— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: —-——— uel 1 Nk. 55 Pf. 2 Mk. ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ zund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Von einer Handwerkerfamilie, die nach einem dun⸗ keln Hofe hinaus arbeitete, hatte Benno drei auf einen kleinen, von einem belebten Brunnen geſchmückten Winkel⸗ platz hinausgehende Vorderzimmer gemiethet. Eines davon, einfenſtrig, war ſein Schlaf-, die an⸗ dern, zweifenſtrig, waren Wohn⸗, Arbeits⸗, Empfangs⸗ zimmer, je nachdem. In einem derſelben ſtand ein Repoſitorium mit einer Anzahl von Schubfächern, in denen ſich theils die Acten der ihm von Dominicus Nück zugewieſenen Proceſſe auf⸗ häuften, theils ſchon manches Fascikelchen lag der auch ihm ſchon aufblühenden, freilich noch an den ſchützenden Namen und die Unterſchrift ſeines Principals gebunde⸗ nen erſten Frühlingskeime einer eigenen Praxis... Im unbeſtreitbaren Wohnzimmer ließ Benno ſchon zuweilen in den Früh⸗ und Nachmittagsſtunden manche Partei warten, die über ein paar empfangene Ohrfeigen oder ein paar unbezahlt gebliebene Beinkleider ſeinen Rath begehrte und von ihm nach Abfertigung eines„preſſantern“ Clien⸗ ten mit ſtaatsmänniſch bedeutſamer Miene gebeten wurde, 1* — 4 ſich auf einem Sopha von ehrwürdig altem ſchwarzen „geflammten“ Merino(zu dieſen Flammen war hier und da ſchon der entſchiedenere Brand einer etwas vergeßlich ge⸗ rauchten Cigarre gekommen) oder einem wirklich prachtvoll glänzenden rothſaffianen Seſſel auszuruhen, welchen Phönix ſeines ihm theilweiſe perſönlich angehörenden Mobiliars ihm Thiebold de Jonge verehrt hatte. Oder man könnte, da dieſer Seſſel klein, zierlich, auf einer Rolle gehend und wie luftig war, ihn unter dem beſcheidenen Hausrath, der alt⸗ modiſchen Kommode von Nußbaumholz, dem Schreibſecretär von Birken⸗, den lackirten Stühlen von Tannenholz, auch einen prächtigen Kolibri nennen in einem ſolchen gewöhn⸗ lichen Drahtbauer, wie der war, in dem Benno bereits eine Art Familie zu ernähren hatte, zwei Canarienvögel ſeiner Wirthsleute, die er von ihnen in Pflege genommen zur Erzielung einer Hecke, bis ſich freilich herausſtellte, daß die friſch aus dem Neſt genommenen kleinen Thier⸗ chen„Sieen“ waren, was Benno leider erſt entdeckte, als er ſich an beide Geſchwiſter ſo gewöhnt hatte, daß er ſie auch ohne Geſang und Hecke vor ſeiner Wirthin rettete, die von einem pflichtſchuldigen Tode derſelben durch irgend⸗ eine nachbarliche Katze ſprach. Jetzt prangte dieſer Lehn⸗ ſeſſel vollends, ſeitdem Benno bei ſeiner Zurückkunft von Kocher am Fall wieder zu ſeinem höchſten Verdruſſe eine neue Gabe ſeines manchmal unerträglich aufmerkſamen Freundes vorfand, einen in ſämmtlichen drei Zimmern gelegten bunten prachtvollen Teppich für den Winter... Gegen dieſe Zuvorkommenheiten des jungen Halb⸗Mil⸗ lionärs ließ ſich gar nicht angehen. Thiebold zerbrach, ſtatt des Gottes der Zeit, lieber zufällig ſelbſt einen 9 Stuhl und erklärte dann mit gemachtem Schreck, ſeinem Freunde oder den Wirthsleuten einen Erſatz dafür ſchuldig zu ſein, als daß er ſich die Gelegenheit hätte nehmen laſſen, Benno ſtatt nur durch Zank auch einmal auf dieſe Art ſeine Freundſchaft zu beweiſen. Den alten in Ruheſtand verſetzten Lehnſeſſel, der mit dem Sopha, in Rückſicht auf geflammtes Muſter und Ehrwürdigkeit des Ueberzugs, harmonirte, hatte er ſchon vor längerer Zeit einmal, wie er entſchuldigend ſagte, in Gedanken mit dem Federmeſſer, das er wie zufällig von dem Tiſche Benno's genommen, in der Armlehne zerſchnitten und den neuen Teppich motivirte er auf Benno's Vorwürfe, die ihn deshalb heute in der Frühe gleich beim Eintreten und in medias res gehend empfingen, mit folgenden Worten:. Beſter Freund, das bitt' ich mir denn doch aus! Seit⸗ dem ich einmal das Unglück gehabt habe, beinahe in den St.⸗Moritz zu fallen, bin ich gegen alles Kalte von einer merkwürdigen Empfindlichkeit! Im Winter hier bei Ihnen zu ſitzen und über den offenherzigen Dielen Ihrer Baracke mich zu erkälten— das werden Sie nicht ver⸗ langen können! Und bei alledem, erwiderte Benno, ſieht es nun erſt recht bei mir aus wie bei Bagage, die gern möchte und kann nicht! Der Teppich und der Seſſel führen jetzt das große Wort und haben die Oberhand! Jeder⸗ mann wird jetzt glauben, daß ich ſtatt heraufzukommen ein Heruntergekommener bin! Himmel! unterbrach Thiebold, zog ſeine Cigarren⸗ taſche und betrachtete ein auf dem Tiſche neben dem 6 Terminkalender liegendes kleines Octavbüchelchen, wor⸗ über Benno zierlichſt„Verläge“ geſchrieben hatte; Aſſelyn, iſt das Ihr Einnahmebuch? Sie haben ja einen Bogen mehr hinten angeheftet? Sind das die Einnahmen von dem großen Proceß der Dorſte⸗Camp⸗ hauſen, in dem Sie auch, hör' ich, zu thun bekommen werden? Und ſchon las er, eine Seite aufſchlagend: „7 Groſchen 6 Pfennige Concept— 2 Groſchen 6 Pfennige Copiatur—“ Wahrſcheinlich, erwiderte Benno, ihm trotz des Spottes das Büchelchen ſanft aus der Hand nehmend, wahr⸗ ſcheinlich haben Sie in Mainz einen ganzen ſchwäbiſchen Urwald in Empfang genommen, daß Sie heute ſchon frühmorgens ſo übermüthig Geldſeele ſind! Kommen Sie jetzt erſt mit Ihrem Holzfloß angeſchwommen? Oder hatten Sie die Nacht Geſchäfte mit einer vaterländiſchen Tabacksfabrik? Ich verſichere Sie, Ihre Atmoſphäre ver⸗ ſetzt die Phantaſie keineswegs in die Havanna! Merkwürdig, gab Thiebold zu und hatte bereits die Büchſe mit gemahlenem Kaffee aus Benno's Schreib⸗ ſecretär von verblaßtem Birkenmaſer genommen, indem er leicht und leiſe den Beſitzer, der dabei eine vorwitzige Unterſuchung ſeiner Kaſſe befürchtete, bei Seite drängte, ihm auch die auf dem Secretär ſtehende Maſchine aus und unter der Hand wegescamotirte und das heute, der noch nicht„bei Wege“ befindlichen Wirthin wegen eigne Sieden des Waſſers zum Kaffee ſich allein aneignete; merkwürdig, wie geiſtesabweſend ich geſtern geweſen ſein muß! Die ganze Nacht hab' ich von Piter's vermaledeiten den 7 Cigarren geraucht! Der Menſch will jetzt in der Stadt den Ton angeben! So! So! ſagte Benno. Waren Sie alſo wieder auf Ihrer amerikaniſchen Akademie! Dann nehmen Sie den Kaffee allerdings, bitt ich, ein Loth ſtärker! Welche große That iſt denn dieſe Nacht an der wahrſcheinlich für permanent erklärten Bowle beſchloſſen worden? Die Caricatur auf die Gebrüder Fuld und die Dru⸗ ſenheimer Sonntagspartie jetzt ſo ohne weiteres zu nen⸗ nen, nahm Thiebold de Jonge, der, wie es ſchien, im Crescendo begriffenen Satire ſeines Freundes gegenüber Anſtand. Gab es doch auch zunächſt Dinge, die ohne zu ſpaßen mit bitterm Ernſte verdienten abgemacht zu wer⸗ den! Die Verſöhnungen machte zwar Benno immer nur ſo ſcheinbar und ohne Gefühl und„links um die Ecke herum“, wie Thiebold ſagte, der,„wenn er einmal ge⸗ fühlvoll wurde“— er wurde dies viel öfter als er zugab— dann auch gern von allen Kirchthürmen mit Zinken und Poſaunen wie zur Weihnacht dazu geblaſen und mit allen Glocken geläutet haben wollte. Auch heute, war es der entbehrte Schlaf oder welche ſonſtige„lyriſche“ Stimmung, auch heute hätte er gern die Verſöhnung etwas feierlicher gewünſcht... Er ließ deshalb zunächſt Benno, der ſich vollſtändi⸗ ger ankleidete, allein reden, was ſonſt in ſeiner Gegen⸗ wart ſelten geſchah. Ohne Zweifel, ließ ſich Benno von der Schlafkammer aus vernehmen, ohne Zweifel haben Sie Ihren Freun⸗ den Bericht erſtattet von unſerm Manöver! Von dem Sturm auf die große Lehmſchanze, wo der alte Pritzelwitz 8 leibhaftig die Franzoſen vor ſich ſah, bis es von uns allen H hieß:„Und Roß und Reiter ſah man niemals wieder!“ 3 Thiebold ſchwieg... Er braute Kaffee und Ver⸗ mi ſöhnung. al Ein Glück, fuhr Benno fort, daß drüben nicht wirk⸗ D — liche Augereaus oder Dürocs commandirten! General m 3' Klebern hatten wir diesmal auf unſerer Seite! 1 Thiebold ſchwieg, ſelbſt in Erinnerung auf ein ganzes 9 Bataillon, das im Lehm ſtecken geblieben war. I Meine Stiefeln gingen am dritten Tage vollſtändig 3 aus der Naht! fuhr Benno fort; und die Reſerve, die Hedemann in meinem Mantel trug, paßte nicht, denn von dem ſiebenmaligen Sturm auf die Lehmſchanze hatt' ich Elefantenfüße bekommen, daß mir die Stiefel zu eng wurden! Und nun reiſen Sie mir mit Ihrem Stiefelmagazin ab! Ich glaube, Sie hatten in Rück— ſicht auf das Trottoir in Kocher und Ihre Hühneraugen ſechs Paar mit! So ſchnell waren Sie über alle Berge, daß man glauben konnte, Sie hätten ſie alle auf einmal angezogen! Haben Sie denn Ihren Freunden heute Nacht auch erzählt, wie Sie mich auf dem Weinberg beim Ober⸗ ſten von Hülleshoven abſchilderten? 1 Nun verzog Thiebold ein wenig die Miene... er merkte eine Geneigtheit des Freundes, auf ſeine„lyriſche“ Stim⸗ mung einzugehen. Unſereins iſt freilich zu unbedeutend, fuhr Benno, immer von der Kammer aus, fort, Gegenſtand ſo hochmö⸗ gender Discuſſionen zu werden. Was wurde denn erörtert? Das nächſte Faſtnachtsprogramm? Ich wäre für Mercur's Triumphzug! Alle neun Muſen müßten hinter dem 6 9 Handelsgott hergehen und ihm die ſchmeichelhafteſten Opfer bringen! In der Mitte ein großer Wagen ganz mit Roſinen gefüllt und Alexander von Humboldt davor als ein ganz gewöhnlicher Kutſcher in eurer Livree! Dann eine Heringstonne, Schelling und Hegel dahinter mit Löſchpapier in der Hand, Fichte im grauen Rock mit der Ladenſchürze! Dann eure heiligen drei Könige hier als Importeurs von Thee, Taback und Indigo— Melchior, der ſchwarze, noch mit einem Zuckerhut in der Hand— oder ſind Sie für Runkelrübe? Ohne im mindeſten ſich reizen zu laſſen von Benno's „lateiniſchem Stolze“, unterbrach Thiebold nur mit den einfachen und höchſt gelaſſen geſeufzten Worten: Nicht einmal kleinen Zucker im Vorrath! Damit holte er tief wehmuthsvoll einen Stiefelknecht aus dem Zimmer, in dem Benno's jugendlich knospende Praxis in dem Repoſitorium lag und wo er des Abends nach Hauſe kommend immer zuerſt muſterte, was etwa neu eingetroffen von ſeinem Schreiber in die kleine Baumſchule künftiger fruchttragender Proceß⸗Obſtgärten gelegt war, während er ſich dabei die Stiefeln auszog. Thiebold zerklopfte ein großes Stück Zucker, das er gleichfalls aus Benno's offenem Schreibſecretär, Kaſſa und Speiſekammer zu gleicher Zeit enthaltend, genommen hatte... Nun, erzählen Sie doch von Ihrer Reiſe! ſagte Benno und ſetzte, dies jedoch etwas kleinlauter, hinzu: Waren Sie denn auch in Lindenwerth? Thiebold klopfte am Fenſterſims Zucker; Benno trat im Hauskleide an den Kaffeetiſch... Sein geſchornes 10 Militär-Haar war ſchon wieder voller gewachſen und ſetzte auch ſeine gewohnte natürliche Kräuſelung an. Sein Teint, immer etwas bleich, war heute von einer milden Röthe angehaucht. Sein Hals lag offen, wie die Bruſt, die die ganze bräunliche Schönheit hatte, die von den Alten am Manne ſo gerühmt wird. Beide Freunde hätten ſich ganz wohl zu einem Modell der Dioskuren ſtellen können; vorausgeſetzt daß der Künſt⸗ ler ſowol eine kleine Neigung Thiebold's, mit ſeinen lichten Milchblutformen und dem ſozuſagen blonden Ha⸗ bitus ſeiner ganzen Conſtitution etwas ins Allzuvolle überzugehen, und bei Benno im Gegentheil eine gewiſſe brennende und an die mit phrygiſcher Mütze geſchmückten Geſtalten neapolitaniſcher Fiſcher erinnernde Magerkeit weiſe gemildert hätte. Auf die Frage: Waren Sie denn auch in Lindenwerth? war die Thiebold'ſche Gegenfrage: Geſtern iſt ja wol Ihr Vetter angekommen? gewiſſermaßen Blödſinn und doch lag eine Antwort darin. Beide nämlich, Benno und Thiebold, waren von dem Zwieſpalt in Armgart's Familie unterrichtet; beide wuß⸗ ten, daß Armgart's Lehrerin, Angelika Müller, an den Dechanten etwas Entſcheidendes in dieſer Angelegenheit geſchrieben hatte; doch kannten ſie den nähern Inhalt der Erklärungen Armgart's nicht und mochten den Oberſten am wenigſten drängen, ihnen mitzutheilen, was Bona— ventura in der Morgenſtunde, wo ſie noch nicht die Lehmſchanze erſtürmt hatten, doch ſchon früh genug aus waren, um einen forcirten Marſch zu unternehmen, bei ihm gewollt hatte. In Armgart's Angelegenheiten war etwas 11 vorgefallen, das hatten ſie, als ſie Abends ſpät todmüde zurückkamen, ſchon gemerkt; aber ſelbſt Benno wußte von der Wanderung vom Hüneneck an bis zur Maximinus⸗ kapelle aus Armgart's eigenem Munde über ihre heim— lichen Geſinnungen gegen den Vater nichts weiter, als daß ſie vor Sehnſucht brannte, ihm ein paar ſelbſtgefertigte Tragbänder zu ſchenken... Nun ließ ſich faſt annehmen, daß Bonaventura auch mit Aufträgen des Oberſten und Dechanten für Lindenwerth erſchienen war und darin lag denn doch eine gewiſſe Logik der Thiebold'ſchen Gegenfrage. Was ſoll ihm denn hier werden? fragte dann Thiebold und klopfte Zucker in Hoffnung, von Armgart zu hören. Er iſt auf heute früh zum Kirchenfürſten beſtellt... ſagte Benno und hob den Deckel der Maſchine auf, die ſtark genug war, Waſſer zum Sieden zu bringen. Man vermuthet eine Berufung an den Dom... Sieh! Sieh!... Blieben Sie denn noch in Kocher lange nach mir? Ein paar Stunden! ſteuerte Benno auf die feierlichere Beilegung der Differenz zu. Ich hatte Eile zu meinen Arbeiten zurück! Und Nück ſchrieb mir Aufträge für die Reiſe noch bei einigen Gutsbeſitzern und Bauern. ich kann alle Stunden gewärtig ſein, wieder auf ein paar Commiſſionen hinaus zu müſſen... Ich hoffe, daß Sie Ihren Vetter bei uns einführen! ließ Thiebold fallen. Wann wollen Sie mit ihm bei uns ſpeiſen? Mein Vetter iſt höchſt einfach und liebt die Geſell⸗ ſchaft nicht... Auch will er ſchnell nach St.⸗Wolfgang zurück, obgleich ich höre, daß der Kirchenfürſt unpäßlich iſt 12 und ihn vielleicht gar noch nicht einmal empfangen kann... Die reizbare Eminenz iſt, wie mir Enckefuß erzählte, in einer gewaltigen Aufregung, die ihn um ſo mehr erſchüt⸗ tern mag, als er ſie äußerlich nicht verräth. Nun war der verhängnißvolle Name Enckefuß ge⸗ fallen... Thiebold wich aber noch aus und ſagte: Daß ich von der Dechanei ſo kurzen Abſchied nahm!... Ich bereu' es faſt... Hat ſich das Verhältniß mit der Dame nicht ausgeglichen? Wiſſen Sie denn nicht? fiel Benno ein. Was ſoll ich wiſſen?— Während ich noch mit Frau von Gülpen zu ihren Gunſten parlamentirte, war ſie ja abgereiſt... Aber erfuhren Sie denn nicht, im Kattendyk'ſchen Hauſe— 2 Was? Mit Ihrem Zauberweibe haben Sie Ihre ſchlechten Cigarren unter Einem Dache geraucht! Ich weiß kein Wort... „Zauberweib“ war ein Ausdruck geweſen in Thie⸗ bold's großer Apoſtrophe an Benno's Herzloſigkeit. Dies Wort wirkte jetzt auf ihn wie die beſchämende Erinnerung an einen Rauſch... Er wollte etwas erwidern, verſchluckte es jedoch wegen nicht ausreichender Stimmmittel... Himmel! fuhr Benno fort. Wenn dieſe ſcharfen Augen und Ohren das Neglige Ihres tapfern Herzens und be⸗ ſonders Ihrer Zunge belauſcht hätten! Welche denn? Dieſe neue Bewohnerin des Kattendyl'ſchen Hauſes! Lucinde Schwarz! * 4 8 F B 32 Gott ſei Dank! Ich ſchwieg den ganzen Abend— Schnuphaſe vermittelte das Engagement! Auf die Folgen bin ich begierig! Deshalb war Piter ſo geheimnißvoll— Noch im Bahnhofe— Wo— 2 Wir brachten Pitern vor einer Stunde auf den Bahn⸗ hof! Er iſt nach Witoborn, um eine Liegenſchaft an⸗ zukaufen... Aus der Enckefuß'ſchen Schuldenmaſſe? Sieh! Sieh! Das neny' ich raſch bei der Hand! Wie ſo, Enckefuß'ſche— 2 Ich habe am Ende Pitern noch das Geleit gegeben, ein Angebot auf die Grundſtücke zu machen, die der Oberſt und Hedemann kaufen wollten? Beruhigen Sie ſich!... Indeſſen— Eben wollte Benno ſeinem Freunde auseinanderſetzen, daß ſich der Aſſeſſor von Enckefuß auf ſeine, Benno's, Verwendung an den Procurator Nück gewandt hätte, ihm in der Befreiung ſeines überſchuldeten Vaters von den bitterſten Verlegenheiten behülflich zu ſein... Eben gab er eine Schilderung der Verhältniſſe des Rittmeiſters, die ganz den Erinnerungen, die von dieſem Lucinde haben mußte, entſprach... Eben mußte er zugleich ſein Erſtaunen ausdrücken, daß, wenn Piter Kattendyk wirklich die Encke⸗ fuß'ſche Maſſe erſtehen wollte, dies nur im Auftrage ſeines Schwagers geſchehen ſein könnte, jedoch in einer Eile, die ihn wahrhaft überraſche— als Thiebold vom Fenſter aus eine ungewöhnliche Aufregung auf dem klei⸗ nen Platze bemerkte. 14 Was gibt es denn da? unterbrach Thiebold in plötzlichem Ausruf Benno's und ſeine eigene Beſorgniß, die er für Hedemann's Mühle ausſprechen wollte, die einen Theil der überſchuldeten Enckefuß'ſchen Beſitzthümer bildete... Auch Benno hatte ſchon lange ein ungewohntes Trep⸗ penlaufen in ſeinem kleinen Hauſe bemerkt, war auch ans andere Fenſter getreten und beſtätigte ſchon, daß an ei⸗ nem ganz in einen Winkel des kleinen Platzes gedrückten Hauſe ein ſtarker Zuſammenlauf von Menſchen ſtattfand, ja eben beſtieg ſogar ein Polizeicommiſſar eine nach der Straße offen liegende Treppe des von den Menſchen aufgeregt umſtandenen Hauſes... Die Menſchen dräng⸗ ten nach... Der Commiſſar wandte ſich und verbot jedem, nur auch einen Schritt weiter zu folgen... Damit ſchloß er die Treppenthür hinter ſich zu und verſchwand. Thiebold hatte in ſeiner raſchen Art ſchon zum Fen⸗ ſter hinausgeſprochen, was denn da wäre? Es iſt die Nacht einer ermordet worden! hieß es. Wie? Werd riefen beide Freunde zugleich. Eine Frau! Die ſanguiniſche Natur Thiebold's hatte ſchon den Hut in der Hand und ſtürzte die Stiege hinunter, um wenn nicht für ſich, doch für ſeinen Freund Benno eine für ſo nahe Nachbarſchaft beunruhigende Thatſache feſt⸗ zuſtellen. Indem kamen bereits die Wirthsleute Benno's und berichteten ihm, daß in dem Hauſe drüben eine alte ſtadt— bekannte geizige und nach allgemeiner Vermuthung reiche Frau dieſe Nacht wäre ermordet worden... Die Milch⸗ frau hätte die Thür ihrer Wohnung offen gefunden.. wo 15 wäre hineingegangen und hätte die alte Dame mit einer Schlinge um den Hals erwürgt gefunden, dicht am Kü— chenherde. Eine Frau Hauptmännin— hieß es; der Name ging Benno verloren, zumal in der Eile, mit der man auf jeden ausſein mußte, der neue Mittheilungen brachte. Benno, inzwiſchen vollends angekleidet, wollte gleichfalls ſeinen Hut holen. Ohnehin bekümmerte ihn, da ihn geſtern Nachmittag ausſchließlich Bonaventura in Anſpruch ge⸗ nommen und er Nück nicht geſprochen hatte, die plötzliche Ahnung einer Gefahr, in die ſowol Hedemann's und des Oberſten Ankauf als ſelbſt die momentane Schuldenbe⸗ freiung des Landraths und Rittmeiſters von Enckefuß ge⸗ rieth. Der„ſchöne Enckefuß“ beſaß daheim, ſoweit Benno wußte, keinen einzigen Beiſtand, keine einzige Hülfsquelle mehr. Die Gläubiger konnten ſein Eigen⸗ thum, ein größeres Anweſen vor und in Witoborn, in Anſpruch nehmen und ſchon hatte Hedemann davon eine Mühle und deren Gerechtſame für ſich erſtehen wollen von einem der Witoborner Juden, der darauf eine Hy⸗ pothek hatte, die dem ganzen Werthe des Grundſtücks faſt gleichkam... Kaufte Hedemann ſie von dem Gläu⸗ biger, ſo erſtand er ſie zu geringerem Preiſe. Trat aber ein Geſammtkäufer ein, der die Schuldner befriedigte und— wie der Aſſeſſor für ſeinen Vater hoffte— ſich mit dieſem, der ohne Beſitzthum nicht mehr Land⸗ rath ſein konnte, arrangirte, ſo fielen vielleicht Hede— mann's Hoffnungen nicht nur auf einen wohlfeilen Preis, ſondern vielleicht überhaupt die für den Ankauf und eine neue Begründung ſeiner Exiſtenz vorhandene Möglichkeit 16 dieſer Erwerbung fort. Ließ Nück, ohne ſeinem Hülfs⸗ arbeiter davon etwas zu ſagen, dieſen Ankauf in ſolcher Eile und hinter ſeinem Rücken vollziehen— noch geſtern früh war kaum die allgemeine Bereitwilligkeit des oft gar ſeltſamen Procurators gewonnen geweſen—, ſo fiel zwar die Hoffnung gerade nicht fort, daß Hedemann ſeine Mühle bekam, doch jedenfalls wurde der Preis größer, als durch den Ankauf von jenem Einzelnen, der ſeine Hypotheken retten wollte. Und noch war ſeiner ſchnellen Combination ſogleich etwas Anderes räthſelhaft geweſen. Nück's Neigung, dem bedrängten Enckefuß zu helfen, ſchien ihm keine aufrichtige. Er hatte es ſogar anfangs ganz unbedingt abgelehnt. Und ſogar von Hedemann und dem Oberſten hatte er die Worte fallen laſſen: Beſter, was iſt denn nur das? Ich höre ja, dieſe beiden Leute ſind aus Amerika zurückgekommen und noch nicht ein einziges mal hat einer von ihnen hier oder in Kocher am Fall oder in Witoborn einer Meſſe beigewohnt?... Benno wollte aufs ſchleunigſte zu Nück oder Enckefuß. Ein Glück aber zunächſt für den Kaffee, daß eben auch Thiebold wieder zurückkam... Raſch zuſpringend auf das überſiedende Waſſer und ohne die Bereitung des Frühſtücks aus dem Auge zu verlieren, erzählte er: Ja das iſt ſchön! Ein richtiger completer Mord! Ich bin von der Wache hinaufgelaſſen worden und habe mir die Ge⸗ ſchichte angeſehen! Hinter den Vorhängen im zweiten Stock drüben... Schauerlich!... Braun und blau... In der Küche dicht am Feuerherd liegt eine alte Perſon... mit —— — 17 'nem gräßlich entſtellten Angeſicht... und gerade als wollte ſie in Todesangſt hinunterkriechen unter den Verſchlag, wo das Holz liegt... Der Mörder faßte ſie dabei von hin— ten... erwürgt iſt ſie... darüber kann kein Zweifel ſein... alle Schränke und Kommoden in den Vorzim⸗ mern ſind erbrochen... ringsum liegen Papiere zerſtreut und durchwühlt... und wie bei einer completten Hexe ſieht's aus... ausgeſtopfte fürchterliche Vögel und Fuß— decken von wilden Thierfellen und lange indianiſche Lan⸗ zen mit Pfeilſpitzen und Köchern.... Die Milchfrau klingelte und klopfte heute früh, findet die Thür offen, geht hinein und ſieht die alte Perſon auf dem Pflaſter der Küche liegen, wie geſagt, gerade am Feuerherd. Keine Vermuthung auf den Mörder? rief ein Chor von Hausbewohnern, der ſich die Reſultate der Thiebold'⸗ ſchen Erkundigungen nicht entgehen laſſen wollte und das Vorrecht der Wirthsleute, einzutreten, durch Nach⸗ drängen mitbenutzt hatte. Ich hörte nichts!... ſagte Thiebold. War ſie denn ohne Bedienung—? ſtotterte ein alter zum Tod erblaßter Garcon aus der Dachſtube, der ſich im Nachtkamiſol ſein Frühſtück eben ſelbſt geholt und die Milchkanne zitternd in der Hand hielt. Ihr letztes Mädchen, erzählte man, war ſchon vor Wochen abgezogen— ſie wartete auf ein neues— die Perſon war berüchtigt, daß kein Dienſtbote bei ihr län⸗ ger als vier Wochen aushielt... Erſt in neuerer Zeit blieben manche etwas länger... Das waren Mädchen, die aus den Klöſtern oder von Vereinen geſchickt wurden... Da bei alledem dennoch die Frau Wirthin friſches Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 2 9 18 Weißbrot, Milch und die im Keller aufbewahrte Butter brachte, ſo kam der Name der Hauptmännin von Buſchbeck noch einmal an Benno's Ohr und jetzt erſt war es ihm, als hätte er dieſen doch kürzlich von jemand nennen hören... Erſt, wie die Wirthsfrau erzählte, die Frau wohnte vort oben ſchon ſeit ſieben oder acht Jahren, wäre ſteinalt geweſen, nie mehr ausgegangen und ſchon von andern Städten wäre ſie um ihrer Bosheit willen hierher ge⸗ kommen... und der, der ſie umgebracht hätte, der müßte Beſcheid gewußt haben... erſt wie das alles all⸗ mählich auf Benno einwirkte und ihm plötzlich die Er⸗ innerung kam, daß er einen übel berüchtigten, leider mit ſeinem Principal, dem Procurator Nück, vertrauten Mann, einen gewiſſen Jodocus Hammaker, einen ver⸗ dorbenen Advocaten, Winkelagenten und Makler verdäch⸗ tiger Geſchäfte zuweilen Abends von jener Stiege her⸗ abkommen geſehen hatte... erſt da fiel ihm ein: Auf jener Fahrt von St.⸗Wolfgang fragte ja Lucinde Schwarz nach einem ſolchen Namen und nannte ihn geradezu eine Schweſter der Frau von Gülpen! Benno ſtand ſo in Nachſinnen vertieft, daß er Thiebold's Bemerkung, eben käme der Aſſeſſor von Enckefuß mit einem Schreiber daher und ginge auf das Haus des Fre⸗ vels zu und nähme wahrſcheinlich das Protokoll auf, überhörte... Die Grauengeſtalt jenes Hammaker verließ ihn nicht... Und Frau von Gülpen!... Seine Em⸗ pfindungen für die Freundin ſeines Adoptivonkels waren die dankbarſten!... Seine früheſten Knabenerinnerungen bewahrten der wunderlichen, an ſich reſpectabeln Frau ein Butter mvon tt erſt jemand wohnte ſteinalt andern her ge⸗ müßte es all⸗ die Er⸗ leider ttrauten een ver⸗ verdüch⸗ ge her— uf jener Schwarz zu eine iebold s uß mit es Fre⸗ oll auf, verließ ne Em⸗ z waren eerrungen Frau ein 19 mannichfach verpflichtetes Andenken!... Seine früheſten Lebenseindrücke... welche waren es denn?... Das lä⸗ chelnde Antlitz einer ſchönen vornehmen Frau, die einſt wie unter Harfenklängen und Engelſtimmen und gerade wie ſelbſt bei der grimmigſten Nordlandskälte ſich die Kind⸗ heit in der geweihten Nacht um der duftenden Aepfel, Nüſſe und Wachskerzen willen die ſternenhellen, eiſigen Lüfte draußen nur vom Lobgeſang der Hirten und dem Flügelrauſchen himmliſcher Heerſcharen erfüllt denkt, aus einer glänzenden Kutſche ſtieg, ſich über ihn beugte und ihn küßte... eine weite Reiſe dann, die ſich ihm unter dem Bilde einer endloſen Reihe von Bäumen einge⸗ prägt hatte, ſolchen, wie ſie bei nürnberger Schäfereien krausköpfig von Holz geſchnitten ſind und ebenſo raſch umfallen, wie die langen Schwadronen bleierner Solda⸗ ten... das Blitzen dann der Epaulettes des franzöſiſchen Offiziers Max von Aſſelyn, der ihn adoptirt hatte... nicht, daß dieſe Epaulettes noch auf des Adoptivvaters Schul⸗ tern ſaßen, ſondern er ſpielte mit ihnen, mit den abgelegten, ausgedienten... dann klangen ihm im Gedächtniß die dumpfen Glocken, die das Begräbniß Maxens von Aſ⸗ ſelyn bedeuteten; den Sarg hatte er nicht geſehen, nur den vom Kirchhof zurückkehrenden Geiſtlichen, eine hohe mächtige Figur in weißem Ornat mit goldſtarrendem Beſatz, den Pfarrer Perl zu Borkenhagen... dann tummelte er ſich mit Hedemann auf dem Gehöft der Aeltern deſſelben, ritt nach Witoborn, Weſterkamp und ſah im Geiſte immer die Leute aus der alten Ludgeri⸗ Kapelle bei Stift Heiligenkreuz kommen mit Geſangbü⸗ chern, von denen ſich, wie das ſo iſt in unſerm wunder⸗ 2* 20 lichen Vorrathshauſe, dem Gedächtniſſe, gerade vorzugsweiſe der blitzende goldene Schnitt eingeprägt hatte... auch die vierſpännige Kutſche des Grafen Joſeph von Dorſte⸗ Camphauſen, des letzten ſeines Stammes, Vaters der Gräfin Paula, ſah er oft... dann wurde er in Penſionen gegeben, hierher an den ſchönen Strom, erſt in die Re⸗ ſidenz des Kirchenfürſten, dann unter Bonaventura's, des ſchon etwas Aelteren Aufſicht nach der nahe gelegenen Univerſität, wo er die Vorbereitungsſchulen und dann die Hochſchule ſelbſt beſuchte— alles das hatte der Dechant möglich gemacht und Frau von Gül⸗ pen ſpielte bei dieſen Phantasmagorieen der Erinnerung die freundlichſte und mütterlichſte Rolle... er wie Bo⸗ naventura wurden verſorgt von ihr mit allem, was nur zu des Leibes Pflege und Nothdurft gehörte, Ausſtat⸗ tung an Wäſche und wohlwollenden Rathſchlägen aus ihrem bekannten reichen Schatz mediciniſcher und diä⸗ tetiſcher Erfahrungen... Zwiſchen alles das aber hin⸗ durch hatte er nie von einer Schweſter der Freundin ſeines Oheims gehört, nie nur den Namen früher nen⸗ nen hören als zum erſten male durch Lucinden... Und jetzt ſollte dieſer ſich ſo grauenvoll in Erinnerung brin⸗ gen? Sollte in eine Verbindung treten mit dem ſtillen Frieden der Dechanei? Sollte in jene leidenſchaftsloſe, nur der Ruhe und dem Behagen gewidmete Welt die düſterſten Schatten werfen? Die Schonung und die Scheu vor Menſchen, denen Benno ſo dankbar verpflichtet war, hinderte ihn ſelbſt gegen Thiebold ſein Erſtaunen und ſeine tieferſchütterte Ueberraſchung auszuſprechen. gsweiſe uch die Dorſte⸗ ers der eſionen die Re⸗ nturas, aahe gſchulen les das on Gül⸗ nerung wie Bo⸗ vas nur Ausſtat⸗ gen aus und dia⸗ ber huü⸗ Freundin her nen⸗ .. Und ng brin⸗ m ſtillen aftsloſe alt die Gelt die n, denen hn ſelbſt ſchütterte 21 Unruhig und bewegt ſtand er auf und ſchritt in ſei⸗ nem Zimmer, deren Thüren er öffnete, auf und nieder... Thiebold nahm, während ſie dann von den Leuten frei wurden, die Thür ſchloſſen und frühſtückten, ſeine Bemerkung, daß der Aſſeſſor von Enckefuß drüben im Hauſe der Ermordeten wäre, dann Piter's Reiſe und die Gefahr des Hedemann'ſchen Ankaufes wieder auf. Letztere ſtellte jedoch Benno entſchieden in Abrede. Nur ſtaun' ich, ſagte er, wie das ſeit geſtern ſo raſch gegangen! Schon in Kocher am Fall theilte ich Hedemann und dem Oberſten mit, daß ich, wenn etwa Nück der Geſammtgläubiger des Herrn von Encke⸗ fuß würde, dafür Sorge tragen wollte, daß Hedemann die Mühle um den Preis bekäme, den er an den auf ſie angewieſenen Hypothekengläubiger zahlen wollte. Alle dieſe Gläubiger laſſen mit Freuden ihre Hypotheken mit einem Verluſte ab, wenn ſie nur überhaupt die Sub⸗ haſtation vermeiden können, bei der ſie verlieren; denn auf dieſe Beſitzungen wurde mehr Geld aufgenom⸗ men, als ſie jetzt Werth haben. Kauft Nück durch ſei⸗ nen Schwager die Hypotheken auf, ſo wird er der al⸗ leinige Gläubiger des Verſchuldeten und ich hoffe— in⸗ deſſen wünſcht' ich doch zu wiſſen, ob der Aſſeſſor lange drüben verweilt und ob er vielleicht— Herüber kommt? unterbrach Thiebold, ſehr befriedigt von der dann nothwendigerweiſe eintretenden voll⸗ ſtändigen Ausſöhnung, Und dieſer Ausſöhnung ſchon gewiß ſagte er: Es iſt einzig, welchen Nachdruck der Oberſt und Hedemann auf dieſe Erwerbung bei Wito⸗ born legen! 22 Beide haben, erklärte Benno und fixirte die Fenſter, wo die Ermordung ſtattgefunden— die Küche ſelbſt lag nach hinten auf eine düſtere und einſame Brand⸗ mauer hinaus— beide haben den Stolz, da, wo ſie zu Hauſe ſind, mit dem gebührenden Nachdruck ihrer ganzen alten Lebensſtellung wieder auftreten zu wollen! Hm! grübelte Thiebold und ſetzte kleinlaut hinzu: Wie viel anders könnte das alles ſein— wenn— Glauben Sie wol, Aſſelyn, unterbrach er ſich, daß ich einmal, ich will nicht ſagen jetzt, aber in einem Jahre oder zwei, einen— Korb bekomme, falls ich als Bür⸗ gerlicher— Benno verſtand vollkommen, daß Th iebold von einer Werbung um Armgart und den Vortheilen einer Ver⸗ bindung des Vaters mit ſeinem Vermögen ſprechen wollte. Bürgerlicher? De Jonge! ſagte er ſcheinbar iro⸗ niſch, während ihm alle Nerven zuckten und Thie⸗ bold's auch nur angedeutete Werbung einen Stich durchs Herz gab. De— de—? Ach ſo, Sie meinen— ſagte Thiehold verlegen. De Jonge—! Wer wird Ihnen einen alten nie⸗ derländiſchen Adel abſtreiten können! Einen Adel, der viel Mesalliancen durchgemacht hat! Wir handeln jetzt mit Brenn- und Nutzholz, aber kein Baum hat uns je ſo morſch auf Lager gelegen wie unſer Stammbaum! Das De ſagt immer etwas— Hören Sie'mal, meine ſel'ge Mutter war ſogar eine geborne Tor— Tor Möhlen! um ——— enſter, ſelbſt rand⸗ vo ſie ihrer ollen! hinzu: — aß ich Jahre Bür⸗ einer Ver⸗ wollte. r iro⸗ Thie⸗ durchs ſickold en nie⸗ t hat! er keint en wie ſogar Zur Mühlen! Sie ſehen, wie alles zuſammenkommt, um das Waſſer auf Ihre Mühle zu treiben! Aber Joſeph Tor Möhlen— Twiſt und Baumwolle— Haben Sie denn nicht gehört, daß der Oberſt von Hülleshoven nicht übel Luſt hat, mit Hedemann die Mühle ganz einfach in eine Papierfabrik zu verwandeln? Nach dem Dechanten, als die Rede davon war, ein bloßer Scherz... Scherz, den der Oberſt ernſt zu nehmen der Mann iſt! Oder haben Sie nicht bemerkt, daß in die⸗ ſem Sonderling ein Gelüſten lebt, dem ganzen Geiſte ſeiner Provinz gleichſam einen Fehdehandſchuh hinzuwerfen? St! unterbrach Thiebold, der bei alledem ſo in Ge⸗ danken verloren war, daß er ſeine Abſicht ganz vergeſſen hatte, die Rückkehr des Herrn von Enckefuß aufs Fen⸗ ſter blickend abzupaſſen und ihn gemüthlich, als wäre nichts zwiſchen ſeinem geliebten Hedemann und dem Aſſeſſor im Garten des Wirthshauſes am Kreuzwege vorgefallen, anzurufen. Aufhorchend fuhr er fort: Sie be⸗ kommen Beſuch! Man hörte auch das gleichmäßige und ſichere Erſteigen der Treppe durch einen feſten Schritt, der an der Thür Benno's Halt machte... Es klopfte und ohne erſt lange ein Herein! abzuwarten trat der Aſſeſſor von Enckefuß ins Zimmer. Vom Schauplatz eines Mordes zu kommen wird den Ruhigſten in Aufregung bringen. Der Aſſeſſor war ſonſt ein Mann von einer ſeltenen Beſtimmtheit und Faſſung; heute, in aller Frühe ſchon vom Lager ge⸗ rufen, um den Thatbeſtand eines ſeltenen Verbrechens 24 aufzunehmen und den Eifer und Scharfſinn ſeiner Bei⸗ geordneten zur Entdeckung des Urhebers in Bewegung zu ſetzen, fehlte ihm faſt jene Selbſtbeherrſchung, die ihn nie und nur dann verließ, wenn er ſich einmal von ei⸗ nem im Grunde heftigen Temperamente fortreißen ließ. Aus dem Scherze, den er ſich im Behagen, von ſeinem täg⸗ lichen Amtsverdruß auf einige Tage einmal ausgeſpannt zu ſein, gegen Porzia Biancchi erlaubt hatte, würde ohne Benno's Dazwiſchenkunft leicht gegen Hedemann eine raſche und ſchwer zu bereuende That geworden ſein. Die gewohnte Kaltblütigkeit des etwa im Anfang der Dreißiger befindlichen, wohlgewachſenen und impo⸗ nirenden Mannes kehrte zurück, als er Thiebold de Jonge ſah, der ihn ſeit dem Zuſammenſtoß mit Hedemann ver⸗ mieden und in Kocher ganz an Benno überlaſſen hatte. In jeder Lage, wo ein anderer durch eine unerwartete Störung in Verlegenheit gebracht wird, knöpft ein Cha— rakter wie der Aſſeſſor ſozuſagen einen Knopf noch mehr zu und wird noch kühler werden, als ohnehin ſchon in ſeinem Weſen und Benehmen liegt. Nun alſo ſchon wieder in dem gewohnten Tone einer vor nichts erſtaunenden Ruhe und Kälte ſagte der in ſeinem Amte gewiegte, in ſeinen Unternehmungen von guten Erfolgen begleitete Beamte: Herr von Aſſelyn! Ich ſuchte Sie geſtern Abend überall vergebens— mein Vater iſt angekommen— in dem Drang ſeiner Angelegenheiten begaben wir uns ſo⸗ fort zu Nück— eine Viertelſtunde und die Verſtändi⸗ gung war gemacht— ich danke das ohne Zweifel Ihrer Vorbereitung! Machen Sie meinem Vater das Ver⸗ gnügen, heute im Engliſchen Hofe mit uns ein Frühſtück 25 einzunehmen— Auch Sie, Herr de Jonge, ſind vielleicht zugegen— obgleich Sie die Nacht nicht geſchlafen ha⸗ ben! ſetzte er nach einer leichten Verbeugung lächelnd hinzu. Woher wiſſen Sie das? fragte Thiebold mit nicht erkünſtelter Kälte. Benno, um Reibungen zu verneiden, hielt ſich an die Ueberraſchung, die ihm die Ankunft des Rittmeiſters und Landraths von Enckefuß verurſachte. Er wiederholte einigemal: Ich war bei meinem Vetter— im Schnup⸗ haſe'ſchen Hauſe— ſieh, ſieh— nun iſt mir das ſchnelle Arrangement erklärlich! Thiebold bereute indeß ſeine Aufwallung... Um eine Coalition der Hypothekengläubiger zu ſpren⸗ gen, fuhr der Aſſeſſor fort, reiſte Herr Kattendyk noch in dieſer Nacht nach Witoborn ab— man hat Sie in aller Frühe im Bahnhof geſehen, Herr de Jonge— alſo vermuth' ich, daß ich richtig errieth— indeſſen bis zwölf Uhr, wo uns mein guter Alter erwartet, könnten Sie noch ausgeſchlafen haben und es wird Sie freuen, Herr de Jonge, ich habe ausdrücklich die Käuflichkeit der Mühle für meinen intimen Feind, Herrn Remigius Hedemann, beim Vater und bei Nück ausbedungen— auch zu dem Preiſe, für den ſie der Gläubiger ablaſſen wollte! Daß dieſe Sorgen hinter mir liegen, dank' ich Ihnen, Herr von Aſſelyn! Alſo ich hoffe, Sie kommen! Benno ſchützte, wenn er ausbleiben ſollte, die Ab⸗ hängigkeit von Bonaventura vor. Thiebold, raſch jetzt erwärmt und verſöhnt, rückte mit ſeinem Stuhle dem Aſſeſſor näher, zeigte ihm das auf dem Platz ſo zunehmende Gewühl, daß ſchon Mi⸗ 26 litärwache berufen wurde, die Leute vom Eindringen in das Haus, wo die That begangen war, zurückzuhalten, und fragte nach ſeiner Anſicht über den Vorfall. Das iſt eine traurige Affaire! ſagte der Aſſeſſor. Die Alte wurde mit einer Schlinge erwürgt, gerade wie man einem Stier den Hals zuſchnürt und ihn dann nieder⸗ zieht! Sie muß von ihrer Stube bis hinten in die Küche geflüchtet ſein, wo der Mörder ſie am Feuerherd feſthielt und ſo vollends— Und keine Vermuthung? fragten beide Hörer zu glei⸗ cher Zeit. Geſindel haben wir genug in der Stadt! ſagte der Aſ⸗ ſeſſor und lehnte die angebotene Theilnahme am beſchei⸗ denen Frühſtück nicht ab. Sie wiſſen ja von dem Knecht aus dem Weißen Roß, der in St.⸗Wolfgang den Sarg erbrochen! Der Menſch ſoll hier in der Stadt geſehen worden ſein! Uebrigens war dieſe Frau berüchtigt durch ihren Geiz. Seit Jahren ging ſie nicht mehr aus. Dennoch fehlte es um ſie her nicht an Verkehr. Sie nannte ſich eine Frau Hauptmann von Buſchbeck, wäh⸗ rend ihr nur ein anderer Name gebührt— er ſteht in den Acten. Geldmittel erhielt ſie mit großer Regelmäßigkeit von unſerer Freiherrlich Wittekind⸗Neuhof'ſchen Kameral⸗ Verwaltung bei Witoborn. Vor vielen Jahren war ſie in Dienſten des alten Freiherrn von Wittekind! Benno hörte mit beklommenem Herzen die Beſtäti⸗ gung der Beziehungen der Ermordeten zu Schloß Neuhof... Die Alte, fuhr der Aſſeſſor fort, kam vor ſieben oder acht Jahren hieher und brachte bald die Polizei mit 27 ſich in Berührung. Kein Dienſtbote blieb länger als einige Wochen bei ihr, mancher kaum einige Tage. Sie quälte und mishandelte ſie ſo lange, bis niemand mehr zu ihr ziehen wollte. Bei dem Geiz ihrer Lebensweiſe hätte ſie für ſich allein auskommen können, ohne Be⸗ dienung, aber wahrſcheinlich hatte ſie das Bedürfniß der Geſellſchaft. Sie half ſich zuletzt, wie ich gehört habe, durch einen Rath Ihres in allem kundigen Pro⸗ curators! Nück's? fragte Benno ſinnend und keineswegs erſtaunt . Die Klugheit deſſelben war ihm geläufig. Sie deponirte ein Teſtament mit Nück's Hülfe und bekam von ihm oder von ſeinem damaligen Gehülfen Hammaker— Benno bemerkte ein momentan aufblitzendes, wenn auch nur ganz kurzes Leuchten in den Augen des Aſſeſſors— Von Hammaker, glaub' ich, den Rath, einer geiſt⸗ lichen Schweſterſchaft ein Legat auszuſetzen und ſich von dieſer dann die Dienſtboten beſorgen zu laſſen. Der Vermittler iſt Schnuphaſe— Sie kennen ihn ja—! Daß unſer gefälliger und ſo zartfühlender Herr Maria die Auszahlung des Legats durch eine am Halſe der Alten angebrachte Schlinge hat befördern wollen, iſt nicht anzunehmen... Ebenſo wenig wie von einer der durch die Schwe⸗ ſterſchaft zugeführten Mägde... ergänzte Thiebold mit jener aufwallenden Empfindlichkeit, die hier zu Lande bei der geringſten Reizung religiöſer Beziehungen üblich iſt. Meine Herren, ſagte der Aſſeſſor lächelnd, ich werde Sie ſchonen und Ihr Ohr auch nicht mit der Anſicht d 28 8 eidigen, daß die bekannte Schweſterſchaft zu den Noth⸗ helfern die Alte hat umbringen laſſen... Und faſt verdrießlich lehnte er eine zweite Taſſe Kaffee ab und wollte ſich entfernen. Ihm genügte, die Einladung gemacht zu haben zum Frühſtück mit ſeinem lebensfrohen und jetzt, wie es ſchien, ganz ſorglos gewordenen Vater. Benno verſicherte, daß Thiebold ohne Vorurtheile und vollkommen neugierig genug wäre zu vernehmen, welche Rolle bei dieſem tragiſchen Vorgang die Schwe⸗ ſterſchaft zu den Nothhelfern ſpielte. Meine Herren, ſagte der Aſſeſſor, ich gehöre Ihrer Kirche nicht an, aber wenn Sie es hören wollen, ſo verſichere ich Sie, daß Hamlet's Wort zu Horatio: „Es gibt Dinge unter dem Monde, die unſere Schul⸗ weisheit ſich nicht träumen läßt!“ hier am Platze iſt. Di 8 Frau bekam vor drei Jahren keinen Dienſt⸗ boten mehr; ſeitdem ſie aber mit Hammaker, wollt' ich ſagen mit Nuc geſprochen, geht alles. Die Schweſter⸗ ſchaft beauftragt Schnuphaſe, die Mädchen vom Lande zu holen. Lebensfrohe paſſen natürlich für dieſe Stel⸗ lung nicht und ſolche, die zuletzt in ein Kloſter gehen, entdeckt ſchon ein ſo kundiger Blick wie der des Herrn Wachslichterfabrikanten. Die Aufgabe, die Klöſter zu bevölkern, iſt von Rom geſtellt. Wir haben der Klöſter noch immer mehr, als mit der Richtung und dem Geſchmack des neunzehnten Jahrhunderts im Einklang ſteht. Was iſt zu thun? Man muß ihnen einen Zuwachs künſtlich erwerben. So werden die Wall⸗ fahrten in Aufnahme gebracht, ſo fangen die wunder⸗ thätigen Heiligenbilder an Blut zu ſchwitzen und Thrä⸗ ſter⸗ unde ötel⸗ hen, errn zu öſter dem llang einen Lall nder⸗ Thrä- 29 nen zu weinen, ſo werden Vereine geſtiftet, Geſellen-, Meiſter⸗, Lehrlingsvereine, Vereine für Erkrankung und Beerdigung, Vereine für Bildung und Unterhaltung, Nähvereine für die Mädchen, alles unter kirchlichen For⸗ men und mit geiſtlicher Aſſiſtenz und vor allem hat Rom den Beweis zu führen, daß wirklich für die Klöſter eine nicht mehr zu hemmende Sehnſucht im Volke vorhanden wäre. So lockt man die Gemüther in die Bahn der Entſagung, feſſelt ſie durch entſprechende Vorbereitungen, macht ſie mit den auch dem Kloſterleben nicht fehlenden Annehmlichkeiten vertraut und die Folge iſt, daß— Doch nicht etwa, fiel ungeduldig Thiebold ein, die Perſon da drüben von Jeſuiten oder ſonſt einem Eurer Geſpenſter umgebracht iſt? Der Aſſeſſor erhob ſich und nahm zwar nur die Miene an, als wenn ihn der zunehmende Lärm auf dem Platze zwänge zu ſeinen Amtsgeſchäften zurückzu⸗ kehren, aber es vertrieb ihn eine unverkennbare Aufwal⸗ lung und Entrüſtung. Raſch abbrechend und aufs neue an die Hoffnung erinnernd, beide Freunde um zwölf Uhr im Engliſchen Hof bei ſeinem Vater zu finden, verließ er ohne viel Förmlichkeit das Zimmer. Und mit einem Ausdruck, als wollte er ſagen: Freund, wenn Sie ſich doch nicht in Dinge miſchteu, die Sie nicht verſtehen! begann nun Benno: Da haben Sie jetzt die Antwort auf Ihren Witz und Ihren gewohnten Scharfſinn! Nein aber auch unglaublich, was dieſe Menſchen herausſpioniren! polterte Thiebold. —— ——.— 30 Seien Sie verſichert, mein Beſter, ſagte Benno, daß der Aſſeſſor von Enckefuß die Jeſuiten für keine Ge⸗ ſpenſter zu halten vollkommen berechtigt iſt! Die Bewe⸗ gung auf dieſem Gebiete iſt für den, der im Dunkeln ſehen kann, die eines Ameiſenhaufens! Ich habe, wie Sie wiſſen, an und für ſich meine Freude daran. Nicht weil ich dieſer Pfafferei und dem römiſchen Weſen den Sieg gönne, ſondern weil in die dumpfe Stille unſerer Zuſtände, in die Stagnation jedes politiſchen Lebens, in die niedergehaltene patriotiſche Kraft und nationale Geſinnung denn doch irgendetwas hereinbricht und der geiſtigen Sklaverei, der Bureaukratie, dem in allen Maß⸗ nahmen vorausgeſetzten„beſchränkten Unterthanenver⸗ ſtande“ ein Ende macht! Ich gehe nicht ſo weit wie Nück, dem die Religion Bagatelle iſt und der ſich nur vergnüglichſt die Hände reibt, weil die Miniſter, die z. B. ſo erbittert ſeine Aſſiſen und ſeinen Rechts⸗ coder haſſen und verfolgen, nun doch einmal von der ſonſt loyalſten Seite aus und innerhalb„einer gar nicht zu beſtreitenden Berechtigung jetzt in die ärgſten Verlegenheiten gerathen— dieſen Cynismus der Ge⸗ ſinnung beſitz' ich nicht— wie Sie denn überhaupt in Kocher am Fall, heſter Freund, meine Verehrung vor dem verbitterten und die Sackträger um ihr Kegel⸗ ſchieben beneidenden Mann unerlaubt übertrieben ha⸗ ben! Von Ihrer ganzen Auffaſſung meines Herzens und meiner Lebensanſichten werd' ich überdies die Ehre haben, Ihnen einfach zu ſagen, daß Sie ſich ir⸗ ren, lieber alter Freund! Ich habe einen unverwüſt⸗ lichen Trieb zur Gerechtigkeit und wer den hat der wird andern immer kalt erſcheinen! Seine Prü⸗ fung, niemanden Unrecht zu thun, wird immer länger dauern als der flackernde Enthuſiasmus der minder Bedenklichen. Von meiner perſönlichen und Privat⸗Le⸗ bensſtimmung will ich gar nicht reden, aber die Zeit ſelbſt wird ſo ernſt, lieber Freund, die Umſtände, die uns umgeben, wachſen zu ſolcher Bedeutung heran, daß wir mit unſerm blos ſo dreinfahrenden natürlichen In⸗ ſtinet die größten Thorheiten und ſogar Sünden gegen den Heiligen Geiſt begehen können! Laſſen Sie mir nur mein Sibirien im Herzen, lieber Freund! Es iſt ſo kalt nicht, daß ich nur mit Pelzhandſchuhen zu tractiren wäre! Aber auch wenn es drin Sommer wer⸗ den ſollte, wird eine gemildertere Temperatur immer gut ſein Ihren Extremen gegenüber, Ihren Aufwallungen, Ihren unbedachten, frevelhaften, höchſt maliciöſen— Benno mußte ſich ſchon zurückziehen... Denn Thiebold war ſo vollkommen aufgelöſt vor Zer⸗ knirſchung, Reue, Seligkeit, Stolz, einen ſolchen Freund zu haben, vor ſo merkwürdiger Ueberraſchung, „dergleichen zu hören“, vor ſo aufrichtiger Dankbarkeit, „dergleichen zu lernen“, daß ihm ſchon mit beiden zur Verſöhnung ausgeſtreckten Händen das Schrecklichſte der Schrecken, eine Umarmung, drohte... Benno fuhr ſich retirirend fort: Ihre Extreme ſind immer das Echo des letzten ener⸗ giſchen Eindrucks, den Sie irgendwo empfangen haben! Wettert der Oberſt gegen die Misbräuche unſerer Kirche, ſo ſind Sie zum Ketzer reif! Hier dem Aſſeſſor gegen⸗ über ſehen Sie keine Jeſuiten und rennen vielleicht heute noch vor Ekſtaſe in einen Beichtſtuhl! Nie! Nie! Seit neun Jahren nicht! Auf Ehre! verſi⸗ cherte Thiebold, nun wieder wie ein zweiter Huß und Wiclef. Dann ſchämen Sie ſich, fuhr Benno fort, daß Sie dem vernünftigen Mann ſeine Fährte durchkreuzten, die gerade doch auf einen Menſchen hinauszukommen ſcheint, der ſich dem böſen Weibe unter gewiſſen religiöſen Vor⸗ ſpiegelungen und Intriguen zu nähern wußte... Indem trat Benno's Schreiber ein, ganz erfüllt von dem Vorfall, dem die Bewegung ſchon der halben Stadt galt. Benno nahm von Thiebold's ſich ſelbſt anklagenden lyriſch-ſentimentalen Vorwürfen Abſtand und ſagte: Ich will arbeiten, wenn der verdammte Lärm mich dazu kommen läßt! Sie aber, de Jonge, gehen Sie nach Hauſe und ſchlafen Sie aus und laſſen Sie ſich Punkt halb zwölf Uhr wecken! Ich bin begierig, den alten Haudegen, den Rittmeiſter von E efuß, kennen zu lernen! Ja Sie müſſen ſchon desha dabei ſein, um ſogleich an Hedemann ſchreiben zu können! Viel— leicht erzählt uns auch des Aſſeſſors Vater, was Hede⸗ mann gegen ihn ſo ſpeciell auf dem Herzen hat! Damit wurde denn Thiebold faſt gewaltſam von Benno zur Thür hinausgedrückt, und er ging; im Hochgefühl, ſeinen ſtarken und feſten Freund wieder ganz ſo zu haben, wie er ſeiner bedurfte. Zwar knirſchte er an ſeiner Kette, lag aber doch mit ſolcher Wonne an ihr, daß er jetzt jedem, der ihm etwa auf der Straße und bis zu den Holzhöfen ſeines Vaters hinauf von Bekannten begegnete, die„Ideen“ 33 (freilich als die ſeinigen) wiederholt haben würde, die er ſoeben von Benno gehört hatte. Ja er würde jetzt keinen Anſtand genommen haben, anzudeuten, daß die Frau Hauptmännin von Buſchbeck ein„nächtliches Opfer der Jeſuiten“ war. Für Benno, der ſich zur ſofortigen Abfaſſung erſt eines discret vorbereitenden Briefes an den Onkel in der Dechanei und dann zum Arbeiten ſetzen wollte und von dem Schreiber die wirren Gerüchte, die er theilweiſe ſchon kannte, wiederholt erhielt, war es ein ſeltſamer Eindruck, beim nochmaligen Hinunterblicken auf die Straße, wo jetzt der Zudrang der Menſchen von einem Piket Soldaten abgeſperrt wurde, den Aſſeſſor von Enckefuß über die leergewordene Mitte des Platzes, allge⸗ mein ſichtlich, dahinſchreiten zu ſehen mit jenem Manne, den er einige male in nächtlicher Weile von der Treppe des Hauſes gegenüber hatte herniederſteigen ſehen, Jodocus Hammaker... Er kämpftenmit ſich, nicht den Verdacht auf dieſen Mann irgend tjemanden ſchon auszuſprechen... Denn Hammaker war der Vertraute ſeines Principals in einem Grade, der ſchon ſeit einer Reihe von Jahren um ſo mehr das Erſtaunen der Stadt war, als ſich gegen die Rechtlichkeit des vielbewunderten, vielgeſuchten und ſo außerordentlich reichen, deshalb auf Umtriebe nicht im mindeſten angewieſenen Schwagers Piter Kattendyk's, Do⸗ minicus Nück, nicht das Mindeſte einwenden ließ. Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 2. Zur ſelben Stunde klopfte es im Kattendyk'ſchen Hauſe auf das allerheftigſte an jene Thür, hinter wel⸗ cher Treudchen Ley heute nur zwei Stunden hatte ſchla⸗ fen können. Denn ſchon um ſechs Uhr glaubte ſie aufſtehen zu müſſen. Gut und gern hütte ſie ſich bei dem Befinden ihrer Herrſchaft und der Freiheit ihrer Mitdienenden noch eine Stunde gönnen dürfen, um die durch ein Misverſtändniß verlorene Nachtruhe wenigſtens um einen Traum mehr nachholen zu können. Freilich war ſie mit einem Traum erwacht, nach dem ſie nie mehr wieder anders hätte träumen mö⸗ gen. Sie hatte geträumt leibhaftig ihre Mutter zu ſe⸗ hen... nicht etwa als Lebende, wie ſonſt, ſondern als Todte, Erſtandene, als ſeliger Geiſt und wirklich vom Jenſeits her ſie anredend und begrüßend... Eben, wie ſie der Thurmſchlag der ſechsten Stunde, wie ſonſt die Thurmuhr der alten braunen Stadtkirche hl'ſchen er wel⸗ ſchla⸗ müſſen. ihrer ch eine aänduiß n mehr h vom. Stunde, dtlirche in Kocher am Fall weckte, ſprach doch gerade die Mutter mit ihr wie aus einer ſie verklärenden Wolke heraus, ſtreckte förmlich ihr die Arme dar und lachte faſt, unter Thränen und vor Wonne, ſie nun gleich mit einer einzigen nur noch ein wenig weiter auszudehnenden Bewegung um⸗ fangen zu können... Und ſie ſelbſt hatte das Wort: Mutter! wie einen Jubelton gerade auf den Lippen... wollte gerade in dem ganzen Ueberſchwall des Herzens mit den Armen die geliebte, ſeltſamerweiſe nur im Oberkörper ſichtbare Geſtalt umfangen, den freundlichen, lebenswarmen Mund an ihre Lippen drücken, da gerade erwachte ſie und ſie er⸗ wachte auch vielleicht nicht... ſie war vielleicht vorher ſchon wach und dieſer Traum war die ganz wirkliche Erſcheinung eines ſeligen Geiſtes geweſen. Glücklich durch dieſe immer mehr ſich befeſtigende Ueberzeugung, glaubte Treudchen nun, daß die Mutter in irgendeiner Form leben könnte und wach ſein und ganz dicht um ſie und über ſie und ihre Ge⸗ ſchwiſter, die im Waiſenhauſe der Stadt waren, ſchwe⸗ ben... Die Pein des Fegfeuers mußte ſie alſo glücklich und ſchnell überſtanden haben, dank der gründ⸗ lichen Verſehung mit den letzten Heilsmitteln durch den geliebten Prieſter, der täglich und ſtündlich von ihr und ihrer hochverehrten Freundin und Beſchützerin Lucinde Schwarz erwartet wurde. Nachdem ſie ſich eben aus ihrem Danae⸗Zuſtande— Danae muß blond geweſen ſein, weil ihre Schönheit Jupitern auf den Gedanken brachte, ſie gerade in ihrer eigenen Geſtalt zu überraſchen— in die erſte nothwendigſte Kleidung geworfen und ihr 36 auch Jupiter⸗Piter's Zudringlichkeit dabei nicht mit allzu grellem Schrecken eingefallen war, fuhr ſie nur zuſammen bei dem ſchnellen Erſteigen der Treppe draußen, das ſie hörte, und bei dem Klopfen an ihre Thür. Sie öffnete... Es war das ſo liebe gute herzige Fräulein Lucinde! Sie kam in ihrer täglich jetzt an ihr gewohnten ſchwarz⸗ ſeidenen vornehmen Tracht, die ihr doch gerade ſtand als wollte und könnte ſie alle Tage Aebtiſſin werden. Kind! rief Lucinde, heute in einem ganz weltlichen Tone, den ſie noch gar nicht an ihr vernommen hatte; das Aller⸗Allerneueſte... ich komme ſchon aus der Frühmette... Treudchen konnte nichts Schlimmes erwarten; denn Lucinde war zwar erglüht vor Aufregung, aber nicht gerade wie über einen Unglücksfall... Die ganze Stadt iſt in Bewegung— fuhr jedoch Lu⸗ cinde, ſich erſt etwas erholend, fort; dieſe Nacht iſt ja die Frau, Kind, bei der du dienen ſollteſt, ermordet worden!— Nun ſtand ſie freilich ſtarr... Daß das ein ängſtlicher Dienſt geweſen wäre, wußte Treudchen ſchon von dem Stadtpfarrer Hunnius, der unbe⸗ dingt auf Lucindens Verlangen die Aenderung des Schnuphaſe'ſchen Engagements getroffen hatte. Schnuphaſe hatte auf dem Lande ein anderes Opfer ſuchen müſſen, ein Opfer, bei dem im⸗ mer ſozuſagen zwei Fliegen, ja oft drei mit Einer Klappe getroffen wurden: Eine Magd für die gottſelige ſt mit hr ſie Treppe en an cinde! hwarz⸗ d als tlichen hatte; s der denn nicht ch Lu⸗ iſt ja nordet z ein ldchen unbe⸗ 8 des deres im⸗ Einer felige 37 Teſtatorin, die Frau Hauptmännin von Buſchbeck; eine Nähterin entweder für die Schweſterſchaft zu den Noth⸗ helfern oder für ſeine eigenen heiligen Gewand⸗Sticke⸗ reien oder für einen myſteriöſen Weißwäſch⸗Handel ſeiner Töchter; und zuletzt drittens, da alle dieſe Inſtitute ohnehin ſchon über die Sprachgitter der Klöſter hinaus⸗ führten, manchmal auch noch eine der von Rom ſo drin⸗ gend verlangten Bräute des Himmels für dieſe Klöſter ſelbſt... Aber die Freude, die Genugthuung, die Lucinde über dies traurige Ende zu empfinden ſchien, konnte ſie ihr denn doch nicht nachfühlen. Ich komme die Straße daher, erzählte Lucinde und raffte ſich aus ihren wie jetzt ganz lebendig gewordenen und um ſie her juſt wie in einem Krebskorb drängenden Kindheitserinnerungen, den Zwetſchenkernen, den Tau⸗ ben, den Mäuſen auf; ich komme die Straße daher und will zur Kathedrale! Da hör' ich ja das lebhafte Re⸗ den der Menſchen, das Rennen nach einer beſtimmten Gegend hin, und an einem Platz, wo ich, ſeitdem ich hier bin, täglich zu den Fenſtern habe aufſchauen müſ⸗ ſen, weil ich wußte, da wohnt der ſchlimme Drache, erfahr' ich, was ihm begegnet iſt! Es hat ſie einer um⸗ gebracht! Hinauf durft' ich nicht, aber ich höre, ſie liegt — kalt in der Küche am Feuerherd... Lucinde erzählte das mit ſichtlichem Behagen. Aber jetzt bekam ſie doch einen Schauer, als überliefe ſie Eiſesluft... Da, wo ſie einſt meinen Tauben den Hals umdrehte! rief ein ganzer Chor von ſchaden⸗ frohen Dämonen in ihrer Bruſt und die ſchüttel⸗ ten ſie. 38 Wer es geweſen iſt, fuhr ſie fort, weiß man noch nicht! Schildwache und Polizei ſtehen am Hauſe! Treud⸗ chen! Treudchen! Wenn du bei ihr gedient hätteſt! All ihr Heiligen! So würd' es vielleicht nicht ge⸗ ſchehen ſein! ſagte die Kleine und klagte ſich nun gar ſelber an. Was? Es hätte dich mittreffen können! berichtigte Lu⸗ einde und ſtreichelte die Fülle des goldenen Haares, die Treudchen ſich bei alledem ihr Anziehen nicht vergeſſend mit einer kühnen Schwenkung um den weißen Nacken warf. Treudchen fand ſich in die Auffaſſung ihrer Gönnerin. Und was wirſt du nun heute beginnen? Wie war die Nacht? Iſt dein Nachbar fort, der junge Herr? fragte Lucinde in Eile und den Tod der Buſchbeck gleich⸗ ſam wie ein fertiges und bereits eingebundenes Buch in die Bibliothek ihres Lebens ſtellend. Ich will ſehen, daß ich meine Geſchwiſter im Wai⸗ ſenhauſe beſuchen kann—! erwiderte Treudchen, die über die Erwähnung der Nacht und des Nachbars über und über erröthete... Lucinde bemerkte aus den hervorgeſtotterten Antwor⸗ ten nichts Beſonderes und es drängte ſie ja auch mit Macht, jetzt zu ſagen: Der Pfarrer von St.⸗Wolfgang iſt angekommen! Auf den freudigen Ausruf Treudchens fuhr ſie fort: Ich erfuhr es ſchon geſtern Abend bei der Commer⸗ zienräthin... die Domherren ſprachen davon... Wirſt du hingehen, ihn zu begrüßen?... Ich dächte doch!... Thu' es ja! chen noch Treud⸗ eſt! it ge⸗ in gar te Lu⸗ 3, die eſſend acken nerin. war zerr? leich⸗ ich in Wai⸗ über und ntwor⸗ h mit 39 Ich hoffe, Madame Delring läßt mich ein Stünd⸗ chen ausgehen! Indem klingelte es einige Zimmer weiter und ſogar zweimal... Lucinde war ſchon auf dem Sprunge zu gehen... Aber Treudchen ſagte: Nein, das gilt dem Bedienten! Einmal gellingelt das bin ich! Dreimal iſt unten die Kathrine, die Köchin! Die Herrſchaft will jedoch von jetzt an allein zu Mittag ſpeiſen! Das Treppenſteigen wird der Madame zu be⸗ ſchwerlich! Lucinde ſchüttelte den Kopf, als wollte ſie ſagen: Nein, das iſt nicht der Grund!... Sie hielt aber an ſich und ließ dadurch Treudchen Zeit aufs neue zu dem Erlebniß mit der ermordeten alten Frau zurückzukommen. Ihrem größten Triumphe konnte Lucinde gar nicht einmal Worte geben; denn wem gönnte ſie mehr dieſe Demüthigung als der Herrin der Dechanei zu Kocher am Fall, Petronella von Gülpen? Hätte ſie nur die Verwandtſchaft noch ein wenig beſtimmter gewußt! Der Name„Fräulein von Gülpen“ für die Hauptmännin von Buſchbeck ſchien hier niemanden geläufig wie einſt ihrem Stadtamtmann damals in der Stadt, wo ſie bei ihr gedient hatte. Selbſt Schnuphaſe, durch den doch die gewiß erſt von der äußerſten Noth und Verzweif⸗ lung abgerungenen frommen Spenden der Ermordeten gingen und den die Schweſterſchaft zu den Nothhelfern in Bewegung ſetzte, um mitzuhelfen das ausgeſetzte Legat zu erwerben, ſelbſt Herr Maria hatte nichts gewußt von dieſer urſprünglichen Herkunft und ſo nahen Ver⸗ 40 wandtſchaft ſeiner Schutzbefohlenen mit der hochverehrten Dame in der Dechanei. Doch ſelbſt wenn Lucinde über die Verwandt⸗ ſchaft ganz ſicher geweſen wäre, hätte ſie viel⸗ leicht ihren innern Jubel, der jede Leidenſchaft na⸗ türlich, Liebe wie Liebe und Rache wie Rache nahm, gemäßigt. War doch ihr feſter Vorſatz, in dieſem Hauſe, das ohnehin ſo wirr und geräuſchvoll auf ſie einſtürmte, und überhaupt in ihrem ganzen Be⸗ nehmen ſich auf ein Nichts zu ſtellen... Dein bischen Verſtand willſt du an die Kette legen! Das hatte ſie ſich ſchon geſagt, als ihr Schnuphaſe zur Seite ſaß und in ſeinem von ihm ſelbſt gefahrenen Wägelchen genug⸗ ſam ihre Satire herausforderte. Du willſt nicht lachen über die Devotion des Mannes, nicht über ſeine Sprech⸗ weiſe, nicht über den Durſt ſeines Gaules, der immer auch den ſeinigen involvirte, wenn er auf ihrer faſt einen Tag dauernden Reiſe abſtieg! Sie ließ ihn erzählen von den Bienen, von ſeinen Töchtern, von allen offenen und geheimen Schweſter- und Brüderſchaften, von Ge⸗ ſpenſtern und Geiſtern und Wundern, von Rückkehrenden aus dem Jenſeits, die berichteten, welchen Vorzug dort oben die Rechtgläubigen genöſſen, von den Non— nen, die wieder die blutenden Male des Erlöſers zu zei— gen anfingen, von allem ließ ſie ihn reden und ſtau⸗ nen und hütete ſich wohl ihrer Art ſo den Zügel ſchießen zu laſſen, wie etwa an der Maximinuskapelle über die Heiligenbilder Napoleone Biancchi's oder die alten Münzen und die ſeltſame Production der Jahrhunderte beim Wirthe zum Weißen Roß. Sie glaubte alles, ſelbſt an erehrten erwandt⸗ e viel⸗ aft na⸗ Nache atz, in uſchvoll en Be⸗ bischen atte ſie aß und genug⸗ lachen prech⸗ immer einen ählen ffenen Ge⸗ enden orzug Non⸗ u zei⸗ ſtau⸗ zügel pelle alten beim ſt an 41 die Frömmigkeit der Frau Hauptmännin und an die an⸗ dächtigen Lieder, die dieſe zu ihrer Guitarre mit zwei Saiten abendlich ſingen ſollte. Sie glaubte an das Glück aller der Mädchen und jungen Männer, die Herr Maria ſchon überredet hatte in die Klöſter zu gehen. Sie glaubte an einen Krieg, den Oeſterreich erklären würde, wenn dem Kirchenfürſten nur irgendein Härchen gekrümmt würde... Immer nur hörte ſie und blin⸗ zelte mit den Augen und nahm ſich vor, durch Denken, Urtheilen, Aufblicken niemanden in der Welt mehr aufzu⸗ reizen. Auch im Hauſe der Kattendyks, vor der unru⸗ higen, ewig agitirten Frau Commerzienräthin, vor der anſpruchsvollen noch ledigen Tochter, vor der eiteln Frau Procurator Nück, vor den Hausfreunden blieb ſie ſich in dem Syſtem, ungefährlich zu erſcheinen, gleich. Sie antwortete nur, wenn ſie gefragt wurde. Und gewiß war das ein eigener Eindruck, die hoch aufgeſchoſ⸗ ſene Geſtalt mit dem ſo ausdrucksvollen ſchwarzäugigen Kopfe, der vorgeneigten Stirn, den behenden ebenmäßi⸗ gen Gliedern, weltkundiger Art des Benehmens, doch in dem Hauſe ſo an den Wänden entlang ſchleichen zu ſehen, jedem ausweichend, niemanden anſehend. Und dieſe Rolle war nicht einmal ganz Verſtellung. Sie hatte wirklich in tiefſter Ueberzeugung die Anſicht gewon⸗ nen, daß in ihr beſonders für die Frauen etwas Her⸗ ausforderndes und Verletzendes läge und daß ſie es jetzt ganz gut, ganz klug treffen würde, wenn ſie ſich um jeden nur irgendwie auffallenden Effect lieber gleich ſelbſt brächte. Ihr Bangen dabei war Bonaventura's Ankunft und— 42 ſeine mögliche Begegnung mit dem Mönche Sebaſtus!... Dieſe Furcht mehrte nicht wenig die Angſt und Sorge ihres in der That eingeſchüchterten und bitter vergrämelten Gemüths. Den Mönch hatte ſie noch nicht entdecken können, aber täglich hörte ſie von ihm reden und ſeine Flugſchriften und die Aufſätze bewundern, die er in die Welt ſtreute. Mit dem Wandeln, den Topf in der Hand, wie Beda Hunnius geſchildert, mag es doch wol nicht ſo weit her ſein! hatte ſie ſich ſchon ſpottend geſagt; aber kaum ent⸗ deckte ſie, daß ſie am Abendtiſch der Commerzien⸗ räthin, vor dem ſilbernen Theeſervice, bei einem ſolchen Einfall über des Mönches Heiligkeit die Miene verzog, unterdrückte ſie auch ſchon den Zweifel und horchte und lauſchte nur und ſchien überhaupt immer nur ſtill vor ſich hin zu beten... Die Geſellſchaft der Commerzienräthin ſtaunte über ſo viel Frömmigkeit. So oft von dem Domvicariate, das zu beſetzen war(von Bonaventura's möglicher Deſignation ſchien man noch keine Ahnung zu haben), die Rede ging, ergoß ſich über ihr ganzes Sein ein warmer Strom, in ihren Adern fing es an zu rinnen und merkte das denn doch z. B. der alte Ex⸗Schau⸗ ſpieler Pötzl, der eigentlich nur die Aufſicht über zwei Bo⸗ logneſerhündchen der Commerzienräthin zur einzigen Lebens⸗ aufgabe hatte, und ſagte dergleichen, ſo war es nur ihre Theilnahme für den neuen Glauben geweſen. Ach, ihr neuer Glaube war: Hier in dieſer großen Stadt erhört dich Bonaventura doch noch und nennt dich ſeine einzige und wahre Liebe! Als ſie den Domherrn Taube und ſogar zwei⸗ felnd berichten hörte, die Gräfin Paula von Dorſte⸗ 5ö.. rzien⸗ olchen erzog, und r ſich aäͤthin dem ura's g zu unzes in zu chau⸗ ei Bo⸗ ebens⸗ ihre neuer dich und zwei⸗ orſte⸗ Camphauſen zu Weſterhof bei Witoborn hätte neuerdings wieder Viſionen gehabt und verrichtete ſozuſagen Wunder und als im Gegentheil der Medicinalrath Goldfinger vom Standpunkte einer gotterleuchteten Naturwiſſenſchaft an dieſer Möglichkeit gar nicht im mindeſten zweifelte und auch die Commerzienräthin ſchon die Hände faltete und alle Schäden ihres Leibes und ihrer Seele überlegte, die ſie vielleicht der„Seherin von Weſterhof“, wie man ſogleich den Titel feſtſtellte, zur Begutachtung und Heilung vor⸗ tragen könnte(von Piter's Reiſe gerade dorthin auf Wi⸗ toborn zu konnte nicht geſprochen werden, da Piter nicht mehr„der Mann“ war über ſeine Schritte im Hauſe irgendjemanden Rechenſchaft zu geben), da erwachte ſchon wieder die alte glühende Eiferſucht in Lucinden und ihr, der Aufgeklärten, ihr, die z. B. zu Treudchen's Erzählung, ſie hätte eben ihre Mutter geſehen und ordentlich mit ihr geſprochen, tief überzeugt entgeg⸗ nen konnte: Kind, die Todten ſind todt! ſtand feſt, daß Paula bereits die Annäherung Bonaventura's in ihren Lebenskreis merkte und in Elkſtaſe gerathe nur durch das von ihr geahnte Näherkommen deſſen, mit dem ſie im magnetiſchen Rapporte ſtand. Auch Treudchen gegenüber blieb Lucinde bei den Schleiern, die ſie über ihr ganzes Weſen deshalb ziehen zu müſſen glaubte, um nicht neue Dolche in ein Herz geſtoßen zu bekommen, das ihr für neue Täuſchungen keine Kraft mehr zu haben ſchien. Und als es nun unten im erſten Stocke lebendiger zu werden anfing und ſie leiſe auf den Corridor hinaus⸗ trat, um lieber gleich über Piter's luftige Treppe auf 44 den Schauplatz ihres Wirkens zurückzukehren, ſagte ſie noch: Kind! Die Commerzienräthin möchte gern manches wiſſen, was Madame Delring thut! In welchen Bü⸗ chern ſie läſe? Ob ſie betete? Ob ſie lange mit ihrem Mann allein ſpräche? Die Frau will ihr Kind im Glauben ihres Mannes, der Proteſtant iſt, taufen laſſen! Das iſt ein großer Kummer für die ganze Familie! Gib darauf Acht, was dir etwa ketzeriſch erſcheint! Sag' es immer erſt mir, damit ich ſehe, ob man es wieder berichten muß! Auch verlange feſt und beſtimmt, daß du alle drei Tage in die Meſſe gehen müßteſt! Die Commerzienräthin will das! Sage nur, du wärſt's einmal ſo gewohnt und hätteſt ſonſt keine Ruhe! Hörſt du? Ich ſoll es dir ſagen! Treudchen, die dieſe Anleitung zur Rechtgläubigkeit ganz in der Ordnung fand, hätte gern auch einige Winke gehabt für ihr Verhältniß zu ihrer ſo nahen Nachbarſchaft, zu Pitern und ſeinen Freunden, und ſie hätte, wenn Lucinde ihre ſchüchterne Andeutung hätte nicht verſtehen wollen, das Erlebte ſelbſt erzählt; aber Lucinde huſchte ſchon davon und flüſterte nur noch, indem ſie Treudchen über das Geländer etwas Geld in die Hand ſteckte: Da! Wenn du den Pfarrer beſuchſt, kauf' ihm Blu⸗ men! Hörſt du? Am Dom ſtehen ſo wunder⸗ ſchöne! Iſt er nicht zu Hauſe, ſo ſtelle ſie ſelbſt ins Zimmer! Hörſt du? Nicht etwa durch die Damen Schnuphaſe— verlang' es, daß du es ſelbſt thuſt! Sie gönnen dir's nicht und geben ſie ihm nicht! Einen großen 4 45 vollen mächtigen Strauß kaufe und mit Orangenblüten — hörſt du? Man verkauft ſie ſo! Vergiß es nicht! Aber um Himmels willen, ſprich nicht von mir! Treudchen war nun ſchon allein und beeilte ſich, die Windungen ihres Haares zu befeſtigen— ihr ſchwar⸗ zes Merinokleid hatte ihr ſchon vorher Lucinde hinten geſchloſſen— und die ſelbſtgeſtickten Pantoffeln ver⸗ tauſchte ſie mit Schuhen vom beſten, freilich etwas derben kocherer Leder. So beim Ueberbeugen zur Erde— was machte da nicht alles die Bruſt eines ſo jungen Lebens ſchon ſo ſchwer! Die geſtrige Scene mit dem„jungen Herrn“! Nun der Mord der Frau, bei der ſie hatte dienen ſol⸗ len! Die Ankunft des Pfarrers und die Blumenſpende! Die Aufſicht über die ketzeriſchen Geſinnungen ihrer Herrſchaft! Ihre Geſchwiſter unter den Waiſen!... Wäre nicht der volle Nachhall der Erſcheinung ihrer Mutter geweſen und es noch ſo in ihr lebendig, als hörte ſie deutlich das Jubelwort: Treudchen! das die Mutter ſprach, und ihr eigenes angſtvoll ſeliges Mutter! ſie würde jetzt nicht ſo ruhig hier am Spiegel haben ſtehen und ihren übergelegten Kragen ordnen können In Luecindens Blumengruß an den Pfarrer konnte ſie nichts Auffallendes finden. Gute katholiſche Seelen wiſſen es, daß ſie nichts zu verabſäumen ſuchen ſollen, was nur irgend dazu dienen kann, einem Geiſtlichen Freude zu machen. Sind die Geiſtlichen ausgeſchloſſen von den gewöhnlichen Freuden des Lebens, haben ſie das zu entbehren, was andern Troſt und Erhebung ge⸗ währen kann, eine Familie, Gattin, Kinder, Liebe und 46 Hingebung, ſo iſt es Pflicht aller derer, für welche ſie dieſen heiligen Lebenswandel führen, ihnen eine ſtete Auf⸗ merkſamkeit zu widmen und ihnen den vollen Genuß alles deſſen zu gewähren, was es außerhalb des Glücks der Hingebung, beſonders eines weiblichen Herzens, ſonſt noch Wohlthuendes in der Welt geben kann. Dies Lie⸗ ben mit der Seele, dies Umwerben und Umſchmeichelu eines Geiſtlichen mit ſteter Huldigung ſoll, ſagt man, zu den beſondern Glückſeligkeiten derſelben gehören. Und Treudchen war ſo aufgeregt, daß es ihr jetzt vorm Spiegel war, als ſpräche die Haſen⸗Jette hinter ihr: Nun, was iſt, Treudchen! Biſt alle halbe Jahre einmal hübſcher geworden! Wirſt auch jetzt um die Trauer nicht zurückgehen! Kinder von Metzgern, Treud⸗ chen, ſind immer ſchön!... Eine Anſicht, die die Ha⸗ ſen⸗Jette am wenigſten um ihren David zurücknahm... Und auch Nachbar Grützmacher's Stimme hörte ſie: Ei, potz Blitz! Hätt' ich nicht ſchon mein Bündel da— (er bekam dabei von dieſem Bündel, ſeiner Ehehälfte, einen vertraulichen Schlag auf den breiten Rücken), ſo würdeſt du noch die Frau Wachtmeiſterin werden können, Treudchen! Treudchen wartete auf das einmalige Klingeln.. Es erfolgte nicht... Sie trank ihren Kaffee... Er war ſo ſtark, daß ihre ganze Familie an der Verdünnung ein Sonntags⸗ frühſtück gehabt hätte. Die Mitmägde, die Bediente niſterten ſie... Es gibt zweierlei Blondinen... Solche, die wie eine Mai⸗ blume blühen und duften können, aber auch ebenſo ſchnell ſchelu man, jetzt inter hahre die eud⸗ 47 mit einem einzigen wunderholden Mai wieder verwelken; und ſolche gibt es, die man Kern⸗ oder Dauerblondinen nennen ſollte, weil ſie noch als Greiſinnen ſo anmuthig ſind wie herbſtlich geröthete Aepfel. Treudchen gehörte zu letztern. Wie ſchön ſtand ihr das ſchwarze Merino⸗ kleid zu der hellen Farbe ihrer Haut! Faſt zu ſchmuck machte ſich der Florbeſatz in den goldgelben Windungen ihres Haares! Und nun lag gar zum Ausgehen ſchon da der von ihr ſelbſt zum Begräbniß gefertigt geweſene ſchwarze Sammthut, in den ſich ihr Kopf zurücklehnte, wie auf eine Folie, die den Glanz noch erhöht! Und die koſtbare ſchwarzſeidene Mantille, die ihr ſchon geſtern gleich bei der Ankunft Madame Delring als eine„abgelegte“ ge⸗ ſchenkt hatte! Eine abgelegte und noch ſo neu und glanzvoll!... Madame Delring war eine eigene, viel⸗ leicht ſehr reizbare, vielleicht höchſt wunderliche Frau; ſehr vornehm, ſehr ſtolz... aber gegen Treudchen war ſie weich und milde. Lueinde hatte das Treudchen gleich vorausgeſagt.„Die Frau Delring wird dich in ihr Herz ſchließen!“ Nach zehnjähriger kinderloſer Ehe war Frau Delring plötzlich in die Hoffnung gekom⸗ men. Wenn Treudchen die Augen ihrer Herrin ſo eigen⸗ thümlich umflort ſah, ſo wußte ſie erſt jetzt, daß viel⸗ leicht die ernſte blaſſe Dame, die in Glück und Glanz zu leben ſchien, an die Kämpfe dachte, die mit dem theuern Keime ihres Herzens ihr würden mitgeboren wer⸗ den. Es handelte ſich ſchon ſeit Monden im täglichen Geſpräche nicht nur ihres Hauſes, ſondern der ganzen Geſellſchaft um die„Religion“ des erwarteten Kindes... Nun, da nicht geklingelt wurde, ging Treudchen von 48 ſelbſt an ihre Aufgabe, die vordern Zimmer zu putzen und in ihnen aufzuräumen und abzuſtäuben. Da gab es ſo viel des Koſtbaren und Zerbrech⸗ lichen zu ſchonen, daß ſie ihre Gedanken zuſammenneh⸗ men mußte! Inzwiſchen vermißte ſie etwas... In dem klein⸗ ſten, faſt wohnlichſten der reich ausgeſtatteten Gemächer hatte doch geſtern Abend noch, wie ſie flüchtig vorüber⸗ gehend und ſich doch dabei tief verneigend geſehen, mitten in einer kleinen Laube von Epheu ein kleiner Altar mit einer Mutter Gottes von Gold, Silber und Edelſteinen geſtan⸗ den. Heute fand ſie das Bild nicht an der Stelle, wo ſie es ſuchte, um in aller Stille und noch von niemanden belauſcht, zu ihm ein Gebet zu verrichten. Sie ſuchte und ſuchte— das Bild war nicht zu finden. Vielleicht war es ſo koſtbar, daß es des Nachts ver⸗ ſchloſſen wurde, dachte ſie erſt. Sie ſtand am Eingang der Laube, in der Hand den Staubwedel. Der kleine Altar mit einem Weihbecken, das aber völlig waſſerleer und ſogar ein Stecknadelbehälter geworden war, war derſelbe, wie geſtern; die Gottesmutter aber fehlte... Nun ſah ſie ſich darauf um im Gemach. Da ſtand ein ſchwellender Divan, mit grünem und in Streifen geſticktem Sammt bezogen, darüber her wie zu einem Throne erhob ſich ein Baldachin von demſelben koſtbaren Stoffe und mit ſchweren goldenen Franſen beſetzt. Da ſtanden kleine Fußſchemel von demſelben Ausſehen. Auf einem Tiſche mit langer grüner golddurchwirkter Decke lagen Bücher „ und Muſtkalien, Näharbeiten, ein angefangenes kleines Kinderhemd mit köſtlichen Spitzen beſetzt... 49 Sie ſollte ſich nach den Büchern erkundigen, hatte ſie ſoeben von Lucinden vernommen... ſie konnte aber nicht glauben, daß es ketzeriſche waren. Noch geſtern Abend hatte ja Madame Delring hier mit ihrem Gatten ſo traulich, ſo lieb geſeſſen... er hatte ihr vorgeleſen... ſie horchte zu und nähte dabei... und darüber her gab ein bronzener Kronleuchter von drei gedämpften Flammen in Glasglocken ein ſo eigenthümlich ſchönes Licht... und in einem Winkel, mehr dem von Vorhängen ganz verdeckten einzigen Fenſter des Zimmerchens zu, ſtand aufgeſchlagen ein Pianino... noch lagen die Noten auf dem Pulte und ſeltſam genug erſchien ihr ſchon geſtern dies Inſtrument, das mit dem in der Decha⸗ nei keine Aehnlichkeit hatte, denn hier gingen die Saiten in die Höhe... und ſo klein das Inſtrument war, doch hatte Frau Delring, kurz vor dem daß ſie zu Bette ging, ge⸗ ſtern noch einige Minuten lang darauf ſo ſanft, ſo zart, ſo volltönend geſpielt... nirgends fand ſie aber das Muttergottesbild. Endlich— da entdeckte ſie es beim Abſtäuben— auf den Fußboden! In einem Winkel ſtand es, das koſtbare Heiligthum! Wie entthront und von ſeinem Altar geſtürzt! Es ſtand in einem Winkel, an einer kleinen Etagere, die mit bunterlei Dingen beſetzt war, kleinen Spinnrädchen von Elfenbein, kleinen Bauerhäuschen von Holz, klei⸗ nen goldenen Papagaien in Ringen und mit Edelſtein⸗ augen, ja mit einem niedlichen ausgeſtopften bunten Vögel⸗ chen, das ſie vollkommen für einen Kolibri erkannte... da ſtand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf dem Tep⸗ pich des Fußbodens! Gerade, als gehörte auch ſie zu dem Spielzeug auf dieſen Mahagonibretchen! Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 4 50 Letztern Gedanken faßte ihre beſcheidene, von ihrer Herrſchaft nur das Beſte vorausſetzende Seele gar nicht in voller Klarheit... Sie wußte nun aber doch nicht, ſollte ſie das Bild jetzt erheben und wieder auf den Altar ſetzen oder durfte ſie das nicht... Es war ganz ſtill um ſie her... nur auf der Straße lärmten und raſſelten die Wagen... Kirchenglocken läuteten... ſie beugte ſich ſtill zu dem Bilde nieder, kniete und betete zu ihm. So manche Anrufung kannte ſie, ſo manche Um⸗ ſchreibung des Engliſchen Grußes... was ſie aber auch leiſe jetzt ſo vor ſich hinmurmelte, alles ſollte Dank, Bitte, Hoffnung für ſich und ihre kleinen Geſchwiſter ſein. Wie ſie einige Minuten ſo gelegen und geflüſtert hatte, ganz unbekümmert die Hände ſogar mit dem gar nicht fortgelegten Staubwiſcher faltend, da hörte ſie ein leiſes Geräuſch hinter ſich. Erſchrocken wandte ſie den Kopf und ließ vor Ueber⸗ raſchung den Staubwiſcher fallen, als ſie im Morgen⸗ kleide und großer ſpitzenreicher Haube mit fliegend hängenden Roſabändern Madame Delring hinter ſich ſahe. Auf den Teppichen, die durch alle Zimmer gingen, war die Herrin eingetreten, während ſie ſich in ihrem Gebete verloren hatte. Statt aber, daß ſich Treudchen jetzt raſch erheben wollte, hielt ſie Madame Delring nieder und bedeutete ſie fortzufahren... Ja als Treudchen verlegen zögerte und dennoch aufſtehen wollte, rückte Madame Delring mit dem Fuße ſelbſt eines der kleinen Bänkchen näher, fuhr mit der Hand über ihre weiten und bauſchigen ſchönen ge⸗ ſtreiften Muſſelinkleider, die re Geſtalt einhüllten, und rer icht cht, tar um lten ugte hm. m⸗ uch ank, ſein. tert gar ein ber⸗ gen⸗ end ahe. gen, rem eben tete und mit mit ge⸗ 51 verſuchte, ſich nun auch ſelbſt niederzulaſſen. Dieſe Bewe⸗ gung war ſo ſchwer, ſo ängſtlich, daß ſich Treudchen nicht hielt, ſondern aufſprang und ihre Herrin unterſtützte... Langſam ging es, aber doch ganz bequem. Madame Delring kniete auf dem niedrigen Fußſchemel. Mit ſtum⸗ mer, leidverklärter, durchgeiſtigter Miene bedeutete ſie Treudchen, in ihre frühere Stellung zurückzukehren, neben ihr zu knieen und im Gebete fortzufahren. Als dies Treudchen mit klopfendem Herzen und voll Verlegenheit nicht wagte, ſagte ihre Herrſchaft leiſe und faſt unhörbar: So bete doch! Treudchen begann nun aufs neue den Engliſchen Gruß, aber für ſich. Laut! ſprach Madame Delring ſanft... Treudchen betete lauter, aber noch mit zitternder Stimme.