiner Philoſophie eine aner⸗ kennende Zukunft prophezeien... Armgart ſah durch ihre in Thränennebeln flimmernden Augen hindurch die ſonnenbeſchienene Warte des Geyerfels, von der Ange⸗ lika Müller einſt in einer ſchönern Stunde geſprochen: Da möchte man predigen!... Schon war Püttmeyer's: Hochzuverehrende Damen und Herren! über ſeine Lip⸗ pen, die etwas im Tone Schnuphaſe's ſprachen; ſchon hatte er wiederum zum Beginn ſeiner eigenen Ver⸗ ein ſchon der hlag ziere durch als Beim nerkt, und von ingen nent, inter llang anzen anken rum, aner⸗ durch h die lnge⸗ hen: er's: dip⸗ chon Ver⸗ 107 herrlichung gelegenheitsgemäß geſagt:„Wie aus dem Wald, in welchem die edle Waidmannskunſt vor weni⸗ gen Stunden, bald zum letzten mal ehe die Axt des Holzſchlägers die alten Stämme niederlegen wird, ihr fröhliches Jagen erſchallen ließ, in kurzer Zeit ſich die Grundlagen einer jener Eiſenſtraßen erheben werden, welche das Gaslicht der Aufklärung auch endlich in unſer Land, in das Land der Böotier“;—— und ſchon war nach dem ſtürmiſchen Jubel auf dies ironiſche Sichſelbſtverſpotten durch ein Stichwort, mit dem die fragliche Provinz nicht ſelten bezeichnet wurde, und nach dem Wehen der Damentaſchentücher, die in dieſem Augen⸗ blick zu Kriegsfahnen wurden für den neueröffneten Kreuzzug gegen Ketzer⸗ und Beamtenthum— Pütt⸗ meyer im Begriff, ſeinem„einſamen Denkſtein“ und ſei⸗ nem:„Heureka!“ auch vor den Männern eine genug⸗ thuunggebende Zukunft zu verheißen, als— die Lacerte am Riedbruch auch in dieſem Augenblick wieder dahin⸗ huſchte, wieder eine Dame aufſprang, wieder wie zur Flucht, und wieder Lucinde, die ſchon Allbeobachtete, nach der Thür ſuchte... Diesmal war aber die Störung nur das Signal eines allgemeinen Aufbruchs... Im Saal waren die Fenſter nicht verhängt geweſen. Durch eine große dreigetheilte Balconthür hindurch hatte man einen erſchreckenden Anblick... Feuer! riefen ſchon draußen Stimmen zu gleicher Zeit... Feuer! wiederholte man von den Corridoren. Ein Nordlicht iſt's! rief Jemand im Saale, zur Beruht 108 gung auffordernd... Der glührothe Schein konnte nur einem Brande angehören... Eine Weile Todtenſtille... Der Schein war im Süden... In Witoborn iſt's! riefen die einen... In Heiligenkreuz! die andern.. Auf Weſterhof! ſchrie Armgart und ſtürzte wie aus einem Traum erwachend, der den Tag über dumpf auf ihr gelegen, und mit fanatiſcher Erregung zur Thür hinaus... Die Rede und der Abend waren zu Ende. Pütt⸗ meyer ſtand an der Tafel, wie ein kalt gewordenes Gericht und konnte ſich nicht finden. Es war ihm, als wäre ihm plötzlich auch ſein eigener Verſtand ſo davon⸗ und zur Thür hinausgelaufen.. Die Beruhigungen des Wirthes und der Diener konnten Niemanden mehr zurückhalten... Ein breiter glührother Schein blieb quer über dem ſchneebedeckten Rücken eines Tannenwaldes liegen... Am Zittern des Scheins ſah man, daß die Flamme vom Winde bewegt wurde. Bald war der Schein ſtär⸗ ker, bald ſchwächer; die Bewegung kam, wie in regel⸗ mäßigen Pulsſchlägen. So unheimlich ſah es ſich an, daß die Frauen ſchon die Erſcheinung fühlten, wie wenn die intermittirende Bewegung vom eigenen Her⸗ zen kam... Die Phantaſie der einen machte ſich durch Aufſchrei Luft, die andern gingen wie in der Irre. Jede Natur, mochte ſie ſich eben auch ganz in der Beherrſchung ge⸗ geben haben, die Bildung und Ueberbildung mit ſich e nur r im aus umpf zur Pütt⸗ denes ihm, avoll⸗ jener dem umme ſtäͤr⸗ tegel⸗ he wie Her⸗ chrei atur, ge⸗ 109 bringen, warf jetzt die Feſſeln ab. Die ſchweigſamſte wurde beredt, die lauteſte verſtummte. Schluchzen hörte man, Troſtworte... Alle aber riefen: Die arme Gräfin Paula! Und ſie hat es vorausgeſehen!. Levinus, Armgart, Terſchka und Thiebold waren ſchon verſchwunden... Noch ehe diejenigen, die auf das obere Stockwerk und das Dach geeilt waren, zurückkehrten und die Nachricht brachten, es ſchiene in der That entweder das Schloß Weſterhof oder die Liborikirche oder das Stift Heiligenkreuz zu brennen, war der Saal entleert... Im Hof drängte ſich ein Gewühl kaum zum Durch⸗ kommen... Die Pferde, die Spritzen wurden aus den Ställen und Remiſen gezogen... Viele Herren, ſelbſt Fräulein von Merwig ſetzten ſich auf eine der Spritzen, um nur raſch an Ort und Stelle zu kommen.. Dabei fehlten die Diener, die Jäger, die Mägde. Viele hatte ſchon der magiſche Reiz, den jede Feuersbrunſt ausübt, angezogen, trotz der ernſten Warnung des Grafen, die Jedem verbot ſich ohne Erlaubniß zu ent⸗ fernen... Frau von Sicking war unter allen die verlaſſenſte... Doch war ihr Beſitzthum glücklicherweiſe nicht genannt worden... Sie ließ ſich von Jedem, der noch nicht im Beſitz ſeiner Pelze, Mäntel, Fußſäcke war, Bericht er⸗ ſtatten von der geſtrigen Viſion Paula's und ſah ſich zuletzt nach ihrer bei alledem doch faſt zu auffallend ſchreckhaften Begleiterin um... Wo iſt mein Fräulein? rief ſie. Ein Jäger ſagte, das Fräulein wäre wie ein an⸗ 110 geſchoſſener Vogel geweſen und plötzlich verſchwun⸗ den... Man ſuchte ſie... Lucinde war nicht zu finden... Mit Verdruß über„dieſe doch merkwürdigen Sonder⸗ barkeiten“, aber mit intereſſanten Thatſachen für ihre weitverzweigte Correſpondenz bereichert, fuhr Frau von Sicking allein nach Hauſe. 17. Friede!... Linder, ſanfter, himmliſcher Friede!... Du, der du Stirnen kühlſt, die noch vom Kampf des Lebens erglühen, lindernden Balſam träufelſt auf Her⸗ zen voll Kummer— deine heiligſten Tempel baut dir Mutter Natur! Doch du ſegneſt auch jedes beſcheidene Dach, wo das Echo des ſchallenden Marktes verhallt, wo nur der Pendelſchlag der Uhr— fernklingendes Schärfen der Sichel Saturn's!— uns in die grünen Matten ver⸗ ſetzt, in die zeit⸗ die raumloſen, die Paula's geſchloſſe⸗ nes Auge erblickt! Segneſt dem ermüdeten Wanderer ſein Lager mitten auf Landſtraßen! Segneſt dem zum Tod ermatteten Krieger noch am Abend der verlore⸗ nen Schlacht, unbekümmert um des Siegers Ueberfall, mitten auf dem Weg ſeiner Triumphe, die Schlummer⸗ ſtätte! Zahllos ſind die Wohnungen des Friedens auch noch auf dieſer ſtreitbewegten Erde. Traulicher jedoch ſpinnt ſich nicht die Spinne in ihr Netz, als es die Liebe verſteht. Glückliche, die erlaubte Liebe, die ſieht ſich noch zuweilen um und beobachtet die 112 Welt, ob ſie auch bei ſo viel Glück noch ſteht, beobachtet die Menſchen, ob ſie auch neidiſch ſind... Aber die ungeſtandene, die verſchwiegene Liebe hat Ohr und Auge verloren... Sind da Sterne vom Himmel gefallen, ſind Thürme eingeſtürzt, war ein Erdbeben— indeſſen der Lampe milder Schimmer das Antlitz der Geliebteſten beſchien, indeſſen die Weiße ihrer Hand wetteifernd mit den Spitzen, an denen ſie ſtickte, glänzte? Das Ohr hörte nichts. Schwirrte ein Käfer in ihrer Nähe, fiel eine zierliche Rolle aus ihrem Nähtiſch zu Boden— das waren Weltbegebenheiten... So in traulicher Stille und Verlorenheit der Ge⸗ danken ſaß Bonaventura in dieſen Stunden bei Paula. Nicht allein waren ſie heute— Tante Benigna kehrte beiden im grünen Zimmer den Rücken und ſchrieb und las an einem geöffneten Schreibbureau... Sollte Armgart wirklich zur Jagd ſein? Und: Wenn nur kein Unglück geſchieht!... Das waren die beiden einzigen Worte, die, viertel⸗ ſtündlich wiederholt, die Liebenden ſtörten... Bonaventura hatte ſeit vorgeſtern Abend den Weg zur Erde nicht mehr zurückfinden können. Er ſchwebte in Lüften. Verpflichtungen gab es nach allen Seiten hin, nach Schloß Neuhof zur Mutter, nach Himmelpfort zu Klingsohr, Briefe und geſchäftliche Mahnungen dräng⸗ ten, auch Müllenhoff's, ſeines polternden Wirthes Zumu⸗ thungen; Sorge drückte ihn um Benno, auf deſſen dunkles Leben der Brief des Onkels ſo ſeltſam neue Streiflichter hatte fallen laſſen, auch ein längſt bezweckter längerer Beſuch bei Hedemann, alles das drängte auf ihn ein— 113 aber er entſchied ſich für nichts, er entſchloß ſich zu nichts, es zog ihn nach Weſterhof... Geſtern gegen Mittag hatte Paula die Viſion von den Flammen gehabt... Er ſah und hörte ihr angſt⸗ volles Ringen mit der unheimlichen Anſchauung und mußte ſie, da ſie der Ruhe bedurfte, verlaſſen, gefol⸗ tert von den Bildern, die Paula ſah. Es waren Bil⸗ der des Brandes und der Zerſtörung. Es waren Bil⸗ der, die ihn an ſeine Beichtgeheimniſſe, ſeine ſtummen ſchweren Bürden, erinnerten— Bürden, deren er ſich nicht entledigen durfte ohne andere anzuklagen. Sprechen durfte er wol: Terſchka iſt mir verdächtig! Oder: Wenn Nück etwas im Schilde führte!... Aber das war auch alles... mehr zu ſagen war ihm nicht erlaubt; denn bei genauerm Hinweis wußte jeder ſogleich, er ſtellte Beichtbekenntniſſe bloß... Der Tag war ſo öde hingegangen, ſo einſam... Sein Herz klopfte... Wem ſollte er ſich vertrauen? Bei wem Beruhigung ſuchen!... Ziemten ſeine Empfindun⸗ gen dem Prieſterherzen?... Und hätte er ſich vielleicht auch zu Benno, der ſelber litt, ausſprechen dürfen, er räumte dem Stifter des Cölibats, Gregor VII. ein, daß kein Gefühl uns in der That mit größerm Egoismus erfüllt, als die Liebe... Doch, ſetzte er hinzu, vielleicht nur die ringende, die kämpfende, nicht die glückliche Liebe... Auf ſeinem Zimmer ſchloß er ſich ein und las in ſeinen mitgebrachten Büchern erſt im Auguſtinus, dann in ſei⸗ ner geliebten„Trutz⸗Nachtigall“, ſchrieb auch ſelbſt in ſein„Sünden-Brevier“, wie er ein kleines Büchlein ſeiner geheimſten Gedanken nannte: Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 8 114 Ich kann es nicht ſagen— was jeder doch weiß! Ich kann es nicht tragen— und trag's doch ſo heiß! Ich kann es nicht finden— was überall liegt! Ich kann es nicht binden— und hab's doch beſiegt! Ihr Sterne behütet's? Das dank' ich euch nicht! Dich ſchelt' ich, o Mond, der ſein Schweigen nicht bricht! O Sonne, o Sonne! Mit ſtrahlender Miene Sag' du es der Welt, welcher Königin ich diene! So im Lied ſich tröſtend und erhebend, voll Ahnung in den Frühling ſich verſetzend, in Wonneſchauern ſchon die erſte Lerche ſehend, die im Felde aufſteigt, wirbelt, immer höher und höher ſich ſchwingt, ſchrieb er: Lerche, ſchwebſt im blauen Feld, Willſt gen Himmel dringen? Iſt's dein Ton, der ſo dich hält? Trägt dich ſo dein Singen? Vöglein, Vöglein, wüßteſt du, Wie beim ſtillen Wandern Durch die grüne Sonntagsruh' Du voranſteigſt andern— Wie in deinen Jubel ſich Andrer Jubel miſchen, Sich in deinem Sangesſtrich Mit im Blau erfriſchen— Folgend deinem Schwebeflug Hoch und höher ſteigen— Droben würdeſt bald genug Du als Stern dich zeigen! Es kamen Briefe aus ſeinem Kapitel... Es kamen Anfragen, ob er nicht eine Miſſion nach Wien überneh⸗ ſicht! hnung ſchon irbelt, 115 men wollte zur Begrüßung des dort erwarteten Cardi⸗ nals Ceccone... ob er auch ſeine Stimme mitgäbe zu dieſem Proteſt und zu jenem Begehren... Es kamen Müllenhoff's Exercitien und— die lächerlichſte Scene von der Welt— denn ſchon wieder hatte man dem Pfar⸗ ver von Sanct⸗Libori einen Streich geſpielt, ſchon wieder ein Neugeborenes an ſeiner Thür ausgeſetzt, diesmal ein Lebendiges ſogar, nur kein Kind, ſondern ein friſch⸗ geworfenes Kätzchen, das mit einem Häubchen und wie ein Wickelkind eingeſchlagen und befeſtigt bei erſter Morgenfrühe in einem Korb vor ſeiner Hausthür weh⸗ winſelte... In dem darob entſtandenen Lärmen erſt erfuhr Bonaventura, daß dieſe Verſpottung bereits ähnlich neulich vorgekommen. Er ſuchte den Pfarrer zu tröſten, der diesmal kleinſilbig wurde und das To⸗ ben und Androhen mit den Gerichten der Kathrein, dem alten Tübbicke und den Hausangehörigen verwies .. Dabei verſicherte Tübbicke aufs beſtimmteſte: Es iſt nicht die Schmeling!... Bonaventura erfuhr, daß man für dieſe Streiche eine Hebamme im Verdacht hatte, die Müllenhoff öffentlich des„Teufels Großmutter“ genannt haben ſollte... O brächte doch der Cardinal Ceccone, ſtöhnte Mül⸗ lenhoff, ſeinen Zorn mit einem Stück harten Schinkens beim Frühſtück hinunterwürgend, o brächte er doch eine großmächtige Kette von einigen hundert Meilen im Um⸗ fang, daß man unſere deutſche Wildniß wieder an Roms Ge⸗ ſetz und Regel binden könnte! Nein! Frau von Sicking ſagte mir geſtern, und eine junge Dame, die ſoeben aus der Reſidenz des Kirchenfürſten bei ihr eingetroffen 116 i*ſt, beſtätigt mir's, daß die Curie Sie entſenden will, Hochgeehrteſter, den Cardinal zu begrüßen— nein, Sie werden einer ſolchen Ehre und Gelegenheit, bald Biſchof in partibus, mindeſtens Weihbiſchof zu werden, nicht aus⸗ weichen! Die ganze germaniſche Kirchenprovinz bittet für Sie trotz Ihrer Jugend um das Pallium, wenn Sie ihr erwirken: Petri beide Schwerter! Oder wenn nur das eine, doch dies auf beiden Seiten geſchliffen! Daran reihten ſich einfach, wie der Pfeffer zum Schin⸗ ken, in Müllenhoff's Reform: Biſchofsrecht über jedes Amt in Schule und Kirche! Keine Stelle vergeben, wenn nicht durch die Hirten Chriſti! Kein Amt, keine Pfründe, keine Strafe, keine Belohnung mehr aus weltlicher Hand! Keine Berufung mehr auf weltliches Geſetz! Wer innerhalb der Kirche wagt, weltliches Geſetz gegen Geiſtliche anzurufen, excommunicirt! Prieſter ſind jetzt ſchon zu erziehen von Kindesbeinen an, damit hernach kein Mangel iſt! Religion auf leiner Schule mehr, als durch uns! Kein Placet, kein Tranſeat, kein Ca⸗ binetspaß für den Willen Roms! Gottesdienſt überall, im Tempel und im Freien: Congregationen, Bruder⸗ und Schweſterſchaften nach Bedürfniß! Klöſter mit ganzer und halber Regel! Selbſtbeſchauung, wer nur Luſt hat, ſich, ſei's als Eremit allein, im Spiegel ſeiner Nacktheit zu erblicken oder im Bund mit andern in den Exercitien! Verkehr zwiſchen Rom und jeder Hütte von Baumzweigen,„wo nur ein ſtümpernder Sanct⸗Antonius oder Sanct⸗Hieronymus“ beten will! Jeder Heller end⸗ lich, der der Kirche gehört, nur von unſerer eigenen Regula de Tri verrechnet!... 8 wil,, n, Sie Biſchof t aus⸗ bittet n Sie in nur Schin⸗ r jedes wenn fründe, ſtlicher Heſet! gegen d jebt hernach mehr, n Ca⸗ berall, zruder⸗ ar mit er nur ſeinet in den fe von tonins er end⸗ eigenen 117 Alles das tobte die Verzweiflung aus, daß er Mut⸗ ter Schmeling nicht ſogleich unter den Hexenhammer einer geheimen, ſicher wirkenden Inquiſition bringen konnte... Unter den Zeitungen, Briefen, Viſitenkarten, die Re⸗ nate geſchickt hatte, fiel Bonaventura die Traueranzeige über den Tod Hendrika Delring's auf. Er widmete ihrem Andenken die innigſte Theilnahme. Er vergegenwärtigte ſich die Wirkungen dieſes Schickſalsſchlags, der das Kat⸗ tendyk'ſche Haus betraf. Schon ſo frei, ſchon ſo ent⸗ feſſelt von ſeinen frühern Anſchauungen war er, daß er ſich ſagte: Alſo ein Zeugniß für die Liebe weniger in der Welt!... Von Lucindens Nähe hatte er keine Ahnung... In Witoborn fand er um Mittag alles von der Jagd erfüllt und von den Nachrichten, die ſchon über den Landrath eingelaufen waren... Er ſelbſt mußte ſich geiſtlichen Aufträgen widmen und konnte deshalb auch nicht zum Kloſter Himmelpfort, ſo gern er wollte... Dann mußte er jedenfalls die in Weſterhof heute ſo verlaſſenen Damen beſuchen... Onkel Levinus und Terſchka konnten möglicherweiſe erſt ſpät Abends zurückkehren... Gegen vier Uhr fand er Weſterhof einſam und ſtill... Die Die⸗ nerſchaft war größtentheils zur Jagd... Die Beam⸗ ten ſogar feierten— ſie wohnten ringsum zerſtreut in den entlegneren Wirthſchaftsgebäuden... Zwei Die⸗ ner waren daheim geblieben und Dionyſius Schneid war ſeines Ungeſchicks wegen kaum zu rechnen... Nur an weiblichem Perſonal war kein Mangel... Er hörte ſogleich, daß Paula heute wieder wohler war. 118 Wie immer mußte er ſich erſt Bahn brechen durch Hülfebegehrende, die ſich auch von ihm die geiſtliche Segnung, die er im Vorübergehen ſpendete, nicht ent⸗ gehen ließen... Jetzt erſt— zweimal vierundzwanzig Stunden nach der Frage: Und wenn nun doch noch die Urkunde ge⸗ funden würde— und wenn man dann verlangen würde, daß Sie das Opfer brächten, die Hand des Grafen Hugo zu nehmen?... ſahen ſich die Liebenden wie⸗ der.. Paula's Antwort lag in den ſtummen Gegenfragen der Begrüßung: Und jetzt erſt ſeh' ich dich wieder? Iſt denn noch alles ſo, wie an jenem Abend? War es kein Traum? Hältſt du Wort, Wort dir ſelbſt und mir?.. Deutlich ſprachen dies die erſten Grüße; doch mildernd und dämpfend mußte ſich Tante Benigna's Nähe einmiſchen, ja Bonaventura's eigner Anblick. Der Gruß, einem Geiſt⸗ lichen, den die Kirche gezeichnet hat, dargebracht, ver⸗ ſtand ſich ſo von ſelbſt zur Entſagung... Sofort fiel eine ſüße Bangigkeit auf Paula's Herz und auch in Bonaventura's Zügen ſchmolz ſein erſtes frohes Lächeln zum mildeſten Ernſt... Grade aber auch heute mußte die Tante nichts unterlaſſen, was den Eindruck der Würde eines Prieſters mehrte und ſeine Erſcheinung mit allen Glorien der Heiligkeit umgab... Sie begann bald die Nähe Monika's und Ulrich's von Hülleshoven einzugeſtehen... Jene hatte an ſie ſelbſt geſchrieben und der heute ſo ſtille Abend war beſtimmt, ihr zu antworten... Von Ulrich lag ein Brief an ſeinen Bruder vor... durch eiſtlihe cht ent⸗ en nach nde ge⸗ würde, Grafen een wie⸗ agen der „ R es kein 1r... uond und ſchen, ja m Geiſ⸗ ct, ver⸗ fort ſil auch in Lächeln e mußte r Würde rit allen Ulrichs er heute vor. 119 Benigna durfte alles an Onkel Levinus Gerichtete öffnen Hes war ſchon vorgekommen, daß ein vortheilhafter Verkauf— von Schweinen, der Hauptbranche dortiger Viehzucht, verſäumt worden war, weil Onkel Levinus einen Brief nicht erbrach, den er für die Abfertigung eines Recenſenten hielt, mit dem er über alte römiſche Helme in Streit gerathen war... In dieſen Briefen wurden an Schweſter und Bruder die gleichen Anſprüche auf Armgart geſtellt... Tante Benigna las Monika's Brief— „Liebe Schweſter! Ich ſchreibe Dir im Vertrauen auf jene Verſicherung Eurer Verſöhnlichkeit, die Levi⸗ nus der Gräfin Erdmuthe gegeben! Iſt es Euch ge⸗ nehm, ſo erſchein' ich auf Weſterhof. Armgart verläßt auf ein Jahr das Stift, begleitet mich nach Wien, Italien; ich laſſe ſie zurückkehren, wenn ihr der Aufent⸗ halt im Stifte Vortheile bringt, die ſie nicht verſcherzen dürfte... Wollt Ihr Ulrich den Vorzug laſſen, ſo kann ich Euch keine Beweiſe meiner größern Würdigkeit geben. Mein Herz kämpfte, ob ich nicht in einer lén⸗ gern Zuſchrift das Urtheil meines Kindes gewinnen ſollte; ich entſchied dagegen. Darf ich, wie ich war und wie ich bin, in Euerm Kreiſe erſcheinen und hab' ich Euern Beiſtand, daß die Erziehung einer Tochter der Mutter gebührt, und ſtellt ſich Armgart gehorſam und ergeben einem Auge dar, deſſen bei ihrem Anblick vielleicht ausbrechende Thränen ſie für keine Selbſtan⸗ klage zu halten berechtigt iſt, ſo hab' ich das Glück meines Lebens erreicht! Entſcheidet!“ Paula klagte dieſe Sprache der Kälte und des Hoch⸗ 120 muths an... Sie, die ſonſt ſo Gütige und Milve, ſagte: Welche Selbſtzufriedenheit! Mir iſt's ein Wunder, wie nur immer Herr von Terſchka die Tante ſo rühmen kann... Bonaventura blickte nieder. Er durfte nichts von einer nähern Bekanntſchaft mit Monika aus dem Beichtſtuhl verrathen... Doch ſtand ihm verſöhnend das Bild des Abſchieds vor Augen, den auch die Frau in ſilbernen Locken am Portal des Kapitels ihm gewinkt hatte, als Schnuphaſe ſeine Rede hielt... Darauf hin ſprach er wie bekannt von ihr und ſagte: Verbürgt ſich ſo denn Herr von Terſchka für ſie—? Ueberſchwenglich ſpricht er von ihr— Die Tante ſchwieg... Sie hatte dieſe Neigung Terſch⸗ ka’s wohl bemerkt... Und Bonaventura gedachte der Fra⸗ gen, die Monika über die zweite Liebe einer Geſchiedenen an ihn gerichtet, aber auch des Vorzugs, den Armgart dem Fremdling zu geben ſchien und den er annahm— dieſer Zweideutige... Die ängſtliche Stille, die entſtand, auch in Bonaven⸗ tura, der ſich ſagte: Das Leben eines katholiſchen Geiſt⸗ lichen iſt ſo ein ewiges Niederblicken! unterbrach Benigna durch die Vorleſung des Briefs von ihrem Schwager.. „Lieber Bruder!“ ſchrieb der Oberſt.„Die Grüße, die Dir im Herbſt ſchon Hedemann brachte, wiederhol' ich und bald ſoll, denk' ich, mein Handſchlag folgen! Ich wäre ſchon bei Euch geweſen, aber ich ſuchte auf Bergbau mein Heil zu gründen und erwartete etwas von Kocher am Fall... In⸗ deſſen reichen die Mittel nicht aus für Verſuche, die zuletzt ohne Lohn bleiben. So will ich denn nach Witoborn. Meine einer ſtuhl des anen als ch er 121 Penſion iſt nicht groß, wir hatten keine Wunden zu taxiren; man hat in England noch immer das Syſtem, die Wunden zu meſſen; zwei Zoll tief— 5 Pfund mehr; drei Zoll tief— 10 Pfund; ganz kalt— dann allerdings werden Witwe und Kind gut bedacht. Ich komme leider heil — und geſund und muß mich tummeln. Monika wird mir hoffentlich meinen Frieden nicht ſtören, den ich für mein Herz längſt geſchloſſen habe. Ich bin in den Jahren, wo uns das Leben zuruft: Laß alles das der Jugend! Was ich noch Reſt von dieſer Jugend habe, das hätt' ich gern an Armgart gehängt; aber die glaubt, hör’ ich mit Erſtaunen, der Mutter zu nahe zu treten, wenn ſie mir den Vorrang gibt! Nun hat ſie gar ein Gelübde gethan—— Seltſame Welt, deren Anſchauungen ich mich jenſeit des Meeres— entwöhnt habe! Als guter Soldat will ich einſtweilen den Wafefenſtillſtand ehren, wenn er nach beiden Seiten hin aufrichtig gehalten wird. Empfiehl mich Schwägerin Benigna und dank' ihr in meinem Namen für alles Gute, was ſie Arm⸗ gart erwieſen. Mein Sinn iſt, ſagt Ihr, Eigenſinn; ich kenne, was von uns Brüdern ich vom Vater, Du von der Mutter haſt. Zuletzt iſt aber das Leben ſo, daß wir, beim Zurückblicken auf unſer Rechtgehabthaben, doch mit Trauer an unſere Schwächen, beim Zurückblicken auf unſere Irrthümer, immerhin doch an unſere Kraft erin⸗ nert werden. In Frieden und guter Hoffnung!“ Benigna las dieſen Brief in einem Ton der Angſt und Sorge, der ſeinem ſo verſöhnlichen Inhalt wider⸗ ſprach. Auch ſie war mit der Zeit ſo angeſteckt von der Krankhaftigkeit der ganzen Sphäre, in der ſie hier 122 lebte, daß ſie ihre eigene reſolute Weiſe verloren hatte und ſie nur noch zuweilen bei aufloderndem Poltern gel⸗ tend machte. So ſicher und feſt, wie in dieſen beiden Briefen, war auf Weſterhof lange nicht geſprochen worden. Paula, gedenkend des neulichen Abends, wo Arm⸗ gart den an Terſchka gerichteten Brief ihrer Mutter zurück⸗ behalten hatte, ſagte mit derſelben Zuverſicht wie damals: Sie verſöhnen ſich beide! Und Armgart hat es zur ſeligſten Jungfrau gelobt, daß auch ſie nicht eher ruhen will! Die Sehnſucht beider nach ihrem Kinde wird das harte Eis der Herzen brechen! Was könnte noch dazwiſchen liegen?... Der Vermuthung Armgart's, auch ihre Mutter liebe Terſchka, hatte ſie gleich anfangs nicht nachleben mögen; Armgart's neue Gedankengänge kannte ſie nicht... Sie war befremdet über Bonaventura's Schweigen .. Dieſem hatte freilich Monika von Eheſcheidung und zweiter Liebe geſprochen... Inzwiſchen ſagte, Bonaventura's ſtillen Schmerzblick nicht beachtend, die Tante: Ich ſchreibe beiden: Kommt und verſucht Euer Heil! Armgart iſt kein Kind, das ſich regieren läßt! Ihre Stellung auch im Stift macht ſie ſelbſtändig... So und ähnlich ſchrieb ſie fort und ließ dem Flüſterge⸗ ſpräch der beiden Liebenden Raum... Freilich blieb Bona⸗ ventura— ein Prieſter und Paula— eine Leidende .. Wie die zarte Geſtalt, die Künſtlerhand aus Alaba⸗ ſter ſchuf, nur mit äußerſter Vorſicht von prüfenden Händen berührt wird, ſo ſchonungsvoll mußte ſich von ſelbſt jedes Wort, jede Bewegung geben in Pau⸗ la's Gegenwart... Der Athem eines ſo räthſel⸗ haften Mundes; der feuchte Glanz eines Auges, das ſo geiſterhaft in die Ferne ſehen konnte!... Wäre nicht das Gefühl geweſen: Riſſe ich dich mit mächtigem Arm an meine Bruſt und bedeckte deine Lippen mit Küſſen, du würdeſt dem Leben angehören, das uns alle bindet, den Sinnen, die die Schranken unſerer gemeinſamen Natur ſind!— es hätte Bonaventura wohl bange werden dürfen in dieſer unheimlichen, ſpuk⸗ haften Umſtrickung von Fäden, die Geiſterhande um Paula zu ſpinnen ſchienen... Oft erſchrak er, wenn die ſanften ſchwarzen Wimpern ſich über die blauen Augen ſenkten und das unendlichſte Behagen in den edlen Formen des jungen Mädchens ihre Neigung auszudrücken ſchien, ſanft zu entſchweben in jenes dunkle Zwiſchenland zwiſchen Wachen und Traum, zwiſchen Leben und Tod, jenes Land, das hier den Men⸗ ſchen das Jenſeits erſchien... Die weißen Hände ſanken dann nieder in den Schoos... Das ganze Sein der Kranken ſchien Nahrung einzuſaugen, die aus der Luft ihr zuſtrömte, ja aus Bonaventura's Athem⸗ Fügen... Der unwiderſtehlichſte Reiz des Frauen⸗ thums, die hingegebene willenloſe Schwäche, benahm ihm die Sinne... Wäre in der wahren Liebe nicht der Vorbau des Herzens immer mächtig, daß es ſich ſagte: Entweihe Deine Gottheit nicht! Laß ſie rein und unberührt von deinen ſtürmiſchen Wünſchen! Lege deine Schätze für noch ſeligere Zukunft zurück!— er würde ſich nicht haben halten können, mit ſeinen Armen dieſe ſeltſame Welt— an ſich zu ziehen und zu zwingen, ſich zur Menſchheit zu bekennen.. 1 124 So kam ſchon die ſiebente Stunde... Tante Benigna ſchrieb immer noch und ſtörte die Lieben⸗ den nicht... Sie wußte— und ſie wußte nicht, ſie ſah— und ſie ſah nicht; ſie war ganz in den ihr unbewußten Feſſeln eines Idealanfluges, der, ob ſie auch beim„Aufarbeiten ihrer Reſter“ am Schreib⸗ bureau Gänſe, Enten, Schweine und Ochſen addirte, ſie doch dabei wie ins Paradies verſetzte, wo ja auch wildes und zahmes Gethier ſo fromm und heilig um den noch unberührten Baum der Erkenntniß wandelte... Tiefe Stille... Nur die Tante ſagt viertelſtünd⸗ lich: Wo nur Armgart bleibt!... Wenn die Jagd nur kein Unglück bringt!... Plötzlich fällt ein ſo ſeltſam heller Schein ins Zim⸗ mer... Die beſchlagenen Fenſterſcheiben klirren leiſe „Anfangs beachtet niemand den Schein und das Klirren... Jetzt dringt ein Geruch ins Zimmer, der ſelbſt der Tante, die an die Conſequenzen der Land⸗ wirthſchaft gewöhnt iſt, zu fremdartig vorkommen ſollte ... Aber ſie nimmt Anſtand, dem Beſuch zu verrathen, worauf man im Landleben alles gerüſtet ſein müſſe... Sie ſchweigt und räth auf die Küche und das verbrannte Nachteſſen... Nun aber wird der Schein zu licht... Alle drei erheben ſich zu gleicher Zeit... Da hört man ſchon das Klirren von zerſpringenden Fenſterſchei⸗ ben... Das iſt Feuer! ruft die Tante und greift an den Klingelzug... 125 Schon ſtürzen die Mädchen den todtblaſſen Damen entgegen— ſprachlos... Statt ihrer ſpricht der in Glührothſchimmer getauchte Vorſaal... Es brennt—?! wollte die Tante ausrufen... Der Ton erſtickte in ihrer angſtgeſchnürten Bruſt... Doch ſchon war ſie hinaus... Bonaventura hielt Paula... Die Mädchen hatten ſchon inzwiſchen geſagt, daß die Kapelle brenne... Menſchenſtimmen... Rufen, Schreien... Das Laboratorium! hörte man. Das Archiv!... Zuſam⸗ menkrachendes Gebälk, eingeſchlagene Thüren... Bona⸗ ventura, halb bewußtlos, übergab Paula den Mädchen, um ſelbſt nach den Ausgängen des Schloſſes zu ſehen ... Die Treppen waren ſteinern. Im Hof entdeckte er eine mächtig lodernde Flamme, die aus der ſchon eingeſchlagenen Thür der Kapelle wie eine gierige Zunge nach Nahrung ſuchte... Noch ſchien ſich das Feuer auf das Innere der Kapelle zu beſchränken... Wer aber wußte, was ſchon drinnen zerſtört war!... Dem Archiv ſuchte man durch andere Zimmer beizukommen... Im Hof arbeitete mächtig eine der Spritzen, die ſich im Schloſſe befanden. Tante Benigna leitete ſie ſelbſt... Noch aber fehlte es an Menſchen... Die Diener ſag⸗ ten dem Domherrn, man ſpanne bereits an... Tante Benigna rief: Fahren Sie mit der Gräfin zum Stift! Bonaventura kehrte zurück und ſorgte für die Zu⸗ rüſtungen der Flucht... Paula fand er gefaßter... Man eilte, nach Klei⸗ dern zu ſuchen... Bonaventura verſchloß ſchnell das 126 offen gebliebene Schreibbureau der Tante und ſteckte den Schlüſſel zu ſich... Inzwiſchen mehrte ſich der Zuſtrom der Nachbarn, die eine Rieſenflamme jetzt nach außen hin hatten aus⸗ brechen ſehen, eine Flamme, die ihren Weg von dem in Brand befindlichen Altartabernakel in der That zum Archiv ſuchte, dem ſich von außen nicht beikommen ließ, da die Fenſter vergittert waren... Der eine Flügel des Schloſſes ſchien verloren; ſchon machte ſich die Flamme durch das erſte und zweite Stockwerk Bahn. Bonaventura verlor ſeine Geiſtesgegenwart nicht... Die wichtigſten Schränke ließ er ſich bezeichnen, ließ Silbergeräth packen und folgte den Weiſungen Pau⸗ la's, die gerade jetzt in den ſeltſamſten Zuſtand ge⸗ rieth... Nicht daß ſie ihr Bewußtſein verlor, aber wie eine Traumwandelnde ſchritt ſie dahin, wie eine Geiſterjungfrau, die zuletzt, falls ſie entfloh, auf einem Geſpann von geflügelten Drachen entſchweben mußte... Sie gab Weiſungen, Aufklärungen, wie eine Seherin im Sturm am Ufer des brauſenden Meeres... Dort! rief ſie... Die Kiſten! Die Schlüſſel hängen ja hier! Nehmt ſie doch!... Hier ſind die Bücher der Grundverſchreibungen! Da! Der Aufgang iſt frei! ... Uebereilt nichts! Der Dachſtuhl brennt, aber an den Eckthürmen iſt alles von Stem!... Leert das Labo⸗ ratorium von brennbaren Sachen! Der Bau iſt feuer⸗ feſt!... Seht, der Waſſerſtrahl trifft ja mächtig!... Rettet nur das Archiv in den Keller!... Ha, der Mann! Seht den Mann! Folgt ihm nicht! Nein! Nein! Ein Balken ſtürzt!... den 127 Niemand ſah einen Mann, den ſie von der Galerie des Hofes aus erblicken wollte... Indeſſen ertönte ein furchtbares Krachen im Innern... Nach innen mußte das zweite Stockwerk eingeſtürzt ſein... Die Flamme ſchlug ſchon oben zum Dach hinaus... Von den bei⸗ den Eckthürmen aus bekämpfte man ihr Weiterdringen durch die hinaufgezogenen Schläuche zweier Spritzen, die von unten her nur wenig hatten wirken können... Dabei tönte die Schloßglocke hülferufend und mit herzzerreißender Eile ſchon ſeit einer Viertelſtunde von einem dritten der vier Eckthürme... Paula lehnte jede Entfernung vom Schloſſe, jede Schonung ihrer ſelbſt ab... War es der entſchloſſene Beiſtand Bonaventura's, war es die Erregung des Au⸗ genblicks oder welche Geiſter ſtanden ihr zur Seite— ſie befehligte wie die Gebieterin des Ganzen Sie war die Stammherrin der Dorſte⸗Camphauſen, die Letzte ihres Geſchlechts... Mit leuchtenden Au— gen, beſchienen von Flammen, im erſtickenden Qualm des Rauches verlor ſie die Beſinnung nicht Die Tante dagegen brach ſchon zuſammen... We⸗ nigſtens bedachte ſie nur noch die Rettung des Kleinen und Einzelnen, während Paula im Ganzen lebte.. Menſchen waren nun endlich genug da, die Befehle gaben und befolgten... Schon fehlten die Spritzen aus Witoborn nicht... Gensdarmen kamen daher geſprengt... Man iſolirte das Feuer mit Erfolg ... Ueber die Entſtehung ſchwankten die Meinungen .. Die einen leiteten das Unglück aus dem Labora⸗ 128 torium her, die andern aus einem Kohlentopf in der Ka⸗ pelle, den vielleicht ein Andächtiger hatte ſtehen laſſen .. Daß die Gräfin das Feuer ſchon geſtern geſe⸗ hen, war ein Wunder, wodurch die Anſtrengung des Rettens, die Erhöhung der Stimmung gemiehrt wurde... Bonaventura irrte in trüben Ahnungen und barg ſich jetzt— vor Müllenhoff, der im Eifer angekom⸗ men war, aber ſeine Zunge nicht ruhen ließ, der Entrüſtung Worte zu geben über Fräulein Benigna, die kaum ihn er⸗ blickend Beſinnung gewann und geradezu ihn beſchuldigte, die Urſache des Feuers zu ſein... denn ihm und ſeiner „Toilette“ zu Liebe hätte man die Zahl der Vorhänge am Altar vermehrt, jene Sakriſtei hinter dem Altar improviſirt, ihm in dem engen Raum den ſeit Jahr⸗ hunderten dort verpönten Gebrauch von Licht geſtattet... Den heftigen, ganz aus der geiſtlichen Sprache und Rückſicht fallenden Wortwechſel unterbrach die Anlunft eines Pikets Huſaren aus Witoborn... Man ſperrte den Zudrang der Menſchen, die von allen Richtungen herbeiſtrömten... Nur wer ſich ausweiſen konnte, wurde jetzt noch über die kleine Brücke gelaſſen, die zu der Inſel führte, auf welcher Weſterhof lag... Gllckli⸗ cherweiſe war Windſtille... Die Funken flogen nicht an die nahen Wirthſchaftsgebäude und Kornſpeicher. Unter denen, die über die Brücke wollten, befand ſich auch der allen wohlbekannte Bruder Hubertus... Er machte ſich Bahu mit einer Gewalt, die un⸗ widerſtehlich war... Laßt mich, rief er den anſprengenden Reitern ent⸗ gegen und keines Roßhufs achtend, drängte er zur 129 Brücke hinüber und ſtürmte in die Gefahr, die inzwiſchen nachließ... Vorzugsweiſe war es jetzt, wie Paula ganz recht ge⸗ ſehen hatte, ein einziger Mann, der mit Anſtrengung, ja mit Lebensgefahr dem Umſichgreifen des Brandes Einhalt that... Es war dies jener Dionyſius Schneid, dem man anfangs vergebens gerufen hatte, der ſogleich die Pferde und den Wagen in den Wirthſchaftsgebäuden für Paula beſtellen ſollte, der ſich dort„eine Ewig⸗ keit“, wie die Angſt der Tante ein Dutzend mal ausrief, aufhielt, der aber auch jetzt beim Einreißen der Zwiſchen⸗ mauer, beim Abſperren der Flamme einen verdoppelten Eifer zeigte... Mit geſchwärztem Antlitz, plötzlich rothen Haars, das Niemand ſeit dem Finkenhof wieder an ihm geſehen, ſaß er in einer buntgeſtreiften Stall⸗ jacke mitten in der Verwüſtung des halb in Trümmern liegenden Flügels zwiſchen den beiden Thürmen, hob die Art, zertrümmerte glühende Balken, um deren Zünd⸗ kraft zu mildern, in kleinere Stücke, und arbeitete faſt mit Wildheit allen andern zuvor, die ſein Beiſpiel er⸗ munterte... Hubertus kam mit dem Namen: Schneid! auf den Lippen. Wie mußte er erſtaunen, als man ihm auf dieſen Namen den Diener zeigte, der hoch im qualmen⸗ den Gebälk ſaß, die blinkende Axt in der Hand... Unmöglich! entgegnete er... Doch! Doch! rief man ihm zu und bezeugte ſeine Anerkennung über die Entſchloſſenheit des ſonſt ſo trägen Dieners... Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 9 Im Hof war ein Gedräng und kaum zum Hindurch⸗ kommen... Eimer, Spritzen, geborgene Geräthſchaften bildeten ſchon einen hohen Haufen, über den die Menſchen hinwegklettern mußten... Den Mönch, den die zuweilen noch aufzuckenden blauen Flammen am waſſertriefenden Gebälk in ſeinen allbekannten Todtenkopfzügen beleuchteten, würde man nicht geduldet haben, hätte man nicht ge⸗ wußt, daß der rieſenſtarke Greis es liebte, in ſolchen Fällen ſich nützlich zu machen... Schon hatte er, immer den in der qualmenden Zerſtörung ſitzenden Schneid im Auge, von den Gensdarmen einen Eimer zugereicht er⸗ halten, um Waſſer zu holen aus dem glücklicherweiſe im Thauen begriffenen Teich, der die Inſel bildete... Schon war ſein unwillkürliches Erbeben vor der An⸗ rede durch die Beigeordneten des Landraths die Urſache, daß Hubertus mechaniſch Folge leiſten wollte, als ein noch einmal auf die Stätte der Zerſtörung im obern Stock geworfener Blick ihm eine plötzliche Gefahr zeigte, in die der Diener des Hauſes gerieth... Sein eige⸗ ner Zuruf erſtickte ſchon in dem allgemeinen Geſchrei: Er ſtürzt! Eine Leiter! Er iſt verloren!... Der ſchwarzberußte Menſch, der wie ein Gnom der Unterwelt durch Feuer und Rauch ſich den Weg zu bahnen ſuchte, wollte ſich vor einem drohenden Mauer⸗ ſturz vom Dache retten, ſprang auf ein verkohltes Sparrenwerk, das unter ihm zuſammenbrach, ſtürzte tiefer und tiefer und ſchwebte zuletzt mit ſeinen Füßen, die ohne Halt im Leeren taſteten, über einem Abgrund, in den er unfehlbar hinunterſtürzen mußte, da ſich ſeine Hände nur am glühenden Stumpf eines Balkens halten 131 konnten... Eine Leiter war nirgend anzulegen... Eine Minute noch— und unfehlbar fiel Schneid aus dem zweiten Stockwerk auf Steingeröll und Balken mit zerſchmettertem Schädel nieder... Doch nur eine Secunde der Rathloſigkeit, wo man die Leiter anbringen ſollte, die an ſechszig Stufen zählte und hin⸗ und herſchwankte vor der Macht ihres Ge⸗ wichts, da ſchon ſtand Hubertus und rief: Hinauf! Wer ſteigt hinauf?... In ſeinen knöchernen Armen hielt er die Leiter, daß ſie frei ſchwebend ſtand wie gelehnt an eine Mauer... Klettert hinauf! rief er wiederholt und immer drin⸗ gender redete er den Ablehnenden zu... Habt keine Furcht! bedeutete er die, die die Leiter, ſo nur frei in der Luft gehalten, zu beſteigen zögerten... Endlich wagte es Einer der Feuerleute aus Wito⸗ born... Schon berührten die Füße des in der Luft Hän⸗ genden die obere Sproſſe der Leiter— er würde ſich nicht haben halten können ohne einen Arm, der ihn um⸗ fing... So kletterte der Mann an der aus freier Hand gehaltenen Leiter empor... Wie eine Gerte bog ſie ſich, je höher er kam... Hubertus ſtemmte ſich aber feſt wie ein Athlet und balancirte die ungeheuere Wucht... Hülfe, die hinzukam, ſtieß er zurück mit dem Ruf: Gleichgewicht!— Das— kann nur Einer!— Mit den Zähnen knirſchte er zum Zeichen ſeiner äußerſten Anſtrengung... Der Arbeiter war jetzt oben... Er ergriff den ſchon Sinkenden, deſſen Hände verbrannt ſein mußten... Jetzt zog er ihn zu ſich herüber auf die Leiter... 9* ———C—C—C—C—C———r— 132 Dieſe, vom doppelten Gewicht überlaſtet, bog ſich... Ein Schrei des Entſetzens unter allen Umſtehenden, von denen einige hinzuſprangen, um Hubertus wiederum zu unterſtützen... Doch„Zurück“! rief er ihnen allen aufs neue entgegen und klemmte die Leiter zwiſchen ſeine beiden Kniee, die Arme in der fünften und ſechsten Sproſſe eingeſchlungen, ſodaß er die gewaltige Laſt nur wie eine vom Sturm bedrohte ſchwanke Fahnenſtange hielt... Der Arbeiter ſtieg nieder und brachte den Ohn⸗ mächtigen glücklich zu Boden.. Je näher dem Mönche Jean Picard kam, je näher ihm der Anblick des Armes möglich wurde, auf dem er das verhängnißvolle Zeichen der Erkennung ſuchte, deſto ſchwächer wurde die Kraft des Bruders, deſſen Kutte hie und da an den noch brennenden Trümmern ſchon verſengte... Nun ließ er das Hinzukommen an⸗ derer geſchehen... Als der Arbeiter mit dem Geretteten auf unterſter Sproſſe ſtand, ſank die Leiter in die Hände der Uebrigen... Hubertus holte einige Augenblicke Athem, hörte mit lächelndem Kopfnicken die bewundernden Beifallsäußerun⸗ gen der Umſtehenden und folgte dem Arbeiter, der den Bewußtloſen weg von der Brandſtätte trug... Dieſem bot man jetzt Hülfe, Erquickung, ein Lager in dem andern Flügel des Schloſſes... Hubertus aber ſagte zu dem Träger: Laßt das alles, Landsmann!... Ich trag' ihn ſchon ſelbſt weiter!... Mit Brandwunden weiß ich umzu⸗ gehen!... Damit nahm er den Ohnmächtigen und trug ihn 9.. n, von um zu n aufs ſeine proſſe ie eine Ohn⸗ näher uf dem ſuchte, deſſen mmern nen ali⸗ eretteten Hände tte wit ußerun⸗ der den n Lager n ſcholn umzl⸗ ug 133 aus dem Gewühl und ganz aus dem Schloß hinaus in das inzwiſchen aufs neue und immer mächtiger vom Men⸗ ſchenſtrom belebte Dunkel der Nacht... Während jetzt ſchon von allen Thürmen auf Meilen umher die Feuerglocken riefen, kamen auch die Theil⸗ nehmer der Jagd an... Terſchka voraus auf einem leichten Wagen... Thiebold... der Onkel.. Auch von Witoborn kamen Benno und Hedemann... Armgart machte ſich Bahn durch alle... Paula's hohe Entſchloſſenheit und muthvolle Haltung hörte erſt auf, als ſie in die Arme ihrer weinenden Freundin ſinken konnte... Bonaventura ſtand voll Rührung und ſprach, als die Gefahr vorüber ſchien, mit zitternder— tiefahnungs⸗ banger Stimme ein Dankgebet, in das alle Naheſtehen⸗ den mit entblößten Häuptern einſtimmten... Die Thurmuhren ſchlugen zehn... Jedes ſagte: Wenigſtens noch ein Glück, daß der Unfall ſo zeitig ausbrach... Wächter wurden für die Nacht beſtellt... Allmäh⸗ lich wurde alles ſtiller... Die Gruppen löſten ſich auf... Man zerſtreute ſich... Auch die Schloßbewohner bedurften der Ruhe... Onkel Levinus fand ſich leicht in neue Thatſachen, die er gedruckt las, ſchwerer in ſolche, die er ſelbſt er⸗ lebte... Er hatte mehr als ſonſt gewohnt dem Reben⸗ ſafte zugeſprochen, auch auf der Jagd ſelbſt ſchon manche Herzſtärkung genommen... Um ſich zu finden und im Nichtzuändernden zu orientiren irrte er mit einem offenen Lichte ſo lange im Schloſſe auf und ab, bis ihn die Wächter aufmerkſam machten, er könnte leicht den Brand aufs neue entzünden.. Armgart flüchtete auf ihr Zimmer wie ein verſtörter Geiſt... Terſchka, dem man kaum die Anweſenheit des Mönchs Hubertus und deſſen gewaltige That erzählt hatte, als er auch ſchon in ſeine unverſehrt gebliebene Wohnung ent⸗ ſchlüpfte, ſchien am längſten zu wachen... Das Licht an ſeinen Fenſtern erloſch erſt nach Mitternacht... Bonaventura war mit Benno, Thiebold, Hedemann und Müllenhoff zu Fuß gegangen... Endlich breitete die ſtille Nacht über das Gemälde des Schreckens ihre dunkeln Schwingen... Schauerlich iſt es, wenn nach ſolchen Begebniſſen auf einſamem Lager der Schlummerloſe das Krähen des Hahnes ſo laut und hell und wohlgemuth hört, wie zu aller Zeit, und doch ſich ſagen muß: Der anbrechende Morgen zeigt das Neue in ſeiner ganzen folgenſchweren Größe... e leicht iſtörter Nönchs e, als ng ent⸗ Act demann emälde ehniſſen en des 1 wie rechende chweren 18. Frau Schmeling, jenes Mütterchen, durch das, wie wir wiſſen, eine ganze Generation um Witoborn das Licht der Welt erblickt hatte, wußte ihre Nächte zu ſchätzen... Der himmliſche Vater läßt ſeine Kinder öfter bei Nacht in dies Freuden- und Jammerthal einſchlüpfen als bei Tage.. Selbſt eine ſo große Begebenheit, wie der Brand auf Schloß Weſterhof, brachte die alte Frau nicht aus ihrem zweiſtöckigen, ſtattlichen Häuschen, das nur ein klein, klein wenig abſeits vom Wege zwiſchen Wito⸗ born und Weſterhof lag, zugänglich ihrer Stadt⸗ und Landpraxis, umgeben von einer gewiſſen geheimnißvollen Verſchwiegenheit, die das Zutrauen zu ihr ſeit nahezu vierzig Jahren nicht wenig gemehrt hatte... Aber im Bett litt es die alte und etwas reizbare Frau denn doch nicht... Schon war ſie zur Ruhe ge⸗ gangen, als ihr einziger Hausbewohner, eine alte Magd, ſie weckte und ihr die Schreckenskunde von dem Brand in Weſterhof brachte... Mutter Schmeling war ſo ergrimmt auf den Pfarrer 136 Müllenhoff zu Sanct⸗Libori, der ihr auf ihr fünfzig⸗ jähriges Jubiläum noch mit dem Kirchenbann hatte dro⸗ hen und ſie des Teufels Großmutter nennen können, daß ſie geradezu herausbrummte: Ob's denn auch wirk⸗ lich auf dem Schloß wäre? Und doch nicht etwa— in Sanct⸗Libori?... Ein leiſes Kichern dabei, das hörte die Magd nicht einmal... hörte nicht die ſtill für ſich ins Bettkiſſen, ja in einen kleinen grauen Bart ge⸗ brummten Worte: Kindtaufe! Kindtaufe! Hihi! Er läßt vielleicht ſchon illuminiren... Ne, ne! ſagte die Magd, dat muot en groot Füer ſin! und zeigte durchaus nach Weſterhof... Und nicht minder plattdeutſch entgegnete Mutter Schmeling, ſo wolle ſie denn up ſtahn und wenigſtens Licht maken... Inzwiſchen unterhielt ſie's, den großartigen Lärm zu hören, der ſich auf der Landſtraße entwickelte... Ihr Häuschen lag in einem Hohlweg, der ſich von der Landſtraße abwärts ſenkte den Gärten zu, die zur großen Beſitzung der Frau von Sicking gehörten... Im Sommer war das hier alles gar grün ringsum... Lämmlein und— Schweine genug weideten auf den Triften und ein paar einſame alte Bäume, die hinterm Gärtchen des Hauſes lagen, hatten ſogar Ruf und Anzie⸗ hungskraft durch die ihnen angehefteten Bildchen und from⸗ men Sprüche und beſonders durch eine erquickliche Ausſicht und eine Bank, wo mancher Bauerburſch und manche Bauerdirne unter nächtlichem Sternenglanz in ernſt bedeut⸗ ſamem Geſpräch mit der Alten verweilen und über Manches ſeufzen konnten... Hundert Schritte davon lag eine Art 137 Vorwerk von Witoborn, obgleich es nachher noch Strecken von Wieſen und von Kirchhöfen gab, bis man die Mauern der alten ſouveränen Biſchofsſtadt erreichte... Jetzt jagten die Spritzen mit Fackeln nach Weſterhof... Gensdarmen ſprengten dahin, zuletzt ein Piket Huſaren Und die Menſchen liefen und— lachten ſogar, denn„Feuer iſt eine Bürgerfreude!“ ſagt ein frank⸗ furter Sprichwort... Daß aber die junge Gräfin das Feuer nicht beſchwö⸗ ren kann! meinte die Magd, die, wenn's verlangt wurde, an Hexen glaubte. Dummer Schnack! antwortete Mutter Schmeling, die in dieſem Gebiet bewanderter war. Eine weiſe Frau — ſie verſtand darunter eine Zauberin, keine sage femme— eine weiſe Frau kann wol andern Gutes thun, aber ſich nicht ſelbſt... Nach ſo tiefſinniger Aeußerung überlegte ſie, ob wol im Bereich des Schloſſes Jemand wäre, den Mutter⸗ hoffnungen demnächſt auf ihre Hülfe anwieſen. Es kamen Fälle vor, wo gerade ſolche Schreckensaugenblicke Geburten beſchleunigten, andere vereitelten... Sie zählte an den Fingern, wie weit es noch mit der Moor⸗ bäuerin und Frau Leyendeckerin hin war... Endlich bog Niemand vom Weg in ihren Hohlweg ab... Sie verbrannte nur unnütz Oel... Die Wand, wo ſie ſchlief, faßte ſich noch kalt an... Sie wollte ſich wieder zur Ruhe legen... Eine Stunde mochte ſie vergebens den Schlaf geſucht haben— Der Lärm der Glocken, das Blaſen und Trom⸗ meln in Witoborn, das Raſſeln auf der Landſtraße för⸗ derten die Ruhe nicht— als ſie heftig an ihre Haus⸗ thür pochen hörte... Die Magd, die ſich nicht nehmen ließ oben auf dem Dache nach Weſterhof zu die maleriſche Ausſicht zu genießen, kam erſchreckt in die Stube zur ebenen Erde mit ihren klappernden Holzpantoffeln herabgelau⸗ fen und flüſterte der Alten, die aufhorchte: Wat ſoll dat? Der alte Bettelpape bringt uns einen Menſchen her— huckepack— Die Hebamme wußte, wer der alte Bettelpfaff war . So? ſagte ſie ruhig und erhob ſich, trotz des Pochens noch zweifelnd... Einen Mann trägt er— ich ſah ihn über die Lehm⸗ grube kommen und dachte erſt: Wer ſucht nur da was? Nun kommt er gerade über'n Wall— und das da draußen, das ſind ſie— Wieder pochte es ſtärker und ſtärker. Mutter Schmeling wurde aufs neue aus ihrem Bette getrieben... Ein Rock war bald übergeworfen... Mach mal aufW! ſagte ſie. Einer Gefahr glaubte ſie in keiner Weiſe gewärtig zu ſein. Der ihr wohlbekannte Bettelbruder Hubertus trat mit ſeiner ſchweren Bürde ein, die er von Schloß Weſter⸗ hof bis hieher getragen hatte. Er hatte Umwege ge⸗ macht, um die Landſtraße zu vermeiden. Jetzt verließ ihn allmählich die Kraft. Welche Anſtrengungen hatten aber auch die Erlebniſſe dieſes Tages von Beginn der Jagd an ihm ſchon zugemuthet! Er ließ den noch im⸗ Haus⸗ en auf -usſicht ebenen gelau⸗ z einen iff war otz des 1b Lehm⸗ wa57 das da Bette wärtig 16 trat Weſter⸗ e ge⸗ bech hatten un der ich im⸗ 139 mer Bewußtloſen in dem Zimmer, deſſen Eingang ſo⸗ gleich zur Rechten lag, auf einen alten Lehnſtuhl ſin⸗ ken, rückte ſofort zwei Stühle herbei, legte darauf die Füße der über und über geſchwärzten abſchreckenden Ge⸗ ſtalt im geſtreiften Kittel und ſank ſelbſt, anfangs ſogar ſprachlos, auf einen Stuhl, den ihm die alte Frau mit Erſtaunen hinſchob, während die Magd ſchon nach der Küche lief, um Torf für den kaltgewordenen Ofen zu holen... Heiliger Lazarus, was iſt denn das— für ein Schornſteinfeger—? Der iſt wol verunglückt— auf dem Schloß? ſagte Mutter Schmeling und billigte das Erwärmen der Stube auch ſchon in Betracht ihrer ſelbſt... Hubertus machte ſich, allmählich wie zu Kräften kommend, mit der Bequemlichkeit ſeines in Erſchöpfung Liegenden zu ſchaffen und trat mit dem Verlangen hervor, Mutter Schmeling ſollte in ihrem verſchwiegenen Hauſe ihre obern Zimmer für dieſen allerdings beim Brande Verunglückten öffnen, den er anfangs nach Witoborn ins Spital hätte tragen wollen, nun aber lieber ſelbſt verpflegen wolle... es wäre ein Menſch übrigens, vollkommen reich genug, ſie zu bezahlen... Ein Wa⸗ gen würde den Kranken jetzt zu ſehr erſchüttert haben ... Deshalb hätt' er lieber ihn ſelbſt getragen... Ne, dat geiht nicht! Da oben? Bruder, dat geiht nicht! Warum nicht...? Ihr wißt, ich habe Euch immer gern gedient, ſchon — als Ihr noch weltlich wart! Aber— dat geiht nicht! 140 Der Mann iſt brav, ſeine Wunden ſchmerzen ihn — und die Koſten— Das iſt's nicht— Oben iſt's bewohnt! ſchaltete jetzt die Magd ein... Frau Schmeling unterbrach die Magd und ſagte: Bewohnt oder nicht... Wat ſnakt ſie?... Aber ... Ja! Ich erwarte— Wieder ſo eine— Prinzeſſin—? Ja— ja... Was bringt's Euch denn ein? Ich ſelbſt habe nichts! Der Mann da aber iſt reich— Mit zweifelhafter Miene blickten beide alte Frauen auf den ſich allmählich Erholenden, der die Augen auf⸗ ſchlug, wieder ſinken ließ und ſich an die von einem ſpär⸗ lichen Lampenlicht erhellte kleine, nicht unfreundliche Stube erſt allmählich gewöhnte... Die Nähe eines Mönchs mußte ihn annehmen laſſen, er wäre im Spital— Die weitere Verhandlung über ſeine im obern Stock zu bewerkſtelligende Unterkunft unterbrach das Verlangen einer Erfriſchung, die der Gerettete mit Aufhebung einer ſeiner blutig rothen und an andern Stellen ſchwarzen Hände zu begehren ſchien... Hubertus lehnte noch das Erbieten der Frauen für Waſſer oder Thee ab und zog aus ſeiner Kutte eine Korb⸗ flaſche, die er dem Verſchmachtenden an den Mund ſetzte... Dieſer ſtarrte die unheimliche Geſtalt des Mönches an, trank ein angenehm duftendes gebranntes Waſſer und athmete geſtärkter auf... Frau Schmeling! Nehmen Sie den Mann nur auf! — nichts! frauen auf⸗ ppr⸗ Stube önchs Stoc angen einer arzen en für Korb⸗ Mund znches gaſſer auf! 141 begann Hubertus aufs neue. Er iſt wohlhabend! Ein Die⸗ ner vom Schloß zwar nur, aber in guten Verhältniſſen! Ich habe ſein Geld zu mir geſteckt! Sehen Sie da, zehn Thaler! Ihr Bett und alle Ungelegenheiten, die er Ihnen macht, ſollen vergütet werden! Wo kann er auch beſſer gepflegt werden, als bei Ihnen? Nur einen Tag! Dann ſorgen wir ja ſchon weiter! Er will zu ſeinen Angehörigen! Das iſt drei Meilen von hier und dahin fährt er morgen oder— übermorgen! So lange wird's doch gehen?... Frau Schmeling fuhr mit ihrem rechten Zeigefinger ſinnend hinter dem rechten Ohr hin und her, während Schneid den Mönch anſtarrte, nicht begreifend, was er da alles zu vernehmen bekam... Für einen Tag wollte denn Frau Schmeling zuletzt wirklich einwilligen und lehnte die hohe Bezahlung ab... Ich erwarte nur Beſuch— ſagte ſie... Ja, ja! Ich weiß ſchon! ſcherzte jetzt hocherfreut Hu⸗ bertus. Dann werden die Gardinen zugezogen! Bei Sanct⸗Franz! Ich kann ihn ja ſchon um deswillen nicht zu lange hier liegen laſſen, weil hier nächſtens der Kirchenbann anklopft.. Darüber lachte zwar erſt Frau Schmeling hellauf, zankte dann aber doch über derlei Reden... Nun, nun! beruhigte Hubertus... Wir Mönche beten dann deſto mehr für Sie!.. Schneid ſah nur immer den Sprecher und die Frauen an und ſprach ein: Diable! nach dem andern vor ſich hin und verſchluckte ſeine Gedanken vor jedem Aus⸗ ſprechen... 