8 A——— ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — —— wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3— 6 5 3 2/ n 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 8 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 48 — beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „— 1 —————— ———— Der Zauberer von Rom. Fünfter Band. 8 Der Bauberer von Rom. Roman in neun Büchern von Karl Gutzkow. Fünftey Band. Leipzig: F. A. Brockhaus. 185 9. —₰‿ Der Verfaſſer behält ſich fremde das Recht der Uebertragung in Sprachen vor. Berichtigung. Seite 15, Zeile 15 v. u., ſtatt: Introito, lies: Introibo Fünftes Buch. 4 1 * 4 3 Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 1* 8 1 —— 1 8 „C. M. B. Caspar, Melchior, Balthaſar. ... Dieſe Namen der heiligen drei Könige aus dem Morgenland ſchrieb die alte Zeit über Thür und Schwelle eines jedes Chriſtenhauſes, um dem Heiland daraus eine Weihnachtskrippe zu bereiten. Aber ſie können noch mehr ſagen, die heiligen drei Könige aus dem Morgenland! Sie können euch zurufen: C. M. B.: C— reuzige M—eine B— egierden! C— hri⸗ ſtus M— ein B— ekenntniß! C— hriſtus M— eine B— ahn! C— ommunicire M— it B— edacht! C— abalen M—üſſen B— rechen! C— abinetsweisheit M—acht B— ankrott!“ In dieſer harmlos zeitgemäßen Weiſe war in der uralten Archipresbyteriatskirche zwiſchen Witoborn, Stift Heiligen⸗ kreuz und Schloß Weſterhof, am heiligen Dreikönigstag gepredigt worden vor einer aus Hoch und Niedrig beſte⸗ henden Gemeinde, die auch deshalb ſo zahlreich vertre⸗ ten war, weil alles erwartete, der von vierundzwanzig Damenhänden gefertigte Wunderteppich, die vom Doctor 1* Laurenz Püttmeyer gezeichnete Viſion der„Seherin von Weſterhof“, würde heute vom Pfarrer Norbert Müllen⸗ hoff geweiht werden. Dieſe„Weihe“ mußte dem erſten Betreten des Teppichs durch den erwarteten Archipresbyter vorangehen. Aber noch drei Wochen vergingen, bis dieſe heilige Handlung vollzogen werden konnte. Die Damen hatten für den Kirchenfürſten zu viel zu ſticken und damit jenen Müllenhoff'ſchen—„Bankrott aller Cabinetsweisheit“ zu beweiſen... Armgart war mit ihrem Drachen, den ſie, wie Terſchka an jenem Abend bei Piter Kattendyk berichtet, durch „längern Umgang lieb gewonnen hatte“, faſt die erſte fertig und hatte ſich bereits wieder in zwei„Vielliebchen“ verloren, die ſie für Thiebold und Benno fertigte, eine Cigarren⸗ taſche und einen Aſchenbecher... Nur ihre übrigen Mitfräulein im Stifte zögerten ſo lange mit Ablieferung ihrer Einzeltheile der großen Arbeit, die dann Jean Tübbicke, nicht Schneidermeiſter, ſondern— man ſtaune des Fortſchritts zu Witoborn!—„Maitre-tailleur“ in der alten Prieſterſtadt und ſogar der Sohn eines Meßners, des alten Meßners Tübbicke hier zu Sanct⸗Libori ſelbſt, nach Püttmeyer's Zeichnung zuſammenzunähen hatte. Armgart ſaß am Dreikönigstag gleichfalls in der Kirche. Ach, ſie deutete ſich dieſe akroſtichiſche Nutzanwendung von C. M. B. aus dem Munde des jungen ſo ſchlag⸗ fertigen Geiſtlichen, der noch nicht zu lange aus dem Seminar gekommen war und ſchon auf zwei Pfarren fungirt und ſeines reformatoriſchen Eifers wegen zwar überall Spectakel gehabt, aber dennoch dieſe höchſt vor⸗ 8 3 5 Ir 5 treffliche Pfarre auf den Dorſte⸗Camphauſen'ſchen Gü⸗ tern bekommen hatte, in ihrer Weiſe. Ihr— ſprachen Caspar Melchior Balthaſar: Herr! C— röne M— ein B— eginnen!... Daß ſie dabei„Cröne“ mit einem C ſchrieb, entſprach den Witoborner alten Geſangbüchern. Stand doch die ganze Bildung jener Gegend noch auf dem Standpunkte mehr von 1738 als von hundert Jahren ſpäter. Die wunderherrlichen Gedichte der Annette von Droſte⸗Hüls⸗ hoff, dieſer edeln, anſchauungsreichen Sängerin, die, wie Benno von Aſſelyn gelegentlich zum Verdruß der Tante Benigna von Ubbelohde beim Thee auf Weſterhof geſagt hatte, auf dem Parnaß auch das Heidekraut und die Buch⸗ weizengrütze ausſäete, dieſe Gedichte kannte Armgart; aber mit Andacht las ſie ſeit Kindesbeinen nur die Poeſie auf den Kreuzwegſtationen und Wallanlagen von Witoborn und in den Corridoren ihres Stiftes Heiligenkreuz. Denn dort war ſie eingetreten. In der That hielt ſie jetzt Markt mit ihren Naturaleinkünften(in dieſem Winter freilich erſt Einen einträglichen mit zehn Schinken, zehn Würſten und zehn Speckſeiten)... Ueber ihrer Thür ſtand: O Libori, o Antoni, zwei Gefäß der Heiligkeit, Daß wir müſſen euch begrüßen, heißet uns die Schuldigkeit! O Libori, o Antoni, ſteht uns bei am letzten End', Daß nicht ſterben und verderben! Führet uns in Jeſu Händ'! Welches iſt Armgart's„Beginnen“?... Wir können vorläufig nur ſagen: Noch mehr, als ſie ſchon ſonſt war, iſt ſie Grüblerin geworden. Stundenlang konnten ihre braunen Augen in die innerſten Wände ihrer kleinen, ahnungsvollen Gedankenwelt zurückſchauen. Stundenlang 6 konnte ſie ihre bekannten weißen Vorderzähnchen ohne Bedeckung der ſchmerzlichverzogenen Lippen laſſen, wenn ſie über etwas grübelte, was ihr ſeltſam ſchien. Und was erſchien ihr nicht ſeltſam! Noch jetzt, wenn von der Erblaſſenſchaft der Dorſte'ſchen Beſitzungen, von dem Grafen Joſeph, ihrer geliebten Paula Vater, als von dem Erblaſſer die Rede war, konnte ſie ſich fragen, ob denn dies ſchmerzliche Wort nicht eigentlich zu ſprechen wäre: Er— blaſſer und den im Tode tief Erblaſſenden, leichenweiß erbleichenden edeln alten Herrn bezeichnen ſollte? Eine Erbskette nahm ſie noch jetzt für eine Kette, die man von geliebten Perſonen, etwa einer theuern Mutter, erbt, nicht als Kette von Kügelchen, ſo groß wie Erbſen. Wenn der Onkel Levinus Abends nach dem Nachteſſen in Schloß Weſterhof vom Unter⸗ gang der weſtfäliſchen Herrſchaft und von Napoleon's Sturz in Rußland ſprach und die Schlacht bei Moſaisk erwähnte, träumte und grübelte ſie, wie doch nur mit dieſer Begebenheit das zuweilen in Kunſtgeſprächen und bei ſchönen römiſchen Brochen vorgekommene ahnungsvoll poetiſche Wort Moſaik zuſammenhängen könnte. O, ſchon das achtjährige Kind ließ ſich nicht nehmen, daß in dem auf dem Finkenhof, einem Wirthshauſe in der Nähe zuweilen geſungenen Liede:„Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht!“ keine Lampe, mit der ja ohnehin kein Menſch ſpringen würde, ſondern ein ſpringend erhitztes Lämmchen gemeint wäre. Zwölfjährig ſchon, wo ſie noch nicht ahnte, daß ſie ſelbſt einſt in Linden⸗ werth wohnen würde, auf das jene Ritter⸗Toggenburg's⸗ Sage vom angeſtarrten Fenſter der Geliebten in Wahrheit in einſt gegangen ſein ſoll, ſprach ſie Schiller's, aus einem Schulbuch ihr bekannt gewordenes Gedicht:„Ritter, treue Schweſterliebe widmet euch dies Herz!“ nie anders, als: „Rittertreue, Schweſterliebe—!“ Drückte doch beides das ihr Schönſte und Herrlichſte im Leben aus: Ritter⸗ liche Treue und ſchweſterliche Liebe. Drei Wochen darauf wurde dann endlich wirklich der Teppich geweiht. Das war ein feſtlicher, hoch katholi⸗ ſcher Sonntag!... Hier in viel rauherer Gegend, als in der Reſidenz des Kirchenfürſten, war es zwar ſchon voll⸗ ſtändiger Winter und der Schnee lag fußhoch und darunter hatte kurz vor ſeinem Fallen etwas Froſt alles Flach⸗ und Hügelland mit ſeinen Walleinſchnitten und Hecken gehärtet und gefeſtet... Jetzt erſt recht zeigte ſich die Iſolirung, die hier den Charakter des Zuſammenwohnens bildet... Der Bauer auf ſeinem Kamp, der Junker auf ſeinem Hof ſchließt ſich ab, wie wenn dies Land, gleichfalls nach Benno's früherer Aeußerung, ein Meer wäre und ſeine Wohnungen Inſeln oder Schiffe... Ringsum hat jeder bei ſich in nächſter Nähe gleich, was er bedarf. Selbſt im Bauernhauſe liegen ſogleich mit der Viehſtall und der Backofen. Den Wald opferte man nicht ganz, ſondern behielt eine gute Strecke davon als Grenzmarke der Aecker. Nirgendwo findet man hier die langen Ackerfeldfurchen, die in unüberſehbarer Einförmigkeit nur von vollſtändigen Dörfern abgelöſt werden. Hier iſt das Dorf aufgelöſt in Höfe, die auch jetzt im Schnee, der ſcheinbar alles nivellirt, an den rauchenden Schornſteinen ſichtbar ſind. Man glaubt eine unterm Schnee nach allen Orten hin ſich öffnende unabſehbare Kraterwelt zu erblicken. Gegen Oſten hin ragen einige alte Thürme auf, wie wenn ſich eine Citadelle dort erhöbe. Das iſt Schloß Weſterhof. Gegen Süden zu zeigt ein ganz buckelig geſchnörkelter, mit Schiefer belegter Thurm(was man herausſehen kann, da der Schnee nicht von allen Seiten an den Rundungen feſthielt) das Stift Heiligenkreuz. Und inmitten dieſer großen Rundſicht, welche Berge, Wälder, Seen, die Witobach, an der das thurmreiche Witoborn liegt, mehr ahnen als deutlich unterſcheiden läßt, liegt dann am Fuße einer kleinen Anhöhe die alte einſt byzantiniſch angelegte, jetzt höchſt zopfig überbaute Kirche von grünlichem Sandſtein Sanct⸗Libori. In nächſter Nähe gehört dazu ein Stückchen Wald, der nur die Einfriedigung eines Kamps iſt, deſſen Inneres zwei ſtattliche moderne Häuſer bilden, das des Pfarrers und das des Schullehrers von Weſterhof... Aber dieſe ganze Winterlandſchaft iſt heute belebt, wie im er⸗ wachenden Frühling! Sieben bis acht Schlitten ſtehen unten vor dem Kalvarienberg des Aufgangs, davor ſchellenklin⸗ gelnde Roſſe mit langen fliegenden Decken... Die putzigen Türkenköpfe auf den Schnäbeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in der Runde an. Dazwiſchen die Bauern und die„Kötter“ und die Knechte in Pelzkappen; die Frauen trotz der Kälte in all den wunderlichen Hauben und fliegenden Aufſätzen, die der Tracht jener Gegend eigen ſind; die alten Mütterchen mit großen weißen Krägen, die ſie halb den ſo ſehnlichſt vom Adel erwarteten Barmherzigen Schweſtern ähnlich machten; in der Hand der reichen Bäuerinnen ein goldgeſchnittenes Gebetbuch, ein Roſenkranz am Gürtel, auf der Bruſt eine Ringel⸗ kette von vergoldeten Medaillen... Die Weihe iſt endlich vorüber... In den Schnee hineinblickend mußte die ſich zerſtreuende Gemeinde nur bunte Flecken ſehen, wie wenn man in die Sonne geſchaut, ſo prächtig war der Teppich geweſen, der vorm Hochaltar hoch an rothen Stangen mit Goldtroddeln geprangt hatte. Er leuchtete wie der Widerſchein eines Fenſters im mai⸗ länder Dom. Violett und gelb und blau und rubinroth ſtrahlten die bunten Gewebe und namentlich wurde der Pfau des heiligen Liborius von einem auch dazu gerade hervorblitzenden Sonnenlichtsſchimmer prächtig erleuchtet. Norbert Müllenhoff predigte in ſeiner jungkatholiſchen Weiſe. Wieder knüpfte er an Caspar Melchior Balthaſar an und ſagte, die wilden Thiere des Teppichs da, die wären auch in dem Land heimiſch, von wannen jene Morgen⸗ landskönige gekommen. Dann ſchilderte er dieſe Morgen⸗ landskönige gelegentlich im Gegenſatz zu den Abendlands⸗ königen. Jene waren theilweiſe, ſagte er, ſchwarz von außen, dieſe ſind nicht ſelten ſchwarz von innen. Jene brachten dem Heiland köſtliche Geſchenke, dieſe beraubten nicht ſelten den Heiland noch und beſtöhlen ihn und plünderten ihm das Stroh aus ſeiner dürftigen armen Krippe, der Kirche. Jene hätten ſich auf einen einzigen Stern am Himmel verlaſſen, dieſe ertheilten Hunderte von Sternen auf die Bruſt ihrer Schmeichler und gingen dennoch in der Irre. Dann ſagte der Redner: Auch der Pfau, der den heiligen Liborius geleitet hätte, wäre ein ſolcher himmliſcher Stern geweſen! Man ſollte doch nur hinblicken auf ſein geſchwungenes Rad! Wie das in ihm von Licht und Farbe funkelte! Zwölf Augen ſäßen in dem Rand des Rades und hätten gewacht über 10 den Weg, den der Heilige damals durch die Heiden hin⸗ durch hätte nehmen müſſen, um gerade hieher nach Weſter⸗ hof zu kommen, wohin ihn ſeine ganze Sehnſucht zog! Jetzt müßte freilich die Kirche, um wie dieſer Heilige durch alles noch herrſchende Heidenthum hindurchzukommen, viel kleinere und beſcheidenere Vögel zu Führern wählen, leider— vor allem nur die ſchüchterne Taube. Glücklicher⸗ weiſe wäre dieſe aber denn auch nichts Kleineres, als eben der Heilige Geiſt ſelbſt. Und ſo wollten auch ſie, zaghaft und ſchüchtern, die gute Sache des ewigen Gottes und ſeiner Heiligen in dieſer Welt der Gewalt vertreten, wollten flicken an den Schäden, ſo gut es ginge mit Menſchenkraft, wollten die Kirche ausbauen, wo ſie allzu ſchadhaft würde; denn die Kirche Gottes, ſagte er mit einem jetzt etwas ſonder⸗ bar blinzelnden Blick auf den Dorſte'ſchen Kirchenſtuhl auf dem Chore ihm gerade gegenüber, die iſt nicht byzantiniſch, nicht gothiſch, nicht Renaiſſance, nicht Rococo gebaut, ſondern einfach blos— felſenfeſt! Das hat Sanct⸗Paulus bereits den Korinthern anzuhören gegeben, fuhr er fort, die ſich auf ihre Säulenknaufe und Säulenordnungen bekanntlich ſo viel eingebildet! Warum würde ſonſt Sanct⸗Paulus gerade in der zweiten Epiſtel an die Korinther Kapitel 5 über das wahre chriſtliche Bauweſen ſeine Meinung ab⸗ gegeben haben? Aufrichtig geſtanden, dieſe Bemerkungen des Pfarrers waren Anzüglichkeiten. Aber man war dergleichen an dem jungen, friſchen, noch ganz ſtudentiſch ausſehenden Mann von etwa dreißig Jahren in der Gegend ſchon gewohnt. In dem gräflichen Stuhl im Emporchor verſtand man ſehr wohl, was gemeint war mit dem Blick auf Terſchka, auf Levinus von Hülleshoven, Armgart's Onkel, der die Dorſte'ſchen Güter verwaltete... Und trotz des feierlichen Tages, war das erſte Wort, das Norbert Müllenhoff nun in der Sakriſtei, mit beiden Armen ſich zum Erwärmen auf die Schultern ſchlagend, ſprach: Nein hier eine wahre Hundskälte das! Zähneklappernd trat er an einen in der Sakriſtei ſtehenden eiſernen Ofen, der auf drei Schritte aller⸗ dings eine Glühhitze verbreitete, aber nicht den übrigen Raum erwärmte. Das Rohr entließ den Dampf durch eines der großen Rundfenſter.. Ich ſagt' es ja gleich, Herr Pfarrer! Die neue Thür, die Sie durchaus durchgebrochen haben wollten— be⸗ gann der alte Meßner Tübbicke, Vater des maitre-tail- Jeur... Schweigen Sie! ſagte der Geiſtliche und entkleidete ſich.. Der Meßner war ein alter hagerer Mann mit einer rothen Flachsperrüke. In ſeinem langen rothen Rock ſah er ſelbſt wie einer der auf den Dörfern wandelnden hei⸗ ligen drei Könige aus, die mit ihrem: Wir ſind die Könige aus Morgenland, ho, je! an den Thüren bettel⸗ ten. Auch eine Art Scepter hatte er in der Hand, die lange Lichtputze, mit der er in der ſich nun entleerenden Kirche die Altarkerzen auslöſchen wollte.. Wirklich, Herr Pfarrer, dieſe neue Thür, die ſonſt nicht da war— begann Tübbicke aufs neue... Wollen Sie wol ſchweigen! wiederholte Müllenhoff aufſtampfend und zog ſich ſeine Meßkleider aus. Ein 12 für allemal, Tübbicke, rief er dem Alten nach, wenn ich vom Allerheiligſten komme oder von der Kanzel herab, ſo ſollen Sie mich nicht eher anreden, bis ich Sie ge⸗ fragt habe! Gut, gut, gut! antwortete der Alte brummend und kopfſchüttelnd über ſeinen neuen Vorgeſetzten... der für ſich weniger maliciös, als ſozuſagen eher burſchikos fortbrummte: Dieſe Sucht von den Meßnern, überall mit uns um⸗ zugehen, als wenn der ganze Gottesdienſt ein bloßer Spaß geweſen wäre! Schon wie die Barbiere kommen ſie des Morgens zu Gott und kramen in der Sakriſtei ihre Neuigkeiten aus! Nun pfiff ſich ſogar Müllenhoff eine leichte Weiſe und genoß im Stillen ſeinen Triumph, in die Predigt hinein eine Rüge des gräflichen Bauweſens eingeflochten zu haben... Tübbicke kam zurück... Tübbicke! ſagte der Pfarrer, etwas verſöhnlicher ge⸗ ſtimmt. Daß wir uns ſo wenig verſtehen! Sechsundſiebzig! war die Antwort... Ja, Tübbicke, Sie ſollten ſich einen Beiſtand halten! Wenn Ihr Sohn nicht in Witoborn maitre-tailleur wäre— Schande, Schande auch über dieſe neubackene Aefferei! Ei, mein Sohn war in Paris, Herr Pfarrer! Deshalb will er kein deutſcher Ziegenbock mehr ſein? Es iſt ja wahr! Er trägt einen Bart, der Kerl, ſo lang wie ein Kameel! Herr Pfarrer, junge Leute— Vierzig Jahre alt iſt der communiſtiſche Mucker! Tübbicke, Tübbicke! Ich höre, daß Ihr maitre-tailleur auf dem Finkenhof verkehrt! Ich ſage Ihnen, rathen Sie ihm Gutes! Der Finkenhof und alles, was wir hierorts von Sodom und Gomorrha noch im Reſt haben, hat an mir einen ſchlimmen Aufpaſſer! Warten Sie ab! Sitzt auch noch der Kirchenfürſt in Ketten und Banden, der Sieg iſt unſer! Wir ha⸗ ben unſere Kraft fühlen gelernt! Nun muß es von Grund aus in Deutſchland anders werden. Jetzt zumal, wo hier auch bald eine lutherſche Herrſchaft comman⸗ diren ſoll... Na, ich denke doch, ſagte Tübbicke, der Herr Archi⸗ presbyter wird an uns beiden ſeine Freude haben, Herr Pfarrer! Bald darauf hielt denn auch wirklich der Archi⸗ presbyter Bonaventura von Aſſelyn das Hochamt zu Sanct-Libori und Müllenhoff adminiſtrirte dabei nur und mußte ſich dem Domherrn unterordnen. Es war ein Feſt für die ganze Gegend, wieder die Kirche überfüllt, der Eindruck einer nie ſo würdig celebrirten Meſſe, wie vorauszuſehen, der heiligſte. Auch Bona⸗ ventura's ſpätere Rede zündete. Man hatte hier nie ſo ſchön vom Thema der Zeichen und Wunder ſprechen hören. Wenn das Weſen der Zeichen und Wunder, hatte der Prieſter im weißgoldenen Gewande geſagt, ſchwer zu deuten wäre, ſo wiſſe man doch Eines ganz beſtimmt, was zu ihnen gehöre: Liebe.„Die Men⸗ ſchen müßten ſich gegenſeitig erſt etwas werth ſein, wenn ſie ſich zu Propheten und Aerzten werden könnten.“ Der Redner vermied die ihm gegenüberſitzende Paula zu bezeichnen, aber man gedachte nur ihrer. Er über⸗ trug das Ueberſinnliche in diejenige Seite der Natur, die uns offen und enthüllt vorliege und zugleich ihre hei⸗ ligſte und höchſte wäre, in die Seele, in das Gefühl... Der Text des Sonntagsevangeliums Quinquageſimä: „Jeſus weiſſagt ſein Leiden“ gab die Veranlaſ⸗ ſung zu dieſem Thema, das Bonaventura ſonſt wol ver⸗ mieden hätte. Er mußte darüber predigen. Er ſagte, wir wüßten alle ſelbſt unſer künftiges Schickſal, wenn wir uns nur mehr gewöhnten in Gott zu leben, d. h. auf die innere Stimme in uns ſelbſt zu hören. Auch nach dieſem erſten Gottesdienſte und während Bonaventura(wie ſich wol denken läßt) tief ſchweig⸗ ſam und von ſeinen neuen Eindrücken erſchüttert in der Sakriſtei ſich entkleidete und ringsum die Bevölkerung aufgeregt, urtheilend, vergleichend, erwartungsvoll ſich zerſtreute, polterte Müllenhoff, der gewiſſermaßen nur Bonaventura's Vicar war, wieder über die baulichen Grillen des Barons Levinus... Für ſein chemiſches Laboratorium weiß er nicht genug Geld auszugeben! ſagte er. Ja, Herr von Aſſelyn, melden Sie ihm das! Dieſe Thür hier muß neu ge⸗ baut werden! Es iſt wahr, ich habe ſie verlangt, aber ſehen Sie nur, wie der Schnee hereinfegt! Eine Doppel⸗ thür muß es ſein! Und überhaupt, was hoff' ich nicht alles von Ihnen! Bonaventura verſtand kaum etwas von Tübbicke's dienſtgefälliger Erläuterung... Früher war die Sakri⸗ ſtei ohne eigenen Eingang geweſen. Der Pfarrer mußte durch die Kirche gehen. Müllenhoff hatte erſt eine Thür durchbrechen laſſen. Nun lag ſie ihm doch dem Wind und dem Wetter zu offen ausgeſetzt... Als noch der Eingang durchs Schiff war, hat hier ein Cardinal celebrirt„ äußerte Tübbicke... Schweigen Siel bedeutete Norbert und reichte dem Domherrn eine Priſe... Tübbicke ging auch hente wieder in die Kirche, um die Lichter zu löſchen.. Müllenhoff ſprach hüſter ihm her:. Nicht wahr, der Meinung ſind Sie doch auch, Dom⸗ herr? Man muß das Reinigen der Kirche mit dem Nächſten anfangen, was nur unſer Kehrbeſen trifft! Dieſer Tübbicke iſt wie die Meßner ſämmtlich ſind! Ich ſagte ihm ſchon neulich: Tübbicke, ſitzt das Wachs noch näch⸗ ſten Freitag an den Leuchtern auf der Epiſtelſeite, ſo nehm' ich mit eigner Hand vor dem Introito ein Tuch und putze die heiligen Gefäße ſelbſt vor der ganzen Ge⸗ meinde rein! Bonaventura, in tiefen Gedanken, lächelte und ſprach: Dann können Sie ja mit dem Apoſtel ſagen: Es ſind Gefäße des Zorns! Bonaventura ſah am alten Tübbicke, er hatte die ge⸗ wöhnliche Krankheit der Kirchendiener(wie auch Lucin⸗ dens Vater als Schulmeiſter), ſich mit dem lieben Gott auf einem ganz beſonders kameradſchaftlichen Fuße zu wiſſen. Auch Tübbicke war wie ein alter guter Kammerdiener der Heiligen. Die Livree der Mutter Gottes trug er, wie wenn er die hohe Frau einſt als Kind auf ſeinen Knieen geſchaukelt hätte. Chriſtus war ihm faſt wie der„junge Herr“ in ſeiner Himmels⸗ 16 familie und die wechſelnden Geiſtlichen waren ihm nur neuangeworbene Hofmeiſter, die manches gar nicht in der Weiſe verſtanden, wie die Tradition des hochgräf⸗ lich himmliſchen Hofſtaats es mit ſich brachte. Das war nun gerade der Anſtoß, den Müllenhoff nahm. Ich glaube, Sie dünken ſich wol einen Liturgiker, hatte er dem Alten gleich nach ſeiner erſten Meſſe geſagt, als dieſer ihm bemerken wollte, daß ſeit neun Jahrhunderten in der Liborikirche die Communicanten erſt dann knieeten, wenn ſie an die Communicantenbank kämen, vorher dürften ſie ſtehen. Nach Müllenhoff mußten ſie gleich knieen und zwar utroque genu! wie er donnerte. Und von dem Tage an, wo Tübbicke ſich bei wiederholter Anfechtung ſeiner alten Art, die Gläubigen zu ordnen und zu ſcha⸗ ren und bei erneuetem Rufe: Utroque genul die Bemer⸗ kung erlaubt hatte: Na, Herr Pfarrer, Sie werden ſehen, daß die Bauern ſich beklagen, weil die Jungens auf die Art zu viel Hoſen zerreißen! da war offene Fehde zwiſchen beiden. Tübbicke vertheidigte das alte Herkommen und die Schwäche aller Creatur, Müllenhoff aber das Geſetz, den hochheiligſten Buchſtaben und die neukatholiſche Reform. Bonaventura mußte zuletzt ſogar des erneuerten Streites lachen. Als wenn Tübbicke alle gegen ihn in ſeiner Abweſenheit erhobenen Anklagen gehört hätte, brachte er den Leuchter, den er gereinigt hatte, zeigte ihn ſtumm ſeinem Vorgeſetzten, drehte ihn vor den Augen deſſelben rundum und ſchloß ihn ebenſo ſchweigſam in einen Schrank. Müllenhoff hatte darauf ſeinen langen wattirten 17 Winterrock angezogen und den Hut aufgeſetzt... Einen Stock, den er ſonſt trug, hatte er ſich vor ſeinem De⸗ chanten geloben müſſen abzulegen, weil ſchon vorgekom⸗ men war, daß er bei Vorwürfen, die er zufällig ihm im Felde Begegnenden machte, ihn zur Unterſtützung benutzte. Bonaventura hüllte ſich in einen Pelz. Auf ihn wartete ein Schlitten, der ihn nach Schloß Weſterhof bringen ſollte, wo er täglich zu Mittag ſpeiſte. Als Tübbicke die neue Thür aufſchloß und den Schnee wegſtieß, bat Müllenhoff ſeinen Vorgeſetzten: Herr von Aſſelyn! Noch eins! Erinnern Sie doch den Herrn Baron von Hülleshoven, daß ich auch mei⸗ nen eigenen Eingang haben muß in die Hofkapelle auf dem Schloß! Herr Domherr, ein Eingang iſt in die Hofkapelle, erläuterte Tübbicke; aber er führt durch andere, ver⸗ ſchloſſene und höchſt wichtige Zimmer— Ein durchbohrend ſtrafender Blick Müllenhoff's ver⸗ wies ihn zum Schweigen... Ich will die Schlüſſel zu dieſen Zimmern haben! ſagte er zu Bonaventura mit ſcharfer Beſtimmtheit. Herr Pfarrer, dieſer Eingang führt erſt durch die Bibliothek und durch das Archiv! Der Baron hat ja nichts davon hören wollen... Müllenhoff beherrſchte ſich... Ich will, ſprach er wie mit einem Märtyrerblick auf Tübbicke und jedes Wort betonend, ich will auch in die Sakriſtei der Schloßkirche meinen eigenen Eingang haben! Wenn dieſer durch das Archiv führt, ſo gebührt mir um ſo mehr ein Schlüſſel zu demſelben, als die Ur⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 2 18 kunden und Kirchenbücher der Paſtorei gleichfalls in dem⸗ ſelben aufbewahrt werden! Der Patron iſt, ſoviel ich weiß, dafür verantwort⸗ lich! ſagte Bonaventura. Seit neun Jahrhunderten! ſetzte Tübbicke hinzu... Schweigen Sie! brach Müllenhoff jetzt aus,— mit kindlich gemäßigter Stimme aber, als fürchtete er, zum blut⸗ dürſtigen Tiger zu werden, fuhr er zu Bonaventura gewandt fort: Ich bitte, Herr von Aſſelyn! Es iſt mir nicht an⸗ genehm, in meiner bürgerlichen Tracht erſt durch die Kirche zu gehen und dann hinterm Altar erſt Toilette zu machen. Ich will, daß die Gemeinde, auch ſelbſt die vornehmſte, mich gleich nur in meinen Prieſtergewändern ſieht. Der Schlüſſel zum Archiv ſoll von mir wie ein Heiligthum verwahrt werden. Bonaventura ſetzte ſich mit dem Verſprechen in den Schlitten, die Sache nach Wunſch zu ordnen, wenn es irgend thunlich wäre... Noch ſtanden Menſchen drau⸗ ßen, die den ſo lange Erwarteten noch einmal ſehen woll⸗ ten... Mit einem Blick des Neides ſah ihm Müllen⸗ hoff nach, als er von dannen fuhr, und verwies die Umſtehenden, ſich nun nicht länger aufzuhalten. Norbert Müllenhoff war ein noch zelotiſcherer Geiſt⸗ licher als Beda Hunnius. Dieſer hatte in ſeinem re⸗ formatoriſchen Wirken doch nur die Lehre und den Kampf mit der proteſtantiſchen Welt vor Augen, jener gehörte ſchon ganz den jungen Geiſtlichen der Michahelles'ſchen Richtung an, die in Allem eine Wiederherſtellung des alten kirchlichen Lebens wagten und die Art nicht blos an die Zweige, ſon⸗ n dem⸗ ntwort⸗ 1. — mit blut⸗ entura cht an⸗ ch die Coilette bſt die indern ie ein in den enn es drau⸗ woll⸗ lüllen⸗ es die Geiſt⸗ m re⸗ dampf eſchon chtung blichen ſon⸗ 19 dern an die Wurzel ſelbſt legen wollten. Norbert Müllenhoff war ein Prieſter im Geiſt des Kirchenfürſten. Ein Bauernſohn, zeigte er die ganze Kraft, Energie und Selbſtgenüge, wie ſie hier zu Lande den Nachkom⸗ men der alten Sachſen eigen iſt. Sein Aeußeres drückte einen urſprünglichen Beruf zur Thätigkeit, zum Krieger, Geſchäftsmann, Arbeiter auf einem Felde des muthigen Bewährens aus; aber trotz ſeiner gewölbten Bruſt, ſeiner Stimme wie ein Löwe, war er zum Geiſtlichen beſtimmt worden, wie bei dieſen Bauern Sitte iſt, die ſelbſt bei Vermögen nicht unterlaſſen können, eines ihrer Kinder der Kirche zu weihen. Zwar machte Norbert den ganzen Weg, der in dieſem Falle Herkommen iſt, durch Stipen⸗ dien, Freitiſche, Freibücher, Freiwohnungen hindurch, nahm dies aber alles wie etwas, was ſich von ſelbſt verſtand. Die Prieſterweihe gibt einer ſolchen Natur ein Bewußt⸗ ſein, als wäre ſie gefeit gegen alle Anfechtung der Welt. Aus dieſem levitiſchen Stolz heraus fing die Zeit überall an ihre Kirchenreformen zu befördern. Aus den jeſuitiſch geleiteten Seminaren kommen die jüngern Geiſtlichen wie endlich losgelaſſene junge Streitſtiere. Sie bohren die Erde auf mit ihren Hörnern, rennen im Kreiſe rundum und ſcheuen den Kampf mit Königen und Kaiſern nicht. Leider gehören zu denen, vor denen ſie keine Furcht haben, auch die Könige und Kaiſer des Denkens und der Wiſſen⸗ ſchaft. Norbert Müllenhoff war als Vicar in einem Walddorf des Gebirges, dann als Vicar in Witoborn, jetzt hier als Pfarrer zu Sanct⸗Libori, wie Beda Hun⸗ nius, nicht nur im Stande, von einer„hundsföttiſchen Art“ zu ſprechen, den lieben Herr Gott beim Benetzen 5* der Bruſt mit Weihwaſſer um das Symbol des eigenen demüthigen Kreuztragens zu„betrügen“, indem man nur zwei„zimpferliche, ſchandbare Pünktchen“ machte, ſtatt ſich das ewige„Stigma des Heils“ und„die Signatur der Erlöſung“ mit zwei„gründlichen Querbalken“ auf die Bruſt zu drücken er verwarf Poeſie und alle Zauber der Bildung. Er verwünſchte„die Niedertracht der Sentimentalität“, ſprach von einem nur um unſerer gnadenreichen Gottesmutter willen zu duldenden„Weibs⸗ volk“, donnerte gegen den„vornehmen Kirchenpöbel“, der während der Meſſe nicht knieen wollte oder, wenn er knieete, nur ſo eine leiſe Andeutung machte, als wäre „Gott eine Excellenz oder eine Durchlaucht“, vor der eine höfliche Verneigung genüge.„O dieſe knieſteifen Heiden!“ rief er dann wol, wieder zu den Bauern zurück⸗ lenkend, aus;„man ſollte ſie nur ſehen, wenn ſie Kegel ſchieben und dabei die Beine wie mit Oel geſchmiert ausgrätſchen können— daß dich!— als hätten ſie's von den Poſſenreißern gelernt auf dem Liborimarkt zu Witoborn!“ Sanft und lieblich und wie mit Lerchen⸗ trillern aufſteigend ſchilderte er dann wieder ein wahr⸗ haft frommes Leben, das alle Ceremonien wie ein gut⸗ geartetes Kind mitmachte; aber gleich ſchlug er wieder mit Hämmern drein, wenn es„klapperdürren Vorur⸗ theilen“ galt oder„fadenſcheinigem Tagesruhm“. Wie der heilige Auguſtinus ſagte er:„Die Menſchen lieb' ich, aber ihre Irrthümer ſchlag' ich todt!“— eine Proce⸗ dur, gegen welche ſelbſt Onkel Levinus im Abendgeſpräch auf Schloß Weſterhof geltend machte, daß der Herr Pfarrer auf die Art denn doch wol auch manchmal in die * d s eigenen man nur hte, ſtatt Signatur ken“ auf und alle edertracht unſerer „Weihs⸗ npöbel“, wenn er wäre vor der nieſteifen n zurück⸗ ſie Kegel geſchmier ten ſie's zmarkt zu Lerchen⸗ — wahr⸗ ein gut⸗ er wieder Vorur⸗ Wie hen lieb ne Prock⸗ dgeipräch der Hert al in die 21 Lage jenes Bären kommen könnte, der auf der Stirn ſeines ſchlummernden Herrn die ſtörende Fliege mit einem ſchwe⸗ ren Steine und ſomit ihn ſelbſt erſchlug. Müſſen Sie ſich denn ewig in alles miſchen? fuhr jetzt Müllenhoff heraus zu dem im Schnee hinter ihm hertrottenden Alten, der mit ihm in einem und dem— ſelben Hauſe wohnte... Es würde, da Tübbicke zu erwidern liebte, unfehl⸗ bar zu lebhafterer Discuſſion gekommen ſein, wenn nicht eben aus den kahlen, ſchneegepuderten Gebüſchen jemand herausgetreten wäre, der, halb dem davonfliegenden Schlitten nachſchielend, halb die Ankommenden und auf das Pfarrhaus Zugehenden höflich begrüßend, mit ſcheuer Unterwürfigkeit einen Brief in die Höhe gehalten hätte, den ſofort der Pfarrer ergriff... Der Fremde ſprach mit etwas fremdartigem Accent: Erlaubniß, Herr—! Er deutete auf den Alten, dem der Brief beſtimmt war... Müllenhoff las die Aufſchrift und gab den Brief an Tübbicke.. Er muſterte ſchon den Fremden von oben bis unten... Von Ihrem Herrn Sohn— in Witoborn— wenn ich die Ehre habe— Herrn Tübbicke—? ſprach dieſer mit einer eigenthümlichen Betonung... Müllenhoff ging weiter und murmelte: Aha! Vom maitre-tailleur—! Auch die andern ſchritten, ſich ihm anſchließend, dem Pfarrhauſe zu und der Meßner ſuchte mit den Worten: — 1 —— 22 Von meinem Sohn? Was iſt denn nur? Was ſoll es denn? eifrigſt nach ſeiner Brille... Ich werde leſen! wandte ſich Müllenhoff und erbot ſich, den Inhalt mitzutheilen, da Tübbicke nicht ſofort die Brille finden konnte... Bitte, Herr Pfarrer— ſagte dieſer zögernd... Einige Raben krächzten, flogen auf und ſchüttelten den Schnee von den Zweigen, auf denen ſie geſeſſen hatten, und gerade auf den Brief... „Liber Vater!“ las ſchon Müllenhoff und unterbrach ſich ſofort: Schreibt der Kerl„Lieber“ ohne E!—„Lieber Vater! Dieſer überbringer“—„Ueberbringer“ klein!— „iſt ein guter Freund zu mir!“—„Zu mir“! Das iſt wol ein Ueberbleibſel aus Paris?—„Es iſt ein gelernter Friſeur“— Sieh! Sieh! Das Wort ſchreibt er richtig!—„und ſucht ein Enkagement“— Heiden⸗ gugguck! Der Franzos!—„wo möglich bei gro⸗ ßen herrſchaften als Bedienter“— Klein die„Herr⸗ ſchaften“, obgleich er ſie„groß“ nennt; Bedienter groß! Reiner Communismus!—„Lieber vater“— Sanct⸗ Libori! Was iſt hier das Schulweſen vernachläſ⸗ ſigt!—„Könnten Sie es machen, ſo recom— man—“— Brich dir den Hals nicht!—„tiren Sie ihn auf das Schloß“— als La— La— Lagay!... Geyer! Als Lakai!...„Tante Schmeling“— Aha! „Läßt grüßen und ſorgen Sie doch bei Dem— Sie wiſſen ſchon von wegen!“— Das bin ich?—„Fan⸗ chon iſt recht krank, wenn's nur nichts auf ſich hat“— Wer iſt Fanchon? Eine Hündin, die geworfen hat— von wegen der Schmeling—? Was ſoll und erbot cht ſofort ſchüttelten e geſeſſen unterbrach Lieber klein!— ir“! Das s iſt ein tt ſchreibt — Heiden⸗ bei gro⸗ die„berr⸗ enter groß! — Sanct⸗ vernachläſ⸗ recom— ie ‚tiren S agat Aha! n=— Gt =„Fan⸗ h hat“— fen hat— 23 Jeſus Maria! rief der Alte. Mein Enkelchen! Iſt Fanchon krank?— wandte er ſich zu dem Ueber⸗ bringer... Dieſer war theils mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit der Vorleſung des Briefes, theils den Zwiſchenreden des geſtrengen Herrn Pfarrers gefolgt und fand ſich nicht ſogleich zurecht... Mein Herzblättchen?! Steht denn nichts weiter im Briefe, Herr Pfarrer?... rief Tübbicke... Fanchon! Fanchon! Hat den Namen hier ein chriſt⸗ licher Pfarrer gegeben? Franziska! Herr Pfarrer! Das Kind iſt mein Aug⸗ apfel! Der Fremde, der einen waſſergrünen Winterrock von langhaarigem Flaus trug, eine tief in die Augen ge⸗ drückte Pelzkappe, einen rothen Shawl um den Hals geſchlungen, Pelzhandſchuhe und Filzüberſchuhe an den Füßen, gab die Auskunft, daß er eigentlich auf einer Reiſe nach Polen begriffen wäre, aber gern auch hier bleiben würde, wenn er Condition finden könnte— Herr Tüb⸗ bicke wäre eine alte Bekanntſchaft von ihm aus Paris — er hätte ihm ſeine Fürſprache empfohlen für die Herrſchaft auf dem Schloſſe— er könne„friſir“, ſpräche franzöſiſch, könne auch Pferde„dreſſir'’“— Fanchon hätte ſich erkältet, läge im Bette— aber Madame Schmeling hätte geſagt, daß es nichts auf ſich hätte... Doctert die alſo auch, die holdwertheſte! ließ Müllen⸗ hoff einfallen. Schon war er weiter voraus, während der alte Tübbicke ſeinem Schutzbefohlenen ſtill die Schulter klopfte 24 und das Seinige zu thun verſprach, ihn auf dem Schloſſe zu empfehlen... Frau Schmeling aber war eine Landhebamme, mit der Müllenhoff gleichfalls im offenen Kriege lebte. Die Frau war an ſich die Religioſität ſelbſt. Sie vertheilte Bilder, Amulette und Roſenkränze zur Unterſtützung aller der Zuſtände, die auf ihre Hülfe angewieſen waren; ſie rieth jedem, zur heiligen Barbara zu beten während eines Gewitters, zu Sanct⸗Florian und Sanct⸗Antonius gegen Feuer, zu Antonius II. gegen Waſſer, zum heili⸗ gen Dionyſius gegen Kopfſchmerzen, zum heiligen Bla⸗ ſius gegen ſteifen Hals, zur heiligen Lucia gegen Augen⸗ leiden, zur heiligen Palonia gegen Zahnſchmerzen, zum heiligen Dominicus gegen Fiebersfroſt, zum heiligen Rochus gegen die Cholera, und ihre Kreißenden und ihre Gebärenden hatten als zwei ihr immer aſſiſtirende Hebärzte im Himmel den heiligen Ramon und den hei⸗ ligen Lazarus, aller der Marienbilder nicht zu gedenken, die unter jenem alten Gemäuer, in dieſer alten blitz⸗ zerſchlagenen Eiche, da und dort eine traditionelle Kraft für die wichtigſten Vorkommniſſe im Frauenleben hatten und durch ein„geſtiftetes“ Lichtchen gerade ebenſo zu ſympathetiſchen Curen gebraucht wurden, wie die in Schiller und Goethe lebende Bildung ſich manchmal auch mit Sympathie die Roſe vertreiben läßt. Alles, was nur zum chriſtlichen Heidenthume gehörte, war in üppig⸗ ſter Blüte bei Frau Schmeling und todt zu ſchlagen hätte ſie angerathen jeden Ketzer, der bei einer Proceſſion vor dem hochwürdigſten Gute nicht wenigſtens den Hut ab⸗ genommen. Aber über alle dieſe Dämmerungszuſtände 9 fehlte retiſch aller ben lichen weſen laſſen Foher Jung ten, und Da Pfarr Gebu legen an e auft ſttar müf von Veil genu die verdi ſctte für werd höre als em Schloſſe amme, mit ebte. Die vertheilte zung aller en waren; en während tt-Antonius zum heil⸗ ligen Bla⸗ gen Augen⸗ erzen, zum n heiligen enden und aſſiſtirende dd den hei⸗ u gedenken, alten blib⸗ nelle Kraft ben hatten ebenſo zu hie die in chmal auch Alles, was in üppig⸗ lagen hätte ceſſon vor in Hut gb⸗ gszuſtände 13 25 fehlte der Frau, wie der ganzen Bevölkerung, das theo⸗ reetiſche, klare, formelle Bewußtſein. Sie meinte, trotz aller Aves und Roſenkränze ließe ſich die Luſt am Le⸗ ben lieben. Die jungen Burſche hier ringsum, ſtatt⸗ lichen Ausſehens, waren drei Jahre im Kriegsheere ge⸗ weſen und brachten fröhliche Welt, Leben und Leben⸗ laſſen heim. Nun ſollten auf Müllenhoff's und vieler hoher Herrſchaften Betrieb ein Jünglingsbund und ein Jungfrauenbund geſtiftet werden und ſich alles verpflich⸗ ten, nicht zu fluchen, nicht zu trinken, nicht zu tanzen und beſonders den Finkenhof nicht mehr zu beſuchen. Da war Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden. Ohne den Finkenhof gibt es keine Geburten mehr! fuhr ſie Müllenhoff an, als ſie ge— legentlich von einer Nothtaufe, die ſie verrichtet hatte an einem ſterbenden Kinde, Bericht erſtattete und mit aufrichtiger Beredſamkeit auseinanderſetzte, daß die Mu⸗ ſikanten auch Menſchen wären und auch etwas verdienen müßten. Ja ſie ließ ſich bei ihren ſechzig Jahren nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und mit„ſittenloſem Weibsbild“ tractiren. Sie ſagte, daß es Familienväter genug gäbe, die ihren Söhnen lieber ſtatt Taſchengeld die Erlaubniß ertheilten, ſich's im Kegelſpiel ſelbſt zu verdienen, genug Familienmütter, die mit ſechs bis ſieben ſtattlichen Töchtern geſegnet wären und den Tanzboden für die beſte Gelegenheit halten müßten, ſie loszu⸗ werden... Von dieſer Frau konnte Müllenhoff nichts hören, ohne im höchſten Grade gereizt zu werden. Er war noch nicht in ſein Studirzimmer getreten, als der alte Tübbicke ſchon mit einer der Mägde, die 26 für ihn und den Pfarrer ſorgten, darüber einverſtanden war, daß der Freund ſeines Sohnes vorläufig gleich zu Mittag bleiben ſollte... Müllenhoff fand Briefſchaften vor und ließ den An⸗ kömmling außer Acht... Es war dies aber ein williger Mann, dieſer Herr Dio⸗ nyſius Schneid aus Strasburg, der ſich jeder Arbeit unter⸗ zog. Einen Beiſtand bedurften der alte Tübbicke und die Kathrein; der Domherr wohnte nicht auf dem Schloß, ſondern hier in ſeinem geiſtlichen Hauſe von Sanct⸗Libori oben im erſten Stock; zu den jetzt doppelt nothwendigen Hülfsleiſtungen fehlten die Hände... Aber war auch der Herr Dionyſius Schneid ſchon etwas ſteif und ſchwer⸗ fällig, ſo war er doch keineswegs unbrauchbar, ob im Stall des Schloſſes für die Pferde oder im Hausdienſt zum Spalten des Holzes oder zur Hülfe in der Küche oder ſelbſt zur Pflege einer herrſchaftlichen Garderobe— ja er wurde zuletzt auf das Schloß empfohlen und dort wirklich angenommen. Wenn auch für Weſterhof große Veränderungen be⸗ vorſtanden, an Leben und Bewegung fehlte es nicht, und beſonders da gerade jetzt, an demſelben Sonntage, nach der Heimfahrt von der Kirche, alle Herrſchaften, die in der Kirche geweſen waren, von der wenn auch nicht überraſchenden, doch gerade für Schloß Weſterhof nicht bedeutungsloſen Nachricht empfangen wurden, daß in verwichener Nacht der Onkel der Comteſſe Paula, der Kronſyndikus von Wittekind⸗Neuhof, geſtorben war. 4 den 1 derlic mann Tode er 0! hertl und ſieſ et ſchwe einverſtanden. g gleich zu Herr Dio⸗ Arbeit unter⸗ Lübbicke und dem Schloß, Sanct⸗Libori 2. nothwendigen er war auch Am Mittwoch nach dieſem Sonntag Quinquageſimä und ſchwer⸗ war es, als die ſtille kalte Winterluft auf Meilen in har, ob im der Runde von leiſen Klagetönen erzitterte... Hausdienſt Der Kronſyndikus von Wittekind⸗Neuhof ſollte gegen der Küche Mittag begraben werden... Die Glocken aller Kirchen Zotberobe— ringsum waren an dieſem Trauertage betheiligt... len und dort Denn welchem Heiligen, welchem Altar war nicht eine Spende zugefloſſen von Schloß Neuhof herab in verungen be⸗ den letzten Lebensjahren ſeines Beſitzers? nicht, und Der alte lange klapperdürre Herr hatte die wunder⸗ antage, nach derliche Grille gehabt zu glauben, daß er im Leben jeder⸗ Vten die in mann beleidigt hätte. Er trachtete danach, ſich vor ſeinem auch nicht Tode auch mit jedermann auszuſöhnen. Tage lang ſtand erhef rich er oben in den Bergen an den Fenſtern ſeines hoch⸗ vn, daß in herrlichen Schloſſes Neuhof, winkte den Vorübergehenden m der und warf ihnen blanke Thaler hinunter, nur damit ſie ſagen ſollten: Ganz gehorſamſten Dank, Excellenz! Schon lange waren Wächter beſtellt, die ſeiner Ver⸗ ſchwendung Einhalt thun mußten. Es kam vor, daß ben war. 28 die Fenſter vernagelt wurden, wenn er zu heftig rief: Das iſt ja Jeröme's Teſtament! Leute, ſo laßt doch meinem Sohn ſeinen Willen! Ich hab's ihm vom Sei⸗ nigen zu geben verſprechen müſſen, ſchon damals, als er die Bachſtelze nicht heirathen konnte—! Die Liſa⸗ beth allein, die noch immer oben war, konnte ihn be⸗ gütigen. Sie gab ihm die Verſicherung, die Bachſtelze liefe ja ſchon längſt in der Welt mit andern... Dann nahm er ſich zuſammen... Er wurde zuweilen ſo ruhig, daß man ihm ſeine Freude gewähren konnte, eine Staatskutſche anſpannen zu laſſen, vier Pferde davor, Kutſcher und Vorreiter in Galalivree, und ſo hinauszu⸗ fahren in die Gegend. Alle ſeine Orden trug er dann, ſaß am offenen Schlage und nickte jedem. Fuhr man durch den Düſternbrook, an der Eiche vorüber, wo er den Deichgrafen erſtochen hatte, nach Kloſter Himmel⸗ pfort, wo er einſt Klingsohrn untergebracht, nach Schloß Weſterhof, wo er ehedem der Beherrſcher aller Verhält⸗ niſſe, Vormund Paula's geweſen war, durch Witoborn, wo der Rittmeiſter von Enkefuß an ſeinen Schlag trat und ihm ſo lange von den Flöhen ſeines Pudels ſprach, bis der Sohn des Kronſyndikus, der Präſident, zuletzt ſeine ganze Verſchuldung arrangirte: ſo lachte zwar jedermann, aber der vornehme, alte, weißhaarige Herr mit den rie⸗ ſigen Augenbrauen nahm alles für Wohlwollen, grüßte und griff in die Taſche, um auch die Freundlichkeiten zu be⸗ zahlen. Er glaubte durch Geld alles machen zu können. Seine Wächter nahmen ihm das Geld ab und erklärten, es ſpäter berichtigen zu wollen, womit er ſich auch zu⸗ frieden gab. Von ſeiner Vergangenheit erſchreckte ihn nichts. Er ko gifen war, gleich es da gangen mit de So er Eibend der do meinde ſpänne wenn ſpielen fragte überge ment letzte anden tern zu heftig rief: ſo laßt doch ihm vom Sei⸗ damals, als 1Die Lſea⸗ onnte ihn be⸗ die Bachſtelze rn..: Dann e zuweilen ſo n bounte, eine Pferde davor, dſo hinauszu⸗ trug er dann, Fuhr man rüber, wo er nſter Himmel⸗ t, nach Scloß aller Vethälr rch Witoborn, Schlag trat Pudels ſprach, t, zuletzt ſeine ar jedermann, nit den rie⸗ ollen, grßte ihkeiten zu he en zu künnen. 29 Er konnte im Düſternbrook die alte im Abſterben be⸗ griffene Eiche ſehen, an der ſein Opfer niedergeſunken war, und blieb ſich in ſeiner immer zufriedenen Haltung gleich. Das Gedächtniß verließ ihn faſt gänzlich. Wenn es da und dort in voller Helle noch dies und jenes Ver⸗ gangene beleuchtete, knüpfte er Handlungen daran, die mit den Verhältniſſen in keinem Zuſammenhange ſtanden, So erkannte er vollkommen wieder jenen Pfarrer von Eibendorf, Herrn Huber, der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen, aber gut dotirten evangeliſchen Ge⸗ meinde verſetzt war. Bei dieſem ließ er oft ſeinen Vier⸗ ſpänner vorm Hauſe halten, ließ ſich von den Kindern, wenn Herr Huber ſelbſt nicht da war, die Harmonica ſpielen, die ſeinen Sohn Jeröme ſo oft beruhigt hatte, fragte ſogar Madame Huber nach der Bachſtelze und übergab kurz vor ſeinem Tode dem Pfarrer ein Teſta⸗ ment mit dem heimlichen Bedeuten, es wäre ſeine wahre letzte Willensmeinung und nach ſeinem Tode dürfte nichts anderes vollzogen werden, als was er in dieſen Blät⸗ tern niedergeſchrieben hätte. Er ertheilte darin Penſionen an alle Welt, ja an Namen, die ſchon lange in ſeiner Gegenwart niemand mehr nannte. So an den Bruder Hubertus,„meinen ehemaligen Jäger, obgleich er mir viel Wild geſtohlen“, jährlich 10000 Thaler; an Dr. Klings⸗ ohr,„wenn er exemplariſch lebt und ſeiner Mutter Ehre macht, ein für allemal 100000 Thaler“; an eine gewiſſe Lucinde Schwarz,„aus der Familie derer, die das Pulver erfunden haben“,„alle Kleider von meinen ehe⸗ maligen Maitreſſen, wenn ſie dieſelben in der Komödie brauchen kann“; an den Muſikus Stammer„das Gnaden⸗ brot und eine ehrenvolle Verſorgung, wenn er ſämmt⸗ liche Kinder von mir anſtändig erziehen und unterrichten will“;... dem Küfer Stephan Lengenich„geb' ich 100000 Thaler, unter der Bedingung, daß er die Liſa⸗ beth heirathet und die Hochzeit auf dem Finkenhof aus⸗ gerichtet wird, wo ich alles freihalten werde“...„An⸗ ſprüche meiner zweiten Frau erkenn' ich nicht an; auch wenn ſie heiliggeſprochen werden ſollte“—„ihre Kinder ſoll Leo Perl erziehen, aber wehe ihm, wenn er ſie be— ſchneiden läßt. Mein Freund, der Dechant von Aſſelyn bürgt mir dafür. Die Penſion ſeiner Schwägerin, der Buſchbeck, kann dafür verdoppelt werden“...„Meine Doſen und Bilder vermach' ich meinem Freunde dem Dechanten Aſſelyn, aber ich wünſche, daß er weniger mit Juden, als mit Heiligen umgeht“...„Sei⸗ nem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen einen Thaler zu legen, was Freiherrlich Wittekind'ſche Kameralverwaltung berichtigen wird.“ Pfarrer Huber ſchickte dies verworrene Geſchreibſel an den Sohn des Teſtators und Univerſalerben, den Präſidenten... Die Unterſuchung über die Ermordung des Deich⸗ grafen war ein Jahr lang auf falſcher Fährte geführt worden. Eine energiſche, gegen den Kronſyndikus ge⸗ richtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach ver⸗ theilte Gerichtsbarkeit des hier einſchlagenden, an mehrere Souveränetäten vertheilten Terrains. Zuletzt trat der Geiſteszuſtand des Schuldigen jeder Feſtſtellung einest ſichern Urtheils entgegen. Im Volke ſtand die Thä— h terſch genue hätte Köni trage Grau etwas Unga ſeit J ſidente nicht Kronſ Kloſte der il Adel Dam wohr Tod una den allen Welle Land verſe lich. Lutte verg ann Got Lib enn et ſämmt⸗ nd unterrihten nich„geb ich iß er die Liſ⸗ finkenhof aus⸗ de“,.„An⸗ ncht an; auch —, ihre Kinder venn er ſie be⸗ nt von Aſſelyn chwagerin, der „Miine Freunde dem ß er weniger .„Sei⸗ den Stern im zu legen, was aung bericſigen Geſchreibſel rſalerben, den „des Deich⸗ 419 eabr Fährte gefühtt Fäl anſyndikus ge⸗ urnichfach vel⸗ 1, an mehtere zületzt trat der Zuleb„„ eines „Thä⸗ d die aſtellung ſtſtellu 31 terſchaft des Kronſyndikus feſt und Sagen gingen genug von einem Galgenrade, das er auf ſeinem Boden hätte aufſtellen müſſen, von einem Strick, den ihm der König unter ſeinem Ordensbande um den Hals zu tragen befohlen, von Geiſterſpuk und mitternächtigem Grauen aller Art. Der ringswohnende Adel ignorirte etwas nicht Erwieſenes; aber auch ohnehin war der Umgang mit dem ſchon lange gekennzeichneten Manne ſeit Jahren abgebrochen. Bei alledem fehlte, des Prä⸗ ſidenten und der Verwandtſchaft mit den Dorſtes wegen, nicht ein äußerer Antheil an dem Leichenbegängniſſe. Der Kronſyndikus wurde im Familienbegräbniß der reichen Kloſterkirche Himmelpfort beigeſetzt. Dem Trauerzuge, der ihn von Schloß Neuhof abholen ſollte, wohnte der Adel der Umgegend bei. Die Frauen, vorzugsweiſe die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und die weiblichen Be⸗ wohner des Schloſſes Weſterhof, hörten gleichzeitig eine Todtenmeſſe, die in Sanct⸗Libori gehalten wurde. Das unausgeſprochene, aber laute Geheimniß über dieſen wil⸗ den Nachbar lag ſeit Jahren ſchwer und drückend auf allen Gemüthern und wohl empfand man mit athemloſer Beklemmung, wie ein einziger Menſch ſo einen ganzen Landſtrich und tauſend Herzen in Beunruhigung hatte verſetzen können. Im Mittelalter war alles das gewöhn⸗ lich. Auch jetzt noch hatte man ein Gefühl, daß im Lutterberge, dem Fegfeuer des dortigen Adels, eine Seele vergebens auf Erlöſung harrte. Nach Armgart's uns be⸗ kannten Zeichnungen flog hier ein geflügeltes Kreuz im Gottesherzen nicht aufwärts, den Flammen der göttlichen Liebe zu, ſondern kopfüber geradeswegs zur Hölle. 32 4 Da ein ganzer Volksſtrom zum Gebirge hinaus war, nit um dem prächtigen, von den Franciscanern begleiteten des Leichenconduct beizuwohnen, ſo war die Kirche nur wenig nach beſucht und ausſchließlich von der vornehmen Welt. Zu beric V dieſer Sphäre ſtand Norbert Müllenhoff— Bonaven⸗ 71 tura war beim Leichenbegängniß— in einem gleich⸗ den ſam nur hinter dem Rücken derſelben ſtrengen und ſchrof⸗ 6 fen Verhältniß. Hinterrücks hatte er alle Floskeln von„brei⸗ heite weicher Sentimentalität“,„Empfindungsrührei“,„Stun⸗ ihr 6 den der Andachtspinſelei“,„Lavendel⸗Chriſtenthum“, im⸗ di mer in Bereitſchaft, aber ein Schwindel überkam ihn, neher h davon etwas in unmittelbarer Gegenwart der hier ohne⸗ Dhſß hin höchſt andächtig geſtimmten Vornehmheit ſelbſt an-⸗ dexx 6 zuwenden. Und heute war ihm förmlich beklommen zu ſch d Muthe; denn er hatte eine Einladung nach Witoborn geche erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sicking, die nn mit ihm eine Berathung anſtellen wollte über die auf 3 Oſtern hin zum erſten male hier zu Lande zu verſuchenden dnd 6„Exercitien“. Ein ganzer Kreis vornehmer Gläubigen da von nah und fern wollte zuſammentreten und in einem eem 1 von Frau von Sicking bewohnten, zwiſchen Witoborn lien 1 und Weſterhof gelegenen Landſitz zum erſten male vier⸗ 3. zehn Tage lang bei verſchloſſener Eingangspforte deſſel⸗ üt ben unter geiſtlicher Oberleitung religiöſen Uebungen ob⸗ due liegen. Die Dame entſchuldigte ihre Nichtanweſenheit un h in der Kirche und bat den Herrn Pfarrer bei ihr zu 8 Mittag zu ſpeiſen und das Nähere gemeinſchaftlich zu Lir 1 beſprechen... 1 5 3 1 Müllenhoff war von dem Wohlgeruch des feinen d Billets ganz betäubt und verrichtete ſeinen Gottesdienſt d 4 hinaus war, e begleiteten he nur wenig n Welt. Zu — Bonaven⸗ inemt gleich⸗ n und ſchrof⸗ eln von brei⸗ rei“,„Stuu⸗ nthum“, im⸗ überkam ihn, hier ohne⸗ t ſelbſt an⸗ beklommen zu ach Witoborn Sicking, die über die auf u verſuchenden er Gläubigen 2n in einem en Witoborn ei male vier⸗ spforte deſſe Uebungen c⸗ chtanweſelheit ot bei ihr zu inſafüih zu des feinen 1 Fottebdienſt 33 mit einer Zerſtreuung, die ihm ſogar die Anweſenheit des Schulmeiſters als Meßners ſtatt Tübbicke's gleichgültig machte, ja ruhig mit anhören ließ, daß der Schulmeiſter berichtete: Tübbicke's Herzblättchen liegt auf den Tod; er iſt nach Witoborn und will, wenn nichts hilft, nach dem Schloß und die Gräfin um Hülfe bitten!... Gräſin Paula, die Kranke durch Gebet und Berührung heilte, war in der Kirche anweſend. Armgart ſaß neben ihr, das ganze Stift und Tante Benigna. Ja er hörte, daß der Zeichner des Teppichs, Herr Dr. Laurenz Pütt⸗ meyer, der berühmte„Philoſoph von Eſchede“, auch der Meſſe heute zuhörte, die auf dem von ihm gezeichneten Teppich geleſen wurde... Einigemal verklingelten ſich die Miniſtranten... aber Müllenhoff ließ alles geſchehen... Er dachte nur an die Einladung der Frau von Sicking, an Exercitien mit Höhergebildeten... Nach der Meſſe war es ſchon elf Uhr, die Baronin erwartete ihn um zwei; er eilte etwas zu frühſtücken und dann raſch noch etwas die bekannte Anleitung zu Exer⸗ citien von Ignaz Loyola durchzuſehen... Es war ſchon ſtill und einſam um die Kirche her. Der Schulmeiſter begleitete ihn und erzählte, daß Tüb⸗ bicke ſchon den„Bruder Strasburger“ auf dem Schloſſe untergebracht hätte. Müllenhoff hörte nichts, zog nur das zarte Billet aus der Taſche und athmete ſeinen Duft ein... Frau von Sicking war eine der gottſeligſten Witwen der Gegend, noch höchſt anmuthig, ſehr reich und ſehr ſelbſtändig... Er mußte mit ſich kämpfen, in der Praxis daſſelbe zu bleiben, was er mit der vornehmen Welt in der Theorie war. Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 3 34 Da geſchah es zum Glück, daß die Kathrein ſagte: Herr Pfarrer! Der Meyer iſt da, der Moorbauer, der Finkenmüller, der Hennicke und auch der Leyendecker! Kathrein mußte das zweimal berichten. Nun beſann er ſich. Es waren die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rügengerichts... Die Männer waren gekommen, weil heute doch die ganze Gegend feierte... Es galt dem nun überall in Deutſchland beginnenden erſten Ausbau des kirch⸗ lich-⸗ſittlichen Lebens und wenn auch Müllenhoff gern ge⸗ habt hätte, ſein Vorgeſetzter, der Domherr, wäre bei die⸗ ſer Scene zugegen geweſen, ſo ergriff er doch die Ge⸗ legenheit, den gefährlichen Schwindel, den ihm das Es⸗ bouquet der Frau von Sicking verurſachte, jetzt männlich zu bekämpfen, aß ſein Frühſtück, gerührte Eier mit Schin⸗ ken, hieb in das ſchwarze Brot hinein, trank einige Züge kräftigen Biers und trat in ſein Empfangszimmer, wo ihn aus dem ehrerbietigen Gruße von fünf Männern „der verſtockte Geiſt des ganzen Jahrhunderts“ zum Kampfe herausforderte... Aha! Ahal rief er, mit der Serviette in der Hand und ſich noch den Mund wiſchend, als er eintrat und die ſtehenden Männer aufforderte, ſich zu ſetzen.. Er fand fünf Männer, den Meyer von Weſterhof, den Finkenmüller, der das Wirthshaus zum Finkenhof hielt, den Moorbauer und zwei andere aus der Ge⸗ meinde, nicht zu gewaltige Geſtalten, eher ſchmächtige, mit tief herabhängendem Haar über den kleinen Stirnen, im Auge eine etwas ungewiſſe und ſcheue Lebhaftigkeit... Der Meyer überreichte ein langes Schreiben, worin er al endli ſchme 75 2— EF= 5 threin ſagte Moorbauer, r Leyendetter ents und des mmen, weil t dem nun au des kirch⸗ nhoff gern ge⸗ „wäre bei de⸗ doch die Ge⸗ ihm das Es⸗ jetzt männlich 1 t Schin⸗ terige Züge dsziummer, wo fünj Männern uunderts“ zum n der Haud intrat und die gen... von Weſtethof Finkenhoſ s der Gr⸗ ber ſchmüchtige inen Stirnen/ um zum fti feit.. Iglel aftigt zen, woril 35 er alle Punkte aufgeſetzt hatte, die ſie nach langem Streit endlich von ihrem Pfarrer beherzigt wünſchten... Müllenhoff nahm das Papier, als wäre es ein alter ſchmutziger Lumpen, und fragte: Wer hat das—— geſudelt? Der Meyer ſtockte, ſagte aber zuletzt: Der Schreiber vom Herrn Landrath! So? Alſo an ketzeriſches Volk wendet man ſich hier?... Damit ſchnitt er ſich eine Feder zum Zahnſtochern... Der Schreiber iſt ja katholiſch!... hieß es. Und er ſchrieb's bei mir... ergänzte der Finkld müller. Aha! Aha! Drum riecht das Papier ſo nach Taback und Branntewein!... Nun gut!... Wir werden's ja ſehen... Was ſteht denn nun hier? Im Grund war Müllenhoff froh, wieder auf die Art in ſein rechtes polemiſches Fahrwaſſer zu kommen... Er las das Geſchriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironiſchen: Ei, ei! Sieh! Sieh! Auch gut! Bravo!... Allmählich kam er in ein lauteres Leſen und trug vor: ——„uUnd da wir Leute von Weſterhof doch wenig— ſtens bei unſerer gnädigſten Gutsherrſchaft verbleiben werden und keine Gefahr iſt, bei der großen und bevor⸗ ſtehenden Umänderung der Verhältniſſe mit den andern Gütern an die fremde Linie zu kommen, ſo ſtehen wir auch für unſere Rechte und Pflichten ein. Wenn auch hochgräfliche Gnaden ſollten den Schleier nehmen und ihr gottſeliges, wunderbares Leben im Kloſter zu be⸗ ſchließen wünſchen, ſo hat uns Herr von Hülleshoven 3* 36 4 doch verſichert, daß er die Verwaltung wie bisher fort⸗ führen und ſorgen würde, daß rechtgläubige Seelen hier an ihrem ewigen Heil keinen Schaden nehmen.(So?— unterbrach ſich der Leſende— dafür kann der Herr von Hülleshoven ſorgen?) Auch hat der Herr Referen⸗ dar Benno von Aſſelyn alles geordnet, was bei dieſen Aenderungen ſowol der Landſchaft wie der Kirche an Rechten vorbehalten bleiben muß, ſelbſt bis auf das Waldleſeholz in dem von Herrn Thiebold de Jonge ver⸗ kauften Walde, wo Herr von Terſchka ſich bereit fanden zur Abkaufung mit einer namhaften Summe ein für alle⸗ mal, die nun unſern Armenkaſſen zugute kommt. Herr von Aſſelyn hat im Namen des Herrn Oberprocurators Nück nicht nachgelaſſen, daß der Finkenhof nach wie vor 47 Thaler 20 Groſchen 7 Pfennige jährlich an das Rochus⸗ ſpital in Witoborn zu entrichten hat, was Finkenmüller nicht auftreiben kann, wenn ihm der Tanz abgeſagt wird—“ Aha! Da platzt die Bombe! ſchloß vorläufig der Pfar⸗ rer und ſtocherte die Zähne. Ja, das kann ich nicht! polterte der Finkenmüller ſeine ſo lange verhaltene Stimmung rundweg und beſtimmt heraus... Müllenhoff las wieder für ſich und langſamer. Er ſtopfte ſich dabei in aller Gemüthlichkeit eine Pfeife, während der Bogen auf dem Tiſche lag und von ſeinen feurig lebendigen Augen in weiteſter Diſtanz geleſen wurde... „Fünftens, begann er dann wieder, iſt der«Pfaffe von Yſtrup ein Lieblingstanz der Leute, der ſeit hundert ſeiner nug auch der C ligen wiede Brot wegge gebore Frau (iett dieſe lich geko rer, den neuen W aufs ee bisher fort⸗ ge Seelen hier gen.(So?— nn der Herr Herr Referen⸗ as bei dieſen er Kirche an bis auf das de Jonge ver⸗ bereit fanden ne ein für alle⸗ kommt. Herr erprocurators nach wie vor das Rochus⸗ Finkenmüller Tanz abgeſagt ufig der Pfar⸗ Finkenmüller und beſtimmt Pfaffe j der Jf ſeit bundert 37 Jahren hier zu Land getanzt wird. Sechstens ſind die Jüng⸗ lings⸗ und Jungfrauenbündniſſe ſchon deshalb eine reine Unmöglichkeit, weil jedes Gemeindeglied nicht blos einer, ſondern ſchon mehreren Bruderſchaften angehört und— mit der größten Ruhe zog Müllenhoff ſchon den Rauch ſeiner Pfeife an— der Fleiß und die Arbeit ſchon ge⸗ nug darunter leiden. Siebentens wollen die Muſikanten auch leben und fallen ſie, wenn ſie nahrungslos ſind, der Gemeinde zur Laſt. Achtens bitten wir, den bucke⸗ ligen Stammer vom Kirchenbann zu befreien, damit— wieder that er einige Züge— der Krüppel ſich ſein Brot verdienen kann, ſeitdem er von Schloß Neuhof weggejagt und nun eigentlich hierher gehört, wo er geboren iſt. Neuntens bitten wir, nicht immer die Frau Schmeling ungebührlich auf der Kanzel zu nennen (jetzt ſtellte Müllenhoff die Pfeife als verſtopft hinweg: dieſe Hebamme reizte ihn am meiſten), da die Frau ehr⸗ lich iſt und alle, die hier leben, durch ſie in die Welt gekommen ſind! Zehntens erſuchen wir den Herrn Pfar⸗ rer, unter allen Umſtänden auch ins Rügengericht und den Kirchenconvent zu treten, damit wir von dieſer ganzen neuen Reformation nicht den Aerger allein haben.“ Iſt das nun alles? ſagte Müllenhoff und holte ſich aufs neue die Pfeife, die er wieder anzündete. Ja! war die einſtimmige Antwort der Männer... Sie lautete feſt, aber doch treuherzig. Und durchein⸗ ander gingen die Verſicherungen der ſich Erhebenden, daß ſie alle in Güte und in beſter Hoffnung auf ein ſchö⸗ nes Zuſammenwirken und kräftiges Zuſammenleben hier⸗ her gekommen wären... 38 Ruhe! ſprach Müllenhoff mit aller Faſſung, machte ſich einen Fidibus, zündete wieder an und fuhr dann in den Intervallen des Rauchens fort: Daß ich mich nur nicht vergriffen habe und da euere Staatsſchrift nahm—? Nein! Gott ſei Dank! Na, ſetzt euch jetzt wieder! Alſo das iſt denn nun auch etwas, dergleichen zu erleben in einer Zeit, wo die Geſalbten des Herrn in Kerkern ſchmachten, der Heilige Vater in Rom auf die Treue ſeiner Kinder zählt und dieſe Herrſchaften hier in die Hände der Ungläubigen kommen ſollen! Nicht Weſterhof!— fiel man einſtimmig auf den ſich faſt für überwunden gebenden Ton des Pfarrers ein. So! entgegnete Müllenhoff und zog den Brand ſei⸗ ner Pfeife an. Männer, ihr redet, wie ihr's verſteht! Geht die Comteſſe ins Kloſter, wie lange macht denn der Herr von Hülleshoven noch, der— für euere Seelen gut⸗ ſagen will? Wird ihn nicht der Aerger um ſeinen Bru⸗ der und die Schwägerin, die hierher ziehen und ſich gegen⸗ ſeitig zum Tort leben wollen, ſchon unters Grab brin⸗ gen? Wer bürgt uns, daß ſich die Zuſtände hier über Nacht nicht ſämmtlich ändern! Leute, Leute, nehmt ein Beiſpiel— an den Vornehmen ſelbſt! Wißt ihr's denn nicht ſchon? Vierundzwanzig ſteinreiche Herren und Da— men wollen ſich jetzt einſchließen und vierzehn Tage lang nichts thun, als hier faſten und beten! Herr Pfarrer, die, die nicht zu arbeiten brauchen, die können das— wollte der Moorbauer einſchalten und that es auch halb... 3 Bitte—! unterbrach Müllenhoff, als wenn er denn doch allein jetzt das Wort hätte... aſſung, machte fuhr dan in und da euere i Dank! Na, un auch etwas, Geſalbten des Vater in Rom eſe Herrſchaſten en ſollen! ig auf den ſich rrers ein... den Brand ſei⸗ br's verſteht! nacht denn der re Seelen gut⸗ m ſeinen Bru⸗ und ſich gegen⸗ es Grab brin⸗ nde hier über te, nehmt ein ßt ihr's denn rren und Da⸗ ehn Tage lang iten brauchen, uer iinſchalten wenn er denn Der Moorbauer ſchwieg und blickte ſcheu zu Boden... Vom Tanz— fuhr Müllenhoff fort mit wechſelnden Zügen aus der Pfeife— vom Tanz kommt alles Elend der Gemeinden her! Herr Gott im Himmel, ſollte man glau⸗ ben, daß in einem Lande wie dem unſerigen, wo die Schüler der Apoſtel ſelber gewandelt ſind und wo wir bis auf den heutigen Tag den Ruhm behauptet haben, uns Gottes Augapfel nennen zu dürfen von wegen unſers Zuſammenhaltens gegen Ketzer und Ketzergenoſſen, doch das tollſte und luſtigſte Leben ſich erhält und die Schenken nicht leer, die Tanzböden zerſtampft werden, daß nur die Dielen ſo krachen! Hunde ſind das, die der beſſern Mahnung entgegenbellen— aus euern verſtockten Herzen; ſelbſt dann ſchon wieder bellen, wenn ihnen der Mund noch nicht trocken iſt von dem geſegneten Leibe des Herrn, den ſie Vormittags genoſſen! Nachmittags auf dem Tanz⸗ boden iſt alles, alles, alles verdaut! Schändlicher Frevel, zu ſagen, daß ja David auch getanzt hat vor der Bundes⸗ lade, wie ich ſchon einmal von Euch, Finkenmüller, habe hören müſſen! David hat getanzt, das iſt wahr; aber David war lange Zeit ein König, wie meiſt die unſerigen auch ſind, zum Gotterbarmen! David war ein ſolcher Sünder, daß Gott nur um der allweiſen Abſicht willen, gerade aus ſeinem Stamm das Heil der Welt zu erwecken, dieſen gekrönten Räuber, dieſen purpurgekleideten Mörder, dieſen ruchloſen Ballettänzer ſo lange hat leben laſſen! Es iſt wahr, David ging dann in ſich und hat ſpäter die lieb⸗ lichen Pſalmen gedichtet zum Lobe des Herrn, aber nur als die fürchterlichſte Reue und Buße über ihn gekommen war und ihn das zerknirſchendſte Beichtbedürfniß an das — 40 Ohr gottgeſalbter Prieſter trieb und er in jammervollſter Trauer ſich auf dem Beichtſchemel wand und ausrief: Herr, wo ſoll ich mich vor dir verbergen? Flieh' ich gen Abend, ſo biſt du da, und flieh' ich gen Morgen, ſo biſt du auch da!... Menſchen! Männer von Weſter⸗ hof!—(Müllenhoff legte nun die Pfeife weg) Was hat denn den heiligen Johannes um ſeinen Kopf gebracht, als der ſündenvolle, gottverfluchte Tanz! Herodias, dieſe Tochter Belials, tanzte ſie nicht ſo wollüſtig vor dem Auge des kindesmörderiſchen Herodes, daß ihr dieſer ſaubre Souverän jede Gnade geſtattete, die ſie ſich erbitten würde? Und was that dieſe würdige Tochter ihrer Mutter, die die Maitreſſe des Herodes war und förm⸗ lich zur Nachfolgerin ihrer Mutter erzogen wurde? Dieſe Creatur verlangte nichts ſchlechteres, als ein heiliges Märtyrerhaupt! Gerade wie ein neues Kleid oder wie jetzt ſolches Gelichter von den neuen Herodeſſen Anſtel⸗ lungen für ihren Bruder oder ihren Buhlen im Steuer⸗ fach oder im diplomatiſchen verlangen würde! Du Ge⸗ kreuzigter! Warum verlangten die beiden Weibsbilder gleich ein Märtyrerhaupt? Weil der gebenedeite Freund unſers heiligſten Erlöſers in der Wüſte predigte, daß die Juden Buße thun, nicht mehr fluchen, ſaufen, Karten ſpielen und tanzen ſollten! Fragt doch nur einmal euere Töchter, fragt doch nur einmal euere Weiber, euere Mägde, wenn ſie im Finkenhof geraſt haben und mit den Bur⸗ ſchen zur Seite gehen mit blutrothen Wangen, fragt ſie, ob ſie nicht mit Freuden auf einer Schüſſel auch den Kopf ihres Pfarrers herumpräſentiren könnten, wenn ſie auf ſein Geheiß dem Pfaffen von Yſtrup, euerm jahr⸗ hunder wozu ſäet de Wasy für di Monat ſuahl! geigen, möchten ſteine l erſäufer Dde und ſa zu halz die Mi hofs d bezahl hätte haben jett i beſchw N vürdie unrein inem dernit W der N tieben Chren mmervollſter nd ausrief: Flieh ich i Morgen, on Weſter⸗ Was hat 5 racht, als dias, dieſe g vor dem ieſer ſaubre ſich erbitten wchter ihrer und förm⸗ de? Dieſe heiliges doder wie ſen Anſtel⸗ im Steuer⸗ 1Du Ge⸗ Weibsbilder jte Freund e, daß die 1, Karten nmal euere Mägde, 1 Bur⸗ ere der gen, fragt el auch den „wenn ſie yr uerm jal 41 hundertjährigen Allerheiligſten, entſagen ſollten? Und wozu ſtreichen denn die Teufel ihre Violinen? Wozu ſäet denn der Verſucher die Töne wie Hanfſamen aus? Was will er denn fangen in ſeinem Tanzbodenſtrich? Vögel für die Hölle! O dann kommen die Mädchen, etwa fünf Monate nach ſo einem„Pfaffen von Yſtrup“, in den Beicht⸗ ſtuhl! Sonſt ſchlank wie die Pfeifenſtiele, jetzt wie die Baß⸗ geigen, weil die Sünde zu Tage kommt! Dann, dann möchten ſie nicht Euern Tanzboden, ſondern Euere Mühl⸗ ſteine haben, Finkenmüller, um ſich in der Witobach zu erſäufen, da wo ſie am tiefſten iſt! Der Finkenmüller wurde gereizt, zerdrückte ſeine Kappe und ſagte, ſeines Amtes wär' es, die Rechte beiſammen zu halten, die auf ſeinem Gute hafteten. Ihm könnte die Mühle genügen; aber da er beim Erwerb des Finken⸗ hofs das Recht zu ſchenken und aufſpielen zu laſſen mit bezahlt, auch Steuer und Zehnten darauf genug zu geben hätte, ſo würde er erſt auf ſeine Abfindung anzutragen haben, falls das durchginge, daß hier die jungen Leute jetzt in den Kirchen vor dem hochwürdigſten Gut förmlich beſchwören ſollten, nicht mehr zu tanzen... Müllenhoff loderte ſo auf, als würde ſchon das hoch⸗ würdigſte Gut als bloßes Wort in ſolchem Munde ver⸗ unreinigt. Er ſchwieg, ſah ſich aber um, wie nach einem Donnerkeil aus Rom. Da ſuchte der Meyer zu vermitteln... Wie denn auch den Leuten erſt zu beweiſen wäre, ſagte der Meyer mit feiner Stimme, daß ſie etwas Unehrbares trieben! Die hohen Herrſchaften tanzen alle und geſchieht's in Ehren, Herr Pfarrer, ſo kann dabei auch keine Sünde ſein.. 42 Und der Moorbauer berief ſich ſogar auf den Wider⸗ ſpruch aller Mütter, ſelbſt der ehrbarſten... Die Väter, meinte er, wiſſen wol, der Tanz ſei des Teufels Jahr⸗ markt; aber wie wollte man nur allen den jungen Weibſen die Luſt daran nehmen? Sie brennten ja doch eben zu verſeſſen darauf!— Es iſt nun einmal ſo! rief der fünfte, der Bauer Leyendecker; die Leute ſchinden ſich in der Woche ſechs Tage und am ſiebenten wollen ſie aus dem Joch heraus! Es hat alles ſeine Zeit, Herr Pfarrer! Das Beten hat ſeine Zeit und das Vergnügen hat ſeine Zeit! In dieſem Land iſt denn doch unſerm lieben Herrgott und ſeinen Engeln immer nur wohl gebettet geweſen! Seid ihr nun fertig? ſagte Müllenhoff mit einer lange mit ſich ſelbſt ringenden Mäßigung und Geduld... Jal! riefen alle einſtimmig und trotzig... Ich will euch ſagen, Leute, lenkte Müllenhoff etwas ein; laßt uns in Güte reden! Die heiligen Kirchen⸗ väter, Chryſoſtomus an der Spitze, die kann ich hier nicht citiren! Es iſt wahr, ſie alle ſind furchtbar gereizt gegen den Tanz. Es mag ſein, weil manche von ihnen noch jenen ſchauderhaften Tänzen zu nahe gelebt haben, mit denen die Heiden ihre Götzen, die Venus, den Jupi⸗ ter, die Minerva und ähnliche Affenſchande verehrt haben. Aber glaubt ihr denn nicht, daß unter dem Unkraut in den Herzen der jetzigen Jugend, unter der Spreu auf der Tenne noch ſo viel edler Weizen liegt, daß man ein ſolches Frauenzimmer— oder— nehmt's mir nicht übel— euere eigenen Weiber und Töchter, in aller Güte nehmen und ihr ſagen kann: Kind, ein Wort ein B wie d abged fen an Kiirche Und E ſtochen Erlöſer wolltet heilige gel in korn die L hinter Hüfte Mäd dich üben von in d dieſe richt Seh derg Ma wen hält Kin dett uf den Wider⸗ .. Die Väter, Teufels Jahr⸗ mmgen Weibſen doch eben zu „der Bauer r Woche ſechs „Joch heraus! Das Beten ine Zeit! In Herrgott und weſen! off mit einer nd Geduld.. Uenhoff etwas lligen Kirchen⸗ m ich hier nicht gereizt gegen on ihnen noch zt haben, mit 8, den Jupi⸗ hande verehrt aß unter dem nd, unter der Weizen liegt, — wuuts d Tüchter, in ein „. Kind, Wort im Vertrauen! Sieh Griete, Anne Marie, ſo ein Burſch wie der Siebdrat oder der Heikerling oder wie die Schlingel heißen, die kürzlich ihre drei Jahre abgedient haben und immer noch mit dem rothen Strei⸗ fen an ihren Mützen hier herumlaufen und ſelbſt ſo in die Kirche kommen, in die Kirche, wo nur Eine Cocarde und Eine wahre Landesfarbe herrſchen ſoll, das durch— ſtochene Herz und das Blut unſers gnadenreichſten Erlöſers Jeſu Chriſti!— ich ſage, wenn ihr ſagen wolltet: Griete, Anne Marie,— Gott, Gott, dieſe heiligen Taufnamen!— wenn dir nun ſo ein Schlin⸗ gel im Felde begegnete, in dem hochwallenden Gottes⸗ korn oder im heiligen Walde— nein, den hauen uns die Lutheraner hier nächſtens auch noch ab!— oder hinterm Gartenzaun und wollte dich nur ſo um die Hüfte faſſen, wie er's auf dem Tanzboden thut— Mädchen, könnteſt du das denn leiden? Würdeſt du nicht über den Buben außer dir ſein? Würdeſt du nicht über die Schlenker, die man machen muß beim„Pfaffen von Yſtrup“ Bruſt an Bruſt und Mund an Mund— in den Boden verſinken vor Scham? Und würdeſt du dieſen Schlingeln mit den rothen Streifen an den Mützen nicht hinter die Ohren ſchlagen, daß ihnen Hören und Sehen vergeht? Nun ſieh, würd' ich als Vater ſagen, dergleichen duldeſt du nun alle Sonntage! Marie Anna, Magdalena, du, die niemand zweideutig anſehen darf, wenn ſie im Felde ſchanzt und züchtig ſich ſchon die Kleider hält, nur wenn der Wind geht, du mein holdſeliges Kindlein, du putzeſt dich Sonntags, behängſt dich mit Ketten und Schauſtücken, ſetzeſt dich in den Finkenhof 44 auf die Bank und lungerſt mit gierigem Blick, ob dich denn nicht auch jemand nehmen mag oder ob du wol gar ſitzen bleibeſt und das Blut, hui! das ſpritzt dir förm⸗ lich vor Ungeduld aus den Wangen, wenn immer mehr antreten und du noch vacant biſt! Gott, bei deinen hochheiligen Wunden, würd' ich doch ſo ein geliebtes theures Kind, die Freude einer Mutter, das Neſtküchlein eines Vaters, ſo ein Bild der Unſchuld und holdlieblichen Sitte, beſchwören, daß ſie ſich vergleichen möchte, wie ſie daheim ſitzen könnte am Spinnrad, eine züchtigliche Maid, ſanft und lieblich und unſchuldsvoll wie eine Taube... Und, mit dem Bilde vergleicht dann dieſe Ländler und dieſe Schottiſchen! Wie die Röcke fliegen! Wie der Boden kracht! O Familienväter! Schildert ihnen doch das um des enthaupteten Johannes, um dieſes erſten Pfarrers auch in einer Wüſte, willen! Schildert den Ein⸗ druck, wenn nun ſpäter die Burſche anfangen von Bier und Taback und Branntewein zu glühen und die ſüße Unſchuld des Herzens, der zarte jungfräuliche Leib euerer lieb⸗ ſüßen Mägdelein, deren Kindeslallen euch ach! ſo inniglich erquickte, in die Arme ſolcher Buben ſinkt! Schildert ihnen, was dieſe beweinenswerthen Lümmel nun die Dreiſtig⸗ keit haben in ihr keuſches Ohr für Gift zu träufeln! Wie ſie ſich hinſetzen, euern Töchtern das klebrige Glas vollſchenken laſſen und Hand in Hand ſie auffordern, mit ihnen erſt durch Redensarten hindurchzuwaten, durch den Pfuhl der Erinnerungen und Erfahrungen, die ſie aus ihren gottesvergeſſenen lutheriſchen Garniſonen mit heimgebracht haben, aus der Plage der allgemeinen Militärpflicht, die ihr ſchon ſo oft zu allen drei Teufeln, ¹vo ſie ſind ſe ſtramr alle b denz traulic wo ſie Herzen ja wo weiſen dieſe g jünger dirt w reines, lichen ſogar wel digen väter an d an de bſcho am b die ja licher Bidd ihnen du w haben Gefa lick, ob dich ob du wol izt dir förm⸗ immer mehr bei deinen n geliebtes Neſtküchlein holdlieblichen möchte, wie e züchtigliche oll wie eine dann dieſe ücke fliegen! bildert ihnen eſes erſten vert den Ei⸗ ] Bier und ge Unſchuld euerer lieb⸗ ſo inniglich ert ihnen, Dreiſtig⸗ dle a. oln! zu träufeln⸗ Glas auffordern, dur⸗ lebrige waten, en, die ſie rniſonen mit b allgemeinen 2 Teufeln, 45 wo ſie herſtammt, hingewünſcht habt! Unſere Burſche ſind ſchön, herrlich gewachſen, wie ihr ſelber noch die ſtrammſten Männer ſeid! O, ſo kommt es, ſie ſtanden faſt alle bei der Garde! Nun kehren ſie wieder aus der Reſi⸗ denz ſelbſt, wo dieſe Unglücklichen leben müſſen ohne die trauliche Verbindung mit unſerer gnadenreichen Mutter, wo ſie nur dürftig genießen die heilige Zehrung, die Herzenserleichterung am Ohr eines geweihten Prieſters, ja wo eine jammervolle Veranſtaltung unſerer Neunmal⸗ weiſen ſogar möglich gemacht hat, daß dieſe armen Tröpfe, dieſe guten lieben Kerle, euere Söhne, euere Neffen, euere jüngern Brüder, wol gar in die Kirchen der Ketzer comman⸗ dirt werden und ihr treues Herze, ihr manchmal doch noch reines, unverdorbenes Gemüthe die Weisheit ſolcher Geiſt⸗ lichen von einer Kanzel herab hören müſſen, deren wir ja ſogar jetzt einen in Witoborn haben— Gott im Him⸗ mel erbarme dich! einen„Prieſter“ mit ſieben leben⸗ digen Kindern!... O, ich beſchwöre euch, Familien⸗ väter, thut das Eurige, euere Kinder und Kindeskinder, an die ihr mit Stolz denken könnt, nicht zu verkaufen an den, der ausgeht, ſie zu verſchlingen! Uebernehmt, obſchon nicht geweiht, das Amt des Prieſters! Sprecht am brennenden Kienſpan in jeder Hütte von der Sünde, die ja ſchon darin liegt, nur etwas zu wagen, was mög⸗ licherweiſe Sünde werden könnte! Grabt es ihnen im Bilde vor, das Grab der Unſchuld und Tugend! Sagt ihnen: Wandle, Menſch— Menſch, wandle dort, wo du wünſchen möchteſt einſt dein Sterbebett hingeſtellt zu haben! Kannſt du, o Jungfrau, o Jüngling, dir unter Gefahr einer Todſünde nur vorſtellen, daß der Tanz⸗ 46 boden dein Sterbebett wäre? Kannſt du dir denken, daß yheßeie an dieſe Stelle ein Prieſter hinkäme und dir das heilige müller Oel brächte? Kannſt du dir denken, daß die Glied⸗ Ohfer maßen deines Leibes dir dort geſalbt werden könnten zum nahme letzten Pfade an die Pforten der Ewigkeit?... lingsb Längſt ſchluchzte der Meyer... Dieſem kam die Weh⸗ V des Ec muth am erſten zu und ſie war ihm natürlich. Sie war V Och ſch ihm das ſchon von der Anſtrengung ſeiner Nerven und dem Groſch ſtärkern Druck derſelben infolge ſeiner ſchwierigen Zwi⸗ Auguſt ſchenſtellung zwiſchen Gemeinde und Pfarrer... 