— Recht, recht laut!... ſagte Madame Delring und hatte die Hände gefaltet und ſchien der Vorbetenden wört⸗ lich zu folgen. Als Treudchen zu Ende war und ſchwieg, ſagte die tief in Gedanken Verlorene und wie von einem unend⸗ lichen Leid Gedrückte und als wenn ſie noch wenig von all den Worten gehört hätte: Bete! Nun wandte ſich Treudchen erſtaunt und bemerkte, daß die Augen ihrer Herrin feucht waren. Eine große und ſchwere Thräne rollte eben von den Wangen der nicht ſchönen, aber höchſt würdevollen und durch Haltung und Wuchs einnehmenden Frau. 52 Da ergriff es denn Treudchen wie mit geiſterhafter Er⸗ muthigung. Alles, was ihr von ihrer Firmelung und erſten Beichte und erſten Communion her an wohlge⸗ fügten Sprüchen und Verſen in Erinnerung geblieben war, ſprach ſie jetzt ungeordnet durcheinander und mit lauter Stimme. Sah ſie ſich um und fand, daß die Mitbetende ganz mit Entäußerung ihres Standes wie eine Schwe⸗ ſter, wie eine Mutter ihr folgte, ſo begann ſie aufs neue und betete inbrünſtig den Himmel auf die Erde herab. Alle nur möglichen Sünden, Eitelkeit, Hoffart, Unglaube, Geiz, Falſchheit, wurden, weil die einmal in den Gebeten ſo formulirt ſind, von ihr auch bekannt. Auch die einzelnen Fürſprecher unter den Heiligen wur⸗ den namentlich aufgerufen, ſodaß jeder auch gerade den Fehler dargebracht bekam, auf den er gleichſam das Vorrecht hatte, daß ihn Gott gerade nur durch ſeine Ver⸗ mittelung vergab... der Gottesmutter dabei ganz zu geſchweigen, die zuletzt wie mit ihrer Zauberhand Schloß und Riegel am Schatz der Gnaden ſprengte und das Kind Jeſu auf ihrem Arm nur immer ſo hineinlangen ließ und Juwelen und Blumen und alle himmliſchen Freu⸗ den der Vergebung auf die vor ihnen Knieenden nieder⸗ werfen. Erſchöpft ſchwieg endlich Treudchen in ihrem ſie wun⸗ derbar überkommenen Prieſteramte, das ſie vollzog, als hätte ſie eine Ahnung von dem Streit der„gemiſchten Ehen... 3 Madame Delring erhob ſich, indem das junge Mäd⸗ chen aufſprang und ihr dabei behülflich war. Daß Treudchen das koſtbare und ſchwere Metall⸗ r Er⸗ und öhlge⸗ war, lauter etende Schwe⸗ e aufs Erde offart, einmal ekannt. wur⸗ gerade m das e Ver⸗ unz zu Schloß d das en ließ Freu⸗ nieder⸗ te wun⸗ 99, als niſchen Mäd⸗ 3 Metall bild wieder auf den Altar unter die Epheulaube ſetzte, ſchien ſich ihr jetzt von ſelbſt zu verſtehen. Es wurde auch von Madame Delring nichts dagegen eingewandt, als was die Schwere betraf... Treudchen brachte es voll⸗ kommen und wie triumphirend zu Stande. Madame Delring ſammelte ſich jetzt von ihrer Aufre⸗ gung. Sie verbarg ihr feuchtes Taſchentuch von köſtlich duftenden Spitzen. Sie ſah ſich um, klingelte zweimal und beſtellte mit gelaſſener Stimme ihr Frühſtück... Sie wußte, daß ihr Gatte ſchon unten im Comptoir war. Mein Bruder iſt ja verreiſt? fragte ſie dann beklom⸗ men, ſich auf den Divan zum Frühſtück ſetzend... Treudchen ſprach ein verlegenes: Ja! Sie kehrte dabei zum Ordnen der Nebenzimmer in dieſe zurück... Die Thüren ſtanden offen. Du wirſt zu deinen Geſchwiſtern gehen wollen! ſagte Madame Delring. Ich wollte darum bitten... Und in die Meſſe! Wie oft hörſt du ſie? Außer Sonntags! Treudchen ſollte ſagen: Alle drei Tage! Aber ſie konnte jetzt nicht, vielleicht niemals lügen... Nur Sonntags! ſagte ſie. Immer, wenn du ausgehſt, komm' erſt zu mir und frage, ob ich Beſtellungen habe! Ja, gnädige Frau! Was iſt die Uhr? Halb neun! Um neun kannſt du gehen!... 54 Die Empfindungen Treudchens, als ſie dann ging und bis neun in ihrem Zimmer allein blieb, ließen ſich nur mit denen einer freudig ſich dahingebenden und ſieggekrönten Aufopferung vergleichen. Sie fühlte, wie man für je⸗ manden ſterben könnte, nur um ihn vom Uebel zu er⸗ löſen. Die Gottesmutter war die Siegerin geblieben! Es war ihr ſo leicht, ſo himmliſch beſchwingt, daß ſie dem ganzen Hauſe hätte zurufen mögen: Ich habe eine ab⸗ trünnige Seele gewonnen! Um neun Uhr kehrte ſie dann zurück, um ſich, wie ſie ſollte, ihrer Herrſchaft noch einmal vorzuſtellen... Sie hatte nachgedacht, ob ſie die ſo wieder in Gedan— ken verlorene und noch tief betrübt ſcheinende Frau nicht durch die Mittheilung des in der Nacht geſchehenen Mor⸗ des unterhalten ſollte und von dem Glück ſprechen, daß ſie nicht in dieſem grauenhaften Hauſe, ſondern hier bei ihr leben könnte; doch überlegte ſie, und mit Zuſtimmung der andern Dienſtboten, die Trepp auf Trepp ab liefen, daß Eröffnungen dieſer Art bei dem Zuſtande der Ge⸗ bieterin nur von ihrer Familie kommen müßten. Wie Treudchen wieder in die vordern Zimmer ein⸗ trat, lag Madame Delring auf dem Kanapee ihres klei⸗ nen Boudoirs... von rechts und links waren noch die Thüren offen und brachten das Licht, das durch das noch immer verhangene Fenſter nicht einfallen konnte... Sie ſtützte träumeriſch das Haupt und hatte in der andern Hand ihr kleines Kinderhemdchen... Willſt du ausgehen? ſagte ſie gelaſſen, als hätte ſie das Beſprochene ſchon vergeſſen... Treudchen trat näher... ſie hatte ihren ſchwarzen Hut dem ab⸗ 55 auf und fürchtete faſt, nicht genug einem Dienſtboten ähn⸗ lich zu ſehen. Freundlich aber zog Madame Delring ſie näher... Sie lobte den Hut, band ihn jedoch dem hocherrö⸗ thenden Mädchen ab, weil ſie meinte, er ſäße nicht ge⸗ nug im Nacken... Nun deutete ſie auf den Fußſchemel von vorhin und ließ Treudchen vor ihr niederknieen, um ihr ſelbſt den Hut aufzuſetzen... Dann begann ſie noch an Treudchen's Haar zu ordnen... Wie ſchön dein Haar iſt! ſagte ſie ſanft und löſte einige der Flechten und hielt ſie lange in der Hand, faſt ihre Schwere wiegend und dann gegen das Licht haltend... Wie Gold glänzt es!... fuhr ſie fort. Nun band ſie die Flechten anders... Halt nur ſtill! ſagte ſie. Ich ſelbſt darf mir ja nicht das Haar machen,— wenn du zurückkommſt, iſt es Zeit genug dafür— aber dir darf ich's ſchon... Geh' doch an den Dom! In das Gewölbe von Schnup⸗ haſe! Ich laſſe die Damen bitten— meine Ausſteuer nicht zu vergeſſen... es währt eine Ewigkeit— Treudchen wußte, daß die Ausſteuer für das er⸗ wartete Kind gemeint war, und auch das wußte ſie, daß ſich ihre Mutter, als ſie mit dem jüngſten ihrer Geſchwiſter ging, ſich beim Haarmachen und ſonſt vor allem Binden und Verknüpfen in Acht nahm— Weißt du denn auch das Gewölbe? fragte Madame Delring. Ich finde es ſchon... ich ſuche das Haus ohnehin, weil ich den Pfarrer von St.⸗Wolfgang, Herrn von Aſſelyn, 56 begrüßen will... er hat meine Mutter„verſehen“ und wohnt dort... Möglich, Kind, fuhr Madame Delring fort, daß dich die Schnuphaſes in die Kloſtergaſſe ſchicken, wo die Schweſterſchaft zu den Nothhelfern eine Nähanſtalt hat! Sage da nicht, daß du ſo gut beten kannſt!... Oder könnteſt du in ein Kloſter gehen? Treudchen warf ihre großen blauen Augen zu der ſeltſamen Fragerin empor und blieb die Antwort ſchuldig. Madame Delring kam von ihrer Frage wieder ab, wie ſie dieſe lichten, hellen, reinen Augen ſah, die aller— dings denen einer Heiligen glichen... Sie fuhr mit den Fingern über Treudchens nicht zu volle, etwas röthliche Augenbrauen und zeichnete ſie gleichſam in ihrer Länge über die Stirne hinweg nach... Dann kam ſie auf die Schweſtern zu den Nothhel⸗ fern zurück und ſagte: Es iſt ein Verein, der junge Mädchen zum Nähen anhält und Gutes thun ſoll! Ich weiß nicht— manche von den Mädchen, die dort arbeiteten, gingen ins Klo⸗ ſter... Laß dich nur in keines verlocken, Kind! Sie wiſſen es ſo geſchickt zu machen und ſo prächtig erſt drin ein— zurichten, daß manche Novize anfangs glaubte, in Ewigkeit keinen Mann nöthig zu haben, und um alles in der Welt lieber den Schleier nahm— hernach aber... Beſonders wiſſen die Damen da von der Gaſſe— wie heißt ſie? Doch ſchon unterbrach ſich Madame Delring ſelbſt und zog aus dem nächſtſtehenden Tiſch ein Käſtchen her⸗ vor, das über und über mit Schmuckgegenſtänden ge⸗ füllt war, und nahm nach kurzem Suchen eine Roſette ähen anche Klo⸗ Sie mein⸗ iigkeit Welt nders t ſie? ſelbſt her⸗ n ge— doſette 4 57 von ſchwarzem Stein an einer goldenen Nadel hervor, um ſie in Treudchens Haar zu ſtecken... Wie Treudchen dieſe Freundlichkeit, die ſie noch kaum für ein Geſchenk halten konnte, bemerkte, wollte ſie ſie ablehnen; Madame Delring ſagte aber: Kind, da ſchenk' ich dir einen ganz werthloſen Stein! Es iſt geſchnittene Lava! Aber die Nadel— ſagte Treudchen hocherglüht... Die iſt gut! Laß aber nur— es ſteht dir ja!... Sol... Jetzt— und ſieh— du trägſt Ohrringe—! Weißt du wol, daß man keine Ohrringe mehr trägt? Und doch hab' ich dafür auch noch die Löcher und weiß wie heute, wie mich's ſchmerzte, als ſie geſtochen wurden— ich war ſchon fünf Jahre— das ſind jetzt fünfundzwan⸗ zig!... Eigentlich aber lieb' ich Ohrringe und mag ſie leiden! Weißt du, warum? Man ſagt, es ſähe unnatürlich aus; lieber Himmel, was iſt an unſerer Tracht natürlich? Im Ohr iſt noch lange nicht in der Naſe, wie die Wilden die Ringe tragen... Nun lachten beide Frauen ganz herzlich um die Wette... Madame Delring nahm die kleinen allerdings echten, aber unſcheinbar und dünn gewordenen Ringelchen aus Treudchen's Ohren und ſuchte, ob ſie nicht zwei andere kleine, nicht zu auffallende und mit einem Stein geſchmückte Berlocquen fände. Die Frauen, ſagte ſie, wollen gar nicht mehr Skla⸗ vinnen ſein, was dieſe Ohrringe bedeutet haben mögen! Aber ich denke mir das gerade ſchön, ſeinem Manne zu— dienen! Warum denn ihm ganz gleich ſein wol⸗ 58 len! Wenn man die Sorgen und Noth bedenkt, die die Männer haben! Wär' ich hübſcher, ich würde mich ganz gern ſchmücken, um meinem Mann recht als ſeine Skla⸗ vin zu erſcheinen! Die meiſten Frauen haben genug Zeit, das Gefallen zu bedenken, das ihr Mann an ihnen haben ſollte! Lieber Himmel, die Männer in der Tür⸗ kei dürfen immer jung bleiben und ſich ſo viel Frauen nehmen, wie ſie wollen! Wir ſagen freilich: Wir ge⸗ hören dir auch mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele! Kind, wie oft thun wir's auch nicht! Treudchen hätte von der Geduld ſprechen mögen, die auch umgekehrt die Frau wieder mit dem Manne haben müſſe; doch verlor ſie die Beſinnung über die Freundlichkeit ihrer Herrſchaft, die jetzt in der That zwei kleine goldene Ringe gefunden hatte, die ſie Treudchen einhängte. Sie gehörten zu einem größern alten Ohrſchmuck, den ſie als zu auffallend in zwei Theile zerlegte. Deine alten Ringe, ſagte ſie dabei ganz gemüthlich, ei, die kann man noch angeben! Treudchen's vornehmſte Bekanntſchaften waren bis⸗ jetzt Frau von Gülpen in der Dechanei und die Majorin Schulzendorf geweſen. Wenn dieſe Frauen je nur ſo mit ihr geredet hätten! Von den Geſchenken zu ſchweigen, die nur von einer reichern Frau kommen konnten... Sie ver⸗ ſtummte ganz vor Glückſeligkeit und konnte nur der freund⸗ lichen, immer leidend gelaſſenen Frau die Hände küſſen. Dieſe wickelte die alten Ringe in ein zerriſſenes Brief⸗ couvert und ſagte: Auf der Mühlenſtraße wohnt unſer Juwelier— Modes heißt er— geh' bei ihm vor— oder beſſer, e die ganz Skla⸗ genug ihnen Tür⸗ rrauen ir ge⸗ Seele nögen, Nanne er die tzwei udchen hmuck, zthlich, n bis⸗ Najorin ſo mit en, die je ver⸗ reund⸗ iſſen. Brief⸗ ter heſſer/ 59 ich laſſ' es ſagen, er ſoll ein paar einfache Brochen ſchicken, da ſuch' ich dir eine aus— Gnäd'ge Frau! rief Treudchen und ſchlug die Hände wie ablehnend und bittend zuſammen... Nein, nein, ſagte Madame Delring, wir geben ja deine alten Ohrringe an! Herr Modes gibt ſchon etwas dafür! Solchekleine Handelsgeſchäfte müſſen Frauen immer machen! Sie griff nun nach dem koſtbar geſtickten Schellenzuge dicht neben ihr und zog zweimal. Der Bediente kam und erhielt in Gegenwart des vor Erſtaunen faſt bewußtloſen Mädchens den Auftrag, der Juwelier Modes möchte eine Anzahl einfacher Brochen zur Auswahl ſchicken. Der Diener ließ Morgenblätter und den heutigen Theaterzettel zurück und meldete ſchon einen Beſuch: Herr Medicinalrath Goldfinger! Ich bin ganz wohl! ſagte Madame Delring plötzlich ſtreng... Sie lehnte den Empfang des Arztes ab. Während Treudchen ſich erhoben und kaum den Muth hatte, in einen gerade dicht vor ihr hängenden viereckigen Spiegel mit goldenem Rahmen zu blicken und von Ma⸗ dame Delring gewinkt bekam, ſie wollte ihr auch noch den Hut aufſetzen, ſah die Herrin zugleich in den vor ihr aufgeſchlagenen Theaterzettel und las halblaut und ganz nur wie mechaniſch: „Gaſtvorſtellung von Madame Serlo⸗Leonhardi. Das letzte Mittel. Madame Serlo⸗Leonhardi: Frau von Wald⸗ hüll. Im Zwiſchenacte Tanz: Cracovienne von Emmy und Flora Serlo“... 60 Kinderballet! ſagte ſie. Ich mag die kleinen Affen⸗ komödien nicht leiden... Und dabei band ſie die Schleife an Treudchen's Hut, ſtrich ihr noch einmal die Wange, zog und drückte den Hut ihr recht in den Nacken und gab, als ſie ſich überzeugt hatte, daß die ſchwarzen Trauerhandſchuhe Treudchen's noch ganz neue waren, ihr die Hand, die dieſe mit über⸗ ſtrömender Innigkeit an ihr Herz drückte und wiederholt küßte. Inzwiſchen kam der Bediente zurück und meldete: Herr Pötzl! Madame Delring ſchüttelte den Kopf und ſagte: Nein! Herr Kanonikus Taube! Finſter blickend ließ ſie für alle Erkundigungen danken. Auch dieſen Beſuch nahm ſie nicht an. Wol aber war ihr, als hörte ſie einige Secunden ſpäter die Stimme ihres Gatten— Der war es denn auch. Herr Delring kam, weil der Medicinalrath und jetzt auch der Schauſpieler und der Ka⸗ nonikus nicht waren angenommen worden—alle drei hatten ihre Meldung von dem Zimmer der Mutter aus, wo er ſelbſt den Morgengruß gebracht, nach oben ankündigen laſſen; er beſorgte, daß ſeine Gattin vielleicht nicht wohl, nicht guter Laune wäre... Schon hörte man draußen ſeine Fragen nach dem Befinden ſeiner Gattin... Da aber, ehe er noch daſein konnte, erhob ſich Ma⸗ dame Delring plötzlich und fuhr auf wie aus einem Traume. Ihre weitgeöffneten Augen ſchauten ringsum. Ihr Blick ſuchte irgendetwas, was ſie beängſtigte... da— auf dem wieder hergerichteten Hausaltar unter der Epheulaube ſtand die un un —₰& e: er Ka⸗ hatten er ſelbſt ſen; „richt ſeine Ma⸗ raume. r Blic uf dem he ſtand 61 die Störung. Schnell deutete ſie auf einen in den Zweigen und Holzverzierungen der Laube hängenden Gegenſtand und winkte Treudchen, dieſen ihr zu reichen... Treudchen, die ſo an den Mienen der freundlichen Herrin hing und ſich in ihre Art ſchon gefunden hatte, daß ſie jeden ihrer Winke verſtand, reichte ihr das Be⸗ deutete dar— Es war ein durchſichtiger großer, langer Silberflor, wie man ihn über werthvolle Gegenſtände zu breiten pflegt, um ſie vorm Staube zu ſchützen... Schnell! rief Madame Delring... Dieſen Silberflor ließ ſie Treudchen jetzt anfaſſen und bedeckte raſch damit die Madonna auf dem Altare. Inzwiſchen trat Herr Delring ein... Er war, wie immer, ſchon in weißer Halsbinde und ſchwarzem Frack, gleichſam als Repräſentant des großen Hauſes, der er früher auch geweſen war, ehe ihn Piter entthront hatte,— ein ernſter, faſt vornehmer Mann. Nun die plötzlich ausbrechenden zärtlichen Grüße, den Kuß, die liebevollen Wechſelreden der beiden Gatten hörte Treudchen nicht. Sie eilte mit klopfendem Herzen von dannen. Hinter ihr blieb ein Weib zurück, das ihren Himmel im Manne ihrer Liebe fand. Im Hauſe unten, an dem Treppengeländer fand Treud⸗ chen Lucinden ſtehen, die ein Papier in der Hand hielt und ganz in ihm verſunken ſchien. Es war ein großer grauer Zettel. Treudchen erkannte, daß es derſelbe Theaterzettel war, der heute wie jeden Morgen oben wie unten ab⸗ gegeben wurde... Es war ſchon ſpät geworden, aber gern hätte Treud⸗ chen ſich in dem überſtrömenden Gefühl ihres Glückes und ihrer Dankbarkeit noch zu Lucinden ausgeſprochen... Sie trat auch zu ihr heran... Lucinde aber ſtand, als weilte ſie gar nicht auf dieſer Erde... Sie bemerkte Treudchen nicht, ſo verſunken war ſie in die Angabe der heutigen Theater⸗ vorſtellung... Treudchen wollte keine Zeit verlieren, ſtörte Lucinden nicht länger und ſprang die Stiege hinunter. Unten in der Hausflur ſah man recht, daß„der junge Herr“ auf Reiſen war! Treud⸗ elt und erzettel ten ab⸗ Treud⸗ Glückes hen.. ot auf t, ſo heater⸗ ueinden Rer 2₰ Es war ſchon neun Uhr, alle Räume unten waren vom Geſchäftsverkehr belebt, Makler kamen und gingen, in den auf den Treckkamp, Aſchenkötter und Heiligenpütz hinausgehenden Hinterhöfen war das rührigſte Leben hör⸗ bar, aber der Portier grüßte noch aus ſeiner unterirdi⸗ ſchen Loge, ſtand noch nicht mit Dreimaſter, Stab und Bandelier, wie Piter ſeit einem halben Jahre eingeführt und im Modell mit Aquarell ſelbſt vorgemalt hatte, in der Hausflur und wies die Ankommenden mit Inqui⸗ ſitormiene zurecht. Aber auch aus dem Keller heraus ließ ſich Treudchen die beſte Richtung beſchreiben, in der ſie zum Waiſen⸗ hauſe und von dort zur Kathedrale kommen konnte. Es war ein Markttag. Das Gewühl in den Straßen kaum zum Ausweichen. Die Straßen dabei ſo eng; die Laſtwagen drängten ſich... zu ihnen kamen heute noch die Bauerwagen mit ihrem Stroh, ihrem Heu, Holz, Kartoffeln für den Winter... alles, wie Treudchen das ganz wie aus Kocher am Fall wiedererkannte. Sie war nie in einer großen Stadt geweſen und übertrug jetzt faſt auf den ſtehenden Charakter einer ſolchen die Möglichkeit, jedes Geſicht auf die Vermuthung hin betrachten zu müſſen, daß es dem Mörder der Frau Hauptmännin von Buſchbeck angehören könnte. An Trotz, Verwegenheit und Rückſichtsloſigkeit jeder Art fehlte es auch nirgends und bald hatte ſie in dem beengenden Eindruck des Ganzen ihre ſo genau angegeben geweſene Spur verloren. Sie ſtand rathlos an einer Ecke, wo mehrere Stra⸗ ßen einmündeten... 64 Da ſah ſie ſich plötzlich von jemand gegrüßt und angeredet! Es war ja ein alter Bekannter aus Kocher am Fall! Herr Löb Seligmann, der vielgeliebte Bruder der Haſen-Jette! Er, der ſeither noch immer nicht daheim geweſen war, der noch immer in Gütern ſchlachtete, noch immer bei Grafen und Baronen hüben und drüben die Vortheile des ihm geſchenkten intimſten Vertrauens derſelben genoß! Den Todesfall der Frau Ley wußte Löb Seligmann durch die Briefe David Lippſchützens, ſeines Neveus und Augapfels, für deſſen Fortkommen durchs Leben bei„ſo ſchwachen Beinen“ gerade er ſparte, gerade er ſich kein Geſchäft verdrießen ließ, ſelbſt die Lieferungen der Bett⸗ federn und Decken für Kaſernen und andere öffentliche Anſtalten nicht... Treudchen konnte im Augenblick gar kein beſſeres Ge⸗ ſchick haben als dieſe Begegnung mit dem ſo artigen, ſo gefälligen kleinen Herrn Löb Seligmann, der voll⸗ kommen vergeſſen hatte, daß die böſe kocherer Jugend einſt hinter ihm her geſungen wie ſie noch jetzt hinter ſeinem geliebten Adoptivſohn in übermüthig chriſtlich-germaniſcher Nichtanerkennung orientaliſcher Schönheit ſang: Haſt nicht geſehen Schmulche? Mit dem ſcheppe Muulche? En Aagelche zu, En ſchlockrig Händelche dazu, En wacklig Beinche dazu...2 Löb Seligmann war edle, erhabene und ſchöne Seele. Seine Gefühle glichen ſeinen Vatermördern, die wie 65 bei Herrn Schnuphaſe immer in die höchſte Höhe gin— gen. Sein Blick auf Treudchen, ſeine Rührung über ihre Freude, ſein Andeuten:„er wiſſe alles“— er meinte den Tod der Mutter— ſein Ausweis über die Lage des Waiſenhauſes— alles das war von einer ſo ſtummberedten Theilnahme, von einer ſo erdenleid⸗ verklärten Tröſtung und allesſagenden Prophezeiung für jedes, was die kleine Landsmännin, vielleicht Geld aus⸗ genommen, von ihm begehren konnte, daß es nur an der Unruhe und dem Lärm der Straße lag, wenn Ger⸗ trud Ley nicht wieder alle ihre Wunden aufs neue aus Seligmann's und ihren eigenen Augen aufbre— chen und fließen fühlte...„Treudchen!“... Das eine Wort nur... Löb Seligmann ſprach es aber aus, wie den ganzen fünften Act eines Trauer⸗ ſpiels. Und bei alledem hatte doch jedermann, der nur in Kocher vom Waſſer des Fall getauft oder nicht getauft war, einen Anflug von Heiterkeit, ſo oft er nur den Herrn Löb Seligmann ſah. Er hatte wunderliche Eigenſchaf⸗ ten. Ein nicht zu entfernter Verwandter der reichen Fulds, ob er gleich nur unten für das Comptoir der⸗ ſelben exiſtirte und dort wie jeder andere Senſal vier— ten oder fünften Ranges betrachtet wurde, beſaß er eine gewiſſe Vornehmheit. Von ſeinem Verkehr mit der großen Welt hatte er ſogar die Manieren der Adeligen angenommen, ſoweit ſie niemanden beleidig⸗ ten; wenigſtens glaubte er ſelbſt an eine höchſt erſicht⸗ liche Vornehmheit ſeines Weſens. Im Oberkleide war Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 5 66 er zwar einfach, aber deſto gewählter in der Wäſche und vorzugsweiſe in der Weſte. Aus dem manchmal etwas hohem Kragen der letztern und den zu ſteifen Vatermördern ſah der kleine Kopf mit der niedern, breiten Stirn und dem kurz⸗ geſchnittenen krauſen Negerhaar etwa heraus wie eine Kirche, deren Dach höher iſt als der Thurm. Löb Se⸗ ligmann, bereits weitaus vierzigjährig und Gargon, war zudem durch Schmeicheleien verwöhnt, die zwar nur von Wenigen, aber von dieſen deſto enthuſiaſtiſcher kamen, vor⸗ zugsweiſe von ſeiner Schweſter, deren Einzigſter ſein Erbe ſein ſollte. Zu Kocher am Fall wohnte er im obern Stock des Hauſes, in welchem einſt der Mann der Haſen-Jette die Kundſchaft der Leys ohne alle Böswilligkeit an ſich gezogen hatte, ſie leider nicht lange genießend. Löb Seligmann arbeitete nur für David. Er ließ ihn bil⸗ den, ließ ihn fein erziehen. Nur in der Muſik ſchlug David noch nicht ganz nach dem Wunſch des On⸗ kels ein, der in dieſem Fache ein Kenner war. Löb Seligmann glaubte eine ſchöne Stimme zu beſitzen. Wenn er in Kocher am Fall Toilette machte, ſang er dazu am offenen Fenſter. Wenn er ſich an einem klei⸗ nen Spiegel der Lichtung des Fenſters ſelbſt raſirte, in⸗ tonirte er mit einem ſchönen Tenor, der nur auf eine vielleicht etwas zu leichte und bequeme Weiſe in die Fiſtel überging, eine Opernarie nach der andern. Die Schweſter ſtand indeſſen unten in der Hausthür und machte die Leute aufmerkſam auf die wunderſchönen Melodieen, die ihr Löb wieder aus den großen Städten mitgebracht hatte. Nie hat ſich auch jemand mit mehr Behagen ſelbſt raſirt, als Löb Seligmann.„So kannſt du mich che und shohem ſah der m kurz⸗ ie eine uͤb Se⸗ en, war nur von en, vor⸗ in Erbe n Stock en⸗Jette an ſich Löb n bil⸗ ſchlug 3 On⸗ machte lodieen, gebracht Zehagen du mich 67 betrüben, Othello kannſt du lieben?“ Jetzt die Seife eingeſtrichen.„Treibt der Champagner das Blut in die Kreiſe, da iſt's ein Leben herrlich und frei!“ Das Meſſer wird geſchärft.„Auf, ſingt die Barcarole!“ Erſter Strich über die Oberlippe, während die linke Hand die Naſe feſtgeklemmt hält... jetzt läßt ſie die Naſe los und„Gnade, Gnade für die arme Seele!“ Zweiter Strich, die Naſe wird wiederum feſtge⸗ klemmt; Luft und—„Mein Hüon, mein Gatte, Gelieb⸗ ter, wo weilſt du?“ Jetzt ein großes Orcheſterſolo mit Pauken, mit Trompeten, mit Summen und Brum⸗ men, Pruhſten, Gurgeln, Zungenſchnalzen oder— Lied ohne Worte... ſauft die Seife wieder aufgeſtrichen— Adagio— Schlummerarie— erneuter Anſatz zum Raſiren— und ſo fort mit dem auf der Reiſe arg ver⸗ wilderten Barte eine Stunde lang. Immier dazwiſchen das kunſtvollſte Talent der muſikaliſchen Reproduction und Paraphraſe, das Meſſer am Streichriemen und in der Kehle die Arien ſanft hinübergeſchliffen. Iſt dann die Bartabnahme vollendet, dann fällt eine Arie wild in die andere, Desdemona in die Klagen Rodrigo's, die Nachtwandlerin in die Verzweiflung Elwino's,„O wel⸗ ches Glück, Soldat zu ſein!“ jodelt ſich in„Gold iſt nur Chimäre!“ hinüber— und alles das empfindet Löb Seligmann ebenſo muſikaliſch wie moraliſch nach, ſo⸗ weit der Text und die Situation es vorſchreiben. Auch kri⸗ tiſch iſt er mit ergriffen, ſoweit ihm nämlich alle größeren und kleineren Talente einfallen, die er ſchon in allen dieſen Opern auf verſchiedenen Stadttheatern hatte debutiren ſehen. 68 Löb's ſeelenvolle Erörterungen über die Vortrefflich⸗ keit der Dahingeſchiedenen, über die Bettdecken des Wai⸗ ſenhauſes, das erſtaunliche Glück, bei den Kattendyks zu dienen, unterbrach Treudchen mit der Erzählung von der Mordthat und dem nahen Zuſammenhang derſelben mit ihrem eigenen Lebensſchickſal. Löb Seligmann wußte ſchon den Vorfall, konnte ſchon weitere Details über den Geiz der Ermordeten, nur über den Thäter nicht, geben, erſtaunte über die unſchuldige Betheiligung Treudchens und bat ſie, zwei Minuten—„hier an dieſem prächti⸗ gen Palais“— zu warten... er käme ſofort wieder zu⸗ rück— er würde jedenfalls, das ließe er ſich nicht nehmen, ſie bis ans Waiſenhaus begleiten— Da Treudchen einen Band⸗ und Zwirnladen bemerkte und bei all ihrem Herzeleid doch ihrer Nadeln und ihres Fingerhutes eingedenk blieb, ſo nahm ſie auf zwei Mi⸗ nuten um ſo lieber Abſchied, als ſie hier gelegentlich nützliche Einkäufe machen konnte. Statt nach zwei, nach zehn Minuten war ſie mit ihrem Geſchäft fertig und nach zwanzig kam Löb Se⸗ ligmann wieder... Er hatte hier in dem Comptoir ſeiner, wie er ſagte, Vettern Moritz und Bernhard Fuld zwar keinen Zutritt zu den innern Gemächern, wo die Ritter der Ehren⸗ legion ſaßen, aber einige alte Buchhalter aus den Zei⸗ ten des ſeligen„Man weiß ſchon!“ hielten ihm denn doch Stand, wenn er ſie um eine Priſe bat und ihnen mittheilte, daß merkwürdigerweiſe ein Mädchen aus Ko⸗ cher am Fall bei der heute Nacht ermordeten alten Dame „beinahe hätte können im Dienſt geſtanden haben“... v flich⸗ Wai⸗ s zu n der mit rußte r den heben, chens ichti⸗ r zu⸗ nicht eerkte ihres Mi⸗ ntlich mit Se⸗ agte utritt gren Zei⸗ denn hnen Ko⸗ Dame 69 Es ſind Vettern zu uns! wiederholte er mehrmals von den Fulds und auf das Palais deutend... Indem Löb Seligmann ſeine Vatermörder jetzt ſtolz über die durch beſtändige Reibung von ihnen gerötheten Ohrläppchen hinaufzog, ergab ſich ſeltſamerweiſe, daß ein rieſengroßer, wunderbarer, ſchöner Bau, in deſſen Nähe ſie waren, ſchon die Kathedrale war und daß Treudchen ihre Commiſſionen im„ſteinernen Hauſe“ jetzt hätte ſchon ausführen können, wenn nicht gerade nur um zehn Uhr die Sprechſtunde im Waiſenhauſe geweſen wäre. Aber nun war auch der Blumenmarkt ganz nahe... derſelbe Markt, der Löb Seligmann mit ähn⸗ lichen Empfindungen zu erfüllen ſchien, wie ſie jetzt auf Treudchen's von allen dieſen mächtigen Eindrücken be⸗ ſtürmtes Herz zuſchoſſen... Einen Augenblick, Mamſell Treudchen! rief er und berechnete ſchon mit einer Gärtnersfrau, wie viel von Orangenblüten und Myrten in einen großen Blumenſtrauß hineinkonnten, den er mit 7 ½ Silbergroſchen bezahlen wollte. Treudchen wunderte ſich nicht über ſeine poetiſche Regung, da ſie ſelbſt von dieſer Fülle von Eriken, Fuchſien, hochragenden Gummibäumen, buſchigen Rhododendren und blühenden Myrten wie berauſcht war. Auch ſie würde ſich ſofort in ihren Einkauf eingelaſſen haben, wenn nicht von der Kathedrale herab drei mächtige Schläge den ganzen Domplatz, vorzugsweiſe aber ſie ſelbſt, erſchüttert hätten. Schon drei Viertel auf zehn! rief ſie. Herr Selig⸗ mann, um Gottes willen, bitte! Kommen Sie! Ein einziger Rundblick rings auf die Häuſer, wo —— 4 1 70 Herr Maria Schnuphaſe wohnen konnte, der ſie in ei⸗ nen ſo ſchlimmen Dienſt hatte empfehlen wollen, eine blitzſchnelle Muſterung der Blumen, die ſie wol hernach zu ihrem Bouquet für den Pfarrer von Aſſelyn wählen konnte, und nun fort nach der Richtung hin, die ſie Herrn Löb Seligmann dringend bat, durch nichts mehr zu unterbrechen. Ich bitte Sie! ſagte ſie. Ich habe noch ſo viel Commiſſionen! Aber jetzt muß ich wiſſen, wie meine Geſchwiſter die erſte Nacht hier zugebracht haben! Dann ſetzte ſie, und faſt neckend im Ton der koche⸗ rer Chriſtenjugend, hinzu: Für wen iſt denn aber der ſchöne Blumenſtrauß, Herr Seligmann? Wenn Sie im Waiſenhauſe ſind,— ſagte Selig— mann, hielt aber ſinnend inne und wickelte ſein Bouquet in eine Anzahl Theaterzettel, die er aus der Taſche zog, und ſummte dazu einige Noten aus dem im Spohr'ſchen „Fauſt“ irgendwo an einem Stadtthater eingelegt geweſe⸗ nen„Liede an die Roſe“— wenn Sie im Waiſenhauſe ſind, geh' ich ſolange in die Nachbarſchaft, auf die Rumpelgaſſe, wo mein Bruder Nathan Seligmann wohnt— Sie müſ⸗ ſen ſich ſein Geſchäft anſehen— alte Kleider, Möbel, Glaswaaren, Bilder, Masken, Theateranzüge— was Ihr Herz begehrt— die ganze Welt hat Nathan zum Verkauf oder zum Verleihen— nur muß ſie alt und abgelegt ſein! 3 Iſt das die Judengaſſe? ſagte Treudchen unbefan⸗ gen und eilends dahinſchreitend und ſo laufend, daß Löb faſt nicht mitkonnte. in ei⸗ ,eine eernach wählen die ſie mehr ) habe wiſſen, ebracht koche⸗ ſtrauß Selig⸗ ouquet he zog, r'ſchen heweſe⸗ ſe ſind, elgaſſe, je müſ⸗ Möhel, was n zum lt und befan⸗ nß Löb Was? Denken Sie, daß wir hier noch in einer ein⸗ zigen Gaſſe wohnen? Haben Sie nicht das Palais von unſern Vettern geſehen? Sind das die Vettern, um die der David immer ſagt, er würde nur eine Prinzeſſin heirathen? Das Kind! betonte Seligmann ganz wie ſeine Schwe⸗ ſter und vergaß vor Entzücken über David's naive Erklä⸗ rung eine Antwort auf Treudchen's Frage. Dieſen Blumenſtrauß, fuhr er dann nach dem glück⸗ ſeligſten Sinnen über David's Geiſt und große Zukunft fort, will ich in ſeinem Namen an Tante Veilchen abgeben, an die er ſchon ſeit drei Jahren alle Vierteljahre einen fran⸗ zöſiſchen Brief ſchreibt. Sie werden bei Herrn Delring und bei Madame Kattendyk viele vornehme Damen ken⸗ nen lernen, aber ich verſichere Sie, wenn Sie wollen gebildet werden, liebes Kind, gehen Sie nur in die Num⸗ pelgaſſe zu Veilchen Igelsheimer, die meinem Bruder Nathan Seligmann, der ein Witwer und ohne Kinder iſt, ſeit dreißig Jahren das Geſchäft und die Wirthſchaft führt. Sie iſt ſchon funfzig Jahre alt, aber ich könnte heute um ihre Hand freien,— ſo viel Schönheit hat ſie— im Geiſt— und wenn ich nicht verſprochen hätte, für den David zu ſorgen. Ja, Treudchen, Sie ſollten Veilchen Igelsheimer ſehen! Sie können viel Bücher leſen und Sie finden drin nicht gedruckt, was in Veilchen ſteht! Treudchen ließ ihn ſo forterzählen und folgte nur immer ſeinen ſtumm gegebenen Winken über die Richtung, die ſie einzuſchlagen hatten... Veilchen, fuhr der von ſeinen Familienbeziehungen nicht weniger wie ſeine Schweſter bezauberte Mann fort, Veilchen 72 hätte in einem Palais wohnen können, wie die jungen Fulds, wo der eine ſich kürzlich verheirathet hat mit einer rei⸗ chen und wunderſchönen Dame aus Wien— ja Veilchen hätte Barone haben können und einen Grafen— aber da ſie den nicht bekommen konnte, den ſie allein ge⸗ mocht— es war ihr Vetter— unſer Onkel Doctor Leo Perl— da hat ſie für ihr ganzes Leben geſagt: Ich entſage! Und wäre Herr Löb Seligmann jetzt allein geweſen und etwa daheim, auf ſeiner Stube in Kocher am Fall und im Raſiren begriffen, ſo hätte er ſich jetzt unfehl⸗ bar durch die wehmutherweckende Ideenverbindung dieſer Mittheilungen beſtimmen laſſen, aus Bellini's„Unbe⸗ kannter“ oder deſſen„Nachtwandlerin“ ein ſchmelzendes Adagio zu intoniren... Treudchen ſah nur immer auf die Straßennamen an den Ecken, auf die Menſchen, die Soldaten, die Fuhr⸗ werke, die hohen Häuſer, alten Kirchen und hörte um ſo mehr nur halb auf den freundlichen Begleiter, als er ſeine Mittheilungen auch ſeinerſeits bald durch das Leſen eines Anſchlagzettels, bald einer Firma, bald durch ein Stillſtehen und Erklären einer ſtädtiſchen Merk⸗ würdigkeit unterbrach. Den heutigen Theaterzettel ließ er nach kurzem An⸗ blick unbeachtet...„Das letzte Mittel“...„Tanz“... Das war nichts für den Schmelz ſeiner Gefühle und ſeine nur im Meer der Töne ſich wohlbefindende Seele. Auf Veilchen Igelsheimer, die Entſagende und jetzt in der Rumpelgaſſe das Geſchäft ſeines Bruders Füh⸗ rende, kam er wieder zurück, als er vor einem Zinn⸗ Fulds, ner rei⸗ Beilchen — aber ein ge⸗ Doctor geſagt: geweſen m Fall unfehl⸗ dieſer Unbe⸗ lzendes mamen Fuhr⸗ rte um :, als ch das bald Merk⸗ 73 gießerladen ſtill ſtand und behauptete, bei Herrn Taver Klingelpeter eine Minute zu thun zu haben... Nein, nein! nein! rief Treudchen... Eine Minute, Treudchen! Adieu, Herr Seligmann! Zwei Worte! Sehen Sie die wunderſchönen Arbeiten am Fenſter— Treudchen zog ihn von dem Schaufenſter des Zinn⸗ gießers weiter... Herr Xaver Klingelpeter, ſagte er dann, ſich erge⸗ bend und nachſtolpernd, iſt ein anſehnlicher Mann, der ſich ein Gütchen kaufen will, das ich ihm empfohlen habe! Haben Sie wol die Herrlichkeiten in ſeinem La— den geſehen? Alles nur von Zinn, aber ſo kunſtvoll, wie von Gold und Silber! Treudchen hatte den Eindruck der ſilbernen Mon⸗ ſtranzen für arme Dorfkirchen, Patenen, Kelche, Cru⸗ cifire wohl empfangen, auch durch das Fenſter einen Mönch erblickt, der drinnen im Laden mit dem Meiſter Zinngießer in lebhafter Demonſtration begriffen ſchien, aber ſie zog es vorwärts, vorwärts, und Seligmann mußte folgen... Auch ſolche heilige Gefäße, fuhr er bei alledem fort, kommen im Geſchäft meines Bruders vor! Sie werden eingeſchmolzen und manchmal mit ſehr unheiligen Din⸗ gen zuſammen! Veilchen macht das alles wie ein Pro⸗ feſſor der Chemie. Ja, mein Bruder läßt ſogar Mün⸗ zen ſchlagen, aus Kupfer— es iſt ein Artikel zum Spaß— Sie ſollten ſehen, wie Veilchen lateiniſche Inſchriften macht und die Bilder dazu zeichnet— rö⸗ 74 miſche Könige und türkiſche Kaiſer! Veilchen könnte Bücher ſchreiben! Ihr alſo bringen Sie den Blumenſtrauß? warf Treudchen in der Eile und nur ſo zerſtreut dazwi⸗ ſchen... Sie macht ſich aus nichts mehr im Leben was! Sie lieſt blos, ſie ſchreibt blos, ſie führt blos das Geſchäft... Ach, ihr Kummer war zu groß! Es war das ſchönſte Mädchen— ein Bild— ſie iſt noch jetzt wie eine Wachskerze ſo weiß— aber der, den ſie liebte, den bekam ſie nicht— es war unſer Oheim— ihr eigener Vetter— er taufte üch— katholiſch— mehr— er wurde ein Prieſter.. Treudchen hörte nur halb. Aber ſie kannte ja ſchon dieſe Klagen aus ſo vielen ſtillen Abendgeſprächen der redſeligen Haſen⸗Jette mit ihrer Mutter! Leo Perl war für dieſe ganze Familie der verheißene Meſſias geweſen! Als es aber dazu kam, ſich als der Löwe vom Stamm Juda zu offenbaren, täuſchte er alle, wurde zum Verrä⸗ ther, ging zum Feinde über und ſchien von alledem doch keinen Segen gehabt zu haben. Treudchen wußte ſogar, daß regelmäßig zwei Männer genannt wurden, die Leo Perl's Seelenruhe auf dem Gewiſſen haben ſollten, der gute Dechant zu Kocher am Fall und ein anderer vornehmer und großmächtiger Herr auf einem fernen Schloß bei Witoborn. Ihnen ſollte der Doctor Leo Perl mit ſei⸗ nem Uebertritt, ja mit dem Entſchluß, Prieſter zu wer⸗ den— wider Willen ſogar— ein geheimnißvolles und bis zur Stunde wenigſtens ſelbſt der Haſen⸗Jette noch unenträthſeltes Opfer gebracht haben. nſte eine den ener er chon der war ſen! mm rrä⸗ doch daß erls gute jmer bei ſei⸗ wer⸗ und noch Endlich ſtanden beide vor einem freundlichen, mit einer Inſchrift gezierten Hauſe. Löb Seligmann verſprach mit dem holdſeligſten Nicken aus den Paliſſaden ſeiner Vatermörder und dem ſchwarz⸗ wolligen Wulſt ſeines üppigen Haarwuchſes und einem ſeit einigen Tagen nicht beſonders gründlich raſirten Barte heraus, in ſpäteſtens einer Viertelſtunde hier wieder an der Thür zu ſtehen und auf Treudchen's Rück⸗ kehr zu warten... Er ſelbſt zog die Klingel. Einem öffnenden Knaben trug er das Anliegen Treudchens vor. Er traf den Ton für alles, was ſich hier ſchickte; er kannte jeden Weg, wie er betreten werden und jede Thür, wie man an ſie klopfen mußte. Selbſt die deutſche Sprache hand⸗ habte er ſeiner Meinung nach in dieſem Augenblick voll⸗ kommener als Treudchen, deren Rede er unterbrach und ihre Berechtigung, hier eingelaſſen zu werden, gleich⸗ ſam in die Sprache überſetzte, die derjenige nicht kennen konnte, der noch nie aus Kocher am Fall ſo herausgekom⸗ men war, wie er. Der Knabe führte Treudchen zum Inſpector... der Inſpector führte ſie zu ihren drei Geſchwiſtern, zwei Knaben und einem Mädchen... Alle drei ſprangen ihr herzlich und heiter entgegen... Wie raſch entflieht dem Kinderſinn ein herbes Leid! Weckten wir es nicht durch unſer eigenes Bedauern und fragten einen ſolchen kleinen Nachlaß: Weißt du auch, was du verloren haſt und denkſt daran und weißt wo deine Mutter iſt? ſolche nach Luft und Licht und Wachs⸗ thum ſtrebenden Keime vergäßen bald nach unſerm 76 Gefühl zu antworten... Wie tummelte ſich das ſchon im Hof und lärmte und regierte ſchon die Welt im Sol⸗ datenſpiel... Und drüben bei den Mädchen war das ein Murmeln und Summen und Plaudern beim Stricken... und wie bewährten ſich die angebornen Gattungstriebe! Liebe und Abneigung ſchon nach vierundzwanzig Stunden, Verſchwörungen ſchon und Bundesgenoſſenſchaften. neckte die, ſo hatte ſie an jener einen Widerpart und dieſe wieder eine Gegnerin an einer andern... Nichts blieb ohne Angriff, nichts ohne Beiſtand... Ja, Treudchen fand, daß die Geſchwiſter in ihr neues Daſein ſchon wie eingeboren waren... Läutete es, dann wußte jedes, was es bedeutete... bald rief die Glocke zum Frühſtück, bald zum Mittageſſen, bald in die Kapelle, bald auf die Schulbank... ein geregeltes und in ſich begnügtes Leben das! Lucinde ſagte Treudchen und den Kindern gleich:„Bliebe es euch nur immer ſo, ihr Armen! Und läge der Nachtheil der Waiſenhauser⸗ ziehung nicht gerade in der Unmöglichkeit, im Leben künftig dieſelbe Regelmäßigkeit zu haben! Dem Daſein gegenüber, wie es iſt, iſt ſogar ſchon ſolche Ordnung eurer Jugend— ein vollſtändiger Luxus! Wer auch nur alle Tage das hat, was er begehrt und bedarf, wird ſelbſt bei Waſſer und Brot wie ein Prinz erzogen!...“ Lucinde gedachte ihrer verkommenen Brüder. Schon wollte Treudchen, da die Freiſtunde vorüber war, nach herzlichen Mahnungen und Dankſagungen an den Herrn Inſpector wieder gehen... Da kam auf ſie zu eine der Nonnen, die hier die Erziehung leiten helfen. Es war eine Karmeliterin in —,, ſchon Sol⸗ das en... iebe! nden, und ichts Ja, aſein vußte zum pelle, ſich und ihr user⸗ deben aſein eurer ralle ſelbſt cinde rüber n an r die in in 777 braunem Rock und ſchwarzem Ledergürtel. Sie war in mittlern Jahren, ſehr ſauber, ſehr rührſam. Daß ihr Treudchen die Hand küßte, lehnte ſie faſt ab und ergriff theilnehmend die ihrige. Sahen Sie denn auch alles? fragte ſie und führte Treudchen in den Räumen auf und nieder und zeigte ihr die Plätze, wo die Kinder ihre mitgebrachten Hab⸗ ſeligkeiten untergebracht hatten. Sie verſicherte, daß dieſe Geſchwiſter ihr ſchon faſt die Liebſten wären und daß auch ſie Mutter Beaten ſchon in ihre Herzen eingeſchloſſen hätten. „Mutter Beate“ war der Name der Schwe⸗ ſter... Treudchen's Herz klopfte hörbar. Nach den Reden der Frau Delring überkam ſie faſt eine Furcht, ſich offen auszuſprechen oder zu lange im Geſpräch zu verharren mit dieſer ſo zuthulichen Kloſterjungfrau... Und wahr⸗ haft überraſcht war ſie, als Schweſter Beate von ihrem Dienſt bei den Kattendyks und ihrer frühern Beſtim⸗ mung für die Frau Hauptmännin von Buſchbeck ſchon wußte. Dieſe Unglückliche, ſagte ſie, iſt auf ſo ruchloſe Weiſe ums Leben gekommen! Aber die ewige Gerechtigkeit wird den Mörder gewiß ſchon der zeitlichen überliefern! Sie wird den Elenden auffinden laſſen, der auch den Armen und Nothleidenden eine Freundin raubte! Ei! Wie können Sie ſagen, Kind, daß es ein Glück war, daß der Himmel Ihnen eine andere Beſtimmung gab! Vielleicht hätte Ihre Anweſenheit die That ungeſchehen gemacht! Ver⸗ laſſen von aller Welt, mußte die Aermſte wol ein Opfer 78 der Habſucht und Mordluſt werden! Kind, Kind, fürch⸗ ten Sie ſich denn vor einer Gefahr, die im Gefolge einer Pflicht liegt? Treudchen ſah verwirrt zur Erde. Ihre Wangen erglühten. Sie, die ſchon im Leben ſo viel erdul⸗ det, ſtand jetzt, wie ſie gleich heute früh geahnt hatte, wie ein Weſen da, das nur an ihre eigene Sicherheit zu denken vermochte. Es war ein Feuerbrand in ihr Herz geworfen, ſich ſagen zu müſſen: Wärſt du we⸗ niger furchtſam geweſen, weniger gläubig den Verſiche⸗ rungen deiner Gönnerin Lucinde gefolgt, dieſe unglückliche Frau lebte vielleicht noch! 4 Freundlicher jedoch geworden, als ſie die Wirkung ihrer harten Worte bemerkte, unterhielt ſich Schweſter Beate jetzt wieder im Wandeln mit Treudchen, fragte nach ihren ſonſtigen Lebensverhältniſſen und vervoll⸗ ſtändigte das, was ſie alles ſonderbarerweiſe bereits wußte. Als Treudchen ſchon gehen wollte und die Hand der Nonne ergriff, ſie aufs neue zu küſſen, forderte Schweſter Beate ſie auf, in ihrem Kloſter ſie zu beſuchen... es läge dicht am Waiſenhaus nebenan und wäre mit ihm durch einen geſchloſſenen Gang verbunden und ſähe mit der Vorderfronte der zum Kloſter gehörigen Kirche auf den Römerweg hinaus. Treudchen gedachte an ihre Herrin, wie ſie vorhin den Namen einer gewiſſen Straße geſucht hatte... Wir haben gerade morgen einen Geburtstag! ſagte die Nonne. Kommen Sie doch morgen Nachmittag! Ich weiß nicht... Ihre Herrin erlaubt es... In ein Kloſter läßt eine gläubige Seele jeden gehen! Einen Geburtstag?... fragte Treudchen bebend und ausweichend... Ein Geburtstag iſt ein Einkleidungstag! Die Nonne blickte auf das Ende eines Corridors, in welchem eine zweite Nonne erſchien. Sie ſchwieg, bis dieſe herangekommen und mit einem freundlichen Gruße vorübergegangen war. Dies war eine faſt vornehme Erſcheinung geweſen... Das war das Geburtstagkind! ſagte Schweſter Beate mit einem Lächeln, bei welchem eine ihr Antlitz eutſtel⸗ lende Zahnlücke zum Vorſchein kam. Schweſter Thereſe iſt heute ſozuſagen drei Jahre alt! Vor drei Jahren nahm ſie den Schleier und wurde eine Braut des Him⸗ mels! Sie iſt ſehr vornehmer Abkunft! Ein Freifräulein Thereſe von Seefelden! Schon hatte ſie einen Grafen zum Verlobten, der aber ſein ganzes Vermögen lieber zu einem wohlthätigen Zwecke beſtimmte und ins Kloſter gehen wollte! Er iſt im Franciscaner⸗Kloſter Himmel⸗ pfort bei Witoborn; leider wurde er krank und hat, der Aermſte, ſeinen Verſtand verloren! Fräulein von See⸗ felden nahm nun auch den Schleier und wurde Karme⸗ literin! Ich bin nicht ſo hoher Abkunft. Mir ging es wie Ihnen, Kind! Hat man keine Aeltern und Verwandte mehr, keine Freunde und muß ſich mühſam durchs Leben ſchlagen und immer in Gefahr leben, an ſeiner Seele beſchädigt zu werden, ſo iſt das Kloſter die beſte Ver⸗ ſorgung! Niemand hat da noch eine Entbehrung, als nur für anderer Wohl! Wir kümmern uns nicht: Was 80 wird aus uns? Was eſſen, was trinken wir? Unſere Kleidung, unſer Unterhalt ſind da— ſo leben wir nur mit unſerm Innern beſchäftigt. Kommen Sie morgen, liebes Kind! Wir feiern unſere Geburtstage immer ſo froh, wie nur irgend erlaubt iſt! Es fehlt an Gebacknem nicht, nicht an Blumen, Sie ſollen ſehen, wir ſind ſogar ganz guter Dinge und können lachen wie andere auch! Der Schall einer Glocke rief die Schweſter Beate ab in die Säle, wo ſie die weiblichen Handarbeiten leitete. Treudchen fühlte, daß ſie morgen an dem Geburtstag der Schweſter Thereſe nicht fehlen durfte. Ja es war ihr faſt, als würden es ihre Geſchwiſter zu entgelten haben, wenn ſie einer ſo ausdrücklichen Einladung nicht Folge leiſtete... Dennoch überfiel ſie ein unausſprechliches Bangen... Sie verließ das Waiſenhaus zitternd, wie wenn ſie in Lüften ſchwebte. Ihre Pulſe flogen. Es war ihr, als ſähe ſie immer die Augen der Nonne ſie anlächeln, ſie durchbohren mit einer Freundlichkeit, die keine natürliche war, ſondern dem Blicke der Schlange glich, die ihr Opfer erſt erſtarren macht... Ach und dazu läuteten Glocken draußen und in ihrem Innern! Allen ihren Leiden, zu denen Beängſtigungen kamen, wie ſogar ſolche, die in der Erinnerung an Piter lagen, bot ſich eine himmliſche Tröſtung und ein Ausweg. Auch zu einem Geiſtlichen flog ſie ja jetzt, der ewig entſagen mußte, der nur ſich grüßen laſſen durfte mit Blumen, die die Verehrung brachte und die nichts dafür begehrende Liebe... Auf der Straße, wo ſie ſich wieder befand, hätte ſie ◻σ 81 unter allen Menſchen wie über eine Ahnung laut auf⸗ weinen mögen... Wenn nur Löb Seligmann da war— ſein Plaudern hoffte ſie, würde ihr Beruhigung geben! Sie fand ihn aber nicht und ſie konnte kaum auf ihn warten. Auch konnte er dielleicht ſchon fort ſein, denn ſie war faſt eine halbe Stunde geblieben. Dennoch ſuchte ſie und ſuchte und ſtand und ging und ging und ſtand— Eins konnte ihr Auge nicht fortbannen: Die beiden Nonnen— und Schweſter Thereſe und ihr feierlich ernſtes Dahinwandeln und das braune wollene Kleid, das beide trugen und den groben Ledergürtel— und ihr Geliebter wurde Mönch, angethan wie der, den ſie vorhin geſehen in dem Laden des Meiſters Zinngießer! Faſt war ſie im Auf⸗ und Niedergehen ſchon dicht an dieſem Laden angekommen. Sie ſah ihn in der Ferne, ſie ſah, daß ſie ſich auf dem Rückwege zur Kathedrale leicht zurecht finden würde. Doch kehrte ſie wieder zum Waiſenhauſe um... Nirgends fand ſich aber Löb Seligmann... Jetzt ſchlug es von den Thürmen halb elf Uhr.. Wie durfte ſie länger zögern! Frau Delring wird ihre Toilette machen wollen! ſagte ſie ſich. Sie eilte von dannen und geradeswegs der Kathedrale zu. Nach einer Viertelſtunde war auch dieſe erreicht und mit ihr der Blumenmarkt. Raſch erhandelte ſie zwei große Bouquets von Georginen, Levkoien, Nelken. Se⸗ ligmann's Beiſpiel ermuthigte ſie, ſich einbinden zu laſſen, was ihr nur irgend noch von den andern Vorräthen Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 6 82 gefiel, vor allem Orangenblüten. Damit eilte ſie dann zu dem Laden des Herrn Maria hinüber. Ein Schaufenſter mit den auch nach außen ſichtbaren innern Herrlichkeiten, die hier verkauft wurden, fehlte. Ja ſelbſt im innern Laden, ſo groß und geräumig er war, hatte alles ein Anſehen, wie wenn dieſe Schränke und Kiſten und Kaſten nur zum Privatgebrauche einer hier für immer wohnenden Familie beſtimmt waren. Herrn Maria's feiner Takt bewährte ſich in dieſem Geheimniß⸗ vollen des Verkehrs mit heiligen Dingen. Selbſt die Lebkuchen ziemte ſich nicht ſo offen neben den Meßge— wändern liegen zu laſſen... B Treudchen ſah ſich aber kaum um. In Eile ſagte ſie zu einer von einem verſteckten Stehpult fra⸗ gend aufblickenden nicht mehr in erſter Jugendblüte be— findlichen, aber doch durch Haltung und eine gewählte Toilette wol noch Jugendlichkeit in Anſpruch nehmenden Dame: Eine Empfehlung von Madame Delring! Ob nicht bald ihre Ausſtattung fertig wäre? Madame Delring—? Ah—! Die geſtrenge Miene der ſchlanken, dunkeläugigen Dame verklärte ſich... Sie ſind—? fragte ſie und hocherröthend und nach⸗ fühlend, daß dies Mädchen ihr allenfalls auch hätte ſagen dürfen: Ja, ich bin die von Ihrem Vater für den Dienſt bei der dieſe Nacht Ermordeten Beſtimmte! Aber Treudchen war ſo in der Haſt ihres Auftrags, ſo im Drang ihrer Rückkehr, ſo im Bangen, jetzt nach dem Pfarrer von St.⸗Wolfgang fragen zu müſſen, daß dann baren ehlte. war, und rhier Herrn mniß⸗ ſt die Neßge⸗ ſagte fra⸗ ite be⸗ wählte nenden nicht augigen d nach⸗ te ſagen Dienſt aftrags, ett na 83 Demoiſelle Schnuphaſe(es war die Aelteſte— Eva) über Vorwürfe nicht viel Beſorgniſſe zu hegen brauchte. Ihre Freundlichkeit, ihr Verweiſen auf das Näh⸗ inſtitut der Schweſterſchaft zu den Nothhelfern waren für ihre Verlegenheit bezeichnend genug... Dieſe wunderſchönen Bouquets—! ſagte Demoiſelle Schnuphaſe dann holdſeligſt... Ich wollte ſie Herrn von Aſſelyn bringen— Wem?* Dem Herrn Pfarrer von St.⸗Wolfgang— Der wohnt bei uns— Treff' ich ihn zu Hauſe? Sie kennen ihn—? Aus meiner Vaterſtadt— Ganz recht! Er iſt nicht gegenwärtig! O= Er iſt im Palais Sr. Eminenz des Kirchenfürſten— Könnt' ich ihm nicht die Blumen auf ſein Zimmer ſtellen? Gewiß! Kommen Sie! Fräulein Schnuphaſe nahm lächelnd einen Schlüſſel, der über ihrem Stehpult hing, entfernte ſich in ein Neben⸗ zimmer, kehrte zurück, ließ Treudchen vorantreten und öffnete eine andere nach hinten gehende Thür. Wie Treudchen den Laden mit ihren Blumen verließ, ſah ihr aus der geöffneten Nebenthür eine zweite, elegante und wie es ſchien jüngere Dame nach, ohne Zweifel Demoiſelle Apollonia... In dem alterthümlichen Hauſe ging es eine dunkle ſteinerne Treppe hinauf. Die Führerin öffnete im erſten 84 Stock ein geräumiges Zimmer und ließ Treudchen ein⸗ treten. Hier wohnt der Herr Pfarrer von St.⸗Wolfgang! ſagte ſie. Aber ſchon ſchlug es elf Uhr... Treudchen hörte und ſah kaum noch etwas... Sie rief nur: Elf! O Gott—! Demoiſelle Schnuphaſe verſtand vollkommen, wie ein gutes Kammermädchen ſich nicht beim erſten Ausgange verſpäten durfte... Und doch fehlten für die Blumen die Gläſer und ſie erbot ſich, dieſe erſt zu holen— Treudchen machte es anders. Sie löſte beide Sträuße auseinander und vertheilte die Blumen... Einen Theil warf ſie auf ein offen auf dem Tiſche liegendes großes Buch— vielleicht die lateiniſche Bibel— einen andern ſtreute ſie auf ein großes Schreibzeug, mochten auch einige Nelken in die Dinte fallen. Eine andere Handvoll drückte ſie bei einem Crucifixr, das im Schatten des Spiegelpfeilers ſtand, zwiſchen die Arme des Erlöſers, die eine Lücke an dem obern Querholz des Balkens offen ließen. Den Reſt ſtreute ſie geradezu hierhin und dorthin, ſodaß das Zimmer dem Wege des Herrn nach Jeruſalem glich, ihre Huldigung einem jubelnden Hoſianna. Demoiſelle Schnuphaſe lachte. Treudchen aber, über die der Geiſt Lucindens gekommen ſchien, ſprach wei⸗ ter kein Wort, ſondern ſah ſich nur noch einmal um und lief raſch von dannen. 85 Auf dem Platze ſuchte ſie eben die Straße, in die ſie wußte einbiegen zu müſſen, als ſie gerade auf Löb Selig⸗ mann und wie Kopf an Kopf und Naſe an Naſe gegen ihn ſtieß. Er war ihrer Spur gefolgt, hatte ſich ihr nach⸗ erkundigt und nachgefragt und entſchuldigte ſein Ausblei⸗ ben durch ein Abenteuer, das ihn beſtimmte ſie ſogleich zu fragen, ob er nicht ſo blaß und ſo weiß ausſähe wie Kreide?... Sie fand ihn aber im Gegentheil ſehr erröthet. Doch hielt ſie ſich mit näherer Beweisführung nicht auf, ſon⸗ dern drängte nur ihres ſprachloſen Führers Fingerzeigen auf die Straße nach, die ſie einſchlagen mußten. Ich bin in meinem Leben ein einziges mal heraus⸗ geſchmiſſen worden, keuchte Seligmann, endlich zu eini⸗ gem Athem gekommen, hinter ihr her und bürſtete an ſeinem Hute, der offenbar eine gewaltſame Beſchädigung erlitten hatte; herausgeſchmiſſen aus bloßem Scherz— und jetzt— Wer hat Ihnen denn etwas gethan? fragte Treud⸗ chen in haſtiger Eile den noch ganz Ungeſammelten... Jetzt, wo kein Gensdarm mehr zu einem moſaiſchen Glaubensgenoſſen: Zaruck! ſagt, wenn blos die andern gedrängelt haben... Aber was geſchah Ihnen denn? Ein Mönch, der ein Mann Gottes ſein will.. Treudchen konnte trotz ihrer Eile nicht umhin, eine Secunde ſtill zu ſtehen und auf ihren kaum nachkom⸗ menden Begleiter einen ſtaunenden Blick zu werfen... Der mich einmal herausgeſchmiſſen hat— das iſt ein Student geweſen, fuhr Seligmann fort; in kurzen 86 Pauſen, Herr Benno von Aſſelyn war's— den Sie ken⸗ nen müſſen— Neveu vom Herrn Dechanten— Ja wohl! Ja wohl! Der hat Sie jetzt— Nein! Vor fünf Jahren! Und blos aus Spaß ſchmiß mich Herr von Aſſelyn'mal heraus im Roland am Hüneneck, eine Stunde von der Univerſität, wo ich eine Verhandlung mit einer Partie Bauern hatte, die ihre Güter wollten parcelliren! Kam der damalige Student Herr von Aſſelyn dazu mit fünf andern, machte die Stube auf und hörte, was wir discourirten, und fing an: Seligmann— er kannte mich von Kocher— ſind Sie denn das Verderben des Landes! Schlachten Sie Rinder und Kälber mit Ihrem Schwager Lippſchütz, aber ruiniren Sie uns hier den Wohlſtand der Bauern nicht durch dieſe verfluchte Parcellirung!... Und ſo faßt mich Herr von Aſſelyn an dem Rockkragen und führt mich volens nolens in die Nebenſtube und alle Bauern lachten dazu. Es war aber blos ein Scherz, die Studenten wollten nur unſere Stube haben, um beſſer ihren Wein zu trinken wegen der Ausſicht! Aber heute— ſtraf' mich Gott! bin ich wirklich herausgeſchmiſſen worden mit einer Grobheit wie von Joſeph Zapf, dem Wirth im Roland ſelbſt! Und das von einem Mönch— einem Prieſter Gottes!„Jüd“! So hab' ich das Wort ſeit zwanzig Jahren nicht gehört, ſeitdem die Buben dazumal, wie das deutſche Vaterland vorm Naßoleon iſt gerettet geweſen, überall„Hepp, Hepp!“ geſchrieen! Noch mochte Treudchen bis zu ihrer Ankunft an dem in der innern Stadt liegenden Kattendyk'ſchen Hauſe fünf Minuten Zeit haben... 87 Herr Seligmann erzählte ein Zuſammentreffen, das er im Laden des Herrn Xaver Klingelpeter mit einem Mönche gehabt hätte. Und trotz ſeiner Aufregung und trotz Treudchen's Eile nahm er ſich die Zeit, noch eine Huldi⸗ gung für Veilchen Igelsheimer einzuflechten und Treud⸗ chen zu ermuntern, die Weiſeſte ihres Geſchlechts zu be⸗ ſuchen... Als ich ihr den Blumenſtrauß in die Rumpelgaſſe brachte, ſagte er, wollt' ich fort, um Sie nicht warten zu laſſen! Ich erzählte Ihre Leiden, Treudchen! Ich erzählte auch Ihre Liebe und Ihre Anhänglichkeit! Wiſſen Sie, was es geſagt hat, das Veilchen? Was dankbar! Kinder dankbar! hat es geſagt. Die beſten Kinder ſind gegen ihre Aeltern nur Lumpen! Sie zahlen! Womit zahlen ſie? Gerade von dem zahlen ſie, was ſie ſchuldig ſind! Frag' ich ſie: Veilchen wie ſo ſchuldig?... Sind die Kinder, antwortete das Mädchen, ihren Aeltern nicht das Leben ſchuldig? Und zahlen ſie nun wieder mit ihrem Leben, was thun ſie? Sie machen's wie die Fürſten mit ihren Völkern und mit ihren Schulden und wie alle, die bankrott ſind! Sie zahlen ihre Gläubiger gerade von dem, was ſie eben ihnen ſchuldig ſind! Weder Treudchen's Gemüthsſtimmung noch ihre Bil— dung geſtattete ihr, dieſe talmudiſche Dialektik ſo über⸗ raſchend geiſtvoll zu finden, wie ſie Löb Seligmann fand... Aber trotz ſeiner Bewunderung vor dem ſcharfen Geiſte Veilchen's verlor er den Faden ſeiner Erzählung nicht. Er berichtete, daß er beim vergeblichen Warten auf Treudchen, die noch im Waiſenhauſe war, einen 88 Sprung zu dem Zinngießer hätte machen wollen. Dort hätte er den Laden verſchloſſen gefunden und wäre nun als alter Bekannter von hinterwärts durch die Werkſtatt und in ein Nebenzimmerchen gegangen. Dieſes wäre leer geweſen. Wohl aber hätte er durch ein Schiebfenſterchen in die Stube des Meiſters ſehen und mit Staunen auf dem Tiſche an die Tauſende von kleinen zinnernen Münzen erblicken können. Es wäre ihm doch geweſen, als hätte er in eine Falſchmünzerei geſehen. Ein Mönch hätte über die Münzen mit dem Meiſter disputirt und wie ein Advocat wäre er dabei herumgeſprungen und hätte dies getadelt und jenes und die Münzen geworfen, daß ſie auf den Tiſch hinrollten... und als er dann geklopft und den Kopf durch die Thür geſteckt hätte und hereintreten wollen, da hätte ihn der Mann Gottes in einer Art wieder hinausgeführt, die über alle Zweideutigkeit erhaben geweſen wäre.. Zwar müſſe er bekennen, daß er, noch von Veilchen's Geiſte angeſteckt, den Scherz gemacht:„Sind das Wundermedaillen?“— aber ſo dicht heran an den Scheiterhaufen und an die heilige Inquiſition hätt'er ſich in ſeinem Leben nicht gefühlt, wie bei dieſer Behandlung an einem Orte, wo ihm Meiſter Klingelpeter doch auch ſchon mit manchem Scherze geſagt hätte, es wäre ihm ganz egal, wo ſein Bruder Nathan Seligmann das Zinn herbekäme, das er ihm geſchmolzen zum Verkauf bringe, ob von alten Kelchen oder— Die Blasphemie, die auf Löb Seſigmann's zornes⸗ bleichen Lippen ſchwebte, hörte Treudchen nicht. Sie war jetzt am Portal des Kattendyk'ſchen Hauſes. Nun ſtand der Portier in voller Gala unter den, Dort nun ſtatt leer chen dem nzen ätte ätte ein ätte daß 89 während der Geſchäftszeit, ſeit Piter befehligte, weitgeöff⸗ neten Thorflügeln. Löb Seligmann warf ihr noch einen letzten Ausdruck der Theilnahme zu auf die herzlichen Dankesbezeugungen für ſeine Begleitung und heute bewieſene Freundlichkeit. Im Verdruß ſeines gekränkten Stolzes, im Ver⸗ druß ſeiner nur mit Zerſtreuung und halber Theil⸗ nahme aufgenommenen Erzählung und doch unfähig, ſich zu rächen(und hätte er alle Mittel dazu gehabt, ſein Ge⸗ müth war doch nur geneigt zum Dulden), auch unfähig, Treudchen Vorwürfe zu machen und überhaupt anders als gefühlvoll von ihr Abſchied zu nehmen, ſagte er: Leben Sie glücklich, mein Kind! Er ſprach dieſe Worte langſam und melodiſch be⸗ tonend. Er ſprach ſie, wie wenn einmal jemand: Leben Sie glücklich, mein Kind! zu David Lippſchütz hätte ſagen können, falls dieſem plötzlich auch ſo ſeine Mutter oder gar der Onkel ſelbſt mit Tode abgegangen wäre... Wir Menſchen ſind ja ſo... Eine Mutter liebkoſt dann am herzigſten ein fremdes Kind, wenn ſie aus deſſen Zügen ihr eigenes herausfindet. Treudchen war längſt in dem ſtattlichen Hauſe ver⸗ ſchwunden, als Löb Seligmann noch im Gemiſch von Zorn und Wehmuth daſtand, dann in die Kattendyk'ſchen Comptoire ſchaute, eine Weile den Gedanken faßte: Wer hier Geſchäfte machen könnte! darauf ſeinen Hut, der eine unvertilgbare Beule bekommen hatte, aufſetzte und ſich im Geiſt auf die Scene mit dem Mönche zurück— verſetzte, der ohne Zweifel Pater Sebaſtus geweſen war.. 90 Aus dieſen Träumen weckte aber,„den Störer der Paſſage“, glücklicherweiſe noch vor dem Portier ein freund⸗ licherer Anruf: Guten Morgen, Seligmann! Dieſe Worte kamen von einem Manne, deſſen An⸗ blick dem Gütermakler im Nu den Hut vom Kopfe riß... Herr Fuld! Ihr gehorſamſter Diener, ſprach er faſt tonlos... Es war ſein vornehmer leiblicher Vetter— es war der Enkel eines Couſins ſeiner Mutter, der Löb Selig⸗ mann gegrüßt hatte, Herr Bernhard Fuld, der Beſitzer der Villa zu Druſenheim im Enneper Thale. Und was geſchah? Alle Stämme Iſraels gaben ihre Rangunterſchiede auf! Bernhard Fuld blieb zwar nicht ſtehen, aber er for⸗ derte Löb Seligmann auf, ihn zu begleiten... Setzen Sie nur den Hut auf, Seligmann! bedeutete ihn der Vetter, den Weigenand Maus und Alois Effingh. heute zum Gegenſtand einer Caricatur machten, die viel⸗ leicht ſchon in Arbeit war. Wird es denn nichts mit dem Weinberg hinter meiner Villa? Er fragte dies im Gehen und den Vetter in Bewegung ſetzend, der vor Verehrung immer zum Stillſtand ten⸗ dirte. Leider nein, Herr Fuld!... Aber ich bot doch ſiebenhundert Thaler! Ich machte die Offerte... Das iſt ein Heidengeld! Unerbittlich iſt der Menſch... Verſuchen Sie es doch noch einmal— h re 91 Sie befehlen... Meine Frau vermißt dieſen Beſitz, der in der That meine Villa erſt arrondirt! Neunhundert Thaler, wenn Sie's machen! Bei Gott! Eine anſehnliche Summe! Ich will es noch einmal— Und kommen Sie dann nächſten Sonntag nach Dru⸗ ſenheim und berichten mir's— Ganz wohl! Sie können ja bei uns ſpeiſen, Seligmann! Mit dieſem Worte, das Löb Seligmann geradezu verſteinerte, war Herr Bernhard Fuld kurzweg um eine Ecke verſchwunden und ließ den Vetter ſtehen. Sie können ja bei uns ſpeiſen, Seligmann! War das Wort wirklich geſprochen worden? War es von Bernhard Fuld geſprochen worden, dem Mann, den dort der vierte, fünfte Vorübergehende grüßt? Dem Mann mit dem ſchwarzen Frack und dem rothen Bändchen im Knopfloche? Dem Mann in dem herbſtlich gelben Ueberzieher, mit dem Bart à la mécontent, im weißen Caſtorhute, dem vornehmen Gange, der faſt die Steine, auf die er trat, erſt auswählte und des Gehens auf gemeiner Erde gar nicht gewohnt ſchien? Es war von ihm geſprochen worden! Und ſo obenhin war es geſprochen worden, wie wenn alle Tage Sabbat wäre und die Erde nie den Winter kennte ſondern ein ewiger Frühling in der Natur und dem Herzen ihrer Bewohner blühte und wie wenn die gebratenen Gänſe mit duftender Aepfelfüllung nur ſo mit den Tran⸗ chirmeſſern durch die Lüfte flögen und die Menſchen am . 8 92 Tage geputzt gingen mit Veilchen Igelsheimer's Garderobe oder wie die Ballgäſte in der neuen Oper„Guſtav oder der Maskenball“... Löb Seligmann wuchs in dieſem Augenblicke bis an die Kuppel einer nahe liegenden wirklich alt byzantiniſchen Kirche. Er vergaß die vorahnende Erinnerung an die Todes⸗ anzeige:„Geſtern ſtarb mein geliebter Onkel—!“ Er vergaß die Erinnerung an die Scheiterhaufen der Inquiſition und die bürgerliche Gleichſtellung der Glau⸗ bensbekenntniſſe wenigſtens vor dem Bagatellhofe wegen Injurien... Sie können ja Sonntag bei uns ſpeiſen, Selig— mann! Ja es gibt noch Wunder und liebliche Märchen und was wird Veilchen ſagen und was Henriette und was David.? Mit dieſen, bis in die höchſten Bergeskuppen gipfeln⸗ den Empfindungen mußte Löb Seligmann freilich jetzt in einen Keller ſteigen. Der Beſitzer des um keinen Preis käuflichen Wein⸗ berges hinter Druſenheim hieß Stephan Lengenich. Es war dies der aus hieſiger Gegend gebürtige Küfer und ehemalige Freund der Beſchließerin Liſabeth auf Schloß Neuhof, der um den Tod des Deichgrafen ein Jahr hatte ſitzen müſſen, bis ihn die Gerichte aus Mangel an Beweis freiſprachen. Stephan Lengenich war in ſeine Heimat zurückgekehrt und ſtand als erſter Küfer dem großen Weingeſchäfte von Joſeph Moppes vor. ſchen und feln⸗ jetzt Vein⸗ irtige abeth rafen aus ekehrt 3 von 93 In dieſe berühmten, mit unterirdiſchen Gängen weit ſich hinziehenden Keller ging es zwanzig Stufen hinunter. Löb Seligmann ſtieg ſie ner, als führten ſie um das Dreidoppelte empor. Nächſten Sonntag!— In Druſenheim!— Speiſen bei Bernhard Fuld! Die heiterſten Melodieen aus„Fra Diavolo“, mehr aber noch das luſtige„Kommt fröhliche Gäſte!“ aus den „Wienern in Berlin“ fielen in ſein überraſchtes und bereits verſöhntes Gemüth wie mit rauſchenden Orcheſter⸗ klängen. Selbſt Thiebold de Jonge und die Freunde Piter's konnten mit ſoviel Wonne nicht an die von ihnen be⸗ ſchloſſene druſenheimer Partie des nächſten Sonntags denken. 4. Seit jenem verhängnißvollen Augenblick, wo die wenigen Zeilen, welche Eduard Michahelles, der Secretär des Kirchenfürſten Grafen Truchſeß⸗-Gallenberg, an Bo⸗ naventura geſchrieben, in den Händen deſſelben wie glühende Kohlen brannten, ſprach es mahnend und zur Eile drän⸗ gend aus jedem Baumeswipfel, aus jedem Windes⸗ wehen, aus jedem Menſchenauge um ihn her mit den Worten des Herrn:„Siehe, ich habe dich gerufen und du haſt dein Ohr verſtopfet!“ Von dem Dechanten, den Bonaventura für einen verlore⸗ nen Sohn der Kirche halten mußte, hatte er ſich losgeriſſen wie von einer jener Verſuchungen, die zu unterdrücken nun ſchon faſt neun Jahre ſeine tägliche Uebung war. Er hatte die Aufträge an den Oberſten überbracht, ohne dieſen ſtrengen und ernſten Mann vermögen zu können, Armgart's Wünſchen zu folgen und ſich ſofort mit ſeiner Gattin Monika auszuſöhnen. Wie er als Bote des Dechanten Gründe der Billigkeit geltend machte, wie er ſagte: Die meiſten Ehen haben ihren wahren Grund erſt dann noch zu legen, wenn ſie ſchon längſt geſchloſ⸗ ore⸗ iſſen icken war. hne nen, 95 ſen ſind! wie er die Tugenden der Gattin des Oberſten ſchilderte, den ſtarren Sinn der gemeinſchaftlichen Heimat, die Härte der Verwandten, die ihr das einzige geliebte Kind rauben konnten, wie er rühmte, daß ſich die ver⸗ bitterte, ermüdete junge Frau, um allen Schein einer weltlichen und eitlen Geſinnung zu vermeiden, in ein Kloſter geflüchtet hatte, wurde ſeine Beredſamkeit wieder gelähmt durch das ſoeben noch ſchmerzlich lebendig herauf⸗ beſchworen geweſene Andenken an ſeine eigenen Aeltern. Er ſchied vom Oberſten unverrichteter Sache und reiſte nach St.⸗Wolfgang zurück, ohne auch von Lucindens Bruch mit der Dechanei vernommen zu haben. Die Freundin des Dechanten, der in der Stadt war, verbot ean damit bekannt zu machen; ſie fürchtete einen ch der Vermittelung und Ausſöhnung. Erſt in ſeinem Pfarrhauſe, wo die alte Dienerin ſeiner Aeltern, die wie Joſeph Meviſſen zu ihm gehalten hatte, vor der Mittheilung, ihr Pflegling müßte ſofort in die Reſidenz des Kirchenfürſten, nicht wenig erſchrocken und doch auch wieder darob geiſtig hoch erhoben war, erfuhr er gelegentlich von dem durchreitenden und immer noch vergebens nach dem Knecht aus dem Weißen Roß ſuchenden, in ſeinem damaligen Verdacht ſo glänzend gerecht⸗ fertigten Grützmacher, wie die Dinge in der Dechanei Hals über Kopf gegangen. Bonaventura hörte ſie voll Mit⸗ leid, er vertheidigte ſogar Lucinden gegen die Anklagen Renatens und nur die Beſorgniß, dieſer peinlichen Nei⸗ gung nun gar in der Reſidenz des Kirchenfürſten wieder zu begegnen, ließ ihn verſtummen in ſeiner aufrichtig theilnehmenden Anmaltſchaft. 96 Der Kirchenfürſt hatte ihn innerhalb ſo kurzer Friſt zu ſprechen begehrt! Und doch feſſelte ihn in ſeiner Gemeinde ſo vieles, was zu erledigen war. Es kam ihm vor, als gliche er denen, die im Evangelium zur Hochzeit geladen werden und die dem göttlichen Gaſt⸗ geber ſoviel geringfügige und alltägliche Dinge vorzu⸗ ſchützen wiſſen... Und es bildet ſich auch im katholiſchen Leben eine Gemeinſamkeit des Geiſtlichen mit dem Leben ſeiner Ge⸗ meinde, die eine ganz perſönliche und dies in der Liebe ſowol wie im Haſſe werden kann. Denn auch der Haß findet ſeine Nahrung. Zu eng iſt faſt der Verkehr der Kirchenaufſicht, Kirchenbuße und Kirchenzucht. Und eben deshalb, weil der Geiſtliche ſich ſelbſt in alles miſchen darf, unterliegt auch er einer ſtrengen Kritik. Vom Gutsherrn bis zur unterſten Magd herab wird ſeine Art beurtheilt. Dem einen ſieht der Pfarrer zu trau⸗ rig, dem andern zu heiter aus; den grüßt er zu ſtolz, jenen zu herablaſſend; dieſe alte Frau wirft ihm vor, daß er den Kindern nicht oft genug die Hand gebe und Heiligenbilder an ſie austheile; jenem Bauer iſt er zu freigebig und ſpendet aus dem kleinen ledernen Beutel, den er immer bei ſich tragen ſoll, zu viel an die Bettler, die ſich ſo durch ihn in den Ort gezogen fühlen. Ganz altmodiſch mögen ſie auch keinen haben und doch beur⸗ theilen ſie den Schnitt des Rockes, ob der auch nicht zu kurz, der Stiefeln, ob die auch geziemendermaßen bis an die Schäfte hinauf nach außen ſichtbar ſind, den Hut, ob dieſer, wenn er auch billigerweiſe die Form des Dreiecks bei uns abgelegt hat, doch nicht zu modern und ſtadt⸗ —,————⸗— Friſt iner kam zur aſt⸗ rzu⸗ eine Ge⸗ diebe Haß der eben chen Vom ſeine rau⸗ tolz, vor, und r zu eutel, ktler, Hanz 97 mäßig wäre. Die Beurtheilung der Gemeinde ſieht ihrem Seelſorger bis in das Innerſte des Hauſes, bis in den Topf, der für ihn am Feuer ſiedet, bis in das Polſter ſeines Sitzes, ob es nicht zu weich iſt, bis auf die Farbe der Decken, die auf ſeinem Tiſche liegen, ob ſie nicht zu bunt. Und daran gewöhnt ſich denn auch der Geiſt⸗ liche ſelbſt. Die Beaufſichtigung wird ihm Bedürfniß. Die Gemeinde erſetzt ihm die Familie. Er lebt mit allen, lebt für alle. Jedes Vorkommniß des innern und äußern Lebens ſeiner Ortsangehörigen will er kennen und was er nicht ſieht mit eigenen Augen, erfährt dann doch ſein Ohr im Beichtſtuhl. Da, in dieſem räthſelhaften Flüſter⸗ ſtübchen, wandeln dieſe Menſchen dann alle um ihn her faſt wie aufgedeckt und durchſichtig und wie mit gläſer⸗ nen Fenſtern vor ihren Herzen. Niemand kann nun noch an ihm vorübergehen und unbefangen grüßen. So mancher ſchlägt die Augen nieder, ſo mancher Knecht, der allen trotzig iſt, iſt ihm demüthig, ſo manche Magd erröthet und athmet erſt auf, wenn ſie an ihm wieder vorüber iſt. Wären es nur immer die rechten Warner und Rich⸗ ter, wer hätte Bonaventura nicht recht gegeben, wenn er auf die Feindſchaft des Dechanten gegen die Beichte gewöhnlich erwiderte: Unſere Kirche iſt eben eine Heils⸗ anſtalt! Denn nicht eben alle wiſſen den Beichtſtuhl ſo zu behandeln, wie Bonaventura ſeit ſeiner erſten Sitzung in dem„Holz der Buße“. Nur zu ſehr nimmt die meiſt aus dem Bauernſtande hervorgegangene niedere Geiſtlichkeit die Art und Bildung der Scholle an, von der ſie herſtammt und auf die ſie zurückkehrt. Heftige Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 7 98 Naturen toben ſich ſelbſt im Meßgewande aus und will man wahr ſein, ſo gefällt es ſogar dem Landmann, wenn ſein geiſtlicher Führer Fleiſch von ſeinem Fleiſch, Bein von ſeinem Bein iſt. Der Dechant, in ſeiner Gletſcher⸗ bildungstheorie, ſagte oft:„Darin etwas ändern iſt auf theoretiſchem und discutirendem oder befehlendem Wege nicht möglich! Nur große Geſchichtsepochen, die den ganzen Menſchen ergreifen, die allein reformiren! Ge⸗ ſchichtsepochen, denen wir hoffen auf irgendeine Art wie⸗ der entgegenzugehen und ganz nahe zu ſein, Geſchichts⸗ epochen, die wir 1815, als das deutſche Vaterland in ſeiner Einheit wiederhergeſtellt wurde, leider ſo unbenutzt vorüberziehen ließen!“ Bonaventura kannte vollkommen den Landmann und ſeine Bedürfniſſe. Sein unglücklicher Vater hatte aller⸗ dings dem höhern Beamtenſtande, zuletzt als Regierungs⸗ rath, angehört; aber ſeine beiden Oheime lebten auf dem Lande, der Dechant wenigſtens in einer kleinen Stadt; er ſelbſt war in Borkenhagen geboren, einem kleinen Gute, das der ganzen Familie gehörte und vor der Rückkehr des Onkels Max aus dem ſpaniſchen Kriege verpachtet geweſen war, ohne daß ſeine junge Mutter ſich behindern ließ, dann und wann das kleine, der Fa⸗ milie gebliebene Herrenhaus zu beſuchen und auf dem Lande die Sommeerfriſche zu halten. Bonaventura war keine zerfloſſene Natur oder von übermäßiger Milde; er konnte ſtreng und in manchem vielleicht zu entſchieden ſein. Aber immer umgab ihn eine gewiſſe Vornehmheit, eine edle, ja adelige Beſonderheit. Der längliche Schnitt ſeines Antlitzes, die braunen Augen in dunkelſchattigen 99 Höhlen, die Feinheit derjenigen Organe, die die Kenn— zeichen einer höhern geiſtigen Natur tragen, Mund, Naſe, weiße längliche Hände, alles das hob ſeine Er— ſcheinung. Dazu kam der ſchlanke Wuchs, das ſchwarze Haar, deſſen Tonſur nur wie die natürliche Folge der Anſtrengung des Denkers ausſah und vollkommen mit dem lichtern Haarwuchſe an den Schläfen und Stirnecken zuſammenzugehören ſchien. Beſeelt war all dies Aeußerliche von einer weichen, in der mittlern Tonlage ſich haltenden und zur Höhe und Tiefe gleich klangvoll ſich erhebenden und ſenkenden Stimme. Bonaventura beſaß den ganzen Eifer, den wir immer finden bei einem ſelbſtgewählten Berufe. Damals, als ihn der ſchauervolle Tod des Vaters und die Verhei⸗ rathung ſeiner Mutter in eine tiefe Betrübniß, die an Schwermuth grenzte, verſetzte, ging ihm die Mahnung zum geiſtlichen Beruf wie eine Viſion auf. Schon ſtudirte er auf der Univerſität, um nach einiger Zeit und mit dem geſetzlichen Alter als Freiwilliger in die Armee zu treten und bei ihr auf Avancement zu dienen. Der Fall trat ein; er verblieb in den Reihen des Militärs bis zur Vollendung ſeines Offizierexramens. Dann trat er als Fähnrich aus. Es ergriff ihn ein ſolcher Ueberdruß an weltlichen Din⸗ gen, daß er nicht faſſen konnte, wie er dem Waffen⸗ dienſte ſich mit ganzer Hingebung hätte weihen können. Das Vaterland lag im tiefſten Frieden, eine Lockung des Ehrgeizes oder des Pflichtgefühls, dem Allgemeinen ſich zu opfern, ſprach nirgends aus der todten oder träu⸗ meriſch ſchlummernden Zeit; was hätte ihn hindern kön⸗ nen, dem Zuge zu folgen, der ihn ſo mächtig ergriff 7* 100 und der ihn aus einer Art geiſtiger Vernichtung wieder emporzuheben verſprach? Es gibt eine Schwarmzeit im Gemüthe des Jüng⸗ lings, eine heilige Zeit der Dämmerung und des ſehn⸗ ſüchtigen Träumens. Nicht immer hin an das Herz ei⸗ nes weiblichen Weſens, das man dann allerdings in den meiſten Fällen unter Athemzügen wie von Feuergluten lieben muß, oft auch an einen Freund zieht es in dieſer Zeit des Jünglings Seele. Dieſe Stunden ſind die der Geburt unſers geiſtigen Menſchen. In dieſen Stunden werden die Bücher unſers Schickſals angelegt. In ihnen öffnen ſich feierlich und ſchwer dieſe großen leeren Blätter, auf welchs unſer Schutzgeiſt das Größte, Erhabenſte, Glück⸗ lichſte ſchreiben möchte, wenn nur nicht die ſtärkern Dä⸗ monen der Weltregierung und die noch ſtärkern unſerer eigenen Leidenſchaft ihn von dem Buche hinwegdrängten, ihm die Feder aus der Hand riſſen, thörichte Hiero⸗ glyphen, Fratzen oft hineinzeichneten, von denen wir in unſern ſpätern Tagen mit verhülltem Angeſicht uns ab⸗ wenden, mögen ſie auch in einem einzigen großen, uns unbekannten, allmächtigen Weltenplane irgendwie auch ihre Schönheit haben und dieſe Schönheit ſchon durch die Leiden, mit denen wir ſie büßen mußten! In einer ſolchen Dämmerſtunde, wo wir nichts ſind als Gefühl, nichts wollen als die liebende Umarmung des Alls, nichts fürchten und wär' es die eigene Vernichtung, da ergriff es auch den zwanzigjährigen Jüngling, der über ein Jahr ſchon auf der Hochſchule geweſen, dann ſchon die Liebe mili⸗ täriſcher Kameraden, die Achtung der Vorgeſetzten gewon⸗ nen hatte, ſich loszureißen ganz von der Welt, von dem 101 Staat, von der Geſellſchaft und ein Prieſter zu werden. Das Bild des im Alpenſchnee verſunkenen Vaters winkte ihm, gleichſam ein Dankopfer darzubringen an die Augu⸗ ſtinermönche, die ihn gefunden und begraben hatten. Die plötzliche Heirath der Mutter mit einem Manne, über deſſen Stellung zu ſeinem väterlichen Hauſe er erſt nach und nach die volle Wahrheit ahnte, dieſe vollends er⸗ füllte ihn ſo mit Wehmuth und Schmerz und Opfer⸗ freudigkeit an das Höchſte, daß er ein Kloſter aufgeſucht haben würde, wenn er nicht vom Dechanten mit der ernſteſten Rüge davon wäre abgehalten worden. Drei Jahre verbrachte Bonaventura im Convict einer mittel⸗ deutſchen Univerſität. Er erhielt nach und nach die meh⸗ reren Weihen des Prieſters. Er war ein Jahr Kaplan zu Kocher am Fall geweſen; dann ſeit zwei Jahren Pfarrer zu St.⸗Wolfgang, Nachfolger eines wenig rüh⸗ menswerthen Prieſters, Cajetanus Rother. Bonaventura fühlte und füllte die Lücken ſeines Wiſſens. Die Aus⸗ dehnung auf dem Gebiet aller der je gehegten Meinun⸗ gen und Irrthümer über jenſeitige Dinge iſt ſo groß, die Zahl der Schriften, die geleſen zu haben zur Beruhi⸗ gung wenn nicht des Herzens, doch der Bildung gereicht, mehrte ihm ſich von Tage zu Tage, wie ſie ſich dem größten Gelehrten mehrt, je länger er forſcht... Da hatte er denn daheim ſo viel Angefangenes, ſo viel zog ihn in ſeine kleine Bibliothek und an ſeinen Studirtiſch zurück, daß er nicht ſofort zum Aufbruch kam, als er jetzt in die große Stadt hinunterkommen ſollte... zu dem Kirchen⸗ fürſten, mit dem er ſchon einmal in ſeinem Leben unter ſchmerzlichen Umſtänden zuſammengetroffen war. 102 Dieſe Stadt ſelbſt hatte für Bonaventura immer etwas Beklemmendes gehabt, theils weil ſie ſo unſchön, wirr und wild in der Anlage, hier und da ſogar wüſt im Zurückgebliebenſein gegen frühere Macht und Bildung war, theils weil ſie neugeboren wurde aus einem ihm nicht ſympathiſchen Geiſte, dem proteſtantiſchen; aber am unheimlichſten erſchien ſie Bonaventura durch die Erinne⸗ rung an eine Abſchiedsſcene, die er vor ſieben Jahren hier erlebt, die Trennung von ſeiner Mutter. Schon ſeit ſei— nem zwölften Jahre lebte er von ihr entfernt, theils in Kocher, theils auf der lateiniſchen Schule der Univerſität. Von ſeiner Mutter hatte er immer nur die Erinnerung einer Frau gehabt, die er wol mit ſeinem Vater in ruhiger Einigkeit geſehen und doch nie ganz mit ihm und in ihm aufgegangen. Es war eine große Regierungsſtadt mehr nach dem Weſten zu, in der Vater und Mutter gelebt hatten. Der Vater hatte einen Freund, der erſt der Aſſeſſor, dann der Rath von Wittekind⸗Neuhof hieß, jetzt ſchon ſeit lange der Präſident. Dieſer war der unzer⸗ trennliche Gefährte aller Erinnerungen, die ihm aus ſei⸗ ner erſten Knabenzeit geblieben. Herr von Wittekind⸗ Neuhof war ein lebhafter, feuriger Weltmann, beweglich, anſchlägig, geiſtvoll, ſelbſt vor dem Tode ſeines Bruders Jeröme doch ſchon der Erbe großer Güter, die Seele der Geſellſchaft und, ſonderbar genug, der Freund ſeines Va⸗ ters. Bonaventura kannte jetzt das Leben genug, um ſich zu erklären, wie drei Menſchen, von denen einer, ſein Vater, ein edler, aber unpraktiſcher, in ſeiner bürgerlichen Eriſtenz wenig geordneter Charakter war, der Freund dag gen ein an allen Gütern geſegneter Weltmann, und und ſtadt utter elſt hieß zzer⸗ ſei⸗ kind⸗ glich, ders der Va⸗ n ſch ſein lichen reund und dazwiſchen ein junges Weib, ſeine Mutter, in Conflicte kommen konnten, unter denen alle drei litten und alle drei ſcheiterten. Er ſah ſeinen Vater immer noch im Geiſte langſam dahinſchreiten, das Haupt nachdenklich geſenkt,— er erinnerte ſich der abgeſchloſſenen Thüren— der verweinten Augen— vieles Murmelns und Flüſterns — dann der väterlichen Todesnachricht— mit ihren ſeltſam beſprochenen Folgerungen— damals ſchon lebte er nicht mehr im Hauſe— zum Bruder hatte ihn der Vater entfernt, als ſollte er nicht Zeuge der Vorgänge des älterlichen Hauſes ſein— nicht einmal Abſchied hatte er, als er nach der Schweiz reiſte, von ihm genommen,— alles traf ihn wie aus wolkenloſer Höhe. Die Bewilligung zur neuen Heirath der Mutter hing von dem damaligen Generalvicar, dem jetzigen Kirchenfürſten ab. Ein Zu⸗ ſammentreffen wurde veranſtaltet in dieſer Stadt. Sein Stiefvater war zugegen. Die Freundlichkeit deſſelben war Bonaventura noch jetzt in der Erinnerung beklem⸗ mend. Die Mutter und der Präſident kamen erhitzt und erregt von dem Generalvicar. Man hatte lange Anſtand genommen, eine Ehe zu geſtatten, die zwar gleiche Re⸗ ligionsverwandte ſchloſſen, aber wer durfte die Todes⸗ nachrichten über den Regierungsrath Friedrich von Aſſelyn nicht anzweifeln? Wer mußte nicht von der Schweiz und vom St.