Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oklkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: a 1 Monat: 1, der.— Pf. 1 Me. 50 Pf. 2 Trk.— Pf. 2 82— 0 9—„ 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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An einem milden Novemberabend wurde Graf Truch⸗ ſeß⸗Gallenberg von ſeinem kirchenfürſtlichen Stuhl mit einem Aufgebot zahlreicher Truppen entfernt— in eine oſtwärts gelegene Feſtung geführt— mit ihm Eduard Michahelles.. Keine Hand hatte ſich gerührt, die gewaltige Ent⸗ ſchließung des Landesherrn zu hindern. Diejenigen, die ſich für dieſen längſt erwarteten Schritt der Regierung zu offnem Widerſtande gerüſtet hatten, wurden an jenem Septemberabend im Gaſthaus zum Roland am Hüneneck aufgehoben und befanden ſich ſeit Monaten im Gefäng— niß— Stephan Lengenich, Joſeph Zapf, ein Arzt, ein Prieſter, einige Gemeindevorſtände, Ackerwirthe, Schreiber, Landleute.. Die fortdauernd milde Witterung begünſtigte aber das⸗ jenige, was Dominicus Nück den„Treppenwitz“ nannte. Jeden Abend in den Straßen ein zu ſpät kommender Proteſt... Rottirungen, Patrouillen— Zuſammen⸗ ſtöße— einzelne Verwundungen— 1* 4 Die Aufregung hatte ſich ganz Deutſchland, ja Europa mitgetheilt. Auch im Oſten wurde von derſelben Regierung ein anderer Erzbiſchof aufgehoben. Eine wilde Zeit! Sie entfeſſelte Geiſter, die der proteſtantiſche Fürſt nicht geahnt hatte und die nach langem glücklichen Frieden ihm die Ruhe ſeiner letzten Lebensjahre rauben ſollten... Vom Vatican hatte„der Knecht der Knechte“ am 10. December in einer Allocution an die Cardinäle Blitze geſchleudert. Das kirchliche Leben ſtockte in den Landen, die zunächſt betheiligt waren; wie Bann und Interdict, wie der Fluch auf Feuer und Waſſer lag es auf der Ordnung des Lebens, allen Handlungen der Kirche, allen Weihen und Segnungen; der apoſtoliſche Stuhl hatte keine Stell⸗ vertretung anerkannt, die geweihte Hand des Prieſters Immanuel fehlte, ſie, die allein die Faſten, Abläſſe, Dis⸗ penſe, Conſenſe ertheilen konnte; rings waren die Wege des Heils geſperrt, da niemand die Vollmachten Chriſti beſaß, die allein für dieſe Zeitlichkeit der Schlüſſel Petri unter Verſchluß hält. Die, welche nach dem Willen des Landesherrn den entthronten Kirchenfürſten zu erſetzen hatten, die Kapitel, die Adminiſtratoren, geriethen in Schwankungen, in Angſt und Schrecken über ihr vom Heiligen Vater verwirrtes Gewiſſen. Die Lämmer flohen vor den Hirten... Nück und die Sporenritter und die Hunnius riefen Feuerjo! daß der rothe Hahn auf allen Paläſten und Staatskanzleien drohte und das Vaterland in eine Spaltung gerieth, wie wenn Tilly wieder vor den Thoren Magdeburgs ſtehen ſollte. Nüch' bei alledem von ihm geleiteter„Treppenwitz“, ſeine zu ſpät gekommene Antwort auf die kühne That —₰ 4 5 der„Neunmal⸗Weiſen“, hatte ſich nur ſeit den Feſt⸗ tagen etwas gemildert. Auch hatte am Morgen nach dem heiligen Drei⸗ königsabend Jodocus Hammaker unter dem Meſſer der Gulllotine geendet. Der Mörder des Fräuleins Brigida von Gülpen, genannt Frau Hauptmann von Buſchbeck, geſtand Dinge, die der Herrſchaft„der Achſelklappen mit den numerirten Knöpfen“ und der„Avantgarde des großen Czernebog“ verdrießlich ſein mußten, denn er zog vor, mit der Kirche, der er nicht minder gedient hatte, im Frieden zu ſcheiden. Nück vertheidigte ihn. Der Mörder dankte ihm für ſeine Anſtrengung, ihn vor den Aſſiſen durchzubringen, mit man⸗ chem ſchmachtenden Blicke, den er aus ſeinem ſo kunſtvoll be⸗ herrſchten, doch verzweiflungsvollen Auge auf ihn warf, mit manchem gen Himmel gerichteten Aufſeufzer, und nur einmal, als ihm Nück beim Plaidiren und gerade ſeine Doſe ziehend ſchaudernd eine Priſe verweigerte, die der Freche von ihm zu nehmen begehrte, da zuckten ſeine weißen Augen unheimlich drohend auf... doch der Agent beherrſchte ſich, ſchonte alles, was die eine ſeiner beiden Schultern getragen hatte, die kirchliche, und nur in ſeiner letzten Beichte, die er dem neuen jungen Domherrn, Herrn Bonaven⸗ tura von Aſſelyn, geſprochen, mochte er Rückblicke gege ben haben auf ſein Leben und Enthüllungen auch über den Verdacht, ob er einſt einen Mann aufhing, der ihn jetzt noch einmal, wie ſchon früher vertheidigte. Nach dieſem entſetzlichen Zwiſchenſpiel, das der Armeſünder keineswegs durch übergroßen Heldenmuth zum Volksſchauſpiel„auf Applaus“ machte, war es * 6 einige Abende recht ſtill geworden... Auch war der Carneval abgeſagt. Ihr Theuerſtes opferte die Stadt, um zu beweiſen, daß der Stellvertreter Chriſti mit Recht dieſe Zeit den ſchlimmſten der Propheten verglichen hatte. Im Engliſchen Hof, in einem der erſten Hotels der Stadt, waren, wie ſeit einigen Wochen allabendlich, mehrere Fenſter erleuchtet. Die Frequenz der Stadt hatte abgenommen. Niemand mochte dem Anſinnen der Loyalität, Feſte zu geben, entſprechen und da manche Familie auch ihrerſeits wieder vor dem Schein der De— monſtration ſich fürchtete und lieber auf dem Lande blieb, ſo fiel es auf, wenn irgendwo ſich Leben zeigte in einer Stadt, der die geheimen Lenker in allem und jedem Trauer angeſagt hatten. Aber auch jene Fenſter oben im erſten Stock des Eng⸗ liſchen Hofes werden bald nicht mehr an jedem Abend erleuchtet ſein... Schon iſt ein großer Reiſewagen in der Einfahrt ſichtbar, der, vorn und hinten bepackt, morgen auf⸗ brechen und die oben wohnende Herrſchaft nach Belgien und an den Strand des Meeres entführen wird, von wo aus es dann weiter gehen ſoll nach England... Ein Reiſecourier ordnet am Wagen. Ein anderer Diener hat die Gräfin von Salem⸗Camphauſen, die Mutter des Grafen Hugo, in einem Miethwagen be— gleitet, in welchem ſie noch einige Abſchiedsbeſuche macht... In dem einen der oben von ihr ſeit zwei Monaten bewohnten Zimmer brennt etwas düſter eine große Aſtral⸗ * lampe auf einem runden, mit einem Teppich bedeckten Tiſche. Eine andere, hellere, wenn auch kleinere Lampe beſcheint ein kleines Schreibbureau, an wel⸗ chem eine Dame ſitzt und mit Emſigkeit die Feder führt... Alles ſtill um ſie her... Beträte auch ein Fuß das geräumige Zimmer, dem man die einer Abreiſe voran⸗ gehende Unordnung nicht anſieht, der Schritt würde durch einen Teppich gemildert werden... Eine kleine wiener Reiſeuhr ſteht neben der Schreibenden, die zuweilen wie mechaniſch auf ſie hinblickt und ſich flüchtig über den ſchnellen Lauf der Zeit zu wundern ſcheint, obgleich ſie darum im Schreiben immer noch fortfährt... Die Dame iſt nicht, wie ſeit dem 20. November alles, was in dieſer Stadt der gemeinſamen Stimmung Rechnung trägt, ſchwarz gekleidet, nur dunkelfarbig... weit ausgebreitet bauſcht ſich um ſie her ein einfacher ſeidener Stoff... ein Spitzentuch, das den Nacken be⸗ deckt, iſt herniedergeglitten... ja an dem zurückgehen⸗ den Ausſchnitt des Kleides kann man entnehmen, daß die emſige Schreiberin, um die Bruſt zu ſchonen, ſich's unbe⸗ wußt bequem gemacht hat... Man ſieht die Fülle der Anmuth und der Jugend. Sie blickt auf und athmet wie erſchöpft... Die ſaubern Octavblättchen, die ſie vollgeſchrieben, zählt ſie und lächelt, da es deren ſo viele ſind... Dies Lächeln ſollte uns nicht fremd ſein... Es hat Aehnlichkeit mit jener Duldermiene, die das Lächeln Armgart's dem Blick der Madonnen Murillo's ſo ähnlich macht... An dem ſeltſamen Glanz der langen Locken, die auf den weißen, — durch Zufall entblößten Hals der jetzt Leſenden nieder⸗ gleiten, erkennen wir Armgart's Mutter, die Oberſtin von Hülleshoven, Monika von Übbelohde. In der That hat der Winter nie ſo nahe beim Früh⸗ ling gewohnt. Nie iſt der letzte Schnee in anmuthigerm Neckſpiel auf die erſten Blüten eines Gartens gefallen. Nie hat der Sonnenſtrahl zur Oſterzeit ſo ſchnell die letzten Flocken der noch eiſigen Lüfte hinweggeküßt. Oder müſſen wir von einem Hagelwetter ſprechen, das grau⸗ ſam ſeine Eiskörner zurückgelaſſen unter Roſen und Lilien? Monika's Locken ſind grau. Monika iſt eine Frau mittler Größe, nicht von über⸗ vollen, aber runden Formen. Iſt ihr Antlitz jetzt nur vom Ueberbeugen ſo geröthet oder trägt es dies friſche Incarnat für immer? Faſt möchte man letzteres glau⸗ ben, wenn man die ſchwellende Röthe der Lippen ver⸗ gleicht, die ein wenig ſich öffnen, weil ſie leiſe vor ſich hin das lieſt, was ſie geſchrieben... Ihr Blick iſt ernſt. Die Hand, weiß und klein, hält die Blätter etwas zu nahe dem Auge. Wer weiß, ob nicht auch dieſe ſchönen braunen Augen gelitten haben von viel Thrä⸗ nen, die ſie vergoſſen haben mochte? Bei alledem liegt auf der Stirn ein ſeltener Friede. Oder iſt es nur eine große Klarheit, die ihre Vorſtellungen zu einem Lichte hindurchgerungen hat, das nun auch dieſe Stirn ſo edel er— hellt? Eine Stirn, die unharmoniſch iſt, entſtellt ein ganzes noch ſo zierliches Antlitz. Die Stirn dieſer jungen Frau ſtieg ſanft aus den eingeſenkten Schläfen und erhob ſich nur oben, dicht an den geſcheitelt niedergleitenden grauſchim⸗ mernden Locken, deren an jeder Seite drei bis auf die ————— ———ſ,— 9 in dem Lehnſeſſel ſich aufſtemmenden Oberarme fielen, zu einem leiſen Hervortreten zweier Flächentheile, die in der Mitte durch eine einzige ſanfte Linie getheilt waren. Die Rundung des Kopfes, deſſen Hintertheil ein unterm Kinn zuſammengebundenes Flortuch von ſchwarzer Seide be⸗ deckte, war der Ausdruck eines Weſens, das die Har— monie und mit ihr die Gerechtigkeit liebte. Die Augen⸗ brauen waren dunkel, nicht von dem Looſe des Haa⸗ res betroffen. Zitterten die Blättchen in der Hand der Leſenden, ſo war nur die Haltung der Arme, die ſich auf die Lehnen des Seſſels ſtemmten, ſchuld daran, nicht die bangende innere Aufregung, denn mit Ruhe, Faſſung, mit dem Ernſt eines Denkers überlieſt die junge Frau, was ſie geſchrieben. Die Blätter lauteten: „Seit vier Monaten, meine theure Freundin, haben Sie nichts von mir vernommen und vielleicht zu buch— ſtäblich hab' ich mein Wort gehalten, Sie zu verſchonen mit den Aufwallungen über halbe und unentſchiedene Zu— ſtände. „Ich habe nicht in Anſchlag gebracht, daß ſchon ſeit der Rückkehr des Oberſten die Vorbereitungen ge⸗ troffen ſein mußten, Armgart ſo bald als möglich wie⸗ der nach Weſterhof zurückzurufen. Unmittelbar nach meinem Briefe ſuchte ich einzutreffen. Kaum hatt' ich von den Zimmern, die Herr von Terſchka für mich be⸗ ſtellte, Beſitz genommen, als ich mich in einen Nachen ſetzte und zur Inſel Lindenwerth hinüberfuhr. Ich wie⸗ derholte eine der Scenen, deren vor Jahren ſo viele ſtattgefunden. Damals, in der ſeligſten Gewißheit, am 6 Ziele zu ſein und mein Kind zu beſitzen, es zu über⸗ raſchen im Schlummer, es entdeckt zu haben in einer Köhlerhütte, bei einem Förſter im Walde, hatten mein Schwager und meine ihm verbundene Schweſter den Raub, den ſie an zwei Aeltern begingen, ſchon wieder an einen andern Ort geborgen, nur daß ich diesmal nicht die mir tödlichen Worte in einem zurückgelaſſenen, immer gleichlautenden Briefe fand:«Dein Platz iſt— in der Kaſerne beim Olivaer Thor in Danzig; dort wirſt du dein Kind finden!“ Aber ebenſo ſtand ich wieder wie ſonſt. Muttergefühl und Stolz im Kampf. Nach halbſtündigem Warten auf Armgart merkt' ich, daß ſie nicht mehr auf der Inſel war. Die Eng⸗ liſchen Fräulein ſchienen aufs äußerſte beſtürzt; eine der Lehrerinnen war im Geheimniß. Als alles ge⸗ weckt wurde und ich ſehr gern den Nonnen eingeſtand, daß ich ſie für unbetheiligt hielt am Verſtecken meines Kindes, als die Lehrerin ringsum wirkliche Angſt über einen möglichen Unglücksfall bemerkte und ge⸗ ſtanden hatte, daß Armgart entflohen war, da hinderte ich ſelbſt, daß man die Schiffer antrieb ihr nachzu⸗ eilen. Wie ſonſt aus den Köhler- und Waldhütten ging ich, ich will nicht mehr ſagen, mit dem Trotz meiner Jugend, aber doch ſo vernichtet und auf die erſte Hoff⸗ nung tief erkältet, daß ich, wie ſchon oft im Leben, den Eindruck einer Frau ohne Herz zurückgelaſſen haben mag, als ich ſchweigend auf meinem Boot zum Ufer fuhr. 8 „Am folgenden Morgen beſuchte mich die Lehrerin. Der Armen hatte man, als verdächtig, eine Flucht aus „ ——— — 11 dem Penſionat unterſtützt zu haben, ſofort gekündigt. Das ſchon ältliche Mädchen dauerte mich. Sie ſprach ihr Leiden nicht aus, das das gewöhnliche verblühender Jugend und des unterrichtgebenden Tagelöhnerns ſchien, aber ich ſah es ihr an und vertraute ihrer Erzäh⸗ lung. Das Mädchen ſchien mich nicht für würdig zu halten, ganz in ihr Inneres zu ſehen. Ich war ihr«die Mutter, die ihr Kind aufgeben konnte». Erſt als ſie wiederholt auf mein graues Haar und den Ur⸗ ſprung deſſelben, den ſie etwas ungläubig aus dem Kum⸗ mer herleitete, zurückkam und ich jetzt, lächelnd ſogar bei allem Leid, ihr ſagen mußte: Liebe, Sie ſtellen mich viel zu hoch! Dies Erblinden meiner Haare ſtammt aus einer Lebensgefahr, in die ich mich einſt begeben hatte, als ich mich vierzehn Tage lang verſteckte, ver⸗ ſehen nur mit einem Körbchen Proviant, ohne Waſſer und auf den Augenblick harrend, wo ich die Wahnſinni⸗ gen, mit denen ich im Kampfe lebte, überraſchen wollte — man fand mich endlich fieberkrank und der Typhus raubt oder bleicht uns das Haar—!— da wurde ſie mittheilſamer und erzählte mir, was in Armgart's Seele ſo vorgegangen, als wäre ganz der Geiſt ihrer Tante Benigna über ſie gekommen, dieſer Velledennatur, die der Meg⸗Merilis Walter Scott's nicht unähnlich iſt, ohne daß meine Schweſter je den Hochlandsdichter ge— leſen haben mag. Ebenſo will das Kind richten über mich und den Vater und ſetzt ſich als Preis für unſere Ausſöhnung! Die Lehrerin erbot ſich zur Vermittelung mit dem Oberſten, der ſo nahe wohnte und in deſſen ganzer Art es liegt, daß er nicht einmal den Verſuch — 12 machte, ſich umzuſehen, wo er ſeinem einzigen Kinde begegnen könnte, geſchweige es an ſein Herz zu reißen. Ich lehnte die dargebotene Hülfe ab und verwies auf das, was vom Oberſten mich immer getrennt hat und was uns ewig trennen wird. „Von Herrn von Terſchka erfuhr ich dann alle nähern Umſtände dieſer Flucht. Sie kennen ſeine unermüdete Gefälligkeit. Ich erfuhr die kleinſten Details. Begleitet von zwei ihr bekannten jungen Männern war das wahn⸗ bethörte Mädchen nach einer nächtlichen Fahrt auf die Station einer großen Poſtroute gebracht worden, wo ſie die Diligence beſtieg und nach Witoborn fuhr. „Ich konnte ihr nicht folgen. Die Nähe ſo vieler Feindſeligkeit beängſtigte mich auch bei Lindenwerth. Ich ſchrieb einige Worte an den Dechanten und begab mich nach Belgien und Oſtende, wo ich die Gräfin erwarten wollte, um ſie, wie früher gehofft, mit Armgart, nun vielleicht allein nach England zu begleiten. Die Ankunft derſelben verzögerte ſich. Ich wartete wochenlang und ſah das Meer in allen ſeinen wechſelnden Launen, in ſeiner Größe und Gefahr, unheimlich und ſelbſt im Sonnenſchein und bei Windſtille dem Menſchen nicht wohlwollend. Die Jahreszeit wurde rauher, die Stürme tobten, die See ging hohl— eine Welle, die ſchon von weither rollt und über dem gefurchten Spiegel ſichtbar wird wie eine glattgeſchliffene rieſige Sichel, immer näher kommt, immer mächtiger in ihrem weißen Giſcht anwächſt und dann ſich auf den Strand wirft, hat etwas ſo un⸗ barmherzig Unerbittliches, daß ich ſelbſt vom ſchützenden Leuchtthurm aus nicht mehr dieſem Spiele zuſehen mochte. —e Ich reiſte der Gräfin entgegen, die endlich in Frankfurt angekommen war. „Aber ſchon in der Reſidenz des Kirchenfürſten be⸗ gegneten wir uns und haben wir hier die ſtürmi⸗ ſchen Tage der Gefangennahme deſſelben erlebt. Die Gemüther waren und ſind noch in einer Aufregung, die den Verkehr mit ihnen peinlich macht, zumal wenn man mit einer Proteſtantin auftritt, die ſo entſchieden wie die Gräfin an ihrem Bekenntniſſe feſthält und hier überall mehr Mistrauen und Feindſchaft, als Entgegenkommen findet. Die Rechte ihres Sohns auf die Dorſte'ſchen Beſitzungen ſind unantaſtbar; die Proceſſe, die man da⸗ gegen aufbrachte, ſind in drei Inſtanzen zu Gunſten des Grafen Hugo entſchieden worden. Terſchka iſt ſchon nach Weſterhof, um die Uebernahme der Güter und die Ver⸗ ſtändigung über Paula's Zukunft zu beſchleunigen. Sie kennen meine Verehrung vor der hoheitsvollen Geſinnung dieſer ehrwürdigen ſtrengen Matrone. Schon mit ihrem Erſcheinen entwaffnet Gräfin Erdmuthe jede Feindſelig⸗ keit; ſelbſt der gefährlichſte ihrer Gegner, der Procurator Nück, windet ſich vor ihr, als wenn ſchon ihr Blick etwas Zähmendes und Bändigendes hätte; gerade ihm gegenüber thut die ſittliche Macht des feſten Willens und der reinen Ueberzeugung auch noth, da er noch bis zur Stunde, obſchon alles für ſeine Clienten, die Geiſtlichen, die Klöſter, die Stifte, die Landſchaft, verloren iſt, ſich dem Unvermeidlichen nicht fügen will, zumal ſeit dem 10. December, wo von Rom aus hier alles wie mit unſichtbaren Schwertern bewaffnet iſt. „Eine freundliche Erſcheinung waren mir die beiden 14 jungen Männer, die an jenem für mich ſo ſchmerzlichen Sonntage Armgart auf ihrer Flucht begleitet hatten. Benno von Aſſelyn arbeitet bei Herrn Nück und mußte ſich leider als ein Gegner der Gräfin einführen. Doch verſtändigte die würdige Frau ſich bald mit dem jungen unterrichteten Manne, der für einen Neffen des Dechanten gilt, aber nur ein Adoptivſohn ſeines Bruders iſt und eine Spanierin zur Mutter haben ſoll. Der andere iſt ein junger reicher Kaufmann, Namens Thiebold de Jonge, eine heitere, lebensfrohe Natur, etwas beſchränkt, aber deſto reicher ausgeſtattet mit jenem Enthuſiasmus, der bei allen Dingen immer präſent iſt, was man bei den blaſirten jungen Männern dieſer Tage nur noch ſel— ten findet. Herr de Jonge geſtand mir in aller Offen⸗ heit, daß er mich nur mit großem Mistrauen betrachte, denn ſein Herz gehöre dem Oberſten, der ihm vor eini⸗ gen Jahren in Canada das Leben gerettet. In Wahr⸗ heit aber gehört ſein Herz nur Armgart. Sie ſcheint ſchon früh das Talent zu haben, die Männer zu ver— wirren. Herr von Aſſelyn und dieſer junge Kaufmann lieben ſie beide und ich weiß nicht, wem ſie den Vorzug gibt. Wenigſtens ſcheinen ſich die jungen Männer reſignirt zu haben, ſich ihrem eignen Ausſpruch zu unterwerfen. „Natürlich war ich auch ihnen eine ganz herzloſe Mutter. Erſt ſeitdem ſie zufällig in Erfahrung brach⸗ ten, daß ich damals, als ich mich von meiner Krankheit erhob und im Spiegel mein graues Haar erblickte(aller⸗ dings in der Verzweiflung— weiblicher Eitelkeit!) mit allem brach und zu Ihnen in ein Kloſter reiſte, wo man, wie hier bei den Karmeliterinnen, nicht etwa 2 Näharbeiten fertigt, höchſtens ein paar Unterrichtsſtun⸗ den gibt und die übrige Zeit im Müßiggang vertän⸗ delt, ſondern in ein Krankenhaus, in deſſen ſtündlichem Geſchäftsgang ich die Vergangenheit vergeſſen wollte, da milderte ſich auch hier ein wenig das Mistrauen und ich muß ſchon über mich wachen, nicht etwa mich mit Lorbern zu ſchmücken, wenn ich von Ihnen und mei nem Tode in Ihrem Kloſter ſpreche. „Statt Armgart ſoll die Gräſin nun nach England eine Italienerin begleiten, ein junges Mädchen, das die Gräfin aus ihren Beſitzungen in Piemont kannte und hier wiederzufinden ſich wahrhaft gefreut hat. Die Gräfin iſt die Güte ſelbſt und würde alles glücklich machen, wenn ſie dazu die Mittel beſäße. Sie warnten mich vor ihrem Lutherthum! Freundin, ſeit den langen Jah⸗ ren, daß ich an Ihren Krankenbetten lebte, hab' ich über die Religion in jedem Augenblick nachgedacht, nie aber über den Unterſchied der Religionen. Auch Sie, theure Freundin, Sie, Aebtiſſin der Hospitaliterinnen, die Sie noch zu den Barmherzigen Schweſtern alten Stils ge⸗ hören, nicht zu den neuen, mit denen Vincenz von Paula den Jeſuiten ein Geſchenk machte, Sie haben mir ja ſelbſt— wie oft geſtanden, daß Sie die Zumu— thung nicht ertragen würden, die Ihnen die Römlinge ſtellen, in Ihr Kloſter neue religiöſe Vorſchriften ein— zuführen! Eines kann der Menſch nur vollbringen, entweder Gott in der Erfüllung ſeiner Pflicht die— nen— oder ſich ganz der Betrachtung ergeben und ausruhen und phantaſiren und träumen. Wenn Sie noch beten und ſingen ſollen, ſagten Sie ſelbſt, kön⸗ 16 nen Sie nicht die Kranken pflegen. Die wahre Re⸗ ligion iſt die Pflich kterfüllund und ein ganzes Verſenken nur in ſie allein. Das beſte Gebet iſt eine That, die auf Gottes Beſſtand deshalb rechnet, weil ſie gut iſt. Ich höre hier zuweilen die Predigten eines neuen jun⸗ gen Domherrn, eines Verwandten unſers Benno von Aſſelyn, der einen außerordentlichen Zulauf hat und der noch der Laſt der an ihn geſtellten Zumuthungen, nament⸗ lich im Beichtſtuhl, erliegen muß, wenn er ſich nicht Schonung gönnt. Noch neulich ſprach er die Worte, die ich nur gewünſcht hätte von ihm weiter ausgeführt und auf die Gegenwart anders gedeutet zu ſehen:«Wir bewundern und faſſen es jetzt gar nicht mehr, wie das Chriſtenthum in den alten Zeiten verherrlicht und be⸗ kannt wurde! Nicht nur war es die tägliche Ordnung alles Lebens, des öffentlichen wie des geſellſchaftlichen und häuslichen, ſondern der ſtündliche Ausdruck jedes Gefühls, jedes Gedankens, der ſtete Begleiter des Seuf⸗ zens im Kummer, wie der Begleiter des Jauchzens in der Freude. Feſtzüge ſah man und ſie verherrlichten nur die Vorgänge der heiligen Geſchichte— er ſtrafte damit den kindiſchen Kummer um den verbotenen Carneval—; man ſah Schauſpiele wie jetzt und ſie unterhielten durch die Geſchichte der Paſſion; jeder Gedanke der Kunſt, der Bildung, der Gelehrſamkeit war zu gleicher Zeit ein chriſtlicher Gedanke.“— Nun wohl, flüſterte ich ſchon nach der Beendigung dieſer Predigt der Gräfin zu, die ſich entſchloſſen hatte, dieſen Domherrn einmal zu hören (eine merkwürdige Aehnlichkeit deſſelben mit einer italie⸗ ſchen Bekanntſchaft von ihr, auf die ſie von der oben⸗ 17 genannten jungen Italienerin aufmerkſam gemacht worden war, zog ſie an und wurde von ihr beſtätigt): warum fügte er nicht hinzu, die Kenntniſſe haben ſich erweitert, die Anſchauungen ſind umfaſſender, die Pflichten ver⸗ wickelter, die Lebensäußerungen mannichfaltiger geworden? Wenn jetzt nicht mehr jede einzelne Lebensthat die chriſt⸗ liche Signatur tragen kann, ſo genügt es ja ſchon, wenn ſie dem Chriſtenthum nicht widerſpricht... Frei⸗ lich hat auch die gute Gräfin ihre Herzensberuhigung nur zu ſehr darin gefunden, daß ſie nach dem Stand⸗ punkte, auf dem ſie einmal ſteht, dem Standpunkt des Grafen Zinzendorf—“ Bis hierher hatte Monika von Hülleshoven geſchrie⸗ ben... Sie las die Blätter nur deshalb wieder durch, weil ſie den Faden ihrer Erzählung verloren hatte, und eben fand ſie ihn, wollte eben weiter ſchreiben, mittheilen, daß ſie trotz des fertigen Gepäckes bis zur Stunde noch im Zweifel wäre, ob ſie morgen nach England mitgehen ſollte, als ſie im Nebenzimmer die ſanften Accorde einer Guitarre hörte... Sie wußte, daß ſie von Porzia Biancchi kamen, die ſchon zur Reiſe alle ihre eigenen kleinen Geräthſchaften geordnet hatte und vielleicht eben noch ihre Guitarre einpackend ſich nicht überwinden konnte, das Inſtrument, das ſie mit Gewandtheit ſpielte, anzuſchlagen... Allmählich wurde aus den Accorden ein Lied und Monika hörte nun zu ſchreiben auf... Ob ſie wol endlich wahr macht, ſagte ſie ſich, was ſie uns ſo oft verſprochen, daß ſie einmal ſingen würde? Ich glaube, 2 Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 2 18 ſie fürchtet ſich immer nur vor der Gräfin, die die menſch⸗ liche Stimme nur geſchaffen erklärt zum Lobe Gottes! Leiſe und wie ſchüchtern erklang zu den angeſchlage⸗ nen Accorden ein melodiſcher Geſang... Porzia hatte eine ſchöne Altſtimme... Monika, um die italieniſchen Worte zu verſtehen, lauſchte... Indem meldete der Courier einen Beſuch und wollte im Nebenzimmer, wo Porzia ſang, gleichfalls mitthei⸗ len, daß es Marco Biancchi war, ihr vor vier Mo⸗ naten aus England gekommener Onkel, der in großer Eile ſie zu ſprechen begehrte... Laſſen Sie doch! ſagte Monika und bedeutete den Meldenden, die Sängerin nicht zu unterbrechen. Sie wollte den Italiener ſelbſt empfangen... Der Sprache deſſelben war ſie mächtig... Sie ſagte, ſie würde Porzien das Nöthige dann ſchon mittheilen... Marco Biancchi kam in großer Aufregung. Er wollte der Gräfin ankündigen, daß er mit ihr zugleich nach England reiſen würde, wo er ſeit Jahren ſchon heimiſch geworden... Monika wußte, daß er von dieſer Stadt aus noch weiter ins Innere Deutſchlands wollte, daß er für ſeine Kunſt, Bilder zu reſtauriren, Aufträge nach Frankfurt und München hatte und zuletzt einen dritten Bruder zu beſuchen gedachte, der in Wien lebte und ihr ſelbſt wohl⸗ bekannt war als ein dort vielgeſuchter Muſiklehrer... Auf ihr Erſtaunen, wie er ſeinen Plan ſo ſchnell hatte ändern können, gab Marco ausweichende Antwor⸗ ten und bald bemerkte ſie, daß ſeine Rückkehr nach Eng⸗ land keine freiwillige war, ja daß er mit einem längeren 19 Verweilen in dieſer Stadt ſich einer Gefahr ausſetzen würde. Porzia ſchien ſo in ihrem Geſang verloren, daß ſie die nicht leiſe geführte Converſation des Neben⸗ zimmers nicht hörte... ſie ſang und ſpielte alle die Lieder, die ſie ſchon im Gaſthof Zum goldnen Lamm, auf Befehl ihres längſt nach Frankfurt zurückgekehrten Vaters, dem Onkel Marco ſogleich nach dem erſten Wie⸗ derſehen als Probe ihrer Gaben hatte vortragen müſſen... Theils das angeborene lebhafte Naturell, theils das Gefühl von Sicherheit, das in einer in der vaterländiſchen Sprache geführten Converſation für ihn lag, veranlaß⸗ ten das Geſtändniß des Italieners, Herr Benno von Aſſelyn hätte ihn aufmerkſam gemacht, daß eine der Sicherheits⸗ polizei angehörende einflußreiche Perſon ihm dringend anriethe, ſofort Deutſchland zu verlaſſen. Er würde bereits ſeit ſeinem erſten Ankommen beobachtet und gelte für einen Emiſſär der auf engliſchem Boden ſtattfinden⸗ den italieniſchen Conſpirationen... Für Monika war es nach dem erſten Ausdruck des Bedauerns und Erſtaunens wohlthuend, in Verbindung mit einem, wie ſie bald ſah, ſo wohlangebrachten Rathe den Namen Benno's zu vernehmen, der ſeit einiger Zeit ſie nicht wieder beſucht hatte, während Thiebold faſt alle Tage kam und längſt auch für ſie ſeine gewohnte Schwär⸗ merei zur Schau trug... O das iſt ja brav von Herrn von Aſſelyn! ſagte Monika und forſchte theilnehmend: Würden Sie ſich denn nicht gegen dieſen Verdacht haben rechtfertigen können? 2* 20 Die Miene des Italieners wurde eigenthümlich von dem Geſange ſeiner Nichte begleitet... Es war ein Ausdruck, der zwar zunächſt nur der der Verſchmitztheit ſchien und doch miſchte ſich ihm etwas Elegiſches bei, das Monika vollkommen als die Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit erkannte. Ja wäret ihr Italiener wirklich nur fähig, die Freiheit zu ertragen! ſagte ſie. Ihr ſeid aber wahrhaft ein Volk von entthronten Königen! Ent weder müßt ihr herrſchen oder in Ketten gehalten werden Deshalb verſtand euch Napoleon ſo gut! Weil nur Er herrſchen wollte, hat er euch mehr mit Füßen getreten, als irgendeine andere Nation! llalia la regina del mondo! rief Marco und be gann, ſich in die Stimmung des leiſen Geſanges nebenan verſetzend, eines der vielen Gedichte zu recitiren, an de⸗ nen für dies Thema ſeine Nation ſo reich iſt und deren Zahl auch jeder einigermaßen gebildete Italiener durch die Kunſt der Improviſation zu vermehren weiß... Deshalb wollt ihr die Freiheit für euch, unterbrach Monika ſeinen langen Monolog, um ſie wieder den an dern Völkern zu entziehen! Wir wollen nur das Joch der Fremden brechen! rief Marco. Ein Volk von Brüdern, von den Alpen bis zum Meere! Ein einziger Bund von Bruderſtaaten! Re⸗ publik oder Monarchie, nur keine Trennung mehr! Aber dem Schlüſſel Petri gönnt ihr dabei alle Pforten des Himmels, nur am wenigſten die eurer großen Roma! Ihr wollt ihn ganz nur zu einem Heiligen machen und aus der Liſte der weltlichen Souveräne ſtreichen! Aber thätet ihr das, ſo hat ja eure letzte Stunde geſchlagen! Alle — 21 katholiſchen Nationen würden ſich zu einem neuen Kreuz— zuge rüſten und Rom würde, wenn es den Kampf auf⸗ nähme, zerſtört werden. Das iſt ſchon oft geſchehen! erwiderte Marco mit einiger Ironie. Ja, ich weiß, es gibt Italiener, die unſerm Glauben untreu geworden ſind! Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich will den wahren chriſtlichen Glauben und ich will, daß er eine große Macht beſitzt. Aber ein geiſtiges verjüngtes Rom ſoll herrſchen! Der Heilige Vater in Wahrheit ein Vater der Menſchheit, erhalten von ſeinen liebenden Kindern, zunächſt von den Römern, die durch ihn ihre alte Freiheit und Größe gewinnen müſſen! Rom, der Sitz des Lichtes! Rom, die Sonne, deren Strahlen die Erde erleuchten! Einſt zitterte die Welt vor den Waffen dieſer ſtolzen Königin, aber ſchon damals brachten die Imperatoren mit ihren Adlern die milden Sitten und eine Geſetzgebung, die die Freiheit ſelbſt war und das Menſchenrecht und die geſchriebene Vernunft! Roms Sprache iſt die Sprache der Religion, der Wiſſenſchaft, der Denkmäler! In alle Sprachen der Barbaren mußte ſie eingeführt werden, wenn ſie die Gedanken der Civiliſation aufnehmen wollten, für welche dieſe keinen Ausdruck hatten. Roms Biſchöfe wurden die neuen Befreier der Welt! Der Ring des Fiſchers drückt das Siegel auf alle Freiheitsurkunden, die noch die Nationen den Händen ihrer Henker abtrotzen werden! Roms Hirtenſtab hat die Leibeigenen befreit, die Städte gegründet, die Gemeinden geſchaffen, die Republiken er⸗ leuchtet, ſie geſchmückt mit Bildern und mit Denkmälern des menſchlichen Geiſtes! Rom, ohne Waffen, Rom, 22 ein Gedanke, hat allein dem treuloſen Corſen ins Auge zu ſehen gewagt, muthiger, als Könige und Kaiſer, die vor ihm im Staube krochen! Durch Rom wird das Chriſtenthum erhalten bleiben als ein linder Balſam, der das Gemüth von ſeinen Wunden heilt! Nicht, Signora, das jeſuitiſche Rom mein' ich, das ich haſſe, weil die Jeſuiten die Freiheit haſſen und die Unabhän⸗ gigkeit der Völker und die wahre Größe des Menſchen ... Ha! Ceccone! Daß Menſchen, wie du, dem wahren Rom ein falſches Gewand umhängen durften! Ceccone! Politiker ſtatt Prieſter, Schergen, die die Patrioten ver⸗ folgen, ſtatt ſie zu ſchützen gegen die Feinde Italiens! Signora! Laſſen Sie Italien frei ſein von ſeinen Ty⸗ rannen, von ſeinen— Ceccones und die Geſchichte wird ein Volk der Größe finden, Republiken, die ſich mäßigen, ein Rom, das den katholiſchen Glauben wieder zur Sehnſucht aller Völker macht, auch der abgefallenen! Das Auge des Italieners leuchtete. Sein weißes Haar ſchien ſich zu ſträuben. Der rechte Arm begleitete ſeine Worte wie mit den Geſticulationen der Redner⸗ bühne... Monika folgte mit Aufmerkſamkeit und voll prüfender Ueberlegung... Cardinal Ceccone war ein in dieſem Augenblick oft genanntes Glied der römiſchen Curie... Die Arme auf die Lehne des Seſſels ſtemmend und die Locken ſchüttelnd, ſagte ſie: Nein, nein! Es gibt andere Italiener, die an dieſe Siege der katholiſchen Lehre nicht mehr glauben wollen! Ich verachte ſie! warf ihr Biancchi entgegen. Sie berufen ſich darauf, daß gerade ein Ceccone den Purpur tragen kann! Noch las Ceccone keine Meſſe... Nun gut! Aber aus allem, was Ihr mir von Euren Meinungen verrathet, erſeh' ich doch, daß Ihr dem Un⸗ bekannten zu danken habt, der Euch rathen ließ, nach England zurückzukehren! Was aber Porzia betrifft, laßt ſie nicht zu viel in der ſchönen Bibel leſen, bei der ich ſie zuweilen überraſche und die ſie ſo heilig zu halten ſcheint, wie ihre Guitarre! Es iſt 8 Geſchenk eines freundlichen Mannes, der ſchon ein w nig alt iſt, ſonſt würd' ich glauben, daß ſie ſich ſchwer von ſeinem Lande trennt! ſagte Marco und wandte ſich mit höflicher Verbeugung zu Porzia's Thüre... Ihr glaubt an die ewige Jugend Roms, das ſchon ſo alt iſt? Dann müßt Ihr auch dem Geiſte und der Liebe eine Verjüngungskraft zuſchreiben! Wer iſt denn der Verehrer dieſer Bibel, in der Porzia ſo eifrig lieſt, daß ich faſt glaube, ſie ſtudirt auch die deutſche Sprache darin, ihm zu gefallen? Biancchi blickte immer auf die Nebenthür und ſchien auszuweichen, den Namen zu nennen... Der deutſche Name wird für Eure Zunge zu ſchwer ſein... Ein Signore Hedemann iſt es! ſagte der Italiener feſtbetonend und verrieth in der prüfenden Schärfe ſeines Blickes, daß ihm die Beziehung dieſes Namens wohlbekannt war zu dem Gatten der freundlichen Dame, die ſo vertraulich und wohlwollend und offenbar von ſeinen Aeußerungen angezogen mit ihm plauderte... 24 zugleich wollte er, als guter Anwalt ſeiner Nichte, die Gelegenheit nicht unbenutzt laſſen, über einen Mann Erkun⸗ digungen einzuziehen, der die in St. Wolfgang und Kocher am Fall angeknüpfte Bekanntſchaft auch noch in der Reſi denz des Kirchenfürſten fortgeſetzt hatte, als er zum Betrieb ſeiner Ankäufe hieher gekommen und ſo lange geblieben war, bis Frau von Hülleshoven von Oſtende zurückkehrte, wo die Gräfin von Salem-Camphauſen Porzia dann beim Wandeln in der Kathedrale entdeckte. Porzia war nach der Abreiſe ihres Vaters geblieben, um nach Frank furt erſt mit dem Onkel Marco eeriazen Welchen Namen nannten Sie? ſagte Monika und erhob aufhorchend ihr gebeugtes, in Gedanken verlorenes Haupt... Remigius Hedemann! wiederholte der Italiener und ſetzte frank und frei hinzu: Un intendente del Signore Colonello de Hülleshoven! Bei dieſer Bezeichnung ſchien ihm das italieniſche Verhältniß zwiſchen Diener und Freund vorzuſchweben, das bei Landbeſitzern und großen Adelsfamilien ſich dort noch im Sinne der alten römiſchen Clientel erhalten hat. Hedemann! ſagte Monika erregt und erhob ſich Statt dem Wunſche des Italieners entgegenzukom men und ihm nun über Hedemann weitere Nachrichten zu geben, winkte ſie ihm, er möchte jetzt ſelbſt ins Neben— zimmer treten... aber auch Porzia hatte eben leiſe ihre Thüre geöffnet und die Stimme des Onkels gehört. der Italiener trat zu ihr ein. Wie Monika allein war, ſammelte ſie ſich erſt lang⸗ ſam von dem Eindruck, den ihr das plötzliche Nennen 25 eines Namens gemacht hatte, der mit ihren ernſten Lebens⸗ beziehungen in ſo naher Verbindung ſtand. Hedemann war, ſolange ſie denken konnte, mit ihrer Familie in der unzertrennlichen Verbindung eines ſich nie überhe⸗ benden Dieners, Rathgebers und Helfers in aller Noth geweſen... Daß er und mit ihm der Oberſt ſchon ſo in ihre nächſten Kreiſe eingetreten und daß dies zu ihrer Begleitung und Bedienung beſtimmte junge Mädchen mit einem ſie ſo nahe berührenden Manne bekannt war, nahm ihr faſt den Athem Auf und nieder ging ſie und konnte zur Beendigung ihres Briefes nicht zurück⸗ kehren. Sie ſchloß die Blätter, die ſie zuſammenlegte, zuletzt in ein Reiſeportefeuille, das ſie mit der ihr ohne⸗ hin heute ſtündlich wiederkehrenden Empfindung betrach⸗ tete: Sollteſt du wirklich fliehen? Sollteſt du dieſe Reiſe nach England mitmachen? Was zagſt du? Was trittſt du nicht mitten in die Kreiſe ein, wo du dich ſo ge— haßt weißt, und trotzeſt ihnen— wie der Oberſt... 2 Sie wußte von Benno, daß der Oberſt vorhatte, ſich in Witoborn anzuſiedeln und mit Hedemann ſogar einen Induſtriezweig zu ergreifen. Voll Erregung klingelte ſie dem Courier, ließ die große Lampe heller herrichten, befahl die Vorrich⸗— tung zum Thee, da die Gräſin unfehlbar bald zurück⸗ kommen würde, und entließ Marco Biancchi, der aufge⸗ regt ſeiner auf das Klingeln gleichfalls ſich einſtellenden Nichte folgte, ſowol mit dem Rath, dem ihm gegebenen Wink baldmöglichſt zu folgen, wie mit dem Erbieten, der Gräfin von dieſer Wendung die von ihm gewünſchte An⸗ zeige zu machen. Daß Marco Biancchi trotz aller an⸗ 26 geborenen Größe und Adelswürde ſeiner Nation Luſt zu bezeugen ſchien, die Reiſegeſellſchaft der Gräfin zu ver⸗ mehren und auf deren Koſten wenigſtens bis Antwerpen zu fahren, bemerkte die junge Frau noch nicht. Vielleicht erſchien auch dem feurigen Patrioten eine Rückſprache mit dem Kurier eine noch geeignetere Maßregel, um zu ſeinem Ziele zu gelangen. Porzia, ſichtlich erſchreckt von der vernommenen Gefahr des Onkels, begleitete ihn hinaus. Inzwiſchen hörte man einen Wagen anrollen... Monika, den Reiz einer an Porzia zu richtenden Frage nach Hedemann unterdrückend, trat an die vom Regen be⸗ ſchlagenen Fenſter, ſah in den düſtern, von Laternen matt erhellten Abend, und ſtellte, als ſie die Rückkehr der Gräſin erkannt zu haben glaubte, auch noch die kleinere Lampe auf den großen runden Tiſch, den ſie zum Sopha rückte. Lag dann auch in dem kurzen Blick auf einen Spiegel, in dem ſie ihre einfache Toilette ordnete, die Schleifen des Geflechtes, das ihr Haar bedeckte, feſter band, die in Verwirrung gerathenen Locken ein wenig auſ⸗ wickelte, der Ausdruck der Sammlung und der ehrerbieti— gen Unterordnung unter die hochgeſtellte Dame, die in der That durch die weitgeöffnete Thüre eintrat, ſo war ſie doch in einer Stimmung, wie Armgart damals, als ſie mit Benno und Angelika am luftigen Hüneneck ſtand und in den Rieſenhäuptern der Sieben Berge ſieben Prophe⸗ ten ſah— ungewiß, dem Gegebenen entrückt,„hangend und bangend in ſchwebender Pein“. id 2. Frauen, die nie gelächelt zu haben ſcheinen, Frauen, die immer ernſt, thätig und handelnd ins Leben griffen, wird man darum noch nicht männlich zu nennen brauchen. Ihre Frauenart bewahren ſie in eigenthümlichen, ihrem Geſchlecht allein angehörenden Zügen. Gräfin Erdmuthe von Salem⸗Camphauſen war eine Norddeutſche, eine geborene Freiin von Hardenberg. Ihr Gatte wählte ſie, angezogen von ihrer imponirenden Ge⸗ ſtalt und untadelhaften Schönheit. Im lutheriſchen Glau⸗ bensbekenntniſſe waren ſich beide gleich, wenn auch die ſtrenge Form, in der die Gräfin das ihrige bekannte, vom Grafen nicht getheilt wurde. Auch trat dieſe Strenge bei der Gräfin erſt hervor, als ſie, wie Monika damals von ſich an Angelika Müller geſchrieben, ſich ſelbſt zu erziehen anfing. Der Graf lebte meiſt in Ungarn, wo unter ſo vielen Proteſtanten keine Veranlaſſung gegeben war, ſich in der ſo ſchwierigen Geiſteskraft auszubilden, mit Ueberzeugung in der Minorität zu ſtehen. Die Gräfin dagegen, die größtentheils allein in Schloß Salem bei Wien lebte, war mehr in der Lage, ihre 28 Beſonderheit zu kräftigen, ja zuletzt bedurfte ſie eines An— haltes gegen den General⸗Feldzeugmeiſter, ihren Gatten ſelbſt. Nie herrſchte eine Verſtimmung zwiſchen ihnen, aber wo fängt die Bildung des Charakters im Menſchen an? Von dem Tage, wo man eine Lücke unter ſeinen Wünſchen und Hoffnungen fühlt, von dem Tage, wo man irgend worin eine große Niederlage erlitt. Graf von Salem⸗Camphauſen hatte auf das Zufallen eines Vermögens an ſeine Gattin gehofft. Dieſe Hoffnung ſcheiterte. Kein Wort des Vorwurfs kam über ſeine Lippen, aber— die Lücke war da, der Zartſinn der Gattin empfand ſie und ſie mußte ſie füllen. Schätze eines frivolen Geiſtes, die etwa in der Welt blenden konnten, beſaß ſie nicht; ihre Erſcheinung hatte durch ihr erſtes Kindbett gewonnen, durch ſpätere Fehlge burten verloren; ihr einziger Sohn erforderte eine Er⸗ ziehung und ſo ſchöpfte ſie aus ſich ſelbſt ſo viel, als ſie eben vorfand. Ein alter Grund von Religion war in ſie gelegt worden, eine pietiſtiſche Lebensauffaſſung. Ihre Erzieher waren Herrnhuter geweſen, zu denen ſich auch einige Zweige ihrer Familie ganz bekannten. Dieſe ſpäter zurückgedrängte, nicht ganz verklungene Bildung ſammelte ſich wieder in ihrem Innern und wurde ihr zum Erſatz für die Welt, die die Verlegenheiten des großen Hauſes bemerkte, für die Zerſtreuungen, die ſie nie geliebt hatte, für die Hülfsmittel der Bildung, die man ihr für ihren Sohn anbot und die ihr misfielen, für den Gatten endlich ſelbſt, der trotz ſeiner hohen Stellung ein ſorgloſer Lebemann war, einſt im Bän⸗ digen eines Roſſes eine Wette gewinnen wollte, ſich 29 überſchlug und den Hals brach. Das Entſetzen über dies in weiter Ferne von ihr in Erfahrung gebrachte Unglück ſchien wie ſtarr auf ihren Geſichtszügen feſtgeblieben zu ſein und die Gräfin verſteinert zu haben. Ausdruck für ihre Trauer ſuchend, fand ſie ſie nur in den Erinnerungen an die religiöſe Bildung ihrer Jugend. Sie fand mit ihnen jenen elegiſchen Troſt, der zwar ausruft: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobt in Ewigkeit! der nun aber auch für immer den ganzen Menſchen in den Zuſtand der Entſagung verſetzt. Ein Zurückziehen von der Welt, ein ſtarres Feſthalten an ihrem Glauben ſchien der vorneh men Geſellſchaft, von der die Gräfin ſchon längſt kalt und ſchroff genannt worden, jetzt vollkommen gerechtfertigt. Der Ort, in dem die Gräfin den in Presburg er⸗ folgten Tod ihres Gatten erfuhr, war jenes Schloß Caſtellungo im Piemonteſiſchen, das ſie ſich aus ihrem Eingebrachten ſelbſt erkauft hatte, weil ihr die Lage und die rings noch lebende Erinnerung an die alten Walden⸗ ſer, die Vorläufer der Reformation, gefiel. Sie hatte ſich dieſe Erwerbung aus ihren eigenen Mitteln zuge traut, weil ſie damals mit begründeter Hoffnung durch den Tod eines Verwandten vermehrt werden ſollten. Die Hoffnung ſchlug aber durch ein Teſtament fehl und die Gräfin beſaß ein verſchuldetes Eigenthum, während der Graf ſelbſt, infolge einer ſeither mit immer grö⸗ ßerer Dringlichkeit geſteigerten Erwartung, früher oder ſpäter die großen Güter der Dorſte⸗Camphauſen im weſtlichen Deutſchland zu gewinnen, in ſeinem eigenen Hahusalt keine Ordnung mehr hielt. Dennoch hatte er 30 die Verlegenheit ſeiner Gattin auf ſich ſelbſt übernom— men. Er brachte den Beſitz Caſtellungos für ſeine Frau ſo ins Reine, wie eben ſein ganzes übriges Beſitzthum ſtand. Er hieß der Herr und war es nur dem Namen nach. Die Aeltern der kleinen Bettina Fuld waren es von Schloß Salem und auch von Caſtellungo mehr als ſein Sohn Hugo, der, als der Vater in der Blüte ſeiner männlichen Jahre ſo unglücklich endete, erſt ſieben Jahre zählte. In einem Anfall von Mismuth über die zunehmende religiöſe Neigung ſeiner Frau hatte ſich der Graf be⸗ dungen, daß ſein Sohn unter allen Umſtänden Soldat werden ſollte. Wenn man in einem ſo entſchieden alt— gläubig regierten Lande, wie bei uns, innerhalb der Ge⸗ ſellſchaft vergißt, daß ein Mitglied des Adels zu den Ketzern gehört, hatte er geſagt, ſo kann das nur geſche— hen, wenn ihn der Nimbus der Bravour umgibt! Unab⸗ änderlich war es, daß Graf Hugo Militär wurde. Die Mutter war in Verzweiflung. Schon ihn aus den Au— gen zu verlieren, ſchmerzte ſie; nun gar, ihn nicht ſelbſt erziehen, ihn nicht vor den Gefahren der Welt ſchützen zu können. Graf Hugo beſuchte die Militärakademie unter Bedingungen, die ihrer ganzen Stimmung widerſprachen. Wenn ſie jemals zu einem Lächeln kam, war es in den Augenblicken der Freude, wo Hugo auf einige Zeit der Ihrige ſein konnte, nur unter dem Schutze ihrer mütter⸗ lichen Liebe ſtand, bei Ferien, ſpäter bei Urlauben, bei einer längeren Pflege, als er einſt verwundet wurde in einem Gefecht gegen türkiſche Grenzer— drei Jahre ſtand er an der dalmatiniſchen Küſte— und ihr da allein ange⸗ hörte. Sagten wir, daß an keinem Weibe, wenn wir es auch männlich nennen, Züge fehlen, die allein nur dem Weibe angehören, ſo iſt dies bei der Gräfin Erdmuthe die Liebe zu ihrem Sohne. Dieſe äußerte ſich nicht etwa in der regelmäßigen Form, wie überhaupt die Liebe ſich gibt; nicht etwa z. B. in der Strenge, die von der Liebe nicht im mindeſten ausgeſchloſſen iſt, ſondern in einer blinden Vergötterung. Graf Hugo war ein liebenswür⸗ diger Cavalier, aber auch in vielem nur das, was man eben einen Cavalier nennt. Beſten Herzens und nament⸗ lich ganz den Gefühlen für Kameradſchaft und Freund⸗ ſchaft zugänglich, führte er ein Leben, das die Mutter unbedingt hätte verwerfen müſſen. Aber ſelbſt ihre reli⸗ giöſe Strenge, die ſie gegen alle ausübte, war für die Beurtheilung der Dinge, die ſie von ihrem Sohn erfuhr, nicht vorhanden. Alles, was nur mit dem Geliebten in Beziehung ſtand, verklärte ſich ihr. Traten ihr die Folgen ſeines Leichtſinns zu deutlich entgegen, ſo hatte ſie hundert Beiſpiele der Bibel über die Langmuth des Herrn, über ſeine Geduld mit denen, die er lieb hat, über die Verirrungen David's und Salomo's und die künftige Erleuchtung und Gottwohlgefälligkeit auch dieſer heiligen Sünder. In jeder Mehrung der Schul⸗ denlaſt, die ſchon lange das Haus Salem⸗Camphauſen drückte, ſah ſie, was die Veranlaſſungen derſelben be⸗ traf, einen Beweis mehr nur für den Satz, daß eben das Gute in dieſer Welt ſehr ſchwer zu erringen und zu behaupten wäre. Waren die Ausgaben des Sohnes irgendwie auf andere Veranlaſſungen zurückzuführen, als auf die, welche ſich in der Hoffnung auf den endlichen 2 32 Gewinn in dem ſeit dem Tode des Grafen Joſeph zu Weſterhof geführten Proceß ſogar bei allem Mangel wieder doch die Verſchwendung geſtatteten, ſo wählte ſie gewiß die edelſten. Sie überſah die großen Ausgaben für Pferde, Wettrennen, Spiel, Vergnügungen aller Art, wenn ſie die kleinen Ausgaben muſterte für Bücher, Kupfer⸗ ſtiche und Mildthätigkeitsbeweiſe. Ließ Graf Hugo ein ſchönes Mädchen, das er bei einer Kunſtreitergeſellſchaft in einer dalmatiniſchen Stadt am Ufer des Adriatiſchen Meeres kennen gelernt hatte, in Wien ausbilden und er— ziehen, ſo verſchlang dieſe, nach ihrer Meinung und Aus— legung ſo„edle Handlung“, Tauſende. Alles, was in den Rubriken des Leichtſinns ſtand, übertrug ſie auf die Ru⸗ brik des guten Herzens.„Selig ſind die Barmherzigen“, ſagte ſie,„denn ſie werden Barmherzigkeit erlangen!“ Vorzugsweiſe mußte dieſe mütterliche Schwäche wun⸗ der nehmen in der Beurtheilung auch aller der Verhält⸗ niſſe, die ſich mit dem Sohn verbanden. Der ſchöne junge Mann ſtieg in ſeiner Carrière und befehligte bei wenig über dreißig Jahren ſchon ein Reiterregiment. Jenes ſchwarzbraune Mädchen, Angiolina genannt, das er hatte erziehen und überraſchend ausbilden laſſen, war ſeine Geliebte geworden. Ihr blieb ſie nur des Sohnes Pflegkind, ſozuſagen ihre Enkelin. Sie, die oft Wien mit Sodom und Gomorrha verglich und den Zorn des Herrn noch einſt in Geſtalt von Schwefel und Pech auf die ſün⸗ dige Stadt herniederregnen ſah, nahm Angiolina's Beſuche an und ließ ſich durch nichts in der Welt das Bild ver— wiſchen von dem Findling, den ihr Sohn hatte„einem Leben der Sünde entreißen laſſen“. Graf Hugo brauchte 1n ihr dabei nicht einmal zu ſchmeicheln, brauchte nicht ein⸗ mal ihr die Hand zu küſſen und ſie mit chére maman's zu überhäufen. Alles, was ihn betraf, fand ſie in der Ordnung. Selbſt wenn Graf Hugo erklärt hätte, er wollte Angiolina heirathen, würde ſie ſich überredet ha⸗ ben, ihr Sohn nütze vielleicht mit dieſem Opfer nur ſich ſelbſt, jedenfalls jenem ſchönen Mädchen, das er auf dieſe Art vor ſittlichem Schaden bewahre. Beſonders ſeltſam war ihre Anhänglichkeit an Wen⸗ zel von Terſchka. Dieſer Abenteurer, denn anders konnte man ihn nicht nennen, tauchte vor einer Reihe von Jahren plötzlich in ihres Sohnes Nähe auf. Durch Bildung und Erziehung faſt Italiener, nahm ſie ihn doch als das, wofür er ſich ausgab, einen Böhmen und Nachkommen der alten Huſſiten. War er auch katholiſch, ſo verklärte ihn in ihren Augen die Erinnerung an Huſſens Märtyrertod. Wenzel von Terſchka war un⸗ leugbar böhmiſch-deutſchen Urſprungs; die Art, wie er früh nach Italien gekommen, blieb dunkel. Anfangs er⸗ ſchrak die Gräfin vor ihm, als ſie ihm zum erſten male begegnete als dem intimſten Freund ihres Sohnes, dem er ſich durch die trotz der väterlichen Kataſtrophe auch bei ihm leidenſchaftliche Liebhaberei für Pferde genähert hatte. Wenzel von Terſchka war ein Meiſter in allen ritter⸗ lichen Künſten. Eine Geiſtesgewandtheit beſaß er, der nur ein innerer Mittelpunkt fehlte. Wenn die Gräfin plötzlich einen ſolchen gefunden zu haben glaubte, entſetzte ſie ſich wol, weil es ein ganz ſpecifiſch ihr feindſeliger war, geradezu ein prieſterlicher; aber, ſo ſeltſam dies Ge⸗ fühl mit der Lebensweiſe Terſchka's, die an allen Exceſſen Gutzkow, Zauberer von Nom. IV. 3 34 des Grafen, ſeines intimſten Freundes, theilnahm, in Wi⸗ derſpruch lag, ſie gewöhnte ſich an ein ſtetes Ueberſchauert⸗ werden durch ein gewiſſes Etwas, als müßte ſie auf dem rabenſchwarzen kurzen Haar des wachsgelben, äußer lich anziehenden und in ſeinem Weſen klugen, ſogar geiſt⸗ vollen jungen Mannes die Tonſur ſuchen. In Piemont, das damals ganz unter der Herrſchaft der Jeſuiten ſtand, hatte ſie ſolche Erſcheinungen geſehen, mit ihnen ſogar im Kampfe gelegen... Sie hatte alles aufgeboten, auf ihrem Gebiete das Bekenntniß der Nachkommen Peter Waldus', der vor Luther die Kirche zu reformiren ſuchte, aufrecht zu erhalten; ſie hatte einen ſeltſamen Einſiedler, einen Deutſchen, Bruder Federigo, in einer Hütte, die ſich dieſer in einem ihr angehörenden Eichenwalde gebaut, wo er dem ringsum wohnenden Volk ein Arzt und wei⸗ ſer Rathgeber geworden, geſchützt, als die Pfarrer von Cuneo und Robillante ihn vertreiben wollten; ſie hatte die Könige von Preußen, von England, Niederland und von Schweden aufgefordert, ihr Beiſtand zu leiſten für den Kampf, den ſie ringsum mit Biſchöfen und Erzbiſchöfen begann, ja mit der Regierung in Turin ſelbſt, um ge— wiſſe, den Waldenſern gegebene Gewährleiſtungen auf recht zu erhalten. Damals wurde Wenzel von Terſchka von ihrem Sohn zuerſt genannt und einen Winter in Wien verlebend, ſah ſie ihn dann ſelbſt und hätte erſt ausrufen mögen bei ſeinem Anblick: Das iſt ja ein Je— ſuit! Jagte er aber dann mit ihrem Sohne die lieblichen Höhen von Baden⸗Baden herauf, während ihr Wagen an der„Spinnerin zum Kreuz“ ſtand, wo ſie den ge⸗ liebten Sohn aus Bruck, ſeiner Garniſon, her erwartete, 2 35 und ſah ſie Terſchka's Sorge für die Roſſe, ſeinen Muth, ſeine Entſchloſſenheit, hörte ſie ſeine heitern Reden, beob⸗ achtete ſie die wilden Unregelmäßigkeiten, die ſich die Freunde in einem achttägigen Aufenthalte bei der chere maman erlaubten, ſo ſchwand ihr alle Angſt und Sorge und ſie überredete ſich ſchon bei dem zweiten Beſuche, daß Hugo doch ſchon wieder einen außerordentlichen Takt be⸗ wieſen hätte auch in der Wahl dieſes ſeines Gefährten und daß, wenn Sirach ſagt:„ Ein treuer Freund iſt ein Troſt des Lebens; wer Gott fürchtet, bekommt einen ſolchen treuen Freund!“ hier vielleicht auch das Umgekehrte eintreffen könnte: Wer einen ſolchen treuen Freund bekommt, der wird auch lernen Gott fürchten! Wie die Dinge ſtanden, mußte die ganze Sehnſucht der Gräfin auf die endliche Entſcheidung des Proceſſes gerichtet ſein, der nicht von dem Kronſyndikus von Witte⸗ kind, nicht von Levinus von Hülleshoven im Namen Paula's gegen die Salem'ſche Linie angeſtrengt wurde, ſondern von den an der Aenderung der Dorſte'ſchen Verhältniſſe erſt ſecundär Betheiligten, vorzugsweiſe der Geiſtlichkeit und der Landſchaft. Zwei Jahre lang war ihr der Name Nück's ein Bote der hölliſchen Geiſter. Sie nannte ihn nicht anders als mit einem Namen aus der Offenbarung Johannis, in die ſie ſich tief vergrü— belt hatte, den Doctor Abadonna, den„Engel aus dem Abgrund“. Als endlich die Hoffnungen immer lichter wurden, immer mehr das Gewölk, das das An treten eines ſo großen Beſitzes verbarg, verſchwand, konnte ſie der mächtig wallenden Erregung ihrer Mutter freude nicht länger widerſtehen. Längſt ſchon hatte ſie 3: 3 36 mit der Lady Elliot in England eine Berathung pfle⸗ gen wollen über die Möglichkeit, in Italien die Refor⸗ mation zu befördern und Rom durch die Bibel zu ſtür⸗ zen. Mit dem ihre ganze Seele erfüllenden Verlangen, die Kräfte, die England für eine ſolche Unternehmung in Bereitſchaft halten konnte, ſelbſt einmal durch den Augen— ſchein zu prüfen, verband ſie nun auch die Reiſe nach dem Orte, von wo aus ſie die Lage des Proceſſes überſehen, den Triumph der günſtigen Entſcheidung genießen, viel⸗ leicht eine Beziehung der Etikette zur Gräfin Paula und ihren Umgebungen anknüpfen konnte. Hätte ſich jene die Religionsbedingung betreffende Urkunde gefunden, die ſeit zwei Jahren in Weſterhof, Neuhof, Witoborn, Wien, Schloß Salem und Caſtellungo geſucht wurde, dann hätte ihre mütterliche Liebe einen andern Rettungsplan aufgreifen müſſen, eine Verbindung Hugo's mit der Gräfin Paula— eine Auskunft, die auch in der Fa⸗ milie traditionell eine ſich von ſelbſt verſtehende That— ſache, ein lautes Geheimniß war— freilich für ihr Gefühl ein entſetzliches Unglück! Denn Paula war in einem fanatiſchen Geiſte für ihren Glauben erzogen wor⸗ den und Hugo ſollte dann ſcheiden— von ſeinen Ge— wohnheiten, ſollte brechen mit allen ſeinen Verbindlichkei⸗ ten, ſollte„Opfer“ bringen, wie ſie etwas nannte, was Monika von Hülleshoven eines Tages einmal leiſe, ganz leiſe und ſchüchtern nur der Gräfin eine— ſittliche Wie— dergeburt genannt hatte? Die kleine ſchöne Frau„mit den ſilbernen Locken“ war erſt ſeit einem Jahre in den Lebenskreis der ſtolzen, immer nur ernſten und feierlich geſtimmten Matrone ein⸗ getreten. Sie hatte jahrelang bei einer Jugendfreundin, der inzwiſchen Oberin der Hospitaliterinnen gewordenen Schweſter Scholaſtika, einer geborenen Freiin von Tüngel— Heide, aus ihrer Heimat, im Kloſter gelebt und an den beſchwerlichen Mühewaltungen derſelben theilgenom⸗ men. Ihre Geſundheit, ohnehin erſchüttert durch die Folge jenes Verſtecks(beiläufig bemerkt in einem chemi⸗ ſchen Laboratorium ihres Schwagers auf Schloß Weſter— hof) und durch die darauf folgende Nervenkrankheit fing zu wanken an in dem täglichen Verkehr mit dem zum Kloſter gehörenden großen Spitale. Offen bekannte ſie ihrer Freundin Scholaſtika, da ſie kein Gelübde bände, würde ſie in die Welt zurückkehren,„denn die Pflicht der Selbſterhaltung ginge über alle Sorge für Fremde, die nicht auf uns allein angewieſen ſind“. Es war dies einer der Sätze, die zu einem immer mehr von der jungen Frau ausgebildeten Syſtem der Lebensphiloſophie gehörten. Sie ſchied aus dem Kloſter und verwarf da— mit zugleich das Kloſterleben in ſeiner überlieferten Form. Sie ſagte ſchon damals am erſten Abend, wo ſie auf der Herrenſtraße im Palais der Salem-Camphauſen in einem prächtigen Rococozimmer mit Goldleiſten und Spie⸗ gelwänden neben der Gräfin am Theetiſch ſaß:„Es ſollte keine andern Lebenszwecke geben, außerhalb der Bewährung unſerer eigenen Kraft und unſerer Erziehung zur Vollkommenheit! Eine Inſtitution, die mich auch klein, unbedeutend, ſklaviſch gebunden, krank brauchen kann, iſt des Menſchen unwürdig. Nur dem ſollen wir uns unterwerfen, was unſere Kraft in ihrer Größe braucht, ſie entwickelt, uns die Friſche des Willens und 38 der Thatkraft erhält. Daß gewiſſe Gedanken in der Welt realiſirt werden müſſen, nur um als ſolche zu glän— zen, während das Einzelweſen, das zur Realiſirung der⸗ ſelben beiträgt, dabei gering erſcheint, werd' ich nie für gut finden.“ Eine Aeußerung, die die Gräfin nach⸗ denken ließ, ſie aber zu dem Worte beſtimmte:„Ich finde in dieſem Ausſpruch Wahrheit, aber Sie drücken ſie mit zu vielem Menſchenſtolze aus. Wir ermangeln alle eines andern Ruhmes als deſſen, den wir vor Gott ha⸗ ben.“ Leicht möglich, daß ſelbſt der Gräſin Bonaven⸗ tura's Auffaſſung beſſer gefallen hätte, die wir damals berichteten, als dieſer den Pater Sebaſtus vor dem Goldnen Lamm unter Bettlern ſah— die Unterordnung gerade der ſtolzeſten Individualität unter einen allge⸗ meinen, der Menſchheit im großen und ganzen als ein Schauſpiel zur Nacheiferung zugute kommenden Begriff. Freilich war Bonaventura von dieſer Auffaſſung ſchon am Tage darauf nach der Scene beim Kirchenfürſten ſchmerz⸗ lich zurückgekommen. Trotz dieſer Verſchiedenheit der Anſichten hatte die Gräfin an Monika ein großes Gefallen gefunden. Sie war ihr ein lebendiger und höchſt willkommener Beweis, wie der Katholicismus conſequent durchgeführt zur Frei⸗ geiſterei führen müſſe. Sie ſuchte in ihr eine Proſelytin zu gewinnen für die Lehre von der Wiedergeburt ledig— lich durch den Glauben. Die Bekanntſchaft ſchrieb ſich aus dem Briefwechſel her, der zwiſchen einem wiener Anwalt Monika's und Schloß Weſterhof entſtehen mußte ihrer Erhaltung wegen. Monika beſaß ein kleines Ver⸗ mögen, das der Oberſt unangerührt gelaſſen hatte, als 39 G er nach Amerika ging. Im Kloſter bedurfte Monika nichts, ſie ließ ihre Zinſen ſtehen. Jetzt erhob ſie An— ſprüche auf das, was ihr gehörte und ihr noth that. Bereitwillig ſtellte ihr der Schwager Levin jedes Gewünſchte zur Verfügung, ja Tante Benigna, ihre Schweſter, wollte zulegen; letzteres lehnte Monika ab. Der regelmäßige Bezug ihrer Mittel führte ſie durch jenen Advocaten mit Terſchka zuſammen, der der chargé d'affaires aller Fi⸗ nanzſachen ſeines Freundes war und tagelang mit der Gräfin rechnen konnte— Graf Hugo behauptete, für die Zuſammenſtellung von Zahlen kein Geiſtesvermögen zu beſitzen. Terſchka, angezogen von Monika's intereſſan⸗ ter Erſcheinung, aufmerkſam auf die Namen Ubbelohde und Hülleshoven, die täglich in ſeinen Correſpondenzen mit Weſterhof und mit Nück vorkamen, gab der Gräfin Kunde von ihr und nun ſchien es den künftigen Beſitzern der Erblaſſenſchaft des Grafen Joſeph ſtandesgebührlich, die Schweſter und Schwägerin der beiden Namen, die Paula hüteten und erzogen hatten, an ſich zu ziehen. Die Gräfin wollte ſogar ein Bewohnen des Palais auf der Herrengaſſe und bot Monika eine Stellung bei ihr an, die zwiſchen Freundin und Geſellſchafterin die Mitte hielt. Doch auch Graf Hugo und Terſchka wohnten zu⸗ weeilen in dieſem Palais und ſo mußte ſie die freundliche Aufforderung ablehnen. Doch blieb ein ganz nahes Verhältniß. Faſt täglich, wenn die Gräfin in Wien oder auf Schloß Salem wohnte, leiſtete ihr Monika Ge⸗ ſellſchaft. Nur nach Caſtellungo, wo die Gräfin das Frühjahr zubrachte, war ſie ihr noch nicht gefolgt, hatte das aber für dies laufende Jahr verſprechen müſſen. Im 40 Grunde hatte dieſe Beziehung wenig Erhebendes für Monika; ja die Gräfin ließ an ihr, wie an allen Men⸗ ſchen, nur an denen nicht, die zu Hugo's Intimität ge⸗ hörten, ihren ſteten Bekehrungs⸗ und Erziehungseifer aus; nie kam ein Scherz, ein Lachen, eine enthuſiaſtiſche Freude an Kunſt oder Natur bei ihr zum Vorſchein; das Theater exiſtirte nicht für ſie; alles das entſprach glücklicherweiſe im allgemeinen auch der Stimmung Monika's und ſo folgte ſie der greiſen Frau, die ſich ſchon an ſie gewöhnt hatte, auf Tritt und Schritt, jetzt auch hierher und vielleicht nach England, obgleich ſie für letzteres noch nicht ganz entſchloſſen geweſen war und vorläufig nur bis Antwerpen hatte mitgehen wollen... Seitdem von Porzia's Onkel Hedemann genannt worden war, fühlte ſie ſich von räthſelhaften Geiſtern beſtürmt, die ſie mahnten, ganz zurückzubleiben und die Gräfin morgen allein abreiſen zu laſſen. Die hohe Geſtalt der Greiſin trat ein. Sie war mit einem weiten ſchweren Pelz bedeckt, den ihr der Diener abnahm. Ihre ſcharfen mageren Geſichtszüge ver⸗ hüllte ein einfacher Sammethut, den ſie noch nicht ab⸗ gebunden hatte, als ſie ſchon eine Anzahl Briefe, die ſie ſich ſellſt vom Poſtamte mitbrachte, an den Schirm der Lampe hielt und haſtig nacheinander erbrach... Ohne Brille konnte ſie nur mit Schwierigkeit leſen. Sie mußte daher innehalten, ihren Hut abbinden und ſich's bequemer machen... Porzia bediente ſie dabei. Monika ordnete die Zu⸗ rüſtungen zum Thee... 41 Ich komme vom Doctor Abadonna! ſagte die Gräfin. Ich wollte nicht verfehlen, vor meiner Abreiſe dem ar⸗ men, geſchlagenen Sohne der Finſterniß wenigſtens dieſe Aufmerkſamkeit zu bezeigen! Dem Herrn ſei Lob und Ehre; denn Terſchka ſchreibt ja— Nun hatte ſie das Futteral ihrer Brille geöffnet, das ihr Porzia auf einen ſtummen Wink Monika's ge⸗ reicht, hatte den Eckplatz des Sophas eingenommen, den Tiſch ſich näher rücken laſſen, dann auch die Lampe näher gezogen und die Brille auf ihre vom Feuer der Erwartung glänzenden Augen geſetzt und einen der Briefe geöffnet.. Der Courier legte mancherlei inzwiſchen Angelbenme⸗ nes in ihre Nähe, einige Bücherpackete, einige Einkäufe, die ſchon vorausgeſchickt waren, auch ein großes Papier, in dem ſofort Monika, und nicht ohne einen gewiſſen Anflug von Verlegenheit— die Rechnung des Hotels erkannte... Alles um die leſende Gräfin her war ſtill und be— wegte ſich auf den Zehen. Nur ſie allein ſprach ſich laut und mit Interjectionen aus, die ihre Zufriedenheit mit allem ausdrückten, was Terſchka und ihre andern Correſpondenten berichteten. Die Siegesgewißheit über den gewonnenen Proceß, wie die Aufregung über die bevorſtehende Reiſe nach dem von ihr ſo lange erſehnten England, wo ſie acht Wochen bleiben wollte, erhöhten die Kundgebungen ihrer Stimmung und weckten eine alte Lebendigkeit ihres Weſens, die ſie durch ihre trübe Religionsauffaſſung ſchon ſeit ſo langen Jahren zu dämpfen verſtanden hatte. Vor den Dienern ſchwieg ſie. Porzia aber, die ohnehin der Sprache nicht ganz folgen konnte, hinderte ſie nicht, an Monika, die ſich zuletzt ruhig vor der ſie— denden Theemaſchine niedergelaſſen hatte und bald auf die Gräfin, bald auf die ſinnend ſich zu ſchaffen ma— chende Italienerin ſah, von den Eindrücken, die ſie im Leſen empfing, einzelnes bruchſtückweiſe mitzutheilen... Ja, dieſer gute Terſchka! ſagte ſie in abgebrochenen Sätzen... Wenn einer geſchickt war, dieſe Aenderung mit den Verhältniſſen in Weſterhof in Güte auszugleichen, ſo war er es!... Eine Parcellirung... im größten Maß⸗ ſtabe... wie vorſichtig, ſich an einen einfachen, uneigen— nützigen Mann zu wenden... einen Juden, Namens Löb Seligmann...„Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!“... Aber die Offerten der Fuld's lehnt er ab... das iſt ſchön!... Dieſe Helfer in der Noth haben wir in Wien genugſam kennen gelernt!... Die Lotterie iſt nicht erlaubt, wie bei uns... Alſo Verkauf!... ſo gern— ja ſo gern ich gewünſcht hätte, wir hätten die Burg Gottes aufgerichtet im Lande der Edomiter und das Evangelium gepredigt denen, die noch unter dem Geſetze leben— Terſchka grüßt Sie, Baro⸗ nin! unterbrach ſie ſich ſelbſt... Monika dankte leiſe nickend... Die Gräfin hatte unter der Brille ein wenig aufge— blickt, um zu beobachten, wie dieſer Gruß auf die junge Frau wirken würde... Ihre Stimme, die ſchon an ſich wohllautend war, nahm einen beſondern Ausdruck von Innigkeit an, als ſie das Wort ſprach:„Terſchka grüßt Sie, Baronin!“— Ein Purpurroth war auf Monika's Wangen getre⸗ ten... Das ſah die Gräfin wol und ſeufzte... Mo⸗ nika gedachte, ob Terſchka nichts von Armgart ſchriebe, wie er ſchon oft gethan... doch auch das Seufzen der Gräfin, das völlig anderes im Sinne hatte, verſtand ſie... ſie wich Fragen und Erörterungen aus und hielt faſt den Athem an, jetzt aus andern Gründen noch, als deshalb, die Gräfin nicht in ihrer Spannung zu ſtören... Dieſe erzählte zwiſchendurch vom Doctor Abadonna... Er wand ſich doch wie der Fürſt der Finſterniß... ſagte ſie. Kriechend höflich war er... wie einſt die Verdammten vor dem ewygen Richter ſtehen müſſen... Der liebenswürdige junge Herr von Aſſelyn geht morgen nach Weſterhof, um die letzte Abwickelung zu erleichtern ... O mein Sohn!... Wie geſpannt er ſchreibt!... Nur ſo kurz!... So kurz!... Was? Angiolina iſt krank? Das entſchuldigt ihn! Monika behielt Zeit, die Gedanken zu ſammeln, die ihr doch die Bruſt in faſt hörbaren Schlägen heben und wie⸗ der ſich ſenken ließen... Geht Benno jetzt nach Weſter⸗ hof?... Dem fühlte ſie wie mit Wonne und doch mit Schmerz nach. Faſt Eiferſucht war es, das ſie erfüllte, und wieder gedachte ſie: Was wird der Blonde, der an⸗ dere, Thiebold de Jonge ſagen, der täglich kommt und heute noch nicht da war?... Und dabei glitt ihr Blick wieder auf die Rechnung des Hotels, die ſo lang, ſo lang ſchien... Eine eigene Ideenaſſociation: Thie⸗ bold's Reichthum, ihr kleiner Creditbrief bei dem Hauſe Piter Kattendyk, die ganz bibliſche Sorgloſigkeit der Gräfin in Geldſachen und Thiebold ein Bewerber um Armgart— dann aber auch— Angiolina, die ſie nur ei⸗ 44 nigemal aus der Ferne geſehen... das ſchöne, all— bewunderte Mädchen, das mit dem Grafen Hugo nur zu verbunden lebte, kam ihr, als krank gedacht, ſelt⸗ ſamerweiſe wie Benno von Aſſelyn vor, blaſſen Teints und wie den fernſten Zonen angehörend... Etwas war die befriedigte Erregung der Gräfin durch den ſo kurzen Brief des Oberſten, ihres Sohnes, doch geſtört worden. Sie erinnerte jetzt an den Thee... Porzia wollte helfen... Monika bedeutete ſie mit einem Au— genwink, auf ihr Zimmer zu gehen... Gern hätte ſie ihr geſagt: Singe wieder deine traurig ſchönen Lieder! Zaubere uns vor, was alles freudvoll und leidvoll im Menſchenherzen liegen kann!... Der Gräfin würde ſie ſchön damit angekommen ſein. Der Thee entquoll ſchon dampfend der Maſchine, aber die Gräfin weilte noch in ihren Briefen Lady Elliot ſchreibt voll Ungeduld— ſagte ſie, eine Taſſe ergreifend... Sie iſt ſo gütig und gibt immer ein eng liſches und ein franzöſiſches und dann ein deutſches Wort, um meiner Schwäche entgegenzukommen, die ihre Sprache nicht verſteht...„Alle Schrift von Gott eingegeben, iſt nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Beſſerung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit“— 30000 Bibeln in ei⸗ nem Jahre in Irland vertheilt!...„Könnte man Pater Matthew gewinnen?“ Hm! Hm!... Darin hat ſie Recht— aber—„das Thier mit ſieben Köpfen ſchnaubt und dräuet, daß ſich darob die Sterne verfinſtern“, wenn es an die Bibel geht... Monika war über alle dieſe Anſpielungen durch täg⸗ liches Erörtern vollkommen unterrichtet... 45 Auch ein langer Brief vom„Onkel Levinus“ lag da, den die Gräfin nach einer halben Taſſe Thee, die ſie ſchlürfte, mit einer gewiſſen Scheu überflog und dann an Monika übergab, weil er vielleicht mehr für ſie, als für die Adreſſatin beſtimmt ſchien... Sie wandte ſich jetzt dem Reſt ihres Thees und in Gedanken verloren einem leichten Gebäck zu... Monika nahm den dargereichten Brief und las ihn mit einer ſchmerzlichen Miene für ſich, während die Gräfin die letzten Briefe durchſah, ſolche, die ihr aus Schloß Salem und Caſtellungo von ihren Verwaltern gekommen waren... „Wenn es dieſen Zeilen gelingen könnte“, ſchrieb der Bruder des Oberſten,„Ew. gräflichen Gnaden noch vor Ihrer Abreiſe nach England anzutreffen, ja Ew. Hoch⸗ geboren zu bewegen, die Nähe Weſterhofs nicht unbe— rückſichtigt zu laſſen und uns mit einem Beſuche zu be— ehren, ſo würde ich zuvörderſt damit den Wunſch unſerer lieben Comteſſe ausgeſprochen haben, dem ſich der des Fräuleins Benigna und mein eigener ehrerbietigſt an⸗ ſchließt. Die Wege bis zu uns ſind bequem oder bieten bei der Milde des Winters keine großen Schwierigkeiten. Perſönlich die Geſinnungen wiederholen zu können, die ich als langjähriger Freund und Verwalter des Gra⸗ fen Joſeph über die in Gottes Rath beſchloſſene Zu⸗ kunft ſeiner Beſitzthümer immer von ihm vernommen habe, würde mir zur beſondern Genugthuung gereichen. Aus dem Schooſe der Familie unſerer Gräfin, ſelbſt den allerdings jetzt kaum noch den Lebenden angehörenden frühern Vormund derſelben, ihren Onkel, den Kronſyn⸗ 46 dikus von Wittekind-Neuhof nicht ausgenommen, der, wie Ew. Gnaden wiſſen, immer einer anderweitigen Aus⸗ kunft, einer Verbindung beider Linien den Vorzug gab, iſt nichts unternommen worden, was dieſen gegen die An⸗ ſprüche des Herrn Grafen Hugo geführten unſeligen Proceß hätte ſchüren und fördern können. Uns lag nur ob, das Vorhandenſein jener Urkunde, die chriſtkatholiſche Reli⸗ gion der jüngern Linie verlangend, möglicherweiſe auf— zufinden und auch hierin einen etwa vorhandenen Wunſch der Vorvordern zu erfüllen. Die Nachforſchungen konn ten eine ſolche nicht auffinden und ſo gebe denn der gute und gerechte Gott ſeinen Segen zu der Ausgleichung, die, dank der Einſicht des vom Herrn Grafen überſandten Vermittlers, Herrn Baron von Terſchka, vorzugsweiſe darauf hinauszukommen ſcheint: Der letzten Erbin der äl⸗ tern Linie verbleibt Schloß und Hof Weſterhof nebſt den nächſten Adjacentien auf hundert Morgen in der Runde als ſtandesmäßige Abfindung und erbeigenthümlicher Beſitz für ewige Zeiten; alles andere fällt der jüngern Linie zu, vorbehaltlich der Rückkäufe, die der Comteſſe für ei— nige Grundſtücke und Waldungen offen bleiben. Für die Regulirung dieſer Procedur hat Herr Oberprocurator Nück uns die Ankunft des Herrn Benno von Aſſelyn verkündigt. Wir erfreuen uns in Herrn von Terſchka eines weiſen und wahrhaft discreten Vermittlers, der in allen dieſen ſchwierigen Verhältniſſen ſeit Monaten Großes geleiſtet hat. In kurzem iſt er der Liebling der Gegend geworden, womit viel geſagt iſt bei einem Volksſtamm, der ſich ſchwer anſchließt, ohnehin, weil man der neuen Wendung der Dinge um ſo mistrauiſcher ent⸗ 47 gegenſah, als wir uns gerade jetzt infolge des bekannten traurigen Weltereigniſſes in einer confeſſionellen Aufre— gung befinden, die mehr, als ich wünſchen möchte, die Gemüther erbittert und ein paritätiſches Zuſammenleben unmöglich macht.“... Monika las zwar für ſich; aber die Gräfin, die jetzt aufſtand und ſich einiges an ihrer Haustoilette zu ſchaffen machte, beobachtete ſie und ſagte: Sind Sie an der Stelle, wo der wunderliche Herr mir die Unmöglichkeit des Zuſammenlebens mit Ketzern ſchildert, nachdem er mich doch zuvor eingeladen hat, Weſterhof zu beſuchen? Monika mußte lächeln, ſo ſchmerzlich erregt ſie war ... Sie blickte auf das Ende des Briefes, um nach Arm⸗ gar'ts Erwähnung zu ſuchen... Der Brief lautete im Zuſammenhange: „Comteſſe Paula iſt glücklich, daß ſie Weſterhof be— hält. Sie drückt Ihnen, gnädigſte Frau Gräfin, ihre ganze Verehrung aus. Es würde Sie gewiß erfreuen, eine Verwandte kennen zu lernen, die mit einem ſelten gebildeten Geiſte eine Einfachheit und Güte des Herzens beſitzt, die durch keine Verkürzung und Schmälerung ihrer Glücksgüter getrübt werden kann, höchſtens, daß ihr die Mittel zum Wohlthun verringert ſind...“ Wieder unterbrach die Gräfin die im Zimmer herr— ſchende Stille. Sie folgte der Lectüre Monika's im Geiſte Zeile für Zeile, ſo feſt hatte ſich ihr ſofort trotz kurzen Durchfliegens der Inhalt des Briefes eingeprägt. Um Comteſſe Paula, ſagte ſie, geſteh' ich es zu be— dauern, daß ich der Aufforderung nicht folgen kann. 48 Monika verſtand vollkommen, was in dieſen Worten liegen ſollte. Es war die mütterliche Sorge für die immer doch noch nicht ganz gewiſſe Zukunft. Fand ſich noch irgendein Hinderniß für die Ausgleichung des Fa⸗ milienſtreits und entging den Salems⸗Camphauſen eine ſeit fünfzig Jahren ihnen immer dringlicher und dring⸗ licher gewordene Hoffnung, von der ihre Ehre und der Beſtand ihres Namens auf Generationen abhängig war, ſo konnte und mußte der Fall eintreten, daß Graf Hugo um Paula warb... Deshalb lag in den folgenden Worten, die die Gräfin unter andern Umſtänden mit viel größerer Strenge würde geſprochen haben, eine bei ihr ſeltene Milde: Das arme Kind ſoll nach allem, was ich höre, im— mer wieder in ihre Viſionen zurückfallen! Sie ertheilt im magnetiſchen Schlafe Rathſchläge an Kranke! Schloß Weſterhof, ſagte Nück, ſoll von Morgens bis Abends belagert ſein von Hülfsbedürftigen, die oft aus weiter Ferne kommen, um ſich von ihren Leiden heilen zu laſſen! Aus dem wahren Geiſte Gottes iſt das nicht... Die Apoſtel hatten dieſe Gabe auch, aber um ihres Glaubens willen und bedurften dazu nichts, als nur des Gebets. Sie, Baronin, weiß ich, ſagen freilich rundweg, das alles wäre Wahn oder die Macht des Willens, der da ſagt: Sei geheilt! und der Kranke iſt— zuweilen geheilt. Der Wille ſcheint Ihnen allmächtig! Wenn man an ſich ſelber nur glaubt! O, Sie wiſſen, meine Gute, wie wenig ich von allem halte, was ohne die Gnade Gottes iſt! Doch bin ich weit entfernt, den Katholiken die Gnade Gottes abzuſtreiten, wenn ſie ſich ihr in 49 inbrünſtigem Gebete nahen! Miſchen ſie aber Thorheiten ein, wie die fürſprechenden Engel und Heiligen, nun, ſo mag der Herr auch das kindliche Lallen der Seele in ihrer unverſtändigen Verblendung wol mit väterlicher Geduld vernehmen, iſt nur der Grund da des Vertrauens zu ihm. Sie erinnern ſich, daß Ihre Freundin bei den Hospitaliterinnen die heilige Hildegard nannte, mit der ihr Comteſſe Paula Aehnlichkeit zu haben ſchien. Das ſagt' ich Ihnen ja noch gar nicht, wie ich bei Bingen das Grabmal dieſer ſogenannten Heiligen geſehen habe! Ich beſchloß, mich etwas genauer über ſie zu unterrichten. Da erfuhr ich denn, daß die ernſthafteſten Männer mit dieſer Aebtiſſin, die ſo viel Wunder verrichtete, in Ver⸗ bindung ſtanden, ja ein Bernhard von Clairvaux und ſogar der damalige Papſt— Sie wünſchte ihm Glück zur Ausrottung der Wal⸗ denſer! warf Monika ein... Wie? rief die Gräfin... Mit dieſen wenigen Worten änderte ſich plötzlich der ganze Gedankengang der Gräfin. That ſie das? fuhr ſie beſtürzt fort und hielt im Wandeln durch das Zimmer inne. Sie verließ ſich auf die Kenntniſſe Monika's, die ihr bei ſolchen entſchiedenen Behauptungen verbürgt waren... Sie that es in einer Sprache, fuhr dieſe fort, die ſie nur in ihren Viſionen kannte, der lateiniſchen. Ihr Beichtvater ſchrieb dieſe Viſionen nach und veröffent⸗ lichte ſie ſpäter; es war ein Pater Gottfried... Ich habe mich in Mußeſtunden viel mit dem Leben der hei⸗ ligen Hildegard beſchäftigt... Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 4 50 Dann war ſie eine Betrügerin! wallte die Gräfin auf und endete ihre Rede mit dem völligen Gegentheil deſſen, womit ſie begonnen hatte. Sie hatte darauf hinaus wollen, daß ihr allerdings an der heiligen Hildegard intereſſant geweſen wäre, ſich nach ihrem Beiſpiel die ekſtatiſchen Zuſtände Paula's zu denken. Nun aber ſagte ſie: Auch in Weſterhof werden es die Pfaffen ſein, die die Krankheit des armen Mädchens benutzen und ſie zur Närrin machen! Ich dorthin reiſen! In der dumpfen Luft würde ich den Athem verlieren!„Es war aber ein Mann mit Na⸗ men Simon, der Zauberei trieb und gab vor, er wäre etwas Großes, und ſie ſahen auf ihn und ſprachen: Der iſt die Kraft Gottes, die da groß iſt! Da ſie aber Philippi Predigten hörten von dem Reich Gottes und den Namen Jeſu Chriſti, ließen ſich taufen, beides Männer und Weiber.“ Monika las weiter: „Herr von Terſchka unterbricht mich und verbindet ſeine Bitte mit der unſerigen, Ew. gräflichen Gnaden möchten in der That den Umweg nicht ſcheuen. Beglei⸗ tete Sie nicht vielleicht Herr Benno von Aſſelyn, ſo würde Ihnen vielleicht der Domherr von Aſſelyn, ſein Vetter, eine intereſſante Reiſegeſellſchaft ſein. Wir er— warten ihn jeden Tag zu einer kirchlichen Inſpection. Auch einigen Worten des Herrn von Terſchka, Armgart von Hülleshoven, meine Nichte, betreffend ljetzt zitterte der Brief in den Händen der von ihrem Kinde geflohenen Mutter) geb' ich gerne Ausdruck und bitte Sie, Ihre Begleiterin, Frau von Hülleshoven, meine Schwägerin, zu verſichern, daß ſowol in meiner langjährigen Freun⸗ 51 din, Fräulein Benigna, ihrer Schweſter, wie in mir die Reihe der Jahre den alten Groll gelöſcht hat. Was Sie auch, gnädige Gräfin, über unſer Zerwürfniß er⸗ fuhren, beurtheilen Sie es nach dem Temperament von Menſchen, die wie unſer ganzer Volksſtamm ein ſtarkes und unbeugſames Rechtsgefühl haben. Nur auf der «rothen Erde» konnten die Vehmgerichte entſtehen, jene Selbſthülfe des Volks in einer rechtloſen Zeit...(Die Buchſtaben verwiſchten ſich der Leſenden vor Erregung...) Es iſt wahr, die Ehe zwiſchen meinem Bruder und Monika ſchloß ſich ohne Ueberlegung. Der Kronſyndikus von Wittekind, Teſtamentsvollſtrecker ihrer Aeltern, wollte Monika zwingen, ſeinen Sohn Jeröͤme zu heirathen. Sie kannte ſeine Gewaltthätigkeit und nahm meinen Bruder wie im blinden Ungefähr. Nach einer vierjäh⸗ rigen Ehe war die Erklärung, ſie folge dem Manne nicht in ſeine neue Garniſon, ſie beſäße keine Liebe für ihn, ein reiner Trotz der Verkehrtheit. Sie wollte an⸗ fangen nach Grundſätzen zu leben. Sie wollte«wahr» ſein gegen ſich und andere! Es war der Anfang eines völligen Verwirrens ihres Denkens und Fühlens, das wir nicht dulden durften. Ihren thörichten Sinn woll⸗ ten wir durch die Vorenthaltung ihres Kindes, der damals dreijährigen Armgart, mit Gewalt brechen. Da wir ebenſo gegen den Bruder verfuhren, der Armgart für ſich in An⸗ ſpruch nahm, hatten wir die Ausdauer, einen Kampf mit dem Mutter⸗ und Vaterherzen zu wagen. Und dennoch wür⸗ den wir nachgegeben haben damals, als Monika erkrankte, wenn ſie nicht, kaum zur Hälfte geneſen, wie noch im Fieberwahn damals Schloß Weſterhof verlaſſen und in 4* 52 die Welt hinausgeraſt wäre wie eine Irrſinnige! Daß dieſe That, die nun freiwillig ihr Kind aufgab, ein An— fall der maßloſeſten Eitelkeit war, die Verzweiflung eines Blickes in den Spiegel und auf ihr ergrautes Haar, wird ſie nicht leugnen können. Dieſe wilde Un— regelmäßigkeit ihres Weſens iſt leider auf Armgart über⸗ gegangen. Die Mutter kann verſichert ſein, daß von unſerer Seite nicht das Mindeſte geſchehen iſt, Armgart aus dem Penſionat der Inſel Lindenwerth abzurufen. Das thörichte Mädchen will ſich nur beiden Aeltern zu— gleich aufgeſpart haben und führt dieſen Gedanken auch jetzt im Stift Heiligenkreuz, wo ſie eine Stelle bekom— men hat, mit einer Wachſamkeit durch, die jeden Augen⸗ blick die Flucht von Lindenwerth wiederholen würde. Die Ausſicht, daß mein Bruder Ulrich ſich in Witoborn niederläßt, rückt immer näher. Ein meiner Schwägerin wohlbekannter Name, Remigius Hedemann, hat, ſeitdem die Abwickelung der Verhältniſſe unſeres beim jetzt ſo tief gekränkten Geiſt der Provinz immer unmöglicher gewor— denen Landraths ins Stocken gerathen, die Mühlenwerke bei Witoborn erſtanden und beide gedenken ein für den Geiſt unſerer Gegend ganz tolles, ja förmlichh erausforderndes Unternehmen— eine Papierfabrik zu begründen! Stehen wir ohnehin in unſern Verhältniſſen ſelbſt nicht feſt, ſo wird uns am wenigſten beikommen, in ſo ſich verwickelnde andere einzugreifen. Bruder oder Schweſter, beide wür⸗ den uns zur Verſtändigung gleich willkommen ſein! Die Zeit heilt Wunden und mildert Leidenſchaften und wir müſſen ſelbſt wünſchen, daß in dieſe harten Herzen Be⸗ ſinnung kommt! Von meiner Schwägerin hör' ich durch 53 Herrn von Terſchka jetzt ſo außerordentlich viel Rühmens⸗ werthes, daß Benigna ſowol, meine langjährige Freun⸗ din, die dem Alter der Verſöhnlichkeit mit dem, was die Erde bietet, ſchon ſo nahe gekommen iſt, wie ich ſelbſt, nichts lieber wünſchen, als die endliche Beilegung dieſes Zwiſtes, den ja unſere heilige Kirche nicht geſtattet ſo zu löſen, wie es die Leidenſchaften dieſer wilden Men— ſchen wünſchen mögen durch Scheidung——“ Weiter konnte Monika nicht kommen... Die Schlußverſicherungen der Ergebenheit überſchlug ſie in der Erregung durch dieſe offene und für den Charakter ihrer alten Gegner, ihres Schwagers, ihrer ſo ſtrengen, viel ältern und ihr gewiſſermaßen als Er— zieherin gegenüberſtehenden Schweſter, ſogar gemüthvolle Sprache... Sie ſtand auf, ließ den Brief auf den Tiſch gleiten, griff an ihr Herz und trat an das Fenſter, um die Stirn an den feuchten Scheiben zu kühlen.. Die Gräfin unterbrach nicht dieſen Seelenkampf... Eine lange Pauſe trat ein, die Monika endlich mit den leiſen Worten beendete: Aus alledem ſehe ich, theure Gräfin, daß ich beſſer thun werde— noch in dieſer Stadt zu bleiben und Sie — allein reiſen zu laſſen!... Vielleicht erfreut es Sie— noch einen Gefährten zu gewinnen, der bei Porzia ſitzen könnte, den Onkel derſelben, der genöthigt iſt, raſch nach England zurückzureiſen! Ich begrüße Sie dann— bei Ihrer Rückkehr hier oder, erlöſt von allen dieſen Kämpfen, in Ihrem ſchönen, ſonnigen, glücklichen Caſtellungo! f 54 Die Gräfin ſagte zwar: Ja, ja! hörte aber plötz⸗ lich nur halb... Sie hatte die Rechnung des Hotels entdeckt und ſuchte wieder die Brille, um eine nicht un— wichtige Frage genauer zu prüfen... Monika ſah, daß die Höhe der Summe, die es hier noch zu zahlen gab, die Gräfin erſchreckte. Sie hatten an ſich einfach gelebt, aber eine Menge ander⸗ weitiger Ausgaben hatte die Gräfin von dem gefälligen Wirthe auslegen laſſen. Vollkommen war ihr die Eigen⸗ ſchaft ihrer Gönnerin geläufig, den„Nerv der Dinge“ und den„ungerechten Mammon“ für etwas zu nehmen, was ſich nach Gottes ewigem Rathſchluſſe allen denen, die ihn lieben, früher oder ſpäter doch zum beſten wenden müſſe... So vertieft war die Gräfin in eine unter dem Ein⸗ druck des gewonnenen Proceſſes von ihr hervorgerufene anſehnliche Reihe von Zahlen, daß ſie nicht mehr viel von Monika's Worten gehört hatte. Bei alledem wußte ſie aber doch, daß in dem Briefe das Wort„Scheidung“ ſtand. Darauf hin ſagte ſie beim prüfenden Oeffnen ihrer Reiſekaſſette: Paulus ſpricht:„Der Herr iſt der Geiſt, und wo der Geiſt des Heern iſt, da iſt die Freiheit!“ Sie wollte ſagen, wenn bei Monika eine Confeſ⸗ ſionsänderung ſtattfände, wäre die Scheidung da... Monika wußte das und ſtand träumend am Fenſter. Darüber kam eine Meldung. Herr Kattendyk! hieß es... Ei, Herr Kattendyk? rief die Gräfin hocherfreut... Die Gräfin war ſo in Vergleichung ihrer Reiſe⸗ 2% 55 mittel mit der Rechnung vertieft, daß ihr ſelbſt die Mel⸗ dung des Doctors Abadonna eine Beſinnung auf den Namen gekoſtet hätte, aber die Nennung des Chefs der Firma:„Kattendyk und Söhne“, an die Monika empfoh⸗ len war, vergegenwärtigte ihr augenblicklich die gemeinte Perſönlichkeit... Sie ſelbſt war an die Gebrüder Fuld empfohlen... Sehr angenehm! Sehr angenehm! rief ſie... Die Meldung eines dem„ungerechten Mammon“ und den„Schätzen, die Motten und Roſt zerfreſſen“ angehörenden Namens wurde ſofort angenommen, ja das Eintreten deſſelben mit einer gewiſſen Feierlichkeit vor⸗ bereitet. Piter Kattendyk hatte ſich vor vier Monaten auf ſeiner Reiſe nach Witoborn— keinesweges mercantiliſche Lorbern erobert. Zwar war er in lebendigſter Erregung, wenn auch etwas durchfröſtelt und an der Abfaſſung von Reiſe⸗ oder Heidebildern durch einen Schlaf verhindert, der„die ſeiner Conſtitution nothwendigen zehn Stunden“ faſt auf die ganze Dauer der Schnellpoſtfahrt ausdehnte, in Wi⸗ toborn angekommen und„bei Tangermanns“ im beſten Gaſthof der Stadt abgeſtiegen; aber der gegenſeitige große Eifer hatte ſich durchkreuzt. Rittmeiſter von Enckefuß hatte voll Ungeduld die Reiſe zu ſeinem Sohne gemacht und Nück, der helfen zu wollen verſprochen, ſetzte bei ſeinem Schwager eine ſo präciſe Erfüllung ſeiner Aufträge, ſoviel Reiſeluſt und Gefallen an einer raſchen Benutzung einer neu angeſchafften Reiſetoilette nicht voraus. Nun waren wol die Beſuche, die Piter am Sonnabend bei einigen Ad⸗ vocaten machte, möglich zur Beweisführung für ſeinen Geiſt und ſeine ſociale Stellung, aber eine geſchäftliche Verſtändigung und die Uebernahme der Forderungen 57 ſämmtlicher Enckefuß'ſcher Creditoren konnte erſt ſtattfin⸗ den nach der Zurückkunft des Hauptbetheiligten ſelbſt. Wir werden die heilige Stadt Witoborn, deren Thürme wir in frühern Schilderungen nur fernhin aufragen ſahen, genauer kennen lernen. So viel dürfen wir ſchon jetzt berichten, daß Piter hier die vollkommenſte Gelegen⸗ heit gehabt hätte, durch Devotion ſeiner Mutter Ehre zu machen. Hier lagen ſo viel Heilige in ganzer Ge⸗ ſtalt oder in Partikeln begraben, hier läuteten ſo viel Glocken zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, hier brannten an allen Ecken und Durchgängen der kleinen unanſehnlichen Straßen ſo viel Lichtchen und ſtanden an und in den Häuſern, Kirchen, Klöſtern ſo viel ſchönge⸗ putzte Muttergottesbilder, daß er wol ſeiner Sünden hätte eingedenk werden und geloben können, ſich die maß⸗ loſeſte Selbſtliebe und beſonders ſeine ſträfliche Neigung für fünfzigprocentigen Arakpunſch abzugewöhnen. Indeſſen beleidigten ſein Schönheitsgefühl die Kühe und Schafe, die jeden Morgen vom Hirten durch die witoborner Straßen geführt wurden und die Mängel der Straßenreinigung und Beleuchtung. Gleich in der Herſten Nacht war er auf topographiſche Studien ausge⸗ gangen und dabei faſt in einen offenen, völlig gitterloſen Strom gefallen, der zwar nur höchſt ſchmal, aber mit reißender Schnelligkeit durch die unerleuchteten Straßen ſchoß. Was half es ihm, daß es ſpäter beim Wirth ſeines Hotels„bei Tangermanns“, wo er der einzige Fremde war, herauskam, daß dies die berühmte Wito bach geweſen war, deren Quellen ſchon Karl der Große mit einem Münſter überbaute? Was half es ihm, daß 58 alle die kleinen Bäche, in die er, ſich von dem großen retirirend, bis zum Knie gerieth, als Nebenarme der Witobach bezeichnet wurden? Er erzählte, daß ihm an einem großen Thurme, um den eine Anzahl ungeheurer Waſſerräder auf die berühmten witoborner Mühlenwerke ſchließen ließen, nicht nur Hören, ſondern auch das Sehen vergangen wäre. Alles das ſchmeichelte wol dem Lo⸗ kalpatriotismus, trocknete aber ſeine Stiefel und Bein⸗ kleider nicht. Im Unmuth über die hier in Ausſicht geſtellte geringe Bereicherung ſeiner Welt- und Men— ſchenkenntniß beſchloß er, ſo lange die Umgegend zu recog⸗ noſciren, bis der Rittmeiſter zurückgekommen ſein würde. Selbſt das einzige Weinhaus, das er am folgenden Morgen am Sonntag zum zweiten Frühſtück ſeines Be⸗ ſuchs für würdig erklären konnte, mußte ihn, wie er verſicherte,„melancholiſch machen“. Allerdings lag es dicht an den alten Münſterthürmen Karl's des Großen! und in ihren durchbrochenen byzantiniſchen kleinen Fen⸗ ſtern beherbergten ſie ein wahres Gewimmel von Raben. und Dohlen, die in Schwärmen aus- und einzogen und oft wie von Reiſen herkamen, jedenfalls von den Bergen hernieder, wo ihn beſonders ein fernhin leuchtender Punkt anzog, das den Wittekind's gehörende Schloß Neuhof... Piter beſchloß nun, ſich genauer die Gegenden anzu⸗ ſehen, wo Hermann den Varus ſchlug und auch einige der vielen daſelbſt zerſtreuten Mineralbäder noch einen letzten Reſt von„Saiſon“ hatten. Einige dieſer Heilquellen kündigten ſich ihm, als er in der That mit Extrapoſt ab⸗ reiſte, bereits durch Leichenwägen an; ſie waren berühmt gegen die Schwindſucht. Andere hatten eine harmloſere 59 Beſtimmung, aber die einzigen noch anweſenden Patien⸗ ten ſchienen nur noch die Brunnenärzte zu ſein, die an jedem Morgen an den Quellen erſchienen, um ſich zu erkundigen, wer etwa die Nacht angekommen war. Piter, geſchmeichelt, daß man ihn für keinen Leber⸗ oder Nieren kranken halten konnte, zugleich beſorgt, darum noch für keinen Muſterreiter zu gelten, beſtellte in einem dieſer Curhänſer Champagner und bewunderte, von ſelbſt vorausſetzend, daß es keinen echten gab, die treuherzige Etikette:„Pro⸗ duct vaterländiſcher Betriebſamkeit.“ Weiterreiſend be kam er die Stimmung und Mußes, ſich ſo mit ſich ſelbſt zu beſchäftigen, daß er ſich die Abſchiedsſcene von Treud⸗ chen, dem neuen Mädchen ſeiner Schweſter Hendrika, in allen möglichen Variationen ausmalte; denn daß dieſe allerdings nur in dämmernden Umriſſen vor ihm ſtand, war bei dem umflorten Zuſtande, in dem er ſich nach ſeinem Souper befunden, nicht anders möglich. Gerade aber dieſe Nebelhaftigkeit des empfangenen Eindrucks geſtattete ihm die ſchönſte Ausſchmückung und wie er das freiherrlich Wittekind'ſche Vorwerk Eggena, das Maolöen Lüdicke und andere hervorragende Punkte hinter ſich hatte und in den Schluchten des Teutoburger Waldes ſich ganz nach Belieben, bald an dieſem Buchen⸗ grunde, bald an jener Tannenhöhe, die Niederlage der Römer ausmalen konnte und ihm das Krächzen der Raben, die ihm aus den Münſterthürmen gefolgt zu ſein ſchienen, immerfort das aus der Schule in der That noch erinnerlich gebliebene:„Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!“ zu ſprechen ſchien(dem darob ſehr verwunderten Poſtillon hatte er beim Bergan 60 dieſe Erzählung als Probe ſeiner mittheilſamen Ge⸗ lehrſamkeit nicht vorenthalten mögen), da trat ihm der Gedanke: Wenn du jetzt dieſe allerliebſte Blondine hier neben dir hätteſt auf dieſer geſchäftlichen Irrfahrt! mit mächtiger Gewalt entgegen. In der alten Poſtkaleſche, einer ausrangirten Beichaiſe, maß er ſogar den Sitz, den Treudchen neben ihm einnehmen konnte. Er deckte auf das weich einladende Leder der Polſterung ſeinen Plaid und baute der kleinen Göttin im Geiſte einen Thron und Altar. Selbſt die zierlichen Füßchen, deren weiße Strümpfe er im Geiſte als ſelbſtgeſtrickte bewun⸗ derte, legte er eigenhändig auf einen Nachtſack, den auch ſeine Schweſter Johanna behauptete ſelbſt geſtickt zu haben. Und weilte dann auch ſein reizbarer Sinn, den die„etwas ängſtliche“ grüne, claſſiſche Waldeinſamkeit ringsum nur noch erhöhte, bei dem außerordentlichen Profeſſor, Dr. Guido Goldfinger, an dem ihm nichts außerordentlich erſchien, als die Selbſtverſtändlichkeit, wie er, der Sohn des Medicinalraths Goldfinger, ſo ohne weiteres(weil die drei Hausfreunde eben im Hauſe alles regierten) ſein Schwager wurde, und ſchoſſen dann auch ſeine Gedanken über drei Schwäger zu gleicher Zeit, wie der„Silberbogner Apollo“,„fern⸗ hintreffende“ Pfeile, ſo kehrte ſein an ſich liebebedürftiges Gemüth doch immer wieder auf die Vorſtellung zurück: Wenn ſich die Romantik dieſer hier eben genoſſenen geſchicht⸗ lichen Eindrücke, mit denen du deine Freunde in begeiſterter Mittheilung überraſchen willſt, doch auch durch die Fül⸗ lung dieſes bequemen Eckplatzes mit dem reizenden, an⸗ ſpruchsloſen und ſo„gehorſamen Kinde“ vervollſtändigen 7 61 möchte! Die leiſen Umriſſe, die er von dem neulich Vorgefallenen behalten, zeichnete er kräftiger und kräftiger aus, drappirte das Bild neben ſich mit Vielem,„wor⸗ auf es ihm gar nicht ankommen ſollte“, mit einem wun⸗ derſchönen Hut und lyoner Bandbeſatz, einem Shawl von damals modiſchem Krepp de Chine und mit den eleganteſten Handſchuhen, die Gertrud Ley beſonders auch deshalb tragen ſollte, um durch das Schonen ihrer vom Arbeiten etwas mitgenommenen Finger ſich zu der Dame auszubilden, die man nach ſeiner Theorie der Geringſchätzung des weiblichen Geſchlechts„aus jeder Katze“ machen könnte. Piter ſah in einem„anſtändi⸗ gen Frauenzimmer“ nichts als die Wiederholung ſeiner „ihm hinlänglich bekannten“ Schweſtern. Mit ſolchen theils gemiſchten, theils ſich widerſpre— chenden Empfindungen hatte Piter die Walſtätten der alten Römerſchlachten, auch die berühmten Externſteine hinter ſich, die ihm die ſchauerliche Idee von Menſchen— opfern weckten— der anliegende See als Abzugskanal des rinnenden Blutes— und ihm in den Basreliefs der ſpätern chriſtlichen Entſühnung dieſer rieſigen Metzger⸗ altäre auch nur eine ſehr geringe Vorſtellung von der Pla⸗ ſtik des Mittelalters gaben— einer der Felſen hat ein altes Basrelief—, lauter Thatſachen, bei welchen er die Genugthuung ſchon vorweggenoß, wenn er davon zu Joſeph Moppes ſprechen würde, der nur die Muſik leben ließ, oder zu Aloys Effingh, der allerdings Sinn für die zeichnenden Künſte, wenn auch zunächſt nur für heimliche Caricaturen hatte, oder zu Weigenand Maus, der kriegs luſtig und zur Carnevalszeit roß⸗ und marſchalluniforms⸗ 62 freudig, für ſolche Hünenthaten intereſſirt ſein mußte. Thiebold de Jonge, der das Converſations⸗Lexicon nie mehr citirte, als wenn Benno nicht zugegen war, Der vorzugsweiſe ſollte an ihn glauben müſſen, wenn er verſicherte, daß man über„ſolche Gegenſtände“(er meinte ungefähr die Ergänzung der fehlenden Bücher des Tacitus) gar nicht mitſprechen könnte, falls man ſie nicht„gründlich ſtudirt hätte“— er meinte die Dauer eines Schnapſes, den er dem Poſtillon in dem Wirthshauſe an den Externſteinen geben ließ und ſein eigenes, mehrfach wiederholtes:„Ungeheuer merkwür⸗ dig!“ beim Beſichtigen der Rieſenſteine und der Blut⸗ lache und der alten Basrelieffiguren ohne Naſen— ein Mangel übrigens, der für dieſe gut war, da ſie auf dieſe Art die rein menſchliche moderne Beſtimmung einer hinter ihnen liegenden kleinen alten Krypte nicht am Ge⸗= ruche merkten. Wie geſagt, nur der Poſtillon frühſtückte hier, aber Piter in Detmold. Dort, wo einſt Jéröme von Wittekind im Certiren ſtets der erſte geweſen war und nicht blos beim Fragen nach Calefaciebas, er- wärmte, ja erhitzte ſich auch Piter in einer Weiſe, die es erklärlich erſcheinen ließ, daß er, kaum angekommen in Pyrmont, wohin er wollte, gleich ſpornſtreichs an den Grünen Tiſch rannte und ſich noch an demſelben Abend, im wildeſten Sturm und vom„ſchnödeſten Pech“ heim⸗ geſucht, ſeine ganze Reiſekaſſe ſprengen ließ. Wie Piter dann am folgenden Morgen in den Brunnenanlagen den letzten Reſt ſeiner Baarſchaft und der Curgäſte muſterte, auch etwas tiefſinnig über die Wirkung der hieſigen Gewäſſer gegen chroniſche Anfälle 63 von Hypochondrie nachgedacht und dabei einen etwas con⸗ fiscirten Eindruck gemacht haben mochte, jedenfalls mit einer bei der ſchon kühlen Morgenluft ſtark gerötheten Naſe, ſomit, beide Hände hinten in die Rockeaſche ſteckend, einem Abenteurer und Marodeur der Badeſaiſon nicht unähnlich, machte er die Bekanntſchaft eines Barons von Binnenthal, der erſt vor wenig Stunden angekom⸗ men war vom Weſten her, wo ihn ein glücklicher In⸗ ſtinct beſeelte, ſtatt nach Belgien zu gehen, oſtwärts zu„machen“— denn Gritzmacher hatte nur vor⸗ geſtern, Sonntag Abend, zu viel mit dem Staate, dann mit dem Aſſeſſor von Enckefuß in Betreff des in den Sieben Bergen ſeine geliebte Mutter beſuchenden Ham— maker zu thun gehabt, ſonſt würde er dem ihm ſofort auf dem Fuld'ſchen Balcon aufgefallenen Herrn die Fährte nach Weſten von einigen ſchnell avertirten guten Freunden in grüner Uniform haben abſchneiden laſſen— ebenſo wie er Herrn und Frau von Guthmann beim Be⸗ ſteigen des Dampfboots vorgeſtern Abend ſcharf fixirt und ihnen halblaut„glückliche Reiſe“ nach Pyrmont gewünſcht hatte, wohin auch ſie in der That gingen, um unter den letzten Stoppeln der Saiſon noch einige Körnchen für ihr demnach den Sicherheitsbehörden ſchon bekanntes Metier aufzuſuchen. Unterwegs machte das Ehepaar, nach dem Erſtaunen über das erneute Zuſammentreffen mit Herrn von Binnenthal ſich mit ihm Geſtändniſſe und alle drei vergaben ſich das, was die Vergangenheit betraf, in Hoffnung auf eine ſchönere gemeinſchaftliche Zukunft. Sie blieben zuſammen und Binnenthal's erſte Recherche auf der Morgenpromenade brachte ihn mit Pitern zuſammen, dieſen 64 dann zu der charmanten Frau von Guthmann, die ihn ſo feſſelte, ſo für den Verluſt am Grünen Tiſch tröſtete, daß er ein einfaches„Einundzwanzig“, en quatre einging, ge— wann, wieder an den Grünen Tiſch hüpfte und mit ſchon leichterm Herzen das Gewonnene nicht nur verlor, ſondern auch durch eine Anleihe bei Herrn von Guthmann, der in der Nähe ſtand, das Verhältniß deſto feſter knüpfte. Pyrmont endete für Pitern nach drei Tagen, alles in allem, mit einer Spielſchuld von 5000 Thalern, die er in einem ſich immer vergrößernden Kreiſe von Freunden der Frau von Guthmann und der Göttin Fortuna zurücklaſſen mußte. Herr von Binnenthal war bei dieſem ſchnell geknüpften Bande der Freundſchaft der ſogenannte„Schlepper“ geweſen. Seine ſtereotypen Redensarten und die Deviſe:„Bange machen gilt nicht!“ halfen ihm weiter, als andern Menſchen ihr Originalwitz. Piter reiſte ab von Pyrmont mit den„famoſeſten Erfolgen bei einer Baronin“—„Stoff doch immer“ für die kleinen Soupers— und Hinterlaſſung einer zwei Monate de dato fälligen Anweiſung auf ſein Haus und wandte ſich wieder auf Witoborn zu, wo der Rittmeiſter, in mancher Hinſicht ſein Geiſtesver⸗ wandter, ihn ſchon ſehnſüchtigſt erwartete. Mancherlei Arten gibt es, ein Unglück, das man ſich ſelbſt zugezogen hat, zu ertragen. Manche Menſchen werden von der empfindlichſten Reue befallen und einige unter ihnen, nicht viele, nehmen ſich vor, künftig ſich zu beſſern. Andere ſind zwar gleichfalls, beſonders wenn die einſame Natur ringsumher ſo feierlich ſtimmt, feſt entſchloſſen, nun und nimmermehr wieder z. B. bei ſolchen „Baroninnen“„an den Leim“ zu gehen und zu ſpielen 65 und 5000 Thaler Badeſaiſonſchulden auf ein Haus ab⸗ zugeben, deſſen Solidität ſie ſelbſt repräſentiren; aber die Reue verwandelt ſich ihnen in Trotz, Trotz nicht etwa gegen ſich ſelbſt, ſondern auffallenderweiſe gegen ganz unſchuldige andere. Es iſt allerdings kein behagliches Gefühl, ein großer Reformator ſein zu wollen und als der Re⸗ formation höchſt bedürftig ſich ſelbſt darzuſtellen. So ein Wechſel auf die Ordre eines notoriſchen Spielers, acceptirt von einem handelsberühmten Namen wie Piter Kattendyk, geht durch ein Dutzend Hände und kommt zuletzt im Comptoir ſeines Hauſes wie eine Wundermär an, die alle alten Buchhalter betrachten mit Hälſen ſo lang, ſo lang —„wie die Gänſe oder Kameele!“ Alle Federn halten inne, alle Priſen ſtocken, alle Drehſeſſel knacken und die Miene, die vollends der Procuraführer Ernſt Delring machen wird, die iſt gar nicht die ſeiner gewöhnlichen Re⸗ ſerve, ſondern einer ſtill lächelnden Genugthuung, die ſo⸗ gleich zwei Treppen höher hinaufſchleicht und für die liebende Gattin, vor der es etwa nicht, wie überhaupt vor keiner Gattin, Geheimniſſe gibt, ſondern im Gegen⸗ theil zur amuſanteſten Unterhaltung wird. Piter, ernüchtert von der Baronin(bei den ſpätern„kleinen Soupers“ blieb ſie natürlich dieſſeits der Dreißiger) phantaſieumgaukelt von Treudchen's Unſchuld, die im Geiſte, von ſeinem Plaid bedeckt, wieder in ſeiner Bei⸗ chaiſe neben ihm ſaß, ſah alle dieſe Wirkungen der drei Tage in Pyrmont„als Nachcur“ voraus, entſetzte ſich, wie tief beſchämt er in ſein niedliches Comptoircabi⸗ netchen, wo er wie ein dirigirender Miniſter thronte, zurückſchleichen mußte, und ſagte ſich: Naturen, wie die Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 5 66 meinige, können alles, nur keine Demüthigung ertragen! Auf demſelben, inzwiſchen durch Regengüſſe etwas ver⸗ anderten Wege kam er zwar wieder auf Anklänge an die Legionen des Varus, indem auch er mit dem Kopfe gegen die Lederwand der Beichaiſe ſtoßen und die denkwür⸗ digen Klagen des Cäſar Auguſtus wiederholen mochte, aber der freie Geiſt der Forſchung, der ihn auf der Herfahrt beſeelt hatte, verließ ihn und nach langem grimmigen Grü⸗ beln und Sinnen, als er ſchon dicht bei Witoborn war, wo die Jeſuiten oft genug früher den Satz: Si ſecisti nega! in ihren Moralvorleſungen erörtert haben moch⸗ ten, kam ihm ein ähnliches Syſtem als beſtes Mittel zur Aushülfe: Haſt du irgendetwas auf dem Kerbholz, dann ſei gerade erſt recht impertinent! Dieſe Theorie gab ihm Muth. Sie gab ihm dieſen um ſo mehr, als geſtern— Abend noch bei einem kleinen von Frau von Guthmaun arrangirt geweſenen Abſchiedsſouper ein alter däniſcher Offizier en retraite geſagt hatte:„Reſpect kriegt der Menſch immer nur erſt dann, wenn er auf alles, was er behaupten hört, Au contraire! ſagt.“ Piter ſuchte ſchon lange eine Formel, die, wie die Phi⸗ loſophie einen Satz, z. B.:„Ich gleich Ich!“ allen ihren Beweiſen vorausſchickt, ſo auch ihm das Räthſel des Daſeins und beſonders kurzweg die Methode erſchloß, wie es z. B. Kaufleute hat geben können, die ſo außerordent⸗ lich bedeutend wurden, daß ihnen nicht viel an einem großen Namen, ſogar an einem Miniſterportefeuille fehlte. An ſeinem Schwager Delring hatte er eine ſolche vor⸗ nehme Natur in der Nähe, die mit ihrer weißen Halsbinde zu jeder Stunde einem Regierungspräſidenten 04 aufwarten und mit ihm über die Wünſche und Bedürfniſſe des Lederhandels, über Binnenzölle und Waſſerſtraßen beneidenswerth unterrichtet ſprechen konnte. Dies Air, das auch einigen andern Chefs großer Häuſer, ſelbſt dem alten Herrn de Jonge, der ein großer Arbeiter in den Sectionen der Provinziallandtage war, nicht im mindeſten fehlte, vermißte Piter allerdings äußerlich an ſich keineswegs. Dies engliſche, reſpectable und ſtaatsmänniſche Benehmen, z. B. in den Zähnen zu ſtochern und die Finger in den Ausſchnitt ſeiner Weſte zu ſtecken oder als Parlamentsmit⸗ glied mit dem Hut auf dem Kopf und die Beine lang aus⸗ geſtreckt einen Miniſter wie ein Heupferd behandeln, das hätte er an ſich ſchon weggehabt. Nur fehlten die thatſäch⸗ lichen Unterlagen. Ueber eine gewiſſe lächelnde Niaiſerie, die die Engländer Snobbismus genannt haben, kam er bei Fra⸗ gen über das ſtatiſtiſche Gebiet nicht hinaus. Immer fühlte man, daß er über ſolche Gegenſtände, wenn ſie beſprochen wurden, mehr eine lebhafte Wißbegierde als eine große Vertrautheit zur Schau trug, ausgenommen bei Debatten über Kunſt, Stadttheater, Glanzwichſe und einige Feinheiten im Liniiren der Comptoirbücher, die er einem alten, verſtor⸗ benen Buchhalter verdankte. Da elektriſirte ihn denn jenes pyrmonter Wort! Er fand es„merkwürdig“ gleich auf der Stelle. Von den Höhen des im Regen gebadeten Teutoburger Waldes in die witoborner Ebene nieder⸗ fahrend, beſchloß er, zur Probe einmal das Syſtem des, Au contraire zu verſuchen. Ein nicht undiaboliſches Lächeln begleitete die Vorſtellung: Du kommſt nach Hauſe zurück, bekennſt nicht nur nicht deine Unbeſonnenheit, ſon⸗ dern biſt au contraire noch maliciöſer denn je! Du erklärſt 5* 5 68 Nück die gänzliche Verfehltheit ſeiner Speculation mit dieſer Uebernahme der Enckefuß'ſchen Schuldenmaſſe und unter⸗ brichſt jedes Staunen, das man etwa über den pyr⸗ monter Wechſel von 5000 Thalern zu erkennen geben ſollte, mit einem viel, viel größern Erſtaunen über die un⸗ vernünftigen Handlungen anderer Menſchen! In dieſem Syſtem, das ihm von etwas Bosheit und viel Deſperation eingegeben wurde, verfuhr er ſogleich, um nur mit Lärm zurückkommen zu können, mit dem Rittmeiſter von Enckefuß, den er jetzt antraf. Dieſer Unglückliche hatte einen jungen Mann voll „Großartigkeit“ erwartet und fand einen abſcheulichen Krakehler, der die Lorgnette einkniff und ihn faſt be⸗ leidigte. Enckefuß war ihm in ſeiner gewohnten roſen⸗ rothen Laune entgegengehüpft, elaſtiſch, friſch geſchminkt wie ein Jüngling, und nun fand er einen verdrießlichen Taxator, der auf jede Verſicherung das Gegentheil an⸗ zugeben wußte und den armen Mann binnen einer Stunde um allen Humor brachte. Piter zuckte nur ewig die Achſeln und ſtudirte nur im ſtillen ſich ſeine hübſche Portion Donnerwetters ein, die er auf ſeine Angehörigen ſchleudern wollte, eine gehörige Anzahl von Ausrufungen über verlorene Zeit und Mühe, und es„ſollte ihm mal einer wiederkommen und ihn in ſolche Bockshörner jagen“— und da war denn zur Rettung des Rittmeiſters keine Verſtän⸗ digung möglich. Piter ſchnurrte auf jede Propoſition auf wie ein Stacheligel und reiſte ab. Der Rittmeiſter be⸗ gleitete ihn ſehr artig an den Poſtwagen, blieb aber mit einer traurigen Miene zurück. Er ſah dem Scheidenden, dem Retter in der Noth, lange, lange nach und begab ſich beſin⸗ nungslos in ſeine Wohnung. Wir wollen gleich hinzu⸗ fügen, daß er ſich nicht todt ſchoß, ſondern einen Brief an ſeinen Sohn ſchrieb, zwar mit ſoldatiſchem Lakonis⸗ mus blos ſeine Flüche aufs Papier werfend, aber doch ſo voll Verdruß(und beſonders über die Nothwendigkeit, nun doch an den Präſidenten von Wittekind⸗Neuhof gehen zu müſſen— der Kronſyndikus ſtand unter Cu⸗ ratel—), daß der arme, ſchon lange vereinſamte, einſt ſo ſtolze Mann ſeine ſchwarze Tuſche, ſeine Pinſel, ſeine rothen Schminknäpfchen ganz vergaß und— nur das Kla⸗ gen und Kratzen ſeines alten treuen Pudels hörte und leiſe zu ihm ſprach: Beißen ſie dich auch ſo, Caro? und dann die Thüren zuſchloß und halb die Fenſterladen zu⸗ zog und ein altes Kamiſol anzog und die Brille auf die Naſe, ſich ſelbſt auf die Erde ſetzte und eine Schere nahm und ganz ein Greis geworden ſeinem allein noch treuen Thiere vor dem Hereinbrechen des Winters in weh⸗ müthiger Betrachtung über Flöhe die Haare ſchor. So fand man ihn wenigſtens da, als er zum erſten male anfing, allerlei wunderliche Reden durcheinander zu ſprechen... Piter kam im Vaterhauſe an und überhäufte Nück ſo⸗ gleich mit dem ganzen Vorrath gründlich einſtudirter Vor⸗ würfe. Er ſchilderte das Geſchäft, das er ihm aufgetragen, als einen neuen Beweis, daß man noch ſoviel Latein und Griechiſch und doch nichts von praktiſchen Dingen verſtehen könnte. Nück, ſehr erſchreckt durch die Gefangennehmung Hammaker's, replicirte wenig; Benno und Thiebold frei⸗ lich beſtürmten Pitern voll Unwillen. Ihnen antwor⸗ tete er auf jedes, was ſie vorbrachten, mit Au contraire. Faſt kam es zum Bruch zwiſchen Thiebold und ihm. 70 Piter war in einem Grade unumgänglich geworden, daß er ſogar ſich vor ſich ſelbſt zu fürchten anfing und nur in ſeinem Verhältniß zu Gertrud Ley ſeinem Gemüthe ein letztes Aſyl eröffnete. Dieſe Liebe ſteigerte ſich zur Schwär⸗ merei, beſonders ſeitdem ſeine Schweſter Hendrika, um Treudchen vor ihm ſicher zu ſtellen, ein für allemal die auf ſeine Wendeltreppe führende Thür verſchloß und ſo⸗ gar den Vorhang des Zimmerchens, das Treudchen be wohnte und das dem ſeinigen gegenüberlag, Tag und Nacht herabzulaſſen befahl. Wäre nicht die neue Be⸗ herrſcherin des Hauſes geweſen, Lucinde Schwarz(ſie wurde es ganz wider Willen und einfach nur dadurch, daß jeder Bewohner deſſelben, Delrings ausgenommen, die„ſanfte, ſtille, ruhige Seele“ zur Vertrauten machte), Piter hätte Sitte und Anſtand über den Haäufen ge⸗ worfen. Aber Lucinde wollte alles Ernſtes, daß Piter Treudchen in optima forma heirathen ſollte. Sie beför⸗ derte dieſe Wendung der Dinge mit einer Discretion, die deshalb nicht leicht war, weil auch Treudchen, ſchon um„den jungen Herrn“ möglicherweiſe zu„beſſern“, ſeine, wie er ſelbſt ſagte,„wahnſinnige“ Liebe mit der Kraftloſigkeit eines Mädchens erwiderte, das ſich die Möglichkeit ſolcher herzbeſtrickenden Vorgänge innerhalb der ihr bisher gänzlich unbekannt geweſenen und neu aufgehenden Region der Liebe nicht geträumt hatte. Dem durch die Gefangennehmung des Kirchenfürſten geweckten Geiſte entzog ſich Piter keinesweges. War doch ſelbſt Thiebold wieder nahe daran, zu Feuer und Schwert zu greifen. Auch Benno, der ſogar alles ſo erwartet hatte und der die Kraft der Ghibellinen bewunderte und von Dante's 2 Welfenhaß ſprach, ſtutzte... Die Gefangennehmung wurde eben von der Regierung ſeltſam motivirt.„Zwei revolutionäre Richtungen“ ſollten ſich in den Handlun⸗ gen des Kirchenfürſten durchkreuzt haben, die jakobiniſche und die jeſuitiſche. So lautete das Manifeſt der Mi⸗ niſter... Unvermittelt wogten in Benno's Bruſt die Gegenſätze der Ideen hin und her. Nur Freiheit athmen zu wollen, nur die Herrſchaft des Gedankens zu begehren, dafür ſah er das Leben zu praktiſch an. Aber das wirk⸗ lich Praktiſche und thatſächlich durch die Welt, wie ſie einmal iſt, zu Bedingende, das hatte ſich für ſeine weni⸗ gen zwanzig Jahre noch nicht feſtſtellen wollen... Und rings dieſe Leidenſchaften! Dieſe Parteinahme nur zu Gunſten einer„Kirche“, die doch auch die ſeine war! Kam nicht ſelbſt Bonaventura über ſeinen innern, leiſe begonnenen Zwieſpalt durch dieſen viel größern Bruch wieder hinweg?... Piter— der ſah die Thränen ſeiner Mutter, hörte die Klagen ſeiner Schweſtern; die drei Haus⸗ freunde hatten keinen Appetit mehr; Nück vergab ihm ſogar die witoborner Reiſe und trank mit ihm auf eine glücklichere Zukunft; ſogar die zu Tod geängſtigte Hendrika, die nur noch kaum zwei Monate zu dem heroiſchen Entſchluß hin hatte, ihr Kind im Glaubensbekenntniß ihres Mannes tau— fen zu laſſen, war am Morgen nach der Gefangennahme des Kirchenfürſten in Treudchen's Kammer geweſen und hatte, zwar nicht mit Empfindungen wie damals Wind⸗ hack in der Dechanei(„Fiat lux in perpetuis!“) doch jeden⸗ falls wie vor dem Erſticken ſich Rettung ſuchend den Vorhang bald in die Höhe gezogen, bald wieder niedergelaſſen... Eines aber war Pitern an dem Kirchenſtreit und 72 an den Allocutionen und an dem Kampf der Broſchüren, vorzugsweiſe aber an den allabendlichen Zuſammenrottun⸗ gen das Allerunangenehmſte. Alle Familienfeſtlichkeiten mußten abbeſtellt werden. Wozu hatte er nun das älterliche Haus ſo umgeſtaltet und ſoviel Zerſtörungen und Neu⸗ bauten angerichtet, als um in der Eigenſchaft des jetzt mün⸗ digen Chefs von„Kattendyk und Söhne“ die Saiſon in einer Weiſe zu eröffnen, gegen die niemand, ſelbſt nicht die Cirkel der aus Verlegenheit über den Geiſt der Stadt für den Winter ganz nach Paris übergeſiedelten Gebrüder Fuld aufkommen konnten!... Piter fand ein freies Feld und durfte es nicht zu ſeinen längſt vorbereiteten Zwecken benutzen. Endlich aber ſchwieg jede Rückſicht. Ende Januar konnte für ſeine Schweſter Hendrika die Stunde der Ent⸗ ſcheidung ſchlagen. Eine Geſellſchaft mußte jetzt oder konnte vielleicht den ganzen Winter nicht mehr gegeben werden; wer verbürgte den glücklichen Ausgang dieſer Entſchei⸗ dung? Hendrika fuhr in keine Meſſe mehr, in keine Beichte, ſelbſt dem Strom der ganzen Stadt zu dem neuen jungen Domherrn folgte ſie nicht. Es mußte ein Anfang in der Entwickelung ſeiner Größe, ſeiner ge⸗ ſellſchaftlichen Repräſentation, ſeiner Laufbahn zum Mit⸗ glied irgendeines Comité oder ähnlicher Befriedigungen ſeines Ehrgeizes gemacht werden, und Piter benutzte die nahe bevorſtehende Abreiſe einiger hoher Herrſchaften, von denen allerdings nur Monika ſpeciell an ſein Haus empfoh⸗ len war, um mit der Art,„wie Er Geſellſchaften geben würde“, trotz der allgemeinen Landestrauer hervorzutreten. Bei einigen Beſuchen, die er hier im Hotel ſchon 73 gemacht, war er auch der Gräfin vorgeſtellt worden. Von dieſer hatte er ein Zeugniß bekommen, das, wenn er daſſelbe gehört hätte, ihm nicht wenig geſchmeichelt haben würde. Da er unausgeſetzt nur das Gegentheil von dem behauptete, was die Damen ſprachen, ſo bekam wenigſtens die Gräfin von ihm den Eindruck eines geiſt⸗ vollen und unterrichteten jungen Mannes; denn die Frauen ſind viel beſcheidener, als man gewöhnlich glaubt; ſie unterrichten ſich gern und dünken ſich in ihrem Wiſſen nie ſo feſt, daß ſie nicht mit der größten Aufmerkſamkeit und Geneigtheit, ſich zu vervollkommnen, zuhörten, wenn ihnen z. B. jemand ſagt: Bitte um Entſchuldigung, die Ueberfahrt über den Kanal iſt im Januar viel ſicherer als im December! oder: Erlauben Sie, ich muß Ihnen aufrichtig geſtehen, die Cultur um Witoborn iſt auffallend vernachläſſigt! Frauen lieben die Schmeichler in der Regel viel weniger als wir glau⸗ ben und die vornehmen Frauen vollends— und gar erſt, wenn mit ihnen Menſchen ſprechen, die ſich auf Geld und Gut verſtehen! Piter blieb zu ſeinem Glück nur zehn Minuten und hinterließ damals einen Ein⸗ druck, den die Gräfin faſt einen„bedeutenden“ ge⸗ nannt hätte. Auch heute genoß Piter drei große Vortheile für höhere Würdigung. Einmal war er nur fünf Mi⸗ nuten mit den Damen allein; es erfolgte eine fernere Meldung. Sodann war Monika in eine tiefe Abweſen⸗ heit ihres Ohrs und Herzens und Urtheils verſun⸗ ken. Endlich drittens erhob ſie ſich ſogar und ent⸗ fernte ſich ganz, wie ſie ſagte, auf einen Augenblick; das war, als Benno von Aſſelyn und Thiebold de Jonge gemeldet wurden, die in der Vorausſetzung, ſie reiſte ab, ſich ihr und der Gräfin zu empfehlen kamen. Und als dann die beiden jungen Männer eintraten, blieb die Gräfin mindeſtens zehn Minuten über alle drei An⸗ weſenden die alleinige Richterin, bis Monika, nach einem Kampf zur Beruhigung ihres aufgeregten Herzens zu⸗ rückkehrte. Piter war vollkommen ſo eingerichtet, daß er mit Anſtand die Taſſe Thee, die ihn die Gräfin mitzutrin⸗ ken aufforderte, hätte annehmen können. Seine ſtroh⸗ gelb gantirte Hand brauchte ſich nur auszuſtrecken, um im Zulangen ihm ganz ſchön zu ſtehen. Eine weiße Weſte, inwendig mit einem dunkelrothen Phantaſiefutter, dunkel⸗ brauner Frack mit Metallknöpfen, ſchwarze Beinkleider, eine Halsbinde, weiß mit allerlei braunen Sprenkelchen — ſpäter flüſterte ihm Thiebold zu:„Sonderbare kleine Maikäfer das, Kattendyk, ich meine in Ihrer Cravatte!“ Sein kleiner Kopf war wohlfriſirt und das blonde Bärt⸗ chen leiſe gefärbt und das ſtumpfe Näschen nicht erfroren, er war in Equipage gekommen... Aber ſein Syſtem des Au contraire beſtimmte ihn ſofort die Taſſe abzulehnen und etwas näſelnd zu ſagen: Bitte recht ſehr, gnädigſte Frau Gräfin! Ich trinke keinen Thee—- Es war dies, Kamillenthee ausgenommen, eine Wahrheit. Die Gräfin fand den jungen Kaufherrn wieder von imponirender Eigenheit. Wer ſich einbildet, die Großen verletze dergleichen Selbſtändigkeit, irrt ſich. Nur die „kleinen Großen“, die Empor- und Herunterkömmlinge ſind anſpruchsvoll; die wahren Großen ſind ſogar leicht eingeſchüchtert und gerathen viel öfter in Verlegenheit, als wir glauben. Piter rückte mit ſeinem Anliegen hervor. Im Wagen hatte er ſich eine Rede ſtiliſtiſch und rhetoriſch zurecht gelegt. In gewandtem, der Vornehmheit wegen immer näſelnden Vortrage bat er, daß ſeinem Hauſe die Ehre gegönnt werden möchte, bei ſeiner am nächſten Freitag ſtattfin⸗ denden erſten Soirée auch die gnädigſte Frau Gräfin und die Frau Baronin von Hülleshoven erwarten zu dürfen... Da die Gräfin von ihrer auf morgen angeſetzten Abreiſe ſprechen durfte, kam ſie raſch über das ihr jetzt denn doch aufwallende Gefühl hinweg, ob eine ſolche geſellſchaftliche Miſchung, wie in einem wenn auch großen Kaufmannshauſe vorauszuſetzen war, ihrem Stande angemeſſen erſcheinen durfte. Seit lange hatte Monika die Gräfin nicht lächeln ſehen. In dieſem Augenblick that ſie es ganz graziös. Monika ſagte ſich: Die ſeltſame Frau! Wie wohlwollend und fein ſteht ihr dies Lächeln! Warum verſcheucht ſie es nur durch ihre ſtete Furcht vor der Weltlichkeit, der ſie mehr an⸗ gehört, als ſie weiß! Monika ſelbſt, die ſich mit der jetzt erſt in Stau⸗ nen ausbrechenden, aber doch allmählich beipflichtenden Gräfin über ihren Entſchluß, doch lieber zu bleiben, verſtändigte, nahm die Einladung an. Gegenbeſuche von und bei der Mutter Piter's hatten bereits ſtattgefunden. Die Verſtändigung über das Zurückbleiben Monika's gab Pitern Gelegenheit, ſich in die Erfolge zu ver⸗ ſetzen, die am nächſten Freitag ſeine Arrangements krö⸗ nen würden... Auch über Porzia's Onkel erfuhr die Gräfin, jetzt orientirter, wiederholt alles das, was ihr zur Beruhi⸗ gung dienen konnte, nicht zu einſam zu reiſen... Piter ſprach ſein Bedauern aus, die Gräfin ent⸗ behren zu müſſen, ermangelte jedoch nicht, ſie bei einer ſomit einmal beſchloſſenen Trennung durch ſeine prakti⸗ ſchen Winke über die Comforts von London wieder wahrhaft zu bezaubern. Es fehlte nichts, daß er ihr nicht auch die Adreſſen aufgezeichnet hätte, wo ſie am beſten Cravatten und Zahnbürſten und Raſirmeſſer kaufen konnte. Sein Portefeuille hatte er gezogen, ein Blatt darin ausgeriſſen und eine Menge Namen aufge⸗ ſchrieben, die der Gräfin bei der Ankunft von Wichtig⸗ keit ſein mußten, ſogar diejenigen Beamten auf dem Zollhauſe, die ſich am leichteſten beſtechen ließen, trotz⸗ dem auf Beſtechung bekanntlich die Deportation ſteht. In ſolchen Dingen konnte Piter höchſt charmant und bis zur Herzlichkeit naiv ſein. Da ſchöpfte er aus der Fülle ſeiner Erfahrungen. Die Gräfin, die zwar bei Lady Elliot ſowol auf dem Lande wie in der Stadt wohnen ſollte, hörte beglückt zu, wie das Hotel be⸗ ſchaffen war und wo es lag, in dem ſie wohnen könnte, wenn ſie wollte oder wenn ſie müßte— Piter's Au contraire war auf einige Zeit höchſt inſtructiv. Benno und Thiebold kamen etwas feierlich. Denn wenn ſie den Abſchied jetzt auch nur von der Gräfin zu nehmen brauchten, ſo blieben ſie doch ſelbſt nicht mehr zu lange in der Stadt, ſondern reiſten auf Wito⸗ 8 — 77 born zu, Benno in Nück's Aufträgen, Thiebold, um die Wälder anzukaufen, die Terſchka friſchweg ſämmtlich wollte abſchlagen laſſen, um zu reſpectablen Summen Geldes zu kommen. Piter behielt merkwürdigerweiſe noch die Oberhand Die Gräfin zeichnete den ihr Nützlichſten aus. Sie ließ ſich das weiße Blättchen voll Namen und Adreſſen ſchreiben und nebenbei warf Piter auch Erläuterungen für die beiden Freunde dazwiſchen, denen zufolge ſie noch am Freitag, wenn ſie bleiben würde, der Baronin ſich in ſeinen Salons empfehlen könnten... Man war überraſcht und alles das gab ihm Suprematie. Der Bediente ſervirte den neuen Ankömmlingen gleich⸗ falls den Thee. Dieſe nahmen und Piter, der ſonſt unter ſeinen Freunden unter der Herrſchaft des anſteckenden Bei⸗ ſpiels ſtand, bekämpfte ſich dauernd, es heute durchaus nicht zuzulaſſen. Während jene tranken, konnte Piter ſprechen. Jene waren gedrückt, bewegt, ſie waren der Mutter eines Weſens nahe, das ihnen ſo theuer war und ihren Her⸗ zen einen ſo edeln Wettſtreit koſtete. Die Schwärmerei, die ſich in Thiebold's zuweilen leuchtend von der Thee⸗ taſſe zur Nebenthür aufblickenden Augen äußerte, hinderte ihn zwar nicht, Pitern in ſeiner ſelbſtgefälligen londoner Topographie zuweilen zu unterbrechen und ſich z. B. in Betreff guter Handſchuhe auch ſeinerſeits auf den Stand⸗ punkt des Au contraire zu ſtellen, aber Benno ſah dem darüber ſich entſpinnenden Wortgefecht mit Schweigen und wie ein Neuling zu. Erſt da, als ſich jene im Zank etwas mäßigen mußten und ſich in eine halblaute Converſa⸗ tion verbiſſen, ging er, als der Feſtere und Höhergebildete, 78 auf ein Alleingeſpräch mit der Gräfin über, die von Nück, Terſchka und ihrem Sohne begann... Benno's Aeußeres hatte ſich ſeit einiger Zeit ver⸗ ändert. Die Dreſſur zum Waffendienſte hatte ihn früher ſeiner eigenen Art zu ſehr beraubt. Auch auf ſeiner Wange ſtand jetzt ein ſchwarzgekräuſelter Bart, der die Männlichkeit ſeines Weſens hob und ihm einen ganz beſondern Ernſt gab... Seit meiner Studentenzeit war ich nicht in meiner zweiten Heimat! ſagte er. Wenn es in der That zum Abſchluß über die Dorſte'ſchen Wälder durch meinen Freund de Jonge kommen ſollte, würden wir noch den Wildſtand zu vermindern haben. Herr von Terſchka ladet uns wenigſtens zu einer Jagd ein, die als ein halber Vertilgungskrieg allerdings ihresgleichen ſuchen würde.. Ich bitte Sie! ſchaltete Piter ein. Sehr wenig Wild dort! Die Rehböcke kann man zählen! Schweigen Sie! flüſterte Thiebold und corrigirte auf dem Blättchen, das ihm noch die Gräfin gelaſſen hatte, die Orthographie einiger engliſcher Namen... Glauben Sie nicht, fuhr die Gräfin zu Benno fort, daß man beim Verkauf ſich der Möglichkeit begeben würde, Gelegenheiten zum Bergbau zu entdecken? Etwa Kohlengruben? Die Gegend iſt eine Hochfläche mit einem Muſchel⸗ kalkrücken! ſagte Benno. Torf findet ſich in den Ab⸗ ſenkungen, manche Gasquelle in den Aufdachungen. Bergbau würde große Kapitalien erfordern... Rentabilität wird beſtritten! ſchaltete Piter ein.. 79 St! war Thiebold's ſcharfes Wort, das in ſeiner Theetaſſe verhallte... Graf Joſeph hat viel für die Schulen gethan, hör' ich, ſagte die Gräfin. Sind die Leute wenigſtens in der Landwirthſchaft aufgeklärt und eignen ſie ſich die neuen Erfindungen an? Sehr ſchwer, Frau Gräfin! erwiderte Benno. In— deſſen erſetzen ſie durch Eifer und Gediegenheit in ihrer täglichen Arbeit, was ihnen an höherer Strebſamkeit fehlt. In der nächſten Nähe von Witoborn freilich iſt man durch die Unzahl von Feiertagen bequem, durch die Reſte der alten Prieſterherrſchaft etwas matt und ſchlaff geworden, auch im Auffaſſen und Begreifen beſchränkt— Erlauben Sie, brach Piter aus, ich habe da ſo durchtriebene und verſchmitzte Menſchen gefunden, wie irgendwo! Wenn Sie doch nur—! unterbrach Thiebold faſt ganz laut und beſtimmt. Auch hätte Piter beinahe alles vor der Gräfin jetzt von ſelbſt verloren. Von dieſem antihierarchiſchen Geſtändniß Benno's war ſie angezogen. Gern würde ſie das Geſpräch fortgeſetzt haben, wenn nicht aus Porzia's Zimmer Monika zurückgekehrt wäre Monika hatte Porzia im Packen unterſtützt, ſich dabei geſammelt und geſtärkt. Wenn nun auch die jungen Männer die Beſtätigung erhielten, daß Armgart's Mutter noch zurückblieb, ſo mußten ſie ſelber doch ſchon in den allernächſten Tagen reiſen und drückten darüber in herzlichen und von einem gewiſſen geheimnißvollen Tone begleiteten Worten ihr Bedauern aus... 80 Piter machte eine pfiffige Miene. Durch Lucinden war er, wie er es nannte, über„das Pech“ unterrichtet, das Thiebold hatte, einem Mädchen zu huldigen, das auch Benno liebte. Aber ſich zu empfehlen, bezeigte er keine Luſt. Er flüſterte ſogar Thiebold ohne alle Ran⸗ cune zu, daß ſie ſich ſeines Wagens bedienen könnten und es ſchön wäre, wenn ſie den Abend noch in irgend⸗ einem Lokal, z. B. auf dem Hahnenkamp friſch ange— kommene Auſtern verſuchten... Thiebold hörte nichts... Er war ohne Beſinnung. Um Monika einen Stuhl zu holen für den, den er ſelbſt eingenommen hatte, weil er ihn am Tiſche leer gefun⸗ den, flog er nur ſo... Grüßen Sie Armgart! ſprach Monika mit Feſtig⸗ keit und ſchnitt damit alles ab, was etwa durch Reden oder ausdrucksvolles Schweigen über ihre Beziehungen zu dem Ziel der Reiſe der jungen Männer angedeutet werden konnte; ſie ging ſogleich auf die für eine ſolche Reiſe ungünſtige Jahreszeit über... So werden Sie vielleicht Ihren Herrn Vetter, den Domherrn begleiten? fragte die Gräfin, die gern auf die Verwahrloſung des Volks und Erdbodens durch geiſt⸗ liche Herrſchaft zurückgekommen wäre... Ich glaube nicht, ſagte Benno. Die Amtspflichten, die dem armen Neuling aufgebürdet werden, ſind ſo ſchwer, daß er vor Ende der Woche nicht frei wird. Und ich höre auch, es iſt beſſer, er kommt ſo ſpät wie möglich. Das ganze Stift Heiligenkreuz, alle Damen der Umgegend, Comteſſe Paula an der Spitze, ſticken einen in 24 Theile getheilten Rieſenteppich, der an dem 81 Tage, wo Bonaventura zum erſten male in St.⸗Libori*) die Meſſe lieſt, am Hochaltar ausgebreitet liegen ſoll. Seit dem Tage ſchon, wo ſeine Ernennung auch zum dortigen Archipresbyter beſtimmt war, arbeiten ſie daran. Inzwiſchen iſt der Kirchenſtreit dazwiſchengekommen und nun mußte alles thätig ſein, um für den gefangenen Kir⸗ chenfürſten Weihnachtsgeſchenke zu fertigen. In der Feſtung, wo er verweilt, ſoll die Poſt zu Weihnachten ein ganzes Zimmer voll Packete gehabt haben, die allein nur an ihn adreſſirt waren. Seitdem ſind die 24 Damen zu dem Teppich zurückgekehrt und arbeiten nun Tag und Nacht daran, daß ſie von der Ankunft meines Vetters nicht überraſcht werden. Piter hatte glücklicherweiſe ſoviel Geiſtesgegenwart, ſich zu beſinnen, daß die Gräfin an dieſer Schilderung einigen Anſtoß nehmen mußte und beendete nicht ganz ein faſt heftiges: Erlauben Sie, das iſt eine Verwechſe⸗ lung! In unſerer Stadt allein war auf der Poſt ein ganzes Zimmer voll**)— als ihn ein niederſchmet⸗ ternder Blick Thiebold's bedeutete, die Gräfin reden zu laſſen, die Pitern erſt ſchweigend anſah und dann mit einer ernſten Miene ſprach: Mögen die Damen nur den klugen Jungfrauen glei⸗ chen, die ihre Lampen in gutem Zuſtand hielten, als — der Bräutigam kam! Benno fühlte, daß es Zeit ſein konnte, auf dieſe feierliche Aeußerung aufzubrechen und Thiebold wünſchte *) Im dritten Buche wurde durch ein Verſehen„Ludgeri“ gedruckt. **) Factiſcher wäre allerdings ſeine Bemerkung geweſen. Gutzkow, Zauberer von Rom, IV. 6 82 dies um ſo mehr, als Piter die„horrible Dreiſtigkeit“ oder Betiſe beſaß, unbekümmert um ein bibliſches Citat die etwas ſchlecht brennende Lampe auf dem Tiſche zu fixiren... Armgart's Mutter hielt ſie noch feſt oder ſetzte doch das Geſpräch unwillkürlich fort, indem ſie den Amtseifer des jungen Domherrn rühmte und dieſen in Vergleichung brachte mit dem bequemern Syſtem des Dechanten, nach deſſen Befinden ſie ſich erkundigte... Benno ſchilderte die mannichfache Aufregung, die es ſeither für die Dechanei gegeben hatte. Zwar waren bei Beda Hunnius ſämmtliche Papiere mit Beſchlag belegt und von der Regierung theilweiſe der Oeffentlichkeit über⸗ geben worden, doch zwang der Gegendruck der Volksauf⸗ regung auch den Dechanten, diesmal ſeiner Läſſigkeit zu ent⸗ ſagen. Die Majorin Schulzendorf kam nicht mehr in die Dechanei. Alles ſtand auf dem Kriegsfuße. Die dem Mör⸗ der der Schweſter der Frau von Gülpen abgenommenen Werthpapiere hatten ein anſehnliches Vermögen ergeben, das dem Laienbruder Hubertus im Kloſter Himmelpfort beſtimmt war. Dieſer, ohne alle Verwandtſchaft, hatte das Geld ſeinem Kloſter zu überlaſſen... Auch darüber gab es vielerlei Aufregungen für den Frieden des De⸗ chanten, den alſo nicht mehr allein der nächtliche Ruhe⸗ ſtörer Lolo um ſeine behaglichen Träume brachte... Nun, unterbrach Monika die lebhafte Mittheilung, die Piter aus den Abendcirkelgeſprächen ſeiner Mutter ergänzen und zu Thiebold's erneutem Verdruß berichti⸗ gen wollte; nun, ſo wird es die höchſte Zeit ſein, daß der alte liebe Herr ſich in Wien bei ſeinen Freunden und Freundinnen erholt! Wer ihn dort beobachtete, mußte immer beklagen, daß die Zeit der Abbés vor⸗ über iſt... Da die Gräfin dieſe Erörterungen zu ignoriren ſchien und ſogar, der peinlichen Erwähnung des Mordes und der neulichen Hinrichtung ausweichend, wieder die Rechnung des Wirthes zu betrachten angefangen hatte, war es in der Ordnung, daß ſich alles erhob und Ab⸗ ſchied nahm. Monika reichte Benno und Thiebold die Hand... Ein magiſches Band iſt es, das eine Mutter mit dem Manne verbindet, der ſein Herz ihrem Kinde weiht! Selbſt wird ſie darüber noch einmal wieder jung, fühlt ihr Herz mächtiger ſchlagen und theilt faſt alle Empfin⸗ dungen ihres Kindes. Oft ſogar kann eine Mutter darun⸗ ter leiden, wenn ihr Kind dem Ideal von Gegenliebe nicht entſpricht, das ihr ſelbſt davon noch im Herzen lebt. Sie weiß, was Liebe iſt, was Liebe ſein muß, ſein kann und ihr Kind läßt den Mann, der ſie liebt, oft launiſch, oft nur kalt erwidernd, am Frauenherzen verzweifeln... Beiden Bewerbern gab Monika ihre Hand und wünſchte ihnen ſchmerzlich lächelnd eine glückliche Reiſe!... Blicken wir nur einen Moment noch den ſich Empfehlen⸗ den nach, ſo ſehen wir, daß, unten angekommen, Thiebold Bennon ſchon deshalb in Piter's leidenſchaftlich offerirten Wagen zog, um ihn zum Zeugen zu machen des Ausbruchs ſeiner verhaltenen Empfindungen über Piter's Benehmen. „Kattendyk! Wie Sie ſich wieder benommen haben!“ Dies Thema wurde variirt in allen Tonarten und ſogar ohne Widerſpruch; denn Piter rechnete auf vollkommenſte Ausſöh⸗ 6* 84 nung und Uebereinſtimmung vor dem Auſternbret, auf das er ſeine Gefährten eingeladen und deſſen Annahme nur inſofern noch eine Modification erlitt, als Thiebold ſeine Entzückungen über die Nachſicht Monika's und der Gräfin, zu denen er vom„Rüffeln“ übergegangen war, zuletzt ſelbſt unterbrach und die Auſtern auf der Apoſtelſtraße für beſſer erklärte als die auf dem Hahnen⸗ kamp. In ſolchen Dingen gab Piter ſeinen Freunden nach. So flogen nun alle drei auf die Apoſtelſtraße, wo, von gleichem Inſtincte beſeelt, auch bereits Joſeph Moppes, Clemens Timpe, Gebhard Schmitz, Weigenand Maus und Alois Effingh am runden Tiſche ſaßen und, die Eintretenden erblickend, ſie mit einem in der That von Herzen kommenden, ſtürmiſchen: Hurrah! empfingen. Vortreffliche junge Männer das! ſagte inzwiſchen wie⸗ derholt die Gräfin, verlor ſich jedoch immermehr in eine jetzt ungeſtörte Reviſion ihrer Reiſekaſſe und ſprach ihr Bedauern über den Entſchluß der Baronin, ſie nicht einmal bis zum Meeresufer zu begleiten, ſchon nur noch mechaniſch aus... Iſt es nicht auch beſſer, liebe Gräfin, ſagte Monika, daß ich die Wohnung ſo lange behalte, bis ich an Terſchka geſchrieben habe, Ihre Rechnung durch das Haus Fuld berichtigen zu laſſen? Sie werden dieſe hohe Summe nicht erwartet haben und ſie nicht gut entbehren können. Reiſen wir beide, ſo müßte ſie bezahlt werden; bleib' ich zurück, ſo hat es Zeit damit... Dieſe Auskunft gefiel der Gräfin. Seit vielen Jah⸗ ren war ſie gewohnt, mit dem„ungerechten Mammon“ auf eine Weiſe„Freundſchaft“ zu ſchließen, die durch 5. 85 ihre Bibelauslegung erlaubt und durch ihre Lebenslage be⸗ dingt war... Ihr ſeht zu ſtolzen Paläſten auf! Ihr beneidet das Loos der Glücklichen, die ſie bewohnen! Die Gräfin wollte zeitig zur Ruhe gehen... Sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Anknüpfend an den Brief des„Onkel Levinus“ be⸗ gann ſie, als gegen neun Uhr die wie zur Schlacht lär⸗ mende Runde von zwanzig Trommlern in den Straßen vorüber war: Sie wollen Terſchka ſchreiben? Ja! erwiderte Monika unbefangen... Nach einer kleinen Pauſe fuhr die Gräfin fort: Wie beklag' ich Sie, daß Sie nun wieder ſo allein ſtehen wollen— in dem feindſeligen Streite der Leiden⸗ ſchaften! Glauben Sie an eine Ausſöhnung mit dem Oberſten? Es gibt Dinge, die kein Gatte vergibt! erwiderte Monika mit halblauter Stimme und faſt ahnend, worauf die Gräfin zielte... Traurig aber, ſagte dieſe, ewig noch einen Theil der Kette zu tragen, von der man ſich losriß! Gewiß denke ich mit dem Apoſtel:„Biſt du an ein Weib ge⸗ bunden, ſo ſuche nicht los zu werden. Biſt du aber los vom Weibe, ſo ſuche kein Weib!“ Ich deute das auch auf uns Frauen. Aber in dem Worte Gottes iſt das Eine unerläßliche Vorſchrift und das Andere weiſer Rath. Faſt alles, was uns die Apoſtel, ohnehin Send⸗ boten des Herrn ohne Herd, ohne Familie, über die Ehe rathen, gehört den weiſen Rathſchlägen an. Auch ſtanden damals die Frauen nicht auf der Höhe, auf welche 86 ſie eben erſt ſpäter der Sieg des Evangeliums ſtellte. Sie waren den Sklavinnen näher, als der gleichberech⸗ tigten Bildung und Liebe. Da ſie nicht wider den Geiſt Gottes, ſondern nur gegen die apoſtoliſche Weisheit geht, iſt die Eheſcheidung auch keine Sünde. Der Apoſtel ſagt es ja ſelbſt:„Solches ſage ich euch aus Vergunſt, nicht aus Gebot.“ Es ſind Vorſchläge à discrétion. Auch ſpricht Paulus über die Frauen leider wie aus eigener bit⸗ terer Erfahrung und wie aus einem ganz weltlichen Geiſte. Feſt aber ſteht des Allmächtigen Wort:„Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei.“ Die Ehe iſt eine Heils⸗ anſtalt— Ihre Kirche, die ſie zum Sakrament machte, übertrieb das nur. Wie wenig Neigung Sie für die Irr⸗ thümer Ihres Glaubens haben, weiß ich ja! Sie ſollten ſich Freiheit gewinnen und den Schwankungen eines ſo haltloſen Lebens entfliehen— vielleicht— durch eine neue Wahl— 4 Monika ſaß auf dem Seſſel neben der Gräfin, die noch auf dem Sopha geblieben war. Sie blickte nicht auf... Vor dem Allerheiligſten erbebt die Seele und verſtummt der Mund... Die Gräfin rückte Monika näher und ergriff die kalt gewordene Hand der vielgeprüften Frau... Ihr Kind hat gegen Sie Partei ergriffen! ſprach ſie mit weicherer Stimme, als man ſonſt an ihr gewohnt war. Die Verwandte betheuern zwar freundliche Geſinnungen, aber das ſind leere Worte. Das Geſetz ſpricht Ihre Tochter dem Vater zu. Sie haben Herrn von Hülles⸗ hoven, wie Sie immer ſagten, blindlings genommen, nur um einer andern Verbindung zu entgehen, und Sie konnten 87 ſich nicht an ihn gewöhnen. Ihr Herz trug ein Ideal, dem er nicht entſprach. So hätten Sie ja im Grunde nie geliebt. Jetzt, geſtehen Sie, Monika— Terſchka iſt Ihnen nicht gleichgültig? Monika erhob ſich. Es lag keine Beſtätigung dieſer Vermuthung in ihrer Bewegung. Sie mußte ſich nur erheben, um gleichſam die ſchwere Laſt abzuwälzen, die ſich mit dieſen Worten auf ihre Bruſt warf... Sie wiſſen, auch Terſchka, fuhr die Gräfin fort, auch Terſchka würde keinen Anſtand nehmen, Ihrem Bei⸗ ſpiel zu folgen. Einer alten Familie der Huſſiten gehört er ohnehin an. Haben auch viele anfangs geglaubt, er würde meinen Sohn im Glauben ſeiner Väter wankend machen und hörte ich Warnungen über Warnungen über dieſen ſo engen Umgang, ſo hat ſich doch keine der Befürchtungen beſtätigt. Terſchka unterhält die loſeſte Verbindung mit ſeiner Kirche. Bliebe er der Verwalter unſerer neuen Beſitzthümer, wer ſollte ihn hindern, ſeiner Liebe ein Opfer zu bringen? Denn daß Sie, Monika, ſein ganzes Leben erfüllen und von ihm— ich brauche das ſündhafte Wort— angebetet werden, wiſſen Sie! Nein, nein! erwiderte Monika mit erſtickter Stimme, ging auf und nieder und hielt ſich, da ſie nicht weiter konnte, am Fenſter, wo ſie in die Nacht ſtarrte... Unerſchrocken aber fuhr die Gräfin fort: Leugnen Sie nicht, meine junge Freundin, daß es Sie mit mächtigem Reiz erfüllt, zu ſehen, wie ein noch junger, geiſtvoller, liebenswürdiger Mann Ihnen huldigt und nur für Sie zu leben ſcheint! Anfangs glaubt' ich, als Sie in unſere Kreiſe traten und ſo ſchnell uns alle 88 gewannen, daß auch mein Sohn vor Bewunderung vor Ihnen— ol dieſe unſelige Leidenſchaft, die ihn feſſelt!—— Mit einem Schmerzensausdruck, den Monika für dieſe Gedankenreihe an der Gräfin noch nie vernommen hatte, unterbrach ſie ſich ſelbſt, hielt inne und ſtand jetzt ſelber auf, weil auch in ihren Adern das Blut mächtiger zu kreiſen begann... Monika, ſelbſt des Beiſtandes bedürftig, wandte ſich vom Fenſter ab und trat der hohen Geſtalt entgegen, deren Hände in der ihrigen zitterten... Dann aber fuhr die Gräfin geſammelter fort: Es iſt gut, mein Kind! Ich habe mich an dieſe Schickung Gottes gewöhnt! Angiolina bewahrte meinen Sohn vielleicht vor Schlimmerem; denn wie Terſchka und er begannen— das ſind Erinnerungen! Aber ein milderer Geiſt kam über beide, und das hab' ich immer für unſern Beruf gehalten, den zu fördern und zu mehren, ſelbſt mit eigener Aufopferung! Ich weiß nicht, ob Salomo mit dem Worte:„Ein holdſeliges Weib er⸗ hält die Ehre“, auch die Ehre des Mannes meinte; aber meine Erfahrung— und ſie iſt alt— lehrte mich, daß ein Weib das ganze irdiſche und ewige Glück eines Mannes in Händen haben kann. Seit Hugo und Terſchka Sie kennen, Monika, hat ſelbſt mein Wort ei⸗ nen ganz andern Klang für ſie gewonnen! Noch kürzlich ſchrieb mir Hugo: Mutter, wenn ich doch auch Terſchka ganz, ganz glücklich haben könnte!.. Ich weiß es, daß es für ihn kein anderes Glück auf Erden geben könnte, als Sie ſein zu nennen, Monika! 89 Die gefolterte junge Frau warf ſich, heftig den Kopf ſchüttelnd, mit weinenden Augen an die Bruſt der heute ſo milden Greiſin... Wir nehmen Abſchied, ſchloß die Gräfin; bleiben Sie in dieſer Stadt, bis ich zurückkehre! Wählen Sie eine kleinere Wohnung! Terſchka wird oft herüberkom⸗ men müſſen! Geben Sie dem Schmerz des vielgeprüften Mannes Gehör! Wie hat auch ihn das Leben hin- und hergeworfen, bis er bei einem Weſen angekommen iſt, das ihm mit Recht ein köſtlicher Schatz erſcheint. Sie wiſſen, wie ich Sie liebe! Ja, Monika, entziehen Sie ſich dem Gefühl nicht, das Sie haben dürfen, in manchen Dingen mit ſich zufrieden zu ſein. Noch fehlt die letzte Hand, die an Ihre Seele gelegt werden muß, die Hand eines Gärtners und Winzers in Ihrem In⸗ nern, der Ihnen ſpricht: Der Herr iſt der Weinſtock, wir ſind die Reben! Das wird kommen. Genießen Sie das Glück, ſo von Menſchen geliebt zu werden! Ach, es geht uns einſt ein Tag auf, Liebe, wo man jede Freude beweint, die man ſich entgehen ließ, wo man jedes Herz zurückhaben möchte, das man von ſich ſtieß ... glauben Sie mir, Monika, auch an mir ziehen oft noch Schatten vorüber, die mich weinend anſehen und ſagen: Wir hätten uns doch auch finden können, warum ſuchten wir uns denn nicht! Monika umſchlang ſtürmiſch, wie ein junges Mädchen, die Greiſin, in deren Augen ſie zum erſten male ſeit dem Jahre, daß ſie ſie kannte, eine Thräne glänzen ſah. Sie bedeckte die magere Wange, die dürre Hand der Greiſin mit Küſſen. Sie ſchluchzte ſelbſt, als müßte ſie 90 all die Thränen mitweinen, deren vollen Strom ſich die Matrone, trotz ihrer Erregung, verſagte. Sanft entwand ſich die Gräfin den Umarmungen Monika's, küßte die Stirn der jungen Frau, ſtrich leiſe die grauen Locken aus dem jugendlich ſchönen, durch die höchſte Anſpannung und Erregung wie mädchenhaft ſtrah⸗ lenden Antlitz und ging zur Ruhe. Auf ihr Klingeln kam Porzia, die noch lange bei ihr blieb und ſich mit ihr über den Oheim verſtändigte. Monika ſchlief in einem andern Cabinet... Wie aufgeregt ſie durch dieſe Scene war, bewies ſie am folgenden Morgen. Die Gräfin kam auf das Be⸗ ſprochene nicht wieder zurück; ſie reiſte gegen elf Uhr ab . Im Wagen fand ſie Blumenſträuße von koſtbaren Treibhauspflanzen, die ihr Benno und Thiebold hatten hineinlegen laſſen. Monika, nun allein in der großen Wohnung, die ſie nur ſo lange behielt, bis von Terſchka Geldanwei⸗ ſungen gekommen waren, irrte— wie am einſamen, ihr ſo unheimlichen Meere... Sie wollte an Terſchka ſchreiben... Sie konnte es nicht ſo harmlos, als ſie wollte... Eine Aenderung der Confeſſion... Scheidung... Eine neue Heirath . mit Terſchka?! Das waren Gedankenreihen, die wie eine wilde Muſik auf ſie einſtürmten im nächtlichen Fackelſchein, wie ein Chor im Zuge der Korybanten, wie ein Feſt unter dem Schwingen des Thyrſusſtabes 1. In dieſer Angſt des Herzens trat ihr durch die Blumenſträuße der jungen Bewerber um Armgart die Erinnerung an Bonaventura entgegen... Sie wußte — 91 ſelbſt nicht, was ſie zog, den Pelz überzuwerfen, ſich zu verhüllen gegen die ſchärfer gewordene Winterluft, die am Morgen ſich durch Reif angekündigt hatte, der an allen Häuſern, Brücken und Bäumen ſichtbare Zeichen zurückgelaſſen, geradezu in die Kathedrale zu gehen dem tiefdunkeln Winkel zu, wo ſeit vier Monden die Menſchen geſchart ſaßen, um zu einem alten Beichtſtuhl zu gelangen, in dem im weißen Kleide, das Beichttuch über ſein bleiches Antlitz gezogen, Bonaventura von Aſſelyn die Beichte hörte... Seit einem Jahre hatte Monika nicht gebeichtet und noch wußte ſie kaum, was ſie dem Ohr des Prieſters ver⸗ trauen ſollte... Oſtermorgenglocken waren es nicht, nicht der heilige, von den Rundbögen einer unſichtbaren Kirche widerhal⸗ lende Geſang: Chriſt' iſt erſtanden! der wie im„Fauſt“ die Seele des Zweiflers, ſo auch ſie zum Glauben der holden Kinderjahre zurückzog... Nicht in Wehmuth und Zerknirſchung, nicht in Auflöſung ihres Willens, nicht in wiedererwachter Liebe und Hingebung für das Be⸗ kenntniß ihrer Jugend betrat ſie die Kathedrale... Es lebte ſchon lange eine feſte, ernſte Stimmung in ihrem Herzen. Sie ging wie zu einer letzten Prüfung. 4. In der großen Kathedrale liegen in den einzelnen Seitenſchiffen mehr als zwanzig Altäre zerſtreut. In ihrer Nähe befindet ſich mit ihren doppelten Ein⸗ gängen und vergitterten Zwiſchenwänden eine Anzahl Beichtſtühle. Einige Schritte von ihnen entfernt ſtehen Bänke, auf welchen ſich die Beichtbedürftigen, ehe an jeden die Reihe kommt, dem Gebete widmen können. Dieſe Sitze ſind entfernt genug, um weder die Rede des Bußfertigen noch den Spruch des Prieſters hören zu laſſen, der oft ſtatt der Abſolution nur einen allgemeinen Segen er⸗ theilt. Niemals darf es erſichtlich werden, ob Jemand den Beichtſtuhl im Stande der Ungnade verläßt. In einem Gang, der ſich von der Sakriſtei hinter dem Aufgang zur Kanzel, die das kleinere Vorderſchiff beherrſcht, zum Hochaltare hinzieht und in einem ein⸗ zigen großen, drei Altäre erleuchtenden bunten Fenſter endet, liegen einige Beichtſtühle allein und tief im Dunkeln. Es iſt die einſamſte und dem Andrang der Gläubigen— X———ð—— 93 gewaltigen, in manchen Tagen einem Marktplatz gleich⸗ kommenden Baues. Um den Schritt der Vorübergehenden zu dämpfen, liegen auf dem Fußboden Strohmatten ausgebreitet. Uralte Grabdenkmäler bedecken die eine von der Sakriſtei ausgehende Wand, hohe Biſchofgeſtalten mit Krummſtab und Mitra; ihre Namen ſind nur an ſonnenhellen Ta⸗ gen zu leſen, wie an jenem, wo an ihnen Pater Se⸗ baſtus ſich zu gewöhnen ſuchte, wie er, ein Meiſter des Worts, von einem größeren Meiſter, der nun auch wieder den ſeinigen gefunden, für einige Tage auf ein einfaches Ja und Nein geſetzt werden konnte. Nur der letzte dieſer Beichtſtühle, dem Hochaltare zu, iſt allein von dem bunten Lichte des Fenſters ein wenig erhellt, dem er zunächſtliegt. Die beiden andern liegen ſo im Dunkeln, daß ſowol die Seele, die hier ſich aus⸗ ſprechen will, ſich von aller Freude und allem Leid der Welt geſchieden glauben kann, wie der hörende Prieſter von der ganzen Heiligkeit ſeines Berufs ſich durchdrungen fühlen muß, ſoll ihn nicht, wie wol auch geſchieht, ge⸗ rade die Abgeſchiedenheit dieſer ſtillen Zwieſprache auf weltliche Gedanken führen... Seit vier Monaten war es in dieſem dunkeln Gange ſeltſam lebendig geworden. Die Bänke, die dem Beicht⸗ ſtuhl gegenüberlagen, wurden am Dienstag und Don⸗ nerstag Morgens und Sonnabends Nachmittags und in der allererſten Sonntagsfrühe von Beichtbedürftigen nicht leer. Soviel Stunden hatte man ausdrücklich von der Kanzel und durch Anſchlag an die Kirchenthüren be⸗ oder nur Neugierigen gerade entgegengeſetzte Gegend des 94 willigen müſſen, um den Zudrang nur einigermaßen zu befriedigen... Dieſer galt nur dem erſten der der Sakriſtei nahe gelegenen Stühle... Auf dem alterbraunen Holze ſaß ſeit vier Monden der neue junge Domherr, dem ſogleich Ende September ei⸗ nige Meſſen und Predigten die Herzen der ganzen Stadt gewonnen hatten. Die hohe Würde ſeiner Erſcheinung, die Milde ſeiner niedergeſchlagenen Augen, ihr Glanz, wenn er die langen ſchwarzen Wimpern erhob, die feier⸗ liche und wieder ſo natürliche Art ſeines Benehmens, der Wohlklang ſeiner Stimme, alles das hatte ihm ſogleich den Antheil derer geſichert, die zunächſt nur auf Aeußer⸗ liches ſehen, vorzugsweiſe derjenigen Frauen, die auch in ihrem kirchlichen Leben gewohnt ſind, immer nach„dem Rechten“ zu ſuchen. Und zu denen dann, die nur vom Aeußerlichen ſich angezogen und, wie es in ſolchen Fällen zu gehen pflegt, ſich faſt magnetiſch berührt fühlten, ge⸗ ſellten ſich andere, die auch den Kern dieſer lockenden Schale erquickend fanden. Sie mehrten ſich von Tag zu Tage. Der junge vom Lande berufene und ſo ſchnell be⸗ förderte Prieſter feſſelte durch den Geiſt ſeiner Vorträge ebenſo wie durch den Schwung des Vortrags. Redete er, ſo waren das für Predigten beſtimmte Vorderſchiff und der Chor überfüllt. Vertheilte er den Leib des Herrn, ſo drängten ſich die danach Begehrenden. Und bald auch, da ihm Beichtabnahme erlaubt wurde, war ſein Ohr be⸗ lagert von denen, die das Bedürfniß der Buße und Sühne hatten. Die beiden andern Stühle waren nur in den Sonnabendnachmittagſtunden mäßig beſetzt... 95 So hochheilig das Sakrament der Buße gehalten wird, hängt es doch mehr als irgendeine andere Inſtitution der Kirche von der Perſönlichkeit des Prieſters ab. Dieſe Kirche, die aus dem Gottesdienſt alle Zufälligkeiten der Individualität entfernt wiſſen will, die ihre Erhaben⸗ heit auch darin findet, daß am Indiſchen Meerbuſen und am Fuße der Cordilleren das Heiligſte ebenſo cele— brirt wird, wie in einem Alpenthal der Schweiz oder in der Grabkapelle zu Jeruſalem, muß im Beichtſtuhl die Abhängigkeit ihrer Würde von den zufälligen Per⸗ ſönlichkeiten ihrer Prieſter ertragen. Sie kann ſchon die Aufforderungen, den Beichtſtuhl häufig zu beſuchen, nur zu Mahnungen, nicht zu abſoluten Befehlen machen. Zum Stolz der Gläubigen auf den neuen jungen Domherrn kam anfangs das Lächeln der Zweifelnden. Die Männer, ohnehin der Beichte abhold, da ſie den Frauen eine das Glück der Ehe nicht eben mehrende Selbſtändigkeit gibt und in das innigſte Selbander zweier Menſchen einen oft räthſelhaft ſpukenden Dritten eintre⸗ ten läßt, hatten den Reiz zunächſt nur in der Perſön⸗ lichkeit des neuen Domherrn gefunden; aber auch ſie ka⸗ men. Sie kamen, um ſcheinbar zu bekennen; doch er⸗ ging es ihnen wie denen, die einſt zu Johannes in die Wüſte kamen. Sie hatten einen Sonderling erwartet, der Heuſchrecken aß und in härenen Kleidern ging, und ſie fanden Johannes, den edelſten der Bekenner, Johannes, der, ſelbſt groß, ſelbſt ſich Gott verwandt fühlend, doch auf einen Freund, auf einen Jugendgenoſſen hinzeigen und ſagen konnte: Der iſt größer als du!... In der Geſchichte des Geiſtes eines ihrer ſeltenſten Kapitel. 