142 Frau Schmeling wetterte über den Pfarrer Müllen⸗ hoff, öffnete die Thür, leuchtete voran und ſchloß eine zweite Thür auf, die zur Treppe in den erſten Stock führte... Man konnte dieſem auch durch eine Hühner⸗ ſteige und eine geöffnete Fallthür von der Küche aus bei⸗ kommen... Hubertus beſtellte heißes Waſſer, einen Napf mit ſo viel Speiſebl, als nur im Hauſe vorräthig wäre und trug den jetzt Widerſtrebenden die Stiege hinauf... Auf den Moment des Erſchreckens und des gewalt⸗ ſamen Sichloswindens, wenn Hubertus bei dieſer Pro⸗ cedur heimlich dem von ihm Getragenen ein Wort der Erkennung zuflüſtern würde, war er gefaßt... Soyez tranquille, Jean Picard! flüſterte er ihm mit⸗ ten auf der Treppe ins Ohr... Auf das durch dies Wort wie von einem galvani⸗ ſchen Schlage getroffene mächtige Aufzucken, Umſich⸗ ſchlagen und Sichaufrichtenwollen des Halbgelähmten hielt ihn Hubertus, wie man einen Epileptiſchen bändigt, Glied an Glied... Oben empfing ſie Frau Schmeling... Starr, mit aufgeriſſenen Augenlidern, ſah Bickert in die feſten Augen des Mönchs... Es war ein Bild, wie auf der Gulllotine ſich ein Opfer niederwerfen mag, um nicht erſt mit den Armen feſtgebunden zu werden... Doch ein feierliches ruhiges Schweigen lag ſogleich wieder auf Hubertus' Lippen... Bickert ließ ſich jetzt behandeln wie ein Kind... Wie eine Geiſtesverwirrung mußte es über ihn kom⸗ men, als der Mönch fortfuhr: ———„⸗—— —— ᷣ⏑— —.——y—— 34 143 Waſchen Sie ihm doch auch das Geſicht, Frau! Ei, ei, ei! Allerdings! Ihr ſauberes, ſauberes Bett! Für wen iſt's denn diesmal beſtimmt?... Das iſt ja gerade wie dazumal bei unſerer armen Hedwig! Wiſſen Sie noch? Ziehen Sie nur gleich die Ueberzüge herunter!... Aber ich will ihn doch erſt ein bischen ſauberer machen ... Seinen Rock hab' ich nicht mitgebracht, aber all ſein Geld... ja all ſein Geld... Nur heißes Waſſer jetzt und das Oel... Ich mach's ſo gut, wie im Spi⸗ tal... Bis dahin war's mir denn doch für die Laſt zu weit... Es war ein geräumiges Schlafzimmer, einfach, aber ſauber gehalten, wo Hubertus den aus ſeinen Schmerzen nicht mehr Aufſtöhnenden, nur vor Furcht und Schrecken in einem ſtarren Schweigen Beharrenden auf eine Stroh⸗ matratze legte, die er aus dem Bett genommen und auf die Erde gebreitet hatte... Dann nahm er das inzwiſchen heraufgebrachte Oel, verlangte Leinzeug, an dem im Hauſe kein Mangel war, und beſtrich damit die verbrannten Hände, die er dann in die leinenen Streifen einſchlug, den Einſchlag mit Bändern befeſtigend... Bickert ſah bei alledem bald ihn, bald die Frauen ſtarr an und wagte keine Frage, erwartungsvoll, was in dieſer Lage ihm noch werden ſollte... Hubertus plau⸗ derte immer fort, ſchilderte das Feuer, lobte die Auf⸗ opferung des Geretteten, ſprach harmloſe Vermuthungen über den Grund des Brandes aus und endete, wie nur ſo ganz gelegentlich, mit den Worten: Im Feuer— ja da bin ich auch groß geworden, wenig⸗ 144 ſtens in vierzig Grad Hitze— und ſchon früh hab' ich meine Haut zum Braten hergeben müſſen! Einmal— ei ſchon als Junge— nein, ich konnte doch ſchon von den neuen Tabackſtengeln rauchen, die die Spanier dazumal unter Napoleon mitbrachten— als ich zwei Stock hoch aus einem Brand hinunterſprang, zwei Schlingel im Arm, Jantie der eine und der andere— Wenzel hieß er.. So elektriſch getroffen fährt im Käfig ein Panther auf, wenn er die Nähe ſeines Wärters ſpürt, ſtreckt den Kopf, reckt die Ohren und ſtarrt erwartungsvoll ins Leere, wie jetzt Bickert... Der Mönch drückte wieder ihn mit nervigem Arme, aber ſcheinbar ganz harmlos, nieder... Ruhig, ruhig! ſagte er. Jetzt kommen wir ja an die Sonntagswäſche! Brav, Jungfer! brav! Nur her mit dem Schwamm!... Schade wär's freilich um eure Betten! Und um eure Prinzeſſin! Eure weiße Un⸗ ſchuld! Richtig— Jantje! Von dem ſprach ich... Na, dem wäre ſchon damals beſſer geweſen, er hätte das Zeitliche geſegnet! Verſtand hatte er ohnehin nur halbwegs! Manchmal— da kam ein bischen guter Wille zum Vorſchein! Sonſt— Hier her, Frau Schme⸗ ling! Gelt, Landsmann, der Schwamm thut gut?... Ja, Mutterchen, könnten wir Pfaffen doch überall ſo die Sünden und Brandmale wegtilgen—— beſonders die an uns ſelbſt!... Während Frau Schmeling die Bemühungen der Pfaf⸗ fen um ſolche Seelenwäſche nach ihren neueſten Erfah⸗ rungen als höchſt problematiſch ſchilderte und namentlich die neueſte hierländiſche Seife als viel zu beizend ver⸗ 145 warf, wuſch Hubertus die entblößten Arme, auf denen er ſchon längſt beim Herübertragen des Bewußtloſen vom Schloſſe die verhängnißvollen Zeichen erblickt hatte. Seid Ihr denn da ſo kitzlich? fragte er, als Bickert dem Aufknöpfen der Jacke und dem Aufſtreifen der Aer⸗ mel wehrte... Laßt doch!... Franz Bosbeck, wie ich ſonſt hieß, iſt ja keine zimpferliche Dame! Mir gegen⸗ über— Ei Jantje, Jantje— Seid doch nicht ſo ver⸗ ſchämt! Solche Muttermäler kenn' ich ja! So! Es macht ſich... Die Frauen hörten dieſe Reden nicht alle; ſie gingen ab und zu, trugen das ſchwarze Spülicht fort, trugen die Kleider hinaus, brachten ein friſches Hemd, friſches Waſſer. Ehe dann zuletzt eine Suppe kam, die Huber⸗ tus ſchon beim Hinaufſteigen beſtellt hatte, reichte er noch einmal dem mit geöffneten Lippen ihn Anſtarrenden die Korbflaſche... Bickert trank zwar, ſprach aber für ſich Fluch auf Fluch, wilde Worte, die er ſogar— mit der Mutter Gottes bekräftigte... Welche denn? fragte raſch Hubertus. Doch wol die Mutter Gottes von Neus? Eine in ſeinen heimatlichen Niederungen weit und breit verehrte Madonna.. Eine andere! ſagte Bickert, drückte ſeine Augen zu und ſank aus ſeinem Trotz in Erſchöpfung zurück... Mütterchen, flüſterte jetzt Hubertus, nun hilft da nichts! Die Nacht halt' ich hier oben Wache! Die Matratze liegt ſchon da; ein Kiſſen und ich ſchlafe wie ein Mar⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 10 146 der! Mein Kloſter ſoll's hernach ſchon hören und mich freiſprechen, wenn ich auf Reiſen war und Heiden be⸗ kehrte... Und ſie warten ja auch ſonſt nicht allzu lange mit dem Kartoffelſalat und mit ihrer Grütze auf mich ... Morgen, da macht Ihr mein Leibgericht... Speck⸗ pfannkuchen mit Kartoffeln... Während dieſer Plaudereien, bei denen er oft an Lucinde, oft an den Laͤndrath denken mußte, trug der Mönch den Verbrecher ins Bett, das aus einem Ueber⸗ fluß von Federn aufgehäuft war— dergeſtalt, daß immer noch davon weggenommen werden konnte und doch genug übrig blieb, den jetzt von dem heftigſten Fie⸗ berfroſt Ergriffenen zu erwärmen... Die Wirkung, die der Mönch auf den Verbrecher ausübte, war die des Magnetiſeurs... Bickert war in phyſiſche Betäubung verſunken... Machtlos ſtarrte er ins Leere... Auch von jener Suppe konnten ihm nur einige Löffel eingegeben werden... Sein zerſchun⸗ dener Kopf ſank ins Kopfkiſſen zurück und bald ſchien es, als wenn er entſchlief... Auch Hubertus übermannte dann die Anſtrengung ... Er legte ſich auf die Strohmatratze, zog ein Kiſſen unter den unbehaarten Kopf und in einer Viertelſtunde war im Häuschen alles ſo ruhig, wie nur je zur Nacht die es antrafen, die Mutter Schmeling zu der geheimnißvollſten Feierſtunde des Lebens abriefen... Der Morgen brach an... Es iſt ein eigenes Düſter, mit dem uns der Tag nach ereigniß⸗ und verhängnißvollen Erlebniſſen begrüßt „Bleiern drückt dann die unabänderliche Nothwen⸗ 147 digkeit; jeder Athemzug, der ſonſt ſich friſch und ſorglos von der Bruſt gerungen hätte, iſt gehemmt von Furcht und Erwägung... Hubertus erwachte am früheſten und doch ſchlugen die Glocken von Witoborn ſchon ſieben Uhr... Die Tage brachen jetzt ſchon zeitiger an... Hell genug war es, um ſich ſchon im Hauſe zurecht zu finden... Bickert ſchlief noch— wie eine jener Ratten, über die er in den unterirdiſchen Gängen des Profeßhauſes ſorgloſer gelacht hatte, als er es heute beim Erwachen würde thun können... Hubertus rechnete beſtimmt darauf, daß ſich zwei Erkundigungen durchkreuzen müßten... Eine nach dem Beſinden des Dieners, für den man vom Schloß aus Sorge tragen würde; eine, die von einer wiederholten Anzeige an die Behörden ausgehen und in dem geſtrigen Helfer vielleicht ſchon den Urheber des Brandes ſuchen würde... Zunächſt hatte er die Sorge um das Befinden des Landraths und die Auskunft, die Lucinde bei der Meſſe im Münſter erwartete... Der Verbrecher ſchlief einen Schlaf, aus dem ihn Hubertus nicht wecken mochte... Die Bruſt hob ſich in ſo regelmäßigen Zügen, daß es ein Stärkungsſchlaf ſchien, den der völlig verthierte und doch wieder furcht⸗ ſame und feige Menſch deshalb bedurfte, um die Kraft zu gewinnen für Hubertus' weitere Pläne... Immer noch kämpfte er mit ſich, ob er einen Mordbrenner der gerechten Strafe entziehen durfte... Schon während er die Flamme aus der Ferne auflodern ſah und ihm der Gedanke kam: Das, das iſt die That, zu der ſich der Un⸗ 10* 148 glückliche hat dingen laſſen! gab er die Abſicht des Schutzes auf und beflügelte nur noch um Lucindens wil⸗ len ſeine Eile— nicht faſſen konnte er, wie ein ihm durch Klingsohr ſo anziehend gewordenes Mädchen ſich an ſo verbrecheriſchen Vorgängen betheiligt wiſſen konnte. Dann ſah er doch wieder den, den er ſuchte, als den Thä⸗ tigſten bei der Rettung... Durch dieſen unerwarteten Anblick gewann er neue Gunſt für den Verlorenen... Selbſt wenn er ſich ſagen mußte: Der Verzagende warf ſich nur deshalb unter die Rettenden, um nicht den Schein der Anſtiftung zu haben, die Umſtände zwangen ihn, ſeine Rolle zu wechſeln— erfüllte ihn das Räthſel⸗ hafte des ganzen Verbrechens mit dem Verlangen, erſt aus Bickert's Munde ſelbſt darüber aufgeklärt zu werden Dem Arm des Geſetzes ihn zu entziehen, konnte nicht unter ſeinen Entſchlüſſen derjenige ſein, der die Oberhand behielt... Vorläufig jedoch wollte er ihn um Lucindens willen in Sicherheit bringen, ihn noch heute gegen Abend weiter befördern und ihm nur für den einen Fall auf den Weg nach Bremen verhelfen, daß er einen Menſchen antraf, dem ſich ſolche Hülfe noch mit gutem Gewiſſen gewähren ließ, und daß ihm keine durch die Brandſtiftung verdeckte ſonſtige ſchwere Unthat zur Laſt fiel... Um Aufklärungen über Bickert's Beginnen konnte er jetzt nicht drängen... Allmählich ließen ſich auch die Frauen hören und ſorgten für einen erquickenden Morgentrunk... Sollte vom Schloſſe geſchickt werden, ſagte Huber⸗ tus, ſich zum Gehen anſchickend, ſo erzählt nur, daß ich ihn ins Spital tragen wollte, aber mit meinen Kräften 149 nur bis hieher reichte! Was man an Erquickungen bringt, nehmt getroſt an! Kann man ihn aber ſelbſt ſchonen und von Niemanden ſprechen laſſen, deſto beſſer! Ich ließe an Euerer Statt Niemanden zu ihm.. Die Frauen verſprachen zu thun, was in ihren Kräften ſtand... Nur ſagte die Schmeling: Wenn aber die Gensdarmen kommen— Die Gensdarmen?.. Ich vermuthe... Die Gensdarmen? Warum die? Mutter Schmeling fuhr mit dem gekrümmten Zeige⸗ finger wieder hinter ihrem Ohre hin und her und machte nachdenkliche Mienen, obgleich ſie ſich dabei entſchloſſen auf ihre paar noch übrigen Zähne biß... Was habt Ihr denn nur?— fragte der Mönch... Mutter Schmeling ſtand nicht Rede, ſondern läſterte über die Ordnungen der Welt. Sie ſtellte hundert Fragen in Ausſicht, die ja bekanntlich ein Narr thun und auf Erden nicht der Weiſeſte beantworten könnte.. Hubertus ſah, daß dieſe Erwartung eines Beſuchs durch die Gensdarmen nicht in Verbindung mit dem neuen Hauseinwohner und der Urſache des Brandes ſtand, forſchte dann auch nicht länger und begnügte ſich eingeſehen zu haben, daß auf alle Fälle ſein Plan, Bickerten weiter zu entführen, von ihm zu beſchleunigen war... Um nach Witoborn zu kommen, nahm er den Feld⸗ weg und über die Kirchhöfe hinweg... Auf das vergoldete Holz und Geſtein, auf die wel⸗ ken Kränze, hier und da auf die grünen Hängetannen 150 blickend, ſagte er ſich: Der Abend deines Lebens iſt längſt da und wie kommſt du noch einmal in deinen letz⸗ ten Stunden zu ſolchen Dingen! Längſt dem Leben ent⸗ rückt, kannſt du vom Abenteuer nicht laſſen! Sonſt, unter dem milden Pater Henricus ganz nur den ſtillen Wer⸗ ken des Kloſters hingegeben, regt dich jetzt dieſer ſchroffe und gewaltthätige Pater Maurus auf, läßt dich um⸗ irren wie einen verſtörten Geiſt, treibt dich an die Bahre deines böſeſten Feindes, des Kronſyndikus, nun gehſt du ſchon mit Nachtunholden, die der Irrſinn und das Verbrechen aufſcheucht! Vielleicht fliehſt du wirk— lich noch mit Klingsohr in den hohlen Eichſtamm und verbirgſt dich vor den Geſetzen der weltlichen Obrigkeit und flüchteſt dich in die den Franciscanern erlaubte Al⸗ cantariner Regel, die ein Heiliger ſtiftete, der vierzig Jahre lang nur knieend ſchlief, der in die Speiſen, wenn ſie ihm zu gut dünkten, Aſche warf, der der Zeitgenoſſe Karl's V. im Kloſter St.⸗Juſt, der heiligen Thereſe und— des Don Quixote war!... Sonſt ſtand Huber⸗ tus bei jedem Kinde, das ihm begegnete, ſtill und konnte mit ihm plaudern, heute hafteten ſeine Gedanken nur an dem Namen Lucinde, Picard, Terſchka— Von dieſem letztern glitt noch alle Annäherung ab, wie Stahl vom ſpiegelglatten Eiſe... So verloren in ſeinen Gedanken war er, daß er ſelbſt den freundlichen Mann nicht ſo⸗ fort erkannte, der beim Austritt aus dem Wege zwi⸗ ſchen den Kirchhöfen auf die Wallanlagen von Wito⸗ born ihm in einem Einſpänner, auf Schloß Weſterhof zu vorüberjagend freundlichſt nickte. Der kleine Mann in einem blauen, am Kragen mit Pudelpelz be⸗ ————. 151 ſetzten Mantel, aus dem die weißeſten Vatermörder wie Bram⸗ und Reffſegel lugten, war Löb Seligmann, der vielgeſchäftige Gütermakler, der neulich neben dem hoch⸗ gemuthen Küfer geſtanden hatte, als dieſer ſein Todten⸗ gericht hielt... Hubertus wandte ſich links den Müh⸗ len zu, die von dem Witobachgrund herüber ſchon mit Donnerton hörbar wurden... Es that ihm wohl, dieſe wilde Muſik zu hören, die vorzugsweiſe durch die mittlere Mühle, ein gewaltiges an einem alten Thurm gelegenes Werk, hervorgebracht wurde; unmittelbar war noch ein weitrauſchendes Wehr benachbart, das geſtellt und dann in andere Abzüge gelenkt werden konnte; ſelbſt im Winter fror hier nicht die Witobach... Aus dieſem Thurm heraus kam in weißen, gleich⸗ falls vom Brande Spuren tragenden Müllerkleidern Hedemann.. Beide begrüßten ſich, ohne ſich vor dem Lärm des Waſſers und der Mühle verſtändigen zu können.. Hedemann ſprach vom Landrath, vom Brande; aber Hubertus mußte den Kopf ſchütteln. Mindeſtens dreißig Schritte weit hatten beide über ſchmale und glatteiſen e Stege hinwegzuſchreiten, um eine Stelle zu gewinnen, wo ſie ſich verſtändlich machen konnten... Der Landrath war noch in dieſer Nacht geſtorben... Sein Diener kam vom Schloß, erzählte Hedemann, und holte ihn ab... Dann wurde es immer ſchlimmer und ſchlimmer mit ihm... In ſeiner Erſchöpfung blieb er und ſo hat er denn die ewige Ruhe... Was an der Ehre nagt, geht langſam, aber es trifft ... konnte Hubertus hinzufügen nach den Verhältniſſen, die 152 er kannte... Für Bickert und Lucinden ſchien ihm dieſe Wendung beſorglich... Wie leicht konnte nun der junge Enckefuß ſelbſt erſcheinen... Vom Brand erzählte Hedemann mancherlei, was zwar ſchon Hubertus wußte, ſich aber doch berichten ließ, um alles noch nach anderer Auffaſſung zu hören... Die Volksmeinung wollte ſich noch immer für den in der Kapelle zurückgebliebenen Kohlentopf entſcheiden... Im Laboratorium war nichts verſehrt... Gerade dort⸗ hin hatte man das Archiv geborgen bis auf einige Schränke, die verbrannt ſein ſollten... Die Glocken läuteten von allen Seiten... Die kirchen⸗ und altarreiche Stadt wurde zu den vielen ſtillen Meſſen gerufen, die täglich vor der einen täg⸗ lichen großen geleſen werden... Ins Münſter mußte man niederwärts ſteigen... In eine alte Vorkapelle führten erſt mehrere Stufen... Hier ſtanden Grabmäler und Standbilder aus älteſter Zeit... Dunkelbraun und ſchwarz und lichtlos un⸗ heimlich war alles; dem Innern des Münſters ſelbſt fehlte nicht das Licht... Die Fenſter waren nicht bunt... Pracht und Kunſtliebe zeigte ſich wenig... Nur der Hochaltar, der faſt ſchon in der Mitte der Kirche be⸗ gann, trug Embleme Jahrhunderte alter Auszeichnungen ... Meſſen wurden hie und da in Seitenkapellen ge⸗ leſen... Hubertus wandelte, an jeder dieſer Kapellen ſich verneigend, auf dem ſteinernen Eſtrich lautlos dahin und forſchte in den Betſtühlen nach einer Knieenden in ſchwarzen Kleidern, die er unfehlbar anzutreffen erwar⸗ ihm nun was ließ, en in m.. dort⸗ einige 153 ten durfte... Von den Vorgängen auf dem Schloſſe des Grafen Münnich konnte er nichts wiſſen... Eine der Bänke zum Knieen nach der andern mu⸗ ſterte er... Mit dem Schein eines bloß äußern Inter⸗ eſſes durfte er nach ſeinem Stande nicht in dem heiligen Bau umherwandeln... Seinen Rundgang mußte er durch ein Niederknieen da und ein längeres Beten dort an den Kapellen erklärbar finden laſſen... Den Grad ſeiner aufrichtigen Verehrung vor den Heiligen kennen wir nicht... Wir ſehen nur, daß er hinter der Andacht der Uebrigen nicht zurückbleibt... Wer ihn beobachtete, konnte annehmen, daß er durch die ganze Kirche, wie dergleichen oft geſchieht, in die⸗ ſer Form einen Roſenkranz abbetete... Lucinden entdeckte er nicht... Schon waren rings in den Kapellen die Wunder⸗ augenblicke der„Wandlung“ vorüber, ſchon konnten die murmelnden Prieſter nahe bei ihrem: Ite, missa est! angekommen ſein... Da fiel neben der letzten Kapelle und ſchon dicht wieder am Eingang ſein Blick durchs Fenſter auf einen eben vorrollenden Wagen, deſſen Kutſcher eine Livree trug, die ihm als die gräflich Münnich'ſche bekannt war... Sollte er dort vielleicht eine Erkundigung einziehen?. Wie er im Begriff war, die Kirche zu verlaſſen und der düſtern Vorkapelle ſich zuzuwenden, begegnete ihm eine tiefverſchleierte ſchlanke Geſtalt, einen ſchwar⸗ zen Mantel von ſchwerem Pelz übergeworfen— wofür hatte die gute Wally Kattendyk nicht alles geſorgt!— 154 den Sammethut zierte eine niederwärts gehende geſchwun⸗ gene Reiherfeder... Das waren ja die Formen, die er ſuchte... Ein kurzes Zucken und Stillſtehen der an ihm Vorüberſchreitenden beſtätigte ſeine Vorausſetzung... Wohl konnte Lucinde auf den erſten Blick ſehen, daß die Meſſen bald vorüber waren... Aber auch ſtille Gebete genügten für ein längeres Verweilen in der Kirche... Sie mußte es ſein... Hubertus, der ſich an den mächtigen Pfeilern des mittlern Schiffs hin nachſchlich, bemerkte, wie ſie die entlegenſte Gegend der Kirche ſuchte, einen Seitenwinkel mit kleinen runden Fenſtern, wo ein alter Taufſtein ſtand... Alles war in dieſem kleinen Viereck dunkel und ſtill... Hier kniete die Angekommene nieder und zog ihr Brevier... Auch Hubertus warf ſich drei Schritte von ihr zu Boden... Das Schreckliche iſt geſchehen! murmelte die Beterin mit offenbar zitternden Lippen vor ſich hin... Hubertus rückte näher... Was wird kommen? fuhr ſie mit angſterfüllter Stimme fort... Hubertus, der ſich in dieſe wunderliche Form der Zwieſprache nicht ſofort finden konnte, erzählte das in dieſer Nacht von ihm Erlebte... Oft mußte er dabei in ſeinem Bericht innehalten, denn bald ging ein Meß⸗ ner vorüber, bald ein Geiſtlicher, bald ein Singknabe, der von hier zum Orgelchor ſtieg... Die Vorübergehen⸗ den mußten denken: Zwei Seelen das, die ſich heute dem heiligen Ansgarius gewidmet haben! Denn gerade der hwun⸗ ;, die 155 Bekehrer der Frieſen und erſte Biſchof von Bremen ſtand über ihnen... Bremen war freilich in minder geweihtem Sinn das Endziel der Hubertus'ſchen Mittheilung... Lucinde ſagte: Geben Sie doch in dieſem Fall jede Rückſicht auf die Geſetze preis! Was iſt denn überhaupt Strafe? Was wollen Sie der Obrigkeit ihre Sorgen erleichtern? Wenn ich Ihnen die Verſicherung gebe, daß dieſe Brand⸗ ſtiftung aus dem Gehirn eines gewiß einſt ſeiner Strafe nicht entgehenden Böſewichts entſprang, aber ehrliche Leute in Verdruß bringen kann, ſo glauben Sie mir's! Entfernen Sie dieſen Menſchen auf ewige Zeiten aus dieſer Gegend, ja aus unſerm Welttheil! Welche Macht Sie auch über ihn gewinnen, Sie finden einen mit aber⸗ gläubiſcher Schwäche gepaarten verſtockten böſen Sinn, den Sie zu heilen und zur Beſſerung zu führen nur die koſtbare Zeit verlieren! Seine That mag Gott richten! Theilweiſe hat er ſie ja ſchon ſelbſt gebüßt durch ſeine Beſchädigung und geſühnt ſogar durch Auf⸗ opferung!... Hubertus hörte in dieſer Rede alles wieder, was er von Klingsohr über Lucindens wilde Natur wußte... Noch machte er gegen die mächtig beſtürmende Kraft ihrer Worte die Einrede: Aber der Schurke legte Feuer an! Was war ſeine Abſicht? Welchen Gewinn konnte er daraus ziehen? Hinderten ihn nicht vielleicht die Umſtände am Stehlen? flüſterte Lucinde. Unterſuchten Sie, wo er etwas geborgen hat, was er ſich aneignete? Mit dieſen 156 Forſchungen wird jede Stunde mir und andern verderblich und ich ſchwöre Ihnen, Sie erhalten einſt die Auf⸗ klärung— ich würde ſie Ihnen ſchon jetzt geben, wenn — Sie ein Prieſter wären! Der Laienbruder mußte in dieſem Augenblick ein Gebet murmeln. Denn die rings ſtehenden Bilder der Heiligen lockten auch andere Beter an... Schon be⸗ fürchtete er, daß eine daherkommende und jetzt ſtill ſtehende Dame neben ihnen Platz nehmen würde... Wie war ſie zu verſcheuchen? Er ſah ſie mit ſeinem Todten⸗ kopfantlitz aus der Kapuze, die er über ſich gezogen hatte, an; da erſchrak ſie, daß ſie zurückfuhr und ſich entfernte... Es war Frau von Sicking ſelbſt geweſen... Sie hatte Lucindens Anweſenheit drau⸗ ßen vom Kutſcher erfahren, der das Fräulein in erſter Morgenfrühe zu ihr zurückbringen ſollte... Sie erkannte den Mantel Lucindens und die Reiher⸗ feder... Anreden durfte ſie die Betende nicht... Der ſchreckhafte Mönch vertrieb ſie in der That zu einem Altar, der den Schmerzen Mariä gewidmet war... Sie liebte Gottes Wort in einnehmenderer Erſcheinung.... Lucinde hatte ein ſcharfes Auge... Sie er⸗ kannte Frau von Sicking nur etwas von der Seite auf⸗ blickend... Mit bebender Stimme ſprach ſie zum hei⸗ ligen Ansgarius:. Ich laſſe Sie nicht, wenn Sie mir nicht verſprechen, die Gefahr noch heute zu entfernen! Dieſen Menſchen vor allem, ſo weit Sie können! Unbekümmert um ſeine ruchloſe That ſollen Sie ihm die Mittel zur Flucht ge⸗ derblich e Auf⸗ „wenn ick ein er der on be⸗ tehende ie war Todten⸗ ezogen r und ſelbſt drau⸗ erſter Sie deiher⸗ at zu väidmet nderer ee el⸗ 2 auf⸗ hei⸗ echen, 1 vor ſeine t ge⸗ 157 währen! Iſt Ihnen dieſer Menſch noch vor kurzem von Werth geweſen, warum wollen Sie ihn jetzt aufgeben? Hubertus murmelte ein Gebet, denn Lucinde mäßigte ſich nicht... Warum antworten Sie nicht? unterbrach ſie ihn. Sie wiſſen doch wol, was weltliche Gerechtigkeit iſt! Sie, der Sie Ihre Liebe geopfert bekamen, ohne den lachenden Triumph der Mörder geſtraft zu ſehen! Erſt die göttliche Gerechtigkeit ſtrafte die Buſchbeck. Waren Sie nicht der gottberufene Richter des Paters Fulgentius?... Den Kronſyndikus ſtrafte Gott da⸗ durch, daß er den gefürchtetſten Tyrannen zum Kinder⸗ ſpott machte... Hat Klingsohr eine Schuld auf ſich, ſo ſehen Sie ja ſein tägliches Elend... aus dem ich übrigens Sie und ihn befreien will... Hubertus betete... Dieſe Seele riß zu ungeſtümen Thaten hin... Sie können Froſt und Hitze ertragen... Sie werden dem Pater Sebaſtus zur Seite ſtehen müſſen, wenn er nach Rom— ohne— Schuhe gehen will... Kennen Sie— auf dem Schloſſe— Wenzel von Terſchka?...fragte der Mönch, dieſes Mädchens entſchloſ⸗ ſene Rückſichtsloſigkeit zu allem für fähig haltend und zu⸗ nächſt in der That nur um ihrem Drängen auszuweichen... Unwillig über die unerwartete Querfrage, ſchwieg ſie... Kennen Sie die Herkunft dieſes Mannes, den ich nannte? wiederholte Hubertus... Was ſoll das?... Das iſt ein Cavalier aus Wien ein Böhme... 158 War der Mann nie in Rom? Lucinde ſchwieg und wiegte ungeduldig den Kopf... Sie kommen nicht ſelbſt auf Weſterhof?... Doch!... Ich denke... warum? antwortete ſie endlich... Hubertus überlegte, ob er nicht Lucinden zur Ver⸗ trauten des Intereſſes machen ſollte, das er, wie an Bickert, ſo auch an Wenzel von Terſchka nahm.. Frau von Sicking's Andacht mußte eben geſtört worden ſein... Sie erhob ſich und blickte auf die noch immer Be⸗ tende, deren Geflüſter ihr nachgerade auffallen konnte... Als ſie näher kam, hatte wieder Hubertus kein an⸗ deres Mittel, ſie zu entfernen, als ſeinen Blick... Frau von Sicking ging an einen andern Altar... Ich beſchwöre Sie, betete Lucinde, verlieren Sie keinen Augenblick! Jeder Moment des Zögerns iſt ver⸗ derblich— Wollen Sie mir nur eines verſprechen?— mußte Hubertus, und jetzt faſt, der äußern Umgebungen wegen, nothgedrungen, ſagen... Sie haben mächtige Verbün⸗ dete, große Beſchützer... Wollen Sie für uns ſorgen, wenn wir in den Orden der Alcantariner treten und unbeſchuht nach Rom entfliehen? Lucindens eigene Wege deuteten ſchon lange nach Rom... Sie kämpfte einen Augenblick, ſagte dann aber doch— ſo mächtig fühlte ſie ſich in ihrer An⸗ lehnung an Nück:—— Ich verſpreche es Ihnen! Nun erklärte ſich Hubertus bereit, daß er ſofort einen Wagen ſuchen wolle, mit dem er Jean Picard nord⸗ wärts den Bergen zu fahren könne... Aufklärun⸗ 1pf... blich.. r Ver⸗ wie an worden ner Be⸗ nte... ein an⸗ n Sie ſ ver⸗ mußte wegen, gerbün⸗ ſorgen, n und e nach 6 dann r An⸗ einen nord⸗ lͤrun⸗ 159 gen über die Abſicht des Verbrechers würde er nicht früher begehren, als bis er in Sicherheit wäre... Durch den Preis, den er in Ausſicht ſtellen würde, nach und nach die Erbſchaft zu gewinnen, hoffe er, ſprach er, ein Mittel in der Hand zu haben, ihn in Amerika feſtzuhalten und zu einem tugendhaftern Leben zu führen... Das Geld befinde ſich noch auf dem Gericht in Witoborn und könne ihm vielleicht am beſten durch einen Advocaten zukommen... Hubertus nannte den auch hierorts allbekannten Nück... Nein, nein! lehnte dieſen Namen Lucinde ab... Hubertus hatte kein Arg und erklärte, ſich auch ſonſt wol helfen zu können... Damit erhob er ſich und ließ die Beterin allein, die es auch ihm wie ſo vielen—„angethan“ hatte... Allmählich erhob Lucinde ihr Haupt von dem Pult, vor dem ſie kniete, ſchlug erſchöpft ihr Brevier zu und trocknete die in der That von Angſttropfen befeuchtete Stirn. Sie hatte die Nacht nicht eine Stunde geſchlafen... Frau von Sicking riß ſich aus ihrer Anbetung los und ſchloß ſich Lucinden an, die wie aus einem Traum erwacht ſie begrüßte. Beim Austreten aus dem Münſter erzählte ſie, daß ſie bei Gewittern und Feuersbrünſten in einen Zuſtand gerathe, der ſie zwänge, ſich in den dunkelſten Winkel zu flüchten ... Sie wäre in dem geſtrigen Tumult aufgeſprungen, hätte ſich im erſten beſten Zimmer eingeſchloſſen, auf alles Rufen und Klopfen keine Antwort geben können, bis erſt im Schloſſe alles ſtill geworden und der Feuerſchein nachgelaſſen hätte... Dann hätte ſie ihren Verſteck verlaſſen. Die Gräfin Münnich hätte ſie ge⸗ „ 160 zwungen, die Nacht auf dem Schloß zu bleiben; doch ſchon in aller Frühe wäre ſie wieder aufgebrochen... Sie hätte das Gelübde gethan, ſämmtlichen Altären des Münſters nach der Reihe ihre Verehrung zu bezeugen... Darum auch wäre ſie zuerſt in den Münſter gegangen... An alledem war nichts Unwahres, aber Frau von Sicking hatte geſtern doch ſchon manches über Lucindens Vergangenheit erfahren und war heute von einiger Zu⸗ rückhaltung. Ihre Erzählung der Vorfallenheiten auf Schloß Weſterhof, während beide im eigenen Wagen auf ihre Beſitzung zurückfuhren, hatte die geheime Ab⸗ ſicht, den frühern Beziehungen Lucindens zu Gräfin Paula näher zu kommen... Lucinde merkte dies allmählich, merkte auch die der Gräfin Paula nicht eben günſtige Geſinnung der Frau von Sicking, die mit großer Schärfe urtheilen konnte... Als ſie Lucinden zur Chocolade feſthielt, immer wieder von Paula und den zweideutigen und höchſt„incor⸗ recten“ Viſionen derſelben begann, fiel ihr eine ſeltſame Beleuchtung auf die Pracht und Herrlichkeit dieſer Nieder⸗ laſſung, auf die Teppiche, über die ſie hinſchritten, auf die kleinen verwickelt angelegten Cabinete mit gothi⸗ ſchen ſchwarzen Möbeln, bilderbeladenen Wänden, auf die mit rothem Sammet überzogenen Betſchemel.. Die Frau iſt neidiſch auf Paula wegen Bonaventura! ſagte ſie ſich... Wo ſieht ſie ihn denn? Fährt ſie deshalb ſo oft zu Müllenhoff?... Frau von Sicking wollte gegen Mittag nach Schloß Weſterhof zur Condolenz und forderte ihren Beſuch auf, ſie dorthin zu begleiten.. von ndens r Zu⸗ n auf Pagen e Ab⸗ Hräfin e der Frau .. wieder incor⸗ ltſame eieder⸗ auf gothi⸗ „auf ſtura t ſie chloß ejuch 16* Die eben auf einem ſilbernen Plateau überreichte neueſte Poſt für Frau von Sicking geſtattete Lucinden ihren Zorn und das Erglühen ihrer Wangen zu ver⸗ bergen. Bei alledem aber, durch den ihr vom Himmel ge⸗ ſchenkten Beiſtand des Laienbruders, durch— auch ihre Zähmung des„Bruder Abtödters“ doch ermuthigt und auf ein günſtiges Verlaufen aller dieſer Gefahren hof⸗ fend, warf ſie ſchon voll Uebermuth auf ihrem Zimmer ihr Brevier hin, wie— die Schöne, die vom Ball kommt, ihren Fächer, hinter dem ſie eine Eroberung machte... Zur Wiederbegegnung mit Bonaventura und Paula intereſſirte ſie ſogar der mit Cherubimköpfen umrahmte Spiegel... Sie fand aber ihr Ausſehen doch noch zu angegriffen, als daß ſie ſchon heute dieſe Scene wagen ſollte. Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 11 19. Auch dieſen beiden aus Witoborn zurückkehrenden Damen war im Vorlüberfahren ein Gruß geſpendet wor⸗ den aus dem von Weſterhof ſchon wieder heimkehrenden Wägelchen jenes gewiſſen Mannes im blauen Mantel mit dem ſchwarzen Pudelkragen... Löb Seligmann grüßte in der allerglückſeligſten Laune... Hatte er auch in verſchiedenen Spiegeln der Gegend, die er im Lauf dieſes Winters und vor dem Frühjahr nicht mehr verließ, beim Raſiren ſeines Barts, beim Käm⸗ men und Anſingen ſeines wolligen Haares eine nicht gewöhnliche Anzahl von grauen Löckchen bemerkt; doch kamen ſie nur als ein zufälliger Tribut an ſeine Jahre, nicht als Folge von Kummer und Sorge.. In der von ſo mannichfachen Aengſten und Bedräng⸗ niſſen erfüllten Sphäre, die wir ſchildern, war er die zufriedenſte, frohſte, vielleicht die einzige„geſunde Na⸗ tur“, wenn nicht am Körper doch an der Seele... Das Vertrauen, das ihm zuerſt Terſchka ſchenkte, das ſich dann dem ganzen Adel der Gegend mittheilte, gab ihm einen Schwung, der nur von jener ihm manchmal eigenen Rührung über ſich ſelbſt gemildert wurde... Aber ſogar dieſe Anwandelungen der Wehmuth wie ſonſt enden wor⸗ enden l mit gſten gend, jahr dam⸗ nicht doch ahre, äng⸗ r die Na⸗ das gab zmal ſonſt 163 beim Hinblick auf Kocher am Fall, auf den Korb der Haſen⸗ Jette, auf die ſchwachen Beine David's, auf die Blüte des Ghetto, Veilchen, die unter der Geldgier ſeines ſo unpoeti⸗ ſchen und ihm unähnlichen Bruders Nathan ſchmachtete, ka⸗ men ihm jetzt ſeltener. Nur der hierortige Mangel an Opern⸗ muſik, die ſonſt ſeiner Seele ein ſo nothwendiges Labſal war, war eine Lücke in ſeinem Daſein. Von der claſſiſchen Anmuth der Arie:„Ha, das Gold iſt nur Chimäre!“ war er muſikaliſch tief überzeugt— die Textesworte unter⸗ ſchrieb er bei ſeinen gegenwärtigen glänzenden Einnahmen weniger— aber er mußte ſie ſich allein trällern. Die Eroberung dieſes gewiſſenhaften Kenners der Acker⸗ krume, der Ertragsfähigkeit der Güter, der einſchmeicheln⸗ den Ueberredungskünſte bald beim Bauer, bald beim Edel⸗ mann verdankte Terſchla dem Vormittag auf der Villa des Herrn Bernhard Fuld in Druſenheim. Er ließ ihn nach Witoborn kommen und„ſchlachtete“, wie der Kunſt⸗ ausdruck lautet, bereits im voraus die Güter des Gra⸗ fen Hugo ein, noch ehe die Uebergabe in allen Formen erfolgt war. In Terſchka hafteten aus den Lebensſphären ſeiner früheſten Kindheit andere Eindrücke vom Juden⸗ thum, als er ſie durch Löb Seligmann empfing. Heyum Pi⸗ eard und— Löb Seligmann!... Letzterer mit den rührend⸗ ſten Gleichniſſen und Sprüchen aus dem Talmud, die ihm Gewinn auf Koſten der Chrlichkeit verboten—! Löb citirte ſie zuweilen mit einer gewiſſen jungfräulichen Verſchämtheit ..„Wir haben ein Sprichwort, Herr Baron—!“ Das die ſtehende und mit Erröthen geſprochene Phraſe, mit der Löb ein ſolches Citat aus dem Talmud anbrachte— wie einen Traum aus der Menſchheit kindlichſten Tagen... 118 164 Eine wunderbare Kunſt beſaß Seligmann, alle Ver⸗ hältniſſe, in die das Leben ihm einen Einblick geſtattete, bis auf den Grund auszukoſten. Selbſt einen ſo ent⸗ ſchieden negativen Umſtand, wie den, daß Armgart von Hülleshoven damals, als er ſich die Rettung der kleinen Penſionärinnen von Lindenwerth vor Waſſersfluten ſo angelegen ſein ließ, unter den zur Villa Dahinwatenden nicht anweſend war, benutzte er zur Anknüpfung einer Bekanntſchaft, ja zu dem ſeelenvollſten Genuß, Nach— genuß der Thatſache: Alſo, Fräulein, Sie waren damals nicht dabei!... Dabei ſein Auge!... In ſeinem Gemüth blieb's eine Nachbetrachtung mit den ſchmelzendſten Ac⸗ corden... Angelika Müller, die kannte er aus der Decha⸗ nei und die hatte er damals geſprochen und demzufolge be⸗ ſuchte er Püttmeyern— und Grützmacher hatte einſt bei Witoborn als Gensdarm geſtanden und demzufolge ſah er ſich deſſen ehemalige Wohnung und Stall an und knüpfte die Bekanntſchaften ſeiner Nachfolger an und— Alſo das iſt ein Vetter von Ihnen? und ein einziges ſeelenvoll ſo durch⸗ empfundenes Verhältniß, erleichterte es auch ſein Geſchäft, das eben im Couragemachen zu Veränderungen und Ex⸗ propriationen gemüthlich werthgewordenen Eigenthums beſtand, ſo war es das doch nicht allein, was er dabei ſuchte... Benno von Aſſelyn, mit dem er hier oft zu thun hatte, Benno, der ihn für ſeine Güterſchlachterei als Student aus dem Roland„geſchmiſſen“ hatte, Benno war ihm eine kocherer Bekanntſchaft von einem Heimats⸗ gefühl, von einer Seelenerquickung, als ſänge, da er ihn zum erſten male hier ſah, ſein ganzes Sein:„Ich komme aus der Normandie!“... Ebenſo elegiſch betrachtete Ver⸗ atttete, ent⸗ von einen n ſo enden einer Mach⸗ mals müth r A⸗ echa⸗ je be⸗ t bei ah er rüpfte as iſt durch⸗ ſchäft E⸗ hums dabei oft zll ej als 165 er Thiebold de Jonge... Ebenſo Hedemann; auch„un⸗ bekannterweiſe“, aber um ſeines Sohnes willen, den Land⸗ rath von Enckefuß, an dem ihn ſeine Geldverlegenheit um ſo mehr rührte, als er, gelegentlich von dieſem um Hülfe an⸗ geſprochen, bedauerte erklären zu müſſen, daß er„Geſchäfte dieſer Art“ nicht mache... Mit Bonaventura vollends trat ihm die ganze alte Kathedrale von Sanct⸗Zeno in Kocher am Fall wie im Mondlicht entgegen; das Sterbebett der Nachbarin Ley; Treudchen und mit ihr der Blumen⸗ ſtrauß, den er an jenem Morgen für Veilchen gekauft hatte ... Alles das hob ihm Seele und Gemüth... Mit beſonderer Andacht beſuchte Löb das große Dorf Borkenhagen. Er betrachtete ſich von allen Seiten jenes Pfarrhaus, wo„denn alſo“ Leo Perl, ſein leiblicher Vetter, abgefallen vom Glauben ſeiner Väter, gelebt hatte und ge⸗ ſtorben war... Er betrachtete die Fenſter, die Walleinfrie⸗ digung, den Brunnen und die Scheuer dieſer Wohnung mit einem ſo elegiſchen Rückblick, daß der jetzige Pfarrer das Fenſter ſeines Studirzimmers öffnete und ihn fragte: Wünſchen Sie etwas?... Durch ſeine Seele zogen ſich bei dieſem rauhen Anruf alle Töne des Gefühls un⸗ verdienter Kränkung, die nur jemals ſein angebeteter Bellini componirt hat.... Von Veilchen wußte er über Leo Perl ſo viel Wun⸗ derbares... Perl war ein Freidenker und doch— ein Kabbaliſt geweſen. In Paris hatte er in alten Perga⸗ menten ſtudirt und trotz Voltaire eine ſchreckhafte Gei⸗ ſterwelt anerkannt. Nun erſchien ihm Leo Perl wie einer jener Rabbis, die durch gewiſſe Zahlenzuſam⸗ menſtellungen, die ſie einer thönernen Figur auf die 166 Stirn ſchreiben, dieſe lebendig machen. Eine ſolche Fi⸗ gur dient dem Zauberer, verrichtet ihm alle Geſchäfte, macht das Schwierigſte möglich und begehrt keinen an⸗ dern Lohn dafür, als gut zu eſſen und zu trinken. Wiſcht dann ein Zufall die Zahlen von der Stirn des„Go⸗ lem“ oder der Rabbi vergißt eine gewiſſe Formel, ſo⸗ wird das Thonbild zum leibhaften Teufel und hat ſchon manchen Nachts im Bette erdroſſelt. Gott— ſo immer kam ihm die Erinnerung an Leo Perl!... Das war nun da die Kirche, wo dieſer, ein Jude, celebrirt hatte! Das war nun da der Friedhof, wo er begraben lag!... Und das waren die Lehmhaufen, aus denen er ſich allen⸗ falls ſo einen Golem hätte bilden können!... Im Kloſter Himmelpfort, hieß es eines Tages im Wirthshauſe, lebten noch Mönche, die den Pfarrer Perl näher gekannt hätten... Mit dieſem Kloſter kam Löb durch einen Beſuch in Verbindung. Vor noch nicht acht Tagen wurde er in Witoborn„Bei Tangermanns“, durch den Küfer Stephan Lengenich überraſcht. Der „Gerechtfertigte“ kam wieder aus dem Gefängniſſe, das er jetzt wegen ſeiner Betheiligung an jener Verſamm⸗ lung im Roland hatte als Strafe für geheime Ver⸗ bindungen verbüßen müſſen. Der vierſchrötige, feierliche, exaltirte Mann trat in einem großen kaffeebraunen Man⸗ tel bei ihm ein und gab ſich in ſo fragwürdiger Schreck⸗ haftigkeit, daß Löb Seligmann unwillkürlich an eine ſeiner Lieblingsopern„Zampa“ und das erſte Auftreten des furchtbaren Räuberhauptmanns denken mußte... Der Küfer kündigte ihm an, daß er ſein Begehren nach dem Stück Tuch vom Jagdrock des Kronſyndikus(der bei 167 ſeiner Ankunft noch lebte) zwar für einige Zeit durch Veil⸗ chen's Beredſamkeit hätte fallen laſſen können, aber nicht für immer und am wenigſten für jetzt, wo er ſeit ei⸗ nem halben Jahr ſchon wieder die ganze Schwere des Unrechts dieſer Welt und der Nichtrechtfertigung vor Menſchen hätte erfahren müſſen. Er verfluchte den Ver⸗ führer Hammaker, der ſeinen Lohn gefunden. Er bereute den Verkauf des Blutackers in Druſenheim. Er war ganz in jener volksthümlichen Racheſtimmung, die bei ſolchen Gelegenheiten unter welthiſtoriſcheren Bedingungen zu Maſaniellos, John Hampdens und Andreas Hofers machen kann, in unſerm Leben, wie es ſo kommt und geht, leider nur zu commandirenden Spritzenmeiſtern. Stephan Lengenich wollte zu näherer Auskunft über den Tuchſtreifen ins Kloſter zu dem Mönche Sebaſtus. Zitternd und doch voll hohen Intereſſes hörte Löb Seligmann die Propoſition, ihn dorthin zu begleiten. Die wildeſten Racheklangfiguren aus„Fidelio“ und„Lucrezia Borgia“ tanzten vor ſeinem Ohr und Auge... Glücklicherweiſe— ſo kann man hier wol ſagen und da leugnete Veilchen die unmittelbare Vorſehung!— war der Kronſyndikus ſchon in den nächſten Tagen geſtor⸗ ben und Stephan Lengenich knirſchte nur mit den Zäh⸗ nen. Er kam, um einen Proceß gegen den Kronſyndi⸗ kus einzuleiten. Eine feſtliche Einholung in die Keller der Moppes'ſchen Weinhandlung, wo ihm ſeine unterir⸗ diſche Stellung verblieben war, hatte er um dieſen Proceß verſchoben. Nicht eher wollte er mit Blumen geſchmückt wie Bacchus auf einem Faſſe in die Keller getragen werden unter Männergeſangbegleitung— der junge Mop⸗ 168 pes hatte ſelbſt eine Cantate dazu componirt— als bis er, endlich im Beſitz des Tuchſtreifens, zum Landvogt geſagt:„Schließ' deine Rechnung mit dem Himmel, denn deine Uhr iſt abgelaufen!“ Nun war die Uhr abgelau⸗ fen... Stephan Lengenich ſprach mit Advocaten, die ihm keine Ermuthigung gaben. Seine„Entlaſtung“ konnte er nur an der Eiche ſelbſt vollziehen.. So beſuchte denn Löb Seligmann mit ihm das Klo⸗ ſter Himmelpfort, um auf alle Fälle den Streifen Tuch von Klingsohr zu fordern. Beide trafen den Pater auf dem Krankenbett. Siech und elend blickte er ſie an. Vor dem Küfer, gegen den er einſt falſches Zeugniß abgelegt hatte, ſchlug er die Augen nieder. Auch auf Löb Selig⸗ mann beſann er ſich; er hatte ihn einſt trotz ſeiner Verehrung vor dem Judenthum in der Theorie, in der Praxis beim Zinngießer Klingelpeter zur Thür hinausge⸗ worfen. Bekannt war ihm, daß Seligmann die Brieftaſche bei Nathan, ſeinem Bruder, in der Rumpelgaſſe gefunden und von der Einlage dem Küfer Kunde gegeben hatte... Seligmann führte das Wort und erzählte, daß nur bisher durch Veilchen's Beredſamkeit, dann durch eine neue Haft, der Küfer in ſeinem Verlangen nach jenem Tuche wäre aufgehalten worden, nun aber begehre er daſſelbe aufs beſtimmteſte von ihm. Klingsohr hatte eben die Kunde vom Tod des Kronſyndikus erhalten und gab das Tuch und ließ geſchehen was wollte. Er fragte nach Veilchen. Löb erzählte von ihrer Güte und Milde. Klingsohr erwiderte:. Euch Juden ſteht es beſſer an, wenn ihr dem Shylock gleicht!... Da Stephan Lengenich! Macht damit was 169 als bis Ihr wollt! Auch aus mir— und— meinem falſchen ndvogt Zeugniß!... l denn Dumpfe Stille in dem Kämmerlein... Der Mönch wandte dem Beſuch den Rücken und ſtreckte ſich, lang wie ggelau⸗ 3 die er war, gegen die Mauer auf ſein Lager... Stephan tung“ Lengenich kannte ſein Schickſal. Er ſah in Klingsohr einen Gefangenen der Regierung, einen gottesfürchtig 5 Klo⸗ gewordenen Mann, den man verhinderte, für die Sache Tüch der Kirche zu wirken... Ihn ſeines falſchen Zeugniſſes ter auf wegen jetzt noch zu verklagen verbot ſeine ganze Stim⸗ Vor mung... Auch würde ihn die Kunde, er hätte bei bgeleg weltlichen Gerichten einen Mönch des Meineids beſchul⸗ Selig⸗ digt, daheim um ſeinen Triumph gebracht haben.. fene Pater, ſprach er, Sie haben mir viel bitteres Leid in der angethan, durch das Unterſchlagen dieſes Tuchs vom duse Rock des Mörders Ihres Vaters, das iſt wahr— jahre⸗ cfuſe lang.. Aber ich— ich höre, die Regierung hat Sie funden mit Gewalt hieher geſchickt... Löb Seligmann zitterte vor den Wirkungen, die dies . theilnehmende Wort hervorbringen konnte. 1 un Seligmann!... n Herr Lengenich!... 1Lue Sie ſchwören uns— be ui Gott im Himmel!... ba In der That wurde eine Flucht beſprochen... 7 Warum ſollte der Küfer den Pater nicht nach Lüttich eichen. befördern helfen zu den Vätern der Geſellſchaft Jeſu? ngöohr Seligmann gab jede Verſicherung, die Großmuth des vaac Küfers zu ehren, aber— er mußte mehr erleben... er 2hyl war außer ſich, als die Verabredung getroffen wurde, daß nit was 170 an zwei einſamen Pappeln, die Sebaſtus von ſeinem Lager aus bezeichnete, in der Dämmerung und am Tage des Leichenbegängniſſes Lengenich's Wagen ſtehen ſollte — dieſer war mit eigenem Fuhrwerk gekommen... Erſt als Klingsohr zu Löb ſagte: Sind Sie denn feiger, als ein Mädchen? Meine Flucht war ja von Ihrer— neuen Debo⸗ rah veranſtaltet! gab er nach... Veilchen hatte allerdings, ſelbſt hinterm Ofen noch, etwas vom Geiſte der Deborah... Die Flucht ſcheiterte, wie wir wiſſen, an der Akuſtik der Krankenſtube des Kloſters... Stephan Lengenich hatte ſeine Rede an der Eiche im Düſternbrook gehalten, hatte, wie ſich an alles Erhabene ſo leicht der Schnörkelſtrich des Lächerlichen knüpft, die Unterbrechung durch die Poſſen Stam⸗ mer's erleben müſſen, hatte die Genugthuung ſowol der Un⸗ terſtützung des Mönches Hubertus, wie der ihre Falſchheit entlarvenden Ohnmacht jener Liſabeth, die ihn verrathen, verrathen um eine goldene Uhr, zu der ſie ſchon lange mehr als eine Kette trug... Alles Wunderbare war geſchehen .Der Zug ging vorüber... Löb Seligmann zog den neuen Wilhelm Tell, der den Ruf des Tyrannen wenigſtens noch mit Pfeilen des Wortes erlegt hatte, aus dem Gewirr des geſtörten Leichenzuges... Tangermann in Witoborn wurde nicht erſt von dem großen Todten⸗ und Weinrichter angeſchmeichelt um ſeine Gelbſiegel, als es galt dem Gelungenen und noch Kommenden zu trinken, er ſtellte drei Rothſiegel als„die Sorte nicht“ zurück, die ihm genügen konnte, ſeine Zunge zu befeuchten, wäh⸗ rend er den umſtehenden Neugierigen Aufklärungen gab über ſein ganzes großartigverſchlungenes Lebensſchickſal... Im Sturm und zu allen Unternehmungen fähig, fand er ——— ſeinem n Tage en ſollte .. Erſt als ein Debo⸗ erdings, rah.. uſtik der ch hatt „hatte, rich des IStatl⸗ der Un⸗ lſchheit rathen, ge mehr iſchehen zog den igſtens 1s dem ann in en⸗ und als es trinken, zurc „wih⸗ en gab fſaln fand er 171 ſich dann mit ſeinem Einſpänner an den beiden Pappeln beim Kloſter ein. Er wartete, wartete zwei Stunden auf den Flüchtigen... Pater Sebaſtus kam nicht... Er fuhr dann ab, dem Triumphzug in ſeine Keller entgegen. Löb Seligmann aber dankte Adonai, als er von dieſen Beziehungen zu einem ſo eigenthümlichen Staatsdema⸗ gogen befreit wurde, Beziehungen, in die er ſich nur auf das magiſche Wort„Veilchen“ und die Hoffnung wieder eingelaſſen hatte, im Kloſter Himmelpfort würde er Be⸗ kanntſchaften machen, von denen er etwas über Leo Perl erfuhr... Selbſtverſtändlich war es, daß er ſich einige Tage ſpäter die Brandſtätte in Schloß Weſterhof anſah... Er hatte mit ſo vielen Adeligen in dieſen Tagen zu thun, daß er vom Neueſten als Augenzeuge ſprechen mußte... Gerade bei einer Bekanntſchaft, die er gemacht hatte, der mit dem Präſidenten von Wittekind und deſſen geſchäfts⸗ kundiger Gattin, der Mutter des Domherrn von Aſſelyn, kounte ihm ein ſolcher authentiſcher Bericht die Bürg⸗ ſchaft eines angenehmen Eindrucks ſein, falls er, wozu er Veranlaſſung hatte, ſich gerade heute noch auf Schloß Neuhof begab... Mit Rührung hatte er den Arbeitern, die den Schutt aufräumten, im Wege geſtanden; mit betrachtendem Schmerz hatte er ſich dem Strahl einer noch immer gehenden Spritze ausgeſetzt... Er ſah, ſtaunte und ſchüttelte ſich die Tropfen ab... Es war ein förmlicher Einſchnitt in die eine Seite des Schloſſes entſtanden. Links und rechts von der Brand⸗ lücke konnte man die offenen Zimmer ſehen, wie nach Löb's Phantaſie im Theater, wenn„Zu ebner Erde und 172 erſter Stock“ geſpielt wird... Haufen von Büchern, Kiſten und Kaſten erinnerten ihn an die Rumpelgaſſe... Eben trugen Bediente und Arbeiter Körbe voll Schrif⸗ ten nach einem entlegenen Thurm... Baron von Hülleshoven und Baron von Terſchka, beide hatten heute kein Auge für ihn. Sie begleiteten die Körbe und hoben auf, was ihnen entfiel... Es waren Schriften und Documente und gewiß lateiniſche und franzöſiſche darunter, die—„für David Lippſchütz den Ankauf von Schulbüchern erſetzt“ hätten... Auch ſah ſich ſchon Löb darauf einige an; ſie wurden ihm mit Verweiſen aus der Hand genommen .„Dulden iſt das Erbtheil meines Stammes!“ lag in ſeinen Augen. Hatte er denn dieſe Bücher heimlich ein⸗ ſtecken wollen?... Auch Fräulein Benigna war heute den Umſtänden entſprechend von mehr abweiſendem, als zuvorkommendem Benehmen gegen den Mann der prakti⸗ ſchen Ackerwirthſchaft... Gräfin Paula ſchwebte da und dort hinter den Fenſtern wie ein verſtörter Geiſt. Er hatte viel von ihren Wundern und Ferngeſichten gehört und befand ſich darüber, wie ſeinem Glauben natürlich iſt, im Zuſtande gelinden Zweifels. Ein Ge⸗ ſpenſterglaube, der ſich an das Wunderbare durch Figu⸗ ren von Lehm gewöhnen ſoll, die durch ein Zahlenge⸗ heimniß die Befähigung erhalten, jeden Freitag mehr als menſchlich Schalet zu eſſen, kann im Gemüth nicht beſonders für das Wunderbare ſtimmen... Nur Armgart berückſichtigte ihn plötzlich und ſogar mit hohem Intereſſe... Als ſie ihn ſah, rief ſie ihn voll Schrecken an: Ha! Haben Sie wol Neues aus Kocher am Fall? üchern, iſſe... Schrif⸗ zn von mheute hoben en und runter, büchern feinige ommen lu lag lich ein⸗ r heute m, als prakti⸗ ebte da Geiſt geſichen hlauben ein Ge⸗ Figu⸗ ahlenge⸗ g mehr h nicht ſogar an: Fall⸗ 8 173 Mein gnädiges Fräulein—! Iſt mein Vater abgereiſt? Vielleicht ſchon in Wito⸗ born? Reden Sie doch!... Mein Fräulein—!. Seligmann fand ſich nicht ſofort in die determinirte Frage... Er genoß noch erſt die Thatſache der Anrede als ſolche ſelbſt... Als er ſich dann in die Begebenheit gefunden, glich ſein Antlitz den Geſetzestafeln, wie ſie ausſahen, als Moſes auf den Sinai hinaufging... Armgart ließ ihn, da ſein Schweigen nur ein um⸗ ſtändliches Vorbereiten auf das Verſchleiern ſeines Nicht⸗ wiſſens wurde, ebenſo ſchnell ſtehen, wie ſie ihn angeredet hatte.. Das koſtete wieder einige Zeit des Beſinnens und wieder einige Spritzengüſſe... Bei alledem aber doch höchſt geſchmeichelt und befriedigt von einer ſo ehrenvollen Aufnahme carriolte er auf Wito⸗ born zurück... Er führte ſein halbbedecktes Wägelchen ſelbſt ... Es gehörte einem witoborner Kutſcher, dem er ein an⸗ ſehnliches Pfand für die richtige Behandlung des Gauls hatte hinterlaſſen müſſen... Löb verſtand ſich aber auf alles, was zum Leben des Landes gehört... Er war die ſeltſamſte realiſtiſche Natur, die ſich zum Ideal verklärte ... Sein Wiſſen und ſein Thun erfüllt von Thatſachen der Wirklichkeit bis zum Klee und zum Dünger hinunter und doch ſein Fühlen ganz Aether... Seligmann war kein Pantheiſt oder Spinoziſt—(die Einwendung, die er einſt gegen Veilchen's Pantheismus gemacht hatte, lautete:„Ei Veilchen, der Geiſt Gottes ſchwebte doch 174 über den Waſſern. Und Sie ſagen: Er ſchwebte in ihnen?“...) aber ſein Gott blies alle Inſtrumente und in der Luft klang es ihm wie Sphärenmuſik. Bei Witoborn wieder angekommen, mußte Löb etwas langſamer fahren, denn die Wallanlagen ſind erhöht... Wieder begegnete ihm jener Mönch, der an der Eiche ſich ſo nützlich gemacht hatte... Wieder grüßte er ihn aufs verbindlichſte... Für die abſchreckenden Geſichtsformen dieſes reſoluten Mannes hatte er kein Auge— Er dachte an Aufklärungen über Leo Perl... auch über den armen „Feind“ von ihm— über Sebaſtus— Hubertus ging eine Weile neben ſeinem Wagen ein⸗ her und redete Löb an... Er ließ ſich von der Brand⸗ ſtätte erzählen... Der Verdacht über den Urſprung des Feuers haftete immer noch an dem Kohlentopf... Im Hören und Gehen verfolgte Hubertus einen Plan... Als Löb Seligmann in die Stadt einbiegen wollte, bat er ihn, einen Augenblick ſtill zu halten. Wollen Sie einſteigen? ſagte der gefällige und ſeinen Abſichten auf dieſe Art ſo nahe kommende Mann und rückte ſchon zur Seite... Hubertus ſagte, er möchte gern einen Kranken, der hier dicht in der Nähe läge— er wäre beim Brande verunglückt — ins Kloſter ſchaffen... er verſtünde ſich auf das Heilen von Brandwunden beſſer, als die Aerzte im Spital... Aber ich muß auf Schloß Neuhof— entgegnete Löb, theils dem, was er ſchon merkte, ausweichend, theils gelegsntlich auch die Orientirung über ſeine vornehmen Verhältniſſe unterſtützend...