⸗Bernhard aus erſt die gründlichſten Ausweiſe der Regiſter und der Erkennungsprotokolle verlangen? Auch das erfuhr Bonaventura ſpäter, daß Graf Truch⸗ ſeß ſeinen neuen Vater nicht mochte, ihn haßte als einen ganz in das jenſeitige Lager Uebergegangenen, als eine „Bureaukratenſeele“, einen Abtrünnigen vom alten Adel 104 des Landes und das aus einem Geſchlechte, aus deſſen Vorfahren mancher ſchon hohe geiſtliche Würden bekleidet hatte... Der Kronſyndikus hatte ſeinen Sohn j ſchon Lucinden einen neuen Segeſtes genannt... Damals wieder⸗ kehrend aus dem Domkapitel, warf ſich die Mutter dem Sohne an die Bruſt und ſchilderte ihm den Charakter ſeines neuen Vaters als eines der edelſten und beſten Menſchen, eines Mannes, der dem Sohne ſchon um des⸗ willen lieb und werth ſein müſſe, weil er der innigſte, wärmſte und wahrſte Freund ſeines Baters geweſen. Die Thränen einer Mutter hätten vielleicht jeden in dieſer Lage gerührt, aber Bonaventura's Augen feuchteten ſich nicht. Das Wort des Erlöſers, das ſchroffe, unenträth⸗ ſelte Wort:„Weib, was hab' ich mit dir zu ſchaffen?“ kam ihm wie mit einem plötzlichen Begreifen zu Gemüthe. Hatte er je eine wie weltſtürmende Regung in ſeinem Innern empfunden, ſo war es in dieſem Augenblicke. Eine prophetiſche, apoſtoliſche Glut war es, die ihn durch⸗ loderte. Die Mutter hätte er von ſich drängen mögen, ſprechend:„Weib, was hab' ich mit dir zu ſchaffen?“ Und dabei gedachte er in der That des Sündenfalls, ge⸗ dachte Eva's, der Schlange, des Apfels, der geiſtigen Wiedergeburt, der Erlöſung, auch der Erlöſung aus den Banden des Natürlichen, Sinnlichen, Angeborenen, wenn auch noch ſo Theuern. Erſtarken fühlte er ſich zum Helden. Als ihm keine Thräne über dieſe weinende Mutter kam, fühlte er ſich zum erſten mal— als Prieſter. Seine Hand zitterte wol, als er die der Mutter hielt, aber nur aus Mitleid. Die Mutter hatte eine Confrontation mit dem Sohne noch vor dem General⸗ 105 vicar haben ſollen mit dem künftigen Stiefvater; es han⸗ delte ſich ſchon um deſſen Zuſtimmung zu dem Entſchluſſe Bonaventura's, in den geiſtlichen Stand zu treten, die natürlich ſogleich von Friedrich von Wittekind gegeben wurde. Die Dauer des Namens Aſſelyn wurde durch die frühe Adoption Benno's verbürgt. Nun ſtand die Mutter wie eine Schuldige gar ſchon vor dem künftigen Geiſtlichen. Sie bat ihn, ihrer oft im künftigen Altar⸗ gebet zu gedenken; ſie bat ihn, auch dem neuen Vater Heil zu erflehen. Sie konnte verſichern, daß auch den neuen Gatten genugſam geheimer Kummer drückte... obgleich die Zeit, wo ſein Vater für den Mörder des Deichgrafen gelten durfte, noch nicht da war und nur die ältere trübe Vergangenheit des Kronſyndikus ſchwer auch auf den Lebensbeziehungen des Sohnes lag. Dennoch ließ Herr von Wittekind damals nach den Thränen der Mutter im Hotel beim Diner Champagner bringen, fuhr in be⸗ quemer Equipage in ſcheinbar heiterſtem Geſpräche mit ihnen beiden ſpazieren, bis ſie freilich, nach dem Hotel zurückgekehrt, eine Botſchaft von Schloß Neuhof empfin⸗ gen, der Bruder des Herrn von Wittekind würde dem⸗ nächſt zu einer Heirath ſchreiten mit einem Fräulein Por⸗ tiuncula von Tüngel⸗Appelhülſen. Sofort reiſten die nun unzertrennlich Verbundenen ab und ſeither lebten jene in ihren durch den Tod des Deichgrafen, Jéröme's und die über den Kronſyndikus ausgeſprochene Curatel ſich immer mehr verwirrenden Verhältniſſen und Bonaventura in den ſeinigen... Oft ſchon hatte er ſich bei ſpätern Kunden über die nur äußerlich glänzenden Lebensverhält⸗ niſſe ſeiner Mutter Vorwürfe gemacht, daß ſein Herz 106 damals ſo lieblos geweſen. Dann aber durfte er ſich ſagen: Iſt nicht dein ganzes Leben ein Kampf gegen dein Herz? Die Kirche iſt deine Mutter, der Glaube deine Liebe...„Weib, was hab' ich mit dir zu ſchaf⸗ fen!“ Von St.⸗Wolfgang nahm Bonaventura endlich in einer Morgenfrühe Abſchied. Er ging über die Maximinus⸗ kapelle auf eines der vielen vorüberrauſchenden Dampf⸗ boote. Im Weißen Roß beſuchte er den Wirth, der ſich und„eine durchreiſende Fremde“ als Urſache des an dem Kirchhof zu St.⸗Wolfgang begangenen Frevels an⸗ gab, indem er von der Vermuthung jener Dame ſeinem Knechte geſprochen, einem ihm als pferdekundig gut Em⸗ pfohlengeweſenen, von dem er keine Ahnung gehabt, daß er ein ſchon beſtrafter Verbrecher und Angehöriger der noch immer nicht ganz ausgerotteten hierländiſchen alten Gaunerfamilien der Picard, Bosbeck und der Schinderhannes wäre... Noch war der Flüchtling, der ſich ſtatt Picard Bickert genannt und mit falſchen Zeugniſſen verſehen geweſen war, nirgends wieder aufgefunden. Bonaventura's erſte Regung war, ſich zu ſagen: Alſo alles Unheil wieder von Lucinden! Er veränderte mit der Zeit dieſe Vorſtellung dahin, ob nicht hier das erſte Unheil in ſeinem Schooſe eine Reihe guter Folgen tragen könnte? Auf dem Dampſſchiff erfreute ihn dann nichts Beſon⸗ deres mehr, ſelbſt Lindenwerth nicht, bei der feſtgehaltenen Vorſtellung: Wie wirſt du dem Kirchenfürſten begegnen? Jetzt nach der Warnung des Oheims? Jetzt, wo in der That das Vorſchreiten des vielleicht bald mit dem Purpur 107 eines Cardinals bekleideten Prieſters das ganze deutſche Vaterland in Erregung gebracht hat? Sind die katholiſchen Prieſter entweder Söhne von Landleuten oder Söhne von Adeligen, ſo vertrat Graf Truchſeß von Gallenberg gleichſam beide Urſprünge zu gleicher Zeit. Die Tage der großen geiſtlichen Pfründen ſind jin den Staaten, über welche die eiſerne Pflugſchar der großen Revolutionskriege ging, vorüber; nur wenige ſolcher Stellen mag es auf dieſem Boden noch geben, in denen man ſich wie zu St.⸗Zeno in Kocher am Fall die„feiſten“ Aebte und„Pfaffen“ alter Zeit auch auf unſere Tage überkommen denken darf; die Mittel ſind geringer, die Verpflichtungen ernſtere geworden. Graf Truchſeß war ein Angehöriger jenes Adels auf dem jen⸗ ſeitigen Ufer, den man einen Bauernadel nennen möchte. Wenn er nicht in pontificalibus ſich zeigte, trug er grobe Stiefeln mit ſtarken Abſätzen, waſchlederne Hand⸗ ſchuhe, die ein halbes Jahr lang vorhalten mußten, eine hoch hinaufgehende grobe Tuchweſte mit großen Knöpfen, einen Hut, der nur deshalb nicht zu ſehr abgegriffen war, weil er beim Spazierengehen um die Alleen der Stadt und am Ufer des Stromes niemanden mit ihm grüßte, ſondern kurzweg nur nickte. Seine Wäſche war von Hausleinen und nicht beſonders reinlich, denn er rauchte und ſchnupfte. Er ſchnupfte nicht etwa wie ein Abbé mit zierlicher Fingerhaltung; er ſchnupfte wie ein ungeduldiger Advocat, der ſeinen Eifer, zu Worte zu kommen, durch ein häufiges Handhaben ſeiner goldenen Doſe unterdrücken muß, nur daß der Graf eine gewöhn⸗ liche Holzdoſe führte, ganz wie ein alter Waldhüter, 108 der ſich aus herbſtlichen, duftenden Buchenblättern ſei⸗ nen eigenen Lotzbeck ſchrotet. Des Grafen Mittagsmahl beſtand aus Linſen, Bohnen, Erbſen, gelben Rüben; ſeine Erholung war das Billardſpiel. Denke man ſich dazu ſeine ſtarkknochigen Züge... dieſe hellblauen, tief⸗ liegenden Augen... dies jetzt noch gelblich rothe, bei fünfundfünfzig Jahren nirgends gebleichte Haar... dieſe markigen Schultern auf einer ebenſo lang hagern, wie wieder doch ſtämmigen Geſtalt... dieſes wuchtige Auf⸗ treten... dieſe kurze, befehlende Sprechweiſe aus einem an ſich wohlgeformten Munde, deſſen Lippen aber nie in unbedachter Ruhe, ſondern immer wie ein Geheimniß bewahrend feſt zuſammengepreßt lagen... Die Farbe des Antlitzes war faſt grau, konnte aber bei der ge⸗ ringſten Erregung ſich röthen bis in die Zipfel des Ohres. Das Geiſtliche am Grafen lag nur in dem ſchwarzen langen Oberrock, in der von einem Sammt⸗ käppchen bedeckten Tonſur und in einem gewiſſen Etwas von Unſtetigkeit und allzu ſichtlich beherrſchter Reſervon dieſem allgemeinen katholiſchen Prieſtertypus mangelnder Ruhe und Harmloſigkeit, einem Typus, den auch Graf Truchſeß, ein ſo feſter Charakter er ſonſt war, nie ganz hatte überwinden können. Schon dämmerte der Abend, als das Dampfſchiff landete. Bonaventura fuhr mit ſeinem kleinen Koffer bei Herrn Maria vor und trat in den Laden deſſelben ganz unter den von Gebhard Schmitz geſchilderten Um⸗ ſtänden ein, nur daß er von Moritz Fuld weder eine Viſitenkarte noch eine Einladung nach Druſenheim er⸗ hielt. Eva Schnuphaſe zeigte ihm das ſchon vorgerich⸗ Auf⸗ inem nie mniß 109 tete Zimmer und entſchuldigte den Vater, der in Geſchäf⸗ ten ſchon wieder auf dem Lande reiſte. Sofort begab ſich Bonaventura in das Palais des Kirchenfürſten und meldete ſeine Ankunft. Er erfuhr, daß Se. Eminenz unpäßlich waren und ihn auf morgen beſcheiden ließen. Auch ſein Secretär war im Augenblick nicht anweſend. Nun ſuchte Bonaventura Benno auf und fand den lieben Freund hinterm Schreibtiſch. Er hatte die durch ſeine Militärübung entſtandenen Rückſtände aufzuarbeiten. Bonaventura's Herbeſcheidung hatte er ſchon in der Dechanei vernommen. Der Kirchenfürſt unpäßlich? ſagte Benno. Ein ſel⸗ tener Fall, daß dieſer Hünennatur einmal etwas vom allgemeinen Menſchenlooſe ankommen kann! Die Spannung, welche Veranlaſſung es ſein konnte, die Bonaventura von einer Landpfarre unmittelbar und perſönlich zum Kirchenfürſten beſchied, war bei Benno ebenſo groß wie bei Bonaventura. Benno konnte ohnehin die lebhafteſte Schilderung von der gegenwärti⸗ gen Lage des Kirchenfürſten geben, von ſeinem Kampfe gegen die gemiſchten Chen, gegen die auf der benachbar⸗ ten Univerſität gelehrte Philoſophie, gegen die Einrich⸗ tung der Prieſterſeminare. Er verſicherte, daß alles das zu einem gewaltigen Conflicte führen müſſe, weil ſich der Kirchenfürſt bei ſeiner Inthroniſation auf dem hohen Erzſtuhle gegen die Regierung ſollte verpflichtet haben, keinen Erlaß von Rom unmittelbar entgegenzunehmen, ſondern in ſo hochwichtigen, mit den Einrichtungen des Staates, mit den Lebensformen der Geſellſchaft, mit 110 den Bedingungen der Zeit und der Sitte in Berührung kommenden Verhältniſſen erſt das Placet oder Tranſeat der landesherrlichen Genehmigung abzuwarten. Die Mahnung, daß man„Gott mehr gehorchen müſſe als den Menſchen“, wäre aber dem Kirchenfürſten jetzt mit ei⸗ ner ſo flammenden Ueberredung, ob nun von außen oder von innen ließ Benno unentſchieden, gekommen, daß, wenn nicht ein offener Bruch ſeiner Verſprechungen, doch eine gefährliche Deutung derſelben ſeinerſeits zu erwar⸗ ten ſtünde und man zunächſt nur hoffen müßte, daß der in Ausſicht geſtellte Vermittler dieſer Streitigkeiten, der in außerordentlicher Sendung angekündigte Gubernial⸗ präſident von Wittekind⸗Neuhof durch ſeine Gewandtheit und ſeinen Takt den Frieden wiederherſtellte. Wie! Mein— Vater? rief Bonaventura heftig er⸗ ſchreckend. Benno wiederholte, davon gehört zu haben. Ja, er vermuthete, daß Bonaventura's Berufung mit dem Wun⸗ ſche des Kirchenfürſten zuſammenhängen könnte, in ſeiner ſchwierigen Lage einen zur jenſeitigen Partei in näherer Beziehung ſtehenden Beiſtand zu haben. Das wäre ein bitterer Kelch! ſagte Bonaventura und bezweifelte dieſe Deutung. Der Kirchenfürſt, ſagte er, wird handeln wie ſein Gewiſſen ihm räth! In den ſtreitigen Punkten des Tages empfanden beide Freunde ziemlich gleich, nur daß Benno mehr die politiſchen Geſichtspunkte ſeines Principals, des Pro⸗ curators Nück, theilte, ohne jedoch dieſem in der An⸗ hänglichkeit an das alte Napoleoniſche Regiment zu folgen. 4 — 111 Benno haßte das herrſchende Regierungsſyſtem, das ſich damals dem Geiſte der Zeit völlig abgewandt und feind⸗ lich zeigte. Wo die von demſelben vertreten ſein wollende Vernunft und Aufklärung in Formen ſich ankündigte, die ſelbſt ſchon wieder etwas Verbindliches hatten, wo, wie damals, ein großer, den beſten Kern des deutſchen Vol⸗ kes einſchließender Staat unter dem Aushängeſchilde der patriarchaliſchen Beglückung die Erfüllung aller Ver⸗ heißungen entbehren mußte, die erſt mit dem Jahre 1840 in langſamem Fortſchritt und wie verſuchsweiſe gewährt wurden, da erlebte man die für alle Zeiten lehrreich blei⸗ bende und immer wiederkehrende Erfahrung, daß man dem Beſten mistraut, wenn es nicht in dem Geiſt ge⸗ geben wird, der unſer ganzes Vertrauen für ſich hat. Friedrich's II. Aufklärung, die anzunehmen möglichen⸗ falls der Stock gebot, Kaiſer Joſeph's Reformen, die aus dem Hörſaal der Theorieen kamen und ſcharf wie eine blanke Pflugſchar in ein Erdreich ſchnitten, in welchem eine ſchonende Hand zuvor das Unkraut der Vorurtheile nicht ausgejätet hatte, die Schulverbeſſerungen ſpäterer Regierungen, die Unionsverſuche auf kirchlichem Gebiete, ja die geordnetſte Verwaltung, die muſterhafteſte Ge⸗ rechtigkeitspflege, nichts, nichts entſchädigt für die Mis⸗ achtung der perſönlichen Freiheit, für die Unterdrückung des unerſchrockenen Wortes, für die Ablehnung derjenigen Inſtitutionen, die zuletzt jeder Individualität Gelegenheit geben müſſen, mit ihrer Meinung, auch der verkehrteſten, mit ihren Intereſſen, auch den einſeitigſten, mit ihren Anſprüchen auf Kraft und thatſächliche Bewährung, auch den haltloſeſten, ſich in der einmal uns zur Freiheit des 112 Denkens und Handelns geſchenkten Gotteswelt geſund und mannhaft auszuleben. Der ſchöne Abend lockte beide Freunde noch zu einem Spaziergange. Sie gingen in den Hafen, wo jetzt Dampfſchiff auf Dampfſchiff vor Anker legte und wol auch das, auf wel⸗ chem Thiebold de Jonge ſpäter angekommen. Sie beide zog es in eine ſtillere Gegend. Seit dem Morgen auf dem Friedhof von St.⸗Wolfgang hatten ſie ſich nicht ausge⸗ ſprochen. Bonaventura erzählte Benno alles, was zwiſchen ihm und dem Onkel war beſprochen worden über die im Sarge vorgefundenen Reliquien und Benno benutzte die ihm von ſeinem Freunde gegebene volle Erlaubniß, ja erfüllte den ausdrücklichen Wunſch deſſelben, wenn er offen ſagte: Sicher lebt noch dein Vater! Die Recognition des Onkels in dem Leichenhauſe des St.⸗Bernhard ge⸗ nügt mir nicht. Ihm kam bei ſeiner Weichlichkeit ſchon beim Betreten der grauenhaften Schwelle ein Schrecken; er ſah in einer fremden Leiche ſeinen Bruder und unterſuchte nichts mehr! Meviſſen war mit deinem Vater im Einver⸗ ſtändniß. Dein Vater wollte annehmen laſſn, als wäre er in den Alpen umgekommen. Einen zerſchmetterten Leichnam, den man mit ſeinen Kleidern und Habſeligkeiten behän⸗ gen konnte, die ſich ſpäter im Leichenhauſe fanden, er⸗ warb man ſich durch Zufall oder durch Beſtechung... das, was allenfalls noch nicht geborgen war, bewahrte Meviſſen und nahm das mit in ſein Grab... Daß er es nicht zerſtörte, iſt überraſchend... Vielleicht, daß dein Vater es ſo wollte und dabei an dich dachte... Er verließ dich ohne Abſchied— er hoffte vielleicht auf eine Zeit, zog dem usge⸗ ſchen r die nutzte bniß⸗ n er nition d ge⸗ ſchon eceen; ſuchte noer⸗ are er hnam, ehän⸗ er⸗ 1 9. vahrte er es zdein verließ Zeit 113 wo deine Mutter nicht mehr lebte und er dir ſich vielleicht noch einmal entdecken konnte— wer weiß, ob nicht in dem Sarg viel mehr gelegen, als du gefunden! Dieſe Gedanken unterwühlen die Ruhe meines Le— bens! ſagte Bonaventura auf dieſe aufrichtige Deu⸗ tung und blickte in den Strom, an deſſen Ufer ſie hin⸗ gingen... Benno's Empfindungen waren faſt die nämlichen. Auch ihm floß ja das Leben dahin wie die Welle, von fernher kommend, in die Ferne gehend, einmal geſehen, ver⸗ ſchwunden dann für immer, räthſelhaft und wie ein Traum... Bonaventura verſtand dieſe Stimmung und fragte nach des Freundes Leben, ſeiner Thätigkeit, ſeinen Hoff⸗ nungen für die Zukunft. Ich bin, erwiderte Benno, in Verhältniſſen, die mir wie der ſauſende Webſtuhl der Zeit erſcheinen! Ich höre täg⸗ lich in zehn Zimmern dreißig Federn kritzeln! Allen dictirt Dominicus Nück ſeine Finten, ſeine Quarten, ſeine Terzen! Das iſt bei St.⸗Peter und Paul ein ganzer Kerl! Wenn man ihn ſieht, im ſchlechten grauen Ueber⸗ rock, ſchmuzig, falls nicht einmal ſeine Frau General⸗ reviſion mit ihm gehalten hat, oder wenn er in der Beichte ſich ſchämt, zu viel Schnupftaback auf dem Vor⸗ hemd liegen zu haben oder das Beichttuch des Prieſters zu verunreinigen— wer möchte dann glauben, daß hier dies⸗ ſeit und jenſeit des Waſſers alle Ritterbürtigen mit ihm verkehren, alle Domſtifte, alle Ordensgeſellſchaften und Gotteskaſtenpfleger! Er hat gelobt, nicht früher wieder einen ſchwarzen Frack anzuziehen, bis er nicht den Orden Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 4 8 114 vom goldenen Sporen, den er vor Jahren aus Rom er⸗ hielt, wirklich im Knopfloch befeſtigen kann! Sie haben's ihm abgeſchlagen, ihn tragen zu dürfen! Nun liegt ein ganz neuer ſchwarzer Frack, im Knopfloch ein rothes Band mit einem goldenen, weiß emaillirten Malteſer⸗ kreuz, an deſſen beiden Spitzen des untern Flügels ein kleiner goldener Sporen hängt, immer an ſeinem Pulte auf der Sophalehne nebén ihm ausgebreitet, ſodaß jeder Graf, jeder Biſchof, jeder Regierungspräſident, mit dem er Conferenz hält, die Geſchichte zu hören bekommt und Entſchuldigung gewähren muß, daß er Se. Excellenz oder Se. Erlaucht nicht würdiger empfangen könnte, er hätte zwar allerdings einen neuen ſchönen Frack, da läge er, aber da er ihn ſo, wie er ihm und dem Stellvertreter Chriſti gefalle, nicht tragen dürfe, ſo müſſe er ſich ſchon hier in dieſem grauen Alltagskittel zeigen. Und dieſe Komödie ſpielt er mit einer Gewandtheit, daß ſie Ludwig Devrient nicht beſſer getroffen haben könnte! Nück iſt ein ſeltener Menſch, dem man nur leider nicht ſo nahe kommen kann, wie man möchte, um von ihm alles zu lernen. Nicht nur, daß er ſich mit einem eige⸗ nen, faſt myſtiſchen Dunkel umgibt, ſich öfters einſchließt und auf ſeine nächſten Vertrauten beſchränkt— auch wir alle, die wir mit ihm arbeiten, bekommen immer nur einen kleinen Theil des großen Ganzen zu ſehen, in dem er die belebende Seele iſt. Es ſcheint, mir ſchenkt er Vertrauen. Faſt hätte er mich ſchon bei meinem erſten Eintritt in ſeine Praxis beauftragt, an der Camphauſen'⸗ ſchen Verlaſſenſchaft zu arbeiten und nach Schloß Weſter⸗ hof zu reiſen... 115 kom er⸗ Zu Paula! ſprach es ſtill im Herzen des Prieſters habens und Benno fühlte dies Wort nach und hielt zurück, etwa eegt ein von Lucinden zu beginnen, von ihrem Eindruck an jenem rothes Abend im Pfarrhauſe, von dem völlig andern und günſti⸗ lalteſer⸗ gern auf der Reiſe nach Kocher und von ihrer jetzigen Nähe in dieſer Stadt, wo Benno ſchon ſeit einigen Tagen n Pulte wünſchte, ihr irgendwie und wo gelegentlich zu begegnen. aß jeder Denn ſie aufzuſuchen hielt ihn die Rückſicht auf die Decha⸗ nit dem nei und ſein ſtiller Cultus für Armgart zurück. imt und Bonaventura erkundigte ſich nach der Lage der im⸗ mer mehr ſich verwickelnden Erbſchaftsangelegenheiten der Dorſtes. ack, da Das gibt einen neuen ſpaniſchen Erbfolgekrieg! ſagte d dem Benno. Zwei Grafen von Camphauſen ſind im ſechzehnten müſſe Jahrhundert, wie damals ſo viele andere Städte und zeigen Herren um Münſter und Osnabrück, lutheriſch gewor⸗ t, daß den; ja als die Greuel der Wiedertäufer mit gleichen könnte! Greueln ausgerottet, beſtraſt und die Bedingungen des er nicht dortigen Lebens wieder katholiſche geworden waren, blie⸗ on ihm ben einige ihrer neuen Ueberzeugung treu und die Bi⸗ m eig⸗- ſchöfe ſogar, die die Wiedertäufer bändigten, waren theil⸗ iſclift weiſe halb und halb ſelbſt Lutheraner. Der jüngere der an beiden Brüder Camphauſen, vom ältern, der ſchon da— Ver nür mals ein großes Beſitzthum verwaltete, nicht rechtlich abge⸗ ſr dem funden, ſondern nach gerade vorhandenen Mitteln unter⸗ enkt er ſtützt, zog abenteuerluſtig, wie damals die ganze Welt war, eir gen Oeſterreich, um, wie ſo viele jener Geſchlechter damals lauſer⸗ gethan, in dem an der Donau, in Italien und Ungarn nicht ſer ruhenden Waffentanz dem fehdeluſtigen Sinne aufſpielen 5 zu laſſen und vielleicht ſogar manche in der Hoffnung, 8* 116 Maximilian II. würde auch Oeſterreich vom Papſte tren⸗ nen. Viele der erſten Geſchlechter der öſterreichiſchen Monarchie entſtammen dieſen Einwanderungen von ein⸗ fachen Reitern wie Martin Spork an bis zu Grafen und Fürſtenſöhnen. Die meiſten wurden indeſſen mit der Zeit wieder katholiſch, entweder aus Ueberzeugung oder zwangsweiſe. Martin Camphauſen blieb bei ſeinem Patrone Martin Luther und erwarb außer ungariſchen Beſitzungen das Schloß Salem bei Wien. Seine Nach⸗ kommen bewährten die Tapferkeit ihres Ahnen und zu glänzend waren die Verdienſte der Camphauſen im Tür⸗ kenkriege und auf dem italieniſchen Boden, ihr Glaube ſtand ihrem Glück nicht hindernd im Wege. Die ältere Linie aber, die des Grafen Philipp, wurde ihrem Pa⸗ trone Philipp Melanchthon mit der Zeit untreu. In jenen Zeiten, wo bis in das Herz Sachſens hinein ka⸗ tholiſche Neigung ſich wieder geregt hatte und kein Fürſt Italien bereiſen konnte, ohne mit dem Verdacht, ſeine Confeſſion geändert zu haben, in ſeine Lande zurückzu— kehren, war auch die Linie der Dorſte⸗Camph auſen— die Dorſtes fügten dem Reichthum Philipp Camphauſen's durch Verheirathung neuen Beſitz hinzu— in den Schoos der katholiſchen Kirche zurückgekehrt. Ueber hundert Jahre beſtand aber damals ein Statut, das einſt Philipp und Martin dahin lautend geſchloſſen hatten, daß nach Aus⸗ ſterben des Mannsſtammes einer Linie die andere in die Beſitzthümer derſelben eintreten ſollte, vorausgeſetzt, daß die Erben von gleicher Religion mit der der Stifter des Fideicommiſſes wären... eine etwa vorhandene weib⸗ liche Nachfolge ſollte entweder nur durch Verheirathung ren⸗ chen ein⸗ rfen mit ung nem chen ach⸗ des veib hung 117 mit der andern Linie im Beſitz bleiben oder ſtandesmäßig abgefunden werden. Nach faſt drei Jahrhunderten tritt nun der vorhergeſehene Fall ein und unter Umſtänden, die die Ausfühxung des Statuts zum Gegenſtande eines Streites machen. Paula's Vater kannteſt du? Bonaventura verneinte es. Ich entſinné mich nur des vornehmen Herrn, ſagte Benno, von ſeiner vierſpännigen Kutſche bei feierlichen Gelegenheiten her. Graf Joſeph, der letzte des ältern Stammes, war früh Witwer geworden. Da er von iner Wittekind, der Tante deines Stiefvaters, einer Schweſter des Kronſyndikus von Wittekind auf Neuhoͤf, nur eine Tochter beſaß, ſo beſtürmte ihn das ganze Land wieder zu heirathen. So fromm ſein Inneres, ſo gern er die Gefahr, fünfzehn Quadratmeilen Landes mit 60000 katholiſchen Seelen lutheriſchen Gebietigern über⸗ geben zu ſollen, abgewandt hätte, ſo konnte er ſich doch nicht entſchließen, ſeine Erinnerung an eine Frau zu trüben, die unter der Herrſchaft ihres Bruders, des Kronſyn⸗ dikus, qualvoll gelitten haben muß, ja von dieſem eigent⸗ lich ums Leben gebracht wurde. 55 Bonaventura kannte den ſchauerlichen Ruf des Kron⸗ ſyndikus. Er kannte auch Paula's Geburtsſtunde. Man ſchrieb derſelben die Folgen ihres geſtörten Nervenlebens zu. Jakobe von Wittekind wurde von ihrem leidenſchaftlichen ältern Bruder bis zum zwanzigſten Jahre erzogen. Als ſie dann den Grafen Joſeph heirathete, zerfiel dieſer mit dem Bruder, was jedoch letztern nie hinderte, dann und wann, begleitet von zwei gewaltigen Jagdhunden, in hohen Stiefeln und Sporen, die Reitpeitſche in der 118 Hand, auf Schloß Weſterhof zu erſcheinen und in ir⸗ gendeinem Anlaß, wie er ja ſonſt auch ſagte,„Ordnung zu ſtiften“ oder„den Nagel auf den Kopf zu treffen“. An den Folgen einer der dann entſtandenen Scenen er⸗ krankte die hochſchwangere Frau, kam zu früh nieder und ſtarb. Oft ſchon hatte Bonaventura erklärt, daß auf dem Hauſe der Wittekinds der Geiſt des Unſegens ruhe... Nun aber eure wunderliche Heimat! fuhr Benno, die trüben Gedanken vermeidend, fort und zeigte über den brei⸗ ten Strom hinüber in die dunkelnde Ferne. Liegt es nicht faſt wie ein Geheimniß über allem, was die Sitte und der Sinn der Menſchen dort hervorbringt? Nicht feſter ſitzt das Horn an der Stirn des Pflugſtiers, als ein Vorurtheil oder eine Uebereinkunft in dieſen Köpfen! Graf Joſeph heirathete nicht, ſah nicht den Kronſyndikus, ſeinen Schwager mehr; ſeine Güter verwaltete Onkel Levinus, der Bruder des Oberſten von Hülleshoven, die Wirthſchaft die Tante Benigna, die Schweſter der Ge⸗ mahlin deſſelben, Monika's von Ubbelohde, der Mutter Armgart's in Lindenwerth dort oben; aber daß der Kron⸗ ſyndikus als Oheim Paula's gewiſſe Rechte auf ſie be⸗ hielt, daß er nach des Grafen Joſeph Tode ihr recht⸗ mäßiger Vormund werden mußte, daran änderten die Jagdhunde, die Sporen und die Reitpeitſche des gewalt⸗ thätigen Mannes nichts. Ebenſo wenig, wie die Fröm⸗ migkeit des Grafen Joſeph dieſen hinderte, das Fami⸗ lienſtatut in Ehren zu halten. Nund ſagte Bonaventura und lenkte damit auf man⸗ chen Streit zwiſchen den Freunden hinüber. Iſt es denn alſo nicht ſchön, wenn ſich die Zeiten einander ſo Wort ——=— 119 halten? Iſt es denn nicht erhebend, wenn ſo durch die Jahrhunderte hindurch die Hände ſich ergreifen, feſthal⸗ ten und in allem, was da welken und vergehen muß, doch ein ewig Bleibendes ſich erhält und wär' es nur das Gemeingefühl wenigſtens eines Stammes, wenigſtens einer Familie und beſäße ſie kein anderes Wappen und keinen andern Stammbaum, als nur ein altes Gebet⸗ buch, das vom Großvater auf den Enkel erbt und in dem die Geburten der Söhne und Enkel, die Pathen und die Prieſter verzeichnet ſind, die ſie tauften? Bonaventura ſprach dieſe Worte in ſeiner Begeiſte⸗ rung ſo hin und überlegte erſt, als ſie geſprochen waren und Benno ſchwieg, daß ſie gerade an das ſtreiften, was Benno tief unmuthig an ſeinem dunkeln Daſein ſein Zigeunerthum nannte. Beide ſchwiegen... An einer einſamen Stelle, ſchon ziemlich entlegen von den Thoren der Stadt, auf einer Bank am Ufer des Stromes hatten ſie ſich nieder⸗ gelaſſen... Ein ſtilles nächtliches Landſchaftsbild lag vor ihnen... Der Mond ſtand an der fernen Berg⸗ kette, an deren Fuß Lindenwerth wie in den Wellen ſchwamm... Die mächtigen Holzflöße, die wie kleine Niederlaſſungen ſo wohnlich angethan ſind und hinunter⸗ gleiten zum Niederlande, lagen ſtill jetzt am Ufer... Im blauen Mondlicht, das wie Phosphor um die alten Eichenſtämme leuchtete, glühte das Feuer einer Küche, rings ſaßen im Kreiſe die Paſſagiere, Handwerksburſche, Auswanderer, ihr Nachtmahl haltend, ehe ſie ſich auf der mittlern Diele, den Ranzen als Kopfkiſſen benutzend, unterm freien Himmel ſtreckten; ein Hund bellte auf dem 120 Floß, wie nur daheim ein Nachbarhund in St.⸗Wolf⸗ als gang bellen mochte, wo eben jetzt Frau Renate ſchon ſynd zur Ruhe ging... Es war ein Stillleben von den Ei Sternen an bis zu den im Graſe aufkfliegenden Inſekten, 8 und von dem fernen Brauſen einer ſich zur Ruhe begebenden gr Dampfeſſe bis zu den Knaben, die hochaufgeſchürzt leiſe m am Ufer noch im Schilfe ſchlichen und im Abenddunkel den Fiſchen mit der Angelruthe ſicherer beizukommen hoff⸗ C ten als am Tage... Und einer Welle gleich, die ge⸗ ſ rade der Mond in ſeinen ganzen Goldglanz taucht, blitzte ein gefangener weißleuchtender Fiſch auf, den die Kna⸗ ben vom Hamen löſten und in ihren Sack warfen, ſich umſchauend, ob dem verbotenen Fange ein anderer lauſchte,“ als da oben unter der einſamen Pappel am Muttergot⸗ tesbilde ein junger Prieſter und ſein plaudernder Freund. b . Nun huſchte mit ſchaukelndem, ſchnellem Fluge auch eine Fledermaus dem Lichte eines einſamen Häuschens zu... In der leichten, weichen Luft war alles wie ver⸗ V klärt und jeder Schatten barg Ahnungsvolleres, als viel⸗ leicht die Wirklichkeit wahr gemacht hätte. Wie die Wellen ſo ruhig ziehen! hatte Benno geſagt Möchte man nicht glauben, eine ſolche Abendſtille ſpot⸗ tete aller menſchlichen Entwürfe, aller Anſtrengungen, alles ohnmächtigen Verſtandes! Bonaventura erwiderte lächelnd: Denkſt du an die Weisheit deines Sporenritters in partibus? Welches ſind denn nun die Anſchläge, um unſerm Glauben 60000, Seelen zu erhalten? Paula, ſagte Benno, ſteht wie Helena da, um die ſich die Parteien bekämpfen! Und es ſind ihrer mehr, ehr, 121 als nur die der Griechen und Trojaner. Der Kron⸗ ſyndikus ſammelte ſeit Jahren Kämpfer um die Parole: Eine Heirath zwiſchen beiden Linien! Onkel Levinus und Tante Benigna, die Paula regieren, wie ſie Arm⸗ gart regierten, wollen Paula's Freiheit, die ſtandes⸗ mäßige Abfindung, ſtören aber ſonſt den Antritt der Erbſchaft nicht— das alte Fiat justitia der rothen Erde! Eine dritte Partei iſt die Regierung. Sie ließe am lieb⸗ ſten den fremden, wenn auch proteſtantiſchen Grafen in ſeiner fernen Heimat, kaufte ihm vielleicht die Verlaſſen⸗ ſchaft ab und zerſchlüge ſie, wie ſie ſchon oft gethan, in einzelne Theile an diejenigen Adeligen, die der Centrali⸗ ſation geneigt ſind. Die vierte Partei iſt die der Land⸗ ſchaft. Sie beſtreitet die Gültigkeit des Familienſtatuts und will der Gräfin Paula die volle Freiheit erhalten, ihre Hand zu vergeben, wem ſie wolle, und ihm außer⸗ dem auch noch die guten 60000 Seelen ganz ſo zuzu⸗ bringen, wie dieſe dermaleinſt in Abraham's Schooſe zu ſitzen hoffen. Denn— nun kommen die Spitzfindigkei⸗ ten unſers Sporenritters— die in dem Familienſtatut vorgeſehene Bedingung erfülle ſich nicht; die ältere Linie hätte, als ſie katholiſch wurde, die Bedingung dahin ab⸗ geändert, daß die verlangte Religion auch der andern Linie die katholiſche ſein müßte. Obgleich nun erſtens der Be⸗ weis für dieſe Aenderung ſchwer zu führen iſt, im Ge— gentheil von der jüngern Linie nur ein den Verhältniſſen ſich fügendes ſtilles Geſchehenlaſſen und Dulden des Re⸗ ligionswechſels behauptet wird, zweitens der Staat Re⸗ ligionsbedingungen überhaupt bei Teſtamentsvollſtreckun⸗ gen für unzuläſſig erklärt, ſo will die fünfte Partei, die 122 der Geiſtlichkeit, noch weiter gehen. Sie will nicht nur jene 60000 Seelen, ſondern auch noch Paula dazu ge⸗ winnen. Sie hofft, Paula würde den Schleier nehmen, vielleicht ein Kloſter ſtiften und den Reſt ihrer Güter der Kirche vermachen... Wie kommt man zu dieſer Vorausſetzung? loderte Bo⸗ naventura faſt unwillig auf.. Benno, ohne auf die Parteinahme des Prieſters für ſeine Mitleviten zu hören, fuhr fort: Ja auch der Kirchenfürſt iſt betheiligt! Die Erzdiö⸗ ceſe hat in ihrer geiſtlichen Obhut hier und da verſprengte Stifte; zu ihnen gehört in jener Gegend das Stift Hei⸗ ligenkreuz, urſprünglich eine Jeſuitenbeſitzung. Als die Jeſuiten aufgehoben wurden, verblieb Heiligenkreuz dem Staate zu provinziellen Zwecken. Er begründete ein ade⸗ liges Fräuleinſtift, das dem Lande als ſolches ſehr will— kommen wäre, wenn nur die Verleihung der Stellen in den Händen des Adels geblieben wäre. Es iſt aber nicht ſo gekommen. Die Confeſſionen werden nicht mehr berückſichtigt und die Schweſter eines Erzbiſchofs kann dort ruhig neben der Tochter eines lutheriſchen Pfarrers ſitzen, wenn dieſer, wie jetzt ſchon drüben in den Fabrik⸗ gegenden vorkommt, zufällig von Adel iſt. Rings um Heiligenkreuz iſt Feld und Wald camphauſiſch. Um dieſe Einfriedigung von Heiligenkreuz wird der Kampf ent⸗ brennen und wer weiß, ob ich nicht nächſtens dort mit Nück'ſchen Vollmachten auf dem Schauplatze erſcheinen muß! Um ſein Recht zu zeigen, hat Graf Hugo von Salem⸗Camphauſen vorläufig ſchon den Verkauf der Güter um Heiligenkreuz angeordnet; der Kronſyndikus die dem ade⸗ will⸗ n in aber nehr kann rrers brik⸗ um dieſe ent⸗ mit einen von der dius 123 und deſſen Sohn, dein Stiefvater, haben die Berechti⸗ gung dazu ebenſo wenig beanſtandet wie die Regierung, die ſelbſt darauf bietet zum Wiederverkauf an ihre An⸗ gehörigen oder zu Staatszwecken. Graf Hugo hat einen gewiſſen Wenzel von Terſchka angekündigt, ſeinen Chargé d'affaires. Paula erklärt er ſchon um deswillen für erbunberechtigt, weil ſie— katholiſch wäre, und Nück wieder bekämpft den Grafen, weil er Lutheraner iſt. Eine Urkunde, nach welcher der katholiſch gewordene Graf Franz Dorſte⸗Camphauſen Anno 1648 die Urkunde des Familienſtatuts zu Gunſten nur der katholiſchen Re⸗ ligion geändert haben ſoll, fehlt bisjetzt, doch behauptet Nück, daß ſie ſich finden würde. Auf Schloß Weſterhof iſt ſie nicht, Nück verſichert aber, ſie wäre auf Schloß Salem bei Wien oder auf Schloß Caſtellungo im Pie⸗ monteſiſchen. Ich wünſchte einigen Italienern zu begeg⸗ nen, die aus letzterer Gegend gebürtig ſind und mir vielleicht die Gelegenheit angeben, wie wir jene Urkunde dort ins gräfliche Archiv— einſchmuggeln— Ja, ja! Lache nicht! Die Kunſt, in alten Lettern auf Pergament zu ſchreiben, iſt in unſerer Stadt vortrefflich im Gange! Welch feindſeliges Chaos! rief Bonaventura aus nach dieſer ſcherzenden Wendung, die wieder doch ſo viel Ernſt enthielt, daß Benno tief aufſeufzend hinzufügen konnte: Es iſt wahr, daß man am Guten keine reine Freude haben kann, wenn die Vermittler und Förderer deſſelben mehr Liſt als Kraft einſetzen müſſen, um ihm den Sieg zu verſchaffen! Und doch— geht's allen menſchlichen Beſtrebungen nicht ſo? Auch eurer Kirche? Eurer? ſprach Bonaventura faſt vorwurfsvoll. 124 Der Hierarchie mein' ich! verbeſſerte Benno. Iſt ſie nicht recht eigentlich ein reiner Gedanke in oft— wie unreiner Form! Nein! unterbrach Bonaventura. Die große Thorheit unſerer Gegner beſteht nur darin, unſer ſchwaches Stre⸗ ben verantwortlich zu machen für unſer Ziel. Daß wir der Prieſter unwürdige genug haben, ſollten wir getroſt täglich bekennen dürfen. Schon daß ein Frommer wieder zuweilen in die Sünde zurückfällt, entſcheidet ja an und für ſich nichts gegen ſeinen beſſern Sinn. Wie wir die Begriffe von der Erſcheinung trennen müſſen, ſah ich recht, als ich in St.⸗Wolfgang mein Amt antrat. In dem Patron meiner Kirche, dem heiligen Wolfgang, hatt' ich einen Spiegel der Nacheiferung für die Kraft und Würde des Prieſterthums. Der heilige Wolfgang iſt ein Deutſcher, ein Graf von Pfullingen⸗Waltenburg ge⸗ weſen. Mit einem innig geliebten Freunde, dem Bru⸗ der des Biſchofs von Würzburg, ſtudirte er in Würz⸗ burg, ſchlug alle geiſtlichen Aemter aus, folgte immer nur dieſem Freunde, ward Mönch und wurde zuletzt faſt nur gewaltſam gezwungen, das Erzbisthum Regensburg zu übernehmen. Wie aber hat er dann den Tempel von den Wechslern rein gefegt! Ihm ſonſt in allem unähn⸗ lich, hatte ich einen Vorgänger, der noch jetzt, hieher in dieſe Gegend verſetzt, mehr dem Spiel und Vergnü⸗ gen, als ſeinem Berufe ergeben ſein mag. Wie der Herr, ſo der Diener. Den Meßner fand ich bei mei⸗ nem Antritt von derſelben Vernachläſſigung. Als ich zum erſten male die Meſſe leſen will und gewöhnt war, die ſchöne Ordnung der St.⸗Zenokirche zu Kocher am 125 Fall vorauszuſetzen und mich auf die Geräthſchaften des Sakraments verlaſſe, entſetze ich mich über die Unſau— berkeit der Corporalien, Pallen, Purificatorien. Nicht nur, daß ſie, dem Gebot zuwider, von Baumwolle ſtatt von Leinen waren, auch ſeit lange gewaſchen waren ſie nicht. Die Ciborien, Patenen völlig ungeputzt und der Vergoldung beraubt, ja das Entſetzlichſte— ich öffne die Monſtranz und finde den Leib des Herrn geſchändet, finde daß Brot zernagt von Würmern! Dies Bild: Das heilige Brot in Würmern! wurde mir zum Symbol meines ganzen Lebens! Seitdem ich damals die heilige Handlung unterbrechen und das Opfer unvollzogen laſſen mußte, muß ich im Geiſt und in der äußern Erſcheinung alles urſprüng⸗ lich als göttlich Gedachten und in der Wirklichkeit doch nur Menſchlichen, immer vor mir jenes Brot in Würmern ſehen! Immer muß ich eingedenk bleiben, daß ſelbſt das Grauen⸗ vollſte des Misverſtandes uns doch an ſich nichts von dem entweihen kann, was ſeinem Urſprunge nach von Gottſtammt! Cajetan Rother lebt hier in der Stadt? An der Kirche vom Berge Karmel und als Beicht⸗ vater der Karmeliterinnen! Da verdank' ich dem allwiſſenden Nück noch eine an⸗ dere Bekanntſchaft mit der irdiſchen Schale eines heili⸗ gen Kernes und eine, die dich näher angeht! Du haſt von dem hier außer Clauſur lebenden Pater Sebaſtus gehört? Ein Convertit! Er ſchreibt eine Feder, die wie in Feuergluten getaucht iſt! Mit der Fackel der Eumeniden ſchreibt er! Bonaventura kannte das frühere Leben des Mönches 126 Sebaſtus theilweiſe aus den Mittheilungen Grützmacher's, der ihm Aufklärungen über Lucinden gegeben... Aufklä⸗ rungen, die ihn für dieſe mehr mit Mitleid, als mit Abſcheu erfüllten. In der Erörterung dieſer Lebensbeziehungen fuhr Benno fort: Als damals Jéroͤme von Wittekind, von Klingsohr's Kugel getroffen, zuſammenbrach, minderte ſich vielleicht in der Wagſchale des ewigen Gerichts eines der ſchweren Ge— wichte, die gegen dieſen Mönch, den Verräther ſeines Vaters, einſt zeugen müſſen! Ich ſehe ihn zuweilen in unſern Straßen daherrennen! Wie der Derwiſche einer, wie ein Schamane des Orients hat er den ſtieren Blick des Auges, die krampfhafte Beweglichkeit der Glieder, den Trotz und die Sicherheit des Benehmens, verbun⸗ den wieder mit der gemachten Demuth, die ſich an jeder Kirchenthür verbeugt! O wie oft ich doch erbeben muß vor den nächtlichen Schauern, die über unſerm Geiſtes⸗ leben wie mit dem Gefieder des Fürſten der Unterwelt dahinrauſchen! An meinem eigenen Leben erfahr' ich es ja! Mich bringt in einer Zeit, die keine Nachforſchung hat lichten können, dein Oheim Max von Aſſelyn aus Spanien mit ſich, wie man ſagte, als die Frucht einer Verbindung mit einer Spanierin, die er geliebt haben ſollte und die ihm geſtorben. Ein Märchen, das wiſſen wir alle! Aber irgendeinen Kern hat dieſe Erfindung! Nie jedoch konnte dieſer von einer Menge Einhüllun⸗ gen befreit werden, die mit den uns theuerſten Per⸗ ſonen auf eine Weiſe zuſammenhängen, deren oberfläch⸗ liche Beſprechung ſchon Mismuth und düſtere Erinne⸗ — rung gang dund 127 rungen bei ihnen allen heraufbeſchwört. Nun hab' ich für ganz gewiß die Ueberzeugung, daß das, was mir allein ſo dunkel iſt, in den Beichtſtühlen licht und hell und deutlich aufgedeckt lebt! Prieſter, Kloſtergeiſtliche kannten meinen Urſprung und nahmen ihn mit ſich ins Grab. Jener Geiſt⸗ liche in Borkenhagen, Leo Perl, ein getaufter Jude, ſoll eine Schrift hinterlaſſen haben, die er in ſeinen letzten Lebenstagen an die biſchöfliche Curie von Witoborn ſchickte. Sie iſt ſo ſpurlos verſchwunden wie jene an⸗ dere, die Dominicus Nück ſucht. Schließ' ich von dem einzelnen Fall, der mich ſelbſt betrifft und der vielleicht nur von meinem unerlaubten Stolz ſo empfindlich ge⸗ ſchürt wird, ſchließ' ich von jenem Mönche, wie iſt nicht unſer ganzes Leben innerhalb unſerer Kirche durch den Beichtſtuhl ſo vermeſſen geheimnißvoll! Wir ſuchen einen Mörder, einen Dieb— der Prieſter kennt ihn ſchon und läßt die Gerechtigkeit ihr Haupt verhüllen und beutet das Geheimniß nur aus— zum Beſten ſeiner perſönlichen Würde! Zum Beſten des Gottesreiches! unterbrach Bonaven⸗ tura. Ich will den alten Streit nicht erneuern, ſprach Benno, ich will heute nur von den Schauern ſprechen, die die Schritte dieſes Mönches begleiten. Ihm ermordet der Kronſyndikus ſeinen Vater! Es war ein Todtſchlag nach unſerer Definition, kein berechneter Mord. Einem langgenährten Haſſe bietet ſich die Gelegenheit einſamer Begegnung, es entſteht ein Wortwechſel, es kommt zu einem Angriff, zu einer Gegenwehr, der gezogene Hirſchfän⸗ ger fährt aus und trifft eine Stelle, die ſogleich tödlich iſt. 128 Schrecken und Reue jagen den Thäter von dannen. Die Gerichte, in jener Gegend auf verſchiedene Souve⸗ ränetäten vertheilt, halten ſich an einen muthmaßlichen Schuldigen, der Proceß verſchleppt ſich, der Kronſyn⸗ dikus findet, wie man ſagt, mit Hülfe eines ihm nahe ſtehenden Freundes, der die Beweisaufnahme in Händen hatte, Mittel, die Gerüchte zu zerſtreuen, das Verfahren ſtockt, der Kronſyndikus, unmittelbar darauf ſeinen Sohn verlierend, bricht in der Rolle eines Gewaltthätigen, die er bis in ſein ſiebzigſtes Jahr durchführte, zuſammen, wird nach langem Geiz als plötzlicher Verſchwender unter Cu⸗ ratel geſtellt und wer möchte den hinfälligen Schatten aus der Nacht noch aufſtören, die ihn ſeit der Reiſe zum Be⸗ gräbniß ſeines Sohnes umgeben ſoll! Einer aber hätte es thun müſſen, nach allen Geſetzen alter und ewiger Zeit! Einer hätte das Blut eines Vaters nicht in den Sand ſollen rinnen ſehen, ohne durch alle Lande um Vergeltung zu rufen! Ein Sohn, ein Sohn opfert ſeinen Vater! Beſtochen von dem Mörder, nimmt er deſſen Wohlthaten an, unterſchlägt ein vom Jagdrock des Kronſyndikus geriſſenes Stück, das dieſen hätte überführen müſſen, reitet, fährt, bechert mit ihm, feiert Bacchanale mit ei⸗ nem jungen Mädchen, das durch einen Zufall auf Schloß Neuhof lebt und mit deſſen Liebe ihn der Mör— der wie umſtrickt und bezaubert... und ſo umgaukelt der Wahn die verlorne Seele dieſes Mannes, daß er den Kammerherrn mit allen Anzeichen der tiefſten Ver⸗ zweiflung eines ſchuldbedeckten Gewiſſens niederſchießt, von Tage zu Tage dahintaumelt im wüſten Erſticken ſeiner mahnenden innern Stimmen, bis ihn nur noch nnen. ouve⸗ lichen nſyn⸗ nahe anden fahren Sohn n, die wird er Cu⸗ n aus Be⸗ atte es Zeit! Sand eltung Vater! thaten ndikus nüſſen, nit ei⸗ I auf Mör⸗ gaukelt daß er n Ver⸗ ſchießt rſticen ur noch 129 der Becher, zuletzt das Opium heilen! Dann brach er ganz zuſammen! Er erhebt ſich wunderbar! fiel Bonaventura ein. Wie kannſt du den Lebensgang dieſes Mannes beurtheilen, ohne die Geheimniſſe ſeiner phyſiſchen und geiſtigen Wie⸗ dergeburt zu kennen? Ihm kann nur wohl ſein in der Flamme! entgegnete Bennd ablehnend. Frieden und Betäubung kann er nur finden im Kriege! Wenn ich ihn ſehe, wie er auf den Straßen dahinſchreitet mit dem Korbe oder dem Topf oder einem Buch in der Hand, dann iſt's mir doch, als ſollt' ich das Leben ſeines Vaters von ihm fordern! Denn der Kronſyndikus iſt längſt entlaſtet. Wer eine ſolche Schuld auf die Schultern eines Sohnes werfen kann, der geht ſelbſt vor Gott frei aus. In jeder Zeile, die ich vom Pater Sebaſtus leſe, find' ich— ich bin ein Fremdling eurem Volke und doch wurde mir Deutſchland zur Mutter— Muttermord— Rom ſegnet die Thaten— ſo liebevoller Söhne! Beide waren erregt ſchon lange aufgeſtanden, wan⸗ delten ſchon lange den Thoren zu... Bonaventura, in den Abſchied vom Dechanten zurück⸗ verſetzt, verfiel in ein ernſtes Schweigen... Selbſt ſein gewöhnliches Wort zu Benno: Was iſt denn dir das alles, dir, dem jede Offenbarung Täuſchung, jeder Glaube, das Wiſſen ſelbſt eine bloße Befangenheit der Sinne, eine Tradition iſt von den Blinden an die Blinden über die Farbe, von den Tauben an die Tauben über den Tons ſelbſt das behielt er heute zurück... Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 9 130 In dem engen Gewirr der Straßen wurde es dunkler und dunkler. Die Menſchen ſtrömten heimwärts von manchem Ausflug, zu dem der ſchöne Abend verlockt hatte. Schon lange wollte Bonaventura, der aus ſeinen Träumen früher erwachte als der ſeltſam ergriffene Benno, dieſen aufmerkſam machen, daß ihn ſeit dem einſa⸗ men Häuschen oben am Strome jemand umkreiſte, der offenbar darauf aus ſchien ihn anzureden und ſchon mehrere male gegrüßt hatte, ohne daß Benno davon Notiz nahm. Wie der Zudringliche ſich immer wieder hinter ihnen hielt, dann wieder etwas ſchneller ging, um nur grüßen und ſich bemerkbar machen zu können, machte Bonaven⸗ tura den Freund zuletzt auf eine vielleicht ihm willkom⸗ mene Bekanntſchaft aufmerkſam. Ich ſah ihn ſchon! ſagte Benno halblaut. Ich mag ihn nicht grüßen!... Jetzt aber war der Begleiter zu dicht herangekommen und ſeinem tiefgezogenen Hute und der Anrede: Guten Abend, Herr von Aſſelyn! mußte ein Wort der Berück⸗ ſichtigung folgen. Guten Abend, Herr Hammaker! ſagte Benno kalt. Nach dem Gedräng an einer der innern Thorpforten kam eine ruhigere Straße. Gerade hier ſchritt der durch Ton und Geberde von Benno kurz Abgewieſene vor ihnen noch lange her. Es war eine kurze, dicke, breitſchulterige Geſtalt mit einem weißen Sommerhut und grauem kurzen Rocke. Jetzt, wo er endlich bemerkt worden war, ging er ſchlot⸗ nchem ſeinen riffene einſa⸗ der ſchon davon ihnen rüßen aven⸗ Ulkom⸗ ) mag mmen Guten zerück⸗ kalt. forten e von . lt mit Rocke ſchlot⸗ 131 ternden, langſamen Ganges und die Hände hinten in den Rocktaſchen zuſammengehalten, während ſie zugleich wie von der Taſche heraus einen zu ſeiner nicht unge⸗ wählten Kleidung faſt im Widerſpruch ſtehenden Knoten⸗ ſtock auf dem Pflaſter nachklappern ließen. Das ganze Weſen des vielleicht den Fünfzigen nahen Mannes war eine gemachte Feſtigkeit und bewußte Sicherheit, die an Frechheit ſtreifte. Noch einige male grüßte er— dahin und dorthin— gewöhnlich ohne eine beſonders freund⸗ liche Erwiderung zu erhalten... Mancher dankte gar nicht, wie faſt auch Benno gethan. Am falben Scheine des Mondlichts und dem fort⸗ währenden Umblick nach Benno hin wurde erſichtlich, daß breite wulſtige Geſichtsformen dem Wuchſe entſprachen; des Mannes Haar war weißer, als mit ſeinen ſcheinbar noch nicht zu weit vorgeſchrittenen Jahren im Einklang ſtand. Als dieſe Perſönlichkeit endlich in eine enge Gaſſe eingebogen, ſagte Benno: Wieder einer von deinen Würmern, die man in hei⸗ ligen Dingen ertragen und nicht ſehen ſoll! Wenig— ſtens, wenn ich mir die Unbefangenheit der Beurthei⸗ lung meines Procurators über ihn erhalten ſoll! Benno ſchilderte jetzt den Mann, den er Jodocus Hammaker genannt, als einen Agenten, der, wie man ſagte, mit Nück in engſter Verbindung ſtand. Was Nück nicht auf eigene Hand vollführe, übernähme Ham⸗ maker. Früher, in ſeiner Heimat, drüben in der Kette der Sieben Berge, ſelbſt Advocat, hätte er Wuchergeſchäfte getrieben. Dieſe hätten ihn zum Verbot der eigenen Praxis geführt und doch hätte er ſich nach mancherlei Irr⸗ 9* 132 fahrten wieder aufſchwingen können, da ihn Nück, jeden⸗ falls anfangs nur aus Mitleid, hier in der Stadt beſchäf⸗ tigte. Allmählich wäre er Nück's Vertrauter geworden in ſolchem Grade, daß ſie ſelbſt noch jetzt, wo ſie ſich offenbar haßten, zuſammenhalten müßten. Ihr Haß ſollte auf dunkeln Dingen beruhen. Ja man ſpräche von einem Mordanfall Hammaker's auf Nück. Eines Tages, erzählte Benno, hatte Nück ſich eingeſchloſſen .. Das wäre ſonſt bei ihm nichts Seltenes geweſen, ſagt man, kam aber immer nur vor, wenn Hammaker in der Nähe war. Nachdem Hammaker im Garten, in den das Arbeitszimmer des Procurators hinausgeht, an jenem Tage eilenden Schrittes war geſehen worden, pochte man an Nück' von innen verſchloſſene Thür. Daß er ſich drinnen befinden mußte, wußte man durch ſeinen Hut und Stock, die im Vorzimmer lagen. Man pochte, niemand öffnete. Nun ließ man einen Schloſſer kommen, öffnete mit Mühe und fand den er⸗ ſchreckendſten Anblick. Nück lag halb bewußtlos am Bo⸗ den— in einiger Entfernung von ihm— das iſt die Streitfrage— ein Klingelzug oder ein Strick, ſonder⸗ barerweiſe ein eleganteſter, grünſeidener, aus dreißig kleinen Schnuren verfertigter. An dem einen Ende ſoll ein vergoldeter Haken angebracht geweſen ſein, mit wel⸗ chem die Hängemaſchine oben am Haken eines nicht an⸗ weſenden Kronleuchters befeſtigt geweſen ſein mußte; am andern Ende befand ſich eine reichwattirte ſeidene Binde über einem halsbreiten Gurte. Anfangs mußte man von dieſer eleganten Form des Mordmaterials annehmen, Nück hätte ſich, mit Grazie, ſelbſt erdroſſeln wollen. jeden⸗ eſchäf⸗ vorden ie ſich ſpräche Eines hloſſen rweſen, umaker ten, in eht, an porden, Thür. durch Man iloſſer en el⸗ mn Bo⸗ iſt die ſonder⸗ dreißig de oll it wel⸗ icht an⸗ zte; am Binde 3 man nehmen, wollen. An den ringsum aufgeſchloſſenen Geld⸗ und Documen⸗ tenſchränken aber ſah man den Diebſtahl. Das Fenſter ſtand auf. Ein ungeheures Schlüſſelbund, das zu allen unter Nüch' Verſchluß befindlichen Repoſitorien gehörte, lag auf einem beweglichen eleganten Rollſopha von ro⸗ them Saffian. Nück kam langſam zum Bewußtſein zu⸗ rück, blieb jedoch jede nähere Bezeichnung über den Vor⸗ fall ſchuldig. Die einen glauben, daß Nück von Ham⸗ maker erſt gehängt, dann beraubt worden; andere ſagen wieder: Wozu die grünſeidene Schnur, die Hals⸗ binde, der vergoldete Haken? Noch mehr: Wie konnte Nück ins Leben zurückkehren, wenn er ſo lange hing, bis der Mörder die Schränke aufgeſchloſſen, ſie beraubt hatte und dann entflohen war? Man ſchloß auf einen Ueberfall im Schlafe. Hammaker wurde verhaftet, als er eben im Begriff war mit Extrapoſt und dreißigtau⸗ ſend Thalern in Werthpapieren zu entfliehen; aber Nück lachte und fragte, ob die Welt toll wäre? Hammaker wäre von ihm ſelbſt in Commiſſionen verſandt, ihn ſelbſt hätte nur eine Ohnmacht angewandelt, er hätte nach dem Klingelzuge gegriffen, ihn abgeriſſen und gab ähn⸗ liche Erläuterungen mehr... Was konnte man einwenden? Ein Kläger, ein Beſchädigter, ein Gehängter fehlte. Hammaker wurde frei und machte plötzlich Geſchäfte, die bewieſen, daß er ſogar einen Theil der 30000 Thaler wirklich hatte behalten dürfen! Eines Tages kam er zu Nück zurück, beide ſchloſſen ſich ein, ſchloſſen ſogar die Vorthüren ab, hielten eine lange Conferenz und ſeitdem ſind beide zwar auf einem kältern Fuße und ceremoniell gegeneinander, aber ſie machen dieſelben Geſchäfte wie 134 ſonſt. Die Geſichtszüge dieſes Menſchen laſſen ſich nur mit einer Blumenleſe von Phyſiognomieen einer ganzen Bande von Spitzbuben vergleichen und doch hab' ich ſchon manche Beweisaufnahme oder Terminabhaltung in der Umgegend, beſonders in den gründlich von ihm ge⸗ kannten Sieben Bergen drüben, in ſeinem Beiſein ma⸗ chen müſſen. Unter dieſen Mittheilungen waren Bonaventura und Benno an dem kleinen Häuschen angekommen, in deſſen Gegenüber in der Nacht eine That vollbracht werden ſollte, die Benno's erſte Ahnung ſofort, wie wir wiſſen, mit dieſem übelberufenen Hammaker in Verbindung brachte; denn noch vor wenig Tagen hatte er ihn, wie ſchon öfter, in ſpäter Abendſtunde aus dem Hauſe der Ermordeten kommen ſehen und während Thiebold und Enckefuß bei ihm früh⸗ ſtückten, kam ihm auch ſofort der Gedanke: War der aufdringliche geſtrige Gruß nicht wie ein: Betrachte mich und überzeuge dich von meinem— Alibi? „Als Bonaventura dann im„ſteinernen Hauſe“ zur Ruhe gehen wollte und bei ſeiner Rückkehr nicht wenig Noth hatte, ſich der allzu großen Sorgfalt der Damen Schnuphaſe und ihrer Mägde zu erwehren, erhielt er noch ein kleines Billet von der Hand des Kaplans Eduard Michahelles. Es lautete: „Mein hochwürdiger Herr Pfarrer! Obgleich das Befinden Seiner Eminenz auf dem Wege der Beſſerung iſt, ſo nehmen ihn doch die dringendſten Geſchäfte für den Augenblick ſo in Anſpruch, daß er ſich auch wahr⸗ cheinlich morgen noch das Vergnügen verſagen muß, ſich Ihnen ſo ausführlich, wie er wünſcht, mitzutheilen. Ich bin daher beauftragt Sie aufzufordern, noch einige Tage länger zu verweilen. Bis dahin iſt der Wunſch Seiner Eminenz, daß Sie ſich zu Erholungen oder bei etwaiger Abſicht, ſich über die kirchlichen Einrichtungen der Stadt durch den Augenſchein unterrichten zu wollen, des Paters Sebaſtus, eines Franciscaners, als Geſellſchafters und Begleiters bedienen mögen. Der Ruf des ebenſo geiſtvollen wie frommen Convertiten, der von ſeinem Provinzial die Erlaubniß hat, eine Zeit lang außer Clauſur zu leben, wird Ihnen bekannt ſein. Ich habe die Ehre mich zu nennen Eurer Hochwürden ganz gehorſamſter Mi⸗ chahelles. Alles zur größern Ehre Gottes.“ Die Empfindungen, von denen Bonaventura beim Leſen dieſer Zeilen beſtürmt werden mußte, raubten ihm faſt die Nachtruhe. Wie vortheilhaft er auch von dem Mönche, dem Lucinde ohne Zweifel ihre erſte Bildung verdankte, und von ſeiner gegenwärtigen glorreichen Er⸗ hebung aus einem tiefen Jammer der Seele dachte, er wurde vor Erwartung über dies Zuſammentreffen von den aufregendſten Träumen erſchreckt. 5. Die Meſſe, die ein Prieſter jeden Morgen entweder leſen oder hören ſoll, mochte Bonaventura mit einem bangen Vorgefühl nicht in einer der vielen Kapellen der großen Kathedrale beſuchen, die vielleicht bald von ſeiner eigenen Stimme widerhallen ſollten.. In eine kleine abſeits gelegene dunkle Kirche ging er und verfehlte auf dieſe Art die ſonſt leicht möglich ge— weſene und von ihr geſuchte Begegnung mit Lucinden. Dann begab er ſich zu Benno, der, von Thiebold und Enckefuß eben verlaſſen, zu ſeinen Arbeiten zurück⸗ gekehrt war und mit Hindeutung auf einen bereits fertig liegenden Brief an den Onkel Dechanten ihm den grauen⸗ haften Vorfall der Nacht erzählte und auf die geöffneten Fenſter des Hauſes gegenüber zeigte, aus welchem man inzwiſchen in einem verdeckten Korbe die Leiche der Er⸗ mordeten hinweggetragen hatte. Eine Schweſter der Frau von Gülpen! rief auch Vo⸗ naventura erſtaunend aus. Auch er wußte nichts von dieſer Verwandtſchaft. Doch mußte er Benno Recht geben, als dieſer an ſeine 137 geſtrigen Aeußerungen über die ſo dunkeln Anfänge im Leben des Dechanten und den Zuſammenhang der⸗ ſelben ſogar mit dem Kronſyndikus erinnerte. Und trotz ſeines gleichfalls geſtern wie ſchon oft geäußerten Ge⸗ fühls, daß ihm die geheime Welt des Beichtſtuhls, mit beſonderer Rückſicht, auf ſein eigenes Leben, eine gefährliche Ueberhebung der Kirche erſchien, hätte Benno dennoch faſt mit dem Zuſatz: Unter dem Siegel der Beichte! von dem Agenten Hammaker ſprechen mö⸗ gen und von ſeiner geſtrigen ſo aufdringlichen Begeg⸗ nung. Er that es nicht. Er nahm ſich vor, ehe er zu irgendjemand ſeinen Verdacht äußerte, ſich genauer nach den Beziehungen zu erkundigen, die zwiſchen dieſem und der alten geizigen, faſt der ganzen Welt ſich ver⸗ ſchließenden Frau hätten ſtattfinden können. Das durch dieſe Eröffnung gemehrte Unbehagen der Stimmung Bonaventura's verminderte ſich nicht, als er nun auch bei einer von dem Freunde geſtellten Auffor⸗ derung, er ſollte ſich dem geſelligen Kreiſe bei dem Ritt⸗ meiſter von Enckefuß anſchließen, die Worte hören mußte: Von dieſem leichten und fröhlichen Lebemenſchen kann ich mir denken, wie er damals bei dem Tode des Deich⸗ grafen voll Schauder und Mitleid die Augen zudrückte und nur die gemeinſchaftliche Standesehre zu wahren ſuchte! Nicht einmal glaub' ich, daß den Rittmeiſter dabei die Rückſicht auf ſeine Verſchuldung beim Kronſyndikus be⸗ ſtimmte. Seitdem freilich dieſem eine Curatel geſtellt iſt, ſeitdem dein Stiefvater die Oberaufſicht über ſein künf⸗ tiges Erbe bereits factiſch beſitzt, hätten dieſe Rückſichtsnah⸗ men wol auch aufgehört. Und dennoch bin ich überzeugt, 138 daß der Landrath eher ſeinem Pferde die Sporen gibt und in einen Abgrund jagt, als daß er ſich auf einer gegen befreundet geweſene Familien gerichteten Drohung betreffen ließe... Bonaventura mußte von dem Begleiter ſprechen, der ihn vielleicht ſchon in ſeiner Wohnung erwartete... Pater Sebaſtus! rief Benno ſtaunend. Nun ſiehſt du die Läuterung bis— zum Aufpaſſer! Eile, eile, fuhr der Zweifelnde dann fort, dir von den Damen Schnuphaſe dein Frühſtück credenzen zu laſſen! Rüſte dich aber mit allen deinen Gelübden, ihrer Liebenswür⸗ digkeit Widerſtand zu leiſten, beſonders ihrer Frömmigkeit! Bonaventura fand, als er gegangen war und ſein Zimmer betrat, beide Töchter des Herrn Maria in großer Aufregung... Benno von Aſſelyn, den ſie ſehr wohl kannten, wohnte ja dem Morde ſo nahe— Bonaventura erzählte ihnen, was er wußte. Da der Pater Sebaſtus nicht kam, hielt es der ſo gezwungen in ihm verhaßte Unthätigkeit Verſetzte für ſeine Pflicht, ſich im Palais des Kirchenfürſten theils nach dem Befinden deſſelben, theils nach der Wohnung des Paters zu erkundigen. Im Palais erfuhr er, der Kirchenfürſt wäre zwar wieder wohlauf, doch mit Geſchäften außerordentlich über⸗ häuft und eben arbeite ſein Secretär mit ihm. Bei der Lebhaftigkeit des Verkehrs in den Vorgemächern mußte Bonaventura natürlich finden, daß er nicht die Auffor⸗ derung zum Warten erhielt. Vom Pater Sebaſtus hieß es, dieſer würde ihn in ſeiner Wohnung in Herrn Ma⸗ ria's ſteinernem Hauſe unfehlbar ſelbſt aufſuchen. 139 Hieher zurückgekehrt fand Bonaventura die Blumen der kleinen Gertrud Ley und hatte ſeine innigſte Freude daran... Und doch bei alledem wie ein Gefangener ſich fühlend ging er an eine Lectüre, die er ſich aus St.⸗Wolfgang mitge⸗ bracht hatte. Das große, von Treudchen mit Blumen beſtreute Buch, das ſie aufgeſchlagen gefunden hatte auf dem Schreibtiſch, war eine Sammlung alter lateiniſcher geiſtlicher Gedichte geweſen, ein Erholungsſtudium, zu dem Bonaventura zurückkehrte. Nach einer Weile klopfte es. Ein Franciscaner trat herein... blaß, lang, hager, bloßen Halſes, nackt an den nur durch Sandalen ge⸗ ſchützten Füßen, das Haupt geſchoren, der Blick eine Weile ſcharf, dann ſogleich unſtet, wie auch das ganze Weſen erſt eine kurze elaſtiſche Spannung bot, dann ſo⸗ gleich ſich wie träumeriſch nachläſſig gleichſam gehen ließ. Der Kopf war ſcharf geſchnitten und ſah ſozuſagen eher ſchineſiſch aus als germaniſch... beim Sprechen öffneten ſich kaum die Lippen, die Worte kamen flüſternd zu Gehör, aber mit außerordentlicher Beſtimmtheit und Sicherheit. Der Mönch nannte ſich kurzweg den Pater Sebaſtus aus dem Kloſter Himmelpfort, auf Urlaub befindlich, „einen Mönch in partibus infidelium“. Bei dieſem einen Worte ſchon, das er nur ſo in erſter Anrede an Bonaventura hinwarf, ſchien es faſt, als wollte er ſich damit aus der Sphäre herausheben, in die ihn ſeine Tracht drückte. Er glich ſo faſt jenen Zurück⸗ gekommenen, die der Zufall in untergeordnete Lebensſtel⸗ lungen drängte und die dann nie unterlaſſen werden, 140 in Gegenwart der Stände, denen ſie früher angehörten, ſich durch ein hingeworfenes gewählteres Wort, eine fran⸗ zöſiſche Phraſe in ihrem eigentlichen Werthe kenntlicher zu machen oder auch jenen lateiniſchen alten Studenten, die mit einem: Vir doctissime, illustrissime! auf dem Lande hospi⸗ tiren und ſich bei dem, der ſtudirt hat, durch ein romantiſches Anklingenlaſſen ſchönerer Jugendzeit ein Viaticum erbitten. Und hätte der Pater nun nicht wünſchen ſollen, daß Bonaventura aufſprang und in ihm den berühmten Con⸗ vertiten, den Streiter in den Zeitſchriften, den Redner auf den Conferenztagen, den Sendboten des Kirchen⸗ fürſten begrüßte? Bonaventura war befangen. Den Pater konnte dieſe Zögerung nicht die Folge einer Bekanntſchaft dünken mit ſeinen Beziehungen zu Schloß Neuhof. Bei dem Geiſte der Selbſtvernichtung und gänzlichen Ertödtung je⸗ der Beziehung zur Außenwelt, außer der kirchlichen, wußte Sebaſtus nichts von des Pfarrers Verwandtſchaft mit dem Kronſyndikus. Es gibt Naturen von einer ſolchen Spontaneität, von einer ſolchen Unfähigkeit, ſich durch andere beſtimmen zu laſſen, daß ſie wenn auch nicht ganz das Gehör, doch faſt die Fähigkeit verloren zu haben ſchei⸗ nen, an andere Menſchen über irgendetwas auch nur eine Frage zu ſtellen. Sie haben hier ſchon Bekannte! ſagte der Pater gleich für feſt und beſtimmt, lehnte den Sitz auf einem der Polſterſeſſel ab und blätterte in Bonaventura's Bre⸗ vier, ſo faſt als wenn dieſer gar nicht anweſend war. Alles das mußte dieſer ſeltſam finden und erwiderte nichts... 141 Geſtern ging ich an dieſem Hauſe vorüber, fuhr der Mönch fort, und ſah Sie im Laden unten im Geſpräch mit Herrn Moritz Fuld, dem Bruder eines Mannes, der im Enneper Thale eine byzantiniſche Kirche gebaut hat. Ja, alſo dahin mußte es kommen! Oft mache ich mir Vorwürfe, daß ich mich noch immer praktiſch in die Juden nicht finden kann, während ich ſie theoretiſch ſchätzen muß! Und auch jetzt noch fand Bonaventura keine Möglichkeit, im Geſpräch mit irgendeiner Bemerkung einzuſpringen. Eine Art Reue über die Behandlung, die ſoeben Löb Seligmann wahrſcheinlich doch nur von ihm erfah⸗ ren, ſchien ſich in dieſen ſeinen Worten auszuſprechen: Die Juden gleichen dem Speer des Achilles! Der ver⸗ wundete, wie Sie wiſſen, und heilte! Die Juden, von Spinoza bis Heine und Börne herab, untergraben den Glauben und doch ſind ſie im Großen und Ganzen wieder deſſen Sauerteig, die Bürgſchaft des Feſthaltens am Einen Gott, die Wächter der Lehre von der Selbſthei⸗ ligung, ja ſogar vom Schatz der guten Werke und je⸗ denfalls der Lehre vom Opfer und den Reinigungen! Unſer alter Rector in Detmold mühte ſich mit Horazens Gredat Judaeus Apella!„Das glaube der Jude Apella!“ War der Jude Apella in Rom ſo bekannt für ſeine Leichtgläubigkeit? Zupften die jungen Adeligen des neuen Auguſteiſchen Zeitalters ihm vielleicht am Bart und cre— ditirte er ihnen vielleicht allzu gläubig auf ihre langſich⸗ tigen Wechſel als römiſcher Bankier und Vorläufer des Fürſten Torlonia in Rom?... Oder wie war das mit dem Juden Apella? 142 Bonaventura ſtand dieſem ſcurrilen Durcheinander nur ſtaunend und lauſchend und faſt angezogen. Apella, fuhr der Pater fort und nahm jetzt eine von Treudchen's Blumen auf, ſie allmählich langſam mit ei⸗ nem elegiſchen Blicke vorn an dem ſeine Kutte zuſam⸗ menhaltenden Strick befeſtigend, Apella war ein jüdiſcher Philoſoph mit griechiſchem Bildungszuſchnitt, der in Rom Vorleſungen hielt über Kirche, Staat, Religion, Glau⸗ ben und Wiſſen und zwar mit dem für einen Juden uner⸗ laßlichen Syſteme: Es gibt nur Einen Gott und keine andern Götter neben ihm! Dem röniſchen gelehrten Pöbel, den Denkern und Sophiſten, erſchien der vielleicht ein wenig ins Lächerliche gräciſirende Rabbiner ein Narr, ein Diogenes, der am hellen Tage mit der Laterne ging! Nur Ein Gott! Kein belvederiſcher Apoll, keine medi⸗ ceiſche Venus, kein farneſiſcher Hercules neben ihm! Armer, armer jüdiſcher Credo-Lehrer! Was glaubte wol dieſer erſte verſpottete Märtyrer des Glaubens? Er glaubte jedenfalls Jehovah, den Herrn des Himmels und der Erden, aber vielleicht auch ſchon den Meſſias vom Stamme David's. Apella iſt mir der dreizehnte Prophet! Er war nicht ſo groß wie Elias, deſſen Größe beſonders darin beſtand, daß er nur ſprach und nichts hat drucken laſſen, aber auch nicht der Kleinſte unter den Kleinen! Da lachten die Römer denn: Ein Glaubender! Ein Glaubensvirtuoſe! Ein Denker, der den Glauben in Vorrath und wie auf Lager liegen hat! O, ein ſeltſamer Gaſt dieſer Apella und ich möchte ein Buch ſchreiben:„Apella oder der Rothſchild im Glau⸗ ben. Eine Kritik der deutſchen Philoſophie von Kant bis Hegel.“ Die Wirkung dieſer Weiſe auf Bonaventura war gar nicht abſtoßend. Er mußte ſogar der Vorſtellung nachhän⸗ gen: Findeſt du nicht aus dem, was du da zu hören be⸗ kommſt, etwas von Lucinden heraus? Da der Mönch ſich nicht ſetzte und von einem Ge⸗ lübde ſprach, das ihm Polſterſeſſel verbot, forderte ihn Bonaventura zu einem Spaziergang auf und hatte ſchon den Hut in der Hand... Es beeinträchtigt aber unſere Kraft, auf anderer Fragen zu hören, wie nach Shak⸗ ſpeare der Vornehmſeinwollende anderer Namen nicht behält. Nichts„duckt“ einen andern mehr, als wenn man ihn in die Lage bringt, eine Bemerkung wiederholen zu müſſen... Und ſo hörte der Pater nichts vom Ausgehen⸗ wollen. Er ſprach nur zu den Blumen, die ringsum faſt ſo, wie ſie Bonaventura gefunden, noch geblieben waren: Wie müßt ihr ſo verbleichen Im funkelnden Farbenſchein! Ihr jungen Blumenleichen, Wer ſegnet und ſenkt euch ein! Da waren Sie ja, fuhr er plötzlich gleichgültig ab⸗ ſpringend fort und auf die Sammlung, in der Bona⸗ ventura geleſen hatte, deutend, bei Dante's Vorbild in der Arxchitektur der Welten, dem Aurelius Prudentius! Nicht wahr, die ſchöne bunte Roſe, die Dante im Himmel ſah von unermeßlicher Größe und die dort aus dem Strah⸗ lenglanz der Märtyrer und Heiligen aller Zeiten zuſam⸗ mengeſetzt war, iſt hier auf Erden ſchon die aus den Blüten und Perlen der heiligen Poeſie zuſammengeſetzte? 144 Gewiß! fand Bonaventura endlich eine Gelegenheit einzufallen. Sie ſchmückt den unſichtbaren Dom unſerer Kirche! Das heißt, die„Purpurviolen“ und„Saaronsroſen“ aus Kocher am Fall ausgenommen! Mit dieſem Spott auf Beda Hunnius war das Ge⸗ ſpräch abgebrochen... Der Pater folgte dem Pfarrer, der ihn an der Thür vergebens bat voranzutreten... Plötzlich zog ſich Sebaſtus in Demuth zurück, verbeugte ſich und ließ Bo⸗ naventura vorausgehen. Sie verließen das Zimmer und das Haus. Wie ſie ſo dahinſchritten, ſahen ihnen die Menſchen nach... die Fremden blieben ſtehen... der Pater ſchlug die Augen nieder.. Sie betraten Kirchen und Kapellen... Viele fanden ſie leer... Der Pater verurtheilte die Lauheit der Gemüther und wiederholte einiges von ſeiner in Kocher am Fall gehaltenen Rede. Sehen Sie denn aber nicht, erwiderte gelaſſen Bo⸗ naventura in einer dieſer Kirchen, die beiden Ker⸗ zen da am Altare? Iſt das nicht ſo ſchön an un⸗ ſerer Kirche, daß Sie, wenn Sie in unſere Gottes⸗ häuſer treten, immer finden werden, daß irgendetwas in ihnen vorgeht? Iſt es auch nur eine einzige Seele, die irgendwo in einem Stuhl knieet und gegen die Hoheit des Gebäudes, gegen die Macht der Wölbungen und Säulen mit ihrem armen ſchwachen Aufſeufzen wie ein Sandkorn am Meer verſchwindet, doch belebt es einen A. 3 gar 1 145 nheit ganzen Bau! Und brennen auch nur zwei kleine Kerzen ſerer an einem irgendwo verſteckten Seitenaltar, immer ſagt das, es iſt da irgendein Gebet im Werke, eines, das ſen” ſchon gehalten worden iſt, oder eines, das erſt gehalten werden ſoll; irgendeine Seele, die vielleicht in der Ge⸗ Ferne auf dem Krankenlager liegt, hat dieſe Lichter an⸗ zünden laſſen und bald wird ein Prieſter nur mit einem der einzigen Knaben kommen und, ohne Rückſicht auf Zuhörer, ſich unhörbar nur und ſtill hinmurmelnd die Meſſe leſen. Bo⸗ Dann wieder findet man an einem Tage, wo alles werkeltägig in der Stadt und in den Gemüthern hergeht, doch in der Kirche den Hochaltar geſchmückt, Blumen chen liegen an ſeinen Stufen, das Wort des Prieſters ſchallt blug faſt wie ein einſames Selbſtgeſpräch und kaum bis über die Brüſtung des Chores hinaus; ein Erinnerungstag iſt's an einen Heiligen, irgendein Vorgang aus der Geſchichte der Kirche wird gefeiert, ohne Geräuſch, ohne üther allgemein verſtändlichen Ausdruck; nur einzelne Seelen, Fall die gerade dieſen Heiligen zu ihrem Schutzpatron wählten, ſind gleichſam mit in das ſtille Geheimniß gezogen und Bo⸗ geben dies einfach zu erkennen durch ihre Spenden, durch ger⸗ ihre Anweſenheit in den Kirchenſtühlen, durch das Nach⸗ mm⸗ leſen in ihren Brevieren. ottes⸗ Der Mönch ſchlug die Augen hellauf und erwiderte as in nach einer langen Pauſe des Schweigens mit faſt unhör⸗ 1 die barer Stimme: zoleit Wäre das nicht, wie ſähen Sie mich in dieſer 1 Ind Tracht! t en Beide waren jetzt in einer faſt ſich ſchon annähernden, Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 10 146 wärmern Uebereinſtimmung in die Kathedrale getreten, die einem großen heiligen Walde glich von vielen tauſend⸗ jährigen Eichenſtämmen. Die Ueberfülle mit neugieri⸗ gen Fremden vertrieb ſie jedoch. Sie traten in einen ſtillern, ſchön erhaltenen Kreuzgang, der zur Seite lag. In der Mitte deſſelben ſprudelte über grünem Raſen ein Springquell— es war ſtill ringsum, friedlich, „poetiſch“, wie der Mönch ſagte... Der Reiz ſich perſönlicher zu ergründen, nahm zu und Bonaventura hatte ſogar das Bedürfniß, einem Convertiten und einem Mönche vollends ſein ſchweres Lebensgefühl zu erleichtern, und ſuchte dafür nach An— knüpfungen. Der Pater gab ſie bald ſelbſt, indem er dem Prieſter, der ihm faſt zu imponiren anfing, die Worte ſprach: Lieber doch noch die herumlorgnettirenden Engländer und um Trinkgelder handelnden Lohnbediente in unſern Kathe⸗ dralen, als ſich Kirchen nur erfüllt zu denken von Super⸗ intendenten⸗ und Conſiſtorialrathsweisheit! Gott! Gott! Darum zerriß man 1517 die zarten Verbindungsfäden des Ueberlieferten mit dem Gemüthe, nur damit in den Kirchen ewig geredet und das Echo der alten zum Rede⸗ widerhall gar nicht geſchaffenen Wände mit tauſendfach perſönlich bedingter Weisheit gequält werde! Man ſpricht von dem Proteſtantismus als dem Bundesgenoſſen der Freiheit! Nichts will die Freiheit des Volkes mehr, als die katholiſche Kirchey! fiel Bonaventura ein. Der Mönch ſtand ſtill und betrachtete eigentlich jetzt erſt zum erſten mal den Sprecher... 147 Aber die Fortſetzung dieſer Gedankenreihen unterbrach plötzlich ein Geräuſch in einer Kapelle, die den zuletzt dunkler gewordenen Kreuzgang ſchloß... Dieſe Kapelle lag völlig einſam und diente zur Aushülfe für die Winterszeit, wenn allzu ſchneidende Kälte die vorgeſchrlebenen Gebete und Meſſen in der Kathedrale beſonders den ältern Prie⸗ ſtern, den oft kränklichen und hinfälligen Domherren unmöglich machte. Beim Verharren in der Kühle dieſes entlegenen Win⸗ kels, über den Leichenſteinen und Wappen der hier ſeit Jahrhunderten begrabenen Prieſter wollte eben der Pater beginnen: Der Stab Aaron's iſt ein mächtiger, ein grünender und blühender in unſerer Hand— als ihn jenes Geräuſch unterbrach... Bonaventura ging näher, ſah in die offene Thür, ſtieg einige dunkle Stufen nieder und zeigte dem Nachfolgenden, der von einer Eule oder einer Fledermaus ſprach, einen großen Vogel, der aus den hundert Neſtern an den Spitzgiebeln und Thürmen der Kathedrale ſich hierher ver⸗ irrt hatte, ſcheu in dem dunkeln Innern hin⸗ und herflog und den Ausgang nach den hochliegenden kleinen Fenſtern ſuchte, die auf der andern Langſeite der Kapelle in die Straße gingen. Der Vogel umflog den Altar, riße die Leuchter um, verſchob die Altardecke und warf einige Schalen nieder... Der Anblick hatte etwas Düſteres, ja bei der Dun⸗ kelheit und Einſamkeit des Ortes etwas Schauerliches. Zuletzt ſah man den Vogel ſich zwiſchen zwei der kleinern Säulen an der ſogenannten Cvangelienſeite des Altars 40* 148 feſtllammern und wild und ſtarr die Augen auf die Ankommenden richten... Greifen Sie das Thier! ſagte Bonaventura. Ich will den Altar wieder herrichten. Der Pater ſtand in der Ferne und erbot ſich zu der umgekehrten Hülfsleiſtung. Er ordnete den Altar und ſo langte Bonaventura den großen Vogel nieder, einen Habicht mit gekrümmtem Schnabel und ſpitzen Krallen. Die Unheimlichkeit der Scene mehrte ſich durch das Erſcheinen eines raſch draußen auf dem einſamen dunkeln Kreuzgange daherkommenden Prieſters, der kaum in die Kapelle geblickt hatte, auch ſchon zurückkehrte, faſt er⸗ ſchreckend, ſie nicht leer zu finden... Noch mehr... Bonaventura erkannte den hier plötz⸗ lich Auftauchenden und wieder Verſchwindenden auf den erſten Blick... Es war Cajetanus Rother geweſen, ſein Vorgänger im Amte zu St.⸗Wolfgang... Da lag das Ordnen des verſtörten Altars ſeltſam nahe... Bonaventura betrachtete den Vogel, den er an beiden zurückgebogenen Flügeln rückwärts auf die Hand gebreitet hielt und der ihn wild und trotzig und wieder doch furchtſam und ſchen anſah, faſt wie die unbekehrte Seele eines Menſchen, ſprach er... Der Pater war bereits wieder voraus auf den ſonnigen Raſenplatz des innern Geviertes der Gänge zurück und Cajetanus Rother war gleichfalls verſchwun⸗ den. Daß er nicht zum Gebete gekommen, erſah man alsbald aus einer ihm begegnenden, ihn anredenden und mit ihm zurückkehrenden Dame. Und in dieſer erkannte ff die Ich zu der r und einen Gänge ſchwun⸗ h man den und erkannte 149 Bonaventura trotz des von ihr, als ſie hier Beobachter ſahe, plötzlich übergeworfenen Schleiers zu ſeinem Er⸗ ſtaunen ſogar eine der Töchter des Herrn Schnuphaſe. Alles das währte nur einige Minuten, hinterließ aber auf lange und tief einſchneidend einen Eindruck, dem der Mönch, als ihm das freiere und leichtere Auf— athmen ſelbſt Bedürfniß wurde, das Wort der Erklä⸗ rung gab: Laſſen Sie den Vogel fliegen! Das Thier iſt ein Bote des Satans! Nur deshalb ſcheint es ſo grimmig auf uns, weil wir ihm ein Rendezvous geſtört haben! Bonaventura warf den Vogel in die Höhe. Dieſer ſchoß auf und verſchwand auf dem grauen Schieferdache des Langhauſes der Kathedrale. Schweigend verließen beide den Kreuzgang und das Gebiet überhaupt. Man wollte noch einige andere Kirchen beſuchen... Es konnte Bonaventura nicht entgehen, daß der Mönch in ſeltſame Aufregung verſetzt war, die ihn ſeine bisherige bewußte und ſelbſtgefällige Weiſe faſt aufgeben ließ. Wie über irgendetwas Geſpenſtiſches hatte ſich ſein Auge vergrößert, die Runzeln, die ſchon über der Stirn des kaum Dreißigjährigen lagen, zogen ſich in die Höhe, er zupfte an dem Strick, der ihn umgürtete, um die Kutte höher zu ziehen; ſo faſt, als fröre ihn... Endlich, an einem großen alterthümlichen Hauſe, ſchien ſich der Mönch wieder erholt zu haben von dem Eindruck, den ihm die Scene in der Kapelle gemacht hatte. Am Sonnenlichte athmete er wieder auf und ließ halb mit einem, wie es ſchien vom tiefſten Innern kom⸗ 150 menden Seufzer, halb aber auch wieder hinblinzelnd auf Bonaventura, die Worte der Schrift fallen: „Wo ihr aber durch den Geiſt des Fleiſches Ge⸗ ſchäfte tödtet, da werdet ihr leben!“ Bonaventura kannte, ſchwer genug(wie er ſich zu geſtehen nie ſchämte), dieſe allein erſt wahrhaft lebendig machende Kraft des Geiſtes und nickte Beifall. Der Pater fühlte ſich nun ermuthigt, zur frühern Schärfe ſeiner Aeußerungen zurückzukehren. Er klagte die Prieſter an, denen er vorzugsweiſe den Verfall des großen Kirchen⸗ gebäudes ſchuld gab. Kennen Sie dies Haus hier? fragte er und ohne die Antwort abzuwarten, fuhr er ſchon fort: Der Sitz des Capitels iſt's! In dem Hauſe hier mit ſeinen zahlloſen Fenſtern, langen Gängen und auf die Ewigkeit angeleg⸗ ten Oefen kommen aus vierundzwanzig Gegenden auf ihre alten Tage vierundzwanzig Menſchen zuſammen, zwei auf jeden Jünger Chriſti, und— ja, das iſt ihr Unterſchied— einer ſpricht und geht und raucht und ſchnupft anders als der andere. Und noch ſind Greiſe darunter, die einſt auch unſern Herrgott abgeſetzt haben in der Fran⸗ zöſiſchen Revolution! Domherren, die mit Hontheim von Trier eine deutſchbiſchöfliche Kirche gründen wollten, frei vom Papſt, eine conſtitutionelle, die in den emſer Punk⸗ tationen ſchon ihre Charte-Vérité hatte... Alle haben ſie noch über Voltaire gelacht und davon ſind ihnen die Runzeln nun ſo ſtehen geblieben wie lachenden Porzellan⸗ männern; denn ſie lachen auch bei Erlebniſſen, die ihnen das Weinen nahe bringen ſollten, ja ſie wiſſen nichts von dieſen ſtehen gebliebenen Mienen, ſie weinen wirklich ch zu endig ſchärfe er an, erchen⸗ ne die tz des lloſen geleg⸗ n auf mmen, iſt ihr hnupft unter, Fran⸗ m von n, ftei Punk⸗ ben ſie en die zellan⸗ iihnen nichts virllih 151 mit dieſem alten Voltairelächeln! Und gerade, als wenn ſie wüßten, daß ſie den Feuertod verwirkt haben, ſo heizen ſie ihre Oefen ein in ihren großen kaltgründigen Stuben! Wälder ſtecken ſie in die Flammen und doch erwärmen ſie nicht den innerlich ſchauernden Froſt! Furchtſam verrichten ſie ihre Aemter am Hochaltar, wo ſie kaum noch die Stufen des Chores erſteigen können, und bei den großen römiſchen Miſſalen, die neben ihnen aufgeſchlagen liegen, bei den durchgeſtrichenen Noten des Antiphonales werden ſie geſpenſtiſch nur an die Todtenköpfe des Beinhauſes erinnert. Ach, aus Angſt der Seele wirft ſich dann einer oder der andere auf das Studium eines alten Kirchenvaters! Da drüben, wo Sie die grünen Vorhänge am Fenſter zugezogen ſehen, wohnt einer, der ſein ganzes erſpartes Vermögen an eine Herausgabe des Origenes hingegeben und hinterher bedeutet wor⸗ den iſt, daß Origenes nicht zu unſern Heiligen gehört und den Proteſtanten zu überlaſſen iſt. Der Arme wird dieſer Tage ſterben, iſt vielleicht ſchon todt, und ſeine aus theuer erſtandenen Manuſcripten geſammelten verſchiede⸗ nen Lesarten werden ihm ins Grab folgen! Dort— da wohnt der Kanonikus Martinus Taube! Krank kann er werden, wenn im Kattendyk'ſchen Hauſe jemand dreimal hintereinander zum Diner eingeladen wurde und Frau Commerzienräthin ihn einen angenehmen Ge⸗ ſellſchafter genannt hat, an den ſie ſich gewöhnen könnte! Nebenan— da wohnt einer, der mit dem Hauſe Kat⸗ tendyk ſelbſt Geldgeſchäfte macht... Dort dem andern da iſt das Daſein ganz in Whiſt und Boſton aufgegan⸗ gen! Und fragen Sie ihn, ob Sanct⸗Goar in Trier 152 ſeine Einſiedlerkutte wirklich an einem Sonnenſtrahl auf⸗ hängen konnte, er wird es mit einem lauten und deut⸗ lichen: Ja! verſichern, nur um nicht aufgehalten zu wer⸗ den, ein glückliches à tout zu machen. Ha dieſe Prieſter! Sie 1 wie junge Mädchen eiferſüchtig ſein auf die Cirkel, wo nur ihre Hände geküßt werden, nur ihre Scherze belacht! Entſchuldigen Sie nichts! Es iſt gut, daß es einen großen Geiſtesſturm gibt! Die faule Ruhe uddes Friedens hat Ungeziefer ſelbſt im Rock des Herrn iſten laſſen! Ausgeklopft muß auch der werden, nicht blos der Wams der Kriegsknechte! Tüchtig! Tüchtig! Und von uns ſelbſt! Hören Sie, unſere Trommel wir⸗ belt— Der Pater wurde in ſeiner wilden Rede unterbrochen. Eben zog eine Militärcolonne mit kriegeriſchem Spiel über den Platz, wo ſie einſam geſtanden... Als es ſtiller geworden, ſprach Bonaventura: Pater! Ich meine, je höher ein Prieſter ſteht, deſto mehr wachſen ſeine Sorgen, die Anſprüche ſeiner Verwandten, die Zumuthungen ſeiner Bedürftigen! Werden wir alt, ſo ſuchen ja gerade wir nach Augen, von denen uns doch ein klein wenig Liebe und Sehnſucht bewahrt werden möchte, auch wenn wir todt ſind! Keine Familie zu haben, es bewahrt uns lange vor Sorge und Kummer, und doch wird Familie zuletzt unſers Herzens ganze Sehnſucht! Nun ſparen wir für andere, ſchenken, opfern, wollen Menſchen haben, die irgendwie die unſerigen ſind! Das wird zuletzt eine Krankheit, die ebenſo ihre Symptome, den Geiz, die Geldbegierde hat, wie unſer ſchon in jungen Jahren ſich meldendes Verlangen nach— Bequemlichkeit! 