96 Gleich bei ſeinem Antritt hatte Bonaventura, der die in ihm entſtandene gebrochene Stimmung ſeines Innern zu einer Aenderung ſeines Berufes nicht mehr ausbil⸗ den konnte, vom Kirchenfürſten aufbekommen, in ſeiner Antrittsrede den Text zu behandeln: Petrus, der im Oel⸗ garten, als Judas mit den Hernſchern der weltlichen Ge⸗ walt kam, dem Herrn ſagte Siehe, Herr, hier ſind zwei Schwerter!.. Im Sinne Roms iſt das eine dieſer Schwer⸗ ter, das dem Knecht des Malchus ein Ohr abhieb, die ſeit zwei Jahrtauſenden angeſtrebte auch weltliche Gewalt der Kirche und das andere die unblutige nur kirchliche. Dies Thema war wie eine Verſuchung. Viele weltliche Behörden wohnten der erſten Einführung des neuen Dom⸗ herrn bei. Michahelles hatte darauf gerechnet, daß ſich Bonaventura ſogleich dem Geiſte der beiden Schwerter Petri anſchließen und für ſich ein öffentliches Zeugniß ausſtellen würde. Doch lobte ſpäter der Kirchenfürſt ſelbſt den jungen Prieſter um die geiſtliche Klugheit, daß er die verlockende Aufforderung, gegen die nachgeborenen, mit Titeln und Orden geſchmückten Genoſſen des Judas Iſcharioth zu reden, nicht in zu auffallender Form er⸗ griff, ſondern einen Mittelweg einſchlug, der allerdings in der Theorie mehr ſagen konnte, als der gegebene Text des Lucas ſagen ſollte, nur in der Praxis weniger. Der Antrittsredner hatte zu den zwei Schwertern des Pe⸗ trus noch zehn andere hinzugefügt, von denen der Evan⸗ geliſt Marcus erzählt. Der Heiland hätte, ſagt Marcus, die Jünger erſt aufgefordert, daß„jeder von ihnen ſich ein Schwert“ zulege und es zum Kampfe kommen laſſe; dann aber hätte ſich der Herr in ſeiner Liebe auf ein 97 milderes beſonnen und geſagt:„Stecke dein Schwert an ſeinen Ort; denn wer das Schwert nimmt, ſoll durch das Schwert umkommen! Oder meinſt du, daß ich nicht könnte meinen Vater bitten, daß er mir zuſchickte mehr denn zwölf Legionen Engel?“ Und über dieſe„zwölf Legionen Engel“, dieſen ewigen Entſatz der bedrängten Kirche, nicht über die zwei oder zwölf unbedeutenden Schwerter, predigte Bonaventura. Mit einer Begeiſte⸗ rung, die ihn in ſolchen Augenblicken die nagenden Zweifel ganz vergeſſen ließ, ſchilderte er dieſen ewigen Beiſtand, den in der Weltgeſchichte ſeit dem Sündenfall und dem Verluſt des Paradieſes das Gute zuletzt doch immer wieder am Guten gefunden hätte. Dieſe zwölf Legionen Engel, die ewigen Wahrheiten der Weltregierung, die immer wieder die Herrſchaft der Böſen geſtürzt hätten, waren ihm jene Thatſachen, die mit Schwertern, öfter mit Palmen und klingendem Saitenſpiel über die wil— deſten Schlachtfelder hinwegrauſchten, in Hütten wohnten den Paläſten gegenüber, ja in der eigenen Bruſt der Ty⸗ rannen und Bedränger der Menſchheit, wo ſie nicht ſelten die Geſtalt der Träume angenommen hätten... Wie die Tyrannen dann gezwungen geweſen wären, ſchil⸗ derte er, einen Joſeph zu rufen, der die Träume zum Wohl der Menſchheit hätte deuten dürfen, oder einen David, der ſie hätte beruhigen müſſen durch die Zauber der Kunſt... Dieſe zwölf Legionen Engel ſchilderte Bonaventura als den Troſt und die Zuverſicht in jeder Bedrängniß der Menſch⸗ heit. Alle ſahen ſie, wie er mit hoch emporgehaltenen Händen die Leiden der Erde ſchilderte, ſahen dieſe mit Schwertern bewaffneten Engel, hörten ſie wie mit Po— Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 7 98 ſaunen in den Kampf rufen, fühlten ihr Schmettern und ihr Schwertſchlagen und das Dröhnen ihrer Schilde in den Lüften. Dann aber rief begeiſtert der Redner die Phantaſie von ihrem Fluge zur Erde zurück, legte die Hand auf die Bruſt und ſprach: Wo anders läge das Schlachtfeld dieſes großen Kampfes des Guten gegen das Böſe, das Schlachtfeld, das die eigentliche Entſcheidung der Dinge dieſer Welt gibt, als in dem Herzen und dem Gewiſſen und der Furcht Gottes eines„Jeglichen unter uns“! Was ſodann der Kirchenfürſt, ganz nach Sebaſtus' Prophezeiung, zunächſt gehofft zu haben ſchien, als er von einer kleinen Dorfpfarre dieſen Prieſter in die gro⸗ ßen Hallen ſeiner Kathedrale rief, war ſchon in kurzer Zeit eingetroffen. Vorzugsweiſe war es die Belebung des Beichtſtuhls geweſen, auf die man gerechnet hatte. Dieſen, wie alle Inſtitutionen der Kirche, ſelbſt die ver⸗ altetſten, in größere Aufnahme zu bringen, wurde immer mehr zur Taktik des großen Feldzugs, dem hier und dort auch andere Kirchenfürſten die Oriflammen vorantru⸗ gen. Durch den Beichtſtuhl war die mehrfach angedeu⸗ tete Philoſophie getödtet worden. Der Beichtſtuhl theilt die von Rom empfangene Parole aus. Der Beichtſtuhl iſt das Mittel, die Fürſten wieder in die Büßerhemden von Canoſſa zu jagen. Der Beichtſtuhl regelt, erzieht und ſtraft die Leidenſchaften und keine mehr als die Liebe und den Haß. Der Beichtſtuhl gibt Rathſchläge und für nichts mehr, als für die Verwickelungen und das Nebeneinander der Menſchen und für kein Neben⸗ einander mehr, als für das in der Ehe...„Aber auch die größte Kraft der Oppoſition gegen den Beichtſtuhl“, 99 rief einſt Benno, der in Beichtſtühlen das Räthſel ſeines Lebens begraben glaubte,„liegt ebenfalls in dem, was unſerm Jahrhundert das Heiligſte geworden iſt, in der Ehe und in der Familie. Wie mancher Vater hält ſeine Tochter von der Beichte zurück, weil ſie dort— wie oft! — nach Sünden gefragt wird, von denen die Unſchuld ihres Herzens und ihrer Phantaſie keine Ahnung hat. Der Gatte ſieht ſein Weib mit Schmerz zur Beichte gehen; denn er kann die Vorſtellung nicht verbannen, ſie vollzöge einen Act der Untreue, die es zwiſchen Liebenden auch in geiſtigen Dingen geben kann—“ Bonaventura aber ſaß an dem großen Ohre des Dionyſius und hörte die Bekenntniſſe der Menſchen noch in dem Glauben, daß er Gutes verrichtete, Wahres und Er⸗ laubtes. Fiel ihm auch immer und immer die lateiniſche Zuſchrift aus Italien ein: Quando quis tibi occurrit — er ſchrieb das, was zwiſchen dem Kirchenfürſten und dem Mönche vor ſich gegangen, auf Rechnung— nur des römiſchen Weſens. Der Grund des Katholiſchen ſelbſt ſchien ihm unerſchütterlich. Bonaventura glaubte an die höchſte Bedeutung der Beichte... Doch ſchon— die erſte Erfahrung!... Es hatte ſich verzögert, daß mit ſeiner Amtseinführung auch zugleich Tag, Stunde, Ort ſeiner Beichtabnahme verkündigt wurde... Im Anfang des Oectober erſt war dieſe An⸗ gabe gekommen und nicht allgemein ſogleich war ſie ſelbſt nach dem Anſchlag bekannt geworden. So ſaß er eines Morgens früh ſieben Uhr ſchon in ſeinem Stuhl zur erſten Anhörung und war noch allein... Den Tag vorher hatte er der Einweihung der Kirche in Druſenheim 7* 100 beigewohnt. Das ſchöne Feſt ſtand noch vor ſeiner Phan⸗ taſie faſt wie ein materiell ihr eingeprägtes Bild. Er⸗ regten Naturen iſt nach einer großen Anſtrengung ein Auge gegeben, wo, wie auf der feinen Silberplatte des Lichtbildes, gegen unſern Willen ein Eindruck ebenſo ſinnlich haften bleiben kann, wie oft auch das Ohr von einer Melodie nicht verlaſſen wird, ohne daß wir im Willen haben, ſie zu ſingen... Ein Beweis für die Unſterblichkeit der Seele das! ſagte ſich Bonaventura. Ein Bild, eine Melodie bleibt gegen unſern Willen im Auge oder Ohre haften! Warum hör' ich nur immer noch den Geſang des Veni creator spiritus? Warum ſeh' ich nur noch immer das feierliche Wandeln der Proceſſion um die neu zu weihende Kirche? Nichts ruf' ich davon; alles kommt von ſelbſt! Die Seele hat ihr Eigenleben und iſt von unſerm Willen und Bewußtſein getrennt! Sie iſt unſterblich! So ſaß er ſinnend, träumend und ſah auch ſeinen Abſchied von St.⸗Wolfgang... Die Abwickelung der pfarramtlichen Geſchäfte war bald vorüber geweſen, der kleine Hausrath bald verpackt; ſelbſt den wichtigſten Be⸗ ſtandtheil deſſelben, die Bücher, übernahm Renate nach dem Orte der neuen Beſtimmung, in das große„kalt⸗ gründige“ Kapitelhaus zu überführen. Alle Welt ſah Bonaventura mit Betrübniß ſcheiden. War er auch ei⸗ ner von denen, die dem Volke immer, auch bei Gruß und Handſchlag,„hochdeutſch“ erſcheinen werden, ſo blieben ihm doch Liebe und Anerkennung nicht aus. Die Männer gaben ihm, als er zunächſt nach Kocher am Fall zum Tröſten des dortigen großen Leides abreiſte, das Ab⸗ 101 ſchiedsgeleite und ſchieden zuerſt; eine Viertelmeile weiter folgten noch die Frauen; dann eine fernere Viertelmeile die jungen Burſche und die Mädchen, die ihr Abſchieds⸗ gefühl mit Blumenſpenden ausdrückten; am weiteſten folgten die Kinder, die ein Fähnlein trugen. Dieſen ſchenkte er, beſchienen vom Abendroth, abgeſtiegen von ſeinem Wägelchen, ſeinen letzten Vorrath von Heiligen⸗ bildern und entließ die kleine Ehrengarde, die ihm ſo ausdauernd gefolgt war und in der Glückſeligkeit über die Bilder faſt das Gebot der Mütter, ihm die Hände zu küſſen, vergaß, mit ſeinem Segen fürs ganze Leben und auf Nimmerwiederſehen... Einen Theil ſeines eigenen Lebens läßt ein Hirt ſo zurück, wenn er von ſeiner Heerde ſcheidet... Dann fand er die Aufregungen in Kocher! Die Ermordung der Schweſter der Frau von Gülpen! Den Onkel noch in beſonderer Verzweiflung über die ſchnelle Erfüllung ſeiner Beſorgniſſe wegen ſo enger Kettung des Neffen an die Römlinge! Da Bonaventura ſchon nicht mehr widerſprach, traten um ſo ſchärfer die Worte des Dechanten hervor: Wir werden noch zu Derwiſchen wer⸗ den! Lies die Sprache unſerer Kirchenzeitungen! Vergleiche die Ausdrücke, die im Streite Menſchen gebrauchen, die ſonſt nur um die Paſſionsblumenkrone der heiligen Muſe ringen!... Beda Hunnius war gemeint. Dieſer hatte Bonaventura's Beſuch empfangen, verzehrt vom Neide auf die Ehren, die an ihm vorübergingen. Die von Schnuphaſe ihm in Ausſicht geſtellte Ernennung zum Ehren⸗Kanonikus war nicht eingetroffen. Wie hielt er dem Collegen die Theuerung der großen Stadt entgegen, die Mühen eines ſolchen Amtes, die Abhängigkeit von den Vorgeſetzten, 102 denen man zu nahe gerückt wäre! Hunnius gab ſich die Miene, als wäre der junge Domherr nur zu bemitleiden ... Und in der Dechanei ſelbſt war noch keine neue „Nichte“ angekommen und der Dechant verdrießlich über alles, über Gott und die Welt. Als Bonaventura von dem Oberſten zurückkam, grämelte er gegen jeden. Ich muß auch den Oberſten und Hedemann, ſagte er, ernſtlich auf⸗ fordern, die Meſſe zu beſuchen und die Beichte! Warum kommen ſie nicht wenigſtens zu mir! Wahrhaftig! Ich mache es doch ſo leicht!... Glücklicherweiſe, ſetzte er hinzu, rüſten ſich beide, unſere Gegend zu verlaſſen... In der Erörterung auch über Armgart, ihre Flucht, über das Schickſal der armen Angelika, die nun irgendwo eine neue Stellung finden mußte, über den Proceß des Hammaker, deſſen vorauszuſehende Hinrichtung— brach der Dechant, als Windhack gerade einige neue Kupfer⸗ ſtiche brachte, Ausgrabungen in Ninive darſtellend, in die Worte aus: O ich hätte lieber vor zweitauſend Jahren leben mögen! Himmel, aber auch damals regierten ſchon die Römer! Nun, dann wär' ich ein Prieſter des Oſiris geweſen, Windhack ein Sternſeher auf den Pyramiden und unſere gute Frau von Gülpen da die ſchöne Kleopatra! Nicht wahr, dann hätten wir alle drei die ganze römiſche Welt ſchon damals ſo ruinirt, daß ſie nie wieder hätte auferſtehen können! Wenn dereinſt und nur zu bald alles aus ſein wird, alles, alles — wie gerne kröch' ich da in den ungeheuern Cheops oder in eine von den großen Sphinxen und erwartete das Jüngſte Gericht als Mumie! Und Windhack und die Tante legten ſich auch als— Mumien neben mich! Bitte, warum — 103 denn nicht? Hunnius müßte zu unſerer Einbalſamirung das Räucherwerk liefern; alle Spezereien, alle Myrrhen, Aloes, alles, was in ſeiner Dichterapotheke an wohl⸗ riechenden Kräutern geführt wird! Das gäbe eine Genug⸗ thuung, wenn am Jüngſten Tage alles verfallen und Staub geworden iſt und wir drei nur kröchen aus unſern Cocons heraus, lachend wie die Kobolde, roth und friſch geſchminkt, ſo wohlbehalten, ja hungerig, als wären wir geſtern erſt bei Major Schulzendorf zu Thee und Abendbrot geweſen! Alle dieſe Bilder zogen an Bonaventura vorüber, blitzſchnell, auch Lucinde und Sebaſtus miſchten ſich beängſtigend ein— ſogar ein Schnuphaſe— der menſchliche Geiſt iſt ein Vorrathshaus, zu dem der Wille nicht den Schlüſſel führt— und doch ſollte des Prieſters innere Betrachtung und Sammlung der Beichte ſelbſt gelten. Seine Furcht war: Wirſt du auch durch die einfachen Lebensvorgänge des Landvolks die Uebung gewonnen haben, dich in die Bekenntniſſe dieſer Großſtädter zu verſetzen? Seine Hoffnung war: Vielleicht nehmen die Städter kaum ſo vielen Anſtoß an den harmloſeſten Dingen wie die Landbewohner!... Bo⸗ naventura war vielleicht in St.⸗Wolfgang mehr ſchon der Vertraute der Neidiſchen und Misgünſtigen geweſen, als dieſe Untugenden in den Städten eingeſtanden wer⸗ den. Schon trug er ſo ſchwer, tiefſchwer an der Laſt der Sünden, ja Verbrechen, die in das Beichtohr der katholiſchen Kirche geraunt werden und oft nie vor die Richterſtühle der Erde gelangen. Selbſt auf das Wunderlichſte war er vorbereitet. Auf dem Lande war 104 ihm ſchon vorgekommen, daß ihm im Beichtſtuhl einge⸗ ſtanden wurde, man hätte von der in der Communion dargereichten Oblate nur die Hälfte im Augenblick der heiligen Handlung verzehrt und ſich den Reſt aufbewahrt für eine paſſende Gelegenheit, um ohne den Prieſter den Leib des Herrn noch einmal zur Stärkung zu genießen. Man hatte reuevoll gefragt, was von dieſer Sünde zu halten ſei? Die Weisheit der römiſchen und ſpaniſchen Ge⸗ wiſſensräthe antwortete ſtatt ſeiner: Hatte die Frau, die der Fall traf, in Verehrung vor dem Leib des Herrn ſo betrügeriſch gehandelt, ſo wird ſie losgeſprochen; wußte ſie aber und kannte die Verbrechen, die ſie alle beging(das eigene Ergreifen der heiligen Ge— ſtalt mit ungeweihter Hand, das Tragen derſelben in ungeweihten Kleidern, den Gottesraub, daß ſie ſich ſelbſt zum Prieſter wurde beim Empfangen der aller⸗ dings völlig ausreichenden zweiten Hälfte, endlich daß ſie ſich das Allerheiligſte reichte im Stande der Tod⸗ ſünde), ſo hatte ſie vier ſchwere Sünden begangen, für welche ihr erſt nach langer Buße die Verzeihung des Himmels vom Prieſter verbürgt werden konnte... In ſolchen Gewiſſensconflicten übt ſich ſelbſt die Seelſorge eines Landpfarrers... Und ſo konnte ſich der junge Dom⸗ herr vertrauensvoll das Haupt in die Zipfel ſeiner Stola— hüllen, gefaßt das Schiebfenſterchen rechts oder links aufziehen und auf das Beichttuch gebückt hören, welche Vergehungen ihm eingeſtanden wurden. Sein Herz ſchlug höher, als er eben die Hand ausſtreckte, um den erſten Beichtbedürftigen zu vernehmen, den er auf dem Holze zu ſeiner linken niederknieen hörte... O, ſagte er ſich, 105 wie viele Vergehen haſt du doch ſchon im Keime erſtickt! Wie viele Rathſchläge gegeben, Rathſchläge, den beſſern Theil und den Frieden zu wählen, wenn auch zu einſt⸗ weiliger eigener Verkürzung! Wie manches Entwendete war ſtill wieder auf den Platz zurückgelegt worden, von wo es genommen! Wie mancher Arme hat durch dich eine Spende empfangen, er wußte nicht wie und warum und von wem!... Dem poetiſchen Weſen Bonaventura's entſprachen Bußformen, wie: Gehen Sie und geben Sie dem erſten Armen, der Ihnen begegnet und dem Sie, auch ohne daß er Sie anſpricht, ſeine Bedürf⸗ tigkeit anſehen, nach dem Maße Ihrer Kräfte, ohne daß es jemand ſieht! Gehen Sie in eine Armenſchule und ſteuern Sie für das jüngſte der Kinder, die nur in Holzſchuhen oder barfuß gehen, eine Gabe! Knieen Sie in der nächſten Meſſe neben demjenigen in der Ge⸗ meinde, der Ihnen nach einem kurzen und nicht auf— fallenden Umblick in der Kirche durch den Zuſtand ſeiner Kleider als der Aermſte erſcheint!.. Selbſt an Treudchen Ley konnte ſein liebevoller Sinn denken und an die Ge— ſchwiſter derſelben, für die er im Waiſenhauſe auf dieſe Art ſorgen wollte... auch an die Kerze, die er einſt Lucinden befohlen anzuzünden und niederbrennen zu laſſen während des„innern Gebetes“... Da öffnet er denn und ſieht nicht einen ſchwarzen Sammethut, ſieht nicht ein ſich leicht erhebendes, ſchleier⸗ verhülltes weibliches Angeſicht... ſein Ohr will nur hören... Die Formel der Anrede iſt die nämliche am Fuß der Cordilleren und im Indiſchen Archipelagus:„Ich arme 106 Sünderin bekenne vor Gott, dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, Jeſu Chriſto meinem Erlöſer, der heiligen Jungfrau und allen lieben Engeln und Hei⸗ ligen und Ihnen, Prieſter an Gottes Statt, was ich ſeit meiner letzten Beichte geſündiget habe!“ Die Knieende ſpricht aber dieſe Formel nicht... Eine Ahnung ergreift Bonaventura... Kaum kann er das Wort der Ermuthigung finden, das ihm ſonſt ſo geläufig iſt: „Unſer Herr Jeſus Chriſtus ſei in deinem Herzen und auf deinen Lippen, damit du alle deine Sünden recht beichteſt. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geiſtes!“... Die Beichtende beginnt nicht... Er wendet ſich, ihr Auge zu ſehen... Ein Strahl deſſelben trifft ihn und die in ihm ſelbſt fortdauernde, wenn auch nicht eingeſtandene Span⸗ nung auf Lucinden gibt ihm die vollkommene Be⸗ fähigung, die Scene zu verſtehen, die ihn aufs tiefſte erſchrecken mußte... Sechs Wochen einer künſtlichen Vernichtung ihrer ſelbſt, ſechs Wochen des Schmer⸗ zes, der Sehnſucht, der Erwartung hatten Lucinden in einen Zuſtand verſetzt, der ſich vergleichen läßt mit der Anſammlung atmoſphäriſcher Niederſchläge, die durch plötzliches Hinzutreten reiner Luft ſich in Feuer verwandeln müſſen... Nur daß für ſie dieſe plötzliche Erlöſung, dies endliche Anredendürfen und Alleinſein— können mit dem, den ſie zuerſt, einzig, allein geliebt und den ſie mit ihrem ganzen Leben liebte, den Herzenskrampf in convulſiviſches Weinen verwandelte. So erliegt die 107 härteſte Natur dem allgemeinen Geſetz. Dann gibt es keinen freien Willen mehr. Irgendwie muß ſich die Ueber⸗ anſpannung der Seelenkräfte helfen. Sie können ent⸗ behren bis zum Aeußerſten; tritt dann ſogar die Erfül⸗ lung ein, gerade dann erſt recht bricht die Kraft... Lucinde war ſelbſt in Verzweiflung über das, was ihr geſchah. Sie hatte keine Scene beabſichtigt. Sie hatte eine Reihe von Sünden, Falſchheit, Heuchelei beichten wollen, wollte ſich mit keiner Tugend ſchmücken, wollte nur auf der ganzen Höhe ihres bisherigen Lebens ſchwe⸗ ben, den Augenblick in voller Seligkeit genießen, dem Mann ihrer Anbetung ſo nahe zu ſein— da weinte ſie wie über zwanzig Jahre eines verfehlten Lebens und gab den nachzuzahlenden Tribut an die vielen Gelegen⸗ heiten, wo über das Schmerzlichſte ihre Augen trocken geblieben waren. Vorgänge dieſer Art ſind im Beichtſtuhl nichts Sel⸗ tenes... Bonaventura, tieferſchüttert, durfte Lucinden Zeit laſſen, ſich zu ſammeln... Sah er auch wol, daß ſich allmählich ſchon andere, die an ſein Ohr zu kommen be— gehrten, eingefunden hatten, er bedurfte ſelbſt der Sammlung. Endlich ſprach er: Rufen Sie den Helfer an, von dem Sie ja wiſſen, daß wir auf dem Wege zur Buße vorzugsweiſe zu ihm zu beten haben, den Heiligen Geiſt! Keine Antwort... Lucindens Schluchzen war jenes, das wir alle an uns kennen, ein Weinenmüſſen, wo wir ſogar ſelbſt ſa⸗ gen: Welche Thorheit iſt das nun von dir! Und wir können doch nicht anders. 108 Wann haben Sie zum letzten mal gebeichtet? fragte Bonaventura mit Milde... Nur Thränen antworteten... Welcher Sünde zeihen Sie ſich? Da er die Frage nach einer Weile wiederholte, war es ihm, als hörte er das Wort„aller“! So ſchnell aber kam es, ſo erſtickt, ſo entſetzlich aufrichtig für ſein Ohr, daß er eine weitere Gewiſſenserforſchung nicht mehr anzuknüpfen wagte. Auch erhob ſich Lucinde. Schlank und hoch, wie ſie war, ging ſie ohne Segen und Abſolution von dannen. Eine Flucht war es... Bonaventura ſagte ſich: Welch ein Anfang! Was wird da kommen! Gewiß wurde dieſer Theil ſeiner Seelſorge für ihn der mühevollſte, zehrend an ſeiner geiſtigen und phy⸗ ſiſchen Kraft. Wie blickte er in die Tiefen der menſch⸗ lichen Herzen! In Abgründe, vor denen ihn Schau— dern ergriff! Wie nur allein die Frauen zu ihm re⸗ deten! Solche zumal, die ſein in der Stola verbor⸗ genes Auge kaum ſah, denen er aber ſchon am Rau— ſchen ihrer Kleider anhörte, daß ſie der vornehmen Welt angehörten. Der Duft, der ihrem Haar, ihren ſpitzenbeſetzten Taſchentüchern, die ſie vor die Augen drückten, entſtrömte, verrieth ihren Stand. Manche die⸗ ſer Frauen kannte er ſchon durch dieſelbe Atmoſphäre, dann denſelben Ton des Vortrags, dieſelben Vorwürfe, die ſie ſich machten, dieſelben Allgemeinheiten, die er zurückzuweiſen pflegte. Viele kamen nur, um dage⸗ weſen zu ſein. Wem er anhörte, daß ſein Beicht⸗ bedürfniß nur eine phraſenhafte Aeußerlichkeit, ein 109 Luxus der Gefühle war, den unterbrach er mit dem Worte der Schrift:„Die Lüge aber iſt der Leute Ver⸗ derben.“ Das Schmerzlichſte war freilich, das Uebel ſehen und es doch trotz alles Vorbaues nicht im Keime erſticken können. Verbrechen hören und nicht anzeigen dürfen! Verbrecher hören und ſie nicht einmal anſehen dürfen! Ihm war ſchon in St.⸗Wolfgang geſchehen, daß ihm Bekenntniſſe gemacht wurden von einem Knecht, der ihn ſelbſt beſtahl. Den Dieb durfte er nicht entlaſſen, weil jener daraus einen Misbrauch des Beichtgeheimniſſes hätte entnehmen können. Die Kataſtrophe des Kirchenfürſten hatte Bonaventura vorausſehen müſſen und doch erſchütterte ſie ihn und ſchloß eine Weile die zwieſpältige Stimmung ſeines Innern. Als jüngſter Domherr, eben eingetreten, hatte er im engern Kapitel noch keine Stimme. Die Curie über⸗ nahm die Regierung des erledigten Kirchenthrons. Glück⸗ licherweiſe blieb der Präſident, ſein Stiefvater, fern. Immermehr verblaßten bei ſolchen Aufregungen die Schriftzüge des räthſelhaften Briefes, den er wie der Dechant einſt empfangen. Anfangs träumte er von ihm, in ſchlafloſen Nächten traten ihm die lateiniſchen Worte in Bildern entgegen, wie wenn er das Concil von Trient noch einmal verſammelt ſähe, noch einmal mitſtimmen müßte in Koſtnitz, ob Huß und Hieronymus zu verbren⸗ nen wären... Bald aber ließ ihn die Seelſorge, dieſer Beruf ſo voll außerordentlicher Mühen, aber auch Be— lohnungen und Erhebungen, die Verſuchungen zum Zweifel vergeſſen. 110 Lucinde war nicht wiedergekommen. In der Kirche begegnete er ihr oft; ſie ſchlug die Augen nieder... Klings⸗ ohr war unmittelbar nach ſeiner Abreiſe im September vom Kirchenfürſten„bis auf weiteres“ unter ſtrengſte Klauſur geſtellt worden. Als Bonaventura zurückkehrte, bewohnte er noch die Zelle im alten Profeßhauſe der Jeſuiten, durfte ſie aber nicht verlaſſen. Räthſelhaft blieb ihm dieſe fortgeſetzte Strenge, über die er ſich bei Micha⸗ helles erkundigte und nichts als ein ausweichendes Achſel— zucken zur Antwort erhielt. Hatte man von Lucinden erfahren? Traute man der Selbſtbeherrſchung des Mön⸗ ches nicht? War Neues geſchehen?... Klingsohr ſchien eine Zeit lang als Gefangener nicht ſeiner geiſtigen Hülfs⸗ mittel beraubt. Artikel ſchrieb er nach wie vor. Jetzt erſt bewunderte Bonaventura in den von ihm gründ⸗ licher geleſenen Aufſätzen die Kraft der Darſtellung, die nicht immer täuſchende Kunſt einer Beweisführung, die trotz dey tiefſten Demüthigung nicht aufhörte die pro⸗ teſtantiſche Welt zu bekämpfen. Klingsohr klirrte an ei⸗ ner Kette, die er dennoch gelaſſen trug... Imponiren mußte ihm etwas, wenn es ihn überzeugen ſollte, und war es ſeine eigene Züchtigung!... In jener Zeit ſchrieb er, wo ihm geiſtesverwandte norddeutſche Philo⸗ ſophen anfingen, mit Bewunderung von Aſien und Rußland zu ſprechen. So tief ausgehöhlt ſich in ſich. ſelbſt fühlend, ſo in ewiger Verneinung ſogleich ohne alle und jede Liebe ſelbſt für das, dem man doch ſelbſt verwandt iſt, ſo von einigen Schwächen ſeiner eigenen Partei ſogleich erkältet, bedurften ſie eines Erſatzes für die ſie umgebende Schemenwelt. Sie bewunderten die 111 Koſacken. Sie begannen das„Naturwüchſige“ zu preiſen in jeder Form, wenn es nur nicht Fleiſch war vom eigenen Fleiſch, Bein vom eigenen Bein, zuletzt nichts, was die Signatur der Bildung trug... Einem Beſuch, den Bonaventura beim Pater Sebaſtus machen wollte, ſtellten ſich Hinderniſſe in den Weg und auch das einſt ſo lebhaft empfundene Bedürfniß des Mönches, gerade ihm zu beichten, ſchien vor vielleicht neuerwachtem Hochmuth zurückgetreten... Zwei Seelen wohnten in dieſer widerſpruchsvollen Bruſt, von denen die eine ſich ewig von der andern zu trennen ſuchte. Oder hatte Klingsohr von Lucindens Schwärmerei für den„milden Verſöhner“, wie er ihn genannt, gehört?... Bonaven⸗ tura harrte vergebens. Aufdrängen mochte er ſich nicht. Kein Lebenszeichen kam aus dem alten Profeßhauſe. Nach der Gefangennehmung des Kirchenfürſten verſtummten eine Zeit lang auch die Artikel des Paters. Die Haft, die jetzt hätte durch die gebrochene Macht des Kirchenfürſten aufgeho⸗ ben ſein können, wurde nun erſt recht von der efnun gegen den Agitator mit der zweiſchneidigen Feder beſtä⸗ tigt, ja verſchärft. Bonaventura bat Benno, ſich nach dem Schickſal des Paters zu erkundigen. Nach dem, was dieſer in Erfahrung brachte, ließ ſich annehmen, daß der Mönch in Unterſuchung war und vielleicht ſchon in ſein Kloſter zurück. Da aber tauchten vor kurzem wieder neue Artikel von ihm auf in dem in dieſe Stadt ver⸗ legten, von der Regierung aufs ſtrengſte überwachten „Kirchenboten“. Es war eine Reihe von fortlaufenden religiöſen Betrachtungen unter dem Titel:„Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens.“ 112 Durch den Beichtſtuhl trat Bonaventura in die in⸗ nerſten Lebensbezüge auch ſolcher Bewohner dieſer Stadt, die vielleicht für uns Intereſſe haben. Nicht daß wir die Wirthin„Zum goldenen Lamm“ belauſchen möchten, die gleichfalls nicht umhin konnte, den„ſchönen“ jungen neuen Domherrn mit ihrem bisherigen Beichtvater auf einige Zeit zu vertauſchen. Selbſt die Sünden, die Eva und Apollonia Schnuphaſe zu bekennen den tiefinner⸗ lichſten Drang fühlten, verſchweigen wir(das Beicht⸗ ſiegel iſt unlösbar, aber im Reiche der Dichtkunſt gibt es keine Geheimniſſe)... Eher würden wir Wal— purgis Kattendyk belauſchen mögen, die ſich förmlich— ausdampfte in ihren Sünden, wenn ſie an das Ohr des jungen Domherrn gelangte, dem zu Liebe ſie den Ka⸗ nonikus Taube um Schlaf und Appetit brachte. Auch ihre Tochter, die Frau Procurator Nück, fehlte nicht und jedesmal kam dieſe in anderer Toilette; ſie bekannte je⸗ den Verſtoß gegen die Faſtenordnung, den ſie ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, nie aber eine tiefer gehende Herzens⸗ und Nierenprüfung, nie den leiſeſten Schim⸗ mer ihrer Eitelkeit und Verſchwendung... Johanna vollends, ihre Schweſter, war ſo fromm, daß ſie für Zahnweh, das ſie befiel, Meſſen beſtellte; aber in ihr Inneres mußte erſt der„Beichtſpiegel“ greifen, dies ſicher gehende Brecheiſen der Verſtockung, das ihr die Fragen vorhielt: Warſt du nicht hoffärtig? Warſt du auch mildthätig? Biſt du verſöhnlich, liebevoll, nachſichtig?... Alle ließen ſich von dem jungen, im edelſten Eifer ſich hinopfernden Prieſter den bekanntlich ſo ſchmalen und engen Weg deutlich zeigen, von dem 113 geſchrieben ſteht: Ich bin die Wahrheit und das Leben! und doch lag ihnen ihr Handeln und Fühlen immer nur auf der breiten Landſtraße des Alltäglichen. Nicht eine von ihnen gedachte der Schweſter Hendrika anders, als mit bitterſter Anklage. Namen zu nennen verbietet die Beichtordnung. Doch verſtand Bonaventura allmählich immermehr manche Umſchleierung, errieth manche Andeutung und warnte auch hier in dem Con⸗ fliet wegen„künftiger Religion“ eines Familienmitgliedes vorläufig, bis er die Verhältniſſe überſah, mit dem Worte des Apoſtels:„Verwirret die Geiſter nicht!“ aus der ſchönſten Schutzrede der Toleranz, die man be⸗ kanntlich(oder vielmehr leider nicht bekanntlich) in Leſſing's„Nathan“ nicht ſo milde, als im Briefe Pauli an die Römer, Kapitel 14 und 15 findet... Treudchen kam nicht zur Beichte... Sie mußte ſchon ſeit lange zu Ca⸗ jetan Rother gehen. Auf Weihnacht zu näherte ſich die bange Prüfung der Reiſe nach Witoborn und Schloß Weſterhof. Der Proceß Paula's hatte plötzlich eine für ſie ungünſtige Wendung bekommen. Der oberſte Richterſpruch konnte, wie Benno ſchon lange verſicherte, von Nück's Fechter⸗ künſten nicht mehr parirt werden... Benno ſah den Freund oft, doch ſeltener, als ihnen beiden Bedürfniß war. Zu ſehr nahm Bonaventura ſein Amt in Anſpruch, zu ſehr war auch die Gefangennehmung des Kirchenfürſten ein Ereigniß, das auf einige Zeit jedes Urtheil erſchreckte und divergirenden Denkern mehr ſich zu vermeiden als zu ſuchen gebot... Nück's Federn rauſchten von Morgens bis Abends. Die Mittel gab er an die Hand, die gegen⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 8 114 wärtige Stellvertretung des Kirchenfürſten als eine nicht berechtigte darzuſtellen und ſo die Schwierigkeiten den „Neunmal⸗Weiſen“ noch zu vermehren. Schon war von einer Geſandtſchaft der Stadt und Stände nach Wien an den allmächtigen erſten Staatsmann jener Zeit die Rede und leicht hätte Benno zu der Ehre kommen können, ſie zu begleiten; wenigſtens ſprach ihm Nück davon... Und als Armgart's Mutter in der Nähe und in der Stadt ſelbſt auftauchte, da entdeckte denn auch Bonaventura, was in Benno's Innern über alles in der Welt die Oberhand behielt, Armgart's liebliches Bild... Nun war wie⸗ der Armgart's nahe Beziehung zu Paula eher ein Hinder⸗ niß der vertraulichen Ergießung, als eine Förderung. Eines der ſchwerſten Aemter ſeines Berufs wurde dem jungen Domherrn aufgebürdet, als er eines Tags die Anzeige erhielt, daß der Mörder der Schweſter der Frau von Gülpen zu einer letzten Beichte über ſein ganzes Leben ihn gewählt hätte. Wie kam Jodocus Hammaker zu dieſer Wahl? Zum Richtplatz begleitete ihn der Seelſorger des Gefangenen⸗ hauſes; aber dieſer letzte Beiſtand ſchloß nicht aus, daß ſein Beichtvater ein anderer war. Warum wählte er Bonaventura von Aſſelyn? Er hatte ihm wie Benno als Entlaſtungszeuge beiſtehen ſollen für ſein Alibi in der Abendſtunde, in welcher der Mord geſchehen war... Da aber hatte ſchon das Blut an ſeinen Händen geklebt und in dem einſamen Hauſe am Stromesufer hatte er ſeinen Raub bei ihm bekannten Hehlern geborgen... 1 Benno mußte für Hammaker's Beſuche bei der Er⸗ 115 mordeten gegen ihn zeugen, wie er gleich anfangs gewollt hatte. An dem Tage, wo Nück beim Plaidiren dem „alten Freunde“ die Priſe verweigerte, ſaß Bonaventura als Zuſchauer der Gerichtsverhandlung, lauſchend den Worten, die Benno ſprechen mußte. Der Verbrecher, kokett bis zur letzten Stunde, ſah die große Ehrfurcht der Menge vor dem Prieſter... So fiel ihm bei: Dem willſt du dein letztes Teſtament übergeben! Dem, der ohnehin der Schweſter deines Opfers ſo nahe ſteht!... Die Verbrechen, die er zu enthüllen hatte, gehörten den„reſervirten Fällen“ an, die vom höchſten Sitz der Kirchenprovinz dieſem allein zu hören vorbehalten ſind und deren Anhörung an einen untern Geiſtlichen nur durch be⸗ ſondere Vollmacht überlaſſen wird. Benno hatte eine Ahnung, Nück, als Hammaker's Vertheidiger, würde Miene machen, dieſe an Bonaventura zu ertheilende Vollmacht zu hintertreiben, er würde die Competenz der gegenwärti⸗ gen kirchlichen Oberbehörde zu ſolchen Vollmachten beſtrei⸗ ten, würde erklären, daß das ganze Land im Augenblicke gar keine kirchliche Regel beſäße. Doch gab ſich Nück zufrieden, in des Delinquenten Verlangen zu willigen, ſelbſt auf Gefahr hin, daß die teufliſche Seele gegen ihn undankbar blieb bis zum letzten Lebenshauche... Wie bereute er, ihm den Griff in ſeine Doſe abgeſchlagen zu haben! Er, der doch oft im Volkston plaidirte; er, der das Publi⸗ kum durch ſeine ſchlagenden Witze und Späße bei den ernſteſten Dingen beluſtigte! Eines Morgens nach der Meſſe machte ſich Bona⸗ ventura zu dieſer ſchweren Pflicht auf. Er fuhr in einem Wagen im vollen Ornat ſeiner Würde. Als er in eine 8* 116 enge Gaſſe einlenkte und zu den Eiſenſtäben der Fen⸗ ſter eines alten Gebäudes aufſah, überfiel ihn ein Grauen... In dieſen dunkeln Mauern verhallten ſchon ſo viele Wuthausbrüche der Verzweiflung, ſo viele Seufzer der bitterſten Reue. Hier ſaßen einſt auch jene Verbrecherbanden, die die Länder zwiſchen der Maas, Moſel, bis zum Main und zum Neckar hinunter un⸗ ſicher machten, unmittelbar in den folgenden Zeiten, als Schiller das Räuberleben auf der Bühne poetiſch verklärt hatte. Dieſe Roller und Schweizer hatten aber wirk⸗ lich Schufterle, keinen Karl Moor an der Spitze und doch auch manche kräftige und beſſere Natur, die im Sinnenleben und durch ſchlechtes Beiſpiel zu Grunde ging. Dieſe Picard, dieſe Bosbeck haben die Annalen der Verbrechergeſchichte aufgezeichnet, wilde, grauſame, verwegene Menſchen, der Mehrzahl nach Juden, die die angeborene Liſt ihres Stammes mit einem altbibliſchen Muthe verbanden. Immer durch die Schrecken der Revolu⸗ tion hindurch, ſengten, plünderten und mordeten dieſer Menſchen in Genoſſenſchaften zu halben Hunderten und über faſt ganz Holland und Deutſchland hinweg waren ihre Hehler ausgebreitet, ja ſo weit, daß in fernen Gegen⸗ den ſelbſt die Wächter der Ordnung, ſelbſt die Büttel und Häſcher ihre eigenen Angeſtellten waren. Wie ſich Na⸗ poleon's Herrſchaft befeſtigte, gelang allmählich die Unter⸗ drückung. Ihrer zwanzig bis dreißig beſtiegen oft an einem Tage die Guillotine. Die Kinder gab man unter andern Namen hierhin und dorthin; in Holland ſchickt man die meiſten nach Java... Einmal erſt hatte Bonaventura Nück bei ſeinem Vetter 117 geſehen, dann vor Gericht. Heute begrüßte er ihn beim Ver⸗ laſſen des Domes, beim Einſteigen in den Wagen... Dann mußte er ihm nachgefahren ſein; denn Nück ſtand auch am Wagenſchlag, als er ausſtieg... es ſprach eine wahre Todesfurcht aus dem ſonſt ſo furchtloſen Manne.. Bonaventura, geleitet von dem Gefängnißwärter, einer Wache und dem gewöhnlichen Seelſorger der Gefangenen, einem Kaplan, trat in das finſtere Gebäude, ſtieg eine ſchmale ſteinerne Wendeltreppe empor, hörte die Schlöſſer fallen, die Riegel klirren und weichen und ſtand in einer faſt dunkeln Zelle vor einer von einer Pritſche ſich aufrichtenden Geſtalt, deren linker Fuß durch eine Kette an die Mauer befeſtigt war. Grauenvoller Gegenſatz! Dieſer heutige Morgengruß und jener abendliche vor vier Monaten... es war als huſchte die Fledermaus hin wie damals, als er und Benno ſo ſpät noch am Ufer ſaßen und den im Mondlicht fiſchen⸗ den Knaben zuſahen. Dann— das Aufhängen des Procu⸗ rators, ſeines Vertheidigers, der in einiger Entfernung ſo⸗ gar dem Hinaufſteigenden noch gefolgt war! Jene Mit⸗ theilung Benno's! Was konnte hier noch enthüllt, was von der Seele abgewälzt werden und zu welchem Nutzen? Die Thüren blieben offen... die Begleiter verharrten auf den vordern Gängen... Einmal hörte man noch das Geräuſch des Holzzulegens in dem kleinen eiſernen Ofen der Gefängnißzelle, einem ſogenannten„Hund“, der von außen geheizt wurde... Dann war alles ſtill... Bonaventura ſetzte ſich und der Verbrecher kniete vor ihm nieder... Wie ein böſer, ängſtlicher Traum war alles das... ein Traum, an deſſen Wirklichkeit der Prieſter nicht glauben 118 mochte! Und doch ſaß er ſelbſt da im weißen reinen Gewande der Unſchuld, ernſt das Haupt ſenkend, und vor ihm lag eine verfallene Geſtalt im grauen Kittel, mit welken, ſchlaffen Zügen, kahlem Schädel, entkleidet aller Hülfs⸗ mittel, Kraft und Unbefangenheit zu lügen, die Hände abgemagert, das Auge weiß, ſo unheimlich, als könnte noch jeden Augenblick eine ruchloſe That in dieſem ver⸗ worfenen Leben lauern, einem Leben, das nach raſchem Inſtanzengang und abgeſchlagener Majeſtätsgnade in eini⸗ gen Tagen enden ſollte. Nach den erſten mit klopfendem Herzen geſprochenen Gebeten und Ermahnungen, der Gnade Gottes zu ver⸗ trauen, gab Hammaker ein Bild ſeiner Jugend. Er wollte, daß die Welt von ihm erfuhr, er hätte gründlich und fromm gebeichtet. Er wollte, daß ſie ihm Theil⸗ nahme ſchenkte, ſelbſt auf dem Richtplatz. So erließ er dem Hörer nichts von dem, was in den verſteckteſten Winkeln ſeines Innern lebte. Aller Hohn, alle Ver⸗ wünſchung wird ſchweigen, dachte er, wenn man erfährt, wie du dich unterworfen! Mit tonloſer, weicher Stimme hauchte der Unſelige die Worte hin: Von meinen Aeltern, die ſpäter zurückkamen und nichts behielten, als ein Witwenhäuschen für meine arme Mutter, eine Frau von nahe achtzig Jahren, bin ich gut erzogen und ſtudirte die Rechte mit nur zu vielem Beruf dafür. Ich drehte den Spieß um und ſagte: Summa injuria summum jus: wo du alles gegen dich haſt, ge— rade da ſei dein Spiel! Meine Deviſe wurde das erſt aus Uebermuth, dann aus Noth; wild lebte ich und hatte Bedürfniſſe, die Geld koſteten. Schon damals be⸗ 119 kam ich einen ſo übeln Ruf, daß mir die Niederlaſſung als Anwalt nur verſuchsweiſe auf dem Lande geſtattet wurde. In den Sieben Bergen da drüben wohnt' ich... am liebſten aber war ich hier in der Stadt und nun mußt' ich Geld machen. Hätten die Bauern mich todt geſchlagen! Um eine Perſon, die ſich an mich hing, hatt' ich zwei Termine verſäumt, drüber einen Proceß verloren;— erſt ſpäter kam's heraus; der Bauer, dem die Sache Geld gekoſtet, wollte mich todt ſchlagen. Es wäre beſſer geweſen... Schon jetzt verließ den Sprecher die Kraft. Die Reue läßt ſich nicht vergebens äffen. Sie übermannt den Heuchler wider Willen... Bonaventura überſah vollkommen dieſen Zuſtand, wie er ſich auch ſofort beim Eintritt von der geringen Bußfertig⸗ keit des Verbrechers überzeugt hatte. Er faltete gelaſſen die Hände und betete, nicht etwa um Vergebung und mit ermunternder Zuverſicht auf Gottes Gnade, ſondern um Be⸗ wahrung eines reinen Sinnes und Schutz vor Heuchelei... Hammaker fühlte, daß er in ſeinem begonnenen Tone nicht fortkommen würde... Er folgte der Weiſung des Prieſters, ſich zu erheben und auf der Pritſche Platz zu nehmen... Die Kette raſſelte an ſeinem Fuße... er ſank mehr nieder, als er ſich ſetzte... Einmal, begann er aufs neue— und in dieſer Stille klangen die Worte hohl wie aus dem Grabe— einmal kam ich an einen Weg, wo ich hätte umkehren können! Es war durch einen Mönch, der an meinem unſeligen Leben nur zu verhängnißvoll zum Rächer für allés Unterlaſſene wurde. 120 Rächer— ein Mönch? warf Bonaventura mit Vor⸗ wurf ein... Würden Sie dieſen Bruder Hubertus kennen, hoch⸗ würdiger Prieſter, Sie geſtatteten mir dieſes Wort! Bonaventura hörte den Namen, den er aus der Verhandlung zwiſchen Sebaſtus und dem Kirchenfürſten ſchon als den„Bruder Abtödter“ kannte. Dieſer Name war in den Verhandlungen vor den Aſſiſen oft genannt worden. Es war der Erbe der ermordeten Haupt⸗ männin... Ich verlor meine Stelle auf dem Lande, zog in die Stadt und arbeitete bei meinem Freunde— meinem Vertheidiger. Nück hatte mit mir ſtudirt. Er ſchlug einen andern Weg ein als ich. Aber auch ihn lockte der Sirenenſang der Freude— Sprechen Sie von ſich ſelbſt! unterbrach Bonaven⸗ tura den Verbrecher, der mit Gefallen dieſe Worte be⸗ tonte... Dieſer Teufel, ſagte ſich Nück draußen, opfert mich— um eine Priſe!... Der Verbrecher knüpfte die graue Jacke, die er trug, feſter zu, als fröre ihn... Das Geburtsfieber war es, das er ſich in dieſem Ernſte bei der Verſtockung ſeines Gemüths nicht möglich gedacht hatte... Eine Weile zitterte er ſich aus... nach dem Schauder ge— wann er neue Kraft. Ich arbeitete bei ihm, lenkte er ein, und erhielt einen Auftrag, in eine ſüddeutſche Stadt zu reiſen zur Regu⸗ lirung einer Streitfrage über geiſtliche Güter. Ein Mönch war bei Nück, der dieſelbe Reiſe zu machen hatte und 121 dem er mich zum Begleiter gab. Wir reiſten zuſammen. Vierzehn Tage, die ich mit ihm zubrachte, ſind mirf un⸗ vergeßlich— der Bruder ſprach nicht viel, aß und trank wenig. Ein Laienbruder der Franciscaner war es, er hatte Reiſen gemacht, war in Indien geweſen und ein Son⸗ derling. Aus dem Kloſter Himmelpfort bei Witoborn hatte man ihn entſendet, um in einem ſüddeutſchen Con⸗ victe eine Heilung zu verſuchen mit dem Rector deſſel⸗ ben, einem Pater Fulgentius. Dieſer Unglückliche hatte die Gewohnheit— Sprechen Sie von ſich! unterbrach Bonaventura aufs neue... Ich wollte nur ſagen, was ein gutes Beiſpiel thut, ehe ich bei Nück— Warum behielten Sie das Vorbild der Strenge, der Selbſtkaſteiung, der Entbehrung nicht ſtets vor Augen? Gerade das wurde die Urſache meines Falls... Bruder Hubertus? Eine Handlung von ihm, deren Zeuge ich durch Zufall wurde! erzählte Hammaker mit einer Art von Behagen. Schon einigemal hatte ich den Bruder in das Convict begleitet, in welchem er einen Auftrag zu erfüllen hatte, von dem ich nichts erfuhr. Da ich regelmäßig die Aufregung bemerkte, ſo oft der Bruder kam, verfiel ich auf dieſe und jene Vermuthung. Keine derſelben war ſo geheimnißvoll, wie mir die ſpätere Ent⸗ deckung zeigte. Es hieß, daß der Bruder bald in ſein Kloſter zurückkehren würde. Eines Abends ſah ich ihn, wie ſo oft, ins Convict eintreten, wo er nicht wohnte. Ich folgte; der Thürhüter kannte mich und hatte kein 122 Arg. In den Gängen der untern Klaſſen war alles wie ſonſt. Oben aber war es einſam. Dann hört' ich fern⸗ hin ein eilendes Rennen und Laufen, der Thür zu, wo die Wohnung des Rectors lag... Ein ſeltſames Rollen hatte ſchon einigemal Bona⸗ ventura's Aufmerkſamkeit erregt. Ueber der kleinen Zelle ging es wie ein ſich ankündigendes Gewitter hin... Es ſind Gefangene, erklärte der Verbrecher, als Bona⸗ ventura aufblickte, die an den Füßen Kugeln tragen... Der Boden iſt hohl... Wer ihn durchbrechen könnte! lag in dem Blicke, den Hammaker auf die Decke richtete. Seine eigene Kette ließ ihn nicht fünf Schritte von der Mauer ſich entfernen... Ich horchte in die Ferne, fuhr er dann ſinnend und zer⸗ ſtreuter fort, und hörte geheimnißvolles Wispern, ja jetzt wie ein Gehen nur auf den Zehen. Im Kreiſe von Lehrern und Alumnen ſtand mein Mönch, hielt alle feierlich zurück, ſchritt auf die Thür zu, die ich, hinter eine Treppenlehne zurücktretend, ſehen konnte, da ſie querwärts den langen Gang beendete, öffnete und— allen bot ſich der Anblick eines Mannes, der an einem Fenſterhaken ſich erhängt hatte! Der Mönch ging un⸗ erſchrocken auf ihn zu, ſchnitt mit einem Meſſer, das er aus der Taſche zog, den Strick durch, hielt dann in der kräftigen Linken den Leichnam und rief die Fernſtehenden näher. In dieſem Augenblick wurde ich geſtört und mußte mich entfernen... Bonaventura hatte auf der Lippe die Frage: War der Unglückliche der Pater Fulgentius?... Doch unter⸗ drückte er ſie. 123 ·8 Noch am ſelben Abend, beſtätigte der Mörder, hieß ſ⸗ es, daß der Rector geſtorben war. Auch die Art ſeines 9 Todes blieb nicht verſchwiegen, man ſprach von Melan⸗ cholie und ein Arzt von Selbſtzerſtörungswahn. Ja am 5 Wirthstiſch hieß es: Ein Mönch hatte ihn davon heilen le ſollen. Ich mußte Abſchied von Hubertus nehmen und fand ihn in dem Garten des Kloſters, wo er eingekehrt 2 war, im einſamen Wandeln. Rings hohe, graue l Mauern, alles ſtill und— faſt wie auf einem Kirch⸗ 8 hof. Rückſichtslos frag' ich ihn: Sie ſollen ja ſoviel n vermögen, Sie ſollen Hunger und Durſt, Froſt und ß Hitze ertragen lehren; konnten Sie denn jenen Mann 4 nicht auch von ſeinem Wahne heilen?... Er erwiderte: ⸗ Iſt da der Tod nicht die beſte Heilung?... Dabei t ſtand er ſtill und jetzt erſt war es mir, als ſäh' ich einen m Boten des Todes, ein Gerippe. So mager war ſeine 4 Hand, ſo hohl ſeine Wange, ſo klanglos ſeine Stimme. r Ich fürchtete mich vor ihm und glaubte, ſchlüge er die e braune Kutte auf, würd' ich ein Skelet ſehen. Doch — war der Bruder ſelbſt in Aufregung. Offenbar hatte 1 man von ihm etwas anderes erwartet. Er hatte F heilen, nicht beſtatten ſollen. Auch verſchwieg er das nicht. r Nie hatte er zu mir ſo viel geſprochen, wie diesmal in dem einſamen Kloſtergarten, in den er ſich wie geflüchtet hatte. Ja, ſagte er feierlich, ich hatte verboten, ihn zu d bewachen, ich hatte ihn ſein Werk ausführen, hatte ihn ſo lange allein gelaſſen, bis ſeine That vollendet war! Denn, Herr— ich horchte hoch auf— der Erhängte ſtirbt erſt ſpät! Ich weiß das! Ich habe Hunderte erhängen ſehen! Ich habe Menſchen gekannt, die ſich 124 einſchloſſen, um die Wonnen dieſes Todes zu haben! Denn das wiſſen Sie nicht, erſt wählt die Melancholie dieſen Tod, und dann, einmal ins Leben zurückgerufen, tritt eine Beſinnung ein, wie auf den ſeligſten Opium⸗ rauſch! Bilder, Geſtalten ſind an dem ſchwindenden Bewußtſein vorübergegangen, die keine menſchliche Hand zaubern konnte! Das Süßeſte, was die Erde kennt, empfindet und trinkt der Gehängte in langen, endloſen Zügen! Die Scham macht den, an dem man dieſe Verirrung kennt, einſam irren, aber nichts kommt dem gleich, was dieſe Scham wieder aufwiegt und ſie ertra⸗ gen läßt! Zur rechten Zeit von der tödlichen Schnur befreit, langſam zurückkehrend zum Bewußtſein, erhebt man ſich wie aus einem Traum, den man ewig träu⸗ men möchte! Der Greis wird wieder jung, die Ma⸗ trone eine Braut, der Arme ſchwelgt in Reichthümern, der Verbrecher iſt ein König, der Feige ein Held, vor ihm liegt eine Welt auf den Knieen und bietet ſich dar, mit ihm zu ſterben! Nie hat man ſo gelebt wie in dieſem Tode, nie das Paradies ſo vorausgenoſſen, ſo die Schrecken vergeſſen, die dieſe Erde— Ein Grauen durchzuckte die Erinnerung des Mörders an das, was ihm ſo nahe bevorſtand... Er hatte ſich erhoben und fiel betäubt zurück. Auch Bonaventura hatte ſich eine Weile erheben müſſen, denn der Anblick der wilden Erregung des Mannes war entſetzlich. Hammaker, aufgerichtet, ſtarrte gierig im Kreiſe umher; die Gewänder des Prieſters betrachtete er, als könnte ſich eine Schnur an ihnen befinden, die auch ihm dieſe Hülfe des ſüßeſten Todes 125 brächte. Er ſtreckte ſich aus, als ließe ſich ein Zipfel m Kleide deſſelben ergreifen, zur Schnur winden... die Kette an ſeinen Füßen faßte er und ſank wie ohn⸗ mächtig auf ſein Lager zurück. In der reinen Seele des Prieſters wogte ein Feuer⸗ ſtrom. Das iſt das geheimnißvolle Räthſel, das Nück und dieſen Elenden verbindet! rief es in ihm, der ſchon lange immer nur der Erzählung Benno's gedenken mußte von jenem Abend her. Dieſer da hat ſo ſeinen Wohlthäter verführt! Hat ſo eine Neigung deſſelben zur Melan⸗ cholie ausgebeutet! Hat ihn ſicher gemacht in dem Vertrauen zu ihm und dann ihn Einmal— Einmal nicht wieder ins Leben zurückgerufen!... Alles das ſtand einen Augenblick klar vor Bonaven⸗ tura's Augen und doch ſagte ſein Herz wieder: Es iſt unmöglich! So weit kann der menſchliche Geiſt ſich nicht verirren! Hammaker kehrte zur Beſinnung zurück, krümmte ſich wie ein Wurm, zog die graue Jacke über der Bruſt zuſammen und fuhr mit ſtoßweiſen Zuckungen auf, wie wenn er von eiſigem Schrecken geſchüttelt wurde.. Dann ſprach er, als Bonaventura ſich geſetzt hatte und das Antlitz, wie der Beichthörende ſoll, in einen Zipfel ſeines Kleides hüllte: Der Bruder Hubertus ſprach: Ich ſollte heilen? Zu richten kam ich! Das Gericht Gottes iſt unſer, wenn wir ſeine Gebote geläſtert geſehen! Wie durfte dieſer Unglückliche leben, leben in ſolcher Umgebung! Ich ſage nicht, daß auch er die Wonnen dieſes Todes ſuchte; er ſuchte den Tod ſelbſt. Warum ihm die Hülfe 126 verſagen! Warum Schonung einer ſolchen menſchlichen Schwäche, die vielleicht Heldenmuth war! Seid männ⸗ lich und ſeid ſtark! ſpricht der Apoſtel... Nun aber, nach dem Preiſe ſeiner That, erweichte ſich des Bruders Gemüth und er erzählte mir, wie er von früheſter Kindheit an Gottes Finger ſich nahe gefühlt, wie er ſchon als Kind aus Flammen hinuntergeworfen wurde drei Stockwerk hoch, wie er ſich ganz aus ſich ſelbſt hätte zum Menſchen machen müſſen, wie ihn dann Ver⸗ rath und Undankbarkeit verfolgt und ſo gehetzt hätten, daß er nothwendig zu Gott oder zum Teufel hätte entfliehen müſſen... Er glaubte, ſagte er, auf der richtigen Straße zu ſein. Ein Weib, erzählte er, ein Weib war die Urſache meines tiefſten Kummers... Sico, ſie, die ich Wer? unterbrach Bonaventura ſchaudernd... Hammaker ſchwieg... Seine Hände, die die Haupt⸗ männin erwürgt hatten, zuckten. Ihr Opfer? fragte Bonaventura wiederholt... Wie hätte es ihn nicht reizen ſollen, etwas aus dem Leben der Schweſter der Frau von Gülpen zu erfahren! Doch er— war das Geywiſſen ſelbſt... Er be⸗ kämpfte ſeine Neugier und ſagte nur: Warum zogen Sie nur aus dieſer Begegnung mit einem ſo vielgeprüften, wenn auch vermeſſenen und Gott ſtrafbar vorgreifenden Manne nicht eine heilſamere Lehre für Ihr Leben? 4 Die Frauen, das Spiel— die Ehre— O wenn ich— Haben Sie ſonſt eine Handlung, die vorzugsweiſe noch Ihr Gewiſſen belaſtet? unterbrach Bonaventura die eitle Selbſtbeſchönigung... 127 Ich log— ich betrog— Kein anderes Menſchenleben auf Ihrer Seele— 7 Der Mörder ſchüttelte den kahlen, häßlichen Kopf... Bonaventura ſah die Verſtockung und wiederholte ſeine Frage... Da rief der Gefangene plötzlich und erhob ſich wild und klirrte mit ſeiner Kette: Emollit mores didicisse fideliter artes! Das zu verſtehen, ſprechen zu können, Bildung beſitzen— O öffnen Sie Ihr Herz der Reue! unterbrach Bo⸗ naventura dieſen Ausbruch eines halb wahren, halb ko⸗ ketten Ehrgeizes. Was Ihnen als einem Studirten auch Gott ſein und als was er Ihnen erſcheinen mag, ob als Begriff, ob als Weſen welcher Art und Größe, und wären Sie Pantheiſt und ſuchten den Schöpfer in ſich ſelbſt, dem Geſchaffenen, Sie wiſſen, daß in unſerer Bruſt eine ſichere Wahrheit liegt, eine unumſtößliche Gewißheit, der Unterſchied von Gut und Böſe! Was Sie auch mit menſchlichem Witze wegzuleugnen ſuchen von den Grenzen, die zwiſchen beiden liegen, ſie wach⸗ ſen immer wieder dieſe Grenzen, wenn Sie ſie auch noch ſo klug niederriſſen. Blicken Sie mit Sehnſucht aus dem Dunkel, in dem Ihre Seele lebt, in das Licht, das Licht der Unſchuld, das Sie ſehen, faſſen, ahnen können, und nennen Sie dieſes Licht— Gott! Sprechen Sie zu ihm: O wär' ich in deinem Abglanz, umſtrahlteſt du mich, gäbſt du mir Helle, Wärme, wahren Ruhm und wahre Ehre! Laſſen Sie durch dies reine Licht der Unſchuld alle die wandeln, die in dieſem reinen Geiſte lebten! Laſſen Sie alle hindurchziehen, die Ihre Bildung kennt: Sokrates, 128 Plato— Einer iſt unter ihnen, der am leuchtendſten ſteht, Jeſus der Gekreuzigte! Mit ſeinem blutigen Haupte ſtrahlt er und blickt voll Ernſt auch auf Sie! Beten Sie zu dieſer vielleicht noch einzigen lichten Stelle in Ihrem Innern und bekennen Sie beim Blute Ihres Erlöſers, der allen Sündern Gnade vor Gott verhieß, Ihr ganzes Elend und was etwa ſonſt noch vor Gott und Menſchen Sie belaſtet! Hammaker faltete die Hände, aber ſchlaff hingen ſie und der Ausdruck ſeiner Miene war der, als wollte er ſagen: Was hilft mir das alles? Der grauſige Tod iſt und bleibt gewiß! Was iſt eine Reue, die von einem Willen kommt, der nicht mehr ſündigen kann! Eine Reue über die Thorheiten der Jugend— von einem Greiſe! Der Prieſter überblickte dieſe Empfindungen und ſagte ſeufzend: Nun denn! Ihre einzige gute Stelle iſt vielleicht nur noch Ihr Stolz! Wohlan! Warum trieb Sie dieſer zu Ihrer Miſſethat? Zögernd ſprach Hammaker: Man hat mich beſchuldigt— Daß Sie Ihren Freund, Ihren Wohlthäter ermorden wollen! Begingen Sie dieſe That? Vor den Aſſiſen hatte Hammaker, wie immer: Nein! geſagt. Hier wiederholte er die gleiche Ausſage, fügte aber hinzu: Doch wüßten Sie das Nähere— Wenn es Sie entlaſtet von dem Verdachte— ſprach Bonaventura faſt unhörbar... ſonſt— lehnte er faſt die Belaſtung auch des Procurators ab— Ich handelte— vielleicht— wie der Mönch— im 129 Unwürdige Vergleichung! wallte Bonaventura auf... Auch Nück ſuchte den Tod— verſicherte Hammaker... Die Wonnen des Todes! Sie verführten ihn zu einer Handlung des Wahnſinns! Sie machten ihn ſicher, immer ſicherer, bis Sie ihn zuletzt beraubten und mor⸗ den wollten... Hochwürdiger Prieſter! Ja, ich beraubte ihn— Als es aber geſchehen war— that ich, was ich zehn Jahre lang gethan— ich hob die Schlinge aus ihrer Angel. Freilich— diesmal ſtieg ich aus dem Fenſter — warf das Schlüſſelbund zurück— half ihm nicht zum Bewußtſein durch kaltes Waſſer und das Reiben ſeiner Schläfe zurück... ich entfloh... Als Mörder! Denn Sie durften annehmen, daß er diesmal nicht wieder zum Leben erwachte! Der Mörder ſchwieg... Es war eine Bejahung. Die tückiſche Liſt ſeiner Erzählung ſtellte nicht ganz die Aufrichtigkeit aller ſeiner übrigen Geſtändniſſe in Abrede. Er kam auf ſeine Bekanntſchaft mit der Haupt⸗ männin von Buſchbeck, auf die Vermittelung ihrer An⸗ liegen wegen ihrer Gelder, ihren böſen, menſchenfeind⸗ lichen Sinn, er deutete die Beziehungen dieſer Frau zu dem Krieger, Jäger, dann Mönche Hubertus an, Bezie⸗ hungen, die in Erfahrung zu bringen Bonaventura wie⸗ derholt ablehnte, und berief ſich für ſeine letzte That auf das, was bereits vor den Aſſiſen von ihm bekannt war... Der ſchrillſte Nachklang, der durch alle dieſe Worte hindurchtönte, blieb die Andeutung über Dominicus Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 9 130 Nück. Sie war eine Rache für den verweigerten Griff in die Doſe... Vielleicht auch hatte der Mörder ein Ent⸗ kommen durch Nück gehofft, vielleicht Nück durchſchaut, der ihn am liebſten für immer aus der Welt geſchafft ſah. Ein noch Lebender, raſtlos und muthvoll in der Ge⸗ genwart wirkend, lag da nun in ſeinem tiefſten Lebens⸗ geheimniſſe aufgedeckt vor den Augen eines Prieſters, der täglich mit ihm verkehren, täglich harmlos und ſchein⸗ bar unbefangen mit ihm ſprechen konnte, auch ſo nur mit ihm ſprechen durfte!... Das ſind Bürden! ſprach es in Bonaventura's Innerſtem.. Zwar wandte er noch die ganze Kraft ſeiner Bered⸗ ſamkeit an, die Stunde, die er an dieſem düſtern Orte verweilt hatte, zu einer für den Bewohner deſſelben heilſamen zu machen... Um den Segen Gottes für den Unglücklichen betete er, wünſchte ihm Muth für ſeine letzte Stunde und war im Begriff, mit den Fra⸗ gen: Haben Sie mir keinen weitern Auftrag auszu⸗ richten? An Ihre Mutter? An ſonſt Zurückbleibende? eine heilige Handlung abzuſchließen, die ihn ſelbſt mehr erſchütterte, als den Verbrecher.. Lauernd ſprach dieſer: Ich könnte noch etwas Gutes thun! O thun Sie es! Gott wird es Ihnen anrechnen... Es war eine That im Werke... Ein neues Verbrechen? Eine Urkunde— die ich— ſchreiben ließ— Eine verfälſchte—! Sie ſollte bei einer— angelegten Feuersbrunſt— All ihr Heiligen! rief Bonaventura. Wer iſt davon bedroht? Wen kann ich über die Gefahr warnen? Iſt die Gefahr ſchon nahe? Einen Menſchen hatt' ich gewonnen... einen— der ſich verbergen muß... den ich nicht nennen kann... Ich will ihn nicht genannt hören, ich will ihn mahnen, ohne daß ich ihn kenne! Durch irgendeine Adreſſe! Reden Sie! Was kann ich thun, ein ſolches Verbrechen zu hindern? Hammaker ſchwieg plötzlich... Bonaventura's Eifer riß ihn zu den Fragen hin: Wer iſt es, den die falſche Urkunde benachtheiligen ſoll? Wer hat Sie ſelbſt zu dieſer That überredet? Wer iſt der Leiter dieſes Complotts? Reden Sie! Reden Sie! Bei dem Angeſichte Gottes, das Sie in wenig Stunden— In dieſem Augenblick rollten wieder die Kugeln über der Zelle hin und vergegenwärtigten Hammakern die dünne Bauart der Decke... Blitzesſchnell ſchienen ſich die Gedanken des Mörders zu ändern... Hoſff⸗ nung belebte ſeine Geſichtszüge... Bonaventura ſtand erwartungsvoll, aber vergebens. Hammaker ſchwieg. Reden Sie! donnerte Bonaventura. Das Geräuſch über ihnen dauerte fort... Hammaker ſprang auf... Die Kette riß ihn nie⸗ der... Unverwandt ſtarrte er auf die Decke... Wenn dich doch noch Nück befreite! ſtand auf ſeinen verzerrten Geſichtszügen... Reden Sie! wiederholte Bonaventura... Laſſen Sie es, ſtöhnte Hammaker, ohne mich— kommt die Sache nicht zur Ausführung... Sie verharren in der Lüge! rief Bonaventura. A8 9* ) 132 d Wer iſt gedungen? Wer ſind die Bedrohten? Eine Fälſchung? Eine Urkunde? Eine Feuersbrunſt? Hammaker ſchwieg... Bonaventura verſuchte jede Kunſt der Ueberredung; vergebens... Hammaker ſprach nur dumpf: Ohne mich kommt nichts zur Ausführung! Ich habe bekannt! Es iſt— vorüber. Ich kann— in Frieden — ſterben. Bonaventura mußte tiefſeufzend nachgeben. Er betete um die Gnade Gottes und entfernte ſich in einem Zu⸗ ſtande, wie ihn die Märchen erzählen von Hirten, die in eine Felſenſpalte ſahen, die Geiſter belauſchten und für immer verſtummten... Wie ſchwer trug ſeine Seele, als er von dannen ſchritt! Auf dem Gange traf er alle, die ihn hinaußbegleitet hatten... Nück's Nachkommen wußte er nicht und fand ihn auch nicht mehr... Doch am folgenden Morgen klagte ſich im Beichtſtuhl eine ihm bekannte Stimme aller Leidenſchaften, aller Laſter der Erde, aber auch der Verbitterung durch Un⸗ glück und des Menſchenhaſſes an... In ihrem Tone, in einem tief eingeſchüchterten Auf⸗ blick zweier ſcharfer Augen lag eine Angſt und Be⸗ klommenheit, die Bonaventura wieder auf einen Verbrecher ſchließen ließen. Er erkannte die Stimme nicht ſogleich. Erſt nach den Andeutungen von ſeinem Beruf und einem Hinweis auf ſo manche Verſchleierung der Wahr⸗ heit, die er ſich im Proceſſe Hammaker erlaubt hatte, begriff Bonaventura... Es war Nück... 133 Entſetzen ergriff ihn. Nück beichtete mancherlei, aber offenbar war er nur ge⸗ kommen, um zu hören, wie Bonaventura mit ihm ſprechen würde. Des Prieſters mildes Herz fühlte ſich gedrungen, Nüch's Verzweiflung zu beruhigen. Er deutete an, daß auch für ihn die Beichte dieſelbe Bedeutung hätte, wie ſie für jenen Biſchof gehabt haben ſoll, der, der Sage, nicht Geſchichte nach, ſich eher von einem Fürſten in die Wellen der Moldau werfen ließ, als daß er ein Geheimniß verrieth, das er von deſſen Gattin unter dem Siegel der Beichte wußte. Kein Wunder, daß Nück ſich mit neuem Lebensmuth erhob und den Beichtſtuhl in einer Stimmung verließ, als könnte er mit ſeinem einzigen Arme einen der Rieſenpfeiler der Kathedrale ausheben. So viel Kraft lag dem Doctor Abadonna in dem magiſchen Worte: Rom und ſein Glaube. Winterlich weiße Leichenfelder lagen in Bonaventura's Bruſt. So öde und ſchauerlich wehte Schneeſturm durch ſein Inneres, wie auf der Alpeneinſamkeit, die der Dechant beim Bericht ſeines Beſuches auf dem St.⸗ Bernhard geſchildert... Auch der Morgue des St.⸗Bernhard mußte er ge⸗ denken... Muth und Ausdauer ſprachen ihm die Stimmen der Auguſtinerchorherren nicht mehr ſo beredſam wie einſt. Eine wie eitle Matrone! ſagte ſich Bonaventura, als er durch das kleine Schiebfenſterchen ſeines Beichtſtuhls eine graue Locke unter einem Hute hervorgeglitten auf einem Taſchentuche liegend bemerkte. Ein Matronenhaar in Locken! Dann aber hörte er die klangvolle Anrede und ſtaunte eine Greiſin zu finden, die ſich einen ſo reinen jugend⸗ lichen Ton der Rede bewahrt hatte... Nach den erſten geflüſterten Anreden und Erwide⸗ rungen ſtellte er die Frage um die letzte Beichte. Er hörte, daß dieſe in Wien bei dem Beichtvater der Hospi⸗ taliterinnen ſtattgefunden... Dann ſagte die Frau, die er für eine Matrone hielt, daß ſie gerade deshalb zu ihm gekommen wäre, weil ſie ihn ſchon einigemal beim Austheilen des heiligen Abend⸗ mahls geſehen und nicht nur die Geduld bewundert hätte, mit der er unter Hunderten beim Ausſpenden des Brotes die Worte ſprach:„Herr, ich bin nicht werth, daß du eingehſt unter mein Dach; aber ſprich nur ein Wort, ſo wird meine arme Seele geſund!“ ſondern wie er jene 1 135 Worte auch jedem ſo, als wenn er ihn perſönlich kannte, geſprochen, jedem ſo, als wenn ſie gerade für ihn be— ſtimmt wären. Deshalb wage ſie, ihn mit ſich ſelbſt zu beläſtigen, fürchtend freilich, daß ſeine Zeit zu gemeſſen wäre... Bonaventura hatte die Abſicht, Lob und Sorge um ſeine Zeit mit einer Handbewegung abzulehnen. Da blickte er etwas auf und erkannte unter der damals üblichen Form des Hutes mit langgeſchweiften Seiten, die die Wangen verdeckten, ein jugendliches Antlitz und nun in Vergleichung mit den Locken und nach der Erwähnung Wiens war es nur die Oberſtin von Hülleshoven aus Benno's zutreffender Beſchreibung... Noch ehe er vor Ueberraſchung mehr als ein ermun⸗ terndes und beruhigendes: Bitte! erwidert hatte, ſprach ſchon die Beichtende: Ich bekenne mich zu der Unruhe, in welche die Seele durch Grübeln und Denken verſetzt wird, bekenne mich zum Zweifel an allem, an Gott, dem Erlöſer, an Kirche und künftigem Gericht! Bonaventura verhüllte ſich in ſeine Stola und ſprach nach einigem Bedenken auf dies ſchmerzlich entſchiedene Wort: O ihr Heiligen! Sie geben Ihrem Zuſtand vielleicht viel ſchneller einen Namen, als Sie ihn noch ergründet haben! Sie hatten ſich des religiöſen Lebens vielleicht nur ent⸗ wöhnt. Plötzlich drängt Sie irgendeine Stimmung zu ihm zurück und nun erſchrecken Sie, nicht mehr alles ſo zu lieben und zu glauben, wie Sie in Ihrer Kindheit es liebten und glaubten. Machen Sie doch dieſe Rückkehr nicht zu 136 übereilt! Vor der Feuertaufe des Herrn kam die Waſſer⸗ taufe des Johannes! Legen Sie ſich doch erſt Uebungen zum Uebergange auf! Keine Geißelung des Körpers, keine Entbehrung Ihrer Sinne, nur eine gewiſſe Ascetik des Denkens. Sehen Sie, gewöhnen Sie ſich einfach, überall den Finger Gottes zu ſuchen. Nehmen Sie nichts mehr, was Ihnen begegnet oder was Sie vom Schickſal an⸗ derer, ja vom Leben der ganzen Welt in Erfahrung bringen, in dem leichten Sinne, der nur die Erſcheinung als ſolche betrachtet. Streben Sie vielmehr darnach, alle Erfahrungen, die Sie machen, zu verbinden, ihren geheimen Sinn und Zuſammenhang zu ergründen, ihrer Folgerichtigkeit nachzuſpüren und nennen Sie dann das, was Sie ſonſt in der Sprache des Denkens Zufall, Ungefähr, Wille, eigene Abſicht nannten, einfach und kurzweg Gott. Wenn Sie dieſe Begegnung Gottes in kleinen Dingen ſtündlich ſuchten, würde das Aber⸗ glaube werden. Aberglaube kann es ſein, die ganze majeſtätiſche Größe Gottes immer auch bei kleinen Leiden und Freuden ſich gegenwärtig zu denken. Aber jenen Fußtapfen der wandelnden Gottheit nachgehen, die in Ernſtem und Wichtigem liegen, gibt Erhebung. Sie werden ſtaunen, wo Sie überall dieſe Schritte abge⸗ drückt finden, wenn Sie nur erſt anfangen, für alles das, was die Welt gleichſam namenlos hinſtellt, gleich⸗ ſam mit einem„Man“ einführt oder mit einem„Es“ („es wird ſich zeigen“) oder ſonſt mit einer Form der reinen Genüge des Menſchen an ſich ſelbſt, den Herrn der Welt einzuführen. Verſuchen Sie das! Zu einem Gott ſich erheben, der außer uns und unendlich hoch 137 über uns wohnt, iſt allerdings ſchwer; denn je näher wir ihm da zu kommen ſuchen, deſto entfernter rückt er. Nehmen Sie alſo Gott zu Ihrem ſteten Begleiter, nur daß er einige Schritte vorangeht, nicht immer Ihnen zur Seite, nehmen Sie ihn zum Erfüller aller der Pauſen, die Ihnen das Leben läßt, zu der zweiten Perſon, die in Ihrem Gewiſſen mit Ihnen redet, zu dem unſichtbaren Freunde, der in einem dunkeln Zimmer, wo Sie über irgendein Vorhaben brüten, mit Ihnen Rath hält! Iſt das von Ihnen eine Zeit lang verſucht worden, ſo werden Sie auch allmählich wieder anfan⸗ gen, chriſtgläubig und kirchlich zu denken. Es wäre alſo der umgekehrte Weg, den ich früher einſchlug, alles, was mir ſonſt Gott hieß, gerade an⸗ ders zu nennen! ſagte Monika und ihre Gedanken ver⸗ weilten einen Augenblick bei der Gräfin Erdmuthe, die noch geſtern beim Abſchiede geſagt hatte:„Der Herr ſchenkt mir ein gutes Reiſewetter, etwas Froſt und gute Wege!“ Nun aber ſprach ſie: Meine Zweifel über Gott werden ſich wieder beruhigen; ſchwerer die über die Kirche und über die Wahrheit des katholiſchen Glaubens! Bonaventura wallte faſt auf mit den Worten: Sie ſind ſo arm an Glauben und ſind ſchon wähle⸗ riſch? Sie hungern und dürſten und bemäkeln ſchon die Speiſe, die Ihnen geſpendet wird? Wahrlich, die milden Gutthäter müſſen ſich viel gefallen laſſen! Faſt bereute er dann ſein hartes Wort und blickte deshalb ein wenig auf. Groß und voll ſenkte ſich der Strahl zweier dunkelbrauner Augen auf ihn herab, ein wehmüthiger Zug um den Mund milderte einen Anflug 138 von Bitterkeit in ſchönen, regelmäßigen Zügen. Er mußte des Oberſten gedenken. Er mußte ſich ſagen: Dieſe beiden Menſchen ſind ſich ſo ähnlich und fliehen ſich! Mit ſinnendem Ernſte, bei dem ſich die Augen wie⸗ der verkleinerten und die großen Sterne wie in das tiefſte Innere zurückzogen, ſprach Monika: Ich weiß vollkommen, was wir an unſerer Religion beſitzen! Sie iſt kein Gedanke, der ſoeben von heute aus dem Haupte eines erleuchteten Geiſtes ſprang. Sie iſt eine ehrwürdige Ueberlieferung, eine große Weltbe⸗ gebenheit, aus der wir entnehmen dürfen, was wir für uns nutzbar machen können. Ich werfe es den Prote⸗ ſtanten vor, daß ſie ſich die Bürde auch des Ballaſtes an ihrem Lebensſchiff viel zu leicht gemacht haben. Iſt man Chriſt, ſo ſoll man auch die Geſchichte ſeines Glaubens tragen. Oft hab' ich mir geſagt: An allem, was unſere Kirche feſthält, iſt etwas, was uns irgendwie immer wieder verſöhnt, wenn wir dann auch wieder einer zweiten andern Formel nur mit ſchwerem Herzen ge⸗ nügen. Dann aber— plöͤtzlich tritt doch ein Widerſacher in uns auf, den ich nicht den Teufel nennen kann. Unſer Herz ſtößt plötzlich einen Hülfsſchrei aus und lechzt nach der Natur. Ich habe nie über dieſe Dinge ſo nachge⸗ dacht, als ſeitdem ich Rechte des Herzens zu haben glaube. Ich bin nicht glücklich vermählt. Geſetzt, ich würde noch einmal lieben können, unſere Kirche verböte mir das. Wie ſoll ich da nicht an ihrer Göttlichkeit zweifeln! Bonaventura blickte bei dieſen ſicher und feſt geſprochenen Worten im Geiſt auf ſeinen eigenen Vater, ſeine eigene Mutter, jenen, der vielleicht noch lebte und ſich der Welt entzog, nur um dieſer eine zweite Ehe zu ermöglichen... Dieſe zarteſten Fragen des Beichtſtuhls hatte er erſt in ſeiner jetzigen Wirkſamkeit kennen gelernt. Sie kamen auf dem Lande nicht vor. Es gaukelten wol zu allen Zeiten vor ſeinen Augen die hundert Fälle, die die Vor⸗ ſicht der römiſchen Caſuiſtik über die Thatſachen des Ehelebens oft mit einer Nacktheit und Natürlichkeit aufzählt und niedergeſchrieben hat, die nur aus Herzen kommen konnte, die ſich zum Cölibat verpflichten. In allen dieſen ſpaniſchen und italieniſchen Vorwegnahmen der durch die Liebe heraufbeſchworenen Gewiſſensleiden iſt jener wahren Empfindung wenig Rechnung getragen, die aus den reinſten Tiefen des Herzens ſtammt. Bo⸗ naventura las im Sanchez, im Bellarmin, im Lamber⸗ tini die hundert Fälle, wo in der dort gebrauchten Sprache Cajus die Roſa liebt, Roſa den Titius, That⸗ ſachen der Liebe, die das Licht des Tages ſcheut, nicht jener, die nicht erwidern will ohne das offene Bekennt⸗ niß ihrer Neigung vor der Welt; nicht jener, die der innern Heiligung des Menſchen zum Segen werden kann und die die Kirche zum Fluche macht; nicht jener, die mit Verachtung ſolche Licenzen zurückweiſt, wie ſie die Toleranz der Gewiſſensräthe anräth und nur mit Gebeten und Almoſen gebüßt wiſſen will; nicht jener, die nach Nei⸗ gung wählen und in der Freiheit, frühere Irrthümer zu berichtigen, vor gläubigen Seelen ſogar durch das Beiſpiel der Patriarchenzeit geheiligt iſt; nicht jener, die uns deshalb nur allein wahrhaft frei macht, weil ſie die ewigen und un⸗ * 140 widerleglichen Geſetze der Natur zu Geſetzen der Sitte, der Vernunft und des göttlichen Willens erhoben hat... Bonaventura's Stocken beängſtigte die Beichtende, die es um ſich her immer lebhafter werden hörte.. Ich komme wieder! ſagte ſie, um abzubrechen... Sie ſprachen von keinem Bunde, den Sie wirklich ſchließen wollen, hielt ſie Bonaventura, ſondern nur von der Beunruhigung Ihres Gewiſſens, wenn Sie ihn ſchließen wollten. Warum begeben Sie Ihr Nachdenken in eine Gefahr, der ſich auszuſetzen Sie nichts zwingt? Will man denn nicht das, erwiderte Monika, was uns ein Anhalt des Lebens ſein ſoll, gegen alle und jede Möglichkeit der Anfechtung ſtark und ſicher ſehen? Die Gefahr wird an Ihnen vorübergehen! Und wenn nun nicht? Der Prieſter mußte ſich's ſo natürlich denken, daß eine ſo geſtörte Ehe damit enden konnte, daß eine junge, wie er nun hörte, mit Vorzügen des Geiſtes aus⸗ geſtattete Frau noch einmal eine Bewerbung fand, der ſie nicht widerſtehen konnte. An Armgart mochte er ſie nicht erinnern, da er deren den Aeltern gegenüber durchgeführte Geſinnung kannte und der Beichtenden nicht verrathen mochte, daß ihre Perſon ihm kein Ge⸗ heimniß war. So blieb ihm nichts übrig, als die Zweifel, die auch an ihm in dieſem Punkte nagten, zu überwinden und das zu thun, was er in ſeinem Berufe ſchon manchmal recht ſchmerzlich ſich mit den Worten geſtand: Wir gleichen den Aerzten, die aus Mangel an Erkenntniß und einer wahren Hülfe dem armen 141 Leidenden Waſſer— gefärbt mit einem rothen ſüßen Safte, verſchreiben! Ich ſehe Sie in dem Zuſtande, ſagte er, den die Schrift den des zerſtoßenen Rohres nennt und der Sän⸗ ger des Dies Irae das Cor contritum quasi cinis! Das Herz zermürbt wie Aſche! Bekämpfen Sie Ihre Stimmungen und halten Sie noch Betrachtungen über die Kirche davon fern! Faſſen Sie die Kirche als ein großes Ganzes! Daß Sie als Kind am Freitage faſteten, was ſagte es denn? Es ſagte: Ich gehöre einer Gemein⸗ ſchaft an, die das Vernunftgeſetz über das Naturgeſetz erhoben hat! Daß wir der Wildheit die Geſellſchaft ab⸗ rangen, daß wir einen Bund der Geſittung, der Künſte, Wiſſenſchaften, der Ordnung, eine Geſellſchaft haben, wo die Tyrannen nicht herrſchen, die Räuber, die Mörder ſchweigen und abſeits treten müſſen, wem anders verdanken wir denn das, als der Zähmung unſerer natürlichen Begierden? Monika ſchwieg... Sie beſchloß, dem Vernomme⸗ nen nachzudenken... Schon der bald ſanfte, bald ſtrenge Ton hatte ſie erhoben... Bonaventura ſchloß: Kehren Sie bald, bald wieder! Absolvo te in nomine patris, filii et spiritus sancti! Er machte das Kreuzeszeichen, zog ſein Fenſter zu und lehnte ſich eine Weile in ſeinen Stuhl zurück— tief, tief— unzufrieden mit ſich ſelbſt... Aber Ruhe, Kampf der Seele, Sieg gab es da wenig. Die Zahl der Harrenden war angewachſen. Schon meldete ſich's am andern Fenſter... Er zog den Vorhang zurück. Er that es mit dem 142 Gefühl: Welch ein Stümper erſcheinſt du doch bei wirk⸗ lichen Leiden! Kannſt du dies Holz denn verlaſſen und einem Prieſter begegnen, ohne daß ihr beide vor einander die Augen niederſchlagt? Schon ſprach wieder eine ſanfte Stimme die übliche Anrede. Auch dieſe Stimme kam von einem Weibe. Auch ſie ertönte aus den Umhüllungen eines zwar nicht ſchö⸗ nen, aber jugendlichen Hauptes. Ein koſtbarer Pelz lag dicht am Gitter und berührte faſt ſein Beichttuch... Hochwürdiger Vater, ich bin unglücklich!.. Der Beichtſtuhl, mein Kind, hört nur das Unglück durch Sünden... Ich ſündige wider die Gebote der Kirche und doch ſpricht mein Herz mich frei! Sollte die Verſuchung des armen Leviten nicht en⸗ den! Bonaventura erklärte die vernommenen Worte für einen Widerſpruch und wünſchte Aufklärung.. Ich werde in wenig Wochen Mutter ſein! Mein Gatte iſt Proteſtant und ich bin zweifelhaft, das Kind in meinem Glauben taufen zu laſſen! Verlangt Ihr Gatte das Gegentheil? Er verlangt es nicht! Er verdankt ſeine Lebensſtel⸗ lung mir, er iſt die Rückſicht ſelbſt! Dennoch ſchenkt' ich gern unſer ſeit zehn Jahren erſehntes Kind ganz nur ihm! Da thun Sie Unrecht! Sie bringen dem einen das, was er nicht begehrt, das kann Großmuth ſein; aber Sie entziehen es einem andern, der darauf Anſprüche hat; das iſt ein Raub! Ich bin meinem Gatten Großmuth ſchuldig, ich bin — ihm Genugthuung ſchuldig! Und gerade vor meiner Fa⸗ milie, die ihn kränkt, zurückſetzt, ſich freut, zwiſchen uns eine Trennung zu wiſſen! Ich fühle, daß ich ihm mein Kind ſchenken muß um der Liebe willen, um der Liebe ein Zeugniß zu geben! Sagen Sie denn auch wie alle andern Prieſter, daß mein Kind im Jenſeits von mir getrennt ſein wird? Die Schrift ſagt:„Bei unſerm himmliſchen Vater gibt es viele Wohnungen.