— Das iſt nur ein Umweg!— ſagte Hubertus. Sie vebte in ente und b etwas öht... iche ſich ihn aufs formen Er dachte n armen gen ein⸗ Brand⸗ lrſprung pf... 3 einen anbiegen en... d ſeinen ann und 1⁰5 werden nicht viel um eine Stunde ſpäter ankommen. Freilich, ſetzte er hinzu: Mit einem Kranken muß man langſam fahren.. Und dieſe Worte kamen ſo vom Herzen, daß Löb ſchon gewonnen war. Gott ſoll dich ſegnen hundert Jahre! hörte er im Geiſt ſeine Schweſter ſagen... So ſtieg Hubertus ſchon ein und der Gaul lenkte dahin, wohin der Mönch mit den knöchernen Fingern deutete... Die Kirchhöfe gaben gleich den natürlichſten Uebergang des Geſprächs auf die gemeinſchaftlichen Erlebniſſe am Düſternbrook, auf den Küfer, auf Pater Sebaſtus, von dem Löb erfuhr, daß er für ſeine beabſichtigte Flucht in der Strafzelle ſitzen mußte, auch auf den Tod des Land⸗ raths von Enckefuß... Hubertus erzählte ſeine Bethei⸗ ligung an den letzten Lebensſtunden deſſelben und mehrte dadurch nicht wenig den Anſchluß Seligmann's, der ſein Selbander zwiſchen Jud und Chriſt nicht mit den Em⸗ pfindungen genoß, die Andere aus Leſſing's„Nathan“ ſchöpfen, doch jedenfalls mit manchem wohlthuenden Ac⸗ cord aus„Templer und Jüdin“.. Bald war es Mittagszeit... Löb ſprach von einem Wirthshauſe, wo man in einer Stunde würde füttern müſſen... Vor drei, vier Uhr erreichte man beim langſamen Fahren und Einſchlagenmüſſen von Vici⸗ nalſtraßen das Kloſter nicht... Hubertus ſtimmte zu und Löb begann ſchon von Borkenhagen. Da aber zeigte Hubertus auf das Haus der Mutter Schmeling, vor welchem ſie halten wollten... Sie fuhren einen Seitenweg von der Landſtraße ab... 176 Plötzlich ſtutzte Hubertus. Er entdeckte einen Gens⸗ darmen, der eben ins Haus der Hebamme trat... Unwillkürlich fuhr ſein linker Arm auf die Kapuze, die ſein kahles Haupt bedeckte, und drückte ſie tief ins Geſicht... Er fürchtete ſein Erſchrecken zu verra— then.... Der Wagen hielt und Hubertus wußte eine Weile nicht, ſollte er ausſteigen, ſollte er bleiben... Ein Halbdach bedeckte beide, ihn und Seligmann... Er drückte ſich ſogar an die Hinterwand zurlck... Kommt der Mann von ſelbſt herunter?... fragte Seligmann, den Grund des Zögerns nicht begreifend, und ſtemmte ſeine Peitſche erwartungsvoll auf die Schöße ſeines blauen Mantels... Hubertus ſchwieg, ermannte ſich und ſtieg aus... Mit Empfindungen, gemiſcht aus Theilnahme und Urtheil über Religionsunterſchiede und Neugier über den Gensdarmen und die ihm unbekannte Hanthierung der Frau Schmeling ſah Löb dem Mönche nach, der mit nackten Füßen, dürftig durch die Sandalen geſchützt, in die Ne⸗ belnäſſe hinaustrat und zu dem ſich verengenden Hohl⸗ weg erſt nieder, dann aufwärts ſchritt... An der Hauspforte blieb Hubertus eine Weile ſtehen und horchte... Mutter Schmeling hatte in ihm unbekannten Ange⸗ legenheiten Gensdarmen bei ſich erwartet... Das wußte er... Aber ſeiner Beſorgniß ſchien es nun doch ent⸗ ſchieden, daß der an den Landrath gegangene Brief in officieller Weiſe wiederholt worden war... War der Verbrecher erkannt, wie konnte er ihn da — ——— Gens⸗ Kapuze, ſie tief verra⸗ Weile Ein Er fragte greffend, 2hui 6... me und ber den ung der t nackten die Ne⸗ Hohl le ſtehe en Ange⸗ 35 wußte och ent⸗ Brief in wihn da 177 noch der gerechten Strafe entziehen!... Schon ergab er ſich und dachte: Arme Lucinde!... So handelte und fühlte er ſchon im Bann ihrer beſtrickenden Ueber⸗ redung... So in Erregung ſchon durch ein abenteuer⸗ liches Leben als Eremit und die Flucht nach Rom... Hubertus hörte die Stimme der Schmeling und das Säbelraſſeln des Gensdarmen, der eben die Treppe hinaufſtieg... Je mehr ſich dieſer von der Schmeling zu entfer⸗ nen ſchien, deſto lauter erſcholl deren Stimme. Jetzt unterſchied er deutlich, was ſie hinter ihm herrief: Suchen Sie nur oben! Suchen Sie! Sehen Sie nur, ob bei mir Katzen entbunden werden! Aber daß Sie ſich dabei nur vorm hölliſchen Feuer in Acht nehmen! Teufels Großmutter muß böſe Katzen haben! Mies, mies, mies!... Komm Mies und nimm dein Wochenſüppchen von dem Herrn Gensdarmen! ... Herr Müllenhoff ſchickt dir's! Komm!— komm! ... Unſer Kindchen hat zwar die Nothtaufe gekriegt, aber ſie ziehen's mit Milch und Waſſer auf! Groß⸗ mutters Mieschen!. Hubertus, der kaum etwas von einer Katze gehört hatte, als er annehmen konnte, daß doch wol hier eine andere Fährte, als die des Brandſtifters geſucht wurde, hatte die Beruhigung, den Gensdarmen, der, als er dann eintrat, ſchon wieder die Treppe herab⸗ ſtieg, lachend ſprechen zu hören:. Schon gut, ſchon gut— Frau Schmeling! Wir thun eben, was uns befohlen wird! Ich höre und ſehe und, was die Hauptſache iſt, ich rieche nichts von Katzen Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 12 178 bei Ihnen! Nämlich Katzen, die hier gejungt hätten! Schon gut! Schon gut! Ei, da kriegt Ihr ja Mittags⸗ gäſte! Wir haben heute alle Hände voll zu thun!... Nun, er iſt richtig hinüber, Väterchen!... Wer? fragte Hubertus, deſſen Gedanken nur an Bickert hafteten... Der Landrath!... Ja ſo! Den Menſchen vom Schloß oben ſucht Ihr?... Wetter, das war geſtern Abend Euer Meiſterſtück!... Ich glaub's wol, vaß Ihr ihn nicht weiter habt bringen können als bis hieher!... Frau Schmeling hielt ſchon inzwiſchen dem Landrath nicht die erbaulichſte Nachrede... Und der Gensdarm ſchilderte Hubertus' geſtrige Rettung des gräflichen Die⸗ ners... So ging denn dieſem alles gemüthlich und beruhigend... Inzwiſchen fiel der immer doch noch nach Katzen ſpä⸗ hende Blick des Gensdarmen auf ein junges Mädchen, das in der Küche ſtand... Ei Lene! ſagte er erſtaunt und fuhr mit zweideuti⸗ gem Tone fort: Sie hier? Na! das dacht' ich wol, daß es mit Ihr ſo weit kommen würde! Geb' Sie nur keinen Unrechten an!... Frauen, wie Mutter Schmeling, ſind immer in der Lage, bei vermöglichen Leuten für Ammen ſorgen zu müſſen und die Lene war ein blitzäugiges ſchwarzes Ding, das nächſtens dazu empfohlen werden konnte... Ja, ſagte die Hebamme höhniſch, auf dem Finkenhof kommt nun bald keine mehr zu Schaden! Der Finken⸗ hof wird ein Betſaal... 3 Bruder, Bruder, fuhr inzwiſchen ſchon wieder dem hätten! Mittage⸗ .. nur an en voln en Abend Ihr ihn 1.. Landrath jensdarn hen Die⸗ hlich und hen ſpä⸗ Mädchen, zweident f⸗ p daß ur keinen ar in del ſorgen dn Dgande nte- Fink rihe r Finkel⸗ jeder dem 179 Mönche zugewandt der Gensdarm fort... Die Leiter ſo lange frei zu halten, das hätte keiner fertig gekriegt! . Und ſchon am Morgen bei der Jagd die Noth⸗ mit unſerm Alten!... Der iſt denn alſo hin... Guter Kerl iſt er geweſen, das iſt wahr, aber krank war er im Kopf ſchon lange; vor lauter Ambition! Wir ſagten's nur keinem... Als der Kronſyndikus begra⸗ ben wurde, ſagte er noch: Gebt Acht, nun weiß ich, was der arme Tropf mir vermacht hat... Hier auf den Deetz zeigte er... Was ſteht denn da draußen für ein Fuhrwerk?... So unterbrach ſchon wieder der Umſichtige ſein Deu⸗ ten auf den Kopf.. Hubertus ſprach ohne langes Beſinnen, der Mann im Wagen draußen wolle ihm helfen den Kennten ins Spital bringen... Herr Seligmann?... Das Fuhrwerk eſü Schö⸗ ninghs. Mit dief ſen ruhig controlirend hingeſprochenen Wor⸗ ten war der Scharfſpähende in verhallender Rede zum Haus hinausgetreten und ſchon zum Hohlweg hinunter und auf Löb zu, der ihn mit herabgezogenem Hute begrüßte... Inzwiſchen hatte das Lachen und Zanken der Schme⸗ ling fortgedauert.. Die Hauptrollen dabei ſpielten Staat, Kirche, Welt, Zeit, Sitte, Vorurtheil, das Gleichniß vom Splitter und Balken, der Pfarrer zu Sanct⸗Libori und ein jun⸗ ges Kätzchen, deſſen Mutter man bei ihr ſuchte... Bubennns war z beſchäftigt mit ſeinem nächſten Vor⸗ 12* 180 haben, um ſich lange bei dieſem Zwiſchenfall auf⸗ zuhalten... Wie geht's denn oben? fragte er, als die Magd ihm den geſtern beſtellten Speckkartoffelpfannkuchen brachte, deſſen Fett- und Zwiebelgeruch das ganze Haus durch⸗ duftete... Suppe hat er und auch ein Stück Fleiſch genommen! hieß es... Nun, dann wird er'’s ja aushalten können! Ich nehm' ihn jetzt— mit ins Spital oder.. Hubertus murmelte während des Eſſens und ſah ſich, ſcheinbar ruhig, nach der vorerwähnten Lene um, die ſich auch vor ihm verſteckt hielt... Jetzt trat ſie vor und ſtand mit kecken, funkelnden Augen vor dem Bruder und ſetzte dem Kopfſchütteln deſſelben eine leichtfertige Geberde entgegen... So, ſo weit alſo, Lene! ſagte Hubertus... Das hätt' ich wiſſen ſollen, als ich dir deine Briefe an den braven Wachtmeeiſter ſchrieb, der dich heirathen wollte... Die Lene zog den Mund und ließ Mutter Schme⸗ ling reden... Die Lene iſt heilig! kicherte dieſe. Ja, heilig, ſag' ich Ihnen! Wer bei einem Pfarrer gedient hat, der kann gar nicht ſündigen... Hubertus ließ ſich auf ſo leichtfertige Anſpielungen nicht ein... Inzwiſchen klatſchte draußen Seligmann ungeduldig mit der Peitſche... Es fing ihn an zu frieren, zu hungern und— die Zwiebeln und der Speck dufteten wol auch anmuthend zu ihm hinüber.. I auf⸗ agd ihm brachte, durch⸗ ommen! ch nehn und ſah ene um, enkelnden ſchütteln . Das an den ollte.. Schme⸗ „ lig, ſag hat, der vielungen mgedldig z jeren, duftete 181 Hubertus eilte nach oben und war im Begriff, in das Staatszimmer einzutreten... Als er die Thür öffnete, bot ſich ihm ein erſchrecken⸗ der Anblick... Der Kranke ſtand im Hemde, mit den beiden ein⸗ gewickelten Händen in abwehrender Stellung... Furcht und Schrecken auf ſeinen Mienen... Unfehlbar hatte ihn in ſolche Aufregung das Suchen des Gensdarmen gebracht, den er im Hauſe gehört hatte... Zwar hatte der Gensdarm nur die Thür geöffnet und den gräf⸗ lichen Diener in ſeiner geſtreiften Jacke ſcheinbar ſchla⸗ fend gefunden und ſich mit leichtem Murmeln ohne wei⸗ teres entfernt... Aber Bickert war hinter ihm her aufgeſprungen und ſtand jetzt da, wie auf Tod und Leben gerüſtet... Jantje, Jantje! rief Hubertus, indem er ſich ſchon zu einem Handgemeng rüſtete... Ihr erkältet Euch To... Wer iſt Jantje? ſtöhnte Bickert, aber mit geſammel⸗ ter äußerſter Kraft... Ei ſieh, ſieh, du kannſt reden!... Ich dachte geſtern— Bei ſo großem Schreck hat mancher einen Krampf im Kinnbacken weg— zeitlebens... Schreck?... Worüber?... Wer ſeid Ihr?... Bringt mich aufs Schloß!... Zu meiner Herrſchaft, ſag, ich.... Hubertus wußte nicht, ob ihn der ſtumpfſinnige Menſch nicht mehr erkannte und keine Erinnerung hatte an den geſtrigen Tag, keine Erinnerung an ſeine früheſte Knabenzeit, die ihm geſtern doch nicht ganz verklungen 182 zu ſein ſchien, oder ob er ſeinen Abſichten mistraute und ſich ſo nur verſtellte... Es iſt ja ein Kohlentopf geweſen! ſagte er mit Schärfe und drängte damit den vor Kälte Zitternden ins Bett zurück. Jetzt aber ruhig da! Euere Stall⸗ jacke hält nicht warm... ich habe unten eine tüchtige Roßdecke... Ja, ein Kohlentopf war's, von dem das Feuer auskam!... Nun, haltet doch nur!... Ich ziehe Euch jetzt an!... So war's nicht immer dazumal, wenn Hayum Picard an der Waldecke ſtand und pfiff und von der Windmühle pfiff's wieder und Abraham kam und— nein, ſeine Gevattern können wir nicht von Leon Levi und Moſes Ocker ſagen— die Taufe kam erſt in Breſt, wo ſie einem dann— haha!— gleich ſo ein hübſches Pathengeſchenk mit auf den Arm brannten... Haltet doch nur!... So zart hat uns freilich die Hanne Sterz dazumal Sonntags nicht geputzt!... Die Macht aller dieſer Worte war niederſchmetternd ... Der Verbrecher vermochte nicht dagegen aufzu⸗ kommen... Hubertus würde beim Ankleiden ruhig ſo haben fortfahren können, die Erinnerungen und das Gewiſſen des verſtockt Niederblickenden zu wecken, wenn nicht vor Ungeduld, Neugier, Nächſtenliebe, Anziehungs⸗ kraft des Pfannkuchens Löb Seligmann auf der Treppe erſchienen wäre und ſich erboten hätte, den Kranken tragen zu helfen—„Gott! Bei deinen Kräften!“ hörte er im Geiſt die Haſen-Jette ſagen... Dem Gaul hatte er die Leine gekürzt und ihn vertrauensvoll ſtehen laſſen.. Auf dieſe Art konnte Hubertus keine andere Verſtän⸗ nistraute er mit itternden Stall⸗ tüchtige dem das .. Ich dazumal, und pfff Abraham nicht von rufe kam ch ſo ein ſten... ſlich die hmetternd n aufßu⸗ in rühig und das en, wenn jieſungs⸗ r Treppe ſeranken 1“ hörte m Grul oll ſtehen Verſti⸗ 183 digung herbeiführen, als ſoweit nöthig war, den jetzt Angekleideten zum Folgen zu zwingen... Sich tragen zu laſſen widerſtand Bickert... Wohin? murmelte er... Gott im Himmel! ſprach Löb Seligmann, ſtaunend über dieſe Widerſetzlichkeit... Der Mann iſt noch im Fieber... Wohl mußte er über die wilde Miene des Trotzes, über den Widerſtand gegen eine Hülfe, die ihm ſo liebe⸗ voll geboten wurde, befremdet ſein... Hubertus führte Bickert und ſprach laut: Daß ich Euch nur da am Arme nicht weh thue!... Da, wo Ihr das Brandmal bekommen habt, Aermſter! Ich meine, geſtern... Es ſieht aus, wie wenn auf dem Arme chineſiſche Buchſtaben ſtünden... Chineſiſch hab' ich leſen gelernt... Ein Jahr ſpäter, als wir alle von Mynheer Kattrepel abgeholt wurden— wißt Ihr Vater Kattrepel unterm Dreibein— ich meine— als ich unter die Soldaten nach Java ging... Ja Lene! Lene!... Wachtmeiſter war ich auch einmal... Und betrogen— das wurd' ich auch!... So aber nicht, wie der brave Spikermann von dir! KLeichtſinniges Ding! Laß dir's nur erzählen von Mutter Schme⸗ ling!... Frau, rechnet Euch all Euer Gutes vor Gott an— und auch dies Werk der Barmherzigkeit — ich meine, wenn Ihr einmal zur Rede ſtehen müßt für Euere läſterlichen Reden über den Pfarrer zu Sanct⸗ Libori und uns andere Gottesheilige... Im Verlaſſen des Hauſes mußte Hubertus den auf dem glatten Boden bergab Ausgleitenden dennoch tra⸗ 184 gen... Bickert wußte nicht, ging es mit ihm hinter Schloß und Riegel oder zur Freiheit... Wer der Mönch ſein konnte, deſſen entſann er ſich... Dennoch, ſelbſt wenn er ein Gegenſtand nur wohlwollender Ab⸗ ſichten blieb, erbitterte ihn die Entdeckung ſeiner Thäter⸗ ſchaft, die er ſo tief verſchleiert geglaubt hatte und von der er auch jetzt annehmen konnte, daß ſie hier Niemand außer dieſem Mönche wußte... Hammaker, der ihn gedungen und kurz vor ſeiner Verhaftung mit der Urkunde verſehen hatte, war todt— Noch einmal erhob er ſich, ſchlug um ſich und rief: Ich will auf's Schloß!... Zu meiner Herrſchaft! Löb Seligmann fuhr ſo jählings zurück, daß er faſt noch gefallen wäre zum Dank für all ſeine Menſchenliebe... Nur die Kraft und Geiſtesgegenwart des Mönchs halfen zuletzt zum Ziel... Hubertus ſetzte den in eine Pferde⸗ decke Eingeſchlagenen entſchloſſen in den Wagen, wies Seligmann vorn auf den Bock, nahm neben Bickert Platz... So fuhren ſie alle drei von dannen... Bickert zuſammengekauert in der Wagenecke... Huber⸗ tus neben ihm, voll Grübeln über ſeine weitere Hülfe und hinausſtarrend in die winterliche Gegend... Löb vorn mit zurückkehrender Heiterkeit und Redſeligkeit, die ſich um ſo mehr in kleinen zuweilen geträllerten Liedchen kund gab, als beim Ort Borkenhagen die Aufklärungen über Leo Perl beginnen ſollten.. An dem von Löb bezeichneten Wirthshauſe wurde halt gemacht und der Gaul gefüttert... Auch Löb nahm hier mit Auswahl, was ſich vorfand... Hubertus verſchmähte trotz ſeines Pfannkuchens nichts, was ihm zm hinter Wer der Dennoch, under Ab⸗ Thüäter⸗ und von Niemand der ihn r Urkunde b er ſich, zerrſchaft! faſt noch ſiebe... 6 halfen Pferde⸗ en, wies n Bickrt nen.. . Huber⸗ ere Hülfe .. Löb glät, die Liedchen llarungen e wurde Auch lü Huberlu was ihm 6 185 noch hier die Küche ſchenkte... Bickert aber lehnte alles ab... Ja er fing an ſich mit dem Gaul zu be⸗ freunden... Hubertus blieb in der Nähe, um jede ver⸗ dächtige Bewegung zu beobachten... Kennt Ihr mich alſo jetzt, Jean Picard? fragte er, indem er zu ihm mit einem Suppentopf herantrat und ſelbſt mit dem hölzernen Löffel aß, den er immer bei ſich führte... Bickert ſagte, düſter die buſchigen Augenbrauen zuſammenziehend und ihn voll Verlegenheit angrin⸗ ſend:... Ich kenne Euch nicht und heiße auch nicht ſo. Das wäre ſchlimm! entgegnete Hubertus. Denn ich bring' Euch in mein Kloſter, wo ich gerade für den, dem Ihr ſo ähnlich ſeht, eine hübſche Summe Geldes liegen habe... Im Bettſtroh, Brüderchen, heben wir uns manches auf... Der Verbrecher drehte ſich vor Unruhe hin und Hen.. Daß Ihr's brauchen könnt, weiß ich von einem wunderſchönen Fräulein... Weiß der Himmel, wie die an Euch gekommen... Ja, es gibt manchmal ſeltſamen Geſchmack... Aber Amerika iſt weit und einen guten Platz wollt Ihr doch auch haben, wenn Ihr zu Schiff geht, nicht einen, wo immer drei auf zehn ſterben... Särge gibt's auf dem Waſſer nicht, das wißt Ihr. Wer draufgeht, ins Waſſer!... Ganz ſo nackt, ganz ſo kahl, wie dazumal, wißt Ihr, der Todte war, dem ein Teufel ſeine letzte Ruhe ſtörte... Bickert erhob ſich ſtarr... — 186 Rollt Ihr ſo die Augen?... Im Mondſchein hab' ich vielerlei geſehen, Löwen und Tiger... Auch Menſchen, die ſie zerriſſen hatten... Aber keinen kal⸗ ten Todten, deſſen Seele ſchon im Himmel iſt und der neben ſeinem Sarge liegt, in dem ein Menſch noch nach Geld ſucht!... War denn kein heiliges Bild in der Nähe, das dazu zu ſprechen anfing?... Hayum's Taufe mag freilich nicht tief gegangen ſein... Hanne Sterz aber war leidlich fromm... Wo ſteckt die wol jetzt?... Auch unter der Erde?... Bickert ſah bei dieſen ſcharf betonten und faſt nach den Silben ihm zugezählten Worten empor wie zu einem Richtſchwert... Inzwiſchen brachte Seligmann ein Glas Wein, das er dem Kranken anbieten wollte... Die Kunde von dem beim Brand Verunglückten, durch Hubertus ſo aufopfernd Geretteten hatte ſich im Wirthshauſe verbrei⸗ tet... Der Wagen wurde von Neugierigen umſtan⸗ den... Bickert verbarg ſich in ſeiner Decke... Die Fahrt ging weiter, ohne daß Hubertus ſich voll⸗ kommener mit Bickert verſtändigen konnte... Bickert ſah ihn wie den Boten ſeiner Richter an... Tapfer und friſch ermuthigt ſchwang Seligmann die Peitſche... Hubertus gerieth ins Erzählen und brachte Dinge zur Sprache, die nach allem, was von ihm erlebt wor⸗ den war, wunderbar genug ſein konnten... Allmählich ſchien Bickert darüber zur Ueberzeugung zu kommen, daß wol am gerathenſten ſein würde, den guten Abſichten des ndſchein Auch ten kal⸗ ind der ch nach in der ayum Hanne die wol ſt nach ueinem n, das de von tus ſo verbrei⸗ umſtan⸗ voll⸗ tert ſah ann die Dinge bt wor⸗ mählich en, daß ten des 187 Alten, auf den ſich ſein verdüſtertes Gedächtniß beſann, zu vertrauen... Schon war es Dämmerung, als die langſam gehende Fahrt bei Borkenhagen am dortigen Pfarrhauſe an⸗ kam... Auf Löb Seligmann's Frage nach Leo Perl erwi⸗ derte Hubertus in der That: Ja, den kannt' ich! Es war ein getaufter Jude! Juden— nehmen Sie's nicht übel, Herr— Juden ſind die curioſeſte Nation... In Java hab' ich ſie gerad gefunden, wie hier... Brave Seelen darunter, wie Sie, Herr, wahre Samaritaner... Aber— auch ſchlimme— blutdürſtige ſogar—— Wo ſie unter ſich und nach ihren eigenen Geſetzen leben, begreift man, wie ſie ſonſt ſteinigen konnten, hinter Propheten her⸗ liefen, die um Wunder fragten und wenn ſie auch noch ſoviel thaten, ſie ans Kreuz nageln ließen... Das iſt die alte heiße Sonne Aſiens... Auch Löb fühlte in den Finales und bei den Chören der heroiſchen Opern immer etwas vom Blut der Makka⸗ bäer und gegen Bernhard Fuld hatte er an jenem Druſen⸗ heimer Sonntage wirklich im Geiſt nach dem Schwert gegriffen... Doch lehnte er alle dieſe Anſichten über das Temperament ſeines Volks ab und ſagte lachend: Der Jude iſt heiß, das iſt wahr! Aber wie Gott der Herr iſt er— ein Buſch voll Feuer! Hat Einer Courage und greift zu, keiner verbrennt ſich! Bei Erwähnung des Namens Leo Perl und des Um⸗ ſtandes, daß Seligmann mit dieſem Prieſter verwandt wäre, horchte Bickert auf... Auch ihm war dieſer 188 Name erinnerlich— als Unterſchrift unter dem latei⸗ niſchen Papier, das er im Sarge des alten Meviſſen ſtatt Geld gefunden und an Lucinden gegeben hatte zur Uebergabe an Bonaventura. Ich ſagte, fuhr Hubertus fort, daß ich den Pfarrer Perl kannte... Aber eigentlich zum Kennen war der Mann nicht... Er verrichtete ſein Amt, war ein großer Redner, celebrirte wie ein Heiliger, ſtattlich ſtand er am Taber⸗ nakel... Aber in ſeine Nähe ließ er Niemanden und die Leute fürchteten ſich vor ihm... Warum iſt er Chriſt geworden?. Aus Erleuchtung— denk' ich... Da oben hinterm Berg der Kronſyndikus und der Dechant von Aſſelyn in Kocher am Fall waren die Ur⸗ ſache ſeiner Erleuchtung... Auf den Namen„Aſſelyn“ zuckten die Augenbrauen des Verbrechers und auch Hubertus kam von Selig⸗ mann's Fragen durch die Erwähnung des Kronſyndikus AB. Seligmann unterbrach jedoch ſein Grübeln: Sie haben Leo Perl nicht näher gekannt? Nur einmal in meinem Leben hab' ich ihn ge⸗ ſprochen Was hat er geſprochen?... Geſprochen hat er, um es recht zu ſagen, vorher ſchon ein Jahr lang mit mir, aber durch Blicke... Durch Blicke... Wie ſo Blicke?... Immer, wenn er mir im Feld begegnete, ſah er mich mit ſeinen großen ſchwarzen Augen an. Warum ſah er Sie an?... m latei⸗ Meviſſen atte zur Pfarrer r Mann Redner, Taber⸗ den und und der die Ur⸗ nbrauen Selig⸗ ſyndilus ihn ge⸗ vorher ſah er 189 Ich war damals Jäger geweſen und eben erſt ins Klo⸗ ſter gegangen... Oft war mir, wenn ich ihn grüßte, als wollt' er mit mir reden... Dann blieb ich ſtehen ... Aber er ging vorüber... Das dauerte, bis ſeine ſchwere Krankheit kam... Welche?.. Die Zehrung... Der ſtarke Mann die Zehrung!... Wenn er huſtete, krachte es wie ein Gewölbe. Gott im Himmel!... Ich ließ ihm ein Mittel anbieten... Ich dokt're ſchon lange ein wenig... Es half nichts... Er nahm's gar nicht... Nahm's nicht... Aus Stolz auf die Gelehrſamkeit . auf ſeine Wiſſenſchaften... Oder er wollte keine Furcht vorm Tode zeigen... Das ſagte er mir einſt, als ich das einzige mal mit ihm geſprochen hatte... Warum ſprach er mit Ihnen?... Er wollte mir für mein Mittel danken... Wollte Ihnen danken!... Bruder, ſagte er, ich werde ſterben... In drei Tagen bin ich todt... Wußt' er das?. Wollt Ihr mir einen Gefallen thun? Sprach der Pfarrer zu Ihnen... Und Sie thaten ih... Finſter zuckten ſeine Augen... Er mußte wieder heftig huſten... Als ſich die Bruſt beruhigt hatte 190 und er wieder ſprechen konnte, ſchickte er ſeinen Vicar hinaus... Seinen Vicar... Namens Langelütje— Langelütje... Nun ſah er ſich um und ſprach mit ſeiner heiſern Stimme: Bruder Hubertus, ich habe von Euch manches Gute gehört! Aber auch Euch iſt's ſchlecht im Leben ergangen! Auch Euch haben Liebe und Freundſchaft be⸗ trogen... Was? Wen hat Liebe und Freundſchaft betrogen? Aber nicht alle ſind ſo verſöhnlich wie Ihr!... Wer ſind die Andern?... Wen hat die Liebe be⸗ trogen?... Andere bleiben, was ſie ſind, andere treibt die Rache— Wen hat die Rache getrieben?... Bei dieſem Worte erſtickte des Pfarrers Stimme und der Huſten begann ſo heftig, daß es wol eine Viertel⸗ ſtunde bedurfte, bis er ſich erholt hatte... Nun erhob er ſich von ſeinem Lager und flüſterte mir zu: Da! Wenn ich todt bin, Bruder, ſeht— da hab' ich eine Schrift... Bickert's furchtentſtelltes Antlitz bekam einen Aus⸗ druck ſchärferer Faſſungskraft... Doch Hubertus merkte nichts davon... Nur ſorgen mußt' er, daß Löb nicht vor Anſammlung von Mittheilungsſtoff für die Rumpel⸗ gaſſe ſein Pferd aus dem Auge verlor... Er fuhr fort: Wenn ich todt bin, ſagte der Pfarrer, da hab' ich eine Schrift... Schwört mir zu Gott dem Allmäch⸗ n Viear heiſern nanches n Leben haft be⸗ trogen? iebe be⸗ ibt die une und Viertel⸗ n erhob „Wenn rift. —n Aus— 6 merſte ab nit humpel⸗ Er fuhr hab ich Almäch⸗ 191 tigen, daß Ihr dieſe Schrift nie erbrechen wollt!... Seht, ſie iſt mit meinem Kirchenſiegel geſiegelt... Bickert fühlte handgreiflich in der Erinnerung dies Siegel des lateiniſchen Briefes... Tragt dieſen Brief, ſowie ich begraben bin, hört Ihr, nicht geſtorben, ſondern erſt, wie ich begraben bin, ſo, wie ſich einem Pfarrer geziemt begraben, ver⸗ ſteht Ihr, nach Witoborn— hört Ihr, zum Biſchof... Warum zum Biſchof? brach Seligmann erſtaunend aus, denn er war auf Teſtamentsgedanken gekommen und deutete im Ton an, ob katholiſche Pfarrer ein Teſtament nicht einfach bei den Gerichten niederlegen dürften... Zum Biſchof! beſtätigte Hubertus. Es war dies damals der Biſchof Konrad... Ein Freund meines guten Guardians, des Provinzials Henricus... Ein ſanfter, milder Greis, der den Pfarrer Perl getauft hatte, ihn im Seminar zu Witoborn unterrichtete, zum Prieſter weihte... Ein guter, hoch in die Jahre ge⸗ kommener, vergeßlicher Mann... Er ſteht immer noch lebendig vor mir— mit einer Naſe... ſo lang.... Hätten Sie die Naſe gehabt und gemerkt, was in dem Briefe ſtand!... Das erfuhr ich nie... Der Brief war an die Curie gerichtet und abzugeben an den Biſchof... Dem gab ich ihn... Der Biſchof erbrach, ſah eine lange Zuſchrift in Latein, legte ſie zum ſpätern Leſen zurück und plauderte mit mir... Nun— und das iſt alles, was ich mit Leo Perl im Leben zu thun gehabt habe... Mit einer nur ſcheinbaren Geringſchätzung ſagte Se⸗ ligmann: Was kann er geſchrieben haben?... Er 192 wollte damit nur verſchleiern, daß man ja hier eine außer⸗ ordentlich wichtige Entdeckung anzunehmen hätte... Hubertus zuckte die Achſeln... Warum war der Brief lateiniſch?... Er hatte ohne Zweifel die Beſtimmung, nach Rom geſchickt zu werden... Warum nach Rom?... Weil der Heilige Vater alle unſere Wünſche in dieſer Sprache zu hören wünſcht... Warum ſchickte er ſeine Wünſche nicht ſelbſt nach Rom?... Der Weg für einen Pfarrer geht nach Rom nur über ſeinen Biſchof... Wiſſen Sie was? ſagte Seligmann in immer mehr ſich ſteigerndem Verlangen, hinter dieſen letzten Willen ſeines leiblichen Vetters zu kommen... Ich glaube, der Biſchof hat den Brief gar nicht nach Rom geſchickt ... Ich meine deshalb, weil er ſo vergeßlich war. Nicht unmöglich... Und wenn er ihn doch ſchickte, dann hat er vorher eine Abſchrift genommen.. Was für Rom beſtimmt iſt, muß für Rom beſtimmt bleiben... Nein, ich ſage, der Brief liegt noch drüben im wito⸗ borner Archiv und enthält die Anzeige, daß ſein Vetter Löb Seligmann oder ein Kind von Henriette Lippſchütz, Namens David Lippſchütz, alle ſeine geheimen Erſparniſſe erbt, die Bücher ausgenommen, die ein gewiſſes Fräulein Veilchen Igelsheimer kriegt, deren Liebe und Freundſchaft ihn nicht betrogen haben, und die alten Kleider, die eaußer⸗ c) Rom in dieſer bſt nach kom nur eer mehr Willen glaube, geſchict Sar... r vorher beſtimmt im wito⸗ in Vetter ſparriſſe Fräulein urdſcjaf die ider, 193 ſind fürs Geſchäft ſeines Vetters Nathan Seligmann be⸗ ſtimmt... Fragen Sie die jetzige Frau von Wittekind da oben!... ſagte Hubertus, von der nicht ganz im Scherz gemeinten Rede erheitert... Ihr erſter Mann war der Regie⸗ rungsrath von Aſſelyn, der Vater des Domherrn von Aſſelyn... Sie kann vielleicht— Was kann die Frau, die ich ja heute noch ſehen werde?... ſagte Löb und wandte ſich auf Hubertus' Stocken um. Hubertus zeigte aber eben nach dem Kloſter Himmel⸗ pfort, das jetzt erreicht war und nur noch allein ſeine Gedanken in Anſpruch nahm.. Wir ſind am Ziel! ſagte er, ließ halten und ſetzte nur noch, ſchon im ſchnellen Abſteigen begriffen, hinzu: Der Regierungsrath hat bald nach dem Tod des Biſchofs alle Bibliotheken und Archive Witoborns zu ordnen gehabt... Wenn er die Schrift damals noch vorfand, ſo liegt ſie vielleicht in der Bibliothek des Kö⸗ nigs; ſie war wie in Kupfer geſtochen.. Dieſe Reden verhallten ſchon in den Zurüſtungen des Ausſteigens... Die ernſteſte und ſchwierigſte Auf⸗ gabe war eben jetzt für Hubertus zu löſen, die, Bickert unbemerkt ins Kloſter zu ſchaffen. Er lehnte ein Vorfahren am Kloſter entſchieden ab und weckte erſt jetzt damit in Seligmann's Zügen einen Anflug von Staunen und Mistrauen. Es war dunkel geworden... Das Wetter war ganz in Regen umgeſchlagen... Schwer ſenkten ſich ſchon lange die Nebel über die nahen Höhen... Ein⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 13 194 ſam und ſtill lag das Kloſter... Hier und da blitzte in einer Zelle ein Licht auf... Um acht Uhr ging dort ſchon alles zur Ruhe... Zwiſchen ſechs und ſieben fand der Imbiß zur Nacht ſtatt... Vorzugsweiſe hatte Hubertus beim Erzählen immer die Kirche im Auge behalten... Am Zifferblatt der Kirchthurmuhr ſchien er die Minuten zu zählen, die noch übrig waren bis fünf... Um fünf wurde meiſtens die Kirche geſchloſſen... Zugänglich war ſie überhaupt nur in einem Nebeneingang, der halb ſchon ins Kloſter ſelbſt. führte... An den beiden Pappeln, wo Stephan Lengenich ſo lange vergebens gewartet hatte, um den Pater Sebaſtus in ſeinem Wagen mitzunehmen, hielt nun auch Seligmann und ſah, wie Hubertus, den Schlag öffnend, dem jetzt ruhig folgenden, immer ſtiller gewordenen Kranken den Arm bot, um ihm hinunterzuhelfen... Schon läutete es drüben zur Vesper... Hubertus wußte, den Strang zur Vesperglocke zog Pater Ivo... Vor dem konnte er ruhig vorübergehen und ſogar Bickert im Arme tragen, der Pater würde nicht aufgeblickt, ſon⸗ dern nur geſungen haben: Maria, Maienkönigin! Hubertus wandte ſich an den über das Geheimnißvolle im Benehmen des Mönches jetzt immer mehr betroffenen Seligmann mit den Worten: Guter Mann! Ich danke Ihnen von Herzen! Aber thun Sie mir jetzt nur noch einen Gefallen! Warten Sie noch ein Viertelſtündchen... Ich muß— erſt die Bewilli⸗ gung— des Guardians— einholen.. Ein Viertel⸗ ſtündchen! Dann vielleicht— komm' ih zurüc. Wo da blitzte Uhr ging und ſieben en immer blatt der „die noch eiſtens die Überhaupt ns Kloſter ngenich ſo Sebaſtus Seligmann dem jetzt anken den Hubertuð er Ibo. gar Bickert blick, ſot⸗ „enl igin! iinnißbolle betroffenen Aber zen. gie garten L ie Bewili⸗ Viertel in Wo d. 195 nicht, nun dann iſt alles gut, dann dank' ich Ihnen herz⸗ lich und wollen Sie mir nur noch Eines zu Liebe thun, ſo ſprechen Sie von unſrer Reiſe mit Niemanden, der nicht darnach frägt oder, beſſer noch, zu fragen ein Recht hat! Vor Allem von der Unterkunft des Man⸗ nes hier im Kloſter ſchon zu Niemand— Sie wiſſen, es iſt wegen der Doctoren! Wir ſollen ja im Kloſter nur— die Seelen heilen!... Seligmann, der nicht gern auf ungeſetzlichen Wegen wandelte, verſprach etwas befangen, warten und ſchwei⸗ gen zu wollen... Hubertus führte den Kranken langſam dem Kloſter zu und verſchwand mit ihm allmählich hinter Hecken und im Abenddunkel... Jetzt erſt bekam doch der ganze Vorfall mit ſeinem Sa⸗ maritanerherzen etwas auffallend Abenteuerliches für Löb ... Perl' lateiniſcher Brief an den Biſchof von Witoborn Die geheimnißvolle Uebergabe erſt nach dem rich⸗ tigen Begräbniß eines katholiſchen Pfarrers... Die ſcharfe Betonung der Rache... Nun dieſer Abſchied... Er begnügte ſich noch, in allem heute zu Erfahrung Gebrach⸗ ten blos eine reiche Befruchtung der Phantaſie, des Ver⸗ ſtandes und des Herzens ſeiner kleinen Weisheit in der Rumpelgaſſe zu beſitzen... Aber das Dunkel der Nacht nahm jetzt zu... Hier die Einſamkeit wurde geſpen⸗ ſtiſch... Das Davonſchleichen des Mönches mit dem Kranken, der, wie er erſt jetzt bemerkt hatte, ſogar ſeine Pferdedecke als Angedenken mitgenommen hatte— alles das bekam etwas Beklemmendes... Bei alledem verging die Viertelſtunde... 13* 196 Es verging auch eine halbe... Hubertus kam nicht zurück... Die beſtimmte Weiſung des Mönches, daß er weiter fahren konnte, wenn er nicht zurückkehrte, hatte Selig⸗ mann allerdings empfangen... Indeſſen, gab er auch die Pferdedecke preis— er taxirte ſie auf die Zinſen, die ihm die kleine Auslage vor Gott wieder einbringen würde— ſein gefälliger Sinn beſtimmte ihn noch zu bleiben oder wenigſtens ſeinen Gaul nur langſam, und auch nur dem Kloſter zu, ſich in Bewegung ſetzen zu laſſen... Er ſah ſich dabei nach rechts und links um und ſpähte, ob nicht doch noch der Mönch zurückkam... Alles blieb aber ſtill und einſam... In der Ferne ſah er Häuſer im Nebel ſchwimmen, aber in nächſter Nähe befanden ſich nur Felder, abgegrenzte Gärten, kleine Baumgruppen, keine Menſchen... So erreichte er eine ſtattliche Alllee, die zum Kloſter führte, und hielt auch hier noch eine Weile... Da er durchaus Niemanden zurückkommen ſah, fuhr er die Allee entlang dem Kloſter zu und bekam immer mehr Mistrauen über all die ſonderbaren Umſtände, unter denen Hubertus ſeinen Pflegling mitgenommen... Warum das alles ſo heimlich? ſagte er ſich... Von jener Vorſicht, die man im Kloſter wegen der Aerzte zu nehmen hätte, war er anfangs entſchiedener überzeugt ge⸗ weſen, als jetzt... Inzwiſchen ſtand er dicht an der ſtattlichen Treppe, die zum geſchloſſenen Portal der Kirche führte... Als es noch immer ſtill blieb, wollte er endlich wei⸗ ter fahren... rtus kam er weiter tte Selig⸗ rauch die , die ihm würde— eiben oder h nur dem ud ſpühte Ferne ſah ſſeer Nähe ten, lleine un Kleſter ſch, fuhr kam immer Unſtände ommen 3* Von⸗ r Aerzte zu berzeugt ge⸗ 4 en Treppe⸗ .. lich wel⸗ endlich m 197 Aber ſein wißbegieriger Sinn beſtimmte ihn, noch ein⸗ mal einen Verſuch zu machen, ob er nicht etwas von den beiden Verſchwundenen in der Kirche ſelbſt ent⸗ decken ſollte... Die Pferdedecke war an ſich verſchmerzt, er hätte aber doch gern gewußt, wo ſie geblieben.. Dicht an dem Ende der ſtattlichen Aufgangstreppe zur Kirche begann die Einfriedigungsmauer des Kloſters . Einige Schritte entfernt lag eine Thür, von der er durch den Beſuch bei Pater Sebaſtus wußte, daß ſie in einen kleinen Vorhof, dann zur Linken ins Kloſter, zur Rechten durch einen Gang in die Kirche führte... An dieſe Thür ging er und drückte, mit einiger Be⸗ klemmung über ſeinen Antheil an den Urſachen, die den Pater Sebaſtus in Haft gebracht hatten, auf die Klinke... Die Thür ging auf... Alles war ſtill... Vorſichtig trat er einige Schritte weiter bis an den Gang zur Kirche. Da hörte er plötzlich einen lauten, entſetzlichen Schrei ... Gellend, markdurchdringend ertönte es... Der Schrei kam von der Kirche her und war wie die Stimme eines Erſtickenden... Unmittelbar darauf hörte man noch ein furchtbares Krachen, das weit in der Kirche widerhallte... So bang ihm jetzt zu Muthe wurde und ſo fern ihm jede Melodie der Ermuthigung ins Ohr klang— etwa ein„Friſchgewagt!“ aus„Maurer und Schloſſer“— er war mit zwei Schritten, die auf dem Steinboden ängſt⸗ lich knirſchend widerhallten, dennoch vollends der Thür der Kirche— noch näher getreten.... Da hörte der Tollkühne eine leiſe Stimme ſingen, 198 hörte einen Schlüſſelbund drehen, ſah Jemand aus der Kirche kommen und huſchte erſt jetzt zurück auf den klei⸗ nen Vorplatz, von dem man in die Halle trat, wo ſich die Gänge links und rechts theilten Bei alledem dachte er: Ei was! Du kannſt ja ein Verlangen tragen, dir die Kirche anzuſehen... So blieb er ſtehen... Und was kann denn auch ſo Entſetzliches geſchehen ſein, da ja ein ſo ruhiger Zeuge zugegen war!... Die Kirchthür wurde zugeſchloſſen... Ein Mönch ging vorüber und ſang für ſich ganz ruhig und fried⸗ lich... Wie er Löb Seligmann erblickte, rief er aller⸗ dings plötzlich: Huſch!... Dies Huſch! war eigen... Huſch! huſch! wiederholte der Mönch und wehte doch nur durch die Luft, wenn auch ſchon ganz dicht unter Selig⸗ mann’'s Naſe... Wie ein Donnerwetter ſprang Löb denn nun doch von dannen, ließ die Mauerthür offen, rannte an ſeinen Wagen, ſprang auf dieſen hinauf, ergriff die Peitſche und lenkte den Gaul lieber von der Treppe ein wenig abwärts... Niemand kam ihm nach... Löb mußte annehmen, daß ſeine Aufgabe erfüllt war, und fuhr von dannen... Noch einmal fuhr er die ganze Länge der Kirche vorüber und ſeltſam! nun war es ihm, als ſähe er an einem vergitterten Fenſter der unterſten Gewölbe einen Lichtſtrahl... Er hielt ſich indeſſen nicht mehr auf... Der entſetzliche Schrei, das furchtbare Krachen, das — aus der den llei⸗ „vwo ſich i alledem n tragen, hen... ehen ſein, in Mönch und fried⸗ er aller⸗ vehte doch ter Selig⸗ nun doch an ſeinen 3 Peilſche ein wenig rlüllt wal der Kirche Fſühe er blbe einen achen, das 199 ſo geſpenſtiſch in den Gewölben hin und her irrende Licht brachten ihn um allen Anhalt polizeigemäßer Be⸗ ruhigungen... Noch drei Stunden brauchte er, bis er Schloß Neu⸗ hof erreicht hatte... Noch einmal mußte er tränken und füttern, bis er die ſchönen Tannen des freiherrlich Wittekind'ſchen Parks ſah... Dann ließ ihm allerdings die Präſidentin im Seiten⸗ flügel ein freundliches, wohlgeheiztes Manſardenzimmer anweiſen, ließ ihm ein Eſſen vorſetzen und ihn auf mor⸗ gen beſcheiden... Vom Brand auf Weſterhof war, wie er an der Be⸗ dienung ſah, auch hier alles erfüllt... Nicht minder von Hubertus und von dem geretteten Diener... Löb konnte von alledem als Kenner berichten. Indeſſen— er hatte den Muth verloren, ſich als einen Eingeweihten der Kirche zu bekennen... Schon einmal war ihm die Begegnung mit einem Mönche übel bekom⸗ men... Dies ſtille Huſch! Huſch! Jener Schrei, das Krachen, das Licht im untern Gewölbe— Es kam ihm eine Vorſtellung, als ſetzte ihn das Schickſal vielleicht einmal ſelbſt in Muſik und verwandelte ihm ſein jetzt ſich ſo heiter anlaſſendes Leben in eine Oper mit tragiſchem Ausgang... Er riegelte die Thür zu und entſchlief mit geſpannter Erwartung auf die kommenden Enthüllungen... Er faßte den Vorſatz, durch taktvoll diplomatiſches Beherrſchen ſeines Mittheilungsdranges, der Sphäre, in der er hier leben durfte, nach allen Richtungen hin Ehre zu machen. 20. Das mußte man aber ſagen— mochte auch der Kronſyndikus die letzten Jahre ſeines Lebens in Geiſtes⸗ ſchwäche zugebracht haben, überall ſah man die von früher her ſtammenden Spuren ſeiner raſtloſen Natur. Die Güter der Dorſte⸗Camphauſens waren dagegen im Verfall. Rings um Neuhof erhoben ſich ſtattliche Anlagen, die ſelbſt noch aus der winterlichen Decke in ihrer Bedeutung für die Zeit des Wachſens und Blühens vielverſprechend hervortraten... Auf den Feldern, obſchon ſie hoch gele⸗ gen waren, bemerkte man ſelbſt noch in den ſchneebedeckten Furchen die ſorgfältige Cultur... Kalköfen, Ziegeleien fan⸗ den ſich auch hier, doch alles in ſtattlicherer Erſcheinung, als bei den Dorſtes. Der Holzſchlag in den Waldun⸗ gen war nach der Regel, mit Schonung und Vorausſicht auch für künftige Zeit... Die Buſchmühle, wo einſt der Deichgraf gehauſt, war ein Meyerhof von ganz beſonderer Pflege. Daß dem Deichgrafen dafür gleich⸗ falls ein Ruhm gebührte, wurde nicht mehr viel erwähnt. Raſchlebend iſt unſer Geſchlecht oder— entſchuldigt ſich die Gegenwart durch die Sorgen, die auch ihr genug 201 aufgebürdet ſind? Traurige Kränze, die auf Friedhöfen Niemand mehr erneuert! Trauriger Herbſt, der zwiſchen verroſteten Gittern Jahre lang hängen bleibt, bis der Wind zu Hülfe kommt und auch mit dieſem einſt ſo blühenden Frühling die Erde düngt! Der Park ſchien unverfallen... Die Ulmen, unter deren Schatten Lucinde ſo oft dahingehuſcht, ſtanden hoch und auch ohne Blätter ſtolz und vornehm... Die Tannenbäume gaben dem Ganzen einen Schein des Sommerlebens... auch der Die Pavillons verriethen Bewohner, wie ſonſt. Nur der k Geiſtes⸗ Teich war noch nicht aufgethaut; das große Geflügel⸗ die von haus ſah wie ein rieſiger Strohmann aus; ſeine Bewoh⸗ e1 Natur. ner mußten gegen die Kälte geſchützt werden... Wie ſtatt⸗ reyen in lich war das Schloß! Wie gewandt waltete ſchon der 5 Erbherr! Wie ſah man auf dem Hof von den Fenſtern lagen, di in der Frühe ſchon alles in Bewegung!... 3 ung Frau von Wittekind ſchritt trotz der Kälte und der Bedan au feuchten Luft über den Hof und konnte, reſolut wie ſie ehrebe war, Löb von der Verlegenheit befreien, eben die nähere ün 76 Bekanntſchaft mit zwei wilden Neufundländern zu ma⸗ Aa chen... leien jn Gut geſchlafen, Herr Seligmann? lächelte ſie... ſchenung Sie bleiben doch den Tag über hier?... Wir haben Wuidi viel zu plaudern... Aber erſt nach Tiſch!... Machen erausſih Sie ſich's bequem!... Sie ſind unſer Gaſt!... we einſ„Sie ſind unſer Gaſt!“— Seit dem:„Speiſen von gn Sie bei mir in Druſenheim!“ das ihm im Herbſt Bern⸗ ür ſei hard Fuld ſo vielverheißend und ſo wenig erfüllend zu⸗ erwühnt gerufen, nahm Löb dieſe Phraſe nicht mehr allzu wört⸗ uldigt ſch lich... Schon wußte er auch, Frau von Wittekind ir genuz 202 war genau... Sie liebte das Geld und verhandelte mit ihm mehr darüber, als ihr Gatte... Löb ſollte ſein Urtheil über noch weitere Verbeſſerungen der großen Be⸗ ſitzungen geben und Vorſchläge zu Verkäufen machen; an baarem Gelde war Mangel... Auch in des Kronſyn⸗ dikus echtem Teſtamente ſtanden nicht kleine Legate zu bezahlen.. Frau von Wittekind hob ſich durch ihr ſchwarzes At⸗ laskleid, in das ſie ſich ſchon in aller Frühe geworfen hatte, ſtattlich von den weißen Wänden des Schloſſes ab . Sie ſchlüpfte behend über den mit Kieſelſand be⸗ ſtreuten Hof. Ein eigenthümlicher Kopfßutz von ſchwar⸗ zem Draht und Schmelzperlen zierte das noch ſchöne dunkle Haar der ſchlanken Frau, die gegen die gedrück⸗ tere und durch die Jahre verkümmerte Geſtalt ihres Gatten ſich wie eine noch jugendliche hervorhob... Löb ſollte ſich erſt, da Beſuch erwartet wurde, auf den Nachmittag zu umſtändlicheren Conferenzen bereit hal⸗ den... In den Zimmern, wo einſt Lucinde und Klingsohr jene verhängnißvolle Abendſtunde zubringen durften, wurde ſchon eine Tafel hergerichtet... Noch waltete dabei die Liſabeth, die den Makler ſcheu von der Seite anblickte Löb wußte, daß ſie ihm ſeine Bekanntſchaft mit dem Küfer nachtrug. Sie war faſt eine Dame gewor⸗ den... Nur durch die Angſt, die letzte Stunde ihrer hieſi⸗ gen Wirkſamkeit dürfte bald geſchlagen haben, mochte ſie heute etwas freundlicher geſtimmt ſein, als ſchon lange in ihrer Art lag... Löb ſuchte Frieden und Freundſchaft mit aller Welt rhandelte ollte ſein oßen Be⸗ ſchen; an dronſyn⸗ degate zu atzes Ar— geworfen gloſſes ab lſand be⸗ n ſchwar⸗ ch ſchöne gedrück⸗ äſt ihres hob... . auf den ereit hal⸗ glngboh en, wurde dabei die anblicte ſchaft mit ne gewor⸗ hrer ſieſ⸗ mochte ſſe onn lange aller Wal und plauderte ſich gern aus dem Herzen heraus in die Herzen hinein... Das Schöne und Vornehme übte einen beſondern Reiz auf ſein äſthetiſches Gemüth... Sil⸗ berne Geräthſchaften, die man in die obern Zimmer trug, reizten ſeine Neugier nach dem Glanz, nach den Farben, dem Marmor, die oben verſchwendet ſein ſollten... Nur umſchnoberten ihn noch die fatalen Hunde und hielten die ſchreckhaften Erinnerungen von geſtern wach, auch die dunkeln Sagen von der Vergangenheit dieſes Schloſ ſes Neuhof... Erſchreckt umherirrend und doch träumeriſch alles bewundernd und taxirend kam Löb auf die große Treppe. Stufe für Stufe zählend, ſchlich er hinauf... Eine hohe Flügelthür ſtand mit beiden Schlägen offen... In dieſe trat er behutſam ein, ſeine Neugier durch Be⸗ wunderung maskirend.. Ein zuletzt vollkommen natürliches Staunen ergriff ihn über all dieſe Pracht... Er hatte viele Herrenhöfe beſucht; aber dieſe Schönheit an Stucca⸗ turen und Malereien, an bronzirten Marmortiſchen, in denen man ſich hätte ſpiegeln und raſiren können, war ihm noch nicht vorgekommen... Reizend war eine links ge hende Galerie, an den bemalten Wänden mit ſeidenen Di⸗ vans und Glaskronen und Bronzeleuchtern geſchmückt... Die Malereien ſtellten Scenen, wie er ſich ganz richtig ſagte, aus dem Olymp vor... Wie drang da der Klang des Liedes:„Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude!“ das manchmal die Studenten im Roland am Hüneneck ſangen, in ſeine Seele!... Das war nun dieſe „Freude“ aus—„Olim's Zeiten“. Leider machte er dieſen 204 Schnitzer zum Staunen und zum Lachen ſeines Neffen David Lippſchütz, als er ſpäter dieſe Vorfallenheit in einem Briefe nach Kocher meldete— Er verwechſelte „Olim's Zeit“ mit der Zeit des Olymp... Allerdings war auch hier eine Olim's Zeit! Für ſo verfängliche olympiſche Gegenſtände, wie an dieſen Wänden von Künſtlerhand wiedergegeben waren, würde die Gegen⸗ wart nicht einmal die raſchbereiten Künſtlerhände auf⸗ gefunden haben... Sie glichen den Fresken über Alexan⸗ der und Roxane, die ſich zu Rom von Rafael's Hand im Hinterzimmer der Galerie des Fürſten Borgheſe befinden. In jetzt unverfänglicher, rein kunſtkenneriſcher Stim⸗ mung verlor ſich Löb immer weiter im Corridor und kam in einen großen Saal, der ſeinerſeits etwas Schauerliches hatte — durch ſeine rieſigen Dimenſionen und ſeine Unwohn⸗ lichkeit und Kälte... Der Saal war rings mit Spie⸗ geln belegt... In ganzer Figur, von ſeinen etwas zu kurzen ſchwarzen Beinkleidern an mit den hervorſtehen⸗ den Knieen bis zum Scheitel ſeines heute ohne zu laute Muſikbegleitung friſirten Haares, ſich in Lebensgröße betrachten zu können— reizte Löb... Er mußte im ganzen Saal auf den Fußzehen die Runde machen. Alles war ſtill... Er griff an den Girandolen die Glastropfen an und ließ ſie hin und her baumeln . Er erfreute ſich an dem hellen Ton, den ſie von ſich gaben... Dann taxirte er das Kryſtall, die Bronze, den Sammet, und war beſonnen genug, die Kunſt der Decoration höher anzuſchlagen, als den maſſiven Werth... Viele der Bronzirungen zeigten ſtark den „Zahn der Zeit“, jenen Begriff, den Veilchen in ihrem es Neffen lenheit in erwechſelte Allerdings rfängliche nden von e Gegen⸗ nde auf⸗ er Alexan⸗ Hand im befinden. zer Stim⸗ ind kam in iches hatte Unwohr⸗ it Spie⸗ etwas zu vorſtehen⸗ zu laute benögrüße nußte im chen.. Biendalen Jbaumeln n ſie don e Bronze, die Kanſt maſſiven ſurh den in ihren 205 Humor vorgeſchlagen hatte zum Namen des Nathan Seligmann'ſchen antiquariſchen Geſchäfts zu wählen... In das Geſchäft:„Zum Zahn der Zeit“ gehörte bei näherer Beſichtigung faſt jeder dieſer Plüſch⸗ und Seiden⸗ ſtühle... Und ſo bekam Löb auch Handelsideen zum beſten ſeines Bruders... Darüber verging eine geraume Zeit... Als er ſich dann endlich auf den Weg machte, um umzukehren, erſchrak er bei einem flüchtigen Blick in den Hof... Er ſah aus einem eleganten Wagen einen Mönch ausſteigen.. Bruder Hubertus das? ſagte er ſich und die Erin⸗ nerung an die geſtrigen Erlebniſſe ergriff ihn mit ſchreck⸗ hafter Macht... Hubertus war es aber nicht... Löb beſann ſich, es war Pater Maurus, der Provinzial und Guardian ſelbſt... Kam er etwa, um ſich nach ihm zu erkundigen... Die Diener verbeugten ſich tief... Löb beruhigte ſich... Der Kloſterabt ſchien mit freiherrlich Wittekind'⸗ ſchem Wagen aus ſeiner Zelle abgeholt worden zu ſein... Vor Neugier und Gewiſſensbiſſen gerieth Löb bei dem Gedanken an ſeinen Rückzug in einen falſchen Cor⸗ ridor... Es liefen deren zwei in den großen Ball⸗ ſaal ab... Einer ſah dem andern ſo ähnlich, daß Löb nicht wußte, war er durch den linken oder durch den rechten gekommen... Als er ſeinen Irrthum erkannte, mochte er nicht den weiten Weg umkehren, ſondern hoffte, eine der mehreren kleinen Thüren, die er hier ſahe, verbände vielleicht beide Corridore... Er drückte eine derſelben auf... 206 Siehe da! Das war ja ein ganz ſeltſames Gemach... Er trat einen Schritt vor, orientirte ſich im Dunkeln da— o Himmel!— fällt die Thür hinter ihm in ein Schloß, zu dem er keinen Drücker findet... Im Dunkeln durchtaſtet der plötzlich zu allen Schrecken nun auch noch ſelbſt Gefangene die ganze Länge der Ri⸗ tzen an der Thür dahin, reißt ſich an der Spitze eines hervorſtehenden Nagels die Veranlaſſung zum ſchmerz⸗ hafteſten Au! ein und ſteht mit einem blutenden Fin⸗ ger... Was jetzt thun?... Klopfen?... Lärm machen?... Seine Neugier ſelbſt an die Oeffentlich⸗ keit bringen?... Großen Männern gehen ihre Schatten voraus, ſagt Jean Paul, und lebhafte Phantaſieen erfaſſen ſofort die äußerſte Möglichkeit... Löb Seligmann ſah ſich vor Discretion, vor Scham und vor jetzt vielleicht erſt kaum halb beſtrafter Neugier ſtumm ringsum... Er ſah ſich hier eines langſamen Hungertodes ſterben— ganz wie Floreſtan in„Fidelio“... Das Zimmer war ohne Fenſter... Es konnte nur benutzt werden durch Erleuchtung... Höchſt prachtvoll, wenn auch gleichfalls ſchon für das Geſchäft„Zum Zahn der Zeit“ brauchbar, war auch hier die Decoration... Hier mußten ſicher einſt die üppigen Schönen auf ſchwel⸗ lenden Divans geruht haben, wenn ſie auf Bällen vor der Hitze des Tanzſaals flohen... Das ſind Cabinete, dachte er, wie die, in welche Don Juan die Tauſend und Eins entführte... Und um ihn her geigte und trompetete alles... aber im Geiſt rief er mit dem Schrei der Zerline:„Hülfe! Rettung!“... 