153 Bonaventura ſprach das ſo hin, wie wenn er es ebenſo auf der Kanzel hätte ſagen können, ohne Menſchen⸗ furcht. Sein Auge glänzte, ſein Stirn umzog ſich mit dem lichten Schein der edelſten Unbefangenheit Sie ſind ein milder Verſöhner! ſprach der.. Wiſſen Sie denn, warum Sie herberufen ſitet Ich hoffe es zu erfahren, erwiderte Bonaventura. Ich will es Ihnen ſagen! Irgendeiner dieſer Prieſter alten Stils hat Sie irgendwo geſehen, hat Sie predigen hören, und da geht es wie in Göttingen, wo ich die Rechte ſtudirte. Die alten Pro— feſſoren wehren jede Neuerung ab, laſſen kein neues Syſtem, keinen jungen Docenten oder Außerordentlichen aufkommen. Plötzlich merken ſie, daß die Frequenz der Univerſität abnimmt. Des Goldes, das von der Quäſtur kommen ſoll, wird immer weniger, die Doctor⸗ hüte bleiben auf dem Lager liegen, die gelehrte Jugend Deutſchlands, die Gott ſei Dank! doch noch nicht ganz aus Freitiſchſeelen beſteht, drängt ſich in jene Städte, wo die Lehrſtühle der in Göttingen verurtheilten Syſtenie ſtehen. Nun wird den Geheimenräthen Angſt! Jetzt halten ſie einen großen Rathſchlag, und ſiehe da! Sie ſenden eine Deputation gen Hannover und erklären, die Facultät böte eine Lücke, man müßte die Vertreter eines neuen Syſtems berufen. Miniſterielles Erſtaunen— Stühle, auf die ſich die Excellenz vor Ueberraſchung niederlaſſen muß... Sie meinen, meine Herren? Sie befürworten—? In den„Gelehrten⸗Anzeigen“ hackten Sie ja regelmäßig die Vertreter dieſes Syſtems zu göt⸗ tinger Wurſt zuſammen?— Thut nichts, Excellenz! 154 Mangel an doppelläufigen Piſtolen— Und nun errich⸗ tet man einen neuen Lehrſtuhl, beruft denſelben jungen früher verfemten Irrlehrer und die akademiſche Jugend des heiligen römiſchen Reichs findet wieder den alten Weg an— die„Leine“, die Honorare kommen in Gang, die Doctorhüte fabricirt wieder„Vater Bethmann“ nach wie vor, die alten Herren friſchen ſich mit dem jungen Blute wieder auf, wie in Arnim's„Kronenwächtern“ die Transfuſion des Blutes in praxi ausgeführt wird und ebenſo denk' ich mir: Wenn in Städten, wie dieſe, die Geſinnungen zu weltlich werden, die Beicht⸗ ſtühle zu leer ſtehen, die Büchſen und Becken beim Opfern zu viel Kupfer abwerfen, die zweiſchlächtigen Baſtarde der gemiſchten Ehen nur in den Taufbecken der Pro⸗ teſtanten Stolgebühren zurücklaſſen, dann müſſen friſche, fromme, freudige Gemüther— Wiederum aber konnte dieſe dem Eindruck, den Bo⸗ naventura dem Mönche machte, dargebrachte Huldigung nicht weiter kommen. Eine Volksmenge brauſte daher, Vorläufer eines neuen Soldatentrupps, diesmal der großen Wachparade. Es war ſchon die Mittagszeit. Wie eine rauſchende Flut ſtürzten ſich die Accorde einer Janitſcharenmuſik über die Worte des Spre⸗ chers.. Der Mönch ſchwieg; beide Wanderer ſtanden ſtill und ließen die Truppen an ſich vorüberziehen... Kennen Sie den Kirchenfürſten? verſtand ſich der Mönch wiederholt zu einer— Frage, als es ruhiger geworden. Aus der Zeit, als er noch Generalvicar war! gung cher, der zzeit. orde 155 Reden Sie mit ihm, ſo bitt' ich, ſprechen Sie Gutes von mir! Bonaventura ſah den Mönch erſtaunend an. Ich habe die Weihen nicht! Ich bin nicht Prieſter! ſagte der Pater. Auf Bonaventura machte dies Geſtändniß einen tiefen Eindruck. Es war ihm, als fiele ihm eine Laſt vom Herzen. Pater Sebaſtus war kein Prieſter! Dieſe Hand, die Jeröme von Witteekind erſchoß, die einen Vater ungerächt gelaſſen, war ſo nicht ent⸗ ſühnt, daß ſie Segen austheilen, das Brot des Lebens ſpenden konnte— und jetzt verſtand Bonaventura die Widerſprüche in dem Weſen ſeines Begleiters— die Demuth ſchien ihm noch nicht zur neuen Natur ge⸗ worden— ſie erſtrebte vielleicht nur das letzte Ziel des neuen Ehrgeizes— die Weihen— und Stolz und Leiden⸗ ſchaft ſchienen die alten geblieben... In ſeltſamen Wir⸗ beln ging ſein ſchwankendes Urtheil. Da kamen jetzt vier Männer daher... Sie grüß⸗ ten, ſtanden ſtill und es fanden gegenſeitige Vorſtellun⸗ gen ſtatt. Benno war es mit ſeinem Freunde Thiebold, mit dem Aſſeſſor von Enckefuß und einer ſeltſamen Erſcheinung, die ſich zwiſchen dem Arm des letztern und dem Arme Thiebold's hielt... ein jugendlich aufgefriſchter Greis, von jenen ſelbſt beim Weinen lachenden Geſichtszügen, wie ſie der Mönch eben bei den alten gezähmten Voltairianern ſtereotypirt fand, den Bart, die Haare gefärbt, ein ſeltſames Bild unter drei jungen Männern, von denen 156 wenigſtens Benno und Thiebold die Lebensfriſche ſelbſt waren. Herr Rittmeiſter von Enckefuß!... Herr Pfarrer von Aſſelyn!... hieß es. Der Mönch ſtand ſtarr... Die Gruppe wagte ihn nicht ganz in ihren Kreis zu ziehen... Herr Doctor! ſagte ihn erkennend der Rittmeiſter— in leichter und fröhlicher Anrede... Es gab eine Zeit, wo Sie's gar nicht abgeſchlagen hätten, mit uns auf den Hahnenkamp zu gehen und ein Glas Champagner zu trin⸗ ken! Wir haben ihn da beſſer als im Engliſchen Hof! Jetzt freilich— Der Mönch ſah den Sprecher an, als irrte er ſich in der Perſon. Ja es war ein Blick voll Größe und als wollte er ſagen: Ich ſpreche armeniſch und komme vom Libanon! Benno fixirte den Pater von oben bis unten und würde den vor Verlegenheit verſtummenden Rittmeiſter in der Erkennung unterſtützt haben, wenn nicht Thie⸗ bold Bonaventura's Bekanntſchaft zum erſten mal gemacht hätte. Da gab es denn ein Beſtürmen mit dem ganzen Feuer des Antheils, ein Aufrufen zur Ver⸗ gleichung der Aehnlichkeit mit dem Onkel Dechanten, ein lärmendes Erörtern der unangenehmen Nachrichten für Frau von Gülpen, daß nun eine andere Converſation gar nicht mehr aufkommen konnte. Der Mönch, wie nicht im mindeſten berührt von der Begegnung mit einem Manne, der ihm die trübſten Er⸗ innerungen des Lebens zurückrief, wandte ſich inzwiſchen 5 und rie Straß Man der C Nang J ſeines von! eine droh ter! Dan G 1 werde Benn Maue in den tura man Regie Domi herrſe erfolg die ſchroff demü in der ter di Jit Vafe rer 157 und richtete, wie wenn nichts wäre, den Blick auf die Straßenecke, die mit Anſchlagzetteln bedeckt war Man befand ſich auf einem der vielen kleinen Plätze der Stadt, in der Nähe eines Gaſthofs mittlern Ranges. In Bonaventura's Klagen über die Verzögerung ſeines Aufenthalts mußte ſich ſein Bedauern miſchen, von Benno hören zu müſſen, daß dieſen jede Stunde eine Weiſung ſeines Principals über Land zu ſchicken drohte und, wie er ſagte, ſein halb ſchon immer gepack⸗ ter Koffer ihn vielleicht heute Abend bereits wieder aufs Dampfboot begleiten könnte. Ich hoffe morgen empfangen und verabſchiedet zu werden! ſagte Bonaventura und drückte damit für Benno eine Bürde aus, die er an dem leſend der Mauer zugewandten Begleiter zu tragen hätte... Und in dem Rittmeiſter von Enckefuß ſah denn nun Bonaven⸗ tura eine Perſönlichkeit, die vielfach genannt wurde, ſprach man von den Zerwürfniſſen des Kirchenfürſten mit der Regierung und einer ſchon uralten Verfeindung des Domherrn Grafen von Truchſeß⸗Gallenberg mit dem herrſchenden Syſteme... In ſeiner Heimat drüben erfolgte nach geiſtlicher, dann weſtfäliſcher Herrſchaft die Uebernahme der Zügel des Regiments 1815 ſchroff und im Geiſte ſolcher Sieger, die von der Demüthigung des Corſen triumphirend heimkehrten und in den neugewonnenen Ländern und Städten als Wäch⸗ ter die wilden Söhne des Heerlagers zurückließen. Kurze Zeit hatte der Corſe auch die Söhne dieſer Länder in Waffen den übrigen deutſchen Brüdern gegenübergeſtellt 158 und nun trat unter Verhältniſſe, wo aus jedem nur erdenklichen Grunde der Politik die Verſöhnung hätte herrſchen ſollen, doch, wie einmal die menſchliche Natur iſt, die Vergeltung. Ein tüchtiger Heerführer befehligte in der Hauptſtadt des neuerworbenen Landes. Mil⸗ derte an ihm ſein Verdienſt die Wildheit und konnte eine gewiſſe barſche Treuherzigkeit, der man im rechten Augenblicke ſogar Gemüthvolles abgewinnen konnte, ihm manche gute Wirkung ſichern, ſo verdarben das, was ſeine Oberleitung noch allenfalls gut machte, die Unter⸗ gebenen. Sein eigener Sohn war es, ein junger Offi⸗ zier, der auf dem ſo gänzlich verſchiedenartigen Boden die Sitten der Heimat einführen wollte. Der Huſaren⸗ ſäbel des Rittmeiſters von Enckefuß zerhieb alle Schwie⸗ rigkeiten, deren ſich für den alten General, ſeinen Vater, immer zahlreichere fanden. Verhältniſſe, Vorurtheile, Mei⸗ nungen, Gewohnheiten wurden verletzt, mit ihnen die Perſonen. Die Reizbarkeit erhöhte ſich. Zu Kränkun⸗ gen kam es, die niemand mehr mit der dem dortigen Menſchenſchlage eigenen Selbſtbeherrſchung, die man auch Trägheit nennen mag, verwinden mochte; bald ſtanden ſich die höhern Stände gegenüber. Einige der jün⸗ gern Domherren, Geiſtliche aus den erſten Geſchlechtern des Landes, wurden von dem Militärgeiſt, der ſeinen Säbel auf dem Straßenpflaſter nachſchleppen ließ, auch auf dem neutralen Boden der Geſelligkeit, vorzugsweiſe im Caſino der Stadt, geneckt und, als ſie es ihrem Amte gemäß ſchweigend hinnehmen mußten, mit ſpotten⸗ den Worten bezeichnet. Es kam zu einem Ehrenſtreite, an dem die Stadt, die ganze Provinz theilnahmen. Zwei junge. in der thuung Piieſter zu verl Famili Dies vom j ſiten dings hatter Verw der de Schran anlaſſu Rittme ders( b haltent und d ſiine dangen dieſe nit un i eine dromn 159 junge Domherren waren durch wiederholte Beleidigung in der Nothwendigkeit, ſich von den Offizieren Genug⸗ thuung zu erwirken. Welche konnten ſie erlangen? Als Prieſter durften ſie die Waffe nicht führen. Ihren Stand zu verlaſſen verhinderte eigene Neigung und der durch Familienſtatut gebundene Wille. Sie klagten vor Gericht. Dies konnten ſie nur da thun, wo der Rechtsſpruch vom jenſeitigen Feldlager kam. Nach langem Proceſ⸗ ſiren kam es zu einem Austrag, der ihrer Ehre aller⸗ dings einen dürftigen Strohhalm bot. Vor den Gegnern hatten ſie einen zweifelhaften Sieg gewonnen. Neue Verwickelung, neuer Hader. Da tritt der einzige Bru⸗ der des Domherrn, der Träger des Geſchlechts, in die Schranken und wird, ſowie ſpäter in unedlerer Ver— anlaſſung Jeröme von Wittekind, im Duell von jenem Rittmeiſter der Huſaren erſchoſſen... An des Bru— ders Grabe ſoll Prieſter Immanuel, der Domherr Graf von Truchſeß⸗Gallenberg, damals einen nur ſtillen Schwur geſprochen haben, vollkommen aber vernehmbar den Geiſtern Innocenz' III. und Gregor's VII. Nun der Anlaß dieſer Irrung, der alte Huſar da, ſorglos ſeinen gefärbten Schnurrbart drehend und unter⸗ haltend ſein„junges Volk“ von der„Witwe Clicquot“— und das ſogar in einer Weiſe, der Bonaventura, um ſeine eigene ehemalige Fähnrichſchaft von ihm ange⸗ gangen, gar nicht gram ſein konnte... Ihm waren dieſe ghibelliniſchen adeligen Landsknechte geläufig, die mit unendlichſtem Leichtſinn Hab' und Gut im Würfelſpiel in einer Nacht verknöcheln konnten und dennoch, wenn die Drommete gerufen hätte zur Schlacht, ſich aufs Roß 160 geſchwungen haben würden und Leib und Leben nicht minder leicht aufs Spiel geſetzt. Die fröhliche Geſellſchaft wollte weiter gehen und ſah auf den unter faſt ähnlichen Lebensbedingungen, wie der fröh⸗ liche Rittmeiſter, ſtehenden Mönch, um Abſchied zu nehmen. Dieſer ſtand abgewandt und las... Die Männer gingen... Bonaventura wartete, bis ſich Pater Sebaſtus wen⸗ den würde... Endlich that er es... Leichenblaß... 4 Bonaventura redete ihn um die Bekanntſchaft mit dem Rittmeiſter an. Der Mönch erwiderte nichts... Bonaventura ſprach von einer Fortſetzung des Spa⸗ ziergangs am Nachmittage... Kein Wort der Entgegnung... Nur mit ſeinen magern Händen zeigte er jetzt über den Platz hin.... . Bonaventura ſah einen Gaſthof, an deſſen Einfahrt hein Schwarm von Krüppeln und Bettlern ſich drängte. Barfüßige Kinder, Greiſe, Blinde und Lahme, Frauen mit verbundenem Kopf, Hexen nicht unähnlich, eine Zunft von Menſchen, die den Spruch, wir wären nach Gottes Ebenbild geſchaffen, zur Satire machten, alles das drängte ſich mit halbzerbrochenen Scherben am Eingang— ein Kellner hielt alle noch zurück— In dem Blicke des Mönches auf jenes Gewühl er⸗ kannte Bonaventura, daß er ſich den Armen anzuſchließen im Begriff war. arbeite lleicht Nleißes 1ang f Venn iicht ſah köh⸗ nen. ven⸗ mit Spa⸗ 161 Mein Donnerstagstiſch! ſagte er und brach ebenſo raſch ab, wie er vor einigen Stunden zu Bonaventura gekommen war. Bonaventura ſah ihm lange— lange— und mit Rüh⸗ rung nach... Sein Herz ſagte ihm: Warun ſollen es nicht die Kran— ken und die Armen ſehen, daß ein Genius in den Fragen des Lebens vor ihnen nichts voraushaben will? Warum ſoll nicht ein einzelner unter ſie treten und ihnen zeigen dürfen, daß Entbehrung jedem wehethut und daß Hun⸗ ger, Durſt und Froſt nicht das Lebensloos der Armen allein ſind, ja daß es eine Glorie höherer Genüſſe gibt, die ſelbſt ein Gebildeter allem vorzieht, wonach die Ent⸗ behrenden mit neidiſchem Herzen ſchielen!... Und ſelbſt der Einwand, der ſich ihm aufdrängte, daß ein Mönch nicht arbeite und darum mit ſeinen Entbehrungen denen nicht gleichſtehe, die in geringen Verhältniſſen leben trotz ihres Fleißes, widerlegte ſich ſeine noch unerſchütterte Begeiſte⸗ rung für die Kirche durch eine eigene Auslegung der Schrift. Wenn wir nicht vom Brote allein leben, ſondern auch vom Geiſte Gottes, ſo darf zu dieſem lebendigen Odem, der uns erfüllt und erhebt, auch ein feſtgehaltener äuße⸗ rer Ausdruck des Ueberſinnlichen gehören. Wie man die Kirchen ſchmückt, ſtatt daß auch in ſchmuckloſen derſelbe Gott erkannt und gepredigt werden könnte, wie man ſeine Liebe durch ein Symbol ausdrückt, eine Blume, einen Ring, ſtatt daß Worte ganz dieſelbe Bedeutung haben könnten, ſo ſollte nicht auch die äußerlich erſicht— liche und vor der Welt feſtgehaltene Demuth, das Kleid und die Entbehrung des Kloſtergelübdes die immer bereite Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 11 162 Vergegenwärtigung der Begriffe ſein, die ſie dem welt— die il lichen Leben vorhalten und ihm gleichſam einbilden ihnen möchten? Edler, als der Spartaner ſich Heloten hielt, I um ſeinem Sohne die Niedrigkeit dienender Seelen zu ſtürn zeigen, ſchien dem ſinnend Nachblickenden der Chriſt ſich unten Mönche und Nonnen halten zu dürfen, um in der Fülle geſo der Ungebundenheit und des leidenſchaftlichen Lebens⸗ wah genuſſes auch die reinen Typen zu bewahren der Selbſt⸗ geft beſchränkung und Nur⸗Auf⸗Gottbezogenheit. Bonaventura ſpeiſte dann auf ſeinem Zimmer, bedient ihr von einem ungeſchickten Mädchen, durch deſſen Unerfah⸗ renheit hätte entſchuldigt ſein können, daß lieber, wie ſic heute in der Frühe, eines der Fräulein Schnuphaſe ga⸗ mit ſchweigſamer Ehrerbietung, einer Martha gleich, er⸗ nun ſchienen wäre und das Serviren unterſtützt hätte. Doch wah die ſeltſame Begegnung im Kreuzgange hielt wol die be⸗ in: ſchämten Heuchlerinnen fern. Daß Bonaventura nicht begi zu lange bei dieſer Erfahrung verweilte, lag in der trau⸗ dener rigen Gewöhnung ſeines Standes, derartige Eindrücke an aus Prieſtern wie an Laien faſt täglich bedenken und in ſich auf verwiſchen zu müſſen. Aron Um einen katholiſchen Prieſter iſt es einſam. Friede bert ſoll über ſein Gemüth hinwehen, die Leidenſchaften ſollen den ſchweigen, immer ſoll er innerlich beſchäftigt ſein. So wollte See es Hildebrand, als er, um aus ihnen die Gnomen der ſer“ römiſchen Zauberkunſt zu ſchaffen, ihnen die Ehe verbot, nan die Verbindung mit der Welt und mit dem gemeinen ſzaf Leben. Aich Von der Begegnung mit dem Mönche Sebaſtus war Bonaventura tief aufgeregt; doch wußte er den Gefühlen, iihe 163 die ihn beſtürmten, keinen Namen zu geben. Er forſchte ihnen auch nicht zu lange nach... Mahnen dann aber zuletzt die Geiſter zu gewaltig, ſtürmt es doch in der Bruſt, ſo haben die Lehrer der Kirche, unter ihnen tiefe Kenner des menſchlichen Gemüths, dafür geſorgt, den Sinn zu heiligen, das Herz zu ſtillen, es zu be⸗ wahren— vor der Phantaſie. Denn die Phantaſie iſt die gefährlichſte Feindin des Einſamen... Mannichfaltige Rathſchläge gaben die Seelenmeiſter, ihren Lockungen zu widerſtehen... Bonaventura floh die Phantaſie nicht, aber er dachte ſich nie Zukünftiges, ſondern nur Vergangenes... Im Ver⸗ gangenen— da konnte er ſchwelgen! Aber wie rang er auch, nur allein das Einſt feſtzuhalten! Nur die Grenze zu wahren, wo nicht plötzlich ein roſiger Zukunftsſchimmer in die Seele einbrechen konnte! Mit Zukunftsträumen beginnen die Irrpfade der Einbildungskraft. Ihrem gol⸗ denen Glanze verſchließe das geiſtige Auge! Erwache aus jedem Traume, den es dich gelüſten könnte dir auf Zukünftiges zu deuten! Mögliches, Gehofftes iſt ein Arom der Geiſter, das die Sinne betäubt, ein Zau⸗ bertrank, der in Paradieſe verſetzen kann, ſelbſt unter den Schrecken der Wüſte... Schreit dann die Seele inbrünſtig„wie der Hirſch nach friſchem Waſ⸗ ſer“, ſo gibt ihm die römiſche Magie eine vom Munde man möchte glauben der ſchäumenden Wuth des leiden⸗ ſchaftlichſten Seelenſchmerzes geſammelte Aqua toffana... Ancch Bonaventura kannte ſie... Wurde dem jungen Prieſter das Blut von einer plötz⸗ lichen Wallung durchglüht, rang er in der Noth des Auf⸗ 11* 164 ſchreis ſeiner geſunden Lebensgeiſter, ſo griff auch er nach jenen mechaniſchen Hülfsmitteln, die im Roſenkranzgebet den erſten Waſſerſturz der Beſinnungsloſigkeit zu ſuchen lehrten... Auch er zählte dann die Buchſtaben der Evangelien und Epiſteln... auch er rechnete, wie oft ein Wort ſich auf einer Seite wiederholte... Und wenn Paula's Name und ihre liebliche Erſcheinung über ſei⸗ nen Geiſt wie eine ſanfte Sphärenmuſik ſich ſenkte, ſo konnte auch er, um ſich vor dem Vergehen in einem Meer von Sehnſucht zu retten, das liebliche Gedicht in Spee's Trutznachtigall: Wenn Morgenröth ſich zieret Mit zartem Roſenglanz— ſtatt vorwärts— rückwärts leſen. Half auch das nicht und klangen die Sphären zu berauſchend, die Lockungen zu ſüß, ſo konnte er zählen, wie oft in einem ſolchen Gedichte ein einziger Buchſtabe vorkam— und vielleicht nicht einmal der Buchſtabe P! Lacht nicht, ihr Feinde des Chriſtenthums! Ihr am wenigſten, die beſten Freunde deſſelben nach dem Mönch Sebaſtus, ihr Juden! Das eben brachte vielleicht ſchon Apella nach Rom. Mit ſolchen Glaubensſpielen erfüllten ſchon am Jordan die Rabbinen das Wort des Pſalmiſten: „Wie hab' ich dein Geſetz ſo lieb, o Herr! Den ganzen Tag iſt es meine Betrachtung!“ Jeden Augenblick horchte dann Bonaventura voll Bangen, ob es klopfen würde und der Mönch zum zweiten mal einträte, ihn zu einem Nachmittagsgange abzuholen. Die Wirthin zum„Goldenen Lamm“ war eine der rührigſten Frauen der Stadt. Und wäre ſie nicht auch die gutherzigſte und wohl⸗ thätigſte ihres Geſchlechts ſchon von Natur geweſen, die kleine dicke, rundliche, noch immer hübſche Frau, die Beichtväter hätten ſie dazu gemacht. Sie hätten ihr dieſe Luſt am Spenden ſchon als Strafe auferlegt, da die gute Frau das geſundeſte Leben liebte und ein leicht in den Adern rollendes Blut hatte... Ja, ſie wechſelte viel mit ihren Oberkellnern— ſie wechſelte auch viel mit den Vertrauten ihres Herzens... ſie betrachtete aber dann die„Religion“ wie ein Bad, mit dem man allen ſchlimmen Staub der Seele wieder wegſpült und immer wieder friſch und gefallſam in die Abwechſelungen der ſchönen Erde, in Landpartieen, kleine Badereiſen, Theater und Concerte zurückkehrt. „Die Tochter aus dem goldenen Lamm“ einſt ge⸗ nannt, hatte ſie einen Sänger geheirathet, der ſich bei ihren Aeltern, wie man zu ſagen pflegt,„feſtgekneipt“ hatte. Sie hatte dann dieſen zum Wirth gemacht. Nach⸗ mals war er geſtorben. Dann folgte unter gleichen Um⸗ 166 ſtänden ein Schauſpieler. Auch von dieſem wurde ſie Witwe. Nun nahm ſie das Leben ganz wie Semira⸗ mis, groß und frei, vom luftigſten Standpunkte. Aber gut war ſie, unendlich gut, mildthätig bis zum Exceß, und dabei ſo ſtark und wohlgenährt, daß die Juweliere das Doppelte verdienten an den Ketten, die ſie kaufte, dann ihren Verehrern heimlich zuſteckte und ſie ſich, zur Ge⸗ nugthuung vor dem ganzen Dienſtperſonal und den Stammgäſten der Table⸗d'höte und des abendlichen Schop⸗ pens, ſcheinbar wieder von dieſen zurückſchenken ließ... Und niemand hatte dies Manöver mit größerer Gewandt⸗ heit ausgeführt als ſeinerzeit Jodocus Hammaker, der einige Jahre lang, vor der ominöſen Hängegeſchichte mit Dominicus Nück, auch der Vertraute ihres Herzens und ihrer Kaſſe geweſen war. Mundet's euch heute nicht? rief die Frau aus einem Fenſter, das in die Einfahrt ihres großen und geräumi⸗ gen Gaſthauſes ging. Denkt Ihr an die Karmeliterinnen, wo morgen Nachmittag groß Tractament ſein ſoll, wie bei einer Kindtaufe! Wird ja bei Euer Gnaden eingeladen, als käm' eine Prinzeſſin ins Spital und wollte die Suppe koſten, die dann auch einmal aus Fleiſch gekocht wird! Damit reichte ſie dem„gnädigen“ Bettelvolk aus der mit ihrem Fenſter in Verbindung ſtehenden Küche in die dargereichten Scherben Gemüſe und Fleiſch und füllte ſelbſt die Gefäße, die oft ſo defect waren, daß ſie ihr unter der Hand zerbrachen. Jeden Montag und Donnerstag fand dieſe Austheilung ſtatt, die Tage ausgenommen, die noch etwaige Vergehen und die Gebote des Beichtſtuhls hinzufügten. Dieſe„Abfütterung“, wie der Herr Oberkellner mit golde wuß Ond Die barf und verf Wi len di A ein aus dan Ste wa⸗ 3c Ri ten he un Ler S 8 Rée 167 goldenem Siegelringe apathiſch und ſeiner Stellung be⸗ wußt, ſie benannte, mußte raſch geſchehen, damit die Ordnung des frequenten Gaſthauſes nicht geſtört wurde. Die Lahmen und die Blinden, die alten Frauen und barfüßigen Kinder durften ſich nicht zu lange aufhalten und etwa die Gabe unter der Einfahrt oder im Hofe ſchon verſpeiſen, manche gar ohne Meſſer und Gabel wie die Wilden. Die Wirthin ſchöpfte dabei immer aus, warf zuwei⸗ len ein ſchlechtes Stück mit einem derben Kraftworte an die Köchinnen hinter ſich zurück und ruhte nicht einen Augenblick im Nutzen ihres Mundwerks. Das Stück geb' ich ja keinem Hund, viel weniger einem Menſchen!... O die Metzger!... Die bringen's aus!...„Kaufe keinen Ochſen ohne Knochen, Ma⸗ dame!“ ſagte der neulich am Rothenthurm... Nun? Steht mir nicht ſo lange! Marſch!... Jeſus Marie, was iſt das für ein Topf? Ein halber Henkel kaum!... Ich glaube, erſt vorige Woche gab ich einen neuen!... Riekeschen!... hörſt du! Mach' mir mal den Rock hin⸗ ten ein biſſel loſer! Zwei Haken!... So!... S'iſt mir heut ganz ſchlecht, denk ich an die Frau, die ſie die Nacht umgebracht haben!... Weiß man denn immer noch nicht, Leute, wer's gethan hat?... Wozu iſt nun die wohllöb⸗ liche Polizei!... Jeden vergeſſenen Nachtzettel ſtraft ſie, von jedem Fremden, der von auswärts kommt, will ſie wiſſen, was er für eine Naſe hat, aber was drinnen in der Stadt vorgeht unter den Spitzbuben und Räubern und Mördern— Der Oberkellner rief den Aufhorchenden, die auf dieſe 168 Art auch noch die Zukoſt publiciſtiſcher Neuigkeiten und über Welt und Zeit allerlei freiſinnige Anſichten erhielten: Marſch! Fort! Es kommen Fremde! Nun, nunl! rief nun wieder den Oberkellner verweiſend die Wirthin. Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall! Dann aber polterte ſie doch wieder dem Oberkellner zu Liebe: Riekeschen, mach' fort, daß die Bagag' hinauskommt! Ihr Trampelthiere! Laßt doch erſt die Kinder vor! Vom Lärm des Bettlervolks und der Straße wurde die Rede der guten Lammwirthin übertäubt. Wagen kamen und gingen, Omnibus rollten, die Glockenzüge, die den Hausknechten ſchellten, wurden gezogen und jetzt bekam auch die Lachluſt ein Schauſpiel durch ein komi⸗ ſches Intermezzo. Zwei Italiener begrüßten ſich, wie es ſchien, nach jahrelanger Trennung... Der eine kam eben mit dem Omnibus, der andere empfing den Ausſteigenden unter der Hausthür. Neben letz⸗ term ſtanden zwei jüngere hie auf ihren Häuptern Breter mit Gipsfiguren hielten und in dem Augenblick, als die beiden ältern die Zeichen der höchſten Freude aus⸗ tauſchten, das Gleichgewicht verloren. Eine mit Strah⸗ lenkronen geſchmückte Madonna fiel und zerbrach. Der ältere in grauem Kittel und Mancheſterbeinkleidern, unſer Napoleone, hatte jetzt mindeſtens fünf Dinge zu gleicher Zeit zu erledigen... Einmal ſeinen aus London kom⸗ menden Bruder zu begrüßen, Marco Biancchi, einen ſcharf⸗ blickenden, ſchon graubehaarten Italienerkopf, dann ihm ſeine Söhne vorzuſtellen, dann wieder dieſen ihre Unacht⸗ ſamkeit vorzuhalten, nun wieder auf ein Fenſter im fünf⸗ ten ſchau ſtaun zuzei noch E rivec Que La din tell 1. Hler viert und ſond müſe ein mneiſ unhe gege Spr Ueb auf wen 169 und ten Stock zu zeigen, wo ein weiblicher Kopf heraus⸗ en: ſchaute, ohne Zweifel Porzia, und dann doch wieder ſtaunend auf die große Bagage ſeines Bruders Marco end zu zeigen, die nun abgeladen wurde, und bei alledem auch all! noch die Umſtehenden zum Kaufen zu ermuntern! be: E questo possibile! rief er. Dopo quindici anni nt! rivedersi encora!... Asino, dove ai gli occhi!... Questo e mio figlio! II mio segundo! Questo il terzo! erde La sopra mia figlia... Fa attenzione, asino! Di non gen dimenticare, quello che tu ai sopra la testa!... Fra- fae tello! Caro fratello!... Ma tu mi sembre un cava- jett liere! Cielo! Quel gran baulo! Attenzione cocchieri!.. mi⸗... Buon albergo! Proprio et buon mercato!... Fi⸗ guri kauf! lach Alles das ging bunt durcheinander. Bei allen dieſen Vorgängen ſitzt auf der dritten oder dere vierten Stufe der Treppe des Hotels Pater Sebaſtus etz und verzehrt mit Gabel und Meſſer, die ihm zur be— eter ſondern Auszeichnung die Wanthin dargereicht, ſein Ge⸗ als müſe und ſein Fleiſch... nus Er thut es ſonſt ſo hell umſchauend, heute aber wie nah⸗ ein völlig Abweſender... der Erbebend ſchon von der Begegnung mit dem Ritt⸗ lſe meiſter und Landrath von Enckefuß, dem dritten in dem ber unheimlichen Bunde von damals, als man ſich das Wort um⸗ gegeben zu haben ſchien, einen Mann wie den Kronſyndikus, arf Sproſſen der alten Sachſenherzoge, nicht die Folgen einer im Uebereilung erleiden zu laſſen— war ſein Auge, irrend chr⸗ auf der mit Zetteln beklebten Wand, zu der er ſich abge⸗ wendet,— auf Serlo's Weib und ſeine Kinder gefallen... 170 Wenn man ſonſt von ihm ſagte: Da iſt ein Mönch, der ſich wie die Heiligen in Dornen wälzen könnte! ſo hätte man es heute wol glauben mögen. Das Reden der Wirthin, das Durcheinander der Bettler, die Begrüßun⸗ gen und die Ankunft der Italiener hörte er nicht... Mechaniſch verzehrte er ſeine karge Mahlzeit... Schon war er mit ihr zu Ende, ſaß ermüdet, verſunken und ſtarr vor ſich niederblickend, die leere Schüſſel in der Hand, dicht an die Mauer gedrückt, um niemanden auf der lebhaf⸗ ten Paſſage der Treppe zu ſtören... Da kommt eine ſchon bejahrte, aber ſtattlich aufge⸗ putzte Dame mit zwei leicht und behend die Stufen hinauf⸗ hüpfenden halbwüchſigen Mädchen... Plötzlich hielt die Frau inne, betrachtete ihn und redete ihn mit dem Gruße an: Aber, Herr Doctor! Sind Sie es denn wirklich? Ja, kennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Doctor Klingsohr? Der Bruder Sebaſtus ſpringt auf, ſtellt ſeine Schüſ⸗ ſel zur Seite, betrachtet Madame Serlo⸗Leonhardi und Serlo's herangewachſene Kinder wie ein Irrſinniger, den jemand auf ſeine frühere Vernunft anredet und der ſich darauf von ihm wie taub abwendet, während doch ein gewiſſer trauriger Blick der Befremdung auszudrücken ſcheint, daß ihm eine Ahnung nicht ganz fern läge von dem, was der Anredende meinen möchte und was er einſt wirklich geweſen ſein könnte... Er ſieht die erhitzt aus der zu ihrer abendlichen Vorſtellung abgehaltenen Probe Zurückgekommenen mit zuſammengedrückten Augen wie zwei⸗ felnd u ſdnziges W und i chende dieſer Doct füger baſtu woh⸗ Ann Sch heit Beſir im n ſten Siehſ ſchan der men ihm Das werd nien, hatte glau er ſi Iu war 171 felnd und in Furcht an und geht von dannen, ohne ein einziges Wort geſprochen zu haben. Wer die Scene beobachtete und der in Erſtaunen und in den lauten Ausruf ihrer Ueberraſchung ausbre⸗ chenden Schauſpielerin den vollen Glauben ſchenkte, daß dieſer Mönch ein ehemaliger Bekannter von ihr, ein Doctor Klingsohr wäre, konnte in der That hinzu⸗ fügen: Jetzt aber iſt es ein Heiliger! Denn Pater Se⸗ baſtus war vor ihr zurückgewichen, wie vor einer Be⸗ wohnerin einer ihm völlig fremden Welt; er hatte ihrer Annäherung ſich entzogen, wie einer Unreinen... Der Schein der völligen Entfremdung von ſeiner Vergangen⸗ heit hob und verklärte ihn faſt. Dennoch ſchoß er an den Häuſern dahin wie ein Beſinnungsloſer... Erſt, als ihm jener Dämon, der im menſchlichen Innern hockt und der ſelbſt unſerm tief⸗ ſten Schmerze höhnende Geberden machen kann, ſagte: Siehſt ja aus, als gehörteſt du auch zum Mummen⸗ ſchanz! merkte er auf ſich... In dem kleinen Schatten der Mittagsſonne ſah er ſich wie einen verhutzelten Gno⸗ men durch die ſchattenloſen Gaſſen ſchreiten, in einer ihm wie jetzt erſt auffallenden Kutte, barhaupt, barfuß... Das iſt deine Angſt, mit Komödianten verwechſelt zu werden, daß du ſo entliefſt! ſagten ihm jene innern Stim⸗ men, die er ſchon ſonſt„Jronieen des Satan“ genannt hatte und ſchon damals, noch ehe er an den Satan glaubte... Irrend wankte er dahin... Kindern hätte er ſich anſchmiegen mögen mit einem: Nehmt mich mit!... In ſeine Wohnung wollt' er und fand ſie nicht— es war eine kleine Zelle in einem ehemaligen Profeßhauſe 172 der Jeſuiten— dort gab es lange Gänge, ſelbſt unter⸗ irdiſche aus den Zeiten her, wo die Kirchenfürſten dieſe Stadt als Regenten beherrſchten und oft vor dem Trotz und dem Freiheitsſinn der Bürger ſich flüchten mußten— in eines dieſer Verließe wieder, wo er ſchon öfter dahin⸗ getaſtet, dort mochte er ſich verbergen, nur um die in— nern Stimmen, dieſe quälenden, zum Schweigen zu brin⸗ gen... An jeder Kirchthür verbeugt er ſich... an jedem ſteinernen Kreuze ſchlägt er eines auch auf ſeiner Bruſt... die Momente der klarſten Anſchauungen, des Witzes, der Unbefangenheit, der ſchärfſten Kritik über ſich und andere, die er heute gehabt, weichen dem Paro⸗ rysmus, der ſchon damals im Mondenſchein im Park von Schloß Neuhof die Geſpenſter Heinrich Heine's leib⸗ haftig ſehen konnte und von den alten Stammers re⸗ dete, wie wenn ſie ſäßen und Schön Hedwig beweinten, ihr Kind, das ihnen der wilde Jäger geraubt... oder wie er ſeine Mutter ſehen konnte, eine verſchleierte Nachtwand⸗ lerin, mit der Lampe in der Hand und durch die Ahnen⸗ ſäle der Wittekinds ſchreiten... oder wie er oft ganz deut⸗ lich am Strande der Oſtſee Lucinden im nächtlichen Nebel den Klabautermann auf einem Schiffe zeigte... oder wie er ſpäter, als er den Saft der Mohnblume wie alles erpro⸗ ben wollte, ſich dem Gangesgott im Kelche der Lotosblume verglich... Wie hätte ihn noch der Mord der Buſchbeck ſchütteln müſſen, wenn er den in Erfahrung gebracht! Nur war er nicht der Mann des Hörens, ſonſt hätte er längſt davon vernehmen müſſen... Der Geiſt, der jetzt ihn jagte, war— die Erinnerung an Lucinden. Immer tiefer kommt er in das Labyrinth der engſten Gaſſen ſen, ſ die ſei gelpete in die plötzli Tüche zufe auf, von Bei nen den und ſich 1 nen, vorder brann Verfo Getri weicht man! iſt n ſo al Blun heime mit 6 der 173 Gaſſen... Nichts will er ſehen von den lichteren Stra⸗ ßen, ſelbſt die nicht, wo die Zeitungsexpeditionen liegen, die ſeine neueſten Artikel verkaufen— dem Laden Klin⸗ gelpeter's, wo eben die zinnernen Athanaſiusmedaillen in die Welt gehen, ſchießt er vorüber... Alte Frauen plötzlich, in ſeltſamen Trachten, den Kopf mit grellfarbigen Tüchern umwunden, ſitzen vor verfallenen Häuſern und zupfen Werg aus alten Matratzen... Der Staub wirbelt auf.. Fremdartig geſprochene Laute wecken ihn.. Nichts von den Heiligen, nichts mehr von der Gottesmutter... Bei den Juden iſt er... in der Rumpelgaſſe... Hier woh⸗ nen ihrer Hunderte dicht beiſammen, Kleider hängen an den Häuſern, alte Möbel verſperren die Wege, Flaſchen und Gläſer ſtehen an den Fenſtern und nun erſt findet ſich der Taumelnde zurecht. Vor einem der rothbraunen Häuſer, gebaut aus Stei⸗ nen, die vielleicht übrig geblieben von damals, als die Vor⸗ vordern der Einwohner dieſer Gaſſe ſich einſt ſelbſt ver⸗ brannten, um der zu Zeiten im Mittelalter epidemiſchen Verfolgungswuth zu entgehen, ſtand der wie im Kreiſe Getriebene plötzlich ſtill und betrachtete den Geſchäfts⸗ reichthum einer Trödelfirma, die ſich„Nathan Selig— mann“ nannte... Hinter ihm aber ſteht ein Mann, der ihn beobachtet. Es iſt nicht unſer Löb, der von ihm trotz des Judaeus Apella ſo altburſchikos behandelte Anbeter der heute mit einem Blumenſtrauß gefeierten jüdiſchen Druide Veilchen Igels⸗ heimer, die dem Geſchäfte ihres Verwandten vorſteht mit einer Kenntniß des Alterthums und des Gerümpels der Jahrhunderte, die Lucinde an der Maximinuskapelle 174 geahnt zu haben ſchien, als ſie dem Wirth zum„Weißen Roß“ als den eigentlichen Wardein der von dem Knaben ver⸗ kauften alten römiſchen Münzen den Ahasver ſelbſt ge⸗ nannt hatte. Eine andere Perſönlichkeit war es, die den Mönch daherkommen und vor dem Trödelhauſe Nathan Selig⸗ mann's ſinnend halten ſah... Den Rücken auf einen Stock ſtemmend, der faſt zu⸗ ſammenbricht von der weniger ſchweren, als vielleicht ermüdeten Laſt, denkt das etwa vorhandene Menſchen⸗ ſtudium deſſelben beim Anblick eines in den Trödelkram verlorenen Franciscanerpaters: Pater Sebaſtus? Der Franciscaner? Will der Juden bekehren? Mit Veilchen Igelsheimer den Anfang machen? Fehlt ihm in ſeiner Klauſe ein Luxusgegenſtand, den er dort einzuſchmuggeln gedenkt unter der Kutte? Eine Lichtputze, eine Lampe zum Studiren, eine Laterne für die unterirdiſche! Gänge, wenn er die geheimnißvolle alte Pforte im Gewölbe des Profeßhauſes finden ſollte?... Wie er die Kleider be⸗ trachtet!... Doch nicht etwa den alten roſtigen Ritter⸗ helm?... Doch nicht den Dreimaſter und den Galan⸗ teriedegen dazu?... Oder den Frack mit ellenlangen Schöſen und die carrirten engen Beinkleider, die ihm vor Jahren ganz gut mögen gepaßt haben? Der Späher, der ſelbſt wie ein Irrender bald da, bald dort ſtill geſtanden und faſt die Spalten der Thüren, die Riſſe der alten Häuſer betrachtet hatte, als könnte er ſich in ſie verkriechen, ja als ſuchte er nur allein dem Sonnenſtrahl auszuweichen, wie weiland der allein in der Nacht lebende Held Trojan, ein Vampyr der ſerbi⸗ ſchen Mön W gehen Enuſ als ißen Roß“ naben ver⸗ ſelbſt ge⸗ en Mönch dan Selig⸗ er faſt zu⸗ z vielleicht Nenſchen⸗ Trödelkram uus? Der it Veilchen in ſeiner chwuggeln ine Lampe zel Günge wölbe des lleider be⸗ gen Ritter⸗ e Galan⸗ ellenlongen 175 ſchen Sage— der Späher tritt in ein Haus zurück. Der Mönch macht eine Bewegung, als wollte er weiter gehen... Bald aber erkennt der Späher, daß dies Weiter⸗ gehen nur die bekannte Bewegung iſt, die einen andern Entſchluß maskirt. Einigemal wendet ſich der Mönch, als hätte er ſich im Wege geirrt, wäre unſchlüſſig, ſich links oder rechts zu wenden, und ehe er noch darüber von jemand beobachtet zu ſein glaubt, iſt er verſchwun⸗ den. Selbſt für den Späher iſt er es, der in eines der alten Häuſer getreten... Scheint dieſer doch ſelber zu fürchten, belauſcht zu werden. Nach einer Weile tritt der Späher wieder hervor und ſieht ſich vorſichtig um. Die heiße Mittagszeit macht die Gaſſe menſchenleerer als ſonſt. Dann an den niedrigen Fenſtern Nathan Seligmann's vorüberſtreifend, erkennt er den Pater durch die Trödelvorräthe hindurch... Er be⸗ findet ſich unter ihnen... Was kann der Mönch dort wollen? Er ſcheint zu handeln? Um was? Er zeigt auf ſeine Kutte... ſieht er dich? Vorübergleitend ent⸗ ſchlüpft der Lauſcher. Sein ſonſt ſo elaſtiſcher Spürſinn iſt heute frei von aller Unternehmungsluſt. Wankend ſchreitet auch er dahin... nimmt einen Weg, er weiß es ſelbſt nicht wohin... an den Stra⸗ ßenecken wird ein Anſchlag der Polizei angeheftet... Hundert Thaler dem, der eine Spur zur Entdeckung des Mörders der Frau Hauptmann von Buſchbeck angibt... Sonſt war er ſo flink, ſolche Summen zu verdienen, er, der alle Spelunken der Stadt, die Herbergen der Freude und des Raubes kennt... Weiter wankt er, grüßt und 176 achtet nicht des ausbleibenden Gegengrußes... Gewohnt ſcheint er das... Sonſt ſtudirt er jedem, den er grüßt, eine Frage nach ſeiner Lage, nach ſeinem Thun und Treiben und eine ſelbſtgegebene Antwort an... Auch heute hätte er Gelegenheit gehabt, ſeine gewohnten Gloſſen zu machen. Da fährt Herr Bernhard Fuld in einem eleganten Coupé mit ſeinem jungen Weibchen neben ſich in ihre Villa hinaus nach Druſenheim... Der Späher ſcheint zu denken: Sie fahren wie mit Extrapoſt! Man glaubt wegen des europäiſchen Gleich⸗ gewichts und vielleicht iſt nur eine neue Toilette aus Paris gekommen, die ſich vor Ungeduld Madame ſelber abgeholt hat! In einem Gig fuhr ſich hinter ihm her der Freund der Fulds, Herr Gebhard Schmitz; ein Groom ſitzt neben ihm, die Hände ineinander geſchlagen, wie wenn er der Herr wäre... Der Späher ſieht ihm nach und weiß vielleicht ſchon: Iſt die beſtellte Caricatur am nächſten Sonntag fertig, wenn ihr eure Landpartie macht? Ein offen zurückgeſchlagener großer Wagen mit zwei Damen und einem Herrn biegt um eine Straßenecke... Der Späher erſchrickt im erſten Augenblick, zieht tief den Hut und blickt dem Wagen nach: Madame Hendrika Delring! Sie fährt vor dem Fünfuhr⸗Diner noch mit ihrem Mann aufs Land, weil ſie von einer Gelegenheit gehört haben, für den erſten— gemiſchten— Enkel des Hauſes Kattendyk eine vortreffliche Amme zu bekommen... Die neue Geſellſchafterin wol bei ihr?... Nein! Die ſchreil merm — weite eine tage 177 ſchreibt an ihren Freund Hunnius, daß im Domſtift im⸗ mermehr Platz wird... Oder iſt es die Kleine— Aufſchreckend wankt der Beobachter dahin... immer weiter und weiter... allmählich ermannt er ſich und tritt in eine Weinſchenke, ſich in der Hitze eines Nachſommer⸗ tages zu ſtärken... Doch des Redens über den Mord auch hier kein Ende... Man klagt die Frau Hauptmännin an und ſagt faſt, ihr wäre recht geſchehen, und ſchon ſetzt er an, ſie zu vertheidigen und eine ganze Rede wickelt ſich in ihm auf: Sehr wohl kannt' ich die Aermſte, aber glau⸗ ben Sie mir, meine verehrteſten Herrſchaften, ſie war mehr krank als böſe! Die Vortrefflichſte glaubte an die Seelenwanderung und war in Fledermäuſe verliebt, weil ſie hoffte, die würden ſie einſt durch die Lüfte ins Jenſeits tragen!... Für den König der Fledermäuſe ſparte ſie gefangene Mäuſe und Batzen und Coupons... O wie oft habe ich ſie gebeten, ihre Guitarre neu be⸗ ziehen zu laſſen! Aber nur zwei Saiten wollte ſie auf ihr dulden; die eine war ſie, die andere Bru⸗ der Hubertus im Kloſter Himmelpfort, genannt der„Ab⸗ tödter“... Wie oft pfiff ſie mir ſein Leiblied, als er noch ſchmuck und grün durch die Wälder daherkam aus Hol⸗ land und Java, wo ihn die Indier gelehrt hatten, wie man Menſchen ſo weit bringen kann, nur noch dreißig Pfund zu wiegen, die Hälfte vom Nettogewichte meines Bauches vor dem Mittageſſen!.. O ihr hättet ſie ſehen ſol— len, die Frau„Baronin“, wenn ſie die Thür verſchloſſen hatte und durch das Schlüſſelloch mit mir über den Stand der Zinſen und die Leiden der weſtfäliſchen Domänenkäufer Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 12 178 ſprach, deren Obligationen ſo werthloſes Papier gewor⸗ den ſind!... Das Schluchzen dann hinterm Schlüſſelloch hätte euch gerührt und ihr hättet ein Gemüth bewundert, das dreißig giftige Pfeilſpitzen liegen hatte und doch allen denen vergab, die ſie beſchuldigten, ihre Dienſtboten nur aus böſem Herzen zu quälen, während es nur ihr unglückſeliges Loos war, daß ſie in der Nacht Mitgefühl bedurfte, zufällig zu einer Stunde, wo friſche und ge⸗ ſunde junge Mädchen zu ſchlafen pflegen!... Eine, ja Eine, die iſt ihr einmal zu Dank geweſen! Das hat ſie mir oft erzählt! Die blieb ein Jahr, neun Mo⸗ nate, funfzehn Tage, drei Stunden bei ihr! Die hat ſie dagn aber auch, ſo ſagte ſie oft, ausgeſtattet wie eine Prinzeſſin! Auf ein vornehmes Schloß hat ſie ſie ge⸗ geben, wo ſie wie eine Prinzeſſin gehalten wurde; nur ſeidene Kleider und goldene Spangen mit Juwelen durfte ſie da tragen; aber ſie war ja ſelber ſchuld, ki⸗ cherte die gute Baronin hinterher, daß ſie's nicht lange genoß... der Nickel wollte auch die Krone haben! ſagte ſie. Und dann huſtete die Edle wie aus feuchten Kel⸗ lern heraus die liebreichen Worte: Na aber, da haben wir ſie ſchön abgeführt! Möglich, daß der wirkliche Vortrag dieſer Erzählung durch die Erinnerung an das grelle Lachen gehindert wurde, in welches die Hingeopferte nach ſolchen und ähn— lichen vertrauten Mittheilungen ſich in Gegenwart ihres guten Freundes und Rathgebers zu verlieren pflegte... Oder was iſt es, daß er die Weinſchenke verläßt?.. Es iſt drei Uhr... Am Hahnenkamp begegnen ihm vier fröh⸗ liche Menſchen, unter ihnen ſein wärmſter Beſchützer 179 nächſt Dominicus Nück, der Aſſeſſor von Enckefuß. Aber ha! Auch Benno von Aſſelyn, dem er noch geſtern Abend ſo dicht unter die Augen getreten, als wollte er ſagen: Sieh mich genau an! Ich bin’s! Unglücksmenſch, du, du, den ich möchte— warum ſahſt du mich ſo oft Abends von Rendezvous kommen, wo eine ſiebzigjährige Eule, getrennt von mir durch eine verſchloſſene Thür, mir ihre Gefühle und ihre ſtolzeſten Hoffnungen auf die Beſchämung eines gewiſſen Ungetreuen, des grünen Jägers, erzählte... Warum blickſt du mich ſo forſchend an? Menſch! Was wendeſt du ſo den Kopf zum Aſſeſſor? Dich, dich möcht' ich— Ganz gehorſamſter Diener!... Tief verbeugt er ſich bei alledem und lächelt... 4 In fröhlichſter Champagnerlaune grüßt Thie⸗ bold de Jonge und macht ſich den gewohnten„Witz“ mit ihm, im Geſpräche Anſpielungen zu machen auf das unenträthſelt gebliebene Hängen des Sporenritters in päftibus, dieſen„Witz“, der ihn ſeit Jahren verfolgt, der ihn ſo martert, ſo quält, daß er im Begriff iſt, nach Amerika auszuwandern— für immer... Aber bei alledem zieht der Erbebende ſeine weiße Halsbinde in die Höhe und ſagt, im Stil eines Beleſe⸗ nen, zu Thiebold de Jonge: Herr de Jonge! Ein Wald! Ein Wald! Ein Königreich für dieſen Wald! Bei Witoborn! Wann kann ich aufwarten? Ihre Eichenwälder ſind zu jung! Nicht ein Aſt, an dem ſich eine rechtſchaffene Seele aufhängen kann! Hahahaha!... So lachte der Spötter und die andern gingen gleich⸗ falls lachend oder fragend und die Köpfe zuſammen⸗ ſteckend an ihm vorüber... 12* 1 3 — 180 Daß aber auch der Aſſeſſor lachen konnte! knirſcht es in ſeiner Seele... Er überlegt ſich aber alles... Er wohnt in dieſer Stadt mit dem Damoklesſchwert überm Haupte und ſollt' es eigentlich gern haben, wenn ihn zwar nicht heim⸗ lich, doch offen die Polizei fallen läßt. Er muß ſich's ja ſauer verdienen, daß man ihn ſchont und damals auf Nück's Lachen Rückſicht nahm, als er nach Aachen wollte, nach„Spaa“, wo er ſpäter ſein„ihm gehörendes“ Geld wirklich verſpielt hatte... er mußte ſich's verdienen durch die doppelte Tragfähigkeit ſeiner Schultern, die linke geiſt⸗ lich, die rechte weltlich... und in der Mitte ein Herz voll Ehrgeiz ſogar und ein Menſch, der ſtudirt hat! Sieh! Dieſer Herr von Aſſelyn... Außer Nück und Schnuphaſe weiß niemand in der Welt als er, daß er in Abend⸗ ſtunden mit Hexen ſchwärmen kann... Wie er ſich vor⸗ beugt zum Ohr der andern und wie ſie auf mich zurück⸗ ſchielen! Menſch— dich ſchleudr' ich aus dem Wege! Ein Kieſelſtein flog vor ſeinem Knotenſtock, daß da⸗ von beinahe Herr Joſeph Moppes getroffen wurde... Dieſer kam wie immer mit Noten unterm Arm und probirte im Gehen ſeine Quartette... Selbſt Joſeph Moppes, der als halber Virtuoſe doch Beifall und Popularität nöthig hatte, dankte nur halb dem ſchnell gebotenen Gruße... Nun wankt der faſt zuſammenbrechende Fuß durch die Marcebillenſtraße... dicht vor dem Hauſe des Mannes, den er ſollte aufgehängt haben, vorüber... Es iſt daſſelbe neue ſtattliche Haus, in dem jetzt bis vier Uhr Nach⸗ mittags die Arbeit des Procurators ruhte... nebenan be an 181 ſäuſelnd ſind's die ſchönen Linden des Gartens, der zum Hauſe gehörte, Bäume, die noch gerade ſo grün und ſtillbewegt ſtanden wie damals, als er um die Mittagszeit aus dem Fenſter geſprungen und das in Gedanken mit⸗ genommene Schlüſſelbund zurückgeworfen haben ſollte, die Taſche mit 30000 Thalern beſchwert... In dieſen Garten blickte niemand, als die Zöglinge des daran⸗ ſtoßenden Convicts, die gerade eine Freiſtunde hatten und an dem Gartengrün die müdegearbeiteten Augen ſtärkten und ihn nun ſehen, ihn verrathen mußten... Fünf Jahre war es her, Hammaker war durch Nück's Zeugniß von jedem Verdacht freigeſprochen, er durfte zu jeder Zeit in das Haus des Mannes eintreten, den er aufgehängt ha ben ſollte; aber wer erträgt die Qual des Verdachts, den Spott, die Anſpielungen auf die Procedur des Hän gens, wenn die Menſchen mit ihm redeten und vom Binden, Schnüren ſprachen, ja auch nur von einer „verwickelten“ oder„kurzabzuſchneidenden“ Verhandlung .Konnte Er nicht den Kopf erheben?.. Noch heute früh nach der Aufnahme des Thatbeſtandes und der Rück⸗ kehr des Aſſeſſors vom Frühſtück bei Benno von Aſſelyn was war nicht alles, als er zitternd unter den Men— ſchen weilte und, zum Tode erblaſſend, den Aſſeſſor auf ſich zukommen ſah, zwiſchen ihnen beſprochen worden! Die drohende Zunahme der Aufregung, die Stiftung von Geſellen⸗ und Meiſterbündniſſen, manche Verbrüde rung zu Rath und That, die man nicht hemmen konnte und die doch auszuarten drohte im Hinblick auf die Zeit und die ſchlimmen Ausbeuter der Leidenſchaften... Die Gemüther auf dem Lande und in der Stadt von den kirchlichen 182 Fragen aufgeregt... zwei Richtungen ſich kreuzend, die politiſche und die hierarchiſche, eine der andern zur Seite gehend, ſolange das nächſte Ziel daſſelbe... Schon Berathungen hier, Verſammlungen dort... Stürmer und Dränger, wie ſie in Kocher am Fall geredet, überall... unter dem Landvolk Wortführer, die ſchon anfan⸗ gen bei verſchloſſenen Thüren zu ſprechen... Die Regie⸗ rung von anonymen Warnungen aufgeregt... Winke von den Gutgeſinnten, Drohungen von den Feigen... Namen genannt, die die Häupter einer Erhebung werden ſollen, wenn es dem Lande an die Kränkung ſeines Theuerſten gehen ſollte... Sogar Schnuphaſe auf den gefahrvollſten Bahnen; denn darin, daß er nur hin⸗ und herreiſte zur „Beruhigung“, gerade darin lag die Aufregung... Im Hüneneck, an der Inſel Lindenwerth, war der Herd des Ganzen bei einem großſprecheriſchen Wirthe Namens Joſeph Zapf... und der neue John Hampden, der neue Bürger Lafayette, der Sohn des Volkes, der einer mög⸗ lichen Bewegung zum Haupte dienen konnte... eben kommt er daher.. Ein Mann mit kühnen Schultern und von freier Rede, ein Fürſprech im neubegründeten Severinus⸗ oder Handwerkerverein... Eine große, ſtattliche Figur von herculiſchem Körperbau, über die Vierzig hinaus, ge⸗ rötheten Antlitzes, mit dem Ausdruck gutmüthiger, aber reizbarer Beſchränktheit... An dem unter einem lan⸗ gen Oberrock getragenen Schurzfell erkennt man den Küfer... Wie geht es Ihnen, mein lieber Herr Lengenich? Ei, Herr Hammaker! 183 Endlich ein Mann, der ſich über die Begegnung mit ihm zu freuen ſchien. Haben Sie endlich den Proceß gewonnen? Welchen? Den Druſenheimer! Schlagen Sie den Blutacker los? Sechshundert Thaler ja wol? Neunhundert, Herr Hammaker! Ich ſchlag' ihn nicht los! Eigenſinniger Mann! Neunhundert Thaler! Viel Moos Die Ehre, Herr Hammaker! Die Ehre! Die Ehre! Was iſt der Menſch ohne Ehre! Ein wahres Wort! Wir, denk' ich, wir beide wiſſen es! Braver Mann! Aber was nützt Ihnen die druſen⸗ heimer Ehre? Wo ich geboren bin, Herr! Bin in die Welt mit Ehren hinausgezogen! Der Acker ſoll wüſt und leer bleiben, bis die Gemeinde und mein Bruder nicht mehr hinter mir rufen: Ab iinstantia! Erhaben! Aber— Verkannt, Herr Hammaker! Aber— Ein Ehrgefühl muß der Menſch haben, wo ein Na⸗ delſtich ans Leben geht! Wie fühl' ich mit Ihnen! Ab instantia— Wegen Mangel an Beweis! Alle glauben und wiſſen meine Unſchuld! Nur ein Bruder und die druſenheimer Gemeinde ſagen: Laß hier deinen Acker! Sagen's ſo zweideutig, als wenn ich— Ruchlos! Ruchlos! 184 Dornen und Diſteln und Steine ſollen drauf wach⸗ ſen— ich bin Bürger in Druſenheim und bleib' es! Wenn nur— Seligmann nicht Auftrag hätte— Ihnen zu bieten, was Sie wollen! Fuld's junges Weib⸗ chen will einen Pavillon hinter ihrer Villa haben! Es iſt ſo prächtig draußen! Waren Sie lange nicht dort? Ach, meine Heimat!... Ach, meine alte Mutter!... Guter Herr Hammaker! Auch Sie verkannt! Um dieſen Acker hab' ich Thränen vergoſſen, mehr, als in Druſenheim Waſſer fließt! Das iſt kein Wort, Herr Lengenich! In Druſen⸗ heim iſt der Bach das ganze Jahr trocken und nur der Saft der Rebe fließt... Eine Priſe? Zitternd wird ſie dargereicht... freudig angenom⸗ men. Lengenich und Hammaker, wie dieſer ihm auf⸗ geredet, ſind die Opfer des Ab instantia-Abſolvi⸗ rens. Lengenich lebte in der Dunkelheit der Moppes⸗ ſchen Weinkeller, wußte nichts von der Oberwelt, nicht einmal etwas von dem Mönche Sebaſtus, deſſen Vater er beſchuldigt worden ermordet zu haben, er ſah nur immer, wenn es Licht um ihn wurde und er im Severinusverein präſidirte, den Himmel offen und die heilige Jungfrau mit der Wagſchale der Themis in der Hand, wie ſie ihm zuwinkte und alle Kronen der jenſeitigen Gerechtigkeit an ihn austheilte. Seine Stimmung war die des geblendeten Simſon, der zuletzt die Säulen der Paläſte zuſammenreißt... Einen Proceß gegen den Kronſyndikus zu beginnen hatten ihm Nück und Hammaker entſchieden widerrathen— fehlte doch vor allem jenes im erſten Augenblick von ihm an der 1. enom⸗ auf⸗ bſolvi⸗ ypes- nicht deſſen er ſah er im nd die in der eitigen mung t die groceß Nüd doch n der 185 Leiche gefundene Stück eines grünen Tuches, das ſo plötzlich damals abhanden gekommen.. Glauben Sie Geſpenſter, Herr Hammaker? fragte Lengenich jetzt und wie heimlich. Entſchieden! ſagte Hammaker und zitterte, obgleich er nur ſcherzen wollte... Ich ſah den Mann, den ich ſoll erſchlagen haben, neulich deutlich und als Mönch ſah ich ihn, aber hager und lang— das Geſicht war es— Der Deichgraf? Stephan Lengenich erzählte, daß er kürzlich in den großen Weinkellern ſeines Principals, des Herrn Mop⸗ pes, einſam gearbeitet hätte. Düſter hätte die Lampe neben ihm gebrannt, mehrmals wäre ſie ihm ausge⸗ gangen, wie zuweilen geſchähe, wenn er gerade an den Fäſſern arbeitete, die an einem der kleinen vergitterten Fenſter ſtünden, die in einen alten unterirdiſchen Gang einigen Lichtſchimmer fallen ließen. Seit Jahren galt dieſer Gang für verſchüttet oder zum Aufbewahrungs⸗ ort für Geräthſchaften dienend, die zu den noch in der Nähe befindlichen geiſtlichen Häuſern gehörten. Von ſeiner Arbeit aufblickend, erzählte Stephan Lengenich, hätte er durch das Gitter das volle Geſicht des Deich⸗ grafen erblickt... Ich glaube Geſpenſter, Herr Lengenich! Aber manch⸗ mal iſt es auch blos der Dunſt von altem Nierenſteiner! Meinen Sie? In dem Gang ſteht ein altes Marien⸗ bild, nicht weit von einem der Fenſter... Halt' ich die Lampe drüberher oder thun's die Grubenräumer, die zu⸗ weilen durchziehen— 186 So lebendig geht's da unten her? Er Das meiſte Leben geben die Ratten, Herr!... Dberh Aber das uralte Marienbild, das muß ich mir alle d Tage betrachten, obgleich ich eigentlich— die Gnaden⸗ ſt di reiche vergeb' es mir— 5 Ihre alte verrätheriſche Geliebte in ihr erkennen? ſrih Die nicht! Die andere! Die Geliebte von dem Doctor! Die gegen Sie ausſagte! dieſe Wie aus den Augen geſchnitten! Obgleich das Bild der ſchwarz iſt— ſie hieß auch Schwarz— N Wer? fragte Hammaker zerſtreut folgend... Lucinde Schwarz—! Lucinde Schwarz!... Hammaker wußte doch ſonſt alles in ſeinem Gedächtniß unterzubringen, er hatte auch ein Schubfach für dieſen Namen, er wußte das, er konnte es jetzt 4 nicht ſogleich wiederfinden, obgleich er erſt vor einer Stunde Hüne ſie zu ſehen geglaubt hatte... er grübelte auch: Sollte 8 der Küfer nichts von dem Mönche Sebaſtus wiſſen? 3 Gerne hätte er alles das geſagt, aber Wichtigeres wälzte ſein Inneres... Sie ſind zu fromm! ſagte er... G Statt aller Antwort greift Lengenich in ſein Schurz⸗* fell, zieht zwei blinkende zinnerne Medaillen hervor und dear will eine davon dem Manne darreichen... Dann zieht er dand ſie wieder zurück und ſagt: Sie ſind ein Studirter! 6 Herr Lengenich! Ich bin ein Studirter, aber ich habe eine alte Mutter! Drüben in den Sieben Bergen wohnt ſie! uie Ich beſuche ſie oft!... Ihr zu Liebe lieb' ich— Gott— und e ich— ich kann Ihnen zeigen— was ich auf dem Leib trage... ] Jr.... ir alle naden⸗ nen? n dem s Bild 187 Er deutete auf ſeine Bruſt und lüftete ein wenig das Oberhemd, um einige Amulete zu zeigen.. Dann nehmen und behalten Sie! ſagte Lengenich. Es iſt die— wie heißt der Name? Hammaker, aufhorchend, lieſt die Umſchrift und ſpricht das ſchwierige Wort aus: Athanaſiusmedaille! Kommt von Rom!... Was iſt der Menſch ohne dieſen Beiſtand! Da, Herr, konnt' ich beichten! Da, Herr, glaubte man mir! Wenn hier etwas an unſern Rechten, an unſern Geſetzen gerüttelt würde— St! Vor wem ſollen wir uns fürchten? Nächſten Sonntag— hm!— auch in Druſenheim? Jeden Sonntag bin ich in Druſenheim! Ich meine— am Abend— am andern Ufer— am Hüneneck? Sie wiſſen—? Zu Joſeph Zapf? Ich ſollte fehlen? Würdiger Mann! Lengenich ſah, daß Hammaker über alles unterrichtet war, was vom Rolandswirth Joſeph Zapf in dem Drang der Umſtände zum Beſten der großen Sache des Landes vorbereitet wurde. Stumm ſchütteln ſich beide die Hände— der Küfer die weiche und zarte des Agenten, dieſer die rauhe des, wie es ſchien, von den geheimen Leitern für die Stunde der Gefahr auserſehenen Vorkämpfers. Stephan Lengenich ging jetzt... 188 Eſel!— lag zwar in dem ihm nachſchauenden Blicke Hammaker's, als der Küfer mit dem an die mäch⸗ tigen Lenden ſchlagenden Schurzfell von dannen ſchritt... aber ſein Muth zum Humor verläßt ihn... er ſieht die Menſchen an den Straßenecken... Hundert Thaler!... Er lieſt es jetzt ſelbſt:„Beſonders iſt es wünſchens⸗ werth Auskunft zu erhalten über einen Unbekannten, der an einigen Abenden in der Dunkelheit die Ermordete beſucht haben ſoll“... Nun hält er ſich an einem Mitleſer, um nicht um⸗ zuſinken.. Die Zähne klappern... die Lippen beben und rechnen: Freitag, Sonnabend, Sonntag!... Dreimal vier⸗ undzwanzig Stunden noch bis zu dem Augenblick, wo — Einer am Hüneneck ſich den Hals brechen muß! „Unbekannter“!... Einer muß ausgehoben werden aus dem Neſte— mit allen!... Ein Bote Nück's— iſt er! Ein Vorredner— iſt er! Ein Freiſinniger— iſt er! Dieſe tödlichen drei Tage... wenn nur Sonntags neun Uhr alles beiſammen!... Wer kann das wiſſen?.. Hier! Dort drüben! Jean Baptiſte Maria Schnuphaſe... Man fürchtet ſich zwar drüben auch vor ihm, wie über⸗ all... Er greift aber zu einem Mittel der Demuth... Weg mit dem Blick von den hundert Thalern an der Straßenecke— da iſt ein elegantes Aushängefenſter eines Schuſters— die glänzenden Schuhe und Stiefel ge⸗ ſtatten ihm, in ihrem Spiegel Toilette zu machen... Sein Rock iſt gewöhnlich, wenn auch nicht ſo diogenes⸗ artig, wie der bei ſeinem Gönner Nück... aber ſeine Wäſche iſt ſauber, der Hut von derſelben grauen Farbe wie der Somm Halsbi nährte daß r maker ganze nur dunke die Jäh chelt die liegt ſogar die der 3 ſeuft der g würde daß e t ff Anlaf unü liegt ia ihru ſeiner E Scw auenden te mäch⸗ rritt... jeht die nſchens⸗ ten, der rmordete cht um⸗ rechnen: al vier⸗ ick, wo n muß! rden aus jiſt er! jiſt er! as neun 189 Sommerrock, aber vom feinſten Velpel... Eine weiße Halsbinde legt ſich leicht und loſe um ſein wohlge⸗ nährtes Kinn... Nicht nur iſt er ſo ſauber raſirt, daß man faſt hätte annehmen mögen, Jodocus Ham⸗ maker hätte überhaupt keinen Bart, ſondern die ganze Hautfarbe des Geſichts iſt von einer Weiche, die nur durch die ſeiner Hände übertroffen wird... Die dunkelblauen Augen haben einen ſchielenden Glanz, die Naſe iſt ſtumpf, dem Munde fehlen einige Zähne... ſchweigt aber Jodocus oder blinzelt und lä⸗ chelt ſüß oder affectirt eine treuherzige Sicherheit, die wieder mit geſchäftlichem Eifer verbunden ſcheint, ſo liegt nichts Abſtoßendes in dem nächſten Eindruck, dem ſogar der des Schmachtenden nicht fehlt... Dabei iſt die Stimme leiſe, flüſtert und lispelt und ſteht mit der Höflichkeit des Benehmens in Einklang... Tiefauf ſeufzt er, ſich Muth zu holen... Denn daß ſogleich von der gemeinſchaftlichen Freundin, dem Opfer dieſer Nacht, würde geſprochen werden, weiß er ſchon... er überlegt, daß er ſein Geſpräch beginnen will mit einer Verlegen⸗ heit für ihn, für die Damen... er weiß, daß dem Anlaß zum Eintreten, den er nehmen will, auch der fünfjährige Spott auf Binden und Knüpfen nahe liegt— dieſer Spott, der ihn in acht Tagen nach Ame⸗ rika führen wird— er wagt aber dies Mittel der Ein⸗ führung und gibt ſich eine Haltung. Hammaker findet das hohe lichthelle„Gewölbe“ des ſteinernen Hauſes wie immer in ſeinem ſauberſten Glanz. Er findet, umfloſſen von Weihrauchduft, beide Schweſtern zugleich anweſend. Die Nebenthür eines et⸗ 190 was dunkeln Zimmers, das einen Ausgang zum Vor⸗ platz des Hauſes hat, iſt offen. Vor Hammaker hat Eva nicht nöthig die Thür zu ſchließen. Vollkommen weiß er, was drinnen zu ſehen iſt... Die Schweſtern haben dort noch ein Extrageſchäft von Herrenhemden... Dieſe Geſchäftsthätigkeit des„Herrn Maria“ war eine willkürliche Ausdehnung ſeiner Privilegien und brachte ihn mit den Schneidern der Stadt in Colliſion; allein er nahm nur die Aufträge verſchwiegener Herren an und dieſe gleichſam nur als Vertrauens⸗ und Freund⸗ ſchaftsaufträge. Auf einem Drehſeſſel, hochthronend, ſitzt da aber auch Herr Maria. Erſt vor wenig Stunden iſt er angekommen von einer ſeiner vielen Ausfahrten und ſchon wieder ſchreibt er, eine bläulich angelaufene Brille auf der Naſe, hochachtungsvollſt und tiefergebenſt Worte der Mit⸗ theilung, die mit allen Feinheiten des Stils und der Interpunktion gerade jetzt— es war für Beda Hun⸗ nius— an folgender Stelle angekommen waren: ——„ohne Zweifel keine andere Beſtimmung ha⸗ ben dürfte als, in des hochbetagten, eben verſchiedenen Greiſes Stelle, einzurücken, derowegen eine Verzögerung der Audienz, nicht unwahrſcheinlich eingetreten ſein möchte, nun aber auch kein Zweifel ſein dürfte, daß das Vi⸗ cariat an einen Candidaten, verliehen werden könnte, welcher, lediglich die kleineren Aemter zu verſehen hätte, mittlerweilen die großen dürften, dem jungen Dom⸗ herrn zugeſchlagen werden, worüber, indeſſen nicht zu zweifeln ſein dürfte, daß Ew. Hochwürden zwar keine Berufung dürften zu gewärtigen haben, ohne jedoch einen komn die- nit! ſtt, Kron 1 welt um Vor⸗ aker hat lkommen hweſtern mden... au war ien und Colliſion; r Herren Freund⸗ aber auch gekommen n wieder auf der der Mi⸗ und der eda Hun⸗ en: mul ſchiedenen rzögerung ig ha⸗ in möchte das Vi 191 nicht unwahrſcheinlich ſein zu laſſen eine ſchmeichelhafte Er⸗ hebung zum Ehren⸗Kanonikus, falls nämlich, die bevor⸗ ſtehende Viſitation durch den Gubernial⸗Präſidenten von Wittekind⸗Neuhof, Excellenz, die Hände dem hohen Kir⸗ chenfürſten, Eminenz, ſo ungebunden laſſen dürften, als Hochdeſſen feſte Willensmeinung und Geneigtheit für Ew. Hochwürden Wirken über allen Zweifel erhaben ſein laſſen dürfen und, wenn ich gewogentlichſt um Entſchul⸗ digung bitten dürfte, daß ich die laufende Mittheilung an Wohldieſelben für heute abzubrechen wage, ſo muß ich die ſchaudervoll ergebenſte Anzeige auch noch eines Mordes anfügen, welcher dieſe Nacht unbekannterweiſe einer Dame zugeſtoßen iſt, welche“— „Vöter!“ lautete eben an dieſer Stelle durch Uni⸗ ſono die Mahnung der Töchter, auf den eben eingetre⸗ tenen Beſuch zu achten... Aus den tiefſten Labyrinthen des Periodenbaues, aus den Geheimniſſen der Curie und einer ſich eben in die Reproduction einer Mordſcene verlierenden Phantaſie er⸗ wacht Schnuphaſe und wendet die blaue Brille nach der Rechten und zu gleicher Zeit auch dem Drehſeſſel einen nur ganz harmlos gedachten Ruck gebend... Da aber des Agenten Hammaker anſichtig werdend be⸗ kommt ſein Schrecken eine Elaſticität, die ihn im Nu um die Achſe des Drehſeſſels herumwirbelt, ſodaß er gerade mit dem verfänglichen Nacken einem Manne gegenüber⸗ ſitzt, von dem bekannt war, daß er die Menſchen an Kronleuchterhaken aufhängte. Was—„verſchöfft“— uns— die Ehre? ſtam⸗ melt er und windet ſeine glücklicherweiſe leichten Beine 192 aus der Umklammerung der Drehſchraube des Seſſels los und ſucht aus ſeiner ſchwebenden Lage auf ebenen Boden zu kommen. Die Töchter ſtehen minder erſchrocen Herr Ham⸗ maker war von jeher gegen ſie die Huldigung und Süßigkeit ſelbſt. Er nähert ſich ihnen und äußert mit Artigkeit und einem ſich tief unterwerfenden Tone ſeinen gerührteſten Dank für die ihm gewordene Aufforderung der Fräu⸗ lein, ſich der Erzbruder- und Schweſterſchaft zum ſchwarz⸗ ledernen Gürtel einverleiben zu wollen, deren Embleme ſie vertheilten... Beide junoniſche Geſtalten ſehen ſich mit erſtaunten Blicken an. Ihre dunkeln Augen rollen, die Augen⸗ brauen ſenken ſich tief niederwärts und ein erſichtlicher Aerger macht ſie in dem Augenblicke jede um zehn Jahre älter, d. h. gerade ſo alt, als ſie waren. „Schwörzlöderner“ Gürtel fragt Schnuphaſe zur Beſinnung gekommen und ergreift den Brief, den ihm Hammaker als Ausweis entgegenhält... Es war ein lithographirter und demnach eine an viele Einwohner der Stadt abgeſandte Einladung der Fräulein Eva und Apollonia Schnuphaſe, ſich der Gnaden und Abläſſe theilhaftig zu machen, die jeden erwarteten, der in die Erzbruder⸗ oder Erzſchweſterſchaft vom ſchwarzledernen Gürtel des heiligen Nikolaus von Tolentino eintreten würde. Sofort erkannte man, daß hier ein Falſum vorlag... Die Aufregung, die dieſe Entdeckung hervorbrachte, war nicht gering. Die Damen betrachteten den Brief von keit und ührteſten Fräu⸗ ſchwarz⸗ Embleme —n Jahre haſe zur den ihm dine an ung den ſich der ve jeden ſterſchaft s von laus 193 allen Seiten, der Vater bat um die Erlaubniß, ihn ſämmt⸗ lichen geiſtlichen Herren zeigen zu dürfen, was jedoch entſchieden von ſelnen Töchtern abgelehnt wurde. Ein„Extrös⸗tückchen“ der„Pörtei“, rief er, die nicht genug hat, die Kirche zu hindern, nach ihren Ge⸗ ſetzen zu leben,„ſöndern“ die auch noch— Ein vollkommen gerechtfertigter Zorn erſtickte ſeine Stimme. Die Schweſtern traten mit dem Briefe bei Seite und flüſterten, von welchem Lieutenant oder Referendar wol dieſer ghibelliniſche Spott herrühren konnte... Der jetzt aber vertraulichſt Eingeführte erhielt alle die Mittheilungen, die er nur über die Verſammlung beim Rolandswirth zu hören wünſchte. Das Einverſtändniß war vollſtändig... Hammaker ſeufzte tief auf und zog die eben empfangene zinnerne Medaille, um ſie mit Verklärung zu zeigen... Wie auf ebenſo viel Legionen des Himmels hoffend, öffnete Schnuphaſe eine Schublade des Schreibepults, in der einige Hundert dieſer Medaillen lagen. Dann noch ein Austauſch des gemeinſchaftlichen Schmerzes über die hingeopferte Dame... Noch keine„S— pur“? war die dreifache Frage im Uniſono. Mit einem Blick gen Himmel, als wenn allen dieſen Leiden nur von oben geholfen werden könnte, empfahl ſich Hammaker... Eine Stunde darauf fand Benno beim Eintreten in Nück's„Schreibſtube“ unter einem Dutzend Pulten auf Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 13 194 dem ſeinigen einen Zettel mit den eben erſt raſch hin⸗ gekritzelten, friſch mit Sand beſtreuten Worten: „Die Erben des Riedbauern Kipp in Enskirchen wünſchen über ihres Erblaſſers Paſſiva, ehe ſie das Beneficium inventarü antreten, eine vertrauliche Re⸗ cherche— citissime!— Freitag früh Termin in Overladen Fasc. 13102.— Sonnabend in Sachen ca Fiscum bei Zapf am Hüneneck die Vermeſſung der Ufergrenze— Ich ſpreche Sie aber noch um ſechs— das Dampfboot geht, glaub' ich, um acht.“ Es war die Hand des Procurators. Der Name des Hünenecks war für Benno ein Klang, der ihm auf Augenblicke die Beſinnung nahm... Eine ſo ſchnelle Trennung von Bonaventura! Aber drei— drei volle— ſelige Tage in Armgart's Nähe— wielleicht eine Begegnung mit ihr! Zum Arbeiten fehlte ihm alle Sammlung. Er zählte nur die Minuten, bis es ſechs ſchlug. An ſein Ohr tönte nur die Glocke im Hafen und das Brauſen und⸗ Rauſchen im Dampfrohr, die mahnenden Zeichen zur Abfahrt. hin⸗ kirchen e das 2 Re⸗ rladen im bei Ich geht, Klang, — 7. Bis ſechs Uhr hatte Bonaventura auf die Rückkehr des Mönchs gewartet und er hätte dann lieber wünſchen mögen, er wäre nicht gekommen... Der Pater kam in einer Aufregung, die ihm wahr⸗ haft beängſtigend wurde. Gleich die Art, wie er von den mit ins Grab ge⸗ nommenen Lesarten des Origines, dem wirklich erfolgten Tode des bewußten Domherrn, dann von Bonaventura's Ausſichten auf deſſen Stelle ſprach, war für ſein Gefühl verletzend... Dann führte er ihn wie in blinder Wahl einem Thore zu... Er verſprach ihm den angenehmſten Eindruck von einer Promenade um die alten Wälle der Stadt. Einige der letztern waren zu öffentlichen Vergnügungen beſtimmt. In mäßiger Entfernung von einem ſolchen, den man den Apoſtelgarten nannte, beredete er Bona⸗ ventura, ſich mit ihm auf eine im Gebüſch verſteckte Bank zu ſetzen und durch eine Oeffnung der Geſträuche dem Treiben in dem überfüllten Lokale zuzuſehen. Da und dort ſtanden Tiſche und Lauben, die immermehr ſich beſetzten und füllten; Kellner und Kellnerinnen ſchritten 13* 196 hin und wieder von einem nach außen angebrachten Büffet eines einſtöckigen langen Hauſes. Rings hatte das Auge die Ausſich auf Häuſer und Gärten, auf alte zerklüftete Mauerreſte, hier auf einen wohlerhaltenen epheuumwun⸗ denen Thurm, dort auf eine baumbeſchattete Kapelle, in weiterer Entfernung auf eine neue Ringmauer, Theile neuer Befeſtigungen, dann über ſie hinweg auf die Kette der Sieben Berge— alles das vermochte auf einige Zeit zu feſſeln... Sogar eine Nachtigall ſchlug plötzlich und der Mönch lachte über ſeinen Begleiter, der nicht ſo⸗ gleich entdeckte, daß dieſer nach der Jahreszeit völlig unmögliche Ruf von einem Künſtler kam, der drüben die Vogelſtimmen nachahmte. 8 Hören Sie nur! rief der Pater, als Bonaventura die Kunſt des Mannes bewundern mußte, der bald auch die Lerche ſteigen und die Amſel ſingen ließ, die halbe, nicht fertig gewordene Nachtigall, wie Sebaſtus ſie nannte. Sehen Sie nur den Menſchen! fuhr er fort. Iſt es nicht ganz ein Affe! Und doch hat er ſo ſein Ohr erzogen! Wie er den kleinen Nachſchleifer trifft, wenn Hans Kanarienvogel mit der Roulade fertig iſt und ganz armſelig hintennach noch ein kindiſch Tönchen gibt, als wäre der große, mächtige Triller vorher gar nicht ſo majeſtä⸗ tiſch gemeint geweſen! Wie dumm ſieht der Menſch aus und alles das hat er belauſcht im Walde und auf dem Vogelmarkt! Auf Noten ſteht das nirgends geſchrieben! Ich wünſchte, daß Sie ihm für dieſen Blick in die Natur einen Groſchen ſchenkten; ich habe kein Geld... Der Vogelmenſch kam jedoch nicht. Er ſah die beiden Geiſtlichen, verbeugte ſich in der Ferne und ging... ein Alt Theile e Kette einige lötzlich ebaſtus er fort n Ohr wenn nd ganz ls wäre majeſti ſch aus auf den grieben! Natut je beiden 197 Nun ſpielten drei Mädchen zugleich mit einem Alten ein Concert. Eins ſpielte die Harfe, zwei d Geige, der Alte ſtrich das Violoncell. Bonaventura wollte geßen, aber der Mönch, der ſein geiſtlich Kleid ganz vergeſſen zu haben ſchien, ſagte: Wie das toll iſt, wenn Mädchen die Geige ſtreichen! Die Spielerinnen waren keine Kinder mehr. Aufge⸗ neſtelten Haares, mit verſilberten Pfeilen in den Flech⸗ ten, in blauen Kleidern mit rothen Shawls, die ſie vor ihrer Production abgelegt hatten, ſtrichen ſie die Geige, herausfordernd, ſicher und trotzig. Vorher hatten ſie Handſchuhe ausgezogen... In alten Tagen, ſagte der Mönch, konnt' ich nun einer ſolchen Vagabunden⸗Romantik nicht widerſtehen! An ſolches Volk mußt' ich herantreten, mußt' es nach ſeiner Heimat fragen und aus ihm heraus mir Poeſie des Lebens locken... Nur hölzerne und lackirte Sirenenköpfe ſind's! Ganz, wie ſie auf der hamburger Rhede auf die Bruſt der Dreidecker geſtellt werden! Und als weilte des Mönches Phantaſie jetzt auf dem Hamburger Berge, ſo ſummte er für ſich hin und ſinnend im Heine'ſchen Tone: Es kichern und lachen die Geigen Wie Mädchen, trunken vom Wein, Die Clarinetten meckern Wie Böcke und Satyrn hinein; Die Flöte ſchluchzt, wie wenn dem Monde Des Schneiders Herz klagt, was es litt! Der Baß und die Pauke, die Alten, Die reiten zum Blocksberg mit! 198 Bonaventura erhob ſich. Der Mönch folgte wie in taumelndem Schritte... Wol eine halbe Stunde gingen beide völlig lautlos nebeneinander... Bonaventura, erſchreckt von der noch ſo offenbaren Unfertigkeit des neuen Gebäudes im Innern ſeines Begleiters, deſſen Gerüſt Pater Sebaſtus doch mit ſoviel weithin in die Welt hinausſchallenden Axtſchlägen gezimmert hatte... Dieſer ſelbſt mit erſichtlich ſich hebender Bruſt, kämpfend und ringend mit Dämonen der Erinnerung... Ja, Sie Glücklicher! ſagte er nach einer Weile zu Bonaventura, obgleich kein Wort des Vorwurfs von deſſen Lippen gekommen... Wieder ein langes Schweigen... Dann blieb in einer Straße, auf dem Römerwege, der Mönch ſtehen und ſagte: Das da iſt das Karmeliterinnenkloſter! Ich kann es nicht ſehen, ohne zu ahnen, daß auch mein Lebens⸗ loos einſt Du guter Pater Ivo!... Lang und hager ſchreitet unſer Pater Ivo dahin, grüßt niemanden, iſt immer nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt... Morgens, Mittags, Abends vollführt er das Amt un⸗ ſeres Tafeldeckers... Er hütet ſtreng ſeinen alten Wand⸗ ſchrank, in dem unſere hölzernen Teller, unſere Krüge, unſere Brotmeſſer liegen... Sorgſam deckt er den Tiſch... Nie wird er den Teller des einen mit dem des andern vertauſchen... redet man ihn aber an, ſo hört er nicht... Tief iſt er mit ſich, mit ſeinen Tellern und mit ſeinen Gei⸗ ſtern beſchäftigt... Früher waren es Fliegen, die er ſo in Gedanken haſchte... Jvo hatte ein ſchönes Schloß, in unſe weil Fii und ſchlägen ſlich ſich amonen Krrüge Tiſch’ anderl nicht ꝛen Gei er ſo 199 unſern Bergen... er erklärte es verkaufen zu müſſen, weil es von Fliegen wimmelte... Niemand ſah dieſe Fliegen; nur Er war Tag und Nacht hinter ihnen her und jagte ſie ſogar im Winter und im Frühjahr.. Bald bekamen die Fliegen eine andere Geſtalt... Sie verwandelten ſich in ſchöne Frauen... Alle die Bilder, ge malte und lebendige, die mein Freund— Jéröme von Wittekind—(Sebaſtus hielt eine Weile inne) und Graf Johannes von Zeeſen auf ihren Reiſen in Frankreich und Italien geſehen, umſchweben wieder den Pater Ivo, aber er betrachtet ſie wie ein unſchuldiges Kind... Er kennt die ganze Gefahr dieſer Erſcheinungen... Es ſind ſchlimme Meerweiber, Meluſinen, Helenen, um die Paris wirklich und Fauſt nur geſpenſtiſch freite— ihm ſelbſt ſind ſie längſt unſchädlich geworden, ſchon ſeitdem er Thereſe von Seefelden kennen lernte und ſich mit ihr verlobte, leider nur auch dieſe zu bald verwechſelnd mit der einzigen Frau, die ihm von allen perſönlich bekannt geblieben, dem„Ewig Weiblichen“ genannt Maria... Dem Dienſte der Gottgebärerin widmete er ſich, ſammelte alle Lieder, die je auf ſie gedichtet und geſungen wurden, gab ſein Vermögen für eine Stiftung der Krankenpflege, die ſeine Familie ſchon ſeit einem Jahrhundert begründen ſollte— der Irre einem Irrenhauſe!— und verjagt nun in unſerm Kloſter, das er in noch zuweilen lichten Momenten betrat, die Bilder, die nur zu lebhaft noch vor anderer Augen ſchweben!... Huſch! Huſch! iſt ſein ſtetes, leiſe vor ſich hingeſprochenes Wort und ſein Singen im Gehen das Lob Mariä... Dieſen Geſängen, die er vor ſich hinmurmelt, ſchreibt er eine 200 große Kraft zu; ſelbſt am Hochaltar flüſtert er: Huſch! Nicht für ſich, ſondern für uns verjagt er die Melu⸗ ſinen... Ich ſehne mich naͤch ſeinem Huſch!... Hier in dem Kloſter betet Schweſter Thereſe für ihn— und um die Verzeihung der Gottesmutter, daß ſie eine Zeit lang eiferſüchtig auf ſie war. Wenn auch dieſe Erzählung wie etwa das Adagio einer auf einer Straße ſpielenden Muſikantentruppe vom Wagen⸗ geraſſel übertönt wurde, klang ſie doch in Bonaventura's Innern tief ſchmerzvoll nach. Die Fülle ſah er jener krank⸗ haften Erſcheinungen, die von ihm nicht geahnt wurden, ſo oft man von Wiedererweckung des alten kirchlichen Le⸗ bens ſprach. Oder ſollte er der Stimme ſeines Innern Gehör geben, die ihm mit ſeltſamer Erregung zuflüſterte: Iſt dem Mönche— Lucinde begegnet? Es war Abend geworden... Das Angelus läutete... Arbeiter drängten ſich in den ſtaubigen Straßen... Das Gewühl nahm ſo zu, daß Bonaventura von des wie träumenden Mönches Seite abkam und dieſer ihn ent⸗ weder plötzlich verlaſſen oder aus den Augen verloren hatte... Den Eindruck des faſt Geſpenſtiſchen, den ihm der Mönch machte, nährte auch der Umſtand, daß er ſo harmlos Jeröme's als ſeines Freundes erwähnen konnte, gar nicht wiſſend, wie es ſchien, daß Bonaventura mit Jeröme verwandt war... Wie ein Lebendigbegra⸗ bener erſchien ihm der Mönch, wie ein Todter, der anfing ſich ſeinen Leichentüchern zu entwinden. Bonaventura ſuchte Benno auf und fand ihn in ſei⸗ ner Wohnung mit dem Vervollſtändigen ſeines Koffers beſchäftigt. Huſch! Melu⸗ Hier — und 2* ne Zelt io einer Wagen⸗ entura's rkrank⸗ wurden, chen Le Innern üſterte: tete... Das des wie hn ent⸗ verloren n, den d, daß wähnen ventura gbegra⸗ anfing in ſer⸗ Koffet 201 Ich muß abreiſen, ſagte Benno aufgeregt; noch heute, guter Freund! Morgen früh ſchon hab' ich am Hüneneck einen Termin abzuhalten! Das Dampfſchiff geht in einer halben Stunde! Wie gern hätte ſich Bonaventura ihm angeſchloſſen! Morgen ſprech' ich wol den Kirchenfürſten! ſagte er. In drei Tagen ſeh' ich dich wieder als deſignirten Domherrn, den jüngſten aller Kirchenprovinzen germani⸗ ſcher Zunge! So hohe Erwartungen ablehnend, half Bonaventura dem Freunde und begleitete ihn in einem Wagen in den Hafen, in kurzer Erzählung alles zuſammenfaſſend, was ihm der Tag an Erlebniſſen und ſchmerzlichen Bereiche⸗ rungen ſeiner Seelenkunde eingetragen. Benno empfahl dem Freunde aufs dringendſte eine Anknüpfung mit dem„guten Kerl“, dem Thiebold de Jonge, von dem er keinen Abſchied hatte nehmen können. In die Beziehungen beider Freunde zu Armgart war Bonaventura nicht eingeweiht. Auch blieb kaum noch die Zeit, der Meldungen an den Oheim in der Dechanei zu gedenken und Benno's Worte zu vernehmen: Bei Nück erfuhr ich's, es iſt kein Zweifel, die Er⸗ mordete iſt eine Schweſter unſerer guten Tante! Seit Jahren ſind ſie getrennt! Was ihr Geiz zuſammen⸗ ſcharrte, hat ſie dem Bruder Hubertus im Kloſter Him⸗ melpfort vermacht! Das Meiſte davon fehlt aber, da der Mörder die Gelegenheit kannte und die werthvollſten Papiere und Gold und Silber an ſich raffte! Wer die That vollbracht hat— ich glaube die teufliſche Hand 202 zu kennen! Noch aber hab' ich meinen Verdacht gegen niemand auszuſprechen gewagt, denn ich fürchte den Zu⸗ ſammenhang mit Perſonen, die zu ſchonen ſind. Komm’ ich zurück, ſo ſoll mich nichts hindern, meine Ver⸗ muthungen auszuſprechen, wo die rechte Stelle iſt. So, faſt nur von Einem Gedanken beherrſcht, fuhr Benno von dannen. Bonaventura mußte eilen, das Dampfboot zu verlaſſen... Ein banger, erwartungsvoller Abend dann... er fand die Berufung zum Kirchenfürſten für morgen vor. Der Mönch kehrte nicht wieder und Bonaventura war deſſen froh... Er ſann und ſann: Iſt hier Chriſtus oder Belial? Er mochte nicht richten... ja er Jeſtand zu, Gott ſchenkt jedem Menſchen beſondere und nur für ihn be⸗ rechnete Offenbarungen. Dieſe ſtehen in keiner Bibel, in keinem Buche, ſind überhaupt nicht mit Worten zu faſſen und zu bezeichnen. Sie ſind ein einziger Klang, den wir aus dem Sphärenall wie herausgefallen zu vernehmen glauben, ein Glanz wie von einer Stern⸗ ſchnuppe, wenn dieſe eine Störung genannt werden kann in der ewig gleichen Harmonie der Weltbewegung... Solche Offenbarungen gibt der ſtille Wald, das Mur⸗ meln der Quelle, auch der leiſe Schlag einer Uhr, die wir auf dem Tiſche vor uns liegen haben. Da ſickert ſo Tropfen an Tropfen hinunter in den großen Zeiten⸗ ſtrom und macht uns ſorgloſer durch das Gefühl, daß alle Dinge irgend an einer Grenze ankommen müſſen.. Er mochte nicht richten. Eine ſtarke Waffe in allem Leid und aller Anfechtung gegen en Zu⸗ Komm' Ver⸗ :, fuhr u, das „Gott ihn be⸗ Bibel, rten zu Klang, leen zu Stern⸗ werden zung. 5 Mur⸗ ihr, die ſicker Zeiten hl, daß ſſen.