——————-rPn———= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ) J hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. u 8 u— 7— r 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher, auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der l Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſf lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt b der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —,—-⸗------ 9 * 4 Der Zauberer von Rom. Zweiter Band. ₰½ Der Bauberer von Rom. Roman in neun Büchern von Karl Gutzkow. Zweiter Band. Leipzig: F. A. Brockha u 3. 1858. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Uebertragung in fremde Sprachen vor. Zweites Buch. Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 1 1. Den Strom zu nennen, auf dem ein in erſter Mor⸗ genfrühe ausgefahrener Dampfer ſoeben ſeine ſchäumen⸗ den Furchen zieht, drängt es unſer ganzes Herz. Doch ſei von ihm nur geſagt, daß er von den Frage⸗ und Ausrufungszeichen ſeiner erſten Alpen⸗ Jugend an bis zu den letzten verſandenden Gedanken⸗ ſtrichen und Stirnrunzeln des Alters groß und bedeut⸗ ſam iſt wie das Menſchenleben ſelbſt... Wie grüßen uns die Zinnen der Thürme, die rings auf deinen Fel⸗ ſenufern ragen, du bei Sonnenſchein und Nebel gleich Geliebter! Wie ſchlägt die Welle an deine Wehre und Buchten! Wie kräuſelt ſich über geſprengtem Felſenriff in deinem offenen Bett jetzt ſpielend die Woge, wo ſonſt die Strömung tödtliche Opfer forderte!... Und in dieſe grüne Gegenwart ringsum, dieſe blaue über uns, in dies Singen und Rufen von den Geſtaden, in dies Läuten von uralten Thürmen in grauen Städten und Weilern ſpricht Sage und Geſchichte herein ſo lebendig, ſo gegenwärtig, als wenn auf den Kanten der Felſen immer noch die verlockenden Geiſterjungfrauen ſäßen und ihre goldenen Locken im Mondlicht ſtrählten, auf den Söllern 1* —. — 4 immer noch die Ritterfräulein mit ihren Schärpen wink ten, die ſie dem Kämpen zum Lohne geſtickt, immer noch der ſchwere Tritt der ſchellenbehangenen Roſſe, der vom Felſen drüben zum Felſen hüben das Echo weckt, kom men könnte von einem Banner Geharniſchter, nicht von den Fuhrleuten mit ihren zweirädrigen Karren und den an den Stirnen mit einer großen rothen wollenen Agraffe geſchmückten, über den Hufen ſo langzottig behaarten Thieren, die in unſere Keller nur den Wein verführen! „Nur“ den Wein!„Nur“ deinen goldenſten Hort! Wir Undankbaren und ſo ſchon durch deinen Reichthum Verwöhnten! Bunt und luſtig drängen ſich die Paſſagiere des Dampf⸗ boots... Nennt ihr den Gehalt der Gegenwart leer und flüchtig, ſo iſt gewiß das Leben auf Eiſenbahnen und Dampfſchiffen dem kurzen Mouſſiren zu vergleichen, das die Weinperlen oben zum flüchtigen Kranze vereinigt. När riſche Blaſen, die da aufgeworfen werden von Oſt und Weſt! Moden, ihr tollen, wer hat euch erfunden! Trägt man die Mützen jetzt ſo flach, die Burnuſſe, die Plaids, die Abd-el⸗Kaders mit dieſer kühnen Schwenkung um die Schulter? Was welſcht und radebrecht der Zeitgeiſt im Geſpräch zuſammen, nicht nur äußerlich barock dem Ohre nach, auch innerlich dem Geiſte? Sind wir ſchon auf dem Hudſon oder Delaware, daß uns ſo yankeehaft zu weu wird? Und müſſen wir wirklich der Verſuchung widerſtehen, dieſe Kellner mit ihren carrirten Hals⸗ binden und grotesk geſtreiften Inexpreſſibles nicht für Affen zu halten? Großer Saturn, verſpeiſe deine eigenen Kinder und nimm uns alle hin zu deinen urewigen Früh⸗ 5 ſtücken, wenn dieſe Reiſewelt der Dampfſchiffe, Eiſen⸗ bahnen und Hotels mehr ſein wollte, ſein dürfte als der kurze Schaum, den unſer Zeitalter aufwirft, wenn ſein hoffentlich tieferer innerer Gehalt im erſten Anſchuß an die Atmoſphäre tritt! Auch auf der„Prinzeſſin Marianne“— Albums, Panoramas, Plaids, blaue, grüne, rothe Schleier, Fir⸗ nißſtiefel, Cotteletts, Beefſteaks... Schooshündchen... hinterpommerſche Welt⸗ und Zeitanſichten... Dünſte und Nebel über Baumwolle, Bundestag, Whigs und Tories, Louis Philippe's neueſte bombenfeſte Kutſchen, Thalberg und Liſzt... alles was ſich nur dem Streit Ades Zeitalters der Revolutionen mit dem Horror vacui des immer ſiegreichern Syſtems der materiellen Intereſſen entbinden und entwinden kann... Dann aber von Station zu Station ſcheidet ſich von dieſem kosmopolitiſchen Durcheinander doch Sonderleben um Sonderleben... Die ausgeſteckte Fahne auf einem Häuschen am Ufer bringt neue Paſſagiere, ein Zeichen vom Schiffe kündigt den Nachenführern Abgehende an. Ja, es gibt noch einzelne in der Welt! Man ſchwimmt und ſchwatzt oder ſchweigt nur ſo eine Weile im Allgemeinen mit. Abſeits ſich wendend bleibt jedem wieder ſein eigenes Herz, ſein eigenes Schickſal, ſein eigenes angſtvolles Mühen, im allgemeinen Drängen ſein Ziel nicht zu verlieren. 9 Schon ſeit der in den engern Umgebungen des Stro⸗ mes abgehaltenen Mittagsmahlzeit hatte eine Dame zu öfterm den Steuermann nach der baldigen Nähe eines Ortes gefragt, wo ſie abzuſteigen gedachte. 6 Schon lange ſtand ſie an der kleinen Thür, an wel⸗ w cher die Stiege aufgezogen hängt, über welche die Ab⸗ br gehenden in Kähne ſteigen müſſen, die von den kleinern U Stationen dem Dampfſchiff entgegenkommen. w Manchem ſchon mochte die Dame wegen des unaus⸗ di geſetzten Vorbehaltens ihres blauen Schleiers aufgefallen 3 ſein. Ein einfacher gelber Strohhut ſchützte ſie gegen ſie die ſenkrecht fallenden Strahlen der Auguſtſonne. Den g trotz der Hitze zuweilen heftig aus den Biegungen des w Stromes hervorbrechenden Windſtößen hielt ein ſchotti⸗ ze ſcher Mantel Stand von grün und roth carrirtem Mu⸗ un ſter und leichtem Baumwollzeuge. Neben der ſchlan⸗ ken Geſtalt ſtand ſchon in Bereitſchaft ein Koffer vonn z ganz neuem hellbraunen Leder, ein Koffer, der ſo klein und handlich war, daß er nur auf die nothwendigſten 4 Bekleidungsgegenſtände ſchließen ließ; ſelbſt eine Hut⸗ a ſchachtel fehlte; man mußte annehmen, daß der gelbe 3 Strohhut, den die Dame trug, der einzige war, den ſie 1 für ihre Reiſe nöthig hielt. In der Hand hielt ſie noch eine kleine buntgewirkte Bügeltaſche...- Frauen und Männer, denen ſolche indiscrete Prü⸗ 1 fungen ebenſo nahe lagen wie uns, gab es ſchon ſeit einigen Stunden genug. Die Dame aß nichts, trank d nichts, ſah nur ſtarr und ſtumm in die Abwechſelungen d der Gegend, ſetzte ſich zuweilen mit großer Sicherheit 1 auf diejenige Seite des Schiffs, die vor der Sonne 8 Schutz bot, und brütete unter ihrem blauen Schleier und ſchottiſchem Mantel und Sonnenſchirm über Dinge, die ſchon mancher gern errathen gehabt hätte. 3 Entgehen konnte niemand, daß die Reiſende jung I vel war. Durch den dichten Schleier funkelten ſogar zwei Ab⸗ brennende Augen von halb ſcheuer, halb klug prüfender ꝛern Unruhe. Richtete man dann plötzlich auf ſie ſelber ent⸗ weder zu lange den Blick oder ein Glas, das ſcheinbar us⸗ 1 die alten Burgen und Städte, in der That aber nur die len Züge der ſeltſamen Unbekannten muſterte, ſo entzog ſie gen ſich der Neugier durch eine raſche Wendung, die zu⸗ Dden gleich verrieth, daß ſie niemals gänzlich in die Ab⸗ des weſenheit ihrer Gedanken verſank, die ſie ſcheinbar tti⸗ zeigte, ſondern gegenwärtig blieb allem, was ſie rings pu⸗ umgab, vorzugsweiſe dem Intereſſe, das ſie einflößte. n Die Ungeduld, die die verſchleierte Dame bei alledem n4 zu beherrſchen ſchien, war offenbar auf den Augenblick gerichtet, wo ſie das Schiff zu verlaſſen hatte. Der größte Theil der Paſſagiere ſaß noch an der t. auf dem Verdeck aufgeſchlagenen Tafel und bewunderte gerade beim Deſſert— Stachelbeeren, die in dieſer himm— liſch üppigen Gegend ſo groß wie Zwetſchen gereift waren, als man endlich jene Station erreicht hatte, nach der die Verſchleierte ſchon mehreremal den Steuermann regle⸗ mentswidrig angeredet und gefragt hatte. Eine neugebaute Kirche, die auf einem Vorſprung des linken Ufers ſtand, war ſchon lange als Merkziel derſelben in Sicht. Hier erweiterte ſich der Strom und nahm die mildern Linien der Umgebungen eines Sees an. Endlich hielten die Schaufelräder in ihrem gleich mäßigen Takt, das Schiff kam in eine ſchwebende Be⸗— wegung, der Kahn vom jenſeitigen Ufer tanzte ſchon in den aufgeregten Wogen näher, das Seil wurde vom 8 Bord den Schiffern zugeworfen, die B rücke herabgelaſſen und mit ſicherer Haltung, den Sonnenſchirm einlegend, ſtieg die Dame in den Kahn. Ein kurzes Brauſen der Räder, ein geſchicktes Auffangen des nachgeworfenen Koffers, ein Augenblick des bedenklichen Schwankens des noch gleichgewichtloſen Kahns und der Dampfer ſchoß weiter, der Kahn dem Ufer zu. Die neugebaute St.⸗ Mariminuskapel lle wurde ſonſt vom Dampſfſchiff aus ſtark beſucht. Heute traf es ſich, daß die Schiffer nur dieſen einzigen Paſſagier ans Ufer ſetzten. Wie weit iſt es bis St.⸗Wolfgang? fragte die Rei⸗ ſende, den Sonnenſchirm wieder ausſpannend und mit einem beſtimmten und ſichern Tone. Zwei Stunden! Bekomm' ich einen Einſpänner dorthin? Gewiß! - Wo? S Im Weißen Roß! Wollen Sie mich ins Weiße Roß führen? Da liegt's am Waſſer! Die kurz angebundene Sprecherin blickte hinüber und ſah das Hotel„Au Cheval Blanc“ in großen Buch⸗ ſtaben angekündigt. Den Schleier hatte ſie jetzt zurückgeworfen, den Mantel abgenommen, den ein Schiffer beim Ausſteigen über den Arm behielt, während der andere das Koffer⸗ chen auf die Schulter lud. Die über ein ausgelegtes Bret behend das Ufer Betretende zeigte ſich zu Land und Waſſer von gleicher Sicherheit. * Der Garten des Weißen Roſſes geht faſt bis dicht an das Ufer des hier mit beſonderer Schönheit ſich er⸗ weiternden, im Sonnenlicht glänzenden Stromes. Mit wenig Schritten durch den Sand war er erreicht. Als alle drei in den Garten getreten waren, war⸗ teten die Schiffer weiterer Befehle... Ein dicht an der Thür auf einer geebneten Terraſſe unter einem anmuthigen, ſchattenreichen Baume gelegener Tiſch ſchien dieſe zu entſcheiden. Die Dame bezahlte, ließ den Koffer neben ſich hin⸗ ſtellen, befahl aber wegen eines Wagens den Wirth zu rufen. Noch rief ſie dem einen der Schiffer, der deshalb ins Haus ging, nach, er möchte ihr auch„eine Kleinig⸗ keit“ zu eſſen beſtellen. Sie hatte an der Table d'höte des Dampfſchiffs nicht theilgenommen. Einige Augenblicke war ſie allein. Vor der ſteiner— nen Baluſtrade über die Terraſſe auf- und abgehend und jetzt auch den Hut ſich freier bindend, um wie von. einer langen Gefangenſchaft in der himmliſchen Luft auf⸗ zuathmen, muſterte ſie die Gegend, die ſie ohne Zweifel zum erſten mal ſah und vom Lande aus noch viel ent— zückender finden mußte als vom Dampfſchiff, das immer nur Panoramen gibt, in denen man ſich, weil man eben zu viel ſieht, meiſt ohne Befriedigung verliert... Nur die Gegend iſt ja ſchön, die Eines gibt und das Andere ahnen läßt. Die Schiffer kamen zurück mit dem Wirth. Es wurde ein Einſpänner behandelt, der die Dame nach dem zwei Meilen tiefer ins Innere hinein gelegenen Orte St.⸗Wolfgang führen ſollte. 10 Bis zum Anſpannen wünſchte die Reiſende ein mäßi⸗ ges Mahl zu nehmen, dann die St.⸗Maximinuskapelle zu beſuchen und von dort mit dem Wägelchen abgeholt zu werden. Sie erkundigte ſich genau nach den üblichen Preiſen, bedingte ſich das, was ſie zahlen wollte, mit großer Beſtimmtheit und erklärte, das kleine Mahl, das ſie in allen Einzelheiten ſpecificirte, unter dem„ſchönen fruchtbeladenen Apfelbaum da“ und„an jenem Tiſch“ einnehmen zu wollen. Der Wirth ging. Die Reiſende nahm jetzt den Hut vollends ab und warf ihn auf den ehemals weiß an⸗ geſtrichen geweſenen Tiſch. Ihr Antlitz glühte. Mantel und Hut und Schleier hatten ihr heiß gemacht. Mit der ganzen Behaglichkeit, ſich allein zu wiſſen, warf ſie ſich auf die harte Bank. Einem auf ſchwellender Ottomane Ruhenden konnte es nicht bequemer ſein. An die Reize der Natur ſchien ſie ſich bald gewöhnt zu haben, von einem langen Erſtaunen überhaupt nicht viel zu halten. Nur zur Maximinuskapelle warf ſie zu— weilen einen prüfenden Blick. Dazu las ſie, doch ohne beſondern Eifer, dasjenige aus einem Führer, den ſie aus ihrer kleinen, jetzt aufgeſchloſſenen Handtaſche nahm, was über die Oertlichkeit, auf der ſie ſich befand, dort geſagt ſein mochte. Das Haupt aufſtützend, zuweilen umblätternd, zu⸗ weilen nach einem Gegenſtande auf dem Fluſſe, zuweilen rückwärtsblickend, wo ein Tellergeklapper die Anſtalten zu ihrem Mahle verrieth, erkennen wir ſie. Es iſt Lueinde... Drei Jahre älter, als wir ſie verlaſſen haben. ne ißi 11 Sie trägt das dunkle Haar in Flechten wie ſonſt, aber mit einem hohen Thurm, wie eine Krone; ihr Wuchs iſt hoch wie ſonſt, aber elaſtiſcher in der Haltung; ihre Augen ſind glühdunkel, doch etwas ſpitz und ſtechend; ihr Lächeln verſchönt noch immer die frühern plaſtiſchen Formen der Naſe, der Lippen, des Kinns, aber zuletzt verliert es ſich in eine Bitterkeit um die Mundwinkel; ihr Unternehmungsgeiſt ſcheint wiedergekehrt, wie in der Zeit, wo ſie zu Pferde ſaß; das ganze Weſen hat die alte Unreife und Unfertigkeit verloren, womit freilich auch der Reiz des Mädchenhaften abgeſtreift iſt. Lucinde iſt eine Dame geworden, zu deren Erſcheinung unzer⸗ trennbar die Glacéhandſchuhe zu gehören ſcheinen, die ſie ſelbſt während des Eſſens nicht abzieht. Mit einer an ihr uns ganz neuen Verſunkenheit in ſich ſelbſt, die auf eine mächtige innere Gedankenarbeit ſchließen läßt, hat ſie bald das beſtellte und von Kell⸗ nern gebrachte Mahl mechaniſch eingenommen. Zur letzten Schüſſel war der Wirth zurückgekehrt und hatte auch den verlangten Wagen in Ausſicht geſtellt. Kennen Sie den Pfarrer von St.⸗Wolfgang? fragte ſie. Von St.⸗Wolfgang? Gewiß! Es iſt ein Herr von Aſſelyn? Von Aſſelyn! Was wiſſen Sie von ihm? Man nennt ihn einen Heiligen... Iſt er's nicht? Einen jungen Mann kann noch keiner einen Heiligen nennen! Warum nicht? Wer heilig genannt werden will, 12 muß ſich's in der Jugend verdienen; im Alter ſind wir alle Heilige! Ein curioſes Geſpräch, das den Wirth lachen machte Der Wirth ſprach fort, nur um zu ſprechen oder die Fremde ferner ſo ſpaßhaft antworten zu machen. Er er⸗ zählte, daß die Dame in St.⸗Wolfgang zu einem Leichen begängniſſe ankommen würde. Kein gutes Omen! Wer iſt geſtorben? fragte ſie Ein Häusler, den die Leute in der Gegend für reich hielten, ohne daß er einen Pfennig mehr hinterlaſſen hat, als zu ſeinem Begräbniß nöthig ſein wird. So werden an ſeinem Grabe keine lachenden Erben ſtehen! Lucinde war mit ihren Speiſen ſchon fertig und wählte ſich bereits von dem ſchönen Obſt aus, das ihr auf einigen Tellern zum Deſſert gebracht worden war. In der kurzen, ihr jetzt eigenen inquiſitoriſchen Art fragte ſie, eine Birne ſchälend: Wie konnte man einen Häusler für reich halten? Man ſchickte ihm, erzählte der Wirth, was er brauchte, aus Welſchland oder der Schweiz. Das übertrieben dann die Leute! Er hinterließ nichts als einen Sarg, den er ſich ſelbſt gezimmert hat. Er war nur in die Sechzig gekommen. Seinen eigenen Sarg? fragte Lucinde und biß in die Birne. Man erzählt's, berichtete der Wirth. Den Sarg hat der alte Meviſſen, ſo hieß er, in St.⸗Wolfgang in ſeiner eigenen Stube gehabt, hat auch drinnen ſchon ſeit Jah⸗ ren geſchlafen. Der Pfarrer hat ihm feierlich verſprechen müſſ weil nich gege gezit dure R — müſſen, ihn auch in dieſem Sarge zu begraben und zu weihen. Er hat ihn wirklich ſich ſelbſt gezimmert! Da nichts Unheiliges dabei ſein ſoll, ſo wird er wol heute gegen Abend in die Erde kommen in dieſem ſeinem ſelbſt— gezimmerten Sarge. Hm! Hm! Eil Eil ſagte Lucinde. Der Wirth bemerkte, daß ſie ein ſcharfes Lächeln durch ihre Mienen ſpielen ließ. Warum lachen Sie? fragte er. Wenn der Mann vermögend war und ſich um keine Erben kümmern wollte, ſo würd' ich die Wände des Sarges unterſuchen laſſen. Es gab ſchon manchen Geiz⸗ hals, der ſeinen Mammon in die andere Welt auf dieſe Art mit hinübergenommen hat! Damit wählte ſie zum Schälen eine zweite Birne. Sie warf ſie weg, weil ſie darin einen Wurm fand. Als ſie von Würmern murmelte, konnte es ebenſo ſein als ſagte ſie: Die andere Welt... ich meine die Würmer! Der Wirth mußte ſeine Teller, die er eben wegneh⸗ men wollte, niederſetzen vor Befremden über dieſe Er— klärung wegen des Sarges. Der Einfall der ſo kurz angebundenen Dame kam ihm nicht unwahrſcheinlich vor und ſchon hatte er eine weitere Ausführung der Ver⸗ muthung begonnen, als er durch einen langgezogenen Ruf dicht in der Nähe unterbrochen wurde. Man hörte die Worte rufen: Figuri kauf! Figuri kauf! Ein italieniſcher Gipsverkäufer ging mit einem Kna⸗ ben unten an der Baluſtrade vorüber und bot hinauf⸗ 14 grüßend ſeine Waare an, die er und ſein Begleiter auf den Köpfen trugen. Dieſe Leute ſetzen bekanntlich vor aus, daß man in einem Poſtwagen ſelbtſechs reiſen kann und doch noch Platz findet, ſich die Gruppe des Laokoon mitzunehmen. In Venedig rennen die Fiſcher den Frem den nach und bieten ihnen Frutti di Mare an, See ſpinnen, Quallen und Krebſe, die man, friſch wie ſie vom Lido kommen, in ein Taſchentuch binden und in ſeinem Hotel ſich kochen laſſen ſoll. Miracolo! rief Lucinde den ältern taliener an, ihres Geſprächs über den Sarg und die Wirkung den Wirth vom Weißen Roß nicht weiter achtend, Mir⸗ L Si vede che venite direttamente dalle Santa Casa di Loretto! Sie deutete auf die nur mit Gegenſtänden religiöſer Verehrung geſchmückten beiden Tragbreter der Verkäufer. Und noch ehe der Italiener erwiderte, fuhr ſie fort: Nessuna Minerva! Ne Amore col arco! Tutti santi del Cielo! Nach der keine Antwort ſchuldig bleibenden Weiſe ſeines Volks erwiderte der Figurenhändler bejahend und lächelnd Si! Si, Signora! Siamo in un mondo pieno di peccati! Sein Kleiner rief dazwiſchen: Figuri kauf! Lucinde erhob ſich. und betrachtete die Heiligen und Muttergottesbilder, die theils von geringem künſtleriſchen Werth und bunt bemalt waren, theils aber auch ſchönere Leiſtungen darboten, unter anderm die heilige Agneſe aus ein mi α 15 der Kirche Santa⸗Agneſe vor den Thoren Roms, den Moſes Michel Angelo's, auch den altberühmten faſt ſchon um ſeine Zehen geküßten Apoſtel Petrus aus der Peters⸗ kirche in Rom, der indeſſen leicht ein alter Janus ſein kann mit dem Schlüſſel nicht des Himmels, ſondern des Tempels zu Krieg und Frieden. Lucinde machte ihn gar zu einem Jupiter, worauf der Italiener in ſeiner Sprache erwiderte: Mag ſein, Signora!d Aber jetzt iſt er getauft und ein ſo guter Chriſt wie wir! Inzwiſchen gingen beide ſchon einem Trupp Eng⸗ länder entgegen, der ſoeben von der Maximinuskapelle herunterkam. Der Wirth hörte allen dieſen kurzen, aphoriſtiſchen Aeußerungen mit erhöhtem Intereſſe zu. Als er Lucin⸗ den einige beſſere Birnen ausgeſucht hatte und anbot, fragte ſie: Gibt es heuer ein gutes Jahr? Schon ſetzte ſie ſich den Hut auf. Die Frucht war leidlich! hieß es. Aber der Wein misräth! Die Leute erwarteten nichts Beſſeres! Wie ſo? fragte ſie und band ſich die blauen Bänder in eine Schleife. Wir haben hier einen Aberglauben, antwortete der Wirth. Am Himmelfahrtstage wird ein Crucifix vom Grunde der Kirche mit einer eiſernen Kette in die Höhe gezogen. So viel mal die Kette dabei knackt, ſo viel Thaler wird der Malter Weizen koſten. Heuer knackte es achtzig mal. Es wird eine theuere Zeit! In welcher Kirche geſchieht dergleichen? 16 Aufrichtig, in keiner! Aber immer in jeder benach barten! Ueberall nennt man eine andere Kirche und ge ſchehen iſt's in keiner! Brav!l ſagte Lucinde lachend. Das iſt ja das ganze Weſen der Offenbarung und des Wunders auch! Ohne aber dieſen Satz weiter auszuführen, fragte ſie nach ihrer Zeche, ihrem Fuhrwerk und dem Wege auf St.⸗Wolfgang. Der Wirth wäre gern auf alle dieſe ihre ſprung weiſen Andeutungen, vorzugsweiſe aber auf das Be⸗ gräbniß in einem mit Treſorſcheinen und Staatspapieren gefüllten Sarge zurückgekommen... Jetzt gab es aber wieder eine neue Störung. Es ſchlich ein Knabe die Stufen des Gartens her auf und veranlaßte nun ihn ſelbſt zu dem Anruf: Scher' er ſich weg mit ſeiner Fuchſerei! Der barfüßige Knabe zog ſich eine Stufe zurück. Dabei hielt er einen kleinen, nicht ſogleich erkenn⸗ baren Gegenſtand hin und ſuchte die Fremde dafür zu intereſſiren. Was hat er denn? fragte Lucinde. Fuchſerei? Ar⸗ mer Junge! Was kann er für ſeine rothen Haare! Da ſitzt ihm der Fuchs nicht! fiel der Wirth ein, dem ſelbſt die Röthe ſeines Antlitzes und der gute Wein, wie in jener Gegend vielen, bis in den Bart und in die Spitzen ſeines nur noch dünnen Haupthaars ge⸗ drungen zu ſein ſchien. Die Dame iſt keine Engländerin! Mach' er nur fort! fügte er hinzu. Was hat er denn? fragte Lucinde. — 17 Der Wirth wollte verhindern, daß Lucinde von dem Knaben in einem projectirten Handel betrogen wurde. Der Spitzbube, ſagte er, während der Knabe noch immer ſtand, verkauft alte römiſche Münzen, wie ſie die Leute hier ſinden wollen. Sie ſind aber nicht echt! Lucinde, ſogleich voll Heiterkeit der Nikolaus Car⸗ ſtens'ſchen Liebhaberei in Hamburg gedenkend, rief den Knaben zurück. Schon hatte ſie einige wie uralt erſchei⸗ nende mit grünem Roſt beſchlagene Kupfermünzen in der Hand und fand ſie von einem ſo unbezweifelbaren Schein der Echtheit, daß ſie für den Knaben Partei nahm und dem Wirth die Münzen entgegenhielt mit den Worten: Die wären nicht echt?... Woher ſind die Münzen? wandte ſie ſich an den Knaben zurück. 3 Der Knabe zeigte in die Berge, die ſich mit dem grünen Schmuck des Rebſtocks bekleideten... Da haſt du ſie gefunden? Mein Vater! hieß es leiſe und unſicher. Der Wirth drohte und meinte: Wenn Sie's glauben wollen, mir recht! Für zehn Groſchen läßt er ihnen das ganze Münzcabinet ſeines 1 Alten! Der Knabe hatte fünf Münzen. Lucinde betrachtete ſie und fand ſie ſämmtlich täuſchend antik. Sie hatte ja eben geleſen, wie in dieſen Gegenden ſich auf Tritt und 4 Schritt noch die Spuren der alten Römerzeit verrathen. 3 Kirchen ſind ja hier aus den Trümmern alter Caſtelle 1 gebaut; Thürme, aus denen jetzt der Krahnen der Zoll⸗ wage und das Wappenſchild des ſtädtiſchen Octrois Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 2 18 hervorragt, waren einſt die Bruſtwehren der Beſatzun⸗ gen, die die Legionen des Druſus in den neubegründeten Niederlaſſungen zurückließen; Aſchenkrüge zertrümmert täglich der Spaten des Weingärtners, der ſeinen Be⸗ rieſelungen in den Bergen ein neues Bett graben will; Münzen, die Auguſtus und Conſtantinus ſchlagen ließen, werden das Spielzeug der Kinder, denen es ganz gleich iſt, ob ſie„Faſſeln“ mit Kieſeln ſpielen oder mit Er⸗ innerungen, die den Geſchichtsforſcher in Entzücken ver ſetzen. Der Wirth berichtete jedoch, daß es hier jetzt ganz ſchon wie in Italien wäre. Die Arbeiter im Felde entdeckten mehr Münzen, als zu den Zeiten der Legionen in Umſatz geweſen wären. Eiſerne Töpfe voll könnte man in einer großen Stadt, auf deren Lage er hinunterzeigte, bei einem Juden finden, dem ſie die Verſchmitztheit der Bettler wieder abkaufte und, als eben aufgefunden und vom Pflug, dem Spaten, der Egge entdeckt, bei den Reiſenden in Umlauf brächte. Lucinde hielt die zerbröckelten, halb erdfahlen, halb grünen Münzen gegen das Licht, buchſtabirte DRUS.. und AUGUS.. und DIV. und verglich die faſt allein nur noch hervortretenden gewaltigen Naſen der Bruſt⸗ bilder mit den Vorſtellungen, die man über Römerköpfe hat. Sie fand alles ſo ähnlich, ſo zutreffend, daß ſie erſtaunt erklärte, nicht an Verfälſchung glauben zu können. Und doch! ſetzte der Wirth hinzu. Die Münzen da können geſtern noch ganz neu geweſen ſein! Geſtern noch? rief Lucinde erſtaunt. — 4 4 wie ſ Grün 2— chemi einen den d broch nöthi 19 Geſtern! beſtätigte der Wirth. Man drückt eine ſolche von dem Juden geſchlagene Münze in einen Teig und nudelt damit die Gänſe! Was? Wie? Die Gänſe? Ich ſage Ihnen, die Gänſe! Und heute früh können die Dinger da den Gänſen erſt abgegangen ſein! So, wie ſie jetzt da ſind, kommen ſie dann zum Vorſchein! Grün und roſtig und halb zerſchmolzen! Der Wirth ſchilderte ohne weitern Anſtand den chemiſchen Proceß, nach welchem dieſe Münzen durch einen Gänſedarm hindurch binnen vierundzwanzig Stun⸗ den achtzehnhundert Jahre alt wurden. Lucinde war aber ſchon in ein ſolches Gelächter ausge⸗ brochen, daß er eine noch ausführlichere Erklärung nicht nöthig hatte. Sie gab dem auf dem Sprunge ſtehenden Knaben ein Geſchenk, nahm ſeine Münzen und rief: Das muß ja der Ahasverus ſelber ſein, der in der Stadt da drüben ſo die Jahrhunderte machen kann! Sie kennen doch die Sage von dem böſen Schuſter, der einſt dem Heiland die Erquickung des Ausruhens ab⸗ ſchlug, als er ſein Kreuz auf Golgatha tragen mußte? War das ein Herren- oder Damenſchuſter, ich kann es nicht ſagen; aber in der Stadt da unten wohnt er jetzt und macht Münzen, die von geſtern auf heute tauſend Jahre alt ſind! Und mit Hülfe des Vogels der Dummheit! Sehen Sie, wieder, wie ſchon einmal auf dem Capitol! Die Gänſe ſollen leben! Die Gänſe! Es iſt nicht ohne, daß der Doctor Martin Luther an dem Tage geboren wurde, wo man die erſte Gans auf den Tiſch bringt! 2* 20 Dem Wirthe mochte der Ausbruch unverſtändlich, ja an einer Dame, dieſes Humors der ſich auf der Bruſt, wie ſich eben beim Lachen gezeigt hatte, ein großes gol⸗ denes Kreuz an einem Bande aus der Chemiſette los⸗ neſtelte, faſt unheimlich erſcheinen. Dennoch machte er keine auffallend betroffene oder etwa den Vermittlerinnen des chemiſchen Proceſſes, wodurch werden kann, verwandte Miene, ſo ſelbſt ein Freund alter Münzen w lung echter hätte und ſie de wünſchte, vorlegen könnte. Nein, nein, nein! rief Neueſtes zu Aelteſtem ndern bemerkte, daß er äre, eine ſchöne Samm⸗ r jungen Dame, wenn ſie es ſie in ihrem alten, wie wir wiſſen, die Grenze überſchreitenden Humor. Wer bürgt mir für die Unſchuld Ihrer Gänſe? Sie nudeln ſie auch mit Jahrhunderten! Sie ſind unecht! Gewiß, gewiß! Bitte! bemerkte der Wirth... Ich fand den größten Theil ſelbſt. Man hat ſie ſtall! Ich fand ſie an ganz unzugänglichen Orten! Sie irren ſich! Was entſcheidet denn an dieſen fünf alten römiſchen Kupferdreiern, die ich hier in der Hand halte und mir zum Andenken in meine Taſche ſchließe, daß ſie nicht echt ſind! Ihre Münzen, Herr Wirth, haben alle denſelben Weg gemacht! Ob der Roſt von der Magen⸗ ſäure einer Gans kommt oder von den allerdings längern Gedärmen wirklicher Jahrhunderte, iſt all eins! Laſſen Sie's nur ſo und— glauben wir's! Jetzt ſetzte ſie ihren Hut darüber. Ihnen hingelegt, friſch aus dem Gänſe⸗ auf und band den Schleier Be Ferne durch Fräule der VW des S liſchen Stif Kinde 9 82 ihren Wir 21 Beim Bezahlen ihrer Zeche erſcholl plötzlich aus der Ferne ein lieblicher Geſang. Sanfte Accorde wallten durch die ſonnige Luft. Es war ein Kirchengeſang von jener getragenen Einfachheit, die etwas Kindliches und in den kurzen, zwiſchen den Strophen liegenden Pauſen etwas Ländliches hat, nach Art der Schifferlieder auf den ita⸗ lieniſchen Seen. Woher kommt denn das? fragte Lucinde. Es ſind die jungen Mädchen aus dem Engliſchen Fräuleinſtift auf der Inſel Lndenwerth drüben! ſagte der Wirth und zeigte auf einen weit über den Spiegel des Stroms hinweg aufragenden Kirchthurm. Die Eng⸗ liſchen Fräulein, ſetzte er erklärend hinzu, halten das Stift ſeit ein paar Jahren. Sie kommen oft mit den Kindern herüber in die neue Kapelle oben! Lucinde blickte auf den ſchönen Bau, erinnerte an ihren Einſpänner und wollte gehen. Das Erbieten des, wie ſie ſah, nicht ungebildeten Wirthes, ſie zu führen, lehnte ſie mit der ihr wieder⸗ kehrenden Beſtimmtheit ab. Der freundliche, von ſeinem Gaſte, wie ſelten von einem ſolchen flüchtigen Ankömm⸗ ling unterhaltene Mann hätte ſie gern zurückgehalten, hätte gern, wie er ſelbſt ſagte, noch vom Sarg des alten Meviſſen mit ihr geſprochen; aber ſie hatte ge⸗ zahlt, übergab zur Verladung vorn auf das Gefährt ihren Koffer, ſah ſich noch um, ob ſie nichts vergeſſen hatte, und verließ, ohne weitere gemüthliche Anknüpfung mit der neuen Bekanntſchaft, den Garten. Sie begab ſich zwiſchen einer Reihe kleiner Sträucher und dem mit ruhigem Sonnenglanz überwobenen, von berg⸗ und thal⸗ 22 wärts gehenden Schiffen belebten Strom auf den am Ende des Ortes liegenden Hügel zur Kapelle des heili⸗ gen Maximinus. Faſt war's, als hätte der fromme Ge⸗ ſang ſie gemahnt, ihrem bizarren und ſkeptiſchen Humor endlich Einhalt zu thun. Vor einem am Aufgang zur Kapelle am Kreuz hän genden Erlöſer wollte ſie ſich auch in Andacht verneigen, ſah aber auf der unter ihm befindlichen Bank den Gips figurenhändler und ſeinen Sohn ſich ausruhen. Jener rief ihr freundlich winkend und die Stirn trocknend zu: 8 Fa caldo! Kommt Ihr nicht ins Land hinein? fragte ſie und zeigte über die Berge. Si, Signora! Nach Kocher am Fall? si! si! Kennt Ihr dort die Dechanei? An der Kathedrale St.⸗Zeno?. Der Italiener ſchien aufs angenehmſte an einen ſeiner beſten Kunden erinnert, den Dechanten von Aſſelyn. Un compratore dei Santi? fragte ſie ſcherzend. Der Italiener ſchüttelte den Kopf und machte eine ſchlaue Miene, als wenn der Dechant einen völlig an⸗ dern Geſchmack hätte. Lucinde horchte der Charakteriſtik des Dechanten von Kocher am Fall, ſagte aber jetzt faſt wie eine Fromme: 23 Kommt zu Lucinde Schwarz in Kocher am Fall! Ich wohne in der Dechanei des heiligen Zeno! Ich will Euch den Moſes da des Michel Angelo abkaufen! Der Italiener nickte befriedigt. Lucinde ſtieg zur Kapelle empor. tempe ausd 1 befan Der das Verſ 2. gleich mitte indeß Wie ſie den wiederbeginnenden Klängen des Ma⸗ ten? rianiſchen Lobgeſangs folgend an noch einigen Leidens⸗ narſ ſtationen vorüberging, mußte ſie den ſchönen und maleriſch G gelegenen neuen Bau bewundern. ridt Alles, was nur die gothiſche Architektur zugleich an 1 us bedeutungsvollen wie lieblichen Elementen beſitzt, war enge hier in einer reizenden Geſammtwirkung vereinigt. Wie 4 ford hingehaucht ſtand das halb röthliche, halb hellgrüne de Sandſteingebilde und verlor ſich mit vier ſchlanken Thür⸗ ſe men, als wäre es befiedert, in die blaue Luft. Spitz⸗ bogenfenſter, Spitzgiebel, Spitzdächer, alles war verziert vol mit ſteinernen Blumen und Blättern. Große durch⸗— brochene Steinroſen ſchmückten die Thüren und Seiten⸗* wände. Ein terraſſenförmiger kleiner Garten umgab die d obere Spitze des Kreuzes, in deſſen Form auch der ganze 1 Bau ſich erhob. Dieſer Garten lud den müden Wan⸗ velt derer ein in den Schatten breitäſtiger Linden. Bienen ſch ſummten, Käfer ſchwirrten. Einem Schmetterlinge nur riſt brauchte Lucinde nachzugehen, der ſie mit ſeinem Flatter⸗ ſte luge an die Pforte des feſtgegründeten ſchönen Gottes⸗ g geg 25 tempels, des Aſyls des Unſterblichkeitsglaubens, faſt ausdrücklich zu geleiten ſchien. Die kleinen Sängerinnen waren verſtummt. Sie befanden ſich in der Kirche, die auch Lucinde betrat. Der Raum war drinnen eng. Zuſammengedrückt ſchien das Ganze noch mehr zu werden durch eine faſt zu reiche Verſchwendung von Gold und Farbe. Lueinde fühlte ſo⸗ gleich, daß alles hier faſt zu ſinnlich, zu laut, zu un— mittelbar auf den Eintretenden eindrängte; ſie ſchlug indeß die Augen nieder, beſprengte ſich mit dem geweih⸗ ten Waſſer und kniete, faſt geräuſchvoll, an den Mar⸗ morſtufen des Altars nieder. Nachdem ſie, wie andachtverſunken, ihr Gebet ver⸗ richtet, erhob ſie ſich und muſterte die Malereien. Auch zu einer Krypte ſtieg ſie nieder, die ihr nicht minder be⸗ engend, faſt furchterregend vorkam. Eine beſondere Auf⸗ forderung zur Gottesandacht lag nicht in dem Eindruck dieſes Innern eines ſo gefälligen Aeußern. Doch ſenkte ſie die Wimpern und verrieth keine Kritik. Die kleinen Mädchen der Penſion von Lindenwerth, wol ihrer zwölf bis ſechzehn an der Zahl, ließen den engen Raum des Gotteshauſes von ihrer Neugier und Zerſtreutheit nicht wenig widerhallen. Eine dem Orden der Engliſchen Fräulein angehörende Nonne und eine weltliche Lehrerin waren ihre Führer. Zuletzt verloren ſich alle in eine Seitenniſche, in der ſich noch das Ge⸗ rüſt eines Malers befand, deſſen Penſum in der Aus⸗ ſchmückung der Wände hinter dem der andern Künſtler zurückgeblieben war. Auch er malte um die Heiligen große goldene Teller in jenem Geſchmack, der ſich in ſei⸗ 26 ner Abſicht allzu ſehr verräth. Will man durch die Vor⸗ gänge der heiligen Geſchichte das Gefühl der Andacht wecken, ſo müſſen ſie uns nicht als Wunder, ſondern mit dem Zauber der Natürlichkeit und noch heute täglich möglichen Wirklichkeit entgegentreten. Bei näherm Hinblick auf das Penſionat, das ſich neugierig an den arbeitenden Maler wie verlor, ſchrak Lucinde zuſammen. So nahe ſchon hatte ſie ſich ihren nächſten Zielen nicht geglaubt! Dieſe führten ſie, wie ſie ausdrücklich gewollt hatte, mitten in alles wieder zurück, was ſie in ihren erſten Jugendtagen, vor dem Sinken ihres Sternes und dem neuen Aufgang in der orthopädiſchen Anſtalt halb bewußtlos erlebt hatte. Nun erkannte ſie ſchon in der weltlichen Lehrerin jene Angelika Müller, mit der ſie einſt vor ſechs bis ſieben Jahren ihre Reiſe nach Hamburg gemacht hatte. War alſo der Prophet von Eſchede, Dr. Laurenz Püttmeyer, noch immer ohne Hegel's Lehrſtuhl für ſeine mathematiſche Philo⸗ ſophie? Beim Anblick dieſer damals ſchon nicht mehr jungen, jetzt vollends verblühten, armen geiſtigen Tage⸗ löhnerin trat ihr der todte Jerome vor die Augen, wie er ſitzen konnte und Würfel und Dreiecke ſchnitzelte und über jenes bekannte Pentagramm, das wir als Bierzeichen adoptirt haben, ſich in die alten Wälder verlor, in denen einſt dem Wodan Menſchenopfer gebracht wurden... Die Lehrerin ſchien auch auf Veranlaſſung der obenerwähnten goldenen Teller eben mit dem Erläutern der Symbolik des Kreiſes beſchäftigt und ſah Lucinden nicht. Dieſe fühlte ſich vielleicht noch nicht ſtark genug, das volle Antlitz ihrer Vergangenheit wieder zu ertragen... 4 27 ſie verließ die Kapelle und flüchtete ſich faſt in die warme und erquickende Luft zurück. Ihr Wagen war noch nicht zu erblicken. So wandte ſie ſich der Altane der Kirche zu und nahm Platz auf einer der ſteinernen Bänke, die die ſchönſte Ausſicht boten. Sinnend über den Muth, den ſie haben wollte, dicht ſo wieder an alles anzuſtreifen, was ſchon einmal für ſie verhängnißvoll geworden war, ſah ſie kaum, wie nah unter ihr der belebte Strom mit ſeinen maleriſchen Ortſchaften ſich ſchlängelte, wie in der Ferne die Berge in anſehnliche Höhen ſtiegen und links und rechts zwei ſchroff emporgethürmte Felſen mit den Trümmerreſten zweier alten Burgen wunderherrlich aufragten. Nach einer Weile und während die Schülerinnen des Penſionats in der Kirche wieder einen neuen Geſang an— geſtimmt hatten, bemerkte ſie, daß ſie auf der Altane nicht allein war. Dicht an der von Epheu beſchatteten Mauer der Kapelle ſtanden in eifrigem Geſpräch ein Soldat und ein ohne Zweifel zu dem lindenwerther Penſionat gehö⸗ riges junges Mädchen. In einiger Entfernung hielt ſich ein Aelterer, nicht gerade ein Diener, auch kein Erzieher, aber jemand, der gleichſam zu wachen ſchien, daß das Zwiegeſpräch der beiden andern weder geſtört noch viel⸗ leicht zu vertraulich wurde. Das junge Mädchen trug die Kleidung des Penſio⸗ nats, einen dunkelblauen leichten Sommerſtoff, einen runden italieniſchen Strohhut und eine Taſche zur Auf⸗ bewahrung wahrſcheinlich der Dinge, die das Engliſche Fräulein unterwegs nicht zum Unterhalt kaufen mochte; 2 8 überm Arm hing noch ein leichter Sommerſhawl. Sie war eine von den ältern der kleinen Karavane, deren Mitglieder, ſah man ſie einzeln, gereifter erſchienen als in der Geſammtheit. Das Gute haben ja richtig gelei⸗ tete weibliche Penſionate, daß die jungen Mädchen durch ihr Beiſammenſein ſich länger kindlich erhalten und jene gefährliche Kriſis der erſten erwachenden Temperaments⸗ vorgänge glücklicher überwinden als in der die Frühreife zeitigenden, wenn auch traulichern Wärme des älterlichen Hauſes. Auch das junge Mädchen, das vielleicht ſechzehn Jahre ſchon zählte, machte Lucinden einen Eindruck, als müßte ſie es ſchon geſehen haben. Es war eine Erſchei⸗ nung von eigenthümlichem Reiz; nicht zu groß, aber wohlgebaut und von einer Lebhaftigkeit im Auseinander⸗ ſetzen, einer Innigkeit im Genuß dieſer vertraulichen Zwieſprache mit dem jungen Krieger, die Lucinden ſo⸗ gleich ſo bitter lächeln machte, als hätte ſie ſagen mögen: Du kleiner Fratz, dergleichen erlebten wir einſt ja auch!... Sie mochte jedoch die Glücklichen, die ſich vielleicht vor dem Engliſchen Fräulein und Angelika Müller ſicher glaubten, nicht ſtören... auch kamen ihr die Züge des Mädchens bekannt vor. Auf dem Streckbett konnte ſie ſie nicht geſehen haben und doch fiel ihr ſogleich Paula von Dorſte⸗Camphauſen ein. Der Soldat war kein Offizier, ſondern ein gewöhn⸗ licher Gemeiner; aber Lucinde wußte ſchon, daß es hier zu Lande ſogenannte Freiwillige gab, die nur eine kurze Zeit der allgemeinen Militärpflicht genügten. Ihnen ſchien der junge Mann mit ſeinem ſchwarzen Bärtchen auf der 29 Oberlippe und dem kurzgeſchnittenen, aber vollen Haar⸗ wuchs anzugehören. Er war groß, hatte etwas Feſtes und Beſtimmtes und erinnerte Lucinden an den ſeither ver⸗ ſchollenen Klingsohr, nur hatte er nicht das Wüſte und Unſchöne deſſelben. Etwas Studentiſches ſchien ihr noch das grüngelbweiße Band, das er trotz der Montur, die offen ſtand, über ſeiner weißen Piqueweſte hinweg trug; doch konnte er wol kaum noch der Univerſität angehören, falls überhaupt die Vorausſetzung der ſogenannten Frei⸗ willigkeit die richtige war. Der Wächter in der Ferne ſchien jedenfalls ein Stück vom echten Soldaten, aber auch zugleich ein Stück vom Jäger, ein Stück vom Landwirth, vom Bauer, ſelbſt vom Bedienten, von allem etwas. Mit einem zuſammen⸗ gerollten Militärmantel, an dem ein Säbel befeſtigt war, ohne Zweifel Requiſiten des jungen Kriegers, ſtand er an dem Eingange zum kleinen Garten, rechts und links lugend auf die Landſtraße und nur im geheimen auf das plaudernde Paar. Im Regen und Sturm ſcheint er noch beſſer an ſeinem Platze zu ſein; ſein geröthetes Antlitz hat das Viereckige der Kopfform eines mit Ohr⸗ ringen geſchmückten Steuermannes auf hoher See. Wer weiß, ob dieſe Unruhe, die ſich bald auf das eine, bald auf das andere Bein ſtellen muß, nicht von der Gewöh⸗ nung an die Schwankungen eines Schiffs kommt! Der Blick, den der Wächter, ſo eigenthümlich prüfend und den Mund in Falten ziehend, über den Strom auf einen neuen Dampfer wirft, der gerade anhält, um mehr Be⸗ ſucher der Maximinuskapelle auszuſetzen, als heute die „Prinzeſſin Marianne“ gebracht hatte, iſt gerade wie der kℳ 30 eines Mannes, der die vollkommene Berechtigung gehabt hätte, ebenſo gut wie der geſchniegelte Kapitän drüben, der Salzwaſſer vielleicht nie gekoſtet hat,„Stop“ zu rufen. Lucinde ſuchte auch dieſe Geſtalt irgendwo in ihrem Jugendwahntraume, wie ſie ihr vergangenes Leben nannte, unterzubringen. Wie mußte ſie erſtaunen, als ſie be merkte, daß ſie ſelbſt es werden ſollte, durch die plötzlich das ſtille harmoniſche Concert dieſer drei Menſchen unter brochen wurde! Sie erblickte eben in der Ferne ihren Einſpänner, erhob ſich von der Bank, auf der ſie aus⸗ geruht hatte, und ſtreifte an dem durch die kleinen Gar⸗ tenanlagen daherkommenden Paare vorüber. Noch fielen einige der Worte des Geſprächs, das ſich von ſeiten des Mädchens in einer kindlich harmloſen Welt zu bewegen ſchien, in ihr Ohr, als ſie nicht wenig überraſcht wurde von dem plötzlich innehaltenden Fluß der kleinen Spre⸗ cherin, die, die ſchönen dunkelbraunen Augen aufgeriſſen, auf ſie zutrat und ſte mit einem nur durch Verlegenheit abgebrochenen lauten und erſchreckten: Ach! faſt anredete. Der Muth weiter zu ſprechen fehlte zwar, die Ver⸗ legenheit etwas Ungehöriges gethan zu haben überwog, aber die Kleine wandte ſich im Weitergehen dem Solda⸗ ten ſo vertraulich und ſchnell zu, daß Lucinde wohl ſah, wie ſie entweder mit jemand anderm eine auffallende Aehnlichkeit hatte oder auch dieſer Kleinen wirklich be⸗ kannt ſein mußte. Indem kamen die übrigen Penſionsmitglieder zurück. Lucinde mochte zunächſt dem an ſich für ſie ſelbſt intereſſe⸗ loſen Fräulein Müller nicht, begegnen. Sie zog vor, ſich —— 4 zu en doch, befun Zurüc zuſan hinbl 31 zu entfernen. Das junge Mädchen aber, das ſich denn alſo doch, wie man nun ſah, in keiner verbotenen Zwieſprache befunden hatte, ſprang in d die Reihen ihrer Gefährtinnen zurück und ſteckte ſo den Kopf mit den Köpfen der andern zuſammen, daß ſie nun ſämmtlich neugierig auf Lucinden hinblickten; alle thaten, a als müßten ſie in ihr eine ihnen längſt bekannte Erſcheinung wiederfinden. Das war Lucinden jetzt zu viel. Während die Führerinnen mit dem eleganten Soldaten ſprachen, der mit Zuvorkommenheit und Lebhaftigkeit Auskunft über die Kapelle und die Gegend gab, ſuchte ſie, von Fräu⸗ lein Müller unbemerkt, den Ausgang. Dem draußen harrenden Wächter ſagte ſie: Geſchwiſter waren das doch wol nicht? Nein! war die einfache, kurze Antwort. Der Kleinen ſcheint an mir etwas aufzufallen. Wer iſt ſie? Ein Fräulein von Hülleshoven... Hülleshoven? Armgart von Hülleshoven? Armgart von Hülleshoven! beſtätigte der Gefragte. Dann iſt der junge Mann Benno von Aſſelyn? Zu Befehl! 1 Ich denke, Herr von Aſſelyn iſt Advocat? Allerdings. Wie kommt er zur Uniform? Herbſtübung... Damit brach der Mann ab. Man hatte ihn ent⸗ weder gerufen oder er glaubte vielleicht nur, daß man dies gethan. Von dem jungen Paar ſchien er kein Auge zu verlieren. — 5 9₰ d Lucinde war wie in einer Betäubung. Ihr Entſchluß war allerdings: Du wagſt dich noch einmal in dein altes Leben zurück, ſiehſt heller, was dir früher dunkel erſchien, erſchrickſt vor keiner Begegnung mehr und wär' es vor der der alten Hauptmännin von Buſchbeck, ja vor der Oskar Binder's nicht— in ihrem neuen religiöſen Bekenntniß lag die außerordentlichſte Kraft dieſes Sichſicherfühlens— und dennoch wälzte ſich ihr ſchon centnerſchwer aufs Herz, ſich zu ſagen: Armgart von Hülleshoven gehörte den Kreiſen von Schloß Neuhof an! Sie war eine der in⸗ nigſten Beziehungen der Comteſſe Paula! Sie kann noch den Kindeseindruck bewahrt haben von jener Pagode im Schloßteich, in die ich damals zu dem Federvieh aufgeſtiegen bin!... Benno von Aſſelyn war ein Couſin des Pfarrers zu St.⸗Wolfgang, jenes Bona⸗ ventura, bei deſſen verhängnißvoller Prieſterweihe ſie vor einigen Jahren mit einer Entſcheidung für ihr ganzes Leben zugegen geweſen war. Am Fuße des Hügels fand ſie ihr Wägelchen. Es war leichteſter Art, nur für zwei Perſonen, die ſich im Fall eines Regens vorn durch ein aufgeſchlagenes Halb⸗ verdeck ſchützen konnten. Indeß behielt das Wetter ſeine gleiche Anmuth. Nur die Sonne ſenkte ſich allmählich. Schon mochte es inzwiſchen über fünf Uhr gewor⸗ den ſein. Ein Knecht aus dem Weißen Roß führte das leichte Geſpann. Erſt ging es um den Ort herum und die Anfänge der landeinwärts gehenden Straße raſch hinaus. Den vollen Genuß der üppigen, wie ein Garten ausge⸗ breiteten Gegend konnte nur der Staub hindern. Die Bäum den( durch fehlt. gehein alles, vorge Derte ſich i bot, 22 33 Bäume am Wege trugen ſchwer an ihrer Aepfellaſt. In den Gärten prangten jene Blumen, die im Spätſommer durch Glut der Farbe erſetzen, was ihnen ſchon an Duft fehlt. Bienenſtöcke ſtanden unter Bedachungen mit jener geheimnißvollen Bienenkorbſtille, die nicht ahnen läßt, was alles, und vollends nach Klingsohr's Theorie, in ihnen vorgeht. Wonnig war der Rückblick auf das verlaſſene Oertchen, den im Luftäther blauglänzenden Strom, der ſich in immer anmuthigern Windungen dem Auge dar⸗ bot, je mehr ſich die Straße emporzog. Jetzt wurde die Straße ſteiler. Die Berge, die zwiſchen dem Strom und St.⸗ ⸗Wolfgang lagen, waren höher, als ſie das Anſehen gehabt hatten. Der Knecht ſtieg aus und zuletzt auch Lucinde, ſo ſehr der Knecht verſicherte, daß es nicht nöthig wäre. Doch war im Gehen und Stillſtehen der Rückblick auf den immer noch ſichtbaren Strom beſſer zu genießen. Inzwiſchen bemerkte Lucinde, daß zwei der Bekannt⸗ ſchaften, die ſie an der Maximinuskapelle gemacht hatte, ihr folgten. Auf kürzerm, die Landſtraße durch ſchneiden⸗ den Fußwege waren ihr Benno von Aſſelyn und lin Begleiter ſchon ziemlich nahe gekommen. Sie unterhielten ſich mit einer Reiſegeſellſ chaft, in der Lucinde den Gipsfigurenhändler, ſeinen Sohn und ein junges, ſchlank aufgeſchoſſenes Mädchen erkannte, das Armgart von Hülleshoven nicht ſein konnte. Ihre Vor⸗ räthe hatten die Verkäufer nicht mehr bei ſich und faſt ſchien es, als wenn ein langſam vor ihrem eigenen Wa⸗ gen hinziehender Einſpänner den Italienern gehörte. Dieſer Wagen war ſo weiß gepudert wie die kurze graue Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 3 34 Jacke und die Mancheſterhoſe, die der Alte und ſein Knabe trugen. Das junge Mädchen aber war geſchützt von einem großen breitrandigen Strohhute und ſchien die Frau oder die Tochter des Italieners zu ſein, der ſeine lebhafte Rede mit Geſticulationen unterſtützte. Ueber das kahle Geſtein hinweg, d Heidekraut und ſpärlichem, von weidenden Ziegen aus⸗ gerupften Graſe bedeckt war, gab es für die fünf Fuß⸗ wanderer leicht zu erklimmende Nebenwege, auf denen in kurzer Zeit wenigſtens Lucindens Gefährt erreicht ſein konnte; ja, wenn die Wanderer die in die Felſen rundum gehauene Landſtraße jetzt ganz vermeiden wollten, konn⸗ ten ſie bei der Unabſehbarkeit des immer bergan gehen⸗ den Weges quer über eine große, hier von kleinen Waſſer⸗ rinnen, dort von Felsblöcken bedeckte Wieſe Lueinden ganz den Weg abſchneiden und ihr zuvorkommen. Sie ſchlugen auch dieſen Weg ein, ſcheinbar unbe⸗ kümmert um die bald überholte Wandererin auf der ſtaubigen Landſtraße. Lucinde pflückte vor Aufregung am Wege Kreuzkräuter und Rispengräſer zu ihrem ge⸗ wohnten Zerzupfen, das ihre Natur immer als Ableiter zu bedürfen ſchien, um die in ihr arbeitende Unruhe zu dämpfen. Sie zog die Gräſer und ihre Samenkolben durch die Finger, biß ſogar ihre Spitzen ab, warf ſie weg und pflückte dann wieder neue. ſchirm, der ihr zur Stütze diente, ſchleuderte manchen Stein aus dem Wege; manchen andern, wenn er ein hübſches Geäder zeigte, hob ſie auf, betrachtete ihn eine Weile und ließ ihn gedankenlos wieder fallen. Mit dem Knecht war ſie ſcho as mit dünnem Der Sonnen⸗ n lange in einem Ge— gewe Spre gleich ſche aus nächſ ſchre Ferzu mach auch raffe 35 ſpräch. Menſchen neben ſich zu haben, ohne zu wiſſen, was ſie ſind, treiben, wollen, denken, war nie ihre Art geweſen. Allem Stummen mußte ſie irgendwie eine Sprache abgewinnen. Und der Knecht nahm an ihr ein gleiches Intereſſe. Auch ihm ſchien dieſe junge energi— ſche Dame eine Merkwürdigkeit. Wie Lueinde zerſtörte aus Kraftgefühl und ungeduldiger Spannung auf ihr nächſtes Schickſal, jetzt auf die ſchon hoch über ihr hinweg— ſchreitenden Wanderer, ſo auch dieſer, Blatt um Blatt zerzupfte er einen Zweig, den er in der Hand hatte, machte erſt eine Ruthe daraus und warf ſie zuletzt weg, auch ſich, wie es ſchien, aus grübelnden Gedanken auf⸗ raffend und wieder dann zur Peitſche greifend... Die Umgebungen wurden waldig. Die Höhen ende⸗ ten nicht; ſie umkränzten mit dunklern und hellern grünen Schattirungen den des Stromes jetzt plötzlich beraubten Blick. Die Tannen waren vorherrſchend und einzelne Ausläufer der Waldungen gingen quer über den Weg und durchſchnitten ihn. Das iſt der St.