207 Mit der linken Hand, die er der Vorſicht wegen lieber jetzt mit einem glücklicherweiſe in der Taſche vorgefundenen Pelzhandſchuh bewaffnete, rutſchte er an den Wänden entlang, immer noch in der Hoffnung, einen Drücker zu einer nicht ſofort erſichtlichen andern Thür zu finden, und ſchon gewöhnte ſich ſein Auge an die Finſterniß... Und wirklich— die Hand fuhr jetzt auf eine Klinke — und ein neues Zimmer ging auf... Aber— auch dies Zimmer war ohne Ausgang... Es war von gleicher Beſchaffenheit, wie das vorige... Auch hier war alles auf Beleuchtung berechnet... Gott meiner Väter! ſeufzte Löb... Er hatte manchen vornehmen Ball, ſelbſt Bälle bei ſeinen Vettern Fuld, in der Ferne beobachtet; er konnte ſich denken, wie prachtvoll das ſein mußte, wenn hier alles von Lichtern widerſtrahlte, Eis herumgegeben wurde, lachend und reizvoll dahingegoſſen die Schönen auf den Divans lagen, die Herren um ſie her voll Bewunderung und Galanterie... Da und dort ſah er Spieltiſche... Gold und Silber glänzte ihm unter den Karten entgegen— Aber links und rechts waren ſämmtliche Drücker abgeſchraubt... Nur in der Mitte gingen die Thüren auf... So zu einem dritten Zim⸗ mer, das er gleichfalls noch öffnete... Die Luft war dumpf und ſtickig... Hier war ſeit Jahren nicht ge⸗ lüftet worden... Löb wurde immer lebendigbegra⸗ bener... Schon ſchickte er ſich an, ſeinen Weg durch die drei Verließe zurückzunehmen und ſein Heil, mit dem Riſico des Verluſtes ſeiner Kundſchaft auf dieſem Schloſſe, in einem durchdringenden Hülferuf zu ſuchen, als er hinter 208 der Wand, da, wo es noch in ein viertes Zimmer ge⸗ hen konnte, ſprechen hörte... Jehovah ſei Dank! war ſein erſtes Gefühl... Er wußte, daß ſchon ein lautes Klopfen nun nicht mehr ohne Beiſtand bleiben konnte.. Sollte er jetzt gleich an die hier ohne Zweifel wie⸗ derum befindliche Tapetenthür pochen oder ſich vorläufig in Ruhe verhalten?... Das Geſpräch nebenan ſchwieg plötzlich... Leiſe wagte er auf den in den inneren Verbindungs⸗ thüren vorhandenen, aber überall feſtgeſchraubten Drücker den wunden Finger zu legen... Hier nun war die Thür verſchloſſen und ſicher vermu⸗ thete man nebenan nur eine Wand und lehnte ſich ſorglos an ſie an und war keines Lauſchers gewärtig... Wieder begannen die Stimmen... Jetzt vernahm auch Löb Worte, hörte Namen, die ihm bekannt waren... ja die Namen„Borkenhagen“— „Himmelpfort“—„Weſterhof“ fielen... Nun ſchienen ſie Anlaß zu Mittheilungen zu werden, die ihn intereſſir⸗ ten und die vielleicht mit ſeinen geſtrigen Erlebniſſen zu⸗ ſammenhingen... Deutlich unterſchied er die Stimme Terſchka's... Deutlich die des Präſidenten... Zwei andere wußte er noch nicht recht hinzubringen... Eine davon war ihm nicht gänzlich unbekannt... Kämpfend mit ſich, was zu thun ſei, ob er rufen oder ſchweigen ſollte, ging er noch einmal leiſe durch alle Zimmer zurück, ſuchte überall, wo ein Ausweg ſein konnte, ſeine Befreiung, fand dieſe aber nicht und beredete ſich, 209 entſchloſſen zu ſein, zu rufen, zu klopfen, durch die geheime Tapetenthür mit ſeiner„fragwürdigen“ Anweſenheit her⸗ vorzutreten in die feine Geſellſchaft und ganz gehorſamſt um Entſchuldigung zu bitten... In Wahrheit aber ſetzte er ſich hin, um— zuzuhören... Jetzt erkannte er auch die dritte Stimme. Den ehemaligen Vicar von Sanct⸗Zeno, den Neffen des Dechanten, den Domherrn von Aſſelyn... Der Vierte war ohne Zweifel der Provinzial... Sollte er da ſeinen hülfeflehenden Septimenaccord einſetzen und ein ſo ſchönes Quartett ſtören?.. Und es kam denn ſo, daß er auf einem Polſterſeſſel dicht an der Thür verblieb... Es kam denn ſo, daß er zum Horcher wurde mit und wider Willen... Es kam denn ſo, daß er Dinge hörte, die ihm vor Froſt die Erinnerung an den noch nicht überſtandenen Februar weckten... Es kam denn ſo, daß er eine der ſchwe⸗ ren Seidendamaſtdecken von den Tiſchen zog und, trotz der in ihnen befindlichen Motten, ſie um ſich ſchlang und ſich einhüllte und daß er ſogar noch eine zweite holte und ſich wie ein Hoherprieſter zu Jeruſalem vor⸗ kam mit den Urim und den Thumim... Denn die ſchweren Goldtroddeln hingen ihm quer über die Bruſt hinweg... Der Präſident von Wittekind ſprach mit einer, wie es ſchien, höchſt erregten und von ſeiner gewöhnlichen kalten Art ganz abweichenden Stimme feſt und beſtimmt die deutlich hörbaren Worte: Ja, Herr von Terſchka! Ich war vorbereitet auf Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 14 210 einen Bevollmächtigten, den man in dieſer betrübenden Angelegenheit mir von Rom aus ſchicken würde!... Hm! Hm!... Daß es aber Sie ſein würden, geſteh' ich, hätte ich nicht erwartet... Seligmann brauchte nur von„Rom“ zu hören, um mit geſpannterer Aufmerkſamkeit zu folgen... Herr Präſident, antwortete Terſchka mit ſeiner Löb bekannten leutſeligen Harmloſigkeit, die nur zuweilen, wie Löb gleichfalls hätte beſtätigen können, unter vier Augen nachdrücklich abgelegt werden konnte; Herr Prä⸗ ſident, bei meiner nahen Verbindung mit dem Gra— fen Hugo iſt der Auftrag, den ich vorgeſtern durch den Herrn Provinzial entgegengenommen habe, nicht ſo auf⸗ fallend... Ich kenne ja auch ſelbſt ſehr genau das außerordentlich liebenswürdige Mädchen, das halt ſo zu ſagen eine Adoptivtochter des Grafen Hugo iſt... Seligmann rüſtete ſich auf Vervollſtändigung ſeiner genealogiſchen Kenntniſſe, die in dieſen hohen Kreiſen immer empfehlend ſind... Ich muß Sie, lieber Sohn, ſprach der Präſident und redete damit ohne Zweifel den Domherrn von Aſſelyn an, ich muß Sie mit dem Gegenſtand unſerer Verhandlung bekannt machen, welcher Sie jetzt nicht nur in Ihrer Eigenſchaft als mein Sohn und Freund, ſondern auch als geiſtlicher Rather und zuverläſſiger Zeuge bei⸗ wohnen... Man hat von Rom aus in einem an den Herrn Provinzial gerichteten Schreiben ausdrücklich... Dieſe Worte brachen für Löb nicht ganz verſtändlich ab... Eine Pauſe deutete die ſtumm bejahende Geberde nden ſteh um Löb älen, vier Pri⸗ Gra⸗ den auf⸗ das z9 emer eiſen dent von ſerer nur dern bei⸗ den dlich berde 211 des Pater Maurus an, der demnach zu den drei Löb jetzt bekannten Perſonen wirklich die vierte war... Mein Vater, fuhr der Präſident mit Crregung fort, hat leider aus dem himmliſchen Gnadenſchatz alle die Spenden nöthig, die er uns Sündern bietet .Ich ſpreche dies mit Schmerz, aber offen aus... Zu einer ganz beſondern Kränkung für mich müſſen die lebenden Zeugen ſeiner Verirrungen dienen... Doch werden dieſe befriedigt werden und ſie ſind es zum Theil ſchon—— Nur Ein Verhältniß bot und bietet noch immer Schwierigkeiten. In Rom befindet ſich eine Frau, von der man behauptet, ſie hätte Anſprüche, ſich die zweite Gemahlin meines Vaters nennen zu dürfen. Sie ſoll auch in der That von einem frühern Pfarrer— dieſer — Gegend— ich glaube— Leo Perl— Seligmann erbebte bei Nennung dieſes Namens. Jetzt verwarf er alle Ermahnungen ſeines Gewiſſens, die ihm unausgeſetzt zuflüſterten, ſich ein Zimmer weiter zu ſetzen und ſich nicht in die Geheimniſſe der vor⸗ nehmen Welt zu drängen... Nicht wahr? unterbrach ſich der Präſident, als ſuchte er ſich der Richtigkeit des Namens zu vergewiſſern. Die Herzogin von Amarillas kennt vielleicht den Namen des Geiſtlichen nicht mehr, der ſie traute. ſagte Terſchka... Der ſie traute— haha! Das iſt es! Mit mei⸗ nem Vater nämlich, lieber Sohn! Es handelt ſich um eine Frau, die nichtsdeſtoweniger, daß ſie ſich Frau von Wittekind⸗Neuhof zu nennen berechtigt ſein will, doch 1813 von Kaſſel aus nach Paris flüchtete und dort eine 14* 212 neue Heirath vollzog mit einem ſpaniſchen Granden, lei⸗ der einem Granden ohne Vermögen, deſſen langer Titel ſie lockte... Von der ſchweren Sünde der Bigamie, ſcheint es, will die römiſche Curie die Herzogin von Amarillas freiſprechen und ſich jetzt plötzlich für die erſte Ehe entſcheiden... Herr Präſident, nein! ſagte eine rauhe Stimme... Ohne Zweifel war es die des Mönches... Bigamie!... Zwei Männer auf einmal! Löb Seligmann ſchauderte vor einer Situation, die ihn zum Zeugen ſolcher Enthüllungen machte... Der Präſident, ſich in ſeiner Anklage gegen Rom mäßigend, fuhr fort: Allerdings geſtehe ich, Herr Provinzial, nicht völlig klar zu ſehen in dem Intereſſe, für welches Herr von Terſchka auftritt, und wieder in dem, für das Sie beauftragt ſind. So viel weiß ich und will es nicht leugnen, daß dieſe Frau von Wittekind⸗Neuhof zwei Kinder von meinem Vater beſitzen ſoll; als Herzogin von Amarillas war ſie gewiſſenlos genug, ſie beide zu opfern. Mein Vater, von dem muß ich es leider ebenſo eingeſtehen, machte ſich keine Sorgen um die Folgen ſeines— Tem⸗ peraments— Er überließ dieſe Kinder, denen ich ihr Daſein und eine gewiſſe Berechtigung auf meine Aner⸗ kennung als natürliche Geſchwiſter nicht im mindeſten abſtreiten will, dem Zufall, der ſie dann auch wirklich ſeinen Augen entrückte... Jetzt ſoll eines dieſer Kinder entdeckt ſein. Von wem entdeckt? Entdeckt in einem Augenblick, wo die Herzogin von Amarillas in Wien auf⸗ zutreten gedenkt, in Wien, wo, wie überall, Geſetze * gegen Bigamie herrſchen, falls— die Curie nicht hilft. Doch, wie geſagt, räthſelhaft ſind mir dieſe Entdecker einer Schweſter— die ich haben ſoll. Es iſt eine gewiſſe Angio⸗ lina— Pötzl, glaub' ich, ein Mädchen, das, wie Herr von Terſchka ſagt, zufällig vom Grafen Hugo vor Jahren gefunden worden— es war ja wol mein' ich bei einer — Kunſtreitergeſellſchaft—? Auf dies auffallend ſcharf betonte Wort trat eine Pauſe ein. Terſchka ſchien die Frage überhört zu haben... Graf Hugo, fuhr in immer mehr ſich ſteigernder Schärfe der Präſident fort, hat edel an dem Kinde gehandelt, das von jener ſogenannten Frau von Witte⸗ kind, meiner Stiefmutter— auf der Landſtraße ver⸗ laſſen wurde— bei jener damaligen Flucht der kaſſel⸗ ſchen Oper— Ich vergaß Ihnen nämlich zu ſagen, lieber Sohn, Frau von Wittekind⸗Neuhof war urſprünglich eine italieniſche Sängerin... Hörten für Löb Seligmann die Gewiſſensſerupel ſchon lange bei Nennung des Namens Leo Perl auf, ſo fühlte er nun vollends die behaglichſte Wärme, ſowol unter ſeinen bunten Decken und auf dem gepolſterten Seſſel, wie vor Antheil an dem Vernommenen ſelbſt... Ein Uebergang der Enthüllungen in die Sphäre der Oper... Eine italieniſche Sängerin... Er gedachte der Hen⸗ riette Sontag, die eben damals eine Gräfin Roſſi ge⸗ worden war.. Graf Hugo, fuhr der Präſident fort, hat ſein Pflegekind lieb gewonnen, ſo lieb, daß er nicht abgeneigt ſein ſoll, aus ihm ſeine Gemahlin zu machen... 214 Vortrefflich ginge das, wenn Angiolina Pötzl eine rechtmäßige Freiin von Wittekind wäre... Herr von Terſchka ſtellt mir das Anſinnen, dieſe Wendung der Dinge möglich zu machen... Ich weiß nicht, ob dies auch der Antrag des Grafen Hugo ſelbſt iſt, und offen geſtanden, ich kann es kaum glauben... Würde er ſeine Schwiegermutter in Wien mit einem Proceß auf Bigamie empfangen wollen?... Auf dieſe ſcharf betonte Hervorhebung aller Dunkel⸗ heiten der in Frage ſtehenden Situation trat eine Pauſe ein... Aber mochte ſich auch Seligmann dieſe Pauſe mit noch ſo viel ſtürmiſchen Paſſagen füllen, ſein muſik⸗ geübtes Ohr hörte nimmer die Accorde, die in Bonaven⸗ tura's Innern auf und nieder wogten und riefen: So ſprichſt du, du— von der Bigamie! Du, mit dem ſich vielleicht auch— meine eigene Mutter in gleicher Sünde befindet!. Graf Hugo, fuhr der Präſident fort, wird ja nun jetzt ſo reich, daß er für ſein Pflegekind unmöglich blos eine Ausſtattung, unmöglich nur Geld begehren kann „Meine junge Stiefſchweſter ſoll ſchön und geiſtig gebildet ſein... Herr von Terſchka verglich ſie ſchon lange mit jener abenteuernden Lucinde, von der Sie vielleicht ſchon hörten, lieber Sohn, vom Anlaß zum Tod meines armen Bruders Jéröme... Ich meine jene Dame, von der man ja ſagt, daß ſie plötzlich jetzt in Witoborn wieder aufgetaucht iſt... Wieder trat auf dieſe gelegentliche Anmerkung eine Pauſe ein... Seligmann fand ſchwerlich ein Tonbild 2 eine von der dies ffen eine amie nkel auſe mit nuſtt⸗ ven⸗ So ſich ünde nun glich kann. eiſtig ſchon Sie zum neine jebt eine anbild der Orkane, die bei dieſen Worten tauſend Inſtrumente durch das Herz eines der Hörer ſtürmten... Lucinde in Witoborn!... Bonaventura ſchien auf dieſe Mit⸗ theilung eine auffallende Bewegung gemacht zu haben... Ja, ſagte wenigſtens Terſchka wie zu einem, der daran zweifelte, das genannte Fräulein war vorgeſtern auf Münnichhof... Aber Sie erwähnen ſie nicht zu ihrem Vortheil, Herr Präſident!... Es iſt eine Reihe von Jahren her, daß Graf Hugo und ich aller⸗ dings Ihrem Vater und dieſem Mädchen, ſeiner dama⸗ ligen Begleiterin, am Strande der Oſtſee begegneten... Wir kauften dort Pferde ein... Mein Freund, der Graf, beſprach mancherlei, was zu ſeinen hieſigen Erbſchaftshoffnungen gehörte und worüber der damalige Vormund und Onkel der Gräfin Paula, Ihr Herr Vater, Auskunft geben konnte... Die Rede kam auf jenes ſchöne Mädchen, das unter ſeinem Schutze reiſte... Ich verglich ſie allerdings mit Angiolina... Der Kron⸗ ſyndikus gerieth über meine Analyſe in die größte Ver⸗ wirrung... Die Nacht ſoll er eine aufgeregte Scene gehabt und nichts, als von ſeiner zweiten Gemahlin ge⸗ ſprochen haben und das wie von einem Weſen, deſſen Vorhandenſein ſein Gewiſſen drückt... Nur irren Sie ſich in einigen Punkten! fiel der Präſi⸗ dent mit ſeiner frühern Schärfe wieder ein. Sie verglichen jene Lucinde weniger mit Angiolina, als mit jener ſo be⸗ kannt gewordenen Olympia Maldachini in Rom... Und darüber kam der Schrecken meines Vaters; der Name Fulvia Maldachini war der frühere Name der Herzogin von Amarillas... 216 Seligmann ſah jetzt große, wirkliche, echte, italieniſche Oper... Maldachini!... Welch ein Klang— ſchon — beim Hervorruf... Der Stand der Dinge iſt der! fuhr der Präſident fort, der immer mehr ſogar in eine drohende Vor⸗ tragsweiſe kam. Mein Vater hat vor einigen Jahren, als er noch bei Geiſteskräften war, eine Generalbeichte beim ehrwürdigen Pater Maurus niedergelegt. Dieſe war ſo inhaltsreich, daß ſie vom Herrn Provinzial nach Rom geſchickt werden mußte. Dort ſcheint ſie einflußreichen Perſonen bekannt geworden, Perſonen, die an dem Erweis einer Bigamie der Herzogin von Amarillas mehr Intereſſe zu haben ſcheinen, als die vielleicht ſehr vernünftige Frau ſelbſt, die wenigſtens ſeit Jahren nicht die mindeſte Erinnerung an Schloß Neuhof verrathen hat. War ihr Gedächtniß zu ſchwach für zwei Kinder, die ſie in Deutſchland zurückließ, wie ſollte es jetzt auf⸗ leben für das Bekenntniß einer Schuld, die vielleicht die römiſche Curie, aber nicht die bürgerliche Geſetzgebung verzeiht! Der Herzog von Amarillas war arm. Ein echter Grand von Spanien, beſaß er nur ſeinen Namen, der in ſeiner ganzen Vollſtändigkeit acht bis zehn Güter repräſentirte, die im Monde liegen. Mein Vater ſchickte damals Summen nach Rom. In früheſter Zeit wurden ſie erbeten, in ſpäterer gefordert; dann plötzlich ver⸗ hallte alles, was dort für ihn drohend vorhanden lebte .. Wer aber nun jetzt es iſt, der dort plötzlich wieder Sprache gewonnen hat, wer nun jetzt durch Sie redet, Herr von Terſchka— Angiolina iſt ſo liebenswürdig, unterbrach Terſchka beim ar ſo Rom eichen dem rillas ſehr nicht athen nder, auf⸗ ſt die bung jchter „der Hüter cjickte urden ver⸗ lebte ieder redet, iſchi 217 aufs eiligſte, daß ihr die Auszeichnung, mit Ihnen ver⸗ wandt zu ſein, wol zu gönnen wäre... Wer iſt Ihr Auftraggeber? drängte der Präſident... Ich— wich, ohne Zweifel lächelnd, Terſchka aus— ich kann nur ſagen, man wünſcht, daß ich in aller Stille die Verhältniſſe ſondire, namentlich das Factum herſtelle, ob die Herzogin von Amarillas wirklich Ihre rechtmäßige Stiefmutter iſt, Herr Präſident! Die weitern Folgerun⸗ gen daraus, geſteh' ich, liegen mir ja noch gärzlich fern... Löb erkannte ganz ſeinen diplomatiſchen Terſchka... Nun wohl, Herr Provinzial, wandte ſich der Prä⸗ ſident an den Mönch, Sie ſehen, es geſchieht alles, um das Siegel zu brechen von jener Beichte, die Sie empfin⸗ gen... Ihr Ordensgeneral hat Ihnen nicht erlaubt, den Inhalt dieſer Beichte zu erzählen, aber prüfen ſollen Sie denſelben; ſo ungefähr, denk ich, ſchrieb man Ihnen .So léeg! ich denn in Ihrer Gegenwart, lieber Sohn, in Ihrer, Heruapan Terſchka, die Zeugniſſe von ſechs Cava⸗ lieren vor die leider nicht mehr am Leben ſind; ſie haben der ſogenannten Vermählung meiner Stiefmutter beige⸗ wohnt. Dann aber bitt' ich Sie, Herr Provinzial, leſen Sis ſich in die Handſchrift des edeln Dechanten von Sanct⸗Zeno Herrn von Aſſelyn in Kocher am Fall, meines Schwagers, wie ich ihn nennen darf, hin⸗ ein und theilen Sie uns hernach dieſe Zuſchrift mit, die ich geſtern Abend auf eine Stafette, die ich vor acht Tagen nach Kocher ſchickte, erhalten habe... Sie wird uns über dieſe Ehe und über Leo Perl's dabei ge⸗ ſpielte Rolle die genügende Auskunft geben... 218 Löb mußte aufſtehen... Es war in der That zu viel, was auf ſeine Wißbegierde einſtürmte... Ja er bedachte: Erfährt man je, daß du Zeuge dieſer Familien⸗ geheimniſſe warſt, ſo ſteckt man dich vielleicht ein oder macht dich ebenſo unſchädlich, wie einen gewiſſen Lauſcher in den„Falſchmünzern“... Er mußte ſeine Decken lüften, weil er in Transſpiration kam... Nach einer Weile, in der Bonaventura ohne Zweifel voll Staunen oder— voll Beſorgniß der Worte ſeines Onkels gedachte:„Laſſ' aber alles das unter Prieſtern bleiben!“ und von Terſchka's Anweſenheit immer mehr beunruhigt werden mußte, begann die rauhe und ſtrenge Stimme des Pater Maurus: „Mein inſonderſt geehrter Herr Präſident und lieber Herr Schwager! Ich habe das alles geahnt, was nach dem Tode Ihres Vaters kommen würde! Auch ſchon zu meinem Neffen, unſerm guten Bonaventura, hab' ich mich in einer vor kurzem abgegangenen Zuſchrift darüber ausge⸗ ſprochen... Es iſt ein ſeltſamer Vorgange auf den Sie hindeuten, und wohl verſteh' ich Snn Sänrsz, Ihre tiefe Betrübniß! Beſchämung— ſagen Sie! Warum dies Wort— zu— Prieſtern? Wir Prieſter der römi⸗ ſchen Kirche ſind— bei ſolchen Dingen in—— un⸗ ſerm Element—“... Der Vorleſende ſtockte... Der Präſident ſagte, wie es ſchien, mit Lächeln: Sie werden hier eine Stelle finden, die Sie über⸗ ſchlagen dürfen! Indeſſe—— Bonaventura mochte voll Beſorgniß der Intoleranz des Provinzials gedenken... Und auch Seligmann ge⸗ hat zu Ja er nilien oder ruſcher Decken weifel ſeines neſtern mehr ſtrenge lieber nach on zu 1 mich ausge⸗ en Sie Ihre Zarum römi⸗ — un⸗ lerau in ge⸗ 219 dachte mit Schrecken des Dechanten, der ſo freundlich mit der Haſen⸗Jette verkehren konnte und nur deshalb nicht die untern Viertel am Fall zu Kocher beſuchte, weil er zu ſagen pflegte,„Reinlichkeit iſt mein erſtes Religions⸗ dogma“... „Denn“, fuhr jedoch der Provinzial und ohne weitern Ausdruck der Befremdung über dieſe Freimüthigkeiten zu leſen fort,„denn unſere ganze Kirche beruht ja auf dem Natürlichen im Menſchen. Wer unſere Kirche ſchil⸗ dern will, muß vom Fleiſch beginnen und im Fleiſch auf⸗ höven. Die katholiſche Kirche erbaute Gott zu einer Hülfe für die Sünder. Sie iſt deshalb in allem der Gegenpol der nackten Menſchheit und darum eben nur auf dieſen Gegenpol errichtet. Bei den Proteſtanten iſt die Sünde eine Unterbrechung ihres vom Geiſt beginnenden und im Geiſt endenden Lehrgebäudes; aber bei uns iſt ſie das alleinige Weſen deſſelben. Darum liebt der natür⸗ liche Menſch den Katholicismus und wieder der Katho⸗ licismus“—— Der Provinzial ſtockte und murmelte wieder... Seligmann dachte an die Rumpelgaſſe und den Un⸗ terſchied der Religionen... Laſſen Sie das! Laſſen Sie das!... unterbrach der Präſident im Ton ſeiner andauernden Wallung... Doch der Mönch fuhr fort: „Da hatt' ich beim Abſchied vom Oberſten von Hülles⸗ hoven den Streit über die Frage:«Was iſt unſer Genius!) Monika, des Oberſten Gattin, ſchrieb mir einſt: Unſer Genius iſt der Schutzgeiſt gegen unſere Schwächen!“ Der Oberſt ſagte:«Unſer Genius iſt der Fahnenträger un⸗ 220 ſerer Kraft!» Beide haben Recht und beide Unrecht. Sie hätten ſagen müſſen, wie der Genius im Men⸗ ſchen entſteht... Was iſt der Genius— des Katho⸗ licismus— der Genius Napoleon's— der Genius Goethe’s... Wieder unterbrach der Präſident... Wieder dachte Seligmann, wenn auch ſchon etwas ſchwieriger auffaſſend, an die Bereicherungen für Veilchen... „Napoleon war körperleidend“; fuhr Pater Maurus zu leſen fort.„Man kann leidend ſein und doch ſich ganz beherrſchen. Die fallende Sucht aber kann man nicht be⸗ herrſchen; das iſt ein entſetzliches Naturgebot. Napoleon's Kammerdiener Marchand mußte ihn oft einſchließen; des Kaiſers Angſt war: Jetzt überfällt dich dein Dämon! Napoleon’s Genius war demzufolge der Geiſt, der ihn trieb, dieſem Dämon zu entfliehen. Daher ſeine Unruhe, daher ſeine Liebe zum Frieden und doch die Unmöglich⸗ keit, beim Frieden zu verharren, daher ſein Vorwärts⸗ drängen, ſeine Art zu kämpfen, ſeine Auffaſſung über Welt und Zeit, ſein Aberglaube, ſein Wallenſteinglaube an Ahnungen, ſeine Beſuche bei Kartenlegerinnen, ſeine glühende Neigung zu Frauen und doch ſeine Kälte im Augenblick der Liebe— Napoleon iſt das Leben eines Mannes, der ſich unter einem unglücklichen Naturgeſetz weiß. Alles, was er that und ſprach, war auf dies Naturgeſetz: Entfliehe deinem Fluch! bezogen. Goethe iſt nicht anders zu verſtehen, als aus einem Naturgeſetz. Nur bezieht ſich bei Goethe ſein ganzes Denken und Fühlen auf ein anderes Factum— er hatte einen un⸗ ehelichen Sohn. Dieſe Möglichkeit und ſittliche Gene Unrecht. Men⸗ Katho⸗ Genius dachte faſſend, Naurus c ganz iiht be⸗ oleon's en; des dämon! er ihn inruhe, uöglich⸗ wäͤrts⸗ g über glaube „ſeine lte in eines uxgeſeb f dies Goethe rgeſet⸗ n Und en un⸗ Gene 221 mußte er durch ſein ganzes Daſein, ſeine Dicht⸗ und Weltauffaſſung vertheidigen.«Legitim» oder Jllegitim) — das wurde ſein Grübeln und merkwürdig, ſein ſchlech⸗ teſtes Werk, die natürliche Tochter», war gerade aus den geheimſten Falten ſeines Herzens geſchrieben... Warum plaudere ich das alles? Ich könnte bitter ſein und es ſo ausführen: Unſere ganze römiſche Kirche iſt mit der Zeit auch allein über den Einen dunkeln Abgrund der Seele gebaut, daß wir Prieſter nicht heirathen dürfen..“ Der Provinzial ſprach ironiſch: Der Dechant gehört der philoſophiſchen Zeit an... Er will ſie auch nur ſchildern, ſagte der Präſident und beruhigte Bonaventura, der auf die Mittheilung nur der Hauptſachen aus einem Briefe drängte, der ihm in ängſtlicher Weiſe eine krankhafte Aufregung des theuern Onkels verrieth... „Ich ſchildere Ihnen die Zeit, in der unſere Sünden jung waren, die Zeit, in der ich mit dem Kronſyndikus bekannt wurde... Es war gerade, als Goethe, unſer da⸗ maliger Gott, den einzigen gefunden hatte, vor dem auch er zu Staub wurde. Dies eben war Napoleon, unſere zweite Gottheit. Es war in jenem Erfurt, da, wo Goethe ſchweig⸗ ſam vor Napoleon ſtand, der Mann, der ewig die Na⸗ tur ſuchte, vor dem Mann, der ewig die Natur floh. Ich befand mich gerade damals bei dem ſogenannten „Parterre der Könige) als ein der Diöceſe Dalberg's ungehörender Prieſter. Ihr Vater war in Erfurt er⸗ ſchienen als Syndikus der jungen Krone Weſtfalen bei hen alten deutſchen Ständen des Teutoburger Waldes... Herr von Wittekind zog vor, in der Nähe der Pracht 222 und Herrlichkeit des fremden Hoflagers zu leben. Und doch ſtarb in Ihrem Vater trotz ſeines Leichtſinns ein Mann wie aus der Ritterzeit... Die eiſerne Hand, die Götz nur künſtlich führte, ſchlug Ihr Vater natür⸗ lich. Ich habe geſehen, wie er von einer Tiſchplatte die Ecke abbog gleich Auguſt dem Starken von Sachſen, dem er leider nur zu ſehr glich, wenn ihm auch deſſen Sinn für Größe, die ſtolze Haltung und Bedeutſamkeit der Geſinnung verſagt waren. Ein Nimrod war's, der zuletzt in wilder Bauluſt den Reſt von Muth austobte, der ihm vom Jagdtreiben übrig geblieben. Sein Park, ſein Schloß, ſeine Oekonomie müſſen ihm Summen gekoſtet haben; aber er brachte ſie durch Geiz wieder ein. Die Folgen ſeiner gewaltthätigen Natur, die ge⸗ nug von ihm verdeckt werden mußten, liegen Ihnen jetzt offen vor, die ſtärkſte Prüfung, die der Kindesliebe beſchieden ſein kann“— Pater Maurus beſaß den Takt, einen Augenblick innezuhalten.... Seligmann warf einen ſtill beglückenden Rückblick auf ſeine eigene vorwurfsloſe Laufbahn als Garcon... „Der Handel mit der Fulvia Maldachini“, fuhr der Mönch fort,„ſtammt aus jener Zeit einer wilden Phi⸗ loſophie, aus jener Zeit, wo auch in des ſonſt ſo ſtrengen Napoleon Heergefolge der alte franzöſiſche Leichtſinn ſich wieder regen durfte. Seine Marſchälle waren früher Perrükenmacher und Kellner. Als ſie auf ihren Lorbern ausruhen wollten, konnten ſie nur genießen, wie Perrükenmacher und Kellner, die das große Loos gewinnen, genießen. Napoleon hatte Ver⸗ 1. Und uns ein Hand, natür⸗ cylate Sachſen, h deſſen tſamkei vs, der zustobte in Par. Bummen wieder die ge⸗ nen jetz desliebe ugenblic Rückblic reon. fuhr der den Phü onſt ſ anzüſiſc nrſchül Als ſ ſie un die N atte W wandte, die er, um eine neue Legitimität zu begründen, auf Throne erhob, während ſeine Schweſtern erklärte Courtiſanen, ſeine Brüder Champagnerreiſende waren. Der Hof des Königs von Weſtfalen riß in ſeinen Stru⸗ del Männer und Frauen vom deutſcheſten Urſprung. Ach, wir waren tief geſunken! Und noch jetzt— im Vertrauen— wir ſind ein liebedieneriſches Volk, geborne Fürſtenknechte! Ich habe in Deutſchland Bureaumenſchen geſehen, die einem Nero und Caligula ebenſo zuvorkommend würden gedient haben wie einem Antonin oder Marc Aurel... Ihr Vater, ein junger Witwer— kein Stand iſt gefährlicher, als der der jungen Witwen und Witwer — genoß noch einmal ſeine Jugendjahre. Trotz ſeines Amtes war er ein Händelſucher, ein Wettrenner, ein Don Juan... Damals alſo beſaß ich am Münſter von Witoborn ein Kanonikat, das ich in alter Weiſe von einem Vicar verwalten ließ... Ich war Prie⸗ ſter geworden, wie andere unter die Soldaten gehen. Mein Bruder Friedrich ſtudirte die Rechte, mein Bru⸗ der Max war ein Soldat. Als ich Prieſter geworden war, reiſte ich in die Welt hinaus, war lange in Pa⸗ ris und kam nach Kaſſel, Erfurt und Witoborn— wie ein Abbé zurück. Goethe, Napoleon und— Greécourt waren meine Gottheiten... Ich ſchloß mich meinem Landsmann, Ihrem Vater, an. Wittekind konnte ſo an⸗ ſteckend lachen, daß man ihm gar nicht lange wegen ſeiner ſonſtigen Unarten zürnen konnte.. Wir waren ein Kreis wilder Geſellen und ich bekenne und darf es bekennen, da ich ſpäter mancherlei Unſtern beſtand, ich, ein Prieſter, ich entwarf nach Bildern aus Herculanum 224 und Pompeji Zeichnungen, die in Kaſſel nicht etwa Frauen zweideutigen Rufs als lebende Bilder ſtellten, ſondern die Gattinnen der Miniſter, die Töchter der Geſandten, Deutſchlands älteſter Adel!“... Eine Pauſe ließ Löb Zeit, ſich die vorhin geſehene Galerie und die Frömmigkeit des jetzigen Adels dieſer Gegend in Vergleichung zu bringen... „Eine der gefeiertſten Tagesſchönheiten“, fuhr der Provinzial zu leſen fort,„war die Römerin Fulvia Maldachini. Sie war eine Sängerin in der italieniſchen Truppe, die König Jéröme neben der deutſchen und fran⸗ zöſiſchen hielt. Das Repertoire überwachte der Kaiſer ſelbſt aus Paris oder aus dem Hauptquartier und ver⸗ fuhr darin ebenſo ſtreng, wie bei Bildung der Mi⸗ niſterien, des Heers und jenes Schattens von Repräſen⸗ tativverfaſſung, dem Ihr Vater ſeinen«Kronſyndikus“ verdankte. Ich ſeh' Ihren Vater noch, wie er die Syn⸗ dikatsuniform zum erſten Mal anlegte und den Galan⸗ teriedegen umſchnallte. Ungeduldig, ſich bei Eröffnung der Landſtände zu verſpäten, war er nahe daran gegen ſeinen Bedienten die etwaige Schärfe des Spielzeugs zu ver⸗ ſuchen. Der Maldachini ſagte man nach, ſie wäre beſſerer Abkunft, wäre durch Umſtände veranlaßt ge⸗ weſen, ihre Stimme zu verwerthen, eine Stimme, die uns Deutſchen mehr Entſetzen, als Bewunderung ein⸗ flößte. Sie hatte, ſo jung und ſchön ſie war, in ihrer Kehle eine Tiefe, die mit Proſerpina bis in den Tartarus hinunterſtieg. Das Theater erdröhnte zwar von Beifall, wenn ſie ein: Perfido! knirſchte; aber wie ein Dolch lag es neben jeder Note, die ſie t etwa ſtellten, ter der geſehene dieſer uhr der Fulvia reniſchen nd fran⸗ Kaiſet und ver⸗ eer M epräſen⸗ ndikus) ie Syn⸗ Galan⸗ rdung dei in ſeinen zu ver⸗ 225 ſang und beſonders— wenn man einmal nicht applau⸗ dirte“—— Seligmann wußte nichts von Gluck und Piccini... Aber Norma bot Vergleichungen... Er verſtand voll⸗ kommen dieſes Knirſchen, namentlich beim Nichtapplau⸗ diren... „Es galt für unmöglich, die Gunſt der Maldachini zu gewinnen...“ las der Mönch.„Das gerade reizte den Kronſyndikus. Die Schönheit der Erſcheinung, ihre Geſtalt war mächtig, das Geheimniß, mit dem ſie ſich umgab, beſtrickend. Sie nahm die Huldigungen des Freiherrn von Wittekind an, namentlich ſeine Geſchenke; dafür war aber nicht mehr ſein Lohn als ein Zunicken im Theater. Sie lehnte ſich an den Hof, der ſie beſchützte, an die große Zahl ihrer Verehrer. Der Kronſyndikus ertappte ſich auf einer wirklichen Schwärmerei für ſie. Feſte bot er ihr, die ſie annahm. Er ließ ſie zur Faſten⸗ zeit, wo die Bühne geſchloſſen wurde, in den Sommer⸗ ferien nach Neuhof in ſechsſpännigen Carroſſen kommen . Sie, Herr Präſident, und Ihr Bruder waren da⸗ mals in Penſionen... Die ſtolze Sängerin wohnte auf Schloß Neuhof wie eine Fürſtin. Nichts aber ent⸗ lockte ihr eine Zärtlichkeit, nichts eine Erwiderung der Liebesbetheuerungen, die ihr, wie mich Lauſcher verſicher⸗ ten, der Freiherr auf den Knieen machte“—— Lauſcher!... Seligmann bebte... Hier, dieſe Ca⸗ binete waren doch wol die Orte, wo man auf Schloß Neuhof lauſchen konnte... „Fulvia Maldachini verlangte die legitime Gemah⸗ lin des Freiherrn zu werden. Sie nannte ſich eine ge⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 15 226 borne Marcheſina und in der That, der Freiherr von Wittekind beſchloß, ſie zu heirathen...“ Löb ſah faſt den Eindruck dieſer Worte... Sah faſt Terſchka's Lächeln... Mit einer Stimme, deren Sicherheit deutlich verrieth, daß für ihn in allen dieſen Mittheilungen nichts Neues lag, las der Provinzial weiter: „Dies Heirathsproject entſprach an ſich ganz dem Charakter jener Tage. Man hatte nicht im mindeſten das Gefühl, daß dieſe Napoleoniſchen Zuſtände nur eine Epiſode wären. Ein völliges Aufopfern des Stolzes und Heimatgefühls trat ein. Faſt wäre Ihr Vater ſei⸗ ner Leidenſchaft erlegen, wenn nicht ſeine Freunde da⸗ zwiſchengetreten wären. Freiherr von Malſtatt, Graf von Dohrn, Baron von Liebetreu, die Andern— alle widerſetz⸗ ten wir uns. Als Fulvia kalt blieb, höhniſch die Lippen aufwarf und ſich in ihren rothen Gewändern, mit dem grünen Kranz auf dem kurzgeſchnittenen ſchwarzen Titus⸗ kopf, den Dolch im Buſen, wie eine junge Medea zeigte und doch beſtrickend ſchön, doch verheißungsvoll lächelnd wie der beginnende Frühling, da wurde zur Rettung Ihres, wie es ſchien, geradezu verlorenen Vaters ein Ent⸗ ſchluß gefaßt. Wir verpflichteten uns, eine Farce auf⸗ zuführen. Fulvia konnte kein anderes Wort deutſch, als ſoviel nöthig war, kräftig zu fluchen. Sie lebte unter uns, wie im Grunde damals alle dieſe Fremden; ſie lebten im eigentlichſten Sinne des Worts wie in der Ver⸗ wirklichung eines Traums. So war auch ihr Deutſchland nichts als Wald und Flur und Flur und Wald; nur vom Geld ſah ſie, daß es das allbekannte echte Silber herr von .Sah verrieth, s Neues ganz denn mindeſten nur eine Stolzes Jater ſei⸗ unde da⸗ Graf von widerſet⸗ ie Lippen mit dem en Titus⸗ deg zeigt helnd wie g Jhred⸗ ein Ent⸗ arce auf uſch, c öte unde nden; 1 der Vel⸗ eutſchlan ald; T te Eille 227 und Gold war. Der Freiherr ſchlug ihr eine Ehe vor, die aus Familienrückſichten einige Jahre lang geheim bleiben müßte. Fulvia, die die große Stellung ihres Verehrers kannte, die von ſeinen mächtigen Verwandten wußte, die einſah, daß für gewiſſe Vermögensverhältniſſe auch in Rückſicht auf die vorhandenen Söhne erſter Ehe Schwierigkeiten entſtehen konnten, willigte ein... In dem Dünkel und Siegesübermuth, der ſie, wie damals alle dieſe abenteuernden Fremden, gegen jede Vorſicht blind machte, ſteigerte ſie ſich ſelbſt zuletzt zur Ueber⸗ zeugung, daß ſie ihre allgemeine Anerkennung als Frau von Wittekind erſt von ſpätern Zeiten abhän⸗ gig machen müßte... Nun ging unſer Leichtſinn ſo weit, daß der eine künſtliche Pacten ſchloß mit Siegeln von Aemtern, die nirgends exiſtirten, der andere Cor⸗ reſpondenzen mit der Familie eröffnete, der dritte falſche Dimiſſorialen des Pfarrers von Schloß Neuhof brachte, die nothwendigen Depenſe, die dem Freiherrn geſtatteten, ſich andernorts trauen zu laſſen— kurz, wie es nur in einer Zeit möglich war, wo täglich die größten Ereigniſſe ſich drängten, Throne wankten, Völker in Bangen und Zagen lebten. Wir erfanden und ſetzten dies Abenteuer unſerer«noblen Paſſionen) wie eine Faſtnachtspoſſe in Scene.. Löb Seligmann ſchauderte über den ehrwürdigen Herrn Dechanten, der einſt ſolcher Streiche fähig geweſen... „In Paris hatte ich einen jungen geiſtvollen Gelehrten kennen gelernt, eine höchſt geniale Natur... Er nannte ſich Leo Perl und war ein Jude“.. Löb's Athemzüge wurden ihm ietzt ſelbſt faſt ver⸗ 15* 228 nehmbar. Er mußte aufſtehen und zwei Schritte weiter gehen... Dann ſtand er wieder ſtill, um nichts zu verſäumen, und horchte zitternd... „Perl war“, las der Provinzial,„aus der Gegend meines jetzigen Wohnorts gebürtig und ſeines Zeichens Rabbiner. Sein Aeußeres war ein gar ſtattliches. Nach Paris kam er, um in den dortigen Bibliotheken talmudiſche Manuſcripte zu leſen. Ich lernte ihn kennen und ſchätzen. Im Geiſte der Zeit, der nicht mehr der Geiſt des Deismus, ſondern ein Beſtreben war, irgend⸗ wie aus dem Deismus herauszukommen, ſtanden wir uns nahe. Frömmler waren wir natürlich am wenigſten; das Leben nahmen wir leicht— ich wenigſtens gab den Lebens⸗ anſchauungen eines Alcibiades nichts nach“... Alcibiades! wiederholte ſich Löb und wußte jetzt ein höheres Wort zur Bezeichnung des Leichtſinns... „Wir hatten aber ein Bedürfniß des Poſitiven. Frei⸗ lich— wir ſuchten es eher in Indien und an den Quel⸗ len des Ganges, als in Judäa und an den Quellen des Jordan. Leo Perl war halb aus Scherz halb ernſt⸗ haft Kabbaliſt, was mich als Curioſität anregte. Er ſprach die meiſten lebenden und mehrere todte Sprachen. Sonſt war er aufgewachſen wie ein echter Rabbiner⸗ knabe in alten Büchern und mikrologiſchen Studien; die Welt war ihm auf dem Gebiet des Parquets und der feinern Geſelligkeit fremd, jedoch ſeine zähe Leoenskraft, ſein Witz und manche Schalkhaftigkeit halfen ihm auch dort ſich zu behaupten...“ Gott im Himmel! ſagte ſich Seligmann und war nicht einverſtanden mit dem Worte: Zähe Lebenskraft... te weiter nichts zu Gegend Zeichens attliches. bliotheken n kennen nehr der „irgend wir uns ſten; das Lebens⸗ jett ein n. Frei⸗ en Quel Quellen alb ernſt t. 6 Sprachen ſabbiner⸗ dien; di und der enskraft im aud und wal graft⸗ 229 „Zugleich war Perl gefällig und intereſſelos, wie ein Kind... Ihm verdank' ich nicht nur den größten Theil meiner Ausbildung, die Läuterung meiner Lebens⸗ und Kunſtanſichten— ſogar meine Exiſtenz“... Ein Menſch! rief Seligmann ſchmerzbewegt... „Durch Perl wurde ich auf das Stift Sanct⸗Zeno an ſeinem Geburtsort aufmerkſam gemacht und auf deſſen alte Rechte und Urkunden... Er begleitete mich nach Deutſchland und gab mir Mittel und Wege, dieſe ein⸗ trägliche Stelle mit Hülfe des Kaiſers von Oeſterreich aus der Säculariſation zu retten und für mich zu ge⸗ winnen. Ich habe ihm für alles das ein treues Herz bewahrt und meine Schuld iſt es nicht, wenn ich zu den vielen Erinnerungen an ihn nicht auch noch die an äußere Beweiſe meiner Dankbarkeit fügen kann. Plötz⸗ lich zog er ſich von uns allen zurück... Trotzdem, daß er infolge unſers Leichtſinns Chriſt wurde“... Löb ſaß wieder zuſammengekauert wie ein Jäger auf dem Schnepfenfang... „Leo Perl hatte in ſeinem Weſen zwei unvermittelte Gegenſätze. Der gewaltige Mann lebte höchſt mäßig, entbehrte wie ein Stoiker und dachte doch wie Epikur. Er vermied die Frauen und duldete jede Ausgelaſſen⸗ heit... Wie Veilchen! ſagte Löb... „Er aß trocken Brot und ſprach anerkennend über die, denen nur Trüffeln mundeten“.. Wie Veilchen!... „Er erklärte ſich für unfähig, einen vernünftigen 230 Satz zum Druck zu ſtiliſiren und ſeine zierliche Hand ſchrieb doch Briefe voll Geiſt“... Wie Veilchen!... „Perl war der ſtrengſte Kritiker, der jemals beizende Lauge im Urtheil über ein Ganzes mit der Fähigkeit verband, doch im Einzelnen die Tiefe der Abſicht und die Schönheiten des Details zu erkennen“... Das wurde Löb zu hoch und—„beizende Lauge“ führte ihn ſogar zerſtreuend auf Veilchen's Spitzen⸗ handel... „Er tadelte in kleinen Aufſätzen ein Buch ſo, daß man dennoch den Verfaſſer lieb gewann. Alles das ge⸗ ſchah mit ſo viel Bonhommie, daß man vor Lachen ge⸗ ſund wurde, wenn man ſeine Scherze las“... Seligmann hauchte wieder für ſich hin: Wie Veilchen!... „Ich nannte ihn den zwölften Apoſtel, den Chriſtus zum Erſatz für Judas Iſcharioth hätte nehmen müſſen. Auch verſicherte er mich, ſein Vorgänger Judas Iſcharioth wäre der unglücklichſte aller Menſchen auf Erden ge⸗ weſen: er wiſſe beſtimmt, er hätte Chriſtus geliebt: er hätte ihn mehr geliebt, als Johannes; er hätte Jeſus nur verrathen, um ihn zur Entſchiedenheit zu bewegen; er hätte ſich erhängt aus Verzweiflung, weil ihn ein Werk der Freundſchaft mislungen. Würde ihn Jeſus, ſagte Perl, drei Jahre lang um ſich geduldet haben, wenn er nicht Eigenſchaften an ihm erkannt hätte, die wenigſtens denen der andern Apoſtel gleichkamen?. So zwiſchen Ernſt und Scherz, bald durch ſeine Be⸗ hauptungen erſchreckend, bald wieder wohlthuend, konnte e Hand beizende ähigkeit und die Lauge“ Spitzen⸗ Chriſtus müſen. ſcharit den ge⸗ iebt: er e Jeſud ewegen, ihn ein geſub⸗ haben, kte, di 41 ine Be konnt / 231 Leo Perl plaudern. Wir gewiſſenloſen Cavaliere— immer iſt es mir, als hätten wir nicht Urſache gehabt, uns der ſpätern Wendung ſeines Schickſals ſo zu rüh⸗ men, wie wir's zu unſerer Beruhigung oft im Stillen thaten... Leo Perl ſtarb als chriſtlicher Pfarrer in Borken⸗ hagen... ſagte ein dumpfe Stimme, die wol Terſchka's ſein konnte... Dies Wort ſchien auf die bindende Kraft eines geweihten Prieſters berechnet zu ſein... Vielleicht war er ſchoͤn heimlich in Paris ein Chriſt! erwiderte der Präſident mit parodirender Ironie... „Leo Perl“, fuhr der Provinzial fort,„wurde von uns überredet, in den Betrug der Maldachini mitein⸗ zutreten. Ganz in der Laune, die wir an ihm kannten, griff er zum Champagnerglaſe und ſagte lachend zu. Wir verlangten von ihm nichts Geringeres, als ſich in ein Prieſtergewand zu hüllen und in einer entlegenen Kapelle, auf den Gütern eines der Mitverbündeten, bei nächtlicher Weile den Freiherrn von Wittekind mit Fulvia Maldachini zu trauen. Aufrichtig geſagt, ich erſtaune noch jetzt über ſeine Zuſtimmung... Ich kannte ſonſt die Gewiſſenhaftigkeit, die ihn beſeelte, bei aller Leichtigkeit in der Beurtheilung anderer“... Auch für Löb verlor ſich ſein: Wie Veilchen! und der Spinozismus jetzt in drei bis fünf Jahre Gefängniß... „Perl war des Ritus ſo kundig, wie oft kein— Domdechant“— Der Provinzial mußte wol im Leſen lächeln.. Seine Stimme klang heller... „Die vermeſſene, wahnwitzige Scene ging vor ſich 232 bei Lichterglanz und unter Aſſiſtenz eines Meßners, den eine Perſon ſpielte, die ich Ihnen nicht nennen will“... Eines Prieſters alſo! ſagte Terſchka bedeutungsvoll, ohne den Dechanten ſelbſt zu nennen... Wie es ſcheint! bemerkte der Präſident und ſetzte mit Bitterkeit hinzu: Sie ſuchen für Ihre Caſuiſtik irgendeine geheime Schraube! Was das bürgerliche Recht mit dem Zuchthaus beſtraft, wird bei uns das kanoniſche nicht zum Sakrament erheben!— Doch leſen Sie! Ich bitte!... „Eine katholiſche Trauung muß in dem Ort ſtatt— finden, wo man lebt; dafür hatten wir die Demiſſoria⸗ lien. Sie findet in der Regel des Morgens ſtatt; da⸗ für hatten wir wiederum einen Erlaßſchein. Das in der Waldkapelle bei Nacht verbundene Paar beſtieg eine Kutſche und reiſte auf Schloß Neuhof. Dort lebte es dann ſo, wie es der Freiherr gewünſcht hatte. Einſtweilen noch kehrte die Maldachini in ihre Stellung zur Bühne zurück. Sie genas ſpäter eines Knaben, der auf den Na⸗ men der Mutter getauft und von einer Dame erzogen worden iſt, die ich— gleichfalls nicht nennen kann“... Frau von Gülpen! blitzte es in Löb auf... Doch nahm er dieſen Gedanken zurück, da er nur die große Anzahl„Nichten“ kannte, denen Frau von Gülpen eine ſo liebende Tante war.. Länger dauerte freilich der Nachklang deſſelben Na⸗ mens— bei Bonaventura... „Die Kämpfe der Maldachini, ſich anerkannt zu wiſſen, gingen mit der Zeit aufs Aeußerſte. Sie wurden um ſo gefährlicher, als ſie Verdacht ſchöpfte und mit Ent⸗ deckung drohte. Nur weil ihr Perl öfters in wirklicher Prie⸗ ers, den . ngsooll tzte mit ndeine nit dem he nicht itte!.. rt ſtatte niſſorig⸗ att; da⸗ Das in ieg eine eble es tweilen Bühne den Na⸗ erzogen 7 1 Doch e große pen eine den No⸗ annt zl wurden mit Ent⸗ er Prie 233 ſtertracht entgegentreten konnte, wurde ſie beruhigt. Der Kronſyndikus hatte in ſeinen Neigungen keinen Beſtand; bald wurde er gegen ſie wie gegen alle; ſein Leben auf Neuhof ſteigerte ſich ja bis ins Sinnloſe“— 4 Löb füllte die Pauſe, die entſtand, mit der Empfin⸗ dung: Muß ein Sohn das von ſeinem Vater hören!... „Bald erfuhr auch dieſe ſeine vermeintliche Gattin die gewöhnliche Tücke ſeines Sinnes. Sie kam zum zweiten mal in die Hoffnung und beſtand mitten in dem Gewühl der Flucht des weſtfäliſchen Hofes von Kaſſel 1813 ihre Entbindung. Der Kronſyndikus, ſich an den Zuſammenbruch des Königreichs Weſtfalen haltend, verſtieß ſie... Hülflos wurde ſie von den Mitgliedern ihrer Geſellſchaft in den allgemeinen Strudel des Schreckens und der Flucht mit fortgeriſſen .. Wir verloren ſie aus den Augen und das für immer. Eines Tags erzählte mir Ihr Vater lachend, ſie wäre in Paris eine Herzogin geworden... Da⸗ mals aber brach die Zeit an, wo über uns alle ernſtere Stimmungen kamen. Unſere mannichfach neu⸗ bedingten Lebensſtellungen riethen uns, unſere Auffüh⸗ rung zu regeln und ſo entſtand das Bedürfniß, auch über dieſen Jugendſtreich den Mantel der Vergeſſenheit zu breiten— zumal, da ich ſpäter von Leo Perl zu meinem Schrecken erfuhr, daß er dieſe Ehe—“ An dieſer Stelle war es plötzlich dem Horcher, als hörte er eine Bewegung, die nicht von den Männern im Nebenzimmer kommen konnte, obgleich auch drinnen die durcheinander gehenden Stimmen ein Staunen aus⸗ zudrücken ſchienen. 234 Aengſtlich ſprang Löb zur Seite und hielt die Decken, die ihm entgleiten wollten... Alles war wieder ſtill. Glücklicherweiſe... Denn gerade die ihm wertheſten Stellen der Bekenntniſſe des Dechanten konnten ihm verloren gehen... Der Provinzial hatte inzwiſchen nicht weiter leſen können, denn Terſchka ſprach... Terſchka ſprach von der Ehe und forderte Bonaventura auf, zu ſagen, worin die katholiſche Ehe ein Sakrament wäre, ob durch den Prieſter oder durch die Verbundenen?... Die Lehre der Kirche läßt es kaum zweifelhaft! lau⸗ tete die leiſe und mit tiefſter Erſchütterung gegebene Ant⸗ wort des Domherrn... Der Präſident bat um genauere Erklärung... Doch an dieſer ſo hochwichtigen Stelle mußte Löb Seligmann den Schrecken erleben, daß ſich jenes Geräuſch wieder⸗ holte... Es ſchien ſogar aus dem dritten der dunkeln Zimmer zu kommen... Bebend ſprang er zur Seite und fiel faſt über die Franzen ſeines improviſirten Hohenprieſtermantels... Dann aber war wieder alles ſtill... Dafür aber waren die Männer nebenan im lebhafteſten Streit über die Ehe und das Sakrament... Der ka⸗ tholiſche Glaube in allen Subtilitäten, deren Kenntniß plötzlich von Terſchka mehr im Scherz als im Ernſt an⸗ gedeutet wurde, regte den Präſidenten ſo auf und veran⸗ laßte ſeinerſeits für die Rückhaltsgedanken der Kanoniſten ſo heftige Wortbezeichnungen, daß der Provinzial mit entſchiedener Stimme einfiel und rief: Leſen wir wenigſtens den Brief!... Doch gmann wieder⸗ dunkeln r Seite wiſirten er alles afteſten Der ka⸗ denntriß nſt ir veran⸗ noniſten ial mi 235 Dann fuhr er fort: „Die Trauung ſelbſt war allerdings eine Scene, die uns alle mit Schrecken überrieſelte... Die nächtliche Stille in dem mondbeſchienenen Walde... Die Klänge der Orgel... Löb Seligmann konnte nicht nachfolgen... Der Himmel ſtrafte ihn für die Schuld ſeiner Väter... Das Geräuſch nahm zu, er hörte einen leiſe auf⸗ tretenden Fußtritt— er bekam Geſellſchaft... Unwillkürlich mußte er ſich zur Erde ducken hinter einem der größern Seſſel... Es kam Jemand, der gleichfalls die Vortheile der ſpaniſchen Wände des Schloſſes genießen wollte... Schon war ſeine Geſellſchaft im zweiten Zimmer... Sie kam leiſe auftretend jetzt ins dritte... Es war eine Dame... die Herrin des Schloſſes ſelbſt... die Präſidentin... Löb ſah ſeine Ehre und ſeine Zukunft auf dem Spiel, wenn die hohe Gönnerin ihn hier ertappte. Die Decken waren ihm ſchon entglitten. Faſt fiel die vornehme Frau über ſie; ſie legte ſie murmelnd auf die Tiſche... Sie ſchien hier ſchon orien⸗ tirt zu ſein... Es war die Mutter des Domherrn— und doch ſo völlig eine andere... Löb kniete hinter dem Lehnſtuhl und berechnete ſchau⸗ dernd, wie die Frau ſich wundern würde, wenn ſie ſei⸗ nen Hut— Gott ſei Dank!— Sein Hut war in einem Schloſſe, wo er ſich ſo heimiſch fühlen durfte, auf ſeinem Zimmer geblieben... 236 Die Präſidentin nahm wie er an der Wand Platz und ſchien ſo vertieft in die Worte, die der Provinzial las, daß er es wagte, zwiſchen zwei Uebeln das gerin⸗ gere zu wählen: Entdeckt zu werden oder über Leo Perl nicht völlig ins Reine zu kommen... Er mußte letzteres vorziehen... So kroch er auf allen Vieren in das nächſte Zim⸗ mer, richtete ſich dort behutſam auf, ſchlich in das erſte Zimmer zurück und fand jetzt, wie er erwartet hatte, einen Drücker an der Thür, die auf den Cor⸗ ridor führte. Ein Griff war eben erſt aufgeſetzt worden... Sanft folgte jetzt die Thür dem Druck ſeiner Hand und nun ſah er wohl, nun fehlte der praktikable Hand⸗ griff draußen... Leiſe zog er die Thür wieder an ſich und verſchwand und war befreit... Die hellſte Mittagsſonne ſchien... Sie ſchien ſo frühlingsahnungsreich, ſo erlöſend von allen Banden des Winters und des Todes, daß er von einem Traum erwacht zu ſein glaubte... Zu dem, was ihm noch an Bervollſtändigung der merkwürdigſten Geheimniſſe ſeines Lebens fehlte, legte er das Gefühl hinzu, doch lieber im Sichern zu ſein, lieber unentdeckt auf Fährten, die ihn leicht aus ſeiner gegenwärtigen glänzenden Laufbahn entfernen konnten... Schloß Neuhof wurde ihm zum„Schloß Avenel“. d Platz vinzial gerin⸗ eo Perl e Zim⸗ in das wwartet n Cor⸗ ifgeſetzt Hand Hand⸗ hwand nd von er von 21. Beuno— Benno— mein brauner Zigeunerknabe! Du, du alſo der Sohn des Kronſyndikus und dieſer armen, betrogenen, bemitleidenswerthen Frau—!. Du, der Bruder einer Angiolina, die das Schickſal in die wildeſten Strudel warf und die die Gräfin von Sa⸗ lem⸗Camphauſen werden kann, wenn ein ruchloſes Gau⸗ kelſpiel—— doch, doch nicht ganz misglückte... „Was du auch in dieſen Tagen von mir hören dürf⸗ teſt, ich war ſchwach“—„um der Liebe willen“— hatte der Onkel geſchrieben— Nein, Onkel! Das war die Liebe nicht, deren hei⸗ ligſte Forderungen du nicht verſtandeſt! Das war ein Hohn, geſprochen den Geſetzen der Natur! Die Natur willſt du preiſen? Nur in den Sinnen findeſt du ſie! ... Onkel, Onkel, Theurer, deſſen weiße Hand ich ſo gern küſſen mochte, warum haſt du uns das ge⸗ than!... So tiefſchmerzlich und zugleich hochaufjauchzend freu⸗ dig rief es in Bonaventura's Innern, während auch nicht einer der Hörer die Menſchlichkeit beſaß, zu fragen: 238 Und was wurde denn nur aus jenem Bruder Angiolinens, der doch jetzt vielleicht ſiebenundzwanzig Jahre zählen müßte?... Sind euch die Sünden des Mannes, deſſen Leben ſo grauenvoll da aufgedeckt liegt, ſo ſchon ge⸗ läufig, daß nicht Terſchka, nicht der Präſident, nicht der Provinzial frägt: Wo iſt das zweite Kind? Der Sohn? Was wurde aus dem?... Hatte alſo Benno Recht, ſo oft er ſprach: Alles das muß in den Beicht⸗ ſtühlen verborgen bleiben!... Terſchka, der glatte, jedem ausweichende, immer lächelnde Sendbote, der jetzt vielleicht ſogar das Herz einer Armgart beſtrickte— wie hält er ſo ſeltſam ge⸗ heimnißvoll die Fäden aller dieſer Wirren in der Hand . Er nennt vielleicht doch plötzlich Benno bei dem Namen, der ihm gebührt— Benno, deſſen Ehrgefühl ſo krankhaft iſt, wie Verdacht in der Liebe... Nim⸗ mermehr dürfen dieſe Schleier gehoben werden, ohne daß Benno es will... Nie, nie darf ihn dieſer gräßliche Fluch ſeines Daſeins überraſchen auf dem Boden, auf dem er lebt... Erführ' er davon, er ſtürmte fort von dieſem Schauplatz der Lüge, die ſelbſt deine ſpätere liebende Sorgfalt, Onkel, nicht veredelte... Furcht war es, was dich beſtimmte, Benno's Urſprung zu verber⸗ gen... Die Zeiten hatten ſich geändert, der Onkel wollte das Stift Sanct⸗Zeno erhalten, wollte, mußte die Pflich⸗ ten eines Dechanten üben, erinnerte ſich, daß er jetzt den unbeſcholtenſten Prieſter zu ſpielen hatte Ohne Zweifel bat er den Bruder, der aus Spanien zurückkehrte, das Kind als ſein eigenes mitzubringen— ohne Zweifel wurde deshalb ſelbſt dem Kronſyndikus iolinens, e zählen 8, deſſen chon ge⸗ t, nicht ? Der o Benno Beicht⸗ „ inmer das Hel ſam ge⸗ er Hand bei dem hrgefühl Nim⸗ n, ohne gräßlice den, alf nnte fort e ſpütert rcht wat verber⸗ ee wollt re Ffli⸗ er jell Exmi ingen iumie 239 jede Spur des Knaben entzogen— Ja man gab ihn für jünger aus, als er war... Benno iſt älter, älter als du... Daher die größere Reife ſeines Verſtandes . Alles, alles bot man auf, die Nachforſchungen nach ſeinem Urſprung unmöglich zu machen... Immer wieder mußten ſie auf jene Scene zurückführen, bei der ein jetzt in Amtswürden ſtehender Prieſter als Meß⸗ ner einen leichtſinnigen Juden in der ehelichen Segnung unterſtützte, einen Juden— der— dann ihn ſelbſt ge⸗ tauft hatte... und in einer Segnung— Hier verwirrten ſich in Bonaventura die Vorſtellun⸗ gen... Kaum hörte er noch der weitern Vorleſung zu... Brachen doch alle dieſe Thatſachen auf ihn wie Blitze herein... Und dazu dann noch die Nachricht: Lucinde iſt dir gefolgt!... Eine Kunde, die ringsum alles in Nacht verdunkelte... Dieſe Conferenz fand ſtatt in jenem Zimmer, in dem einſt Lucinde und Klingsohr ſich hatten finden und ver⸗ einigen ſollen, um den Kronſyndikus zu ſchützen... Behagliche Wärme entſtrömte einem weißen Ofen... Die Sonne ſchien hell und mild durch die Fenſter... Still war alles ringsum... Auf dem Tiſch, um den die vier Männer ſaßen, ſtand Schreibzeug, lagen Federn und Papierſtreifen... Terſchka zerdrückte in ſeiner Un⸗ geduld eine Federſpalte nach der andern und kämpfte mit ſich— ſeine Erinnerungen an das kanoniſche Recht nicht allzu ſehr zu verrathen... Scheu blickte er zu Bona⸗ ventura auf, als wollte er ſagen: Das weißt du doch, daß das Concilium von Trident zu einer Trauung zwar den Ortspfarrer oder deſſen zugeſtandene Stellvertretung 240 und zwei Zeugen verlangt, daß es aber zum Stellvertreter ſogar geſtattet, einen noch nicht geweihten Prieſter zu nehmen? Das weißt du doch, daß das, was an einer Ehe das Sakrament iſt, ſich durch die Verbundenen ſelbſt vollzieht und nicht im mindeſten durch den bei allen andern Sakramenten als die Hauptſache vorwaltenden Prieſter? Das weißt du doch, daß ſogar der Segen und alle Ceremonien bei einer Trauung an ſich ganz überflüſſig ſind, wenn ein ſich ſelbſt einander die Ehe gelobendes und vollziehendes Paar nur einer Meſſe bei⸗ wohnt; ja daß auch eine Meſſe zwar geläſtert und ver⸗ unreinigt werden kann durch Misbrauch, aber dennoch ein Opfer bleibt, das, richtig ausgeführt, ſich durch ſeine eigene Kraft vollzieht? Die von einem Prieſter im Stande der Todſünde geleſene Meſſe iſt wirkſam— wie ſollte die von einem Juden in Prieſterkleidern ge⸗ ſprochene einfache Segnung nicht wirkſam geweſen ſein bei einem Act, wo die heilige Myſtik des Prieſterthums wegfällt?... Hier fand eine Trauung ohne Meſſe ſtatt, in einer Abendſtunde, die ſonſt nicht Sitte, aber wiederum nicht hindernd iſt... Endlich— ſchließt denn der Betrug, den man mit dem Pfarrer ſpielte, das gläubige und von Zeugen vernommene Ja! der Braut und des Bräutigams aus? Das Myſterium der Ehe liegt in denen, die aus ſich ſelbſt wie in Adam und Eva durch die Liebe ein Abbild der Menſchheit wiedergeben wollen, nicht im erſten Prieſter des Paradie⸗ ſes, nicht in Gott, der ſie zuſammenthat; die Liebenden opfern durch ſich, durch die Ehe Gott... In der Ehe empfängt Gott oder der Prieſter; beide geben nichts... lvertreter ieſter zu an einer ꝛen ſellſ ei allen oaltenden er Segen ſich gan die Che Heſſe be⸗ und vel⸗ dennodh ich durt riſt rlſam— jdern ge⸗ deſen ſei ſterthund ne Meſſ ht Sitte dlic 5 Nhrun nene I Mhſterin in Adall heenſchhet Paradi Liebend der 6 nichts Das alles ſprach Terſchka nicht ganz... So heimiſch war er nicht mehr in den Prüfungen, die einſt„Pater Stanislaus“ zu beſtehen hatte... Aber Bonaventura las es wie Ahnungen aus ſeinen Augen, er, der ſeinerſeits aller⸗ dings ſo heimiſch in dieſen Anſchauungen war, wie der Onkel Dechant— in den Wandgemälden Pompejis. Der im Antlitz wie mit Purpur übergoſſene Präſi⸗ dent erſuchte den Provinzial weiter zu leſen... Dieſer that es— und in der That lächelnd: „Eine Scene war es, die uns ſogar ſelbſt mit Schrecken überrieſelte... Die nächtliche Stille in dem mondbeſchienenen Walde... Die Klänge der Orgel... Wir kamen von einem Mahl, das Graf Altenkirchen ge⸗ geben hatte... Die Diener blieben zurück... Wir erklärten gegen Mitternacht, vom Kapellenthurm aus im Walde über die Baumkronen hinweg das Spiel der Mondſtrahlen beobachten und eine Windharfe hören zu wollen, die über einen Durchhau der Tannen geſpannt var... Bereits war ich ſelbſt voraus und fand Leo Perl im Ornat, einſam in der Kirche auf⸗ und abgehend und mit ſich ſelbſt redend... Wahrhaft ſchön ſah er aus in ſeinem langen Kleide; die Stola, reichgeſtickt, hing über ſeiner Schulter... Graf Altenkirchen ſpielte die Or⸗ pel.... Fulvia Maldachini wurde vom Kronſyndikus geführt... Baron von Liebetreu trug die Schleppe res Kleides... Sie ſchwebte dahin, wie Juno, als ſie Zeus vor allen Olympiern zu ſeiner Gemahlin erhob... Bei ihrem Stolz und Glück hatte ſie von allem kein Arg ... Die Worte, die der Prieſter deutlich ſprach: a Willſt Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 16 ꝶ̃— 242 du dieſe gegenwärtige Signora Maldachini, Marcheſina von Santalto, zu deiner Gattin nach Vorſchrift der heiligen Mutter Kirche annehmen?