“ Vertrauen Sie auf ſeine Gnade, wenn Sie ſich nicht noch anders beſinnen und von Ihrem Gatten zu Ihrer Religionspflicht zurückführen laſſen. Gaben Sie bei Ihrer Verbindung dem Geiſt⸗ lichen, der Sie traute, kein Verſprechen über Ihre Kinder? Man verlangte es damals nicht! Das iſt über zehn Jahre her... ... Die Fälle der gemiſchten Ehen kamen jetzt ſo oft im Beichtſtuhl vor. Dennoch horchte Bonaventura auf und gedachte der Zerwürfniſſe im Kattendyk'ſchen Hauſe, dem Hauſe, wo Treudchen und Lucinde wohnten... Glauben Sie auch, hochwürdiger Vater, fuhr die zit— ternde Stimme fort, daß ich nicht die Ausſegnung er⸗ halten werde? Die Ausſegnung einer Wöchnerin bei ihrem erſten Kirchgang iſt ein Brauch, kein Sakrament... Nach dem Glauben meiner Mutter und Geſchwiſter werd' ich, wenn ich ohne Ausſegnung ſterben ſollte, als ruheloſer Geiſt Nachts mit einer Kerze in der Hand ſo lange um dieſe Kathedrale gehen müſſen, bis eine andere Lebende ſich für mich ausſegnen läßt! 144 Bonaventura wurde irre, ob ein ſolcher Glaube in einem gebildeten Hauſe herrſchen konnte. Faſt an der Anweſenheit der Frau Hendrika Delring zweifelnd, ſagte er: Welche Thorheit! Nur fürcht' ich, daß Sie nach Ihrer Handlungsweiſe überhaupt nicht im Schooſe un⸗ ſerer Kirche bleiben werden; denn die Gnadenmittel müſſen Ihnen entzogen werden! Eine Pauſe trat ein... Auch Sie ſprechen wie Kanonikus Taube! ſagte die Stimme... Wir ſprechen alle, wie die Mutter Kirche ſpricht! Sie will keines ihrer Kinder ſich entzogen ſehen und iſt ſtreng gegen die, die ihrer Liebe ein neues Kind vorent⸗ halten! Erwägen Sie Ihre künftigen Leiden! Ihr Gatte iſt edel; wie denn wird er von Ihnen ein ſolches Opfer verlangen! Hendrika Delring weinte.. Es währte lange, bis ſie ſich ſammeln konnte... O dieſe Welt! rief ſie plötzlich heftig aus... Warum nur beruhigt Sie der Friede dieſes Gottestempels nicht? Warum ſprechen Sie in dieſer Aufregung? Erzählen Sie, was Ihnen begegnete! Schon oft, hochwürdiger Vater, wollte ich zu Ihnen kommen! Ich hörte täglich von Ihrer Weisheit und Güte. Neulich noch, als meine Familie ſich um mich verſammelt hatte, ein Marienbild in meinem Zimmer entſchleierte und, indeſſen alle auf den Knieen lagen, zu ihm ein Gelübde ſprach, ſie würden, wenn ich mein Kind nicht im Glauben des Vaters taufen ließe, eine Wall⸗ 145 fahrt antreten und in einem gräflichen Hauſe bei Wito⸗ born, wo geiſtliche Uebungen gehalten werden, ſechs Wochen lang ſich einſchließen und die Exercitien mitmachen, da ſchon wollt' ich zu Ihnen kommen— nur warf mich die Verzweiflung aufs Krankenlager. Meine Mutter behauptete, wenn ich anders handelte, würd' ich jetzt Gott um die Erfüllung eines Gelübdes betrügen... Das iſt eine Thorheit! erwiederte Bonaventura ent⸗ rüſtet. Wer lehrte Ihre Mutter, daß Gott unſerer Opfer bedarf! Ein Gelübde kann einen Werth für unſere Seele haben, aber nur der Heide kauft ſeinem Götzen mit einem Gelübde etwas ab. Eher könnte Ihr Gewiſſen ſich gedrückt fühlen von dem Vorwurf, die religiöſe Denkungs⸗ art der Ihrigen, vollends einer Mutter zu verletzen... Auch mußt' ich bittere Thränen darüber weinen und war in meinem Vorſatz wankend geworden! Ein junges Mädchen, das in meinen Dienſten ſteht, ſprach täglich von dieſen Exercitien, an denen ſie ſo gern theilgenom⸗ men hätte. Das junge Kind, das ich ſo lieb habe, ver⸗ gegenwärtigt mir den Glauben, den ich immermehr verliere... ... Iſt das Treudchen? dachte Bonaventura voll Bangen. Treudchens Beichtvater war— Cajetan Rother... Leider aber läßt der Peiniger meiner Lebensruhe nicht nach! fuhr Hendrika Delring fort. Es iſt mein eigener Bruder! Früher war mein Gatte Führer des Geſchäfts. Aufrecht gehalten hat er's in ſchwieriger Zeit. Die Zeit iſt nicht mehr günſtig wie ſonſt, andere überflügeln den alten Kaufmannsſchritt und darauf fußt mein Bru⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 10 146 der, um meinen Gatten täglich zu verletzen. Während er ſelbſt ſich der ſinnloſeſten Verſchwendung ergibt, wirft er uns die kleinſte Ausgabe vor und ſchon war unſer Entſchluß reif, ganz aus dem Geſchäft auszutreten. Leider iſt meine Mitgift, wie es bei Kaufleuten Sitte, nur klein; meine Einnahme hängt von dem Ertrag des Ge⸗ ſchäftes ab. Eine ihr entſprechende größere Summe her⸗ auszuziehen, iſt immer mit Schwierigkeiten für unſer ganzes Haus verbunden. Darum, weil mein Mann von vorn anfangen müßte und auch des Salairs für die Führung des Ganzen zu entbehren hätte, bekämpfte ich dieſen Schritt, hielt aber zu meinem Mann und brach mit meiner ganzen Familie. Deshalb auch ſchenkt' ich ihm im Geiſt meine Hoffnung, ohne daß der Edle es be— gehrt. Aber jetzt iſt keine Wahl mehr. Mein Gatte muß weichen. Heute in der erſten Frühe fand eine Scene ſtatt, die jede Ausſöhnung unmöglich macht. Um das Geringfügigſte erhob ſchon ſonſt unſer Tyrann einen Streit. Diesmal darüber, daß er eine Geſellſchaft ge⸗ ben will und zu dem Ende Anſprüche macht auf einen Theil meiner Zimmer. Ich verweigerte ſie ihm aus Gründen, die eine Hausfrau haben darf. Nicht um eine Ladung Waaren, nicht um einen Werth von Tauſenden begann er jemals einen ſolchen Streit, wie jetzt über dieſen Geſellſchaftsabend. Mein Gatte kam hinzu. Das ganze Haus wurde Zeuge eines Auftritts, der nur damit enden konnte, daß wir das Haus und das Geſchäft für immer zu räumen erklärten. Mein Gatte wird eine Stelle ſuchen, meine Mitgift und ein uns angewieſenes Zehntel vom Reinertrage des Geſchäfts reicht vielleicht aus, ihn 147 irgendwo zum Aſſocié zu machen. Wir ziehen weg von hier und wenn ich dann an ſeiner Seite lebe—— Nun dann, dann— unterbrach Bonaventura das plötzlich ſtockende Bekenntniß, dann ſchenken Sie Ihr Kind Ihrer Mutter— Ihr Gatte bedarf dann keinen weitern Beweis Ihrer Liebe mehr! Hendrika ſchwankte, aber in ihrem Worte: Hoch⸗ würdiger Vater, ich zweifle ſchon an allem—! lag eine Zuſtimmung... Der ſanfte Ton des Prieſters hatte ſie überwunden... Das ſagen Sie doch nicht! unterbrach Bonaventura. Die Liebe iſt ja mächtig in Ihnen! Auch Liebe zu Ihrer andern Mutter, zur Kirche, haben Sie noch! Sie ringt nur mit der Gott ja gleichfalls wohlgefälligen Liebe zu Ihrem Gatten. So iſt ja ein Ausgang da aus dieſem Labyrinth, der Sie vorläufig vor Conflicten mit der Seelſorge bewahrt! In den Ihnen nun verhängten künf⸗ tigen Entbehrungen kann ich nur eine Gnade des Him⸗ mels erkennen. Wie glücklich werden Sie ſein! Ganz nur Ihrem Gatten hingegeben! Seine Sorgen, ſeine Erfolge theilend! Ich will Sie in mein Gebet einſchließen!... Eine Weile dauerte es, bis Madame Delring weiter ſprach... Sie hatte ihr Taſchentuch an ihr Auge ge⸗ drückt... Mit gebrochener Stimme hauchte ſie: Und iſt es denn wirklich wahr— Und auch Sie, Sie ſagen es— mein Kind würde im Jenſeits— Sie vollendete ihre Rede nicht. Denn Bonaventura unterbrach ſie: Wir haben eben eine ſo ſchöne Einigung gehabt, eine 10* 148 Einigung, auf die hin ich Ihnen freudig die Abſolution für Ihre Zweifel ertheile und Sie auf Sonntag zum Tiſch des Herrn lade. Warum kehren Sie zu dem alten Unmuth zurück? Die Kirche hat den Abfall ſo vieler Millionen Bekenner erleben müſſen, ſie hat ihn zu einer Zeit er⸗ lebt, wo in der That ihr Weſen mannichfach entſtellt wurde. Muß ſie nun nicht ſtreng ſein, die Ihrigen zuſammenzuhal⸗ ten? Darf ſie gering denken von dem, was ihre Lehre über die Stufenfolge und die Ordnung des Heils auf⸗ geſtellt hat? Eine Sproſſe daraus weggezogen und das ganze Gebäude wankt. Zu unſerer Kirche zu gehören iſt nun einmal nach unſerer Lehre eine Wohlthat. Den⸗ ken Sie doch nur immer an das, was Sie ſelbſt als Kind glücklich gemacht hat, als Sie die erſte Annäherung an die Gemeinſchaft mit der ſichtbaren Vertretung Ihres Glaubens fühlten! Dieſe ſanften Klänge an einem Pal⸗ menſonntag, dieſe heiligen Schauer des Oſtertages, dieſe Wonnen einer höheren Liebe zu jeder Stunde des hoch⸗ heiligen Kirchenjahres— gönnen Sie ſie, ich bitte, auch Ihrem Kinde, deſſen Ankunft und weiteren Lebensgang Gott ſegnen möge! Nun ertheilte Bonaventura den Segen. Die Beich⸗ tende erhob ſich langſam... Ein Diener, der in eini⸗ ger Entfernung gewartet hatte, ſprang hinzu und half ihr beim Aufſtehen. Sie ging bis an eines der großen Portale, wo ſie ein Wagen aufnahm. Zeit zur Beſinnung blieb dem Prieſter wenig... Ob er mit ſich— zufriedener war?... Aber da half kein Blick nach innen... Schon wieder mußte er das entgegengeſetzte Fenſter öffnen... * 149 Ein großer Triumph des Beichtſtuhls iſt das Heran⸗ treten ſelbſt des Höhergebildeten zum Ohr des Prieſters. Größer aber noch möchte man den Triumph nennen, n wenn ſich ihm die männliche Jugend in jenem Alter naht, 2 wo die Knabenvorurtheile abgeſtreift ſind und ſich ſonſt der 4 ——— keimende Stolz des Mannes ſchämt, ſich noch an den Gängelbändern der erſten Erziehung zu zeigen. Ein junges re Roß zerreißt alle Stränge, bricht alle Schranken— f aber ſo halbwüchſige Jugendkraft im Beichtſtuhl zu 6 erblicken, ſelbſt da ſich demüthigend, ſelbſt da ſich unter⸗ n werfend, das iſt eine Glorie der Kirche und des Familien⸗ n⸗ lebens. Alle Abbildungen, die man von dem knieenden d heiligen Aloyſius von Gonzaga, einem frommen, offen un geſtanden, etwas blöde und geiſtlos blickenden Pagen 68 am Hofe der bigotten Nachfolger Philipp's II. ſieht, be⸗ l⸗ zwecken es, die Liebenswürdigkeit einer ganz noch in ſe Knabengewohnheit ſich haltenden Kirchlichkeit auch dem . reifſten Jünglingsalter einzuprägen. cj Thiebold de Jonge hatte wirklich, wie er an jenem ng Morgen nach dem Frühkaffee Benno„auf Ehre“ ver⸗ ſichert hatte, neun Jahre lang nicht gebeichtet. Benno c würde nichts dagegen gehabt haben, wenn von dieſem fi„auf Ehre“ die jährliche Oſterbeichte ausgenommen ge⸗ af weſen wäre; denn dieſe war, wie damals auch Paſtor Engeltraut in Druſenheim geſagt hatte, eine ganz con⸗ d1 ventionelle„Sündenabwaſchung“, der man nicht ent⸗ rathen kann und die ſich bei jedem, der keine bürgerlichen Unannehmlichkeiten erfahren will, innerhalb der katholi⸗ der ſchen Kirche von ſelbſt verſteht. Aber Thiebold de Jonge war wirklich in neun Jahren ein completter Heide ge⸗ 150 weſen. Immer traf es ſich, daß er zu Oſtern irgendwo auf Reiſen war; eine mahnende Mutter lebte nicht mehr; ſein Vater war„ohne Vorurtheile“ und als„König der Holzhöfe“, wie er hieß, in einer Vorſtadt wohnend, mit der Geſellſchaft wenig in Berührung, ausgenommen bei den Provinziallandtagen. Die Gelegenheiten, wo junge Leute Beicht- und Communionzettel brauchen, kamen bei Thie⸗ bold nicht vor. Weder brauchte er Stipendien zum Nach⸗ holen ſeiner etwas vernachläſſigten Studien, noch ließ er taufen.„Ei, wart' du nur, Kerl“, ſagte öfters ſein Vater zu ihm, wenn er die Verwilderung bemerkte,„bis du nur endlich heirathen wirſt, dann hört wol die Freigeiſterei auf! Aber!“ ſetzte er hinzu,„du wirſt wol auch ſo ein Hans Matz werden, wie—“ nun nannte er einige reiche ältere Herren aus der chriſt⸗ lichen Handelsſphäre, die, wie der„Ober-Chochem“ Moritz Fuld, vorzogen, Garcons zu bleiben. Vor vier Monaten erſt, als Thiebold ſo melancholiſch und ſo ver⸗ ſpätet von der druſenheimer Partie zurückkam und einige Tage lang ſeine beſten Leibgerichte ſtehen ließ, ſetzte der Vater hinzu:„Die Hanne Kattendyk haſt du dir nun auch entgehen laſſen! Macht ſich ſo ein hungeriger Profeſſor dran! Nannette Schmittz iſt freilich noch zu jung! Aber Joſephine Moppes, Liſette Maus, Mamſell Effingh und der kleine Schwarzkopf, der mir ſchon gefallen könnte, Betty Timpe— ſage mir nur, Kerl, warun ſchleppſt du dich mit den Brüdern dieſer Mamſells, dieſen lieder⸗ lichen Tagedieben, wenn du nicht reelle Abſichten dabei haſt!“ Von einem adeligen Freifräulein und einer jetzigen Stiftsdame war keine Rede, weil der Sohn dem Vater 151 „mit dergleichen“ ſchön angekommen wäre, obſchon Thie⸗ bold auch hier auf die Länge keine Schwierigkeit gefun⸗ den hätte und überhaupt mit ſeinem Vater auf mehr als dem Du⸗Comment kindlicher Vertraulichkeit ſtand. Der alte de Jonge ließ ſich von dem jungen de Jonge be⸗ handeln, als wenn die Rollen umgekehrt wären, er der Sohn und Thiebold der Alte. Thiebold erzog„ſeinen Alten“ und der Alte hatte ſogar Furcht vor dem Jungen und bemühte ſich ängſtlich, ihm zu Dank zu leben. Es war ein Verhältniß wie in der verkehrten Welt, was jedoch nicht ausſchloß, daß Thiebold mit dem tiefſten Schmerz ausrufen konnte:„Wenn mir'mal bei Gelegen⸗ heit der alte Mann ſterben ſollte, wüßt' ich auf Ehre nicht, wie das fertig bringen!“ Obgleich Thiebold ſeit vier Monaten ſich weder in ſeiner Toilette vernachläſſigte, noch irgendwie auffallend in ſeiner Ernährung zurückging, drückte ihn doch offenbar Melancholie. Seine Paletots gaben wol die Wintermode an, er hatte die Krägen und Aufſchläge von ſchwarzem Sammet eingeführt, die ſeinem friſchen, geſunden Antlitz und dem geſcheitelten kräftig blonden Haar das ſchönſte Relief gaben; aber ſelbſt die Be⸗ wunderung, die noch vorgeſtern Abend auf der Apoſtel⸗ ſtraße ſein Pelzrock mit Schnüren, gefüttert mit Marder⸗ fell aus dem nördlichen Canada— einem eigenen Import⸗ artikel— hervorgebracht hatte(ſelbſt bei Pitern, der ſo kindlich glückſelig ſich erging, daß er die heute ſtattgehabte „Mordſcene“ mit Delring ſchwerlich ſchon embryoniſch in ſeiner„fürchterlich reizZbaren“ Seele trug), ſelbſt dieſe Bewunderung hinderte nicht, daß ein ſchon ſeit lange 152 gehegter elegiſcher Plan kurz vor ſeiner Reiſe nach Witoborn zur Ausführung kam. In ſeinem Innerſten hatte er ſich auf etwas ertappt, was ihn drückte. Es war etwas, das er am wenigſten ſeinem angebeteten Freunde Benno von Aſſelyn und gerade darum dem Domherrn geſtehen wollte. Vorgeſtern, beim Nachhauſe⸗ gehen von der Auſternpartie, als er zwiſchen ein und zwei Uhr unter den nächtlichen Sternen nicht enden konnte, von Armgart's Mutter zu ſchwärmen und jedesmal Benno, wenn dieſer dann auch mit Efkſtaſe anfangen wollte, mit Allotrien in die Rede fiel, hätte er beinahe alle Schleier von ſeinem Innern wegfallen laſſen. Aſſelyn!— rief er; aber da war dieſer wieder durch irgendeine ironiſche Seitenbemerkung„unverbeſſer⸗ licher ausgebrannter Krater“ und ſo blieb eine„un⸗ widerſtehliche Erleichterung ſeines Buſens“ in ihm ſtecken. Heute in der Frühe zog er ſeinen canadiſchen Pelz an, las, um ſeine Katechismuszeit aufzufriſchen, in einem alten Beichtſpiegel, den er aus der Bibliothek ſeiner Mutter als Reiſegepäck nach dem frommen Witoborn mit⸗ nehmen wollte, und beſchloß, dem Domherrn eine gründ⸗ liche Schilderung gewiſſer Schlechtigkeiten zu geben mit der Bitte, das Nähere davon Benno mitzutheilen, damit ihn dieſer nicht verkenne, denn—„Eines muß der Menſch haben“, ſagte er ſich,„woran er ſich vom Thiere unter⸗ ſcheidet, welches nicht mit Vernunft begabt iſt“; ja er ſetzte hinzu:„Unter gewiſſen Umſtänden iſt das Sa⸗ krament der Buße eine merkwürdige Geſchichte!“... Zu den beſondern Segnungen des Beichtſtuhls gehören nämlich die ſogenannten„Reſtitutionen“. Der Beicht⸗ 153 hörende übernimmt dann die Ausgleichung einer ein⸗ geſtandenen Schuld, ohne daß der davon Betroffene die Ahnung hat, von wannen ihm dieſe geheimnißvolle Rechtfertigung oder unerwartete Schadloshaltung gekom⸗ men iſt... Für die ſogleich zugeſtandene neunjährige Unterlaſſung des Beichtens erhielt Thiebold Vorwürfe, die er„voll⸗ kommen in der Ordnung“ fand. Ja faſt hätte er ohne⸗ hin zur ſchnellern Orientirung des hochverehrten Prie⸗ ſters über die„betreffende Perſönlichkeit“, die hier in dem ſchönen canadiſchen Pelzrock und mit dem ſchönſten friſirten Scheitel vor ihm lag, die Ergänzung gegeben:„Schau⸗ derhaft, ſelbſt für jene wunderbare Rettung am Sturz des St.⸗Moritz fand ich keine Veranlaſſung, irgendjemand anderes zu danken, als dem Oberſten von Hülleshoven und einem Ihnen vielleicht perſönlich nicht ganz unbekann⸗ ten Ehrenmann Namens Hedemann“... Trotz dieſer zu⸗ rückgehaltenen Indiscretionen mußte Bonaventura nach einigen weitern Wechſelreden den Freund Benno's ſogleich erkennen. Nicht wenig war er überraſcht, als dieſer von ſich eingeſtand, daß auch er eine Dame liebte, die er nur „leiſe angedeutet“ zu haben glaubte durch offene Nennung ihres Namens Armgart von Hülleshoven. Ich liebe ein Mädchen, bekannte Thiebold, von dem ich vor einigen Monaten erfuhr, daß es auch das„Ideal“ eines Freundes von mir iſt, für den ich„ſonſt mein Leben laſſe“! Durch eine beſondere„Verkettung von Umſtän⸗ den“ hatten wir zuſammen eine nächtliche Reiſe zu„be⸗ ſtehen“, wir drei, die Dame, mein Freund und ich. Die Gegend war reizend, einſam und„wunderſchön“! Die 154 Nacht mondhell, die Sterne— nein, es war„wirk⸗ lich“ prachtvoll und— und—„niemand“ ſchlief,„die junge Dame ausgenommen“, die, von Anſtrengungen „übermannt“,„der Natur ihren Tribut zollte“! Mein Freund und ich, wir„zwei“,„verſtändigten uns durch gegenſeitiges Schweigen“. Merkwürdig aber! Je mehr„der Morgen graute“, deſto„finſterer wurde es“! Der Mond „verſchwand“... Die Berge, die Tannen— reizend; aber um vier Uhr Morgens„ſtichdunkel“! Unſere Be⸗ gleiterin erwachte! Sie ſeufzte und erzählte ihre Träume, die wir„um das feierliche Schweigen zu brechen“, ihr auszulegen verſuchten!„Aber“ an den einzelnen Sta⸗ tionen mußten wir ausſteigen, um mit den Poſthaltern und Poſtillonen abzurechnen, denn mein Kutſcher war mit meinen Pferden ſchon auf der erſten Station zurück⸗ geblieben. Rückſichtsvoll und feierlich, wie wir„geſtimmt“ waren, ließ einer den andern zuerſt wieder einſteigen, und zerſtreut, wie wir gleichfalls geweſen zu ſein„nicht leug⸗ nen können“, verwechſelten wir unſere Plätze. Da— da fühlt' ich auf einer der letzten Stationen vor Erreichung der„regulären Schnellpoſt“ im Dunkel eines Hohlweges eine zarte Hand in der meinigen... Die„Handſchuhe“ meines Freundes waren es nicht, obgleich es mir ſchien, als hätte er längſt auf dem Herzen, mir mit Gefühl zu ſagen: Freund, beruhigen Sie ſich! Sie ſehen wohl, ich bin der Bevorzugte! Aber nein! Die Handſchuhe waren die der jungen Dame. Ein Druck war es,„als wollte ſie ſagen“: O Geliebter, wie dank' ich Ihnen von Herzen! Sie haben mich zeitlebens zu Ihrer Schuldnerin gemacht! Bleiben Sie mir gut mein ganzes Leben lang!... Herr Gott, ich 155 zitterte! Ich wußte, daß das gar nicht mein Platz hier war und ſie mich für meinen Freund hielt! Ich erwiderte den Händedruck und das mit Beben und mit einer „gewiſſen Schüchternheit“, woraus ſie noch um ſo mehr die„Berechtigung entnahm“, glauben zu dürfen, daß der von ihr Beglückte mein Freund und nicht ich war. Die Dame legte ſich wieder in ihre Ecke„und entſchlief aufs neue“. Aber das Gewiſſen brannte mir. Herr des Himmels, der Wagen hielt, und nun mußt' ich aus⸗ ſteigen, und der Freund, der„ein wenig geſchlummert hatte“ und die Worte des lieblichen Engels„über⸗ hörte“, folgt— und nun dieſe„beklagenswerthe Ver⸗ ſchmitztheit meinerſeits“! Ich ſchlug ja vor, die Plätze wieder zu wechſeln! Und dies geſchah und der Morgen graute immermehr und der Poſtillon blies und das junge Mädchen erwachte„aufs neue“. Gott, ſie lächelte! Sie lächelte in aller Unſchuld. Sie lächelte meinen Freund an, der ihr nun wirklich gegenüberſaß! Aber„natürlicher⸗ weiſe“! Nicht im mindeſten machte dieſer Miene, ſich an eine Zärtlichkeit zu erinnern,„die er nicht genoſſen hatte“. Um meine Verlegenheit zu vermehren, gab die dankbare Freun⸗ din unſerer Herzen nun auch mir die Hand, als wollte ſie ſagen: Ganz zu kurz kommen ſollen auch Sie nicht, lieber Herr de Jonge! Und dies offenbar viel kältere Benehmen ſah mein Freund nicht ohne Befremden. Schwerlich ſchrieb er's auf„Rechnung meines Wagens“, den er zwar zu loben anfing; aber ich geſtehe, daß ich ſchon damals beſchämt war, nicht im mindeſten„honnet genug“ geweſen zu ſein und geſagt zu haben: Erlauben Sie, mein Fräulein; vorhin— das bin ich auch ge⸗ 156 weſen! Kurz, mein armer Freund blieb ohne alle Auf⸗ klärung! Ich, ich ſonſt ein Menſch von„Reellität“, habe aus„Liebesglut“ meinen Betrug verſchwiegen bis zum heutigen Tage und„ich muß geſtehen“, dieſe Lüge „entſtellt meinen ganzen Charakter“. Denn nicht nur nicht— wie geſagt— ſie einzugeſtehen war alle Tage Zeit— ſondern auch— meine Schlechtigkeiten in dieſem „Punkte“ nahmen noch zu... Bonaventura hatte ſchon oft Gelegenheit gehabt, ſich zu überzeugen, daß Benno nicht Unrecht hatte, ſeinen Freund Thiebold de Jonge einen„närriſchen Kerl“ zu nennen. Dieſe ſo wunderlich ſtyliſirten Gewiſſensſcrupel überraſchten ihn daher nicht im mindeſten. Ich kann ſagen, ich habe eine ſo gründliche Abneigung gegen mich ſelbſt gefaßt, fuhr Thiebold fort, daß ich jede Nacht um einige Stunden meines Schlafes„verkürzt“ werde. Auch werde ich keine Ruhe finden, ehe es nicht wieder„Tag in meinem Innern“ wird! Eines muß der Menſch haben, was ſeine Religion iſt und die Ehrlichkeit, glaub' ich,„ſpielt dabei keine unanſehnliche Rolle“. Welche andere„Schlechtigkeiten“ ſind es denn ſonſt noch, die Sie vorhin erwähnten? fragte Bonaventura... Die bodenloſeſte Verſtellung! ſagte Thiebold und trocknete ſich den Angſtſchweiß von der Stirn. Ich ſchmeichle nämlich meinem Freunde mit der„ſtereotypen Verſicherung“, daß die„Palme des Sieges“ nur er allein davontragen könne. Regelmäßig aber habe ich davon das abſolute Gegentheil im Herzen! Ich ſage ihm: Aſſelyn— bitte um Entſchuldigung!(Für die unerlaubte Angabe eines Namens—) Ich ſage: Freund, Sie ſind der Glück⸗ 157 lichſte der Sterblichen! Im Gegentheil aber erwäg'ich meine beſſern Umſtände, ſogar meinen„ſcheinbaren Adel“ und ähnliche„Chancen“. Dieſe„vorhabende“ Reiſe morgen nach Witoborn iſt z. B. eine ſolche ſchlechte Erfindung meiner Doppelzüngigkeit! Nicht im entfernteſten liegt für mich ein Intereſſe vor, Wälder zu kaufen, die an keinem „ſchiffbaren Waſſer“ liegen. Nichtsdeſtoweniger hab' ich dies ſchlechte Geſchäft als eine außerordentliche„Con⸗ junctur“ hingeſtellt, ja dem Freunde ſogar„ſchmählicher⸗ weiſe“ mein Bedauern ausgedrückt, daß ich ihm durch meine Anweſenheit in Witoborn ein„läſtiger Zeuge“ ſein würde. Wie geſagt, ich fange an ſtündlich über mich ſelbſt zu ſtol⸗ pern und mich dem ſchaudervollſten Trübſinn zu ergeben aus Deſperation über mich ſelbſt! Hochwürdiger Vater! Ich möchte auf die ehrliche Straße zurück! Es würde mir dies„ſtellenweiſe“ erleichtert werden, wenn Sie, hochwür⸗ diger Vater, die Güte haben wollten, meinen Freund zu verſichern, Sie wüßten aus„authentiſcher Quelle“, daß er geliebt wird. Ich würde dann mit einer gewiſſen Er⸗ leichterung neben ihm meinen Platz im Poſtwagen ein⸗ nehmen; denn wir wollen diesmal mit der gewöhnlichen Diligence fahren... Mit dieſem ſchwungvollen Schluß endete Thiebold's gründlich einſtudirte Beredſamkeit... Jeder andere, der dieſer Flüſterſprache zugehört haben würde, hätte ſicher ſeinem Ohr nicht getraut. Aber ein katholiſcher Prieſter hört dergleichen Herzensergießungen täglich. Die Neigung, die man bei Schulkindern das „Anbringen“ nennt, wird durch den Beichtſtuhl in Bezug wenigſtens des„Anbringens über ſich ſelbſt“ ſogar geſchult 158 und erzogen. Und will man ein guter Erzieher ſein, muß man zugeſtehen, daß in dem Anbringen ſelbſt über andere in der Schule ein Keim liegt, der etwas Gutes enthält. Es kann ein Wahrheits⸗ und Gerechtigkeitstrieb ſein, der nichts Unrechtes ſehen oder leiden kann. Ein Kind, dem man das Anbringen unter allen Umſtänden verleiden wollte, könnte leicht in Gefahr gerathen, am Guten irre zu werden; denn immer wird es denken: Ei, das Böſe iſt doch da⸗ für da, daß es entlarvt und beſtraft werde; wie hindert man mich denn, das Gute herzurichten? Und der Beicht⸗ ſtuhl hört deshalb mit Geduld alles, was in ihm an— gebracht wird. Auch behülflich iſt er, die Entdeckungen zu fördern und das Gute ſo wieder einzurichten und ein⸗ zufugen, daß die, die es verletzten, nicht zu ſehr dabei bloßgeſtellt werden. Er legt Strafe und Züchtigung vor— zugsweiſe für die innere Geſinnung auf, übernimmt dann aber fürs Praktiſche gern, wie wol ein liebender Vater auch thut, das von ſeinem Kind geſtohlene Gut wieder an den rechten Platz zu legen, ohne daß der Thäter auf ewig zu Schaden kommt. Der Beichtſtuhl möchte gern auf dieſe Art die Harmonie des Lebens ergänzen. Und da die Sünden, in allgemeiner Formel ausgedrückt, oft nur Redensarten ſind, ſo muß er zu dem Ende ausführ⸗ lich die Facta hören, muß wiſſen, welche Rubrik in der Moral verletzt wurde und welche Arznei zu wählen iſt, ob eine heroiſche, erſchütternde, ein Taraxakum, oder eine ſanfte und lind auflöſende... Thiebold, der ſich in dem Augenblick vorkommen mochte, wie der heilige Aloyſius, Thiebold, der als„Aufgeklärter“ nur feſthielt an dem, was„an ſeiner Kirche wirklich gut“ 159 iſt—„aufgeklärt“ und„proteſtantiſch“ lagen für ihn und vielleicht auch für Benno weit, weit auseinander—, traf heute nicht den alten guten Herrn, bei dem er an⸗ geleitet worden war richtig Beicht zu ſprechen. Der Pfarrer von Sancta⸗Maria an den Holzhöfen pflegte in ſolchen Fällen immer zu ſagen:„Geh du man, min lütje Jong(es war ein Frieſe, wie die Aſſelyns), dat ſchall ik wol maken!“ Der gute alte Herr arran⸗ girte, was Thiebold von eingeworfenen Fenſtern, Näſche⸗ reien, ſogar ſchon Schulden(bei vierzehn Jahren!) ihm eingeſtanden hatte. Hier aber mußte Thiebold erleben, daß ſeine noble Geſinnung und die„authentiſche Quelle“ und ſein„die Güte haben wollten“— nicht den min⸗ deſten Anklang fanden. Bonaventura verurtheilte ihn zwar nur zu einigen Aves und einigen Spenden, ſprach ihm aber das Ab⸗ ſolvo erſt nach folgenden ſtrengen Worten: Und können Sie mir wirklich zumuthen, daß Ich nun auch noch an dem Gewebe Ihrer Unwahrheiten mit fort⸗ ſpinne? Wollen Sie Ihren Betrug gut machen, den Sie in dem Wagen bei jener nächtlichen Fahrt geſpielt haben, ſo glaub' ich, daß Sie ihn ſelbſt bekennen müſſen. Er— leichtern will ich Ihnen dieſe Beſchämung allerdings da⸗ durch, daß ich der Meinung bin, Ihr Geſtändniß iſt zu⸗ nächſt da anzubringen, wo der Betrug ſtattfand. Zuerſt müſſen Sie der jungen Dame, die Sie nun ja wieder⸗ ſehen werden, bekennen, daß Sie es waren, der den Händedruck empfing. Die Täuſchung, die Sie begingen, iſt freilich eine doppelte. Laſſen Sie aber erſt das Ge⸗ ſtändniß vorangehen, das Sie der Dame ſelbſt zu machen 160 haben, und ſagen Sie dann mir, da ich gleichfalls in der gemeinten Gegend ſein werde, was ſie Ihnen erwiderte; vielleicht wünſcht ſie den Vorfall jetzt lieber ganz ver⸗ ſchwiegen. Soll ihn aber ſpäter Ihr Freund erfahren — und ein wirklich dann Ihretwegen beſorglicher Fall das— ſo will ich Ihrem guten Willen, Ihrer Neigung, Ihr Gewiſſen zu entlaſten, vor dem Freunde ein Zeugniß geben, das Ihre Hinterliſt nicht zu ſehr compromittirt oder wol gar eine Aufkündigung der Freundſchaft zur Folge hat, wenn nicht Schlimmeres, was ich nicht wün⸗ ſchen möchte; denn Ihre Freundſchaft iſt dem Freunde „ſchon ein Beſitz, den er hat; die Liebe jenes Mädchens aber bisjetzt etwas noch Zweifelhaftes. Ich möchte nicht, daß er um Freundſchaft und Liebe zugleich kommt.. Thiebold erhob ſich wie angedonnert... Die Ver⸗ wickelung wurde immer größer... Die ganze Freundſchaft mit Benno ſtand auf dem Spiel... Und— ein Geſtändniß ſeiner offenbaren Heimtücke an Armgart ſelbſt!.. Er ſah die vollkommenſte Niederlage, die ihm Bonaventura im Stifte Heiligenkreuz bereitete... Die Vorwürfe Armgarkt's hörte er, hörte die offenkundigſte Demüthi⸗ gung in dem kühlſten:„Sie waren das?“ das je auf Erden geſprochen wurde— Er wankte nur ſo hinaus und litt mehr, als ſich ſchildern läßt. Denn ſeine Bewunderung vor Benno's Vetter war nicht blos hoch, ſondern„höchſt“. Er mußte ſich geſtehen, unter ſolchen Gefahren und Ver⸗ wickelungen hätte er ſich die Reiſe nach Witoborn anzu⸗ treten nicht für möglich gedacht. Ruhe, Erwägung, Sammlung waren Bonaventura 161 nicht vergönnt... Wie gern hätte er ſich jetzt träumeriſch verloren in Benno's Liebe, in Armgart's Gegenliebe, die er durch ſeine Thiebold gegebene Vorſchrift prüfen, zu vollerem Bewußtſein erheben, zum reichern Schatz für ſeinen Freund anſammeln wollte. Er dachte: Vielleicht kannſt du eine dem dunkeln Lebensſchickſal deines Freundes plötzlich aufgehende roſige Beleuchtung in Witoborn ihm ſelbſt ankündigen!... Aber ſchon redete eine andere Stimme... Es war eine heiſere. Aber eine weibliche, ſoweit ein ſonderbares Näſeln und ſtoßweiſes Schluchzen ſie unter⸗ ſcheiden ließen— ein Taſchentuch mußte ſchon an allen Enden gewechſelt worden ſein, ſo feucht war es von dem Jammer der Zerknirſchung. Eine Naſe wurde dem Hö⸗ rer ſichtbar, geſchwungen wie der Schnabel eines Geiers. Drüberher ein orangegelber, ganz neuer Atlashut, mit ſchwarzem Sammet beſetzt und mit Spitzengarnitur. Es war dem Hute und dem Taſchentuche und dem Weinen zufolge eine Dame. Alles Uebrige konnte einem Manne angehören. So gewandt wie dieſe Bonaventura bereits hinlänglich bekannte Seele wußte ſelten eins die vorgeſchriebenen An⸗ reden und Formeln auswendig. Die Frau war erſt vor vierzehn Tagen dageweſen, aber ſchon wieder war ſie der Sünden ſo voll, daß der Beichtvater in ſein Examen keine andere Ordnung bringen konnte, als ſyſtematiſch nach ſämmtlichen zehn Geboten. Eine Sünderin war es ganz nach dem Schema eines Beichtſpiegels. Bei jedem Paragraphen der Moral hatte ſie ihrem Innern gleichſam ein„Eſelsohr“ gemacht. Schon neulich hatte Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 11 162 ſie unnützerweiſe dreizehnmal Gott, ſiebenmal die Hei⸗ ligen, ſiebzehnmal die Nothhelfer angerufen. Die Ter⸗ minologie des Beichtſtuhls und der Curialſtyl der Gnadenzuſtände war ihr ſo geläufig, daß man hätte ſagen mögen, ſie ſündigte auf Stempelpapier. Auch einem Diebe konnte man ſie vergleichen, der ſeine Ein⸗ brüche ſchon nach demjenigen Strafmaß qualificirt, das gerade ausreicht, ihm nach zwei Jahren wieder die Frei⸗ heit zu verſchaffen. Dies war eine Frau, die im Entzug des allerhei⸗ ligſten Sakramentes des Altars lebte. Sie behielt nur noch den Beichtſtuhl offen zur Erweckung eines beſſeren Gnadenzuſtandes. Der junge Domherr war durch vor⸗ her nothwendig geweſene officielle Mittheilung der Sachlage über eine Frau orientirt worden, die ſich alle vierzehn Tage vor ihm geberdete, als wäre ihr durch Vorenthaltung des heiligen Brotes die nothwendigſte phy⸗ ſiſche Speiſung entzogen. Mit ſolchem Seelenjammer, dem da nun auch ein Prieſter, ein Mann, der außerhalb der Ehe leben und den holden Reiz der Frauen nicht auf ſich wirken laſſen darf, ſein Ohr leihen muß, hätte Bonaventura lieber, wie die Caſuiſten in dieſem verfänglichen Kapitel, lateiniſch geſprochen! Aber ſchon war er auch von St.⸗Wolfgang her gewöhnt, daß ſich die Gewiſſen nach dieſer Seite hin mit beſonderer Vorliebe erleichter⸗ ten. Sein Vorgänger, Cajetan Rother, hatte den Drang ſeiner Beichtkinder, Sünden des Fleiſches einzugeſtehen, durch jene geiſtige Entbindungskunſt, die Sokrates in phi⸗ loſophiſchen Fragen erfunden, ſogar noch zu beleben ge⸗ 163 wußt. Kein Kind hatte er aus dem Beichtſtuhl gehen laſſen, das er nicht auf ſein Geheimſtes ausgefragt hätte. Bonaventura ſchauderte anfangs vor den Mittheilungen, die man ihm machte, und bald ließ er vieles, was ſich auszuplaudern ſchon gewohnt war, gar nicht mehr zu Worte kommen. Aber dieſe Materie blieb darum doch ein Lieblingsthema der reuigen, durch Geſtändniß halb ſich ſchon entſchuldigt glaubenden Mittheilung. Bekenntniſſe dann freilich, wie die von dieſer Frau heute ſchon zum ſechsten oder ſiebenten mal vernommenen, waren ihm noch neu. Dieſe konnten nur in einer großen Stadt vorkommen. Sie kamen ſo geläufig, ſo formenfeſt, als wollte nur ein Gewerbtreibender wie die bürgerliche, ſo hier die himm⸗ liſche Steuer entrichten, die ihm für ſein Fach die Be⸗ rechtigung gab, es wie begonnen ſo fortzuſetzen. Welche Strafen ſollte nun Bonaventura einer Frau verhängen, die als eine Gelegenheitsmacherin in Unter⸗ ſuchung gerathen war, außer dem Stande der Gnade lebte und keineswegs als gebeſſert betrachtet werden konnte? Einer Frau in glänzendem Staat, Beſitzerin einiger Häuſer, einer Frau, die in dem Rufe ſtand, bei ſich Geſellſchaften zu dulden, wo ſchon manches junge Mädchen um Ehre und Ruf gekommen? Die Polizei und die Kirche kannten Madame Schummel... Bona⸗ ventura erhielt ſie gleichſam als eine geiſtliche Obſervatin von ſeinen Vorgängern überliefert, als eine Frau, die in einer Art Kirchenbann lebte. Schon beim erſten Be⸗ ſuche, den ſie ihm im Beichtſtuhl machen mußte, ſprach er zu ihr die Worte des Propheten:„Ich will Haufen Leute über dich bringen, die dich ſteinigen und mit ihren 11* 164 Schwertern zerhauen und deine Häuſer mit Feuer ver⸗ brennen und dir dein Recht thun vor den Augen der Weiber!“ Aber dieſe markdurchſchneidenden Worte kamen der Madame Schummel, die wie ein Büßer mit der Geißel nicht ſtark genug zugehauen bekommen konnte, gerade recht. Da ſie ihn fortwährend beläſtigte, nahm ſich Bonaventura vor, bei ihren Allgemeinheiten nicht zu verharren, ihr Reden zu unterbrechen und zu verſuchen, ob es nicht auch in dem Leben ſolcher Bekennenden „Reſtitutionen“ geben könnte... Welches iſt die letzte Seele, die Sie auf dem Ge⸗ wiſſen haben? fragte er ſie heute geradezu. Du mein Gott!.. war die auf den Tod erſchrockene Antwort... An weſſen Seele haben Sie ſich zuletzt vergriffen? Geſtern? Heute ſchon? Sprechen Sie! O du mein Gott!.. Ich frage! Bonaventura's Auge erhob ſich ſo drohend, wie wenn er den vollſtändigen Kirchenbann über ſie ver⸗ hängen wollte... Frau Schummel verſtand die Drohung und fing an zu zittern und ſprach: Jeſus Maria Joſeph! Zwei junge Herren haben eine Wette gemacht,— daß ein gewiſſes junges Mädchen, nicht— nicht— ſo— nicht ſo unſchuldig ſei, wie ſte ausſähe.... Und Sie? unterbrach der Prieſter das Geſtändniß einer Frau, die nun hier auch knieen durfte an der Stätte, wo eben Unſchuld und Sittlichkeit geſprochen!.. 165 ver⸗ Ich— ich kann ſagen, daß ich ſie— ich meine das der Mädchen— begleitet habe auf Tritt und Schritt und amen ſie eingeladen, mich zu beſuchen— und gewiß— ge— t der wiß auch würde ſie gekommen ſein, wenn nicht ein— nunk, ein geiſtlicher Herr, den ich gut kenne— es bemerkt und ihr— die Bekanntſchaft mit mir verboten hätte... nahm Lin Ein— geiſtlicher Herr?„Den ich gut kenne!“ dhe Bonaventura erbebte... Er ſah die Würmer in ande der Hoſtie wieder... Doch bekämpfte er ſich und gedachte des römiſchen Katechismus, der Theil II, 5. 9. 51. be⸗ be⸗ fiehlt, der Prieſter ſoll darauf achten, daß die Sünder im Beichtſtuhl ſo behandelt werden, daß ſie immer Luſt bezeigen, wiederzukommen. uün So denn zwang er ſich zur Selbſtbeherrſchung... 1,n9 Ach, weinte Madame Schummel, meine vornehmen ifen Freunde verderben mich! Da kommen ſie und ſchmeicheln mir und bieten Geſchenke! Tauſend Thaler kann ich haben, wenn ich— ti Dies unglückliche Mädchen zu Falle bringe—? Nein, ihre Freundin! Die— die mit ihr in einem u Hauſe wohnt... In einem Hauſe?... Bonaventura wußte kaum, was 1g en ihn plötzlich an Treudchen Ley und Lucinden zu denken . zwang— er wußte kaum, was ihm plötzlich die Beſin⸗ Ae nung raubte, zwang ſeine Fragen zu unterbrechen, ſeinen dchen mc. Entſchluß zu helfen lähmte... vie ſ Ich Aermſte, ich ſoll alles möglich machen! ſchluchzte Madame Schummel. Ich unglückliche Frau ich— .] Sie werden alles verſuchen, die Preiſe zu gewinnen m de 166 die ſittenloſe Männer auf dieſe Verführungen ſtellen! ſagte Bonaventura... Nein, da ſei Gott für, hochwürdiger Vater! Die Eine, die Kleine, ei, ich höre ja, die iſt fürs Kloſter beſtimmt... Treudchen!.. Bonaventura wußte, wie Treudchen von den Kloſterfrauen gefeſſelt wurde, wußte, wie Treudchen ebenſo die Schweſter Beate fürchtete, wie ſie die Schwe⸗ ſter Thereſe liebte. Treudchen hatte ihm alles das bei einem Beſuch im Kapitelhauſe, bei ihrer, Renaten an⸗ gebotenen Hülfe zu ſeiner neuen Einrichtung ſelbſt er⸗ zählt... Mit hochklopfendem Herzen fragte er: Und die andere—? Maria, Königin der Jungfrauen, laſſ' mich ſiegen bei allen Angriffen der Feinde meines Heiles! Mein heiliger Schutzengel, bitte für mich und erlange mir ei⸗ nen großen Abſcheu gegen alle Fleiſcheslüſte. Und du, Gott der unendlichen Barmherzigkeit— Schweigen Sie! unterbrach Bonaventura die aus⸗ wendig gelernte und ſtatt der Antwort auf die ſcheinbar überhörte Frage vorgetragene Litanei eines Gebetbuches. Unterlaſſen Sie jeden Verſuch zu dieſen fluchwürdigen Freveln und beten Sie die eben von Ihnen begonnenen Worte drüben an den Stufen der heiligen Afra⸗Ka⸗ pelle!... Er mußte ſich ſagen— ſein Amt ſchrieb es ihm vor— der Glaube erleuchtete auch die heilige Afra, die urſprünglich ganz auf den Wegen dieſer Frau wan⸗ delte, erleuchtete eine Margaretha von Catona, auf e bis in ihr einunddreißigſtes Jahr gleichfalls jene tellen! Eine, mt... n von udchen chwe⸗ s bei n an⸗ ſt er⸗ ſiegen Mein tir ei⸗ d du, aus⸗ einbar uches. ndigen menen 167 Worte des Propheten paßten, die er zum erſten Gruß zur Frau Schummel geſprochen, und die dennoch eine Büßerin wurde und nicht nur in ihrem Grabe mit unverweſtem Leichnam liegt, ſondern ſogar im Gegentheil, worüber ſie heilig geſprochen worden iſt, einen eigenthümlich„an⸗ genehmen Geruch verbreitet“... Und über Lucindens Lebensgänge zu forſchen, verließ ihn alle Kraft. Auch war Frau Schummel ſchon verſchwunden— ohne Abſo⸗ lution, wie gewöhnlich. Auf das Wort:„Heilige Afra“, das Bonaventura mit einer ſegnenden Handbewegung ge⸗ ſprochen, hatte ſie ſelbſt im Knieen geknixt und erhob ſich. Sie hoffte, mit der Zeit ihr erworbenes Vermögen in ungeſtörter Ruhe und endlicher Verſöhnung mit den öffentlichen Thatſachen genießen zu können. Leichtere Fälle kamen dann, die Bonaventura's er⸗ ſchüttertem Gemüthe Erholung geſtatteten... Er übereilte nichts... er ließ jedem Zeit, ſich auszuſprechen... Einigen, die zu redſelig wurden, ſagte er mit Sanft⸗ muth, daß die bewilligte Zeit bald vorüber wäre, ſie möchten ein nächſtes mal kommen und dafür ſorgen, daß ſie vom Meßner den Vortritt erhielten. Soll es denn ſo ſein? rief es wie ein Weheſchrei in ihm auf, als dann endlich drei Stunden vorüber waren. Darf es eine Inſtitution geben, die uns der Sünde gegenüber nur zu Hörenden macht, nur zu Be⸗ lauſchern dieſes bunten, entſetzlichen Lebens? Soll das Bedrängte nicht ſofort Entſatz erhalten von jedem, der davon nur die leiſeſte Kunde vernimmt? Soll einen i Erfahrung gebrachte Wahrheit nicht ſofort laut 168 digt, ein Verbrechen durch uns zur Beſtrafung gebracht werden?.. Wie viel Hülfeſchreie verhallten nun ſchon ſo in ſeiner Bruſt!... Wozu das alles! ſeufzte er... Wozu? Wozu? Ein feierliches Hochamt in einem entlegneren Theile des großen Baues hatte begonnen... Niemand kam mehr, um an ſein Ohr zu gelangen... Aber noch ſaß er, als blutete er aus tauſend Wunden... Ein Er⸗ zittern, ein fieberhaftes Fröſteln fühlte er bis tief in ſein Allinnerſtes... Im Begriff ſich jetzt zu erheben, faltete er ſein Tuch zuſammen. Schon hatte er den Drücker der Thür in der Hand, um ſein enges Gefängniß zu verlaſſen, ſchon ſah er im Geiſt gewohntermaßen den Meßner vor ſich, der voll Ehrfurcht und mit einem nie ſo reich geweſenen Ertrag von„Beichtpfennigen“, wie ſich jetzt ein ſolcher ſeit der Erhebung dieſes gefeierten Prieſters zum Domherrn ergab, ihn empfing und zur Sakriſtei geleitete.. Als er mit einem Fuße ſchon aus dem Beichtſtuhl war, bemerkte er, daß der Meßner einen Zuſpätgekom⸗ menen, der an der linken Seite des Stuhles knieete, ent⸗ fernen wollte... Es war ein Mann aus dem unterſten Volke, mit einer Blouſe über dem Rock. Ein Filzhut bedeckte das nicht ſichtbare Antlitz... nur ein krauſes, ſtruppiges, röthlich blondes Haar ſah er. Der⸗Betende ſchien ſich nicht wollen ſtören zu laſſen... Bonaventura winkte dem Meßner und trat in den hl zurück... bracht ſeiner 7 Theile kam hſaß Er⸗ ſein Tuch ür in ſten ſic, ſenen r ſeit herrn tſtuhl ekom⸗ ent⸗ 169 Mächtig ſchollen die Klänge des Hochamts, heute ſogar, wie oft, begleitet von einer Inſtrumentalmuſik. Sie wogten durch das hohe Gewölbe und dennoch blieb in dieſem entlegenen, dunkeln Winkel die geflüſterte Zwie⸗ ſprache innerhalb des Stuhles deutlich vernehmbar. Eine heiſere, fremdartig betonende Stimme war es, die mit ihm ſprach... Bald erkannte er, daß ſich ihm ein ruheloſes Ge⸗ müth offenbaren wollte... Er erkannte, daß er mit einem Verbrecher ſprach... Eine Zeit lang hörte er ruhig zu. Der Ton ſchien von einer nicht gänzlich verwahrloſten Seele zu kommen, aber auch von einem Gemüthe höchſter Beſchränkung... Der Mann ſprach von einer unterirdiſchen Erſcheinung, von einem Marienbilde unter der Erde, das ihm oft⸗ mals zurufe: Thue Buße!„.. Es hätte ihm ſchon ein⸗ mal die Warnung vor einem Manne gegeben, der dann auch richtig neulich hätte den Kopf hergeben müſſen... Hammaker? ſprach Bonaventura zu ſich... Der Mann erzählte, er wäre unter Verbrechern auf⸗ gewachſen, hätte bitter gebüßt, lange Jahre in Frank⸗ reich in Kerker und Banden gelebt, ſich im Vaterland netabliren“ wollen— immer war das Deutſche von franzöſiſchen Worten unterbrochen— aber neue Verfüh⸗ rung wäre gekommen, ſelbſt das Heiligſte hätte ihn nicht zurückgeſchreckt— er hätte ein Grab erbrochen... Bonaventura bebte auf... Nun erſcheine ihm auch, ſagte die Stimme, der Todte, den er auf die nackte Erde geworfen, und for⸗ dere von ihm zurück, was er ihm genommen, und doch 170 wäre es nichts geweſen, qu une bagatelle— Schriften, die er nicht leſen könne.. Bonaventura hörte ſchon nicht mehr... Die Sinne vergingen ihm... Bei der erſten Ahnung, mit einem Verbrecher zu ſprechen, hatte er ſein Antlitz ganz ver⸗ hüllt, hatte die ganze, volle Vorſchrift der Regel des Beichthörens auf ſich wirken laſſen und ſich ſo verbor⸗ gen, daß der Geſtändige in ſeinem Muthe nicht wan⸗ kend werden ſollte... Nun dieſe neue Entdeckung! War das Bickert, der Knecht aus dem Weißen Roß? Der Leichenſtörer, den die Häſcher ſeit Monaten ſuchten? Bickert, der mehr gefunden im Sarge des alten Meviſſen, als Bonaventura dem Onkel Dechanten vorgelegt? Schrif⸗ ten, die an ſeinen Vater erinnern konnten— Hinauszuſtürzen aus dem Beichtſtuhl, den Verbre⸗ cher feſtzuhalten, Hülfe zu rufen— das war ſofort ſein Gedanke— aber— Innocenz und Hildebrand, wie ſchultet ihr euere Reiſige! Ein katholiſcher Prieſter wird er⸗ zogen, in der Beichte von Ravaillac zu hören, daß er den König von Frankreich ermorden wolle. Er wird, ähnlich wie Pater Cotton, der Jeſuit, gethan, auf dieſen ihm vorgelegten Fall antworten: Ich werde den König warnen, werde ſtündlich um ihn ſein, werde den Todes⸗ ſtoß ſtatt ſeiner empfangen; aber dem Mörder kann ich nur ſeine Sünde vorhalten und ihm ins Gewiſſen reden — ſeine That gehört Gott— ſeine Perſon kenn' ich nicht... Die Beichte zu ſprechen, nennt die Kirche das ſchönſte und größte Heldenthum des Menſchen. Petrus weinte bittere Thränen, Magdalena wand ſich zu den 171 Füßen des Heilands, Auguſtinus geſtand in ſeinen Be⸗ kenntniſſen die Verirrungen ſeiner Jugend... Aber nicht minder groß iſt das Heldenthum des Beichthörens... Chriſtus hörte noch die Beichte eines Mörders, der am Kreuze neben ihm hing, während ſein eigenes Leben ver⸗ ſchmachtete und der unbußfertige Schächer ihn läſterte... Und dennoch, dennoch riß unſern Freund die kind⸗ liche Liebe hin... Unglücklicher! rief er faſt in die ſchmetternden Klänge des Hochamts hinaus. Was führt dich gerade zu mir? Wiſſe! Ich, ich bin der Pfarrer des Friedhofs geweſen, den du entweihteſt in Sanct-Wolfgang! Das rothblonde ſtruppige Haupt erhob ſich einen Augenblick und ſank, zuckend unter einem grauen Hute ſich verbergend, kraftlos nieder... Der Spätling hatte dieſe Fügung des Zufalls nicht erwartet... Ueberſende mir die Schriften, von denen du ſprichſt! Die Ruhe meines Lebens hängt von ihnen ab!... Ach, gewiß auch die Ruhe deines Lebens! Weißt du doch, ſelig ſind die Todten, denn ſie werden Gott ſchauen! Vor ſeinem allwiſſenden Antlitz wird der von dir in ſei⸗ nem Grabe Geſtörte auch für deine Seele bitten! Iſt deine Reue eine wahre, iſt dieſe Anfechtung zur Rückkehr in alte Schuld die letzte geweſen, dann kniee nieder vor der allerſeligſten Jungfrau, wenn ſie dir wieder erſcheint in den Höhlen, wo du vor dem Arme der Gerechtigkeit dich verbirgſt, bekenne ihr deinen Trieb zur Beſſerung, und willſt du die vollſte Ausſöhnung mit Gott auch nur einmal, einmal erproben, in dem Genuß ſeines heiligen Leibes, o, ſo will ich dir das allerheiligſte Sakrament 172 des Altars nicht entziehen, will dir die Erweckung durch den Mitgenuß ſeines gekreuzigten Leibes nicht verſagen — Oder haſt du noch irgendeine andere Schuld auf deiner Seele—? Der Verbrecher athmete ſchwer und erhob ſein Haupt nicht wieder... Es war Bonaventura, als hörte er ein Murmeln: Ich hatte— Du hatteſt? O rede! Du hatteſt?— Ein— ein Engagement— Wozu? Zu einer ruchloſen andern That? Syrrich! Vertraue mir! Ein Feuer— Sollteſt du anlegen? Ha! Eine Urkunde— eine falſche Urkunde in dem Tumulte irgendwo niederlegen! Wo? Wo? Sgprich! Es iſt vorüber— Schon geſchehen? Ihr Heiligen! Nein, Herr, nein!— Aber es wird geſchehen! Nein, Herr, nein— Wen ſoll ich warnen? Rede! Der Verbrecher ſchwieg... Rede! Keine Antwort erfolgte... Der Verbrecher mur⸗ melte ein Gebet... 4 Nun denn, ſagte Bonaventura nach einer Weile, ſo ſei dir dies Vorhaben vergeben, wenn es unterbleibt und du es um Jeſu willen bereuſt! Aber auch dies noch! Mein Name iſt Bonaventura von Aſſelyn! Meine 173 Wohnung im Kapitelhauſe! Sende mir die Schriften, die dir nichts nützen können! Nie, nie will ich dich er⸗ kennen! Ich ſah dich ja nicht, ich will dich nicht ſehen, ich ſpreche dir Befreiung deiner Schuld und ſchließe das Gitter, daß du dich ungeſtört entfernen kannſt! Beim Tiſch des Herrn will ich dich, falls du dein Vorhaben unterläſſeſt und mir die Schriften ſchickſt, anlächeln wie dein Freund wenn ich dir das Brot des Lebens reiche! Absolvo te in nomine patris, filii et spiritus sancti! Amen! Bonaventura machte das Zeichen des Kreuzes— zog das Fenſter zu... und erhob ſich... Als er ſich zitternd entfernte, war niemand mehr gegenwärtig, ſelbſt der Meßner nicht... Das Hochamt tönte fort... Wie eine Geiſtererſcheinung war, was er erlebt hatte Er wankte dahin wie weſenlos... wie ein Hauch der Lüfke... In dem ihn umrauſchenden Gewühl des Lebens, unter den ſich drängenden Menſchen, die ihm auswichen, hinter dem Meßner, der ihn in einiger Entfernung er⸗ wartet hatte und ſich ihm anſchloß und Platz machte, daß er hindurchkonnte zur Sakriſtei, war ſein Sein das, was nach einem griechiſchen Dichter wir alle ſind, nicht ein Schatten nur, nur eines„Schattens Traum“. Bei alledem ſprach ihm, als er ſich umkleidete, ſein Gewiſſen: Haſt du dich nicht von deinem perſönlichen Intereſſe fortreißen laſſen? Blieb nicht ein Vorhaben zu wenig eingeſtanden, das viel wichtiger iſt, als jenes Blatt Papier?... Bickert war ein Bundesgenoſſe Hammaker's 174 Eine Feuersbrunſt ſtand vor ſeinen Augen und wollte nicht weichen. Benno holte ihn ab, um ihn in ſeine Wohnung zu begleiten und von ihm Abſchied zu nehmen... Was mußte nicht alles ſein Mund verſchweigen! Er wußte nicht, was ihn beſtimmte, zu ſagen: Seid auf Schloß Weſterhof nur wachſam! Tag und Nacht haltet doch Obhut!... ... Wie bangte er der Hoffnung entgegen, die Räthſel jenes Sarges von St.⸗Wolfgang gelöſt zu ſehen! ind 6. Piter's Geſellſchaftsabend rückte näher... Eine Aenderung ſeines Programms durch die mit Delring und ſeiner Schweſter Hendrika ſtattgefundene Scene konnte man„von ihm nicht verlangen“. Selbſt ſeine Mutter und ſeine andern Geſchwiſter waren ſchon zu weit in den Zurüſtungen ihrer Toiletten vorgeſchritten, als daß eine ſo bedenkliche und für alle daran eiligten tief erſchütternde Wendung der Dinge, wie Delring's Austritt aus dem Geſchäft und die Aufgabe ſeiner Wohnung im ſchwiegerälterlichen Hauſe, etwas darin hätte ändern können. Die Commerzienräthin weinte zwar bittere Thränen, aber ſie hütete ſich wohl, daß eine derſelben auf die ſchweren ſilbergrauen Moireeſtoffe fiel, welche ſie täglich zweimal bei ihrer Schneiderin anpaßte. Die Equipagen ihres Hauſes ſowol wie die des Procurators raſſelten durch die Straßen mit einer Eile, als könnten plötzlich in der Stadt alle ſchinirten Sammete, aller Gros de Naples, alle Stoffe zu Bor⸗ duren und Blonden aufgekauft werden. Die obern Zimmer blieben von Hendrika Delring für 176 den Abend verweigert. Piter hatte dort eine„Retraite“ für ſeine Freunde arrangiren wollen, wo ſie in gemüth⸗ licher„Nonchalance“ ſich gehen laſſen konnten; er wollte, das war ſeine Idee, höchſten Salon und tiefſten Auſtern⸗ keller für jenen Abend vereinigen. Geſang und„ geiſt⸗ reiches“ Geſpräch ſollte die Cigarre und einen kleinen „Ulk“ nicht ausſchließen. Die Wendeltreppe eignete ſich ſo prächtig für dieſe gemüthliche Miſchung! Indeſſen war dies Arrangement nicht zu ermöglichen und Johanna, ſeine jüngſte Schweſter, ſeine älteſte, Joſe— phine, die Frau Oberprocurator, ſämmtliche Haus⸗ freunde gaben Pitern diesmal unbedingt Recht, wenn er von einem„denn doch koloſſalen“ Eigenſinn ſprach, und nur ſeine von ihm gebrauchten Kraftausdrücke ängſtigten ſie, beſonders vor Fräulein Lucinden, deren hohe Bil⸗ dung und ſchüchterne Sittſamkeit täglich hier im Hauſe Redensarten zu hören bekam, die ſie bei ſoviel Frömmig⸗ keit nicht hätte vorausſetzen ſollen. 4 Nur vor Dominicus Nück hatte Piter einige Furcht. Dieſer Sonderling war noch immer im Stande, ihn zu⸗ weilen wie einen zehnjährigen Knaben zu behandeln. Eine Bürgſchaft für den Beſtand des Geſchäfts konnte dem klugen Manne Piter's Alleinherrſchaft nicht erſcheinen. Letzterer ahnte das und beſorgte Erklärungen, um ſo mehr als Nück ſchon lange ein Gegner dieſer projectirten Geſellſchaft war. In Sack und Aſche ſollten wir gehen, hatte er zu ſeiner Frau geſagt, und dieſer Menſch thut den Neunmal⸗Weiſen den Gefallen und will illu⸗ miniren laſſen!... Seine Gattin hatte ſeit lange keine ſo wortreiche Unterhaltung mit ihm geführt. Sie ſich ſſen und oſe⸗ uus⸗ n er und gten Bil⸗ auſe mig⸗ nccht. zü⸗ ndeln. onnte einen. mehr tirten ehen, ſdenſch illu⸗ keine Sie 177 hätte ſchon um dieſer ſeltenen Vertraulichkeit willen auf ihres Gatten Zorn über den„dummen Jungen“, wie Piter ſchon eine hübſche Reihe von Jahren bei ihm hieß, eingehen ſollen; aber die Höhe ihrer Volants an einer wundervollen Roſatoilette nahm ſie ſo in Anſpruch, daß ſie nur immer das Rauſchen ihres Eintritts in den Salon hörte und den Moment bedachte, wo ſie ſich an dem feſt⸗ lichen Abend zum erſtenmal niederlaſſen würde, nicht zu nahe am Ofen und nicht zu dicht unterm Kronenleuchter; denn die Arme litt bei ſolchen Abenden an einem krank⸗ haften Echauffement und hatte dann vor Zorn über ſich ſelbſt und den Schöpfer, der ſie ins Leben gerufen, ſchon manchen koſtbaren Fächer zerknittert, dieſer Röthe ge⸗ denkend, die ihr die Stirn, die Naſe und beſon⸗ ders die Ohren mit einer unheimlichen Ziegelſteinfarbe überzog. Die„Religion“ war in der That einige Tage lang im Kattendyk'ſchen Hauſe ſuspendirt. Piter bekam in allen Punkten Recht, ſelbſt wenn er ſeine Meinungen des Tages einigemal wechſelte und ſich ſelber wider⸗ ſprach. Auch ein ganz beſonders maliciöſer Antagoniſt gegen ihn fehlte glücklicherweiſe, der außerordentliche Profeſſor Guido Goldfinger, Johannens Verlobter, der erſt zu dem Geſellſchaftsabend ſelbſt ankommen wollte. Dieſer junge Mann machte mit einer glänzenden Heirath ſein Glück, war aber für dies Glück von ſeinem Vater, dem Medicinalrath, förmlich erzogen worden. Gerade die Sicherheit ſeines Benehmens gab ihm den außer⸗ ordentlichen Vorſprung bei der Mutter und bei Johannen. Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 12 2 178 Auf der vielfach angedeuteten Univerſität lehrte er Natur⸗ wiſſenſchaften vom rechtgläubigen Standpunkte. Er be⸗ wies wiſſenſchaftlich, daß es Pflanzen gäbe, die die Marterwerkzeuge in ihrem Kelche ſchon von Anbeginn ebenſo hätten tragen müſſen, wie die Propheten bereits von allen Einzelheiten im künftigen Leben des Meſſias wußten. An einer„Heiligen Botanik“, ſchrieb er, in der alle in der Bibel vorkommenden Pflanzen in alphabetiſcher Reihenfolge behandelt wurden. Wenn ſein kurzes, ſchneidendes Weſen in den Abendgeſellſchaften (von ſeinem von drei bis vier Zuhörern umſeſſenen Ka⸗ theder kam er wöchentlich einmal herüber) Pitern gegen⸗ über Stickſtoff, Sauerſtoff, Polarität und ähnliche ſchwie⸗ rige Fragen zu ſehr accentuirte und darüber Piter„un⸗ angenehm“ wurde und vor ſolchen„Kindereien, die er ſich ſchon in der Schule abgelaufen hätte“, ſich nicht im mindeſten zu ängſtigen erklärte, falls der Profeſſor ihn rundweg anfuhr:„Das verſtehen Sie nicht!“ ſo ſagte der alte Sänger Ignaz Pötzl, indem er dann einmal von den Bologneſerhündchen die alten magern, ſie ſtrei⸗ chelnden Hände abließ, mit halblautem Seufzer:„O Yſop, Yſop! wann wirſt du an die Reihe kommen!“ Darunter verſtand Pötzl, wie alle Anweſenden aus dem engern Familienkreiſe wußten, den letzten Artikel der„Heiligen Botanik“; denn erſt mit dem Abſchluß dieſes groß⸗ artigen Werks, das auf Koſten der Commerzienräthin gedruckt werden mußte, ſollte die Hochzeit ſtattfinden. Leider ſtand der Profeſſor erſt bei der Wurzel Jeſſe, bei der er ſich, wie er mit ſardoniſcher Galanterie hinter ſeiner blauen Brille hervor Johannen zuflüſterte, des⸗ Natur⸗ Er be⸗ die die nbeginn bereits Meſſias ieb er, zen in Wenn caften en Ka⸗ gegel⸗ ſchwie⸗ r„un⸗ die er ich in or ihn ſagte einmal e ſtrei⸗ Nop, runter engern eiligen groß⸗ räthin finden. 8 eſſe, hinter des⸗ 179 halb ſo lange aufhalten müſſe, weil ihn zu ſehr der Buchſtabe A feſſelte. Am empfindlichſten war Pitern der Eindruck, den ſein Bruch mit Delring auf Treudchen machte. Sie ſelbſt hatte der Scene nicht beigewohnt, nach der ſich ihre Herrſchaft in den Beichtſtuhl des„neuen Heiligen“ Bonaventura von Aſſelyn flüchtete, aber ſie erfuhr alles Geſchehene, als ſie von einem Einkaufsausgang nach Hauſe kam. Lucinde hatte ihr ſchon lange den Rath gegeben, Pitern etwas zu tyranniſiren. So oft er ihr nun ſeit— dem auf der Treppe begegnete, wobei eine raſche Hand⸗ bewegung, manchmal das Verlangen, ihm einen Knopf am hingehaltenen Hemdärmel ſofort auf der Treppe an⸗ zunähen, ſchon zur Gewohnheit geworden war, zeigte ſie ihr Schmollen. Piter hatte jetzt nur zu viel mit ſeinem „Programm“ zu thun, ſonſt würde ihm dies Ausweichen unerträglich geweſen ſein. Schon weckte er durch ſeine Leidenſchaft Spott und„Hohngelächter“ und Zweifel des Neides, beſonders bei den ſtillen Charakteren Wei⸗ genand Maus und Aloys Effingh, die ſchon vor längerer Zeit über ſeine Entzückungen die harmloſen, aber bedeut⸗ ſamen Worte fallen ließen: Nur nicht zu üppig, Kat⸗ tendyk!... Lucinden ſchonte Piter um Treudchens willen. Auch ſprachen ja Benno von Aſſelyn und Thiebold de Jonge mit einer höchſt reſpectvollen Scheu von der Geſell⸗ ſchafterin ſeiner Mutter. Benno war zu gewiſſen⸗ haft, um die für Bonaventura's Lebensſtellung nicht paſſende Leidenſchaft Lucindens zu verrathen. Auch mußte er anerkennen, daß durch die faſt ſchimpfliche Ent⸗ 12* 180 fernung aus der Dechanei Lucinde vollkommen berechtigt war, auch ihm gegenüber jenen Humor aufzugeben, deſſen Ausbrüche ihn erſt dämoniſch abgeſtoßen, zuletzt gefeſſelt hatten. Die Wahrheit des einen Wortes, das Lucinde Benno beim erſten Begegnen am Theetiſch der Frau Wal⸗ purga zugeflüſtert hatte:„In Kocher am Fall hab' ich Bitteres erlebt!“ durfte er nicht anzweifeln. Wohl be⸗ merkte ſein ſcharfes Auge, daß Lucinde auch hier ſchon mit dem ganzen Hauſe und den Schwächen deſſelben ſpielte; aber Koketterie war es nicht, als ſie ihn eines Abends bat, ſich ihres vernachläſſigten Latein anzuneh⸗ men; ſie wolle, ſagte ſie, die Bekenntniſſe des Auguſtinus, die Geſchichte ſeines Lebens-Trahimur, in der Urſprache leſen. Zu Thiebold's Erſtaunen über dies„Zauberweib“ kaufte ihr Benno ein Lexikon, verſchaffte ihr Uebungsbücher und mußte ſich geſtehen, daß die Art, wie ſie ihm dafür das Geld ſchickte und ihren Dank in einem Briefe be⸗ zeigte, einen graziöſern Geiſt verrieth, als er ihrer Schroffheit zugetraut hatte. Das Geld kam auf der „Schreibſtube“ Nück's an und war dort in ſeiner Abweſen⸗ heit dem Principal übergeben worden. Als Nück die Veranlaſſung dieſer Geldſendung aus dem Kattendyk'ſchen Hauſe erfuhr und mit eigenthümlich zwinkernden Augen auch den ihm von Benno dargereichten Brief geleſen hatte, erfuhr letzterer, daß die Wirkung, die Lucinde hervor⸗ brachte, immer allgemeiner wurde. Wo man nur auf das Kattendykſche Haus zu ſprechen kam, wurde nach Lucinden gefragt. Schön erſchien ſie allen, den Frauen etwas unheimlich. Auch Männer brauchten zuweilen den Ausdruck, ſie hätte zu viel Geiſterhaftes. Nur be⸗ ſchon elben eines meh⸗ inus, rache veib“ ücher dafür 2 be⸗ ihrer f der veſen⸗ f die kſchen Augen hatte ervol⸗ r auf : nah Fraue weilen 1 181 über ihre beiſpielloſe Frömmigkeit waren alle überein⸗ ſtimmend. Eines Tages erfuhr Benno von Thiebold, daß Nück an dem ſeit einiger Zeit häufiger von ihm beſuchten Theetiſch ſeiner Schwiegermutter Lucinden halb⸗ laut ein Wort geſprochen hätte, das dieſer die ſeit einiger Zeit immer nur bleichen Wangen purpurn überfärbte. Es war von einer ſchon zunehmenden Gewöhnung Lu⸗ cindens an das Leben im Hauſe und in der Stadt die Rede und von ihrer frühern übergroßen Verſchüchterung. „Sie ſind eine Jerichoroſe!“ hatte Nück geflüſtert. Thie⸗ bold verſtand dieſe Vergleichung nicht. Im Benno wollte er„nachſchlagen“, was ſie bedeute. Als ihm Benno die Erklärung gab: Eine Jerichoroſe iſt ein rankenartiges Gewächs mit einer wunderbar geſtalteten und duftenden Blume, die zeitweilig ganz ledern, welk und verkommen ausſehen kann, legt man ſie aber in heißes Waſſer, ſo quellen ihre Blätter auf und ſind, wenn ſie auch ſeit Jahr und Tag vertrocknet ſchienen, plötzlich wieder ſo friſch, als wenn die Blume zum erſten mal blühte... da wetterte Thiebold über den Außerordentlichen, der ge⸗ rade zugegen geweſen war und die Jerichoroſe nur„la⸗ teiniſch“, d. h. gelehrt gefaßt und geſagt hätte: Die heilige Botanik hat es mit zweierlei Jerichoroſen zu thun. Die eine iſt die der Legende: Maria auf der Flucht nach Aegypten ſteigt von dem Eſel und da, wo ihr Fuß den Wüſtenſand berührt, ſprießt die Jerichoroſe auf. Die andern ſind diejenigen Roſen von Jericho, die bei Sirach vorkommen in der für die heilige Botanik ſo claſſiſchen Stelle... Viel lieber hätte Thiebold gewünſcht, man hätte verweilt bei der vollſtändigern Beziehung dieſer Ver⸗ 182 gleichungen auf ein Weſen, das für die ganze gebildete Geſellſchaft der Stadt immermehr einen eigenthümlich verſchleierten Reiz gewann. Der verhängnißvolle Feſttag erſchien... Die Vor⸗ bereitungen zu dem Abend ſiſtirten bei Pitern den ganzen geſchäftlichen Ex⸗ und Import. Heute galt es den Triumph ſeiner durchbrochenen Mauern, neugeſchaffenen Kamine, portierenverdeckten Thüren. Auch hatte er ſchon in der Dienerſchaft ſeit lange manche Reformen angebahnt. Die alten hatte er zwar nicht entfernen können, aber ſie für den einzuführenden beſſern Ton„unſchädlich ge⸗ macht“. Kathrine Fenchelmeyer behauptete ſich in der Küche, trotzdem daß Thiebold eines Abends geſagt hatte: „Eigentlich mit Geiſt kochen kann nur ein Mann!“ eine Behauptung, worüber ein fünfſtündiger Streit unter den Freunden entſtand, der für Pitern ſo intereſſant und an⸗ regend wurde, daß er ſich das neue Buch„Geiſt der Koch⸗ kunſt“ kaufte. Ueberhaupt gab er viel Geld für die⸗ jenige Literatur aus, die ihm in ſchönen Einbänden hinter einem Glasſchrank zu beſitzen nöthig ſchien, um jenes gewiſſe Etwas eines der Kaufleute zu gewinnen, die ſo„merkwürdig beſchlagen“ ſind in allem, was die Zahl der Stecknadeln anbetrifft, die eine birminghamer Maſchine in einer Stunde hervorbringen kann. Auf jedes Buch, das für Delring's Bibliothek vom Buch⸗ händler im Comptoir abgegeben wurde, ſetzte er ein an⸗ deres und nicht immer Werke über Cavalierperſpective, „Diätetik der Seele“, Blumauer's„Aeneide“, die„Job⸗ ſiade“ und ähnliche claſſiſche Schriften, die unter den Freunden bewundert wurden, auch Mac Culloch und 183 Reiſebeſchreibungen in Vorder⸗ und Hinter⸗Aſien. Ka⸗ thrine hatte füjr den Abend einen Koch zu Hülfe ge⸗ nommen— Piter entließ ſie nicht, weil unter den Freunden trotz aller Bewunderung vor den Speiſen, die man in Paris bei Very finden konnte, feſtſtand, daß Sauerkraut, Erbſen und Dürrfleiſch nirgends ſo „famos“ zubereitet wurden, wie bei ihm. Auch über die richtige Art, den Wein einzuſchenken, trug im kleinen Kreiſe Joſeph Moppes manchmal förmliche Ab⸗ handlungen vor. Wehe den neuen Dienern oder den am Freitag zu Dienern avancirenden Hausknechten— auf die engagirten Lohnbediente war eher Verlaß— wenn ſie beim Einſchenken der Weine nicht der Theorie ent⸗ ſprachen, die Piter ihnen kurz vor Eröffnung der Flü⸗ gelthüren noch einſchärfen wollte. Ob ihn die Scrupel wegen der„trauernden Religion“ nicht beſtimmen ſoll⸗ ten, daß die Diener ſämmtlich ſchwarzbaumwollene Hand⸗ ſchuhe ſtatt weißer anzogen? In dem Auſternkeller neulich hatte man dieſen Piter'ſchen Gedanken erſt bewundert, dann ihn aber doch fallen laſſen. Weigenand Maus hatte ſogar geſagt:„Wehe dem Kaufmann, der über⸗ haupt Religion hat!“—„Sie meinen eine andere Religion, als die des ehrlichen Mannes?“ polterte Thie⸗ bold auf, der an ſeine„vorhabende“ Beichte dachte. Geb⸗ hard Schmitz, der Dialektkünſtler, um etwaigem„Streite“ vorzubeugen, fiel mit einem allgemeine Acclamation er⸗ weckenden Worte ein:„Meine Herren! Ich ſage, wehe dem Kaufmann, der jetzt eine andere Religion hat, als die jüdiſche!“ Piter ſtand nun wie Napoleon vor einer Schlacht. Er 184 hatte ſich auf alles vorbereitet, ſogar das Verdrießlichſte, auf Abſagebriefe. Sein lebhafter Geiſt ſah ſogar ſämmt⸗ liche Lampen nicht brennen, hörte Cylinder zerſpringen, hörte ſtockende Geſpräche. Aber er ſuchte allem zu begegnen durch Reſervevorräthe; ſogar von Anekdoten hielt er ſich ein kleines Lager in Bereitſchaft. Aus dem„Demokri⸗ tos“ hatte er ſich einige Bonmots gemerkt, manche feine Antwort memorirt, die er anbringen wollte, wenn es ſeinem raſtloſen Ehrgeize gelang, irgendwo die ihr ent⸗ ſprechende Frage zu provociren. Die ganze Stadt wußte den Vorfall mit Delring. Wie hatte er da die Arme zu verſchränken und ſich hinzuſtellen als die ſturm⸗ feſte Mitte eines großen Ganzen! Und dieſe minde⸗ ſtens in zwanzigfacher Anzahl kommenden jungen Mäd⸗ chen, denen er zeigen wollte, was ein„Herr der Schöpfung“ iſt! Sein Bärtchen war allerliebſt ge⸗ färbt, das dunkelblonde Haar unternehmend gebrannt, die Hemdauslage zeigte das kunſtvollſte Steppmuſter. Sie hätte Thiebold entzücken müſſen, der zu ſagen pflegte: „Was bei den alten Griechen, wie Benno von Aſſelyn verſichert, einſt die Bäder geweſen ſind, das iſt bei uns die weiße Wäſche.“ Nur Piter's Schneider ließ ihn mit einem faſt auf dem Leib ihm angenähten Frack noch bis ſechs Uhr warten. Faſt war er das Atelier des Man⸗ nes geworden und ſeine Haut nahe daran, durch das ge⸗ wiſſenhafte Probiren mit feſtgenäht zu werden. Aber um ſechs Uhr konnte er„auf Ehre und Seligkeit“ die Ankunft des Frackes gewärtigen. Das ganze Haus war geheizt, ſogar die unten durch Glas verſchloſſenen, teppichbelegten, blumengeſchmückten Treppen. Nur ſo auch konnte es 185 geſchehen, daß Piter von drei Viertel auf ſechs Uhr an in Hemdärmeln Trepp' auf Trepp' ab lief. Berechnend, ob das zu frühe Anzünden der vielen Kronenleuchter und Wachskerzen nicht zu zeitig dürfte „Friedland's Nacht“ eintreten laſſen, durchſchritt er die öden, faſt geſpenſtiſchen Zimmer, leiſe verfolgt von einigen bereits gekommenen Lohnbedienten, die ſich nützlich machen und Vertrauen erwecken wollten... Die Mutter, die Schweſter waren noch tief in ihrer Toilette zurück... auch Fräulein Schwarz war nirgends ſichtbar.... Treudchen Ley's Erſcheinen ließ ſich in keiner Weiſe vorausſetzen... Wie fehlte ihm dieſe holde Ermunterung! Wie ſehnte er ſich nach einem Druck ihrer weichen Hand und ihrem gewöhnlichen:„Ach, Herr Piter—!“ Wie erſchöpft war er bereits von den Anſtrengungen des Tages! Guten Abend, Kattendyk! lautete es hinter ihm her, als er ſich eben läſſig in einen ſeiner neuen Fauteuils warf... Es war Joſeph Moppes... Beſter! Haben Sie etwa Weiß aufgelegt? Sie ſehen ja gottsjämmerlich aus! ſagte der Freund und ging mit Noten raſch vorüber in die hintern Zimmer... Finden Sie das? antwortete Piter hinter ihm her. Mit Apathie ſtand er auf und betrachtete ſich beim Schein des Lichtes, mit dem er die Zimmer durchmuſterte, in einem oberhalb eines ſeiner neugebauten und heute zum erſten mal probirten, leider etwas rauchenden Kamine angebrachten Spiegel... Ich kenne das an ſolchen Abenden! Nehmen Sie doch einen kleinen Cognak! rief Moppes von hinterwärts her. 186 Moppes legte mit dieſen Worten auf das Pianoforte die Noten zu dem projectirten„Bouquet“ des Abends... Piter gefiel ſich außerordentlich im Spiegel. Er fand ſein languish intereſſant und bewunderte ſeine weißſeidene Cravatte, ſeine weißſeidene geblümte Weſte, die geſteppte Bruſtauslage mit blitzenden Brillanten.... Aber wirklich er war zu blaß und zog deshalb an einem Schellenzuge und ließ ſich einen kleinen Cognak kommen. Jedem andern würde er geſagt haben: Au contraire! Ein Glas Waſſer wird mir gutthun!... Seinen Freunden trotzte er nicht. Ihnen nicht, die immer ſo recht das trafen, was dem Manne ein ſchmeichelhaftes Luſtre gibt... Sie haben Recht, Moppes! ſprach er hinhauchend und immermehr beruhigt über die Epoche machende Wir⸗ kung dieſes Abends... Der kleine Cognak kam. Piter trank ihn. Moppes rückte und ſchob hinten am Pianoforte... Auch der Frack kam. Der Schneider brachte ihn nicht ſelbſt; der Arme ruhte erſchöpft auf ſeinen ſchwer errungenen Lorbern. Aber der Frack ſaß vortrefflich. Jetzt gedachte Piter liebevoll auch ſeines Freundes, der im Dun⸗ keln die Arrangements für die muſikaliſchen Genüſſe traf, und rief mit elegiſcher Gelaſſenheit: Stoßen Sie ſich doch nicht, Moppes!... Donner⸗ wetter, brüllte er dann; ſteck' doch einer für drinnen Licht an! Alles rannte... Teufel! ſchrie er wieder. Nicht den Kronenleuchter! Alles zitterte und nur eine Girandole von drei Ker⸗ zen wurde angeſteckt... Piter ſah ſich im Spiegel und äußerte: 187 Joſeph ſoll doch auch für Moppes— oder warum denn nicht lieber gleich— Joſeph ſoll die ganze Cognak⸗ flaſche ſchicken! 7 Inzwiſchen rief Moppes: Beſter Freund, das Feuer hier laſſen Sie nur aus⸗ gehen! Denn erſtens wird es ſchon von der Beleuchtung formidabel heiß und zweitens werden die Menſchen eine Höllenhitze geben! Wir bedanken uns, in einer ſolchen Atmoſphäre zu ſingen! Ohnehin muß ich heute verdamm⸗ termaßen Katarrh haben! Piter hatte ſich zwar ſehr auf den maleriſchen Effect der Glut von den feinſten entſchwefelten Candlekohlen etwas eingebildet— worauf bildete er ſich nicht etwas ein!— doch goß er näher tretend ganz gern eine der nächſtſtehenden Waſſercaraffinen, die er hier und da mit einem Kranz von Gläſern hatte aufſtellen laſſen, geradezu in die Störung der berühmten Quartette hinein. Nun gab das freilich einen nicht angenehmen Dunſt, der ſich mit Entſchiedenheit dem unzweifelhaft ſehr rauchigen der Ka⸗ mine anſchloß. Moppes riß darüber voll Zorn die Fenſter auf; aber Piter bat mit einem gewiſſen ſchmachtenden Ton um Verzeihung und lachte innerlich, er wußte nicht wor⸗ über. Er ſchenkte ſich und dem Freunde von dem inzwiſchen gekommenen Cognakvorrath eine fernere Herzſtärkung ein... Warum wollt ihr denn nicht hinten im Saal ſingen, ihr lieben Leute? fragte er mit einer träumeriſchen Ge⸗ laſſenheit und dabei hin- und herziehend an ſeinem Frack und ſich am Knacken der Nähte erfreuend... Ein Männerquartett bedarf eines engern Raumes! Wir ſingen ohnehin Schweizerecho! Hier etabliren wir uns! 188 Damit ordnete Moppes einen Tiſch und legte viele andere ſchon vorausgeſchickte Noten zurecht... Immer räuspernd und ſeinen Katarrh verwünſchend lehnte er den Beſcheid auf den ihm ſervirten Cognak ab, was Pi⸗ tern nicht hinderte, ſein zweites Glas zu nehmen und es zu leeren auf das claſſiſche Gelingen des von Moppes ent⸗ worfenen muſikaliſchen Programms„. Auch kam eben ein großer Kaſten an mit einer Ventiltrompete, die ein berühmter Künſtler blaſen ſollte... Auch das Piano⸗ forte, zur Begleitung der gegenwärtigen Primadonna des Stadttheaters, wurde von Moppes anders gerückt und gerade ſo, wie es heute früh Piter's Schweſter, Johanna, die muſikaliſch war, für zweckmäßiger erachtet hatte. Ihr hatte Piter geſagt, daß ſie ſich erſtens nicht lächerlich machen möchte und das Publikum ennuyi⸗ ren mit ihren hundertmal gehörten Etuden, dann aber, daß ſie den Flügel ruhig da ſtehen laſſen ſollte, wo er ihn hingerückt hätte, allen Widerſprüchen über Schall⸗ wirkung und Reſonanz mit brüderlicher Liebe ein ein⸗ faches:„Raiſonnir' nicht!“ entgegenſetzend. Moppes aber beſtätigte gerade das, was Johanna Kattendyk geſagt hatte. Still für ſich hin empfand Piter eine Art Be⸗ ſchämung und mußte lächeln— nämlich über die Auto⸗ rität, die er ſelbſt in verkehrten Dingen hatte. Er war in der That ein Tyrann. Das ſchmeichelte ihm und befriedigt nahm er einen dritten Cognak. Moppes plauderte viel Gutes über die Sängerin. Sie war eine jener Provinz⸗Malibrans, die niemand mehr zu würdigen wußte, als Löb Seligmann. Fünf Louisdor bekam ſie für den Abend und Piter beſchloß, — 189 ihr ſechs zu ſchicken. Die Sängerin war berühmt in der Kunſt, bockgerechte Triller zu ſchlagen. Ihre Stimme gab man auf, aber man rühmte ihre„Schule“, be⸗ ſonders die Kunſt, in einem Septett in die Untiefen eines ſpurlos verlorenen Enſembles mit einem einzigen muthig eingeſetzten hohen Cis Hülfe und Rettung zu bringen. Ausdrücklich bedungen war die Arie:„Ocean, du Ungeheuer!“ aus Weber's„Oberon“. Piter nickte zu allem, lächelte, ſchlänkelte, auf einem Stuhle ſitzend, mit den zierlichen Beinen und ſpielte mit dem Kryſtallſtöpſel der ſchöngeſchliffenen Cognakflaſche... Die Sehnſucht nach der achten Stunde ſprach ſich in ei⸗ nem gewiſſen Blicke aus, der wie der eines Sehers in die Flammen eines inzwiſchen nun doch„zur Probe“ angezündeten Kronenleuchters gerichtet war. Er gedachte vielleicht, als Moppes von jener Arie ſprach, Pyrmonts und was ſonſt ſchon auch für ihn im Leben„ungeheuerer Ocean“ geweſen war... Moppes befand ſich noch nicht in Toilette. Seine Hingebung an Piter's Abend war bewunderungswerth. Bekanntlich war der erſte Küfer ſeines Hauſes, Stephan Lengenich, als Unruhſtifter eingezogen und nicht un⸗ wahrſcheinlich hatte ſich Joſeph den Katarrh in den Kellern ſeines Hauſes geholt. Ihn ſich in der Hand mit dem Stechheber unter den Fäſſern zu denken, hinderte an dem ihm ſchuldigen Reſpect nicht das Mindeſte. Sechs weiße Zwillichhandſchuhe griffen gleichzeitig nach der Thür, um ſie Herrn Moppes junior zu öffnen, als dieſer ging. Er entſchlüpfte einem ihm nachgerufenen ſentimentalen: Komm nicht zu ſpät! und ließ nur noch 190 das Wort zurück, das er auszurichten faſt vergeſſen hätte, Thiebold de Jonge würde nicht kommen, mit Benno von Aſſelyn wäre er heute früh abgereiſt... Piter, auf Abſagen vorbereitet, fand die Nichtachtung ſeines Abends gerade von dieſer Seite doch„ſonderbar“ und erhob ſich in gereizter Stimmung. Aufs neue einſchenkend, wenn auch nicht trinkend, nahm er, um ſeinen Aerger zu verwinden, die Heerſchau über ſeine Truppen ab. Er hätte eine Armee commandiren können, ſo mächtig rollte es durch ſeine Adern. Seine imperatoriſchen Anweiſungen gingen auf die Beleuchtung, auf die Bedienung beim Thee, auf die Stille während der Muſik, auf die Tiſche der Whiſtſpieler in einem der hinterſten Zimmer, auf das Arrangement der kleinen Gruppen, denen das Nacht⸗ mahl zu ſerviren war, und vorzugsweiſe auf die Ver⸗ meidung aller plumpen Formen des Einſchenkens. Ob⸗ gleich die Zuhörer zu allem, als wenn ſein Geſagtes ſich von ſelbſt verſtünde: Ja wohl, Herr Kattendyk! erwider⸗ ten, konnte er doch nicht umhin die Moppes'ſche Theorie mit Feuer zu wiederholen: Einſchenken und einſchenken iſt ein Unterſchied! rief er. Der Stand des Herrn und Dieners unterſcheidet auch die Art, wie man die Flaſche angreift! Beim Beginn eines Diners oder Soupers, aufgepaßt, greift der Herr, wie der Diener, die Flaſche immer am untern Leibe an! Verſtanden? Der Herr legt— alles das machte er an der etwas ſchwieri⸗ gen Form der Kryſtallflaſche nach— den Zeigefinger bis an die Taille der Flaſche, das iſt ſein Vorrecht! Unterſteh' ſich das jedoch von euch Niemand! Verſtanden? So darf Ich einſchenken— tretet heran!