⸗Wolfgangberg! ſagte der Kutſcher, klatſchte mit der Peitſche und grüßte ein Marienbild, das am Wege ſtand. Dann lud er das Fräulein zum Sitzen ein. Sie würde ermüden und es ginge ſo wie eben noch viel zu lange fort. Lucinde entdeckte aber gerade jetzt in ziemlicher Nähe die Wanderer, deren Mittelpunkt das junge, ſchlank auf⸗ geſchoſſene Mädchen geworden war. Schon wußte ſie vom Kutſcher, daß der Italiener mit zwei Söhnen und einer Tochter reiſte; der zweite Sohn führte den Wagen, in deſſen Kiſten und Kaſten die„Figuren“ verpackt waren. 3* 36 Ihre kürzern Wege hatten ſich an den Waldecken ver⸗ fangen; ſie mußten Schwenkungen machen, die ſie auf⸗ hielten, und bald zwang ſie die Landſtraße, mit ihr auf gleicher Linie zu bleiben. Endlich ſtießen ſie mit Lucinden zuſammen und grüßten. Sie haben gar keinen Vortheil von Ihrem Wagen, Signora! ſagte der Italiener in gebrochenem Deutſch und hielt eine Zeit lang, die Wanderluſtige grüßend, die Mütze in die Höhe. Aber da ſeht, mein Gepäck hat Vortheil! erwiderte Lucinde zurückzeigend. Iſt das Ihre Tochter? Meine Tochter, Porzia Biancchi! Porzia Biancchi? Ein ſtolzer Name! Freilich, ſie wird in Rom geboren ſein! Nein, Signora! und ſich an die Tochter wendend, fragte er italieniſch: War das ſchon in Caſtellungo? Caſtellungo! erwiderte das junge Mädchen und er⸗ röthete unter dem braunen Incarnat ihres nicht ſchönen, aber gefälligen Antlitzes. Wie? nahm, Lueinden grüßend, der junge Soldat, Benno von Aſſelyn, das Wort. Ihr wißt nicht einmal, Meiſter Biancchi, wo Eure Tochter geboren wurde? Nein, Signore! ſagte der Italiener in gebrochenem Deutſch. Als ſie zur Welt kam, waren die Zeiten ſchlecht für mich! Ich lebte nicht in Italien! Aha! Ihr wart auf der Flucht! ſagte der Fragende, der etwas Feſtes, Sicheres und bei aller Lebendigkeit des Auges wieder Gelaſſenes hatte. Ich merke ſchon, daß Signor Biancchi ein alter Carbonaro iſt! Trotzdem, 37 daß er auf deutſch Weiß heißt und ſo weiße Pierrot⸗ kleider trägt, daß mein Königsrock ganz an ihnen ab⸗ färbt, gehörte er doch ohne Zweifel zu der ſchwärzeſten Carbonaroſorte, zu der Loge der ſogenannten Keſſel⸗ ſchmiede! Nicht wahr? Der zwiſchen Freund und Diener noch gänzlich un⸗ beſtimmt ſchwankende Träger des mit dem Säbel, wie ein Portefeuille mit dem Bleiſtift, zuſammengehaltenen Mantels putzte die Gipsflecken ab, die der Sprecher allerdings ſchon auf ſeiner Uniform trug. Biancchi aber ſah dieſen über ſeinen ihm imputirten Carbonarismus groß an, ſchien davon betroffen und half ſich mit dem dem Italiener eigenen klugen und pfiffigen Ausdruck der Mienen und einem Geſtus, der nicht mehr und nicht weniger ſagen wollte als: Das iſt einer! Der hat eine ſcharfe Naſe! In der That verdiente Benno von Aſſelyn eine Würdigung, die, ſozuſagen, über ſeine Uniform hin⸗ ausging. Es iſt ein Nachtheil des Soldaten, daß auf ihn zu ſehr das Horaziſche Nos numerus sumus(„Wir zählen nur“) angewandt wird. Das Auge haftet an dem bunten Rock; der Menſch, das Individuum, das in ihm ſteckt, der Charakter, wird überſehen. Die Entwickelung des letztern, das iſt wahr, iſt beim Krieger gehemmt, aber darum fehlt ſie nicht. Dieſer Freiwillige und Ge⸗ meine ſaß vielleicht erſt heute unter der Schere des Fri⸗ ſeurs, der ihm die Haare ſo kurz aus dem Nacken ſchnitt; ſein Barbier raſirte ihm einen Kinnbart fort, den er ebenſo wenig nach Kocher am Fall zum„Stabe“ mit⸗ bringen durfte wie ſeine weiße Weſte; aber einer im 38 Dutzend iſt dieſer junge Mann nicht. Die Ironie, die in der Betonung ſeiner Worte liegt, iſt das Zeichen eines geiſtigen Ueberſchuſſes. Er ſpricht aus der Fülle, nicht aus der Armuth. Sein dunkelblaues Auge ſpricht ſtatt ſeiner, auch wenn er ſchweigt. Es ſpiegelt die ruhige Herrſchaft über einen ſchon angeſammelten Erfahrungs⸗ ſchatz. Fein, vornehm und doch natürlich iſt ſein Beneh⸗ men. Die Art, wie er jetzt ſeine Cigarrentaſche zieht und um die Erlaubniß zum Rauchen bittet, hat einen ſo welt⸗ männiſchen Schliff, daß ſein Begleiter unverſehens zu ſeinem Bedienten wird, obgleich er ihn wie einen intim⸗ ſten Freund behandelt. Da auch Benno von Aſſelyn bei der Erörterung über die Gegend, wo Caſtellungo läge, ſich italieniſch auszudrücken anfing, ſo wurde Biancchi ſicherer und ge⸗ ſtand allmählich, daß es ganz ſo im Ernſt wäre, wie der Herr es im Scherze vermuthet hätte. Er ſelbſt wäre ein Römer, ſeines Zeichens ein Bildhauer und der älteſte von drei Brüdern, die allerdings alle mit ihm in die Gefahren gerathen geweſen wären, die plötzlich den Car⸗ bonaris gedroht hätten. Er hatte ſich anfangs nach Piemont geflüchtet, in die Thäler, die ſich vom Col de Tende nordwärts bis nach Turin und Aoſta an den Fuß der Alpen ziehen. Die Waldenſerthäler! warf zu Lucindens Erſtaunen der Begleiter Benno's von Aſſelyn mit halber Stimme hinein. si! Si! ſagte Biancchi mit ſchnellem Ton und erſtan— nend, dies Wort hier und aus ſolchem Munde zu ver⸗ nehmen. In Caſtellungo bei Coni! Ganz recht, in einem durch macht in un Nape g 8 trati Unifo ) 1 Krie mit Dorfe, wo nur Ketzer wohnen! Bis 1821 ging's ſoſo ...(er hielt die Hand vor die Augen und blinzelte durch die Finger, wie wenn er das Zeichen der Toleranz machte), aber Madre de Dio! Da Donner und Blitz in unſere„Baracca“! Die„Vendita“ geſchloſſen— Napoleone Biancchi reißaus!... Ihr heißt Napoleone? fragte Benno von Aſſelyn und trat in Rückſicht auf ſeine der Heiligen Allianz angehörende Uniform zurück, als wollt' er ihm den Kampf anbieten. Und mit derſelben ſchlagenden Geberde, gleichſam die Kriegserklärung aufnehmend, wiederholte der alte Biancchi mit Nachdruck: Napoleone Biancchi! Als der Friede zwiſchen dem Kaiſerreich und den hohen Verbündeten durch das Lachen der Frauen wieder⸗ hergeſtellt war, erzählte der Alte, daß er ſeine Frau und Kinder hätte in Italien zurücklaſſen müſſen. Er wäre erſt nach der Schweiz geflüchtet, hätte ſich dort zu er⸗ nähren geſucht, ſo gut es gegangen; ſeiner Frau hätte er nach Caſtellungo geſchickt, was er erübrigte; dann, nach der Julirevolution, hätte er nach Italien zurückzu⸗ kehren gewagt; er hätte ſich zwar nicht aufs neue com⸗ promittirt, hätte aber doch,„da es auch in Italien nur Ein Rom gäbe“, vorgezogen, wieder ſein Wanderleben anzutreten. Nach Rom hätte er nicht gedurft: ſo wäre er nach Deutſchland gekommen, wohne bei Frankfurt am Main und verdiene ſich ſo viel, daß er ſich ein ſolches Pferd halten könne wie das, das da eben ſeine Vorräthe bergan ins rechtgläubige Land zöge. Euere Frau kam Euch nicht nach? fragte Lucinde. 40 Signora, nein! antwortete Biancchi. Sie iſt in Caſtellungo, hat einen Garten mit Oliven- und Maul⸗ beerbäumen und einen Weinberg. Das Haus iſt nicht groß genug für alle ihre Seidenwürmer. Sie verdient und ſpart für die Kinder. Frankfurt am Main hat ein ſchö⸗ nes Klima, aber keine Seidenwürmer. Giuſeppina ſchickt mir alle zwei Jahre einen Sohn herüber, erſt den Ca⸗ millo, der in Frankfurt das Geſchäft führt, dann den Hortenſio, der da die Peitſche in der Hand hält, jetzt den Catone, der hier mit mir geht und ſich die Schuhe ſo ſchief tritt— Ecco. padrone, ſa attentione!— und jetzt vor einigen Tagen erſt die Porzia, die noch wenig Deutſch kann, ob ſie's gleich von einem Einſiedler in Caſtellungo hätte lernen können. Wie heißt der Heilige unter den alten Eichen von Caſtellungo? wandte er ſich an ſeine Tochter. Signore Federigo! antwortete“ dieſe. Sie hatte die den Italienern eigene tiefe, faſt rauhe Stimme. Benno von Aſſelyn bemerkte lächelnd und halblaut, aber für Lucinden hinlänglich vernehmbar: Ja, Freund Biancchi, zähltet Ihr denn auch die Kinder richtig, daß Euch die Giuſeppina nicht einmal mehr aus Italien herausſchickt, als Ihr bei ihr zurück— gelaſſen habt? Biancchi verſicherte, daß er ein vortreffliches Weib hätte, aber ihrer Seidenwürmer wegen müßten ſie ge⸗ trennt leben. Nein, nein, Napoleone! fuhr Benno von Aſſelyn in ſeinem Scherze fort. Ich bewundere Euere Ruhe! Könnt Ihr zufriedene Nächte haben? Dieſer Federigo! Wer Eiche ſich ſiedle Dien Walü 41 Wer iſt das? Ein Deutſcher, der unter den heiligen Eichen von Caſtellungo wohnt 2 Sein Auge ſuchte dabei Porzia. Dieſe verſtändigte ſich in dem wenigen Deutſch, das ſie von jenem Ein⸗ ſiedler gelernt hatte, gerade mit dem Manne, der ein Diener ſchien und doch etwas von den piemonteſiſchen Waldenſern gewußt hatte. Der ſeine Stiefel ſchief laufende Catone ſchien dem Alten für etwaige väterliche Beſorgniſſe nicht ausrei— chender Wächter genug. Er ſuchte ſeiner Tochter näher zu kommen. So hörten dieſe kleinen ſcherzhaften Rei⸗ bungen auf. Benno von Aſſelyn wandte ſich jetzt verbindlicher zu Lucinden. Er begann von der Maximinuskapelle und bald war Armgart von Hülleshoven erwähnt. Ein liebliches Kind! Wie alt mag ſie ſein? Ich denke, vierzehn... funfzehn Jahre... Von einem Mädchen, das man liebt, weiß man die Minute, wann ſie geboren iſt! Das man liebt? In meiner Heimat drüben gibt es gar keine Liebe, Fräulein! Man hat ſich gern und bleibt hübſch vernünftig! Sie ſind alſo auch aus dem Land des Plattdeutſchen? Kennen Sie das? Lucinde ſchwieg. Sie merkte, daß man ſie an der Maximinuskapelle entweder für eine andere gehalten haben mußte oder wenigſtens an Benno von Aſſelyn nicht mitgetheilt hatte, was allenfalls Angelika Müller von ihr wußte. Hatte doch Paula von Dorſte⸗Camp⸗ hauſen ein Jahr lang, wo ſie auf dem Streckbett lag, 42 nie in ihr die ehemalige Bewohnerin von Schloß Neuhof erkannt. Wie hätte dies Armgart thun können, die um fünf bis ſechs Jahre jünger war? Wenn Sie, ſagte Benno, Armgart's Heimat kennen, ſo werden Sie überall, wo der Himmel graublau, die Luft von einem ewigen brandigen Nebel erfüllt iſt, einem Nebel... Ha! Was iſt das? unterbrach er ſich plötzlich und rief: Hedemann! Hedemann! Man möchte ja glauben, wir wären hier auf der rothen Erde? Er deutete auf die Landſchaft hinaus. Linker Hand drang den Wanderern aus einer Ab⸗ dachung des Berges ein brandiger Geruch entgegen. Hinter den Bäumen ſah man den Himmel weither von einem grauen Nebel überzogen. Hedemann! wiederholte Benno, ſich ſeinem wan— dernden Begleiter zuwendend. Wo kommt hier Haar⸗ rauch her? Der angerufene Hedemann erläuterte, daß die Leute hier das verkrüppelte Knieholz der Eichen abbrechen, ab⸗ rinden, die Rinde den Gerbern als Lohmaterial verkau⸗ fen; die Wurzeln der Stämme, dieſe ſelbſt, die Abfälle, das Gras und das rings wachſende Kraut würden dann verbrannt und die Aſche als Dünger ausgeſtreut, ſodaß wenigſtens für Gerſte und Hafer ein künftiger Anbau auf ſolchen mit doppeltem Nutzen ausgerodeten Wald⸗ diſtricten ſich ermöglichen ließ. Alſo kein Haarrauch! ſagte auf dieſe Erläuterung hin Benno faſt elegiſch. M Nauch M in B aber ſem drüben Leben zu le Patſe und ben ver Fé& 2e 43 Man ſah die Feuerſtellen, von denen aus ſich der Rauch verbreitete. Mein Fräulein! nahm er darauf ſeine Rede wieder auf; Sie wiſſen vielleicht nicht, daß bei uns drüben die Sümpfe nicht austrocknen können, ohne nicht oft in Brand zu gerathen. Die Flammen ſieht man nicht, aber die Erde dampft und brennt immer fort von die⸗ ſem unterirdiſch glühenden Torf. Ihnen würde es drüben ſein, als wenn Sie verurtheilt wären, Ihr Leben lang in einer Stube mit einem rauchenden Ofen zu leben. Uns aber iſt dieſer Rauch ein Arom wie Patſchouli. Wir ziehen ihn ſchon mit der Geburt ein und wenn wir in der Ferne ſtürben, würden wir glau⸗ ben Paradieſesluft zu athmen, wenn plötzlich neben uns ein Kohlenbecken hingeſtellt würde und man darauf etwa ein Stück alten Pappendeckels langſam und feierlich an⸗ zündete. Wenn unſere Landsmannſchaft auf der Uni⸗ verſität jährlich ihren großen Commers abhielt, beſtand das Bouquet des Abends, nachdem der Landesvater ge⸗ ſungen, darin, daß wir die Fenſter aufriſſen und den Qualm eines draußen angezündeten Haufens Torf ein— athmeten. Dann fielen wir uns in die Arme und ſtießen zwiſchen Thränen und Schluchzen Ausrufungen und Freudengeſchreie aus, als wenn die Römer ſich dem Teutoburger Walde nahten und wir unſere Aexte und Streitkolben um die langen blonden Locken ſchwängen, weil es zum Kampfe ging für Freiheit, Vaterland und Buchweizengrütze! Das iſt nämlich unſer Nationaleſſen, Fräulein! Schon Thusnelde ſoll es gekocht haben, wenn ſie wünſchte, daß Arminius guter Laune war. 44 Lucinde glaubte Klingsohrn zu hören; ſelbſt Jeröme ſtand vor ihr... Dennoch war Benno von Aſſelyn ein völlig anderer. Auch die Erwähnung der blonden Locken paßte gar nicht auf ihn, da ſein Haar ſchwarz war und ſein ganzes Weſen eher ſüdländiſch als nordiſch ſchien. Sie wollte dies auch ausſprechen, aber der Rauch, der von dem verwüſteten Felde herüberdrang, erſtickte ihr faſt die Stimme. Auch ſetzten ſich eben die Italiener ſämmtlich in ihren Wagen und auch Lucindens Kutſcher hielt, weil der Weg nun bergab ging, ſein Roß an und öffnete den Schlag. Ihre Einladung an Benno und Hedemann, ſich mit einzuſetzen— ſoweit es neben ihr und auf dem Bocke Platz gab— wurde von dieſen artig abgelehnt. So rollte ſie von dannen. All ihr Denken ſchien jetzt tief innenwärts gewandt. Sie ſchlug den Schleier über ihren Hut, weniger um ſich gegen den vom raſchen Herabrollen des Wagens auf⸗ wirbelnden Staub zu ſchützen, als um ungeſtörter denken und träumen zu können. Ja, es war ihr doch, als begann ſie jetzt zum zwei⸗ ten mal zu leben, aufzuwachen im Grabe, eine Auf erſtehung von den Todten! Drei Jahre einer nicht etwa erfahrungsarmen, aber doch ſehr in ſich ſelbſt bedingten Zeit lagen hinter ihr. Sie hatte ſie an den Streckbetten der Jugend zugebracht. Eine Dulderin war ſie nicht; ſich beugen, ſich gefangen geben hätte ſie nur da gekonnt, wo ein ſtärkerer Arm ſie faßte, wenn auch nur ein Serlo, der ſie regiert hatte, obgleich er ein Sterbender geweſen... Eine Zeit lang riichte zu faß leidenſ rection ſchlug zu ſan ſie un die K entfer ters: lich ſchen geich und nach Pau wen wah m all Pr bli Jh vor 45 reichte aus den Wolken ein ſolcher Arm; ſie ſuchte ihn zu faſſen, ſich an ihm zu halten; es war das erſte leidenſchaftlich bewegte Jahr ihres Wirkens im„Cor⸗ rectionshauſe der Natur“ geweſen. Dieſe Hoffnung ſchlug fehl und die Getäuſchte brauchte zwei Jahre, ſich zu ſammeln und ins Leben zurückzufinden. Man hatte ſie unter den Kindern gewähren laſſen, nachdem ſie über die Kriſis, um Paula's von Dorſte⸗Camphauſen willen entfernt zu werden, durch den plötzlichen Tod des Va⸗ ters derſelben, des Grafen Joſeph auf Weſterhof, glück⸗ lich hinweggekommen war. Denn Paula, die die Men⸗ ſchen in zwei Klaſſen ſchied, in ſolche, die ihre Nerven gleichſam mit der Hand von oben nach unten ſtrichen und ſanft auf ſie wirkten, und ſolche, die ſie von unten nach oben ſtrichen und ſie aufregten und beunruhigten, Paula erkannte in Lucinden zuletzt ein Weſen, das ſie, wenn ſie länger vereint blieben, zum Steine hätte um— wandeln, ja tödten müſſen... Sie ſagte dies ſelbſt niemals, nur die Beobachtenden fühlten dies, und vor allem entſchied Bonaventura von Aſſelyn, der junge Prieſter, die Trennung, entſchied ſie in demſelben Augen⸗ blicke, wo ſie ſich durch die Rückkehr Paula's zu den Ihrigen und unter die Vormundſchaft des Kronſyndikus von Wittekind, ihres Oheims, von ſelbſt vollzog... Zwei Jahre brauchte Lucinde, um dieſe Kämpfe zu ver— winden, und es war vielleicht ihre beſte Zeit, die Zeit wenigſtens, wo man ihr Weſen ertragen konnte; ſie war die eifrigſte Kirchengängerin, wurde von den Geiſtlichen in Schutz genommen und hatte ſogar Gönnerinnen, was ihr von Frauen bisher im Leben noch nicht geſchehen 46 war. Da ſchlug eines Tages der Name einer Frau von Gülpen an ihr Ohr. Fräulein! rief ſie berichtigend in ihrer Erſtarrung auf. Aber: Frau von Gülpen! hieß es. Sie war die langjährige Freundin eines De⸗ chanten von Aſſelyn zu Kocher am Fall, einem Städt⸗ chen älteſten Urſprungs und zwanzig Meilen weit von dem Ort ihres gegenwärtigen Wirkens... Aſſelyn! war der zweite elektriſche Schlag. Der Onkel jenes erſtandenen Serlo?... Frau von Gülpen ſuchte für Kocher am Fall eine Geſellſchafterin... Die Geſell⸗ ſchafterin der Geſellſchafterin eines Geiſtlichen... Er hieß Aſſelyn! Sie Gülpen!... So entſchied ſie ſich und alle ihre Pulſe ſchlugen und tauſend wilde Stimmen riefen in ihr: Ja, rauſchet noch einmal auf, ihr Pfor⸗ ten der Vergangenheit! Jetzt will ich unter euch hintreten wie eine Königin! Will Trotz bieten jedem Auge, das verwundert mich anſtarrt! Dies Kreuz hier auf der Bruſt entſühnt jede Schuld! Das geweihte Waſſer an jeder Kirchenthür reinigt meinen Ruf von jedem Flecken! Wie⸗ dergeboren bin ich und gefeyt durch das Blut des Erlöſers und der Martyrer! Wer mich anſchuldigt, der ſehe, ich breche zuerſt den Stab über mich! Nichts berührt mich vom Vergangenen auch nur bis zum Saum meines Kleides! Wo iſt eine Anklage wider mich? Ich will ſie hören! Dann aber habe ich Anklagen wider euch! Entlarven kann ich Mörder, aufſtöbern aus Schlupfwinkeln Heuch⸗ ler... Eine Siegerin komm' ich, nachdem ich ſo tiefe Niederlagen erlitten... Und die letzte Niederlage, an die ſie dabei dachte, war nicht etwa jener Tag, wo ſie die Jungfrau von Orleans geſpielt. erſchre wieder der B frend, wollte, ſchon 4 wo ſie dert noch Dha ring ſten Spi Je nied 47 So geſtimmt trat ſie noch heute vom Dampfboot. Klopfte ihr aber ſchon das Herz, als ſie hörte, St.⸗Wolfgang läge zwei Meilen ins Land hinein, erſchreckte ſie der bloße Anruf eines Kindes, das ſie wiederzuerkennen ſchien, wogte und ſtürmte es in ihr bei der Begegnung mit Benno, beugte ſie alles, was ihr fremd, neu war und doch mit dem, was ſie wiederſehen wollte, im Zuſammenhange ſtand, ſo kam ſie ſich jetzt ſchon wieder als eine Magd, nicht als Königin vor, jetzt, wo ſie ſich dem Orte näherte, von dem man ihr aus Kocher am Fall geſchrieben hatte: Sie werden, meine Liebe, nur nöthig haben, vom Dampfboot aus einen Einſpänner bis S.t⸗Wolfgang zu nehmen. Dort iſt ſchon unſer Neveu, Herr Pfarrer von Aſſelyn, unterrichtet und hält einen Wagen in Bereitſchaft, Sie in unſern Kreis zu führen! Gewiſſe Bedingungen gleich anfangs mündlich! In der Haupt⸗ frage ſind wir einverſtanden. Petronella von Gülpen. Die Gülpen, die ſie kannte, hatte Brigitte geheißen... Jetzt blickte ſie auf. Die Gegend hatte ſich verän⸗ dert. Vor ihr lag, von den Abendſonnenſtrahlen nur noch in ſeinen obern Rändern erhellt, ein ſchönes tiefes Thal, das wie eine Muſchel mit grünen Streifen in die rings ſich verlierenden Berge auslief. Aus dem tief⸗ ſten grünen Kern des freundlichen Anblicks ragte die Spitze eines Kirchthurms, von dem ein Läuten ertönte. Je mehr, vom Hemmſchuh aufgehalten, der Wagen niederwärts rollte, deſto reicher wurde wieder die Vege⸗ 48 tation, deſto voller und edler der Baumſchlag, deſto weiter die Fläche, von der ſchon längſt das in gleich⸗ mäßigem Anbau gewonnene Getreide geerntet war. Die Landſchaft trug nicht den faſt italieniſchen Charakter der⸗. jenigen, die ſich um den großen poetiſchen Strom aus⸗ gebreitet; aber auch der betrübende Anblick eines rings von Bergen umſchloſſenen Gebirgsdorfes, den man faſt auf der Herfahrt hätte erwarten dürfen, beſtätigte ſich nicht. Gärten kamen wieder und Bienenſtöcke, mit ihnen Blumen und ſelbſt die Rebe ſchmiegte ſich nicht nur an einem Spalier den Häuſern an, ſondern wuchs an ſonnigen Abdachungen ſelbſt noch in mancher gefälligen Einzelpflanzung. Das Läuten bedeutete ohne Zweifel, daß jenes ſchon im Weißen Roß beſprochene Begräbniß in vollem Gange war. Auch Stimmen ſingender Kinder drangen aus dem Thal empor, zuweilen unterbrochen von einem Klingeln, das den Moment der wol gerade vor dem Altar bei geöffneten Kirchthüren ſtattfindenden Einſegnung der Leiche bezeichnete. Indem riefen ihr die nachrollenden Italiener hinter⸗ wärts ein Lebewohl zu. Sie deuteten auf ein Wirths⸗ haus am Wege, wo ſie ihren ſchwerer ziehenden Gaul füttern wollten. Vergeſſen Sie nicht— II Michelangelol rief Na⸗ poleone als guter Kaufmann ihr nach. Beim Dechanten! antwortete ſie, aber ſchon unver— nehmbar. Catone zog ſeine kalkige Mütze, Porzia verneigte ſich und machte eine Handbewegung. Sie jedoch ſah nichts mehr. Ihr ſchwindelten die Sinne.. An Bauern mützen, gen ein aus W. ſchon i Be den W ihr ein heim. S ſchwar imn Got völt melt te 49 An dem Wirthshauſe ſtanden Handwerksburſche, Bauern in Kitteln und Blouſen, manche mit Militär⸗ mützen, die ſich wie Benno von Aſſelyn zu den Uebun⸗ gen einſtellten; ein Gensdarm revidirte von ſeinem Gaule aus Wanderbücher und Paſſirſcheine. Die Italiener zogen ſchon ihre Papiere in der Ferne... Beim Anblick der Fuhrleute, die wol hier, um über den Wolfgangsberg zu kommen, Vorſpann nahmen, kam ihr eine Erinnerung an die Bäche von Langen-Nauen⸗ heim... Sie nahm ihre Handtaſche, öffnete und zog ein ſchwarzes Buch mit Goldſchnitt hervor, ſchlug es auf und ſchickte ſich an zu leſen. Die Worte des heiligen Bernhard las ſie: „Unſere Gedanken an ſelig Entſchlafene ſind Fun⸗ ken, durch welche unſere eigenen Seelen gehoben und entzündet werden“... Worte, die den Anfang einer Betrachtung über die Todten bildeten. Sie ganz zu leſen war ſie zu erregt. Die Litaneien wurden in dem Ausdruck ihrer Sätze immer deutlicher. Schon war der Leichenzug aus der Kirche auf dem Gottesacker angekommen, ſchon war eine zahlreiche Be⸗ völkerung um den aufgeworfenen Grabeshügel verſam⸗ melt... Lucinde befahl mit ſtockender Stimme, daß während der heiligen Handlung ſie ſtill hielten... Jetzt trennte ſie nur noch eine niedrige Mauer von dem Friedhofe... Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 4 50 Der Wagen hielt unter dem bergenden Schatten eines breitaſtigen Nußbaums Vor ihr ſtand im weißen Meßgewande, unter Kna⸗ ben im Chorrock, die brennende Kerzen trugen und das dampfende Weihrauchfaß ſchwangen, Bonaventura von Aſſelyn. Seit drei Jahren ſah ſie, an ihn gedenkend, nicht mehr Serlo. Längſt war er— Er ſelbſt! Nach den Segnungen, die dem Sarge ſchon in der Wohnung des Verſtorbenen zu Theil geworden, nach den Weihen vor dem Altar ſpricht ſoeben eine ſanfte wohl⸗ lautende Stimme noch vor der Einſenkung in die Grube Worte, die zu dem Ceremoniel der Kirche die eigenen Empfindungen des Redners bringen. Man konnte die Rede, die der am Fußende des tzten Abendſonnenglanz be⸗ 12 Sarges ſtehende, von dem l leuchtete Prieſter ſprach— der Entſchlafene ſelbſt mußte dem Brauche der Kirche gemäß gen Oſten blicken—, deutlich vernehmen. Sein Aeußeres hatte ſich wenig verändert. Es waren dieſelben, nur gefeſtigtern Züge, die Lucinden vor drei Jahren an eine Geiſtererſcheinung, an Serlo's Tod als Traum oder an deſſen Auferſtehung, glauben ließen. Es war dieſer mildeſte aller Prieſter, den ſie ſelbſt hatte weihen ſehen mit Joſeph Niggl und Beda Hun⸗ nius— ſie hatte dieſe Namen ſo feſt behalten wie die Unterſcheidungslehren der Confeſſionen, in denen ſie ſechs Wochen ſpäter geprüft wurde zu ihrem Uebertritt. 4* 6 6 R 2 52 Heute ſtanden keine jungen Kleriker, ſondern weiß⸗ gekleidete Kinder, Knaben und Mädchen, um Bonaventura. Er war es wieder, Er, ein Jahr lang die Liebe und das Entzücken der ganzen Stadt, aus der ſie nun erſt kam, kommen durfte! Selten lag auch wol auf dem Antlitz eines Jüng⸗ lings ſo viel Adel, ſo viel Glanz und Glorienſchein ſchon in jungen Jahren... Bonaventura von Aſſelyn, der einſt angeſehenen, weitverbreiteten und aus dem Frieſiſchen ſtammenden Fa⸗ milie dieſes Namens angehörend, hatte aus einer durch Familienverhältniſſe, vorzugsweiſe ein unglückliches Ende ſeines Vaters und die Neuvermählung ſeiner Mutter, deren einziger Sohn er war(mit dem Oberregierungs⸗ rath Friedrich von Wittekind⸗ Neuhof), genährten Schwär⸗ merei den Offizierſtand, in den er, bisher Zögling der nahe gelegenen Univerſität, eben eintreten ſollte, mit dem geiſtlichen Seminar vertauſcht und war nach dem ſüdlichen Deutſchland gegangen, um in Kreiſen ſtrengerer und ungehinderterer Katholicität ſeine Bildung zu voll— enden. In der Stadt, wo ihm der Biſchof die Weihe gab, hätte er am Altar und im Beichtſtuhl die größten Erfolge gewinnen können, aber er zog erſt die Kaplanei bei ſeinem edeln Wohlthäter, dem Dechanten von St.⸗ Zeno im nahen Kocher am Fall, dem Bruder ſeines Vaters, dann eine kleine beſcheidene idylliſch gelegene Landpfarre vor. Lucinde fand dieſelbe Erſcheinung wie ſonſt, nur männlicher, feſter, ernſter. Sein Wuchs war ſchlank wie die Tanne, das Haupt leiſe übergebeugt, doch edel und freiblick ſäumen weich voller unterſt der m der Se Zuver 55 freiblickend und auch jetzt in die mit roſigen Wolken ſich ſäumende Ferne wie in das Jenſeits ſchauend. Wie weich und weiß mußten dieſe Hände ſein, die in maß⸗ voller Bewegung die bedeutendern Gedanken ſeiner Rede unterſtützten! Wie ſchön ſtand dem leiſe gerötheten Antlitz der milde Schwärmerblick, der aus dem tiefſten Innern der Seele zu kommen ſchien! Wie ſchien er in gläubiger Zuverſicht das Ewige leibhaftig vor ſich zu ſehen! Ein ſinnend Haupt! Ein edel Angeſicht! Ein Auge, das ſogleich zum Herzen ſpricht! Das Haar wie Rabenfedern! Unbeſchnitten So weit es ſtrenge Prieſterregeln litten! Ein Leiden in der Miene, ſtill entſagend! Ein Bitteblick wie des Erlöſers Flehn, Da er zum Vater ſprach im Garten klagend: Laſſ' dieſen Kelch an mir vorübergehn! Die Stirne rund, die Wange ein Oval! Bald blaß, bald von der Seele Glutenſtrahl Mild überhaucht mit friſchen Roſenlichtern! So leuchtend nur bei Denkern und bei Dichtern! So ſtand Bonaventura einſt vor des Erzählers Auge, als er ſein Leben in Verſen ſchildern wollte und, übermannt vom Stoffe, die Feder niederlegte... Bonaventura von Aſſelyn ſprach von dem Verſtorbenen wie von einem heimgegangenen Freunde. Er nannte den alten Joſeph Meviſſen, dem zu Liebe, weil gerade der hier wohnte, er dieſe Pfarrei beſonders gern gewählt, einen Führer ſeiner Jugend, nannte ihn den Diener ſeines verſtorbenen und, wie alle Welt um ihn her wußte, auf einer Alpenreiſe ſo furchtbar unglücklich ver⸗ kommenen Vaters. Jene Thatſächlichkeit, die in den Reden katholiſcher Geiſtlichen oft maßlos die Grenzen des Schicklichen überſchreitet, die aber auch, richtig an⸗ gewandt, ebenſo das oft nur allzu Allgemeine der pro⸗ teſtantiſchen Predigtweiſe vermeidet, war hier begründet durch den allgemeinen Antheil und die eigene dankver⸗ pflichtete Stellung des Redners zu dem Abgeſchiedenen. Meviſſen war ein armer Häusler geweſen, lebte von kleinen Arbeiten der Tiſchlerei, die er in jungen Jahren gelernt hatte, ehe er dem Vater Bonaventura's auf jener Reiſe folgte, von der Friedrich von Aſſelyn nicht wieder zurückkehrte. In leiſer Andeutung und nicht etwa ſein eigenes Leid zu ſehr hervorſtellend, kam der junge Red⸗ ner auf dieſe allen ihn Umſtehenden bekannten Vor⸗ gänge. Er pries den Antheil, die Hingebung, die Treue des Verſtorbenen, die er dem Vater und dann ihm ſelbſt bewieſen. Er ſprach, angeregt von der Erinne⸗ rung an jene Zeit, wo ihm als Knaben zum erſten mal das Bild ſeines in einem Schneeabgrunde des großen St.⸗Bernhard todtgefundenen Vaters entgegentrat und ſeine Neigung für den geiſtlichen Beruf entſchied, über die dunkeln Kerkerwände des Todes, über die ſtille Ge⸗ meinſamkeit, in der die Leiber ruhen und einſt ſchon ſo in alter römiſcher Zeit, in den Katakomben, die Gebeine der heimlich begrabenen Märtyrer ruhten... über den Sarg, den ſich der alte Freund ſeiner Jugend und des ganzen Dorfes ſelbſt gezimmert und in dem er wie in einem Bett nächtlich ſchon gleich manchem Heiligen geſchlafen hätte;— er verglich den Tod mit dem Schlummer, 55 ſeiner Erquickung, ſeinen Träumen, ſeinem Erwachen. All dieſe Gedankenreihen folgten ſich natürlich, ohne Prunk, mit einfachen Bildern, in jener ſich auf Sprüche der Bibel und der Kirchenväter ſtützenden Redeweiſe, die den Zuſammenhang des eigenen Ichs, das ſich nicht vordrängen ſoll, mit der Lehre und den Beiſpielen des kirchlich Gebotenen nicht vergißt und allem Abſchweifen perſönlicher Einfälle durch beſtimmt vorgezeichnete For⸗ meln und Gebete ein Ende macht. Dreimal beſprengte dann der Prieſter den Sarg mit Weihwaſſer, ſchwang über ihm das Rauchfaß, warf drei Hände voll Erde auf ihn und endete mit den Worten:— Aus der Erde haſt du mich gebildet; mit Fleiſch haſt du mich umkleidet; erwecke mich wieder, mein Erlöſer! Nach dem„Amen!“ war die Handlung vorüber; die Menge zerſtreute ſich; der von Bonaventura unter den niederhängenden, weitſchattenden Wallnußäſten kaum be⸗ merkte Wagen rollte weiter; Lucinde wußte nicht, wie ſie unter den Eindrücken, die ihr Inneres beſtürmten, in dem Wirthshauſe des Ortes ankam. Aus Blech geſchnitten, hing über der Thür deſſel⸗ ben neben der großen Einfahrt des beſcheidenen Hauſes ein Stern... Das Verlangen nach einem Zimmer war bald be⸗ friedigt, der Kutſcher wurde bezahlt und Lucinde war mit ihren Reiſeeffecten, aber auch mit der ſchweren Auf⸗ gabe allein, dem Prieſter, der ſie kannte, aber auch ganz kannte, wie ſie war, wie ſie ſich ſelber vielleich nicht kannte, nach zwei Jahren wieder entgegenzutreten. 56 In dem kleinen Raume, hinter dem Fenſter mit den zerkritzelten grünblauen Scheiben, in der Umgebung an den Wänden hängender Schildereien, die in Lithogra⸗ phieen und mit Waſſerfarben jene überſchwenglichen my— ſtiſchen Anſchauungen eines durch alle Himmel aus⸗ gebreiteten Roſenkranzes als einer Weltherrſchaft der über der Erdkugel und dem Monde thronenden Mutter Gottes, mit der Sonne ſelbſt als Strahlenkrone, dar⸗ ſtellten, lange zu verweilen, wäre ihrem unruhigen Cha⸗ rakter nicht möglich geweſen. St.⸗Wolfgang war ein freundliches, angenehmes, jetzt ſogar durch die ſich zerſtreuende Menge belebtes Dorf. Das war in allen Winkeln und den vor dem Wirths⸗ hauſe zum Stern ausmündenden Gäßchen des Ortes eine Rückkehr zur Freude am Daſein! Doch verwunderte ſie dieſe nicht. Auch dieſe Eigenſchaft ihres neuen Glaubens kannte die Convertitin ſchon, daß in ihm nach dem Tribut, den man den himmliſchen Pflichten gezollt, eine muntere Rückkehr zur Freude am Irdiſchen geſtattet ſein ſollte. In einem an das Wirthshaus ſich lehnenden Obſt⸗ garten mit Bänken und Tiſchen bemerkte ſie ſchon manche Gruppe, die ſich gebildet hatte, um an dem trefflichen Wein der Gegend ſich zu erquicken. Auch der Knecht, der erſt am andern Morgen zurückkehren zu wollen er⸗ klärt hatte, da er behauptete, ſein Gaul hüätte ſich unterwegs einen Stein eingetreten und bedürfte der Ruhe, ſtand ſchon mit angezündeter Pfeife unter den Gäſten, zu denen ſich, in leichter gelüfteter Kleidung, wie wenn er entweder hier wohnte oder doch übernach⸗ — 57 tete, und gleichfalls mit brennender kurzer Pfeife, der Gensdarm geſellte, der oben am Berge die Paſſirſcheine revidirt hatte. Die Sonne vergoldete nur noch die Zifferblätter des Kirchthurms und zeigte die Abendſtunde, die bald auch von der Glocke zur Abhaltung der Vespergebete gemeldet wurde. Lucinde hatte gelernt, daß in dieſem Augenblick des Angelusgebets ringsum die ganze Erde, ſo weit katholiſche Chriſten wohnen, gleichſam ein Gürtel von Gebeten walle, dem ſich kein Gläubiger entziehen dürfte. Sie kannte das Angelus ſogar in lateiniſcher Sprache. Doch folgte ſie, da ſie ſich allein wußte, dem Bei— ſpiel des zuweilen zu ihr hinaufſchielenden Gensdarmen unten, der ſeinerſeits, der Landeskirche angehörend, mit ſeiner Pfeife ruhig an die Salatbeete ſchritt, die den Obſtgarten begrenzten, während die Männer an den Tiſchen die Häupter neigten. Auch ſie betete nicht, ſon⸗ dern ordnete vor dem in jedenfalls unabſichtlicher Sa⸗ tire wie vor Jahren in Eibendorf mit einer kleinen Pfauenfeder geſchmückten matten Spiegel ihre Toilette, band die Flechten ihres Haares feſter, glättete einen großen, weithängenden Spitzenkragen, unter deſſen Fall die zierlichſte Taille ſich verbarg, legte ihr goldenes Kreuz in paſſende Ordnung, wählte ein weniger zerknit⸗ tertes Taſchentuch aus dem geöffneten Koffer, entnahm ihm einige geſiegelte Briefe, ſteckte dieſe zu ſich, ſetzte den Hut auf und ſchickte ſich zu einem unendlich ſeligen und doch ebenſo wieder ſchweren, vielleicht tief demüthi⸗ genden Gange an. Beim Pfarrer konnte inzwiſchen vielleicht auch ſchon 58 durch Bonaventura's Vetter und ſeinen Begleiter Hede⸗ mann ihr Kommen angezeigt worden ſein; denn die Ceremonie, ihre Toilette, ihr Kampf mit ſich ſelbſt hatten lange gedauert. Das Pfarrhaus lag dicht an der Kirche und dem Gottesacker. Von letzterm trennte es nur ein beſcheidener Ge müſe⸗ und Obſtgarten. Die Grenze, eine Mauer von grünen Hecken, war unverſchloſſen. Nicht gering war die Neugier, mit der Lueinden Jung und Alt betrachtete. Nur eine alte Frau, die im Pfarrgarten Kerbel und Salat zum Nachteſſen ſammelte, erhob ſich von ihrem Bücken nicht. Ihr ſchienen vielleicht die Beſuche elegant gekleideter Frauen bei ihrem Herrn weniger auffallend. Und doch konnte Lucinde vor Bangen nicht zur Haus⸗ thür hinein. Der Eingang zum Garten ſtand offen. Ungeſehen betrat ſie einen Theil deſſelben, einen ge⸗ wähltern, wo abgeblühter Jasmin und wilde Geisblatt⸗ büſche ſich faſt zu einem Laubengange einten... Hier war ein Sitz, auf dem noch Bücher lagen... In Bienenſtöcken, an denen ſie vorüber mußte, ſchien es ſtill, wenn auch ihrem ſcharfen Ohr nichts von dem Summen entging, von dem ſie drinnen belebt waren... Im faſt verſtohlenen Vorüberhuſchen wagte ſie die Bücher, die Bonaventura vergeſſen zu haben ſchien, an⸗ zuſehen... Sie ſchlug ſie auf, neugierig auf die jetzige Geiſtes⸗ ie 6 59 fährte des innern Lebens dieſes ihres— Feindes? War das Aſſelyn? Er liebte, wenn er liebte, Paula! Er haßte, wenn er haßte, Lucinden! * Sie fand einen Band von Goethe's Gedichten. Dann eine ältere Liederſammlung:„Trutz⸗Nachtigall“, von dem alten edeln Dichter Friedrich von Spee, einem Jeſuiten. Sie kannte einige der Weiſen dieſes letztern Sän⸗ gers, der ſich durch ſeinen geiſtlichen Stand nicht hatte beirren laſſen, die Sprache der Blumen, der Farben, der Töne und des eigenen Herzens als die gemeinſame Mutterſprache aller geſchaffenen Creatur mit den Welt⸗ lichen mitzureden und unter den Huldigungen, die ſeine inbrünſtige Phantaſie der überirdiſchen Liebe brachte, auch ein gut Theil der Wonnen mitzufühlen, die die irdiſche gewährt. Ertappt! lag in dem faſt liſtigen Blick ausgeſprochen, mit welchem Lucinde beide Bücher an ſich nahm und, um ſich Muth zu faſſen, beſchloß, ſie dem Pfarrer beim erſten Gruß einzuhändigen. Im Hauſe vorn, das nur aus einem, aber hoch⸗ gelegenen Stockwerk und vielen bewohnbaren Dachkam⸗ mern beſtand, kündigte ſich in der Küche ſchon die größte Regſamkeit an. Die eigentliche Führerin des Haushalts war wohl die über dem Salatbeete gebückte Matrone. Aber hier in der Küche ſtand, vom praſſelnden Feuer beſchienen, ein jüngeres dienendes Weſen und gab, angeredet um den Herrn Pfarrer, aus der Ferne kaum verſtändliche Ant⸗ wort; Eierſpeiſen, um die es ſich allein bei einem im— proviſirten Abendimbiß handeln konnte, gebieten Auf⸗ 60 merkſamkeit auf Pfanne und Löffel; das wußte Lucinde wohl von ihren frühern misglückten Verſuchen in die— ſem Fache. Nun folgte ſie der eigenen Führung und verließ ſich auf ihr Ohr, das durch die Thür zur Rechten auch ſchon Männerſtimmen hörte. Lauſchen konnte ſie nicht, wenn ſie auch wollte, denn im gleichen Augenblick öffnete ſich die Thür und Hedemann trat ihr entgegen, mit Schüſ⸗ ſeln in der Hand und mit Gedecken. Er half an den Zurüſtungen zum Nachtimbiß. Wie ſtaunte er, als ihm Lueinde alles ohne weiteres aus der Hand nahm und damit in die Küche ging! Hedemann blieb ſtehen, hielt die Thür auf und ſagte, zugleich beſtätigend, daß man eben von ihr geſprochen: Da iſt ja jetzt das Fräulein! Bonaventura hatte Lucinden nach der Mittheilung der Frau von Gülpen zu Kocher am Fall ſchon in der Frühe erwarten dürfen. Und wie ein Prieſter, der nach der Beichte einer noch. ſo großen Sünde dem Sünder begegnen kann als hätte er nicht ein Wort von ihm vernommen, ſchritt er jetzt hinaus, begrüßte freundlich lächelnd Lucinden in der Küche, beſchwichtigte das Erſtaunen der alten, aus dem Garten zurückgekehrten Frau und führte ſie dann wie eine unverfängliche, ihm willkommene alte Bekanntſchaft mit Wohlwollen an der Hand in das Wohnzimmer zurück. Ihre Hand zitterte in der ruhigen ſeinen. Sie wollen zu meinem Onkel! begann er mit dem mil⸗ den und weichen Tone, den Lucinde eben auf dem Friedhof gehört, dem Tone, den ſie aus frühern Zeiten kannte, ja ½ 61 aus Zeiten ſchon, wo ſie ihn ſelbſt noch gar nicht geſehen; denn ſo konnte Serlo ſprechen, wenn er auf dem Sopha lag, unbehelligt von ſeiner Frau und wehmüthig auf die Vergangenheit und Zukunft blickend. Aber dieſe ſanfte Stimme kam hier vom Leben, von der Geſundheit, von einer Zukunft, die eine ſichere und verbürgte war. So wiſſen Sie— erwiderte ſie und ſchlug die Augen nieder, als wäre ſie ſich der Glut derſelben bewußt... Sie reichte die Bücher dar und erzählte ihren Ein⸗ fall in den Garten. Dann gab ſie Briefe ab, die ſie von Prieſtern und Freunden Bonaventura's mitbrachte. Dieſer erbrach die Briefe, las ſie und überließ Lucin⸗ den den weitern Erkennungen und Ueberraſchungen und Verſtändigungen zwiſchen ihr und Benno. Ob Bonaventura mit ganzer Theilnahme las?... Ob er dies mit dem Gefühl that: Da iſt ſie die Abgeſandtin des Himmels oder— der Hölle? Man rüſtete das Mahl. Benno plauderte über Arm⸗ gart, über das Erſtaunen derſelben, daß ſie Lucinden blos aus den Schilderungen ihrer Freundin Paula er⸗ kannt und dann von Angelika Müller, der Lehrerin, die Richtigkeit ihrer Vermuthungen beſtätigt erhalten hatte, über dieſe Lehrerin, die wenig mehr über Lucinden ge— wußt zu haben ſchien, als daß ſie einſt auf einer Reiſe ſie begleitet hätte— wußte ſie mehr, ſo paßte es ſchwerlich für die jungen Mädchen— über den Doctor Laurenz Püttmeyer, über Hegel's Lehrſtuhl, über die metaphyſiſche Drechſelbank... Bonaventura behielt Zeit, beim Leſen auch ſich zu 4 in ſeinem Gedächt⸗ ſammeln und vielleicht jenes Bildes niß zu gedenken... Er war ſeit acht Wochen Prieſter und ſaß zum erſten mal im Beichtſtuhl Es war ein uralter, von Cichenholz kunſtvoll gearbeite⸗ ter. Ein alter Holzſchnitzer hatte die Zierathen dieſes Stuhles aus der Geſchichte des Sündenfalls entnommen. Der Stuhl drückte die Verſuchung aus und die Erlöſung. Adam und Eva ſtanden links und rechts an den beiden Eingängen; der Prieſter ſaß wie im Baume der Er⸗ kenntniß; ringsum ihn windet ſich die Schlange. Ueber ihm erhebt ſich die Erlöſung, der ſiegende Chriſtus mit dem Kreuz und jene Maria, von der Friedrich von Spee, der Sänger der„Trutz⸗Nachtigall“, erzählt hat, daß ſie einſt zu ihrem Sohne geſagt haben ſoll:„Mußt du ſo leiden, ſo bitte den Vater, daß er mich früher hin⸗ gehen läßt“; aber der Heiland erwiderte:„Zwei haben im Paradieſe geſündigt, Adam und Eva! Zwei müſſen auch die Marter leiden, ich und du!“ Und in dieſem Beichtſtuhl war es geweſen, daß beim erſten Beichthören die erſte Stimme, die zu Bonaventura geſprochen, ohne daß er die Beichtende ſah, nach dem erſten Anmelden ihn anredete: Ehrwürdiger Prieſter! Iſt es wahr, daß alles in Erfüllung geht, was wir, während ein Prieſter geweiht wird, von Gott erbitten?... Bonaventura, ohne der Stimme zu achten, die er hörte, verſenkt in die ihm ſo heilige Bedeutung des Amtes, Mitwiſſer fremder Fehle und Mitträger fremder Schuld, Mitträger fremder Reue und Buße zu ſein, hatte erwidert: So Sie um ein ewiges Gut gebeten haben, gewiß; doch würde es Ihnen Gott 63 auch erfüllen in jeder andern Lage, wo Sie in Andacht zu ihm beten! Darauf hatte die Stimme erwidert: Ich bat um ein Unmögliches, die Wiedererweckung eines Todten, oder darf man annehmen, daß der Geiſt ſich auch auf Erden ſchon unſterblich erneuert und in wech⸗ ſelnden äußern Geſtalten doch derſelbe bleibt, dieſelben Wunder wirkt, dieſelbe Liebe entzündet?... Bonaven⸗ tura hatte erwidert: Der Geiſt, der heilig iſt, iſt aus⸗ geſandt in alle Welt und iſt nur einer!... Wodurch heiligen wir eine Liebe? hatte die Stimme noch ſcheuer gefragt; aber deutlicher kannte er die Sprecherin ſchon, als er das Wort geſprochen: Durch Entſagung!... Er hatte dieſe Stimme ſchon oft gehört, wenn er die ihm ſo drin⸗ gend empfohlene Gräfin Paula beſuchte. Er hatte ihr Intereſſe beobachtet, ihr Erglühen, wenn er nahte, ihre Eiferſucht auf Paula. Er hatte ſich in den Beichtſtuhl geſetzt, ausgerüſtet auf die ſchwierigſten Fälle, die die Moraltheologie für das wichtigſte und ſchwerſte Amt des Prieſters vorhergeſehen, ausgerüſtet auf alle Vorkomm⸗ niſſe der Herzenserleichterung, auf Ausreden und Aus⸗ weichungen aller Art, auch auf jene Zudringlichkeit der Mit⸗ theilung, die eine der läſtigſten Erfahrungen geſuchter Seelſorger iſt, auf die Plauderſucht, auf die Geheimniß⸗ krämerei, auf ein ſich mit der Wolluſt des Schmerzes ſelbſt Preisgeben und die ſich ſelbſt geiſelnde Vertraulich⸗ keitsſucht, ja auf die Eitelkeit auf die Sünde— er kannte alles, was ſich ſchaudervoll Menſchliches im Beicht⸗ ſtuhl zu enthüllen pflegt;— aber daß ein zitternder, ihm bekannter und mit fühlbarem Athem ſprechender weiblicher Mund ſo jetzt ihm in unverkennbarer Andeutung von einer 64 ihn doch nur ſelbſt betreffenden Liebe und mit einem faſt herausfordernden Spott wieder, der ihn erbeben machte, davon in dieſer Lage reden konnte, das war ſo⸗ gleich die ſtärkſte Prüfung geweſen, die ihn traf... Lehren Sie mich entſagen! war die Aufforderung Lucindens ge⸗ weſen. Er hatte ſie ermahnt zum innern Gebet. Kennen Sie das innere Gebet?... Nein! hatte die ermattende Antwort gelautet... Es iſt die Sammlung aller Ihrer Gedanken auf Einen Punkt, die Ausmalung Ihrer Betrachtungen, als wären Sie bei dem, was Sie leſen, gegenwärtig! Wählen Sie dazu das Gebet des Herrn im Garten von Gethſemane und nehmen Sie Veranlaſ⸗ ſung zur ſteten Wiederkehr Ihrer Betrachtungen bei dieſer Stelle ſelbſt bis zur Vergleichung der Darſtellung, wie ſie ſich bei den verſchiedenen vier Evangeliſten findet! Setzen Sie dieſe innern Betrachtungen über dieſe eine Stelle der Leidensgeſchichte ſo lange fort, bis eine kleine Altarkerze niedergebrannt iſt, die Sie an der Kirchenthür draußen kaufen mögen!... Dann ſprach er ſein Abſolvo und die Geſtalt, die er nicht geſehen, war verſchwunden. Zur Mehrung aber ſeiner harten Prüfungen, und doch ihn unendlich beglückend, kniete auf der andern Seite dann als zweite ſeiner erſten Beichteroberungen Paula Camphauſen... Sie hatte einen ihrer freien Tage nützend, ſein erſtes Beichtkind ſein wollen!... Lueinde war ihr zu— vorgekommen... Paula klagte ſich des Stolzes an auf die Bilder, die ihr zuweilen im Traum erſchienen. Ich habe verboten, liebe Comteſſe, erwiderte er, daß man Ihnen wiedererzählt, was Sie infolge einer krankhaften Ver⸗ ſtimmung Ihrer Nerven im Schlafe ſprechen!... Es 65 geſchieht doch! erwiderte ſie, und ich hör' es zu gern und es ängſtigt mich!... Auch hier verließen Bona⸗ ventura gleich im Beginn dieſer Wirkſamkeit alle Vor⸗ gänger in der Kunſt der Ertheilung geiſtlicher Rath⸗— ſchläge... und ſeltſam genug nimmt ſich die Kirche auch aus in den Lücken, die ihre reiche Vergangenheit für die reichere Gegenwart offen laſſen muß! Was ſoll ſie ſagen, wenn nicht die großen Männer der alten Kir— chengeſchichte, ein Gregor, ein Bernhard von Clairvaux in Dingen, die dieſe begreifen konnten, zu ihr ſprechen, ſondern ſolche neueſte Erlaſſe der päpſtlichen Curie, bei denen man immer fürchten muß, Galileo Galilei und die Bibel fallen ſich wiederum an und ringen im Kampfe! Der Magnetismus als Heilmittel war damals vor der heiligen Pönitentiarie noch Streitfrage; jetzt hat ihn ein Erlaß derſelben verworfen. Bonaventura half ſich damals in ſeiner Erwiderung an Paula mit der Erinnerung an das Hochgefühl der Märtyrer und ſagte, wie einſt der arme verbitterte Schauſpieler Serlo geſagt hatte, daß man Freude empfinden dürfe an ſich ſelbſt, ſetzte aber hinzu, nur müſſe man über jedes Verdienſt die Ehre Gott geben. Um die ihm unendlich werthe junge Freundin von der gefährlichen Sehergabe, deren Ruf ſchon die ganze Stadt erfüllte, ja die ihn ſelbſt zum Spott der Neider und Feinde, die er ſchon hatte, ſogar mit dem Biſchofshut geſchmückt hatte, zu heilen, rieth er ihr an, kein einziges geiſtliches Werk mehr zu leſen, auch kein einziges Werk der nur den religiöſen Sinn exaltirenden barmherzigen Liebe zu üben, ſondern weltliche Schriften und weltliche Beſchäf⸗ tigungen—— So hatte er in wahrhafter Verſuchung Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 5 66 und wie zwiſchen„Himmel und Hölle“ damals in der Mitte das wichtigſte Werk ſeines Berufs begonnen, ſich ſelbſt darauf eine ſchwere innere geiſtliche Strafe für etwa dabei, obwaltende eigene Schuld auferlegt... und in dieſem Augenblick fuhr dieſe Erinnerung und die an das ganze Jahr überhaupt, das er noch in jener Stadt verleben mußte, wie mit einem einzigen ſchrillen Septimenaccord durch ſeine Seele. Und zwiſchen alledem klapperten im Nebenzimmer Teller, kam die alte Renate, die Wirthſchafterin, und ließ ihre Gebäcke duften— ſie hatte für beiderlei Ge⸗ ſchmack geſorgt: Eierkuchen mit und ohne Schnittlauch— wurden die Stühle herangerückt und die Plätze vertheilt und auch ſchon der Kork einer Weinflaſche wurde von Hedemann gezogen... Das Leben faßt oft das Un⸗ ſcheinbarſte in Gold und Silber und wie oft die wahren Glanzgeſchmeide unſers Innern in Kupfer und Blei! Beim erſten Zuſpruch zum beſcheidenen Mahle ergab ſich, daß Lucinde einen Wagen finden würde, der ſie morgen früh nach Kocher am Fall bringen ſollte. Benno und Hedemann erklärten ſie begleiten zu wollen. Benno hatte ſich nur bei dem Stabe des Truppen⸗ theils, zu dem er gehörte, einige Tage zu ſtellen; lange Uebungen fanden in dieſem Jahre der Theuerung und einer in der ganzen Provinz herrſchenden Aufregung wegen nicht ſtatt. Er erklärte ſich davon um ſo befriedigter, als er bei einem der erſten Advocaten der Gegend, in der Reſidenz des Kirchenfürſten der Provinz, arbeitete und ſeine juriſtiſche Laufbahn mit Eifer zu verfol⸗ gen ſchien. 67 Bonaventura kam auf die ihm von Lucinden mit⸗ gebrachten Schreiben zurück und auf deren Verfaſſer. Entweder nahmen ſie ſeine Aufmerkſamkeit wirklich in An⸗ ſpruch oder ſie gaben ihm nur willkommene Gelegenheit, ſich über die Wiederbegegnung mit Lucinden zu ſammeln. Lucinde hatte, noch ehe ſie ſich zu Tiſch geſetzt, ſchon mit Renaten einen Strauß angebunden über einen Spiegel, von dem ſie einige Fliegenflecke mit dem Taſchentuch ab⸗ wiſchte. Frau Renate bemerkte dieſe Einmiſchung in ihre eigene Lebensaufgabe ohne beſonderes Wohlgefallen Morgen wäre Putztag und das Fräulein brauchte ſich nicht zu incommodiren, ſagte ſie ſpitz... Lucinde repli⸗ cirte, ſie möchte ſich beruhigen, ein Spiegel könne ja in einer Paſtorei nur ein wenig beachteter Gegenſtand ſein... Worauf wiederum Renate: Ei ſie möchte doch nicht glauben, daß ſie die einzige Dame wäre, die hier ſchon vorgeſprochen! Benno, deſſen ſcharfes Auge das Intereſſe Lucindens für ſeinen Couſin bald überſah, flüſterte Renaten das ſchwerlich von der Matrone verſtandene Wort Mephiſto's zu:„Du ahnungsvoller Engel du!