“ verſtand ſie nicht, aber den Gebräuchen paßte ſie ſcharf auf... Der Wechſel der Ringe, alles erfolgte nach Vorſchrift... Perl war ſo heimiſch in dem, was er zu thun hatte, daß wir darüber erſtaunten... Auch nicht eine Ei⸗ genheit des Ritus ging verloren... Wir gingen dann zum Schloß zurück... Scheu und in der That ſchon erſchreckt von unſerm Frevel... Die Windharfe, von goldenen Mond⸗ ſtrahlen beſchienen, klagte geheimnißvoll über die Tannen herüber. Noch klang die Orgel hinter uns her; Graf Altenkirchen blieb bis zuletzt, um die Kapelle zu ſchließen ... Wir hörten das Raſcheln unſerer Schritte auf dem grünen Wieſenplan, wo uns die Leuchtkäfer umglühten... Der Weg war nicht zu nah bis zum Schloſſe... Glückli⸗ cherweiſe war die Italienerin in einer ſo überſpannten Auf⸗ regung, daß ſie uns alle zu ſprechen zwang... Es ging franzöſiſch, italieniſch, deutſch durcheinander; aber wir fanden erſt allmählich den Ton des Scherzes wieder .. Einer dann aber niemals mehr— Leo Perl“... Der Provinzial hielt inne— um das Gericht Gottes zu bezeichnen... „Der Freund“, fuhr er nach einer Weile fort,„hatte den Gedanken unſers Betruges, mein' ich, ganz ebenſo leichtſinnig ergriffen, wie wir... Zuſammengeſetzt in ſei⸗ nen Principien aus Voltaire und dem Zufall, den die Kab⸗ bala lehrt, ſcherzte er über alles, was Plan und Abſicht im Leben... In Alles müſſe man ſich blind werfen.. Auch in die Ehe... Und lächerlich war ihm die Anmaßung Narcheſtte ſchrif der ſie nich .. 8a hrift. zun hatte t eine E dann zun erſchret nen Mord die Tannt her; Gr) zu ſchließe 4 auf denn glühten 4 Glückl nnten Al 243 dieſer Italienerin, die«ſoviel Werth auf ſich legtey... Er war eitel darauf, ſich unſers Vertrauens zu erfreuen. Seine Luſt an der Sache ging ſo weit, mit Befriedigung zu zeigen, wie vollſtändig ihm, einem Rabbiner, der Ritus unſerer Kirche bekannt war... Was konnte ihm geſchehen bei einer Mitſchuld ſo bedeutender Namen!.. Man ſetzte voraus, daß in Paris der Kaiſer ſelbſt la⸗ chen würde, erführe er den Betrug... Geld, glaubte man, würde ausreichen, den Handel, wenn er bekannt würde, niederzuſchlagen... Da mußte uns denn freilich überraſchen, daß wir plötzlich unſers fröhlichen Doctor Leo Perl's Spur verloren... Gleich nach der Trauung war er verſchwunden... Mitt ſich mehrender Ver⸗ legenheit ſuchten wir ihn... Wir erſchraken nicht wenig, als wir in Erfahrung brachten, daß er Chriſt geworden und noch mehr, daß er ſich zu Witoborn im Seminar befand... Sofort eilte ich ihn aufzuſuchen und hörte zu meinem Erſtaunen, daß Leo Perl katholiſcher Prie⸗ ſter werden wollte... Als ich mit ihm ſprach, erkannte ich ihn nicht wieder. Scheu blickte er zur Erde und wich allem aus, was ihn an die Vergangenheit erinnerte... Sind Sie aus einem Saulus ein Paulus geworden? fragte ich... Es gibt viel Wege nach Damascus! war ſeine Antwort. Er deutete an, daß für ihn der Weg zur Erleuchtung über die Mondſcheinnacht in Altenkir⸗ chen gegangen... Hat Sie der Frevel ſo erſchreckt? fragte ich. Haben die Meßgewänder Sie zu unſerm Ri⸗ tus herübergezogen?... Er verrieth vollkommen, daß er ſich hatte taufen laſſen im Schauer über ſeine That, 16* 244 im Schmerz um ſeinen Leichtſinn und wie von Chriſtus ſelbſt darum angeredet und ermahnt... Er ſprach ganz wie Auguſtinus in ſeinen Bekenntniſſen. Wie dieſen ſein künſtlich ſophiſtiſches Redneramt mit Gewalt zum Ernſte gezwungen, ſo geſchah es ihm auch mit ſeiner falſchen Rolle.. Die Windharfe hätte ihm, ſagte er, gerufen, was dem Redner Auguſtinus, als er unterm Feigenbaum in Malland über ſein ſtetes Lügen und redneriſches Prahlen weinte, die Kinderſtimmen aus dem Nachbarhauſe: Nimm und lies! Nimm und lies!... Als ich ſeinen Entſchluß lobte und ging, wollten Andere ſagen, der Kronſyndikus, der die Entdeckung zu fürchten anfing, hätte ihn mit Geld beſtimmt... So viel iſt gewiß, daß er ſpäter ſeine erſte Meſſe im Münſter von Witoborn leſen mußte, nur damit die gerade anweſende Maldachini ihn ſah... Mir gegen⸗ über wollte Perl behaupten, die Ehe derſelben wäre gültig In unſerm lebhaften Streit darüber unterbrach uns der Beſuch ſeiner Verwandten... Eine Jugendgeliebte hatte Perl gehabt, an die er Briefe ſchrieb, wie Plato an Diotima... Er geſtand zu, daß ſie ein ganz ein⸗ faches Judenkind wäre, doch malte er ſie ſich wie ein hohes Phantaſiegebilde aus, das er dann freilich deſto leichter aufgeben konnte... Nun fingen die Verwandten an, ihn aufs heftigſte zu beſtürmen... Seine Schwärmerei war keine nachhaltige... Verſtand und Phantaſie wech⸗ ſelten von jeher bei ihm... Endlich erſchien ihm eines Tages aus einem, ſeinem Zimmer im Convict gegen⸗ überliegenden Hauſe am Fenſter ſeine ehemalige Geliebte, geſchmückt wie Eſther, das Haar voll weißer Perlen und vom bräutlichen Schleier umwunden... War es Traum Chriſtus rach ga eſen ſei im Ernſte falſche ffen, an baum in Prahle e. Numn Euftli nſondikus mit Gelt feine eiſt nur dauui endge G gund ei eein hoht eſto leicht andtenn d coirne 12,„, wll ntaſie ü lielt wie Plui 245 oder Wirklichkeit, der Eindruck auf ihn wurde ſo mächtig, daß er zum Rector, dem ſpätern Biſchof Konrad, eilte und ſich ihm zu Füßen warf mit der Bitte, ihn wieder freizulaſſen; er könne nicht Prieſter werden... Der gute Rector war gern bereit dazu... Da aber ſoll der Kronſyndikus, Ihr Vater, dazwiſchengetreten ſein, ſoll Leo Perl auf Neuhof entboten und ihn ſo in die Enge getrieben, ihn ſo eingeſchüchtert haben, daß Perl ins Convict zurückfloh und wirklich Prieſter wurde... Gleich nach der Meſſe im Münſter erhielt er durch Ihren Vater eine vortreffliche Pfarre... Seitdem ſah ich ihn nicht wieder... Er verfiel in Hypochondrie, blieb ein einfacher Landpfarrer und zeitlebens von einem verſchloſſenen Sinn... Auch mich überſchleicht Trauer und Wehmuth, gedenk' ich jener Tage... Um den Sohn der Fulvia, um Ihren natürlichen Bruder, tragen Sie keine Sorge! Er lebt in Verhältniſſen, die zur Grau⸗ ſamkeit machen würden, ihn über ſeine Herkunft aufzuklä⸗ ren. Ohne Zweifel erhielt Pater Maurus Anweiſungen aus Rom. Dieſe werden, denk ich, nicht weiter gehen, als daß er die Wahrheit erforſchen ſoll. Er hat Ihnen einen Bevollmächtigten der Anſprüche Angiolina's in Ausſicht geſtellt. Theilen Sie dieſem von allen meinen Geſtänd⸗ niſſen, die ich vor Gott und meiner Ehre vertrete, ſo viel mit, als zu ſeiner Aufklärung nothwendig iſt. Ich wünſchte, es wäre ein Prieſter; denn ſcheue ich mich auch nicht, vor meinen Mitleviten zu bekennen, was wir täglich ausrufen ſollen: Mea culpa, maxima culpa! ſo wünſcht' ich doch, die Gräber blieben unaufgedeckt. Was auf ihnen blüht, blüht geſund und ſchön und iſt es auch 246 Irrthum und Sünde— es iſt! So unſer ganzes Leben. Würde man Wahrheit pflanzen wollen, gedeiht ſie—— 2“ ... Noch kamen einige Worte des Grußes an Bona⸗ ventura und— an die Lauſcherin... Das Bekenntniß war zu Ende... Die Blicke aller Anweſenden waren auf Terſchka gerichtet... Terſchka, zu Bonaventura's Schmerz kein Prieſter, ſondern ein Laie, ſollte jetzt ſagen, wie weit ſeine Aufträge gingen.... Der Provinzial ſchien eine völlig neutrale Rolle zu ſpielen. Terſchka drückte eine der Federſpalten, die er ausein⸗ ander getrieben hatte, nach der andern wieder zuſammen... Während der ganzen Sitzung, die er durch ſeine Geiſtesgegenwart zu beherrſchen ſchien, hatte ſein Inne⸗ res keine Ruhe gefunden... Wie— ſtand es mit ihm?... Am Morgen der Jagd war er im Kloſter Himmel⸗ pfort geweſen... Er fuhr dorthin voll äußerſter Ent⸗ ſchloſſenheit... Er wollte ſich von ſeinem Orden losreißen, wollte ſich der Gräfin Erdmuthe anvertrauen, wollte ſich in ihren Schutz begeben und die Rolle eingeſtehen, die er auf Roms Betrieb hatte ſpielen ſollen und die durch ſeine Freundſchaft für ihren Sohn gehindert wurde— er wollte die Confeſſion wechſeln— wenn anders der trun⸗ kene Taumel, der ihm zu allen dieſen Entſchlüſſen den Muth gab, andauerte und andauern durfte,— das Entzücken über Armgart's Hingebung— Armgart's, die ſchnell, ſchnell erobert werden mußte vor— den Enthül⸗ zes Leben. —— 70 an Bona⸗ Bekenntniß Terſchin Prieſter Aufträge Rolle zu er ausein⸗ ummen.. uch ſeine ein Inne⸗ Himmel ſter Ent⸗ losreißen, wvollte ſih ehen, di die durch de— der trun⸗ ſiſen e 7 83 arts/ die n Erthi 247 lungen, über die ihr Schaudern, hatte er einmal ihr Ja errungen— bei ſeinem Charakter zu ſpät kam... Den Widerſpruch ihrer katholiſchen Geſinnung glaubte er, ein⸗ mal im Beſitz dieſer Eroberung und mit Hülfe der Mut⸗ ter, nicht ernſtlich fürchten zu brauchen... Vor drei Tagen hatte er Armgart nach dem Stifte Heiligenkreuz zurückbegleitet... Er mäßigte ſeine Lei⸗ denſchaft und unterließ doch nichts, was den Wahn des bethörten Mädchens verſtärken, ihren Entſchluß, ihn durch ſich ſelbſt von ihrer Mutter abzuziehen, befeſtigen konnte.. Zitternd war ſie an ſeiner Seite hingeſchritten... JIm Waldesdunkel, vom Reiz der Einſamkeit verführt, wagte er, zärtlicher ihren Arm zu ergreifen... Da erſchreckte ihn der Mönch, der ihnen gefolgt war, Bruder Huber⸗ tus... Dieſer geſellte ſich zu ihnen, ließ ſie nicht wieder allein, ja Armgart hielt ihn abſichtlich, nur um nicht von einem Thurm, auf dem ſie ſich zu befinden glaubte, himmelhoch niederzuſtürzen... Armgart ver⸗ ſprach zur Jagd zu kommen... Sie wollte, verfolgt von ihrem Gelübde, ſich beſin⸗ nungslos in den Strudel des Lebens ſtürzen... Sie irrte dahin, nur um alles vergeſſen zu können, was ſie ihrem Opfer zu Liebe that und thun zu müſſen glaubte... Ein nicht erfülltes Gelübde!... Einſt hatte ſie aus Dank über eine Krankheit, die Paula beſtanden hatte, Gott ge⸗ lobt, funfzigmal an einem Tage die Antiphon Salve regina in deutſcher Ueberſetzung und einen Monat lang zu ſprechen. Als ſie dieſe Pflicht nachläſſig be⸗ trieb, wurde ſie ſogar von Müllenhoff's mildem Vor⸗ 248 gänger als im Stande der Todſünde befindlich er⸗ flärt... 3 Terſchka blieb die Nacht beim Verwalter des Stiftes Die Furcht, der Mönch mit ſeinen Erinnerungen würde ſich ihm aufs neue anſchließen, beſtimmte ihn, nicht ſogleich wieder den Weg zurückzunehmen... Am Morgen darauf mußte er zum Provinzial Maurus, dann zur Jagd... Er fuhr ſich ſelbſt mit einem Jagd⸗ wagen und jagte querfeldein wie ein von Furien Ver⸗ folgter... Wieder redete ihn auch im Kloſter Franz Bosbeck an; wieder fragte er nach ſeinen Verwandten und wenn ihn der Läſtige das Dreifache in Aus⸗ ſicht geſtellt hätte von dem, was er für ſeine Erben in Bereitſchaft zu halten erklärte, er würde ihn wild an⸗ geſchnaubt haben: Gehen Sie nach Böhmen! Meinen Namen tragen dort Hunderte!... Beim Pater Provinzial bebte er erwarten zu dürfen, daß er als Prieſter begrüßt, für etwaige Renitenz von den Vätern. vielleicht ſelbſt mit Enthüllung ſeines zwei⸗ deutigen Urſprunges bedroht werden würde... Gefeſ⸗ ſelt an Leib und Seele folgte er in die Bibliothek... Pater Maurus theilte ihm ein über Wien aus Rom gekommenes Schreiben mit, demzzufolge er ſich mit ihm verſtändigen ſollte zur Beantwortung der Frage, die da lautete: Iſt Angiolina Pötzl, wie ſie von einer Theater⸗ familie genannt wurde, die rechtmäßige Tochter der in zweiter Ehe ſich Herzogin von Amarillas nennenden Fulvia Maldachini? Welche Umſtände haben bei der Trauung derſelben mit dem Kronſyndikus Wittekind ob⸗ gewaltet?... 249 Höchſtes Erſtaunen ergriff ihn beim Leſen der genaueren Motivirungen... Angiolina eine Tochter des reichen, vor wenig Tagen beſtatteten Kronſyndikus! Eine Tochter ſeiner Gönnerin in Rom!... Hatte man das Intereſſe des Gra⸗ fen Hugo für ſein Pflegekind wahrgenommen und dem nach⸗ geforſcht? Warum das?... Graf Hugo war es nicht, der ihm die Frage ſtellte: Iſt Angiolina eine mir eben⸗ bürtig Geborene?... Rom fragte es, ſein General! Terſchka hätte in der Stimmung, in die ihn die Furcht vor dem endlichen„Ablaufen ſeiner Stunde“, jetzt die Leidenſchaft für Armgart verſetzte, nichts gethan, den Vätern der Geſellſchaft Jeſu zu dienen, wenn ihn nicht die ganze Umgebung des Kloſters und der lauernde Hu⸗ bertus mit Furcht und Schrecken erfüllt hätte... Und Pater Maurus, als Inhaber der Beichte des Kronſyn⸗ dikus, die er der darin vorgekommenen Reſervatfälle we⸗ gen ſeinem General in Rom, dem General der Fran⸗ eiscaner, hatte zuſchicken müſſen, ſchwieg zu allem und ſchon mußte er Terſchka mindeſtens für einen Affiliirten der Jeſuiten halten... So entſchloß ſich dieſer, an einem der nächſten Tage auf Schloß Neuhof ganz im Intereſſe ſeines Freundes des Grafen Hugo und der ſchönen Angiolina zu ſprechen... Er machte die Jagd mit, umſchwärmte Armgart mit ſeinen Huldigungen, begrüßte mit Vertraulichkeit und allen Beweiſen ſeiner gewohnten Galanterie Lucinden, zeigte beim Brande, über den er kein Arg hatte, ſeinen Thateifer und kam auf Schloß Neuhof mit dem Schein einer völligen Unbefangenheit an... Er ſtellte ſich, wie wenn der empfangene Auftrag ihm höchſt läſtig wäre und * 4 1 250 er nur opponirte, um ſeinen Auftraggebern die un⸗ erläßliche Schuldigkeit zu thun.. Den Präſidenten brachten aber ſeine Aeußerungen über die Legitimität der zweiten Ehe ſeines Vaters in die leidenſchaftlichſte Erregung... Ueberhaupt hatte dieſer die Relicten ſeines Vaters verwickelter gefunden, als er erwartete... Sein Ehrgefühl litt unter dem Ruf ſeines Na⸗ mens ſchon lange und vollends gereizt war er über die Sprö⸗ digkeit, mit der man ihm und ſeiner Gattin hier entge⸗ genkam... Bonaventura fand heute an ſeinem Stief⸗ vater Gefallen... Faſt betroffen war er von dem in⸗ nigen Händedruck, mit dem ihn dieſer begrüßt hatte... Die Anrede: Mein Sohn und Freund! war ſo aufrichtig betont, daß Bonaventura aufs lebendigſte für ihn Par⸗ tei ergriffen hätte, wäre ihm nicht— der Gedanke an Benno, der nun in wirkliche und nach ſeiner Ueberzeu⸗ gung legitime Verwandtſchaft mit ihm trat, zu beſtimmend geweſen... Terſchka ſagte auf die ganze Eröffnung des Onkels Dechanten mit einer ſpitzen und ironiſchen Betonung: Ich bewundere den Muth dieſer Geſtändniſſe! Aber — die Ehe gilt... Herr von Terſchka! rief der Präſident voll äußer⸗ ſten Unwillens... Gewöhnen Sie ſich doch an dieſe Vorſtellung! lächelte Terſchka, Sie ſollten Angiolina kennen lernen! Olympia in Rom—? Nein, da iſt zu viel Kälte! Lucinde Schwarz hier—? Nein, da iſt der Verſtand zu zergliedernd... Ei, und ich verſichere Sie, ich gönne es Angiolinen, zu erfahren, daß ſie an Jahren älter iſt, als wofür ſie gilt... ——— die un⸗ herungen aters in tte dieſer als er enes Na⸗ die Spro⸗ er entge⸗ m Stief⸗ dem in⸗ itte... aufrichtig n Par⸗ danke all leberzeu⸗ timmend 3 Onkels mung: 2 Aber l äußer⸗ lächelle hympia in Schwa 5.. E erfahrel, 251 Das Fräulein von Wittekind bezaubert ganz Wien durch ihre Reitkunſt! Ich weiß es... Es war nur die Schuld Ihres Vaters, daß das kaum geborene Kind, deſſen Alter, wie man in ſolchen Lagen gewohnt iſt, falſch angegeben wurde— unter— Die Gaukler gerieth! ergänzte der Präſident. Ich werde Sorge tragen, daß an Angiolina Pötzl nachge⸗ holt wird, was verſäumt wurde!... Thun Sie das nicht, Herr Präſident! erwiderte Terſchka... Fräulein von Wittekind entbehrt nichts, als ihren legitimen Namen... Sonſt iſt ausreichend für ſie geſorgt... Am wenigſten gönnen Sie ihr doch wol eine ſolche Mutter, die man bei ihrem Erſcheinen in Wien mit einem Proceß auf Bigamie begrüßen würde!... Sie kennen die Herzogin von Amarillas? fragte jetzt Bonaventura, um den Eifer der Streitenden zu mil⸗ dern.. Als ich in der römiſchen Armee diente, ſah ich ſie oft und ich geſtehe Ihnen gern, die Gründe nicht zu begreifen, die man haben kann, eine hochgeſtellte Dame mit dieſen Nachforſchungen zu beunruhigen—... Dieſe Gründe ſollten Ihnen unbekannt ſein?... Vollkommen! ſagte Terſchka und ſtutzte über einen wie Hülfe ſuchenden Blick, den der Präſident auf den Provinzial warf... Bonaventura ahnte von Seiten ſeines Stiefvaters einen noch heftigern Ausbruch der mühſam unterdrückten Stimmung und warf ihm einen bittenden Blick zu... Die Hauptangelegenheit, das Austauſchen der vor Jahren 252 ſtattgehabten Vorgänge war ja beendet; das Ausſprechen der Legitimität der zweiten Ehe hing von einer Entſchei⸗ dung der römiſchen Gewiſſensräthe ab... Ihn zog es nun nach Weſterhof zu Paula, die nach dem ſchreckhaften Erlebniß dieſer Tage ſeines Zuſpruchs bedurfte. Und Benno, Benno war auf dem Schloß... Benno hatte die mit Terſchka verabredete nochmalige Reviſion des Ar⸗ chivs, die jetzt einer neuen Anordnung gleichkam, auf heute Nachmittag anberaumt... Wie bebte er dem erſten Gruße des Freundes— nun Bruders entgegen.. Da wir unter uns ſind, lieber Sohn, begann aufs neue der Präſident, dem Bitteblick erwidernd und das „unter uns“ ſeltſam betonend, ſo will ich eine Vermu⸗ thung ausſprechen. Ich gelte ſchon lange für keinen guten Katholiken... Als hätte der Präſident das Erſchrecken ſeiner lau⸗ ſchenden Gattin geſehen, verbeſſerte er: Ich kenne wenigſtens meinen Ruf... Die Regierung ſchenkte mir Vertrauen und ich habe als Patriot dieſem Ver⸗ trauen zu entſprechen geſucht... Das Zeugniß kann ich mir geben, daß ich darum meine Religion ebenſo liebe wie andere. Nur die Anmaßungen der römiſchen Curie zu beſeitigen, lag in meiner amtlichen Stellung und auch hier verfuhr ich mit Ueberzeugung. Zum Kirchenfürſten ging ich, weil es meine Gattin wünſchte. Ich habe ihm offen ins Auge ſehen können. Wenn ich es nicht gethan haben ſollte, war es, um einen Gebeugten nicht zu kränken. Wir gehören einem gemeinſamen Staate an, der die gegebenen Zuſtände ſchont, ohne ſich den Verbeſſerungen zu verſchließen. Wollte der Himmel, die usſprechen er Entſchei⸗ Ihn zog es chreckhaften fte... Benno hatte on des Ar⸗ chkam, auf te er dem tgegen. egann aufs id und das ine Vermu⸗ für keinen ſeiner lau⸗ Negierung diſſen Ve⸗ iiß kann ic ſo liebe wie n Curie und auch rchenfliſtn Ith hü ih ii eugte ii nen Siu „4 del ſne ſch 1 Himmal— 253 Nothwendigkeit der letztern würde nicht zu dringend! Verurtheilen Sie mich nicht, Herr Provinzial! Ich frage Sie— welch eine Inſtitution iſt allein ſchon unſere Beichte, die die geheimſten Athemzüge bis nach Rom vernehmen läßt!... Ein Rauſchen an der Wand verrieth den Schrecken der Gattin... Erkennen Sie darin keinen Segen? erwiderte der Pro⸗ vinzial mit düſter zuſammengezogenen Augenbrauen... Der Präſident beherrſchte ſich und fuhr fort: Es ziemt mir nicht, Behauptungen auszuſprechen, die ich nicht beweiſen kann! So weit aber hat doch mein Amt mich in das innere Leben der Hierarchie einblicken laſſen, daß ich vollkommen zu verſtehen glaube, welche Zuſammenhänge dieſen Beläſtigungen meiner Ruhe und Ehre zum Grunde liegen. Sie glauben, ich würde nicht die Berechtigung der Herzogin von Amarillas, ſich meine zweite Mutter zu nennen, anerkennen? Ich würde nicht meine Geſchwiſter an mein Herz ziehen? Sie irren ſich! Ich bin bereit dazu, wenn die Ehe wirklich nach bürgerli⸗ chen, allgemein gültigen, deutſchen Geſetzen als richtig ge⸗ ſchloſſen gelten könnte. Sie kann dies aber nicht— und ich glaube nicht daran, daß auch irgend Jemand von den Be⸗ theiligten in Wahrheit intereſſirt iſt, daß dies geſchieht... Nicht Angiolina, nicht Benno— 2 rief es in Bo⸗ naventura's Innern.. Oder glauben Sie, Herr von Terſchka, daß Sie Inſtructionen erhalten werden, noch eine gerichtliche Un⸗ terſuchung über den Vorgang, den uns in ſo edler Offenheit der Dechant erzählt hat, in Angriff zu neh⸗ 254 men? Grell aufgedeckt, aller Welt bekannt ſoll dieſer Vorfall werden? Was ſchrieben Ihnen darüber— die Jeſuiten?.. Terſchka bot alle ſeine Verſtellungskunſt auf, um auf dies leicht hingeworfene, doch alle erſchreckende Wort lächelnd wiederholen zu können: Die Jeſuiten!... Die Jeſuiten! beſtätigte der Präſident. Sie ſind kürzlich wiederhergeſtellt worden. Sie ſind ſchon mäch— tig genug. Aber die Macht des Ordens iſt ihm noch nicht die alte. Die übrigen Orden wuchſen inzwi⸗ ſchen in zu großer Autorität für ihn empor. Von den frommen Vätern des heiligen Franciseus droht al⸗ lerdings ſeinem Ehrgeiz wenig Gefahr. Ihr General, Herr Provinzial, wird den Einblick in die Beichte meines Vaters verweigert haben; aber doch ſind Sie angewieſen, die Bemühungen des Herrn von Terſchka zu unterſtü⸗ tzen. Ich weiß das! Beſtreiten Sie es nicht! Die Dominicaner hätten es nicht gethan. Sie würden Ihnen, Herr Provinzial, geſchrieben haben: Lehnen Sie jeden Beiſtand zu Unterſuchungen ab, die den Jeſuiten gegenüber eine bei uns niedergelegte Beichte compromitti⸗ ren könnten... Herr Präſident! wallte der Provinzial auf und blickte auf Bonaventura, der ihm beiſtehen ſollte. Ich klage Sie ja nicht an, Herr Provinzial! fuhr der Präſident fort und ſtrich ſich ſeine dünnen grauen Haare, als hätte er das Gefühl, wie ſie ſich unter ſei⸗ ner zunehmenden Erregung aufſträubten... Ich ſage nicht, daß Sie heute überhaupt ſchon zu Herrn von . oll dieſer er— die „um auf de Work Sie ſind on mäͤch⸗ ihm noch en irzwi— r. Von dooht al⸗ General, te meines gewieſen unterſti⸗ ht! Di würden hnen Si geſuiten npromitt⸗ 255 Terſchka's Beginnen ein Ja oder ein Nein verriethen. Sie ließen ihn einfach gewähren. Ich will Ihnen aber nur Eines ſagen, was Sie überraſchen ſoll... In tiefſtem Frieden über alles, was uns hier beunruhigt, lebt in Rom die Herzogin von Amarillas... Ohne Sorge rüſtet die hochgeſtellte Frau ſich zu einer Reiſe nach Wien... Cardinal Ceccone hat ſich ſeit Jahren an ſie und ihren Umgang gewöhnt— Olympia, ſeine— Nichte— Sie kennen ja die Sage über Olympia— beherrſcht die römiſche Welt und beherrſcht ihn und die Herzogin— Ceccone, wie uns Männern vom Regiment wol auf unſere alten Tage geſchieht, iſt der Inquiſi⸗ tionen und Dolche müde. Er hat das Seinige für die dreifache Krone gethan. Aus Furcht iſt er ſogar — Affiliirter der Jeſuiten geworden— Und doch, doch thut er dem Orden nicht genug... Ceccone ſchließt Concordate, bekämpft die Revolution, bereichert den Index der verbotenen Bücher, verdammt Philoſophieen und Glau⸗ bensſyſteme, ſelbſt die, die der Mutter Kirche ergeben ſind, Ceccone läßt Donner und Blitz vom Vatican ſelbſt über die neuen Eiſenbahnen rollen— dem General der Jeſuiten iſt alles das noch nicht genug. Man er⸗ wartet, daß Ceccone nach Wien geht. Die Diplomatie und Staatskunſt wollen den Frieden der Kirche mit un⸗ ſerm Lande vermitteln. Aber die Jeſuiten nehmen die⸗ ſen Augenblick wahr. Ihnen ſcheint er für Deutſch⸗ land, für Europa entſcheidend. Jetzt oder erſt in einem Jahrhundert! So wollen ſie den letzten Reſt von Selb⸗ ſtändigkeit, den ſich der Heilige Vater noch durch ſeine nächſten Organe erhält, vernichten... Nur den Befehlen 256 des Al Gesu ſoll er folgen... Nur eine Politik, eine Diplomatie nach kirchlicher Autorität vertreten... Erſt ſollen Prieſter, Mönche, Biſchöfe ſprechen, dann Staatskanzler... So ſtechen ſie jetzt dem Cardinal, einem alten Richter und Advocaten allerdings voller Weltlichkeit, in die Ferſe durch die Drohung: Die Frau, ohne die du nicht ſein kannſt, die Frau, die der Deckmantel deiner zärtlich⸗ ſten Fürſorge für Olympia iſt, verfällt einem Schickſal, das ſie und Olympia und dich ſelbſt an den Pranger ſtellt; ſie war die Gattin zweier zu gleicher Zeit lebender Män⸗ ner! Wozu würde ſich nicht Ceccone entſchließen, wenn er ſolche Gefahren von ſeiner Ehre, von der Ehre der Frauen, die er ſchätzt und liebt, abwenden muß! Welche Dispenſe ſind da nicht nöthig, um ſolche Verbrechen zu ſühnen! Welche Schwierigkeiten vor demjenigen Theil des geiſtlichen Miniſteriums in Rom, der ſich mit den Herzens⸗ und Heirathsſachen von hundertunddreißig Millionen Kin⸗ dern der Kirche beſchäftigt! Erkennen Sie nun die Mög⸗ lichkeit, wie zuletzt dem Staat über ſolche Intriguen die Geduld reißt!... Ich nehme von dem nichts zurück, was ich für die Freiheit der gemiſchten Ehen gethan habe... Das Rücken des Stuhls, auf dem der Provinzial ſaß, übertönte ein fortgeſetztes Raſcheln, das an der Wand hörbar wurde und immer noch Niemanden auf⸗ fiel... ſelbſt nicht dem Präſidenten, der es ausdrücklich hören ſollte... Wie ergriff jedes dieſer Worte Bonaventura im Hin⸗ blick auf die Empfindungen, die— darüber eben auch — ſeine Mutter hätte hegen müſſen⸗. Terſchka wagte nicht zu widerſprechen... Vollkom⸗ in Politik, den... n, dann al, einem ichkeit in du nicht zärtlich Schickſal, ger ſtellt der Män⸗ wenn er Ehre der Welche rechen zu Theil des Herzens⸗ onen Kil⸗ die Mög⸗ iguen die rück, was habe grorinji san dei den auf drüclih im bin eben auch Vollbll 25* men von der Wahrheit dieſer Enthüllungen überzeugt, ſah er im Geiſt wieder ſeinen löwenmuthigen General, hörte die vor Jahren in Rom erhaltenen Anreden, ſah den Feldherrnblick, der im Al Gesùu das Nächſte und Ent⸗ fernteſte vom kleinſten Menſchen⸗ bis zum größten Staa⸗ tenſchickſal zu benutzen verſteht... Wohlan, fuhr der Präſident fort, ich bin beruhigt, wenn mir Herr von Terſchka ſein Ehrenwort gibt, vor⸗ läufig nichts weiter in dieſer Sache zu thun, nicht in Witoborn oder ſonſt auf den Archiven verdächtigende Nachforſchungen anzuſtellen, ſondern vorläufig nach Wien oder— Rom hin zu berichten, daß dieſer Handel von unſern Auffaſſungen und Geſetzen abgemacht und die Herzogin von Amarillas nicht die Frau von Wittekind it. Was nur lähmte Terſchka die ihm ſonſt ſo geläu⸗ fige Zunge und ließ ihn über die ſcharfe Betonung des Wortes:„Sein Ehrenwort“ erſchrecken?... Der Präſident ſagte noch einmal: Geben Sie Ihr Ehrenwort!... Terſchka ſchwieg... Ihr Ehrenwort! Als Cavalier!— Als Terſchka auch jetzt noch ſinnend niederblickte und ſchwieg, ſprach der Präſident mit ergrimmter leiſer Stimme: Ich vergeſſe—— Herrn von Terſchka bindet an die Obern das Gelübde des Gehorſams!... Die Wirkung dieſer Worte war mächtig... Der Präſident erhob ſich; alle andern blieben ſitzen nie gelähmt... Terſchka bleich mit halbgeöffne⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 17 258 tem Munde... Der Provinzial mit hoch aufgezoge⸗ nen Augenbrauen... Bonaventura mit einer Ahnung, die im Hinblick auf— den ketzeriſchen Grafen Hugo im Nu— die volle Wahrheit erkannte... Nehmen wir ein Frühſtück, meine Herren! ſprach im Gefühl ſeines wenigſtens jetzt unwiderlegbaren Triumphes der Präſident und wollte, ſcheinbar unbefangen, voran⸗ gehen, um die Thür zu öffnen... Die drei Prieſter waren zwar auch aufgeſtanden, blieben aber noch immer wie erſtarrt ſtehen... Kein Wort kam von ihren Lippen... Das Wort des Prä⸗ ſidenten konnte für einen Scherz gelten— aber man erkannte zu deutlich— der Falſche, Abtrünnige, der „Segeſtes“, wie ihn ſein Vater genannt hatte, war zu dieſem Kampf wohlgerüſtet erſchienen... Um die Vernichtung Terſchka's, der, mit tauſend Dolchen durchbohrt, ſich am Stuhl zu halten ſuchte, zu mehren, ging der Präſident in leichtem, ſcherzendem Ton zu den Worten über: Will Graf Hugo ſeine Güter hier ſelbſt antreten, ſo würde er allerdings gut thun, ſich erſt in den Schoos der alleinſeligmachenden Kirche zu begeben und Sie— Herr Pater Stanislaus, werden ſchon dafür ſorgen... Ein Einſpruch gegen dieſe Worte, die nur wie ein ironiſcher Scherz fielen, war nicht möglich; denn ſchon hatte der Präſident geklingelt, ſchon traten Diener ein. Nicht lange, ſo erſchien Frau von Wittekind. Man ſetzte ſich zu Tiſch. Der Präſident entwickelte eine Heiterkeit, eine Fülle von Kenntniſſen, die ihn ſcheinbar zum Sieger über ſeine Gegner machte, trotzdem, daß er ahnte, wie aufgejoge⸗ † Ahnung, afen Huge ſprach in Triumphes hen, voran⸗ ufgeſtanden, .. ſan t des Pri⸗ aber man nnige, de te, war I nit tauſen 1 ſuchte/ 1 zendem To ſt antratn den Schol und Sie⸗ ſorgen- nur wie renn ſte Diener i Man ſei ne Heiten uum Sti zum . ahnte, 259 ohne Zweifel mit der Zeit zwei legitime Geſchwiſter ſich ihm zur Seite ſtellen würden. Bonaventura brach früher als die andern auf... Wie hätte er mit Terſchka noch länger allein ſein können...! Wie noch länger den Blick ertragen mögen, der in Terſchka's Augen der der tiefſten Vernichtung war!... Welche Enthüllungen!... Terſchka ein Jeſuit!... Abgeſandt zur Convertirung des Grafen Hugo!... Und mit welchen Mitteln ſollte er ihn bekehren... Mit welcher Kunſt der Verſtellung!... Bonaventurg's Erſchaudern über Rom konnte bei der einen Thatſache nicht verweilen, denn ſchon die andere verdrängte ſie... Sah er auch im katholiſchen Sakrament der Ehe, das abweichend von den ſechs andern, ſich ohne den Prieſter, rein nur durch die Liebe vollzog, wieder ſeine vollen ſchönen großen Roſen in den Münſtern glühen, was ſollte er— mit Benno be⸗ ginnen?... Sollte er ihn lind und ſanft auf ſeine Jugendtage zurückführen? Auf einen Kronſyndikus als Vater! Auf eine in Rom unter Verhältniſſen, die ſich aller klaren Beurtheilung entzogen, lebende Mut⸗ ter! Auf eine Schweſter in zweideutiger Lebensſtellung ... Benno war, jetzt begriff er es ganz, älter, als man geglaubt... Wie auch anders konnte Benno in ſeinen Erinnerungen das Bild einer ſchönen Frau haben, die aus einer prächtigen Kutſche ſtieg und ihn ſo oft voll Schmerz und Liebe betrachtete!... Wer konnte dies anders ge⸗ weſen ſein, als die Frau, die eine rechtmäßige Geburt ver⸗ bergen mußte und ſicher den erlebten Betrug erſt ſpät ahnte ... Als ſie in die allgemeine Flucht des weſtfäliſchen 17* 260 Hofes geriſſen wurde, blieb ihr kaum darüber ein Zweifel .. Da ſie die tiefere Kenntniß der ihr beiſtehenden Kir⸗ chenlehre nicht beſaß, ergriff ſie Furcht, Haß, Scham, ſodaß ſie nichts mehr vom Vergangenen beſitzen mochte und in ein neues Lebensverhältniß trat, leichtſinnig genug viel⸗ leicht... Erſt hatte Max von Aſſelyn, der aus Spanien zurückkam, Benno als ſeinen Sohn mitgebracht, dann er⸗ zogen ihn die Hedemanns, dann kam er in die De⸗ chanei... Alles das war verabredet um des Dechanten willen, deſſen Exiſtenz von einer plötzlich ſtreng gewor⸗ denen Cenſur abhing. Ein Zug der Natur war es, daß ſich Benno ſo eifrig die Sprache ſeiner Mutter aneignete und oft Bonaventura ſelbſt anfeuerte, ſich in ihr zu vervollkommnen... Und neben Angiolina— neben einer zweiten Lucinde, neben einer in gewiſſem Sinne zweiten Rivalin Paula's— Graf Hugo liebte ſie— dann noch Lucinde ſelbſt... Zuletzt hafteten alle ſeine Ge⸗ danken nur noch allein an dieſer... Gefolgt war ſie ihm aufs neue... Ewig ſie ſein Schatten!... Auf Schloß Münnichhof, unter dem Schutze einer Frau von Sicking, wagte ſie zu erſcheinen... Nichts fürchtete ſie von Klingsohr, nichts von allem, was Bonaventura über ihr Leben aus ihrer unvergeßlichen Beichte wußte Es durchbebte ihn, gedachte er dieſer Feſſel ſeines ganzen Lebens... Das war ſie und das blieb ſie und— zum Haſſe, zum glühenden Haſſe Lucindens konnte er ſich nicht einmal erheben... Nur fliehen mußte er ſie... Wer weiß, ob ſie nicht rück⸗ ſichtslos auf Schloß Weſterhof erſchien, Paula ſich vor⸗ ſtellte und die Schmerzen, die ſonſt die Leidende in ihrer Ameife n Zweife n Iwe „Scham, ochte und nug viel Spanien dann er Dechanten wor g gewor 261 Nähe fühlte, erneuerte... Wie er im verſchloſſenen Wagen ſeines Stiefvaters dahinfuhr zur Ebene nieder, da war es ihm doch, als müßte Lucinde ihm nach⸗ fliegen, umſchwärmt von Raben, mit einem Zauber⸗ ſtab auf die Brandſtätte deutend als den Anfang all des Unheils, das ſie ihm vorausgeſagt hatte... Indeſſen— auf den Feldern lag ein ſo milder Son⸗ nenſchein... Der Frühling fing an ſich ſo mächtig zu regen... Die Wälder in der Ferne hatten in einer Nacht einen Schein bekommen, als trieben die Bäume ſchon ihre verjüngenden Säfte... Heller, hoher Mit⸗ tag war es... In der Ebene mußte er den Schlag öffnen, um ganz die Sonne hereinzulaſſen... Und wenn es ihm allmählich wurde, als müßte ſchon die Lerche ſeines Frühlingsliedes ſteigen, ſo war es, weil ſich zuletzt doch ſiegreich nur noch allein Paula's Bild in milder Anmuth auf ſein inneres Auge ſenkte Das Gewitter in ihm verrollte... Nur noch einzelne Schläge, nur noch das Zucken ſeines Auges vor einem letzten Leuchten des Blitzes— dann zogen die drohen⸗ den Geiſter der Luft immer ferner dahin... Auch der innere Himmel blaute wieder und all ſein Leben ruhte im Blick hinüber auf Weſterhof.. Dennoch, dennoch klagten die innern Melodieen: ... Muß ich es ewig ſehn! In deine Locken Flicht doch dereinſt den Kranz die fremde Hand! Der Myrte ſilberweiße Blütenflocken— Doch ſchimmern ſie dir einſt aus fernem Land! Unſterblich Loos, an Sterbliche gegeben, Dich zu umfangen für ein ganzes Leben! 262 O lächle nicht zu hold! Du kannſt nicht wiſſen, Wie Lächeln wird zu Hoffnungdämmerſchein! Wie ſich das Licht entringt den Finſterniſſen Und hüllt die Welt in Roſenwolken ein! Du ahnſt es nicht, wie deinem Zauberworte Zu ſel'gen Träumen ſich erſchließt die Pforte! Es kann nicht ſein! Es ſoll nur ſtill verhallen! Wie Zephyrhauch am holden Frühlingstag! Wie in dem Strom die ſtillen Tropfen wallen! Nur wie die Knospe bricht im Roſenhag!. Und rief's die Welt im-Chor— Dennoch entſage! Spräch' immer nur des Echos leiſe Klage—— In Witoborn wurde Bonaventura von dem alten Meßner Tübbicke angehalten... Dieſer bat ihn aufs dringendſte, erſt nach Sanct⸗Libori zu fahren, wo Nor⸗ bert Müllenhoff plötzlich erkrankt war und das Bett hütete... Eben entbot er ihm einen Vicar und vielleicht, bat er, hätte der Domherr auch die Freundlichkeit, den Pfarrherrn in ſeinen Functionen zu unterſtützen. Beichten, Meſſen, alles würde in Stocken gerathen, wenn die Krankheit andauerte.... Bonaventura mußte den Umweg über Sanct⸗Libori nehmen... Sonntag war vor der Thür, aber nichts erſchreckte ihn mehr, als die Ausſicht auf Beichthören... Er billigte als Aushülfe einen Vicar aus dem Seminar — aus demſelben, aus dem einſt Leo Perl gekommen... An der Beſitzung der Frau von Sicking brauchte er jetzt nicht, wie er gefürchtet, vorüberzufahren... Den Pfarrer fand er in der That im Fieber. Müllenhoff behauptete, ſich beim Brand erkältet und iſſen, allen! agel dem alten wihn aufß wo Nor⸗ das Bett d viellich ihlei, de ſützen. m geratſel anct⸗Libo aber rich Hthören 4 m Semninl kommen brauchie 1.. Fiebet erkältet 263 über das Fräulein Benigna von Ubbelohde geärgert zu haben... In Wahrheit aber waren nur die beiden Wiegen, die vor ſeiner Thür geſtanden hat⸗ ten, der Anlaß ſeiner Krankheit... Wie der Gens⸗ darm von der Schmeling zurückgekommen war und den ganzen Hausſtand derſelben geſchildert hatte, auch die Anweſenheit des verunglückten Dieners auf Weſterhof, auch die der Finkenhofer Lene und ihrer Umſtände, da legte er ſich ins Bett... Der Geſchäfte gab es für den Eiferer ſo viele.. Gerade war der Kirchenconvent gekommen... Er kam, um Strafen zu verhängen, um die neue Tanzordnung für den Finkenhof zu ordnen, um den Jünglings⸗ und Jung⸗ frauenbund für die Oſtern einzuleiten... Bonaventura mußte alle dieſe Neuerungen auf einen andern Tag ver⸗ ſchieben... Müllenhoff, wie ſich bei einer ſo markigen und kernhaften Natur erwarten ließ, wand ſich in un⸗ geberdiger Ungeduld auf dem Lager. Vor Aufregung und Erhitzung durch den Thee, den ihm die Kathrein zu trinken gab, ſah er wie zum Schlag treffen aus... Bonaventura ſprach ihm zur Beruhigung... Be⸗ ſaß doch auch nur er dieſen ſanften Ton, der Herder's Behauptung widerlegen müßte, daß die Sprache von den Menſchen erfunden iſt... Dieſen Ton, der tröſtend zu den Leidenden ſpricht, der wie ein Balſam⸗ hauch über brennende Wunden fährt; den nicht die Zunge, den das Herz ſelbſt einſetzt und gerade ſo einſetzt, wie der Schmerz ſeine Klage... Dieſen allein tröſtenden Ton, den ein Arzt hat, wenn er, ein weiſer 264 Heilkünſtler, in das Zimmer eines Kranken tritt... den ein Vater hat, wenn er ein Kind an ſein Herz zieht und es ermuntert nur ihm, ihm allein ſeine jungen Leiden anzuvertrauen, ihm allein die Erſtlinge ſeiner Schmer⸗ zen zu opfern... Müllenhoff meinte zaghaft: Ich möchte Ihnen wol beichten!... Bonaventura hielt dies Wort für ein Zeichen der Todeserwartung, für ein Begehren, ſchon die Sterbe⸗ ſakramente zu empfangen... Er bat den excentriſchen Mann, ſich nicht aufzuregen... So unterblieb das Ab⸗ ſchütteln einer, wie es ſchien, drückenden Laſt... Ein normirtes Vespergebet mußte Bonaventura im Stift Heiligenkreuz halten... Das war unerläßlich; — wer zählt die religiöſen Pflichten, die ſich an die Altäre der alleinſeligmachenden Kirche auf Stunde und Minute knüpfen!... Kein Gotteshaus, und wär' es noch ſo klein, es hat ſeine Ordnung und ſeine beſtimmten Tage, die nur ihm allein angehören... Geburtstage im Kalender der Heiligen(die Geburt eines Heiligen iſt ſein Tod) gibt es mehr, als Tage im Jahre... So reicht die Zeit kaum aus für die Reihe der Zeugen und Bekenner, deren Gedächtniß die Kirche feiert... Jede Diöceſe beſitzt ein Programm ſeines Kirchenjahrs, ſo feſtgeordnet auf Ort und Minute, wie die Aſtronomie die Conſtellation der Geſtirne be⸗ ſtimmt... Der Wittekind'ſche Wagen blieb zu Bonaventura's Verfügung... Er fuhr damit nach Heiligenkreuz und hielt das Vespergebet zu nicht geringer Ueberraſchung der Stiftsdamen... Gib Acht, du kommſt nach Weſter⸗ Kitt.. Herz zieſt ngen Leiden er Schmer⸗ ghaft: Jch Zeichen der die Sterbe⸗ excentriſchen b das Al⸗ ventura in unerläßlich ſich an die tunde und — wär' e6 beſtimmten urtstage in Heilgen i ahre. Reihe del die Kirch mm ſeine 3 Minute eſtirne be naventurgi „ kreus m erraſchni ah B hof und triffſt ſchon Lucinden!... Dieſer Gedanke verfolgte ihn... Lange aber hatte ihm eine einfache kirchliche Function ſo wohlgethan, wie heute nach allen Aufregungen dies ſtille Murmelgebet in der kleinen dun⸗ keln Kapelle des Stifts... Und das hätte dann allerdings den Damen be⸗ hagt, wenn Bonaventura ihnen Beicht abgenommen... Sie hätten ſämmtlich ihren gewöhnlichen Arzt, Müllenhoff, ſofort aufgegeben und dem neuen von ſich weit, weit mehr, als nur Faſtengebotverſtöße eingeſtanden... Wie „bedeutend“ hätte ſich jede in ihren Zweifeln und Beunruhigungen hingeſtellt!... Fräulein von Merwig, die„Anflickerin“, hätte ihren ſtarken Geiſt gedemüthigt und ein Mittel gegen den Ehrgeiz begehrt, nur um zu verrathen, daß es Dinge gab, worauf ſie ehrgeizig ſein konnte... Fräulein von Abſam hätte„Neid“ in der Bruſt gehabt und damit verrathen, worauf ihre geheimen Sehnſuchten gingen... Fräulein von Tüngel⸗Appel⸗ hülſen, eines der jüngern Mitglieder, erſt im Anfang der vierziger, hätte vielleicht eine Indiscretion gebeich⸗ tet, die beinahe wie eine Rache herauskam. Sie war eine Verwandte der Schweſter Scholaſtika, Aebtiſſin der Hospitaliterinnen in Wien. Aber die Tüngel⸗Heides und die Tüngel⸗Appelhülſens wichen voneinander ab wie Tag und Nacht. Unbekannt mit dieſem Unterſchied ging Monika jene Portiuncula unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit an, ob ſie nicht bei ihr mit fremdem Namen abſteigen und in Armgart's Nähe einige Tage leben und ſich ihrer Nachbarſchaft einwohnen könnte, ohne daß ſie es wiſſe. Und auf dieſen Brief hatte das Fräulein geant⸗ 266 wortet, ganz ſo ſteif, ganz ſo beſchränkt, wie ihrem Charakter entſprach. Monika hatte dieſen Brief nicht vertrauenerweckend gefunden und nur noch kurzweg um Entſchuldigung gebeten und ihre Hülfe abgelehnt. Aber— dumme Menſchen ſind immer gefährlich und gerade die klugen Leute machen dann auch noch gerade die dummſten Streiche. Portiuncula hatte ſich, aus Rache für dieſe Ablehnung, geſtern Abend in ihrer ganzen Glorie gezeigt ... Zu Armgart, die ſeit dem Brand in Weſterhof blieb, hatte ſie unter Kichern und zweideutigen Anſpielungen, ganz im Geiſt des Stiftes, geſagt:„Na ja, Fräulein von Hülleshoven, jetzt kann ich Ihnen doch ſagen, Ihre Frau Mama iſt ſchon in Eſchede! Sie wohnt bei Schö⸗ nians. Die Müllern, die Angelika ſteckt ſogar von Paris aus dahinter! Ja, und von da geht ſie noch heute zur Frau von Sicking, und denken Sie! wer wird ſie da eingeführt haben? Niemand anders, glaub' ich doch, als die Perſon, die mir mein ganzes Lebensglück ruinirt hat, Sie wiſſen ja— die Schwarzin! O, ich könnte in Neuhof die Erbin ſo gut ſein wie andere! Aber, wenn Sie morgen Abend beim Thee in Weſterhof ſitzen, da paſſen Sie mal auf, dann iſt die Mutter da und hält Ihnen die Augen zu! Sie hat ſich mit Be— nigna hinter Ihrem Rücken ausgeſöhnt! Und wollen Sie von Ihrem Vater hören, ſo müſſen Sie— aber ver⸗ rathen Sie mich nicht— zu Hedemann nach Witoborn! Laſſen Sie doch Ihren Herrn von Terſchka da anfragen— Freilich— bei Hedemann wohnen Herr von Aſſelyn und Herr de Jonge... Ei— Sie Kleine, Sie fangen ja ſchon früh an!——“ Und nun kam alles ſo heraus, wie . vie ihren rief nicht zweg um Aber— gerade die dummſten für dieſ rie gezeigt echof bli ſpielungen, Fräulein agen, Ihr bei Scht⸗ ſogar don t ſie noch wer wird glaub c Lebensglüt ar 9. 3 ie andele Weſterho die Mutt cj nit d wollen 6 aber 1 Pitobon anftagen Alſſelhn I- 4 fangen heraus⸗ 267 es iſt in der Welt, wenn der Menſch ſich einbildet, ſein Leben und ſein Handeln wäre nur für ihn allein da; alle wiſſen davon und oft mehr, als wir. Dieſe Beichten blieben jedoch aus... Es war ſchon Abend, als Bonaventura in Weſter⸗ hof eintraf... Er fand das Schloß in eigenthümlicher Bewegung... Im Vorhauſe hörte er aufs lebhafteſte ſprechen... Die Diener ſtanden in Gruppen... Faſt überſah man das Anfahren ſeines Wagens... Er achtete wenig darauf, da er ſich ſchon erleichtert fühlte, nur kein Anzeichen zu ſehen, das auf eine et⸗ waige Anweſenheit von Beſuch und wol gar Lucindens ſchließen ließ... Herr Domherr! hieß es. Bisjetzt haben Herr von Aſſelyn auf Sie gewartet und Herr de Jonge... Beide empfahlen ſich zur Rückreiſe und hätten Sie gern noch einmal geſprochen... Benno ſchon zurück?... Bonaventura hoffte, daß er ihn und Thiebold mor⸗ gen noch in der Stadt fand... Ueber Terſchka erfuhr er, daß in der That dieſer und Benno, Thiebold und der Onkel, wie ſie gewollt, am Nachmittag das Archiv geordnet hatten... Vom Hof aus leuchteten die Laternen, die, um Unglücksfällen vorzubeugen, die düſtere Brandſtätte er⸗ hellten... Klingeln erſchallten von da und dort... Iſt Paula— doch nicht— krank? dachte er bangend 268 und wagte nicht zu fragen, ob dies Klingeln und Laufen der Gräfin gälte— Die Herrſchaften ſind alle oben! hieß es ungefragt... Und Herr von Terſchka kleidet ſich um... Und auch Herr von Hülleshoven... Wozu umkleiden? dachte er... Eine Kammerjungfer des Hauſes eilte an ihm vor⸗ über, blieb ſtehen und ſagte: Herr Domherr— Sie wiſſen doch ſchon?— Sein Blick deutete das Gegentheil an... Das Document— die langgeſuchte Urkunde— Eine Klingel zwang die Sprecherin, in Eile abzu⸗ brechen... Bonaventura blieb wie mit einem Riß durch ſein Herz... Indem ſtand ihm plötzlich Onkel Levinus zur Seite... Da ſind Sie! Nun, Domherr, ſprachen Sie ſchon Ihren Vetter Benno?... Was iſt?... Sie hörten doch? Die Urkunde iſt gefunden! Beim Räumen des Archivs! Sehen Sie, ſo hab' ich mich umkleiden müſſen! Vor Ruß und Brandgeruch! Auch Herr von Terſchka! Ein Wunder iſt's! Staunen Sie nur! Unbegreiflich! Aber Sie wiſſen doch, die Urkunde, der zufolge Graf Hugo nicht erben ſoll, wenn nicht die Religion ſtimmt! Paula bleibt die Erbin! Darüber iſt jetzt kein Zweifel... Bei allen Heiligen— Wunderbar! Aber kommen Sie! Sehen Sie das und Lauf ungefragt, Und aue an ihm vor on?— kunde— n Eile abl F durch ſe akel Levinl unden! Bii ab ich nii eruch! 1 Staunell 6 die Urkun enn nicht d I Darlt Sie d en Si 269 Document! Wir fanden es mitten unter den geretteten Papieren... Schon ſtand Bonaventura in der geöffneten Thür des großen Vorſaals... am Weihwaſſerbecken... Beſinnung hatte er nicht, ſich zu benetzen... Die Gruppe, die ſich ſeinen Augen bot, ließ auch nichts anderes auf⸗ fommen, als zunächſt den Gedanken: Paula ſtirbt!... Beleuchtet von Kerzen, die Diener und einige Mäd⸗ ihen in die Höhe hielten, ſtand Paula mit einer Per⸗ gamentrolle in den Händen, leichenblaß, wachsfarben, wie ein Cherub des Himmels und wie ſchwebend im Chor ver Seligen... Armgart, zu ihr aufſehend, hielt ſie in Andacht und Schrecken... Die Tante Benigna hielt ſie ebenſo mit ihrer Rechten... Paula las zwar, aber ihr Auge ſtand ſtarr und wie gebrochen... Die Worte:„Vorbehaltlich daß die jüngere Linie meinem Beiſpiel folgt und bis dahin in den Schoos der alleinſeligmachenden Kirche zurück⸗ gekehrt iſt“ ſtanden wie mit Geiſterhand auf ihrer Stirn zu leſen... Onkel Levinus ſprach dieſe Worte Und nun trat Bonaventura ein... Da erloſch Paula's Auge ganz... Ihre Kniee wankten...Mit inem Hauch des Schreckens verging ihr die Kraft, ſich zu halten... Ohne Bewußtſein lag ſie in den Armen der Hinzuſpringenden, die ſie nebenan auf ein Sopha ugen... Wie mit Donnerton wollte Bonaventura rufen: Aber die Urkunde iſt ja falſch!... Doch auch ihn ertwaffnete der Anblick derſelben. Er kannte ſo viele ſilcher alten Urkunden. Dieſe trug die Spuren ihrer 270 Echtheit unverkennbar... Das Pergament war zer⸗ mürbt, mannichfach zerbrochen, altersbraun... Die Buchſtaben der Handſchrift im ſteifen Kanzleigeſchmack der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege... Wäh⸗ rend Paula nebenan ins grüne Zimmer getragen wurde, erzählte der Onkel die Art des Fundes, die Ueber⸗ raſchung Benno's, die Zweifel Thiebold's, ſeine eigenen Unterſuchungen. Aber Terſchka? fragte Bonaventura außer ſich... Betroffen— natürlich— erſchüttert— Es ändert ſich vieles— wenn nicht—... Alles! rief Bonaventura.. Der Onkel beſtätigte dies... Sonſt hörte er nichts und ſah nichts, als die wahrſcheinliche Geſchichte der Ur⸗ kunde... Er bewies an den Brüchen des Documents, wie daſſelbe zwei Jahrhunderte lang an der hintern Wand eines Schubfachs hätte müſſen eingeklemmt geweſen ſein... Er hatte das Siegel der Dorſtes nie in ſo richtiger Prägung geſehen... Drei Sterne fand er wieder, die gerade Maximilian von Dorſte zuerſt in das Wappen des Hauſes einführte..