3 er zur Auch der Moorbauer wandte ſich ab... Auch die heilige beiden andern äußerten Bedürfniß, ſich ihre Naſen zu u A putzen und ſuchten nach ihren blauen Sacktüchern... aatte Nur der Finkenmüller blieb kalt und wagte ein: mußte Bitte, Herr Pfarrer— von( Schweigen Sie! fuhr ihn Müllenhoff an, ganz aus ſtatten der ſanften Rolle fallend... Buc Als der Finkenmüller dann ſchwieg, fiel er auch gegen riſſe ihn wieder in den ſanfteſten Ton zurück und fuhr fort: Zuſe Soll denn die Heiligung der Sitten nur möglich tiger ſein da drüben in den Berg⸗ und Fabrikdiſtricten, wo die lutheriſchen Paſtores nichts vom Chriſtenthum kennen als die j kon die Bibel, und von ihren eigenen Weibern und Kindern hn ſo in Anſpruch genommen werden, daß ſie für euer Seelen⸗ die heil keine Zeit mehr übrig haben? Sollen wir nicht zeigen, Gar was gerade wir vermögen aus unſerm Grunde, der da das iſt der Fels Chriſti? Sollen ſie uns verſpotten um un- die ſern heiligen Liborius und ſagen: Seht, ſoviel Kinder ſcho kommen außerhalb der Ehe bei uns und ſoviel bei denen! ähnl Schlagt mir den Tanzboden ein, ſag' ich, oder ich pro⸗ ir denten, daß dir das heilige aß die Glied— n könnten zum kam die Weh⸗ ch. Sie war erven und dem wierigen Zwi⸗ er... .. Auc die hre Naſen zu acktüchern... ein an, ganz aus er auch gegen und fuhr fort nur möglih ricten, wo die n kennen als und Kindern t euer Seelet⸗ ir nicht geigen, runde, der da votten um ul⸗ ſoviel Kindet jel bei denen! der ich pro⸗ 47 phezeie nichts Gutes für unſere Mutter Kirche! Finken⸗ müller! Geh in dich! Denke, daß die Gemeinde dir ein Opfer bringen wird! Sie wird dir den Ausfall deiner Ein⸗ nahmen erſetzen! Sie wird den Jungfrauen⸗ und Jüng⸗ lingsbund nicht abhalten, dennoch bei dir einige Stunden des Sonntags der Erholung und der Freude zu widmen! Ich ſchlage vor, daß jedes Mitglied in eine Büchſe einen Groſchen wirft zur Abkaufung des Tanzes! Der heilige Auguſtinus, der auch erſt ein laſterhafter Heide war, ehe er zur Erkenntniß kam, wird dieſe Spende ſegnen! Die heilige Afra wird ſie ſegnen, ſie, die einſt Spiel und Tanz zu Augsburg in ihrem Hauſe zur Anlockung der Sünde hatte und durch den heiligen Paullinus bekehrt werden mußte, wird ſie ſegnen! Es iſt wahr, der heilige Franz von Sales hat unter gewiſſen Umſtänden den Tanz ge⸗ ſtattet. Aber ſo innig ich ihn ſonſt verehre, den frommen Biſchof, ich fürchte, er lebte in zu vornehmen Verhält⸗ niſſen, um ſich—(Müllenhoff ſtockte jetzt etwas) einen Zuſtand, wie den um Witoborn herum vergegenwär⸗ tigen zu können... Er kannte dieſe Menſchen nicht, die jetzt aus dem ihm auffallenderweiſe ſehr werthen Paris kommen... Er kannte Menſchen nicht, die dort die Thei⸗ lung der Güter proclamiren, dieſe Handwerksburſchen, die keinen Hof ſehen können, ohne zu ſagen: Aber der Garten dazu iſt mein! keine Kuh, ohne zu ſagen: Aber das Kalb gehört mir! keine Henne, ohne zu ſagen: Aber die Eier legt ſie für mich! Haben wir nicht etwa auch ſchon ſolches Volk unter uns? Maitres-tailleurs und ähnliche— Schneider?. Schneid hieß der neue Hausknecht, der in Schloß 48 Weſterhof eingetreten und dem Meyer noch nicht ordent— lich gemeldet war... Jean Tübbicke bürgte für ihn... Müllenhoff hielt eine Secunde inne. Da fand der Finkenmüller Zeit, einzuwerfen: Ich bin aber gewiß, der Herr Archipresbyter— Was ſind Sie gewiß? unterbrach Müllenhoff. Ich, ich, auch ohne den Archipresbyter, ja ohne den Heiligen Va⸗ ter in Rom, hätte die Macht, im Beichtſtuhl zu ſtrafen! Ich könnte denen, die in den Stand der Ehe zu treten ge⸗ denken, nur eine ſtille Meſſe leſen, wenn ſie nicht das Ver⸗ ſprechen zur heiligen Dreieinigkeit ablegen wollen, auf ihrer Hochzeit nicht tanzen zu laſſen! Ich thu' das nicht. Ich will euch in Güte gewinnen. Hier iſt das Büchlein über die Stiftung der Bündniſſe. Da habt ihr zwanzig Exemplare zur Vertheilung. Zu nächſten Oſtern iſt alles in Ord⸗ nung. Am Charſamstag hält der Bund eine Proceſſion und laßt nur die Buben ſtehen und lachen und die loſen Weiber und die Hebammen an der Spitze, wir werden die Läſterer ſchon auf die Knie bringen, wenn in der Mitte der Jugend Ihr, Finkenmüller, ſelbſt die Fahne tragt und ich gleichfalls hinterher gehe, die Hand mit dem hochwürdigſten Gute! Vor dieſem magiſchen Wort ſchwiegen nun wol die Männer... Der junge Kämpfer ſiegte... Alles blieb ſtill... Müllenhoff holte von einem Bücherbret zwanzig kleine Broſchüren und zählte ſie ihnen ab... Herr Pfarrer... ſagte der Meyer inzwiſchen. Sie ſehen, wir werden das Unſerige thun! Es wird einen ſchweren Kampf koſten! ſetzte er ſeufzend hinzu. Schon heute, wo infolge des Leichenbegängniſſes alles auf den g Beinen ein bis de durchei rung! R. S rer, ſ Schie Geri die droh aufre gehen derr und; jeder ch nicht ordent⸗ te für ihn... Da fand der esbyter— llenhoff. Ich, Heiligen Va⸗ ahl zu ſtrafen! ezu treten ge⸗ nicht das Ver⸗ ollen, auf ihrer t. Ich will hlein über die g Exemplare in Ord⸗ Proceſſion zund die loſen e, wir werden wenn in der bſt die Fahne be Hand mit nun wol die Alles blieb rbret zwanzlg 49 Beinen iſt, ſchon heute ſollt' es auf dem Finkenhof zwar ein bischen lebhaft werden— Dem Lutterberg zu Ehren! meinte Müllenhoff im Zäh⸗ len. Ja, was werden die Teufel heute im Lutterberg rumoren! Aber tanzen laſſ' ich heute nicht! ſagte der Finken⸗ müller. Aber in Zukunft— Ja habt doch nur Muth, Leute! unterbrach Müllen⸗ hoff; habt doch Muth! Das Uebrige macht das Rügen⸗ gericht und der Kirchenconvent—! Ja, Kirchenconvent und Rügengericht—! riefen alle durcheinander... Es war ein Thema, deſſen Erörte⸗ rung noch im Rückſtand blieb... Nun? lautete Müllenhoff's erwartungsvolle Frage... Sie haben das Rügengericht eingeführt, Herr Pfar⸗ er, ſagte der Meyer, und ziehen ſich nun ſelbſt zurück? Schieben uns nur ſo vor? Jeden Erſten ſollen wir zu Gericht ſitzen und wenn die Weiber uns auslachen und die jungen Burſche uns den Buckel voll Schläge an⸗ drohen und wir nicht wiſſen, wie wir unſere Autorität aufrecht erhalten ſollen, wollen Sie im Feld ſpazieren gehen oder in Ihren Büchern ſtudiren? Nein, mit Vergunſt, Herr Pfarrer! Wenn das Rügengericht ſich halten ſoll— und ich habe nichts dagegen, wenn wir ſorgen, daß nicht jeder Plunder an den Landrath oder die Gerichte kommt — ſo müſſen Sie den Vorſitz führen, Herr Pfarrer! Und Sonntags Nachmittags müſſen Sie die Kirche dazu hergeben! fielen alle ein... Erſt wollte Müllenhoff ironiſch ausweichen. Aber auf Gutzkow, Zauberer von Rom. V 4 50 das Wort„Kirche hergeben“ rief er, als ſollte man es ſäͤlaſſ hundert Schritt weit hören: ſaal: Ich bin das ewige Gericht und ſitze zur Rechten g 7 des Schöpfers Himmels und der Erden! Mül Nein, ſetzte er dann den auf den Tod Erſchrockenen lgſen hinzu, gebt euch nur getroſt dieſe Autorität ſelbſt! Näm Die aber— das— das können wir nicht! cher Wird kommen, wenn ihr ſelbſt nicht mehr bis Elf 1 7 im Finkenhof unter den Zöllnern ſitzt! wide Halten wir uns von den Leuten apart, Herr Pfar⸗ nati rer, ſo vermögen wir erſt gar nichts! ſagte Hennicke... räi 6 Pro Deol¹ rief Müllenhoff mit feierlich lauter Stimme. de— Nicht Per Deum! So fängt jedes Concordat an und ich 4 6 will euch das überſetzen... Glaubt ihr, guten Leute, daß 3 ä 1 ihr dem allmächtigen Schöpfer nichts anderes ſchenken könnt, ſch n als was ihr von ihm ausdrücklich zum Geben empfangen u R G habt? Wollt ihr ihm denn gar nichts geben von dem u Eurigen, von euerer eigenen Tugend, von euerer eigenen vnn Moral, euerer eigenen Gerechtigkeit? Könnt ihr nichts, aus, 4 nichts beiſteuern zur Herſtellung der Ordnung in der Kirt G Welt? Ihr lieben Leute, dieſe Opfer bringt getroſt aus. M euch ſelbſt! Schenkt dem Gekreuzigten euere eigene Kraft, 4 nicht immer die, die ihr erſt ſeinen Stellvertretern auf 3 Erden verdankt! Ein Seelſorger ſoll ſich nicht in die weltliche Auffaſſung euerer Händel miſchen. Nur vor— dii arbeiten ſollt ihr ſeinem Wirken, ſollt ihm in die Hand n 1 arbeiten, ſollt— 8 Wir ſollen nur ſo vorm Schuß ſtehen, Sie hinter 64 unſerm Rücken! rief der Finkenmüller, der wieder Ober⸗ düc hand gewinnen wollte und der Groſchenbüchſe am ver⸗ 5 K ſollte man es zur Rechten Erſchrockenen ſelbſt! ſcht! ehr bis Elf Herr Pfar⸗ Hennicke... ter Stimme. t an und ich n Leute, daß henken könnt, empfangen ben von dem znerer eigenen it ihr nichts, nung in der getroſt aus eigene Kraft, ertretern auf nicht in die Nur vor⸗ tin die Hand Sie hinter Oher⸗ wieder Ohber ichſe am vel⸗ 51 ſchloſſenen und doch von ihm neulich friſchgedielten Tanz— ſaal nicht recht traute.. Wenn ich unſichtbar unter euch bin, antwortete Müllenhoff, ſchon ſiegestrunken, aber doch ſcheinbar ge— laſſen und milde, ſo iſt das für euch eine Schande, Männer? Ich werde, wenn wir auf unſerm Wege fort⸗ gehen und wir die Bündniſſe erſt haben, nicht verfehlen, das Rügengericht im Beichtſtuhl zu unterſtützen. Ich werde auch die ſchwierige Aufgabe, die wir die Viſi⸗ tation nennen, nicht von mir weiſen. Ich werde nicht zurückbleiben hinter meinem Amtsbruder in Borkenhagen, der zu den gottverlorenen, unglückſeligen Menſchen, dem im Kirchenbann lebenden alten Hedemann und ſeiner Frau, ſich nicht die Mühe verdrießen läßt wöchentlich einmal zu gehen, anzupochen, an ihren Herd ſich zu ſtellen und ſie zu bitten, an den heiligſten Ort der Welt zurück⸗ zukehren und von dem Tiſch des wahren Brotes und von der Ruhe in geweihter Erde ſich nicht mit Gewalt auszuſchließen. Ihr wißt, wie grillig dieſe alten im Kirchenbann lebenden Leute ſind, und wißt, warum? Ja wohl, Herr Pfarrer! Die Schuld traf— Den Pfarrer Langelütje— ſagte der Finkenmüller... Den Landrath! betonte Müllenhoff mit berichtigender Schärfe. Sogleich fuhr er wieder ſanfter fort: Es ſoll mir ein Stolz ſein, wenn ſolche Verſtocktheit mir die Thüre weiſt! Ein Stolz, wenn ihr mir die Bücher aus der Hand reißt, die ich auf euerer Ofenbank finde und unterſuche, ob ſie zu leſen euch auch ziemlich iſt! Dieſe Viſitationen werden mir gelingen, denn die 4* 52 Kinder ſollen mich dabei beſchützen! Die Bilder der Hei⸗ ligen werde ich euern Kleinen zeigen, denen die Thaten derſelben erzählen und die Alten werden dann auch ſchon heranrücken und ſich ſchämen nicht zuzuhören dem, was chriſtlich iſt, und ich werde der Freund auch eueres häus⸗ lichen Herdes werden. Das Rügengericht aber? das iſt euere Sache! Wenn Sie nur wenigſtens, Herr Pfarrer, ſagte der bedrängte Meyer, bei der Strafe, die der Kirchenconvent dictirt, mitſtimmen wollten! Auch das nicht, lieb' Väterchen! Ich bedanke mich, gu⸗ tes Meyerchen! Ihr ſollt ſelbſt am Kreuz des Erlöſers tragen helfen! Ei, wißt ihr denn nicht, was unſer hochhei⸗ liges Rom mit ſeinen„Concordaten“ ſagen will?... Nicht, weil ich nicht die Kraft hätte— ach, unſer hochheiligſter Jeſus, der hatte die Kraft, die Erde aus ihren Angeln zu reißen— Daß er aber dennoch auf Golgatha das Marter⸗ holz mit rinnendem Schweiß und tropfendem Blut getragen hat und daß er lieber zuſammenbrach wie euersgleichen, das war blos um zu ſehen, wer hinzutreten würde— um ihm zu helfen! Gelegenheit wollte er blos an⸗ dern geben, ſich den Miteintritt ins Paradies zu er⸗ werben. Und in dieſer göttlichen Güte ahmen ihm jetzt ſeine geweihten Prieſter ſowol beim Rügengericht wie beim Kir⸗ chenconvent und noch in vielen andern weltlichen Dingen nach. Ihr könnt alle Tage ſo heilig werden, wie Simon von Cyrene es wurde, der dem Heiland das Kreuz tragen half! Weiſt, ich bitte, die Gelegenheit dazu nicht ab! Kennt ihr den Fluch, der jenen Schuſter traf, der das Autsruhen auf den Stationen des heiligen Kreuzwegs unterbrach —— und f vor ſchaft Jude den, ufer rüthe ſing dem gottlo unbeg ihr! beläſt lieſt, es z Vett erſte d M foß bei gen Wa um ſch ihn mir nun dri drü n auch ſchon eirchenconvent mie mich, gu⸗ des Erlöſers nſer hochhei⸗ Nicht, heiligſter n Angeln zu das Marter⸗ Blut getragen euersgleichen, würde— er blos an⸗ radies zu er⸗ hu jetzt ſeine ſereuz tragen at ab! Kennt flahe dan 9 unterbrach 53 und frech die beiden Kreuzträger anſchnauzte, was ſie hier vor ſeinem Laden halt machten und ihm die Kund⸗ ſchaft verjagten? Bis zur heutigen Stunde haben die Juden infolge dieſes Schuſters auch noch keine Ruhe gefun⸗ den; ſie irren innerlich noch immer umher, wenn ſie auch äußerlich in Witoborn allerlei Seelen und einige Land⸗ räthe im Sack haben. Jeder Jude, den ich ſehe, und ſäng' er noch ſo ſchön, wie der, der neulich hier mit dem Herrn von Terſchka die Güter vermaß und eine gottloſe Arie nach der andern pfiff, kommt mir wie eine unbegrabene Leiche vor. Der Kirchenconvent, das ſeid ihr! Wer die Gemeinde als Spieler und Vagabund beläſtigt, nicht zum Abendmahl kommt, ſchlechte Bücher lieſt, den laßt getroſt euere Entrüſtung fühlen und wenn es zehnmal die meinige iſt und es euere Schwäger oder Vettern ſind, die es trifft! Ich kenne das. Auf meiner erſten Pfarre— ja, da ſaß ich im Kirchenconvent. Was geſchah? Jede Strafe mußte ich dietirt haben! Der Meyer dort war Soldat geweſen und ein wahrer Pro⸗ foß an Zorn und Strafwuth. Für jedes Zuſpätkommen bei der Meſſe hätte er einen Louisd'or verlangen mö⸗ gen, von denen zumal, wo er wußte, daß ſie dergleichen Waare im Kaſten haben. Begegnete er dann ſo einem um lumpige fünf Groſchen Geſtraften, ſo grüßte er ihn ſchon von weitem als Herzbruderkamerad und ſchüttelte ihm die Hand und ſagte: Brüderlein fein, wie leid that mir's doch neulich wieder mit den fünf Groſchen, aber— nun bohrte er einen Eſel in die Luft und mit einer Kutte drüber und gleichſam als wenn— ſiehſt du, der Pfaffe drüben, der hat's decretirt, hat nicht eher nachgelaſſen! 1 *. 54 Ja, der Kerl haßte ſeinen Schwager ſo, daß er ihn über den Weg hätte vergiften können, und nun ſollte ichs immer geweſen ſein? Nein, ſolche Niedertracht laſſ' ich bei uns nicht aufkommen... Ihr richtet! Ihr ſtraft! Und dann muß ich euch auch noch in aller Aufrichtigkeit ſagen: Die Beweiſe der Würdigkeit, die ihr habt, in meiner Ge⸗ ſellſchaft zu ſitzen, müßt ihr mir erſt noch geben. Ich ſchätze euch als Männer von Rang und Anſehen, aber der Taback, den ihr manchmal raucht, iſt nicht meine Sorte. Ich meine das in aller Güte und anders als hier in der Pfeife(— er nahm dieſe jetzt wieder—) aber es iſt mir bereits ſchon vorgekommen— ich will nichts von euch ſagen— daß Jockel, wenn er einmal wegen Schwä⸗ chung citirt wurde— den vorſitzenden Pfarrer anzu⸗ lachen die Frechheit hatte und ſagte: Wir ſind allzumal Sünder und brauchen einen und denſelben Doctor! Nein, unſern Willen ſollt ihr thun; das verſteht ſich; aber aus euerer eigenen Entſchließung! So machen wir's von jetzt an auch allüberall! Auch im Großen, auch in Staatsangelegen⸗ heiten. Das nennt man Concordate. Ihr Leute! Paſtoral⸗ klug iſt gut. Leider aber, wie die Welt nun einmal iſt, muß man auch manchmal ein Biſſel paſtoralpfiffig ſein! Damit lachte Müllenhoff ſich ſelbſt ſo vergnügt Bei⸗ fall, daß auch die Bauern um ihn her lachen mußten und der Meyer meinte: Na, wir kommen ſchon zuſammen, Herr Pfarrer! Geben Sie ein bischen nach und wir auch ein bischen— alles mit Bedacht und ohne uns und Ihnen etwas zu vergeben! Neulich noch rieth uns Herr von Terſchka ſelber dazu, daß wir uns ganz nach Ihnen richteten! S. g9 J Bund würde verde er ihn über te ichs immer ich bei uns : Und dann ſagen: Die meiner Ge⸗ geben. Ich nſehen, aber t richt meine anders als eder—) aber ill nichts von egen Schwä⸗ rer anzu⸗ ind allzumal ttor! Nein, cch; aber aus s von jetzt an atsangelegen⸗ Paſtoral⸗ mmal iſt, muß fig ſein! ergnügt Bei⸗ ichen mußten er Pfarrer! in bischen— twas zu en e rerſchla voll richteten 55 Sod ſagte Müllenhoff, ſich im Lachen mäßigend... Ja, fuhr der Moorbauer fort, wir ſollten für den Bund die Auszeichnung einer Medaille einführen, dann würden alle beitreten! Da hatte er Recht! meinte Müllenhoff und ſetzte hinzu: Nun, der iſt ja wenigſtens noch von uns! Und dann ſagte er auch, ſollten wir mit dem Dom⸗ herrn ſprechen! Der würde allem ſchon das rechte Schick geben.. Nun iſt's genug! ſagte Müllenhoff kurzweg und that, als wollte er gehen. Das Lob des Domherrn mochte er nicht hören... Die Männer öffneten die Thür. Erſt wollte der Moorbauer hinaus, der am nächſten ſtand... Wie er ſich verbeugte, fiel er faſt, ſah dann hinter ſich und entdeckte etwas, das auf der Flur draußen ſtand und beinahe von ihm umgeworfen wurde... Auch Hennicke ſtolperte ſchon... Was ſteht denn da? fragte Müllenhoff aus ſeinem innerſten Vergnügtſein heraus... Die Männer traten in die Stube zurück und blickten auf einen Korb, der dicht an der Thürſchwelle ſtand und verdeckt war... Was ſoll denn das da? ſagte Müllenhoff und ſuchte nach ſeiner Bedienung. Der Korb ſah ſeltſam aus. Niemand hatte recht den Muth ihn wegzuheben. Er war oben offen und hatte ein kleines Schirmdach, das mit rothem Zeuge ver⸗ hängt war... Man hätte glauben mögen, es war ein Korb, wie man ihn auf Wiegen befeſtigt... 2 56 Müllenhoff, blutroth ſchon, ſah die verlegen lächeln⸗ den und zurückweichenden Männer an... Kathrein! rief er laut. Was ſteht denn hier im Wege?. Eine Magd, die das kanoniſche Alter hatte, eine jüngere, die nicht beim Pfarrer, ſondern bei ihr diente, kamen herbei und verwunderten ſich„des Todes“ über den Korb...— Alle hatten die Ahnung, daß ſich jemand ins Haus geſchlichen und an der Thürſchwelle des Pfarrers— ein Kind ausgeſetzt hätte... Zornentbrannt und doch voll tiefſter Verlegenheit riß Müllenhoff die rothen Vorhänge des Korbes auf und richtig! in Betten verſteckt, lag mit weißem Häubchen ein Kind, wie ſich jedoch die Kathrein ſofort über⸗ zeugte, kein lebendes, ſondern ein allerliebſtes, niedliches Wachspüppchen... Unter Gelächter zog ſie es hervor... Die Männer wagten nicht in das Gelächter mit ein⸗ zuſtimmen, ſondern hielten die Hand vor den Mund und entfernten ſich raſch, um erſt draußen, wie man zu ſagen pflegt,„loszupruhſchen“... Das iſt— das iſt ja ein niederträchtiger Streich— ein Streich nur von der Schmeling! rief der Pfarrer. Meyer! ſchrie er dieſem nach. Sie unterſuchen das! Mel⸗ den's gleich dem Landrath! Er ſoll euern Schreiber ſchicken! Auf der Stelle! Da ſeht ihr nun euere Zucht und Ord⸗ nung! Ich werde das Schandſtückchen von euch auf die Kanzel bringen! Der Meyer ſtand verlegen an der Hausthür.. —ʒʒ nichts De Perrü hoff de Korbma Betten Dann! ſalls an und ſch er nur laſſen Er Blätte des B er ſe Gede Hidd friſch 57 rlegen lächelnl⸗ Es wurde gefragt und geforſcht, ob man denn nichts erblickt, niemanden im Hauſe geſehen hätte... denn hier im Den Jean Tübbicke, den buckeligen Stammer, den Perrükenmacher Schneid, alle Verdächtigen rief Müllen⸗ rhatte, eine hoff der Reihe nach auf... In Witoborn ſollten alle r diente, Korbmacher, alle Puppenverkäufer, alle Händler mit wüber Betten und rothem Kattun Hausſuchung bekommen... Dann wieder fiel ihm die Lächerlichkeit des ganzen Vor⸗ mins Haus falls auf. Schäumend warf er die Thür hinter ſich zu jarrers— AM und ſchrieb nun ſelbſt an die Polizei in Witoborn. Hätte er nur den Tübbicke gehabt, um ſeinen Zorn ganz aus⸗ egenheit riß laſſen zu können! bes auf und Erſt allmählich kehrte ihm die Ruhe zurück beim Häubchen Blättern in den Exercitien Loyola's und beim Wiederleſen 4 des Billets der Frau von Sicking... Dann ordnete er ſeine Toilette, rüſtete ſich mit einigen„geiſtreichen Gedanken“ für das Diner und ging, ganz ein Papſt Hildebrand vom Dorfe, mit feſtem Schritt hinaus in den friſchen Wintertag. ſofort über⸗ ſtes, niedliches ſächter mit ein⸗ den Mund und zu ſagen er Streich— der Pfare 1 ndas! Mel en 8 greiber ſchicken d Oꝛd⸗ euch auf die aucht un⸗ zu hür.. aust Inzwiſchen lugte auch auf Augenblicke freundlich die Sonne hervor aus der unermeßlichen Wolkendecke, die ab und zu ſich ihrer Schneeanſammlungen aufs neue entledigte. Da, wo die Sonne verborgen geſtanden, bekam der Himmel das Anſehen, als wär' er ganz von geſchliffenem Achat, von durchſichtigem, gelbröthlich geflammtem. Um die Kirche her ſtanden die Bäume in ihrem weißen Kryſtallſchmuck. Im Sommer konnte man ſich hier, wenn rings die Ulmenäſte wogten und ihre langen Schat⸗ ten warfen, an einen alten Opferhain erinnert fühlen. Jetzt war es licht ringsum. Schon unter den gefrornen Eiszapfen, die wie die Orgelpfeifen über dem Portal des Ausgangs der Kirche hingen, ſah man weit in die ſchneeverhüllte Ebene hinaus, wo die Winterſaat ſchlum⸗ merte, die Haſen dahinſchoſſen, die Krähen einſam auf rauchenden Dächern ſtolzierten... In einer großen, etwas alterthümlichen, nicht aus Hoffart, ſondern des Schnees wegen von vier Pferden gezogenen Kutſche ſaß Paula im Fond mit Tante Benigna, auf dem meyer, der ſetzt Der plö die klein lung ale angebote Ein Und einer jed veit übe wieder b n ſeine durch w nung ſ merher wenn die S feierte Dieſer Seine ſezt kunft, aller böllig Shar d Eiſta meher nes 6 freundlich die zolkendecke, die aufs neue „bekam der a geſchliffenem flammtem... zume in ihrem e man ſich hier langen Schat⸗ nnert fühlen. den gefrornen dem Portal an weit in die terſaat ſchlum⸗ n einſam auf en, nicht aus vier Pferden Tante Benigna, auf dem Rückſitz Armgart und der Doctor Laurenz Pütt⸗ meyer, der Philoſoph von Eſchede, langjähriger Verlobter der jetzt in Paris bei den Fulds weilenden Angelika Müller. Der plötzlich gekündigten Lehrerin von Lindenwerth hatte die kleine freundliche Bettina Bernhard Fuld dieſe Stel⸗ lung als Reiſebegleiterin und Geſellſchafterin bei ſich angeboten und Angelika ſie angenommen. Ein ſo enger Raum!... Und wie mächtig dehnt ſich doch die Lebensbeziehung einer jeden dieſer vier Perſonen in die Welt aus, weit, weit über dieſe winterliche Fläche und das Echo der wieder beginnenden Glocken hinweg! So aber iſt das Leben in ſeiner Wirklichkeit. Auf der Bühne, da treten Helden durch weit aufgeriſſene Flügelthüren ein und die Span⸗ nung ſteht, wie eine ſich verbeugende Kette von Kam⸗ merherren und Lakaien, um einen Fürſten oder— Bettler, wenn gerade das Intereſſe auf einem Bettler ruht, auf die Scene treten zu laſſen. Im Leben aber iſt ſo ein ge⸗ feierter Philoſoph wie Püttmeyer plötzlich da wie unſereins! Dieſer große Mann, für den nun ſogar am Ufer der Seine ein treuliebend Herz Propaganda macht und ihn jetzt ſogar in einem Bankierhauſe Wechſel auf die Zu⸗ kunft ziehen läßt, auf dieſen unerſchöpflichen Reſervefonds aller unverſtandenen Geiſter der Gegenwart, ſaß hier völlig unerkennbar, tief verloren in einen Mantel, Muff, Shawl und Fußſack— Laurenz Püttmeyer war heute ein völlig von den Todten Erſtandener... Eſchede iſt ein kleines Städtchen und Pütt⸗ meyer bewohnte daſelbſt zwei Zimmer im Erdgeſchoß ſei⸗ nes eigenen älterlichen Hauſes. Ins grüne Freie, einen 60 Hausgarten, ging er nur, wenn ihm ſein Hund und ſeine Katze die Nelkenbeete verwüſteten— die Nelke war ihm die liebſte Blume; ſie hat eine ſchöne Symmetrie und an ihrem Stengel erhebt ſich die geſchloſſene Knospe in einer koniſchen Geſtalt. Und hatte nicht auch ſein eigenes ganzes Weſen das eines großen alten Katers? Armgart wenigſtens meinte gleich heute in der Frühe, als ihn eine gräfliche Kutſche von Eſchede brachte, es fehlten ihm nur an dem glattraſirten Kinn und der langen Oberlippe ein paar ſpitzabſtehende Härchen— und Hinz wäre fertig. So berichtete ſie auch ſchon neulich, als ſie zum erſten mal des Doctors Bekanntſchaft machte. In Linden⸗ werth wurde oft Püttmeyer's Porträt den Mädchen als Medaillon in Aquarell gezeigt. Da hatte er noch blonde Haare, eine ſcharfe, nicht gar zu ſpitze Naſe, graue, ent⸗ ſchloſſene Augen, eine bläuliche Färbung des abraſirten Barts und eine ungeheure weiße Halsbinde, in der ſich ein vornehm ſpitzes Kinn verſteckte. Nun aber in Wirk⸗ lichkeit ſpielte bei dem ſchon tief Vierzigjährigen alles grau in grau. Der Doctor war ein Sonderling geworden. Man erzählte von dem Sophahocker, daß er eine Waſſer⸗ flaſche, die dem Sonnenſtrahl ausgeſetzt war und die gegenüberliegenden Gegenſtände als Brennſpiegel entzün⸗ dete, nicht etwa aus dem Sonnenſtrahl heraustrug, ſon⸗ dern mit einem Makulaturbogen ſeines Werkes:„Chriſtus und Pythagoras“, umhüllte, blos weil er zu träge war, um aufzuſtehen und einen Schritt weiter mit ſeinen ſchön⸗ geſtickten Angelika⸗Pantoffeln zu ſchlorren und die Flaſche in den Schatten zu ſetzen. Ins Freie ging Püttmeyer dann nur noch jeden Abend, wenn er das beſte Hotel von — ſchede leſuchte. rung au war A Lindenm niſche 9 und Da die Arm den Fre ener der deihung der in ſ ſcaftli an bis ſeinem lita of auf de Näͤhe wachſ ſten N nung auch- wie ei der ſo den L Schll dewei den eines fuhr n Hund und ſeine e Nelke war ihm Symmetrie und ſſene Knospe in auch ſein eigenes 35 Armgart ‚als ihn e, es fehlten ihm langen Oberlippe Hinz wäre fertig. ls ſie zum erſten In Linden⸗ Mädchen als er noch blonde aſe, graue, ent⸗ i des abraſirten ninde, in der ich zun aber in Wirk⸗ jährigen alles verling geworden. Jer eine Waffer⸗ war und die inſpiegel entzin⸗ veraustrug, ſon⸗ „ Chriſtus r zu träge war, nit ſeinen ſchön⸗ und die Flaſche ang Püttmeher l von ſte Hote 61 Eſchede„bei Schönian's“ und jeden Sonntag die Kirche beſuchte. Seine Verehrerinnen mußten ihn in ſeiner Woh⸗ nung aufſuchen. Und dieſen Mann mobil zu machen, das war Armgart gelungen! Gleich nach ihrer Flucht aus Lindenwerth hatte ſie ihn wie eine verſchüttete pompeja⸗ niſche Ruine entdeckt. Sie hatte die unendliche Liebe und Dankbarkeit, die ſie für ihre Lehrerin beſaß, für die Arme, die ihretwegen ſo hart beſtraft wurde, auf den Freund des Herzens derſelben übertragen und mit jener dem jugendlichen Alter ſo ſchön ſtehenden Liebesüber⸗ treibung in ihm aller Welt den Propheten nachgewieſen, der in ſeinem Land verkannt würde, während die wiſſen⸗ ſchaftliche Welt von Alexander von Humboldt in Berlin an bis zum alten Windhack zu Kocher am Fall voll von ſeinem Ruhme wäre. Ruhm verbreitet ſich, hatte Ange⸗ lita oft genug geſagt, in concentriſchen Kreiſen. Wie auf dem Waſſerſpiegel die erregte Wellenlinie erſt in der Nähe des hineinfallenden Steines klein, dann wachſend und⸗ wachſend und in ihrer wahren Größe erſt in ihren äußer⸗ ſten Nachſchwingungen ſichtbar würde, ſo auch die Anerken⸗ nung des Genius, zu deſſen wahrer Würdigung dann ja oft auch— die Steine gehörten. Niemanden haßte Armgart ſo, wie einen gewiſſen Philoſophen Namens Joſeph Schelling, der ſo unerſättlich nach Ruhm wäre, daß er auch noch den Lehrſtuhl Hegel's, den bis dahin ein unbedeutender Schüler bekommen, einnehmen und dadurch gleichſam beweiſen wollte, daß er von Hegel nicht überwun⸗ den worden. Das war in Eſchede ein Aufſehen, als eines Tages eine gräflich Dorſte'ſche Kutſche ins Thor fuhr und ein Livreebedienter nach dem Doctor Püttmeyer 62 fragte! Und ſchon am Abend, wo Püttmeyer nicht „bei Schönian's“ erſchien(wo ſich regelmäßig vier oder fünf Stammgäſte einfanden), wußte es die ganze Stadt, daß Fräulein Armgart von Hülleshoven auf Stift Heiligenkreuz den Doctor aufgeſucht, ihm eine Viſion der Seherin von Weſterhof erzählt und ihn ver⸗ anlaßt hätte, dieſe zu zeichnen, auszutuſchen und mathe⸗ matiſch in vierundzwanzig Theile zu zerlegen zum Muſter eines Teppichs. Für den Doctor war dieſer Auftrag geweſen, wie wenn man bei einem Drechsler in Wito⸗ born ein Linienſchiff für die engliſche Marine beſtellt hätte. Er hatte ſeine katergrauen, etwas gelbgeſpren⸗ kelten und ſchon ganz tageslichtſcheu gewordenen Augen aufgezogen, wie wenn der Cultusminiſter bei ihm wäre vorgefahren gekommen in Begleitung des Oberpräſidenten und ihn zum Mitglied der Akademie gemacht hätte. Er konnte von Stund an nicht mehr regelmäßig denken, nicht ſchlafen; er verjüngte ſich, als kämen ſeine alten Tage wieder, wo ſeine Ideen zum erſten male über das vaterländiſche Heidekraut flügge ins Land aufſtiegen wie Märzlerchen und alle Drechſelbänke der adeligen Höfe ringsum ſeine myſtiſchen Dreiecke, Kubuſſe und Ko⸗ noiden darſtellten. Püttmeyer zeichnete den Teppich, maß ihn, klebte ihn in natura zuſammen, wie einen Drachen— voller Drachen. Das erſchütterte dann ſehr ſeine Geſund⸗ heit. Erſt heute hatte man ihn können aus Eſchede abholen laſſen. Er war wie der ſelige Nikolaus von der Flüe, den die Eidgenoſſen aus den wilden Bergen holten, um ihre Streitigkeiten zu ſchlichten, und den man tragen mußte, weil er das Gehen verlernt hatte. Alles war Aihm neu zu ſehe waren. betrach der E mußte, gewählt hof! R in der rich ge⸗ baren n den. O hatte en die Fre der M Güte, Froße das e lag d ſten Jagd, ſtimme Honne licer den T rode ſem i Ej parent U tmeyer nicht elmäßig vier es die ganze eshoven auf „ihm eine ind ihn ver⸗ und mathe⸗ arine beſtellt gelbgeſpren⸗ denen Augen ei ihm wäre erpräſidenten t hätte. Er näßig denken, en ſeine alten / male über ind aufſtiegen adeligen iſſe und Ko⸗ Teppich, maß „Drachen— ſein Geſund⸗ ſchede abholen en der Flüe, m der holten, 1 man tragen 3 war Alles 1 63 ihm neu. In Witoborn behauptete er viel mehr Thürme zu ſehen, als ſonſt, während doch einige abgetragen waren. Die Vögel, die am Wege im Schnee hüpften, betrachtete er, als wären es neue Species, die inzwiſchen der Schöpfer geſchaffen. Und daß es ſich ſo treffen mußte, an dieſem Tage waren ſämmtliche Männer der gewählteren Geſellſchaft ins Gebirge nach Schloß Neu⸗ hof! Nun konnte er doch ſowol in Schloß Weſterhof, wie in der Kirche und jetzt wieder auf der Rückfahrt, ſo recht genießen, als zweiter Frauenlob, mitten unter dank⸗ baren nur weiblichen Händen und Herzen gehegt zu wer⸗ den. O that das wohl! Gleich einem alten Papagaien hatte er gegurrt und gegrammelt vor Behagen, als ihm die Frauen und Fräulein auf dem Chor vor und nach der Meſſe ſo viel Zuckerbrot in Worten gaben, ſeine Güte, ſeinen Geiſt, ſeinen Geſchmack lobten. Wie der große Pfau des Libori wedelte er! Noch ſtand ihm das einfache Familiendiner im Schloß, für den Nachmit⸗ tag die Rückfahrt nach Eſchede und für einen der näch⸗ ſten Tage noch eine größere Huldigung bevor. Bei einer Jagd, die in dem von Terſchka für Thiebold de Jonge be⸗ ſtimmten Walde gehalten werden ſollte, einer Jagd, deren Honneurs der Trauer der Dorſte's wegen ein nachbar⸗ licher Graf Münnich übernommen hatte, ſollte Püttmeyer den Damen, die auf Münnichhof die heimkehrenden Nim⸗ rod's erwarteten, ſein philoſophiſch⸗mathematiſches Sy⸗ ſtem in der Art erklären, wie er dies alle Jahre einmal in Eſchede that, durch Ombres chinoises, d. h. Trans⸗ parentfiguren in einem dunkeln, weihrauchgefüllten Zimmer. Und Tante Benigna! Die vielbeſprochene Schweſter 64 Monika's! Die ſogenannte Meg⸗Merilies ſitzt da nun auch vor uns!... Wie beurtheilt ihr doch die Menſchen immer nur nach dem, was ſie euch zu euerm eigenen zufälligen Nutzen oder Schaden ſind! Die Mutter Monika's, die Großmutter Armgart's konnte Tante Benigna, Fräulein von Ubbe⸗ lohde, allerdings ſein; aber von einer Hexe, von einer Kin⸗ desräuberin hatte ſie gar nichts. Wie lange lag auch jener furor saxonicus ſchon hinter ihr! Ein ſchwarzer Trauer⸗ Sammethut mit Kreppbändern zeigte das Antlitz einer funf⸗ zigjährigen Jungfrau, deren Augen etwas ermüdet waren, die Lippen weit mehr bedacht eine kleine Zahnlücke als he⸗ roiſche Entſchlüſſe zu verbergen... Onkel Levinus, ihr Schwager, war ihr Verlobter, mit dem ſie ſich zu ver⸗ heirathen vergeſſen hatte. Sie ſetzten beide ihren Braut⸗ ſtand mit der immer gleichen Courtoiſie fort, die ſchon bei ihrem erſten Verſpruche ſtattfand. Sie lebten unter Einem Dache, führten die gleichen Geſchäfte, die Verwaltung der Güter des Grafen Joſeph, zankten ſich nicht ſelten, aber die wirkliche Ehe war in Vergeſſenheit gerathen. Ob das traurige Beiſpiel von Bruder und Schweſter ſie erſchreckte? Ob ſie Reue hatten über ihre wilde Einmiſchung in dieſe unglückliche Ehe? Ob ſie in der Erziehung Armgart's ſich hinlänglich verbunden fühlten? Möglich; aber Tante Be⸗ nigna war keine Meg⸗Merilies. Ein Kind nimmt geiſtige Größe für phyſiſche und erinnert ſich ſeines kleinen alten Lehrers immer in der Geſtalt eines Rieſen. Monika war zwanzig Jahre, als ſie Benigna zum letzten male ſah und ihre um ſo viele Jahre ältere Schweſter ſtand ihr noch immer in der Leidenſchaft vor Augen, von der ſie damals gegen ſie beſeelt war. Wie war aber auch Benigna zuſammen⸗ gegang loſes? Hülles wie ei gethan Dinge läßt T tern un keiner? vertrock an der den A Alrikas Benign Armga erzogen Gutmi überf ſie d ſchläf im T. Pflegl Lit, Necer Mant ihrem Naſel an de welche auf d but t da nun auch tenſchen immer fälligen Nutzen e Großmutter n von lbbe⸗ en einer Kin⸗ ag auch jener arzer Trauer⸗ litz einer funf⸗ rmüdet waren, nlücke als he⸗ Levinus, ihr e ſich zu ver⸗ ihren Braut⸗ die ſchon bei — unter Emem gerwaltung der ſelten, aber die hen. Ob das ſie erſchreckt bung in dieſe Aumgarks ſich er Tante Be⸗ nimmt geiſtige z kleinen alten Monika war ale ſah und ihre vr noch iumet damals gegen ra auſammen⸗ 65 gegangen! Es iſt ein ganz mäßig gebautes, faſt anſpruchs⸗ loſes Weſen. Sie kichert verlegen, wenn von Levinus von Hülleshoven als ihrer erſten und einzigen Liebe die Rede iſt, wie eine jede andere alte Jungfrau in gleicher Lage auch gethan haben würde. Längſt war dieſe Beziehung unter die Dinge gerathen, deren Löſung der Menſch dem Jenſeits über⸗ läßt. Tante und Onkel, beide hatten ſo viel mit ihren Aem⸗ tern und nächſt dieſen auch mit ſich ſelbſt zu thun, daß es zu keiner Wiederanknüpfung an die alte Zeit mehr kam; beide vertrockneten in ſich ſelbſt. Die Zeit, die Onkel Levinus an der Verwaltung erübrigte, gehörte der Gelehrſamkeit, den Alterthumsſtudien, den Entdeckungsreiſen ins Innere Afrikas und ſeinem chemiſchen Laboratorium. Die Zeit, die Benigna erübrigte, gehörte der„Erziehung“ Paula's und Armgart's, die indeſſen umgekehrt beide mehr die Tante erzogen. Benigna iſt allerdings reizbar, ſehr ſtreitſüchtig, gutmüthig wol, aber erſt nach Anfällen heftiger Strenge, überfromm und ſittenrichteriſch bis zum Unſchönen. Wenn ſie dann von allem erſchöpft Abends in den Seſſel ſinkt, ſchläft ſie freilich ſo gut ein wie andere; ja ſie ſpricht ſogar im Traume, nie jedoch etwas Geiſtreiches. Die beiden Pfleglinge haben ſie ganz in der Gewalt; Armgart mit Liſt, Paula mit Güte; und manchmal entwickelte auch ſie Neckerei. Trotzdem daß Tante Benigna heute aus ihrem Mantel ohne Pelz(„man muß ſich nicht verwöhnen“) und ihrem Hute ohne Schleier(„Schade was für eine rothe Naſe!“¹) gedankenvoll in die Gegend ſchaut und immerfort an den beſchlagenen Fenſterſcheiben wiſcht, um zu ſehen, welcher Gottesfriede und welche nächſtjährige Erntehoffnung auf der Winterſaat ruht und am wievielten Chauſſeeſtein Gutzkow, Zauberer von Rom. V 5 66 man ſich befand, hätte ſie doch ganz gern auch ein bischen den Doctor geneckt. Denn ſein Frack war doch auch gar zu altmodiſch! Wie hatte man ihn in Eſchede„einge⸗ mummelt“! Wie eine alte Meerkatze ſaß er da unter ſeinen Tüchern und Pelzen... Da aber Armgart die Ernſteſte im Wagen blieb, mußte Tante Benigna ſchon ihre Neckluſt zügeln und ſtumm den Gedanken Audienz geben, die ſie hin⸗ länglich quälten— dieſe Entäußerung des alten Beſitzes, die Zukunft Paula's, die Leiden und Viſionen derſelben, der Zuſtrom ſo vieler Menſchen, die die„Seherin“ beunruhigten, und die Sorgen wieder um dieſe gar „nicht zu berechnende“ Armgart, um die Nähe ihrer Schweſter, um die Anſiedelung ihres Schwagers in Witoborn, ſein„unſtandesgemäßes“ Fabrikproject mit Hedemann, endlich auch die unruhige Zeit, die Aufre⸗ gung der Gemüther, die Zänkereien des neuen Pfarrers mit den Gemeindegliedern, und dazu der Pferdeſtall, die Kühe, die Schafe, die Schweine, die Fruchtpreiſe, alles, was zwar ſchon in die Verwaltungsſphäre des Onkel Levinus hinübergriff, von dieſem jedoch oft ſo gefährlich vernachläſſigt wurde, wenn er hinter ſeinen Tiegeln und Retorten kauerte oder eine Entdeckung machte von foſſilen Thieren in einem Kalkſteinbruch oder ihm ein alter Römerhelm überbracht wurde, über deſſen muth⸗ maßlichen ehemaligen Beſitzer er ſämmtliche Bücher des Tacitus wieder noch einmal friſch durchleſen mußte und dann Abhandlungen ſchrieb und ſich in gelehrte Streitig⸗ keiten mit Provinzblättern verwickelte. Armgart, wie geſagt, ging auf die Neckluſt der Tante nicht ein...„Herr! Cröne Mein Beginnen!“ ſprachen, wee tief bei ihr Ihr de das he Källe, zen Ec t Antit Gleich Altar d gelobt: ſſe durc ihre Ci ſie ver lebte, komme das der g Sie ihrer tend Jaule Ahjat gewif died du S doche vollen U nur i 67 uch ein bischen wie tief innenwärts gewandt, ihre braunen Augen. Auch doch auch gat bei ihr war der Hut von durchbrochenem ſchwarzen Flor. Fſchede„eing⸗ Ihr dunkelbraunes Haar ſah man wenig und auch über da unter ſeinn das heute wachsweiße, nur am Näschen etwas von der die Ernſteſte Kälte geröthete Antlitz zog ſie zuweilen raſch einen ſchwar⸗ re Neckut zen Schleier, den ſie trotz des„Schade was“ der Tante u. die ſie hin⸗ tiug. In ihrer Bruſt gab es wilde Kämpfe; auf ihrem dlt Beſitzes, Antlitz fürchtete ſie, die Spuren davon zu verrathen. onen derſelten, Gleich nach ihrer Ankunft von Lindenwerth hatte ſie am , Scherin“ Altar der Stiftskirche zu Heiligenkreuz der Gottesmutter un wdiſ ga gelobt:„Nicht Vater! Nicht Mutter! Beide!“ Das führte 1 Nähe ihrer ſie durch. Das nähte ſie in ihren Drachen. Das ſtickte ſie in Schwager in ihre Cigarrentaſche. Das häkelte ſie in ihren Aſchenbecher— — mi ſie verlor dieſe Vielliebchen, weil ſie nur dem Gedanken die Aufre⸗ lebte, daß die Mutter oder der Vater in jeder Stunde 3 kommen könnten. Auch ſie wiſchte mit dem weißen Tuche, das ſie, als könnte ſie plötzlich weinen, immer in der Hand hielt, das beſchlagene Fenſter neben ſich ab. Sie that es, um ſich zu überzeugen, ob kein Geſpenſt ihrer Furcht oder Hoffnung hereinſchaute... Wie anbe⸗ tend blickte ſie dabei zuweilen zu ihrer lächelnden Freundin hn unch Paula hinüber, zuweilen auch wieder in den geflammten tdeckung e ſim Achat am Himmel. Daß es für gewiſſe Seelen und ih oder gewiſſe Zuſtände Engel gab, ganz ſo weſenhaft ſichtbar wie die kleinen dicken Jungen, die in der alten Kirche e Be undliu Sanct⸗Libori den Baldachin über dem geſchmackloſen ſen mußte tin. Sochaltar hielten, das war in dieſer Sphäre eine ganz elehrte Stte 6 vollendete Thatſache. Und Paula, die wir nun auch hätten wiederſehen ſollen, nur im Concert der Sphären, nur ſo, wie ſie in Bonaven⸗ 5* euen Pfarrets der pferdeſtal, die Frudtyreiſ ungsſphäre des m ſedoch oft ſe binter ſeinen r er deſſen muth be Bücher de — e „ckluſt der Tante le Dnen!“ ſprach * — 68 tura's nächtlichen Träumen auf klingender Luft ſchwebte— da ſitzt nun auch die„Seherin“— in der Ecke eines altfrän⸗ liſchen Wagens—(die Staatskutſchen waren beim Leichen⸗ begängniß), fährt hoch auf bei jedem Verlaſſen des gefro⸗ renen Gleiſes und bekommt dann von der Seite einen Ruck der Tante und faſt die Berührung der Naſenſpitze des Doc⸗ tors... Es iſt ſo, wie das Leben auch die Kaiſer und die Kö⸗ nige auf die Erde eintreten läßt, ohne Krone, auch die künf⸗ tigen Heiligen ohne allen Heiligenſchein. Aus ihrem weiten ſchweren ſchwarzen Sammetpelzmantel und dem ſchwarzen Sammethute heraus iſt jetzt nur das längliche edle Antlitz Paula's erſichtlich. Es beſitzt den ſchärfſten Ausdruck aller Schönheitslinien. Die Naſe iſt geſchwungen; die Augen ſind dunkelblau, hochgewölbt, beſchattet von vollen Brauen und Wimpern, die im Gegenſatz zum goldgelben Haar des Hauptes ſchwarz wie mit Kohle gezeichnet ſind. Die Stirn iſt klar und frei, das Kinn i*ſt oval, der Mund lächelnd und die Lippe ſonſt roſig, heute nur von der Kälte der Kirche etwas erblaßt und auch das Antlitz bleich. In Paula's Art, das ſehen wir auch jetzt aus den eigenthümlich langgeſponnenen Fäden ihres Blickes, lag etwas von den Geiſterjungfrauen, die zwiſchen Tag und Nacht im Nebel über die Erde ſchreiten. Sie würde nicht ſelbſt geſucht haben eine Velleda zu ſein und im heiligen Hain des Irminſul zu opfern, aber die Völker ringsum hätten ſie an den Altar geführt und ihr Iphigeniens Opfermeſſer in die Hand gedrückt. Wenn ſie ihr Auge mit den ſelt⸗ ſam ſchwarzen langen Wimpern aufſchlug, da zog es jede Weltlichkeit empor und wiederum blieb das Geiſtigſte, das ſie anregte, doch nicht ohne einen Reiz für die Sinne. Kaum gibt es Naturſ und W Pa ſtand d kranz, ſtreifen mit den verworr hörte ſe So kran fihlte dahinw einſt lo ſalbſt Wo N Benn aber ſelbſt der grübe ſeit e Und Docte rnußte heiter T ronf diche in N ſchwebte— eines altfrän⸗ beim Leichen⸗ en des gefro⸗ ite einen Ruch vitze des Doe⸗ und die Kb⸗ auch die künf⸗ ibrem weiten em ſchwarzen he edle Antlit lusdruckaller e die Augen allen Brauen elben Haar Die net ſind. Mund lächelld Käͤlte der Kirhe 3 In Paulas genthümlic vas vol 69 gibt es Beſtrickenderes, als allein ſchon der Blick auf dies Naturſpiel: goldblondes Haar und auf den Augenbrauen und Wimpern ein dunkelſtes Schwarz. Paula's Sinn war ſo mild, ſo gütig. Und immer nahe ſtand der Armen jener Traumgott mit dem Mohnblumen⸗ kranz, der nur ſanft, ſanft die Hand über ihre Augen zu ſtreifen brauchte, und ſie entſchlief mit räthſelhaften Organen, mit denen wir andern nicht ſchlafen. Dann ſprach ſie in verworrenen Worten, ſah Entferntes mit geſchloſſenem Auge, hörte ſelbſt das Ticken einer Uhr in entlegenſten Räumen. So krank ſie ſich bei dieſer zweifelhaften Gabe des Geſchickes fühlte und ſo unendlich müd ſie mit ihrem ſchlanken Wuchs dahinwallte über die Erde(gegen ein Hüftleiden hatte ſie einſt lange im Streckbett gelegen): dennoch war ihr Sinn ſelbſt nicht zu ernſt oder feierlich. Ei, jetzt am wenigſten, wo Wonnetage ihr aufgegangen waren; erſt die Ankunft Benno's von Aſſelyn, den ſie noch wenig kannte, der aber ein Vorläufer Bonaventura's war; und dann dieſer ſelbſt! Kein Wunder, daß ſie trotz der Meſſe, trotz der Trauer um ihren Oheim, trotz der etwas lauernd grübelnden Miene der Tante Benigna, trotz Armgart's ſeit einiger Zeit gar nicht mehr wiederzuerkennender Art sund ewig verſtörter Abweſenheit, über den Anblick des Doctors Püttmeyer lächelte und höchſt freundlich blicken mußte. Schon den ganzen Vormittag war ſie durch ihn heiter geſtimmt... 5 Sie kannten ja den unglücklichen Sohn des Onkel Kronſyndikus, Herr Doctor? begann ſie mit ſüßmelo⸗ diſcher, wenn auch leiſer Stimme und ſprach das faſt im Neckton... 70 Der Doctor erkundigte ſich bei jeder Frage immer erſt mit einem: Wie befehlen—? Taub war er nicht, es war ihm nur ermuthigender, jede Frage zweimal zu hören und inzwiſchen ſich die Antwort zu for⸗ muliren. 5 Als die Frage von Armgart, die wie ein dienender Cherub zu den Füßen ihrer Heiligen ſaß, wiederholt war— die Tante mußte ſich ſchon lange innerlich ſagen: Paſſen Sie doch beſſer auf, mein beſter Herr!— beſtätigte Püttmeyer dieſe Bekanntſchaft in einer eigen⸗ thümlichen Vortragsweiſe. Er pruhſtete nicht gerade, räusperte und ſchnurrte auch nicht, aber ſein Stimmchen war höchſt fein und konnte erſt durch mancherlei Manöver zu hinlänglich ausreichendem Athem kommen... Durch ſeine Mittheilungen gab es dann Rückblicke auf manches Düſtere und Schauerliche, das lieber in dieſem Kreiſe vermieden geweſen wäre. Der Mönch Sebaſtus wurde erwähnt, der krank lag im Kloſter Himmelpfort, wohin ihn die Regierung hatte zurückbringen laſſen. Das Pentagramm und die Tannenfahne(Tanfana), beides Symbole der göttinger Bierhäuſer, kamen zur Sprache und bei Gelegenheit der Thaten des Kronſyndikus und der ewigen Ruhe deſſelben rühmte Püttmeyer wieder Armgart's Symbolik des Fegefeuers. Die Tante war es, die ſtreng mit ihrem ſchwarzen Handſchuhfinger das niederwärts⸗ fahrende geflügelte Kreuz am beſchlagenen Fenſter ohne alle Rückſicht hinmalte. Eine Pauſe trat nun ein. Armgart durchlebte ſie im Geiſt auf dem Nachen von Lindenwerth⸗ Benno ſtand mit dem Hut in der Hand ſie grüßend, wie ſie ab⸗ fuhr v ihrem auch ſe Püttm führlic 8 Fräule Der K Der K Alten aber d Dante wären (das wand oder Mo hei De um an Pfa hun glei di Vo all wie zur cen Frage immer war er nicht, age zweimal ort zu for⸗ ein dienender „wiederholt merlich ſagen: er Herr!— einer eigen⸗ nicht gerade, in Stimmchen rlei Manöver Rächblicke auf bber im dieſem önch Sebaſtus Himmelpfort laſſen. Das fana), beides zur Sprache ditus und der der Armgarks es, die ſtreng niedervärts⸗ Fenſter ohne rchlebte ſie in Penno ſtand . mie ſe dh⸗ fuhr vom Hüneneck... 71 Sie ſeufzte tief auf... An ihrem Aſchenbecher zog ſie mit den Schmelzperlen ebenſo auch ſchon manche Thräne auf... Sie ſah kaum hin, als Püttmeyer ihre Symbolik ſo unausgeſetzt lobte und aus⸗ führlicher noch als im Briefe an die gute Angelika ſprach: Ja, Ihr Herz Gottes, mein ſehr geehrtes gnädigſtes Fräulein, iſt— iſt eigentlich der bedeutungsvolle Kreis! Der Kreis iſt— hm!— unſer inhaltreichſtes Symbol! Der Kreis drückt die Welt ſelbſt aus, das All, wie ſchon die Alten die geringelte Schlange— hm!— noch tiefſinniger aber das Ei als den Urgrund alles Seins bezeichneten.(Die Tante replicirte im Geiſte, daß doch die Hühnereier oval wären...) Die Kugel— das runde Ei der Schlange— (das war faſt wie ein Treffer auf den errathenen Ein⸗ wand der berühmten Wirthſchafterin) iſt das Vollkommenſte oder richtiger die Vollkommenheit ſelbſt, der Begriff, die Monade, das Atom. Es iſt— hm!— die ganze Ein⸗ heit, die an den Dingen ihr wahres Weſen ausdrückt! Denn ob nun ein Weltball oder eine Kegelkugel— hm!— eine Kegelkugel—(die Tante dachte hier an den Finkenhof und die Reformen des eifernden Pfarrers) es iſt dieſelbe Idee der harmoniſchen Bezie⸗ hung eines Mittelpunktes— hm!— zu millionenfacher gleichzeitiger Entfernung. Was Sie ſehen, meine gnä— digſten Herrſchaften, der Schnee da— hm!— der Vogel, der bereifte Baum, der Rauch eines Hauſes, alles— hm!— iſt die Wirkung einer Urſache, die wiederum zu einer andern Urſache als ihrem Mittelpunkte zurücklenkt und ſo geht das ganze Daſein— hm!— centripetal auf ein Inneres, aber auch immer wieder— 72 hm!— centrifugal auf ein Aeußeres, eine große Rundfläche aller Dinge. Die Allheit— die Allheit dieſer Strebungen iſt das Sein in Gott. Die Gott⸗ heit— iſt die Kugel und alle Seelen ſind— hm!— Sphäroiden. Das Suchen des Mittelpunktes der Welt gibt den Radius. Wohl dem, der den längſten gefunden hat! Den, der— der durch den Mittelpunkt der Welt geht! Deſſen Denken iſt— hm!— gleich Gott ſelbſt! Die Tante fand das alles im Grunde ſehr ſchön und ſo beim Fahren zwiſchen Sanct⸗Libori und Weſterhof auch höchſt merkwürdig, indeſſen meinte ſie doch, um eine gewiſſe Oppoſition, die ſich in ihr regte, nicht ganz zu unterdrücken: Oder ſein Glauben, Herr Doctor?... Dann wandte ſie ſich, weil ſie, namentlich für die häßlichen Schlangen⸗ eier noch irgendeine ſchärfere Eruption ihrer andern Anſicht von alledem haben mußte, zu Armgart und ſagte: Armgart, Armgart! Was träumſt du nur ewig! Da Armgart kaum zuhörte, ſagte Paula, die die dem Doctor ungünſtig werdenden Gedanken der Tante errieth: Liebe Tante, das Kreuz iſt nie ſo ſchön verklärt wor⸗ den, wie vom Herrn Doctor Püttmeyer! So? ſagte die Tante faſt verächtlich. Die Kugel kann ich für nichts ſo Großes halten! Püttmeyer ſtreckte Naſe und Kinn aus ſeinem Shawl hervor und erwiderte: Iſt nicht— hm!— meine Gnädigſte— der Apfel des menſchlichen Auges— Bitte, gnädigſte Comteſſe! wandte er ſich dann, die Rückſichten der Etikette abwägend, ſogleich wieder zu Panla, die zuerſt geſprochen. Das Kreuz iſt auch eben nur die Offenbarung der Kugel... Re teine A ſie ſch Tante Paula garte die ſa Ei eine große die Alheit Die Gott⸗ — hm.— tes der Welt ſter gefunden nit der Welt Gott ſelbſt! hr ſchön und Veſterhof auch m eine gewiſſe unterdrücken: Dann wandte Schlangen⸗ ꝛdern Anſicht ſagte: nur ewig! die die dem Lante errieth: verklärt wor⸗ die Kugel inem Shawl er Apfel des ſſe! wandte end, ſogleich 1s Kreuz ſſt 73 Nein, nein, nein, nein! rief die Tante. Gott iſt keine Kugel... Armgart nahm noch immer keine Notiz. Sonſt würde ſie ſchon längſt geſagt haben: Aber ich bitte dich, liebe Tante! Das ſind ja gar keine Gegenſtände für dich!... Paula blickte auf Armgart. Sollte ſie denn nun heute Arm⸗ gart's Rolle übernehmen und ſtatt deren polemiſiren?... Sie ſagte ganz heiter: Ei, Tantchen, das ſind ja doch nur Bilder—! Ei, das weiß ich ſehr wohl—! Ich bin nicht ſo dumm!... fuhr die Tante auf... Mein gnädiges Fräulein, beſchwichtigte Püttmeyer, wenn ich beim Grafen Münnich die Ehre haben werde, mein Syſtem an Beiſpielen zu erläutern, ſo zweifle ich nicht an Ihrer— hm!— gewogentlichſten Zuſtim⸗ mung... Gott— hm!— iſt die Idee des Kreiſes, die Radien und Diameter ſind die Begriffe— hm!— des Lebens. Die Linie iſt das Gegentheil des Kreiſes, das ewig— hm!— Continuirliche, die Ausdehnung, der Raum und die Zeit. Nun ſind aber nur diejenigen Linien vollkommen, die einer Weſenheit angehören und die höchſte Weſenheit kann nur ſein— hm!— im Mittelpunkte eines Kreiſes zu ſtehen— d. h. wie man ja ſchon im Leben ſagt, ins Schwarze zu treffen— (Die Tante dachte hier an die bevorſtehende große Jagd mit allen ihren Sorgen und möglichen Unglücksfällen.) Denken Sie ſich Linien, die da⸗ oder dorthin gehen— hm!— an der Fläche der Kugel oder ein wenig in ſie hinein, Tangenten, Sekanten, alles ohne den Urgrund, der da iſt: Dem Mittelpunkt anzugehören! Alle Stre⸗ 74 bungen des bunten Lebens müſſen im Mittelpunkt ſich durchkreuzen und ſo iſt das Kreuz— hm!— auch recht der eigentliche Ausdruck der geoffenbarten Gottheit und im Grunde wieder die Kugel, d. h. Gott ſelbſt... So aufmerkſam Paula zuhörte, ſo intereſſirt ſich jetzt endlich auch Armgart etwas dem Geſpräche zuwandte, ſchüttelte die Tante doch den Kopf und fand dieſe fromme Wendung, die der arme Denker erſt in einem Nachtrag ſeines Syſtems gegeben habe, als er wegen, Chriſtus und Pythagoras“ beinahe excommunicirt worden war, keines⸗ wegs katholiſch und überzeugend... Wir haben auf unſern Altären, ſagte ſie ſogar mit Feinheit, das Kreuz mit zwei Balken, einem langen und einem kurzen, die doch eher dem Oval, als der Kugel entſprechen... Aber Tante, die Griechen! Der heilige Andreas! warf jetzt faſt ärgerlich Armgart hinein... Ach, das weiß ich ſelbſt!— lehnte im ſelben Tone die Tante ab und verbat ſich den Schein, als wenn ſie nicht wüßte, daß das griechiſche Kreuz, wie das Kreuz beim Johanniterorden, zwei ganz gleiche Schenkel hätte... Der Einwurf iſt ganz richtig! begütigte Püttmeyer die gereizte Stimmung und vergaß keinesweges, daß ihn Drohungen auch mit dem päpſtlichen Index einſt ge⸗ zwungen hatten, ſeine Philoſophie urkatholiſcher zu modeln. Das griechiſche Kreuz iſt in der That unvoll⸗ kommen! ſagte er. Es drückt nur die Gottheit Chriſti allein aus! Wir Alle wiſſen aber und bekennen es nicht blos in der chriſtkatholiſchen Lehre— hm!— daß Gott der Herr die Knechtsgeſtalt annahm. Demnach iſt der längere Balken— hm!— die Gottnatur, der kleinere Querb mittel ſolche Jeruſ Gebur lonnte der 9 dasg wir d dyp ein hiſch ittelpunkt ſich — auch recht ottheit und im 1... ntereſſirt ſich che zuwandte, dieſe fromme nem Nachtrag „Chriſtus und var, keines⸗ ben auf unſern rreuz mit zwei die doch eher udreas! warf n ſelben Tone als wenn ſie das Kreuz beim hätte... te Püttmeher eges, daß ihn der einſt ge⸗ atholiſcher zu That unvo 1 ottheit Chriſi d bekennen 6 . hm!— daß Demnach it r, der lleinere 75 Querbalken aber die irrende, menſchliche— hm!— mittelpunktloſe, die durch die Kugel nur ein gewöhnliches Segment macht. Gerade nur an einem ſolchen Segment konnte der Heiland rufen: Mich dürſtet! Nur an einem ſolchen Kreuze, das halb dem Weltall, halb dem kleinen Jeruſalem und dem Jahre 33 nach— hm!— Chriſti Geburt angehörte, halb dem Gott, halb dem Menſchen, konnte Jeſus für uns leiden! Jener Doppelquerbalken der großen Würdenträger und des Papſtes, ein Symbol, das gleichſam der dreifachen Krone entſpricht und das wir auch auf das Haupt— hm!— des Pfauen im Teppich geſetzt haben(Püttmeyer malte ans Fenſter ein †), iſt die Einigung beider Auffaſſungen, der grie⸗ chiſchen und römiſchen, des Chriſtus des Dogmas und der Concilien, und des Chriſtus der Oſterwoche, des leidenden. Uralt iſt ſchon die Ahnung unſers chriſt⸗ katholiſchen Kreuzes bei allen Völkern. Der Hirtenſtab in den Händen des Oſiris, der Stab des Hermes, der die Seelen geleitet, der Hirtenſtab des Pan, der ſeiner⸗ ſeits ſogar ſchon das All bedeutete... Das All, meine gnädigſten Herrſchaften— hm!— und dazu der Stab des guten„Hirten“! Wie nahe kam da ſchon die gerade Linie der Ahnung, daß nur noch die große Veranſtaltung zum Kreuze fehlte! Moſes— hm!— ſchlug ſchon mit einem Stab aus Felſen Waſſer! Aesculap, der Gott der Heilkunde, trägt einen ſchlangenumwundenen Stab! Ja im frühgebrauchten Zeichen der Venus, des Sternes der Liebe, ſind der Kreis und ſchon das Kreuz verbun⸗ den— Q. Das iſt dann— hm!— der freundliche Morgen- und Abendſtern, der Stern des Morgenlandes, 76 der die Wahrheit halb ſchon ahnte, die dann an der Krippe Jeſu erſt ganz vernommen wurde, dieſe Wahrheit, die, wenn man ſie ganz bezeichnen wollte, einem Rade gleichkäme, ich meine, dieſer Figur: O. Die drückt die ganze Schöpfung aus! Alle ſchwiegen... Theils vor Bewunderung, theils vor Nichtverſtändniß, theils aber auch— vor Schauder an dem Bilde des Rades, das Püttmeyer an die Fenſterſcheiben malte... Armgart und Paula kannten die Sage von dem Rade auf dem Schloß des Kron⸗ ſyndikus... Püttmeyer begriff das eintretende Schweigen nicht. Er war gewohnt, ſolche tiefkatholiſche Philoſophie leb⸗ hafter applaudirt zu hören. Dennoch hob ihn bald wieder die Ausſicht auf den vornehmen Comfort des Schloſſes und auf das Mittagsmahl... Noch war das Schloß nicht ganz erreicht. Man ſah es aber ſchon. Schloß Weſterhof lag auf einer kleinen Inſel. Ohne Zweifel war die Brücke, die jetzt von einem Heiligen gehütet wurde, in alten Zeiten eine Zug⸗ brücke geweſen und hatte zu einer Burg geführt, von welcher noch jetzt vielleicht die vier ſtarken Eckthürme des Schloſſes herrührten. Der Herrenſitz der großen Güter⸗ maſſen der Dorſte⸗Camphauſen ſtammte aus der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts und war jedenfalls nach alten Trümmern erbaut. Von allen Seiten mit hohen Pappeln geziert, bot das Schloß nicht etwa einen Pracht⸗ bau dar; Glanzliebe würde nicht dem Charakter der Gegend entſprochen haben. Vier bewohnbare Thürme erhobe oben mit Iinge und an j deren eiten Knop acht entſpr ab u war, darka wei⸗ aus ſie 67 erhoben ſich an den vier Ecken eines Quadratgebäudes, um an det oben ſich zuſpitzend zu einem ſchieferbedeckten Runddach eWrürhei, mit kupfernem Knauf. Zwiſchen dieſen vier Thürmen nem Rade gingen vier gleichmäßige Seiten von zwei Stockwerken edriichdi und zwölf Fenſtern der Länge nach, im zweiten Stock 18 an jeder Seite ein Balcon von altem künſtlich gewun⸗ ung, theils denen Schmiedeeiſen. Ein dritter Stock verengte ſich in r Schauder einen Giebel, der gleichfalls ſpitz zulief und in einem het an die Knopfe endete, ſodaß das ziemlich regelmäßige Gebäude ula kannten acht Spitzen hatte und recht gut auch einem Kloſter des Kron⸗ entſprochen hätte. Die Wirthſchaftsgebäude lagen weiter it ab und außerhalb der Inſel, die ihrerſeits groß genug igen nicht. war, auch noch an der Hinterfronte des Schloſſes einen Lſophie le⸗ parkartigen Garten zuzulaſſen, der ſich jenſeit einer hihn bald zweiten Brücke verlängerte und jetzt ſchon manche Anlage omfort des aus dem Schnee heraus unterſcheiden ließ, zumal wenn ſie aus Tannen beſtand. t. Man ſah Endlich fuhr der Wagen über den hartfrierenden, iiner lleinen knirſchenden Schnee und die ſteinerne Hauptbrücke; die ze jetzt von Roſſe ſtanden und dampften vor dem Portal, einem n eine Zug⸗ kleinen, dem Geſchmack des Ganzen völlig entſprechenden führt, von Schnörkeldache, das von zwei kurzen Säulchen getragen tthürme des wurde. Zwei große Hunde ſprangen den Roſſen ent⸗ oßen Gütel⸗ gegen. Nun galt es, ſich aus den Pelzen herauszu⸗ z der Mitte winden... enfalls nach Da aber hatte Tante Benigna ſchon bemerkt, daß es neu auf der Schnee auf Paula plötzlich eine eigenthümliche Wir⸗ 2 e mit hohen kung zu äußern anfing. Schon lange ermüdeten ihre d pracht⸗ Augen. Und ſo theilnehmend Paula lächelte und mit darakter der der ganzen Lieblichkeit ihres Antlitzes den Worten des mr, Thürme —— 78 Doctors lauſchte(dachte ſie doch immer, was wol Bona⸗ ventura zu all dieſen Philoſophemen ſagen würde!)— allmählich wurde ihr Blick trüber und immer abweſender. Erſt ſchien nur der Schnee ſie zu blenden, die ſchwarzen Wimpern ſanken nieder und hoben ſich nur leiſe; als man aber am Schloß war, hatte auch Aringart ſchon die Entdeckung gemacht, daß Paula in dem ihr eigenen halb wachen, halb ſchlafenden Zuſtande war. Sie ver⸗ richtete alle Functionen wie mit vollem Bewußtſein, gab Antworten auf jede an ſie gerichtete Frage, nahm Arm⸗ gart's Hand, die ſie führte, ſtreichelte auch die Hunde, die in allen möglichen Stellungen ſie umkreiſten, ſprin⸗ gend, kratzend, als gält' es, unter den Strohmatten auf der Treppe, die ſchon beſchritten wurde, oder an den Ritzen der dunkelbraun geſtrichenen hohen Thüren, die auf die Corridore hinausgingen, nach Mänuſen zu jagen. Die Tante dämpfte alles, was ſtören konnte. Erſt als Püttmeyer auf der Treppe eine Anzahl von Kranken ſah, Mütter mit Kindern, Blinde, Lahme mit Krücken, Bittende mit Briefen in der Hand, da verſtand er, daß ihm heute auch noch das hohe Glück zu Theil werden ſollte, Zeuge der vielbeſprochenen elſtatiſchen Zuſtände der jungen Gräfin zu ſein! Am geheimnißvollen Schleier der Iſis zu ſtehen iſt nichts Kleines. Püttmeyer's Athem, ohnehin nur kurz, ſtockte vollends. Mechaniſch ließ er ſich von dem Diener ſeiner Umhüllungen entkleiden. Faſt hätte er auch ſein gro⸗ ßes weißes Halstuch abbinden laſſen, das einer ſchützenden Ueberbinde ähnlich ſah. Die raſche Hülfe eines jungen, in eleganter Toilette hinzuſpringenden Mannes ſchützte ihn vor de Knotex mit e wol Bona⸗ vürde!)— abweſender. ie ſchwarzen leiſe; als ggart ſchon ihr eigenen Sie ver⸗ aßtſein, gab nahm Arm⸗ die Hunde, iſten, ſprit⸗ hmatten auf der an den ren, die ſen zu jagen. tonnte, Em von Kranken rit Krüten, tand er, daß rheil werden en Zuſtände zu ſtehen ſ nur kurz dem Diendt auc ſein gro⸗ eer ſchübenden aines jungen, ſchützte ihn hin 1 79 vor dem Misverſtändniß und dem Verluſt eines ſchönen Knotens, den ihm die Frau Steuerinſpector Emminghaus mit eigener Hand heute früh gebunden hatte... Der junge hülfreiche Mann war Thiebold de Jonge... Mit ſeinem nur„ſcheinbaren Adel“ hatte er ſich nicht an dem Leichenbegängniß betheiligen wollen. Tante Benigna erſah mit ſichtlichem Wohlgefallen, wie der vorzugsweiſe von ihr gern geſehene und ein für allemal geladene Gaſt ſich ſchon wieder nützlich machte... Paula wurde von Armgart geführt... Hoch und ſchlank ſchritt ſie dahin. Den ſchweren Sammetmantel hatte man ihr ſchon abgenommen. Sie war unter ihm in ſchwarze Seide gekleidet. Alle Thüren wurden aufgeriſſen. Die Diener kannten ſchon, wie ſie ſich in ſolcher Lage zu beneh⸗ men hatten... Paula ſchwebte förmlich... Die Frauen führten ſie in ihre Zimmer. Püttmeyer, voll Staunen und die Hände faltend, blieb mit Thiebold allein. Thie⸗ bold hatte für eine ſeiner gewohnten geiſtreichen Aeuße⸗ rungen, die in dieſem Augenblick lautete:„Nicht wahr? Doch merkwürdig?“ nie ſo viel Zuſtimmung gefunden. Im großen Vorſaal, der etwas düſter war, da ein über ihm befindlicher Balcon ihm das Licht nahm, befand ſich an der Thür das Weihwaſſer... Tante Benigna und Armgart hatten ſich beim Ein⸗ treten trotz der Aufregung durch Paula's Zuſtand benetzt; Paula war vorübergegangen... Vom Vorſaal ſchritt man zur Rechten in ein geräu⸗ miges, wenn auch nicht zu großes Wohnzimmer. Hier war alles mit Teppichen belegt. Die Vorhänge waren von grüner Seide. Ein Flügel ſtand aufgeſchlagen, auf 80 dem ohne Zweifel Thiebold eben einige Fingerübungen gemacht hatte, denn mit ſo wenig Virtuoſität, wie er ſie beſaß, hier Effect zu machen, hätte er ſich nicht für möglich gedacht. Sopha, Stühle, alles war mit grüner Seide überzogen. Die Etageren und kleinen Schränke waren von dunkelbraunem Holze und in gothiſchen Formen. Die Bilder ſtellten Scenen aus dem Leben der Apoſtel und Heiligen dar. An frommen Büchern und Provinzial⸗ zeitungen war kein Mangel... Püttmeyer kämpfte nicht wenig, wie er es anſtellen ſollte, über Dinge, die hier ſo leicht genommen wurden, ſein ganzes Erſtaunen auszudrücken. Er kannte Erfah⸗ rungen dieſer Art nur aus Büchern. Er hatte Abends „bei Schönians“, wo er jeden Abend ſeine zwei Gläſer— Gerſtenſchleim trank, oder an ſeine ihn beſuchenden Ver⸗ ehrerinnen ſich, wenn er um Erklärung angegangen wurde, dahin geäußert, daß das klare und intellectuelle Leben des Menſchen die Centripetalität, d. h. das Streben zum Mittelpunkt wäre, aber das Gefühls⸗ und ner⸗ vöſe Leben die Centrifugalität. Er hatte oft geäußert, daß man einer ſolchen Verrückung und Umkehrung die⸗ ſer Thätigkeit, wenn ſie auch Krankheit wäre, getroſt nachgeben und der großen Weltſeele näher zu kommen ſuchen ſollte. Da die Viſionen der Gräfin keineswegs recht in die chriſtlichen Anſchauungen paſſen wollten, da ſie, wie Armgart's Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas zu vorſchnell geglaubt hatte, keineswegs immer mit Chriſtus und der Gottesmutter„im Jenſeits“ verbunden zu ſein behauptete, ſo hatten die Prieſter ringsum noch keine beſonders entſchiedene Meinung über ¹ſie aus Gräfin der R machti nichts erſt d Aſelhr mehr nen un da, al unerme mal wie du Und a Rede des durch der Don der übffe ſe. dann kaſa gerübungen t, wie er h nicht für mit griner Schränke en Formen. der Apoſtel Provinzial⸗ es anſtellen nen wurden, unte Erfah⸗ atte Abendd Gläſer— enden Ver⸗ ngen wurde, tvele Leben jas Streben 3⸗ und ner⸗ ft gäͤußett fehrung die⸗ tre, getroſt zu kommen beineswegs 81 ſie ausſprechen mögen. Aber die hohe Stellung der Gräfin hinderte ein Einſchreiten dagegen. Dann war von der Reſidenz des Kirchenfürſten, als noch Michahelles all⸗ mächtig war, die Weiſung gekommen, an den Vorfällen nichts zu ſtören, ſie gehen zu laſſen, wie ſie gingen, und erſt die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Aſſelyn abzuwarten, der Bericht erſtatten ſollte. Umſo⸗ mehr konnte Püttmeyer die Anſicht von böſen Dämo⸗ nen und einem unheiligen Zuſtande bekämpfen; vollends da, als er hörte, daß Paula vorzugsweiſe von großen unermeßlichen bunten Ringen ſprach, durch die alle⸗ mal erſt ihr geiſtiges Auge hindurchdringen müſſe, wie durch ein großes, rieſig aufgezogenes Perſpectiv... Und als Armgart ihn zum erſten male beſuchte und die Rede von Paula's Viſionen war, hatte ſie ihm geſagt: Des Magnetiſeurs bedarf ſie nicht. Der Onkel macht ſie durch einfache Berührung hellſehend. Vor Jahren durfte der ehemalige Porteepee⸗Fähnrich von Aſſelyn, jetzige Domherr, nur in der Nähe ſein, ſo fühlte ſie den Strom, der ihr durch die Fingerſpitzen wie in glühenden Tropfen abfiel, und was man ſie fragte, ſah und hörte und las ſie. Erſt ſind's immer große bunte Ringe, die ſie ſieht, dann ſind's grüne Wieſen, darüber leuchtet Violett⸗ und Roſaſchein und nun begegnet ihr alles, was dieſſeit und jenſeit der Erde lebt, ſowol die großen Jagd⸗ hunde des Onkels, wie die Heiligen Gottes, ſowol Tantens verlegte Ueberſchuhe, wie König David mit ſeiner Harfe! Thiebold ſtellte dem Doctor ſich ſelbſt vor und äußerte im Mäcenaston ſeine Freude, einen ſo„berühmten Dichter“ Gutzkom, Zauberer von Rom. V. 6 82 perſönlich kennen zu lernen... Benno hatte ihm einige Erläuterungen über ihn gegeben und gern hätte er ſchon à la Piter Kattendyk geſagt: Speiſen Sie bei mir! Ich habe bereits ſo vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehört und„geleſen“! fuhr er fort. Und beſonders von Fräulein Angelika Müller! Haben Sie lange keine Nach⸗ richt von dieſer Vortrefflichſten? Ich habe immer ge⸗ rechnet, Ihre Verbindung bald annoncirt zu hören. Herr Doctor, Herr Doctor! Ich ſollte meinen, es wäre Zeit... Püttmeyer konnte ſo raſchem Redeſtrom nicht folgen, wodurch Thiebold veranlaßt wurde aufs neue auf An⸗ gelika zurückzukommen und den Geiſt, das Gemüth, vor⸗ zugsweiſe aber die himmliſche Geduld dieſer Einzigen zu rühmen... Püttmeyer beſtätigte alles das, ſeufzte tief auf und ſagte wiederholentlich: Laissez passer! Laissez passer! Laissez passer! Wie ſo? entgegnete Thiebold mit elegiſchem Blick und fuhr ſich mit den bei Ankunft des vierſpännigen Wagens wieder von ihm angezogenen weißen Handſchuhen in ſein in Witoborn, wo er mit Benno bei Hedemann wohnte, ſchön friſirtes Blondhaar und verſchluckte eine ſentimentale Wendung, die etwa ſagen wollte: Auch du mußt dich ja an verklungene Hoffnungen gewöhnen!... Denn Armgart war ſonderbarerweiſe auch ihm das nicht mehr, was ſie einſt geweſen... Ein Räthſel umſpann die Freundin, ein Räthſel,„glücklicherweiſe“, konnte er in ſeiner„Bos⸗ heit“ ſagen, auch für Benno... Ein Diener trug eben eine ſonderbare Laſt an ihnen vorübe wie N Cruci auf d welch hatte A Erülr eihm einige atte er ſchon ei mir! von Ihnen ſoonders von keine Nach⸗ immer ge⸗ z hörm. een, es wäre richt folgen, eue auf An⸗ emüth, vor⸗ Einzigen zu ne auf und er passel! en Blt und 83 vorüber... Es war ein Kiſſen voll kleiner Gegenſtände, wie Nadeln, Ringe, Brochen, Gebetbücher, Roſenkränze, Crucifixe... Der Diener ging damit ſchnell, aber faſt auf den Zehen in die noch offenſtehende Thür, durch welche man Paula in die innern Gemächer geführt hatte.. Auf Püttmeyer's Erſtaunen gab ihm Thiebold eine Erklärung. Der Zudrang zu Paula's Wunderkraft nehme immer mehr zu. Der Onkel Levinus verböte zwar die Ab⸗ gabe der hundert Dinge, die die Gräfin nur einmal zu berühren brauchte, um ſie heilkräftig zu machen, auch Tante Benigna nähme Rückſichten auf Paula's Geſund⸗ heit und Ruhe und dennoch beſäße man die Freundlich⸗ keit und„ſtellenweiſe“ die Schwäche, der Aufregung der ganzen Provinz und der Zeit ohnehin„Rechnung zu tragen”“... In der That hätte oft ein Schreiber in der Rechenei der gräflichen Güter unausgeſetzt mit dem Zurückſenden ſolcher Dinge zu thun und obgleich der exacte Sinn des Onkels jedem dabei ſchreiben laſſe, er bedauerte dieſe Gegenſtände ſo zurückſchicken zu müſſen, wie ſie gekommen wären, ließe ſich der Volksglaube doch nicht nehmen, daß dieſe Gegenſtände von der wun⸗ derthätigen jungen Gräfin, der Seherin von Weſter⸗ hof, wirklich berührt worden wären. Man empfange ablehnende Antworten und doch wären ſchon die Briefe den Leuten geweiht und wirkten auch. Im ganzen Lande ſtünde feſt, daß eine von Gräfin Paula berührte Wachskerze nur angezündet zu werden brauchte am Bette eines Leidenden und alsbald würde ſein Uebel verſchwinden... 6* 84 Püttmeyer thaute vor dieſer mittheilſamen Suada auf... Auch er erzählte von Armgart's Beſuch... Fräu⸗ lein Armgart von Hülleshoven, ſagte er, erzählte mir, daß die Comteſſe vor allem an ſich ſelber glaube. Sie ſagte mir: Wie ſollte meine Freundin denn dieſe eigenthümliche Kraft ſich deuten, die ihr ganzes Sein immer wie aufwärts zieht? Es ginge ja durch ihr Inneres, und das ganz körperlich, manchmal ein Strom quer über den Rücken hinweg, als müßte ſie ſich beugen und, wenn ſie wollte und dabei an Gott dächte, theilte ſich dieſer Strom und liefe in die Arme und Finger⸗ ſpitzen aus, aus denen es ihr dann wie heiße Tropfen perlte! Schon als Kind hätte ihre ſüße Freundin dieſen Strom gehabt und oft zu Fräulein Benigna, ihrer Er⸗ zieherin, geſagt: Tante, ich könnte mich rückwärts biegen wie ein Ring und ſo mit dem Kopf auf die Erde kommen! Und einmal— doch ich bitte Sie— Herr Baron— Bitte recht ſehr! verſicherte Thiebold ſeine Discretion und erröthete über ſeinen„ſcheinbaren Adel“... Püttmeyer wollte nur entſchuldigen, daß er ſo viel allein ſprach... Einmal, Herr Baron, war Fräulein Benigna, die die Wirthſchaft des Grafen Joſeph führte, voll Ver⸗ zweiflung zu dieſem in ſein Studirzimmer geſtürzt und hatte ihn gerufen, zu Hülfe zu kommen. Da ſahen ſie Comteſſe, ſo ſchlank und lang ſie ſchon war, mit auf⸗ gelöſtem Haar auf der grünſeidenen Decke ihres Bettes ſtehen, im langen ſpitzenbeſetzten Hemde und hochauf⸗ gerichtet wider die Wand, dicht zwiſchen dem Weihwaſſer⸗ keſſel, dem Crucifix und dem Bilde ihrer Mutter ſich an⸗ Lada räu⸗ mir, ube. dieſe Sein ihr rom igen eilte ger⸗ pfen ieſen Er⸗ egen nen! retion b viel die Ver⸗ und en ſie auf⸗ Bettes hauf⸗ aſſer⸗ h an⸗ 85 ſtemmend und gegen die Wand ſich ſo furchtbar drängend, als wollte ſie die Mauer eindrücken. Thiebold ſtrich ſich die Friſur, als fühlte er, wie ſie ſich„vor Horreur“ ſträubte... Ja, Herr Baron! fuhr Püttmeyer erregt fort. Faſt unglaublich, aber Fräulein Armgart verſicherte es. Der Mond ſtand gerade gegenüber und ſchien Comteſſen ins Antlitz. Comteſſe war bei völliger Beſinnung und ſagte nur immer: Ich muß das ſo! Die Aerzte ſprachen damals, wie ich wol verſtand, von der Entwickelung des weiblichen Lebens und konnten nur Vorbaumaßregeln anempfehlen, wenn die Anfälle ſich wiederholten... Aber ſie kamen wieder mit allen Schrecken von Bewegungen, die oft aller uns geläufigen Geſetze von der Schwere und Centripetalkraft der Dinge ſpotteten. Das kranke Mäd⸗ chen konnte ſich gegen die Wand abſtemmen und in der Schwebe mit ganzer Körperſchwere erhalten. Somnam⸗ bulismus fehlte damals noch. Vielmehr ſtellte ſich in ihrem fünfzehnten Jahr eine ſtarke Reaction des Körpers in ſeinen Muskeln und ſozuſagen irdiſchern Theilen ein. Der Gang wurde träge, hängend, Comteſſe fingen zu hinken an. Nun kamen ſie auf die berühmten Streck⸗ betten einer ſüddeutſchen Stadt. Das zweijährige Liegen in einer faſt ununterbrochen gleichen Lage ſchloß ihr allerdings wol die Pforten des Phantaſielebens auf; doch bald trat immer deutlicher Clairvoyance hinzu. Sie kannte ihren Zuſtand. Sie hielt ihn ſo werth, daß ſie, wie Fräulein Armgart verſicherte, in der Beichte ſich der Eitelkeit anklagte. Da ihr Befinden, einige vorüber⸗ gehende Störungen ausgenommen, kein eigentlich krankes 86 war, wenn ſie ſich in ihrer gewohnten Weiſe erhielt, ſo blieben von ihr die Zumuthungen künſtlich magnetiſcher Ein⸗ wirkungen fern. Sie hatte ihre beſtimmten Zeiten des Schlafes, beſtimmte Bedingungen, wie den langen An⸗ blick des Waſſers, des Metalls, des Schnees, die ihr ein waches Träumen verurſaͤchten. Dann durfte nur der Herr Baron von Hülleshoven leiſe einmal mit der Hand über ſie hinſtreifen und ſie antwortete auf jede Frage, die er an ſie richtete. Sonſt wirkt, hör' ich, alles auf ſie, was ſie lieb hat, ſelbſt das Anſtreifen— ihrer großen Doggen! Sie iſt im Bann des Wohlbefin⸗ dens bei gewiſſen Menſchen ebenſo, wie im Bann des Schmerzes bei andern. Hört ſie von Hoffnungen, die auf ſie gerichtet werden, ſo nimmt ſie ihr Brevier, lieſt die entſprechende Tagzeit und glaubt, ihr Gebet müßte geholfen haben; wenigſtens zöge es ſie, ſagte Fräulein Armgart, mit ganzer Seele zu den Leidenden hin. Seit reiniger Zeit vollends ſoll die Heilkraft und die Sehergabe außerordentlich geworden ſein... Hier wurde Püttmeyer's förmlich in einen reißenden Strom gebrachte Rede von demſelben Diener unterbrochen, der eilends und erſchreckt zurückkehrte, das Kiſſen mit den Gegenſtänden von vorhin noch auf der Hand... Was iſt? fragte Thiebold... He ſpreekt! ſagte der Diener auf plattdeutſch und eilte beſtürzt vorüber. Sie ſpricht?... wiederholten beide... Thiebold, mit jenem Vorwitz,„den auch nur er haben konnte“, zog den Doctor, der ſich ſträubte, näher, beſchritt die offene Thür, kam durch ein Zwiſchenzimmer, lt, ſo Ein⸗ n des An⸗ ie ihr nur t der jede ich, n— befin⸗ n des genden ochen, n mit rur er näher, immer, 87 fand wieder eine Thür offen, dann einen ſchwerſammetnen blauen Vorhang, lüftete dieſen und ließ ihn plötzlich ſinken.. Es war ein kleines Durchgangscabinet, noch vor Paula's Schlafzimmer... Hier lag die Schlafende auf einem Ruhebett und ſprach in vernehmlichen Worten. Dies Vorcabinet war ein Neubau, der eine frühere Unterbrechung der Wohn⸗ und Schlafzimmer durch einen Gang verhinderte und verdeckte. Von einem obern Zim⸗ mer hatte es ein durch gedämpftes Glas hereinfallendes Kuppellicht... Das Schlafzimmer daneben war faſt dunkel, aber die dunkeln Schatten leuchteten bunt. An den Fenſtern prang⸗ ten praktikable bunte Läden von bleigefügten, ſchön zu⸗ ſammengeſtellten alten Kirchenfenſtertrümmern.. Es ſah hier aus wie der Eingang in eine Kapelle... In dem Vorcabinet, beſchienen von dem matten Kuppel⸗ licht, lag Paula, völlig angekleidet auf einem Ruhe⸗ bett... Die Haare glänzten golden... Ihre Augen waren geſchloſſen, ihre Blicke lächelten... Armgart ſtand zu Paula's Häupten, ſelbſt geiſterhaft wie eine Botin aus jenem Traumreich, von dem einſt der griechiſche Sänger ſagte, es hätte zwei Ausgangspforten, eine von Elfenbein, aus dieſer kämen die unwahren Träume, eine von Horn, aus dieſer kämen die zutreffenden. Die Tante hielt Paula's Hände.. Thiebold wagte nicht einzutreten, zog ſich aber auch frühere einen n Zim⸗ llendes zer die prang⸗ ön zu⸗ lle... hkuppel⸗ Nuhe⸗ Augen ermgart ie eine echiſche ne von ne, eine Die er auch 89 nicht zurück und winkte vielmehr dem Doctor, der ſo kreideweiß war, wie ſeine Halsbinde.. Deutlich hörte man die langſam und hellgeſprochenen Worte: O die liebe, liebe, liebe Sonne!... Wie glitzert das im Schnee... Ein Brillant auf jeder Tannenſpitze... Ach, ach!... Das iſt ein Schatz— im Düſtern⸗ brool... Im Düſternbrook? Püttmeyer glaubte, die Seherin wäre in dem Reiche der ewigen Kreiſe, Tangenten und Sekanten— Der Düſternbrook lag nur drei Meilen von hier... St! ſagte aber Thiebold ſchon, nur auf eine Ahnung hin, Püttmeyer könnte ſich erläuternd oder anzweifelnd bewegen. Püttmeyer ſchluckte nur ſeine Angſt hinunter und hielt ſich an einen Stuhl, um nicht das Gleichgewicht zu ver⸗ lieren... Nun kommen ſie! fuhr die Träumende fort... Wie ſie ſo lieblich ſingen, die Mönche!... Silberbeſchlagen iſt der Sarg... Laienbrüder tragen ihn... Die Ar⸗ men! Wie die Füße ſo nackt durch den Schnee müſ⸗ ſen!... Alle ſingen: Dona eis pacem... Wie heißt das, Fräulein— Schwarz?... Die Träumende ſchwieg... Thiebold ſtand ſchreckergriffen. Er glaubte,„ver⸗ ſichert ſein zu dürfen“, daß die Gräfin drei Meilen weit das eben ſtattfindende Begräbniß des Kronſyndikus ſähe; aber was ſollte dann Fräulein Schwarz, die doch wol nie⸗ mand anders ſein konnte, als ihre frühere Geſellſchafterin, 90 jene Lucinde, der Benno ein lateiniſches Wörterbuch gekauft hatte? War denn dieſe bei dem Begräbniß zugegen? Püttmeyer ſchlich athemlos einen Schritt näher... Die Gräfin ſprach ſchon wieder laut, doch etwas unverſtändlicher. Erſt allmählich unterſchied man die Worte: Die Wagen nehmen ja kein Ende... Ich zähle ſchon dreiundzwanzig... in dem erſten hinter den Francisca⸗ nern ſitzt der Präſident von Wittekind... Neben ihm der Domherr.. Wieder eine Pauſe... Dann der Onkel mit Benno—! fuhr Paula fort... Wieder ſchwieg ſie.. Es geht ſo langſam... Den Schnee ſchütten die Bauern auf... Da läuft ein Reh über den Weg... Alles ringsum Wald... Aber die Menſchen... Sin⸗ gen die und ſie läuten auf dem Schloſſe... Der Zug kann jetzt nicht durch... Jetzt ſchweigen die Mönche ... Einer ſingt... Pater Ivo...„Maria, Maien⸗ königin! Dich will der Mai begrüßen!“... Der Mai in dieſem Winter!... Püttmeyer kannte ja auch den Marienſänger, den Grafen Johannes von Zeeſen, der mit ſeinem Huſch! Huſch! die Meluſinen verjagte. In der dritten Kutſche... fuhr Paula den Be⸗ benden fort zu erzählen... da ſitzt der Herr von Terſchka ... Bei ihm der Landrath... Wie jung iſt der heute wieder!... Herr von Enckefuß iſt ganz geſchminkt und ſchön friſirt... Die Mönche ſingen... Wie ſcheint die liebe Sonne auf den ſilbernen Sarg!... Ein Kiſſen fort., ten die eg... „Sin⸗ er Zug Münche Maien⸗ er Mai r, den Huſchl en Be⸗ Terſchla 3 heute at und eint die Kiſſen 91 liegt auf ihm mit allen Orden des Onkels!... Wie funkelt das!... Vierzehn Mönche ſind es... Zwei fehlen... Sebaſtus und Hubertus fehlen.. Sebaſtus?— ſagte, ſeinem Temperament verfallend, Thiebold halblaut... Den ſeh' ich ja jetzt auch!... hauchte Paula, als wenn ſie Thiebold's Frage gehört hätte und alle, auch wol drinnen die Frauen, mochten denken: Den Sohn des Mannes ſieht ſie, der erſchlagen wurde von dem Todten, den ſie eben begraben? Der liegt recht krank! fuhr Paula fort. Er liegt im Krankenkämmerchen von Himmelpfort... Ach, das iſt da eng und klein!... Durch ein Gitter... Da kann er in eine andere Zelle ſehen, nicht acht Schritte lang... Das iſt die Kapelle der Kranken... Fünf Schritte breit iſt auch die nur... Maria von altem bunten Holze... Neben ihr— dahin alſo legen ſie ihre Weihnachtskrippchen? ... Ein Oechslein... ein Eſelein... wie zum Spiel für Kinder... Gebt ſie ihm doch!... Geht das Eſel⸗ chen nicht durch das Gitter?... Es geht... Armer Pater, ſpiel' mit dem Krippchen der Franciscaner!... Lange blieb es jetzt drinnen ſtill... Tante Benigna ſprach endlich laut und betonte die Worte ſo ſcharf, als könnte Paula dadurch verhindert werden, ferner ihren Geiſt außerhalb der körperlichen Hülle dahin ſchweifen zu laſſen... Armgart aber ſchien das höchſte Verlangen zu tragen, vom Leichenbegängniß mehr zu wiſſen.. Nein! Nein! Komm! ſagte die Tante mit Ent⸗ ſchiedenheit... 92 Laß ſie doch, Tante! bat Armgart... Sie träumt das nur ſo— komm!... Sie ſieht es nicht... Die Tante hatte ſchon die Vorhänge ergriffen und be⸗ deutete die Männer, ſich nicht den Zwang anzulegen, zu leiſe aufzutreten; man dürfte getroſt ganz laut ſprechen... Schon wollte ſich entfernend Püttmeyer in Andacht, Thiebold in Bewunderung ausbrechen, als Armgart, die ſich nicht trennen konnte und jetzt weit über dem mit einer ſeidenen Decke belegten Ruheſopha hingeſtreckt lag und das in glatten Scheitel gewundene Haar der Freundin ſtreichelte, haſtig winkte und die Tante bedeutete, Paula ſchiene einen heftigen Schmerz zu fühlen... 3 Schnell wandte ſich die Tante... Da ſie gleichfalls zu ſehen glaubte, daß ſich Paula durch irgendetwas erſchreckt fühlen mußte, kehrte ſie zurück... Der Vorhang, der die Männer von dem Gemache trennte, fiel wieder zu; aber ſie hörten die angſterfüllte Stimme der Träumenden in kurzen Sätzen die Worte ausſtoßen: Wer ſtört nur da— die Ruhe des Todten?... Der Zug hält ja... Wer ſpricht?... Das iſt die Eiche, an der... Wer ſpricht nur immer und predigt ſo laut?... Ha!... Herr von Terſchka ſpringt aus dem Wagen... Die Mönche ſchweigen... Benno... Gensdarmen... Der— Jude... Merkwürdig! rief Thiebold, dem das Traumſprechen Paula's an ſich nicht neu war, und ergriff die Hand des zitternden Doctors, dem der Angſtſchweiß auf die Stirne trat. Was mag denn nur vorgefallen ſein?... ie ſieht und be⸗ zu leiſe Indacht, art, die it einer ag und greundin „Paula la durch 4 14.... Hemache ſterfüllte Worte n?... iſt die predigt ngt alls nno. ſprechen and des Stirne 93 Nichts mehr wurde hörbar... Man vernahm ein Murmeln der Gräfin, ein unverſtändliches Sprechen, wie durch die Zähne... Dann war alles ſtill. Die Tante kam heraus und ſagte, ſcheinbar voll Beruhigung und doch voll Beſtürzung: Sie iſt erwacht! Jetzt— in einem Augenblicke— flüſterte Thiebold... Wo ich, konnte die Tante für ſich hinzuſetzen, ſchon die Freude habe zu ſehen, wie dieſer liebenswürdige junge Mann förmlich ſchon unter dem Umſtand leidet, ſeinen Hut nicht holen und ſich bei etwas Vorgefallenem nützlich machen zu können... Wie ganz anders das, als einſt z. B. mein Levinus war!... Im Erwachen weiß ſie nichts mehr von dem, was ſie im Traumſchlaf geſehen? fragte Püttmeyer im Gehen und athemlos vor Beklemmung... Kein Wort weiß ſie dann! beſtätigte die Tante. Sie können ſich denken, wie dieſe Dinge uns aufregen. So beſonders lebhaft ſprach ſie ſeit lange nicht wieder, und wir glaubten ſchon den höchſten Grad erreicht zu haben ... Sie werden ſehen, daß ſich unſer Engel nach einigen Minuten erholt hat und am Arm ihrer Freundin ein⸗ tritt, als wenn nichts geſchehen wäre... Was mag nur die plötzliche Störung geweſen ſein! Und gerade da, an— der verhängnißvollen Eiche?... So kamen ſie in das behagliche Wohnzimmer zurück.. Und Sie dürfen in der That annehmen, meine Gnä⸗ digſte, begann Püttmeyer, daß das alles— Na natürlicherweiſe! fiel Thiebold ein und erklärte es für„ſelbſtverſtändlich“, daß die Herren, die gegen 94 Abend zurückkommen würden, alles das als wirklich ſo vorgefallen beſtätigen würden... Püttmeyer mußte bedauern, daß die weite Entfer⸗ nung Eſchedes ihn zwang, unmittelbar nach dem Diner ſich ſchon in den Wagen zu ſetzen, der ihn heute früh abgeholt hatte, und wieder in ſein Städtchen zurück⸗ zufahren... Die Tante war inzwiſchen mit der Nachfrage um das Diner beſchäftigt. Die Störung des Leichenbegäng⸗ niſſes nahm ſie allmählich für etwas wirklich Vorgekom⸗ menes, vielleicht doch nur Unverfängliches. Sie wüßte, ſagte ſie, wie ſchreckhaft Paula wäre und wie ſchon die geringſte Abweichung von dem, was in der Ordnung, ſie in Verwirrung bringen könnte...