“— Man hatte auf den Tiſch noch eine kleine Studir⸗ lampe geſetzt. Ihr Deckel warf einen dunkeln Schatten⸗ ring über die Mienen der dem beſcheidenen Mahle Zu⸗ ſprechenden. Renate ſaß nicht darunter, wohl aber Hedemann. Dieſer war, wie der Knecht beim Bauer, wie der Edel— knappe beim Ritter, Diener und Freund zugleich, ganz im Charakter jenes Landes, das nach Benno's Erzäh⸗ lung im Höhenrauch ſeinen ewig blauen ioniſchen Himmel 5* 68 findet. Hedemann durfte ebenſo das Wort führen, wie er auch das Brot vorſchnitt. Von den Italienern, die durch den Ort durchgefahren waren, ſagte er: Sie ſind aus Frankfurt eigens mit ihren Waaren verſchrieben worden! Hedemann! rief Benno. Mit ihren Waaren! Gegen⸗ ſtände heiliger Verehrung Waaren! Man ſieht, wie lange Sie ſich im ketzeriſchen Amerika umgetrieben haben! Hof⸗ fentlich kehren Sie an Porzia's Hand zur Rechtgläubig⸗ keit zurück! Bona, haſt du nicht noch eine alte italie⸗ niſche Grammatik übrig? Ich glaube, Hedemann verlegt ſich auf Lingua Toscana in Bocca Romana! Porzia Biancchi ſcheint es ihm angethan zu haben! Lucinde ſchürte den Scherz und erbot ſich, da Hede⸗ mann in Kocher am Fall wohute, wenn er wollte, zum förmlichen Unterricht. Hedemann erwiderte ſeufzend: Ein Schüler von fünfundvierzig Jahren! Wer mit fünfundvierzig Jahren noch lieben kann, iſt zu allen Dingen gelehrig! erwiderte Lucinde, die ein ſitt⸗ ſames Verſchleiern und nur leiſes Berühren zarter Ge⸗ genſtände nicht in ihrer Art hatte. Hedemann verweilte in der That mit Antheil bei den Lebensverhältniſſen dieſer Italiener, bei ihrer leichten Art, das Leben aufzufaſſen, ihrer Kunſt, wo und wie nur irgendmöglich, dem Leben Gewinn zu entlehnen, und wieder kam er bei der Thatſache an, daß ſie eigens wären aufgefordert worden, gerade jetzt ins Land zu wandern und überall die Erzeugniſſe ihrer Induſtrie zu den wohlfeilſten Preiſen anzubieten. ſt p 69 Nun ja, ſagte Bonaventura, gerade jetzt, wo man wieder beweiſen muß, daß es in unſerer Kirche eine un⸗ ſterbliche Ehre iſt, die Märtyrerkrone gewonnen zu haben! Durch eine Ideenverbindung, die nicht ausgeſprochen zu werden brauchte, weil jeder ſie für ſich ſelbſt ergänzte, kam man auf Vorkommniſſe des kirchlichen Lebens über⸗ haupt. Hedemann fragte, ob nicht Bonaventura der mor⸗ genden, zu Kocher am Fall ſtattfindenden Beſprechung einer großen Anzahl von Geiſtlichen beiwohnen würde? Bonaventura erwiderte zögernd mit der einfachen Frage: Bei Beda Hunnius? 1 Sein Vetter verſtand, was er ſagen wollte, und un⸗ terbrach die Angabe der Gründe, warum ſich der Pfarrer ſolchen Verſchwörungen gegen die Regierung entzöge, mit den parodirten Worten des Tell: Doch, was ihr thut, laßt ihn aus eurem Rath! Er kann nicht lange prüfen oder wählen; Bedürft ihr ſeiner zur beſtimmten That, Dann ruft den Tell, es ſoll an ihm nicht fehlen! Dieſe Worte erheiterten die etwas gedrückte Stimmung. Auch Bonaventura ſagte mit einem Lächeln, das ſeinen Zügen einen unwiderſtehlichen Ausdruck vertrauenerwecken⸗ der Güte gab: Hätt' ich gedacht, daß ich heute noch bei Erwähnung der Schweiz lachen würde! Den ganzen Tag über war ich in die Erinnerungen verloren, die ſich an unſern alten braven Meviſſen knüpfen! Das bereits gleich nach erſter Begrüßung von Benno 70 und Hedemann berührte Thema wurde aufs neue auf⸗ genommen. Man ſah, daß es ſich um den Tod eines Mannes handelte, der einer ganzen, weitverzweigten Fa⸗ milie werth geweſen war. Da er aber auch an den Tod Friedrich's von Aſſelyn, des Vaters Bonaventura's, Ge⸗ mahls der jetzigen Frau von Wittekind⸗Neuhof, erinnerte, ſo konnte ſich niemand gedrungen fühlen, bei dem Gegen⸗ ſtande allzu lange zu verweilen. Nur Lucinde... dieſe hatte ſchon ſeit lange das Syſtem, keine Wunde zu ſchonen, keinen Schmerz zu umgehen, alles gerade ſo zu neh⸗ men, wie es iſt. So ſprach ſie auch hier, ohne die ge⸗ ringſte Beſorgniß, ihre Umgebungen zu verwunden oder aufzuregen: Ich höre ja auch, daß dieſer Mann in einem Sarge begraben iſt, den er ſich ſelbſt gezimmert hat? Ja, ſagte Bonaventura, er fing dieſe Arbeit an nach einer Predigt, die ich am letzten Allerſeelentage hielt! „Wir leben den Tod!“— dieſen Spruch eines Weiſen behandelte ich und ich mag es wol in zu lebhaften Bil⸗ dern gethan haben! Unſer ganzes Daſein verwandelte meine leider oft noch gar ſchulmäßige Rhetorik in ein großes Leichentuch. Die Sterne waren die ſilbernen Verzierun⸗ gen deſſelben, der Mond die Krone auf dem Grabe, ja alle Blumen, ſelbſt die Roſen und Lilien, verwandelten ſich in Palmenzweige und Todtenkränze. Von da an traf ich ihn in ſeinem Höfchen beim Hobeln von Bretern und wie ich ihn einmal über den Zaun fragte, was es geben ſollte, war's erſt ein Bett; am Tage darauf ſah ich, daß es ein Sarg wurde. Nun mußte man ihn in ſeiner Grille gehen laſſen. Das Alter läßt ſich nicht viel mehr von ſeinen Vorſätzen ausreden, am wenigſten den Ausdruck ſeines Kummers. Unwillkürlich mußte Lucinde bei dieſen Worten ihres Pavillons in Schloß Neuhof gedenken und der alten Stammers, bei denen ſie gewohnt hatte. Auch Hedemann nickte Beifall... Benno wandte ſich, nach deſſen Aeltern zu fragen... den Aeltern eines Fünfundvierzigjährigen... Um die aus ihr unbekannten Urſachen nach wenig ausweichenden Worten entſtehende drückende Stimmung freier zu machen, erwähnte Lucinde das im Weißen Roß vernommene Gerücht von Schätzen, die wol gar der alte Meviſſen könnte mit ſich genommen haben. Dafür erntete ſie aber eine ſtrafende Erwiderung der gerade im Abräumen begriffenen Renate. Ei was, ſagte dieſe, wer ſpricht denn ſolche Läſterun⸗ gen nach! Schätze mit ins Grab nehmen! Wer nur das gottloſe Gerücht aufgebracht hat! Sein ganzer Schatz iſt ſein gutes Herz geweſen! Mit dem ruht er in Gottes Schoos und Schutz... und wenn man in den Wirths⸗ häuſern anders ſpricht, ſollt' es wenigſtens hier bei einem geweihten Prieſter nicht wiederholt werden und über einen ſolchen Schimpf ſo ſtill bleiben wie drüben— im Grabe! Mit der peinlichen Stille, die auf dieſe entrüſteten Worte Renatens, die gleichfalls eine alte Dienerin des Hauſes Aſſelyn geweſen war wie der Verſtorbene, folgte und von Bonaventura eben unterbrochen werden ſollte, um der ſo abgetrumpften Lucinde eine Genugthuung we⸗ nigſtens des Anſtandes zu geben, ſtand in faſt geſpen⸗ 72 ſtiſchem Widerſpruch ein Klopfen, das plötzlich vernom⸗ men wurde. Frau Renate, die am eheſten gegen die Vorausſetzung einer unheimlichen Thatſache hätte gerüſtet ſein ſollen, ließ vor Schreck faſt einen ihrer Teller fallen. Hedemann und Benno waren ſchon aufgeſtanden. Sie gingen ans Fenſter, wo ſich das Pochen er⸗„ neuert hatte. 4. Der am Fenſter Pochende war aus dem Stern der Gensdarm geweſen. Der Wachtmeiſter! hieß es ſchon beruhigter. Der ganze kleine Kreis kannte ihn. 3 Was bringen Sie uns, Herr Grützmacher? fragte Bonaventura, während man ſchon die Hausthür öffnete. Der eintretende Gensdarmenwachtmeiſter Grützmacher bildete in ſeiner wohlgenährten breitſchulterigen Geſtalt, ſeinem blondgrauen Knebelbart, glänzend gebräuntem Ant⸗ litz, ſeinem klirrenden Sarras und ſeinem Helm zu dem ſtillen Abendimbiß eines katholiſchen Prieſters einen ſchrof⸗ fen Gegenſatz. Daß Herr Grützmacher ſich auf einem Standpunkte wußte, der ſelbſt bei gering nachhaltender Kraft ſeiner Katechismuserinnerungen, bei etwas gründlich vergeſſener Geometrie aus ſeiner, als er noch bei der Artillerie ſtand, weiland beſuchten Compagnieſchule, bei einem dun⸗ keln Gefühl verklungener Sagen über die Lehre von den Brüchen benannter und unbenannter Zahlen, dennoch unendlich erhaben war über die Sphäre, in welche er 74 * Schlag neun Uhr Abends in irgendeiner wichtigen Function hier eintrat, lag auf der Hand. War doch allen denen, die z. B. auch zu Kocher am Fall auf dem Amthauſe wie einſt die ghibellini⸗ ſchen Landsknechte in Italien unter den conſpirirenden Welfen ſaßen, ein gewiſſer Zug des Antlitzes gemein⸗ ſam, den man den einer ſtereotyp gewordenen Ironie nennen darf. Dieſer Zug, der dem Gefühl der Toleranz gegen ein abſolut ſich Ueberlebthabendes entſprach, milderte ſich hier und dort, ſchattirte ſich, ja miſchte ſich z. B. bei dem Chef des Herrn Grützmacher, bei dem Gensdarmeriemajor Schulzen⸗ dorf, der die Tafel des Dechanten zu St.⸗Zeno mit einer außsrordentlich feinen Zunge zu würdigen verſtand, ſogar mit einer Ergebenheit, die bis zu einer offenbaren Unter⸗ würfigkeit gegen Römiſches ging... Denn wiederum iſt es eine ganz eigenthümlich beſtätigte Thatſache, daß jener aufgeklärte blonde, urewig beamtiſche Menſchenſchlag. zwiſchen Elbe und Oder auf fremdem Boden ſeine Kraft nicht immer mit beſonderm Geſchick zu behaupten verſteht. Im Glück leicht übermüthig, in Schwierigkeiten vor Ueber⸗ maß entweder des Muthes oder der Einſicht nicht ſel⸗ ten unentſchloſſen bis zum Zaghaften oder klug bis zum Ueberklugen, läßt ſich dieſe angeborene, alles wiſſende und alles könnende Art oft von dem Fremdartigen im⸗ poniren, ja hat bei aller Hitze des Anlaufs und aller Sicherheit des ſteten Gutſagens für ſich ſelbſt oft ſchon in ältern und neuern Geſchichten vollſtändig den Kopf verloren. Aber Grützmacher gehörte nicht zu dieſem über⸗ läuferiſchen Geſchlecht. Ihm war es nicht ſo ergangen 75 5 wie hier manchem ſchon, der aus dem Lande des ab⸗ ſolut Blonden kam, in größerm oder kleinerm Umfange dieſe Länder, die mit Rom noch etwas enger verwachſen ſind als durch die Gipsfiguren Napoleone Biancchi's, regieren ſollte und die Feſtigkeit des Willens allmählich verlor, indem er ſeine rauhe Art an dem ſchönſten aller Ströme, an den ſanfteſten Thälern, fröhlichſten Men⸗ ſchen, an Burgen und Rebengeländen, und vor allem an dem„Chriſam“, zu dem alle Menſchen geſchworen haben, ſelbſt die Türken und Heiden, der Blume des köſtlichſten Weines, abmilderte. Aus vielen Gründen ſollte ja gerade jetzt dem unverbeſſerlichen Geiſte dieſer Pro⸗ vinzen nicht geſchmeichelt werden, ſollte keine Widerſetz⸗ lichkeit gegen die Anordnungen der Behörden ungesügt bleiben. Der Wachtmeiſter von Kocher am Fall, ohne⸗ hin ein geborener Jüterbogker, aus dem Lande, wo Tezel einſt ſeinen Ablaßhandel ſo empfindlich abgebrochen be— kam, hielt unter allen römiſchen Verführungen einen feſten proteſtantiſchen Widerſtand, obgleich er nur aus⸗ kommen mußte mit monatlich 20 Thalern Löhnung, etwas Montirungsgeld und einem jährlich durch 80 Thaler„gut⸗ gethanen“, d. h. ſelbſt zu ſtellenden Pferde. Sich umſehend und die für einen ehelos lebenden Geiſtlichen immerhin anmuthig gemiſchte Geſellſchaft mit jüterbogker Anti⸗Ablaßironie würdigend, ſagte er, es fiele ihm doch ſehr auf, daß im Wirthshauſe die Leute beiſam⸗ men ſäßen und von dem Begräbniß des alten Meviſſen in einer Weiſe munkelten... Ob er denn hier laut ſprechen dürfte? unterbrach er ſich ſelbſt. —— 76 Herr Wachtmeiſter! ſagte der Geiſtliche, Sie brau⸗ chen hier auf niemand Rückſicht zu nehmen! Herr Grützmacher wiederholte nun die Vermuthung, die bereits am Fuße der Maximinuskapelle Lucinde aus⸗ geſprochen. Dieſelbe Vermuthung war entweder durch den Knecht aus dem Weißen Roß hierher verpflanzt wor⸗ den oder war aus den Köpfen der Bewohner von St.⸗Wolfgang ſelbſt entſtanden. Iſt es mit dem Sarge, ſchloß Grützmacher, nicht richtig, Herr Pfarrer, na, ſo erleben wir die Nacht Unrath! Wie ſo? Was erleben wir? fragte Bonaventura. Na! Nal lautete des Wachtmeiſters vieldeutige Antwort. Sie glauben, daß der Sarg erbrochen wird? hieß es allgemein. Na natürlich! war die Antwort jüterbogker Logik. Und es würde doch ſchade„ſind“, fuhr Grützmacher, ſich den Knebelbart ſtreichelnd, fort, wenn man„det olle Männiken“ da unten in der ewigen Ruhe ſtören wollte! Gewiß! ſagte Bonaventura ernſt, beſtritt aber ſowol die Annahme, daß der alte Diener ſeines Vaters mehr beſeſſen hätte, als was ihm von den Seinigen zufloß, wie die Möglichkeit einer Entweihung des Friedhofes von irgendwem in ſeiner Gemeinde. Hören Sie mal, Herr Pfarrer, beſtritt Grützmacher mit größerer Entſchiedenheit, det alte Männiken ſoll oft was aus Italien rrausgekriegt haben! Der Wirth vom Stern als Poſthalter thut auch ſo und druckſt als wenn er manch⸗ mal gar von Papſtens— bitte um Entſchuldigung, Herr Pfarrer— eine Anweiſung auf hundert Zecchinen, heißt es ja wol in Rinaldo Rinaldini, herausgekriegt hat. 77 Und was wünſchen Sie denn nun, Herr Wachtmeiſter! fragte der Pfarrer, wider Willen lächelnd. Eine förmliche Räubergeſchichte! flüſterte Lucinde und Benno fiel ironiſch ein: Was kann er wünſchen als Kant's„Kritik der reinen Vernunft“! Der Wachtmeiſter betrachtete beide Sprecher von oben bis unten. Lucinde, die jetzt in dem Wachtmeiſter faſt einen alten Bekannten von Schloß Neuhof zu erkennen glaubte, beugte ſich ins Dunkel nieder. Aber Benno betrachtend, muſterte der Wachtmeiſter das militäriſche Kleid deſſelben und ſagte nicht ohne Schärfe: Herr Musketier! Wie meinen Sie das? Herr Wachtmeiſter! erwiderte Benno einlenkend und ſich beſinnend, daß er, wenn er zehnmal auch den Ju⸗ ſtinian ſtudirt haben mochte, hier als Gemeiner einem Manne gegenüberſaß, der ein ſilbernes Porteépee trug. Er griff wie zum Salutiren an die Stirn Ich meine, ſagte er, Sie wünſchen ſowol den klaren Beweis, daß die Leute ſich geirrt haben, wie die Vor⸗ beugung eines polizeilichen Frevels! Sie beantragen ganz einfach die Ausgrabung der Leiche! Nimmermehr! rief Bonaventura mit gerötheter Wange. Der Greis iſt in allen Formen der Kirche und mit Ehren in die Grube gefahren! Er hatte den Sarg ſich ſelbſt gezimmert, hat darin aus einer Grille, die in ſeiner Frömmigkeit ihren Grund hatte, geſchlafen... Als er verblichen war, nahmen freundliche Hände— Dal Ich vrauche nur auf Frau Renate zu verweiſen!— ihn von —— 78 ſeinem gewohnten Lager, ordneten die rohe Polſterung... alle ſenkten wir ihn in die Grube mit dem Segen und den Weihen der Kirche... wie kann ich jetzt um eines thö⸗ richten Wirthshausgeredes willen einen Veiligen Vorgang gleichſam wieder rückgängig machen wollen! Na! Na! Na! Nal beſchwichtigte Grützmacher gut⸗ müthig den Eifer des Geiſtlichen und die allzu düſtere Auffaſſung. Warten Sie es doch ab! vermittelte Hedemann. Abwarten, Hedemann? Die Polizei ſoll vorbeugen! ſagte Grützmacher zu Hedemann faſt vertraulich. Dann aber, um den Pfarrer nicht zu erzürnen und ch ſelbſt beherrſchend, fuhr er fort: Herr Pfarrer, überlegen Sie ſich, was da am Ende das Beſte ſein wird! Entweder Sie buddeln den„ollen Jungen“ ſelber heraus oder es thun's hernach andere... Und geſchieht dieſes, na dann, dann ſehen Sie, krieg' wieder'ne Naſe— ſo lang, wie neulich von wegen Mittwoch nach Jubilate! Sie ſind ein vortrefflicher Staatsdiener, Herr Wacht⸗ meiſter! ſagte Benno. Ja, Herr Musketier, erwiderte der Wachtmeiſter, der Ironie nicht achtend, ſagen Sie lieber, ich habe blos Nachſicht mit dem Herrn Pfarrer, weil er früher ſelber doppeltes Tuch getragen hat als Lieutenant! Fähnrich! Fähnrich! verbeſſerte Bonaventura. Weiter bracht' ich es nicht, Wachtmeiſter! Jetzt bin ich noch im⸗ mer Fähnrich! Ich trage die Fahne meiner Kirche! Den ſcherzhaften Ton der Erwiderungen feſthaltend, 79 trat Grützmacher dem Pfarrer näher, klopfte ihm auf die Schulter und ſagte wie in intimſter Vertraulichkeit. Laſſen Sie ihn ausbuddeln! Was? Nein, lieber Wachtmeiſter! Ich bekomme eine Naſe wie wegen Jubilate— Ich theile ſie dann... Sie haben gut theilen! Ihnen gibt der Heilige Vater in Rom Zulage! Je mehr Sie von uns Naſen kriegen, deſto ſchöner ſtehen Sie auf dem ſeiner Conduitenliſte! Aber unſereins! Fünf lebendige Kinder! Eine kränkliche Frau! Zwei hintereinander gefallene Pferde! Das bringt einen Gensdarmen Matthäus am letzten!... Buddeln Sie ihn aus! Wachtmeiſter! Sie hätten ruhig den Vorfall von Mittwoch nach Jubilate melden ſollen! ſagte Bonaventura. Ne, Herr Pfarrer! Warum ewig die Stänkereien machen! Man hätte dann oben geſehen, wie die Leute es auf⸗ nehmen, wenn wir Feiertage bekommen, die gar nicht in unſerm Kalender ſtehen! Alſo danken Sie mir's nicht einmal? Machen Re⸗ bellion und ich zeige Sie nicht an, Herr von Aſſelyn? Sie wiſſen, wie gut wir in Kocher ſtanden, als Sie bei uns Kaplan waren! Neulich ſagte noch Frau Ley— lieber Gott, das arme Twall*) wird nicht mehr lange machen!— als die Rede davon war, daß ſie ſchon ein Dutzend mal gethan hat als wenn ſie ſterben wollte: Ich wache auch nur darum immer wieder„uf“, weil *) Märkiſches Mitleidswort für„armes Ding“. mir's iſt als müßt' ich die letzte Zehrung(ſo heißt's ja wol?) vom Herrn von Aſſelyn, d. h. junior... be⸗ kommen! Senior— dem wünſch' ich's nicht, daß Mutter Ley ſich in der Nacht empfiehlt oder gar Morgens, wo die Federn am wärmſten ſind! Ihre freundliche Geſinnung thut mir und uns allen ſehr wohl, lieber Herr Wachtmeiſter! ſagte der Pfarrer und gab Grützmachern die Hand. Aber melden Sie nur ruhig meine Fehler! Es iſt troſtlos genug, daß alle Schwächen, alle Gebrechen, die, da wir alle Menſchen ſind, bei den Geiſtlichen von ſieben Millionen Katholiken nicht ausbleiben können, an den Centralſitz eines anders⸗ gläubigen Regiments gemeldet und dort in den Archiven aufbewahrt werden zum Amuſement Ihrer Conſiſtorial⸗ räthe! Können wir etwas dafür, daß die Leute jeden Mittwoch nach Jubilate an den Kirchthüren ſtehen und lärmen und ſich weigern, dem Rufe der Glocken zu fol⸗ gen, und Drohungen ausſtoßen, die ich diesmal erſt be— ſchwichtigte, als ich im Ornat unter ſie trat und ihnen ſagte: Ein Hochamt iſt zu jeder Zeit dem Herrn genehm und wir werden unſere Knie dann gewiß beugen, wenn wir Gott um eine gute Ernte und um die Abwendung von Unwetter und Hagel bitten wollen! Da kam aber, fuhr Grützmacher fort, mein Kamerad Müller von Stockhofen drüben und hörte, wie geſchrieen und gelärmt wurde und wie ſie riefen, daß die richtige Hagel⸗ ſchadenmeſſe erſt in ein paar Wochen ſtattfände und wie ſie ſich von Ketzern keine Feiertage vorſchreiben ließen! Ich ritt gerade auf Inſpection durch, bekomm's von Müllern brüh⸗ warm, ſoll's„pläng carriere“ Landrathn anzeigen und 81 hab' das nun nicht gethan! Wie geſagt, die Naſe war ſo lang! Und deshalb... buddeln Sie den Alten heute lieber noch als morgen'raus! Thun Sie mir's zu Liebe! Bonaventura bot Grützmachern wiederholt die Hand, dann auch ein Glas Wein, blieb aber bei ſeiner Weige⸗ rung. Grützmacher hatte ſchon lange Lucinden firirt. Und noch mehr, als dieſe mit einer faſt herausfor dernden Miene ſagte: Was iſt denn aber das? Ein neuer Feiertag? Benno erklärte: Es iſt merkwürdig mit unſerm allergnädigſten König und Herrn! Es iſt gewiß ein ganz vortrefflicher Monarch und man muß ihm nachſagen, daß er für ſein tragiſches Schickſal von 1806 bis 1813 die gegenwärtige Heilige Allianz⸗Ruhe verdient hat! Aber wenn er ſie doch nur mit ſeinem herrlichen Kriegsheer, ſeinen ſchönen Bauten und ſeinem vortrefflichen Theater allein genießen wollte! Metternich ſorgt ja für Schlummer in der ganzen Welt! Was muß denn nun ewig unſern König ſo der Geiſt Gottes drängen, wie ein byzantiniſcher Kaiſer, den Theologen zu machen! Daß er in ſeinem ehrenwerthen Glauben die Gegenſätze, die dreihundert Jahre alt ſind, beim Läuten der Reformationsglocken 1817 verſöhnt zu haben meinte und auch einige verſöhnte, iſt an ſich ganz brav von ihm; nun aber glaubt er, wenn man nur ſchön gebunden die neue Agende auf die Altäre legt, ſo wäre ſie auch deshalb ins Leben getreten und überall eine Wahrheit geworden! Meinetwegen drüben! Aber hüben? Ausgleichungen auch mit uns? Sein Gemüth gefällt ſich in dem 6 Gutzkow, Zauberer von Rom. II. Gedanken, neue Feſttage zu erfinden, die in ſeinen ſämmtlichen Staaten mit derſelben Geſinnung zu gleicher Zeit gefeiert werden, z. B. einen Buß- und Bettag! In ſeiner ganzen Monarchie ſoll zu einer einzigen gewiſſen Stunde, wie bei uns das Angelus gebetet wird bei Son⸗ nenuntergang, ſo in allen ſeinen Staaten Kirche ſein, ſowol in den Garniſonskirchen, bei den Feld⸗ und Divi⸗ ſionspredigern wie in unſern alten Domen und neuen Kapellen. Schmuggeln ſie uns durch einfachen Gubernial⸗ erlaß einen Hagelſchadenfeiertag in unſer Kirchenjahr, nur damit der liebe ſentimentale Herr in ſeinem Schloß⸗ garten ſpazieren gehen und ſagen kann: Heute zieht die ganze Natur und alle Menſchheit in meinen Landen ihren alten Winterrock aus und legt ſich äußerlich und innerlich neue Sommerbeinkleider an!... Und nach zehn Jahren werden wir wieder weiter kommen, glaubt er, und nach wieder zehn Jahren noch weiter... und wenn alles gut geht, geben die Conſiſtorialräthe ein bischen heraus und der Papſt gibt ein bischen heraus und die ſchönen Unionstage, die einſt Leibniz in Charlottenburg geträumt 4 hat, gehen in Erfüllung! Hören Sie mal, Herr Freiwilliger! Herr Freiwilliger! drohte Grützmacher mit künſtlicher Entrüſtung, indem er von ſeinem Portefeuille aufblickte, wo er in Papieren blätterte und mit ſcharfem Blick wiederholt auf Lucinden, dieſe muſternd, geſehen hatte. Das iſt ja gerade als wenn man einen langhaarigen Demagogen reden hörte von Anno Köpenick, Herr von Aſſelyn! Das Gemüth regiert die Welt nicht! warf Lu⸗ cinde ein. 83 Drei Monarchen ſtiften eine Heilige Allianz! fuhr Benno fort. Schon ihre Miniſter ſtanden damals hin⸗ ter ihnen und putzten ſich nur die Naſe, während jene Thränen vergoſſen! Grützmacher opponirte nicht länger. Er war die gutmüthigſte Seele von der Welt und ohnehin zerſtreut durch einige Notizen ſeines Portefeuilles. Endlich erſchreckte er Lucinden nicht wenig, als er ſie anredete: Na, Fräulein Schwarz! ZJetzt haben Sie doch wol endlich Ruhe vor uns von wegen dem Paß, den ich Ihnen, ich glaube ſchon vor ſieben Jahren, immer bei Witoborn vergebens abverlangte! Wiſſen Sie denn noch, auf Schloß Neuhof! Na, was macht denn Excellenz der Kronſyndikus? Und mein„oller“ Landrath, der„ſchöne Enckefuß“! Gerade vor der duſtern Geſchichte dazumal mit dem Deichgrafen bin ich hierher verſetzt geworden! Meine Nachfolger ſollen keine Seide dabei geſponnen haben, daß ſie nichts merken wollten, wer den dicken Mann, den Theilungscommiſſarius, dazumal, freilich auf Nachbargebiet, todt geſchlagen hat! Einer von meinen Collegen, der ritt ſo lange um den Düſternbrook und Schloß Neuhof herum, bis er ſich einmal den Hals da— bei gebrochen hatte— wirklich den Hals... das kommt ſo, wenn der Gensdarm immer blos geradeaus ſieht, während ſein vernünftigerer Gaul links und rechts in die Büſche will. Der andere war noch zu grün und fand ſich erſt ins Geſchäft, als es mit der rechten Spur nach dem rechten Hirſchfänger zu ſpät war. Jetzt iſt ja wol der Freiherr von Wittekind auch ganz verdreht 84 und dummelig geworden wie dazumal ſein Herr Sohn, der— ja ſo, bitte um Entſchuldigung, Herr Pfarrer von Aſſelyn! Grützmacher beſann ſich erſt jetzt auf die Verwandt⸗ ſchaft des Pfarrers mit dem Freiherrn von Wittekind⸗ Neuhof. Er war ja deſſen Stiefenkel. Das Wiederſehen der jungen ſchönen Dame, fuhr der Wachtmeiſter mit ironiſchem Nachdruck fort, hätte ihm dieſe Erinnerungen zurückgerufen. Er hoffe ſie aber bald in Kocher am Fall zu ſehen, wohin ſie ja, wie er gehört, als Nichte der Frau von Gülpen reiſe und um ihren Paß woll' er ſie diesmal gar nicht quälen! Er wäre vollkommen über ſie„ins Klare“. Bonaventura, Benno und Hedemann richteten wäh⸗ rend aller dieſer Reden überraſcht ihre Augen faſt zu gleicher Zeit auf Lucinden. Sich auf dieſe unerwartete Art im Zuſammenhang mit Vorgängen genannt zu hören, die ſie um vieler Gründe willen hier von ſich fern zu hal⸗ ten wünſchen mußte, durfte ſie nicht wenig erſchrecken. Selbſt Bonaventura erfuhr zum erſten mal dieſe Be⸗ ziehungen und fragte erſtaunt: Schon vor ſieben Jahren kannten Sie Schloß Neuhof und waren ſomit ſchon damals in der Nähe der Gräfin Paula? Sich ſammelnd erwiderte ſie: Die Erinnerungen des Herrn Wachtmeiſters treffen theilweiſe zu! Nur die Ehre, mich eine Nichte der Frau von Gülpen nennen zu dürfen... Werden Sie doch wahrhaftig nicht ablehnen? unter⸗ brach ſie Benno mit Entſchiedenheit. Ihre Tante ſollte das hören! 85 Dieſe Worte wurden ſo feſt, ſo beſtimmt geſprochen, von Benno mit einem ſo ausdrucksvollen Blick begleitet, daß Lucinde verſtummte und ihn nur fragend und groß anſah. Grützmacher ſchloß ſein Portefeuille und nahm wieder die lächelnde Miene jener aufgeklärten Ueberlegenheit an, die gewiſſermaßen hier als landesüblicher Regierungs⸗ ausdruck gelten konnte und geradezu ſo viel ſagte als: Wir dulden euch und die wunderlichen Schwächen eurer Kirche und thun dies, weil ihr ja eben nichts dafür könnt! Da auch Hedemann, der erſt den lebhafteſten Antheil verrathen hatte, jetzt an die dunkeln Fenſter getreten war und an die Scheiben trommelte, ſtand Grützmacher ge— wiſſermaßen als Sieger über allen. Meine Meldung, ſagte er denn auch vollkommen befrie⸗ digt, meine Meldung iſt Ihnen zu raſch gekommen, Herr Pfarrer! Beſchlafen Sie's noch! Morgen reden wir weiter davon! Ich wünſche ja ſelbſt, daß die Leute Vernunft annehmen! Ich will noch'mal ins Wirths⸗ haus hinüber und ſagen, was Sie über den Sarg des alten Mannes denken! Vielleicht nehmen die Menſchen auf Ihr Wort Raiſon an, Herr Pfarrer! Alſo, gute Nacht denn allerſeits!... Gute Nacht, Hedemann! warf er noch hintennach hinein wie zum Zeichen beſonderer Vertrau⸗ lichkeit mit einem ihm gewiſſermaßen Gleichgeſtellten. Renate leuchtete und fragte ihn wahrſcheinlich draußen um Näheres über„die Nichte der Frau von Gülpen“. Als ſein Säbel- und Sporenſchritt verklungen wa⸗ ren, hörte man nur, daß Renate von außen die Fenſter⸗ laden anlegte. Hedemann ſchloß ſie von innen. 86 Die drückende Schwüle, die in dem kleinen Zimmer in der Luft wie geiſtig herrſchte, veranlaßte Benno zu dem Ausruf: Ich ſtecke mir eine Cigarre an und wache die Nacht draußen auf dem Grabe! Daß wir ſo thöricht wären! ſagte Bonaventura. Daß wir durch unſer Beiſpiel einen ſolchen Glauben beſtärkten! Dennoch traten ſie alle hinaus in den Hof und dann in den Garten, von wo aus man zum Friedhof ge⸗ langen konnte. Die Spätſommernacht war mild und geheimnißvoll. Ringsum war es ſtill geworden; nur irgendein ſchlaf⸗ geſtörtes Kind machte ein Nachbarhaus lebendig oder von den Bergen her ächzte der Hemmſchuh eines ver⸗ ſpäteten Fuhrwerks. Im Bienenhauſe ſchlief alles wie in den Gebüſchen ringsum; nur die kleine Welt der auf Raub gehenden Inſekten huſchte vor den Fußtritten der Vorübergehenden ſcheu am Boden hin. Auf dem Friedhofe lagen die Gräber mit ihren über⸗ dachten weißen und ſchwarzen, von welk gewordenen Blu⸗ men geſchmückten Kreuzen und vergoldeten Glorienſtrahlen ſchweigſam und feierlich. Seitab lag der im erſten Auf— wurf begriffene neue Hügel, bewacht nur vom flimmern⸗ den Sternenheer, dem wir die Todten ſo nahe gerückt glauben. Bonaventura, Benno, Hedemann, Lucinde fanden alles, wie ſich erwarten ließ, ungeſtört. Die Eingangspforte war geſchloſſen. Ihre Empfindungen mußten die verſchiedenartigſten 87 ſein; nur darin einigten ſich alle, daß dieſe ſtille Welt um ſie her ſicher für immer mit dem Leben abgeſchloſſen hatte. Unter dieſen Schläfern ſollte noch einer etwas ver⸗ geſſen oder mitgenommen haben, was zu den Sorgen und Mühen dieſer Erde gehörte? Bonaventura ſagte: Im erſten Augenblick der ſich nahenden Todesgewalt mag die Verzweiflung, daß man noch mit dem Leben ſo tauſendfach ſich verwickelt weiß, mit äußerſter An⸗ ſtrengung gegen den kalten Engel ringen, der uns dem Daſein entreißen will; hat er aber einmal die gewaltige Rechte um uns geſchlungen und fühlen wir, daß wir keinen Widerſtand mehr leiſten können, ſo erſcheint uns gewiß jeder Beſitz und jedes Entbehren gering! Der alte Meviſſen erwartete ſchon ſeit ſechs Wochen mit Be ſtimmtheit ſeinen Heimgang! Die feierliche Stimmung gab Lucinden Zeit, ſich in Benno's Worte zu finden, daß ſie eine Nichte der Frau von Gülpen wäre. Sie war erfahren genug, bald ein⸗ zuſehen, daß damit nur ein Deckmantel gemeint ſein konnte, unter dem ſie unter dem Dache eines Geiſtlichen wohnen durfte. Sie hielt jetzt dieſe Angelegenheit keiner Frage mehr werth. Hätten wir die Gräfin Paula bei uns! ſagte ſie, als ſie ſich von dem Grabe entfernten und Bonaventura Benno's Vorhaben, die Nacht über wirklich das Grab zu hüten, entſchieden ablehnte. Warum? hieß es. Dann ſäße der alte Meviſſen vielleicht leibhaftig auf 88 dem Hügel dort und man könnte ihn fragen, ob er denn werklich in ſeinem Stroh ſoviel Geld verſteckt hätte! Die ekſtatiſchen Zuſtände der Gräfin Paula waren allen bekannt genug und auch Bonaventura beſtätigte die Fähigkeit derſelben, über Gräbern Schatten zu ſehen, die andere Augen nicht ſähen. Dabei überraſchte den Pfarrer keineswegs die Möglich⸗ keit, daß Lucinde nach allem Vorangegangenen ſo kurzweg den verhängnißvollen Namen ausſprechen und, wie wenn nichts mit ihm wäre, ihn ins Geſpräch ziehen konnte. Er wußte, wie weit Lucindens Verſtellungskunſt ging. Er war auch nach Empfang der überraſchenden Anzeige aus der Dechanei zu Kocher am Fall in der That von ihr wieder auf alles gerüſtet. Wiſſen Sie nicht, wie es der Gräfin geht? fragte er Lucinden, als man ſich nach einigem Staunen über eine ſo weit gehende Sehergabe der Gräfin in der Annahme einer Täuſchung und der Unmöglichkeit, überhaupt Geiſter in ſichtbarer Geſtalt anzunehmen, bald geeinigt hatte. Stehen denn Sie in keiner Verbindung mit ihr? fragte Lucinde erſtaunt und mit ſchneidender Schärfe. Wie ſollte ich? erwiderte Bonaventura gelaſſen. Seit zwei Jahren erfuhr ich nichts mehr von ihr! fuhr er fort. Sie wird auf Weſterhof wohnen und ſich vorbereiten, die Gattin des Grafen Hugo von Salem⸗ Camphauſen zu werden! Alle ſchwiegen wie zur Beſtätigung. Lucinde entgegnete: Alſo eine Altarkerze im Dome der Heiligen, eine Roſe von Jericho will dem Glauben ihrer Väter ver— ſt denn 89 loren gehen! Wie? Der kalte Luftzug des Verſtandes, der Froſt des Zweifels ſoll ſie tödten! Ich hörte, daß man alles aufbietet, dieſe Verbindung mit einem Luthe⸗ raner unmöglich zu machen! Bonaventura verharrte im Schweigen und blickte fragend auf Hedemann, der ſoeben von jener öſtlichen gemeinſamen Heimat herübergekommen war. Auch Benno verſtand dieſen Blick und antwortete ſtatt des achſelzuckenden Hedemann: Aus dem bringt niemand etwas heraus! Die Mühle, die er ſich in Witoborn gekauft hat, muß ihn taub ge⸗ macht haben für alles, was uns ſonſt von dort hätte intereſſiren müſſen! Er war nicht auf Schloß Neuhof, womit er jetzt vielleicht dem Fräulein gedient haben würde, er war vielleicht nicht einmal in Weſterhof, nicht im Kloſter Himmelpfort, nicht im Stift Heiligenkreuz— nirgends! So verſchloſſen iſt er wie die Offenbarung Johannis, in die er ſich, glaub' ich, in Amerika ganz verleſen hat! Hedemann legte hie und da einen herabgefallenen welken Kranz auf eines der Kreuze, lächelte und ſagte mit gelaſſener Ruhe: Wie hätt' ich nicht Weſterhof beſuchen ſollen nach den Erfahrungen und Aufträgen des Oberſten! Je ſchlagender dieſe Antwort ſchien und je genügen⸗ der ſie die beiden Aſſelyns aufklärte, deſto unſicherer und dunkler taſtete Lucindens aufgeregte Combination. Wer war der Oberſt? Welche Erfahrungen deſſelben hätten Hedemann, der nun wieder plötzlich ein Müller wurde, von dem Schloſſe Weſterhof entfernt halten können? 90 Sie kennen Schloß Neuhof, Fräulein, fragte Benno, und wiſſen von dem Intereſſe, das das ganze Land an den Vorgängen in der Camphauſen'ſchen Familie nimmt? Lucinde kannte auf Schloß Neuhof jeden Winkel im Schloſſe, im Park jeden Baum, auf dem Plateau, das zum Düſternbrook führte, die Stelle, wo Klingsohr einſt Blütenzweige in die Erde ſenkte, die freilich der nächſte Sturm ſchon verweht hatte, ſie war auch eines zwei Tages zum Fronleichnamsfeſt in Witoborn geweſen und hatte dort eine Mühle geſehen, die die reißende Witobach mit einer Gewalt trieb, daß man allerdings an ihr taub werden konnte; aber von den Dingen, die um ſie her lebten, hatte ſie nichts als das durchſchaut, was mit dem Cultus ihrer eigenen Perſon zuſammen⸗ hing. Was ich von den Verhältniſſen Paula's weiß, ſagte ſie, kenne ich nur aus den Tagen her, wo ſie meiner Pflege anvertraut war. Die Zeit, wo ich auf Schloß Neuhof war und die Wißbegierde der Gensdarmen durch meinen Paß nicht befriedigen konnte, war kurz und ge⸗ mhört meiner früheſten Kindheit an! Ein Eingehen auf den Tod des Deichgrafen und die dunkle Geſtalt des Kronſyndikus ſchien in dieſem Kreiſe vermieden zu werden. Man verblieb bei den nachbarlichen Beziehungen. Benno ſchilderte als nicht gering die Gefahr, die ſich der engern Heimat aus dem Uebergange der reichen Beſitz⸗ thümer der Linie Dorſte⸗Camphauſen in die Linie Salem⸗ Camphauſen ergeben würde. c nimm Auf noch den grof alle Erb die abſe nich 91 Der Kirchenfürſt unſerer Provinz ſelbſt, ſagte er, nimmt den lebhafteſten Antheil an einer Entſcheidung, für welche ſogar mein gewiegter Principal, der Proeura⸗ tor Dominicus Nück, keine andere Hülfe hat als die des Aufſchubs. Die Gräfin iſt neunzehn Jahre. Sie hat noch zwei Jahre Zeit, ſich zu erklären, ob ſie vielleicht den geiſtlichen Stand wählt oder mit Entſagung ihrer großen Beſitzthümer irgendeine andere Wahl trifft. Auf alle Fälle gehen mit dem Ausſterben der männlichen Erben die Güter dieſer ältern Linie an jene jüngere über, die in den Zeiten der Wiedertäufer den alten Glauben abſchwur, dann nach Ungarn auswanderte und ſeither nicht wie die andere Linie, die ihrem Beiſpiele gefolgt geweſen war, wieder zur Kirche zurückgekehrt iſt. Bonaventura, der alle dieſe Erinnerungen und Be⸗ ziehungen ſeit einigen Jahren nicht mehr genährt und gepflegt hatte, durfte Benno nach Paula's jetziger Lei⸗ tung und Führung fragen. Dieſer fuhr fort: Der Kronſyndikus von Wittekind, den Sie nach ſei— nem ſchlimmen Rufe kennen werden, Fräulein, hat die Vormundſchaft vor zwei Jahren nur formell antreten können; ſie war einmal vom Grafen Joſeph, dem letzten der Dorſte⸗Camphauſen, ſo, ehrenhalber, für ſeinen Schwa⸗ ger beſtimmt und konnte, ohne dieſen vor aller Welt zu com⸗ promittiren, nicht zurückgenommen werden. Alt und ſchwach an Geiſt und Körper, hat er ſie jedoch factiſch ſeinem Sohne überlaſſen müſſen, dem Präſidenten— deinem Stiefvater! Ein ſo loyaler Unterthan wie dieſer bietet natürlich alles auf, ſowol etwaige Ideen vom Kloſter zu 92 unterdrücken, wie den der ganzen Anzweiflung an dem Rechtsbeſtande dieſer Familienanordnungen gewidmeten Scharfſinn meines Principals zu Schanden zu machen. Einſtweilen wohnt Paula auf ihrem Sitze Weſterhof und wird von dem Onkel und der Tante Armgart's ſo gehegt und gepflegt und geliebt, wie man bei uns zu lieben pflegt, Fräulein! Alles nur durch ein unendlich ſeelenvolles Schweigen und das gemüthvollſte Blos⸗ errathenlaſſen! Wenn die Leute bei uns achtzig Jahre alt geworden ſind und bald in die Grube geſenkt wer⸗ den, rufen ſie ſich noch erſt vom Todtenbett aus die vergeſſene Liebeserklärung nach. Gelebt haben ſie nach der Liebe, geſprochen davon nie. Nicht wahr, Hede⸗ mann? Als Sie noch für meinen ſeligen Vater Borken⸗ hagen bewirthſchafteten, ich glaube nicht, daß er Ihnen je ein: Ich danke! geſagt hat. Er hatte nicht Urſache dazu! erwiderte Hedemann. Unſere Abſchlüſſe waren ſchlecht genug! Ein kühler Lufthauch fuhr durch die Bäume, die den Friedhof begrenzten, und mahnte, dem Rufe des Wäch⸗ ters zu folgen, der die zehnte Stunde rief. Bonaventura ſtellte der ſo in alte und neue Verhält⸗ niſſe mit der größten Spannung einblickenden Lucinde zur morgenden zeitigen Abfahrt das bereits im„Stern“ beſtellte Gefährt nochmals in Ausſicht und bat ſie den Onkel zu grüßen; in einigen Tagen würden Geſchäfte auch ihn vielleicht nach Kocher hinaufführen. Benno begleitete Lucinden bis zum Stern. Er ver⸗ ſprach, ſich mit Hedemann derſelben Fahrgelegenheit zu bedienen und in der Frühe ſich bei ihr einzufinden. — nacht 93 Dann kehrte er ins Pfarrhaus zurück, wo er über⸗ nachtete. Während Lucinde auf ihrem Zimmer allein war und wieder die Pfauenfeder am Spiegel ſah und die kleinen Heiligenbilder, die über dem Bette hingen, in das ſie, wie ſie war, ſich legte; während ſie faſt übermüthig die Wonne genoß, wieder in der Nähe von Menſchen zu ſein, auf welche der Stempel des Ungewöhnlichen gedrückt war; während in ihr die einzige Aufgabe, der zu Liebe ſie noch überhaupt leben mochte, mit tauſend Stimmen rief: Bonaventura, ſammle dich in deiner Kraft! Werde mehr als nur der Pflegling dieſer alten Renate! Gedenke eines Zieles, das dir höher hinaus liegen ſollte als der Kirchthurm dieſes armſeligen Dorfes! Wie find' ich dich wieder! Im Beginn der Grämlichkeiten alle, an denen ihr armen Entſagenden allmählich zu Grunde geht! Noch wallſt du auf wie Petrus, der dem Malchus ein Ohr abhieb! Wie lange wird dieſe Tapferkeit dauern! Frau Renate wird dich vor jeder Abendluft ſchützen! Ihre Mädchen werden ſo viel braten und kochen und backen, bis du ihre köſtlichen Speiſen nicht mehr verdauen kannſt! Welche Thorheit, hier nur unter den Bauern, Fuhrleu⸗ ten, Steinklopfern ein Heiliger zu ſein, hier nur vor einem Gensdarmen den Bonifacius und Ambroſius zu ſpielen!... Und während ſie ſich dann vorkam, als müßte ſie einem neuen Gregor dem Siebenten ſeine Gräfin Ma⸗ thilde von Toscana werden, ſeine Feuerſeele, ſein Che⸗ rubswächter mit dem flammenden Schwerte... während⸗ dem rief Benno, vom Stern zurückkehrend, Hedemann und ſeinem Vetter, die zum Abſchiednehmen vor dem V 94 Schlafengehen noch auf ihn gewartet hatten, die kurze Charakteriſtik entgegen: Ja, das iſt ja wahrhaftig der lebendige Satan! Die wird in der Dechanei und in Kocher am Fall eine ſchöne Revolution anſtiften! Frau Renate ſchlief ſchon, ſonſt hätte ſie für das Wegputzen der Fliegenflecke und das Bedienenwollen in der Küche ſicher eine Revanche genommen, die kräftiglich mit eingeſtimmt hätte. Und doch, ſagte Bonaventura, indem er Hedemann ein Licht reichte, das beim aufgegangenen Mondſchein kaum noch nöthig war, um ihnen beiden in den obern Stock den Weg zum Fremdenſtübchen zu leuchten; doch glaub' ich, daß ſie für den, den ſie liebt, ins Feuer geht! Kein Wunder! rief Benno. Ihr Element iſt die Hölle! Armer Vetter! ſetzte er leiſer hinzu. Welchen Ver⸗ ſuchungen ſeid ihr Pfaffen doch ausgeſetzt! Das ſeh' ich ja ſchon— hier kommt ein alter Roman zu Tage! Bonaventura gab nur zur Antwort: Ich bin begierig, wie ſie mit dem Onkel fertig wird! Mit dem gewiß! erwiderte Benno. Ich glaube, dem gefällt ſie! Aber Tante Gülpen! Die gewöhnliche Probezeit beſteht ſie nicht vierundzwanzig Stunden! Alle drei Männer mußten lachen... Man trennte ſich in behaglicher Uebereinſtimmung. Benno und Hedemann ſollten zuſammenſchlafen oben in dem Fremdenſtübchen, deſſen ſaubere Betten ſchoön auf⸗ gedeckt waren... Während ſie hinaufſtiegen, ſagte Benno, aber ſo, daß 1 95 Bonaventura, der ihr Verſchwinden abwartete, es theil⸗ weiſe unten noch hören konnte: Nun glaub' ich an die ſieben Schwerter, die Arm— gart beim bloßen Begegnen an der Kapelle oben ſogleich aus ihr herausgehend gefühlt haben wollte, ganz wie Paula geſagt haben ſoll, als die Arme auf dem Streck— bett liegen und den fürchterlichen vollen Feuerſtrahl fühlen mußte, der von der Perſon über ſie aus⸗ ging! Und das alles muß man nun ruhig hinnehmen, blos weil ſie, hör' ich, eine Convertitin iſt, ein goldenes Kreuz auf der Bruſt trägt und wahrſcheinlich zu irgendeiner Erzſchweſterſchaft gehört! Wozu ſich un— ſere Kirche nicht alles hergeben muß! Wenn ſie nicht in der Lage wäre, ſchlaffe Gemüthlichkeit, die alles ge⸗ duldig hinnimmt und geſchehen läßt, aufrühren zu müſſen durch ſolche Weckhähne... Hedemann, daß wir mor⸗ gen früh nur die Zeit nicht verſchlafen! Hedemann nahm, da ſie inzwiſchen oben angekom⸗ men waren, wie Uniform, die Benno ausgezogen hatte, legte Brieftaſche und Geld heraus und verſicherte dem ſich Entkleidenden, mit dem Aufwachen zur rechten Zeit wäre keine Gefahr; ihm rauſchten die Räder ſeiner neuen Mühle und die Sorgen, die er ſich aufbürdete, genug im Kopfe... Und dabei verwechſeln Sie wirklich ſchon unſere Stiefel und ſtellen zwei Paare zuſammen, wie wenn jeder von uns immer halb mit den Beinen des andern liefe! Hedemann, der in der Nebenkammer ſchlief, hatte die Stiefel und Kleider vor die Thür geſtellt, damit die Magd in der Frühe alles fand und reinigte. 96 Benno, ſchon auf den Strümpfen, ſtellte die Paare in Ordnung, nahm noch einen von Hedemann vergeſſenen Brief aus der Taſche ſeiner Uniform, ſchloß die Thür, legte den Brief auf den Nachttiſch neben ſich zu Uhr, Geld und Portefeuille und ſagte mit herzlichem Tone: Freilich, ſo iſt's ja auch immer geweſen! Was wär' ich oyne Ihre Arme und Beine, Hedemann! Ich glaube, ich hätte alle ſchon gebrochen und auf mein kühles Grab ſetzten Sie ein Denkmal, das ich mir in Geſtalt eines Fragezeichens ausbitte, Hedemann, wenn Sie mich überleben ſollten, hören Sie? Der Friedhof hat mich ganz. melancholiſch gemacht! Warum ein Fragezeichen? fragte Hedemann, löſchte das Licht und wollte die Thür anlehnen. Laſſen Sie doch auf, Hedemann! Es iſt ſo dumpf und, ſtickig in der kleinen Stube! Warum ein Frage⸗ zeichen? Bin ich nicht ein verkörpertes Fragezeichen? Was ſagt das Kirchenbuch von Borkenhagen über mich? Haben Sie denn nachgeſchlagen, wie ich Sie gebeten? Ich ſagte gleich, daß da nichts zu finden iſt! Sie waren ſchou faſt ein Jahr alt, als Sie Ihr Vater aus Spanien mitbrachte! Aus Sevilla! Aus Sevilla! Wo die letzten Häuſer ſtehen... ſang Benno mit elegiſchem Humor. Dann fuhr er fort: Ich wundere mich nur, wie ein Zigeunerkind ſich ſo acclimatiſiren konnte! Sprach ich heute nicht von Buch— weizen, Haarrauch und dem Landesvater, wie wenn ich wirklich ein Aſſelyn wäre, kein Pſeudo⸗Aſſelyn, kein ur 97 unberufener Eindringling in die Wallhecken und Moore und Kampe eurer Ahnen! Sie ſind der rechtmäßige Sohn des weiland Erb⸗ und Gerichtsherrn zu Borkenhagen! Und ſein Erbe! Hedemann, daß ich doch nur den kleinen Tümpel geerbt hätte, der um unſere Hundehütte ging, Burg genannt, jene majeſtätiſche See, wo Sie mir die kleinen bewimpelten Schiffchen ſchnitzten, die ich durch die grünen Waſſerlinſen fahren ließ! Ich ahnte damals meine Reiſe nach Amerika! Und den Finkenfang, Hedemann, im Schlehdorn— buſch, wo Sie die prächtigen Schlagnetze legten! Ach, ich habe als Student ſpäter nie mehr aus einem Weich⸗ ſelrohr rauchen können, ohne nicht daran zu reiben und zu reiben und aus dem köſtlichen Geruch des Rohrs mir unſern Finkenfang wieder zu vergegenwärtigen! Graf Münnich hat ihn niederhauen laſſen... Und hätten uns die Gläubiger nur den einen großen Ebereſchenbaum gelaſſen, auf der Wolfshöhe! Wenn wir ſonſt dahin wallfahrteten, war's mir immer nur um die rothen Beeren zu thun und die Bank darunter war mir nur eine bloße Hülfe, um die ſchönſten Büſchel herunterzu⸗ kriegen und an die Mütze zu ſtecken! Später, als Stu⸗ dent, kam ich einmal wieder in die Gegend und wollte Freunde und ſogenannte Verwandte begrüßen. Da merkt; ich faſt, daß die Wolfshöhe mir nur eigentlich deshalb gefallen haben mußte, weil der künftige Herr von Aſſelyn⸗ Borkenhagen ſein ganzes kleines Königreich dort am ſchön⸗ ſten hätte überſehen können. Die herrliche Ausſicht! In weiter Ferne die Wälder! Aus ihnen herausblickend Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 7 98 Schloß Neuhof, golden wie die Landeskrone, Kloſter Himmelpfort, Witoborn mit ſeinem ewigen Armenſünder⸗ geläut... Werden Sie das denn aushalten, Hedemann? Meine Mühle überrauſcht es... Und rechts hinüber Weſterhof mit Paula und Arm⸗ gart, die damals Kinder waren und mich Vetter nann⸗ ten, den armen, abgeblitzten Herrn von Borkenhagen... Es war gerade Kirchweih im Ort... Eine Spielbande zog von den Bergen herunter; ein buckeliger Geiger voran...** Stammer! Der lebt noch! Bänder und Fahnen flatterten... alles war luſtig... im Wittekind'ſchen hatt' es ein großes Erntebier ge⸗ geben... es war damals kaum ein paar Wochen über die grauenvolle Geſchichte mit dem erſchlagenen Theilungs⸗ commiſſar hinaus... Der Alte vom Berge, der Kronſyndikus, läßt noch jetzt draufgehen, hör' ich... früher war er geizig genug... Gerade des Weges ritt der Landrath! Ich fragt' ihn nach dem Vorfall. Der wies mich ſchön zurecht! Wie ich den Herrn auf dem hellen Schloß da oben zu nennen wagen könnte... Das wollt' ich meinen, der„ſchöne Enckefuß“!... Nun aber ging ich in den vielgrünen Wald, an meinen Vogelherd— damals, Hedemann, ſtanden noch all die lieben hellen Buchen— am Ende der Wildſchonung lag der kleine Hof Ihrer Aeltern... Siez erzählten mir ja noch nichts von denen... Sie leben doch noch?... Hedemann antwortete nicht. 99 Benno ſprach vor ſich hin: Er ſchläft wol ſchon! Nach einer Weile des Schweigens hörte Benno ſeinen Nachbar laut aufſeufzen... Was ſeufzen Sie denn, Hedemann? fragte Benno, den inzwiſchen ſelbſt der Schlaf überkam. Als Hedemann nicht antwortete, ſagte er gähnend: Sie waren— damals in England— Amerika! verbeſſerte Hedemann. Amerika! untwortete Benno und legte ſich, um nun wirklich feſt einzuſchlafen. Doch ſprach er noch vor ſich hin, aber in einzelnen, unterbrochenen Worten: Sie ſind im Stande— und heirathen... als Müller Hedemann... die weiße Gipsitalienerin... na⸗ türliche Ideenaſſociation... Müllerin Biancchi... Hede⸗ mann... nicht wahr?... Ja, gute Nacht! erwiderte Hedemann, der ihn nicht mehr verſtanden... Benno's Empfindungen mußten noch eine lange Zeit gegen den Schlummer kämpfen. Seine Phantaſie verweilte auf den lachenden Bildern ſeiner Jugend, auf dem grünen Wolfshügel, unter dem Ebereſchenbaum und bei dem Rund⸗ blick in der Ebene von Witoborn. Sie hielt dann Stand bei Paula und bei Armgart. Armgart von Hülleshoven hatte er damals vor ſieben Jahren zum erſten mal geſehen. Sie war die Tochter des kürzlich aus England als penſionir⸗ ter engliſcher Oberſt zurückgekehrten Herrn Ulrich von Hül⸗ leshoven. Ihre Mutter war jene Monika von Ubbelohde, die die erſte geweſen, die einſt dem Kammerherrn Jeröme 7* 100 von Wittelind⸗Neuhof einen Korb gegeben. Die hatte keines Hundes, des Calfacters Türck, bedurft, der ihr erſt ein ſeidenes Kleid verderben mußte, wie Portiuncula von Tüngel⸗Appelhülſen, um von den Wünſchen der Fa⸗ milie ſich zu befreien. Aber da man es ihr, einer armen und völlig güterloſen Adeligen, mit den Anträgen und Vorſchlägen und Zwangsmaßregeln zu bunt und zu ge⸗ fährlich gemacht hatte, nahm ſie gleichſam„aus Deſpe⸗ ration“, wie damals die Leute ſagten, die die Rache des Kronſyndikus und ſeinen Einfluß auf zehn Meilen in der Runde und, wenn er wollte, noch etwas weiter hinaus, kannten, den jungen Offizier Ulrich von Hülles⸗ hoven, der gerade in der Stadt, wo Bonaventura's Aeltern lebten, in Garniſon ſtand und ihr den Hof machte, wie ihre Schönheit und ihr Geiſt verdienten. Dieſe Naturen erkannten ſich aber erſt nach geſchloſſener Ehe. Sie ſtießen ſich unheilvoll ab und als Monika eines Kindes, jener Armgart, geneſen und Ulrich gerade verſetzt worden war, erklärte die Gattin, ihm nicht folgen zu wollen. Sie ſelbſt hatte eine Schweſter, ihr Gatte einen Bruder. Jene hieß Benigna, dieſer Levinus. Auch dieſe gaben ein Paar, eines vielleicht mit klügerm Inſtincte. Sie liebten ſich ſchon lange, ſchon zehn Jahre vor dem Zeitpunkt, wo ſie Schwäger wurden durch die Verheirathung Monika's mit Ulrich, heiratheten ſich aber nicht. Levinus, ohne Vermögen, verwaltete die großen Güter des Grafen Joſeph, des letzten der Dorſte⸗Camp⸗ hauſen, während Benigna, die Schweſter Monika's, die intimſte Freundin der verſtorbenen Gräfin und Mutter Paula's, der Schweſter des Kronſyndikus, und die zehn⸗ ten. ner nika rade nicht ir inus. gern ahre die aber roßen Lamp⸗ 3, die 9/ Rutter⸗ b zehn⸗ 101 jährige Verlobte des Onkel Levinus in dem Stift Hei⸗ ligenkreuz, dicht bei Weſterhof und Witoborn, lebte. Beide Schwäger, empört über das Benehmen des jungen Ehepaars, riſſen wie nach einem Spruch des Femgerichts der rothen Erde das Kind deſſelben, ihre Nichte, an ſich und ſtraften mit der Vorenthaltung deſſelben den„unwür⸗ digen“ Vater wie die„unwürdige“ Mutter. Sie verſteck⸗ ten die kleine Armgart in Wälder und Schluchten, in Keller und auf Heuböden und vorenthielten ſie den beiden Ehe⸗ gatten, denen ſie es nur zurückzugeben erklärten, wenn ſie beide kämen Arm in Arm, in Liebe und Treue und Einig⸗ keit, frei von der Schmach einer ganzen Familie, frei von der Verletzung der Sitte des ehrbarſten Landes und tugend⸗ hafteſten Volksſtammes. Dieſe ſtandesmäßige, gleichſam altſächſiſche Bedingung erfüllten die Ehegatten nicht. Be⸗ ſeelt von gleichem Trotze, ſuchten ſie einer dem andern Armgart abzugewinnen, offen zu erobern, geheim zu ſtehlen ſogar... vergebens, Onkel Levinus und Tante Benigna hatten das ganze Furioſo, den ganzen Sturm, der über dieſe ſonſt ſo ſtillen, ruhigen, maßvollen Menſchen kommen kann, wenn eine Ueberzeugung ſie ergreift. Ihre Maßregeln waren ſo ſicher, daß ſie in der Jagd auf Armgart Sieger blieben und der Mutter, die nicht zu ihrem Manne wollte, dem Vater, der ſich der Gattin verſchloß, ein Kind vorent— hielten, mit dem ſie„nicht in die weite Welt gehen ſollten“. Levinus und Benigna gedachten ſich jetzt noch weniger zu verheirathen. In der Liebe zu dem Geſchwiſterkinde, das ſie erzogen, waren ſie bereits wie ehelich verbunden. Ulrich und Monika gingen verdüſtert und verbittert ohne das ihnen vorenthaltene Kind wirklich in die weite Welt. Zwölf 102 Jahre war Ulrich von Hülleshoven theils in England, theils in Britiſch⸗Canada Soldat geweſen, ihm zur Seite Remigius Hedemann, einſt in dem Regiment, in dem Ul⸗ rich exerciren gelernt, ſein Unteroffizier, dann ein tüchtiger Landwirth, der einen Verſuch machte, die letzten Beſitz⸗ thümer der verarmten Familie derer von Aſſelyn, die ſich vor mehr als hundert Jahren aus dem Frieſiſchen ins Land geheirathet, zu heben und dem dritten von drei Brüdern(die ältern waren Franz von Aſſelyn, der De⸗ chant, Friedrich von Aſſelyn, der Vater Bonaventura's), Max von Aſſelyn, Benno's Adoptivvater, in der Be⸗ wirthſchaftung derſelben beizuſtehen. Letzter Verſuch war nicht geglückt. Max von Aſſelyn ſtarb bald nach dem unglücklichen Ende, das Friedrich von Aſſelyn auf einer Schweizerreiſe in den Alpen fand. Hedemann, geſchätzt in allen dieſen ſo eng verbündeten Familien, folgte ſeinem militäriſchen Zögling, Ulrich von Hülleshoven, der als Premierlieutenant ſeinen Abſchied nahm, trug zwar nicht ſelbſt die engliſche Uniform in Quebec und am Lorenzoſtrom, war aber dem bis zum Oberſten Empor⸗ ſteigenden immer zur Seite und kehrte, mehr als ſein Freund, denn als ſein Diener, mit ihm nach Europa zurück. Zu Kocher am Fall, in der Nähe des gutmüthi⸗ gen, alle ſchroffen Gegenſätze dieſer Familie mit unend⸗ licher Güte und Milde ausgleichenden Dechanten zu St.