— Ich als Herr! Ruhe! e 191 Mit dem Zeigefinger darf ich die Flaſche drücken! Das bedeutet Nonchalance,„Gerngegeben“ und eine gewiſſe Mäßigung, gleichſam als wollt' ich ſagen: Es kommt weder mir noch meinen Gäſten darauf an, ob ſie Waſſer oder Lafitte trinken! Ihr aber— Ihr habt den Zeige⸗ finger an die andern drei Finger hinüberzulegen; ſonſt ſieht's aus, als wenn ihr euch hier zu Hauſe fühlt... Das war früher ſo, Joſeph,— laßt den Alten vor! Guten Abend, Joſeph!—, früher, wenn Vater Geſell⸗ ſchaft gab! Verſtanden? Dieſe Vertraulichkeit von Dienſt⸗ boten:„Bitte, Herr Timpe oder bitte Herr Schmitz oder bitte Herr de Jonge, greifen Sie doch zu! Warten Sie, Herr Effingh, ich hole Ihnen noch ein Stück Reh⸗ rücken! Oder: Nehmen Sie das, Herr Maus, das iſt ein hübſches Mittelſtück!“ Und dann ſo hineinlangen, Joſeph, und wol gar Herrn Moppes ſelber etwas vor⸗ legen! Joſeph, Joſeph, Joſeph! Die Zeiten ſind geweſen, Joſeph!... Und den Hals einer Flaſche greift ein Diener nie an! Nie! Nie! Ja wohl, Herr Kattendyk! rief der Chor im ſtürmi⸗ ſchen Einklang... Alle dieſe Bemerkungen hatten, da ſie durch ener⸗ giſche Demonſtrationen unterſtützt werden mußten, na⸗ turgemäß das Leeren eines vierten der allerdings nur kleinen Gläſer zu Wege gebracht... Eben war Piter im Begriff, ſeine ihm inzwiſchen vogelleicht gewordene, wie mit Schwingen begabte luftige Geſtalt noch einmal die hintere Wendeltreppe hinaufzu⸗ ſchnellen, als die Diener die Thüren aufriſſen und einen Mann eintreten ließen, von dem allen bekannt war, daß 192 er in die vornehmſten Geſellſchaften, auf Bälle, Diners und Soupers immer nur im grauen Ueberrock kam, Herrn Dominicus Nück. Eine gedrungene, breitſchulterige Geſtalt war es, anfangs der Fünfziger, mit grauem, kraus verworrenem Haar, das in der Mitte eine kleine Glatze zeigte. Die ſtarken Backenknochen, Schläfe, Kinn, alles bezeugte eine gewaltige Kraft, die durch eine ſcheinbare Läſſig⸗ keit gemildert wurde. Die dunkelbraunen Augen lagen in den von langen, faſt zottigen und gleichfalls ſchon ergrauten Brauen beſchatteten Höhlen mit einem unheim⸗ lich und tief verſteckten Feuer. Die Haut des Antlitzes war von Blatternarben entſtellt. Nück mußte ſich jeden Morgen ſelbſt raſiren; die Barbiere hatten eine zu gefährliche Operation, um mit ihrem Meſſer durch die vielen Hügel, Verhacke und Verſenkungen ſeines Ge⸗ ſichtsterrains hindurchzukommen. Und doch gab es ei⸗ nige Zierlichkeiten an dem vielgefürchteten Manne. Kleine Füße, weiche Hände, ja ſogar unter dem immer gleichen grauen Ueberrock mit ſilbernen Knöpfen nur weiße Weſten und über dieſen weiße Battiſthalstücher, weit und bauſchig um den Hals geſchlungen, dieſen Hals, der allerdings empfindlich ſein durfte nach dem bekannten Verhältniß mit Hammaker. Nück ſah ſich ſpähend um und erwartete wahrſchein⸗ lich ſeinen jungen Schwager noch nicht zu finden, der eben einige Körbe voll Wein von einem der in Livree geſteck⸗ ten Hausknechte noch in die hintern Zimmer tragen laſſen wollte, wo bereits die zahlloſen Gläſervorräthe auf⸗ gehäuft waren. Piter hatte ſich nach dem Vorfall mit ners kam, es, enem Die eugte ſig⸗ lagen ſchon heim⸗ litzes jeden ſe zu h die a s ei⸗ kleine eichen weiße t und der 1 unten ſchein⸗ r eben eſte⸗ laſſen aif 1ni Delring vor dem Wiederſehen des Schwagers gefürchtet. Da der Schwager aber auch gegen dieſen Geſellſchafts⸗ abend geweſen war und dennoch eben in eigener Perſon erſchien, faßte er Muth und begrüßte ihn mit einer ſchmunzelnden Vertraulichkeit... Nück, der ihn nicht erwartete, fuhr faſt vor ihm zurück und ſagte im Volks⸗ dialekt der Stadt: Guten Abend, Piterchen! Nück's Cynismus ging bis zur Verachtung aller Bil⸗ dung, durch deren Geringſchätzung er viele Menſchen um ſo zutraulicher machte. Selbſt vor Gericht ſprang er oft, zum Jubel der Zuhörer, in den Volksdialekt über, wo ihm der Sieg dann faſt nie fehlſchlug.„Wir Gelehrte“ betonte er den Proceßführenden nie anders, als ob er damit ſagen wollte: Wir Eſel. Bei alledem vernachläſ⸗ ſigte er nichts, was zur Bildung gehört. Er kaufte Bücher und las ſie ſogar. Er ſchrieb vortreffliche Bro⸗ ſchüren über die gelehrteſten Fragen des Privat⸗ und Lehnrechts und las Nachts oft bis zum früheſten Mor⸗ gen— wer ſollte es glauben— Romane. Dann ſchlief er bis elf Uhr und eilte in ſeine Termine. Eine Ge⸗ wohnheit, die er vor längern Jahren einmal angenom⸗ men hatte, Tag in Nacht und Nacht in Tag zu ver⸗ wandeln, konnte er nicht durchführen; zwei Jahre lang war das Mittageſſen ſein erſtes Frühſtück und das Nacht⸗ eſſen ſein Mittagsmahl geweſen. Sind das deine Reſervebataillone? ſprach er im ge⸗ müthlichſten Schlendrian und mit Belächeln der glänzenden Vorrichtuͤngen und der nun ſchon immer vollſtändiger ſich entwickelnden Beleuchtung... Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 13 194 Piter, entzückt von der friedlichen Geſinnung des ihm zuweilen ſo aufſätzigen Schwagers, offerirte von dieſen Bataillonen und ſchenkte vom feurigſten Burgunder eine vorläufige Vedette ein... Nück bemerkte davon nichts... Er bürſtete ſeinen Hut, der heute ſogar ein neuer war, und ſah nur nach rechts und links, horchte und ſpähte, ob außer Pitern und den Dienern nicht vielleicht ſonſt jemand in den glän⸗ zenden Zimmern war. Dies Benehmen nahm Piter für aufrichtigſte Zuſtim⸗ mung und offerirte die Gläſer zum Anſtoßen. Jetzt aber nahm Nück doch eine feierliche Miene an und ſagte mit einem nicht unangenehmen Organ: Piter, Piter! Eine Schande! Freude und Jubel hier, wo die Welt in Trauer lebt! Aber ſchon blätterte er dabei in den Noten und ſchien ſo abweſend, daß Piter dieſen Gegenſtand für abgemacht erklären konnte und dem Schwager wiederholt ſein Glas Burgunder anbot... Nück lehnte nicht ab. Er nippte ein wenig. Piter, glückſelig, ſich heute nicht als Knabe von dreizehn Jahren, ſondern als Mann und vollkommen ebenbürtig behandelt zu ſehen, ſchüttete ſein ganzes Glas hinunter... Mama noch bei der Toilette? fragte Nück forſchend und bemerkte jetzt, daß Piter von einer eigenthümlichen Elaſticität war. Piter hielt ſich, da die Dinge dieſer Erde ihm plötzlich etwas wirblich zu werden ſchienen, an einer Stuhllehne... 4 Recht, mein Sohn! ſagte Nück, der jemand, den er offenbar zu ſuchen ſchien, nicht fand und ſich entfernen s ihm dieſen eine ſeinen nach n und glän⸗ uſtim⸗ 195 zu wollen die Miene machte; Recht, daß du in deinen Leiden dich tröſteſt! Leiden? Wie ſo? Verlierſt oben die ſchöne Nachbarſchaft! Hahaha!... lachte Piter hell auf und ſchenkte wieder ein... Das ängſtliche Kapitel wegen Delring behandelte ja der Schwager ganz harmlos... Nück's Augen gingen wie Feuerräder. Beim kleinſten Geräuſch ſah er auf die Eingangsthür. Da die Bediente nicht zu nahe waren, ließ er die Worte fallen: Mit Delring... hör' mal... Das iſt ja ein curioſer Spaß von dir! Von mir? Wie ſo? fragte Piter trotzig und griff mit der linken Hand in den Ausſchnitt ſeiner Weſte und mit der rechten zum Glaſe.. Nück ſchien ſich nicht im mindeſten ärgern zu wollen. Er machte ſogar Miene ſchweigend wieder zu gehen. Dennoch konnte er nicht umhin, noch fallen zu laſſen: Delring— hm— austreten? Piterchen, Piterchen! Welche Garantieen gibſt du denn deinen Geſchwiſtern? Garantieen?. Delring glaubſt du, geht nach Bremen und wird da ein Geſchäftchen mit Cigarren oder Europamüden etabliren? Ich meine, er bleibt doch wol hier, fängt ein eigen Geſchäft an, nimmt unſere beſten Verbindungen mit; Farbhölzer ſind ſeine Lieblingsbranche; die Leder⸗ händler von Malmedy beſucht er perſönlich— Wie ge⸗ ſagt, ich dächte, es wäre beſſer— es bliebe beim Alten 13* —ö—— 196 und die kleine allerliebſte Blondine kochte dir nach wie vor Kamillenthee, wenn dir ſchlecht iſt, Piterchen— Spott verbitt' ich mir! rief Piter und griff zur Flaſche, um einſchenkend zu zeigen, daß der Schwager mit einem Manne ſprach... In der That! Ein gemüthlicher Junge warſt du von je! fuhr Nück ohne Schonung fort. Und zum Berge Karmel ließ' ich das hübſche Ding an deiner Stelle doch auch nicht ſo oft gehen! Pfarrer Rother entdeckt ſo viel Sünden an ihr, daß er vorzieht, ihr jetzt die Beichte bei ſich zu Hauſe abzunehmen! Piter hätte ſein gefülltes Glas jetzt nehmen und es vor Zorn über eine Thatſache, die ihm ſelbſt ſchon lange höchſt befremdlich war, an den Kamin werfen mögen... Die Splitter und die ſchönen gelbſeidenen neuen Seſſel bedenkend, trank er es lieber aus, ſetzte es dann aber kräftiglich auf den Sims und ſtand wie ein Löwe... Nück brach ab von dieſem reizbaren Gegenſtande und kam nur auf ſeine Beſorgniſſe wegen Delring's Austritt zurück... Gib dem Hofrath ein gutes Wort! ſagte er... Nimmermehr! antwortete Piter, verſöhnt durch ein Stichwort auf den Schwager... Ich will es ſtatt deiner thun! Du weißt, ich bin ſonſt kein Freund von dieſer geleckten Sorte— Ich verjag' ihn ja nicht! Dir wär' es lieber, er lebte dir nahe genug, um dich immer bewundern zu können! Indeſſen— Piterchen — ich trau' dem Zeitgeiſt nicht— Wie ſo? ——yy‧—;—O—ę—yyy ein bin um ſchen 197 Unſerm ganzen Jahrhundert nicht! Wenn ihr einmal alle ſo daſäßet, ihr altehrwürdigen Firmen, mit ein paar Commiſſionen und Speditionen und zuletzt trotz eurer Alongenperrüken nichts weiter hättet, als ein paar Feuerverſicherungsagenturen—! Hahaha! Kommt bei uns nicht vor! verſicherte Piter und wurde immer ſicherer durch die gemüthliche Sprache des Schwagers, der überhaupt in neuerer Zeit, ſchon ſeit der Gefangennehmung Hammaker's, vielfach verän⸗ dert war und erſt ſeit der Hinrichtung deſſelben wieder etwas aufthaute... Weißt du, Söhnchen, ſagte er, ohne darum auf— zuhören nach der Thür zu lauſchen; weißt du, ich habe immer eine fatale Ahnung von einer ungeheuern Welt⸗ verſchwörung der Juden gegen die Chriſten! Pater Se⸗ baſtus ſchrieb das einmal in ſeinen früheren Artikeln, die mir immer aus der Seele kamen! Jetzt iſt der arme cenſurirte Chryſoſtomus nicht mehr wiederzuerkennen, falls die anonymen„Stufen⸗Briefe vom Kalvarienberge des Lebens“ von ihm ſind. Ahasver, ſiehſt du, das iſt, ſagte er einmal— Rothſchild! Der alte Kurfürſt von Heſſen nämlich, weißt du, Piter, der mit dem Zopf— Kerl, trink doch nicht ſo viel!... Piter hatte wieder ein⸗ geſchenkt vor Behagen über eine ſo gelehrte Unterhaltung, deren er gewürdigt werden konnte... Jener Kurfürſt, der ſein durch amerikaniſchen Menſchenhandel erworbenes Geld dazumal in Frankfurt am Main von dem alten Amſchel und— ich glaube— einem Bäcker Binding auf der Fahrgaſſe hat vergraben laſſen, als Napoleon ſo gern draus wieder Soldaten geſchmolzen hätte— früher, ver⸗ 198 ſtehſt du, Piter, war umgekehrt das Geld aus Soldaten geſchmolzen worden!— alſo— Haſt doch„Kabale und Liebe“ ſchon geſehen—? alſo der alte Stammhalter der morganatiſchſten aller Dynaſtieen ſag' ich— Piter, was morganatiſch iſt, das mußt du doch wiſſen? Piter war in vollkommener Harmonie mit dieſer Be⸗ handlung, die ihm die Ehre wiſſenſchaftlicher Erörterungen gönnte. Und da ſich bei ihm jetzt Denken mit der Hitze der Beleuchtung von außen und der Erwärmung von innen verband, ſo ſtand er, wie eingeweiht in alle Ge⸗ heimniſſe der Erde und der Converſations⸗Lexika und nickte bejahend. Er war vollkommen jetzt der„große Charakter“, der er auch zu bleiben gedachte, auch wenn er wirklich von ſich hätte eingeſtehen müſſen, daß ihm als Ehegattin„ein Mädchen aus dem Volke“ lieber wäre als eine dieſer bleichſüchtigen, muſikklimpernden, wespen⸗ tailligen— Bitte! unterbrach Nück ſeine derartigen Gedanken und zog Handſchuhe an— er war ohne welche eingetreten— Bitte, wenn ich dir etwas Bekanntes ſage! Frau Morgane war die wunderſchönſte Dame an König Artus' Hofe und von dieſer Dame möcht' ich die morganatiſchen Ehen, die Ehen der Mesalliancen, verſtehſt du? lieber ableiten— Denn vielleicht war Frau Morgane ihrer Herkunft nach auch gleichſam aus Kocher am Fall— in dieſem Fall, ſiehſt du, darin liegt bereits die ganze Andeutung, Piter; nicht in deinem, ſondern in dem kurfürſtlich heſſiſchen Fall, mein' ich! Und wenn andere dann glauben, morganatiſch käme von dem alten gothiſchen Worte Morgan, welches, wie du weiſt, ſo viel heißt als: beſchränken, nämlich z. B. ein —.ꝛ— 199 Morgen Acker, d. h. eine Schranke, ein Theil Ackers— Nicht etwa, verſteh' mich recht, als wenn ich die Menſchen beſchränkt nennen wollte, die nicht den üblichen Vor⸗ urtheilen folgen, und als ob der Weſtfäliſche Friede Recht gehabt hätte, der ſchon Anno 1648 ſagte: Alle alten Her⸗ kommen in der Ehe ſollen bleiben, sublatis omnibus quae bellicorum temporum injuria irrepserunt confusionibus — confusionibus! Verſtehſt du, Piter? Confusionibus! Nück's Betonung dieſes letzten Wortes in ſeiner ganzen verworrenen Spottrede war bedeutungsvoll. Denn eben jetzt hatte er keinen Zweifel mehr, daß Piter in höhern Sphären ſchwebte. Eben ſah er die Cognakflaſche weg⸗ räumen und bemerkte eine Verwirrung in des ihm im Geiſte folgenden Schwagers Geſichtszügen, eine Ver⸗ wirrung, die die Folge ſeiner eigenen anakoluthiſchen Rede ſein konnte, aber auch die des auf Cognak geſetzten Bur⸗ gunders— freilich aber auch die Folge eines plötzlichen heftigen Klingelns, mit dem ſich bei Geſellſchaften oder beim Ausfahrenwollen der wichtige Moment anzukündigen pflegte, wo Mutter und Schweſter die allerletzte Hand an ihre Toi⸗ lette legten. Dann war nur noch im Rückſtand, daß über die bereits fertige Friſur, die bombenfeſten Corſets, die ſteifen Unterröcke ſanft und vorſichtig das elegante Haupt⸗ kleid herabgelaſſen wurde. Schon war es halb acht Uhr und durch dies Klingeln wurde regelmäßig der Moment bezeichnet, wo die Mutter und die Tochter ſofort in die ge⸗ ſchmückten Räume treten konnten, kühn, unternehmend, erwartungsvoll und ſich dann nur verdrießlich umſehend, wenn nicht ſogleich auch ſchon die Hausfreunde da waren und ſie mit einem bewundernden Ah! empfingen... 200 Pitern war das ſeit Jahren imprägnirt... Bei dieſem Klingeln beſann er ſich auf die ungeheuere Aufgabe, die er heute zu löſen hatte. Repräſentant des Hauſes! Eine Viſion ging ihm auf aus dem Reich jener Erinnerungen, denen zufolge er ſchon an einem ſolchen Abend unter hundert Menſchen geweſen war, ohne daß er ſich auf das Mindeſte, was andere und ſogar, was er ſelbſt geſprochen, hatte beſinnen können... Und wie nun das Klingeln auch bei der Schweſter wiederholt wurde, wie er die Bewegung um ſich her zunehmen, das Laufen und Rennen bemerkte und im Augenblick nicht wußte, welche gelehrten Anſichten er ſoeben ausge⸗ ſprochen hatte, da erinnerte er ſich, wie er einſt auf einem Dampfſchiff aus dem ruhigen Spiegel der Themſe plötzlich in die Hebungen und Senkungen des Meeres einfuhr und ſich raſch in ſeine Koje erſter Klaſſe zurückzog. Auch jetzt ging er„ſtill und bewegt“ und ohne ein Wort zu reden in die hintern Zimmer und ſuchte mit mancherlei ihn erſchreckendem Taſten⸗ müſſen die Wendeltreppe, die ihn zu ſeinem at home führte, wo er beſchloß, ſich um Gottes und aller Hei⸗ ligen willen vorher noch eine kleine kurze Raſt und Samm⸗ lung zu gönnen. Nück ſprach zwar noch etwas von Delring, von einem Familienconvent und ſogar von Knabenſtreichen hinter ihm her, aber Piter vernahm nichts mehr; er ging aus⸗ einander wie eine Morgenluft witternde Nebelgeſtalt... Nück begab ſich an den Eingang zurück und vermied allein zu ſein mit ſeiner Schwiegermutter, die er hier ſo unter vier Augen am wenigſten geſucht hatte. Die ieſem ,, die Eine ngen, unter auf ſelbſt nun urde, das nicht lsge⸗ auf der erſter egt“ mmer ſten⸗ dome Hei⸗ mm⸗ 201 Garderobe war im Parterre. Dort hatte er einen alten Mantel abgelegt, in deſſen Umhüllung man, wenn er ſo an den Häuſern dahinſchlich, nicht einen Mann ver⸗ muthet hätte, der ein Vermögen leicht von einer Viertel⸗ million beſaß und aus ſeiner eigenen Thätigkeit noch Jahreseinnahmen von zehntauſend Thalern... Auf dem Vorplatz blieb er einige Augenblicke und ſah in einen kleinen Corridor hinaus, auf welchen drei bis vier Zimmer ausliefen. Eine Thür, die hin⸗ terſte, führte zu der Geſellſchafterin der Schwiegermutter, Lucinde Schwarz... Auf das Erſtaunen des alten Joſeph, der doch hoffte, daß er wiederkäme, ſprach er kein Wort. Aber ſeine Augen waren Feuerzungen. Doch auf dieſe Sprache verſtand ſich Joſeph nicht. Ein paar Schritte machte Nück auf den Corridor hinaus. Dann kehrte er um und hielt ſich an dem Treppen⸗ geländer... Jetzt bellten die Bologneſerhunde an einer der Thüren und kratzten, um hinauszukommen; denn unten hörte man ſchon den immer gemüthlichen Ton des alten Pötzl, der bereits von unten herauf mit den Hunden ſich neckte. Auch der Medicinalrath kam und noch ehe ſich Nück von dem biedern Händedruck Pötzl's frei⸗ gemacht hatte, war auch der Kanonikus ſchon da, der trotz Kirchentrauer und Kaiſer und Papſt am Whiſttiſche unter keiner Bedingung fehlte.. Nück ſagte allen, er käme wieder und hätte nur ſeiner Frau zu Gefallen ſämmtliche Kamine wollen auslöſchen laſſen... Er beruhigte die Ankommenden, daß„Lieb Mutterchen“— ſo nannte die Commerzienräthin Pötzl—; „Lieb Töchterchen“— ſo der Medicinalrath—;„Lieb 202 Schweſterchen“— ſo der Kanonikus;— noch nicht in den Zimmern wäre, und ſtieg die Treppe nieder, be⸗ gleitet vom Joſeph, dem er, als dieſer dem Kutſcher, der heute als Garderobier fungirte, beim Ueberwerfen des Mantels half, nur die einfache Frage vorlegte: Kommt denn— ich meine die Mamſell oben— na die Geſellſchafterin— kommt denn die nicht auch heute — in den Trubel? Herr Oberprocurator! ſagte Joſeph und eine Miene, die er machte, deutete die Sehnſucht dieſes Fräuleins nur zu überirdiſchen Dingen und ihre außerordentliche Fröm⸗ migkeit an... Der Portier ſtand im Thorweg in einer Gala, wie wenn ſein Stab mit dem goldenen Knopf heute Fürſten zu empfangen hätte. Nück ging kopfſchüttelnd und drückte ſich an den Häuſern entlang wie mit verſtörtem, ruheloſem Gewiſſen.. Die Wagen, die die Gäſte in ſein ſchwiegerälterliches Haus führten, raſſelten an ihm vorüber. Ihn konnte man oft an ſolchen Abenden, wo dort alles in Feſtes⸗ glanz ſtrahlte, im düſterſten Winkel einer kleinen Schenke ſehen, wo er Rettiche verzehrte und ein Glas einfachen Biers trank... Heute aber huſchte er in eine alte finſtere Kirche, wo beim Schein weniger Lichter eine Abendandacht gehalten wurde. Nicht weit vom Weihbecken erwartete ihn eine Dame, die ihn an eine Todtengruftkapelle zog und ihm im Dunkeln einige geheimnißvolle Worte flüſterte... Die Dame trug einen orangegelben Hut mit ſchwarzem zt in be⸗ ſcher, erfen -na heute liene, nur röm⸗ „wie ürſten den loſem lliches konnte feſtes⸗ ſchente fachen e, we halten n eine d ihn f. arzen 203 Sammetbeſatz... Das Geſpräch war nur kurz und ſchien ihn verdrießlich zu ſtimmen... Als Nück allein war, ging er tiefer in die dunkle Kirche; dann ſetzte er ſich, ſeinen Mantel weit um ſich geſchlagen und den Kopf auf ein Betpult niederlegend, in einen der leeren Stühle, tief brütend und verſunken in vielleicht die frommſten Gedanken. Unter den rauſchendſten Acclamationen hatte bereits die Baßpoſaune das berühmte Lied an die Roſe geblaſen und ein ſtürmiſches Dacapo veranlaßt... Schon waren die enormen Schwierigkeiten der Arie „Ocean, du Ungeheuer!“ von einer alle Wände und Stockwerke durchſchneidenden Stimme überwunden wor⸗ den... Lange war es über neun Uhr. Schon kam das Eis — und noch immer ſaß in ihrem ſaubern Zimmer mit dem kleinen Porzellanofen und dem weißen Sopha und dem Bettſchirm Lucinde, ohne daß ſie ſich hatte ent⸗ ſchließen können, in die menſchenüberfüllten Räumlichkeiten hinüberzugehen... Einmal ſchon war, athemlos, die Commerzienräthin dageweſen und hatte ſie wie im Sturm ermahnt, doch endlich, endlich zu kommen, da alle Welt ſchon vor Ver⸗ langen nach ihr brenne... Zweimal war Johanna dageweſen, einmal ſogar in Begleitung des Außerordentlichen, der die„Jerichoroſe“ um ihre Kenntniß der lateiniſchen Sprache ebenſo wie bereits blaſen 3 Arie e und wor⸗ er mit ga und te ent⸗ hkeiten räthin , doch r Ver gar 1 craſt 205 um ihre Botanik bewunderte; denn Lucinde kannte alle Kräuter des Waldes, alle Bach⸗ und Wieſenblumen... Ein ſchöner Strauß, den ihr Treudchen verehrt hatte, lag zu ihrem Eintritt in die Geſellſchaft ſchon bereit... Auch die Frau Oberprocurator Nück, die ſchon im Hauſe hin⸗ und herrannte— nur nicht hinauf in den ſtillen obern Stock zu ihrer Schweſter— um ſich abzu⸗ kühlen von dieſer„wieder unerträglichen Hitze“ in den Zimmern— ſie war die erſte, deren Liebe nach Pi⸗ tern ſuchte, um ihm Vorwürfe zu machen—, auch Joſephine Nück war bei dem„guten Fräulein“ geweſen, um ſie zu ermahnen, doch bald zu kommen; denn ſie entbehrte zu ſchmerzlich die Bewunderung, die das Fräulein vor ihrer Toilette ausſprechen ſollte; ein Bedürfniß, das nicht im mindeſten auch den Tadel ausſchloß. Denn Joſephine hörte es gern, daß ſie einen Fehler gemacht hätte mit dieſer Farbe oder mit jenem Beſatz oder mit jenen gemachten Blumen, die auf ihrem Kopfputz ſich nicht gut ausnähmen oder ihrem z. B. ſo leicht echauffirten Teint nicht ſtünden. Dann hatte ſie doch einen Grund für ihre geſellſchaftliche Verſtimmung. Dann konnte ſie doch in einer Ecke, nicht am Ofen, ſondern dicht am Fenſter, das ſie zuweilen öffnete, mit dem Fächer in der Hand ſitzen und über ihre Putzmacherin und ihre weibliche Bedienung klagen, als wenn es nur eine Verſchwörung der ganzen Welt und vorzugsweiſe ihrer eignen geſchmackloſen Umgebung wäre, wenn ſie nicht ebenſo brillirte, wie die jungen Frauen und Mädchen, die da alle lachend und bunt und ſchönheitsſtrahlend in den belebteſten Gruppen ſaßen... 206 Lucinde nahm ihr zu ihrer innigſten Freude und Dankbarkeit heute ein Uebermaß von Blumen von den Schläfen hinweg, führte ſie an ihren kleinen Spiegel, leuchtete und bewies ihr, daß ſie ſich jetzt viel vortheil⸗ hafter ausnähme. Der nun gleicherweiſe wiederholten Aufforderung, doch bald auch zu kommen, erwiderte ſie ein einfaches: Ich komme, ganz gewiß!— und doch ent⸗ ſank ihr wieder der Muth, als ſie allein war... Nicht der religiöſe Grund, den ſie ſeither alle Tage gegen dieſe Geſellſchaft vorgeſchützt hatte, fehlte ihr, ſie ſtand an ihren Ofen gelehnt in vollſtändigſter Toilette. Treud⸗ chen war eine ganze Stunde bei ihr geweſen und hatte ſie geſchmückt wie eine Braut— etwa eine Braut, die ſich zu einer Zeit vermählt, wo ſie um irgendeinen An⸗ verwandten zu trauern hat. Ihr Kleid, beſtehend aus einem leichten, wallenden, aſchgrauen Stoff mit reichem ſchwarzen Spitzenbeſatz, war ein Geſchenk der Commerzien⸗ räthin. Das dunkelbräunliche Incarnat der offenen Arme und des Halſes wurde durch dieſe Farbe gemildert, die auch ihre ganze, einer Creolin ähnliche Erſcheinung min⸗ der ſcharf heraustreten ließ. Das Haar war nach vorn einfach getheilt, nach hinten ſammelte es ſich in zwei ſchweren runden Flechten, die in Kreisform aufgebunden, von einem ſchwarzen Sammetgewinde bedeckt waren. Unter den beiden Rundungen der Flechten quollen hinter jedem Ohr bis in den Nacken vier Locken hervor. Es war zum erſten mal wieder, daß ſich Lucinde wie ſeit lange nicht gegeben hatte; ſie hatte es in der Gewalt, aufzufallen oder ganz zurückzutreten. Der reiche Spitzenbeſatz am obern Rande des Klei⸗ · und n den piegel, rtheil⸗ holten rte ſie ch ent⸗ gegen ſtand Treud⸗ hatte t, die en An⸗ d aus eichem erzien⸗ Arme t, die min⸗ hvorn zwei zunden, waren. hintet w5 die ſät jewolt Klei⸗ 207 des erlaubte in bloßem Halſe zu erſcheinen. Auch war der obere Arm von einem offenen Spitzengehänge halb verdeckt. Die kleine Juwelenſchnalle auf einem ſchwarzen Sammetband, das den Hals bedeckte, war ein Weih⸗ nachtsgeſchenk der Frau Oberprocurator. Ein Armband von einem als Schlange ausgearbeiteten blutrothen Ko⸗ rallenzweige, reich mit Goldverzierung, hatte ſogar Piter geſchenkt. Silbergraue lange Handſchuhe lagen auf der Sopha⸗ lehne. Sie waren ſchon von ihr anprobirt geweſen und wurden wieder ausgezogen. Treudchen hatte Lucinden ſchon faſt bis an den Eintritt in den Saal begleitet und wieder war ſie zurückgegangen. Treudchen durfte oben beim ein⸗ fachen Thee ihrer Herrſchaft nicht fehlen; ſie mußte Schlag acht Uhr von ihrer Gönnerin ſich trennen und konnte ihr: Bitte! Bitte! Gehen Sie doch! Ach! die Menſchen wer⸗ den Augen machen! nicht öfter wiederholen... Die Furcht, die Lucinden zurückhielt, unter die Men— ſchen zu treten, beruhte auf dem Gefühl, daß ſie ſich in einer Weiſe elektriſirt fühlen würde, die ihrer ganzen bis⸗ herigen Haltung und wahren Stimmung widerſprach. Nur mit Noth erwehrte ſie ſich ſchon lange der Huldigungen, die bei dem regen Verkehr im Kattendyk'ſchen Hauſe nicht fehlen konnten. Im Perſonal des Bureau gab es Blicke, die ſie verfolgten; unter Piter's Freunden, in den Kirchen, auf der Straße erregte ſie Aufſehen. Oft auch ſchon meldete ſich in ihrem Blut die Zeit von Hamburg und Kiel. Nicht, daß ſie eine gewöhnliche Gefallſucht ge⸗ habt hätte, nicht, daß ihre Sinne glühten— ihre Sinne ſchienen kalt. Ihr erſter„Kindskopfwahn“, wie 208 ſie ihn nannte, der ſie hatte beſtimmen können, mit Oskar Binder nach Amerika gehen zu wollen, hatte ihr eine ganze Gattung von Männern verleidet. Wenn ſie ſich ſagen mußte: An welchen Fäden hing ſchon oft deine Zukunft! und ſie ſich geſtehen durfte, daß ſie in alle dieſe Lagen faſt ohne Bewußtſein und wie nur von einem Inſtinct der Selbſterhaltung und einer das Höchſte anſtrebenden Zukunft geführt wurde, bangte ihr vor dem Gedanken, jemals wieder ſo nahe an Abgründe zu treten... Klingsohr, deſſen dauernde Anweſenheit in dieſer Stadt, mögliche Beziehung zu Bonaventura ſie oft in Verzweiflung brachte, Klingsohr war ein Phantaſt geweſen. Die merkwürdige Erſcheinung, daß die Verirrung, die dieſen beinahe rettungslos dem Trunk zugeführt hätte, mit einer Abneigung gegen Frauen ver⸗ bunden zu ſein pflegt, zeigte ſich ſchon in Kiel, wo er moraliſiren konnte. In jener ſchauerlichen Nacht auf Schloß Neuhof beſtanden ſeine Zärtlichkeiten im Knieen wie vor einem Gnadenbilde, im Küſſen der Locken, des Kleides, in Eingebungen einer Phantaſtik, die ſei⸗ nem Weſen entſprach, dem Leben nicht in der Wirklich⸗ keit, ſondern im Erträumten und Schattenhaften. Jéröme von Wittekind berührte Lucinden nicht. Sie war ihm eine Erſcheinung aus dem Reiche der Märchen. Klingsohr's Entmannung, wie wir ſeinen Zuſtand nennen möchten, war nicht die Verrücktheit des tollen Kammerherrn und des Paters Jvo, nicht die Empfindung glühender, nur ſich beherrſchender Liebe, ſondern das Bedürfniß, das er mit ſeinen hamburger Freunden theilte, ſich auf den Trümmern der Unſchuld ein letztes„reines Gnaden⸗ 2* Oskar eine e ſich deine e in nur das te ihr ründe enheit ntura er ein „daß Trunk n vel⸗ wo er t auf Knieen Locken, die ſei⸗ irklic⸗ geröme m eine sohr chten, 209 bild“, eine Madonna, eine Laura, eine Beatrice zu dichten... Sie fürchtete ſich vor der Geſellſchaft, weil in ihrem Innern ein Vulkan tobte. Sie glaubte nicht länger ſich verleugnen zu können. Unterdrückte ſie auch ſeit Mo⸗ naten ihren Spott, ihren Humor, ſelbſt ihre Kenntniß des Pianos, nur um nicht in Verſuchung zu kommen, ein Allegro zu ſpielen, ſo wußte ſie, was in ihrer Bruſt wuchs und ausbrechen mußte und nicht länger zu halten war. Daß man immermehr ihrem vergangenen Leben nachſpüren würde, erfüllte ſie mit dem Gelüſt, ſich ver⸗ theidigen zu wollen. Halt aber an dich! Halt an dich! ſagte ſie ſich oft und das aus Furcht, daß ſie plötzlich ſo nicht mehr fort konnte. So andächtig beſuchte niemand die Meſſe, ſo für unwürdig der Communion erklärte ſich niemand(freilich mußte ſie ſich den Genuß verſagen, da ſie ſeit der geſchilderten Scene nicht wieder beichtete), ſo ſittſam blickte niemand auf der Straße nieder, ſo beſchei⸗ den äußerte ſich niemand in Geſellſchaft, ſo gering⸗ ſchätzend ſprach niemand von ſeinen Anſprüchen auf An⸗ erkennung, ſo gelaſſen gab ſich niemand einer etwaigen Anſpielung auf ſein früheres Leben preis. Sprach man ſelbſt bei Frau Walpurga von jener ſchönen Stadt mit den Wachparaden und den berühmten Waſſerkünſten, ja ſogar von dem Aufenthalt der ermordeten Frau von Buſchbeck daſelbſt, von böſen Dienſtherrſchaften, von leichtſinnigen jungen Commis, von dem dunkeln Geiſte, der auf dem Hauſe Wittekind⸗Neuhof ruhte, von dem Mönche Sebaſtus, der noch Immer in der Stadt ver⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. IV.„ 14 210 weilte und das alte Profeßhaus der Jeſuiten nicht ver⸗ laſſen durfte, von ſeinem Vater, dem Deichgrafen, von dem gefangenen Küfer Stephan Lengenich, von einer nahe bevorſtehenden Auflöſung des Kronſyndikus, von dem Stiefvater des Domherrn von Aſſelyn, ja von Hamburg, Kiel; und plauderte ſelbſt der„gemüthliche“ Pötzl einmal von einer Schauſpielerin namens Konſtanze Huber, die die Jungfrau von Orleans nur bis zum dritten Act durchgeführt hatte— was war ihr das alles! Sie ſaß und nähte— oder las dabei—, ſie erhob ſich auf jeden Wunſch der Commerzienräthin oder Johannens, ließ ihr goldenes Kreuz aus der Bruſt gleiten und ſprach mit leiſer und zurückhaltender Stimme von den geiſtlichen Exercitien und der Wallfahrt, die die Commerzienräthin für die glückliche Entbindung ihrer Tochter Hendrika und die rechtgläubige Taufe ihres Enkel⸗ kindes gelobt hatte... Mit Beredſamkeit ſich vertheidi⸗ gen, gewährt oft ein ſchönes Schauſpiel; mit Beredſam⸗ keit ſich anklagen kann ein ſchöneres ſein. Schweigen aber, ſchweigen, um ſich zu vertheidigen, iſt Helden⸗ größe; und ſchweigen vollends, ſchweigen um ſich anzu— klagen, Märtyrerglorie... Was ſind alle dieſe Ver⸗ gehen, lag in Lucindens Mienen, deren ihr mich an⸗ klagt, wenn die Seele, wie der Rhein, der unter dem Bodenſee hindurchzieht, aus geringen und unbedeutenden Anfängen nach kurzer Läuterung wieder und dann wie groß und majeſtätiſch hervorbricht! Aus der Fremde that ſie wie nur in die Heimat gekommen, aus der Lüge zur Wahrheit, aus dem Irrthüm zur Erkenntniß. In der großen Gemeinſchaft der Kirche durfte kein Gläubiger zu ver⸗ „von einer von von liche“ ſtanze zum r das ei—, räthin Bruſt timme , die ihrer Enkel⸗ heidi⸗ dſam⸗ weigen elden⸗ anzu⸗ Ver⸗ h an⸗ dem tenden n wie de that ge zut in da ger i 211 dem andern ſagen: Deine Vergangenkheit ſchändet dich! Die Tag⸗ und Jahresgebete, die Abendandachten, der Roſenkranz, der engliſche Gruß, die Anbetung des aller⸗ heiligſten Sakraments, das heilige Meßopfer, alles das iſt eine Kette, die zu Leibeigenen Gottes und durch das Erlöſungswerk zu Kindern ſeiner Liebe macht. Lucinde kannte dieſe Formeln. Sie waren an ſich für ſie todt; ſie belebten ſich aber— im Hinblick auf eine Entſcheidung, die endlich kommen mußte— kommen ſollte. Der Mann, den ſie ein Jahr lang in der Stadt, wo ſie katholiſch geworden, angebetet, den ſie zwei Jahre vergebens zu vergeſſen geſucht hatte, den ſie in St.⸗Wolf⸗ gang, in Kocher am Fall, hier mit glühend aufſchlagen⸗ den Flammen des Herzens wiederſah, wollte jetzt nach Weſterhof reiſen zu Paula. Sie wußte das ſeit einigen Tagen und da hatte ſie erklärt, zu dieſer Geſellſchaft, fehle ihr die Stimmung. Gebeten hatte man ſie, ſich zu überwinden... Wol ſtand ſie in ihrem kleinen, ſchon von ihr und Treudchen ſofort wieder aufgeräumten Zimmer wie ein Weſen, das nicht ſchüchtern eintreten konnte bei ſo auffallender Erſcheinung. Es riß und zog auch in der That an ihr, die Wahrheit ihrer Natur zu enthüllen. Wie hob ſie's, den geſenkten Kopf zurückzuwerfen, zu lachen, die acht ſchönen Locken im Nacken zu ſchütteln, die freie, ge⸗ ſcheitelte Stirn zu erheben, ſtatt Wehmuth um die Lippe Stolz und Bitterkeit zu zeigen, aus den Augen das Feuer einer unter der Aſche drohend glimmenden Leidenſchaft her⸗ vorbrechen zu laſſen... Wnr fi nicht wie auf der Flucht? Wie gehetzt von Geſpößſtern? Nie, nie liebt' ich dieſen Klingsohr, der jetzt hier elleicht gegen mich zeugt! 1* 14* 212 hätte ſie in die Welt, in die Meſſe hinausrufen mögen, wenn ſie Bonaventura celebrirte. Im„Kirchenboten“ des Beda Hunnius, mit dem ſie ihre Correſpondenz nach der Kataſtrophe des Kirchenfürſten hatte abbrechen müſ⸗ ſen, las ſie die„Stufenbriefe“. Klingsohr ſchrieb ſie allerdings nur für Lucinden. Es waren Empfindungen, wie ſie Abälard, nach der ruchloſen That ſeiner Feinde, an Heloiſe geſchrieben haben konnte Aber wenn nun Bonaventura gar nach Weſterhof ging! Nach Schloß Neuhof, Kloſter Himmelpfort, wo ihre ganze Vergangen⸗ heit mit ihm zuſammentreffen konnte... Täglich mußte ſie von der„Seherin von Weſterhof“ hören! Selbſt der kühle Benno konnte nicht in Abrede ſtellen, daß vernünftige Menſchen von Paula's Viſionen und Heilungen mit Bewunderung ſprachen. Jetzt wollte Bo⸗ naventura nach St.⸗Libori reiſen und— darüber war kein Zweifel— einen Seelenbund erneuern, der fürs Leben geſchloſſen wurde, wenn Paula, wie man ver⸗ muthete, nach dem Verluſt ihres Proceſſes den Schleier nahm... Lucinde kannte die Glückſeligkeit, die den heiligen Franz von Sales mit Frau von Chantal vor und nach der Stiftung des Ordens der Viſitandinen ver⸗ band. Sie wußte, daß Fenelon, der ſanfteſte der Prie⸗ ſter, Seelenbündniſſe mit Madame Guyon und Fräulein von Maiſonfort hatte. Sie wußte, daß ſelbſt der ſtrenge, ſo trockene und pedantiſche Boſſuet von einer Frau von Cornuan, deren Geiſtesbildung etwa der der Com⸗ merzienräthin Kattendyk gleichkam, in einer Weiſe beläſtigt wurde, die zuletzt trotz alles ihm von dieſer Frau ver⸗ urſachten Aergers ihm zum Bedürfniß werden konnte, mögen, nboten“ nz nach n müſ⸗ ieb ſie dungen, Feinde, wenn Schloß gangen⸗ mußte 1. ſtellen, en und lte Bo⸗ zer war er fürs in ver⸗ Schleier die den tal vor ꝛen ver⸗ er Pri⸗ räulein ſtrenge r Fran 1 r Com- beliſtig au ver konnte⸗ 213 alſo, wie Lucinde gelegentlich bitter vor ſich hinſprach— ebenſo gut wie die Ehe war... Ein Wort, das der Außerordentliche einmal ſprach, nun würde mit dem Domherrn von Aſſelyn auf Schloß Weſterhof der wahre„Doctor ekſtaticus“ erſcheinen, machte ſie zit— tern vor Eiferſucht... Stündlich ſtand ſie auf dem Sprunge zu Bonaventura und ihm zu rufen: Reiſe, doch erſt morde mich! An demſelben Abend war ſie damals die„Jerichoroſe“ geweſen. Sie verſtand zum erſten mal gewiſſe durch⸗ bohrende Blicke des Oberprocurators, eines Mannes, vor dem ſie ſich anfangs entſetzt hatte, weil er ihr ge⸗ weſen wie ein Gebilde von Eis. Alles ſcharf, kantig, ſchneidend an ihm. Doch fiel ein Sonnenſtrahl nach dem andern auf dieſe Erſcheinung und ließ ſie immermehr in allerlei Regenbogenfarbenlicht, wenn auch wie aus tauſend Eiskryſtallen, leuchten. Der Menſch iſt ja merkwürdig! ſagte ſie ſich. Und als ſie alles vernommen, was die Welt von Dominicus Nück wußte, als ſie ihn vor Ge⸗ richt den Mörder vertheidigen ſah, der ihm ſelbſt ſchon einmal hatte ans Leben gehen wollen, als ſie den Blick beobachtete, mit dem Nück die vielbeſprochene Priſe verweigerte, erſchien ihr ſeine Häßlichkeit, ſein Cynis⸗ mus, ſeine Charakterkraft überraſchend. Klingsohr's Nar⸗ ben im Antlitz hatten ſie nie geſtört. Wie war ſie nicht in düſtere Lebenslabyrinthe eingedrungen! Sie wußte, daß jener in Serlo's Papieren erwähnte Advocat, der bei dem Strafgericht des Bruders Hubertus über den Pater Fulgentius nicht zu entfernt geſtanden, der hingerich⸗ tete Mörder ihrer Hauptmännin war. Schaudernd über⸗ 214 liefen ſie die Rückerinnerungen an alles, was ſie von den Verirrungen des menſchlichen Geiſtes ſchon in Er⸗ fahrung gebracht. Die Leichenſchminkerin ſtand ihr oft mit Blumen wieder vor einer Todten und redete: Biſt du nun auch erlöſt, armes Weibchen? Lache, lache, armes Kind, das zu gut war für dieſe Erde! Dieſem Nück konnte ſie ſeit der„Zerichoroſe“ nicht mehr begegnen, ohne daß es ihrem Innerſten war, wie dem Knaben im Erlkönig. Sie ſah ſich fort⸗ geriſſen in Nacht und Wind und ſtieß einen Hülferuf aus vor einer Hand, die unſichtbar ſie umfing; ein Leids fühlte ſie, das ihr angethan, ein ſo tiefes Weh, daß nur das einfache Vorüberſtreifen des grauen Mannes an ihr, ſein Blick zu ihr empor nöthig war, um ſie einer Ohnmacht nahe zu bringen. Geſpenſtiſch war ſchon die Stille, die eintrat, wenn ſein magiſches Peſen vorüber⸗ gezogen. Noch mehr! Schon ſeit mehreren Tagen war ihr ſeltſam geweſen, daß eine Frau, die immer höchſt elegant gekleidet neben ihr in der Meſſe auf einem der gemietheten Stühle kniete, ſie anredete, am Tage darauf ſie ſogar verfolgte auf einem Gange, den ſie in die Rumpel⸗ gaſſe machen wollte. Eine Jüdin, Namens Veilchen Igels⸗ heimer, hatte in den ehrerbietigſten Ausdrücken an ſie geſchrieben, ſie kenne, wie ſie wiſſe, den Pater Sebaſtus. Der Aermſte ſäße krank und elend und zwar um ihret⸗ willen in einer Haft, aus der ihn weder die jetzt macht⸗ loſe geiſtliche Behörde erlöſen könnte, noch die weltliche erlöſen wollte; ob ſie nicht ihre einflußreichen Verbin⸗ dungen, beſonders die Fürſprache des Oberprocurators ſie von in Er⸗ ihr oft . Biſt lache, e... " richt n war, h fort⸗ uf aus Leids daß nur an ihr, e einer hon die orüber⸗ dar ihr höchſt nem der darauf Rumpel⸗ 1Jgels⸗ an ſi ebafus m ihret⸗ t mact welllih Verbir curabt 215 Nück in Anſpruch nehmen wollte, um den Unglücklichen vielleicht freizubekommen oder wenigſtens ihm die Rückkehr nach dem Kloſter Himmelpfort zu ermöglichen, worein die weltliche Behörde der vielen Unterſuchungen wegen, in welche auch der Pater verwickelt wäre, nicht willigen wollte, oder ob ſie vielleicht ſonſt etwas Durchgreifen⸗ deres zur Erlöſung des Armen erſinnen könnte; ſie möchte ihr die Ehre gönnen und ſie unter ihrem armen Dache beſuchen... Dieſer Brief hatte Lucinden vollends auf⸗ geregt. Klingsohr zurück nach Kloſter Himmelpfort? Zugleich mit dem ihm vielleicht ſchon lange nahe ſtehen⸗ den Bonaventura? O daß eine Vergangenheit ſo furcht⸗ bar laſtend auf dem Weibe ruht!... Sie hatte die Zuſchrift der Jüdin mündlich beantworten wollen... Da war ihr die fremde Dame nachgegangen und ermuthigt durch die vexdächtigen Umgebungen der Rumpelgaſſe, ſprach ſie Lucinden in einer Weiſe an, die dieſe ſo er— ſchreckte, daß ſie ihren Vorſatz, die Jüdin zu beſuchen, aufgab. Die Frau ſagte ihr Schmeicheleien über ihre Schönheit. Sie lud ſie zu ſich ein, forderte ſie ſogar auf, ſofort bei ihr Chocolade zu trinken. Lucinde wies die Frau zurück. Wer ſtellt dir ſo nach? Wer verdäch⸗ tigt dich?... Endlich noch mehr! Heute plauderte Treudchen von der offenbar ganz gleichen Bekanntſchaft, die auch ſie mit einer ſie verfolgenden Frau gemacht hätte... Treud⸗ chen erzählte, daß der fromme Pfarrer Rother, der die Frau vor ſeinem Hauſe auf ſie warten geſehen, ihr jede Beziehung zu ihr verboten hätte. Auch wäre ſie von ihr ſeitdem unbehelligt geblieben... 216 Warum gehſt du nur ſo oft zu dieſem Pfarrer? fragte Lucinde ſinnend... Denken Sie ſich, das fragte mich neulich jemand anderes auch! Der Herr Oberprocurator!... Die Pfarrei vom Berge Karmel liegt frei auf dem Platz und wie ich oben beim Pfarrer bin, zeigt er mir in der Ferne noch einmal die Frau, wie ſie an einer Ecke gerade mit dem Oberprocurator ſpricht... Mit Nück— 2 Mit Herrn Nück! Und heute früh begegne ich ihm und da ſagt' ich ihm, daß ich ja ſo gern auch bei den Damen auf dem Römerwege bin, weil ich meine Ge⸗ ſchwiſter im Waiſenhauſe habe... Lucinde hörte der Erklärung kaum zu; denn Nück, Nück im Geſpräch mit jener Frau! Dies Bild weckte ihr eine Vorſtellung, die ſie eiskalt überlief... So unwürdig denkt dieſer Mann—? Gehört auch er zu jenen„Bemitleidenswerthen“, denen es eine unheilbare Krankheit geworden, an Frauentugend nicht mehr glauben zu können? Muß es nicht elend in einer Seele aus⸗ ſehen, die vielleicht ein unwiderſtehliches Bedürfniß der Liebe hat und den trügeriſchen Schein davon nur auf ſolchem Wege finden kann?... Oder ſtellt man dir Fallen und wiederholt ſich der alte Unglaube an das, was du dir doch—„bei alledem“ konnte ſie ſelbſt hinzu⸗ fügen— bewaͤhrt haſt?... Da kam denn Joſephine Nück und Lucinde mußte ſich ſagen: Freilich, ein Mann von Geiſt und Leiden⸗ ſchaft und ein ſolches Weib! Düſtere Falten zog die Stirn, die ſich nun unter fragte lemand Pfarrei d wie Ferne gebade ch ihm bei den ne Ge Nüch, weckte er zu geilbare glauben le auld⸗ niß der ur auf nan dir an das thinzue mußte Untei 217 dem rauſchenden Gewühl heiter und ſorglos zeigen ſollte. Nachdem hatte Treudchen ſo viel von der großen Be⸗ gebenheit des Hauſes, vom Zank mit Delring zu erzäh⸗ len, daß das Geſpräch von dieſen dunkeln Gegenſtänden abkam... Lucinde mochte die„obere Geſellſchaft“ nicht. Hendrika hatte die Abneigung aller Frauen gegen ſie, eine Abneigung, die Lucinde für einen Beweis der„Ge⸗ wöhnlichkeit“ erklärte. Delving war ihr der Repräſentant jener„blonden“ norddeutſchen Weiſe, die ihr ſoviel Schmer⸗ zen und Demüthigungen bereitet hatte. Sie ſtellte ihn in die Reihe der hamburger„Reſpectabeln“. Sie vermied ſeine „kalten“„waſſerblauen“ Augen, die ganz den Tauſen⸗ den von Augen glichen, vor deren tugendhafter Kritik ſie ſich einſt nach dem Tode Jéröme's von Wittekind in der Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carſtens und ſeiner plattdeutſchen Schweſtern hatte drei Tage lang verbergen müſſen. Das Rufen und Klingeln und der zunehmende Lärm im Hauſe unterbrach zuletzt alles weitere Geſpräch mit Treudchen und mit ſich allein... Endlich brach ſie alles, was ſie beſtürmte, ab, faßte ſich Muth, zog ihre Hand⸗ ſchuhe an, nahm ihr Bouquet und ſchlüpfte in das vor⸗ dere Zimmer, wo im lebhafteſten Geſpräche Herren ſtan den, die ſogleich Chaine machten, um die überraſchende Erſcheinung hindurchzulaſſen. 4 Der erſte, der ſich der hohen Geſtalt„erbarmte“— denn Erbarmen kann man wol die erſte Begrüßung und Anrede eines in menſchenüberfüllte Räume Neueintretenden nennen—, war der alte Pötzl, der die beiden Bolog⸗ 218 neſerhündchen, die bei der Geſellſchaft nicht fehlen konn⸗ ten, unterm Arm hielt. Auch der Medicinalrath, ein kleiner dicker Herr, ſprang hinzu und nun wäre alles zurückgewichen vor dieſer königlichen und fremdartigen Geſtalt, wenn nicht Frau Nück, die am feucht be⸗ ſchlagenen Fenſter ſaß, ſie erblickt und ſogleich nur für ſich in Beſchlag genommen hätte, um ſie hinter den Gardinen zu fragen, ob ſie noch immer ſo echauffirt ausſähe?. Ein Flor von Jugend und Schönheit und Pracht der Toiletten war zugegen... Dennoch machte Lucinde einen Eindruck, der die Aufmerkſamkeit aller auf ſie ge⸗ zogen haben würde, wenn nicht gerade jetzt der Stolz der Stadt, das berühmte Moppes'ſche Quartett, intonirt und die Stimmung des Flügels mit einem angegebenen Accord in Einklang gebracht hätte. Alles rannte, um zum Sitzen zu kommen. Die Kryſtalle in den Kronenleuchtern wackelten vor dem Sturm. Alles mußte ſtill ſein... nur der Außerordentliche ſprach über die Baßpoſaune noch ſeinen Satz aus. Er widerſetzte ſich einer natürlichen Er⸗ klärung des Wunders, daß die Mauern von Jericho durch Poſaunen wären niedergeblaſen worden. Denn Beamte aus dem ghibelliniſchen Heerlager, rationaliſtiſche Zweifler, fehlten keineswegs und der alte Herr de Jonge hatte für ſeinen leider abweſenden Sohn die Neckereien über⸗ nommen. Während man mit Fanatismus dem Außer⸗ ordentlichen ziſchte und Lucinde ſich ſtill für ſich ſelbſt ſagte: Vielleicht beſtanden die Mauern von Jericho aus nichts, als Gärten von Roſen! und nach dem Manne der echauffirten Frau ſich umſchaute, die neben ihr 219 ſaß und die Ueberfüllung mit Menſchen verwünſchte, die nicht einmal möglich machte Pitern zu entdecken, ent⸗ faltete ſich das Bouquet des Abends. Waren es auch nur immer dieſelben„Gute Nacht!“ und dieſelben „Schlaf wohl!“ und dieſelben humoriſtiſchen„Speiſe⸗ zettel“, die die Sänger vortrugen, die Thatſache ſtand feſt: Beim letzten Hauche konnte man den entſprechenden Accord des Flügels anſchlagen— und nicht um eine Viertelnote waren dieſe jungen Kaufleute in ihrem Vor⸗ trag geſunken, worüber die alten regelmäßig in En⸗ thuſiasmus ausbrachen. Wie regierten ſie aber auch mit ſtrenger Gewalt die Muſikzuſtände der Stadt! Wie beſtimmten ſie den Erfolg jeder Oper, jeder neuen Meſſe! Was ſie verwarfen oder guthießen, fiel oder ſtand in der öffentlichen Meinung. Lucinde blieb hinter den Gardinen und beobachtete... Sie kannte ſolche Geſellſchaften nur aus Kiel und aus der Zeit ihres dreijährigen Wirkens im orthopädiſchen Inſtitut, wo es genug vornehme Beziehungen gegeben hatte... Die Wonne des Entzückens machte niemanden leben⸗ diger, als die Commerzienräthin. Glich ſie ſchon ſonſt in ihrem ganzen Leben einem jener kleinen Würmchen, die auf einer flachen Tafel hin⸗ nnd herrennen, ſtutzen über nichts, links und rechts ſchwenken und da wieder hinlaufen, wo ſie eben hergekommen ſind, wie erſt heute! Trotzdem daß ihr Kopfputz, eine Art Turban mit pur⸗ purrothen Sammettroddeln und goldenen Franſen, ihr die feierliche Haltung eines Schlittenpferdes vorſchrieb, drängte ſie ſich durch alle Bravis und Dacapos, durch alle Er⸗ 220 friſchungen und Staats⸗ und Kirchengeſpräche hindurch mit wiedererwachtem Jugendmuth. Blieb auch ihr Shawl an einigen Frackknöpfen der Herren, an einigen der auf⸗ geſtellten Rhododendren oder am Kettchen eines neuen Halsbändchens ihrer Hunde hängen, ſie war überall und nirgends und zuletzt auch bei Lucinden, die ſie her⸗ vorzog und auf die Stirn küßte. Sie flüſterte ihr zu: Wie lieb' ich Sie! Aber ich muß Sie vorſtellen! Und noch ehe ſie eine Antwort bekam, war ſie ſchon wieder bei einer andern Gruppe und eigentlich ſuchte ſie auch nur immer Pitern und ſagte das auch laut. Aber obgleich die Geſellſchaft ſchon zwei Stunden beiſammen war, ent⸗ behrte doch niemand den Schöpfer dieſes brillanten Abends. Die jungen Herren, ſeine Freunde, hatten mit den jun⸗ gen Damen zu thun und der Außerordentliche machte die Honneurs des Hauſes, ſo klein er war, mit einer Ent⸗ ſchiedenheit, die imponirte. Wiederum hatte man in einer Extra⸗Arie die berühmte Schule und die Bocktriller der Sängerin bewundert... Lucinde war endlich von dem beſchlagenen Fenſter erlöſt, aus Umgebungen, wo ſich einige Beamte und gemäßigte Commerzienräthe, die einen ghibelliniſchen Orden im Knopfloch trugen, durch den Geſang der Primadonna nicht hatten hindern laſſen, von den Zeitläufen zu flüſtern... Pamphlete, die in Belgien gedruckt waren, wurden erwähnt; Vorgänge im Kapitel ſpannten ihre Neugier; der Severinusverein hatte mit einem evangeli⸗ ſchen Handwerkerverein geſtern eine blutige Schlägerei gehabt; Plakate in einem eigenthümlichen alten Drucke, „Himmelsbriefe“, waren von den Straßenecken abgenom⸗ 221 men worden; die Worte: Rom, Geſandtſchaft, wiener Staatskanzlei fielen... Lucinde konnte nicht verweilen, da ſie der Gegenſtand allgemeiner Neugier wurde und aus einer Vorſtellung in die andere kam. Sie ſelbſt ſuchte nur Benno. Als ſie hörte, der fehle und wäre ſchon nach Witoborn, entſank ihr jede Kraft und Sammlung... Denn mitten unter all dieſen Hul⸗ digungen blieb, was ſie auch an Männern ſah, nur Grund zur Vergleichung— mit Dem, für den ſie leben und ſterben wollte... Die Commerzienräthin zog ſie in einen Kreis, wo ſich eine lebhafte Debatte entſponnen hatte... Eine Dame, der ſie hier vorgeſtellt wurde, ſaß in einem kleinen Eckdivan, umgeben von einer An⸗ zahl Herren und Damen, die ſich ebenſo an der Er— ſcheinung wie an der Converſation dieſer Frau zu erfreuen ſchienen. Sie trug ein hellfarbiges, mit ſeidenen Streifen durchwebtes einfaches Tüllkleid und darüber eine große ſchwarze Atlasmantille, mattblau gefüttert, faſt wie einen Shawl, aber auch wieder wie eine herabhängende Toga, mit Schnüren auf der Bruſt und an den Aermelöffnun⸗ gen. Die ebenfalls blaue Auslage des rundgezackten ſchwarzen Kragens verdeckte faſt den Hals und gab dieſem eine eigenthümliche Einfaſſung, wie wenn er neeckiſch ſich in ihm verſteckte. Das Merkwürdigſte für alle Um⸗ ſtehenden war der Kopf dieſer ſchönen Frau, der halb der Jugend, halb dem Alter angehörte. Aus einem Halbhäubchen von ſchwarzem Flor, beſetzt mit blauen Blu⸗ men, quollen eine Anzahl grauer Locken hervor. Die Commerzienräthin ſprach von„der Frau Ba⸗ 222 ronin“. Daß Lucinde vor Armgart's Mutter ſtand, mußte ſie ſich erſt ſelbſt allmählich entnehmen. Lucindens Erſcheinen fiel auch hier auf. Jemand, der der Dame am nächſten ſaß, ſprang ſogleich auf und bot ihr zuvorkommend ſeinen Sitz. Ein paar feurig durch⸗ bohrende Augen warf er dabei auf Lucinden, die er⸗ röthete. Der Gefällige vergaß faſt, daß er es war, der das Wort führte und daß alle bisher an ſeinem Munde gehangen hatten. Mit einer fremdartigen Betonung, aber außerordent⸗ lich geläufig und einſchmeichelnd erzählte er Vorgänge, die Lucinde ſogleich als auf die Gräfin Paula ſich be⸗ ziehend erkannte. Das waren Wetterſchläge in ihr Herz . Die Lage des Camphauſen'ſchen Proceſſes war ihr geläufig genug, um zu begreifen, daß der Sprecher jener Bevollmächtigte der wiener Erben, Herr von Terſchka war, jener Terſchka, der einſt ſchon in Kiel ſie geſehen und damals durch eine Debatte über ihre Naſe die nächtliche Scene mit dem Kronſyndikus ver⸗ anlaßt hatte... Terſchka wiederum, in deſſen Ohr noch bei dem Worte: Fräulein Lucinde Schwarz! die Bezeichnung: Eine ultramontane Emiſſärin! von der Villa der Ge⸗ brüder Fuld nachklang und der ſich ſeitdem gleichfalls auf die Tage von Kiel beſonnen hatte, Terſchka begleitete alles, was er ſprach, mit Blicken, die ſich zwiſchen Lu⸗ einden und Monika theilten. Monika ſaß in tiefem Ernſt und ſpielte zerſtreut mit ihrem Fächer. Terſchka war vor wenig Stunden an⸗ gekommen, um noch die Gräfin vor ihrer Weiterreiſe zu nge, be⸗ Herz ihr echer von Kiel ihre ver⸗ dem ung: ge⸗ eitete Lu⸗ t nit man⸗ begrüßen. Ohnehin zu ſpät eingetroffen, mußte er in dieſer Nacht wieder zurück... In ſeinem ganzen Weſen lag die Elaſticität der Aufregung, die für Monika voll— kommen verſtändlich gleichſam ausdrückte: Auch nur eine Stunde in deiner Nähe verweilt— und ich bin überreich belohnt! In dem Bericht über die außerordentlichen Heilun⸗ gen, die man Paula verdankte, fiel bei Erwähnung der Geſichte, die Paula ſähe, das Wort: Der Teppich, auf dem der Domherr von Aſſelyn als Archipresbyter zu Sanct⸗Libori nächſtens die erſte Meſſe leſen wird, ſtellt eine Viſion der Gräfin vor. Der ſo⸗ genannte Philoſoph von Eſchede, Doctor Laurenz Pütt⸗ meyer, hat dieſe Viſion gezeichnet und vierundzwanzig Stiftsdamen und Freifräulein der Umgegend ſtickten bisher Tag und Nacht daran. Das Ganze iſt jetzt vollendet und ſieht ſich an wie eine Offenbarung Dante's... Für Lucinden lagen in jedem Worte dieſes Berichts durchbohrende Nadeln und Stacheln des Neides und der Eiferſucht... So würden wir ja, nahm eine ihr wohlbekannte Stimme die Rede auf, die Erſcheinung der heiligen Hilde⸗ gard noch einmal haben, die bekanntlich ſchon ebenſo viel von der Natur wußte, wie Alexander von Humboldt, und noch dazu in einem viel wahreren Geiſte... Der Sprecher war der Außerordentliche. Mit einem artigen Gruße an Lucinden hatte er ſein:„Bekanntlich“ gleich im Ton als„unbekannterweiſe“ gegeben und fuhr deshalb docirend fort. Er ahnte nicht, daß zufällig eine anweſende Perſon im Leben jener Heiligen, deren„Phy⸗ 224 ſit“ ſeit einiger Zeit durch die Bekenner der„frommen Naturwiſſenſchaften“ bekannter geworden, ſehr heimiſch war... Sie kennen Bingen, meine Herrſchaften? fuhr der Profeſſor mit hochliegender Stimme fort. Sie kennen den höchſt vortrefflichen Scharlachberger der Veſte Klopp und die Lokalerinnerungen an Kaiſer Heinrich IV.? In der Nähe dieſer gegenwärtigen Victoria⸗Hotels und Belle⸗ vues lag ſonſt das Kloſter Diſibodenberg, deſſen Aeb⸗ tiſſin vor achthundert Jahren Hildegard geweſen iſt, die Tochter eines adeligen Vaſallen der Grafen von Spon⸗ heim. Schon im dritten Lebensjahre hatte ſie Viſionen. Sie gab ihr Erbe auf, ſchenkte es der Kirche, wurde Benedictinernonne und lebte ſchon hienieden im Geruch der Heiligkeit. Sie ſah den Himmel offen, heilte, that Wunder, ſchrieb, ohne die Sprache gelernt zu haben, im entzückten Zuſtande Latein. Sie war eine Gotterleuchtete, die nach allen Richtungen hin Spuren ihres Geiſtes zurückließ. Ich nenne nur ihre Einſichten in die Natur⸗ wiſſenſchaften. Sie hat vom Bau des menſchlichen Kör⸗ pers, von den Kräften der Luft, des Waſſers und Feuers mehr gewußt, als die atomiſtiſche Phyſik des achtzehnten Jahrhunderts! 4 Lucinde dachte bebend an Paula... Die Frau aber mit den ſilbernen Locken, die ſich von der Hitze des Zimmers löſten und lang in ihren Ueber⸗ wurf hinunterglitten, den ſie jetzt öffnen mußte, erwiderte plötzlich ſcharf und beſtimmt: Die heilige Hildegard war im Gegentheil beinahe eine Vernunftgläubige! 225 Alles horchte auf... Wie ſo? fragte der Außerordentliche, ſtutzig über den Muth der Interpellation und ein in dieſer Geſellſchaft gebrauchtes anſtößiges Wort... Monika erwiderte: Jede Zeit hat ihre eigene Art, den Antheil für edlere Dinge auszudrücken. Was in unſerm Jahrhundert die Philoſophie iſt, war vor achthundert Jahren das Chri⸗ ſtenthum... Bitte! Erlauben Sie! unterbrach der Profeſſor hoch⸗ erſtaunend... Aber ein Glück für den Vater, daß dieſer in einem hintern Zimmer am Whiſttiſche ſaß. Sonſt hätte er erlebt zu hören, daß die allgemeinſte Spannung über die gelehrte muthige Frau ſeinem Sohn, ſeinem Stolz, ein ziſchendes St! rief— und das in einem Kaufmannsſalon... Frau von Hülleshoven fuhr bei der im Zimmer ein⸗ getretenen lautloſen Stille fort: Wenn eine Zeit voll Barbarei der Wunder bedarf, um ſich dem göttlichen Weltplan zu fügen, ſo geſchehen auch Wunder. Der Menſch macht ſeine eigenen Thaten dann ſelbſt dazu und läßt immer nur Gott die Ehre. Die Eingebungen einer Hildegard kamen aus der Sphäre, ja geiſtigen Sprache her, die damals allein verſtanden wurde und allein wirkte. Das Chriſtenthum in der Be⸗ deutung, wie wir es jetzt zu citiren pflegen, iſt dabei ganz unweſentlichl Das iſt ja offene Ketzerei! warf der Gegner dazwiſchen, lächelnd freilich und noch verbindlich... Aber wieder Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 15 226 mußte er erleben, daß ihm geziſcht wurde. Man ziſchte auch über das harte Wort gegen eine Dame... Nennen Sie es, wie Sie wollen! fuhr mit einem eigenthümlich bittern Lächeln die jugendliche Sprecherin fort. Ich verweiſe Sie nur auf die vielen Beſtätigungen, die Hildegard für meine Behauptung gegeben hat. Sie hat bei ihren Viſionen immer nur das praktiſche Leben und die Beſſerung der Sitten im Auge gehabt. Hilde⸗ gard war eine kleine ſchwächliche Perſon, immer kränk⸗ lich, jedenfalls von einer ſomnambulen Anlage.. Gräfin Paula iſt ſchlank wie eine Tanne! warf Terſchka hinein, artig— doch offenbar in der Abſicht, Monika zur Mäßigung zu mahnen... Dieſe fuhr jedoch fort: Hildegard ſah Erſcheinungen, Engel und ſie heilte. Aber ihre Viſionen waren von einer ſtrafenden und er⸗ mahnenden Tendenz. Ihre Heilungen erfolgten nicht ohne Beiſtand ihrer Kräuterkunde und die Beobachtung des menſchlichen Körpers. Sie ermahnte den Papſt, der kranken Kirchenzucht zu helfen. Sie gerieth in Streit mit dem Erzbiſchof von Mainz über die Beſchuldigung, einen Excommunicirten auf dem Gottesacker ihres Klo⸗ ſters beſtattet zu haben. Sie machte ſogar Reiſen. Daß ſie dabei nur die Klöſter beſuchte, lag im Charakter einer Zeit, wo es noch keine Victoria⸗Hotels gab und eine Frau mit einigen weiblichen Begleiterinnen nicht auf Ritterburgen übernachten konnte. Die Klöſter waren für jene Zeit vortrefflich. Sie waren die Herbergen, die Gaſthöfe jener Zeit. Sie beſuchte Paris. Denken Sie ———-— ſich nach ding hint 227 ſich eine Reiſe nach Paris in jener Zeit!... Eine Reiſe nach Paris für eine Frau! Auf einer Reiſe nach Paris würde man jetzt aller⸗ dings nicht mehr in Klöſtern abſteigen! warf eine Stimme hinter der ſich mehrenden dichten Gruppe ein... Nück's Stimme! ſagte ſich Lucinde, als alles lachte... Sie und die Sprecherin waren der Mittelpunkt ge⸗ worden und Terſchka's Augen ließen weder von ihr, noch von Monika... Monika fuhr in dem Gemurmel der Freude, den volksthümlichen Nück zugegen zu wiſſen, fort: Wie vernünftig, wie praktiſch dieſe Heilige war, be⸗ weiſt auch der Umſtand, daß ſie zwar bis in ihr achtzig⸗ ſtes Jahr Wunder verrichtet haben ſoll, aber im Tode gänzlich damit aufhörte... Ein Geflüſter und Lächeln... Bitte! unterbrach der Profeſſor der gläubigen Natur⸗ wiſſenſchaften. Der Erzbiſchof von Mainz verbot der Todten ausdrücklich, noch Wunder zu verrichten! So viel Ghibellinen hatte Piter eingeladen, daß jetzt ſogar die Welfen über dieſe Aeußerung mitlachen muß⸗ ten.. Man muß das anders erklären! erwiderte Monika, während der Außerordentliche ſich im Kreiſe rundum ſchaute und ſtrafende Blicke nach allen Seiten austheilte. Es wäre manchmal ſehr ſchön, wenn man die Reize des Niederwaldes und die Ausſicht vom Victoria⸗Hotel auf Rüdesheim auch den Engländern in Bingen ver⸗ bieten könnte. Der Zudrang zum Grabe der Heiligen wurde ſo groß, daß man den daraus entſtehenden Un⸗ 15* 228 ordnungen ſteuern mußte. Deshalb verbot der Erz⸗ biſchof der todten Aebtiſſin die Wunder. Und die Heilige erſchien dann dem Erzbiſchof von Mainz und erklärte ihm, ſie wollte ihm auch noch im Tode gehorſam ſein. Das war aber lediglich eine Ironie der vortrefflichen Frau; ſie hatte ihr Lebtag ſo viel Aerger mit den Vor⸗ geſetzten der mainzer Erzdiöceſe gehabt, daß ſie ihnen auch noch im Tode gelobte, ihren Willen zu thun. Ein ſchallendes Gelächter brach aus... Die Entrüſtung des Außerordentlichen ſteigerte ſich ſo, daß ſie jetzt ſchon von Johannen, ſeiner Verlobten, heimlich beſchwichtigt werden mußte... Lucinde, die nur ruhig beobachtete, würde mehr auf⸗ gethaut ſein, wenn ſie nicht faſt phyſiſch gefühlt hätte, wie Nück, den ſie nicht ſah, ſie beobachtete. Aber, fuhr die ſcharfe Frau zur Mehrung ihres Triumphes fort, aber auch wahrhaft liebende und geiſtvolle Freunde hat die Aebtiſſin gehabt! Das müſſen Sie ſchon darum zugeben, weil ſie des Lateiniſchen unkundig war, nur im magnetiſchen Zuſtande etwas davon wegbekam und doch ſoviel Schriften gerade in dieſer Sprache hinterlaſſen hat. Ein einfacher Beichtvater, von dem die Welt nur weiß, daß der Treffliche Pater Gottfried hieß, war ein ſo treuer Freund ihrer Seele, daß er alles niederſchrieb, was ſie in den Wolken geſehen zu haben vermeinte, und es dann noch ſpäter mit ihr ausarbeitete. Dieſer beſcheidene Mönch war alſo noch etwas mehr, als Goethen ſein Eckermann. Er war der Geiſt einer Frau, die keinen Körper, nur eine Seele gehabt zu haben ſcheint. Gott⸗ fried ſelbſt ſtand unter dem Eindruck ihrer Bezaube⸗ „— Exz⸗ eilige lärte ſein. lichen Vor⸗ ihnen 229 rung. Er hörte ſeine Freundin, die auf dem Bette lag, phantaſiren. Sie dictirte ihm die Briefe an die, die ihren Rath begehrten. Sie ſprach deutſch und ſein Ohr hörte und ſeine Feder ſchrieb Latein. Er überſetzte nichts, er ſchrieb die Geſichte ſeiner Freundin gleich in ſeiner geiſtigen Mutterſprache nieder. Das war gerade ſo, wie Plato den Sokrates Dinge ſagen läßt, die er nie ge⸗ ſprochen und die Plato darum doch nicht log. Aus Sokrates Geiſte dichtete Plato ſeine Dialogen; die Dichter lügen nicht, wenn ſie auch noch ſoviel erfinden. Oder glauben Sie nicht, daß Sokrates ſomnambul war? Jeder große Geiſt iſt ſomnambul. Jeder Genius hat einen Dämon wie So⸗ krates. Jeder Heroe handelt unzurechnungsfähig. Dieſe Hildegard war die einzig mögliche Diotima des Mittel⸗ alters. Aber welche Thorheit, wenn man noch jetzt in ihrer alten Sprache lallen wollte! Ich möchte wol wiſſen, wenn man die Gräfin Paula fragte, was Hilde⸗ gard gefragt wurde, als der Dechant Philipp von Köln an ſie ſchrieb, ob ſie in ihren Viſionen nichts über den kölner Klerus geſehen hätte?... Ueber den kölner Klerus? rief man durcheinander... Lucinde lachte mit in den Chor hinein. Sie fühlte Schadenfreude— über eine Gegnerin Paula's... Gewiß, gewiß! ſagte Monika. Die Nonne von Dülmen hätte ſchwerlich auf dieſe Frage wie Hildegard geant⸗ wortet! Sie hätte ohne Zweifel alle Domherren von Köln für künftige Heilige erklärt! Ein neuer Sturm... Aber Hildegard? Was ſagte ſie denn? drängte man... Die Zahl der Umſtehenden nahm immermehr zu... 230 Hildegard antwortete zuvörderſt: Der ewige Gott, der da iſt, war und ſein wird, wird alle Runzeln der Zeit ausglätten! Wer iſt dieſer Gott? fährt ſie fort. Die Sonne iſt das Licht ſeiner Augen, der Wind ſein Ge⸗ hör, die Luft ſein Geruch, der Thau ſein Geſchmack. Der Mond iſt Gottes Uhr, die Sterne ſind ſein Den⸗ ken, denn in ewigen regelmäßigen Kreiſen dehnt ſich alles Denken... Hat wol die Nonne von Dülmen jemals die Gottheit ſo erhaben definirt? Sie ſah nur Nägelmale und blutende Heilandswunden! Eine Todtenſtille trat ein. Man würde Hildegard jetzt für eine Pantheiſtin erklären! bemerkte Terſchka vermittelnd, während der Außerordentliche vor Staunen und Befremdung über dieſe Sprache in aller Blicken zu leſen ſuchte... Noch mehr! fuhr Monika unerſchrocken fort. die heilige Hildegard war Vulkano⸗Neptuniſtin, ſchon achthun⸗ dert Jahre vor den Theorieen Cuviers über die Bildung der Erdrinde. Sie ſagt an jener Stelle, Gott ſpräche: Steine hab' ich aus Feuer und Waſſer gegoſſen und die Erde aus Feuchtigkeit und Keimkraft dargeſtellt. Ich habe Gewölbe ausgeweitet, welche die Körper tragen, um dieſelben her befindet ſich die Feuchtigkeit zu ihrer Be⸗ feſtigung. Hätten die Wolken nicht das Feuer und das Waſſer, ſo würden ſie wie Aſche ſein.. In das Erſtaunen der Zuhörer und der Bewunde⸗ rung vor dieſer ſeltſamen, jetzt faſt feierlichen jungen Frau, miſchte ſich wieder von hinterwärts her die helle und ſcharfe Frage aus der Menge:. 231 Aber bitte, bitte! Was ſagte ſie über die kölner Geiſtlichkeit? Lautes ſchallendes Lachen.. Es war wieder die Stimme des geliebten, populären Redners... Lucinde ſah ihn nicht... Sie vergleicht die Würde der Geiſtlichkeit zuerſt den höchſten Erſcheinungen in der Natur! fuhr Monika fort und eklipſirte den Außerordentlichen heute bis zur voll⸗ ſtändigen Nullität. Abel, Noah, Abraham, Moſes, alle wären Prieſter geweſen, ſagte Hildegard, und hätten in Gottes Haushaltplan der Schöpfung eine große Rolle durchgeführt; die vier Propheten wären wie die vier Welt⸗ gegenden zu betrachten, die die Erde begrenzten. Und die kölner Geiſtlichkeit— nun von der, ſagte ſie, die— ich wiederhole wörtlich— die— blaſe ſchlecht auf der Po— ſaune der Gerechtigkeit... Die Erinnerung an die Baßpoſaune erzeugte ein fortgeſetztes Gelächter. Denn ſelbſt die Welfen waren mit den jetzigen Kundgebungen ihres plötzlich über den Kirchenſtreit eingeſchüchterten Kapitels nicht im mindeſten einverſtanden... Eine Poſaune, fuhr Monika, als die Zuhörer ſich beruhigt hatten, fort, iſt ein ſo erhabenes Inſtrument, daß es ſeine Intervallen haben muß. Bei aller Ver⸗ ehrung vor dem Talente, das uns vorhin die füßeſten Arien auf ihr vorgetragen hat, würden Sie doch von dieſem erhabenen Inſtrument keinen Walzer hören wollen (Piter hatte allerdings gerade einen Strauß'ſchen Walzer auf der Baßpoſaune als die Girandole des Abends und den Uebergang zum gemüthlichen„Ulk“ beſtellt gehabt). 4 232 Die kölner Geiſtlichkeit aber blies ſozuſagen die Poſaune der Gerechtigkeit in dieſen Sechszehntelnoten, d. h. wie die Heilige ſagt,„ohne Einhaltung paſſender Zeiten“ und manchmal gar nicht und manchmal im„Uebermaße“ und manchmal heftig und dann ganz abbrechend, kurz ohne jede wahre muſikaliſche Empfindung... Ein allgemeines beifälliges Murmeln deutete an, daß man dieſe Ungleichmäßigkeit des prieſterlichen Wirkens vollkommen verſtand... Sie will ſagen, fuhr Monika fort, ihr übt euer Amt gedankenlos, ſeid ſtreng aus Gewohnheit, verhängt Strafen ohne zu überlegen, wie die Fälle ſind! Ihr ſeid, ſchreibt ſie, eine finſternißathmende Nacht, ein Volk, das aus Ueberdruß an zu vielem Licht nicht länger darin wandeln mag!(„Ueberdruß an zu vielem Licht“— Lu⸗ einden ſiel ein Schlaglicht— auf den gefangenen Klings⸗ ohr.) Sie tadelt die kölner Handwerksmäßigkeit in der Uebung des Prieſteramts. Auch die Sünden der Lei⸗ denſchaft fehlten nicht und doch wolle man daſelbſt„die Ehre der Heiligkeit ohne Anſtrengung“ gewinnen. Sie ver⸗ mißt das reine Feuer und den Duft der Lieblichkeit... Das Gemurmel wurde ſo groß, daß der Außeror⸗ dentliche ſich dem Beifall anſchließen mußte und ſogar für die Bemerkung: Und vergeſſen Sie nicht, gnädige Frau, daß die Heilige ſelbſt in Köln geweſen iſt! Bei⸗ fall erntete... Um ſo mehr alſo! ergänzte Monika. Und ſollte man nicht glauben, daß ſie ſchon die Neigung der Kölner für Männergeſang und Carneval gekannt hat, wenn ſie— ich bitte die lieblichen Sänger von vorhin um Vergebung aune wie ten“ Sℳ ꝛße kurz daß rkens euer äängt Ihr Volk, darin Lu⸗ ings⸗ t der Lei⸗ „die ver⸗ it.. geror⸗ ſogat üdige Bei⸗ man er ft 4 ebung 233 — ſagt:„Ihr aber ſeid ſchon durch jeden fliegenden weltlichen Ruhm überwunden, ſodaß ihr euch ſogar als ſingende Poſſenreißer hinſtellt!“ Braviſſima! rief glücklicherweiſe das ganze Quartett ſelbſt; es war vom Erfolg ſeiner Lieder im höchſten Grade befriedigt... Moppes gab das Signal... Monika ſprach auch ſo lächelnd, daß ſie nicht verwunden konnte .. Ihre grauen Locken hatten etwas ſo lieblich Ele— giſches, daß jeder entwaffnet war... Terſchka freilich wurde immer unruhiger und wech⸗ ſelte wieder Blicke mit Lucinden, die aufs neue durch Nück's Stimme erſchreckt wurde... Und die Kaufleute! Die Kaufleute! rief Nück, gleich⸗ ſam den Uebermuth der Kaufleute, die hier ſo viel auf Koſten anderer lachten, ſtrafend... Sie ſpricht nur von der Geiſtlichkeit! fuhr Monika fort. Die Pfründen wirft ſie ihnen vor, wenn ſie ſagt: „Wegen eures Reichthums unterweiſt ihr eure Unterge⸗ benen nicht und geſtattet nicht einmal, daß ſie bei euch Belehrung ſuchen, indem ihr ſprecht: Alles können wir nicht ausrichten!“ Wiederum ein ſchallendes Gelächter... Selbſt der Kanonikus war vom Spieltiſch vorgekommen, zog in dem allgemeinen Jubel ſeine Doſe und fand die Moral auch jetzt im höchſten Grade noch anwendbar. Denn wie oft war nicht gerade erſt kürzlich bei der Er⸗ nennung eines ſo jungen Domherrn, wie Bonaventura, in der engeren Curie geſagt worden:„Alles können wir nicht ausrichten!“... Die Commerzienräthin ſtand in der Nähe. Sie war vielleicht die einzige, die nicht 234 wußte, wovon die Rede war, aber ſie lachte mit, da ſie den Kanonikus lachen ſah. Ich will die dann folgenden Rügen gegen die man⸗ gelnde Sittlichkeit der kölner Geiſtlichen nicht wiederho⸗ len! fuhr Monika fort. Auch ſind mir die Ausdrücke entfallen. Nur die ganz beſonders überraſchenden, die ich noch kürzlich las, weil meine Reiſe mich auch nach Köln führen ſoll, prägte ich mir mit Vorliebe ein. So macht ſie der kölner Geiſtlichkeit den Vorwurf der diplo⸗ matiſirenden Nachgiebigkeit... Aha! murmelten die Fanatiker... Das Predigen und Lehren, das ſtarke Zeugen für Gottes Geſetz wäre dort nicht an der Zeit mehr! Ahal! Aha! Ja, daß die Heilige dann den Kölnern die Refor⸗ mation prophezeit, iſt allbekannt... Wie? fragten die Ghibellinen ſtaunend... Unter den Welfen verbreitete dies Stichwort ſofort eine ängſt⸗ liche Stille. Terſchka winkte Monika... Aber ſie fuhr fort: Nein! Nein! Fürchten Sie nichts! In dieſem Punkt i*ſt die heilige Hildegard ſo beſchränkt wie die Nonne von Dülmen und wahrſcheinlich auch wie— die„Seherin von Weſterhof“... Terſchka wurde immer unruhiger und ſprach mit ſeinen flammenden Augen: Mäßigung! Mäßigung! Trotz des Schweigens, das nun eintrat, fuhr Monika fort: Wo iſt jetzt wol eine Ekſtatiſche, die ſo den Papſt, die Erzbiſchöfe, die Domherren und Prieſter ſtrafte, wie 2 gen für Refor⸗ Unter ängſt⸗ fort. m Punk nne von Seherin iß n ng! Monii guſ ſte w 235 dieſe Aebtiſſin! Aber leider— in Einem war ſie ſchwach. Sie lebte in einer Zeit, wo es der Ketzer ſchon genug gab, in einer Zeit, wo man die Albigenſer und Waldenſer in Frankreich und in den piemonteſiſchen Thä⸗ lern mit Feuer und Schwert vertilgte. Die Glaubens⸗ gerichte konnten nur den ketzeriſchen Lehren, aber bekannt⸗ lich nicht den vortrefflichen Sitten der Ketzer beikommen. So ergibt ſich Hildegard in dieſe Gewißheit, daß auch die künftige große Reaction gegen die kölner Geiſtlichkeit zwar vom Teufel ausgehen, aber ein außerordentlich klug gewähltes Gewand tragen würde. Sie ſagt, das Volk würde dieſen gemäßigten, in Zucht und Ehren lebenden neuen Predigern allerdings anhängen. Der Teufel ſtünde mit verborgenem Leuchter, daß man ihn nicht ſehen könne, und ſpräche: Ha, ha! Da glauben ſie immer, ich müßte in Geſtalt von Thieren, von Drachen oder von Fliegen kommen! Aber ich mache mich auch einmal den Propheten„ein wenig ähnlich!