“ 203 der Seele iſt dann reine Liebe. Die reicht einen ehernen Schild dem Arm zum Kampfe gegen Leidenſchaft und Ungeduld. Ihr Viſir ſchützt das Auge, nichts zu ſehen von den Lockungen der Welt. Reine Liebe hütet ſelbſt die Träume. Ohne Kampf entwaffnet ſie die Gedanken und verklärt ſie mit himmliſchem Lichte, daß nur das Gute und Edle in uns lebt... Pflanze, Jüngling, reine Liebe ſchon auf den erſten Ringplatz deiner Berührung mit der Welt! Reine Liebe im Herzen, wirſt du im Alltäglich⸗ ſten dich vom Duft des Schönen, vom Palmenfächeln des Großen, vom Hoſianna innerer Siege umweht fühlen! So lebte in Bonaventura ein Name, der alles Chaos in ihm ordnete.. Paula... und ein ferner Männer⸗ geſangchor ſang dazu durch die ſtille Nacht: Das iſt der Tag des Herrn! Am folgenden Morgen mit dem Schlage Zehn trat er in den kirchenfürſtlichen Palaſt. Sein Herz klopfte, als er durch die langen Corridore des Hauſes dahinſchritt. Verblaßte Malereien zierten zuweilen das Stuckge⸗ täfel der Decken; an den Wänden hing hier und da eine alte Schilderei in ſchwarzem, wurmſtichigem Holz⸗ rahmen, ein alter Städteproſpect von Merian, eine alte Landkarte von Homann; in vereinzelten Niſchen ſtanden Heiligenbilder, mit friſcher, lichter Oelfarbe überzogen, im dürftigen und ſelbſt beim Heiligen weltlichen und koketten Geſchmack der Zopfzeit, Engel auf Stellungen berechnet, Marieen auf Faltenwurf... In einem düſtern Eckwinkel lagen die Wohnzimmer des Kirchenfürſten. Im Gegenſatz zu den auf den fri⸗ 204 volen Luxus des vorigen Jahrhunderts deutenden Corri⸗ doren waren dieſe Zimmer ſo dürftig ausgeſtattet, wie Actenſtuben oder Seſſionsſäle. An der Unruhe eines zuerſt kommenden großen Warte⸗ zimmers hätte man eher glauben mögen, ſich bei einem Miniſter, als bei einem hohen Geiſtlichen zu befinden... Eine der hohen Thüren führte in das General⸗ Vicariat... Hier klirrten ſogar die Sporen der Gensdarmen, die Säbel der Ordonnanzen. Man brachte vom Gou⸗ vernement und von der Militärverwaltung Fragen und Antworten, holte und gab Beſcheide. Kanzleiboten tru⸗ gen Acten ab und zu. Dazwiſchen gingen und kamen Geiſtliche und Ordensfrauen. Wer nicht beim General⸗ vicariat oder beim Kirchenfürſten ſofort Einlaß bekom⸗ men konnte, ſaß harrend und mußte nach neukirchlicher Sitte jeden unbeſchäftigten Augenblick zum Heile ſeiner Seele nutzen. Man grüßte mit neugierig aufblitzenden Augen und warf den Blick ſogleich wieder in das Brevier, das man aufgeſchlagen auf dem Schooſe liegen hatte. Ein ſchwerer Druck lag auf allen, nur auf denen nicht, die als Sendboten oder Vertreter der weltlichen Gewalt kamen. Der junge von Enckefuß fehlte nicht. Er ſetzte einem jungen, hagern, lächelnd, doch aufmerkſam zuhörenden Geiſtlichen mit lauter Stimme auseinander, daß die einen nahen Wallfahrtsort beſuchenden Züge nicht durch die Stadt gehen dürften; er beſchrieb die Route, die ſie zu machen hätten, und wünſchte, da er eine Auswahl anbot, in Kürze die Wege zu wiſſen, die der Kirchenfürſt gewählt wün jung ſch zu ree Corri⸗ tet, wie Warte⸗ à einem nden... Heneral⸗ darmen, m Gou⸗ gen und ten tru⸗ kamen Heneral⸗ bekom⸗ irchlicher e ſeiner litzenden Brevier, n hatte. en nicht, Gewalt e einem hörenden die einen urch di ie ſie d gl anbon gewähle 205 wünſchte, da es an Auſſicht dabei nicht fehlen ſollte. Des jungen Beamten Haltung und Rede war feſt und beſtimmt, ſcharf und kalt, wie dies der Ghibellinen Weiſe. Auch Civilperſonen aus dem Volke ſah man. Es mochten Dorfvorſtände und ſtädtiſche Abgeordnete ſein. Ihnen ſetzte der junge ſchlanke Prieſter, meiſt mit Achſel⸗ zucken und einer gewiſſen Duldermiene, auseinander, daß die von ihnen erwarteten höhern Beſcheide immer noch nicht eingetroffen. Es galt dies ohne Zweifel jenen Pfarrſtellen, die allein beſetzen zu dürfen die Kirche ſo dringend begehrte und die ſie die weltliche Gewalt be⸗ ſchuldigte, wenn die Stellen gut waren, ſo lange offen zu halten, bis nur diejenigen damit belohnt würden, die darauf hin eine entſprechende Geſinnung zeigten. Der ſchlanke, etwas niedergebeugt gehende junge Geiſtliche trat auf Bonaventura zu und ſprach, als er deſſen Namen vernommen, ein freudiges: Ah, Herr von Aſſelyn! Sogleich fügte er hinzu, er würde alles verſuchen, den Herrn Pfarrer von St.⸗Wolfgang ſobald als möglich an die Reihe der Vorgelaſſenen zu bringen. Bonaventura ſah, daß er mit dem vielgenannten Secretär, Kaplan Michahelles geſprochen. Dieſer war in die innern Räume eiligſt wieder zu— rückgekehrt... Das Weſen des jungen Mannes zeigte ſich charakteriſtiſch genug. Seine Geſichtszüge waren ſcharf, geiſtvoll und von einer eigenthümlich lächelnden Ironie, die auf ein zwar zurückgehaltenes, aber doch ſich ganz ſo ſtark, ganz ſo be⸗ rechtigt, mindeſtens ſo muthig fühlendes Bewußtſein ſchließen 1 —— — — — 206 ließ, wie es allen katholiſchen Prieſtern, von Seiner Hei⸗ ligkeit, dem„Knechte der Knechte“ an bis zum unterſten Dorfpfarrer, eigen iſt. Auch Bonaventura zog ſein Brevier und ſetzte ſich an ein Fenſter des großen Zimmers, das auf die jen⸗ ſeitige Straße ging. Wenn hohe Würdenträger kamen, ſtanden die Geiſt⸗ lichen und Kloſterfrauen auf... So vor dem Generalvicar, der eben aufgeregt und verſtimmt von dem Kirchenfürſten zurückkehrte... Man wußte, daß mit jenem ſowol der Letztere, wie der Syndikus der Curie und diejenigen einflußreichen Glieder des Kapitels, die ſein„gewaltiges Vorſchreiten“ misbilligten, im Streite lebten. Auch vor dem Regens des Seminars erhob man ſich, der gleichfalls wie nach einem Wortwechſel vom Kirchenfürſten zurückkam... Bonaventura erfuhr die Namen. Einige der ſtrei⸗ tigen Punkte kannte er. Die Seminariſten, angeſteckt von dem neuen Geiſte der römiſchen Oppoſition, hatten an dem Kirchenfürſten Vorſchub gefunden in gewiſſen Auflehnungen gegen die vom Staat beliebte und vom Regens vertretene Ordnung des Seminars. Einige Profeſſoren der Univerſität, die eine von Rom verurtheilte Dogmatik gelehrt hatten, kamen in beſonders gedrückter Stimmung und ſtellten die Bitte, den Kirchenfürſten ſprechen zu dürfen. Bonaventura kannte ſie und war faſt der einzige, der ſie grüßte. Einige von ihnen waren zugleich Lehrer eines Seminars und ihnen war es geſchehen, daß ſie plötzlich keine e, wie reichen reiten“ b man l vom T ſtrei⸗ geſteck hatten ewiſſen 207 Schüler mehr hatten. Im Beichtſtuhl hatten alle Alum⸗ nen auf Befehl des Kirchenfürſten geloben müſſen, ihre Vorträge nicht mehr zu beſuchen. Michahelles kam zurück, trat verbindlichſt zu Bona⸗ ventura und zog ihn zu ſich an eine Fenſterbrüſtung... Sie werden ſogleich vorkommen! flüſterte er und ſetzte mit leiſerer Stimme hinzu: Ich freue mich, von Eminenz ſchon die Erlaubniß zu haben, Sie mit ſeinem Vorhaben bekannt zu machen! Wenn Sie die angenehme Erinnerung, die er ſeit lange an Sie nährt, wieder er⸗ neuern und Sie noch einige Tage der nähern Prüfung und Verſtändigung werden zu Ihren Gunſten überſtanden haben, ſo iſt es ſeine Abſicht, Sie ganz und mit wich⸗ tigen Aufgaben an uns zu feſſeln! So ſtand das Gefürchtete wirklich in Ausſicht... Ein Diakonat an der Kathedrale und eine Dom⸗ herrenſtelle ſind offen; fuhr Michahelles fort und ſetzte mit noch gedämpfterer Stimme hinzu: So könnten Sie auch Hoffnung gewinnen, ſich wieder Ihrer Heimat zu nähern, denn das wechſelnde Beſetzungsrecht des Archi⸗ presbyteriums St.⸗Ludgeri bei Witoborn, das mit dem erledigten Vicariate eine jeweilige Viſitation der dortigen Pfarrei verbindet, fällt diesmal an uns, d. h. an unſern Vorſchlag. Die Lutheraner haben, wie immer, die Ent⸗ ſcheidung... Dieſe mit einer ſeltſamen Schärfe vorgetragene Mit⸗ theilung erſchütterte Bonaventura. Er mußte nach dem angedeuteten, ihm unbekannten Verhältniß noch einmal fragen Michahelles erklärte es: 6 — —— 208 In die alte Kirche St.⸗Ludgeri bei Witoborn ſind faſt ſämmtliche Dorſte'ſchen Beſitzungen eingepfarrt. Seit urdenklichen Zeiten ſteht über dem Pfarrer derſelben ein Archipresbyter, der bald von der diesſeitigen, bald von der jenſeitigen Kirchenprovinz beſtimmt wird. Sie würden ſicher zuweilen gern bei Weſterhof leben, wo gegenwärtig die Gräfin Paula in ſo ſchwierige Verhältniſſe verwickelt wird! Daß ſie auch ſeit kurzem. wieder von ekſtatiſchen Zuſtänden begnadet iſt, wird Ihnen bekannt ſein! Es würde zu den erfreulichſten Zeichen unſerer Tage gehören, wenn ſich das Beiſpiel der gottſeligen Emmerich wie⸗ derholte und auch uns wieder eine Seherin und Pro⸗ phetin erſtünde! Und mit einer nicht mehr zu bewältigenden Macht drängten ſich auf Bonaventura's Herz die Gedanken: Deshalb beruft man dich! Du, du ſollſt es ſein, der wieder eine„Nonne von Dülmen“ ins Leben rufen hilft! In deiner Nähe ſieht Paula den Himmel offen, in deiner Nähe heilt ſie Kranke und ſagt die Zukunft voraus!... Und noch ehe der lächelnde, aber die wohlwollendſte Ermuthigung ſprechende Blick des Kaplans dieſe Ahnung beſtätigt hatte, mußte er abbrechen und zu einem eben Eintretenden eilen... Dies war die oberſte Perſönlichkeit der weltlichen Behürden der Stadt ſelbſt, ein mit Orden bedeckter Prä⸗ ſident. Er kam feierlich, in erregter Haltung und, wie es ſchien, mit einem officiellen Auftrage. Von einem Wartenlaſſen war da keine Rede. So⸗ gleich öffneten ſich zum Kirchenfürſten alle Thüren... tuta rn ſind t. Seit ben ein von der würden nwaͤrtig erwickelt ratiſchen en hilft! n deiner 31. 1S. ollendſte Ahnung em eben veltlichen 209 Michahelles flüſterte im Vorübergehen in Bonaven⸗ tura's Ohr: Der längſt angekündigte eigenhändige Brief des Königs! Michahelles folgte erwartungsvoll... Alles war vor dem Präſidenten aufgeſtanden. Auch aus dem Generalvicariate waren Geiſtliche und Welt⸗ liche getreten, die ohne Zweifel die feierliche Auffahrt des Präſidenten beobachtet hatten, Alles ſchien in höchſter Spannung. Bonaventura wußte, daß es eine Entſchei⸗ dung über die gemiſchten Ehen galt. Sein Sinn war getheilt, ſein Herz im Kampfe... Ihn hatte man aus⸗ erſehen, den Kampf um Paula's Erbe mitzukämpfen! Ihn wollte man in die Nähe eines Weſens ſenden, das ihm unendlich theuer war, wie ohne Zweifel von früher her Manche wußten... Dem Kloſter, der Kirche, dem Kampfe der Parteien ſollte er eine große Eroberung gewinnen! Die Gedankenreihe auszuführen in allen ihren Fol⸗ gerungen— in ihren ſeligen, in ihren tiefſchmerzlichen— behielt er nicht Zeit... Der Präſident kehrte nach kurzer Weile zurück, ebenſo feierlich und beſtimmt, wie er gekommen... Er grüßte die ſämmtlich ſich Verneigenden. Dem Generalvicar drückte er die Hand... Dieſem entſchlüpfte ein bedeutungsvoll aufgeſchlagener Frageblick— jenem ein Achſelzucken... Alles das war ein Moment... Bonaventura mußte vorausſetzen, daß der Brief des Königs kurz und bündig übergeben und ebenſo von dem Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 14 210 Prieſter Immanuel entgegengenommen war und daß der täglich erörterte Streit heute von beiden Seiten ohne weitere Wiederaufnahme blieb. Wie ſehr mußte er annehmen, den Empfänger in einer Aufregung zu finden, die ſeine kleine Sache in den Hintergrund drängte! Michahelles kam, fertigte die Profeſſoren ab, ſagte laut und faſt verletzend, daß ſie Seine Eminenz vor völ⸗ liger Unterwerfung unter das Breve Roms, das ihre Lehre verwarf, nie empfangen würde, winkte Bonaven⸗ tura und ließ dieſen eintreten. Bonaventura mußte zwei Zimmer durchſchreiten... An einer kleinen Thür ſtand ein greiſer Diener in alter verſchoſſener grau und grüner Livree.. Er öffnete... Bonaventura ſtand vor dem Kirchenfürſten. Nicht mit einer leiſeſten Bewegung verrieth der Prieſter Immanuel, wie es ihn aufregte, eben von ſeinem Lan⸗ desherrn ein eigenhändiges Schreiben empfangen zu ha⸗ ben. Ja, auf einem grünen Tiſche lag dies Schreiben noch... Es trug die blaue Farbe der Cabinetsbriefe... Mehr noch! Das Siegel war uneröffnet. Prieſter Immanuel war derſelbe, der als Graf Truchſeß⸗Gallenberg, als Generalvicar und Domherr in Bonaventura's Erinnerung lebte... Mager, ſtark— knochig, länglichen Antlitzes, hart, ernſt. Kein Strahl einer beſondern Freude, den jungen Mann, den er als Stu⸗ denten und Soldaten geſehen, nun als Prieſter des vor⸗ züglichſten Rufes zu begrüßen, brach aus ſeinen Augen. In einfachen Worten erinnerte er ſich der Scenen von frühen ſeiner des d Vone ſollte liche unbe der ohne 211 früher. Er freute ſich zu hören, daß Bonaventura von ſeiner Mutter wenig wußte und über die Lebensverhältniſſe des Stiefvaters nur ganz oberflächlich unterrichtet war. Bonaventura ſah, daß Benno's Vorausſetzung, er ſollte zur Vermittelung bei der erwarteten außerordent⸗ lichen Miſſion ſeines Stiefvaters gebraucht werden, eine unbegründete war. Der Kirchenfürſt rauchte aus einer kurzen Meer⸗ ſchaumpfeife. Er machte den Eindruck eines Oberjäger⸗ meiſters alten Stils oder, wenn man erwog, daß er den Brief eines Königs unerbrochen laſſen konnte, eines jener Fürſten, die wenn auch nur über wenig Quadrat⸗ meilen gebietend doch um Kaiſer und Reich ſich wenig küm⸗ mern, wenn ſie auf irgendeinem in ihrer Souveränetät begründeten Rechte glauben verharren zu dürfen. Wir müſſen aus dem Geiſte leben! ſagte er im An⸗ knüpfen der erſten Begrüßung an die frühere Begegnung und in den Intervallen des Rauchens. Jede Geburt und Wiedergeburt bringt Schmerzen! Iſt eine Mutter ein großes Wort, iſt der Geiſt ein größeres! Unſere Mut⸗ ter iſt die Kirche! Und dann, als wäre die ganze Welt in Frieden mit ihm und keine andere Wolke für ihn zu zerſtreuen, als die aus ſeiner Meerſchaumpfeife, erkundigte er ſich nach Bonaventura's Bildungsgang. Auf⸗ und abgehend, wünſchte er von den Ergeb⸗ niſſen ſeiner Seelſorge zu hören, kam auf das nahe ge⸗ legene Kocher am Fall, vermied des Dechanten zu er⸗ wähnen, rühmte aber den dortigen Aufſchwung der Ge⸗ 14* 212 müther und deutete offenbar die Beſtrebungen des Stadt⸗ pfarrers an, wenn er ſagte: Nur iſt es unſere Pflicht, bei ſolchem Feſthalten an dem Felſen, auf dem der Herr ſeine Kirche gegründet. wiſſen wollte, Seltſames und Auffallendes zu vermeiden! Es ſind mancherlei Gaben und mancherlei Aemter. Nur pflege und warte man jener ebenſo im Geiſte der Mäßi⸗ gung, wie dieſer nur im apoſtoliſchen Sinne! Die Grenz⸗ linie erlaubter Bewährung eines Talentes, wo ſie plötz⸗ lich Ruhmſucht wird, iſt bald überſchritten. Ich ſag' es nicht zuerſt: Selig ſind die Armen am Geiſt! Mit dieſem Seitenblick auf Hunnius ſchriftſtelleriſche Thätigkeit forderte er Bonaventura auf, ſich zu ſetzen. Da er es ſelbſt nicht that, verhielt ſich Bonaventura zögernd... Der Kirchenfürſt eröffnete ihm jetzt, daß er ihn an die Kathedrale zunächſt als erſten Vicar berufen, demnächſt aber auch für die erledigte Domherrenſtelle vorſchlagen wolle. Von Widerſpruch konnte nicht die Rede ſein. Er hoffe, fuhr der Kirchenfürſt fort, daß Herr von Aſſelyn den Geiſt beſäße, den jetzt die Kirche brauche, nicht Hirten allein, auch Reiſige... Wir haben ſchon Großes errungen und werden mehr erringen! ſagte er und blickte dabei ruhig auf das rothe Siegel des uneröffneten Königsbriefs. Bald bemerkte Bonaventura, daß der Kirchenfürſt noch mehr auf dem Herzen zu haben ſchien, irgendetwas, das er noch Anſtand nahm ſofort auszuſprechen. Offen⸗ bar wollte er erſt den Geiſt ergründen oder beſtärken, herze zum nen ein; neuli ſind Ennf 213 der ſeine weitern Aufträge vernehmen und ausführen ſollte. Wenn ich zurückdenke an meine Jugend! begann er, ruhig fortrauchend und dabei auf⸗ und abgehend, wäh⸗ rend Bonaventura ſtehen blieb und nur auf die Lehne des von ihm ergriffenen Seſſels ſich ſtützte... Als ich in Ihrem Alter war, Herr von Aſſelyn, welche Zeit, welche Welted damals! Bonaparte haßte die Kirche! Er haßte ſie mit dem Ingrimm eines tückiſchen Italieners, für den das Heilige ſeinen Zauber verloren hat, da er dieſem Zauber zu nahe ſteht! Bonaparte trug alle Merkmale des Antichriſts! Aus der Revolution und dem Atheismus hervorgegangen, hatte er den ganzen Hoch⸗ muth der Vernunft gegen die Lehren des Chriſtenthums geerbt! Hervorgegangen aus der Schule Robespierre's beſaß er dann auch wieder die tolle Neigung dieſes cheuſals, aus dem Zerſtörten etwas Neues aufbauen zu wollen! Das Feſt des höchſten Weſens, das man wieder einſetzte mit Fahnen und Trommelpyramiden, Janitſcharenmuſik und Kanonenſalven, das war ſo ganz ſchon im Charakter ſeines Schülers Bonaparte! Beide beſaßen dieſen gefährlichen Aberglauben des Atheismus, der zuletzt, weil der Mangel aller Religion im Menſchen⸗ herzen eine Unmöglichkeit iſt, irgend wieder doch etwas zum Halte haben, zum Gott machen muß, ſeinen eige⸗ nen Schatten, ein goldenes Kalb, ein geſchmücktes Nichts, ein Philoſophem. Dieſe Ironieen des Satan, wie ſie neulich eine ſchriftſtellernde Feder nicht unpaſſend nannte, ſind deshalb gefährlich, weil ſie ſich wie der erhabene Ernſt Gottes geberden. Wäre dem babyloniſchen Ty⸗ eſa Sch 214 rannen zuletzt nicht das Bedürfniß nach Ruhe gekommen, noch hätte er den ganzen Voltaire, der in ihm lebte, ausgetobt in ſeinen mit den Waffen geſtützten Inſtitu⸗ tionen. Bonaparte war das im Großen, was Friedrich der ſogenannte Große nur auf kleinem Gebiete, mit Bonmots und Epigrammen war. Bonaparte würde, hätte er ſich zuletzt nicht elend und krank gefühlt und den Bruch mit den Franzoſen, die ihr Blut und ihr Vermögen nicht länger opfern konnten und mochten, klug gewit⸗ tert, den Krieg mit Rom viel länger und lieber geführt haben als den mit den Königen. Er brauchte Ver⸗ bündete und ſo ſchloß er mit heuchleriſcher Freundſchaft Frieden mit einer Religion, die er erſt mit Füßen ge⸗ treten und dann in armſelige, vom Theater erborgte Lumpen kleiden wollte! Das aber, mein lieber Herr von Aſſelyn, das war nun das Beiſpiel, das damals der Ge⸗ waltigſte ſeiner Zeit den andern Gewaltigen gab! Dieſe Späßchen ahmten dieſe Menſchen ihm nach! Die Phi⸗ loſophie des achtzehnten Jahrhunderts hatte ja die Kirchen entvölkert; der Beichtſtuhl ſtand ja leer; die äußere Ver⸗ anſtaltung, die noch vom kirchlichen Leben vorhanden war, war ſo auf den Schein gerichtet, daß ſelbſt die 7 Prieſter mit dem Geiſte der Verneinung buhlten, ſelbſt die ſich ſchämten, den ewigen Gott und die große Ver⸗ anſtaltung des Erlöſungswerkes in ſchuldiger Ehrfurcht zu bekennen. Auf der Kanzel und in ihren Schriften ſchmück⸗ ten ſie ſich mit dem dem Proteſtantismus und der Philo⸗ ſophie abgeborgten Schaugepränge. Und vorzugsweiſe war es unſer Deutſchland, wo die Kirche am Abgrunde des Verderbens ſtand! Eine Literatur, die man zur llaſſi verg tiefi imm und mül dee unf tau ſti 1 215 claſſiſchen geſtempelt noch bei Lebzeiten jener maßlos vergötterten Herren von Goethe und Schiller, drang bis tief in die unterſten Volksſchichten und erzeugte dies noch immer andauernde Doppelleben unſerer Nation, politiſch und kirchlich ſowol wie moraliſch, letzteres in einer mühſam behaupteten poſitiven Welt und einem ſogenannten idealen Weltbürgerthum. Ueberall ſah man auf dieſe Art unſere Entwürdigung! Und der Staat, mit Verzweiflung kaum ſich ſelbſt behauptend in dem großen Revolutions⸗ ſturm Bonaparte's, der rächte ſich dann auch wieder ſei⸗ nerſeits bis zur Schamloſigkeit gegen die ſchwachen Unter⸗ gebenen, zunächſt die Diener Gottes. Die kleinen Fürſten⸗ thümer, die entweder ſelbſt unter geiſtlicher Obhut ſtanden oder nur unſern Glauben bekannten, waren an ſich ſchon leider dem Fluche der Lüächerlichkeit verfallen. Wilde, zerſtörende, neuernde Gedanken, die von Auf⸗ bau ſprachen und den Riß ihrer Pläne nach Modellen der Phantaſie entwarfen, blieben damals ohne alle Rück⸗ ſicht auf das Gegebene. Nichts galt für geiſtvoll, nichts für ſchön, nichts für groß, was nicht dem Weſen des Freimaurerthums entſprach. Ich will von dem Elend nicht ſprechen, das bekenntnißtreue franzöſiſche Biſchöfe in der Verbannung auf engliſchem Boden zu Bettlern machte; im eigenen Vaterland konnte man erleben, daß die Mittel fehlten, dem äußern Gottesdienſt den letzten Reſt ſeiner erhabenen Würde zu erhalten. Ja, aber wie iſt das nun alles mit Gottes Beiſtand ſo wunder⸗ bar anders geworden! So groß, ſo herrlich, mein lieber Herr von Aſſelyn, und kaum nach einem einzigen Menſchenalter! Lediglich durch die gewaltige Wider⸗ 216 ſtandskraft und firmamentfeſte Vis inertiae des zuwarten⸗ den und ſeine rechte Zeit erkennenden römiſchen Princips! Bonaventura wagte auf die herablaſſende Vertrau⸗ lichkeit des Sprechers zu erwidern... Er wagte den in die Tiefe gehenden deutſchen Geiſt ſelbſt zu nennen als den, der hier dem römiſchen Princip die ſtärkſte Hülfe gebracht hätte. Ja er wagte, da der Kirchenfürſt ſchwieg und ruhig ſeine Pfeife ausklopfte und ſie aus einer gewöhnlichen, mit grüner Schnur beſetzten Tabacks⸗ blaſe neu füllte, die Literatur und die Kunſt zu nennen und ließ die Namen einiger Geiſter fallen, die man in dieſer Verbindung zu nennen pflegt... Der Graf hörte ruhig zu, rauchte wieder und er⸗ munterte durch ſein Schweigen fortzufahren. Ob vielleicht im Vorzimmer noch jemand wartete, ob ein Brief ſei⸗ nes Königs unerbrochen lag, alles das ſchien ihm jetzt völlig unweſentlich... Das gedemüthigte deutſche Vaterland, ſagte Bona⸗ ventura, mußte ſich aus ſeiner Gegenwart flüchten und neue Kraft ſammeln in der Erinnerung an ſeine Ver⸗ gangenheit! Fehlende deutſche Treue, Tapferkeit und Muth lagen nur noch in den Beiſpielen unſerer alten deutſchen Tage! Aus den gebrochenen Burgen auf unſern Bergesſpitzen erhoben ſich im Dämmerſchein der Dichtung die Geiſter der abgeſchiedenen Zeiten, aber zur glücklichſten Vorbedeutung; die Nebel fielen dann, und die Welt, die wir vergeſſen wollten, ja die wir vergeſſen mußten, dieſe lag nun nicht mehr vor uns; eine neue hatte ſich, aufgethan, es war die Welt, die uns die Forſchung er⸗ rungen hatte. Die Roſen in den bunten Domesfenſtern finger den derer einer durch dertl meh⸗ ſich die warten⸗ rincips! ertrau⸗ gte den nennen ſtärkſte henfürſt ſie aus abacks⸗ nennen man in ind er⸗ jelleicht if ſei⸗ mm jetzt Bona⸗ en und e Ver⸗ eit und r alten unſern dichtung klichſten — Welt, mußten, atte ſich ung ei fen ſter 217 fingen wieder an zu glühen; die ſteinernen Bilder an den Kreuzwegen ſprachen wieder dem ermüdeten Wan⸗ derer mit lebendigem Munde; eine Pilgerſchar, die mit einer Fahne voraus und dem Bilde des geopferten Lamms durch goldene Saatfluren auf einen Berg mit einer wun⸗ derthätigen Erinnerung zog, war kein Zug von Narren mehr, die man verſpottete. Künſtler folgten und ſetzten ſich auf einen Vorſprung dieſes Berges und zeichneten die Scene voll Andacht und Hingebung. Kunſt und Poeſie verjüngten den abgeſtorbenen Glauben. Die Zeit war es, wo man um jene Marieen, die mit dem Lilien⸗ ſtengel in der Hand, mit Myrte und Maßlieb im Haar der Verkündigung ſich neigen, um Bilder alter Meiſter, die man früher verlacht hatte, jetzt goldene Rahmen zog, größere und prachtvollere, als die einfachen kleinen Bilder ſelbſt waren! Der Kirchenfürſt ging auf und nieder und ließ eine Pauſe beiderſeitigen Stillſchweigens. Dann erwiderte er: Sie waren geſtern in Begleitung des Franciscaner⸗ mönchs, Pater Sebaſtus? Ein: Ja, Eminenz! erſtarb auf Bonaventura's Lip⸗ pen, der dieſe Erwiderung nicht erwartet hatte, aber ahnte, was ſie als Antwort ſagen konnte. Ich ließ den Pater durch Michahelles rufen! fuhr der Graf fort. Er wird jetzt, denk' ich, da ſein! Ja, ich wünſchte, daß Ihr berühmter Name, Ihr edler Geiſt, Ihre großen Talente ſich zum Heil der Kirche bewährten, Herr von Aſſelyn! Aber das Gebiet auch Ihrer An⸗ ſchauungen muß ſich erweitern oder vielleicht verengern, 218 je nachdem. Das Leben des Volkes iſt der wahre Tum⸗ melplatz eines Prieſters, der dem Reiche Gottes dienen will. In dem geſunden Gefühl der Völker— Doch treten Sie dort hinüber! Hören Sie eine nothwendige Verhandlung mit dem Pater! Eine Scene wird uns mehr verſtändigen, als eine Debatte, und Sie wiſſen, die Zucht des Prieſters beruht auf Gegenſeitigkeit. Bonaventura begriff nicht, was der Kirchenfürſt beginnen konnte.. Prieſter Immanuel aber hob einen Vorhang, der ſich in dem Winkel befand, auf den er gedeutet hatte, und ſagte: Ich mache Sie nicht zum Lauſcher! Der Mönch wird ſpäter ſelbſt erfahren, daß Sie zugegen waren und gehört haben, was ich mit ihm verhandelte! Es ſei ein Exercitium! Und eines für uns— alle drei! perinde ac cadaver essetis! Gehorſam, als wenn ihr Leichname wäret! ſagte eine Stimme in Bonaven⸗ tura's Innern und ſie klang wie aus dem Munde des Onkel Dechanten. Er trat hinter den Vorhang. der ſich e, und 8. Ein kleines Gemach war es, in dem ſich Bonaven⸗ tura befand, das Schlafcabinet des Kirchenfürſten. Einfach wie eine Kloſterzelle enthielt es einen hohen, alterthümlichen Kleiderſchrank; das Bett war einer Pritſche ähnlich, ſchmal und hart. Ringsum ſtanden einige Stühle, die Vorrichtung eines Tropfbades hing an der Decke. An der Wand über dem Bett hing ein einfaches Cru⸗ cifir von ſchwarzem Holze, darauf ein Chriſtus von einer metallenen Compoſition. Der einzige Schmuck des Gemaches war ein Bruſt⸗ bild, einen jungen Mann darſtellend, deſſen Aehnlichkeit mit dem Kirchenfürſten wol darauf ſchließen ließ, daß es ſeinen durch des Rittmeiſters von Enckefuß Hand im Duell gefallenen Bruder darſtellte. Nebenan hing noch eine Wandkarte Europas und ein großer Stammbaum der Truchſeß, der zurückführte in die Zeiten Karl's des Großen. Am äußerſten Ende, da, wo alle Zweige einander näher ſich rückten und das Ende des einſt ſo reich entfalteten Geſchlechts andeu⸗ 220 teten, verlief er ſich in welken Blättern. Die Spitze bildete der Name des Kirchenfürſten ſelbſt. Auf dem dazu gehörenden Blatte ſaß ein Käfer, auf deſſen gol⸗ dener Flügeldecke ein ſchwarzer und ein weißer Todten⸗ kopf abgebildet waren. Bonaventura konnte, ehe er mit beklommenem Herzen unter dieſen Stammbaum ſich ſetzte, die Umſchau ruhig anſtellen, denn es währte einige Zeit, bis der Kirchen⸗ fürſt den Mönch einließ. Er ſchien entweder erſt in ſei⸗ nem Bureau unter Papieren geſucht oder endlich den Brief ſeines Monarchen geleſen zu haben. Jetzt hörte man das leiſe Rauſchen eines auf dem Fußboden anſtreifenden Gewandes... Mit lauter und deutlicher Stimme, ſodaß dem ge⸗ zwungenen Hörer kein Wort verloren gehen konnte, be⸗ gann der Kirchenfürſt: Setzen Sie ſich, Pater! Als dies geſchehen ſein konnte, hörte Bonaventura die Anrede: Ich habe Sie rufen laſſen, um einige Worte mit Ihnen zu ſprechen, Pater; Worte, die ſowol das Ihnen geſchenkte Vertrauen betreffen, wie Ihr Seelenheil! Ihr Provinzial hat mir Vollmacht dazu gegeben... Keine Antwort... Haben Sie hier einen Beichtvater? begann der Kir⸗ chenfürſt mit erhöhter Stimme.. Sebaſtus nannte jenen Domherrn, der ſich in der Herausgabe des Origenes ſo vergriffen hatte und„mit ſeinen geſammelten Lesarten“ in dieſen Tagen beerdigt wurde. Be ventur ein B 8☛7 trauer dinzic richt erhie Zur mal und nabe Curer unſere alch machen ſiirche Mein verein gewün auch drlan dredig ſSchli rrüc. dunde fandte Herzen ruhig lirchen⸗ in ſei 221 Bei dem Rauſchen eines Papieres durfte ſich Bona⸗ ventura vorſtellen, daß dem Mönche vom Kirchenfürſten ein Brief überreicht wurde... Sie haben Unglück mit denen, denen Sie Ihr Ver⸗ trauen ſchenken! ſagte der Kirchenfürſt. Auch der Pro⸗ vinzial Henricus, der Ihnen ſo innig zugethan war, lebt nicht mehr... Vor einem Jahre, kurz vor ſeinem Ende, erhielt ich einen Brief von ihm, den Sie leſen ſollen! Zur Ermuthigung! Ich hör' ihn gern zum zweiten male! Der Mönch las leiſe... Seine Stimme lag hoch und hatte die norddeutſche Schärfe. Sie war für Bo⸗ naventura vollkommen vernehmlich. Er hörte: „Seit lange bin ich nicht in der Lage geweſen, Eurer Eminenz außer den Berichten, die über den Stand unſeres Kloſters an unſern P. General in Rom abgehen, auch eine gelegentliche Mittheilung über die Erlebniſſe zu machen, die Ihrer hohen Fürſorge für die vaterländiſche Kirche in Erfahrung zu bringen von Werth ſein könnte. Mein Wirken für die Ausbreitung der Mäßigkeits⸗ vereine, die der Heilige Stuhl mit ſo beſondern Gnaden gewürdigt hat, greift immer ſegensreicher une ſich. Iſt auch unſere Bevölkerung nicht ſo verkommen wie die Irlands, wo Pater Matthew den Geiſt der Mäßigung predigt, ſo ſtehen wir doch hinter dem, was Paſtor Schläger auf dem proteſtantiſchen Gebiete leiſtet, nicht zurück. Ja, wir reichen uns auf dieſem Gebiete die Hände...“ Hatte der Mönch ſchon bei Erwähnung einer be⸗ kannten Wirkſamkeit des verſtorbenen Provinzials Hen⸗ 222 ricus, Verbreitung der Mäßigkeitsvereine, geſtockt, ſo konnte der Kirchenfürſt jetzt Zeit gewinnen, einzuſchalten: Obgleich auch hier der Geiſt, aus dem beide Be⸗ kenntniſſe zu wirken haben, ein völlig verſchiedener ſein ſollte... Der gute Henricus gehörte noch zu ſehr den Freimaurern an und ſtarb ſogar, ſeltſam genug für einen Mönch, mit einem weltlichen und proteſtantiſchen Orden auf der Bruſt! Was man früher nicht alles erlebt hat! ... Leſen Sie aber! Mit jenem Gehorſam, der zu ſeinen Gelübden ge⸗ hörte und den von ihm zu fordern der jetzige Provinzial, auch Guardian, des Kloſters Himmelpfort, des Pater Henricus Nachfolger, für die Zeit ſeines Verweilens außer Clauſur auf die Curie dieſer Stadt und den Kirchen⸗ fürſten übertragen hatte, las der Mönch weiter: „Heute möcht' ich eine Bitte erheben zu Gunſten eines unſerer Brüder, des Paters Sebaſtus! Unſer General hat mir geſtattet, ihm eine Weile die Freiheit des außerklöſterlichen Lebens zu gewähren. Aber daß ſie die Regierung, die in dieſem Punkte ſo ſtreng iſt, auch genehmigt, dafür kann nur Eurer Eminenz hohe Bürgſchaft eintreten.“ Ich ſchlug damals ſein Anliegen ab! ergänzte der Kirchenfürſt. Der Mönch fuhr fort: „Freiherr von Wittekind⸗Neuhof war es, der uns dieſen Novizen, einen ehemaligen Docenten der Rechte in Göttingen, zuführte, aufs dringendſte anempfahl, ja vä⸗ terlich beſchützte, obgleich der zweite Sohn des Frei⸗ herrn im Duell von ihm erſchoſſen war... Nach einer Neihe ſchütter derm ſuchte Statie eines Hand richet wenn uſtän dines Artr der S Gotte Doch und J deve don d Sitte und ſ Kgen D Hunſte 1 Unſer Freihel er daſ iſt auc ſcha 223 Reihe von Unglücksfällen, innern und äußern Er⸗ ſchütterungen wandte ſich der greiſe Freiherr mit beſon⸗ derm Verlangen den Gnadenmitteln der Kirche zu, be⸗ ſuchte uns oft, ſchenkte Kirchen und unſern verſchiedenen Stationen höchſt werthvolle Gaben und überraſchte uns eines Tages durch dieſen jungen Mann, der an ſeiner Hand mit heiſerer Stimme, hinfälligen Ganges, zerrüttet an Seele und Leib, an mein Kämmerlein pochte und vor Entkräftung auf meinem Lager zuſammenſank...“ Bonaventura hörte voll Schmerz die lauten Athem⸗ züge des Gefolterten. Er kam ſich vor, als ſtünde er vor einem Käfig, in dem die ruhige Gefaßtheit eines Wärters den Fuß auf einen Panther ſetzt, den er ab⸗ richtete. Kam ihm der Gedanke, daß es Frevel wäre, wenn Menſchen ſo an Menſchen ihre innerſten Seelen⸗ zuſtände durchwühlen? Oder erſchien es ihm groß, um eines Gedankens willen, ſchon wenn dieſer Gedanke ein Irrthum wäre, wie der Gedanke des Dalai⸗Lama oder der Sonnenanbetung, wie viel mehr dem des Dreieinigen Gottes, das Geheimſte der menſchlichen Ichwelt zu opfern? Doch wich er, wie er das gelernt hatte, dem Urtheilen aus und hörte, weil er hören mußte... Mit gedämpfter Stimme las der Mönch: „Der Freiherr führte uns den jungen Mann als Bewerber um das Noviziat zu. Er verſchwieg nichts don dem, was wir ſelber ſahen. Heinrich Klingsohr's Sittenzeugniſſe fehlten. Er wollte und mußte in allem und jedem von neuem geboren werden. Allererſt zeugte zegen ihn der Todtſchlag in einem Duell“... Der Kirchenfürſt ſchaltete ein: 224 Von Ihrer räthſelhaften Beziehung zu einem Manne, der in ſeltſamer Verbindung mit dem Tode Ihres Vaters genannt wird, ſchreibt der Provinzial nichts... Er war nicht mein Beichtvater! ſagte der Mönch mit der ihm eigenen kalten, faſt verletzenden Beſtimmtheit. Kurz ſchnitt er damit die Rede des Kirchenfürſten ab, der nicht abgeneigt ſchien, von dem Mönche eine Aufhel⸗ lung dieſer Widerſprüche um ſo mehr zu verlangen, als auch Bonaventura auf dieſe Art in die geheimern Bezie⸗ hungen ſeiner dem Kirchenfürſten verhaßten und wie die⸗ ſer wußte, auch ihm wenig willkommenen Verwandtſchaft eingeweiht wurde. „Die Gewohnheiten des Bruders— ſetzte der Mönch aufs neue an zu leſen, aber ſeine Kraft ver⸗ ließ ihn... Die Erinnerung an ſeinen Vater ſchien ihn mehr erſchüttert zu haben, als das Bild ſeiner Vergan⸗ genheit, das er ſelbſt hier aufzurollen hatte. In ſchmerzlicher Folter, ungewiß, welches das end⸗ liche Ziel dieſer Strenge ſein ſollte, ſeufzte Bonaventura tiefauf und faſt hörbar... „Die Gewohnheiten des Bruders“— wiederholte der Kirchenfürſt... „Waren ſo eingeriſſen, daß ſie ſo plötzlich und ſo ſchnell nicht gebrochen werden konnten. Das Beſchwö⸗ ren der Mäßigung vor dem Altare, das in Irland Wun⸗ der wirken ſoll, genügt nicht bei uns“— Weil wir nicht nach unſern eigenen Geſetzen leben! ſchaltete der Kirchenfürſt ein; weil eine offene und freie Schauſtellung unſerer ſeelſorglichen Handlungen und Stra— fen vor einer gemiſchten Bevölkerung nicht möglich iſt! 2 vinzic Gifte um Erhe gene Gift wür hebe Na die wie war nicht Sche Coni türli Gen Lob mutt gebl ihn aus droß cla ſale und 6. Nanne, Vaters Mönch mtheit. en ab, ft ver ien ihn an Vergan as end wenturc ꝛderhol 225 „Auch fehlt uns ein O'Connell“, ſchrieb der Pro— vinzial Henricus,„der zu der Enthaltſamkeit von jenem Gifte, das in Irland die Verzweiflung zu nehmen ſcheint, um ihr Elend zu vergeſſen, die geiſtige Nahrung der Erhebung im Staatsleben gibt. Das Gefühl errun⸗ gener Freiheiten wird dort ein edler Erſatz für das Gift, das bisher durch das Land der Armuth und Ent⸗ würdigung gefloſſen. Denn es iſt nicht genug hervorzu⸗ heben— und auch mein Nachbar in gleichem Wirken, Paſtor Schläger, bezeugt es— daß zugleich zum Erſatz die geiſtliche Quelle der Aufklärung geboten werden muß, wie bereits Epheſ. 5, 18 die Schrift ſagt:...“ Ueberſchlagen Sie das! unterbrach der Kirchenfürſt. Bonaventura gedachte des Onkel Dechanten... Es war ihm, als ſpräche dieſer: Die Römlinge wollen nichts Deutſches, nichts Nationales, nichts aus unſerm Schooſe Geborenes, nichts die Brüderſtämme und die Confeſſionen durch die gemeinſamen Bedürfniſſe des na⸗ türlichen Volkslebens und des Geiſtes Verſöhnendes— „Unſerm Zögling hatte ſich mit ſeinen Untugenden der Genius verbündet“... las der Mönch und nun ſein Lob vernehmend in dem pflichtſchuldigen Tone der De⸗ muth, die eines der erſten Erforderniſſe ſeiner Wieder⸗ geburt ſein mußte.„Er kam aus einer Welt, wo man ihn um ſeiner Sünden willen angeſtaunt hatte. Er kam aus dem trotzigen Leben einer Univerſität, aus einer großen reichen Handelsſtadt, in die ihn das Geſchick ver⸗ ſchlagen, er war der Matador des akademiſchen Wort⸗Fecht⸗ ſaales, man bewunderte ihn um ſeiner Vorzüge willen und ſeine Schwächen gereichten jenen nur zu verſchönern⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 15 226 den Schattenlinien. Tief hülfsbedürftig war der zer⸗ knirſchte, des Lebens, der ganzen Welt, ſeiner ſelbſt, glücklicherweiſe noch nicht Gottes überdrüßige Sinn des Zöglings. Eure Eminenz kennen unſern Laienbruder, den Bruder Hubertus... Mindeſtens iſt in vielen Klöſtern Deutſchlands der„Bruder Abtödter“ bekannt, wie die Brüder ihn nennen in Anerkennung ſeiner wunderbaren Gabe, es den erſten Heiligen unſerer Kirche, den Säulenſtehern, den Eremiten der thebai⸗ ſchen Wüſte gleichzuthun, wenn nicht im gleichen gott⸗ ergebenen Sinn, doch in der ſeltſamſten Kunſt, ſein Fleiſch zu tödten—“ Wie ſchaudernd vor Erinnerungen liolede der Mönch. Aufs neue ſetzte er an: „Bruder Hubertus war einſt der erſte Jäger des wil⸗ den Nimrod Wittekind, damals ein unternehmender Burſch, der ſein ganzes Vertrauen genoß. Aus holländiſchen Dienſten und aus Java zurückgekommen, umgab ihn auf dem Schloſſe Neuhof der Reiz der Fremde. Alle Herzen flogen ihm zu und keines mehr als das eines Fräuleins von Gülpen...“ Der Mönch kannte alles, was ſich auf dieſen Na⸗ men und die Verbindung bezog, und hielt im Leſen inne, ſicher voll Erſtaunen, weil der Kirchenfürſt ihn mit den Worten unterbrach: Sie nannte ſich ſpäter nach dieſem Hubertus, früher einem Buſchbeck, die Frau Hauptmännin von Buſchbeck und wurde nur deshalb ſiebzig Jahre, um in voriger Nacht in dieſer Stadt hier ermordet zu werden! In dem Innern des Mönchs konnte eine ſo über⸗ — er zer ſelbſt, nn des ndiſchen in auf H erzen 227 raſchende Mittheilung nur Töne ſeltſamſter Muſik wecken... Des Abends gedachte er auf dem Schloſſe Neuhof, wo er Lucindens Frage nach jener Gülpen be⸗ antwortete und die Speiſen, die ihm der Kronſyndikus vor⸗ ſetzen ließ, für vergiftete erklärte, wie ſolche, von denen aus den jungen Zeiten des Fräuleins die Sage berichtete... Bruder Hubertus, fuhr der Kirchenfürſt fort, iſt mir wohl bekannt! Doch muß man die Ruhmſucht tadeln, die mir in ſeiner Kunſt, ſich tagelang der Speiſe zu enthalten, zu liegen ſcheint... Der Mönch kannte das Leben ſeines Zähmers und Bändigers... Ohne Zweifel antwortete er dem Tadler mit dem Nachhall eines ſeiner alten Lieder: Frage im Walde die Raben, Wenn Sturm durch die Tannen weht, Wer unter ihnen begraben, Da, wo das Kreuzlein ſteht!... Doch auch Bonaventura fühlte ſich wie in einen Wald verſetzt, wo Hörnerklang zu einem erlegten Hirſche rief... Wild ſprengen die Herren und Damen zu Roß heran; der erſte der Jäger tritt auf das verendende Thier, weidet es aus und die ſchnobernden Hunde, die ihren rauchenden Antheil begehren und gierig zufahren wollen, müſſen zu⸗ rück und— entbehren... So nur konnte ein Jäger das menſchliche Abtödten gelernt und gelehrt haben... Wie mehrte ſich ſein Bangen, das ſchöne Bild zu verlieren— von ſeinen Auguſtinerchorherren im Schnee des St.⸗Bernhard! Der Mönch las: „Die Beſſerung des Novizen gelang durch Hubertus voll⸗ ſtändig. Selbſt die Art, wie ſich die Malaien von den Zerſtö⸗ 15* 228 rungen des Opiumrauchens heilen, verfehlte ihre Wir⸗ kung nicht. Freilich mußten wir geſtatten, daß in einer Kloſterzelle ein Noviz auf dem Lager lag und ſtatt des Mohnſamens den Samen erſt des Hanfes, dann aus lan⸗ gem Rohr entzündetes Naphtha, zuletzt nur das glühende Bernſtein rauchte. Die ſtarke Natur, ſchmeichelnd zu⸗ rückgelockt, blieb Siegerin. Die unreinen Geiſter wichen, die Phantaſie verlor ihre Bilder, ſie wurden reiner und blieben ganz aus. Hubertus übergab uns einen Ge⸗ retteten. Aber noch galt es, ihn ſanft und linde einzufüh⸗ ren in die Erfüllung ſeiner Abſicht, für immer der Welt zu entſagen. Aufrichtig war dieſe Abſicht. Er liebte die Religion. Er fand ſeinen Troſt und ſeine Erhebung in ausſchließlicher Contemplation. Da ihm keine Wiſſen⸗ ſchaft unbekannt geblieben, ſo wußte er bei Tiſch ſtets etwas vorzubringen, was uns feſſelte. Doch verblendete uns ein zuweilen noch aufſchimmernder falſcher Glanz ſei⸗ nes Geiſtes keineswegs. Wir verharrten in einem ſtren⸗ gen und ernſten Erziehungsplan. Nichts wurde unter⸗ laſſen, was ſeinen Willen, die Gelübde abzulegen, bre⸗ chen konnte. Die Gebete, die Wachen, die untergeord⸗ neten Dienſte, mühevolle Arbeiten aller Art, Betteln, das ſeinen Stolz prüfte, ſcheinbare Willkürlichkeiten, die ſeine Ergebung auf die Probe ſtellten, die Züchti⸗ gungen mit der Geißel und dem Cilicium, alles das waren nur geringere Grade der Hülfsmittel, ihm die Rauheit und Härte unſers Gewandes fühlbar zu machen. Die Ergebung, die er zeigte, war keine Stumpfſinnig— keit. Er ertrug, was ihm aufgebürdet wurde, um ſei⸗ ner neuen Geburt willen, ja wir mußten ſeinen Eifer re Wir⸗ n einet att des us lan⸗ lühende Und zu⸗ wichen, ner und en Ge nzufüh⸗ er Welt tebte die ſch ſtet blendet anz ſei n ſtren e unter en, bie ergeord Betteln ſcheiten „t Züchte pffſinnn um. en Ej 229 zurückhalten, denn er begehrte zu zeigen, daß der Menſch den Schlaf ganz entbehren, von Waſſer allein leben könne und Aehnliches, was wider die Natur geht, wenn es auch vom Bruder Hubertus faſt zu ertragen gelehrt wird. Nach zwei Jahren endlich legte Sebaſtus ſein Bekenntniß ab und erhielt die Tonſur. Die Prieſterweihe ihm zu geben, wagte ich dem P. General nicht ans Herz zu legen. Immer iſt noch ein dunkler Grund in ſeinem Innern, ja es war mir, als gäb' es Proben, in de⸗ nen Pater Sebaſtus nicht beſtehen könnte. Eure Emi⸗ nenz mögen ſelbſt entſcheiden. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich von den Stätten des Friedens, an denen wir leben, den Vorwurf der Unthätigkeit entfernen möchte. Wie der heilige Baſilius die Nähe der Städte ſuchte, um ſein Einſiedlerleben dem Ausbreiten des Glau⸗ bens nützlich zu machen, wie die Söhne des heiligen Be⸗ nedict unſer deutſches Vaterland von düſtern Wäldern gelichtet haben und auf unſere Hügel die Traube pflanz⸗ ten, während auch das Feuer des geiſtigen Lebens aus ihrer Pflege der Wiſſenſchaft und der Schreibekunſt flammte, ſo wird ein jeder Bekenner des heiligen Fran⸗ ciscus auch noch jetzt darauf bedacht ſein müſſen, in einer ſittenverderbten Zeit Hand anzulegen im Kampfe gegen den Uebergenuß des Lebens. Dann dacht' ich: Wie kann die letzte Prüfung des Gewonnenen beſſer ſtattfinden, als wenn er noch einmal ins Leben zurückkehrt? Wie heilt man ein Heimweh gründlicher, als wenn man dem Ver⸗ langen der Seele nach der geliebten Muttererde einmal noch folgt, dem Herzen einen ſtarken, vollen, ſättigen⸗ den Trunk des Wiederſehens gönnt und damit dann mei⸗ 230 ſtentheils gerade das andere Verlangen weckt, dahin wie⸗ der zurückzukehren, von wo uns zwar die Sehnſucht ver— trieb, inzwiſchen aber doch ſich die Gewohnheit, ſie wußte es nur ſelbſt nicht, bereits wieder eine liebliche Trau⸗ lichkeit ſchuf. Und ſo erbat ich von meinem Obern in Rom die Erlaubniß, den jungen Pater, deſſen heißerſehntes Ziel die Weihen ſind, zurückzulaſſen auf kurze Zeit in die Welt. Da kam die Aufforderung des Seeretärs Eurer Eminenz. Freilich auf den Grund, weshalb ſein Brief Kloſterbrüder zu haben wünſcht:«weil ſie ihm nicht nur als Sendboten dienen könnten, ſondern weil ſie auch in einer Zeit, wo wir nur zu ſehr beklagen müßten, uns auf der großen Straße des Weltverkehrs ſo wenig zeigen zu dürfen, gerade ebendaſelbſt, wo es nur irgend möglich zu machen, aufzutreten hätten»,... ferner auf den Rath cärztlichen Befehl vorzuſchützen für kranke Brüder»... darauf hin mocht' ich es nicht wagen—“ Genug! unterbrach der Kirchenfürſt, machte eine Pauſe, die ohne Zweifel die Rücknahme des hier gegen die Lehre vom Zweck, der die Mittel heilige, proteſtirenden Briefs ausfüllte und ſagte: Als ich vor einem Jahr dieſen Brief erhielt, ver⸗ weigerte ich die Unterſtützung der Bitte des Provinzials. Seitdem erſchienen aus dem Kloſter einige Ihrer pole⸗ miſchen Artikel. Der Geiſt und Ton derſelben über⸗ raſchte mich. Ich wünſchte Sie kennen zu lernen. Ihre Hieherreiſe erfolgte. Als ich Sie ſah, war ich ange⸗ zogen. Ich behielt Sie bei mir zu dem großen Kampfe, den die Kirche zu kämpfen hat. So manches Ziel un⸗ ſerer Mühen haben wir erreicht; aber die Streiter kön⸗ 9 hre Il h alg Kamp iel u tel 231 nen ſich nicht dicht genug ſcharen. Ich erkenne an, was Sie geleiſtet haben. Ich leſe Ihre Aufſätze mit Befriedi⸗ gung. Ich wünſchte jedoch mehr— viel mehr! Ich finde in dem, was Pater Henricus von Ihrer Erziehung ſagt, nicht den Geiſt wahrer Heiligung. Der Grund, aus dem Sie wirken, iſt gefahrvoll für Sie, iſt es auch für uns! Für Sie— ich will es Ihnen aufrichtig ſagen— für Sie und für wie viele Ihres Gleichen!— iſt die Kirche nur der Schlußſtein Ihrer irrenden Abenteuerluſt auf dem Felde der Philoſopheme! Sie iſt nur der Ruhepunkt Ihres von allerlei Donquixoterieen ermüdeten Denkens! Sie ſtreiten jetzt für die Kirche, weil Ihre angeborene Streitſucht hier endlich einen feſten Gegenſtand und eine ſichere Anlehnung findet! Das ſcheint leider unſer trau— riges Loos mit euch Uebergetretenen allen! Aller Zorn, der in euch wurmte, alles Gefallen am Beſondern und Seltſamen, alle Ungeduld, daß man auf euch bisher nicht achtete oder euch wiederum zu raſch vergaß, dieſe unreinen Geiſter der Rache, der Vergeltung, der nie zu ſättigenden Gier nach dem Reiz der Neuheit treiben Euch auf den Kampfplatz! Was es auch ſein möge, das Sie dem Vater eines Unglücklichen, den Ihre Hand töd⸗ tete, ſo nahe verbinden konnte, ich glaube es gern, daß Sie ermattet an der Pforte des Kloſters Himmelpfort nie⸗ dergeſunken ſind. In dieſer Stimmung verlangten Sie nach dem Troſt der Religion und rühmten die Einfalt der⸗ ſelben. In alles aber, was man Ihnen bot, legten Sie, als Sie es empfingen, Ihren eigenen Sinn, nah⸗ men es nicht in dem unſrigen. In dieſem immer nur Ihr. Ich verherrlichenden Geiſte vollzogen Sie die Liebesopfer, 232 die Ihnen Ihr Guardian und Provinzial übertrug. Sie duldeten, entbehrten und was Sie zu den harten Pro⸗— ben des Bruder Hubertus ermuthigte, war nur der geiſtige Hochmuth auf Menſchenkraft. Weder Ihr Ver⸗ ſtand noch Ihr Herz liebt das Chriſtenthum, nur Ihre Phantaſie liebt es! Die Dienſte, die Ihr Poeten und Künſtler dem römiſchen Glauben geleiſtet habt, verkenn' ich nicht, doch waren und bleiben ſie gefahrvoll! Sie entbehren nachhaltiger Wirkung. Oder glauben Sie, daß alle die Fortſchritte, die wir in dieſen Tagen in Frank⸗ reich, Deutſchland, Spanien gemacht haben, gemacht ha⸗ ben mitten unter den Stürmen der politiſchen Bewegun⸗ gen, nur die Folgen der wiedergeborenen ſchönen Künſte ſind? Dieſe Fortſchritte verdanken wir nur dem bei ſo vie⸗ lem Flitter der Bildung gerade zum wahrhaften Herzens⸗ bedürfniß gewordenen Bekenntniß der geiſtigen Armuth! Armuth, Armuth! Nüchternheit, Entbehrung, Gefangen⸗ gabe unſerer Ueberzeugungen an ein Gegebenes, Wieder⸗ erweckung der Würde des Beichtſtuhls, der geregelte Kirchgang, die Wiederherſtellung alles deſſen, was über religiöſe und politiſche Dinge in dem geſundeſten Theile des Volks, im Bauernſtande, dieſem plötzlich nun ja auch von eurer Poeſie verklärten, lebte, Asceſe, Wallfahrten, wiederhergeſtellte Bruder- und Schweſterſchaften, das iſt der Geiſt der Stetigkeit, der allein die Kraft zum Glau— ben wecken und darin die Ausdauer beſtärken kann... Der Kirchenfürſt ſchwieg eine Weile, dann fuhr er fort: Jetzt, Pater, ein ernſtes Wort! Ich ließ Sie be⸗ obachten, Pater! Wiſſen Sie, daß ich Sie monate— lang in Ihr Strafkloſter zu Altenbüren verweiſen könnte? Ver hr T ur Ihre eten und verkenn * S1 Lle Sie, daß Frank⸗ nacht ha Zewegun⸗ n Künſte eiſo die Herzens Armuth! efangen Wieder geregelt 233 Sie wurden geſtern Mittag im Hauſe eines jüdiſchen Trödlers geſehen, wo Sie mit Ihrem Ordensgewand ein⸗ traten und es auch Mittags im Ordensgewand verlie⸗ ßen. Abends jedoch um acht Uhr— Unglücklicher!— kehrten Sie wiederum unter dem Dache des Juden ein— Bonaventura, ahnend, entſetzte ſich, mehr noch erſchüt⸗ terte ihn der unfehlbare Schrecken des Mönches... Mitleidenswerther, bejammernswürdiger Mann! fuhr der Kirchenfürſt fort. In dem von jenem Juden geborgten Kleide, mit einem Hut, der Ihre Tonſur verbarg, ſah man Sie, Sie, den Pater Sebaſtus, den Michael mit der zwei⸗ ſchneidigen Feder, den Mönch, der ein Gefallen darin findet, einen Sack zu tragen mit den Eiern, die ihm die Bauern der Umgegend ſchenken, Sie, Sie, einen Sohn des heiligen Franciscus— auf der Galerie des Theaters! Bonaventura ſtand auf, des dadurch entſtehenden Ge⸗ räuſches nicht achtend... Dumpfe Stille nebenan... Und noch nicht genug! fuhr der Kirchenfürſt fort. In dieſer falſchen Tracht gingen Sie die Nacht in einen Gaſthof der Stadt, in„das goldene Lamm“! Was thaten Sie dort? Bonaventura gedachte der Geigenſpielerinnen, der ganzen Aufregung des geſtrigen Abends... Kein Laut der Erwiderung von dem Mönche... Was können Sie auf Ihrem frevelhaften Pfade dort gewollt haben? In einem der Zimmer waren Sie zwei Stunden bis um Mitternacht, wo Sie dann von dem Juden Ihr Kleid zurückgeholt haben! Pater! Pater! Ich beſchwöre Sie, um der Wunden unſers Heilands willen! 234 Fühlen Sie denn nicht, daß Sie den Erlöſer, den Sie in dieſem Kleide bekennen, zum zweiten male verkauft haben? Die Nachricht von Ihrem Judasverrath kam uns glücklicherweiſe von einem Beobachter, der unſere Kirche liebt und unſere heilige Sache bewahren wird vor Bekanntmachung ſolches Aergerniſſes! Weitere Nachforſchung hinderte ich, um nur Ihr Unglück nicht zu mehren und nicht die Schande Ihres Fehltritts zu grell für uns alle aufzudecken! Pater! Was würde aus Ihnen werden, wenn mich keine Rückſicht auf Ihr Talent, keine Rückſicht auf die nützliche Bewährung deſ⸗ ſelben in unſern gegenwärtigen Kämpfen abhielte, Sie nach Altenbüren zu verweiſen, wo Sie in Geſellſchaft an— derer meineidiger Prieſter für immer, für immer, Un⸗ glücklicher, Ihren Ruf im weiten Reiche unſerer Kirche verloren haben würden! Dumpfes Schweigen auf dieſe faſt weich geſproche⸗ nen Worte... Eingetreten ſind Sie in eine große Heilsanſtalt gegen⸗ ſeitiger Erziehung! fuhr Prieſter Immanuel fort. Ich möchte Sie nicht aufgeben; ich möchte Sie dem Wirken erhalten, für welches Sie ſo rühmenswerthe Proben Ihrer Befähi⸗ gung abgelegt haben! Pater! Daß ſich der Geiſt, in dem Sie allein außerhalb der Zelle leben dürfen, heilige, daß Sie ſicher ſind vor den Anfechtungen und dem Rückfall in die Reize dieſes Lebens, denen Sie abgeſchworen haben, muß ich Ihrem Wandel von jetzt an die beſtimmteſten Grenzen zie⸗ hen! Sie verlaſſen nie mehr dieſe Stadt ohne eine hier von meinem Kaplan eingeholte Erlaubniß! Sie meiden jeden öffentlichen Verſammlungsort! Sie rüſten ſich, daß Sie ſeden Peofef vom ſ diger ſerere lich ſolle befin erin d A ſein began in de D 3 Doch nehm vord Loh 235 jeden Abend von ſieben Uhr an in Ihrer Wohnung, dem Profeßhauſe, angetroffen werden! In jeder Stunde, wo vom Kloſter Himmelpfort Ihnen bekannt iſt, daß Ihr wür⸗ diger Guardian eben die Thür ſeiner Zelle öffnet, Mi⸗ ſerere ruft und die Patres, ſeinem Beiſpiele folgend, ſämmt⸗ lich ſich mit der Disciplin dreimal den Rücken geißeln, ſollen auch Sie das Confiteor ſprechen, wo Sie ſich irgend befinden. Und daß Sie es thun, wirklich thun, Pater, erinnere ich Sie an das Wort jenes Mönches, zu dem ein Zweifler ſagte: Geißeln Sie ſich denn auch wirklich in Ihrer geſchloſſenen Zelle, wenn der Guardian in der ſeinigen Miſerere! ruft?„Herr! Man hat Ehre!“ ſprach er. Der Kirchenfürſt ſtand eine Weile und ſchwieg... Bonaventura erwartete eine Entgegnung des Mönches... Nur die lauten Athemzüge deſſelben hörte er... Was führte Sie auf die Galerie des Theaters? begann der Kirchenfürſt aufs neue. Was ſuchten Sie in der Nacht in jenem Gaſthauſe? Nach einer langen Pauſe hörte Bonaventura die Worte: Nichts ſo Unedles, als Sie denken, Eminenz... Doch... ich verlor meinen Beichtvater— Dieſe Worte wurden mit großer Schärfe betont. Wen wollen Sie wählen? Wenn Herr von Aſſelyn hierher verſetzt würde und ich dann noch— hier weile— Der Mönch ſtocktg... Wohlan! ſagte der Kirchenfürſt und wie aufs ange⸗ nehmſte überraſcht. Es war Ihnen von mir aufgegeben worden, den edeln und gotterleuchteten Pfarrer von St.⸗ Wolfgang, Bonaventura von Aſſelyn, auf die kurze Zeit hier 236 zu begleiten, bis ich im Stande ſein würde, mich ſo aus⸗ führlich wie ich mußte, mit dieſem Werkzeug Gottes zu verſtändigen. Im Umgang mit demſelben, den Sie von Stund' an fortſetzen ſollen, verbiet' ich Ihnen kraft der mir übertragenen Ordensgewalt Ihres Provinzials, jemals aus eigenem Triebe. irgendein Wort mit ihm zu reden! Nie ſollen Sie ſelbſt das Wort ergreifen! Nie ſollen Sie anders als nur ein Ja und ein Nein für ihn haben! Der Prieſter Bonaventura weiß es, daß ihm die Rede geſtattet iſt, ihm die Unterhaltung, er weiß aber auch, daß er Ihnen keine einzige Frage ſtellen darf, als eine ſolche, der die kurze Antwort: Ja oder Nein gebührt! Denn warum verhäng' ich gerade Ihnen dieſe Strafe? Weil Ihre größte Aufgabe die ſein ſoll, den Drang zu tödten Ihrer geiſthaſchenden Mittheilung! Abſterben muß Ihre Neigung, durch Ihre Vergangenheit Ihre Ge⸗ genwart Lügen ſtrafen oder über Ihr Kleid hinaus ſich immer noch verklären zu wollen. Durch Ihren Geiſt, Ihre Kenntniſſe wollen Sie das Vorurtheil Ihres Standes widerlegen. Aber wenn Sie das Gelübde der Armuth ablegten, ſtand an der Spitze der Entbehrungen, die Sie ſich vorzuſchreiben hatten, die Armuth am Geiſte! Dieſe bekennen Sie und dann wird Ihr Sinn ſich läutern! Nichts hat die Verführung zum Laſter mehr im Gefolge als jene Gedanken, die ſchimmernde Ausdrücke ſuchen, jener Reiz, der Sie verführt, ſich in der Vielſeitigkeit Ihrer Auffaſſungen, in der Fülle von Geſichtspunkten, auf dem ſchwindelnden Wege der Contraſte und Paradoxen zu ergehen; derſelbe Reiz ſtumpft das Gefallen an dem Einfachen und Charaktervollen ab. Ihnen, Pater, Ihnen iſt, wie der ganzen Richtu rechten Gefah Adder meine die I ſo aud öttes; gebührt S trafe Dran bſterben ghre G naus ſich n Geiſt Stande 237 Richtung des Jahrhunderts, vor allem das„Wort zur un⸗ rechten Stunde“ zu nehmen! Rancé— der kannte dieſe Gefahr, als er nach einem Leben geiſtreicher Frivolität den Orden der Trappiſten ſtiftete! Ich verlange keinen Dank für meine Schonung— ich werde mir ſelber ein Gebet um die Vergebung Gottes auferlegen, daß ich ſo milde war— ich ſtrafe Sie, wie mir ſcheint, daß es Ihnen heilſam iſt! Und die in dieſer Form meiner Verzeihung liegende gegen⸗ ſeitige Erziehung wird auch andern gut thun! Treten Sie näher, mein Herr von Aſſelyn! Damit trat der Kirchenfürſt an den Vorhang, zog dieſen zurück und Bonaventura ſtand mit dargereichter Rechten, wie um Verzeihung bittend, vor dem in Staunen und tiefſter Scham halb aufwallenden, halb vernichteten Mönche Mit unerſchrockener Miene ſprach Prieſter Immanuel: Deshalb hab' ich Bonaventura von Aſſelyn zum Zeugen dieſer Scene gemacht, weil ich auch ihn in den Ernſt unſers geiſtlichen Lebens und in unſere wahre kirchliche Schule einführen wollte! Schon Ihre Ungeduld zu be— kämpfen, daß Sie noch einige Tage hier zu warten hat⸗ ten und ferner warten ſollen, Herr von Aſſelyn, mußte Ihnen nützlich ſein! Nützlich wird Ihnen auch werden, das aufgedeckte Leben des Paters zu ſehen und es doch ſo nur zu berühren, als wenn Sie es nicht kennten! Ja und nein, nein und ja! Bis zu dem Tage, wo Ihnen Sebaſtus viel— leicht— die Beichte ſpricht... Laſſet euch beide das, was ihr heute erlebtet, eine Uebung ſein, die Gefahren— des Geiſtes kennen zu lernen! Helfen Sie ſich einander redlich beim Straucheln! Beſtärken Sie ſich in der Geringſchätzung 238 des Gedankenaustauſches! Da liegt der Thomas a Kem⸗ pis; das goldene Buch der bewußten, ja mit Stolz be⸗ kannten Geiſteseinfalt! Oder leſen wir eine Stelle des heiligen Gregor.. Der Kirchenfürſt nahm ein Gebetbuch und las mit lauter Stimme: „Wenn ich mir die Büßerin Magdalena vergegen⸗ wärtige, ſo möcht' ich eher weinen, als reden und be⸗ kennen!... Denn ſind nicht die Thränen dieſer Sün⸗ derin mächtig genug, auch ein ſteinern Herz zur Buße zu erweichen? Sie bedachte ihren vergangenen Lebenswandel und konnte ſich in ihrem reuevollen Thränenbekenntniß kein Maß vorſchreiben. In das Gaſtzimmer trat ſie zur Zeit des Mahls, ſie kam ungerufen, und während des Mahls brachte ſie ein Thränenopfer. Lernet, von welchem Schmerz ſie gefoltert ward, daß ſie auch während der Zeit des fröhlichen Mahls der Thränen ſich nicht ſchämte! Siehe! Weil dies Weib ihre Befleckungen und Laſter erkannte, eilte ſie in glühender Sehnſucht nach Reini⸗ gung zum Urquell der Barmherzigkeit und ſcheute nicht die Gegenwart der Gäſte. Da ſie vor ihrer eigenen Häßlichkeit erröthete, konnte die Scham von außen ſie nicht entmuthigen. Was, meine Brüder, ſollen wir nun mehr bewundern, die im Gaſtzimmer erſcheinende Mag⸗ dalena oder den Herrn, der ſie gnädig aufnahm? Soll ich ſagen: aufnahm?— nicht vielmehr: durch ſeine Gnade an ſich zog? Ich will am liebſten beides ſagen. Es iſt der⸗ ſelbe, der ſie innerlich anzog durch ſeine Barmherzigkeit und derſelbe, der ſie äußerlich mit aller Sanftmuth aufnahm.“ Jetzt legte der Kirchenfürſt das Buch zur Seite, neben ſche ſein inzwiſchen erkaltetes Tabacksrohr, neben den noch merbrochenen Brief ſeines Königs, dann entließ er beide nit einer Handbewegung, die ausdrückte, daß er ihnen den Segen ertheilte und den Gewinn zweier Seelen für ſein Gottesreich höher hielt, als alles Reden und Han⸗ deln und Drohen der Mächtigſten der Erde. Im Vorzimmer war es ſtill geworden... Der Kaplan begleitete den Mönch und den Pfarrer bis an die Aus⸗ gangsthür. In ſeinem demüthigen Gruße lagen die Worte: Was auch zwiſchen euch dreien ſoeben drinnen ge⸗ ſchehen iſt— Alles— zur größern Ehre Gottes!... Wohl hätte Heinrich Klingsohr draußen in freier Luft aufſchreien mögen wie mit wiedererwachtem Titanentrotz. Seine Bruſt hob ſich, ſeine Augen ſtanden ſtarr aus den Höhlen, er hatte auf der Zunge Worte nicht der Verwünſchung ſeines Geſchickes, nicht der Anklage ſeines Berufes, nicht der Anklage des Kirchenfürſten,— nur dem Jammer ſeines Innern hätte er Worte leihen mögen, ſich vergleichen mit dem gefangenen, an ſeinen Flügeln niedergehaltenen, auf dem Rücken liegenden Vogel vom geſtrigen Morgen, ſich rechtfertigen gegen den fal⸗ ſchen Schein, der ſich um ihn breitete in Gegenwart eines Mannes, den er zu ſchätzen anfing, er, der nie— manden anerkannte außer dem, der ihm durch etwas mponirte, etwa— die Kunſt, eine Nachtigall nachzuah⸗ nen! Aber nicht einmal zu der Auseinanderſetzung war ihm Gelegenheit gegeben, zu ſagen: Warum bleiben Sie nicht —— — — — 240 ſogleich in dieſer Stadt? Warum haben Sie nicht ſchon jetzt die Erlaubniß des Beichtſtuhls! Alles, alles möcht, ich Ihnen bekennen!... Fiebernd lief es durch ſeine Seele: Ich möchte ſagen, wie mich geſtern die unwiderſtehlichſte Sehnſucht ergriff, nach dem Leben und den Schickſalen eines Mädchens zu fragen, das einſt mir das Leben und dann den Tod gegeben! Ich wechſelte mein Kleid, ich wurde ermuntert dazu von einer Jüdin, die mir unſer ganzes Daſein als einen einzigen großen Mummenſchanz darſtellte, wurde ermuntert dazu durch einen Schwur„bei dem Gotte Spinoza's“ und durch die Verſicherung, ich dürfte auf die Verſchwiegenheit dieſes Mädchens bauen... Wer war der Verräther!... Wer war es, der des Nachts, ſo ruhelos wie ich, dahin irren konnte?... Ja, ich war auf der oberſten Galerie des Theaters! Dort, in eine Ecke gedrückt ſah ich jene Frau ſpielen, die einen edeln Menſchen auf ihrer Seele hat— ſah die Kinder ſpringen, die ich oft auf dem Schooſe gehalten und für welche Lucinde arbeitete, ſich mühte und entbehrte, wie eine zum Magddienſt ſich verur⸗ theilende Königin... Das Haus war menſchenleer... aber nicht ſo öde war es, als das Gefühl meines Da⸗ ſeins... ich irrte in den Straßen, ſah nicht die Spione, die mich verfolgten, vergaß die Ordnung des Hauſes, das ich mit vielen andern bewohne, beſtieg die Stufen des Gaſthauſes zum Lamm, kehre ſchaudernd um, aber um mich, her ſah ich nichts als Lucinden, ſah ſie mit phantaſtiſchen Blumen bekränzt, ſah ſie im langen Kleide hoch zu Roß— mir winken— Himmel und Erde! Ich wage Ehre und Freiheit und mein ganzes Leben, um nur fragen zu können: chwur„b p,ich dürft Stufen 241 Wo iſt Sie? Was wurde aus Ihr?... Zitternd ſteig' ich zu der Frau empor, an deren Herz zu glauben ich nicht die mindeſte Berechtigung hatte, aber ich zwinge mich dazu... Aber auch ſie verrieth mich nicht! Sie ſchwur's mir bei dem Andenken Serlo's, obgleich der, wie ſie ſonſt und jetzt ſagte, ſchuld geweſen wäre an ihrem gan⸗ zen verfehlten Daſein... Ich finde dieſe Menſchen, klein wie immer, geringfühlend wie immer, voll Zorn über die Leere des Theaters, voll Hohn über das Ausbleiben des Beifalls... aber vor ihnen ſteht dennoch ein köſtliches Mahl, liegt eine Rolle Geld... eine Sendung war es von Lucinden... Sie iſt hier! Hier in dieſer ſelben Stadt... Und da ſollt' ich nun auf und davon? Sollte nicht verweilen, lauſchen, horchen— aus meiner begrabenen Welt!... Sollte nicht vertrauen, daß Menſchen, die durch die Schule des Geſchicks ſo tief gedemüthigt waren, daß ſie ſogar Konſtanzen Huber, wie ſich Lucinde ge⸗ nannt, das Wort gaben, ſie nirgends zu kennen und ſofort dieſe Stadt zu verlaſſen und auf die Woge des Lebens zu⸗ rückzukehren(was ſie hätte und erwürbe und theilen könnte, hatte ſie geſchrieben, ſollte ihnen, wenn ſie wollten und wo ſie wollten, gehören)... ſollte nicht vertrauen, daß durch Geld und Mitleid gewonnen, dieſe Menſchen mich nicht verriethen... Ich wäre geblieben bis zum Hahnen⸗ ſchrei! Ich hätte geredet und geträumt, wenn mich nicht die Erzählung von unſerm Abſchied einſt in Lüneburg zur Be⸗ ſinnung gebracht und an das Portefeuille erinnert hätte, das ich plötzlich mich erinnere, in meinem Ordenskleide gelaſſen zu haben... Nun, wie zerſchmettert ſchon von einer Strafe des Himmels, wank' ich davon... Rings die Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 16 3 * 1 3 242 ſtille Nacht— bis ich zurückkäme verſprach mir die jüdiſche Sibylle zu wachen... ich finde ſie... leſend— im Spinoza, einem Geſchenk eines Prieſters Namens Leo Perl... wir ſuchen und ſuchen das Portefeuille— es findet ſich nicht... Mitternacht iſt vorüber... die Jüdin gibt mir Geld, um den Wächter des Profeßhauſes beſtechen zu können... einen neuen, noch willfährigen Knecht... Wie ſie das Geld klingen läßt und ſagt: Pater, Ihr wißt nicht, welche Freude ich habe, der Kirche einen Heiligen zu ſtehlen und Gott einen Menſchen zu ſchenken! da wank' ich dahin, komme in meine Wohnung, glaube unbemerkt geblieben zu ſein, werde in der Frühe zum Kirchenfürſten gerufen, ahne die Kunde von meinem Vergehen und kam, bereit zu ſagen: Tödtet mich, wenn ihr wollt! Ich konnte nicht anders! Wie beide Leviten ſo dahinſchritten, näherten ſie ſich der Kathedrale. Sie traten in den majeſtätiſchen Bau, unter Menſchen, die nichts von ihrem Seelenleid ahnten, nichts von der Gebundenheit ihres Willens und ihrer Sinne... Da entdeckte Bonaventura in einiger Entfernung, in einer Niſche, die vom hellſten Sonnenlicht, das durch die bunten Fenſter brach, beſchienen war, in einer Gruppe, die ſich laut und wie es ſchien in fremder Sprache unterhielt, eine Geſtalt, die ihn jetzt im erhöh⸗ ten Grade erſchrecken mußte... Nur ihren Rücken ſah er. Sie ſtand in ſchwarzſeide⸗ nem Kleide, dunkelm Hute, ſprach mit den Fremden, die dem Volk anzugehören ſchienen; es war ihm, als könnte es nur Lucinde ſein.. ſteine ſtern auc häͤn inne Beg füdiſche Spinoza, e.. ndet ſich ahnten, nd ihreu ffernung, üt, das in einen fremden n athit varzſelde t, di nden, (s könnte 243 Der Mönch las mechaniſch die Inſchriften der Leichen⸗ ſteine... Bonaventura hätte ihn aus dem Wege zu jener Fen⸗ ſterniſche fortziehen mögen... Der Mönch ſchritt in ſich verſunken und leſend an den Leichenſteinen weiter und zu jener Gegend hin, ohne auf ihn zu hören... Schon waren ſie der Niſche ſo nahe, daß die drin⸗ nen geführte Unterhaltung gehört werden konnte... Sie wurde in italieniſcher Sprache geführt... Zwei Männer, der eine in kurzer Jacke, der andere wohlangethan, mit einigen jungen Leuten, einem Mäd⸗ chen darunter, ſprachen bald zu den Bildern des Fenſters gewandt, bald zu jener Dame in dem ſchwarzen Kleide... Es war Lucinde... Bonaventura hörte es an ihrer Stimme... er hatte auch neulich von den Italienern, von dem Gipsfiguren⸗ händler und ſeinen Kindern gehört... Der Mönch ſchreitet näher, hält einen Augenblich inne, horcht den italieniſchen Lauten und ſaugt ſie voll Begierde ein, wie Duft aus dem Lande der Palmen... Jetzt wendet ſich Lucinde und wird auch ſeiner anſichtig... Wir wiſſen, daß ſie zum Tod erſchrecken kann ohne das mindeſte Zucken der Augenwimpern... Blaß und marmorkalt muſtert ſie die beiden Daher⸗ kommenden: den Mönch, den ſie ſchon um der Seltſam⸗ keit ſeiner Tracht willen erkennen mußte; Bonaventura, vor dem ſie in dieſem Augenblick durch die Enthüllung ihrer Beziehung zu ſeinem Begleiter glauben durfte, alles zu verlieren... 16* 244 Der Mönch hört ſeinen Anruf nicht und lieſt nur die Inſchriften der Leichenſteine... Auf den jetzt ihn treffenden Blick und den ſich ver⸗ neigenden Gruß Lucindens hatte ſich Bonaventura ſam⸗ meln können. Sonderbar, auch die Tochter des Italieners ſchien ihn zu kennen, die ihm doch fremd war... Mit einer haſtigen Geberde deutete ſie auf ihn und flüſterte mit dem Vater und mit den Brüdern... Bei alledem hatte Lucinde den Pfarrer gegrüßt, ganz ehrerbietig zu ihm aufblickend. Vor dem Mönche aber ſchlug ſie die Wimpern nieder... Eine Italienerin vermuthet dieſer... ohnehin müh⸗ ſam dahinſchreitend, hält er einen Augenblick inne... und jetzt wie feſtgewurzelt ſteht er und ſicher hätte er durch einen lauten Ruf ſein Erſchrecken kund gegeben, wenn nicht Bonaventura, die Wirkung dieſer Wiederbegegnung vorahnend, ſeinen Arm ergriffen und ihn von dannen geführt hätte. Mühſam folgt Klingsohr. Das lange weite Gewand ſchleift an der Erde nach. Die Knie brechen dem Gefol⸗ terten. Glücklicherweiſe ſind beide einer Kapelle nahe, in der eben Meſſe geleſen wird. Beide knieen und mögen ſchwerlich beten können.. falls nicht das Gebet ein Zwiegeſpräch der Seele mit ſich ſelber iſt. Als ſie ſich erhoben und Bonaventura draußen im Freien fragt: Sie kannten jene Dame? darf der Mönch nur erwidern: Nein oder ja! Er erwidert: Ja!— Es war ein Wort wie ein Menſchenleben. Auf ſeinem Zimmer fand dann Bonaventura, als er nach dem ſeltſamſten Selbander von der Welt gegen Mittag nach Sch gan keit üb t nur die nach Hauſe gekommen, gleich beim Eintreten auf ſeinem Schreibtiſch einen Brief, den ihm Renate aus St.⸗Wolf⸗ gang nachgeſandt. Er hatte ihr wol das Anſehen einer großen Wichtig⸗ keit gehabt, denn er war mit Poſtſtempeln über und über bedeckt. Bonaventura erbrach und las: Sub sigillo confessionis. Quando quis tibi occurrit fidei romanae sacerdos.. Wir kennen die räthſelhafte Einladung, die auch an den Dechanten ergangen war. Wer weiß, ob dieſer jetzt, wie er über die Be⸗ rufung des geliebten Neffen durch die Römlinge zitterte, nicht ebenſo von Bangen wäre ergriffen geweſen, hätte er das leuchtende Auge geſehen, mit dem Bonaventura dieſe Zeilen las und wieder las und ſich nicht trennen konnte von den Worten:„Der nicht den Tod eines Huß, Savonarola, Arnold von Brescia ſcheuen würde, um die Kirche von ihren Fehlern zu reinigen!“ Freiheit! Freiheit! riefen tauſend Stimmen in ſeiner Bruſt. Alle Creatur ſchien ihm zu ſchmachten nach Er⸗ löſung. Die gefeſſelte Zunge der ganzen Menſchheit ſchien ihm nach Sprache zu ringen... Er bewunderte den Kirchenfürſten; aber ſeine Ideale wankten. Er verzweifelte an der Kraft, in den großen Vorſtellungen von ſeinem Beruf, die ihn ſonſt wie mit Cherubsflügeln emporgehalten, ein ganzes Leben lang noch mit ſeinem innerſten Menſchen aufzugehen. Düſter brannte die Lampe in einem kleinen, engen, doch behaglich eingerichteten Zimmer. Die weißen Vorhänge zweier Fenſter waren nieder⸗ gelaſſen... Tiefe Ruhe... nur zuweilen das Schnobern von Roſſen wurde hörbar in dem Hofe, auf den ſie hinausgingen. Elf Uhr ſchon. Im Nachtgewande ſitzt Lucinde auf einem weiß über⸗ zogenen kleinen Kanapee... vor ihr ſteht ein blinkender Mahagonitiſch mit Zeitungen und Büchern bedeckt... in einem Winkel des Zimmers, hinter einem Schirm, ſteht ein Bett... Im kleinen weißen Ofen praſſelt eine be⸗ hagliche Flamme. Endlich war ſie frei von ihrem Tagewerk der Ver⸗ ſtellung, hatte ſich entkleidet, konnte noch nicht zur Ruhe gehen und wollte wachen. Die dunkeln Haare hängen, halb ſchon aufgelöſt, über Nacken und Stirn herab... dieſe Stirn, die ſeit einigen Jahren erſt ſich ſo mächtig über die Augen vorgedrängt... ſie ſtützt ſie mit der durch das Emporhalten faſt blutlos gewordenen, ſchneeweißen Hand... —₰—2— en, engen, ren nieder⸗ Schnobern ; den ſie 247 Auch das lange bauſchige Kleid, das ſie umhüllt, iſt weiß... wie mußte die Schwärze ihrer Locken, das Feuer ihrer Augen dagegen abſtechen!.. Die Unruhe ihres Geiſtes zeigte ſich in den Lippen, an denen die weißen Zähne zuweilen ſichtbar werden; ſie drückt und ſchneidet in ſie faſt mit ihnen ein. Schon oft hatte ſie begonnen, die Haare zur Nacht⸗ ruhe zu flechten und zuſammenzulegen... immer war ſie von der Arbeit abgekommen, hatte die Hände ſinken und dann den Kopf in ſo ſchräger Lage beharren laſſen, als wenn ſie noch flocht, noch ordnete... Wurde er ihr zu ſchwer, ſo ſtützte ſie ihn... Darüber hatte ſich der kleine Meſſinglampendocht verzehrt, aber lange währte es, bis ſie die Düſterkeit merkte; dann griff ſie zu und ſchraubte ihn höher und das weiße Licht verbreitete ſich heller auf die weißen Vorhänge, die Geſtalt im weißen Nachtgewande... Lucinde gedachte des Geſtern und Heute... Der leuchtendſte Punkt war die Begegnung am Morgen. Porzia Biancchi hatte in dem daherkommenden Geiſt⸗ lichen eine Aehnlichkeit entdeckt, die ſie dem Vater und den Brüdern mittheilte, dieſe dann wieder dem Onkel Marco, der ein Maler war und die Kunſt übte, alte Bilder zu reſtauriren und der dafür in dieſe an alten Bildern ſo reiche Stadt berufen war... Wohl ſchlug das Wort an Lucindens Ohr, daß der daherkommende Geiſtliche dem Eremiten Federigo von Caſtellungo wie aus den Augen geſchnitten ähnlich ſähe; wohl nannte ſie des von ihr, trotzdem, daß ſie Klings⸗ ohrn ſah, ſo ehrerbietig Begrüßten Namen, den freilich 248 nur Porzig's Vater kannte von dem Dechanten, ſeiner buona pratica her... aber ſie hörte nur das verhallende Kniſtern auf dem ſteinernen Eſtrich von Bonaventura'’s Schritten, ſtaunte nur dem leiſen Gange eines mit San⸗ dalen und nackten Füßen dahinſchreitenden Mönches, hörte deſſen Lieder und dithyrambiſchen Sprüche, die ihr aus dem einzigen ſtarren Schreck ſeines ſie erkennenden Blicks wie tauſend Raketen aufſchoſſen... ſie ſah nur noch dann, wie ſie beide niederknieten und zu beten ſchienen... Aus dem Dome ſchritt ſie, heute die Segnung mit dem Weihwaſſer vergeſſend. Sie war im Kattendyk'ſchen Hauſe wieder, nahm die Abſchiedszeilen der Serlo⸗Leonhardi(die ſchon den Wort⸗ bruch enthielten, doch von des Mönches nächtlichem Beſuch zu erzählen— glücklicherweiſe war ſie mit ihren Kindern wirklich abgereiſt—) und ſammelte ſich erſt nach den Anſtrengungen des Zuſammenlebens mit einer ſanguiniſch erregten, das Wichtigſte leicht, das Leichteſte wichtig nehmenden Familie, Abends ſpät, in dieſem Zim⸗ mer, das in den Hof gehend ihr als das ihrige war angewieſen worden. Serlo's Kinder! Auch bei ihnen verweilte ſie... Klingsohr's Verrath an ſeinem Gelübde... um ihret⸗ willen!... Sie lächelte befriedigt, doch ſprach ſie zu ſich: Mäßige dich nur! Sei nur ſtill! Nur ſtill! Lächle nicht, weder vor Freude, noch vor Schmerz! Laß alles über dich ergehen! Laß den Wolkenwagen des Geſchicks dahinrollen wie im Gewitter! Zuck' im Weltbrand nicht mit der Wimper! Ertrage, was auch komme, ſelbſt das Se⸗ ligſte, mit Gleichmuth! Gib Gehör jedem Befehl, den die 249 en, ſeiner Menſchen hier, lieblos genug und ewig von Liebe erhallende ſprechend und eigentlich liebevoll nur gegen zwei Bo⸗ aventura logneſerhündchen, dir ertheilen! Sprich ſchon nichts! mit San⸗ In deinem Ton liegt etwas, was der Ohrnerv der ches, hörte Eitelkeit nicht ertragen kann! Du willſt ganz ſo ſein, ie ihr aus wie ſie's wollen! Todt! Du willſt beten wie ſie, den⸗ den Blick ken wie ſie, ihre Reden bewundern, ihre Einfälle über— nur noch raſchend finden! Tuſchelt dir die Frömmigkeit der Com⸗ chienen... merzienräthin eines Tages ins Ohr: Liebſte, ich habe gnung mit einen Sack gekauft, kommen Sie, wir beſtreuen das Haupt mit Aſche und beten in den Sack hinein!... auch das nohm di thu' ich! Will Johanna, daß ich an dem kleinen Pro⸗ der Port⸗ feſſor extraordinarius die kleinen Nägel ſeiner Finger Gächtlchem bewundere, ich thu' es! Ich will leben wie die Wan⸗ nüt ihren derer in den Schneealpen ſich zu unterreden aufhören, „ſch eiſ wenn ſie hoch oben hinaufkommen und fürchten müſſen, eine durch ein zu ſcharf ausgeſprochenes Wort die tödliche nnit Lavine zu wecken! Dann bei der zweiten Toilette der Commerzienräthin und Johannens, bei dem nur Putz und Vergnügen erörtern⸗ den Beſuche der Frau Procurator Nück, bei dem Geflüſter lüber die immer enger und enger ſich ſchließende gefahrvolle 3 Leichteſte jeſem Zin⸗ ihrige war le ſte Einheit des Chepaars im zweiten Stock, bei dem gerühm⸗ um ijii ten Behagen an der Ruhe im Hauſe, ſeit Piter nicht ſie zu ſih anweſend, bei den Mittheilungen über die Hauptmännin Läcllenich don Buſchbeck, ihren Tod, ihre Frömmigkeit, ihr Teſta⸗ es über. ment an den Bruder Hubertus im Kloſter Himmelpfort dahinrolle und die fehlenden Werthpapiere, dieſe Kapitalien, die üt mit d ie als Kind ſo angeſtaunt hatte, weil ſie ihr wirklich ſt das 4 erings auf den Feldern zu liegen“ ſchienen— zu allem ehl, den d 250 ſchwieg ſie, ergänzte nichts, berichtigte nichts; ſie wollte alles in ſich verſchließen und nur— ihre Zeit ab⸗ warten. Gegen Abend war auch Treudchen auf einen Sprung gekommen und erzählte vom Kloſter, wohin ſie wirklich gegangen war ihren Geſchwiſtern zu Lieb. Wie hatte man ſie gefeiert! Selbſt mit ihren Geſchwiſtern hatte man ſie überraſcht, die aus dem Waiſenhauſe waren abgeholt worden! Alle hatten Geſchenke bekommen! Von Cajetan Rother, dem ehrwürdigen Beichtvater der Schweſtern, für den das Sprachgitter nicht vorhanden war, hatte ſie ſelbſt ein zierliches Büchlein mit goldenem Schnitt empfangen, das Leben einiger beſonders vorzüglicher Heiligen und Heiligin— nen darſtellend... Die Kinder trugen eine Laſt Confech mit ſich heim, wie dergleichen auch nur in Klöſtern gebacken wird... Sie zeigte ein von Schweſter Beate erhaltenes Nadelkiſſen in Form eines Oſtereis, ganz von Seide, vergoldet und in jenem Geſchmack, der ſo eigenthümlich der frommen Kunſtfertigkeit hinter Kloſtermauern an⸗ gehört... Schweſter Thereſe hatte dann vorgeleſen, Marienlieder, deren einige man im Chore geſungen im Refectorium, vor und nach— dem Kaffee— und dieſer Kaffee wäre ſo geweſen, wie nur je einer in der Dechanei zu Kocher am Fall, wenn etwa der Geburtstag des die „lieben Freundinnen“ bereiſenden Fräuleins von Minnerich oder der Frau Majorin Schulzendorf gefeiert wurde oder eine jener Kindergeſellſchaften, zu denen der gute Dechant (früher, ehe der Geiſt der Kirche ſo ſtreng wurde) alle kleinen Kinder in Kocher am Fall ordentlich durch Viſiten⸗ kärtchen einzuladen pflegte. 