⸗Zeno, einem alten, reich dotirten Stifte, einem der wenigen, die in ihrem alten Glanze durch die neuen Zeit⸗ läufe deshalb unberührt geblieben waren, weil der Kaiſer von Oeſterreich einen Theil der Patronatsrechte beſaß, ſiedelte ſich der Oberſt Ulrich von Hülleshoven zunächſt 103 an und man verſuchte nun von dort aus, ſoweit es der ſchroffe, düſtere und der Ausſöhnung wenig geneigte Sinn deſſelben geſtattete, die ſo gewaltſam zerriſſenen Familien⸗ bande wieder anzuknüpfen. Hedemann war nach Weſter⸗ hof und dem Inſtitut der Engliſchen Fräulein entſendet geweſen, um den Onkel Levinus und die Tante Benigna zur Ausſöhnung, Armgart aber zu einem Beſuch des Vaters, den ſie nie geſehen und der ſeinerſeits aufgeſucht ſein wollte, zu bewegen. Statt der Ausſöhnung und ſtatt Armgart's brachte Hedemann, der mit Benno von Aſſe⸗ lyn, dem von ihm faſt erzogenen Adoptivſohn des ver⸗ ſtorbenen Max von Aſſelyn, in der Reſidenz des Kirchen⸗ fürſten zuſammengetroffen und von dieſem nach Kocher am Fall auf dem Dampfboot und zu Fuß begleitet worden war, einen Brief der Lehrerin Angelika Müller an den Dechanten. Was er enthielt, wußten Hedemann und Benno nicht, der ihn für die Dechanei an ſich nahm. Als jener dem jungen Kinde geſagt hatte, der Vater nähme An⸗ ſtand, ſie in Lindenwerth ſelbſt zu beſuchen, ſo ſehnſüchtig er nach ihr verlangte, er wünſche und hoffe aber, daß ſie, wenn nicht ihn, doch den Onkel Dechanten, wie Franz von Aſſelyn in allen dieſen Familien hieß, beſuche; da hatte Armgart nichts erwidert als daß ſie zwar von namenloſeſter Sehnſucht zu ihrem nie geſehenen Vater erfüllt wäre, jedoch erſt mit dem Pfarrer zu Druſenheim in dem der Inſel Lindenwerth gegenüberliegenden Enneper Thale, dann mit den beiden Engliſchen Fräulein, dann mit Angelika Müller, dann vor allem mit ihren wahren Aeltern, Tante Benigna und Onkel Levinus, über einen ſo wichtigen Schritt Rückſprache nehmen müßte. Mit 104 ſchwärmeriſch andachtsvollem Emporblick hatte Armgart hinzugefügt: Auch meine arme Mutter hat Rechte auf meine Liebe und ich glaube nicht, daß meine Bitte für ſie zur ſeligſten Jungfrau unerhört an der Gnadenreichen vorübergeht!... Ihre Mutter, Monika von Hülles⸗ hoven, lebte zu Wien noch vor kurzem in einem Kloſter, in das ſie ſich, aus Unmuth, ermüdet vom Kampf mit ihrer Familie, entſagend ſelbſt auf das eigene, aus Strafe ihr geraubte Kind, vor zwölf Jahren zu einer Freun⸗ din geflüchtet hatte... Armgart begleitete bis an die Maximinuskapelle mit dem ganzen Inſtitute den guten Hedemann(der Wunderdinge von den Wilden und den Wäldern und Waſſerfällen Canadas, auch bei der Hin⸗ reiſe nicht oft genug eine große Rettungsthat des Va⸗ ters, die einem jungen, im Inſtitut durch Verwandte bekannt genug gewordenen Kaufmann aus der nahe ge⸗ legenen handelsreichen Reſidenz des Kirchenfürſten gegol⸗ ten, wiederholen konnte— auf der Rückreiſe war er ſchweigſamer geworden—); dort aber war ſie freilich von ihrer löblichen Abſicht, ganz und allein nur den Fragen nach Vater und Mutter zu leben, abgekommen; denn am Ufer und ſchon am vielbeſungenen Hüneneck ſah ſie Benno und den noch dazu zum erſten mal in Uniform! Benno war erſt als Student dem Kinde bekannt gewor⸗ den. Sieben Jahre ſpäter wurde er von Weſterhof aus gebeten, ſich um die nach Lindenwerth zu den Engliſchen Fräulein gegebene Armgart in ſorgſamer Obhut zu beküm⸗ mern; er wohnte dafür nahe genug in der Stadt, wo er bei Dominicus Nück, dem großen Rechtsgelehrten, arbei⸗ tete. Seit ſechs Monaten ſah er ſie faſt jeden Sonntag; —2— 105 heute aber zum erſten mal im bunten Rock, der alle Mit⸗ penſionärinnen an ihre Brüder und Vettern erinnerte. Da gab es Vergleiche, Erkundigungen, Erinnerungen für dieſe glückliche junge Welt und ſo viel wurde nach dem 40., 36., 22. Linieninfanterieregiment, nach den Jägern, Huſaren, Premier⸗, Secondelieutenants und Fähnrichen und der Dauer der diesmaligen Uebungen und den in einfachen Gemeinenuniformen ſteckenden Aſſeſſoren, Referendaren, Doctoren und Kaufleuten gefragt, daß das eine der bei⸗ den Engliſchen Fräulein, die das Inſtitut dirigirten, den Verluſt der Sammlung zur Andacht in der Kapelle be⸗ fürchtete und dann nur noch Armgart geſtattete, über ihre Familienangelegenheiten, dans ses affaires, wie ſie ſagte— ſie war eine Strasburgerin—, mit dem ſo ehrbaren oder doch ſeinen Humor unter Ernſt verſtecken⸗ den Freiwilligen ſich zu necken und auszuſcherzen. Dieſe Freiheit war dann auch vollſtändig von Armgart benutzt worden bis zum Abſchiede, den Lueinde geſtört hatte. Benno brauchte ſich nicht zu ſtolz zu dünken auf Arm— gart's Vertraulichkeit. Sie liebte im Grunde nur ein Weſen, ihre für ſie ganz ſeraphiſche, immer nur wie in Marienkränzen, die durch weiße und rothe Wolken gin⸗ gen, eingerahmte Paula. Benno ſah das aufs neue an der augenblicklichen Erkennung eines Weſens, von dem ihr Paula nur erzählt hatte! Von ihrer eigenen An⸗ weſenheit auf Schloß Neuhof wußte ſie nichts mehr— Hühner und Tauben und Schwäne und türkiſche Enten konnten in Armgart's Seele nicht haften bleiben, das mochte geringere Naturen feſſeln. Armgart hatte im Stift Heiligenkreuz eine faſt klöſterliche Erziehung genoſ⸗ — — 106 ſen. Frühzeitig hatte dieſe auch ſie zur Traumwandlerin gemacht; nicht ſo, wie man bei Gräfin Paula in Wirk⸗ lichkeit gefürchtet, daß ſie's bis zum Wandeln im Schlafe bringen könnte— ſeitdem ſie das Streckbett verlaſſen, waren der Hochſchlaf und die Sehergabe entſchwunden— nein, nur figürlich; Armgart ſah auf jeder Wolke einen Heiligen ruhen, ſah in jeder Blume einen Elfen ſchlum⸗ mern, ſprach mit dem Monde, mit der Welle, mit dem Steine, womit nicht alles, ohne doch darum dem Lachen und Necken abgeſchworen zu haben! Es war ein Duft um Armgart her, ſoviel Unwiderſtehlichkeit, daß Benno ſie auch bis zum Erobernmüſſen geliebt und angebetet haben würde, wenn ihn nicht zwei Mächte zurückgehalten hätten. Einmal die Freundſchaft für den jungen reichen Kaufmann Thiebold de Jonge, dem in Canada Arm⸗ gart's Vater und Hedemann das Leben gerettet hatten und der, jetzt in ſeine Vaterſtadt, die Reſidenz des Kirchenfürſten, zurückgekehrt, zu Armgart von einer wahrhaft leiden⸗ ſchaftlichen Liebe verzehrt wurde. Dann aber zweitens die tiefſte Verſtimmung über ſein eigenes Lebensſchickſal ſelbſt, die dunkeln Anfänge ſeines Daſeins, mancherlei Erfah⸗ rungen von früheſter Jugend her, das bittere Gefühl, immer nur durch Andere und Fremde erhalten worden zu ſein und eine darauf ſich gründende Welt⸗ und Lebens⸗ auffaſſung, die eine völlig negative und alles, was be⸗ ſtand, in Nichts auflöſende war. Auch die Religion war ihm Menſchenwerk. Wenn Benno gegen Grützmachern opponirt zu haben ſchien und von den Vorkommniſſen innerhalb ſeiner Kirche mit warmer Theilnahme ſprach, ſo war es nur aus politiſchen Gründen und um der Ab⸗ neig ſyſte träu ihm ———,— 107 neigung gegen das ganze damals herrſchende Regierungs⸗ ſyſtem willen. Während Benno ſchon von der lieblichen Armgart träumte, noch ehe er entſchlief, glaubte Hedemann nach ihm rufen zu hören. Er richtete ſich auf und ſagte: Hedemann! Wünſchen Sie noch etwas? Hedemann murmelte nur... Wieder drückte Benno ſeinen militäriſch kurzgeſchorenen, „ihm ſelbſt wie nicht angehörenden“ Kopf in die Kiſſen. Waren aber auch ſeine Augen bald geſchloſſen, ſo gaukelte doch Armgart vor ihnen, wie wenn ſie wachten. Armgart hatte die Elaſticität des Rehes und ſchelmiſch ſtanden ihr vorzugsweiſe drei Dinge. Am Kinn ein Grübchen; zwei wunderlich ein wenig hervorſtehende Zähne, die man nur dann nicht ſah, wenn der Mund ganz feſt geſchloſſen war, die aber ſonſt immer ein klein wenig mit ihrem blendenden Email hervorblitzten; drittens die weder römiſche noch grie⸗ chiſche, ſondern weit eher ſtumpfe, aber höchſt ſchelmiſch ge⸗ ſchwungene Naſe. Ihre Augenbrauen waren ſo dunkel wie das Haar, auch die Augenſterne dunkelbraun mit ſchwarzen Punkten... Und nun tönten immerfort die dummen Worte, wie:„Hören Sie doch, Benno!“ oder„Was meinen Sie, Aſſelyn?“ oder„Sie Vaterlandsverthei⸗ diger, was glauben Sie, gibt es Krieg?“ oder„Warum wollen Sie denn nicht General werden?“ oder„Was? In unſerer Armee gibt es keinen einzigen katholiſchen Oberſten?“ oder„Wie ſieht mein Vater aus?“ oder„Ich ſticke ihm einen Cigarrenbecher, aber ſagen Sie ihm nichts, Benno!“ geradezu wie Muſik in ſein Ohr, bis er jetzt 108 wirklich eingeſchlafen wäre, wenn er nicht den wunderlichen Hedemann nun allerdings noch ganz laut hätte reden hören. Hedemann hielt ſein Nachtgebet. Doch wußte er dabei ſchwerlich, daß es Benno hören konnte. Hedemann ſprach: O du mein Herr und Heiland! Erleuchte meinen Sinn und laß mich wandeln, wie dir wohlgefällig iſt! Thu abe von mir die Werke der Finſterniß und laß mich kämpfen den guten Kampf des Glaubens! Benno ſagte ſich: Den haben die Engländer ſchön in der Mache gehabt! Nun entſchlief auch er... Die Sonne ſchien ſchon hell auf ſein Lager, als er erwachte. Er ſprang auf und fand das Lager ſeines Mit⸗ ſchläfers in der Kammer bereits leer. 7 Seine Kleider hingen ſchon gereinigt vor ihm über einem Stuhl... Raſch ſchlüpfte er in ſie hinein und ſtaunte beim Waſchen und Haarbürſten über die Unruhe im Orte. Er kannte doch die tägliche Lebensordnung in St.⸗ Wolfgang und erkundigte ſich durch ein Hinabrufen im Hauſe nach der Urſache der Bewegung. Von Hedemann, der ſchon fertig angezogen eintrat, von Renaten, die hinter dieſem her ihn ſchon lange mit dem Frühſtück zu erwarten erklärte, erfuhr er, daß wirk⸗ lich in der Nacht der Friedhof entweiht worden war. Grützmacher hatte Recht gehabt! Man hatte das Grab aufgegraben, den Sarg heraufgezogen, ihn er⸗ 109 brochen, die Leiche geradezu hinausgeworfen und gierig das Stroh durchwühlt, auf dem ſie gebettet geweſen. Von einer ganzen Bande ſprach man und von ge⸗ fundenen Schätzen und Grützmacher war dem Knechte nachgeritten, der Lucinden geſtern geführt hatte, und an⸗ dere waren den Italienern nach, die die Nacht in einem Orte eine halbe Stunde weiter campirt hatten, und der Ortsgensdarm Müller war von Stockhofen drüben be⸗ reits requirirt worden und alles, hieß es, forſche und jage und ſuche und renne... St.⸗Wolfgang war in wildeſter Bewegung und wie im Aufruhr. —₰ Wo iſt mein Vetter? rief Benno von Aſſelyn, eilends die Stiege hinunterſpringend, und vergegenwärtigte ſich den Schmerz, den Bonaventura über ein ſolches Ereigniß auf dem Friedhofe ſeiner Kirche empfinden mußte. Er erfuhr ſogleich, daß Bonaventura auf dem Fried⸗ hofe die Ordnung ſchon wieder äußerlich hergeſtellt hatte und mit dem Schulzen des Ortes eine genaue Darſtel⸗ lung der Vorgänge, wie ſie auf dem Friedhofe gefunden worden waren, eben ſchriftlich aufſetzte. Gern hätte ihm Benno beigeſtanden, aber Hedemann, ein alter Soldat, erinnerte ihn, daß er heute Nach⸗ mittag Schlag fünf Uhr in Kocher am Fall zum Appell auf dem Marktplatze ſtehen müßte. Der beſtellte Wagen fuhr auch ſchon aus dem Stern vor. Von Lucinden hieß es, ſie würde ſogleich zur Hand ſein; ſie hätte geſagt, man ſollte nur erſt die Herren abholen. Benno entſann ſich ſeiner militäriſchen Pflichten. Hatte er doch heute ſchon die weiße Weſte ausgelaſſen. Aber Bonaventura mußte er wenigſtens einen Augenblick ſprechen! ein 111 Er eilte auf den Friedhof und fand den Vetter in der Sakriſtei der Kirche beſchäftigt mit den Anordnungen einer noch im Laufe des Vormittags von ihm bezweckten neuen Einſegnung der entweihten Begräbnißſtätte. Bonaventura war nicht nur von dem Fall an ſich aufs heftigſte erſchüttert und von der Hoffnung, der Thäter würde nicht zu ſeiner Gemeinde gehören, in der größten Aufregung, ſondern er war es noch mehr von einigen Gegenſtänden, die man, als dem freventlich er⸗ brochenen Sarge in der That entfallen, ringsumher zer⸗ ſtreut gefunden hatte... Mit dem allen fand ihn Benno ſo beſchäftigt, daß er von ſeinem Freunde gebeten wurde, ſich in der Fort⸗ ſetzung ſeiner Reiſe nicht ſtören zu laſſen. Bonaven⸗ tura ſetzte mit der ganzen Erregung einer Natur, die in nervöſer Anſpannung zu leben nicht gewohnt iſt, hinzu, daß er nach der vollzogenen Sühne der heiligen Stätte und einer Predigt, die er zur Erſchütterung der Herzen, vielleicht zur Entdeckung des Thäters halten müſſe, wahrſcheinlich den Abend noch ſelbſt in der Dechanei ein⸗ treffen würde. Einmal, ſagte er, handelte es ſich um eine Anzeige beim Amte in Kocher, dann aber vorzugsweiſe um einige Andenken an ſeinen unvergeßlichen Vater, die ſich denn alſo wirklich in dem Sarge vorgefunden hät⸗ ten... Andenken, über welche er mit dem Onkel, dem Dechanten, zu ſprechen die Zeit nicht erwarten könne. Freund, dich macht der Vorfall krank! Beruhige dich! rief Benno.⸗ Erzähle nichts dem Onkel! erwiderte der Pfarrer. Du kennſt ſeine Abneigung gegen alles, was aufregt... 112 Benno mochte nicht länger forſchen, worin die ge⸗ fundenen Andenken an den Vater beſtanden. Er wußte, daß dieſe Gedankenverbindung um ſo mehr Trübſinn in dem reinen und kindlichen Gemüthe Bonaventura's wecken mußte, als ſich dieſer ſeit einiger Zeit die Meinung ge⸗ bildet hatte, ſein Vatex lebe noch. Bonaventura hatte ſich dieſe Meinung mit um ſo ängſtlicherer Ungeduld ge⸗ bildet, als er ſogar vorausſetzte, der Vater wäre frei⸗ willig aus der Reihe der Lebenden geſchieden, nur um ſeiner Mutter möglich zu machen, ſeinen jetzigen Stief⸗ vater, Herrn von Wittekind⸗Neuhof zu heirathen. Wenn er dann gedachte, daß die Kirche die Ehe, auch die un— glücklichſte, auch die ſeit Jahren auf einer gegenſeitigen Unfähigkeit, die Leidenſchaften zu unterdrücken, beruhende und unmöglich gewordene in keiner Weiſe freigäbe und löſte, ſo hatte ſchon Bonaventura geglaubt, ſein Vater hätte ſich den Schein des Todes gegeben, nur um zwei Menſchen glücklich zu machen, die auf eigenthümliche Art und, wie er aus den Erzählungen der alten Renate ſich entnehmen zu müſſen glaubte, keine mehr zu vermeidende Weiſe in die engſte Beziehung gekommen waren. Sie⸗ ben Jahre waren ſeitdem vergangen. Jetzt erſt kamen ihm dieſe Zweifel, jetzt in verſtärkterer Gewalt. Benno kannte ſie und mochte ſie um ſo weniger wecken, als ſie mit den wichtigſten und zarteſten Lebensfragen im Ge⸗ müth des ſeinem Berufe ſo begeiſtert hingegebenen Prie⸗ ſters zuſammenhingen und ſchon oft Gegenſtand von Diffe⸗ renzen zwiſchen ihnen beiden geweſen waren. In der ſichern Hoffnung, ihn vielleicht ſchon am Abend beruhigter in der Dechanei wiederzuſehen, nahm er Abſchied, ſetzte ſich 113 in den Wagen, mit dem Hedemann auf den Friedhof nachgekommen war, und fuhr, um Lucinden abzuholen, nach dem Stern. Auch dieſe war von der Meldung des in der Nacht Vorgefallenen nicht wenig überraſcht geweſen. Sogleich fragte ſie nach dem Gensdarmenwachtmeiſter. Dieſer war ſchon unmittelbar nach dem Lärm, der beim erſten Morgendienſt des Meßners entſtanden war und das Frühläuten zum Stuxmläuten gemacht hatte, auf die Landſtraße hinausgeſprengt, dem Knechte nach, der ſie geſtern gefahren hatte. Man behauptete, daß der Knecht die Nacht im Stall geſchlafen, lange Licht gehabt hätte und ſich eines Spatens aus dem Garten des Wirths⸗ hauſes bedient haben müßte, den man nicht finden konnte. Die herkuliſche Kraft, die zu der Ausführung des Fre⸗ vels gehörte, ließ ſich ihm zutrauen. Nun gab das einen Schwung der Spannung und Er⸗ regung! Lucinde wuſch und erfriſchte ſich ſo ſchnell, als könnte ſie einen Auflauf verſäumen. Ehe noch die Mägde ihre Oberkleider, Hut und Schleier gelüftet und ent⸗ ſtäubt hatten, war ſie ſchon mit dem ſchnell geordneten Kopfe aus dem Fenſter. Der Zweiſpänner, eine ſtatt⸗ liche Chaiſe, ſtand ſchon vor dem Hauſe, ein Kutſcher klatſchte, Hedemann und der Freiwillige grüßten. So zeitig ſchon? rief ſie zum Fenſter hinaus und zog ihre ſtehen gebliebene kleine Taſchenuhr auf, ſtellte ſie nach dem glänzenden Zifferblatt des Kirchthurms, hing ihr Kreuz um und drängte zur Eile. Nur Milch trank ſie, etwas ſchwarzes Brot aß ſie dazu und nach einigen Minuten, obgleich Benno von Aſſelyn einmal Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 8 —y—õ— 114 um das andere hinaufrief: Uebereilen Sie ſich nicht! neu ſtand ſie unten am Wagen. fal Nachdem ſie vor der Hausthür ihre Zeche berichtigt hatte, ſtieg ſie an der Hand Benno's ein. Hedemann üt ſaß auf dem Bock neben dem Kutſcher, der dem Stern 8 angehörte. Für fremde Herrſchaften war er ein Poſtillon, K für diejenigen, die unter der Taxe reiſten, blieb er in ſeinen gewöhnlichen Kleidern; heute aber hatte er ſein Horn zu ſich geſteckt und blies luſtig mit hinein in b das allgemeine Juchhe. Es koſtete das Strafe, hörten es die Gensdarmen. Grützmacher aber und Müller jagten dem Leichenräuber nach. d Nein! rief jetzt Lucinde, an die Erzählung der Vor⸗ m fälle ſogleich anknüpfend. Mein Kutſcher wär' es ge⸗ weſen! Ich glaub' es nicht! Ich wette, der Thäter war Herr Grützmacher ſelbſt! Er hat dem Pfarrer zeigen wollen, daß die Polizei nicht an Phantaſieen leidet! So gefällig auch Benno war, ihr den Vorfall in aller Ausführlichkeit mitzutheilen, verſchwieg er doch ſeines Vetters perſönliche Aufregung durch die gefundenen Er⸗ innerungen an deſſen Vater. Lucinde warf dem Dorfe und dem Pfarrhauſe einen langen hoffnungsvoll ſeligen Abſchiedsblick zu... Hedemann ſchaute unverwandt in die Ferne. Wie wenig er auch glauben konnte, daß die Italiener an dem Frevel betheiligt waren, bekümmerte ihn doch die Be⸗ läſtigung, der die friedlichen Paſſagiere ausgeſetzt ſein konnten. Allmählich gab ſich auch der Poſtillon ſowol mit dem Blaſen zufrieden, wie mit ſeinen Mittheilungen über den I -— 115 neu erſt im Weißen Roß eingetretenen Knecht, den Vor⸗ fall mit der Stallaterne und dem Spaten, der fehlte... Lucinde ſchlug, da der Staub zunahm, ihren Schleier über und forderte Benno auf, ſeinen Cigarren zuzuſprechen. Sie war in ihrem Leben von Jeröme, vom Kronſyndikus, Klingsohrn, Serlo genug„ eingeräuchert“ worden. Benno folgte ihrer Erlaubniß, indem er ſagte: Mein Onkel, der Dechant, iſt galanter! Sie werden bei ihm von Tabackrauch nie beläſtigt werden! Wie alt iſt der Dechant? fing ſie nach einer Weile an. Ah, ah! erwiderte Benno. Wie alt! Fragen Sie das nie in der Dechanei! So alt wie Methuſalem iſt er nicht, aber ſo jung auch nicht, wie— von der guten Frau von Gülpen, die nun ſchon dreißig Jahre ſeine Wirthſchaft führt, ſeine Geburtstage numerirt werden! Dreißig Jahre? unterbrach Lucinde. Eher mehr als weniger! erwiderte Benno. Und zu Hedemann hinaufrufend, fuhr er fort: Nicht wahr, Hedemann, als Sie vor zehn Jahren nach Amerika gingen, ſchwankte der Onkel um das Ende der Sechziger herum? Er müßte demzufolge jetzt ſiebzig ſein! Aber ich will nicht gut dafür ſagen, daß nicht Frau von Gülpen ſeine nächſte Geburts⸗ oder Namens⸗ tagstorte nur mit ſechzig kleinen Wachsendchen beſteckt! Lucinden machte der Name„Gülpen“ in Verbin⸗ dung mit einer Geburtstagstorte einen faſt märchenhaf⸗ ten und in der Wirklichkeit kaum möglichen Eindruck. t Frau von Gülpen, fragte ſie, nicht eine Ver⸗ wandte, die ſich Frau von Buſchbeck nennt? Benno verſicherte, dieſen Namen nie gehört z zu haben. 8 —— 116 Hedemann! rief er; hat die Tante eine Verwandte, die ſich Frau von Buſchbeck nennt? Lucinde ergänzte: Eine Schweſter vielleicht? Hedemann oben zuckte die Achſeln. Das Jahr 1809, wo ihre ehemalige Peinigerin von ihrer Lebenshöhe geſtürzt ſein ſollte, lag über die Er⸗ innerungen der ſie umgebenden Generation hinaus. Benno drückte am Wagenſchlag die Aſche ſeiner Cigarre ab und ſagte ironiſch: Wir ſind vielleicht an eine zu große Anzahl von Verwandten unſerer verehrten Frau von Gülpen ge⸗ wöhnt!... Ihre Nichten wenigſtens... Nicht wahr, Hedemann, die Nichten der Tante— Erſtes Kennzeichen Ihres Onkels, ſchnitt Lucinde die zweideutige Anſpielung auf den Deckmantel für die weib⸗ liche Bewohnerſchaft einer geiſtlichen Wohnung ab— Erſtes Kennzeichen alſo Eitelkeit! 4 Eitelkeit? ſagte Benno. Vielleicht auf ſeine weißen Hände! Und doch nicht! Dieſe Selbſttäuſchung über den Geburtstag gehört zu des Onkels Philoſophie! Zweites Kennzeichen: Philoſophie! Welche Philo⸗ ſophie? Die, welche dem Dr. Laurenz Püttmeyer zu Eſchede noch immer nicht den Hegel'ſchen Lehrſtuhl und Fräulein Angelika Müller einen Mann verſchafft hat? Sie ſind unterrichtet! lachte Benno. Nein, keine von unſern Haarrauch⸗Philoſophieen, die die Dogmatik trigonometriſch beweiſen wollen und zuletzt doch an einem Breve des Papſtes zu Grunde gehen, wie die da, die ſeit ein paar Tagen auf unſerer Univerſität drüben zu leben aufgehört hat! Allerliebſt, wie in unſere ſchöne 117 deutſche Kunſt und Wiſſenſchaft hinein ein ſolches römi ſches Kapitel ſein„Kannichverſtan“ hineinſprechen und ſogleich ſo in ihr herumwühlen und aufräumen darf, wie hoffentlich jetzt die Bauern von St.⸗Wolfgang nicht unter den Götterbildern des guten Napoleone auf⸗ räumen... Sehen Sie nichts, Hedemann? Nichts!... war die Antwort des zuweilen ſeine zuſammengelegte Hand wie ein Perſpectiv gebrauchenden Gefährten. Napoleone erzählte mir, der Dechant liebe die An⸗ tike! fuhr Lucinde fort. Ein Sohn Ihrer Heimat und ein Liebhaber der Kunſt?... Indem rief Hedemann einige Bauern an, die eilends des Weges kamen. Sie waren aus St.⸗Wolfgang und ſagten aus, daß bei den Italienern nichts gefunden wurde, was auf ihren Antheil an dem nächtlichen Verbrechen hätte ſchließen laſſen können. Wie mag man die Armen beläſtigt haben! ſagte Lucinde nach einer Weile und ſummte, da Benno über die von ihr angedeutete Unvereinbarkeit ſeiner zweiten Heimat mit dem Schönen in Nachdenken verfiel, vor ſich hin die Worte Mignon's: Es glänzt der Saal, es ſchimmert das Gemach, Und Marmorbilder ſtehn und ſehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, gethan! Für den da oben ſcheint allerdings Porzia zur Mignon geworden! flüſterte Benno und deutete auf Hedemann, der über die Unſchuld der Italiener Zeichen der größten Genngthuung gab. ’ 118 Die Gegend gewann inzwiſchen einen beſtimmter aus⸗ geprägten Charakter. Man befand ſich auf der Abſen⸗ kung eines großen Thalbeckens, das viele Meilen weit ſich in wellenförmigen Senkungen und Erhöhungen hin⸗ zog bis zu den Gebirgen, die Deutſchland von Frank⸗ reich trennen. Der Naturforſcher kennt dieſe Gegend als eine, die ihre urweltlichen Bildungsformen nicht ver⸗ leugnet. Graue Baſaltkegel ſtehen oft in der Mitte die⸗ ſes Hügellandes als Reſte vulkaniſcher Ausbrüche. Ein⸗ ſam ragen die abgeſtumpften Felsgeſtalten, von dünnem Zwergholz überwachſen. Oft ſteigen ſie ſchroff bis zu den ſchärfſten und dann und wann mit einem Kreuz gezierten Spitzen hinan. Von einem höhern Punkte geſehen iſt der Fernblick meilenweit, aber er iſt nicht mehr wohl⸗ thuend durch Saatengrün und lichthelle Waldungen, das Land wird unfruchtbar und wie von Steinen überſtreut. Vulkane müſſen hier einſt einen feurigen Hagelregen aus dem glühenden Innern der Erde geſchleudert haben. Bei einzelnen etwas grünen Stellen, aus denen ein Kirch⸗ thurm hervorragt, kann man immer annehmen, daß ſich dort das ſtete unterirdiſche Sieden und Kochen auch an einer wohlthätigen Quelle verkündigt, deren Waſſer an Ort und Stelle zum Baden dient, erkaltet in Krügen weiter ins Land geführt wird. Kleine Seen finden ſich viele; deſto weniger Bäche. Der einzige größere iſt jener„Fall“, an welchem Kocher liegt, eine von jenen uralten, ſchon in die Römerzeit zurückreichenden Städten der ſagen- und erinnerungsreichen Gegend. Hatte man weniger den zuletzt vom Hundsrück und den Ardennen begrenzten düſtern Höhenblick, ſo fehlte 119 es abwärts in den Keſſelthälern nicht an Abwechſelung. Die Cultur hatte dem ſteinigen Boden abgerungen, was dieſe nur an Fruchtbarkeit, wenn auch nur für Gerſte und Hafer, irgend hergeben wollte. Und belebt war bei alle⸗ dem die Gegend doch. Selbſt auf der Landſtraße be gegnete man, außer Landbewohnern, Soldaten, die wie Benno ſich beim Stabe einſtellen mußten, manchem Geiſt⸗ lichen zu Fuß, manchem im Wagen; des Verbeugens vor Heiligenbildern und vor offenen Kirchthüren wurde faſt kein Ende und ſelbſt vor einer Proceſſion mußte der Wagen halten. Jetzt nach der Ernte begannen die Wall⸗ fahrten zu manchem wunderthätigen Gottes⸗ oder Heiligen⸗ bilde. Auch war man ziemlich nahe ſchon jener hochbegna⸗ deten Stadt, die den heiligen Rock des Herrn ſelbſt beſitzen will und allerdings die älteſten Märtyrer und Heiligen auf⸗ zuweiſen hat, ja die den heiligen Athanaſius einſt be⸗ herbergte, als er aus Aegypten vor den Arianern floh. Die Zeit war herangekommen, wo gerade des Athana⸗ ſius' Andenken lebhaft erneuert werden ſollte; mancher hohe Würdenträger, ja der Kirchenfürſt der Provinz ſelbſt eiferte ihm nach. In einem Dörfchen wurde gefüttert. Als man gegen zehn Uhr weiter fuhr, fiel es auf, daß die Reiſewagen mit höhern Geiſtlichen ſich mehrten... Benno erinnerte wiederholt daran, daß in Kocher eine geheime Verabredung ſollte getroffen werden, der ſelbſt Dominicus Nück, ſein Principal, nicht fremd war. Er meinte jenes Rütli, auf dem Bonaventura als Tell fehlen durfte, ob Lucinde gleich, zur Mehrung ihrer Er⸗ regung, allmählich vernommen hatte, daß der Pfarrer 120 vielleicht doch noch dieſen Abend gleichfalls in der Dechanei eintreffen und ſo ſich ſchon ſobald ihr ſeliges Hoffen er⸗ füllen könnte, wie oft— wie oft Ihm nahe zu ſein!. Mit dem Steigen der Sonne wurde es ſchwüler und ſchwüler. Gegen elf Uhr kündigte ſich ein Gewitter an. In der Gegend von Kocher her lagerten ſich ſchon dunkle, tief graublaue Wolken... Benno fing allmählich an in ſeiner ſchroffen Be⸗ urtheilung Lucindens nachzulaſſen. Einzelne ihrer Rede⸗ wendungen, das Mitleid mit den Italienern, die vor einigen Stunden faſt mit Rührung geſprochenen Goethe'⸗ ſchen Verſe hoben ihm immermehr ihre Erſcheinung. Da ſie die ſchwüle Luft beſtimmte, den Schleier zurückzulegen, ſo muſterte er mit geringerer Abneigung auch ihren heute faſt vornehm ſich gebenden äußern Eindruck. Läſſig und wie hingegoſſen lag ſie in der Ecke des Wagens. Der ſchot⸗ tiſche Mantel war ihr von den Schultern geglitten und ſo krampfhaft auch der jetzt eingeſchlagene kleine Sonnen⸗ ſchirm von ihr auf die grauen Zeugſtiefelchen, die den kleinen Fuß bedeckten, geſtemmt wurde, der Eindruck war der der Ruhe und faſt einer höhern Ergebung. Ge⸗ ſtern hatte ſie von der Anſtrengung und Ermüdung der Reiſe älter ausgeſehen als ſie war. Heute gab ihr eine geringere Röthe des Antlitzes, ja ein wachsbleicher Teint etwas Vergeiſtigtes. Die langen ſchwarzen Wim⸗ pern bedeckten die unruhigen Augen. Die Athemzüge wurden erſichtlich aus der hoch ſich hebenden Bruſt. Es war wie ein Hauch über ihr ganzes Weſen gekommen, der ihre Formen anſchwellen und ſie in plaſtiſcherer Voll⸗ kommenheit erſcheinen ließ. — nei 121 Benno ſpielte mit ſeiner Cigarre den Gleichgültigen und war es ſchon lange nicht mehr. Er ſah hierhin und dorthin und gab ſich, wie abſichtlich, den Schein der Ge⸗ wöhnlichkeit und proſaiſchſten Nüchternheit; dennoch hielt er bei alledem den Gedanken feſt: Wenn ſie ſich nur nicht rührt! Wenn ſie nur in dieſer Stellung verharrt, die Augen, die kalten, nicht aufſchlägt, nicht redet, ganz ſo bleibt, wie ſie daſitzt, faſt liegt, träumeriſch, ohne Be⸗ rechnung, ohne Koketterie und Bewußtſein von ihrem ſich mehrenden Reize! Lucinde merkte aber ſchon das Intereſſe, das ſie einflößte. Leiſe blitzte unter den Wimpern ihr Auge. Faſt ſeitwärts ſchielend ſah ſie auf. Die Magie des Ein⸗ drucks war zerſtört. Woran dachten Sie eben, Fräulein? fragte Benno erſchreckend vor einem ſo immer in Thätigkeit verbleiben⸗ den Verſtande. Lucinde blieb in ihrer hingegoſſenen Stellung, rückte und rührte ſich nicht, ſenkte die Augen und ſagte: Ich ſehe Bilder vor mir, die mir Mignon und der Harfner weckten... katholiſche Bilder... Malen Sie ſie aus! Benno blies den Dampf ſeiner Cigarre fort. Ich ſehe ein Schloß und ſehe Menſchen... die ganz wie in Mondſchein getaucht ſind... Ein ſchöner Park umgibt das altmodiſche Gebäude... Es hat epheubewach⸗ ſene Thürme und Galerieen... Kleine Buchsbaum-⸗ und Taxushecken ziehen ſich unter den Fenſtern hin Springbrunnen rieſeln... Pfauen ſchlagen ihre ſchönen Räder... Bildſäulen lauſchen verſteckt aus Jasmin⸗ 122 und Geisblattbüſchen... Dazu ertönt vom Söller die mal Mandoline... Ein Pilger ſchlägt ſie... Auf der Al⸗ de tane werden von einer Dame Lieder geſungen aus einem L alten Pergamentbuch... ein Mönch, der Liebling und R Erzieher des Hauſes, ſteht hinter ihr und ſchlägt die li Noten um... Und wenn dann fernher die Glocken in klingen oder ein Jäger im Walde ein Ritornell verhallen T läßt, geht alles zur Ruhe... Nun ſteigen die lieben Englein nieder... Die kleinen bausbackigen Jungen tc ſchleppen Violinen und große Contrabäſſe herbei... ſie ſe muſiciren und das ſo, daß die Fröſche mit Jubel ein⸗ fallen, die Heimchen mitſchrillen... Alles neckt ſich... Blume und Käfer... bis endlich die Sonne am fernen Horizont mit roſigen Streifen ſich ankündigt... Will⸗ 6 kommen o ſeliger Morgen... Alles blitzt im Thau... es läutet zur Meſſe... dann Wagengeraſſel... es kommen vornehme Abbates und Prälaten... die Kinder des Hau⸗ ſes ſpielen mit ihnen nach der Andacht, ſpielen ſelbſt mit dem Strick des Franciscaners, der am Abend die Noten umſchlug, und laſſen ihn Pferdchens ſpringen. dazu ſummen die Bienen, ſchwirren die Käfer... und wenn bei Tiſch auch noch ſoviel Wein aus ſchönen hochgeſpitzten bunten Gläſern getrunken wird und braun⸗ glänzende Braten hoch aufgetragen werden, wie in den Bildern des Paul Veroneſe... es geht doch heilig und weltlich immer in eins... die Reſte des Mahls und Wein, dieſen in einer hohen ſtrohumwundenen Flaſche, ſchickt man dem frommen Eremiten Federigo unter den Eichen von Caſtellungo, der dafür die Kinder mit Bildchen beſchenkt, die er in ſeiner einſamen Hütte —— die Al⸗ inem und die ocken allen leben ngen . ſie ein⸗ 123 malt... oder ſie das ſchwere, wie Steine raſſelnde Deutſch lehrt, wenn es zufällig Kinder eines italieniſchen Conte ſind... oder ihnen in ſeinen hohlen Eichen Rendezvous vermittelt, wenn ſie größer werden und ver⸗ liebt ſind... Doch ſehen Sie nur, unterbrach ſie ſich in ihrer Schilderung plötzlich ſelbſt; es gibt wirklich ein Wetter! Sie Glückliche, lachte Benno, Sie können Ihre Phan taſie zu Hülfe nehmen, wenn nicht alles auf der Dechanei ſo zutrifft, wie Sie's ſich gedacht und ausgemalt haben! Ganz recht, beſtätigte Lucinde, eben die Dechanei, die dacht' ich mir ſo... mutatis mutandis— Mutatis mutandis? wiederholte Benno und ſah ſie, erſtaunend über ihr Latein, an. Ich meine die Kindex... Verſtehe! Verſtehe! Es trat eine Pauſe ein, in der Lucinde den Triumph genießen konnte, ſich ſagen zu dürfen: Du kalter, eingebil⸗ deter junger Menſch, glaubteſt mich ſo über die Schul— tern anſehen und nach den Ausſagen der alten Renate, Grützmacher's und wer weiß, ob nicht auch deines ſo grauſamen, ſo tugendkalten und mich glücklichunglücklich machenden Bonaventura beurtheilen zu können! Und auch Benno fühlte vollkommen, was ſie dachte. Nach einer Weile ſagte er: In der Hauptſache werden Sie es wirklich ſo in der ſchönen Dechanei finden! Sie könnte allerdings ganz in ein Gedicht von Clemens Brentano paſſen! Selbſt die Pfauen fehlen nicht! Noch mehr, der Onkel hat einen alten Diener, dem er geſtattet in den Sternen zu leſen... 124 Das iſt ſchlimm für ſeine Teller! unterbrach ſie. Aber? 8 Frau von Gülpen.... gro Frau von Gülpen? ver Benno zuckte die Achſeln und deutete an, daß mit ſch dieſem Namen die in Kocher am Fall zu erwartende Poeſie ein Ende hätte. lic Lucinde verſtand dieſe Geberde. Mit tiefſchneidender ri Ironie ſagte ſie: no Alſo Frau Renate die Zweite! ho Und wie ſie dann hinzufügte: O Männer! Män⸗ m ner!... ſo war dies doch ein Ton, als hätte Benno auf— ſpringen müſſen, ihre Arme zu faſſen und ſie niederzu⸗ da drücken mit den Worten: Schwaches Weib, glaubſt du denn D allmächtig zu ſein?... Es war der Glutenſtrom, den Arm⸗ gart geſtern aus ihr herausgehen gefühlt hatte, der Glu⸗ ä tenſtrom, unter deſſen Gewalt vielleicht die Gräfin Paula[ vergangen wäre, wenn ſie nicht Bonaventura durch ihre W Entfernung gerettet hätte; aber auch der Glutenſtrom wieder, der ihm ſympathiſche Naturen heben und zum Gefühl der Unſterblichkeit hätte beleben können und von dem ſich trennen zu müſſen einſt Klingsohrn zur Ver⸗ zweiflung brachte. Zum Glück für Benno's ſich mehrende Aufregung gab es Zerſtreuungen am Wege und bald auch kühlte er ſich ab durch Lueindens rückkehrende Koketterie. Sie ſprach von Armgart und verrieth ihre Abſicht, ihren Begleiter zu Vergleichungen zu veranlaſſen. Nun war es aber doch wie eine ſanfte Muſik, die über Benno ſich ergoß, als er Armgart ſo nennen hörte. Mit jener ironiſchen Schärſe, die ſeinen Zügen nicht bitter oder gar fanniſch wie Klings⸗ 1925 125 ohrn, nicht elegiſch wie Serlo ſtand, ſondern die eine große Anmuth in dem männlichen, edelgeformten Antlitz verbreitete, die ſchönſten Zähne zeigte und den Augen eine ſchelmiſche Gutmüthigkeit lieh, ſagte er: Lieber Himmel, mein Fräulein! Sind Sie denn wirk⸗ lich ſchon ſo alt, daß Sie ſich an Armgart's Jugend ewig rächen zu müſſen glauben! Laſſen Sie doch die Kleine noch ſo kindiſch ſein wie ſie iſt! Hedemann, wie oft haben Sie ihr die Rettungsthat aus Canada erzählen müſſen? Hedemann wandte ſich und ſagte, er ſelbſt hätte das nur einmal gethan, aber Herr de Jonge wol ein Dutzend mal. Herr de Jonge! fuhr Lucinde, die Bennon über ſeine Aeußerung nicht zürnte, fort. Wer iſt Herr de Jonge? Ein Reiſegefährte des Herrn Hedemann? Erzählen Sie! Wir genießen das Gefühl, noch im Trockenen zu ſitzen! Sehen Sie nur dort drüben, oberhalb der ſchwarzen Berge, wie es da ſchon niedergießt! In Kocher am Fall! beſtätigte Benno mit nachdenk⸗ lichem und zerſtreutem Tone. Alſo, Herr Hedemann! Die Rettung aus Canada! Wer iſt Herr de Jonge? Sie werden ihn vielleicht in der Dechanei finden! erwiderte Hedemann und um gleichſam auf dieſe Art der Erzählung überhoben zu ſein. In der Dechanei? Um ſo mehr müſſen wir auf ihn vorbereitet ſein! Wer iſt gerettet worden? Wer hat gerettet? Erzählen! Erzählen! Dieſem Humor ließ ſich nicht widerſtehen... 126 Benno zündete ſich eine neue Cigarre an und begann: Das beſte Schiffsbauholz— Hedemann hielt ſich auf dem Bock die Ohren zu, als wollte er ſagen: Dieſe tauſendmal wiederholte Ge⸗ ſchichte! Ich kann ſie nicht wieder hören! Das beſte Schiffsbauholz, fuhr Benno mit um ſo größerm Nachdruck fort... Die Cigarre war noch nicht im Gange... Das beſte Schiffsbauholz— wiederholte Lucinde, um gleichſam den Faden feſtzuhalten... Bieten die Urwälder Canadas! Sie wiſſen doch, Fräulein, wo Canada liegt? Lucinde dachte an ihre Langen-Nauenheimer Wand⸗ landkarte und zeigte mit dem Sonnenſchirm feſt und ſicher nach Weſten hinaus. Mutatis mutandis! bemerkte Benno... Es konnte heißen: Wer Latein kann, weiß auch das! Oder: Da ſo herum iſt allerdings richtig, aber Amerika beſteht nicht aus Canada allein! Das beſte Schiffsbauholz, fuhr er fort, bieten die Urwälder Canadas, und die bequemſte Gelegenheit, es auf dem Lorenzoſtrom und von da ins Weltmeer und nach England, und Holland zu transportiren, findet man bei den vielen Nebenſtrömen des Lorenzo durch die furchtbaren Fälle derſelben. Ich weiß nicht, ob ſich unſer Freund Thiebold de Jonge, Sohn der großen Handels⸗ und Holzfirma„De Jonge's Erben“ drüben in der Reſidenz des Kirchenfürſten, auf dem St.⸗ Moritzſtrome quer über die tauſendjährigen Eichen ſetzte und mit ihnen Aℳ die drei⸗ bis fünfhundert Fuß ſtürzenden Fälle hinunter⸗ c, 27 3 ſchwamm in ſeinen carrirten ſchottiſchen Inexpreſſibles; nur ſo viel iſt geſchichtlich bekannt geworden und in Lin⸗ denwerth der abendliche Geiſterſpuk, wenn die Engliſchen Fräulein über die Lectüre des„Telemaque“ einnicken, daß eines Tages, Sonntags, nicht wahr, Hedemann?... Sonntags... antwortete dieſer kopfſchüttelnd... Eines engliſchen Sonntags alſo, wo die Engländer auch in Canada daheimſitzen und keine Landpartieen aus Quebec oder Three Rivers in jene Gebirge hinauf ma— chen, aus denen der St.⸗Moritz mit den tauſendjährigen Eichen der Firma„De Jonge's Erben“ niederſtürzt— zwei ſo melancholiſche Hypochonder wie der Oberſt von Hül⸗ leshoven und ſein Freund und Rathgeber da, Remigius Hedemann aus Borkenhagen bei Witoborn, nach Montreal wollten oder nach Isle de Jeſus, wo man noch eine gute und richtige römiſche Meſſe zu hören bekommen kann in dem abtrünnigen ketzeriſchen Amerika... Hedemann ſchüttelte den Kopf... Nicht? fuhr Benno fort. Sieh! Sieh! Euch denuncir' ich doch noch der Inquiſition! Ihr kommt mir beide ſchon lange ſo vor, als wenn Ihr in den alten Wäl⸗ dern, wo die Indianer dem„großen Gotte“ ſealpirte Menſchenköpfe zum Opfer bringen, heiligere Schauer verſpürt haben wollt als in unſerer alten borkenhagener Dorfkirche! Schämt Euch! Steigen die beide da nun herum über die Felswände in der Nähe des kleinen Paterſon⸗ ſees und träumen von vergangenen Tagen und künf⸗ tigen engliſchen Halbſoldpenſionen. Da ſehen ſie plötz⸗ lich einen jungen luſtigen Dandy gerade unter dem letzten Sturz des St.⸗Moritz herumhüpfen, wie wenn ————— 128 er hätte eine von den Töchtern der hochmögenden Frau Walpurgis Kattendyk zum Tanze führen wollen! Die reichſte Familie drüben in der Reſidenz des Kirchen⸗ fürſten, Fräulein! Keine Ausſchmückungen! ſagte Lucinde. Der Oberſt, fuhr Benno fort, zeichnet gerade den maleriſchen Sturz, Hedemann raucht eine transatlantiſche Originalcigarre, da verſchwindet plötzlich der Tänzer und beide wiſſen nicht, war es ein abſichtlicher oder unabſicht⸗ licher Entrechat, nach dem die beiden Firnißſtiefel plötzlich aufhörten in der Sonne zu glitzern. Von einem Hülfe⸗ ruf konnte nicht gut die Rede ſein, denn der St.⸗Moritz donnert dort zwar nicht wie der Niagara, ſpricht aber doch immer noch vernehmlicher als unſer immer zahmer und kleinlauter werdender Rheinfall bei Schaffhauſen... (ob man ſich gleich auch noch jetzt bei dem in der Taxe für die Ueberfahrt verhören und drüben einen Franken zahlen kann, wenn man hüben nur auf einen halben bedungen zu haben glaubt). Ringsum, wie ge⸗ ſagt, engliſcher Sonntag! Man wußte, daß in einem Orte Namens Forges eine Colonie von Flößern wohnt, die jedoch auf keine ſonntägliche Waſſerpartieen begierig ſchien und daheim trotz der Hitze vielleicht irgendeinen ſoliden Gin⸗Punch braute. Nur jenen einen Tänzer hatte man be⸗mg 8 merkt. Da er nicht wieder zum Vorſchein kam, wurden unſere Menſchenfeinde denn doch ein wenig unruhig, und der ärgſte aller Timone, dort unſer Hedemann, beliebte zu äußern: Wenn nur das Bürſchchen nicht in den Sturz gefallen iſt! In den Sturz nämlich, von dem man die ganze Ausdehnung von dem Orte, wo ſie ſich befanden, 2 F 2 129 nicht überſehen konnte! Man macht ſich nun allmählich auf, klimmt empor, erreicht den Rand der Felſen, durch die der St.⸗Moritz ſich hindurchdrängend in einen Keſſel nieder⸗ ſtürzt, aus dem hochauf eine rieſige Schaumkrone ſich erhebt und dann pfeilgeſchwind weiter gleitet dem Lo⸗ renzo zu. Sie entdecken da nichts. Alles ſtill; nur wilde Vögel fliegen quer über den Sturz, deſſen Schaumtropfen hoch hinaufſpritzen, daß die Dinger wie taumelnd mit benetzten Flügeln das Weite ſuchen... Da plötzlich ent— deckt Hedemann's ſcharfes Auge unten an einem Felſen⸗ vorſprung eine Mütze, eine ſo elegante, wie ſie nur Herr Thiebold de Jonge getragen haben konnte. Nun ſtand es feſt, daß der Tänzer verunglückt war. Zu ſehen war nichts. Man rief engliſch, deutſch, franzöſiſch. Keine Antwort. Aber die Mütze lag da auf der Felſenkante und erſt von dieſer an konnte man ſenkrecht in die Tiefe blicken. Nun wuchs die Beſorgniß. Sie ſteigerte ſich mit dem immer gleichen Donnern und Ziſchen der aufſpritzen⸗ den weißen Strudel, die ihr Opfer verſchlungen hatten, wenn der Geſtürzte nur einen Fuß breit von der Fels wand weiter entfernt lag und ſich im Niedergleiten nicht an der Wand irgendwie noch hatte halten können. Wer ſtieg die Wand zuerſt hinunter, Hedemann? Der Oberſt! Erzählen Sie ſelbſt, Herr Hedemann! unterbrach jetzt Lucinde. Herr von Aſſelyn, ſcheint es, brodirt die Ge ſchichte, wie wenn ſie in den Exercices des ſtrasburger Engliſchen Fräuleins geſtanden hätte zum Ueberſetzen ins Deutſche! Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 9 ———— 130 Da Benno es des drohenden Näherkommens der aus zwei Richtungen heraufziehenden Gewitter wegen für ge⸗ rathen halten mußte, vorläufig das Hinterdeck der Chaiſe aufzuſchlagen, wobei ihn der Quaſi⸗Poſtillon hinunter⸗ ſpringend unterſtützte, ſo nahm Hedemann nach Benno's Ausdruck nicht nur die Leine, ſondern auch den Faden der Erzählung auf und berichtete ſchmuckloſer. Er erzählte, daß anfangs der Oberſt und er, beide zu gleicher Zeit, den Entſchluß gefaßt gehabt hätten, ſich gegen⸗ ſeitig unterſtützend bis zu dem Vorſprunge niederzuſteigen, wo die Mütze lag. Freilich war damit ſchon Lebensgefahr verbunden, doch rollte kein Steinchen von der faſt ſenkrecht niedergehenden Felsmauer. Bedenklich wäre ſchon das Wagniß geweſen, ſich nur überzubeugen und weiter in die Tiefe zu ſehen. Der Oberſt hätte das aber gethan, während Hedemann, ſich mit den Fingern in die Wand einbohrend, ihn krampfhaft gehalten. Lautlos hätte er nach erſtem Bekämpfen des Schwindels ſich wieder zurückgelehnt und nur mit dem Kopfe genickt, als könnte ſchon der Schall der Worte die Kraft haben, die ſchmalen Steine, auf denen ſie ſich hielten, loszubröckeln. Mit Lebensgefahr wäre man emporgeklommen und nun hätte der Oberſt berich⸗ tet, daß ein junger Mann dicht am Rande des toſenden Sturzes anſcheinend todt läge. Er wäre dann gerettet worden.. Was? Wie? fuhr Benno auf. Wer erzählt ſo! Zerſchmettert vom Niederſturz, fuhr er mit patheti⸗ ſcher Stimme fort; zerſchmettert vom Niederſturz konnte der Verunglückte nicht geweſen ſein, denn der Fall war dicht an der Felswand entlang; ein Beweis, daß der —— Gefallene anfangs die Beſinnung behalten hatte und an der Felswand niedergeglitten war. Unten aber konnte die Erſchöpfung, ja ſchon der Luftdruck des niederſtürzenden Fluſſes, der bereits an dem kleinen Pavillon zu Lauffen beim Rheinfall den Athem benehmen kann, ihn vielleicht nicht mehr zur Beſinnung kommen laſſen— Sie mußten wol, fragte Lucinde zu Hedemann, wie zu einer authentiſchern Quelle hinauf, nach jener Co⸗ lonie, wo die Holzſchläger wohnten? Sehr richtig, mein Fräulein! ſagte Benno. Eine halbe Meile, und des beſchwerlichſten Weges! Es vergingen drei Stunden, bis man an der einzigen Stelle, wo die Rettung möglich war, mit Stricken, Leitern und Stangen ankam. Der Schrecken war nicht gering in der Colonie. Der junge reſpectable Herr Thiebold de Jonge hatte dieſen Spaziergang auf eigene Hand gemacht, während zwei Commis, ein Diener und einer der beſten Holzmeſſer des Geſchäfts, der die jungen Leute auf dieſer Gewinn ver⸗ ſprechenden Unternehmung begleitet hatte, in der Nie⸗ derlaſſung zum Studium canadiſchen Gin⸗Punſches zurückgeblieben waren. Die Verzweiflung derſelben ver⸗ dreifachte die Anſtrengungen, die man zur Rettung machte, und doch würde ſie nicht gelungen ſein, wenn das ſchwie⸗ rige Anbringen der Leitern, der Stricke und Stangen nicht von den beiden tapfern Soldaten geleitet worden wäre. Der Oberſt war der erſte unten. Der Ver⸗ unglückte lebte noch. Er war allmählich von einer Betäubung erwacht, um mit Schaudern zu gedenken, daß er, wenn ihn niemand hier aufſuchte, des elendeſten Todes hätte ſterben müſſen. Eine Stunde verging in die⸗ 9* ſer grauenvollen Vorſtellung. Sein Rufen verhallte im Waſſerſturze. Endlich kam Rettung. Sie war ſchwie⸗ rig, aber ſie gelang, wie Sie heute noch an meinem Freund de Jonge ſehen werden. Sie gelang auf fol⸗ gende Art. Erſtens... Genug! Genug! ſagte Lucinde und wandte ſich an Hedemann: Das gab gewiß eine glückliche Scene! Des Dankes? Der Rührung? Im Gegentheil! ant⸗ wortete pathetiſch für dieſen Benno. Unſere zwei Söhne der Moorheide enthüllten nur oberflächlich ihr Incognito, nahmen vor zwei Jahren den gleichgültigſten Abſchied von ihrem ewigen Schuldner, nicht einmal einen ſchönen Gruß beſtellten ſie durch ihn nach Borkenhagen oder Weſterhof oder Kocher am Fall. In QOuebec erfuhr der Gerettete die Namen des deutſchen Oberſten und ſei⸗ nes nicht im activen Dienſte ſtehenden Gefährten; er wollte ihre Rückkehr in Garniſon abwarten, aber ſein Schiff war„klar“, er reiſte ab mit Hinterlaſſung einer Menge von Dankſagungen und Geſchenken. Erſt hier in Europa ſahen ſie ſich zufällig in der Reſidenz des Kirchenfürſten wieder. Heute in Kocher am Fall bei dieſem Wolkenbruch werden ſie ſich an die Strudel des St.