„ Er bewunderte die damalige Schreibart einiger Dorfſchaften, die zu den gräflichen Gütern gehörten... Längſt von ihm geahnte Urſprünge derſelben ſah er jetzt bewieſen... Paula blieb inzwiſchen auf dem Sopha; Armgart kniete vor ihr und barg thränenvoll ihr Haupt... Tante Benigna ſagte halb bangend, halb von ihrem Standpunkt ſchon freudeſtrahlend: Eine große Wendung! Paula— die Herrin des Ganzen! Das ſteht nun feſt und bleibt unwiderruflich... war zer⸗ .. De leigeſchmac .. Wäh⸗ gen wurde, die Ueber⸗ ine eigenen r ſih. Es andert te er rich hte der Ur ments, wi Pand einet ſein... 6 er Prägung die gernde appen ni damalige n göäflcha e Uiſprüng „Armgai 4; üpt. Phrell von iſn „ d errin d icq erruf 271 Und auf ein Wort, das ſie eben von den Rückſich⸗ ten der Etikette beginnen wollte, trat Terſchka ein, in ſchwarzen Kleidern, in völlig veränderter Haltung gegen ſonſt, bleich wie der Tod... Die Augen Bonaventura's wagte er nicht auszu⸗ halten... Er verbeugte ſich und blinzelte auf alle Umſtehenden von der Seite, während er aufs neue die Urkunde er⸗ griff... Wie oft hatte man ſich aus Wien bereit erklärt, ſich ihr unterwerfen zu wollen, falls ſie gefunden werden könnte und überhaupt je ausgeſtellt wäre... Es han⸗ delte ſich um eine veränderte Stellung aller der Fragen, die bisher Nück vertreten hatte. Es handelte ſich um die weitere Erbfolge, die eine völlig verſchiedene wurde, wenn ſie von Paula als Herrin ausging, als wenn von der jüngern Linie. Blieb Paula die Beſitzerin, ſo hatte auch die weibliche Linie der Dorſtes Erbrechte und da ergab ſich auf dieſe Art nicht nur der berechtigtſte Antheil drü⸗ ben in der Perſon des Präſidenten auf Neuhof, durch dieſen in Bonaventura ſelbſt, ſondern auch für viele entfernter wohnende Angehörende... Gerade von die⸗ ſer Seite aus war ſchon lange und beſonders durch den Kronſyndikus wie eine felſenfeſte Nothwendigkeit die Convenienzregel hingeſtellt worden, daß, wenn Graf Hugo nicht mit dem Erwerb dieſer großen Güter, weil er nicht katholiſch wäre, durchdränge, doch Gräfin Paula dann ſeine Hand annehmen müßte, um ihn und die jüngere Linie von ihrem tiefen Verfall emporzubrin⸗ ggen... Ein ſolcher Receß, wie er nun jetzt eintrat, 272 geſtattete Paula nicht die freie Dispoſition über ihr Eigen⸗ thum; Vettern und Muhmen und Kirche und Landſchaft nahmen an den Pacten einer Ehe theil und legten die mannichfachſten Beſchränkungen der vollen Beſitzergrei⸗ fung auch für Paula auf... Paula, die darum aber doch die reiche Erbin blieb und höchſtens aus freiem Willen, aus Hinopferung ihrer Hand etwas für die jüngere Linie thun konnte— für den Grafen Hugo, den Lutheraner, den Freund Angiolina's— den Freund des Freifriuleins von Wittekind, der Schweſter Benno's!— Paula erhielt an die Freiheit ihres Willens Berufungen, denen wenigſtens jetzt ihre Kraft nicht gewachſen war... Alles das überſah Bonaventura voll Schrecken und Wehmuth... Terſchka erklärte mit ſcheinbarer Ruhe und mit einer den Onkel und die Tante wohlthuend berührenden Mäßi⸗ gung nur ſeine Ueberraſchung zu dieſem Schickſalsſchlage .. Seinen unbedingten Glauben an die Urkunde ver⸗ weigerte er nicht... Er erwähnte die Anſtalten, die er getroffen hätte, ſofort durch einen Courier nach Wien die neue Wendung wiſſen zu laſſen, die man jedenfalls— er verbeugte ſich gegen Paula— hoch in Ehren zu halten hätte... In ſeinem Innern kämpften die Entſchließungen, die er faſſen ſollte... Seine irrenden Augen ſuchten Arm— gart, die die ihrigen verbarg... Die Beichtworte, die Bonaventura von Hammaker und Bickert gehört hatte, lauteten auf„Feuersbrunſt“ und„falſche Urkunde“... Ein Wied ein Wo? und Wann? hatte er von keinem von beiden erfahren können —— ihr Eigen⸗ Landſchaft legten die eſitzergrer⸗ trum aber us freiem für die Hugo, den Freund des ennos!= erufungen, n war.. recken und mit einer en Mäßi⸗ ſalsſchlage kunde vel⸗ fenn hätt, Wendung . verbeugte hütte. 223 .. Vielleicht hatte er in der That dieſe beiden Ge⸗ ſtändniſſe in eine zu raſche Verbindung gebracht mit den Scherzreden Benno's bei jenem Abendſpaziergang am Ufer des Stroms, die gelautet hatten:„Die Kunſt, in alten Lettern auf Pergament zu ſchreiben, iſt in unſerer Stadt heimiſch“... Konnte er auch eine Wen⸗ dung, die zunächſt eine ſcheinbare Glückswendung für Paula war, ſo ohne weiteres auf dieſen ſeinen Verdacht hin als ein Werk des Betrugs erklären?... Wie er Terſchka leſen und leſen ſah, kam ihm ſogar der Gedanke: Hat wol gar, in falſcher Freundſchaft für den Grafen Hugo, ein Jeſuit dies Verbrechen gefördert — fördern müſſen— in majorem Dei sloriam?... Reißt man Paula mit Gewalt zu dem Mann hinüber den ſie in den Schoos der Kirche führen ſoll und— füh⸗ ren wird!... Sicherte man ſich in Rom zwei Magnete zur Bekehrung: Paula— und Angiolina?... Paula erholte ſich und ihr Auge ſuchte Bonaventura. Sie wollte den Rath der geliebten Stimme hören.. Den Rath— des entmannten Abälard— an Heloiſen... Die Aufregungen des Onkels, der Tante dauerten fort... Benno, der bisjetzt kaum von der Tante genannt wurde, erhielt plötzlich von ihr die höchſte Anerkennung und Thiebold de Jonge verſchwand. Eine Neigung zum Skepticismus, die Thiebold beim Anblick des wun⸗ derbaren Fundes und beim dadurch bedingten Rückgän⸗ gigwerden ſeines Waldankaufs verrathen hatte, verdäch⸗ tigte ihr Thiebold's Gemüth, ſogar ſeine Grundſätze.. Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 18 274 Die Tante ſprach kein Bedauern aus, daß der junge ſonſt ſo liebenswürdige Herr von Jonge heute und nun für immer fehlte. Bonaventura verließ endlich das Schloß, deſſen Be⸗ wohner ſich nicht ſammeln konnten... Terſchka ſchien zögernd mit ihm ſprechen zu wollen Er entriß ſich ihm voll Grauen. Wie die Nebel um ihn her aufſtiegen, wie rings alles in ein undurchdringliches Dunkel ſich hüllte, ſo umnachtet in ſeiner Seele ſchritt er dahin und faſt den Weg verfehlend... Erſt die Glocken von Sanct⸗Libori wieſen ihm die rechte Straße... Sie läuteten ſchon ſeit einigen Tagen auf die kommende Faſten⸗, Leidens⸗ und Oſterzeit... Aber in ſeinem immer tiefer und ſchwerer belaſteten In⸗ nern griff das Kirchenjahr ſchon weiter hinaus— ſchon zum Tag der Verklärung und der Himmelfahrt: Oſtern! Oſtern! Dein Erwachen Führt nur himmelwärts den Nachen Aufwärts aus der Erde Noth!— Ach, zu töͤdlich iſt der Tod!—— Wer entronnen ſeiner Truhe, Sucht auf Erden nicht mehr Ruhe. jder junge te und nun deſſen Be⸗ n zu wollen rings ales ſo unnacſte ſt den We eſen ihm ſi nigen Tagen ſterzeit 43 3 elaſteten n⸗ 15. ſchen ahrt: 22. Von der Ciikette hatte die Tante zu Terſchka geſpro⸗ chen... Etikette— das iſt ſo ein Wort, das uns in Armgart's Welt zurückführt... Etikette war ihr von allen Erb⸗ und Erbsketten ſchon von frühſter Kindheitserinnerung an eine der här⸗ teſten und grauſamſten— Auch im Stift wurde noch jetzt der Vorwurf des Mangels an Eiikette nie anders aus⸗ geſprochen als mit jener Geringſchätzung etwa, die den Mangel an ſechszehn Ahnen begleitete... Wer das Geheimniß der Liebe in einer reinen, eben vom Kind zur Jungfrau erblühten Natur beobachtet hat, weiß es, daß ſich die älteſte aller Weltbegeben⸗ heiten im Mädchenherzen immer wie das Allerneueſte wie⸗ derholt. Jede liebende Seele glaubt die Liebe zuerſt erfunden zu haben... Die Tradition iſt dann allerdings mächtig. Es gibt ſechszehnjährige Oberflächlichkeiten genug, die die ange⸗ borne Nichtsbedeutung durch das ſchnellſte Annehmen aller über Welt, Leben, auch die Liebe überlieferten Begriffe kund geben und ebenſo baſenhaft von der Liebe fühlen und ſprechen, wie jede ihrer Tanten... 18* 276 Doch fehlen auch Erſcheinungen nicht, die, wie die Schnecke ihr eigenes Haus, ſo ſich ihre eigene Welt aus ihrem Innerſten erbauen... Erſcheinungen, die erſt lange, oft nach den gefahrvollſten, ja das eigene Leben bedrohenden Umwegen auf euere gemeinplätzlichen Entweder-Oders, euere„Liebe oder Haß“, euer„Wille oder Zwang“, euere„Natur oder Unnatur“ ankommen, Gegenſätze, die nun einmal die geltenden ſind. Sie kom⸗ men dahin oft an erſt mit gebrochenem Herzen, geknick⸗ tem Genius, für immer verbrauchter Lebenskraft... Weiß denn wol Armgart, was die Liebe iſt?... Sie ſollte es doch wol empfunden haben, wie es thut, im Arm eines Mannes zu ruhen, der von glü⸗ hender Neigung ergriffen iſt... Sie ſollte es doch wol wiſſen von damals, als ſie vom Hüneneck herabſtürmte und in Benno's Arme ſank, der ſie auffing und ſo lange hielt, bis ſie wieder den verlorenen Athem gefunden... Sie ſollte Thiebold's„Schmachten“ verſtanden haben und aus der Penſion vollkommen wiſſen, wonach ſich ſchon ſo früh Tauſende von jungen Mädchenherzen ſehnen.. Aber ſie hatte nun eben nicht den Trieb, immer allein in ſich ſelbſt zu verharren... Schon als Kind lebte ſie nur für andere— ſie lebte für Paula, die ſie bediente, der ſie half, die ſie vertheidigte, ſo klein ſie war. Der Freundin war ſie ein Bannerträger, wenn auch nur gegen Sonnenſtrahl und Regen... Und die Tante ließ das Gefühl, daß ſie auch ſelbſt etwas war, niemals bei ihr aufkommen... Sie wuchs auf unter Anklagen, daß ſie, wie ſie's nannte, überhaupt nur in der Welt wäre... Bettina liebte als Kind den ———— 6, wie die gene Welt ngen, die as eigene pplätzlichen ger„Will ankommen, Sie koln⸗ n, gekkick rabſtürmte d ſo lange unden.⸗ haben und 7 c ſchon p nen... immel eb, 3 als Kim 1 6 5 5 Paula⸗ 3 7 klel e, ſ zaer, well d er, 3 Um etwas We uuf un thaupt 1 3 Kind 1 277 ſchon bejahrten Goethe deshalb, weil ſie in Frankfurt nur von ihm hören konnte: Der kalte, herzloſe, un⸗ patriotiſche, fürſtendieneriſche Egoiſt!... Armgart hörte ebenſo nichts, als daß ſie einen herzloſen Vater, eine herzloſe Mutter hätte... Sie hörte, daß ſie eigentlich ein Leben führte, das eine Beſchämung der Verwandtſchaft wäre... Sie wäre ein Wildling... Sie ſollte nur ſorgen, daß man ſich nicht auch noch ihrer ſchämen müſſe... Dem alten Grafen Joſeph war ſie in der That ſelten bequem... Geduldet wurde ſie in Weſterhof nur durch ein ſtetes Gemeiſtert⸗ und Geſtraft⸗ werden... Paula ſchützte ſie, ſoweit Paula Kraft und Willen hatte... Aber mit träumeriſchem Herzen ging Armgart doch im Schloß wie in der Fremde und mistraute jeder Huldigung, jedem Schmeichelworte, das ihr wurde... Bettina fand einen einzigen Freund des verketzerten Goethe, die alte Mutter des Dichters.. Mit der„ſchwärmte“ ſie für ihn... Mit der erfand ſie ſich eine Idealgeſtalt und hielt die feſt... Auch Armgart ſaß ſo auf einem Fußſchemel und legte den Kopf in den Schoos einer einzigen theilnehmenden Seele und malte ſich den Vater und die Mutter entgegen⸗ geſetzt alledem aus, was ihr täglich von ihnen geſagt wurde... Nur konnte Paula nicht, wie die Frau Rath, kleine Züge des Herzens von ihren ſo hart Angefeindeten erzählen, Erinnerungen der Kindheit, die ein Mutterherz bewahrt... Aber Paula war doch die einzige, die zu⸗ hörte, wenn Armgart von alten Dienern und Beamten des Schloſſes Erinnerungen an ihre Aeltern und beſon⸗ ders an die Zeit, wo ſie ihnen ſo gewaltſam vorent⸗ 278 halten wurde, aufgetrieben hatte... Der alte Tübbicke hatte ihr den Verſteck im Laboratorium, die Krankheit der Mutter, das Ergrauen ihrer Haare erzählt... Der alte Oberförſter lobte jeden Soldaten, der ſich im Frieden nicht gefalle und es mache wie Herr Ulrich von Hülleshoven und Hedemann, die in fremde Dienſte und Länder gegangen wären... Was nur unterhal⸗ tend, abenteuerlich, bedeutſam im Leben war, knüpfte ſich für Armgart an die Aeltern... Ihre Liebe zu ihnen wurde ihr wie ein angewöhntes Sprichwort, das man aus Laune und gerade zum Trotz in Gegenwart von Menſchen, die ſich aus Gründen, die uns nicht überzeu⸗ gen können, darüber ärgern, nicht ablegt... Wie dann die Religion auf Armgart wirkte, wiſſen wir... Die Religion war ihr wie dem Volk und wie im Mittelalter der ganzen Bildung der Anhalt alles Heroiſchen und Großen... Man führte im Mittelalter die Vorgänge des Evangeliums auf öffent⸗ licher Bühne auf, um zu zeigen, daß Tyrannen, wie Herodes, vor Gott nicht beſtünden... Was wollten denn nun dieſe böſen Philipps und Ludwigs von Frankreich gegen die vom Chriſtenthum berechtigten Augenſpiegel beginnen?...„Hauspapen“, Franzöſinnen aus klöſter⸗ licher Region legten den Grund der Bildung Armgart's .. Das Penſionat in Lindenwerth hatte nur auszu⸗ beſſern, ohne daß man dabei an beſonders Neues ging ... Armgart lernte etwas zeichnen aus ſich ſelbſt... Nie, daß ſie dafür zur Ermunterung kam; nie, daß ſie an⸗ gefeuert wurde, einen Werth auf ſich zu legen... Sie war ſo anmuthig, ſo hold und lieblich— aber das war ja ihre ———— te Tübbick Krankheit zählt... er ſich im derr Ulrich de Dienſte r unterhal⸗ r, küpfte te Liebe z zwort, das enwart von ct überzel⸗ the wiſſe Polk und er Anhalt führte im auf üffent annen, wie ollten den Frankkeit Augerſpic aus klöſte gungu nur ausi Neues Si ſelbt. ſle daß Sir war jai 279 Schuldigkeit— Himmel! Wie würde ſie„geſtanden“ haben bei ihrer ohnehin ſo„ſchiefen Stellung“, wenn ſie nun gar noch häßlich geweſen wäre!... So warm und innig, wie Benno mit ihr ſprach, ſo ſchwärmeriſch wie Thiebold, das war alles nicht die Fortſetzung deſſen, worauf ſie im Le⸗ ben früh angewieſen war... Euere Liebe, ihr jungen Mädchen, iſt nur das ſtündliche Eintreffen einer ſechs⸗ zehnjährigen Prophezeiung, die Folge des ſtündlichen Erwartens einer verheißenen Huldigung!... Seht nur die blaſſe Klavierſpielerin, wie ſie ermattet am Fenſter ſitzt und hinter den Blumen die Vorübergehenden muſtert und berechnet: Der da mit dem goldnen Knopf am Spazier⸗ ſtock und dem Bärtchen geht heute ſchon zum dritten Mal vorüber— gilt das dir? Und galt es ihr, ſo läßt ſie auch gleich das Leben für ihn. Sie ſagt das wenigſtens den Ael⸗ tern. Werden die Annäherungen des jungen Manns von dieſen nicht gewünſcht, ſo verfällt ſie in einen Zuſtand„unglücklicher Liebe“, der ein halbes Jahr dauert und mit dem erſten Winterball endet. In Lindenwerth machte es Armgart, wiel ſonſt in We⸗ ſterhof; ſie neſtelte und bändelte und ſtrickelte den gan⸗ zen Tag— für andere... Sonſt ſchnitzte ſie den kleinen Kindern— ſogar den Kindern der Bedienten Schiffchen von Borke und machte ihnen Püppchen aus Schneider⸗ lappen, die der alte Tübbicke aus Witoborn von ſeinem Sohn mitbrachte... In Lindenwerth hatte ſie erſt da, als ſie die Ankunft der Aeltern in jener Gegend in Er⸗ fahrung brachte, das Bedürfniß, allein zu ſein oder doch nur mit Angelika... Benno's Liebe war ihr nur das Erwerben eines beſten und einzigſten Freundes und 280 Thiebold— das war dann nur der dritte im Bund dieſer großen Verſchwörung gegen die ſchlechten Menſchen und Dinge in der Welt... Da ſo ſagen: In dieſen treuen Seelen hab' ich zwei Menſchen gefunden, die ich für mich feſthalten will und von denen ich den liebſten mir zum Glücklichſein wähle... Das empfand ſie nicht — Und was gab es nicht alles Wichtigeres in der Welt!...„Sie iſt kalt“!„entdeckte“ eines Tages Thie⸗ bold und in der That, ein Kuß war ihr ein Ausdruck der Seele— Benno hätte ſie beim Abſchied getroſt küſſen dürfen... Ein Gelübde iſt dann in der katholiſchen Kirche etwas Hochheiliges. Die Kirche will in dieſem Auslöſchen der Freiheit zunächſt eine Huldigung für Gott, dann eine für ſich ſelbſt. Jede Entäußerung der freien Verfügung über ſpäteres Ja! und Nein! des Willens ſoll ſich treu blei⸗ ben; ſelbſt die Erkenntniß der Uebereilung, ſelbſt die bit⸗ terſte Reue ſoll die Erfüllung nicht hindern; denn ſo nur erhalte ſich die Würde des Altars, dem ja die meiſten Gelübde gewidmet werden, und vorzugsweiſe jene Regel und Ordnung im Beten und Faſten und in alledem, was dann zuletzt ſeine heiligſte Geſtalt im Kloſtergelübde findet... So blieb auch Armgart bei ihrem Wort: Die Stunde iſt da, wo meine Aeltern auf mich Anſprüche machen! Jeder will den Vorzug meiner Liebe! Warum ſoll ich ihnen beiden die Hand nicht feſthalten und ihr Prieſter wer⸗ den zum neugeſchloſſenen Bunde!... Terſchka ſtört dieſen Bund? Nun wohl! Terſchka iſt— furchtbar. Er iſt der Freund des Grafen Hugo und die Mutter des Gra⸗ fen iſt die Freundin meiner Mutter— Sie liebt ihn viel⸗ Bund dieſer tenſchen und jeſen treuen die ich für liebſten mir d ſie nicht eres in der Tages Thie⸗ in Ausdruch chied gelroſ Kirche etwas glöſchen der dann einl Verfügung (ch treu blei⸗ bſt die bie denn ſo umn die meiſte jene Regi lledem, wie re ſndet⸗ die Stumd iche nache 281 leicht nur noch in ihren geheimſten Gedanken— ich will Paula glauben, die das Gegentheil verſichert— aber Terſchka iſt voll Liſt. Wohin mich auch mein Gelübde führt, Terſchka ſoll meine Mutter nie beirren— nie — nie!... Ich ahne meinen Untergang, aber ich opfere lieber mich ſelbſt an Terſchka und nehm' ihn, wenn er mich will... Gott wird mein Beginnen„crönen“!.. Und ſo kam es, daß Armgart zu Terſchka ſagen konnte: Begleiten Sie mich doch heute Abend nach Hauſe!... So kam es, daß ſie ſprach: Soll ich morgen mit auf die Jagd?... So kam es, daß ſie geſtern ſagte: Wie lange bleiben Sie auf Schloß Neuhof?... So— daß ſie ihm ſogar nachrief: Kommen Sie doch nicht zu ſpät!... Daß Terſchka dann auch noch einen beſtrickenden Zug des Unvermeidlichen hatte, that das Uebrige zu einem Entſchluß, mit dem ſie vielleicht unter Tauſenden allein ſteht...„Ich nehme nur Den, den ich liebe!“ ſagte einſt eine Stiftsdame und that mit dem Wort unendlich groß. Armgart erwiderte:„Trivial!“. Bonaventura war gegangen... Paula hatte ſich zu⸗ rückgezogen... Man fand ſich immer mehr und mehr in den Fund der Urkunde, wie man ſich ſchon geſtern in den Brand gefunden hatte... Armgart flatterte in der tiefen Verſchüchterung ihres ganzen Seins dahin... Einmal hörte ſie das Wort „Etikette“ zu Terſchka ſprechen, der mit Augen daſaß, die zwei Kratern eines Vulkans glichen... Glaubt nur nicht, rief ſie, daß Paula nun dieſen Grafen Hugo nimmt! Sie geht in ein Kloſter!... Die Tante rief zornig: Und du gehſt zu Bett!... 282 Armgart ging, aber ſie erſchrak vor jedem Fußtritt, der gehört wurde, vor jedem Geräuſch im Schloſſe... Fräulein von Tüngel⸗Appelhülſen hatte den Stachel in ihre Bruſt geſenkt, daß ſchon die Mutter bei Frau von Sicking wäre... Bei Hedemann würde ſie vom Vater hören... Das nun klang in alles, was ſie that und ſprach, wie ein ſtürmiſches Läuten hinein und wohn⸗ ten nur Benno und Thiebold nicht bei Hedemann, ſie wäre ſchon in aller Frühe zu ihm gerannt... Der Onkel entließ ſie zur Ruhe mit einem herz⸗ innigen Kuß auf die Stirn. Die Aufregung des Schloſ⸗ ſes machte, daß nicht ſogleich die Diener zur Hand waren; ſie ſagte in ihrer Weiſe darüber: Es geht wahr⸗ haftig bei uns jetzt alles Hott und Tule!... Terſchka kannte dieſen Ausdruck nicht... Armgart, darum befragt und ohnehin immer mit ſchwarzen Seelen beſchäftigt, lei⸗ tete ihn von den Hottentotten her; für„Tule“ fragte ſie den Onkel... Von den Hottentotten? wiederholte der Onkel... Hott und Tule?... Angeregt wie er war durch ſeine archivaliſchen Studien, hörte er dieſe Deutung mit Erſtaunen, begann von Ultima Thule, als dem äußerſten Norden der Alten, ließ„Hott“ in der That als äußerſten Süden gelten und hatte nun noch für die Nacht eines jener Objecte, mit denen er ſelbſt in der Sterbe⸗ ſtunde ſeinen bevorſtehenden Tod vergeſſen konnte... Armgart ging in ihren Thurm, vor dem Fall ihres eigenen Schattens erſchreckend... Spähend ſuchten die Augen, ob ſie auch vor jeder Ueberraſchung ſicher war... Sie riegelte heute zu, wie auf der Flucht... —— m Fußtritt Schloſſe. Stachel in bei Frau de ſie vom was ſie that wund wohn⸗ un, ſie wute einem hery des Schloſ zur Hnd geſt wahr „Terſcht rum befragt häftigt, lei⸗ ule“ fragſe wiederholle rregt wie 3 te er die Thule, ols in der Thi noch für die nder terh konnte n Fal ihn üh vor) 1u, W heute zu, eden 283 Eine Viertelſtunde ſpäter, als ſie faſt entkleidet war, klopfte es... Wer ſollte wol anders ſo vorſichtig klopfen als Terſchka?... Sie erbebte und meldete ſich nicht... Terſchka war es in der That und flüſterte: Fräulein Armgart! Ihre Mutter kommt morgen... Sie hörte nur. Ich bin morgen früh in Witoborn zum Begräbniß des Landraths... Sie ſchwieg und zitterte. Haben Sie keinen Auftrag?... Möglich, daß ich erſt zurückkomme, wenn Ihre Mutter ſchon da iſt... Mein Gott! Ich bin ſo unglücklich, die Mutter nicht begrüßen zu können... Aber ich werd's halt ſchrift⸗ lich thun... Küſſen Sie ihr doch in meinem Namen die Hand!... Teufel! ſprach Armgart mit knirſchenden Zähnen und ſprang vom Bett herab, auf dem ſie ſchon halb ent⸗ kleidet ſaß...„Küſſen Sie ihr die Hand“!.. Eine jener Galanterieen, die in dieſem tugendhaften Land mehr etwas Frivoles, als Artiges ausdrückten... Hören Sie denn aber? fuhr Terſchka fort... Jal ſagte ſie mit erſtickter Stimme, doch laut genug, um vernehmbar zu werden.. Sie wird oben am Cavalierſaal wohnen! fuhr Terſchka fort. Die beiden Zimmer rechts; alles iſt vor⸗ bereitet, ohne daß Sie davon ein Wort wiſſen ſollen! 1 Verrathen Sie mich aber nicht!... Meine Blumen müſſen eeinſtweilen als Selam für mich ſprechen! Von den Geri ten und Juſtizräthen rundum komm' ich morgen vor Abend 284 nicht frei und einen Courier muß ich auch von Witoborn in erſter Frühe noch nach England expediren... Haben Sie doch ja ein wenig Mitleid mit mir!.. Nach England, wo die Menſchen proteſtantiſch wer⸗ den und fünfmal hintereinander heirathen dürfen!... So fühlte Armgart... Terſchka mochte nicht ganz das teufliſche Raffinement beſitzen, Armgart's Eiferſucht erregen zu wollen, dennoch that er es mit ſeinen, der ſüdländiſchen Galanterie an⸗ gehörenden Worten wider Willen... Armgart blieb im Zuſtand der Verzweiflung zurück ... Nicht nur daß die Mutter ſchon wieder vor dem Vater den Vorſprung hatte— wie ſprach Terſchka von ihr! Mit welchem Intereſſe! War alles, was er ihr in dieſen Tagen an Huldigungen bewieſen, an Freund⸗ lichkeiten ihr abgerungen hatte, vergeſſen bei dem Ge⸗ danken: So nahe iſt die„ſeltene Frau“, wie er ſie nannte?... Wie konnte dabei das Recht ihres Va⸗ ters beſtehen?... Sie hätte das Schloß wach rufen mögen... Doch wagte ſie nicht das Zimmer zu verlaſſen, da ſie vor Terſchka immer mehr ein Grauen befiel und ſie düſtere Ahnungen bekam... Die finſterſte und abgelegenſte Gegend des Schloſſes hatte er genannt... Der Entſchluß ſtand feſt, daß Armgart morgen nicht im Schloſſe blieb. Sie wollte auf irgendeine Art nach Witoborn zu entkommen ſuchen. Erſt bei Hedemann wollte ſie forſchen und dann bis auf weiteres zu den Frauen im Witoborner Clariſſenkloſter flüchten. So ſchlief ſie ſpät ein... Im Traum erſchienen ihr Engel und Teufel im bunten Gemiſch... Auch Hedemann ———— 89 on Witoborn ... Haben antiſch wer⸗ ürfen!... Naffinement llen, dennoch alanterie an⸗ fflung zurl der vor den Terſchla von was er ihr an Freund⸗ ei dem Ge⸗ 4, wie A tihres Vr wach rüftn zu verliſſe n beſtel un inſteſte Wn genannt 1 morgen mn ine Art un 1 Hedenn⸗ teres 31 ten. 71 eichienn Haena 285 war unter den Teufeln... Er war ihr bei jeder Begeg⸗ nung ſtrenger und ſtrenger geworden... Er verwarf ihre Grundſätze und ihr ganzes Leben auf dem Schloſſe. Er nannte die Art, wie man ihn dort empfangen und wie man noch jetzt die bevorſtehende Rückkehr des Ober⸗ ſten entgegengenommen hätte, eine für dieſen ehrverletzende .Auf ein Urtheil, das ſie, um dieſe Art zu ent⸗ ſchuldigen, gegen den Vater auszuſprechen wagte, unter⸗ brach er ſie mit dem Apoſtel(1 Kor.):„Ihr Kinder ſeid gehorſam den Aeltern in allen Dingen; denn das iſt dem Herrn gefällig—!“ Am Morgen erfuhr ſie, daß ſie nicht allein es war, ddie eine unruhige Nacht durchlebt Hatte... Im Gegentheil, ihre erſchöpfte Natur bedurfte der Stärkung und hatte dieſe nach Mitternacht in einem tiefen, wenn auch kurzen Schlaf gefunden. So hatte ſie nichts von dem Klingeln vernommen, das indeſſen alle Schloßbewohner erſchreckte... Paula, erfuhr ſie am Morgen, war ſo unwohl geweſen, daß man zum Arzt hätte ſchicken wollen... Sie war aufgeſtanden und durch die Zimmer gegangen wie eine Nachtwandelnde, hatte mit ſich geſprochen und Dinge thun wollen, deren Zuſammenhang Niemand verſtand... Ihre Dienerin⸗ nen hatten die Tante rufen müſſen... Dieſe rief dem Onkel... Paula weinte, riß die Thüren auf und hörte keine der liebevollſten Beſchwichtigungen... Der Onkel faßte ihren Zuſtand als die natürliche Folge des neuen Erlebniſſes, als die jetzt freiwerdende langjährige Span⸗ nung des Herzens und der Furcht auf... So wäre es mmer im Menſchen, ſagte er; die Gefühle hätten ihre 286 Geſetze, wie die Mechanik... Das ſprach er höchſt feierlich im gewirkten großblumigen grünſeidenen Schlafrock und ſein komiſcher Anblick ſtörte dabei für Niemanden den erſchüt⸗ ternden Eindruck, den Paula machte, die bis zum Morgen mit ſich auflockernden Haaren hochaufgerichtet und geiſter⸗ haft dahinſchritt und alle gerade durch ihr Schweigen und das eigene Nichtdeutenkönnen ihrer Thränen erſchreckte ... Gegen Morgen ſchlief ſie ein und konnte dann den Vormittag über nicht geſtört werden. Mit den Zimmern am Caralierſaal hatte es ſeine Richtigkeit... Einer der Diener geſtand es Armgart ... Man erwartete die Mutter. Mit den Blumen Terſchka's ſah es ebenſo aus... Sie ſtanden in zierlichen Vaſen oben auf dem Tiſche... Auch den Brief an die Mutter hatte Terſchka zurück⸗ gelaſſen... Dieſen aber nahm Armgart mit Gewalt an ſich, um— ſagte ſie, ihn ſelbſt abzugeben... Der Tante klopfte ſie noch vor dem Frühſtück an ihre Thür mit den Worten: Alſo die Mutter kommt?... Ja, Armgart! hieß es hinter dieſer Thür. Aber ich ſage dir, daß ich Schonung verlange! Wir gehen Tagen entgegen wie zum Jüngſten Gericht!... Dies ſtarke Wort ſchnitt alles ab und trotzdem rauchte der Onkel den Corridor entlang kommend ſeine Pfeife und trug große ſchweinslederne Chronkien unterm Arm, in die die Urkunde eingelegt war... Richtig, Armgart! Ja, auch das erreicht jetzt ſein natürliches Ziel! ſagte er. Ordne getroſt deine kleine Welt einer höhern unter; deine Mutter trifft heute Abend ein und ſei ihr ein gehorſames Kind! Ich — höchſt feierlc ffrock und ſei den erſchlt⸗ zum Morgen t und geiſte⸗ chweigen un un erſcr nte dann de utt es fin des Armnn enſo aus. em Tiſche. erſchka zuri it Gewalt, Frühſtüc kommt? zr. Aber Uhr. 7 8 Tag rgehen L 287 bin entzückt von ihren Briefen. Daß ſie mit meinem Bruder nicht zuſammentreffen will, verdenk ich ihr nicht — Solche aus dem Verſtand geſchloſſene Ausſöhnungen erhalten ſich nicht... Wie der Onkel das ſagte, erſcholl in weiter Ferne eine gewaltige Erſchütterung der Luft... Sieh, ſieh! ſprach Levinus und horchte auf. Das iſt die Salve, die die Huſaren dem Landrath ins Grab mitgeben!.. Noch eine zweite folgte... Still! So ehrt man einen ehemaligen Krieger!... Eine dritte... Ruhe ſeiner Aſche!.. Der Onkel klopfte die Aſche ſeiner Pfeife aus und ging. Armgart blieb bei ihrem Entſchluß zur Flucht... Nur deshalb ſchwieg ſie zu allem und entfernte ſich ruhig... Im Lauf des Vormittags entwickelte ſich die wunderbare Begebenheit der entdeckten Urkunde immer mehr in ihren Fol⸗ gen und in den Echos, die dergleichen in den Gemüthern hervorruft... Die einen fanden hier einen Triumph der alleinſeligmachenden Kirche; die andern beklagten im ſtillen die geſtörte Ausſicht auf merkwürdige und unterhaltende Veränderungen... Mancher hätte aber auch wieder fürchten müſſen, in ſeinem bisherigen Verhältniß wenn nicht zu Weſterhof, doch zu den übrigen Beſitzungen der Dorſtes geſtört zu werden. Dieſe jubelten... Bei wieder an⸗ dern zeigte ſich jener Zug der menſchlichen Natur, daß man ſich ſelbſt an Unangenehmes zuletzt nicht ge umſonſt gewöhnt haben will. Die Tante merkte hie 288 und da dergleichen und ſagte einigen der ſo ſonderbar erſtaunenden Beſucher: Es iſt Ihnen wol gar nicht einmal recht, daß wir hier im Beſitze bleiben?... Mit dem geraubten Briefe auf dem Herzen, im Herzen zunächſt mit dem Gedanken an eine Anfrage um den Vater bei Hedemann, irrte Armgart im Schloß und ließ ſich ruhig die Reden gefallen, die die Tante an ſie hielt und die ihr zuletzt freundlich zuſprachen, ja ihr ſchmeichelten...— Armgart, ſagte ſie faſt mit Herzlichkeit, liebes Kind, ich wüßte doch gar nicht, was mir Freudigeres begegnen könnte, als gerade in deiſen aufgeregten Stimmungen ſolch eine Beruhigung! Morgen muß ein Hochamt in Sanct⸗ Libori ſtattfinden— Müllenhoff wird ſich ſchon heraus⸗ reißen und der Domherr iſt ja da— ein Hochamt für dieſe längſt erſehnte Stunde! Ich hatte ja nur dieſe eine Schweſter! Liebte ſie immer!... Eine troſt— reiche Verſöhnung!... Auch Angelika Müller hat mir einen rührenden Brief aus Paris über ihre Begeg⸗ nung mit Monika geſchrieben!... Monika war immer ein ſeltenes Weſen! Zu jeder Zeit! Ich glaube, ich kann ſie nicht mehr von meinem Herzen laſſen! Ja und wie freu' ich mich auch dieſes Beſuchs um Terſchka's wil⸗ len... Der Arme muß in der That vernichtet ſein! ... Er verehrt deine Mutter... Das wird ihn empor⸗ richten!... Die Tante lachte wie ſchadenfroh und war ganz ironiſch gegen Terſchka geſtimmt.... Ein Tag war es dann, an ſich ſo hold, an ſich ſo freundlich, ſo hellſonnig, ſo ganz gemacht zum Empfang Æ=„— ſo ſonderbn rnicht einmn Herzen, in eine Anfrage et in Schlif die die Tant zuſprachen, 1 „litbes Kind eres begegid mmungen ſolt unt in Sanai ſchon ſeralt ein Hochan hatte jt un Eine troſ Müller b r ihre Beni tr war inn aube, ich i i ud reſchku n errichtet 3 ud ihn eät nd wal 14 Ald, an ſt. um Enph 1 289 von Glückwünſchen, die von allen Seiten kamen... Sogar die Leidenden wurden heute von der Treppe ent⸗ fernt, um all die vornehmen Beſuche durchzulaſſen... Durch das Begräbniß des Landraths ließ ſich in dieſer Sphäre natürlich Niemand ſtören... Um elf erſchien Paula in den Vorderzimmern, nach⸗ dem ſie ihr tägliches Amt verrichtet, beim Frühgebet die Kiſſen zu ſegnen, mit denen ſie heilte... Aber ſie ſagte: Meine Kraft iſt hin! Dieſe Mittel helfen nicht mehr!... Man ſprach ihr Muth und Faſſung ein... Nein, erwiderte ſie, ich bete auch nicht mehr ſo, wie ſonſt! Ich habe die Andacht verloren... Schon kamen die Advocaten aus Witoborn... Sowol der, der gegen Nück proceſſirt hatte, wie der, der Nück's bisheriger Bevollmächtigter war... Andere, die an den Angelegenheiten des Hauſes betheiligt waren ... Ein für den Grafen Hugo ſtehender Juſtizrath war der Frommſten einer und beugte ſich tief der Ur⸗ kunde, die ein Gebot der Kirche enthielt...„Der Brand iſt hochverdächtig! Die Zerſtörung des Archivs hat die Veranlaſſung gegeben, das falſche Document an einen Platz zu legen, wo man ja hundertmal es ſchon hätte finden müſſen!“ Dieſe Worte ſprach— allein Benno und doch auch nur bei ſorgfältig beobachteten Thüren n Gegenwart Bonaventura's, der ihn in aller Frühe in Hedemann's Häuschen beſucht hatte... Benno erfuhr jetzt von ſeinem in Rührung vor ihm tehenden, mit ſeltſamer Prüfung ihn betrachtenden Freunde mehr und mehr... Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 19 290 Bonaventura geſtand ihm, was er dachte; geſtand ihm, er wiſſe aus einer Beichte, daß irgendwo, den Ort kenne er nicht, ein Verbrechen dieſer Art, wie nun vielleicht in Weſterhof ſtattgefunden, im Werke geweſen . BBitckert, der noch lebte, durfte nicht genannt wer⸗ den; Hammakern nannte Bonaventura... Benno ging im Zimmer auf und nieder und rief: Ich ſage mich von Nück los! Noch heute reiſ' ich zu⸗ rück! Ein Schurke iſt's! Ich kündige ihm meine Stellung und— ich ſag' es ihm warum!.. Nimmermehr! entgegnete Bonaventura. Wie wäre das möglich! Wie kann man gegen die Ehre und Würde des Hauſes der Dorſtes auftreten!.. Terſchka wird es doch thun müſſen!... Terſchka!... ſprach Bonaventura zögernd... Die Advocaten des Grafen Hugo in Wien—.. Was werden ſie beweiſen können! Und ändert ſich denn auch ſo viel? Man wird in Paula drängen, bald— bald zu vollziehen, was ſchon lange für dieſen Fall— die Convenienz anräth... Thiebold, der vom Begräbniß des Landraths kam und mit den Rüſtungen zur Abreiſe drängte, ſtörte den vollen Erguß der wehmüthigen und gegenſeitig auch gar wohlverſtandenen Empfindungen... Und wenn auch alles ſich ausgeklagt hätte, was doch vergebens nach Worten rang, welcher Reſt blieb nicht noch im Herzen Bonaventura's— beim Hinblick auf den trauernden Freund ſelbſt!...... Als von Armgart die Rede kam, von Terſchka's chte; geſtand gendwo, den ert, wie umn erle geweſe enannt wer r und rief :5 1„It⸗ te reiſ ich z dine Stellung Wie wäh e und Wün gernd.. bien. andert ſi ula drängel ge für dieſ —2 △‿ — = ƽ = — — 291 Werbung um ſie, erwiderte Bonaventura feſten Tones und mit ſicherer Beſtimmtheit: Darüber geb' ich Beruhigung... Hier ſeh' ich bis⸗ jetzt nur das Unmögliche.. Beide ſtaunten des ſo entſchiedenen Worts. Nach Terſchka's durch die Entdeckung der Urkunde verän⸗ derter Stellung aber konnten beide dieſe dunkle Antwort zuletzt in der Ordnung finden... Auch die Erwähnung Lucindens war nicht aus⸗ geblieben und Benno betonte ihre Bekanntſchaft mit Nück, ihre auffallende Hierherkunft, ihre, wie Benno und Thiebold verſicherten, nun auch ſo ſchnell wieder bevorſtehende Abreiſe... Gegen zwölf Uhr fuhr Bonaventura auf Weſterhof und fand die ganze Lebhaftigkeit, die er erwarten durfte... Beſuche kamen und gingen... Auch von Armgart's Mutter und ihrer Nähe wurde geſprochen... Die Stiftsdamen konnten eben nichts für ſich behalten... Gerade als mitten im lebhafteſten Geſpräch auch eine Mittheilung zündete von dem, wie es ſchien, in Aus⸗ führung gekommenen Plan, den hohlen Eichſtamm vom Düſternbrook zum Aufenthalt zweier Eremiten zu ma⸗ chen, trat Paula ein... Ihr Blick ſchien ſagen zu wollen: Die Mauern eines Kloſters nehmen mich auf! In deiner Nähe! Da, wo Thereſe von Seefelden den Schleier trägt, da werde guch ich anpochen!... Man ſprach von den Klöſtern... Man rühmte den ſich mehrenden Zuſtrom zum beſchaulichen Leben... Eine der Beſucherinnen wußte etwas von Treudchen Ley... 19* —— — 292 Bonaventura hörte gerade nach einer andern Gruppe hin, wo Neuangekommene erzählten: Zwei Mönche hät⸗ ten in letzter Nacht Kloſter Himmelpfort verlaſſen und wären Eremiten im winterlichen Walde geworden. Die Namen der Mönche und den Wald konnte man nicht, bezeichnen... Bonaventura ſchwieg zu Allem... Er kannte das Märchen von der verſunkenen Kirche... Ihre Glocke klang und klang und Niemand wußte, wo die Kirche geſtanden . Am Meer ſagen die Schiffer, ſie läge im Wellen⸗ ſchoos, wie ein mahnender Zeigefinger gen oben rage ihr Thurm zuweilen über dem Spiegel auf... Die Jäger kennen die verlorene Kirche im Walde... auch da läutet ſie unſichtbar... So tönte für Bonaventura durch alles, was Paula that und ſprach und die Welt um ſie her that und ſprach, nur der eine Glockenton: Dein bin ich— im Walde— im Meere im Tode— Zu Aller Intereſſe wurde plötzlich Frau von Sicking gemeldet.. Bonaventura hörte auch das nicht... Im Walde— im Meere— im Tode— Paula hatte den gemeldeten Beſuch, der zu gleicher Zeit eine Begrüßung von Seiten Lucindens ſein konnte, erwarten dürfen... Sie wollte ruhig bleiben, ruhig ſich ergeben und doch richtete ſie ſich auf... Nicht wie in bebender Erwartung vor Lucinden... Schon im phyſi⸗ ſchen Schmerz... Noch ehe Lucinde im Vorſaal ſein konnte, fühlte ſte wie mit einem elektriſchen Schlag ſchon die Annäherung ihres Gegenpols... Armgart, die um⸗ irrend, wie ſie war, Lucinden unten geſehen hatte, war —,— ndern Gruppe Mönche hät⸗ verlaſſen und worden... mte man nicht Er kannte das re Glocke klang rche geſtanden ge im Wellen⸗ en oben rahe Bonaventuro ie Welt um ſt zn: Dein bi von Siin 3„49p der zu gleih ſein konnt 15 ,n ſü hen, ruhig 3 293 heraufgeeilt, ſah ſchon die Wirkung, die ſie kannte, um⸗ ſchlang die Freundin, wollte ſie hinwegführen; doch dieſe blieb und lächelte wie immer zu ihrem Schmerz... Die Anweſenden alle— Frau von Böckel⸗Doll⸗ ſpring⸗Sandvoß, Frau von Stein, Gräfin Münnich, Gräfin Styrum⸗Schorum, Fräulein von Merwig, Fräu⸗ lein von Abſam, die alle nun ſchon über Lucinden unter⸗ richteter waren und die Verhältniſſe annähernd über⸗ ſahen— nahmen Paula's Lächeln für Takt und große Güte. Sie verwieſen mit ſtrafendem Blick dem Fräulein von Tüngel⸗Appelhülſen ihren laut ausbrechenden Hohn über die„Perſon, welche“— Lucinde erſchien in Be⸗ gleitung der Frau von Sicking und war eine Büßerin geworden... Frau von Sicking, die zu jener Gattung der weib⸗ lichen Tartüffes gehörte, bei denen man ihrer Uner⸗ gründlichkeit wegen beſſer thut, ihre Gottſeligkeit einfach anzuerkennen und ſie wirklich für das zu nehmen, wo⸗ für ſie erſcheinen wollen, ließ Lucinden in den Vorder⸗ Zrund treten und fand es vollkommen in der Ordnung, daß Gräfin Paula ſogleich von ihr auf die Ueberra⸗ ſchung durch ihre ehemalige Geſellſchafterin im ortho— vädiſchen Inſtitut überging... Sie ſelbſt beobachtete die Mienen Bonaventura's... Sie ſind es, Lucinde! ſprach Paula, Lucinden die Hand reichend... Erſt ſo wenig Jahre getrennt und ſine Ewigkeit iſt's... Meine Tante Benigna von Ubbelohde das!.. Meine Freundin Armgart von Hülleshoven.... So ſtellte Paula mit der mildeſten Miene die Näch⸗ 294 ſten vor und erſt, wie ſie an Bonaventura kam, ſtockte die Rede... Bonaventura erwachte aus ſeinen Träumen... Er verförbte ſich über den plötzlichen, unerwarteten Anblick, wurde dunkelroth und verneigte ſein Haupt— der ihn anredenden Frau von Sicking... Er ſprach und ſprach zu dieſer und doch rief es nur in ſeinem Innern: Paula und Lucinde!... War es wie Tag und Nacht, die da zuſammenſtanden, dann drückte nicht die bräunliche ſchwarzäugige Lucinde mit ihren Augenbrauen und aufgeworfenen Lippen die Nacht und Paula mit ihrem blonden Haar und roſig lichten Wan⸗ gen den Tag aus— umgekehrt war's... Paula war die träumeriſche Nacht, die Nordlandsmaid, die Mondprieſterin; Lucinde der Tag, die Tochter tropiſcher Zonen, die Sonnenjungfrau... Dort Gefühl und Ah⸗ nung in jedem Blick, geſtaltungsloſes Sehnen, krankhafte Gebundenheit der Sinne; hier Verſtand, Wachſamkeit, Willenskraft und Beherrſchung der Leidenſchaften bis zur ſchneidenden Kälte... Beide in Trauertracht... Paula's Kleid ein glänzender, rauſchender Atlasſtoff; Lu⸗ cindens ein hochgehendes, den braunen Hals verdecken⸗ des geflammtes Moirée... Paula's Haar niedergleitend über die Schläfe in langen Locken, im Nacken die Flech⸗ ten in ſchwarzen Kreppbändern verloren... Lucinde trug ihren Hut mit der Reiherfeder... Sie gab ſich ſo, daß die adeligen Herrſchaften Mühe hatten, aus ihrer „Tournüre“ heraus die„Schulmeiſterstochter”“ zu er⸗ kennen, als die ſie ihnen nun bekannt war. Frau von Sicking's vor einigen Tagen ſchon beab⸗ ra kam, ſtoct umen... E. rteten Anblic pt— der ihe ich rief es u .. Pax i ſtanden, dan einde mit ihre die Nacht un lichen Wu „Pauli andsmaid, d chter tropiſ fühl und frankhaß nen, kranth Wachſemte zenſchaften 1 auertracht 3 Alasſtoff Hals verdele 295 ſichtigter Beſuch hatte erſt heute zur Ausführung kommen können und Lucinde kam in der That zu Gruß und Abſchied zugleich... Ihre nächſte Miſſion war erfüllt .. Wohin Hubertus den Brandſtifter geborgen, erfuhr ſie nicht, aber geſtern Nacht noch beim Abendgebet im Mün⸗ ſter kniete er hinter ihr und ſprach: Alles iſt geſchehen! Seien Sie ruhig, ziehen Sie in Frieden und ſorgen Sie jetzt nur für die beiden Eremiten, die in der Reſidenz des Kirchenfürſten und wenn ſie mit den erſten Ler⸗ chen nach Rom ziehen ſollten, einen Anwalt bedürfen werden!... Schon im Hof hatte ſich Lücinde von ihrem Entſetzen über die Brandſtätte geſammelt, ihre Empfin⸗ dungen über„den falſchen Iſidor“, der auf ſo frag⸗ würdige und in ihren Folgen entſcheidende Weiſe die junge Gräfin zur reichſten Erbin des Landes machte, geordnet, ebenſo wie über den Anblick einer Ekſtatiſchen, die zur heiligen Hildegard erhoben werden ſollte und vielleicht im Traumſchlaf ſah— wo Dionyſius Schneid verborgen war und wie Nück auf Lucindens Rückkehr harrte. Frau von Sicking war im vollen Strom der Er⸗ örterungen... Beileidbezeugend über den ſchreckhaften Brand, glückverheißend zum folgenreichen Fund der Ur⸗ kunde... Ihre Sprechweiſe war leiſe... Alle räum⸗ ten ihr den Vorrang ein, daß man ſchwieg, um ſie beſſer hören zu können... Man ſaß jetzt... Nur Bonaventura ſtand noch rückgelehnt am Fenſter... Auch Armgart an der Stuhl⸗ lehne Paula's, die Hand der Freundin haltend, um ihr Zittern zu mildern... Bis zu einem ſo weit gehenden Ueberblick aller Beziehungen, daß Armgart auch Bona⸗ 296 ventura am Widerſtreit dieſer beiden Naturen aufs mächtigſte betheiligt ſah, reichte ihr Auge nicht. Paula's und Lucindens Liebe zu Bonaventura war ihr nur ein„Schwärmen“— jene Empfindung, die ein Mädchenherz in alle Himmel verſetzen kann, nicht aber die Entſagung zum größten Schmerz der Erde macht Lucindens Feierlichkeit war von Frau von Sicking's Be⸗ gleitung ebenſo bedingt, wie von der erſichtlichen Neugier der Anweſenden, die ſie muſterten... Sie ſprach anſchei⸗ nend harmlos mit Armgart von der Begegnung im letzten Sommer an der Maximinuskapelle und von Benno von Aſſelyn... Sie erzählte der jungen Gräfin vom orthopä⸗ diſchen Inſtitut, von deſſen Vorſtand, von einigen jun⸗ gen Mädchen, jenem guten Curatus Niggl, der die ar⸗ men Verwachſenen, Blinden und Lahmen bei ſich zum Kaffee lud... Sogar Bonaventura wurde von ihr ins Geſpräch gezogen... Mit Niggl und Hunnius war er als Prieſter ausgeweiht worden... Auch ein Wort über den Tod Hendrika Delring's konnte nicht ausblei⸗ ben, ebenſo wenig wie die Kunde über Treudchen, die ins Kloſter gegangen war... Bonaventura blieb ſo erregt, daß er nun ſelbſt zu fragen anfing... Wie hat nicht jener große Staatsintriguant ſo Recht gehabt, als er ſagte: Die Sprache iſt erfunden, um unſere Ge⸗ danken zu verbergen!... Das allgemeine Geſpräch kam wieder zurück ruf die beiden Flüchtlinge in den Eichſtamm und jetzt erſt hörte Bonaventura die ihn doppelt erſchreckende Kunde Denn er hatte nichts für Sebaſtus' Befreiung Naturen auft ge nicht.. wentura war dung, die ei kann, nich erz der En Sicings de lichen Neugie ſprach anſchi nung im lehte zin Benno b vom orthopi n einigen jun h der die at bei ſich zul dan ihr i nnius wat! ich ein Wer nicht ausbli Trendchen, 1 nturg ülib Wie ha 297 gethan und machte— ſeiner„prieſterlichen Läſſigkeit“ Vorwürfe... Streit mit dem Provinzial gab man als Urſache dieſer Flucht an. Der Name Hubertus weckte im Geſpräch die Erinne⸗ rung an die Rettung des Dieners, den man im Spi⸗ tal von Witoborn glaubte... Lucinde konnte ſich ſammeln und Kraft gewinnen, den Namen Klingsohr und das fortgeſetzte Anblicken der Damen zu ertragen. Sie behielt daſſelbe bleiche Incarnat, wie immer... Sie zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern... Nur Bonaventura's Auge ſuchte ſie zuweilen und dieſer ſchlug dann das ſeine nieder... Frau von Sicking ſagte dem Domherrn die ſchmei⸗ chelhafteſten Dinge— jetzt auch, als ob ſie ihre geheim⸗ ſten Abneigungen errathen glaubte, recht aufgetragen Loben⸗ des über ſeine Mutter... Gräfin von Styrum⸗Schorum kam heute ſchon von Schloß Neuhof herüber, wo die Kunde von den beiden Mönchen eine nicht geringe Senſa⸗ tion erregt hatte... Der geſetzliche Sinn des Herrn von Wittekind, der ſich ſolcher Nutznießung ſeines Wal⸗ des durch die Gensdarmen erwehren wollte, war über⸗ ſtimmt worden durch ſeine Gemahlin, die aufs drin⸗ gendſte gebeten hatte, dem frommen Verlangen dieſer beiden Brüder nichts in den Weg zu legen. Da man dem Bericht Beifall murmelte, mußte Bonaventura für die Mutter danken... Er dankte und Y bemerkte Lucindens Lächeln... Triumphirend ſchien dieſe ſagen zu wollen: Das alles, was ich hier ſehe und höre, ſind die Opfer, die mir der Gott der Rache bringt!... 298 Sie ließ ſich Klingsohr und Klingsohr ins Ohr rufen; ſie lächelte nicht einmal... Ihre Blicke ſpannen nur lange Fäden und bald war ihr alles wie in einem großen Netze... Mit leiſer Stimme flüſterte ſie mitten in die Schilderung des Lagers, das ſich von Moos und Baum⸗ laub die beiden Flüchtlinge in der Eiche und um dieſe her gemacht hätten, der Tante Benigna zu von dem Brand, von dem Eindruck, den ihr der Anblick der Flamme ſchon vom Schloß Münnichhof aus gemacht hätte... Die Tante ſah nichts von dem Blick, der dieſe liebevollen Worte begleitete, als wenn ſie gelautet hätten: Die Welt ſoll noch in Feuer aufgehen und wie ihr hier alle ſitzt und lächelt, weg habt ihr's doch!... Sie bedauerte, morgen nicht der Dankmette beiwohnen zu können, die in der Liborikirche gehalten werden ſollte... Die— ſen alten Bau würde ſie erſt ſehen, wenn die Exer⸗ citien begännen... Ueber den Bauſtyl der Liborikirche und von byzantiniſchen Rundbogen ſprach ſie ſo unter⸗ richtet, daß die Tante dem ihr zu„geiſtreich“¹ werdenden Geſpräch entſchlüpfte und Lucinden mit dem Onkel Le⸗ vinus in Verbindung brachte, der jetzt erſt zur Geſell⸗ ſchaft hinzutrat... Auch der Onkel kam mit Nachrichten von den ent⸗ flohenen Mönchen und von der Requiſition derſelben durch den Provinzial— und mit— Gensdarmen... Gensdarmen! rief man faſt einſtimmig... Das duldet Herr von Wittekind nimmermehr! rief Frau von Böckel⸗Dollſpring⸗Sandvoß... In ſeinem Walde kann er geſchehen laſſen, was er will!... hieß es.. 3 Ohr vifen ſpannen mn einem groſen mitten in die s und Baun⸗ um dieſe ſ dem Brand der Flamme häͤtte... Die iſe liebevollen fütten: Di eihr hier all Sie bedauett zu können, d Die 2. un die Erki er diborikuch ſie ſo unter⸗ 299 Der Onkel erzählte, was er unten von den Jägern ver⸗ nommen... Man fände beide in der berüchtigten Eiche, wo der alte Klingsohr gefallen... Sein Sohn, der ehe⸗ malige Doctor, läge im Innern derſelben auf einem Lager und läſe ſein Brevier... Hubertus häm⸗ mere mit der Axt eine Hütte und einen Altar und einen Kochherd... Die Nacht noch wäre eine Kälte von drei Grad geweſen... Jetzt thaue es... Die Bauern liefen ſcharenweiſe in den Wald und hülfen den Eremiten bauen und brächten ſo viel Nahrungs⸗ mittel, daß Hubertus den Scherz gemacht hätte, ob ſie hier etwa einen Verkauf halten ſollten? Dennoch nahm er den Ueberſchuß und ſchickte ihn ins Kloſter, wo ſich„nun wol zwei Parteien bilden würden“ ſagte der Onkel lächelnd... Zurück wollen ſie nicht, fuhr er fort, ſich mäßigend, da Niemand in ſeine Jronie ein⸗ ſtimmte; Sebaſtus erbietet ſich, für Jeden, dem ſeine Fürbitte von Werth ſein könnte, täglich ſo viel Roſen⸗ kranzgebete zu ſprechen, als man beſtellt... So hatte man denn wieder ein Wahrzeichen der Zeit mehr, ein hocherfreuliches*) und die kluge Mutter Bona⸗ ventura's debütirte durch die Duldung der beiden Ere⸗ miten mit glänzendem Erfolg... Bonaventura ſah ihre Macht über den Präſidenten... Wenn ihr alle wüßtet, an welchen Fäden dieſe bei⸗ den Mönche geführt werden!... Dieſe Empfindung ſprach Lucinde nicht aus... Jede Erregung ihrer Gefühle niederkämpfend, hob ſie 300 ſogar den Kopf langſam in die Höhe, als ſich die Tüngel⸗Appelhülſen nicht nehmen ließ, zu ſagen: Sie kannten ja früher den ehemaligen Doctor Klings⸗ ohr.. Nur Ein Blick der Misbilligung folgte bei alem die die Schärfe dieſer Frage verſtanden... Lucinde aber erwiderte ruhig und ganz in dem ein⸗ fachen Ton, der hier üblich: Der Pater iſt ein Heiliger geworden... Ich mühe mich, ihm gleichzukommen... Es gelingt mir nicht... So blieb ſie ſiegreich... Als man Beifall murmelte, konnte Bonaventura nicht anders als ſich ſagen: Da ſtrengt nur euern Witz an! Da muß alles zu Schanden werden!... Der Onkel war vom Bewohnen der Baumſtämme, wie immer, auf die Urwelt und die Troglodyten gekom⸗ men und von dieſen auf die Katakomben in Rom... Frau von Sicking kannte die Katakomben ſo ge⸗ nau, wie die Boudoirs ihrer Wohnungen in Deutſch⸗ land und Belgien... Sie erzählte von mehrern wieder neu eröffneten Grabſtätten der alten Chriſten und Lucinde wußte ſogar die Jahreszahl einzuſchalten von der Ver⸗ folgung des Diocletian... Levinus rückte ihr überraſcht näher und näher... Da aber erhob ſich ſchon Frau von Sicking. Auch Lucinde mußte es thun... Wie gab ſie ſo ſicher Paula die Hand und lächelte ihr und ſprach vom Wiederſehen, vom Frühling, von Geſundheit und, leiſer und demüthig, von ihrer Wunderkraft! Wie ver⸗ als ſich die ſagen: Doctor Klinge⸗ gte bei allen, zin dem ine 3 Uhe . Ich mühe mir nicht. 4 aventurg nich muß alles Baumſtämme adgten gekone in Rom.. mben ſo 9 in Deuſſt nehrern wien 301 ſicherte ſie, daß ſie für Paula bete, und bat, daß Paula dies auch für ſie thun möchte... Der Onkel unterbrach dieſen Abſchied und hörte voll Leidweſen, daß das gelehrte Fräulein ſchon wieder ab⸗ reiſe und erſt zu den Exercitien zurückkäme— Die Com⸗ merzienräthin Kattendyk hatte in der That ihren Wunſch erreicht, hatte eine große Summe für die geheime Thä⸗ tigkeit der Frau von Sicking verſprochen, hatte auch der„Mutter Gottes von Telgte“, einem wunderthätigen Gnadenbild der Gegend, ein koſtbares neues durch und durch mit Silber geſticktes Kleid angelobt, eine Pracht⸗ ſchöpfung aus den Ateliers der Damen Eva und Apol⸗ lonia Schnuphaſe... Ein unendliches Weh lag auf den Zügen Bonaven⸗ tura’s, Paula's und Armgart's... In dem:„Segne Sie Gott, Gräfin!