„ Thiebold ſchwebte hoch über der Erde. Er er⸗ zählte eine Anzahl von Geſchichten, die ihm die alten Holzvermeſſer ſeines Geſchäfts, die Förſter und Holz⸗ ſchläger auf ſeinen Reiſen als glaubhafte„Ahnungen“ verſichert hätten. Er behauptete, in Canada engliſche, aus Schottland gebürtige Soldaten geſehen zu haben, die am zweiten Geſicht krank waren; krank, betonte er, wenn man krank eine ſo wunderbare Gabe nennen könnte, die ſogar anſteckend ſein ſoll; ja in der That, Herr Doctor—! Thiebold verſicherte, daß ihm Hedemann er⸗ zählt hätte, wenn in einer ſchottiſchen Compagnie nur ein einziger Geiſter ſähe, ſähen bald alle welche. Selbſt der Oberſt von Hülleshoven, der doch gewiß ein Mann ohne Vorurtheile wäre, hätte dies verſichert— Nun kam die Tante von einer Inſpection des jen⸗ ſeit des großen Empfangsſaales gedeckten Tiſches zurück ———— klich ſo Entfer⸗ Diner te früh zurück⸗ ge um egäng⸗ gekom⸗ wüßte, hon die rdnung, Er er⸗ ealten Holz⸗ ungen“ gliche, haben, ente er, könnte, „Herr ann er⸗ nie nur Selbſt Mann es jen⸗ urüc 95 und Thiebold mußte von dem hier bedenklichen Oberſten ſchweigen... Die Tante reichte Püttmeyern den Arm... Thiebold bedeutete, auf Paula und Armgart warten zu müſſen. Die Tante bat ihn zu kommen; die jungen Damen wür⸗ den nicht ausbleiben.. In der That erſchien, als die drei Vorausgegange⸗ nen in einem faſt im Styl eines klöſterlichen Refecto⸗ riums angelegten, rings mit kunſtvoll ausgelegten hohen Schränken und kryſtall⸗ und ſilberbeſchwerten Büffets verſehenen Zimmer an ihren Stühlen ſtanden, Paula, ge⸗ führt von Armgart. Beide kamen wie aus der Märchenwelt. Paula wie eine Fee, Armgart wie ein ihr dienender Elfe. Jene in heiterer Sicherheit, ahnungsvoll im Beſitz ihres Reich⸗ thums und in der Fülle ihrer Gaben, ſie ohne An⸗ ſpruch auf Dank verſchenkend... Dieſe der Erde angehö⸗ render, minder zuverläſſig, eher wie das Licht des Mon⸗ des gehalten gegen den Strahl der Sonne... Beide hätten Kränze auf ihren ſchönen bleichen Häuptern tragen ſollen, Paula von himmelblauen Winden, Armgart von grünem Epheu... Armgart klammerte ſich an ihre Freundin, wie wenn dieſe das Geheimniß auch ihres Lebens hielt... Paula, ſelbſt ſo hülfsbedürftig, ſelbſt ſo ſchwankend bewegt von ihrem innerlich bangen, äußerlich zwar noch immer glänzenden, aber doch ungewiſſen Geſchick, bewegt von ihrer ſtillen Liebe, bewegt von ihrem Naturloſe, das ſie ſogar von dem, was ihr eben geſchehen war, ſelbſt nichts wiſſen ließ, ſchwebte ſicherer dahin als Armgart, die faſt mit ſcheuem Gewiſſen zur Erde blickte.. 96 Das Mittagsmahl ſtand in ſeltſamem Gegenſatz zu dem eben Erlebten. Suppe, Rothwild, Auerhähne, grü⸗ nes Kraut und Kaſtanien— und hinter jedem Stuhl vielleicht ein abgeſchiedener Geiſt! In einem Winkel des Zimmers auf einem Fußſeſſel, vielleicht mit der Trauer⸗ haube die Schweſter des Kronſyndikus, Paula's längſt verſtorbene Mutter... Vielleicht Graf Joſeph, der eben an einer alten, neuvergoldeten Rococo⸗Wanduhr die zufällig ſchnurrenden Gewichte aufzog... Wer hätte nicht außer ſich vor Staunen fragen mögen: Wie iſt dir denn nun das, du Heiligſte deines Geſchlechts? Wie fühlſt du dich nur? Was ſahſt du denn am geſpaltenen Eichbaum? Wer predigte nur ſo laut? Kann das wirklich derſelbe Nund ſein, der vorhin ein wunderbares Ferngeſicht erzählte und der jetzt ſo den ſilbernen Löffel leert, wie wir, völlig harmlos von des Doctors bedauerlicher Abreiſe ſpricht und ſogar Armgart neckt, die„ein Buch über Philo⸗ ſophie zu ſchreiben ſcheine; denn ſo, wie ſie ſich ſeit einigen Tagen umgewandelt hätte, das könnte nur eine Gelehrte, die freilich auch von Angelika ſoviel Mathematik gelernt hätte“... Thiebold war glücklicherweiſe der Mann, der jetzt über die ſchwierigſten Fragen wie über ſchwin⸗ delnde Brückchen hinwegſchlüpfte, dabei jeden nieder⸗ fallenden Knäuel einer Bemerkung epiſodiſch aufhob und ein ſeltenes Gemiſch von geſelligen Tugen⸗ den zur Bewunderung der Tante bot, die ſolchen Männerſchlag in der Welt für unmöglich gehalten hatte. Püttmeyer verſank in ein ſtillbeſchauliches Grü⸗ beln... er ſah Paula ſtarr an, verwechſelte ſein ſatz zu , grü⸗ Stuhl kel des Trauer⸗ längſt eben au ufällig außer n nun du dich baum? ⸗Mand lte und völlig ſpricht Pyilo⸗ ſch ſeit ur eine hemati „ der ſwir nieder⸗ aufhob Tugen⸗ ſolchen gehalten Grü⸗ te ſein 97 Meſſer mit der Gabel, nahm zum Braten zu gleicher Zeit Compot und Salat und beging all die Däätfehler, vor denen ihn ſeine Verehrerinnen in Eſchede beim Abſchied ſo ernſtlich gewarnt hatten. Thiebold hatte dabei ganz nach Moppes' und Piter's Theorie die Art, den Wein ein⸗ zuſchenken, als wär's Waſſer. Da fand kein Nöthigen ſtatt, kein Abwarten, ob ein Glas ſchon ganz geleert war; wie er in ſein Haar griff, um ſeinen Scheitel zu ordnen, ebenſo leicht griff er an die Flaſche. Die Tante fand das alles entzückend. Sie lebte auf in dem hei⸗ tern Anblick, wie die beiden Mädchen wol ein halb Dutzend mal dieſelbe Geberde machen mußten, die Hand auf ihre Gläſer zu legen und dem Einſchenkenwollen zu ſteuern, während Thiebold ebenſo oft dann, ohne ſich in ſeinen Reiſeberichten über Amerika, Paris, London und Kocher am Fall ſtören zu laſſen, die Waſſercaraffe ergriff und die Waſſergläſer der Damen bedachte. Er iſt aller⸗ liebſty! ſagte ihr zwiſchen Paula und Armgart hin⸗ und her⸗ gehender Blick... Nur Ein Diener konnte dabei bedie⸗ nen, da zur Vertretung der gräflichen Würde beim Leichen⸗ begängniß faſt die ganze Dienerſchaft abweſend war und der neuhinzugetretene Dionyſius Schneid für ein unmit⸗ telbares Bedienen der Herrſchaften zu wenig Geſchick zeigte... Im Strom ſeiner Mittheilungsluſt und einer bei dem Gefühl,„mit Geiſtern zu Mittag zu ſpeiſen“, höchſt natürlichen Aufregung gerieth Thiebold wieder⸗ holt auf Armgart's Aeltern. Er konnte dieſe Erwäh⸗ nungen nicht länger zurückhalten; denn bald hatte er vom Oberſten eine entſchloſſene That, bald von der Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 7 98 Oberſtin eine überraſchende Aeußerung zu berichten. Die Tante ermuthigte ihn auch, ſich keinen Zwang anzulegen, denn dieſe Veränderung hatte allerdings ſtattgefunden: ſie war völlig geneigt zur Verſöhnung. Ihre Sorge um Armgart wurde zu groß; im Stifte Heiligenkreuz konnte des jungen Mädchens Bleiben nicht ſein. Sie hatte bis⸗ jetzt die ſchlechteſte Stelle, jährlich nur zwanzig Thaler baar und kaum ſechzig in Naturalien. Die Ver⸗ hältniſſe in Weſterhof wurden zu ſchwankend; die An⸗ ſiedelung des Oberſten von Witoborn mit dem auf die Hedemann'ſchen Mühlenwerke gerichteten Plane war vor der Thür; Onkel Levinus wurde je älter je grilliger; Tante Benigna ſah demnach ganz gern, daß Thiebold ihre Schweſter und ihren Schwager zugleich pries... Thiebold wurde dabei auch von ihr nur immer Herr von Jonge genannt... In ihren auf Armgart gerich⸗ teten Blicken lag: Wie benimmſt du dich nur heute wie⸗ der gegen dieſen beſten aller deiner Bewerber! Thiebold erzählte von Hedemann, von ſeiner Lebens⸗ rettung, von den Mühlenwerken und von Hedemann’s Aeltern... Ich war in Borkenhagen... mit meinem Freunde Benno von Aſſelyn zugleich, der— Sie wiſſen ja wol, in dem Dorfe da geboren und erzogen worden iſt... Geboren? warf die Tante lächelnd und faſt verächt⸗ lich ein... Ganz recht! verbeſſerte ſich Thiebold. Wie kann ich vergeſſen— Mein Freund iſt— Ein Spanier ja wol? unterbrach den Einſchenkenden Püttmeyer, den ſeine Freundinnen trotz ſeiner Verbor⸗ en. Die zulegen, ffunden: orge um z konnte atte bis⸗ Thaler e Ver⸗ die An⸗ auf die war vor grilliger; Thiebold ries... er Herr t gerich⸗ eute wie⸗ rLebens⸗ demanns Freunde ja wol, iſt. verächt⸗ kann ich genkenden Verbor⸗ 99 genheit au courant aller Verhältniſſe der Gegend hielten und den der Wein und die Geiſterwelt ſeltſam an— regten... Das doch wol eigentlich nicht! berichtigte die Tante mit einem myſteriöſen Lächeln. Sie mußte auf die Schüſſel, die eben herumgereicht wurde, niederblicken, weil aus Paula's Augen ein bittender Blick ſie traf... Ein prächtiger Spaziergang! fuhr Thiebold fort. Selbſt im Winter! Wir ſuchten im Wald bei Borkenhagen, in den Vorgebüſchen von Schlehdorn, erſt den Finkenfang, dann die Wolfshöhe und einen großen dort befind⸗ lichen Ebereſchenbaum, der in Benno's Jugenderinne⸗ rungen— übrigens wird ja nächſtens dort die große Jagd ſtattfinden— eine merkwürdige Rolle ſpielt— bitte, gnädigſtes Fräulein, genirt Sie die Sonne?... Schon war's ein Strahl der abendlichen Sonne, der der Tante ins Antlitz fiel. Thiebold war ſchon aufgeſprungen, um den Vorhang niederzulaſſen... Man bat, ſich nicht zu incommodiren... Püttmeyer wünſchte gelegentlich den Tag der Jagd zu wiſſen, ſeiner Transparentbilder wegen... Wir ſchreiben Ihnen das! ſagte die Tante und fuhr, auf Thiebold gewandt und zugleich ärgerlich über ein Erglühen Armgart's, als von Benno die Rede war, fort: Dann waren Sie gewiß auch auf dem armſeligen Hof der närriſchen verwilderten Alten, der dicht beim Walde vor Borkenhagen liegt? Allerdings! rief Thiebold vom Fenſter zurückkehrend... Armgart aber fiel mit leuchtenden Augen ein: Arm⸗ 7* 100 ſelig? Das war ehemals der ſchönſte Bauernhof zwi⸗ ſchen Borkenhagen und Witoborn! Die Ställe voll Vieh, dabei fünf Pferde und die Scheuern voll Korn... Auf dem Hof hat Benno reiten gelernt! Da hob ihn Hede⸗ mann zuerſt aufs Pferd! Die Alten ſchenkten ihm ſogar ein ſchwarzes Füllen! Wie ich im letzten Herbſt hin⸗ kam und ſie daran erinnern wollte, wieſen ſie mir frei⸗ lich die Thür... Aus dieſer Mittheilung erſah man, daß Armgart in der ganzen Gegend zu hospitiren pflegte und überall den Bruder Gutentag machte... Alte, verdrehte, abſcheuliche Menſchen ſind's! rief die Tante. Ruchloſe ſogar! Warum haſt du ſie nicht leſen und ſchreiben gelehrt? entgegnete Armgart... Ich? Ich? Wie ſo ich? Soll das eine Anſpielung auf— mein Alter ſein? erwiderte die Tante und lächelte ſelbſt ſogar der Feinheit ihrer Bemerkung, ohne darum ihre zornige Aufwallung zu mildern... Tantchen! bat Paula und reichte ihre ſchöne, lange, ee weiße Hand über den Tiſch zur gereizten Verlobten Onkel Levinus hinüber, während Armgart's Antlitz glühte und ihre ſtarren Lippen ſich nicht regten, eine ſo abſichtlich verkehrte Auslegung ihrer Bemerkung zu berichtigen... Dieſe Menſchen, fuhr die Tante fort, ſind die ſtarr⸗ köpfigſten Bauern, die nur je hier zu Lande gelebt haben! Gottesverächter ſind ſie geworden! Ich gebe zu, ſie wurden ſchlecht behandelt— —— of zwi⸗ [Vieh, . Auf Hede⸗ n ſogar yſt hin⸗ ir frei⸗ emgart überall 6! rief gelehrt? ſvielung lächelte 2 darum e, lange, gerlobten Artlit en, eine rkung zu die ſtart⸗ tt haben! zu, ſie 101 Von einem Geiſtlichen! ſchaltete Püttmeyer gar nicht mehr zaghaft ein... Auch vom Landrath! ergänzte die Tante. Sol⸗ cher Trotz dann aber auch gleich Das kann auch nur bei uns vorkommen! Ich ſeh' und erleb' es ja täglich! Jetzt wieder der Streit um den Tanz im Finkenhof! Bitte, Herr von Jonge, was man Ihnen auch erzählt hat und was Sie in Borkenhagen— mit Herrn von Aſſelyn— er heißt nur ſo, es iſt ein Adoptivname— geſehen haben mögen, glauben Sie mir, dieſe Leute ſind wie die Büffel! Und die Hedemanns von je die obſtinateſten! Den künftigen Herrn Papiermüller nannten ſie ſchon vor Jahren Herrn Remigius Dickſchädel! Auf ſolche aus dem Munde der Tante, die ja ſelbſt einen Kopf wie von Eiſen beſaß, überraſchend genug kommende Worte, ſtand ſeit Jahren feſt, konnte keine Einrede gewagt werden. Paula's Auge richtete ſich auf Armgart, deren Inneres vor Parteinahme zu Gun⸗ ſten Hedemann's und ihres an Hedemanns Namen be⸗ theiligten Vaters aufloderte. Die braunen Augäpfel gin⸗ gen hin und her, die Lippen öffneten und ſchloſſen ſich, die zitternden Finger drehten aus dem friſchen witoh, er Weißbrot kleine Vierundzwanzigpfünder wie 58 Bombardement auf alle Welt... Gnädigſtes Fräulein! wandte ſich Thiebold zur Tante, ich weiß nicht, ob ich gut unterrichtet bin... Ich weiß nur ſo viel... Als Freund Hedemann nach Amerika ging, war der Abſchied von den Aeltern auf ewig und Hedemann ließ zwei alte Leute in ſchönem Beſitzſtand zurück. Damals hatte der„ſo unglücklich 102 geendete“ Klingsohr, genannt der Deichgraf, die Ab⸗ löſungen des ganzen Regierungsbezirks zu reguliren. Auch die alten Hedemanns wollten ſich freikaufen. Auf ihrem Beſitzthum haftete die Verpflichtung, dem Guts⸗ herrn, zufällig dem Landrath, dem dieſer Beſitz von ſeiner Frau her gehörte, einen gewiſſen Theil des Er⸗ trages— enfin, wie viel— kurz, ihm regelmäßig zu zehnten! Zank hatte es ſchon um dieſer Abhängigkeit willen genug gegeben; denn nicht einen Baum durften die Hede— manns abhauen ohne den Willen des Gutsherrn... Das liegt in den Verhältniſſen! ſagte die Tante... Ich glaube das! Nun aber kam nach einem gewiſſen Leo Perl der Pfarrer Langelütje, der ſich ſchon auf an⸗ dern Pfarreien den ſchlechteſten Ruf erworben hatte und mehr Vieh⸗ und Fruchthändler, als ein Seelſorger war... Darüber iſt allerdings nur eine Stimme! geſtand die Tante. Die alten Hedemanns, erzählte Thiebold immer wie forſchend, ob er recht berichtet wäre, waren mit ihrem Gutsherrn in Spannung und bedienten ſich des Pfar⸗ rers, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der neue Pfar⸗ rer erbot ſich dazu aufs bereitwilligſte... Die He⸗ demanns cedirten ihm in aller Form die Ablöſung und gaben ihm die nicht unerheblichen Summen zur Reali⸗ ſation des Loskaufs. Gut, das Geſchäft iſt gemacht; die alten Leute, die froh ſind, mit dem Landrath in keine directe Beziehung gekommen zu ſein, bieten auch dem Pfarrer eine Erkenntlichkeit an. Er ſchlägt ſie nicht aus. Er nimmt ſich eine Kuh aus dem Stalle... Und noch dazu die beſte! ſchaltete die Tante ein.. 2 Ab⸗ uliren. Auf Guts⸗ z von s Er⸗ ig zu willen Hede⸗ E... rwiſſen uf an⸗ te und aar... eſtand er wie ihrem 1 Jſer Se⸗ g und Reali⸗ macht; ath in n auch V nicht 103 Sie wollte jetzt ſchon Verſöhnung mit Armgart und be⸗ gann nachzugeben... Er hat ſie am Strick gleich ſelbſt ſich mitgenommen! Inzwiſchen, fuhr Thiebold fort und ſchenkte wieder ein, indem er die ſchmollende Armgart fixirte... in— zwiſchen ließen die alten Leute, die, wie faſt alle rings⸗ um, Geſchriebenes nicht leſen konnten, doch einmal von einem hauſirenden Juden die Ablöſungspapiere durch⸗ ſehen. Es war an einem Sonntag Vormittag. Beide, der alte Mann und die alte Frau, ſaßen bereits in Toilette, um zur Kirche zu gehen. Die Glocken läute— ten. In dem Augenblick ſtudirt der fremde Rathgeber heraus, daß in den Papieren in Worten geſchrieben eine viel kleinere Summe ſteht, als ſich der Pfarrer von den Hedemanns hatte auszahlen laſſen. Nicht wahr? Sie waren von ihrem Seelſorger um zweihundert Tha⸗ ler und ihre beſte Kuh geprellt worden. Dieſe Menſchen, von einer großen Verehrung vor allem, was geiſtlich iſt, glaubten dem Juden nicht. Sie gingen mit ihrem Papier zum Kamp hinaus, um in der Kirche, gleich nach dem Gottesdienſt, den Pfarrer ſelbſt zu fragen. Da be⸗ gegnet ihnen die Kutſche des Landraths. Hedemann's Vater grüßt und hält nickend ſein Papier empor. Herr von Enckefuß läßt halten und frägt, was es gäbe? Die alten Leute tragen ihren Gegenſtand vor. Der Hauſirer ſteht in einiger Entfernung. Und jedenfalls merkte Herr von Enckefuß gleich, was die Uhr geſchlagen hatte. Um aber den Pfarrer zu ſchonen, fuhr er den Juden an, hieß ihn ſich hier augenblicklich zum Teufel zu ſcheren— bitte um Entſchuldigung!— und behauptete rundweg zu 1 104 ſeinem eigenen Nachtheil, der Schein lautete wirklich auf die Summe, die der Pfarrer von ihnen verlangt hätte... Püttmeyer ergänzte: Es war gerade die Zeit, wo der Rittmeiſter eine noch viel größere Unthat aus Gutmüthigkeit verborgen ge⸗ halten hatte!... Die Tante ſetzte mit Rückſicht auf die noch immer finſtere Armgart hinzu: Sein Herr Sohn iſt dafür um ſo ſtrenger! Der bringt ja alles heraus! Den Kirchenfürſten, den hat der junge Enckefuß verhaften helfen! Den Hammaker hat er auch entdeckt! Den Pater Sebaſtus hat er hierher ge⸗ führt! Nur den Leichenräuber von Sanct⸗Wolfgang hat er noch nicht aufgetrieben... Dieſe Zwiſchenplauderei war zunächſt dazu beſtimmt, Armgart's gute Laune zu gewinnen... Dann fing aber auch die Tante ſchon an, ihren Unmuth auf die Bedienung abzulenken. Sie hörte draußen ſprechen, hörte die groben Tritte des die Speiſen aus der Küche herzutragenden Dionyſius Schneid und ziſchte um Ruhe... Paula begleitete die Rede und das Benehmen der Tante mit Blicken auf Armgart, die ſo viel ſagen woll⸗ ten als: Närrchen, ſei doch lieb! Nun hört' ich ſo! fuhr nach einer Discretionspauſe Thie⸗ bold fort. Die alten Hedemanns blieben in der Sache zwei⸗ felhaft. Da der Hauſirjude das Blinzeln des Landraths wohl verſtanden und ſich aus dem Staube gemacht hatte, gingen die alten Leute an die Kirche, nicht in ſie hinein. Sie ſahen von der Thür aus den Pfarrer im Meßornat, wie er das Hochheiligſte ſegnete; ſie mußten vor innerm ich auf ite.. ne noch en ge⸗ immer Der en hat ter hat her ge⸗ ag hat timmt, gaber ienung groben genden en der woll⸗ e Thie⸗ e zwei⸗ drathé hatte, hinein. pornat, nnerm 105 Groll umkehren. Mit dem tiefſten Zweifel in ihrer Bruſt vergruben ſie ſich in ihrem einſamen Kamp und ließen, anfangs vor Ungewißheit, vor Ahnung, dann vor ſicherer Zuverſicht, daß der Pfarrer ſie betrogen hätte, mit der Zeit alles läſſig gehen. Den Pfarrer anklagen? Ihn unglücklich machen, die Religion ſchänden—? Das iſt dieſen Leuten nicht gegeben. Sie bebauten noch ihr Feld, hat⸗ ten auch noch Knecht und Magd; aber ein Tiefſinn kam über ſie, der ſie von der Welt nichts mehr hören und ſehen laſſen wollte. Noch einmal wagten ſie zum Schul⸗ meiſter zu gehen— ſie bekämpften ſich, da ihnen wie⸗ der die Scheu vor einem geweihten Prieſter kam... So ging der Lebensmuth der alten Leute hin. Sie ließen Hab und Gut in Verfall kommen. Einmal rief die alte Mutter Hedemann die Schulkinder an und ließ ſich heimlich von denen die Urkunde vorleſen. Sie hörte leider die Wahrheit; ein Betrug war's von zweihundert Thalern. Sie verſchwieg ihn ihrem Alten. Zur Kirche ging nun keines mehr und Langelütje, den man meiſt nur in großen Waſſerſtiefeln ſah, auf den Märkten hinter ſei⸗ nem Knechte ſtehend, beim Fruchtverkauf, der hinderte ſie darin auch nicht. So in Mistrauen und Unmuth kamen die alten Leute zurück. Sie entließen den Knecht, die Magd, be⸗ ſtellten ihren Acker nicht mehr, brachen ihr Holz am Wall⸗ heck nicht mehr, ließen ihr Vieh ſterben und verderben und behielten nichts, als was zum nothdürftigſten Unterhalt diente. Sie ſäen jetzt nur, was ſie ſelbſt brauchen. Jahr⸗ aus jahrein beſteht ihre Mahlzeit aus Bohnen, die ſie in Waſſer abkochen und über die ſie Milch gießen. Nur zu dieſem Bedarf werden die Kühe abgemolken... 106 Abgemiſtet wurde ſchon lange kein Stück Vieh mehr! ergänzte die wirthſchaftskundige Tante. Alles verdarb! Sie zogen ein gefallenes Thier aus dem Stalle und ließen es einfach vorm Hofe liegen. Die Nachbarſchaft machte dann dem Lärm der Hunde ein Ende, die ſich um das Aas ſtritten. Nie brauchten ſie noch Licht oder Oel; im Win⸗ ter ſitzen ſie um den Feuerherd, den ſie mit ganzen Bäumen heizen, die ſie an ihrem Wall fällen, ins Haus herein⸗ ziehen, auf den Herd legen und nun langſam abſchwehlen laſſen. Oft liegt das eine Ende vom halbbelaubten Baume noch draußen im Freien, vom Schnee überſchüttet. Als ſie in ihrer Kleidung ſo weit verfielen, daß ſie die Lum⸗ pen mit Stroh umbanden, um ſie vor dem Herabfallen zu ſchützen, legten ſich die Nachbarn drein. Sie fanden zwei halb ſchon zu Kindern gewordene Menſchen, die in innigſter Uebereinſtimmung mit ſich ſelbſt an ihrem Wahn feſthielten, daß die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und nichts überflüſſiger wäre als die Religion. Man zwang ihnen dann Beiſtand auf, eine Aufſicht, die dann und wann den Schmutz aus ihrer verfallenen Wohnung entfernt. Der Alte ſitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife, deren Spitze und Rohr und Abguß und Kopf er ſich ſelbſt ge⸗ ſchnitzt hat und die immer kleiner wird, weil die paar Zähne, die er hat, ſie nach und nach faſt ganz„aufmümmeln“. Taback iſt ſein einziger Luxus. Geld kennen ſie nicht. Wer ihnen etwas liefert, Brot, das ſie nicht mehr backen, Bohnen, die ſie nicht mehr ſäen, den verweiſen ſie auf das, was ringsum auf ihrem Eigenthum noch wild wächſt. Aber an dem Langelütje kam dann freilich alles heraus. Er ſitzt im Jeſuiten⸗Profeßhaus der Reſidenz des Kirchen⸗ mehr! edarb! ließen machte s Aas Win⸗ äumen herein⸗ vehlen Zaume Als Lum⸗ bfallen fanden die in Wahn ne und zwang wann 107 fürſten. Wohl kamen beſſere Geiſtliche, aber die alten Leute wieſen jeden ab, der ſie auf ihrem verfallenen Hofe be⸗ ſuchte. Sie flüchteten zuletzt zur Kuh in den Stall, bis ſelbſt unſer Herr Norbert Müllenhoff müde wurde, auf dem brennenden Baumſtamm am Herde zu ſitzen und ihnen zu predigen... So fand Hedemann ſeine Aeltern, als er im Herbſte hier war. Natürlich hatte er dann Zank mit dem Landrath. Wie's jetzt mit den alten Leuten aus⸗ ſieht, weiß ich nicht... Die Leute leben im Kirchenbann. Wäre Monika zugegen geweſen, ihr flammendes Wahrheitsgefühl hätte ohne Zweifel ausgerufen: Gerade aus Liebe zur Religion, gerade aus Verehrung vor der größten Frage der Menſchheit geſchah dieſer Abfall von ihren äußeren Formen!... Und auch in Püttmeyer ſchürte der Wein und ſein vor Jahren tiefgekränkter Denkerſtolz den Ausbruch ähnlicher Empfindungen... In Thiebold wirkte Benno's Urtheil nach, der bei Er⸗ zählung dieſer Verhältniſſe geſagt hatte: Jetzt verſteh' ich, Hedemann, warum Sie die Bibel lieber leſen, als das Brevier... Armgart aber rief von ihrem Standpunkte: Ja, ſo muß man die Welt verachten können! Was hilft es, die ſchlechten Menſchen anklagen? Aergern man muß ſie und beſchämen! Beſchämen durch unſer Unglück, das man ſie zwingt mit anzuſehen! Ich gehe doch noch in Wito⸗ born zum Biſchof und bitte ihn, von dieſen ſo großen, ſo echt frommen, ſo unübertrefflich vornehmen Menſchen den allerdings nur zu gerechten Bann zu nehmen! Man ſchwieg jetzt... Es war das Mahl vor⸗ über. 1 1 6⁄ 108 Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Die⸗ ners in Anſpruch genommen... Der Diener flüſterte ihr etwas in plattdeutſcher Sprache... Er brachte das Geſuch des alten Kirchendieners Tüb⸗ bicke, der draußen harrte... Die Tante erröthete... aber„Herr, ſprich nur ein Wort und meine kranke Seele wird geſund!“ ſagte der Blick, den ſie auf Paula richtete... Dieſe bemerkte den Ausdruck eines der ihr ſchon be⸗ kannten Anliegen... Sie hörte das Leid des Alten, der um Hülfe für ſein Enkelchen bat... Paula erhob ſich... Ihre Hand zitterte... die blauen Augen wurden tiefdunkel Aus den Falten ihres weiten ſchwarzſeidenen Kleides nahm ſie einen kleinen Roſenkranz von einfachen bunten Steinkügelchen, betete einen Augenblick leiſe, während alle ihrem Beiſpiel folg⸗ ten, küßte das Amulet und reichte es hin... Armgart ergriff es in leidenſchaftlichſter Erregung und ſtürzte da⸗ mit hinaus... Die Tante nahm Püttmeyer's Arm, um ſich von ihm in das grüne Wohnzimmer führen zu laſſen... Sie ſah im Gehen auf die Uhr... Es war ſchon ge⸗ gen vier... Dunkel war es geworden und der Diener ſagte, daß auch der Wagen ſchon bereit ſtünde für Eſchede. Thiebold hatte Paula geführt... Eine drückend feierliche Stimmung umſpann die kleine Geſellſchaft, eine Stim⸗ mung, die ſich mehrte durch Armgart's Zurückkunft... Der Alte war zu glücklich! rief ſie. Das Kind wird geneſen! nur ein gte der pon be⸗ en, der blauen : ihres kleinen betete el folg⸗ Aumgart rzte da⸗ ich von en... hon ge⸗ Diener Eſchede. eierlihe Stim⸗ uft.. nd wird 109 Paula war weiß geworden wie eine Wachskerze... Sie riß ſich los. Sie hatte Thränen im Auge und verſchwand ... Gern wäre Armgart ihr nachgeſtürzt, aber die Tante befahl, daß ſie blieb. Auch kam der Kaffee, den ſie in ſilberner Maſchine zu machen und zu credenzen hatte. Die Tante ſank in einen der ringsum ſtehenden grünſeidenen Fauteuils... Ihr„Nick⸗Viertelſtündchen“ kam... Und Püttmeyer ſollte nun ſo, unter ſolchen wunder⸗ baren Eindrücken, ſeinen ganzen Menſchen zurücklaſſen? Er verzweifelte faſt... Doch mußte er nach Eſchede... Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen, die er nicht ängſtigen durfte! Mochte er auch von dieſen nach allem, was er heute hier erlebt, fühlen wie Arm⸗ gart, als ſie im letzten Herbſt im Nachen zu Angelika geſagt hatte: Eine derſelben würde als geflügelte Kaffee⸗ kanne dem Fegfeuer zufliegen, eine andere als geflügelter Strickſtrumpf! er mußte ſich losreißen... Auch ſein Hund und ſeine Katze mochten nicht wenig nach ihm kratzen und winſeln... Laſſen Sie ſich nur recht oft bei uns ſehen! ſagte ihm die Tante ſchon wie zum Abſchied. Geben Sie Ihr Vergrabenſein auf, Herr Doctor! Solange wir auf Schloß Weſterhof noch hauſen werden, ſind Sie uns immer willkommen! Adieu, Herr Doctor! Grüßen Sie in Ihrem nächſten Brief— die— die gute— liebe — Angelika... Die Tante wurde auch ſchon in ihrer Art ſomnambul und ſchlief ſchon halb. Laurenz Püttmeyer ſtand da, wie ein vierzigjähriges Kind. Er ſah ſich um, um beim Abſchied nichts zu vergeſſen. Es that noth, daß Thiebold ihm in die Hand gab, was er mitnehmen mußte, ſeinen Hut, ſeine 110 Handſchuhe, von denen ſich nur einer in ſeinem Frack, der andere noch drüben im Speiſezimmer befand, und nun empfahl er ſich wirklich. Thiebold und Armgart, die ſich ihren noch im Vorzimmer liegenden Pelz überwarf, begleiteten ihn... Schon hörte man das Schellenklingeln der Pferde... Schon war der Schlag geöffnet... Man hatte dem Gaſte vorſorglich noch ein heißes Kohlen⸗ becken in den Wagen geſtellt... Man gab ihm noch eine Wildſchur des verſtorbenen Grafen Joſeph zur Benutzung mit... Püttmeyer war im Losreißen von dem merk⸗ würdigſten Tage ſeines Lebens in einer Verwirrung, die ihm ſogar den Streich ſpielte, daß er ein ſplendides Trink⸗ geld ſtatt dem Diener Thiebolden in die Hand ſteckte... Und Thiebold nahm den Thaler und ſagte ſich mit ver⸗ klärter Rührung:„O das kann kommen! Bei gewiſſen Stimmungen iſt dem gebildetſten Menſchen nichts un⸗ möglich!“ Er gab das Geld feierlich dem Diener... Schon rollte der Wagen dahin und Thiebold, der in blo⸗ ßem Kopf ſtand, war nicht wenig geneigt, Armgart zum Hinaufführen den Arm zu bieten... Schon aber war dieſe vorausgeſprungen... Und Thiebold, als er dem flüchtigen Reh langſam nachfolgte, dachte: Jetzt, jetzt end⸗ lich findeſt du wol den langerſehnten, immer vergeblich ge⸗ ſuchten Augenblick, ſie allein zu ſprechen und jene Geſtänd⸗ niſſe zu machen, die dir Bonaventura in der Beichte anbefohlen hat!... Er faßte ſich Muth, obgleich ſo vieles, ſo vieles in Armgart's Benehmen gegen ihn ſowol wie gegen Benno anders geworden war. Oben befand ſich noch die Tante unter dem magneti⸗ ſchen Einfluß ihrer Verdauung... Sie trank zwar den rack, der und nun att, die berwarf, uklingeln fnet... Kohlen⸗ ſoch eine enutzung n merk⸗ ung, die s Trink⸗ jeckte.. mit ver⸗ gewiſſen zts Un⸗ ner... in blo⸗ art zum ber war er dem ett end⸗ blich ge⸗ heſtänd⸗ Beichte 0 vieles, wol wie agneti⸗ dar den 111 von Armgart bereiteten Kaffee, der bekanntlich wach erhal⸗ ten ſoll... Ihr aber machte er die Wirkung, im Lehnſeſſel Reden zu halten, die etwa in folgender anakoluthiſcher Ver⸗ wickelung ſich vernehmen ließen und endlich gänzlich ab⸗ brachen: Nun, lieber Herr von Jonge! Nun aber, bitte, bitte, lieber Herr von Jonge, nun ſpielen Sie uns etwas!... Ich hätte doch den alten Tübbicke noch etwas fragen ſollen ... Bitte, Herr von Jonge!... Armgart! Noch eine Taſſe vielleicht, Herr von Jonge?... Die Schlüſſel zum Archiv jeden Sonntag aus der Hand laſſen, das geht nicht, Herr von Müllenhoff— von Jonge!... Bitte, Mozart... Das Kind von dem jungen Tübbicke—! Bitte, Herr von Jonge, ſpielen, ſpielen!— Nein, man muß ſagen, Müllenhoff geht in vielem zu weit!... Ich liebe ſo die Muſi—!... Die Jagd... Transparente Bilder von... Wenn nur unſere Herren bald geſund und wohlbehalten von Neuhof zurückkommen!... Die Muſik! ... Was ſie nur erlebt haben mögen— am Düſternbrook — Bitte, Herr von Jonge!— Die— Die— Sona— Pathé— tique— von van— van von Beetho— Damit war das Ganglienſyſtem der Tante bezwungen. Sie entſchlief, ohne ihre Rede ganz beendet zu haben. Die Sonate pathétique zu ſpielen würde ſich Thiebold in ſeiner Vaterſtadt nie getraut haben. Die Gegenwart einer Johanna Kattendyk, einer Joſephine Moppes, einer Liſette Maus, einer Betty Timpe hätte ihn unrettbar dem„Fluche der Lächerlichkeit“ preisgegeben. In dieſem hochadeligen Hauſe aber, dem, wie in vielen tauſenden ſolcher katholiſchen Herrenſitze Europas, principiell die Bil⸗ 112 dung des 19. Jahrhunderts halbwegs immer fremd bleibt, geſtattete man ihm jede freie Variation über das große Meiſterwerk, jede Zuthat aus den ſeinen Fingern noch geläufigern Cramer'ſchen Etuden. Thiebold ſpielte wirklich etwas, wie die Sonate pathétique.„Ein Genuß für Götter!“ ſagte er ſich ſelbſt voll Beſcheidenheit. Er war in jeder Beziehung froh, daß Benno fehlte. Armgart ſtand an der Kaffeemaſchine... Endlich blies ſie die Flamme aus... Es wollte damit nicht ſo ſchnell gehen, wie ſie wollte... Thiebold brach mitten in ſeinem ſchönſten ad libitum ab und ſprang hinzu... Mund gegen Mund gerichtet, endete die Flamme... Thiebold ſeufzte und wurde kühner und kühner durch das Bewußtſein, daß ſich hier einer gemüthlichen Fami⸗ lienſcene ein beliebiger Rahmen geben ließ... Die Tante ſchlief... Paula blieb fern... Sollte er wieder ſpielen? ... Fräulein! ſagte er leiſe. Ich habe Ihnen durchaus eine Mittheilung zu machen... Armgart betrachtete ihn kalt und doch war ihr die „Liebe“ ſchon lange ein Begriff geworden, ſo klar, ſo verſtändlich wie ſonſt nur der Glaube... Sie fürchtete, Thiebold wollte von ſeiner Liebe ſprechen... Sie wollte ſich eben deshalb gleichgültig zeigen... Spielen Sie! ſagte ſie. Ich leſe indeſſen... Nein, ich muß Sie ſprechen! betheuerte Thiebold mit gedämpfter Stimme. Ein Befehl in der Beichte ver⸗ langt es! Der Domherr will es! Armgart maß Thiebold mit weitgeöffneten Augen„.. Wirklich, Fräulein Armgart, ich ſchwöre Ihnen das beim Heil meiner Seele! bleibt, große noch wirllich ß für rwar ndlich cht ſo ten in durch Fami⸗ Tante elen? rchaus hr die -, ſo chtete, wollte jebold e ver⸗ 1.: das Auf ſo hochheilige Verſicherung hin winkte Armgart leiſe mit der Hand, deutete auf die Thür und ging mit Seufzen in den Vorſaal. Ein Blinzeln des Auges ſagte, Thiebold ſollte folgen. Nehmen Sie Ihren Mantel, Herr de Jonge! ſagte ſie, ſich im Vorſaal wendend und auf des Zögernden Nachkommen wartend... Thiebold blickte erſtaunt auf ſie nieder... Auch ſie ergriff ihren Ueberwurf und hüllte ſich in ihn mit Thiebold's Hülfe ein. Dann drückte ſie ihm ſeinen Hut in die Hand... Sie ging entblößten Hauptes zum Corridor hinaus... Wohin führt ſie dich denn? ſagte ſich Thiebold mit geſteigertem Befremden... Draußen war die vom Hofe hereinfallende Beleuch⸗ tung am Tage ſchon immer eine halbdunkle. Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corri⸗ doren hätte man ſich als Fremder ohne Licht kaum noch zurecht finden können.. Führt ſie dich auf ihr Zimmer? ſagte ſich Thiebold, als Armgart ſich links gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranſchritt, auf welchen faſt klöſterlich eine Menge Zimmer, größtentheils an den Thüren mit Hirſchgeweihen geſchmückt, hinausgingen... Sie kamen an Zimmern vorüber, die der Tante und Paula gehörten, an Lauftreppen, die für die Dienerſchaft beſtimmt waren, an einem der vier Eckthürme, in dem auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte... Sie wohnte halb im Stifte, halb hier... beide Wohnungen ſchmolzen auf ſo eigenthümliche Weiſe zuſammen, daß ſie im Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 8 114 Grunde nur eine bildeten... in Heiligenkreuz lag oft ihre Schere und hier ihr Fingerhut... dort arbeitete ſie an der Cigarrentaſche, hier an dem Aſchenbecher... dort lag zuwei⸗ len ein Schuh oder ein Strumpf, der durch einen andern, der hier ſich befand, erſt ein Paar bildete... ſeit Weih⸗ nachten erſt beſaß ſie infolge des entſchiedenſten Verlan⸗ gens und nach mannichfacher Prüfung und Berathſchla⸗ gung Schiller's Werke... da ſie Tag und Nacht darin las, ſo lagen ſie halb in Heiligenkreuz, halb hier in ihrem Thurm. Wenn ſie zwiſchen Heiligenkreuz und Weſterhof hin⸗ und herfuhr oder auch zu Fuß ging, begleitete ſie ein Bündel von Sachen, das ſie hin- und herſchleppte. Oft wurde ſie von der Tante dafür„Trödellieſe“ ge⸗ nannt... Als Armgart aber auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt, ſagte Thiebold ſtehen bleibend: Ja aber, mein Fräulein, was wird denn nun?.. Er mußte ſeine Verwunderung abbrechen und folgen... Armgart eilte vorwärts.. ſie war tief in ſich verloren und ſchlioß nur zuweilen gelegentlich ein offen ſtehendes, in den Hof führendes Fenſter. Die Wanderung war jetzt rechts gegangen in einen andern Corridor des großen Geviertes... Hier kamen die Zimmer des Onkels, ſein Laboratorium Auch an dieſem— wo oft der Stein der Weiſen geſucht wurde und in der Retorte ſich als Reſultat nur ein Pfund Berliner Neublau ergab, deſſen Anfertigung ebenſo viel Thaler koſtete, als Groſchen hingereicht haben würden, den Gegenſtand in Witoborn beim Krämer zu kaufen— an zwei Ritterharniſchen, die vor des Onkels Thüre Wache haltend im Dunkeln geſpenſtiſch genug oft ihre an der zuwei⸗ andern, Weih⸗ Verlan⸗ thſchla⸗ ein las, ihrem eſterhof itete ſie hleppte. ſe ge⸗ in ihr a aber, lgen. ren und iin den rechts rtes. atorium Weiſen tat nur ertigung t haben mer zu Onkels genug 115 ausſahen, ging Armgart vorüber, ſprang dann eine Treppe hinunter, wandte ſich im Erdgeſchoß einem neuen Gange zu und führte Thiebold an den im untern Stock⸗ werk befindlichen Bureauſtuben, am Archiv, an der Biblio⸗ thek vorüber zu einer hohen Thür, die den Eingang in die Schloßkapelle bildete... Wohl gingen Mägde, Schreiber an ihnen vorüber, wohl ſah man über den großen, mit Sandſteinquadern gepflaſterten, jetzt mit zuſammengeſchaufeltem Schnee be⸗ deckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier ſchon gewohnten Hülfeſuchenden: Armgart hielt ſich bei niemand auf und huſchte in die Kirche, die dem Be⸗ dürfniß der frommen Bewohner⸗ und Dienerſchaft des Hauſes immer offen ſtand... Dieſer Raum war nun erſt völlig dunkel... Armgart blieb an der Thür ſtehen, ließ den vor Er⸗ ſtaunen ſprachloſen Thiebold eintreten, legte den hohen Thürflügel wieder an und ging durch den ſchmalen Gang der Sitzreihen voraus zum Altar. Dort knixte ſie, wie in der Ordnung, vor dem Erlöſer, und ſagte zu Thiebold, der auf zwei Schritte hinter ihr ſtand: Nun, Herr de Jonge! An dieſem heiligen Orte— Was iſt es, was Sie mir zu ſagen haben! Mein Fräulein, ſtotterte Thiebold, befremdet von ſo viel Feierlichkeit und befangen durch die Einſamkeit des weihrauchduftenden Ortes, Sie überraſchen mich! In der That... Herr de Jonge! Sie wiſſen noch nicht, daß ich mein ganzes Leben unter die Befehle der allerſeligſten Jung⸗ frau geſtellt habe! Ihr will ich vertrauen, was ich auf 8* 116 dem Herzen habe! Von ihrem Rath hängt all mein Thun, all meine Entſchließung ab. Was wollen— oder was ſollen Sie mir mittheilen? Armgart hatte ſich vor dieſen feierlichen Worten auf die erſte Bank dicht am Aufgang zum Altar niedergelaſſen und kniete... Allmählich gewöhnte ſich Thiebold's Auge an das Dämmerlicht der auch am Tage wenig erhellbaren Ka⸗ pelle... Die heiligen Gegenſtände, die er rings er⸗ blickte, milderten die Weltlichkeit ſeiner Abſichten, ob⸗ gleich an ſich dieſe„die reellſten“ waren und nichts Ge⸗ ringeres bezweckten, als Armgart ſeine ganze Verhandlung mit Bonaventura zu erzählen... Thiebold ſah nun, daß die Betende zitterte. Den Kopf hatte Armgart aufs Pult gelehnt. So lag ſie wie eine dem Himmel Angehörige... Thiebold hätte ſich ſchon vor ihr ſelbſt niederwerfen mögen; es lag ein ſo beſtrickender Reiz in dem exaltirten Weſen, ſo viel Zau⸗ beriſches in dieſer gleichſam vor ſich ſelbſt entfliehenden, ſich mit Gewalt mäßigenden und doch erglühend genug, man ſah es, vorhandenen Leidenſchaft, daß Thiebold nur durch die geringe„höhere Ausbildung ſeiner Gefühle“ verhindert wurde, ſeiner begeiſterten Stimmung die einer ſolchen Situation entſprechenden Worte zu geben. Fräulein von Hülleshoven! ſagte er aber, ſich dennoch einen Schwung gebend. Die unvergeßliche Reiſe von Dru⸗ ſenheim— die Reiſe durch die Siebenberge— dieſe Nacht dann mit Extrapoſt—! O ich erinnere mich nie etwas Aehnliches— oder ich erinnere mich allerdings... oder Sie vielmehr erinnere ich— das iſt nämlich der bewußte Gegen⸗ il mein — oder tten auf gelaſſen an das een Ka⸗ as er⸗ en, ob⸗ hts Ge⸗ andlung Den ſie wie tte ſich ein ſo el Zau⸗ ehenden, genug, hiebold efühle“ ie einer dennoch n Dru⸗ e Nacht etwas der Sie Gegen⸗ 117 ſtand— an den Moment, wo ich Ihnen gegenüberſaß und Sie mir die Hand gaben— Wiſſen Sie noch? That ich das? ſagte Armgart und blickte die neben dem Erlöſer ſtehende Madonna an, als läſe ſie alles, was ſie zu ſprechen wagen dürfte, erſt von deren Zügen ab... Das heißt, ſagte Thiebold und rückte auf der Bank etwas näher, das heißt, liebenswürdigſtes Fräulein, Sie ſetzten ohne Zweifel damals voraus, daß Ihnen— Ich ſetzte nichts voraus! ſagte Armgart. Ich war in einem Zuſtand völliger Betäubung... Einmal doch— ging Thiebold ſeinem Ziele, Bona— ventura's Auftrag zu erfüllen, näher,— einmal doch ſchienen Sie völlig und ſehr, ſehr zurechnungsfähig— als Sie nämlich mit Innigkeit mir oder vielmehr— ja mein Freund und ich— Sie wiſſen— Benno von Aſſelyn— liebt Sie, und auch ich— ich kann bei Gott und auf Ehre! ich kann allerdings nicht leugnen— O nicht das, Herr de Jonge! hauchte Armgart und hielt die Hand wie zur Abwehr... Hätt' ich eine Ahnung gehabt, daß mein Freund Sie in ſein Herz geſchloſſen hat, nie würde ich ſelbſt Ihnen ſoviel— Beweiſe meiner— Hochachtung gegeben haben, meiner aufrichtigſten— Fräulein, ich kann wol ſagen, ſtellenweiſe wahnſinnigen.. O nicht das! Nicht das! wiederholte Armgart... O Sie kennen die Liebe nicht, diejenige, mein' ich, die Ihr Anblick in einem— Männerherzen— entzündet, in einem Herzen, das im Stande iſt— wie geſagt— einem Freunde zu Liebe ſelbſt die ſchmerzlichſte Entdeckung ſeines Lebens— 118 Was befahl Ihnen der Domherr mir zu ſagen? unterbrach Armgart... O mein Fräulein! O ich bin zu tief beſchämt! O, im Wagen damals glaubten Sie, leugnen Sie es nicht, Benno, der, der ſäße Ihnen gegenüber! Ja, in der„Verſchwiegen⸗ heit des Dunkels“ ergriffen Sie— Ihre Hand wenigſtens, Ihre Handſchuhe waren es— die Hand Aſſelyn's, drück⸗ ten dieſe voll Innigkeit, ja es fehlte nicht viel, was ich dem Domherrn nicht einmal ſagte— Ich beichtete ihm nämlich meinen Betrug— daß nämlich Ihre Hand die ſeinige— ans Herz zu drücken vermeinte— worauf— wie geſagt aber— Sie waren im ſtärkſten Irrthum! Nämlich der von Ihnen Beglückte war ich!... Und, weit entfernt nun, mein Fräulein, dem Glück eines von mir aufrichtig geſchätzten Freundes— oder vielmehr eines meiner„beſten Bekannten“ entgegenzutreten, möcht' ich nur eine Ant⸗ wort auf die Frage haben: Soll ich ihm nicht das auf— richtige Geſtändniß machen, mein angebetetes, liebens⸗ würdiges Fräulein, über das, was in jener Nacht zwiſchen uns allen dreien vorgefallen iſt, ſoll ich es ihm nicht ſagen, ihn aufklären—?... Nein! rief Armgart... Nein! wiederholte ſie, und noch einmal ſprach ſie mit feſter Stimme: Nein! Thiebold wußte nicht, wie ihm geſchah... Er mußte ſich vor Schrecken über dieſe leidenſchaftliche Ableh⸗ nung unwillkürlich umſehen... Ich ſoll nicht—? ſtotterte er... Nein! war die wiederholte Antwort, die ſie nur ab⸗ brach, weil am Tabernakel hinter dem Altar plötzlich ſagen? 1O, im Venno, hwiegen⸗ nigſtens, ;, drück⸗ was ich tete ihm dand die f— wie Nämlich entfernt ufrichtig „beſten ne Ant⸗ das auf⸗ liebens⸗ zwiſchen bt ſagen, ſie, und — . Et e Ableh⸗ nur ab⸗ plötzlih 119 ein Geräuſch gehört wurde. Es ſchien eine Thür ge⸗ gangen zu ſein... Dennoch nahm Thiebold nach einigem Aufhorchen die Rede wieder auf und war ſogar geneigt, in ſein Erſtau⸗ nen den Vorwurf der Undankbarkeit gegen Benno zu miſchen —„von ihm ſelbſt ſollte allerdings keine Rede mehr ſein“— aber Fräulein, Sie misverſtehen mich! Oder viel⸗ mehr im Gegentheil... Der Domherr wünſcht, daß ich die Wiederherſtellung der Wahrheit und Benno's Glück beför⸗ dere! Er ſelbſt will es übernehmen, Benno dann zu ſagen— Nein! Nein! Nein! Aber ich beſchwöre Sie— ſoll denn alles, was ge— weſen iſt, ausgelöſcht—? Ja! Die Fahrt durch die Berge gar nicht ſtattgefunden—? Nein! Benno glaubt aber in Ihrem Herzen— Nichts ſoll er glauben— Das iſt ja unglaublich! Geradezu fürchterlich! Ich habe ja mit Benno ein ganz freundſchaftliches Abkommen getroffen, daß blos Ihre eigene Entſcheidung— Nun ſprang Armgart auf... Ein Ton war beiden zu gleicher Zeit vernehmbar geworden, der ganz in der Nähe dem Schließen eines Schlüſſels oder dem Zufallen eines Schloſſes entſprach... Da iſt ja jemand! rief Armgart mit erſtickter Stimme. Und ſchon war auch Thiebold aufgeſprungen. Mit drei Sätzen war er auf der Erhöhung des Altars und ſtarrte abwechſelnd auf die beiden Vorhänge, die zur Seite hingen. 120 Hinter dem Altar war's! rief ihm Armgart nach... Thiebold hob links die rothen Vorhänge auf... Er ſah den Raum, der die Sakriſtei bildete... Wer iſt hier? donnerte Thiebold, wild gereizt wie er war, in das Dunkel hinein... Armgart, bei aller Angſt mit ſchnell gefaßtem Ent⸗ ſchluß, ſprang an den zweiten Vorhang, als wenn ihre ſchwache Kraft einen hier Durchſchlüpfenden zurückhalten könnte... Auf Thiebold's Rufen folgte keine Antwort... Deutlich aber vernahm man immer noch ein polterndes Geräuſch, das die Anweſenheit irgendeines lebendigen Weſens beſtätigte. Es wird eine Katze ſein! ſagte endlich Thiebold mit dem ganzen, überſtrömenden Ausdruck ſeiner Wehmuth, während Armgart ſich bereits in gleicher Stimmung auf einen Geiſt vorbereitet hatte... Sie ſtand ſtarr und hielt krampfhaft den Vorhang in ihren Händen feſt... Thiebold ging im Dunkeln mit wiederholtem: Wer iſt hier? um die Hinterwand des Hochaltars herum.. Stoßen Sie ſich nicht! rief Armgart mit elegiſchem Schmelz. Dort ſteht Schrank an Schrank... Es waren die Schränke zur Aufbewahrung der Opfer⸗ geräthſchaften und Meßgewänder... Thiebold kam auf der andern Seite Armgart entgegen und verſicherte, nichts geſehen zu haben... Er ging dann noch einmal zurück. Armgart folgte ſogar... An einer Thür, die zum Archiv führte, rüt⸗ telten beide... ſie war verſchloſſen... An den Schrän⸗ ken rüttelten ſie... alles war unverſehrt... 121 nach. Wie beide auf der andern Seite wieder herauskamen .. Er und Thiebold das Erſtaunen über Armgart's Erklärung und ihre den beiden Freunden nun ſchon während ihrer t wie er ganzen Anweſenheit in der Gegend bewieſene Kälte in feierlichſtem Ernſte wieder aufnehmen wollte, Armgart em Ent⸗ ſich ihm entzog und faſt entfloh, wurde die Aufmerkſam⸗ enn ihre keit auf ein anderes Geräuſch gelenkt, das ſich leichter ickhalten erklären ließ... Peitſchen knallten, Schellenbehänge von Roſſen klin⸗ tt... gelten, alle Hunde des Schloſſes bellten... lterndes Sie kommen von Neuhof zurück! rief Armgart wie hendigen erlöſt... Jetzt hätte Thiebold viel darum gegeben, wenn die mit dem Rückkunft des Onkels und Terſchka's ſich noch um eine vährend Viertelſtunde verzögert hätte... Sich ſelbſt gab er auf, en Geiſt nur in der That die Liebe zu ſeinem Freunde hieß ihn nyfßhaft noch reden... Er hatte ſchneidende Vorwürfe, bittere Vermuthungen auf ſeinen Lippen... Per iſ Im ganzen Schloſſe wurde es mehr und mehr lebendig... . Kommen Siel rief Armgart. Sie ſind's! giten Damit drängte ſie zur Thür... Die Rückkehrenden waren es in der That, und oyfer Thiebold hatte ſogar eine Ahnung, Benno und Bona⸗ ventura würden mitkommen; erſterer vielleicht um ihn rger abzuholen und auf ſeinem Heimgang nach Witoborn zu ntgeg begleiten... polge Er konnte Armgart nicht zurückhalten, nicht um Whe Aufklärung bitten, keines ſeiner aufgeregten Gefühle zhrin⸗ weiter ausſprechen... Schon gingen im Schloſſe an allen Flanken die Klingelzüge... Man hörte das An⸗ = 122 fahren der großen vierſpännigen Kutſche, des Staats⸗ wagens der Dorſtes, und einer zweiſpännigen kleinern, die für Terſchka und Benno beſtimmt geweſen war. Thiebold, mit äußerſtem Schmerz das Verſchwinden einer ſchönen Lebenshoffnung wie für ewig fürchtend, hätte wenigſtens nur noch Armgart's Hand ergreifen mögen und er that dies auch und hielt ſie feſt und bat und flehte um Aufklärung... Laſſen Sie! ſagte Armgart. Das Wort war faſt verletzend, vornehm ſogar. Sie war plötzlich wie ge⸗ reift zur Jungfrau... Aus allen ſeinen Himmeln geſtürzt, von Armgart's Kälte wie mit Eiſesluft angeweht, folgte Thiebold mit langſamem Schritt... Im Hofe— da war es lebendig... Die Hunde ſprangen und riſſen an den Ketten, an die ſie zur Nacht gelegt wurden... Laternen wurden emporgehalten.. Hin und her rannten die mitgekommenen Diener... Mit Lichtern kam der Diener, der bei Tiſch ſervirt hatte, von der Stiege herunter und rief nach dem neuen Haus⸗ knecht, den niemand bemerken konnte... Vorm Portal hielten die Wagen. Schon ſtanden in der großen Eingangsflur, ſich aus ihren Pelzen heraus⸗ wickelnd, in ſchwarzen Fracks und weißen Halsbinden und Trauerhandſchuhen der Onkel Levinus von Hülles⸗ hoven, Baron Wenzel von Terſchka und in der That auch Benno... Bonaventura fehlte... Es ließ ſich annehmen, daß er im Trauerhauſe bei ſeinem Stiefvater zurückge⸗ blieben war. Staats⸗ inern, die ſchwinden nd, hätte n mögen d flehte war faſt wie ge⸗ Hunde ar Nacht lten... ner... et hatte, en Haus⸗ nden in heraus⸗ lsbinden Hülles⸗ er That mehmen, surücke⸗ 5. Armgart lag, als müßte ſie irgendwo ihr ſie über⸗ wältigendes Gefühl aufs mächtigſte ausſtrömen, im Arm des Onkels... Sie küßte ihm den Reif von ſeinem großen grau⸗ blonden Bart, in dem ſich ein Antlitz verbarg— ver⸗ gleichen wir's nur geradezu mit einem menſchlich ge⸗ modelten Thierkopf; denn gibt es gutmüthigere Augen als die des Pferdes oder eines treuen Hundes? Stirn, Backenknochen, Naſe(mehr konnte man vor dem Barte nicht ſehen) waren hart und maſſiv, aber die waſſer⸗ blauen Augen, ohnehin von der Fahrt und der Kälte feucht, glänzten ſo ſcheu, ſo gut, ſo treuherzig, wie— rügt den Vergleich!— die Augen der großen Bull⸗ doggen an den Ketten im Hof. Armgart umſchlang ihn mit einer Innigkeit, als ſollte alles, was durch das Ge⸗ ſpräch in der Kapelle ſich in ihrer Bruſt vom Gefühl einer mit Gewalt abgelehnten Liebe geſammelt hatte, doch jetzt Einem zugute kommen. Benno grüßte einfach und ſchüttelte dem gewiſſens⸗ 124 ſcheuen, im Laternenſchimmer vollends geiſterbleichen Thie⸗ bold die Hand... Terſchka war ſchon unterwegs, die Tante zu begrüßen, die allen auf halber Treppe entgegenkam, während ſich oben auf dem Corridor auch Paula ſehen ließ, vor der ſchon einer der mitgekommenen Diener mit einem ſilbernen Leuchter von mehreren Flammen ſtand und ihre zu allen Zeiten feierliche Erſcheinung würdevoll beleuchtete. Geſund und wohl? konnte man freudigſt und unge⸗ hindert fragen... Alles glücklich abgelaufen? fragte man ſchon weniger ungehindert... Denn in Gegenwart Paula's mochte man nicht verrathen, daß ſie eine Störung des Leichen⸗ begängniſſes im Düſternbrook geſehen hätte— darüber war keinem von den Zurückgebliebenen ein Zweifel, daß wirklich dort etwas vorgefallen ſein mußte... Oben im Vorſaal ließen die Männer ihre ſchweren Bekleidungen und fanden, links ſogleich durch das Eß⸗ zimmer ſchreitend, in einem heute noch gar nicht geöffnet geweſenen, inzwiſchen geheizten gemeinſchaftlichen großen Wohnſaale im linken Thurm die Zurüſtungen zum Thee. Das war denn ein traulicher Raum. Ein großer runder Tiſch, höchſt kunſtvoll ausgelegt, war nur in der Mitte mit einer kleinen Damaſtdecke belegt. Auf dieſem ſtand ſchon die ſiedende Theemaſchine. Nähtiſche waren dicht noch an dieſen Tiſch gerückt mit weiblichen Handarbeiten... Eine große, mit einem Blechſchirm bedeckte Ampel mit mehreren Flammen, die mit metallenen Ringen an der Decke befeſtigt war, be⸗ leuchtete das ganze, rings mit Gemälden geſchmückte, hen Thie⸗ begrüßen, rend ſich „vor der ſilbernen zu allen fe. nd unge⸗ weniger mochte Leichen⸗ darüber fel, daß ſchweren das Ef⸗ geöffnet großen Thee. großer ar nur egt. ine.. ict mit t einem ꝛen, die ar, be⸗ zmückte 125 teppichbelegte Zimmer... Die weißen Fenſtervorhänge waren niedergelaſſen... die Gardinen waren zugezogen . das Feuer in einem hohen Kamin praſſelte... es war eine Stätte des Friedens... Onkel Levinus ſchritt, umſchlungen von Paula und Armgart, wie ein von langen Reiſen Zurüclekehrter daher... Es war ein unterſetzter, ſtämmig gebauter Herr... In ſeinem Lächeln lag ſogar etwas Liſt, jene Liſt, die der Ausdruck des Geiſtes iſt, den dieſer immer dann hat, wo er ſich waffen⸗ und harmlos gibt. Der Jung⸗ geſell zeigte ſich in der chevaleresken Begrüßung der Tante, die ihm auch ihrerſeits ganz holdſeligſt entgegenkam und jetzt nicht das Mindeſte verrieth von ihren gewohnten Mis⸗ billigungen z. B. ſeiner Methode, die Merinoſchafe aus Spanien einzuführen, ſeines Bohrens auf Steinkohlen⸗ lager, die ſich nicht fanden, ſeiner Geſtütsveredelungs⸗ verſuche und ähnlicher Dinge, die ſie ſeit Jahren an dem phantaſtiſchen und koſtſpieligen Wirthſchaftsführer con⸗ troliren mußte... Terſchka fragte nach dem Poſtpacket, das ſie mit⸗ gebracht hätten von Witoborn... Armgart wurde ſo⸗ gleich von der Tante bedeutet, es aus dem Wagen zu holen... Schon ſprangen drei Männer zu gleicher Zeit, den Auftrag ihr abzunehmen... Thiebold nicht am ſicher⸗ ſten... Benno ſchon in beſchleunigterer Haſt Terſchka der Flinkſte... Armgart hielt indeß alle zurück, bat, ſich zu ruhen, und ging allein. Benno, von einer der Tante an ihm ganz ungewohnten 126 Eleganz, wie ein Hochzeiter, zog die Handſchuhe aus und ſtrich ſich vor innerer Erregung den ſchwarzen Bart und ſein lockiges Haar... Und der Onkel erzählte ſchon: Bonaventura's Mutter war auf dem Schloſſe noch nicht anweſend, aber das große Déjeùner dinatoire, das man zur Stärkung bei den weiten Diſtanzen der Wohn⸗ orte aller Geladenen mit voller Genugthuung antreffen durfte, war höchſt koſtbar geweſen... Man hatte das Mahl im Stehen eingenommen... um ein Uhr brach endlich der Zug auf... Die Segnungen hatte dann dem Sarge der Geiſtliche des Sprengels gegeben, in dem das Schloß liegt... Dann hatten die Mönche den Sarg in Empfang genommen, an der Spitze der neue Provinzial, Pater Mau⸗ rus, Nachfolger des verſtorbenen Henricus... Die Bei⸗ ſetzung im Kloſter ſelbſt war ohne Feierlichkeit erfolgt... Bonaventura hatte dabei etwas zu ſprechen keine Veranlaſ⸗ ſung... Im Kloſter Himmelpfort hatten ſich alle Ein⸗ geladenen und nur aus Rückſicht um die Dorſtes Gekom⸗ menen getrennt... Bonaventura war noch mit einem der Wagen des Präſidenten zurückgeblieben, um im Klo⸗ ſter den Pater Sebaſtus zu beſuchen... Dann hatte er wieder nach Schloß Neuhof umkehren und erſt morgen im Kreiſe von Weſterhof erſcheinen wollen... Paula hörte dieſen Mittheilungen mit Aufmerkſamkeit und Ergebung zu. Benno ergänzte: Beſonders geiſtlich ſind die Gedanken der Leidtragen⸗ den nicht geweſen!... Der Landrath machte curioſe Späße. 2 aus und Bart und loſſe noch toire, das er Wohn⸗ antreffen das Mahl ndüch der m Sarge as Schloß Empfang ter Mau⸗ Die Bei⸗ ffolgt... Veranlaſ⸗ alle Ein⸗ 5 Gekom⸗ nit einem im Klo⸗ un hatte t morgen erkfamkeit idtragen⸗ e curioſe 127 Ja, ſagte der Onkel, Späße, die für eine Kindtaufe gepaßt hätten!... Niemand ging jedoch beſonders dar⸗ auf ein... Die Verabredung zur Jagd iſt zu Stande gekom⸗ men? fiel Thiebold zerſtreut ein... Graf Hovden, die Hakes, Graf Münnich und andere beauftragten uns, mit der gräflichen Jägerei Rückſprache zu nehmen, ſagte Terſchka, und die Leute meinen, daß gerade heute Abend noch im Finkenhof das Jagdperſonal verſammelt ſein würde... Herr von Aſſelyn ſchlug vor, heute Abend den Umweg über den Finkenhof zu machen... Ich begleite ihn und ſo bringen wir alles in Ordnung! Gut! Gut! ſagte der Onkel und deutete die Au— torität an, die vorzugsweiſe Terſchka hier gebührte. Der Weg iſt ja nicht weit... Die Tante war inzwiſchen wieder ungeduldig geworden über Armgart, die erklärt hatte, die Poſt allein beſorgen zu können, und nun nicht wiederkam... Sie ſchien auch ſchon zu bemerken, daß die Männer in der That etwas im Rückhalt hatten... Terſchka ſprach mit Paula und war die Artigkeit und Rückſicht ſelbſt... Die zurückgekommenen Diener, die in ihrer etwas altfränkiſchen Staatslivree, Grün mit Gold, geblieben waren, arrangirten den Thee... Die Herren ſetzten ſich... Wie ſtill, begann der Onkel mit einer wohltönenden, aber nur leiſen und, wie dem Forſcher ziemt, nur prü⸗ fenden Stimme... wie ſtill kann nun ſo ein wildes Men⸗ ſchenkind werden! Wie lange hat doch dieſer Mann in der Welt rumort! Es iſt dein Onkel, Paula! Aber 128 der hat die Spanne Zeit, die ihm der Schöpfer gemeſ⸗ ſen, benutzt wie ſein unveräußerliches Eigenthum! Ein ſchauerlicher Augenblick, als wir in dem dunkeln, ſchnee⸗ verſchütteten Grunde an dem hohlen, blitzzerſchlagenen Eichbaum vorüberkamen, wo einſt der Deichgraf Klings⸗ ohr gefallen!... Ja, vorher ſchon!... Ich er— ſtaunte, im Dickicht ein gewiſſes Kreuz wiederzufinden, das, ſolange der Kronſyndikus noch im Gebrauch ſei⸗ ner geſunden Sinne war, an jener Stelle nie ſtehen durfte... Bruder Hubertus ſcheint es geweſen zu ſein, der es wieder aufgerichtet hat... Er iſt von ſeiner Reiſe zurück... Terſchka, immer die Thür fixirend, durch die Arm⸗ gart zurückkehren mußte, und eine Taſſe Thee entgegen⸗ nehmend, ſagte: Ich bin nun faſt ein halbes Jahr in der Gegend, hörte ſoviel vom Bruder Hubertus und ſah ihn heute zum erſten mal... Er iſt erſt jetzt von Wanderungen heimgekehrt, die ihn bald in dieſes, bald in jenes Kloſter ſeines Ordens, oft bis in die Schweiz hineinführen, erwiderte Onkel Levinus. Gleich beim Anblick des Kreuzes, vor der Störung an der Eiche, dachte ich mir: Jetzt muß wol der Knochenmann wieder daſein! Welche Störung? fragte ſchon vor dem„Knochenmann“ die Tante und ſah Thiebold an, der ſeinerſeits zu der vom herabfallenden Lampenſchimmer wie verklärten und nur auf die Erwähnung Bonaventura's harrenden Paula mit gedankenverlorener Andacht blickte... Ja! fuhr der Onkel fort, das war, um es nur zu p fer gemeſ⸗ um! Ein (n, ſchnee⸗ ſchlagenen af Klings⸗ Ich er⸗ erzufinden, rauch ſei⸗ nie ſtehen en zu ſein, von ſeiner die Arm⸗ entgegen⸗ „Gegend, ihn heute imgekehlt, ter ſeines erwiderte uzes, vor gesi muß henmann“ ts zu der iren und den Paula s nur zu 129 ſagen, ein recht verdrießlicher Augenblick! Ein förmliches Todtengericht! Ich zitterte für den Präſidenten, der neben dem Domherrn ſaß und die Scene erleben mußte! Auch der Landrath, wie uns Herr von Terſchka ſpäter mittheilte, ſoll ſich furchtſam in ſeine Ecke gedrückt und vergeſſen haben, daß gerade ſeine Autorität hier am Platze war... Wer weiß, wie lange dieſe Scene gedauert hätte, wäre nicht Herr von Terſchka zum Wagen hinausgeſprungen und hätte die gehemmte Ordnung des Zuges wiederherge⸗ ſtellt... Tante Benigna's Augen hafteten an denen Thie⸗ bold's... Bruder Hubertus unterſtützte Sie endlich, Herr Baron! ſchaltete Benno ein, den Terſchka's geſpanntes Warten auf Armgart zu ſtören ſchien... Man hätte von ihm, ſoviel ich höre, dieſe Großmuth kaum er⸗ warten ſollen... Welche Großmuth? fragte Terſchka. Was hat es mit dem Bruder für eine Bewandtniß? Das zu erklären, fuhr der Onkel faſt frauenzimmer⸗ lich erröthend fort, möchte— Die Tante wußte, daß die„Gegenwart der Damen“ hinderlich war und fiel ſogleich ein: Welche Störung fiel denn nur vor? Paula ſaß jetzt, als beſänne ſie ſich auf einen Traum, den ſie vor langer, langer Zeit gehabt haben konnte... Auch Benno ſah ſie auf das Wort des Onkels mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an. Sie machte den Eindruck, als wären unter dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubs⸗ flügel alle Dinge der Erde rein und unentweiht... Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 9 130 Der Zug mußte im Düſternbrook eine Biegung ma⸗ chen, erzählte der Onkel, ſodaß wir auch im Wagen alles mit anſehen konnten, was vor uns mit dem Sarge ge⸗ ſchah. Vier Laienbrüder trugen ihn. Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Mönche und alle ſangen. Hintennach folgten die Dienerſchaften von Schloß Neuhof, die Vorſtände der Wirthſchaft, die Beamten der Witte⸗ kind'ſchen Verwaltung. Dann erſt kamen die Kutſchen. Wie der Sarg an der bekannten Eiche vorüberkam, empfing ihn an dem zum Zuſehen bequemſten Platze eine dort verſammelte Menſchenmenge... Bauern, Knechte, Weiber, Kinder, alles dicht geſchart... Zu⸗ fällig machten die Geſänge der Mönche eine Pauſe... Da ertönte anfangs eine Geige... In luſtiger Me⸗ lodie fiedelte irgendjemand, den man nicht ſah, und gerade aus dem Menſchenknäuel heraus... Erſt konnte man an einen Bettler denken, der die Gelegenheit nutzen wollte, auf die Art zu einem Almoſen zu kommen... Bald aber hörte man eine laute Stimme rufen: Schweig, Todtengräber! Hier erſt noch drei Hände voll Erde! Ihr Heiligen! rief die Tante erſtaunend, da auch der Onkel im Erzählen feierlich die Stimme erhob... In demſelben Augenblick ging die Thür auf und Armgart kam zurück... Sie kam ohne die Brief- und Zeitungsmappe... Niemand fragte jetzt danach, ſo ergriffen war noch alles von dem eben Mitgetheilten... Thiebold klärte Armgart raſch über das auf, wovon die Rede war... Dieſe hörte wie geiſterhaft und abweſend 3u... ꝛgung ma⸗ agen alles Sarge ge⸗ gingen der le ſangen. ß Neuhof, der Witte⸗ Kutſchen. rüberkam, en Platze Bauern, ... Zu⸗ Pauſe.. iger Me⸗ ah, und iſt konnte eit nutzen mmen... Schweig, Erde! auch der auf und appe.. war noch wovon Schweig, Todtengräber! wiederholte der Onkel. Hier erſt drei Hände voll Erde! rief die Stimme. Da trat eine hohe, kräftige Geſtalt in grauem Mantel aus der Menge, hielt einen Gegenſtand hoch empor, zog den Hut, als wenn er die Raben ringsum, die grauen Wolken, die kahlen zackigen Zweige, die Trauerkutſchen grüßen wollte, und rief: Kronſyndikus von Wittekind⸗Neuhof! Nimm zu deinem himmliſchen Ehrenkleid auch noch dieſen Orden mit! Ein ab instantia abſolvirter Mörder empfiehlt dich der Gnade Gottes, des Heilands und der allerſeligſten Jungfrau! Erſchein' am Tage des Gerichts mit dieſem grünen, damals nicht verbrannten Fetzen Tuche— Die Frauen blickten ſtarr auf den Onkel, der alle dieſe Worte mit Feierlichkeit nachſprach... Die Tante war vor Entſetzen halb aufgeſtanden... Benno berichtete weiter; denn dem Onkel ſtockte ſchon die ſchwache Stimme... In dieſem Augenblick, ſagte er, wo wir alle die glei⸗ chen Empfindungen haben mußten, wie Sie ſie jetzt allein vom bloßen Berichte haben, war die Scene bereits von Herrn von Terſchka unterbrochen worden... Doch nicht! doch nicht! ſagte dieſer von einem Nach— denken auffahrend... Noch ehe ich aus dem Wagen war, um die Störung zu unterbrechen, war ſchon ein anderer Zwiſchenfall eingetreten... Die Geige— Bitte! ergänzte Benno. Erſt hörte man einen ſchreck⸗ haften Schrei... Aber auch Paula erhob ſich jetzt... Armgart hatte nicht Platz genommen, obgleich ihr Terſchka und Thie⸗ bold einen Stuhl holten, wie ſie eintrat... 9 ⁵., 132 Ganz recht! beſtätigte der Onkel. Man erfuhr, daß im Dienſtperſonal ein Frauenzimmer ohnmächtig gewor⸗ den war. Es war das die Liſabeth, die Beſchließerin von Schloß Neuhof... Dann war— das ja wol— jener Küfer? ſchaltete die Tante mit Entſetzen ein... Stephan Lengenich! beſtätigte der Onkel. Wir er⸗ fuhren es ſpäter. Die Verwirrung des Augenblicks ließ ſich nicht ganz überſehen, weil inzwiſchen der Zug ſchon weiter ging und die Mönche ſchon wieder ſangen. Aber den Anblick alles Spätern hatten die doch noch, die nur langſam nachfuhren. In die Rede des damals unge⸗ rechterweiſe angeklagten Küfers hinein ertönte wieder die Geige. Ihr Spiel war ſo frech, ſo teufliſch, ſo voll Hohn fiel ſie ein in die furchtbare Rache des Küfers, die ſie gleichſam unterſtützen wollte, daß jedermann dem nur danken mußte, der ſich plötzlich auf den Geiger warf, ihm ſein Inſtrument aus den Händen ſchlug und ihn, da er Widerſtand leiſten wollte, faſt mit Füßen trat. Das war dann niemand anders, als unſer alter guter Freund, der Bruder Hubertus... Benno und Thiebold mußten ſich mit Beſorgniß Paula nähern, die wie in Erſtarrung wieder in ihrem Seſſel ſaß, während die Tante an die Thür eilte, um ſicher zu ſein, daß in dieſem Augenblick der Erörterung mis⸗ licher Familienverhältniſſe die Diener nicht hereinkamen... Ja, das Maß iſt gerüttelt und geſchüttelt voll, ſagte der Onkel tiefſchmerzlich und die Hände gefaltet auf den Tiſch vor ſich hinlegend, das Maß der Chrenkränkung, die ſeiner Familie ein wilder und entſetzlicher Mann hin⸗ fuhr, daß ig gewor⸗ ßerin von ſchaltete Wir er⸗ blicks ließ Zug ſchon Äber den die nur als unge⸗ wieder die ſo voll ffers, die dem nur ger warf und ihn, ißen trat. lter guter Beſorgriß in ihrem um ſichet ung mis⸗ kkamen. poll, agte fauf den rkränkung, kann hit⸗ 133 terlaſſen hat! So ging es doch mit ihm faſt funfzig Jahre hindurch! So klagen ihn todte und lebendige Zeugen an! So öffnen ſich die Gräber, um ein Ge⸗ heimniß nach dem andern ans Tageslicht zu bringen! Paula! Du gutes, gutes, treues Kind— Auf dieſe liebevolle Anrede, die dem Schmerz galt, den Paula um die Ehre ihrer Familie, um Mutter und Vater empfinden mußte, hatte ſie ſich raſch aus dem Zimmer entfernt... Armgart flog ihr wie ihr Schat⸗ ten zu hülfreichem Troſte nach... Nun erzählte die Tante den theilweis hocherſtau⸗ nenden Männern Paula's Traumgeſicht... Alles was ſie geſehen hatte, wurde von den Männern be⸗ ſtätigt. Wild, wild war der Anblick deſſen, was an der Eiche geſchah! ſagte der Onkel, der ſeinerſeits an dieſe Viſionen ſchon gewöhnter war. Da mußte ſie wol erwachen... Der Geiger war der Taugenichts, der alte buckelige Stammer! Rächen wollte er ſich für die Verweiſung aus dem Schloſſe durch den Präſidenten... Der Küfer hatte den Fetzen Tuch, der einſt vom Deichgrafen dem Kronſyndikus abgeriſſen war und ſo lange nicht gefunden werden konnte, wenn es überhaupt der echte war, auf den ſilberbeſchlagenen Sarg, mitten unter die Ordensinſignien gelegt! Als er das gethan, taumelte der Mann— es war auf den Schrei der Liſabeth— wie ein Kind und wurde von dem anweſenden Löb Seligmann gehalten, dem Juden, der ihn zu kennen ſchien. Herr von Terſchka, Sie werden ja wol das Nähere von dem drolligen Muſikſchwärmer erfahren 3 134 können! Aber dem Geigenſpieler ging es ſchlimm. Hubertus zertrat ihn faſt; obgleich Stammer der Bruder des Mädchens war, um das auch der Bruder Abtödter den Kronſyndikus ſo bitter haßte. Die Tante, die den Onkel in der weitern Mitthei⸗ lung der Geſchichte des Mönchs Hubertus nicht ſtören wollte, entfernte ſich, um nach Paula zu ſehen... Es kamen jetzt Beſtandtheile eines Soupers, auch einige Fla⸗ ſchen Wein, die ſie den Männern überließ... Der Abtödter, hört' ich, nennt man ihn? fragte Terſchka kopfſchüttelnd, als die Diener fort waren... Man nennt dieſen Mönch ſo in den Klöſtern und im Volke! erklärte der Onkel. Sein eigentlicher Name iſt Buſchbeck... Buſchbeck! wiederholte Terſchka befremdet und wie⸗ derholte lange ſinnend: Buſchbeck? Buſchbeck?.. Terſchka's eigenes, allen hier unbekanntes Leben ſchien mit dieſem oder einem ähnlichen Namen eine Be⸗ ziehung zu haben... Der Onkel erzählte mit gedämpfter Stimme und raſch die Abweſenheit der Frauen nutzend: Auch Sie, Herr von Aſſelyn, werden ſich ja wol aus Ihrer auf Hof Borkenhagen verlebten Jugend des För⸗ ſters Buſchbeck— nein, Sie mußten ihn ſchon nur als Mönch gekannt haben— Es muß jener Laienbruder ſein, ſagte Benno, der dem alten Hedemann einmal ein Pferd mit Sympathie curirte... Dreizehn Haupthaare von einem Scharf⸗ richter in einem Teig von Weizenmehl und Oel ein⸗ gegeben und das Pferd erhielt ſich... climm. Bruder (btödter Nitthei⸗ ſtören Es he Fla⸗ en und Name wie⸗ Leben ne Ve⸗ 135 Der Glaube macht ſelig! lachte Thiebold, der ſich all⸗ mählich zu finden und ſchon wieder zu ſerviren anfing... Aber der Onkel entgegnete: Warum? Die Geheimniſſe der Natur ſind uner⸗ gründlich! Terſchka, immer ſinnender und ein anerkannter Vir⸗ tuoſe der Reitkunſt, fiel ein: Die Hauptſache an dem Mittel werden das Oel und vielleicht auch die Haare geweſen ſein! Wann kam denn dieſer Mann hier in die Gegend? In den Jahren vor den Befreiungskriegen, etwa 1808, erzählte der Onkel. Es war ein ſchlanker und gewandter Mann, der bei den Holländern in Java ge⸗ dient hatte.. In Java! ſprach Terſchka leiſe und ſein ſonſt ſchon immer wachsbleicher, faſt gelblicher Teint nahm eine eigenthümliche Färbung an... Er verlor in dem Grade ſeine gewohnte Elaſticität, daß er jetzt ganz als der Vierzigjährige erkannt werden konnte, der er war, wäh⸗ rend ſonſt der viel jugendlichere Benno faſt älter aus⸗ ſah, als er... Er rühmte ſich mancher geheimen Jägerkunſt und manchem galt er für einen Freiſchützen! fuhr Onkel Levinus fort... Aber ſein Lebenswandel war achtbar und ſtimmte wenig mit dem Ton, der damals auf Schloß Neuhof herrſchte, wo ihn der Kronſyndikus anfangs zum Revierförſter machte... Es gab einſt eine wilde Zeit auf dem Schloſſe da, das wir heute ſo ſtill und geſpenſtiſch ſahen!... Freiherr von Wittekind war durch die Verfüh⸗ rungen des damaligen kaſſelſchen Hofes in ein Leben der 136 tollſten Liebeshändel gerathen. Immer hab' ich gefunden, daß Männer bei einer ſolchen Lebensweiſe zuletzt von ihrer Sinnenglut förmlich unterjocht werden. Jeder Gedanke ver⸗ wandelt ſich ihnen in Unlauterkeit, jeder Blick auf ein Weib in Begehrlichkeit, jede Vorausſetzung über die Tu⸗ gend des Menſchen in den frechſten Glauben an ſchlechte Möglichkeiten. Damals war auf dem Schloſſe eine Perſon allmächtig, ein Frauenzimmer zweideutiger Her⸗ kunft— eine gewiſſe— Benno befreite den Onkel von der Verlegenheit, ganz offen über eine ominöſe Beziehung zur Dechanei zu ſprechen... Legen Sie ſich keinen Zwang an! ſagte er. Frau von Buſchbeck hat für die Dechanei nie exiſtirt... Höchſtens, daß jetzt ihre Schweſter mit dem alten Wind⸗ hack ihr Privaterſtaunen austauſcht, wie das hübſche Vermögen der Ermordeten, doch an zwanzigtauſend Tha⸗ ler, an den Bruder Hubertus teſtirt wurde. Die Stifter und Kirchen ſind betrogen worden! Hammaker's Vertraulichkeit mit der Alten beruhte auf den Codicillen, die er möglich zu machen wußte, um die durch Nück und unter Zeugenaſſiſtenz zweier Herren Schnuphaſe und Klingelpeter getroffenen gottſeligen Beſtimmungen für den Fall ihres Todes wieder aufzuheben... Terſchka war über die Ermordung der ſogenannten Frau Hauptmann von Buſchbeck unterrichtet und lauſchte mit der größten Spannung... Dieſe außerordentliche Zärtlichkeit einer Perſon, fuhr der Onkel fort, die nicht einen, nein mehrerlei Teufel im Leibe gehabt haben muß, dieſe auffallende Anhänglichkeit an den Mönch Hubertus iſt eine Folge der Eitelkeit, da ſich ffunden, on ihrer nke ver⸗ auf ein die Tu⸗ ſchlechte ſe eine Die naker's deillen, Nück ſe und ür den annten auſchte „fuhr fel im keit an a ſich 137 Brigitta von Gülpen durchaus als die Frau Hauptmann von Buſchbeck geberden wollte... Als Hauptmann war der holländiſche Lieutenant Buſchbeck verabſchiedet worden; er war nicht von Adel, auch nicht etwa ſchimpf— lich entlaſſen; aus eigenem Antrieb hatte er und leider vor Erreichung ſeines höhern Penſionsgrades ſeinen Ab⸗ ſchied genommen. Man ſagt, weil ein dunkler Schleier gehoben wurde, der auf ſeiner Vergangenheit ruhen ſoll... Ich kenn' ihn nicht... Man ſpricht ja wol von ihm, es wäre ein Scharfrichtersſohn?... Auf dieſe Frage, die der Onkel an ſein eigenes Ge⸗ dächtniß richtete, wurde Terſchka's Auge das des Falken... Dieſem Fremdling, der in einer erwerbsloſen Zeit, müde des damals nur noch einträglichen Kriegsdienſtes, hingehalten mit ſeiner nur geringen Penſion, die einfache Stelle eines Förſters annahm, ſchenkte die damalige Wirthſchaftsführerin des Freiherrn, Fräulein Brigitta, ihr Herz. Sie war feurigen, lebhaften Sinnes, häßlich dabei wie eine Fledermaus. Der Fremdling konnte ſich ihrer Zudringlichkeit nicht erwehren; der Kronſyndikus that nie etwas umſonſt und wünſchte auf dieſe Art von einer Perſon befreit zu ſein, die ihm über den Kopf wuchs. Der Abenteurer mag aus Willensſchwäche und verblendet von glänzendern Anerbietungen, zugleich be⸗ rauſcht von der Wildheit des damaligen neuhofer Lebens, Zugeſtändniſſe gemacht haben, die er ſpäter bereute. Seinen ſpätern Aeußerungen zufolge will er niemals ein Weib geliebt haben, als nur einmal eine Tochter eines ſeiner Waldhüter, ein allerdings auffallend ſchönes Kind, Hedwig Stammer hieß ſie, ſchlank, hochgewachſen, b V 138 die Schweſter dieſes Buckeligen, den er heute mishan⸗ wei delt hat... V M Nach einer Pauſe des Erſtaunens über dieſe Zuſam⸗ no menhänge fuhr der Onkel fort: a Hedwig Stammer wurde im ſtillen ſeine Liebe und bald§ entdeckte dieſen Treubruch, wie ſie es nannte, die Megäre di auf dem Schloſſe. Sie erſann eine Rache, zu teufliſch um ſie nur nachzudenken, wenn nicht die Umſtände Begün⸗ di ſtigungen zur wirklichen Ausführung des Unglaublichen gegeben hätten. Die Leidenſchaften des Kronſyndikus kann⸗ er ten keine Grenzen. Keine Tugend war ihm heilig. Kein Weib, dem er irgend ſich glaubte nahen zu können, ließ er D ohne Anfechtung. Dabei begünſtigte ihn ſogar das Glück, An ohnehin ſein Reichthum und, wie das in ſolchen Fällen geht, die Courage. Ihm ſchien ein Widerſtand unmöglich und ſo vermeſſen war ſeine Menſchenverachtung, daß er ſich an die Unſchuldigſten wagte, ja durch Umtriebe aller Art es oft dahin zu bringen wußte, daß dieſe plötzlichin k irgendeiner Weiſe wirklich von ſeinem Willen abhängig a wurden. Hätte der Mann auf einem Throne geſeſſen, f er würde den größten Tyrannen beizuzählen ſein... Ein Blick auf die Nebenthüren und ein Lauſchen nach einem fernen Geräuſch drückte die Furcht des Onkels J aus, die Frauen möchten zurückkommen... Dem faſt J überſiedenden Waſſer im ſilbernen Keſſel ſprangen Benno und Thiebold zugleich bei durch Mildern der Flamme... Ich will es kurz faſſen! fuhr der Onkel ſich eilend fort. Der Kronſyndikus hatte ſein Auge auf die Frau des Deichgrafen Klingsohr geworfen. Die Vertraute ſeiner Lüſte, die Gülpen, unterſtützte ſeine Hoffnungen, mishan⸗ e Zuſam⸗ und bald Megäre fliſch um Begün⸗ zublichen us kann⸗ ig. Kein , ließ er s Glück, len geht, ich und er ſich be aller üßlich in abhängig geſeſſen .. Lauſchen JOnkels Ddem faſt Benno mme.. h eilend ie Frau ertraule nungen, 139 weil ihn Unmöglichkeiten unerträglich im Umgang machten. Mit Verachtung zurückgewieſen, entbrannte er in nur noch wilderer Glut. Da entdeckte die Gülpen die Nei— gung ihres ſogenannten Verlobten und ſchmiedete einen Höllenplan. Durch verſtellte Handſchriften machte ſie die Deichgräfin, wie ſie hieß, zur Correſpondentin des Kronſyndikus. Die Eitelkeit des Frevlers war einer völligen Sinnloſigkeit fäͤhig. Taumelnd in ſeinen Hoff— nungen, die ihm leider nur ſelten fehlſchlugen, glaubte er der Verſicherung der Gülpen, die Deichgräfin warte nur eine Reiſe ihres Mannes ab, um ihn zu erhören. Dann würde ſie ſelbſt einmal aufs Schloß kommen. In einer Nacht, wo kein Stern am Himmel ſtand, der Kronſyndikus gegen Mitternacht von einem Gelage heim⸗ kehrte, wisperte ihm das Scheuſal zu: Die Deichgräfin iſt da! Sie bleibt auf die Nacht bei mir zum Beſuch, das Wetter iſt zu ſchlecht— Wo? ruft der Trun⸗ kene und folgt in raſender Begier dem Weibe, das ihn an ihrer knöchernen Hand im Dunkeln geleitet. Plötzlich iſt ihr Licht erloſchen, alles ringsum finſter. In einer engen, dunklen Kammer trifft er eine ſchlanke, ſich eben entkleidende Geſtalt, wirft ſich auf ſie— und erſt wenige Minuten ſpäter, als es zu ſpät war, erkennen zwei Menſchen ihren grauenhaften Irrthum... Die Männer ſaßen erſtarrt... Es bedurfte von Seiten des Onkels kaum einer Erklärung, welche Rache hier ein weiblicher Böſewicht vollzogen hatte, der denn auch das Leben durch die Schlinge eines Mörders verlaſſen ſollte... Dennoch erklärte der Onkel das Vorgefallene ausführlicher: 140 Brigitte von Gülpen hatte Hedwig Stammer, die ſie tödlich haßte, allmählich an ſich gelockt und ſicher zu machen gewußt... In ihrer Waldwohnung ſuchte ſie ſie öfters auf, erklärte, die Untreue des Hauptmanns bräche ihr zwar das Herz, doch wolle ſie ſein Glück nicht hindern... Sie befahl nur dem Mädchen, die Beſuche, die ſie ihr, um ihren guten Willen zu zeigen, machte, dem„Herrn von Buſchbeck“ zu verſchweigen... Sie verſprach eine glänzende Ausſtattung, die Unter⸗ ſtützung des Kronſyndikus und lockte das arme Kind immer mehr und mehr an ſich... Eines Abends, da ſie es ſo veranſtaltet hatte, daß Hedwig einen Auftrag im Schloſſe auszurichten hatte, behielt ſie ſie bei ſich, er⸗ zählte von dem„Herrn von Buſchbeck“, Hedwig's Ge⸗ liebten, der noch dieſen Abend aufs Schloß kommen müßte und mit dem Kronſyndikus von einer Jagdpartie zurückkäme. Es regnete, es ſtürmte. Sie verſprach, Hedwig's Ausbleiben über Nacht ſogleich bei den be⸗ ſorgten Aeltern anſagen zu laſſen und brachte ſie in eine Kammer, wo ſie zur Nacht ruhen ſollte. Das argloſe Ding, das bis zwölf Uhr vergebens gewartet hatte, entkleidet ſich, läßt, da die Gülpen noch erſt gute Nacht zu ſagen zurückzukommen erklärte, die Thür offen, löſcht auf Befehl das Licht, weil die Gülpen von den Wunder⸗ lichkeiten des Kronſyndikus und ſeiner Strenge gegen Untergebene ſpricht, und nun ſtürmt die Gülpen plötzlich herein, ruft: Buſchbeck iſt da! Er kommt... Hedwig fährt auf, rafft ihre Kleider zuſammen—— Genug, drei Tage hielt ſich das Weib, dem ſeine Rache nur zu gut gelungen war, vor der Wuth des Förſters, dem die eer, die d ſicher g ſuchte ttmanns 1 Glück en, die zeigen, gen... Unter⸗ immer ſie es rag im ſch, er⸗ ps Ge⸗ kommen gdpartie eſprach den be⸗ in eine argloſt plötzlch Hedwig Genug, nur zu dem die 141 Getäuſchte, noch in der Nacht vom Sohloſſe entfliehend, ſich ſogleich entdeckte, verborgen... Buſchbeck würde ſie ermordet haben... ſie wußte das... Der Kronſyndikus, damals noch ſein eigener Gerichtsherr, verfügte gegen den Förſter, der ihn perſönlich anfiel, erließ ſofortige Ver⸗ haftung, dann Dienſtentlaſſung. Lachend verzieh er der Gülpen, nannte noch ſpäter, als in der That zufällig die in aller Unſchuld abweſende Deichgräfin eines Sohnes genas, dieſen, den jetzigen Mönch Sebaſtus, ſeinen wahren Sohn, d. h. den Sohn ſeiner Einbildung, ſeinen Sohn im Geiſte. Hedwig Stammer verfiel in ein Nervenfieber und ſtarb. Den ſogenannten Hauptmann von Buſchbeck wollten die franzöſiſchen Gensdarmen zwingen, Kriegsdienſte zu neh⸗ men oder die Gegend zu verlaſſen. Er flüchtete ſich nach Kloſter Himmelpfort, wo ihn der damalige würdige Guardian Henricus beſchützte, vollends als er nach dem Tode Hedwig's in den Orden trat. Das böſe Weib konnte ſich nicht länger im Schloſſe halten. Reich aus⸗ geſtattet an Geſchenken, für ihre Lebenszeit geſichert durch eine Penſion, zog ſie von dannen. Sie ſtellte ſich ſo wahnſinnig verliebt in ihren Verlobten, daß ſie alles, was ſie von ſeinen Sachen als Andenken nur ergattern konnte, mitnahm, javaniſche Pfeilſpitzen, chineſiſche Götzen, große ausgeſtopfte Vögel... Die Stammers wohnten dann ſpäter in einem Pavillon des Schloßparks und hatten das Gnadenbrot vom Kronſyndikus, der ſeine Jugendthorheiten ſpäterhin, wie das ſo geht, wenn die Kraft nachläßt, zu bereuen anfing... Und ſchon ein⸗ mal wurde ihm der Geiger zum Verhängniß. Dieſer Taugenichts war es, der den Tod ſeines Sohnes 142 Jeéröme dadurch veranlaßte, daß er dieſen, der zur Pflege in einem Dorfe jenſeit des Gebirges beim Pfarrer Huber, der jetzt hier in Witoborn ſteht, die Nachricht von der nach Hamburg gerichteten Flucht eines gewiſſen fremdartigen, ſchönen Mädchens anzeigte, das damals wiederum auf Schloß Neuhof, wenn auch frei⸗ lich unter andern Verhältniſſen, auftauchte— Bis zur gänzlichen Vollendung ſeiner Erzählung ge⸗ langte der Onkel nicht, denn in dieſem Augenblick kehrten die Frauen zurück... Tief erſchüttert ſchwiegen die Männer.. Was ihnen auf die Lippen ein ernſtes Schweigen legte, war nicht blos das Entſetzen über das Vernom⸗ mene, nicht blos bei Terſchka der mannichfache, faſt perſönliche Antheil, den er an allen dieſen Berichten zu nehmen ſchien, nicht blos bei Benno die Verbindung alles deſſen, was er über Klingsohr und Lucinden wußte, und der Nachhall des grauenhaft dämoniſchen Wortes des Kronſyndikus: Im Geiſt iſt doch Heinrich Klingsohr mein Sohn!