⸗Moritzfluſſes zurückverſetzt fühlen! In der That brach jetzt das Wetter auch über die Reiſenden mit furchtbarer Gewalt aus. Man bot Hedemann an, daß auch das Vorderverdeck aufgeſchlagen würde und er ſchleunigſt hereinkäme. Hedemann öffnete aber nur den Soldatenmantel Benno's und lehnte einen Aufenthalt um ſo mehr ab, als ein in der Nähe liegendes Wirthshaus bei ſchnellem ⁸ n le 8 8 133 Zufahren ſofort erreicht ſein konnte. Dort wollte man Raſt halten und den Wagen vollends verſchließen. Das Wirthshaus lag an einem Kreuzpunkte mehrerer Landſtraßen. Immer größer wurde die Zahl der ſich eilenden ſol⸗ datiſchen Kameraden, die in Bluſen und Kitteln gen Kocher zogen. Manche Bekanntſchaft gab es in der jähen Flucht der ſich Bergenden mit winkender Hand zu grüßen. Auch der Major der Gensdarmen, unter dem Grützmacher ſtand, wurde auf einem Gaule dahin⸗ jagend erſichtlich... Von der nördlichen Straße kam ein geſchmackvolles Reiſecoupe herangeſprengt... Zwei Uniformen ſaßen darin, die aus dem Wagen ſich vor⸗ beugten, eine, die einem Offizier, eine andere, die, wie Benno, einem Gemeinen angehörte.... Letzterer ſprang in dem Gedräng an dem Wirthshauſe noch vor dem Offizier heraus.... Und wie faſt zu glei⸗ cher Zeit auch das Gefährt aus St.⸗Wolfgang anhielt und der Soldat den im triefenden Mantel ſitzenden He⸗ demann erkannt hatte, kam er zu dieſem herangeſprungen, ihm die Hand zu ſchütteln und ihn faſt zu umarmen. Jetzt hielt ein Diener in Livree einen Regenſchirm über dem Soldaten— ein wunderlicher Contraſt zu ſeiner Jacke als Gemeiner. In dem Durcheinander des Erkennens, deſſen Reihe nun auch an Benno kam, des Vorfahrens, der Begrüßungen da und dort, des aus dem herabgelaſ⸗ ſenen Schlage Hinausſpringens und unter das ſchützende niedere Dach Eilens auch von Seiten Lucindens war ihr vernehmbar und erſichtlich geworden, daß der neue An⸗ kömmling Herr Thiebold de Jonge war. ——— 134 So eilig ſie in die dumpfe, von Menſchen überfüllte Wirthsſtube lief, ſah ſie doch, daß der am Waſſerfall von St.⸗Moritz Gerettete eine ſchlanke Geſtalt von leb⸗ hafter Beweglichkeit und dreiſten und gefälligen Formen war. Er trug helle Glacehandſchuhe, Firnißſtiefel, eine Piquéweſte unter der nur am obern Knopf geſchloſſenen Uniform vom feinſten Tuche und eeine carrirte Reiſe⸗ mütze, wie ſie mehr einem reiſenden Engländer als einem Landwehrmann angehören konnte. In der Wirthsſtube ſah man Soldaten, Bauern, Viehtreiber, Hauſirer, Geiſtliche, alles was der Regen nur hereinfegte. Lucinde hörte bald, daß der Vorfall mit dem Grabe in St.⸗Wolfgang ſchon allgemein bekannt gewor⸗ den war... Major Schulzendorf erörterte ihn draußen mit den eben Angekommenen und dem Landwehroffizier, dem Begleiter Thiebold's... Hedemann war inzwiſchen verſchwunden. Ohne Zweifel ſuchte er die nicht ſichtba⸗ ren Italiener auf. Daß ſie zugegen waren, ſah Lucinde an ihrem ausgeſpannten Wagen vorm Hauſe. Angegriffen von der Fahrt, erregt von allen neuen Mittheilungen und Eindrücken, faſt erſtickend von der Schwüle des kleinen Saales und betäubt von den lär⸗ menden Stimmen der vielen Menſchen, ſtand ſie am Fenſter. Die Blitze warfen über die ganze Ebene hin ein magiſches Licht. Seltſam glänzte und ſtrahlte das graue Geſtein der vulkaniſch zerriſſenen Gegend. Ihre Begleiter kamen nicht in den Saal und ſie ſelbſt mochte ſie nicht aufſuchen. Sie erfuhr, daß es bis Kocher nur noch eine halbe Stunde zu fahren war. Schon nach kürzer Zeit hatte im Regen der Kutſcher 4 85. 7 4 3 ¹ 135 den Wagen draußen ganz geſchloſſen, wie ſie am Fenſter „ſtehend beobachtete. Die Pferde wurden nicht ausgeſpannt und Lucinde konnte annehmen, daß ihre Begleiter ſofort weiter zu fahren wünſchten. Doch kamen ſie lange nicht zurück... Sie wartete und wartete... Es verging faſt eine halbe Stunde. Endlich ließen ſich draußen ſchon die Italiener ſehen. Auch der Regen hörte auf. Die Wolken theilten ſich. Die Italiener ſchienen an ihre Weiterreiſe zu denken. Lucinde trat jetzt aus dem Saale hinaus, wo ſie ſo lange am Fenſter ſinnend und träumend geſtanden hatte. Sie ſuchte nach ihren Reiſegefährten, die ſie ſo auf⸗ fallend vernachläſſigten... Eben war ſie im Begriff, den Alten, Napoleone Biancchi, zu grüßen, als ſie, unter dem Thorwege ſtehend, nach dem Hofe und Garten zu einen lauten Wortwechſel und plötzlich aufs allerheftigſte eine Stimme: Hedemann! rufen hörte. Sie wandte ſich. Mehrere andere folgten ihrem Bei⸗ ſpiel. Einige der Hauſirer ſprangen hinzu nach der Ge⸗ gend hin, wo der Ruf hergekommen war. Das war ja Benno's Stimme! ſagte ſich Lucinde. Wie ſie dem Beiſpiel der andern folgend ſich wandte, um dem Hofe zuzueilen, kreuzte ihre Schritte, wie auf der Flucht, leichenblaß und mit furchtentſtellten Zügen, Porzia... Ihr jüngerer Bruder Catone lief hinter ihr her und trug ihren Hut, der ihr entfallen geweſen ſchien. 136 Trug dieſe Begegnung ſchon den Charakter eines Mo⸗ ments— denn ebenſo ſchnell war Porzia verſchwunden und auf dem Wagen bei ihrem ſtaunenden Vater und ihrem ältern Bruder, der ſchon die Peitſche in der Hand hielt—, ſo war der Anblick, der ſich allen nun ſchnell herbeigekommenen Beobachtern im Hofe darbot, wie die plötzliche Verſteinerung der lebendigſten Scene. Der Hof und Garten gingen in Eins... Unter der Kegelbahn ſchienen die Italiener ein einfaches Mahl ge⸗ halten zu haben... Auch vom Hauſe aus konnte man in die Kegelbahn eintreten, wo man einen gedeckten Tiſch ſah... Hedemann, Benno, Thiebold de Jonge und der Landwehroffizier bildeten eine charakteriſtiſche Gruppe... Hedemann's breitkrämpiger Sommerhut lag auf dem naſſen Boden im Garten draußen, er ſelbſt ſtand wie wuthſchnaubend und wie zum Angriff... Benno vor ihm, ohne ihn zu berühren, doch in der Geberde, die den gewaltigen Ruf: Hedemann! begleitet haben mußte... Thiebold de Jonge ſtand ſchützend vor dem Offizier, dem ſeinerſeits die Mütze gleichfalls entfallen war und ein plötzlicher Schreck alle Farbe geraubt hatte.. Wie die Menſchen neugierig herzugelaufen kamen, riß Benno den in jeder Ader zu einem Angriff gerüſteten Hedemann in den hintern Garten. Er folgte gelaſſen jetzt wie ein Kind und willenlos und nur noch das eine Wort kam allen hörbar von ſeinen bebenden Lippen: Herr— von— Enckefuß! 8 Jede Silbe war betont... in jeder Schwingung der wenigen Worte lag die Andeutung, als wollte er ſagen: Wir beide kennen uns doch wol? — — 137 Ein Aufenthalt in der Beurtheilung und Vermuthung über alles das war nicht möglich, denn Thiebold de Jonge trällerte ſoeben laut eine Arie und zog den Lieutenant, wie wenn nichts vorgefallen wäre, gleichſam tänzelnd fort. Er führte den Erſchrockenen, der ſeine Mütze aufhob, auf einem anderg Wege gleichfalls in die grünen Ge— büſche hinaus... Bald kam Benno, der Lucindens anſichtig geworden war, aus einem, wie man ſah, mit den lebhafteſten De⸗ monſtrationen geführten Geſpräch mit Hedemann nach vorn und ſagte zu Lucinden: Beſtes Fräulein! Sie werden gutthun, lieber allein vorauszufahren! In der Dechanei kommen Sie gerade noch zu einem Mahle an, das heute zu Ehren der frem⸗ den Geiſtlichen ſtattfindet! Eilen Sie! Sie finden den Onkel und die Tante dann im beſten Humor! Wir an⸗ dern— wir bleiben noch eine Weile zurück— Gelegen— heit, ſehen Sie, gibt es genug nach Kocher am Fall und mein Abſteigequartier iſt ohnehin nicht in der Dechanei, ſondern ſeitwärts in einem kleinen Weinberge, den der Oberſt bewohnt! Aber Hedemann?... fragte Lucinde forſchend und um ſo theilnehmender, da ſie der Name„von Enckefuß“ an die alten düſtern Begegnungen ihres Lebens, an den Rittmeiſter, den„ſchönen Enckefuß“, erinnerte... Fährt mit uns oder geht nach dem Regen lieber zu Fuß... Sehen Sie nur, dieſer. Thonboden ſaugt eine Ueberſchwemmung ein, ſo durſtig iſt er! Adieu, Fräu⸗ lein! Heut Abend oder morgen in der Dechanei! Viel, viel Glück! 138 Dieſe Willensäußerung und Verabſchiedung waren zu beſtimmend. Benno begleitete ſchon Lucinden an den Wagenſchlag und half ihr mit Artigkeit einſteigen. Ehe ſie ſich noch geſammelt hatte, ehe ſie nur ihre Frage: Aber was iſt denn nur vorgefallen? ansgeſprochen, fuhr ſie ſchon von dannen. Eine Aufklärung konnten die Italiener geben. Dieſe aber hatten ſchon eine andere der vielen hier ſich kreu⸗ zenden Straßen eingeſchlagen, nicht die, auf welcher ſie nun ſelbſt nach Kocher fuhr. Vom Kutſcher konnte ſie nichts Anderes über den Vorfall erfahren, als daß jener Herr von Enckefuß aus der Reſidenz des Kirchenfürſten und zu den Landwehr⸗ übungen kam wie alle andern. Bald aber glaubte ſie den Vorfall ſo zu verſtehen: Der Offizier verfolgte Porzia, Hedemann trat dazwiſchen, ein Wortwechſel entſtand, ein Streit, Benno aber hielt Hede⸗ mann zurück, einem Offizier in Uniform eine Beſchimpfung anzuthun, die dieſen hätte zwingen müſſen, vielleicht Hede⸗* mann zu— durchbohren. In dem Ton, wie Hedemann den Namen: Herr von Enckefuß! gerufen, lag eine Andentung, daß ſie ſich kennen mußten. Was hinderte ſie, anzunehmen, daß ſie dem Sohne des„ſchönen Enckefuß“ begegnet war, deſſelben Landraths und Freundes des Kronſyndikus, vor dem ſie ſelbſt oft genug ebenſo, wie jetzt Porzia, entflohen war? Nach einer halben Stunde, gegen halb zwei Uhr, ſah ſie am Rande eines eigenthümlich geformten, ſchroffen, faſt Ko rihre ochen, Dieſe kreu⸗ er ſie den aus wehr⸗ Der 5 ein Hede⸗ pfung Hede⸗ Herr eſich daß war, dikus, orzia, Uhr, offen, 139 faſt ſargähnlichen, dunkeln Bergrückens das Städtchen Kocher am Fall. Eine hohe Kuppel mit vier Thürmen ringsum gehörte ohne Zweifel dem Dom von St.⸗Zeno an.. Auf ihrer Bruſt wurde es ſchwerer und ſchwerer, je mehr ſie hinüberblickte zu der Kathedrale, die mäßig hoch auf einer terraſſenförmig ſich erhebenden Anhöhe lag. Dieſe kleine Anhöhe beherrſchte auf dieſer Seite die Stadt, während auf der andern der düſtere Sarg des Gebirges lag. Jetzt fuhr ſie auf gekieſelten Wegen durch ſmaragd⸗ grüne, vom Regen funkelnde Wieſen; dann lenkte der Wagen in Baumalleen ein, die von geſchnittenen Hecken durchbrochen wurden... Unmittelbar um ein im Quadrat liegendes kleines Schloß zwar nicht ſo phantaſtiſchen, wie ſie in ihrer Viſion geſehen, doch gefälligen alten Geſchmacks zogen ſich Blumen⸗ und Gemüſegärten... alles hatte einen vornehmen, ſehr gepflegten Anſtrich.... Das Schloß war mit mancher Bildhauerarbeit geziert. An der Pforte, wo zwei gewaltige Karyatiden einen Balcon mit einſt vergoldet geweſenem Eiſengitter trugen, fuhr der Wagen an, ohne ſogleich empfangen zu werden. Der Kutſcher mußte abſteigen und klingeln. Es ſcholl weithin wie mit doppelten Zügen, die den Klang der erſten Glocke nach einer zweiten über⸗ trugen. Ein alter freundlicher Diener in weißen langen Haa⸗ ren— wahrſcheinlich der in Ausſicht geſtellte Sternſeher— 140 erſchien, ſpitzte klug die Augen, orientirte ſich, lächelte wohlwollend und fein und öffnete den Schlag. Er hatte eine Serviette über dem Arm, zum Be⸗ weiſe, daß man im Hauſe mit dem Diner beſchäftigt war. die ente —————— 6. Am Nachmittag deſſelben Tages ſtehen weit geöffnet die Flügel eines an der andern und gerade der Pforte entgegengeſetzten Seite der Dechanei befindlichen hohen Fenſters. Dicht beſchattet ſind ſie von den Zweigen einer Linde, die ſich von den faſt mühſam durch das Laub hindurch⸗ dringenden Strahlen der wieder am blauenden Himmel hervorgetretenen Sonne die naſſen Zweige und Blätter trocknen läßt. Die Vögel zwitſchern, Käfer, die an den Simſen und in den Cannelirungen des Hauſes vor dem Regen ihre Zuflucht geſucht hatten, ſummen wieder, und wirk⸗ lich trottet ein Pfau unterm Fenſter über die unten rings hinlaufenden feuchten Sandſteinvlieſen und wiegt und hebt den bunten Schweif, faſt wie um ihn nicht naß werden zu laſſen und ganz wie eine Dame ihre Kleider ſchont. Sähe man nicht da und dort ein heiliges Emblem, am Eingang des engern Parks ein Marienbild, am Ausgang zur Kathedrale hin ein Crucifix, unter den 1 3 5 142 Stuccaturen an dem Hauſe eine ehemals vergoldet ge⸗ weſene Strahlenkrone, ein Kreuz, ein Dornenhaupt; man würde den Eindruck haben, als müßte man ſich hier umſchauen nach einem Marmorbilde der Flora, nach einer Gruppe verſteckter Satyrn oder Nymphen entfüh⸗ render Centauren. Am offenen Fenſter gibt es einen traulichen grünen Winkel zwiſchen den faſt hineinlangenden Zweigen der Linde und einem Studirtiſche, deſſen Vorſprung den Vögeln ebenſo zugänglich ſcheint wie eine Anzahl ans Fenſter gerückter Seſſel, auf deren Lehnen ſie ſich wagen. Der Greis, den die Vögel ſchon kennen und den ſie ſogar auf ſeinem Schreibtiſch beſuchen— er lockte ſie durch ſeinen Morgenzwieback und ſein Mittagsdeſſert— nennt dieſen Winkel ſeine liebſte Sakriſtei und ſeinen ſegensreichſten Beichtſtuhl. Man ſieht auch Bücher in glänzenden Einbänden mit geöffneten Kupferſticheinlagen in der Mitte des Zimmers auf einem runden Tiſche. Man ſieht einen in Guache gemalten Chriſtuskopf von Guido Reni über dem Schreib⸗ tiſch. Die bunten Lithophanieen, die die Fenſterſcheiben verdecken, ſind jetzt, da die Fenſter offen, an die Wand gelehnt. Man ſieht in Alabaſter das Abbild der ſpeer⸗ bewaffneten Göttin der Weisheit vom Parthenon auf einem kleinen weißen Porzellanofen. Auf dem eleganten Mahagoniſchreibtiſch mit Fächern und kleinen durch⸗ brochenen Galerieen aller Art liegen und ſtehen in Bronze bunterleigeſtaltete Nippſachen, Briefbeſchwerer, Streuſand⸗ ſchalen, Federgeſtelle, Federwiſcher von bunten Farben, ein gewaltiges Tintenfaß in Geſtalt eines ſein ſchwarzes Gift ausſpritzenden Drachen, zierliche ſilberne Leuchter, ein Lichtſchirm von grüner Seide.. Der ehrwürdige Bewohner lehnt den einen Arm auf ein grünſammtenes Fenſterkiſſen und athmet den köſtlichen Duft der Linde ein. Er lockt einen der Vögel, die ſich in ſeinem ſtillen und dunkeln Zimmer unter ihren Zwei⸗ gen zu ſein träumen... und am liebſten beſchied er ebenſo von ſeinen Beichtkindern alle die, die ihm gar zu oft kamen oder zu umſtändlich ſich ausplauderten oder die in ihrer„Sündhaftigkeit ſich ſo außerordentlich wichtig machten“, hierher an dieſe ſtille Stätte... In neuerer Zeit freilich kamen wenige. Die Dechanei ſtand nie im Ge⸗ ruch der Heiligkeit, jetzt vollends nicht, ſeitdem Beda Hun⸗ nius, Bonaventura's damaliger Mitgeweihter, nach man⸗ cherlei anderweitiger Verpflanzung in Kocher Stadtpfarrer geworden war und überhaupt in vielen Kirchen rings in der Provinz täglich die Poſaune Zions mächtiglicher ge⸗ blaſen wurde, als„zu ſeiner Zeit“ hier Sitte war. Manche jetzt predigten doch, als wollten ſie die Trom⸗ meln übertönen, die da eben jetzt auf dem Markt⸗ platz drinnen zu Kocher am Fall gerührt wurden zum Appell des 35. Landwehrregiments. Sie lärmten, als ſollt' es an eine neue Bartholomäusnacht gehen, an ein Pour Pamour de dieu mit geſchwungenem Schwerte, falls nur der Herr Kirchenfürſt im Kampf mit der Re⸗ gierung, mit der Philoſophie und den gemiſchten Ehen die Parole dazu geben wollte... Der gute Onkel Bo⸗ naventura's und Benno's von Aſſelyn nahm die Sache der Religion von einer milden Seite. Auch hier an ſei⸗ nem Lindenbaum pflegte er jedesmal ſchnell mit dem ſelbſt⸗ geſchilderten tiefen Verderben ſeiner Beichtkinder fertig zu werden, zog dann gern ſein goldnes Döschen, ging auf Krieg und Frieden in der Türkei, auf Kunſt, Natur, Menſchenleben in Rom, Griechenland und Kocher am Fall über und endete gewöhnlich mit den beſten Zuſprüchen zum Entſchluß, auf Gottes Gnade zu vertrauen, und mit den zuverſichtlichſten Hoffnungen auf das nach Leibniz ja präſtabilirte Glück und die Heiterkeit des ganzen Uni⸗ verſums. Dabei entbehrt jedoch der Greis, der, zurückgelehnt in einen bequemen ſaffianenen Voltaire, ein violettes Sammtkäppchen auf dem mit weißen Löckchen umwall⸗ ten Haupte trägt, keineswegs einer gewiſſen Schärfe. Etwas Schlaues ſogar, wenigſtens Markirtes, fehlte dem Dechanten keineswegs. Seine Naſe war lang und habicht⸗ artig, das Auge dunkel und ſogar liſtig. Und ſtochert er ſich eben die wenigen Zähne, die ihm noch geblieben ſind, ſo iſt es mit jener feinen Miene, die mehr einem Diplo⸗ maten hätte angehören können, allerdings einem Diplo⸗ maten aus der alten Schule, jener, die noch am Wiener Congreß um ein Bonmot vom Fürſten de Ligne ſich ebenſo exaltiren konnte, wie unſere jetzige Diplomatie ſich nur um eine neuconſtruirte Jagdflinte exaltirt. Auch des Dechanten Kinn war ausdrucksvoll ſchön geſchweift und länglich, die ganze Erſcheinung, auch in den weißen wohlgepflegten Händen, entſchieden vornehm und ariſto⸗ kratiſch; ja, ſtatt des kleinen weißen Streifens unter der ſchwarzen Halsbinde hätte ebenſo gut ein blaues oder rothes Band irgendeines Comthurkreuzes hervorſchimmern — —„= B —— — 2— elehnt llettes wall Härfe. 145 können. An den ſchöngeformten Schläfen, an der Stirn und dem Scheitel konnte man Geiſt und Phantaſie erken⸗ nen. Nur ein etwas zu weicher, ja ſchlaffer Zug am Munde verrieth Bequemlichkeitsliebe, ein bekanntes Erb⸗ übel alter Gargons, vornehmlich derer von der langen Robe. Seiner geiſtigen Richtung nach gehörte Franz von Aſſelyn zu den wenigen noch Ueberlebenden aus der Zeit Weſſenberg's, der ſich damals, als das geſammte Vaterland für alle ſeine Lebensbezüge eine Vereinigung träumte und ſich dieſe ehrlich verdient hatte durch die Jahre der Napoleoniſchen Knechtſchaft, verdient durch den Aufſchwung der Befreiungsjahre, auch für die katholiſche Kirche„Reformen“ möglich gedacht hatte. In jener Zeit hätte Franz von Aſſelyn raſch emporſteigen können zu einem Bisthum; er hätte jetzt Erzbiſchof ſein können; denn waren auch die drei Brüder von Aſſelyn, Franz, Friedrich und Max, an Gütern nicht geſegnet, hatte jener den Prieſterſtand, Friedrich die Beamtencarriere und Max die Bewirthſchaftung der wenigen und nach ſeinem frühen Tode ganz veräußerten Beſitzthümer der Familie gewählt und traten ſie dabei ohne andere Ausſtattung als die ihres Herzens und ihrer Bildung in die Welt, ſo fehlte es doch an Verbindungen nicht. Franz ließ ſich, nach einer lebhaften Antheilnahme an der„weſtfäliſchen“ Zeit und einem damals häufigen Einſpruch auch auf Schloß Neuhof, wo er in der That Frau von Gülpen kennen gelernt hatte, in der Friedenszeit eine gute Pfründe ge⸗ nügen, das Dechanat zu St.⸗Zeno. Obgleich in einer wenig freundlichen Gegend gelegen, war ſie doch die Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 10 146 einträglichſte und reichſtdotirte auf fünfzig Meilen im Umkreiſe. Man würde ſie, wie alle dieſe Stifter, wenn nicht nach dem Wiener Congreß ſäculariſirt, doch in ih⸗ ren Einkünften beſchnitten haben, wenn nicht von alten Tagen her die deutſchen Kaiſer auf die alte Kathedrale ein Patronatsrecht gehabt hätten, das infolge eines damals von Franz von Aſſelyn entwickelten außerordent⸗ lichen Eifers auf das Haus Oeſterreich übertragen wurde. So erhielt ſich die Dechanei zu Kocher am Fall in ihren alten Einkünften, während die Amtsverpflichtungen ſich nur auf den Kirchendienſt beſchränkten; denn zum wirk— lichen, der Bureaukratie verantwortlichen Dechanten machte man ſpäter den Stadtpfarrer eines benachbarten Ortes, nachdem eine kurze Zeit hindurch Franz von Aſſelyn die wirkliche Superintendentur verwaltet u d über Geburten, Hochzeiten, Sterbefälle, Disciplinar⸗ vergehen, Kirchenbauten und Reparaturen, Verbrauch von Wein, Brot, Oel, Wachs u. ſ. w. an die Regierung ſeine Berichte gemacht hatte. Es war freilich nur ein kurzer hitziger Anlauf geweſen. Franz von Aſſelyn war ſeiner Unfähigkeit zu ſolchen Relationen ſchon damals inne geworden, als ihn der kurze, befehlende Ton der Re⸗ gierungsbeſcheide verletzte. Sowol ſein„freiherrlicher“ Sinn wie der dem Prieſter mit der erſten Weihe ein⸗ gepflanzte Stolz, der bei manchem bekanntlich in Hoch⸗ muth übergehen kann, konnte ſich in dieſe Erlaſſe, in die Form dieſer Fragen und Antworten nicht finden. Als er im Unmuth über den officiellen Regierungsſtil einmal faſt gegen ein Viertelhundert Briefe im Zeitraum von zwei Monaten gar nicht geöffnet hatte und ihm doch ſeiner Re⸗ 147 uber die Dinge, die er nun verſäumte, über die Men⸗ ſchen, die er durch die Nichtbeachtung ihrer Angelegen⸗ heiten in die peinlichſte Noth perſetzte, zuletzt ſo himmel⸗ angſt wurde, daß ihm die Briefe in Geſtalt händeringender Weiber und Kinder Nachts am Bette erſchienen und er nicht mehr ſchlafen konnte, da ſchickte er ſämmtliches auf⸗ gehäufte Material an den damaligen Kirchenfürſten der Provinz mit der Bitte, ihn vor dem hohen Gubernium zu entſchuldigen oder ihm wenigſtens für ſein kurzgefaßtes Mittel, ſich nicht ärgern zu wollen, die möglichſt lindeſte Strafe zu erwirken. Der damalige Kirchenfürſt war im Sinne der Regierung geſtimmt, doch nicht ohne Wohlwol⸗ len für ſeine Angehörigen; ſo erfolgte eine friedliche Ver⸗ mittelung. Die Dechanatsgeſchäfte wurden dem Freiherrn Franz von Aſſelyn einfach abgenommen gegen eine Ver⸗ gütung an ſeinen Stellvertreter. Der nominelle Dechant war indeſſen bei alledem doch ſeinen freiern Anſchauungen über die Stellung der Kirche zur Religion, Wiſſenſchaft und zum Vaterlande nicht un⸗ treu geworden. Für die jetzt angebahnte mittelalterliche Reaction fehlte ihm alle verwandte Gemüthsſtimmung. Er ſah ſogar etwas in ihr, dem der Stolz und die dynaſtiſche Treue des deutſchen Adels ſich fern halten ſollte. Er mochte nicht den Proteſtantismus, hätte aber gern eine katholiſche Kirche gehabt, in der Licht und Aufklärung, alle Künſte und Wiſſenſchaften, die den Menſchengeiſt, vorzugsweiſe den deutſchen, ehren, Platz behalten hätten. Dieſe Geſinnung mit Eifer zu verfol⸗ gen, für ſie zu kämpfen, zu leiden, dazu fehlte ihm leider der Aufſchwung. Er begnügte ſich, ſeinerſeits das zu ſein 10* —— — und auch zu ſcheinen, was er war. Er ließ ſich die Mi⸗ nerva nicht von ſeinem Ofen wegnehmen, bis des Win⸗ ters, wenn geheizt wurde. Daß es darüber Anfeindungen gab, verſtand ſich bei der zunehmenden Liebe zur Dun⸗ kelheit und Angeberei von ſelbſt. Einſtweilen verſöhnte er die Gegner durch ſein edles Herz. Seine Wohlthä⸗ tigkeit war grenzenlos und wenn man an ſeiner Recht⸗ gläubigkeit zweifelte, konnte er ſagen: Ich erzog euch ja einen Heiligen und wer weiß ob nicht außerdem noch einen St.⸗Georg, wenigſtens einen vorm Appell⸗ und Caſſationsgerichtshvofe! Er meinte Bonaventura und Benno, die er beide hatte ausbilden laſſen und wie ſeine Söhne liebte. Dieſe Aeußerung hatte der Dechant auch noch heute wiederholt gethan, als er bei ſeinem immer gewählten, heute ſogar feſtlich geweſenen Tiſche mitten unter Donner, Blitz und Regen mehrere der tonangebenden Geiſtlichen der Umgegend zu Gaſte hatte. Mit Einſchluß der Frau von Gülpen, ſeiner nunmehr ſchon faſt der„goldenen Hochzeit“, wie er oft ſcherzte, ſich nähernden Wirthſchafts⸗ führerin, hätte die Tafel beinahe aus dreizehn Perſonen beſtanden. Sein alter Diener, der Sternſeher— er hieß Joſeph Windhack und hatte einſt bei einem tüchtigen Leh⸗ rer der Aſtronomie, einem öſterreichiſchen Exjeſuiten in Wien, ſeine Carriere im Dienen und im Sternſehen be⸗ gonnen—, hüätte dieſe Herausforderung der Schickſals⸗ mächte ebenſo wenig geduldet wie Frau von Gülpen. Es waren an die immer offene Tafel des Gaſtfreieſten der Gaſtfreien heute ſtatt neun elf geiſtliche Herren ge⸗ kommen, unter ihnen ſogar ein Mönch. Jetzt blieb der eute lten, ner, chen Frau enen 149 Oberſt von Hülleshoven, der mürriſche Sonderling, aus. Nun half nichts, Frau von Gülpen mußte die zwölf Herren allein laſſen und ſich von der Tafel ganz zurück⸗ ziehen, wodurch ſie inſofern einen Vortheil gewann, als ſie deſto umſichtiger erſtens die Ordnung der verſchiede⸗ nen Gänge dirigiren und zweitens die gerade zwiſchen einem pikanten Hors d'oeuvre und dem Rindfleiſch an⸗ kommende Lucinde empfangen konnte. Auf eine kurze Vorbereitung und erſt einleitende An⸗ weiſung für ihre Stellung war Lucinde gleich in dem oben citirten Briefchen angewieſen geweſen. Daß dieſe ſo kurz ausfallen würde, hätte vielleicht Petronella von Gülpen ſelbſt nicht geglaubt; denn Lucinde war über die Aehnlichkeit der Geſellſchafterin des Dechanten mit ihrer alten verſchollenen„Frau Hauptmännin“ ſogleich wie ſprachlos geworden, hatte allem zugeſtimmt und ſich nur erſt auf ihrem Zimmer zu ſammeln geſucht... Das Diner war vorüber. Der Dechant erſchöpft von Tiſchgeſprächen, wie er ſie nicht liebte. Hatten dieſe Collegen ſich heute nicht gerüſtet zu der Conferenz, die Nachmittags beim Stadtpfarrer ſtattfinden ſollte, als gält' es einen Wettkampf mit den Kriegsmanövern! Es waren nicht einmal die Zeloten, die der Dechant bei ſich ſah, aber alle ſtanden unter dem Druck der Eiferer... und der Mönch, ein Franciscaner, den einer der Herren mitgebracht hatte, war einer der berühmteſten unter den Drängern und Stürmern und ein geiſtvoller Mann dazu. Wie griff das alles den Dechanten an, ihn, der die Gewohn⸗ heit des alten Exjeſuitenſchülers, ſeines einſt aus Wien mitgebrachten Dieners, Joſeph Windhack, Abends auf einer 150 Plateforme des Schlößchens ſich um den Lauf und die Stellung der Geſtirne zu bekümmern, ſo gern zum An⸗ laß nahm, von ihnen beiden zu ſagen, daß ſie ja über⸗ haupt mehr im Sirius kebten als auf dieſer kleinen Erde, dieſer Tellus, die nicht einmal ein eigenes Licht hätte, ſondern das ihrige von der Sonne und dem armſeligen Monde borgen müßte, ja daß die Sonne wieder ein Fixſtern untergeordneten Ranges wäre und mit dem Sirius in gar keine Vergleichung kommen könnte, welcher Sirius wiederum ſeinerſeits... Weiter ging er wenig⸗ ſtens in ſeinen Ketzereien heute an der Tafel nicht, wo das Geſpräch auf den Sirius gekommen war und den Mönch veranlaßt hatte, über die Kaſſiopeia und die Farbe der Sterne überhaupt zu ſprechen, worüber ſich Windhack beinahe vergeſſen und beim Serviren ins Ge⸗ ſpräch gemiſcht hätte. Bis zur Conferenz beim Stadtpfarrer, wo der Dechant nicht fehlen durfte, hatte es noch einige Zeit... Nach dem Diner waren die Gäſte entlaſſen worden, weil ſie den Kaffee beim Stadtpfarrer nehmen ſollten. Der Dechant hatte ein wenig in ſeinem Voltaire geſchlummert, hatte den ſüßen, weichen Lindenduft eingeathmet, hatte das Zwitſchern der Vögel belauſcht und den Pfau vom Simſe oben auf die untern Vlieſen gejagt, dieſen Lolo, den er nur Frau von Gülpen zu Liebe duldete; denn Lolo war ein gar böſer Vogel, wie alle Pfauen. Eitel von der hohen Büſchel⸗ krone bis zu den bunten Augen ſeines Schweifes hin⸗ unter, fuhr er herzlos auf alles Lebendige zu, dem er nur irgend mit ſeinem krummen Schnabel beikommen konnte. Ein unſteter Nachtunhold, hielt er nie ſein Neſt 151 im geräumigen Hofe inne, ſondern hatte Lagerſtätten überall, oben auf Windhack' Sternwarte, beim Hühner⸗ ſtall, in der Niſche eines ſteinernen Marienbildes, an den Eingangsſäulen des Portals, auf einem Zweige da, in einer Hecke dort. Lolo war ein Nachtſchwärmer, über den der Dechant in mancher ſchlafloſen Nacht oft bitter ſeufzen mußte, mehr noch als über das allgemeine Weh der Welt, bis er regelmäßig bei ſolchen Störungen doch zuletzt ärgerlichſt an die ſpaniſche Wand klopfte und der in Sorge um den Lolo nebenan noch wachen Petro⸗ nella von Gülpen zurief: Aber liebſte, beſte, theuerſte Freundin! Was hat denn nur Ihr verfluchter hoffärtiger Satan heute Nacht ſchon wieder vor? Gewiß wieder nichts als Zorn und Aerger auf die Hennen, die ſtill und ſanft über ihren Jungen ſitzen!... Dann pflegte Frau von Gülpen ſeufzend zu erwidern, der Lolo gräme ſich, weil er im grünen Parke allein leben müſſe Der Dechant entgegnete aber: Ei, der niederträchtige Kerl mordet uns ja jedes Weibchen, das wir ihm ſchon bei allen Gutsbeſitzern der Umgegend bald erbettelt, bald mit ſchwerem Gelde erkauft haben! Glauben Sie mir's, beſte Freundin, um das Glück der Ehe würdigen zu kön⸗ nen, iſt der Menſch, wollt' ich ſagen der Voögel zu lange Cölibatär geweſen! Gerade wie bei uns! Heben Sie heute das Cölibat auf, ich glaube, wir heirathen gar nicht einmal!... Frau von Gülpen war dann, ſtatt auf ſolche Blasphemieen ſchlafloſer Verzweiflung zu ant⸗ worten, gewöhnlich ſchon in ihrer Kontuſche, hatte die Fenſter geöffnet und ſprach in die finſtere Nacht hinaus mit dem auf einem Baumzweige wach ſitzenden und viel⸗ 152 leicht, wie der Heine'ſche Fichtenbaum, von ſeiner eigent— lichen Gangesheimat, wo eben allerdings die Mittags⸗ ſonne hellglänzend in die Kelche der Lotosblumen ſchien, träumenden Vogel ſanfte und ſtill begütigende Worte. Trotz ſolch ſchrecklicher Nachtreden war aber der Dechant die Sanftmuth und Herzensgüte ſelbſt und am Tage von den gewählteſten Ausdrücken. Zur Beſtätigung deſſen hätte man nur ſeine zierlichen Billetchen zu leſen brauchen, z. B. die Zeilen, die er ſchon heute früh geſchrieben hatte, um vom eigengezogenen Obſt des heutigen Deſſerts ein Körbchen voll an Frau Majorin Schulzendorf(die Gattin des Chefs unſers braven Wacht⸗ meiſters Grützmacher) zu überſenden. Unter einem Brief⸗ beſchwerer von Achat lagen die beantworteten, unter einem andern von Marmor die noch zu beantwortenden Briefe. Das waren allerdings keine„Regierungsſchinken“, wie ſie gewöhnlich genannt und früher zum Räuchern gleich— ſam in den Schornſtein gehängt wurden: zierliche, duf⸗ tende Billetchen waren es, und manche darunter weit her und hin, beſonders aus und nach Wien, das er alle drei Jahre zu beſuchen verpflichtet war. Heute feſſelte ihn ein Brief, den er lange in der Hand behielt... Es war eine vor Tiſch erſt empfangene Antwort... Er hatte an einen geiſtlichen Freund geſchrieben, der ſich mit dem Ausdeuten von Handſchriften beſchäftigte und darin ebenſo viel Vergnügen fand, wie ſeinerſeits der Dechant in ſeiner Kupferſtichſammlung, ſeinen Gemmen und den Alterthümern von Herculanum, Pompeji, Baby⸗ ſchen chon Obſt orin cht⸗ ief⸗ nem 153 lon, Ninive, die er alle um ſich breitete und in Dutzenden von Mappen ſammelte. Dieſem Freunde hatte er einige Zeilen einer Hand⸗ ſchrift vorgelegt, die ihm vor einigen Wochen in einem anonymen Briefe mit mehreren Poſtſtempeln aus dem Canton Teſſin in der Schweiz, aus Chur in Graubündten, aus Lindau am Bodenſee zugekommen war... Der Chirogrammatiſt ſchrieb ihm, die bezeichnete Handſchrift wäre eine verſtellte und gehöre einem Manne an, der mindeſtens fünfzig Jahre zählte, einen melancho⸗ liſch-phantaſtiſchen Charakter hätte, niemals Börſenge⸗ ſchäfte zu machen im Stande wäre, im Jahrhundert des Nankeethums ſich unheimiſch fühlte, am liebſten in einer kleinen verſchwiegenen Villa am Lago di Lugano, am Fuße der Alpen oder in einem düſtern Eichenwalde in den Thälern Piemonts wohnen könnte, einem Manne endlich, der, wenn er ein Feldherr geweſen wäre, wie Cincinnatus hinterm Pfluge die Geſandten würde em⸗ pfangen haben, die ihm das Conſulat bringen wollten, einem Manne, der, wenn er ein Fürſt wäre, doch wie Dionyſius nach ſeinem Sturze in Korinth einen Schul⸗ meiſter hätte ſpielen können, einem Manne, der Staa— ten lenkte und dabei junge Mädchen unterrichtete im Griechiſchen, Hebräiſchen, auch wol Abends beim Thee mit einer Schere zierlich ausſchneiden könnte... wie dergleichen Thatſachen die Handſchriftdeuter bis zur Beantwortung der Frage, ob der betreffende Schreiber gern auch Sauerkraut äße und die unlööbliche, doch vielen großen Geiſtern eigene Gewohnheit hätte, ſich die Nägel zu kauen, herauszubringen wiſſen. 154 Ja, der Correſpondent trieb ſeinen Scherz noch weiter. Der Dechant las, daß der anonyme Briefſchreiber„Werther's Leiden“ auswendig wüßte, keinen Monat bis zum Drei⸗ ßigſten mit ſeiner Gage auskäme und ſich in jeder Stadt gefallen würde, nur in keiner, die zu gleicher Zeit Feſtung wäre oder an einem ſchiffbaren Fluſſe läge... Und nun zog der Dechant, lächelnd und kopfſchüt⸗ telnd, aus einem der Schubkäſten ſeines Mahagoni⸗ Schreibbureau einen Brief, an deſſen vielfach geſtem⸗ peltem Couvert man die Veranlaſſung dieſer chiro- und einfach romantiſchen Deutungen und Ahnungen erkannte. In anonymen Briefen liegt, wenn ſie uns nicht aus feigem Verſteck mit Grobheiten regaliren oder die Anſicht eines einzelnen Dummkopfs zu einem„Es geht das Ge⸗ rücht“ aufblaſen, ein eigener Reiz, zumal wenn ſie, wie dieſer, ein verſchwiegenes Abenteuer provociren, ein Stell⸗ dichein, das freilich in dem vorliegenden Briefe aus dem Canton Teſſin in der Schweiz(ſo gern der Dechant alle drei Jahre an die Ufer der Donau reiſte und ſich in ſei⸗ nen„St.⸗Zeno⸗Angelegenheiten“ einige Monate lang von den Wirbeln und Strudeln des wiener Lebens wie der Jüngſten einer und dann ohne alles Uebergewicht treiben ließ— Frau von Gülpen blieb daheim—) etwas beſchwerlich war und über das ohnehin im Dunkeln ge⸗ haltene Alter des Dechanten hinauslag. Der anonyme Brief hatte gelautet und lautete im⸗ mer noch, wie er ihn auch kopfſchüttelnd betrachtete: Sub sigillo confessionis. Fiat lux in perpetuis! Quando quis tibi occurrit fidei romanae sacerdos, qui... und 155 Oder geben wir die Uebertragung: Unter dem Siegel der Beichte. Es werde Licht in Ewigkeit! Sollte Ihnen ein römiſcher Prieſter be⸗ kannt ſein, der nicht den Tod eines Huß, Savona⸗ rola, Arnold von Brescia ſcheuen würde, um unſere Kirche von ihren Fehlern zu reinigen, ſo theilen Sie ihm unter dem Siegel der Beichte mit, daß ſich am 20. Auguſt 18** unter den ſogenannten Eichen von Caſtellungo zwiſchen Coni und Robillante am Fuß des Col de Tende aus allen Theilen der Welt eine Verſammlung gleichgeſinnter Freunde und Wetteiferer um die Ehre unſers neuen Martyriums einzufinden gedenkt. Es werde Licht in Ewigkeit!“ Als ſchon vor längerer Zeit der Dechant dieſe räth⸗ ſelhaften Zeilen erhalten hatte, war ſeine erſte Regung keine wie über einen Scherz geweſen. Er hatte wirklich eine Religion, den Aberglauben. Es gab ganz wichtige Dinge, deren Ausführung er von der geraden oder un⸗ geraden Zahl ſeiner Rockknöpfe abhängen ließ. Die Ferne, die Zumuthung an ſich, ein mit ſo vielen Stem⸗ peln verſehener Brief, alles das machte ihm einen ge⸗ heimnißvollen Eindruck, ja in dem Briefe lag etwas, was ihn im erſten Augenblick erſchreckte. Nicht gerade die Züge der Handſchrift erinnerten ihn an ſeinen theuern Bruder Friedrich, doch der ſchwärmeriſche Geiſt des In⸗ halts. Später legte ſich der erſte Reiz dieſer Zuſchrift. Die gewohnte Bequemlichkeit ſagte ihm: Dieſer Brief⸗ ſchreiber iſt entweder ein Narr oder es liegt dem Ganzen eine Fopperei zum Grunde! Man weiß ſehr gut, daß ich am wenigſten Luſt habe, einen Scheiterhaufen zu beſteigen, 156 ſelbſt wenn ich bis zu dem Verſammlungstage neunzig Jahre zählen würde, wo ich mir vielleicht aus der Krankheit nichts mehr machen würde, an der ich ſtürbe!„Aus allen Theilen der Welt!“ Auch aus dem Sirius?... Der Dechant beſaß von allen irdiſchen Dingen die Meinung, daß ſie ſich ganz von ſelbſt machen müßten, wie die Gletſcher, die ſich ſeit Jahrtauſenden aus kleinen Zufälligkeiten der Lokalität und Atmoſphäre bilden und ſtill und unhörbar von Jahrhundert zu Jahrhundert fortſchieben und die Ge⸗ ſtalt verändern... Er nahm dann ſpäter an, daß ſich's der Briefſchreiber ein ſchreckliches Geld hatte koſten laſſen, dieſen oder ähnlich abgefaßte Briefe an hundert andere zu ſchicken... Er ſchonte das Geheimniß, er nahm an, daß es ihm in der Beichte mitgetheilt war, und horchte hierhin und dorthin, ob nicht aus den Geſprächen ſeiner Amtsbrüder Anklänge an dieſe auch an ſie ergangene Einladung ſich heraushören ließen; indeſſen war ihm nichts aufgeſtoßen. Das hatte ihn dann wieder aufs neue erſchreckt und zu der Nachforſchung bei dem Freunde ver⸗ anlaßt, den er die Handſchrift aus einigen auf dünnem Papier nachgepauſten Worten beurtheilen ließ... Erſt heute war ihm aber doch wieder die Ahnung gekommen, als wüßten wol auch andere um den Brief. Zufällig war der 20. Auguſt erwähnt worden, der Tag des heiligen Bernhard von Clairvaux,— einige Fanatiker, unter ihnen der Franciscanermönch, tadelten an dieſem gelehrten und gottſeligen Theologen ſein gegen das unbefleckte Geborenwordenſein auch der Mutter Gottes abgegebenes Votum,— er ſah bedeutungsvoll im Kreiſe um, er forſchte auf den Mienen; aber ſelbſt als wäh⸗ jahre lheit allen Der ung, ſcher, 157 rend des Gewitters und vor dem Eſſen der Speiſeſaal zu dunkel wurde und der alte Windhack an den Fenſtern die Vorhänge höher hinaufzog mit den harmloſen Wor⸗ ten: Fiat lux in perpetuis! achtete von den Anweſenden niemand der von Windhach's Seite nur zufällig gegebenen Anſpielung weiter, als die Anerkennung der übrigens ſchon bekannten Bildung des alten Bedienten mit ſich brachte. So fiel denn wieder die Frage ſchwer auf ſein Inneres: Wer hat nun gerade dich erkoren, einen ſolchen Märtyrer aufzuſuchen? Kennt man die Hoffnungen, die wir alle auf Bonaventura ſetzen?... Dann mußte er ſich freilich ſagen, daß Bonaventura zu einer Richtung gehörte, die an Rom irgendetwas ändern zu wollen für leere Freigeiſterei hielt. Wie der Greis ſo ſann und ſann, geſellte ſich all⸗ mählich zu dem Zwitſchern der Vögel noch das Geräuſch eines über die Teppiche des Fußbodens im Zimmer ſelbſt ſtill hin und wieder Wandelnden. Es war Windhack, der vor einigen Stunden das Fräulein Lucinde Schwarz empfangen hatte. Wollte das kleine graue Männlein, dem eine ſpitze Naſe und eine ſtark gewölbte Stirn das unverkennbare Gepräge eines ins Detail gehenden Forſchers gaben, ſich lieber mit der Thatſache beſchäftigen, daß in dieſen gegen⸗ wärtigen Auguſtnächten die reichſte Ausbeute von Stern⸗ ſchnuppen zu erwarten war, oder unterſtützten ſein ſtark geröthetes Antlitz und gewiſſe klare, glückſelige Augen, die auf einen gründlichen Verwahrer der übrig gebliebe⸗ nen Weinreſte des Diners ſchließen ließen(daß die dem Keller des Dechanten zu übergebenden Weine vorher 158 gründlichſt durchkoſtet und kennerhaft geprüft waren, ge⸗ hörte nächſt der Haarwuchsbehandlung des Hauſes und aller Freunde deſſelben zu den unbeſtrittenen langjährigen Vorrechten des alten Exjeſuitenzöglings), wir ſagen, unterſtützten dieſe äußern Merkmale ſeine Kritik des, wie das ungeduldige Männlein ſich äußerte, „überſtandenen“ Diners oder ſchmunzelte und lächelte er darum ſo behaglich, weil ja nun Frau von Gülpen's neueſte„Nichte“ angekommen wäre... Genug, er be⸗ gann ſich bemerklich zu machen und wie ein guter Diener ganz leiſe, ganz nur zufällig, nicht etwa hereinplatzend und die Stille der Betrachtung ſeiner Herrſchaft ſtörend. Er brachte eine Zeitung, griff dann nach einem an dem Porzellanofen hängenden eleganten rothen Staubwiſcher und wedelte ſanft über die Minerva hin, über den Guido Reni, über die Kupferſtichmappen, mehrere nach hinten verſteckte und jetzt erſt ſichtbare Carlo Dolces und einige noch etwas mehr verſteckte und von frei⸗ ſtehenden Bücherrepoſitorien verborgene Torſis alter heid⸗ niſcher Erinnerungen, zu denen ſelbſt die Venus von Milo gehörte. Der Dechant wußte nun, daß Windhack etwas zu melden hatte. Hml ſagte er. Schon fünf? Zeit zur Conferenz? Noch eine Viertelſtunde, Herr Dechant! Das Getrommel in der Stadt wird die ganze Nacht dauern.. Hier hören Sie's ja nicht! Benno angekommen? Doch wol... ßerte, elte er —— 159 Hedemann? Geſund und munter! Auch der junge Thiebold de Jonge— Und—? Aſſeſſor von Enckefuß... Armgart nicht? Nein, aber das Fräulein... Welches Fräulein? Ah! beſann ſich der Dechant. Und? In dieſem Und lag viel, ſehr viel, und wenn man will lag in dem lächelnd wiedergegebenen: Je nun! des alten Dieners faſt noch mehr. Es lagen zwei Lebens⸗ gänge in dieſen Worten. Einer durch die ſchönen Tage auf Schloß Neuhof unter den Tänzerinnen, Sängerinnen, Marquiſinnen und Vicomteſſen des Kronſyndikus bis nach Wien und Paris... Der andere Lebensgang von da zurück in dieſe ſtille Klauſe hier zu Kocher am Fall, einer Stadt an einem Bergſtrome, der wie von einem ungeheuern Sarge hierniederzugleiten ſchien. Und eben wollten beide ihr Und? und ihr Je nun! auf die ihnen geläufige Weiſe erläutern und ausführen, als eine leichte, unſichtbare und auch faſt unhörbare Rollen⸗ thür in der Tapete aufſchnurrte und Frau von Gülpen eintrat. Auch Frau von Gülpen machte die Anzeige, daß Fräulein Schwarz angekommen wäre und dem Dechanten ihre Aufwartung machen könnte... Petronella von Gülpen war allerdings die jüngere Schweſter Brigittens von Gülpen, der bereits im Jahre 1809 auf Schloß Neuhof entthronten Beherrſcherin des Kron⸗ 160 ſyndikus. Beide Schweſtern gehörten einem Familienſyſtem an, das ſich durch Jahrhunderte in der Nähe geiſtlicher Sitze in einer Weiſe fortgepflanzt hat, die, wie man von einem Fahnenadel ſpricht, ebenſo von einem Krummſtab⸗ adel ſprechen ließe. Es iſt immer eine und dieſelbe Familie, wenn auch die Namen wechſeln. Die weib⸗ lichen Beſtandtheile dieſer Familie ſind diejenigen, auf welche es am meiſten ankommt; die dazu nöthigen Männer ſind mehr zufällig und die Verbindungen ſchließen ſich oft geheimnißvoll und unerklärlich. Die Mutter der beiden Schweſtern von Gülpen war die Wirthſchafterin eines Fürſtabts; ihr Vater war ein Unteroffizier Fried⸗ rich's des Großen geweſen, der in der aus hundert⸗ zwanzig Mann beſtehenden Armee des Fürſtabts eine Stellung als Lieutenant gefunden hatte. Ueber Witoborn, eine Prieſterſtadt, hinweg waren ſie auf Schloß Neuhof gekommen, Brigitte als die Aelteſte und eine ganz in der Schule eines ehemaligen Unteroffiziers Erzogene, Petro⸗ nella um zehn Jahre jünger und allmählich zur Freun⸗ din des Dechanten erkoren und demzufolge von einem höhern Aufſchwunge der Bildung, ja mit den Jahren ſogar theilhaftig geworden aller Feinheiten eines in ſolchem Grade gewinnreichen Umgangs. Tyranniſirt von ihrer Schweſter, war ſie früh ebenſo zum leid⸗ lich Guten geartet, wie es jene zum Schlechten war. Der ſchon 1803 ſäculariſirte Fürſtabt, ihr Vater, wir meinen ihr Landesvater, hatte nichts für ſie thun kön⸗ nen und den ehemaligen Unteroffizier Friedrich's des Großen hatte ſchon in der Reichsarmee, die 1793 gegen die Sansculotten zog, noch vor der Kugel eine zu volle enſyſtem eiſtlicher nan von mmſtab⸗ dieſelbe e weib⸗ en, auf Männer ßen ſich ter der zafterin Fried⸗ undert 18 eine toborn, Neuhof in der Petro⸗ Freun⸗ einem Jahren nes in nniſirt 1 leid⸗ war. r, wir n köͤn⸗ 6 des gegen volle — 161 Ladung jungen Weines in irgendeinem geiſtlichen oder welt⸗ lichen, jedenfalls neutralen Keller getödtet... Seit Jah⸗ ren waren beide Schweſtern voneinander getrennt. Ob⸗ gleich ſie ſich haßten und nichts voneinander wiſſen mochten und jetzt wol auch kaum noch etwas wußten, hatten ſie doch manches gemein. Petronella mußte man nur in jenen nächtlichen Augenblicken ſehen, wo ſie, in der Kon⸗ tuſche, mit einer ſpitzenverzierten Dormeuſe über die ganze Stirn und einer das Kinn faſt einhüllenden weißen Tüllbandſchleife, dem unſteten Lolo Worte der Liebe und Beruhigung ſprach; man mußte ſie ſehen bei den vielen andern tagſcheuen Gelegenheiten, z. B. da, wo ſie, allerdings höchſt liebevoll, den Schwächen aller geſchaf⸗ fenen Creatur zu Hülfe kam... Frau von Gülpen würde, das iſt wahr, keine Barmherzige Schweſter abgegeben haben für ein großes Spital von allerlei wildfremden Schneidergeſellen oder vom Gerüſt gefallenen Maurern und Zimmerleuten; dazu hätte es ihrem jetzt ſo vornehmen Sinn und ihrer Neigung für Exeluſives durch⸗ aus an Stimmung gefehlt... ſie begriff nie— und ſagte das auch—, wie es jetzt wieder Gräfinnen und Perſonen von Diſtinction geben könnte, die ganz ſo wie im„Alter⸗ thum“ unter die Barmherzigen Schweſtern träten und für allerlei„fremden, unſaubern Pövel“ Kamillenthee und Haferumſchläge machten und, wenn„dergleichen Bagage“ geſtorben wäre, ſogar deren Leichen wüſchen... aber— bei einem einzelnen Herrn, bei einer geliebten Perſön⸗ lichkeit, und wäre dieſe an Bedürfniſſen ſelber ein gan⸗ zes Spital, ein Sacré Coeur oder eine lebendige Cha⸗ rité geweſen, da konnte ſie ſich den ſchwierigſten Pflegen Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 11 162 des menſchlichen Leichnams unterziehen. Da gab es kein Seitenſtechen, für das ſie nicht eine paſſende Flanellreibung gehabt hätte, kein Magendrücken, dem ſie nicht Erleich⸗ terung durch irgendeinen Thee verſchaffte, keinen Froſt⸗ ballen, dem ſie bei verſchloſſener Thür und die Brille auf der Naſe nicht ſogar eigenhändig mit einem ſcharfen Meſſer, wenigſtens an der ſterblichen Hülle des Dechan⸗ ten, zu Leibe gegangen wäre. Nur mußten die Men⸗ ſchen, denen ſie die edeln Liebesrathſchläge widmete— die Liebeswerke gehörten lediglich nur dem Dechanten— zu dem Kreiſe ihrer nächſten Beziehungen gehören. Sie mußten durch Diſtinction und Namen in der Geſellſchaft eine Stellung einnehmen. Es war das ſchöne Lebens⸗ princip der Frau von Gülpen, daß Natürliches niemanden ſchände und um ſo weniger ſchände, als es einmal im Plane der Schöpfung gelegen hat, den Menſchen aus einem höchſt erbärmiglichen Stoffe zu bilden, einem Stoffe, der bei jedem ſchönen Abendſpaziergang ſich eine Erkäl⸗ tung und von der wohlſchmeckendſten Truthahnpaſtete eine Indigeſtion zuziehen kann. Den Lebensberuf der Frauen fand dieſe Dame darin, daß ſie für die Männer, die ſie lieben, in einem ewigen Kampfe gegen die Un⸗ zulänglichkeit von„Kraft und Stoff“ liegen ſollten. Ihre Waffen waren dabei ein Arſenal von Leibbinden, Wärm⸗ ſteinen, Fußſäcken, Kräuterkiſſen, Senfteigen, Theevor⸗ räthen aller Art, ſowol ſchweißtreibender, wie beruhigen⸗ der, luftfördernder und lufthemmender Art, nicht ein⸗ gerechnet die vielen Pillen, Pulver, Tropfen und noch unausgeführten Recepte, die ſie zu häuslichen Vor⸗ kommniſſen ſich aus guten gemeinnützigen Schriften 163 oder aus bewährten klöſterlichen oder Familientraditionen niederzuſchreiben pflegte, ſelbſt für Fälle, die nur in der Möglichkeit lagen, z. B. die Hundswuth. Aber die erſchaffene Creatur auch in ihrem behaglichen Befinden hatte in Frau von Gülpen ihre treueſte Beförderin. Man mußte ſie ſehen an jedem Montag bei der großen Revi⸗ ſion der alten und neuen Wäſche; an jedem Dienstag unter den Nähterinnen, die ſie, ein liebes Mädchen, Treud⸗ chen Ley, an der Spitze, flicken und ſtopfen ließ; an jedem Mittwoch auf dem wichtigen Mittwochmarkte zu Ko⸗ cher, wo ſie mit der prüfenden Ueberſicht eines Feldherrn die vorhandenen Vorräthe an Wild und Geflügel mu⸗ ſterte; an jedem Donnerstag, wo es regelmäßig in der Dechanei ein Diner gab; an jedem Freitag, wo die hei⸗ lige Faſtenordnung und ihre ſpecielle intimſte Vertrautheit mit der Kunſt des Backens und der höhern Fiſchſaucen ſie faſt ſelbſt zur Köchin machte; an jedem Sonnabend, wo ſie dafse zu ſorgen hatte, daß ſie nur ſelbſt obenauf blieb und kicht krank wurde, aus Angſt, daß es der De⸗ chant werden könnte, der an dieſem Tage früh die Schu⸗ len zu inſpiciven hatte und dann oft von drei Uhr Nach⸗ mittags bis ſpät Abends im Beichtſtuhl feſtgehalten wurde und trotz aller Vorſichtsmaßregeln, trotz Fußſack, Pelz und Kohlentopf im Winter, nach Hauſe immer ſo er— müdet kam, ſo geiſtig durchſchüttert, ſo von der hochwich⸗ tigen Function des Anhörens fremder Seelenbekenntniſſe um alle eigene Lebensſtärke gebracht, daß er erklärte, nur die ſchönſte, ſeelenvollſte Muſik in einem Nebenzim⸗ mer, eine Muſik wie von Seraphshänden geſpielt, könnte ihn wieder in den Zuſammenhang mit Gottes harmoniſcher 414* 164 Weltordnung bringen! Eſſen konnte der Dechant