8; ſie wol rre Zeit at ſinen Spruu n ſie wirl Vie hatte m hatte man aren abgeh Von Cajet hweſtern, hatte ſie ſl mpfangen, und Heiligt „ Conft Laſt Con 7 ſſtern gebach ate erhalten von Sel igenthüml ermauern In vorgelee „ geſungen 9 8p* — und d n der Dech rtstag des von Minne ert wurde r gute Dan ng wurde durch Wi 251 Die frohen Mittheilungen kamen dann auch hier, auf Veranlaſſung der Dechanei, bei dem Morde der Frau Hauptmännin wieder an, bis dann Treudchen zu Ma⸗ dame Delring, ihrer nachſichtigen Herrin, wieder hin⸗ aufſprang... Am Abend war auch die zweite, wie es ſchien queck⸗ ſilberne Tochter der Commerzienräthin, Frau Procu⸗ rator Nück, wieder erſchienen, eine kinderloſe, nur dem Putz und ihrer Eitelkeit lebende Frau. Lucinde hatte ſich ſogleich ihr Herz gewonnen durch einige Bemerkungen über ein neues Kleid, das ſie trug. Sie war geſtern im Theater geweſen und häufte das Allernachtheiligſte auf die Darſtellerin der Frau von Waldhüll und die kleinen „Fratzen“, die Lucinde ſo gern wiedergeſehen hätte, wenn ſie nicht das Syſtem gehabt, auch bei Genüſſen des Gemüths, ſie ſich verſagend, zu ſprechen:„Wozu?“ Das war das kalte Wort, das ihr eigen geworden, mehr Worte eines herben Behagens am Entbehren und der Selbſtqual als der Herzloſigkeit. Im Geiſte Serlo's hätte ſie der Frau Procurator ſagen mögen:„Liebſte Frau, wäre das Haus voll geweſen, ſo hätte Ihnen alles gefallen! Da es aber leer war, übertrug ſich Ihre Verſtimmung über die geringe Bewunderung Ihrer Toilette auf die Leiſtungen der Mutter, der Töchter, auf alles...“ Sie behielt das, wie jedes dergleichen, zurück, horchte nur dem Geſpräch, bei welchem auch Benno genannt wurde, „meines Mannes beſter Arbeiter“, der„von ihm nach dem Hüneneck geſchickt worden iſt“... und auch den Reiz, Benno's Weiſe gegen den Schein eines Sich⸗ſo⸗nur⸗ ſchicken⸗laſſens zu befreien, unterdrückte ſie... Sie ſagte 252 nur immer ihren Leibſpruch, ein Wort des heiligen Au⸗ guſtinus: Trahimur! Trahimur!*) Um ſich zu beruhigen, hatte ſie einmal wieder in Serlo's Papieren zu leſen angefangen und hatte auch wieder aufgehört... Endlich begann ſie aufs neue: „Iſt es denn möglich“, ſchrieb Serlo einſt vor Jahren, „was ich geſtern erleben mußte!... Eine junge Frau war in dem Hauſe, wo ich wohne, geſtorben und ſollte heute in der Frühe beerdigt werden... Eine alte Schauſpie⸗ lerin, die zu unſerer Truppe gehört, klopfte, wie ich ſchon im Bette liege, an meine Thür, nennt ihren Na⸗ men und wünſcht mich zu ſprechen. Ich ſtaune und fürchte— eine Anleihe. Nachdem ich mich angekleidet, öffne ich die Thür und in ihrem beſten, eleganteſten Anzug erſchien die Darſtellerin— der Zigeunermütter und Hexen mit einer augenblinzelnden und doch beklommenen Artig⸗ keit. Nie hatt' ich mit ihr viel Worte gewechſelt und er⸗ ſtaunen mußt' ich über die Wahl ihrer Ausdrücke, die Artigkeit ihres Benehmens, die Feinheit ihres ganzen, mit ihrem Rollenfache im vollkommenen Widerſpruch ſtehenden Weſens. Verzeihen Sie! ſagte ſie nach einer Weile, wo ich das gefürchtete Anliegen erwartete, ver⸗ zeihen Sie, in dieſem Hauſe iſt eine Leiche?... Ja, ſagte ich, eine junge Frau, die an einem Herzfehler ſtarb!... Sind die Leute wohlhabend?... Sehr arm! war meine Antwort... Würde der Mann geſtatten, wenn ich ihm zwei Thaler ſchenkte—... Sie ſtockte... Geſtatten? Wi 2) r werden gezogen und haben keinen freien Willen. eiligen: Was? fragt' ich erſtaunt... Mutter Viarda lächelte ſeltſam... Sie werden mich für eine Närrin erklären, 4 vieder begann ſie aufs neue, aber ich muß Ihnen geſtehen, daß batte auh ich eine— Liebhaberei habe, die keine andere iſt 1 als die,— Todte zu ſchmücken!... Wie? ſagte ich und zog mich erſchrocken zurück; ich glaubte mit einer Verrückten vor Jahte zu reden... Sie ſind erſtaunt, fuhr mein Beſuch fort, Sie ge Frauwu zweifeln an meinem Verſtande, und doch bitt' ich Sie ſollte heu wirklich, führen Sie mich zu dem Manne und erlauben Sczauſpi Sie mir, ſeine Frau ſo zu ſchmücken, wie ich ein ganz ie, wie i unwiderſtehliches Werlängen trage, wenn ich irgendwo eine t ihren N Leiche ſehe... So traurig die Veranlaſſung dieſer Bitte war, ich mußte doch über ſie lächeln... Da Sie zu Ihrem Liebeswerk noch zwei Thaler dazugeben wollen, ſagte ich, ſo will ich mit dem Manne reden.. Ich ging in der Md Dunkelheit die Stiege hinunter und fand den armen 1* Arig Handwerker mit ſeinen Kindern um die ſchon im Sarge nen Arls. befindliche, nur mit einem einfachen weißen Hemde be⸗ kleidete Leiche ſeiner Frau, der Mutter ſeiner trauernden Kinder... Mein Anerbieten konnte als ein Werk der Barmherzigkeit gelten und die Annahme fand keinen An⸗ ſand... Ich kehrte zu meiner Auftraggeberin zurück und legleitete ſie hinunter... Mit allen Zeichen der Theil⸗ nahme trat ſie an den Sarg, fuhr mit der Hand über die kalte Stirn und ſagte dann: Hier, lieber Mann, da ſind zwei Thaler, aber laſſen Sie mich mit der Leiche allein!.. Der Mann ging arglos, wenn auch überraſcht, mit den Kindern auf den Vorplatz...ich wollte bleiben. Auch Sie, Herr Neumeiſter! fagh ſie(ich führte damals roch meinen alten Namen)... Als i ich zögerte und etwas 254 befürchtete, das nicht in der Ordnung war, ſagte ſie: Herr Neumeiſter, wenn Sie ſchweigen und mich nicht ſtören wollen, können Sie bleiben... Ich blieb und ſah voll Grauen, was die Darſtellerin der Zauberinnen, Hexen und Zigeunermütter begann... Sie ſtellte einen Beutel, den ſie unter ihrem Mantel verborgen hatte, zur Erde, zog eine Anzahl friſcher Blumen hervor, legte ſie der Leiche auf die Bruſt, in die Hände, ums Haupt. Dann ergriff ſie ein kleines Döschen, das ich ſofort als Schmink⸗ topf erkannte, tupfte hinein mit etwas Baumwolle und ſchminkte die Wangen der Leiche, daß ſie wie volles blühendes Leben ausſahen... Jetzt, meines Grauens und meiner Ausrufungen nicht achtend, ergriff ſie gierig die kleine zin⸗ nerne Lampe und beleuchtete ihr Werk... es war ein An—⸗ blick, das Haar ſträuben zu machen... Sie redete mit der von ihr geſchminkten Leiche und wie mit einem ihr bekannten Weſen, redete voll Theilnahme, voll Herzlichkeit, beklagte die Leiden derſelben, tröſtete ſie, eröffnete ihr ein Reich der ſeligſten Hoffnungen und ging zuletzt von dannen, wie wenn ihr ganzes Sein ſich einmal aufgelöſt hätte wieder in Andacht, Poeſie und längſtentbehrter Liebe... ich ſah ſie dahinſchreiten wie ein Geſpenſt... Als ich allein war, bekämpfte ich mein Grauen, tauchte den Finger in das Oel der Lampe und entfernte die trügeriſche Lüge des Lebens von den todten Wangen... Der Gatte und die Kinder kamen zurück... ſie fanden nur die Blumen und ſtockend erzählte ich, der Alten wäre es ein Bedürfniß, in dieſer Art ſtille Liebesopfer zu vollziehen... Dieſe Frau, mit der ich täglich verkehren mußte, konnte ich nie mehr anſehen, ſchwieg auch von dem Vorgefallenen zu jedermann, bis gahr dete mitd bekanni beklag n Räch! 255 ich von andern erfuhr, daß dieſe Manie allgemein an ihr bekannt war und daß ſie, um ſie zu befriedigen und vor den Folgen ihres dadurch erlangten Rufes, der ſie die Leichenſchminkerin nannte, ſicher zu ſein, ſchon ſeit Jahren ein traurig irrendes Wanderleben führte.“ Oft hatte Lueinde dieſe Stelle geleſen.. mit Lachen ſogar „heute erſchien ſie ihr in einem ſeltſam andern Lichte... Sie überſchlug jedoch einige Betrachtungen über das, was man ein Leichenſchminken in der Geſchichte nennen könnte, und fuhr fort: „Wie mich dann dieſe Erfahrung auch wieder zurück⸗ verſetzt hat in meine erſte Erziehung zum Prieſter, in die llöſterliche Einſamkeit meines Jugendlebens im Convict! „Ja, wer nennt euch alle, ihr Verirrungen, die unausbleiblich ſind, wenn man die Grundnatur des Menſchen eine verdorbene nennt und das Leben daran geſetzt wiſſen will, dieſe Natur zu bekämpfen, aus- zürotten und mit einer geläuterten, einem Kleide voll Glanz und Durchſichtigkeit zu vertauſchen!«Wenn dich dein Auge ärgert, reiß es aus!» war Jahrtauſenden und iſt noch jetzt Millionen nicht im Bilde geſprochen!! Wirklich reißen ſie ſich— und andern den edelſten Theil des ſchönen menſchlichen Baues aus! In dem proteſtan⸗ iichen Weſen findet die Lehre von der Erbſünde doch wenigſtens nur noch im allgemeinen eine Pflege; aber bei uns, den Treugebliebenen, uns, den in duldender Er⸗ gibung das große geſchichtliche Vermächtniß Forttragenden, bei uns iſt darauf die ganze Heilslehre begründet und de Teufel eine Macht, die man ſchon von dem Kinde wegbläſt und wegkreuzigt, wenn es getauft wird. Jeden ruhig prüfenden Seelenarzt frag' ich, wie er es nennt, wenn das Mistrauen und der Haß vor der eigenen Perſon ſich ſo ſteigert, daß man ſein Ich einer fortwähren⸗ den Züchtigung unterwirft? Die Manie hört darum nicht auf eine Manie zu ſein, wenn ſie auch geheiligt erſcheint durch Millionen, die von ihr befallen wur den. Oft kann uns ſchaudern vor einem Wahn, der die ganze Majeſtät der Gewohnheit und der Geſetze für ſich hat. Und doch iſt dem ſo und wir ſehen es mit Wehmuth. „Ich bekenne von mir, daß ich in meiner Erziehung zum Prieſter unter dem Druck einer ſteten Beängſtigung vor dem Ueberſinnlichen und Geſpenſtiſchen lebte. Die Faſten, die methodiſch geregelten Lebensweiſen machten uns Knaben bei allem ſonſtigen Leichtſinn den Kopf ſo wirbeln, wie eine immerfort angeſchlagene eintönige Trommel zuletzt zur Verzweiflung bringt. Wir überboten uns, und nicht aus Eitelkeit und Liebedienerei, in der Schauſtellung des Kampfes gegen Anfechtungen; wir woll⸗ ten Viſionen haben, wie Antonius in der Wüſte und Franz von Aſſiſi. Einen meiner Mitſchüler fand man eines Tages mit verletzten Gliedern ohnmächtig in ſeinem Zimmer am Boden. Die Gewohnheit hatte er gehabt, in jedem Augenblick, wo er allein war, an einem Querholz, das er nach langen geheimen Mühen ſo über einen in der Mauer hervorſtehenden Balken befeſtigen konnte, daß es ſich auch ebenſo wieder abnehmen ließ, ohne daß man die Anſtalt bemerkte, ſich anzuklammern und für ſich ganz allein wie Chriſtus am Kreuze zu ſchweben. In dieſer Selbſtmarter würde er immer weiter gegangen ſein, wenn man ihn ſo nicht eines Tages beſinnungslos gefunden hätte. der eigen fortwähren 257 „Empfindung hab' ich für alles Poetiſche, das einem ſolchen Wahn und einem darauf begründeten Glauben und Leben zum Grunde liegen kann; ein Schauer überrieſelt mich aber doch, wenn ich mir eine ſolche, damals nicht etwa beſtrafte, ſondern eher noch⸗bewunderte und belohigte Ge⸗ ſinnung in ihrer ſpätern Entwickelung, im weißen Ge⸗ wande des Dominicaners, als Großinquiſitor, als Beicht⸗ vater eines Fürſten denke und an ſolcher Stelle dann die Looſe gemiſcht und gezogen, die über das geiſtige Wohl der Jahrhunderte entſcheiden wollen. O du edler Gekreuzigter, den ich ſo innig liebe, was geht auf deinen Namen!... Einſt fragte ich einen Arzt nach meiner Leichenſchminkerin. Solche Dinge entſtehen aus den Störungen des geſchlecht⸗ lichen Lebens! ſagte er... Nun wohl, dann will ich einen Schleier fallen laſſen, ſo groß wie der ſternenloſe, ſchneever⸗ hüllende Nachthimmel des Novembers, über euch Kirchen und Kapellen und Klöſter und Schulen, in denen die Prie⸗ ſter im Geiſte Hildebrand's erzogen werden und wirken!.. „Ich ſah auch vielerlei Wahn, der nicht aus den Störungen des geſchlechtlichen Lebens kam. Die beleidig⸗ ten Geiſter der Freiheit und Natur rächen ſich. Sie jagen wie mit Furienfackeln die Feinde der Menſchheit, die Verbrecher gegen den Heiligen Geiſt rund um ſich ſelbſt, daß ſie keinen Ausweg mehr wiſſen vor ihrem eigenen Schatten und mitten in ihren Siegen, mitten in ihren Triumphen eine Verzweiflung ſie ergreift, die ihnen zuletzt nicht den geiſtigen Tod als die höchſte Lebenswonne vorſpiegelt, ſondern ſogar den phyſiſchen— „Wir hatten unter unſern Lehrern einige ehemalige Be⸗ nedictiner, in ihrer Art höchſt gelehrte und an ſich vortreffliche Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 17 — — —— 3 ——— 258 Männer. Sie gehörten Klöſtern an, die man aufgehoben, Klöſtern, in denen ſie mit großer Bequemlichkeit gelebt hatten. Einer davon verſchmerzte die Verſetzung in den Stand des Weltgeiſtlichen ſehr leicht. Es war ein Mann jovialer Natur, plauderhaft und nicht reinen Geiſtes. Ihm hätte des alten Römers Wort: Vor Kindern habe Scheul vorzugsweiſe gerufen werden können. Seine behäbige und immer lächelnde Art war die der unerlaubten Vertraulich⸗ keit im Reden. Wie ein leckes Faß war er, das aus allen Ritzen quillt. Seine Luſt war die, Geſchichten aus ſeinem Kloſter zu erzählen, alles durcheinander, Heiliges und Weltliches, Verbürgtes und Unverbürgtes— ſpäter hab' ich oft ſolche unwürdige Greiſe gefunden, die ein Ge⸗ fallen daran finden, gerade vor der Jugend geiſtig entblößt zu gehen. Was hat uns nicht dieſer alte Profeſſor, Pater Sylveſter, von ſeinem und allen Klöſtern und Pfar⸗ reien der Welt erzählt! Nichts etwa, was gegen ſie zeugen ſollte, nein, das Frommſte, das Andächtigſte, aber ge⸗ miſcht mit dem Unmöglichſten und ſich eben deshalb dem Spott von ſelbſt Anheimgebenden! Die Geſchichten von einer Pfarrersköchin, die mit dem Teufel zu thun gehabt hatte, erzählte er ebenſo für beſtimmt, wie er die Verſicherung gab, daß im Fegefeuer die Männer und Frauen getrennt ſind. Dies bewies er aus der ſchlechtern Natur der Weiber, die durch Ausſprüche der Concilien er⸗ härtet wurde. Die Entziehung des Kelches ſchrieb er dem Ueberhandnehmen der Bärte zu und der Gefahr des Weines vor dem Ungeziefer— Kein Bienenſchwarm, ſagte er wie mit Schwuresbetheuerung, der in eine Kirche käme, rühre die Hoſtie an— Zwei Leichen hätten in einem Grabe 259 gelegen, als man ſie aber ausgrub, hätte man die eine über der andern gefunden und als man näher ſich erkundigt, war die untere ohne Beichte geſtorben— Dem Pfarrer gebühre eigentlich von allem der Zehnten, auch von der Ehe; dieſen könnte er aber den Neuvermählten ſchenken, da er jede Ehe ſchon vollſtändig allein genöſſe, nämlich am Altare im Sakrament(man denke ſich, wie uns reifende Knaben dieſe Worte aufregten!)— Die Kir⸗ chenglocken wären die Zungen der Lüfte, folglich müßten ſie auch wie jede Zunge faſten; das geſchähe am Grünen Donnerstage— Im Beichtſtuhl müßte man vorzugsweiſe nach den Träumen fragen; eben in dieſen läge der wahre Schlüſſel zur beichtenden Seele, die oft ſelbſt nicht wiſſe, was ihre wahre Sünde ſei— Beim Leſen einer Todten⸗ meſſe erkenne man daran, wenn dem Prieſter das Kind Jeſu in der Hoſtie erſchiene, daß die Seele nicht mehr im Fege⸗ feuer wäre— Und ſo gingen dieſe Belehrungen des Paters Sylveſter fort bis zur Exaltation über den Werth eines Prieſters, daß dieſer uns geradezu Gott gleichzu⸗ kommen ſchien. Zwiſchendurch liefen in aller Harmloſig⸗ keit Berichte über ein Nonnenkloſter, wo die Schweſtern im Kloſtergarten bei Mondſchein wandelten und unter den Blumen das Kind Zeſu ſuchten und oft ſchon hätten ſie's gefunden, ſagte er, und hätten's in die Kirche an den Hochaltar getragen, geputzt und lieblich angeſungen und allerlei Spaß mit ihm gehabt— oder von einem Mönche, der in einem Büchschen den Staub ſammelte, der ſich am Hochaltar auf den Marienbildern anlegte, und damit Zahnweh vertrieb und Aehnliches. „Was aber auch Pater Sylveſter uns in Mußeſtunden 17* 260 und beim Spazierengehen mit ernſter Miene an ſolcher Narretheidung zuflüſterte— man ſchickte ihn endlich in ein Verſorgungshaus— nichts kam dem gleich, was wir in unſerm düſtern Gebäude mit ſeinen langen Gängen, finſtern Zellen, durchräucherten Winkeln und gefängniß artigen, vergitterten Fenſtern endlich ſelbſt erlebten. „Ein anderer Benedictiner, Pater Fulgentius, war ein Mann von großen Kenntniſſen und ſtrenger Disciplin. Choleriſchen, oft aber auch wieder tiefmelancholiſchen Tem⸗ peraments und wie von Schwermuth über die ganze Erden⸗ ſchöpfung ergriffen, flammte er bald in Ausbrüchen der Lei⸗ denſchaft auf, bald verſank er in ein faſt menſchenſcheues Umherirren und Suchen nach einer Ruhe, die er nicht finden konnte. Er brachte es dahin, daß Pater Sylveſter end⸗ lich entfernt wurde. Von zelotiſcher Strenge in ſeiner Lehre ſtrafte er, ließ züchtigen und verbreitete Furcht und Schrecken. Dieſer Geſinnung wegen hatte man ihn zum Rector ernannt. Erſt ſchloß er ſich ein, um dieſe Würde abzulehnen— zwei Tage lang! Als er end lich, von Hunger und Durſt getrieben, nachgeben mußte und öffnete und die Würde annahm, war er eine Zeit lang die Milde ſelbſt; bald aber kam die alte wie aus Feindſchaft gegen Gott und die Welt hervorgehende Strenge, die indeſſen den Ruf der Gottſeligkeit der Anſtalt mehrte. Endlich verbreitete ſich das Gerücht, daß es mit dem Pater Fulgentius nicht geheuer wäre. Nachts hörten wir Kleinern zuweilen ein plötzliches Lau⸗ fen auf den Corridoren, ein Schellen wie nach Hülfe— am folgenden Morgen erfuhr man, der Rector wäre krank geweſen. Erſt nach einigen Tagen erſchien er dann rer Discipl poliſchen T e ganze Erd rüchen der! nenſchenſche er nicht find Sylveſter en 261 wieder, düſter und verfallen, mit dem Ausdruck des tiefſten Seelenſchmerzes und ſo, als läge das ganze Leid der Welt auf ſeinen Schultern. Dieſe nächtlichen Begebenheiten wie⸗ derholten ſich, ja am Tage kamen ſie ſchon vor und allmählich verlautete die grauenhafte Kunde, daß der Rector, gefoltert von Seelenleiden, unzufrieden mit allem und mit ſich ſelbſt zumeiſt, eben noch die gleich⸗ gültigſten Dinge reden, dann aber in ſeine Zelle gehen konnte und Verſuche machen, ſich zu entleiben. In der erſten Nacht hatten jhn einige Schüler der erſten Klaſſe gerettet, die um Mitternacht in den Chor mußten, um zu ſingen. Sie klopften, um den Rector, der ſich zuweilen auch dieſe Unterbrechung des Schlafes auferlegte, abzurufen, traten, da niemand ſein Zimmer verſchließen darf, ſelbſt ein Lehrer nicht, ein und hatten den Anblick eines Er⸗ hängten. Die raſche Entſchloſſenheit eines der ſtärkſten Alumnen ſchnitt ihn los und allmählich kam er zu ſich. Man verſchwieg den Vorfall, mußte ihn verſchweigen; aber er wiederholte ſich. Man ſuchte die Ehre der Anſtalt zu wahren; die Verbindung mit der Außenwelt war ſo loſe, ſo locker, die Intervalle der Selbſtzerſtörungsanfälle wurden zuweilen länger; man bewachte den Unglück⸗ lichen, nahm ihm weg, was ihm die Ausführung ſeines Gelüſtens erleichtern konnte— und ſo wurden dieſe Dinge vertuſcht. Als jedoch immer und immer die Scenen wiederkehrten, beriefen die Profeſſoren, die größtentheils durch Pater Fulgentius berufen und angeſtellt waren, einen Mann, den wir, als wir davon erfuhren, nicht anders als für einen Exorciſten halten konnten. Denn es ſtand uns feſt, daß eigentlich an dem Pater Fulgen⸗ 1 1 1 1 1 1 3 262 tius ſich eine beſondere Abſicht der Vorſehung offenbarte. Wir ſahen ihn um ſeines gottſeligen Lebens und ſeiner Lehre willen nur unter den Anfechtungen des Teufels. Ihn dem Himmel zu erhalten ſchien uns der Zweck eines Beſuches zu ſein von einem durch ſeine Asceſe berühmten Mönche, einem Laienbruder der Franciscaner, der aus ferner Gegend angemeldet wurde. „Ein Bruder Hubertus erſchien. Eine hagere, faſt ſkeletartige Geſtalt, mit einem Kopfe, der ſchon dem Beinhauſe anzugehören ſchien. Angekommen, verneigte er ſich freundlich nach rechts und links und begrüßte den Rector ſcheinbar nur im Auftrage ſeiner Obern mit dem Ausrichten einer ihm anvertraut geweſenen Com⸗ miſſion in Sachen eines Proceſſes; denn auch ein Ad⸗ vocat begleitete ihn. Pater Fulgentius wußte nichts von dem Vorhaben ſeiner Freunde, die eine Heilung durch den Bruder Hubertus nach deſſen Rufe für möglich hiel⸗ ten. Auch ich erfuhr erſt viel ſpäter den ganzen Zu⸗ ſammenhang aller dieſer Vorgänge. Auf meinen künſt⸗ leriſchen Irrpfaden begegnete ich einem meiner frühern Mitſchüler, einem inzwiſchen angeſtellten Pfarrer, der da⸗ mals den obern Klaſſen angehört hatte, die den Rector be⸗ wachten. Man denke ſich Vorleſungen über den Glauben und 1 die Liebe, die unter ſolchen Umſtänden gehalten wurden! Jener berühmte Rechtslehrer, der in Berlin auf die ver⸗ 6 nünftigſte Art ſeine Pandekten las und dennoch ſich ein⸗ bildete, Kaiſer Juſtinian zu ſein, hat mich oft an dieſe Collegien in unſerm Convict erinnert. Von dieſem alten Mitſchüler erfuhr ich erſt, daß Bruder Hubertus, der gleichſam zum Ausruhen von ſeiner Fußwanderung einige eines Tages den Tage länger unter uns verblieb, Befehl gab, die Werkzeuge der Selbſtzerſtörung in des Paters Nähe— nicht wegzunehmen. Es geſchah dies...“ Lucinde hörte die zwölfte Stunde ſchlagen... Sie legte die Blätter zuſammen... Sie kannte ihren ganzen Inhalt... Sie hatte alles das ſchon ſo oft geleſen und nahm es nur dann wieder vor, wenn ſie ſich für den Zwieſpalt, in dem ſie mit den Auffaſſungen Serlo's lebte, eine Be⸗ ruhigung ſuchte, eine Brücke der Vermittelung... Hätte Serlo noch gelebt und neben ihr geſtanden— öbin um mit ſeiner elegiſchen Ironie, der läſſigen Ergebenheit, 1 dan der ſichern Zuverſicht, daß dies ganze Daſein der Mühe d des Lebens nicht lohne— ſie würde vielleicht über Re— 4 hah ligion und Kirche gedacht haben wie er. Bonaventura ung dund aber glaubte anders... Das zog ſie, ſich nicht den Anſchauungen Serlo's gefangen zu geben.. Wie ſie nzen Zu⸗ ſchon den Beda Hunnius anders beurtheilte als Serlo, en künſt ſo hätte ſie auch getroſt den ganzen Bau, der ſich um er frühenn ſie her durch ihr neues Bekenntniß wölbte, vollkommen r, der do anerkannt und an ſeiner Vollendung mitgearbeitet, hätte Rector b nur Bonaventura irgendwie ermuthigend und beifall⸗ lauben und lächelnd zu ihr herabgeſehen... und das ſtand über⸗ n wurden dies in ihr feſt: Wahn iſt ja alles! Für den Glauben aber, f die vel es wäre kein Wahn(und der iſt nothwendig, wenn nicht h ſich eln alles zuſammenfallen ſoll), kann es mancherlei Formen t an die geben, von denen dann allerdings die eine vielleicht eine jeſem alle Kleinigkeit beſſer iſt als die andere... b Der Name des Mönches Hubertus durchſchauerte ſie 264 jedesmal, wenn ſie von ihm las. Sie hatte ihn nie geſehen— aber in ihrer Jugend oft von ihm reden hören. Was knüpfte ſich nicht alles an ihn an! An dieſe alte Liebe der wie einſt ihre Tauben geſtern ſo am Küchenherd Erwürgten!... Die Nächte im Pavillon des Parks vom Schloß Neuhof, wenn die Ulmen rauſchten und der Mond mit ſeinem ſo klugen, aller Dinge der Erde kundigen Antlitz in ihre Kammer ſchien, nachdem ſie das Licht ausgelöſcht und ſich auf ihr Lager geworfen... Auch jetzt ging ſie zur Ruhe... die Lampe aus⸗ löſchend und hinter ihrem Schirm verſchwindend wie ein Schatten... Sie hatte die Ahnung, daß ſie noch durch viel Unter⸗ gang und Zerſtörung gehen würde— Dann war es ihr immer, als ſtünde alles um ſie her in Flammen... Und auch heute war ihr erſter Traum eine Feuersbrunſt... Allmählich wurden die Bilder ruhiger... Noch zeig⸗ ten ſie wol die alte Frau Hauptmännin auf der Todten⸗ bahre... Hubertus trat zu ihr ein wie zu Pater Ful⸗ gentius... Doch was ſind Träume!... Der„Ad⸗ vocat“, der hinter ihm ſtand, war erſt Lucifer ſelbſt— dann milderten ſich die Schrecken— die Geſtalten wur⸗ den bleicher und bleicher— zuletzt blieben nur die beiden Bologneſerhündchen übrig und Herr Maria mit ſeiner ſaubergefältelten Wäſche und mit Deutſchlands feinſtem Dialekte. ☛ 82 tte ihn nie ihm reden e! An dieſe ern ſo am Pavillon des en rauſchten dampe auk⸗ end wie ein viel Unter⸗ var et ihr Ind eM e Und brunſt.. Roch ze der Todten⸗ Pater Ful der„N er ſelbſt— talten wul⸗ die beden mit ſeiner ds feinſtn —— — 10. Hoiho!... Hoiho!... Hoiho! So rief es hellauf hinter einer lieblichen Gruppe von Birken und Hängeweiden und von einer weiblichen Stimme, rein, metallen, wie Silberton. Die Ruferin war ein junges Mädchen in blauem Kleide, einem leichten runden Strohhut auf dem einfach geſcheitelten Haare— Ein Ruder in der Hand ſtand ſie in einem leicht⸗ gebauten Kahn, ihn hin⸗ und herwiegend mit heraus⸗ forderndem Muthe. Noch lag der Kahn an einer Kette, die ihn am Ufer feſthielt; noch ſtieß und rauſchte ſein Vordertheil an den Sand und die Steine des Strandes der Inſel Lindenwerth. Ein Schifferknabe ſaß an der entgegengeſetzten Seite; das Steuerruder ſchon in der einen Hand und auf den erwarteten Befehl bereit, die Kette mit der andern zu löſen. Die Ruferin winkte jetzt durch die Hängeweiden und Birken hindurch einem alten, von Linden umſtandenen Ge⸗ äude zu, das kloſterähnlich dicht in der Nähe, in der Mitte der kleinen Inſel lag. Sie ſchien es auf ein Fenſter * 266 abgeſehen zu haben, an dem auch eben eine andere, ältere weibliche Geſtalt ſichtbar wurde. Der Seemannsruf Hoiho! Hoiho! ſchien aber dort nicht die beabſichtigte Wirkung hervorzubringen. Armgart von Hülleshoven— ſie nur iſt es— be— fahl mit einem kurzen vertraulichen Winke dem Schiffer⸗ knaben, weiter ins Waſſer hinauszuſtechen und lehnte ſich ſelbſt über Bord, um die Kette vom Pflocke, der ſie feſthielt, abzunehmen. Als zu dem Ende der Knabe ſein zweites Ruder ergriffen hatte, nahm ſie ihren Hut ab und ſetzte ſich ans Steuer ſtatt ſeiner. Der Knabe wußte ſchon, ſie wollte, um von der Dame am Fenſter geſehen zu werden, mehr die Höhe der kleinen Hafenbucht gewinnen.— Nun mußte doch gewiß das Winken mit dem großen Hute ſichtbar werden an dem Fenſter des Kloſtergebäudes! Aber jetzt war die daſelbſt erſichtlich geweſene Dame vollends verſchwunden. Armgart harrte erſt, ob die Gerufene inzwiſchen viel⸗ leicht herabkäme... Da ſie aber ausblieb, forderte Arm⸗ gart den Knaben auf, einige hörbare und kräftige Zeichen von ſich zu geben. Haſt ja dem geiſtlichen Herrn neulich um deine Stimme ſo gefallen, ſagte ſie, und ſprichſt als Miniſtrant dein „Snecla Saeclum“ ſo prächtig laut, daß ſie dich hören muß, Tönneschen! Ruf' einmal recht Juhu! Und Antonius, genannt Tönneschen, rief denn auch, immer auf ihr Auge ſehend, ein Juhu um das andere lautſchallend in die Weite hinaus. Freilich mußte er dazu von Armgart erſt wieder aufs neue ermuthigt I dem Schiff n und leh flocke, der der Knat m ſie ihr ſeiner. D er Dame der klein dem große ſtergebäude weſene Dal awwüͤchen v forderte A r. Nid äftige Stiunl deine O kiniſtrant 267 verden, denn es ging gar ſtill her um die Inſel lindenwerth und wirklich war er von jenem geiſtlichen derrn um ſeines ſchönen Ausſehens und ſeiner ſanften Augenwimpern willen in allem Ernſt zur Verfolgung der kirchlichen Laufbahn ermuntert worden, als er ihn beim Ueberfahren zu den Engliſchen Fräulein in einem Büchlein ſchon vor Wochen auf den Thuriferar ſtudiren ſah, den er am morgenden Sonntag drüben in der Kirche ſu Druſenheim— noch nicht in der byzantiniſchen des Herrn Bernhard Fuld, ſondern in der alten— beim bochamt übernehmen ſollte. Ei, Tönneschen! Lauter! Lauter! Was ſchadt's! rief Aumgart. Nun ließ Tönneschen ganz den Schifferknaben los und wagte einen Naturlaut von einer ſolchen Kraft, daß man des Echo vom jenſeitigen Ufer drüben im Enneper Thale, wie hüben vom vielbeſungenen Hüneneck zurückſchallen Görte. Dann ſah er Armgart an, als wollt' er ſagen: Nun, war's ſo recht? Aber dir überlaſſ' ich die Verant⸗ wortung! Die Dame erſchien wieder am Fenſter... Sie machte jedoch die entſchiedenſten Zeichen der Ab⸗ eenung der ihr offenbar zum Mitfahren geſtellten Auf⸗ ſorderung. Mit zärtlich winkender Geberde wiederholte Armgart hr Anliegen. Sie zeigte ringsum in die Gegend, deu— ſeie mit dem Hut auf die wundervolle Luft und beſchrieb nt dem einen Arm, den ſie frei hatte, einen Kreis, als vollte ſie ſagen: Gibt es denn etwas Schöneres in der * 268 Welt, als ſo auf dem ſchönſten Strom der Erde an einem Sonnabend Nachmittag im Kahne durch die Wellen zu kreuzen! Gibt es denn etwas Vernünftigeres, da du doch immer die Vernunft im Munde haſt, als eine Erlaubniß zu benutzen, die die geſtrengen Engliſchen Fräulein mir Unverbeſſerlichen zugeſtanden haben! Iſt denn der An⸗ tonius Hilgers trotz ſeiner unverkennbaren Beſtimmung zum Prieſter nicht der beſte und kundigſte Ruderer der Inſel? Meiden wir denn nicht ſorglichſt die Dampfſchiffe, obgleich, im Vertrauen geſagt, nichts über das Schau— keln geht, wenn ſie vorüber ſind und der Nachen in ihre zurückgelaſſenen Furchen geräth? Hüten wir uns denn nicht vor Thiebold de Jonge's großen Holzflößen, mit denen nicht zu ſpaßen iſt? Und iſt denn nicht jetzt die Stunde, wo wir möglicherweiſe drüben— Alles das ſagte ihre Geberdenſprache und ihr Blich, aber die grauſame Dame zeigte auf eine Näharbeit, die ſie hoch emporhielt... Ach was! war Armgart's Geberdenantwort. Sonn abend Nachmittag! Die ſeligſte Zeit im Leben lernens⸗ geplagter Jugend! Sonnabend Nachmittag mit ſeinem Stillſtand aller theoretiſchen und praktiſchen Lehrcurſe⸗ mit ſeinem Wonnegefühl vollbrachter geographiſcher und linguiſtiſcher Anſtrengungen, mit ſeinem erhebenden Rück⸗ blick auf wenig Lob und viel Tadel, mit ſeiner zurecht gelegten Sonntagswäſche, ſeinem erquickendſten Reini— gungsbehagen, auch dem geiſtigen, dem abgelegten Sün⸗ denbekenntniß in der Beichte; Sonnabend, Sonnabend mit ſeinen Ahnungen und Hoffnungen auf Sonntag, auf die Extramehlſpeiſe, Nachmittags auf die Landpartieen der Erde an ein di Wellen , da du dee eine Erlaubni Fräulein m denn der A en Beſtimm te Rudererd eDampfſchf er das Scha Nachen in i wir uns de zolzflößen, nicht jetzt raner zul ſeiner d t ſeine a fendſten h bögelegien Zonnoben onntag dl andpan tieen 269 Philiſter, denen dieſe ſchöne Natur Feiertagskuchen iſt, uns das tägliche Brot!... Alles das wurde durch Deuten auf Himmel, Waſſer, Erde, Luft, Ohr, Auge, Herz und ähnliche erfinderiſche Mimoplaſtik ausgedrückt. Und zuletzt ſtand ſie ſogar ganz ſtill, bat nur mit den Augen und ließ die an ihr jetzt ſogar ſeit dem Abend bei Piter Kattendyk ſtadtbekannten zwei weißen Zahnper⸗ len unter den vor Ungeduld und Schmerz halbgeöffneten Lippen ſichtbar werden. Die Dame oben— es war Angelika Müller— ſollte daraus entnehmen: Meine drei Aves, die ich für meine heute gebeichtete bekannte Ungeduld und Verzweiflung um das lange Schweigen des Dechanten und meiner angebeteten Paula und mein Herzpochen um die Antworten auf die Briefe nach Kocher am Fall und nach Wien zur Buße zu beten vom Paſtor Engeltraut drüben aufbekam, hab' ich bereits hinter den ausgenaſchten Brombeerhecken und beim Aufleſen der auf den Boden gefallenen erſten reifen Mirabellen in aller Stille hinter mir... alſo ſo komm' doch, ſo komm' doch, ſo komm' doch! Da nun aber bei alledem die Grauſame hartnäckig und lächelnd ablehnend verblieb, da es auf der Inſel ſogar ſchon lebendig wurde über den Lärm des ſonſt ſo ſtill ſittſamen Tönneschen, da die Mitbewohnerinnen der Penſion ſich aus den Fenſtern, ja ſogar ſchon im Ge⸗ müſegarten meldeten und zwei davon, die kein Deutſch konnten, in franzöſiſcher Sprache ſich vom Ufer aus über Nautik und den Atlantiſchen Ocean mit Armgart zu unter⸗ halten anfingen, was leicht damit enden konnte, daß ihrer mehrere mitfahren wollten, und als vollends von dem Ufer am Hüneneck her ſchon ein Kahn voll natur⸗ und romantiktrunkener Engländer und Engländerinnen angefahren kam, ſo wandte Armgart ihr letztes und ſtärk⸗ ſtes Beſchwörungsmittel an. Tönneschen riß die Augen auf über die Geber⸗ den, die plötzlich das Fräulein von Hülleshoven machte. Sie ließ das Steuer fahren, hob noch einmal das zweite ſchwere Ruder in die Luft und beſchrieb mit ihn allerlei wunderliche Zeichen. Erſt einen großen Kreis, dem ſie gleichſam zuletzt in der Mitte einen Punkt gab. Dann ein Dreieck, in das ſie wieder ein Dreieck hinein zeichnete. Dann ein Viereck, durch deſſen vier Winfel ſie einen Kreis beſchrieb... So, eine mathematiſche Figm nach der andern, und wie die Hand müde wurde, legte ſie das Ruder nieder und drehte mit dem Finger Spiral⸗ linien und Wellenlinien und machte Schnörkel über Schnörkel in die Luft. Da ſchüttelte denn endlich Angelika Müller am Fen ſter lächelnd den Kopf. Sie ſchüttelte ihn wie über ein We⸗ ſen, mit dem man die unſäglichſte Geduld haben müßte... Wir wiſſen aber ſchon, daß dies jene Zeichen ſind, auf welche Dr. Laurenz Püttmeyer, Angelika's Freund und funfzehnjähriger Verlobter(Hegel lebte nicht mehr, aber ſein vom Staate reſpectirtes Teſtament duldete keinen neuen Lehrſtuhl neben dem von ihm ſelbſt beſtimm⸗ ten Nachfolger) ſeine rechtgläubige Philoſophie begründet hatte. Jetzt kam denn Angelika... Raſch war Armgart bei der Hand, ſetzte ihr Ruder wieder ein und wies auf den Punkt, wo Angelika immer ahn voll nat ngländerin s und ſt ber die Get hoven mach zch einmal d eſchrieb mit ie großen Kre nen Punkt g Dreieck hine ſen vier Win ematiſche Fi de wurde,! Finger Spit Schnörkel üt Küller am je über ein- haben müftt eichen ſind, 6 Freund 1 icht meht, duldete k felbſt beſin pphie begrlt vorzog, zu einer Stromfahrt einzuſteigen... Und es war die höchſte Zeit. Junge Mitpenſionärinnen machten ſchon Miene, mitfahren zu wollen„nach Amerika“, wie es hieß,„nach Canada“... Alle hatten ſeit einiger Zeit nur Amerika und Canada im Munde; Thiebold de Jonge hatte zwar keine Verwandte im Stifte und durfte es des⸗ halb nicht betreten, trug aber doch die Verehrung für die Tochter ſeines Lebensretters nicht wenig zur Schau. Stundenlang in einem gelben Nankinghabit, das ihm mit rothſeidenem Sacktuch auf der Bruſt und gelbem Strohhut allerliebſt ſtand, in der Gegend der Inſel allein herumzu⸗ ſteuern war ſeiner Schwärmerei„eine Kleinigkeit“ Ja, alle wußten ſchon, daß morgen im Enneper Thale Thiebold de Jonge und ſeine Freunde, Piter Kattendyk ausgenommen, zu den Hunderten von Gäſten gehören würden, die ſich Sonntags hier regelmäßig drängten, ja ſie wußten ſchon durch Briefe aus der Stadt von Gebhard Schmitz, daß es ganz ausdrücklich auf eine Begegnung mit den Stift⸗ lerinnen abgeſehen war. Angelika Müller kam, einen mächtig großen runden Hut auf dem Kopf, mit einem Shawl in Reſerve für etwaige Zugluft, mit einem Regenſchirm in Reſerve für etwaiges Gewitter, mit einem Sonnenſchirm in Reſerve für etwaige zu ſtechende Sonnenhitze, mit einem Pro⸗ viantbeutel in Reſerve für etwaigen Schiffbruch und ein⸗ tretende Hungersnoth. Trotz der nicht erfüllten äußerlichen Erwartungen, die einſt Frau von Gülpen auf die Dame ſetzte, die ihr dieſe „Nichte“ anempfahl, hatte ſie ein überſtrömendes Herz voll Güte und Antheil. Sie lehrte in der Anſtalt Rechnen und Mathematik, ohne jedoch irgendwie geiſtig ſo abſtract zu ſein, wie ſie es allerdings zum damaligen Schrecken des Dechanten äußerlich war. Als die allverehrte Docentin der Mathematik, nicht ohne ein leiſes Kichern der Aengſtlichkeit, über einige große Steine, unterſtützt von dem hülfreichen Beiſtande der mürriſch zurückbleibenden Penſionärinnen, eingeſtiegen war, rief Armgart ein im Grunde des Herzens tief vor wurfsvolles: Gott ſei Dank! und war über die Sprödig keit ihrer beſondern Freundin und Gönnerin faſt den Weinen nahe. 2 Du weißt doch, ſagte ſie und ſetzte ſich wieder and Steuerbord, während am Backbord Tönneschen jetzt beide Ruder zugleich mit kräftig ausholenden Armen in Be— wegung ſetzte, du weißt doch, wie mein Herz bekümmert iſt und wie ich ohne Beiſtand geradezu vergehen muß! Angelika breitete im Kahn ihre Sachen aus und prüfte vor allem erſt des Fahrzeuges Gleichgewicht. Da ſie die unruhigen Bewegungen Armgart's, ihr Aufſtehen und Aehnliches vorausſah, legte ſie alles, was ſie bei ſich führte, ſich gegenüber, um, ſo leicht ſie war, doch Gegen gewicht zu haben. Dann ſpähte ſie rundum. Gefahr von größern Schiffen war nicht vorhanden. Die große Strömung des Fluſſes geht auf der entgegengeſetzten Seite der Inſel nach dem Enneper Thale zu. Tönneschen wußte ſchon, er hatte nach dem Hüneneck zu fahren. Prächtig ging es mit dem Strome; nur laviren mußte man, um nicht zu weit unten zu landen, ſondern mehr nach oben, womöglich an des Herrn Joſeph Zapfs ſtatt⸗ lichem Wirthshauſe Zum Roland. „über ein eichen Beiſtar ten, eingeſtee 19 Herzens tief de er die Spröd erin faſt de ſich wieder a 273 Das Kummervollſte bleibt immer unſere baldige Tren⸗ nung! ſagte Angelika. Tante Benigna und Onkel Le⸗ vinus machen jetzt Ernſt mit Heiligenkreuz! Armgart's Ausdruck nahm den eines Schmerzes an, der den Blick, den Mund, die Bewegung der Arme, alles ergriff und ſie einer jener leidenden, ſtillergebenen Heiligen ähnlich ſehen ließ, die Murillo und Carlo Dolce gemalt haben. Angelika! Was ſoll ich in Heiligenkreuz! ſagte ſie. Erſt nur die Stelle einnehmen; das Uebrige findet ſich! Hunderte beneiden dich um das Glück, eine Stifts⸗ vame zu werden! Ein Jahr zur Probe, wie eine Nonne! Wie werden die alten Fräulein mich zurecht ſetzen in dem düſtern Hauſe! Jetzt, wo ich Flügel haben möchte, um ans Ende der Welt zu fliegen! Angelika vermied es auf dieſe Wünſche und Klagen zuſtimmend einzugehen... Liebes Kind, ſagte ſie, eine Stiftsdame zu Heiligen⸗ lreuz ſchon in ſeinem ſechzehnten Jahre zu werden, iſt tine Auszeichnung, die man nur Familien vom älteſten Adel und von beſonderer Diſtinction zuwendet. Nach ünem Jahre kannſt du dann mit deiner Penſion wohnen, vo du willſt, vorausgeſetzt, daß du alle zwei Jahre änige Monate unter den Damen zubringſt, die es vorgezogen haben ſich im Stift für immer anzuſiedeln. Und iſt denn Weſterhof ſo entfernt von Heiligenkreuz? Ein ſchöner Waldſpaziergang und du hörſt ſchon die droßen Hunde von dem Kamp her bellen, aus dem Schloß Weſterhof wie eine alte Gluckhenne herausſieht! Gutzkow, Zauberer von Rom. IIlI. 18 274 Angelika lachte, ſcheinbar über ihren eigenen Einfall; aber ſie lachte eigentlich nur vor Behagen, weil Armgart ſich ſo ruhig verhielt... auch ſah die kleine Träumerin in ihrem Leid gar komiſch aus. Das iſt noch mein Troſt! ſagte Armgart, ſetzte aber ſeufzend hinzu: Wer weiß, was aus Paula wird! Das kann noch lange währen, liebes Kind! Rechnet man z. B.... Nur nicht rechnen! rief Armgart. Nicht rechnen? Als Stiftsdame wirſt du den ganzen Tag rechnen! fuhr Angelika fort. Die Einkünfte beſtehen in Naturalien und die vornehmen Fräulein müſſen ihre Butter, ihre Eier, ihre Hühner, ihr Korn und ihr Stroh ſelbſt verkaufen! Alſo ewig— dividiren! ſagte Armgart träumeriſch ſeufzend. 16 Jahre in 1111— ſo viel Jahre mögen im Stift beiſammen ſein— wie viel kommt da auf mich? Du meinſt, die Einkünfte werden insgeſammt verkauft und jedem wird dann je nach ſeinem Alter ſein Antheil ge⸗ geben? Bewahre, Kind! Früher war das ſo! Aber einige alte Fräulein kamen, die ſehr geizig waren, andere trau⸗ ten ſich viel Kenntniſſe von Handel und Wandel zu, jede hoffte für ſich allein beſſere Preiſe zu gewinnen, als der Verwalter, und nun verkauft jede ihre Einkünfte apart auf ihrem Zimmer für ſich und hält alle vier Wochen bei ſich Markt... Nun gut ergab ſich Armgart. Wenn ich alſo auch Fiſche bekommen ſollte aus unſerm berühmten Lago Maggiore, dem Ententeich, ſo ſoll ſie immer durch die neue Eiſenbahn hier unſer Tönneschen da kriegen und auf die Tables d'hote am bis digu den Einfal, Armgart räumerin ſeezte aber ird! Rechnet en ganzen e beſtehen lüſſen ihre ihr Stroh raumeriſch mögen im uf m ch? verkauft Antheil ge Aber einig dere tral de zu, jü en, als d ünfte ape Woche ler Hauch Fit Maggie „ lnbh Eñſenbe ables dh 275 am Hüneneck verkaufen! Nicht wahr, lieb Tönneschen? Bis du nach Belgien gehſt? 4 Tönneschen lachte über die ſchmachtend elegiſche Hul⸗ digung und lachte nicht ohne Pfiffigkeit. Er gehörte zu den Knaben, die der Kaplan Michahelles vorhatte aus⸗ wärts von den Jeſuiten erziehen zu laſſen... Dem kleinen Kahne begegneten andere mit Fremden, die dieſen ſchönen Punkt nach allen Richtungen hin ge⸗ nießen wollten. Zur Belohnung für das von Armgart dabei heute ſo ruhig eingehaltene Gleichgewicht zog Angelika aus ihrer Provianttaſche einen Brief... Da rief Armgart: Wie? und ſprang nun auf... Jeſus Marie entſetzte ſich Angelika. Das hatte ſie nicht bedacht. Der Anblick eines Briefes ließ Armgart ſofort alle Schrecken eines umſtürzenden Kahnes heraufbeſchwören. Vom Dechanten! rief Armgart und wollte den Brief haben. Dieſe Worte hörte Angelika kaum vor verzweifelnder praktiſcher Anwendung der von ihr ſo oft vorgetragenen Theorie des Gleichgewichts. Als die Bewegungen Armgart's und des Kahnes ſich beruhigt hatten, ſagte Angelika: Nein, wie du biſt, Armgart! Es iſt ein Brief aus Eſchede! Der Herr Doctor iſt mit deinem Vorſchlage, die Seelen der Abgeſchiedenen mit einem kurzen Symbol zu bezeichnen, überraſchend einverſtanden... Armgart ſetzte ſich mit einem tief geſeufzten: So? Das! und voll bitterer Täuſchung. Angelika jedoch, der offenbaren Geringſchätzung des „Herrn Doctors“ nicht achtend, rückte ihr zärtlich und mit 18*½ 276 einer ſeit funfzehn Jahren auf die Sparkaſſe der Hoff⸗ nung gelegten Herzensinnigkeit näher und las: „Ja, meine theure Freundin, daß...(die Lieben⸗ den nannten ſich ſeit funfzehn Jahren noch„Sie“) Sie auch in den Ihrer geiſtigen Pflege anvertrauten Gemü⸗ thern Bekenner für meine Wiſſenſchaft gewinnen, ver⸗ pflichtet mich zum wärmſten Danke! Wie ſehr Ihre Em⸗ pfehlung meiner ſchwachen, von Gott ſicher noch mit größern Erfolgen als bisher bedachten Bemühungen um das ewig Eine, ewig Viele und ewig Beſondere in Ihrer Nähe Wurzel faßt, erſeh' ich allerdings aus dem Ge— danken der holden Armgart, den abgeſchiedenen Seelen, wenn ſie zunächſt dem Fegefeuer zufliegen, tiefbedeu⸗ tungsvolle Abkürzungszeichen zu geben. Ja gewiß, es gibt Semikolon⸗Seelen, die ihr Daſein auf Erden faſt zweifelhaft und unbeendet gelaſſen haben und dem Him mel nur ganz unfertig, vollkommen noch weltlich und faſt leichtſinnig zufliegen: es gibt Fragezeichen⸗Seelen, die ganz nur im Jenſeits von der Gnade Gottes abhängig ſein werden und etwas noch ordentlich ſich Aufbäumendes, Eulen⸗, ja Fledermaus und Drachenartiges im Aufflug haben: Und daß dann Fräulein von Hülleshoven ihre Freundin Com ihre liege das zufli der Hoff ie Lieben⸗ ie“) Sie en Gemü nen, ver Ihre Em⸗ noch mit ungen um ein Ihrer dem Ge en Seelen, tiefbedeu⸗ gewiß, 14 Erden faſ dem Him ch und faſt m Jenſei und etwe „ dermaui lederme re Freuni 277 Comteſſe Paula in der Betrübniß, die junge Gräfin könnte ihrem wieder recht nervenkrank gewordenen Zuſtande er⸗ liegen, gar ſchon innerhalb des großen Gottesherzens, das die Welt bedeutet, dem Fegefeuer in dieſer Geſtalt zufliegen ſieht: das hat wirklich in allen Bewohnern von Eſchede, denen ich dieſes Symbol mittheilte, in der Frau Steuerinſpecto⸗ rin Emminghaus, in der Frau Geometer Schmedding, in der Frau Hofräthin Tübbecke und allen meinen treuen Anhängern und Anhängerinnen den Wunſch erweckt, auch einſt nur in dieſer Geſtalt das Zeitliche zu ſegnen. Auf— wärts die Flamme der Läuterung, das große Herz die das Univerſum zuſammenhaltende göttliche Liebe und die Seele drinnen in Geſtalt des geflügelten Kreuzes feierlich ſenkrecht emporſteigend“... Was ſchreibt er von Paula? unterbrach Armgart, durch das Wort„recht nervenkrank“ geängſtigt... Angelika hörte aber nicht, wollte nur fortfahren und las mit der Phantaſie tief verſunken in die kleine eſcheder Ge⸗ meinde ihres Freundes, die ſie ihm ohne alle Eiferſucht als Erſatz für einen Lehrſtuhl in Berlin oder München gönnte: „Frau Emminghaus“— Nein, nein! unterbrach Armgart. Schreibe deinem Freunde, daß die alle nicht ſo ins Fegefeuer auffliegen werden, wie Paula! Frau Emminghaus muß als ge⸗ flügelte Kaffeekanne hinauf, Frau Tübbecke als geflügel⸗ ter Strickſtrumpf und dein Doctor, der auch als ſchwarzes großes geflügeltes Dintenfaß— Armgart! verwies Angelika aufs heftigſte und wäre nun faſt ſelber aufgeſtanden. Da jedoch ſuchte Arm— gart ſofort ihre Unart durch eine Umarmung wieder gut zu machen und nun hätte ſelbſt die ruhige Nachhülfe Tönneschen's nichts gefruchtet, ein Unglück zu verhüten, wenn nicht glücklicherweiſe der Kahn ſchon dicht an das Uferſchilf angekommen geweſen wäre... Der ausge⸗ ſtoßene Schrei der Lehrerin erſtickte in einem Vergib mir, das Armgart ſchmeichelnd mit einem ihrer ſüßeſten Töne ſprach. Von der gewaltigen Flut fortgetrieben, landete der Kahn weit unterhalb des Roland und mitten im Schilfe... Dem Tönneschen war dieſer Landungsplatz gerade recht, denn er wollte im Kahne verbleiben, um noch zu morgen ſein Latein zu lernen, das keineswegs blos aus Spiritu tuo und Saecula saeculorum beſtand... Pfarrer Engeltraut ließ alle Knaben ſeiner Gemeinde, die ſich durch Bravheit auszeichneten und ſolche Aeltern hatten, die ein glattgekämm⸗ tes Haar, ein ſonntäglich Gewaſchenſein von Kopf bis zu Fuß, Schuhe und ein weißes, ſauberes„Röchel“ über den rothen Talar, den die Kirche gab, verbürgten, nacheinander dem heiligen Meßdienſt adminiſtriren. Tön⸗ neschen war zum erſten male zum Schwingen des Weih⸗ rauchfaſſes beſtimmt und beide Mädchen lobten ihn und verſprachen ihm, an dieſer Stelle ſich wieder einzufinden und beſtiegen das Ufer. Armgart wollte Angelika helfen... Dieſe lehnte es jedoch ab... ſchwarzes und wäre ichte Arm⸗ wieder gut Nachhülfe zverhüten, ht an das der ausge⸗ m Vergib er füßeſten aandete der Schilfe. erade recht, zu morgen Spiritu tuo Engelttaut Brarhi⸗ latt gekänm 1 Kopf „Rücht verbürgte iren. Lu des Wa 18 10 en ihn u einzufint 9' dieſe d 279 In ihrem, wenn auch in allen Literaturzeitungen ver⸗ ſpotteten, doch von ihr und ſeiner Stadt und ſeiner Pro⸗ vinz hochverehrten Freunde war ſie denn doch aufs tiefſte gekränkt worden. Ernſtlich ſchmollend erwehrte ſie ſich eine Weile jeder Annähernng an ihr ſchwer verletztes Herz... Armgart's Anmuth aber trug den Sieg davon. Während Angelika erſt die Lehre von den Curven zu befragen ſchien, bis ſie den Anſatz machte, dieſen oder jenen Weg einzuſchlagen, ſprang jene ſchon voraus und machte den von Angelika endlich gewählten Weg zweimal und da gab es denn bald wieder Heiterkeit, Lachen, Kuß und Umarmung. Das gewohnte Ziel ihrer ſtillbeſchaulichen Wande⸗ rungen lag auf der Anhöhe. Angelika wäre heute lieber in die ſchönen, eleganten Wirthſchaften und Gaſthöfe ge⸗ gangen, die am Fuße des Hüneneck liegen oder in den dem Waſſer näheren, wenn auch weniger comfortablen Roland. Doch dahin brachte Armgart nichts. Sie wies zu Hecken und Obſtgärten hinauf und umſchmeichelte die Freundin ſo lange, bis dieſe zuletzt zu den bekannten drei Birnbäumen folgte. Das waren drei einſame Birnbäume auf einem terraſſenartigen Vorſprung der hohen Berg⸗ lehne am Fuße des Hüneneck mit einer kleinen Bank und einer ganz himmliſchen Ausſicht. Hier oben pflegte ſich Armgart, wenn ſie etwas athemlos von der ſteilen Anhöhe angekommen war, gleich in das rings wachſende Gras zu werfen und ſich manchmal noch ganz wie ein fünfjähriges Kind zu kugeln, manchmal 280 aber auch von hundert Sorgen, von denen ſie bedrückt zu ſein vorgab, ſich auszuklagen und auszuweinen... So heute... Und heute nicht einmal vor Sorgen allein, ſondern nur vor Ungeduld und Unruhe. Sie wußte, daß Benno in der Gegend war... Er hatte ihr durch Tönneschen's Vater, der ihn geſtern oberhalb der Inſel übergeſetzt hatte, ſagen laſſen, er hätte zwar bald in dieſem, bald in jenem Dorfe ringsum zu thun, aber auch am Hüneneck, und vielleicht könnte er ſie am Sonnabend Nach⸗ mittag irgendwo flüchtig begrüßen, am liebſten da, wo nicht die ganze Penſion dabei wäre und jedenfalls nicht auf der Inſel. Nun denke man ſich die Unruhe, als die Beichte und das Mittageſſen vorüber waren! Und ſagen wollte ſie es Angelika auch nicht, was ſie von Tön⸗ neschen's Vater wußte, den ſie mit ganzen fünf Silber⸗ groſchen für ſeine Mittheilung belohnt hatte. Kind! ſprach Angelika, die noch immer nicht ganz die Kränkung ihres funfzehnjährigen Geliebten vergeſſen konnte, mit ernſtem Verweiſe. Ich bewundere die Nachſicht, die Pfarrer Engeltraut mit dir hat! Er kennt mich immer noch beſſer als du! antwortete Armgart mit klagender Stimme... Weil er ſo nachſichtig iſt, dir alles zu glauben! Freilich, wonſoll auch der gute Mann all' die Geduld herbekommen, von ſo vielen jungen, zur Hälfte erſt ge— firmelten Mädchen ſich ihre Unarten erzählen zu laſſen! Sprach der Pfarrer heute von deinen abgeſchickten beiden Briefen? Wovon nur ſonſt! Was ſagte er? ſie bedrückt peinen... vor Sorgen Sie wußte, e ihr durch der Inſel d in dieſem, er auch am abend Nach⸗ en da, wo enfalls nicht ihe, als die Und ſagen von Tön ſunf Siber cit ganz die eſſen konnte, uatſiht, N antworkel au glauben die Gede a, erſt ſ älfte 3 8 en zu laſ bicken beid 281 Ich würde die Mutter doch nicht ſehen können, ohne ihr nicht gleich ans Herz zu fliegen! Das denk' ich auch! Und du gelobteſt es? Nein! Armgart! Ich werde die Mutter umarmen, wenn ich dabei die Hand des Vaters halte! Bisjetzt war Onkel Levinus mein Vater; Tante Benigna meine Mutter! Ich will Aeltern haben, aber Aeltern, die ſich lieben! Lieben ſie ſich nicht, ſo will ich ſie nicht haſſen, aber— Der Hufſchlag eines Reiters aus der Gegend von der Univerſitätsſtadt her unterbrach ſie... Nun merkte Angelika etwas an dem Aufblicken und dem Abbrechen und Vergeſſen der Rede und wurde ängſt⸗ lich. Sie ſchlug vor, am Gelände des Berges weiter zu wandern und dann in den Garten der„Vier Jahres⸗ zeiten“ niederzuſteigen. Dort hätte ſie, wenn wie ſie ahnte, Benno oder Thiebold kommen ſollte, den lebhaf⸗ ten Verkehr vorſchützen können. Sie ſagte: In den Vier Jahreszeiten iſt immer ſo auserleſene Geſellſchaft! Und ihr jungen Mädchen könnt euch nicht früh genug abſchleifen! Komm, Armgart! Damit ging ſie ſchon. Armgart lachte hinter ihr her. „Abſchleifen!“ rief ſie... Es war ein Lieblingsausdruck Angelika's... eines von den klugen Lebensworten, zu denen auch das„Sich⸗ herausreißen“ der Madame Serlo⸗Leonhardi einſt ge⸗ hört hatte. Schon manche der Penſionärinnen hatte die boshafte Bemerkung gemacht: Fräulein Angelika Müller 282 „ iſt allerdings vom Leben ſchon ſo abgeſchliffen, daß nichts „ mehr an ihr übrig geblieben iſt!— eine böſe Anſpielung auf die allerdings nicht unbedeutende Abſtraction ihrer äußern Erſcheinung. Als Angelika nach Armgart's Ausdruck„conſequent wie eine gerade Linie“ weiter ging, um durch die Baum⸗ wege von hinten her in den Garten der Vier Jahres⸗ zeiten zu kommen, folgte Armgart ihr erſt leiſe auf den Zehen nach und wollte ſie raſch mit der Schleife ihres Strohhutes an einen Baum binden. Hier iſt unſere Jahreszeit! ſagte ſie. Siehſt du! Trauriger, düſterer Herbſt! Wie die Blätter fallen! Und die Birnen ſind noch nicht einmal reif— Dabei hatte ſie eine gepflückt und verſuchte ſie trotz alles Weinens und aller Ungeduld des Herzens... Die Erzieherin zankte jetzt wieder in allem Ernſt, band ſich frei, behauptete ihre Autorität und ging. Sie äng⸗ ſtigte ſich wahrhaft, Benno von Aſſelyn oder der dreiſte Thiebold de Jonge könnten hier ſo plötzlich hinter einem Buſch hervortreten... Armgart folgte und ſagte: Ich habe keine Kraft! Wie eine Binſe könnt ihr mich biegen! Als aber Angelika immer mehr eilte, erhob ſie die Stimme zu feierlichem Ernſt und rief laut hinter ihr her: Das aber ſag' ich euch, wenn ich Furcht bekomme vor mir ſelbſt und gegen euch alle nicht mehr aufkommen kann, dann flieg' ich davon und ſollt' es in die Flamme des großen Gottesherzens ſelber ſein! und zaß nichts nſpielung ion ihrer conſeguent die Baum⸗ r Jahres⸗ e auf den liſe ihres Ziehſt dul te alln, t ſie ttob ns... ärnſt, band Sie äng⸗ der dreiſte nnter enen könnt iſ hob ſie dle ter ihr her ht bclonn aufkomme die Flann⸗ 283 All' ihr Heiligen! wandte ſich Angelika jetzt und ſagte mit ängſtlich ſchmeichelnder Geberde: Aber Kind, ſo beruhige dich doch! Der Dechant iſt ja nur ſo läſſig! Er wird ja ſchreiben! Auch hört man ja aus der Stadt, daß die da kürzlich ermordete Frau eine Schweſter der Frau von Gülpen geweſen iſt! Das alles wird die Antwort gehindert haben! Und dein Vater wird wol ſelber kommen! Nein! rief Armgart, wild mit dem Fuß auftretend, und entfloh dann und ſchoß den Weg hinunter. Künſtlich angelegte und wohlunterhaltene Wege führ⸗ ten niederwärts und zuletzt in den erwähnten Garten, in welchem Durchreiſende unter einer langen Veranda die hochberühmte Ausſicht genoſſen. Armgart war bereits lange unten, als Angelika ihr nachkam... Die Menſchen hier! jammerte Armgart ihr entgegen und ſah dabei doch über alle Tiſche hinweg, über Eng⸗ länder, Maler, Studenten, berliner Hofräthe und Hof⸗ räthinnen und wer alles in Naturandacht hier beiſam⸗ menſaß... Sie ſuchte Benno, der nicht zu ſehen war... Angelika beſtellte zwei Gläſer Milch. Wenn das da deine Mutter wäre! flüſterte die Er⸗ zieherin neckend und zeigte auf eine junge Dame, die mit der Lorgnette die Gegend und die beiden Ankömmlinge muſterte... Sie wollte nur Armgart durch den Scherz beruhigen... Armgart blickte raſch hinüber, dann wandte ſie ſch ab... ₰ C 3,2 —õ—— —— 284 Du zweifelſt wol, ſchmeichelte Angelika, weil die Dame ſo jung iſt? Ei, deine Mutter iſt eine ganz junge Frau, die nur zu lebendig, zu rührſam noch ſein ſoll! Dein Vater mag ein vortrefflicher Jäger und Schwim⸗ mer und was ſenſt noch alles ſein, aber mürriſch und kalt iſt er! Das haſt du doch ſchon an dem einſilbigen Hedemann geſehen! Armgart ſagte, Hedemann gefiele ihr ganz wohl... Eines nur hat deine Mutter, fuhr Angelika flüſternd fort, was ſonſt nur dem Alter gehört... ganz ſilber⸗ graue Haare ſoll ſie haben... Armgart wandte den Kopf... Sie iſt nicht vierunddreißig Jahre, hab' ich gehört, und doch hat ſie ganz ſilbergraue Haare! Sie trägt ſie vorn in langen Locken und ſoll bei ihrer Jugendlichkeit und Schönheit damit ſo auffallen, daß alles ſtill ſteht und ihr nachſieht! Armgart gerieth in die größte Aufregung. Sie fand den Urſprung dieſer Locken nur im Kummer... die Augen umflorten ſich ihr, wie wenn ihnen, Thränen zu⸗ ſtrömen wollten... Nun aber ertönte in nächſter Nähe ein Poſthorn. Armgart lehnte ſich raſch über die Brüſtung des Gartens. Von der Univerſität her kam eben die Poſt angefahren... Hüben ſchon ſeit fünf Tagen konnte Armgart das Poſthorn nicht hören, ohne ſich aus Kocher, und drüben ſeit geſtern nicht, ohne ſich ſchon aus Wien eine Antwort zu denken... Der gelbe große„Rumpelkaſten“(Penſionsausdruck) die Dame anz junge ſein ſoll d Schwim arriſch und einſilbigen az wohl. ka flüſternd anz ſilber ich gehört üe trägt ſi ugendlihlit il ſteht un Sie fand 5 d nel. Thränen zl oſthorn⸗ riſtung en die d td lemgall und din Antt eine An ſsde onéalt 285⁵5 hielt am Roland und herausſprang— ſeligſte Freude belohnter Erwartung!— in der That Benno... Die Poſt ſelbſt fuhr weiter... Aber Benno war ſogleich in den Roland getreten und nun hielt die Poſt vor den Vier Jahreszeiten. Hier ſprang ein zweiter Paſſagier heraus... Alles das ſah Angelika, aber nicht Armgart mehr. Armgart zog die Freundin mit ſich fort— ohne daß die Milch bezahlt war! Benno könnte ja ſo leicht zu den drei Birnbäumen hinaufgehen wollen—„unnützerweiſe“, ſagte ſie— ſie müßten alſo zu ihm. Der Weg ging durch das Haus; nun—„ſchliff ſie ſich ab“ in ihrer Art, an jedem, der ihr in den Weg kam, an Kellnern, die Kaffeegeſchirr trugen, am Wirth, der dem neuangekom⸗ menen Fremden die beſten Zimmer ſeines Hotels zeigen wollte, an dieſem Fremden ſelbſt, der ſie mit neugieriger Theilnahme muſterte. Sie flog voraus zum Roland und nicht etwa in dem Ueberwallen eines durch das Wie⸗ derſehen beglückten liebenden Herzens, ſondern weil der „gute Menſch und Vetter ſie ja möglicherweiſe irgendwo ſuchen könnte, wo ſie gar nicht war“... Alles das ſah Angelika mit Entſetzen, zahlte, ließ ganz gegen ihre Gewohnheit einige herauszubekommende Pfen⸗ nige im Stich und kam nur eilends nach und gerade noch zur rechten Zeit, um die ſchon über die erſten freudigen Be— grüßungen Hinausgekommenen zu trennen mit den Worten: Halt Armgart! Was ſoll das? Der Brief iſt an mich! Die Adreſſe eines von Armgart ſchon halb erbroche⸗ nen Briefes war allerdings an„Demoiſelle Angelika Müller”“... 286 Aber vom Onkel Dechanten iſt doch der Brief! rief Armgart und mit wiederholtem: Was ſchreibt er denn? folgte ſie Angelika, die zur Seite abgewandt ſchon mitten auf der Landſtraße zu leſen begann... Und im Grunde beſaß Angelika ganz die Spannung, wie Armgart, wenn ſie dieſelbe auch nicht eingeſtand. Benno ſtand inzwiſchen in beſtäubten Reiſekleidern vor dem Wirthshauſe zum Roland und ſprach mit dem Wirth, der ganz beſonders erwartungsvoll ſeinem Ein⸗ tritt entgegengeharrt zu haben ſchien. Als Armgart gleich mit ihrem Taſchentuch ihn abzuſtäuben begonnen, hatte Herr Zapf mit mächtiger Stimme dem Hausknecht gerufen. In Kurzem war Benno befähigt, die Damen begleiten zu können. Im Leſen vertieft und ſogar des Chauſſeegrabens nicht achtend, ſchob ſich Angelika querwärts in die An⸗ höhen hinauf. Armgart mit der Linken zurückdrängend, hielt ſie mit der Rechten den Brief verſteckt und lehnte jetzt ſchon eine Mittheilung zu machen ab. Müßte ſie doch ſelbſt erſt ganz orientirt ſein, ſagte ſie, und dann noch hinge jede Entſcheidung von dem Pfarrer Engeltraut ab und von den Engliſchen Fräulein... und ſie wiſſe ja das alles, was Anſtand und Hausregel in Lindenwerth mit ſich brächten! Armgart faltete die Hände gen Himmel... Benno ſuchte von dem Wirth loszukommen, der ihn in emſigem Geſpräch begleitete... Das wußte ſchon Armgart von der erſten Begrüßung her, auf ihr laut gerufenes: Hier! Hier! der Brief war an Benno aus der Reſidenz des Kirchenfürſten nach⸗ Brief! rief öt er denn? ſchon mitten im Grunde ngatt, wenn Reiſelleidemn ach mit dem ſeinem Ein⸗ rmgart gleich onnen, hatt necht gerufen. nen begleiten nuſſeegraben in die Ar ückdrängend und lehnte 4 Mißt gte ſie, und dem Pfamm un. lein.. Haukregel 1.2 5 I! men, de Aßun egrub en Beg h “ der efürſtel Nan 287 geſchickt worden, der Dechant hatte ihm dieſe Zeilen über⸗ ſandt als Einſchluß einer umgehenden Antwort auf die Mittheilung über den Tod der der Dechanei ſeit Jahren fremd gewordenen Hauptmännin von Buſchbeck... Er hatte geſchrieben, daß er einige Tage lang ſuchen würde die Zeitungen zu verbergen, um die Tante auf eine nur allmähliche Art mit einer Begebenheit be⸗ kannt zu machen, die bei ihrem„zartfühlenden Her⸗ zen“ eine gewaltige Erſchütterung und„allerlei Haus⸗ jammer“ in Ausſicht ſtellte... Den Brief an„Demoi⸗ ſelle Angelika Müller“ hatte er ihm zu zweckmäßigſter Beſorgung beigelegt, weil er die Regel ſolcher Penſionate zu kennen erklärte, daß die Vorſteherinnen alle Briefe, die kämen und gingen, erſt ſelbſt zu leſen begehrten... Daß er dabei die Lage einer Lehrerin mit derjenigen einer Schülerin verwechſelte, bewies die wirkliche Auf— regung, in der ſich der alte Herr befand. Armgart bat und bat: Was ſchreibt der Dechant? Reiſt der Vater nach Wien? Wenn er mir verſpricht, mich mit nach Wien zu nehmen... Dabei ſuchte ſie mit plötzlicher Liſt den Brief zu er⸗ haſchen... Armgart, nun kein Wort weiter! ſagte Angelika und verbarg den Brief ſorgfältigſt. Ich habe geloben nüſſen, dich von keinem Schritt der Deinigen einſeitig in Kenntniß zu ſetzen! Deine ganze Familie iſt betheiligt! Alle ſind ſie es, die dich lieben! Morgen das Weitere nach der Meſſe! Und nun genug davon! Jetzt war es doch für Armgart ein Gefühl, als 288 2₰ hätte ſie ſich auf die abſchüſſige Anhöhe werfen müſſen und ſagen: Nun, guter Gott, ſo laß mich ſinken, ſinken immer abwärts— bis in die Tiefen des Meers! Benno hatte Mitleid mit dem lieblichen Kinde, deſſen Natikrlichkeit ſich in keiner Regung ihres Gemüthes ver⸗ leugnete. Sie ſah wie eine von den bitterſten Leiden der Seele Gefolterte und ſich nun wirklich Ergebende ſo verklärt, ſo durchgeiſtigt aus, daß der von ihr mit einem ihr unbewußten Aufſchlag der ſchönen Augen auf ihn ge⸗ richtete wehmüthige Bitteblick ihm das Herz mit Schmerz und Wonne zugleich erfüllte. Um den Ton zur Heiterkeit zurückzuführen, hätte er von dieſen und jenen Dingen beginnen dürfen. Doch war er zartfühlend und Menſchenkenner genug, die Rich⸗ tung der Gedanken, die in Armgart's Seele lebten, nicht zu verlaſſen. Von Wien ſprechen Sie? ſagte er. Vielleicht iſt der fremde Herr da, mit dem ich fuhr, ſchon der Kurier Ih⸗ rer lieben Mutter! Armgart blickte mit lächelnder Ergebung auf die Vier Jahreszeiten... Wirklich! Wirklich! Er wollte nach Druſenheim zu Herrn Bernhard Fuld hinüber! Wo eine Dame in den Gaſthöfen da am beſten aufgehoben wäre, fragte er. Sein Accent war wieneriſch. Angelika flüſterte ſchmeichelnd: Beruhige dich! Es wird alles gut werden, Arm⸗ gart! Morgen, nach der Meſſe in Druſenheim, da ſprech' ich mit dem Pfarrer und dann ſollſt du ſehen, du biſt zufrieden— Gedulde dich! G wand hender zum z B lletzt A W ſchied Fern dem war ahge form Was T Arn llernte whenn uyenie moch rallſ (Erſt ggekne Iiient wegr ſdiied dien A gr fen müſſen n, ſinken nde, deſſen nüthes ver ſten Leidden rgebende ſo mit einem auf ihn ge⸗ nit Schmerz n, hätte e fen. Doch —, die Rich⸗ lebten, nich eicht iſt de guriet Ih 1 d ng auf ruſenheim; Dame in d fraglen erden, 4„ uſenheim, ſehen 1 ſehen du 289 Geduld! ſeufzte Armgart, ſich ergebend. Sie über⸗ wand ſich, nicht dem Fremden nachzueilen, der in be⸗ hender Weiſe in der That in einen Nachen ſprang, um zum jenſeitigen Ufer überzuſetzen. Benno's Ruhe, Angelika's Feſtigkeit mußten Armgart zuletzt zur Beſinnung bringen. Man ſtieg höher und wieder in die Anlagen hinauf. Benno mußte erzählen, was ihm alles ſeit dem Ab⸗ ſchied an der Maximinuskapelle— dort weithin in blauer Ferne waren ihre ſchlanken Thürme ſichtbar— und ſeit dem Zuſammentreffen mit jener Lucinde Schwarz begegnet wäre? Wo dieſe hingewollt hätte? Wie die Manöver abgelaufen wären? Wie dem Thiebold de Jonge die Uni⸗ form geſtanden hätte? Ob Hedemann nach Witoborn zöge? Was der Vater überhaupt beginnen würde? Benno, der ſeine Cigarren trotz alles Schmerzes von Armgart ſelbſt ausgeſucht und faſt angeraucht bekam— ſie lernte„Unarten“ dieſer Art von den Mitpenſionärinnen, wenn dieſe den Beſuch ihrer Brüder empfingen— und wenigſtens die Spitze der von ihr ausgewählten biß ſie noch dem„Vetter“ in mechaniſcher Anſchmiegſamkeit an all ſein Thun und Laſſen ab—, Benno erzählte von dem Erſteigen des St.⸗Wolfgangberges, von der wirklich an⸗ geknüpften Bekanntſchaft mit Lucinden, von dem Zuſam⸗ mentreffen im Pfarrhauſe zu St.⸗Wolfgang, von dem Begräbniß des alten Meviſſen, von der Entweihung des Friedhofs... Alle dieſe noch nicht auf die Inſel Lindenwerth ge⸗ drungenen und doch ſo überraſchenden Thatſachen hörte Angelika voll Staunen, Armgart, da ſie den Pfarrer Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 19 290 von St.⸗Wolfgang betrafen, mit dem Gefühl, wie wenn ſie nicht Armgart, ſondern Paula wäre. Benno mußte unausgeſetzt erzählen. Einen ſo langen, ſo inhaltreichen Brief hatte ſie noch nie nach Weſterhof geſchrieben wie dieſen, den ſie jetzt ſchon couvertirt und adreſſirt im Geiſte vor ſich liegen ſah; ſie betrübte ſich bereits um die Vorſteherin Schweſter Aloyſia, die bei ihrer Cenſur— alle wenn auch nicht ankommenden, doch aus dem Pen⸗ ſionat abgehenden Briefe las in der That erſt Schweſter Aloyſia— gewiß wieder das Schönſte davon für ſich genoß, dann aber eine nochmalige Abſchrift zu verlangen pflegte, lorsque vous aurez supprimé les choses in- convenantes. Aber auch für Angelika waren die Mittheilungen, die Benno in glückſeliger Behaglichkeit gab, vorzugsweiſe überraſchend. Dieſe ihr wohlbekannte Lucinde Schwarz, von der ſie ſeit Hamburg nichts mehr gehört hatte, ſie war bei Frau von Gülpen„Nichte“ geweſen! Einen Tag, länger nicht! Wie konnte das anders ſein, nach dem Wenigen, das ſie von dieſer„Abenteurerin“ wußte und das ſie dem Penſionate an der Maximi⸗ nuskapelle wohlweislich verſchwiegen hatte! Und man müßte dann die Menſchen wenig kennen, wollte man Angelika's eigenthümlich gezogenem und erſtaunendem: Iſt's denn möglich? nicht eine gewiſſe Genugthuung anmerken, daß auch dieſe Geſellſchafterin, wie ſo viele andere und vorzugsweiſe ſie ſelbſt, den Anforderun⸗ gen der Dechanei nicht entſprochen hatte. Sie lag in den Worten: Der Dechant iſt ein ſo lieber guter Mann! Zugleich ſollte dies Zeugniß von Frau von Gülpen das gan ll, wie wem Benno mußte inhaltreichen ſchrieben wie ſirt im Geiſ reits um di er Cenſur— us dem Pen erſt Schweſte won für ſic zverlange s choses I- theilungen, d vorzugswel wollte l 7 de erſtaunente Genugthu wie ſö 1 7 z Anforde⸗ Sie lal Man gutel 2 9 D Gülyu 291 Gegentheil ausdrücken. Und ſo gutherzig Angelika war, die Verbindung, in die Benno die neueſte Zeitungskunde von dem Mord in der Stadt mit dem Stolze der Frau von Gülpen brachte, verbreitete ſelbſt über ihre, freilich von Staunen und Schreck überſchauerten Geſichtszüge doch zuletzt ein gewiſſes Aufleuchten ſchadenfrohen Be⸗ hagens. Alledem hörte Armgart nur ſinnend zu. Benno hatte in ſeinem Weſen etwas Milderndes und Beruhigendes wie für andere ſo auch für ſie. Sie hätte ſeine Hand er⸗ greifen und ſie wie die eines Bruders halten können... Seine Mittheilungen über Bonaventurg's Anweſenheit in der Reſidenz des Kirchenfürſten, die wahrſcheinliche Beförderung und Anſiedelung deſſelben in dieſer Stadt, alles das waren Thatſachen, die ihr Ohr buchſtabenweiſe aufnahm, nur um die für Paula beſtimmte Depeſche ſo inhaltreich wie möglich zu machen. Erzählen Sie mir jetzt von meinem Vater! ſagte ſie dann, als Angelika etwas zurückblieb. Wie fanden Sie ihn? Iſt er ſo, wie ihn Hedemann ſchilderte? Ohne Zweifel... antwortete Benno zerſtreut... Mit Armgart allein zu ſein, ließ ihn erh zanzen Reiz ihrer Erſcheinung fühlen. Iſt er groß, ſo etwa wie— wie Hedemann? Hedemann war unterſetzt, ſie hatte„wie Sie“ ſagen wollen... Um einen halben Kopf höher, ſagte Benno; aber Senſo wetterbraun, ebenſo breitſchultrig und— wie ſoll ich ſegen— ganz ſo engliſch! Iſt Hedemann Schiffsſteuer⸗ mann, ſo iſt Ihr Vater Kapitän oder Commodore! 49* öhter den 292 Unſere vaterländiſche Art von drüben hat die paſſendſte Anwendung gefunden... Wie ſo? Unſer Land iſt ja drüben faſt wie ein Meer! Die unermeßliche Heide, das Ackerfeld, der Torfmoor— alles das iſt ein Meer des Landes. Auf dem ſchwimmen wir mit unſern Höfen wüſt und einſam. Nicht einmal ordent⸗ liche Städte haben wir. Nicht einmal ordentliche Dörfer. Ein Fahrzeug ſegelt auf gut Glück am andern vorüber. Unſer Volk iſt ein ſeefahrend Volk der Heide... So! So!... ſagte Armgart. Seltſam! Ich haſſe alles Engliſche... Benno erwiderte lachend:. Ja die engliſche Ausſprache iſt ſchwer! Die Aſche ſeiner Cigarre drückte er jetzt ſchon an einem der drei Birnbäume ab... Nein— darum nicht—! fuhr Armgart ohne alle Reizbarkeit fort... Aber das Engliſche haſſen? Und das ſagen Sie bei Engliſchen Fräulein? Die verließen ſchon vor hundert Jahren England, um in Deutſchland unſerm Gott beſſer dienen zu können! Sehen Sie, alle dieſe Engländerinnen hier ringsum jetzt, die blieben am liebſten auch wie Mary Ward in Rom und bei uns, um katholiſch zu ſein! Ich weiß das! Sie wiſſen das? Benno verließ den verfänglichen Gegenſtand und regte die Phantaſie ſeiner Begleiterin lieber mit allen Abenteuern an, die ihr Vater und ſein Freund oder Diener ihm erzählt hatten. Sie hätten Seltenes erlebt, ie paſſendſte Meer! D noor— ale wimmen wi inmal ordent llice Dörfer dern vorübe de... u! Ich haſ 293 Tapferes geleiſtet, auch Penſionen dafür gewonnen und ſtünden unter dem kleinen, beſchränkten Volk in Kocher am Fall wie zwei Rieſen da, die man auf Jahrmärkten zeigte... Benno wollte bei dieſen Berichten vielleicht nur hören, ob Armgart nicht nach Thiebold de Jonge fragen würde... Angelika kam inzwiſchen näher... Sie hatte auf ein Ausruhen gerechnet und fand nun die Wandelnden bereits ſchon wieder über die Birnbäume hinaus. Ei, was iſt denn das da unten? Sehen Sie! Im Fluß! Da taucht's auf! Nun iſt's wieder fort! Geben Sie Acht, da unten kommt's wieder! Mit jener Sorgloſigkeit, die der Jugend auch eben nur dann eigen iſt, wenn ſie gleichſam ahnt, daß es zu Geſtändniſſen des Herzens noch lange, lange Zeit bleibt und nichts ihm verloren geht, verlangte Armgart plötzlich die Anerkennung ihrer Sehkraft... Unten im Kahne hatte ſich auch Tönneschen aus dem Schilf aufgerafft und warf mit Steinen vom Uferrande über den Waſſerſpiegel hinweg... Das ſeh' ich wol! Der wirft Butterſtollen! ſagte Benno und erinnerte Armgart an den Ententeich zwiſchen Schloß Weſterhof und Borkenhagen... Den kennen Sie noch?... Es iſt ja eine wilde Ente!... Unſern Ententeich?... Sehen Sie doch nur, wie ſie den Kopf aufwirft! Raſch duckt ſie ihn nieder und unterm Waſſer geht's fort! Saſſa! Da iſt ſie! Im Nu hundert Schritte! Wieder blickt ſie auf, dreht den Kopf! Da, da! Guten Tag!... Adien! Glückliche 294 Reiſe!... Nein, auf unſerm Ententeich gibt's keine ſo wilde! Mit dem Verfolgen der Waſſerente, die ſich Tön⸗ neschen zu treffen vergeblich bemühte und die Benno jetzt erkannte, waren beide bei Angelika wieder vorübergekom⸗ men, die ſich nachdenklich geſetzt hatte und nun ernſtlich zum Aufbruch und zur Rückkehr auf die Inſel mahnte. Die Sonne ſank ſchon über die weſtliche Berg⸗ wand... Und nun, wie wenn Himmel und Erde in beſter Ord⸗ nung und nichts auf dem Herzen wäre, weder bei ihm noch bei Armgart, durfte Benno ſcherzen: Ja, ſo gehen die Lügen durch die Welt! Von ſo einer Waſſerente kommen ja die Zeitungsenten... Angelika, die über Benno's Erſcheinen überhaupt an ihre vielgeprüfte, treue Liebe erinnert wurde, gedachte der vielen Angriffe, die Doctor Püttmeyer erleiden mußte, gedachte der Macht der Lüge in ſo vielen Literaturzei⸗ tungen und fiel mit einem Seufzer ein: O wohl! O wohl! O wohl! Dann ſtellte ſie einige Erkundigungen nach Büchern an, wollte von den Ereigniſſen der Politik hören, von der Burſchenſchaft, um die Dr. Püttmeyer auch ein Jahr „Köpenick“ erduldet hatte, von Benno's bekannten frei⸗ ſinnigen Meinungen und vom Kirchenſtreit, bis Armgart, beide unterbrechend, ausrief: Laßt doch das alles! Kann man jetzt von anderer Aufklärung ſprechen als vom Himmel und von ſeinem Licht! Seht doch nur! Wie der Abend kommt! Iſt's nicht, als leuchtete alles in Verklärung! Dieſe gerippten Wölkchen örs keie ſe e ſich Tön e Benno jett orübergekom⸗ nun ernſtlch ſel mahnte. ſtliche Berg beſter Od eder bei ihn Von ſo eine berhaupt a gedachte de iden mußte Literaturze Büchern ren, von uch ein 3 elannten ſi bis Arng t von and inem d” richt z9 n ſe ſts Wöll pten 4 295 da oben! Dieſe leichten Federbüſchelchen! Fächer ſind's doch wie von Eiderdunen! Nein, wie von großen Perl⸗ muttermuſcheln! Wer ſolchen Staat hätte, wie die Himmelskönigin! Alles das kam unbefangen und kindlich von ihren Lippen... Daß ſie nichts von einer Abſicht dabei wußte, bewies die leiſe Oeffnung der Lippen und der Schmelz der hervorſchimmernden kleinen Zähne, cette srimace, die ſie nach Anweiſung der Engliſchen Fräulein ſich durchaus abzugewöhnen hatte. Ja, man möchte hier predigen! fiel Angelika in merk⸗ würdig freigeſinnter und tief gefühlvoller Zuſtimmung ein. Dieſe Berge ſind wie Kanzeln! Ihr treues Herz dachte an Püttmeyer's fehlenden Lehrſtuhl... Kanzeln? rief jedoch Armgart, in der ſich jenes Flie⸗ gen zur Flamme des großen Gottesherzens zu regen be— gann. Die Berge ſind ja ſelbſt wie Prediger! Wie Red⸗ ner ſtehen ſie da! Nein, Angelika, wie klein müßte das ſein, wenn da drüben einer auf dem Geierfelſen ſtünde und ſo zu allen Lügnern der Erde ſprechen wollte! Der Geierfels und hinter ihm die ſechs andern Rieſen, die ſind ja ſelbſt die Propheten! Ich höre alles, was ſie ſprechen! Was ſprechen ſie denn? fragte Benno und hatte eben die Cigarre weggeworfen... Im Tone ſeiner Frage, im Leuchten ſeines blauen Auges lag eine ſo ausdrucksvolle Schwere, daß plötzlich Armgart wie etwas Unſichtbares ſich auf ſie niederſenken fühlte... 296 Ja, wie konnte Benno nur in das einfache„Was ſprechen ſie denn?“ ſoviel Ausdruck legen? Was konnte dieſe Wendung ſeines Hauptes, dieſe Glut ſeiner Augen bedeuten? So wenig Worte und ſo viel ſeltſamer Ton in ihnen! Es iſt doch wol Zeit, zu gehen! ſagte ſie zaghaft. Sie hätte plötzlich vor irgendetwas entfliehen mögen. Benno lüftete ſeinen Hut. Sein kurzes, lockiges, ſchwarzes Haar war von dem„garſtigen Cylinder“, wie es ſonſt bei Armgart hieß, feſtgedrückt. Und ſonſt hätte Armgart gar keinen Anſtand genommen, ihm in ſein Haar es lockernd zu fahren, wie ſie ſo oft den grauen Locken des Onkel Levinus gethan. Heute hätte ſie um alles in der Welt dergleichen nicht mehr wagen können... Angelika's Geplauder über all den vernommenen und zu verarbeitenden Thatſachenreichthum löſte die gedrückte Stimmung. Auch fand ſich Benno wieder, auch Armgart. Ja ſie ſchien heiterer und ausgelaſſener, als ſie hörte, was alles Benno in der Gegend hier zu thun hätte und daß er mindeſtens auch noch morgen da wäre... Aber an ſeinen Handſchuhen ſah ſie eine aufgeſprungene Naht und ſonſt hatte Angelika für dergleichen Unglücksfälle immer Seide, Zwirn, Nadelbüchſe und Schere bei ſich in ihrem Beutel, aber heute griff ſie nicht, was ſie ſonſt hätte thun können, nach ſeiner Hand, wagte nicht, ihm den Handſchuh abzuziehen... Es trieb ſie wie im Wirbel, ſie mußte fliehen wie vor ſich ſelbſt. Die Berglehne endete mit einem ſchroffen Abhang. Den ſchoß ſie hinunter. Die Kanten waren hier eckig; an nfache„Was Was konnt ſeiner Augen ſellſamer To te ſie zaghaf en mögen. erzes, lockige en Chlinder drückt. Un d genommel wie ſie ſo d— zel than. Hell n nicht me ommenen un die gedrüh auch Armgat als ſie hön zun hätte W Aber ꝛene Naht dsfälle imm ſich in ihre ſie ſonſt hä nicht, ihm! vie im Wurt fen Abh offen 1 hier eclg 297 andern Stellen gerundet, von uralten Moosrunen be⸗ ſchrieben; hier und da ſtand eine verkümmerte Zwerg⸗ birke, dort ſchwankte eine Diſtel, hier eine hohe Dolden⸗ ſtaude mit braunrothen, ſchweren Samenkolben... Ein ſchwacher Halt hier, ein nachgebender dort... Armgart ſchoß ſo hinunter, daß ſie plötzlich an einem Gebüſch niederſank. Nun war aber auch Benno ſchon längſt gefolgt. Wie er an der Stelle ankam, wo ſie niedergeglitten, hatte ſie von Kamillen mit weißem Blätterrande einige Blumen ge⸗ pflückt und fing an, einer davon die Blätter abzuzupfen. Was fragen Sie die Blume? rief Benno... Und in dieſer Frage lag wieder eine ſolche Glut, in dem Nachfolgen, als ſie ſich erhob und jetzt ruhiger niederwärts ſtieg, eine ſolche Haſt und ein ſo ganz perſönlich auf ſie gerichteter Entſchluß, daß ſie der Gedanke überrieſelte: Was glaubt er denn? Den Fauſt, den kannte ſie nicht(wo wird in dieſer Erziehung Goethe zugelaſſen!), aber doch ſchob blitz⸗ ſchnell ein geheimer Zauber in ihrem Innern der Frage „Vater oder Mutter“(ſie wollte nur ſehen, welchem Na⸗ men das Blumenorakel ſein letztes Blättchen ließ) nicht etwa die Frage unter:„Liebt er mich, liebt er mich nicht?“ wol aber die:„Kommt auch Benno morgen nach Druſen⸗ heim, kommt er nicht?“ und als ſie ſah, wie er nun ihren Arm ergreifen wollte, ihre Schulter berühren, den Aus⸗ ſchlag ihres Zählens ſo ganz dringend wiſſen, da unter⸗ brach ſie ihn, als wenn er ſie nur im Zählen irre machte, mit einem fortgeſetzten St! St! ſie bekam aber den plötzlichen Einfall— und welcher innere Schalk des 298 Gemüths hatte ihr das zugeraunt!