— nicht blos bei Thiebold die Rückerinnerung an jenen Morgen, wo eine ſo böſe Uebelthäterin ermordet gefunden wurde, und an die ihm noch unbekannte Wen⸗ dung, die das Teſtament der Ermordeten genommen hatte(Bruder Hubertus ſollte in der That das Geld angenommen, aber zu beſtimmten Zwecken cedirt haben)— das ernſte feierliche Schweigen wurde noch mehr hervor⸗ gerufen durch den Gegenſatz, in welchem die reine, licht⸗ umfloſſene, weiblich verklärte Gegenwart der Wieder⸗ eingetretenen zu dem Unreinen ſtand, das durch menſch⸗ der zur s beim ht, die ht eines te, das ich frei⸗ ung ge⸗ kehrten hweigen hten zu bindung wußte, Wortes iingbohr nnerung rmordet e Wen⸗ nommen 5 Geld ben)— hervol⸗ e, lihh⸗ Wieder⸗ menſch⸗ — 143 liche Leidenſchaft wie aus einem Schwefelpfuhle herauf⸗ beſchworen ſo im Leben ans Licht treten kann. Die endlich von der Tante mitgebrachte Poſtmappe, aus der ſie ſchon ihre eigenen Briefe und die für Paula herausgenommen hatte, bot Gelegenheit, daß ſich die Em⸗ pfindungen ſammelten und eine Stimmung des Friedens und wenigſtens äußerlichen Behagens wiederherſtellte... Auch von Püttmeyer's Beſuch erzählte jetzt die Tante... Das lebhafte Intereſſe, das daran der Onkel nahm, wurde an einem ebenſo lebhaften äußern Ausdruck dafür nur durch die weit ausgebreiteten Zei⸗ tungen und das fortgeſetzte Mahl verhindert... Auf Schloß Weſterhof war nian ſonſt, was die Zeit⸗ ereigniſſe anlangte, immer ziemlich ſpät hinter ihnen zurück. Die neuen franzöſiſchen Miniſterien wurden ge⸗ wöhnlich erſt bekannt, wenn ſie ſchon wieder abgedankt hatten. Man hielt die Zeitungen der nahe liegenden Städte, las ſie aber nur von hinten her nach vorn, erſt in den Familiennachrichten und dann erſt in der politiſchen Rubrik und dieſe überſchlug man oft auch gänzlich... Paula durfte ſogar keine Zeitung früher leſen, ehe nicht die Tante ſie cenſirt hatte; denn ſchon lange kam es vor, daß Be⸗ richte:„Aus Witoborn“ oder:„Von der Witobach“ über die„Seherin von Weſterhof“ oder über die„Dorſte'⸗ ſche Erbſchaftsfrage“ ſchrieben. Seit dem Kirchenſtreit war eine etwas größere Leſeluſt eingetreten. Die Tante, Paula, Armgart, das Stift Heiligenkreuz ſchwärmten für den abgeſetzten Kirchenfürſten. Onkel Levinus entzog ſich dem gemeinſamen Geiſte der Provinz um ſo weniger, als für ihn zwar nicht, wie bei Profeſſor Guido Gold⸗ 144 finger, ſchon der Schöpfer in der Erſchaffung der Pflan⸗ zen und Blumen das katholiſche Princip voraus ſigna⸗ liſiren wollte, doch die Geſchichte, vorzugsweiſe die der alten Hindus, ihm entſchiedene Tendenzen zum römiſchen Glauben verrieth. Oft ſchon hatte er mit dem Bru⸗ der Hubertus über den Glauben der Chineſen geſpro⸗ chen und ſah überall die Anknüpfungspunkte der Miſ⸗ ſionäre verfehlt. Er konnte oft auf einige Monate ganz die Chemie, leider auch die Oekonomie vergeſſen, nur um die Dreieinigkeit nicht in den Glauben des Confucius hineinzutragen, ſondern ſie„ganz evident“ aus ihm heraus zu entwickeln. Eine Reiſe nach Aethiopien, zunächſt um daſelbſt dem wirklichen Vorhandenſein des bekanntlich nur im engliſchen Wappen und in der Bibel vorkommenden fabelhaften Einhorns nachzuforſchen, dann aber auch um ſich über alles zu orientiren, was mit dem Cultus der „ſchwarzen Madonna“ bis zum Völkervater Ham zurück zuſammenhing, wäre ihm ſchon bei geringerer Liebe zur Bequemlichkeit eine ſeiner bedeutendſten Lebensaufgaben geweſen... Den Ghibellinen gegenüber ſagte auch er, wie hier alle:„Religion muß apart ſein!“ d. h. in keine Verbindung und Abhängigkeit mit der ſonſt ver⸗ bürgten politiſchen Loyalität treten. Der Erörterungen über das Neueſte in dieſen Strei⸗ tigkeiten gab es genug... Terſchka ſchwieg dazu... Er ſah in ſeine Briefe, die zahlreich waren... Einen ſchien er darunter zu vermiſſen. Er betrachtete die Poſtſtempel und fragte: Iſt das die ganze heutige Poſt? er Pflan⸗ s ſigna⸗ e die der römiſchen em Bru⸗ geſpro⸗ der Miſ⸗ nate ganz ſen, nur Confucius m heraus rächſt um ttlich nur Liebe zut zaufgaben auch er d. h in onſt ver⸗ Strei ſen „ g refe ne Brie etrachtel 145 Armgart fiel ihm in die Rede und begann mit einer plötzlich aufleuchtenden, für die Stimmung des kleinen Kreiſes faſt unpaſſenden Lebendigkeit und jetzt auch zu Benno gewandt, deſſen ſchmerzlich fragende Blicke ſie anfangs gemieden hatte: Wann ſoll die Jagd ſein? Ich gehe mit! Nicht auf Münnichhof zu den Transparenten, nein! Ich ſchieße mit den Männern um die Wette! Laſſen Sie mir den Pancraz als Leibſchütz, Herr von Aſſelyn! Armgart! lautete der einſtimmige Verweis aus des Onkels, der Tante und Paula's Munde... Alle blick— ten dabei von ihren Briefen und Zeitungen auf... Warum denn nicht? fuhr Armgart mit glühendem Antlitz fort. Kann ich nicht ſchießen? Ich hab's vom Heydebreck gelernt! Soetbeer und Pancraz können be⸗ zeugen, daß ich vor Weihnachten auf dem Wege zum Stift im Niederholz ihnen begegnete, dem Pancraz die Flinte aus der Hand nahm und einen Haſen traf, der unfehlbar mir über den Weg gelaufen wäre! Ich wollte kein Unglück haben... Die Männer mußten auflachen über dieſe eigene Art, dem Schickſal ſeine böſen Vorbedeutungen mit Ge⸗ walt zu vereiteln... Die Tante ſah nur kurz vom Brief einer guten Freundin auf und bemerkte: Deshalb entdeck' ich auch in deinem Zimmer immer die meiſten Spinngewebe! Du denkſt, Spinnen bon espoir. Ich aber denke, jedes Unglück, das ſich nur durch Wildheit und Unordentlichkeit abwenden läßt, muß man getroſt ertragen! Gutzkow, Zauberer von Rom. V 10 146 Auch dieſes Streiflicht auf Armgart's nicht eben be⸗ ſonders pünktliche Natur blieb nicht ohne ein Lächeln der Männer. Nur, daß ſie hätten hinzufügen mögen: Aber laß uns doch über dich lachen, du ſüßer Narr! Gerade dein Koboldsgeiſt iſt's ja, der andern ſo himm⸗ liſcher Abkunft erſcheint! Rumore, wie du willſt, verſchleppe Bücher und Nähtereien und Federn und Dintenfäſſer; gerade darin liegt uns ja dein beſtrickender Reiz!... Armgart faßte jedoch dies Lächeln nicht ſo. Düſter blinzelte ſie die Reihe herum und muſterte, wer ſich zu lachen erlaubt hätte... Vorwurfsvoll blickte ſie beſonders auf Thiebold, dem ſie ſogar laut ſagte: Das amuſirt Sie wol?... Benno's Blick hielt ſie nicht aus... An Terſchka huſchte ihr Auge noch ſcheuer vorüber... Benno ſah das ganze ſeit Wochen ſo befremdliche Weſen und ſtaunte. Inzwiſchen ſprach die Tante von den Ombres chi- noises und jetzt mit der größten Schonung. Sie rühmte die Philoſopheme Püttmeyer's ebenſo, wie ſie ſie heute früh verworfen hatte... Sie kam darauf durch ihre Lectüre. Ich leſe da eben einen Brief von der guten Angelika Müller aus Paris! ſchaltete ſie ein. Was iſt die in neuen Verhältniſſen!... Die Fulds ſehen die Miniſter und die berühmteſten Namen bei ſich... Ei, Herr von Terſchka, Madame Fuld läßt ſich Ihnen empfeh⸗ len... Und ob Sie nicht im nächſten Sommer wieder auf ihrer Villa erſchienen?... Die neue Erweiterung des Gartens, des Pavillons, würde ganz nach Ihren Ideen gebaut werden, ſchreibt Angelika... Und wann Sie denn t eben be⸗ in Lächeln en mögen: ber Narr! ſo himm⸗ verſchleppe ntenfäſſer; fremdliche abres chi- Sie rühmte ſie heute durch ihre Angelie iſt die in e Miniſte Ei, Herr m empfel⸗ ner wiede terung di⸗ zren Ideel Siede 147 nach Wien reiſten? ließe Madame Fuld fragen... Ei, ei, Herr von Terſchka, welches Intereſſe von einer ſo jungen und gewiß höchſt liebenswürdigen Frau! Armgart fixirte Terſchka aufs lebhafteſte, als er dies Lob der Frau Bettina Fuld beſtätigte... Paula mußte ihre Hand auf Armgart's Scheitel legen, wie gleichſam um ihre ſtürmenden Gedanken zu beruhigen... Jede Lücke des nicht im wohlthuenden Zuſammen⸗ hange bleibenden Geſprächs gehörte natürlich wieder Thie⸗ bold... Mit ſeiner immer lebendigen Theilnahme, mit ſeiner Empfänglichkeit für alles und jedes füllte er ſie... Die Tante überhäufte ihn mit Thee, Zwieback, kalten Fleiſchſpe=iſen und einem„Herr von Jonge“ nach dem andern. Er war eben der Liebling ihres Herzens. Als endlich die Rede fiel, daß die Männer wirklich noch auf den Finkenhof gehen und mit dem gräflichen Jagdperſonal die verſprochene Rückſprache nehmen wollten, und Benno und Thiebold erklärten, ſie würden von dort auf einem kürzern Wege zu Fuß nach Witoborn zurückkehren, proteſtirte die Tante mit Beſeitigung aller ihrer noch unbeendigten Lectüre entſchieden und behauptete, eine ſolche Gefahr vor Schneeverwehungen nimmermehr zuzugeben... Die jungen Männer verſicherten, daß der Schnee fröre und ihnen dieſe Wanderung den größten Genuß gewähren, ja Bedürfniß ſein würde. Auf die immer und immer wieder⸗ holten Einwendungen der Tante wurde zuletzt Armgart aus⸗ fallend und fand es ſonderbar, Männern ihren Willen zu nehmen. Sicher hätte dies kühne Wort dann die wechſelnde Ebbe und Flut im Gemüth der Tante zum Ueberſtrömen der letztern gebracht, wäre nicht der Onkel gleicher Meinung 10* 148 geweſen und hätte erklärt, wie man nur den jungen Herren ein Vergnügen rauben könnte. Dabei that er, als wenn ja auch nur ſein aufopferndes jahrelanges Leben hier unter den Frauen auf Schloß Weſterhof ſchuld daran wäre, daß er nicht die anſtrengendſten Entdeckungsreiſen nach Cochinchina unternommen hätte. Paula's Schweigen gebot den Aufbruch zu beſchleu⸗ nigen... Es war ihnen allen ſchon geſchehen, daß die Leidende eben noch theilnehmend ihren Geſprächen lauſchte und plötzlich auf eine Anrede im Traum er⸗ widerte... Als die Männer gegangen waren— Thiebold mit bedeutſamen Seufzern, Benno vergebens auf den Hände⸗ druck hoffend, der ihm von Armgart ſonſt immer ſo un⸗ befangen geworden, Terſchka faſt von ihr ausgezeichnet durch manche befliſſene Frage, manche lebhaft erwidernde Antwort— überſchüttete die Tante Armgart mit all dem Mismuth, der ſich in den geſpannten Zuſtänden ihres Gemüths ſeither angeſammelt hatte. Von Tage zu Tage nahm die Reizbarkeit und Ungeduld Benigna's zu. Ein ängſtlicher Blick in die Zukunft verdüſterte ihr alles, was ſie umgab, und ſchon lange war es immer nur Armgart, die der Blitzableiter aller ihrer Verſtimmungen werden mußte. Nein, je älter, deſto unerträglicher wirſt du doch, Armgart! rief ſie und das noch in Gegenwart des Onkels. Seit du von Lindenwerth zurück biſt, erkennt man dich nicht mehr! Verkehrt warſt du ſchon immer; aber ſo vorwitzig, wie jetzt deine Aeußerungen ſind, ſo keck, wie ich dich z. B. vorhin drüben im Durchſtöbern der Poſtmappe fand, jungen that er, es Leben id daran pvold mit Hände⸗ rſo un⸗ ezeichnet idernde all dem en ihres zu Tage Ein dich nicht orl ützig, 33 - z. V. fand, 149 biſt du nie geweſen! Hat es das Fräulein Müller ver⸗ ſehen, die in ihrer Geduld und Nachgiebigkeit ſich jetzt ſogar den Sitten eines vornehmen Judenhauſes in Paris fügt, oder iſt dir die Stiftsdame zu Kopf geſtiegen oder ich weiß es nicht, was die Schuld trägt! Die Jagd mitmachen! Haſen ſchießen, die einem über den Weg laufen könnten! Wahrhaftig! Ich habe gar keine Ge— duld mehr für dich! Nun, nun, nun, nun— beſchwichtigte der Onkel fortleſend. Und Paula bat ſchmeichelnd: Tantchen! Armgart aber ſtand wie das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. Alles Weh der Erde legte ſich um ihren mit lächelnder Duldung geöffneten Mund... Deine Mutter war aber ebenſo! fuhr die erzürnte Schweſter derſelben fort. Und dein Vater, der nicht minder! duckte ſie den aufblickenden Onkel nieder. Von einer Jagd kam auch deren erſte Uneinigkeit. Monika wollte auch ſchie⸗ ßen können und ging mit auf die Jagd und als Ulrich einige⸗ mal fehlſchoß, lachte ſie und hielt es ihm mit Spott vor. Ein Mann kann vom Weibe viel ertragen, aber ihm unritterlich zu erſcheinen, reizt. Zumal bei einer ſolchen Empfindlichkeit, wie bei allen dieſen Hülleshovens! Ja, verſteck' dich nur jetzt ſo hinter Paula! Geh nur ſo herum und thu', als wenn du deine Rechtfertigung wie eine verlorene Stecknadel im Zimmer ſuchteſt! Auch lieſeſt du nichts, du arbeiteſt nichts, die Vielliebchen werden wol nach einem Jahre fertig ſein, Muſik hörſt du kaum, geſchweige daß du ſie wieder vornimmſt; ganz wie 150 deine Mutter war, die auch noch jetzt,„hoch in den Dreißigen“, ein reines Kind ſein ſoll! Auch an dir wird die Familie wenig Freude erleben... Armgart, ſtatt zu reden, hob die gefaltenen Hände gen Himmel... Paula beſänftigte die Tante, die jedoch von Armgart ſelbſt unterbrochen ſein wollte, um verſöhnt zu werden. Armgart blieb ſtill. Keine Schmeichelküſſe, keine Lieb⸗ koſungen, keine Scherze, nichts gab ſie wie ſonſt. Ebenſo erblaßt, wie vorhin hocherglühend, ging ſie im Zimmer hin und her, machte ſich mit ihren glänzend aufgeſchla⸗ genen Augen dies und das zu ſchaffen und ſagte nur zur„factiſchen Berichtigung“: Die Mutter iſt fünfunddreißig Jahre! Der Onkel wollte jetzt auf ſein Zimmer und Frieden und die Stimmung der Güte zurücklaſſen. Das neue Aufbrauſen der Tante unterbrach er durch ein lautes Vorleſen eines der erhaltenen Briefe. Dabei hielt er ſeine linke Hand in die Höhe. Er wollte, daß ſie Armgart ergriff und als Ablenker ihrer Stimmung benutzte. Arm⸗ gart ſah die freundliche Geberde und ſtürzte auch auf die Hand zu, küßte ſie und drückte ſie heftig an ihr Herz. Jetzt empfand die Tante den Neid ihrer„Liebe“. Dieſer Neid äußerte ſich in Thränen, die ihr auf die Wange rollten... Des Onkels feſt vorleſende Stimme hinderte noch die Rückkehr zu den ſich ſchon in Güte löſenden Empfin⸗ dungen; vorläufig war es Paula, von der die Tante ans Herz gezogen wurde... Die Gräfin Erdmuthe von Salem⸗Camphauſen dankte 151 in den(nach des Onkels in alle dieſe aufgeregten Stimmungen dir wid eines hochgeſtellten, edlen, doch von ſeinen vielen Er⸗ lebniſſen tief erſchütterten Familienkreiſes beſchwichtigend n Hände einfallendem Bericht) auf das von ihm erhaltene Schrei⸗ 1 ben aufs verbindlichſte. Sie war glücklich in England Aemgart angekommen, wohnte auf dem Lande bei Lady Elliot derden. und wünſchte ihrerſeits nur den friedlichſten Fortgang e Go⸗ aller der Dinge, die Gottes Rathſchluß über das Schick⸗ Ebenſo ſal beider Linien verhängt hätte. Erſt bei einigen reli⸗ zimmer giöſen Anzüglichkeiten und der Erwähnung der Krank⸗ fgeſcha⸗ heitszuſtände der jungen Comteſſe hörte der Onkel im lauten Vorleſen, das er zur Dämpfung des Streites uie un wörtlich begonnen, auf... Die Tante benutzte die nun entſtehende Pauſe und knüpfte an London Betrachtungen über Paris und würde ſüudr ſich ſelbſt auf Aethiopien, China und die Chemie ein⸗ Das un gelaſſen haben, wenn das Geſpräch nur ausdrückte, wie tes.. u bunde ſehr„ihr Herz“ bei alledem unter Armgart's Trotz ter bn und verhärteter Geſinnung litt... Armgar Der Sturm der Gemüther war indeſſen vorüber... „Arm⸗.„. e. An milderes Wetter ſtellte ſich ein und endlich ſchlug es hauf die neun, wo man auf dem Lande ſchon an die Nachtruhe r Herz denft... „diebe/ Der Onkel erhob ſich zuerſt und erklärte wiederholt, auf die noch arbeiten zu müſſen... Die Tante plauderte von . einigen Anmeldungen ihrer Freundinnen zu den Exerci⸗ voch di tien, die Pfarrer Müllenhoff auf Betrieb der Frau Empfin⸗ von Sicking arrangiren ſollte... ie Tantt Der Onkel erwiderte: Aber der rauhe Mann eignet ſich doch gar nicht zu 1 en dankte 152 dergleichen! Die indiſchen Fakirs ſind keine Braminen! Im Ganges gibt es mancherlei Bäder! Ich hoffe, daß er nichts unternimmt ohne den Domherrn, ſeinen Vor⸗ geſetzten.. Die Tante, mit dem unendlichſten Bedürfniß nach Einverſtändniß, ſtimmte vollkommen dieſen Aeußerungen bei. Auch ſie fand Müllenhoff's Weiſe ſo übertrieben, ſo aufreizend, daß es für die Religion ſelbſt Gefahr brächte... Und der Onkel fiel ein: Wie ich immer geſagt habe... Wie Sie immer geſagt haben.. beſtätigte die Tante... Den Finkenhof kann man den Leuten nicht nehmen... Den kann man ihnen nicht nehmen.. Man macht dem Mann alles nach Wunſch... Und doch iſt ihm nichts recht... Den eigenen Eingang zur Sakriſtei in unſrer Ka⸗ pelle geb' ich ihm auf keinen Fall... Wie werden Sie denn!... Seine Manieren ſind unglaublich! Mitten in der heiligen Meſſe putzt er an den Leuchtern und ſchüttelt den Kopf über den alten Tübbicke... Den guten alten Tübbicke. Armgart kam jetzt wirklich zur Gruppe, die der Onkel, die Tante und Paula bildeten, mit hinüber... Die Schulkinder, fuhr der Onkel fort, läßt er eine Stunde lang knieen, um ihnen ſeine ſogenannte Knieſteifigkeit zu vertreiben! Zu Lichtmeß will er Unterricht geben im richtigen Tempo des Roſenkranzgebetes! rraminen! offe, daß nen Vor⸗ fniß nach ßerungen bertrieben, ſt Gefahr Dieſe Harmonie braucht der Himmel nicht, wenn's nur in unſern Herzen keine Diſſonanzen gibt! Wer jetzt ein Blumenſtöckchen in eine Kapelle ſtiftet, von dem will er vorher die Anzeige haben, ob er auch keine Alfanzereien bringt! Und ich denke, wenn ein liebend Gemüth einen Tan⸗ nenzweig brächte oder ein thönernes Lämmchen... Es iſt das gewiß auch eine kindliche Gabe! Ei, es hat ſogar einen ernſten Sinn und erinnert an manchen bedeutungsvollen Mythus, der bereits bei denen alten Aegyptern als eine Vorahnung zu betrachten war zu manchem heiligen ſpätern Gebrauch! Die Tante gähnte nun zwar, ſagte aber: O Sie ſollten ihm das alles einmal auseinanderſetzen, lieber Hülleshoven! Der Onkel küßte jetzt Armgart... Das ſüßeſte Ein⸗ verſtändniß ſchien hergeſtellt... Nur Eines fehlte noch, daß auch die Tante mit Armgart ſich ausdrücklich aus⸗ ſöhnte... Aber dieſer feierliche Moment blieb nach der Ent⸗ fernung des Onkels aus... Paula ging... Die Diener waren ſchon zugegen... Armgart ſprang ſofort hinter Paula her und ſchloß ſich ihr an... Die Tante blieb allein... Sie blieb es einige Minuten... Niemand kam zu ihr zurück... Thränen traten der alten Jungfrau in die Augen und mit einem Gefühl des Vorwurfs, das ihr über dieſe und ähnliche Dinge ſagte: Deine Strafe das für die alte Zeit! ging ſie auf ihr Zimmer. Armgart! ſagte inzwiſchen Paula, als ſich dieſe ihr 154 anſchloß und ihre ſchlanke Hüfte krampfhaft umfaßte. Du ſollteſt bei der Tante bleiben! Wenn ich in meinen Thurm gehe, poch' ich noch einmal bei ihr an und ſag' ihr gute Nacht! flüſterte Armgart... Sie ließ den Diener, der leuchtete, vorangehen... Armgart durfte nicht mehr in Paula's unmittelbarer Nähe ſchlafen wie ſonſt. Seit ihrer Rückkehr von Lin⸗ denwerth hatte beide die Tante getrennt... Aber Abends noch eine Weile mit Paula, wenn dieſe ſich wohl fühlte, zu plaudern, ließ ſie ſich, ſo oft ſie in Weſterhof ver⸗ weilte, nicht nehmen... Die Vorhänge des Schlafzimmers Paula's waren ſchon zurückgelehnt... Im Vorgemach, wo ein kleiner Ofen ſtand, der geheizt wurde, half Armgart die geliebte Freundin entkleiden... Oft ſprach Paula ſchon im Gehen und Stehen Dinge, die„einer andern Welt angehörten“... Dann brachte ſie Armgart zur Ruhe, rief einem Kammermädchen, das in der Nähe ſchlief, und trennte ſich nicht eher von beiden, als bis Paula in völligen Schlummer verſunken war... Heute leuchteten Paula's Augen hell auf... Eine ſtille Sehnſucht lag in ihnen... eine Sehnſucht, die Armgart vollkommen verſtand... Stürmiſch warf ſich Armgart der Freundin, die zu ihr herniederblickte, an die Bruſt und rief mit erſtickter Stimme: Ach! Ach! Was ſind wir doch unglücklich! Meine gute Armgart! erwiderte, dies Wort ableh⸗ nend, die ältere Freundin. Warum unglücklich?... Paula's Leben war ja ein einziges Schmerz⸗, oder ein faßte. noch ſterte 1... lbarer Lin⸗ bends ühlte, f ver⸗ waren leiner t die Lſchon Wel Ruhe, ſolie Paula Eine ht, die die zu eſticker lich ableh⸗ der ein einziges Wohlgefühl, ſie wußte es ſelbſt nicht zu unter⸗ ſcheiden... Sie liebte einen Prieſter; ſie hatte auch das ſichere Gefühl, wieder geliebt zu ſein... Geſtändniſſe hatte es früher nicht und auch jetzt noch nicht gegeben... Vor Armgart aber war alles das nicht mehr geheim... Selbſt wenn Armgart zu viel Scheu gehabt hätte zu ſagen: Du liebſt den Domherrn! ſtand es doch ſchon lange ohne Worte zwiſchen ihnen feſt... Selbſt das ſtand feſt, daß ſogar Paula's etwaiger Eintritt in ein Kloſter eine Art höherer Vermählung mit Bonaventura ſein konnte... So floſſen noch die reinen Gedanken, die Jungfrauenſeelen mit der Liebe verbinden, gleichviel, ob zu Beſitz oder zu Entſagung, bei beiden mit ihrem religiöſen Pflicht⸗ gefühl ineinander. Seit einiger Zeit trat Armgart freilich immermehr aus dem Bann des harmloſen Träumens heraus... Lag das an der Flucht aus der Penſion in Lindenwerth?... Oder jetzt an dem Zuſammenleben mit ſo vielen liebe⸗ bedürftigen jungen und alten Mädchen im Stift?... Lag es an ihrer eigenthümlichen Schwankung zwiſchen den Be⸗ werbungen Benno's und Thiebold's?... Sie regte ſchon ſeit lange jeden Abend die Phantaſie ihrer Freundin auf. Auch heute durch Klagen über des Domherrn Ausblei⸗ ben... über Thiebold's Fragen, die ſie andeutete. über Benno,„der ſich ſo ſicher dünkte“... und endlich ſtockte ſie... Paula fragte befremdet: Du haſt heute etwas—?! O könnteſt du doch für mich in die Zukunft ſehen! rief Armgart wie aus tiefſter Seele heraus... 156 Laß das! Laß das! erwiderte Paula ſchmerzerfüllt. Armgart hob ihre Augen bittend auf... Das Weiße darin blitzte wie Email, wie feuchtes Silber... Paula wandte ſich, als unterläge ſie ſchon dieſem Glanz und Schimmer und Armgart's Bitten... Laß uns beten! ſagte ſie... beten gegen Verſuchung! Paula!— hauchte Armgart. Morgen mußt du mir ſagen— ich frage dich— Nimmermehr! rief Paula. Ich verbiete dir alles!... Und wie wild erregt von einer Furcht, die ſie plötzlich in allen ihren Geiſtern vor ſich ſelbſt ergriff, fuhr Paula fort: Ihr ſeid ſo grauſam gegen mich! Ihr tödtet mich noch! Paula! bat Armgart... Ich kann ja ſo nicht fortleben! ſprach Paula zitternd vor Aufregung. Laßt mich doch ſein, wie ihr alle ſeid! Jeſus Maria! Es ſprengt mir noch das Herz! Geht das ſo fort, muß ich wünſchen, jenes Mädchen kehrt zurück, das allein gehindert hat, daß ich im Traume ſprach! Wenn ſie kam, wich jede Kraft von mir! Ich will ja nur ſein, wie alle andern Menſchen ſind... Armgart wußte, daß Lucinde gemeint war, jene Lucinde, in deren unmittelbarer Nähe Paula mit der Zeit ganz von ihrer Ekſtaſe zurückkam, doch mit gro⸗ ßem damit verbundenen phyſiſchen Schmerz, den auch Armgart damals an der Maximinuskapelle ſelbſt empfun⸗ den haben wollte, als ſie Lucinden nach den Beſchrei⸗ bungen Paula's ſofort erkannte... Beide Mädchen ſtanden lange ſchweigend und in Weh⸗ muth verloren... Ob ſich ihnen wol vergegenwärtigte, daß Paula geneſen konnte, wie alle Aerzte ſagten, durch— nerzerfüll. das Weiße on dieſem ... Loß ung! ßt du wir alles!... plätzlich in aula fort: mich noch! a zitternd alle ſeid! Geht r f mir! vch nd... war, jene a mit der mit gro⸗ den auch öſt empfun⸗ 1 Bechri⸗ „Neh⸗ d in Weh igte, m erwärti n, durh— 157 die Liebe? Ob ſie wol ahnten, daß Bonaventura auch da von ſich ſagte, was er, zwiſchen Lucinde und Paula in der Mitte der Verſuchungen ſtehend, am Abend jener Beichte verzweifelnd ausrief: Ein Prieſter biſt du! Ein Menſch ohne Leben! Ohne männliches Zeugniß für deinen Schöpfer!... Das alles lag nur dunkel in ihnen. In allen jungen Mädchenherzen, ehe das Los über ſie geworfen iſt, zittert nur ein ſchmerzlichſüßes Ahnen von ihrem zukünftigen Geſchick. Bald leiſer, bald ſtür⸗ miſcher meldet ſich die Sehnſucht, die Pforte der Zu⸗ kunft geöffnet zu ſehen. Oft iſt es wol plötzlich ein jugendlichſchöner Gott, der aus düſterm Nebel heraus, wildfremd, wie das herrlichſte Ebenbild der Mannesſchöne, mit rieſiger Umarmung die Harrende umfängt; oft liegt aber auch nur ein ödes, trauervolles Einerlei auf ihrem unbeſtimmten Innern und alles, was ihr wird und was ſie beginnt, iſt ihr wie Ohnmacht und todte Dämmerung. Da rief der Wächter wieder die Stunde... Schlaf wohl! hauchte Paula und drückte Armgart an ihr Herz.. Armgart wollte anfangs gehen... Aber, zur Thür des Vorgemachs angekommen, blieb ſie ſtehen, fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und rief: Paula! Paula! Was haſt du? ſprach dieſe, ſie wieder näherziehend. Ein„Du mußt— mir—!“ preßte ſich von Arm⸗ gart's Bruſt. Ich begreife dich nicht— Was muß ich? Armgart zog einen Brief aus der Bruſt und ſagte: 158 Paula! Dieſen Brief— an Terſchka— den hab' ich aus der Mappe— zurückbehalten... Ich gebe ihn nicht eher ab, als bis du ihn geleſen haſt! 4 Armgart! rief Paula und zitterte... Sie ergriff vorwurfsvollen Blicks den aus der Reſidenz des Kir⸗ chenfürſten gekommenen Brief und fragte: Von wem iſt er? Von meiner Mutter!... Was hat Terſchka— mit meiner Mutter! Sie lieben ſich! Paula, Paula! Das iſt mein Tod! Armgart! ſagte Paula beruhigend... Nur Ein Ziel meines Lebens hab' ich! fuhr Arm— gart in zitternder Erregung fort. Meine Aeltern aus⸗ zuſöhnen! Sonſt will ich nichts! Wüßteſt du nur, wie ich neulich in Witoborn war! Ich war bei Hedemann! Ich ließ mir eine Stunde lang vom Vater erzählen! Ich lieb' ihn mehr, als meine Mutter— nein, ich liebe auch meine Mutter— mein Gelübde hat der Himmel und ich will es vollziehen und wär's durch meinen Tod... Armgart faltete die Hände und hielt ſie empor zu einem Crucifix, das an der Wand hing... Warum ſoll— aber Terſchka nur— nicht deiner Mutter ſchreiben und ſie— an ihn? fragte Paula, entſetzt über den fanatiſchen Ausdruck der Gefühle Arm⸗ gart's... Wie, entgegnete Armgart; dieſer lebhafte Brief⸗ wechſel? Dieſe Begeiſterung, wenn er von ihr ſpricht? Neulich ſeine ſchnelle Reiſe, um die Gräfin zu begrüßen? Nur ein Vorwand war es, um die Mutter zu ſehen! O, ſchon im Hüneneck ſah ich an der Eile, mit der er en hab' ich e ihn nicht Sie ergriff — des Kir⸗ cka— mit ula! Das fuhr Arm⸗ feltern aus⸗ u nur, wie Hedemann! eczählen! n, ich bebe der Himme nen Tod. e empor zu nicht deiner agte Paula, 49 hle Arm⸗ efü die Zimmer beſtellte, wie er ſie liebt! Und ſie, ſie— ſie könnte—! Dieſer Brief iſt von ihr— Paula, du, du ſollſt ihn leſen! Paula verwies Armgart ihr Anſinnen mit Unwillen; denn ſie wußte wol, was Armgart meinte... Sie wußte, daß der Brief nicht erbrochen zu werden brauchte; ſie wußte, daß ſie alles leſen konnte, was man ihr im Hochſchlaf auf ihr Nervengeflecht legte... Ob auch uneröffnete Briefe?... Verſucht war es nicht... Hier glaubte man nicht an die Unmöglichkeit. Wie eine unreine Verſuchung wehrte Paula Arm⸗ gart's überredende Geberde ab. Sie ſagte ſchmerzerfüllt, doch entſchieden: Gute Nacht, Armgart!... Misbrauche mein Un— glück nicht!... Ich verbiete es dir!... Es muß ein Ende damit werden... Gott wird mich erlöſen... Sei gut, Armgart!... Sei gut!... Und nun, gute Nacht! Damit verſchwand ſie hinter dem Vorhang, den ſie wieder fallen ließ, und ſchloß die Thür zu ihrem Schlafgemach ab... Wieder tönte das Horn des Wäch⸗ ters... Armgart ging zögernd auf ein Zimmer weiter zu⸗ rück... Sie hörte noch, daß ſich Paula ſogar einrie⸗ gelte... Dann trat ſie durch eine Nebenthür auf den kalten Corridor. Ein Diener folgte und begleitete ſie mit einem Licht in ihren Thurm. An dem Zimmer der Tante ging ſie vorüber, ohne daß ſie es merkte. Ein äußerſter Entſchluß kämpfte in ihr, ein tiefes Sinnen beherrſchte ihr ganzes Sein... 160 Krampfhaft preßte ſie den Brief, den ſie in ihr Buſen⸗ tuch geſteckt hatte... Schon hatte ſie den Finger an das Siegel gelegt... ſchon zuckte die Hand, es auf⸗ zureißen... Sie dachte an den Beiſtand der Beichte, der ſie leichter über die Folgen eines ſolchen Vergehens hinwegführen würde... an Bonaventura... an Benno... Da verließ ſie allmählich der wilde Muth... Der Diener ſtand und harrte ihres Befehls. Legt das— in Herrn von Terſchka's— Zimmer! hauchte ſie. Es iſt ein Brief für ihn, der— vergeſſen wurde... Der Diener nahm den Brief und wandte ſich den Zimmern Terſchka's zu. Armgart verſchwand in ihrem Zimmer. ir Buſen⸗ Finger an „es auf⸗ er Beichte, Vergehens . an ls... Zimmer! vergeſſen ke ſich den 6. Drei Männer, in Mäntel gehüllt, ſchreiten in die Winternacht hinaus... Nicht mondhell iſt ſie; nur ſternenlicht... Und weithin über das wellige Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees... Grabesſtill rings die Welt... Schlummernd alles Erdenloos... Wer flüſterte ſich nicht: Gibt es denn geheimnißvolle Kräfte, die ſchickſalsmächtig über Raum und Zeit und das Herz in unſerer Bruſt gebieten? Und wer antwortete nicht: Ihr ſtilles Hüten glaubt man jetzt zu hören... Winterlandſchaftsſtille iſt— Friedens⸗ mahnruf— Sehnſuchts⸗— Ahnungsweckruf... Anfangs noch hallte zwiſchen Terſchka, Benno und Thiebold der erlebte Tag und Abend nach. Man be⸗ wunderte die Kraft der Viſion, die ſich ſo in die Vorgänge des Leichenconductes hatte verſetzen können. Benno mußte Thiebold zurückhalten, der eine natürliche Erklärung, die Terſchka gab, nicht wollte gelten laſſen. Terſchka hatte ge⸗ ſagt: Wer die Gegend und die Verhältniſſe kennt, würde Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 14 162 ſich die Scenen, die heute vorfallen konnten, auch ohne ein Wunder haben ausmalen können!... Aber die Unter⸗ brechung? entgegnete Thiebold... Benno antwortete ſtatt Terſchka's: Ich will der Natur nichts von ihren Tiefen nehmen. Aber ich glaube doch, daß wir uns durch die Gewohnheiten des Daſeins in geiſtigen Dingen zu ſehr die Sinne abſtumpfen, wie in leiblichen. Ein bis in ſein Alter mit den einfachſten Speiſen Aufgezogener iſt empfindlich für jede Veränderung ſeiner Nahrung. Ebenſo gewöhnen wir uns durch Misbrauch unſerer ſeeliſchen Kräfte die Fein⸗ fühligkeit des geiſtigen Spürſinns ab. Bei der Ankunft am Düſternbrook mußte die junge Gräfin etwas Uner⸗ wartetes vorausſetzen; ſie dachte an die Eiche, ſah ſie und nahe lag das allen Bekannte. Von Armgart wurde nur bei Gelegenheit— der Haſen geſprochen, deren Spuren ſich an kleinen Ein⸗ drücken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen ließen... In Thiebold und Benno dämmerte die Ahnung, daß Terſchka es war, um deſſentwillen ſie von Armgart vernachläſſigt wurden... Ja, beim Weid⸗ werkgeſpräch wieder ſah man Terſchka's blendende Eigen⸗ ſchaften. Auch Benno und Thiebold verſtanden ſich darauf, aber nicht ſo, wie er, der die Jagd verfolgen konnte bis auf alle Vorzüge neuer Entdeckungen aus den Gewehrfabriken von Suhl und Lüttich. Von Terſchka ſah man täglich das Erſtaunenerregende. Der ſchmächtige bleiche, immer bewegliche Fremdling war ein Reiter, der im Sturm dahinflog. Manches Roß, das den Koller hatte, beſtieg er und bändigte es wie ein Beſchwörer. Noch neulich, wie ein dem Grafen Münnich gehörendes Thier ſich uch ohne ein die Unter⸗ wortete ſtatt hren Tiefen s durch die mzu ſehr die in ſein Alter pfindlich für wöhnen wir e die Fein⸗ der Ankunft etwas Uner⸗ iche, ſah ſie geit— der leinen Ein⸗ den Aedtern no dämmerte ſertvilln ſt beim Weid⸗ dende Eigen⸗ ſih druij onnte bis auf 29 br abrike man tigij leiche, iniie an Stur Puid beſte Noch neulich z Thier ſi 163 unter ihm ſchmiegte, wie es die mit ſeiner Linken mächtig geſchwungene Reitgerte über den Kopf hinweg fühlte, ſich krlümmte bis zur Erde und den Kopf faſt in den Schnee bohrte, dann wieder aufſchnellte, mit beiden Hinterfüßen ſich ebenſo raſch auf die Kruppe ſetzte, dann davonflog pfeilgeſchwind und faſt wie mit Scham, ſich überwunden zu ſehen— da war das ein Schauſpiel voll Vernichtung für Benno und Thie⸗ bold; Armgart ſtand dicht in der Nähe und ſagte nur immer: Nein, nein, ich habe gar keine Furcht für Herrn von Terſchka!... Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht. Verſteckt lag er unter Bäumen und Wallhecken. Eine Mühle, ein Tanzhaus, eine Kegelbahn, ringsum Neben⸗ gebäude; ein großes Anweſen. Den Finkenmüller hatten Schank und Mehlſack reich gemacht inmitten mannich⸗ fachen Elends. Auf der Saline, bei den Kalköfen, in den Moorbrennereien wurde ſchnell baares Geld verdient, ebenſo ſchnell auch glitt es wieder weg und meiſt im Finkenhof, wo Sonntags die bekannte falſchgeſtimmte Trompete ländlicher Muſik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr zu Tanz und Jubel zu locken nicht müde wurde. Anfangs ſchien es auf dem Finkenhof ſtiller, als man erwartete. Schon beſorgte man, die gräfliche Jägerei nicht anzutreffen. Man hätte ſie aufs Schloß rufen können. Terſchka weilte aber gern unter den hieſigen Menſchen; ſie hatten ihn mit Haß empfangen; ſchon waren alle für ihn eingenommen... Wir kommen zu ſpät! ſagte er und deutete auf manchen Heimkehrenden, der an ihnen vor⸗ 11* 164 überging und grüßte... Dann fragte er ſie.. Es hieß: Die Jäger ſind da, Herr Baron! Nun bogen ſie vom Fahrweg ab und ſahen den Finkenhof hell und belebt. Der jeden Morgen friſch aufgeeiſte Bach ſchien zu dampfen. Die Kegelbahn hatte Licht. An den wie mit Fett beſtrichenen Fenſter⸗ ſcheiben hätte man Scenen aus dem vaterländiſchen Rekrutenleben an die gegenüberliegende Wand gemalt erblicken können:„Fritze riecht zum erſten male Pulver“ oder:„Fritze macht die erſte Bekanntſchaft mit blauen Bohnen“, alles im Stil von Krähwinkel ausgeführt... Im Tanzſaal iſt's ſtill; aber im Wirthshaus ſitzen Men⸗ ſchen genug und Geſang ſogar gibt es. Benno ſagte: Ihren Volkstanz ſtampfen ſie! Den luſtigen Pfaffen von Yſtrup! Und ſchon hörte man: He, he! Der iſt zu arm, Daß Gott erbarm'! He, he! Der iſt zu dick, Hat kein Geſchick! Behalte die Beſinnung, wer kann, der da eintritt in dieſen Dampf und Dunſt von Hitze und Taback und Bier und Branntwein! Unter einem Heiligenbild an der Seite des Flurs hängt eine Lampe, eine ewige ſogar; Fidibus von dünnen Holzſpänen liegen daneben: man kann ſich Pfeifen und Cigarren an ihr anzünden. Die drei Gäſte thun es, um ein Antidoton zu haben gegen die Dünſte, die ihrer drinnen harren. Was jedoch ſtärkt das Ohr, dieſen Geſang zu ertragen, der mit einer Feſtigkeit, wie wenn man Holzblöcke in die Erde rammt, den Eintretenden entgegenbrauſt?... ſie... Es d ſahen den orgen friſch e Kegelbahn enen Fenſter⸗ rterländiſchen zand gemalt ale Pulver“ mit blauen sgeführt... ſitzen Men⸗ Benno ſagte: gen Pfaffen „r da eintritt Fülal und ligenbidd an ewige ſogat; 165 Jetzt ertönt das„He, he!“ plötzlich ſchwächer und die Pfeifen gleiten einen halben Zoll aus dem Munde. Man erkennt die Eintretenden. Eine Magd, zu gleicher Zeit an zehn Fingern zehn Biergläſer in der Schwebe haltend, blinzelt um den Weg zu weiſen mit den Augen dahin, wo die hochgräfliche Jägerei ſitzt, hinter einen Ofen von einer ſo pagodenhaften Dimenſion, daß Onkel Levinus über die gelegentliche Aeußerung ſtudirt haben würde, zwiſchen den Oefen der witoborner Heide und den alten Bauten der Indier zu Dſchaggernaut fände ein urweltlicher Zuſammenhang ſtatt. Und während nun hier mit dem Oberförſter, mit dem Wild⸗ und Hegemeiſter, mit dem Jagdzeugmeiſter und einem Unterförſter des letzten Grafen von Dorſte⸗Camphauſen die Vorbereitungen verabredet wurden, die zu einer großen Vertilgungsjagd in einem von Thiebold de Jonge um 80000 Thaler gekauften Walde— ſeufzend hatte er draußen die mangelnde Floßgelegenheit am Mühlbach erwogen— gehören ſollten, zu einer Jagd, die unter den ſcheinbaren Auſpicien des nächſten Nachbars, Grafen Münnich auf Münnichhof gehalten werden ſollte; während die Zahl der Treiber, der Hunde, die Vorräthe des Jagd⸗ geräths beſprochen und von Benno mit lebhafter Orien⸗ tirung die Schauplätze ſeiner geheimnißvollen Jugend unter⸗ ſchieden wurden, der Zehnterwald von der Birkenſchonung, die Knüppelheide von der borkenhagener Sauſtiege— während, dann auch noch der Finkenmüller, der Meyer, der Moorbauer ehrerbietigſt in den Kreis eintraten, ver⸗ folgen wir einen Ankömmling, der langſam daherhumpelnd noch ſpät von Witoborn herüberkommt... 166 Es iſt ein kleiner Mann, nicht unkräftig gebaut. Zwi⸗ ſchen den Schultern trägt er die Laſt eines Buckels und unter den Armen, in ein Tuch gewickelt, einen länglichen Gegenſtand, den man an einem hervorſtehenden Fiedel⸗ bogen für eine Geige halten darf... Der weiße beulen⸗ reiche Hut iſt tief über den Kopf geſtülpt, den ein Pflaſter am Auge entſtellt... Ein grauer Mantel, angezogen wie ein Militärmantel, ſchützt den Wanderer auf ſeinem Wege, den er nur langſam fortſetzen kann, da er heute aus den Händen des Bruder Hubertus eine ſchlechtere Teſtamentszahlung vom Kronſyndikus bekommen hat, als ihm dieſer in dem beim Pfarrer Huber in Witoborn niedergelegten letzten Willen zugedacht... Es iſt Stammer, der Geiger... Alle wiſſen ſchon ſein Unglück und jeder, der ihm begegnet, lacht ſeines Hinkens und ſeines Pflaſters... Beſonders gram iſt ihm dabei niemand; Müllenhoff hatte ſchon Recht: Dies Volk hat zu lange die Milde des Krummſtabs gefühlt und liebt Zechen und wildes Auf⸗ ſchlagen auf den Tiſch und alle Sünden, die freilich dann ſo viele Wächter des Himmels, wie Witoborn einſt zählte, auch wieder leichter vergeben konnten. Sie fehlen wol bei keiner Proceſſion, ſie werfen ſich vor jedem Altar nieder, laſſen ſich jeden Beſuch im witoborner Münſter und jeden Kuß auf einen Reliquienſchrein vom Küſter ſchriftlich beſcheinigen, um damit einſt vor Gottes Thron oder bei einem Anliegen um freies Brennholz aus einem geiſt⸗ lichen Walde auftreten zu können; aber nirgends wird auch noch ſoviel wildes Naturrecht geübt, nirgends ſoviel Holz ſchon von ſelbſt geſtohlen, nirgends ſoviel Wild gebaut. Zwi⸗ Buckels und en länglichen nden Fiedel⸗ veiße beulen⸗ ein Pflaſter , angezogen auf ſeinem da er heute ne ſchlechtere nen hat, als in Witoborn er, der ihm Faſters.. lenhoff hatte Mide des wildes Auf⸗ freilich dann einſt zühlte hlen wal be⸗ Altar nieder, ter und jeden ter ſtritl 167 im Mondlicht in die Büſche geworfen, mit Zweigen überdeckt und bei guter Gelegenheit harmlos von einem vorüberfahrenden Heuwagen abgeholt, nirgends wird dem damals nur langſamen Vorſchreiten des Zollvereins und der nahen„Grenze“ ſoviel Vortheil abgeſchmuggelt für Kattun, Zucker, Kaffee, nirgends ein Hader mit dem Gutsherrn ſo liſtig geführt... Stammer fiedelte ihnen in alles das ſeine luſtigen Weiſen hinein oder ſprach ſogar über die alte und die neue Zeit in offner Rede und ſetzte einen Refrain drauf, eine Strophe geſprochen und eine geſpielt, bis der Gensdarm kam oder der Meyer oder der Finkenmüller und die Schwänke des böſen Alten verbot, deſſen läſternder Mund ſchon einſt ein halbes Kind, Lucinde damals, aus ihrem Pavillon ver⸗ bannt hatte nach dem Tode des Deichgrafen. Mancher redet den Geiger an... Er knirſcht faſt mit den Zähnen vor Wuth... Mitleid wird ihm nicht; Alle wiſſen's doch, boshaft iſt er und Bruder Hubertus„der Abtödter“ iſt der endlich zurückgekehrte Liebling der ganzen Gegend; die Kinder werden dem frommen Bruder doch wieder mit der dampfenden Schüſſel entgegenkommen, wenn er ſich mit ſeinem Topfe naht; er wird die Pferde und die Kühe und die Menſchen heilen— und ſieht er auch aus wie der leibhafte Tod und iſt ſein Lachen ein Grinſen wie aus einem Knochengeſicht, die Mädchen fürchten ihn nicht, wenn er ihnen einſam im Kornfeld begegnet... ſie wiſſen, daß er ihnen doch Briefe ſchreibt nach der Garniſon, wo ihre Liebſten weilen, daß er ihnen doch heimlich Botengänge ausrichtet zu allen Huſaren, die in Witoborn ſtehen... * 168 An einem Kreuzweg ſieht der racheſchnaubende Stam⸗ mer einen Mann, der des Weges nicht kundig ſcheint und nicht weiß, ob er geradeaus gehen oder lieber links ſich wenden ſoll... Landsmann! ruft der andere den Geiger an... Wo iſt die Route nach Libori— Pfarrhaus— 2 Stammer zeigte nach rechts: Gerade da, wo Ihr herkommt! Oder dort drüben herum, wenn Ihr erſt noch auf dem Finkenhof einheizen wollt! Es macht kalt! Der Verirrte war ein ſtämmiger Mann mit Pelzkappe und Düffelrock und rothem Comfortable um den Hals und hatte die Hände in den Seitentaſchen... Er kannte den Namen des Finkenhofes und fragte: Geht Ihr dahin? Auf zwei Beinen. Sind Sie fremd in der Gegend? Aus Strasburg— „O du ſchöne Stadt!“ ſang der Geiger mit ver⸗ biſſener Luſtigkeit. Ich bin ein Muſikus, und Sie— 2 Von Metier Perrükenmacher! Möcht' ich Ihnen meine gelben Haare verkaufen! Eine Hand voll ſchlug ich heute umſonſt los! Daß dich! Und jetzt—? Dionyſius Schneid ſah inzwiſchen das Pflaſter über der Naſe ſeines Auskunftgebers, bedauerte ihn, plauderte allerlei Schnickſchnack und klimperte zur Antwort auf die letzte Frage in der Taſche mit den Worten, Geld hätt' er genug, um bis nach Polen zu kommen... einſtweilen wär' er hier in gräfliche Dienſte getreten auf Schloß Weſterhof, wenn auch noch ohne Livree; heute Abend ubende Stam⸗ kundig ſcheint er lieber links eiger an... us— 7 dort drüben hof einheizen nit Pelhkappe im den Hals Er kannte der Gegend? ger mit ver⸗ nd Sie— c1 e verkaufen! l Daß dich! pſoſtr il in, ploudert wort auf die Geld hät inſwweile heute Abend t er 169 wollt' er ſich den Reſt ſeiner„Bagage“ aus dem Pfarr⸗ hauſe holen, wo ihn auf einige Tage der alte Tübbicke „logirt“ hätte.. Sind Sie doch nicht gar der große Prophet, den immer Herr Tübbicke junior aus Paris erwartet? Der, der die Welt wie ein Stück Tuch zerſchneiden ſoll und jedem einen Fetzen gibt— ja ſo! mir(ſagte Stammer innehaltend und nach einer wunden Stelle ſeines Leibes greifend, die ihn ſchmerzte) ſchon meinen— Fetzen— von einem adeligen— Jagdrock— Dionyſius Schneid verſtand nicht dieſe in den Bart gemurmelte Anſpielung auf die Urſache der Schmerzen, die dem Geiger durch vielleicht zu ſchnelles Gehen ge— mehrt wurden... wol aber begriff er vollkommen die Anſpielung auf die Communaute, die ihn einſt mit dem jungen Tübbicke in Paris bekannt gemacht hatte... Ha, ha, hal fiel er mit grobem Gelächter ein. Dieſe Propheten ſtecken jetzt alle in Priſon! Einer kriegt ſoviel Waſſer und Brot wie der andere! Das iſt die Theilung der Propriete! Dionyſius Schneid, der ſich dem ſeinen Witz ganz freundlich begrinſenden Geiger befreundete, ſchien auf dem Schloß Urlaub für die ganze Nacht genommen zu haben und ging in den Finkenhof mit. Das Lachen der Vorübergehenden über den Buckeligen reizte ſeine Neugier nur noch mehr und am Finkenhof angekommen ſah er, welchem verwogenen alten Knaben er folgte. Stammer zog, obſchon ein tiefer Verdruß an ihm 170 ausgeworfenen Beinen, frech und übermüthig einen Ge⸗ ſchwindmarſch ſtreichend, den er ſchon auf der Schwelle begann... Ein ſchallendes Lachen empfing beide An⸗ kömmlinge... Auch Dionyſius Schneid ließ die brennenden Augen vergnügt im Kreiſe rollen. Das Lachen und Glück⸗ wünſchen beluſtigte ihn... Die jungen Burſche ſprangen auf und tanzten hinter dem Geiger her... Die Alten ſtreckten ruhig fortrauchend die Beine vor, um ihn zum Fallen zu bringen... Stammer wich aus, warf ſeine gelbweißen langen Haare mit kecker Geberde hinter⸗ rücks und marſchirte gerade auf den Tanzſaal zu. Dieſer war nicht geheizt, aber einige Burſche ſprangen doch an, ergriffen die Mägde, die aufwarteten, und würden wenigſtens einmal mit bloßer Begleitung einer Geige den Pfaffen von Yſtrup geſtampft haben, wenn nicht der Meyer, der Moorbauer und der Finkenmüller ſelbſt gekommen wären und eingedenk der Gelöbniſſe, die ſie heute dem Pfarrer gegeben, und trotz der vielbelachten, allgemein verbreiteten und alle guten Vorſätze entkräf⸗ tenden Nachricht, nächſtens würde bei Herrn Müllenhoff getauft werden, Ruhe geboten hätten... Stammer vermittelte die neue Bekanntſchaft mit ſolchen, die ſich, wenn ein anderer Geld zeigte und „anfahren“ ließ, ihrerſeits auch nicht„kohlen“ ließen... Die Hauptſache war Kartenſpiel... Guthmanns und Herren von Binnenthals gibt es auch im Bauernſtande und auf„Schafskopf“ kann man verhältnißmäßig ebenſo geprellt werden, wie Piter in Pyrmont auf„Einund⸗ zwanzig“... Stammer berechnete ſchon ſeinen Antheil, einen Ge⸗ r Schwelle beide An⸗ den Augen nd Glück⸗ de ſprangen Die Alten n ihn zum warf ſeine de hinter⸗ nal zu... e ſprangen teten, und ung einer ben, wenn inkenmüller bbniſſe, die jelbelachten, tze entkräf⸗ Wlüllenhoff ſchaft mit zate und geigte u ließen. manns un rnſtande 9 aue äßig ban „ium⸗ 1 Antheil 171 als er Herrn Dionyſius Schneid mit ein paar Salz⸗ ſiedern bekannt gemacht hatte, die im glücklichen Karten⸗ ſpiel Meiſter waren... Inzwiſchen hätte das Geſchäft der„Herren vom Schloſſe“ hinter dem urweltlichen Kachelofen ſchon vor⸗ über ſein können. Indeſſen„ein Wort gibt das andere“ und wo ſich einmal Thiebold's Zunge feſtgehakt hat, kann ſie ſobald nicht wieder los. Aus einer löblichen Popularitätsbeſtrebung hatte man ſogar dem Finken⸗ müller nicht abgeſchlagen, von ihm, natürlich gegen Zahlung, drei„ſteife Grogs“ anzunehmen, die er ihnen als die vorzüglichſte Leiſtung ſeiner Großmagd offerirte. Die Ausſicht, daß Herr de Jonge den Wald kaufte, in dem nächſtens zum letzten male gepirſcht werden ſollte, eröffnete dem ganzen Jagd⸗ und Waldhutperſonal glän⸗ zende Ausſichten auf Schlag⸗ und Holzvermeſſungstrink⸗ gelder. Bedauern, daß im Zehnterforſt die Hirſche zum letzten male junge Tannenkeime knuspern ſollen, war eine hier unbekannte Sentimentalität. Nur der Meyer äußerte von der künftigen Beſtimmung dieſes Forſtes zu Eiſen⸗ bahnſchwellen einige fromme Seufzer, die an Müllen⸗ hoff's Predigten erinnerten, der die Locomotive darzu⸗ ſtellen pflegte wie die vom Teufel entführte Braut der Hölle, voran Satan mit einer Peitſche aus lichter⸗ lohem Kometenfeuer, hintenauf hockend Drachen und Ungethüme der Unterwelt und in den Waggons fahrend Juden und Judengenoſſen, Gottesläugner, Conſiſtorial⸗ räthe, Offiziere und Gensdarmen, alles was zum Leben des neunzehnten Jahrhunderts gehöre... Ja auch Benno ſeufzte: Der Zehnterwald! Kein Holz hatt' ich 172 ſo lieb, wie das! Stellen gab's da, die für's Edelwild ein Paradies waren! Büſche an kleinen Waſſern, wie gemacht für die Brunſt, einſam wie Mutterſchoos! Brauchte da ein Jäger wol aufs Blatten zu ſchießen? fiel als leiſer Wehmuthsaccord vom Hegemeiſter ein... Nein, ſagte der Oberförſter, wiſchte ſich aber nur das„neu angefahrene“ Bier aus dem greiſen Barte, keine Thräne, der ganze Forſt gab ſchon einen Ton von ſich, auf den die Rehe von allen Weltgegenden hereinkamen! Den Ton des Schweigens! ſagte Benno für ſich und horchte auf die Terſchka'ſche lebhaftere Seitendebatte, wo man vom Düſternbrook ſprach, als von einem Gehölz, wo ſeit Menſchengedenken kein Hund„ein Wild ſtellte“. Das führte denn auf das heute von Allen Erlebte... Man legte ſich freilich die Rückſichten auf, die der An⸗ und Abſtand geboten... Man lächelte nur, munkelte, ſtopfte ſich„mit Verlaub“ eine neue Pfeife und wartete auf den, der die meiſte Courage hätte, um mit der Rede durchzubrechen... Des Küfers Stephan Lengenich entſannen ſich alle von vor Jahren... Auch Löb Seligmann war jedem bekannt. Der hatte den Küfer zurückgehalten, als dieſer ſeine„Entlaſtung“ feierlich vollzogen... Dann war Löb auf den Schrei der Liſabeth und die Störung durch den Geiger und den Mönch, wahrſcheinlich auf Schloß Neuhof zurück verſchwunden, wo ihn ſchon der Präſident von Wittekind zu ſchätzen begann... Das nun war der Augenblick, wo man die Geige Stam⸗ mer's hörte und vor dem grellen Lachen, mit dem ſein 3 Edelwild ſſern, wie zpoos! uſchießen? ein.. aber nur ſen Barte, en von ſich, inkamen! ir ſich und ebatte, wo m Gehölz d ſtelle. erlebte... , die der Verlaub die meiſte den... I ſch ale Der hatte 2. 71 ntlaſtung den Schre jeiger und uhof zurü m Pittelind „ Stau⸗ eige Sta t dem ſein 173 Eintreten empfangen wurde, ſein eigen Wort nicht ver⸗ ſtand... Nach dem, was Onkel Levinus über die alten Dinge von Schloß Neuhof erzählt hatte, mußten die drei Herren vom Schloß wol angenehm überraſcht und begierig ſein, ſich dieſen Geiger näher anzuſchauen... Schon wurde ſeine Charakteriſtik gegeben... Er iſt im Kirchenbann. Ein alter Kerl von faſt ſechzig Jahren ſchon... „ Putzig iſt's, wenn er allein ſpielt! Immer erzählt er dazwiſchen eine Lüge, wie Eunlenſpiegel... Oder auch manchmal eine Wahrheit! ſagte der Ober⸗ förſter und betrachtete wie mit einer Auffoderung, den Geiger näher zu rufen, Herrn von Terſchka... Terſchka gab den Ausſchlag, daß man ſich allerdings eine ſolche Erſcheinung nicht entgehen laſſen ſollte... Benno erneuerte gern eine Bekanntſchaft aus ſeiner frü⸗ heſten Jugend... Und ſo war denn Thiebold ſchon aus, ihn zu holen... Umringt von denen, die ſich nicht zu Dionyſius Schneid und zum Spiele hielten, erſchien der heute ſo übel zugerichtete, langhaarige Buckelige... Trüb beſchienen ihn die wenigen Oellampen, deren Lichtſtrahlen vollends ermatteten durch den Qualm der Pfeifen und Cigarren... Der Dunſt des Ofens zwang die drei Herren vom Schloß, von dieſem mit ihren Schemeln abzurücken... Der Finken⸗ wirth bediente allſeitig und entfernte von den Honora⸗ tioren die Nachdrängenden. Er that das wie mit Kammerherrenanſtand... Stammer ſchlenderte näher und grüßte trotzig... 174 Seine kohlſchwarzen Augen lachten verſchmitzt die vor⸗ nehmen Frager an. Seine dünnen Beine verneigten ſich faſt wie mit einem frauenzimmerlichen Knix... Dann legte er beide langen Arme, die die Geige und den Fiedel⸗ bogen hielten, auf den Rücken, als wollt' er ſagen: Nun, was ſoll's? Terſchka, der hier das Wort führte, ſagte nicht ohne Würde, aber in ſeinem fremdartigen Dialekt: Ei Sie! Ei Sie! Sie haben halt das Unglück, hör' ich, dem Herrn Pfarrer nicht zu gefallen! Ich gefalle mir ſelbſt nicht! Sehen Sie nur! Der liebe Gott hat mich nicht richtig wachſen laſſen!... Das war mit einem Herumdrehen des Rückens die Antwort... Sie haben, fuhr Terſchka nach dem Lachen fort, hör' ich, ſehr ein großes Talent! Auf der Geige könnte der Paganini von Ihnen lernen, ſagt man! Ich würde an Ihrer Statt mein Publikum nicht groß genug haben können; ſelbſt der Herr Pfarrer dürfte mir nicht fehlen, wenn ich einmal eine gute Sonate ſpielte... Man murmelte und lächelte auch ihm... Stam⸗ mer's Gedanken weilten zwar jetzt mehr bei dem Kloſter Himmelpfort, als bei Sanct⸗Libori, doch ſtellte er ſich demütthig... Schließen Sie Frieden mit Herrn Müllenhoff, fuhr Terſchka, ſeiner Stellung eingedenk, fort. Er meint es gewiß gut mit euch allen! Auf Ordnung und gute Sitte muß halt auch die neue Herrſchaft ſehen! Ein Jünglings⸗ und ein Jungfrauenbund iſt gar ſo übel nicht und ſchließt die Freude keineswegs aus. Daß die Muſik an ſich Gott wohlgefällig iſt, zeigt euch Sonntags jede Meſſe!.. tzt die vor⸗ rneigten ſich ... Dann den Fiedel⸗ er ſagen: te nicht ohne nglück, hör r Der lebe .Das war wort... n fort, höͤr könnte der hwürde an enng haben nict fehlen .. Stam⸗ dem Kloſter elle er ſih ahoff fuhr Er meint e d gute Sitte Jüngling⸗ 10 ſchließt an ſich Golt Meſſe!- 175 Ihr aber, Stammer, ſollt ja zur Geige allerlei Schnurren vortragen können! Nun, wenn Ihr in Euere Lügen ein paar Körner Wahrheit einmiſchen wollt, ſoll's uns noch einmal ſo lieb ſein! Trinkt und fangt dann mit einem Geſpaß an! Benno und Thiebold mußten dieſer Weiſe, ſich hier unter den Leuten vornehm und zugleich populär, ſtreng und doch tolerant zu geben,„leider“ ihren ganzen Bei⸗ fall ſchenken... Knick! Knack! drehte Stammer inzwiſchen die Wirbel ſeiner Geige, probirte die Saiten mit dem Fiedelbogen und begann mit einigen Läufen ſeine hier landbekannte Art der Improviſation... In einem ſingenden Tone ſprach er: Ein kleines Kind bin ich im Wald geboren— An einem ſchönen, ſchönen, wunderſchönen Sommertag— Mit raſcher und geſprächsweiſer Stimme ſetzte er hinzu: Im Juli war's— wo freilich die Tage anfangen kürzer zu werden... ich glaube, darum bin ich auch zu kurz in die Welt gekommen... Die Leute lachten... Stammer ließ den Fiedel⸗ bogen langſam über die Saiten gleiten und ſprach dabei: Ach! Was iſt nicht alles jetzt länger geworden! Die Tage ſind's am allererſten; auf die Art weil man ſo deſto länger arbeiten muß! Sonſt aber waren nur die Drei⸗ groſchenbrote länger und die Elle war's und dick wurde jedermann— nicht blos die Wirthe. In ein Lachen über den Finkenmüller wirbelte der Improviſator einige Läufer hinein, zog dann wieder, 176 als es ſtiller wurde, einen einzigen, langſamen und klagenden Ton und ſagte: O du ſchöne Zeit! Du liebe Zeit! Ja, hatte man ſonſt im Winter, wie jetzt, kein Brennholz, ſo ging man blos zu einem heiligen Domherrn! Ach, auch das war in der ſchönen Zeit nicht'mal nöthig! Man brauchte blos ſeine Frau zu ſchicken oder ſeine Tochter und alles war in Ordnung... In das geſteigerte Lachen, dem ſich ſelbſt die„Herren vom Schloß“ anſchließen mußten, fiel ein wildes Dideldei der Geige wieder als Refrain ein... Da liegt nun das Jägerkindlein in der Wiegen! fuhr er wieder, als ſich alles beruhigt, mit elegiſchem Tone und halb ſingend fort. Ich war meiner Mut⸗ ter ganze Luſt! Milch— gab ſie mir von unſerer Ziegen— Im leichten Tone ſetzte er mit raſchem Sprechen den Lachenden hinzu: Kein Wunder, daß ſich früh der Bock in mir regte... Neues Lachen... der alte Poſſenreißer machte einen zweideutigen Bocksſprung... Elegiſcher aber fuhr er fort und fixirte die Jäger, die ſich ihm gleichgültiger zeigten: Es war noch nicht die Zeit, als wir zum erſten male hier zu Lande hörten: Straf mir Jott! Wat ſoll nun ſo en Junge werden? Er kann nicht Kammmacher, Stellmacher, Siebmacher, Korbmacher, Raſchmacher, Schuldenmacher— kein Jäger nicht werden... Die Jäger ließen ſich den Scherz gefallen... Laſſen wir ihn das Schönſte auf der Erden, einen ſamen und „hatte man ſo ging man ich das war tan brauchte r und alles die„Herren des Dideldei der Wiegen! it elegiſchem einer Mut⸗ oon unſerer prechen den ih der Vol machte einen die Jäger, erſten male zat ſoll nun aummacher haſchmacher a. einen erden, 1707 Muſikus beim fürſtbiſchöflich witobornſchen Stadttrom⸗ peter werden!.. Eine wilde muſikaliſche Figur folgte.. Der Stadttrompeter, ſetzte er dann wieder parlando zum ſingend Gezogenen hinzu, hatte damals die Waſſerſucht, was ſonſt keine Leibkrankheit der Muſikanten iſt. Den⸗ noch lernt' ich von ihm noch zu guter letzt die Flöte, die Clarinette, Waldhorn, Trompete, Violine und Guitarre, welche letztere ich ſogar ſchon wieder einem Fräulein auf Schloß Neuhof beibringen konnte— die Stunde ein Maß Bier und ein übers andere mal ſechs Pfennige. Niemand von den„Herren vom Schloß“ erwartete wol, daß dieſe ſentimentale Guitarrenſpielerin— die raffinirte Mörderin der Schweſter des Geigers war, die ſpäter wirklich auch ſelbſt Ermordete. Fräulein von Gülpen hieß die Dame! ſagte Stammer. In ſtillen Abendſtunden, wenn der Kronſyndikus in Kaſſel war, lockten wir die Fledermäuſe ans Fenſter und ſpielten und ſangen: Guter Mond, du gehſt ſo ſtille! bis eines Tages unterm Fenſter ein Jäger anbiß. Schön war er nicht. Eine große Kaffeetrommel, in die man ihn in Java einſperrte, hatte ihn braun gebrannt—! Alle wußten ſogleich, daß Bruder Hubertus gemeint war und ſahen voraus, daß ſich der Buckelige vor den Herrſchaften an ihm rächen würde über die Mishand⸗ lung, die ihm heute in ihrer Gegenwart angethan war... Terſchka, Thiebold und Benno fühlten die Schauer der Erinnerung an die Erzählungen des Onkels Levinus... Einige kühne muſikaliſche Figuren, die des Geigers Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 12 178 jetzt ausbrechenden Zorn verriethen, wurden geſtrichen als Zeichen, daß er an ſeine Pointe kam... Er fuhr ſin⸗ gend fort: So ging es her zu jener Zeit— heidi!... Auf Schloß Neuhof— heidil heidi! heidi!... Viel Herrn und Damen— ei, ei, ei!... Muſik und Tanz und Gaſterei!... Und Parlez-vous français, Musje?... Italienerinnen—„Nix verſteh!“... Blos unſer Geld verſtanden ſie— ſetzte er par⸗ lando hinzu, und das kräftige deutſche Wort:„Tar Teifel!“... Eine war ſo gut wie die zweite Baro⸗ nin und ſagte nur immer:„Tar Teifel!“... Ihre Reitpeitſche hieb— hui!— über alles weg, was ihr in den Weg kam. Eine Sängerin war's aus Rom—! „Nix verſteh“, als„Tar Teifel!“ und nur„viel Geld“, „gute Geld“,„ſchwere Geld“ und Brillante— aber „von die echte“—!„Tar Teifel!“ fluchte ſie zu Wagen und zu Pferde! Aber ſchön war ſie—! Und lachen konnte ſie—! Auch über mich und ſogar über den ſchönen Mann aus der Kaffeetrommel! Wilde Variationen fielen wieder ein... Unfehlbar war eine Rache an Hubertus das Ziel... Alle betrachteten Terſchka, um gerade an ihm, an der Hauptperſon des Abends, die Wirkung dieſer Poſſen zu beobachten.. Da— iſt— denn aber gekommen— fuhr Stammer mit pathetiſchem Naſenton fort— der großmächtige— Winter Anno Zwölf— und— ſſo ein einziges„und“ zog er ſchon wie eine lange, lange Note) und— da ſind die Füchſe— die Wölfe— die Franzoſen— ſind geſtrichen als Er fuhr ſin⸗ ddi!... Auf Viel Herrn d Tanz und Musje?... etzte er par⸗ Vort:„Tar zweite Baro⸗ 1... Ihre eg, was ihr us Rom—! viel Geld“, 34 „ re— aber zuchte ſie du ſe= Uud d ſogar über 1 . Unfehlbar 179 gekommen— und daß Gott erbarm'!— man hätte ſeinem Feind nicht abgeſchlagen ein Stück Pumpernickel, was ihm ſonſt nur eine Brotſorte von Stein geweſen war... Sakkernungdediö! Da zog auch Herr von Bos⸗ beck einmal einen Tuchrock an— Buſchbeck! verbeſſerten einige Stimmen. Terſchka horchte immer mehr auf... Die Hitz' bei zwanzig Grad unter Null war ihm denn doch zu arg und ob er gleich'ne Haut hat wie Leder, gegerbtes Rindsleder, der Herr von Bosbeck... Buſchbeck! verbeſſerten ſchon ihrer mehr... Die hat er, eine Haut von Büffelleder! Ich hab' ſie oft genug ſelbſt geſehen... Eines Tages ſah ich ſogar an Bosbeck's Arm— Buſchbeck! ſchrieen die Zuhörer. Bosbeck—? wiederholte Terſchka für ſich... Bosbeck iſt ſein Name! rief jetzt kreiſchend der Geiger voll Tücke und auf der Höhe ſeiner Rache angekommen. Es iſt ja ein Vetter von dem Bosbeck ſelig, der in Grö⸗ ningen am Galgen hing... Terſchka ſchauderte erſichtlich... Die Umſtehenden ſchwiegen... Daß es mit des Mönches früherem Leben nicht geheuer war, wußten alle... Sah' ich denn nicht, krächzte der tückiſche Geiger, ſah ich denn nicht— auf dem Leder hier am Arm, wo an— dere Menſchen, ſogar die Buckeligen, höchſtens ein ehr⸗ liches Muttermal haben— ein Galgenrad eingebrannt? Ganz wie damals beim Liborius Pollmann, bei Domi⸗ nie Klapproth, Jean Picard und wie ſie alle heißen, 12* 180 die dazumal das Geld flüſſig zu machen wußten— rund iſt ein Rad und rund iſt die Welt und— Nun fiedelte und ſang der Geiger eine wilde Me⸗ lodie... Da unterbrach ihn aber ein Lärm, der ſich aus einem hintern Winkel erhob... Schlagt den Hund todt! rief man dort aus kreiſchen⸗ den Kehlen durcheinander.. Alles, noch ſtarrend und murmelnd und flüſternd über die unglaubliche Mähr, daß der fromme Bruder Hubertus auf ſeinem Arm könnte ein Verbrecherzeichen eingebrannt haben, wandte ſich ungern... Der Finkenmüller ſah eine Rauferei und rannte ſchon faſt den Geiger nieder und warf ſich dazwiſchen. Die Spieler hatten den von Stammer mitgebrachten Fremdling zu Boden geworfen... Sie, die gehofft hat⸗ ten, einen reich mit Geld Ausgeſtatteten prellen zu kön⸗ nen, waren es von ihm geworden... Geſchuppt hat er! hieß es, und zwei bekannte liederliche Burſche rangen mit dem Voltenſchläger, der ſich wehrte, hielten ihn auf den Boden nieder, während andere den Finkenmüller zurück⸗ hielten und durcheinander ſchrieen: Wie er abhob, ſahen wir's!— Schon da, als er miſchte!— Daumen hat er wie ein Dieb!... Ruhe! rief der Meyer und machte den Herrſchaften Bahn... Terſchka's aufgeregtes Herantreten, Thiebold's Zurück⸗ halten der beiden Salzſieder, Benno's energiſches Bedeu⸗ ten um Ruhe unterbrach die Fortſetzung der Künſte des Geigers und des Kampfes, welcher letztere ſich ſogar ten— rund wilde Me⸗ er ſich aus us kreiſchen⸗ a flüſternd mme Bruder recherzeichen und rannte azwiſchen. itgebrachten gehofft hat⸗ len du kön⸗ iſupßt hat nſche rangen lten ihn auf füller zurück bhob, ſahen Daumen hat Herrſchaften old's Zurüt⸗ ſſches Bedel⸗ a., des 3 Künſ.e der e ſic ſoga durch einen zufälligen Umſtand plötzlich in Heiterkeit auf⸗ löſte... Herrn Dionyſius Schneid entglitt unter den Fäuſten ſeiner überlegenen Angreifer ein Schmuck ſeines Hauptes, eine pechſchwarze Tour, die über einen plötz⸗ lich ſichtbar werdenden, kurzgeſchnittenen rothhaarigen Schädel geklebt war... Das dann zu gleicher Zeit noch hineingeworfene Wort des hinzutretenden Geigers: Es iſt ja ein Perrükenmacher! machte ſelbſt Thiebold und Benno lachen, und ſo erhob ſich der Strasburger und benutzte den Moment, ſich ſo ſchnell wie möglich zurück⸗ zuziehen und heimlich zu entfernen... Der Wächter draußen rief die zehnte Stunde... Alles beruhigte ſich jetzt, gedachte der Heimkehr und ließ zunächſt die„Herrſchaften“ durch, die ſich jetzt empfah⸗ len.. Die Jäger gaben ihnen noch eine Weile das Geleite... Der Meyer, der Moorbauer blieben zur Kritik des Abends zurück. Da ſie beſtätigten, daß Herr von Terſchka plötzlich in ein auffallendes Schweigen verfallen war, wurden dem Geiger vom Finkenwirth für ſeinen fre⸗ chen und lügneriſchen Ausfall auf den Liebling der Ge— gend und einen Mann Gottes die bitterſten Vorwürfe ge⸗ macht. Als Stammer entgegnen wollte, warf ihn der Wirth ohne weiteres zum Hauſe hinaus. Draußen an den ſich kreuzenden Wegen zerſtreute ſich dann alles... Benno ſagte zu Thiebold:„Tar Teifel!“ Den rothen Kerl muß ich doch ſchon irgendwo geſehen haben? Auch Terſchka hörte dies, glaubte aber die Rede wäre von dem Brandmal des Hubertus... Darf er denn —— 182 ſolange außerhalb ſeines Kloſters leben? fragte er, nahm, als ſein Irrthum berichtigt, ſeine Frage beſtätigt worden, Abſchied von Benno und Thiebold und ging mit dem Oberförſter und dem Wildmeiſter dem Schloſſe zu... Die Schläge der zehnten Stunde erklangen von allen Seiten her durch die ſtille Nacht... Die nächſt hörbare Uhr war ſchon die von Schloß Weſterhof... Selbſt vom ſchneebedeckten Jeſuitenthurm in Witoborn hörte man in der nächtlichen Stille das bekannte haſtige Jeſuitenläuten... Und öde wie die Winternacht, war die Stimmung der Freunde... Was ſie jetzt hätten ausſprechen kön⸗ nen, war ſchon in dieſen Tagen ſo oft gegenſeitig aus⸗ geſchüttet worden... O wie war Armgart ſo ſeltſam geworden! Wie lag es winterlich auf dem Herzen der vunde! Erſtorben alle Blüten, verklungen alle Freu⸗ ven, begraben die ſchönſte Maienzeit des Lebens!... Der Scherz mit den„Vielliebchen“ war die letzte Erinnerung geweſen an den Ton vergangener Stunden... Thiebold's Art und ſein ſchlechtes Gewiſſen litten es freilich nicht, daß er ſo ganz zu allem Herzleid ſchwieg. Seine Zunge wurde nicht müde bald die Geiſter des Jenſeits, bald die Vici alwege des Dieſſeits zu beſprechen, bald den Doctor Püttmeyer, bald die Jagd, bald das unheimliche, vielleiche gar nicht exiſtirende randmal auf dem Arme des Mönches Hubertus, bald den Nauber Bosbeck— eine Ju⸗ genderinnerung— bald die Guitarreſtunden der ermordeten Frau Hauptmann zu erläutern... Alles, was er damit nur ſagen konnte, lautete im Grunde ſeines Herzens: Was te er, nahm, ttigt worden, ng mit dem 'ſſe zu... en von allen von Schloß in Witoborn unte haſtige Stimmung prechen kön⸗ nſeitig aus⸗ ſo ſeltſam Herzen der n ale Freu⸗ nsl.. Der Erinnerung een litten es lid ſchwig des Jenſeits, en, bald de unheimliche em Arme d — eine Jl⸗ r ernordete er damit umm tzens: Beg 183 hebt uns ach! mit ſo luftigen Schwingen in die kalte leere Luft und läßt uns ſchweben wie Fieberkranke, die da jammern des gefürchteten jähen ewigen Niederſturzes! Was geht vor in dieſem Chaos des Erdenlebens, im dunkeln Rath der Götter, die die Menſchenlooſe zu ihrer Freude miſchen! Wohin wandeln wir! Was geſchieht! Wie nur ſo angſtvoll klopfen unſere Her⸗ zen, wie ſo bang mahnt unſere Ahnung! Geiſter hal⸗ ten, führen uns— aber wohin geht ihr Weg, wo iſt das glückliche Ziel? Nach einer Wanderung von einer halben Stunde hörten ſie das Rauſchen der berühmten Mühlen von Witoborn. In ihren Donnerton verſank alles, was Thiebold nur ſprach, um richtiger, wenn auch ſehr pro⸗ ſaiſch zu ſagen: Iſt es denn möglich, daß man uns, uns—— dieſen Terſchka, einen Mann von vierzig Jahren vorziehen kann! Benno lebte hier auf dem Schauplatz der erſten Er⸗ innerungen ſeines dunkeln Lebens ſchon ſeit Wochen wie im Traum. Seine Rückkehr zur Schreibſtube Nück's ſtand nahe bevor. Er ſchloß auch mit dieſem Tage ab, wie ſchon ſeit lange mit ſeinem ganzen Leben. Seine Entſagung war eine um ſo ſchmerzlichere, als er ſich die Philoſophie gebildet hatte: Was du dir unſers Da⸗ ſeins für würdig hältſt, mußt du dir hienieden zu erringen ſuchen!... Die erfahrungsloſe Jugend baut ſich ja ſchneller Syſteme, als das geprüfte Alter. Ge⸗ hen dieſe Syſteme hervor aus„Enttäuſchungen“ und „geſcheiterten Hoffnungen“, dann zerfallen ſie wol leicht wieder in Trümmer; aber jäher iſt ihre Dauer, 184 gefahrvoller wird ſie für das Herz, wenn ſie aus jener Jugendſtimmung entſtehen, die wenig erwartend vom Jen⸗ ſeits auch vom Dieſſeits nur mit bitterer Verachtung ſpricht, von ihm am wenigſten noch etwas hofft, zu ſeinen Gunſten am wenigſten noch etwas unternimmt... Eine volle, freie, erhebende Stunde mit Bonaven⸗ tura hatte Benno noch nicht finden können. ie aus jener d vom Jen⸗ Verachtung t, zu ſeinen nt.. t Bonaven⸗ Auch für Bonaventura war dieſer Aufenthalt eine Rückkehr auf den Schauplatz ſeiner erſten Jugend. Auch ihn zog hierher eine Liebe und eine froh⸗bange Sehnſucht... Er kannte Paula als Kind, dann kannte er ſie mit dem Ausdruck jungfräulich erſter Reife... Jetzt erwartete er nach allem, was er von ihr wußte, ein Bild voll elegiſcher Hoheit, eine gefangene junge Königin, die in einem einſamen Schloſſe wandelt, hoheitsvoll und tief hülfsbedürftig zugleich. Die Beklemmung, in Paula's ſeltſam bedingtes Lebens⸗ daſein einzutreten, wuchs mit der Nachwirkung deſſen, was in der Reſidenz des Kirchenfürſten noch in den letzten Augenblicken von ihm erlebt werden mußte. Die Begegnung mit Bickert im Beichtſtuhl, die Hoffnung auf Rückgabe der im Sarge des alten Meviſſen gefundenen Papiere— Lucinden's Erklärung, daß dieſer Schatz in ihren Händen war— wie durchrieſelte ihn da mit ſchüttelndem Froſt die Erinnerung an die aus ihrem Mund gekommenen ſchonungsloſen Drohungen! Eine Rachegöttin umſchwebte ſie ihn auf allen Wegen. Das yy—„ 186 Schwirren ihrer Eumenidenflügel glaubte er zu hören, das Leuchten ihrer geſchwungenen Fackel in dunkler Nacht zu ſehen.„Der ganze, ganze Bau der Kirche!“ Dies tief⸗ höhnende Wort hallte durch ſeine Seele wie Grabesruf. Was konnte der treue Diener ſeines Vaters aufbewahrt, was von dieſem zum Aufbewahren erhalten haben, das an ſein Daſein eine ſo große Thatſache, den Bau der Kirche, knüpfen ließ und nicht ganz zerſtört, ja vielleicht ausdrücklich einem Grabe einverleibt werden ſollte? Der ganze Bau der Kirche!... O da war er denn nun in dieſem heiligen Witoborn! Hier hatten Biſchöfe gethront und den Krummſtab als Scepter geführt und nicht Eine bedeutſame Exrinnerung an deutſche Größe, Kraft und Bildung war zurückgeblieben. Kleinliche Häuſer, ärm⸗ liche Straßen, in entlegener Gegend, in einer hal⸗ ben Wüſte ein glänzender Palaſt, die Reſidenz dieſer Biſchöfe, jetzt eine Kaſerne. Nichts vom Vergangenen zurückgeblieben, als eine Unzahl Kirchen, ein düſteres Jeſuitenſtift, Gefäße von Silber und Gold in den Tru⸗ hen der Sakriſteien, Monſtranzen mit Edelſteinen, Fah⸗ nen und Baldachine von koſtbarer Stickerei. Hier und da fand ſich eine beſſere Erinnerung aus der Zeit der Aufklärung. Einige Prieſter hatten in dem Geiſte des Onkels Dechanten gewirkt. Einiges war geſchehen für Prieſterbildung, Jugendunterricht und würdigere Gottesverehrung— aber der neue römiſche Geiſt über⸗ baute ſchon ſeit lange alles wieder mit ſeinem künſt⸗ lichen Mittelalter. Am Markt, in den Läden der Haupt⸗ ſtraßen waren die Schaufenſter beſetzt mit Monſtranzen, Kelchen, Crucifixen, Madonnen aus Alabaſter und Bronze, er zu hören, dunkler Nacht 1“ Dies tief⸗ 2 Grabesruf. aufbewahrt, haben, das den Bau der Ja vielleicht ſollte? er denn nun hüfe gethront d nicht Eine Kraft und äuſer, ärm⸗ einer hal⸗ ſidenz dieſer Vergangenen ein düſteres in den Tru⸗ ſteinen, Fah⸗ „Hier und z der Zeit dem Geiſt var geſchehen d vürdigere Geiſt lber⸗ ſeinem kinſt n der Haupt Wonſtranzel, und Bronze 187 Erzeugniſſen einer Induſtrie, deren Spuren ſich bis da⸗ hin verloren, wo man ſogar dem Salon einen gewiſſen koketten kirchlichen Ausdruck jetzt zu geben verſuchte. Eine Proceſſion hier, eine Proceſſion dort. Bruderſchaften faſt für jeden Tag der Woche in Bewegung. Männer, Weiber, Kinder mit Lichtchen in den Händen, mit Fah⸗ nenwimpeln, Kreuzen, Meßner und Chorknaben dazwi⸗ ſchen in bunten Gewändern, ſingend und ſprechend mit allen jenen Diſſonanzen und unſichern Rhythmen, die ihm ſeine Glaubensvirtuoſität früher als ſo rührend er⸗ ſcheinen ließ. Jetzt ſah er in dieſem Kirchgang ſo vieler Männer an Wochentagen nur die Verſäumniß ihrer Ar⸗ beit. Ehe er nach dem Pfarrhauſe zu Sanct⸗Libori fuhr, war er„Bei Tangermanns“ abgeſtiegen. Ihm gegenüber hatte ein Kapuzinerkloſter eine Kirche, vor der in einem Aufputz wie für Kinder— eine kleine Madonna in natürlichen Kleidern von Sammet und Seide auf offener Straße ſtand. Am Morgen gleich nach ſeiner Ankunft kamen Benno, Thiebold, Hedemann. Erſtere beide wohnten in einem Müllerhäuschen, das etwas entlegen lag vom donnern⸗ den Geräuſch der ſchon von Hedemann ſelbſt betriebenen Mühlen. Das Wiederſehen war hocherfreut. Bei Benno ſogar mit ironiſchem Lächeln, als es der Frage galt nach dem erſten Beſuch auf Weſterhof; bei Thiebold mit der ſcheuen Befangenheit eines ſchuldbewußten Schülers vor ſeinem Lehrer; bei Hedemann mit jener bekannten immer mehr ſich bei ihm ausbildenden, lächelndſtrengen Sicher⸗ heit des Bibelglaubens; Hedemann hatte in der That ketzeriſche Grundſätze aus England und Amerika mit heim⸗ 188 gebracht und wurde in ihnen durch die Erfahrungen, die ſeine greiſen Aeltern mit dem Pfarrer Langelütje gemacht, in Gedankengängen beſtärkt, die zu irgendeinem, viel⸗ leicht für ihn verhängnißvollen Ziele führen mußten. Daß der Domherr nicht in Witoborn blieb, wußte man. Bonaventura wollte ſeinen nominellen Pfarrſitz ſelbſt einnehmen und ſchon war nach einem Wägelchen geſchickt worden, ihn an ſeinen eigentlichen Wohnſitz zu führen, den er einem alten Brauche gemäß bis gegen Oſtern einnehmen mußte. Benno bedauerte dieſe Trennung. Er ſchilderte das Haus„Bei Tangermanns“ als einen unterhaltenden Reſt altdeutſcher Gaſtfreundſchaft, der in⸗ deſſen die Trinkgelder und modernen Preiſe nicht aus⸗ ſchlöſſe. Seht nur, ſagte er, dies alte Mauerwerk mit bunten pariſer Tapeten beklebt! Goldleiſten über wurm⸗ ſtichige Balken! Parquetfußböden neben grünen Kachel⸗ öfen! Thiebold ſetzte hinzu: Läſtern Sie nicht! Das beſte iſt ein patriarchaliſcher Weinkeller, aus dem man nur leider allein durch Schmeichelei einen Nierſteiner Gelbſiegel bekommen kann! Der alte Tangermann hat auf ſeiner Weinkarte alle nur möglichen Cabinetsausleſen und Dompräſenze, gibt ſie aber nicht her, wenn man ſie nur ſo einfach beſtellt, wie wahrſcheinlich unſer Freund Piter Kattendyk gethan hat, als er von witoborner Krätzer ſprach! Erſt ſagt der Kellner regelmäßig: Der alte Herr Tangermann hat den Schlüſſel! Erſt muß man an Herrn Tangermann's Stube klopfen, muß erſt ſeine ausgeſtopften Vögel bewundern, die herrlichen Aqua⸗ tintas an den Wänden, die Napoleoniſchen Rührſcenen aus Fontainebleau und Sanct⸗Helena bewundern, ehe hrungen, die tje gemacht, einem, viel⸗ ren mußten. wußte man. arrſitz ſelbſt chen geſchick zu führen, gen Oſtern Trennung. u als einen jaft, der in⸗ e nicht aus⸗ uerwerk mit über wurm⸗ nen Kachel⸗ richt! Das 1s dem man Nierſteiner germann hat netsausleſen enn man ſie nſer Freund witoborner a6in: Der mäßig: Der 189 man das Geſpräch auf ſeine Jahrgänge bringen und ihn geneigt ſtimmen kann, eine Probe heraufzuholen, die dann aber dennoch keineswegs zu einem altpatriarchali⸗ ſchen, ſondern ganz modernen Preiſe abgelaſſen wird, wie nur in irgendeinem Victoriahotel! Und Hedemann ſetzte hinzu: In der Kunſt, dem alten Tangermann dieſe guten Stunden abzuſchmeicheln, iſt niemand bewanderter geweſen als der Landrath von Enckefuß! Dieſer Name gab dann Fernſichten in die betrüben⸗ den Eindrücke des Kirchenſtreites... Fernſichten auch auf Schloß Neuhof, auf Bonaventura's Stiefvater, ſeine Mutter, ja zuletzt auf Klingsohr, von dem man wußte, daß er gewaltſam nach dem Kloſter Himmelpfort zurückgeführt worden... Ein Leben im Gaſthof ſtört dann freilich je⸗ den Schmerz... Hier ein Zimmer, wo ein Trauernder weint, nebenan eins, wo ein Muſterreiter die neueſten Mode⸗ arien ſingt— Letzteres geſchah wenigſtens der kleinen Geſellſchaft. Nur Zufall war es, daß ein gewiſſer Mann nebenan, der ſich eben raſirte, die Namen ſeiner Nachbarn nicht zu erfahren begehrte und, verloren in die täglichen Geſchäfte, die ihn erſt mit Herrn von Terſchka, jetzt ſchon mit allen umwohnenden Adeligen verbanden, ja ſchon auf Schloß Neuhof riefen, ſich nicht als Löb Seligmann aus Kocher am Fall ſeinen alten Bekannten zu erkennen gab... Und doch wie ſang er ſich ſelber vorm Spiegel an:„Dies Bildniß iſt bezaubernd ſchön!“ wie jodelte er, wenn er plötzlich von Extrapoſtideen be⸗ fallen wurde, das damals neue:„Ho, ho! So ſchön und froh! Der Poſtillon von Lonjumeau!“ Im Pfarrhauſe bei Norbert Müllenhoff fand Bona⸗ 190 ventura zwei Zimmer ſchon für ſich hergerichtet, Zimmer, in deren Ausſtattung er die liebende Sorgfalt aller der Men⸗ ſchen erkannte, die ihn hier namentlich auf den Adels⸗ ſitzen voll hoher Spannung erwarteten. Es waren zwei ein⸗ fache Wohnzimmer eines allerdings neugebauten maſſiven Hauſes, aber mit einem Comfort ausgeſtattet, der alle Spuren trug vorzugsweiſe vom nahen Weſterhof und vom Stifte Heiligenkreuz. Die Namen Paula, Benigna, Armgart glänzten unter allen, die der alte Tübbicke als die Stifterinnen dieſer Herrlichkeiten nannte... Norbert Müllenhoff ſtand mit ſcheuer Spannung in der Nähe. Er hatte die ihm eigenthümlich derbe Courage mehr nur nach unten hin; nach obenhin nur dann, wenn er der Maſſe gegenüberſtand... ein einzelnes geſticktes Damentaſchentuch mit dem Geruch von Esbouquet konnte ihn nicht blos im Salon, ſondern ſogar im Beichtſtuhl ſtutzig machen. In dieſem Müllenhoff fand ſich Bonaventura bald zurecht. Es war die Richtung, die Michahelles auch bei ihm vorausgeſetzt hatte, die neue Richtung einer faſt burſchikoſen Verachtung alles deſſen, was mit Bildung und Aufklärung verbunden iſt. Müllenhoff's jeweili⸗ ges grelles Auflachen, wenn er einen ſeiner Einfälle ſelbſt doch auch allzu ſchlagend fand, chauakteriſirte ihn ſofort; denn nichts charakteriſirt uns mehr, als die Art, wie wir lachen. Hier fehlte ſelbſt die Koketterie, die doch Bera Hunnius noch mit der Poeſie trieb. Dieſe jungkatholiſche Richtung renommirt mit der Verachtung jeder Beziehung ihrer täglichen Denk⸗, Rede⸗ und Thätig⸗ keitsweiſe mit dem, was dem Geiſt der Aufklärung an⸗ t, Zimmer, in ler der Men⸗ f den Aels⸗ aren zwei ein⸗ uten maſſiven ttet, der alle zeſterhof und la, Benigno, Tübbicke als . Norbert n der Nähe. gge mehr nur n, wenn er nes geſtichtes uquet konnte Beichtſtuhl wentura bald hahelles auch ng einer faſt mit Bildung off's jeweil⸗ Enfäle ſlſ e ihn ſofett als die Au doketterie. trieb. Ditſ 1 Verachtung und Thütig⸗ 4 n⸗ ufflärung d 191 gehört. Gleich die Frühſtücksbutter, die ſeine Aufwärterin zu einem zweiten Frühſtück für ihn und ſeinen Gaſt herein⸗ brachte, ſchob Müllenhoff mit den Worten zurück:„Nehm' Sie die Butter mit! Ganz friſche ſoll's ſein! Die da riecht— toleranzig!