Sonn⸗ abend Abends nichts. Denn, ſagte er, von dem, was ein katholiſcher Prieſter alles in der Beichte zu Gehör bekom⸗ men muß, würde wenigſtens ihm immer ſo weh und ſchlecht ums Herz, ſo tief jämmerlich um Seele und Magen herum, ſo vollſtändig und unendlich ſatt zu Muthe, daß er dann nur Appetit nach Himmelsſpeiſe haben könnte, nach Eliaskoſt, von Raben oder geradezu Engeln oder ſonſtigen Boten Gottes credenzt... Glücklicherweiſe kam darauf immer der ſtolze, feierliche, hochherrliche katholiſche Sonntag mit ſeinen brennenden Lichtern, mit ſeinen geſtickten Meßgewändern, mit ſeinem duftenden Weihrauch, mit ſeinem erhebenden Orgelton, ſeiner ſichern jahrtauſendjährigen Regelmäßigkeit... Der hob, der tröſtete, der erquickte ihn dann wieder... Wenn er auch durch vierzigjährige Gewohnheit das Heiligſte verrichtete, ohne davon eine andere Vorſtellung zu haben, als die eines Traumes, geträumt mit wachem Auge, ſo fing er denn doch am Sonntag Abend wieder an ſich Menſch und von dem Ernſt des Lebens minder ſchmerzhaft be⸗ rührt zu fühlen. Jene Sphärenmuſik aber, jene Lücke am ſonnabend⸗ lichen Thee, die die gute Frau von Gülpen nicht aus⸗ füllen konnte, jenes Bedürfniß nach Eliaskoſt war die Veranlaſſung, daß ſeine treue Freundin in fernen Gegen⸗ den eine ſo weit verbreitete Verwandtſchaft hatte. Seit dreißig Jahren ſagte man zu Kocher am Fall, daß die nie ſchöne, aber immer wohlgeſinnt geweſene„Seiten⸗ verwandte der Aſſelyns“ für die Ihrigen doch auch das mildeſte Herz von der Welt hätte. Eine Nichte nach der — auch htete, 165 andern zog ſie an ſich, ſorgte, wenn ſie nicht gleich beim erſten Eindruck misfiel und oft ſchon nach vierund⸗ zwanzig Stunden abreiſte, für deren Ausbildung, ließ ſie in der Dechanei wohnen und verſchaffte ihr den Schutz und den Beiſtand des wohlwollenden und gütigen Herrn, deſſen Pflege ſie ohne höhere Anſprüche für ſich ſelbſt und mit einer in der That klöſterlichen Entſagung ſeit ſo langen Jahren ſchon übernommen hatte. Nur böſe Zungen waren es, die da behaupteten, daß die Familie der Frau von Gülpen merkwürdigerweiſe einen höchſt unbeſtimmten Typus hätte. Denn bald wären die Nichten aus einer blonden, bald aus einer braunen Sei⸗ tenlinie, bald hätten ſie ſchwarze, bald blaue Augen, bald gehörten die Naſen dem griechiſchen Profil an, bald ſäßen ſie mit zierlichem Trotz ſtumpf auf Geſichtern, die indeſſen alle, das blieb unbeſtritten, hübſch waren. Mes⸗ alliancen gab es in dieſer weitverbreiteten Familie der Gülpens leider ſehr viele, denn einige„Nichten“ tru⸗ gen adelige, andere nur bürgerliche Namen. Darin aber waren ſich alle gleich, daß ſie erſtens, wenn ſie länger als einige Wochen blieben, ſämmtlich anmuthig, zweitens gebildet, drittens muſikaliſch ſein mußten, vier— tens daß keine länger bei der Tante blieb als zwei Jahre. Ueber letztern Umſtand gingen verſchiedene Ge⸗ rüchte... Die einen behaupteten, für ein geiſtliches Haus hätte ein längeres Verweilen, da alle ohnehin mit der Abſicht kamen, nur die Tante auf einige Zeit zu beſuchen, anſtößig erſcheinen müſſen. Die andern ſag— ten, Frau von Gülpen hätte mit dem Dechanten die feierliche Abrede getroffen, daß ſich keine von ihren Nich⸗ 166 ten jemals dürfte einfallen laſſen, irgendwie in ihre Rechte einzutreten, was allerdings bei einem zu langen Verweilen in der Nähe des für alles Schöne ſo lebhaft empfindenden Mannes zu beſorgen war. Man ſagte fer⸗ ner, daß dieſe Trennungen oft ſchmerzliche Scenen her⸗ beigeführt hätten, deren Nachklänge der Dechant nur durch ſeine jeweiligen wiener Reiſen vergeſſen zu können vermochte... Lucinde war etwa die zwanzigſte Nichte, die ſchon nach Kocher am Fall gekommen war. Ihre Vorgängerin war Angelika Müller geweſen, jene Lehre⸗ rin, in deren Perſönlichkeit entweder eine arge Verwech⸗ ſelung ſtattgefunden hatte oder die dem, der ſie empfoh⸗ len— es war nicht der Philoſoph Doctor Laurenz Pütt⸗ meyer ſelbſt geweſen—, zu ſehr verklärt erſchienen ge⸗ weſen ſein mochte durch die Schönheit ihres Geiſtes und Herzens. Dennoch war Angelika Müller bei der„Tante“ ſechs Wochen geweſen. Der Dechant verſtand den eigenthümlich aufgeregten und freudvoll⸗leidvoll gemiſchten Blick ſeiner langjährigen Freundin, mit dem auch ſie jetzt, aber tief aufſeufzend, die„neue Acquiſition“ ankündigte. Geſchah dies doch regelmäßig mit demſelben unheilverheißenden Tone, dem⸗ ſelben Unkenruf des Mistrauens und der Furcht vor einer ſolchen„wildfremden Perſon“ wieder, der„niemand ins Herz blicken könne“, und die ſogleich bei erſter Begrüßung für das ſcharfe Auge der Kennerin gewöhnlich irgendeinen bedenklichen Fehler hatte. Die eine ſprach ihr gleich zu raſch, die andere zu rauh, die dritte hatte keine Lebensart, die vierte zu viel, die fünfte war naſeweis, die ſechste ſimpel... und ſchon an der Toilette, an der Wäſche, 167 an der Friſur konnte ſie unterſcheiden, weß Geiſtes Kind die von außenher, durch allerhand Vermittelungen em⸗ pfohlene„Perſon“ war... und wenn auch eine allen Kennzeichen, die nur der Dechant verlangte, noch ſo vollkommen entſprach, für Frau von Gülpen konnte ſie irgendetwas, vielleicht einen„Odeur“ haben, der ihr einen„Horreur“ verurſachte... kurz, der Dechant und Windhack, beide waren die erſte Verurtheilung ſchon gewohnt. Regelmäßig aber fanden beide hintennach bei eigener Anſchauung, daß die ſo verfehlt geſchilderte Acquiſition im Grunde„gar nicht ſo übel war“... Nur heute bedauerte der Dechant, daß er jetzt ſich eilen müßte in die Conferenz zu kommen. Ja da der neue Ankömmling nicht ſogleich mit Frau von Gülpen ſchon eintrat, da man erſt nach Lu⸗ cinde Schwarz klingeln mußte, da des gefallenen Regens wegen Frau von Gülpen auch noch auf eine warme Fuß⸗ bekleidung für den Dechanten drängte, ſo wurde be⸗ ſchloſſen, die Vorſtellung zu laſſen bis zur Zurückkunft. Fand ſie dann auch, da ſich zum Thee jeden Abend Ge⸗ ſellſchaft auf der Dechanei einſtellte, vielleicht vor Zeu⸗ gen ſtatt, ſo konnte man ja dann gerade am eheſten beweiſen, daß der Beſuch nur der Geſellſchafterin des Dechanten galt, nicht ihm ſelbſt. Indem Windhack ſeinem Herrn jetzt behülflich wurde, ſich zum Ausgange wärmer anzukleiden, begleitete er die Aeußerung der Frau von Gülpen, Windhack hätte ſie ja auch ſchon geſehen! in ſeinem ſanften Redeton, der ihn dem Dechanten beſonders werth machte, mit den Worten: Ja, halt ganz wie die Berenice! Der Dechant wußte, daß Windhack mit dieſer Ver⸗ gleichung nur die Figur eines Sternbildes meinen konnte. Wie ſo? Berenice? fragte er, eine weiße Halsbinde unter die ſchwarze legend, während Frau von Gülpen aufhorchte. Wenn Sie ſich die fünf Sterne der Berenice durch Linien verbunden denken und den obern ſozuſagen als den Kopf, ſo kommt halt ungefähr das neue Fräu⸗ lein heraus! Hoffentlich, bemerkte der an ſolche Schilderungen gewöhnte Dechant, heißt das nicht, daß die Dame einen Buckel hat? Frau von Gülpen meinte ſchon: Sie geht etwas ſehr übergebeugt! Frau von Gülpen dachte an ihren eigenen geraden Wuchs und daß man bei etwas Tournure ſelbſt als Sech⸗ zigerin immer noch etwas vor der Jugend voraushaben könne... Sie wußte nicht, daß die Vergleichungen mit ihrer alten Hauptmännin Lucinden ſogleich mehr als ſonſt in Furcht und Nachdenken verſetzt hatten. Sonſt ſehr anmuthig! fuhr Windhack fort. Sehr freundlich! Mit jedem ſchon ſo, als wenn ſie jahre⸗ lang mit ihm bekannt wäre! Mich hat ſie gleich gefragt, was es für Menſchen im Monde gäbe? Sie arrangirt ſich jetzt halt oben ihre Kammer! Der Dechant verfolgte dieſe Andeutungen nach der Richtung hin, wie ein derartiges neues Weſen in dem nicht immer ganz ſtillen Frieden der Dechanei ſich künftig wieder bewähren würde. Er erſchrak, als Frau von Gülpen bereits daran erinnerte, die Nichte wiſſe, daß 169 ſie nur vorläufig auf drei Tage„zum Beſuch“, d. h. zur Probe da wäre. Hm! Hml ſagte er, Menſchen im Monde! Sie kennt alſo ſchon unſere Schwächen— wollt' ich ſagen— ja— ei— Windhack, eine Nichte, die Aſtronomie verſtand, die hatten wir ja wol noch nicht? Richtig! Die Müller'n! Aber die trieb mehr Mathematik! Lieber Gott, ſie war ſelbſt wie'ne gerade Linie! Hm! Berenice! Hatte die Berenice nicht ein ſchönes, berühmtes Haar? Das Haar der Berenice! Blond, lichtblond, wie der Name andeutet, Lucinde? Nicht? Mit dieſen Worten ſchritt der Dechant ſchon die ſteinernen Treppen hinunter. Windhack begleitete ihn und ſagte: Im Gegentheil, Herr Dechant! Schwarz wie die Novembernacht!... Ein Regenſchirm iſt nicht nöthig, Frau von Gülpen! Frau von Gülpen war bis zur Hälfte der Treppe mit hinuntergegangen. Sie blieb da ſtehen, wo ſich eine Thür zu einem Wirthſchaftsentreſol befand. Dort wollte ſie noch einen Regenſchirm mitgeben, den der Dechant auch ruhig genommen haben würde. Er hätte auch einen Sonnenſchirm genommen, wenn man ihm einen in die Hand geſteckt hätte; er würde höchſtens gefragt haben: Sind jetzt ſo kleine Regenſchirme Mode? Windhack begleitete ihn bis an das hohe Hausportal. Als er zurückkehrte, rief ihn Frau von Gülpen in die Wäſchkammer und wollte wiſſen, was da die zwei⸗ deutigen Anſpielungen mit„Berenice“ hätten ſagen wollen? Die Vertraulichkeiten des Dechanten mit ſeinem 170 alten Diener gingen zuweilen auf ihre Koſten. Beim „Haar der Berenice“ hatte der Dechant einen ſo ſchar⸗ fen Blick auf ihre Friſur geworfen... behauptete ſie wenigſtens... Windhack erzählte mit Harmloſigkeit, daß es einſt einen berühmten alten Aſtronomen, Namens Kanon, und eine ägyptiſche Königin, Namens Berenice, gegeben hätte und letztere hätte ihren Mann in die Schlacht ſchicken müſſen, hätte aber gelobt, käme er geſund heim, ſo würde ſie den Göttern— der Venus, Frau von Gül⸗ pen, ſagte Windhack— ihre Haare opfern, d. h. in ih⸗ ren Tempel ſtiften, wie wir Wachskerzen ſtiften oder ſil⸗ berne Herzchen; und nun, fuhr Windhack fort, hatte der Aſtronom Kanon das Haar der Berenice zwar vielleicht abgeſchnitten, aber nicht in den Venustempel abgeliefert, ſondern gleich geſagt: die Götter hätten es in die Sterne verſetzt, dicht an die Mähne des Löwen— auch halt ein Sternbild, Frau von Gülpen!— Nun wiſſe man nicht recht, mit wem der Kanon unter einer Decke geſteckt hätte, vielleicht mit der Königin ſelbſt, die ihr ſchönes Haar zuletzt nicht gern hergegeben hätte und dann ſo lange vielleicht die Hauben erfand, bis es ihr wieder hätte ge— wachſen erſcheinen können, oder mit den Venusprieſtern, die dieſe Haare vielleicht zu ihren Perrüken verwandten und keine Rechenſchaft hätten darüber ablegen wollen... Kurz, wenn man den Kanon nach dem Haar der Bere⸗ nice fragte, Frau von Gülpen, ſo zeigte er halt immer auf die Sterne, woher auch vielleicht mit der Zeit die Redens⸗ art:„Mondſchein“ entſtanden ſein mag für einen aus⸗ gegangenen oder dünnen oder halt ſehr kahlen— Ent Er 171 Genug! Genug! unterbrach Frau von Gülpen mit Entſchiedenheit. 3 Windhack verſtand ſich aufs Friſiren wol noch ſiche⸗ rer als auf das Angeben bevorſtehender Mondfinſterniſſe. Er beſorgte nicht nur die mathematiſch richtige Form der Tonſur des Dechanten, ſondern auch die gewellten künſt⸗ lichen und ſo ſchön kaſtanienbraunen Scheitel der Frau von Gülpen; jedoch ſo umſtändlich überhaupt von Haa⸗ ren zu ſprechen, widerſprach aller Conduite und„feinen Lebensart“... Sie ſuchte für Lucinden, deren größerer Koffer erſt mit Fuhrgelegenheit nachkommen ſollte und die ſich etwas von dem Regen durchnäßt gefühlt hatte und von der Wäſche der Frau von Gülpen einiges bis auf weiteres in Anſpruch nahm, allerlei Frauenzimmerliches aus, von dem ſie dann gleichfalls ſagte, daß auch das ihn nichts anginge... Gehen Sie! Gehen Sie! ſagte ſie, Sie mit Ihrem Kanon! Heute bei Tiſche iſt ſo viel von Kanonen ge⸗ ſprochen worden, daß ich jeden Augenblick erſchrecke, von der Stadt ſchießen zu hören! Das rauſchendſte Trommeln hörte man jetzt aller⸗ dings... Windhack ließ Frau von Gülpen zu der in der Weißzeugkammer arbeitenden Nähterin, Treudchen Ley, eintreten, er ſelbſt verfügte ſich, um für die Auguſtſtern⸗ ſchnuppen ſeine Gläſer zu prüfen, auf die Sternwarte. Der Dechant ſchritt inzwiſchen zur Stadt... Er hatte die Gewohnheit, auf den gekieſelten Wegen, die unmittelbar um die Dechanei her durch den kleinen 172 Park ſich ſchlängelten, und auch noch auf den Stufen, die zum Dom emporführten, ganz beſonders freundlich zu grüßen. Ernſter aber wurde er ſchon oben um den Dom ſelbſt herum. Vollends vornehm und etwas kalt ſogar war ſeine Art, wenn er die Stufen niederwärts zu Kocher am Fall ſelbſt hinunterſchritt. Man ſagte, er entblößte nicht gern ſein Haupt. Die einen meinten, weil er die Schwäche beſaß, ſeine Tonſur zu verbergen, andere, weil er die Zugluft fürchtete, und wieder andere, weil ihn ein ewiges Grüßenmüſſen von Krethi und Plethi bei aller Freundlichkeit des Herzens verdroß. Heute aber wurde er kaum beachtet; denn es wim— melte von Soldaten und vor Aufregung in der ganzen Stadt... Unter den einfachſten bunten Röcken ſteckten aus der Ge⸗ gend ringsum achtbare Bürger, Hausbeſitzer, Handwerker, junge Oekonomen, Förſter, Studirte... Und nun rannten die Frauen und die Kinder und wollten auf dem Markt⸗ platz die„Parade“ ſehen und die Handwerker hatten ihre Arbeit eingeſtellt und ſtanden in den Hausthüren, viele gewärtig auch der Einquartierung, die ſie auf drei Tage bekommen konnten; auf dem Marktplatz nach dem Appell und der Revue wurden dazu die Billets aus⸗ getheilt... Und an Ausſpannungen und Gaſthäuſern waren Laubpforten errichtet, Fahnen wehten aus den Fen⸗ ſtern... Teppiche hingen ſogar nieder, wie bei einem Kirchenfeſt... Und dazwiſchen ſpielten ſelbſt die Kinder Soldaten, raſſelten mit Trommeln, kokettirten mit Drei⸗ maſtern aus Zeitungspgpisr... Und die Kühe mußten ufen, dlich den kalt värts Die onſur und von zens vim⸗ mzen Ge⸗ erker, unten Karkt⸗ nihre viele drei dem aus⸗ uſern Fen⸗ einem inder Drei⸗ ußten 173 denn doch auch noch durch die engen Gaſſen hindurch und ſogar eine ganze Hammelheerde über den Brückenſteg am Fall... ja, des Ho! Ha! He!'s war kein Ende... bis auf den Marktplatz ſchallte es, wo ſchon die Glie⸗ der antraten und auf allen Budendächern die Straßen⸗ jugend ſaß, künftige Rekruten des großen Militärſtaats auch... und Bataillon ſchwenkt! commandirte jetzt der Major vom Stabe, der glückſeligſt wieder die Seinigen „beiſammen hatte“,„ſeine Jungen“,„ſeine Kinder“ — er zog das doppelte Tuch nicht aus— und nun hätte einer über dieſe kerzengeraden Colonnen ſagen ſollen: Das ſind Handwerker, Bauern, Oekonomen, För⸗ ſter, Studenten, Referendare? Nein! Es waren Krieger ſo gut, wie die bei Leipzig und Waterloo gefochten haben! Und auch der Dechant nickte höchſt befriedigt, als es ſo ein donnerndes Halt! galt. Er ſuchte und ſuchte... richtig! da fand er den ſchlanken, heute ſo extra⸗brünetten, ſonnenverbrannten,„wol zu ſpät gekommenen“ Herrn Neveu mit dem geſtutzten Bart⸗ und Kopfhaar, der jetzt nicht einmal lächeln, nur mit den Augen blinzeln durfte, um ihn zu grüßen, und fünf Mann weiter ſtand der Blonde... der Thiebold de Jonge, dem Hedemann und Ulrich von Hülleshoven das Leben gerettet hatten... und des Dechanten Herz ſchlug doch freudiglichſt, da ſo unter der Maſſe die herauszuerkennen, die ihm bekannt, lieb und unendlich werth waren. Auch er reſpectirte die militäriſche Ordnung und grüßte nur mit einem holdſeligen Lächeln und einem höchſt ironiſchen Zuge um die Lippen, als wollte er ſagen: Na, da werdet ihr denn jetzt gedrillt, ihr jungen 174 Weltſtürmer und müßt wie die Gliedermänner zappeln und Fuß und Hand heben, nicht wie eure hochherr⸗ liche, freie, beneidenswerthe Jugendluſt es will, ſondern wie der alte Major da von Pritzelwitz es commandirt und ihm der Polizeiaſſeſſor, heute Lieutenant von Enckefuß, euer Zugführer, nachdonnerwettert! Euch ſchon recht, euch ſchon recht! Und in ſeinen Spott und ſeine Freude raſſelten nun die Trommeln... die Pickelpfeifen ſchrillten... die Lade⸗ ſtöcke klingelten... Schulzendorf, der Gensdarmenmajor, jagte mit einer Suite Gensdarmen hinter den Markt⸗ buden weg, um Platz zu machen... auch Grützmacher war ſchon wieder da, vielleicht ohne den Leichenräuber; jetzt aber fegte er die Straßen rein von allem, was die Entwickelung der Kraft und Größe ſeines Vaterlandes hemmen konnte. So aus dem Lager der Ghibellinen trat der Dechant in das der Welfen. In einem engen Gäßchen ging es zur Stadtſchule und zur Stadtpfarrei. ppeln herr⸗ dern ndirt efuß euch nun Lade⸗ j or, arkt⸗ cher 7. Die Straßen zu Kocher am Fall ſind ganz ſo ge⸗ baut, wie das„gemüthliche“ Mittelalter überall baute. Häuſerzeilen, die nicht geradeaus laufen, ſondern die den Wind überzwerg durch Winkel und Einbiegungen behaglich abfangen... Da ein kleiner ſchiefer Platz mit einem Brunnen... dort eine Sackgaſſe, die in einer in Sandſtein gehauenen alten Kreuzesabnahme endet... Zwiſchendurch ſtürzt und wogt und wallt der„Fall“, ein wilder Bergſtrom von mäßiger Breite, der das Städt⸗ chen in zwei Theile ſchneidet, ohne daß man zuweilen die Brücken bemerkt, auf denen man ſteht. Der Fall iſt hier und da ganz überbaut und ſchießt durch Färbereien oder unter einer donnernden Mühle hin, man ſieht ihn nicht. Am unterſten Ende der Stadt liegt an ihm ein Juden⸗ viertel. In Kocher am Fall gibt es eine ſtarke Juden⸗ gemeinde, die ſchwunghaften Handel treibt, vorzugsweiſe mit Vieh und deſſen Abfällen. Aber auch Hauſirer gab es genug in ihr und Fruchtmakler, die Geſchäfte auf zwanzig Meilen Weges und weit über die Reſidenz des Kirchen⸗ fürſten hinaus machten. Herr Löb Seligmann von Kocher am Fall war ſogar einer der berühmteſten Gütermakler. 176 Zwei ſo ſtattliche Kirchen, wie der uralte Dom von St.⸗Zeno und die Stadtkirche, reichten vollkommen für die chriſtliche Bewohnerſchaft aus. Es waren aber noch fünf bis ſechs andere Kirchen vorhanden. Sie wurden zu Vorrathshäuſern für Militär⸗ und Verwaltungszwecke benutzt. Eine der kleinern, die Minoritenkirche, gehörte den Proteſtanten, die nur in geringer Zahl in Kocher am Fall wohnten, in geringerer noch als die Juden.. Auf der Conferenz ſprach eben jemand, als der De⸗ chant eintrat, die Worte: Und dennoch, dennoch hat die hieſige kleine Gemeinde von noch nicht hundert Lutherſeelen einen Geiſtlichen, der beſſer dotirt iſt als der Kaplan in der Stadtkirche, der neben ſeinem ſchweren Amte auch noch den Kirchen⸗ dienſt in den Dörfern der Umgegend zu verſehen hat! Abwechſelnd mit den Pfarrern von Blick, Hilkum und den Mönchen zu Gottesthal! hätte der Dechant gleich hinzuſetzen mögen, um eine der von jenen Tagen an im⸗ mermehr in Umlauf kommenden Tendenzunwahrheiten zu berichtigen. Doch fürchtete er, ſeinen Amtsbrüdern die Phantaſie⸗ gebilde zu zerſtören, die jetzt vor ihnen im Qualm ihrer Tabackspfeifen bunt und wirr genug auf und niederzogen. Immer traf ihn beim Eintreten in den großen Schulſaal— die glückliche Jugend hatte heute„frei“— ſogleich der ihm beſonders unangenehme Blick des an der Spitze der zuſammengerückten Schultiſche ſitzenden Beda Hunnius, dieſer doppelſichtige Blick, der der wahren Ge⸗ ſinnung des Mannes gegen ihn entſprach. Der kurze, gedrungene, breitſchulterige Herr Stadtpfarrer ſchriftſtel⸗ n von en für noch vurden zwecke te den er am meinde lichen, kirche, rchen⸗ hat, Hilkum gleich in in⸗ cheiten ntaſie⸗ n ihrer rzogen. großen .4— ei an der Beda en Ge⸗ kurze, tflſtl 177 lerte. Er redigirte den„Kirchenboten“, theologiſch und poetiſch. Der Dechant konnte den Mann nie ſehen, ohne noch an einen andern Beda Hunnius zu denken, der im Augenblick nur nicht gegenwärtig war. Beda Hunnius, den er vor ſich ſah, und der, den er gedruckt kannte, der, auf den er, wie er ſagte, abonnirt war, waren zwei ganz unvereinbare Gegenſätze. Der Dechant wußte, daß bei ſeinen Amtsbrüdern das Schriftſtellern ſowol über⸗ haupt aus der Leichtigkeit entſteht, Erbauungsbücher zu ſchreiben, die immer gut verkauft werden, wie im Beſondern aus einer heftigen Mittheilungsluſt, die durch den pole⸗ miſchen Eifer geſchürt wird. Auch das Gefühl der Ein⸗ ſamkeit ließ Franz von Aſſelyn als die Muſe des katho⸗ liſchen Geiſtlichen gelten. Obgleich ihn ſein Amt mehr in Anſpruch nimmt als den proteſtantiſchen Pfarrer, fehlt doch die Familie, ihre Zerſtreuung, ihre Sorge. Einſamkeit ertragen können iſt eine hohe Lebenskunſt! Sie iſt der wonnevollſte Genuß, ja der Luxus des Den⸗ kers! Eine Qual iſt ſie für den mäßigen Kopf. In die⸗ ſen trüben Winterabenden, wo der katholiſche Geiſtliche auf dem Dorfe niemand zum nähern Umgang hat, un⸗ terhält ihn die Feder, die Druckerſchwärze, die Beziehung zur Literatur, der Antheil an ihren Händeln. Schrei⸗ ben darf er nichts, was nicht im Sinne ſeines großen Ganzen iſt, und ſo hilft ſich die trübe Laune durch Ab⸗ faſſung von Predigten, Gebeten, polemiſchen Ausfällen; ſie ſchreibt und eifert ſich in allerlei mehr oder minder wohlthuenden Lärm hinein. Der Dechant wußte, daß, wenn die niedere Geiſtlichkeit aus dem Bauernſtande her⸗ vorgeht, das geiſtliche Convict ihm eine abſchleifende Gutzkow, Zauberer von Rom. IlI. 12 178 Berührung mit der Welt nicht gewährt. Beda Hunnius, von Geburt ein Bauernſohn, unterſtützt durch Stipen⸗ dien, auf beſondere Empfehlung in dem Convict jener Stadt gebildet, wo er mit Bonaventura die Weihen empfing, hätte immerhin nach ſeiner Meinung ſtür⸗ men und lärmen mögen, ſoviel er wollte; aber er dich⸗ tete auch! Er dichtete in einer überſchwenglichen Ma⸗ nier, die dem Schauſpielerſtande gleicht, der eben hinter den Couliſſen ein Seidel Bier getrunken haben kann und dann hinaustritt und von dem Duft der Palmen ſpricht, von der„Götter altem Heiligthume“,„der ewigen Roma Majeſtät und Capitole“...„Jerichoroſen“ hießen Beda Hunnius' poetiſche Erſtlinge,„Lacrymae Chriſti“ ſeine zweite Sammlung. Es folgte eine dritte und vierte und immer wurde der Dechant an ſich ſelbſt irre, wenn er ſeinen Collegen ſah, wie der mit pfundſchweren Stie⸗ feln durch die Straßen von Kocher ſchritt, oder ihn hörte, wie er mit der gewaltigen Hand auf das Kanzelpult ſchlug, ſich an ſeine Zuhörer z. B. mit den Worten wendend:„Um ein für allemal euer Naſenſchneuzen während meiner Worte abzuſchaffen, behaltet ihr euer Sacktuch ſo lange in der Taſche, bis ich ſage: Putzt jetzt eure Naſen!“... und dann von derſelben Hand, von demſelben Munde eine zarte„ Purpurviole“ auf das Grab eines Märtyrers niedergelegt in Tönen und in Weiſen der Ueberſchwenglichkeit! Beda Hünnins waren ihm zwei Menſchen. Dennoch würde der Dechant, eingedenk ſeiner Sirius⸗ religion, auch das ertragen und gelächelt haben, ſelbſt über die unabläſſige geheime Polemik im„Kirchenboten“ gegen nius, ttipen⸗ jener Veihen ſtür⸗ dich⸗ Ma⸗ hinter in und pricht, ewigen hießen vierte wenn Stie⸗ hörte, zelpult Worten mneuzen r euer Putt Hand, ff das und in waren Lirius⸗ iſt über 7 gegen 179 ihn ſelbſt, gegen ſeine geſinnungsloſe und weltverdorbene Richtung— vor allzu böſen Umtrieben ſchützten ihn die reichen Geldſpenden, die man in der Dechanei für alles und jedes, ſelbſt„zum Ankauf von Kohlen zu Scheiter⸗ haufen“, wie er ſagte, zu jeder Zeit erhalten konnte— aber bei den Conferenzen, die Hunnius eingeführt hatte, konnte er oft gar verdrießlich werden über die vielen Erden⸗ ſchlacken des Himmliſchen, über den Sauerkrautsduft auch ſogar der Seraphskoſt und noch auf der letzten Conferenz vor ſechs Wochen hatte er wie ein Zelot geſprochen: Wo iſt euch je das Rauchen geſtattet worden? Auf welchem Concil? Durch welchen Apoſtel, Märtyrer oder Bekenner? Es war nicht Scherz, wenn er auch heute wieder beim Eintreten in die ſchon mit dichten Dünſten und Nebeln gefüllte Schulſtube den ſich theilweiſe Erheben⸗ den entgegenrief: Meine Herren! Der Geiſt heißt doch, wie Sie wiſſen, auf hebräiſch Ruach und Sie machen regelmäßig, wenn Sie zuſammenſitzen, Rauch daraus! Auf den Schulbänken und die Schulſitze entlang lächelten zwar über zwanzig Geiſtliche, aber ſie blieben bei ihren langen und kurzen Pfeifen und die jüngern ſo⸗ gar bei ihren Cigarren... Völker und Geiſtliche, die den Wein genießen dür⸗ fen, fuhr der Dechant ſich ſetzend und brummend fort, ſoll⸗ ten den Taback den türkiſchen Derwiſchen überlaſſen! Er ſuchte ſich einen Platz am Fenſter und lehnte den Wein ab. Jeder der Herren hatte vor ſich ein Glas mit funkelndem Rebengolde ſtehen. 12* — 180 Beda Hunnius nahm die ſchon im vollen Gange be⸗ findliche Debatte des Tages wieder auf. Er billigte eines Redners Vorſicht, die eben angerathen hatte, nicht blind in das Meſſer der Bureaukratie zu laufen. Aber, ſetzte er auf den Tiſch ſchlagend hinzu, die Zeit rückt immer näher, wo wir mit allem, und wär's mit Freiheit und Leben, für unſere Mutter, die Kirche, werden einſtehen müſſen! Da— er zeigte auf den Fran⸗ ciscaner—, der ehrwürdige Pater Sebaſtus dort berichtet uns, daß in der Reſidenz des hochwürdigſten Kirchen⸗ fürſten die Dinge immermehr auf die Spitze getrieben werden— auf die Spitze der Bajonnete! Von draußen hörte man das Klingeln der Ladeſtöcke; der Dechant öffnete ſich das Fenſter, an dem er ſaß. Ihr junges Volk! ſprach er murmelnd vor ſich hin und drückte ein Sammetkäppchen auf ſein Silberhaar. Wer in Zeiten gelebt hat, wo wirklich die Bajonnete herrſchten—! Beda Hunnius ließ ſich nicht ſtören. Er gab die da⸗ mals allbeliebte Schilderung der geiſtlichen Zuſtände des unter proteſtantiſchen Sceptern ſchmachtenden katholiſchen Deutſchland. Er ſah das Volk, Gottes in der babyloni⸗ ſchen Gefangenſchaft. Er ſah vollends auf dem Throne, unter deſſen Gewalt ſie durch eine„Laune der Geſchichte,“ hier leben müßten, einen aſſyriſchen König. Iſt es nicht, rief er und ſah dabei zuweilen auf ein Pa⸗ pier, als wenn wir die Worte Actorum 7, 43 hörten:„ Ich will euch wegwerfen jenſeit Babylonien!“ Meine Freunde, noch über Babylonien hinaus! Iſt das nicht das ſchwerſte Elend unſers Fluches! Noch über Babylonien hinaus! Denkt das Herz nicht mit Schaudern an Rußland? Wie in ige be⸗ rathen atie zu hinzu, wär's Kirche, Fran⸗ erichtet irchen⸗ rieben ſtöcke; in und Ger in n=—! ie da⸗ de des liſchen hloni⸗ hrone, ichte“ Pa⸗ „3c zunde, verſte naus! bie in 181 Rußland ſteht es ſchon mit unſerm Glauben, mit unſerm Cultus, unſerer Selbſtregierung! Nicht genug, daß die Kirche ihres jahrtauſendjährigen Schmuckes beraubt wor⸗ den iſt, daß man die Pfründen und Stifte einzog, die Bis⸗ thümer plünderte, die Klöſter aufhob, den Schulen, un⸗ ſern niedern und höhern, die alte Form nicht nur, ſondern die ganze Exiſtenz nahm: ſelbſt bis in das innerſte Leben unſers Glaubens dringt die Tyrannei des weltlichen Ar⸗ mes! Wo iſt noch irgend, außer im Beichtſtuhl, ein freier Verkehr des Seelenhirten mit ſeiner Gemeinde! Wo ein ungehinderter Verkehr des Unterhirten mit dem Ober⸗ hirten! Wo kann ſich ein Wunſch, eine Bitte, eine Mah— nung ausſprechen innerhalb unſerer eigenen Angelegen⸗ heiten, ohne daß nicht die weltlichen Räthe, deren Mehr⸗ zahl unſerer Kirche nicht angehört, ihr Ohr hinhalten und die letzte Entſcheidung geben! Wir ſind Fremd⸗ linge im eigenen Lande, Parias, die der Botmäßig⸗ keit herrſchender Rajahs unterworfen ſind! Und womit herrſchen ſie? Mit unſerm eigenen Gut und Blut, mit den Beſitzthümern der Kirche, die ſie ſäculariſirten, mit dem Schweiß unſerer Arbeit, mit dem Erwerb unſerer Hände, mit den Steuern, die wir reichlicher zu zahlen haben als die Provinzen, die man im Oſten bevorzugt! Darf es mitten in unſern Landen eine Univerſität geben, in der nicht alle Wiſſenſchaften, die ſie lehrt, in unſerm Glauben wurzeln? Darf eine Philoſophie gelehrt wer⸗ den, die Rom verworfen hat? Darf noch länger ein hundert Meilen von uns entlegenes Miniſterium, in dem nur ein einziger, mit Titeln und Orden verführter Rath unſers Glaubens ſitzt, unſere Lebensfragen ordnen und 182 entſcheiden? Soll für die Beſetzung der Stellen der Bi— ſchof kaum ein Vorſchlagsrecht ausüben und die Bureau⸗ kratie den Ausſchlag geben? Soll jedes ſchadhafte Dach, das über dem Hochheiligſten auszubeſſern iſt, jedes noth⸗ wendige neue Meßgewand, jeder außergewöhnliche Schmuck eines mit beſonderer Vorliebe gerade an dieſem Orte und gerade auf jene heilige Erinnerung gerichteten Feſtes einer weltlichen Bewilligung bedürfen? Soll ſich keine Fahne mehr mit dem hochheiligſten Bilde der gnaden⸗ reichen Gottgebärerin zu einer Proceſſion entfalten dür⸗ fen, ohne daß dieſe Gensdarmen dem Prieſter, der mit ſeinen frommen Seelen über die thauigen Wieſen dahin zu einem Gnadenorte wallfahrtet, ſeinen Erlaubnißſchein abverlangen, wie einem reiſenden Handwerksburſchen ſein Wanderbuch? Sollen dieſe ehernen Zungen, die in den Lüften die Lebenden rufen, die Todten beklagen, den Blitzen Halt gebieten, nicht reden dürfen, wenn die Luſt und Wonne unſers hochheiligſten Kirchenjahrs, die weihe⸗ volle Erinnerungsfreude, der heilige Bußdrang, die Mär⸗ tyrerandacht und das Bittgebet gläubiger Seelen Gleich⸗ geſtimmte in die heiligen Kirchenhallen ruft? Soll uns der Wein zugemeſſen werden und geaicht die heilige Kanne, ſoll das Brot des ewigen Lebens halbirt und zerſchnitten werden wie das Brot in den Kaſernen? Soll das von dem Hochheiligſten tröpfelnde Wachs geſammelt werden, wie von den Bedienten geiziger Herrſchaften das Wachs geſammelt werden muß nach den Orgien, die ſie mit Tanz und Muſik feiern? O daß das Maß unſerer Lei⸗ den noch immer nicht voll iſt zum Ueberfließen für die Feigheit und Muthloſigkeit dieſer Zeiten! Wir haben 183 als Kirchenfürſten einen Geharniſchten des Herrn, einen Michael im Panzerkleide unter dem Pallium der höch⸗ ſten Kirchenwürde, einen Streiter, der die Mitra trägt wie den dreimal umbuſchten Helm eines Gottfried von Bouillon! Und mehr! Rom, das endlich den Muth wiedergewonnen, ſich von einer langen Ohnmacht und aus dem Stande der Erniedrigung aufzuringen zu ſeiner großen Stellung, wieder mitzureden im Rath der Großen mit blitzendem Bannſtrahl und donnernder Bulle, Rom hat ihn geſegnet, dieſen Streiter des Herrn, hat ihm das rothe Kreuz des Gotteskampfes auf die Schulter ge⸗ heftet... Und doch—! Wie zaghaft iſt bei alledem der Beiſtand, den er ſogar unter uns ſelbſt findet! Wie angſtvoll noch unſer Umblick auf dieſen Heerbann der Hof⸗ und Land⸗ und Steuer⸗ und Kriegs⸗ und Staats⸗ und Regierungs⸗ und Kirchenräthe! O daß die Stunde uns gerüſtet finden möge, die Stunde der Entſcheidung! Sie wird hereinbrechen wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Weib die Wehmutter ruft, wie die zum Tod Erkrankte den Prieſter, ungeahnt, unerwartet! Unſer frommer Bruder da berichtet, daß die Frage der gemiſchten Ehen für unſern gottſeligen Kirchenfürſten an Ketten und Banden ſtreift! Die brennende Frage des Tages war ausgeſprochen⸗ Mehrere der Pfeifen gingen aus, andere wurden bei⸗ ſeite gelegt. Der Gegenſtand wurde zu ernſt. Eine drückende allgemeine Stille war die Folge dieſer zuletzt ganz abgeleſenen Anrede. Der Sprecher, der ſich ſomit offen als Mitverfaſſer ſo vieler damals in Würzburg und Augsburg zuerſt auftauchender Schriften enthüllte, ſah ſich im Kreiſe rundum. Seine Augen funkelten, die ſtarken Züge Se 184 des Antlitzes waren geröthet; die rechte Hand, zur Fauſt geballt, hatte mehrmals auf den Tiſch gedonnert... Man kann wirklich nichts ſehnlicher wünſchen, als daß dieſer ſchwierige Gegenſtand ſeine endliche Erledi⸗ gung finden möge... ſprach eine ſchüchterne Stimme... Rom hat geſprochen! riefen andere.. Aber das Breve muß uns erſt durch die Regierung zukommen! erwiderte der factiſche Verwalter der Decha⸗ natsgeſchäfte von St.⸗Zeno. Das iſt es eben! ertönte von mehr als einem Drittel der Anweſenden. Auch Ruhigere klagten, daß die Seelſorge in der bit⸗ terſten Bedrängniß wäre. Der Staat verböte die Weige⸗ rung der Einſegnung ohne Vorbehalt der Religion der Kinder und Rom wolle doch dieſe Weigerung... Schon erhoben ſich einzelne und drückten in ihren Mienen den Schmerz aus, daß man nicht zweien Her⸗ ren zugleich dienen könne. Hunnius ermahnte zum Sitzenbleiben. Daß dieſe Proteſtanten, ſprach und las er weiter, nicht einſehen, was es denn eigentlich mit unſerm Glauben iſt! Herr Gott im Himmel! Es iſt ja nicht die Unduldſam⸗ keit, es iſt ja nicht die Proſelytenmacherei, die uns ge⸗ bietet, eine Ehe zwiſchen Rechtgläubigen und Heterodoxen nur dann einzuſegnen, wenn ein Verſprechen voran⸗ gegangen iſt, daß die Kinder, gleichviel welchen Ge— ſchlechts, katholiſch werden! Fühlt ihr uns denn die tiefe Verpflichtung nicht nach, die wir haben, gleichſam aus dem katholiſchen Daſein erſt das wirkliche menſchliche Leben überhaupt zu machen und das blos natürliche, r Fauſt en, als Erledi⸗ mne... ierung Decha⸗ Drittel er bit⸗ Heige⸗ u der ihren Her⸗ nicht miſt! ſam⸗ ge⸗ oxen ran⸗ Ge⸗ tiefe aus liche iche, 185 thieriſche, irdiſche, unerlöſte, durch Chriſti und der Mär⸗ tyrer Blut nicht erkaufte Leben aufzuheben! Menſchen“ was iſt denn die Weihe! Fühlt ihr denn nicht, daß in unſern heiligen Handlungen Conſequenzen liegen, die! gleichviel ob berechtigt oder nicht, mathematiſche Beweis⸗ kraft für uns haben! Für uns! Gerade für uns!... Da unſer College Bennrath, unterbrach er ſich, hat einem Proteſtanten das Begräbniß auf dem Friedhof von Nennhofen verweigert und ihn hierher auf den proteſtan⸗ tiſchen ſchaffen laſſen... Zu meinem äußerſten Entſetzen! warf der Dechanats⸗ verweſer dazwiſchen. Es war aber eine That! rief Hunnius. Eine That, die Bennrath von Nennhofen in das Buch der Bekenner ſchreibt! Wo iſt geſagt, daß eine Ausweiſung von der geweihten Erde unſerer Kirche nur vom Standpunkte des reinen Menſchenthums zu faſſen iſt? Menſchenthum! Seid ihr Chriſten? Nicht einmal Juden ſprechen vom Menſchenthum! Menſch iſt dem Juden Goim, Heide! Auch die Juden leben nur in der Ordnung und Har⸗ monie geoffenbarter Zuſtände! Ein Gottesacker hat nach unſerer Lehre eine Segnung empfangen, die ihn zu einer Gemeinde macht, wo ſogar die Todten den Herrn lob⸗ preiſen, ſogar die Todten im Chore ſtehen und, wenn nicht früher, doch am Auferſtehungstage um einen dann errichteten Altar wandeln werden, an dem ein anderes Bekenntniß nicht theilhaben kann und mag es ſelbſt ein ſolches ſein, dem nicht die ewige Verdammniß zuzuſprechen iſt. Wie iſt das ſo leicht geſagt: Intoleranz! Werdet ihr auf euern Bällen Gäſte haben wollen, die ihr nicht ein⸗ 186 ludet? Werdet ihr an euern eigenen Altartiſchen Anders⸗ gläubige dulden? Die katholiſche Kirche will ja nur bei den Todten wie bei den Lebenden„unter ſich“ ſein! Oder hört euch die Religion mit dem Begräbniß auf? Sprecht! donnerte Hunnius hinterher, gerade wie in ſeiner Kirche, wo er natürlich Schweigen vorausſetzte. Bennrath von Nennhofen griff den Faden auf und führte ihn weiter. Was erleben wir nicht alles in unſerer nächſten Nähe! ſagte er mit gemäßigterm Tone, aber nicht min⸗ der ſicher und ſpitz und ſcharf. Ich will davon nicht ſprechen, daß nun draußen wieder unſere eigenen Lan⸗ deskinder und Mitbrüder mit dem bunten Rock, den ſie eben tragen, ganz das Kleid ihrer Heimat, ihrer Famillie, ihres Glaubens ausziehen und in die Gemeinſchaft des großen proteſtantiſchen Ganzen treten müſſen, ich möchte ſagen, wie die Polen, die ruſſiſch commandirt werden! Ich ſehe dieſe Offiziere wieder, dieſe Enckefuß und andere uns wohlbekannte Söhne von Beamten oder Offizieren! Es wird noch die Zeit kommen, wo dieſe armen Seelen in die ketzeriſchen Garniſonskirchen commandirt werden, zu⸗ nächſt nur anſtandshalber, weil ein Austreten aus Reih und Glied militäriſch zu auffallend wäre! Ich ſehe ſie auf den Bänken, wo ihnen die Diviſionsprediger das Licht ihres ſogenannten Evangeliums aufſtecken werden, dies Licht⸗ ſtümpfchen, das die in Goldſchnitt gebundene neue Agende des Landesvaters beleuchtet! Wo man hinblickt, irgend⸗ ein Schmerz für unſere liebevolle Mutter, die Kirche! In unſerer ganzen Armee gibt es keinen einzigen Ge⸗ neral unſers Glaubens; ich kenne nur einen einzigen Anders⸗ nur bei ſein! auf? wie in etzte. uf und ächſten min⸗ nicht Lan⸗ en ſie milie, ft des nöchte 13ch e uns 1 Es len in , ju⸗ Reih e auf katholiſchen Oberſten, es iſt ein engliſcher hier in unſerer Nähe! Zu höhern militäriſchen Graden gelangen unſere 48 Brüder und Verwandte nicht! Nicht minder in der Bu⸗ reaukratie! Und welche Macchiavellismen! Weil ſie auf unſere menſchliche Schwäche rechnen, werden überall gleich⸗ ſam Preiſe ausgeſtellt für die, welche ſich gefügig zeigen! Iſt eine Pfründe einträglicherer Art erledigt, ſo läßt man ihre Beſetzung monate⸗, ja jahrelang anſtehen, um den Wetteifer dafür zu entzünden, daß man ſie ſich durch die Geſinnung erobere! Iſt es dann wol ein Wunder, daß wir ganz durchwühlt ſind von der wie die bunten Adern durch ein Marmelgeſtein ſich hinziehenden Proteſtanti⸗ ſirung? Die Beamten heirathen unſere Schweſtern, Nich— ten, die Töchter unſerer Angehörigen! Wo eine reiche Hand zu vergeben iſt, gewinnt ſie ſich einer von drüben. Selbſt in der Reſidenz des Kirchenfürſten iſt der Schwager unſers hochherzigen, ſcharfſinnigen kanoniſchen Streiters, des Herrn Dominicus Nück, ein Proteſtant und wird, wie Pater Sebaſtus dort uns berichtet, infolge ſeiner ge⸗ miſchten Ehe demnächſt eine Tochter im hechmögenden Piter Kattendyk'ſchen Hauſe beſtimmen, proteſtantiſch taufen zu laſſen! Ja ſelbſt von dem heiligen Lande Oeſterreich, einem Lande, das mehr als Würtemberg verdient ſich Gottes Augapfel zu nennen, muß unſerer rechtgläubigſten Provinz drüben das Geſchick drohen, die reichſten Länder, die Beſitzungen der Dorſte⸗Camphauſen, an die prote⸗ ſtantiſche Linie der Salem⸗Camphauſen übergehen zu ſehen! Was bleibt uns übrig? Gewalt gegen Gewalt! Dies Wort lehnte man ab. Ein Kaplan warf ein: 188 Unſere Gewalt iſt nur das Wort! Das Wort war bei Gott und Gott iſt das Wort! rief Hunnius. Es iſt der Geiſt, die Geſinnung und deren öffent⸗ liche Bewähr! Erheben wir uns aus unſerer Schlaffheit! Ziehen wir den Harniſch des Glaubens an! Seien wir ge⸗ rüſtet und verſchmähen wir ſelbſt die kleinere Waffe nicht! Bedrängte Belagerte greifen zu allem, was helfen kann! Ich empfehle Ihnen jetzt die Vorſchläge, die Pater Se⸗ baſtus uns aus den nähern Umgebungen des Kirchen⸗ fürſten bringt! Nur diejenigen beobachteten unausgeſetzt den ſchweig— ſamen Franciscanermönch, die mit ihm heute noch nicht an der Tafel des Dechanten zuſammengetroffen waren. Er ergriff auch jetzt noch nicht das Wort, ſon⸗ dern hielt den geſchorenen röthlichen, wunderlich geform⸗ ten, mit Schrammen und Narben bedeckten Kopf in die Hand geſtützt und ließ ſtatt ſeiner ſeine eigenthümlich hellen, faſt ſchwimmenden Augen, dann einige Zettel ſprechen, die herumgingen und die Mittel enthielten, die man anwenden ſollte, um den kirchlichen Oppoſitionsgeiſt zu mehren. Vorzugsweiſe wurde die ſchon vor Ankunft des Dechanten beſprochene Stiftung einer neuen Bruder⸗ und Schweſterſchaft des Athanaſiusvereins und gerade zur Erinnerung an einen um den Glauben bedrängten, flüchtigen, verfolgten, hier zu Lande liebevoll aufgenom⸗ menen Kirchenlehrer wieder aufgenommen... Die Re⸗ gierung hatte ſchon lange ein mistrauiſches und abgeneig⸗ tes Auge gerichtet auf die große Zahl geiſtlicher Vereine, die ſcheinbar nur dem gottſeligen Leben und einer gegen⸗ ſeitigen ſittlichen Aufſicht gewidmet waren, mehr aber t! rief öffent⸗ ffheit! vir ge⸗ nicht! kann! r Se⸗ rchen⸗ weig⸗ noch offen ſon⸗ form⸗ n die mlich ettel man ſt zu des und zur ten, om⸗ Re⸗ eig⸗ ene, gen⸗ aber 189 noch eine Organiſation des Zuſammenhangs auch für oppoſitionelle Zwecke wurden. Es ließ ſich vorausſehen, daß dieſer neue Athanaſiusverein von obenher den ent⸗ ſchiedenſten Anſtand finden mußte. Der Dechant hörte allem, was zur Durchſetzung dieſer wichtigen Angelegenheit in hieſiger Gegend nun beſchloſſen werden ſollte, nur ſeufzend zu und war um ſo mehr zerſtreut, als er nur immer offen vor ſich ausgebreitet ſeine Brieftaſche liegen hatte, die er an ſolchen Conferenz⸗ tagen ſchon frühmorgens mit Fünf⸗ und Zehnthaler⸗ ſcheinen zu füllen pflegte, um nur immer ſchnell durch ſeine Spenden zu den Gemeinzwecken ſich vom Reden oder ausdrücklichen Beiſtimmen loszukaufen. Er hatte dieſe Klagen ſchon ſo oft gehört! Er hatte ſie ſo oft geleſen! Er war auf zehn Exemplare des„Kirchenboten“ abonnirt! Er kannte dieſe immer gleiche Rhetorik der Römlinge! Er kannte den Inhalt dieſer verbotenen Bro⸗ ſchüren und las ſie nicht mehr. Von allem, was man an Thatſachen vorbrachte, gab er die Hälfte zu, aber die Er⸗ ledigung der andern ſchien ihm ganz an einer andern Stelle zu liegen als im fernen Rom. Heute, wie man nun ſogar von fehlenden katholiſchen Oberſten ſprach, mußte er gar auflachen und ſagen: Aber ihr wunderlichen Leute! Ihr überlegt gar nicht, ob in unſern katholiſchen Adels⸗ oder Bürgerfamilien überhaupt das Bedürfniß da iſt nach einer öffentlichen Bewähr, das Bedürfniß des Emporſteigens nach Ehren⸗ ſtellen und Auszeichnungen! Wo ich noch hinſah und ich habe die Jahre, hingeſehen zu haben, haben wir hier zu Lande und drüben unſere eigene Art, uns das Leben zu ge⸗ — g 190 ſtalten! Am liebſten hocken wir auf unſerer Hufe und ſuchen das nicht, was wir demgemäß auch nicht finden können. Wenn ihn Hunnius widerlegen wollte, ſo ſtörte dieſen jetzt das allgemeine Aufſtehen aller, um die Zeichnung zu ſehen, nach der zehntauſend zinnerne Medaillen ge⸗ goſſen werden ſollten. Der Mönch hatte die Zeichnung mitgebracht: Maria mit dem Kinde öffnet ein Gitter, hinter welchem ein Biſchof, es ſollte Athanaſius ſein, gefangen ſitzt... Der Mönch war dabei aufgeſtanden und zeigte ſich von einem langen, magern Wuchſe. Die braune Kutte, von der weißen Gürtelſchnur feſtgehalten, ging bis zu den nackten, nur von einer Sandale geſchützten Füßen. Es war viel, daß der Mönch ſich jetzt zu eini— gen Erläuterungen herbeiließ. Er hatte bisher ab und zu nur ſeinem Glaſe zugeſprochen, hatte eine Cigarre nach der andern von einem vor ihm ſtehenden Teller, der deren eine Anzahl enthielt, weggeraucht und immer geſchwiegen. Sein Schweigen war gebieteriſch. Es ſagte zu denen, die da ſprachen, faſt ſoviel als: Entwickelt euch! Steckt getroſt eure kleinen Lichter auf, bis Ich kommen werde!„ Pater Sebaſtus mochte etwas mehr oder weniger als dreißig Jahre zählen. Je länger er ſaß, rauchte oder trank, deſto blaſſer wurde er. Alle wußten, daß der Gaſt ein Convertit war, eine hohe Bildung genoſſen hatte, mit Feuer und Geiſt ſchriftſtellerte und in der Reſidenz des Kirchenfürſten ſeit kurzem zu hoher Anerkennung gekom⸗ men war. Wenn die weißen länglichen Finger der ma⸗ gern, doch hübſchen Hand zuweilen auf dem Tiſche leiſe trommelten, ſo war es, wie im Takt zu einem in⸗ 191 ſuchen wendigen Rhythmus ſeiner Gedanken, die laut geſprochen önnen. ohne Zweifel bedeutſam geweſen wären. Als er jetzt mit dieſen einer eigenthümlich leiſen, faſt heiſern, aber außerordent⸗ hnung lich ſichern Stimme zu ſprechen anfing, bot Hunnius en ge⸗ allgemeine Ruhe. Jeder ſetzte ſich, und ſelbſt der De⸗ hnung chant war gefeſſelt von einer Weiſe, die ihm heute an Fitter, ſeiner Tafel bei der Redſeligkeit ſeiner übrigen Gäſte ſein, weniger aufgefallen war. tanden Einige Mitglieder unſers hochwürdigſten Domcapitels, die begann faſt ſilbenzählend Pater Sebaſtus, wohnten kürz⸗ alten, lich einer Vorleſung bei, die von einem der auf der nahe ken gelegenen Univerſität angeſtellten und zu dieſem Zweck her⸗ eini übergekommenen jüngern Profeſſoren vor einem gemiſchten und Kreiſe der Reſidenz des Kirchenfürſten gehalten wurde gauu Der Mönch pauſirte. Er zerdrückte die Aſche ſeiner ler Eigerrt und legte dieſe fort. tener Der Gegenſtand derſelben— fuhr er fort 86 45 ſagt Das zufällige Rücken eines Stuhls ſchien ihn zu d7 ſtören. Er ſah nach der Gegend des Geräuſches und virit wiederholte, während Hunnius ein ſcharfes St! wie auf Jch ſeiner Kanzel beim zu frühem Naſenputzen ertönen ließ: Der Gegenſtand derſelben war an ſich ein unver⸗ t als fänglicher, ließ aber einen hiſtoriſchen Rückblick auf die ran, Kämpfe der Welfen und Ghibellinen zu. t enn Pater Sebaſtus ſtockte von neuem. Aber ein Blick mit rundum bewies ihm, daß alles jetzt in einer Weiſe an des ſeinen Lippen hing, wie er dergleichen noch vielleicht von fomn⸗ Göttingen, wo er docirt haben ſollte, gewohnt war... ma⸗ Der Redner, fuhr er mit immer gleicher Gelaſſen⸗ iſche heit, doch pointirt und feſt fort, ſprach in einer Stadt, min⸗ 8 die faſt ausſchließlich nur unſern Glauben bekennt; und doch hatte er jenen Standpunkt, den die proteſtantiſche Wiſſenſchaft mit der ihr eigenen Einſeitigkeit für die Wür⸗ digung des Mittelalters aufgebracht hat. Alles, was in einem Zuſammenhange mit Rom ſteht, iſt nach dieſer Lehre Tyrannei und Finſterniß; alles, was dagegen die deutſchen Kaiſer wollten, iſt Vernunft oder Freiheit. Dem anweſenden überwiegenden Theil der Geſellſchaft, den Damen, war der von dem Profeſſor entwickelte Gegen⸗ ſatz völlig unbekannt; ſo dämmern jetzt die Gemüther in ihren wichtigſten Lebensfragen hin! Sie nahmen die Welfen für den unheiligen, teufliſchen Gegenſatz der Ghi⸗ bellinen, dieſe für die lichtreine, ſonnenhelle Partei; dort herrſchte nur der finſtere Ahriman, hier der lichtſtrah⸗ lende Ormuzd. Mönchthum, Pfafferei, Sonderbünd⸗ lerei, Hierarchie ſind die Kennzeichen der Welfen; Auf⸗ klärung, Ordnung, nationale Hoheit und Größe die der Ghibellinen. Rom ſoll die natürliche Reſidenz nur der Nachfolger Karl's des Großen und des Julius Cäſar ſein. Die Hohenſtaufen ſollen nichts als nur die Be⸗ freiung der Welt von den Anmaßungen der Hierarchie bezweckt haben. Daß die Welfen in Italien vor allem ihr Vaterland vertheidigten, daß ſie ſich in einzelne Städte und Genoſſenſchaften trennten, um nicht durch die Un⸗ terwerfung unter Einen die eigenthümlich bedingte, jahr⸗ tauſendjährige Freiheit des väterlichen Bodens zu ver⸗ lieren, daß dabei der Prieſter, wie immer, der Freund und Beiſtand des einzelnen gegen den Druck der Maſſe blieb, der Prieſter der Freund und Beiſtand der bangen Seele gegen die Anfechtungen der Welt, der Prieſter int; und ſtantiſche die Wür⸗ was in h dieſer egen die it. Dem fft, den Gegen⸗ üther in nen die er Ghi⸗ ei, dort ctſtrah⸗ erbünd⸗ 1, Auf⸗ die der nur der Cäſar die Be⸗ erarchi r allem Städte ie Un⸗ jahr⸗ u ver⸗ Freund Maſſe hangen prieſtet 193 derjenige, der noch auf dem letzten Gange zum Schaffot den Verbrecher begleitet und wenigſtens noch vor Gott, nachdem die bürgerliche Genoſſenſchaft ihn längſt aus⸗ geſtoßen hat, ſein Anwalt bleibt, ja daß dieſe geiſtliche Hülfe den Bedrängten auch in den politiſchen Nöthen beiſprang und ſich Vaterland, Freiheit und Glaube gegen die Anmaßungen der fremden Eindringlinge hochherzig verbunden hatten— dafür, ich ſage dafür hatte der Redner keine andere Ausdrucksform als die bei der jen⸗ ſeitigen Wiſſenſchaft übliche geringſchätzende und verdäch⸗ tigende... Der Mönch hielt einen Augenblick wieder inne, alles horchte geſpannt, ſelbſt der Dechant. Ruhig und mit immer ſich gleichbleibender Stimme fuhr der Franciscaner fort: Gut! Die Vorleſung lenkte wieder ein, kam auf Un⸗ verfängliches, war vorüber. Die Offiziere, Beamten, Da⸗ men waren entzückt. Doch zugleich entſtand um die Herren vom Kapitel, die ſich ſogleich entfernt hatten, ein von Vorwürfen und Ausbrüchen des Unwillens gemiſchtes Murmeln. Die Veranſtalter dieſer Vorleſung wurden von geſinnungsvollen Perſonen zur Rede geſtellt und ohne Zweifel wär' es, wie billig, zu Erörterungen gekommen, die die gedankenloſe Nachahmung ſolcher inhaltleeren nor⸗ diſchen Reſidenzgenüſſe verdient hätte, wäre nicht der Gegendruck der Anweſenheit unſerer weltlichen Oberbehör⸗ den und der hohen Militärs zu ſtark geweſen. In eini⸗ gen Abendeirkeln, zu denen ich zugelaſſen zu werden mir zur beſondern Ehre rechnen darf, kam die ſtrenge Un⸗ terſcheidung, die die Geſchichte zwiſchen Welfen und Ghi⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom II. 13 194 bellinen aufgeſtellt hat, zur Sprache und es ſtellte ſich heraus, daß wir uns eigentlich alle noch auf dem Stand⸗ punkte jener wilden und blutigen Tage befinden. Iſt nicht jede Erfahrung, die wir in unſern täglichen Con⸗ flicten machen, eine Beſtätigung, daß dieſer unſelige Kampf immer noch nicht ausgekämpft iſt? Das Ghibellinen⸗ thum iſt der Herrſcher des Tages. Die Gewalt nicht der Fürſten und Herren etwa allein, ſondern des bureau⸗ kratiſchen Staats iſt der ſiegreiche Hohenſtaufe, der überall in unzugänglichen Felſenburgen thront. Verwaltung, Unterricht, Erziehung, Wiſſenſchaft, Gewerbe, Börſe, Handel, alles hat die ghibelliniſche Färbung angenom⸗ men, die Färbung der Centraliſation, des Aufſaugens aller Säfte und Kräfte der Geſellſchaft. Was iſt dieſem Mechanismus noch der Menſch? Der hat nur noch Werth, ſoweit er Bürger iſt! Und um ihm das Gefühl nicht ganz zu rauben, daß ſein Daſein auf dieſe Art ſeinem wahren Zuſammenhange mit Gott und der Natur entrückt wird, hat man ihm auch zur Noth noch einige religiöſe Veranſtaltungen gelaſſen, eine Kirche, einen Geiſtlichen, die Formen eines alten Cultus; man gibt ſich die Miene, dieſe Veranſtaltungen, ob man ſie gleich im geheimſten Einverſtändniß für überlebt erklären müſſe, doch heilig halten zu wollen und ſogar vor Anfechtung zu ſchützen; und doch, bei jeder Frage, die nur irgend⸗ eine des Lebens iſt, bei jedem Zuſammenſtoß zwiſchen dem Ewigen und dem Irdiſchen hat die Gewalt des Ir⸗ diſchen die Oberhand. Wir ſind, wo wir hinblicken, in gröberer wie in feinerer Form, durch und durch ghibelli⸗ niſirt... So iſt denn erklärlich die von keiner äußern ſtellte ſich m Stand⸗ den. Iſt hen Con⸗ ge Kampf ibellinen⸗ zalt nicht 8 bureau⸗ er überall waltung, „Börſe, ngenom⸗ ſſaugens t dieſem nur noch Gefühl dieſe Art er Natur ch einige , einen nan git ſi gleic 1 müſſe, fechtung irgend⸗ zwiſchen des Ir⸗ ihen, in ghibeli⸗ jaußern 195 Veranſtaltung, ſondern aus einem natürlichen Drange der Gläubigen aller Zonen ausgehende Bewegung un⸗ ſerer Zeit, innerhalb nicht nur unſerer, ſondern aller Kirchen, die unter Staatsbevormundung ſtehen, ſich ihr eigenes, ſelbſtbeſtimmtes und ſelbſtbeſtimmendes Leben wieder zurückzugewinnen. Das neue Welfenthum iſt es in den Abendeirkeln Sr. Eminenz offen und ehrlich ge⸗ nannt worden. Wie ſogar die proteſtantiſche Kirche, wenn ſie dieſen Namen verdient, ſich täglich mehr ab⸗ löſt und ablöſen wird von dem Staate, dem ſie freilich dafür in ſeinen übrigen Nöthen und Bedürfniſſen hülf⸗ reiche Hand zu leiſten verſpricht, ſo hat vor allem die katholiſche ihren innigſten Zuſammenhang wiederherzu⸗ ſtellen mit Rom. Thörichter Wahn, der in dieſer Forde⸗ rung nur Botmäßigkeit unter ein herrſchſüchtiges Prieſter⸗ thum und eine fremde Autorität ſieht! Rom iſt und war und bleibt zu allen Zeiten der Ausdruck des Ewigen, Unvergänglichen und im Wandel Wandelloſen. Es iſt die Warte der drei in ſich verbundenen großen Feſtlands⸗ welttheile. Es war die Königin der alten und mittlern Welt, es muß die Königin der neuen bleiben. Worauf gründet ſich Roms Herrſchaft? Auf Schlauheit italieni⸗ ſcher Ränke? Auf Verdummung der Geiſter? Thörichte Anklage, die an den Grundfeſten unſerer Kirche gerüttelt zu haben glaubt, wenn ſie die Schwäche der Menſchen⸗ natur aufdeckte, die auch unter dem geweihten Kleide des Prieſters ſündige! Als wenn irgendeine Menſchenſeele ein ganz reines Gefäß für die Göttlichkeit der Ideen ſein könnte! Als wenn die Ideen ſelbſt etwa darunter leiden könnten, daß ihre Träger dem allgemeinen Menſchenlooſe erliegen müſſen! 