— ſchadenfroh und übermüthig laut zu rufen: Kommt morgen Thiebold de Jonge nach Lindenwerth oder kommt Thiebold de Jonge nicht? Kommt Thiebold de Jonge? Kommt Thiebold de Jonge nicht? So ſchoß ſie bergab. Sie können ja die nachgemachten Engländer nicht lei⸗ den! rief hinter ihr her Benno... Sie aber glitt bald an einem Steine aus, ließ bald eine Pflanze mitgehen, ſchoß und rannte und war endlich unten, aber— aufgefangen von Benno's Armen. Ein junges weibliches Leben, deſſen Athemzüge ver⸗ gangen ſind, deſſen Bruſt hämmert, im Arme zu hal⸗ ten! Kennt ihr das Gefühl, wenn ein junger Vogel in unſerer verſchloſſenen Hand gefangen iſt, ſich duckt, auffliegen will und nicht kann und jetzt ganz nur zu ei⸗ nem einzigen zagen, warmen Herzchen wird, das unter den weichen Federchen klopft und ſich faſt wie in den Pulsſchlag unſerer eigenen Hand verwandelt? So fühlte es Benno eine Weile und länger als eine Secunde und vielleicht den fünften Theil einer Minute nur und doch eine Ewigkeit. Angelika kam inzwiſchen den geebneten Weg daher, ſchalt und rief und machte allen beiden die bitterſten Vorwürfe. Armgart aber umarmte ſie und erſtickte ihre Rede mit Küſſen. Das Thema des Anſtandes brachte den Neckkampf aller auf die Würde, auf die Pflichten, die Haltung einer baldigen Stiftsdame von Heiligenkreuz. Dieſe„Pre⸗ denfroh und Lindenwerth nt Tiiebold t der nicht lei s, ließ bal war endlich ermen. enjäxe ver me zu hal⸗ mger Vogel ſich duck, nur zu ei das unter wie in den 2 ner als eine Minute m Weg dahen die biteſt erſticte i 299 digt“ währte ſo lange, bis Tönneschen erreicht war am Schilfrohr im ſanftgeborgenen Nachen. Sind Sie denn morgen wirklich noch in der Gegend? fragte Armgart beim Abſchied den halb beſinnungsloſen Benno halblaut. Benno wollte beiden noch in den Kahn helfen, that es auch erſt, wie ſich geziemte, mit Angelika, und als er hoffte, Armgart's Hand zu erfaſſen und aus voller Seele dieſe zur Antwort wie mit einem Ja! zu drücken, da war ſie ſchon in den Kahn geſprungen. Deshalb ſchmollte er und rief O! Ol, das Angelika ſehr wohl verſtand... Armgart ſaß aber ſchon da, glühend wie das Abendroth. Angelika, die gerade ſo viel zu„ahnen“ ſich die Miene gab, als ſie ſchon wußte, war trotz aller Angſt liebevoll genug und ſagte vor dem Abfahren: Richtig! Richtig! Sind Sie denn auch morgen im Enneper Thale? Es iſt ja Sonntag! Alle Welt hat ſich ankündigen laſſen... Thiebold de Jonge! ſeufzte Benno und Angelika fiel ganz ſo, als müßte ſie nun für die verſtummende Armgart auch in deren Art ſprechen, ein: Alle nachgemachten Engländer! Und wenn Sie etwa kommen, Herr von Aſſelyn, kneifen Sie nur ja nicht auch ſo eine Lorgnette ein! Ehe noch Benno antworten konnte— zum Scherz fehlte ihm jeder Uebergang— rauſchte es im Schilfe dahin und der Kahn war im Entſchwinden. Eine Weile noch ſtand Benno, lüftete den Hut, ſah lange den Entgleitenden nach und ging landein dem Roland zu. 300 Das Ufer iſt hügelig... zuweilen verſchwindet, zu⸗ weilen taucht Benno den Mädchen wieder auf... Und je höher ſie auf den Spiegel kommen, deſto länger noch können ſie ihn ſehen... Gern hätte Armgart gewinkt mit ihrem Hute und mit ihrem Taſchentuch... Angelika, die heute ſo viel erlaubt hatte, ver⸗ bot es... Bekam die Gute auch nicht Angſt, Armgart würde am Ende noch„tiefſinnig“ werden und wol gar ſich für unwürdig erklären, morgen in Druſenheim zur Communion zu gehen— dergleichen war vorgekom⸗ men— bekam ſie auch nicht Angſt, daß dann noch oben⸗ ein die Gutmüthigkeit und Toleranz einer Lehrerin com⸗ promittirt werden konnte, die gegen die Engliſchen Fräu⸗ lein als Hülfsarbeiterin nur einen zweiten Rang ein⸗ nahm, ſo lächelte ſie doch und ſagte: Armgart, Armgart! Sprüche Salomonis 14, 291 Dieſe Bibelſtelle hatte Armgart einſt von Tante Be⸗ nigna in Weſterhof aufbekommen, auf ein Weihtüchlein zum Kirchendienſt zu ſticken.„Wer aber ungeduldig iſt, der offenbaret ſeine Thorheit!“ lautete ſie. Die Ungeduld galt für Armgart's Erbfehler. Sonſt wäre Armgart über dieſe einzige Partie in der Religion, wo ſie ketzeriſch, ja ganz ungläubig fühlte, aufgefahren, aber wir ſehen ſie ſtill, ergeben und ſchweig⸗ ſam... Selbſt von dem Briefe aus Kocher frägt ſie nichts mehr, ſondern ſieht nur auf die Welle, gegen deren ganze Macht Tönneschen rudern muß... ur zeit wit di end hwindet, zu uf... Und länger noch n Hute und hatte, bei mgart wütd wol gar ſt ſenheim zu ar vorgeld in noch cher gehrerin con liſchen Fräu Nang eun 301 So kamen ſie— Benno war verſchwunden— am nördlichen Ende der Inſel an. Eine ältliche Dame, in ſchwarzem Kleide, mit einer weißen, mit Bandſchleifen am Hals und über die Bruſt herab beſetzten Halbtunica, ein weißes geflügeltes Häubchen auf, begrüßt ſie... Es iſt Schweſter Aloyſia, die Vorſteherin. Und unter ihrem„Mozzeto“ zieht auch ſie einen Brief hervor. Auch er war an Angelika gerichtet und kam aus Wien und kam von Armgart's Mutter! Ein Herr hatte ihn abgegeben, jener Fremde, der ganz nach Benno's Vermuthung in den„Vier Jahres⸗ geiten“ drüben für eine Dame Zimmer beſtellt hatte und wirklich von hier, wo ihn die zerſtreuten Wanderer am Hüneneck nicht landen geſehen hatten, hinüber nach Dru⸗ ſenheim gefahren war... Armgart bebte zuſammen... Es war ihr, als zitterte um ſie her die ganze Welt... Angelika nahm, von der Vorſteherin beobachtet, den Brief und ging damit in ſcheinbar kalter Ruhe auf ihr Zimmer. Armgart folgte, drängte aber nicht mehr und fragte nicht mehr. Faſt war ihr wirklich wie einer Sünderin und als ſie ſich über die düſtern Gänge in ihren Wohn⸗ ſaal geſchlichen, als ſie mit einem tiefen Seufzer dort ihren Hut, ihren Shawl abgelegt hatte, als alle Mäd⸗ chen jetzt zum einfachen nächtlichen Mahle gingen und Angelika erſt kam— ſolange hatte ſie geleſen!— als Schweſter Aloyſia ſchon vorbetete und Armgart ſo ab⸗ —— 9 b —— —— 3 — — 302 weſend, ſo ernſt daſaß, da bekam Angelika wieder Angſt, ſie wäre wirklich im Stande, alles das morgen noch in erſter Frühe und vor der Communion dem Paſtor Engeltraut zu beichten, was heute vorgekommen!... Schweſter Alohſia betete dabei und zwar franzöſiſch... Sie war aus Strasburg und verband mit allem Guten und From⸗ men, dem hier fürs Leben der Grund gelegt wird, eine leidliche Ausſprache und einen ziemlich richtigen Accent. Man hatte alles hier auf Gott, auf die heilige Jungfrau, den heiligen Joſeph und die Engel und Erzengel gebaut, ſogar den Subjonctiv und die ſchweren Beugungen der Ver- bes irrégulaires, den delicaten Gebrauch der Formen que vous parlassiez und que nous parlassions und die Participialconſtructionen, die an dieſer Sprache für jeden ſo fremdartig ſind, der nicht wie Tönneschen Latein kann... Und wenn Schweſter Aloyſia vom beſten pariſer Fran⸗ zöſiſch dann in das beſte ſtrasburger Deutſch überſprang, war's dann freilich immer wie der Uebergang vom Rau⸗ ſchen eines ſeidenen Kleides zum Klappern von Holz⸗ ſchuhen, vom Geſange eines Canarienvogels zum Ge⸗ koller eines Truthahns; denn ihre ſtrasburgiſch⸗ eutſch Mutterſprache ſprach ſie, als wäre ſie hier eigens dafür angeſtellt, einige Irländerinnen und Franzöſin⸗ nen in der Anſtalt vom Erlernen des Deutſchen ab— zuſchrecken. Und das zweite, vom Mutterſitz der Soeuts angéliques hierher beurlaubte Engliſche Fräulein(der der Erziehung ſich widmende Orden iſt nicht an ſtrenge Clau⸗ ſur gebunden), Schweſter Gertrudis, ſorgte für Einthei⸗ lung der Speiſen und rühmte das Wetter für den mor⸗ ma jeder Angſt och in erſter Engeltraut Schweſte . Sie war und From t wird, en gen Accent e Jungftau ngel gebaut gen der Ver- der Formam jons und d cie für jäd atein kann. ariſer Fran überſprang vom Rau Jun he ls zum 6 ii⸗wt hier eige Franzi eutſchen Soe d — 6 der ulein(der fren l für Eince für den 303 genden Sonntag, an den ſich allgeſammt die ſchönſten Hoffnungen knüpften. Immer mehr brach zuletzt ein ſtillverhaltener Jubel aus. Das Penſionat wußte von den zu erwartenden„nachge⸗ machten Engländern“,— aber darüber gab es nur Flüſtern, leiſes Necken und Kichern, laut wurde nur beſprochen eine Einladung der jungen Madame Bernhard Fuld. Die Nachbarinnen waren aufgefordert worden, morgen Nach⸗ mittag die berühmte Villa und den Garten drüben in Augenſchein zu nehmen und Paſtor Engeltraut hatte dazu die Erlaubniß gegeben! Armgart hörte das alles nur halb. Erſt als der germaniſche Uebermuth eines Theils auch dieſer Jugend ſich in allerlei Spott über die Beſitzer von Druſenheim erging und ganz wie die Freunde Piter Kattendyk's, mit denen einige bis zur unmittelbaren Geſchwiſterſchaft ver⸗ wandt waren, die bekannte chriſtliche Rache für den einſt von den Juden Gekreuzigten nahm, thaute auch ſie auf und erklärte, daß ſie den Herrn Bernhard Fuld zum Generaleinnehmer und Finanzminiſter ihrer Einkünfte als Stiftsdame von Heiligenkreuz ernennen wolle. Armgart'ſche Einfälle elektriſirten dann gewohnter⸗ maßen alles Es wurde nun ſo laut, ſo ausgelaſſen unter dem ſungen Volke, daß die vier Erzieherinnen(die vierte lehrte nur Muſik) dafür waren, lieber jetzt aufzuſtehen und de he promener encore dix minutes sous les et dans le jardin... Aber auch das geſchah ſo wild— es iſt Sonnabend!— jaß die Schweſtern Aloyſia und Gertrudis Ruhe gebieten tilleuils 304 mußten und das ganze Perſonal in die Corridore und auf die Schlafſäle ſchickten. Auch Angelika war, ſie wußte ſelbſt nicht worüber, ins Lachen gekommen— aus Nervenſchwäche, ſagte die Gute — raunte aber beim Gutenachtſagen ihrer geliebten Arm— gart, ihrer beſondern Schutzbefohlenen(die indeſſen nicht mit ihr, ſondern mit fünf andern in einem Saale zu⸗ ſammenſchlief) neckiſch zu: „Wer aber ungeduldig iſt, offenbaret ſeine Thorheit!“ Armgart nickte und hatte ſich heute in der That auch zur Anerkennung dieſes Spruches bekehrt. orridore und cht worüber, ſagte dieGule eliebten Arm indeſſen nich n Saale zu⸗ 4 10 n Thorheitz er That aul 11. Und am folgenden Tage lag denn doch im Ge⸗ ſchmeide der ganzen ſonnenbeſchienenen Gegend die Inſel Lindenwerth da geradezu wie ein Juwel. Das große blaue Gottesauge des Himmels drüber— her ſchien an ihm ſelbſt ſeine Freude zu haben. Und die ſchimmerndweißen Birken, die Hängeweiden, die Buchen, Akazien⸗-, Nuß⸗ und Kaſtanienbäume, die Büſche, die Pflanzen des Gartens, alles, alles hat in einer ſol— chen Morgenfrühe des Sonntags und beſonders man etwas vorhat“, ohnehin ſchon ein ganz anderes Aus⸗ ſehen als ſonſt. Unſer Auge zieht dann ſchon von ſelbſt ellem Feſtkleider an. Die Welle plätſchert an die Ufer⸗ tänder anders als ſonſt. Und ſchweigen auch Septembers u den Bäumen, weil ſie in ihren Neſtern mit ihren Fungen und mit ihren neuen Kleidern für den Winter zu thun haben, die Singvögel, ſo hört man doch ihr lufflattern und ihr Aufſchwirren, ſieht die Spatzen in ſo räuberiſcher Thätigkeit, daß man nur zu huſchen lraucht und überall ſchießt Diebsvolk wie mit böſem Ge⸗ ,„wenn iſſen auf, ſieht goldene Käfer und ſummende Wespen Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 20 306 in voller Thätigkeit, um mitzuherbſten und mitzuernten an dem reichen ſonnenglänzenden Segen. Noch aber hängen um die fernerweit liegenden Schön⸗ heiten eines ſolchen Sonntagsmorgens allerlei Toiletten⸗ ſchleier. Die hohen Berge und grünen Waldlehnen hin⸗ ter ihnen putzen ſich erſt langſam aus dem Nebel her⸗ aus zu dem Sonntagsſtaat, deſſen Annäherung in aller Frühe ſchon und von allen Richtungen her die Glocken verkündigen. Die Geſchäftsglocke der Dampfſchiffe mit ihrem kurzen groben Mahnruf hat heute faſt etwas Störendes; man gedenkt gleich der Ueberzahl von Städtern und Städterinnen, die nun auch bald kommen und ſich oft ſtörend genug überall hin ausbreiten werden. Um neun Uhr ſchiffte die ganze Penſion, neunund⸗ zwanzig junge Mädchen— eins blieb ein wenig unpäß⸗ lich daheim— und vier Erzieherinnen in zwei Kähnen zur Meſſe nach der Druſenheimer Kirche hinüber ins Enne⸗ per Thal. Tönneschen's Vater und Mutter ruderten heute und ein anderer alter Schiffer, Tönneschen's Großvater. Und noch ein paar Vettern, Gevattern und Kinder und Kindeskinder aus einem Halbdutzend baumverſteckter Hütten der Inſel begleiteten die Fahrt. Heute galt es, das Tön⸗ neschen mit dem Rauchfaß zu ſehen, im Beginn ſeiner von Michahelles eingeleiteten Carriere zum künftigen Va ter der Geſellſchaft Jeſu. Tönneschen war ſchon lange voraus, um beim Meßner die Toilette zu machen. Das ganze Stift fühlte den Stolz der Mutter nach, die ihre beſte Haube aufhatte und mit einem Streifen ſo lang, ſo lang, daß er ihr faſt über die Naſe fiel. Die jungen Penſionärinnen mit ihren goldgeſchnitte ſion, wenig un mei Kähnen ve ber ins Er rudert „s Großve Kinder und Kinde 2 H zockter N verſtecter d, alt e, Beginn m künftige ar ſchol zu machel 1 wiht Streifen neundi en he das” 307 nen Brevieren und dem Einerlei ihrer heute am Sonn— tag weiß⸗roth oder weiß⸗blau geſprenkelten Kleider und den einfachen runden Strohhüten, durften nicht zu laut ihre Wonne über den Sonntag ausſprechen. Es ging jetzt in die Kirche, ja, für die ſchon gefirmelten, an den Tiſch des Herrn. Die Glocke der alten, nächſtens in Ruheſtand zu verſetzenden baufälligen Dorfkirche, die die Maler gut zeichnen hatten, wenn ſie nur geſehen hätten, wie ihre Wände ſchon morſch geworden und die Sakriſtei bedenk⸗ liche Riſſe zeigte, hatte ſchon zweimal ihr, wie die Mädchen ihr immer nachſummten:„Ei, ſo komm' doch! Ei, ſo komm' doch!“ durch die Lüfte gerufen; aber man wußte, es ging beim Pfarrer Engeltraut, der ſonſt ein gar trefflicher Diener Gottes war, mit ſeinen Meſſen nicht eben beſonders präcis. Ausgeſtiegen am Ufer, konn⸗ ten die Mädchen immer noch einen Rundweg machen, ehe ſie zur Kirche gingen. Sie ſahen in der Ferne wie dicht am Waldesrand liegend das aus gelbem Sandſtein gebaute, hellleuchtende Landhaus des Bankiers, umſchloſ⸗ ſen von hohen an den Spitzen vergoldeten Eiſengittern. Mehr in der Nähe lag die neue hochragende byzantiniſche Kirche. Alles winkte geheimnißvoll und gaſtlich und zu ellerlei heimlichem Spaß für den Nachmittag. Nun ſtieg man aus... Durch Feld und Flur, über Wieſe und Stoppeln, am Hagebucheneck und die Wein⸗ Färten entlang, da war's doch noch ein anderes Wandeln, ils drüben auf der ſchönen, aber engen Inſel, auf der man ſich zuweilen wie ein Gefangener vorkommen konnte. Schweſter Aloyſia corrigirte auch jetzt auf dem Wege 20* 308 zur Kirche die Subjonctifs und Angelika lehrte auch jetzt Mathematik und Naturwiſſenſchaften, denn eine ſandige Stelle findet ſich in der ſchönſten Gegend, eine Heide von zwanzig Fuß, wo eine Immortelle blühen kann oder das Blümlein Mannstreu, über das gleich ihrer ſieben oder acht neugieriger Mädchen wiſſen wollten, woher die⸗ ſer Name käme? Die Lehrerin wußte keinen Rath Armgart kannte ſchon vom Walde bei Weſterhof den Spottnamen des kleinen zierlichen Pflänzchens und ſagte: Es iſt ja Vogelfuß, Angelika! Nun ſagte dieſe: Ach, Ornithopus? Hülſenblume! Geſchlecht der Heuhechel! Die jungen Mädchen lachten, als Armgart ganz treu⸗ herzig und ohne alle Anklage fortfuhr: Mannstreu und Vogelfuß ſind eins und daſſelbe! Die größern Mädchen deuteten ſich das harmloſe Wort ſatiriſch. Beide Engliſche Fräulein wandten ſich und geboten Ruhe und Sammlung. Wann ſprichſt du den Pfarrer? flüſterte Armgart und drückte den linken Arm der Freundin an ihre Bruſt. Ich ſprech' ihn nicht allein! ſagte dieſe. Die Vor ſteherin wird dabei ſein! Ich denke, nach der Predigt! Heute auch noch eine Predigt! Geduld! Das Wort, mit dem man Armgart bereits wieder auf zehn Schritt verjagen konnte... Sie entſchlüpfte und ſah nach Weſten hinüber, dorthin, wo die weiß⸗blauen Waſſernebel noch am dichteſten ſchwam⸗ leich ihrer ſie allten, woher d — Sf te keinen Nat Weſterhof d Geſchlecht d mgart ganz ki dd daſſelbe! ſch und gebe 1 harmlot 309 mnen. Den Roland, wo Benno vielleicht übernachtet hatte, ſah man gar nicht vor dem dichten, wenn auch goldſon⸗ nigen Nebelflimmer. Die endlich nicht mehr umgangene und nun wirllich im Zuſtrömen der Landleute mitbetretene Kirche war wahrhaft überfüllt. Man erkannte recht, welches Verdienſt ſich Bernhard Fuld erworben durch die Erbauung einer neuen. Das Penſionat der Engliſchen Fräulein genoß aber eine Auszeichnung. Jeden Sonntag blieben ihm die vordern Stühle reſervirt. Es ging dann alles bei der Meſſe, wie es gehen ſoll und überall bei ihr geht. Vielleicht nicht ganz nach der Schnur, die die Kanoniker in Rom vor tauſend Jahren gewunden haben, aber doch auch ohne beſondere Ver⸗ wickelung. Pfarrer Engeltraut war, wie die römiſchen Brieſter ſein ſollen, keine viel mit ſich allein beſchäftigte Perſönlichkeit. Er verrichtete ein Opfer, das ganz von iym unabhängig war. Hätte es einem ſtrengen Kenner des Ritus auch nicht entgehen können, daß ſich mancher⸗ bi Fehler einſchlichen, ſo ſah das doch ſo obenhin niemand von den Verſammelten. War der Blick, mit dem der Prieſter aus der Sakriſtei trat, geſenkt genug? War de Haltung des Körpers gerade und hübſch aufrecht? Trug der Opferer eine Brille, von der Gregor der Heilige fteilich noch nichts vorzuſchreiben wußte, als der ſein Ore- mus ſang, und Abraham und Melchiſedek, die Voropfe⸗ ur der Meſſe, noch weniger?... Paſtor Engeltraut tnig eine Brille, und ſonderbar, er legte ſie gerade beim Lſen ab, auf ſein Taſchentuch. Dann war er ganz einfach in Vortrag und ebenſo einfach in der Geberde. Er machte — 310 die Kreuzeszeichen allerdings nicht, wie wenn er ſie heute zum erſten male machte, aber auch nicht ſo, wie z. B. vor⸗ nehme Damen am Weihbecken beim Betreten der Kirche, die zum Jammer frommer Seelen und wie Beda Hunnius ein⸗ mal in einer ſeiner Predigten zum Dank der gerade damals zuhörenden Angelika und in ſeinem Abraham a Sancta Clara⸗Stil ſagte:„ſich beim Benetzen einen Schnörkel angewöhnt haben, als wenn unſer Herr und Heiland auf irgendeiner runden Drehſcheibe oder einem andern Zick⸗ zack, nur nicht an dem ſo tie ſinnvoll von ihm gewähl⸗ ten Kreuze geſtorben wäre.“ Nichts auch verwirrte er von dem, was laut und was leiſe zu ſprechen, was zu ſingen oder nur zu ſagen war. Auch jagte er nicht in ſeinen Abſchnitten und ging dann nicht wieder wie eine Schnecke. Auswendig auch wußte er, was er nur zu leſen ſchien. Und wenn dann irgendetwas vorhanden war, was den würdigen Gang des Opfers anfangs hätte unterbrechen können, ſo war es freilich des Prieſters Hinblick auf den heutigen Thuriferar Antonius Hilgers, der nebſt zwei andern Knaben zum erſten male dieſem ſchwierigen Geſchäfte des Adminiſtrirens vorſtand. Aber gerade Antonius hielt ſich vorzugsweiſe wacker zum Stolz ſeiner Angehörigen, zum Wohlgefallen des engliſchen Inſtituts. Wenigſtens dünkte er ſich ebenſo kundiger Lootſe durch die Untiefen und Schwierigkeiten des latei⸗ niſchen Miſſales, wie er es unbeſtreitbarer durch die Strudel und Schnellen des herrlichen Stromes drüben war. Nie ſtand er auf der Epiſtelſeite des Altars, der linken, wenn er auf der Evangelienſeite, der rechten, ſtehen da Hunnins rgerade dan ham a San einen Schnöl und Heiland .) m andern 5 on ihm gewe ch verwirrte rechen, was aate er nicht vieder wie as er nur nwar, wasd tte unterbrec rs Hinbli ners, der 1 ſen ſchwien Aber ne r zum 3 1 311 ſollte. Mit Ruhe, ohne ſich vor Angſt zu übereilen, reichte er dem Prieſter das Gefäß mit dem Weihrauch, hielt ihm das geöffnete Thuribulum dar, und wenn der Opferer Weihrauch eingelegt hatte, reichte er ihm das Gefäß, indem er es vorſichtig und behutſam mit der rechten Hand unter dem Ring, mit der linken in der Mitte der Kette anfaßte. Das dabei von ihm geſpro⸗ chene Latein war allerdings mehr als welſch und nicht im mindeſten ciceronianiſch. Doch niemand der Anwe⸗ ſenden, ſelbſt der Schullehrer nicht, war im Stande, die Correctheit nach Zumpt's Grammatik zu prüfen. Mit ſeinen ſtehenden Fehlern— spiritus immer nach der zweiten Declination und tuus nach der vierten— klang es ganz ſo hoch und hehr und fremdartig, wie das Volk es hören will. So wie ſo blieb es die richtige Sprache der Engel, die Sprache, in der Gott und ſeine Heiligen ſich unterhalten, die Hof⸗ und Kanzleiſprache des Himmels. Als dann der Augenblick des Allerheiligſten kam, als alle dann knieeten, als alle Schauer der perſönlichen An⸗ weſenheit des Heilandes in der Wandlung durch die Gemeinde rieſelten— die Kinder und alten Frauen und in großen Kirchen eine gewaltige muſikaliſche Note ſorgen ſchon dafür, daß das ganz ſo wie in mächtig⸗ ſter Bezauberung hingenommen und empfunden wird, wie es Innocenz III. aller Welt und aller Zeit hinzu⸗ nehmen und zu empfinden geboten hat— wie dann die Erwählten und in der geſtrigen Beichte Beſtandenen heran⸗ treten durften und von dem Gottesleibe mitgenoſſen, während der Prieſter von dem Gottesblut für alle trank, — da vergaß denn auch Armgart für einige Zeit das Träumen und Sinnen und es legte ſich ihr die Fülle von Sünden, die ſie dem neuen weſterhofer Geiſtlichen, Nor⸗ bert Müllenhof, wer weiß in wie kurzer Zeit, oder wem ſonſt und in welcher Ferne würde beichten müſſen, ſchwer aufs Herz! Sie ſah, daß Zerſtreutheit während des heiligen Hochamts, Abweſenheit der Gedanken beim Le⸗ ſen im Brevier nicht mehr allein die nagenden Vorwürfe ihres Innern waren, mit denen ſich ihr Gewiſſen ge⸗ wöhnlich aufs allertiefſte belaſtet fühlte. Nach dem Hochamte hielt der Pfarrer richtig noch eine „Application“ Er ſprach dieſe von der Kanzel herab und über die bevorſtehende Einweihung der neuen Kirche und äußerte im allerlöblichſten Volkston, daß auch im innern Menſchen täglich die Sakriſteien Riſſe hätten, täglich die Glockenſtühle faulten und den Regen durchließen, ja daß mindeſtens auch viermal des Jahres im Menſchen ein echtes und rechtes Kirchweihfeſt müßte gehalten werden, nicht etwa nur zu Oſtern, wo„ihr glaubt, euch für ein ganzes Jahr reinigen zu müſſen, ſowie die Schwelger, die Ueppigen und Reichen alle Jahre einmal ins Bad reiſen und ſich ihren ſterblichen Leib reinfegen vom Schlamm ihrer Sünden“!„Das wird dann“, fuhr er fort,„jährlich auch ſo ein Kirchweihfeſt, wie ihr's all⸗ üblich zu feiern pflegt mit Eſſen, Trinken, Jubeln, Flu⸗ chen, Würfelſpielen, Tanzen, Todtſchlagen der Zeit und allen denen Sünden, die ihr dann voll Verzweiflung an⸗ gerennt kommt im Beichtſtuhl loszuwerden, wo ſich oft das todte Holz erbarmen möchte über den Kummer, den ihr euerm grundgütigen himmliſchen Vater und unſerer gnaden⸗ reichen Mutter bereitet!—“ Doch ſagen wir nur, er müſſen, ſchwe während de nken beim! nden Vorwütf Gewiſſen ge ichtig noch ein zel herab un rn Kirche und uch im innen daſ —⸗ 4 0 ließen, ja d Menſchen ein erden ten werden 4 für el ouch en. eSchwelge 12 N l ins Du nma fogen bo reinfegen :“, fuhr danll, wie ihrs d gubeln, d Zoit l der Zeit „weiflung erzweifl 9% wo ſich 7/ 1 umm. ner, del andt er unſen wir nne fegte die Herzen, wie man ſoll, nicht mit Staubwedeln, ſon⸗ dern mit Beſemen. Und manches ſprach er wie Beda Hun⸗ nius geradezu in eine Ecke hinein oder auf einen Pfeiler, wo der ſtand oder die ſaß oder wem es ſonſt, ohne darum die Beichte zu verletzen, perſönlich zu Nutze kommen konnte. Wie der dabei von Hunnius ſich nur durch den Man⸗ gel an Eitelkeit und an theils forcirtem, theils natür⸗ lichem Cynismus unterſcheidende treffliche Redner zuletzt von dieſem unendlich ſüßen Gnadenzuſtande, von einer wahren Liebeswonne im Bunde mit dem Gekreuzigten, von der ſogenannten Rechtfertigung durch den Glauben ſprach, da kamen ihm die folgenden ſonderbaren und für die ganze Gemeinde höchſt überraſchenden Worte: Was iſt das nun? Gerechtfertigt ſein durch den Glau⸗ ben! Ich will es euch ſagen. Sehet euch um! Hier in dieſer Kirche! In eurem Kreiſe weilt ein nur auf Erden Gerechtfertigter! Ein Kind dieſer Gemeinde, dem hier der Weg der Gnadenmittel von früher Jugend gezeigt wurde, ſetzte einſt mein Herz in Trauer und euch alle in Beſtürzung, als man vor Jahren von ihm hören mußte, ſeine Hand wäre ruchlos genug geweſen und hätte ſich in ferner Gegend, wo er weilte, gegen das Leben eines ſeiner Mitmenſchen erhoben und ihn getödtet! Ein Jahr lag er, da alle Anzeigen eines Mordes gegen inn ſprachen, in Ketten und Banden, bis ſeine Unſchuld eikannt wurde und er im lichten Gewande der Gerech⸗ tigkeit aus ſeinem Kerker hervortreten konnte! Voll Scham und Schmerz kam er damals über Nacht zu mir, dem Seel⸗ ferger ſeiner ſchon reiferen Jahre, und weinte ſeine be⸗ fünmerte Seele aus! Er mochte nicht bleiben in dem Ort, wo das Mistrauen ihn dennoch verfolgte, wo ſo⸗ gar ein Bruder ihm den treuen Handſchlag der Liebe verſagte! Durch meine Hand ging der kaum zu nennende Ertrag ſeines kleinen väterlichen Erbes; nun iſt der brave Herr, der dieſe Gemeindemarkungen hier ringsum an ſich gekauft hat,— zu hohen Preiſen, weil unſere Gegend ihren Werth hat, doch auch Männer, ehrenwerthe Männer, die dieſen Werth zu ſchätzen wiſſen,—(in der Kirche war wol nicht einer, der dieſe Captatio benevolentiae zu Gunſten der neuen Gutsherrſchaft ganz ſo zu würdigen verſtand, wie es das Verfahren des klugen Geiſtlichen verdiente), aber ich ſage euch, nun iſt der Antrag gekommen, ſein Erbe mit den Beſitzungen der Herrſchaft des Ortes zu vereinigen, und vielleicht zur Erhebung des Kauſſchil⸗ lings befindet er ſich heute in dem Orte ſeiner Geburt! Nicht, daß ihr glauben ſollt, er wiche vor euch! Nicht, daß eure Zunge ſich unterſtünde, zu ſagen, ſein Fuß wäre hier endlich dennoch wankend geworden! Ruchloſe Anſchuldigung, daß euer jetzt ausſcheidender Mitbürger den Vater jenes frommen Mönches erſchlagen hätte, der im Gewand der Ordensregeln St.⸗Francisci ſchon zu öftern malen in dieſen Markungen begrüßt worden iſt. Seht euch die Glorie eines Gerechtfertigten an! Das i*ſt der glückliche, frohe, von euch allen zu ehrende und meh⸗ rende und nicht länger anzuzweifelnde und bei ernſter Strafe von eurer Mutter, der Kirche, zu reſpectirende Zuſtand eines vor Menſchen Gerechtfertigten! Nun aber—(der Nachhall dieſer Worte und das allgemeine Schauen auf den in dieſem Augenblick wie mit Krone und Purpur bekleideten Stephan Lengenich bedingte ein „Gegend ihre Männer, di e zu Gunſt digen verſta hen verdient 1 de ſeiner r euch⸗ 1 ſein Fl Ruchlo r Mitbür nde agen hã 4 au öft iſchon a 1⸗ 5 nden iſt n ende und 14 4 erl und bei 2u reſpecli 3 1 „ 1 ffertigten ell das alge das 5 „ mit wie u ding ich bednn kommen, ſei 6 Ortes; des Kauſſch Gebur Nit tte, Das iſti ern 315 mehrmaliges Hervorheben des Ueberganges zum Zuſam⸗ menhange). Nun aber(noch murmelte alles und konnte ſich nicht faſſen) nun aber— hört jetzt und macht ein Ende!— nun aber, wie viel größer iſt der Stolz, mit dem wir einſt, durch die Fürbitte ſeiner Heiligen, vor den Thron des Allmächtigen werden treten können, falls wir ſagen dürfen:„Herr, wir ſind keineswegs Könige auf Erden geweſen, keineswegs Helden und Gewaltige der Reiche, wir haben nichts gethan, was den Namen des Außeror⸗ dentlichen verdiente, aber— wir erfüllten deine Ge⸗ bote, wir gingen die Wege, die deine heilige Kirche uns zu unſerer künftigen Seligkeit gezeigt hat, nun gib uns auch den Lohn, den du allen denen verſprochen haſt, die deinen Willen thun!“ Das war ein kräftiges, elektriſirendes Wort! So verweiſt ein richtiger Seelenhirt die Gläubigen an den Zahltiſch Gottes! So will der Bauer dereinſt mit Gott ſtehen, als brächte er ihm einmal keinen Pacht, ſon⸗ dern holte ſich welchen... Die Erwähnung des allbekannten Küfers Stephan Lengenich, der in der Reſidenz des Kirchenfürſten Mei⸗ ſter geworden war und hier„in ſeinem Orte“, beſon⸗ ders auf Anſtiften eines feindlichen Bruders nicht einen Gruß bekommen konnte, ließ zu keiner Sammlung mehr kommen. Auch das Inſtitut ſah mit allen nach der Kirchthür, wo vielleicht der„Gerechtfertigte“ ſtand, der jeden Sonntag nach Druſenheim kam, nie aber ſo früh wie heute, daß er ſchon beim Herrn Pfarrer Empfeh⸗ lungen aus den. Umgebungen des Kirchenfürſten abgeben konnte und nur nach der Gewährleiſtung des Ortsgeiſt⸗ — 316 lichen ſich plötzlich durch irgendeine Begebenheit, viel⸗ leicht auf Löb Seligmann's feurige und ſonntagsfreudige Ueberredung hin, entſchloß, ſeinen„Blutacker“ herzu⸗ geben. Halb elf war es... und die Kirche war nun aus... und ſo heilig das Debut des Tönneschen geweſen war, dem Gebrauche, dann auf einen Trunk Druſenheimer, womit keineswegs das alldortige Waſſer gemeint war, herzhaf⸗ ten Beſcheid zu thun, entzog man den jungen Novizen, der ſich ſo brav und tapfer gehalten und dafür allgemein belobigt wurde, nicht im mindeſten. Alles ſtrömte ins Wirthshaus. Und mag auch die Frau Baronin von Cepeda (bekannter unter dem Namen der heiligen Thereſe) noch ſo ſchön und gewohntermaßen geiſtreich und höchſt vornehm geſagt haben:„Verlieren wir doch nicht die gute Gelegen⸗ heit, die wir nach der heiligen Communion haben, uns Schätze zu erwerben! Nicht mit geringem bezahlt Seine göttliche Majeſtät die Herberge, in welcher ſie eine gute Aufnahme gefunden!“— dennoch auch wol in dem brennend heißen Hispanien, dem Vaterlande der liebeglühenden The⸗ reſe entſchuldigt man nach der Meſſe das Verlangen nach dem kühlen Labſal einer Poſada. Die Schiffer von Lin⸗ denwerth, Tönneschen's Alte und Großalte, tranken trotz aller Warnungen der„Application“ zur Oſterzeit, den eben genoſſenen Leib des Herrn in ungeſtörter Wirkung zu erhalten, im„Hahnen“ auf des Debutanten Wohl und der halbe Ort war dabei lebendigſt durcheinander und unter ihnen der„Gerechtfertigte“, dem alles die Hand ſchüttelte, verwundert über ſein Abziehen, den nunmehr niemand gekränkt haben wollte und der dann ſchon in der ebenheit, vil ntagsfreudig veſen war, der mheimer, won ungen Novizer für allgemei es ſtrömte ind nin von Ceped Thereſe noch böchſt vornent gute Gelegen n haben, un tſie eine gut n dem brennen den Th glühenden 2 Verlangen un 4 0 gr giffer von U ſchiffer vo 317 Stimmung ſein durfte, Athanaſiusmedaillen auszutheilen und durch bald hohe, bald ſeltſam tiefe Reden die Be— deutung und Wunderkraft derſelben zu erläutern. Das Penſionat machte noch einen weiter den Bergen zugewandten Spaziergang, während Angelika und Schwe⸗ ſter Aloyſia zurückblieben, um womöglich den Pfarrer zu ſprechen in Angelegenheiten der wie in den Lüften ſchwe⸗ benden Armgart, die nun aber auch den Roland glänzen ſah, ſo hell, ſo deutlich, als müßte ſie jeden erkennen, der drüben aus den Fenſtern deſſelben und etwa unter den ſchönen herabgelaſſenen, roth und grau geſtreiften Markiſen hervorſah. Ja, der heutige Sonntag wird viele Menſchen glücklich machen... Wir brauchen nur an Thiebold de Jonge, an die Partie der Freunde Piter Kattendyk's zu erinnern... Wir brauchen nur an Benno zu denken, der ſich ihnen anzuſchließen hofft, wenn ihn eine Wanderung in die Kette der Sieben Berge, wohin ihn Nück's Aufträge derſchickten(gerade des Sonntags iſt der Bauer am zu⸗ gänglichſten für Dinge, deren Erörterung ihn dann ſeine Arbeit verſäumen läßt), Nachmittags und auf alle Fälle des Abends nach dem Roland wieder zurückkehren laßt... Aber den Hoffnungen, den Erwartungen, mit wel⸗ hen ſchon um neun Uhr mit dem erſten Dampfboot im Enneper Thale ein gewiſſer Mann in ſchwarzem lang⸗ ſhöſigem Frack, in Nankingpantalons, in kameelgarner Beſte, in hellgelbſeidnen Handſchuhen gelandet war, denen dmmt die Erwartung keines andern gleich, ſelbſt die ſeines 318 Begleiters nicht, Stephan Lengenich, der ſich heute unter gewiſſen Bedingungen von Druſenheim losreißen wollte. „Speiſen Sie nächſten Sonntag bei mir in Dru ſenheim!“ Dieſe Worte waren auf dieſer Erde am Donnerstag Vormittags elf Uhr jemanden geſprochen worden in der Reſidenz des Kirchenfürſten. Sie wurden dann wiederholt in den Moppes'ſchen Kellern, dann bei Veilchen Igelsheimer in der Rumpelgaſſe; ſie waren hinübergeſchrieben worden gen Kocher am Fall, wo David Lippſchütz mit ſeiner lebhaf⸗ ten Phantaſie gewiß bereits der Mutter auseinanderſetzte, was wol alles der Onkel zu eſſen bekommen würde bei den reichen„Vettern“, den Millionären, auf ihrem feenhaften Luſtſchloſſe im Enneper Thale... Löb Se— ligmann ſang bereits ſeit Donnerstag keine Arie lieber, als die des Leporello im„Don Juan“:„Ihr Herr Koch, der kocht ganz vortrefflich!“ Selbſt das Zwiſchenſpiel der Violinen begleitete er mit den feurigſt eingeworfenen Sechszehntelnoten:„Ganz vortrefflich, ganz vortrefflich, ganz vortrefflich!“ Nicht, daß er nicht allmählich einem gewiſſen innern Flüſtern gewiſſer innerer Stimmen Gehör gegeben hätte, die ihm ſagten: Seligmann, bilde dir doch nichts ein! An ſeine eigene Tafel wird dich wahrhaftig der Ritter Bernhard Fuld nicht placiren unter die Grafen und die Barone! Du wirſt lediglich in der Küche beim fran⸗ zöſiſchen Koch oder bei der alten Regine, die Madame Bernhard Fuld aus Wien als orthodoxe Köchin mitbe⸗ kommen hat von ihren Aeltern, vor oder nach dem Diner abgeſpeiſt werden! Aber— der Schwung der Seelt, m Donnerst worden ind dann wiedert en Jgelſen Hrieben word t ſeier lehhl tseinanderſet kommen wit uf ihre „ auf l 9i5 ine Arie lu Ihr Herr Ke nanz vortreff Sund 319 der blieb denn doch! Man hatte ihn einer Ehre ge⸗ würdigt! Man hatte ihm Erlaubniß gegeben, ſich ver⸗ wandtſchaftlicher Annäherungen zu rühmen! Man hatte nicht hindern können, daß von Donnerstag bis zum Sonntag jeder, der geſchäftlich oder nichtgeſchäftlich einige Worte mit Löb Seligmann wechſelte, von ihm die nur ſo fallen gelaſſenen Worte zu hören bekam:„Nächſten Sonn⸗ tag, ja— richtig— aha, Sonntag, ganz recht, wo ich bei Fulds in Druſenheim ſpeiſen werde—.“ Nie wurde dann den Staunenden, die das Fallengelaſſene überraſcht aufhoben, eine Genealogie gründlicher vorgetragen, als die Abſtammung und Verwandtſchaft, in welcher ſeit Abraham, Iſaak und Jakob die Seligmanns, die Lipp⸗ ſchützens, die Igelsheimers und die Perls zu den Fulds ſtanden. Am Samstag ſah Löb Seligmann im Stadttheater noch den„Zampa“. Dieſe wilde Räuberoper mit ihrer rauſchenden Muſik, mit ihren üppigen Trinkgelagen und Tafelſchwelgereien weckte ihm wieder den ganzen Hu⸗ mor der ſonntäglichen Erwartung, den er infolge eines Streites mit Veilchen faſt verloren hätte. Dieſer Streit betraf einen Gegenſtand, der ihn, wie wir ſogleich hö⸗ ren werden, in die Lage verſetzen konnte, ſich ſeinem Gaſtgeber, Herrn Bernhard Fuld in einer Weiſe zu Tiſch einzuführen, die dieſen ſelbſt faſt dafür belohnte, ſo einmal ſeinen beſcheidenen Vetter ausgezeichnet zu haben. Auf dem Dampfſchiffe hielt ſich Löb mit Stephan Lengenich ſo herausfordernd und kühn, wie der wilde Held der geſtrigen Oper. Wäre er auch beim Landen, als er inzwiſchen, angeregt durch die Schifferkähne, zur „Stummen von Portici“ übergegangen war und nicht achtend des ſchmalen Steges und des Menſchengedränges trällerte:„Auf, ſingt die Barcarole!“ faſt in den Fluß gefallen, ſo kehrte doch nach dem erſten Schrecken ſeine ganze Erwartungsfreudigkeit zurück. Während Lengenich zum Pfarrer ging, umkreiſte er die ſtolze Villa ſeines Vetters und rüſtete ſich zum Eintritt. Bernhard Fuld inzwiſchen finden wir in der behag— lichſten Stimmung eines geſchäftsfreien Sonntagsvor⸗ mittags. Jjeuue homme von einigen dreißig Jahren hat er ſeinen hie und da ſchon grauenden Bart mit großer Kunſt übermalt und à la mécontent geordnet. Auf ſeine Veranda begibt er ſich in türkiſchem Schlafrock mit Fes auf dem Haupte und ungariſchem Tſchibuk in der mit einem goldenen Siegelring geſchmückten feinen etwas ma⸗ gern Hand... Er iſt nicht allein. Seine Geſellſchaft iſt ein geſtern angekommener Gaſt, Baron Wenzel von Terſchka, ein ihm geſchäftlich Empfohlener von einem Freunde der Familie ſeiner Frau... Und während dieſe ſich noch hinter einem blumengeſchmückten Fenſter oben bei ihrer Toilette befindet, die heute eine neu aus Paris gekommene war, da ſie ein größeres Diner, Nach⸗ mittags großen Kaffee hatte, ergingen ſich der Wirth und Herr von Terſchka(dieſer ſchon in vollſtändig ſter Mise) in Naturbewunderung, Börſencurſen, Louis Philippiſtiſcher Politik und Pferdezucht. Der neue Stall war beſehen worden, Terſchka's Kennerwort vernommen, Homburger und Baden-⸗Badener Grafen und Barone, 3 Ja in der beh Sonntagsol ahren hat gart mit gr gluf ſei dnet. Auf ſe 1 la f Geſelſſch 1 frock mit 1 kin der i en etwas N zn Wenzel! hn neer von ein Und wiſt nückten Ie 321 die ſich vielleicht als Traineurs auszeichneten und von zwei alten magern Pferden, d. h. Wettrennern, mit denen ſie Preiſe gewannen, lebten, waren mannichfach als Autori⸗ täten für dieſe oder jene Fütterungsmethode citirt worden, kurz, man konnte ſich jetzt mit Behaglichkeit dem Blumen⸗ duft und der zauberiſchen Ausſicht hingeben in zwei aller⸗ liebſt geformten gußeiſernen Lehnſtühlen. Die Beſitzung hatte ſchon beim Ankauf, wie heute auch von der Kanzel bemerkt worden, viel Geld gekoſtet und mehr noch hatte man in ſie hineingeſteckt. Das Landhaus war, wie Terſchka ſagte, würdig am Comerſee zu ſtehen... Die nahe Kirche, die ebenfalls neu, hatte dem Erbauer allerdings in erſter Frühe vor ſeinem Schreibtiſch einige„unangenehme Viertelſtun⸗ den“ verurſacht. Sie bot nämlich die Unbequemlichkeit, daß ſie nie fertig wurde. Immer noch gab es etwas zu vervollſtändigen an ihr und zu ergänzen. Bald fehlten noch Chor⸗ und Beichtſtühle, Schränke in der Sakriſtei, aller⸗ läi von jenen Mechanismen, von denen man bei Auf⸗ bewahrung der heiligen Geräthſchaften, der praktikablen Venutzung z. B. nur der Leuchter als Laie kaum eine Vor⸗ ſtellung hat. Was hatte der iſraelitiſche Patron der Kirche des St.⸗Dionyſius nicht ſchon für unheilige Sacrebleus in die Holzſchnitzereien, die Vergoldungen, die Stickereien und die Gelbgießerrechnung allein für die beiden Glocken gwettert! Wir wollen nicht wünſchen, daß die meh⸗ reren Goddams, die auch heute auf die in früheſter Norgenſtunde ſchon wieder vor dem fleißigen Rechner arsgebreiteten Noten und vorzugsweiſe die des Gelb⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 21 322 gießers ſielen, irgendeinen Einfluß auf die hehren Ru ferinnen der Lüfte ausüben mögen. Bernhard Fuld unter⸗ warf ſogar die Inſchriften der Glocken einer Kritik, denn der Bildner der Form ließ ſie ſich buchſtabenweiſe bezah⸗ len und Pfarrer Engeltraut hatte großen Werth darauf gelegt, die Worte des Pſalmiſten:„Wohl denen, die in deinem Hauſe wohnen, die loben dich immerdar, Sela!“ auf die große Glocke und die Worte des Prophe ten:„Wie lieblich ſind auf den Bergen die Boten, die da Frieden verkündigen!“ auf die kleine zu ſetzen. Der von ihm ſogar noch beantragt geweſenen, aber von Fuld geſtrichenen dritten Glocke hätte er hingehen laſſen, daß ſie nur einfach die Jahreszahl brachte. Bernhard's Gaſt, der die Cigarren ſeines tſchibuk rauchenden Wirthes ebenſo zu würdigen verſteht, wie die pittoreske Lage der Veranda, iſt kein Jüngling mehr und doch beſitzt Herr von Terſchka etwas außerordentlich Ju⸗ gendliches. Von ſechsunddreißig Jahren, die man ihm nach dem untrüglichen Merkmal aller Jahre, den Run zeln, die von den Schläfen nach den Augen zu laufen, geben mußte, hatte er noch ganz das Weſen eines Jünglings, jedenfalls noch immer das aus der Zeit, als er mit ſeinem Freunde Grafen Hugo von Salem-Camphauſen unter den Offizieren zu Kiel ſaß, damals, als des Kronſyndikus Trauer ſelbſt beim Weine von dieſen feierlich geehrt wurde und gerade Terſchke es war, der bei Gelegenheit der Naſe Lucindens und eines Bildes auf einem herumgereichten Armbande die Ver⸗ anlaſſung wurde, an eine Römerin zu erinnern, über die der Kronſyndikus in jene nächtliche Aufregung gerieth, die ard Fuld un ner Kritik, d abenweiſe be⸗ n Werth dar ol denen, die Boten, zu ſetzen. aber von U „ Lucindens bande di 1 zber rinnern/ 1 2,b g gerle Arr gun 323 ihn ſeine noch lebende„zweite Frau“ ſehen ließ— und das war bereits ſechs Jahre her. Schlank und behend von Geſtalt, mager, wachsbleich wie ein Armenier, mit ſchwarzem Haar, weißen Zähnen, leidenſchaftli⸗ chen ſchwarzen Augen, befliß ſich Wenzel von Terſchka völlig unbedeutend zu ſein, ſo kindlich, ſo gutmüthig, wie nur irgendeinem gebornen Czechen möglich. Mit Gewandtheit folgte er jedem Gedanken ſeines Wirthes und ließ ſich in der Morgenunterhaltung beim Genuſſe ſeiner Cigarre auf jede Aeußerung deſſelben mit der liebenswürdigſten Selbſtentäußerung ein:„Ah!“ „In der That!“⸗—„Meinen Sie wirklich?“— Mit dieſen Zwiſchenreden folgte er allen Anſichten, die Bernhard Fuld über die große Erbſchaft ausſprach, die demnächſt der Auftraggeber Terſchka's, Graf Hugo, an⸗ treten wollte. Immer wieder kehrte das ihm ſicher hochwichtige Geſpräch auf Harmloſigkeiten zurück, auf die Gegend, auf das Stift Lindenwerth, auf die Pferde ſei⸗ nes Wirths, auf die Preiſe des Heus und der Fourrage in hieſiger Gegend, auf das erſt neuerdings eröff⸗ nete Bad zu Homburg, wo Bernhard Fuld mit ſei⸗ ner jungen Frau vor wenig Wochen die erſte Sai⸗ ſon durchgemacht und zu erzählen wußte von einer Fagdpartie der Spielpächter im Coſtüm der Zeiten Lud⸗ pig's XIII. und einer andern im Geſchmack rothgekleide⸗ ter engliſcher Fuchspreller. Bei der geſchickten Art, wie ſch Wenzel von Terſchka zu unterhalten wußte, lenkte edas Geſpräch immer wieder auf den Beiſtand ein, den für ſeine große Erbſchaft und vielleicht die zweck⸗ 21* 324 mäßigſte Entäußerung derſelben Graf Hugo in dem Fuld'ſchen Hauſe zu finden hoffte. Bernhard, der ohne ſeinen erſt aus der Stadt noch erwarteten, ſicher zum Diner kommenden Bruder Moritz nichts Geſchäftliches unternahm oder zuſicherte, nicht einmal eingehend etwas erörterte, war ſchon mit der gleichgültigen Bemerkung hervorgetreten, daß vielleicht eine Parcellirung— das Rentabelſte wäre und ſich dann zu einer Recognoſcirung des Terrains niemand beſſer eignen würde, als— par exemple— ein erfahrner Landwirth und Gütermakler Namens Löb Seligmann... Und gerade in dieſem Augenblick wurde Löb Selig⸗ mann von einem eben in ſeiner Toilette fertig geworde⸗ nen, in ſchöner, bunter Livree auftretenden Bedienten angemeldet. Terſchka, der alles nur leicht zu nehmen ſchien, doch den Namen des Agenten ſogleich zweimal ſich nen⸗ nen ließ, ſetzte bei ſeinem Wirth Privatgeſchäfte vor⸗ aus und ging auf ſein Zimmer. Er beſaß die Klug— heit, die Dringlichkeit ſeines Anliegens mit nichts zu verrathen, ſondern die Geſchäftswelt an ſich heran⸗ kommen zu laſſen. Faſt könnte es ſcheinen, als hätte dies für ſein lebhaftes Naturell keine kleine Aufgabe ſein müſſen. Mit ſeinen hellgelben, ſeidenen Handſchuhen ſteht nun der glückliche zu Tiſch Geladene vor dem dem Baroniſirt⸗ werden ſo nahe gerückten„Vetter“ Bernhard Fuld und äußert ihm durch einen trunkenen Blick die ſchon oft ausgeſprochene Bewunderung ſeiner reizenden Be⸗ ſitzung. 4£ win dem Stadt noch der Morit erte, vich n mit der eleicht eid ch dann zu eſſer eigne Landvitt Löb Selig ig geworde qodionte Bedieni Bernhard Fuld hatte die Gewohnheit, beim„Unter uns“ nicht die vornehme Reſerve zu beobachten, die ihm ſonſt eigen war... Graf Rudolf in der„Nachtwandlerin“ ſingt, auf die ſchöne Gegend blickend:„Hier das Bächlein, dort die Mühle!“— und ebenſo verklärt ſchaute Löb Selig— mann rundum.. Bringen Sie die Quittung über die— wie viel Thaler waren es—? fragte Bernhard. Herr Fuld, Sie werden doch ſagen, daß ich meine Sache gut gemacht habe! begann Seligmann. Sie ſol⸗ len ſich bauen auf den Berg den ſchönſten Pavillon und eine Treppe hinauf mit ſo viel Stufen, als ich Ihnen Jahre zu leben wünſche! Hundert Stufen ſind mir nicht genug, Herr Fuld! Wer ſagt Ihnen, daß ich einen Pavillon bauen will mit Stufen? erwiderte Fuld und fand ſich ſchnell in die ſo höchſt angenehme Nachricht. Ich will nur einen Weinberg haben und mein eignes Getränk auf den Tiſch, Druſenheimer Ausbruch! Denken Sie, die Papiere ſtehen ſo, daß ich alle Tage Champagner trinken kann? Champagner!... Seligmann ahnte eine bedeutſame Anſpielung auf das heutige Diner, ließ ſeine gelbſeidnen Handſchuhe nicht wenig in der Sonne ſpielen und ver⸗ zichtete ſtill für ſich auf Champagner, befriedigt vollkommen von gewöhnlichem— Johannisberger Cabinet oder ähn⸗ lichen Mittelſorten— Wie iſt denn dieſe plötzliche Umwandelung des verrück⸗ ten Küfers gekommen? fragte Fuld, aufblinzelnd zu ſei⸗ ner vielleicht ſchon oben lauſchenden Gattin. 326 Seligmann zuckte die Achſeln, holte einen tiefen Seuf⸗ zer und erwiderte: Herr Fuld, das iſt ein Roman! Wenn ich's erzählte, Sie würden es nicht glauben! Bernhard Fuld hatte noch mit ſeiner Toilette Zeit und ſagte: Erzählen Sie nur! Löb Seligmann machte eine myſteriöſe Miene. Sie wollen mich überraſchen! ſagte Fuld, als der Maller ſchwieg und ſetzte mit einem Tone, der ſelbſt Scherze in der immer ihm gleichen blaſirten Art ausſprach, erläu⸗ ternd hinzu: Wahrſcheinlich, weil ich jetzt die ganze Ge⸗ ſchichte um ſechshundert Thaler habe! Nein, umſonſt! parodirte denn doch Löb Seligmann und nicht ohne eine gewiſſe Aufwallung über den Vetter, der der Mann war, ſolche Scherze ernſt zu nehmen. Sie haben, fuhr Fuld in der That fort, das Ge⸗ ſchäft mit ſechshundert Thalern fertig gekriegt und wollen nun dreihundert als Courtage? Revanchiren Sie ſich ein andermal! Herr Fuld! ſagte Löb zurückfahrend. Meine fünf Procent ſind mir faſt an Freiheit und Leben gegangen! Mit einem halb zugedrückten Auge erwiderte Bern⸗ hard blinzelnd: Hanswurſt! Hanswurſt? Um den Küfer herumzubringen, hab' ich eine Komödie geſpielt, die, wenn man die Hand um— dreht, wär' ein Trauerſpiel geworden und Sie wiſſen, Herr Fuld, ich bin für die Oper— F Ausla ſchon beim wo ſi herkor die a kannt wund ein rech feur mein ſeelle Gew gewiſ men weſe Faſſ him hatt Seli Ber die ſürk als Set die — Seuf als der 'ſt Scherze ach, erläͤu⸗ ganze Ge Se ligmann über den ernſt zu das Ge⸗ und wollen Sie ſich heine fin gegangen erte Bern Fuld ſtaunte denn doch und würde auf die weitere Auslaſſung des Vermittlers mehr gedrängt haben— ſchon vielleicht eines Stoffes wegen für die Unterhaltung beim Diner—, wenn dieſer nicht von der Veranda aus, wo ſie ſich befanden, den Küfer im Sonntagsſtaate da⸗ herkommen geſehen hätte, umringt von Alt und Jung, die aus dem„Hahnen“ her ihn als einen jetzt erſt er⸗ kannten, wahrhaft erleuchteten und ganz unglaublich wunderbaren Mann begleiteten. Stephan Lengenich ſah ſich wie ein Feldherr oder ein hier entthront geweſener Monarch um. Jetzt erſt recht hätte er, nach der geiſtlichen Schutzrede und dem feurigen Anſchluß der Dorfbewohner, den Fuß in der Ge⸗ meinde behalten mögen; doch hatte er Seligmann in ſeinen Kellergewölben den Schwur gethan, daß es rings in den Gewölben und an den Fäſſern widerhallte: um einen gewiſſen Preis wolle er das Geſchäft zu Stande kom⸗ men laſſen, einen Preis, bei deſſen Anblick es ihm ge⸗ weſen war, als wäre aus der Wand oder aus einem Faſſe heraus auf ihn zugetreten geradezu der Bote der himmliſchen Gerechtigkeit! Was Stephan da geſchworen hatte, als er die Laterne in die Höhe gehoben und athem⸗ los geſprochen: Menſch! wo haſt du das her?... als Seligmann mit der rechten Hand, während die linke das Bewußte ſchnell wieder verbarg, ſeine Vatermörder in die Höhe zupfte, weil ſie in der feuchten Kellerluft ihre ſtärkehaltige Poſitur verloren... was er geſchworen, als er alles liegen ließ, wie es lag, über Dauben, Setzreifen, Bandhaken, Viſirſtäbe, Stellzirkel hinwegtrat, die linke Hand Seligmann's ergreifen wollte, dieſer aber 328 retirirte und ihn ſo mit ſich zog, wie er ging und ſtand und wie an einem Köder in die Rumpelgaſſe zu Veilchen Igelsheimer... was er wieder dort geſchworen, als der lange, breitſchultrige Mann, mit ſeinem ge⸗ rötheten Antlitz, den wackelnden Ringen in den Ohren, das knatternde Schurzfell über den Lenden, vor dem zarten, kleinen alten Mädchen ſtand und an ſeinem Schutz⸗ patron Sanct⸗Stephanus, dem Geſteinigten, feſthalten mußte, um nicht im Glauben wankend zu werden vor Be⸗ wunderung einer Beredſamkeit, die ihm bewies, daß er den Fluch der ganzen Kirche auf ſich laden würde, wenn er nicht dahin ſich ergäbe, jenen Anblick nur vorläufig einmal gehabt zu haben, den Anblick jenes vom Jagdkleid des Kronſyndikus vom Deichgrafen im Ringen losgeriſſenen grünen Kragens— was er da geſchworen: dem Löb Seligmann dafür zum Lohne„und bis auf weiteres“ das von ihm vermittelte Geſchäft des Verkaufs zu Stande kommen zu laſſen, das hielt er denn nun auch. Stephan Lengenich, im Geiſte ſich bis an die Spitze des Geierfelſen hinter ihm hinaufgipfelnd und das ganze Enneper Thal zum Schemel ſeiner Füße nehmend, kam nmäher... Seligmann rief ihn von der Terraſſe grüßend an... Lengenich zog den Hut— läſſig wie ein Fürſt. Bernhard erklärte ſich bereit zum ſofortigen Abſchluß und zur Ausſtellung einer Anweiſung auf ſein Comptoir in der Stadt. Fuld's kurze und geſchäftliche Begrüßung des in⸗ zwiſchen auf die Veranda eingetretenen Handwerkers war dieſem wenig genehm; denn wenn Leute aus dem Volke etwas ihnen entſpy nure hard nur Gebr nußl hund Ber ging und pelgaſſe zo geſchworen ſeinem g den Ohre , vor de nem Schut „feſthalten den vor 3 „daß er de Stand 329 ihnen Wichtiges unternehmen, ſo wollen ſie es mit einem entſprechenden Umſtand vollzogen ſehen. Ehe aber Stephan nur erſt die Anrede gemacht hatte: Lieber Herr! war Bern⸗ hard ſchon mitten in dem Gegenſtand. Und ehe jener nur erſt ſein: Lieber Herr! wiederholt, dann von ſeiner Geburt her„in dem Hauſe da drüben hinter den Wall⸗ nußbäumen am dritten Fenſter rechts Eintauſendſieben⸗ hundertunddreiundneunzig“ begonnen hatte, da bezweifelte Bernhard ſchon wieder Stephan Lengenich's wirkliche Abſicht, bei neunhundert Thalern ſtehen zu bleiben und nicht auf Billigeres zurückzugehen. Und wie der Küfer nun gar erſt von dieſer Seitenſchwenkung, die er jedoch ſchon raſcher parirte, im Context irre wurde und zu ſeiner Wanderſchaft überſprang als Geſell und von den fünf Groſchen ſprach, die er manchmal nicht in der Taſche gehabt hätte, und dann der Weg bis zu dem Düſternbrook bei Schloß Neuhof noch in unend⸗ lichſter Perſpective lag, da waren alle drei ſchon aus der Veranda einige Stufen, über welche eben im ſeidenen, duftenden Kleide dahinrauſchend ein allerliebſtes kleines Frauchen mit einem großen weißen Spitzenteller auf dem rabenſchwarzen Haare ihnen begegnete, in Bernhard's Arbeitszimmer angekommen und hatte dieſer ſchon eine Feder in der Hand und ſetzte eine Verſtändigung auf, die Lengenich unterſchreiben ſollte... Jetzt war zwar in der Pracht und Eleganz der Umgebung die Bio⸗ zraphie des Küfers vollends verſchüttet, doch hatte er für ſein umſtändliches Gemüth nun einen Vorſprung ge⸗ wonnen. Er ſollte etwas unterſchreiben! Da lag ein Bogen Papier, unter den er ſeinen Namen ſetzen ſollte, 330 während ein andrer darauf warten muß! Das iſt ein großes Privilegium! Da kann ein jeder ſicher ſein, ob er nun Napoleon oder Alexander der Große heißt, daß er ruhig zuhören muß, wenn ſein Wirth beim Schließen eines Mieth⸗ contractes die Pauſe benutzt und die gegenwärtige Höhe der Steuern auseinanderſetzt! Lengenich las jede Zeile mit Aufmerkſamkeit und ihm ſtörte nicht das heitere Lachen der kleinen Frau und ihr Scherzen draußen mit Wenzel von Terſchka, ihn ſtörte nicht, daß Bernhard Fuld noch gar nicht einmal angekleidet war. Der Preis war noch offen gelaſſen, in Erwartung, Lengenich würde ſich vor Se⸗ ligmann in der unter ihnen abgemachten Summe verrathen. Wirklich Siebenhundert? ſagte Bernhard. Haben Sie ſich nicht verſchwören müſſen, Herr Lengenich? Siebenhundert? Seligmann trommelte auf die Fenſterſcheiben. Die berühmte Auctionsarie aus der„Weißen Dame“ bekam er in ſeine beleidigten Finger. Inzwiſchen hörte man leichtes Fuhrwerk im Kieſel⸗ ſande anfahren— bald war es zwölf Uhr— vor Tiſch war noch manche Anordnung zu treffen... Bernhard ſagte: Ich ſtelle alſo eine Anweiſung auf— achthundert Thaler. Seligmann trommelte und pfiff ſogar leiſe die Verzweif⸗ lung des Schloßverwalters aus der„Weißen Dame“... Na, richtig, neunhundert! ſagte endlich Fuld ärger⸗ lich, nur um zum Ziele zu kommen und auch erſchreckend über den immermehr zurückhufenden und ſich purpurn überfärbenden Küfer... Als er geſchrieben, mußte er dann auch zur Strafe noch a riichte, freute, bare nach d ſuchte, und n 331 † noch aushalten, daß Stephan Lengenich ihm die Hand reichte, gleichſam eine ewige Freundſchaft mit ihm ſchloß, ſich freute, ihn perſönlich kennen gelernt zu haben, ſeine koſt⸗ bare Einrichtung bewunderte, einige Bilder betrachtete, nach dem Preiſe der Rahmen fragte, dreimal den Hut ſuchte, während er ihn doch ſchon in der Hand hatte, äitere Lache und nicht fortkonnte.. ,5 nit Wen Seligmann unterſtützte ihn in dieſem Laviren. Denn 5 ch Eines war höchſt ſonderbar. Der Vetter machte keine Miene, duhnd ſich zu erinnern, daß er heute bei ihm ſpeiſen ſollte... . Schon rief Bernhard Fuld: Jean! und der Bediente 1 mcaihe kam und half ihm bei Abſchluß der Toilette... d un dir Stephan Lengenich bewunderte noch immer einige 1d a Porträts und verglich bei einer der ringsum aufgehängten genic Damen die Augen mit denen Veilchen Igelsheimer's... di Excuse! ſagte Bernhard ärgerlich und zog ohne wei⸗ lekant jeres den Schlafrock aus... heien Aber kein Wort vom Diner?! Nein, ſehen Sie, Herr Seligmann, dieſe weißen t im ſu Hände mit den Ringen!.. Dort! vor T Bitte recht ſehr! bemerkte Bernhard immer verdrieß⸗ licher und doppelſinniger und ließ ſeine weiten rothen Leinkleider ſinken, um ganz enge ſchwarze anzuziehen... udertTht Und nichts vom Diner!? die I Stephan Lengenich beſann ſich jetzt, was der Anſtand n Dame forderte. Der Mann war er nicht, der nicht verſtan⸗ Fuld ün den hätte, mit den Großen umzugehen, mit feinen, ge⸗ H erſche bideten Herren wie Schnuphaſe, mit Secretären des ſich pun Lrchenfürſten und ähnlichen Lebensſtellungen... Jetzt mpfahl er ſich und verwechſelte nur noch die Thüren... 332 Da, da, lieber Mann! zeigte Fuld und er war dabei auf der Folter... Aber nichts vom Diner?!.. Löb Seligmann ſteht wie angewurzelt... Ja aber, was wollen Sie denn noch? fuhr Bern⸗ hard Fuld jetzt auf, zornig über den kleinen Mann mit dem ſchwarzen Wollenkopf und hatte nicht übel Luſt hinzuzuſetzen: Haben Sie denn Pech an den Stie⸗ feln?... Dabei zog er ſchon den Frack mit dem rothen Band der Ehrenlegion an. Das wurde denn nun doch dem Vetter zu viel! Vor Stephan Lengenich, der ſchon draußen war, compromittirte er jetzt weder ſich noch den Vetter. Mit einem Tone, der gleichfalls unerſchrocken dem„Unter uns“ entſprach, ſagte er: Herr Fuld! Ich wollte nur gefragt haben: Wann iſt die Stunde, wo bei Ihnen geſpeiſt wird? Jetzt ſah ihn Fuld groß an und beſann ſich... Lange mußte er kopfſchütteln und lachen. Endlich rief er gezogenen Tones: Schlemihl!... Es iſt ja wahr!... Wiſſen Sie was? Gehen Sie in die Küche, Seligmann! Fragen Sie Reginen, wie viel Minuten vor zwei Uhr die geſpickte Rehkeule irgendwo zum Anſchneiden iſt, daß man's nicht ſieht, wenn ſie auf die Tafel kommt! Löb Seligmann hob voll Trotz das Haupt aus den Schultern und warf es mit einer gewiſſen ſchiefen Sen⸗ kung wieder in den Nacken. Die Art, wie er von dan⸗ nen ging, ſagte geradezu: Ich denke, Sie haben ſich meinen ſchrieb S in Elo nun n warſt verge außer warte ſeine Ihr bleil mein 1 wußt der der heut nen des Brl nich veſe icht ein dlos halte bedu Vol er war da mann ſ fubede teinen M e nicht i uan den Et rothen B. ſann ſih Endlich ſen Sie Frageln 1 die gel aß mand daupt ahe ſchiefen meiner nicht zu ſchämen, Herr Fuld; denn es ſteht ge⸗ ſchrieben: Alle Jüden ſind wir geborne Prinzen. So ſchritt er fort; ſein Gemüth löſte ſich aber in Elegie auf... Er mußte gedenken: Gott, wenn du nun nach Kocher am Fall hätteſt ſchreiben müſſen, du warſt auf Fuld's Villa und ſie hatten die Einladung vergeſſen!... Dieſer Gedanke goß über ſein Antlitz die äußerſte Wehmuth... Lengenich, der ihn draußen er⸗ wartete, begriff nicht, warum ſo weich die Worte von ſeinen bleichen Lippen kamen: Gehen Sie jetzt, Mann! Verſöhnen Sie ſich mit Ihrem Bruder, der Ihr ärgſter Feind geweſen! Ich bleibe auf der Villa! Sie wiſſen! Ich ſpeiſe bei— meinem Vetter! 4 Der Küfer war in verwandter Stimmung. Er wußte, daß im alten, Anno 30 renovirten Hauſe der Aeltern eben jetzt ſein Bruder Melchior mit der Familie zu Tiſche geht... Er wußte, daß es heute ſeit einem Jahrhundert dort Klöße, gekochte Bir⸗ nen und Speck gab... So nach der Rechtfertigung des Pfarrers mit Darreichung des Handſchlags vom Bruder ſogleich empfangen zu werden, verlangte er nicht. Dazu war der Berg zwiſchen ihnen zu hoch ge⸗ weſen. Aber ein kurzes:„Stephan, du biſt's?“ ein auf⸗ richtiges, ehrliches, deutſches:„Ja, Melchior, ich biws!“ ein Schweigen von Seiten Melchior's und ein Deuten blos auf den Mittagstiſch und die Worte:„ Willſt mit⸗ halten?“... mehr verlangte Stephan nicht... mehr bedurft es auch nicht zur Ausſöhnung. Endlos iſt das Volk in Verſtandesdingen, in Herzensdingen kurz. 334 Seligmann aber, alle Sorgen, die ſich noch an den Fund des Portefeuilles aus der Kutte des Mönches Se— baſtus knüpften(eines Portefeuilles, das einem Manne gehörte, an dem ſich rächen zu wollen auch ihm ſein erſtes Gelüſt geweſen) abſchüttelnd auf die Weisheit, hochher⸗ zige Beſonnenheit und Beredſamkeit Veilchen's ſtieg in das Souterrain der Villa, wo neben dem franzöſiſchen Koch, Herrn Jülien aus Paris, Regine waltete, die der jungen Madame Fuld ihre Aeltern mitgegeben hatten, um dafür zu ſorgen, daß ſie den Zuſammenhang mit den Vorſchriften des Talmud nicht zu ſehr dem vorneh⸗ men Weltleben ihres Gatten opferte. Waren keine Gäſte da, ſo hatte Regine den Oberbefehl und duldete am Kalbsbraten keine Butter, am Rehbraten keinen Rahm, nimmermehr Aale, nimmermehr die Verwechſelung der Geſchirre je nach dem Inhalt, der drinnen geweſen— und wie die Vorſchriften eines Glaubens lauten, der die Grund⸗ lage unſers eigenen iſt. Seligmann lächelte ſanft, die Freude Reginens zu ſehen, daß ſie einen„Vetter“ ihrer Herrſchaft oben ken⸗ nen lernte, wenn auch nur hier unten im Souterrain des Kellers... Der Rehbraten, ſagte allerdings der Koch ſtreng abweiſend, ſein erſt dann zu dividir, wenn er zurück⸗ ſpazir' de la Table!... Aber Seligmann war es nicht um den Rehbraten, ſondern nur um die Ehre zu thun. Er wartete den Gang der Ereigniſſe ab. Das freundliche Plauſchen der alten Wienerin weckte ihm allmählich wieder die frohe Muſik ſeiner Seele. 12. Nun von Viertelſtunde zu Viertelſtunde ein neuer Gaſt... Zuerſt der Bruder Moritz... Er war der Aeltere, trat aber gegen ſeinen reprä⸗ ſentativeren Bruder zurück. Faſt vierzig Jahre alt, mochte er ſich nicht mehr verheirathen. Er hatte eine peſſimiſtiſche Auffaſſung des Lebens, während Bernhard, Geldſachen ausgenommen, mehr zum Optimismus neigte ℳ Moritz brachte die ihm geſtern Abend ansnym zu⸗ geſchickte Caricatur. Glücklicherweiſe brachte er auch den Humor mit, daß er das Befremden und den entrüſteten Unwillen ſeines Bruders nicht vermehrte... Der ſtille und ſanfte Alois Effingh hatte ſie beide darſtellen laſſen, wie ſie mit einem Heiligenſchein von Dukaten um den Kopf ſtanden, der eine in der Hand nit einem Modell einer neuen Kirche, der andere mit einer Kerze und mit dem Rauchfaß. Darunter ſtand die Unterſchrift:„Alles fürs Geſchäft!“ Für die Kirche, ſagte Moritz, tröſte uns die neue Eiſenbahn in Belgien, deren Actien wir in Deutſchland emittiren! Und für die Dukaten um den Kopf tröſte uns unſere amſterdamer Berechnung vom letzten Ultimo! Louis Philipp läßt die Curſe fallen, weil die Kammern zuſammentreten. Um die Debatten über die Thronrede nicht zu grob werden zu laſſen, kitzelt er ein bischen den franzöſiſchen Nationalſtolz durch den Schein, daß es Krieg gibt. Bernhard verſicherte ſich, daß Moritz wenigſtens die Caricatur vor ſeiner Frau geheim hielt... Gott, wie zärtlich! Warum ſoll ſie unſere Lage nicht kennen lernen? erwiderte Moritz. Dabei mußte er gewähren laſſen, daß ihm Bernhard ſein an Louis Philipp's„ehrliche Leute“ und deren Po⸗ litik erinnerndes rothes Bändchen etwas weiter aus dem Knopfloch zog... In der Stadt drüben, fuhr Moritz fort(er that dabei ſogar dem Bruder den Gefallen, ſich im Spie⸗ gel zu beſehen), müſſen wir uns iſoliren und unſere Kraft nur in Paris, London und Amſterdam ſuchen! Dann der mittlere Bürgerſtand und der kleine Mann ge wonnen und wir lachen dieſe altfränkiſchen Buchhalter aus mit ihren großen dicken liniirten Strazzen, die von Jahr zu Jahr hinten mehr leere Seiten zeigen werden. Beide waren einig darüber, daß der Spott nur von der tonangebenden mercantilen Zugend der wohledeln Stadt, von Piter und deſſen Freunden kommen konnte. Sie verließen das Haus und gingen den ſchattigen Partieen des ſchönen Gartens zu und ſprachen von den Anträgen Wenzel's von Terſchka... Es war von einer großen Lotterie die Rede, in der Kopf truſ ten Ultimol e Kammer bischend in, daß enigſtens re Lage u zim Bernhn dam ſ ne Mann uchhaltet! U die von verden. oit nur! 337 die Standesherrſchaft Dorſte⸗Camphauſen allenfalls ver ſpielt werden konnte... Terſchka hatte ſelbſt aus ſeiner Heimat dieſe dort übliche Form für Geldſpeculationen großer, ſelbſt fürſtlicher Häuſer anempfohlen... Neue Anmeldungen hinderten die Fortſetzung dieſes Geſprächs.. Bernhard ging, eine kürzlich in Belgien bei Nego ciirung eines großen Eiſenbahnanlehens der Städte Lüttich und Namur gemachte Bekanntſchaft aus Spaa, den Baron von Binnenthal zu empfangen... Die Phyſiognomie des Barons misfiel Moritz. Gerade varin zeigte er ſeinen Peſſimismus, daß er beſtändig des Bruders Sucht nach vornehmen Bekanntſchaften be⸗ kämpfte, die allerdings nicht ſelten mit Geldverdrießlich keiten endeten... Ich weiß nicht, mit was für Leuten du dich ziehſt! flüſterte er dem Bruder zu. Aergerlich wies dieſer auf den aus der heißen Küche jetzt zurückgekommenen und in den entfernteſten Hecken ves Gartens faſt auf den Zehen ſpazieren gehenden Se⸗ lgmann und ſagte: Schnorrer willſt du? Da haſt du einen! Sich wendend empfing er dann wieder eine neue Meldung... Herr von Binnenthal war inzwiſchen zu Madame Fuld getreten. Ein junger Dandy war es, der bei ſeinen vielen Keiſen im Ausland ſeine deutſche Mutterſprache verlernt iu haben ſchien und bei den einfachſten Begriffen ſtockte, unn ſie zuletzt engliſch oder franzöſiſch vorzubringen. Gutzkow, Zauberer von Rom⸗. III. 22 Moritz flüſterte ſeiner Schwägerin(die in der Mitte des Gartens in der ſchattigen Rotunde eines mit vier Eingängen durchbrochenen Rebenſpaliers, auch hier auf gußeiſernen, mit Polſtern belegten Stühlen, anmuthsvoll die Honneurs machte und durch die Strahlen eines von Blumen umzogenen Springquells aus der Ferne geſehen, in ihrem waſſergrünen ſeidenen Kleide, faſt einem Grand⸗ ville'ſchen Naturgeiſt, einer perſonificirten Libelle ähnlich ſah) nach einigen Beobachtungen des Herrn von Binnen⸗ thal brummend die Bemerkung zu: Ich weiß nicht, dieſer Baron hat immer das Deutſche an den Stellen vergeſſen, wo man eben erwartet von⸗ ihm einen Gedanken zu hören! Frau Bernhard Fuld ſprach jedoch holdſeligſt mit dem Baron, ohne ſich im mindeſten von der grämlichen Kritik des Schwagers ſtören zu laſſen. Wieder klingelte die große Pforte des Eingangs. Wieder eine Anmeldung„aus der Pairskammer“, wie Moritz ſagte, der im Geiſte mehr in Paris, als in Druſenheim zu leben ſchien. Dieſe neuen Ankömmlinge wurden vor Bewunderung der Villa gleich vorn gefeſſelt. Terſchka und Binnenthal unterhielten die Wirthin und Moritz horchte und ſtudirte vor ſich hin und auf dem Gartenboden, wie es ſchien, nur Botanik. Herr von Binnenthal hatte allerdings alle Eigen⸗ thümlichkeiten der Weinreiſenden. Er konnte mitten in eine Phraſe über die von Terſchka angeregte Schönheit der alten belgiſchen Bauten eine Zwiſchenrede mit der Wendung einwerfen:„Meine gnädigſte Frau, dieſes we⸗ erne geſehen 339 niger!“ Oder Frau Bettina, wie ſie ſtatt Betty dem ſeit einigen Jahren erſchienenen Briefwechſel Goethe's mit dem Kinde zu Liebe genannt wurde, ungeduldig über die draußen gefeſſelten Gäſte, wollte einen Schmetter⸗ ling haſchen. Es mislang ihr und Baron Binnenthal nannte dieſe kleine graziöſe Unterbrechung, die der ſchö⸗ nen Frau allerliebſt ſtand:„Eine verfehlte Specula⸗ tion!“ Als er einige male, wetteifernd mit dem im⸗ mer gefallſamen Terſchka, der aus dem:„Küſſ' die Hand!“ gegen Frau Bettina nicht herauskam, von „ſchiefgewickelten“ Ideen ſprach, erregten dieſe Aus⸗ drücke wol bei beiden großes Gelächter, Moritz jedoch hatte auf der Lippe, ſeinen Bruder Bernhard zu fragen, ob dieſer in dem Eifer nach Vornehmheit vergeſſen hätte, ſich den Paß des Herrn von Binnenthal zeigen zu laſſen. Und dabei bekam Moritz wahrhaft Mitleid mit dem armen Seligmann, der ſich hinter den äußerſten Stachel⸗ beerhecken verſteckte und je mehr Menſchen kamen, ganz gegen das Naturell ſeines Stammes, deſto weiter ſich zurückzog. Immer größer und größer wuchs die Zahl der Connexionen. Nun ſah man, daß man in Homburg und Baden⸗Baden die Liebenswürdigkeit ſelbſt geweſen war. geder, der auf ſeiner Rückreiſe den ſchönen Strom be⸗ rührte, war aufmerkſam gemacht worden, die Villa im Enneper Thale zu beſuchen... So auch ein Herr von Guthmann mit Gattin... So auch zwei engliſche Ladies, die mit Ponies an fuhren und mit Mappen kamen, um nach Tiſch vielleicht toch die Gegend aufzunehmen. .. 22* —₰ 340 So auch ein großer„Exporteur in Landesproducten“ aus Hamburg mit zwei Schweſtern... Bernhard gerieth in eine gegen ſeine ſonſtige blaſirte Haltung immer mehr zunehmende Aufregung. In dieſer gab er ſogar den Bedienten den Befehl, den ſo„lauernd ſchleichenden“ Seligmann ganz aus dem Garten zu ver⸗ weiſen. Moritz machte zu alledem den Beobachter und bemerkte bereits Manches. Z. B. als das von Guthmann'ſche Ehepaar in den Garten getreten war... Herr von Binnenthal entfaltete gerade ein Brillant feuerwerk von„famoſen“ oder„ſchaurigen“ Thatſachen aus dem Badeleben Oſtendes und Scheveningens und hatte auf die Frage des Herrn von Terſchka, ob Herr von Binnenthal auch ein Schwimmer wäre, wieder die geiſtreiche Antwort gegeben:„Dieſes weniger!“— als ſeine Blicke des Herrn von Guthmann anſichtig wurden und vom Momente an verſtummte Herr von Binnenthal. Moritz konnte dieſe auffallende Beobachtung um ſo mehr machen, als ihn Frau von Guthmann intereſſirte; eine feine graziöſe Er ſcheinung war es, nicht mehr ganz jung, aber von ge⸗ fälligem Eindruck und einem ohne Zweifel im Salon gebildeten Benehmen. Als ſie ſelbſt mit einem jener Misverſtändniſſe, die in Geſellſchaft mit neuen Bekannt⸗ ſchaften oft vorkommen, ſich ſelbſt in ein längeres Geſpräch mit Herrn von Binnenthal eingelaſſen hatte und erſt allmählich erkannte, daß ſie ſich an ihr ebenbürtigere Perſönlichkeiten hätte wenden müſſen, ſtand doch Herr von Guthmann lange genug allein, um über den Ein⸗ 341 druck, den auch ihm Herr von Binnenthal zu machen ſchien, von Moritz beobachtet zu werden. Dies ſchien der Eindruck des höchſten Erſtaunens zu ſein. Offen ſprach Herr von Guthmann zu Moritz ſeine feſte Ueberzeugung aus, in jenem jungen Manne einen gewiſſen Oskar Binder wiederzuerkennen, der— Nun freilich nahm er Anſtand, die Antecedentien eines Mannes offen an⸗ zugeben, der hier in ſolchem Kreiſe bei Rittern der Ehrenlegion verweilen konnte und von Pferden, Hun⸗ den und von Güterankäufen ſprach. Daß auch ihm der Makel anklebte, auf eine nicht beſonders motivirte Weiſe Bankrott gemacht zu haben und mit der ge⸗ ſchiedenen Frau eines angeſehenen Mannes, gegen deren Aufführung die ſprechendſten Beweiſe an Ort und Stelle vorlagen, ſich von Weib und Kind ent⸗ fernt, dann dieſe Frau und mit ihr den ſelbſtgege⸗ benen Adel geheirathet zu haben, um ein ſpeculatives geben in den Bädern zu führen das war allein der Anſtand, der Herrn von Guthmann verhinderte, of⸗ fener mit der Wiedererkennung ſeines frühern Commis hervorzutreten. Seine Frau führte mit dieſem gerade ine liebenswürdige und höchſt charmante Cauſerie, ganz noch als wenn ſie in ſeinem Bazar ſtünde und unter Scherz und Bewunderung der vorgelegten Stoffe, ſicher rur infolge angeborener Kleptomanie, ein Packet Spitzen Scamotirte. Moritz bemerkte den Schrecken, der auf den Geſichtszügen des Herrn von Binnenthal immermehr glatzzugreifen anfing... Dieſe ſo intereſſanten Bekanntſchaften wuchſen immer⸗ Itehr. 342 Bernhard's neue Exiſtenz ſtrahlte im Lichte der edel⸗ ſten Gaſtlichkeit. Man hatte im erſten flüggen Drange des Beſtrebens, ein Haus zu machen, jeder perſönlichen Berührung, ſelbſt einer Frage am Curſaal zu Baden Baden, ob dieſe oder jene Piece nicht von Beethoven wäre? und der Antwort der Nachbarin(zufällig Meta Carſtens, die mit Bruder und Schweſter ihre zweijähr liche Ferienreiſe machte):„Jewoll!*) Die C⸗Moll⸗Sym⸗ phonie!“— dann bei einer Kritik des Fünf⸗Uhr⸗Di ners(hamburger beibehaltene alte Gewohnheit) und der Bewunderung der aufgetragen geweſenen Erbſen(die ſſe rühmende war Sophie Carſtens) eine Ausdehnung zur Einladung, auf der Rückreiſe das Enneper Thal zu be ſuchen, gegeben. Frau Bettina liebte die Natur, die Muſik, die ſchönen Künſte und ſoggr die Freundſchaften noch ebenſo, wie Bernhard bereits Nur noch die Livreen, die Pferde, die Hunde und die großen Namen liebte. Nach den Honigmonaten klärt ſich das. Jetzt iſt die Gärung noch etwas bunt. Zu dem Commis mit fünf Jahren Correction, zu dem bankrotten Rentier und ſeiner neuen Gattin, dem weiblichen Vidocg, zu den Ladies, die die Töchter eines Porterbierbrauers in London waren, kam Nikolaus Carſtens, ſeinerſeits höchſt unſchuldigen weiſe hier ein großer Exporteur genannt, theilweiſe jedoch mit größerm Rechte als Münzenkenner und halber Ge⸗ lehrter gefeiert. Er bedurfte der ganzen Würde, die ihm ſeine weiße, große, in der Hitze nicht eben kühlende Hals binde gab, um die Aeußerungen ſeiner Schweſtern Über *) Ja wohl. ſichte der ede ggen Drn er perſönlih Ton ſoh ſt unſchil beilweiſe halben t und de, di Würde, 5 — 3chweſern eine gewiſſe von ihnen bewohnte Villa vor dem Damm⸗ thorwalle mit Beſonnenheit zu unterſtützen. Wir bedauern nicht verweilen zu dürfen bei der An⸗ muth der Wirthin, die ganz wie ein verkörperter Tropfen vom heutigen Frühthau noch nachblinkte. Sie einen Diamanten zu nennen, deren ſie einige Dutzende auf Bruſt und Händen trug, wäre zu kalt von uns. Sie iſt das Leben ſelbſt, der Frühling, der lachende, die Sonne, die glühende. Wie iſt das im Glück geboren und erzogen! Sie hat ſoeben bei dem Wandeln hinaus auf den nun heute zu ihrer kindlichſten Freude erworbenen halbwüſten Acker und Weinberg, deſſen Höhe jedoch das ſchönſte Pa⸗ norama bot, eines der koſtbaren Bänder, die ſie auf dem ſchönſten Arme von der Welt trug, verlorer— Moritz ta delte gleich, daß ſie deren zu viel trug und nannte es ein gefährliches Unterbinden der Pulsadern— beim Zeigen und Bewundernlaſſen dieſer Armringe war einer von ihnen verloren gegangen... eben kam der Verluſt zur Sprache eben bei der Debatte über das Verhältniß irgend⸗ eines neuen wiener Componiſten zu Beethoven, einer Zuſammenſtellung, über deren Ketzerei Meta Carſtens vor Aufregung faſt plattdeutſch ſprach und dabei Bril⸗ lanten und Rheinkieſel in geiſtvolle V Vergleichung brachte Nun allgemeine Bewegung; aber die junge Frau ſagt: Bitte! bitte! Laſſen Sie doch nur!... Die Be⸗ diente ſpringen... Terſchka iſt ſchon überall... Bern⸗ hard bittet um alles in der Welt, den Fall kiicht zu nehmen... Bettina nimmt den Fall wirklich ſchon leicht Man kehrt unverrichteter Sache zurück, das Arm⸗ band iſt nicht zu finden... Und jetzt kommt es erſt 344 heraus, daß es das ſchönſte war, daſſelbe, das Frau von Guthmann ſo lange bewundert hatte... Moritz fixirt Herrn von Binnenthal... aber ein Graf Damm⸗ hirſch— wirklich das einer von ſechzehn Ahnen, aber blos Traineur und Beſitzer von zwei alten magern, ſchnellfüßigen, ihn ernährenden Stuten— verbürgt die Ehrlichkeit der Gegend... Doch die Maſſe der Spazierfahrer und Ueberlandgänger!... Enfin tranchons le mot! ruft Bernhard. Tranchons le rostbeaf! ſagt Moritz, mit Anſpielung darauf, daß man auch allenfalls Hunger haben könnte... Das Ding koſtete mindeſtens ſechzig Friedrichsdor! flüſterte er; aber Bettina ſprach ſchon wieder von Muſik und vertheidigte den neuen Com⸗ poniſten und bewunderte Thalberg's Tremolo. Die Stimmung war allerdings ein wenig gedrückter geworden und nur die Naivetät der Engländerinnen be⸗ lebte ſie wieder durch ihr Entzücken über die Gegend. Bernhard ſah ſich nun nach Seligmann um, den er aus dem Garten verwieſen hatte, ja ſogar von der Ein⸗ gangspforte der Villa weg, wo der gute Vetter ſich nützlich zu machen den Einfall bekam und den Schlag der Wägen öffnete, wenn die Bediente nicht ſogleich zugegen waren. Jetzt hätte der nach dem Armband ſuchen können. Er bereute faſt, vor einer Viertelſtunde zu ihm geſagt zu haben: Seligmann! Ich werde Ihnen doch einen Hut mit Treſſen geben, ein Bandelier und einen Stock, wenn Sie durchaus hier den Portier machen wollen! Man konnte nicht leugnen, Seligmann trug die Farbe ſeines Stammes in ſeltener Treue. Dazu kam ſeine unendliche Glückſeligkeit, die unverkennbare, faſt IIl sll tranchon- l ſa veaf! ſo zuch allenfal te mindeſte 1 - U or m, dent on der E ſich nütl „r Wäge 1g der Wa gen wart 345 verwandtſchaftliche Freude, andere im Augenblicke gleich⸗ falls ſo glückliche Menſchen hier begrüßen und aus dem Wagen helfen zu können mit ſeinen allerdings ſchon et— was von der Hitze ſtark mitgenommenen gelbſeidenen Handſchuhen. Indeſſen hatte er ſein Vergehen vollſtändig eingeſehen und da die gute Regine mit der Unterſtützung des Koches noch ausſchließlich zu thun hatte und ihm ſelbſt der Duft von Speiſen, die ihm noch ſo lange vorenthalten bleiben ſollten, doch ein zu lebhaftes Andringen zu ſeinen Geruchs— organen verurſachte, ſo zog er es vor, einſtweilen noch und da leichte Wolken die heiße Sonne zu bedecken anfingen, die Villa zu verlaſſen und noch ein wenig auf Druſen— heim zuzuſpazieren, zu ſehen vielleicht, ob Stephan Len— genich bei ſeinem Bruder Speck, Klöße und Birnen aß. Eben das eiſerne Thorgatter der Beſitzung auf das ſanfteſte zurücklehnend hörte er Säbelklappern und traute ſeinen Augen nicht, den Major Schulzendorf mit ſeinem Wachtmeiſter Grützmacher aus Kocher am Fall daher⸗ traben zu ſehen... Ja, ſie waren es!... Wie die Roſſe dampften!... Wie die Schnurrbärte der Reiter wom Kalkſtaub der Landſtraße ſo marſch⸗ und mansver⸗ mäßig gefärbt waren!.. Der Gruß der Nachbarn aus Locher am Fall that ihm ſo wohl, wie wenn ſie ihm Grüße von der Haſen⸗Jette und vom David mitbrächten. Ei, Seligmann! Schlag, wie kommen denn Sie lierher? rief ebenſo erheitert Major Schulzendorf und ritt twas langſamer. Ja, aber Sie, Herr Major? Von drüben? Zwölf Stunden weit? 346 Dienſtgeſchäfte!... Bedeutungsvolle Pauſe... Grützmacher ſpricht natürlich kein Wort, wenn der Chef redet... Dieſer wollte weiter... Apropos! hielt er plötzlich ſein Roß an. Seligmann! Wiſſen Sie hier keine Pferde? Herr Major, wollen Sie wechſeln? Wechſeln! Kaufen! Kaufen! Seligmann beſann ſich... Vielleicht war ein Ge⸗ ſchäft zu machen. Der Major drängte... Sie haben was, Seligmann! Kommen Sie uns doch nach! In den Palmbaum, heißt ja wol das Wirthshaus? Zu Befehl, Herr Major, zu Befehl! Wie wir wiſſen, war der Major ein berühmter Pferdehändler. Seligmann durfte annehmen, daß dieſe Aufforderung vollkommen ernſt gemeint war. Grützmacher, der erſt dicht neben ſeinem Chef ritt, ſich jetzt aber drei Schritte zurückhielt, beſtätigte mit einer eigenthümlichen Ironie in dem ſonnenverbrannten, wie mit Speck und Staub überſtrichenen Antlitz die Ge⸗ legenheit zu einem Geſchäft. Und ſein Brauner ſogar ſchien den Seligmann zu erkennen. Er machte einen ſo gewal⸗ tigen Satz, daß ihm Grützmacher's Säbel faſt an ſeine Vatermörder ſtreifte. Na, na, Landsmann! ſagte Grützmacher zum Gaul und beruhigte ihn. Die eigenthümliche Ironie des ſeinem Chef Nack⸗ t, wenn der Seligmann berühnnte d. nem Chef! beſtätigte enverbran ,2. dis l Antlitz di 7e d ner ſogak inen ſo ge⸗ „ ſ Jfaſt au 9 her zum Chef m daß die ſprengenden verſtand der Nachbar des Wachtmeiſters zu Kocher am Fall auf den erſten Blick. Seligmann ſagte ſich: Gewiß iſt blos ein Pferd dienſtuntüchtig geworden! Nun wird er eine Reiſe von zwölf Stunden und ſogar über den Strom hinweg unterwärts mit der dieſſenbacher Fähre machen! Nebenbei werden ein paar Wagenpferde für Herrn von Ingelheim, ein paar Ackerpferde für den Grafen Grafenberg, ein Reitpferd für deſſen Herrn Sohn beſchafft. Oder wär's noch etwas Anderes? ſetzte er in ſinnendem Selbſtgeſpräch, aber nachfolgend hinzu... Seligmann verſtand ſich auf die Zeit... Ihm ſelbſt lag der Streit der Guelfen und Ghibellinen ſeit geſtern centnerſchwer auf dem Herzen, ſo leicht auch nur ein einziger grüner Streifen Tuches von einem Jagdrock wiegt. Im Palmbaum fand er dann den Major, der be⸗ reits, wie er erzählte, heute ſieben bis acht Pferde be⸗ handelt und theilweiſe ſchon erſtanden hatte. So auf⸗ merkſam Schulzendorf dann zuhörte und ſich Namen und Ortſchaften notirte, wo Seligmann noch einige junge, tüchtige Pferde wußte, auch eines ganz in der Nähe auf einige hundert Schritt, ſo fand er den Major doch nicht in der Stimmung, den Duft des Stalles ſogleich wieder einzuathmen, ſondern erſt vor allen Dingen den eines tüchtigen Mahles. Im Palmbaum gab es eine leidliche Table⸗d'hote. Das Gewühl von Menſchen, die ſich noch an der mit ſedem neuen Gaſt mehr verdünnten Suppe und an aus⸗ zekochtem Rindfleiſch mit Salzgurken ſatt aßen, war heute ſo groß, daß Seligmann plötzlich auf einen ihn ſelbſt über⸗ 348 raſchenden Gedanken kam. Wie— dachte er; wenn— über⸗ legte er; prächtig!