“ Schon bei dieſem Frühſtück erſchienen die zuvorkom⸗ menden Beſuche des Herrn Levinus von Hülleshoven, des Herrn von Terſchka, des Grafen Münnich und im⸗ mer mehr zunehmend einer Anzahl von Adeligen und Geiſtlichen, die ſämmtlich in ſtattlichen Kutſchen kamen ... Selbſt die drei älteſten Stiftsdamen von Heiligen⸗ kreuz fuhren vor... So ſchnell hatte ſich die Kunde von des jungen Domherrn endlicher Ankunft verbreitet. Die Räumlichkeit wurde faſt zu klein; die Gäſte, die den Längſterſehnten begrüßen wollten, konnten nur eine kurze Weile bleiben. Ueber die Zeit ſprach man, über den Kirchenfürſten. Durch alles, was Bonaventura von Aeußerungen eines erſchreckenden Fanatismus vernahm, tönte wie ein Grund⸗ accord immer der gottbegnadete Zuſtand Paula's hin⸗ durch. Selbſt die Erbfolgefrage verſchwand dagegen. Es fielen Fragen, wie die: Ob die Gräfin kürzlich nicht wieder„die Beſuche icges göttlichen Bräutigams“ empfan⸗ gen hätte? Dabei betgachtete man nicht nur die Mienen des antwortenden Onkel Levinus, ſondern ſchon das Erröthen des Domherrn. Man hatte von Bonaventura die Vorſtel⸗ lung eines Fanatikers, eines parteinehmenden Zeloten, der, wie Michahelles angedeutet hatte, ſeine bereits allen bekannte ſeeliſche Beziehung zur Ekſtatiſchen zu einem noch feſtern Seelenbunde knüpfen, die noch unbeſtimmt 192 taſtende Gefühls⸗ und Anſchauungswelt derſelben regeln, ihre Viſionen und Heilkräfte zu einem vollgültigeren Zeugniß für die wiederum prophetiſch gewordene Zeit und den Triumph der Kirche verwandeln würde... Er ſah dieſe Gleisnerblicke, dies ſüße Lächeln, hörte dies bedeutungsvolle Seufzen, das bei allem Schein der Demuth mit einem feſten und ſichern Gange auf ein ge⸗ meinſchaftliches Ziel losging, über das man ſich nicht ein⸗ mal in offen ausgeſprochener Verabredung und Geſtänd⸗ niſſen befand... In einem ſtattlichen Wagen, zwiſchen dem Onkel Levinus und Terſchka, fuhr Bonaventura dann auf Schloß Weſterhof. Die Prüfung, Paula im kleinen Kreiſe oder gar allein wiederzuſehen, wurde ihm beim erſten Gruße nicht. Er fand gleich ganz Weſterhof in feſtlicher Bewegung. Die Damen der Gegend, vorzugsweiſe das Stift Heiligenkreuz, waren in Toilette verſammelt; Paula ſtand umgeben von jungen Mädchen, von Frauen und Matronen... Einen Schritt trat ſie hervor und reichte ihm die Hand ... Endlich Traum und Erfüllung... Schmerz und Selig⸗ keit.. und wiederum doch nur— Seligkeit und Schmerz! Mit den Jahren waren beide gereifter geworden... Sie erblüht zur hehren Jungfrau... Er ein Mann — Ein Mann? Ein Prieſter! Angewieſen, Segen zu ertheilen, anderer Glück zu heiligen und ſelbſt zu ent⸗ behren... Rings ein Reden und Grüßen und ein Durcheinan⸗ der der— Bewirthung... Aber Paula war es doch!... Ihr Seelenfreund von vergangenen Tagen war es doch!... Ihr Erröthen und eſelben regeln, vollgültigeren ewordene Zeit In würde... Lächeln, hörte em Schein der ge auf ein ge⸗ ſich nicht ein und Geſtänd⸗ agen, zwiſchen aventura dann der gar allein iße nicht. Er wegung dit Hallgentreuz umgeben von nen.. 2 ihm die dand erz und Selß und Schmerz geworden 837 Er ein Mann n elenfreund ben Erröthen un 193 das ſeine... ein Roth war es, als beſchiene beide die Sonne in ihrer heiligſten Frühe, Aufgangsglanz vom Oſten, vom fernſten Ganges her... War das noch Winter um ſie her?... Zwei Seelen grüßten ſich, die da weilten, wo die Nachtigallen ſangen... Armgart fühlte das ſchon ahnungsvoll und ſchwärme⸗ riſch mit... ſie hielt Paula, um daß ſie vor Ueberſelig⸗ keit nur nicht ſchwankte... Wie Epheu ſchlang ſie ſich um ein lebendig gewordenes Marmorbild... Die Geiſterjungfrau ſprach... Sie ſprach mehr als je . Was ſie ſprach, hörte Bonaventura, er verſtand es nicht... Auch Armgart plauderte noch ihm unverſtändlich... Wie im Wirbel ſtand er... Armgart ſah den Vielbeſpro⸗ chenen zum erſten male... Die einfache Tracht! Nur ein langer ſchwarzer Ueberrock; altmodiſch der Schnitt; die Weſte hochgehend, wie die Regel will; das Haar entſtellt... Nichts, was anziehen konnte, als die Geſtalt nur und der edle Aus⸗ druck des Hauptes... Armgart ſtarrte dem allen und horchte ſeinen Worten, deren Klang ihr ſofort wie Melodie erſchien, denn was Paula liebte, liebte ſogleich auch ſie... Der Himmel öffnet zuweilen durch Engelhand ſeine Pforten... Dann ſtrömt einen Augenblick überirdi⸗ ſcher Glanz über die Menſchen und ringsum iſt auch zuweilen dann wirklich die feierliche Andacht da und das heilige Verſtändniß... Ha dieſe kluge Welt!... Sie wußte ſchon alles... Ein einziger geiſterhafter Augen⸗ klick ſprach ſchon im ſtillen zu allen: Er kennt dieſe ttefblauen Augen, kennt den feuchtſchimmernden Glanz derſelben, die dunkeln Augenwimpern, die wie die Schwingen auch der Seele Paula's nicht unruhig flat⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 13 194 terten, ſondern ruhig über ihrem blauen Himmel thron⸗ ten... Nun ſtaunt er doch wol, daß dieſe Augen ſich noch immer ſchließen und mehr noch als ſonſt ſchon in die Ferne ſehen können?... Und ziert dich denn noch immer dieſelbe Schüchternheit, du vornehme Jungfrau, derſelbe zagende Muth, der alles duldete, ſelbſt wenn die böſe Lucinde, von der hier mancher wußte, ihre Stellung vergaß und Befehle ertheilte, wo ſie deren nur zu em⸗ pfangen hatte?... Verſtändigungen des Herzens konnten nur im Blicke liegen... Einen Schleier nach dem andern, der das kaum ja auch Auszuſprechende verhüllte, wob ſchon gleich wieder das Leben in der bunteſten Fülle ſeiner Anregungen... Da gab es zu beſprechen! Die nächſte und entfernteſte Zukunft Paula's! Die Zeit ſelbſt mit ihren ringsum ertönenden verworrenen Stimmen! Und die Prophetengabe der Herrin des Schloſſes, auf deren Namen wol noch mehr Wunder und Vorausſagungen gingen, als in Wahrheit begründet waren, wie war das ängſtlich! Auffallend erſchien, daß mit Bonaventura's Ankunft in Paula ein gehobener Schwung kam, der die Kraft des Geiſtes über den Kör⸗ per zu ſtärken ſchien. Schon am erſten Tage hielt ſich die Leidende über der verſammelten Menſchenmenge empor, erlag nicht dem Druck derſelben, der ſonſt ſie in ſolcher Lage immer plötzlich entſchlummern machte. Und das nahm zu, wurde beſſer von Tage zu Tage. Sie erlag ſeltener der räthſelhaften Krankheit ihrer Nerven. Was ſo mancher im ſtillen ſchon von der Ehe geſagt hatte, ſie wäre ein Ausweg, der die Gräfin völlig heilen würde, zeigte ſich dem Schärferblickenden annähernd. Statt einer dimmel thron⸗ eſe Augen ſich ſonſt ſchon in unn noch immer gfrau, derſelbe wenn die böſe ihre Stellung n nur zu em⸗ nur im Blicke der das kaum n gleich wieder nregungen.. nd entfernteſte bren ringsum Prophetengabe men wol nc als in Vahrhei fallend erſchien ein gehoben über den di en Tage hiel Menſchenmenn . der ſonſt 95 Steigerung der Neigung zum Traumſchlaf trat anfangs eine Minderung ein.— Die erſte Meſſe zu Sanct⸗Libori, die erſte von der Kanzel geſprochene„Application“ kennen wir. Sie riefen auch hier die Wirkungen hervor, die von Bonaventura's Auftreten unzertrennlich ſcheinen. Der Kreis von Be⸗ kanntſchaften, der ihn ſchon wie gefangen nahm, wuchs. Seine Oberaufſicht über den Gang der kirchlichen An⸗ gelegenheiten in dieſem Sprengel war mehr eine formelle Pflicht. Bonaventura erkannte dann auch zu ſehr die Heftigkeit ſeines untergebenen Pfarrers, um mit einem Naturell zu ſtreiten, das nicht zu ändern war und ſogleich auch für ſeine Unarten als Vorwand heilige Namen hatte. Jronie half ihm gegen Plebertreibungen.„Denken Sie das?“„Ziehen Sie das alſo wirklich vor?“ Von Witoborn's Geiſtlichen und Mönchen kam Bonaventura regelmäßig heim wie aus einem Kriegslager. Die ſtillen Abendſtunden auf Schloß Weſterhof wa⸗ ren dann glückſelige Momente. Terſchka, Benno und Thiebold theilten ſie, und da Armgart nicht immer zugegen war, blieb Paula der alleinige Mittelpunkt. Armgart wurde allerdings auch für Bonaventura mit der Zeit befremdend. Sie wanderte zwiſchen Weſterhof und Heiligenkreuz, oft ganz allein, ohne die mindeſte Furcht, ſelbſt wenn ſie durch einen anſehnlichen Wald gehen mußte. Bonaventura ſprach von ihrer Mutter und von ihrem Vater mit gleicher Un⸗ befangenheit. Eine Parteilichkeit für Benno entdeckte er nicht, mehr noch für Thiebold, am meiſten für Terſchka, der ihm gleichfalls neu und nicht ſogleich erklärbar war. Terſchka nannte Armgart eine Cactusblume. Der Onkel erläu⸗ 13* 196 terte:„Brennendroth und von einer ſchönen Zeichnung, aber gewachſen auf einem gefahrvoll ſtachlichten Stamm!“ ... Nun geht es ſo, daß Menſchen, die gerade das Be⸗ dürfniß haben, ſich aneinander anzuſchließen und ſich einen hohen Werth einzugeſtehen, doch nur durch Reibung und Aneinanderſtreifen ſich nähern. Bonaventura hatte noch nichts von Thiebold's Buße vernommen und nur ewig Terſchka und Terſchka hört' er—? Wäre das möglich! ſagte er ſich. Armgart, ein Mädchen wie ein Thautropfe, und den⸗ noch, dennoch eine ſo ſchnelle Wandelung—? Hier lag ein Räthſel vor und er erklärte ſich's aus der Schwäche des weiblichen Gemüths und zürnte ihr und ſtrafte ſie ſchon oft oder„trumpfte ſie ab“,„duckte“ ſie, wie es die Tante Be⸗ nigna mit wahrer Genugthuung nannte... freilich nur durch ein Lächeln oder eine kurze ironiſche Zwiſchenfrage. Ehe hier tiefere Blicke und Verſtändigungen folgten, kam dann die bange Fahrt zum Schloſſe Neuhof, an dem Tage, als es hieß, der Kronſyndikus iſt im Arm ſeines plötzlich angekommenen Sohnes, des Präſidenten, verſchieden. Die ſchuldige Rückſicht verlangte, daß Bona⸗ ventura den zweiten Gatten ſeiner Mutter auf dieſe Nach⸗ richt ſofort beſuchte. Daß die Mutter nicht mitgekommen, wußte er. Er traf am Montag den Präſidenten in der ganzen Erregung, die ein längſt vorausgeſehener Fall, deſſen endliches Eintreten man ſogar den Umſtänden nach wün⸗ ſchen mußte, zuletzt doch hervorzubringen pflegt. Sein Stief⸗ vater war auffallend gealtert. Er begrüßte Bonaventura mit all der ſcheinbaren Herzlichkeit, die ihm zu Gebote ſtand. Seine Geſundheit erklärte er nicht für die beſte, ſprach von Reiſen nach dem Süden, von ſeinem Abſchied, den Zeichnung, n Stamm!“ ade das Be⸗ ind ſich einen Reibung und a hatte noch d nur ewig öglich! ſagte ofe, und den⸗ Hier lag ein zthwäche des eſie ſchon oft je Tante Be⸗ freilich nur ſchenfrage. ngen folgten, Neuhef, an iſt im Arm Präſddenten, f dieſe nitgeienmen, n der deſſen Nach⸗ denten i er Fall l⸗ en nach vün t Sein Stieſ b Bonaventute 1 Gelute ſt beſte, ſpta⸗ Abſchied/ de d auld 197 er nehmen wollte, von den Schwierigkeiten, die ſich bei Abwickelung ſeiner Erbſchaft ergäben, von dem Mis⸗ trauen, das ihm infolge des Kirchenſtreits hier um ſei⸗ ner amtlichen Stellung willen entgegentreten würde. Er brachte Nachrichten vom Kirchenfürſten, der in ſeiner Gefangenſchaft ſich mit Ruhe in ſein Schickſal ergäbe, wäre er ſich doch bewußt, Anlaß einer Aufregung ge⸗ weſen zu ſein, die ſeinen Grundſätzen jetzt zugute kam; er rauche ſeine Pfeife, ginge auf den Wällen der Feſtung ſpazieren und wünſche nicht einmal die politiſchen De⸗ monſtrationen, die der Adel der dieſſeit und jenſeit des großen Stromes gelegenen Provinzen beim Landesfürſten unternähme—„ſie könnten ja nur in jenem revolutio⸗ nären Sinne gedeutet werden, den er nie befürwortet hätte; denn die Kirche hätte nichts mit der neuen Rich⸗ tung des Lamennais gemein, ſie wäre alt genug und könne immer noch warten und warten bis ihr die geiſtige Hülfe käme“... Von der Mutter ſagte der Präſident, ſie würde auf dem Schloſſe, das ſie nie beſucht hatte, gleich nach dem Begräbniß eintreffen. Der Präſident war kälter, wortkarger und verſchloſſener denn je geworden. Am Begräbnißtage ſaß Bonaventura in dem Trauer⸗ wagen neben dem Stiefpater. Wohl ſah er, daß ſelbſt dieſe ſtarren Züge erregter wurden, als ſich der Zug dem Düſternbrook näherte. Als die Scene an der Eiche vorfiel, erblaßte der Präſident; das Wort erſtarb auf ſeinen Lippen; in eine Ecke gedrückt wartete er ab, bis ſich der Zug wieder in Bewegung ſetzte. Ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt, als die Störung vor⸗ über war und ihm Bonaventura zu ſeiner Beruhigung 198 die leiſen Worte ſprach:„Paulus ſagt: Der Tod iſt der letzte Feind! Nun wird ja Friede ſein!“... Zum Kloſter Himmelpfort gehörte eine große, nicht ungefäl⸗ lige, lichthelle Kirche. Sie lag an der Spitze eines der Winkel, die durch ein großes Viereck gebildet wurden; durch eine Mauer gebildet, die das Kloſter einſchloß. Das Kloſter ſelbſt, ein zweiſtöckig Gebäude, mit einem Thürm⸗ chen verſehen, gehörte dem ſiebzehnten Jahrhundert an, die Kirche dem achtzehnten. Ringsum ſtanden Obſtbäume; im Innern des Kloſtergartens waren die Beete mit Stroh belegt und deuteten eine freundliche Vegetation für den Sommer an. Hinter einem dieſer kleinen Fenſter, die ringsum das viereckige Gebäude erhellten, wohnte Klings⸗ ohr. Ihn ſah man nicht unter den Franciscanern, die den Sarg begleiteten. Auch den Bruder Hubertus, auf den Bonaventura nach allem, was er über den„Ab⸗ tödter“ durch Klingsohr und Jodocus Hammaker wußte, begierig ſein mußte, konnte er weder beim Beginn des Zuges noch jetzt entdecken und an der verhängnißvollen Eiche war gerade ihm der Anblick entzogen geweſen, den die andern Wagen ungehinderter hatten, der Anblick, wie plötzlich unerwartet auftauchend Hubertus mehr der Störung durch den Muſikanten, als der Anrede des Sar⸗ ges durch einen andern Störer der Todtenruhe, durch den Küfer, ein Ende machte... Die Kirche diente als Erb⸗ begräbniß vieler ringsum wohnenden Adelsfamilien. Bilder ſah man, Seitenaltäre und Beichtſtühle, keine Säulen oder Bogen. Der Hochaltar war im Stil der Franciscaner⸗ kirchen; jeder Orden hat ſeine eigene Weiſe, ſeine eigene geiſtige und phyſiſche Farbe ſogar, die er ſeinen 1 Der Tod iſt 1... Zum nicht ungefäl itze eines der ildet wurden; inſchloß. Das inem Thürm⸗ rhundert an, Obſtbäume, tete mit Stroh cation für den Fenſter, die pohnte Klings⸗ scanern, die Hubertus, auf der den„Ab⸗ nmater wußte, i Beginn des rhängrißvollen geweſen, den der Anblic, rtus mehr dei rrede des Sar⸗ uhe, durch den diente als Eü⸗ amilien. Bide ne Säulen 4 Franeiscane⸗ Weiſe, ſin ſeiner die er 1 6 199 Kirchen anhaucht. Bei den Franciscanern iſt alles braun, mäßig vergoldet, hier und da ein blaues Band etwa an einer Maria, ein weißer Schimmer etwa von der Taube, die über dem Tabernakel ſchwebt; regelmäßig ſteht der Ordensſtifter vor dem Crucifix mit dem be⸗ kannten elſtatiſchen Liebesblick der Ergebenheit, mit ſeiner auf das Herz gelegten linken Hand; der Fußboden iſt von Stein, die Wände ſind weiß, nur hier und da vom Ruß der Lichter angeſchwärzt; das Ganze einer ſolchen Fran⸗ ciscanerkirche iſt dem Volk eingehend durch eine gewiſſe altfränkiſche Einfachheit wie die Heimlichkeit alter, von Großältern ererbter, braungebeizter Möbeln mit ge⸗ ſchweiften Bogen und bronzenen Schlüſſellöchern und Ringen an den Schubläden... Hier war es, wo der Kronſyndikus in die Gewölbe geſenkt wurde... Das über ihn Unausgeſprochene, doch von allen Gefühlte verklang in dem Brauſen einer ſtattlichen Orgel... Der Provinzial⸗Guardian fand auf dem bereits auf dem Schloſſe von Weihduft überräucherten Sarg auch jenes Stückchen Tuch nicht mehr, das wol in den Schnee gefallen ſein und im Schmelzen deſſelben an der Früh⸗ lingsſonne vermodern wird... Da Bonaventura Klingsohr beſuchen wollte, behielt er eine der Trauerkutſchen zurück... Der Präſident verſprach, bald auf Weſterhof zu erſcheinen und dann auch ſogleich in Begleitung der bis dahin vielleicht an⸗ gekommenen Mutter Bonaventura's. Der ehemalige Graf von Zeeſen, der jetzige Pater Ivo, wurde von Bonaventura bald entdeckt... Klings⸗ ohr hatte ihm ja im vorigen Jahre ſeine Geſchichte er⸗ 200 zählt... Er wußte, daß ſeine ehemalige Verlobte als Schweſter Thereſe bei den Karmeliterinnen wohnte... Ein hagerer, blaſſer Mönch kam mit einem Weihwedel daher und wehte durch die Luft, als ſtäubte er auch dieſe rein... Die Gäſte, das Geſinde, die nachdrängenden Landbewohner hatten die Kirche verlaſſen; nur einige Arbeiter blieben, die über die Oeffnung, in die der Sarg des Kronſyndikus hinuntergelaſſen, wieder die Stein⸗ platte zu legen hatten... Nach drei Uhr war es... Die Brüder hatten auf dem Schloſſe eine Art„Früh— ſtück im Stehen“ eingenommen... Ob wol da noch Pater Ivo das Bruſtbild ſeines alten Freundes Jéroöme erkannt hatte?... Dort ſummte⸗er, ohne aufzuſehen, Lieder zum Lobe Mariä; auch hier that er es... Niemanden blickte er dabei an, niemanden gab er Antwort... Er lebte nur ſich und Maria... Sein Eigenthum war an die Landſchaft gegeben worden für eine Irren⸗ anſtalt, deren die Provinz— immer dringender bedürftig wurde... An der Oeffnung, in deren Tiefe der ſilber⸗ beſchlagene Sarg blinkte, mußten eine Menge Meluſinen ſitzen... wie huſchte er dahin daher mit ſeinem Wedel und jagte die Unheiligen fort! Es iſt Pater Ivo! ſagte ein junger Mönch, auf Bonaventura zutretend. Er iſt irr', wie Sie wol ſehen, Herr Domherr! Der junge Mönch nannte ſich Pater Quirinus... Er hatte ein Bund Schlüſſel in der Hand, wollte erſt die Schränke ſchließen, in welche der Guardian ſeine Meßopferkleider, die Mönche die Requiſiten der Räuche— rung des Sarges und die Tücher gelegt hatten, auf denen zerlobte als vohnte... Weihwedel er auch dieſe drängenden ol da noch des Jeröme ſehen, Lieder Niemanden ntwort... Eigenthum eine Irten⸗ er bedürftig f der ſilber⸗ Meluſinen omn Wede inem W Mönch, al e wol ſehen zuirinus. wollte d i ſen ardla de Riuß auf dele I’, 201 er ausgeſtellt geſtanden hatte; dann galt es, das Haupt⸗ portal der Kirche zu ſchließen— für die Arbeiter und Betbedürftigen gab es einen allen Bewohnern der Ge⸗ gend bekannten kleinen, verſteckten Nebenausgang. Bonaventura ſah ſich erkannt, ſprach ſein Verlangen aus, den Pater Sebaſtus zu beſuchen, und willigte gern ein, die Erlaubniß dazu ſo lange abzuwarten, bis Pater Quirinus ſein Amt beendet hatte... Er begleitete ihn auf ſeinem Rundgange hinter der Sakriſtei... Mit der größten Unbefangenheit ſagte der junge, friſch und blühend ausſehende Mann und mit einer ganz gewöhnlichen Sprechweiſe: Unſer Bruder Hubertus iſt nicht zugegen! Er kam gerade recht von einer Reiſe, um die unverſchämte Störung durch den Muſikanten abzutrumpfen! Viel lügt man auch über den Kronſyndikus! Wir hier müſſen ihn ſchätzen! Manches, was Sie hier an Gold und Silber ſehen, haben wir in ſeinen letzten Tagen von ihm bekommen! Dem für einen Geiſtlichen faſt zu reſoluten jungen Mann erwiderte Bonaventura: Als ſich der Verſtorbene vor einigen Jahren ſein Erbbegräbniß neu herrichten ließ, widerſprach, hör' ich, der ſelige Provinzial Henricus und ſchrieb deshalb nach Rom... Ganz recht! erwiderte der junge Mönch. Cardinal Ceccone ſchickte durch Vermittelung des Miniſteriums den Spruch der heiligen Pönitentiarie. Der Kronſyndi⸗ kus legte eine Generalbeichte ab, die an unſern Ordens⸗ general nach Rom gegangen iſt. Seitdem kam der 20² Befehl, ihm keine der geiſtlichen Wohlthaten zu ent⸗ ziehen... Der junge Mönch machte Anſtalt, Bonaventura alles zu zeigen, was die Kirche an alten Bildern, koſt⸗ baren Gefäßen und geſtickten Gewändern beſaß... Bonaventura ließ es geſchehen.... Konnte er ſich doch indeß in die Vorſtellung finden, dieſen aufgeriſſenen Fußboden dort im Zuſammenhang mit Rom zu wiſſen! Cardinal Ceccone, der politiſche Lenker der Geſchicke des Kirchenſtaats— der Großpönitentiar und Ober⸗ inquiſitor der ganzen katholiſchen Welt— der General der Franciscaner— drei höchſte Würdenträger der Kirche betheiligt an dem aufgedeckten Leben des Kronſyndikus! Dort vielleicht alles enthüllt, was hier der Welt ewig unbekannt blieb! Dort vielleicht alle Schleier hinweg⸗ gezogen, die ſeit Jahren über dem Leben auf Schloß Neuhof hingen! Dort vielleicht auch die Gründe be⸗ kannt, warum ſeit Jahren der Dechant nur mit dem Aus⸗ druck des größten Mismuths ſeines alten Freundes, des Kronſyndikus gedachte! Dort auch vielleicht— ein Zuſam⸗ menhang— es durchzuckte ihn das ſo— mit jenen Drohun⸗ gen, die Lucinde gegen ihn ſelbſt auszuſtoßen gewagt? Der junge Mönch entfaltete koſtbare Meßgewänder, warf ſich ſogar eine„Kaſel“ um und zeigte mit wohl— gemuther Freude, wie ſchwer ſie an echtem Golde war... Die iſt noch nicht zu alt! ſagte er. Die verſtorbene Frau von Wittekind hat die köſtliche Arbeit, die in Paris gemacht wurde, vor vierzig Jahren geſtiftet... Das war die Schwiegermutter ſeiner Mutter... p dem p Bona⸗ B derho junger wende ihren Mön nen doch G 1 Verſ frag zu ent⸗ wentura rn, koſt⸗ 2 er ſich eriſſenen wiſſen! Heſchicke Ober⸗ General er Kirche ew ander, it wohl⸗ Golde eſtorbene in Paric 203 Pater Ivo ging leiſe ſingend vorüber, huſchte mit dem Weihwedel und jagte die Geiſter fort... Pater Quirinus ſah ihm lachend nach, während Bonaventura in Rührung ſtand... Beim Oeffnen der übrigen Schränke und dem wie⸗ derhölnn L-n der koſtbaren Gewänder durch den jungen Pater erkannte Bonaventura einen oft vorkom⸗ menden Fehler ſeiner geiſtlichen Brüder, Eitelkeit auf ihren maleriſchen äußern Schmuck beim Cultus. Die Mönche von Kloſter Himmelpfort laſen ringsum in klei⸗ nen Kapellen die Meſſe... Rom hält die Menſchheit doch an tauſend Fäden! ſagte ſich Bonaventura... Als der junge Mönch eine Anzahl Gefäße aus dem Verſchluß doppelter und dreifacher Schlöſſer hervorholte, fragte er ihn: Warum traten Sie in den Orden? Es war mir die beſte Verſorgung! erwiderte der junge Mann... Ich bin armer Aeltern Kind, wollte ſtudi⸗ ren, brachte mich kümmerlich durch und hatte keinen Muth, auf die Univerſität zu gehen. Ich wollte ins meldete mich und wurde wegen Ueberfluß von Meldungen nicht angenommen. Eine Braut, die ich hatte, wollte nicht länger warten und heirathete mir vor der Naſe weg einen andern. Das verdroß mich. Ich wußte nicht, was anfangen, und ging ins Kloſter. Zwei Jahre war ich Novize. Jetzt hab' ich die Weihen und bin verſorgt. Sie wollen nicht höher hinauf? Haben keinen Ehr⸗ geiz? fragte Bonaventura, erſtaunt über dieſen Mangel an Empfindung bei einem doch ſo traurigen Geſchick... 204 Nein! war die unbefangene Antwort... Alſo gibt Ihnen der Schmerz über die Täuſchung huber durch Ihre Liebe dieſe Kraft, ſo zu entbehren und zu Iüne entſagen?... Meine Braut handelte vernünftig!„Ich hätte erſt Wei zehn Jahre auf eine Anſtellung Konkte, wWo im Steuerfach warten müſſen! Jetzt hab' ich mein Brot; nitg für mich freilich nur allein, aber das kann man er⸗ mit, tragen... unla Währenddeſſen ſchloß der junge wohlgenährte Pater lann einen Schrank nach dem andern auf und zu, knixte erſt vor jedem geweihten Gegenſtande, zeigte ihn dann, ſchloß reni ihn wieder mit einem Knix ein, alles nach derſelben Cadenz fade und mit der größten innern Befriedigung. ſtr Bonaventura konnte ſich in eine ſolche Weiheloſigkeit nicht finden. Er mochte noch immer glauben, daß hier ein Schmerz überwunden und für die Zufriedenheit an 88 dieſem Berufe vielleicht auch Pater Hubertus' Abrichtung ſc geſorgt hätte... I Auch Ihnen hat zu dieſer wohlgemuthen Ergebung in manche Entbehrung gewiß der„Bruder Ahszun⸗ verholfen? fragte er... Pater Quirin lachte... i Na ja! ſagte er. So kennen Sie alſo auch den äl alten Knaben? Er konnte ſich lange nicht in den Frieden m finden, den die Kirche mit ſeinem alten Feinde ſchloß, A mit dem Kronſyndikus! Allen iſt aufgefallen, daß er de doch gerade heute zurückkehrte und ſogar für Ordnung V dic ſorgte. Knochen hat er wie Eiſen— aber mich brauchte den er nicht zu bändigen! Ich thue hier, was ich muß. Wir — e Täuſchung gren und zu ch hätte erſt ſ im mein Brot; un man er⸗ ährte Pater „kaixte erſt dann, ſchloß lben Cadenz eiheloſigkeit a, daß hier jedenheit an Abrichtung n Exgebung Abhun⸗ o auch den den Frieden unde ſchloß en, daß e r Ordnung ich brauch Mil muß. 205 haben alle unſere leidliche Bequemlichkeit. Ich zeige Ihnen das Refectorium... Entbehren Sie gar nichts? fragte Bonaventura im Weitergehen... Gewiß nichts! antwortete Pater Quirinus und küßte mit gemachter Andacht eine Monſtranz, die über und über mit Edelſteinen beſetzt war und nur bei den höchſten Ver⸗ anlaſſungen aus dieſen wohlverwahrten Schränken ge⸗ nommen wurde. Dieſe gleichbleibende Gelaſſenheit ſtreifte in Bona⸗ ventura wiederum alle Blüten ab. Er konnte ſich nicht finden und erinnerte wenigſtens an den Zauber der Freund⸗ ſchaft und des Zuſammenlebens in einem Kloſter... Aber auch dem erwiderte der junge Mann: O nein! Wir ſind hier zuſammen keine Freunde! Es iſt auch gut ſo! So wie wir uns aneinander an⸗ ſchließen, fangen wir an über unſere Verhältniſſe Ge⸗ danken zu haben; dann verbittern wir uns vieles, worüber wir jetzt nicht grübeln. Jeder iſt beſſer für ſich! Dieſe Freundſchaften kommen alſo doch vor? Selten! lautete die Antwort, während ſich der Mönch umſah und jetzt leiſer ſprach. Sowie ſich zwei Brüder allzu ſehr aneinander ſchließen, im Garten zu oft zuſam⸗ men ſpazieren gehen, ſowie man bemerkt, daß ſie bei Tiſch zuſammenſitzen wollen oder auch auf der an der Thür des Guardians hängenden Tafel über unſere Wochenver⸗ richtungen zu häufig zuſammenzukommen ſuchen, ſo wer⸗ den die Leute getrennt. Das iſt ja eine Grauſamkeit, wallte es in Bona⸗ ventura auf... Der einzige Troſt der Einſamkeit— 206 der freundſchaftliche Austauſch der Gedanken und Ge⸗ fühle! Der Rückblick auf ein vergangenes Leben! Die gemeinſchaftlichen Tröſtungen an den Quellen des Wiſ⸗ ſens und des Denkens!... Aber er durfte alles das nur durch Seufzen ausdrücken und ſagte ſich im ſtillen: O die Menſchennatur iſt doch im Durchſchnitt ganz ſo wie bei dieſem jungen Manne! Was iſt bei Tauſenden ihre geiſtige Meinung? Ihr Bedürfniß nach Erhaltung, Ernährung, Unterkunft! Solche Inſtitutionen wie die Klöſter glaubt' ich auf Felſen gebaut und ich ſehe: Einen Beutel mit Geld in der Hand und ſie laſſen ſich wie Kartenhäuſer umblaſen! Durch einen Seitengang kam man aus der Sakriſtei in das Kloſter. Ein Kreuzgang von altem, morſchem Holz führte zu ihm hinüber. An der Wand der Kirche hingen, allemal einer Oeffnung an der andern, in einen mit Schnee bedeckten Garten hinausgehenden Seite gegen⸗ über, Bilder, die von einem Tüncher verfertigt ſchienen und Wunder des heiligen Franciscus vorſtellten. Jedes derſelben war geiſtlos. Schon aus der Jahreszahl 1707 konnte man den Geſchmack ſowol der Malerei, wie den Stil der Unterſchriften erkennen. An die Poeſie eines winterlich romantiſchen Kloſterkreuzgangs, wie ihn unſer Leſſing gemalt hat, war hier nicht zu denken. Eine hölzerne Gitterthür führte ins Kloſter. Pater Ivo ſchlenderte leiſe ſingend in einem der langen Gänge und Quirinus ſprang faſt wie ein Tänzer mit ſeiner langen Kutte voraus, um dem Provinzial⸗Guardian Maurus die Meldung zu machen... Einſtweilen trat Bonaventura in das Refectorium. Es ähnelte einem Wirthshauszimmer ieen und Ge⸗ Leben! Die llen des Wiſ⸗ alles das nur 3. ſtillen: O die nz ſo wie bei zuſenden ihre Erhaltung, onen wie die ſehe: Einen iſſen ſich wie der Sakriſte morſchemn Seite gegen⸗ ertigt ſchienen ellten. Jeden reszahl 1701 ei, wie den Poeſie eines eihn unſer Fine denken. Er Pater Nu 1 Gänge un ſeiner lange . urus dl Maurus 1 naventu auszunnl 207 auf dem Lande mit alten Holzpfeilern, mächtigem Ofen, Stellagen zum Aufſchichten der Eßgeräthſchaften. Von hier aus ſah man durch kleine Scheiben in den innern, ſtrohbedeckten Garten... Bonaventura ſehnte ſich, ein Wort der Ermunterung mit Sebaſtus zu ſprechen... Aus Lucindens Beichte wußte er ja, daß er hatte nach Belgien entfliehen wol⸗ len... Sie hatte ihm ſogar die Ueberredung, daß Sebaſtus zu den Jeſuiten hatte entfliehen wollen, nicht verſchwie⸗ gen... Daran nun zu erinnern war Bonaventura freilich verboten... Alles, was er etwa Lehrreiches, Warnen⸗ des oder Ermunterndes gerade über dieſen Punkt mit dem Convertiten hätte ſprechen können, mußte ausdrück⸗ lich unterbleiben... Als Beichtvater durfte er nicht mehr von ihm wiſſen, als was Sebaſtus ſelbſt vorausſetzen konnte... Er mußte unwahr ſein. Die in Reihe und Glied aufgeſtellten ſteinernen Bier⸗ krüge der Mönche muſternd, hörte er Quirinus' Rück⸗ kehr... Dieſer kam beſtürzt. Er ſagte, der Pater Se⸗ baſtus hätte eine Pön verwirkt und ſollte niemanden ſprechen; der Provinzial würde ſogleich ſelbſt erſcheinen und ſich dem Herrn Domherrn entſchuldigen... Bald auch kam Pater Maurus. Aeußerlich war er nicht zu unterſcheiden von allen andern Mönchen. Man kann in Rom auf der Via Appia in einem Omnibus mit Bauern aus Tivoli fahren, hat neben ſich einen einfachen Mönch in weißem Kleide ſitzen und weiß nicht, daß es der großmächtige General der Dominicaner iſt... Pater Maurus war ein hoher, ſtarkknochiger Mann. Seine 208 buſchigen und ſchwarzen Brauen lagen trotzig über den funkelnden Augen, die ſich den Ausdruck der Unterwürfig⸗ keit gaben. Immer erſtarb ſein Lächeln ebenſo raſch wie es kam. Eher glich dieſer Mönch einem Gefängnißwärter als einem Boten des Friedens. Pater Quirinus zog ſich zurück... Der Provinzial und der Domherr ſetzten ſich auf die nächſten Holz⸗ ſchemel... Vergebung, Herr Domherr, ſagte der Provinzial, wir haben mit dem Pater Sebaſtus einen ſchweren Stand! Die Regierung lieferte ihn uns aus der Reſidenz des Kirchen⸗ fürſten zurück mit dem Bedeuten, ihm jede ſchriftſtelleriſche Thätigkeit zu unterſagen, jede Theilnahme an unſerm gegenwärtigen traurigen Kampfe. Die Weiſung war überflüſſig, da der Pater ohnehin erkrankte und uns eine Zeit lang ernſte Beſorgniſſe einflößte. Seit einiger Zeit geht es ihm beſſer; doch ließen wir ihn in der Kranken⸗ ſtube, weil er, in ſeine Zelle zurückgekehrt, ſeine Pflicht, Nachts zwölf Uhr aufzuſtehen und in den Chor zu gehen, um zu ſingen, wie jeder andere hätte erfüllen müſſen. Heute in aller Frühe beſuchten ihn zwei Fremde, ein Jude und jener Menſch, dem wir vor wenig Stunden den frechen Auftritt im Düſternbrook verdankten. Ich nehme Ihr Vertrauen in Anſpruch, Herr Domherr! Denken Sie ſich die Verabredung! Jenes Stück Tuch, das der Störenfried auf den Sarg zu legen wagte, bekam er von unſerm Pater, dem Sohne des damals unglücklich, wie man jetzt ſicher weiß, nur im Wortwechſel und nach offener Gegenwehr Gefallenen. Dafür verlangte er von enen iſ ſe ventu ſetun ten Pate Refee ſeine g über den Unterwürfig⸗ ſo raſch wie ngnißwärter Provinzial hſten Holz⸗ iftſtelleriſche an unſerm iſung war d uns eine einiger Jeit der Kranken⸗ ſeine Pfüicht, or zu gehen, jſſen. Heute in Jude und den freche nehme Ihr Denken Ei ,, das der bekam er unglüclih ſel und nat ngte er don 209 jenem Juden, wie von dem Küfer— Stephan Lengenich iſt ſein Name— die Mittel zur Flucht... Wie erfuhren Sie das? war eine Frage, die Bona⸗ ventura mehr aus Schreck ausſprach, als in Voraus⸗ ſetzung, daß die Geſpräche, die im Krankenzimmer gehal⸗ ten wurden, belauſcht werden konnten... Erſt als er Pater Quirinus an der zufällig aufgehenden Thür des Refectoriums ſtehen ſah, kam ihm die Vorſtellung, daß ſeine Frage ohne Beantwortung bleiben konnte... Wir wiſſen es, Herr Domherr! ſagte der Provinzial mit verdroſſenem Blick auf die Thür. Wir wußten es ſchon in der Frühe. Ich hatte mir eine ernſte Ermahnung als einzige Buße vorgenommen. Seitdem jedoch durch des Paters Mitwirkung eine heilige Handlung geſtört, eine ganze Familie, der er ſelbſt früher ſo oft bekannt hat Dank ſchuldig zu ſein, durch ſein Zuthun unverantwort⸗ lich compromittirt worden iſt, hab' ich ihm ſtatt des Krankenzimmers die Strafzelle angewieſen. Ich kann nicht wünſchen, daß Sie ihn in ſeinem gegenwärtigen Zuſtande ſehen. In welchem Zuſtande? fragte Bonaventura mit ge⸗ ſteigertem Bangen und folgte der Bewegung des Pro⸗ dinzials, der ſein Ohr ſpitzte, als vernähme er irgend⸗ woher einen Ruf... In der That hörte man in dumpfer weiter Ferne einen Ton wie einen Schrei um Hülfe... Bonaventura mußte aufſpringen und ſich an dem Schemel halten... Das iſt er? ſagte er und deutete auf das Fenſter, von wo der gellende Schrei gekom⸗ men war. Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 14 210 Er iſt es! Ja! ſprach der Provinzial mit kalter Ruhe... So tobt er in ſeiner Strafzelle und ſpricht wild durcheinander... Ich laſſ' ihn binden, wenn er nicht ſchweigt... Laſſen Sie mich zu ihm! bat Bonaventura... Herr Domherr, dieſe Wohlthat wäre unverdient... Er würde auch Sie anfahren wie ein wildes Thier... Nein, nein, wir kennen uns! Sie würden uns die Züchtigung ſtören, die ein Pater verdient, der aus ſeinem Kloſter entfliehen will! Bonaventura ſtand mit ſchwindendem Bewußtſein. Er ſah Abgrund und Nacht um ſich her und bei alledem— auch die fernwirkende, trügeriſch lockende Gewalt Lucindens!... Sie hatte den Mönch, ihren ehemaligen Geliebten, in Knabentracht beſucht! Ihr Lächeln, ihre muthige Rede hatte ihn—„um ihn aus meinen Bahnen zu entfernen“, hatte ſie ihm frank und frei gebeichtet— zur Flucht überredet... Sie hatte ſeinen Muth, ſeinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen Entwickelung ſeines immer noch reichen, wenn auch ver⸗ irrten Geiſtes... Eine Gelegenheit zur Flucht bot ſich vielleicht... So, wie er jetzt die gräßliche Stimme hörte, die der eines Ertrinkenden glich, klang ihm in der Erinnerung ſein eigener Seelenaufſchrei, als an jenem Abend der Abreiſe ihn plötzlich Lucinde verlaſſen hatte und ein wilder Sturm durch ſeine Adern brauſte... Zu ihr! Zu ihr! klang es aus Sebaſtus' Munde in ſein Ohr... Beſinnungslos ergriff er ſeinen Hut und bat wiederholt: O laſſen Sie mich zu ihm! l mit kalter e und ſpricht den, wenn er ſtura... mverdient... s Thier.. die ein Pater will! Bewußtſein⸗ her und bei riſch lockende Nönch, ihren ſucht! Ihr —„um ihn ſie ihm franl . Sie hatte weiner neuen enn auch pe lucht bot ſih ſiche Stimm ig ihm in d als an jenen erlaſſen halt brauſte. Munde in ſe Hut und b- 211 Herr Domherr! lehnte der Provinzial faſt vorwurfs⸗ voll ab.. Wenn er ſich beruhigt hat! Morgen! ſetzte er hinzu... So bitt' ich— grüßen Sie ihn von mir! hauchte der liebevolle Prieſter, ſeufzend über die Nothwendigkeit, den Formen und Satzungen ſeiner Kirche ſich ergeben zu müſſen. Sagen Sie ihm, daß ich in dieſer Gegend weile, daß ich den erſten ruhigen Augenblick, den Sie mir an⸗ zeigen werden, benutzen und zu ihm kommen will! Ver⸗ ſprechen Sie mir's! Sehr gern, Herr Domherr! ſagte der Provinzial mit derſelben Freundlichkeit, als handelte es ſich um die An⸗ zeige eines in völlig natürlicher Weiſe eintretenden harm⸗ loſen Ereigniſſes... Und Bruder Hubertus? drängte Bonaventura, jetzt ſchon im Gehen... Vermochte der nicht ſonſt ſo viel über ihn? Auch das iſt ein Mitglied unſers Kloſters, erwiderte der Provinzial, im Gehen verbindlich die linke Seite nehinend, mit dem wir viel Geduld haben müſſen! Er war in Angelegenheiten einer Erbſchaft, die er machte, verreiſt... Bonaventura trug als Beichtprieſter eine ſolche Laſt von Thatſachen in ſeinem Gedächtniß, daß er nach einem Verhältniß fragte, das er doch ſchon öfters, von Benno ſowol wie von Hammaker, faſt vollſtändig erfahren hatte... Er fand ſich allmählich zurecht und unter⸗ brach die Erläuterungen des Provinzials: Ganz recht! Ich weiß! Er wird das von einer Er⸗ mordeten geerbte Geld dem Kloſter geben.. 14* 212 Doch nicht! war des Provinzials verdrießliche Ant⸗ wort. Dieſer Hubertus hat wunderliche Seiten. Im Ver⸗ trauen geſagt, er hat einen etwas dunkeln Urſprung. Man ſagt geradezu: Seine Angehörigen ſind auf dem Richtplatz geſtorben! An einem Tage, wo eine Gaunerbande, zu der er als Knabe gehören mußte, aufgehoben, das Haus, in dem ſie ſich vertheidigte, genommen und angezündet wurde, ſoll unſer Bruder— ſagt man, und ſei es auch unter uns, Herr Domherr! zwei Stock hoch aus dem Fenſter geſprungen ſein, in jedem Arm mit einem Kinde... Glücklich kam er mit den beiden Kindern zur Erde nieder, entrann den Flammen, entrann der Verfolgung, machte einen abenteuerlichen Lebenslauf, wurde ein an ſich ganz vor⸗ trefflicher Menſch, exemplariſch in ſeiner Aufführung, nur ſtörende Seltſamkeiten hat er. Als Jäger des Kronſyndikus erlebte er einen bittern Verdruß und wurde deshalb Mönch. Mancherlei leiſtete er ſchon unter Pater Henricus, meinem Vorgänger. Jetzt hat er ſich in den Kopf geſetzt, die zwanzigtauſend Thaler, die er von jener Frau Buſchbeck — ſie nannte ſich ſchon nach ſeinem Namen, während ſie doch nur eine gewiſſe von Gülpen und ſeine Verlobte war— ererbte, wenn irgendmöglich, dazu anzuwenden, ſie den beiden Kindern zukommen zu laſſen, die er einſt aus dem Feuer rettete, falls ſie ſich entdecken ließen. Sie waren ihm, nachdem er ſie im ſtillen erzogen hatte, abgenom⸗ men worden. Jetzt correſpondirt er nach Holland, Frank⸗ reich, Italien, um ihre Spur zu finden. Ich ſchrieb nach Rom, ob ich ihm auf ein Jahr die Erlaubniß er⸗ theilen kann, ſcheinbar in irgendeinem andern Auftrage in die Welt hinauszuwandern. Bis die Antwort da iſt, wemn einen Müt Wa Dr wor ießliche Ant⸗ en. Im Ver⸗ prung. Man em Richtplatz nerbande, zu —, das Haus, d angezündet d ſei es auch ch aus den nem Kinde. Erde nieder, machte einen ronſyndikus shalb Mönch ricus, meinen geſetzt, d run Buſchber während rlobte war— ſio del nden, ſe 213 geſtattete ich ihm vorläufig auf eigene Verantwortung die Reiſe nach Holland, von der er jetzt zurückgekommen. Unter dieſen Mittheilungen waren beide, in der Ferne wieder von dem leiſe ſingenden Jvo verfolgt, an die kleine Thür gekommen, die den verborgeneren Eingang zur Kirche bildete. Hier ſtand Bonaventura's Wagen... Mit einem Abſchied, den der Provinzial nahm, als wenn ein Offizier von ſeinen untergebenen Mannſchaften einem andern hohen Militär eine einfache converſationelle Mittheilung gemacht hätte, beſtieg Bonaventura ſeinen Wagen... Ein Bedienter in Trauerlivree war vom Präſidenten für den Stiefſohn des Hauſes zurückgelaſſen worden... So fuhr Bonaventura in ſchon heraufgezogener Dämmerung von dannen. O ihr Klöſter, ſeid ihr denn Zufluchtsſtätten des Friedens und der reinen Menſchenliebe?!... So tönte es in allſeitig ſchmerzlichſter Betrachtung durch Bonaventura's Inneres, als er in die ſchon dun⸗ kelnde Ferne hinausfuhr, hin⸗ und hergeſchleudert auf den Furchen der Feldwege, die zurückzulegen waren, um in kürzerer Friſt auf Schloß Weſterhof zurückzukommen, vohin der Kutſcher ihn glaubte fahren zu müſſen... Erſt nach einer Stunde, während durch ſein Herz alle ſchrillen Accorde des Zweifels, alle klagenden der Wehmuth zogen, entdeckte er in der allmählich ganz her⸗ ingebrochenen Nacht die Abſicht des Kutſchers, klopfte ihm und befahl die Richtung zu nehmen nach Sanct⸗Libori ins Bfarrhaus... Wie ſollte er Frieden bringen in die ſtille Abendgemeinſchaft des Schloſſes! Wie den ſchrecklichen 214 Ruf nicht verrathen, der immer noch wie ein: Zu Hülfe! an ſein Ohr tönte—! Ein anderer Ton ſchloß ſich an, ein hochfeierlicher, wie am Tage des Gerichts einſt die Lüfte Stimmen tragen werden... jenes Wort, das ihm einſt der Onkel in Kocher am Fall geſprochen an dem ſchönen goldenen Sommermorgen:„Wenn ich mich zu⸗ weilen in unſerer katholiſchen Welt umſehe, iſt's mir doch, als ſähe ich in alten Verließen die Gebeine der Geopfer⸗ ten modern.“ Und bei alledem ſchwatzte nun ſchon Norbert Müllen⸗ hoff wieder, daß er den Ankommenden mit Sehnſucht er⸗ wartet hätte, bot Pfeifen, Cigarren, Vesperbrot, Unter⸗ haltung durch Zeitungen, Broſchüren, durch ſeine eigene werthe Perſon, und legte ihm zuletzt ſogar„mit Schüch⸗ ternheit“ einen Verſuch vor, wie die„Exercitien“ der Frau von Sicking zu organiſiren wären... Von dem an ſeiner Thür heute früh ausgeſtellten Wachskindchen ſchwieg er wohlweislich, weil er nichts verrathen mochte von einer Gegnerſchaft, die in der Gemeinde mehr ſeine Perſon als ſein Syſtem traf. Bonaventura, erſchöpft, geduldig an ſich ſchon, nahm das Papier, um es in Muße durchzuleſen. Er blieb eine Stunde auf ſeinem Zimmer. Um ſich zu ſammeln, ſchrieb er Briefe, las Rechnungen, zerſtreute ſich mit Zei⸗ tungen... Zuletzt bereute er, doch nicht nach Weſterhof gefahren zu ſein... Selbſt für Thiebold's ſchwaches Klavierſpiel wäre er jetzt dankbar geweſen... Beim gemeinſchaftlichen Abendimbiß, den er nicht ab⸗ lehnen konnte, mußte er dem Wirth, der faſt immer allein das Wort führte, auf alle Gebiete der Seelſorge und ort, das ihm chen an dem ich mich zu⸗ iſts mir doch, der Geopfer⸗ rbert Müllen⸗ Sehnſucht er⸗ rbrot, Unter⸗ ſeine eigene mit Schüch⸗ ercitien“ der „Von dem Wachskindchen rathen mochte de mehr ſeine ſchon, nahn n. Er bli au ſammeln ſih nit 3i nach Weſterh ds chwache n er nicht d immer all eelſorge in — 215 Liturgik folgen, ihm ſogar in manchem Recht geben. So z. B. als er gegen die Einmiſchung der Dilettantenmuſik in den Cultus ſprach und ſagte: Ueberhaupt, Herr Domherr, wenn ich höre, die Stifts⸗ damen von Heiligenkreuz wollen nächſte Oſtern wieder in der Meſſe mitſingen, da weht mich ſchon ein Grauen an! O dieſe Eitelkeit! Dieſe Eiferſucht! Dieſe Prätenſion! Jenes Fräulein will ein Solo ſingen, dieſe alte Comteſſe nicht minder, nun kommt der Singdirector aus Witoborn und bringt mir dieſe Botſchaft und jene; die eine iſt heiſer, die andere hat ſich krank geärgert; gerade wie bei der Komödie! Und was ſpielt das Altarſakrament dabei für eine Rolle! Wie die Affen müſſen wir ſtehen und warten, bis die Damen nur auf dem Chore einzufallen die Gnade haben! Sursum corda! ruf' ich und dieſe Weib⸗ ſen halten mir kein Stichwort! Hat ſich bei einer die Spitzenmantille verſchoben, ſo kann die heilige Wandlung warten, bis der Schaden wiederhergeſtellt iſt! Da bin ich für unſere einfachen Kapelljungen! Sagen Sie ſelbſt, das iſt doch friſch, ländlich, geht zu Herzen. Freilich muß auch da ſo ein Heidenkerl, ſo ein Cantor, nicht dabei ſein und wunder thun, als wenn unſer Herrgott im Himmel zunächſt nur für die Unterbringung der Inſtrumentalmuſik zu ſorgen hat! Bonaventura mußte des Eiferers lächeln, der in man⸗ chem Recht hatte, wenn er auch die neurömiſche Reaction wie einen Landſturm organiſirt haben wollte... Mir ganz recht, ſagte Müllenhoff, wenn wir, wie in Frankreich und Belgien, nun recht bald endlich auch die Jeſuiten kriegen! Sie brauchen ja nur manchmal zu *⁴ 216 kommen, manchmal zu predigen und können dann immer wieder abziehen. Die Pfarrer hätten keinen Nutzen davon, ſagen unſere aufgeklärten und faulen Collegen? Im Gegentheil! Die Jeſuiten laſſen durch ihre Predigten ſo viel Schrecken zurück, daß uns das auf Monate lang zugute kommt. Machen ſie's zu arg, ſo können wir Pfarrer immer ſagen: Seht ihr, ſo fegen euch andere; ſeid froh, daß ihr an uns ſo ſanfte Flederwiſche habt!... Sie waren ja auch früher Pfarrer auf dem Lande? ſetzte Müllenhoff hinzu und ſchenkte wacker ein... Gewiß, gewiß! antwortete Bonaventura zerſtreut und deckte ſein Glas mit der Hand... Müllenhoff erzählte ſeine Verhandlung mit den Ge— meindevorſtänden, ſeine Reform des Finkenhofs, ſeine Stiftung des Jünglings- und Jungfrauenbundes, ſeine Gewohnheiten beim Beichthören, ſeine Uebungen im rich⸗ tigen Roſenkranzſprechen und ſeine Heilung der„Knie⸗ ſteifigkeit“... Bonaventura's Lächeln und Schweigen nahm er für volle Zuſtimmung und beklagte nur, daß,„im Vertrauen geſagt“, ihn der Umgang mit den vielen Vornehmen oft in ärgſte Verlegenheit ſetze... Aufrichtig geſagt, warf er halb ernſt, halb im Scherz ein, obgleich ich heute den Tanz zur tiefſten Hölle gewünſcht habe, ſo ſollten wir doch— im Seminar wirklich etwas tanzen lernen! Blos des Anſtands und einer gewiſſen Manier wegen! Die Jeſuiten lehren's ja! ſagte Bonaventura... Aber wie wollen Sie dann nur, fuhr er fort, bei ſolcher Scheu die Exercitien halten mit ſo vielen vornehmen Herrſchaften? Ueberhaupt, wie denken Sie ſich denn dieſe Uebungen? dann immer utzen davon, lgen? Im 2 Predigten Nonate lang können wir ruch andere, Flederwiſche er auf dem acker ein erſtreut und nit den Ge⸗ hofs, ſeine mdes, ſeine gen im rich⸗ der„Krie⸗ nahm er füt Vertrauer rnehmen oft eſagt, wartf c jeuke de ſollten wl jBlos ernen! egen! 1.: AM 11. olcher S Schel enſchfi bungen? 217 Die Exercitien dauern vier Wochen! ſagte Müllenhoff. Die Herrſchaften, einige zwanzig, wohnen für die Zeit alle bei Frau von Sicking! Jeder Tag hat ſeine beſtimmte Regel! Alle geiſtlichen Handlungen und Erweckungen kann ich allein nicht verrichten; Sie werden auf dem Pa⸗ pier, das ich Ihnen gab, finden, wie ich mindeſtens noch drei bis vier Prieſter als Aushülfe hinzunehmen muß... Ich nehme ſie mir aus Witoborn. Manche Rückſichten muß ich freilich dabei beobachten. Dem Provinzial von den Franciscanern darf ich die Ehre einen Vortrag zu halten nicht entziehen, ſogar ein Gebet zum Schluß muß ich mir vom Biſchof ſelbſt erbitten. Mir, auf deſſen Sprengel die ganze Veranſtaltung fällt und der ich dadurch das Recht habe, die Sache zu leiten und zu beobachten und mir dies Recht auch nicht nehmen laſſe, mir behalt' ich die Montags⸗ und Donnerstagserweckungen vor. Apropos! Ich habe mir eine methodiſche Schilderung des Feg⸗ feuers, der Hölle und des Paradieſes vorgenommen... Eine zeitgemäße und moderne Hölle... „Und nun, du beneidenswerther Verdammter, wird ein Sendbote Lucifer's dir entgegentreten“, ſprach Müllenhoff ſogleich aus dem Kopfe, während Bonaventura, ſeinem Ohr nicht trauend, noch mit dem Lachreiz kämpfte... „im glühenden Widerſchein der Majeſtät Seines Herrn und wird dir die«Stunden der Andacht» zeigen, die du in den Zeiten deiner Denkglaubigkeit das Buch der Bücher nannteſt! Haſt du auf Erden geglaubt“— Der Sprecher ſtockte, zog ein Concept aus der Rocktaſche und las dem Gaſte, der nicht wußte, wie ihm geſchah: „Haſt du auf Erden geglaubt, im Schatten einer 218 Laube, von Bienen umſchwärmt, unter dem Duft von Hollunderblüten dich vor dem wahren Hochaltar und dem Sanctiſſimum deines Schöpfers zu befinden, beſon⸗ ders wenn du dazu noch aus dieſem deinem Buch der Bücher ein Kapitel über die Unſterblichkeit der Seele geleſen hatteſt, und gingſt dann hin und begoſſeſt deine Blumen, etwa wie wenn du ſelbſt ein ſolches Lob deines Schöpfers wäreſt, aber kein anderes heili⸗ ges Naß brauchteſt, als deinen ſentimentalen«Thau⸗ tropfeny, keinen andern Kelch, als die Gießkanne dei⸗ ner angebeteten Natury— dann, dann, du bewei⸗ nenswerther Denkglaubiger, ſollſt du, umſchwärmt von feurigen Horniſſen, dein geliebtes Buch, die«Stunden der Andacht» wiederfinden als«Jahrhunderte der Qualy, ſollſt ſie auswendig lernen rück⸗ und vorwärts, ſollſt ſie in alle Sprachen überſetzen, ſelbſt in die, die du nicht gelernt haſt, und wehe dir, wenn ein Jota fehlt, wenn von dir ein Zeitwort falſch angewendet, eine Feinheit fremder Sprachen unbeachtet geblieben iſt!“... Das iſt ja mehr, als Nero und Buſiris! rief Bona⸗ ventura in die Hände ſchlagend... „Da kommen ſie denn“, fuhr Müllenhoff ungehin⸗ dert fort,„dieſe Schmachtenden, dieſe Zärtlichen, die über einen Käfer weinen konnten, den ihr Fuß im Graſe zertrat, und keinen Blick, geſchweige eine Thräne dafür hatten, wenn ſie ſtündlich ihren Gott, ihren Heiland und ſeine Gebote mit Füßen traten! Jene Schmachtenden, die ein Marienwürmchen liebkoſen und bewundern können und Maria ſelbſt nur für eine ganz gewöhnliche Mutter wie andere auch halten! Jene Empfindſamen, die mit im Duft von ochaltar und inden, beſon⸗ em Buch der t der Seele und begoſſeſ ein ſolches nderes heil⸗ en«Thau⸗ ießkanne der e, du bewei⸗ chwärmt von ie«Stunden der Oual' rs, ſollſt ſi die du vicht fehlt, wen eine Feinhei 3 rief Bona off ungehin artlichen, 1 uß in rg Thrine daft Heilan del hrer hmachten undern könn HDun nliche Mun die l men, 219 Freimaurermoral alle Todſünden zuflicken, alle Riſſe der Herzen mit phraſenhaftem Kalk und Mörtel zu ver⸗ ſchmieren wiſſen! Ihre ruchloſen Deviſen:«Thue recht und ſcheue niemand!» oder«Wir glauben all' an Einen Gott!» die werden mit Flammenſchrift an dem Vorhof desjenigen Theiles der Hölle ſtehen, der gerade dieſen Patent⸗Seelen extra beſtimmt iſt! Rieſengroß werden die Buchſtaben ſein, die die Teufel mit dreizinkigen Gabeln ſchüren müſſen, damit ſie ganz ſo brennen, wie ſie im Munde dieſer Freimaurer lebten und nicht etwa lauten: «Thue recht und ſcheue dennoch Gott und ſeine Heiligen!?» oder:«Es iſt nur Ein Gott, in dem allein das wahre Heil!» O, des Jammerns dann, wenn dieſe Freimaurerſeelen zu dem Gekreuzigten, deſſen einflußreiche Stellung bei Gott ſie nun wol erkannt haben werden, aufblicken und auch vor dieſem dann um Titel, Orden und Beförde⸗ rungen ſchmachten, aber der feurige Oſiris mit dem Ochſen⸗ kopf ihnen nachläuft, ſie zu umarmen als ſeine ägypti⸗ ſchen Brüder. Oder wenn ihre Logenſchweſter Iſis, die holde Mutter Natur, ihre gnadenreiche Allerſeligſte, ihnen zuruft: Hebt meinen bekannten Sais⸗Schleier!— und ſie ſehen dann ihre geliebte Mutter aus hundert Brüſten deren Wohlthaten ſpenden, feuerſpeiende Berge, Erdbeben und daherbrauſende, aus den Schienen gegan⸗ gene Locomotiven! Alle ihre Mittler und Erlöſer wer⸗ den ihnen zuwinken mit den Wohlthaten, die dieſe ſpenden können— Buddha mit der Kunſt, hundert Jahre auf einem Beine zu ſtehen, Seſoſtris mit Pyramiden, die erſt auf ihren Leibern das ſichere Fundament bekommen ſollen! Selbſt ihr letzter Prophet, Nathan der Weiſe, wird ihnen an⸗ 220 bieten von den Waaren, die er gerade aus Damascus mit⸗ gebracht hat, vorzugsweiſe jenen Mantel mit dem rothen⸗ Templerkreuze, einen Mantel von Blei, ſo ſchwer, daß ſie damit alle Greuel und Verbrechen zu tragen glauben ſollen, die ſie hienieden mit ihrem verſchliſſenen Humani⸗ tätsgarderobenſtück der Liebe bemäntelt, beduldungelt und betoleranzelt haben“... Genug, genug! rief Bonaventura; ich fürchte mich vor meiner Nachtruhe!... Er deutete auf einen Wächter, der auch hier die zehnte Stunde abrief, und entfernte ſich mit einem einfachen, alle Hoffnungen des Pfarrers auf Zuſtimmung und Beifall ironiſch abſchnei⸗ denden: Gute Nacht!... Jeden Morgen las Bonaventura die Meſſe. Bald in Sanct⸗Libori, bald in Heiligenkreuz, bald auf dem Schloſſe. Dann beſuchte er auch wol die Schule, war viel in Witoborn, wo ihm die ſchuldige Rückſicht gebot, dieſe oder jene hervorragende Perſönlichkeit zu beſuchen. Beicht⸗ abnahmen hielt er nicht, ſo ſehr auch mancher danach Verlangen trug. Als er am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz gegangen war, wo vor den Stiftsdamen von ihm die Meſſe geleſen werden ſollte, fand er, als die heilige Handlung vorüber und er ſchon im Begriff ſtand, ſich in der Sakriſtei zu entkleiden, Thiebold, der ihm die geſtrigen Erlebniſſe ſchildern wollte, ſoweit ſie die ihm in der Beichte von Bonaventura vorgeſchriebene Pflicht betrafen... Thiebold hatte vorausgeſetzt, daß er dem Domherrn dieſe Mittheilungen in der entſprechenden ſeelſorglichen — H— amascus mit⸗ t dem rothen ſchwer, daß agen glauben nen Humani⸗ lldungelt und fürchte mich auf einen abrief, und ffnungen des iſch abſchnei⸗ ſeſſe. Bald ald auf dem ule, war viel tgebot, dieſe ſichhen. Beicht ancher danach Heiligenkreu heilige 4 von ihm dle 3 die heili f ſtand, ſih der ihm di ſe de in ebene Pflic Domhen m eelſorglih 221 Form zu machen hätte, und ſuchte ihn deshalb im Meßornate auf. Schon ſehr zeitig mußte er mit ſeinem Einſpänner aus Witoborn ausgefahren ſein. Der Cantor fungirte für den alten Tübbicke, dem dieſe Frühwege ſchon auch ſonſt zu beſchwerlich wurden... Auf eine Weiſung, die der Cantor erhielt, beide allein zu laſſen, begann Thiebold die Mittheilung all des Räth⸗ ſelhaften, das ihm Armgart geſtern in der Kapelle ange⸗ deutet hatte, und wollte hören, ob nun doch noch eine Ver⸗ pflichtung beſtünde, ſeinem Freunde Benno die„ſtattgefun⸗ dene Täuſchung“ mitzutheilen... Bonaventura erwiderte nach ernſtem Sinnen über die Worte Armgart's: Ich glaube, lieber Herr de Jonge, daß Sie jetzt beſſer thun, dieſen Gegenſtand fallen zu laſſen. Ziehen Sie vor, Ihren Fehler durch deſto innigere Beweiſe der Freundſchaft für unſern guten Benno wieder gut zu machen! Armgart will nicht, daß Benno etwas von ihren frühern Empfindungen erfährt? Dann um ſo beſſer, wenn ihn die gegenwärtigen des jungen Mäd⸗ chens nicht enttäuſchen. Zu jung und unklar noch in ſich ſelbſt ſcheint ſie mir zu ſein, als daß ihr Herz ſchon in dem Grade für irgendjemand ſollte entſchieden haben, um etwas auf die Beweiſe ihrer Gunſt zu bauen. Ein Mädchenherz in dieſem Alter iſt eine unbekannte Inſel, die der Seefahrer mit Zagen betritt, ungewiß, was ſie birgt; bald hoffend, bald getäuſcht geht er vor— wärts, bei jedem Schritt entdeckt er Unerwartetes und findet ſich erſt nach langer Zeit in ihm zurecht. Zunächſt wird das Wiederſehen ihrer Aeltern ſie ganz in Beſchlag 222 nehmen. Ich höre, daß beide ſich bald in dieſer Ge⸗ gend einſtellen werden.. Der Oberſt wenigſtens! fiel Thiebold ein. Ich weiß es für beſtimmt von Hedemann... Er kann in acht bis vierzehn Tagen hier ſein. Schon liegt Hedemann's Geſuch an die ſtädtiſche Behörde von Witoborn vor, vorläufig die Waſſerkraft der Witobach auf Handpapier gehen zu laſſen... Die Aufregung, die in der Stadt dieſer Antrag hervorgebracht hat, iſt ridicül... Alles intri⸗ guirt dagegen... In der heiligen Stadt Witoborn Papier fabriziren! Eine Erfindung des Satans för⸗ dern!... Entſchuldigen Sie, Herr Domherr, ich er⸗ zähle nur, was ich von Benno und von Ofſizieren „Bei Tangermanns“ gehört habe... Bonaventura begriff, was ſich von einem ſo dumpfen Geiſte, wie er ihn hier überall vorfand, vorausſetzen ließ, und fügte hinzu: Aber auch Frau von Hülleshoven hat die Abſicht, ihren Gatten nicht allein ſich in die Lage verſetzen zu ſehen, Armgart ſo nahe zu kommen. An dem Tage, wo der Oberſt in Witoborn eintrifft, iſt ſie hier im Stifte, wo ſie eine Verwandte der Aebtiſſin der Hospi⸗ taliterinnen in Wien, ein Fräulein von Tüngel⸗Appel⸗ hülſen, aufzunehmen verſprochen hat... Verrathen Sie jedoch nichts davon! Sie kennen Armgart's Phantaſie— Ihr Gelübde! Die Aeltern ſollen ſich vereinigen oder niemand gewinnt ſie... Bonaventura ſchüttelte den Kopf... Noch immer die Grille, die er ſchon aus den in Kocher am Fall geleſenen Briefen kannte... n dieſer Ge n. Ich weiß n in acht bis ann's Geſuch rr, vorläufig ier gehen zu Stadt dieſet Alles intri dt Witoborn Satans för herr, ich er⸗ n Ofſtzieren ſo dumpfen zusſetzen ließ die öſcht verſetzen z dem Tage Rea i der Hospi ngel⸗Appe⸗ errathen Si Phantaſie— reinigen oden Noch imme ' her am 7 Thiebold verſprach auf viel mehr, als„nur auf Ehre“ ſein unverbrüchlichſtes Schweigen über die von zwei Seiten auf Armgart anrückende Prüfung und bot dann dem Domherrn ſeinen Einſpänner an. Er wollte noch im Stifte bleiben und bei den Damen Beſuche machen. Er erklärte, dann zu Fuß nach Weſterhof zu gehen, wo er wie faſt täglich zu Mittag ſpeiſte. Tante Benigna hatte ihn von dem Frühboten, der jeden Morgen in die Stadt ge⸗ ſchickt wurde, ſchon wieder einladen laſſen, ihn, nicht Benno. „Wir ſind es Terſchka ſchuldig“, ſagte ſie zum Onkel Levinus, der gegen die ſteten Zurückſetzungen Benno's beſcheidene Bedenken erhob,„daß wir auf den Bevoll⸗ mächtigten Nück's keinen zu großen Werth legen.“ Bonaventura mußte den Vorſtellungen Thiebold's nachgeben, ſchon aus Rückſicht auf den Gaul, der hier bis Mittag hätte im Freien zubringen müſſen; Thiebold war im Stifte ſo beliebt, daß er bei einem Morgenbeſuch leicht in die Lage kam, gleich zu Mit⸗ tag, nicht ſelten zum Nachteſſen zu bleiben... Es war eben Thiebold's Talent, alle Menſchen zu gewin⸗ nen... Er wußte nicht nur einige Dutzend Pfänder⸗ ſpiele, ſondern ließ auch Garn und Seide auf ſich ab⸗ wickeln... Dabei ſeine bequeme Prätenſionsloſigkeit in Bildungsſachen! Er machte gar kein Hehl daraus, daß er vei weitem weniger wußte, als Alexander von Humboldt. Wenn eine von den Damen dichtete(und es waren nur fünf oder ſechs darunter, die, nicht etwa eine Ausnahme machten, ſondern ihr Dichten nur nicht eingeſtanden), ſo hewunderte er jeden Vers, jedes Bild, hatte nie derglei⸗ hen gehört oder geleſen und war ein Zuhörer ſo voll 224 Aufmerkſamkeit, daß er ſchon eine ganze Sammlung von Liedern im Portefeuille beiſammen hatte, die ſein Freund Joſeph Moppes componiren und Aloys Effingh mit Illuſtrationen verſehen ſollte. Flüchtig noch erfuhr Bonaventura von Thiebold die wiedergekehrte Viſionsgabe Paula's und von dem wito⸗ borner Kutſcher die Geneſung der kleinen Tochter des Herrn Jean Tübbicke durch einen Roſenkranz, den ſie geſtern geſegnet hatte... Im Pfarrhauſe fand Bona⸗ ventura die Beſtätigung. Der alte Tübbicke empfing ihn mit freudeſtrahlendem Antlitz. Die kleine Fanchon lag nach Aller Meinung im Sterben, als der Großvater mit dem Amulet kam. Man legte es dem athemloſen, fieberglühenden Kinde um den Hals; es ſtellte ſich Schweiß ein, das Fieber ließ nach und ſchon berichtete der maitre⸗ tailleur Jean Tübbicke, der im Pfarrhaus ſelbſt zugegen war, von einer vortrefflichen und ſtärkenden Nacht. Herr Jean Tübbicke kam, um beim Pfarrer außs entſchiedenſte ge⸗ gen den Verdacht zu opponiren, daß es Tante Schme⸗ ling wäre, die an ſeiner Thürſchwelle Kinder ausſetzte. Es kam zu einem heftigen Auftritt. Müllenhoff entließ ihn mit den Worten:„Affenſchänderiſches Volk! Grütz⸗ köpfige Dummheit, wenn du nun gar noch auslän⸗ diſche Bettelpfennige für holländiſche Dukaten nimmſt! Lallſt deine edle deutſche Mutterſprache halb ſchon nur, wie ein blökendes Kalb, und willſt noch auf Zeiſigart franzöſiſch zwitſchern und niedlich thun mit Elefanten⸗ beinen? Ei, daß dir doch über Nacht die Engel vom Himmel dein maitre-tailleur⸗Schild vom Fenſter nähmen! Siehſt du denn nicht, was ein altchriſtliches ammlung von te ſein Freund Effingh mit Thiebold die on dem wito Tochter des ranz, den ſit fand Bona bicke empfing leine Fanchon der Großvater n athemloſen ſich Schweif der maitre- zugegen war t. Herr dea ſchiedenſte 9 Tante Schme ader ausſeh enhoff entlie Velk! Grit noch rusli ten nimm ka alb ſchon m 225 Gebet für Gnade im Gefolge hat? Gehſt du nicht endlich in dich, Gütertheiler, ſo hängt in dem Schild noch das Bret zum Sarge deiner Fanchon über deinem Hauſe!“ Schlimm, ſchlimm, ſchlimm! brummte nur immer im Gehen vor ſich hin der alte Tübbicke, enträthſelte dem Domherrn den Zuſammenhang dieſes Zanks und kam auf die Gräfin und ſeinen zunächſt Gott, dann ihr dar⸗ zubringenden Dank zurück... Bonaventura litt unter allen dieſen Mittheilungen... Auch Thiebold's Erzählung von der Viſion der Schla⸗ fenden bewies, daß Paula's ekſtatiſche Zuſtände doch wieder zurückkehrten. Noch hatte er keinem derſelben ſeit ihrem Wiederſehen beigewohnt... Mit bangem Herzen eilte er nach Weſterhof. Einen vollen, vollen Tag hatte er ohne Paula ſein können!... Der ſcharfe Wind erfriſchte ſeine Wange. Die kahlen Pappeln, Buchen und Erlen am Wege ächzten... Er drückte den Hut auf die Stirn. Seinen warmgefütterten Winterrock feſt an ſich ziehend, ſchritt er ſehnſuchtbeflügelt dahin Da lagen— nach einer kleinen Stunde— die vier Thürme des Schloſſes! Weißſchimmernd der graue Schiefer an den Stellen, wo der Wind den Schnee abgetrieben! Hinter den Fenſtern dort oben das ſüße Myſterium, wo Frauen von zarter Sitte und holder Anmuth wohnen! Gar nicht gedenken konnte er, wie inm Paula's Daſein doch nur ſo war, wie dem Baume ſen Blatt kommt und geht und wiederkehrt und wieder ſcwindet, immer ein anderes iſt und doch daſſelbe, tau⸗ ſendfach immer nur Eines, Wirklichkeit und doch nur ein Gutzkow, Zauberer von Rom V. 15 226 Begriff. Wäre das edle Gemälde der Gräfin nicht wie auf Goldgrund gemalt geweſen— er wäre vielleicht verloren geweſen. Irgendeine einzelne Schalkhaftigkeit, wie ſie Armgart beſaß, irgendeine lächelnde Caprice, wie Lucinde, und der Erſcheinung Paula's wäre jene Leibhaftigkeit verliehen geweſen, die herausfordert. Ihm aber war ſie ſo wie Andern; auffallend mußte erſcheinen, daß die auch jetzt doch noch ſo reiche Erbin nicht von Freiern umgeben wurde, Paula konnte ſich nur ent⸗ weder ſelbſt verſchenken oder ſie mußte verſchenkt wer⸗ den; ein Werben um ſie, ein ſie Liebenmüſſen oder Liebenwollen ſchien bei einer ſo geiſtig vornehmen Natur kaum aufzukommen. Vor dem Schloſſe fand Bonaventura, wie um dieſe Zeit faſt immer, eine Anzahl Wagen. Zu den vielen Rückſichten der Etikette geſellte ſich die hier ſtets genährte Neugier und dann war geſtern beim Leichenbegängniß ſo vieles vorgefallen, worüber man ſeine Gedanken aus⸗ tauſchen mußte; ja auch die neue Kunde war ſchon über⸗ all hinausgegangen, die Gräfin hätte das Leichenbegäng⸗ niß ſelbſt geſehen und ein von ihrem Leib genommener Roſenkranz hätte ein Kind in Witoborn vom Tode ge⸗ rettet. Auf den Treppenſtufen ſah Bonaventura wieder die Zahl der Gichtbrüchigen und Blinden und Hülfs⸗ bedürftigen wie ſonſt... Armgart kam ihm auf der Treppe entgegen und theilte den Harrenden Amulete aus, die Paula berührt hatte. Diejenigen unter ſeinen Arzneien, deren Heilkraft verbürgt iſt, kann der Apotheker nicht mit größerer Zuverſicht verab⸗ folgen, als hier Armgart, nicht einmal mit Verlegenheit äfin nicht wi väre vielleict chalkhaftigkei ende Capriee ys wäre jen fordert. Ihr te erſcheinen bin nicht vo ſich nur ent verſchenkt we denmilſſen od nehmen Nat wſtets genähr enbegängriß Gedanken al war ſchon übe Leichenbegäl ib genomme⸗ vor Bonaventura niederblickend, eine Anzahl kleiner Kiſſen austheilte, deren ſie und die Stiftsdamen tagein tagaus eine Anzahl verfertigten. Dieſe Kiſſen waren finger⸗ lang, fingerdick, von weißer Seide, innen mit Baum— wolle gefüttert, von außen bildeten loſe und weite Stiche ein rothſeidenes Kreuz... Paula berührte ſie nur und ſie ſollten heilen. Armgart theilte dieſe Kiſſen aus mit einer Zuverſicht, als müßte ſie jeden Zweifel daran für teufliſch erklären... O gut, rief ſie dazwiſchen dem Domherrn entgegen, daß Sie kommen! Paula ſchlum⸗ mert! Reden Sie mit ihr! Alles ſteht erwartungsvoll! Sie ſpricht wie geſtern! Aber da ſie niemand zu fra⸗ gen wagt, antwortet ſie nicht zuſammenhängend! Der Onkel verbietet es andern! Sie, Sie, Domherr, Sie könnten endlich ein Machtwort ſprechen!... Bonaventura ſtand voll Zagen... Als Armgart die Leidenden entlaſſen hatte, ergriff ſie Bonaventura's Hände, von denen die eine, ſchon während des Beobachtens der Scene des Austheilens der Kiſſen, ihres Handſchuhs ſich entledigt hatte. Halten Sie doch die Leiter, auf der Paula gen Himmel ſteigt! ſagte ſie, beide Hände ergreifend. Warum thun Sie's nur nicht! Alles ſehnt ſich danach und niemand mehr als Jaula ſelbſt! Oder gab es keine heilige Thereſia, ſch Franz von Aſſiſi nicht den Himmel offen? Nicht die heilige Brigitta? Erleuchtete Gott nicht Katharina den Genua und nun erſt gar die von Siena? Hören Sie, was Paula redet und fragen Sie dann ſelbſt! Was ſoll ich fragen! ſprach Bonaventura wie ge⸗ ſagen... Alles wurde ſtill umher... Herrſchaften und 15* 228 Diener waren in den innern Gemächern und ſtanden ohne Zweifel um Paula's Lager... Armgart hielt fort und fort ſeine Hände... Eine Handbewegung nur von Ihnen! Dieſe weiße Hand auf ihr Herz gelegt! Eine ſanfte Frage nur von Ihrem Munde! O kommen Sie! Armgart!— lehnte Bonaventura, voll Mismuth ohnehin gegen Armgart, ab; Armgart küßte ihm jetzt ſelbſt ſeine Hand... Fragen Sie nach meinem Vater! Nach meiner Mut⸗ ter! Ob es wahr iſt, daß ſie jede Stunde hier ein— treffen können! Fragen Sie, ob die Zukunft uns alle, alle— unglücklich macht! Bonaventura blickte finſter. Er hörte zwar im Geiſt die Worte des Herrn, der durch Prophetenmund, Joel 2, 28. 29 ſpricht:„Es wird geſchehen in den letzten Tagen, ſpricht der Herr, da will ich von meinem Geiſt über alles Fleiſch ausgießen. Und euere Söhne und Töchter werden weiſſa⸗ gen, euere Jünglinge werden Geſichte ſchauen und euern Aelteſten werden Traumgeſichte erſcheinen. Ja auch über meine Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geiſte ausgießen und ſie werden weiſſagen“ Dennoch wollte er mit der Hand über Armgart's Stirn ſtreichen und ihr ſagen:„Mädchen, laß doch nur treu und wahrhaft dein eignes Herz reden und du haſt deine Zukunft gewiß!“ Nun aber ergriff Armgart blitzesſchnell einen Ring an des Zögernden Hand... Es war der Trauring ſeiner Mutter, jener, den der Onkel Dechant in dem Leichenhauſe des V Sanct⸗Bernhard gefunden hatte, jener Ring, der als Er Frage nur ve voll Mismut t ihm jetzt ſel ih meiner M tunde hier ei kunft uns al en Tagen, ſpri ber alles Fle werden weiſ auen und ell Ja auch i nen Tagen! weiſſagen“ lmgark 9 doch nur! d du haſt inen Ring jner M jennungsmittel vor dem entſtellten Körper ſeines Vaters gelegen, derſelbe Ring, von dem Bonaventura ähnlich wie Lucinde von Bickert's Schrift, geſagt hatte: In ihm liegt die ganze Lebensfrage unſerer Kirche! Und noch che er wußte, was geſchehen, hatte Armgart den Ring ſchon ihm abgezogen und war mit ihrem Raube davon⸗ geeilt.. Sie eilte in den Vorſaal, deſſen Thür ſie offen eß... Bonaventura, beſtürzt über ein Vorhaben, das er nicht ſogleich begriff, folgte... Die wenigen Anweſenden, die utfgeregt in dem grünen Nebenzimmer ſtanden, grüßend, wandte er ſich Armgart zu, die mit ihrer Eroberung noch eine Weile ſinnend vor dem Onkel Levinus ſtand, ils wollte ſie von dieſem erſt die Erlaubniß haben, Paula — mit dem Ringe zu magnetiſiren... Dann aber, ohne ſiinen fragenden und zürnenden Blick zu erwidern, ging ſe raſch durch die offen ſtehenden Thüren dem von der itrigen Zahl der Beſucher ſchon umſtandenen Schlummer⸗ ſager Paula's zu... Es waren ſo viel Frauen zugegen, der Verkehr durch ille geöffneten Zimmer hindurch war ſo gehindert, daß Bonaventura's Eintreten die Aufmerkſamkeit nicht fand, vie ſonſt... Aller Augen waren auf Paula gerichtet... Uich einige geiſtliche Herren aus Witoborn waren zugegen und drangen in Bonaventura, den andern zu folgen... Mit einer Empfindung, als wären die Engel vom Him⸗ ne gegenwärtig, drängte ſich alles dem Vorzimmer zu dor Paula's Schlafgemach... Hier lag ſie auf dem Ruheſopha... Die Vorhänge 230 waren zurückgezogen; einige Stiftsdamen ſtanden um ſie her, Armgart knieete vor ihr und ſteckte eben leiſe, nur von Bonaventura beobachtet, ſeinen blinkenden Raub an den Ringfinger der linken Hand Paula's... Teppiche mil⸗ derten jedes Geräuſch der Umſtehenden... Paula ſchien in der That Reden vor ſich hin zu murmeln... O das iſt ſchön! ſagte ſie endlich vernehmbarer und ihr fieberhaft angehauchtes Antlitz begann zu lächeln. Sie ſchien die Annäherung eines magnetiſchen Rap⸗ portes zu fühlen, ja ſchien ſie wie eine geiſtige Nahrung einzuſaugen... Wie wird es ſo licht und ſo hell jetzt!... ſagte ſie plötzlich lauter und wie begeiſtert. Von der Sonne! . Alles! Alles!... Auch ihr Leib iſt Licht!... Die Lichttropfen gleiten ihr aus den Fingern! Wem? fragten einige. Auch Bonaventura mit weh⸗ muthumſchleierten Augen... Onkel Levinus erläuterte mit gedämpfter Stimme und trotz der Gewöhnung an dieſe Erlebniſſe doch er⸗ zitternd: Das wird der Hochſchlaf! Immer, wenn ſie den höhern Grad des Hellſehens erreicht, ſpricht ſie von ſich ſelbſt als von einer dritten Perſon! Es iſt dann, als ſchritte ihr Geiſt aus dem Körper heraus, ſodaß ſie ſich ſelbſt ſieht. Das Tröpfeln aus den Fingerſpitzen iſt der Anfang... Tante Benigna bemerkte jetzt den Ring an Paula’s Finger, wagte aber keine Frage oder Einſprache zu thun und bangte nur, wie alle... taanden um ſ en leiſe, w den Raube Teppiche mi r ſich hin ehmbarer un n zu lächtl 314 GP. netiſchen Nat iſttige Nahrun ttura mit we npfter Stim bniſe doch wenn ſie! ct ſie von iſt dann, ſodaß ſie erſpiben iſ Pau ing an Bu ſprache 65 231 Paula ſchwieg eine Weile, als wartete ſie das Ent⸗ gleiten des elektriſchen Fluidums aus ihren Fingerſpitzen oder die weitere Annäherung Bonaventura's ab... Auch Terſchka trat inzwiſchen zu den ängſtlich Harren⸗ den... er grüßte Bonaventura und die, die er heute noch nicht geſehen hatte... Wie iſt das ſo ſchön! fuhr Paula in kurzen Sätzen fort... Ach, die herrlichen Blumen!... Roſen um dunkle Cypreſſen!... Die gehen ja hoch hinauf bis ins grüne Laub!... An den Blättern zittern Thautropfen, die die Sonne beſcheint!... Die ſanfte Datura!... Die ſtolze Magnolika!... Der Onkel ſchaltete bedeutſam ein: Die abſolute Weſenheit der Dinge! Erſt kommt ſie durch Blumen, dann durch bunte Ringe und Kreiſe! Es iſt zuletzt die Welt des reinen Seins ohne Zeit und ohne Raum... Paula fuhr jedoch im Gegentheil fort: Ein herrliches Schloß!... Mit einer Fahne auf dem Thurm!... Wald und Berg!... Immer hört ſie ein Glöcklein, das nicht aufhören will!... Onkel Levinus ſah ſich um und deutete mit ſtummem Blick nach oben. Er wollte ſagen: Sie hört die Har⸗ monie der Sphären... Hirten kommen aus den Thälern, fuhr Paula fort, und ſteigen zum grünen Wald hinauf!... Wie in der Kirche iſt's unter den Bäumen!... Die Bäume werfen ſo lange Schatten! So lange!... Vor großen Kirchenfen⸗ ſtern ſchimmern ſo die grünſeidenen Vorhänge!... Onkel Levinus lächelte die Geiſtlichen und die Da⸗ 232 men an, als wollte er ſagen: Die langen grünen Schat⸗ ten ſind die Urbilder der Dinge! Die ewigen Grund⸗ formen!... Und Tante Benigna bedauerte im ſtillen nur die Abweſenheit Püttmeyer's... Auch Thiebold's, der zum Eſſen kommen ſollte und durch die anweſenden Stiftsdamen abgeſagt worden war, weil er heute wieder, wie ſo oft, dort zurückbehalten wurde zum Vierhändig⸗ ſpielen mit mindeſtens drei bis vier der Stiftsfräulein die Reihe herum... Und Armgart, die noch immer knieete, wandte ihren Kopf mit einem Bitteblick auf Bonaventura und langte mit dem Arme, als ſollte er näher treten, Paula magne⸗ tiſiren und ſie ausdrücklich um ihre Anſchauungen be⸗ fragen... Bonaventura ſtand in ſcheuer, ſchmerzlicher Befan⸗ genheit... Paula aber that dem Onkel Levinus heute nicht den Gefallen, bei dem reinen Sein der Dinge zu bleiben, ſon⸗ dern fuhr fort: Bienenſtöcke ſieht ſie zwiſchen den mächtigen Bäu⸗ men!... Das ſind Kaſtanienbäume!... Sie kennt ſie! . Die blühen ſchon! Die rothen Pyramiden! Und die Mandelbäume, die blühten gar ſchon ab!... Die Bie⸗ nen umſchwärmen ſie! Und immer, immer läutet die Glocke... Nun ſucht ſie die Glocke... ſie hängt ja an einem Aſt der Bäume, dicht vor der Hütte von Moos!... Onkel Levinus ſchien betroffen, daß ſich in der Sphärſe des reinen Siderismus heute ſoviel telluriſche Ueberbleibſeſt b finden ſollten... grünen Schat wigen Grund erte im ſtille ch Thiebolde ie anweſenden heute wieden n Vierhändig⸗ Stiftsfräulein wandte ihren a und langte Paula magne⸗ hauungen be⸗ Befan⸗ licher Be eute nicht del ubleiben, ſon etigen Bäl ächtigen Vi je kennt ſie u! Und d Die Bie 5 S del immer läud ſie häng 233 Es iſt ja faſt— wie in— Italien!... bemerkte inzwiſchen Terſchka.. Italien!... Dies Wort genügte den Damen im Grunde noch mehr, als das reine Sein... Was führte die Seherin nach Italien?... Paula konnte mit ir⸗ diſchen Augen bis nach Italien ſehen?... Die Meſſe lieſt er nicht!... ſprach Paula nach einer Weile, während alles lauſchte und Onkel Levinus noch immer nicht an eine Verſetzung der Anſchauungen Paula's nach Italien, ſondern nur ins Geiſterreich ſelbſt glaubte... Mit ganz lauter und beſtimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt: Wer?... Der Eremit! antwortete Paula... Sieht ſie denn einen Eremiten? fuhr der Onkel fort, mit ſcharfer Betonung, etwa in der Art, wie ein Arzt mit einem Typhuskranken ſpricht... Mit weißem Bart! antwortete Paula kindlichſten Gehorſams... Ein heiliger Geſang wallt herauf... Sie tragen Fahnen— Es iſt eine Proceſſion! wagte ſogar ein Kanonikus aus Witoborn jetzt laut zu äußern. Vielleicht war auch er geneigt, eher an die Sphäre des reinen Seins, als an Italien zu glauben und in der Proceſſion einen Beweis für die Rechtgläubigkeit des Himmels zu finden... Sie ſieht keine Bilder, keine Fahnen... antwortete Paula... Sie kommen in der Hand mit Büchern... Größer ſind ſie als die Breviere... viel größer... Triumphirend blickte der Onkel um ſich. Die Geiſt⸗ ſichen und die Frauen erhielten wieder einen Anhalt für jas Jenſeits; denn ohne Zweifel waren dieſe großen 234 Bücher, wenn nicht die Geſetzestafeln des Moſes ſelbſt, doch Schriften der Kirchenväter oder Miſſalien, die Paula in den Händen der rechtgläubigen, geiſterhaften Ge⸗ ſtalten ſah... Sie leſen in den Büchern!... fuhr die Schlafende fort... Der Mann mit weißem Barte erklärt ſie... „Gott iſt ein Geiſt“, ſpricht er,„und die ihn anbeten, müſſen ihn im Geiſt und in der Wahrheit anbeten!“ Die ſanfte Stimme!... Bonaventura ſtand athemlos. Sein Blick fiel auf Terſchka, der ihm voll Erſtaunen zuflüſterte: Ich glaube die Gegend zu kennen... All die Blumen und die Käfer und die Bienen ſum⸗ men!... Wie grün iſt das!... Smaragdgrün! Wie wenn in unſerm Buchenpark die erſten Frühlingslauben ſich wölben... Aber das ſind nun Eichen!... Tief un⸗ ten iſt alles ſo milde, ſo weich und ſanft... Wer iſt der Redner? fragte Onkel Levinus ſcharf... Die Frauen erwarteten keine andere Antwort, als: Gott der Herr ſelbſt! Sie kennt ihn nicht!... ſagte Paula... Das Sprechen in der dritten Perſon hatte etwas Geſpenſtiſches, das niemanden mehr bewegte als Bona⸗ ventura. Armgart's fortgeſetztes Bitten lehnte er mit der Hand ab. Doch kaum ſah Armgart dies Vorſtrecken ſeiner Hand, ſo erhob ſich das phantaſtiſche Mädchen, er⸗ griff ſie und wollte ihn dem Lager näher ziehen. Bonaventura machte nun in der That ein Kreuz über die ganze Länge der in ſchwarzer Seide gekleideten, in rüh⸗ Moſes ſelbſt en, die Paud erhaften Ge ie Schlafende cklärt ſie.. ihn anbeten, eit anbeten! Blick fiel au e: Bienen ſun dg ün Wi äblüngslauben .Vij un nus ſchatf. Antwort, äl hatte etwe ate als Bonn lehnte er 4 ies Vorſtrect Mädchen,” jehen= ein Kreuß ind ädeten, in render Halbbewußtloſigkeit daliegenden, fieberhaft ange⸗ hauchten Geſtalt der Gräfin und trat wieder zurück... „Herr, wie ſo lange!“ ſprach jetzt Paula mit erhöhter Kraft.„Auf, ſchlage ihn, denn das iſt der Tag, an welchem der Herr hat übergeben deinen Feind in ſeine Hand!“ Die Hand auf das Buch hält er!... Hält es hoch empor!...„Siehe, der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin!“„Der Odem Gottes weht über die Lande!“... Sie kann jetzt nicht hören ... Die Frauen weinen... Die Männer reichen ſich die Hände... Jetzt— jetzt— Ein Kelch— geht — um... Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula's Viſion... Ein Kelch geht um? Das mußte eine Ver⸗ ſammlung von Ketzern ſein!... Das war die gemein⸗ ſame Empfindung... Sie trinken alle daraus! fuhr Paula mit Beſtimmt⸗ heit fort... Einige der Frauen, die ſich geſetzt hatten, erhoben ſich... Andere, die ſtanden, mußten ſich nach Seſſeln umſehen. Die Geiſtlichen blickten fragend bald auf Bonaventura, bald auf den Onkel Levinus, der ge⸗ wiſſermaßen für alle dieſe Dinge die Verantwortlichkeit zu übernehmen hatte... Es iſt, ſagte Paula— nicht die Meſſe— In Bonaventura's Innerm war es, als fühlte er die Erde unter ſich wanken... Paula ſprach wie ſeine innerſten Gedanken aus... Das Buch iſt die Bibel! ſagte Paula... Der Schrecken vermehrte ſich... Der ſchöne Pokal!... Von rothem Kryſtall!... Wie Blut?... Ja er ſagt:„Noch wird es in Strö⸗ men fließen, bis deine Burg, o Herr, Zion, deine Zinne, erobert iſt!