13* —,— 196 d Daß ein Bekenner ſtrauchelt, entwürdigt das ſein Bekennt⸗ niß? Daß Prieſter unvollkommen ſind, entwürdigt das das Sakrament, dem ſie adminiſtriren? Rom iſt das Ewige in der Geſchichte! Rom iſt die Zunge an der Wagſchale der Welt! Rom iſt, gerade als wenn es auch nur deshalb die Bewegung der Erde geleugnet hätte, ihr feſter Grund, ihre granitene Wurzel, ihr Compaß, ihr Steuer auf dem ſchwankenden Meere ſteter Neuerungen und Revolu— tionen! Was vertritt denn ſeine Anmaßung? Was gewährt denn die heilige Roma den Völkern? Das ewige Heil im zeitlichen Unheil! Die Blöße und Hülfsbedürftigkeit des natürlichen Menſchen allen Purpurgekleideten der Erde gegenüber! Die Schöpfung des Menſchen, das Paradies, die dieſſeitige und jenſeitige Hoffnung aller Erdgeborenen gegenüber der millionenfachen Verdrehung unſers Erden⸗ berufs durch millionenfache zu dringenden Nothwendig⸗ keiten gewordene Zufälligkeiten! O du heilige untheil⸗ bare, ewige Kirche! Stehe feſt in deinem gegliederten Baul! Biſt du nicht ſelbſt wie der hohen gothiſchen Dome einer? Gegründet bis an die Tiefen der Hölle, mächtig dich erhebend auf der Form des Kreuzes, himmelan⸗ ſtrebend in ewiger, wolkenverlorener Sehnſucht! Muſik iſt das Zuſammenſpiel deiner ſchönen Formen!, Einheit das majeſtätiſche Bekenntniß deiner Theile! Sie ſtrebt empor durch Drang und Zeit, Muß himmelan ſich ringen, Und ſchafft ein Werk der Ewigkeit Und läßt ſich nicht bezwingen! In deinem Sinne, heilige Roma, wollen wir wahr ſein, aber der Lüge gegenüber auch eure Waffen führen! 197 ein Bekennt⸗ Im Schatze der Gnaden ruht Entſühnung! Krieg! Krieg! digt das das ruft die Poſaune des Erzengels. Im Kriege kennt die das Ewige Noth kein Gebot! Jede Waffe iſt gerecht, die den Gegner Wagſchale abwehrt! Daß der Zweck die Mittel heilige, iſt nicht nur deshalb für den Kampf mit den Guten, ſondern für den Kampf mit den Böſen geſagt! Ahmen wir vor allem die Ord⸗ nung eines Kriegsheeres nach: Gehorſam dem Obern; Achtung vor jeder Waffe, auch wenn ſie eine geringere ſcheint, als die wir ſelbſt führen; Achtung vor jedem Ruhme, auch wenn er unſere eigenen Verdienſte über⸗ ſchattet! Bekämpfen wir in uns ſelbſt die Abneigung gegen die Vorkämpfer der kirchlichen Freiheit, gegen die Mitglieder der Geſellſchaft Jeſu! Bieten wir denen, die in ihnen ihre unerbittlichſten Feinde ſehen, dadurch keinen ſter Grund, Steuer auf nd Revolu⸗ daas gewährt ge Heil im ftigkeit des der Erde Paradies, dgeborenen Rejſ. 3er d 3 1S g r. Beiſtand, daß wir die alte Eiferſucht der Orden, der us Eide Kloſter⸗ und Weltgeiſtlichen auflodern laſſen! Wo uns eihwendih⸗ die Hände gebunden ſind, ſind ſie jenen, den letzten Rittern ge unthei⸗ vom Kreuze, frei! Die ſtreifen noch ungefeſſelt über die egliedeten Länder hin, gebunden durch kein Amt, kein Kloſtergelübde; ſchen Dom ſie ſind die berittene Schar, die angreift und flieht zu le, mäͤchtig gleicher Zeit, wie einſt der Parther kämpfte! Bieten himmelot⸗ wir alles auf, daß den Jeſuiten die Thore des Eingangs ht! Muſt geöffnet werden! Sie ertragen alles, ſie gehen, ſie gehen 4 Einhei noch einmal und kommen wieder! Wo ein Amt leer iſt, eine Kanzel frei, ein Beichtſtuhl geöffnet, Laſſen wir den Vätern der Geſellſchaft den Vortritt! Ob alle dieſe Dinge reifen ſollen bis zu offener Gewalt, darüber ſind die Meinungen getheilt. Die einen fürchten und ſuchen die Erhebung der Maſſen zu verhüten, die andern fürch⸗ wir wahrten ſie nicht und wollen ſie. In den Umgebungen des 198 Kirchenfürſten herrſcht die Meinung, daß offene Gewalt daile bisjetzt alles verderben würde. Denn auch darin ſpräche ſich Jah die durch und durch ghibelliniſirte Welt aus, daß Handel und Gewerbe, ſogenannte Volkswohlfahrt und geregelte wur Ordnung dem Jahrhunderte, wie es jetzt einmal iſt, über träg alles gehe; denn von den Fleiſchtöpfen Aegyptens wollen ſie nicht laſſen und ſollten ſie auch ewig nur die Ziegel die ſtreichen zu den Ruhmesſäulen ihrer Pharaonen! Im den Gegentheil wünſcht die Umgebung des Kirchenfürſten, daß lich wir alles, was nicht ein Mit⸗Uns iſt, auch als ein Für⸗ ſpr ſten⸗Wider darſtellen, d. h. eine Förderung der Revo⸗ lie lution nennen. Das iſt das ſchlagende Argumentum ad hominem der Zeit! Kämpfen wir gegen die Neuerungen des ſich ſouverän dünkenden Menſchenverſtandes, ſo öffnen die ſich uns die Pforten der Thronſäle auch im jenſeitigen let Lager, wir werden eingeholt werden mit Triumphpforten we als die Retter des Geſetzes und der Ordnung! Dieſer w Feldzug geht langſam, aber ſicher. Halten wir am Geiſte Fh feſt, fördern wir den vor allem! Denn„wer auf den to Geiſt ſäet, wird von dem Geiſte das ewige Leben ernten“! H Der Redner war ſchon bei ſeinem Gebet an die Kirche aufgeſtanden und alles, ſelbſt den Dechanten nicht aus⸗ genommen, ſeinem Beiſpiel gefolgt... Man ſchüttelte ihm die Hand, ertheilte ihm die lic größten Lobſprüche und raunte ſich zu, daß nun wohl ſei erklärlich wäre, wie dieſer einfache Mönch plötzlich in der dr Reſidenz des Kirchenfürſten hätte zu ſo hohem Anſehen ter gelangen können. Man erklärte ſich bereit, den Athana⸗ ſiusverein zu verbreiten und dies zu wagen auch ohne„ Genehmigung der Behörden. Man verſprach die Me⸗ kene Gewalt ſprüche ſich daß Handel nd geregelte nal iſt, über ttens wollen die Ziegel onen! Im ürſten, daß ls ein Für⸗ der Revo⸗ dentum adl deuerungen „ſo öffnen jenſeitigen mphpforten a! Dieſer am Geiſte er auf den mernten“ die ſirche nicht aus⸗ ihm die nun wohl ich in der 1 Anſehen n Athang⸗ auch ohne die Me⸗ 199 daillen in reichſter Anzahl auszutheilen und beſtellte die Zahl, die jeder davon in Vorrath zu haben wünſchte. Auf dem Teller, von dem die Cigarren weggeſtrichen wurden, ſammelte man die zur Herſtellung nöthigen Bei⸗ träge. Jeder gab nach Vermögen, der Dechant, wie immer, die Hälfte ſoviel wie alle andern. Der Ertrag wurde dem Pater Sebaſtus übergeben. Ein Zinngießer der kirch⸗ lichen Reſidenz hatte Verſchwiegenheit gelobt und ver⸗ ſprochen, die Medaillen zu einer beſtimmten Zeit abzu⸗ liefern.„So trennte man ſich. Es war Abend geworden... Beim Durchſchreiten eines langen Corridors, der an die Hausthür zurück und zu den inzwiſchen immer noch lebendig gebliebenen, ja wie vom Jahrmarktsgewühl durch⸗ wogten Straßen führte, erfuhr der Dechant, daß der, wie es ſchien, als Wegbereiter kommender Jeſuiten wir⸗ kende Pater Sebaſtus dem Kloſter Himmelpfort bei Wi⸗ toborn angehörte. Seines frühern Namens hieß er Heinrich Klingsohr. Er dachte an ſeinen anonymen Brief— Huß, Savonarola, Arnold von Brescia— Als er, magiſch umwoben vom abendlichen Dämmer— licht, zur Dechanei zurückkehrte, läuteten ihm die Glocken ſeines Domes wie zur Andacht in einer unſichtbaren Kirche droben über den Sternen. Wie er in die ſchon erleuch⸗ teten Fenſter ſeiner Wohnung hinaufſah, rang ſich ihm mit Schmerz der Seufzer von der Bruſt „Fiat lux in perpetuis! 8. Die Beraubung des Grabes auf dem Friedhof zu St.⸗Wolfgang war inzwiſchen in der Dechanei, wie in ganz Kocher am Fall bekannt geworden. Grützmacher war auf ſchweißgebadetem Roß zurück⸗ gekehrt, hatte aber den muthmaßlichen Thäter nicht ergriffen. Auch daß Bonaventura vielleicht noch den Abend in der Dechanei eintreffen würde, war durch Hedemann be⸗ kannt geworden, der auf einen Augenblick daſelbſt vor⸗ ſprach und die von Angelika Müller erhaltenen, von Benno, dem zu ſehr in Anſpruch Genommenen, wieder zurückempfangenen Briefe für den Dechanten an Wind⸗ hack übergeben hatte. Kein Oberſt, kein Benno, kein Thiebold, niemand ſonſt ließ ſich vor Antheil an den Vorgängen in der Stadt ſehen, ſodaß Lucinde der Frau von Gülpen die räthſelhaften Vor⸗ gänge allein erzählen mußte, ja wiederholen, mehrfach wiederholen, da die Theeſtunde geſchlagen hatte und ei ige Freundinnen der gaſtfreien Frau ſchon im lebendigſten Mit⸗ theilungsgenuß um den ſiedenden Keſſel verſammelt ſaßen. Zur Zuſtizräthin von Nietnagel, zum Stiftsfräulein von Minnerich und wie ſie alle hießen, die entweder in friedhof zu ei, wie in oß zurlck⸗ t ergriffen. Abend in emann be⸗ ſelbſt vor⸗ enen, von en, wieder an Wind⸗ mand ſonſt tadt ſehen, iften Vor⸗ arfach mehiſac und einige gſten Mit⸗ elt ſaßen. tfräulein tweder in 201 Kocher ſelbſt wohnhaft waren oder zu jener Landeswohlthat (nach andern Landesplage) gehörten, die die Reihe herum immer auf der Wanderſchaft bei ihren Lieben und Guten begriffen ſind und das ſchöne Talent des Sich⸗Einwoh⸗ nens und Nothwendigmachens des Jahres bei einem halb Dutzend Familien ſchon ſeit dreißig Jahren be⸗ ſitzen, geſellte ſich zuletzt auch der tieferſchütterte Dechant. Auch er erfuhr nun die unheimliche Kunde und gab dadurch Lucinden Gelegenheit, ihren Bericht zum fünf— ten oder ſechsten mal zu wiederholen, ſich aber auch zu⸗ gleich in lebhafter Weiſe ihm ſelbſt zu empfehlen. Lucinde, die das Wohlgefallen des Greiſes an ſeinem wiederholt prüfenden Blick ſogleich bemerkte— ſie war zwar noch in ihren Reiſekleidern, hatte aber manches Krägelchen, manchen Spitzenſchmuck zur Hebung ihrer Erſcheinung zu benutzen verſtanden und beſonders ſchön ſtand ihr die eigenthümliche thurmartige Krone ihres ſtattlichen Haares—, ſuchte ſich den Schein der größten Ungefähr⸗ lichkeit zu geben. Sie wollte ſich nur nützlich machen. Sie ſervirte den Thee wie eine Dienende. Schon ern⸗ tete ſie manchen heimlichen Wink des Beifalls, den Frau von Borchardt an Frau von Nietnagel, dieſe wieder an Fräulein von Minnerich und Fräulein von Minnerich an die„treue Freundin“, Frau von Gülpen ſelbſt weiter 3. Windhack erinnerte an die Briefe, die Hedemann gebracht; der Dechant wollte jetzt nichts davon wiſſen, er wollte ruhig„ſeine Taſſe Thee“ trinken, d. h. die Geſtalt und den ausdrucksvollen, den Kenner der Antike feſſeln⸗ den Kopf derjenigen bewundern, die den Thee credenzte. Windhack konnte; da er Grützmachern geſprochen hatte, 202 von der vergeblichen Verfolgung des Knechtes aus dem Weißen Roß berichten. Oben auf der Höhe des St.⸗Wolfgangsberges, er⸗ zählte er, hatte ihn Grützmacher und ſeinen Wagen faſt erreicht. Da aber ſpringt der Menſch herunter vom Wagen, läßt alles im Stich, flüchtet in den unwegſamen Wald und Grützmacher hat halt mit ſeinem Gaul vorläufig das Nachſehen... Nun kam die Majorin Schulzendorf. Auch ſie kam in der ganzen Eile und Aufregung, die nichts zu ver⸗ ſäumen wünſchte und vor Thatſachen, die ſie ſo lange zurückgehalten hätten, ſich nicht zu laſſen wußte... Erſt der Leichenräuber und— ei— ei, daß ſie faſt vergeſſen hätte, dem liebenswürdigen Dechanten für das wunderſchöne, prächtige Obſt zu danken—— Bitte! Bitte!. Köſtliche Birnen... Na heute Abend, der große Zapfenſtreich... Der Leichenräuber?... Nun, nicht wahr? Aber mein Mann vermuthet ſchon einen gewiſſen Bickert, einen Menſchen, der jahrelang in Frankreich im Zuchthauſe geſeſſen hat, dann über die Ardennen herübergekommen iſt, bald da, bald dort herum⸗ ſtreift, mit einer ganzen Bande zuſammen im Hundsrück die Roßtäuſcherei getrieben hat, rotzkranke Pferde für ge⸗ ſunde aufputzt... danke, danke, meine Liebe! der Thee macht mir noch zu heiß! Ein Stückchen von Ihrem Kuchen— Delicat! Auf dem Lande und in kleinen Städten gewöhnen ſich die Menſchen an alles Natürliche und Thatſächliche. Sie 3 aus dem derges, er⸗ Wagen faſt om Wagen, men Wald vorläufig ch ſie kam s zu ver⸗ ſo lange pß ſie faſt mfür das der greße thet ſchon jahrelang über die rt herum⸗ zundsrück e für ge⸗ der Thee n Ihrem hnen ſcj Sie iche. 203 können von Krankheiten der Thiere mit demſelben Intereſſe reden hören, wie man in großen Städten nicht einmal von den Krankheiten der Menſchen ſpricht. Der Major war ſelbſt Pferdehändler. Seine Gattin ſpann ſeine Ver⸗ muthung über die Gefährlichkeit dieſes Bickert ſelbſt bis auf eine Schilderung der Künſte aus, wie man den ſo⸗ genannten Rotz auf einige Tage ſcheinbar beſeitigen kann. Mitten in dieſem Fragen, Berichten, Wundern kam auch der Major... Es war eine hagere, mehr bureaukratiſche als mili— täriſche Erſcheinung. Er trug Uniform, doch ſaß ſie ihm nicht ſo ſtramm und geſchloſſen, wie man hier in den militäriſchen Kreiſen ſich zu zeigen gewohnt iſt. Als Candidat der Theologie war er 1815 unter die Fahnen ſeines Königs getreten und hatte eine Carriere gemacht, die jetzt gewiſſermaßen wieder in ihre frühere moraliſche, wenigſtens civile Beſtimmung zurücklenkte. Als Lieutenant von der Armee abgegangen, war er bei den Gensdarmen allmählich bis zum Major geſtiegen und griff nun in Geſetz und Ordnung als Chef eines rings zerſtreuten, den Landräthen und Regierungsämtern zur Verfügung geſtell⸗ ten Gensdarmeriecorps ein. Man ſollte kaum glauben, daß ein ehemaliger Lateiner ſo ganz im Berittenen, na⸗ mentlich im Pferdehandel, aufgehen konnte, wie Schul⸗ zendorf, obgleich er immer noch etwas Gelehrſamkeit in Bereitſchaft hielt. Seine grauen Augen bekamen oft ein lebhaftes Feuer; um die ſpitze Naſe legten ſich aufs blaſſe Antlitz zwei lange mephiſtopheliſche Furchen; der Bart auf der Oberlippe zuckte in allen ſeinen dünnen grauen Härchen; das Kinn, das in der Mitte geſpalten war, 204 ſtreckte ſich mit einer Entſchiedenheit, die ganz in ſ Charakter des Schlauen und Gekniffenen paßte. Sogleich warf er einen ſcharfen und prüfenden Blick auf die ihm als Nichte der Frau von Gülpen vorgeſtellte Lucinde. Waren Sie ſchon früher in unſerm Kocher hier? fragte er ſie, als ſie ihm den Thee credenzen mußte. 'S iſt das erſte mal! antwortete ſie, den Blick nieder⸗ ſchlagend. Sie finden eine kleine Stadt, in der leben zu ſollen Ihnen ſehr langweilig vorkommen wird! warf arti Dechant ein. O! bemerkte Frau von Gülpen, acht Tage läßt es ſich ſchon in Kocher aushalten! Lucinde wußte bereits, daß alle Nichten anfangs ſogar nur auf drei Tage kamen. Die Majorin verzog ein wenig ſpöttiſch die Miene. Der Major aber, in jener befliſſenen Weiſe, die den Ghibellinen im Lande der Welfen nur zu oft ihre Schreck⸗ haftigkeit nimmt, ging ganz auf die Aeußerung der Frau von Gülpen ein und ſagte, wenn auch mit einer etwas anzüglichen Betonung: Die Kirchen hier ſind uralt; noch älter iſt aber die Synagoge, die Sie ſich einmal anſehen müſſen! Die Stadt Kocher iſt ſchon vor Pontius Pilatus angelegt geweſen und gewiß eine jüdiſche Colonie! Urſprünglich hieß ſie ohne Zweifel Koſcher, die Reine!. Hielt der Major Lucinden für eine Züdin? Alle Anweſenden fixirten Lucindens Erſcheinung... Indeſſen lenkte der Major auf andere Fährte. Er einen g der kam die nel — —,— —— z in ſeinen tte. enden Blick vorgeſtellte ſcher hier? mußte. blick nieder⸗ zu ſollen artig der eläßt es ngs ſogar ie Miene. angelegt rünglich 205 kam auf das Intereſſe, das nach ſolchem Urſprung gleich die erſten Chriſten für Kocher gehabt haben müßten und führte die kirchliche Bedeutung der Stadt bis auf die neueſten Erſcheinungen herab. Lucinde hatte ihr goldenes Kreuz nicht angelegt. Sie begriff ſehr wohl, daß der Major auf ihren Uebertritt anſpielen wollte und ſenkte den Blick wie eine Fromme. Sie iſt fromm! war nun das einſtimmige Gefühl aller Anweſenden und, ſeltſam genug für die Wohnung eines Geiſtlichen, Lucinde verlor plötzlich bei Frau von Gülpen ſowol wie bei Windhack. Nur dem Dechanten gewährte dieſe Entdeckung einen neuen Reiz. Eine Fromme hatte ihm die langjährige alte Freundin noch niemals vorgeſtellt. Man verlor ſich indeſſen in Klagen über Wilddie⸗ berei, Unſicherheit der Gegend, Aufſätzigkeit der Land⸗ bewohner und, wie das dann geht bei einem Damenthee, man fand das Uebel lediglich in den Dienſtboten. Die gleichfalls dann in ihrem Einfluß auf das Volk angeſchuldigten Juden rechtfertigte der Dechant mit den Worten: Warum läßt unſer Leben ſo viel Lücken offen, daß ein Verſchmitzter überall hineinſchlüpfen kann! Die Ju⸗ den ſind durch uns ſelbſt ein Volk geworden, das ſeine Tugenden darin finden muß, unſere Fehler zu benutzen! Wir ſind, ſoweit man die Geſchichte überblickt, die Opfer ihrer ſubtilen Rache geworden und werden es noch immer mehr werden! Sie ſprechen faſt wie Grützmacher! ſagte der Major. Der kann nie entdecken, wo die Haſen⸗Jette ihre Reb⸗ hühner und Haſen herbekommt! —— 206 Indem bekam Frau von Gülpen von dem immer nur leiſe und behutſam auf den trotz des Sommers aus⸗ gebreiteten Teppichen hin und wieder gehenden Windhack eine Meldung ins Ohr geflüſtert. Sie flößte ihr einen erſichtlichen Schrecken ein. Was iſt? fragte man allgemein und voll Theilnahme und Spannung. Frau von Gülpen ſtockte, ſagte dann aber mit einem Blick der Beſorgniß auf den Dechanten: Treudchen Ley will nach Hauſe... der Mutter wäre es ſchon wieder... Chére nièce... gehen Sie doch zu Treudchen und erkundigen Sie ſich in der Geräth⸗ kammer— oder ich will doch lieber ſelbſt gehen... Treudchen Ley ſchien alle zu intereſſiren und wohl vermuthete man: Windhack hatte eigentlich gemeldet, Treudchens Mutter läge im Sterben. Der Dechant war der Beichtvater der Kranken. Die Arme ſchleppte ſich ſchon lange mit der Zehrung; ihr Ende ſtand ihr näher bevor, als ſie es ſelbſt und die Ihren ahnen moch⸗ ten. Jetzt ſah Frau von Gülpen, wie angegriffen der Dechant ſchon war von dem unruhigen Tage und ſeinen wechſelnden Eindrücken— ſie gönnte ihm die Erquickung eines ungeſtörten Abends— nun ſollte er noch.— Aber ſchon erhob ſich der Dechant. Wenn ihm auch die Bequemlichkeit über alles ging, ſo kannte er doch die Schicklichkeiten ſeines Amtes. Ich werde zu der Armen gehen! ſagte er. Allgemein aber mußte man der Frau von Gülpen, die in die Geräthkammer gegangen war, Recht geben, daß ſie noch geäußert hatte, dieſe Schreckensbotſchaft von der dem immer mmers aus⸗ en Windhack en ein. Theilnahme nit einem eutter wäre Sie doch r Geräth⸗ en... und wohl gemieldet echant war leppte ſich ſund ihr hnen moch⸗ griffen der und ſeinen Erquicung 94.— ihm auch doch die Gülpen, eben, daß tvon der 207 guten Frau Ley wäre ja ſchon ſo oft gekommen und immer hätte die Dulderin ſich wieder erholt, ja ſogar es bereut, als ſie in einem ähnlichen Anfall ſchon einmal die Wegzehrung erhalten und dann doch nicht geſtorben wäre. Spendet auch die Kirche dieſe letzte Wohlthat gern in der Vorausſetzung, daß ſie nicht den Tod, ſondern die Ge⸗ neſung erleichtre, ſo ſparen ſich die Sterbenden doch gern die hülfreiche Rüſtung zum Eintritt in den pein⸗ vollen Vorhof des Himmels zu dem Augenblick, wo ſie deren wirklich bedürftig ſind. Alſo rieth man dem Dechanten zu bleiben und Windhack, der der Frau von Gülpen in die Weißgeräth⸗ kammer, wo ein liebes zartes Kind, Treudchen Ley, den ganzen Tag über an neuen feinen Hemden geſteppt hatte, nachgegangen war, kam ſchon mit der Beruhigung zu⸗ rück, Treudchen wäre zwar gegangen, hätte aber hinter⸗ laſſen, ſie würde ſogleich ſchicken, wenn es nöthig würde. Geſchwiſter hat ſie genug dafür! ſagte Frau von Gül⸗ pen, die ſchon zurückkam... Sie ſagte dies ganz voll Mitleid, aber ſcheinbar ohne die mindeſte Erregung. Der Dechant beruhigte ſich alſo. Wiſſen Sie wol, lenkte er in ein inzwiſchen vom Major begonnenes Geſpräch über Wilddieberei ein, wiſſen Sie wol, das Schmerzenslager unſerer guten Frau Ley iſt eine Folge der Wilddieberei? Man wußte nur Einzelheiten davon. Während Lu— einde den fortgeſetzt forſchend auf ihr ruhenden Blick des Majors bald fragend ſuchte, bald erſchreckend ver⸗ mied, erzählte der Dechant: Ehe noch die Juden in Kocher am Fall den Muth 208 gehabt hätten, an Chriſten von ihrer eigenen Metzgerkunſt mehr zu verkaufen als Gänſeblut... Allen Bewohnern von Kocher war gegenwärtig, daß die Haſen⸗Jette, Frau Henriette Lippſchütz, die jetzige Wildprethändlerin, die Witwe eines einſt auch von Chri⸗ ſten ſtark in Nahrung geſetzt geweſenen jüdiſchen Metz⸗ gers war... Und ehe noch, fuhr der Dechant fort, die Blume der ganzen Judenſchaft in Kocher am Fall, mein unvergeß⸗ licher theuerſter Buſenfreund Dr. Leo Perl, zu unſerer Kirche übergetreten war— er hat einſt in Borkenhagen unſern guten Bonaventura getauft... Sieh, ſieh! unterbrach ſich der Dechant ſelbſt,— käme Bona noch, der Wunſch der Frau wenn ſie ſtürbe wäre erfüllt; von ihm hätte ſie am liebſten die letzte Zehrung empfangen... Frau von Gülpen ſtellte die Nothwendigkeit einer ſchon ſo nahen Gefahr und die Erfüllung jenes Wun⸗ ſches, den Lucinde ſchon vorgeſtern aus dem Munde Grützmacher's kannte, wiederholt in Abrede... Kurz, vor langer Zeit ſchon, nahm der Dechant ſeine Erzählung auf, war der angeſehenſte Metzger hier im gan⸗ zen Orte Treudchens Großvater, der alte Petrus Ley. Als ich hierher an den Dom kam— auf Veranlaſſung hauptſächlich jenes, ſo früh dahingegangenen Seltenſten der Menſchen Leo Perl—, ſtand niemand unter ſeines⸗ gleichen höher im Anſehen als Herr Petrus Ley. Eine Freude war's, den Mann in ſeinem ſtattlichen Hauſe unten am Fall zu ſehen, wie er, über der Bruſt die weiße Schürze und mit dem Meſſer im Bruſtlatz, an ſeiner Schranne ſtand! Den Mann plagte aber plötzlich das Metzgerkunſt wärtig, daß die jetzige h von Chri⸗ iſchen Metz⸗ Blume der n unvergeß⸗ zu unſerer Zorkenhagen Sieh, ſieh! Zona noch, cfüllt, von pfangen. igkeit einer enes Wun⸗ em Munde echant ſeine ier im gal⸗ petrus Ley. eranlaſſung Seltenſten ter ſeines⸗ Ley. Eine auſe unten die weiße an ſeiner ötzlich dns 209 Wohlleben, der Müßiggang und mit ihm, wie es auf dem Lande geht, die Jagdluſt. Hatten entweder, wenn er über Land zum Einkauf von Schlachtvieh reiſte, ſeine Hunde die Neckerei, Haſen aufzuſtöbern, die ſie ihm zu⸗ ſchleppten— ſo erzählte er ſpäter ſelbſt den Urſprung ſeiner Jagdluſt— oder reizte ihn ſein bürgerliches Wohlbefinden, er pachtete eine Jagd und wurde ein ſo leidenſchaftlicher Jäger, daß ihm ſein eigenes Gebiet nicht mehr genügte. Die Kugel, einmal im Lauf, ſagt unſer großer Schiller, iſt verhängnißvoll! Sie fuhr auch für Petrus Ley heraus, wenn die Grenzmarke ſeines Geheges längſt überſchritten war. Ich mag nicht leiden, wenn ein Bäcker, der für tägliches Brot, meinetwegen Sonntags für Kuchen zu ſorgen hat, ſich zu feinern Näſchereien verſteigt. Ein Metzger, der dem Wild nachſtellt und das dann zwar nicht aufhängt unter ſeine Rindsviertel und geſpaltenen Lämmer, aber unter der Hand doch auch verkaufen muß, begeht faſt eine Untreue an ſeinem Beruf. Ich will nicht ſagen, daß ſich ſein Beruf rächte, aber Petrus Ley erlebte das Unglück, nach einer heißen Jagd, die ihn nicht wenig mitgenommen hatte, auf freiem Felde von einem Unwetter überfallen zu wer⸗ den. Der Regen goß in Strömen. Kein Baum, kein ſchützendes Geſtein. Das Wetter endete nicht. Darüber brach die Nacht an; die Nebel umſpannen vollends die Gegend. Voll Unmuth wirft ſich der reizbare, zum Jäh⸗ zorn geneigte Mann auf die Erde und bleibt liegen bis zur Beſinnungsloſigkeit. Das Winſeln ſeines gleichfalls halbtodten Hundes machte einen vorüberfahrenden Bauer aufmerkſam; Petrus Ley wurde mit ſeinem Hunde vor dem immer fortſtrömenden Regen unter dem Stroh des 14 Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 210 Wagens geborgen. Herr und Hund kamen nach Hauſe, Ley aber wurde todtkrank und behielt von dem Tage an die Gicht in einem Grade, der ſich aufs höchſte ſteigerte und ganz unheilbar wurde. Der vermögliche Mann reiſte. in die Bäder und kam immer kränker zurück. Faſt gelähmt an allen Gliedern, hatte er Schmerzen, die den Unglücklichen zum Gegenſtand des allgemeinſten Mitleids machten. Wie oft hab' ich für ihn die Fürbitte gehalten! Faſt immer im Bett liegend, mußte er die Führung ſeines Gewerbes ſeinem Sohn überlaſſen, der in keiner Hinſicht ihm ähn⸗ lich war. Ein träger und bequemer Menſch, hatte Joſeph Ley die Früchte der Anſtrengungen ſeines Vaters geerbt, liebte aber die Geſellſchaft, das Kartenſpiel, den Wein und vernachläſſigte ſo ſehr die ihm nun ganz allein über⸗ tragenen Geſchäfte, daß ſie zurückgingen und der zuſam⸗ mengekrümmte, auf ſeinem Lager ſtöhnende alte Vater Verwünſchungen über Verwünſchungen über den Buben, wie er ihn nannte, ausſtoßen mußte. Joſeph hatte ſelbſt ſchon lange ein einſt vermögendes Mädchen geheirathet, die Tochter eines angeſehenen, nur mit zu viel Kindern geſegneten Landwirths. Das immerhin beträchtliche Ein⸗ gebrachte derſelben war bei dem Zurückgehen des Ge⸗ ſchäfts bald verbraucht; die Kundſchaft verminderte ſich, die Concurrenten machten beſſere Einkäufe. Alledem ſah der von der Gicht krummgezogene Alte, der inzwiſchen Großvater geworden war, von ſeinem Lager mit Ver⸗ zweiflung zu. Innerer und äußerer Schmerz folterten den Greis, der nicht mehr gehen und ſtehen konnte. Hörte man wilde und laute Verwünſchungen aus dem einſt ſo ſtatt⸗ lich geweſenen, jetzt die Spuren des Verfalls tragenden nach Hauſe, dem Tage an cſſte ſteigerte Mann reiſte Faſt gelähmt Unglücklichen rachten. Wie Faſt immer es Gewerbes gt ihm ähn⸗ hatte Joſeph ters geerbt, den Wein allein über⸗ der zuſam⸗ alte Vater den Buben, hatte felbſt geheirathet iel Kindern dtliche Ein⸗ en des Ge⸗ inderte ſich, llledem ſah lguſcz mit Ver⸗ plterten den Hörte man iſt ſo ſat taagenden 211 Hauſe, ſo wußte man ſchon nicht mehr, waren es die Ausbrüche des Zankes mit ſeinem Sohn oder die Klage⸗ rufe des von ſeinen Schmerzen Gepeinigten. Dieſer Zu⸗ ſtand dauerte einige Jahre. Die Verlegenheiten wuchſen; das Haus gehörte ſchon nur den Gläubigern; Pfändun⸗ gen folgten auf Pfändungen, und wie es zu gehen pflegt, das Verderben wird unaufhaltſam und wird es auch inner⸗ lich für den Charakter des davon Betroffenen. Joſeph Ley verkaufte und verſetzte ein Stück nach dem andern; die Frau, eine redliche, brave, treue Seele, mühte ſich mit der Befriedigung des letzten Reſtes von Kundſchaft, um nur die Kinder erhalten und erziehen zu können. Die Vergünſtigungen der Armuthſpenden in Empfang zu nehmen, war man noch, ſchien es, zu ſtolz. In der Nebenſtube des Wohnzimmers, aus dem hinaus man in die jetzt faſt immer leere Verkaufsflur trat, ſtand ein Bett mit Kattunvorhängen; rings von dieſen ein⸗ geſchloſſen, um das Licht abzuhalten, das die trüben, rothen Augen des Alten blendete, lag der Alte. Da rückte man ihm eine Fleiſchbank hin, auf der er Speck und geräuchertes Fleiſch ſchneiden half und Wurſt hackte. Eines Tages fand man die Vorhänge ſorgſam zugezo⸗ gen; man öffnete; Petrus Ley hatte ſich mit dem großen Meſſer, das immer in ſeiner Nähe lag, erſtochen. Nun vollends war der Segen des Hauſes dahin! Die blu⸗ tige Geſtalt des Großvaters verſcheuchte jeden der letzten dnden auch die, die aus Mitleid noch gekommen wären. Mit Grauen und Ekel ging man an dem Hauſe eines 2 Heit od der ſich ſelbſt erſtochen hatte, vorüber, und ſah man auch manchmal an der Thür noch ein einziges 14 212 junges Lämmchen hängen mit ausgebreiteten, an Stecken befeſtigten Füßen,— die gute unglückliche Frau Ley putzte und ſcheuerte hellgelb die Haken, an denen einſt die ſchwe⸗ ren Rinderviertel gehangen, die Wagſchale blinkte ſo ſauber durch die Fenſterſcheiben der Hausflurthür wie ſonſt,— drinnen ſah es doch öde und leer aus. Joſeph ſaß dann bald nur noch im Wirthshaus, trank und ſpielte. Die geiſtlichen Vermahnungen halfen nichts; es lag wie ein Fluch auf dem Hauſe, deſſen gärzliche Verödung nur das Mitleid um die rechtſchaffene Frau abwandte. Das haben wir ja alle erlebt, wie dieſe unheilvolle Kette an verderblichen Ringen immer reicher wurde! Die llei⸗ nen Kinder wuchſen herauf, halfen da und dort; der Vater hatte Augenblicke, wo er ſich zuſammenraffen wollte. War dann einmal ein Thier gekauft worden, war das ein Jubel von Frau und Kindern! Sie liefen in die ganze Nachbarſchaft ringsum und verkündeten die frohe Mär: Der Vater hat ein Schwein geſchlachtet! Was ließ ſich dann thun? Man mußte den jiüdiſchen Metzger Lippſchütz, an den man ſich unten am Fall ſchon gewöhnt hatte und zu deſſen Praxis ohnehin dieſe eine Thiergattung nicht gehörte, übergehen und die arme Frau Ley glücklich machen, die dann freilich erleben mußte, daß der Mann, gleichſam um ſich von einer ein⸗ zigen großen That, dem Schlachten und Zurichten und Verputzen eines einzigen Thieres, auszuruhen, dann wie⸗ der im Wirthshauſe ſaß und durch erkünſtelte Bravaden ſeine innere Zerfallenheit zu übertrotzen ſuchte. Sein Blick wurde wilder und ſcheuer, man mied ihn und je mehr die Theilnahme für die Mutter und die Kinder zunahm, an Stecken nLey putzte t die ſchwe⸗ te ſo ſauber le ſonſt,— goſeph ſaß und ſpielte. es lag wie Verödung abwandte. wolle Kette Die llei⸗ dort; der fen wollte. „war das liefen in ndeten die eſchlachta a jidiſchen mam Fal nehin dieſ ddie arme 4 erleben einer ein⸗ ichten und dann wie⸗ Bravadeln d je nehr r zunahm deſto vereinſamter fühlte ſich ihr Mann, der Joſeph. Die arme Frau lief oft ſechs Stunden Weges zu Fuß über Land, um irgendeinen Ankauf zu machen; die Kinder folgten, und zu rührend war der Anblick, wenn ſie dann ein Lämm⸗ lein oder ein taumelndes Kälblein die Landſtraße daher⸗ trieben und den Vater aus dem Wirthshauſe abriefen, damit er an dem auf Borg oder für ein Geringes Eroberten ſeine Kunſt zeigte. Wir wiſſen alle, daß eines Tages am Pfoſten des Schlachthauſes nicht ein ſolches kunſtgerecht ausgeweide⸗ tes Lämmlein, ſondern der Joſeph ſelber hing! Wie ſein Vater war auch er aus der Welt gegangen; jener Selbſtmord war aus Ungeduld und Stolz, dieſer aus Furcht und Scham entſtanden; ſein Trotzen war eben nur, wie es geht, ein falſches Spiel geweſen. Dann wurde Meiſter Lippſchütz Herr der ganzen Kundſchaft bei den Gerbern und Fär⸗ bern unten am Fall, bis auch der ſtarb und ſeine Frau die Metzgerei nicht fortführen konnte. Das, Fräulein Schwarz, iſt nun unſere Haſen⸗Jette, die Sie ſehr oft auf unſerer Dechanei ſehen werden! Sie iſt eine vor⸗ treffliche Frau, wenn auch der Major ihren geheimen Lieferanten nicht traut... Nun ſtirbt die gute Frau Ley! Ich muß doch hinunter in die Stadt! Man kommt nicht wieder... Gute Nacht! Der Dechant erhob ſich allen Ernſtes. Sein gutes Herz hatte über die Bequemlichkeit den Sieg davongetragen. Sein Entſchluß wurde aber von einem heranrollenden Wagen unterbrochen. Der Pfarrer von St.⸗Wolfgang! rief alles und Frau von Gülpen trat ans Fenſter. Es war aber nicht dieſe heiß von ihr erſehnte Ab⸗ 214 löſung für den Dechanten, ſondern es waren die geiſtlichen Herren vom Diner und von der Conferenz. Windhack kam ſchon und berichtete: Sie hätten ihre Ueberkleider, Bücher, Regenſchirme noch in der Dechanei zurück⸗ gelaſſen und wollten ſich, da ſie jetzt erſt abreiſten— bis um acht Uhr hatten ſie Gelegenheit genug gefunden ſich in Kocher am Fall zu zerſtreuen—, alles in den Wagen nachreichen laſſen. Frau von Gülpen fürchtete, daß man nicht jedes da, wo ſie es hingelegt hatte, finden würde und ſchickte auch noch Lucinden mit den nöthigen Anweiſungen hinunter. Windhack war ſchon vorangegangen. Ohnehin war er im Aufdecken begriffen. Nach dem Thee pflegte man in der Dechanei immer noch ein Nachteſſen einzunehmen, das bereits aufgetragen wurde... Man drängte inzwiſchen den Dechanten, die Botſchaft Treudchens erſt abzuwarten und ſich zu beruhigen. Bald hörte man, daß nach wenigen Augenblicken auch ſchon der Wagen unten wieder abgefahren war. Eben machte der Major einige Gloſſen über die Anhäu⸗ fung geiſtlicher Verſammlungen, über die Unbeſonnenheit, mit der man Zwecke zur Schau trüge, die böſes Blut nach oben ſetzen müßten, über die fanatiſchen Schwär⸗ mereien des Stadtpfarrers, der ſogar allerlei Abenteurer ins Land riefe, jetzt die Italiener, die diesmal Heiligen⸗ bilder verkaufen müßten zu Spottpreiſen, wie ihnen durch einen Verein ermöglicht würde; ja, auch den„Kirchen⸗ boten“ hätte er heute wieder ſo ſcharf geſchrieben gehabt, daß man ihn in der Cenſur von Anfang bis zu Ende geſtrichen hätte... — — 215 Er kannte die Spannung zwiſchen der Dechanei und dem Stadtpfarrhauſe und ſagte ganz offen: Man möchte faſt glauben, der fanatiſche Mann hat die e geiſtlichen Windhack Ueberkleider,. iei ſrtic⸗ Herbſtmanöver abgewartet, um ſeine bekannten Anſchuldi⸗ treſſe— gungen der Regierung beſſer unter die Leute zu bringen! Schon ſprach man dem Mahle zu, ſchon füllten ſich die Gläſer... Man erörterte die heutige Conferenz. Der Dechant zuckte die Achſeln und ſchwieg zu des Majors Beſorgniſſen... Man ſprach von dem ausbleibenden Benno, der wahrſcheinlich durch ſeine Kameraden gefeſſelt war, und bemerkte endlich die auffallende Nichtwiederkehr der Nichte der Frau von Gülpen. g gefunden les in den zt jedes da, chickte auch hinunter. ſau 3 Der Dechant war der erſte, den ihr Außenbleiben 7u„ ſtörte. iſmen, das Eine Erörterung über ſie, eine Kritik über ihren inzwiſchen Eindruck ließ ſich noch nicht anknüpfen; man konnte abzuwatten annehmen, daß ſie eben eintreten würde. Ihr Couvert blieb aber leer. Sie kam nicht... liceen auch b Jetzt fragte man Windhack, der ſervirte... N. Windhack wußte keine andere Auskunft, als daß die Aihäu⸗„Fräulein von Schwarz“ ihm noch vor einer halben Stunde ſſonnenheit draußen geholfen hätte, den Herren in ihren Wagen die böſes Bun verlangten Sachen nachzureichen. Da hätte ſie ein Licht n Schwär⸗ b gehalten und plötzlich wäre ihr das Licht aus der Hand Abenteurer entfallen und dann, als der Wagen fort war, hätte er ſie 8 Heiligene gar nicht mehr geſehen... hnen durch Frau von Gülpen fand das Fallenlaſſen des Lichtes „Kirchen⸗„doch auch ſonderbar“ und nun öffnete ſich manche ver⸗ ben gehabt, haltene Schleuſe... 5 zu Erde Die Freundinnen ſchickten zuerſt das größte Lob vor⸗ 216 aus— nach dem Syſtem der Sheridan'ſchen Läſterſchule war dies gleichſam das Einkaufungsrecht, hinterher deſto ſchärfer tadeln zu können. Flüſternd nur und ſehr discret fand man die junge Dame außerordentlich intereſſant, mit andern Worten höchſt unheimlich und kein Vertrauen erweckend; man fand ſie wunderbar ſchön und majeſtätiſch, mit andern Worten zum Dienen nicht im mindeſten geſchaffen; man bewunderte ihre Augen und fand ſie außerordentlich klug, d. h. gefährlich und Vorläufer mancher Beunruhigungen der Dechanei und der Stadt. Die Frau Majorin ſchwieg vollends— was bei ihrer Zungenfertigkeit das am meiſten Sagende war— und der Major knöchelte nur ein kaltes Huhn aus und legte die Reſte ſo hieroglyphiſch vor ſich auf den Tellerrand, als wollte er damit das bekannte Räthſelſpiel einer verwundenen Bandſchnur löſen... Jetzt fragte ihn Frau von Gülpen geradezu, worüber er denn heute eine ſo ganz extrafeine Miene machte... und der Majorin ſagte ſie ſchon: Unſere Familie iſt ſo groß, daß ich oft erſchrecke, ihre nähere Bekanntſchaft zu machen! Und als nun gar Fräulein von Minnerich, die An⸗ ſpielungen des Majors auf den jüdiſchen Urſprung der Stadt Kocher in Verbindung brachte mit einem gewiſſen orientaliſchen Air der Nichte und die Tante darüber in Verlegenheit gerieth, konnte der Major nicht mehr umhin zu ſagen: O Beſte, nein! Ich wollte nur auf ihre hohe Re⸗ ligioſität anſpielen... ſie iſt ja eine Convertitin... Läſterſchule terher deſto die junge ern Worten tkend; man mit andern affen; man entlich klug, ruhigungen bei ihrer — und der te die Reſte als wollte rwundenen worüber machte.. hrecke, ihre h die An⸗ rrung der gewiſſe arüber in ehr unhin ſohe Re itin 217 Feierliches Schweigen... Man ſah ſich um, ob Lucinde kam. Da ſie ausblieb, ermunterte Frau von Gülpen, die dieſe Eigenſchaft ihrer Nichte nicht gekannt hatte, den Major, ganz offen ſich auszuſprechen. Sie wiſſen, ſagte ſie, ich bin ſchon ſo oft von mei⸗ nen Angehörigen getäuſcht worden! Noch unſer letzter Beſuch, Fräulein Angelika Müller— Ich habe einen Brief von ihr auf meinem Zimmer liegen, ſagte der Dechant und wünſchte offenbar damit das Geſpräch abzubrechen... ihm gefiel Lucinde... er wäre gern auf einen andern Gegenſtand übergegangen. Grützmacher, ſagte aber der Major, ſah ſie ſchon geſtern beim Pfarrer von St.⸗Wolfgang... Wir hatten ſie dorthin empfohlen, bemerkte Frau von Gülpen, um ihre Sicherheit zu beweiſen. Sie kannte Herrn von Aſſelyn ſchon ſeit Jahren... Sie kommt aus der Stadt, wo er geweiht wurde... Nun, wir werden ja ſehen... Sehen? hieß es allgemein. Ich verſchweige Ihnen nicht, geſtand jetzt der Major ganz offen, die Dame iſt uns zur Aufſicht anempfohlen worden... Zur Aufſicht? Als Emiſſarin! Ihre fanatiſche religiöſe Geſinnung... Bei dem Worte„Emiſſarin“ verſchüttete faſt Frau von Gülpen den Inhalt der goldenen Doſe, die der Dechant ſuchte und die ſie ihm, ſelbſt in größter Auf⸗ regung jede ſeiner Mienen, jedes ſeiner Bedürfniſſe be⸗ obachtend, hinreichte und öffnete... 218 Dem alten Windhack ſchien es geradezu Spaß zu machen, Frau von Gülpen ſo gleichſam immer mehr in die Lüfte gehoben zu ſehen. Er ſchenkte dem Major ſein Glas mit 24er Moſel⸗Ausleſe ebenſo oft voll, wie dieſer es leerte. Dadurch kam die Mittheilungs⸗ luſt deſſelben in Gang und nicht zwanzig Minuten währte es, ſo wußten, natürlich nur in gemüthlichſter An⸗ deutung, alle, daß Lucinde Schwarz kaum viel mehr als eine Abenteurerin war, ſchon einen ſehr verwickelten Le⸗ benslauf gehabt hätte, ja auf Schloß Neuhof beim Kron⸗ ſyndilus von Wittekind geweſen war, damals namentlich als vor ſechs bis ſieben Jahren jener Theilungscommiſſar ſo räthſelhaft getödtet wurde, der Vater eben jenes Mönches, der jetzt Pater Sebaſtus hieß und vielleicht in dieſem Augenblick unter den unten angefahren geweſe⸗ nen Geiſtlichen ſich befunden haben konnte... Ja, bis zu Lucindens erſtem Anfang gingen die Mittheilungen zurück, bis zum Hauſe des Stadtamtmanns und ſogar bis zu ihren erſten Abenteuern mit einer alten Frau Hauptmännin von Buſchbeck... Längſt hatte von Kocher her der Zapfenſtreich ſich vernehmen laſſen... Der Dechant ſtand ſchon bei dem Namen,„Schloß Neuhof“ auf... Frau von Gülpen folgte ſeinem Beiſpiel bei dem Worte„Buſchbeck“. Lucinde war nicht wiedergekehrt... Die Freundinnen beſaßen Takt genug, nachzufühlen, daß dieſer Abend geſtört war, und den Zapfenſtreich hatte eigentlich niemand verſäumen wollen.. tr — 219 Major Schulzendorf hatte Lucinden keineswegs an⸗ klagen wollen. Er hatte nur das Intereſſe, das ſie vollkommen einflößen durfte, genauer motivirt. Nicht im mindeſten durften er oder ſeine Gattin annehmen, daß ſeine immer den Rückſichten des Hauſes und den vortrefflichen Speiſen und Weinen deſſelben Rechnung tra⸗ gende Mittheilung irgendjemanden hier verletzte. Man trennte ſich wie mit dem Gefühl allgemeinſter Befriedigung... Frau von Gülpen aber fiel, als ſie mit dem De— chanten allein war und ihr ſcharfes Ohr die letzten Schritte der Gäſte verklingen gehört hatte, geradezu in eine Ohnmacht... Der ſanfte Mann that alles Mögliche, ſie zu be— ruhigen. Nicht vierundzwanzig Stunden länger bleibt ſie im Hauſe! hauchte die Freundin mit einer ihr faſt vergan⸗ genen Stimme. Die Haube löſte ſich, die ſchönen kaſtanienbraunen Scheitel kamen in Unordnung... Und plötzlich raffte ſie ſich auf und klingelte. Was thun Sie? Was ſoll das? fragte der Greis. Windhack, der die Gäſte hinausbegleitet, kam zurück. Das Fräulein— Die Stimme verſagte... verſagte um ſo mehr, als der Dechant ſich einer ſofortigen Citation Lucindens ent⸗ ſchieden widerſetzte. Windhack berichtete, er hätte oben geklopft und die Antwort bekommen, ſie wäre müde und wünſchte allein bleiben zu dürfen... 220 „Wünſchte! Allein bleiben zu—““ lachte Frau von Gülpen förmlich auf, wie über eine Prätenſion der höchſten Anmaßung... Beruhigen Sie ſich, liebe Freundin! unterbrach der Dechant wiederholt und mit Entſchiedenheit. Verurtheilen Sie nicht wieder zu ſchnell! Morgen wird ſich alles finden! Ich bitte ſehr darum! Windhack, leuchte! Ich habe noch Briefe zu leſen. Keine Störung! Keinen Tu⸗ mult! Ruhe und Friede! Ich bitte darum! Gute Nacht, liebe Freundin! Damit ging der Greis erregt, wie ſeit lange nicht, auf ſein Zimmer. Die Schnurrenthüren nebenan bei Frau von Gülpen beruhigten ſich aber noch bis tief in die Nacht nicht, ſo oft gingen ſie auf und zu und ſo oft zu und auf... Nie noch konnte eine Tante über eine Nichte in größe⸗ rer Aufregung geweſen ſein. te Frau von atenſion der terbrach der Verurtheilen d ſich alles leuchte! Jch Keinen Tu⸗ Gute Nacht, ange nicht, on Gülpen at nicht, ſo Inzwiſchen ſaß Lucinde in einem Manſardenſtübchen unter dem Eindruck, den ihr das Wiederſehen Heinrich Klingsohr's verurſacht haben mußte! Daß es dieſer geweſen, daß er wie ſie den Glauben gewechſelt, ja daß er weiter noch gegangen und ein Mönch geworden, beſtätigte Windhack, als er das ihr aus der Hand gefallene Licht erhob und in aller Harm⸗ loſigkeit ſagte, der Mönch käme mit den geiſtlichen Herren vom Stadtpfarrer... hieße Dr. Klingsohr, und in der Stadtpfarrei— da müßte man mehr von ihm wiſſen, als halt er ſelbſt oder der Dechant wüßte... Windhack ahnte nicht, wie ſeine Antwort einer faſt bebend geſprochenen Frage gegeben wurde. Und doch wußte ſelbſt auch noch in dieſem Augen⸗ blicke ſich Lucinde ſchon wieder zu beherrſchen. Aber ſie mochte nicht in die Geſellſchaft zurückkehren oder, wie Windhack ſie aufforderte, am Mahle theilneh⸗ men. Die ſtrenge Kälte der Frau von Gülpen, der prüfende Blick des Majors, der ſo läſſige und nur ober⸗ flächlich verrathene Antheil des Dechanten benahmen ihr allen Muth, allen Aufſchwung... und doch war ſie ſorglos und ahnte für ihr Bleiben keine Gefahr. 222 Sie hatte Treudchen Ley ſchon davongeeilt gefunden, hatte die zurückgelaſſenen Sachen der geiſtlichen Herren helfen wollen an den Wagen nachtragen, hatte kaum einen Blick durch das vergitterte Fenſter des untern Eſtrichs geworfen, während Windhack vor der großen Hauptpforte ſtand... als ſie vor dem geſchorenen Haupte eines Mönches, der aus dem Wagenſchlage ſich vorbeugte, zurückfuhr. Die Beleuchtung durch Lichter, den aufge⸗ gangenen Mond und die noch nicht ganz entſchwundene Tageshelle war zu ſicher, der markirte, ſcharfe Kopf Klingsohr's war mit keinem andern zu verwechſeln und die Beſtätigung, daß ſie ſich nicht geirrt, folgte durch Windhack auf dem Fuße... Wollen Sie nicht zum Souper kommen? fragte der Alte nach einer Viertelſtunde noch einmal. Durch die geſchloſſene Thür ihres Manſardenzimmers hatte ſie gebeten, allein bleiben zu dürfen und ſie wegen ihrer Ermüdung zu entſchuldigen. Ihr Zimmer war klein, ſehr niedrig,— faſt ſtieß ſie mit dem Kopf an die Decke— Sie machte ſich Licht— ſie hätte alle Fenſter des Hauſes aufreißen mögen, um Luft zu ſchöpfen,— ihr Stübchen hatte nur ein Fenſter— ſie fürchtete zu er⸗ ſticken— „Beim Stadtpfarrer würde ſie mehr erfahren“— Dies Wort hallte ihr unaufhörlich wider... Sie hatte Briefe an dieſen Beda Hunnius— die dringendſten Empfehlungen— Empfehlungen, die ſogar mit„preſſant“ überſchrieben waren— Sie ſuchte nach dieſen Briefen— ————.— gefunden, ichen Herren der großen enen Haupte ſch vorbeugte, den aufge⸗ ardenzimmers Id ſie wegen aaft ſtieß 223 Dabei blieben ihr die Hände wie gelähmt... und faſt wie im Gelächter klang es ſchon und hallte ihr im Ohr: Klingsohr ein Mönch! „Sind Sie katholiſch?“ hatte ſie einſt zu ihm ge⸗ ſagt, als er einen Blütenzweig da in die Erde pflanzen wollte, wo ſie geſtanden, damals, als ſie von ihm auf dem Wege vom Düſternbrook ſo ſeltſame und ihr fremde Gedanken vernommen... „Du ſprichſt ein großes Wort gelaſſen aus!