“ Nun will ich machen, daß man tugendhaft nicht blos ſchei⸗ nen, ſondern auch ſein kann und doch nicht in Gott lebt! Und ehe man noch über die Schärfe dieſer Reden ſich ſammelte, wiederholte Monika: Tugendhaft ſein, nicht etwa blos ſcheinen, ſondern ſein, und doch nicht von Gott ſtammen! Monika wollte die Verurtheilung dieſer Verblendung. Aber der Außerordentliche rief: Das iſt ja ein erhabenes Wort! Das iſt ja die Selbſtherrlichkeit Ihrer Philoſophie! Trefflich! Trefflich! Darin findet die Heilige die künftige Hölle der kölniſchen Geiſtlichkeit! Die ſcheinbare Logik der Kirchenverbeſſerung iſt es ja, die ſcheinbare Tugend ihrer Bekenner, die ſchein⸗ bare Aehnlichkeit mit den Propheten, die ſcheinbare Größe der, wie man ſich rühmt, reiner erkannten Schrift, dies ewige Fröſteln in der gemäßigten Temperatur des Ra⸗ tionalismus, das zu ſehen, das der Menſchheit genügend finden zu ſollen, ja allerdings das kann und muß für jede rechtgläubige Seele ſchon auf Erden die Hölle ſein! In ein Murmeln der Ghibellinen hinein entgegnete Monika: O häufen Sie nicht ſoviel Schmach über das arme kleine kranke Mütterlein, das da in ſeiner binger Kloſter⸗ zelle ſo Großes und ſo Entſetzliches träumend lag! Wer weiß, ob ihr treuer, mit ihr alt gewordener Freund, der Benedictiner Gottfried nicht zitterte vor dem, was ſie ſah und er gehorſam der Hocherleuchteten nach— ſchreiben ſollte! Immer hatte ſie den ſchönſten, liebens⸗ würdigſten Wahrheitsdrang, den es nur in einem Frauenherzen geben kann, aber daß ſie vor einem an⸗ dern Lehrſatze erſchrickt, als dem, in dem ſie unter⸗ richtet wurde, das iſt die Unreife ihrer Zeit. Und daß ſie noch ſo gerecht iſt und dem Teufel einräumt, ein ſo guter Schauſpieler zu ſein! Die Ketzer ſind tugendhaft, ſagt ſie, aber traut dieſer Tugend nicht! Dieſe Tugend ſtammt nicht einmal aus Verſtellung— das ſchreibt ſie wörtlich— nein, der Teufel gab den Albigen⸗ ſern und Waldenſern, die Innocenz III. mit Feuer und Schwert vertilgt wiſſen wollte und deren er allein bei Schloß Caſtellungo im Piemonteſiſchen Hunderte ver⸗ brennen ließ, die Kraft, wirklich tugendhaft zu ſein, —— rung zein⸗ röße dies Ra⸗ gend für ſein! gnete arme vſter⸗ lag! eund, was nach⸗ bens⸗ einem n al⸗ unter⸗ Und äumt, ſind niche — das bigen⸗ er und n bi 4 b 1 ſein, 237 wirklich die Sitte der Frauen zu ſchonen, wirklich enthaltſam zu ſein, aber— der Teufel erfüllte nur die„Luft mit ſolchen Geiſtern“, daß ſie ſagten: O wir ſind heilig und vom Heiligen Geiſte durchgoſſen! Das Volk wird ſich, fährt ſie fort, an ihrem Wandel erfreuen, wird ihnen folgen; ſie werden ſogar die guten Streiter der rechtgläubigen Kirche ſchonen, hören Sie, ſchonen d. h. dieſe Unglücklichen werden, wenn ſie einmal ein klein, klein wenig Macht haben, gegen Andersdenkende liebevoll und tolerant ſein... aber alle dieſe Beweiſe von Milde und Güte ſieht die arme kleine unglückliche gebrechliche Frau nur als Lügen an; alles muß der Teufel gemacht haben, alles, alles, was ſie beinahe ſchon liebt, ſchon bewundert! Iſt das nicht entſetzlich? Die Albigenſer und Waldenſer wurden mit Feuer und Schwert vernichtet, ſie ſtarben in den Flammen mit einem Ho⸗ ſianna, ſie waren liebevolle Väter, treue Gatten, zärt⸗ liche Gattinnen, aufopfernde Mütter, gehorſame Kinder; aber— daß ſie alles das waren, das hatte der Teufel nur ſo in die Luft„gezaubert“! Gezaubert! Das die Welt glauben zu machen, war von Seiten Roms gewiß die größte Zauberei! Die junge Frau hatte ſich erhoben... Zwar ſtand ihr die Leidenſchaft, mit der ſie ihre Ueberzeugungen ausſprach, herrlich ſchön... JIhr Auge blitzte voll göttlichen Feuers... Ein Zug des Schmerzes um die beredten Lippen gab ihrem Vortrage und der Geltendmachung ihrer Kenntniſſe ſoviel Ueber⸗ zeugtes und Ueberzeugendes, daß ſie die Königin des Abends geweſen wäre, wenn nicht eine ängſtliche Stille a 3 238 ihrer Rede gefolgt wäre, alles auseinander ging und Terſchka, aufſpringend, bemüht geweſen wäre, wenigſtens ſcherzend die Stimmung wieder in den für dieſe Stadt und ſolche Geſellſchaft angemeſſenen Geiſt hinüberzu⸗ lenken. Sie ſind krank! flüſterte er ihr heimlich zu; dann rief er mit ſchnell ſich faſſender Geiſtesgegen⸗ wart:* Gnädige Frau, das erinnert mich ja ganz an eine Aeußerung Ihres Fräuleins Tochter! Fräulein Armgart bekam durchs Loos an dem Teppich für den Domherrn von Aſſelyn einen Theil zu ſticken, auf dem ein häßlicher Drachenkopf abgebildet iſt. Erſt war ſie darüber ganz außer ſich! Hernach ſagte ſie, daß ſie den Drachenkopf ſchon ganz lieb gewonnen hätte und ſie nun wohl einſähe, wie man ſich ſo auch durch längern Um⸗ gang an den Teufel gewöhnen könnte! Der noch gebliebene Kreis ging auf Terſchka's gute Laune ein und raſch fuhr er fort: Ja, meine Damen! Das wird ein Prachtſtück werden! Es iſt, wie geſagt, eine Viſion der Gräfin! Der Körper des heiligen Liborius wurde aus Frankreich hierher her⸗ übergebracht zum Geſchenk von Kaiſer Ludwig dem Frommen. Dem Schrein voraus, erzählt die Legende, zog wunderbarerweiſe ein Pfau, der ſich der feier⸗ lichen Proceſſion angeſchloſſen hatte und nicht weichen wollte. Der Vogel des Stolzes wurde der Vogel des Triumphes. In der Viſion der Gräfin iſt er rieſengroß und ſchlägt ein majeſtätiſches Rad durch alle Himmel und über die Erde und über die Hölle. Der Regen⸗ bogen iſt es, den die letzten Augen ſeines Schweifes und ſtens Stadt erzu⸗ zu; egenr⸗ eine ngart herrn ein 3 ſie ß ſie ad ſie 239 bilden. In den Ecken ſitzen geflügelte Löwen und Leo⸗ parden und tief unterwärts Drachen und Lindwürmer. Nach Comteſſe Paula ſollte der Pfau, der der Verherr⸗ lichung des heiligen Liborius gewidmet iſt, auf ſeinem Haupte die dreifache Krone tragen. Da man aber vom hochwürdigſten Sitz des Heiligen Vaters leicht ein un⸗ ehrerbietiges Bild darin hätte ſehen können, ſubſtituirte man als Haupteszierde des Pfauen ein Kreuz... In dem Geplauder fing man an ſich zu zerſtreuen... Eine Furcht vor einer ſo über alles Maß hinaus⸗ gehenden Meinungsäußerung wie bei Monika ſchien ſich der Meiſten bemächtigt zu haben und der Außerordent⸗ liche triumphirte... Da es zum Souper zu gehen ſchien, erhob ſich auch Lucinde, die ſonſt in der Laune war, zu jedem Fiasco, das jemand machte, ſchadenfroh zu lachen... Die Gräfin las den Dante! ſagte ſie zu Monika und ſuchte durch ein Lächeln die hier verfehlte Wirkung ihrer Vertheidigung der Reformation zu zerſtreuen... Mit Ihnen! ergänzte Terſchka, ſich ſchnell ein— miſchend... Sie hatte allerdings mit Paula zuſammen italieniſch gelernt... Lieben Sie Dante? fuhr Terſchka fort... Lucinde ſchüttelte den Kopf... Es war ihr in ihrem Leben von Klingsohr ſo viel über Dante geſprochen worden, daß ſie ihn ſchon deshalb nicht mochte... Recht, mein Fräulein! ſagte Monika, bitter lächelnd über die Welt der Vorurtheile. Auch ich mag ihn nicht, dieſen finſtern Italiener... 240 Der Profeſſor kam, um den Wirth zu machen, mit Tellern und offerirte verbindlich und ironiſch... Wen? fragte er... Wen mögen Sie nicht leiden? Dante, Dante! ſagte Terſchka... Wie? lautete ein ironiſches Erſtaunen; Dante nicht, der— den Päpſten doch fluchte? Sie lieben ihn alſo! Und warum? entgegnete Mo⸗ nika und ſtellte den Teller ſich zur Seite auf einen nahe ſtehenden Tiſch, da ſie nicht eſſen mochte und ſich zum Gehen rüſtete... Weil Dante für ſeine Zeit der größte ariſtokratiſche Dichter war! Und für unſere Zeit iſt er der katho⸗ liſchſte! Damit entſchlüpfte er triumphirend... Ich mag ihn nicht, grollte Monika düſter vor ſich, hin, während Terſchka einen Tiſch arrangiren wollte und ſie zurückhielt... Faſt wäre ſie geblieben, als ſie aus Lucindens Munde durch folgende Worte überraſcht wurde: Ich finde an Dante peinlich, ſagte das ihr jetzt erſt auffallende ſchöne junge Mädchen, wie er ſich müht, Mar⸗ tern zu erſinnen, die er ſeine Gegner erleiden läßt! Weil ihn ſeine Mitbürger aus Gründen nicht mochten, ruft er die Fremden zu Hülfe, will Italien mit Feuer und Schwert von den Ghibellinen und den Deutſchen verwüſtet haben und läßt alles, was ihm perſönlich oder ſeinem Prin⸗ cip misgünſtig ſcheint, in der Hölle gemartert, geſotten und gebraten werden. Eine grellere Einbildungskraft hat es noch nie an einem Dichter gegeben, als ſich hinzuſetzen und zu grübeln, welche Qualen dem oder jenem 1 hen, mit leiden? te nicht, nete Mo⸗ nen nahe ſich zum okratiſche r katho⸗ vor ſich ollte und zueindens jebt erſ ht, Mar⸗ ßt. Weil ruft ei Schwert tet haben em Prin⸗ geſotte⸗ ungskraf als ſt derjenel 241 ſeiner Feinde einſt zu Theil werden würden! Und wen wirft er nicht alles in ſeine Hölle! Einen Brutus, einen Cato, einen Caſſius! Ueberall wittert er Unord⸗ nung in ſeinem Sinn und Freiheit und was darunter die florentiniſchen Gilden verſtanden haben mögen, die nur ſeinen hohen Werth nicht anerkannten, nicht ſeine gelehrten Verſe mochten, in die er, wie er ſagte, ſeine Feinde lebendig einmauern wollte. Beatrice liebte er, nur um ein Ideal für ſeine Phantaſie zu haben; im Leben und als Perſon war ſie ihm völlig gleichgültig. In der That, wenn ich die wie mit Gift geſchriebenen Verſe Dante's leſe, dieſe lang hingezogen ſich ringelnden Terzinenſchlangen und Molche, dieſe dem Verſtand abgequälten Bilder und Allegorieen, zu denen man, um ſie zu verſtehen, dicke Commentare leſen muß, ſo könnt' ich mich wie eine welfiſche Löwin fühlen, die mit dem demokratiſchen Haß eines Vorſtehers der floren⸗ tiniſchen Schuſtergilden dem Adler der Ghibellinen den Kampf anbieten könnte. Ich ſympathiſire dann mit den Mönchen, die auf den Zinnen der italieniſchen Mauer⸗ thürme gegen die Ghibellinen kämpften— Ein Savonarola war unter ihnen! fiel Monika voll Staunen und geſteigerter Theilnahme ein... Pötzl, der Träger der Bologneſer, unterbrach eine faſt leidenſchaftliche Annäherung Monika's und ſprach heimlich mit Lucinden... Monika fuhr inzwiſchen fort: Und da muß ich wieder Mutter Hildegard eine wunderbare und liebliche Poetin nennen. Die blickt auch in die Hölle, aber ſie ſchmort und kocht und foltert die Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 16 242 Gottloſen doch nicht ſo greulich, wie dieſer Dante, deſſen Bild mit ſeiner langen Naſe und dem dicken über die Kapuze gezogenen Lorberkranz ich nie ſehen kann, ohne an ein altes Weib zu denken... Lucinde wurde zur Commerzienräthin abgerufen, die bei ihrem fortwährenden Patrouilliren und dem dutzendmal wiederholten Worte:„Haben Sie denn auch ein Glas?“ naturgemäß jetzt überall auf Pitern zurückkommen mußte. Das Muttergefühl und die Sorge der Hausfrau ſiegte über die Liebe zu den Bologneſern und zu den Haus⸗ freunden und zu hundert Fremden, mit denen ſie Con⸗ verſation begann und nach fünf Worten wieder abbrach. Lucinde bekam den beſtimmteſten, ja von„Verzweiflung“ dictirten Auftrag, eine Recherche nach der jetzt conſtatirten „ja furchtbar ängſtlich werdenden und ein Unglück ahnen laſſenden“ Abweſenheit Piter's anzuſtellen. Sie mußte ſich beſinnen, daß ſie hier im Hauſe eine Dienende war... Monika ſah, daß Terſchka ihr einige Schritte folgte... Wer iſt das ſchöne, ſeltſame Mädchen? fragte ſie, als er zurückkehrte... Sie ſtand allein und Terſchka nützte ſeinen Vortheil. Zwar machte er ihr ernſtliche Vorwürfe, doch wurden ſie von der Glut ſeiner Huldigungen gemildert... Monika hörte nur wenige ſeiner Worte, riß ſich los und trat wie fliehend aus dem Zimmer. Der Abend rauſchte und wogte dahin. — deſſen er die ohne n, die endmal las?“ mußte. ſiegte Haus⸗ Con⸗ bbrach. flung“ tatirten 1 ahnen iſe ein gte. agte ſi gorthel nden ſi ſch b Die Worte der geiſtesſtarken jungen Frau, die Widerſprüche zweier Pole im Katholicismus— die größte Abhängigkeit und doch eine eigenthümliche Freiheit— hat⸗ ten Lucinde in alle Gedankenreihen geſtürzt, die ihr vor⸗ zugsweiſe ſchon oft bei Serlo's Memoiren entſtanden waren... Aber mehr, mehr als alles, was ſie zu einer wür⸗ digen Denkerhöhe, zu der auch ſie ſo viel Berechtigungen in ſich trug, emporheben und ihr den oft bitter errunge⸗ nen, aber tiefinnerlich beglückenden Stolz, in ſolcher Höhe einſam zu ſtehen wie Alpenhäupter, erhaben über die alltägliche Denkweiſe der Menge, hätte einflößen können, quälte ſie ihr eigenes Geſchick... Paula— Bonaven⸗ tura— Hildegard— der Benedictiner Gottfried— alles das überwältigte und lähmte jeden Aufſchwung... Ein großer Unterſchied zwiſchen Monika und Lucin⸗ den! Monika eine Frau und liebend das Gute um des Guten willen. Lucinde ein Mädchen— den meiſten ihrer Geſichtspunkte fehlte Ernſt und Feſtigkeit und das Gute liebte ſie nur, weil das Gute in den meiſten Fällen das Klügere iſt. Monika entſagte ſchon lange dem Leben 16* 244 und ſtellte ſich entſchieden auf ſich ſelbſt. Lucinde ſuchte einen Anhalt. Nicht von Hauſe aus ſaß Neid in ihrer Bruſt, aber er niſtete ſich mit der Zeit durch ihr Unglück ein. Die Unglücklichen ſind neidiſch. Sie wer⸗ den ſich immer ſagen, daß ſie ſich ebenſo berechtigt glauben zum Glück wie die Glücklichen.... Seltene, Edelſte deines Geſchlechts, ich habe dich lieb, ich bewundere dich, nimm mich in deine Freundſchaft auf! Das konnte Lucinde nicht zu Monika ſagen. Sie fühlte die anziehende Kraft dieſer Frau, ſie ſah ihr liebliches Kind in ihren Zügen wieder und doch hätte ſie nicht einen Schritt thun können, ihr mehr zu huldigen, als ihr Geiſt verdiente. Die Geringſchätzung der katholiſchen Lehren würde ſie wenig geſtört haben... 1 Schon auf der Treppe zu Delrings hinauf, wo ſie etwas von Pitern zu erfahren hoffte, lachten ſie die ge⸗ wöhnlichen Larven ihres Innern an und ſagten von der Frau in den ſilbernen Locken: Sie iſt mit ihrer Familie ver⸗ fallen! Sie hat unter den Vorurtheilen derſelben zu leiden! So jung noch, ſo ſchön, und ſie ſoll entſagen! Herr von Terſchka iſt ihr Anbeter! Vielleicht gar Graf Hugo! Was ſprach ſie nur von Caſtellungo? Von den Waldenſern, die auch damals— den Hedemann ſo intereſſirten?... Rein und gläubig war nichts in ihrem Sinn. Nur wo ſie unbedingte Liebe und Hingebung fand, wie bei Treudchen, da legte ſie die Waffen nieder... Im obern Stock ſchien alles wie ausgeſtorben. Der lebendige und rauſchende Abend hatte auch die Delring'ſche Dienerſchaft angezogen und Treudchen mochte zum Thee genügt haben... 245 ſuchte Lucinde hielt ihre Kleider, um ſich durch das Rau⸗ d in ſchen derſelben nicht hörbar zu machen. ihr Oben fand ſie alle Thüren offen. Sie ſchlich ſich wer⸗ näher. Das Ehepaar ſchien noch nicht zur Ruhe gegangen. ctiigt Treudchen war nicht zu finden. Delrings waren ohne delſte Zweifel in dem kleinen Boudoir, wo das Pianino ſtand dic, und die verhüllte Madonna. In das leiſe geöffnete tonnte Wohnzimmer blickte Lucinde. Noch brannte hier eine hende Aſtrallampe, die, von einem großen dunkelrothen Tube⸗ ihren roſenkranz von Papier gedämpft, ein magiſches Licht auf thun Bücher und Nähwerk fallen ließ. In der hier herrſchen⸗ ente. den Stille lag ein geiſterhaftes Etwas, gleichſam als lebte de ſie ſchon das Kind, um das ſoviel Kampf und nach Lucin⸗ 1 dens Meinung unnützer Streit geführt wurde. Aber die vo ſh Stille wurde geſpenſtiſcher und geſpenſtiſcher... Die ie ge⸗ Lauſchende erſchrak... Ihr alles vom Gegentheil auf⸗ n der faſſender grauſamer Sinh ſah das erwartete Kind plötzlich ie ver⸗ ſtatt in der Wiege— auf der Bahre... Sie fuhr zurück, leiden als wehte ſie ein Eishauch des Todes an... r von Um Treudchen zu finden, mußte ſie hinkerwärts, dem Pas Hofe zu. m, die Alle Zimmer waren hier dunkel... Endlich kam ſie furchtſam und erſchreckt an Treud⸗ Fm chen's Kammer, die ſie raſch wie Hülfe ſuchend öffnete. rie li Unfehlbar hätte ſie jemand, der drinnen war, hören müſſen, ſo leiſe ſie die Thür auch aufklinkte. w9 Treudchen aber, die wirklich drinnen war, lehnte ſich gerade zum Fenſter hinaus, weit, weit hinaus...ſie hätte in den Hof fallen können... ingſ n Wh 246 Erſchrocken trat Lucinde näher und wollte ſie am Sturze hindern... Treudchen klammerte ſich mit der linken Hand am Fenſterrahmen feſt und jetzt ſprach ſie ſogar hinaus... Nun zog ſich Lucinde zurück in die dunkle Vor⸗ kammer... Herr Kattendyk! Herr Kattendyk! wisperte Treudchen zu den Fenſtern Piter's, in welchen ſich ein leiſer Licht⸗ ſchimmer entdecken ließ. Jetzt kehrte ſie vom Ferſter zurück und ſprach mit weinerlicher Stimme vor ſich hin: Jeſus Marie! Er verſchläft den ganzen Abend!. Ein dumpfes Gemurmel von Menſchenſtimmen ließ erkennen, daß unten die Thür zur Verbindungstreppe mit den Zimmern Piter's offen ſtand, vielleicht der Hitze wegen. In dieſen hintern Zimmern wurde geſpielt... Lucinde kämpfte mit ſich, ob ſie Treudchen belauſchen 4 oder mit einem plötzlichen: Guten Abend! erſchrecken ſollte.. Treudchen's Angſt ſchien ſich zu mehren, als ſie an die Verbindungsthür trat, die ſeit einigen Monaten für immer geſchloſſen war. Der Schlüſſel ſteckte; ſoviel Vertrauen hatte ihr Madame Delring geſchenkt; aber die Thür zu öffnen war ihr ſtreng verboten... Nun ſeufzte ſie: Er iſt nicht in der Geſellſchaft! Er ſchäft! Jeſus, Marie, Joſeph! Und kein Menſch kümmert ſich um ihn! Sie liebt ihn wirklich! ſagte ſ Lucinde mit einem vornehm herabblickenden Mitleid. am 247 Kein Menſch kümmert ſich um ihn! wiederholte Treud⸗ chen halb weinend. Und der Abend geht vorüber, der ſein Stolz ſein ſollte! Was macht man nur! Am offenen Fenſter rief ſie wieder: Heerr Kattendyk! I Drüben blieb alles ſtill... Licht war im Zimmer, das ſahe man... Lucinde ſagte ſich: Wenn ich einmal eine recht gute Handlung in der Welt begehe, ſoll es die ſein, dich zur Frau Piter Kattendyk zu machen... Das Lachen, Reden, Tellerklappern, Gläſerklingen von unten her nahm immermehr zu... Treudchen faßte einen Entſchluß. Sie trat an die Thür, ſah durchs Schlüſſelloch, erfaßte den Schlüſſel, drehte entſchloſſen einmal, zweimal um, drückte die Klinke auf und herein ſtrömte eine blendende Lichtfülle, ſtrömte in die matterhellte Kammer ſo ſtrahlend, ſo feenhaft feſt⸗ lich, daß Lucinde unwillkürlich wieder in ihre Vorkammer zurückhuſchte... Treudchen wagte ſich vorwärts. Die Fülle des Lichts fiel auf ihre angſtbleichen ſchönen Züge. In Anmuth hob ſich lichterhellt die liebliche Geſtalt von dem dunkeln Vordergrund ab. Auf den Zehen ſchlich ſie an die Thür Piter's, die von innen durch einen Drücker, von außen durch einen Schlüſſel zu öffnen war, einen Schlüſſel, der leider nicht ſteckte... Tiefſeufzend öffnete ſie das Corridorfenſter, lehnte ſich auch da weit hinaus und räusperte laut, um hörbar zu werden. Dann rief ſie wieder: Herr Kattendyk! 248 Für Lucinden war dieſer Beweis der Liebe Treud⸗ chen's ein Genuß. Noch viel länger hätte ſie jetzt lau⸗ ſchen mögen. Sie hatte die Abſicht, nach einer Weile hervorzuſpringen und ſie zu küſſen. Sie war in Treud⸗ chen verliebt; dieſe— kritiſirte ſie doch nicht! Und Treud⸗ chen's Lebenslage glich der ihrer eigenen erſten Jugend... Nun aber wollte ſie ernſtlich Lärm machen, um Pitern zu wecken. Eben kehrte Treudchen zum Schlüſſelloch zurück und wisperte die ängſtlichſten und dringendſten Rufe... Da tönte vorn in den Delring'ſchen Zimmern eine Klingel; ſie wurde zwar nur einmal, aber laut ſchallend angezogen. Wie der Blitz ſchoß Treudchen an Lucinden vorüber und verſchwand mit einer Schnelligkeit, die es un⸗ begreiflich machte, wie ſie zu gleicher Zeit noch die Thür ihres Zimmers anziehen konnte. Ehe Lueinde ſich über die Störung hatte orientiren können, war ſie im Dunkeln; auch das Licht Treudchen's war vom Zuge aus⸗ gegangen. Lucinde wäre gern in dieſem Dunkel geblieben.. mit ſich allein... mit dem Chaos in ihrer Bruſt... Der Befehl der Commerzienräthin war jedoch zu ent⸗ ſchieden... Sie öffnete und wollte ſtark an Piter's Thür pochen, hinter der der Lichtſchimmer immer matter und matter zu werden anfing. Das offene Fenſter ſtörte ſie. Sie war in bloßem Halſe und hocherglüht... Eben, wie ſie das Fenſter ſchloß, hörte ſie von unten her das leiſe Betreten der Corridortreppe... Da ſie nichts zu fürchten hatte, drückte ſie Treud⸗ chen's Thür ganz zu und wollte ſich ans Werk machen, Treud⸗ t lau⸗ Weile rreud⸗ Treud⸗ nd n Pitern c und . Da lingel; zogen. orüber 3 un⸗ ch die de ſich ſie im 3 aus⸗ ſt. zu ent⸗ Thür er und rte ſe unten Trall machel 249 in allem Ernſt zu entdecken, ob der„junge Herr“ an⸗ weſend war oder nicht. Da ſprach von der untern Treppe eine männliche Stimme herauf: Fräulein, was haben Sie denn nur für ein Intereſſe, der Geſellſchaft den Abend zu verderben? Es war die Stimme des Oberprocurators... Lucinde wandte ſich, tieferbebend... Nück ſtieg eine Stufe höher. Ihr Herr Schwager verſchläft den Abend, der ſein eigenes Werk iſt! hauchte ſie und ſuchte nach Unbefangen⸗ heit. Sie hoffte, Nück würde gehen. Nück ſtieg aber höher und ſprach: So wird er, wie hier auf Erden jedes große Genie, auf ſeinen Nachruhm angewieſen ſein! Wir erleben aber von ihm die heftigſten Vorwürfe, fuhr Lucinde ſich ermuthigend fort... Es benahm ihr den Athem dies Näherkommen des gefürchteten Mannes... Auch hat mich Frau Commerzienräthin beauftragt, ihn auf alle Fälle zu rufen! ſetzte ſie tonlos hinzu... Wenn er nun aber hier nebenan gefeſſelt ſitzt bei dem kleinen Mädchen, deſſen Schutzengel Sie geworden ſind? Nück ſtand mit dieſen ſchmeichleriſch betonten Worten oben und vertrat Lucindens in dieſer lichthellen Einſam⸗ keit vollends blendender Erſcheinung den Weg, als ſie kraftlos wieder bei Piter anklopfen wollte... Bitte! Bitte!, ſagte er ſicher und ruhig. Wirk⸗ lich! Laſſen Sie doch den Burſchen träumen! Beſchämun⸗ gen ſind zuweilen eine gute Cur und ohne ihn geht alles noch einmal ſo gut. Er würde das Leben der heiligen 250 Hildegard viel beſſer gewußt haben, als die kleine über⸗ ſpannte Frau... nicht wahr? Lucinde war wie gefangen durch die immer entſchiede⸗ nere Annäherung. Sie wußte ſchon nicht, wie ſie ent⸗ kommen ſollte... Sie fliehen vor mir! rief er ihr nach, als ſie ihm mit rauſchendem Kleide vorüberhuſchte, und ſuchte ſogar ihre Hand zu haſchen... Selbſt eine Roſe, wie Sie, muß duldſam ſein für jeden Wurm, der aus ihrer Blüte Duft ſaugen will! ſprach er mit einem funkelnden Blicke... Jal ſagte Lucinde mit gepreßter Stimme und vor Angſt ſcherzend und auf ſeine graue, unfeſtliche Kleidung deutend, ein Wurm ſind Sie! Ein rechter Actenwurm! Mädchen! rief Nück wie im plötzlichen Sichſelbſtver⸗ geſſen, dann aber ſich mäßigend... Er war wie um zehn Jahre jünger geworden durch dies téte-à-téte. Seine dunkelbraunen Augen leuchteten. Am Geländer der Treppe mußte er ſich halten, um ſein aufgeregtes Zittern zu verbergen... Das wußt' ich doch, ſagte er und vertrat ihr wieder den Weg, daß Sie das nicht ſind, was Sie bisher geſchienen... Hal wallte Lucinde auf und ſtand wie fragend nach der Bedeutung dieſes Wortes. Allmählich gewöhnte ſie ſich an das gehörte Wort und gedachte ihrer äußern Erſcheinung, die wol Nück gemeint haben konnte und die heute eine feſtliche war... Ja ſie erglühte, da ſie ihren Schatten ſah und die Locken, die in ihrem Nacken wogten. wi über⸗ hiede⸗ ent⸗ e ihm ſogar jeden ſprach d vor edung vurm! ſtver⸗ e um Seine Lreppe rn zu wieder bisher ic der ſich alt inung, 4 eine chatte 251 Erfuhren Sie das— von—? ſagte ſie bei alledem mit erwachendem Muthe und deutete abbrechend auf die Straße hinüber... Von wem? fragte Nück, ſtaunend und unſchuldig wie ein Kind. Seine Augen ſchoſſen zwar einen durchbohrenden Pfeil auf die Fragerin, die ihrerſeits im Ton angedeutet hatte, was ſie über die Frau vermuthete, bei der ſie hatte Chocolade trinken ſollen; doch lag zugleich etwas um Vergebung Bittendes in ſeinem Tone. Endlich, wie ein Jüngling, der zum erſten mal von Liebe ſpricht, ſagte er leiſe und zitternd: Lucinde! Ich bete Sie ja an! Lucinde ſah einen Mann vor ſich, der aller Welt ein Rieſe an Willenskraft und Macht erſchien. Ihr gegen— über ſchien er ein Kind, die Demuth ſelbſt zu ſein. Lucinde lachte laut auf mit jenem hellen Lachen, das ihr niemals ſchön geſtanden... Seit Monaten hatte ſie nur in Treudchen's Gegenwart und für ſich allein ſo lachen können... Befehlen Sie über mich! Strafen Sie mich! Ge⸗ bieten Sie mir etwas! Ja, ich bin Ihnen Genugthuung ſchuldig für mein gewagtes Wort! ſagte Nück und bot der ihn Verhöhnenden die Hand... Lucinde hatte faſt das Bedürfniß, ihr ſpottendes Lachen wieder gut zu machen. Faſt ſcherzend und ſchon wie um ihn feſtzuhalten ſagte ſie, ſich raſch auf die von Veilchen Igelsheimer erhaltene Mahnung beſinnend und ihren Vortheil nutzend, vielleicht Klingsohr irgendwie für immer aus ihrer Lebensbahn zu ſchaffen: 252 Ganz recht, Herr Oberprocurator! Sie können mir einen Gefallen thun!... Sie kennen den Mönch— Sebaſtus? Ihren ehemaligen Verlobten, Doctor Klingsohr... Lucinde hatte dieſe Wendung nicht erwartet. Sie brach erblaſſend ab und wollte gehen... Es war ihr Fluch, daß ihr überall die geſpenſtiſche Vergangenheit entgegen⸗ treten mußte... Nück vertrat ihr aber den Weg, ſtreckte die Arme aus und hauchte leiſe, wie zerfloſſen von Inbrunſt und Lei⸗ denſchaft: Mädchen! Was fliehſt du! Ich kenne ja dein ganzes Leben! Lucinde blickte ihn finſter und von der Seite an, in⸗ dem ſie die Thür zu Treudchen's Zimmer feſt in der Hand hielt... Sie bot ein Bild des Schreckens, der Entrüſtung und— jener Schönheit, die dem Charakter eigen iſt... Rolle deine gewitternden Augen nicht! Lache nicht über mich— mich, den Narren im grauen Haar—! Pater Sebaſtus... Ja, ganz recht! Dem geht es ſchlecht!... Was wünſchen Sie, Fräulein Schwarz, daß ich für ihn thue? So ſprang er in einen ganz gewöhnlichen Ton der Artig⸗ keit zurück, hielt dieſen Ton aber nicht feſt, ſondern rief ſogleich hinterher: Angebetete! Lucinde hatte ſich in ihre Lage gefunden und fing an ſich zu beherrſchen. Warten Sie nur, ſagte ſie, nun weiß ich etwas, was ei mir — bua Fluch, gegen⸗ ie aus d Lei⸗ ganzes m, in⸗ in der 3, der nrakter 3 nich ₰ ar 58 eht en ¹z, doh 253 eine Dame, die fortwährend über Hitze klagt, endlich einmal abkühlen wird!... Sie ſagte das ſo voll Uebermuth, daß Nück neue Hoffnung ſchöpfte. Mit elegiſchem Blick hauchte er: O, das war grauſam! Sein Blick dabei gen Himmel wollte ein ganzes ver⸗ fehltes Leben malen... Lucinden graute vor dieſem Blick... Es war gar kein menſchlicher.. Was kann ich für den Mönch thun? fragte Nück ſich ſammelnd... Kann man ihm nicht die Freiheit geben? Die Rückkehr in ſein Kloſter? Lucinde ſtockte... Sie wollte ſagen: Gerade das am wenigſten! Sie ſind an ewige Gelübde nicht gewöhnt! ſprach er. Es wird ihm beſſer ſein bei Pater Jvo und Bru⸗ der Hubertus... Oder... Ja! Ganz recht, Sie wollen ihn nicht gern in der Gegend von Witoborn. Nicht bei Schloß Weſterhof, wohin Sie Ihre ganze Sehn⸗ ſucht zieht!... Wallen Sie doch nicht auf, Fräulein... Gut! Erſt erfahren wir, ob er entfliehen will? Will er wieder Proteſtant werden? Nein? Oder was? Welt⸗ prieſter? Er hat die Weihen nicht! Halt! Das ginge! Das würde ihn aus Ihren Bahnen ſchaffen!... Ha! Blitzt es ſchon wieder? Wie ſchön ſteht Ihnen dieſer Zorn!... Mädchen— Gut, nach Belgien ſchicken wir ihn, wie ich manchen dahin ſchicke, Alte und Junge! Sie verſtehen? Er darf ſein Ordenskleid wechſeln, falls er— Jeſuit werden will! Laſſen Sie ihn nach Lüttich 254 gehen! Dann ſind Sie ihn los... Aber ſo bleiben Sie doch! Warum zürnen Sie denn?..Hm! Ich beſorge alles! Empfehlungen, Wagen, Pferde... Nach Lüttich! Nicht wahr? Nicht nach dem Düſternbrook, wo Sie ihn zum erſten mal ſahen?... O, ol... So bleiben Sie doch! Lucinde folgte allen dieſen Reden in der höchſten Auf⸗ regung. Bald ſtand ſie auf der Flucht, bald wieder wie gebannt von dem dämoniſchen Manne, der ihr ganzes Leben kannte und ſo tief in ihrer Seele las... Nück fuhr fort: Allerdings! Dieſer Mann könnte ſich größer bewähren, als durch Betteln! Soll ich ihn nach Rom ſchicken? Es gibt auch da eiſerne Gitter— denn das muß er! Büßen muß er bitter für eine ſolche Flucht! Das iſt die Stufen⸗ folge— auf ſeinem Kalvarienberge des Lebens! Ein lebhafter Briefwechſel hin und her, lange Läuterung, lange Prüfung; aber beſſer, er ſetzt ſich die viereckte Mütze auf und predigt; beſſer, als bei den Barfüßern zu verkümmern... Fragen Sie ihn, ob er zu den Jeſuiten will? Ich beſorge alles... Lucinde ſprach ſinnend und des Mannes ſtaunend: Ich werde— Ihnen ſchreiben— Schreiben! In Zeiten, wie die jetzige, ſchreibt man nicht. So ſchick ich— zu Ihnen... Schicken! In Zeiten, wie die jetzige, kommt man ſelbſt... Lucinde fuhr zurück; denn Nück trat mit einer Keck⸗ heit auf ſie zu, daß ſie jetzt faſt alles hätte abbrechen müſſen... Darum beherrſchte er ſich und flüſterte: ben Sie ge alles! öl Nicht ihn zum je doch! ſten Auf⸗ teder wie r ganzes ewähren, ken? E Bißen 2 Stufen⸗ 6! Ei ng, lange te Mütze ßern 1 Jeſuiten caunend: man richt unt ma 255 Mädchen! Mädchen, höre mich jetzt! Du haſt in der Welt nichts unverſucht laſſen wollen! Verſuche noch eines! Die Liebe ſolcher Männer, zu denen ich gehöre! Wir zäh⸗ len einundfünfzig Jahre, aber unſere Leidenſchaft zählt neunzehn! Wir geben nur, wir opfern nur; wir mark⸗ ten nicht mehr, wir lieben nicht mehr um unſerer Eitel⸗ keit willen, wie Oskar Binder liebte! Ha! Sei doch klug, Mädchen, und erſchrick nicht ewig— vor dir ſelbſt! Sei, was du biſt! Das Bedürfniß der Hingebung iſt am Manne nie reiner, nie aufrichtiger, nie ſelbſtloſer, als wenn ſchon alle Hoffnungen und Illuſionen hinter ihm liegen! Lucinde! Ich baue dem Glück, das Sie mir ge⸗ währen, ein goldenes Haus! Niemand ſoll es ſehen... in Lüften ſoll es ſchweben, wie die Hütte von Loretto! Wollen Sie anderes? Befehlen Sie! 9 breche mit allem, was Sie ſtört, thue alles, was Sie dingen! Reiſen wir? Nach Paris? Nach Rom? Nach Mekka! Ich bete Sonne und Mond an, wenn du es verlangſt, Mädchen! Lucinde hatte die Thür in der Hand, die ſie öffnete und wollte entfliehen... Bleibe! rief Nück außer ſich... Sie wandte ſich... Da fuhr ſie entſetzt zurück... Wie ſie in des wilden Mannes Augen ſah, waren dieſe ohne Stern. Ein einziger weißer Glanz... Nück, den unheimlichen Eindruck, den er machte, ahnend, beſtätigte ihn faſt, indem er tonlos ſprach: Ich bin unglücklich! Wieder hatte in dem untern Stockwerk Muſik be⸗ gonnen. Man ſah, daß eben in dem Zimmer Piter's 256 das Licht ganz erloſchen war... Die unten geführten Geſpräche hörten auf... Lucinde ſprach zitternd und wegen der Stille kaum hörbar: Ich muß zur Geſellſchaft! Nück gab ſie nicht frei... Ebenſo leiſe flüſterte er: Sie lieben, Lucinde, ich weiß es... Die Muſik kam vom Spiel auf dem Flügel... Lu⸗ cinde dachte, ſie müſſe vergehen... den Schlag ihres Herzens hätte man hören können... Sie lieben einen Menſchen, der ein Gott iſt! fuhr Nück flüſternd fort. Das wird Sie nicht glücklich machen! Lucinde hielt ſich, um nicht zuſammenzubrechen... Warum verſchwenden Sie Ihre Kraft, Ihre Jugend, Ihren Geiſt an dieſe Schwärmerei? Sie lieben ein Phantom, Sie lieben Serlo's Geiſt— zucken Sie doch nicht ewig vor meiner Kenntniß Ihres Lebens, die ich mir aus raſender Leidenſchaft verſchaffte. Es ſind ja keine Dolchſtiche, die ich gegen Sie führe— Ser⸗ lo's Geiſt, der in einem neuen Körper wohnt? Hat dieſer Prieſter etwas von Serlo? Ich wünſchte, Ser⸗ lo's Geiſt ſpräche Ihnen aus dem meinigen oder hab' ich nichts mit ihm gemein?... Sie ſchütteln Ihr ſchönes Haupt!... Dieſe ſchönen Locken!... Lucinde! Was wollen Sie in dieſen Verhältniſſen? Schwingen Sie ſich auf! Wiſſen Sie, daß— Sie eine große Rolle ſpielen könnten? Daß die Väter der Geſellſchaft Jeſu that⸗ kräftige Freundinnen brauchen? Wollten Sie denn nicht an unſerm Kreuzzuge theilnehmen, wie mir Beda Hun⸗ nius geſchrieben? Haſſen Sie nicht auch dieſe numerir⸗ führten e kaum à er. 9 .. dl⸗ g ihres t! fuhr machen! en... Jugend, ben ein die doch s, die Es ſind — Ser⸗ 7 bn e, Ser der hab ſchönes Wad Sie ſih fril ſu thal enn ri da Hun- nuneti 257 ten Knöpfe und bunten Achſelklappen? Dieſe kluge, durch⸗ ſichtige, polizeiliche Welt? Ein Sturm wird über die Erde kommen und ſie in ihren Grundveſten erſchüttern! Ver⸗ bünden Sie ſich uns! Wenn nicht in der Liebe, im Haſſe! Ha! Du kannſt haſſen, Mädchen! Mehr als lieben!... Siehſt du, wie dich das traf! Lachen mußt du jetzt?... Hör' es, hör' es! Ich habe immer eine Fackel in der Hand, noch einmal die Welt in Brand zu ſtecken. Kannſt du Gift miſchen, Mädchen? Für Fliegen! Kannſt du ſtehlen? Kirſchen! Falſch ſchwören? Lernt ſich von Euch! Falſche Handſchriften machen? Lucinde verſtand kaum noch ſein immer gedämpfteres Flüſtern... Wenn ich nun Paula zwänge den Grafen Hugo zu heirathen und dein Gott nicht mehr mit ihr ſtraucheln könnte? Das verſtand Lucinde und blieb ſtarr... Wenn ſich nun die Urkunde fände, die die Erbberech⸗ tigung des Grafen Hugo ausſchließt! Wenn adelige Conduite mit ſich brächte, daß Paula dem Getäuſchten in Wien dafür ihre Hand gibt, wodurch ſogar eine Conver⸗ ſion zu hoffen iſt— der Mann folgt dem Weibe—! Und wenn dann Paula nicht in ein Kloſter ginge, nicht mit Herrn von Aſſelyn die myſtiſchen Nächte ſeraphiſcher Liebe feierte, wie die Heilige von vorhin mit dem Bene⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 17 258 dictiner Gottfried? Ja, wenn vielleicht deine eigene Hand, Mädchen, im Weſterhofer Archiv— Bei dieſen von Lucinden deutlich verſtandenen, gierig aufgeſogenen, ſie mit halber Beſinnungsloſigkeit erfüllenden Worten trafen plötzlich zwei Thatſachen zuſammen, die ſie beſtimmten, einen Schreckensſchrei auszuſtoßen... In ſeiner Sinnenglut hatte ſich Nück Lucinden ſo ge⸗ nähert, daß nicht nur wieder ſeine Augen völlig weiß und ohne Stern erſchienen, ſondern auch unter dem wei⸗ ten weißen Tuche, das ſeinen Hals bedeckte, ein anderer Anblick ſie erſchaudern ließ. Rings unter der Binde ging ein blutigrother Streifen hin, der ſie ſofort an Ham⸗ maker's That erinnerte.. Und in demſelben entſetzlichen Augenblick, in der offen⸗ baren Aufforderung zu einem Verbrechen, gab es plötzlich unten eine lärmende Unterbrechung des Klavierſpiels... Was iſt? hörte man wie aus einem Munde rufen. Dann folgte ein lärmendes Durcheinanderlaufen, ein Klingeln, ein Schreien im Hofe und zugleich von der Straße her ein Daherſprengen von Cavalerie... Nück horchte auf und ordnete raſch die Binde an ſeinem Halſe... Ein Alarm! wandte er ſich. Da der Lärm zunahm, bedeutete er Lucinden ruhig zu ſein und beugte ſich horchend über die Lehne der Treppe... Das Dahinſprengen der Cavalerie wurde lebhafter... Lucinde ſtand kraftlos... Ohne ein anderes Wort zu ſprechen, als: Alſo morgen, Freundin! Klingsohr geht nach Belgien! Morgen! Schicken Sie! Schreiben Sie! Thun Sie— thun Sie, was Sie eigene „gierig üllenden en, die 1.. nſo ge⸗ ig weiß em wei⸗ anderer de ging n Ham⸗ er offen⸗ plöblih iels.. 2 rufen. en, ein von der inde anl zunahm gte ſi 259 wollen und was Sie wünſchen! Ich unterziehe mich allem, aber Vergebung, Vergebung— Freundin! Und— Wieder⸗ ſehen!... entfernte ſich Nück über die Stiege und ging ſchneller nach unten zurück, als er gekommen. So plötzlich ward ihm ſeine Selbſtbeherrſchung, daß Lucinde ſtarrte, ihn ſo verſchwinden zu ſehen als wäre hier oben nicht das Mindeſte vorgefallen. Sie ſchwankte in Treudchen's Kammer zurück... Dieſe war ohne Licht... Halb ohnmächtig ſank ſie auf Treudchen's Bett... Wol eine halbe Stunde mochte ſie ſo gelegen haben, beſinnungslos, allem Erlebten nachdenkend, unbekümmert um den Lärm um ſich her, auch um den auf der Straße, der ſich ſeit dem November ſo oft wiederholte, als endlich Treudchen erſchien, mit einem Licht in der Hand... Jetzt erſt entdeckte ſie Lucinden und war nicht wenig erſchrocken ſie hier und wie krank zu finden... Wiſſen Sie denn nicht? fragte ſie erregt... Lucinde antwortete nichts... Treudchen erzählte, daß die ganze Geſellſchaft aus⸗ einander wäre... Schon wäre am Marsthor geſchoſſen worden... Die beiden Handwerkervereine lägen in blu⸗ tigem Streit... Das ganze Militär ſchon ſtünde unter Waffen... Jetzt wäre es ruhiger, wenigſtens könnten die Wagen wieder durch und holten die geängſtigten Herr⸗ ſchaften ab... Die Meiſten hätten ſich zu Fuß ge⸗ flüchtet... Unten wäre niemand mehr... In der That war auf der Straße und unten alles ruhiger. Lucinde erhob ſich und ſagte: 17* 260 Ich wollte den jungen Herrn abrufen! Seinen ganzen Abend ſcheint er verſchlafen zu haben! Da kommt der Joſeph! Weckt ihn jetzt! Er ſchläft gewiß! Gute Nacht, Treudchen! Sie entfernte ſich und ſchwankte dahin wie ein ver⸗ ſtörter Geiſt... Joſeph hatte ihr ein Licht gegeben. Sie ging, halb wie Pſyche mit der Lampe vom ſchlummernden Amor, halb— wie Lady Macbeth vom ermordeten Duncan. Mit dem Joſeph kam dann auch noch der Hausknecht ... Unten gingen die Klingeln der Commerzienräthin und Johannens... Man klopfte an Piter's Thür. Jetzt erfolgte Antwort. Er erſchien. Piter hatte geſchlafen. Er orientirte ſich, brach in Staunen, in Zweifel, noch einmal in Zweifel, dann in Verwünſchungen aus, Schwüre um Rache am ganzen Menſchengeſchlecht und zunächſt an ſeiner Familie. An die Möglichkeit deſſen, was„ihm paſſirt war“, vermochte er nicht zu glauben... Treudchen behielt den meiſten Muth und die meiſte Faſſung. Sie ging Pitern leuchtend voraus, half bei der Zurückſtellung der Speiſen, bei dem Löſchen der Be⸗ leuchtung. Da die Commerzienräthin von einem Fieber⸗ anfall geſprochen, unterſtützte ſie die Bedienung derſelben in ihrem Schlafgemach. Ueber Pitern konnte ſie der Mutter Beruhigung geben. Zu den„etwa Erſchoſſenen“ gehörte er nicht... Er hatte nur„ſeinen eigenen Abend“ verſchlafen... Halbtodt war Piter darum doch und um ihn her ſah es aus wie auf einem Leichenfelde... Der Ueberblick unſerer aus feſtlichem Schmuck zur All⸗ n ganzen mmt der te Nacht, ein ver⸗ gegeben. pe vom beth vom ausknecht ithin und r. Jezt eſchlafen. ffel, noch en aut, lecht und t deſſen, üben. die meiſt half be⸗ tder Be Fübe vefle e ſie de hoſſene n Abem 261 täglichkeit zurückkehrenden Wohnräume hat ſchon an ſich etwas Geſpenſtiſches... Piter aber glich einem marodirenden Adler auf einem Schlachtfelde... Alles war vor dem erſten Ausbruch ſeiner Wuth geflohen... Es konnte nicht zweifelhaft ſein, daß er ſeine. Eröffnung der Winterſaiſon, die Honneurs, den Empfang der Frau von Hülleshoven zum Gelächter der ganzen Stadt verſchlafen hatte. Da lagen die Noten, da ſtand der Kaſten mit der Baßpoſaune, da waren Lichter niedergebrannt, da gab es die vorausge⸗ ſehenen Oelflecken, ſilberbeſchlagene Korke lagen auf den Tiſchen, die Stühle waren in Unordnung, der gebohnte Fußboden mit Staub bedeckt und ohne Glanz, die Oefen erkaltet— die Früchte ſeiner Saat hatte man ohne ihn geerntet. Er raſte und ſuchte ein Opfer. Meſſer ſah er lie⸗ gen und ergriff eines... dann ſchleuderte er's fort; er nahm's wieder, denn eine Stimme hinter ihm her ſprach von einem Aufruhr. Ha!... der Sprechende rannte von dannen... Der Hausknecht war es... er hatte den Schmerz des Kutſchers anbringen wollen, der als Garderobier in dem lärmenden Aufbruch ohne Trink⸗ gelder geblieben war. Endlich aber kam eine tiefe Beſchämung, ja ſogar eine Wehmuth über Pitern. Ach, er ſah aufgedeckt die große Verſchwörung der Menſchen gegen ſeinen Ver⸗ ſtand, ſein Herz, ſeinen Fleiß, ſeine Thätigkeit, ſeine Autorität, ſeine bloße Exiſtenz als Menſch! Er ergriff einen der Klingelzüge, um zu läuten, als ſollten die Todten zum Jüngſten Gericht auferſtehen... Dann aber 262 beſann er ſich und es fing ihn an leiſer und leiſer zu fröſteln... In den Spiegeln ſah er ein kreideweißes Antlitz, eine weiße Halsbinde, eine weiße Weſte, einen neuen Frack und das war Er. Dieſe Gewißheit erfüllte ihn mit einem Gefühle, als ſprächen tauſend Stimmen: Schon manchen Jammer nach einem Trinkgelag haſt du erlebt, aber noch nie einen ſolchen, wie heute, nach ſo wenigen Gläſern Cognak, die ſo verderblich nur wirken konnten, weil ihnen große geiſtige und phyſiſche An⸗ ſtrengungen vorangegangen!... Wo waren ſeine Anek⸗ doten, die er aus dem„Demokritos“ auswendig gelernt! Wo ſeine witzigen Antworten, zu denen er die Fragen zu provociren ſoviel Schlauheit anwenden wollte!... Zu⸗ letzt überkam ihn ſelbſt ein Lächeln... Es war dies jenes Lächeln, wo der Menſch bei aller Eitelkeit doch nicht umhin kann, ſich zuweilen komiſch vorzukommen. Wir verrathen dies Lächeln nicht oft. Aber es kommt zuweilen. Dies Lächeln iſt die Folge der Erkenntniß, daß andere Menſchen manchmal nicht Unrecht haben, wenn ſie unſere Hand⸗ lungen einer uns plötzlich ſelbſt keinesweges mehr beſtochen vorkommenden Kritik unterwerfen... In dieſem Lächeln ließ Piter den Klingelzug fahren und verſparte ſich das Jüngſte Gericht bis auf den folgenden Morgen... Er hoffte auf den ermuthigenden Eindruck, den ihm die Helle des Tages machen würde. Nun hätte er viel darum gegeben, wenn er jetzt noch das einzige Weſen, das ihm nicht widerſprach und dem Er nicht widerſprach, bei ſich gehabt hätte... Er ſchlich ſich ſtill in die hintern Zimmer zurück, ahnte das morgen ihn überſchüttende Gelächter ſeiner Freunde, die 263 eiſer zu ihn ſo ignoriren konnten, ja er ſagte ſich: De Jonge— deweißes der, der wäre der einzige honnete Menſch geweſen, der e, einen mich vermißt hätte! Mußte auch gerade de Jonge feh⸗ erfüllte len!... Nun ging er über die knarrende Stiege mit timmen: den Empfindungen, die jener Held hatte, der geſprochen: haſt du„Was ſind Pläne, was ſind Entwürfe!“ nach ſo Und auch ihm wurde es wie Melodram, als er tr wirken ſeufzend ſich unter ſeine Decke ſtreckte: ſche An⸗„Süßer Schlaf! Du löſeſt die Knoten der ſtrengen ne Anek Gedanken. Eingehüllt in gefälligen Wahnſinn verſinken gelert wir— und— hören— auf— zu— ſein!“ agen zu Ringsum alles ſtill. Auch im Hofe. Die Lichter . zu⸗ erloſchen.. ds jenes Am ſpäteſten erloſch das Licht an den Fenſtern, wo t unthi Lucinde wohnte. errathen . Diek Nenſche e Hand⸗ bſot Lächell ſich das die bel er ji rach und .** 6 hmte d 4 Inde, „Nein, es iſt ein S— köndöl! Nicht möl eine Löterne iſt eingeſchlögen!“ Dieſe am folgenden Morgen von Herrn Jean Baptiſt Maria Schnuphaſe in der Nückſchen„Schreibſtube“ ge⸗ ſprochenen Worte ließen eine zwiefache Deutung zu— je nachdem... Entweder konnten ſie ſagen: Alle Truppen waren auf den Beinen, um eine einfache harmloſe Schlägerei zwiſchen dem katholiſchen und evangeliſchen Handwerker⸗ verein zu verhindern! Oder: Man hat auf einige, die nicht weichen wollten, doch nur blind gefeuert und keiner wagte auch nur den geringſten Widerſtand! Wie ſehr aber ſtatt des ungleichen Kampfes der Fauſt der Geiſt des„Treppenwitzes“ im Vortheil war, erſah Schnuphaſe aus den wenigen Worten, die Nück nur mit ihm wechſeln konnte. Nück erſuchte ihn, heute und morgen zu jeder Stunde einen Wagen und zwei tüchtige Pferde, die etwas aushalten konnten, in Bereitſchaft zu halten, um eine noch nicht näher bezeichnete Perſon, am Tage oder bei Nacht und Nebel, aufzunehmen und ſie an einen gleich⸗ falls erſt näher zu beſtimmenden Ort zu iiberſührßn.. Löterne Baptiſt be“ ge⸗ A- waren hlägerei dwerker⸗ ige, dit d keine er Fauſ l, eiſc nur ni morgen ferde, d teen, m age dde en glät M 265 Dieſe bedeutungsvollen, Herrn Jean Maria in„Ex⸗ töſe“ verſetzenden Worte— er frühſtückte bei ſolcher Stimmung ſchon um zehn Uhr auf dem„ Höhnenkömp“— waren heute das ganze Zwiegeſpräch zwiſchen den Geſin⸗ nungsgenoſſen. Selbſt den leiſen Einwand, den Herr Maria machte, morgen Abend reiſe Domherr von Aſſelyn nach Witoborn und es zieme ſich eine„Demönſtrötion“, bei der er nicht fehlen dürfte— ſchnitt Nück ab. Denn ſchon ging und kam es wieder um ihn her und rauſchte und flüſterte und lachte und ſeufzte... Wieder waren römiſche Breven angekommen, die den Verweſern des Kirchenſtuhls ſagten: Wir haben euch zwar geſtattet, die heiligen Hand⸗ lungen zu vollziehen, haben aber auch gehört, daß ihr eure Adminiſtration in einer Weiſe führt, die für euern ruhmwürdigen gefangenen Oberhirten im höchſten Grade beleidigend iſt! Schon waren die Cabinete der Fürſten geſpalten. Eine geheime Deputation der Fanatiſchen wurde vorbereitet an den damaligen Lenker der euro⸗ päiſchen Geſchicke an der Donau. Ein geheimer Con⸗ greß hatte auf dem Stift Neuburg bei Heidelberg die Abgeordneten aller Kirchenhäupter des vaterländiſchen Südens zu gemeinſchaftlicher Berathung vereinigt. Der Norden bereitete ſich zu einer Verſammlung in der Nähe Witoborns vor. Die Väter der Geſellſchaft Jeſu kamen näher und näher, in mancherlei Trachten und Geſtalten. Andere wieder begaben ſich von hier zu ihnen, Kinder ſogar, junge Leute, die Michahelles hatte erziehen laſſen für die Weiterbildung in Lüttich... So war auch Tön⸗ neschen Hilgers neulich, der Schifferknabe von der Inſel Lindenwerth, zu den Jeſuiten expedirt worden... Nück 266 hatte ſo viel zu thun, daß er nur in dringenden Ge⸗ ſchäften zu ſprechen war, eine Dame, wie er ſagen ließ, ausgenommen, die Geſellſchafterin ſeiner Schwiegermutter, Fräulein Lucinde. Eine hohe weibliche Geſtalt ſah man dann in den erſten Frühſtunden in die Rumpelgaſſe eintreten. Sie war blau verſchleiert, in einem ſchottiſch carrirten Mantel; ein Pelzmuff bedeckte die Hände... Gegen Morgen hatte das Wetter plötzlich umgeſchlagen und war kalt ge⸗ worden. Einer der kleinen Kanäle der Stadt war ſo⸗ gar mit einer dünnen Eisdecke überzogen. Eine dichte Menſchenmenge ſtand, um ein Wunder zu ſehen. Auf dieſer Eisdecke hatte ſich eine Figur gebildet, die man allenfalls— für ein Kreuz nehmen konnte. Durch dieſen Anlaß zu neuer Aufregung hindurch, betrat Lucinde das enge Stadtviertel, wo der Froſt unter den Tritten der Fuß⸗ gänger ſchon wieder aufgeweicht war und es wie immer werkeltägig ausſah, obgleich die Juden Sabbat hielten... Lucinde kannte durch Treudchen alles, was Löb Se⸗ ligmann über Veilchen Igelsheimer erzählt hatte... Freilich die Bildungsquelle, die ihr bei dieſem Mädchen nach des entzückten Löb Verſicherung hätte fließen dürfen, hatte Treudchen nicht benutzt; ſie hatte eine hochgebildete Freundin näher, vorzugsweiſe aber auch Nonnen und einen Geiſtlichen, die ſich mit Vorliebe und langſamer Schulung ihrer Seele annahmen... Aber Lucinde hatte darum doch alles erfahren, was Veilchen betraf. Sie wußte die Liebe derſelben zu je⸗ nem Leo Perl, der Lucinden ſelbſt von der Haſen⸗ Jette als ein weiland Michel Angelo'ſcher Moſes darge⸗ 4 en Ge⸗ en ließ, mutter, in den ie war tel; ein n hatte kalt ge⸗ var ſe⸗ dichte . Auf ie man dieſen nde das er Fuß⸗ immer lten.. öb Se⸗ dieſen 9 hüt atte eine er duß ebe un en, 3 n zuxſ Haſer datge 267 ſtellt worden war; ſie kannte den Antheil, den an dem Uebertritt deſſelben der Dechant und, wie ſie aus den gegebenen Andeutungen nicht bezweifeln konnte, ſogar der Kronſyndikus hatte; ſie kannte ihre jetzige Thätig⸗ keit in dem antiquariſchen und carnevaliſtiſchen Geſchäft ihres Verwandten, eines zweiten Bruders der Haſen⸗ Jette, ihre Kenntniß von alten Münzen; ſie wußte, daß ſie es war, die jene Ahasverusſcherze trieb mit römiſchen Kaiſernaſen, die in Gänſemägen den Roſt der Jahrhunderte anſetzten. Endlich wußte ſie, daß Klingsohr durch die Zutraulichkeit Veilchen's gewagt hatte, hier ſein Ordens⸗ kleid abzulegen... Der Verräther des Mönchs war der von Angſt und dem künſtlichen Schein der Unbefangenheit nächtlich umgetriebene Jodocus Hammaker geweſen. Von Serlo's Kindern und ihrer Mutter hatte ſie nur einmal einen Brief, die Bitte um Geld erhalten, dann nichts wie⸗ der von ihnen vernommen, weder Empfangsanzeige, noch, „wie ſich von ſelbſt verſtand“, Dank... Alle dieſe Eindrücke ſammelnd und in ſich zurecht legend, von der Erinnerung an den geſtrigen Abend um⸗ ſchlungen wie mit glühend ehernen Armen, aufathmend nach Hülfe über die ſchon im Dom bei der Meſſe ver⸗ nommene Kunde, daß Bonaventura morgen Abend reiſe, nach Witoborn reiſe, wohin die mögliche Rückkehr auch Klingsohr's ihre Pein vermehrte, voll Entſchloſſenheit, bis zum morgenden Tag es über ihr ganzes Leben zu einer letzten Entſcheidung kommen zu laſſen, beſtieg ſie einige Stufen, die in eine dunkle Hausflur führten, in welcher zur linken der Eingang in das heute feiernde Geſchäft „ hmame lag. 268 Trotz des Sabbats waren die Vorläden dreier Fenſter, die in die dunkle Gaſſe führten, doch halb und halb geöffnet geblieben. An einigen alten Vaſen und Majolikaſchüſſeln, an einigen alten Kupferſtichen, einigen Dominos und Masken ſah man, daß ſich hier das Ge⸗ ſchäft Nathan Seligmann's befand, der ſich auch anderweit als kein zu ſtrenger Rigoriſt in der Feier des Sabbats zeigte; denn die Thür ging mit lautem Klingeln auf und am Spalt eines der angelehnten Fenſterflügel ſtand ein der Haſen-Jette ziemlich ähnlich gebauter, ſtarker und kräftiger Mann und putzte an einer Blechhaube die Roſt⸗ flecken ab. Ringsumher lagen die Embleme eines voll⸗ ſtändigen Ritters... So dunkel es war, fand ſich die entſchloſſen Eintre⸗ tende bald in dem großen Zimmer, an das ſich weitere mit Gegenſtänden aller Art überhäufte Alkoven und Gänge und Mauerſchränke anſchloſſen, zurecht. Die ganze Herr⸗ lichkeit der mit ihrem Carneval gleich hinter Rom und Venedig kommenden Stadt war hier beiſammen, ſoweit die Minderbegüterten ſich erſt leihweiſe das entnahmen, was die der Sphäre Moppes, Maus, de Jonge ange⸗ hörenden Matadore ſich ſelbſt anfertigen ließen. Den Helm, den Nathan Seligmann eben putzte, hatte Weige⸗ nand Maus im letzten Carneval getragen; der Geſchäfts⸗ gang brachte es mit ſich, daß das einmal Gebrauchte um ein Billiges an die Juden ging. Nathan Seligmann ſchien tief in Gedanken verloren und die Zeit ſelbſt zum Gegenſtande ſeiner Betrachtun⸗ gen gemacht zu haben, denn ein Carneval fand in dieſem Jahre nicht ſtatt. Traurig hingen um ihn her die 4 henſter, „ und n und inigen 8 Ge⸗ derweit abbats uf und ind ein er und Roſt⸗ g voll⸗ Eintre⸗ tere mit Gänge Herr⸗ 4 und ſoweit nahmen, e ange⸗ Den Geige ſſchäfts ncſte in verlorel rachtun dieſen 2 di 1 269 Hanswürſte, die Schellenkappen ſchienen ſeiner verdrieß⸗ lichen Miene zu klingeln wie Sterbeglöcklein, das Lachen der Masken war ſo todt wie nach Klingsohr das ſtehen gebliebene Lachen in den Geſichtszügen der alten Voltai⸗ rianer im Kapitel. Viel unfreundlicher und unwirſcher war die Art des in einen des Sabbats wegen feinen blauen Oberrock gekleideten Mannes mit darübergezoge⸗ nen grauen Schmutzärmeln, als die ſeines coulanten, welt⸗ kundigen und muſikliebenden Bruders Löb, der ſich zu ſeiner ſchon von Geburt weichen Seele eine ſo äſthetiſche und feinfühlende Bildung erworben hatte. Der Sabbatbrecher blickte auf Lucinden, indem er ein klein wenig in ſeiner Arbeit innehielt. Das eine Auge ſchloß er blinzelnd, eine Geberde, die er an Ge⸗ ſchäftstagen noch vervollſtändigte bis zu einem gänzlichen Bedecken ſeiner beiden Augen mit der Hand, um drüber wegfahrend durch eine offen gelaſſene Spalte zwiſchen den Fingern hindurch gleich ſich zu orientiren, weß Geiſtes Kind ihn beſuche, ob er viel oder wenig fordern, Echtes oder Unechtes vorlegen durfte... Die Hoffnung, Lucinde würde auf Veilchen's Schrei⸗ ben eingehen, hatte man wol ſchon aufgegeben. Doch war der Beſuch eleganter Damen für Seligmann nichts Neues. Nur mit Lüäſſigkeit fragte er nach dem Be⸗ gehven... Lucinde verlangte Fräulein Veilchen zu ſprechen und noch ehe ſie geendet hatte, wand ſich im Hintergrunde eines dunkeln Ganges aus einem Gerüſt von Schweizer⸗ und Tirolertrachten, treſſengeſtickten rothen Miedern und Hüten mit Spielhahnfedern und Gemsbärten eine Perſon 0 270 hervor, die ſie an die alte Garderobidre von damals erinnerte, als ſie die drei erſten Acte der Jungfrau von Orleans ſpielte und nach Serlo's Anweiſung ſo ſicher und feſt die Worte glaubte ſprechen zu können:„Mein iſt der Helm und mir gehört er zu!“ Veilchen war nach Löb's Erklärung ſchön am Geiſt. Der Geiſt mußte allerdings ihren Körper verklären und gab auch den blauen Augen etwas durchſichtig Glänzendes. Sonſt war die eine Schulter etwas höher als die andere und der Wuchs ſo zurückgeblieben, daß Lucinde, hier von Theatererinnerungen angeregt, faſt an die jetzige Ba⸗ ronin, frühere Sängerin Henriette Montag in Kiel erinnert wurde. Ich wußte doch, daß Sie kommen würden! ſprach die kleine Geſtalt mit weicher, klangvoller Stimme und verrieth, daß ſie ſogleich Lucinden erkannt hatte.. Nathan orientirte ſich jetzt... Statt aber ſeine Höflichkeit nachzuholen, ſchloß er nun auch noch das andere Auge. Durch eine ganz kleine Spalte blinzelte ein Strahl ſehr gemachter Freundlichkeit hindurch.„Die Kinder ſind wie die Brü⸗ der der Mutter!“ ſagen die Juden. David Lippſchütz hatte nicht die freundliche Bonhommie ſeines Onkels Löb, eher die Miene wie Onkel Nathan. Seine Witze:„Ein Frédéric dargent“ und ſein kritiſches: „Warum ſitzt Moſes?“ waren mit demſelben mürriſchen und blinzelnden Zuſammendrücken der Augen geſprochen worden... Um ſo freundlicher war das kleine Veilchen... Als ſie ſich aus der Region der grünen Alpenwieſen 2 fprach me und hloß er ne gan emachte ie Bri iyyſhüt Onkelt Sein ritiſche nnſte eſ proche venwis, 4 271 und der Sennerhütten herausgewunden hatte, deutete ſie auf eine Thür, die Nathan bereits nicht ohne Beweiſe einer aus ſeiner prüfenden Miene ſich entwickelnden ärger⸗ lichen Stimmung geöffnet hatte, und ließ Lucinden näher treten. Ein Gemach empfing ſie, das ebenſo ein Comptoir ſein konnte, wie ein Vorrathsmagazin feinerer Verkaufs⸗ gegenſtände und ſogar ein Boudoir. Hell war es nicht. Eine ſchwarze hohe Brandmauer ſtand nicht fünf Fuß weit von den beiden Fenſtern entfernt, die ohne Gar— dinen ſein mußten, nur um etwas Licht hereinzu⸗ laſſen. Und doch ſtand da ein Schreibbureau, worauf Handlungsbücher, ſtand ein Tiſch mit ausgebreiteten Kupferſtichen und einer langen Verwickelung von Spitzen, die nicht etwa zu Veilchen's Handarbeiten gehörte— Handarbeiten exiſtirten nicht für ſie— ſondern zu ihrer Kunſt, Neues in Altes zu verwandeln. In einer Taſſe mit Kaffeeſatz endete die lange Spitzenverwickelung. Eine andere gebräunte Garnitur hing zum Trocknen an einem der beiden Fenſter. Ja, auch die Kupferſtiche ſchienen durch Kaffee gezogen. Ein Bücherſchrank war voll alter Bücher... Aber Sie ſollten das Fräulein oben in unſere Stube führen! ſagte Nathan mit erzwungener Artigkeit und dem Bewußtſein oben erſichtlichen ſabbatlichen Com⸗ forts... Veilchen räumte ſchon einen Seſſel ab und fiel ein: Hab' ich eben auch gedacht! Aber für Sie iſt heute kein Sonntag! Wenn Sie es nicht verſchmähen— Lucinde ſaß nicht nur ſchon, ſondern war auch ſchon 4 272 in voller Erörterung der Angelegenheit, die ſie herge⸗ führt hatte. Gemüthliches Auszupfen einer neuen Be⸗ kanntſchaft fehlte ihr zu jeder Zeit und vollends in der Stimmung, in der ſie kam... Bonaventura reiſte— Nicht ein Schloß, die Welt in Brand zu ſtecken dazu hatte ihr Nück geſtern den Muth gegeben... Auf einen Wink Veilchen's entfernte ſich Nathan und legte die Thür an, ohne ſie ganz zu ſchließen. Dieſer Beſuch war für ihn aufregend, für Veilchen ſchien der Eindruck Lucindens erſchreckend zu ſein... Inzwiſchen hatten ſich Lucindens Augen an das Dämmerlicht gewöhnt. Sie erkannte, daß die kleine Jüdin zwar regelmäßige, faſt plaſtiſche Geſichtsformen hatte, doch ſchon über die Fünfzig zählen mußte, ſo dunkel auch noch ihr Haar glänzte, das nach Löb's Vergleiche der Seide glich. Die zwei langen Locken, die ihr faſt über die Augen weg herabhingen und die Naſe in gewaltiger Schärfe hervortreten ließen und ihr das Anſehen eines talmudiſchen Gelehrten, eines Bocher, gaben, hatten eher etwas Starres, gerade ſo wie die Haare Lucindens in ihrer erſten Jugend waren, als ſie ihren ſchönſten Schmuck nur noch mit Waſſer aus den Bächen von Langen-Nauenheim pflegte... Auch ein höchſt anmuthiges und faſt mädchenhaftes Lächeln hatte Veilchen um ihren ſchöngeformten Mund. Wohlwollend nickte ſie zu allem, was Lucinde mit Ernſt und großer Kälte ſprach. Dabei hielt ſie ruhig die Hände in ihrem Schooſe und hatte eine Miene der Spannung und Angſt, die ſchon verrieth, daß ſie von Lucinden keinesweges Gütiges und Wohlwollendes für ihren alten e herge⸗ uen Be⸗ 3 in der eiſte— cfen— than und Dieſer ſchien der an das ie lleine gtsformen m mußte, ach Löbe n Locken, und die und ihr s Bocher o wie di , als ſi z den aus der chenhafte en Mun nit En die Him Spannui wLücind hren dlh 273 Freund vorausſetzte. Darüber, daß der Mönch eine frühere Liebe der ſtolzen jungen Dame geweſen, die da vor ihr ſaß, konnte bei ihr kein Zweifel ſein. Bei der Erörterung über das aus des Mönches Kutte gefallene alte geſtickte Portefeuille war die Urſache der Metamor⸗ phoſe, die er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, nicht verſchwiegen geblieben... Mit der ihr eigenen kurzen und ſchneidenden Be⸗ ſtimmtheit fragte Lucinde: Woher wiſſen Sie denn, daß ich eine Verpflichtung habe, für den Pater zu ſorgen? Zu ſorgen, mein Fräulein? ſagte Veilchen lächelnd und verbindlich. Hab' ich geſchrieben: zu ſorgen? Ich habe gebeten um einen Beweis menſchenfreundlicher Ge⸗ ſinnung! Und die Frau vom vierten Stock im Golde⸗ nen Lamm hat mir's ja auch geſagt, Sie könnten ein Engel ſein! Nicht Lächeln weckte dies:„Könnten“ in Lucindens Mienen, ſondern düſtterer ſenkten ſich ihre Augenbrauen und jede ihre Mienen verrieth, daß dieſe Erinnerung an ihr früheres Leben ihr peinlich war und das Ge⸗ ſchäft, das ſie hierher geführt, raſch vorübergehen mußte... Hat der Pater mich ſelbſt bezeichnet als die, die ihm helfen könnte? fragte ſie... Daß Gott verhüte... Iſt ſeine Haft ſo ſtreng? Ein Menſch kann die Luft entbehren, wie ich ſelbſt ſie entbehre! Wie Sie mich da ſehen, Fräulein, hab' ich ſeitdem, daß ich unſern neuen Tempel kennen lernen wollte, nicht die Rumpelgaſſe verlaſſen. Aber der Pater Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 18 274 liegt in Ketten und Banden ſeines Geiſtes! Krank iſt er am Körper wie an der Seele! Er muß zu Menſchen, die ihn lieben! Einer war anfangs hier, dem er gern geſchrieben hätte, ja erſt ſogar hätte beichten mögen; dann ließ er es, weil er erfuhr— Veilchen ſtockte und blickte halb zur Seite, halb prüfte ſie Lucinden, die hocherröthend ſie ſehr wohl ver⸗ ſtand... Anfangs? zuckte es in ihr glücklich auf. Denn daß nur Bonaventura gemeint war, ſah ſie an dem Blick der Jüdin. Alſo anfangs nur? grübelte ſie. Keine ſpätere Beziehung? Und erfuhr—? Was erfuhr? Daß ich Bonaventura liebe? Wer iſt dieſer Eine? fragte ſie kurzweg... Der neue Domherr von Aſſelyn! beſtätigte die Jüdin... Lucinde ſchwieg eine Weile hocherglüht... Dann fuhr ſie, wie beſtätigend, fort: Ich ſah den Pater mit dem damaligen Pfarrer von St.⸗Wolfgang öfters zuſammen gehen... Lucinde wollte mit dieſen Worten ſagen: Haben ſie ſich damals beide verſtändigt, wie ein grauſamer Zu⸗ fall mich zwiſchen beide geſtellt hat? Oder hat man Klingsohrn von anderer Seite zugetragen, was auch ſchon Nück über mich wußte? Sind die Umſtände, die mit deiner ſchimpflichen Entfernung aus der Dechanei zu⸗ ſammenhängen, ſchon hierher unter dies armſelige Dach gedrungen und von hier aus vielleicht auch Klingsohrn bekannt geworden? Die Jüdin vermied, das, wie ſie wohl ſah, außer⸗ Frauk iſt henſchen, er gern n; dann e, halb ohl ver⸗ eenn daß n Blic e ſpätere Daß ich ſigte die . Dann rrer von Haben amer Zu⸗ hat man uch ſchon die mit anei zl⸗ g Dach ingsohn ai 275 ordentlich reizbare junge Mädchen zu verletzen, zog ſich klug in ihre Beſcheidenheit zurück und ſagte aus⸗ weichend: Es gibt Menſchen, die ſich vermeiden, gerade des⸗ halb, weil ſie ſich lieben! Wie? wallte es in Lucinden über dies dunkle Wort auf; weiß auch ſie ſchon, daß meine Liebe zu Bonaven⸗ tura eine unglückliche iſt? Sie ſagte: Der Pater und der Domherr meinen Sie?.. Oder, fuhr ſcheinbar nichtachtend Veilchen fort, weil die Wahrheit, die einzugeſtehen dem einen eine große Se⸗ ligkeit wäre, dem andern Schmerzen bereiten könnte... Lucindens Auge leuchtete immer forſchender auf... In ihrem Blicke lag: Will ſie denn ſagen, daß Klingsohr Bonaventura deshalb nicht ſehen und durch Mittheilungen kränken will, weil er glaubt, Bonaventura liebe mich?... Die Jüdin fand ſich in den Eindruck ihrer doppel⸗ ſinnigen Reden und fuhr fort: Es gibt doch Menſchen, die täglich mit Wärme von der Liebe ſprechen können, und ſie ſelbſt ſind kalt—? Lucinde horchte ungewiß... Sie fühlen wol die Liebe— denn die Liebe iſt un⸗ abweisbar— aber ſie haben nicht den Muth, ſie— ſie zu genießen— Zu bekennen! verbeſſerte Lucinde und ſuchte endlich aus dieſen Andeutungen Klarheit zu gewinnen. Meinen Sie? ſagte Veilchen. Die Liebe iſt doch ein Genuß— ein Egoismus, ein ſchöner Egoismus! Die Liebe iſt Selbſtentäußerung... 18* 276 Die Religion lehrt das, aber die Philoſophie ſagt: Die Liebe iſt das Bedürfniß, ſich von ſeiner eigenen Perſon erlöſt zu wiſſen und die Wonne zu genießen, daß wir darum doch in einer andern Beſtand haben! Ein Prieſter kämpft gegen dieſe unendliche Freude, die in der Liebe liegt, durch ſeinen Beruf an und— noch mehr! Wenn die Liebe die grauſamſte Eitelkeit genannt werden muß, weil der Menſch verlangt, daß ein anderer gleichſam ſtatt ſeiner lebt und mit für ſein Leben die Koſten bezahlt— die Koſten, die manch⸗ mal über des andern Beutel gehen— ſo kommt es, daß die weichſten Menſchen kalt erſcheinen, blos weil ſie — beſcheiden ſind—! Beſcheiden! Fräulein! Sie wollen den andern nicht in Unkoſten verſetzen. Die Jüdin lächelte, Lucinde nicht... Sie erklärte ſich nach dieſer eigenthümlichen Dialektik Bonaventura's Kälte aus deſſen edlerer Natur, die ſich bekämpfe und ſich ein Glück verſage, das ihm doch, wie ſehr ihn auch Paula feſſelte, in der Huldigung liegen durfte, die er von Lucinden nun ſchon ſeit Jahren erfuhr... Er muß dich endlich lieben und wär' es aus Mitleid! war ihre Lebenshoffnung... Inzwiſchen hatte es draußen geklingelt. Nathan ſteckte ſeine zuſammengekniffenen Augen, die wieder Freund⸗ lichkeit ausdrücken ſollten, durch die Thürſpalte.. Excuſe! ſagte er mit einer Andeutung ſeines Welt⸗ ſchliffs und überreichte Veilchen einige Blätter Papier mit den Worten: Eben kommt das von—— Es hat Eile! Der Druckerburſche wartet! ie ſagt: eigenen hen, daß i! Ein die in und— Eitelkeit agt, daß mit für e manch⸗ mmt es, weil ſie n! Sie 277 Der Druckerburſche? ſagte ſich Lucinde und gedachte des Abends bei Beda Hunnius... In der That war es auch ſogar eine Nummer des Kirchenboten. Diesmal aber nicht die Cenſur, ſondern die Correctur, wie Veilchen ſogleich erläuterte, während ſie in dem Blatte las und nach einigem Beſinnen leiſe buchſtabirte... Iſt das eine Zeichenſprache? fragte Lucinde.. „Ich— bin— elend—!“ buchſtabirte Veilchen... Wer ſchreibt das? „Ich bin elend! Hül—fe! Zu— Hu— bertus! Zu Hubertus!“... Weiter nichts heute! ſagte ſie, ſchlug das feuchte, von dabei gezeichneten Correcturen beglei⸗ tete Blatt zuſammen und gab es dem lauſchenden Selig⸗ mann, der es verdrießlich entgegennahm... Veilchen drückte jetzt ſelbſt die Thür zu... Zu Hubertus? Lucinde verſtand, was ſie befürchtete. Aber wenn ſie auch ſagte: Schreibt das der Mönch in Druckfehlern? ſo lag in dem Scherz ihre Ungeduld... Veilchen erklärte, daß Sebaſtus infolge ſeiner maßloſen Polemik und ſeines Zuſammenhangs mit dem aufrühreriſchen Treiben des Tags von der Regierung verhindert wurde, mit Irgendjemand zu correſpondiren, außer durch die Hände des Unterſuchungsrichters. Nur eine in den Schranken ſich haltende literariſche Thätig⸗ keit war ihm verſtattet geblieben. Die Manuſcripte mußten im Geſchriebenen cenſirt werden. So konnten nur die Correcturen zu Hülfe genommen werden, um den Pater mit der Außenwelt in Verbindung zu erhal⸗ ten. Mit Veilchen zu correſpondiren, war ihm Be⸗ 278 dürfniß geworden nach allem, was zwiſchen ihnen vor⸗ gefallen. Sie gab an, daß nicht etwa in den Correc⸗ turen zur Seite(mit Druckfehlern iſt nicht zu ſpaßen! ſchaltete ſie auf Lucindens ſcheinbaren Scherz ein. Ein Arzt hat einmal einem Patienten, der ſich gewöhnte, ſich aus populären Heilbüchern ſelbſt Recepte zu verſchrei⸗ ben, geſagt:„Sie ſterben noch einmal an einem Druck⸗ fehler!“), ſondern im Text eine Verſtändigung dadurch ermöglicht wurde, daß beide die Buchſtaben, die zu ihren Mittheilungen gehörten, mit einem kleinen, faſt unſichtbaren Pünktchen bezeichneten. Die Zuſammenſtellung derſelben ergab einen Sinn. So jetzt dieſen Hülferuf, der Lucinden von ihrem Seſſel aufgetrieben hatte und ſie fragen ließ: Sollte es denn ſo ſchwierig ſein, ihn aus dieſer Haft zu befreien? Doch! Man könnte den Wächter beſtechen— Unmöglich! In irgendeiner Verkleidung ſollte er das Profeßhaus verlaſſen.. Einen Wagen würden Sie ja beſorgen können... Ich? Bitte, Fräulein! Sie haben die Verdrießlich⸗ keit des Herrn Seligmann bemerkt? Ich finde, daß Herr Seligmann nur ſehr neugierig iſt! ſagte Lucinde, ſich umblickend... Denn eben ging die Thür und wie gleichſam von ſelbſt wieder auf... Es iſt ſeine Angſt, ſagte Veilchen, daß wir uns wie⸗ der in Dinge einlaſſen, die uns die größte Verantwor⸗ tung zuziehen können! en vor⸗ Correc⸗ ſpaßen! 1. Ein wöhnte, erſchrei⸗ 1 Druck⸗ dadurch die zu en, faſt aſtellung dülferuf tte und z dieſet cfeßhaus innen.. riibih neugierl ſam vr uns wi rantwd W 279 Und doch wagten Sie das Verleihen eines bürger⸗ lichen Kleides an einen Mönch? Wohin kommt man nicht, wenn man von der ver⸗ kehrten Welt— ſein Geſchäft hat! Oben hängt das ganze Mittelalter, Fräulein! Die Angſt, die wir mit der zurückgebliebenen braunen Kutte gehabt haben, möcht' ich nicht zum zweiten male erleben! Lucindens Sinnen ließ Veilchen Zeit, zu erzählen: Als der Pater damals ein bürgerliches Kleid von uns geliehen, blieb ich bis ſpät in die Nacht hinein auf. Der Pater kommt endlich zurück und verlangt nach ſeinem Gewande. Er langt darnach, greift in die Taſchen und vermißt ein Portefeuille. Denken Sie ſich meine Be⸗ ſtürzung! Ein Franciscaner iſt ein Bettler, ſeine Brief⸗ taſche konnte keine Schätze enthalten, auch war der Verdacht unſerer Unehrlichkeit nicht vorhanden— der Pater traute mir, lieber Gott, ſeitdem ich meine Verſchwiegenheit mit einem Scherze beſchworen hatte, bei dem Gotte Spinoza's! ein Wort, das man freilich zu manchem Mönche ſagen kann und er verſteht's nicht. Alſo— in der Brieftaſche lag nichts, als ein einziger Streifen Tuch, den er eine ewige Belaſtung ſeiner Seele nannte und den er beſitzen müſſe, wie Magdalena den täglichen Anblick ihres ſündigen Antlitzes in einem Spie⸗ gel, ſagte er, oder in einem Bache oder in dem Waſſer, in dem ſie ſich wuſch, oder in den Augen der Menſchen, die ſie verachtend anſähen. Alles boten wir auf, die Taſche zu finden. Vergebens! Die Zeit drängte. Der Pater mußte ſich entfernen. Er erklärte am folgenden Mor⸗ gen wiederkommen zu wollen. Inzwiſchen muß ich länger 280 ſchlafen, als gewöhnlich, da ich die Nachtruhe verſäumt hatte, und am folgenden Morgen iſt zufällig der Bruder des Herrn Nathan im Geſchäft und muß ſogar am Fuß⸗ boden drinnen die Taſche finden. Die beiden Brüder unterſuchen ſie und entdecken nichts als einen Streifen Tuch. Herr Nathan hatte die Nacht nicht gewacht, wie ich, wußte nichts von dem Verluſt; und wie die Männer in allen Dingen ſchwächer ſind als wir, denkt er, ſeinem Bruder könnte er ſchon ein Geheimniß verrathen und erzählt ihm den Vorfall mit dem Mönch und will ihn dann erſt ſchwören laſſen, als er's ſchon verrathen hat. Inzwiſchen hat der Bruder längſt den Gedanken ge⸗ habt, daß gerade ein Streifen Tuch einem Mann an ſeinem Ehrenkleide fehlte, einem gewiſſen Küfer Stephan Lengenich. Und wie er nun erſt gar den Mönch nennen hört, brauſt er auf, er, der ſonſt ſo milde, grundgütige Mann, rennt davon wie ein ſchnaubendes Thier und ruft: Hilf deinem Nächſten, ſoviel du kannſt! Der wüthende Menſch hatte ſeinen Vortheil und eine Befrie⸗ digung für ſeinen Hochmuth und eine Befriedigung für ſeine Rache. Der Mönch hatte ihm eine Belei⸗ digung zugefügt. Eben aber auch darum kommt er ſchon wieder zurück, ſchon wieder in ſich gegangen, und bringt den Küfer mit. Aber der kommt gar erſt mit Augen wie ein Pardelthier! Die Taſche hatte ihm der Löb noch nicht gegeben, aber er haſchte danach, wie ein Fiſch nach dem Wurm! Jetzt meine Angſt um dieſe wüthenden Menſchen! Der Küfer war einmal angeſchul⸗ digt worden, den Vater des Mönchs ermordet zu haben; Gott im Himmel! Dieſer Streifen Tuch war von dem imthatte, uder des m Fuß⸗ Brüder Streifen acht, wie Männer r, ſeinem then und will ihn then hat. unken ge⸗ Mann an Stephen ch nennen undgittige hier und friedigun ne Belei⸗ 281 Kleide des Mannes abgeriſſen geweſen, der es gethan haben muß. Und wie ſie den Namen nannten und ich wieder fragte und noch einmal fragte: Der! Eben der! da— da vergingen mir doch die Sinne— Noch jetzt ſank Veilchen in ihren Seſſel zurück und zitterte... Aber auch Nathan kam hereingeſtürmt und rief zornig mit polternden Worten: Sie wollen ſich wieder krank machen! Veilchen ſchüttelte, ſeine Sorge ablehnend, den Kopf... Noch ein Glück, daß ich in Ohnmacht fiel, ſagte ſie; die Männer erſchraken darüber und legten ihre Wildheit ab... Nathan rumorte im Zimmer... Lucinde ſtand wie vor einem Vorhang, den eine geiſterhafte Hand von ihrem eigenen Leben zurückzog... Die Brieftaſche des Abſchieds einſt in Lüneburg!... Stephan Lengenich, dem ſie ſelbſt einſt ſcherzend die Worte geſprochen im Düſternbrook:„Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen vom neuen Tuche—!“... Auch das wußte ſie von Treudchen, daß eben dieſe Jüdin durch den Dechanten und den Kronſyndikus um Leo Perl, die Hoffnung ihres Lebens, gekommen war... Sie ſagte: Eher hätten Sie ſich ja ſelbſt dem Küfer verbünden müſſen! Denn auch Sie, hör' ich, gehören zu den Vielen, die den Kronſyndikus von Wittekind⸗Neuhof vor Gott anklagen dürfen! Veilchen blickte auf und ihr leidender Blick winkte Nathan zu gehen... 282 Nathan that es, aber mit dem misgünſtigſten Seiten⸗ blick auf einen Beſuch, der ſoviel traurige Erinnerungen weckte... Ich höre, fuhr Lucinde fort, daß Sie die Hoffnung Ihres Lebens, die Liebe des Doctor Leo Perl verloren haben, weil er aus räthſelhaften Urſachen Chriſt wurde! Chriſt?— Prieſter! berichtigte Veilchen... Lucindens Zucken verrieth die gleiche Empfindung. Und warum ward er es? Warum gab er Sie auf? fügte ſie hinzu... Veilchen, bereits geſammelter, ſteckte ſich ihre beiden Locken an zwei Haarnadeln zurück, die ſie eine Weile im Munde behielt. Schon um deswillen mußte ſie ſchweigen... Drangen Sie denn nie in dieſes ſeltſame Ge⸗ heimniß? Veilchen ſchüttelte den Kopf... Auch jede Ahnung fehlt Ihnen? Seltſam! Ich habe in der Nähe des Kronſyndikus gelebt! Ich kenne einen Neffen des Dechanten, den jungen Benno von Aſſelyn... Man könnte vielleicht forſchen... War Leo Perl von der Wahrheit des Chriſtenthums überzeugt? Veilchen zuckte die Achſeln und befeſtigte ihre Locken... Er hat den Domherrn von Aſſelyn getauft, fuhr Lucinde fort... Auch eine hier jetzt lebende Frau von Hülleshoven getraut, hör' ich... Einen ſtrengen, exemplariſchen Lebenswandel ſoll er geführt haben... Ich hört' es... ſprach jetzt Veilchen... Nie wieder hatten Sie eine Beziehung zu ihm— 7 Seine letzten Bücher waren in Kocher am Fall ge⸗ en Seiten⸗ nnerungen Hoffnung verloren ſt wurdel findung. Sie auf gre beiden Weile in weigen. ſame Ge⸗ Ic hab⸗ enne einen ſelyn- Perl vol⸗ ſi gte ihre auft, 1 Frau ne ſtrenge aben. im- n Fall 1 blieben. Als man ſie ihm ins Seminar nachſchicken wollte, ließ er ſie an mich übergeben... Da ſtehen ſie! Sie ſind— das Letzte.. Für Lucinden konnte zunächſt in dieſer Mittheilung nur die Anerkennung der gewaltigen Kraft liegen, die das Chriſtenthum auf die Ueberzeugung eines geiſtvollen Mannes hatte, der ihr eine Liebe opfern konnte... Und dieſe Beziehung der Freude des Küfers zur Trauer Ihrer eigenen Erinnerungen— was brachte ſie zu Wege? fragte ſie... Zunächſt die Beſinnung meines Verwandten, des Herrn Löb Seligmann. Der Mann hat Gefühl! Er erinnerte ſich meines Lebens und wurde mein Beiſtand! Die Rache gab er auf! Welche Rache? Ich ſagt' es nicht? Er war von dem Mönche am Tage vorher beleidigt worden. Der Pater iſt voll Heftigkeit und vor den Narben in ſeinem Antlitz kann man erſchrecken! Herr Löb Seligmann beſchwichtigte den Küfer und ich gewann wieder meine Kraft. In Güte hab' ich mit ihm mancherlei beſprochen und er ließ mir die Taſche und er verſprach zu ſchweigen... Das können Sie nur durch eine flammende Bered⸗ ſamkeit erreicht haben! ſagte Lucinde und gedachte der ſchauervollen Tage auf Schloß Neuhof, der Liſabeth, ihres eigenen Verhörs, ihres Schwurs... Den Küfer kenn' ich und die That auch, um die es ſich handelt... Was ſagten Sie ihm, das ihn ſo entwaffnen konnte? Wieder kam jetzt Nathan herein und machte ſich ſchaffen, um die aufregende Unterhaltung zu ſtören... 