“... Er ergreift den Kelch... Die Hand iſt ſo weiß... wie der Schnee der Alpen... dort oben... Längſt zitterte ſchon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnißvollen Brief, den er empfangen, die Einladung, einſt unter den Eichen von Caſtellungo zu erſcheinen, dort ein neues Martyrium anzutreten, das der verbeſſerten Kirche... Und wie dann Paula ſelbſt ihre eigene ſchöne weiße Hand emporhielt und ſein Ring, der Trauring ſeiner Mutter, zu aller Erſtaunen an ihrem Ringfinger blitzte, konnte er ſein Herz nicht länger bewältigen... Aller Anweſenden uneingedenk, ent⸗ ſetzt über die Vergleichung der weißen Hand mit dem Alpenſchnee und wieder doch von der frohen Hoffnung neu beſeelt, daß ſein Vater nicht in die Abgründe der Lavinen ſtürzte, nicht in der ſchaudervollen Morgue des Sanct⸗Bernhard vermoderte, nicht auf dem Friedhof zu Sanct⸗Remy auf dem Wege nach Aoſta begraben lag, wiederholte auch er die Frage: Wer iſt der Redner? Da ſchwieg anfangs Paula... Dann aber, zum Zeichen, daß ſie Bonaventura's Stimme wohl erkannt hatte, ſagte ſie, und ſagte das wie vor Ueberraſchung wonnig belebt: Du fragſt ſie? Alle— des Du's ſtaunend— ſahen auf Bona⸗ ventura... Schon aber ſprach Paula weiter: 2 5 Trhſtall!.. es in Stro⸗ deine Zinne, . Die Hand dort oben... Erinnerung pfangen, die Caſtellungo anzutreten, dann Paula wielt und ſein er Erſtaunen Herz nich d wit dem en Heffnung lögründe d Morgue des Fridhof 11 hegraben lag, n aber, ium wohl erkannt Ueberraſchund † Bona 1 auf 3 Es iſt kein Greis! Weiß iſt ſein Haar, ſchneeweiß, aber ſeine Haltung noch wacker... Wer es iſt?... Er ähnelt— dir!... Bonaventura zitterte... Armgart ergriff ſeinen Arm krampfhaft... doch überſelig... Paula fuhr fort: Seine Hütte gefällt ihr... Drüben aber liegt das Schloß... Die Fahne hat ihre Farben... ihr Wappen... Weſſen? fragte Terſchka mit nicht mehr zurückzuhal⸗ tender Spannung... Paula ſchwieg jetzt... Der Ton dieſer Stimme ſtörte ſie... Onkel Levinus deutete auf die Schlummernde ſelbſt und ſagte mit dieſer ſtummen Geberde, die Schloßfahne trüge die Farben der Dorſte⸗Camphauſen ſelbſt... Dann iſt es Schloß Caſtellungo! ſagte Terſchka mit höchſtem Erſtaunen. Der Eremit iſt ein Deutſcher, namens Federigo! Ich kenne ihn! Eine religiöſe Sekte, die von Comteſſe Erdmuthe dort beſchützt wird, hat ſich jetzt, wie ſo oft, um ihn verſammelt! Ich wäre be⸗ gierig, ob in dieſem Augenblick, wo allerdings dort in dem ſchönen piemonteſiſchen Thale der Frühling ſchon in vollſter Blüte ſteht, in der That eine der von ihr ge⸗ ſchützten Gottesverehrungen ſtattfände! Erfahren kann ich das und werde mich darum bemühen... Terſchka näherte ſich dem Ruhebett... Paaula aber betete jetzt... Sie ſprach Worte, die minder auffallend klangen... Maria und die Heiligen fehlten nicht... Endlich ſchwieg ſie ganz... Einen Reiz, ſie noch aus ihrem beginnenden, nun wirklich na⸗ turgemäßen Schlummer wach zu rufen, konnte nur eine Grauſamkeit unerlaubter Neugier ſein. Die Tante winkte, daß Paula der Ruhe bedürfte... Die Frauen gingen zuerſt... Die Geiſtlichen folg⸗ ten... Onkel Levinus begann von Gräfin Erdmuthe und ihren Reformen... Terſchka entzog ſich zwar dem für ſeine Stellung be⸗ denklichen Geſpräch, blieb aber mit Armgart zurück, die ihn feſthielt und ſich von Caſtellungo erzählen ließ, über das eines Abends Benno und Thiebold ſo harmlos ge⸗ ſprochen hatten, dabei ſogar Porzia's gedenkend, als einer Schülerin des Bruders Federigo und vielleicht einer künf⸗ tigen Gattin Hedemann's. Die Möglichkeit, daß Paula nur eine Reproduction der Phantaſie gegeben hatte, lag nahe. Nur bewunderte Terſchka, wie richtig alles zu⸗ traf, und Armgart ihrerſeits ſtaunte und grübelte, warum gerade jetzt Paula auf dieſe Anſchauung kam. Sin⸗ nend und den Trauring betrachtend, den ſie wieder zur Zurückgabe an den Domherrn an ſich genommen hatte, ließ ſie ſich Caſtellungo ſo genau ſchildern, daß Terſchka am Fenſter hinter den Gardinen bei ihr ſtehen bleiben und flüſtern mußte... Sie kehrten lange nicht zu den Uebrigen zurück... Und doch war inzwiſchen neuer Beſuch gekommen... Wenn Bonaventura annehmen wollte, daß der Trauring ſeiner Mutter es war, der dieſe Kette von Anſchauungen veranlaßt hatte, wenn er im Bruder Federigo ſich ſeinen Vater denken, in der an ihn gerichteten lateiniſchen Einladung eine Andeutung des väterlichen Unwillens fin⸗ den wollte über die Wahl ſeines Berufes und einen M 8 unte nur ein Tante winkte zeiſtichen folg⸗ ffin Erdmuthe e Stellung be⸗ art zurük, di glen ließ, über 0 harmlos ge kend, als einen acht einer künf it, daß Paule 4/ 0 ben hatte, lag btig alles zu⸗ übe Sin ig kam. 2 lte, warum ſch genommen . daſ ſchidern, da bei ihr ſtehe ten lange vi e1.. gekommel ß der Traurin * Jſchauunge n Arſchau b igo ſ Feder ten lateiniſc 239 Drang der Sehnſucht des väterlichen Herzens auf ein Wiederſehen, dem dann eine Erörterung über die Che als unauflösliches Sakrament der Kirche folgen mußte — ſo fehlte, um ihn in die höchſte Verwirrung zu ver⸗ ſetzen, nur das noch, was ihm jetzt geſchah... Der Regierungspräſident von Wittekind ſtand im grünen Zimmer und war eben erſt angekommen... Zuckte der Schmerz der gewiſſen Ueberzeugung in Bonaventura: Dein Vater lebt noch und entzog ſich nur der Welt, weil unſere Kirche nicht ſcheidet— ſo ſtand er dem Manne gegenüber, der die Hand einer Frau beſaß, die ſeine Mutter war und die vielleicht in Biga⸗ mie lebte... Noch mehr... Der Präſident ſprach zum Onkel Levinus, zur Tante Benigna und zu Bona⸗ ventura zugleich gewandt: Ich fürchtete ihre Aufregung und ließ drüben eines der geheizten Fremdenzimmer aufſchließen... Gehen Sie zu ihr und begrüßen Sie ſie leeber erſt unter vier Augen! Wen? konnte Bonaventura nicht mehr fragen; denn ſchon beſtätigte der Präſident dem Ahnenden: Ihre Mutter! Sie iſt geſtern Abend angekommen! Wir ſuchten Sie eben im Pfarrhauſe auf und hörten, daß Sie hier ſind— Die Sehnſucht der vortrefflichen Frau kannte keine Grenzen mehr! Wir fuhren hieher! Sie verlangt nach Ihnen! Machen Sie ſie glücklich! Bonaventura verließ das Zimmer, geführt von Tante Benigna und dem Onkel. Bonaventura's Herz überfiel ein Krampf, der ihm die Unterſtützung ſeiner Führer zur Nothwendigkeit machte... Im Vorſaal ſtand einer der zur glänzenden Livree noch mit Emblemen der Trauer geſchmückten Diener des Prä⸗ ſidenten... Er ſtand bereit, ihn in das Zimmer zu geleiten, wo ihn ſeine Mutter erwartete.. Weib, was hab' ich mit dir zu ſchaffen! hatte es einſt in des Sohnes Bruſt gerufen... Wieder riefen ihm wilde Stimmen dies Wort, aber es waren nur noch Stimmen der Erinnerung... Seine Bruſt trug ſchon zu ſchwer an tauſend, tauſend Bürden des Lebens und des Urtheils, zu ſchwer, als daß ihm noch die alte rigoroſe Strenge verblieben wäre... Auf Paula vorhin ſich niederwerfen, ſie durch Küſſe aus den Ban⸗ den der dämoniſchen Mächte wach rufen— wenn er das gekonnt hätte!... Alles hatte ihn gezogen, es zu wagen— nun durfte er doch in die friedenbringenden Arme eines Weibes ſinken. Mit überſtrömender Rührung war er dem Diener geſo . Livree noc ener des Pri mer 45 Zimr gejogen, e „denbringenn redent ' dem 2. den 241 gefolgt, der ihn weiter auf den Corridor hinausführte... Die andern Begleiter, die heilige Weihe des Augenblicks erkennend, ließen ihn allein vorſchreiten... Der Diener öffnete eine der Thüren, über denen alte Wappen und Jagdtrophäen hingen... Bewußtlos, nichts von der Umgebung, ſelbſt nicht ſo⸗ gleich die Mutter ganz wiedererkennend, lag Bonaventura an einem Frauenherzen... Er, der Mann, weinte wie ein Kind... die Stätte durfte er geweiht nennen, wo er die Thränen über all die Empfindungen niederlegte, die ſeit dem immer höher und höher ſich ſteigernden Reich⸗ thum ſeiner ſchmerzlichen Lebenserfahrungen ſich in ihm anſammelten... Die Mutter ſelbſt war faſt befremdet von der Weich⸗ heit ſeiner Stimmung... Sie hatte ſolche Begrüßung nicht erwartet nach der Abneigung und dem ſtrengen Urtheil, das ihr vom Sohn über ihre zweite Vermählung bekannt war. Sie wußte eben nicht, wie im Menſchenleben oft ein auf⸗ geſammeltes Bedürfniß ſowol der Liebe, wie des Haſſes demjenigen andern zu Gute oder zu Schaden kommt, der uns dann gerade zuerſt begegnet und ſo begegnet, daß nur ein geringſtes Wegnehmen von der ſchweren laſt des Vorraths in unſerer dafür zu eng gewordenen Seele das Nachſtürzen auch alles übrigen bedingt... Frau von Wittekind war eine Frau hoch und ſchlank wie ihr Sohn... Ihr Haar war noch dunkel... Ihr Auge beſaß eine energiſche Schärfe... Beim Lächeln der Freude, das ſich in die Rührung miſchen durfte, Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 16 242 zeigte ihr Mund noch wohlerhaltene Zähne... Das Schwarz ihres Kleides ſtand ihr, wie wenn ſie es auch zur Hebung ihrer reinen weißen Haut hätte gewählt haben können... Die Finger waren wohlgerundet... Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und abgeſchloſſen Sicheres... Beſaß ſie etwas urſprünglich Kaltes, ſo wurde dies durch die ergreifende Situation jetzt nicht erſichtlich... Sieben Jahre!... begann ſie... Und du, mein Bona, mein Prieſter!.*. Und Domherr ſchon!... Und doch biſt du immer, immer ſo kalt geweſen— deiner Mutter?! Schon war Bonaventura gefaßter... Er ſetzte ſich mit der Mutter auf ein kleines Kanapee... Es war ein rings mit alten Landſchaftsbildern geziertes, behag⸗ lich enges Zimmerchen... Umher blieb es ſtill und ohne Störung... In jungen Jahren haben wir immer viel heroi⸗ ſchere Ideen als im Alter! ſagte Bonaventura nieder⸗ blickend... Nennſt du dich alt, mein Sohn! erwiderte die Mut⸗ ter und ſtreichelte die Wange des Erröthenden... Zu⸗ gleich wich ſie dem von ihr angeregten Thema der bis⸗ herigen„Kälte“ wieder aus... Vom Onkel Dechanten, von Frau von Gülpen, von der alten Renate, von Bonaventura's Hausſtand, von Benno war die Rede... Frau von Wittekind lebte in völlig neuen Verhältniſſen, hoffte nun aber eine inni⸗ gere Anknüpfung derſelben wieder an das alte Vergan⸗ gene... G gewählt hat undet... D d abgeſchloſt lich Kaltes, tion jetz rit Und du, me er ſchon! alt geweſen⸗ Er ſetzte E 6 W eziertes, eb es ſüll u her ied mer viel wentura nle beha 243 Wird der Präſident auf ſeinen Poſten zurückkehren? fragte Bonaventura... Nein, mein lieber Sohn! ſagte die Mutter. Die Güter, die der Vater hinterlaſſen hat, ſind ſo umfang⸗ reich, die Bewirthſchaftung iſt in den letzten Jahren, wo die Wunderlichkeiten des Alten über alles Maß gin⸗ gen, ſo vernachläſſigt worden, daß es Wittekind's gan⸗ ger Kraft bedarf, um alles auf der gebührenden Höhe zu erhalten... Dann gibt er eine glänzende Ausſicht auf Staats⸗ wirkſamkeit auf! ſagte Bonaventura. Oft hatte man geglaubt, gerade ſeine Hand würde ſtark genug ſein, das Gubernium der aufgeregten weſtlichen Provinzen zu über⸗ nehmen... Wir haben darüber ernſte Berathung gepflogen! ent⸗ gegnete die Mutter. Meinem Gemüthe widerſprach ſchon lange die falſche Stellung, in die er ſeinem Glauben gegenüber gerieth! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen und ſich dem Geiſt anſchließen, der in dieſen Gegenden herrſcht. Es liegt darin für mein Herz eine tiefe Beruhigung! Soweit ich unſern Volksſtamm kenne, wird es einige Mühe koſten, das gegen ihn herrſchende Mistrauen zu widerlegen! ſagte Bonaventura aufhorchend. Zumal, da Herr von Wittekind— Bonaventura konnte nicht„Vater“ ſagen— in dem Rufe ſteht, ſeine frühere Stellung ganz nit Ueberzeugung ausgefüllt zu haben... Wohl! ſagte die Mutter. Wittekind iſt eine prakti⸗ ſche Natur, wie in gewiſſem Sinn es auch ſein Vater war... Er liebt den Ruhm, vielleicht nur den Ruhm 16*½ 244 als gerechte Belohnung ſeiner Thätigkeit. Doch gibt er, ſoweit es geht, in vielem mir nach. Schon lange litt ich unter ſeinem Eifer für Adminiſtration und Beamtenthum. Jetzt hat er eine entſprechende Beſchäftigung und wird, ſoweit ich ihn kenne, mit Behutſamkeit einlenken auf die neue Bahn, die auch ſeinem Gemüth eine größere Ruhe geben muß. Denn ebettſo gut und weich kann er ſein, wie er großmüthig und aufopfernd ſchon zu allen Zeiten war... In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Er⸗ innerung an Bonaventura's Vater, an ſeine Flucht, ſeinen Tod... Als Bonaventura ſchwieg, nahm die Mutter dieſe Er⸗ innerung von ſelbſt auf... Sie ergriff des Sohnes Hand und ſprach mit einer Faſſung, die, ſo ſchon nach der erſten Rührung des Wiederſehens kommend, überraſchen konnte: Du biſt reifer geworden, mein Bona! Du haſt die Welt ſchon in anderm Lichte geſehen, als damals, da der Eindruck meiner Wiederverheirathung dir ſo befremd⸗ lich war! O, nenne mich keine Schuldige! Beurtheile mich nicht ſo hart, wie der damalige Generalvicar, der gefangene Kirchenfürſt, der Wittekind haßte, weil er zu den Organen der Regierung gehörte! Als wir von der nahen Auflöſung des Kronſyndikus hörten und da ſchon hierher reiſen wollten, beſuchten wir den ſtrengen Mann in ſeiner Feſtungshaft. Er war von einem Spaziergang auf den Wällen zurückgekehrt und eben wollt' er die Ta⸗ backspfeife, die er unbekümmert um den Brand, den ier in der Chriſtenheit angezündet hat, immer noch frohge⸗ muth fortraucht, wieder füllen, als ihm der Vater— Doch giht er lange littit Beamtenthun ng und wid lenken auf die größere Ruh kann er ſein u allen Zeite fertigende E ſeine Fluct utter dieſe E h der erſte raſchen konnte du haſt di z damals, do dir ſo befremd f Beurthei neralvicar, weil er Sohnes Hand 245 Wittekind und ich gemeldet wurden. Dieſer Beſuch mußte ihn nicht wenig überraſchen. Ich hatte Sie in andern Beziehungen wiederzuſehen erwartet, Herr Präſident! ſagte er, als er unſerm Beileid ſtaunend zugehört. Dieſer Schritt wird Sie in eine ſchiefe Stellung bringen, wenn anders Sie mich nicht als ein Bevollmächtigter der Re⸗ gierung beſuchen! Wir benahmen ihm dieſe irrthümliche Vorausſetzung und erklärten, daß wir Frieden zu ſchlie⸗ ßen gedächten mit denen, mit welchen uns Geburt, Ab⸗ ſtammung und gleiche Ueberzeugung in eine Reihe ſtell⸗ ten. Er erwiderte: Es wird vielen ſo gehen, daß ſie zur Erkenntniß kommen, und darum preiſ' ich mein Loos und will es gern ertragen! Ich bin zum Eckſtein ge— worden! Die Bauleute wollten mich verwerfen; aber ein neues Gebäude wird über mir errichtet werden! Ein ſegensreiches und vielleicht für ganz Deutſchland! Er entließ uns gütig. Deiner gedachte er mit der mein ganzes Mutterherz mächtig überwallenden Prophezeiung, daß Gott dich zu großen Dingen erleſen hätte Schon wär' es im Werke, dich als Geſandten der Curie nach Wien zum apoſtoliſchen Nuntius zu ſchicken Du ſtaunſt darüber?... Das wußteſt du nicht?... O, ich erkenne deine ganze Natur... in deiner Be⸗ ſcheidenheit!... Mein Sohn! Mein, mein Sohn!... So ſei auch verſöhnt und nimm die Vergangenheit ſo licht und rein, wie der ſchöne Sonnenſtrahl dort drüben glänzt über dem blendenden Schnee! So zart und doch wieder ſo klug und gewandt in ihrer Denk⸗, Rede⸗ und Gefühlsweiſe ſtand für Bona⸗ ventura die Mutter gar nicht mehr in ſeinem Gedächtniß. 246 Wie hatte ſich bei ihr das Vergangene verwiſcht! Ihm kam bei dem Bilde des Schnees, das ſie brauchte, ſofort die Erinnerung an den Tod ſeines Vaters... Mit Bezüg⸗ lichkeit wiederholte er: Ueber dem blendenden Schnee!... Erſt allmählich verſtand die Mutter dieſe Wiederholung und Betonung, ſeufzte dann tief auf und fuhr fort: Die gnadenreiche Mutter ſei mein Zeuge, daß ich an einen Abgrund erſt geführt wurde durch die Umſtände, nicht durch meine eigene Schuld! Die Worte des hei⸗ ligen Sakramentes der Ehe ſagen:„Und er ſoll dein Herr ſein!“ Dies Wort, mein lieber Sohn, iſt nicht allein darum geſagt, daß die Gattin ihrem Gebieter gehorſame, es iſt auch darum geſagt, daß der Gebieter ihr wirklich ein Herr ſei! Jede Frau hat das ſehnſüchtige Bedürfniß, in ihrem Manne auch wirklich den Führer, den berathen⸗ den Freund, ja ſelbſt in zweifelhaften und ſchwierigen Fällen einen befehlenden Herrn zu haben. Mir war das dein Vater nicht. Im Gegentheil, ich, ein älternloſes Fräulein— Beſitzthümer hatten ja die Wehrförders, mein Geſchlecht, nicht und meine Erziehung war unvoll⸗ ſtändig— ich wurde der Gebieter für ihn! Nicht durch Laune oder Neigung zum Herrſchen, nur durch die Umſtände, die ihn unfähig machten, das Ruder ſelbſt zu führen. Dieſe Aſſelyns ſind ein herrliches, edles Ge⸗ ſchlecht geweſen; es iſt ſchmerzlich, daß dieſer alte Frieſen⸗ ſtamm ausſterben muß— Benno kann doch nur deu Namen fortführen. Franz, der Dechant, iſt die Her⸗ zensgüte ſelbſt, aber wie leichtſinnig! In ſeiner Jugend war er fähig die Bahnen der Geiſtlichen zu wandeln, die in Frankreich den Untergang der Religion verſchuldet porſame, en virklich en ürfniß, in berathen⸗ ſchwierige ir war das alternloſe rförders var unvol hicht dun durch d e ſelbſt⸗ edles E lte Frieſe h nur d t die 9 ger Juge 1 wande verſchul 247 haben. Der zweite, Max von Aſſelyn, Benno's Adoptiv⸗ vater, war ein tapferer, ritterlicher Held, ein Offizier von ſeltener Bravour, aber ganz ſo abenteuerlich, wie dies in unſerm träumeriſch eigenſinnigen Volksſtamm liegt. Was er unternahm, war befremdend. Bracht' er wol aus dem Kampf, wie andere, gerechte und nach Sitte erworbene Beute mit? Aus Spanien ſah ich viele deut⸗ ſche Offiziere, die dort unter Napoleon kämpfen mußten, mit mancherlei merkwürdigen Dingen heimkehren. Ein Wehrförder, Vetter von mir, brachte aus einem Kloſter Bilder mit, aufgerollt wie Landkarten— er hat ſie zu enormen Preiſen verkaufen können. Max brachte ent⸗ weder von einer Nonne oder einer— man ſagt in ſei⸗ nen Armen geſtorbenen— Geliebten einen Sohn mit— Benno, den er wenigſtens ſein nannte, wenn nicht in das Dunkel, das deinen Vetter umgibt, noch ein völlig anderer Lichtſtrahl fällt und Max nicht einmal Benno's Vater iſt. Der dritte Aſſelyn, Friedrich, mein Gatte, glich den andern nicht an Leichtſinn, aber an leichtem Sinn. Die Verlockung der Welt that ihm nichts, aber die Zer⸗ ſtreuung alles. Nichts wurde bei ihm zum feſten Vorſatz; eine Sorgloſigkeit, die an ſich ihm liebenswürdig ſtand, machte ihn zum harmloſeſten Koſtgänger der Schöpfung. Ja, mein Sohn, was Fritz ſein nannte, gehörte ſo⸗ gleich auch allen. Jede Schuld, die ihn drückte, be⸗ zahlte er in dem Augenblick, wo er konnte, uneingedenk, daß ihn ſein guter Wille in neue Verlegenheiten ſtürzte. Die drei Brüder thaten ihr geringes Erbe zuſammen, damit es Max bewirthſchaftete. Dieſer verband ſich dazu mit einem jungen Oekonomen, Hedemann, einem Bauern⸗ 248 ſohn. Die Nachwehen des Kriegs waren verderblich; 1817 war ein Hungerjahr. Max ſtarb. Die Verlaſſen⸗ ſchaft wurde von den beiden Brüdern verkauft und da⸗ mit nur ein Käufer, der ſich fand(es war der jetzt ſo heruntergekommene Rittmeiſter von Enckefuß) dazu er⸗ ſchien, borgten ſie wieder ſelbſt für dieſen bei andern! So geſchah alles, um hier nichts zu haben und da nichts! Nun gehört alles Unſrige hier den Münnichs. Wie geſagt, gute Menſchen, dieſe Aſſelyns, aber—! Sieh, dein Vater wurde Regierungsrath. Sein Gehalt war gering. Er verſchwendete wol nichts, doch die Unregelmäßigkeit ſeiner Berechnungen ſtürzte ihn aus einer Verlegenheit in die andere. Der jetzige engliſche Oberſt von Hülleshoven, gleichfalls ein Sonderling, jünger als dein Vater, ſchloß ſich ihm damals an, theilte ihm Liebhabereien mit, wie ſie noch jetzt ſein Bruder hier in den Thürmen dieſes reichen Schloſ⸗ ſes nach Wohlgefallen verfolgen kann; denn hier bezah⸗ len die reichen Dorſtes ſeine Thorheiten. Dein Vater ging ebenſo mit Begeiſterung auf alles Neue ein; er würde ſich und ſeine Familie zu Grunde gerichtet haben ohne einen endlich denn doch wohlthuender wirkenden Freund, als jene Hülleshovens waren. Dies war Fried⸗ rich von Wittekind. Bald wurde der der Zahlmeiſter des Hauſes. Dein Vater verwies mich ſelbſt an ihn, um mit ihm zu rechnen! Wie ſie beide Friedrich hie— ßen, ſo wurden ſie faſt Eine Perſon! Dein Vater war im Stande, eine Thür zu öffnen und zu ſagen: Ah, ihr ſeid es! Ihr rechnet! Ich ſtöre euch?... Wir ſaßen dann und rechneten in der That. Ehrgeizig war ich und mochte nicht, daß ein Makel auf unſerm Hauſe haftete. Das, lind Reiſe veil Jlehun verderbl Verlaſ ift undd der jetzt dazu bei anden da nichte Wie geſag Sieh, de war gerin gelmäßigt legenheit ülleshoven , ſchloß ſi wie ſie noc chen Schl hier beznt Dein Vat eue ein; ichtet habe r wirkende war Frit Zahlmeiſ lbſt an 1 riedrich he 249 das, mein Sohn, iſt ein höchſt gefahrvoller Zuſtand für ein weibliches Herz! Ein Weib iſt bedürftig der Liebe, ge⸗ wiß! Aber ebenſo ſehr will ſie auch die Werthſchätzung der Menſchen. Und noch mehr, ſie will Hochachtung empfinden vor ihrem Mann. Die geregelte Ordnung iſt für ihren Sinn etwas Unerläßliches. Ich geſtehe, daß ich wohlthuend berührt wurde, wenn ich Wittekind nur eintreten ſah, ihn, der damals nicht viel hatte, der mit ſeinem damals geizigen Vater in Kampf lebte und ſelbſt kaum das Nöthigſte erhielt, während, wie nur lei⸗ der jetzt zu erwieſen iſt, die größten Summen auch ſchon damals fortgingen, um die Folgen des frühern Leicht⸗ ſimms jenes Gewaltthätigen zu verdecken; die jetzt offen leegenden Papiere ſeines Nachlaſſes gewähren grauen⸗ hafte Einblicke in ſeine moraliſchen Verſchuldungen... Kurz, mein Sohn, die Augenblicke, die ich im Anfang neiner Ehe, dich unterm Herzen, dann dich auf meinen Uumen tragend, auf dem kleinen Hof Borkenhagen zubrachte, vo du geboren und getauft wurdeſt— Gott, noch im— ner ſteht mir der damalige Pfarrer Leo Perl, ein ge⸗ faufter Jude, vor Augen!— dieſe Augenblicke, ſag' ich, orren die glücklichſten meiner Ehe! Als dieſe Beſitzung in andere Hände kam, ich immer in der Stadt bleiben naßte, dein Vater aus Schulden, Wuchernoth nicht mehr erauskam, wurd' ich moraliſch das Weib ſeines Freun⸗ des, der ihm helfend zur Seite ſtand. Alles war Witte⸗ ſrd, alles entſchied der. Der rechnete, der ſorgte... Kuſen, die dein Vater machen mußte— Dienſtreiſen, hel er die damalige Regulirung der Klöſter, die Ein⸗ ſeyung herrenlos gewordener geiſtlicher Bibliotheken und 250 Archive unter ſich hatte— wieſen mich auf Monate ganz an Wittekind.„Laß dir doch von Fritz geben!“ hieß es in den Briefen... Guter Sohn, Aſſelyn er⸗ kannte dieſen gefährlichen Zuſtand erſt, als es zu ſpät war. Ich hatte mich an den Freund, der Freund hatte ſich an mich gewöhnt. Nimm an, mein Sohn, du ſäßeſt im Beichtſtuhl und hörteſt das Bekenntniß einer beladenen Seele... Denn eine Laſt trag' ich allerdings, eine ſchwere Laſt, eine kummervolle, die mir die Ruhe meiner Nächte raubt!... Ach, Aſſelyn entfernte ſich ohne Zweifel doch nur deshalb—— um den Freund und die Gattin glücklich zu machen. Faſt muß ich ja glauben, daß der Gute, um uns in unſerm Bund nicht zu hindern, ſich ſelbſt den Tod gegeben hat! Die vielleicht noch größere Strafe, der Mutter zu ſagen: Und wenn der Vater noch lebte? Wenn ihn ſoeben Gräfin Paula im Thal von Caſtellungo als Eremiten und den Freund glücklicher Hirten und Ackerbauer geſehen hätte?... Bonaventura beſaß nicht den Muth, dieſe Strafe der Mutter aufzuerlegen, ſo ſehr ihn die klare, ſchneidende, vernunftbewußte Selbſt⸗ rechtfertigung der noch jetzt anmuthigen Frau heraus⸗ forderte, ſo ſehr ihm wieder jetzt der Vater entgegen⸗ trat in der ganzen Liebenswürdigkeit ſeines träumeriſchen, von dieſer Gattin gewiß nie verſtandenen und ſicher ſe nicht, wie verdient, beglückten Sinnes... Doch auch die Schwäche beſaß er nicht, der Mutter die Vorſtelluns etwa von einem Selbſtmord des Vaters ganz auszure⸗ den. Und ſie ſchien es ſogar gern zu hören, daß ſein Vater, wenn auch durch Selbſtmord— wirklich todt 6 geben Aſſelhu zu ſpät! hatte ſich du ſäßes eer belader erdings, Ruhe man ohne Zwe d die Gi ben, daß! hindern, der Mu Caſtell r Hirten! ra beſaß! fzuerlegen, rußte 5 Frau hel ater eng träumeri und ſih Doch 8 Vorſt ganz dl dren, I irtl - wil 251 war. Meinſt du nicht? fragte ſie halb zagend, halb zuverſichtlich.. Ich glaube es! war ſeine Antwort... Die Mutter ſtand auf. Ihre Haltung ſchien ſagen zu wollen: So müſſen wir uns Faſſung geben, eine Genugthuung durch die Religion! Die umſichtige Frau bat den Sohn, doch einige Lage auf Schloß Neuhof zuzubringen, ſich inniger dem Präſidenten anzuſchließen, ihre Ausſöhnung mit dem Geiſt der Gegend zu bewirken, die Opferſpenden zu vermit⸗ eln, die auch ſie bereit wären überall zu geben, wo ſadurch ihr guter Wille in das rechte Licht träte. Endlich ſagte ſie noch: Wittekind wird mannichfachen Rath und Beiſtand in ſinen verwickelten Angelegenheiten bedürfen. Er war weifelhaft, ob er ſich deshalb an Benno wenden ſollte! ich rieth ihm dazu! Dein Urtheil zöge er aber vor, ſggt er... Wer iſt hier dieſer Herr von Terſchka, von ſen ich ſoviel reden höre? Der Bevollmächtigte des Grafen Hugo von Salem⸗ lamphauſen, des Erben der Güter der im Manns⸗ famm ausgeſtorbenen Dorſtes. Ein geſchäftskundiger, kluger Mann hör' ich... Ein vielſeitiger, gewandter wenigſtens... Es rühmte ihn uns ein Jude, ein Gütermäkler... d höre, Benno macht den letzten Verſuch, die Rechte a Grafen Hugo anzuzweifeln.. Nur möglich das, wenn eine Urkunde entdeckt würde, de dem Dorſte'ſchen Familienſtatut Kraft erſt geben ſoll, men die Erben unſere Religion bekennen... Sie fehlt 252 und wahrſcheinlich nur deshalb, weil ſie niemals aus⸗ geſtellt wurde.. Es ſind viele Urkunden in jener Zeit verſchleppt worden, als nach Uebergang dieſer Lande in weſtfäliſche und dann in unſere Herrſchaft, die geiſtlichen Stifter und ſo viele Klöſter eingingen! War zufällig ein Pergament beſonders ſchön geſchrieben, ſo ſchickte es dein Vater in das Muſeum der Hauptſtadt, in die Bibliothek des Kö⸗ nigs... Dort fand ich ſchon manchen herrlichen Schatz wieder, den dein Vater uns vor Jahren gezeigt hatte, wenn er aus Witoborn oder ſonſt einer geiſtlichen Ge— gend heimkehrte. Bonaventura's Gedanken mußten jetzt wol auf Bickert gerichtet ſein... Zwei drückende Vorſtellungen: Die gefälſchte, bei einem Brand vielleicht hier, auf dieſem Schloſſe einzuſchleppende Urkunde und Lucindens Erobe⸗ rung aus dem Sarge in Sanct⸗-Wolfgang! Beicht⸗ geſtändniſſe, die er nicht verrathen durfte... Sie machten ihn zum Mitleidenden— zum Mitſchuldi⸗ gen.— Die Mutter ſah ſeine Abweſenheit... Sie bemerkte mit gedämpfter Stimme: Beſonders iſt Wittekind in eine Sache verwickelt, die nur innerhalb der geiſtlichen Sphäre bleiben ſoll! Ich kenne ſie ſelbſt nicht vollſtändig. Sie hängt mit einer großen Verirrung des Kronſyndikus zuſammen und reicht in ihren Folgen ſogar bis nach Rom. Auch der Onkel Dechant zu Kocher am Fall ſoll dabei eine Schuld zu tragen haben. Oft hab' ich ſchon gedacht: Hinge wol Benno's Herkunft damit zuſammen? Aber wie er ab venig volle wiede wol junge Sie ſtter G ſocke Glei Gedc tet ſ nur ſein wie die Ban Dun geho biſt. beide Ma Wum dieſe Vat mit emals aus⸗ verſchleppt weſtfäliſche Stifter und Pergament in Vater in hek des Ki— ichen Süt zeigt hatt ſtlichen Ge⸗ auf Bickent ungen: N auf dieſen dens Erobe⸗ Beicht gg Bei te El Mitſchub Sie bemet e verwili bleiben ſcl e hängt uſammen 4 Auch n. t ej eine C . Him dacht: ³ Aber w 253 als Kind ſchon nicht dem Onkel Max ähnelte, ſo noch weniger dem Onkel Franz— Wittelind ſchüttelt darüber vollends den Kopf... Nun, ich werde ja auch Benno wiederſehen und mit ihm plaudern!... Wir müſſen wol jetzt zur Geſellſchaft, Bona! Ich erbebe, die junge Gräfin zu ſehen, die ſo ſeltſame Zuſtände hat! Sie lag eben jetzt, wie ich höre, im Hochſchlaf? Ich zittere vor Beklemmung! Was ſah ſie nur? Ein Bild der Phantaſie! ſprach Bonaventura mit ſtockendem Athem zu der ſchon ganz in das gewohnte Gleis ihres Lebens wieder zurückgekehrten Frau. In Gedanken verloren hatte eer der letzten Rede ſeiner Mut⸗ ter ſchon nur noch halbe Aufmerkſamkeit geſchenkt und nur zur Andeutung, daß Benno des Dechanten Sohn ſein könnte, gelächelt... Mutter, hätte er faſt geſagt, wie wenig würde Der Anſtand genommen haben, Benno die friſchen Wangen zu klopfen, ihm ſeinen ſchwarzen Bart und ſein lockiges Haar zu zupfen und zu ſagen: Junge!„Nichken“ haben wir genug in der Dechanei gehabt, aber noch nie einen ſo echten„ Neffen“, wie du biſt! Das iſt eine falſche Fährte!... Nun aber gingen beide aus dem Zimmer und wandten ſich nach vorn... Die Mutter hing ſich in den Arm ihres Sohnes. Man ſah, daß ſie äußerlich beide ſich angehörten. Den Wuchs und die hohe Geſtalt hatte Bonaventura von dieſer klugen und vorſichtigen Frau; das Herz vom Bater... Sie ſagte: Mein Heiliger! zu ihm, lächelte und trat mit ihm in den Vorſaal. 254 Die Vorſtellungen und Begrüßungen währten eine Weile und dann zerſtreute ſich alles... Bonaventura blieb zum Mittag... Paula erſchien wieder als wäre nichts geweſen... Onkel Levinus und Tante Benigna wurden inzwiſchen von einer andern Ge⸗ dankenreihe in Anſpruch genommen und thaten geheimniß⸗ voll. Frau von Sicking hatte ihnen geſchrieben. Sie hatten viel geflüſtert und gerade am meiſten, wenn Armgart nicht im Zimmer war. Dieſe merkte dann bald, daß etwas auf ſie Bezügliches im Werke war. Als ſie den Namen der Stiftsdame Tüngel⸗Appelhülſen flüſtern hörte, die ſich der Bekanntſchaft mit ihrer Mutter rühmte— ſie war die zweite Partie, die Jéröme von Wittekind hatte machen ſol⸗ len und war damals nur durch den Calfactor„Türck“ und den Zorn ihrer Mutter über ein verdorbenes Kleid darum gekommen— ſagte ſie geradezu: Meine Mutter iſt da! Die Tante fuhr ſie darüber heftig an. Sie ſchwieg. Jetzt bekam auch Terſchka durch einen Expreſſen aus Wito⸗ born einen Brief und empfahl ſich ſo raſch, daß er nicht einmal bis zum Ende des Mahls blieb. Armgart ſaß darauf wie beſinnungslos. Noch ehe die Tante ſich zu ihrem „Nicker“ eingerichtet hatte, war ſie verſchwunden. Lange nach ihr zu ſuchen war man nicht gewohnt. Fehlten ihr vielleicht noch zu ihren„Vielliebchen“ Nähſeide oder Perlen, ſo ging ſie, wußte man, zu Fuß nach dem Stift und ſcheute die einſamſte Wanderung von faſt zwei Stunden nicht. Onkel und Tante fuhren nach dem Kaffee in der That mit eigenthümlichem Geheimthun zu Frau von Sicking und ließen Bonaventura mit Paula allein.. währten eine gaula erſchien Levinus und r andern Ge⸗ en geheimniſ⸗ n. Sie hatte Armgart rich aß etwas auf n Namen der e, die ſich d ſie war di te machen ſol „— Kleid darun NRutter iſt d Sie ſchwit ſen aus Wit daß er ric att ſaß data ſich zu ihre unden. Lan Fehlten i Rähſeide d nch dem on faſt i ach dem Kif thun zu i b mit Pn Türck“ und 255 Allein— Paula und Bonaventura— Allein, allein— zwei Seelen, die ſich lieben! Allein, allein—! Wenn auch der Liebe Ja, Wenn ſtumm der Liebe Frageblick geblieben— Allein, allein— doch iſt der Himmel da! Bei allen andern würde es nach Jahren geheißen ha⸗ ben: Weißt du noch, damals an jenem Nachmittag— im grünen Zimmer?— Wir ſprachen vom Wetter, beſa⸗ hen Kupferſtiche— da rief ich plötzlich: Himmel, wie voll die Hyacinthen blühen!... Ich zählte ihre Glocken, weil ich Angſt hatte, daß wir uns beim Beſehen der Bil⸗ der zu nahe anſtreiften! Und ich glaube gar, ich ſtellte mich dennoch kurzſichtig, nur um mit der Stirn dein goldenes Haar zu berühren!... O, wie Feuerglut war es in meinem ganzen Sein— und du, du wuß⸗ teſt, jetzt iſt der Stoff erſchöpft, jetzt iſt die Unbefan⸗ genheit beim Geſpräch vorüber— beim Geſpräch über was nicht alles, ich glaube über die alten Krater feuerſpeiender Berge bei Kocher am Fall, über die by⸗ zantiniſche Baukunſt, über die Philoſophie Püttmeyer's! Gleich hatteſt du etwas anderes; auf die Muſik die Bücher, auf die Bücher die Natur, auf die Natur die eben herein⸗ gebrachten Zeitungen!... Und du erſchrakſt nicht einmal, als vom Diener an die Thür geklopft wurde... So tändelten wir den Tag hin bis zum Abend, bis zur ſüßeſten Däm⸗ merſtunde, wo endlich mein Auge kein anderes Licht be⸗ gehrte, als das in deinen Augen ſtrahle, endlich ich auch das ſo tollkühn ſagte, ganz ſo vom„Licht in deinen Augen“... Da erbebteſt du, brachſt zuſammen und 256 trotz all deiner Liſt und Faſſung lagſt du in meinen Armen!. Armer Prieſter!... Dieſe Stunde ſchenkte dir wirk⸗ lich der Himmel! Er gab ſie in ganzer, ſeligſter Fülle! Er rief auch an dieſem Nachmittage Paula nicht in die Sterne zurück, ließ ſie nicht wachend träumen, nicht mit geſchloſſenen Augen ſehen... Sie blieb auf der Erde, in deiner Nähe, im lebendigſten, wärmſten Anhauch dei⸗ nes Athems— und du erſtaunteſt ſogar, daß Paula nicht entſchlummerte, obgleich deine Hand an ihrem ſeidnen Kleide hinfuhr, oft auch— zufällig?— wirklich ſie ſelbſt berührte... Du durfteſt dir ſagen: Dir, dir iſt ſie be⸗ ſchieden! Du würdeſt ſie durch die Liebe erlöſen können von den magiſchen Banden, die ſie gefeſſelt halten!... Gott wollte die Ehe und gerade die Deine mit ihr!... Alles, alles traf zu... Auch bis zur Abenddämmerung, bis in die erſte Stunde nächtlichen Dunkels hinein hattet ihr das volle ſelige Glück des Alleinſeins. Und dennoch, du armer Levit, was durfteſt du wa⸗ gen? Was zu gewinnen hoffen?... Gingſt du am Flü⸗ gel vorüber und lehnteſt die Epheuranken zurück, die den goldgerahmten Spiegel beſchatteten, ſo ſahſt du deinen langen Prieſterrock!... Sahſt du in die geöffnete Kupferſtichmappe und prüfteſt das Zeichen des alten Meiſters, das unter dieſer Radirung, unter jenem Holz⸗ ſchnitt verſteckt und unleſerlich ſtand, ſo mußte dir erin⸗ nerlich werden, daß Paula an deinem vorgebeugten Haupte bemerkte, wie die Schere dir die Mitte deines ſchönen Haares geraubt! Dem Schickſal konnteſt du ſprechen: Des reinen Herzens Natur iſt es, nicht alles N in meinen ikte dir wirk⸗ ligſter Fülle! nicht in die en, nicht mit auf der Erde, Anhauch der Paula nicht zrem ſeidnen klich ſie ſelbſt dir iſt ſie be⸗ n können von . Gott nit ihr!ee ddämmerung, hinein hattet rfteſt du wo du am N rück, die de ſt du deinen die geüffui n des alte jenem dol jte dir en vorgebeugte Mitte deine konnteſt d nich dle 0 dO 57 57 zu wollen und viel entbehren zu können; aber auch zu grauſam nimmſt du, o Verhängniß, uns beim Wort und gewährſt uns wirklich nichts!... Paula's Weſen mußte Bonaventura ohnehin zu entweihen glauben durch eine zu ſtürmiſche Werbung. So unterblieb alles... Situa⸗ tion und Wille, Charakter und— die Liebe ſelbſt ſchmiegte ſich unter die Tyrannei des Gelübdes. Und doch allein, allein— zwei Seelen, die ſich lie⸗ ben!... Wie beſtrickend ſchon, wenn ſich Paula ſelbſt beurtheilte über das, was die Welt an ihr ſo voll An⸗ dacht bewunderte! Sie hätte eine Heuchlerin ſein können und ſie war es nicht. Sie hätte eine Despotin ſein können und ſie war es nicht. Sie war willenlos, eine durch ſich ſelbſt und andere Gefangene. Und ſo galt ihre Liebe Bona⸗ ventura auch nur, wie ein Prieſter ſich lieben laſſen darf — in Andacht, in geiſtiger Schwärmerei... Sie hatte— wie dieſe Erziehung iſt, die von Schiller und Goethe nichts weiß— nicht viel geleſen, nicht viel geſehen. Sie konnte über ihren Kreis hinaus an ſchwierigen gei⸗ ſtigen Dingen nicht lange theilnehmen; ſie ſtand beſcheiden zurück, allem Höheren im Zuſtand jungfräulicher Ueber⸗ raſchung zugewandt. Aber dieſe Weiſe ſtand ihr hoheits— voll. Zu ihren Füßen ſproßten Lilien, ihr Haupt trug eine Himmelskrone, ihre Schultern bedeckte ein langer, himmelblauer Mantel mit goldenen Sternen. Sie wußte nur das alles nicht von ſich ſelbſt. Sie konnte lachen und weinen mit Armgart, ſie konnte furchtſam ſein wie Tante Benigna, ſie konnte mit dem Onkel Levinus an die Möglich⸗ keit, Gold zu machen, glauben. So lebte ſie hin... Nun aber mit Bonaventura's Nähe wuchs ihre Kraft. Sie Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 17 258 fing an, ſich über ſich ſelbſt Rede zu ſtehen. Seit ſeiner Ankunft trat ſie in allem und jedem mit feſterm Willen auf. Das zu wiſſen beglückt ein zagendes Herz ohnehin und gibt ihm Muth, ſſich über das Geheimſte wahr zu ſein... O wie die Liebe ſo ſtark macht!... Paula fühlte es mächtig... Sie hätte heute vielleicht zu ihrer Abſicht, ins Kloſter zu gehen, gedankenlos nein und ſo⸗ gar— ja! ſagen können. Sie konnte alles, konnte ſelbſt ein Gelübde ablegen und vielleicht es— betrügen, wenn nur Bonaventura ſie an ſich gezogen und mit einem Kuß ihr den Muth— ſeines, ſeines Lebens gegeben hätte. In dieſem ſtillen Zimmer, durch deſſen Scheiben eben das Abendgold floß, unter dieſen Epheuranken, deren grüne und welke Blätter den Prieſter an einen andern Abſchied, den von Lucinden, erinnern mußten, über die Saiten eines geöffneten Flügels hin, deſſen Reſonanz von jedem durch die Zimmerwärme noch am Leben erhaltenen Inſekt leiſe erbebte— ſtanden ſich zwei Menſchen gegenüber, die die Natur zum gegenſeitigen Beſitz beſtimmt hatte. Gregor VII. hielt den Arm dazwiſchen. Wo iſt denn nun bei dieſer eurer Satzung des Cölibats die Verklärung der Weib⸗ lichkeit, ſie, die doch die Marienbilder in der aufgeſchla⸗ genen Kupferſtichmappe verherrlichten, dieſe Bilder, die Bo⸗ naventura, Lucinden gegenüber, ſelbſt einſt ſo begeiſtert ge⸗ deutet hatte! Verunreinigt wird der Prieſter vom Weibe? Sein Opferdienſt am Altar in den geſtickten Kleidern ver⸗ gangener Jahrhunderte macht ihn geſchlechtslos?„Die Eunuchen des himmliſchen Hofſtaates ſind wir!“ ſagte ihm oft ſchon der Onkel Dechant.„Trügen wir eine reine Liebe zu einem Weibe im Herzen, unſere Hand würde Sei ſeiner ſterm Willen Herz ohnehin nſte wahr zu .. Paula eich zu ihrer nein und ſo⸗ konnte ſelbſt rügen, wenn t einem Kuß ben hätte. Scheiben eben deren grünt ern Abſchid Saiten eines jedem durch n Inſett leiſ über, die di jGrgor Il bei dieſer der Wei⸗⸗ er aufgeſchl ilder die 3o begeiſter 9 vom Weiben Kleidern di los? 74 rl“ſagte ir vir eine un wit run Hand 259 ja unrein, den Kelch zu berühren! Unrein, um die Oblate zu ſegnen! Die Nähe des Weibes zerſtört die Kraft des Opfers! Und wenn wir auch geſtern beichteten, daß wir die thieriſche Natur mit aller Entfeſſelung der Leidenſchaften in gemeiner Berührung austobten: dieſe Sünde iſt uns heute vergeben. Nur keine reine, nur keine dauernde, offene Liebe zu einem Weibe im Herzen und ſo an den Altar getreten! Gatte, Vater— wie kann eine ſolche Hand noch die Geheimniſſe der Wandlung vollziehen! Frauenwürde, ſo denkt— Rom über dich!“... Eines der Marienbilder nach dem andern vergegen⸗ wärtigte Bonaventura den Abſchied von Lucinden... Paula hatte ſchon öfters nach ihrer frühern Geſellſchafterin gefragt, Bonaventura hatte einſilbige Antwort gegeben... Benno, Thiebold und Terſchka rühmten ſie... Jetzt glich ihr eine der von den Künſtlern meiſt ſo willkürlich erdachten Madonnen und Paula ſagte dies auch... Bonaventura blieb die Antwort ſchuldig... Paula fuhr fort: Denken Sie ſich, wie ich damals nach Weſterhof zurückkehrte und von Lucinden ſprach, kannte ſie ja hier jedermann! Ja ich ſelbſt hatte ſie ſchon als Kind ge⸗ ſehen, wie ſie auf Neuhof wohnte und eines Tages dort auf einem goldenen Kahne ruderte!... Als die Leute lachten, flüchtete ſie in einen Taubenſchlag!... Sie wußte, daß ich aus dieſer Gegend war, und nie verrieth ſie ihre Bekanntſchaft mit dem Kronſyndikus oder mit deſſen Sohn oder mit dem Landrath oder mit dem Mönche Sebaſtus, dem jungen Doctor Klingsohr, der um ihret⸗ willen, ſagt man, die Religion wechſelte und ins Kloſter 17* 260 ging... Sie iſt jetzt in Ihrer Stadt und— Sie ſehen ſie oft? Ich lebe nur für dich, Paula!... In Bonaven⸗ tura's Herzen riefen das tauſend Stimmen... Die Lippen ſagten nur: Zuweilen ſeh' ich ſie! Arglos fuhr Paula fort: Auch ſie war damals erſt katholiſch geworden! Alles das wußte niemand! Aber hatt' ich Furcht und Angſt vor ihr! Wiſſen Sie noch, als ich Italieniſch mit ihr lernte, da konnte ſie Latein—! Du aber ſprichſt in Zungen der Engel! riefen wieder die Stimmen; Bonaventnra nickte nur ſtill bejahend... In der Mappe ſahen beide einen Holzſchnitt der altdeutſchen Schule, wo Jeſus im Hauſe des Lazarus weilt und Maria Magdalena ihm die Füße wäſcht... Dies kleine Bild, voll Wahrheit und Lieblichkeit, ließ beide eine Weile verſtummen... Beim Umſchlagen der Blätter ruhte ihre Hand dicht, dicht an der ſeinen... Er fühlte die elektriſchen Tropfen, von denen Paula im Schlafe be⸗ hauptete, ſie glitten ihr aus den Fingern und verlöſchten auf dem Boden. Ihm verlöſchten ſie im Blut ſeines Herzens. Warum ergriff er nicht die ſanfte, weiche Hand? Warum ſtieg er nicht auch mit ihr in den goldenen Nachen des Ideals, auf dem ſie würdiger ruderte, als Lucinde! In ein„Taubenhaus“ hatte dieſe ſich geflüchtet! Paula ſagte: Wiſſen Sie wol, daß ich oft Sehnſucht habe, Lu⸗ cinden wiederzuſehen? Ihr Geiſt war oft hart und grauſam, aber ſtark. Sie konnte Muth einflößen, wie In Bonaven⸗ 1... Di orden! Alles t und Angſt niſch mit ihr fen wieder die hend... aliſchnitt der des Lazarus ewäſcht... feit, ließ beide n der Blätter Er fühlte Schlife be⸗ nd verlöſchten Blut ſeines weiche Hand den goldenen rnderte, d ſch gelüce 3 ht habe, uu ft hart un nfläßen, N 261 ein Mann. Auch unterbrach ſie mein Leiden und ließ mich dann ſein wie andere ſind... Aber mit den größten Schmerzen! ſchaltete Bonaven⸗ tura ein... Ich litt dabei, das iſt wahr! ſagte Paula. Die Aerzte meinten: Sie hob die Nervenſtrömung auf. Ich hatte tödliche Schmerzen in ihrer Nähe! Alles that mir wehe— jedes Wort, jede Bewegung von ihr! Aber ich ſehne mich doch— ach!— ſo heraus aus dieſem— Doppelleben! In das Eine, Eine Doppelleben der Liebe!... Die Stimmen wieder ſprachen auch das... Die Arme thaten ſich auf, um Paula zu umfangen, ſie an ſich zu zie— hen... Und doch ſprach Bonaventura nur ſchüchtern: Was bekümmert Sie jetzt daran? Sonſt ſchon war es Paula's Klage: Der Hochmuth! Die Selbſtüberſchätzung! Auch jetzt wiederholte ſie dieſe „Furcht vor ſich ſelbſt“... Bonaventura ſprach: Stolz ſein auf das, was uns die Vorſtellung einer größern Vollkommenheit unſerer ſelbſt gibt, das iſt keine Sünde. Jeſus nannte ſich— den Sohn Gottes! Aber— auch Trübſale werden Sie haben! Wiſſen Sie, daß Ihre heutige Viſion Anſtoß erregte? Als ich mit meiner Mutter zur Geſellſchaft zurückkehrte, war man befremdet, wie Sie mit Theilnahme bei einem Bilde verweilten, wo Sie einen Gottesdienſt ſahen, bei dem der Kelch— von Allen getrunken wurde!... Was ſah ich denn? fragte Paula träumeriſch und erhob geiſterhaft ihr Haupt... Herr von Terſchka behauptete, einen Eremiten, der 262 in der Nähe des Schloſſes Caſtellungo die Landbewohner zu einem Gottesdienſt verſammelt, der dort wahrſchein⸗ lich unter dem Schutz der Gutsherrin, der Gräfin Erd⸗ muthe, wirklich gehalten wird... Ich verweile oft bei jenem Schloſſe! ſagte Paula... Man hat mich ſchon gefragt, ob ich nicht in Salem, nicht in Caſtellungo eine Urkunde entdecken könnte, die ſo emſig von den Feinden der Salems⸗Camphauſen ge⸗ ſucht wird... Benno erzählte davon; auch Terſchka, obgleich dieſer es nur mit leicht erklärlicher Zurückhal⸗ tung that... Noch immer wird dieſe Urkunde geſucht Der Procurator Nück hat an Benno geſchrieben, er möchte in Gegenwart Terſchka's und des Onkel Levi⸗ nus noch einmal die Archive von Witoborn und Weſterhof durchſuchen laſſen... Beide ſind auch bereit dazu... Und ſo verläßt mich, ſeh' ich, die Angſt der Seele ſelbſt in meiner Traumwelt nicht. Sie zeigt mir wider Willen die Gegenden, wo— mein Schickſal entſchieden wird... Ihr Schickſal? Paula! Welche Zukunft fürchten— Fürchten? Hoffen Sie?... Dieſe Worte ſprach Bonaventura wirklich. Sein Innerſtes wogte im Brand der Liebe und— der Eifer⸗ ſucht... Nichts, nichts mehr hielt er zurück von der Saat ſeiner Thränen, die aufgegangen war ſeit Jahren in den einſamen Stunden der Nacht und der Verzweif⸗ lung... Seine Augen leuchteten... Seine Arme hoben ſich... Ein Frühling des reinſten, göttlichſten Menſchenthums ſchien um ihn her zu blühen und zu ſprießen... Er bebte... ſchwankte... andbewohner wahrſchein⸗ Hräfin Erd⸗ Paula... in Salem, könnte, die phauſen ge⸗ ich Terſchka, Zurüchhal⸗ unde geſücht geſchrieben, Onkel Levi⸗ dWeſterhof it dahu. Seele ſabſt wider Willen n wird... fürchten— klich. Sein der Eifer⸗ n der Saat Jahren r Verzweif Zeine Arm — götticſſe hen und N 263 Und auch Paula zitterte... Eben noch waren ihre tiefblauen Augen aufgeſchlagen und blickten gen Himmel, den Augen einer Seherin gleich... Jetzt ſenkten ſich die langen ſchwarzen Wimpern... Aber ach! nur Katharina von Siena war es, die Heilige, die vor Bonaventura ſtand... Sein zages, nazareniſches Herz erinnerte ſich ſchon wieder: Dieſer Blick gilt dem Himmel, dem Kloſter! Er gilt deinem Stande!... Doch nur einen Augenblick beherrſchte er ſich ſo... Bald fühlte er neubelebende Wonne... eine Wonne ſelt⸗ ſamſter Glut, ſeltſamſter Gedanken, ſeltſamſter— Ver⸗ irrungen ſogar! Franz von Sales, der Heilige, ſtand vor ihm, vor dem ja auch einſt eine Frau von Chantal kniete... Eine Gattin, eine Mutter verließ ihre welt⸗ lichen Lebensbeziehungen, um dem Heiland zu dienen, deſſen— einziger Apoſtel ihr dieſer Biſchof von Genf er⸗ ſchien! Und auch dieſer nannte ſie ſeine Philothea! Wo iſt die Grenze der göttlichen Andacht und der Anfang menſchlicher Liebe in den Briefen, die ſie ſich geſchrieben haben? Ihr Gebet ging vielleicht wirklich empor zu Gott, doch ſie beteten zuſammen! Sie ſtiftete ein Kloſter, er hütete es... Sie ſtarb, Franz von Sales ſegnete den Sarg... ſein Inhalt verweſte nicht... nach hundert Jahren öffnete man ihn... da war alles Aſche... nur das Herz war unverſehrt geblieben... Dies Herz... Kann es geirrt haben in jenem Irrthum?... Gelogen in jener Lüge? Paula, Paula— meine Sinne ſchwin⸗ deln— ſollteſt du mir wirklich vielleicht gehören können gerade, gerade— durch den geiſtlichen Stand?... Das war ein furchtbarer, frevelnder, romgeborener 264 Gedanke... ein Gedanke der Sünde, der Lüge gegen Natur und Gelübde... Aber dieſer Gedanke— und ſollten die Donner um ihn her rollen und Blitze zucken— durchzitterte ihn doch Seine Pulſe flogen, ſeine Lippen bebten... ſchon wagte er das bedenklichſte aller Worte, das er in ſolcher Stimmung nur ſprechen konnte: Paula— wenn ſich— die Urkunde— fände— wenn Sie dann, wie man allgemein glaubt— ſich ent⸗ ſchließen müßten— wirklich Ihre Hand— einem Manne zu geben— der doch nur— aus Standesrückſichten— Paula hatte dieſe Worte eben abwehren wollen... Sie wollte ſie abwehren faſt wie verkörperte Weſen, die ſchon eine Handbewegung zurückſtoßen konnte... Sie hielt, am geöffneten Flügel ſich mit der Rechten haltend, die Linke dem Sprecher, deſſen Athem ſchon ihren Mund berührte, bebend entgegen... ein Moment noch und der Bund der Herzen war geſchloſſen... ein Abgrund geöff⸗ net, der Vorhang ſeines Allerheiligſten zerriſſen, der „Bau der Kirche“ zertrümmert... Da trat eine Störung ein... lebhaft aufgeriſſene Thüren... Jetzt erſt erkannten beide, daß es um ſie her völlig Nacht geworden war... Armgart trat ſtürmiſch herein... Sie kam im Hut, mit Pelzüberwurf, von der friſchen Luft wie ein roſiger Apfel geröthet... Sie war zwei Stunden Weges nach Hei⸗ ligenkreuz zu Fuß gegangen und ſchon wieder zurück... Hinter ihr her kam Terſchka... gleichfalls in einem Pelzrock, den ein grünes Schnurwerk zierte... Spo⸗ Draußen gingen m Lüge gegen Donner um te ihn doch 1.. ſchon in ſolcher fände— ſich ent⸗ em Manne ickſichten— wollen... hren Mund och und det vund geiff riiſen, der en gingen e her völlg es aber nur halb; ihm fehlte jede Sammlung; ſelbſt ren klirrten an ſeinen Füßen... er riß eine Jagd⸗ mütze ab... Terſchka hatte, das erfuhr man, Armgart auf Heili⸗ genkreuz, wohin gerade auch ihn jener Brief aus Witoborn abgerufen hatte, angetroffen und ſie wieder zurückbegleitet— zu Fuß— über den gefrorenen Schnee hinweg... Sein Roß mußte erſt der neu angenommene Dionyſius Schneid (dem ſein Verkehr auf dem Finkenhof eine ernſtliche Verwarnung zugezogen) aus Heiligenkreuz zurückholen. Terſchka hatte es ſtehen laſſen, weil er nicht neben Arm⸗ gart reiten mochte, während ſie zu Fuße ging. Sie er⸗ klärte, ihn unterwegs ſprechen zu müſſen; ſie war in einer unbegreiflichen Aufregung. Auch das Fräulein von Tüngel⸗ Appelhülſen war in der That bei Frau von Sicking... Es geht etwas vor! ſagte ſie ſich... Es geht etwas vor! wiederholte ſie drohend... Sie wollte wieder nach Weſter⸗ hof zurück. Da hieß es, Thiebold wäre noch im Stift und könnte ſie begleiten... Nun erſt recht hätte ſie nicht bleiben mögen... So ging ſie mit Terſchka, der gekommen war, mit dem Verwalter einige dringende Rückſprachen zu nehmen... Hätte Terſchka geſagt: Setzen wir uns doch beide aufs Roß und jagen nach dem Schloß der Frau von Sicking!— ſie hätte es gethan... Daß ſie ermüdet wäre, unmöglich den Weg zu Fuß machen könnte, wollte ſie nicht hören... Terſchka erzählte alles das jetzt wieder, erzählte es dem überraſchten Paar und war dabei in einer Aufregung, die beiden nicht entgehen konnte, und über⸗ ſah die ihrige... Armgart verſchwand auf ihrem Zim⸗ mer... Alles das bemerkte auch Bonaventura, begriff 266 mußte er entfliehen... Zwei Worte noch an Paula, die ihn mit holdſeligſt verlegenem Lächeln, mit jener Ver⸗ traulichkeit wie für alles, was ein Weib auf Erden und im Himmel dem Manne nur ſein kann, anſah, und er war verſchwunden. Hinaus ſtürmte er in die ſchon hereingebrochene Nacht ... Nichts von einem Wagen, deſſen Anerbieten man ihm nachrief, hörte er... Schon war er unten an der Haus⸗ pforte... Wie die eiſige Luft ſeine heiße Wange ſtreifte! Wie er faſt die Locken, die er ſonſt trug, noch im Winde flattern fühlte!... Ein Geiſt des Trotzes, der Herausfor⸗ derung an die Ordnung aller Dinge war über ihn ge⸗ kommen... Er hätte das Geländer der kleinen Brücke einreißen mögen, an das er ſich halten mußte, als er den hartgefrorenen, glatten Weg beſchritt... So flog er dahin... Erſt allmählich wurde es in ihm ruhiger... Jetzt hätte er Muſik hören mögen, rauſchende, voll⸗ geſtimmte— allmählich würde ein einziger ſüßer, ſanfter und wenn den Tod bringender Accord ſeine ganze Em⸗ pfindung ausgedrückt haben... So kam er im Pfarrhauſe an. Es war tiefdunkel; ſein Zimmer nicht erwärmt; Müllenhoff nicht anweſend. In deſſen Zimmern wartete er ſo lange, bis oben bei ihm die erwärmende Flamme loderte... Wie todt ſtanden doch die Bücher da an den Wänden! Wo er hinſah, war von Strafe, vom Kirchenbann die Rede... Er hörte im Geiſt das ſchütternde Gelächter Müllenhoff's, wenn er ſeinen eigenen Einfällen applau⸗ dirte, und lachte ſelbſt... Er hörte, wie ihn ſein College jetzt nennen würde: Salonſchlupfer, Lavendel⸗ n Paula, die at jener Ver⸗ f Erden und nſah, und er rochene Nacht eten man ihm an der Haus⸗ zange ſtreifte och im Winde er Herausfor⸗ über ihn ge⸗ leinen Brück ußte, als 4 So flog zm ruhiger. ſchende,. ſüher, ſenſ ne ganze En ur lepuſ 267 ſeele... Er lachte...„Lieber können ſechs Straßen⸗ laternen eingehen, als ein ewiges Licht in einer Ka⸗ pelle!“ Das war heute früh ein Müllenhoff'ſches Wort geweſen, das ihm beim Schimmer der ihm jetzt voran⸗ getragenen Lampe einfiel... Er lachte... Und oben, oben in ſeinem Zimmer fand er zu ſeiner glückſeligſten Ueberraſchung dann einen Brief— aus Kocher am Fall— vom Onkel Dechanten... Nie noch hatte er ſo nach den geliebten Zügen ge⸗ griffen... Nie noch war ihm ſo viel Muſik entgegen⸗ gerauſcht und ſo viel Duft entgegengeweht, wie heute aus dem feinen Papier, aus den zierlichen halb arabiſchen Buch⸗ ſtaben dieſer Handſchrift, aus dem langen, reichen Inhalt... Wie beglückend ſtimmte das alles zu dem Bilde Paula's, das nicht von ſeiner Seite wich... Die Magd brachte den Thee... Die Lampe verbreitete einen tieftraulichen Schimmer(Lampe, Service, Sofa, alles kam von Schlöſ⸗ ſern und Höfen der Umgegend und war von ausgeſuchter Gediegenheit)... Paula ſaß neben ihm im Geiſte und ſprach mit ihm im Geiſte und ihr Schatten huſchte an den Wänden geſchäftig ſorgend hin und her; er hatte eine Gei⸗ ſlerehe geſchloſſen... Als er allein war, ſprach er leiſe mit ſeinem Weibe, redete es an und ſagte: Paula! Meine ſüße, ſüße Paula!... Dann ſchlug er ſich an die Stirn, aber ſo ſündigte er fort und fort— er hörte nicht auf an ſie zu denken, ihrem Athem zu lauſchen, ihre Hand zu ſtreifen, linaus in die Luft, ins Leere Küſſe zu geben— was ſollte ihn denn erſchrecken, jetzt wo er die Dechanei um ſich hatte, des Onkels Deviſe hörte:„Ich mach's doch ſo leicht!“ Die grünſeidenen Decken und Gehänge in dem Arbeits⸗ 268 zimmer der Dechanei ſah er; die ſanften Rollenthüren gingen, wie wenn Frau von Gülpen eintrat oder Wind⸗ hack einen Beſuch oder eine Conſtellation des Himmels meldete... Er las— las, wie wenn eine neue„Nichte“ ihm und dem Onkel Klavier ſpielte... Lieber Alter! ſchrieb der Onkel. So biſt Du denn auf dem Schauplatz Deiner erſten Jugend angekommen und grübelſt vielleicht, ob in den alten Kirchenvätern das Schlittſchuhlaufen verboten iſt! Ich habe Dich ſonſt oft genug auf dem Ententeich zwiſchen Borkenhagen und Weſterhof dahingleiten und unſerm alten Frieſen⸗ urſprung durch graziöſe Zickzacks Ehre machen ſehen— Nun ſiehſt Du, die Apoſtel wußten nichts von zwanzig Grad Kälte, wie konnten ſie vorſchreiben, ob ein junger Domherr Schlittſchuhlaufen darf u. ſ. w. u. ſ. w. Sage nur: Wie platt, wie rationaliſtiſch oberflächlich iſt das wieder! Gut!... Ich beneide Dich zuvörderſt um dieſe Triumphe, die deine Rechtgläubigkeit feiern wird, vorzüglich unter denen Weibſen!... Fühlſt Du's denn endlich, wie ſchön dieſe Veranſtaltung Gottes iſt, daß es Weſen gibt, die an der ganzen Weltgeſchichte unbetheiligt bleiben und Alexander, Julius Cäſar und Innocenz III. nur auffaſſen unter dem Geſichtspunkt, ob ſolche Leute den Kaffee theurer machen, die Verlobungskarten ſeltener, die laufenden Moden durch plötzliche Trauergarderoben unterbrechen und dergleichen? Bewundere dieſe Geiſtes— gegenwart, mit der mitten in unſern Schmerz hinein und während die Männer noch ohne jede Sammlung ſtehen, die Frauen ſchon wieder bei einem Sterbefall ihr ſchwarzes Seidenkleid beſtellt haben! Sieh, ſo haben Rollenthüren t oder Wind⸗ des Himmels neue„Nichte“ biſt Du denn angekommen henvätern das e Dich ſonſt Borkenhagen alten Frieſer⸗ chen ſehen— von zwanzig b ein junger ſ. w. Sage üchlich iſt der zuvörderſt 1' t feiern wll Du's deudt blſt Dus d tes iſt, daß hte unbetheilt Innocenz I olche Leute d arten ſellen derobe auergard dieſe Geiſ e, U Schmerz Samnnl 269 mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erſtaunen verſetzt, die zwar von ihrer leiblichen— lies nicht etwa: lieblichen— Schweſter nichts geerbt hat, aber dennoch„Schanden halber“ bereits in das zweite Stadium des äußern Schmerzes, in den grauen mit Vi—olettſchleifen eingetreten iſt! Studire Weltgeſchichte im Stift Hei⸗ ligenkreuz! Zwanzig weibliche Weſen, die ohne Zweifel Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich end⸗ lich an die Wahrheit des Satzes erinnern werden: Mu— lier est hominis confusio! Ich ſehe Dich aber auch, lieber Sohn, wie Du Dich endlich aus Blumen und geſtickten Tragbändern und Porte⸗ feuilles herauswindeſt und wieder Deinen feurigen Wagen des Elias beſteigſt, zunächſt die Stufen des Altars und der Kanzel zu Sanct⸗Libori, dann wol auch die Treppen zu den Regierungscollegien, wo Du—„Gutes wirken“ willſt! Ach, mag Dir's dabei nur nicht ſo ergehen, wie mir damals, als ich wirklicher Dechant war und ein lutherſcher Regierungsrath mir unter eine Rechnung für Oel, Wachs, Wein und Salz beim Salze regelmäßig beiſchrieb:„Ich frage wiederholt: Gehört denn in die Cultusrechnungen guch die Naturalverpflegung der Herren Pfarrer?“ Wußte der Kerl nicht, daß zu unſern Taufen Salz gehört! Er glaubte, die Rechnung der Köchin hätte ſich in die für das Cultusminiſterium verirrt. Ich ſchrieb damals an den Rand:„Salz iſt ein gutes Ding; ſo aber das Salz dumm wird, womit ſoll man würzen! Lucä 14, 34.“— Du freilich wirſt durch ſolchen„Druck“ auf unſere„arme“ Kirche nicht zum„ Rechtgläubigen wider Willen“ gemacht werden; denn nur Römlinge ſehen nicht ein, welche ver⸗ 270 beſſerte, wahrhaft glänzende Lage gegen früher wir bei alledem in partibus infidelium haben... Doch nichts vom Kirchenſtreit! Was ſagſt Du zu dem noch immer unter polizeilicher Aufſicht ſtehenden Hunnius? Neulich rief er vor einer Gemeinde, die leider nicht die zu Sanct⸗ Hedwig in Berlin war, ſondern nur die Stadtkirche in Kocher am Fall, ſage die Stadtkirche in Kocher am Fall!: „Sanct⸗Paulus war ſeines Zeichens ein Teppich⸗, kein Schleier-Macher!“ Dieſe feine Anſpielung auf Profeſſor Schleiermacher in Berlin fiel natürlich bei uns ganz auf den Weg. 4 Bona, ich warne Dich nur, Deinem Diöceſanklerus nicht etwa in jugendlicher Begeiſterung Conferenzen vor⸗ zuſchlagen, ſchriftliche Arbeiten zum Circulirenlaſſen, Leſecirkel, eine Archipresbyteriatsbibliothek und ähnliche Reformphantaſtereien, die uns arme Einſamkeitsſchlucker und Trübſalbläſer erheben, zerſtreuen und bilden ſollen! Du dringſt damit nicht durch! Stelle Dich blind und taub für alles, was Du ſehen und hören wirſt! Unſere Kirche beſſert ſich einſt, aber nur durch große Revolu⸗ tionen. Bis dahin emancipire ſich ein jeder für ſich, mache ſich zu einem kleinen Privat⸗Pantheon der ge⸗ ſunden Vernunft und ſoll ich Dir rathen, ſuche Dir in Witoborn höchſtens nur die allerälteſten Prieſter heraus, alte ſäculariſirte Benedictiner, einen alten Kapitular, der vielleicht ein armſeliges Zimmerchen im Seminar be⸗ wohnt, nur um ſeine Einkünfte für ein paar Schwe⸗ ſtern zu ſparen. Da wirſt Du vielleicht noch einen oder den andern Menſchen finden von Gemüth, von herzverklärtem Geiſt, von lieben alten plauderhaften Er⸗ früher wir bei . Doch nichte m noch immen nius? Neulich t die zu Sanch Stadtürche in ocher am Fall Teppich⸗ kein wauf Poofeſſer uns ganz all Diöceſanleru znferenzen vor ulire nlaſſen und ähnlic ſamkeitsſchluce d bilden ſollen Dich blind und wirſt! Unſer große Kerel jeder für ſi ithern der ſuche Dir priſer ſeu icht noch d Gemüth uderhafte 271 innerungen an eine Zeit, wo Leſſing ſeinen„Nathan“ auch für uns gedichtet hat und mancher junge katholiſche Prieſter lieber eine ſchöne lutherſche Predigt von Spal— ding und Reinhard ablas, als ſelbſt eine viel weniger ſchöne ſchrieb. Da iſt im alten Jeſuitenſtift ein Gang, wo alle Generale der Jeſuiten abgebildet ſind! Sieh ſie Dir an! Einer ſchaut pfiffiger aus, als der andere; die Spanier ſind beſonders ſchlau, die Deutſchen von einer kläglichen Unverbeſſerlichkeit, ſämmtlich, wie es ſcheint, aus der dümmſten Gegend Deutſchlands, aus dem Innviertel; nur einen ſieh Dir recht an, der hat eine furchtbar lange Naſe, ſcheint mir jedoch der gutmüthigſte von allen. Die Naſe iſt ganz nur die Ablagerungsſtätte für die Schnupftabacksdoſe. So ſah der alte Rector dort aus, als ich bei Witoborn lebte und ein alter lieber Freund von mir, ein ehemals jüdiſcher Gelehrter, den ich in Paris kennen gelernt hatte, dort convertirte und ins Seminar trat... A propos, ſollteſt Du un⸗ ſern harmonietrunkenen Herrn Löb Seligmann von hier ſehen: die Haſen⸗Jette läßt ihn grüßen und von ſeinem Davidchen anzeigen, daß deſſen Beine ſich ſtärken und ſein Geiſt von Tag zu Tag dem des jungen Samuel ähnlicher wird... Findeſt Du unter den Prieſtern einen ſolchen kleinen alten dicken Mann mit langer Naſe und einer Schnupftabacksdoſe in der Hand, dann grüß' ihn von mir, er kennt mich gewiß. Der alte Rector freilich iſt jetzt todt... Sonſt— wenn Du arme Kaplane ſiehſt, für die das Vort Stolgebühren bisher nur erſt im Examen vorge— kimmen iſt und die am„Freitiſch“ bei ihrem Pfarrer 272 verhungern müſſen, nun, immerhin, lege für mich aus, Bona, falls Du auf anſtändige Art einige ihrer drückendſten Schulden tilgen willſt und wende ihnen Meßſtipendien zu, ſoviel nur Seelen am Vorhof des Himmels ſchmachten, und laß die armen Tröpfe nicht herumlaufen und um Meſſen betteln und bei jedem Sterbefall lungern, ob auch für ſie ein Knochen von den zweihundert geſtifteten Erlöſungsbitten a 10 Silbergroſchen abfällt! Und findeſt Du am Münſter in Witoborn auch ſo arme, blaſſe, heiſere Vicare, die ſtatt der bequemen Domherren Brevier ſingen müſſen und ſchon um den letzten Ton in ihrer Kehle ge⸗ kommen ſind(könnte doch. Löb Seligmann aushelfen!), ſo zeig dem Biſchof die ſtummen Opfer Roms und ſeufze im⸗ merhin in meinem Namen vorläufig wenigſtens um deutſche Sprache ſtatt lateiniſchen Geſangs!... Lebt denn dort noch die Quart? Muß denn auch da jeder neuernannte Pfründner den vierten Theil ſeines Einkommens dem Biſchof zinſen? O würde das Geld doch angelegt für eines Prie⸗ ſters alte Tage, wo er freudlos, ohne liebende Hand, die für ihn ſorgt, ohne ein Herz, das ſeine grämelnde Laune erträgt, in das Eremitenhaus ziehen muß oder in einen alten Pro⸗ feßhof kommt, dieſe Invalidenhäuſer der römiſchen Armeen, wo es zwar keine Stelzfüße, aber arme unglückliche Seelen⸗ krüppel genug gibt! Bona, Bona— nun komm' ich doch in die Reformen! Man ſagt, unterm Mikroſkop wäre unſer reinſtes Quellwaſſer voll garſtiger Infuſorien— und Wind⸗ hack behauptet das auch und verleidete ſich dadurch ſchon zu lange das Waſſer und trinkt faſt zu viel vom Kocherer Wein—; aber an dem Sold, von dem der Prieſter ſein Daſein beſtreitet, läßt man ihn täglich zu ſchaudervoll ſehen, Cod 2 =— — für mich aus rer drückendſter eßſtipendien zu els ſchmachten aufen und umn llungern, dt dert geſtiftete lt! Und finde blaſſe, heiſe Brevier ſingen hrer Kehle ge aushelfen!), ſ und ſeufze in für eines J de Hand die de Laune ertra zren alten d une en Armee che el vom. der Prieſter „ ewbollſ rd dervo haub 273 wo er herkommt, läßt ihn zu naß aus allen Taufbecken in unſere Hand gleiten, wo auch noch jeder Seufzer oder Fluch der Armuth friſch am Gegebenen klebt... Schule und Kirche möcht' ich doch ſo lange, bis die Heiden oder andere Apoſtel kommen und eine neue Religion bringen, vom Kleinhandel des eigenen Erwerbs befreit ſehen. Prieſterwürde! Das laß ich vorläufig gelten! Aber ſieh Dich nur recht um und überzeuge Dich, wie jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Unzufriedenheitsſtoff, der in der Welt lagert und ſich gern möglichſt loyal und ohne zehn Jahre Feſtung austoben möchte, dieſen neugepredigten Anhalt an Rom ſucht! Der Jakobiner verſteckt die rothe Mütze unter der Kapuze, der Provinzialgeiſt ſtemmt ſich wider die Centra⸗ liſation, den katholiſchen Plattdeutſchen beſchämt das vor⸗ nehme Air des luther'ſchen Hochdeutſchen, der Juriſt vom Code Napoleon will nichts vom Landrecht, die Fürſten im Süden fürchten die Kraft der Fürſten im Norden; blos das, das, das gibt den feurigen Teig des jetzigen Umſchwungs wie bei der Bildung der Erdrinde. Die Jeſuiten und Jeſuiten⸗ genoſſen kennen das alles und kneten den Teig und machen ſie auch nur kleine Agnus Dei daraus, all ihre Süßlichkeit riecht nach Pech und Schwefel... Du wirſt Geiſtliche bei Wito⸗ born ſehen, die ſo liebfromm ſind, daß ſie ſich nicht mehr die Zähne putzen, blos, weil ſie fürchten, dabei Mor⸗ gens, ehe ſie nüchtern Meſſe zu leſen haben, etwas Vaſſer zu verſchlucken!... Und worauf beruht dieſe Dumpfheit des Geiſtes bei den Beſſern? Auf dem Glau⸗ ben, daß man— Vater, Mutter und Heimat kränke, wenn man irgendwie vom Althergebrachten abgehen wollte! Dem Gemüth ſchließen ſich auch hierin Eigenſinn und Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 18 274 Eitelkeit an. Man glaubt, daß man von der Aufklärung wegen äußerlicher Dinge verſpottet werde, wegen ſeiner Ausſprache, wegen ſeiner dürftigen Gegend, wegen der Zurückgebliebenheit ſeiner Städte... Nun trotzt man, doch auf ſeinen einſamen Höfen und Kampen die Lerche ſo gut trillern hören zu können, wie im ſchön⸗ ſten Schweizerthal, trotzt, daß man in ſeinen dürftigen Städten doch manches liebe mit wildem Wein bewachſene Haus kenne, manches Fenſter, wo Mädchenköpfe auch hinter Blumen herausſchauen, wenn auch hier die Liebe nur platt⸗ deutſch ſpräche... Und ſo hält man denn mit Zähigkeit gerade feſt an ſeinem Zopf! Das iſt mit unſerer Kirche überall ſo, ſeitdem die Reformation in dem ſtattlicheren Gewand der Wiſſenſchaft und Bildung einhergehen durfte. Ueberall erſcheint die Ketzerei den Leuten als eine Ver⸗ höhnung nicht etwa des Glaubens, man gibt bedenkliche Schäden an ihm zu, ſondern als ein Geringachten— der vielen anderweitigen Gemüthlichkeiten, die ſich für den Menſchen an ſeine Jugend, an— ſeine liebe alte Groß⸗ mutter anknüpfen... In Deutſchland, laß mich in einem Briefe, wie ich ihn ſeit Jahren ſo lang nicht ſchrieb, fortfahren, in Deutſchland ſollte nun die Bildung und die gemeinſame Geſchichte nuſers Volks längſt dieſen Zwieſpalt auf⸗ gehoben haben!... Aber jetzt ſieh, wie geſorgt wird, daß der Bruch ein ewiger bleibt!... Du wirſt im ganzen Stift Heiligenkreuz vielleicht nur ein einziges verſtecktes und beſtäubtes Exemplar vom Goethe, zwei oder drei Exemplare vom Schiller finden, dagegen alle Blumenleſen, alle nervenangreifenden Kräuterapotheken der Auftlärung „wegen ſeine hegend, weger Run twotzt man Kampen di wie im ſchön ſeinen dürftige PVein bewachſen öpfe auch hinte Liebe nur platt n mit Zähigke unſerer Kirch em ſtattlicher jergehen durfte als eine Ver gibt bedenklic Heringachten— die ſich für d liebe alte Gro Griefe, wiei fortfahren, die gemeinſa Zwieſpalt a e gſorxt n Du wirſt ur ein iinſi 1 Goethe, 9 n, dagegen rräuterahbl unſers Beda Hunnius... Ich weiß nicht, ob es in Weſterhof jetzt beſſer iſt. Graf Joſeph ging über Stol⸗ berg's Horizont nicht mehr hinaus. Levin von Hllles⸗ hoven iſt ein geiſtvoller, unterrichteter Mann, ſchrullen⸗ haft jedoch und höchſt afterklug. Die Sicherheit, mit der er ſich ſchon vor vierzig Jahren auf den Bau der Pyramiden verſtand, während ihm jeder Backofen, den er bauen ließ, zuſammenfiel, wird ſich bei ſeinem Leben unter lauter Frauen nicht gemindert haben. Abenteuerliche Gelehrſamkeit iſt alldort ein beſonderes Steckenpferd. In jedem Dorf wirſt Du die rechte Stelle finden, wo Her⸗ mann den Varus ſchlug. Iſt es zweifelhaft, wo das Midgard der Aſen lag, wird man immer gegründete Vermuthung für ein Torfmoor bei Eſchede oder eine Wieſe bei Lüdicke haben. Dieſer hinter Vaterlandsliebe ſich verſteckende Hochmuth iſt— allen Deutſchen eigen! Er kommt bei keiner Nation ſo vor, nur Levinus würde vielleicht hinzuſetzen:„Bei den Tſchippewäern“... Noch immer ſitzen gewiß die Frauen dort und lau⸗ ſchen ſolchen Orakelſprüchen und auch Männer genug gab es, die vor der Weisheit des Barons von Hülles⸗ hoven den Hut abzogen... Die Kunſt iſt bewunderungs⸗ würdig, mit der der Menſch verſteht ſich eine Gemeinde zu bilden! Selbſt Windhack verſteht das. Windhack und Levinus ziehen eben nicht die Gelehrten in ihr Ver⸗ trauen, ſondern die Fiſcher, die Zöllner, die Teppich⸗ nacher, nicht die— Plato und Schleiermacher— doch genug von dieſem Kapitel—— Ich komme auf Weſterhof zu ſprechen, weil ich möchte, daß Du Deine liebevolle Verſöhnlichkeit anwendeſt, um 18* 276 eine Ausgleichung herbeizuführen zwiſchen dem Ehepaar Ulrich und Monika. Ich höre, daß die Comteſſe Paula Wunder verrichtet und in die Zukunft ſieht. Bisjetzt hab' ich noch in allem, was ich davon erfuhr, zu viel Aber⸗ glauben der dort landesüblichen Sorte gefunden. Du wirſt wol ſo gut ſein, mich darüber ins Klare zu ſetzen; denn an und für ſich hab' ich allen Reſpect vor den geheimniß⸗ vollen Ein- und beſonders den— Ausgangspforten aus unſerm räthſelhaften Daſein— Sonſt würd' ich Dich bit⸗ ten, das ſchöne junge, Dir theure Weſen zu erſuchen, ſich bei den Schickſalsmächten zu erkundigen, was über dieſe Verwickelungen beſchloſſen iſt. Was wir hier ſo aus unſern ſichtbaren Geſtirnen entnehmen können, iſt die kurze und bündige Abſicht des jüngern, minder gelehrten, doch willensſtärkeren Ulrich von Hülleshoven, nächſter Tage nach Witoborn zu kommen, auf Weſterhof ein kurzes und bündiges Wort zu ſprechen und ſein Töchterlein Armgart an ſich zu nehmen. Zugleich flattert wie eine Taube um ihr vom Geier bedrohtes Neſt auch die Mutter und wird, wie ſie mir ſchreibt, nicht verfehlen, das zu beanſpruchen, was ihr gehöre. Da könnten denn alſo dieſe zwei Men⸗ ſchen ſich gegenübertreten und nach meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene aufführen, daß ſich zwei Leute gerade deshalb nicht verſtehen, weil ſie aus einem und demſelben Stoff geſchaffen und gerade füreinander beſtimmt ſind. Denn in der erſten Liebeszeit ſucht man ſein Gleichartiges— Du kennſt das nicht— in der zweiten Liebeszeit ſucht man ſein Gegentheil und in der dritten Liebeszeit kommt man auf den richtigen Inſtinct der erſten Liebe wieder zurück und will nur das, was unſerer dem Ehepaa omteſſe Paulo teht. Bisſet zu viel Aber den. Du wirſt jſetzen; denn den geheimnif⸗ gspforten aui wich Dich bit erſuchen, ſich über dieſt hier ſo aut nnen, iſt dee der gel nächſter Tage ein kurzes und erlein Aumgan eine Taube un utter und wilt beanſpruchen Men ieſe zwel“ Meinung b daß ſt rren, dab l ſie aus ein de füreinant ſucht manſe ¹ 4 in der zwen in der diin a ſtnct 1 Inſtinct as u 3, Was gelehrten, d 7 Natur gleichartig iſt. So ging es dieſen zwei Menſchen. Ein Zufall verband ſie und ſie gehörten ſich einander. Da kam eine Willensprobe und ſie ſcheiterte an ihren harten Köpfen. Jetzt ſcheinen ſie vollkommen reif, ſich gerade ſo zu lieben, wie man ſich eben noch liebt, wenn man Kinder hat, die ſchon ſelbſt wieder von Liebe ſprechen. Auch das trifft zu: Jede Liebe, die ſich in ſpätern Jahren noch bewähren ſoll, muß eine andere Nahrung haben, als die der erſte Jugendlenz ſchon allein in ſeinem ſchö⸗ nen Blütenduft findet. Ein Drittes muß ſie haben, um deſſentwillen ſie da iſt, um deſſentwillen ſie ſich be⸗ währt, nicht blos die übliche„Brücke“ der Liebe zu den Kindern, ſondern eine Idee und wäre es die Erziehung dieſer Kinder, eine Erziehung höherer Art, eine mit Bewußtſein und Gedanken. Immer hab' ich gefunden, daß zuletzt doch in den gleichen Ideen eine unendliche Bindkraft liegt. Zwei Feinde, die ſich auch nur Einmal in einer gleichen Idee begegnen, können ſich verſöhnen. Bis zu Mariä Verkündigung bleibſt Du wol noch in der vortigen Gegend; zur Oſterzeit werden ſie Deine Schultern in der Kirchenreſidenz brauchen. Ich werde bald meine dreijährige„ſchwere Arbeit“ antreten und auch meine „Viſitation“ an der Donau halten. Frau von Gülpen zit⸗ tert ſchon wieder, mich Windhack allein überlaſſen zu ſollen, ſich zu denken, daß ich bei meinen alten Kreuzſternordens⸗ damen eines Abends ſanft beim Whiſt einſchlummere, ein tout in der Linken, ein„ich paſſe“ auf den Lippen... (So ging ich am liebſten heim!... Aber das kommt nir bei dieſer Reiſe noch nicht, ich weiß es; ich habe ſie Ahnung, daß ich noch viel böſe Ungewitterwolken 278 ſich entladen ſehen ſoll. Der Oberprocurator Nück bot mir eine Commiſſion an, die ich ablehnte. Cardinal Ceccone kommt von Rom als apoſtoliſcher Nuntius an die Donau. Ihm und dem großen Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfürſten und die Zukunft Deutſchlands ans Herz legen. Don Tiburzio Ceccone zu ſehen wäre mir von Werth; aber von ſeinem Munde dann auch hören zu müſſen, was geſchehen ſoll, um in das Vaterland Leibnizens und Kant's die Luft I hinüberzuleiten, die man in den Hörſälen des Collegio Romano athmet— das könnte mein aà tout beſchleunigen. Uebrigens droht mir bei alledem eine gewiſſe Beziehung zu Rom. Auch Dir dürfte ſie nahen, wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen ſollte— ich leſe ſoeben, während ich dies ſchreibe— der Kronſyndikus iſt geſtorben!... Ruhe ſeiner Aſche!———. Sorge, daß bei allem, was jetzt etwa zur Sprache kommen könnte, nur Prieſter zugegen ſind; denn darin hatte Benno Recht: Der Beichtſtuhl——— Genug für heute! Grüße ihn von mir— meinen armen— Zigeunerknaben! Wer weiß, ob ich jetzt nicht endlich mit ihm beredſam werden muß, wenn er mir, ſo wie Du im letzten Sommer, aus Gräbern der Ver⸗ gangenheit alte Erkennungszeichen— unſerer Sünden bringt—! Haſt Du nichts mehr von dem Leichenräuber vernommen?... Grützmacher und Schulzendorf ſind recht verdrießlich— über verfehlte„Prämie“.. Spät Abend iſt's geworden—— Muſik hör' ich ſchon ſeit lange nicht mehr— Die Tante correſpondirt mit ihrer — rrator Nück be nte. Cardinal her Nuntins an aatskanzler wil ürſten und die Don Tiburzi aber von ſeinen geſchehen ſl dants die Luf en des Colleg t beſchleunigen viſſe Beziehun enn Dich Dei ollte— ich le Kronſyndilus! va zur Sprac en ſind; de mir— tRen ob ich jetzt i wenn er u e der äbern der L. r. Süll nſeter S m Leichenti endorf ſtlh .»*„„. ſſik hör i 4 ondirt mi! 279 „ Familie“ und will mich durch eine noch immer nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten„Nichte“ überraſchen. Dieſe letzte... kam, hör' ich, um— Deinetwillen!... Bona, Bona, ich hätte die nicht von mir geſtoßen... Drei Tage war ſie bei uns und ſie ſind eingeſchrieben in die Chronik der Dechanei wie mit Flammenſchrift... Selbſt den Tod des Lolo(von dem Du wol noch nichts weißt) ſchreibt die Tante auf Fräulein Schwarzens Rechnung... Mit Beda Hunnius correſpondirte ſie und die Regierungsräthe laſen— und belachten alle dieſe mit Beſchlag belegten Briefe... Um ſo ſtolzer erhebt ſie ihr Haupt... Ich höre, ſie beherrſcht das ganze Kattendykſche Haus und niemand mehr, als— den Oberprocurator... Deine Liebe muß alſo— goldene Locken tragen? Muß— im Mondlicht wandeln?... Seltſam! Seltſam! Zerreiß dieſen Brief nicht, ſondern— verbrenne ihn! Man hat Fälle, daß zerriſſene Briefe immer noch gegen uns zeugen können, falls man auf den Gedanken fäme, nach unſerm Tode uns heilig zu ſprechen. Ich glaube, Petronella ſetzt alles, was ſie hat und doch noch zu erben hofft, daran, mir nach meinem Tode dieſe unverdiente Ehre zuzuwenden... Ich habe ſeit Jahren nicht ſoviel geſchrieben.. Der Tod des Kronſyndikus verſetzt mich— in wehmüthige Aufregung... Lebe wohl, Bona, und denke nur immer, auch wenn Du vielleicht—— in dieſen Tagen nicht das Beſte von mir vernehmen ſollteſt, ich war ſchwach— ſchwach— um der Liebe wille—— Und ſo fortan wie bislang Dein treuer Onkel. 280 So erheiternd auch anfangs die Stimmung dieſes Briefes auf Bonaventura wirken durfte, der Schluß regte zu Beſorgniſſen und befremdlichem Nachdenken auf... Dennoch verweilte er nicht zu lange bei den trüben Schatten, die mit dieſen Gedankenreihen in ſein Inneres fielen. Zu ſehr hatte er das Bedürfniß des Glücks und jede Vorſtellung nahm bald wieder die holdeſte, freundlichſte Geſtalt an. So endete der glücklichſte Tag ſeines Lebens. i den trübt 6 1, Cr a ſein Innere Nücks und jä „freundlicſt In ähnlichen, doch zugleich vom tieflaſtenden Druck der Furcht beſchwerten Stimmungen hielt ſich auf ſeinem Zimmer ein Mann, in deſſen Inneres wir zum erſten male einblicken wollen. Nicht lange hatte Armgart in der ſchwebenden Pein der Ungewißheit über den Onkel und die Tante zu ver⸗ harren brauchen... Einige Augenblicke ſpäter, nachdem Bonaventura gegangen, kamen ſie von der Gegend auf Witoborn zurück... Armgart's ſtürmiſchen Fragen nach dem Ort, wo ſie geweſen wären, nach den Nachrichten, die ſie mitbrächten, wurden ſchroffe Antworten zu Theil. Als ſie von einer Verabredung ſprach, die hinter ihrem Rücken getroffen worden, um ſie dem Vater zu überliefern, ſchwieg man... Aber auch ſie verſtummte plötzlich; denn Wenzel von Terſchka ſprach, um einen möglichen Zwiſt im Keime zu unterbrechen, von ihrer Mutter... Er nannte Monika von Hülleshoven die Seltenſte ihres Geſchlechts, einen Edelſtein in dem Bunde aller der vortrefflichen Menſchen, in deren Nähe er hier zu 282 leben ſo glücklich wäre, eine Denkerin ohne die Runzeln der Stirn, die dem Gedankenleben zu folgen pflegten und die Leichenſteine der Schönheit würden, eine Ge⸗ lehrte, ohne daß man an ihren Fingern die Dinte ſähe, eine Prieſterin an den Altären einer noch unausgeſpro⸗ chenen Religion, die alle Menſchen verbinden und glücklich machen würde... Auf dies überraſchend enthuſiaſtiſche Wort ermunterte Paula, die ſelbſt noch wie berauſcht war von ihrem geſchloſſenen Bunde mit Bonaventura, den Sprecher fort⸗ zufahren... Armgart unterbrach ihn aber und ſagte auf⸗ wallend: Meine Mutter wird in ihrem wiener Kloſter keine andere Religion gefunden haben, als die des dreieinigen Gottes! Auf dieſe entſcheidende Aeußerung trat eine Stille ein und kein behagliches Geſpräch ließ ſich heute mehr an⸗ knüpfen.. Nach dem Thee trennten ſich alle... Als Wenzel von Terſchka auf ſeinem Zimmer war, machte es ihm der Diener ſo zurecht, wie der„Ritt⸗ meiſter“ ſeither gewohnt war immer den Abend noch zuzu— bringen... Vor Mitternacht ging er nie zur Ruhe... Zwei Zimmer mußten erleuchtet ſein... Auf drei, vier Tiſchen mußten Lampen ſtehen; denn auf jedem lag ein Actenſtoß von dieſem oder jenem Inhalt— zu ver⸗ zweigt war die Geſchäftsthätigkeit, der er ſich zu widmen hatte. Geſchäftlich war ihm ſeither alles vortrefflich ge⸗ gange Graf ſchon ſcick warer worde ſdoch von de derm beſ dehrt das ie Runzel en pflegte eine Ge Dinte ſähe nausgeſpre und glüclit ermuntert von ihren precher for agte auf loſter kein dreieinige n Stille eit e mehr al immer wi der„Rt dnoch zu Ruhe. ijdrä, jedem d — 31 ) zu vid trefflih 283 gangen... Er konnte ſeinem Gönner und Freunde Grafen Hugo, er konnte der Mutter deſſelben, jetzt auch ſchon an Monika Berichte voll erfreulicher Ergebniſſe ſchicken. Die letzten Chicanen, mit denen Nück noch drohte, waren durch ſeinen Bevollmächtigten, Benno, gemildert worden. Benno verfuhr mit Entſchiedenheit, vermehrte jedoch die Schwierigkeiten nicht. Die Parcellirung war von der Regierung genehmigt. Löb Seligmann hatte die einzelnen Beſtandtheile taxirt und ſchon Angebote vermittelt. Seligmann war hin und her; für ſeine Geſchäftsthätigkeit hatte er eine neue Provinz erobert; kehrte er nach Kocher zurück, ſo blies er ſich ſchon jetzt das Horn einer Extrapoſt für die letzte Station, auf der er dieſe kleine Prahlerei ſich geſtatten wollte... Endlich wurde eine bedeutende Geldſumme ſogleich flüſſig durch die an Thiebold de Jonge verkauften Waldungen... Nach Oſtern konnte der neue Beſitzſtand vollſtändig an⸗ getreten werden. Anfangs war in dieſem Kreiſe Terſchka der, der er überall geweſen. Ein Mann von vierzig Jahren und doch noch jugendlich; eine Natur, unheimlich manchem, weil er niemanden Stand hielt, doch erweckte er auch nieman⸗ den Furcht oder Beſorgniß. Man konnte ihn nur nicht feſthalten. Etwas Unſtetes lag in ſeinem ganzen Weſen. Gefällig war er gegen jedermann. Seiner ſchmächtigen, zierlichen, gewandten Geſtalt ſtand es, da einen Strick⸗ knäuel aufzunehmen, dort einer Cigarre Feuer zu geben und dabei doch ſchon wieder einen Befehl zu ertheilen, den er halb ſchon ſelbſt ausführte. Thiebold fand ihn ſo⸗ gleich ſuperlativ. Terſchka ſchoß einen Vogel im Fluge, 284 ſelbſt im währenden Reiten. Seine Kunſt, die Pferde zu zügeln, war der Gegenſtand allgemeiner Bewunderung. Dennoch ſagte Benno gleich, nachdem er ihn einige Tage lang beobachtet hatte: Dieſer Mann iſt nicht ſchlecht und doch hat er kein gutes Gewiſſen!... Von der verfehlten Begrüßung der Gräfin Erdmuthe war Terſchka ganz in der Aufregung zurückgekehrt, die der letzten geheimen Zwieſprache zwiſchen Monika und der Grä⸗ fin entſprach, die den Uebertritt derſelben zum Lutherthum und eine Vermählung mit Terſchka wünſchte. An dem Abend bei Piter Kattendyk hatte er ganz wieder in das Innere dieſer jungen Frau blicken können, die ſich, wie Luther ſich aus Rom die Reformation, ſo aus einem Kloſter die Freiheit des Denkens geholt hatte. Er begleitete ſie, noch vor dem Auflauf in den Straßen, noch vor dem militäriſchen Conflict mit den Vereinen, in ihr Hotel, mußte aber Abſchied nehmen, da ſeine Rückreiſe eines Gerichtstermins wegen unerläßlich war... Nun ſchrieb er ihr... Sie antwortete... Es waren Briefe der Convenienz, wirkliche oder geſuchte Geſchäftsanfragen... Monika antwortete kurz und wich Dem aus, was ihre Empfindungsweiſe hätte misdeuten können... Terſchka hatte keine Berechtigung, auf das Herz dieſer Frau zu rechnen... Eine Frau empfindet bald, ob eine Wer⸗ bung aus dem tiefſten Bedürfniß des Herzens oder nur aus der Phantaſie entſpringt... Letzteres ſchien bei Terſchka der Fall. Dieſe ſeltſame Naturerſcheinung, ſilbergraue Locken auf einem halben Müädchenantlitz, körperliche Reize verbunden mit einem durchaus gei⸗ ſtigen Leben— Terſchka hatte ſich in den Strudeln ſchlecht und in Erdmutt ehrt, die de ind der Gri Lutherthun n dem Aben das Inne wie Luthe nfragen. 