— beſchloß er. Der Major war an der Villa vorübergeritten und hatte bei ſeinem außerordent⸗ lich ſeinen norddeutſchen Spürſinn(die Guelfen räu⸗ men den Ghibellinen vorzugsweiſe eine größere Feinheit der Geruchsnerven ein) Seligmann beneidet, als dieſer ſich rühmte, dort zu diniren. Selbſt wenn es nur Kugel⸗ Schalet gab, wußten ja Grützmacher und er, daß der Major ſolchem Geruch manchmal ſelbſt bei Jette Lipp⸗ ſchütz nicht widerſtehen konnte. Selbſt unter deren Dach ſah man ihn oft eintreten am Freitag Abend mit der fein⸗ ſten Naſe, die nur je jenſeits der Elbe zum ſpürenden Or⸗ gan alles Guten und Schönen ſich ausgebildet... Ueber⸗ haup ie zzunneeinin Landdragoner ſtanden unter dem Trefflichſten. Jeder von ihnen wußte, daß ein ſo tüch⸗ iger hr nur zum Wohle des Vaterlandes geboren wer⸗ den konnte, und eine dies bezeugende Kleinigkeit, näm⸗ lich zu ſeinem Geburtstage— bezeugte auch an ihnen wieder, ſo arm ſie waren, ein gutes Herz. Schulzen⸗ dorf nahm jeden Haſen, auch wenn er geſchenkt war. Und nun gar erſt der Pferdehandel! Sechzig Thaler koſtete nun ſo eine tüchtige Mähre von einem Bauer z B. hier im Enneper Thale; dann hat man einen guten Freund, Grützmachern z. B., die gute treue brave jüter⸗ bogker Seele macht ſo ein Thier„rittig“, ſetzt Leib und Leben, Frau und Kinder daran, das wilde Jung⸗ blut zuzureiten, und nach ſechs Wochen nimmt es dann der beſte aller Könige für achtundachtzig Thaler. Bei ſechsunddreißig Pferden, die wie alle Pferde nur zu oft nicht einſchlagen, kommt der Fall der Erneuerung und 349 ein Gewinn von achtundzwanzig Thalern per Stück ſehr häufig vor. Wollte man aber darum den Major an⸗ klagen, daß er im Dienſte läſſig geweſen? Nim⸗ mermehr! Er ſtrafte wie einer! Er machte Abzüge wie einer! Er lächelte ſtets ſo ſcharf, ſo ſarkaſtiſch, ſo liebevoll mephiſtopheliſch, aber zuweilen konnte ſein Inneres auf⸗ lodern, wie wenn ſeine Väter nicht geborene niederlauſitzer Tuchmacher, ſondern(nach Shakſpeare)„von Deukalion her erbliche Fürſtendiener“ geweſen wären. Er vergaß keine Titulatur nach oben, aber wehe dem, der eine von unten vergaß! Um zu zeigen, wie ein Chef Untergebene behandeln müſſe, duldete er nimmermehr, daß Grütz⸗ inacher von den Schreiben, die aus dem Landdragoner amte an untergeordnetes Volk gingen, den Streuſand wegblies. Kreuzhimmeltauſendſakkerment! fluchte er trotz Niemeyer und Knapp, bei denen er noch in Halle Theo⸗ logie ſtudirt hatte, wenn Grützmacher von einem Beſcheid an einen Dorfrichter oder an eine kleine Stadtgemeinde den Streuſand wegblaſen wollte! Dieſe Bagage muß wiſſen, mit wem ſie zu thun hat! Aber nach oben hin war dann Schulzendorf auch um ſo mehr die ſchuldigſte Devotion ſelbſt... In dieſer Weiſe zeigte ſich jene Geſinnung, die niemand ſchärfer durchſchaute als Pro⸗ curator Nück, wenn er nachdenklich ſeinen Frack mit dem goldenen Sporn betrachtete, oder Michahelles, wenn er zum Kirchenfürſten ſagte:„Eminenz! Erſt nur gewiſſe zürſten gewinnen und in dreißig Jahren wird dann aus em Schooſe des Proteſtantismus ſelbſt heraus eine Be⸗ negung entſtehen, der man getroſt es commandiren kann, p NYom auf halbem Wege entgegenzugehen!“ 1 d Auch Seligmann wollte einen ſtarken, kräftigen Staat, hielt es aber für politiſche Weisheit, wenn an Ort und Stelle in manchen Dingen nachgegeben und ſich accom⸗ modirt wurde und vor ſeinen beiden Vettern glaubte er keine größere Genugthuung zu haben, als wenn er ih⸗ nen den Major zu Tiſche führte. Mit Hochherzigkeit reinigte er den auf dieſe Eröfſnung hin erſt laut auflachenden, dann aber gar nicht abgeneigten Gönner vom Staub der Landſtraße. Seit geſtern Mittag unterwegs hatten Uniform und Knöpfe, Degenkoppel, Stiefel und Sporen gelitten. Mit Grützmacher's Hülfe wurde das Werk der Adoniſirung glücklich vollendet und lachend ſich zurückverſetzend in die Zeiten der Campagne und den viel minder rückſichtsvollen Beſuch manches flandriſchen Meierhofs und manches burgundiſchen Edelſitzes, billigte er nach Seligmann's Nath als paſſendſte Anknüpfung den Pferdehandel und die Beſichtigung einiger ſtattlichen Meck⸗ lenburger, die im Stalle des Beſitzers von Druſenheim neu angekauft ſtanden... Man verließ den Palmbaum, wo Grützmacher mit einem ſeiner loya ſagendſten Blicke zurückblieb. Gerade war die Geſellſchaft der Villa auf einer ernen ten und auf Veranlaſſung der„in ſolchen Dingen pedanti ſchen“ Damen Carſtens das Armband ſuchenden Promenade begriffen. Nachdem ſchon lange vor aufſteigenden Nebeln die Sonne verſchwunden war, begann es etwas zu tröpfeln. Wie die Geſellſchaft, von dieſer unerwarteten Wendung der Sonntagsluſt überraſcht und auf eiligem Rückweg be⸗ griffen, mit geſpannten Sonnenſchirmen da und dort aus dem Grün auftauchte, ging Schulzendorf, ſich einen d lſten, aber viel— ff einer eine ».„n pedal ingen 1 den Promat jaenden N Wendl- W teten D 1 Rücwe da und dorf 1 jugendlichen Schneller gebend, dem Wirthe entgegen und über die Mecklenburger hinweg erfüllte ſich alles aufs trefflichſte. Es war in der Ordnung, daß man dem Major die herrlichen Thiere, die Stallungen, die koſtbaren Fut⸗ terbehälter, die Porzellankrippen zeigte... es war in der Ordnung, daß man ihn dringend bat zu bleiben. Seligmann, entzückt über ein ſogar ganz freundliches Zunicken ſeines Vetters Bernhard Fuld, ſtieg triumphirend in die Küche. Jetzt waren alle Gäſte mehr als vollzählig beiſammen und nur einer fehlte noch... Schleudere deinen Bann⸗ ſtrahl, Paul genannt der Vierte! Kanoniſche Regel, ver⸗ hänge deine entſchiedenſten Strafen! Ein Prieſter im Hauſe, ja ſogar am gedeckten Tiſche eines Juden!... Dennoch öffnete ſich die Thür und der Pfarrer trat ein, in gewählter Sonntagskleidung, in ſchwarzer Weſte, ſchwarzen Handſchuhen... der praktiſche Mann war bei ſeinem Patronatsherrn— die Auslegung des Bullariums hat ihre eigenthümlichen Geheimniſſe. 8 Wir ſchildern nicht den geſchmackvollen Eßſaal mit hunten Fenſtern, die die Geſichter grün, die Suppe roth, die Löffel blau erſcheinen ließen. Wir ſchildern nicht den runden Tiſch mit ſeinen Herrlichkeiten. Wir ſchildern nicht die galonirten Diener, die mit gründlich einſtudirter Ruhe ſerviren. Wir ſchildern nicht dieſe ſcheinbar granitne Sicherheit, die Bernhard über die Folge der Gänge, das Abnehmen der Teller und Prä⸗ ſintiren der Weine zur Schau trägt, während ſein ſchar⸗ fis Auge ſtechend auf eine etwas laut niedergeſetzte Schüſſel oder eine zur Erde fallende Gabel gleitet. Als es Gemüſe gab, riefen die beiden Hamburgerinnen ein ſtimmig ihrem Bruder zu: Nikolaus! Junge Erbſen! Das Geſpräch wurde Schmetterlingsflattern, obgleich Eng⸗ länderinnen immer gründlich ſind. Am Lurleyfelſen wer den ſie ſicher die Fußtapfen der Lurley geſucht und am Mäuſethurm die Löcher der Mäuſe gezählt haben, die jenem Hatto von Mainz einſt das Leben nahmen. Was aber auch nur angeregt wurde, alles zündete vorzugsweiſe bei Meta und Sophia, die, wenn ſie auch ſtets mit den ver⸗ klärteſten und ſchönſten Stellen und Excerpten ihrer Tage⸗ bücher beſchäftigt waren, doch von jeder Speiſe zweimal nahmen. Wie plaſtiſch und ſozuſagen objectiv wurde von ihnen eine jede Lebensäußerung behandelt! Selbſt wenn ſie nur ein wenig Salz verlangten oder ſich vom Nachbar ein Glas Waſſer erbaten, geſchah es im Vollgenuſſe dieſer höchſt merkwürdigen, aber behaglichen Situation. Der Pfarrer iſt einer jener Urmenſchen, die an jeder Stelle das thun, was die Lage der Dinge gerade mit ſich bringt. Ebenſo gut wird er einen wohlbereite ten Salmen zu würdigen wiſſen, wie eine eingeſtandene Sünde. Das iſt die beſte Menſchenart, die bei jedem Ding ſich auf dem Platze weiß... Schweigſam waren nur geworden Moritz der Peſſimiſt, Binnenthal, Herr von Guthmann, ſelbſt Frau von Guthmann... das Armband wirkte doch drückend... Dagegen war Terſchka ein Matador. Hufbeſchlag mit Schulzendorf, Stangen oder Kandarenreiten mit dem Grafen Dammhirſch, Per cuſſionsflinten mit einem Jagdjunker, Zukunft der öſter⸗ reichiſchen Finanzen mit einem Herrn Bendixen aus Frank furt, Drainage und alte Münzen mit Herrn Carſtens, erinnen el ge Erbſer obgleich En leyfelſen we 359 353 Rouge et Noir mit Herrn von Guthmann, Caramboliren beim Billard mit Binnenthal, Muſik mit Miß Arabella, Malerei mit Miß Julietta, das von Liebig eben ent⸗ deckte Conſerviren junger Gemüſe in Blechbüchſen mit den Damen Carſtens— allem und jedem ſteht dieſer Wun⸗ derbare zur Rede... Und nur mit der Frau vom Hauſe ſpricht er von Wien und lacht mit ihr vertraulich über die ganze übrige Welt. Die Wiener und Wienerinnen haben das. In der Fremde gehören ſie alle einer ge⸗ heimen Conſpiration an, deren Deviſe die Unübertreff⸗ lichkeit ihrer Heimat iſt. Beim Geſpräch über Lindenwerth, die Penſionärin⸗ nen, Armgart, mußte man denn auch auf Armgart's Mutter kommen, Monika von Hülleshoven. Sie kennen ſie? fragte der Geiſtliche Terſchka. Auch Schulzendorf horchte auf. Einen Namen hörte er, den er von Kocher am Fall kannte. Sie hat eine Tochter hier in der Erziehungsanſtalt auf der Inſel! fuhr Terſchka fort. Ich hoffe ſie heute noch zum Kaffee auf der Terraſſe kennen zu lernen! Gnä⸗ dige Frau hatte die vortreffliche Idee, die Terraſſe heute zum Salon der kleinen Zöglinge zu machen! Engeltraut ſchwieg zu der freudigen allgemeinen Accla⸗ mation. Zu vieles wußte er, was mit dieſer Bemer⸗ keng ſchmerzlich zuſammenhing. Erſtens, welche Beden⸗ iin dieſe Einladung drüben bei den Engliſchen Fräulein ſberhaupt hervorgerufen hatte. Doch hatte er der Schwe⸗ ſter Aloyſia geſagt: Unſer Herr ſpricht:„Reinige zum erſten das Innenwendige am Becher!“ woran er die Be⸗ tachtung knüpfte, daß man von dem Auswendigen nicht Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 23 zu viel Weſens zu machen brauchte... Dann hatte er vor wenig mehr als einer Stunde erſt mit Angelika und Schweſter Aloyſia die Briefe aus Wien und Kocher leſen können(denn zwei Taufen und ein Krankenbeſuch hatten ihn ſogleich nach der Application in Anſpruch genommen); den Rath hatte er gegeben,„abzuwarten“— ein für Armgart nicht minder als das Wort„Geduld“ höchſt antipathiſcher Begriff... Den Major fragte er nach dem Oberſten, Armgart's Vater. Jedes allgemeine Geſpräch pflegt ſonſt von dem Ueber⸗ gang zu Perſönlichkeiten geſtört zu werden. Hier aber ereignete ſich der Fall, daß die Mittheilungen, die der Major von dem Oberſten von Hülleshoven machte, man⸗ chen intereſſirten. Ja als er auf Kocher am Fall überhaupt zu ſprechen kam und das neueſte nachbarliche Erlebniß erwähnte, das Erbrechen eines Grabes drüben, als er den Antheil ſchilderte, den daran eine gewiſſe Lucinde Schwarz hätte, die den noch immer nicht aufgefunde⸗ nen Thäter auf die Idee gebracht, in einem Sarge Schätze zu ſuchen, da wurde plötzlich alles rege und ging wild durcheinander. Selbſt der immer ſtummer gewor dene Herr von Binnenthal fuhr auf und die gerade von möglichen Gewittern und der richtigen Abgangszeit der Dampfſchiffe ſprechende Frau von Guthmann und beide ganz in Beethoven, Mozart und jetzt wieder die köſt— lichen Früchte des Deſſerts und die Vergleichung der geographiſchen Breitengrade des Enneper Thals mit den „Vierlanden“ bei Hamburg verlorenen Damen Carſtens riefen wie elektriſch berührt: Lucinde Schwarz?! inn hatte en Ingelika und Kocher lſt veſuch hatten genommen — ein fit duld“ höcht gte er nad n dem Ueber Hier abe gen, die de nachte, mal all überhau che Erlebnif en, als e aufgefunde Lueinde 355 Eine ultramontane Emiſſärin, die in den gegenwärtig ſchwebenden Zeitläufen— begann der Major... Der Major würde mit dieſem für die Nähe eines Pfar⸗ rers ziemlich ſcharfen Worte und den naturgemäß zu erwar⸗ tenden Repliken, dann wieder bei den darauf folgenden nähern Erläuterungen leicht bei dem vortrefflichen Deſſert⸗ wein ſich eine leiſe Anſpielung erlaubt haben können auf den nicht oſtenſibeln Grund ſeiner heutigen Anweſenheit in dieſer Gegend, wenn nicht in dieſem Augenblick der allgemein⸗ ſten Spannung und durcheinander fahrenden Fragen: Lu⸗ einde?— katholiſch?— wo?— wann?— ein Blitz⸗ ſtrahl das ſeither immer dunkler gewordene Zimmer er⸗ leuchtet hätte. Der erſchreckenden Helle folgte in ſo ra⸗ ſchem Aufeinander ein erſchütternder Donner, daß alles aufſprang, weil man vorausſetzte, es müßte irgendwo in der Nähe eingeſchlagen haben. Das Diner war damit zu Ende. Raſch lehnte man die bunten Fenſter zurück und ſah entſetzt ins Freie. Zum Glück wurde nirgends ein Feuer oder Rauch erſichtlich, aber der ganze Himmel war eine einzige große graue Wolke; ein Gewitter tobte und der Regen floß. Die Damen Carſtens vergaßen alle Gemüſe⸗ und Obſtzucht in der Welt, alle Con⸗ fefſionsunterſchiede und bedachten nur ihre Schuhe von Zeug und die mangelnden Regenſchirme und die Wei⸗ terfahrt auf dem Dampfſchiff. Ueberall fanden ſie ge— fihrlichen Zugwind, riethen zum Schließen von hundert Fenſtern, die ſie in der Nähe und dann auch ſogleich weit ofen ſtehend witterten. Auch Frau von Guthmann verlor ilre erkünſtelte Heiterkeit und flüſterte mit ihrem Gatten. 23* 356 Herr von Binnenthal hatte noch mit dem Dampfboot in die Reſidenz des Kirchenfürſten zurück wollen! Bereits zum öftern war von ihm die Nothwendigkeit einer Eiſen⸗ bahn nach Belgien behauptet worden... Wirklich war es nun ein Gewitter, als hätte ſich wochenlang darauf die Natur vorbereitet. Während man gemüthlich aß und plauderte, hatten Stürme die Wolken immer dichter heraufgejagt. Sie entluden ſich in Blitzen, die dicht in der Nähe ſchon in den dunkelwallenden Strom ſchlugen. Das hatte ſich erſt von Weſten her in ein⸗ zelnen Vorboten angekündigt. Dann kam ein dunkel⸗ blauer Streifen, der ſich ausdehnte wie mit Drachen⸗ flügeln, Staubwirbel aufriß, die wie in Trichterwindun— gen ſich drehten, die Thüren zuſchlugen, Fenſter zerklirr⸗ ten... Jetzt brach ein Regen mit Schloßen aus und mit Blitz und mit Donnergekrach... Nun das ganze von Beſuchern überdeckte Thal!... Ueberall in Berg und Flur weißſchimmernd die hochauf⸗ rgenommenen Kleider!... Stimmen dazwiſchen! Hülferufe nach einem Kinde, das fehlte und nicht ge⸗ borgen!... Die Sonntagsfreude allen dahin!... Wo ſollten die Luſtgänger ſich bergen!... Wo ſollte ſich alles ducken und verſtecken!... Arme Jugend auch von drüben, von Lindenwerth, dein Beſuch der Villa wird zu Waſſer! Oder— iſt es denn möglich? Nein! Neuer Schrecken! In dieſem Tumult der Elemente kommen ja eben wirklich vom Ufer, dort unten ausgeſtiegen, die neunundzwanzig jungen Mädchen wie eine verſprengte Wallfahrt daher! Wie ebenſo viele Tauben zeichnen ſie ſich am grauen r in ein. he ein dunkl ichterwindun klir nſter zerklir en aus um Horizonte ab!... Man ſieht ſie im aufgeweichten Bo⸗ den verſinken, kämpfen gegen die Fluten vom Himmel mit ein paar alten Regenſchirmen!... Sieben auf einen, den dann alle ſieben auch halten müſſen, wie wenn ſie mit Sturmböcken gegen die empörte Natur anliefen! Schirme! Tücher! Galoſchen! Jean! Franz! Den amen entgegen! So rief Bernhard und niemand war ſchon eifriger als Terſchka, der auf Armgart„zu brennen“ erklärt hatte und ſchon mit Hülfe eines andern eine ganze Gar⸗ derobe auf dem Arme hatte und hinauseilte... Dieſer andere hinter ihm her, einen Regenſchirm über ihn hal⸗ tend, zwei unterm Arm... Moritz und Bernhard blicken befriedigt Terſchka und dem andern nach... Wer war der andere, dieſer Helfer in der Noth? Waren alſo doch noch gewiſſe gelbe Seidenhandſchuhe zu Ehren gekommen? Moritz beſonders ſtand voll Bewunderung. Wie ein Garcon auf Rheumatismus zu ſprechen iſt, wußte er. Und nun bugſirte der kleine ſchwarze Vetter eines der Mädchen nach dem andern über die in Rinnbäche ver⸗ wandelten Wege, hatte Nankingbeinkleider wie Schwimm⸗ hoſen an und machte ſich nützlich in einer Weiſe, die ihm jetzt faſt die öffentliche Anerkennung eines gewiſſen, wenn auch entfernten verwandtſchaftlichen Grades eintrug. Niemand aber war bei alledem, ſollte man es glau⸗ ben, charmanter als Bettina, die junge Wirthin... In den erſten Honigmonden der Ehe hat man ſo viel Glück, ſo viel Wonne im Herzen, daß man tauſenderlei Plage damit aufwiegen kann. D 358 Als Moritz leiſe zu Bernhard flüſterte: Aber mit dem Armband iſt es doch fatal! Willſt du denn nicht die anweſende Gensdarmerie— 2 brach dieſer zornig aus: Nein, wie weh thut mir's vor dem Ober⸗Chochem! Ein Haus zu machen muß gelernt werden! Für Bet⸗ tina iſt das Ganze nur eine von mir arrangirt ge⸗ weſene Uebung! Der„Ober⸗Chochem“*) trat, ſich ergebend, zurück... Und ſollte nun die Sonntagspartie Thiebold's und der Freunde Piter's zu Stande gekommen ſein und ſie wären in dieſem Augenblick an der Villa vorübergeritten oder gefahren oder jetzt nach Umſtänden geſchwommen, ſo würden die Brüder die Genugthuung gehabt haben, ihnen ein Schauſpiel zu bieten, das nur die Verleum— dung hätte unterſchreiben können:„Alles fürs Geſchäft!“ Denn Bernhard führte ehrerbietigſt die beiden in Regen und Sonnenſchein immer gleich feierlichen Engliſchen Fräu— lein dem Pfarrer entgegen, der ſich nicht nur für Wenzel von Terſchka, ſondern für ſein eigenes theilnehmendes Herz bemühte, aus dem lachenden jungen Schwarm vor allem Armgart von Hülleshoven herauszuerkennen. So begann der Kaffee auf dem Zimmer ſtatt auf der Terraſſe. *) Ober⸗Philoſoph zernig aus: der⸗Chochem! . R 1 Für Bet arrangirt ge nd, zurück.. hiebold's und ſein und ſi gehabt haben ie Verleun rs Geſchüft! en in Regen aliſchen Fräl r für Wenze heilnehmende 2chwarm erkennen. ſtatt auf 1 Pbergeritte geſchwommen, 13. Konnte nun aber wol auch Armgart zu den Un⸗ geduldigen gehört haben, die dem heraufziehenden Un⸗ wetter bald den ſchönſten Uebergang wieder zum blauen Himmel und Sonnenſchein verhießen und ſich von der Einladung in die druſenheimer Villa um alles in der Welt nicht abbringen laſſen wollten? Wird denn auch ſie mit ihrem halb über den Hut ge⸗ zogenen Oberkleide durch die Feldwege, die in Gießbäche ſich verwandelt hatten, ſo„hingetrottelt“ ſein, ſieben unter einen alten Regenſchirm gedrückt? Wird denn auch ſie von den zu Hülfe Eilenden ſo beſchützt werden, daß ſie nur noch nöthig hat, das Anerbieten der jungen Frau Wirthin anzuneh⸗ men, daß ſämmtliche junge Mädchen mit ihren vier Erzieherinnen erſt in ihrem Zimmer Toilette machen möchten? Sieht ſie die beiden Engliſchen Fräulein(nicht die Miſſes Coffingham, ſondern die ihrigen) voll Bewun⸗ derung lieber ſich bis auf den Tod erkälten, als daß ſie ein einziges ihrer naſſen Ordenskleider wechſeln? 360 Lernt ſie von Frau Bettina, wie eine junge Frau, die eigentlich das Herz voll Aerger haben ſollte, davon nicht das Mindeſte verräth, ſondern ſich in dieſen Lärm eines maſſenhaften Beſuchs wie in etwas ganz Gewöhn⸗ liches findet, dazu die freundlichſte Miene behält und ſtatt eines Gartenfeſtes jetzt oben den Salon und den Flügel und als der Regen nachläßt, die Fenſter wieder öffnen und dann die Jugend ſich zu Kaffee und allerlei köſtlichem Backwerk ergehen läßt, wie es ihr eben beliebt? Hört Armgart dem Herrn von Terſchka zu, der vor allen ſie auszuzeichnen ſich vornahm, ihr erzählen wollte von ihrer Mutter, die in der That vielleicht ſchon dieſen Abend, jedenfalls morgen am Hüneneck eintreffen konnte? Lachte ſie wie die andern Mädchen über einige der Her⸗ ren, die ſich ins Rauchzimmer zurückgezogen hatten und die unerbittlichſte aller Kritiken, die des Muthwillens, her— ausforderten... womit ſtößt man nicht alles bei jungen Mädchen an! Spielte ſie Charaden, Moquirſtuhl und Schenken und Unterſchrift, wobei endlich der die„Herren“ meidende Herr von Binnenthal aufhörte vom Wetter zu reden, die in Nebel gehüllten Dampfſchiffe zu verfolgen und ſogar für einige ſeiner Deviſen, z. B.„Bange machen gilt nicht!“ ein dankbares Publikum findet? Gibt ſie der Frau von Guthmann Auskunft über ihren Stammbaum und veranlaßt dieſe Dame, auch von dem ihrigen zu reden? Schließt ſie ſich zuhörend den vier proteſtantiſchen Jungfrauen an, die, während die Muſiklehrerin Tänze ſpielt, einen fanatiſchen Confeſſionsmeinungsſtreit mit den e junge Fra ſollte, davon 7 n dieſen Lär ganz Gewöhn ne behält und on und de Fenſter wied e und alletl reben beliebt ka zu, der vo ählen woll erzah ht ſchon dieſe treffen konnte einige der He atten und d „ kel villens, he s bei jungen und Schenie en“ meiden au reden, n und „ machen 9 361 beiden dem Pfarrer attachirten Engliſchen Fräulein und Angelika beginnen? Bewundert ſie den Heroismus der wirklichen Englände⸗ rinnen, die den beiden Nonnen, die nun einmal das ſind, was ſie ſind, das Papſtthum als eine Schöpfung des Anti⸗ chriſts ſchildern und ihnen das Recht abſtreiten, ſich nach dem freien Albion zu nennen, wodurch ſie dann allerdings Gelegenheit gehabt hätte, ihre Anſichten über die Aus⸗ breitung des Katholicismus in England zu berichtigen? Und hört ſie, wie die ſanfte Angelika, als die beiden Fräulein Carſtens nach langer Converſation des Erſtau⸗ nens über Lucinden erklären, ſie müßten an ſich eine weib⸗ liche Erziehungsanſtalt, wie die drüben, die nur Frauen leiteten, eine muſterhafte nennen, denn nur ſie lehre es, „die Männer zu verachten“, worauf es in einer heiraths⸗ ſchwierigen Zeit vorzugsweiſe ankäme, im Gegentheil dieſe Auffaſſung in Abrede ſtellt und erklärt, ſie ihrerſeits müſſe geſtehen, ſie lehre ihre Mathematik, ihre Ge⸗ ſchichte, ihre Naturwiſſenſchaften nur, um deſto mehr die Männer hochachten und lieben zu lernen, da eben die Männer es geweſen wären, die die Mathematik, die MNaturwiſſenſchaften und die Geſchichte erfunden hätten? Lauſcht ſie den jener unheimlichen Lucinde gewidmeten Erzählungen Schulzendorf's, der nach zwei genommenen Taſſen Kaffee und einem kleinen Curacäo ſich bald em⸗ pfehlen zu müſſen erklärte und auch von Grützmachern und ſeinem Pferde abgeholt und von dem ſchärfer blickenden Luge deſſelben veranlaßt wurde, gewiſſe auf dem Balcon ſcchtbare Perſönlichkeiten mit gewiſſen Notizen in ihren Portefeuilles zu vergleichen? 362 Oder ſteht Armgart auch nur zur Seite und gloſſirt mit Moritz dieſe„ſtillen Sonntagsfreuden ländlicher Zu⸗ rückgezogenheit“ und hört die Geſchichte, die Herr von Guthmann bei Gelegenheit Lucindens, der ſpätern Schau⸗ ſpielerin Konſtanze Huber, von einem jungen Commis er⸗ zählt, mit dem Herr von Binnenthal eine ganz merk⸗ würdige Aehnlichkeit hätte? Von alledem nichts— Denkt euch einen von Regen träufenden breitaſtigen Ulmenbaum! Denkt euch an ihm einen gewaltigen Aſt und auf dem Aſt einen ſchmächtigern Zweig und in dem Zweige ein grünes Winkelchen und in dem Winkel ein Vögelchen, das in Sturm und Unwetter, in Regen, Blitz und Donner wie ein ganz klein bucklig Zwergmänn⸗ lein in ſeinen aufgepluſterten Federn ſitzt! Mit Augen und Schnabel ſitzt der Kopf, mit Krallen und Sporen ſitzen die Füßchen ganz in dem Federwulſt verſteckt. Sonſt ſo ſchlank, ſonſt ſo leicht durch die Blätter hüpfend, hockt das Thierchen wie ein Männlein aus der Gnomenwelt oder wie ein Kind, das Großmütterchens alten Pelzmuff über den Kopf gezogen hat. So verzaubert ſitzt Armgart einſam auf der Inſel Lindenwerth. Sie wollte nicht mit... Sie blieb daheim... Sie blieb in ihrem Schlafſaal Nr. 5, an deſſen äußerm Ende eine der Penſionärinnen ein wenig unpäßlich liegt, die kleine Liddy, die bei Sturm und Ungewitter ruhig in ihrem Bettchen ſchlummert. Sie hat die Pflege der Kleinen übernommen... Still iſt's in dem noch immer düſtern Saale, auch nachdem die Schloßen ausgetobt haben. Einige ite und glo ländlicher die Herr ſpätern Sth gen Commit ine ganz m den breitaſt gewaltigen Zweig und in dem I etter, in Re lig Zwergm t! Mit A- G 2 en und 2— C ver ſteckt. rhüpfend, der Gnomen z alten del n auf det daheim. an deſſen Junpflc gewitte pſexe d h inmer f öbt haöel. 363 Scheiben knickten ein, glücklicherweiſe ohne Zugwind durch⸗ zulaſſen... Armgart zieht ſogleich die grauen Fenſter⸗ laden vor und nun wird's in dem Saale mit den fünf leeren Betten und der einen ſchlummernden Kranken noch geſpenſtiſcher. Da hockt ſie denn an dem einen frei⸗ gebliebenen Fenſter, an dem naſſen Ulmenbaum, an dem kleinen, von ihr dorthin getragenen Nähtiſch, vor dem aufgeſchlagenen Buche, in dem ſie leſen wollte und nicht leſen kann... in einem Roſenkranz von Gebeten und Gedichten von Beda Hunnius mit einem wundervollen Titelkupferſtiche, einen Kranz darſtellend von ſieben Roſen, die die ſieben Schmerzen Mariä enthalten und drüberher triumphirend das Lamm mit der Fahne, das Symbol ihrer ſchwierigſten und mangelndſten Tugend— der Geduld. Aber ſie ſcheint recht geduldig geworden zu ſein... ſie gluckſt nur ſo und duckt ſich und„hockelt“, wie die Mädchen ſagen. Erſt während des Mittagseſſens war Angelika den aidern nachgekommen mit der Vorſteherin Aloyſia. Sie hatten drüben zwei Stunden auf den Pfarrer warten müſſen. Und was brachten ſie mit? Mahnungen zum Abwarten! Und die Mutter ſchrieb doch— der Pfarrer hatte geſtattet, daß Armgart den Brief las—: „Mein gutes Fräulein Angelika Müller! „Ich erhalte von unſerm ſanften, liebevollen Dechan⸗ ten aus Kocher am Fall Ihre Einlage an ihn. Sie niſſen nicht, daß mir einſt mein Kind, mein einziges, wie von Zigeunerhand geſtohlen wurde; daß ich hinausgejagt in Sturm und Verzweiflung hundert vergebliche Verſuche 364 machte, mein Kind mir wiederzuerobern, daß ich dann, als alles vergebens, in ein Kloſter ging, faſt zehn Jahre der Selbſterkenntniß lebte und der eingeſtandenen Pflicht—, erſt mich ſelbſt zu erziehen. Jetzt bin ich faſt fünfunddreißig Jahre; aber ich fühle mich wie mit Siebzigen. In euem Wäldern wußt' ich mein Kind von meiner Schweſter und meinem Schwager liebevoll gehütet, wie ihr eben liebt, wußte ſie ſo erzogen, wie ihr die Menſchen erzieht. Ich ſchildere Ihnen die Sehnſucht nicht, die mich nach mei⸗ nem Kinde verzehrte, das man mir nur zurückgeben wollte unter der Bedingung, daß ich meinem in ſeiner Garniſen verſetzten Gatten folgte. Es trennte mich nichts von ihm, als die freudige Luſt, ihm folgen zu können. Zuletz, als erneute Verſuche der Eroberung vergebens waren, beruhigte ich mich mit dem Gedanken, daß ich Arn⸗ gart vielleicht zum Opfer meiner Nichterziehung gemacht hätte. Wie oft nennen wir Erziehung, was nur ein unglückliches und widerſtandloſes Dahingeſchleiftwerden iſt von älterlichen Thorheiten! Wie oft nennen wir Liebe, was nur ein unglückliches Zermalmtwerden von den Rädern unſerer eigenen Entwickelung iſt! Thörichte Mütter, die ihr von der Zärtlichkeit für eure Kinder ſprecht und ſie nur zu den Opfern eurer Stimmungen macht! Eure Umarmungen ſind nicht deshalb ſo heftig, weil ſie von euerm reinen Herzen kommen, ſondern weil ſie von eurer Leidenſchaft kommen, von eurer Verzweiflung oft um nichts, von eurer verletzten Eitelkeit! Mit ſtürmiſchen Küſſen bedeckt ihr eure Kinder und flößt ihnen oft nur Giſi ein!... So war wenigſtens meine Vergangenheit.. lun Jetzt ſſ, nach einem langen Kloſterleben, vieles, vicle in mir anders. Ich erzog mich, eines Kindes würdige daß ich dan o,. 5 . in I Mutter zu ſein. Da ſoll Armgart's Vater zurückkommen aſt zehn an dee f 35 und neue Stunden des Kampfes und der Prüfung ſollen denen Pflict- heraufziehen? Dem Vater ſoll gehören, was mit minde⸗ ſtens gleichem Rechte mir gehört?... Wie ich dieſe Zeilen ſchreibe, bin ich im Begriff Wien zu verlaſſen und mein Kind, deſſen Seelenkampf ich verſtehe, den ich jedoch nimmermehr von Armgart allein oder von meinem Gatten werde entſcheiden laſſen, in meine Arme zu ſchließen. Ich kann mich vor ihr rechtfertigen. Monika Hülleshoven.“ Das Auge der kleinen Richterin hatte gefunkelt beim Leſen des ſo ſeltſam entſchiedenen Briefes... Bei den Worten:„Wie mit Siebzigen“ ſtrich ſie ſich bewußtlos ihren dunkelbraunen Scheitel, als gedächte ſie der weißen Locken ihrer Mutter; bei der Schilderung der falſchen Liebe und Zärtlichkeit der Mütter ſtockte ſie... ſie verſtand dieſe ſt fünfunddue zigen. Ne er Schweſter e ihr eben! was Stellen nicht... aber bei der Nachricht, daß die Mut⸗ naeſchleiftu ter ſchon unterwegs wäre und von ihr Beſitz nehmen vf nennen wollte, nahmen ihre Geſichtszüge den Ausdruck des almtwerdn Schreckens an, der ihre ſchönen Lippen halb öffnete und 1 ſtt Wi nieder, wie verboten, die beiden Zähne hervortreten vre Kinderſ(leß. Immerfort ſtrich ſie mit der Hand über den umungen Scheitel ihres Haares, gleichſam dieſen zu ebnen, und 9 heftign dee Hand wollte nur die Gedanken ebnen, die wilden, ban wellte unruhigen, die ſchon Entſchlüſſe in ihr zu treiben be⸗ wweifun gennen. Mit ſumme Der Pfarrer befiehlt dir, deinen Schein von Rich⸗ terſchaft aufzugeben, dir nicht anzumaßen, daß du ein lUetheil fällſt über Vater und Mutter und daß du dich 4 4 366 ruhig ergeben ſollſt und vorläuſig dem Willen des Stärkeren! Armgart lächelte und blickte wie abweſend auf die Oberin Aloyſia, als die dieſe Worte geſprochen. Kommt die Mutter früher als der Vater, ſo gehörſt du den Umarmungen der Mutter! fuhr Schweſter Ger— trudis fort. Inzwiſchen hat der Pfarrer nach Weſter⸗ hof geſchrieben und wartet von dort auf Antwort! Jetzt, zumal da vollends auch Angelika ſo ganz zu allem ſchwieg, floſſen Thränen der Liebe und des Schmerzes. Und doch ſtanden der ſtillergebene Stolz des Vaters, die würdevolle Entſagung des Tiefgekränkten auch der Freun din Angelika ſo lebhaft vor Augen, daß ſie das Gefühl des Kindes, gerade dieſem Vater ſich nicht zu weigern, gerade ihn mit der Heimat nach ſo langer Trennung wieder auszuſöhnen, vollkommen verſtand. Die excen⸗ triſche Gefühlsweiſe Armgart's entſprach im Grunde auch ihrer eigenen Lebens⸗ und Menſchenauffaſſung. Nicht wer Mathematik treibt, ſondern wer ein ſtarkes Herz hat und doch entſagen, doch kämpfen muß, lebt das Leben nach Geſetzen und regelt jedes noch ſo glühend aufwallende Gefühl. Angelika wußte ſelbſt nicht viel von der Stärke, die ſie beſaß. Sie war un— bewußt ſtark und gab ſich nach außen doch wie die Schwäche ſelbſt. Sie tröſtete und ſchalt und verſchwen⸗ dete noch Worte, wo ihr Inneres längſt entſchieden hatte. Darin glich ſie einer Mutter, die, mit den ſtrengſten Worten und vor Schmerz ſelbſt vergehend, ihrem leidenden Kinde die ſchmerzhafteſten Wunden lindern und verbinden kann, während dem dabeiſtehenden Miethling cht in ſeinem ſcheinbar weicheren Mitgefühl angſt und wehe wird. Und wir ſehen ja heute noch Benno drüben! war Angelika's Troſt geweſen. Er kommt gewiß hinüber! Bon der Villa aus erſpähen wir ihn ſchon und wol gar auch Thiebold de Jonge— Armgart zeigte ſtumm auf die heranziehenden Wol⸗ ken und ſpäter ſagte ſie ohne Verſtellung: Ich bin krank! Nach Druſenheim— geh' ich nicht mit hinüber! Armgart! verwies Angelika und fühlte ganz das Nämliche, was die Geſcholtene. O, ſagte Armgart nach einer Weile, es iſt furcht⸗ bar mit dieſen Aerzten der Seele! Zu wiſſen, daß ein Arzt auf ein Uebel heilt, das wir gar nicht haben! Un⸗ geduld, das iſt ja meine Krankheit gar nicht! Eine Zeit kann kommen, wo ich auf die Art in keinen Beichtſtuhl mehr gehe! Armgart! Armgart! rief aufs neue ernſtlich ver⸗ neiſend Angelika und— fühlte doch wie die Geſcholtene. Ich will der Prieſter meiner Aeltern ſein! fuhr Arm⸗ gurt fort. Ich will ſie zum zweiten male trauen, noch lenmal ſegnen! Davon träum' ich Tag und Nacht! Darauf hi ſeh' ich Leiden und blutige Dornen über mich verhängt, awer auch Roſen, himmliſche Roſen der Erfüllung! und Angelika hörte alles das äußerlich tadelnd, in⸗ werlich billigend. Mit all ihrer Mathematik und Phyſik (öte ſie in einer gleichen Anſchauung überirdiſcher Dinge, lu gleicher Verehrung vor den großen Zauberformeln der Seele, denen alle Natur gehorchen muß. Angelika beſaß den reichen aufgeſammelten Schatz der Liebe einer Jung⸗ frau, die ohne Hoffnung verblühen muß. Man hatte längſt zu Mittag gegeſſen... Alles war in Kummer über das zunehmende Sichüberwölken des Him⸗ mels... Kurz vor Vier faßte man den heroiſchen Ent⸗ ſchluß, ehe es„gießen“ würde, doch hinüberzuſchiffen... Die Erzieherinnen gaben nach... die Engliſchen Fräulein wollten dem Pfarrer ein gegebenes Verſprechen halten. Angelika befürwortete nun ſelbſt das Zurückbleiben Armgart's. Sie ließ ihr außer dem Briefe der Mutter auch den kurzen und ſo unbeſtimmten des Dechanten. Und bei alledem, mehr mochte der Dechant jene geheim⸗ nißvolle Zuſchrift aus Italien nicht ſtudirt haben, als Armgart ſeine Runenſchrift bis auf jedes Häkchen und jeden Bindeſtrich zu entziffern ſich mühte. Ob voll Jam⸗ mer und Klage über das veränderte Wetter nach langem Hin⸗ und Widerreden das Inſtitut ſich eingeſchifft hatte, ob die jungen„nachgemachten Engländer“ ſich drüben einfinden würden, ja ob ſelbſt Benno ihrer harrte... ſie blieb daheim und las und wachte über die kleine Liddy. O, das ſind ſeltſame Zuſtände, wenn es ſo in unſerm Innern an allen Enden und Ecken zupft und kein Gedanke Stich hält, kein Gefühl zur That wird, keine Vorſtellung, und wäre ſie auch nicht ſchreckhaft an ſich, doch kein rei nes und volles Behagen gewähren will! Dann weiß man, und die fiebernde kalte Hand bezeugt es, daß man in ſeiner Sorge und ſeinem Unmuth ſich gewiß nur ſelbſt zerſtört, und doch kann man den Blutſtrom, der alle Lebenswärme zum Herzen drängt, im Laufe nicht än⸗ dern, geht und wirft ſich ſtöhnend aus einem Winkel .Alles war ölken des Hi heroiſchen E berzuſchiffen. liſche Fräule rechen halten Zurückblet fe der Mut r nach lang ngeſchifft ha 369 in den andern und ſagt ſich nur: Eins iſt gewiß, ich werde krank!... Auch Freunde können dann nicht hel⸗ fen. Ja, wer hat denn gleich von euch den ſanften Ton und den vollen Accord der reinen Uebereinſtimmung, den Ton, der uns gerade jetzt ſo noth thäte und den nur allein zu hören jetzt uns möglich iſt! Wie klingt ſo oft euer Tröſten und des Zuſpruchs beſtes Wort doch ſo völlig anders, als es die Schmerzen hören wollen! Schon daß ihr alle ſo geſund aus der friſchen Luft des Lebens kommt! Daß euch allen nichts fehlt!... Käme z. B. jetzt Thiebold de Jonge— nur lachen, nur ſcherzen würd' er... Benno... Benno freilich... Benno iſt immer ſo ſeltſam traurig... was fehlt ihm nur, dem Guten, dem ſelbſt in Heiterkeit doch immer nur ſo duldend Scheinenden?... Paula! Paula!... Der hätte ſie den KRopf in den Schoos legen mögen! Die hätte Frieden über ihre Seele gehaucht, ſchon mit, dem Streicheln ihrer Hand allein! Paula hätte nur geſagt: Armgart! und in dem einen Worte, in dem Tone ſchon hätte alles gelegen, was ſie ſtill und ergeben gemacht! Das Gewitter war endlich vorüber... Armgart erfriſchte die verweinten Augen auf einem Valcon, auf den eine Thür des Corridors des alten unheimlichen Gebäudes führt... Schon war es die ſechste Stunde... Die kleine Addy hatte ſich ein Geſchichtchen erzählen laſſen, ſich denn auf die andere Seite gelegt und war wieder ein⸗ geſchlummert. Der Balcon ging nach der Seite hin, die dem Hü⸗ meneck zugewandt iſt. Sie konnte die für eine wiener 24 Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 370 Dame beſtellten Zimmer nicht vergeſſen. Die„Vier Jahreszeiten“ ſelbſt waren vor Nebel nicht zu ſehen. am C Wie trübe dieſer Anblick, der am frühen Morgen ſo Länn ſchön geweſen! Die nächſten Berge jetzt ganz unſichtbar! ſh ſe Nur in leiſen Contouren glitten ſie aus dem Waſſernebel Dam) heraus... Das Enneper Thal ganz durchwallt von weißen Luftſtreifen, als zög' es fort mit den Wolken... ſiew Am Meere, das hatte eine Antwerperin im Inſtitute er⸗ D zählt, da ſäh' es ſo faſt immer aus... Am Meere!... hüſte Selten ſchoſſen die Waſſervögel ſo niedrig hin... Am iht!. Meere! gedachte ſie wieder... Dann mußte ſie das Nächſte D im Auge behalten, den Garten am Kloſter, das Gewöhn⸗ iuchd lichſte, nur um noch friſches Grün zu erblicken... anart Wie die Salatbeete im Regen ſo putzig küchenmäßig 5 und überreinlich glänzen! Wie die Magd da watet barfuß d in die weiche Erde hinein und die Köpfe heraushebt, ſiſte die für den Nachtimbiß beſtimmt ſind!... D Wann werden die Mädchen kommen?... Bringt Angelika wol einen Gruß von Benno mit? Von Thie⸗ bold de Jonge? Oder kämen ſie wol beide und beſuch⸗ ten ſie hier ſelbſt auf der ſtillen Inſel?... Darüber erſchrickt Armgart... Leicht gekleidet geht ſie aus der friſchen, ihr plötzlich fühlbaren Luft in den pun 1 4 ſchwülen Corridor, den noch ſchwülern Schlafſaal.. tthern 1 3 Sie lüftet ein wenig das Fenſter, das von Liddy am Punie entfernteſten liegt... Der Gedanke des heimlichen Be. enſ ſuches hat ſie ganz überrieſelt. G Sieben Uhr! Immer noch kommen die Mädchen ſu hl 3 nicht! Tal 1 Der Regen hat längſt aufgehört. Man ſieht troben Die„J ncht zu ſehen rühen Morgen ganz unſcchtte dem Waſſern im Inſtitute 4 gelleĩdt 1t aren Luſt u n Scllofſac z von Löd z heimlicen beide und det 371 des Abendwerdens ſchon das Ufer wieder und drüben ain Enneper Thal ſtehen die Kähne ſchon in Bereitſchaft. Tönneschen Hilgers ſcheint ſo ungeduldig... Es läßt ſich ſonſt noch etwas verdienen... denn mancher hat das Dampfboot verſäumt und will hinübergeſetzt ſein auf das jenſeitige Ufer, wo es heute Omnibus genug gibt, die wenigſtens noch nach der Univerſitätsſtadt fahren... Da fahren auch in Mänteln Herren und Damen... Gäſte aus der Villa?... Und immer die Mädchen nicht!... Müſſen die ſich gut unterhalten! Die kleine Liddy ruft... des Abends kommt ſicher noch das Fieber... Der Arzt, der vom Hüneneck her erwartet wird, auch der bleibt aus... Halb acht Uhr!... Da endlich, endlich!... da kommen ſie!... Armgart ſieht es trotz der Dunkelheit deutlich vom Balcone. Die mögen ſchön einſinken in den weichen Feld⸗ wegen!... Lederſchuhe haben glücklicherweiſe alle... derren begleiten ſie und die Kleinen werden über man⸗ hen Bach, der erſt ſeit einigen Stunden auf der En⸗ neper Landkarte ſteht, hinweggehoben... Ob Benno's lem dabei behülflich iſt? Wie ſollte der zu den Herren den Druſenheim kommen?... Aber Benno weiß ja ilerall Rath... Da fährt ein Wägelchen! Mit zwei Ponies!... Zwei Damen bringen die allerkleinſten der benſionärinnen an den Landungsplatz... Sich alles das und mehr noch nun bald erzählen zu laſſen, intereſſirte Armgart bei alledem... Von der deilette der ſchönen Madame Fuld erwartete ſie Wun⸗ ſerdinge... Niemand kann ſein Geſchlecht im An⸗ 24* dern mehr lieben und neidloſer bewundern, als das weibliche. Wo iſt denn aber unter den Schiffenden nur Ange— lika?... Sonſt winkt die doch immer mit ihrem Son nenſchirm oder mit einem Taſchentuch, wenn ſie vom Ufer kommt und Armgart ſteht auf dem Balcon... Heute aber— ja, da iſt ſie... Sie kehrt der Inſel den Rücken zu! O, das ſind ſchlimme Zeichen!... Oder gehört ſie auch zu den Lacherinnen und ſchämt ſich nur vor Armgart?... Wie aufgeregt iſt das junge Volk!... Sie haben in den naſſen Kähnen die Kleider aufgenommen und ſitzen faſt da wie die Butterfrauen, wenn die vom Markte kommen... Regnet's denn noch?.. Die Hüte ſind mit Taſchentüchern umwunden... Man ſchont ſie wol nur; nur die beiden Nonnen ſind, was ſie ſind, in Sonnenſchein und Regen, immer die gleichen Hauben mit den gleichen langen Flügeln.. ihre zwei Regenſchirme ſind die gröbſten der Anſtalt. Jetzt ſind ſie da... Die Erzählung!.. Das Amuſement!.. Was Arm gart alles verſäumt hätte!... Armgart hält ſich die Ohren zu. Sie will allerdings alles wiſſen, aber eines doch nur nach dem andern. Es war indeſſen alles daſſelbe: Kaffee, Cho colade, Baiſers, Torten, Pfänderſpiele und Pfänderſpiele, Torten, Baiſers, Chocolade und Kaffee. Die Damen mit den Ponies waren die beiden Engländerinnen ge⸗ weſen... Das ſagten zehn zugleich... Und der Herr, der die andern Kleinen über den Bach gehoben, hieß Herr von Terſchka.. und das ſagten wieder zehn zugleich. Fi franzö ſtockdur Sijenc⸗ Aber war h Und m Zeichen und ſchämt iſt das ee die K Butterftol denn noch 373 Für Salat und Eier und kalten Braten und die franzöſiſche Betrachtung der Schweſter Aloyſia in dem ſtockdunkeln Eßſaal war heute wenig Intereſſe vorhanden. Silence! A vos places! Das ſtiftete wol einige Ruhe. Aber man knupperte müde und überſatt am Salat und es war hier alles„nicht das“! Es rebellirte noch lange und murmelte und ſeufzte fort in dem jungen Volk bis zum Schlafengehen. Angelika vermied ordentlich, Armgart zu begegnen. Sie mied ſogar, ſie nur zu grüßen. Von der kleinen Liddy oben ſprach ſie, die ſie gleich beſucht hatte und fiebernd fand, was den beiden Nonnen große Angſt machte und des ſchlechten Wetters gedenken ließ, das den Arzt verhindert hätte, die Inſel zu beſu⸗ chen. Der Arzt hatte geſagt, er hätte im Roland noch den Abend zu thun... Im Roland! So nahe der In⸗ ſel!.. Wird der Arzt nicht kommen? Zuletzt machte ſich's noch, daß Angelika und Arm⸗ gart etwas allein waren. Die kleinſten ſtreckten ſich ſchon in ihren Betten. Die älteſten ſaßen unten noch im Eßſaal und ſprachen das Erlebte durch. Auf die Beete und die Wege der Inſel, die man ſonſt auch ſelbſt in der nun ſchon früher und früher eintretenden Dunkelheit des Abends noch durchſchlüpfte, konnte man vor Näſſe nicht hinaus, wenn auch der Vollmond einlud, der viel— leicht doch noch die Wolken durchbrach. So ſtanden Armgart und Angelika ungeſtört auf dem Balcon und krampfhaft hielt ſich die Hand des jungen Mädchens am eiſernen Gitter, als ſie erfuhr, was noch der Pfarrer der Freundin mitgetheilt. Die Mutter — 374 konnte ſchon drüben in den Häuſern ſein, wo die Lichter über den Wellen tanzten! Jener Fremde, der geſtern die Zimmer beſtellt in den„Vier Jahreszeiten“, hätte das für beſtimmt verſichert... Von Benno... ſie hörte kaum.. wußte Angelika nichts... und Thiebold de Jonge und den Bruder der Nanny Schmitz und die andern... von allen denen hätte man gleichfalls nichts vernom men... Nun ſchlug es halb Neun... Rings war alles ſtill, trübe und düſter... Noch kein Stern am Himmel, doch an der Stelle, wo der Mond hervorbrechen konnte, ſchien es lichter zu werden... Armgart wollte ſogan ein Boot erkennen, das man durch die Zweige der Bäume vom Hüneneck herüberſteuern ſähe. Angelika ſtrengte ihre Augen an. Es kam auch ein Boot. Arm gart zitterte und ſtand wie auf der Flucht. Alsbald ließ ſich jedoch der Arzt erkennen, der noch ſo ſpät nach der kleinen Liddy zu ſehen kam. Als dies geſchehen, in Begleitung der Engliſchen Fräu lein, fuhr der Arzt nach dem Roland zurück. Angelika begleitete ihn eine Strecke im Hauſe und wagte nach Benno von Aſſelyn zu fragen. Benno von Aſſelyn? Wir erwarten ihn drüben im Roland! ſagte der Arzt. Ich werd' ihn von den Da men grüßen. Der Arzt hatte Eile. Sein Schiffer ſteuerte ihn zurück und bald ſah man von allen Seiten, da und dort, Kähne kommen, die alle dem Roland zuſchwammen. Jetzt wollte auch Angelika zur Ruhe gehen. Als ſie an Armgart, die noch immer auf dem Bal 4 „wo die Lich der geſtern “, hätte das te hörte kaum 4 ngo — de Jonge! die andern. nicts ven rbrechen kon art wollte ſe die Zweige: ſähe. Angi in Boot. A t. Alébald b ſpät na ic. ch! Engliſchen F den, einige Tücher, Strümpfe, Unterkleider, Schuhe, con verweilte, vorüber mußte, fand ſie dieſe in der größ⸗ ten Unruhe. Wieder ſteuerte vom Hüneneck gerade der Inſel ein Nachen zu. Es iſt eine Dame darin! rief ſie. Ein carrirter ſchot⸗ tiſcher Mantel! Ein Diener hält den Regenſchirm! Das Wort: Es iſt meine Mutter! erſtickte in ihrer Freude und in ihrer Angſt... Auch für Angelika gab es kaum einen Zweifel an der Richtigkeit dieſer Vorſtellung. Sie zitterte ganz wie Arm⸗ gart. Doch erbot ſie ſich, hinunterzugehen und genauer zu forſchen... in der Richtung der Nachen irrte man ſich oft. Armgart widerſprach nicht... Der Kahn kam näher und näher... Armgart ſah vom Balcon bald rechts, bald links in die Tiefe und wußte nicht, wie ſie auf beiden Füßen zugleich ſtehen ſollte... Angelika durchſchreitet die ſchwülen, dumpfen ſteiner⸗ nen Corridore und Treppen. Noch war es ja möglich, daß der Kahn hinüber zum Geierfelſen, nicht an die Inſel fuhr... Armgart rafft ſich jetzt auf. Sie huſcht in den Schlafſaal, wo ihre Kleider hängen und ihre Wäſche in iner Kommode liegt. Liddy ſchläft; die kleinern Bewoh⸗ nerinnen des Saales ſchlafen alle; zwei ältere ſitzen noch unten im Eßſaal, aus dem man ſie laut ſprechen hört... Armgart rafft zuſammen, was ſie mit wenig Griffen ſinden kann, ihren Mantel, ihren Winterhut, ihre Hem⸗ 376 Bücher... Ein großes Umſchlagetuch wird auf dem Boden ausgebreitet, ohne Licht taſtet ſie hin und her, öffnet das Nähtiſchchen, leert es, wirft alles in ihr Tuch, die Zipfel knüpft ſie zuſammen und ihr Bündel iſt ge⸗ ſchnürt. Um Gottes willen, Armgart, was haſt du vor? flü⸗ ſtert Angelika, die zurückgekommen. Iſt ſie's? Kommt ſie? Eine Dame kommt! Armgart ſpricht kein Wort und ſtürzt mit dem Bün⸗ del von dannen. Angelika beſinnungslos— folgt, wie von ihr angeſteckt.. Armgart klinkt die Pforte nach dem Garten auf. So feucht der Boden, ſo kühl die Luft, iſt ſie doch ſchon außerhalb des Gartens, quer hindurch über Salat und Rüben und Zwiebelſtauden, wie ſie die Wege nur ab— kürzen kann. So fliegt ſie dem Lichte zu, das ſie an den kleinen bleigefugten Fenſtern der Fiſcherhütten ſieht. Angelika, das ſah ſie, folgte nun ſchon nicht weiter.. Jetzt an den Fenſtern der Fiſcherhütten anzupochen, da um einen Kahn zu bitten, dort dem Tönneschen, den ſie richtig ſieht und der in einem Buche ſtudirt, oder den halb zuhorchenden, halb zuſchlummernden Aeltern deſſelben, allen denen erſt zu klopfen und zu ſchmeicheln oder etwas aufzubinden, eine Erfindung, eine Ausrede, einen Auf⸗ trag etwa... etwa auf der Villa Vergeſſenes holen zu müſſen... das gäbe Fragen, Aufenthalt... Nein! Sie kann ja ſelbſt rudern— fort ans Ufer— in einen Nachen— ihn losgekettelt— das Ruder ergriffen— 377 vird auf d So fährt ſie von dannen. hin und! Noch konnte ſie des jenſeit der Inſel gegen den es in ihr Tut Strom angehenden Nachens nicht anſichtig werden... Bündel iſt Sie ſteuert am Ufer der Inſel hin, um nicht zu weit unten am Enneper Thal zu landen... Sie ſteuert ge⸗ du vor⸗ rade nach der entgegengeſetzten Richtung, als in die je⸗ nen Nachen der Strom drängen muß... Nun aber gewinnt ſie die Höhe des Waſſers und der ganze Spie⸗ gel liegt in dem immer mehr aufgehenden Mondlicht vor nit dem d ihr... Auf zweihundert Schritte iſt ſie von dem Boot entfernt, in dem eine Dame ſitzt mit einem Diener— ür angeſtet Mutter! rief es in ihr... ſie ſuchte— die ſilbernen ͤͤ Locken!... O, wie pocht ihr das Herz!... Einmal dn. war's ihr doch, als ſollte ſie über das Waſſer hinweg⸗ fliegen, ſollte einen Freudenſchrei ausſtoßen, die Arme ausſtrecken und rufen: Mutter, da haſt du dein Kind!... Aber auch nur einmal überwältigte ſie's und ſogleich ſtand ihr der Vater vor Augen, der Vielgeprüfte, der in den Un Wettergebräunte, der Flüchtling auf dem Oceane!... ht. Und dennoch, dennoch ſucht das Auge das Antlitz der nicht wii Dame... Es iſt ihr abgewandt... Da ſtehen die weiß⸗ ten nnzuhet ſchimmernden Birken auf der Inſel... Wird der Kahn anneshen, vorübergleiten, wird er landen?... Er hält... er will undirt u zur Inſel... landet... es iſt nur die Mutter... und eltern deſe jetzt, jetzt iſt ihr's doch, als zög' es ſie in den Strom eln odr 17 hinunter... die weißen Birken werden zu den Locken ede, dina dder Mutter... ein ganzes Leben geht ihr auf, beſchie⸗ ſſenes hil naen wie vom Mondlicht... alles, was ſie je nur unter fer— ua Frauenlooſe geahnt, ſcheint ſich ihr plötzlich zu erfüllen, dft. 2 dden Trauerweiden und Birken vom Menſchen⸗ und vom 1 rngeffen b 378 lebendig zu werden, zahlloſe Geſtalten ziehen dahin und wie unter den Klängen einer ganz außerweltlichen Muſik... Schon entführte der Strom die ſchwache Schifferin.. Sie konnte den Nachen nicht mehr regieren. Er bringt ſie aber ans Ufer... Weit, weit von dem Punkte, auf den ſie mit aller nur möglichen Anſtrengung ihrer Arme zugeſteuert hatte, landet ſie. Sie geräth in ein Geſtrüpp von Weiden und Schilf, an dem ſich bequem und ſicher ausſteigen läßt. Jetzt gedenkt ſie des Nächſten, Kommenden... Was ſoll ſie beginnen? Wohin ſich wenden? Ohnehin mit ihrem überſchweren Bündel! Die Thürme hatten ſchon von da und dort die neunte Stunde geſchlagen. War auch die Welt hier noch wacher als auf der Inſel drüben, wem ſollte ſie ſich anver— trauen! Wie weit war nicht der Weg zu einer Poſt, die erſt im nächſten Städtchen am Fuße des Geierfelſen lag! Ihre Baarſchaft betrug einige Groſchen über einen Thaler. Den Kahn mußte ſie dem Zufall überlaſſen... Ein Moment der Beſinnung... Sie wagt den Sprung ins Uferröhricht, nachdem ſie ihr ſchweres Bündel ſchon vor ausgeworfen... Es gelingt alles. Angelika's Anzeige und eine Verfolgung befürchtend, ſuchte ſie nur zuerſt eine Gelegenheit, weiter zu kommen. Nirgends Menſchen; aber Lichter auftauchend da und dort... Sie läßt ihr Bündel im Schilfe liegen und läuft nach Druſenheim hinüber. Den Wirth vom Palmbaum kannte ſie ja und er ſie... Was ſie ſagen wollte, wußte ſie noch nicht. Sie wollte nur in die Berge hinüber, er zen dahin u ſchen Muſik. eSchifferin Anſtre ie geräth em ſich beque en Wa nden.. M Ohnehin mi dort die neunt noch wache 379 vielleicht in ihre Heimat nach Weſterhof, in ihr Stift zum Heiligenkreuz, zu Paula, die ihr plötzlich in der fieberhaften Angſt und Verwirrung ihrer Phantaſie er⸗ ſchien, als wenn ſie am Altar mit dem Grafen Hugo ſtünde, mit dem ſchönen Reiteroberſten im weißen Waffen⸗ rock mit blinkendem Harniſch, und als fehlte nur ſie noch, nur ſie, ſie, um der Freundin die Myrtenkrone auf⸗ zuſetzen... So zitterte ſie vor Eile... Sie wußte doch jetzt, was ſie den Leuten im Palmbaum ſagen, wie ſie die gewünſchte Hülfe in unverfänglicher Weiſe anſchaulich ma⸗ chen konnte... Wagen! Pferde! Das wurde ihr Wunſch. Athemlos flog ſie Druſenheim zu, nicht achtend, daß ſie oft bis zum Knöchel verſank. An jedes Kreuz am Wege, an jedes Bild des Brückengottes, der auf einem Bachſtege ſtand, richtete ſie im ſchnellſten Vorüber eine Bitte um Beiſtand. Endlich hatte ſie die erſten Hütten erreicht, endlich iſt ſie in Druſenheim ſelbſt. Horch! Vom Palmbaum herüber... tönen da nicht plötzlich melodiſche Klänge? Iſt nicht Geſellſchaft dort oben? Kaum hat Armgart im ſchönen Fernhall das Lied vernommen, das von den obern erleuchteten Fenſtern des Palmbaums und vom kleinen Balcon deſſelben herunter wie wallend und wogend in die ſtille Nacht erſcholl: „Vier Elemente, innig geſellt—“ erblickte ſie einen Wagen vor der Thür. Sind das doch nicht die Freunde von Nanny's Bru⸗ der Gebhard Schmitz? Sind das doch nicht die dennoch Gekommenen, wenn auch verſpätet? Iſt Thiebold de 380 Jonge unter ihnen, über den ich ſoviel lachen muß, weil er ſo verliebt iſt, wie ein Windſpiel? Gehört dieſer Wagen hier wol gar den Sängern oben? Dann— Wie ſollt' ich nicht hoffen, ſofort ihn mein zu nennen, einzuſteigen und hinauszufliegen in die weite, weite, weite Welt! Wem gehört der Wagen? fragte ſie rundweg einen Knecht, der eben die Pferde aus dem Stalle führte und ein⸗ ſchirrte, während der Kutſcher ſich noch drinnen gütlich that. Luſtig ſagte der Befragte: Der Wagen? Der gehört da oben fünf Herren! Die haben heute Nacht'ne Wallfahrt beſchloſſen in fünf Stationen! Auf jeder trinken ſie eine andere Sorte Punſch! Fünf Meilen haben ſie ſchon gemacht und in jedem Wirthshaus unterſucht, ob die Weinkarte in Ord⸗ nung iſt! Vor Trunkenen überfällt jedes weibliche Herz Schrecken und Zagen... Schon vor dem Hausknecht bebte Armgart zurück... Oben aber erſcholl der Geſang ſo ſchön, ſo melodiſch und eben löſte ſich Schiller's Punſchlied in La⸗ chen und Jubel auf. Einer der Sänger— es war Jo— ſeph Moppes, der ſüßeſte aller„vaterſtädtiſchen“ Tenore — trat auf den Balcon, das Glas in der Hand und einen andern, wirklich den Thiebold de Jonge, mit dem linken Arm umſchlingend, ſingt er aus einem andern Liede, wieder von Schiller, dem Allwaltenden in Freud und Leid der Menſchen: „Bis die Liebliche ſich zeigte, Bis das theure Bild—“ Da ſchon hatte Armgart, nicht wiſſend, daß ſie ſelbſt die Gemeinte, hinaufgerufen: nuß, wel fünf Herra beſchloſſen i 381 Herr de Jonge! Hier hängt er! ruft Moppes... Gehört der Wagen Ihnen, Herr de Jonge? Wie? Was? ſpricht Thiebold, jetzt erſt die Zartheit der herauftönenden Stimme erkennend Wie ſo? fragt Moppes, zugleich über den Balcon ſich beugend. Wem? Wie ſod wiederholt Thiebold... Woſo? parodirt Schmitz, der Dialektkünſtler... Nun ſtürmt der Reſt des Sextetts in des Stau⸗ nens vollſte Blüte... Clemens Timpe ſogar noch mit einem aus voller Kehle geſchmetterten: „Preßt der Citrone ſaftigen Kern!“.. Und alle ſchwingen dabei die Hüte wie zur Abfahrt und Mäntel werfen zwei, der kühne Weigenand Maus und der ſtille Caricaturenſtifter Aloys Effingh, geradezu vom Balcon hinunter auf den Wagen obenauf und nun iſt es allen in Sicht, daß ja eine Dame mit ihnen parla⸗ mentirt... Wie erſtaunten ſie, als ſie auf Joſeph Moppes' ener⸗ giſchſtes Ruhe Pauſe zählten und ein junges Mädchen mit Thiebold Verwunderung und Orientiren und Namen und Fracht und Verklarung des Schiffes austauſchte, nach ſchnellſtem Erkennen Gebhard Schmitzens die heute Vielbeſungene ſelbſt... Thiebold war bereits unten... Die von einer der melodiſchſten Sopranſtimmen vor⸗ getragenen Worte hörten ſie: Herr de Jonge! Ich habe aufs dringendſte dieſen Wagen nöthig! Sie werden mir die Gefällikeit er⸗ weiſen, nicht wahr, ihn mir auf einige Tage zu leihen! Mein Gott, Fräulein! Sind Sie's— denn wirklich— Ruhig! hieß es oben... Einzig! Auf Taille! flüſterte Gebhard Schmitz. Verwundern Sie ſich nicht zu lange, Herr de Jonge! fuhr Armgart fort. Ich bitte! Befehlen Sie dem Kut⸗ ſcher! Ich ſteige ein! Ich habe die größte Eile! Wirft mir wol einer meinen Hut herunter? Das war alles, wozu ſich Thiebold zeit⸗ und orts⸗ gemäß ſammeln konnte. Fahren Sie mich ans Ufer zurück, da, wo die Wei⸗ den ſtehen! Da, wo die Weiden ſtehen! In dieſen von allen jetzt mehr geſuchten als gefun⸗ denen Weiden blieben ſechs verdutzte Blicke hängen... Armgart ſaß ſchon im Wagen und Thiebold hatte auch ſchon ſeinen Hut auf dem Kopf. Clemens Timpe hatte verſucht ihn juſt ſo zu werfen, daß er ihm auf ſeine blonden hochaufgerichteten Haare fiel(Thie— bold's äußerſte Unruhe ließ ſich am fortwährenden Streicheln ſeiner Friſur erkennen); der Hut fiel indeſſen zwiſchen die Hufe der Pferde und vor die Räder und bekam, da die Pferde ſchon anzogen, eine ſtarke Prü fung ſeiner„Garantie“. Das iſt das Loos des Schönen auf der Erdel rief Schmitz... Thiebold aber, impertinent, wie auch nur er ſein konnte, (Nur Selbſtkritik,nicht etwa Verleumdung von uns), ſchwang ſich hinten auf den bequemen Bedientenſitz, verlor faſt im 383 hefäliigkeit Abfahren ſeinen nun wieder hinterrücks fallenden Caſtor—. age zu leihen„weiß auf blond!“ hatte noch kürzlich Benno über dieſen enn wirklich- in gewiſſer Hinſicht„jetzt gelieferten“ Hut und über Thie⸗ bold's Anſprüche auf Geſchmack geäußert— und ſchon Schmiz ſchwenkte der Wagen dem Strome und der bezeichneten Stelle zu, verfolgt von einem faſt koſackiſchen Hurrah der Freunde Piter's, die in dieſem Augenblicke ſogar 7 lle! vergaßen, daß ſie auf ihrer gleichfalls zu Waſſer und darüber ſchon zu viel, viel Rüdesheimer und Punſch ge⸗ 17 5 7 und IMk wordenen Partie die Retourgelegenheit verloren hatten... Der Wagen war jener vortreffliche Landau mit jenen in ) e Wi Kocher am Fall beinahe verdorbenen engliſchen Patentachſen und die engliſchen Pferde gehörten gleichfalls Herrn de 7 1 9 9 Jonge senior, der es für zweckmäßig zu halten ſchien, fun wenn ſie durch de Jonge junior in entſprechenden häu⸗ igſten Gebrauch kamen... I Armgart ſchlug in dem prächtigen Wagen die Hände zuſammen und hielt ſie hoch gen Himmel empor, aus tiefſter Seele dankend allen ſeinen Heiligen. — 14. Während Thiebold durch das geöffnete Schiebfen⸗ ſterchen des Wagens eine glühende Schilderung der Sehnſucht nach dieſem Sonntag, eine Schilderung der Spannung ſeiner Gefährten, der Enttäuſchung, daß das ganze Begegnen mit den Stiftlerinnen und vorzugsweiſe mit Armgart ſcheitern mußte, entwarf; während er ihr, oft durch das Schleudern des Wagens im Redeſtrom unterbrochen, die Verſicherung gab, daß dieſer Wagen ſie, wenn ſie darnach Verlangen trüge, bis ans Ende der Welt fahren könnte— die Phraſe:„vorausgeſetzt, daß ich Sie begleite“, verlor ſich in einem Wurf in die Sitz⸗ ecke—; während er mit jener ihm ganz eigenthümlich an gehörenden Lebhaftigkeit der Demonſtration, theils auf die Wege wetternd, theils dem Kutſcher commandi rend, theils ſeinen Hut von den Folgen der Räderung herſtellend, mimoplaſtiſch auseinanderſetzte, daß nur an jeder Station neue Poſtillonspferde nöthig wären, um cou⸗ riermäßig mit ihm bis an die Pforten des Himmels oder der Hölle zu reiſen; während er endlich mit allen Zei⸗ chen damaliger Telegraphik ſchilderte, daß ſeine ver⸗ blüfften Freunde entweder in Druſenheim übernachten fnete Schiebfen Schilderung de Schilderung de chung, daß do nd vorzugswei während er ih Wagen ſ ans Ende de rausgeſetzt, du die G zurf in die El igenthümlih u on, theils 1 her comman der Räderl daß nüt he, daß M wären, um C Himmele m mit allen 9 daß ſein 1 im übernod im Nedeſtron oder auch vom Wirth anſpannen laſſen könnten, waren ſie jetzt bei der Stelle angekommen, wo im Schilfe Arm⸗ gart ihr Bündel geborgen hatte. Der Kahn trieb ſchon weithin auf die Höhe des Stromes... Mit der Verſicherung, er gäbe, wenn der Kahn nach Holland ſchwämme, was nicht vorauszuſetzen, der lin⸗ denwerther Schifferinnung zum Erſatz eine Bark mit zwei Maſten, mit Vorder⸗ und Hinterdeck, mit Bramſegel, mit Reffſegel, mit u. ſ. w., ſtieg Thiebold aus, um das vielbe⸗ ſprochene, wenn ihm auch noch völlig räthſelhafte Bündel mit Gefahr ſeiner heute trotz des Regens in bequemen Wirthsſtuben geſchont gebliebenen Lackſtiefel herbeizuho⸗ len... Darüber hatte Armgart einige Minuten Zeit, ihrer Lage nachzudenken... Mit Thiebold ſollte ſie weiter reiſen? Mit ihm ſo allein hinaus in die Welt gehen?... O Gott— Aber Thiebold kommt ſchon zurück... ſchon ſchleppt er das Bündel, das er höchſt federleicht findet, das ihn aber keuchen läßt wie Cyklopenarbeit er bittet um Entſchuldigung, wenn ſich vielleicht in dem Bündel vom Schilfe her einige Fröſche eingeniſtet hätten er wagt die leiſe Frage, ob das vielleicht die Wäſche des Inſtitutes wäre, die Armgart nach klöſterlicher Sitte in dieſer Woche zu beſorgen und noch ſpät in die Sieben Berge, vielleicht zu einer dort„vielleicht wohnenden Wä⸗ ſcherin“ zu transportiren hätte in Begleitung eines„viel⸗ leicht zufällig eben ertrunkenen Schiffers“... er geſteht, nicht begreifen zu können, warum ſie bei ſoviel Sinn für Gutzkow, Zauberer von Rom. III. 25 386 Wirthſchaft und Reinlichkeit ſoviel Angſt hätte, ſelbſt vor harmloſen Wanderern, die eben des Weges daher⸗ kamen... und wie denn überhaupt, mein Fräulein, wenn ich mir die gehorſamſte Bitte erlauben dürfte um ein klein wenig mehr Gaslicht als Mondlicht, d. h. Aufklä⸗ rung über Wie? Wo? Warum? Wieſo? Jetzt aber ereignete ſich eine jener Fügungen, die uns zuweilen das Weltverhängniß noch zum holden Kinder⸗ märchen machen können... Der liebe Vater im Himmel ſitzt uns dann trotz aller Philoſophie immer noch mit ei⸗ nem langen Barte auf den Wolken und fügt die Schickſale der Menſchen mit ſichtbarer Hand, ja er greift überall perſönlich hinein mit liebevoll nachhelfendem Finger. Von hundert Menſchen, die da ſchon gegen zehn Uhr Abends, während der Mond nun ganz aufgegangen war, noch am Ufer hätten ſtehen und nach einem Nachen ſich umſchauen können, der ſie ſo ſpät noch überſetzte, muß gerade der Eine daherkommen, der zwar nicht mit melodiſchem Wohllaut das Lied vom Ritter Toggenburg intonirt hatte, dem es aber, nach dem Kloſter zu Lin denwerth hinüberſchauend, tiefinnen klang mit der ganzen Sehnſucht ſeines Herzens. Hatte es doch für Benno heute am Sonntag dies⸗. ſeits des Stromes Aufnahmen gegeben hier und dort! Aufnahmen, die an Ort und Stelle zu machen waren! Die ſüßeſte Hoffnung, die von geſtern auf heute ſich erfüllen ſollte, von dem Abſchied beim Einſteigen in den Nachen bis zu einem Wiederſehen im Enneper Thale oder auf der Inſel ſelbſt oder heute irgendwo und-wie, hatte ſcheitern müſſen theils am Wetter und den verſchlimmerten Wegen, ſt hätte, ſelbſt 3 Weges dahen Fräulein, wenn dürfte um ei :, d. h. Auſl eſo? zungen, die mn holden Kinde ater im Hinm ner noch mit STchickſa die Schichſe zreift über dem Finger. gegen zehn l ter Toggenbu 22. at C glloſter zu! nit der gan m Sonntag d bier und d 387 theils an der gegen alles Erwarten ſich herausſtellenden Bedeutung der Aufträge, die es zu vollziehen gab... Nun aber trieb ihn noch ein anderes gegebenes Wort wenigſtens für den Abend zur beſchleunigten Eile. Nück hatte ihm beim Abſchied geſprochen: Herr von Aſſelyn! Sie ſind ein junger, unter⸗ richteter und für die praktiſche Auffaſſung des Le⸗ bens, die nur allein eine Zukunft hat, disponirter Mann! Aber in vielem ſind Sie noch völlig Tabula rasa! Ich will Ihnen wünſchen, daß das Leben beſſere Zeichen auf Sie ſchreibt, als zehnjährige Seufzer bis zu einem Aſſeſſorat in Schöppenſtädt mit fünfhun⸗ dert Thalern Gehalt! Sie kennen unſere geſpannte Lage mit der Regierung! Sollten Sie vielleicht im Roland bei Joſeph Zapf oder ſonſtwo Leute finden, die uns nicht eher geholfen glauben, bis nicht alle die aus dem Lande gejagt ſind, die nicht an die ſieben Sakra⸗ mente glauben, ſo laſſen Sie ſich mit den dummen Leu⸗ ten in keine philoſophiſchen Erörterungen ein, ſondern ſchonen Sie menſchliche Schwächen! Bei Zapf gehen, hör' ich, Narren aus und ein, die ſich einbilden, es brauchte nur der 24. Auguſt im Kalender zu ſtehen und man könnte die Sainte-Barthélémy noch einmal aufführen! Klären Sie dieſe Leute nicht philoſophiſch auf! Geben Sie ihnen nur ein wenig mehr Einſicht in die Geſetze! Verweiſen Sie ſie auf das, was uns unter allen Umſtänden als An⸗ lehnung Stand hält, wenn wir uns gegen die neunmal Weiſen anſtemmen müſſen, auf das Edict vom 28. Ger⸗ minal des Jahres X der fränkiſchen Republik, das Beſitz⸗ ergreifungspatent von 13, die Bulle De Salute animarum 25* 388 von 21. Denn darüber, denk ich, ſind wir einig, daß bei uns Kirche und Gemeinde darauf halten ſollen, nach ihren eigenen Geſetzen zu leben. Lieber ein Weltbrand, als ewig unter der Herrſchaft der Achſelklappen mit den nume⸗ rirten Knöpfen! Lieber zum Frühſtück fricaſſirt von franzöſiſchen zu Marſchällen avancirten Köchen, als zer⸗ riſſen von ruſſiſchen Wölfen! Zwei Alternativen hat ja die Welt nur: Czernebog, den Großen, oder Rom! Benno fühlte das anders, doch wollte er nicht fehlen unter Leuten, die von Sturmglocken ſprachen und das Wort: Von⸗Berg⸗zu⸗Berg⸗die⸗Feuerzeichen⸗Anzün⸗ den ſchon aus gedruckten fliegenden Blättern, aus Liedern und laut geſungenen Reimſprüchen wiederholten. Auch dem wirklich damals„beſchränkten“ und von Miniſtern deshalb gründlich verhöhnten„Unterthanenver⸗ ſtand“ wollte er die Thorheit der Senſen und Aexte ver⸗ weiſen, mit denen die Bauern verlangten in die Städte geführt zu werden... Es gefiel ihm ſogar, daß Stephan Lengenich über⸗ nehmen ſollte, einen großen Rath- und Hülfsverein im ganzen Lande zu begründen, einen Bund von Meiſtern und Geſellen, Handwerkervereine, die damals aller Orten im deutſchen Vaterland und zur Anbahnung beſſerer Zeit auf⸗ tauchten und von denen der Severinusverein nur erſt ein ſchwaches Vorbild war... Schon ſah Benno mit ſcharfem Auge im Roland drüben die Fenſter des zweiten Stockes erleuchtet... Er verwünſchte ſeine Verſpätung bei der ihm wie ein Verhängniß lockenden Erörterung... Einen Nachen ſuchte er jetzt und war, da er keinen einig, daß bei llen, nach ihren Veltbrand, als mit den nume⸗ fricaſſirt von ſprachen und kten“ und von Interthauenvet —— 389 fand, gerade im Begriff, ſchnellen Schritts auf einige Schifferhütten zuzueilen, die freilich noch einige tauſend Schritt zu Berg entfernt lagen... Da ſieht er einen Wagen daherjagen und ſo dicht dem Ufer zu, als ſollte ihn eine Fähre aufnehmen... Dieſe Fähre ſucht er... Wie mußt' er erſtaunen, als jetzt jemand von dem Bedientenſitz des Wagens ſpringt, am Ufer im Röhricht krebſt, dann mit einem großmächtigen Bündel zurückkehrt und endlich vollends, als er ſieht, daß dies, wie es ſchien, Schmuggel treibende Individuum niemand anders war als Thiebold de Jonge! Ja, aber ums Himmels willen! Was haben Sie denn da? rief er ihm ſchon aus der Ferne zu... Thiebold, vollkommen wiſſend, daß Benno in der Nähe ſein konnte, und darum auch ſchnell ſich zurecht fin⸗ dend, antwortete ſogleich mit einem Bedeuten um geheim⸗ nißvolle Stille und dem Winke, das„federleichte“ Bündel mit aufladen zu helfen.. Mit den langgezogenen, völlig noch ungiß taſten⸗ den Worten:„Aber— Sie ſonderbarer— Sihwär⸗ mer—!“ trat Benno näher... Nun ſieht er in den Wagen und ſieht Armgart, und Armgart ſieht ihn, erkennt ihn und ruft: Jeſus! Der Benno! Benno ſteht ſprachlos. Thiebold klärt auf, ſoweit er kann, ſeſ das Ge⸗ päck hinein, ruft dem Kutſcher den Namei eines Ortes zu, als den der ihen Poſtſtation, und ſteigt wundſhnel wieder hintenauf. 390 Er ſcheint vorauszuſetzen, daß Benno, dem allem wie etwas Unglaublichem zuſtaunend, dem tolldreiſteſten aller Menſchen in die mondhelle Nacht hinaus die Königin ſeiner Träume wie zur Entführung überlaſſen ſoll... Ein Augenblick jedoch— und auch Benno ſitzt ſchon oben dicht neben Thiebold und der Roland und die Kirche und der Staat und der 28. Germinal und die Bulle De Salute animarum ſind vergeſſen. Armgart ſieht alles das voll Seligkeit und hätte nun am liebſten alle beide gleich hereingerufen. Sie hätte Benno die Hand drücken mögen vor Freude über dieſe doppelte Hülfe... Aber ſchon flogen die Roſſe zur Chauſſee hinauf und auf dieſer dann funkenſtiebend weiter und weiter dahin... Der Kutſcher merkte ſchon, daß hier Romantik im Spiele war und dem Druſenheimer allein hatte auch er nicht zugeſprochen. Endlich hatte ſich Armgart geſammelt und machte wenigſtens durch das Schiebfenſter ſo viel Geſtändniſſe, als nöthig waren, um nun ſchon von Benno Vorwürfe und ernſte Ermahnungen zu hören. Darüber drängte ihn Thiebold, als„unerträglichen Pedanten“, vom Schiebfenſter weg und klagte über Mangel an Raum... Und als dann Benno mit Vernunft und Beſonnenheit nicht enden wollte, verwies ihn Thiebold vorn auf den Kutſcherbock, worüber beide jetzt unter ſich ſelbſt in freund⸗ ſchaftlichen Hader geriethen... Am Ufer aber hinfahrend hatte Armgart alles drü⸗ ben auf der Inſel ſtill gefunden und im Geiſte der guten — dem allem wie dreiſteſten aller Königin ſeiner ... enno ſitzt ſchen und die Kirche d die Bulee he und hätte nun gen vor Freude ſee hinauf und eiter dahin. antik im Spiel auch er nich ſt und machte Geſtändriſ enno Vorwürf unerträglihe 4 über d klagte! 391 Angelika gedankt, die ihre Flucht ſicher nicht verrathen, ſondern gewiß zur ſuchenden Mutter von einem Verſteck auf der Inſel ſelbſt geſprochen hatte. So fuhren ſie ſchon unterhalb des Geierfelſen dahin... Je weiter aber die Inſel und der Fluß verſchwan⸗ den, deſto mehr verlor ſie die Beſinnung und alle ihre Gedanken fingen an, ihr wie zu vergehen... Was ſie von dannen trieb, glaubte Benno jetzt zu errathen... Die Mutter war angekommen!... Er theilte Thiebold ſeine Vermuthung mit und ſeine Aus⸗ legung der ſo ihm nun erklärlichen Flucht... Wie Thiebold, der natürlich die Rechte des Vaters, ſeines„Lebensretters“, weit über die der Mutter ſtellte, ſich in Armgart's heroiſcher Herzensthat ſtaunend zurecht fand, wurden ſie plötzlich von Pferdehufen und von Säbelklappern aufgeſchreckt... Vier bis fünf Gensdarmen ritten an ihnen vorüber... Benno erkannte Grützmachern und Schulzendorf; dieſe erkannten ihn... Herr von Aſſelyn! hieß es mit harmlos überraſchtem Tone. Wo wollen Sie denn ſo ſpät noch hin? Thiebold, zwar vorlaut wie immer, aber etwas ein⸗ geſchüchtert, nannte die nächſte Station... Major Schulzendorf blickte in den Schlag des Wa⸗ gens. Er ſah eine junge Dame... Auf Damen lauteten die Ordres nicht... Paſchol, Herr Freiwilliger! rief Grützmacher mit einem jener der Herrſchaft des großen Czernebog angehörenden und 1813 in Deutſchland zurückgebliebenen Koſackenworte und erinnerte bedeutungsvoll mit dieſer Anrede den jungen Demagogen, daß er ſeine Geſinnung ſchon neulich als auf„Anno Köpenick“ lautend genannt hatte. Der Wagen fuhr von dannen... Und an einem Kreuzweg hielt wiederum ein berit⸗ tener Gensdarm. Was geht denn hier vor? fragte Thiebold höchſt erſtaunt und plötzlich jetzt von großer Sammlung und viel Vernunft. Benno ahnte faſt, daß er einer großen Gefahr ent⸗ ronnen war. Dieſe Zuſammenziehung von Bewaffneten ſtand ohne Zweifel in Verbindung mit der geheimen Verſammlung drüben im Roland... Seine Empfindungen über dieſe Vermuthung ſchloß er tief und ſtumm in ſein bewegtes Herz... Die jungen Männer beſchloſſen, den räthſelhaften Flüchtling die Nacht über zu begleiten, bis ſie irgend⸗ eine der Poſtrouten erreichten, wo Armgart die Dili⸗ gence beſteigen konnte, um an den Ort ihrer nächſten Wünſche zu kommen, ins Stift Heiligenkreuz, wie ſie ſagte, bei Witoborn oder nach Weſterhof zu Paula. Wie es dann immer höher und höher ins Gebirge ging, lag die Gegend den Rückblickenden im Mondlicht ſo geiſterhaft und märchenhaft da, wie ihnen ihre eigene Stimmung... Der Strom, die Berge, die Ortſchaften, alles wie verklärt... Ein einziger ſtiller Friede ausgebreitet über ſoviel Leidenſchaft, ſoviel Haß, Kampf und Gefahr.. ſchon neulich al hatte. derum ein bert Thiebold höch Sammlung un pßen Gefahr en neten ſtand o en Verſammlun nuthung ſchloß ten räthſelhaft bis ſie irgen „ℳ Q:Dll mgart die 2 tt ihret nächſt enz, wie ſie ſog Paula. öher ins Gei 1 ſicht i Vundic gnen ihre d aften, alls iitet Äbe ſm Kiur 393 Dabei ſtiegen noch Raketen auf aus den Weinbergen, wo man ſchon frühzeitiger die Weinleſe begonnen— alles das ſo harmlos, wie zu Luſt und Freude... Immer lauſchiger wurde es am Wege ringsum und dunkler wurde der Wald zum Gebirge zu. Eine Abtei lag in zertrümmerten von Buſchwerk über⸗ wucherten Rundbogen, recht wie ein Zufluchtsort mitter⸗ nächtiger Geiſter... Wie ſchlummernd ragten ringsum die Tannen.. Nur die Fledermäuſe huſchten auf und die kleinen Schlangen eilten über den Weg hinwegzukommen, fliehend vor den jetzt langſam bergauf ziehenden Roſſen. Aus dem Walde tönten ſo ſeltſame Laute, wie vom Fuchs auf dem Raube und von der nur des Nachts die Augen öffnenden Eule... Ein großer dunkler Vogel flog quer über den Weg, ſo mächtig, ſo weitausgeflügelt, als wär' es ein Adler geweſen. Da kam ein neues Piket von Gensdarmen... Es umringte ein offenes Wägelchen, das raſch an ihnen, niederwärts, vorüberglitt... Erſt als ſich Benno über dieſe neue Begegnung mit den Wächtern der öffentlichen Sicherheit geſammelt hatte, fiel ihm die Geſtalt auf, die auf dem Wägelchen geſeſſen... Zuſammengedrückt, im bloßen Kopfe, eine Pferdedecke über die Schulter geworfen, hatte jemand dageſeſſen und geblickt mit ſtieren Augen, wie die Au— gen der Hyäne leuchten mögen beim nächtlichen Raube, wenn ſie vom Wege, die Löwen ſchon am Platze fürchtend, 394 angſtvoll zur Seite ſchleicht... Vor und neben dem Gefangenen ſaßen zwei Männer in bürgerlicher Tracht, feſt und aufrecht... Anfangs glaubte Benno, ſeine Phantaſie ſpiegelte ihm die Entdeckung des Mörders der Frau von Buſch⸗ beck in Jodocus Hammaker vor... Indem trabte ein Reiter an ihnen vorüber, in grauem Militärmantel mit rothem Kragen... Der Mantel ſchlug im ſchnellen Vorüber auf... Der Reiter war ein Bürgerlicher... Aſſeſſor von Enckefuß! rief Benno ihm nach... Der Reiter hörte nicht. Thiebold war ſchon lange in eigenthümliche Ge— danken verloren und ſchien für jeden äußern Eindruck abgeſtorben... In größter Aufregung fuhr Benno fort: Nun, mein Freund, da ſehen Sie wie„dieſe Men⸗ ſchen“, wie Sie ſie neulich zu nennen beliebten, die Au— gen offen halten und am rechten Platze Muth und Kraft in Muskeln und Adern haben! Wie ſo? Bemerkten Sie denn nicht eben?— Was? Keine Täuſchung! Der Mörder der Buſchbeck... Wovon ſprechen Sie? Sahen Sie denn nicht? Wen? Den Aſſeſſor von Enckefuß— Ich glaube, Sie träumen! latze fürchten, zwei Männe taſie ſpiegelt u von Buſch vorüber, i ber auf.. n nach... tbümliche 6 d Kn uth un zuſchbef 395 Eine eiſerne Zeit wird kommen! Nicht ſechs Wochen ins Land— Sechs Wochen, glauben Sie, daß dieſe Reiſe—? Ich begreife— was Dante zu den Ghibellinen zog! Und während Thiebold jetzt ſeine in ſolchen Fällen ge⸗ wöhnliche Wendung:„Warum haben Sie nur ewig die Malice, in meiner Gegenwart gelehrt zu ſein! Wer war dieſer Dante? Wer ſind die Ghibellinen?“ heute wie abweſend und wie völlig über den Sänger der Hölle und des Fegfeuers und des Paradieſes unterrichtet un⸗ terdrückte, klopfte Armgart von drinnen an das Fenſter und bat mit zagender Stimme, da es draußen gewiß bitter kalt würde, die Freunde möchten doch hereinkommen.. Benno und Thiebold fühlten, daß dieſe von Armgart geſprochenen Worte nur ſo leiſe tönen konnten vor Thrä⸗ nen... Der Wagen hielt an... Schweigend ſtiegen die Freunde ein... Thiebold mit der Entdeckung, die er erſt ſeit einer halben Stunde gemacht: Armgart wird auch von Benno geliebt!... Benno in einer Aufregung, die mit mächtigſter Gewalt plötzlich alle ſeine Gedanken mitten in die Erör⸗ terungen zurückverſetzte, die er kürzlich mit Bonaventura gepflogen beim abendlichen Wandeln am Stromesufer... Und wer weiß, ob nicht auch Bonaventura noch ſtand und in demſelben Nachthimmel ſeine Zukunft ſuchte und, durchſchauert von bangen Ahnungen, der Worte des alten Kirchenvaters gedachte:„Steh' auf um Mitternacht, blick' in das Heer der Sterne und deute dir die tiefe Stille!“ — ꝛꝛʒ— 396 Wenigſtens wohnte er, ein Leichenbegleiter in jeder Beziehung, nachdem er dem großen Conduct der endlich zur Nachtruhe gekommenen„Frau Hauptmännin“ am Sonnabend gefolgt war, auch Sonntag Nacht dem Of⸗ ficium und den Vigilien bei, die in der kleinen Kapelle neben dem Kreuzgang der Kathedrale am kerzenerleuch— teten Katafalk des verſtorbenen greiſen Domherrn unaus⸗ geſetzt bis zum Montag morgen gehalten wurden, wo erſt ſein Vorgänger, in deſſen Stelle er rücken ſollte, mit ſeinen„geſammelten Origines⸗-Lesarten“ unter die ſtei⸗ nernen Vlieſen des Kreuzgangs eingeſenkt werden durfte; denn der Sonntag—„iſt des Herrn“. Ende des dritten Buches. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Soο ey Coniro Cyan Green vellow- 4 *☛