284 Veilchen wurde nun ſelbſt über ihn verdrießlich... Mir ſcheint, Herr Seligmann, ſagte ſie, Sie ſuchen den geſtrigen Tag! Ich ſuche das nächſte Jahr! fuhr Seligmann zornig auf. Wo werden Sie ſein, wenn Sie nicht aufhören, Ihre Nerven— zu malträtiren! Meine Nerven ſind mein! ſagte Veilchen hinter dem Zornigen her; mit irgendeinem Gegenſtand, den er ſcheinbar geſucht hatte, war er wieder gegangen... Ja, Fräulein! fuhr ſie zu Lucinden gewandt fort: Ich ſprach, was ich eben ſprechen konnte. Die Leidenſchaften kenn' ich und ich ſchil⸗ derte die Rache. Ich ſagte, daß alles gut im Menſchen iſt, was ihm zum Bedürfniß wird ſeiner Selbſt⸗ erhaltung, falls ſeine Selbſterhaltung die andern nicht kränkt und die Erkenntniß Gottes befördert. Ich ſagte: Großmuth und Cdelſinn ſind die einzige Waffe gegen die Leidenſchaften! Ich bewies dem Mann, daß es ſich um die Ehre eines Geiſtlichen handelt! Ich ſchilderte ihm die Leiden eines Prieſters und einer ewigen Entſagung! Ich ſah, daß der grimmige Mann ein Ohr für meine Rede hatte, und da gab ich ihm die Hand und ſprach: Auch mein Feind war der Mann, der in wilder Blind⸗ heit eine grauſame That gethan hat, die ſich Gott wie ſeine andern Thaten wird gemerkt haben! Ich ſagte ihm, daß ich gehört hätte, der Mann wäre ein Greis jetzt, voll Kummer, und verſchwendete an die Armen und die Prieſter, daß ſie ihm haben ſeinen eigenen Sohn zum Wächter ſetzen müſſen! Dann ſagt ich ihm, daß ich dem Pater einen Schwur gethan, der mehr als meine Ehre, der die Ehre Gottes ſelber wäre! W lächel aufſti W Aber des in n ch.. e ſuchen nig auf. Ihr ter dem ſheinbar räulein! ich eben ch ſchi gut im Eelbſt⸗ m nich ſagte: f gegel es ſic erte ihr ſogung er men ſprac er Blun Golt n dc ſth in Gri e Am. meigene ic ihe meht“ 285 Bei dem Gotte Spinoza's? warf Lucinde ungläubig lächelnd ein. Wer iſt dieſer Gott? fuhr ſie fort, den Kopf aufſtützend... Den Hut hatte ſie gar nicht abgenommen... Das kann ich nicht ſagen! erwiderte Veilchen. Aber jedenfalls iſt es auch Ihr Gott! Es iſt der Gott des Mannes, den ich liebte! Es iſt der Gott, der in nächtlichen Stunden aus den Sternen zu uns ſprach, wenn wir im ſchönen Garten der Dechanei Arm in Arm ſpazieren gingen— damals bewohnte ſie der Herr Dechant von Aſſelyn noch nicht—! Es iſt der Gott, in dem die Seele des Geliebten ſich damals mit der meinigen vereinte!... Und dennoch verließ Leo Perl dieſen Gott? fragte Lucinde... Nathan öffnete wieder die Thür und wisperte: Warum möcht' ich doch, daß der Kirchenfürſt heute begnadigt würde und den Schwarzen Adlerorden noch dazu kriegte mit Brillanten? Nun? fragte Veilchen und machte eine Miene der Span⸗ nung auf einen„Witz“— trotz ihrer feuchtſchimmernden Augen... Weil uns dann die„Gecken“ hier keine Zeit laſſen wür⸗ den zum— Schwätzen; bitte um Vergebung, mein Fräulein! Sie ſehen, mein Fräulein, ſagte Veilchen aus ihren Thränen heraus, als die Thür raſch geſchloſſen wurde, er iſt unglücklich über den abgeſagten Carneval und fürchtet, daß er neben ſeinem Geld auch noch den Kopf verliert, falls wir uns wieder mit der Kirche einlaſſen ohne Kanonen. Ver⸗ langen Sie alſo von uns nichts mehr! Der Küfer ſitzt im Gefängniß und hat ſich vor der Regierung compromittirt... 286 Der Pater kam damals zurück und bekam ſeine Taſche und ich hab' ihm erzählt, was damit vorgefallen. Wenn der Kronſyndikus todt iſt, dann will er dem Küfer dienlich ſein. Ich weiß nicht, was ihm muß ſein Vater aus dem Grabe für wunderliche Sachen zugerufen haben... Nun iſt das ſchon vier Monate her... Der Mönch kam noch einige male, wurde aber verrathen und ſeitdem iſt er ganz gefangen und daß ich mit ihm durch die„Stufen⸗ briefe vom Kalvarienberge des Lebens“ correſpondire, iſt jetzt alles, was wir noch wagen können. Aber Herr Nück! Herr Nück! Der iſt allmächtig! Sprechen Sie ja mit Herrn Nück! Der Pater iſt krank, Sie hörten es! Er ſehnt ſich nach ſeiner Heimat zurück, manchmal zu einem Mönche, den er Vater Ivo nennt, manchmal zu einem andern, Bruder Hubertus... Nun Sie ſahen es ja vorhin... Was ſoll ich ihm ſchrei⸗ ben, mein Fräulein? Lucinde ſtand träumend und blickte finſter und voll Mismuth... Wie denn ſchreiben Sie ihm? fragte ſie... Durch die nächſte Correctur! Mit Pünktchen... Lucinde vergegenwärtigte ſich die Worte, die Nück zu ihr geſprochen: Ueberreden Sie ihn, nach Belgien zu gehen! Sie mochte von Klingsohrn nicht länger ihre Bahnen durchkreuzt ſehen und um ſich zu dem kalten Entſchluſſe, ihn für immer aus ihrem Leben zu verweiſen, zu ermuthigen, ſagte ſie ſich ſogar, daß die geiſtige Verkom⸗ menheit deſſelben jeden erſchüttern dürfte, der ſeinen Geiſt, ſeine Kenntniſſe, ſeine Kraft als beſſer verwendbar zu ſchätzen wüßte... aſche und Wenn der dienlich ater aus gaben.. önch kam eem iſt er „Stufen⸗ eſpondire lber Hett Sprechen an, Sie tt zutüt vo nennt, Nun zm ſchre und vol Die Jüdin ſtand erwartungsvoll und wie bittend... Sie wären nicht geneigt, die Zelle des Paters zu beſuchen? fragte Lucinde. Mein Fräulein! lehnte erſchreckend Veilchen ab... Herr Seligmann nicht—? Dieſer antwortete ſelbſt durch ein heftiges Rumoren nebenan... Lucinde wußte, daß es ſich hier um eine geiſtige Auf⸗ richtung Klingsohr's handelte, die kaum anders, als von ihr ſelbſt kommen konnte... Sie bedachte einen Brief, den ſie etwa ſchreiben könnte... Die Augen der kleinen Jüdin leuchteten hoffnungs⸗ voll... Eine Pauſe trat ein... Aus vielen Gründen, ſagte dann Lucinde, nachdem Veilchen als die einzigen Perſonen, die man allenfalls zu dem Pater ließe, den Arzt, Medicinalrath Goldfinger, oder einen Geiſtlichen oder vielleicht den Druckerburſchen genannt und hinzugefügt hatte, daß der Wächter des Hauſes auch bei dieſem vielleicht nicht in der Zelle zugegen bleiben würde— aus vielen Gründen wünſcht' ich, daß der Pater aus ſeiner Lethargie erwache... Das iſt herrlich! rief Veilchen... Ich wünſchte, fuhr Lucinde grübelnd fort, daß er ſeine Muthloſigkeit aufgäbe, daß er ſich für ſeinen nun inmal gewählten Beruf erkräftigte... Jal Jal... Ich würde ihm rathen, mit allem, was ihn hier jedrängt und ihn auch künftig in Feſſeln halten wird, ſeber für immer zu brechen und vielleicht— ins Aus⸗ ſand zu fliehen. 288 Stellen Sie ihm alles das vor... Ich? Wie kann das ich?... Sie meinen— um die Vergangenheit— Das hinderte nicht... „Schreiben Sie es ihm... Ich ſchicke ſogleich jn die Druckerei... Der Burſche iſt ein guter Junge— und pfiffig... Haha! Kaplan Michahelles hatte den auch in eine Druckerei gegeben... Hernach ſoll er nach Belgien und Jeſuit werden... Jeſuit? Iſt Ihnen das ein ſo gleichgültiges Wort, daß Sie lachen? Hab' ich die Welt zu verbeſſern? Ihre Duldſamkeit ſcheint größer, als Ihr Wahr⸗ heitseifer! Was iſt Wahrheit? Mindeſtens iſt die Wahrheit das Gute! Was iſt Gut? Suchen Sie nicht, was wahr, gut und gerecht iſt? Was iſt Recht? Sie anerkennen nicht Recht oder Unrecht? Recht geht ſo weit wie Gewalt! Wie einmal das Leben iſt! Aber— Im Himmel auch! Gott iſt nicht weiter allgerecht, als er allmächtig iſt! Lucinde mußte lachen über dies Wortſpielen... Was iſt Ihnen die Tugend? fragte ſie, jetzt ſogar zutraulicher geworden... Ahl Die Tugend iſt mir viel! Die Tugend iſt die Erkenntniß Gottes! Sie kehren, ſeh' ich, alles um, was wir Chriſten 1 ogleich in Junge— hatte den er nach ges Wor, hr Wahr 289 glauben! Haben Sie vielleicht auch keine Freiheit des Willens? Wenn Sie hungert, müſſen Sie eſſen!... Richtig, Sie wählen die Speiſen! Aber— Sie wählen Spei⸗ ſen, die Ihr Appetit Ihnen vorſchreibt! Jetzt begreif' ich, ſagte Lucinde lachend, wie Sie über ſich bringen, falſche Medaillen in die Welt zu ſetzen und die Spitzen da in Kaffee zu tränken, nur damit man glauben könnte, Maria von Medicis hätte ſie ſchon getragen... Hören Sie! Ich nenne das Betrug! Ein hartes Wort! ſagte Veilchen erſchreckend. Dann aber ſetzte ſie mit einem gewiſſen elegiſchen Tone hinzu: Mein Fräulein, was iſt die Kunſt? Ein falſcher Schein! Was iſt das ganze Leben? Eine Mummerei! Wer dreißig Jahre in ſolchen Poſſen lebt, wie ich hier unter den bunten Röcken, nimmt die Poſſen der Erde für ihren Ernſt! Ich kehre alles um! ſagen Sie? Ganz recht! Sie lieben! So ſagen Sie? Ich ſage: Sie glauben, daß Sie geliebt werden... Keine glückliche Lebensauffaſſung! ſeufzte Lucinde. Ihr Spinoza, glaub' ich, war krank... Das war er.. Er entſagte und entbehrte... Zu ſehr... Er ſchuf ſich eine Philoſophie für die, die nichts mehr wollen und nichts mehr wünſchen... Er liebte die Freiheit... Eroberte ſie ſich aber nicht... Wer die Erkenntniß hat, hat alles... Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 290 Das beſtreit' ich! Sehen Sie, da gebe ich einen einzigen reellen Genuß für alle Schatten der Erkenntniß! Geſchmacksſache!... Auch Wahrheitsſache! Eine einzige Reliquie, die ein Gläubiger küßt, iſt, wenn man einmal Religion haben will, mehr werth als Ihr Gott, der wahrſcheinlich die ganze Welt ſein wird oder die Natur? Der Mönch ſagte daſſelbe... Ich laſſ' es ihm.. wer Religion braucht... Fräulein! Fräulein! Ich wünſchte— die Spitzen da nicht in dem Kaffee zu ſehen! Veilchen zog ihre Haarnadeln aus, ließ ihre Locken fallen, ſtützte das Haupt auf und ſagte träumeriſch: Spinoza ſagt einmal:„Einen Mann hört' ich mir neulich zurufen:„Da iſt Ihr Hof in den Huhn geflo— gen!) Der Mann verſprach ſich nur. Er wußt' es nicht. Wozu ſollt' ich ihn erinnern, daß er ſagen wollte: Sie meinen, Ihr Huhn iſt in den Hof geflogen! Er irrte ſich, aber ich verſtand ihn ja.“ So rufen uns alle Religionen zu: Da iſt Ihr Hof in den Huhn geflo⸗ gen!... Machen die Religionen gute Menſchen, wozu dieſe Sprachfehler corrigiren?... Ebenſo gibt es ganz vernünftige Menſchen, die keine antiken Spitzen, wie die da, die Elle zu einem Viertel⸗Brabanter⸗Thaler nehmen! Sie wiſſen vollkommen, was echte Spitzen, die noch Maria von Medieis getragen hat, für einen Werth haben! Laſſen Sie uns getroſt die falſche Grammatik der Erde ſprechen. Wenn hier in der Stadt die Herren von der Regierung und die alten Offtziere ſagen: Gott ſtraf mir! ſo wiſſen wir alle, ſie meinen: Gott ſtraf ich einen kenntniß „die ein „n haben mlich die ihm pitzen da re Locken ei: ich mit 291 mich! Gott und was und wen wird wol einſt die Ewig⸗ keit ſtrafen! Die Welt will Wunder— und Ahasverus macht ſie ihr! reſumirte Lucinde... Sagte der Franciscaner auch! Ihr rächt euch an der Welt, die euch verſtieß! Ihr macht ſie verkehrt, lacht dazu und laßt ſie laufen... Sagte der Franciscaner auch!... Je nun, mein Fräu⸗ lein, Sie haben vielleicht Recht! Ich gebe mich nicht für voll⸗ kommen aus. Glauben Sie mir, wenn man die Welt nicht lieben kann und nicht haſſen mag, da iſt es am beſten— man führt dem Nathan Seligmann ſein Geſchäft, wie ein armes Mädchen, das verlaſſen und kränklich in der Welt ſtand und nichts zu erwerben wußte, vor dreißig Jahren es vorgefunden... Ja, ja, Sie haben vielleicht Recht, der Franciscaner ſagte auch, in dem einzigen kleinen grünen Streifen Tuch— da läge der ganze Unterſchied zwiſchen ſeinem Gott und dem Gott Spinoza's! Lucinde grübelte über dies Wort und hätte darüber vielleicht noch geſtritten. Aber Nathan unterbrach aufs neue die Unterhaltung der beiden im Denken, nicht im Fühlen verwandten Frauen und bewies ſomit voll⸗ ſtändig, daß die Philoſophie des klugen, aber willens⸗ ſchwachen Mädchens ſeit dreißig Jahren vorzugsweiſe von ſeiner Tyrannei bedingt wurde. Seinen Helm und ſeinen Panzer warf er, als wenn ſie von Eiſen wären und keine Beulen bekommen könnten. Seine bunten Gecken⸗ kleider und Tirolerhüte trug er hin und her, nur um damit ſeinen Wunſch duszudeiien⸗ daß Veilchen zu dem Ziele käme, die ganze Beziehung ſeines Geſchäfts zu 19* 292 Staat und Kirche ein für allemal abzubrechen und die Sorge für den Mönch in Lucindens Hände zu legen.. Lucinde betrachtete ſchon lange nachdenklich die bunte Herrlichkeit um ſich her und ſagte: Wenn ich wüßte, wie ich ſelbſt den Pater ſprechen könnte— O, das wäre das Beſte, Fräulein! O erbarmen Sie ſich ſeiner! Laſſen Sie ihn noch einmal Ihre ſchöne Hand küſſen! Ja, Sie, Sie können ihn erheben, Sie können ihm neue Kraft verleihen... Für ſein ganzes Leben— möcht' ich ihm— einen Rath geben— Man wird Sie nicht zulaſſen!... O das iſt traurig! Ziehen Sie dieſen Rock an! ſagte Seligmann, ſich wieder vorwitzig einmiſchend und hielt ihr eine braune Mönchskutte entgegen... Aber Herr Seligmann! rief Veilchen vorwurfsvoll... Der Störenfried entfernte ſich... Er hat nicht Unrecht—! entgegnete Lucinde... Veilchen blickte mit Staunen... Hat jener Druckerburſche wol— meine Geſtalt? Himmel! triumphirte Veilchen und ſchlug die Hände zuſammen und freudeſtrahlend begreifend blickten ihre Augen und die Stimme dämpfend ſprach ſie: Eine ganz neue blaue Blouſe hab' ich— Eine koſt⸗ bare ſchwarze Sammetmütze mit einem Schirm— im Abenddunkel— Da könnten Sie— wahrhaftig—! Der Wächter des Hauſes würde mich begleiten... Lucinde wich nur einer allzu haſtigen Zuſtimmung aus.. und die gen... ie bunte ſprechen nen Sie 2 ſchöne en, Sie — einen traurig! nn, ſich braune voll.. 293 Nein! Oder ſchützen Sie Eile— die Cenſur vor— die Cenſur! Diesmal ſoll die Abſcheuliche ſegensreiche Früchte tragen! In Lucindens Innern ſagten tauſend Stimmen: Aber würdeſt du entdeckt! Aber käme auch dieſe neue Demüthigung auf dein großes Schuldbuch!... Ebenſo viel andere Stimmen ſprachen: Iſt es nicht ohnehin dein Letztes! Der morgende Tag muß für dich— für Paula— für Nück— für alles, alles auf ewig ent⸗ ſcheiden!... Die Jüdin flüſterte fort und fort, malte die Gefahr⸗ loſigkeit des Unternehmens, beſchrieb den Eingang des alten Profeßhauſes, die Lage der Zelle des Mönches, alles, was ſie von dem jungen Burſchen wußte, der Jeſuit werden ſollte, wie Tönneschen Hilgers auf Linden⸗ werth— die Väter der Geſellſchaft Jeſu ſind in ihren Collegien ihre eigenen Handwerker und eine von einem Laienbruder dirigirte eigene Buchdruckerpreſſe zu beſitzen muß für ſie überall eine große Annehmlichkeit ſein— Sie verſprach, Lucinden umzukleiden... ſie zu begleiten bis an die Pforte... ſie draußen wieder zu erwarten... Lucinde hörte und hörte und ſtand im Kampf der Entſcheidung über— ihr ganzes Daſein. Die Jüdin betheuerte ihre Verſchwiegenheit, vrrſproſh 3 Herrn Nathan in nichts einzuweihen... Sabbat war es; ſie würde von Nathan verlangen, daß er den Abend zum Nachtgebet in den Tempel ginge und der ,,gemütt 2 lichen Börſe“ beiwohnte, die ſich nach demſelben in der Vorhalle zu verſammeln pflegte... Während ſie ſo fortflüſterte, drängte ſich in die verworrene Muſik im — 294 Innern Lucindens ein einziger melodiſcher Accord, der zuletzt die Oberhand behielt. Dieſe ſanfte Harmonie, die ſie zuletzt ſogar wie mit Opferfreudigkeit erfüllte, ent⸗ wickelte ſich aus verworrenen Anfängen und ſprach nach und nach: Du hoffſt noch einmal auf deinen unglücklichen Genius! Läßt er auch dies Werk ſcheitern, dann— dann gibt dir vielleicht dein religiöſer Ruf die Rechtferti⸗ gung, daß du eine That vollbringen wollteſt, die einem Streiter der Kirche zu Hülfe kommen ſollte oder—! Nein, nein, in hoc signo— ſie ſprach ſich's lateiniſch— in dieſem Zeichen wirſt du ſiegen, ſelbſt unterliegend! Gelingt aber die Flucht, auch dann verlangſt du von Bonaventura morgen die Beichte, die erſte und— vielleicht die letzte! Auch das mag er hören, entſchuldigen — verurtheilen!... In einem Briefe hatte ſie ſchon in erſter Morgenfrühe Bonaventura vor ſeiner Reiſe noch um eine Generalbeichte gebeten. Raſch brach ſie ab und verſprach, in der Abenddäm⸗ merung, um die fünfte Stunde, wiederzukommen... Eine Secunde— und ſie war gegangen. Als Veilchen Igelsheimer allein mit Herrn Nathan Seligmann war, überſchüttete ſie dieſen mit den bitterſten Vorwürfen, verweigerte ihm alle Auskunft, ſchmollte ernſt⸗ lich und verſparte ſich bis nach dem Mittagseſſen den Antrag auf den Tempelbeſuch, den er in den Abendſtun⸗ den machen ſollte... Und ihre Spitzen und ihre Medaillen und die alt ſein ſollenden Kupferſtiche ſah ſie wirklich mit Unmuth an und murmelte vor ſich hin: Spinoza war krank? Er liebte und wurde nicht erhört H der ie, die „ent⸗ nach klichen un— Htferti⸗ einem 295 und ging dann hin und ſchrieb über die Liebe, als wäre ſie eine mathematiſche Figur... Beweiſen will er das menſchliche Herz wie die zwei rechten Winkel bewieſen ſind, die ſich in jedem Dreieck von ſelbſt verſtehen... Ha, dies muthige, tollköpfige Mädchen! Ihr ſchwarzer Kopf! Ihre feurigen Augen! Ihr trotziger Schritt! Die kann alles, was ſie will—! Und ſie glaubt an die Frei⸗ heit des menſchlichen Willens! Die könnte mich ja— faſt irre machen! Wär' ich ein Mann, dann gewiß! Es war ihr, als wenn der Gott Spinoza's dem Menſchen die Thatkraft, den ſchönen Wahn, der allein das Oel zur wahren Flamme des Lebens gibt, die ganze tauſendjährige Poeſie geſchichtserzeugender— Irrthümer nähme... Nur eine Weile war's ihr ſo. Sie kehrte bald in ihr ſanftes, lächelndes Dulden zurück. 10. Im ſiebzehnten Jahrhundert war es, wo ſich der Jeſuitismus zu jener Alleinherrſchaft innerhalb der katho⸗ liſchen Kirche erhob, durch die ſein Sturz mehr herbei⸗ geführt wurde, als durch die Philoſophie der Aufklärung. Die übrige Geiſtlichkeit, die der weltlichen ſowol wie der Ordensſphäre, lieferte im ſtillen die Materialien zu jener Verfolgung, die ſich zum Sturz der auch von ihnen gehaßten mächtigen Staatenlenker und Gewiſſensräthe verſchworen hatte. In jener Zeit des höchſten und übermüthigſten Trium⸗ phes entſtanden die großen Kirchen und Collegien, die auf den Namen der Jeſuiten gehen und nach dem ent⸗ arteten italieniſchen Geſchmack, der damals herrſchte, gebaut worden ſind. Es war die Eleganz der gewun⸗ denen Bandſchleife eines Zopfes, die glatte Dreſſur des über den Kamm geſtrichenen Haares, die Form der ge⸗ bogenen Schnalle an den Schuhen, die auf die Win⸗ dungen, Rundungen, Cannelirungen, Fenſterſimſe und Portale der Architektur übertragen wurde. Das Innere der Kirchen wurde mit Marmor und Gold überkleidet. An 297 den Altären erhoben ſich gewundene Säulen, umgeben von ſchwebenden Engeln, die die gemüthlichen Wirkun⸗ gen, die ſonſt die Malerei hervorgebracht hatte, jetzt auch durch die Plaſtik verſuchten. Alles ſollte ſinnlich, erfaßbar, wie wirklich und leibhaftig in die Augen fallend erſcheinen. Blumen wurden in halb erhobener Arbeit bunt an die Decken und Wände geheftet, plaſtiſche Hei⸗ ligenbilder ſchmückten ſich mit Farben und mit wirklichen Kleidern. Man wollte das Wohlgefallen aller Sinne gewinnen. Sogar die Glocken auf den nicht mehr zu ſich der hohen, nicht mehr zum Himmel anſtrebenden Thürmen erhielten einen eigenen Rhythmus. Die Jeſnuitenglocken bnr ſchlagen in kurzathmiger, ſchnellaufender Haſt eine zwei⸗ flärung oder dreitönige muſikaliſche Figur an, deren endloſe wie der Wiederholung, wie eine jener alten Litaneien, die man feinr in Abendmetten vom Chor anſtimmt, die Seele zuletzt 4* ſo verwirren und betäuben kann, wie die Begleitung aritt mit Trommel oder Pfeife aſiatiſche Tänzer und Scha⸗ 1 manen. . Aber in den erſten Anfängen der Verbreitung des von 1Trun Loyola geſtifteten neuen geiſtlichen Ritterordens war das ien, de Auftreten deſſelben beſcheidener... den enk In der Reſidenz des Kirchenfürſten gab es eine ſtatt⸗ henſch liche Jeſuitenkirche mit marmornen Portalen. Ihr gegen⸗ Jepur über lag das Collegium der Väter in jenem Styl, in eſſur I dem unter Ludwig XIV. gebaut wurde. Beide Sitze der d der alten, von Ganganelli geſtürzten Herrlichkeit gehören f ie Pi⸗ nicht mehr den Jeſuiten, auch ſeitdem das Jahr 1848 mſe und ihnen faſt allein— Erfolge der Freiheit gegeben hat. MIma Ihr früheres älteſtes Profeßhaus liegt in einem ent⸗ i II ba. MA 298 legenern Theile der Stadt und hat das Anſehen eines mäßigen Kloſters... Ein Hofraum iſt von drei Seiten mit einem zwei⸗ ſtöckigen Gebäude umgeben, von der vierten Seite mit einer hohen Mauer, in der ſich das Eingangsthor be⸗ findet. Eine kleine düſtere Kapelle unter hohen breit⸗ aſtigen Bäumen liegt an der Pforte von außen; von innen, ehe man den grasbewachſenen Hof betritt, muß man erſt an der Wohnung des Pförtners vorüber. Ein kleiner Thurm mit durchbrochenem Glockenſtuhl und einer alten heiſern, ſchon lange geborſtenen Glocke bezeichnet die Stelle, wo ſich noch jetzt eine damals nur für die Väter beſtimmte Kirche befindet. Das Dach des drei⸗ geſchenkelten Hauſes iſt von Schiefer; die Fenſter ſind winzig klein; ein neuer weißer Kalkanſtrich ſteht in grellem Contraſt zur Verfallenheit des ganzen Gebäudes, das ſowol durch die vorliegende vergitterte kleine unzugängliche Kapelle, in welcher der mit Immortellen und gemachten Blumen und bunter Madonna verzierte Altar etwas von dem Geſpenſtiſchen eines Wachsfigurencabinets dar⸗ bietet, wie durch die ringsumher ſtehenden uralten Bäume auf ſeinem etwas hoch gelegenen einſamen Platze einen unheimlichen und düſtern Eindruck gewährt. Dies alte Profeßhaus dient jetzt noch zu allerlei geiſt⸗ lichen Zwecken. Es iſt nicht in allen ſeinen Zellen bewohnt. Hier in dem einen Flügel ſcheint es eine Art Krankenhaus zu ſein; denn ein hüſtelnder langer, hagerer Greis, den nicht mehr die Tonſur unter dem Sammetkäppchen als Geiſt⸗ lichen erkennen laſſen würde, öffnet ein Fenſter und hält die Hand in die rauhe Abendluft hinaus. Seit Jahren iſt en eines em zwei⸗ zeite mit thor be⸗ en breit zen; von itt, muß ber. Ein und einer bezeichnet r für die des drei⸗ nſter ſind in grellen des, das gänglich gemachten ar etwad nets dal uralte nen Plot rt. erlei geſ bewohln ankenhalt rei, d als Gel 3 er heiſer, kann nicht mehr die Meſſe ſingen und fand, da er ſeine Pfarre aufgeben mußte, hier im alten Jeſuiter⸗ Profeßhauſe ſeine Verſorgung. Dort jener gegenüber⸗ liegende Flügel deutet auf eine Strafanſtalt. Einige Fen⸗ ſter ſind vergittert und wiederum iſt es ein Geiſtlicher, der einen Moment eine lange Pfeife durch die Eiſengitter ſteckt und ſich den mit Schnee gemiſchten, in Glatteis übergehenden Regen nicht verdrießen läßt. Ein Irr⸗ ſinniger iſt es nicht, aber die ganz klaren Gedanken kommen ihm ſelten. Seine Stelle mußte er verlieren, weil er in die Meſſe zuweilen deutſche Zwiſchenreden miſchte, den Wein beim Namen des Gewächſes nannte, bei Austhei⸗ lung des heiligen Brotes ein: Wohl bekomm's! mit ein⸗ fallen ließ, auf der Kanzel Wirthshausaneldoten erzählte und in den Beichtſtuhl mit der Pfeife im Munde ging. Nicht ſo ſchlimm iſt er, wie ſein Nachbar links, den man ganz abſperren mußte, ℳ3 er kein weibliches Weſen er— blicken kann, ohne mit ihm Geſpräche anzuknüpfen, die ſelbſt einem Laien nicht geſtattet ſind. Sein Nachbar rechts wieder iſt ein ſo heilloſer Flucher, Schwörer, Händelſucher und Wirthshausmatador, wie nur ein geborener Bauernſohn ſein kann, der, wenn er wieder in ein Amt kommen ſollte und auf ſeiner Pfarre dem Oberförſter, dem Amtmann, dem Schulmeiſter begegnet und nicht den Gruß ſo geboten bekommt, wie er ihn verlangt, den Leuten den Hut vom Kopf ſchlägt. Noch jetzt geht er im Zorn aus Rand und Band und kann ſchon lange nur durch Hunger ge⸗ zähmt werden... Strafklöſter und Strafanſtalten ge⸗ hören dieſer Kirche ausſchließlich an und ſind in ſolchem Grade eine ſtillempfundene Demüthigung ihres Prieſter⸗ ſtandes, daß man ſie gern eingehen ließe. Man be⸗ dient ſich dazu des Vorwandes, daß unter den Geiſt⸗ lichen neuen Stils keine Vergehen ſo arger Art mehr vorkämen... Der mittlere Bau, an welchem ſich im Sommer vom Graſe des Hofes empor hier und da einige Weinranken auf der weißgetünchten Wand hinziehen, hat einige freund⸗ lichere Zimmer, ein Refectorium und nach der entgegen⸗ geſetzten Seite zu ſogar ein ſchmales Gärtchen, das in⸗ deſſen ſchon lange von einer alten hohen Mauer, der Brandmauer anderer Gebäude, begrenzt wird. Hier fin⸗ den oft arme durchreiſende Geiſtliche ihr Unterkommen. Mancher von ihnen wird auch zu irgendeiner Verant⸗ wortung berufen; andere kommen in eigenen Geſchäften und ſcheuen die Ausgabe in einem Gaſthofe... Die Ordnung in einem ſolchen Hauſe aufrecht zu er⸗ halten, iſt keine geringe Auiäſahe. Nicht nur gehören dazu Fleiß und Umſicht, auch Unbeſtechlichkeit, Pflicht⸗ gefühl jeder Art und phyſiſche Kraft. Für die Reinlich⸗ keit ſorgt eine alte Frau, die durch ihre Kleidung ſich als zum Geſchlecht der Grazien gehörig ausweiſt; ſonſt würde man ſie den Männern und ſolchen zugerechnet haben, die ohne Gefahr für ihre Geſundheit bei Schleu⸗ ſenarbeiten in Moraſt leben können. Dies zarte Weſen iſt die Hanne Sterz. Nur ein Auge hat ſie, iſt lahm, kocht aber leidlich. Die Elaſticität ihres rechten Fußes hat ſie von einem unglücklichen Eingeklemmtwerden in einer der Zellenthüren auf der Strafſeite des Profeß⸗ hauſes, da, wo Entbehrung ſelbſt über Macbeth⸗Hexen hergefallen wäre. Frau Hanne Sterz zählt ſchon ſiebzig Man be⸗ en Geiſ⸗ Art mehr nmer vom einranken ge freund⸗ entgegen⸗ „ das in⸗ auer, der Hirr ſir erkommen. r Verank⸗ Geſchüften echt zu er⸗ . gehören füchr Reinlich⸗ dung ſi eiſt ſouſ ugerechnt e Schleu rte Weſen ſſt lahn, een Juhe werden 1 s Proſif eih⸗benn on ſehſ 301 Jahre und verdient den Beiſtand, der ihr ſeit einigen Monaten durch einen ihrer Anverwandten wird, einen groben, rothhaarigen Knecht, den man den Joſeph nennt. Ueber Hanne Sterz aber und dem Joſeph ſteht der eigentliche Verwalter des Hauſes, ein ehe⸗ maliger Soldat, den die Regierung inſtallirt, ohne ihn vom Gehorſam auch gegen die geiſtlichen Behörden zu entbinden, die eine Art Jurisdiction und Disciplinar⸗ gewalt in diefen Mauern ausüben können. Aber Herr Kratzer muß der Regierung von jedem Misbrauch dieſer Befugniſſe der Curie Anzeige machen und die Rapporte über die im Profeßhauſe befindlichen Einwohner und de⸗ ren Befinden allwöchentlich abliefern. Denn Fälle wie die, daß man in die unterirdiſchen Gefängniſſe geiſt⸗ liche Strafgefangene wirft, ſollen nach dem Willen der Regierung nicht mehr vorkommen. Kratzer führt die Schlüſſel zu den unterirdiſchen Gängen der Stadt. Er hat dafür zu ſorgen, daß ſie nicht misbraucht wer⸗ den. Längſt iſt es der Plan der Regierung, ſie zu ver⸗ ſchütten. Bis dahin muß Kratzer ſie ſo reinlich halten, als es die Ratten und ſich einmündenden Kloaken er⸗ lauben. In dieſem Amte unterſtützen den„Caſtellan“ die herculiſchen Schultern irgendeines vom Staat be⸗ ſoldeten Knechtes. Joſeph iſt einer der vielen, die Kratzer ſchon in dieſem Amte als Beiſtand hatte. Er ſelbſt ſcheint einer jener alten ergrimmten und ewig ver⸗ ſtimmten Invaliden ohne Weib und Kind. In dem kleinen Hauſe an der Pforte, die er wie ein Cerbe⸗ rus hütet, wohnt er. Grützmacher iſt andern Glau⸗ bens als Kratzer; hätte er den Kameraden im Som⸗ 302 mer ſo am offenen Fenſter, im Lehnſtuhl ſitzend und rauchend und mit unveränderlich mürriſcher Miene in dem weißbebarteten Antlitz immer auf dieſelbe Stelle im Hofe, immer auf dieſelbe kleine bunte Winde oder Kreſſe in dem ſechs Fuß breiten Gärtchen, das er um ſein Häuschen herum angelegt hat, blickend gefunden, er würde ihn entſchuldigt und geſagt haben: Die Menſchen verſtehen gar nicht dieſe furchtbare Müdigkeit eines alten ausgedienten Militärs! 3 In zwei der kleinen Zellen des Mittelbaues wohnt ſeit einiger Zeit Pater Sebaſtus. Anfangs war er nur hier in Herberge. Seit einigen Monaten iſt er ein Gefangener. Täglich erwartet er eine Entſcheidung, wann und unter welchen Umſtänden er zum Kloſter Himmelpfort bei Witoborn zurückkehren darf. Er iſt krank, will keinen Arzt, lieſt und ſchreibt nur und grübelt. Seine Petitionen an die Curie und die Regierung ent⸗ halten ſchon lange nur noch die Bitte, rauchen zu dür⸗ fen. Dieſe verwies dafür auf jene, jene auf dieſe, und ſo bettelte der Mönch noch vor Weihnachten den Caſtellan nur um Cigarren an... Jetzt entſagt er auch dieſen... Die Cenſurſtriche können ihn zuweilen noch lebendig machen und die Druckfehler. Kratzer, der oft den Burſchen mit den„Stufenbriefen“ begleitet, ahnt nicht, daß ſie mehr enthalten, als Betrachtungen über die Buße, die Sünde, die Erlöſung. Bei alledem iſt Sebaſtus beim Eintritt in ſein dreißig⸗ ſtes Lebensjahr der Alte geblieben... Ja! und: Nein! hatte er drei Tage lang zu Bonaventura geſprochen. Als er aufs neue die Rumpelgaſſe beſuchte, erhielt er tend und Miene in Stelle in der Kreſſe um ſein unden, el Menſchen eines alten ies wohnt 3 war el ten iſt tſcheidung im Kloſte 1 Er nd grübel erung enl Gefangenſchaft; dennoch geißelt er ſich wirklich, wenn ſein Guardian im Kloſter Himmelpfort: Miserere! ruft. Er gibt Sokrates, Plato, Ariſtoteles, Firduſi, Shak⸗ ſpeare, Milton, Spinoza, Goethe, Harry Heine noch immer hin, wenn nur Gregor und Innocenz bleiben; beſonders ſeit der Gefangennehmung des Kirchenfürſten, der ihm die Springproceſſion nach Echternach mitzumachen hätte anbefehlen können; er würde, abgekühlt vom erſten Schrecken, den Mann doch eine„Natur“ genannt haben. Raubte man ihm alles, doch blieb— das volltönende Latein des Breviers, der majeſtätiſche Klang des„Dies irae“ und„O salutaris hostia“! Ueber Lucinde und Bonaventura weiß er durch Veil⸗ chen Igelsheimer ſchon ſeit den Tagen, als er noch der Außenwelt angehören durfte, daß jene ſchon ſeit lange dieſen Prieſter kennt, durch ihn— immer entſtellt das Gerücht— bekehrt wurde, für ihn nur lebt... So beichtet er denn auch dieſem nicht, einem Prieſter, der ihn in ſeiner tiefſten Erniedrigung kennen gelernt hat... Zur vollen hingegebenen Freundſchaft fehlte ihm wahre Demuth; ohne eine gewiſſe Unterwerfung gibt es keine Freundſchaft. Und dann! Wer freilich mag auch ſehen, wie ein Herz, das wir ſelbſt einſt beſaßen, einem andern gehört!... Von Tag zu Tag wächſt das phyſiſche und Seelenleid des Gefangenen, deſſen Einſamkeit nur der Beſuch der Kirche im Kloſter, einigemal die Beſuche des Unterſuchungs⸗ richters(man vermuthete in Klingsohrn den Verfaſſer einiger in Augsburg und Würzburg erſchienenen Broſchü⸗ ren), der Arzt unterbrechen... Weihnacht iſt vorüber... 304 Die Hinrichtung Hammaker's kann Sebaſtus in keine Ver⸗ bindung mit ſeinem eigenen Leben bringen... Es kehren die alten geiſtesſchwachen und geiſteszagen Stimmungen wieder... die Hände zittern... mager und dürr liegt er in der braunen Kutte und barfuß auf einem alten Sopha Altte Lieder ſummt er, dichtet neue, findet die Reime nicht mehr und bedarf dringend den Mechanismus des Kloſters, bedarf der Hand des Bruders Hubertus, der ihn z. B. um jede Mitternacht aus ſeinem Schlafe emporhob und ins Chor der Kirche zum Singen trug— dies ſchwere Amt, das der heilige Franciscus erfunden hat, um im Kloſter nichts in der Welt nächſt Gott mehr lieben zu laſſen, als den Schlaf, nichts mehr erſehnen zu laſſen, als den Schlaf, nichts mehr erſtreben zu laſſen, als den Schlaf. Eine traurige Winterszeit... Es regnet, es ſtürmt... Nur die dumpfen Schläge der Thurmuhren unterbrechen die bange Oede eines Aufenthalts, den des Mönches ſchroffer Sinn noch einſamer macht durch Ablehnung alles Umgangs mit den übrigen Bewoh⸗ nern des Hauſes. Wenn die Dunkelheit ſchon früh ſich niedergeſenkt hat auf den trüben Tag, wenn zwei mächtige Hunde in ihren Hütten ſich bäumen und gegen die gewaltige rings von einem kleinen Eiſenverſchlag um⸗ gitterte Thorglocke bellen, die draußen von einem Ein— laßbegehrenden gezogen wird; wenn die großen Holzpan⸗ toffeln der hochaufgeſchürzten Hanne Sterz im Hofe klappern oder Joſeph beim Schein einer Laterne das Holz ſpaltet, das in den Oefen der Bewohner dieſes traurigen Ortes flackern ſoll; oder wenn Kratzer ſelbſt eine große eiſenbeſchlagene Thür aufgehoben hat, die in eine Ver⸗ ;s kehren nmungen ürr liegt n Sopha ie Reime zmus des , der ihr emporhol es ſchwere t, um in lieben zu laſſen, al en Schloj egnet, 1 zurmuhrel als, dei acht durh m Bewoh 305 einem Winkel des Hofes platt auf der Erde liegt und in jene Gänge führt, zu deren Reinigung ein Kampf mit einem Heer von Ratten gehört, das die Stufen her⸗ aufſpringt und ſich blitzſchnell in alle Löcher des Hofes vertheilt, während hinter den Eiſengittern die gefangenen oder geiſteskranken Leviten: Hatz! Hatz! rufen und die Hunde zur Verfolgung reizen, daß die ſich heulend an ihren Ketten aufbäumen und den zottigen Hals blutig reißen dann überrieſeln Klingsohrn düſtere Schauer— Erinnerungen an die Tage von Neuhof, Hoffnungen auf Witoborn— Wonnen—o du Thor— eines Wiederſehens mit Lucinden... Daß er zu den Todten gehört, weiß er und beſingt es. Hat er ſich auch unter dem Leichen⸗ ſtein der ewigen Gelübde ein ſcheinbares Leben zu er⸗ träumen verſtanden, Lucinde ſollte zu dieſen Träumen nicht mehr gehören. Sie kann mit ihrem,„wenn ſie will“, ſo verführeriſchen Lächeln keinen ſeiner Wünſche mehr beſtricken; ſie kann mit ihren gaukelnden Phan⸗ taſieen keine Bilder von Freiheit und Liebesglück mehr wecken. Das iſt vorüber ſchon lange— ſchon vor ſeinem— Begräbniß. Doch— es reizte ihn doch ſtünd⸗ lich— auch ſie hat ſich in den Schoos einer Kirche geflüchtet, die einen erſtorbenen Willen mächtig wieder⸗ beleben, klaffende Wunden heilen, ſchmerzlichſte Lücken wenigſtens mit„Poeſie“ erfüllen kann... Das hätte er gern einmal ſehen und hören mögen, wie Lucinde zu dem goldenen Kreuz auf ihrer Bruſt gekommen, das er in der Kathedrale geſehen, wie ſie den Roſenkranz beten, was ſie ſagen würde von der Welt und wie ſie zurück⸗ dächte auf alte Zeit und wie ſie ſich ausnehmen würde Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 20 306 in der Meſſe, im Beichtſtuhl, ſelbſt mit der Liebe zu einem Prieſter im Herzen, der ſie ja, das ſagte er ſich von Bonaventura, nie erhören kann—! Dann winkte ihm Loreley von kahlem Felsgeſtein, verlockte ihn und andere Knaben, bettete den Bethörten in der kühlen Tiefe... Mit fieberſchwangern Glühwinden der Wüſte überhauchte es ihn dann und krank wurde er an jenem orientaliſchen Ragl, der den in der Sahara verſchmachtenden Pil⸗ gern Städte mit blinkenden Minarets und Bäume voll goldener Früchte zaubert, in deren Schatten, in deren erträumtem Genuſſe ſie ſterben. Wieder auf ſeinem Sopha liegt Klingsohr mit nackten Füßen ausgeſtreckt... Wieder wird es Abend... Schon brennt eine ärmliche Blechlampe auf einem mit Papieren bedeckten Tiſche matt und düſter... Das Bellen der Hunde hört er, den Lärm, den zuweilen die wilden Be⸗ wohner des Hauſes machen; oft huſcht es im Gange an ſeinen beiden Thüren vorüber— in einer Nebenkammer ſchläft er—; traurig zieht ein alter Kloſterſpruch durch ſein tief hülfsbedürftig an Hubertus gerichtetes Sehnen, der Spruch, den ihm dieſer einſt wie ein memento mori ge⸗ ſprochen:„Wir Mönche kommen zuſammen und kennen uns nicht! Wir Mönche leben zuſammen und lieben uns nicht! Wir Mönche ſterben zuſammen und beweinen uns nicht!“ Fünf Uhr ſchlägt's... Da und dort blitzt das Licht der jenſeit der hohen Mauer angeſteckten Laternen auf. Ein kalter Regen⸗ nebel umhüllt die nächſten Umgebungen, die kleine Ka⸗ pelle vor dem Eingang und die halb verwitterten Bäume. Die Hunde beginnen ein Wimmern, das ihnen mit ein⸗ 138* Liebe zu er ſich von einkte ihm nd andere e... Mit zauchte es entaliſchen enden Pil äume voll „in deren mit nadten .. Schon t zajien Bellen der wilden Be Gange a benkamme durc ſü ehnen, di to mori g kennen un n uns rich uns nicht der hoh ter Rane lleine ten Bim en mi 307 tretender Dunkelheit eigen iſt und vielleicht der Er⸗ wartung des Mahles gilt, das ihnen Joſeph bereits in irdenen Schüſſeln bringt. Kratzer ſtudirt an einem Dreierlicht mit der einem alten Militär eigenen Gründ⸗ lichkeit die friſch angekommene Abendzeitung, die über den geſtrigen„Krawall“ neue Einzelheiten, neue War⸗ nungen und Verordnungen der Regierung enthält... Da wird heftig die Glocke gezogen... Joſeph unten erhebt ſich nicht von den Hundehütten, ruft die Hanne... Dieſe will eben in das Haus des Caſtellans mit einem Trunk Weins aus dem Keller hinken— denn zu Krieg und Frieden, zu neüen Avancements und neuen Orden trinkt Kratzer gern ſeinen Vesper⸗Schoppen. Hanne Sterz öffnet... Ein junger Menſch in einer blauen Blouſe und mit ſchwarzer Sammetmütze, bedeckt von einem alten Regen⸗ ſchirm, kommt mit einer Druckermappe unterm Arm und begehrt den Pater Sebaſtus zu ſprechen... Cenſurſtriche! ſagt die faſt rauhe Stimme raſch und entſchieden... Joſeph blickt etwas von den Hunden auf, deren Bellen er beruhigen muß... Hanne Sterz bringt von Herrn Kratzer ein: Paſſirt! ... Herr Kratzer will ſich die gemüthlichſte Stunde des Tages, die Stunde des Schoppens und der Welthändel und der neuen Verſetzungen in der noch immer heiß⸗ geliebten Armee nicht ſtören laſſen... Der junge Menſch wagt ſich im Finſtern an die Treppe, die er ſchon kennen muß, ſchlägt den Regen⸗ 20 8 308 ſchirm ein, reißt die Thür der Treppe auf, drückt ſie wieder an ſich und ſchöpft auf der erſten Stufe Muth und Faſſung aus hochklopfender Bruſt... Im erſten Gange rechts die zweite oder dritte Thür, Nr. 16 und 17 gleichviel!... So hatte es in der An⸗ weiſung auf der Rumpelgaſſe geheißen... Die Begleitung Veilchen's hatte ſie abgelehnt... Die Treppe iſt erſtiegen, die Thür gefunden... Die Zahl in der Dunkelheit nicht zu leſen. Ein Moment der Beſinnung... Angeklopft... Kein Herein!?... Was thut's?... Lucinde tritt ein und entdeckt an der trüben Lampe, daß auf dem Sopha je— mand zuſammengekauert liegt, der ſich nicht erhebt, völlig antheillos bleibt, bis er die Mappe von dem Ankömmling entgegengereicht erhält... Nun greift danach eine knöcherne Hand, einer Kutte ſich entwickelnd... Lucinde ſieht das verfallene Antlitz Klingsohr's, ſieht die rothen Narben auf den blaſſen Wangen, das kurzgelockte röthliche Haar, die faſt endloſe Stirn, die Tonſur... Sie hat ihre Sammetmütze in der einen, den Regen⸗ ſchirm in der andern Hand... Auf dem von der Luft und der Eile gerötheten Antlitz liegen die dunkeln Flechten ihrer Haare dicht zuſammengebunden. Ihr Hals iſt von einem rothen Tuch umſchlungen. Unter der hellblauen Blouſe iſt ſie mit einem groben, aber neuen Tuchkittel bekleidet; ihre Beinkleider ſind trotz der Jahreszeit neu⸗ leinene; darunter hat ſie ſich ſorglich vor Erkältung geſichert. Die Füße ſind mit Halbſtiefeln bekleidet. Ihr Wuchs entſpricht dem eines ſechzehnjährigen Jünglings, drück ſte tufe Mut ritte Thür, in der An Begleitung en... Ddi ft... Kei itt ein un Sopha j hebt, vüli Ankömmlün einer Kutt r's, ſieht d turgelot Lonſur. den Rege 309 ihre Züge ſind in der That männlich. Wäre nicht die Be⸗ weglichkeit, die Unruhe und Aufregung der Haltung geweſen, man hätte an den äußern Eindruck glauben dürfen. Die Cenſurſtriche des Aſſeſſors von Enckefuß erkannte ſonſt Klingsohr ſogleich an der rothen Dinte. Heute ent⸗ deckte er nichts und entzifferte nur eine etwaige Bot⸗ ſchaft Veilchen's.. Sie ſchrieb ihm in der That: Ueberbringer iſt— Fräulein— Lucinde Schwarz— Das Blatt entſank ſeinen Händen... Er ſprang auf und ſtarrte wie vor einem Geiſte... Er ergriff die Lampe und leuchtete Lucinden entgegen und dieſe erleichterte die Erkennung, indem ſie kurzweg ſprach: Klingsohr! Sie ſehen, welches Opfer ich Ihnen bringe! Ich habe von Ihrer Gefangenſchaft, Ihrem Seelenſchmerz, Ihrem Körperleiden gehört, von Ihrer Sehnſucht nach dem Kloſter zurück! Können Sie es mög⸗ lich machen, daß Sie dieſen Ort verlaſſen, ſo ſoll von morgen in der Frühe an unausgeſetzt bis Abends ein Wagen dort drüben in der Allee halten, um Sie aufzu⸗ nehmen, Mittags ausgenommen, wo die Pferde zu wech⸗ ſeln haben! Es waren dies Ergebniſſe eines Briefes an Nück und eines Beſuches des Herrn Maria bei ihr... Sie ſprach dieſe Worte wie eine ſoldatiſche Meldung. Klingsohr ſtand nur und hielt ſich am Tiſche, hörte nur, betrachtete nur den ſchönen Knaben... Das, was er allein begriff, war die Anrede nicht mehr mit dem alten„Du.. Auf einen Seſſel, Lucinden dicht zur Seite, mußte 310 er ſich niederlaſſen... ſeine Schwäche übermannte ihn... eine ſchmerzliche Lebenslage ohnehin, wenn ſich Men⸗ ſchen, die in ſo naher Beziehung ſtanden, wiederſehen, das Band, das ſie einſt vereinte, gelockert finden, das Wort, das einſt ſo warm geſprochen, kalt, die Ver⸗ gangenheit ausgelöſcht von einer neuen, inhaltreichern, und— berechtigtern Gegenwart! Wenn dann auch Klings⸗ ohr die alte Zärtlichkeit der Empfindung nur im Zittern ſeiner Stimme verrathen wollte— er war ein Mönch... Lucinde empfand mehr Abneigung als Rührung. Glücklicherweiſe hatte ſie Eile und konnte damit ihre Grauſamkeit verdecken... Klingsohr! fuhr ſie fort. Man muß mit Ihnen Mitleid haben! Einflußreiche Leute gibt es, die Ihnen wohlwollen, Ihren Geiſt ſchätzen! Wie konnten Sie ge— rade dieſen Orden wählen, der Ihnen eine völlige Ent⸗ ſagung vorſchreibt, Ihnen nichts mehr zu ſein oder zu werden erlaubt? Klingsohr überlegte von dem Geſagten nichts. Er horchte nur der ſo wohlgeordneten Rede und dachte: Biſt du denn das Mädchen vom Düſternbrook, von den beiden Apfelblütenzweigen, vom Feſt der Dämonen in jener Nacht, du, die Mondſcheinwandlerin am Alſterufer, die Reiterin am Buſen der Baltiſchen See? Eine ſchreckliche Laſt, die auf Ihnen liegen muß! fuhr ſie fort. Ich verſtehe Ihren ganzen Lebensüberdruß— Seit unſerm Abſchied in Lüneburg! hauchte er end⸗ lich tonlos... Auch Lucinde horchte ſeinem jetzigen Redeton.. Noch immer, weißt du, hab' ich die Hand der Serlo“ te ihn.. ſich Men⸗ ſehen, das den, das die Ver⸗ altreichern, uch Klings⸗ im Zittern Mönch.. Rührung. damit ihre mit Jhnen die Ihnen en Sie ge öllige Ent in oder zu nicts. d dachte: Vi den beide ener Nac die Reiten 311 ſchen Kinder in der meinen! ſagte er leiſe. Vor einigen Monaten ſah ich ſie hier wie Marionetten ſpringen! Lucinde wollte den Uebergang in elegiſche Töne, die Klingsohrn, wie ſie hörte, noch immer zu Gebote ſtan⸗ den, hindern. Dennoch begann ſie vom Vergangenen, wenn auch im kühlſten Tone: Ich habe mich oft gefragt, Klingsohr, was Sie da⸗ mals wol bewegen konnte, ſo den Kronſyndikus zu ſchonen! Schenkte er mir nicht Lucinden?... Klingsohr ſprach dies in der zarten Dämpfung, die ihm eigen war, wenn er Stellen aus eigenen oder frem⸗ den Dichtungen ſprach... Das iſt es nicht allein! ſagte ſie. Steht Ihnen Ihre Mutter immer noch ſo rein und unbefleckt, wie damals vor Augen? Derſelbe Engel!... Das Geſpräch ſchien nun ſo in der Erörterung der Vergangenheit fortgehen zu können, aber plötzlich trat Lucinde ans Fenſter. Es hatte geklingelt... Draußen fuhr ſchneidend der Wind, riſſen die Hunde an der Kette... Ich muß eilen! brach ſie mit einem ängſtlichen Blick auf das feuchtbeſchlagene Fenſter ab... Alſo, was ſag' ich Ihren Freunden? Wohin wollen Sie fliehen? Drei Worte nur und dann— in den Tod! rief Klingsohr, faltete die Hände und hielt ſie empor, wie für ſich betend... Lucinde entſetzte ſich über dieſe Geberde... Die Hauspforte hatte einen heimkehrenden Bewohner 312² eingelaſſen... Sie ließ ſich beruhigter auf einen harten Seſſel nieder.. Lucinde! rief Klingsohr voll Feuer... Vom Kronſyndikus ſprechen Sie! lenkte ſie auf Mäßi⸗ gung zurück... Warum ich den Kronſyndikus ſchonte? ſprach Klingsohr ſich ſammelnd. Sieh, Lucinde, hier in meinen„Stufen⸗ briefen vom Kalvarienberge des Lebens“ ſteht:„Gerechtig⸗ keitübt ſich nur im Kampfe gegen ſein eigenes Ich! Wer zu dem erhabenen Bau der Pyramiden voll Bewunderung emporblicken will, muß der blutigen Geißel nicht achten, die einſt die im Sonnenbrand verſchmachtenden Völker zwang ſie zu bauen! Wie erſtirbt in den Gemüthern immer⸗ mehr jener Geſchichtsſinn, der das Erbe der Vorvordern nur mit der Abſicht antritt, es ebenſo den Enkeln zu hinterlaſſen! Voll Andacht betrittſt du die Stelle, wo einſt ein großer Mann athmete; bewunderſt den Feder⸗ zug, den eine Hand führte, die wir mit ſchauerndem Entſetzen ſo gleichſam lebendig ſehen, die Hand, die Reiche ſtürzte, Schlachtenpläne ſchrieb! Um wie viel denk⸗ würdiger iſt der Griffel Klio's, ſind die Runen, in denen Saturn ſchreibt—... Doch, lies das ſelbſt, unterbrach er ſeine Feierlichkeit, ſank auf ſeinen Seſſel und hauchte leiſe: Ich werde nicht allem Worte geben können, was damals mein Inneres durchſchnitt! Auf der einen Seite die Leiche eines Vaters, auf der andern ein Mörder, von⸗ Angſt und Reue gefoltert! Haargeſträubt ſaß der Freiherr mir gegenüber, bekannte die Uebereilung. Im Wortwechſel am Düſternbrook war ihm die Hand an den Hirſchfänger gerathen; der Vater wandte ſich zum Suchen eines Steins ten harten ꝛuf Mäſ⸗ Küngsoht u„Stufer⸗ „Gerechlig „. Wer n vunderun, tachten, di ier zwond ern immei Vorvorden Ertehn Stelle, wi den Feden chauernder hand, 1 ie viel del n, in dene unterbren gid haut önnen, 1 einen 5 313 oder Holzes als Gegenwehr; die Waffe fuhr aus, fuhr in die unbeſchützteſte Stelle am Nackenwirbel, dahin, wo jede Ver⸗ wundung tödlich iſt. Der Zorn des Feindes war mit dem ſtrömenden Blute verraucht; die Erinnerung der Freund⸗ ſchaft ſogar ſtieg in dem zum Tod entſetzten Freiherrn wieder auf. Die Wildheit ſeines Weſens— was iſt ſie denn? Ein Uebermaß der Selbſtwerthſchätzung dieſer Na⸗ turen. Sie kennen ihr menſchliches Maß ſo gut wie andere. Soll ich's ſagen? Ich empfand Mitleid mit ihm. Mehr noch! Ich nahm Partei. Ruchlos mag es er⸗ ſcheinen— Meine erſte wiſſenſchaftliche Arbeit war eine Betrachtung über die Politik der Bienen. Wir ſollen dem Geiſte leben, auch dem Geiſte in der Natur; aber ſchon die Natur hat nicht alles gleichgeſtellt. Ich liebe die alte Regelung der Geſchichte, liebe die Stände, liebe die Unterſchiede, die die Modephiloſophie ausgleichen will. Spinoza, ihr erſter Tonangeber, löſte, was bunt und farbig im Leben blüht, in aſchgraue Einerleiheit auf, die er die Subſtanz oder Gott nennt. Schon Kant aber lehrte uns, auf unſer Ich und das innere Gebot zu lauſchen. Wie viel mehr ein Glaube, wie der— unſere! Die Per⸗ ſönlichkeit, die ſich in der Geſchichte austrägt, iſt mein Geſetz! Verblendet von deinem Bilde, beſtochen vom Glanz der Verſprechungen des Kronſyndikus, befangen durch ſeltſame Märchen, die von meiner Mutter gehen, dazu der Gedanke: Das ein Enkel Wittekind's? Der Ge⸗ danke: Wollte Gott, es ginge groß noch und hochherrlich und in jedem Sinn hochfreiherrlich her im bureaukratiſch geknechteten Vaterland! Ich beweinte meinen Vater, be⸗ weinte mich; was konnte es helfen, daß ihm der Kron⸗ 314 ſyndikus Ehre und Freiheit zur Sühne brachte! Des Frei⸗ herrn Schuld wuchs mir zur tragiſchen. Wenn ich auch zagte, wenn ich auch das Herrſcherwort des Gewiſſens hörte— nenne ſo dieſen dürren Kantiſchen königsberger Imperativ— wenn ich auch im kleinen Schacher und Handel mit dem Schickſal, im Verſteckſpiel mit der Entlaſtung der Bruſt mir den Streifen Tuch, der von des Freiherrn Jagdrock abgeriſſen, zu bewahren vorbehielt, ich mochte die weltliche Juſtiz nicht zur Sie⸗ gerin machen über Poeſie... Lucinde, das iſt aber mein Leiden! Ich will den Göttern ein gigantiſches Schickſal abtrotzen und dennoch— mußt' ich Jeröme tödten, den⸗ noch mußt' ich dich verlieren, dennoch mußt' ich— Lucinde unterbrach ſeine geſteigerte Aufregung. Aufs neue erſchreckt ſprang ſie ans Fenſter... Der Wind jagte durch die Bäume und ließ den ſchrillen Ton der Laternen pfeifen, die an ihren eiſernen Haltern hin⸗ und herſchwank⸗ ten... Auf dem Gange rauſchte es dahin daher mit ſchwerem Fußtritt... Auch Klingsohr horchte auf... Denn deutlich wurde die Stimme Kratzer's vernehmbar, der dem rumorenden Knechte zurief: Iſt denn der Burſch noch immer oben? Klingsohr! ſprudelte Lucinde in mächtigſter Erregung auf und ihr Ton nahm vor Angſt eine größere Wärme an... Ein Wort! Ich, ich verſtehe gewiß Ihren Ueber⸗ tritt! Jagte mich denn nicht ſelbſt das Schickſal und hetzte mich ſo lange, ſo furchtbar, bis ich— Lucinde! jauchzte Klingsohr auf und hob die beiden halbnackten Arme aus ſeiner braunen Kutte ihr ent⸗ gegen... Des Frei⸗ nich auch Gewiſſens nigsberger ncher und mit der tuch, der bewahren zur Si⸗: ziſt aber Schickſl dten, den⸗ — ng. Auff Wind jagte r Laternen erſchwank daher mit te auf.- ernehmban r Erregun ne Wim icſal un die bade e ihr en 315 Beide Convertiten hatten vielleicht nie ſo die Kraft ihres neuen Bekenntniſſes gefühlt, ſo im Vergeſſen ihrer Gewiſſensbiſſe wieder ſich rieſig erſtarkt gefühlt... Aber Lucinde gewann eher die Beſinnung und die kalte Erwägung, als Klingsohr... Doch warum dieſer Orden? fuhr ſie fort. Warum dieſes Gewand der Buße und Entſagung? Das iſt ja deine un⸗ glückliche Natur, daß du jedem Ding, das dein eigen ge⸗ worden, ſogleich die andere Seite abgewinnſt! Erkennſt du die ſchönſte Lage, in der du dich befindeſt, zu tief, ſo quälen dich ſchon ihre Mängel! Immer gefiel dir die Sache, die du ſelber triebſt, aber ſie misfiel dir, wenn du ſie auch unter den Händen anderer ſahſt!... Iſt der Beruf eines Bettel⸗ mönchs deiner würdig? Kannſt du ſo deine That eines Vatermordes— denn Hehler wie Stehler!— vergeſſen? So dieſe That ſühnen?... Lehne den Vorwurf nicht ab! Auch mich beſchuldigen oft deſſelben Verbrechens die geſpen⸗ ſtiſchen Schatten von Vater und Geſchwiſtern. Trotze jedoch unſerm Menſchenlooſe! Bleibe groß! Ringe dich höher und höher! Flieh nach Belgien! Nach Lüttich! Deine Gönner bieten dir die Hand! Kannſt du dies Haus verlaſſen, der Wagen führt dich, wohin du willſt! Werde Jeſuit... Klingsohr hatte ſich erhoben, ging mit ſeinen San⸗ dalen zwar unhörbar auf und nieder— aber die ſchöne, muthige, beredſame Sprecherin hatte ihn in Flammen verſetzt... Im Begriff war er, ſie an ſich zu reißen und mit ſeinen Küſſen zu bedecken... Zu ihren Füßen mochte er ſich werfen, die ſchlanke Geſtalt umſchlingen... Lucinde ahnte dieſen ſich mehrenden Sturm ſeines 316 Innern, deutete, um ihn durch Vorſicht zu beſchwichtigen, auf einen anrollenden Wagen und fuhr fort: Ich finde dich ganz ſo, wie Serlo dich beurtheilte! Du glaubteſt, ſagte dieſer ſeltene Menſch, andere zu beherr⸗ ſchen und wärſt der Sklave nur derer, die dich bewundern! Ohne den Wind, den du ſelber um dich her machteſt, wärſt du ſogleich auf dem Sande! Stürme glaubteſt du zu beſchwören, die die Welt erſchüttern, und du wärſt doch nur der Mann des Sturms im Glaſe Waſſer! Kleine Huldigungen könnten dir zur Abſchlagzahlung für die größten Erwartungen dienen, in denen du dich täuſchen ließeſt! Wahre Erfolge wärſt du ſo wenig gewohnt, daß man dich mit Kupfer ſtatt mit Gold befriedigen könnte! Nein! rief Klingsohr wild und ergriff einen Riegel des Fenſters, als könnte er dieſen vom Holze reißen vor beleidigtem Ehrgefühl... Nimm von mir die Lehre, fuhr Lucinde lächelnd fort, die ſich auf die bitterſte Erfahrung auch meines Lebens begründet, daß wir zu Grunde gehen, wenn wir uns kein Ziel mehr ſtecken! Im Kloſter könnteſt du zwei Ziele haben: Prieſter zu werden, du biſt es nicht, dann ein Heiliger! Beides aber wird deiner Natur mislingen. Tritt aus dieſem Cirkel, in dem du lebſt, heraus! Geh nach Belgien! Unterwirf dich den Strafen und Bußen, die man anfangs über dich verhängen wird! Bei der Beurthei⸗ lung des Dranges, der dich trieb, deinen Ueberzeugungen mehr zu nützen, als du im Kloſter Himmelpfort ver⸗ möchteſt, wird man etwas deinem Geiſte Natürliches in dieſer Flucht finden und dir in Rom Verzeihung erwirken! Für Klingsohr war ſchon Melodie, ſich ſo von Lucinden hwichtigen, beurtheilte! zu beherr⸗ ewundern! er machteſt laubteſt du wärſt doch ſer! Klein 1g für die ic tüuſche g gewohnt gen könnte inen Riegl reißen vor ſchelnd for nes Leben n wit und 317 nur das alles geſprochen zu vergegenwärtigen. Dann aber auch regte ſich ſein Ehrgeiz. Längſt ſchon zwang man ihn, ſich aufzugeben. Und nun ſollte er von ihr, von ihr wie⸗ der neu aus den Trümmern ſeines Lebens zu einem„Ti⸗ tanengebilde“ zuſammengeſtellt werden, von ihr, deren Hand einſt dies Bild zuerſt zerſchlagen hatte? Gönnte ſie denn der Kirche wirklich, forſchte ſein trunkener Blick, einen Streiter wie ihn? Hatte ſie noch ſo viel Theilnahme, daß ſie ihm in ſeinem Jammer beiſtand und die Ver⸗ werthung ſeiner Fähigkeiten erleichterte? Klingsohr glaubte in der That nur aus ihrem Munde die Sprache eines Philoſophen zu hören, der alles in der Welt an ſeinem rechten Platze wünſchte, keine Fähigkeit un⸗ benutzt, jede Beſtimmung der Natur von den Umſtän⸗ den eingeholt. Bei der fernern Beſprechung des von ihr vorgeſchlagenen Planes bewunderte er die gereifte Einſicht eines Mädchens, deſſen Entwickelung er ſelbſt gefördert, zu ſolcher Höhe des Charakters bildſam ſich nimmermehr vorgeſtellt hatte. Schon war er gefangen von ihren Vorſchlägen, überredet von den Erleichterungen ihrer Ausführung, geblendet von den Mitteln, die ihr in un⸗ begrenzter Anzahl zu Gebote zu ſtehen ſchienen... Er verſprach es, ſich aufzuraffen... Morgen in erſter Frühe ſollte ihm der Druckerburſche Kleider bringen... In der Abenddämmerung wie jetzt wollte er entſchloſſen auf das Hofthor zugehen, den Schlüſſel, der von innen ſteckte, umwenden, und noch ehe man ihm nachſah, verſicherte er, daß der Wagen ihn ſchon aufgenommen und entführt haben könnte... Dieſe Verſtändigung war, als wenn ein in Schutt begrabener Brand durch den Hinzutritt von 318 Luft ſich aufs neue entzündet. Die Flammen der Jugend ſchlugen empor, alle Wahngebilde der Selbſttäuſchung wir⸗ belten in flockigen Feuerzungen... Ich dich laſſen! rief er wie einſt. Ich dich nicht wiederſehen, Lucinde! Mein Geſchick iſt und bleibt, zu ſterben am gebrochenen Herzen durch deine Untreue, deine Falſchheit, deine Lüge— Himmelsbote, vergib, daß iſt dich läſtere! Lucinde! Lucinde! Liebſt du wirklich jetzt— Sie entwand ſich ſeiner Frage, ſeiner Berührung... Nur den Saum deines Kleides laß mir! Ganymed! Götterknabe! Biſt ja nur— mein Bruder!... Ach Lucinde! Zu wiſſen, daß dein Herz, deine Liebe einem an⸗ dern, einem Mann gehört, der die Himmel deines Be⸗ ſitzes nicht ahnt— verſchmäht wol gar—? Plötzlich unterbrach Lucinde ſeine ihr tief ſchmerzliche und theilnehmende Rede... Es war ihr eben geweſen, wie wenn mit einem Eiſen⸗ ſtab an die Thorpforte geklopft wurde... Dann klin⸗ gelte es heftig... Sie ſprang auf und ſah in den Hof hinunter... Jemand leuchtete mit einer Laterne im Hofe Ankom⸗ menden entgegen... Statt eines traten zwei Männer herein. Die Thorpforte blieb offen... Wer kommt da? fragte Lueinde, ſchon erſtarrt, den gleichfalls völlig Beſinnungsloſen... Ihre Worte erſtickten im Schrecken vor dem Zurückſprin⸗ gen eines ſcheuen Pferdes und dem Hören eines metallenen Klanges, der von einer Waffe zu kommen ſchien. Auch eine geſchloſſene Chaiſe ließ ſich aus der ſpärlich erhellten Dunkelheit als draußen vorgefahren erkennen. — ſam mar Jugend ng wir⸗ en! rief Mein Herzen lüge— Lueinde! ung... anymed— . Ach mnem an⸗ nes Be⸗ merzlche n Eiſen⸗ nn klin⸗ 319 Wem gilt das? fragte Lucinde... Klingsohr wollte das Fenſter öffnen... Sich langſam ſammelnd ſprach er vom andern Flügel des Hauſes, in den man vielleicht einen wahnwitzigen Prieſter brächte oder aus dem man den, der das Haus ſchon lange beun⸗ ruhigte, abholte. Dem Joſeph war unten die Laterne ausgegangen und hellauf gellten die ihm von Kratzern über ſeine Ungeſchicklichkeit gemachten Vorwürfe. Frau Hanne wurde gerufen und im ſelben Augenblick, wo gerade einer der Bewohner des Hauſes heimkehrend durch die offene Pforte eintreten wollte, ſprengte der Reiter ihm in den Weg und fragte nach ſeiner Befugniß, hier einzutreten.. Es war ein Gensdarm... Was wird?! fragte Lucinde verzweifelnd und die Worte: Wenn ich entdeckt würde! erſtarben ſchon auf ihren Lippen... trotzdem, daß ſie auf mögliche Entdeckung vorbereitet und auf alles gefaßt gekommen war... Klingsohr beruhigte ſie und horchte... Die beiden Civiliſten hatten mit Kratzer ſchon den Mittelbau betre⸗ ten. Schon hörte man ſie auf der Stiege reden, ohne daß durch die langen Corridore der Inhalt ihrer Worte verſtändlich werden konnte... Mich hier treffen— mich erkennen! Nimmermehr! rief Lucinde. Auf ewig wär' ich verloren! Alle ihre Faſſung war hin... Schon hatte ſie die Thür ergriffen und ſogar ihren Regenſchirm wie zum Schutz in der Hand... Man geht drüben hinüber! beruhigte Klingsohr, der ſich in die Störung nicht finden konnte... Oder geh', 320 geh'! ſprach er ihr nach, da ſie ſchon ging. Man wird dich durchlaſſen. Hier nimm die Papiere! Muth! Muth! Morgen geh' ich nach Belgien! Wir ſehen uns wieder! Lucinde ſtand plötzlich, einer Ohnmacht nahe... Luginde! Haſt du mich nicht neu belebt? Und du willſt zagen? Höre ruhig! Was du mir räthſt, iſt nichts Kleines. Ich werde ein Verräther an meinem Orden! Ich büße drei neue furchtbare Jahre meines Lebens! Man wird mich in Kerker und Peinen der ent⸗ ſetzlicſſten Art werfen! Ich kenne, was ein Flüchtling aus einem Orden in einen andern zu beſtehen hat!... Lucinde hörte nicht mehr... Nummer Sechzehn? ſprach ſie nach außen das Ohr ſpitzend einem Worte nach, das ſie gehört zu haben ſchien... Mechaniſch ſprang ſie an die Seitenthür, die zu Klingsohr's Schlafcabinet führte... Klingsohr konnte ſie nicht halten und in der That— ſchon nahten ſich die Schritte der Ankömmlinge und ſchienen wirklich nur ſeine Thür zu ſuchen... Inſtinctmäßig drückte Lucinde die Kammerthür an und taſtete im Dunkel nach dem Ausgange, der gleich⸗ falls auf den Corridor führte. In demſelben Augen⸗ blick, wo ſie bei Klingsohr eintreten hörte und voll Furcht nach der Thür griff, um nach einem Schlüſſel zu fühlen, ſchloß ſie auch ſchon, da ſie einen Schlüſſel vorfand, leiſe auf, drückte die Klinke nieder und wollte davonhuſchend ſich entfernen.. Beim erſten Schritt aber, den ſie hinaus that, ſah ſie einige Schritte weiter den zurückgebliebenen Kratzer mit vird dich Muth! wieder! Und du thſt, iſt meinem meines der ent⸗ lüchtling hat!... und b Schliſe Schliſ nd woll , ſc— atzer 1 321 dem zweiten der Angekommenen, in dem ſie ſofort an ſeiner Montur einen Commiſſär der Polizei erkannte.. Belebte ſich auch ihr Muth, jetzt an dem Caſtellan vorüberzugehen und trotzig das Freie zu gewinnen, ſo entſchwand er im ſelben Momente. Wie der Blitz trat ſie zurück, als ſich die Thür bei Klingsohr geöffnet hatte und nun auch Kratzer von einem Manne mit herein⸗ gerufen wurde, den ſie ſofort aus Kocher am Fall und von ihrer Reiſe dorthin erkannte, dem Aſſeſſor von Enckefuß. Nun würde ſie der Commiſſär ſicher nicht haben unge⸗ fragt vorübergehen laſſen. Auch ſtand ihr noch jener am Thor wachende Gensdarm mit dem Anſpringen ſeines Roſſes vor Augen... Bebend hielt ſie den Thürdrücker in der Hand und lauſchte der geöffnet gebliebenen Nebenthür, wo ſich eine lebhafte Erörterung entſpann, die jeden Augenblick durch das Eintreten des Aſſeſſors auch zu ihr konnte unter⸗ brochen werden. Ihre Lage war ſo verzweifelt, daß ſie ſich mit unwillkürlicher Ideenverbindung in ihren ſchreck⸗ lichſten Lebensmoment zurückverſetzt fühlte, den, wo ſie einſt bei den Worten:„Johanna geht, und nimmer kehrt ſie wieder!“ den höhniſchen Beifall eines verſammelten Publikums vernahm. Mit den lauten und abſichtlich betonten Worten: Das Gepäck eines Bettelmönchs, meine Herren, iſt leicht! trat Klingsohr der Thür näher, gleichſam um zu verhüten, daß man die Kammer betrat... Man verhaftet ihn! ſagte ſie ſich zitternd... Er muß den Wagen beſteigen.. Mit dieſer ſchneller gedachten, als ſich ſelbſt aus⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 21 322 geſprochenen Vermuthung, hatte Lucinde den Muth— oder die Furcht, die Thürklinke noch einmal leiſe nieder⸗ zudrücken und auf den Corridor mit einem hurtigen Blick hinauszuſpähen. Im ſelben Moment kam Joſeph mit der neu angezündeten Laterne. Der Commiſſär wandte ihm das Antlitz zu, ging ihm ſogar einige Schritte entgegen. Nun hielt ſie keine Beſorgniß zurück. Mit einem einzigen Sprunge war ſie aus dem Zimmer, huſchte den Gang hinunter, tiefer in die vom ſich an⸗ nähernden Lichtſtrahl nicht getroffene Dunkelheit hinein und hielt ſich augenblicklich, ohne das Geräuſch, das ſie bei alledem hatte machen müſſen, fortzuſetzen, in der Thürböſchung einer der andern Zellen... Feſt angedrückt harrte ſie der Dinge, die kommen würden. — 70 F tuth— nieder⸗ zurtigen Joſeph mmiſſär Schritte Mit Zimmer, ſich an— hinein das ſie in der kommen 11. Im Leben der Seele iſt es eine eigene Erfahrung, daß ſie in Momenten ihrer höchſten Anſtrengung Er⸗ leuchtungen wunderbarer Art erlebt. Wie vorhin Lucinde in ſchwindelnder Angſt das Lachen eines Theaters hörte, wie hundert Vorſtellungen vom Schickſal Klingsohr's, dem zerſtörten Plane ſeiner Flucht, ihrer eigenen Gefahr, dem nun gewiſſen neuen Herab⸗ ſturz von der Höhe, auf der ſich ihr Lebensſchickſal be⸗ fand, ja der ſofortigen Gewißheit, ein Opfer Nück's zu werden, ihr Inneres fiebernd durchliefen, ſah ſie plötzlich nichts weiter vor ſich, als den Tag, wo ſie im vorigen Jahre den St.⸗Wolfgangberg hinauffuhr, die Stunde und den Moment, wo der Knecht aus dem Weißen Roß am Fuß der Maximinuskapelle vor ihr herging und lauernd von dem Begräbniß des alten Me⸗ viſſen in St.⸗Wolfgang ſprach. Denn als ſie aus der Thür auf den Corridor hin⸗ ausgeſpäht hatte, fiel gerade der Schein der von dem Knecht hochgehaltenen neu wieder angezündeten Laterne ſo grell auf ſeine Züge, daß ſie im Moment des Hinaus⸗ 21* 324 ſchlüpfens ſich ſagte: Das iſt ja jener Knecht, der den Sarg erbrochen hat!... Ebenſo ſchnell wußte ſie den Namen Bickert und ebenſo ſchnell baute ſie auf dieſe Entdeckung, deren Wahrſcheinlichkeit wuchs, einen Plan der Rettung. Noch ſchien man, mit der Verhaftung Klingsohr's beſchäftigt, ihrer nicht wieder gedacht zu haben. Von Secunde zu Secunde, wo ſie es wagen zu dürfen glaubte, machte ſie einige Schritte weiter zu einer näch⸗ ſten Thür, an die ſie ſich andrückte. Glücklicherweiſe waren dieſe Zimmer ohne Bewohner. So lebendig es auch inzwiſchen im ganzen Profeßhauſe geworden war, ſo zahlreich am entgegengeſetzten andern Ende des Corridors Neugierige aus den Zellen kamen und einer gewaltſamen Abführung des Paters Sebaſtus mit Stau⸗ nen zuſahen, in ihrer nächſten Umgebung blieb es ſtill. Schon war ſie an einer Stiege angekommen, die einen Stock höher ins Dach, hinunter ins Erdgeſchoß führte... Eben zögert ſie, ob ſie den letztern Weg wählen ſoll oder nicht, eben ſieht ſie Klingsohrn aus ſeinem Zimmer ſchreiten, barfuß, barhaupt, ohne andere Habe, als die Kratzer, in ein Bündel zuſammengelegt, hinter ihm herträgt; da ſcheint plötzlich die ganze Aufmerkſam⸗ keit von fünf Menſchen zu gleicher Zeit auf die Erinne⸗ rung an ſie allein gerichtet zu ſein... Das Herausſchreiten aus der Zelle Nr. 16 war nun ſchon ein Suchen nach ihr... Die Worte: Noch ein Burſche war da? Wo? Wann? Noch eben hier? Niemand iſt doch hinausgegangen! ſchollen durcheinander. Das Offenſtehen der zweiten Thür vur ————— der den e ſie den zuf dieſe ee Plan ngsohr's en. Von 1 dürfen ner näch⸗ icherweiſ lebendig geworden Ende des und einer nit Stau⸗ 6 es ſtil. die einer i. hinte fmertſau Erinne war 1 ⸗ Pet gegouge iten T 32 ◻ wurde ebenſo ſchnell als Zeichen heimlicher Entfernung erkannt und nun war ſie ſchon mit behendem Fuß die abwärts führende Treppe hinunter... Die nachkommenden Schritte, das Suchen der Rufen⸗ den hörte ſie, als drohte ein Welteinſturz... Herr von Enckefuß gebot mit lauter Stimme, alle Ausgänge zu beſetzen... Ihr klang es wie Todesurtheil. Der Com⸗ miſſär fing an, raſch nacheinander alle Klinken der oben liegenden Zellen niederzudrücken... Wie ein laufendes Gewehrfeuer klang es... Kratzer's Ehre war im Spiel. Klingsohr hatte verſichert, daß der Burſche nicht mehr bei ihm war. Lucinde lag an die Mauer gelehnt. Ein kalter Schweiß trat auf ihre Stirn... Die Stiege brachte ſie offenbar vollends ins Verderben, denn unten war der Raum abgeſchloſſen. Die einzige Thür, die in ein Souterrain führte, wich keiner der Anſtrengungen, die ſie machte, ſie zu öffnen. Sie mußte zurück, mußte ihren Verfolgern in die Hände fallen. Schon hörte ſie Schritte und mit Verzweiflung warf ſie ſich wieder auf die Vorſtellung: Käme jetzt der Knecht! Wär' es wirklich jener Bickert! Könnte, müßte er dich nicht retten?... Er trägt die Schlüſſel! Ich höre ſie klirren! Oeffneten ſie vielleicht dieſe Thür?... So ſtand ſie mit glühenden Augen, krampfte ſich mit der einen Hand an die Lehne der Treppe und blickte von der unterſten Stufe empor, um, wenn wirklich der Knecht kommen ſollte, ihn mit der andern feſtzuhalten. War er es, ſchaffte er nicht Hülfe, ſo riß ſie ihn mit ins Verderben... 326 Ja, die groben Fußtritte des Knechts waren es, die immer näher kamen... Er fluchte und tobte laut, lachte, ſchien ſeine Dienſtbereitwilligkeit im allerglänzend⸗ ſten Lichte zeigen zu wollen... Lucinde kämpfte vor Spannung und Furcht gegen ein Ohnmächtigwerden... Geh' nach unten! rief Kratzer... Hanne! Hanne... Ich ſuche oben! Licht! Auch die Hanne antwortete mit einer lauten Lache... Der Commiſſär verſicherte dazwiſchen, ſeinen Augen trauen zu dürfen... er hätte Niemanden hinausgehen ſehen... Glücklicherweiſe klang dieſe Stimme noch ziem⸗ lich entfernt... Nahe aber, ganz nahe ſprach in dem landesüblichen, faſt künſtlich betonten und Lucinden nicht geläufigen Dia⸗ lekt der Knecht des Profeßhauſes fortwährend durchein⸗ ander. Sie verſtand nur: Hier vielleicht! Da! Im Ratzen⸗ fange!... Dann tappte Jemand die Treppe niederwärts und ringsum verbreitete ſich ein Lichtſchimmer... Lucinde ließ, jetzt ſich ergebend, den Feind näher kom⸗ men, immer näher... ſie machte ſogar ein leiſes Ge⸗ räuſch, nur um ihn vollends niederwärts zu locken. Auf dieſe Art brachte ſie ihn dicht an die verſchloſſene Kellerthür. Wie er jetzt triumphirend vor ihr ſtand, jauchzte ihr Herz auf, es war ihr kein Zweifel mehr: Es war der Leichenräuber! Derſelbe halb verſchmitzte, halb ſtumpf⸗ ſinnige Ausdruck des Antiitzes! Dieſelben lauernden Mienen, wie damals unter dem Nußbaum, als Bona⸗ ventura die Grabrede ſprach!" Ha, ha, hal lachte der Ankömmling grell auf.... es, die te laut, länzend⸗ t gegen anne.. ache... Augen ausgehen och ziem⸗ üblichen, gen Dia⸗ durchein⸗ Natzen⸗ derwärts iher kom⸗ iſes be fen. Au ellrthit uczte i war de 3 ſuuni lauerite ts Bul auf- 4 an 327 Aber mit dem Rufe: Bickert! ſprang ſie dem ſich zu einem Triumphgeſchrei, das alle herbeilocken ſollte, eben Anſchickenden entgegen... Da hielt der Menſch inne... Schon der Anruf ſeines Namens entſetzte ihn.. Dieb! Leichenräuber! Kennt Ihr mich nicht mehr aus St.⸗Wolfgang? fuhr ſie mit tonloſer, aber energiſcher Stimme fort... Der Verbrecher taumelte zurück... Er erkannte auch die Verkleidung... Geht hinauf! fuhr Lucinde mit unterdrückter Stimme, doch feſt und beſtimmt fort. Sprecht, hier wär' ich nicht! Oder ich rufe laut Euern Namen, Euer Ver⸗ brechen! Ich reiß' Euch mit ins Verderben! Fort! Der Menſch taumelte wie angedonnert zurück und ſtammelte helllaut hinaus ein wiederholtes: Da— iſt— niemand! Da nicht— da iſt nie⸗ mand— Nun hörte man die Stimme des Aſſeſſors, hinter ihm den Ruf des Commiſſärs: Iſt denn alſo unten ein Ausgang? Bewußtlos halb vor Freude, halb vor erneuter Furcht ſank Lucinde an die Kellerthür und halb auf den Fuß⸗ boden zurück. Sie wußte nicht mehr, wo ſich halten... So lag ſie einige Secunden. Daß dann Schlüſſel raſſelten, hörte ſie... daß eine Thür aufflog, daß ſie plötzlich von tiefſter Finſterniß umgeben war, daß ſie die eine Hand ausſtreckte, um ſich zu halten und nur die Thür wieder faßte, die ebenſo ſchnell wieder zugedrückt und geſchloſſen wurde... alles das 328 war ein einziger bewußtloſer Augenblick. Erſt das Gefühl, der nächſten Gefahr entronnen zu ſein, rief ihr die ent⸗ ſchwundenen Lebensgeiſter zurück. Sie hätte aufjubeln mö⸗ gen vor Freude, aber auch ſich ausweinen in Thränenſtrömen vor Jammer der Seele, von den Thorheiten ihres Her⸗ zens getrieben, ſich in ſolche Lagen gewagt zu haben. Rings um ſie her blieb alles dunkel und ſtill... Eine dumpfe, feuchte Luft wehte ſie aus der Tiefe an... Bei einigen Schritten, die ſie, ſich langſam erhebend und behutſam taſtend, verſuchte, bemerkte ſie, daß ſie ſich beim Anfang niederwärts gehender ſteinerner Stufen befand... Daß ſie vor der nächſten Gefahr, in ihrer Verklei⸗ dung erkannt zu werden, jetzt geborgen war, ſchien ihr bei der Verſchmitztheit Bickert's faſt gewiß zu ſein. Wie aber, wenn ſie nur der einen Gefahr entronnen war, um einer andern entgegenzugehen?... So in dieſem Dunkel und im Beginn jener unterirdiſchen Gänge, von denen ſie ſo oft gehört hatte, kam ſie durch eine nahe liegende Gedankenverbindung auf die Vorſtellung des Lebendigbegrabenwerdens. Sie ſah ſich ſelbſt in jenen Leichentüchern, die einſt ein Räuber entweihte, den gerade ihre wühleriſche und unruhige Phantaſie verführt hatte, in ihnen Schätze zu ſuchen. Wie, wenn ſie der Ver⸗ brecher, der die Entdeckung fürchtete, aus Rache, min⸗ deſtens aus Furcht nicht mehr ins Leben zurückließ? Wenn ſie ohnmächtig und vergeblich an dieſer Thür rütteln müßte? Wenn ſie hier den Tod der Verzweiflung ſterben ſollte, ſchon am Ende ihrer— die dunkelſte Zu— kunft ihr ſchon immer zu bergen ſcheinenden Lebensbahn? Gefühl, die ent⸗ beln mö⸗ nſtrömen res Her⸗ aben... il... efe an.. erhebend daß ſie T Stufen Verllei⸗ ſtſen iſ ein. entronnen in dieſem nge, von ine mhe zung des in jenen en gerad hrt hatte der Ven he, min 1 rrüclie ſer Tlt 329 Eine Gefahr des Augenblicks konnte Lucinden ganz beherrſchen, wie jedes andere zagende Weib. Hatte ſie aber Zeit, ſich erſt auf eine Gefahr zu rüſten, ſo lag völliges Verzweifeln nicht mehr in ihrer Natur. Auch gleich das Schlimmſte feſtzuhalten war nicht auf die Länge ihre Art, wenn auch ſogleich im erſten Schrecken höhniſch alle Dämonen ſie anlachten, die im Be⸗ nehmen der Menſchen gegen uns und noch mehr in den Situationen, namentlich für die, die nicht das beſte Gewiſſen haben, liegen können. Sie malte ſich aus, was draußen geſchah. Man wird mich vergebens ſuchen, die Polizei entfernt ſich mit Klingsohrn— das Bellen der Hunde hörte ſie— Kratzer wird Befehl erhalten, die Hausſuchung fortzuſetzen, Bickert wird meine Entdeckung fürchten und vielleicht mein Bundesgenoſſe werden, viel⸗ leicht aber auch... Wieder befiel ſie Furcht... Unter der Blouſe war ſie glücklicherweiſe warm gekleidet. Kühl fühlte ſie ſich nur angeweht, ſo lange ſie erhitzt blieb. Ihre Stirn trocknete ſich allmäh⸗ lich, ſie gewöhnte ſich an die Luft, die ſogar über die ſteinernen Stufen von unten her wärmer herauf⸗ ſtrmte. Schon entdeckte ſie, daß man etwa mit acht Stufen im Beginn eines ausgemauerten Raumes war, der auch noch einen andern Ausgang haben konnte; denn unten umhertaſtend fühlte ſie wiederum neue Stufen. Es lag hier jene Oeffnung, die in den Hof ging. Ein ſcharfer Zugwind, der aus einem entgegengeſetzten Winkel kam, ſchien auf andere Oeffnungen zu deuten. Vielleicht begannen dort die Gänge, die, wie man ſagte, faſt unter —— Mb-O———— 5 330 der ganzen Stadt hinliefen und in jenen Palaſt münde⸗ ten, in welchem einſt die hohen Kirchenfürſten, als ſie noch ſouverän waren, oft von ihren eigenen Unterthanen be⸗ lagert wurden. Jetzt waren dieſe Gänge theilweiſe verſchüttet, doch nicht ganz. Ein Zuſammenhang ſollte noch immer z. B. mit dem„ſteinernen Hauſe“ des Herrn Maria ſtatthaben, auch hie und da eine Thür ſich befinden, die in Kirchen und geiſtliche Wohnungen führte. Alles das ſtand geſpenſtiſch vor der Phantaſie der ungeduldig Harrenden... Sie ſtieg die Stufen wieder hinauf, die an die von Bickert verſchloſſene Thür führten... Eine halbe Stunde mochte vergangen ſein, als ſie endlich Geräuſch vernahm... Es waren die Schritte eines Mannes, der ſich vorſichtig näherte... Die Thür wurde aufgeſchloſſen... Auch ohne Licht ſah ihr an die Dunkelheit inzwiſchen gewöhntes Auge ihren— fraglichen Retter vor ſich ſtehen. Eine Weile erſt wie prüfend ſie anſtarrend bedeutete er ſie, jedes Geräuſch zu vermeiden... Im Hauſe wäre alles im Glauben, ſie müßte ſich irgendwo verſteckt haben. Wenn ſie nicht um Mitternacht, bis wohin er wiederkehren würde, von einem näher von ihm bezeichneten Fenſter an einer Strickleiter hinunterſteigen wollte, würde ſie erſt am folgenden Tage entfliehen kön⸗ nen, wenn vielleicht Kratzer ausginge und Frau Hanne in der Küche beſchäftigt wäre. Das Hausthor wäre bis dahin heute verriegelt und der Schlüſſel von Kratzern ſelbſt ſchon abgezogen worden... Ein Steigen über 787 münde⸗ ſie noch anen be⸗ heilweiſe 1g ſollte ſe“ des ne TWüt hnungen taſie der die von als ſie Schritte ‚ie Thür r an die bedeutete terſteige! ehen bir Gann u M wäre bi Krabzerl 3601 übel gen 331 9 die Mauer war der wachſamen Hunde wegen nicht möglich... Nimmermehr! rief Lucinde. Ich muß fort! Fort! Scgleich! Sdie erbebte bei dem Gedanken, wie ſie ihr Aus⸗ bleiben im Kattendyk'ſchen Hauſe entſchuldigen ſollte... Bickert, der plötzlich eine ganz andere, auffallender⸗ weiſe mit franzöſiſchen Brocken gemiſchte Sprache redete, als vorhin und als ſie auch auf dem St.