3, was! Terſt ſer Frau einne We 285 der Welt genug umgetrieben, um dieſe Verbindung neu und anziehend zu finden. Wie Terſchka auch jugendlich ausſah, im Grunde war er ermüdet. Vielleicht hätte er eine edlere Ruhe finden mögen. Vielleicht hätte er gern die Waffen der Liſt und der Kühnheit, die er zwanzig Jahre lang geführt, niedergelegt zu den Füßen einer Liebe, die ihn dann immerhin hätte tyranniſiren mögen. Vielleicht hatte er das Bedürfniß, gut zu ſein oder ſehnte ſich nach Erhebung. Frauen, die in ſich gefeſtet ſind, vermögen viel. Schon Gräfin Erdmuthe, die Terſchka und ihr Sohn, Graf Hugo, vielfach be⸗ trogen hatten, hatte ihn gemildert, gezähmt und als dann eine Monika in dieſen Lebenskreis eintrat, empfand Terſchka für ſie wie für ein Weſen, das ihn, ſo ſagte er auch ſchon in Wien, von ſich ſelbſt befreien könnte und neugeboren werden laſſen... Seit einigen Tagen kam in Terſchka's Weſen etwas, was Benno's Wort vom böſen Gewiſſen zu beſtätigen ſchien... Vollends ſeit der Rückkehr vom Leichen⸗ begängniß, ſeit dem geſtrigen Abend im Finkenhof war Terſchka wie zerſtört... Er unterzog ſich ſeinen täg⸗ lihen Geſchäften, er rechnete unten im Rentamt mit den Beamten, ſorgte für die Vorbereitungen der großen Jagd, var heute wieder früh in Witoborn, Nachmittags in deiligenkreuz geweſen, beſorgte ſeine Briefe, würzte das geſpräch mit Anekdoten, ſprach über die Schweiz, Frank⸗ teich, Jtalien— in Rom war er mehr zu Hauſe, uls er zu geſtehen liebte— aber ſeine Sätze waren algeriſſen, ſeine Uebergänge unvermittelt, ſeine Ant⸗ worten zerſtreut... 286 Gleich geſtern Abend, wo er vom Finkenhof heim⸗ gekehrt war, hatte er ſein Zimmer zugeſchloſſen, die Lampen, die er angezündet fand, ausgelöſcht bis auf eine, hatte die Vorhänge niedergelaſſen, als könnten die Pappeln von draußen verrätheriſch hereinlugen, hatte ſeine Kleider abgezogen, ſich— vor den Spiegel geſtellt, das Hemd zurückgeſchlagen, den Aermel aufgeſtreift und— auf den linken Arm in dem Moment ſein Auge gerichtet, wo es klopfte... Erbebend ſtellte er die Lampe nieder, ließ den Aermel herabgleiten und rief: Wer da?. Ein Diener brachte ihm den Brief, den Armgart hatte unterſchlagen wollen. Nur allein dieſer Brief konnte ihn zerſtreuen und beruhigen... Er erbrach ihn, las ihn, las ihn wie⸗ der... Es waren nur einfache Berichte über die Summen, die die Gräfin im Hotel zu bezahlen hatte.. Mittheilungen über ihren Aufenthalt, den Monika nicht mehr verlängern wollte, obgleich ſie ihn in einem be⸗ ſcheidneren Zimmer des Hotels genommen hatte... Nachrichten über die Ankunft der Gräfin in London und die erſte Bekanntſchaft mit Lady Elliot... Kleine Neckereien auch über Lucinde, die Monika näher kennen gelernt hatte und die ſie ihm um ſo mehr empfahl, als ihre Schönheit und ihr Geiſt an jenem Abend ihn ja, wie ſie ſchrieb, ſofort gefeſſelt und an eine glückliche Vergangenheit erinnert hätte— an jenen Pferdeankauf im Holſteiniſchen für Hugo's Regiment— Aber nicht ganz fand Terſchka ſeine Heiterkeit wieder... Geſtern und auch heute nicht... Der Bruder Hubertus konnte nicht erwähnt werden, ohne daß er erröthete.. tenhof hein chloſſen, d bis auf ei glen hatte. Monika u 287 Soviel er auch heute in der Gegend umherſtreifte, er konnte ihm nicht begegnen... er wünſchte das und fürchtete es wieder... Zum Kloſter Himmelpfort zog es ihn und wieder jagte es ihn geſpenſtiſch aus deſſen Nähe... Zu den Beſorgniſſen, die ihn erſchreckten, kam die Entdeckung, die im Benehmen Armgart's lag... Warum hielt ſie ihn heute ſo feſt nach Paula's Viſion?... Was wollte ſie überhaupt ſchon ſeit lange mit ihm?... Errieth ſie ſeine Liebe für ihre Mutter?... Mistraute ſie dem Briefwechſel, von dem ſie ſich unausgeſetzt er⸗ zählen ließ?... Heute war das auf der Wanderung von Heiligenkreuz mit ihm ein Ton geweſen, der ihn wöllig befremden mußte... Daß Thiebold und Benno um Armgart warben, ſah er, und ein keineswegs zu ſcharfes Auge gehörte dazu, ſich zu ſagen, daß letzterer der Bevorzugte war... Und dennoch, dennoch be⸗ gann Armgart ſeit einiger Zeit ihm eine Theilnahme zu ſchenken, die ihn zu verwirren anfing... Was hat nur das ſeltſame Mädchen? ſagte er ſich... Auf der Wanderung heute kam ſie von der Mutter ab und ſprach wie im Traum, bis Terſchka ihr geſchworen hatte, er wiſſe nichts von der Nähe ihrer Mutter... Selbſt heute Abend ihr:„Gute Nacht, Herr von Terſchka!“— wie klang das ſo ſüß und herbe zugleich, ſo innig und doch ſo beklommen, ſo abſichtlich und doch ſo zurückgehalten!... Heute wieder ſchloß ſich Terſchka ein, was er ſonſt me that... Wieder konnte er erſchrecken vor jedem unerwarteten Geräuſch... Dem Diener, der ihm die Zurückkunft des Roſſes von Heiligenkreuz meldete, ſagte e 288 er bei Gelegenheit des Namens Schneid: Iſt das Der, der geſtern auf dem Finkenhof unter dem Schutz des buckeligen Stammer erſchien und falſch geſpielt haben ſoll?... Er hörte aber nicht weiter auf die Mitthei⸗ lung, daß Baron Levinus dem Vagabunden nur noch eine dreitägige Friſt als Probe ſeiner Haltung geſtattet hätte... Bonaventura hatte auf Bitten des alten Tüb⸗ bicke ſelbſt ein Fürwort für den ihm unbekannt debli benen, ja ihn vermeidenden Fremdling eingelegt. An Monika hatte Terſchka jetzt ſchreiben wollen. Er wollte ihr Vorwürfe machen, daß ſie beabſichtigte, wie er von andern hören müſſe, in die Gegend zu kommen, ohne ihn in Kenntniß zu ſetzen. Verdien' ich Ihr Ver⸗ trauen nicht? hatte er ſagen und ſein ganzes Gefühl aus⸗ ſtrömen wollen... O, ich ahne es, Sie werden ſich mit Ihrem Gatten verſtändigen! Ihr liebliches Kind wird Sie beide verbinden! Die Hoffnung meines Lebens iſt dahin!... Nie hatte er ſo zu Monika geſprochen... Sollte er es heute wagen?... Heute?... In den Stim— mungen, die ihn ſeit einigen Tagen erfüllten!... In dieſen aufgeweckten Erinnerungen, in den quälendſten ſei⸗ nes Lebens?... In Ahnungen, Schreckensausſichten, die ihm plötzlich gekommen waren bei Nennung des Namens — Bosbeck? Bei Erwähnung jener beiden Knaben, die Hubertus einſt aus dem Feuer rettete? Erzählen wir von Wenzel von Terſchka die Wahrheit. 1798 war er geboren und in der That ein Böhme und in der That vom Adel, wenn auch vom ärmſten. Sein Vater, einer herabgekommenen Familie angehö⸗ rend, diente zur Zeit der franzöſiſchen Revolutionskriege im iſter heer Erzh Rhei Sein ur dune rufd den ſelbſt eſpielt haben die Mitthei en nur noch ung geſtatte alten Tüt kannt geble elegt... wollen. E. ſchtigte, w zu kommei Gefühl au erden ſich i välendſten ꝛusſichten, ꝗt.. Nf ch Ihr Del 289 öſterreichiſchen Heere und ſtand bei Kinsky⸗Ulanen in jener Heerabtheilung, die anfangs unter Wurmſer, ſpäter unter Erzherzog Karl gegen die franzöſiſche Republik am Neckar, Rhein, an der Moſel mit abwechſelndem Glücke focht. Seines Adels und Alters ungeachtet war ſeine Stellung nur gering. Er hatte Lieutenantsrang und bekleidete die Functionen eines Regimentsquartiermeiſters. Ihm, der auf dem Marſche immer für die ſichere Unterkunft der an⸗ dern ſorgen ſollte, begegnete es, daß er bei einem Ueberfall ſelbſt von ſeinem Regiment abgeſchnitten und gefangen ge⸗ nommen wurde. Die franzöſiſchen Armeen hatten ſich da⸗ mals in Naſſau und bis nach Heſſen hin feſtgeſetzt, der Gefangene blieb am Rhein in der alten Stadt St.⸗Goar. Seine Lage war hart und zog ſich in die Länge... Es war die Zeit des Raſtadter Geſandtenmords, der die Welt mit Entſetzen erfüllte— man fürchtete Rache an jedem gefangenen Oeſterreicher... Der Quartiermeiſter von Terſchka war verheirathet. Seine Frau gehörte dem niedern Bürgerſtande an. Urſprünglich war ſie eine wohl⸗ habende Bäckerswitwe in einer böhmiſchen Stadt, die in zweiter Ehe ihr Geſchäft verpachtet hatte. Die wenig gebil⸗ dete, kaum halbwegs deutſch ſprechende Frau beſaß reich⸗ lich die Mittel, um dem, wie ſie zu ihrem Schrecken in Erfahrung brachte, gefangenen Gatten zu folgen, ſetzte ſich auf die Poſt, reiſte an den Rhein, kam in St.⸗Goar an, verfiel jedoch, kaum im Wirthshaus aögeſtiegen, vor Anſtrengung und Aufregung in eine Krankheit, die ihr und beinahe auch einem Kinde, das ſie unterm Herzen trug, das Leben koſtete... Obgleich ſie ſchon in zwei Monaten Mutter werden mußte, hatte Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 19 290 ſie ſich dennoch dieſe Reiſe zugetraut... Sie erlitt eine Frühgeburt und ſah ihren Gatten, der von der oberhalb der Stadt gelegenen Feſtung herbeieilte, nur wieder, um für dies Leben von ihm Abſchied zu nehmen... Die Wache, die ihn begleitet hatte, ſtand voll Rührung. Es war ein herzzerreißender Anblick... Die ſchon an Jahren vorgerückte Frau erlag dem Opfer ihrer Liebe. Wenzel, wie die Nothtaufe das kaum athmende Kind nannte, war ein Siebenmonatkind. Daher die eigen⸗ thümliche Unfertigkeit und ſcheinbare Unreife in ſeinem ganzen Weſen... Die Hebamme nahm das halbtodte Kind an ſich, beſorgte das Begräbniß der Mutter, der Vater ſchrieb um Mittel nach Böhmen... Eine ſchmerzliche Zeit verging dem Gefangenen auf der Feſtung Rheinfels, die oberhalb des Städtchens St.⸗Goar liegt. Der Raſtadter Geſandtenmord ſchien die Ausſicht der Ranzionirung zu vereiteln und ließ eine Abführung ins Innere Frankreichs erwarten. Die aus Böhmen erhofften Gelder blieben aus. Der Krieg wüthete am Main und bedrohte ſogar ſchon Thüringen Die Hebamme war keine beſonders wohlwollende Frau. Sie hatte Noth mit dem ſchwer zu erhaltenden Kinde und drang auf eine Verpflegung bei andern Leu⸗ ten, zu der dem Vater die Mittel fehlten.. Ein Mitgefangener hörte das Seufzen und die Kla⸗ gen des unglücklichen Kriegers, hörte das Schreien ſei⸗ nes Kindes, das man ihm zuweilen brachte, und ſchlug ihm durch die Wand, die ihn von ſeinem Nachbar trennte, eines Tages vor, das Kind an ſeine Frau zu übergeben, die heimlich unten im Orte wohne, ſelbſt uͤr weite heim gab defg frier her erlitt eir er oberhalt hrer Liebe nende Kin die eigen in ſeinen 3 halbtodt dutter, de ngenen al Stüdtchen nold ſchi 5 n und D arten. der Kii Thüring ohlwollen erhaltent 9 andern nd die i chreien und ſt ne Fra hne, 291 nur ein Kind hätte und einem zweiten gewiß bis auf weiteres eine treue Mutter ſein würde... Für die Heimlichkeit des Aufenthalts ſeiner Frau in dem Orte gab er Gründe an, die ſo ſtichhaltig ſchienen, daß der Tiefgebeugte kein Arg hatte... Terſchka bewegte ſich freier, als der Mitgefangene, der kein erwieſener Verbre⸗ cher war, ſondern nur wegen mangelnder Legitimation, doch ſtreng gehütet, gefangen ſaß... Die Noth und die Hoffnung auf baldige Ranzioni⸗ rung bewogen Terſchka's Vater, auf den Vorſchlag ein⸗ zugehen. Er erkundigte ſich nach ſeinem Nachbar und nun erfuhr er freilich, daß es ein Mann war, den man für einen Gauner hielt. Es war ein Jude. Man ver⸗ muthete, daß ſein angeblicher Name Sontheimer ſchwer⸗ lich ſein rechter wäre, ſetzte aber hinzu, daß man ſich auch irren könnte. Daß ſeine Frau im Orte lebte, wußte niemand und da Sontheimer zu dringend gebeten hatte, daß ſie nicht genannt würde, ſchwieg der Kriegsgefangene und ließ ſein kaum lebensfähiges Kind an den ihm von ſeinem Nachbar näher beſchriebenen Ort, eine enge, dunkle Gaſſe dicht am Rhein, bringen... Wie die Umſtände waren, war das ein Glück für den Kriegsgefangenen, der durch eine ſo traurige Verkettung von Umſtänden un ſeine Freiheit, um ſein Weib kam und noch obenein die Sorge um ein Kind vom Schickſal auferlegt erhielt! Haus und Herd gab es damals für Tauſende nicht mehr... Mit den Armeen zugleich zogen die Bewoh⸗ nerſchaften zerſtörter und geplünderter Ortſchaften mit Beib und Kind und wo ſich Waaren und Gelder hin⸗ Pflüchtet hatten, da lauerte die Nachſtellung und der 19* 292 Ueberfall jener Verbrecherbanden, die wie giftige Pilze nach dem Regen aufſchoſſen im ganzen verwüſteten nord⸗ weſtlichen und ſüdlichen Deutſchland... Der Kriegsgefangene erhielt noch immer ſeine Frei⸗ heit nicht und dachte oft, obgleich der dazu nöthigen Mittel entblößt, an Flucht... Auf der Feſtung hatte er freieren Aus⸗ und Eingang, als die andern... Der Jude Sontheimer wurde nicht ins Freie gelaſſen, ſon⸗ dern wie der gefährlichſte Verbrecher gehütet, ohne daß man ihm etwas vorwerfen konnte... Seine wilden Flüche erſchreckten oft ſeinen Nachbar... Voll Entſetzen dachte er an die Aufbewahrung ſeines Kindes in ſolchen Händen... Beſuchte er aber dann wieder Sontheimer's Frau, ſo fand er ein ſchönes junges Weib, das ihn zwar nur halb verſtand(ſie war eine Holländerin); aber die Ermahnungen des Kriegers wirkten ſo lebhaft auf ihr Gemüth ein, daß ſie oft Thränen vergoß... Da wurde ihm freilich klar, daß es mit Sontheimer nicht richtig ſtand; er forſchte dahin und dorthin, ſuchte, ob ſonſt niemand ſein Kind an ſich nehmen wollte... Aber noch blieb ihm jede Hülfe vorenthalten... Die Spuren einer ſo weichen Geſinnung bei jener jungen Jüdin beſtachen ihn... er ließ ſein Kind um ſo mehr in ihrer Pflege, als ſie auch die hingebendſte war... Es koſtete bei der ſchwächlichen Geſundheit des winzigen Knäbleins nicht wenig Aufmerkſamkeit, ſein Leben zu erhalten... Dieſe Pflege würde ihm in ſo wilder Umgebung, bei dieſen Durchzügen und Einquartierungen von niemand anders gleich liebevoll und uneigennützig geleiſtet worden ſein... Allmählich entdeckte der Gefangene durch die Wand⸗ giftige Pi wüſteten nord eer ſeine Frei dazu nöthigen eſtung hattee De gelaſſen, ſon tet, ohne da Seine widde Voll Entſehe ontheimen das i ab „N. uderm),“* . ſo lebhaft goß. ntheimer u orthin, ſuch en wollte. al ſten... jungen Iü mehr in 1h Es b jgen Knät geſpräche die wirkliche Gefährlichkeit ſeines Nachbars... Der Jude beſchwor eines Tages den Krieger, den Ge⸗ fängnißwärter niederzuſchlagen und ihm die Schlüſſel zu rauben... Würden ſie auf dieſe Art frei, ſo wollte er ihn„fürſtlich belohnen“... Nun begriff der Kriegsgefangene vollkommen den Ver⸗ dacht der Sicherheitsbehörden... Die Welt war damals von Schrecken erfüllt vor jenen großen Verbrecherbanden. Durch die ſchlechte Juſtizpflege der Grenzgebiete Deutſch⸗ lands und beſonders der vielen geiſtlichen Regierungen hatten ſich von Strasburg bis zum Niederrhein alle zer⸗ ftreuten Elemente des Gaunerthums und der Heimat⸗ loſigkeit vereinigt und vorzugsweiſe durch die überwie⸗ gende Theilnehmerſchaft der Juden wurde bewieſen, wie es ſich an der chriſtlichen Geſellſchaft rächt, wenn ſie die Juden in einem abgeſchloſſenen Druck, in der Verweigerung der Anſiedelung und freien Erwerbsübung erhält. Man zitterte vor Abraham Picard, der unter hundert Verkleidungen und täuſchenden Entſtellungen ſeiner Berſon immer den Händen der Juſtiz zu entſchlüpfen wußte und von Holland bis zum Speſſart mit ſeinen Genoſſen und überall verſteckten Helfershelfern raubte und ſengte... Mit ſich kämpfend, was zu thun ſeine Pflicht war, ſand der Kriegsgefangene verzweifelnd zwiſchen dem Ver⸗ langen, die Behörden auf die Gefährlichkeit ſeines Nach⸗ hars aufmerkſam zu machen und zwiſchen der Sorge für ſein Kind... Voll Vertrauen zum Herzen des jungen Weibes wollte er ſie zu Rathe ziehen... Von ſeiner ihn immer begleitenden Wache geführt, kam er in die 294 Stadt und in jene dunkle Gaſſe. Er ſucht die Pfle⸗ gerin ſeines Kindes, tritt in ihr Zimmer und findet die Züdin entflohen... Mit beiden Kindern war ſie ſeit einem Tage verſchwunden... Außer ſich, hielt er jetzt mit keiner ſeiner Enthüllungen, wenigſtens über die heimlich in der Stadt anweſende Frau des Gauners zurück. Sontheimer wurde mit ihm confrontirt. Er ſtürzte auf den Verbrecher zu, den er zum erſten mal in ganzer Geſtalt ſah, verlangte Auskunft über den Ort, wo ſich ſein Weib verborgen haben könnte und hörte nun, wie dieſer kecke, wilde, trotzige Menſch, von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenſter geſteckten Kopf geſehen hatte, ſich mit einer Verſchlagenheit herauszureden wußte, daß er aus Furcht vor Rache an ſeinem Kinde Anſtand nahm, noch alles Fernere zu ge⸗ ſtehen, was ihm Sontheimer zugemuthet hatte. Liſtig ſagte dieſer: Es iſt nicht mein Weib geweſen, ſondern das Weib eines andern, der mir ſchuldig iſt und den ich in Nimwegen verklagen muß, wenn ich auf freiem Fuß bin! Laßt mich ziehen! Ich heiße Sontheimer, bin ein ehrlicher Menſch und werde euch die Frau in Nim⸗ wegen zeigen, wo ſie auf der Utrechter Gracht wohnt! Geſchrieben wurde nun freilich hin und her. Aber gerade dem Niederrhein zu und in Holland wüthete die Kriegsfurie. Städte geriethen in Brand; in nächſter Nähe waren die Bauern der Lahngegend, Heſſens, am Main bis zum Speſſart hinauf als Landſturm organiſirt,— mitten in die von der Bataviſchen Republik heraufziehenden Heere hinein konnte ſich der öſterreichiſche Krieger noch weniger wagen, ſelbſt wenn er entfloh. Aus Sontheimer war bt die h nd findet war ſie hielt er ¹s über d des Gaune frontirt. E m erſten m ber den O. nd hörte n von dem ter geſtect erſchlagent or Rache ernere zu! hatte. Li eſen, ſord iſt und! ch auf fre antheimen rau in acht wohn d her. 1 d wüthet⸗ nächſter) am Maln ſirt,— 3 thenden noch ne atheime 295 nichts mehr herauszubekommen. Auch da nicht, als endlich der Kriegsgefangene frei und mit vorgeſchrie⸗ bener Reiſeroute an die Oeſterreicher zurückgegeben wurde. Er durfte nicht etwa in ſeine Heimat zurück⸗ kehren, er mußte nach Italien gehen, wo gerade Su⸗ worow die Ruſſen und Oeſterreicher gegen die Fran⸗ zoſen führte. Mit blutendem Herzen trat er ſeinen ihm vorgeſchriebenen Weg an, ließ bei dem„Maire“ von St.⸗Goar die Erkennungszeichen des flüchtigen Weibes und ſeines Kindes zurück, bat einige freundlichgeſinnte Herzen um Nachrichten, wenn ihnen eine Kunde käme oder wenn der Jude Sontheimer entlarvt würde, und ging über Mainz nach Baiern, von dort über den Vorarlberg nach Tirol und Italien, wo er in der blu⸗ tigen, für Oeſterreich ſiegreichen Schlacht bei Novi den Tod fand. Abraham Picard, der gefürchtete Räuber war es ſelbſt geweſen, der bald nach der Entfernung des unglücklichen Kriegers in ſeinem Gefängniß auf dem Rheinfels ausbrach und noch eine Reihe von Jahren vindurch der Schrecken des Landes blieb. Jene junge Frau war in der That nicht ſein Weib, ſie war ſeine Schwiegertochter. Ihr Mann, ſein Sohn Heyum Pi⸗ tard, verſchaffte ihm zuletzt die Mittel zur Befreiung, nahm aber ſchon vorher ſein Weib zur Sicherung mit ſich hinweg. Abraham ſtarb auf dem Schaffot, als die zemeinſchaftlichen Maßregeln aller Regierungen dieſem Kaubweſen ein Ende machten. In den Niederlanden lildeten ſich Freiwilligeneorps, um den in ihren Schlupf⸗ vinkeln verſchanzten Räubern förmliche Treffen zu lie⸗ — ——— 3 3 —— 296 fern. Oft nach einer Gegenwehr, deren Heldenmuth einer beſſern Sache würdig geweſen wäre, fielen die Häupter der Gefangenen bei den Franzoſen unter dem Beil des Henkers, bei den Holländern wurden ſie ge— hängt, manche kamen für Lebenszeit auf die Galeere. Den nur Verdächtigen oder den unzurechnungsfähigen Kindern der Verbrecher brannte man Erkennungs⸗ zeichen auf die Haut, um ſie controliren zu können und ihrer Verſtellungskunſt zeitlebens ſicher zu ſein. Die Kinder gab man unter die Obhut beaufſichtigter Familien. Auf dieſe Art wuchſen Wenzel von Terſchka und Jean Picard zuſammen auf in einem holländiſchen Dorfe hart an der deutſchen Grenze... Die Mutter des letztern erlag den Anſtrengungen und den Mishandlungen ihres Mannes Heyum Picard ſchon vor deſſen Gefangennahme auf franzöſiſchem Gebiet und ſeiner Abführung auf die Galeeren von Breſt. Sie hin⸗ terließ ihren Pflegling ſowol, wie ihr eigenes Kind der Aufſicht eines ältern Knaben, der bei einem Müller Na⸗ mens Sterz in Arbeit ſtand— Hanne Sterz, die wir von den unterirdiſchen Gängen des Profeßhauſes in der Re⸗ ſidenz des Kirchenfürſten kennen, war einſt das Weib eines Hehlers, der auf einer einſam gelegenen Mühle den Gaunern in die Hände arbeitete. Mittel zum Unterhalt fehlten nicht, ſogar die reichlichſten gab es. Dieſer ältere Knabe hieß Franz Bosbeck und gehörte jener Famillie des Jehu Bosbeck an, eines Chriſten und ehemaligen Offiziers, den ſein diſſolutes Leben bis in die Berüh⸗ rung mit den verworfenſten Kreiſen der Gefellſchaft führte Heldenm te, fielen en unter der urden ſie g die Galee hnungsfähig Erkennung en zu könne 1 Picard ſch m Gebiet eſt. Sie! enes Kind! Müller) die wir! 3/ 5 in der 80 NT 6 d0s T nſt da en Müßle zum Unte b es. 1 e jener d ind I in die” elſchn d ehenne 1 297 und der ſogar ſeinen chriſtlichen Glauben abſchwur und Jude wurde. Als ſeinen und ſeines Bruders Jan Frevelthaten ein endliches Ziel geſetzt wurde, als eine mit beiſpielloſer Kühnheit ausgeführte Flucht aus einem Thurm in Nimwegen, wo Jehu Bosbeck neunzehn Mo⸗ nate mit den Füßen in Waſſer ſtand, das Signal zu einer gemeinſamen Verfolgung auf Tod und Leben wurde, zogen ſich alle zerſtreuten Familienglieder, die thätigen und die nur hehlenden, in einem Verſteck zu⸗ ſammen, einem Meierhof, der einem Mitverſchworenen gehörte. Hier wurden ſie umzingelt. Es gab einen Kampf, wie im offenen Kriege. Von Kugeln durchbohrt ſanken die Verbrecher, die ſich mit Verzweiflung wehrten. Ueber Leichen hinweg ſtürmten die Corps der Freiwilligen. Die Flammen ergriffen das ganze Anweſen. Das Haupt⸗ gebäude, ein ſtattliches Wohnhaus, war durch die ge⸗ füllten, in Brand gerathenen Fruchtſcheuern eine einzige Feuersglut. Da war es, wo der vierzehnjährige Mül⸗ lerburſch Franz Bosbeck, ein Verwandter des Haupt⸗ führers, zwei Stockwerke hoch aus den Flammen ſprang, in jedem Arm einen Knaben, Wenzel von Terſchka im linken, Jean Picard im rechten... Wohlbehalten kam er auf den Boden; die rauchenden Trümmer verbargen ihn in ihrem dampfenden Gewölk, er entfloh, rettete ſich u jener Mühle zurück und als auch dieſe in Aſche ge— legt wurde, irrte er mit ſeinen beiden jammernden Bflegbefohlenen, abwechſelnd bald den Einen, bald den Andern tragend, hinaus in Nacht und Verzweif⸗ lung... Terſchka war damals fünf Jahre alt, Picard ſtwas älter.. 298 Noch zuweilen ſchreckte Terſchka die Erinnerung an dieſe früheſten Lebenseindrücke wie ein Fiebertraum. Heute waren es wilde, leidenſchaftverzerrte Geſichter, wie ſie Rembrandt und Honthorſt malte, die er bei Laternen⸗ ſchimmer würfeln, Karten ſpielen, zechen ſah... Dann wieder ſah er Gold- und Silbergeräth aufgehäuft, Säcke mit klingender Münze getragen... Wieherndes Lachen ſchallte daher dahin. Plötzlich ängſtliche Aus⸗ rufe des Schreckens über Verrath... Dann blinkende gezückte Meſſer, geladene Piſtolen... er hörte fluchen aus einer Miſchſprache von Holländiſch, Deutſch, Jüdiſch und Franzöſiſch... Nichts aber hatte ſich unauslöſch⸗ licher ihm eingeprägt, als jener Schreckensaugenblick des Brandes, des Hülfejammerns, des Sprunges aus dem Fenſter. Alles das ſtand noch oft vor ſeiner Seele und doch war es ihm ſchon lange, als könnte es nicht geweſen ſein und wäre nur die mit der Wirklichkeit verwechſelte Erinnerung einer Erzählung. Aber das Schreckenvolle dieſer Erinnerungen wurde durch ein auch ihm eingebranntes Mal immer wieder neu beſtätigt. Er erhielt dies Mal ein Jahr nach jener Flucht. Zwar hatte ſie ein der Hehlerbande zugehörender Scharfrichter aufgenommen. Ein Jahr wohnten ſie am Fuße eines Hochgerichts. Hier, wo die Gerippe todter Pferde im Hofe moderten, hier unter den abſcheuerregenden Vor⸗ kommniſſen des Abdeckens, hier unter den Zurüſtungen von oft maſſenhaften Hinrichtungen lebten die drei Flüchtlinge, bis ſie dem Scharfrichter zur Laſt fielen und von ihm der Regierung ausgeliefert wurden. Dieſe gab ihnen den Stempel und lieferte den älteſten zu Schiffe nach merung; zum. He er, wie ſ i Laternen . Dan aufgehin Wiehernde ſtliche Au mm bünken rte fluch ſch, Jüdi unauslöſt nsaugenbl runges al vot ſein ls könnte r Wirklich Aberd uch ein a eſtätgt. 90 lucht. A Scharfti Fuße d 1 Pferde genden— fſtungen 1 Flücht und vol gah 1 Schif 299 Java; den zweiten gab ſie nach Frankreich, wo ſein Vater in Breſt auf den Galeeren ſaß; den dritten gab ſie einer zufällig in Rotterdam anweſenden Kunſt⸗ reitergeſellſchaft. Auch dieſe Trennung von ſeinen beiden Gefährten war Terſchka unvergeßlich. Der gutmüthige Franz Bosbeck weinte zwar nicht, wie er und Jean Picard thaten, aber er ſchied von ſeinen Pfleglingen mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes. Wenzel von Terſchka war von ſeinem achten Jahre an bis zum funfzehnten Kunſtreiter. Er kannte im all⸗ gemeinen ſeine Herkunft, ſie wurde ihm ſogar nach den Unterſuchungsprotokollen und den Ausſagen des Heyum Picard gerichtlich beſcheinigt: aber noch lag die Welt in allgemeiner Kriegsnoth und eine Eroberung der Vater⸗ und Heimatsrechte ſetzte damals, als Napoleon mit Oeſterreich im Kriege lag, für ein unmündiges, ſo wenig empfohlenes Kind niemand durch. Halb Europa durchzog Wenzel von Terſchka mit einer holländiſchen Kunſtreiter⸗ truppe. Bald war der Knabe der Liebling der Geſellſchaft des berühmten Jän van Prinſteeren und auch der Lieb⸗ lng des Publikums. Seine Behendigkeit und Gewandt⸗ heit übertraf alles. Im bunten Kleide auf dem Roſſe, in Paris, in London, in den Seeſtädten erregte er Be⸗ wunderung, bis er einſt in Amſterdam Unglück hatte und in Bein brach... Der große Völkerkrieg gegen Frankreich begann jetzt, wie Truppe löſte ſich auf. Ein aus Java heimkehrender Schweizerſoldat nahm den langſam Geheilten mit ſich nach ſeiner Heimat, nach dem Canton Unterwalden. Zu Stanz war es, am Vierwaldſtätterſee, wo 1816 für 300 die neue Befeſtigung der reſtaurirten italieniſchen Staaten ſchweizeriſche Mannſchaft geworben wurde. Wenzel von Terſchka, achtzehnjährig, nahm Handgeld von den römi⸗ ſchen Werbern, die, wie dies für Neapel geſchah, ſo auch für den Kirchenſtaat, eine anſehnliche Truppenmacht zum Schutz für unzuverläſſige, erſt neu hergeſtellte Zuſtände zuſammenbrachten. Als Lanzenreiter ging er nach Rom.. An Gelegenheit, ſich auszuzeichnen, fehlte es dem äußerlich zwar unſcheinbaren, aber mit einer wunderbaren Elaſticität begabten Jüngling nicht. Seine Reitkunſt über⸗ traf alles. Auch Muth und perſönliche Tapferkeit waren ihm nicht abzuſprechen, obgleich ſeine Weiſe von der ſeiner feſter und ſicherer auftretenden überwiegend ſchweizeriſchen Kameraden abwich. Die Schweizerſoldaten ſind in der Fremde das volle Abbild der heimiſchen Cantonalzuſtänden ihre Mannszucht iſt von einer unerbittlichen Strenge; der Verkehr der aus den alten Landesgeſchlechtern gewählten Offiziere mit den Gemeinen iſt ein ſtreng geſchiedener, das Hinaufrücken in höhere Stellen ein den letztern völlig unmögliches. Indeß wurde Wenzel von Terſchka In⸗ ſtructor der Reitſchule. Voll Unmuth über die Dienſt⸗ ſtrenge jedoch und von einem ſein Gemüth durchwühlenden Ehrgeiz getrieben offenbarte er ſich dem Geiſtlichen der Truppe. Dieſer gehörte den Schweizern ſelbſt als Feld⸗ prediger an und erwarb ihm keine Erhörung ſeiner Wünſche um höheres Avancement. In dem deshalb immermehr ſich ſteigernden Unmuth verlebte Terſchka auf dem ſchönen claſ⸗ ſiſchen Boden qualvolle Jahre. Die täglichen Uebungen auf der römiſchen Campagna, in der Sonnenhitze, auf den dürftigen, ſchon vom Roſſeshuf ſo vieler Kriege und Reitkunſt il f pferkeit we Strenge ten geni ſchiedener, letztern de Terſchke er die D urchwühle eiſtlichen llbſt als „Tü ſeiner I immermen ern ſchöneln , ich chen w nhlbe 301 Völkerwanderungen zerſtampften und um jede Fruchtbarkeit gebrachten Heideflächen ſtimmten ihn oft zur Verzweiflung. Er verſuchte den Uebergang zu den Truppen, die inzwi⸗ chen von der päpſtlichen Regierung ſelbſt organiſirt wur⸗ en; aber ſein empfangenes Handgeld verwies ihn in die Reihen der Krieger, bei denen er nun einmal ſtand. Zuletzt reclamirte er ſeine Unterthanenſchaft beim kaiſer⸗ lich öſterreichiſchen Botſchafter, durch deſſen Kanzlei ihm auch die von ihm erbetenen Eröffnungen über ſeine in Böhmen befindliche Familie und ſein mütterliches Ver⸗ mögen zukommen ſollten. Aber der ſtrenge geregelte Gang des ganzen römiſchen Lebens, dieſe ſich überall dort(wie in einem weitläufigen Palaſt, wo an jeder Treppe von Schildwachen uns eine ſtrenge Zurückweiſung wird, wo jede Thür ihre feierliche Aufſchrift und ihr drohendes Wappen uns entgegenhält) beklemmend und angſterweckend gebende Geſchäftsform verwies ihn immer wieder auf ſeine Kaſerne, die nicht fern vom melancholiſchen Forum leg, unter den Trümmern der denkwürdigſten Vorwelt, nahe an jenen epheuumwucherten großen Thermen, die man nicht ſehen kann, ohne an die grauſamen Zeiten zu denken, wo unter dem Namen der Gladiatoren Hun⸗ derttauſende in abgeſteckten Lagern koſtbar gemäſtet wur⸗ den, um als Fraß für die wilden Thiere oder, waren * Prätorianer, für den nicht endenden grauſamen Krieg und die noch größere Grauſamkeit der anſtrengendſten Jaßmärſche— von Indien nach Britannien zu dienen. Oft kam ihm unter den einſamen weidenbewachſenen Hügeln beim Fernblick auf die blauen Gebirge, beim Apnen des hinter ihnen aufwogenden Meeres der Ge⸗ ſ d 302 danke an Selbſtmord, an Flucht, Deſertion; denn zuletzt ſchreckte ihn ſelbſt der gewaltſame Tod durch die ſtra⸗ fende Kugel nicht mehr. Da erlöſte ihn von einem ihm immer qualvoller werdenden Schickſal der Monotonie, der Abhängigkeit im Dienſtzwang und des unbefriedigten Ehrgeizes ein neuer Unfall. Nicht das Bedürfniß nach Vertiefung ſeines regen Geiſtes war es, das ihm Augenblicke des wildeſten Einſetzens ſeines ihm verhaßten Lebens gab; nur vor⸗ zugsweiſe der gebundene Ehrgeiz, nur die gebundene Lei⸗ denſchaft tobte ſich aus, als er zum zweiten male ein Unglück zu Roß erlebte und von einem für unbezähmbar geltenden Neapolitaner in der That abgeworfen wurde und für todt auf dem Platze blieb. Sein Wage⸗ muth war durch Umſtände herausgefordert, die faſt an die Zeiten ſeines Kunſtreiterthums erinnerten. Die Schwei⸗ zertruppen hatten ſich 1821 ausgezeichnet bei Unter⸗ drückung der Aufſtände des Montferrat und Piemont. Don Tiburzio Ceccone, der jüngere Sproß einer Fa⸗ milie der Nobili, war als Vorſitzender der Prevotalhöfe gegen die carbonariſchen Verſchwörungen in kurzer Zeit zur höchſten Würde, zum Cardinalat, gelangt. 1819 war er, wie eine dunkle Sage ging, wie Holofernes von Judith, ſo von einem fanatiſchen Bürgermädchen Namens Luerezia Biancchi faſt ermordet worden und 1823 ſaß bei einem Beſuche, den der Allgewaltige der Reitbahn der Schweizer⸗Lanciers zur Anerkennung ihrer geleiſteten Dienſte machte, neben ihm ein Kind von vier Jahren, bildſchön— wie es hieß, ſeine„Nichte“, wie Andere ſag⸗ ten, ſein eigenes, das Kind— jener Lucrezia Biancchi, die ; denn zu urch die ſte⸗ ner qualvol hängigkeit! ein nen tiefung ſein des widdiſ b; nur vi iten male unbezähnt 303 noch im Kloſter der„Lebendigbegrabenen“ lebte... Neben beiden in angemeſſener Entfernung, nahe genug, um auf keine Anrede des ſtolzen, üppigleidenſchaftlichen, noch jugendlichen Herrn im ſchwarzen Kleide mit den rothen Strümpfen die Antwort ſchuldig zu bleiben, ſaß, zwar nicht mehr in erſter Jugendblüte, aber immer noch in der Schönheit römiſcher Imperatorenmütter und wie eine betrönte Heroine die Herzogin von Amarillas, eine frühere Sängerin Fulvia Maldachini... Ringsumher ſaßen Würdenträger des römiſchen Hofes, alle auf einer mit ſunten Teppichen belegten, mit Blumen geſchmückten Eſtrade und den Reitkünſten der Arena zuſchauend... die Gräfin Erdmuthe von Salem⸗Camphauſen würde zu dem Anblick geſprochen haben:„Offenbarung Johan⸗ nis 16: Und ich ſahe das Weib ſitzen auf einem oſinfarbenen Thiere und ſie war bekleidet mit Schar⸗ ach- und Roſinfarbe und übergoldet mit Golde und Selgeſteinen und Perlen und hatte einen Becher in der Hand voll Greuel und ich ſah das Weib trunken von den Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen geſu“— Wie anmuthig aber, wie freundlich, wie unſchuldig nachte ſich das alles in der Wirklichkeit! Lachen und ſöpliche Luſt auf den Mienen, ſo rein wie der tiefblaue Jimmel über ihnen, in dem nur wenige roſige Wölkchen nie kleine Montgolfieren ſchwammen!... Die Trompeten ſmetterten... Das ſtörte eine Nachtigall nicht, die n den Syringenbüſchen nebenan ſich einſam glaubte riter ringsum liegenden zertrümmerten alten Säulen⸗ ſteften... Wie ſchwatzte man durcheinander!... Sor⸗ 304 betti gingen im Kreiſe, die der Koch Ceccone's bereitete, dann und wann mit ſeiner weißen Tellermütze hervor⸗ lugend hinter einem improviſirten teppichbehangenen Ver⸗ ſchlage... Terraſſenartig ſtiegen rings die Hügel hinan und aus Villa und Kloſter und hinter alten Tempelſäulen und Thermenbögen guckte die abgeſperrte Neugier in das tieferliegende Bild der Arena, der ſchnaubenden Roſſe und der Quadrille, die die beſten Lanzenreiter ausführten auf Roſſen, die zu tanzen ſchienen... Neue kleine goldene Scudis waren geprägt worden mit dem Bildniß des Stellvertreters Chriſti, zierliche kleine Halbdukaten, mit beziehungsreicher Inſchrift auf der Reversſeite für den neuen Triumph der Ordnung und des Glaubens... Eine ganze Büchſe voll davon rüttelt die kleine Olympia, wie man die vierjährige Nichte nannte, und plaudeit und plaudert, wieviel das Kriegsminiſterium jedem als buona manchia verabfolge, der die ſchöne Quadrille jett zu Pferde tanze... Kein Sirocco weht... Leichte milde Frühlingsluft nach langem Regen... Ein Duft ringsum, wie herübergefächelt aus den Gärten der Hespe⸗ riden... Und nun macht Ceccone ſogar Witze und ſprichte wenn die Roſſe ſich nicht nach Sitte aufführen, zu einen Mitglied des diplomatiſchen Corps— auch von Hesperider⸗ äpfeln... Frägt dann raſch die Frau des ſpaniſchen Geſandten ihren Mann: Queest-il quil a dit? ſo eitint Eminenz ſelbſt mit graziös lächelnder Miene und ſo, wie auch nur ein Cardinal lächeln kann, einen Vers— aus Guarini's Schäfergedichten... Luft, Sonne, Licht, Farbe— Glück und Wonne ringsum— aber Wenzel von Terſchka's Solo mislang one's bere rmütze herr hangenen! ie Hügel hi Tempelſät Neugier ind zubenden R eiter ausfüht Neue li it dem Bild 2 Halbduke Reversſeite Glaubens ſeine Olym und plal zum jedem Quadrill und ſ Gitze ühren, zu von Hespe ſpan ſo des 9 di ene und „Pers Ve 305 doch. Sein Neapolitaner war nicht ſo leicht gebän⸗ digt, wie die Revolution des Generals Pepe. Der kühne Reiter liegt auf dem Boden und alle halten ihn für todt... Dort herauf ragt das Coliſeum, wo in ſol⸗ chen Fällen die alten Opfer ruhig aus den Schranken hinweggetragen wurden und der Römer gleichgültig zur Tagesordnung, einem neuen Kämpfer, überging. Ein Kreuz entſühnt jetzt die wilde Stätte und— was ſchul⸗ digſt du auch ewig nur Rom ſo ungebührlich an, du greiſe waldenſiſche Herrin von Caſtellungo!— das Carrouſel— hört auch hier ſogleich auf... Man trägt den für todt Er⸗ llärten in das Ospizio de Benfratelli... Die halbe Büchſe voll Paolis wird vorläufig ſogleich für ihn allein beſtimmt Die andere Hälfte der buona manchia erhalten die andern ohne weitern Gladiatorenkampf... Die Herr⸗ ſchaften brechen auf und fahren von dannen... Ecclesia abhorret sanguinem—„Die Kirche will kein Blut“... Wie wurde der Inſtructor der Reitbahn bemit⸗ leidet!... Man erfuhr: Drei Rippen waren ihm gebrochen das Uebrige zur Beſinnungsloſigkeit that die Erſchüt⸗ terung... Nun hörte man vollends noch, daß der Un⸗ Lückliche einen adeligen Namen trug... Die beſonderſte Obhut nahm ihn in Schutz... Drei lange, traurige Monate lag Terſchka bei den Lenfratellen und war endlich geheilt. Er erklärte, kein Noß mehr beſteigen zu können... Er erbittet ſeinen Abſchied und erhält ihn auch... In der That ſchleicht er ſiech und elend in Roms Gaſſen am Stabe dahin... Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 20 306 Aus Böhmen hatte Wenzel von Terſchka die Kunde erhalten, daß die Verlaſſenſchaft ſeiner Mutter ſchon vor Jahren in Concurs gerathen war, Brand hatte ihr unverſichertes Eigenthum entwerthet... auch dachte er nicht mehr gern an Verwandte, die Bäcker waren. So voll Ehrgeiz ſteckte er, daß es ihn faſt ärgerte, als der Laien⸗ bruder der Benfratellen, der ihn ſpazieren führte, an dem kleinen deutſchen Friedhofe, der dicht an der Peters⸗ kirche liegt, ſagte: Sehen Sie nur, Herr, faſt alle Deutſche, die hier begraben liegen, ſind Bäcker geweſen! Das Backen haben die Römer erſt wieder aus Schwa⸗ ben und Baiern gelernt! Alle dieſe alten Bilder an den Grabmälern ſind deutſche Bäckermeiſter!*)... Terſchka ſah kaum hinüber... Er blickte nur zu den Zimmern des Papſtes hinauf, zu den Zimmern des Cardinals Cec⸗ cone, der im Vatican ein Stockwerk höher als der Papſt wohnte... Den Prieſtern, die im Hospital dienen, er⸗ klärte er endlich, als er völlig geheilt war, mit zagen— der Schüchternheit, daß er wol Luſt verſpürte, in den geiſtlichen Stand zu treten. Der Orden der Jeſuiten war noch nicht lange wie⸗ derhergeſtellt und beſonders zu ihnen zog es Terſchka, da er ſich die Kraft zu einem ſtill beſchaulichen Leben nicht zutraute. Er war nun fünfundzwanzig Jahre alt und hatte nicht viel gelernt, außer den lebenden Sprachen. Aber ſein Geiſt war mächtig entwickelt gleich ſeinem Kör⸗ per— er, der zwei Monate zu früh ins Leben gekom⸗ men! Sein Wunſch war ein Wagniß, das ihm mis⸗ *) Thatſächlich. hka die Kund Mutter ſche rand hatte in auch dachte: daren. So vel als der Laie een führte, a an der Peters err, faſt al er geweſer r aus Schwe Bilder an de Terſch Zimmern d Lardinals 6 als der Paf tal dienen, 3 ar, mit zage ſpürte, in 5 icht lange es Teiſch . Leb aulichen 6 ) Jahre alt nen Spuat ich ſeinem! Leben g das ihnmn das 307 lingen konnte; aber er zeigte ſich liſtig. Er hatte den Muth, an die kleine Olympia zu ſchreiben und ihr in dem ſchnell erlernten Italieniſch durch ein Sonett zu ſagen:„Du ſüße himmliſche Kleine! Sei mein Schutzengel! Erwirke mir die Sporen des heiligen Georg, die mich nicht wieder, vie irdiſche, im Stich laſſen ſollen! Ich will für dich beten bei Ignazius von Loyola, der ja auch ein invalider Krieger war und jetzt der Gottesmutter ſo nahe ſteht, hilf mir auch auf dieſen Weg, du ſüßer Engel!...“ Olympia, die Tochter jener Lucrezia Biancchi, die fich opferte, um den„Haß des Menſchengeſchlechts“, wie die Carbonari den oberſten Richter der Prevotalhöfe nannten, zu tödten, hüpfte mit dieſen Zeilen zur Her⸗ jogin von Amarillas, ihrer Erzieherin, ihrer Hofdame, wie man ſagen konnte— Tiburzio Ceccone lebte auf ſürſtlichem Fuß und erzog das Kind der im Kloſter der Vivi sepulti lebenden Mutter, die den Tod ver⸗ wirkt hatte, wie ſein eigenes— was gab es da nicht alles zu verſchweigen und mit Schleiern zu bedecken!... Die Herzogin zeigte dem Cardinal Abends beim Thee die in leidlichen Verſen vorgetragene Bitte des jungen Schwei⸗ erlanciers, der Cardinal mit ſeinem feurigen Cäſarenkopf lrchte und Wenzel von Terſchka, deſſen Antecedentien man noch nicht vollſtändig kannte, klopfte eines Tages — an die Pforte des Collegium al Gesu... Kommt ihr niederwärts vom ehemaligen Capitol, üßt zur Rechten jene Kapuzinerkirche liegen, wo eine lleeine hölzerne Figur, in die Gewänder eines Wickel⸗ kindes eingeſchlagen,„Bambino“ genannt, als Jeſus⸗ lird gegen alle Anfechtungen des Lebens angerufen, ja 20 308 ſogar aus der Kirche in Proceſſion abgeholt wird zu Sterbenden oder zu Wöchnerinnen, ſo ſteht ihr an ei⸗ nem kleinen Platz vor einer Kirche, die die reichſte in Rom, nicht die geſchmackvollſte iſt... Die Facade, die innere Ausſchmückung gehört der Kunſtepoche Bernini's. Wagen über Wagen rollen bei ihren Stufen vor, Bett⸗ ler in langen Reihen berühren die ſeidenen Gewänder der vornehmſten Damen und reißen den Eintretenden an der Thür große lederne Decken auf, die Vorhänge bilden. Drinnen empfängt dich ein myſtiſches Dunkel, Weihrauch, Lichterglanz, eine ſtickige Luft von Tauſenden. Nirgends wird ſo laut gebetet, ſo ſicher geſungen, ſo feurig ge⸗ predigt in Rom wie hier. Marmor und Gold ſind ver⸗ ſchwendet, Grabmäler ſtehen mit Statuen von großen Mei⸗ ſtern geſchmückt, koſtbare Kapellen laufen ringsum; ſie haben die bequeme Einrichtung, daß ſie unter ſich durch Thüren zuſammenhängen und als trauliche Winkel die⸗ nen, in denen man hinter einem Pfeiler flüſternd ver⸗ weilen oder einer im Schiff zu laut daherſchallenden Kanzelrede in aller Stille folgen kann. Am öſtlichen Ende liegt eine kleine Ausgangsthür. Sie führt den Durchgehenden auf ſteinernem Fußboden in einen Neben⸗ eingang— man ſieht einen düſtern Hof, in welchen Fenſter eines großen todtenſtillen Gebäudes hinausgehen, das ſich dicht an die Kirche anlehnt. Kein Gefäng⸗ niß iſt es, obgleich die Fenſter vergittert, ja theilweiſe mit Bretern vernagelt ſind; es iſt das Colleg der Je⸗ ſuiten... Terſchka's Anmeldung wurde durch die Empfehlungen des Cardinals erleichtert. Ein Oberer empfing ihn, legte olt wid; ihr ane e reichſte Facade, de Bernint vor, Be jewänder de nden and ange bilde „Weihrau n. Nirgend feurig! großen ringsum; ter ſich d „Vinkel d flüſternd! herſchallen An öſlli ie führt! 5p einen Ni in welc hinausge .(Feff dein Ge ja theln olleg de Enreh ing ihn. 309 ihm Fragen vor und— wiederholte dieſe Fragen noch einmal, nachdem ſie ſchon beantwortet waren. Sonder⸗ bar, er fragte nach Dingen, die in vollem Gegenſatz zu dem ſtanden, was er ja ſoeben aus Terſchka's Ant⸗ worten gehört hatte. Sonderbar, dieſer hatte geſagt: Ehrwürdiger Vater, ich hatte bereits bemerkt—! Ein andermal: Wenn ich ſchon geſtand, keine todte Sprache zu keinen, ſo kann ich doch nicht Griechiſch wiſſen— Terſchka ging... Der Obere nickte ihm freundlich nach... Niemand ließ ſich aber bei ihm wieder ſehen. Er wohnte noch immer bei den Benfratellen... Er war vergeſſen... Wochenlang... Tag um Tag verging... Terſchka gerieth außer ſich. Die Benfratellen klärten ihn auf. Der Obere hat Ihren Charakter prüfen wollen! Sie ſind ungeduldig! Nur deshalb ſtellte er ſich Ihnen vergeßlich und ſchwach⸗ ſinnig, um zu ſehen, ob ſich bei Ihnen eine heftige Selbſt⸗ ſtändigkeit Ihres Weſens zeigen würde... Terſchka verſtand jetzt das Benehmen des Obern. Voll Verzweiflung über ſich ſelbſt wollte er wiederum an die kleine Olympia ſchreiben... Thun Sie das ja nicht! hieß es allgemein... So geh' ich noch einmal zu dem Obern!...„Er wird Sie abweiſen! Warten Sie in Geduld!“... Vier Wochen wartete Terſchka. Dann rief man ihn in der That wieder... Er hatte„Geduld“ bewieſen... Ein anderer Oberer erſchien und lobte Terſchka, daß er ſich beherrſcht und nicht gemahnt hätte. Auch er fragte dielerlei und Terſchka antwortete ſchon viel ruhiger und mit größerer Vorſicht. Nur als der Obere ſagte: So bleiben Sie denn jetzt gleich hier! und Terſchka er widerte: Ehrwürdiger Vater, ich habe erſt meine Sa chen zu ordnen! da veränderten ſich die Geſichtszüge des Examinators... Wieder hatte Terſchka nicht beſtanden. Wieder hatte er einen andern Willen als man voraus⸗ geſetzt... Er ging, ſeine Verkehrtheit ſchon ahnend. Und neue vier Wochen verſtrichen, die er warten mußte! Der Novize ſeufzte, aber er war ſchon demüthiger geworden. Sehnſüchtig ging er an dem Collegium vor⸗ über, ſah zu den Fenſtern des rieſigen Gebäudes auf; jede Wallung, anzuklingeln und ſich in Erinnerung zu bringen, unterdrückte er und als man dann ihn endlich wirklich rief, ſchlich er ruhig und ergeben in das ihm an⸗ gewieſene Zimmer... Man gab ihm ein Neues Teſtament, den Thomas a Kempis und Rodriguez über die Geſellſchaft Jeſu. Er konnte kein Latein. Er mußte dies und alles ganz von vorn erlernen— in ſeinem fünfundzwanzigſten Jahre! Aber alle Beſuche, die er von zwei zu zwei Stunden bald von dieſem, bald von jenem Ordensgliede empfing, ver⸗ ließen ihn mit dem Zeugniß, das ſie den Oberen ab⸗ legen konnten, der junge Noviz beſäße Geiſt und ſeltene Welterfahrung. Außerordentlich ſchien er gefallen zu haben. Nach acht Tagen erhielt er ein gedrucktes Examen, das er ſchriftlich beantworten mußte. Er konnte es deutſch oder italieniſch thun... Schon in dieſer Aufforderung zur vollſtändigen Dar⸗ legung ſeines Lebens lag für ihn ein Anlaß zu man cherlei Beſorgniß. Sein Leben enthielt ſo gefahrvolle Obere ſagt Terſchta er ſt meine S ſichtszüged icht beſtanden man vorau en ahnend. warten mußt n demüthige ollegium vor zebaudes al rinnerung ihn endli das ihm a Thorna den gaft Jeſu. nanz von vol Jahre! A Stunden ba empfing, Oberen fändigen 1 nlaß zü fah gefal 311 Dunkelheiten! Das Mal am Arme! Sein erſter Be⸗ ruf war der einer ſchnöden Schauſtellung ſeiner Per⸗ ſon geweſen! Wie konnte er auf eine künftige Prieſter⸗ weihe hoffen! Er verzweifelte; denn zum Erfinden von Ausreden und Verſchleierungen der Wahrheit verlor er in dieſen Mauern ſchon ganz den Muth. Faſt war es ihm auch, als käme man hier am ſiegreichſten durch, wenn man ſich in allen Lagen ein für allemal auf Gnade und Ungnade ergab und ſich ganz ſo nackt und ſo bloß dar⸗ legte, wie man wirklich war. Schon glaubte der Novize am Ziel ſeiner Wünſche zu ſein, als er in dem gedruckten Formular auf eine Stelle ſtieß, wo es hieß, daß er ſechs Monate noch außerhalb des Hauſes der Geſellſchaft leben müßte und erſt ſechs ver⸗ ſchiedene anderweitige Proben durchzumachen hätte! Er traute ſeinen Augen nicht. Wieder ein halbes Jahr ſei⸗ nes Lebens verlieren? Von jetzt an— es war zur Zeit der Sommermitte— bis zu Weihnachten wieder in einen halben Zuſtand zurückverſetzt, wieder auf ſich ſelbſt angewieſen, auf die Unruhe und Ungeduld ſeines Her⸗ zens? Er hoffte auf Erlaß dieſer Bedingung und glaubte an eine in dieſem Statut nur ſo enthaltene und außer Uebung gekommene alte Förmlichkeit. Man holte dann das Blatt ab. Drei Tage vergingen. Schon nahm er am gemeinſchaftlichen Mahle theil, ſchon hatte er ſich man⸗ ches einzelne Ordensmitglied, das ihm zuſagte, heraus⸗ Zefunden, da wurde ihm mit freundlichſter Miene an⸗ gekündigt, daß er auf ſechs Monate ſeine Zelle wieder zu werlaſſen hätte: einen Monat ſollte er bei den Schülern des Collegium germanicum wohnen, einen Monat in San⸗ 312 Michele Kranke pflegen, einen Monat ſich als Wallfahrer kleiden und in Rom und auf zehn Meilen in der Runde ſeinen Unterhalt durch Betteln ſuchen; dann zurückkehrend ſollte er im Collegium täglich einen Monat lang die Stuben reinigen und endlich in einer entfernten Kirche der Vorſtadt Knaben in den Anfangsgründen der Reli⸗ gion unterrichten, im ſechsten Monat ſollte er allen Pre⸗ digten beiwohnen, deren in den hundert Kirchen Roms drei oder vier täglich und zu verſchiedenen Zeiten gehalten wurden und darüber Referate geben und bei allen die⸗ ſen Proben zu gleicher Zeit auch noch die lateiniſche Sprache erlernen... Aufſchreien hätte Wenzel von Terſchka mögen vor Ver⸗ zweiflung, aber ſchon band er ſein Bündel und ſchickte ſich an, ruhig die Vorſchrift zu erfüllen. Sein Auge blinzelte etwas; er hatte ſchon bemerkt, daß wie beim Opfer Abraham's der Wille hier manchmal für die That ge⸗ nommen wurde; er hatte ſchon bemerkt, daß man all⸗ mählich auch unter dieſer ſtrengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten verſteht. Und in der That, man ließ ihn zwar aus ſeiner Zelle ſchreiten, wies ihn aber doch nur zwei Stockwerk höher, um ihn zu jenen deutſchen Kna⸗ ben und Jünglingen gelangen zu laſſen, die in Rom zu Prieſtern erzogen werden. In dem mächtigen Gebäude war auch für dieſe Platz. Ein Rector empffig ihn, lächelte ſeines Alters, ſprach ihm Muth zu und alles das in deutſcher Sprache; Pater Taver war aus dem Inn⸗ viertel. Ein rothes Kleid mit einem ſchwarzledernen Gürtel mußte Terſchka anlegen, wie ſeine Genoſſen. Um fünf Uhr mußte er aufſtehen, das Sakrament in [8 MaſIfab ls Walffahre in der Run zurückkehren nat lang d fernten Kirc den der Re er allen Pt eirchen Rom eiten gehalt bei allen di ie lateiniſt beim Opf die That! daß man d abzuhande zat, man li aber doch eutſchen K e in Nom igen Gehn empffig! und alles! us dem fwarzlede ne Gen Zakram 313 tiner Kapelle beſuchen, dann in einer Zelle Betrachtun⸗ zen leſen, ſie auswendig lernen, hierauf zur Meſſe zehen und erſt um acht Uhr ein leichtes Frühſtück neh⸗ men, zu dem dann noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu ſprechen waren; ſo ging es von Stunde ſu Stunde weiter bis zur neunten des Abends, wo im Ru ſämmtliche Lichter des Hauſes erloſchen ſein und ille Schüler auf hartem Lager ſich dem Schlaf empfeh⸗ en mußten. So erſt acht Tage lang. Dann aber wurden die Vorſchriften leichter. Glückliche Hoffnung, die ihn eheelte, er würde die fünf übrigen Monate erlaſſen be⸗ ernmen! Sie erfüllte ſich theilweiſe und in erfreu⸗ ichſter Art. Er brachte ſie ſämmtlich bei den deutſchen jünglingen zu, deren Unterricht er zu theilen hatte. Sthon die Scham, unter Knaben ohne Bart verweilen nd Latein von vorn beginnen zu müſſen, beflügelte ſei— en Lerneifer. Er, der das Leben ſchon in allem kannte, das der natürliche Menſch mit Ungeſtüm zu fordern flegt— ſaß hier auf der Schulbank, doch ſein Kleid ind ſein phyſiſcher Bau ließen ihn dabei wenigſtens äu⸗ ealich ſo jung erſcheinen, wie die neunzehnjährigen... Seltene, aber glückliche Stunden waren es, wenn ſe rothgekleidete Schar in den ihr eigenthümlich an⸗ elörenden Weinberg wandern durfte, um dort einen lachmittag, meiſt ballſchlagend und wettlaufend zuzu⸗ kingen. Dieſer Weinberg lag nicht weit von ſeiner ehe⸗ na igen Kaſerne, auf den Höhen des Monte Cölio, dicht 8 einer Kirche, die von außen die merkwürdigſte, von umn die abſchreckendſte aller römiſchen Kirchen iſt. Ge⸗ ud, den deutſchen künftigen Prieſtern hat man die Ro⸗ 4 tunde des heiligen Stephanus gewidmet, einen alten, ſehr denkwürdigen Bau, der mit Bildern grauenhafter Art geſchmückt iſt. Ausſchließlich ſcheint ſie dem Mar⸗ tyrium gewidmet. Da liegt die vom Henker abgeriſſene blutige Bruſt der heiligen Agathe auf der Erde; ein Tiger krallt ſeine Tatze in das Fleiſch eines nackten Jünglings; der heilige Hippolyt wird, mit ſeinen Füßen an flüchtige Pferde gebunden, dahingeſchleift— es ſſt eine blutige Anatomie, eine Morgue, in deren Ar⸗ ſchauung gerade die deutſchen Jünglinge in Rom— E⸗ holung finden müſſen! Wahrhaft erquickend war dann der zuweilen gewährte Beſuch in den Gärten des Heil⸗ gen Vaters auf dem Quirinal. Die blauen, gelben, grauen Zeſuitenſchüler erfreuten ſich damals dieſer Gunſt noch öfter, als die rothen; jetzt lernt man auch die Bͦ⸗ deutung dieſer rothen Jünglinge ſchätzen. Wie berauſchend, wie ewig an Rom feſſelnd, bei Sonnenglut in dieſen⸗ herrlichen, haushohen, kühlen Boskets von geſchnittenen Myrten zu wandeln und da Trucco, ein Kegelſpiel, ſi ſpielen! Unter dieſer Fülle von Oleandern, blühenden Aloes und Cactus! Unter dieſen zahlloſen Orangenbäu men, deren Blüten die Luft mit berauſchendem Duft erfüllen Ringsum tobt und wogt das lärmende Rom, die Waßet fahren, die Brunnen ſchäumen— auf dieſem hochgelegenen Hügel verbirgt ſich hinter einer chineſiſch abſperrenden ho hen Mauer, dicht an dem Palaſt der zweiten Reſidenz der Heiligen Vaters(der Lateran, die dritte, iſt ein Stieftind der Päpſte geworden), ein Garten, geſchmückt mit allen Reizen der Natur. So dicht gezogen und beſchnitten ſind die edelſten Platanen, daß es unter ihnen bei glühenden TMit taſch Uöeier wäut Ceot letem j ſim ſt luſt 1 Ehh d anfe I Iner ſihe Rvotde Biings band rener un ſt bür Vraus du fir ähe debl phr drvei end ſer s Gl⸗ eia et, einen ern grauend t ſie dem denker abgenſ der Erde, ch eines nal nit ſeinen o ſchleft— d in Kegelpi n, blüt nder ſen Orange 315 Mittagshitze kühl iſt, Springbrunnen plätſchern, die Lacer⸗ en ſchleichen unter den großen, bis zum Boden wuchernden jeigenblättern dahin, Marmortiſche und Seſſel laden zſur Ruhe in den erquickendſten Schatten, den jene zwei ötockwerk hohen geſchnittenen engen Myrten⸗ und Liguſter⸗ fecen hervorbringen helfen— ſie ſind in der Breite ſo ſhmal, daß man faſt nur allein, nicht im Selbander durch ſe hindurchſchreiten kann. Hier reinigte die balſamiſchſte uft alle vier Wochen einmal die Bruſt vom erſtickenden Schulſtaub. Terſchka, der Mann, der ſchon auf einer inſehnliche Höhe des Lebens Angekommene, der mit Er⸗ tmerungen ſchon für ein halbes Leben Ausgeſtattete, konnte ſer eine Weile vergeſſen, daß er wieder zum Kinde ge⸗ vorden, konnte die marmornen Hermen bewundern, die ings von Epheu und Myrte umſchloſſen in den Boskets ſſanden und oft Frauenbilder der alten Römerzeit von ſel⸗ mner Schönheit darſtellten. Zwei dieſer Hermen erklärte er in ſtill unterdrückter, noch nicht abgeſchworener Liebesglut fir die Herzogin von Amarillas und das künftige Jung⸗ finnenbild der Olympia. Sie ſind noch jetzt von jedem 5 ſtnden vor dem kleinen Caſino des Papſtes, dicht in der Rihe der Treibhäuſer, unter Gruppen von Aloes, zwei nibliche Köpfe voll Starrheit, Verwegenheit und jener Spbinxſchönheit, die Terſchka in ſeinem ſpätern Leben nur neimal wiederſah, bei jener Angiolina in Dalmatien und bei Lucinden— unter den Offizieren in Kiel ſagte us damals... Nachdem Terſchka nach zweijährigen Studien ins Silegium wieder hinunterzog, gaben ſeine General— iten mancherlei Anſtoß. Sein vergangenes Leben 316 widerſprach den Anſprüchen, die die Kirche an die Un⸗ beſcholtenheit ihrer Prieſter macht. Sie duldet keine Ent 18 ſtellung des Rufes wie des Körpers, keine ſchwächli⸗ 5 chen, krankhaften Geſtalten, nichts, was irgendwie dem Makel der Welt verfallen iſt und etwa dem Geiſt das Ueber- gewicht verleiht— auch Pater Sebaſtus hatte nicht die Wei. hen empfangen. Aber Wenzel von Terſchka bot alles auf ſich Erhörung zu verſchaffen und eine Vergeſſenheit der Jahre, wo er als Kind und Knabe unter Räubern und Gauklern lebte. Eine thatkräftige Natur muß zu einen Ziele, das ſie ſich einmal geſtellt hat, irgendwie hin⸗ durch. Sie bereut vielleicht ſpäter die Anſtrengungm, die ſie machte, um des nicht befriedigenden Lohnes wil len; aber den Werth des Lohnes, wenn man auch ſchen ſeine Geringfügigkeit ahnt, erwägt der nicht, dem eine Lauf bahn Mühen macht und deſſen Kopf voll Ehrgeiz ſtect Selbſt den ſchon unbedingt gegen ihn entſcheidenden Au ſtoß des Brandmals auf ſeinem Arme, das durch nichti hinwegzutilgen war, das jeder chemiſchen Beize, jeden blutigen Operation widerſtand, überwand ſeine Gedulh⸗ ſein inbrünſtiges Bitten, zuletzt ſeine Intrigue; denn ſe unmöglich es faſt war, außerhalb des Collegiums einer Briefwechſel zu unterhalten, Terſchka überſandte wieden einen Brief an die Herzogin von Amarillas und dichtenn wieder ein Sonett an Olympia Maldachini... Die Kleine, die als Italienerin von fünf Jahren ſcheu ſo entwickelt und willensſtark war, wie eine Deutſche vor acht, ſetzte ihrem heiligen Georg Schild und Lanze durch. Die Väter lächelten und ſchienen eigenthümliche Plän! zu haben... 317 irche an di Terſchka erhi G ielt die S düdet kms urt dr ottane, d üldet im 4 die ſchwarzen Strümpf den ſchwarzen Leih⸗ „keine ſöri haupthaar wurde geſchoren pfe und Schuhe as irgendwie Ecc„ gene a o un nuovo fratello! rief eines T Geutzeneüin den übrigen N di Tages bei Tiſche räfin Erdmuthens 2 Loigen zlt. ut ns Ausru 15 .. Terſchka war Auuuf batte damals Reiht ge. . ſein Geiſt das atte nicht die chka bot alles Vergeſſenhei ter Räubenn ur muß zut :, irgendwi e Anſtreng nden Lohnen a man auch ht, dem ein voll Ehrgei entſcheidende „das durch 8ſchen Beize and ſeine 6 Intrigue; d Collegium überſandte rilas und achini.. fünf Jahe eine Del und Lanzen genthün it 10. Fünf Jahre vergingen dann... Terſchka zähltii ſchon dreißig, als er Profeß der drei Gelübde wurde ei der Armuth, der Keuſchheit, des Gehorſams. Nun wurde er Prieſter aller Weihen. Zwei Jahre ſpäten, kurz nach der Julirevolution, legte er das vierte Ge en lübde ab, Gehorſam dem Heiligen Vater, unbedingtes Sitt verwendenlaſſen für jeden ihm auferlegten Zweck. Er ſtand er auf dem Gipfel ſeiner Wünſche. Und keineswegs war er unbefriedigt. Der Autodident liebt ſein Wiſſen, das er ſich mühſam errungen hat. Er liebt es mit mehr Begeiſterung, als ein von früher Jugen an dafür Geſchulter. Und welche Bewährungen gab es niche Dienen mußte er unausgeſetzt, knechtiſch dienen, aber zugleic konnte er nach andern Richtungen hin oft auch ſchon ſoube rän befehlen... Jede Stufe der Unterwerfung mehr an der einen Leiter gab auch zugleich auf einer andern eim Stufe der Erhöhung. Er beſuchte die Hörſäle der wer nige Schritte vom Collegium entfernt liegenden Univer ſität. Hier, wo Hebräiſch und Phyſik nicht nur in den ſelben Auditorium, ſondern oft auch von demſelben Lehret dnit dhah tan ber Ma dr dlar mur den der, Terſchta do n Gelübde! jehorſams. dei Jahre r das vierte unbedingtes en Zwei. 319 orgetragen wird, legte er den Grund zu einer Fülle von hhatſachen, die ſein Inneres mächtig hoben. Und dieſe krweckung, dieſe ſtete Gegenſtändlichkeit und Bewußtheit is Denkens! Schon die Anleitung zu den„Vorſpielen“ e Geiſtes oder zur„Erleuchtung“!... Bonaventura innte ſie, dieſe Künſte der„geiſtigen Leſung“ und der Vorſpiele“!. Eine Betrachtung z. B. über das Verjagen der Wechs⸗ t aus dem Tempel mußte ſo geordnet ſein: Erſt iſt der einfache Stoff zu leſen; dann ſchlägt a Collegium plötzlich eine Glocke— mit dem. erſten ecplag derſelben ſtellt man ſich raſch einige Schritte em Betpult entfernt, denkt ſich Gott und die Heiligen inmittelbar gegenwärtig, fällt auf die Knie, küßt die ude und beginnt die lebendigſte Phantaſievor⸗ ſiegelung eines Tempels, eines erhabenen Baues nit Säulen, mit einer, wie beim Pantheon halb ein⸗ aönuten, halb in der Vorhalle aufgeſchlagenen Reihe un Buden... Das Geld klimpert, die Wechsler, wie ſie un auf der Via Condotti oder auf dem Corſo ſtehen nit ihren Napoleond'ors und Papierſcheinen, Wucherer mit Srbichtnaſen, wie ſie nur unter den Tuchhallen am Ein⸗ Ins des Ghetto zum Kauf einladen, bieten ihre Waaren an, tewortheilen, ſchreien— ſchreien in die Meſſe der Santa⸗ Daria Monticelli hinein, in die Klingel des Miniſtran⸗ ... Nun erſcheint der Heiland, das Haar von Licht⸗ dlng umfloſſen, die Farbe des Rocks iſt roth, der Ueber⸗ der blau, die Jünger ſtehen neben ihm... Niemand von in Schreiern weicht aus, niemand achtet die Andacht de⸗ 2, die der heiligſten Proceſſion ſich ſchon verneigen... 320 Da ergreift Chriſtus— vielleicht einem Tempelvogt(Aus⸗ malung ſeiner Tracht)— die Geißel, wirft die Tiſche um, das Geld rollt weit auf die Straße hinaus, das Vol wagt nicht einmal es aufzuraffen, der heilige Zorn iſt wie Donnerrollen, ſein Auge wie Feuerlohe...„Mein Haus iſt ein Bethaus und ihr macht es zur Mörder⸗ grube!“ Das ſchallt dann in die Welt hinaus. Nutzanwendung... endlich Gebet... So iſt nach Jeſui tenanleitung jeder Vorfall der heiligen Geſchichte zu erfaſſen, ſo zu umſchreiben, ſo in ſeine kleinſten Be⸗ ſtandtheile zu zerlegen und die Gedankenordnung nun innerhalb der Ruheſtationen des ſinnlichen Vorgange zu wählen... Die Wechsler: das iſt die Sünde; der Augenblick der Reinigung: das iſt die Buße; der Zu⸗ ſtand nachher im Tempel: das iſt die Erlöſung. Endlich die Vergleichung mit der Gegenwart und die Nutzanwendung auf das innere Herz... bis das Ganze im „Colloquium mit Gott“, mit Gebet, ſchließt... In dieſen Weiſe wollte auch Müllenhoff verſuchen, die Exercitien auf dem Schloß der Frau von Sicking einzurichten. Für Wenzel von Terſchka gab es immer mehr Be⸗ währungen. Selbſt ſeine ritterlichen Künſte boten dar für Gelegenheit und wurden ſogar abſichtlich und ausdrück lich befördert. Die jungen Väter beſtiegen zwar nicht ſelbſt das Roß, aber ſie voltigirten; Reck und Barren, wie bei den Turnern, fehlten nicht. Auch beaufſichtigten ſie da und dort die Erziehungsanſtalten. Hier beſonders bewunderte man den„Pater Stanislaus“!...„Stanislaus" nannte ſich Terſchka nach dem heiligen Stanislaus von Koſtka⸗ jenem jungen Polen, deſſen erſter Lebensſchmerz damit beſu dal. dia beif eier dite chre 6 gt(Aus⸗ ſſe um, das Volf Zorn iſt .„Mein Mörder⸗ aus... ch Jeſui hichte zu ſten Be⸗ nung nut organgs nde; der der Zu⸗ ung.. und die Ganze in In dieſet Erereitee hten. nehr Be⸗ oten da⸗ ausdrüc⸗ icht ſehſ , wie bi ſe da un wunderl nannte Koſtt r damüt 321 begann, daß er von ſeinem Hofmeiſter und ſeinem älteren Bruder 1564 gezwungen wurde, zu Wien im Hauſe eines Lutheraners zu wohnen. Dieſer junge Heilige wurde vom Beten und Nachtwachen, wie der heilige Aloyſius, das Beichtvorbild unſers Thiebold, elend, kam von allen Kräften und näherte ſich dem Tode. Da konnte er die heilige Wegzehrung nicht erhalten, weil ſie der lutheriſche Wiener nicht in ſein Haus gebracht haben wollte... Nun erſchien dem Knaben die heilige Bar⸗ bara mit zwei Engeln zur Seite und brachte ihm die erſehnte Speiſe. Doch ſollte er nicht ſterben. Maria kam in jeder Nacht und ſetzte das Jeſuskind auf die Decke ſeines Bettes und ſagte ihm jedesmal, wenn er mit dieſem geſpielt hatte: Stanislaus, tritt in die Geſellſchaft Jeſu! Stanislaus von Koſtka fand für ſeinen Wunſch in Wien nirgends Gehör. Der Provin⸗ zial der Jeſuiten verlangte eine väterliche Beſcheini⸗ gung. Der Vater, ein Senator der Krone Polens, ſchrieb von ſeinem Schloſſe Roſtkau im Poſenſchen, daß er dieſen Beruf ſeines Sohnes nimmermehr wünſchen könne. Stanislaus flehte den apoſtoliſchen Nuntius an. Vergebens. Er mochte klopfen an welche Thür er wollte, niemand erwies ihm damals in Wien die Gnade, ihn Jeſuit werden zu laſſen... Da rieth ihm der Provin⸗ zial: Wandere gen Rom zu Franz Borgia, unſerm Ge⸗ neral ſelbſt!... Alſo that er. Er entſprang ſeinem Hof⸗ meiſter, ſeinem Bruder, zog Bettlerkleider an und ging über Augsburg zunächſt nach Dillingen... Hier im Je⸗ ſuitenkloſter mußte er bei Tiſch bedienen und die Stuben kehren. Caniſius, der berühmte Morallehrer der Jeſui⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 21 322 ten, entließ einen ſeinem Vater entſprungenen Sohn völlig einverſtanden gen Rom... Franz Borgia empfing ihn dort voll Güte und ſchützte ihn vor dem Zorn des polniſchen Senators, der jetzt die Diplomatie zu Hülfe nahm, um ſein Vaterrecht zu behaupten... Stanislaus wurde Prie⸗ ſter. Er war ein Muſter jener„ſüßen Andacht“, die ein Antlitz wie mit Roſen verklären kann. Ihm mußte he— fohlen werden, nicht zu lange zu beten. Das wiederholle ſich und wurde ſein Todesſtoß... An den Folgen det Wehmuth, daß man ſo oft ſeine Andachtsglut unterbrac, ſtarb der Jüngling, achtzehn Jahre alt. Man ſprach den Märtyrer des verweigerten Betens heilig. Wenzel ven Terſchka hatte als Slawe ein Vorrecht auf ſeinen Namen als es bei ſeiner Prieſterweihe gerade drei Bewerber umn den Namen Stanislaus gab. Dafür mußte er in du Kapelle San⸗Andrea, dicht in der Nähe der ſchönen Gi⸗ ten des Quirinals, drei Nächte an dem Bild ſeines Hie ligen wachen, an jener Statue, die den ſterbenden Jüngling Stanislaus von Koſtka darſtellt, der Körpe von weißem, die Kleider von ſchwarzem, das Bett veu gelbem Marmor... Eines Tags wurde Terſchka zum General der Ne ſuiten, einem Holländer, gerufen und erfuhr dort in holländiſcher Sprache folgende, ihn mächtig ergreifende Anrede: Pater Stanislaus! Die Stunde iſt gekommen, w Sie durch Bewährung im Dienſte Ihres Ordens Jhu Schuld der Dankbarkeit abtragen können! Der Pater verneigte ſich... Er ahnte einen ſchen ſeit lange mit ihm bezweckten Plan... 5 enen Sohn empfing ihn en des polnſ fe nahm, um aus wurde Andacht“, de Ihm muß Das wieden den Folger tsglut untent Man ſprach lig. Wen uj ſeinen drei Bewerbe mußte er! der ſchönen Bid ſein e den ſtei ſſtell, der m, das B General nd erfuhr „ g mächtig nñ gekomm Orde bres O Es ſind Ihnen große Indulgenzen zu Theil gewor⸗ den! fuhr der General fort. Sie haben Wohlthaten von der Kirche erfahren, die zu den ſeltenſten Fällen gehören! Der Empfehlung Ihrer Gönner werden Sie zeitlebens verpflichtet ſein... Terſchka verneigte ſich tiefübereinſtimmend. In den letzten Jahren war die beſondere Protection des Car⸗ dinals Ceccone nicht mehr ſichtbar geweſen, aber er bedurfte ſie auch nicht, da ſeine Anſchlägigkeit anfing, ſich alle Wege zu bahnen, und er ſelbſt mit ſeiner Lage zufrieden war... Ich ließ einen Rath über Sie halten! begann der General aufs neue. Man ſprach für Sie und auch, wie es das Geſetz will, gegen Sie! Eine Stimme gab den Ausſchlag, die, daß Sie vermöge Ihres ganzen Natu⸗ rells dem Orden am beſten dadurch dienen würden, wenn Sie— in die Welt zurückkehren! Ein Redner— das wlirden Sie nicht; zur Gelehrſamkeit und zum Unterricht fehlte Ihnen die Ruhe; Ihr praktiſcher Sinn wäre es, in dem ſich alle Ihre Vorzüge und— Ihre Fehler zu titer möglichſt guten Nutzanwendung vereinigten! Terſchka's ſchon gründlich jeſuitiſch gewordenes Naturell rübelte, wer wol ſein Ankläger geweſen ſein mochte... dergleichen war ſchwer zu erforſchen. Seiner ſchmiegſamen ſertur gelang es vielleicht. Doch wußte er, dieſe Contra nußten ja bei einem Gericht ſtattfinden, Fehler mußten ait Gewalt aufgeſucht werden, nur um der Gerechtigkeit ſichts zu vergeben... Täglich wurde man ſo geübt im Kaurtheilen der andern... Gingen zwei Jeſuiten ſpa⸗ 241* —— 324 zieren, ſo mußte einer vom andern berichten, was ſie unterwegs geſprochen hatten... Faſſen Sie keinen Groll gegen irgendjemand! fuhr der General fort, der die in Terſchka's Innerem ſich entwickelnden Gedankenreihen überſah. Scheiden Sie von uns allen wie von Ihren Freunden! Auch nicht einer iſt, der Ihnen nicht Gerechtigkeit widerfahren ließe; nur ſind die Gaben mannichfach vertheilt und je mehr Ihnen der eine vom Einen nahm, deſto mehr mußte er Ihnen vom Andern laſſen! Vorzugsweiſe beſitzen Sie Ein Talent— das Talent, ſich beliebt zu machen! Viele verſuchen ſich darin. Nie aber ſah ich ſo glückliche Erfolge, wie bei Ihnen! Sie werden in Wahr⸗ heit von uns allen vermißt werden... Pater Stanislaus lächelte beſcheiden und harrte voll Spannung... Der Auftrag, der Ihnen ertheilt wird, hängt mit unſern Miſſionen zuſammen... Mit unſern Miſſionen!... Terſchka erwartete ein Reiſeziel— jenſeit des Meeres Seine Wünſche waren indifferent, doch ſchien die Ausſicht, jenſeit der Meere oft große Gefahren beſtehen zu müſſen, nicht be⸗ ſonders lockend... Dennoch beherrſchte er ſich... Jetzt lächelte ſogar der General. Er mußte Pater Stanislaus bewundern, der nicht eine Miene verzog oder ſonſtwie ſeinen Verdruß zu äußern wagte... Ich meine die innere Miſſion, ſetzte der General hinzu, die Verherrlichung unſers Ordens in der Sphäre der Lüge und des Abfalls! Richten Sie Ihre Aufmerkſamkeit auf den Norden, von dem Sie herkamen! Zunächſt auf — ten, was ſie emand! fubr Innerem ſich Scheiden Ei Auch nict widerfahren rtheilt und 1, deſto meh Vorzugämi ich beliebt her ſah ich den in Wahr nd harrte vo id, hängt h erwartete d Seine Wünſt Ht, jenſet d iſſen, nicht rſich mußte Pai Miene veli wagte. General hu phäre del 4 Aufmerſie zunäͤcf 325 den großen deutſchen Kaiſerſtaat! Erinnern Sie ſich, daß kurz nach dem Schisma, das die Kirche dem abgefal⸗ lenen Auguſtinermönch verdankt, Oeſterreich zu ſieben Achttheilen zu ſieben Achttheilen!