“ Lucindens lag etwas, als wenn ihr die Leiden aller Märtyrer für die Zukunft voraus⸗ geſagt würden... Bonaventura fühlte die Abſicht dieſes ihm nur allein kalt und wie ein Fluch erklingenden Tones... Die Hand hätte er zurückreißen mögen, die erſtarrt Paula in die ſchwarzen Handſchuhe Lucindens legte... Beide Frauen, die Geliebte und die Verſchmähte, waren an Wuchs ſich gleich; Paula ſchön an ſich und noch mehr durch den Reiz der Jungfräulichkeit ätheriſch wie ein Hauch; Lueinde wie eine Brunhild— durch ihre geheimnißvolle Kälte beſtrickend... Paula hätte Lucinden feſthalten mögen, trotzdem daß ſie fühlte: Das iſt ſie immer noch ſnit ihrem Haß gegen dich und mit ihrer Eiferſucht! Sie het m 8 iſt es immer noch, die ſich berufen glaubt, die Einzige 302 zu ſein, die über Bonaventura wachen dürfe! Sie, die ſonſt ſchon nicht ruhte und raſtete in Annäherungen und Verhinderungen der Ruhe und des Glücks eines Man⸗ nes, der, wenn er lieben dürfte, ſeine Wahl doch ſo nicht treffen würde... Aber Lucinde war das einzige Weſen, das ſie vom Traumſchlaf heilen konnte. Seit der erſten Viſion beim Eintritt Lucindens in das Inſtitut, ſeit der erſten Einmiſchung der Eiferſucht ſchon damals, als Paula, träumend, den geliebten Prieſter vom Bekennen der ewigen Gelübde abzuhalten ſuchte und Lucinde in dieſem Prieſter Den in Erfahrung brachte, der ihr ſelbſt eben der wiedererſtandene Serlo erſchie⸗ nen— war in Lucindens unmittelbarer Nähe jenes Traumleben nie wieder eingetreten und ſie ſehnte ſich ja, frei zu werden von dieſen unheimlichen magiſchen Gewalten.. Endlich war das ein Ausbruch von Urtheilen, als Lucinde und Frau von Sicking gegangen waren! Alle Schleuſen waren aufgezogen... Paula und Bonaventura konnten ſich eine Weile allein angehören... Die Blumen, die am Fenſter blühten, die im Waſſerglaſe gezogenen Hyacinthen, die behenden Goldfiſchchen in kryſtallener Schale, all der lieblich trauliche Vorfrühling, den beide in der Nähe des Fenſters genießen konnten, hätte ſie fortreißen ſol⸗ len, das warme blühende Leben auch Athem an Athem zu empfinden und ſich leiſe zu ſagen: Wir, wir gehö⸗ ren uns doch!... Das lauſchte aber und plauderte und klatſchte und lauſchte... Es ſtand glücklicherweiſe nichts ſtill, alles ſchritt vorwärts... Selig wogen durfte wenig⸗ ffe! Sie, di iherungen md geines Man Gahl doch ſo er das einzige konnte.. indens in da äferjuch ſche tebten Prieſte ten ſuchte un zrung bracht Serlo erſchi⸗ Nähe jenet je ſehnte ſic hen magiſchen Urtheilen, d Ml waren! „„ Weile ch eine W 1 „ al Fenſt ſtens die Bruſt und auf die Lippen treten ſelbſt ein lau⸗ teres Wort der Vertraulichkeit... Inzwiſchen fehlte Armgart, ohne daß man es ſo⸗ fort bemerkte.. Armgart war Lucinden und Frau von Sicking ge⸗ folgt, hatte Hut und Mantel und eine große Taſche er⸗ griffen, die ſchon im Vorſaal zu ihrer Flucht bereit lagen, hatte den Brief Terſchka's in ihrem Buſen verborgen und ſchlich den ſich Entfernenden an das Hauptportal nach... Als ſie einſtiegen, ſagte ſie raſch: Laſſen Sie mich mit, meine Damen! Ich habe in Witoborn zu thun! Vergeben Sie! Ich ſtöre nicht! Ich ſitze hier rückwärts!... Schon ſaß ſie... Frau von Sicking lächelte zerſtreut und meinte, ſie wollten einen Umweg machen, um ſich nach dem Befinden des Herrn Pfarrers Milllenhoff zu erkundigen. Das thut nichts! antwortete Armgart in Haſt, Wenn Sie mir nur verſprechen, mich dann von Ihrer Wohnung aus nach Witoborn fahren zu laſſen!... Sehr gern! ſprach Frau von Sicking, mächtig ergriffen, wie es ſchien, noch immer von Bonaventura... De⸗ moiſelle Schwarz kann dann auch nach Witoborn mit Ihnen fahren! ſetzte ſie wohlwollend hinzu.. Lucinde ſaß tiefbrütend und hatte Mühe, ihre Ner⸗ den zu bekämpfen... Jetzt war ſie jenem Weinkrampf tahe, der ſie nach langer Spannung zu überfallen pflegte... Armgart ſtellte Frau von Sicking über die Ankunft Ner Mutter zur Rede... 304 Dieſe, ſich in die Frage langſam findend, ſagte: Sie irren ſich, kleiner Engel!... Sie war gar nicht bei mir! Ich werde die Bekanntſchaft erſt ſpäter machen!... Aber Sie haben recht! Fräulein von Tüngel und Demoiſelle Schwarz ſprachen von ihr. Ich bot ihr ſchon lange meine Wohnung an und ich beſinne mich— ich hörte ja— eine Grille von Ihnen ... Wie iſt es doch damit?... Ein Gelübde, gnädige Frau! verbeſſerte Armgart... Frau von Sicking verzog die Miene zum Ernſt und beſann ſich jetzt: Nun wohl, jetzt weiß ich— Aber— Himmel— ich entführe Sie doch nicht?... Wie war das Verhält⸗ niß? Richtig! Richtig!... Ich laſſe halten.. Der Wagen ſlog aber pfeilgeſchwind dahin... So duldete die Tante nicht, daß die alten Pferde der Dor⸗ ſtets anzogen... Armgart bat, keine Beſorgniß zu hegen; ſie hätte dringend in Witoborn zu thun.. Frau von Sicking beruhigte ſich und verfiel wieder in ihre eigene Gedankenwelt... Auch Lucinde blieb lange tiefverloren im Nachklang des Ebenerlebten... Alle andern Gefahren traten ihr gegen einen einzigen mit Bonaventura zuſammen ver⸗ lebten Augenblick zurück... Allmählich aber ſchien ſie geneigt, von Armgart Notiz zu nehmen... Sie erzählte einiges von ihrer Mutter, rühmte ſie, geſtand einen Brief der Commerzienräthin in Ange⸗ legenheiten ihrer Mutter zu, wandte ſich dann in ihr Brü⸗ ten zurück und nur noch einmal nannte ſie Terſchka... haft erſt ſpät Fräulein don von ihr ig an und it ille von Ihma te Armgart zum Ernſt un verfiel nin in Nachtan tren katn zujammen 4 305 Armgart hätte ſie für ein Lächeln dabei erdolchen mögen... Lucinde erzählte das ganze erſte Begegnen mit Terſchka in Piter Kattendyl's Geſellſchaft... Armgart's beide Zähne blinkten... Frau von Sicking rügte mit großer Strenge die Abſicht des„Herrn Oberſten“, ihres Vaters, in Wito⸗ born eine Fabrik zu gründen... Und paßte das auch für ſeinen Stand, wie kann er gerade einen Zweig der Induſtrie wählen, der für Witoborn— ich kann es nicht anders nennen, ſagte ſie— eine Blasphemie iſt... Sie werden ihn jetzt wol bald ſelbſt ſehen... Sagen Sie ihm das, mein Kind! Die Geſellſchaft iſt darüber außer ſich... Ein Hülleshoven legt eine Fabrikation von Papier an— in Witoborn!... Denn ſage man, was man will, das Papier iſt eine Erfindung des Teufels .. die Buchdruckerpreſſe gewiß... Armgart hörte dieſe Anſichten nicht zum erſten mal und dachte ebenſo und hielt in ſchmerzlicher Ergebung den Vater für angeſteckt von engliſchen Einflüſſen.. Sie verfiel darüber in große Trauer... Lucinde bezeigte für Armgart noch immer nur ein vornehmes und geringſchätzendes Mitleid.. Solche leine Welt, die„auch ſchon mitreden will“, war ihr än Gegenſtand der Abneigung... Dennoch fing ſie an etwas zu ſcherzen, als Frau ron Sicking am Pfarrhauſe abgeſtiegen war, um ſich ſlbſt nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen und ihn womöglich zu ſprechen... Sie neckte jetzt Armgart 1 (nit Benno und Thiebold... Dann auch mit Terſchka, Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 20 306 den ſie am Zagdabend trotz ihrer Aufregung bei Tafel ſcharf beobachtet hatte... Ihr kluger Blick ſah ſogleich, wie die Augen Arm⸗ gart's aufleuchteten, als ſie, in dem jungen Herzen wie mit einem ſpitzen Meſſer bohrend, ſprach: Aber was red' ich denn! Terſchka ſchwärmt ja für Ihre Mutter! Und jeder wird das müſſen! Sie hat graue Locken, das iſt wahr! Aber ſehen Sie, dort liegt noch der Schnee auf dem kleinen Dachwinkel der Libori⸗ kirche und alles rings iſt wie belebt von Frühlingsah⸗ nung... So auch— bei Ihrer Mutter. Dich kenn' ich jetzt ganz! hätte Armgart rufen und ſich auf ſie werfen mögen.. Frau von Sicking kam zurück, becomplimentirt von Müllenhoff, der zwar noch ziemlich angegriffen ausſah, aber doch die Berathung mit den Gemeindevorſtänden in Sachen ſeines Dorfconcordates heute nicht ausgeſetzt hatte... Müllenhoff war die Verlegenheit und das Hochent⸗ zücken ſelbſt... Er ließ den Bedienten nicht an den Schlag, nur um Frau von Sicking ſelbſt hineinheben und die beiden andern Damen begrüßen zu können. Esbouquet und Sammet und Seide thaten es ihm an ... Ohne Zweifel drückte er die zarten Glacchandſchuhe der Dame, die er in den Wagen hob... Wol fünf Mi⸗ nuten lang ſah er dem Wagen nach und würde ſich unfehlbar aufs neue erkältet haben, hätte ihn nicht die Kathrein ins Haus zurückgezwungen.. Die weitere Fahrt wurde noch ſchweigſamer, als die frühere... Lucinde mußte über den Einfluß des Prieſterthums auf die Ueberzeugungen der Frau von Sicking xgung bei Taf ie Augen Am gen Herzen w ſchwärmt ja ſ ſſen! Sie h Sie, dort t lieg nkel der d liba Füühünge ter... mgart rufen Un mplimen tit ffen ausſah, unden in ſetzt t hatte. nd das b in nicht t an d dbſt hineinſt Saht ihre Satyre unterdrücken... Armgart verfiel, je mehr ſie ſich Witoborn näherte, in Angſt und Wehmuth... Sie hatte von Lucindens Weſen auf die Länge nicht ganz die Wirkung, wie Paula... Sie ſah ſie prüfend und prüfend an, verglich den Eindruck, den ſie ihr im vorigen Jahre machte, mit dem jetzigen... Sie fühlte ſich eher ſchon durch ſie angezogen, als abgeſtoßen... Sie erzählte bereits am Pfarrhauſe Lucinden, warum Paula nach ihr ſo oft ein aufrichtiges Verlangen trüge... Paula's letzte Viſion mußte ſie erzählen.. Wieder tadelte Frau von Sicking, daß die Comteſſe nicht die reinen Anſchauungen vom Kreuze hätte. Sie beſtritt ein Vorhandenſein des eigentlichen Hochſchlafs, mit dem ganz andere Erſcheinungen verbunden zu ſein pflegten, nicht ſelten ein Abdruck aller Nägelmale des Herrn auf dem Körper einer ſolchen Himmelsbraut. Armgart war ſo tief unglücklich, daß ſie auf dieſen Angriff ſchwieg... Sie preßte nur den Brief Terſchka's en ihre Bruſt und fah und hörte im Geiſt ſchon die Mühlen Hedemann's und die Klingel an der Kloſterpforte... Endlich war man auch beim ſtattlichen Gitter vor vem Landhauſe der Frau von Sicking angekommen... Ddiieſe ſtieg aus und bat Lucinden, das Fräulein nach Witoborn zu begleiten... Die Angelegenheiten des jungen Herzens intereſſirten ſie nicht. Lucinde hatte in Witoborn für ſöre Abreiſe Vor⸗ ſehrungen zu treffen und hoffte auch noch etwas im anünſter von Hubertus zu erfahren, falls ſich dieſer aus dem Walde herauswagte... Sie wollte fort, ehe der Rath von Enckefuß eintraf. 20* 308 Inzwiſchen hatte ſie angefangen, dem jungen Kinde immer mehr Theilnahme zu ſchenken... Hing doch Armgart mit dem Leben ſo vieler Perſonen zuſammen, die ihr werth waren... Offenbar befand ſich die Kleine wieder auf der Flucht vor ihren Aeltern; die Gründe dafür waren landbekannt... Allmählich verglich ſie Armgart mit Treudchen Ley... Wer ihr unbedingt gehorchte, dem konnte ſie auch ſchmeicheln... Sie zog ihre Handſchuhe aus und fuhr mit den Fingern über Armgart's Stirn... Sie haben auch ſchon Sorgen? ſagte ſie... In Armgart's Antwortsblick lag: Was gehen dich meine Sorgen an oder biſt du— vielleicht doch nicht ſo ſchlimm, wie ſie alle ſagen?.. Lucinde verſtand dieſen Blick... Man läſtert mich wol recht auf Weſterhof? Nicht wahr?... ſprach ſie ſeufzend... Auf Weſterhofd Da läſtert man nicht! Aber in Heiligenkreuz, ja da ſtehen Sie ſchlecht genug angeſchrie⸗ ben... Das kann ich Ihnen ſagen... Lucinde warf verächtlich die Lippen auf... Dann ſtreckte ſie die Hand aus und zog Armgart zu ſich hin⸗ über— Armgart hatte durchaus auf dem Rückſitz blei⸗ ben wollen— Ja ſie hielt ſogar Armgart's Hand feſt, die den Brief zu bedecken ſuchte... Der Brief wurde ſichtbar, doch beachtete ihn Lucinde nicht... So ſchlecht alſo hat man mich gemacht!... wiederholte ſie. Und gewiß iſt es die Unbeſcholtenſte von allen, Fräulein von Tüngel, die mich am meiſten läſtert!... Haſſen Sie denn nicht auch ſo die Dummheit?... Dieſe Dame jungen Kinde .. Hing doc nen zuſammen ſich die Klein n. die Gründe ich verglih ſi ihr unbeding 4.„Sie zog Fingern über ſie.. sder biſt di— lle ſagen?. aaf? Nil. ſterhof? 309 ſpeculirte auf einen armen Phantaſten, der ſie aller⸗ dings um meinetwillen nicht mochte. Jeröme von Wittekind! Ich weiß alles... Und — Ihr— Ihr Doctor Klingsohr... Den trägt man Ihnen bitter und mit Recht nach... Lucinde zuckte die Schultern und ſagte: Den hab' ich nie geliebt... Sieh, ſieh, weißt du ſchon, was die Liebe iſt?... Dies„Du“ flocht ſie, indem ſie mit dem ſchwarzen Handſchuh fingerdrohte, ſo gewandt und liſtig ins Ge⸗ ſpräch, daß Armgart vor dem traulichen Ton zwar erſchrak und von ihr abrückte, ohne ihr jedoch zürnen zu können; ihr kam das Du dann noch natürlicher, als ſie ſprach: Lucinde! Dich ſollte eigentlich jeder meiden!... So! entgegnete dieſe mit zuckenden Lippen und fiel in ihre kältere Art zurück. Das ſpricht Armgart! Ihre Mutter kommt heute und Sie fliehen wieder vor ihr— wieder mit zwei jungen Männern vielleicht— Sie müßten doch wol ſchon gelernt haben, wie Frauen leicht und unſchuldig in einen falſchen Ruf kommen können... Armgart wurde über die beiden jungen Männer roth... Alle Welt weiß ja ſchon von Ihrem Vorſatz!... Ich laſſe den Wagen halten und verhindere Ihre neuen Thorheiten— Lucinde!... Freilich! Sagen Sie gleich, wo wollen Sie hin?... Zu Hedemann— Dort finden Sie Ihren Vater— 310 Armgart ſprang auf und ſank durch die Bewegung des Wagens auf Lucindens Schoos... Dieſe hielt ſie feſt... Dann flieh' ich zu den Clariſſinnen ins Kloſter.. Oder in den Wald zu den Eremiten— oder in die weite Welt hinaus!... Lucinde mußte Armgart, die ſich loswand, von ihrem Schooſe freigeben... Sie betrachtete das aufgevegte junge Mädchen halb mit Lachen, halb mit Rührung und ließ ſich von Armgart's Gelübde erzählen... Auch an Serlo's Töchter dachte ſie bei ihrer Vergleichung... Sie wandte ſich Armgart zu, die wieder neben ihr ſaß ... Lucindens Augen hätten dabei vor Liſt glänzen kön⸗ nen und glänzten doch nur vor Theilnahme... Ihr Mund öffnete ſich... Ihre ganze Erregung machte ſie jung und ſchön, wie in den Tagen ihrer erſten Blüte... Armgart athmete kaum, ſo bangte ihr vor der Beglei⸗ terin und dies Bangen wurde ihr ein wohliges... Lucinde, ſagte ſie tonlos, du kannſt Latein, Italie⸗ niſch, haſt unſern Glauben angenommen... aber ich fürchte mich doch vor dir... Weil ich ſo ſchlecht bin!... erwiderte Lucinde vor ſich hin und ihre ſchwarzen Augen verſchlangen mit einer ungewiſſen Sehnſucht die braunen Armgart's... Du biſt eine Schlange, eine Hexe, ſagen ſie. Dann bin ich es auch wol! Darauf verſtehen ſich ja die Menſchen und beſonders die Frauen. Armgart kämpfte immer mehr gegen die Beſtrickung durch dieſe auch ihrer Lebensauffaſſung ſo verwandte Ironie... die Bewegung is Kloſter joder in di und, von ihre das aufgeregt mit Rührung hlen... Aud gleich ung. neben ihr rhi iſt glänzen li hme.. NIh ung machte ſ rſt ten Blüte. 4 or der Begli hliges. Latein, Iteli⸗ aber gucinde de agen ſie u ſrin 6 e Bi ſo verwan 311 Seit ich leſen kann, ſeit Paula in die Anſtalt kam, fuhr ſie fort, hab' ich dich, Lucinde, fürchten gelernt... Paula ſchrieb zwar immer von dir, ich ſage dir das offen, mit Bewunderung... Sie iſt ſo gut, ſie verehrt dich... Wahrhaftig!... Und ich weiß doch, daß ſie eigentlich nur immer Angſt vor dir haben ſollte.. Auch noch jetzt? ſagte Lucinde mit dem Ton der Re⸗ ſignation und in Anſpielung auf Bonaventura... In ihren Viſionen ſieht ſie dich fortwährend. Und wie dann?... Nie gut... Dieſe Viſionen lügen... Kluge Armgart!... Dieſe Viſionen ſind nur Widerſpiegelungen aus Paula's eigenem Innern. Glaube mir's!... Was würden wir nicht alles ſagen und verrathen können, wenn wir ſo plötzlich den Wil⸗ len und die Selbſtbeherrſchung verlören!... Paula ſieht nichts, was außer ihr iſt. Sie ſieht nur Bilder der Er⸗ innerung, ihres Wiſſens und ſonſtigen Ahnens und Füh⸗ lens. Sie ſpricht nur die Gedanken aus, die ſich im Men⸗ ſchen unbewußt ſammeln und ihm in den Mund kommen, er weiß ſelbſt nicht wie. Wenn du träumſt, Armgart, iſt es dir nicht gerade ebenſo?... Daß ſie dann freilich, ohne es zu wiſſen, alles herausſpricht, das iſt eine fatale Krankheit... Armgart dachte allen dieſen Worten nach, ſagte dann aber doch: Du irrſt, Lucinde! Sah ſie nicht kürzlich den Vater des Domherrn?... Von Aſſelyn?... Warum nicht? Sie beſchrieb ihn, wie man vom Lande der Seligen träumt... 312 Nein, nein! Das wirkliche Italien war's, wo ir ihn ſah... Terſchka— beſtätigte alles. Unſere Vorſtellung vom Paradieſe iſt— ſo etwas wie Italien... ſagte Lucinde, ſchwieg dann aber und ließ Armgart Recht behalten.. Dadurch wurde dieſe noch ſicherer.. Dein armer Klingsohr! fuhr Armgart fort. Der liebt dich wol noch jetzt! Wie weit hin war der berühmt! Noch im letzten Herbſt wurden ſeine Aufſätze jeden Abend bei uns vorgeleſen. Alle ſagten dann: Das iſt der Sohn des Deichgrafen! Das iſt der, der um— deine Lucinde, Paula, ins Kloſter gegangen iſt! Die Tante wollte nicht, daß ich erführe, was Liebe iſt, und ſagte: Ach was! Aus Schmerz um ſeinen Vater, aus Reue über ſein Einverſtändniß mit dem Kron⸗ ſyndikus iſt er in's Kloſter gegangen!.. Ein Kloſter iſt für vieles gut— das ſiehſt du an deiner Mutter und an dir... ſagte Lucinde ausweichend .Alſo die Liebe ſollteſt du nicht kennen lernen und nun kennſt du ſie?... Herr von Terſchka liebt jetzt ſtatt deiner Mutter— glaub' ich— dich... Armgart ergriff Lucindens Hand und ſagte mit er⸗ ſtickter Stimme: Was ſprichſt du da. Ich ſah es ja neulich bei dem Jagdbanket— den Augen der Männer ſieht man das an! Terſchka's Augen verſchlangen dich. Lucinde! rief Armgart ablehnend— und ihr Auge verſchlang doch auch die Augen Lucindens. var's, wo ſi — ſo etwat ann aber und art. Der liebt erühmt! Noh jeden Abend Das iſt der um— deint n iſt! D Liebe iſt, und ſeinen Vater, dem Krol⸗ ſiehſt du an⸗ ausweichend n lernen und tka liebt jett ſagte mi e anket— d ſchkas Augen 1, Angt nd ihr 1 1 4 4 313 Gest la vogue!... Auch Benno von Aſſelyn und Thiebold de Jonge lieben dich... Armgart nannte franzöſiſch die Sprache, die Gott geſchaffen hätte, Dinge zu ſagen, die andere Nationen zu ſagen ſich ſchämten... Sie ſagte das eben... Als Lucinde darüber lachte, fiel ſie ſich ihr abwen⸗ dend ein: Wähle du dir einen davon!... Lucinde ging auf den Scherz ein: Hm, Thiebold de Jonge? ſagte ſie... Ei, der iſt ſehr reich und das iſt viel werth... Aber... Was hilft mir ein Mann, für den ich den Verſtand haben muß! Dein Vater hat ihn aus dem Waſſer gezogen, hör' ich. Mir würde er— ewig im Sanct⸗Moritz liegen. Immer müßte ich ihn an den Haaren halten... Seine Haare ſind freilich hübſch... Nun ja, mir recht! Um die Wahrheit zu ſagen, ein rechter Mann muß ein bis⸗ chen dumm oder lieber noch wild ſein, dann iſt's eine Luſt, ihn ziehen und zähmen zu können... Wahrhaftig, ich nähme den Thiebold noch lieber als den Benno.. Armgart horchte einer Sprache, die ſie— für frivol hätte erklären müſſen und die ſie doch feſſelnd fand... Benno— der iſt ſchön, intereſſant, aber— eingebildet! fuhr Lucinde fort. Der ließe keine Frau aufkommen... Im⸗ mer würde er ihren Verſtand mit Jronie behandeln... Rein, nein, dieſe Männer, die ſich ſo klug dünken— Armgart hielt Lueinden den Mund zu... Terſchka freilich— fuhr dieſe fort.. Das Kapitel verſtehſt du nicht... Lucinde machte ſich frei und fuhr fort: 314 Terſchka— das denk' ich mir ſo! Graf Hugo iſt Terſchka's Freund... Geht Paula, deine Freundin, nach Wien, ſo wirſt du, Närrchen, natürlich folgen wollen und da— macht ſich denn alles ganz natürlich— Nach Wien? unterbrach Armgart. Nach Wien? Wer geht nach Wien?.... Ich höre doch... Sie geht in ein Kloſter... Wie ich... Nur— daß ich ſchon heute gehe... Pah! Ihre Aufgabe, die Aeltern zu verſöhnen, ſagte Lucinde, iſt nicht ſo ſchwer.. Es iſt wahr, Ihre Aeltern haſſen ſich; aber es gibt einen Haß, der der unmittelbarſte Gegenpol der Liebe iſt und bei gün⸗ ſtiger Gelegenheit ſogleich in Liebe umſchlägt. Man haßt dann nur, weil man eben nicht liebt, das iſt ein großer Unterſchied vom gewöhnlichen Haß. Der ge⸗ wöhnliche Haß verachtet und will gar nicht lieben. Wenn man aber weiß: Einer iſt nur außer uns im Leben, der uns ganz und gar aufhebt und vernichtet... Nun ringſt du gerade mit dem und mit keinem andern... Weicht er oder weicht er nicht...An ihm allein miſſeſt du deine Kraft ... An ihm deinen Werth... O, das iſt ein ganz anderer Haß... Ja ſchüttle dein liebes Köpfchen nur... Du verſtehſt das alles noch nicht... Tage und Wochen lang nur immer auf Einen denken, immer nur für deſſen Widerlegung, wenn er uns misverſtand, leben, dem zum Widerſpruch, aber auch nur um Den allein das Höchſte und Kühnſte beginnen, malen, dichten, philoſophiren, entbehren;— alles das hat, ich weiß es vom Ober⸗ procurator Nück— auch deine Mutter gethan und keiner ——— Graf Huge deine Freundi atürlich folge n natürlich— ich Wien? W zu verſöhnen Es iſt wahn ſinen Haß, d ſt und bei gi Derr ge Hah. 5 lieben. Wel im Leben, N Nun ring 1. Väit ee ſt du dein andett zat. Mi 315 iſt ihr dabei doch bei all ihrem Zorn und ihrem Schmerz gegenwärtiger geweſen, als immer der Mann, der ſie früher bändigen wollten ehe ſie die Luſt der Freiheit gekoſtet, oder, wie man richtiger ſagt— gebüßt hat... Und wenn ich mir den Oberſten vergegenwärtige, den ich eenne, den ich geſehen und geſprochen habe— Armgart hing an Lucindens Lippen mit bebender Erwartung und hielt krampfhaft ihre Hand... Daß dieſe ihr eigenes Verhältniß zu Bonaventura beſchrieb, wußte ſie nicht; ſo leidenſchaftlich konnte ſie ſich die Liebe zu einem Prieſter nicht denken.. Dein Vater, fuhr Lucinde fort, erſchien mir bei einem kurzen Begegnen in Kocher am Fall eine Natur wie aus Granit. Lieben könnt' ich ihn nicht. Aber— nun kam Lucinde unbewußt in die Anrede mit„Sie“ zurück— Ihre Mutter ſchon, die ſieht nicht, glaub' ich, die Bi⸗ bliothek, die in ſeinem Innern aufgebaut iſt, von zehn⸗ tauſend Bänden Weisheit. Sein Bruder, Ihr Onkel Levinus, hat auch dieſe Bibliothek im Kopf, ich hörte das ja heute; aber der plaudert ſie aus oder ſie liegt krummbucklig in ihm durcheinander, bald orientaliſch, bald ſpaniſch, bald kocht er Gold, bald blos Seife... Der iſt nicht einmal das Converſationslexikon, wo es doch nach den Buchſtaben geht... Aber bei Ihrem Vater— da ſieht man keinen einzigen Titel, keinen Einband, kein Schubfach, keine Rolltreppe— in alten Kloſterbiblio⸗ theken iſt's himmliſch, Armgart!— das iſt alles von ihm verdaut und wirklich Fleiſch und Blut geworden. Denke dir, Armgart— Lucinde ging aus ihrer Zer⸗ ſtreuung wieder in dieſe Anrede über— denke dir 316 dieſen Magen! Dieſe Geſundheit!... Deine Mutter iſt dann gerade ebenſo... Sie liebt deinen Vater, ſowie ſie ihn ſieht— falls freilich nicht bereits dein ſchlimmer, höchſt leichtſinniger— Terſchka— Armgart hielt gerade krampfhaft Terſchka's Brief in der Hand und legte dieſe und den Brief auf Lucindens Mund... Nein! Nein! ſagte Lucinde beruhigend und wieder⸗ holte halb ſpottend das allbekannte Gelübde Armgart'’s: In der Rechten die Mutter, in der Linken den Vater und ſo beide fürs Leben verbunden!... In Witoborn, wo es des Tags nicht blos zu jeder Stunde, ſondern im Grunde immer läutet, hämmerte bereits der unruhige Hinkbote, der in der Glocke jedes Jeſuitenthurms ſitzt. Das ging wie beim Sägemann auf dem Weihnachtstiſch... Armgart bat Lucinden, noch eine Weile auf den Wällen langſam hinfahren zu laſſen... Das Wetter wäre ſo ſchön... Sie wollte zu Hedemann, wollte nach der Ankunft des Vaters fragen und dann ins Kloſter zu den Clariſſinnen... Lucinde that alles, wie gewünſcht und beugte ſich zum Schlag hinaus, um mit dem Kutſcher zu ſprechen ... Dabei entglitt ihrer Bruſt das Kreuz... Du biſt katholiſch geworden! ſagte Armgart, es ihr zurückſteckend. Weißt du auch, was katholiſch iſt?... Katholiſch ſein heißt einen geheiligten Willen haben... Das iſt recht! wallte Armgart auf. Wenn ich Hede⸗ mann geſprochen habe und ehe ich ins Kloſter gehe, beten wir im Dom zuſammen?... Deine Mutt deinen Vatan ht bereits den ka— ka's Brief in de auf Lucinden nd und widder öde Armgertt nken den Vain t blos zu jede utet, hämment er Glocke jede em Sägeman Geile auf de Das Wette un, wollte nc us guſtt und beugte ſ cer zu fynte 317 Ich reiſe heute... entgegnete Lucinde ausweichend... Sie— ins— Kloſter! ſetzte ſie nach einer Weile hinzu und gedachte Treudchen's, die gleichfalls nur einen vorüber⸗ gehenden Schutz im Kloſter ſuchte und dort vielleicht für immer blieb... Wann reiſen Sie denn?... unterbrach Armgart ihre Abmahnungen... In wenig Stunden... Und kommen nicht wieder?... Gegen Oſtern... Armgart's Miene war ſo wehmuthvoll, als wollte ſie ſagen: Wer weiß, wo ich dann bin!... Lucinde ſah dieſen Schmerz, der ſich durch ein Blin⸗ ken der weißen Zähne ausdrückte... Sie nahm jetzt den Brief, den Armgart aus Zer⸗ ſtreuung wieder in der Hand hielt... Sie wollte vom Geſpräch über ihre eigenen Pläne und Abſichten abkommen und ſagte: Das iſt ja ein Brief an Ihre Mutter?... Armgart erſchrak und beſtätigte es kleinlaut... Wollen Sie ihr den Brief aus dem Kloſter ſchicken?... Armgart blieb die Antwort ſchuldig... Haben Sie dieſe wunderliche kleine Handſchrift?... Nein— Herr— von Terſchka... Lucinde nahm den Brief, verglich den Umſtand, daß Armgart dieſen Brief nach Witoborn mitnahm, mit allem, was ſie aus Armgart's Mienen zu leſen glaubte, und ſagte: Der Brief ſollte in Weſterhof Ihre Mutter begrüßen 318 — nicht wahr?... Nun ſind Sie neugierig, was wol Terſchka Ihrer Mutter ſchreibt, während er Ihnen zu gleicher Zeit— Machen Sie doch den Brief des leichtſin⸗ nigen Mannes auf!... Lucinde! rief Armgart und wie wenn einer Mutter ihr Kind ins Waſſer ſtürzen will, griff ſie nach dem Brief— Lucinde gab ihn zurück... Was aber hatte ſie ſchon gethan?... Mit einer einzigen Bewegung des Fingers hatte ſie unter die Klappe des Couverts gegriffen und ſie auf⸗ geriſſen. So gab ſie den Brief an Armgart zurück... Es war eine Regung ihrer alten Natur... Für Armgart war das freilich zu viel... Geſchah ein Verbrechen, das ſo weit ging, ein fremdes Geheimniß nicht zu ſchonen, ſo mußte es feierlich, wenigſtens erſt mit einem Gebet zu Gott geſchehen... Dieſe raſche That lähmte ihr die Sprache... Lucinde lachte darüber... Abſcheuliche! Jetzt erkenn' ich dich! rief endlich Armgart, nur zu einigen Worten ſich ſammelnd... Lucinde konnte nicht aus dem Lachen kommen.. Schändliche! Schändliche!. So leſen Sie doch, Kind— Ich verbitte mir— Lucinde lachte.. Sie verdienen— Was? Armgart! Einen Kuß!... Nicht Ihre Armgart bin ich... Demoiſelle Schwarz! — Halt! Halt!... erig wos n Her Ihnen ſ f des leichtſi⸗ einer Mutte ſie nach den ngers hatte ſ und ſie au att zurück . Geſchah in zeheimniß nic erſ mit einen That lähm rief endlich melnd.. kommen.“ 319 Sie rief dem Kutſcher. Der Wagen hielt... Es war am Eingang in den Witobachgrund... Die Mühlen ſchienen eben zu raſten... Es war ſtill ringsum... Der Bediente ſprang hinunter und öffnete den Schlag... Warum haben Sie mir das gethan! lenkte Armgart wieder zum alten gütigen Tone ein und hielt den Schlag u.... Lucinde, verletzt durch das plötzliche Herauskehren der Fräuleinswürde Armgart's, wandte ſich ab und that, als verlöre ſie mit ſolchen Poſſen nur die Zeit... Ich ſehe es zu gut, ſagte Armgart weinend, daß Ihr Uebertritt zu unſerm Glauben nur eine Heuchelei war! Ja, Sie ſind eine Schlange, die ſich erſt warm an unſerm Herzen einniſtet und dann das Blut ausſaugt! Darum flieht auch alles vor Ihnen! Und ich, ich laſſe mich be⸗ thören! Gerade wie die armen jungen Mädchen auf den Streckbetten damals! Nun fühl' ich wieder den fürch⸗ terlichen Stich im Herzen, wie damals, als ich Sie zum erſten male ſahl!... Lucinde wandte ſich ab und beachtete ſie nicht mehr... Da der Schlag Armgart's Händen entglitten war und das längere Offenſtehen des Wagens Lucinden ver⸗ anlaßte, ihren Mantel, wie gegen Froſt, feſter zu ziehen, ſtieg Armgart aus... Beide trennten ſich, als wäre mitten in ihrem ſchönſten Fluſſe eine Melodie durch das Reißen einer Saite unterbrochen worden. 23. Mit ihrem Bündelchen und dem erbrochenen Briefe ſchritt Armgart wie die verſtoßene Hagar dahin... Sie betrat die Gegend Witoborns, wo ſonſt das Waſſer rauſcht, die Räder brauſen, die Sägemühlen kreiſchen, die Mittagszeit alles ſtill gemacht hatte... Die Witobach machte hier eine Biegung, die einen alten Gefängnißthurm, jetzt das Hauptwerk des ganzen Mühlenbetriebs, wie auf einer Inſel liegen ließ... Hier und da wurde der Weg durchkreuzt von alten durchbrochenen Mauern und großen Schuppen... Hier alſo wollte der Vater ſeinen künftigen Wirkungs⸗ kreis eröffnen, hier eine Erfindung des Satans befördern helfen und Papier machen... Daß doch auch die Gebet⸗ bücher und Breviere des Papiers benöthigt waren, gab Armgart ſchon eine Erkräftigung gegen die ſtrengen Vor⸗ würfe der Frau von Sicking... Aber— welch ein räthſelhaftes Weſen allerdings im Papier liegt, ſie fühlte es an dem Briefe, der ihr enthüllen konnte, was und wie Terſchka ihrer Mutter zu ſchreiben wagte... rochenen Briefe dahin.. wo ſonſt Ri „Sägemihle icht hatte.. a, die einen erl des gauze en ließ.. eußt von alten uppen.. zaen Wirkunge atans befördern 321 Fernab, ſchon in der erſten Häuſerreihe der Straßen, lag das freundliche Häuschen, wo Hedemann wohnte ... Und ſeit einigen Wochen hatten dort Benno und Thiebold gewohnt, ſie, die ſie aus ihrem Leben aus⸗ gelöſcht zu haben glaubte und es doch ſo wenig konnte wie wieder die heutige Erinnerung zeigte... Es war Mittagszeit... Sie konnten, wenn ſie beide noch nicht abgereiſt waren, eben beim beſcheidenen Mahl ihres gaſt⸗ lichen Freundes ſein... Wie bewußtlos ſchritt ſie dahin... Auf einem der ſchmalen Stege und geländerloſen Brückchen, die hier zu überſchreiten waren, begegneten ihr zwei Bekannte... Der bucklige Stammer und Frau Schmeling, die Hebamme... Unwillkürlich erſchauderte ſie trotz des demüthigen Grußes, der von beiden ihr zu Theil wurde... Stam⸗ mer war im Kirchenbann, auch die Schmeling ſollte hineinkommen... Auch von Hedemann hörte man, daß ſich zu Oſtern, beim allgemeinen Communiongang, ſein wahrer Kern enthüllen würde... Die Aeltern Hede⸗ mann's waren gleichfalls im Kirchenbann... Ja ihr eige⸗ ner Vater galt für einen Freigeiſt, wie die Mutter... Sie irrte wie am Scheidewege zwiſchen Himmel und Hölle... Wie lag das Geſpräch mit Lucinden auf ihrem Her⸗ zen... Was hatte ſie an Anſchauungen und wil⸗ den Lebensmaximen vernommen!... Und ſie fühlte ja auch ſchon lange, daß eine ſeltſame Muſik durch ihre eigene Seele zog, fühlte, daß ſie im Vergleich mit ihrer lichtreinen Paula längſt in immer unheimlichere Schatten trat... Sie konnte nichts nennen von dem, Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 21 322 was ſie ſo bedrückte... Aber ihr erſtes Gefühl war, zu ſagen: Das iſt die Sünde!... Und gerade darin lag ihre Angſt, daß in ihr tauſend muthige Stimmen rie⸗ fen: Was Sünde! Gib dich, wie du mußt!... Dies Müſſen war ihr dann wie ein Gezogenwerden ſöen von der Hand des Teufels. Grinſend ſprang der berüchtigte Muſikant zur Seite. Auch die Hebamme ſchien betroffen, ſich von dem Stifts⸗ fräulein hier mit Stammer geſehen zu finden... Sie knixte und erbot ſich mit ſchneller Zunge zu einer Auskunft, da Armgart nicht wußte, wie ſie aus dieſem Labyrinth der kleinen Kanäle der Witobach herauskommen ſollte... Ich wollte zu Hedemann... ſagte ſie. Der iſt eben im Thurm, mein gnädiges Fräulein! Eben ging er die Treppe hinauf... Da!... Sehen Sie... dort die Thür!.. Stammer deutete zu dieſen Worten der Schmeling den kürzern Weg an, auf dem Armgart zu dieſem Thurm gelangen konnte. Alles ringsum blieb ſtill... So viel Worte hätte man hier ſonſt ohne die lebhafteſte Erhebung der Stimme nicht wechſeln können... Der Thurm mußte bewohnt ſein... Eine alte Frau ſtieg von der Außentreppe nieder, in der Hand hielt ſie einige Töpfe... Aus einem Verſchlage, an dem Armgart ſtill ſtand, ſah eine Ziege hervor und bohrte mit den Hörnern an der Oeffnung. Selbſt dar⸗ über wurde ihr ängſtlich zu Muthe... Vollends aber, als ſie die Frau nach Hedemann fragte und an der Ant⸗ wort ſah, daß die Alte taub war... es Gefühl wan gerade darin bo Stimmen ui nußt!... De enwerden ſcher ant zur Seitk. von dem Stift inden... Er einer Auskunſ jeſem Labhein, ommen ſollle. ſe diges Fräͤulän 1... Sele da!. der Schmmelin dieſem Thum n Werte hilt ung del Stinn „in der an zA 31 gerſchlage, 4 rvor und bo 3 Selbſt d gollud 8 und all der 11 1 323 Armgart ſtieg nun von ſelbſt einige Stufen höher in die offene Thür... Von hier wieder abwärts gehend, hatte das alte Mauerwerk im Erdgeſchoß eine Küche, in die man hin⸗ unterblicken konnte... Auf dem Herd unten lagen verglimmende Kohlen... Eine enge ſteinerne, abgetre⸗ tene Treppe führte nach oben hinauf... Sollte ſie ſie beſteigen?... Sie ſah ſich erſt nach einer Klingel um; die Alte folgte ihr ſchon dicht auf der Ferſe und ſprach nichts und betrachtete ſie nur neugierig... Da wurde Armgart von oben angerufen und be⸗ grüßt... „Es war Hedemann's Stimmez; aber ſie ſah ihn noch nicht... Nur die Füße bemerkte ſie... Sie mußte erſt durch eine Fallthür den Kopf ſtecken, bis ſie Hede⸗ mann von Angeſicht ſehen konnte... Fräulein Armgart, Sie ſind es—? rief er ihr entgegen und reichte ihr die Hand, ſie emporzuziehen... Hier ſind Sie ja wie in einem Gefängniß... ſagte ſie... Das war hier auch ehedem ſo etwas! ſagte Hede⸗ mann... Der Thurm gehörte zur Vogtei... Hedemann ſchien hocherfreut von dieſem Beſuch und ſetzte hinzu: Aber darum iſt es hier doch ganz angenehm! Kom⸗ men Sie nur näher!. Hedemann öffnete ein Gemach, das in der That warm und behaglich war. Zwar waren die Fenſter kaum größer, als Schießſcharten, aber da es ihrer vier waren und ſie ganz hoch lagen, erhellten ſie den Raum, der mit 21* 324 einem in einem Alkoven befindlichen Bett, einem alten Lehnſtuhl, einem Tiſch und einigen Stühlen beſetzt war ... Taſſen, Gläſer ſtanden auf einer Kommode.. Es war das Bild einer kleinbürgerlichen Wohnung... Um den Fußboden dieſes Zimmers ſelbſt zu betre⸗ ten, mußten dann beide innenwärts noch einige Stufen hinunterſteigen. Armgart war glücklich, Hedemann hier oben allein ſprechen zu können... Sie warf ihren Muff ab, band den Hut auf, lüftete den Mantel und rückte ſich dem behaglichen halb eiſernen, halb Kachel⸗Ofen näher, um die Füße zu wärmen... Hedemann begleitete alle dieſe Bewegungen mit den Worten: Nun, das iſt gut! Das iſt gut!... Was iſt gut, Hedemann?... Daß Sie nicht in Weſterhof bleiben! Ihre Mutter!... Sie wiſſen—?... Und der Bater?... Das iſt recht, Sie halten am Vater... An Vater und Mutter! Wie Sies immer ja ſelbſt ſagten... Aergert dich aber dein Auge, ſo reiß es aus!... Mit der Mutter können Sie nicht gehen, ohne den Vater zu kränken... Ich weiß es... Und wann kommt der Vater?.. Ich denke, jede Stunde... Sie ſind ein gutes Kind— In Ihren Jahren gehören Sie dem Vater!... Ich will zu den Clariſſinnen gehen, Hedemann, und ort ſo lange warten, bis mich beide abholen... Heute kommt —ꝛ— ett, einem alte hlen beſetzt vn Kommode.. Bohnung.. ſelbſt z1s— Feinige St bier oben alii Muff ab, ban rückte ſich der ffen näher, Wn gungen mit de 325 Da würden Sie den Schleier nehmen müſſen! Daß beide zuſammen kommen, würde lange dauern... Nun, dann— dann thäte es ja auch ſo— vor Gott nichts. Hedemann wallte über dies Wort auf und ſchien von plötzlichen Gedanken ergriffen... Haben Sie ſchon gegeſſen? fragte er... Eſſen und Trinken lehnte Armgart ab... Kommen Sie hinüber in mein Häuschen... Benno und Herr de Jonge ſpeiſen heute nicht bei Tangermanns, ſondern gönnen mir die letzte Ehre... Vielleicht über⸗ raſcht uns zum Nachtiſch— der Oberſt... Hedemann!.. Ich darf nicht... Sie bleiben dann auch gleich drüben... Bei Ihrem Vater!... Ja, deſſen Schild und Ehrengarde müſſen Sie nun werden!... Sie wiſſen ja ſchon von Lindenwerth, wie ich über alles das denke... Der Vatev will keine Virſühunad Ich aber will ſie... Läßt ſich ein Mann vorſchreiben?. Aber die Mutter... Umſtrickt Sie! Auf Weſterhof iſt geſtern das große Loos gezogen! Die Urkunde hat ſich gefunden... Da mag es hoch hergehen... Bleiben Sie getroſt bei Ihrem armen gekränkten Vater... Hedemann— Sie ſind jetzt alt?— Sechszehn Jahre— denk ich .. Warten Sie, ich kann es bis auf die Minute ſagen— 326 Hedemann nahm ein Buch, das unter den Taſſen und Gläſern lag und an ſeinem Einband ſchon als die Bibel zu erkennen war. Hier ſtehen ſie alle, die zu meiner Familie gehören! ... Auch Sie gehören dazu... Guter Hedemann!... Aber hier kann ich nicht länger bleiben... Sie— bleiben hier... Ich gehe nicht nach Weſterhof zurück... Das ver⸗ ſprech' ich... Aber ich will ins Kloſter... Ins Kloſter! Was da! Sie bleiben bei Ihrem Vater! Da ſteht auch Buch Sirach:„Bleibe treu dem Freunde in ſeiner Armuth!“... Armuth?... Arm und reich macht Liebe, Ehre, Anerkennung, Gerechtigkeit... Armgart, Sie müſſen jetzt zum Vater halten! Sie müſſen die Netze der Mutter fliehen! We— ſterhof ſogar, die Tante, den Onkel, alle, die den Ober⸗ ſten läſtern... Die Rede Ihrer Mutter wird ſüß ſein, gewiß... Erſt aber müſſen Sie dem Vater in die Arme fliegen— wie die Tochter Jephtha's, da er die Feinde geſchlagen! Sela!... Sechszehn Jahre, drei Monate und ſieben Tage ſind Sie alt! Da ſteht's!... Das kann ich nicht, Hedemann! ſprang Armgart jetzt auf... Denn ſie erſchrak vor der ſeltſamen Entſchiedenheit des Mannes... Wie könnt Ihr mir rathen, ſo meiner Mutter weh zu thun?... „Der Mann iſt nicht geſchaffen um des Weibes willen!“ ſpricht Paulus— ſondern— doch wohl um⸗ gekehrt... den Taſſen aen als die gehören! wich nicht Das ver⸗ hei Ihrem e treu dem erkennung. um Vatet hen! We⸗ den Ober⸗ ſih ſün die Aund die Feinde ei Monale dan „ſo meiner geibes 25 Wil' wohl um len Töne der Sägen durchſchnitten die Luft, das Wehr, 327 Hedemann, adieu! Schickt den Vater zu den Cla⸗ riſſinnen! Ich folge ihm nur, wenn er mit der Mutter kommt!... Der Rath des Herrn bleibt ewiglich! Sela!... Mit dieſen Worten machte Hedemann einen gewalti⸗ gen Schritt auf die vier oder fünf Stufen hinauf, die von der Thür in das kleine Gemach hinunterführten... Was habt Ihr vor? rief Armgart entſetzt und ſprang ihm nach.. Und wie Hedemann noch eine Stufe weiter zurückge⸗ gangen war, kam ihr die Ahnung, daß er gegen ſie etwas im Schilde führte. Jeſus Marie! rief ſie... Ich werde— doch— wieder— gehen können—?.. Das hat der Herr gefügt! ſprach Hedemann und hielt ſchon die Thür in der Hand. Hedemann, was?... Arm gart ſtandſchreckgelähmt Nicht wie in Lindenwerth ſind wir hier... Nicht wieder wie damals in Nacht und Nebel vor Vater und Mutter entflohen.. Hedemann!... Armgart, die dieſe Wendung ihres Vertrauens nicht für möglich gedacht hatte, ſchrie den Namen ſo laut, daß man ſie auf hundert Schritte weit über die Inſel hinaus hätte hören müſſen... Aber auch im ſelben Augenblick griff Hedemann an eine links hängende Klingel und wie der Zuſammenſturz eines Hauſes ſo brauſend begannen ſofort die Räder der Mühlen ihre kreiſenden Bewegungen, die ſchril⸗ 328 das geſtaut geweſen, entſandte ſeine Donnertöne... Seine eigenen Gedanken begriff man nicht, viel weniger hörte man ein eigenes Wort oder das eines andern... Wie von einem Taumel überfallen ſchwankte Arm⸗ gart zurück und ehe ſie ſich noch in den ſchrecklichen Augen⸗ blick gefunden und ſich mit beiden Händen wie zum An⸗ griff auf Hedemann gerüſtet hatte, war dieſer verſchwun⸗ den... Nun ſtürzte ſie die Stufen hinauf und rüttelte an der Thür... Sie ſchlug wider ſie mit beiden geballten Fäuſten... Die Thür war eiſenbeſchlagen und eiſen⸗ feſt... Sie ſuchte einen Griff, einen Riegel, um zu rütteln— ſelbſt dieſe fehlten, die Thür war von innen nur durch einen Schlüſſel zu öffnen und dieſer war ab⸗ gezogen... Mit der Behendigkeit eines flüchtigen Wilds ſprang ſie die Stufen wieder hinunter, riß einen der Stühle an die hoch gelegenen kleinen, kaum einen Fuß breiten Fenſter, griff hinauf, um eines, das nach außen vergittert war, zu öffnen— vergebens, von den Fen⸗ ſtern war gerade dies nicht zu öffnen— Sie ſprang hin⸗ unter, rückte den Tiſch an die Wand, kletterte hinauf, ſuchte ein anderes Fenſter zu öffnen... Dies ge⸗ lang... Sie ſchrie hinunter ins Freie: Hülfe! Hülfe „Der Ruf verhallte in dem Lärm des Mühlen⸗ werks und des Wehrs ohnmächtig wie das Summen eines Käfers... Kein Haus lag gegenüber, kein Weg führte daher... Sie konnte rufen und rufen und erſchöpfte nur die Kraft ihrer Stimme und den letzten Reſt des Muthes, den ſie dem ſo raſch ausge⸗ führten Entſchluß entgegenſetzen konnte. wir Gel von one... l weniger dern... kte Arm⸗ en Augen⸗ zum An⸗ zerſchwun⸗ ſte an der geballten und eiſen⸗ el, um zu von innen war gb⸗ en Wide einen der inen Fuß uch außen den Fen⸗ rang hir⸗ te hinouf Dies ge⸗ 329 Schon dachte ſie: Es iſt ein Scherz von ihm... Er wird wiederkommen... Aber wenn er mit dem Vater käme? Wenn mein Gelübde— vereitelt wäre!... Als ſie das Fenſter der hereinſtrömenden Kälte we⸗ gen zugeworfen hatte, wieder niedergeſtiegen war, immer von dem betäubenden Geräuſch begleitet, ſank ſie auf den Lehnſtuhl nieder und ließ verzweifelnd die Hände zu⸗ ſammengefalten auf ihrem Schooſe liegen... Blaſſer und matter neigte ſich ihr Haupt... Der Hut entfiel ihr... Sie lag in Betäubung... Von dem dumpf⸗ ſten Schmerze der Seele ebenſo gefoltert, wie von dem grauenhaften, ihrer Stimmung hohnſprechenden Getöſe um ſie her... Das hatte ſie nicht für möglich gehalten! Hede⸗ mann's Gefangene war ſie... Aus ſeinen Bitten, die ihr noch von den letzten Augenblicken an der Maximinuskapelle im Ohr klangen, waren Befehle geworden... Sie konnte erwarten, daß nur ihr Vater ſie hier befreien würde... Jetzt hätte ſie aus dem Fenſter nach Benno und Thiebold rufen mögen... Was half es... Nichts war von ihrem Ruf zu hören... Ihre Thränen brachen hervor... Sie, die ſich ſelbſt gefangen ſetzen konnte, tagelang, ſie konnte es nicht von andern ſein ... Sie wollte aufſpringen, wider die Wände rennen . Ihre Muskeln hatten keine Kraft mehr, ihren Willen auszuführen... Und was ſie dann auch that, nichts ging ja helfend an gegen die Gleichmäßigkeit des Rauſchens und Rollens und Donnerns um ſie Her.. —— 330 Dazu dann endlich noch der Brief, der geöffnete, der vor ihr auf dem Tiſche lag!... Sie ſah ihn lange mit der innern Ermuthigung an, wenigſtens den zu leſen und dadurch in eine vorherr⸗ ſchende, wenn auch ſchmerzlich zerſtreuende Stimmung zu kommen... Jetzt aber überfiel ſie plötzlich wieder ein Rettungsgedanke; ſie ſprang auf und lief an die Klingel, um dieſe zu ziehen und vielleicht auf einen Augenblick ſo die Räder zum Stehen zu bringen... Sie zog ſo gewaltſam, daß ſie den Draht in der Hand behielt... Die Räder gingen fort und fort und die ſtürzen⸗ den Wellen des Wehrs rauſchten und rauſchten nach wie vor... Nun ſaß ſie wie vernichtet und wie ausgelöſcht aus dem Leben... Allmählich entquollen ihr Thränen... Sie ſah ſich geſtraft für eine Menge Sünden, die wie in langen trauervollen Bildern an ihrem Innern vorüberzogen... Sie ſah ſich geſtraft von Gott ſelbſt . Die Bibel lag vor ihr, ein Buch, das ſie wenig kannte, ein Buch, das ihre geliebte Kirche nicht empfiehlt Hedemann hatte zwiſchen manche Seite Papier⸗ ſtreifen gelegt, manche Stelle unterſtrichen. Epheſer 6, 1:„Gehorſam ſeid, ihr Kinder, euern Aeltern!“... Und wie, wenn ſie eine Antwort geſucht hätte auf die Frage der Verzweiflung: Aber hab' ich denn nicht ein Gelübde gethan? ſo fand ſie an einer andern Stelle, 1 Samuelis 15, 22, die Worte unterſtrichen:„Gehor⸗ ſam iſt beſſer, denn Opfer.“... gebffnete⸗ gung an, vorherr⸗ mung zi eder ein e Klingel lugenblic ht in der e ſtürzen⸗ hten nach zſcht aus den, die Innern ott ſelbſ 331 Aus ihren Träumen weckte ſie— nur das rau⸗ ſchende Rad und die Woge... Ganz allein und vergeſſen war ſie darum nicht... Sie bemerkte eine halbe Stunde ſpäter ein näher kom⸗ mendes Geräuſch... Es kam aus dem Ofen, der von außen geheizt wurde... Legte man noch Holz an?. Bald bemerkte ſie einen vom Ofen herkommenden Speiſegeruch... Sie ging hin und ſah in der warmen Röhre ein ſtarkes Brett mit einer Schüſſel Suppe, mit Brot, Rind⸗ fleiſch, Erdäpfeln und Braten... Das war wie hin⸗ gezaubert... Die Speiſen kamen von außen herein .. Sie überſah den Ofen, der nur zur Hälfte im Zimmer ſtand und von der andern Hälfte aus eine Klappe hatte, durch die man einen hier Eingeſchloſſenen verköſtigen konnte, ohne daß man eintrat... Sie ſah von ihrem Alkoven aus noch einen kleinen Raum, wo ſich ſogar Geräthſchaften zur Reinlichkeit befanden; ſelbſt einen Verſchlag, den ſie raſch wieder ſchloß... Der Thurm war für einen längern Aufenthalt eines hier oben völlig Iſolirten eingerichtet... Gefangen! ſeufzte ſie wieder und ſtellte die einfachen Geſchirre auf den Tiſch und unterſuchte die Klappe im Ofen, die von ihrer Seite aus ſich nicht in Bewegung ſetzen lieſßß... Das wird dir wol vom Abſchiedsmahl Benno's und Thiebold's geſchickt!... Wenn ſie wüßten, für wen dieſe Reſte beſtimmt waren!... Hedemann, mein Ker⸗ kermeiſter, wird ihnen kein Wort davon ſagen.. 332 Beim Umblick in dem kleinen Raum bemerkte ſie immer mehr Dinge, die ſowol einem längern Aufent⸗ halt wie zur Befriedigung nächſter Bedürfniſſe dienen konnten... Auch Waſſer ſtand da, trinkbares... Das Zimmer gehörte ohne Zweifel dann und wann einem der erſten Beiſtände Hedemann's bei ſeinem Geſchäft; jetzt fanden ſich nirgends Snner eines eben darauf angewieſenen Bewohners. Sie aß nun einige Löffel von der Spe und ſtellte den Reſt der Speiſen zurück... Später nahm ſie ihn doch. Die Natur machte ihre Rechte geltend.. Sie hätte ſich ſchon zu fügen angefangen, wäre ſie nur nicht ſo gefoltert worden von dem Rauſchen der Räder... Das war doch, als rollte ſo ihr eigenes Leben um... Nun, dachte ſie, geht Terſchka aufs Schloß, die Mutter iſt vielleicht ſchon da, die Geheim⸗ niſſe dieſes Briefes enthüllen ſich, dein Liebesopfer ver⸗ wirft das Schickſal, der Traum der Legenden iſt im Leben unmöglich.. Wieder weinte ſie... und bald vor Zorn... Sie ſchwur, das Aeußerſte daranzuſetzen, ins Freie zu kom⸗ men.. Sie unterſuchte wieder Thür, Wände, Fenſter, den Ofen... Die verbindende Platte war von Eiſen. Dann hoffte ſie auf den Abend, auf den Stillſtand der Räder, auf die Kraft ihrer jugendlichen Stimme. Nein, die Nacht läßt er dich nicht hier! ſagte ſie... In ihrem wilderregten Innern jagte ſich Bild auf Bild. Bei allem verweilte ſie, bei Lucinde, bei Bona⸗ ventura, bei Paula... Zum Bilde Paula's vor ihrer emerkte ſie emn Aufent⸗ ſſe dienen res... dann einem Geſchüft; een darauf und ſtellte hm ſie ihn , wäre ſie uſchen der hr eigenes ſchk aufs 2 Geheim⸗ opfer vel⸗ en iſt im .Eie e zu kom⸗ enſter, den Elſe. lſiund de imme. te ſie- Bid ꝛ hei Bong⸗ rer 3 333 Seele erhob ſie die Hände in die Höhe und betete: Schließt ſich dein Auge, Freundin, ſo frage deine Engel, wo ich weile! Man wird mich doch vermiſſen, man wird mich doch ſuchen; du wirſt ſagen, wo ſie mich ge⸗ fangen halten!... Nun weinte ſie um die Verzweiflung derer, die nicht wiſſen würden, wo ſie geblieben... Wieder blätterte ſie in der Bibel... Sie bedurfte dieſer Zerſtreuung auch deshalb, um des Briefs nicht zu gedenken, der ſie magiſch anzog... Sie hatte ihn in ihren Hut und auf das Bett gelegt... Noch konnte ſie ſich nicht entſchließen, ſich für ihre Sachen der Rie— gelhaken zu bedienen, die ſich rings an den Wänden befanden... In der Bidbel fand ſie alle die Geſchichten am Ur⸗ quell wieder, die ihr aus ihrem Jugendunterricht ſo lieb waren, die Erzählungen des Alten und Neuen Bundes ... Und ſie forſchte nach Aehnlichkeiten ihrer Lage.. Sie verweilte bei Joſeph's Liebe zu ſeinem Vater, bei Abſalon's wildem Trotz, bei den Söhnen Eli's und deren ſtrafendem Ende.... Glocken hörte ſie vor dem Lärm nicht ſchlagen.. Schon kam aber der Abend... Wenn nun ihr Vater hereintrat, was würde ſie ihm ſagen!... Die Kraft, ihn zu begrüßen mit dem Wort: Du Grauſamer, du haſt mich um die Wonne des Hei⸗ ligſten gebracht! hatte ſie nicht mehr und ſtiller und immer ſtiller wurd' es in ihr bei dem Gedanken: Hätteſt du wol das Aeußerſte gewagt und Terſchka's Arm ergrifſen und dich vor den Augen der Mutter für ihn bekannt?... 