⸗Wolfgangberg von ihm gehört zu haben ſich erinnerte, Bickert erklärte, dann wäre kein anderer Ausweg möglich, als hier durch die unterirdiſchen Gänge... Die Schlüſſel hätte er, ſagte er... Wollte ſie, ſo könnte er ſie an die nächſte Oeffnung führen, durch die ſie vielleicht ins Freie käme . Mais— nun wandte er ſich mit einer drohenden Geberde, ergriff ihren Arm und ſah ihr mit aufgeriſſenen Augen ins bleiche Antlitz... Seid ruhig! antwortete ſie. Rettet mich und ich ſchwöre Euch Verſchwiegenheit!... Dann wiederholte ſie, wie ſehr ſie Eile hätte... Schaudernd blickte ſie in die Tiefe, die ſie wie ein Grab anſtarrte... Fürchten Sie ſich nicht! wiederholte Bickert. Aber ſchwören ſollen Sie mir unten am Muttergotteskreuzweg, daß Sie mich nicht denunciren! Am Muttergotteskreuzweg? wiederholte Lucinde... In einer guten halben Stunde ſollen Sie ſo gut naß werden, wie jetzt jeder andere draußen— ſchon wieder regnet es— Lucinde bemerkte erſt jetzt, daß ſie bei all dieſen Momenten des Schreckens ihr völlig unbewußt ſowol den 332 alten Regenſchirm, der Veilchen gehörte und leicht eine Entdeckung hätte herbeiführen können, wie die Drucker⸗ mappe krampfhaft in den Händen feſtgehalten hatte... Bickert wollte wiſſen, wie ſie zu dem Pater käme, und lachte höhniſch und zweideutig... Aber bei alledem gingen ſie ſchon vorwärts... Er voran... Lucinde nahm die Frage nach dem Pater nur inſoweit auf, als ſie ſich erkundigte, was mit ihm geſchehen wäre... Sie haben ihn au collet genommen, ſagte Bickert, ſie haben ihn in den Wagen geſetzt, monsieur le com- missaire nebenan und ſo um die Stadt herum! Ich denke, ſie fahren ihn in ſein Kloſter zurück, von wo er hergekommen. Pſt!... unterbrach er ſich ſelbſt, blieb ſtehen und horchte auf, als wenn ſie geſtört werden könnten. Lucinde hielt ſich an der feuchten Mauer... Ich will Ihnen lieber etwas zu ſoupiren bringen, ſagte er nach einer Weile; und auch einen alten Mantel... Sie werden Angſt kriegen vor— vor— und bleiben die Nacht lieber hier— Wovor Angſt? Nimmermehr! hielt ihn Lucinde zu⸗ rück... Ich fürchte nichts! Bickert unterſuchte ſeine Schlüſſel und taſtete vor⸗ wärts... Mit einem Streichhölzchen machte er Licht und zündete eine kleine Laterne an, die er aus der Taſche zog... Rings ſah man, wie in einem Bergſchacht, nur feuchte Wände; doch konnte man bequem und aufrecht ſtehen.. Inzwiſchen ging Bickert wieder voran... Lucinde folgte klopfenden Herzens... 9 D t eine drucker⸗ tle... käme, alledem unſoweit äre... Bickert, je com- 1 3ch von wo ſelbſt werden n, ſagte tel... bleiben inde zi⸗ ete vol⸗ ſicht un Taſcht cht, nut ruftet Lueinde 333 Plötzlich hielt er inne und ſagte mit fürchterlicher Drohung: Mais—: Wiſſen Sie, daß Sie mein Ver⸗ derben ganz allein geweſen ſind? Lucinde wich entſetzt zurück... Sie haben mir's in den Kopf geſetzt... o mon Dieu! Ich war auf einem ſo räſonnablen Wege... Faſt die Zähne knirſchend ſtand er mit geballter Fauſt vor ihr... Lucinde blieb ſtarr und ſprachlos... Ein Gefühl der Erlöſung ſprach ſich erſt in einem laut ihr entſchlüpfenden Ah! aus, als Bickert im Ge⸗ hen fortfuhr: Und das Beſte iſt, der Pfaffe aus St.⸗Wolfgang iſt hier, und ich komme neulich in ſeinen Confeſſional und ſag' ihm alles. Ich ſelbſt! Sapristi! Lucinde hörte nur, ohne zu verſtehen... Aber ich erhielt mon fait! Ich hatte in Frankreich zwanzig Jahre Galeere! Warum blieb' ich nicht räſonnabel! Lucinde blieb hinter dem entſetzlichen Menſchen zurück. Sie überlegte, ob ſie folgen konnte... Courage! Courage! rief er. En avant! Das erſte mal hatt' ich auch noch keine Courage! Die Ratz mei⸗ nen's beſſer als ſie ausſehen! Stoßen Sie ſich nicht! Warten Sie! Das Licht brennt méchant! Lucinde war ohne Athem. In kurzen fiebernden Schlägen klopfte ihr Herz. Sie ſah, wie Bickert die Gläſer ſeiner Diebslaterne heller putzte... Und der Mauerſpalt wurde immer enger und enger.. Ihrem Pater, au prisonnier, hab' ich auch ein⸗ mal hier den Weg gezeigt— Wenn der jetzt wüßte, daß 9 334 Sie— Figurez vous! Ich beichte dem Pfarrer und habe verſprochen, ihm alles, was ich damals auf dem Kirch⸗ hof aus dem halben Geripp herauswickelte— zu ſchicken! Qu'avez vous? Ein Schrei des Schauders entfuhr— aus doppel⸗ tem Anlaß— Lucinden... Bickert blieb ſtehen... War's eine? lachte er. Er meinte eine Ratte... Schon hörte man ein Huſchen und haſtiges Dahinſpringen... Worauf tritt man denn hier ewig? fragte Lucinde, wieder über eine andere Erfahrung erbebend... Der Führer beleuchtete den Boden... Das war gut! ſagte er. Da liegen ſie! Tous cre- vés!... Nehmen Sie nur nichts mit von dem Biscuit, das hier auf dem Boden liegt! Die dicken Kerle, mes- sieurs les rats, haben gedacht: Das legen wir noch zu— rück für ein andermal! Die Ratz ſind hier immer ſatt... weil es todte Katzen und Hunde genug hier gibt... Lucinden war es, als athmete ſie Gift und Peſthauch aus der Luft... Jetzt blieben ihre Vorſtellungen haften bei dem Gedanken an die„Frau Hauptmännin“, an Ham⸗ maker, an das Schaffot, an Nück's grauenvolle Rede... Die Wanderung durch einen kaum drei Fuß breiten und ſechs Fuß hohen Gang glich in jeder Beziehung dem Beſuche eines Bergwerks. Die Wände oben und zur Seite waren gemauert, aber ſo feucht, daß ſie von Schimmel und Schnecken bewachſen waren. Der Boden unten war feſtgetretene Erde, aber ſchlüpfrig zum Aus⸗ gleiten. An Stellen, wo die Decke eingeſtürzt war, und habe m Kirch⸗ ſchicken! doppel⸗ man ein eind Lucinde, ous cre- iscuit le, Mes- noch zu⸗ ſatt. t.. peſthauch en haften an Haul Rede. ; breiten Beziehung oben und F ſie vor er Bodu um Aus . var, irßt W 22 555 mußte man über die Trümmer hinweg und den Kopf bücken. Die Luft war ſchwül und giftig, ſodaß die Wanderer ſich wol Muth durften einflößen laſſen durch die zuweilen von Mauerſteinen hervorgebrachte Form des Kreuzes, vor dem auch Bickert regelmäßig ſich ver⸗ beugte.. Wenn wir nur erſt an die großen Keller kommen, rief er, ſo haben wir beſſere Luft! Dabei lärmte und polterte er fort und fort und huſchte vor ſich hin. Dieſe Vorſicht galt den Ratten, die auf die Art vor ihnen hergejagt wurden... Die Ueberzeugung, der Verbrecher vertraute ihrer Verſchwiegenheit und hätte nichts Uebles im Sinn, gab Lucinden Muth und ſchon nahm ſie ihr Erlebniß von ſeiner abenteuerlichen Seite. Ihr jedesmaliger Aufſchrei, wenn ſie auf ein Opfer des kürzlich geſtreuten Giftes trat, wurde beiden ſchon zur Unterhaltung... Der Gang erweiterte ſich und zeigte an einigen Stellen runde, ſtark vergitterte Oeffnungen. Eine der⸗ ſelben war ſo groß, daß man in einen Keller ſehen konnte, in den Bickert hineinleuchtete... Da, ſagte er, da möcht' ich manchmal die Eiſen⸗ ſtangen ein wenig poliren— er meinte feilen— Sehen Sie die großen Fäſſer! Die gehören Monſieur Moppes. Ich glaube, ſie werden aufgeſpart für die Gerechten beim Jüngſten Gericht! Lucinde kannte Herrn Moppes junior, ſeinen Humor und ſeine vortreffliche Stimme. Noch geſtern hatte im Kattendyk'ſchen Hauſe ſein Genius geleuchtet... Welch ein Unterſchied der Situation! Geſtern ſie mit ihm im Salon 336 und heute— ſein Name ihr hier geſprochen unter der Erde!... Auch des Stephan Lengenich gedachte ſie.. Sie folgte mit beklommenem Athem... Jetzt kamen die Stellen, die ſchon lange Veranlaſ⸗ ſung gegeben hatten, dieſe Gänge theilweiſe zu verſchüt⸗ ten. Sie kreuzten ſich auf eine gefährliche Weiſe mit den Kanälen der Stadt. Schon war vorgekommen, daß dieſe oberhalb ſich hinwegziehenden Rinnen durchgebrochen waren und die tiefer liegenden Gänge überfluteten. An dieſen Stellen befanden ſich Stützgerüſte und doch rieſelte es von oben herab, ja Bickert ſagte, daß man bei großen Regenwettern bis ans Knie im Waſſer ſtünde, von dem man dann weder wiſſe, wo es herkäme, noch wie es abflöſſe... Der Weg durch die Stützbalken konnte den Beherz⸗ teſten erbeben machen. Man mußte ſich hindurchzwängen mit Gefahr, eine der Paliſſaden einzureißen. Dabei waren die Moppes'ſchen Keller noch nicht zu Ende... Eine Ermuthigung lag in dem Anblick einer kleinen uralten Gottesmutter, die in der That an einer Stelle, wo der Gang ſich in zwei Theile ſpaltete, in einer Mauer⸗ niſche ſtand. Bickert beleuchtete ſie mit der Laterne. Er ſchien nicht die Empfindung Stephan Lengenich's zu haben, daß dies alte Steinbild Lucinden glich... Und doch hatte in einem Punkt der alte Geiſterſeher Recht... In dieſer ſchauerlichen Einſamkeit war der Anblick des wohlerhaltenen alten Steinbildes wenigſtens wirklich, als wenn man ihm Leben hätte zuerkennen müſſen. Die Augen, der Mund, die Stirn unter dem weit über ſie hinfallen⸗ den Schleier hatten auch eine gewiſſe Aehnlichkeit mit unter der te ſie.. Veranlaſ⸗ verſchüt⸗ Weiſe mit nmen, daß cgebrochen teten. An och rieſelte bei großen „von dem ich wie es en Beherh rchzwängen abei warel ner lleinen Stelle, we G„Hol⸗ er Mauel aterne. E zu halen Und doe Recht. Anblic d Kirlich, 1 die Auge e hinfalln nücſeit 337 Lucinden. Das Kind auf dem Arm der kleinen Figur ſchien wie lebendig, ja wie ſprechen zu können. Lucinde fühlte ſelbſt, wie mächtig der Eindruck war, der einen Räuber beſtimmte, hier die Mütze abzuziehen, die Laterne auf den Sims der Niſche zu ſtellen und den ſteinernen Saum des Klei⸗ des der hier in dunkeln Grabesgrüften wie mit Bewußt⸗ ſein wachenden Gruppe zu küſſen... Dann bekreuzte er ſich und ließ Lucinden näher treten... Wenn ich damals auf dem Cimetiere in St.⸗Wolf⸗ gang, ſagte er, dieſe hier im Sarge gefunden hätte, wäre ich ſchon früher zur Erkenntniß gekommen... Es iſt mein Fluch, daß ich Bickert heiße, eigentlich Picard, Mademoiſelle! Das iſt die alte Chochemfamilie, die ihre Vettern am Galgen hat paradiren ſehen, la bonne famille de Damian Heſſel und manchem andern da oben am Hundsrück! Sie haben alle den Schwur ge⸗ habt, nie Blut zu lecken, und doch ſind ſie durch die Luft und mit dem großen franzöſiſchen Balbiermeſſer aus der Welt gegangen. Ah! Ah!... Nun treiben ſich die Enkel und Nachkommen umher, haben ſich auch umgetauft, wie mein Vater ſelig ſchon, der mit fünf⸗ undzwanzig Jahren travaux davonkam und mich heilig machen wollte wie einen Kanonikus. Aber es liegt im Blut und erſt die da— ſehen Sie, jetzt wird ſie ſpre⸗ chen!— Die da ſagt mir immer hier unten, wo mich die alte Jeanette unterbrachte— eine Connaiſſance von meinem Vater ſelig— Picard! Picard! ſagt ſie, dein Großvater war zwar ein Jude, aber in deiner Großmutter Dina Jakob und Rebekka, ihrer Schweſter, war Stolz; Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 22 338 beide haben auch darum, aus Eiferſucht und Rache, ſelbſt ihre Männer an den Galgen gebracht. Vom Groß⸗ vater und vom Großonkel haſt du's, daß du noch im⸗ mer den Hahn nicht krähen hören kannſt, ohne an Brech⸗ eiſen und Rennbaum zu denken! Aber nimm dich zuſam⸗ men, Picard! Komm zu mir, ſo wird es gehen und du wirſt noch Rathsherr werden in Gröningen, wo deine Ahnen wohnten! Lucinde hatte einen Augenblick der Ruhe nöthig... Sie lehnte ſich an das Marienbild und hörte den Worten des Räubers ſchauernd zu... Auch ihr ſprach das Bild... Das Wunder belebter Statuen und augenbewegender Bilder beruht, wenn auch nicht immer, doch meiſt auf der Einbildungskraft und dem Zauber der Kunſt. Wem würde ein lange betrachtetes Bild nicht zuletzt mit dem Auge geblinkt haben! Welcher gemalte oder richtig plaſtiſch geformte Mund würde nicht leiſe zucken, den man beobachtet im Zuſammenhang mit allem übrigen, was an einem Bilde oder an einer Statue dem Leben abgelauſcht wurde? Einem Künſtler ſprach die Sixtiniſche Madonna: Komm' in mein Himmelreich! Er hatte deut⸗ lich die Worte gehört, dieſer berühmte Kupferſtecher, der Linie um Linie die majeſtätiſche Himmelskönigin mit dem Grabſtichel wiedergeben wollte. Der Wahnſinn umnach⸗ tete ſein Gemüth für immer; der Glaube iſt eine Um⸗ nachtung für den Augenblick. Die ſchauerliche Einſamkeit hier unter der Erde, die edle Geſichtsform des Bildes, die Beleuchtung durch die wenigen Lichtſtrahlen der Laterne, die Stimmung und Prädispoſition des Gemüths, alles kam zuſammen, daß ce, ſelbſt n Groß⸗ noch im⸗ m Brech⸗ h zuſam⸗ ehen und wo deine öthig... e Worten Bild.. ewegender meiſt auf iſt. Wem mit dem er richtig — cken, den übrigen, dem Aben Sirtiniſch 339 auch Lucinde auf Verlangen des grauenvollen Menſchen feierlich bei dieſem Bilde betheuerte, den Zufluchtsort, den hier ein Verbrecher im alten Profeßhauſe gefunden, nie zu verrathen. Noch mehr... Bickert hob an der Madonna einen Stein auf, zog ein ſchmuziges Bündel hervor und ſagte: Ich mag nicht mehr an die Galeere! Ich wollte hier im Lande Pferdehandel treiben! Mais— ich kam auch da wieder auf falſche Fährte. So wurd' ich Knecht im Weißen Roß. Niemand kannte mich. Ich ſimulirte einen ganz andern Menſchen. Es ging— mais! Da müſſen Sie kommen, Mademoiſelle, Sie— mayez peur! Siebenundvierzig bin ich jetzt, Mademoiſelle. Ich ginge lieber— nach Amerika, wenn ich das Geld dazu hätte! Verdienen konnt' ich's ſchon, aber der Weg kam— un peu trop etroite- ment da vorbei, wo neulich Monſieur Hammaker gehabt hat an très mauvais accident— Kannten Sie— auch den? hauchte Lucinde, aufs neue erbebend Monſieur Hammaker ſah mir gleich den alten Pi— card an— wie ich— il y a einq mois— hierher bin geflohen und ich ſaß ihm vis a vis im Trankgäßchen und mir ſchmeckte nicht der Heurige. Den Poſten hier ver⸗ ſchafft' er mir durch die ihm bekannte Madame Jeanette, eine alte Freundin meines Vaters. Er verlangte blos als don gratuit von mir— eine kleine Affaire— den rothen Hahn auf ein Schloß— à peu pres zwanzig Meilen von hier— Weſterhof? rief Lucinde entſetzt... Comment—? fiel Bickert überraſcht ein und hielt das 22* 340 Bündel, als wollt' er es Lucinden übergeben, die ſchon vor Abſcheu nur vor ſeinem Ausſehen die Hand zurückzog... Sapristi, wo wiſſen Sie— Ich kenne einen, der alle Tage auf mich wartet! Tauſend Thaler, und dann nach Amerika! ſagte Monſieur Hammaker, und auch zuſammen wollten wir gehen. Aber er hatte noch nicht genug, le petit maitre, er wollte Extrapoſt. Die hat er bekom⸗ men! Als ich ihm die Nacht begegnete, wo er in die Sieben Berge machen wollte mit einem ſehr hübſchen Koffer, ſagk er mir: Adieu Picard! Folgen Sie mir bald! Machen Sie nur ein compliment— an— an— Den Oberprocurator Nück—? Diacre! Woher wiſſen Sie—? Mademoiselle! Ich ging nicht. Ich dachte, er wird mich zum Hauſe hin⸗ auswerfen, wenn ich um die tauſend Thaler komme— für Reiſegeld! Mais— Neulich, da zog ich an der Klingel— ich hatte das Leben hier— nein, nein, den⸗ ken Sie nur nicht Marcebillenſtraße— Aber es ſtand wieder einmal quarante sept mit mir. Hier das Leben unter'den Ratten, die ſchlechte Koſt, die Furcht; ich dachte: Du verdienſt dir dein Reiſegeld, gehſt erſt in den Dom und ſagſt's en confession— Ich bin verſucht, wollt' ich ſagen, ein groß Feuer zu legen und ein Papier— ſo war le mot d'ordre— dans une bibliothèque— und ich thät es gern; wer kann hier leben! Unter den Ratten! Hunde füt⸗ tern! Hanne Sterz um den Bart gehen! Einen Bart hat ſie, Mademoiſelle!... Da knie' ich im Confeſſional und fange an zu ſprechen und ſage meine Sünden und ich ſehe auf und... Ihr ſeht den Domherrn von Aſſelyn! ſchon vor czog.. der alle ann nach uſammen enug, le er bekom⸗ er in die en Koffer, nir bald! an— elle Ich alſe hin komme— h an der nein, den⸗ ds ſtand das ih dachte den Doll üt, woll — ſo wal ich thät Hunde fü Bart h ſinnl und ¹ und ich Leben 341 Einen Geiſt, der mir ſpricht: Was enthielt damals der Sarg?... Geſtanden Sie es ihm? Da! Nehmen Sie, Mademoiſelle! Jetzt griff Lucinde nach dem Bündel in heftigſter Be⸗ wegung. So abſchreckend feucht das Tuch war, ſie em⸗ pfand keinen Widerwillen mehr... Plaudern werden Sie nicht! wiederholte Bickert und beleuchtete unheimlich die Geſtalt und äußere Erſcheinung der Verkleideten... Und eine wiederum ballend erhobene Fauſt deutete die Möglichkeit ſeiner Rache an... Dann aber ſagte er: Gut! Geben Sie das— An den Domherrn von Aſſelyn— Im Kapitelhauſe— Und was enthält es? Eine Schrift— kein Geld— nur eine Schrift— in Latein— tant je crois— Damit ging er weiter... Und die Reiſe nach Amerika? Schloß Weſterhof? Das Papier? rief ſie hinter ihm her. Der Knecht hörte nicht die verhallenden Worte und ging voraus... Lucinde folgte athemlos... Sie hatte das kleine Bündel in ihre Mappe gezwängt und ſich dabei aufgehal⸗ ten... Mit dem Schirme taſtete ſie, um dem Schimmer der Laterne zu folgen.. Noch einige hundert Schritte in dem links ſich er⸗ ſtreckenden engern Gange ging es ſo fort. 342 Dann ſtanden ſie an einer kleinen, mit verroſteten Eiſenklammern beſchlagenen Thür... Bickert gab Lucinden die Laterne und zog ſein Schlüſſel⸗ bund... Leiſe ſteckte er einen mit wunderlichem Zierrath ver⸗ ſehenen alten Schlüſſel in das noch wohlerhaltene Schloß... Mit knarrendem Tone ging noch ein Riegel zurück und die Thür öffnete ſich... Halten Sie ſich an mich! ſagte der Führer und ſtieg einige ſich windende ſteinerne Stufen in die Höhe, wäh⸗ rend die Laterne zurückblieb... Bald kam eine zweite Thür.. Bickert horchte... Er wollte lauſchen, ob niemand in der Nähe war... Wo kommen wir hinaus? fragte Lucinde, von den Anſtrengungen erſchöpft... Statt zu antworten ſchärfte Bickert ſein Ohr nur noch vorſichtiger... Jetzt war es Lucinden, als hörte ſie einen heiligen Geſang. Es war wie ein Strom klingender Luft, der auf ſie niederwallte. Die Töne ſchwollen und erhoben ſich. Wie aus erquickenden Quellen ringsſprühender Staub, ſo rieſelte ſie es an... Nach ſo langer dumpfer Stille wurde ihr der Ton faſt zum Licht, das Licht zur Welle, Geiſtiges wie leiblich ſie Berührendes... Sie konnte ſich nicht mehr aufrecht halten. Les chanteurs! Es iſt die Domſchule! flüſterte Bichert und öffnete. Es ſtrömte wie Lobgeſang des Lebens auf ſie ein... erroſteten Schlüſſel⸗ rath ver⸗ Schloß. el zurück und ſtieg ihe, wäh⸗ Hniemand von den O hr nur en heiligen 343 Hier jetzt den Corridor hinauf, dann à travers la maison! Bickert drängte Lucinden ſchon vorwärts... Nach einem noch einmal weniger drohend, als ſchon hoffnungsſicher geſprochenen: Mais Mademoiſelle—! ſtand ſie plötzlich allein... Bickert war verſchwunden. Ein ſchmaler Gang zwiſchen zwei hohen Mauern führte Lucinden in einen größern, mit Quaderſteinen ge⸗ pflaſterten Hof und aus dieſem über einige Stufen in ein alterthümliches Haus. Auch auf der großen Diele war alles wie von Muſik erfüllt. Links von ihr ſangen die Chorſchüler Uebungen. Ein altes Klavier begleitete die Accorde... Eine Weile lauſchte ſie... „Deposuit potentes de sede et exaltabit humiles!“ Dazwiſchen ſprach ein Prieſter Erläuterungen... Die Stimme war ihr fremd... Aber die Worte klan⸗ gen ihr in der Tonart des Geſanges... kein Dur folgte auf Moll, kein Allegro auf ein Andante... ſelbſt die Belehrungen über die zu machenden Pauſen, die gegeben wurden, waren nur der Aushall des verklun⸗ genen Tones... Alles, alles war ihr Harmonie... Gern hätte ſie glauben mögen, es würden ihr die beiden Arme zu rieſigen Flügeln, die ſie hätte ausbreiten mögen, die wieder errungene Freiheit zu erproben... Aber nur wie eine verſcheuchte Fledermaus huſchte ſie durch die Flur und an die Hausthür. Dieſe war unverſchloſſen... Sie war im Freien, im Regen mit ihrem Bündel, aus dem ſie ein zerknittertes ſtarkes Papier herausfühlte... 344 Mußteſt du dieſe Schrecken erleben, um das zu er— langen, was du vielleicht brauchſt, um morgen mit— ihm zu ſprechen, vielleicht zum letzten mal— Dies führt dich bei ihm ein, auch wenn er dir die Beichte abſchlägt! Sie hätte ſogleich zu Bonaventura fliegen mögen... Faſt hatte ſie ihre Knabentracht vergeſſen. Sie breitete den Schirm aus und ſchoß auf einen Fiaker zu... In die Rumpelgaſſe! rief ſie. Zu Nathan Seligmann! Die Adreſſe war bekannt... Eine Viertelſtunde darauf war ſie bei Veilchen Igels⸗ heimer, die um ſie auf den Tod gezittert hatte. Ihre Begleitung an das Profeßhaus hatte ſie abgeſchlagen. Veilchen erfuhr zu ihrem Entſetzen, daß alles geſcheitert war und Lucinde nur mit Lebensgefahr ihre eigene Frei⸗ heit gerettet hätte... Zu Aufklärungen für das„trotz Spinoza verzweifelnde“ Mädchen, Aufklärungen, die Lucinde auch ohnehin ſchwer⸗ lich gegeben hätte, blieb keine Zeit... Sie gab ihre Kleider zurück, nahm die ihrigen, entleerte die Mappe, die ſie Veilchen ließ, riß das ſchmuzige Tuch Bickert's fort und wollte eben die Einlage, einige Bogen Papier in amt⸗ lichem Briefformat, einſtecken.. Da erblickt Veilchen die Aufſchrift und ruft: Gott im Himmel! Was iſt? fragte Lucinde, halb ſchon im Gehen... Herr Nathan war noch nicht wieder daheim... Das iſt— das iſt ja— die Handſchrift— Veilchen öffnete die Bogen, die Lucinde jedoch zu 4s zu er⸗ nmit- — Dies e Beichte ögen.. auf einen eligmann zen Igele te. Ihre geſchlagen geſcheite gene Fri⸗ weifelnd’ jin ſchwel⸗ gab ihn ie Mappe ckert5 fon ier in am 345 gleicher Zeit ſchon wieder zurücknahm, nur um ſie raſch zu bergen, weil ſie Eile hatte... Nur einen Blick, Fräulein!.. Was haben Sie? fragte Lucinde drängend und auf dem Sprunge... Schon gab Veilchen die Bogen zurück, wie mit einem Schauder— Ein Siegel, das neben dem Namen ſtand, der die Bogen unterſchrieben hatte, ſchien ihr die Be⸗ ſinnung zu geben... Lucinde ſah ein Kirchenſiegel— das Bild des Ge⸗ kreuzigten... Sie forſchte nicht länger... blieb ihr doch die volle Muße eigener Unterſuchung und die Gelegenheit der Wiederkehr... Sie hatte nicht Zeit, ſich von dem wie bewußtlos ihr nachblickenden Veilchen die Urſache ihres Schreckens erklären zu laſſen. Eine Stunde ſpäter ſaß ſie zum Thee bei der Com⸗ merzienräthin, die vor Ungeduld nach ihr„faſt ver⸗ gangen war“. Denn ſeltſamerweiſe blieb ſie heute allein... Aus Furcht vor Pitern ließen ſich ſelbſt die Hausfreunde nicht ſehen. Das Haus war von ſeinem begin⸗ nenden Strafgericht in Belagerungszuſtand erklärt. Jo⸗ hanna hatte von ihrem in aller Frühe abgereiſten Verlobten ſchon per Expreſſen einen Brief voller Vorwürfe über die Frau Oberſtin, die übrigens geſtern ſchon vor dem plötzlichen Tumult gegangen war... Dann kam die Frau Oberprocurator angefahren und brachte die Kunde, daß morgen Abend der Domherr von Aſſelyn nach Witoborn reiſe und eine Demonſtration der Huldigung ſtattfinden würde mit Blumen, Gedichten, ja perſön⸗ » — ——— —è 346 licher Anweſenheit ſeiner Verehrer... Ob die Mutter ginge? Was man dazu anzöge?... Endlich hörte man Pitern ſich lärmend in den Hinterzimmern ankündigen... Alles zitterte... Zum Glück hörte man zu gleicher Zeit den Beſuch des Oberprocurators von der andern Seite... Lucinde hatte keine Antwort aus dem Kapitel⸗ hauſe vorgefunden. Sie erhob ſich, ſchützte Kopfweh vor, ſchoß an Nück vorüber und flüchtete ſich auf ihr Zimmer. Hier ergriff ſie einen Bogen Papier, eine Feder und ſchrieb die Worte: „Hochwürdigſter Domherr! Ich beſchwöre Sie! Wenn Sie nicht einen Seelenmord begehen wollen, ſo bitt' ich um Antwort— wegen meiner Generalbeichte! Lucinde.“ Sie couvertirte, klingelte und ſchickte einen Diener mit dieſen Zeilen ins Kapitelhaus an den Domherrn von Aſſelyn— wie ſchon heute in der Frühe... Schlug ihr Bonaventura den Empfang ab, ſo hatte ſie ein letztes Mittel. Den Auftrag Bickert's Nach allem, was ſie von Benno über den Eindruck wußte, den damals die im Sarge des alten Meviſſen gefundenen Dinge auf Bonaventura gemacht hatten, durfte ſie annehmen, daß dieſer ſie dann unmöglich zurückweiſen würde, wenn ſie an ihn ein drittes Schreiben richtete mit der Bitte, ihm wenigſtens noch die Dinge, die ihr der Knecht aus dem Weißen Roß gegeben, perſönlich ein⸗ händigen zu dürfen... Nun klopfte es... Nück meldete ſich... Ich bin krank! ſagte ſie an der Thür, raſch ver⸗ ſc A — je Mutter börte man digen... gleicher r andern n Kapitel⸗ fweh vor, Zimmer. Feder und hie! Wenn ſ bitt ih cinde.“ en Diener Domhern ſo hatte erts. Eindrut Meviſſe tten, durft rrücweiſ chtete n ie ihr de onlic cil niſch d 347 ſchließend— ſchaudernd vor dem Manne, bei dem für Bickert— tauſend Thaler harrten und der ihr ſelbſt— Sie wiſſen—— ſprach ſchon Nück dringender. Nichts! Nichts! Der Pater iſt gefangen... Darauf ſchwieg ſie... Man führt ihn in ſein Kloſter zurück... Doch! doch! ſprach ſie bebend, aber nur für ſich... Darf ich—? Ich bitte dringend... Ich bin krank! Schrieben Sie doch nicht dem Pater?... Sie ſchwieg... Wenn man Ihren Brief mit Beſchlag belegt hätte! Oder wie verſtändigten Sie ſich mit ihm?... Sie athmete auf, wie kein Verdacht vorlag, daß ſie ſelbſt zu Sebaſtus gegangen... Beſtellen Sie die Pferde ab! Sonſt nichts! Gute Nacht! ſagte ſie, ſich ermuthigend, und brach kurz ab. Nück's murmelnde Stimme hörte ſie nicht mehr... auch ſein Fortgehen verhallte.. Dann holte ſie das verwitterte, nicht zu alte Schrei⸗— ben, einen langen Brief in lateiniſcher Sprache, unter⸗ zeichnet„Leo Perl“. Nun verſtand ſie den Schrecken der Jüdin... Sie las und las... überſetzte und— ſtockte endlich... Um den Brief völlig zu verſtehen, mußte ſie nach dem Wörterbuche greifen, das ihr Benno gekauft hatte. Darüber ſchlug es elf... 12. In einem der großen,„kaltgründigen“ Zimmer des Kapitelhauſes herrſchte am folgenden Tage eine feierliche Stille... Es war im Studirzimmer Bonaventura's... Der Abend hatte ſich niedergeſenkt... Zwei Lichter brannten... In dem großen eiſernen Ofen, der von außen geheizt wurde, hörte man das Zulegen neuen Holzes... Nicht Renatens ſorgende Hand war es, es war die eines Hausdieners, der zu dieſem Amt für die Herren des Kapitels beſtellt war. Auch nicht im Nebenzimmer ſaß Renate... Der Domherr hatte die alte treue Dienerin gebeten, nach allen ſchon längſt getroffenen Zurüſtungen ſeiner Abreiſe auf Witoborn, die für die neunte Stunde beſtimmt war— ſein einfacher Sinn und ſeine gemeſſenen Mittel wollten ſich mit gewöhnlicher Poſtgelegenheit begnügen— erſt um acht Uhr von einem Geſchäft zurückzukommen, das er ſie erſuchte, ſich außerhalb des Kapitels zu machen. Sie hatte ſchon lange für Benno's Abweſenheit ſich eine Durch⸗ ſicht ſeiner Wäſche, eine gründlichere Anordnung ſeiner — —¹ ¹—=— —— zimmer des ne feierlice ... zwei Lichte der vol 1 gen neuu ar es, d Ent für d .. Dal keten, nden ner Abreit unt wat tel woll- — n en nen, das, 1 ache. eine Du nung pi 2 Wohnung vorgenommen; dieſe vollzog ſie, obgleich es Sonntag war, ſchon von vier Uhr an und gegen acht erſt wollte ſie zurückkehren. Bonaventura kannte die Abneigung der alten Frau gegen Lucinden und wollte jeden Conflict vermeiden.. Als Lucinde zum zweiten mal geſchrieben, verwilligte er ihr, was ſie begehrte— Aber nur auf ſeinem Zimmer konnte er eine Generalbeichte abnehmen... Er rüſtete ſich zu einem ſchweren Kampf, zu einer großen Prü⸗ fung— An die Seltſamkeit, daß ſich auf ſeinem Zim⸗ mer Seelenkämpfe ſolcher Art ausringen, iſt der katho⸗ liſche Prieſter gewöhnt. Lucinde hatte nicht nöthig gehabt, ihr letztes Mittel zu ergreifen— Mit der Abenddämmerung war ſie in Begleitung des Meßners gekommen... Durch die hohen Fenſter mit ihren vielen kleinen Scheiben, durch eine grüne Hecke von Epheuranken, die den Schreibtiſch von dem Fenſter ſchied, brachen die blutrothen Strahlen der Sonne, die den ganzen Tag ſich nicht hatte ſehen laſſen und nur am Abend noch einmal ſich zeigte zum kurzen Willkomm... Im Ofen praſſelten die Flammen, die an der metallenen Wölbung einen ſingenden Ton gaben... Alles das be⸗ gleitete die nur bei katholiſchen Prieſtern und Aerzten mögliche ſeltſame Scene, daß eine Liebende zu dem ſie ver⸗ ſchmähenden Manne ihrer Liebe ſelbſt zu gehen wagt. Schweigend hatte Bonaventura Lucinden, die ver⸗ ſchleiert kam und den Hut nicht abnahm, angedeutet, daß ſie ſich ſetzen möchte... Nach ſeinem Brevier langte er dann mit zitternder Hand, gab dem Meßner, der ſich wieder entfernte, einige —— 350* geſchäftliche Anweiſungen und ſuchte ſich durch dieſe und jene kleine Zurüſtung die Sammlung zu geben, die ihm fehlte... Lucinde ſchwankte bewußtlos... Als er ſich wandte, ſah er, daß ſie ſelbſt ſchon einen Fußſchemel ergriffen hatte und auf dieſem knieete... Daß es eine Entſcheidung für ſein ganzes Leben galt, ahnte er... Ueber eine Stunde lang verharrte Lucinde in dieſer knienden Stellung und lehnte jede Erleichterung ab... Bonaventura ſaß vor ihr und hörte nur ihrem dumpfen, doch vernehmlichen Gemurmel... Das obenerwähnte feierliche Schweigen war einge⸗ treten, als die Reihe ihrer Bekenntniſſe zu Ende war. Bonaventura kannte aus der Stadt her, wo er Prieſter, Lucinde katholiſch geworden, eine Menge von Thatſachen, die zu dem Leben der Geſellſchafterin der Comteſſe Paula gehörten; aber in einer ſolchen Voll⸗ ſtändigkeit wie heute lag das Leben des, wie es ſchien, von einem unheilbaren Wahn bethörten Mädchens nie⸗ mals vor ihm... Sie hatte nichts verſchwiegen, was ſie belaſten konnte, nichts, als ihre Liebe zu dem Manne, vor dem ſie knieete... Sie war grauſam, rückſichtslos gegen ſich ſelbſt... Sie klagte ſich an, wo ſelbſt an⸗ dere noch entſchuldigten... Alles, was ihr Leben an Widerſprüchen bot, leitete ſie aus ihrer Todſünde her, die die Kirche„Acedia“, die„Trägheit des Herzens“, die Indifferenz für Liebe und Haß nennt... Sie gab ein Lebensbild von ſich, das alles enthielt, was wir wiſ⸗ ſen. Nur eine einzige große Strömung der Empfindung dieſe und die ihm hon einen b le.. eben galt in dieſer ab.. dumpfen ar einge⸗ war.. vo 1 wo enge vo terin der ſen Vol ds ſhjin hens nit Je un n Mann icſchtal ſelbſt al Leben d 8351 in ihrem Innern nannte ſie nicht, doch war ſie erſichtlich aus einem Lebenslauf, von dem ſie andeutete, daß er ewig in der Irre gegangen, ein einziges großes Ziel ver⸗ fehle und rettungslos verloren ſcheine... Auch von Klingsohrn geſtand ſie alles. Sie klagte weder ihn, noch den Kronſyndikus an, nannte überhaupt, was nicht geſtattet iſt, nicht die Namen, Bonaventura wußte ſie aber und ergänzte ſelbſt, was verſchwiegen wurde... Ein ſeltſames Bild dieſe Zwieſprache, unglaublich für die, die außerhalb des römiſchen Lebens ſtehen! Ein Mann, vor dem ſich ein Weib in Liebe windet, blickte wie ein Gottgeſandter ſtreng und ſich beherrſchend zu ihr nieder. Er ſah eine Nachtwandlerin an ſchwindelnder Klippe dahinwanken, zitterte mit den Gefahren, die von Lucinden nur überwunden wurden durch immer wieder be⸗ kannte neue Schuld... er blieb feſt und ſtark. Von Serlo hatte er noch nie ſo Ausführliches ver⸗ nommen, wenn er auch aus frühern Geſtändniſſen wußte, daß er ſelbſt es war, der Lucinden anfangs eine aufer⸗ ſtandene Wiederholung deſſelben erſchien... Zwei Jahre des Aufenthalts im orthopädiſchen Inſtitut wurden er⸗ zählt, Jahre der Selbſtbildung, aber nur jener„Bildung, die die Kraft geben ſollte, Welt und Menſchen abzu— wehren, zu haſſen, zu beherrſchen“... Die Reiſe nach Kocher, die Erfahrungen in der Dechanei, die Verſtellung im Kattendykᷣſchen Hauſe... alles bis zu den neueſten Vor⸗ gängen, ja den Vorgängen des geſtrigen Tages, alles, alles wurde erzählt, nur noch die Rettung durch den unterirdiſchen Gang verſchwiegen, um der lateiniſchen Ur⸗ kunde und— ihres Letzten willen... 352 Religiös blieb von beiden Seiten die Färbung des Ganzen, der Ton alles deſſen, was geſprochen wurde, ein heiliger... Iſt das Leben, wie die ſittlichen Atomiſten ſagen, eine millionenfach fortgeſetzte und ineinander verwun⸗ dene Kette von Selbſttäuſchungen, dann darf es wunder nehmen, wie unſer moraliſches Scheinleben ſich den— noch gleichſam ablöſen kann von unſerer erſichtlichen körperlichen Hülle. So fließt das Licht der Sonne und des Mondes um die dunkle Erde, ſo leuchtet der Phos⸗ phor an unſern Händen, die ihn nicht fühlen. Zwei Menſchen, körperlich vor einander zitternd, bebend vor einer Berührung, wenn zufällig der Saum des Schleiers nur ein Blatt des Breviers ſtreifte— und ihre innerſte mora⸗ liſche Welt doch wie ein faſt ſichtbarer geiſtiger Aether um ſie her und hin und wieder fließend. Dieſe Worte, dieſe Ge⸗ ſtändniſſe, dieſe Accorde wie von einer unſichtbaren Muſik ſollten nicht in eine Weltordnung den Weg bahnen, wo die millionenfache Täuſchung aufhört und der Geiſt, auch wenn vom Körper getrennt gedacht, wonnigſte, ſeligſte Wahrheit bleibt?... Lucinde hoffte das ſchon für dieſe Erde... Doch— Bonaventura blieb— ein Prieſter voll Hoheit. Er vertrat die Religion. Er glich einer Kirche, in die man, innerlich noch ſo weltlich geſinnt, doch äußerlich voll De⸗ muth und zur Ehre des Höchſten eintritt. Auch hörte er im Geiſte die Worte, die ihm und dem Mönch Se⸗ baſtus vor wenigen Monaten der Kirchenfürſt von der Milde des Heilands zur Magdalena geleſen... Daß ſich etwas, was liebestollſte Zudringlichkeit war, bung des n wurde, n ſagen, verwun⸗ wunder ſich den ſichtliche onne und eer Phos⸗ n. Swi vor einen leiers nin iſte mor Aether un dieſe Ge ren Muſt hnen, u zeiſt, au 4, ſelig ol Ho n die me voll9 duch Vüönch 9 1 von ihti n hier in einer Form ausſprach, die ſchon zum Wahnwitz geworden, konnte er nicht verkennen... Er hatte Lu⸗ cinden im Lauf der von ihr in düſterm Unmuth und wahrhaft ſchmerzensvoll bekannten Leiden, die ſie durch ihre eigene unausgeſetzte Thorheit und moraliſche Hülfloſigkeit über ſich heraufbeſchworen, gebeten— den Hut abzu— nehmen; ſie that es mechaniſch und legte den Hut neben ſich auf den Fußboden. Ihrem Haar entglitt eine Flechte, die nicht genug befeſtigt war. Lang und ſchwer hing dieſe Haarflechte nieder. Lucinde merkte nichts von dieſem Schein der Verwilderung... Die Formen der Kirche kamen ihrer Selbſttäuſchung zu Hülfe Sie wand ſich wie Magdalena. Bonaventura wußte nun: Dies irrſelige, ſchöne Frauenbild bekennt alles das, nur um dich in die Kreiſe ihres Lebens zu zwingen, von dir Worte der Liebe zu hören, vielleicht— jetzt nur deine Hand küſſen zu können und— ſtumm zu gehen... Sie will jetzt, wo du reiſeſt, nur vielleicht einen Briefwechſel mit dir führen, nur, wenn du wiederkehrſt, mit ihren Blicken dich umwerben, mit ihrem Lächeln dich umſchmeicheln dürfen... Sie will nur den Stolz vor der Welt haben, daß man ſagt: Dieſer Geweihte iſt ein Heiliger; ſtrauchelte er, ſo würde er es nur mit jenem Mädchen können, das bei jeder Meſſe, die er lieſt, immer an demſelben Pfeiler ihm zur Rechten oder Linken ſitzt... Bonaventura wußte, daß er ſtraucheln konnte, wenn Lucinde— Paula war... Jene hatte mehr Geiſt, mehr Wiſſen, mehr Thatkraft und— für die Meinung anderer vielleicht ſelbſt mehr Schönheit, als dieſe... Doch wirkte Lucinde auf ihn, wie er einſt auf einen Scherz Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 23 354 Benno's geſagt hatte, feuermagnetiſch. Sie wirkte abſtoßend durch Ueberkraft und eine zu große Willensſtärke... Er blieb bei ſeiner Prieſterpflicht. Aeußerlich wollte Lucinde nur einen Rath haben, wie ſie nach einem ſo geſchilderten Leben und innerlich gänz⸗ lich zerſtörten Daſein nicht die Luſt am Leben und an ſich ſelbſt verlöre, zur Wahrheit käme, die Lüge und Verſtellung miede, ſich an fremdem Glück erfreuen, vor allem in der von ihr gewählten Religion wirkliche Beruhigung und Erhebung finden könnte... Eben die Religion verſchleierte alles. Bonaventura hatte ſie zuletzt aufgefordert, ſich zu ſetzen... Auch das that ſie wie Magdalena und ſtützte das Haupt...„ Jetzt fühlte ſie die losgegangene Flechte. Sie ſteckte ſie erröthend auf, während Bonaventura die beiden Kerzen anzündete.. Endlich ſprach er ihr mit einer Stimme, die auch nur ihm angehören konnte: Meine verehrte, liebe, theure Freundin! Wie, wie lange kennen wir uns doch nun ſchon! O, glauben dürfen Sie mir— daß ich oft, oft— wie oft! über Sie nachgedacht, über Sie mit Gott geredet habe! Was Sie mir vielleicht vor einigen Monaten ſchon ſagen wollten— dies Neueſte da, der Beſuch Ihres frühern Verlobten in Knabenkleidern, nun, das iſt eine Waghalſigkeit, die auf Rechnung Ihres abenteuerlichen Sinns kommt, ein Kampf gegen die Obrig⸗ keit, den ich nicht billigen kann, ein Vergehen, das die gute Abſicht des Helfenwollens entſchuldigt— Ihre wahren bſtoßend . .. ben, wie ch gäny⸗ dan ſich rſtellung m in der ung und ſch i ützte das ie ſect n Kerzen wie lange nfn Si innern Peinen erfahre ich erſt jetzt. Und daß Sie jenes Neueſte hinzufügten, das nehm' ich für einen Beweis Ihres Vertrauens zum Prieſterthum. Sie vermiſſen, ſagen Sie, eine Reinigung und Heiligung Ihres ganzen Seins und Lebens. Das iſt ein ſchönes, ernſtes, für Ihre ganze Zukunft entſcheidendes Wort!... Die Fehler Ihrer erſten Jugend will ich nicht rügen. Sie haben die Liebe nicht gekannt. Sie haben ſie von andern nicht erfahren; ich rüge nicht, daß Sie ſie auch nicht erwiderten. Auch Ihren mächtigen Ehrgeiz will ich nicht tadeln. Es war vielleicht der Trieb nur des Wachsthums zum Bedeutenderen. Daß ein Baum gen Himmel anſtrebt, iſt ein Preis Gottes, kein Preis ſeiner ſelbſt. Ein armes Mädchen vom Lande gingen Sie durch eine ſeltene Schule der Erfahrung, die Ihnen bald weh that, bald ſchmeichelte. Immer wollten Sie mehr ſein, als was das Geſchick Ihnen zu ſein anmuthete; Sie rangen ſich gewaltſam auch vielleicht deshalb empor, weil Sie einen Trieb hatten, geiſtig mit ſich zufriedener zu ſein, als dies mit ſich Tau⸗ ſende von Menſchen ſind. Die Fähigkeit, einen Klings⸗ ohr glücklich zu machen oder gar zu erziehen, konnten Sie damals nicht beſitzen. Auch Ihr Leiden mit Serlo, Ihre Demüthigung, als Sie die Bühne betreten woll⸗ ten, waren Sühnopfer für manche Schuld der Ueber⸗ eilung, für manche Herzloſigkeit und Eitelkeit. Als Sie dann den Uebertritt zu unſerer Kirche vollzogen, da be⸗ gann vorzugsweiſe Ihr innerſter Bruch. Immer ſchon mußte ich tadeln, daß Sie dieſen Schritt nicht aus innerm Bedürfniß thaten... Richtiger, Sie thaten ihn aus Be⸗ dürfniß, doch machten Sie ſich über die Mahnung Ihres 23* 356 innerſten Herzens, über dies Gebot Ihres guten Genius, der Ihnen bei dieſem Schritt zur Seite ſtand, kein Geſtänd⸗ niß. Nun ſchwanken Sie zwiſchen Freiheit und Abhängig⸗ keit, zwiſchen Religion und Unglaube, ja ſogar zwiſchen dem Guten und dem Böſen— Ihre Natur, fürcht' ich und ſprech' es offen aus, wird Sie niederwärts ziehen, wenn Sie ſich nicht mit einer gewaltigen Gegenmacht rüſten! Andere(Bonaventura dachte an die Scene beim Kirchenfürſten), andere würden Ihnen rathen, Ihrem Geiſte zu mistrauen. Jas wil ich nicht, Es wäre ja entſetzlich, wenn dem Geiſte ſich nicht das Gute geſellen könnte. Eines aber möcht' ich Sie fragen— und ich faſſe damit, glaub' ich, Ihren ganzen Zuſtand zu⸗ ſammen—: haben Sie ſich je vergegenwärtigt, was die Kirche mit ſo mancher ihrer großen und uns gerade von andern Religionen unterſcheidenden Lehren ſagen will, zum vorzüglichen und Ihnen insbeſondere zweckdienlichen Beiſpiel erwähn' ich— unſern Mariencultus? Lucinde war von dem Ton dieſer innigen Rede wonnig durchrieſelt. Den Sinn der Worte behielt ſie nicht, nur ihren Klang. Erſt bei Erwähnung des Mariencultus ſtutzte ſie. Sie gedachte des noch rück⸗ ſtändigen Bekenntniſſes ihrer Wanderung durch den un— terirdiſchen Gang und des von Picard empfangenen Auf⸗ trags... Das Marienbild am unterirdiſchen Kreuzweg ſtand wie mahnend vor ihrer Seele... Sie kennen die Lauretaniſche Litanei? fuhr Bona⸗ ventura voll Gelaſſenheit fort, ſtill zu ſeinen guten Genien betend... Die Lauretaniſche Litanei! dachte ſie und plötzlich henius, eſtänd⸗ ängig⸗ wiſchen fürcht ziehen, nmacht e beim Ihrem äre ja geſellen und ich nd zu⸗ was gerade en wil, enlichen u Rede jell ſi ng des h rück⸗ den un⸗ en Auf reuzweg Bonè Geniel plöbit 357 fuhr durch ihr Innerſtes ein Streiflicht ihrer Doppelnatur. Die Gottesmutter hat in dieſer Litanei Bezeichnungen, als da ſind„Gefäß der Andacht“,„geiſtliche Roſe“, „elfenbeinerner Thurm“,„goldenes Haus“,„Arche des Bundes“. Heute in der Frühe, als noch Bonaventura's Ja! nicht gekommen war und ſie in die Meſſe ſtürmte, wo eben die Lauretaniſche Litanei geſprochen wurde, hatte ſie ſich in ihrer aufgeregten, gottfeindlichen Stimmung geſagt: Namen ſind das ja, wie das Verzeichniß zu einer Auction oder als ſäh' ich die Fenſter der Trödler in Seligmanbs Rumpelgaſſe! Die ſeligſte Jungfrau, fuhr Bonaventura in Sanft⸗ muth fort, die Ihr früheres proteſtantiſches Bekenntniß nur in ihrer Menſchennatur kennt, nennt die Litanei unter anderm die myſtiſche Roſe. Mag ſie von denen, die ſie als ſolche ſehen mögen, in dieſer Eigenſchaft als ein lieb⸗ liches Symbol alles Unausſprechlichen verehrt werden, Ihnen gegenüber ziehe ich eine andere Bezeichnung aus dieſer Litanei vor, daß uns die heilige Frau— ein Spie⸗ gel ſein ſolle. Gerade Sie möcht' ich fragen: Wie iſt Ihnen das nur? Wenn Sie nach einem ſolchen Leben, wie Sie es mir geſchildert haben, jetzt an Maria denken, zu dieſer aufblicken, ſich mit dieſer ganz einig, ganz verbunden, ganz Freundin zu ſein wünſchen, was em⸗ pfinden Sie da? Lucinde blickte im Geiſt auf das kleine, in unter⸗ irdiſcher Einſamkeit ſtehende Muttergottesbild— und mußte ſchweigen... Maria, fuhr Bonaventura fort, mag Ihnen in Ihrer menſchlichen Geſtalt erſcheinen, wie ſie will; die Evan⸗ 358 geliſten haben nichts verſchwiegen, was die Vernunftkritik gegen ſie deuten kann. Halten Sie ſich aber an das, was Maria durch das Chriſtenthum erſt ſelbſt geworden iſt, wie denn überhaupt die Tradition und das lebendig fortwirkende Leben innerhalb der chriſtlichen Gemeinſchaft eine der immer friſch zuſtrömenden Quellen unſeres Glaubens iſt. Maria wurde ſGon ben allererſten chriſtlichen Zeit eine Mutter, ſo groß, ſo verklärt, daß ſie ohne Sünde empfing, die Verehrung vor der Frauenreinheit Mariä wird noch dahin kommen, daß die Kirche dem Verlangen nicht widerſteht, ſogar von ihr zu ſagen, daß ſie ſelbſt ohne Sünde empfangen wurde. Das ſind Dogmen des Bedürfniſſes, Dogmen der Huldigung und der nicht verſiegenden Liebes⸗ ſtröme innerhalb unſerer kirchlichen Gemeinſchaft ſelbſt. Wir wiſſen, wer die heilige Anna, die Mutter Maria's war, wir kennen die Schleier, die auf ihrer Verbindung mit dem heiligen Joſeph ruhen; aber alles das ſchwindet gegen das, was Maria in den wilden Geburten der Ge⸗ ſchichte wurde. In der Barbarei der Zeiten! In der rohen Entwürdigung der Frauen! Immer ſchwebte ſie da in den Lüften als ein unentweihtes Symbol des Frauenthums. Der glühende Spanier und Provencale mag ſie wie eine Geliebte verehrt haben, der Slawe wie eine Mutter, der Germane vielleicht am kühlſten nur wie eine Schweſter: immer war es Maria, die die Wildheit zähmte und der Leidenſchaft die tödliche Waffe aus der Hand ſchmeichelte. Die Civiliſation der Sitten iſt durch ſie gewonnen und erhalten worden. Und erſt in unſerer Zeit! Der Mariencultus iſt nicht mehr die Bürgſchaft der mildern Sitten; jetzt iſt er der lebendig gewordene reine weibliche, 2=ͤ ͤSo— — — ¾½ 2— nftkritik n das, worden ebendig inſchaft unſeres ſtlichen Sünde lä wird n nicht Sünde fniſſes, Liebes⸗ ſelbſt. Marias indung zwwindet er Ge⸗ rrohen in den nthums wie eine ter, det ſweſter: und del richelte en und Del milder” eiblihe 359 ſittliche Sinn. Gerade die Reinheit Mariä zu verehren ‚drängt es dieſe unreine Zeit, die Zeit der Frivolität, der Emancipation von der Sitte, die Zeit des faſt ins Allgemeine mitwirkend und mitſtimmend aufgenommenen Frauenberufes, die Zeit der Nivellirung der Familie und Erziehung. Und nun, nun frag' ich Sie: Finden Sie den Weg zwiſchen Ihrem Innern und dieſem Frauenbilde, das Sie ja in jeder Kirche ſehen können, ganz frei und ungehin⸗ dert? Fühlen Sie ſich ſo, daß Sie den ob milden, ob ſtrengen, immer ſittlich reinen Blick unſerer Himmelskönigin nicht zu fürchten brauchen? Können Sie, als Weib, als Jungfrau, zur Mutter mit dem Kinde aufblicken und ſagen: Das Leben hat mich viel umgetrieben, ich war mancherlei und erlebte noch mehr, aber du, du kannſt nichts gegen mich haben! Du würdeſt mich nicht aus deinem himmliſchen Hofſtaat verweiſen! Ich füge hinzu, liebe Freundin, ich fand immer, daß die Frauen von⸗ einander mehr wiſſen, als wir Männer. Untereinander beurtheilen ſie ſich ſtrenger, als wir ahnen. Sie durchſchauen die weibliche Eitelkeit und Koketterie leichter als wir. Sie laſſen ſich nichts ungerügt hingehen, dulden keine Ver⸗ ſchönerung und Ausſchmückung, die wir Männer, ge⸗ blendet vom Frauenreiz, immer noch in Bereitſchaft haben. Jeder Blick einer Frau, die ihr Geſchlecht beurtheilt, ſagt: Was wir Frauen uns ſein müſſen, das wiſſen wir ſchon!.. Und ſo denn alſo— im Chor der ſeligen Jung— frauen denken Sie ſich die Königin des Himmels und prü⸗ fen Sie ſich, was die Allerſeligſte ſagen würde, wenn un⸗ ter Tauſenden nun auch Sie zu ihr hinträten und ſie bäten, in ihrem Hofſtaat eine Ehrenſtelle im weißen Kleide erhal— 360 ten zu dürfen, eine Ehrenſtelle durch die Reinheit des Her⸗ zens, die wahre, geiſtige Schönheit, die Lauterkeit des Ge⸗ müths! Können Sie ein ſolches Bild der allerſeligſten Jungfrau feſthalten? Können Sie, rückblickend auf Ihr ganzes Leben, von ſich ſagen: Maria! Mit dir bin ich einverſtanden! Maria! Du biſt es mit mir! Maria hat. nichts gegen mich? Lucinde, von Bonaventura geführt wie ein Kind, ſchlug ihre Augen anfangs nieder. Jetzt ſchlug ſie ſie auf, als ſuchte ſie das von ihm geſchilderte Bild an den — bunten Stuccaturen der Decke des Zimmers... Ihre Augen leuchteten... aber— wie mit irrem Stern... Sie ſchüttelte ihr Haupt... Was trennt Sie von dieſem Bilde? fragte Bonaven⸗ tura mit geſteigerter Innigkeit und eher wie gewonnen durch dieſe aufrichtige Verneinung, als abgeſtoßen. Liegt nicht Ihr ganzer neuer Glaube in ihm? Liegt nicht Demuth, Unſchuld, Entſagung, jede weibliche Tugend und Ehrlichkeit in dieſem Bilde? Als wenn die Luft, die Lucinde geſtern bei einem ſolchen Bilde geathmet hatte, wieder ſie zu erſticken drohte, ſtand ſie auf, machte einige Schritte und ſagte, ſich wie⸗ der ſetzend: Was ich von Maria ſehe, iſt alles ſtarr und todt und wie von Stein! Blicken Sie das Bild nur lange, lange an! bat Bonaventura im liebevollſten Ton. Es wird ſich be⸗ leben! Es wird ſprechen, es wird der Sammelpunkt Ihres ganzen Menſchen werden! Geht es nicht, ſteht etwas dazwiſchen, ſo werden Sie nichts mehr thun wollen, Her⸗ Ge⸗ ligſten if Ihr in ich ig hat Kind, ie auf, den tern... naven⸗ vonnen Liegt nicht Gugend einem dro hte, wie d todt 361 nicht auch dieſem Bilde gefiele! Sie werden ſich vor ihm eine Magd erſcheinen, ſelbſt wenn Sie eine Krone trügen! Sie werden Ihren Geiſt unterdrücken, wo nur Ihr Herz nöthig iſt! Sie werden, ſogar leidend, ſich nicht mit andern in ſtolze Vergleichung bringen! Und will es ſo nicht gehen, wie Sie es gern im Leben möchten, immer vergegenwärtigt Maria, was ein Weib erfahren, was ein Weib überwinden muß, ohne ſich zu rächen! Sie vergibt! O ſie vergibt auch Ihnen vieles, denn ſie kennt die Schwäche des Weibes; aber ſie vergibt nicht alles. Sie würde nicht jede Ihrer Bitten am Throne ihres Sohnes auszuſprechen übernehmen. Sie beſitzt die Schwäche einer Mutter, ſie kann von dem Kind ihrer Liebe Fehltritt über Fehltritt vernehmen und vergibt ihm; aber in vielen, vielen Dingen verlangt ſie eine unbedingte Unterwerfung und ich glaube, dies ganze, ich ſage nicht myſtiſche, ſondern einem Spiegel gleichende Verhältniß zwiſchen Maria und einem weiblichen Herzen— ich glaube, Sie kennen es nicht und darin, darin liegt Ihr ganzes Unglück! Dumpf vor ſich hin ſprach Lucinde einen Einwand... Bonaventura kannte die Berechtigung dieſes Einwandes aus ſeinem eigenen Leben und empfand ihn jetzt noch mehr, ſeitdem ihm ſo nahe bevorſtand ſeine Mutter wie⸗ derzuſehen... Warum ſagte nur Jeſus: Weib, was hab' ich mit dir zu ſchaffen? hatte Lucinde gemurmelt... Bonaventura erwiderte: Maria iſt keineswegs die letzte Richterin über unſere Seele! Sie iſt nur eine Vorſtufe zum Gottesthron und allerdings die ihm nächſte! Aber ich glaube nicht, daß die 362 Seele jedes Mannes an ihr Urtheil verwieſen iſt; ſie richtet auch nicht, ſie bittet nur. Nur möcht' ich wieder⸗ holt wiſſen: Sind die Sünden und Irrthümer, die Sie mir heute gebeichtet, die eines weiblichen Herzens, das mit der allerſeligſten Jungfrau einen innigen Freund⸗ ſchaftsbund ſchloß? Mir ſcheint es, daß Sie vorzugs⸗ weiſe Eine reine, wahre Freundſchaft ſchließen ſollten, dieſe mit unſerer Mutter Maria! Welch ein unſchuldiger, edler, froher Sinn würde Sie plötzlich heiligen!„Maria ſtand auf, ging eilends über das Gebirge in das Haus des Zacharias und grüßete Eliſabeth“... ſo ſteht in der Schrift— Und ſich unterbrechend erhob ſich Bonaventura wie in innigſter Freudigkeit raſch, ſchlug den Vorhang von einem Büchergeſtell zurück, ſuchte eine kurze Weile nach einem Buch, fand es, kam wieder, ſchlug es auf, blätterte und las eine ſchnell gefundene kurze Erläuterung über den Gruß Mariens an Eliſabeth, über den Gruß der Jugend an eine Matrone, über den Inhalt der Rede, die Maria wol Eliſabeth gegenüber gehalten haben mochte, über die Darbringung ſolcher Empfindungen und Seelenſtimmungen, die ihr dafür das Wort der greiſen Gönnerin eintragen konnten:„Du biſt gebenedeiet unter den Weibern!“ Bo⸗ naventura las dieſe Betrachtung aus einer Blumenleſe geiſt⸗ licher Erweckungen und wollte keine Erbauung. Er wollte Lucindens Geiſt anregen, nicht blos ihr Herz. Er wollte ihr die ſittliche Schönheit als das Ziel auch einer reinen Phantaſie hinſtellen... In wärmſten Worten ſchilderte er den Zuſtand dieſes„Gebenedeiten am Weibe“. Ueberall würde eine Gebenedeite freundlich empfangen, überall wie tiſt; ſie ſhwieder⸗ die Sie ens, das Freund⸗ vorzugs⸗ jſollten, chuldiger, „Maria as Haus eht in der ra wie in oon einem ach einem tterte und über den r Jugend ie Maria iler die nmungen, eintragen 7!“ Bo⸗ iiſe eiſt Er wollt Er wollte re ſciderte llberul berall wie r reinen 363 der kommende Mai begrüßt; in jeden Streit brächte ſie Friede, in jedes Leid Troſt; ihre Schritte wären geſegnet; wo ſie hinträte und wär' es in der Wüſte, blühte eine Blume auf— wie die Jerichoroſe unter den Füßen Maria's, als ſie mit dem Kinde gen Aegypten floh... So deutete Bonaventura die„Jerichoroſe“... Dann ertheilte er Lucinden einige leichte Bußübungen, ließ ſie knieend ſeinen Segen empfangen und wollte nun von ihr Abſchied nehmen... Lucinde ſtand zwar auf, zog ihren Shapl über die Schultern, hatte ſich ihren Hut wieder aufgeſetzt, ſchickte ſich an zu gehen... ſie war jedoch— wie gebannt... Die Glocken der Kathedrale läuteten zu einem Kir⸗ chenfeſt... Schon ſechs Uhr ſchlug es... Wie ſie ſchon nahe der Thür ſich befand, die unmittel⸗ bar in den Corridor führte, ſtand ſie plötzlich ſtill... Bonaventura trat hinzu. Er glaubte zu ſehen, daß ſie ſich entfärbte... Was iſt Ihnen? fragte er... Lucinde erwiderte nichts, doch hielt ſie ſich an der Epheulaube... Bonaventura glaubte, daß ihr unwohl war und ging an einen am Fenſter ſtehenden Tiſch, auf dem Waſſer ſtand... Sie winkte ablehnend und ſtarrte in die inzwiſchen hereingebrochene Dunkelheit zum Fenſter hinaus... Bonaventura ſah, daß ſie von ſeiner Rede, ſeinem Zuſpruch nicht befriedigt war, daß ſie etwas vorhatte und mit ſich kämpfte. Doch mied er die Saiten des Seeliſchen und des Gemüthes noch einmal wieder anzuſchlagen. Er 364 ſprach beruhigend von der Lebhaftigkeit der Gegend draußen und ſtand, als wollte er eines der Lichter ergreifen und ihr auf den Corridor leuchten... Sie reiſen nach Witoborn? begann Lneinde, j ſchon über dieſe Andeutung, als fürchtete ſie vielleicht nur die Dunkelheit draußen, gereizt... Noch heute!... erwiderte Bonaventura, ſichtlich befangen durch ein Wort weitern Geſpräches, das nicht durch ſein Amt veranlaßt wurde... Lucinde ſah dieſe Förmlichkeit, dieſe plötzliche Kälte und hauchte: Schon ſo bald! Dabei blieb ſie vor dem Epheu ſtehen und pflückte gedankenvoll ein einzelnes welkes Blatt ab... Wer hätte an dieſer Handlung erkennen mögen, daß ſich die ganze ſeit Monaten angeſammelte Fülle der Spannung wieder auf ihre Bruſt wie rieſig anſtemmte und in irgendeiner Weiſe helfen wollte; ſie hatte die Befriedigung des Gemüths nicht ſo gefunden, wie ſie ge⸗ hofft... Sie wollte und hoffte nur—— ihre Liebe... In einigen Stunden... ſagte Bonaventura, jetzt ſogar drängend.. Dieſer ſein plötzlich immer kälterer Ton reizte ſie mehr und mehr und ſchon war es nur ein Hauch, mit dem die erſtickte Stimme ſprach: Grüßen Sie— Gräfin Paula!... Bonaventura antwortete durch ein äußeres Zeichen... Lucinde fuhr fort, wie bewußtlos in dem Epheu nach welken Blättern zu ſuchen... Da ſie deren nicht zu viele fand, brach ſie auch ſchon die grünen ab... draußen ifen und e,, ſchon nur die das nicht he Kälte pflückte gen, daß ülle der nſtemmte atte die ie ſie ge⸗ jebe... ra, jeht ſie mehr dem die eichen.. Epheu ren nicht 365 In Bonaventura's Innerm drängte ſich jetzt Un⸗ muth, ſogar eine Aufwallung des Zorns, doch ſuchte er nach Geduld und Selbſtbeherrſchung... Paula's Sehergabe ſoll Wunder wirken! fuhr Lu⸗ cinde fort, zitternd und nicht von der Stelle könnend... Ich wünſchte wohl, Sie frügen ſie, was für mich— noch alles in den Sternen ſteht! Das würd' ich die Sterne der eigenen Bruſt fragen! ſagte Bonaventura lächelnd und machte Miene, um Schonung ſeines Epheus zu bitten... Schon das längere Verweilen Lucindens verdroß ihn... Sie merkte nichts von dem, was ſie that... Sie brach Blatt um Blatt, zerknitterte das Gebrochene, warf es weg... ſie war im Geiſte bald in der Ebene von Witoborn... bald gedachte ſie des Picard'ſchen Auf⸗ trags, das Schreiben Leo Perl's abzugeben... Grüßen Sie Herrn von Aſſelyn, Ihren Vetter Benno! ſagte ſie— wie ſpottweiſe— und nur um zu ſprechen und ſich zu ſammeln... Bonaventura verſprach die Ausrichtung dieſes Grußes und ging von dem Tiſch, wo er geſtanden. Er machte in der That Miene, ſich mit höflicher Neigung des Haup⸗ tes in ſein Nebenzimmer zurückzuziehen... Lucinde machte ſich durch Scherze Muth zum Bleiben und gefiel ſich darin, durch das Zerrupfen des Epheus auch die ihr wohlbekannte— Pedanterie der katholiſchen Geiſtlichen, die überhaupt mit den Jahren jede eheloſe Lebensweiſe annimmt, ſchon an dieſem jungen Mann zu reizen... Schon in St.⸗Wolfgang hatte ſie ihn ja im Geiſt früh vergrämeln und verzärteln geſehen... 366 Er ſoll ſich hüten, ſagte ſie, Armgart nicht zu ſchweſterlich zu lieben! Das kann dann im Ernſt ſo kommen! Auch Frau von Hülleshoven, ihre Mutter, könnte Armgart zuvorkommen, einen gewiſſen Herrn von Terſchka zu wählen... Bonaventura hörte ſchon nicht mehr. Seine Ent⸗ rüſtung nahm immermehr zu und auch ſein Kampf; denn jedes Wort, das Lucinde ſprach, war erſichtlich nur eine Verſchleierung der Rede: Du Thor, warum um⸗ ſchlingt mich nun nicht dein Arm? Warum läſſeſt du mich nun jetzt ſo hingehen, wie ich gekommen bin?! Voll Seligkeit läg' ich— trotz Mariens— in deinen Armen... Herr von Terſchka, fuhr ſie den Epheu zerzupfend fort, nimmt jede Religion an, die die ſchöne junge Frau mit ihren koketten Locken von ihm verlangt! Aber ſie hätte— gar nicht nöthig! Wär' ich in Rom und flüſterte— nur zwei Worte— mit den Cardinälen der Sacra Dotaria, ſie ſollte ohne weiteres geſchieden werden!... Warum ſcherzen Sie über ſo ernſte Dinge! fragte Bonaventura verdroſſen— doch ſtaunend... Kein Scherz!... Ich lernte neulich die Frau kennen! Ihre Seele iſt aus heißer Luft gewoben!.. Wer möchte glauben, daß auf der Heide von Witoborn ſolche Blumen wachſen!.. Sie kennen ja dies Geſchlecht mit dem ewig gleichen Perpendikel des Herzens!.. Ein Schlag wie der andere! Bim— bam!.. Es iſt ja wahr— auch — Ihre Heimat iſt's! Bonaventura ſah Lucinden ganz ſo wieder, wie ſie ſonſt und noch zuletzt in ſeinem Pfarrhauſe geweſen war... nicht zu Ernſt ſo Mutter, ern von ne Ent— Kampf; llich nur um um⸗ iſcñ u Voll rmen... tzupfend ge Frau Aber ſie in Rom rdinälen eſchieden fragte rkennen! r möchte Blumen dem ewig hlag vie — auch ſie onſ war.“ — 1 367 Das muß ich doch noch ſagen, ich liebe nur den ka⸗ tholiſchen Glauben, wenn er die Seele zum Muthe ent⸗ flammt! fuhr ſie in einer Aufregung, die ſie nun nicht mehr bemeiſtern konnte, fort... ich liebe ihn, wenn er die Menſchen aus der Gewöhnlichkeit erhebt und ihnen Flügel gibt! Dort?! Dort— iſt wirklich alles nur Aber⸗ glaube und ſo vieles, ſo vieles— auch hier— Bonaventura, ſeine vorhergegangene tief vom Herzen gekommene Anſprache verhöhnt, kalt abgewieſen fühlend, athmete hörbar vor immermehr zunehmender Entrüſtung... Schon war Lucindens ganze Hand voll grüner ab⸗ geriſſener Epheublätter. Sie werden auch Schloß Neuhof ſehen? ſprach ſie, noch wie harmlos, aber doch, da ſie nun gehen mußte, aller Faſſung beraubt... Ohne Zweifel! ſagte Bonaventura kalt. Auch den Kronſyndikus?... 4 Man erwartet ſeine Auflöſung... Das bedaure ich!... Ich wünſchte, Sie frügen ihn nach ſeiner zweiten Frau, die noch in Rom leben ſoll... Und ob— die alten— Stammers— wol noch im Parke hauſen?— Und Bruder Hubertus— werden Sie— ſehen— auch Klingsohr— Nicht unmöglich... Wenn ich einmal Paula im magnetiſchen Schlafe ſähe, wollte ich ſie etwas fragen— Aber es iſt ja wahr — Immer, wenn ich an ihr Lager trat, wiſſen Sie wol noch, hörte— die Poſſe auf... Bonaventura ſtand auf glühenden Kohlen.. Nur einmal glaubt' ich ſelbſt, daß ſie im Traum 368 wahr ſprechen konnte... Einmal!... Am Tage Ihrer Weihe! Warum aber auch— thaten Sie ihr das! Der bitterſte, ſchrillſte, ja ein frecher Hohn war es, mit dem Lucinde dieſe Worte ſprach... Und Bonaventura nahm die Kriegserklärung auf... Er ergriff das Licht, ging an die Thür, die zum Corridor führte, und machte die Miene, als wollt' er ihr ruhig hinausleuchten.. Jetzt blieb Lucinde ſtehen und verwüſtete erſt recht den Epheu... Schonen Sie dieſe unſchuldigen Blätter! rief er... Lucinde ließ alle Blätter, die ſie gerade in der Hand hatte, zu Boden ſinken und ſuchte Bonaventura's Auge... Der Prieſter verſuchte ihren Blick auszuhalten... Sie ſtarrte ihn an wie die Walkyre... Er— ſtellte den Leuchter auf den Tiſch zurück, um ſich aus ihrer Nähe entfernen zu können und ins Neben⸗ zimmer zu gehen. Die Augen niederſchlagend und ſich den letzten, entſcheidenden Reſt von Selbſtbeherrſchung gebend, den er ſolcher Herzenshärtigkeit gegenüber noch beſaß, hauchte er an der Thür des andern Zimmers mit erſtickter, aber deutlicher Stimme: Fräulein! Da ich ſo wenig über Ihren unglückſeligen Sinn vermag, ſo möcht' ich ein für allemal gebeten haben— Sie ſuchen ſich für jeden künftigen Fall Ihres — Beichtbedürfniſſes einen— andern Freund Ihrer Seele—! Eine kurze tödliche Pauſe folgte auf dies ſich im Sprechen mildernde, aber doch mit dem entſchloſſenſten Aufdrücken der Nebenthür endende kategoriſche Erſuchen, 369 age Ihrer das! nie wiederzukommen und ſich für immer einen andern Beicſiwaier zu wählen. mar es, Lucinde verſtand das tödlich entſcheidende Wort. Bald auch machte ſich ihr Seelenzuſtand in einem Fauf.. furchtbaren Ausbruch Luft... die zun Kein Lachen ſtieß ſie aus, auch kein Weinen... t er ih 1 Es war ein Ton, der ſich ihr, wie ſie an der Thür ſſnand, vom Herzen losriß, ohrzerreißend, von Lachen eiſt reht und Weinen eine Miſchung, unerhört für den Prieſter, der wie in Betäubung ſtand und ſich bei alledem ſagte: ef er Jetzt oder nie! Es muß ein Ende ſein!... det Hand Nie von ihm geſehen war auch das, was er jetzt Auge. ſehen mußte... ltn. Lucinde lag plötzlich am Boden, hingeſtreckt wie eine Leiche... dicht an der Thürſchwelle lag ſie wie leblos urück, um... völlig ſtarr... beide Arme lagen zu ihren Häupten s Reben⸗ weit ausgeſtreckt, ihr ganzer Körper war wie gelähmt... und ſich Erſt wollte der zum Tod Erſchrockene ſich dennoch herrſchung entfernen... über noch Dann mußte er bleiben... Der Gedanke, daß Zimmets Lucinde an einem plötzlichen Krampf erſtickt wäre, er⸗ füllte ihn mit Entſetzen... lücfelgen Er beugte ſich zu ihr nieder, rief ſie an... ergriff al gebeten ihren rechten Arm, der wie gefühllos hing... der Hut al Ihres lag im Nacken, der Shawl war ihr von ren Schultern ud Ihrer geglitten... kein Glied mehr bewegte ſich. Erſt als Bonaventura ſich erhob, an den Tiſch eilte, auf dem das Waſſer ſtand, ſein ganzes Taſchentuch eingetaucht ſch im gloſſenſen hatte und zurückkehrte, um ihr die Stirn und Schläfe zu Erſuchen, befeuchten, regte ſie ſich und ſuchte aufzuſtehen... Gutzkow, Zauberer von Rom. IV. 24 370 Sie lehnte dabei ſeine Hülfe ab, drückte ihren Hut feſt und in die Wovte der Beſtürzung, die er ſprach, hinein erhob ſie ihre Stimme, faltete die Hände, blieb in ihrer rnieenden Stellung und rief: Maria!... Ich wage es doch, dich anzublicken!.. Gib mir Kraft, mein Loos zu tragen, wie du das deinigen ertrugſt!... Sieben Schwerter durchbohrten deine Mutter⸗ bruſt und du ſahſt doch noch die Herrlichkeit deines Sohnes!... Dann ſprang ſie auf, viß ihven Hut herab, ſtand wie wahnſinnig, erhob den Arm und flüſterte faſt heiſer: Auch ich werde ſie ſehen! Gott hat die Zukunft meiner Liebe, das Glück und die Lebensruhe des grau⸗ ſamſten aller Menſchen in meine Hand gegeben!... Dabei bebten durch die blendenden Zähne hin⸗ durch die von ihr wiederholten Worte Bonaventura's: „Einen andern Freund Ihrer Seele!“ Vielleicht würde Bonaventura in einem Verſuch der Ausſöhnung von Luecinden geſchieden ſein, wenn ihn die räthſelhaften Worte, die ſie ſprach, nicht aufs neue er⸗ ſchreckt, der furchtbar betonte Sinn der Drohung, der in ihnen lag, nicht befremdet hätte... Ja, ſagte ſie wie geiſterhaft zu dem ſie Anſtarven⸗ den; das hat Gott in meine Hand gegeben! Wie Ihr Schatten werde ich Ihnen durch Ihr Leben folgen— Herr— von Aſſelyn! Wahnſinnige! rief Bonaventura aufs neue ermuthigt... Ja, ſetzte ſie faſt lachend ihre Rede fort, ich bin die Urſache, daß das Grab erbrochen wurde, in dem der letzte Begleiter Ihres Vaters beſtattet war... ℳ — ₰ Hut feſt „hinein in ihrer en!... deinige Mutter⸗ deines b, ſtand heiſer: Zukunft s grau⸗ e hin⸗ urg's: uch der ihn die neue er⸗ ng, der ſtarren⸗ gie Ihr lgen— thigt. ich bin dem der 371 Bonaventura horchte auf und ſtarrte dieſer neuen Gedankenreihe... 6 Ich, ich kenne den Verbrecher! Ich, ich beſitze, was er im Sarge gefunden hat! Sie— Sie beſitzen— was ich ſeit jeder Stunde—? Keine Verletzung der Beichte! unterbrach ſie bitter höhnend... Ich kenne den Verbrecher ohne Ihre An⸗ deutung! Mir gab er, Ihnen das Gefundene einzuhän⸗ digen. Der Muth des Mannes regt ſich in Ihnen? Sie glauben, mir das Geheimniß entreißen zu können? Suchen Sie! Mit allen Häſchern der Erde... Sie finden Ihr Lebensgeheimniß nicht... das halte ich! Bonaventura, in äußerſter Verwirrung, ſprach faſt zitternd durcheinander: Ich kenne— den Haß— deſſen Sie fähig ſind... aber Sie dürfen beruhigt ſein... durch die Gerichte werd' ich ihn nicht nähren... Schmeicheln Sie? Wandeln Sie dahin, wohin Sie Ihr Geſchick ruft! In die Thäler, auf die Berge! Laſſen Sie die Mitra auf Ihr Haupt ſetzen, wie Paula prophe⸗ zeite— ich habe das Geheimniß, Sie in jeder Stunde des Tages, in jeder der Nacht— an mich zu erinnern! Ich fürchte dich nicht! Dämon! Was könnteſt du beſitzen? Ein Bekenntniß! Von meinem Vater? Er iſt die Liebe ſelbſt! Nicht von Ihrem Vater! Von meinen Angehörigen?... Meiner Mutter? Nicht von Ihrer Mutter! Die Ehre meines Namens befleckt kein Bekenntniß der Erde! 24* 372 Die Ehre Ihres Namens! Die Ehre eines Angehörigen? Ha, meines Vetters Benno? Lucinde ſtockte, dann ſprach ſie: Auch das nicht! Lucinde! Ich habe Sie zu allen Zeiten einen Teufel nennen hören! Sind Sie denn wirklich ein Geiſt der Hölle— 2 Ein Mann im rothen Haare ſaß in Ihrem Beichtſtuhl! antwortete ſie kalt dem faſt bittenden Tone... Er bekannte Ihnen, daß er eine Schrift in lateiniſcher Sprache gefunden ... Fürchten Sie nicht, daß ich die Hülfe eines andern in An⸗ ſpruch zu nehmen hatte, um ſie zu entziffern— Ich erzählte Ihnen ja heute, von wem ich alles— Latein gelernt! In ihrer Stimme zitterte faſt eine Thräne... Betrifft die Schrift——? fragte der Gefolterte. Aber er wußte ſelbſt nicht mehr, in welchen Verhältniſſen er forſchen ſollte. Dunkel war ihm ja nur außer dem Tode ſeines Vaters— eine, eine geheime Stelle in ſeinem Innern— ſein Beruf—! Nichts betrifft die Schrift, was Sie hindern kann, alle Prophezeiungen von Weſterhof wahr zu machen! fuhr Lucinde fort und faßte ſich allmählich. Werden Sie Biſchof, Erzbiſchof, ſetzen Sie ſich die dreifache Krone aufs Haupt—! Ein Wort von mir entwerthet Ihr Daſein! Ein Wort von mir nimmt Ihrem Segen die Kraft! Ein Wort von mir, und was Sie blühend glauben, muß verwelken, was Sie für die Ewigkeit geſchaffen wähnen, muß untergehen! Wahnſinn! Wahnſinn! rief Bonaventura außer ſich... Dann ſprechen Sie das Weſen Ihrer Kirche aus... erwiderte ſie und wollte gehen... Benno? el nennen ölle—? ichtſtuhl! bekannte gefunden en in An⸗ erzählte erut! efolterte tniſſen er em Tode ſeinem en kann, machen! den Sie one aufs ein! Ein 1 Ein 5579 373 Ihrer— unſerer— Kirche!?... Die Urkunde hängt mit meinem Glauben zuſammen? Unſerm Glauben!... Mit der Wahrheit— dieſes Glaubens? Mit dem ganzen— ganzen Bau der Kirche! Ein Hohnlachen ſchien ringsum von den Wänden widerzuhallen... Bonaventura wandte ſich, um ſein Bewußtſein nicht zu verlieren... Die Stirne brannte ihm... Die zitternde Hand fuhr über die düſtern Furchen hin und wiſchte die Vor⸗ ſtellungen ab, die ſich auf ihr wie leibhaft zu ſammeln ſchienen ... Schon wieder die kaum beruhigte Seele in Aufruhr ver⸗ ſetzt? Schon wieder eine Mahnung des Zweifels?... Wie⸗ der das Herz im Tumult wie damals, als der räthſelhafte Brief aus Italien gekommen, der ihm von Fehlern der Kirche, von Huß, Savonarola, Arnold von Brescia geſprochen? Und wie er ſich wandte, um in Güte mit Lucinden ſich zu verſtändigen, ſogar ſein hartes Wort: Sie ſollten. ſich einen andern Beichtvater ſuchen! vielleicht zu mildern, mehrte ſich ſein Entſetzen... Lucinde war verſchwunden... Die Stelle, wo ſie noch eben wie eine Botin der Hölle geſtanden, war leer. Das Auf⸗ und Zugehen der Thür, nichts hatte er in ſeinem Schrecken und der tiefſten Verlorenheit in ſich ſelbſt vernommen... Sie war nicht da. Selbſt, als er die Thür aufriß und in die hellerleuchteten Corridore blickte, fand er nirgends eine Spur mehr... Nun war alles wie ein Traum. Seine Geiſter raſten... 374 Wahnſinniger! riefen ſie ihm... Was trotzeſt du mit deiner Tugend? Was mordeſt du dich und andere? Trittſt Blüten der Menſchlichkeit mit Füßen und gewinnſt nur blu⸗ tige Dornen dafür? Biſt du nicht ein Thor mit deinem ent⸗ ſagenden Herzen! Lügſt du nicht ſelbſt, indem du einem Mäd⸗ chen, das dich liebt, doch nur— um einer andern Liebe willen kalt biſt, die, verboten wie ſie iſt, doch in deinem Herzen thront? Thor, der du den erquickenden, berauſchen⸗ den Trank der Leidenſchaft nicht zu koſten wagſt! Wagſt? Ha, ein Schatten, ein Schatten biſt du, ein Spiel der Täu⸗ ſchung! Ein Gedankenſchemen ohne Wahrheit! Ein mit bun⸗ ten Kleidern behängtes Nichts! Ein Menſch ohne Leben, ohne Zeugniß für den Schöpfer, der dir den Athem ſeines eigenen zeugungskräftigen Daſeins in die Seele blies!... O, wäre ſie geblieben, riefen die Leidenſchaften in ihm fort und fort, eine Secunde noch, vielleicht wäre die Maske gefallen und das Spiel, das erheuchelte, zu Ende geweſen! Der Welt hätt' ich, und wenn im Arme eines Teufels, gerufen: Unmöglich, unmöglich iſt die Kirche, weil das Prieſterthum unmöglich iſt! Zwiſchen dieſer raſenden Nachwirkung einer in Liebe und Haß ſo gleichbeſtrickenden Frauenleidenſchaft jammerte es tief wehmuthsvoll in ihm: Was kann ſie von dir be⸗ ſitzen? Was wiſſen? Von deinem Vater? Von uns allen— Noch kämpfte es in ſeinem Innern, als ſchon manche Mahnung wieder an ſeinen Beruf ſich ihm näherte, man⸗ ches Wort von ihm mechaniſch geſprochen werden mußte, Renate kam, plauderte und ihm Fragen ſtellte, die er beantwortete, ohne zu wiſſen wie... Dann ſah er den Hauswart, ſah ſeine Kofferholen und in den Wagen tragen, mit dem er zur Poſt fahren wollte... du mit Tritiſt nur blu⸗ tem ent⸗ n Mäd⸗ n Liebe deinem ꝛuſchen⸗ Wagſt? er Täu⸗ nit bun⸗ en, ohne eigenen O, wäre und fort, llen und elt hätt möglich, glich iſt in Liebe ammerte 1 dir be⸗ allen ₰ manche e, man⸗ mußte, , die er en unin pollte.. 375 Abſchied nahm er von Renaten, von ſeinem Zimmer, von ſeinen Büchern, von ſeinem zerſtörten Epheu, deſſen zerriſſene Blätter wie ſeine Ideale lagen... Im Hof fand er den Wagen, in den er einſtieg, geſchmückt mit bunten Kränzen, hoch den Sitz mit Blumen belegt... Er ſah Männer mit Fackeln, die ihm Abſchied ſprachen, Frauen, die mit den Taſchentüchern winkten und wehten.. Als der Wagen durch das große Portal fahren wollte, umringte ihn ein Chor von Knaben, die ihn mit einem Lobgeſang begrüßten... Er erkannte die Kattendyks, ſeine Beichtkinder, auch Treudchen Ley, ſogar im Scheine hochgehaltener vier⸗ flammiger Kirchenlaternen einen kleinen Mann, ſchwarz und weiß angethan, Herrn Jean Baptiſte Maria Schnup der eine feurige Rede hielt.. Auch die Frau in ſilbernen Locken ſchien ihm an ein Pfeiler zu ſtehen und ſinnend und träumeriſch zublicken... Ringsum öffneten ſich die Fenſter im Hofe und die ſonſt ſo grämlichen alten Bewohner des Hauſes— ihm waren ſie freundlich, ihm lächelten ſie Abſchied und frohes Wiederſehen!— denn, wie Klingsohr geſagt hatte,„die göttinger Ritter des Guelphenordens fühlten die Transfuſion des jungen Blutes in ihren Adern“ Der junge Domherr, leichenblaß, ſprach der zahlreich verſammelten Menge Worte des Dankes, Worte der Wehmuth. Was er ſprach, ſprechen konnte, ſtand mit dem Schmerz des Abſchieds im Einklang... 3 376 So kam er grüßend, handwinkend auf die Poſt, wo er von allen Blumen nur einen kleinen Strauß zurück⸗ behielt und ihn in den engen Poſtomnibus mitnahm, der nun erſt wieder auf das kleine Stückchen ſchon be⸗ nutzter Eiſenbahn fuhr... Unmittelbar mit eigenem Fuhrwerk zur Eiſenbahn zu fahren, war keinem geſtattet, der mit der Poſt ſpäter weiter wollte. Im Poſthof mußte man ſich ſammeln und dort wurden die Namen aufgerufen... So war das Ghibellinenthum. Präcis, höchſt geordnet, ganz nach dem militäriſchen Geiſte Grützmacher's und Schulzendorf's und wie Thiebold de Jonge bei den Freunden Piter's berichtet hatte, der Generalpoſtmeiſter(Bundestags⸗ geſandter) ſprach einſt wirklich das hiſtoriſche Wort gegen Einführung der Eiſenbahnen:„Mit ſolchen Neuerungen hört die Ueberwachung der demagogiſchen Umtriebe auf!“.. Benno Kampf lag eben in dieſem unvermittelten Gegenſatz ſo vieles Hochherrlichen am Ghibellinen⸗ und ſo manches Hochherrlichen am Welfenthum... Wie ſehnte ſich Bonaventura nach dem Geiſt eines Dritten, das über dieſen Gegenſätzen verſöhnend ſchwebte—! Er fuhr von dannen— tief unglücklich— das Räthſel der Welt im Herzen. Ende des vierten Buches. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. tnahm, pon be⸗ ahn zu ſpäter An und ar das nz nach 0 4 2 SOſour& Grey Control Chart Cyan Green vellow Hed Magenta