— von Rom ab⸗ gefallen war! In Wien konnte ein Lutheraner ſagen: In mein Haus laß' ich nicht die heilige Wegzehrung bringen!... Durch uns iſt das Kaiſerreich in den Schoos der Kirche zurückgeführt worden! Die Mittel und Wege dazu waren mannichfach... Sei Ihnen vorläufig dieſe Mittheilung über Ihre künftige Verwendung— als An⸗ laß zur Proluſio empfohlen... Damit war Pater Stanislaus für heute entlaſſen... Zur Proluſio—!... Zum Vorſpiel der Phanta⸗ ſie—! Aber wie nahm das Wort des Generals auch jetzt den ganzen Menſchen gefangen!... Terſchka war Mönch, Jeſuit, Prieſter geworden, um ſich aus einem Leben aufzuſchwingen, das ſeinem Ehrgeiz nicht entſprach. Adeli⸗ ger Geburt und dennoch mußte er dienen... dienen in einer Stellung, die ihm keine weitere Erhöhung für die Zukunft darbot... Er ergriff den geiſtlichen Beruf als einzige Rettung und er war nicht undankbar. Nichts hatte er gewußt, als fremde lebende Sprachen, er wurde durch den Orden ein Mann höherer Bildung. Daß es andere Bildungsformen in der Welt gab, als die ihm gerade hier zu Theil wurden, ahnte er, aber er mußte wol die vor⸗ ziehen, die gerade das aus ihm machten, was er für jetzt anders nicht hätte geworden ſein können. In der That beſaß er keine Rednergabe. Selbſt in der Schule bewährte er ſich nicht. Aber in der Erziehungsanſtalt, die durch das Collegium geleitet wurde, gab es vie— 326 lerlei von ihm glücklich beaufſichtigte Unterrichtsgegen⸗ ſtände; Reiten, Tanzen, Fechten wurde gelehrt. Das ja hat die Erziehung durch Jeſuiten ſo begehrt gemacht. Eitle Schauſtellung und Unterhaltung der Phantaſie war von jeher und iſt die Grundlage der Erziehungsanſtalten, die Jeſuiten leiten... Terſchka lernte die wunderbare Moral des Probabilismus kennen, die ihn wahrhaft blen⸗ dete. Was nur im Menſchen über den ſchwierigen phi⸗ loſophiſchen Unterſchied zwiſchen„Gut“ und„Böſe“ ſchlummert, hier fand er Ausſprüche dafür voll Kühn⸗ heit und blendenden Schimmers. Der Wille wurde in dem Grade von der That getrennt, daß beide in eins zuſammenfallen konnten und dennoch unterſchieden wur⸗ den. Der Wille konnte rein und ſchuldlos bleiben, er konnte die That unmittelbar hervorgerufen haben und dennoch war letztere nicht ſein, ſondern nur ein Ergeb⸗ niß— der Natur. So haben nicht die Materialiſten unſerer Tage die Willensfreiheit geleugnet, wie die Mo⸗ ral der Jeſuiten ſchon lange die That zum Ergebniß der Umſtände macht. In den mislichſten Situationen deckt ſie dem Willen immer noch den Rücken. Liſtig und verſchlagen, wie Terſchka's Sinn von Natur war— wenn nicht ſo ſehr aus Wohlgefallen am Böſen, doch aus dem Bedürfniß, ſeine Kraft zu üben, und um der Vorausſetzung willen, daß eben Bildung, dieſe erſehnte Bildung, zur Wehr und Waffe des Geiſtes werden müßte und es mit ſich brächte, überall Widerſtand zu leiſten— lernte er, Bildung wäre die Kunſt, ſich das Leben ſpielend und ohne den mindeſten Schein einer Gewaltthätigkeit dienſt⸗ bar zu machen. errichtsgegen⸗ elehrt. Dat ehrt gemacht hantaſie war mgsanſtalten e wunderbare vahrhaft blen⸗ wierigen phi⸗ und„Biſe“ r voll Kühn⸗ le wurde in beide in eins ſchieden wur bleiben, er n haben und ur ein Erget Materialiſte wie die Mo zum Ergeni r Sttuntione en. Aſſig un war— dueſ voch aus de Vorausſebun Bildung, le mn 8, 1= lerlte, ſpilnd e ſtigt i 327 Welche Vorſtellungen weckte jetzt die„Proluſio“! Eine Miſſion nach Oeſterreich! Der Abfall von der Kirche! Die verſchiedenen Mittel und Wege, die einſt eingeſchlagen wurden, um ſieben Achttheile einer großen Bevölkerung wieder in den alleinſeligmachenden Schoos der Kirche zurückzuführen! Seine eigene Herkunft war vielleicht eine huſſitiſche! Welche Studien weckte dieſe Anregung auf dem Gebiet der Geſchichte, welche auf dem Gebiet der menſchlichen Seele! Pater Stanislaus brannte auf die Enthüllungen, die ihm würden zu Theil werden. Ja er dachte ſich einen tief angelegten Plan entweder auf Böh⸗ men oder Ungarn, wo es noch Proteſtanten genug gab ... Verſtand mußte zu ſeiner Aufgabe gehören; denn das durfte er ſich ſagen, von ſeinem Namensheiligen hatte er nichts, was im mindeſten auch ſeinem Antlitz einen ro⸗ ſigen Verklärungsſchimmer gegeben hätte; wenn er betete — ihm war der Befehl, nicht zu lange zu beten, niemals gegeben worden. Erſt nach vierzehn Tagen machte der General der Ungewißheit des jungen Profeſſen ein Ende... Ihre Vorfahren, ſagte er, eine Ahnung Terſchka's beſtätigend, als beide wieder allein auf der einfachen, allen andern Wohnungen gleichen Zelle des Generals wa⸗ ren, Ihre Vorfahren waren Huſſiten! Abtrünnige waren auch ſie ſchon vor Luther! Wir haben aber deren in Italien noch frühere! Es ſind die Waldenſer! Sie leben noch jetzt mit immer wieder nachwuchernder, unzerſtörbarer Kraft im Piemont! Eine Gräfin von Salem⸗Camphauſen, die hinterlaſſene Witwe eines öſterreichiſchen hohen Militärs, Proteſtantin, beſchützt ſie von einem ihr angehörenden 328 Schloſſe Caſtellungo aus! Es liegt zwiſchen Cuneo und Robillante, in dem blühenden Thal, das ſich von der Alpenſtraße des Col de Tende abwärts ſenkt! Die Umtriebe dieſer Frau überſchreiten alles Maß! Sie hat die Könige von Preußen, England, Schweden und Holland aufgerufen, den Waldenſern größere Frei⸗ heiten zu gewinnen, als ſie unter einer rechtgläubigen Bevölkerung in Anſpruch nehmen dürfen! Gelang es ſchon in alten Tagen, das ſchöne Salzburg zu entvöl⸗ kern und ſeiner reichſten Unterthanen zu berauben, die man zuerſt mit dem Gift der kaum überwundenen Ketze⸗ rei verdarb und dann mit Geld und Gut in die prote⸗ ſtantiſchen Lande lockte; gelang es erſt in unſern Tagen, ſogar aus dem altgläubigen, ſo gottgetreuen Tirol Colo⸗ nieen nach dem uns gleichfalls wieder zurück zu erobern⸗ den Schleſien zu entführen: wie ſoll es werden, wenn mit Hülfe Englands immer weiter auch in das Herz Ita⸗ liens hinein rechthaberiſches Bibelleſen und ſtreitſüchtiges Dogma ſich verbreitet? Dem Frevel dieſer deutſchen Gräfin iſt ein Ziel zu ſetzen! Für ihre Dreiſtigkeit ge⸗ bührt ihr ebenſo eine Züchtigung, wie ein Vorbau den Erfolgen, die ſie erringt oder erringen könnte... Die Aufregung des Generals war ſo groß, daß er aus der italieniſchen Sprache wieder in ſein heimatliches Idiom verfiel. Terſchka konnte, wie er wußte, mit völ ligem Verſtändniß folgen... Dieſe gefährliche Frau, fuhr der General fort, hat einen Sohn, der in dieſem Augenblick bei einem kaiſer⸗ lichen Reiterregi dt noch als Lieutnant ſteht... Er wird aufſteigen. Sein Glaubensbekenntniß iſt das ſeiner Mut⸗ wiſchen Em „ das ſich ve ts ſenkt! D Maßl 6 nd, Schwede größere Fti rechtgläubige ¹l Gelang urg zu entvi berauben, de zundenen Ket tin die prot unſern Tagen en Tirol Col üd zu erober werden, wei das Herſ d d ſtretfüchi dieſer deutſc Dreiſigkät! in Vorbau? nnte.. 329 ter. Sein NameV iſt ein hochgefeierter, wenn auch ſeine Mittel gemeſſen ſind. Binnen kurzem dürften ihm be⸗ deutende Reichthümer zufallen; denn eine zweite, recht⸗ gläubige Linie, im Innern Deutſchlands, iſt im Begriff auszuſterben. Es exiſtirt nun zwar eine alte Urkunde, der zufolge die Bedingung, unter der die wiener Linie dieſe großen Beſitzungen der andern Linie antritt, die Religion der ausſterbenden ſein müſſe... Dieſe Urkunde findet ſich leider nicht. Sie wird ſeit Jahren geſucht... Terſchka horchte nur immer... Ein eignes Urtheil zu fällen wurde er nicht aufgefordert und fällte ſelbſt keines .. Er wartete auf die genauere Angabe des Gegenſtandes, auf den er zu achten hatte. Von der Weisheit der Väter ſeines Ordens war er vollkommen überzeugt... Der General verweilte jedoch nicht bei der Urkunde, ſprach nicht von der Kunſt jenes deutſchen Convertiten Caspar Scioppius aus der Pfalz, der ſein ganzes Le⸗ ben an die Verherrlichung der Kirche geſetzt hat und ſeinerſeits einer der berüchtigſten Falſarien war. Unter der Autorität von Kaiſern und Königen und mit dem Titel eines Grafen von Clara⸗Valle fälſchte er im 17. Jahrhundert Stammbäume und Urkunden, veran laßte Proceſſe dadurch und entſchied ſie. Vierzehn Jahre lebte er in Padua bei verſchloſſenen Thüren, aus Furcht, von ſeinen Gegnern, die zufällig Jeſuiten waren, ermor⸗ det zu werden... Er haßte ſie und ſie haßten ihn, nicht ihrer Moral wegen, nicht ſeiner Falſa wegen, ſondern weil ſie ihm ſein Latein corrigirt hatten und er ihnen vorwarf, daß im Gegentheil ſie keins ſchreiben könnten... Terſchka lauſchte mit athemloſer Spannung; aber 330 auch heute blieb die ihm geſtellte große Aufgabe wieder⸗ holt nur im Stadium der Proluſio... Der General ſagte: Findet ſich die Urkunde, ſo iſt ein Familienabkommen getroffen, daß die letzte Erbin der Dorſte⸗Camphauſen ſich mit dem letzten Erben der Salem⸗Camphauſen ver⸗ mählt— eine Rechtgläubige mit einem Ketzer! Findet ſie ſich nicht, und alle Zeichen ſprechen dafür, ſo fallen an eine ketzeriſche Familie unermeßliche Reichthümer, in eine rechtgläubige Provinz kommt ein ketzeriſches Element, das Scandalum jener Vorgänge im Piemont findet rei⸗ chere Nahrung und das alles von einer Seite her, wo ſich die Kirche einer ſolchen Störung am wenigſten ver⸗ ſehen ſollte, aus einer Gegend, wo die Wohlthaten der Rechtgläubigkeit ein Gemeingut ſind und Maria There⸗ ſia ſich bis auf den letzten Augenblick ſträubte, jene gott⸗ loſe Vernichtungsbulle unſeres Ordens, die That eines unglücklich Verblendeten, der glücklicherweiſe nur im Auf⸗ trag der uns ſchützenden und glorreicher wiederherſtel⸗ lenden Vorſehung handelte, auch in ihren Staaten zu vollziehen! Mit dieſer Anregung der Phantaſie wurde Terſchka aufs neue entlaſſen... Ueber die Andeutung jenes Wider⸗ ſtandes der Kaiſerin Maria Thereſia gegen die Bulle: Dominus ac redemptor kam er bald hinweg... Maria Thereſia gab der Aufhebung der Jeſuiten erſt dann ihr Placet, als man ihr, um ſie von der Gefährlichkeit, Wort⸗ brüchigkeit und Ungeiſtlichkeit der Jeſuiten zu überzeugen, von ihrer letzten einem Jeſuiten geſprochenen Beichte— aus Madrid eine Abſchrift ſchickte... Terſchka wußte, ufgabe wieder ilienabkommen t⸗Camphauſen mphauſen ver detzer! Finde für, ſo falle eicſthümer, in ſches Elemen, ont findet re Seite her, we wenigſten ver⸗ vohlthaten de Maria There übte, jene gott iie That eine rur in Au wiederherſte en Staaten wurde Terſc g jenes Pid gen die Bul aſt dam i rüclbt,Be⸗ zu überfuße nen Beihie rerſche ui Mani V 331 daß der Orden dieſen Verrath auf eine Intrigue der über ihren Fall frohlockenden Dominicaner ſchob... Aber welche Fülle der Beziehungen doch! Welche Ausſich— ten der Bewährung! Was ſollte geſchehen, was von ihm gefördert und unterſtützt werden? Welche Hülfs⸗ mittel, welche Verbindungen gab es für ihn? Wohin hatte er die Reiſe zu richten? Zu jener ſo muthvollen, herausfordernden Gräfin? Zu jener jüngeren Paula? Sollte die Urkunde geſucht werden? Sollte die gemiſchte Ehe gehindert oder, wie ſo oft, in dem Sinne„diri⸗ girt“ werden, daß der junge Offizier ſeine Confeſſion änderte?... Allmählich trat in ſeine Combinationen immer mehr das Bild dieſes jungen Kriegers ein. Er malte ſich ihn aus in allen ſeinen Lebensbezügen. Es überkam ihn eine Ahnung, daß er vielleicht in deſſen Nähe geſchickt werden ſollte... Dieſe Ahnung betrog ihn nicht. Der General er⸗ öffnete ihm nach einiger Zeit, daß er in die Nähe des Grafen Hugo von Salem⸗Camphauſen geſchickt werden ſollte. Mitwirkungen und Erleichterungen würden ihm genannt werden. Seine Aufgabe leitete ſein Souverän in folgender Weiſe ein: Wir wünſchen, daß Graf Hugo katholiſch wird! Die Rückſichten auf ſeine Mutter und ihre Umtriebe, auf jene Provinz und die Erbſchaft, im eventuellen Falle auf die Ehe, ſind die nächſten und dringendſten Aufforderungen, drohenden Gefahren zu begegnen. Zuletzt iſt das Werk auch ſchon an ſich ein wohlthätiges. Doch iſt es nicht leicht. Wir haben über den jungen Krieger Nachrichten, die für eine große Verehrung ſeiner Mutter ſprechen. Solange —— —— — 1 4 — — 330 332 ſie lebt, würde er ihre Irrthümer ſchonen und ſchwerlich ihr die Strafe zufügen, die ſie ſchon um ihrer Umtriebe willen gegen den Biſchof von Cuneo und das Kapitel von Robillante verdient! Auch denkt der Orden nicht an ein plötzliches und ſchnell errungenes Reſultat. Wir arbeiten in allem nicht für die Minute, ſondern für das Jahr; ein Jahrhundert bedarf es, um durch Tropfen einen Stein auszuhöhlen— Sehen Sie die Statue des Sanct-Peter auf dem Vatican! Wer möchte glauben, daß man einen Fußzehen von uralter felſenfeſter Bronze ſo allmählich— hinwegküſſen kann! Es gehört dazu eben ein Jahrtauſend. Ihre Aufgabe geht in eine weite Fernſicht. Sie dürfen ſich Zeit dazu nehmen. Sie dür⸗ fen Ihr ganzes Leben daran ſetzen und müſſen es, um die Abſicht nicht zu verrathen, die Sie mit Ihrer Hand⸗ lungsweiſe verbinden— Sie legen Ihr geiſtliches Kleid ab! Der Orden dispenſirt Sie von jeder Rückſicht auf Ihren Stand! Sie bleiben, was Sie ſind— nie ver⸗ wehend iſt der Duft des heiligen Oels, das Sie ſalbte! Aber ſelbſt das Zeichen der Demuth auf Ihrem Haupte müſſen Sie ſchwinden laſſen— Sie erhalten ein Patent als ein auf unbeſtimmte Zeit beurlaubter Rittmeiſter in päpſtlichen Dienſten! Denn gerade darin, daß Sie die⸗ ſem Anſchein, ein Krieger geweſen zu ſein, auch wirklich zu entſprechen verſtehen, lag— liegt der Grund, warum gerade Sie zu Ihrer Aufgabe gewählt wurden... Wenzel von Terſchka ſtand betäubt... Darum hatte man an ſeiner Vergangenheit keinen Anſtoß genommen... Darum gleichfanfangs keine Erinnerung an ſeine vergangene Laufbahn... Die Ausſicht, mit der Erhebung, nüt der Bil rund ſchwellz dung, die er jetzt empfangen, ein weltliches Leben aufs neue, ihrer Umttiete wenn auch nur zum Schein beginnen zu können, machte ihn nd das Karin ſchwindeln... Der Stand, eine höhere geſellſchaftliche Stel⸗ der Orden nt lung, als die ſein Vater bekleidete— alles wieder aufs neue, wenn auch in anderer Art, anerkannt... Gehoben und gehalten von unſichtbaren, mächtigen Händen—— Er vermochte kaum ſich zu ſammeln und dem in aller Würde, mit feierlichem Ernſt, ja mit Fanatismus ihm geſchilder⸗ ten Plane in allen uren Einzelheiten zu folgen... Es iſt unwahr, wenn man behauptet, Ignaz von Loyola oder ſeine Schüler hätten geſagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Dies Wort findet ſich nirgends in ihren Conſtitutionen. Aber der Dechant von Sanct⸗ Zeno, Franz von Aſſelyn, ſagte ſchon einſt zu Bona⸗ ventura, als dieſer über ein Pamphlet eiferte, das die „Geheimen Verordnungen“ der Jeſuiten neu wieder ab⸗ 4 drucken ließ:„Du haſt Recht, mein Sohn, dieſe Schrift Reſultat. I pondern für de durch Toopfn die Statue de möchte glaub enfeſter Bon Es gehört dan tt in eine wal men. Sie dit müſſen es, u nit Ihrer Han geiſtlches Kle der Rückſicht a i u iſt eine Lüge, die ſeit zweihund ert Jahren entlarvt iſt! ind F ſä Ich weiß es, ein polniſcher Jeſuit ſchrieb dieſe Monita das Ee d secreta aus Rache an dem Orden, der ihn ausſtieß, Ihrem Hun weil Hieronymus Zaorowski zügellos und unſittlich war ein Pate 2 lten ein und die Strafe ſeiner Obern verdiente. Nie haben dieſe rFittmäſſet Anleitungen zur Erbſchleicherei, zur Verführung jugend⸗ 1, daß Gen licher Gemüther, zur Bereicherung des Ordens, zur Ver⸗ auch wiln hetzung der Ehen, Verhetzung des Staatsfriedens, in den 3 Cund vn Geſetzen der Geſellſchaft geſtanden, aber— die Monita wurden.. 19 secreta ſind ein Codex ex post! Sie ſind die nieder⸗ 8 ¹ .. Darum) geſchriebene Praxis des Ordens! Sie ſind die Tradition ſxeuagn neben dem Grundtext! Der Talmud, wie mein alter feine vergan Freund Leo Perl geſagt haben würde, die Miſchna g,) nfitd des 4 4 und Gemara neben der Thora! Jener rachſüchtige Pole erzählte ſcheinbar als verlangte Vorſchrift, was ſich nur durch die Verderbniß des Ordens allmählich als ſelbſtverſtändlich in ihm feſtgeſetzt hatte. Ich nehme ja einige glänzende Erſcheinungen des Ordens aus. Aber die Gefahr deſſelben iſt darum dieſelbe, die Gefahr, die ſchon in ſeinem eigenen Weſen liegt, ſogar in ei ner an ſich geiſtvollen und denkwürdigen Eigenthüm⸗ lichkeit deſſeben... Die Jeſuiten können für ſich ein großes Verdienſt in Anſpruch nehmen. Sie können ſagen: Ihr alle habt bisher nur den Chriſten im Auge gehabt; wir ſind die erſten Prieſter geweſen, die auch dem Menſchen ihre Aufmerkſamkeit ſchenkten! Die Seele iſt es, die ein Lieblingsſtudium dieſes Ordens wurde. Die Jeſuiten, zu allen Zeiten von einem brennenden Ehrgeiz getrieben, wagten es, mit der Philoſophie einen Wettkampf einzugehen. Sie wollten dem Chriſtenthum die größten Glorien erwerben, ſelbſt die, einen Carte— ſius überflüſſig zu machen— Da mußten ſie denn wol in die Arena des Denkens ſteigen!... Und nun dachten ſie den Menſchen. Sie dachten ihn in der ganzen Schwäche, die uns Prieſtern durch den Beichtſtuhl ge⸗ läufig wird. Sie dachten ihn mit jener unſaglichen Ge⸗ duld und Liebe, die wir für die Ausübung unſers Am tes gerade nach dieſer Seite hin ſtündlich empfinden müſſen. Sie dachten ihn in jenen ſteten Momenten der Reue, der Halbheit, der innern Wehmuth, die Großes will und doch in der Ausführung wieder der Natur unterliegt, und ſo entſtand ihr berüchtigtes Syſtem der Erwägung, der Rückſicht, der Entſchuldigung, der halben und der ner rachſttcht Vorſchrift, w dens allmäh tte. Ich nel dens aus. Ae e, die Geſet t, ſogar in gen Eigenthi⸗ hen für ſich i Sie könn riſten im Au veſen, die a hen! Die Et Ordens wund nem brennend ghilophie un im Chriſtenthe e, einen Cat en ſie denn 1 und nun dait in der gan geichſuhl rnſaglihen d ng unſers dlich engſu Momenten die Große latnt une der Ervigl halben ud Viertel⸗Sünde, jener ſogenannte Molinismus, der ſich zuletzt noch unter dem Einfluß der von Paris und Ver⸗ ſailles ausgehenden galanten Courtoiſie und ſentimenta⸗ len Veredelung früherer Roheit und Brutalität der Hof⸗ ſitten in eine Moral der ewig lächelnden und achſel⸗ zuckenden Duldung verwandelte und in die Abſicht, in die Intention, in den Rückhaltsgedanken die moraliſche Verantwortlichkeit ſetzte, gänzlich die höhere und wahre Sittlichkeit preisgebend!“... Für Wenzel von Terſchka gab es kein anderes Denken, als das in den Formen dieſes Molinismus... Daß die Abſicht des Ordens, den Gra⸗ fen Hugo von Salem⸗Camphauſen katholiſch zu machen, eine höchſt löbliche war, bezweifelte er nicht. Er harrte der Anleitung, wie er gerade als päpſtlicher Rittmeiſter en retraite ein ſolches Ziel fördern ſollte.. Der General ſprach: Sie erhalten eine Liſte von Affiliirten in Wien! Geldmittel— nicht im Ueberfluß; denn es wird ſogar nö⸗ thig ſein, daß Sie Schulden machen! Sie ſollen eben ſuchen, ſich dem jungen Grafen auf die natürlichſte Art zu nähern! Sein Sinn iſt offen und leicht. Das ge⸗ meinſchaftliche Band könnte— Ihr altes Metier ſein! Die gleiche Vorliebe für Pferde dürfte die Gelegenheit zur erſten Anknüpfung geben. Stellen Sie ſich ihm nach kurzer Zeit als in Ihren Mitteln gebunden vor. Thun Sie das ſo, daß Sie dabei nicht allzu entblößt erſcheinen, ſo wird er Vertrauen faſſen! Sind Sie dank— bar, ſo haben Sie ſein Gemüth gewonnen. Ihre Ver⸗ gangenheit war abenteuerlich genug. Sind Sie auch darüber zum Grafen Hugo leidlich aufrichtig, ſo bindet die 336 Offenheit. Von Ihrem Prieſterſtand darf natürlich nicht die Rede ſein... ſogar ſehr, ſehr ſelten von der Religion! Terſchka fand alles das in der Ordnung. Er fand, daß man auf dieſe Weiſe einen hochgeſtellten jungen Mann, von dem man eine Rückkehr zur Kirche wünſchte, am beſten beobachten ließ. Und als er nur noch zweifelnd aufhorchte, als er hörte, wie doch die Religion als Geſprächsſtoff zwi⸗ ſchen ihm und Grafen Hugo ausgeſchloſſen ſein könnte — ſagte der General: Man kann die Rückkehr zu unſerm Glauben mit Gewalt fördern, man kann ſie aber auch von ſelbſt entſte⸗ hen laſſen aus einem ſtill ſich meldenden Bedürfniß unſers Gemüthes. Aus welchen Stimmungen wählt man nicht das Gewand des Mönches! Sie, Bruder Stanislaus, tra⸗ ten in den Orden zunächſt aus Ehrgeiz. Bei Gelehrten iſt es oft der Ueberdruß an der Unfruchtbarkeit ihrer For⸗ ſchungen. Fürſten und Standesperſonen wechſelten den Glauben infolge der Reue über ihr vergangenes leicht⸗ ſinniges Leben. Graf Hugo liebt das Vergnügen. Viel⸗ leicht kommen Stunden der Erſchöpfung, die dem Heil ſeiner Seele günſtig ſind. Dieſe benutzen Sie zu leichten und ganz wie zufälligen Erweckungen. Wir laſſen Ihnen zu dieſer Beobachtung Zeit. Leben Sie ſo harmlos mit ihm wie Sie wollen! Gehen Sie auf alle ſeine Verhält⸗ niſſe ein! Geben Sie uns nur dann und wann Bericht; das Uebrige findet ſich... Mit dieſen dunkeln, nur der Ahnung von einem zuckenden Streiflicht erhellten Andeutungen verließ der Pater die Zelle des Generals, in drei Tagen das Col⸗ legium, in acht Tagen Rom. Seine Vorbereitung zur natürlich nic der Religie .Er fand, di jungen Mam ſchte, am beſten And aufhorche prächsſtoff zu en ſein könnt Glauben mi in ſelbſt entſte dürfniß unſer man nichtd arislaus, tie Bei Gelehrte rbit irer de wechſelten d gangenes! leit gnügen Vi die dem T 5 Sie zu leich r laſſen Ihi w harmlos! ſeine 2 Verhi wann Beric 37 22 350 Rolle eines päpſtlichen Rittmeiſters machte er in dem Gaſthofe der Croce di Malta. Vorher hätte er ſich gern noch dem Cardinal Cec⸗ cone empfohlen Er wagte deshalb beim General eine Anfrage, er⸗ hielt die Erlaubniß, bat im Vatican um eine Audienz und erhielt ſie bewilligt bei der Herzogin von Amarillas, bei der der Cardinal jeden Abend nach engliſcher Sitte den Thee trank... Die ſtolze Römerin, die einſt in Rollen wie Semi⸗ ramis geglänzt hatte, vor Jahren in Paris einen ſpani⸗ ſchen Herzog heirathete, der bald ſtarb, und die dann in ihrer Vaterſtadt anfangs mit gemeſſenen, ſpäterhin reichen Mitteln ein Haus machte, empfing ihn allein und mit dem Stolz einer Frau, die allenfalls auch eine der Kaiſerinnen hätte ſein können, die ſie ehemals ſpielte „Es war der Kopf jener Herme aus den Gärten des Quirinals... Sie war in Deutſchland bekannt und unterrichtete Terſchka in der Art, wie man die Deutſchen behandeln müſſe... Feſt und beſtimmt! ſagte ſie. Denn dies Volk iſt voll Liſt und Verſchlagenheit! Dies Volk iſt um ſo gefähr⸗ licher, als es ſich die Miene der Ergebenheit und Treu⸗ herzigkeit gibt! Nie hab' ich leine falſchere Nation ge⸗ funden, ſ ich bin viel gereiſt—! Ohne Charakter iſt ſie in allem! Ich habe die ſchönſten und vornehmſten Frauen geſehen, die dem König Hieronymus den Hof machten und ſeine Gunſt zu gewinnen ſuchten. Und dabei rühmen ſich dieſe, beſonders in der vorneh⸗ V. 22 Gutzkow, Zauberer von Rom. —j 2 —— 1 22 338 men Sphäre ſo geſinnungsloſen, unpatriotiſchen Deut⸗ ſchen fortwährend ihrer Treue und Ehrlichkeit! Terſchka kannte Deutſchland wenig und ließ ſich be⸗ ſ lehren... ge Die Herzogin gab ihm eine Reihe von Verhaltungs⸗ n 1 maßregeln, ohne zu wiſſen, in welchen Aufträgen er nach Deutſchland zu reiſen hatte... Erſt jetzt, in den gegenwärtigen Stimmungen Terſch⸗ ka's, kam ihm die Erinnerung, daß die Herzogin von G Amarillas damals ſicher von einer Gegend ſprach, die mit der, in welcher er ſich jetzt befand, die näm 1 liche war... Sie hatte damals Namen genannt, die ſeinem Gedächtniß erloſchen waren... Immer ſinnen⸗ der, immer vor ſich hinbrütender hatte ſie geſeſſen, das Haupt auf die vergoldete Lehne eines hohen Rococo⸗ 4 ſeſſels geſtützt, ja nicht einmal bemerkend, daß Olym⸗ pia in einem ſeidenen Kleide durch die Zimmer rauſchte, die„Nichte“ des Cardinals, ihre Schutzbefohlene... 4 Dem jungen, inzwiſchen herangewachſenen, wenn auch nur kleinen Mädchen, das ihr dunkelſchwarzes locki— ges Haar mit einem goldenen Reifen umſchlungen hielt 48 und einen faſt gehäſſigen, meduſenhaften Ausdruck des 6 Kopfes bekommen hatte, war die Erinnerung an den D ie Tag in der Reitſchule gänzlich entſchwunden Herzogin erinnerte ſie daran... ſie erwähnte nicht ohne Herzlichkeit die Gedichte, die ja Pater Stanislaus aus dem Collegium an ſie geſchrieben hätte... Olympia machte eine ſpöttiſche Miene und wandte ſich kalt und gleichgültig ab... 1 Inzwiſchen wurde der Cardinal gemeldet 339 atiſ⸗ Don. 3...—. ·. potiſchen Dau Wenn in Rom ein Cardinal einem Privathauſe die rt 3. 9... hieit! Ehre ſeines Beſuchs ertheilt, muß ihm die Herrin deſ⸗ d ließ ſih hbe ſelben mit zwei Wachskerzen auf ſilbernem Leuchter ent⸗ gegengehen und ihn wie einen Fürſten ſchon an der Verhaltung Treppe empfangen... fträgen er nat Tiburzio Ceccone, der noch jugendliche, lebensmu⸗ thige Lenker der Gerechtigkeit im Kirchenſtaat, erſchien mungen Teſte als ein noch immer ſchöner, imponirender Mann in Herzogin oi der Tracht der Cardinäle, wenn ſie außerhalb ihrer nd ſprach, Äd Functionen ſind, im ſchwarzen Habit habillé mit rothem dd, die nin. Vorſtoß, rothen Knöpfen, kurzen ſchwarzen Beinkleidern, genannt, di langen rothen Strümpfen, rothem Sammettkäppchen, Inmer ſinne darüber ein langer ſchwarzer Krämpenhut, auf dem e geſeſſen, de Rücken ein ſchwarzes Abbeémäntelchen... hohen Rococt Der Cardinal entſann ſich vollkommen des Paters d, daß Oön. Stanislaus und erkundigte ſich mit forſchend zuſammen⸗ jmmer rauſti gedrücktem Auge nach dem Ziel ſeiner Reiſe... Die Be⸗ befohlene. fangenheit Terſchka's, der ihm ausweichend antworten en, wenn a mußte, mochte er ſehen, doch machte ihn ſeine Liebe zu lot Olympia ſo zerſtreut, daß Terſchka reden konnte, was er ſzwarje nſchlungen di vwollte— er würde nur zu allem wie abweſend genickt Auedrut N. haben... Offenbar war er über Terſchka's Miſſion V rung an 4 im Unklaren. Er pries die Fortſchritte der Geſell Ipen. 1 ſchaft Jeſu, namentlich im Kaiſerſtaate, und ſprach „ nicht o von einer Stadt an einem großen Fluſſe, wo ihre Haupt⸗* lnie 1 riederlaſſung ſein ſollte. Die Herzogin glaubte gleichfalls und i ine ſolche Stadt mit einem Kranz von Bergen zu ken⸗ 8 el nen, nannte aber den Fluß nur klein. Sie verſtän⸗ t ſchu ſigten ſich beide in der Geographie Deutſchlands wie üͤber ein Land, das im Grunde ein einziger großer wü⸗ — 4 340 ſter Wald wäre, bewohnt von einem Geſchlecht von Menſchen, die an Unbildung und dabei, wie die Her⸗ zogin wiederum hinzufügte, an Verſchmitztheit ihresgleichen ſuchte. Sie ihrerſeits ſchien Witoborn an der Wito⸗ bach, der Cardinal Linz an der Donau im Auge gehabt zu haben— Deutſchland war ihnen beiden ein und daſſelbe Sibirien. In Gnaden entlaſſen, empfahl ſich Terſchka, reiſte ab und nahm bereits in Venedig ſeine neue weltliche Tracht an. Ueberall producirte er den Paß, der ihn als einen beurlaubten päpſtlichen Rittmeiſter bezeichnete. Sein Ta⸗ lent, ſich in ſeine neue Rolle zu finden, mußte bald ſogar ihn ſelbſt überraſchen. Hätte er nicht annehmen müſſen, daß, wie gewöhnlich, ihm ein Wächter geſtellt wäre, der alle ſeine Schritte beobachtete, er würde ſeine Freiheit in vollen Zügen genoſſen haben. Bald fand ſich eine Gelegenheit, die Bekanntſchaft des Grafen Hugo zu machen. Geſchlecht ve , wie die d heit ihresgleic an der Wi im Auge gehe beiden ein ur erſchka, reiſt weltliche Tu⸗ r ihn als äin nete. Sein nußte bald ſo mehmen müſſe eſtellt wäre, e ſeine Frei ie Bekanntſch 11. 4 Die erſte Begegnung mit dem damals ſchon dreißig— jährigen Grafen Hugo fand in Bruck an der Leitha ſt ne, wo dieſer in Garniſon ſtand. 4 Wir ſchildern ſie nicht, da ſie ſich ſchon aus allem dutnohmmen läßt, was wir von Terſchka's perſönlichen Talenten und aus den Erinnerungen der Gräfin Erd⸗ muthe wiſſen. drtIasr fefin ki Jeſuit!“ hatte der edlen Frau ſo⸗ Vricbe denes n e anntſchaft mit dieſem neuen Freunde durs Wohn innere ahnungsvolle Stimme gerufen. heweis auch zugleich, daß Terſchka damals noch ganz die Weiſe des Paters Stanislaus hatte uwale war Terſchka noch höflich bis zum Unterwür⸗ den zun lis zunien Er ſprach und hörte zugleich auf u sn ihm von andern geſprochen wurde, und 1 3 es zwiſchen ſeine eigene Rede hinein, wenn er ſie du deh iic fortſetzte. Er vertheidigte nichts, was rdendjen angenehm berühren konnte. Er ſprach von einer Jugend mit einem verklärten Blick gen Himmel und folgte der Phantaſie der Gräfin bis auf die Anfänge 342 der Huſſiten, bis auf die Trommel aus Ziska's Haut, bis auf den Kelch in der Fahne der Utraquiſten— all dieſe Vielſeitigkeit und Nachgiebigkeit lernt ſich aus der Kunſt der„Proluſio“. Geiſtig war er ſo biegſam, wie er nun auch wiederum körperlich werden konnte. Seine Reitkunſt war die magiſche Kraft, die bald den jungen Offizier und deſſen Kameraden an den päpſtlichen Ritt⸗ meiſter außer Dienſten feſſelte. Nach einem halben Jahr empfand Terſchka wol die vielen Bedenklichkeiten, die ſich aus dieſer Verbindung — für ſeine Gelübde ergaben. Ueberhaupt welches war das Ziel, auf das er zuſteuern ſollte? Der Graf hing ſich an ihn mit der ganzen Innigkeit, die jungen Män⸗ nern in jener Zeit eigen iſt, wo hunderterlei Vorkomm⸗ niſſe ihrer fröhlichen Lebensluſt Rath, Beiſtand, bald Schmeichler, bald Warner bedürfen. Bald ſchon konnte Graf Hugo nichts mehr ohne Terſchka unternehmen. Terſchka wurde der Vertraute aller ſeiner Liebes⸗, Ehren⸗ und Geldhändel. Terſchka's Klugheit, ſeine im Grunde ſchüch⸗ terne und maßhaltende Denkweiſe, ſeine Lebenserfahrung gaben in allen Lagen die Aushülfe. Dann ſich aber dabei ſelbſt freihalten von den Einflüſſen eines ſolchen Umgangs, vermochte der Genoſſe nicht länger. Es gab Spiel⸗ und Trinkgelage, Abenteuer, wie ſie Boccaccio geſchildert hat: wie ſollte der Prieſter ſich verhalten? Er bat ſeinen Vorſtand in Rom um eine Beruhigung ſeines Gewiſſens. Aus allem, was er erfuhr, trat ihm klar entgegen, daß ihn die oberſte Ordensgewalt aller Rückſichten und Pflichten des Gewiſſens entband. Der Rittmeiſter Wen⸗ kz's Haut, ten— all di aus der Ku tegſam, wie bmnte. Ei ald den jung päpſtlichen R cerſchta wol! ſer Verbinde pt welches der Gri li 5 95 e jungen M terlei Vorkon Beiſtand, be ab ſchon kun nehmen. Terſt 7: Chren⸗n n Grunde ſc Lebenserfahn Dann ſich d en eines ſolt anger. le ſie ſich verhalt eine Beruhſg Boccd m klar eutgen ackſichten Nücſi 3 Rittneiſt N zel von Terſchka ſollte mit dem Grafen Hugo von Sa⸗ lem-Camphauſen zwar nicht ganz nach den Worten des Mephiſto verfahren: „Umgaukelt ihn mit ſüßen Traumgeſtalten! Verſenkt ihn in ein Meer des Wahns!“— ſollte ihn nicht abſichtlich in die Verderbniß locken, da⸗ mit er auf der letzten Stufe des erklommenen Tempels der Freude niederſinke mit erſchöpfter Kraft und Terſchka in der Gewalt hatte, dann das eroberte Opfer dem Schoos der Kirche zuzuführen(oft hatte die Kirche dieſen Triumph erlebt)— aber begleiten durfte ihn Pater Stanislaus auf Tritt und Schritt, durfte leben wie er, lieben wie er; nur die Heiligung des Mittels durch den Zweck durfte nicht fehlen. Mitten in dieſem Taumel ſoll— ten die Ruhepunkte, die ſchon für den Grafen zuweilen eintraten, dann und wann für harmloſe Erweckungen benutzt werden; Erweckungen, die jedoch nur gelegent— lich, ganz nur wie zufällig und abſichtslos einzuſtreuen waren... So wenigſtens beſchied man ihn... Wie jedoch der menſchliche Geiſt einmal iſt, ſo kann er, wenn auch noch ſo geſchult, niemals für ſich gutſagen, wo ihm das Glück der freien Bewegung zu Theil wird. Terſchka lebte mit dem Grafen Hugo bald nicht mehr wie der ihn Dirigirende, ſondern wie der von ſeinem Zögling Diri⸗ girte. Vollkommen hatte er mit der Zeit verſtanden, was er ſollte; er hatte Winke und Anweiſungen erhalten, die in zweifelhaften Fällen ſogar eher das Schlimme, als das Gute zu wählen anriethen und ſo war er dem natür⸗ lichen Zuge ſeines faſt gleichalterigen Freundes gefolgt, er⸗ gab ſich ihm mit voller Anhänglichkeit, liebte ihn und —— 344 ließ ſich von ihm beherrſchen, ſtatt daß er ihn beherrſchte. Die Berichte, die er nach Rom einſandte, wurden unwahr. Terſchka gab Zuſicherungen über Richtungen des Gemüthes, in die ſein Zögling verfallen wäre, die jeder Begründung entbehrten. Nun kam die Furcht der Obern, der junge Graf könnte in ſolcher Stimmung wol gar in die ascetiſche Richtung ſeiner Mutter ver⸗ fallen. Kannte man auch ohne Zweifel im al Gesi das deutſche Sprichwort:„Der Weg nach Rom geht über Herrnhut!“ ſo würde doch die ganze Bemühung verfehlt geweſen ſein, wenn der Graf ſich zuletzt in die Leitung ſeiner Mutter begeben und deren ſeparatiſtiſche Entſchiedenheit angenommen hätte. Demnach ertheilte man die Zuſtimmung zu dem Bedenken, ob Terſchka die Kraft des weiblichen Princips, das den Grafen in leichterer Weiſe beherrſchen konnte, verſtärkte. Damals war ein eigenthümlicher Colliſionsfall im Leben des vornehmen Cavaliers eingetreten. Jene Angiolina, die er in der dalmatiniſchen Stadt Zara bei einer Kunſtreitergeſellſchaft geſehen hatte, war von ihm in einem gemüthlichen Zuge ſeines Weſens, das von plötzlichen Einfällen beherrſcht wurde, vor acht Jahren ihrer Truppe abgekauft und in eine Penſion gegeben worden. Das elfjährige, bild⸗ ſchöne Mädchen hatte er dann und wann wiedergeſehen, ſtets mit einer mächtigen Erregung ſeines Gefühls. Immer überraſchender, immer reicher entfaltete ſich die Bildung Angiolina's. Einmal gab er ſie weit fort aus ſeiner Nähe, nur um ſich nicht hinreißen zu laſſen und nicht ſeinem Gefühl zu folgen. Die Neigung Angiolinas für ihren Wohlthäter war die gleiche. Auch ſie floh die — Fetrich i glä fuuige ſand. vurde unken degtei vm F ühne ſ fiſt ar der de go ſchm daue ihn beherrſct andte, wun ber Richtung allen wäre,d die Furcht cer Stimmun er Mutter de l im al Ges dach Rom ge nze Bemühtun h zuletzt ind n ſeparatiſiſ mnach erthel ob Terſchkan gfen in leichte amals war! des vornehn die er in 5 rapeilſ thlichen 9 1 len beheriſ ügekruft un ljährige, b widdergeſi Gefüt 345 7 Beſtrickung ihres Herzens, wenn der ſchöne junge Mann im glänzenden Harniſch vor ihr ſtand, das ſonſt ſo feurige Auge in milder Dämpfung auf ſie niederſen⸗ kend. Einige Jahre lang währte dieſer Kampf. Terſchka wurde der Vertraute. Er nahm zuletzt Partei für den Ge⸗ danken, ein ſo reines Bild nicht zu zerſtören. Graf Hugo hegte ihn ſelbſt und litt doch darunter. Oft warf er ſich dem Freunde an die Bruſt und rief: Ich kann nicht ohne ſie leben! Von Rom kam eine dunkle Weiſung, die faſt an das Wort der Schrift erinnerte, daß ein Sün⸗ der dem Himmel lieber wäre, als zehn Gerechte... — Pater Stanislaus ſah das Maß der künftigen Reue ſich mehren, wenn Verhältniſſe eintraten, die nicht auf die Dauer ſo bleiben konnten. Die„Proluſio“ malte es ihm aus: Endlich verläßt doch ein ſo vornehmer Herr ſeine Geliebte wieder— vielleicht war es eine Verbindung wie die Ehe— die Gräfin Paula verlangt nicht nur ihre ſtandesmäßige, ſondern die volle, auch ſittliche Höhe ihrer Rechte als Gattin— der im ſtillen ge— demüthigte Gatte wird ſchwächer und ſchwächer und muß der Gattin zuletzt— ein Opfer bringen, jenes, das, wenn auch ſtumm, die Gattin und die Kirche verlangen.. Aqua Toffana das der Jeſuitenmoral! Gift aus einer nur zu vollkommenen Kenntniß unſerer Natur gezogen! Wo iſt da noch Sünde, wenn das Leben des einzelnen nur ein Theil einer großen Maſchine wird, die wie— derum nicht ein einzelner dirigirt, ſondern ein großes Ganzes, das Anfang, Mitte und Ende immer zugleich im Auge hat! Damit die Olive das klare, fließende Oel wird, muß nicht nur ihre ſaftige Hülle, auch ihr Kern zer⸗ 346 ſtampft, auf der Mühle zermalmt werden; was kümmert dich die zerſtörte ſchöne Frucht, wenn aus ihr ein Höheres hervorgeht, das der Einzelne, haftend an der flüchtigen, wenn auch ſchönen Erſcheinung, gar nicht ahnen kann? Und es gibt eine Linie, die, trotzdem daß ſie nur Einem Pole zuſtrebt, doch ſchwankend iſt wie die Magnet— nadel, die Grenze zwiſchen„Gut“ und„Böſe“. Die Uebergänge ſind oft ſchroff; ganz deutlich unterſcheidet ſich das Oel vom Waſſer; aber ebenſo oft auch rinnen ſie ineinander und das ſchwache Herz, der Sünde ſchon verfallen, glaubt immer noch unter der Herr⸗ ſchaft reiner und gerechtfertigter Inſtincte zu ſtehen! Shakſpeare ſah die Jeſuiten erſt entſtehen. Sein Ri— chard III., der im Stande war ein Weib am Sarge ihres ermordeten Gatten für ſich zu gewinnen, hatte jenen Baſiliskenblick, der erſtarren macht und jede mora⸗ liſche Entſchlußnahme tödtet. Klingsohr, der, eben von der Leiche ſeines Vaters kommend, in einer dunkeln Nachtſtunde von einer wild tyranniſchen, imponirend dämoniſchen, ſeinen Idealen vom alten Feudalgeiſt des Mittelalters entſprechenden Natur überredet wird, ſie zu ſchonen— da gehen die ſchwindelnden Wege im Nachtleben des menſchlichen Gemüthes, die niemand ſiche⸗ rer zu wandeln weiß über Dorn und Klippe, feſt an der Hand haltend den, den ſie führen, als die Je⸗ ſuiten... Wie ſollſt du dich dem Menſchen nahen? Der Orden ſagt: Ut si non bene ei succedant nego- tia!*) Oder: Etiam optima commoditas est in ipsis 2 1 *) Wenn es ihm in ſeiner äußeren Lage gerade ſchlecht geht. 182— ; was kümm ihr ein Höhene i der flüchtige cit ahnen kann ß ſie nur Eine e die Magne „Böſe“. d. lich unterſchedde oft auch rinm z, der Sünd nter der Hen nete zu ſtehen hen. Sein R geib am San gewinnen, hat und jede mont „der, eben de einer dunke en, inponirn Feudalgeiſt redet wird, inden Wege e niemand ſi feſt dant Dés est il zucce tas ſchlecht gerade 347 niüs!. Was hier zunächſt nur vom Gewinn des Ge— müths für die Gottſeligkeit überhaupt geſagt worden iſt wurde es auch von jedem Gewinn für die Kirche ſelaſe So lebte Terſchka ſeit einer Reihe von Bnne als täglicher Begleiter, Secretär, Geſchäftsführer ſe 8 wirklich von ihm geliebten Freundes, des Graſe He von Salem⸗Camphauſen. Sorglos drrfte a uu alds nhehen, n deſſem Lebensverhältniſſen gehörte. Er Mutter des Grafen auf Schloß Salem und ſ iſeluude beſuchen. Er durfte ſich dem großen hered e wee durfte reiſen im Intereſſe deſſelben, 8 ie Anhänglichkeit an ſeinen Freund ohne jeden igennutz zur Schau tragen. Der Orden rechnete nicht di dan klünſ⸗ eder ſechsunddreißigſte Lebensjahr des Brafen, egnügte ſich mit einem Schritt, den dieſer vielleicht erſt in ſeinem ſechzigſten, ſiebzigſten that Die Stunden kommen dann ſchon, wo ein alter Poda riſt verdrießlich über die Welt wettert, die fung bleißt waß rend ihm ſelbſt die Zeit das Haar gebleicht; die Stunden, wo man an einem kalten Winterabend bei Soneegeäber im warmen Zimmer ſitzt, Anekdoten von der Bergangenhei durchſpricht, die nicht mehr zünden wollen, und dann ſagt⸗ Hichtas as nihi ich fange doch manchmal an zu mora⸗ : was un wol das Leben! Und dann zuckt ein ſol⸗ cher mit ihm altgewordener, nun auch weißhaariger Freund der das Gnadenbrot des Protectors ißt, die Achſeln ſpricht mit feinem Lächeln von der Ruhe, die ihm denn doch zu⸗ *) 2 s den Schlechtigkei 1i u luch aus den Schlechtigkeiten ſelbſt heraus entwickelt manchmal ein guter Anlaß zur Bekehrung. 348 letzt ſein Glaube gewähre, und hat einen Kreis von alten Chorherren, von alten devoten Damen, wo er ſeine Abende behaglich zubringt und auf die der alte Freund eiferſüchtig wird. Nun einmal das ſchon kühnere Wort hingeworfen: Wenn man denn doch einmal poſitive Dinge glauben will, lieber Graf, ſo ſoll man es auch ganz; lieber alles oder gar nichts! Und das wird dann oft entſcheidend... Daraufhin ſchrieb einſt die Gräfin Erdmuthe aus Caſtel⸗ lungo, daß Lady Elliot ſie beſucht hätte und voll Ver⸗ zweiflung aus Rom gekommen wäre: vierzehn Engländer hätten zu gleicher Zeit in der Katakombe San⸗Caliſto das Abendmahl nach katholiſchem Ritus genommen— eben auch deshalb:„Will man einmal poſitive Dinge glauben, dann auch gleich ganz; ſonſt lie⸗ ber gar nichts!“ Terſchka genoß das wiener Leben wie dafür geboren und erzogen. Er war der Matador der Geſellſchaft und heiterer, als Graf Hugo, der mit den Jahren trübſin⸗ nig, nachdenklich und nur noch ſtoßweiſe von ſeinem alten Humor erheitert wurde. Terſchka hatte ſeine Rolle nicht vergeſſen, aber ſie erſchreckte ihn eher wie die Mahnung an ein leicht herauskommendes Verbrechen, an dem er betheiligt war, als wie an eine ernſte und ihm werthe Pflicht. Er konnte erbeben vor einem Brief mit geiſt⸗ lichem Siegel. Oft war es ihm in Abendſtunden, wenn er über die Plätze Wien's eilte, als wenn in den dun⸗ keln Schatten ihm eine verhüllte Perſon folgte. Die ganze Kette ſeines Lebens bis zu ſeinen erſten Anfängen lag dann vor ihm. Gedenke deines Mals am linken Arm! rief ihm einſt Nachts im Novemberſturm eine Stim .( Er ka Abend der„ nngen Inne iim unter vink Kreis von äll er ſeine Abend eund eiferſtüch rt hingeworfen Dinge glaube nz; lieber all entſcheidend. uthe aus Caſt und voll Ver zehn Engländ de San-Calſ genommen mal poſitit unz ſonſt li e dafür gebon Geſelſſhaft n Jahren trübſe von ſeinem al eine Rolle me .„ Mahnu ie die Mahnl hen, an dem und ihn Brief mit gi ndſtunden, 1 enn in den d en folgte. erſten Arfün Nalsé am lin emberſturm n weil 349 Stimme an der uralten Kirche Maria zur Stiegen Es war eine Gaukelei ſeiner erhitzten Phantaſie. Er kam von Angiolina, wo es glückliche, unterhaltende Abendſtunden gab... Dann ſtürzte er in den Beichtſtuhl der Piariſten zu Maria⸗Treu, auf den er von Rom aus angewieſen war... Kehrte er von der Joſephſtadt ins Innere Wiens zurück, ſo war es ihm oft, als müßte ihm aus einem der Fiaker, die an einſamer Stelle hielten, unterm lachenden Sonnenſchein ein Unbekannter plötzlich winken, ihn zum Einſteigen auffodern und ihn mit ſich zurücknehmen geradeswegs nach Italien in die unter⸗ irdiſchen Kerker, die es im al Gesù gab... Oft auch wünſchte er's, wenn ſein Gewiſſen zu heftig zu ſchlagen, ſeine Furcht zu heftig ihn zu erſchüttern begann. Für Terſchka war der geiſtliche Stand nur das ge⸗ weſen, was Andern die Schul⸗, Gymnaſial⸗ und Uni⸗ verſitätsbildung überhaupt. Nur durch Sklaverei hatte er zu einer ſchöneren Freiheit gelangen können. Aber die Kette ließ ihn nicht. Er zog ſie überall hinter ſich. Er zog ſie mit den Jahren ſchwerer und ſchwe⸗ rer, unmuthiger und unmuthiger. Durch die ihm ge⸗ ſtattete Freiheit trat er in eine lebhafte Welt der Dis⸗ cuſſion ein. Das war damals ein Geiſt der Frei⸗ heit, der Oppoſition gegen die Herrſchaft des allmäch⸗ tigen Staatskanzlers, eine Luſt am Verbotenen und Verſagten bis in die höchſten Kreiſe hinauf, ja bis in die der Unterdrücker ſelbſt, die heimlich mit dem liebäugelten, was ſie öffentlich verfolgten. Wie konnte er gegen die Mode des Tags Einſpruch thun? Er ſcherzte mit den andern, lachte mit den Spöttern, ver⸗ 350 theidigte nichts, was zumal, wär' es gerade von ihm feſtgehalten worden, über ſeine wahre Lebensſtellung hätte Verdacht erwecken können. Doch nicht ungeſtraft wan⸗ delſt du unter den Palmen! Du lernſt die ſüße Luft der Freiheit lieb gewinnen! Die erquickenden Schatten laden dich zum traulichen Hüttenbauen ein!... Terſchka kämpfte mit ſich, ob er die Feſſel, die ihn hielt, nicht einſt brechen, ſeinem Freund und der von ihm hoch— verehrten ehrwürdigen Mutter deſſelben ganz und für immer ſich offenbaren ſollte. Die Bekanntſchaft der„Frau in ſilbernen Locken“ vermehrte bis zur Unviderſtehlichkeit in ſeiner Bruſt den Drang, dieſen Entſchluß zu ergreifen. Die Liebe als reine, geläuterte Flamme des Herzens kannte er nicht. Er war ein Wildling geweſen, ein Wanderer der Heide, ein Gaukler, ein Zigeuner. Je ſchreckhafter er auf das zurückblickte, was er einſt war, je gewiſſensbanger er an ſeine unwiderruflichen Gelübde dachte, deſto ungeſtümer wuchs ſein Verlangen, in allem und jedem das reinigende Feuer der Bildung auf ſich wirken zu laſſen und die Schlacken der Seele von ſich zu werfen. Gerade Monikas religiöſer Freimuth durfte ihn feſſeln. Frauen von Geiſt und Grazie kannte er genug, Allen war er werth; ſeine immer gleiche Weiſe war jeder weiblichen Natur willkommen, beſonders da, wo ſie im Mann vorzugs⸗ weiſe nur einen Ableiter ihrer Laune zu haben wünſcht. Monika's Geiſt aber war poſitiv. Sie hatte Ueber⸗ zeugungen und konnte Partei ergreifen. Die Menſchen ſind ſo dumm, ſo dumm! Mit einem Zorn konnte ſie das ausrufen, daß ihre Augen Funken ſprühten ſc iff gerade von ihn sſtellung hit ungeſtraft we die ſüße Lui kenden Schatte n!... Terſchh ihn hielt, nit hoch von ihm ganz und fü lbernen Locker n ſeiner B en. Die? zens kannte in Wanderer d ſchrecthafter: gewiſſen bbange deſto ungeſti üm mdas reinigen laſſen und 6 Ge erade Mon ni rauen von C war er wil Na veiblichen vorzu 5 vr Bui 351 Terſchka hatte nur immer zu beruhigen und in die Bahn des Hergebrachten zu lecten„Sie ſind der ewige Leimer und Verſöhner!“ ſagte ſie dann wol.„Sie vermählen den Großtürken mit der Republik Venedig! Was wäre die Welt geworden, hätte es nicht Frauen von Geſin⸗ nung gegeben! Perikles lernte Reden erſt halten von Aspaſien! Die Kraft der Römer lag in ihren Gattinnen und Müttern! Die Frauen haben das Mittelalter vor dem Uebermaß der Barbarei bewahrt! An jeden gro⸗ ßen Namen des ſiebze ehnten und achtzehnten Jahrhun⸗ derts knüpft ſich eine Frau, die für ihn kämpfte, mit ihm litt, ſeinen wankenden Muth befeuerte! Napoleon herrſchte noch heute, wenn er einer Frau von Geiſt, wielleicht der Staél, die ihn liebte— ſie haßte ihn wenigſtens nur aus Liebe— hätte vergeben können, daß ſie häßlich war!“ Graf Hugo ſagte eines Tages in ſeiner trockenen und einfachen Art:„Das vergibt ſich ſchon, meine gnädige Frau, wenn man nur eine ſolche läßliche Frau nicht dann auch ſogleich wiederlieben ſoll!“ Die Mutter fand den Beruf der Frauen für große Ein⸗ griffe ins Leben vollkommen bewieſen durch die Schrift. Sie pries nicht die immerhin etwas zweideutige That der Judith, wol aber die der Deborah, die alles Volk zum lampfe wider Siſſera auffoderte, ja jene Jael ſogar, die dem Siſſera, als er ſchlief, einen Nagel durch den Kopf trieb; nur hätten dieſe Frauen alle dabei Gott die Ehre gegeben, was man von den atheiſtiſchen Gönnerinnen der„Herren Rouſſeau und Voltaire“ nicht ſegen könne.„Cheère maman“, ſagte Graf Hugo ſcher⸗ hnd und voll Artigkeit den Dampf ſeiner Cigarre zum 352 offen ſtehenden Fenſter hinausblaſend,„il y en a encore beaucoup de femmes, die uns den Kopf— Lverna⸗ geln)! Mais, chère maman,— ſie müſſen hübſch ſein!“ Terſchka vermittelte und kam auf Napoleon zurück, auf Joſephine Beauharnais, auf die Liebe eines einfachen und rein— weiblichen Weibes—„Pah“, ſagte Monika,„Joſephine Beauharnais war empfindleriſch und verſtand ſich nur in türkiſche Shawls zu drapiren!“ Hätte Terſchka, den Schwur vergeſſend, der ihn gefangen hielt, die Liebe Monika's gewinnen können, er würde ſich zu allem entſchloſſen haben, was zur vollſtän⸗ digen Erreichung ſeines Glücks gehört hätte. Traten Beide zur Confeſſion der Gräfin Erdmuthe, ihrer Gön⸗ P nerin, über, ſo war ihre Verbindung möglich. Aber Monika vermied ſeine Bewerbung. Sie verſtand ſie nicht oder gab ſich den Schein, ſie nicht zu verſtehen. Sie wich den Beweiſen ſeiner Gefälligkeit aus. Es gab et⸗ was, was ſie von ihm zurückſchreckte. Nur die ſtete Rückkehr der Gräſin auf ein gewiſſes, wenn auch nur angedeutetes und erſt kurz wieder vor ihrer Reiſe nach England offen behandeltes Kapitel fing an ſie zu beun⸗ ruhigen. Sie floh vor einer Aufregung ihres Innern, die ihr unheimlich wurde; ſie floh der Gefahr entgegen, Armgart in die Gewalt ihres aus Amerika zurückgekehr⸗ ten Gatten übergeben zu ſehen. Terſchka folgte. Er folgte ſogar in der Abſicht, Kocher am Fall zu beſuchen. Er wollte dieſen vielbeſprochenen, noch in räthſelhafte Nebel und Schleier gehüllten Ulrich von Hülleshoven kennen lernen. Aber die Erbſchaftsfrage rief ihn zu bald nach Witoborn. Hier lebte er jetzt ſeit einem lben ainndige mwern, iu Kan den g Aün me ſten 353 halben Jahre, in dem ganzen, äußerlich mit bewunderungs⸗ Iy en a enecd„... 2221;;; opf den würdiger Virtuoſität verdeckten Zwieſpalt ſeines zerriſſenen —(verl 1. 8.. 1 ſen Innern, in der ſteten Angſt vor einer Mahnung aus Rom, 2 mü im Kampf mit Entſchließungen, die dann für ein ganzes Leben gelten mußten. Und wie war er jetzt ſo nahe gerückt allen maßgebenden Momenten ſeiner Vergangenheit; ſeiner nächſten in der außerordentlichen Katholicität der Gegend— ſeiner entfernteſten in den plötzlichen Entdeckungen, die er über den Laienbruder Hubertus machen mußte!... Hatte er eine Ahnung, daß ſich ihm bald die mächtige Sand, der er nimmermehr glauben durfte entronnen zu was zur rlſm ſein, mit Rieſenkraft nahen würde, ſo ſollte ſie ſich in hätte. Duu der That erfüllen... uthe, ihrer Er verbrachte eine ſchlafloſe Nacht... rüͦglih We Am folgenden Morgen begann er ſeine gewöhn⸗ verſtand ſien liche Thätigkeit. Er klopfte an die Thür des Onkels verſtehen. 8 Levinus, plauderte und rauchte mit ihm, ließ ſich von uus. Es göt ſeinen alten Zauberbüchern, an die der Onkel nicht Nur die ſ glaubte und die er dennoch mit hoher Andacht ſtu⸗ „wenn auch! dirte, von ſeinen chemiſchen Präparaten erzählen, ſcherzte ihrer Reiſe m ſrgar über einen Homunculus, den der Onkel am Ende an ſie zu be doch noch in der Retorte als ſeinen Erben und Fort⸗ ng ihres Jum pflanzer des Namens Hülleshoven hinterlaſſen würde. Gefahr eutgi mer war dann einige Stunden im Rentamt, begrüßte die auf uil f die Liebe ein —„Pah“, ſeg. empfindleriſch u drapiren!“ geſſend, det i innen können, erikaz zurich Damen nach der Toilettenzeit, begegnete auch ſchon wieder chka a folge in Schloſſe Thiebold, der wegen des inzwiſchen ſchon Fall zu beiut aaf morgen angeſetzten großen Jagdfeſtes gekommen war h in räthſel⸗ und mancherlei über ſeinen Ankauf zu beſprechen hatte, von Hüllie ſpäter begegnete er Benno, der den Nicht⸗Einladungen e iif ihe der Tante zum Trotz doch ab und zu plötzlich auf dem ug ſeit i Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 23 Schloſſe erſchien, da auch für ihn im Schreibamt des untern Geſchoſſes Veranlaſſung zu Nachfragen genug gegeben war... Allen dieſen Begegnungen zeigte Terſchka ſeine gewohnte heitere und zuvorkommende Art und doch war ſein Inneres in räthſelhafter Unruhe. Armgart, bleich und angegriffen, begegnete ihm wieder mit der Poſtmappe und ließ ihn ſelbſt ſeine Briefe ſuchen... Wiederum war ein Brief von ihrer Mutter darunter. Doch war das Couvert nicht mit ihrer Handſchrift ge⸗ ſchrieben. Der Poſtſtempel zeigte auf einen Ort, der nur noch wenige Meilen entfernt war... Als wenn Armgart die richtige Ahnung hätte, daß dieſer Brief, den Terſchka befremdet an ſich nahm und betrachtete, die Ankunft der Mutter verdecken ſollte, fixirte ſie den Empfänger. Oeffnen Sie ihn doch! ſagte ſie mit Beſtimmtheit. Es iſt doch wol nur ein Brief von meiner Mutter— nicht wahr? Wie kommen Sie darauf? Sie ſehen, die Handſchrift— Und jetzt freilich las Terſchka am wenigſten... Ich weiß alles! ſagte ſie und warf die Mappe auf einen Tiſch, der in der Nähe ſtand, und eilte davon.. Terſchka ſtand beſtürzt. Ein Diener, der des Weges kam, hob einige herausgefallene Briefe und Zeitungen auf und trug die Mappe auf Terſchka's Geheiß zum Onkel Levinus... Auf ſeinem Zimmer ſah Terſchka, daß Armgart recht hatte. Monika war in einer der nahe gelegenen kleinen Städte angekommen und deutete an, daß ſie hoffte, in kur zem auf Weſterhof zu ſein. Sie machte Terſchka nicht zum Schreibamt lachfragen gu gegnungen zii vorkommende after Unruhe. gegnete ihm wie Briefe ſuchen. Mutter darun er Handſchrift einen Ort, d gnung hätte, d in ſich nahm! ecen ſollte, ſte mit Beſtimmit neiner Muttet „GHandſchrift die Handſch wenigſten. f die Nurfe d eite daun r, der des A M fe und Zeitn k kas Geheiß da aß Armgatt: gelegenet le ſie hoffte,n Tuſſcl nih 355 Vertrauten ihrer Abſichten. Sie ſchrieb ihm nur um einer Einlage der Gräfin willen, die dieſe ihr mit be⸗ ſonderm Couvert abzuſenden aufgetragen hatte; es war eine unbedeutende Sache, in der die Gräfin ſchrieb— ſie wollte eben nur Monika zwingen, mit Terſchka in Ver⸗ bindung zu bleiben; ſie war in ihrer Art eine ebenſo fanatiſche Proſelytenmacherin, wie die Jeſuiten auch. Monika's Begleitſchreiben wich allem aus, was ihr Terſchka über das nächſte Geſchäftliche hinausgeſchrieben hatte, ja es war förmlich... Terſchka ging im Zimmer auf und nieder. Er verbarg den Brief und ſagte ſich: Vergebens! Vergebens! Dieſe Hoffnung erfüllt ſich nicht! Das iſt ein Traum geweſen, der nur in meiner Phantaſie gelebt hat! Dahin ziehen dich deine Sterne nicht!... Nun mußte ihn Armgart's Weſen befremden. Er hatte ihm anfangs nicht viel nachgedacht. Seit einigen Tagen bildeten ſich ihm in ſeinem Innern Gedanken⸗ reihen darüber. Liebt dich denn wol gar dies ſeltſame Mädchen? ſagte er ſich ſchon ſeit längerer Zeit. Sie wollte von ihm reiten lernen. Er hatte damit auch begonnen und ſich überzeugt, welche Geiſter ſich in ihrem Innern befanden— gebunden und wie entfeſſelbar! Heute war ihr Benehmen wieder zu auffallend geweſen... Es flammte und brauſte in ſeinem Innern... So kalt die Luft ging, er mußte das Fenſter aufreißen... Träume, Wahngebilde der berauſchendſten Möglichkeiten umgau— kelten ihn... Da klopfte es an ſein Zimmer und Benno war es, der nur flüchtig hereinſchaute... 23* 356 Beſter Baron, ſagte er mit dem ihm eigenen ironiſchen Lächeln, das ſeine Lippen vorzugsweiſe Terſchka gegen über umzog; wiſſen Sie ſchon, das Obertribunal hat 7 geſtattet, daß Nück's Verlangen, noch einmal die Archive von Weſterhof in Ihrer und meiner Gegenwart unter ſuchen und nach ſeiner verdammten Urkunde kramen zu- Herr von Hülleshoven hat ge Iſt es wol da dürfen, genehmigt wird! dafür den nächſten Montag beſtimmt. auch Ihnen genehm? Auf ſein: Mit Freuden, Herr von Aſſelyn! war Benno ſchon verſchwunden Es lag in Terſchka's Charakter, nicht zurückzubleiben, l ſondern trotz der größten Aufregung einem Beſuche zu folgen und ihm die Begleitung zu geben. An die Cadenz der Höflichkeit, die in der Jeſuitenerziehung gelehrt wird, 1 war er gewohnt... Wie er hinaustrat, war Benno auf einer der kleinen Lauftreppen verſchwunden... Nun aber ſah er am entfernteſten Ende des Corridors eine ſeltſame Gruppe... Dort ſtand Armgart und reichte eben Thiebold de Jonge die Hand Thiebold küßte dieſe Hand und ſie ließ es geſchehen.. Faſt ſchien es, als hätte Thiebold auch einen bunten Gegenſtand, den er in Händen hielt, mit Küſſen bedeckt.. Armgart ſchien ſogar zu weinen... Darauf deutete ein Taſchentuch in ihrer Hand Schweigend ſtanden beide eine Weile in ſich verloren; dann raffte ſich Armgart auf, winkte mit der Hand ein Lebewohl und verſchwand (genen irouiſc Terſchta geg DOertribunal l nmal die Arci hegenwart un kunde kramen Hülleshoven! Jſ es wold n Aſſelyn! u tzurückzublelde nem Beſuche An die Cade ung gelehrt win feiner der klin s Corrdd nde de FTp' jebold eben Thi es geſchehen auch einen b Küſſen bedet .Darauf d e in ſich verlo alld der H mit 357 Thiebold ſah ihr lange nach, zog jetzt gleichfalls ſein Taſchentuch, trocknete ſich— halb die Augen, halb trotz der Kälte, wie im heißeſten Sommer, die Stirn und wandte ſich, ohne aufzublicken, gleichfalls einer der Lauftreppen zu, die aus dem erſten Stock ins Erd⸗ geſchoß führten... Was iſt das nur? ſagte ſich Terſchka und ſchritt weiter, als müßte er Armgart anreden Denn ſchon, ſchon faßten ihn die Geiſter der Verſuchung. Eben noch hatten ihn die wenigen Worte Benno's über die Urkunde mit furchtbarer Macht an den Augenblick erinnert, wo ſein General vor ihm ſtand und ihm ſagte: Fände ſich die Urkunde, die für die Antretung der Erbſchaft unſere Religion bedingt, ſo würde ſich das ganze Verhältniß ändern, die Gräfin würde durch einen Familienpact den Grafen Hugo heirathen müſſen und die Aufgabe für uns würde eine leichtere werden! Man riefe ihn dann viel⸗ leicht— nach Rom zurück... Aber dieſer wie Donnerton auf ihn einbrechenden Gedankenreihe konnte er nicht volles Gehör ſchenken, die Mittelſtufen derſelben wankten, Seligkeit und Qual ran⸗ gen wie im Titanenkampf... Es zog ihn vorwärts und vorwärts... Was ſollte dieſer Abſchied von dem jungen Thiebold ſagen? Warum nur ſtand vor ihm der liebliche Engel ſo ſeltſam bewegt?... Wie verklärt dieſe Augen! Wie ganz dem Bild ihrer Mutter gleichend! Sie aber noch die wirkliche Jugend, das wirklich blühende Leben— kein Silberſchnee des Haares, der die Jugend Lügen ſtrafte Und Terſchka's Abenteurernatur wurde entfeſſelter. Losgebunden regte ſich die Seele des Emporkömmlings, 358 der ſich an alles hält, was ihn erheben und fortreißen kann. Eine der Krallen des apokalyptiſchen Thieres nach der andern, der„Probabilismus“ und die ſiebenköpfige jeſuitiſche Moral des:„Beſſer i*ſt beſſer!“ packte ihn in furchtbarſter Gewalt... Taumelnd folgte er.. Er kam an das Ende des Ganges, der, da das Schloß im Geviert gebaut war, hier nur der Anfang eines im rechten Winkel ſich einſetzenden neuen war... Hier ſah er, daß Armgart ein in den Hof gehendes Fenſter geöffnet hatte und hinunterwinkte.. Dem ihm zunächſtliegenden Fenſter ſein Auge zu⸗ wendend ſah er, daß es nun auch Benno war, den ſie mit ſchwacher, erſtickter Stimme anrief... Benno unten verſtand ſie nicht ſofort... Nun winkte ſie ihm heraufzukommen... Benno eilte auf die erſte der kleinen Treppen, die in den Hof gingen... Terſchka zog ſich zurück... Offenbar, ſagte er ſich, hat ſie mit de Jonge eben eine Scene gehabt, die ſie mit Aſſelyn ganz ebenſo wiederholen will... Schon war Benno oben, ſchon hatte er deſſen zwar leicht, aber doch ohne Zweifel tieferbebend Armgart darge⸗ brachten Morgengruß vernommen... Armgart erwiderte nichts... Terſchka hörte nur das Klappen einer Thür... Er trat dann wieder vor... Armgart und Benno waren verſchwunden... Das Zimmer, in das ſie hatten gehen müſſen, kannte er. Es war daſſelbe, in dem neulich Bona⸗ ventura ſeine Mutter wiedergeſehen. Nichts hielt ihn, am we u ber dlauſc d Mü hhütte dr in von d fant enen dorſich der urd fortreiß zen Thieres nit die ſiebenköyfe “ packte ihni gte er... „da das Schloi lnfang eines! war... 9. ehendes Funſt ſein Auge ſ o war, den t.. en Treppen, 55b de Jonge e un gunz die Rer deſſen i Armgart di umgart eiwl n einer Tt gart und d gehe i ge neulih d Nüjts i 359 am wenigſten die Moral ſeiner Bildung und Erziehung, zu verſuchen, das Geſpräch Benno's und Armgart's zu belauſchen... Die Schlüſſel der Zimmer ſtanden ihm zu Gebote. Mit wenig Sprüngen war er beim Onkel Levinus, ſchützte das Intereſſe an einem alten Stammbaum vor, der in einem großen Speiſeſaal hing, nahm die Schlüſſel von der Wand, ſchloß etwa fünf bis ſechs Thüren ent⸗ fernt von der, hinter welcher jenes Geſpräch ſtattfand, einen Saal auf, ſchloß wieder hinter ſich zu und ging vorſichtig und langſam durch die entweder offen ſtehenden oder nur leiſe aufzuklinkenden Verbindungsthüren hin⸗ durch bis zu dem Nebenzimmer des Fremdenſtübchens... Auch dort trennte ihn von dem Geſpräch nur eine Thür, an die er ſein Ohr legte... Es war kalt und ſchauerlich ſtill in allen dieſen alter⸗ thümlichen Räumen, von denen einige mit großer Pracht ausgeſtattet waren.. Ihn kümmerte nichts... Er horchte nur... 12. Schon tief in ſeinen Erörterungen mußte das junge Paar vorgerückt ſein. Dennoch ſtaunte Terſchka, eine ſcheinbar ſo ruhige Converſation zu vernehmen. Nein, nein, ſagte Armgart mit ſo leiſer Stimme, daß auch nur Sein feines Gehör geſchickt war folgen zu können— nein, nein, wiſſen Sie wol, lieber Freund, damals in Lindenwerth, als Sie uns zum erſten male beſucht hatten? Es war ein Frühlingstag. Die Syringen blühten, die Nachtigall ſang. Das Penſionat wanderte in die Sieben Berge. Sie, Aſſelyn, gingen mit uns und als wir in eine Schlucht kamen, die ſich ſo wunderſchön öffnete, ganz grün war ſie und verlor ſich dann in Felder mit goldenen Repsſaaten— da hieß es, dies Thal wäre die Aue— und da ſagten Sie blos: Hartmann von der Aue!... Wer iſt das? fragte ich... Ein Minne⸗ ſänger! ſagten Sie und ſetzten hinzu: Kennen Sie das Gedicht vom armen Heinrich nicht—? Eine Pauſe trat ein... Benno ſchien ſich zu be— ſinnen... te das junge rſo ruhize ſer Stimme ar folgen zu eber Freund erſten mil die Syring nat wandel mit uns un wunderſchi ſich dam! 8, dies I artmann b Ein Minm nen Sie N n ſich zl 361 Vom armen Bennol ſagt' ich wol— warf er leiſe und bedeutungsvoll ein... Nein, nein, erwiderte Armgart, dieſem Tone auswei⸗ chend, vom armen Heinrich, dem zu Liebe ſich einſt eine fromme Jungfrau geopfert hätte... Sie wollten's mir erzählen und die dummen Mädchen kamen dazwiſchen mit ihren Eſeln— wiſſen Sie noch, ſie wollten ſämmtlich Eſel reiten und die Steigbügel waren zu lang—? Werden Sie denn morgen mit bei der Jagd ſein? unterbrach Benno, der noch nicht zu ahnen ſchien, was Armgart Ernſtes mit ihm vorhatte.. Ich weiß es nicht! antwortete ſie. Die Tante ſieht ſoviel Gefahren... Auch iſt Paula heute wieder auf⸗ geregter, denn je... Benno ſchien nur zuzuhören... 1 Die Tante hatte den Münnichs verſprochen, den Püttmeyer'ſchen Bildern beizuwohnen... Ich wenig⸗— ſtens könnte mit zu dieſen trotz der Trauer... Aber ich weiß es noch nicht... Erzählen Sie mir von Hartmann von der Aue und vom armen Heinrich! Liebe Armgart, begann Benno, dieſer arme Heinrich war ein ſchwäbiſcher Ritter, der in den heiligen Krieg zog und das Unglück hatte, ſtatt mit großer Beute nur mit einer ſchweren Krankheit heimzukehren, die kein Doctor heilen konnte! Man nannte die Krankheit die Miſelſucht. Ritter Heinrich war nicht einmal jung, vielleicht nicht beſonders liebenswerth, er war ein guter Guts⸗ und Grundherr. Einem ſeiner Vaſallen, ſeinem Meyer, wie das alt— deutſche Gedicht ſagt, blühte ein Töchterlein, den Namen hab' ich vergeſſen— wollen wir ſie— Armgart nennen? Gewiß! antwortete Armgart und ſprach dies ganz aus ſchwerem Herzen und voll ernſter Zuſtimmung... Nun gut! Des Meyers Töchterlein, Armgart, hört von dem Leid des guten Ritters, der nach Salerno ge⸗ reiſt war, wohin man damals reiſte ſeiner in medicini⸗ ſchen Angelegenheiten berühmteſten Univerſität wegen... Salerno liegt in Italien... Ich weiß! ſagte Armgart auf Benno's nicht ganz harmloſe Erklärung. Aber ihr: Ich weiß! war ohne jede Empfindlichkeit. Klärchen im„Egmont“ konnte, abſchließend mit dem Leben, ihr elegiſches:„Weißt du, wo meine Heimat iſt?“ nicht ergebener ſprechen... Nun kommt eine Botſchaft aus Italien! fuhr Benno fort, der Ritter könnte geneſen, hieß es, wenn eine Jung⸗ frau rein ſich fände, die für ihn in den Tod ginge. Ich kann im Augenblick nicht ſagen, liebe Freundin— Sie müſſen den Domherrn fragen, der in dieſen Gedichten heimiſcher iſt, als ich— ob der Ritter das Blut der Jungfrau trinken oder in ſeine geöffneten Adern aufneh⸗ men ſollte... Letzteres iſt auf der Univerſität Göttingen neulich, das heißt umgekehrt, vorgekommen; ein junger Student hat ſich dazu hergegeben, ſein Blut durch Trans⸗ fuſion in die blutleeren Adern einer jungen hinſiechenden Frau hinüberleiten zu laſſen... Die junge kranke Frau wurde neubelebt durch Studentenblut... Wird ſie ihn nicht ewig lieben müſſen? Scherzen Sie nicht, Aſſelyn! Sie glauben nicht daran? Dann glauben Sie auch nicht, wie zwei Freunde es machen müſſen, die ſchei⸗ den und ſich in der Ferne treue Kunde geben wollen?— Geſetz Ihrer A ſetzte es zu einand S tröpfe laſſen und d Brief Der ganzer und ander Acht; nimm die f Buch verbu im J inmen ganz aus art, hört lerno ge⸗ medicini⸗ egen... icht ganz dar ohne konnte, zeißt du, r Benno ne Jung⸗ ge. Ich — Sie Gedichten Blut der auffeh⸗ Höttingen m junget Teans⸗ iechenden nke Fral d ſie ihn Sie uic die ſche⸗ ilen?— 363 Geſetzt wir beide! Ich reiſe nächſter Tage ganz aus Ihrer Nähe— und wer weiß, auf wie lange!... Aſſelyn! unterbrach Armgart mit einem ſanften Tone, ſetzte aber, ſich ſogleich beherrſchend, hinzu: Wie machen es zwei Freunde, wenn ſie ſich trennen und ſich von⸗ einander Kunde geben wollen?... Sie ritzen ſich gegenſeitig eine Wunde, füllen das tröpfelnde Blut einer dem andern in die ſeinige und laſſen ſo ſie heilen! Reiſt nun der eine gen Amerika und der andere gen Aſien, ſo können ſie ſich ohne alles Briefporto, ohne alle Telegraphie im Nu verſtändigen. Der eine will dem andern ſagen: Ich grüße dich von ganzer Seele!— da nimmt er nur eine Stecknadel und ſticht auf die geheilte Wunde. Im Nu fühlt der andere an derſelben Stelle den Stich. Jetzt gibt er Acht; dieſer erſte Stich war nur ein: Hab' Acht! Nun nimmt er ein Blatt Papier, einen Bleiſtift und zählt die fernern Stiche, die er fühlt. So kommen beſtimmte Buchſtaben zuſammen und zwei auf dieſe Art bluts⸗ verbundene Freunde können über tauſend Meilen weit im Nu ſich ſagen: Es geht mir wohl! Ich liebe dich immer und ewig! Ich ſterbe!... Benno!... Es dauerte eine Weile, bis Terſchka Weiteres hörte... Sein Herz ſchlug ſo laut, daß es ihm ſelbſt hörbar wurde... Endlich ſchien Benno ſich gefunden zu haben... Wenigſtens hörte Terſchka die Worte: Zwanzig Meilen nach dem Weſten, da gibt es ja noch Poſtverbindung! Oder wollen Sie etwa weiter noch— nach dem Oſten? Vielleicht... Wohin? Nach Wien! Terſchka horchte auf... Mit Ihrer Mutter! ſagte Benno gelaſſen... Armgart ſchwieg... Mit wem? fragte er dringender... Erzählen Sie mir von der Tochter des Meyers! war Armgart's ausweichende Antwort... Mit wem? drängte Benno... Wie ließ ſie ihr Leben für den kranken Ritter? Mit wem? wiederholte Benno und rief diesmal ſo laut, daß Armgart ihn um aller Heiligen willen um Ruhe bat... Was that die Jungfrau? ſagte ſie dann... Fragen Sie den Domherrn! antwortete Benno mit hörbarer Erregung und voll Bitterkeit. Ich glaube, ſie ſollte ſich auf den Seeirtiſch der Anatomie legen und ſich von den Profeſſoren zerſchneiden laſſen! Das Mädchen, ein zweites Käthchen von Heilbronn, reiſte richtig nach Salerno, bietet ſich auf der Anatomie zu jedem Experimente an— Die Profeſſoren erſtaunen und, wie beim Opfer Abra⸗ ham's ſchon der Wille für die That gewirkt hatte, ſo wird auch hier der Ritter geſund und heirathet die Toch⸗ ter ſeines Meyers... Das iſt dumm! wallte Armgart auf... Wegen der Mesalliance? Oder erwarteten Sie den Opfertod? Gewiß!... Das Schickſal iſt auch wol ſo gnädig, wie ihr Poeten! Wo etwas Nothwendiges von den Wien N gart Daß ihm ahbbra men ſprach 3 Aelten Meyers! Benno mit glaube, ſie 97 gen und ſich Kädchen, emn ch Salerno, 365 Umſtänden vorgeſchrieben wird, geſchieht es auch! Das ſteht in den Sternen! Armgart! Sie wollen ſo eigenſinnig ſein, wie manch⸗ mal denn doch— die Liebe Gottes nicht iſt? Welchen Opfertod ſuchen Sie denn? Armgart ſchwieg... Sprechen Sie, Armgart—! Was wollen Sie in Wien—? Ich beſchwöre Sie!.. Benno errieth nicht, welche Gedankengänge in Arm⸗ gart ſchlummerten, welchen Opfertod ſie meinte... Daß aber Wien und Terſchka zuſammenhing, das mußte ihm gewiß ſein... Terſchka hörte, daß er eine Rede abbrach, die aus ſeiner mächtigſten Aufwallung zu kom⸗ men ſchien. Wie mit einer ſich beherrſchenden Stimme ſprach er: Ich denke, Sie leben nur der Vereinigung Ihrer Aeltern? Das thu' ich auch! In wenigen Tagen werden ſie verbunden ſein! Wer ſagt Ihnen das? Meine Ahnung! Was der Menſch getrennt hat, kann kein Gott wieder zuſammenfügen! Selbſt Sie nicht, Armgart! Atheiſt! Können Sie wiſſen, was ſich Ihre Aeltern vorzu⸗ werfen haben? Nichts haben ſie ſich vorzuwerfen! Und wenn—! Die Kirche ſcheidet nicht! Sagten Sie nicht oft, Vater und Mutter— beide ſind Menſchen voll Hochherzigkeit und Edel⸗ muth? Und ſie ſollten ſich nicht angehören? Nicht ewig? 366 Liebe erzwingt ſich nicht! Das—— das ſeh' ich ja! Die Liebe iſt ein Wahn! Armgart! Nur Gott iſt die Liebe! Gott ſagt, wen und was die Liebe wählen ſoll!... Ha, Sie ſprechen von Glück, Benno? Thorheit, Thorheit menſchlicher Schwäche, die nur in Be⸗ friedigung ihrer eiteln Wünſche Beruhigung findet! Wohl! Schön muß es ſein, herrlich zu leben, das geb' ich zu, wenn das Herz erreicht, wonach es verlangt... Aber auch ſtückweiſe es hinzugeben, wenn es die höhere Pflicht begehrt, die Prüfung unſerer Größe es will— darin kann ebenſo viel Freude liegen— oder glauben Sie nicht, daß Hedwig von Polen glücklich war, als ſie dem Ferdinand von Oeſterreich, den ſie liebte, entſagte und den Heiden Jagello zum Manne nahm, der ihr ſeine Taufe, die Taufe eines ganzen Volkes, zur Morgengabe brachte? Wie ſie ihren Brautſchleier der Mutter Gottes von Krakau ſchenkte, muß ihr das Leben anfangs wie unter einem ſchwarzen Gewitterhimmel dahingezogen ſein! Dann aber umſäumte es ſich roſig und gewiß, gewiß— ſie wurde glücklich! Armgart! rief Benno außer ſich voll Erſtaunen... Und alles wurde jetzt ſtill... Terſchka ſah im Geiſt ſeinen Schutz⸗ heiligen, den achtzehnjährigen Polen Stanislaus von Koſtka, dem beim Gebet ſein Antlitz von Verklärungsſchimmer über⸗ leuchtet geweſen... Ebenſo auch hörte er Monika, deren Methode, zu fühlen und zu denken, ganz dieſelbe war, wie bei ihrer Tochter, wenn auch ihr Fühlen und ihr Denken andern Ergebniſſen zugute kam... Sein Herz verſtand, was er hörte... Dämonen raunten ihm zu: ſehy ich jal ind was die ück, Benno? nur in Be⸗ det! Wohll geb' ich zu .. Aer here Pfücht 1— darin Sie nicht, Ferdinand den Heiden ein! Dal ſie wurde . Und nen Schub⸗ von Koſt immer iber a, deren en. nik rſelbe var er und il Sein Hel „ aul en ihm Willſt du mitleidig ſein mit dieſem jungen Mann, der ſeinen Abſchied auf ewig— um deinetwillen erhält? Willſt du thöricht ſein und um einer ſolchen von Göttern zu beneidenden Hingebung willen geſtehen, daß ihr Opfer— ihre Abſicht, ihn— von ihrer Mutter zu trennen, auf einem Irrthum beruht?... Armgart! Armgart! Ich beſchwöre Sie, was geht in Ihnen vor? rief Benno... Ich lebe— einem Gelübde!... Himmel, kann denn irgendeine That Gott wohl⸗ gefällig ſein, die Ihr Herz Gefahren ausſetzt, für die keine, keine Himmelskrone Sie entſchädigen wird? Läſterung! Wem wollen Sie Ihr Herz, Ihre Hand zum Opfer bringen? Warum, warum nur lieben Sie— Terſchka?! Kein Aufſchrei Armgart's erfolgte... Alles blieb ſtill... Lange, lange blieb es ſtill... Terſchka be⸗ griff nicht, warum beide plötzlich ſchwiegen.. Allmählich begann Benno zu ſprechen... Er ſprach ſo leiſe, daß Terſchka nicht folgen konnte... Dem Schlüſſelloch Ohr und Auge zuzuwenden wagte er nicht, ungewiß, ob die nebenan herrſchende Stille nicht jede ſeiner Bewegungen verrathen könnte... Vor ſeiner Phan⸗ taſie ſtand Benno in dieſem Augenblick, als müßte er Armgart an beiden Händen halten, müßte ihr tief in die Augen blicken, müßte mit ruhiger Ergebung ihr die ganze Wahrheit ſeines Herzens enthüllen und ihr ſagen: So ſollſt du hinſchwinden, ſchöner Traum meines Le⸗ bens, und wer, wer konnte dich feſſeln! Wer konnte dir werther ſein, als ich!—— 368 Die Worte, die Terſchka allmählich dann unterſchied, lauteten: Armgart! Wenn irgendjemand die Stimmungen kennt, in denen man, wie wir ſo oft in den Gärten des Enneper Thals nach den ſchwellenden Früchten über uns nicht langten, ebenſo auch ſein Glück dahinziehen läßt unerſtrebt, ſo bin ich es!... Aber bleiben Sie nur, Arm⸗ gart!... Ich wurde ſchon ruhiger, ſeit ich wußte, daß auch ein Freund Sie liebt!... Denn wie wollen Sie es nennen, wofür die Sprache nur Ein Wort hat!... Sie erklär⸗ ten vorhin dem Freund ohne Zweifel mit derſelben Be⸗ ſtimmtheit, wie mir, daß Sie aus unſerm Leben aus⸗ zuſcheiden wünſchen und unſere Bewerbungen ferner nicht mögen... Nun denn! Ich nehme den Aſchenbecher, wie er, der Fröhlichere— die Taſche für ſchnell verkohlende— Cigarren!... Wer Ihr Herz beſitzt, ich ſagte es vor⸗ hin... Herr von Terſchka wird eine große geſell⸗ ſchaftliche Stellung einnehmen, wird Sie in das ſchöne Wien entführen, dort werden Ihnen Glück und Reichthum lächeln!... Fliegen Sie mit ihm zu Roß dahin in flat⸗ terndem Gewande!... Aber nehmen Sie ein Wort von mir zum Abſchied!... Ich bin Ihnen nichts mehr und nun— nun bin ich mir noch weniger, als ſchon ſeit lange... Ihre Tante hat recht, mich wie einen Zigeunerknaben zu be⸗ handeln, den man nur aus Barmherzigkeit aufnimmt... Ich bin ein verflogener Vogel und paſſe für euere Käfige nicht... Doch ich werde Sie wiederſehen; das weiß ich. Wiſſen Sie, Armgart, daß ich auch Das ſicher und feſt weiß — daß ich Sie trotz Ihrer von unſerm Glauben gebotenen Himmelskronen— ich weiß nicht warum!— unglücklich unterſchied, timmungen Gärten des über uns ziehen läßt nur, Arm⸗ e, daß auch es nennen, Sie erklär⸗ ſelben Be⸗ eben aus⸗ erner nicht her, wie er, das ſchöne Reichthum chin in flat⸗ Wort von s mehr und it lange nzu be⸗ nabe fnimmt. — — finden werde?... Und Sie bejahen das—?... Aber auch Ihr räthſelhaftes Martyrerthum wird Sie nicht befriedi⸗ gen! Es gibt Naturen, die nicht aus Erdenſtoff geſchaffen ſcheinen und die dennoch mehr den Geſetzen der Erdenſchwere unterliegen, als die gemeinen! Ihre Mutter ſchon rettete ſich nur durch eine Flucht ganz aus der Welt heraus vor Gefahren, in die nun auch Sie ſich begeben wollen; Ihre Mutter wird von Tauſenden verurtheilt, ohne daß ſie es verdient; ſie wird verurtheilt und— ſie leidet darunter... Auch Sie, Sie, Armgart— werden den Beifall der Menſchen vergebens ſuchen, wenn Sie ihn nicht mehr finden können... Ich erſchrecke vor Ihrer Zukunft! Armgart erwiderte leiſe und ſprach lange. Terſchka konnte nichts verſtehen, als daß ſie nur vom Beifall Gottes und von ewiger Trennung ſprach... Endlich wurde alles ſtill... Die Thür ging... Noch hörte Terſchka nur ein plötz⸗ liches, heftiges, aus tiefſter Seele kommendes Schluchzen... Armgart mußte allein ſein... Ihr Weinen wurde zuletzt ſo heftig, daß es ſein Innerſtes durchſchnitt... Anfangs wollte er hinüberſtürzen, ſich ihr zu Füßen werfen, die Liebe, die wirklich nur ihm, ihm geweiht ſein konnte, ablehnen, wollte die Wahrheit bekennen, daß er Prieſter wäre, ein gerade in ihren Augen todwürdiges Verbrechen begehen würde, ſchon an ihren Beſitz auch nur zu denken—— Dann aber erſchreckten ihn— erſt die Thränen Armgart's... er konnte ihr Weinen nicht mehr hören... Er verlor die Beſinnung... Leiſe ſchlich er auf den Zehen durch die Zimmer zurück, kam zum großen Speiſeſaal, öffnete die Thür, die in Gutzkow, Zauberer von Rom. V. 24 370 den Corridor führte... Alles war ſtill... Niemand wol hatte ihn beobachtet... Durch ein Fenſter in den Hof blickend, entdeckte er Thiebold und Benno, wie beide ſchweigend, vernichtet, erſtarrt zur Erde blickend zum Portal des Schloſſes hinausgingen, wahr⸗ ſcheinlich um gemeinſchaftlich nach Witoborn— und in ein neues Leben zurückzukehren... Die Mittagsglocke läutete, die alles in dem kleinern Speiſezimmer vereinigte. Tiſchgenoſſen, die der Zufall brachte, gab es in dem gaſtfreien Hauſe genug... Nun ſchon trat Armgart hinter Terſchka hervor... Tief verweint waren zwar noch die Augen... Doch rang ſie ſchon nach Unbefangenheit... Herr von Terſchka, ſagte ſie mit leiſer Stimme, ich will Nachmittag nach Heiligenkreuz... Der Wagen iſt ſchon für die Damen beſtellt! ſagte er... Wie mußte er ſich beherrſchen, nicht ihre Hand zu ergrei⸗ fen... Nicht in die Augen konnte er ihr ſehen... Es ſind mir ihrer zu viel... So beſtell' ich zwei Wagen... Ich will zu Fuß gehen... Es wird Abend werden, ehe Sie fortkönnen... So können— ſo können Sie mich ja— begleiten... Damit ſtand Terſchka allein... Auf dies Wort„begleiten“ kämpften Himmel und Hölle... Terſchka begriff vollkommen, was in Armgart vor⸗ ging... Sie hatte ein Gelübde gethan, um den ver⸗ ſöhnten Aeltern anzugehören. Sie glaubte: Er wäre ein . Niemand Fenſter in und Benno, zur Erde ngen, wahr⸗ 1— und in dem kleinern b es in dem hervor... Doch Stimme, ich ſagte er.. id zu ergrel⸗ ſehen... len.. egleiten.. „ immel und ngart vor⸗ n den vel⸗ 3 wäre ein 371 Hinderniß dieſer Verſöhnung—! Die Mutter wäre im Begriff, ihn zu lieben—! Deshalb— Deshalb—! Wie Glühſtrom fiel es auf ihn: Deshalb reißt ſie mich mit Gewalt von einer eingebildeten Liebe ihrer Mutter los und will mich ſelbſt gewinnen——— Die Mög— lichkeit, daß ein ſolcher Gedanke in ihr entſtehen, dies Ertödten ihrer Neigung zu Benno möglich ſein konnte, überſah er... Armgart war katholiſch!... Sollte er nun dies Wahngebild ſich immer weiter ausbilden, immer verheerender im Herzen der lieblichen Jungfrau um ſich greifen laſſen? Un ſich greifen laſſen auf Grund einer Vorausſetzung, die— das ſah er ja be⸗ ſchämt— in Betreff Monika's eine völlig unbegründete war und auf Verwickelungen hinausführte, die nie zu löſen ſchienen—? Im Abenddunkel ſah ſeine Aufregung ihn mit Arm⸗ gart allein dahinſchreiten durch die Winterlandſchaft... Im Geiſt ſah er Armgart neben ſich, im Pelz die Hände bergend, deren eine er vielleicht, von ſeinem Glück überwältigt, verwegen ergriff beim Eintritt in den dichtern Tannenforſt... Im Geiſt hörte er, was ſein Uebermuth, ſein Leicht⸗ ſinn ihr zu ſagen wagen würde: Wie hab' ich Sie einſt ſchon geſucht an jenem ſtürmiſchen Regentag, als die Jugend von Lindenwerth zur Villa in Druſenheim kam! Wie zog mich Ihre Flucht Ihnen nach! Den ſchnellſten Renner hätt' ich ſatteln laſſen mögen vor Eiferſucht, nur um der Dritte ſein zu können unter denen, die in Ihrer Nähe weilen durften... Dann ſah er Eulen auffliegen, die den Schnee 372 von den Aeſten verſchütteten, auf denen ſie geſeſſen... Rehe, Hirſche— Unthiere, ſah er aufgeſcheucht vom Vortreiben zur morgenden großen Jagd, durch die Ge— büſche brechen... Der Mond ſtieg am äußerſten Rand des Horizontes empor... Ausmalen mußte er ſich, wie er würde Abſchied nehmen müſſen an der Allee, die nach Heiligenkreuz führt, und wie er würde zurückkehren, wenn ſein alter, gewohnter Lebensübermuth ihn über— mannt hätte... Toll, toll würde er in die Nacht hinauslachen, bis—— plötzlich aus den Büſchen an jedem Seitenwege ein Bote ſeines vergangenen Lebens träte— Jean Pieard, ſein Geſpiele— Franz Bosbeck, ſein Lebensretter— van Prinſteeren, der ihn einſt zuerſt aufs Pferd gehoben— jener Schweizerſoldat, der ihn mit in die Alpen nahm— er hörte das Stampfen der Roſſe in der Kaſerne der Lanzenreiter zu Rom— ſah die Benfratellen, wie ſie ihn in das Spital an der Tiber trugen— dann hatten ſie alle, alle Todtenhemden an und Larven über dem Antlitz; es war die Bruder⸗ ſchaft della Morte... So noch fiebernd, ſo in Jeſuitenart ſchwankend, ſo im zagenden Begriff zur Geſſelſſchaft einzutreten, erſchüt⸗ terten ihn zwei Thatſachen, die dann noch zu gleicher Zeit auf ihn eindrangen... Um ihn her war es plötzlich ſeltſam lebendig geworden... Er ſah, daß es die Anzeichen einer neuen Viſion der Gräfin waren... Er hörte, daß Stimmen des Erſtaunens durchein⸗ ander gingen... Er ſah Bonaventura kommen... ſah dieſen von geſeſſen... heucht vom rch die Ge⸗ erſten Rand bte er ſich, rAllee, die urückkehren, ihn über⸗ die Nacht Büſchen an en Lebens z Bosbec, einſt zuerſt —, der ihn uimpfen der om— ſah al an der dtenhemden ie Bruder⸗ ankend, ſo n, erſchüt⸗ eicher Zeit worden.- en Bſſe durchein⸗ iſen von 373 Tante Benigna, von Onkel Levinus in haſtigſter Auf⸗ regung begrüßt, ſah das Erbleichen des Domherrn, als ihm die Mittheilung wurde, daß Paula im Hochſchlaf läge und von den ſchmerzlichſten Anſchauungen gefoltert würde... Zu gleicher Zeit bemerkte er aber auch auf dem Cor⸗ ridor, der zu ſeinen Zimmern führte, im weiteſten Hin⸗ tergrunde und grell von einem Sonnenſtrahl beleuchtet— einen Mönch... Ein Lebender war das, der da herkam, aber ſeine funkelnden Augen ſchienen zwei Flammen aus den Höh— len eines Todtenkopfs zu ſein... Die Kiefern des Mundes bewegten ſich... Sie lächelten ihm von wei— tem ſo freundlich, daß die Grübchen auf den Wangen ſich ausfüllten wie mit Blumen unter Leichenſteinen... Ein langes, weites, braunes Gewand hing wie über einem Skelet, das läſſig, doch abſichtsvoll daherſchritt... Herr von Terſchka? riefen Diener im Hintergrund Iſt dort! ſagten andere und ſchoſſen an ihm vorüber... Ahnend ſtand Terſchka an der Schwelle des Eintritt ſaales am Weihebecken... Der Mönch näherte ſich... Zugleich ſprach voll Schrecken Bonaventura, der neben Terſchka ſtand: Um Gott, was ſieht ſie?... Eine Feuersbrunſt! riefen mehrere Stimmen vom grünen Zimmer her... Unter Terſchka wankte der Boden... Der Mönch kam näher und näher... Voll Schmerz und Verzweiflung liegt ſie! erzählte 374 man durcheinander... Sie ſieht ein Haus in Flam⸗ men! Sie fürchtet zu verbrennen! Kommen Sie! Helfen Sie, Herr Domherr! Aber auch der, der einſt Terſchka aus den Flammen gerettet, kam näher und doch ſchien der Corridor ſich weit, endlos zu erſtrecken bis zu den Corridoren und Kerkern— des Al Geſu in Rom... Jetzt hielt der geſpenſtiſche Bruder einen Brief empor, der nur an Terſchka gerichtet ſein konnte, denn auf ihn, ihn blickte unverwandt das freundliche Nicken des Todten⸗ hauptes... Es iſt das Schloß, das brennt! berichteten neue Stimmen und riefen Bonaventura, deſſen Hand Onkel Levinus ergriffen hatte, als ſollte er Hülfe bringen und Paula beruhigen... Das iſt Hubertus! ſagte ſich Terſchka und an ſeinem Arm brannte das Mal in lichterlohem Feuer.. Bonaventura war aus dem Vorſaal in das grüne Zimmer getreten wie ein Hülfebringender, wie ein Ret⸗ tender vor dem Tod in Feuersgluten, die er um ſich her, ſeiner Ahnungen eingedenk, durch die Fenſter her⸗ einbrechen, rings das Gebälk ergreifen, eine Welt in Aſche legen ſah... Und auch Terſchka ſollte folgen... Onkel Levinus erwartete es und harrte... Doch der Mönch, was will— der Mönch?... Bruder Hubertus! ſagte Onkel Levinus, ihn erkennend und nach obwaltenden Umſtänden erfreut begrüßend. Sie kämen ſchon zurecht, um auch hier aus Flammen zu retten? Die Gräfin hat eine ſchwere Viſion. in Flam⸗ zie! Helfen n Flammen orridor ſich ddoren und vrief empor, an auf ihn, des Todten⸗ zteten neue allb ringen und an ſeinem das grüne je ein Ret⸗ er um ſich enſter her⸗ Welt in el Levinus 42. 8 375 Bruder Hubertus trat lächelnden Mitleids näher, verbeugte ſich, zuckte die Achſeln, als wiſſe er gegen ſolche Offenbarungen der Gottheit keine Hülfe, und übergab an Terſchka, dieſen immer mit ſeinen Augen wie ver— ſchlingend, den Brief, den er ihm ſchon ſo lange ent— gegenhielt... Terſchka ergriff den Brief... Das Siegel war geiſtlich—— noch kam es nicht aus Rom... Pater. Maurus, der Provinzial der Franciscaner, ſchrieb ihm nur unter dem großen Siegel ſeines Kloſters.. Terſchka erbrach und las... Jetzt zog ihn der Onkel, um das ihm wichtiger Scheinende in den Zimmern drinnen nicht länger zu ver⸗ ſäumen... Ich werde kommen! hauchte Terſchka— gelblichbleich war er geworden wie der von der Winterſonne gefärbte Schnee auf den Feldern... Noch einmal wandte er ſieh zu dem an der Thür⸗ ſchwelle harrenden und mit glühenden Augen ihn durch⸗ bohrenden Boten und ſagte: Ein Brief— für mich— ſchreibt Ihr Guardian wäre im Kloſter angekommen— wiſſen Sie nicht— woher? Mit einer Miene, die das ſeligſte Gefühl ausdrücken ſollte: Biſt du denn, Mann mit dem mir ſo theuren Namen, mit der ahnungsvollen ſeltſamen Geſualt, biſt du denn wol gar verwandt mit dem Kinde— oder ſelbſt— 2 ſprach dieſer ein Wort, das dann für Terſchka’s Ohr erklang wie die Poſaune des Weltgerichts: Aus dem Kloſter der Piariſten zu Maria Treu in Wien! 376 Terſchka— verſchwand jetzt... Nicht zuſammen⸗ brechend, nicht niedergeſchmettert von einem Vort, das ihm lauten durfte: Deine Stunde iſt abgelaufon! ſondern wie mit einem Muth auf Leben und Tod... Er dachte an Armgart. G Der Mönch ſtand noch immer und ſagle nur zu den Dienern ſtaunend: Wenzel von Terſchka—!. Von den Vielbeſchäftigten konnte dem n Greiſ niemand Gehör geben./ —— Die Schlußkapitel dieſes fünften Buchs erfolgen im Anſang des ſichsten Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 8 Grey Control Chart Green vellow Hed Magenta Grey 2 Grey 3 Grey 4 Black — 8 » 5*⁴ — 4 „ 2 —.— 3 3