334 Sie hatte ſich ausgemalt, das im entſcheidenden Augenblick thun zu wollen, die Angehörigen zu Zeugen ſeiner Wer⸗ bung zu machen und die Aeltern ſo zu überraſchen; die Mutter, wenn ſie Terſchka liebte; den Vater, wenn er davon eine Ahnung hätte... Ein Licht ſtand auf der Kommode und ein Feuer⸗ zeng... Es war nur Ein Licht... Es konnte nicht zu lange brennen und ſie rechnete darauf, nicht zu ſchlafen und die Nacht an ihre Befreiung zu gehen und, wenn die Mühlen endlich innehalten würden, ihren Hülferuf zu erneuern... So verging die Zeit... Sie zündete endlich das Licht an... Es wurde ihr zu geſpenſtiſch einſam, zu ſchauerlich ringsum... Sie hörte und ſah im Geiſt, wie man auf Weſterhof ſie ſuchte, wie man nach dem Stift ſchickte und wie die Mutter ſich in gleicher Lage beſinden würde, wie damals, als man ſie ebenſo in Lindenwerth nicht fand... Sie gedachte der Geiſtertheorie des Onkels Sie hätte auf irgendeine Weiſe, um an ſich zu erinnern, auf Weſterhof ſpuken mögen, durch Anklingen an eine Taſſe oder ein Aufklinken der Thüre... Sie wußte, man brauchte nur ganz feſt und beſtimmt an jemand zu denken und davon erſchiene man ihm... Sie dachte ſich, Paula verſinkt in Schlummer, Bonaventu⸗ ra's Berührung bringt ſie in den Hochſchlaf und ſie ſagt: Armgart ſitzt hinter Schloß und Riegel im witoborner Mühlenthurm!... In ſolchen Zuſtänden läuft es im Menſchen hin, wie uns plötzlich eine Maus erſchrecken kann im wohnlichſten Zim Bluu ſie d noch verge die Verc das am ſache mach ſchen eine ſentt Und ſied Sin die hen. deiſ ſan jede Augenbli einer Wer iſchen; die ter, wenn ein Feuer⸗ t zu lange hlafen und wenn die ülferuf zu endlich das einſam, i1 Geiſt, ie dem Stif beſinden denwerth es Onteb an ſich A Anklingel . Sle ſtimmt ul Sie Bonaventl⸗ nd ſie ſagt witobornte ohnliſe 335 Zimmer— wie uns eine Katze begegnet im lachendſten Blumenfelde. Sachen ſielen ihr ein, lächerliche, als ſollte ſie wahnſinnig werden; zwei Groſchen Schulden, die ſie noch an eine Mitpenſionärin in Lindenwerth zu bezahlen vergeſſen hatte; eine wundervolle purpurrothe Schleife, die ſie an einem Morgenhäubchen der Frau Fuld auf der Veranda in Druſenheim bewundert hatte; ein Bändchen, das neulich dem Pfarrer Müllenhoff während der Meſſe am Halſe hervorguckte; hundert kleine verworrene That⸗ ſachen blitzten auf wie todt bisher in ihr aufgeſpeichert und machten Lucindens Theorie wahr, derzufolge im Men⸗ ſchen der Stoff zu tauſend Propheten ſtäke, wenn nur eine Hand da wäre, die die Thore des in ihm ver⸗ ſenkten Wiſſens ohne ſeinen Willen aufſchlöſſe... Und als ſie Benno's und Thiebold's gedachte, ſtieß ſie dumpf die Worte aus: Gott! Gott! Laß mir die Sinne!... Dann ſprach ſie ihr Gelübde noch einmal und bat die Gottesmutter, ihr zur Erfüllung deſſelben beizuſte⸗ hen. Sie wandte ſich an die vierzehn Nothhelfer, jedem derſelben nach ſeiner beſondern Kraft ihre Bitte um Bei⸗ ſtand vortragend. Die Angerufenen ſtanden vor ihr, jeder mit dem Marterwerkzeuge, das ihm die Ehre der Heiligkeit gegeben. So gewohnt war ſie die Litanei: O du gnadenreiche Mutter, du heiliger Joſeph, du heiliger Mi⸗ chael und ihr andern lieben Engelein und Erzengelein! daß ihr die Bibel, nach der ſie griff, wie ein fremdartiges Buch erſchien. Sie gab ihr gleichſam nur das einfache Brot, ihr gewohntes Brevier eine viel ſüßere Koſt... 7 336 Aus dieſer Betrachtung weckte ſie wieder ein Ge⸗ polter des immer gleich warm bleibenden Ofens... Jetzt ſprang ſie raſcher hinzu; aber ſchon war die Beſcheerung da... Ein Nachteſſen, reicher, als die Tante Abends der Geſundheit für zuträglich hielt... Schon war die Klappe unerbittlich wieder zugezogen... Wer mag der Rabe ſein, der mich nährt? ſagte ſie, an den Propheten Elias denkend... Die taube Alte. Indeſſen ſie aß und nicht ohne Appetit und nicht ohne Beſorgniß vor dem Geſchirr, das jetzt in der Küche fehlen würde, da ſie das vom Mittag noch zurückbehal⸗ ten hatte, und nicht ohne guten Willen, es ſelbſt zu waſchen und in den Ofen zu ſtellen und dabei rufen zu wollen: Nehmt's lieber mit, ehe ich's zum Fenſter hinaus⸗ werfe!... Nach zu reichlichem Nachteſſen pflegte ſie einzuſchlum— mern und ſchon manche der ſchauerlichen Geſchichten des Onkels waren ihr auf Schloß Weſterhof dann verloren gegangen. Nur weil die Mühlen noch immer rauſch⸗ ten, dachte ſie: Es iſt noch früh! Es iſt noch nicht einmal Feierabend!... Aber ihr Licht! Eine Talgkerze, gegen deren Duft ſie an ſich nichts hatte, da ſie wenigſtens in Lindenwerth keine andern gebrannt hatte und auch der Onkel oft ge⸗ nug Lichter goß, die aus allerhand Surrogaten neuent⸗ deckt waren und noch viel ſchlechteren Geruch verbreiteten, als Talg— Ihr Licht war ſchon zum letzten Drittel nie⸗ dergebrannt und ſie hatte doch noch die lange, lange Nacht vor ſich und ihren Plan mit dem lauteſten Hülferuf... er ein Ge⸗ fens... on war die er, als die hielt... geogen.. äͤhrt? ſagte Die taube t und nich der Küche Gurückbeha⸗ ss ſelſt n bei rufen z ſſter hinalt einzuſchlum⸗ ſchichen des nn verloren jmer rauſt 1 voch nicht deren Dui Lindenwe Dnkel oſt ge rn relan, verbreitte rrite ie Nadßt lange lſeſ. Schlafen ſollte ſie? Schlafen in dieſem Bett?... Das wollte ihr nicht einkommen... Sie deckte doch aber das Bett auf... Dabei mußte ſie den Hut wegnehmen, die Kleider— Der Brief fiel auf die Erde und die Einlage glitt aus dem Couvert... Wie ſie ſie aufhob, war's wie eine glühende Kohle ... Sie ſah das Wort:„Freundin“ Das vollends war ein Stich ins Auge... Und doch wagte ſie nicht zu leſen... Sie ordnete die Schüſſeln und Teller und ſtellte ſie in den Ofen, der, wie es ſchien, ihre einzige Verbindung mit der Welt blieb... Das Bett war ſauber und weiß... mindeſtens ſo gut, wie ihr Lager in Heiligenkreuz... Sie verſuchte es, ſich zu legen... Bald aber ſtand ſie wieder auf... Das Zimmer war zu heiß... Jetzt gedachte ſie den Tiſch an einen der Fenſter⸗ ſpalte zu rücken. Aber ſchon ermüdete ſie und ahnte, daß ſie doch nur zu vergeblichen Verſuchen zurückkehrte... Schon ergab ſie ſich... Die Mühlenräder gingen und gingen... Keine Hand ſtellte ſie... Wen konnte ſie rufen? Oft ſogar dachte ſie, Hedemann käme— in Ket⸗ tenſtrafe, wenn man ſeine ruchloſe That erführe, und da wollte ſie denn lieber dulden, ſchweigen und weinen. „Freundin!“... Das Wort verließ ſie nicht mehr... Sich alle Beziehungen deſſelben ausmalend, verſank ſie, unentkleidet auf ihrem Bett ausgeſtreckt, in Träume und entſchlummerte allmählich... Schon hatte ſie ſich an das Rauſchen des Wehrs und der Mühle, an das Sägen, das hirnzerſchneidende, gewöhnt... Ihr Ein⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 22 338 ſchlummern kam ihr wie ein Ertrinken, aber nicht mehr ſchmerzhaft vor... Sie träumte von einem großen dun⸗ kelblauen Bande, das ſie umringelte... War es ein Thier? Eine Schlange? Immer enger und enger wurde das Band, endlich ſah ſie nichts mehr, als aus blauer Verſtrickung hervor einen roſigen jugendlichen Kopf mit lachenden Mienen, mit langen, feuchten, ſchwar⸗ zen Haaren— Das war dann Lucinde, die, wieder freundlich geworden, ihr zunickte wie die Waſſerfee.. Sie mußte lange nach Mitternacht zur Ruhe ge⸗ gangen ſein; denn als ſie erwachte, war es heller Morgen... Die Sonne fiel ſchon ins Zimmer, ihr Lichtglanz rief ſie aus ihrem dunkeln Alkoven... Die Beſinnung auf ihre Lage kam ihr ſchnell genug ... Und das Donnergeräuſch um ſie her hatte wol nur während ihres Schlafes aufgehört... Schon war wie⸗ der die Luft von demſelben verwirrenden Geräuſch er⸗ füllt, wie geſtern... Schwankend ſchritt ſie aus dem Alkoven hinaus und ſah ſich in ihrem Gefängniſſe um... Es war ihr, als hätte es geſtern Abend anders aus⸗ geſehen... Und bald auch bemerkte ſie ein neues Licht ... Auch friſches Waſſer ſtand auf dem Tiſch... Eine ordnende Hand mußte hier ſchon gewaltet haben, während ſie ſchlief... Nur der Klingeldraht hing zerriſſen wie bisher. 1 Im Ofen fand ſie ihr Frühſtück... Sie ergab ſich jetzt... Ihre Augen, noch gerö⸗ thet von den geſtrigen Thränen, füllten ſich aufs neue nicht mehr gooßen dun⸗ Var es ein und enger r, als aus jugendlichen ten, ſchwar⸗ die, wieder ſſerfee.. Nuhe ge⸗ Hes heller — Lichtglanz hnell genug tte wol nul war wie⸗ eräuſch el⸗ jinaus und anders dul⸗ neules Lict Lſch altet habel, ldraht lin gerb⸗ roch h all ſs ntle mit dem Ausbruch ihres Schmerzes... Sie klagte Hedemann's Grauſamkeit nicht mehr an... Sie wollte jetzt dulden... Blinzelnd ſah ſie auf den zur Seite liegenden Brief, der jedoch keine Spur trug, daß er geleſen war. Sie machte ſich zu ſchaffen, ſo gut es ging... Das Zimmer war warm... Die Bibel lud zur Erbauung, zur Zerſtreuung ein. Sie las einige Seiten... Dann ging ſie an ihre Kleidung, die ſie ordnete... Zerknittert und zerdrückt war alles. Sie öffnete ihre Taſche, nahm ihr Nacht⸗, ihr Nähzeug heraus und ſagte: Dieſe Nacht wirſt du, wenn man dich nicht befreit, dem Bett vertrauen und dich getroſt legen!... Sie gedachte der Märtyrer in Indien, die ja ſo ein ganzes Leben lang im Kerker ſchmachteten... Das Brauſen der Luft um ſie her nahm ſie wie beſtimmt, ihr das Gehör zu rauben... Auch darüber lächelte ſie ſeufzend ... Ein Geiſt der Ergebung war über ſie gekommen.. Den Brief Terſchka's wollte ſie leſen, wenn ſie die Hoffnung baldiger Freiheit gewann... Sie ahnte, daß er ihre Bereitwilligkeit zum Dulden aufregen, ihr ergebe⸗ nes Martyrium ſtören würde... Stundenlang ſaß ſie, das Haupt aufſtützend und in grübelndes Sinnen verloren... Sprang ſie auch zu⸗ weilen auf und rief mit Wildheit: Nein! Nein! Ich will nicht länger! ſo brach ſie ſofort wieder zuſammen, ſchlich an die Thür, an der ſie ſtill mit den Nägeln kratzte, plötz⸗ lich mit den Füßen ſtieß, allmählich aber ſchlich ſie wieder auf das Sopha zurück und ergab ſich... Die Bibel fing an ihr vertraulicher zu werden... Sie vermißte 22 340 zwar die Gottesmutter in ihr und die Heiligen... Aber ſie konnte ſich auch an Abraham und die Patriar⸗ chen halten.. Kein lebendes Weſen um ſie her bemerkte ſie, als — einige Fliegen, mit denen ſie ſchon Bekanntſchaft machte... Wie ſie gegen Mittag wieder im Ofen rumoren hörte, ſprang ſie auf und rief Drohungen und Zorn⸗ ausbrüche in die Oeffnung, deren Wand ſich wieder ge⸗ ſchloſſen hatte.... Niemand hatte geantwortet... Eine halbe Stunde raſte ſie umher und konnte ſich nicht faſſen... Auch die geſtrige Mittagsraſt der Mühlen fand heute nicht ſtatt... Ihre Koſt war noch beſſer als geſtern... Ihr Waſſervorrath reichte bis über die Nacht hinaus... Sie beſchloß dieſe Nacht früher zu Bett zu gehen, damit ſie den heimlichen Beſucher am Morgen nicht verſchliefe, ſondern aus dem Bett ſpringend ihn überraſchen könnte... Wenn Shakeſpeare ſeinen Menenius ſagen läßt, nach Tiſch wäre der Menſch dem Mitleid zugänglicher als mit leerem Magen, ſo ſtumpfen ſich in der That mit zunehmen⸗ dem Behagen des Körpers die heroiſchen Entſchlüſſe ab ... Nach ihrer Mahlzeit konnte Armgart dem Verlan⸗ gen nicht widerſtehen... Endlich las ſie den Brief Terſch⸗ Ig,.. Sie las mit jener Scheu, die bei Oeffnung eines Briefs ſich zuvor auf das Gegentheil deſſen, was man zu leſen hofft, mit dem ganzen Aufgebot des Entſchluſſes wappnet, ſich dem Schickſal nicht gefangen zu geben. 2 E ᷓ ————— ligen... e Patriar⸗ e ſie, als kanntſchaft rumoren und Zorn⸗ wieder ge⸗ konnte ſich graſt der JIhr 5. Sie damit ſie fe, ſondern . läßt, nach er als mit zunehmel⸗ lſt u m Verlal⸗ rief Laiſ⸗ nung was man. Enſſcluſſs geben. nes „Verehrte Freundin!“ war das erſte Wort... Doch nicht:„Geliebte Freundin!“ ſagte ſie ſich und hielt einen Augenblick inne, um neuen Muth zu ſchöpfen... Aber nicht zu lange währte die Hoffnung auf einen Ton, der ihr hätte beweiſen können, wie voreilig ſie urtheilte, wie überflüſſig das Opfer war, das ſie bringen wollte. Zu ihrem Entſetzen las ſie: „Ich begrüße Sie in einem Augenblick wieder, wo ich den Rath der weiſeſten Männer der Erde, die Hülfe der mächtigſten Gewalthaber anflehen möchte und wo ich nichts, nichts habe, dem ich vertrauen kann, als Ihr edles, ſtarkes Herz! Sie, Sie ſind die letzte Rettung meines Lebens!—— Wenn ich mich erinnere, wie mir die gütige Freundſchaft der Gräfin Erdmuthe ſtets ſo nachſichtig war, wenn ich mich mit Dankbarkeit erinnere, wie oft für mich die Gräfin bei Ihnen und Sie bei der Gräfin geſprochen haben, ſo ſchöpf' ich Muth und denke mir, der Zuſammenbruch meines Lebens läßt ſich noch aufhalten! Ich habe in dieſen Tagen Schmerzliches gelitten und furcht⸗ bar gekämpft. Bedenken Sie zu den innern Erfahrungen, die ich für meine Perſon allein machte, noch die Schreckenserlebniſſe auf dem Schloſſe! Der Brand, der Fund jener Urkunde, die unſern Freund, den Grafen, vol⸗ lends zum Schattenbilde ſeines Namens und ſeiner geſell⸗ ſchaftlichen Würde macht! Ich weiß es, dieſe Bekennt⸗ niſſe meiner Verzweiflung werden Ihnen räthſelhaft er⸗ ſcheinen. Sie werden ſie auf die Veränderung meiner Stellung zu Hugo und zur Gräfin, zu Ihrer mütterlichen 342 Freundin, beziehen—— Aber das, was in mir vorgeht, liegt tiefer, tiefer— Ich muß ein Ende machen mit dem Elend meines Lebens. Der Wechſel der Religion iſt ein leichter Schritt für eine ſtarke Seele, die ſich ihre eigene Philoſophie gebildet hat; aber bei mir würde dieſer Schritt mit Folgen verbunden ſein, die meine Freiheit, nicht unmöglich mein Leben, wenigſtens die Fortdauer meiner gegenwärtigen Lebensſtellung bedrohen. Gern will ich untergehen, wenn ich wenigſtens eine Hand finde, die mir den Tod verſüßt. O nur das eine, eine Glück, einen letzten Preis für den Reſt meines Lebens errungen zu haben, wenn es ſonſt auch in Nacht und Grauen da⸗ hinfährt. Ach, ich bin ſchwach! Ich möchte nicht den Kampf mit dem Geſchick zu herbe kämpfen und das vermag ich nur durch Sie! Nur Sie blicken tief in das Menſchenherz! Nur Sie können mit Engelzungen reden— reden, wo die irdiſche Sprache nichts Ueberzeugendes mehr hat. Ein Entſchluß muß gefaßt werden... In vierundzwanzig Stunden ſchon kann für mich alles verloren ſein... Deshalb ſchreib' ich Ihnen! Deshalb fleh' ich fußfällig, gewähren Sie mir heute Abend, wenn ich von Wi⸗ toborn zurückgekommen bin und Sie den Umſtänden angemeſſen auf Weſterhof begrüßt habe, eine Stunde der Verſtändigung. Ich weiß nicht, wo es anders ſein kann, als auf Ihren Zimmern. Um zehn Uhr ruht alles im Schloſſe. Nehmen Sie mich an! Hören Sie mich! Vielleicht ſchon am Morgen darauf will ich nach England entfliehen, zu unſerer theuern Gräfin, die das Richtige in meiner Sache nur durch Sie allein finden kann! Den— ken Sie rein von mir, ſo rein, wie die Blumen ſind, die ur vorgeht, hen mit dem jion iſt ein ihre eigene ürde dieſer ne Freiheit Fortdauer Gern will Hand finde, eine Glüt, s errungen Grauen da⸗ den Kampf nag ich nut enſchenher een, wo die hat. En 7 undzwanzig 343 Sie in meinem Namen begrüßen! Ich ahne, daß Ihre holdſelige, wunderliebliche Tochter ſich wiederum der Umarmung der edelſten Mutter entzieht: aber auch ſie wird jetzt Frieden ſtiften helfen für Ihre Bruſt und für die meine. Ihre Hand, edelſte Frau, wird eine ſeg⸗ nende ſein. Nur muß ich Sie heute Abend ſprechen— muß— muß es! Ihr Urtheil hör' ich über Leben oder Tod—— Terſchka.“ Pater Stanislaus hatte dieſen Brief zum Theil in jenem ſeraphiſchen Ton geſchrieben, der der Rhetorik der Jeſuiten entſpricht. Dennoch lag Wahrheit in ihm. Er wollte mit ſeinem Stand brechen und unter dem Schutz der Gräfin Erdmuthe, dieſer heroiſchen Bekennerin ihres luthe⸗ riſchen Glaubens, ſich vor den Folgen ſeiner Entlarvung ſicher ſtellen... Monika's Zeugniß wollte er bei der Gräfin für ſich haben, wollte ſich in den Folgen ſeiner für den Gra⸗ fen empfangenen Miſſion enthüllen, wollte Monika das Räthſel zur Entſcheidung vorlegen, wie er im Gegentheil ein Freund des Grafen wurde und ſeine römiſchen Aufträge vergaß. Wer konnte wie ſie ſo tief und nach den obwalten⸗ den Umſtänden alles überblickend ergründen, was zur Entſchuldigung ſeiner Lage und— Lüge dienen konnte? Zuletzt wollte er in der That und Wahrheit ſeine Liebe für Armgart bekennen... Dieſe Leidenſchaft war ſo mächtig in ihm, daß ſie alle ſeine Schritte beſtimmte ... Gerade deshalb, weil dieſe Leidenſchaft ihm Kraft gab, den muthigſten Entſchluß ſeines Lebens auszuführen, hielt er ſie feſt und während er dieſe ebenſo verzweif⸗ lungs⸗ wie hoffnungsvollen Zeilen ſchrieb, ſtand nur Armgart vor ſeinen leuchtenden Augen... Die Liebe, 344 die den Mann auf der Höhe ſeines Lebens ergreift, die Liebe, von der er ahnt, daß ſie die letzte ſein wird, die noch erhört werden dürfte, hat eine unwiderſtehliche Kraft. Armgart aber las aus allen dieſen Hülferufen nur im Gegentheil— die Liebe zu ihrer Mutter... Jedes Wort dieſer glühenden Rede war ihr ein Ausdruck der Zärtlichkeit nur für ſie... Für dieſe Liebe wollte Terſchka ſeinen Glauben ändern und nach England entfliehen... Die Mutter mußte ja dann ein Gleiches thun. Von alledem hatten ſich ſchon dunkle Sagen verbreitet ... Schon als man hörte, Monika reiſte mit der Grä⸗ fin Erdmuthe nach England, war man auf einen ſolchen Schritt gefaßt... Dieſe Vorausſetzungen des Briefes, wie ſicher waren ſie... Ein Angenommenwerden auf den Zimmern der Mutter in nächtlicher Stille konnte ihr nur beanſprucht erſcheinen nach längſt vorausgegangener Vertraulichkeit... Der letzte Hinweis des Briefs auf ſie ſelbſt war ihr nur der Ausdruck einer matten Rückſicht; in nichts, nichts entſprach er den ſeit acht Tagen ihr gewidmeten Zärtlichkeiten und Huldigungen— dieſes treuloſen Verräthers... Das der Dank für das Opfer eines— Lebens!... Hatte ſie ihm nicht deutlich genug zu erkennen gegeben— daß ſie ihn erhören würde, wenn auch mit blutendem Herzen, wenn er wollte——... Eine purpurne Glut des Zorns und der Scham färbte ihr Angeſicht... Sie rannte dahin... Sie ſtarrte den Brief unausgeſetzt an und floh wieder wie Nattern ſeine Buchſtaben... Das alſo iſt die aufgedeckte Seele eines Menſchen!... Das iſt der Abgrund der Wahr⸗ ergreift, die in wird, die widerſtehliche ferufen nur ... Jedes lusdruck der lite Terſchla fflihen. thun... n verbreitet it der Grä⸗ inen ſolchen des Briefes, werden auf konnte ihr gegangener efs auf ſie Rüchſicht, Tagen ihr — dieſes das Opfer tlich genug ürde, wenn 7 — der Scham kie ſltti f Nattern vecte Sele der Wahi⸗ 345 heit, den das Lächeln der Lüge, die Blumen des Scher⸗ zes verhüllen!... Namenloſes Elend aller betrogenen Menſchen!... Und du, du Schimpf meines geliebten Vaters!... Ich kann nicht, ich kann nicht erfüllen, was ich wollte! Die Mutter iſt für mich verloren! Ver⸗ gib mir, o Himmel! Vergebt mir alle! Vergib mir auch du, Hedemann! Ich will dulden! Will hier bleiben als deine Gefangene! Schwände das Licht des Tages doch ganz und ſäh' ich nichts mehr, als Nacht und Dun⸗ kel, ſowie das Kind im Mutterleibe—!... Ein ſolches Bild zu wählen, war ihr nicht anſtößig ... Natürlichkeit und ihre Wahrheit gingen ihr über alles... So beugte ſie das Haupt auf ihre weißen Händchen, die ſie aufſtützte. Sie dankte, niederblickend, dem Him⸗ mel für die Lage, in der ſie ſich befand, dankte für das Brauſen, das in ihr betäubtes Ohr drang... So war es ja ſchön!... So auch hätte ſie jetzt unter⸗ gehen mögen!... O, dieſe Welt iſt zu ſchlecht!— Ihrem Vater hätte ſie auf dem Schooſe ſitzen mögen, den allein liebkoſen mit allen verborgenen Zärtlichkeiten ihres Herzens und dieſe Zärtlichkeiten ſelbſt dann wieder beweinen... Nichts aber geſchah zur Veränderung ihrer Lage ... Sie blieb verurtheilt, auch dieſen Tag, auch die Nacht ſo hinzuleben... Sie konnte ihren erſten Ent⸗ ſchluß nicht ausführen, konnte nicht zeitiger zur Ruhe gehen... Immer nur ſaß ſie und dachte: So wan⸗ delt euere Wege hin! So ſeid Lügner! So leugnet nur Gott und die Treue! So brecht euere Eide, enthüllt euere Sünden und ſchmückt euch noch ſogar mit ihnen! 346 Herr, laß mich nicht ſitzen, da die Spötter ſitzen!... Wie erquickten ſie die Pſalmen!... Die Bibel wurde ihr ein Troſt... Jedes ihrer Worte paßte nun auch auf ſie... Spät ging ſie zur Ruhe... Da ihr ganzes Sein Schmerz und Ergebung geworden war, ſchlief ſie jetzt ſtill und feſt und träumte nichts Erſchreckendes... Am Morgen hatte ſie doch richtig wieder den Beſuch verſchlafen... Gewiß war es die taube Alte, die indeſſen im Zim⸗ mer geweſen und aufgeräumt hatte... Armgart ſah ſich um und fand es ſo friedlich und wohn⸗ lich um ſie her— ganz ſo, wie ſie ſich einen Aufenthalt im Kloſter gedacht... Das Zimmer war warm, ihr Frühſtück fehlte nicht im Ofen, auf dem Tiſch ſtand das friſche Waſſer, auch ein neues und ein beſſeres Licht— Zeichen einer noch vorauszuſehenden längern Gefangenſchaft... Sie ſah ſich um, ſetzte ſich dann und malte ſich aus, was alles in ihrer nun ſchon dreitägigen Abweſenheit von Weſterhof geſchehen ſein könnte... Terſchka ſah ſie mit ihrer Mutter doch auch ohne den Brief— heim⸗ lich und zärtlich verbunden... Da konnte ſie eines nicht faſſen, was ihr heute Morgen beſonders neu und wohlthuend war... Sie blickte um ſich... Es war etwas vorhanden, was geſtern fehlte. Was nur mochte es ſein?... Blu— men? Die dufteten nicht... Muſik?... Jetzt erſt bemerkte ſie, daß es ja ganz ſtill um ſie her war... So in ſich verloren, ſo an ihre Lage gewöhnt war ſie ſchon... Die Mühlen ſtanden ja, die Waſſer rauſchten ja nicht, itzen!... die Sägen ſchwiegen... Was iſt das? erhob ſie ſich ibel wurde von ihrem Frühſtück... Das iſt der Himmel! Die nun auch Muſik liegt in der ewigen Stille nach dem Geräuſch des Lebens!... Unwillkürlich mußte ſie die Hände falten... anzes Sein Vorgeſtern und noch geſtern hätte ſie dies plötzliche ief ſie jebt Schweigen um ſie her benutzt zu ihrer Befreiung... 3 Heute, wo ſie endlich wieder auch die Glocken hörte, den Beſuch riß ſie nichts ans Fenſter, drängte ſie nichts dazu, um Hülfe zu rufen... Ja ſelbſt das Läuten des Münſters in im Zim⸗ und der Jeſuitenthurmglocke und der Dominicanerkirche — all dieſe Glocken konnte ſie ſeit frühſter Kindheit und wohn⸗ unterſcheiden— alle dieſe Zungen der Luft redeten die ffenthalt in Sprache ihres Innern nicht... Sie ſah in die Bibel gr Frübſtüch und fand, daß dort die Pſalmen und die Propheten das friſche andre Worte ſprachen, als die ſie jetzt ſogar im Münſter — Zeichen hätte hören können... rihaſt. Zum Fenſter ſtieg ſie hinauf, nur um doch etwas Hmaus, mas von der Außenwelt zu ſehen... Es war ein bedeckter enheit von Frühlingsmorgen, Nebel verhüllten die ſchon hoch ſtehende ta ſoh ſi Sonne, Schnee und Eis waren geſchmolzen... Sie um. ffnete, um die fuiſche verheißungsreiche Luft einzuathmen 1 ... Sie ſah Menſchen vorübergehen... Niemand ihr haut blickte zu den kleinen Schießſcharten des Thurms empor Sit... Auch waren die Wände ſo dick, daß ein hinter den kleinen Scheiben befindliches Antlitz nicht geſehen werden konnte... Und rufen, Hülferufen war Arm⸗ gart's Bedürfniß nicht mehr... 2 Ruhig ſtieg ſie von Tiſch und Stuhl hinunter und dex. ordnete ihre Kleidung, flocht ihr Haar, ſchmückte ſich ſo ſe 3 1, einfach, wie ſie ſeit Jahren gewohnt war... M la 348 Die Mühlen ſtanden immer noch ſtill und ſchon berech⸗ nete ſie, ob heute ein Feiertag war... Die Faſtnachts⸗ zeit war da... In wenig Tagen war Aſchermittwoch ... Heute begann zu Sanet⸗Libori die vierzigſtündige Anbetung des allerheiligſten Sakraments... Die Bil⸗ der aller Altäre der katholiſchen Chriſtenheit ſah ſie jetzt, wie immer zur Faſtenzeit, verhüllt werden, nur das Kreuz des Erlöſers offen bleiben, um wenigſtens für die Paſſionszeit allein auf dieſen die Aufmerkſamkeit zu lenken... Alledem ſuchte ſie in ihrer Bibel nachzu— leben, ſoweit es noch zutraf... Gegen elf Uhr hörte ſie ein näher kommendes Ge⸗ räuſch... Nicht vom Ofen kam es, ſondern von der Thür her... Sie hob ihr Dulderhaupt und ſah ruhig auf die Thür, durch die ohne Zweifel Hedemann eintrat... Sie wollte ihm nichts Zorniges ſagen, obgleich ſie im erſten Augenblick eine auflodernde Wallung nicht unter⸗ drücken konnte... Hülfebringende müſſen doch wol eiliger kommen! berechnete ſie... Draußen ging ein Schlüſſel... Die Thür öffnete ſich... Armgart hatte ſich nicht erhoben... Ruhig den Kopf auf die Hand ſtützend und nur von ihrem Buch aufſehend ſaß ſie da.. Aber unwillkürlich mußte ſie ſich jetzt erheben... Hedemann kam nicht allein... Er ließ einen Herrn und eine Dame vor ſich eintreten. Die Beſuchenden waren ein Paar... Sie kamen Arm in Arm... Die Dame war nicht groß, das ſchon berech⸗ ie Faſtnachts⸗ lſchermittwoch ierzigſtündige .. Die Bi⸗ nheit ſah ſte werden, nur m wenigſtene sufmerlſamket Bibel nachz⸗ mendes Ge⸗ dern von der hjig auf die eintrat. 38 leich ſie im nit unter n doch wol Thüt uffnal Fuhig den ihrem Bucj rheben. einen Hetti Sie kanel guh, ds 349 Antlitz von einem ſchwarzen Schleier bedeckt... Der Herr erſchien ſtattlich, friſchen und gebräunten Antlitzes, den Kopf mit einer dunkeln Tuchmütze bedeckt, die ein rund gehender goldener Streifen zierte... Hedemann ſprach nichts... Die Beſuchenden blie⸗ ben oben an der Thür ſtehen und blickten auf Armgart und die Stufen hinunter... Armgart überfiel eine ſeltſame Regung... Ihr Herz ſchien eine Weile zu ſtocken... Ein Zittern ergriff ſie, als ſie einen Schritt weiter wollte und den ſo lange auf ſie Niederblickenden entgegengehen... Die beiden Fremden blieben oben und ſahen nur ſtumm ins Zimmer hinunter... Der Herr mit der Mütze hatte einen ſchwarzen Ueber⸗ wurf um, ein buntes Tuch noch faſt jugendlich um den Hals geſchlungen— einen weißen aufrecht ſtehenden Hals⸗ kragen— Faſt hatte er etwas vom Onkel Levinus— Da ſchlug die Dame den Schleier zurück... Lange ſilbergraue Locken quollen unter dem dunkeln Sammet⸗ hute hervor... In den Augen der ſtummen, jugend⸗ lich ſchönen Frau, in den Augen des ſtummen Mannes blinkte ein feuchter Glanz wie Thränen... Armgart bebte... ermannte ſich... glaubte... zweifelte... Endlich ſtürzte ſie mit einem ausbrechen⸗ den Schrei auf beide ſchon die Stufen Herabkommen⸗ den und lag zunächſt doch nur— in den Armen der Mutter... Während aber auch Ulrich von Hülleshoven ſein Kind an ſich zog und in Armgart's Auge zu blicken ſuchte, lag Armgart's Hand in der linken Hand Monika's und 350 Monika's Rechte— hielt die edle, würdige Geſtalt des Gatten umſchlungen... Die Rührung dieſer drei Herzen war unausſprechlich und auch Hedemann, der den Empfindungen als Dol⸗ metſcher dienen mußte, konnte nicht damit vorwärts kommen. Jetzt riß Monika ihr Kind faſt wie eiferſüchtig und wie gekränkt ganz an ihr Herz... Armgart— noch tief mistrauend, und doch wie von himmliſchem Lichtglanz geblendet, wagte nicht zu ihr aufzuſchauen und wandte ſich mehr und mehr zum Vater, aus deſſen hellen blauen Augen eine ſo ſelige Welt der höchſten Himmelsreinheit ſie anſchien... Ulrich drängte ſie der Mutter zu und ſprach in einem vor Rührung leiſen, ſonſt männlich feſten, wohllautenden Tone: Das iſt ein Sieg nach langem Kampf! O Gott, o Gott! Was ſind deine Menſchenherzen verkehrt!... Armgart, ihre Aeltern ſprechen hörend, ſank in die Kniee. Sie umſchlang die Kniee des Vaters und reichte der Mutter mit krampfhaftem Zittern die Hand .Dann blickte ſie wieder zu ihnen beiden empor und ſog ihre Bilder auf mit ihren braunen, ſchwär⸗ meriſch irrenden Augen... Und wieder den Aeltern mußte es ſein, als ſähen ſie hinunter in einen See, über dem Roſen und Lilien ſchimmerten— in die tiefſten Tiefen deſſen, was auf Erden und im Himmel ſchön und gut iſt— und wie in ihre eigene Jugend... „Selig, ſelig“, ſprach Hedemann und faltete über ſeiner— grauen Müllermütze die Hände,„biſt du, nusſprechlich en als Dol⸗ nt vorwärts erſüchtig und — voch tief im Lichtglanz und wandte hellen blauen nmelsreinheit utter zu und nſt muͤnnlih O Gott, kkehrt!.. d, ſank in Vaters und n die Hand eiden empe en, ſchwuͤ 351 die du geglaubeſt haſt! Denn es wird vollendet werden, was dir geſagt iſt von dem Herrn!“... „Und Maria ſprach:“ fuhr Armgart faſt tonlos in den Worten des engliſchen Grußes fort,„Meine Seele erhebet den Herrn!... Noch einmal traten Pauſen ein, deren die vom höch⸗ ſten Glück erſchütterten Herzen bedurften.. Dann folgten Verſtändigungen und dieſen die Ent⸗ ſchuldigungen Hedemann's... Monika ſah in der alten von Hedemann ihr dargereichten Bibel die Stunde der Geburt Armgart's verzeichnet und gab dann dem Gat⸗ ten dies Blatt... Dieſer warf darauf einen mild überraſcht und ſchmerzlich lächelnden Blick und zog voll vergebender Inbrunſt Monika an ſein Herz.. Der Oberſt ſchien ein Mann, der mit dem Sturm der Jugend nicht die ſanfte zärtliche Emfipndung ſchon verloren hatte; alles, was er ſprach, war eigenthümlich gemeſſen und bedacht, aber jugendlich innig und wohl⸗ thuend... Monika ſtaunte nur und ſtrich wie in un⸗ bewußtem Träumen ihre grauen Locken... Wo wir uns wiedergefunden haben? ſprach der Oberſt .Bei unſerm Kinde! Bei deiner Liebe! Deiner— nun wandte er ſich doch zu ſeinem Weibe— deiner ver⸗ gebenden Liebe, Monika!... Beim Geiſt und bei der Wahrheit! ſprach Monika mit leuchtenden Augen, zeigte auf die Bibel und ſtand neben der aufhorchenden, immer noch ſcheu vor ihr niederblicken⸗ den, immer noch zweifelnden Armgart wie eine ältere Schweſter, ſo jung, ſo ſchön noch und keinesweges nur durch ihre leuchtende Verklärung... 352 Hedemann ſprach vom Kampf der Gerechten und Armgart begriff noch immer nicht, was die Aeltern ſo plötz⸗ lich verbunden hätte?... Sie fragte dies auch leiſe... Monika ſprach: Dein Opfer hat uns verbunden, Kind!... Kind — meiner Schmerzen!... Deine Gefangenſchaft! Hier dieſer Thurm! Iſt es nicht ſo? Hedemann! Wie dank' ich Ihnen!. Auch Ulrich wollte Hedemann danken, umſchlang aber nur die Sprecherin und umſchlang ſie mit jener männ⸗ lichen Würde, die den Ausbruch der noch jugendlich reg⸗ ſamen Leidenſchaft milderte. Sie ſoll noch alles hören! ſprach er. Nun aber kommt! Laßt uns im Triumph nach Weſterhof fahren und zeigen, was wir mitbringen können! Nun, nun zieh' ich ein!... Anders wär' ich dorthin nicht gegangen... Nicht blos Armgart, ſagte Hedemann; ſondern ſich ſelbſt bringen Sie beide mit... Monika's Ja! war ſo einfach, aber ſie konnte nichts beſſeres ſagen, als Ja! und reichte dem Gatten die Hand... Noch ſchien die Ausſöhnung das Werk einer vor wenigen Minuten erſt gekommenen Verſtändigung zu ſein .. Monika ſchwankte noch dahin wie ein vom Wind bewegtes Rohr... Kind und Gatten hatte ſie in Einem Moment gefunden... Wen nur nehmen wir noch mit? rief der Oberſt. Benno iſt fort; mein„Geretteter“, Thiebold de Jonge, mit ihm— Selbſt die ſchwarze Hexe, mit der du von Weſterhof entflohſt, Schwarmkind, iſt nicht mehr da „Der Domherr iſt im Amte... Ja, geſtern ten und ſo plötz⸗ iſe... Kind t! Hier ie dank ng aber r männ⸗ lich reg⸗ un aber f fahren nun zieh gen... ern ſich te nichts dand.. ier vor g zul ſein m Wind n Einen Oberſt e Jonge, du von nehr di geſtern 353 noch ſuchte mich ein Herr von Terſchka auf, der heute wiederkommen wollte... Er wohnt auf dem Schloſſe ... Wer begleitet uns im Triumph? Ganz Wito⸗ born?... Armgart zuckte auf den Namen Terſchka's zuſammen und blickte zur Mutter hinüber, die ſorglos und nur voll Wehmuth ſtand... Offenbar gab das Herz des Kindes dem Vater den Vorzug... Das ſah Monika... Sie ſah es jetzt wieder an dem ſonderbar ſcheuen und prüfenden Blick Armgart's... Terſchka ſuchte dich wie einen verlorenen Edelſtein! fuhr der Vater harmlos fort... Und das biſt du ja auch... Ihm verdanken wir eigentlich Alles— Nicht wahr, Monika?. Armgart hörte und hörte... Durch Hedemann reiſe⸗ fertig gemacht ging ſie ſchon wie eine Führerin voraus ... Eros, der Griechengott, wie mit der Fackel voran⸗ leuchtend... Monika rühmte im Nachfolgen Terſchka's Gefällig⸗ keit... Der Vater war ganz erfüllt von dem böh⸗ miſchen Rittmeiſter... Faſt ſchien es, als hätte bei ihm Terſchka um Armgart geworben... Klar blickte ſie über nichts und ſah ſich nur immer nach einem ſtörenden Schat⸗ ten zwiſchen ihnen allen um, zerpreßte den Brief, den ſie auf der Bruſt verborgen trug, und deutete und deutete noch dies und das nach dem Lügengeiſt, den ſie geſtern als den Beherrſcher des Lebens erkannt haben wollte... Wie iſt das nur? ſprach ſie vor ſich hin und zog Vater und Mutter ſich nach in die freie Gotteswelt... Jetzt begannen auch wieder die Mühlen, die Waf⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. VI. 23 354 ſer rauſchten... Man ſtieg über die Schwelle des Thurms... Die taube Alte ſah ihnen verwundert und ſchelmiſch lachend nach... Unten ſtanden Geſellen und Burſche und zogen die Mützen und weiter und weiter ging's... Durch die Bächlein, über die Brücken... Zu ſprechen war hier nichts, nur zu ſehen, nur der Druck der Hand zu fühlen... Der Thurm da hat euch verbunden? hauchte Arm⸗ gart, als ſie an den Wällen ankamen, wo unter der Allee ein Wagen auf ſie wartete, ein Kutſcher von Weſterhof in den Dorſte'ſchen Farben... Sie ſchüttelte den Kopf und ihre lieblichen beiden Zähne blinkten... Die Seele des Thurms! ſprach der Vater... Die Mühlen! Die Mühlen! lachte Hedemann und bat Armgart um Vergebung. Er ſelbſt konnte nicht weiter dann folgen... So ſtiegen die Aeltern und Armgart allein ein... Im Wagen ſah Armgart, daß das Band ihrer Ael⸗ tern in der That jetzt eben erſt neugeſchloſſen war... Das Auge des Vaters ruhte mit gleicher Wonne auf der Mutter, wie auf ihr... Das Auge der Mutter war umflorter, als das ſeinige... So dachte ſie ſich Braut⸗ und Bräutigamswonne beim Heimfahren von der Kirche... Du begreifſt es noch nicht recht? ſprach der Vater... Und ſo ganz licht und hell iſt auch die Zukunft noch nicht, mein Kind!... Die Zeit der Kämpfe— beginnt erſt... Da aber, als ich mich nach einem Beiſtand dafür umſah, da gerade fand ich die beſten Bundsgenoſſen.. Weib und Kind. lle des ert und en und weiter Druck Arm⸗ er Allee eſterhof n Kopf un und 355 Monika blinkte ihm zu auf Armgart's Staunen: Sie lebt und ſchwärmt wie Paula!... Das war ſo ein erſter Zug von dem, was Armgart als das Weſen ihrer Mutter kannte... Armgart ver⸗ ſtand nicht ganz, was die Mutter meinte, ahnte aber die Gedankenwelt, die Vater und Mutter hegten und die ſie verband. Da es die nicht war, die ſie theilte, ſo verließ ſie ein Zagen nicht... Aber ſie verurtheilte Nieman⸗ den... Sie grübelte, was die Aeltern ſo recht, recht einen mochte und— wie die Mutter— mit Terſchka ſtand... Da ſie fürchtete, durch ihr Schweigen kalt zu er⸗ ſcheinen, ſagte ſie zum Vater: Du warſt noch nicht— auf— Weſterhof?... Der Oberſt ſchüttelte ſein jetzt ernſter werdendes Haupi... Nein! ſprach er. Nur ſo konnt' ich ja dort ankom⸗ men! Wenn die Mutter dort war—— konnt' ich nur kommen mit unſerm Kinde... So ſeinen Worten gleich die mildere Deutung gebend, blickte er träumeriſch und ſich auf die Vergangenheit beſin⸗ nend in die Ferne... Das da iſt Sanct⸗Libori? ſagte er... Die Mutter war bereits heimiſcher... Es war der dritte Tag ſchon, den ſie in Weſterhof zubrachte... In bangen Aengſten... Das glaubte Armgart wohl... Aber räthſelhaft, wie ſorglos ſie von Terſchka ſprach... Noch räthſelhafter für Armgart, wie ihn der Vater ſo rühmen konnte... *Herr von Terſchka mußte geſtern plötzlich zum Bi⸗ 23 356 ſchofl ſagte der Vater. Er wollte doch heute in der Frühe wiederkommen... Ja, wir glaubten erſt, du wärſt bei den Clariſſinnen! Terſchka wollte es behaupten und ſagte, ſie verbärgen dich dort... Hedemann geſtand noch nichts... Erſt heute früh geſtand er's, Kind. Als du kamſt?... fragte ſie... Ja, Armgart, als ich— Ich kam zuerſt... Zum Vater... Sieh mir ins Auge, Seelenkind!... Armgart hielt die Hände beider Aeltern und ſah dabei noch immer nach rechts und nach links... Wann ſagte es denn Hedemann?— ſtammelte ſie, ungewiß noch über alles und mit liebenden Augen die Kälte ihres Fragens mildernd.. Wo du warſt? fiel der Vater ein. Da ſagte er es, als er ſah, daß du in unſern Herzen wohnſt! Liebes Kind! Deine Mutter brachte mir durch ihr An⸗ klopfen an meine Thür Lebensmuth, Stolz, Erhebung... Sie hörte, daß ſie mich ſo heftig in Weſterhof anklagten ... Sie hörte von meinen Abſichten auf Witoborn... Sie war überraſcht davon und vertheidigte meine Auffaſſun⸗ gen der Zeit und des Berufs und meine Denkweiſe... Sie hatte ſich meiner Perſon entwöhnt und machte plötz⸗ lich einen ganz andern Menſchen aus mir, als ich bin .. ja ſie hatte ſich— ſollte man's glauben— in mei⸗ nen ſchlimmen Ruf verliebt... Ulrich! fiel die Mutter ein... Sie iſt zu jung, um zu verſtehen was über alles, alles im Leben geht und warum es heißt:„Im Anfang war das Wort!“ Armgart widerſprach nicht... In ihrer Seele ſah lte ſie, en die gte er ohnſt! r An⸗ N. lagten .Sie foſſun⸗ he eplöb⸗ c bin n mei⸗ jung. n geht ℳ rr Seele 357 klangen die Evangelien und die Stimmen aus der Bibel nach... Sie begriff— wenn auch mit tiefem Bangen— daß die Aeltern ſich durch die Verwandtſchaft ihres Den⸗ kens, durch die gleiche Richtung des Willens, durch den Muth ihrer Ueberzeugungen wiedergefunden hatten... Doch ließen beide ihr den Ruhm, daß ſie, ſie allein die letzte Entſcheidung gegeben... Monika war ja in der That zum Oberſten mit den Worten eingetreten: Su⸗ chen wir doch zuſammen unſer verlornes Kind!... Da Armgart ſo oft ſchwieg, ſo tief verſunken blieb in ihre ſtille Welt des Glücks und des noch immer nicht recht befeſtigten Glaubens an dies Glück, ſo hielten ſie allmählich die Aeltern für weniger geiſtesreif, als ſie ihnen geſchildert worden. Sie beruhigten ſich leicht darüber und ſprachen mit ihr von der Gegend, vom Brand, von Paula, von der Erbſchaft, von den Be⸗ wohnern des Schloſſes Weſterhof, von Bonaventura von Aſſelyn, der, wie Monika ſagte, für den aufs Neue erkrankten Pfarrer die kirchlichen Handlungen ver⸗ richten helfe und ſchon für die nächſten Tage nach der Reſidenz des Kirchenfürſten zurückgerufen wäre... Armgart gab klug und verſtändig ihre Erläuterungen und ſchon erfreute ſie die Aeltern durch kleine Anflüge ihres Humors... Harmlos ergingen ſich die Aeltern in ihren Urtheilen über die Zeit und die Welt... Was die Mutter von Paula berichtete, waren Zweifel an ihrer Seherkraft. Doch ſie wurden milde vorgetragen und ver⸗ riethen vor Armgart's Freundin Achtung. Die Mutter hatte nicht, wie Lucinde, Freude an ihren Verneinungen... 358 Das Erſtaunen, die Ueberraſchung, der Triumph, der die drei Ankömmlinge dann auf dem Schloſſe empfing, waren unverſtellt und bei Allen ſchon um Armgart's, des wiedergefundenen Flüchtlings willen, der allerfreudigſte... Benigna, die um Armgart's Schickſal, um Monika's plötzliche Parteinahme für ihren Gatten in heftigſter Erregung zurückgeblieben war, vergoß Thränen, unauf⸗ haltſam... Onkel Levinus ſetzte ſich die engliſche Mili⸗ tärmütze mit den goldenen Treſſen auf und vergaß alle Anklagen über Standesetikette und Standesrückſichten, die Monika ſchon beinahe geſtern von dannen getrieben hat⸗ ten... Auch wol jetzt noch ſpottete er über den Pa⸗ piermüller, maß ſich aber doch mit ihm an der Thür, wo ſie einſt vor dreißig Jahren ſich in ihrem Wuchſe gemeſ⸗ ſen hatten und richtig den Strich noch fanden— nur daß Levinus damals der größere, jetzt der kleinere war und Ulrich rief: Gewachſen bin ich doch wahrhaftig nicht! Nun dann bin Ich— zuſammengekrochen! ge⸗ ſtand Levinus und lachte nun Paula entgegen, die die wiederentdeckte Armgart an ihr Herz zog und vor Ulrich, Armgart's vielbeſprochenem Vater, in Verlegenheit ſtand wie mit Roſen überhaucht... Terſchka fehlte noch, wurde jedoch erwartet... Auch Bonaventura, der noch in Sanct⸗Libori oder im Stift war... Verſtändigungen, Aufklärungen folgten... Die Tante ging ſogar auf einige Ketzergrundſätze ein... Sie verwies als einen ſträflichen Aberglauben die Abhängigkeit, in die man ſich von unüberlegt ausgeſprochenen„Ge⸗ lübden“ ſetzte... Ja ſie erzählte ſogar, als Terſchka iumph, npfing, 8, des ſte... onikas ftigſter unauf⸗ Mili⸗ aß alle ken, die en hat⸗ n Pa— ür, wo gemeſ⸗ ur daß er und nicht! n! ge⸗ die die Ulrich, ſtand Auch Stift Die Sie gigkei ge⸗ 359 und Bonaventura immer noch nicht kamen, mit leiſem Kichern eine Geſchichte von Müllenhoff's neuer Krankheit .. Sie wurde nur halblaut vorgetragen, drang aber doch zu Armgart's Ohr... Nachdem hintereinander erſt ein Püppchen, dann ein Kätzchen an des Pfarrers Hausthür wäre ausgeſetzt geweſen, hätte man geſtern in der Frühe ein wirkliches— lebendiges— neugebor⸗ nes Kind, einen pausbacknen Jungen, hellſchreiend in einem Korb gefunden... Was von Urtheilen daran an⸗ geknüpft wurde, entging Armgart... Sie war in der Stimmung eines Kinds am Weihnachtsabend, wenn die Beſcherung längſt da iſt und der glücklich trunkene Blick noch immer irrt und irrt und erſt noch das Oeffnen der lichterhellten Zimmer zu erwarten ſcheint... Sie machte ſich Vorwürfe über ihre der Mutter bewieſene Kälte... Wie beherrſchte aber auch Monika ſchon alles durch ihren Geiſt, durch ihre Ruhe, ihre— Aehnlichkeit mit der Tante und doch ſo ganz ihr Andersſein!... Terſchka blieb aus... Und wenn er kam, was dann — was dann?— dachte Armgart... Ja, ihr Opfer ſchien ihr in der That nicht vollzogen, das Band, das die Aeltern einigte, nicht feſt genug— Nach ſolchem Briefe! Solcher Sprache!... Kam Terſchka, ſie fühlte, daß ſie dann noch, Gott zu Ehren, von einem Felſen ſpringen mußte ... Sie hätte ihn begrüßt— als den Erwählten ihres Her⸗ zens... Monika ſtand mit Rührung über Armgart's ſtetes Zurückgezogenſein von ihr... Oft auch mit dem Gedanken: Sie iſt noch Kind; ſie bleibt, ſo ſchön und hold ſie iſt, hinter der Erwartung zurück, die man mir von ihr gemacht hatte 360 .Ein trunkenes, blindes Verlorenſein des Mutter⸗ gefühls in dem wiedergefundenen Schatz ihrer Sehnſucht lag nicht in ihrer Natur, die auch eben deshalb von Paula prüfend genug beobachtet wurde... Immer hieß es dabei: Wo bleibt der Domherr? Wo Terſchka?... Wurde Terſchka's Name genannt, ſo richtete ſich Arm⸗ gart auf, um ihm ſogleich mit geſchloſſenen Augen und wie mit zum Todesſtoß dargereichter Bruſt entgegenzu⸗ gehen... Monika blieb ruhig, befriedigt, glücklich... Der Dom⸗ herr hatte ſie geſtern und vorgeſtern vollkommen ſo harm⸗ los begrüßt, als kannte er ſie nicht... Er hatte ſo viel natürliche Sorge um das Auffinden Armgart's und die Ausſöhnung mit dem Oberſten verrathen... Ihre Philoſophie, die die Reue beſtritt, kannte kein Reue⸗ gefühl über ihr„maßloſes Sichgehenlaſſen“ im Beichtſtuhl damals, als ſie von einer„zweiten Liebe“ geſprochen, nur um die Ehegeſetze der katholiſchen Kirche anzugreifen... Paula bildete auch jetzt noch, wie immer, unter den Anweſenden den Mittelpunkt, ſo wenig ſie dieſe Ehre ſuchte... Monika fragte forſchend ihre Schweſter: Warum iſt ſie— nur ſo unruhig?... Monika hätte eine Offenbarung ihres geheimnißvollen Traumlebens wünſchen mögen... Benigna misverſtand die Frage. Sie glaubte, Mo⸗ nika meinte Armgart... Dieſe ſtand am Fenſter und war⸗ tete auf Terſchka und wie auf ihr Todesurtheil... Sie wollte ihn ſo empfangen, daß alle ſagen mußten: Das iſt ein Paar... Mutter⸗ hnſucht b von mherr? Arn⸗ en und egenzu⸗ Dom⸗ harm⸗ ſo viel s und Jhre Reue⸗ htſtuhl 1, nur 361 Benigna aber hatte, um ſchon wieder zanken zu kön⸗ nen, mit dem Eſſen zu thun, zu dem ſchon gerufen Wnade.. Man ging zu Tiſche... Schon ſaßen alle, da rollte ein Wagen vor. Wol Terſchka? rief der das Hundertſte ins Tauſendſte redende und nun auch ſchon Papier machende Onkel 4 Armgart griff an ihr Herz... Ihr Vater beobachtete ſie... Auch die Mutter.. Ein Diener wollte eben ſagen: Herr von Terſchka hat hinterlaſſen— da meldete man den Domherrn... Paula erglühte... Und Monika bekam Ahnungen von Bonaventura als dem„Bruder Gottfried“ der neuen Hildegard. Paula's Sehergabe hatte in dieſen drei Tagen, wo der Domherr wenig auf dem Schloſſe war, geſchwiegen... Endlich erſchien Bonaventura... Ernſt und milde, wie immer... Er grüßte die Neuverbundenen. Er wußte ſchon alles von Hedemann... Von Witoborn kam er, wo er Armgart hatte ſuchen helfen und den Oberſten begrüßen wollen... Er beglückwünſchte, mehr mit dem Auge, als mit den Lippen, forſchte den Oberſten nach dem Dechan⸗ ten aus, verrieth der Frau in Silberlocken nichts, daß er all ihr Herzensleben aus dem Beichtſtuhl kannte... Mit Armgart ſprach er ſogar ſcherzhaft und drohend . Aber bei alledem blickte er voll Trauer... Keiſen Sie wirklich ſchon morgen? fragte der Sberſt bedauernd.. Bonademura beſtätigte ſeine Abreiſe, ſuroch von einem Auftrag nach Wien— von einer Erhebung ſogar zum Domkapitular. 36² Man beglückwünſchte voll Ueberraſchung... Paula ſenkte die Augen... Monika's Art war kein kleinliches Forſchen; doch be⸗ merkte ſie die Gleichzeitigkeit des trauernden Ja und jener geſenkten Augen.. Wie viel Gründe hatte nicht Bonaventura für ſeine Trauer... Wie liebevoll und beziehungsreich ſprach er von Benno und vom Dechanten... Als man wiederholt nach Terſchka ſpähte, überraſchte er alle mit dem plötzlichen Worte: Terſchka?... Sie wiſſen— alſo— noch nicht?... Die fragenden Blicke aller richteten ſich zugleich auf ihn zum Zeichen, daß man ohne jede Ahnung war... Armgart hielt krampfhaft die Hand der Mutter und die des Vaters... Sie ſaß zwiſchen beiden... Beide verſtanden allmählich ihre Aufregung und ſahen die„Liebe“ des jugendlichen Herzens... Monika mit Schrecken... Herr von Terſchka iſt abgereiſt! fuhr Bonaventura fort... Wußten Sie das nicht?.. Abgereiſt? So plötzlich? fragten der Onkel und die Tante und ſahen ſich nach den Dienern um, die davon wiſſen mußten... Armgart beobachtete jeden Zug im Antlitz der Mutter und dieſe wieder in ihrem und beide ſaßen zum Tod erſtarrt... Ich wiederhole Ihnen nur, was ich ſoeben in Wito⸗ born aus Jedermanns Munde hörte... Herr von Terſchka war geſtern Abend beim Biſchof, heute in aller Frühe ſchon im Kloſter Himmelpfort; dann will man ihn noch im Düſternbrook bei den beiden Eremiten geſehen haben... Ein Pferd ſoll er in Witoborn in 363 den Stall bei„Tangermanns“ geſtellt haben, das über und über mit Schweiß bedeckt war... Dann nahm er Extrapoſt und iſt abgereiſt... Die Tante klingelte den Dienern, die auch eben kamen und die Speiſen hereintrugen... Monika blickte nieder— für ſich fühlte ſie wie erlöſt. Terſchka hatte ſie auf dem Schloß geſtern und vorgeſtern mit unbeſonnener Vertraulichkeit verfolgt, ja in Erwar⸗ tung, ſie hätte ſeinen Brief erhalten, ſogar gewagt, Abends an ihre Thür zu pochen, wo ſie ſich nur durch die Glocke helfen konnte... Seitdem hatte ſie ihm nicht mehr Rede geſtanden und wies einen zweiten Brief zurück... Aber — Armgart...? Von den Dienern erfuhr man, daß Terſchka in aller Frühe mit einem großen Koffer nach Witoborn gefahren war; der Wagen war eben jetzt allein zurückgekehrt... Der Onkel, hocherſtaunt, fragte: Aber die Schlüſſel ſeiner Zimmer?... Man übergab die Schlüſſel... Daß nach dem Fund der Urkunde Terſchka nicht lange hier verweilen würde, hatte man vorausgeſehen. Dennoch war dieſe jähe, abſchiedsloſe Entfernung aus ſeiner ihm, man ſah es geſtern und vorgeſtern, un⸗ behaglich gewordenen Lage zu auffallend... Inzwiſchen blickten Alle auf Armgart... Sie ver⸗ ſchlang die Worte aus Bonaventura's Munde... Die Diener waren wieder abweſend... Ohne zu grelle Hervorhebung ließ Bonaventura, wenn auch mit Beben, die Worte fallen: Sie werden bald vernehmen... was ich in Wito⸗ 364 born ſchon aus Jedermanns Munde erfuhr... Terſchka iſt ja ſeltſamerweiſe... nicht in der Lage, jemals— zurückkehren zu können... Alle horchten auf... Terſchka— war das nicht, was er uns allen er⸗ ſchien... Armgart hatte ſich erhoben... Jeder erwartete, ſie würde ausrufen: Er iſt vermählt!... Bonaventura ſprach leiſe: Terſchka iſt— ein Prieſter. Das Wort des Erſtaunens erſtarb auf aller Lippen... Noch mehr, fuhr Bonaventura fort und dämpfte die Stimme— man ſagt es in der Stadt allgemein, er gehört dem Orden— der Geſellſchaft Jeſu an und hat in Rom das vierte Gelübde abgelegt... Mein Stiefvater — ſcheint— die Geſetze gegen ihn geltend gemacht zu haben, die keinen Jeſuiten im Lande dulden... Oder —— man vermuthet, daß ſeine Miſſion zu Ende iſt und man ihn ſchleunigſt nach Rom zurückberief... Nur zurückhaltend ſpricht man von dieſem ſeltſamen Vorfall; doch ſcheint die Nachricht— unwiderleglich zu ſein... Es gibt eine magiſche Lichtwirkung, die plötzlich die blühendſten, lebensfriſcheſten Phyſiognomieen in Larven verwandelt... So die Wirkung dieſer Mittheilung... Was mußte man von Terſchka's Metamorphoſe, was von ſeiner Verbindung mit den Camphauſens in Wien, was von ſeinem Leben hier auf dem Schloſſe denken?... Monika, die den Beziehungen Terſchka's zur Fa⸗ milie des Grafen Hugo ſo nahe ſtand, konnte ſich kaum —— Terſchka mals— allen er⸗ rwartete, ppen.. npfte die nein, er d hat in tiefvater nacht zu .Oder iſt und Nur Vorfall; in... Larven viphoſe in Wien, en?.“ zur Fa⸗ ih kaum — 365 im Sitzen erhalten... Ihre Lippen bebten; ihr Auge rollte; ihre Bruſt hob ſich; ſie hatte einen— Fluch auf der Zunge... Das ſahen alle. Ihr Gatte betrachtete ſie mit gleicher Empfindung und maß den Antheil, den er aus ihren Beziehungen zur Mutter des Grafen Hugo vollkommen zu würdigen wußte... Er verſtand die Entrüſtung aus gleicher Geſinnung... Dennoch ſtammelte Monika: Faſt glaub' ich, man muß dem Manne nicht zu ſehr zürnen!... Er wav vielleicht mehr ein Opfer, als ein Werkzeug!... Mehr konnte ſie nicht ſagen... Denn alles war erſchreckt durch Armgart... Dieſe ſtand wie wenn ſie eine Geiſterwelt um ſich ſähe... Nicht daß ſich ihr ſofort das Räthſel des Briefs enthüllte, nicht daß ſie ſofort verſtand, wie Terſchka nur gerade dieſe Laſt der Seele hatte abſchüt⸗ teln, deshalb convertiren wollen... ſie ſah nichts, als daß Terſchka für die Mutter aufhörte ein Mann zu ſein, aufhörte, verwirrend und beſtrickend in Frauen⸗ ſeelen einzugreifen... Ein Prieſter!... Erlöſt von einer Laſt, die von ihrem Herzen fiel, ſtieß ſie einen lauten Ton der Freude aus. Sie ſtürzte auf die Mutter zu.. Jetzt erſt, jetzt ſie wiedergewinnend, jetzt ganz an ſie glaubend, nachholend, was ſie an ihr verſäumt hatte, lichtumfloſſen nach ſo langer dunkler Irrung, umarmte ſie die Befremdete ſtürmiſch, küßte ihre Stirn, ihre Lip⸗ pen, ihre Hände, umfaßte ihren Leib und entfloh aus dem Zimmer... 366 Was iſt dem Mädchen? riefen alle— außer Bona⸗ ventura und Paula... Monika verſtand allmählich auch das beharrliche und auffallende Schweigen beider und ſagte, ſich in ihren Vor⸗ ſtellungen Licht ſuchend: Welch ein Wahn?... Sie ſah purpurroth vor Bonaventura nieder und ge⸗ dachte nun beſchämt ihrer Beichte... Die Tante kannte Terſchka's Neigung für ihre Schweſter. Aber ihrer Verlegenheit half die Nachwirkung des Schreckens über Terſchka. Von allem Unangenehmen gleich zur Ab⸗ wehr geſtimmt, hatte ſie das Bedürfniß des Polterns... Sie iſt eine Närrin!... rief ſie Armgart nach... Bald aber ſtockte auch ihre Rede— voll Grauen über die Verſtellungskunſt, deren Zeuge ſie hier einen Winter über geweſen waren... Der Onkel gab ſich offener. Er verweilte mit un⸗ ausgeſetztem Erſtaunen bei der Mittheilung des Dom⸗ herrn und fand ſie für die Enthüllung römiſcher Zu⸗ ſtände außerordentlich... Armgart's Platz blieb leer... Man aß und ſuchte in zerſtreuendem Geſpräch Faſſung zu gewinnen... Was ſtören und die eben gewonnene Einheit trüben konnte, wurde vermieden... Levinus rügte nichts am Bruder, die Tante nichts an ihrer Schweſter... Da⸗ für behielten Ulrich und Monika für ſich, was beide tiefſchmerzlich von Rom, ſeinem Bau, ſeinem Bann über die Welt empfanden... Bonaventura und Paula empfanden alles das nicht minder... er Bona⸗ liche und ren Vor⸗ r und ge⸗ chweſter. Schreckens zur Ab⸗ terns... nach.. auen uber Winter mit un⸗ s Dom⸗ cher Zu⸗ id ſuchte en.. t trüben ichs am Da⸗ 95 beide ann über dus lich Dennoch erhielt Onkel Levinus ſcheinbar Recht, als er das Glas erhob und ſprach: Der Menſch iſt ſo glücklich, wenn er die erſte Summe ſeiner Erſparniſſe zurücklegen und ſagen kann: Das haben wir denn nun— und das Uebrige findet ſich! ... Halten wir uns an das Glück, das wir ſehen und — mit Händen ſchütteln!... Hoffen wir, daß im Schoos der Zukunft mehr, mehr, viel mehr zu unſerer Freude verborgen liegen wird, als wir ahnen!... Darauf klangen auch alle an... Die Tante lachte über das Levinus'ſche Bild von „zurückgelegten Erſparniſſen“... Plötzlich aber fiel allen Paula's Blick auf... Paula hatte von den Speiſen wenig nehmen mö⸗ gen. Ihre Erregung mehrte ſich durch die Erwartung der Wiederkehr Armgart's... Sie fragte nach ihr... Schon ſeltſam leiſe erklang ihre Stimme... Die Tante kannte dieſen Ton und erhob ſich... Paula blickte ſtarr auf die großen ſilbernen Gefäße, die beim Mahle benutzt wurden... Die Tante rückte eine glänzende Vaſe zurück, in der ſich Paula ſchon wie unbewußt ſpiegelte... Das glänzende Metall übte ſeine Wirkung... Paula begann mit Armgart zu ſprechen, ohne daß dieſe im Zimmer war. Ende des fünften Buchs. 8 5 S=— — 8 2 5 a —₰ 8 — ₰ 8 8 80 5 2 88 3 — A [Shart Hed Magenta SG Green y Gortro Vellow- TE mmmnn nnfumdnn II 2 3 4 5 6 9 8 9 v..“