“ hatte er erwidert... Sie ging auf und nieder in dem engen Zimmer. Dann ſuchte ſie in ihrem kleinen Koffer nach den Briefen... Sie fand ſie in ein Convolut alter Papiere verſteckt, die ſie ſeit drei Jahren beſaß. Es waren die nach Ser⸗ lo's Tode aus deſſen Nachlaß an ſich genommenen Auf⸗ zeichnungen deſſelben... ſeine oft von ihm vorgeleſenen Tagebücher. Sie kannte jede Stelle darin und nicht eine Secunde brauchte es, daß ſie eine Seite aufgeſchlagen hatte, die jenen Beda Hunnius betraf. Firmian Neumeiſter, ge⸗ nannt Serlo, war, obgleich älter, mit ihm im geiſtlichen Convict geweſen... Bei dieſem Hunnius konnte ſie von Klingsohr mehr erfahren... von Klingsohr, der jetzt... Sie wußte ſelbſt nicht, was ſie that, als ſie, um den überwallenden Strom ihrer Empfindungen zu dämmen, die Schilderung wieder las: „Wir ältern Schüler hatten die Aufſicht über die jün⸗ gern. Schon ganz kleine Knaben kamen ins Convict und mit den glücklichſten Anlagen für ihren künftigen Beruf... 224 „Die Lehrer hatten die Erziehungsgrundſätze der Jeſuiten angenommen. Wir wurden von allem zurück⸗ gehalten, was nur irgendein eigenes und ſelbſtändiges Leben in uns und aus uns hiütte entwickeln können. Jede Stunde, ja jede Minute hatte ihre Beſchäftigung, ihre eigene Aufgabe. Nur die Ruhe der Nacht, wenn man aus einem Traum erwachte, bot die Gelegenheit eines ſtillen Selbſtgeſprächs. Nur in ſolchen Nächten ermöglichten ſich meine Betrachtungen über Menſchen und Dinge. Mit dem Glockenſchlage fünf begann die ge⸗ wohnte Ordnung mathematiſch genau abgegrenzter Be⸗ ſchäftigungen. Einer der Schüler belauſchte den andern. Man wurde angezeigt, wenn man Runzeln auf der Stirn hatte! Ich weiß es noch wie heute, daß ein Schüler, ein kleiner Bauernknabe, mindeſtens ſieben Jahre jünger als ich, den ich zu beaufſichtigen hatte, ein gewiſſer Hunnius, mich anzeigte, wenn ich die Stirn in Runzeln gelegt hatte! Dieſe Nachläſſigkeit wurde vom Rector ſcheinbar nur aus Schönheitsrückſichten getadelt und ab⸗ geſtraft. Man ſagte: Du ſollſt dein Aeußeres pflegen! Dein Leib iſt ein Tempel Gottes! Wie kann eine Seele zu dir Vertrauen faſſen, wenn du mit düſterer, gefurch⸗ ter Stirn ſie anblickſt! Die Wahrheit war aber keine andere als die, daß gerunzelte Stirnen Denker ver⸗ rathen, mindeſtens Träumer, die in ſich ſelbſt verſunken Betrachtungen anſtellen, die ihnen nicht von außenher veranlaßt und geheißen wurden. „Dieſer boshafte kleine Verfolger meiner Stirnrunzeln war auch ſchon der eifrigſte und gewandteſte Escamoteur des ſogenannten Signums. rundſätze der allem zurück⸗ ſelbſtändiges ickeln können. Beſchäftigung, Nacht, wenn e Gelegenheit lchen Nächten Menſchen und gann die ge⸗ egrenzter Be⸗ den andern. der Stirn an Schüler, Jahre jünger ein gewiſſer n in Runzeln vom Reckor ndelt und ah⸗ jeres pflegen! - eine Seele eter gefuuch⸗ er aber keine Denker ver⸗ bſt verſunken a außenher Ztirnrunzeln „Escamoteut 225 „Dies war eine Art Denkzettel von Blech, den der⸗ jenige umhängen mußte, der irgendein Verſehen ſich hatte zu Schulden kommen laſſen. Man trug das Signum ſo lange, bis man an irgendeinem andern eine Unregel⸗ mäßigkeit entdeckt hatte, der dann es ſtatt ſeiner tragen mußte. Da derjenige, welcher das Signum Abends neun Uhr umhatte und der letzte geweſen war auf der nun folgenden Jagd der Angeberei, dann auch wirklich gleichſam für alle beſtraft wurde,— Opus operatum auch hier!— ein verhältnißmäßiges Faſtengebot erhielt oder irgendeine Arbeit verrichten mußte, ſo kann man ſich denken, wie aufgelauert wurde, um das Signum von ſſich weg anzugeben auf einen andern! Ich alter, acht⸗ zehnjähriger Knabe war gewöhnlich der Unglückliche, der für die Vergehen von einem Dutzend anderer Abends neun Uhr zu büßen hatte. „Und ich ſage nur, wie die menſchliche Natur früh auf alles, was ſie geiſtig verkrüppeln kann, vergnüglichſt eingeht! „Niemals kam der jüngſte von allen, der kleine Hunnius an die Reihe, der letzte zu ſein! So ver⸗ ſchmitzt war hier ſchon ein Kind, ſo liſtig, daß es noch Abends um neun Uhr einen Frevel an einem ſeiner Kameraden entdecken konnte, dem es das Signum kurz vor Thoresſchluß zuzuſchanzen wußte. „Gab es keinen Verſtoß, der anzuzeigen war, ſo lockte man einen hervor. Dazu bedurfte es blos doppelter Verſchmitztheit; denn der Reiz zur Sünde iſt immer da. Von Freundſchaft und Liebe konnte bei ſo durcheinander gehetzten jungen Seelen keine Rede ſein. Wir wurden Gutzkow, Zauberer von Rom. II 15 226 zur Predigt der Liebe angeleitet und in unſerm In⸗ nern kochten Haß und Rache. Alles zur größern Ehre Gottes!“ Eigentlich war Lueinde auf dem Standpunkte, bei ſol⸗ chen Mittheilungen eher Partei gegen als für Serlo zu nehmen. Sie hatte mit der Denkweiſe, die ſie Klingsohrn, ja Serlon ſelbſt verdankte, eine reſolute Entſchloſſenheit der Menſchen für die Abwehr ihrer gegenſeitigen Schlechtig⸗ keiten für vollkommen gerechtfertigt zu halten gelernt. Sie lachte ſchon oft über den kleinen Hunnius und nahm ihn für einen Erzſchelm, der mit der Menſchheit gerade ſo ver⸗ fuhr, wie man mit derſelben verfahren müſſe und wie ſie einſt ſelbſt ſich gegen die Tücke der Frau von Buſchbeck half. Selbſt Bonaventura, dem ſie einſt dieſe Art der Erziehung vorhielt und unter der gewöhnlichen Beicht⸗ ſtuhlfirma,„ſie würde von Zweifeln gequält“— ihr Verhalten zum neuen Glauben war, den wirklichen Haß gegen die hinter ihr liegende proteſtantiſche Welt ausge⸗ nommen, nur ein äußerliches und eine Benutzung deſſel⸗ ben als Mittels zum Zweck— dieſe Signum-⸗Anekdote erzählte, hatte geſagt: Man glaubt das Fundament unſerer Kirche erſchüttert zu haben, wenn man allen Aberwitz aufdeckt, auf den die Einſamkeit der Geiſtlichen und die Furcht vor der Anfechtung verfallen iſt! Die künftige Lebensſtellung des Prieſterſtandes iſt eine ſo ſchwierige, daß die Angſt, es möchten ſich keine Menſchen finden, die ihm Genüge leiſten könnten, ſeit Jahrhunderten bei uns auf ſolche Auskunftsmittel der Erziehung zur innern Heiligung verfallen iſt! Die Gäſte unten hatten das Haus verlaſſen— alles unſorin unſerm In⸗ größern Ehre unkte, bei ſol⸗ Serlo zu eKlingsohrn, gloſſenheit der n Shllechtig⸗ gelernt. Sie nd nahm ihn rade ſo ver⸗ und wie ſie Buſchbeck ſe Att der Geiſtlichen „ül Die ſt eine o . Menſchen chunderten jehung zur 1— alles 227 wurde ſtill— der Mond trat immer heller und heller hervor und verklärte den Park mit einem magiſchen Lichte... Von Benno, von Hedemann, Thiebold de Jonge, Bo⸗ naventura, von den Italienern keine Spur— auch die kleine Gertrud Ley brachte— wenigſtens hörte ſie nichts— keine Botſchaft von ihrer ſterbenden Mutter... Die Erzählung des Dechanten hatte Lucinden in ihr eigenes Jugendleben zurückhverſetzt— in das Leben ihrer Geſchwiſter— in den Tod derſelben— auch den Tod ihrer beiden letzten Brüder... Guſtav und. Auguſt lebten nicht mehr— ſie hatten aus dem Beſſerungshauſe entfliehen, hatten an einem Seil aus einem hochgelegenen Fenſter ſich niederlaſſen wollen— ein Geräuſch treibt den zweiten Flüchtling, ſich aus dem Fenſter dem erſten nachzu⸗ ſchwingen, während dieſer noch nicht am Boden iſt— das Seil reißt— beide verunglücken—— vor einem Leben, das doch gewiß nur das des Verbrechens hätte werden können! tröſtete ſich ſchon damals Lucinde. Es war dies faſt drei Jahre her; die Kunde traf ſie gleich nach ihrem Eintritt in die orthopädiſche Anſtalt. Daß ſie dieſen Tod getroſt auf ihre Rechnung ſchreiben konnte, hatte ihr das Gewiſſen ſchon oft geſagt und ebenſo oft auch ſchon wieder hatte ihre Philoſophie der Selbſthülfe und des erlaubten Widerſtandes gegen das feindliche Leben ſie von allem Vorwurf freigeſprochen. Zur Ruhe gehen konnte ſie nicht. So in ihrer Auf⸗ regung den Tag ſchließen, ſo ſich mit tauſend quälenden Gedanken aufs Lager werfen?... Unmöglich für eine Phantaſie ſo voll wühlender Ungeduld!... 15 228 Die Kleinheit des Zimmers machte ſie jetzt ver⸗ zweifeln. Sie riß die Thür auf... Unten hörte ſie noch reden... Frau von Gülpen war es, die ſich bei den Mägden ſicher ſtellte, daß niemand ſich etwa ein⸗ fallen ließ, vom Lärm der Stadt und der Neugier auf die Einquartierten ſich aus dem Hauſe ziehen zu laſſen. Lucinde lächelte und ſagte kopfſchüttelnd: Ganz wie meine Alte! Zuletzt regte ſich nichts mehr im Hauſe... Sie griff nach Hut und Mantel... Wenigſtens in den Park wollte ſie gehen und mit einer Wanderung durch die Baumgänge die ſtürmenden Gefühle ihrer Bruſt beſchwichtigen... Wie auch hatte ihr das Leben dieſes Parks poetiſch vor Augen geſtanden! Sollte ſich denn auch nichts da⸗ von, keine einzige ihrer Ahnungen erfüllen? Sie mußte hinaus. Nur das eine Bild des Mönches Klingsohr ſchon wuchs ſo rieſengroß vor ihren Augen, daß es die Decke des kleinen Zimmers ſprengte. Es zog ſie, wie wenn ſie über Länder und Ströme, über Heiden und Moore fliegen müßte zu dem fernen Meere hin, an deſſen Ufern ſie einſt gelebt hatte, zu dem Strande der Alſter, wo Klingsohr im Schilfrohr das blutige Haupt ſeines Vaters zu ſehen ſich gefürchtet! Und wollte nicht zuletzt noch Bonaventura kommen? Wollte er ſie gleich ſchon heute die Wonne nicht fühlen laſſen, doch irgendwie berechtigt in ſeiner Nähe weilen und an ſeinen Lebensſchickſalen betheiligt ſcheinen zu dürfen? Mit dieſen Empfindungen war ſie ſchon auf der Stiege. Sie hatte leiſe ihr Zimmer zugedrückt. nichts da⸗ es Mönches Augen, daß Es zog ſie Feiden und an deſſen der Alſter, 4 ſeines 229 Behutſam ging ſie hinunter. Nichts hörte ſie als das Kniſtern ihrer Schuhe auf der ſteinernen Treppe. Unten ſteckte der Schlüſſel in der Hauspforte... Sie ſchloß auf, öffnete und trat hinaus... Sollte ſie den Schlüſſel mitnehmen 2.. Mitnehmen? Wohin?... Wußte ſie ſchon, daß es im Park ſie doch nicht halten würde, daß ſie ſich weiter wagen müßte, wenig⸗ ſtens bis an die Kathedrale hinauf?... Sie ließ den Schlüſſel ſtecken und drückte nur leiſe die Thür wieder zu. So trat ſie auf die ſteinernen Vlieſen, die rings das Schlößchen umgaben. Dann kam ein kleiner Raſen mit einem kaum einige Fuß hohen ſpielend tröpfelnden Spring⸗ brünnchen... dann kam eine Baumallee... Auf einer Steinbank ließ ſie ſich nieder... Wie blickte ſie zagend auf das Haus, in dem ein Licht jetzt nach dem andern erloſch!... Das Piano, auf dem ſie ſich leidlich geltend zu machen wußte, hatte man ſie gar nicht aufgefordert anzurühren! Sie hatte ihre eigenen bizarren Weiſen, in denen ſie ſich in ſolchen Abendſtunden und ſolchen Stimmungen anziehend zu ergehen verſtand... Wie hätte ſie jetzt auf ihm dahinſtürmen mögen! Und nun ſaß ſie hier„auf Probe“, ſo gebunden, ſo Bettlerin, ſo Aus⸗ geſtoßene und Geduldete nur. Sie durfte kaum ein Liedchen trällern, um das tauſendſtimmige Concert in ihrer Bruſt, ein Hämmern und Klopfen wie auf tauſend verborgenen Taſten, irgendwie zu verrathen— ein Hüſteln ſogar mußte ſie ſchon zwingen aufzuſtehen und ſich mehr zum Park zu entfernen. Sie lauſchte dem Plätſchern des Quellchens, de Rauſchen der Blätter, dem Geräuſch der Stadt... 230 Erſt jetzt fühlte ſie, daß ſie ja die Briefe für Hunnius zu ſich geſteckt hatte! Einer von ihnen war„preſſant“... Wenn ſie ihn noch abgäbe? Jetzt, nachdem die neunte Stunde ſchon geſchlagen? Klingeln an der Stadtpfarrei? Das war das We⸗ nigſte... Zu dem Reiz, der das katholiſche Prieſterthum umgibt, gehört ſeine freiſtehende, durch kein Familien⸗ leben gebundene Allen⸗Angehörigkeit. Da fragt kein Ehe⸗ weib: Was wollen Sie von meinem Manne? Da ſind keine Kinder, an deren Bettchen, wenn ſie krank ſind, ein Vater der Mutter wachen hilft! Dieſe katholiſchen Prieſter ſind wie die Aerzte. Man darf ſie des Nachts aus ihrer Ruhe klingeln. Man darf ſie am Tage in ihrem Studirzimmer überraſchen. Man braucht nur um einen Schemel zu bitten, um zu knieen und mit ihnen zu beten. Katholiſche Prieſter verlangen auch keine Einführung, keine Empfehlungsſchreiben, ſie ſind ſofort mit dem Menſch— lichſten im Menſchen vertraut und einer iſt dann wie alle; die Frage, die ihr ganzes Leben vertritt, iſt unter ihnen und bei jedem dieſelbe... Wie viel Tauſende von Frauen, die im Leben keinen Freund und Vertrauten zu gewinnen wußten, gehen ihnen bethört auch nur um deswillen nach!... Ohne daß ſich Lucinde an die übrigen Wege des Parkes hielt, ſchoß ſie quer durch die vom Mondlicht beſchienenen Bäume an die ſteinernen Stufen hin, die zum Dome hinauf und von dort wieder abwärts der Stadt zuführten. Trotz der ſpäten Abendſtunde war das ſonſt ſo ſtille Städtchen heute wie im ganzen Jahre nicht lebendig. Die zu den Uebungen Berufenen zogen truppweiſe für Hunnius preſſant”... m die neunte var das We⸗ Prieſterthum in Familien⸗ agt kein Ehe⸗ ? Da ſind krank ſind, fatholiſchen des Nachts n Tage in ct nur um it ihnen zu em Menſch⸗ in wie alle; rihnen und Frauen, die nen wußten, Wege des Mondlicht bin, die wärts der iſt ſo ſtille bendig⸗ ruxyweif 231 durch die mondſcheinhellen kleinen Gaſſen, andere ſaßen in den Wirthshäuſern und ſangen. Da Muſik, dort der Lärm fallender Kegel... Von ihren geſtern und heute gemachten Bekannten konnte Lucinde annehmen, daß ſie ſich bei dem Oberſten von Hülleshoven befanden, Hedemann vielleicht ausgenommen, der ſicher den Leute⸗ nant von Enckefuß vermied... Die Italiener ſchienen noch in Kocher nicht angekommen zu ſein... Lucinde ging und ging und fragte die Leute nach der Stadtpfarrei... es war ihr, als müßte ſie doch vielleicht irgendwo Benno ſehen... Den hätte ſie nicht lieben kön⸗ nen, den ſchroffen Humoriſten... er gab ſich abſichtlich ſo unpoetiſch,— er kehrte ſo oft die Seiten nur ſeines Ver⸗ ſtandes heraus— er ſchien ihr zu ſicher, klar und zu bewußt in ſich ſelbſt— Thiebold de Jonge erinnerte ſie faſt an Oskar Binder— aber beide Männer waren zuvorkommend, man konnte mit ihnen ſcherzen, ausgelaſſen ſein— jetzt hätte ſie ſich an Benno's Erſtaunen weiden mögen, wenn er ſie Abends faſt gegen halb zehn Uhr im Mondenſchein ſo durch die Straßen wandern ſah in der allgemeinen Auf⸗ regung... ſie würde ſeinen Arm aufgegriffen und ihn fortgezogen haben... Entdeckte man ihren Ausgang in der Dechanei, ſo ſann ſie, was ſie vorſchützen würde, die dringenden Briefe an den Stadtpfarrer, die ſie vergeſſen gehabt hätte am Tage abzugeben. Und wenn dieſer wirklich noch zu ſprechen war— ſie hatte ſich ſchon bis zum Marktplatz durchgefragt— wenn ſie von ihm allzu lange aufgehalten werden ſollte, konnte ſie nicht das Intereſſe für die Erzählung des Dechanten von der ſterbenden Frau Ley und den wirklichen Drang, den ſie hatte, 232 Treudchen beizuſtehen, zu ihrer Entſchuldigung benutzen? Lucinde gehörte zu den Naturen, die bei großen Schwierig⸗ keiten ſich durch das Wort zu helfen wiſſen: Ans Leben wird mir's doch nicht gehen! Das hatte ſie ſchon in Langen⸗ Nauenheim ſo gehalten, wenn andere Theilnehmer einer gemeinſchaftlichen Schuld ſich der Strafe entgegenängſtigten. Für die Dechanei freilich lag ihr alles daran, an der Lage, in der ſie ſich bisjetzt dort befand, nichts zu ihren Ungunſten zu ändern. Sie ahnte ihre Gefahren nicht... Endlich war ſie an der Stadtpfarrei. Stock war noch Licht. Eine Klingel hing Sie zog daran und unerſchrocken. Viel ſchneller, als ſie in geiſtlichen Häuſern gewohnt war, ging die Thür auf. Lucinde war ſchon auf der Treppe und von einer Magd empfangen und forſchend angeleuchtet. Das ſpäte Klingeln brachte Hunnius mit einer Auf⸗ regung in Verbindung, in der er ſich ſeit einigen Stunden mehr noch als in der Conferenz befand. Man hatte in der That die letzte, eben zum Druck beſtimmte Nummer ſei⸗ nes Kirchenboten auf der Polizei von Anfang bis zu Ende geſtrichen. Der Fall war ſchon oft vorgekommen; immer aber regte er ihn ſo auf, daß er die halbe Nacht darüber verlor. Im erſten am Hauſe... In jeder Minute, da er Aenderungen vorſchlug, dann neue Botſchaft erwartend, konnte das Ziehen der Klingel ihn veranlaſſen, ſogleich ſelbſt auf die Treppe zu eilen, die Brille auf die vor Aufregung geröthete breite Stirn zu ziehen, im Schlafrock, in Pantoffeln, mit der brennenden Pfeife in der Linken, mit der Studirlampe ng benutzen? hen Schwierig⸗ Ans Leben Hon in Langen⸗ einer enängſtigten. „an der Lage, Ungunſten Im erſten Hauſe... d von einer einer Auf⸗ Stunden n, immer t darüber rſchlug, 233 in der markigen Rechten... und forſchend, fragend, eher einem aufgeregten, nach Ordnung ſehenden Wirthe ähnlich, als einem Gelehrten, jedem entgegenzurennen. So auch heute. Er kam, wie nur ein Mann ſeines Temperamentes, dann aber auch freilich ein Schriftſteller kommen konnte, der ſich in jener traurigen Zeit jede geſchrie⸗ bene Zeile vom Cenſor begutachten laſſen mußte... Hunnius, ungeſtüm und überreizt, fand eine Dame... eine elegante noch dazu... Raſch bedeckte er mit den Flügeln des Schlafrocks ſein Neglige, zog die Pfeife aus dem Munde, überließ Lucinden der Dienerin und entfernte ſich mit einigen Worten der Entſchuldigung. Lucinde wurde in ein Empfangszimmer geführt. Die Magd ſtellte ihr die Lampe hin und entfernte ſich. Nach einer Weile öffnete wieder der Stadtpfarrer und bat Lucinden näher zu treten in ſein eigenes Zimmer. Er hatte inzwiſchen ſchnell ſeinen ſchwarzen Rock und ſeine Stiefel angezogen und bot ſeinem Beſuche einen Platz auf dem Kanapee, während er ſelbſt mit großer Beweglichkeit in geſpannter Verlegenheit einen Stuhl ergriff... Das Zimmer bot die oft etwas geſuchte Einfachheit geiſtlicher Wohnungen. Auf dem Tiſche vor dem harten Kanapee lag eine faſt wie in abſichtlichem Ungeſchmack gewählte baumwollene Decke; in der Mitte ſtand ein Crucifix von wurmſtichigem alten Holze. Schildereien, Bücherſchränke, Seſſel, alles war von der größten Ein⸗ fachheit. Im Volke ſetzt man ſolche Entbehrungen beim geiſtlichen Stande voraus, beurtheilt ihn und dieſer ſelbſt richtet ſich danach. 234 Hochwürdiger Herr Pfarrer! begann Lucinde. Ich bin eine Nichte der Frau von Gülpen in der Dechanei und heute erſt angekommen! Ich nahe mich Ihnen, ver⸗ langend, die erſte Nacht, die ich in einem neuen Wir⸗ kungskreiſe zubringe, mit einem Gebete unter geiſtlichem Beiſtand anzutreten. Beim Herrn Dechanten fürcht' ich eine Misdeutung dieſer Abſicht durch meine gütige Tante und wage mich deshalb zu Ihnen. Auch hab' ich Briefe und einen dringenden vom Herrn Curatus Joſeph Niggl an Sie abzugeben! Ein Wunder die erſte Anrede— und leider ſo ſchnell na⸗ türlich erklärt! Eine Nichte aus der Dechanei, die mit dem Stadtpfarrer beten wollte? Eine religiöſe Schwärmerin? Jetzt nur eine einfach an ihn Empfohlene— die zwei Briefe abgibt, auf deren einem„preſſant“ zu leſen iſt! Der letztere kam allerdings von einem ſeiner ver⸗ trauteſten Freunde und Hunnius fand ſich zurecht. Doch las er den Brief nicht ſogleich, ſondern fragte Lucinden nach ihrer Reiſe, ihrem frühern Aufenthalt. Was eine Nichte in der Dechanei bedeutete, wußte Hunnius, doch behandelte er das Verhältniß mit Scho⸗ nung, ja er war ſogar höchſt überraſcht, als Lucinde wirklich den Kopf mit dem nicht abgenommenen Hute auf die gefalteten Hände beugte und nicht eher aufblickte, bis er nicht ein Confiteor, das er in Verſen überſetzt ſogleich zur Hand hatte, laut vorgeſprochen und ſie ge⸗ ſegnet hatte. Ohnehin erregt und nun vollends von einer ſo ihm noch nicht oft vorgekommenen Scene, erbrach er erſt jetzt den wichtigern der beiden Briefe. Lucinde bat ihn darum. hoh⸗ züg rät Qeinde, H Lucinde. Ja der Dechanei h Ihnen, ver n neuen Wir ter geiſtlichen ten fürcht ich egütige Tante ab ich Briefe 7..— Joſeph Nigg! ſo ſchnell na⸗ die mit denl Hwärmerin? de zwei Briefe n iſt! ſeiner ver⸗ zurecht. andern fragte ffenthalt. ntete, wußtt mit Scho⸗ als Lueinde umenen Hute „raufblickte, ſen Überſetzt und ſie ge⸗ zuer ſo ihm geer erſt jett en darum 235 War Hunniusdbereits von ſeines befremdenden Beſuchs hoher, faſt ſtolzer Geſtalt, von der Schönheit der Geſichts⸗ züge, dem geiſtvollen Ausdruck der Augen und dem ganzen räthſelhaften Dufte, der ſie umgab, im höchſten Grade belebt, ſo ſteigerte ſich ſein Intereſſe vollends beim Leſen. Von Zeile zu Zeile wuchs der Ausdruck ſeiner Ueberraſchung. Er zog die dunkeln buſchigen Augenbrauen in die Höhe und unterbrach ſich fortwährend ſelbſt mit einem Hm! Hm! O das iſt ja herrlich! bis er zu Ende war. Nun überflog er noch einmal und förmlich wie zweifelnd die an ihn gerichtete Adreſſe, überzeugte ſich von der Un terſchrift, zog ſein Portefeuille, legte den Brief vorſichtig hinein und reichte Lucinden in verklärteſter Miene die Hand mit den Worten: Das muß ich mir ja zu ſeltenſtem Glücke deuten, mein Fräulein, eine ſolche Bekanntſchaft in Ihnen zu machen! Sie ſind zu unſerer Kirche zurückgekehrt! Und mehr! Mehr! Sie haben den Muth, Ihre neue Geſinnung auch zu be währen! Sie kennen die Welt genug, um mit Vortheil die geiſtlichen und weltlichen Waffen zu führen in dem Kampfe, den wir alle jetzt zu kämpfen haben! O und das jetzt in dieſem Augenblicke, wo— Er horchte auf. Es ſchien ihm als wenn der Drucker burſche die gerettete Nummer brachte. So gut bin ich Ihnen empfohlen worden? fragte Lucinde, die den Grund ſeiner Selbſtunterbrechung und plötzlichen Wie⸗Abweſenheit nicht kannte. Leſen Sie es ſelbſt! erwiderte Hunnius, griff in ſein Portefeuille und reichte ihr den Brief Joſeph Niggl's zurück. 22G 250 Der gute Herr Curatus! ſagte ſie und lehnte das Leſen ihrer eigenen Lobeserhebungen ab. Nein! Nein! erwiderte Hunnius halb zerſtreut. Sich gerühmt zu ſehen, iſt manchmal eine Ermunterung! Und nun las er, ſeufzend über den nicht gekomme⸗ nen Druckerburſchen, ſelbſt: „Hochwürdiger, hochzuverehrender—“ Ja ſo! unterbrach er ſich. Ich habe mich vergriffen! Das iſt nicht der rechte Brief! Indeſſen— Sieh! Sieh! Wenn— Entſchuldigen Sie mich nur, daß Sie mich in ſolcher Zerſtreuung finden! Schon wieder iſt meine harmloſe ſchriftſtelleriſche Thätigkeit Gegenſtand der rück⸗ ſichtsloſeſten Verkürzung geworden— der Luft, des Lich⸗ tes, der Freiheit, des Athems— denn alles das rau⸗ ben ſie uns! Meine ganze morgen fällige Nummer iſt mir von Anfang bis zu Ende geſtrichen worden! Jeden Augenblick erwart' ich Antwort auf einen Vorſchlag, den ich wenigſtens zu Aenderungen machte! Kommt kein Bote aus der Druckerei, ſo bleibt es bei dieſen Leichenſteinen— dieſem Mord durch perſönlichſte Willkür... Blau iſt die Tinte, die dieſen Menſchen ſtatt Blut unter den Händen fließt! Sehen Sie nur! Damit zeigte er den Cenſurbogen eines kleinen Blat⸗ tes, das mit blauer Tinte durchſtrichen war... Lucinde drückte ihr Bedauern aus und ſuchte eine Gelegenheit, auf Klingsohrn überzugehen, durch den ſie mit ſolchen Vorgängen des literariſchen Lebens ſchon früh bekannt geworden war... Beim Zuſammenfalten ſeines Blattes kam dem Stadt⸗ — —— der rick⸗ Nummer iſt den! Jeden 237 pfarrer wieder der verwechſelte Brief von vorhin zu Handen. Ja, ſagte er, im Portefeuille ſuchend, wo iſt denn Niggl's Empfehlung?— Aber— ja, ja— Sie ſollten auch dieſen Brief hier leſen! Ich nehme keinen Anſtand, Sie damit bekannt zu machen. Da ich Ihre Geſinnung kenne, da Sie eine ſtreitbare Jungfrau ſind, die ihre Fahne zum heiligen Kampfe mittragen will, mein Fräulein, ſo hören Sie in Gottes Namen, wie wir denn doch nicht ſo ganz verlaſſen ſind in unſerer Noth! Leſen Sie ſelbſt! Da wir uns über vieles werden zu verſtändigen haben, ſo lernen Sie ſogleich Ziel, Methode, Abſicht, Zuſammen⸗ hang unſerer ſchwierigen Aufgaben und Kämpfe kennen! Bei alledem horchte Hunnius ſtets, ob es nicht klingelte... Von wem iſt der Brief? fragte Lucinde, als ſie kei⸗ nen Namen fand. Das ſei noch eine Weile mein Geheimniß! Er iſt von einem höchſt einflußreichen Manne...! Leſen Sie getroſt! Zugleich ging Hunnius an die Thür und überzeugte ſich, daß ſeine aufgeregte Phantaſie ſich wieder geirrt hatte. Die Kinder ſeines Geiſtes ruhten ſanft auf dem Friedhofe der Cenſur! Nichts rief ſie ins Leben zurück! Nichts rettete wenigſtens denjenigen unter ihnen, die dies⸗ mal wieder das ſchöne Kleid ſeines Stiles getragen hatten, das für Zeitſchriften ohnehin ſo kurze bunte Schmetter⸗ lingsdaſein! Er ging auf und nieder und bat Lucinden, wie mit einer Art innerer Genugthuung, laut zu leſen... mmTm 238 Im Vertrauen auf die Wunderdinge, die der Cura⸗ tus Niggl von ihr geſchrieben haben mußte, that ſie es: „Hochwürdiger, hochzuverehrender Herr! Die Ant⸗ wort auf Ihren ſo angenehmen Brief nächſtens! Jetzt zwei Bitten! Erſtens: Wiſſen Sie mir nicht eine kurze Charakteriſtik aller Dechanten unſerer Kirchenprovinz an⸗ zugeben? a) Wie geſinnt gegen Rom? b) Gegen Cblibat? c) In Wiſſenſchaften und Fähigkeiten? Zweitens: Wüßten Sie mir nicht einige junge in den drei Beziehungen gute Leute zu nennen, namentlich aus Belgien?... Es wäre (sed tantum inter nos!)...“ Nur unter uns! überſetzte Hunnius ſchnell und faſt gedankenlos.. „Sed tantum inter nos!“ wiederholte Lucinde ohne Anſtoß.„Es wäre uns eine große Freude, einige Jeſuiten hereinzubringen! Wüßten Sie einige, die geläufig deutſch ſprechen? Aus der Schweiz oder aus Rom würde zu auffallend ſein... Mich Ihrem Gebet empfehlend, verbleibe ich Ihr ergebenſter Freund M. Alles zur größern Ehre Gottes!“*) Die Empfehlung ſolcher Freunde, wie ſie Ihnen zu Theil wurde, ſagte Hunnius, geſtattet, daß ich Sie tiefer in unſere Intereſſen einblicken laſſe!. Aus demſelben Portefeuille zog er einen zweiten Brief und ließ auch dieſen Lucinden leſen, indem er auf⸗ und niederging, bald zum Fenſter blickte und auf jedes Geräuſch achtete, bald ſich aber auch an dem Anblick *) Ein aus der geſchilderten Zeit herrührender und ſpäter mit Beſchlag belegter actenmäßiger Brief. ichſtens! 1 nicht eine kurze nprovinz an⸗ gen Cölibat⸗ ens: Wüßten iichungen gute „Es würe Lueide ohne einige geſuiten eläufig deutſch om würde zu mpfehlend, ſie Ihnen zu ic Sie tiefer en zweiten „indem icte und auf u dem Anblic and ſpäter und 239 Lueindens, dem Ton ihrer Stimme, dem erneuten Ueber⸗ blick des ganzen, ſo wunderbar überraſchend ihm gekom⸗ menen Verhältniſſes weidete. „Die Zeit iſt reif!“ las Lucinde.„Man muß mit Gewalt alles ergreifen! Der Herr Kirchenfürſt gibt zu allem ſeinen Segen, thut aber einſtweilen bei allem noch die Augen zu, ſodaß unſere Unternehmungen nur Privat⸗ unternehmungen ſind!... Ich will kurz nacheinander in unſerer Kirchenreſidenz vier Jeſuiten, in der nahe gelegenen Univerſität einen unterbringen! Dieſe werden ſchon einen Wirkungskreis erhalten... Ich ziehe einige talentvolle Knaben ganz zu dieſem Zwecke heran und an der Univerſität ſind mehrere der talentvollſten Theo⸗ logen, die in den Orden treten wollen. Mit dieſen er⸗ richten wir einen Glaubensbund und bringen ſie dann mit den hieſigen Jeſuiten in Verbindung.. Von Rom werden zwei Jeſuiten erwartet. Sie bringtn ſcheinbar arztliche Atteſte mit, welche ihnen nur vorſchreiben, in unſerer Gegend zu dedweilen.... Die Miſſionen treten da und dort ins Leben; bei uns iſt es noch ſchwer. Der Herr Kirchenfürſt wünſchen ſehr, daß alle Wall⸗ fahrten wieder ins Leben treten! Ich bitte, arbeiten Sie wie Sie können, daß alles Abgeſchaffte wieder aufge⸗ nommen werde. Mit aller Verehrung Ihr ergebenſter M. Alles zur größern Ehre Gottes! Der Sicherheit wegen nicht frankirt. Thun Sie es ebenſo.“*) Und einen dritten Brief las Hunnius dann noch ſelbſt. 2 *) Auch dieſer actenmäßige Brief wurde im Jahre 1837 mit Beſchlag belegt. 4 F 240 Sie thaten ihm als Ableiter ſeines Zornes wohl. Triumphirend betonte er: „Die gute Wendung der Wallfahrtsangelegenheit macht mir erſtaunliche Freude. Wie gerne macht' ich ſelbſt einmal die Springproceſſion mit, wenn es meine Geſchäfte erlaubten! Sorgen Sie für Ihre Gegend: nur daß man es mit der Regierung nicht unrecht angreift, dann iſt alles verloren! In all der Drangſal, die wir leiden, habe ich doch auch manche Freude. Mehrere Pfarrer ſind verklagt. Je mehr, deſto beſſer!... Geben Sie dem«Kirchenboteny mehr Nahrung! Man muß immer hervorheben, wie jede Beſchränkung und Hemmung der Kirche und jede Auflöſung des Gehorſams gegen Biſchöfe und Rom auch die Grundfeſten des Staates untergrabe! Das iſt für die Fürſten ein Argu- mentum dd hominem!...“ Hunnius unterbrach ſich, um dieſe Worte zu über⸗ ſetzen... Das greift den Fürſten an ihre eigene Kronel fiel Lucinde ſchon ein. Wie? erwiderte er ſtaunend. Aber kein Wunder, mein im Heiland geliebtes Fräulein! Niggl ſchreibt mir ja von Ihnen, daß Sie ein Wunder nicht nur in— Bitte! unterbrach ſie und ermahnte den ſich ihr Nä⸗ hernden zum Leſen. „Die guten Folgen der Miſſion freuen uns!“ fuhr Hunnius fort.„Es muß uns glücken, über ganz Deutſch⸗ land die Jeſuiten als Prediger auszubreiten. Ich erwarte mit jedem Tage 2000 Miſſionszettelchen. Es wird alles * Zornes wohl rtsangelegenheit erne macht' ich wenn es meine Ihre Gegend: unrecht angreift, aſal, die wir — brere Pfarrer Geben Man muß nd Hemmung ſams gegen es Staates ein Argu- er Gorte zu über⸗ „ Krone! fiel . Wunder, mein Preibt mir ja e ihr Ni⸗ 241 gut gehen! Ihr ergebener M. Alles zur größern Ehre Gottes!“*) Lucinde dankte für das ihr geſchenkte Vertrauen und wollte ſich entfernen. Es ſchlug von den Thürmen der Stadt ſchon ein Viertel elf Uhr... Fräulein, ſagte Hunnius, ich begleite Sie ſelbſt zu⸗ rück... ich ſtehe, obgleich geiſtig auf völlig anderm Boden, doch geſellſchaftlich ſehr gut mit der Dechanei... Bitte! Leſen Sie aber noch, was Niggl von Ihnen ſelbſt geſchrieben hat! Da ſie es wiederholt ablehnte, ließ Hunnius nicht nach... Es wird uns enger verbinden! ſagte er mit Sal⸗ bung. Es wird das Symbol unſerer von ihm gewünſchten Vereinigung werden! Wir haben dann ein gleichſam aus⸗ geſprochenes Bekenntniß, das ſichere Fundament unſers Ver⸗ ſtändniſſes, den geſchriebenen Pact unſers Seelenbündniſſes! Der gute Curatus! ſagte Lucinde ſich zurückziehend und ließ die Vorleſung geſchehen... theils um ihren neuen ſo ſchnell gewonnenen Freund zu zerſtreuen, theils aber auch, weil ſie auf dieſe Art allerdings erfahren konnte, warum Grützmacher hatte ſagen können, er wäre über ſie„ins Klare“ und Schulzendorf ſie ſo ſcharf und wie eine mit Steckbriefen Verfolgte beobachtete. „Mein innigſtgeliebter und gefeierter Seelenfreund!“ las Hunnius(und dieſe Worte nicht ohne beſchämt nie⸗ derblickende Genugthuung),„Sie lernen mit dieſem herz⸗ inniglichen Gruße nach langem, unverzeihlichſtem Schwei⸗ gen ein Fräulein Lucinde Schwarz kennen, wie man *) Gleichfalls actenmäßig. Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 242 ſagt, die Tochter eines einfachen proteſtantiſchen Dorf⸗ ſchullehrers. Vor drei Jahren kam dieſe Seltenſte ihres Geſchlechts als Gehülfin in die Ihnen bekannte orthopä⸗ diſche Heilanſtalt und wurde an demſelben Tage, wo wir drei, Sie, mein innigſtgeliebter Freund, Aſſelyn und meine Unwürdigkeit, die letzten Weihen empfingen, in plötzlicher Erleuchtung vom Geiſte der Wahrheit ergriffen. In un— ſerer ehrwürdigſten Kathedrale wurde ſie von unſerm hochwürdigſten Biſchof ſelbſt dem Schooſe unſerer gnaden⸗ reichſten Mutter einverleibt... Ja Ihnen, Ihnen, Hun⸗ nius, der Sie ſo ganz der Muſik der menſchlichen Seele in ihren tiefſten Accorden nachzulauſchen verſtehen— Ihr letztes Gedicht:« Myrrhe und Aloey—“ Eine kleine Pauſe und Auslaſſung im Leſen war hier natürlich... „Ihnen ſchreib' ich“, fuhr Hunnius nach einigem Mur⸗ meln fort;„das Leben dieſer Neugeborenen ß ein außerordentlich bewegtes geweſen ſein! Da ſie ba durch Anmuth und Geiſt hervorragte, ſo bildete ſich, wie in ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt, in kurzem gegen ſie eine Anfeindung, die eine Beſchuldigung nach der an⸗ dern gegen ſie aufbrachte. Aber allen dieſen Angriffen ſtellte Fräulein Schwarz ihre aufrichtige Wiedergeburt entgegen. Dieſe wurde ihr reiner, heller, metallener Schild, der ſie gegen alles Ungebührliche ſchützte! Ihre Andacht wurde jene glühende Hingebung an die ewige Liebe, die auch nach dem Rauſchen Ihrer Harfe, Hunnius, die Seele von allen Schlacken reinigt! Sie ſah und ſie hörte auf nichts, was ſie umgab. Sie lebte nur ihrem Berufe, ihrem neuen Glauben. Ihre Augen, von denen ſie behauptet hatte, antiſchen Dorf⸗ Seltenſte ihres fannte orthopä⸗ Tage, wo wir elyn und meine n plötzliche fen. Iu un⸗ von unſerm nſerer gnaden⸗ Ihnen, Hun⸗ ſchlichen Seele verſtehen— a Leſen war inigem Mur⸗ nen 5 ein ſe bald durch ſch, wie in em gegen ſie nach der an⸗ griffen ſtellte entgegen. hild, der ſie dacht wurde ie auch nach le von allen nichts, was orem neuen ptet hatte ul 243 daß ſie nie geweint hätten, obgleich ſie Vater, Mutter, Geſchwiſter, Freunde, Glück und alles, nur die Ehre nicht, verlor, waren ſtets umflort von dem feuchten Schimmer frommer, wie vergeſſen geweſener Thränen. Führen Sie das einſt aus, Hunnius, in einem Gedichte! Vergeſſene, verſtockte, ſitzen gebliebene Thränen! Wenn die einſt zu ſtrömen und zu rinnen anfangen! Dieſe Flut, die⸗ ſer heilende Bethesdateich dann!... Dieſe Seele geſtand mir oft, daß ihr alles Leid, was ihr je widerfahren, erſt jetzt den Zoll der Thränen abforderte, daß ſie über alles, worüber ſonſt ihr Auge trocken geblieben, nun erſt nach⸗ träglich weinen müſſe und— das iſt der Triumph der Wiedergeburt!— weinen könne! Hunnius, ich ſage Ihnen nur, Fräulein Schwarz blieb im genannten In⸗ ſtitute einige Jahre. Sie hatte die beſondere Obhut zu führen über Comteſſe Paula von Dorſte⸗Camphauſen, jene Erbin, deren Lebensverhältniſſe unſere Aufmerkſam⸗ keit jetzt ſo dringend in Anſpruch nehmen! Der Vater derſelben war geſtorben; Vormund und Verwandte rie⸗ fen ſie zurück: es war in jenen Tagen, als uns auch Aſſelyn verließ, dieſe emporwachſende Ceder, dieſe edle Palme...“ 1 1 Hunnius ſtockte wieder und überſchlug Auch jetzt einige Stellen... „Um“, fuhr er, den Zuſammenhang ſuchend, fort, „um bei Ihnen die Kaplanei zu St.⸗Zeno anzutreten. Laßt aber dieſe Seele nur anklagen! Laßt die Stimmen über ſie getheilt ſein! Laßt—* Hunnius ſchien Anſtand zu nehmen, der ganzen, hier den Tadel wiederholenden Wortfülle des Freundes zu folgen... ₰ 16* 244 Leſen Sie alles, ſagte Lucinde. Es ſind Anſchuldigungen—! O, auch das iſt manchmal gut, erwiderte ſie, zu wiſſen, was man von uns Uebles denkt! „Die Stimmen ſind getheilt, fuhr Hunnius faſt mit Lucinden über die Parodie ſeiner frühern Worte lieb⸗ äugelnd fort. Die einen ſehen in ihr ein Weſen, das ſeiner perſönlichen Eitelkeit alles opfert, ein herzloſes, undankbares—“ Lucinde, die Arme übereinandergeſchlagen, ſtand in einer Stellung wie ein furchtloſer, unerſchrockener Feldherr... „Doch“, überſchlug Hunnius beruhigt dieſe ominöſe Partie,„unſere Stadt, Sitz einer Univerſität, einer ſtarken Garniſon, weiß nichts von einer irgend un⸗ paſſenden Beziehung zu erzählen: größtentheils nur in unſern geiſtlichen Kreiſen verkehrte ſie. Aber ſie ken— nen ja unſere Mit⸗Leviten! Sien kennen die Lauheit der Zeit, kennen die Bequemlichkeit unſers Standes, dem nichts ſtörender iſt als mitgearbeitet zu ſehen an ſeinem Beruf auch von der Laienwelt aus! Niemand ſoll da reden, ohne gefragt zu ſein! Niemand ſoll das Ent⸗ zücken, das ihm der Glaube macht, in Bildern und Anſchauungen wiedergeben, die über das Maß einer ge⸗ wöhnlichen Erbaulichkeit hinausgehen! Da irrt nun eine glühende Seele von Beichtſtuhl zu Beichtſtuhl! Nie— mand weiß ihr ein Herz, ein Verſtändniß, eine Hin⸗ gebung entgegenzutragen! Ihr Verſtand iſt dieſen Men⸗ ſchen läſtig und ſelbſt unſere Collegen— brauche ich Ihnen die Namen zu nennen!— verkehren lieber mit der Gewöhnlichkeit, wenn ſie nur Whiſt ſpielt! Hun⸗ widerte ſie, zu mnius faſt mit Worte lieb n Weſen, das ein herzloſes, — ſtand in einer r Feldherr.. dieſe ominöſe ität, einer rgend un⸗ tentheils nur Aber ſie ken⸗ die Lauheit Standes, dem en an ſeinem mand ſoll da :ll 46 Ent⸗ ſo gemüthlichen Prieſter, erkundigte mich näher und ließ 245 nius! Wenn dieſe Feuerſeele in der Dechanei ſo ver⸗ braucht würde!... Sie tritt dort als Geſellſchafterin ein... Ich dachte an Sie, Freund, an Ihre Verbin⸗ dungen, Ihre Beziehungen zu Ihrem Kirchenfürſten, an die ernſten und wichtigen Dinge, die von Ihrer hohen Warte aus das Zeichen geben werden für das übrige Deutſchland! O, dieſe Convertitin hat für die Flam⸗ men, die in ihr lodern, noch keine Nahrung gefunden! Wer einen Schritt thut, wie ſie, will ihn doch anerkannt ſehen, will doch wiſſen, bezeugen, täglich bezeugen, warum er ihn that... Was thut man aber hier? Man fordert ſie auf zum Vergeſſen, zur Ergebung! Immer dieſe Abneigung gegen Neugewonnene! Immer dieſe Kälte gegen den Enthuſiasmus, der ſich bewähren will! Convertiten, gehegt und gepflegt, ſind ein Segen unſe⸗ rer Kirche; Convertitelt, vernachläſſigt, zurückgeſtoßen, einſam gelaſſen und wol gar zur Reue gedrängt, kön⸗ nen ihr zur fürchterlichſten Geiſel werden! Das Schick⸗ ſal Lucindens iſt in Ihrer Hand! Sie Schöpfer, Ge⸗ ſtalter, Dichter! Vollenden Sie den Triumph dieſer gottberufenen Bekennerin!“ Der gute Niggl! ſagte Lucinde, als Hunnius dieſen enthuſiaſtiſchen Brief vollendet hatte. Er war ſeinerſeits gerührt von den Schmeicheleien für ſeinen Genius; ſie ihrerſeits erſtaunte, wie ſie ſagte,„über den langen Schat⸗ ten, den ſie würfe“... Ich lernte Niggl kennen, erzählte ſie, als ich von ihm eines Tages erfuhr, daß er jeden Sonntag Nachmittag einen Kaffee für Damen gibt. Ich wurde neugierig auf einen 246 mich eines Sonntags Nachmittags an ſein Haus bei der Barfüßerkirche führen, wo er Curatus iſt. Ich wollte, aufrichtig geſagt, die Damen belauſchen, die bei ihm zum Kaffee kamen. Ich ſtand im Schatten der alten Kirche. Es ſchlug vier Uhr. Der Nachmittagsgottes⸗ dienſt war vorüber. Der Kaffee begann nach vier. Wie ward ich beſchämt! Welche Damen kamen! Erſt eine Blinde, die von einem Kinde geführt wurde; dann kam eine kleine Buckelige, die ſtolz auf ihre Begleiterin hin⸗ aufſah, denn dieſe durfte nicht mit zum Kaffee, ſie aber ſtieg zum Herrn Curatus hinauf! Nun kam eine Lahme an einem Krückſtock! Jetzt fuhr ein Rollwägel⸗ chen vor und ſiehe, der Herr Curatus kam lachend und freudigſt ſelbſt die Stiege herunter und hob eine Perſon aus den Betten im Wägelchen, die nur dem Kopfe nach der Menſchheit angehörte! Nach unten zu hing ein Kör⸗ per, der völlig ſchlaff, ja nur eine einzige unförmliche und unausgebildete Maſſe war. Es war ein Mädchen von vielleicht dreißig Jahren und ein halbes Kind! Der Curatus trug ſie auf ſeinen Armen in ſeine Wohnung und in ſeinen Kaffee. Nun band ich mir, wie eine Au⸗ genleidende, mein Taſchentuch über die Stirn und taſtete mich auch hinauf. Da war denn eine Damengeſellſchaft bei⸗ ſammen aus lauter Blinden, Tauben und Gichtbrüchi⸗ gen, und ſie war ſo luſtig, ſo vergnügt wie jeder an⸗ dere Damenkaffee auch, wenn es nur etwas zu läſtern gibt! Unſer kindlicher Niggl hatte nur immer zu dämpfen, daß wir die gefunden und ſchönen Menſchen nicht auch zu ſchlecht machten! Ja, wo gibt es ſolche Entſagungen wie in unſerer Kirche! ein Haus bei der iſt. Ich wolle en, die bei ihn hatten der alten achmittagsgottes nach vier. We men! Erſt eine zuurde; dann kan Begleiterin hin⸗ aum Kaffee, ſi Nun kam eine ein Rollwägel⸗ tam lachend und hob eine Perſen dem Kopfe nat u hing ein Kör⸗ ige unförmlich er ein Midche bbes Kind! Der ſaine Wohnang r, wie eine Au⸗ tirn und taſtet mgeſellſchaft bei Gichtbrüch wie jeder an⸗ au läſtern gitt M dämpfen, doß nicht auch 1 unſerer irce 247 rief Hunnius. Wo ſolche muthvollen Bewährungen! Solche Triumphe dann auch und ſolche Belohnungen wieder! Er erörterte dann die Situation, in der ſich Lucinde in der Dechanei befinden würde. Er wiederholte öfter ſeine Bitte um Discretion wegen der von ihm vorgeleſenen Briefe. Er warnte vor der Erwähnung der Jeſuiten, die man von obenher noch verfolge wie Verbrecher, und doch wären ſie die Sehnſucht aller Gläubigen! Schon wenn einmal ein einzelner Mönch außer Clauſur leben ſollte, koſtete das die größte Anſtrengung... Wer iſt dieſer Pater Sebaſtus? warf Lucinde er— bebend ein. Pater Sebaſtus, ſagte Hunnius, iſt erſt ſeit kurzem aus der Dunkelheit eines Kloſters bei Witoborn in der Re⸗ ſidenz des Kirchenfürſten erſchienen. Seine außerordent⸗ lichen Geiſtesgaben wurden die Veranlaſſung, daß man ihm geſtattete, auf einige Zeit ſeine Zelle zu verlaſſen. Man weiß nicht, ſoll man ſeine Begeiſterung für das Intereſſe der Kirche höher anſchlagen oder ſeinen Lebens⸗ wandel. Sie ſollten doch ſchon, mein' ich, von dieſem Mönch gehört haben, der den Gelübden ſeines Ordens gemäß ſich die größten Entbehrungen auferlegt! Sebaſtus lebt nur von dem, was er ſich erbettelt hat! Er geht auf die Dörfer in der Umgegend der Reſidenz mit einem alten Topf in der Hand, um ſich ſelbſt die Mahlzeit von den Thüren zu holen; er geht gerade vor die Thüren, wo er in Erfahrung gebracht hat, daß hier die geizig⸗ ſten Herzen wohnen! Zum erſten male nach Jahren wieder geſtattete er ſich heute bei mir eine Cigarre und kaum ein halbes Glas Wein! 248 Lucinde war von einem Schauer durchrieſelt. Dieſe Entbehrungen paßten für das Bild nicht, das von Klings⸗ ohrn noch in ihr lebte, und doch war er es! Klingsohr mit einem Topf vor Bauerhäuſern! Klingsohr nicht rauchend, nicht trinkend! Und doch war er es— der Stadtpfarrer nannte ihn Heinrich Klingsohr und erzählte den Tod ſei⸗ nes Vaters— vor ihren Augen ſtand das Chriſtusbild, an das er einſt ihren Hut gehängt hatte mit den Worten: Am ABilde des Erlöſers Hängt ihr pariſer Hut... Und ihre dunkeln Locken Netzt heil'ger Wunden Blut... Da Hunnius ſie in die Dechanei zurückzubegleiten verſprach, ſtörte beide der Schlag der elften Stunde nicht. Er machte der ſinnend Träumenden die lebhafteſte Schilderung von dem Leben in der Reſidenz des Kirchen⸗ fürſten. Er gab Lucinden den Einblick in eine geheim⸗ nißvolle geiſtige Werkſtatt, von der ſie die Ahnung ge⸗ habt hatte, ohne die Thür zu finden, die ihren Eingang bildete. Sie ſah, was ſie in Bonaventura's Nähe ſchon oft zu erblicken geglaubt hatte, nahe und entfernte Ziele, ſah Zuſammenhänge von Zuſtänden und Perſonen, er⸗ blickte ein harmoniſches Vereintwirken, ein lautloſes, ge⸗ räuſchloſes und dennoch von erſichtlichen Wirkungen be⸗ gleitetes. Ob auch kein deutſcher Staat mehr vom Krumm⸗ ſtab regiert wird, gibt es doch geiſtliche Höfe, gibt es geheime Sitzungen in geheimen Cabineten und Anekdoten und geheime Verkehre aller Art. Auch das erfuhr ſie: Einflußreiche Frauen ſtehen dieſen geiſtlichen Höfen nahe. Der Reiz des Verſchwiegenen verbindet die Geiſter und zeſeſt Digſ⸗ geſelt. Dieſe S von Klings ſlingsohr mit cht rauchend, Stadtpfarrer den Tod ſei⸗ Chriſtusbild, den Worten: kaubegleiten tunde nicht. elebhafteſte des Kirchen⸗ ine geheim⸗ Ahnung ge⸗ en Eingang aungen be⸗ m drumm⸗ , gitt e Aneldoten rfuhr ſie: n nahk⸗ ofen zeiſter und 249 die Gemüther. Stürmiſch und feſt iſt der Wille, aber zurückhaltend die Form, ihn zu äußern; unhörbar geht, wie auf unſichtbaren Teppichen, der Schritt, und dabei keine wilde Zumuthung, nichts Rohes, nichts Begehr⸗ liches. Das Streben nach Läuterung und Religion iſt äußerlich die Oriflamme und das heilige Feldzeichen die⸗ ſer ganzen geiſterhaften Bewegung und doch bringt man duldſamſt dabei die menſchliche Natur in Rechnung. Man ſetzt das wahre Verdienſt eben immer nur in den Kampf mit der Sünde, nicht in den Sieg über ſie. Und wie gering auch die innere Treue Lucindens für Religion über⸗ haupt war, Haß für alles Norddeutſche und Proteſtan⸗ tiſche hatte ſie. Ihre ganze Vergangenheit hatte ſich in das verwandelt, was ihr neuer Glaube bekämpfte. Und von dieſem Geſichtspunkte aus war ſie den Geſin⸗ nungen ihrer jetzigen Freunde verwandt. Galt es Kampf, ſo empfand ſie die dämmernden Schauer ihres neuen Bekenntniſſes, ja empfand ſogar den Reiz, daß in alle dieſe Intriguen die langen Schatten der Kirchen fielen, die Glocken der Dome läuteten, die Farben der prie⸗ ſterlichen Gewänder blitzten. Bis in die unabſeh⸗ bare Ferne war die wühlende Ahnung freigegeben: in die Ferne des Raumes ſowol wie in die der Zeit. Vor allem prangte Rom durch die Nebel hindurch wie die Stadt des ewigen Sonnenſcheins! Dort fand der mü⸗ deſte Fuß auf den Trümmern der Jahrhunderte einen ſchattigen Ruheplatz, das wundeſte Herz Heilung in den Melodieen der Sirtiniſchen Kapelle; der Blinde wurde dort ſehend, der Taube hörend; alles lief aus und ver⸗ einigte ſich in dem Centralnervenſitz des hiſtoriſchen Eu⸗ 250 ropa.. Dies Bild war es, das Lucinden aus halben und träumeriſchen Zuſtänden, aus bitterer Lebenserfah⸗ rung und nicht immer ſelbſtverſchuldeten Kränkungen einſt in den Schoos jener Kirche geführt hatte und darin feſthielt und ermunterte und beſtärkte, alles zu unter⸗ nehmen, alles zu wagen, was die Umſtände von ihr verlangt hätten, wenn ſie damit nur den Beifall und die Liebe Bonaventura's hätte gewinnen können! Nun brach ſie auf. Der Stadtpfarrer, glücklich über dieſe Eroberung, faſt getröſtet über die Cenſurſtriche, holte ſeinen Hut. Schon hatte er auf ein Bücherbret gelangt und gab ihr ein Buch zum Andenken an die eben erlebte Stunde. Es war eine neueſte Sammlung ſeiner Gedichte, die „Saronsroſen“. Er ergriff eine Feder, zeichnete auf das Blatt vor dem Titel ein Kreuz und in dies hinein ein flammendes Herz und ſeinen Namen. So gab er's Lucinden und vergaß vor Aufregung den Streuſand. Lucinde trug das Blatt offen und verſprach, mit Aufmerkſamkeit in den Gedichten zu leſen. Hunnius nahm die Lampe und rief ſeiner Wärte⸗ rin... Er wollte mitgehen... Indem aber klingelte es heftig. Der Druckerburſche! rief es in allen ſeinen Nerven. Und in der That— ein Knabe kam— kam mit einem hoch emporgehaltenen Blatte! Von Inſtanz zu Inſtanz kehrten erſt jetzt die von Hunnius gemachten Aenderungsvorſchläge zurück... i aus halben benserfah⸗ tränkungen und darin zu unter⸗ e von ihr all und die kroberung, 1 Hut. und gab Stunde. ichte, die Blatt vor mmendes lufregung ach, mit Wärte⸗ Nerven. nit einem die von 9.., üd“ 1 251 einige waren angenommen worden... bei andern ver⸗ langte man am Rande noch dieſe und jene Milderung... einige Bilder waren gerettet... Hunnius konnte vor Freude ſogar jetzt Lucinden vergeſſen. Der Burſche erklärte, daß die Cenſur noch warte, ebenſo wie die Preſſe ſeines Herrn. Wenn der Herr Stadt⸗ pfarrer noch ſofort die Aenderungen machte, konnte die Num— mer in der erſten Morgenfrühe noch gedruckt werden... Schon rief Hunnius, ſich nun mit ſeinen Redactions⸗ pflichten entſchuldigend, ſeiner Magd. Aber Lucinde ſagte: Laſſen Sie, Herr Pfarrer! Ich finde den Weg! Es iſt Mondſchein! Wirklich, wirklich! Bitte, bleiben Sie! Hunnius mußte den Burſchen, der allenfalls auch noch Lucinden hätte führen können, zurückbehalten... ſeine Magd war nicht die flinkſte... er zögerte noch, als Lu⸗ einde ſchon mit den Worten: Beruhigen Sie ſich, Herr Stadtpfarrer! Ich finde den Weg!— unten ſchon vor der Hausthür und verſchwunden war... Lucinde war allein. Sie ſchritt durch die ſtill gewordene Stadt über den mondhellen, jetzt menſchenleeren Marktplatz dahin... Ach, ſie kannte ſolche Nachtbilder kleiner Städte aus der Zeit her, wo ſie mit der unglücklichen Gauklerfamilie über die norddeutſchen Heiden gezogen... Sie kannte dieſe Brunnen, die da ranſchten, dieſe Linden, die da ſo klein und verkrüppelt an einer Straßenecke ſtehen. Hier in einem Giebelfenſter erliſcht ein Licht, dort geht eins auf... Hier jammert ein Kind, das von ſeinen Träumen geäng⸗ ſtigt wird und eine Mutter ſpricht liebe, beruhigende Worte .. oort bellen zwei Hunde wachſam um die Wette... 252 Sie hatte das alles ſo oft erlebt, licht, derſelben Stille, immer in einer andern geiſtigen Be⸗ leuchtung... Heute?!.. Sie lieſt noch die Schilder der armen Schuhflicker und Schneider... ſie ſieht den ſchwar⸗ zen Mohrenkönig an einem Laden, durch deſſen geſchloſ⸗ ſene Thür ein Schiebfenſterchen erleuchtet iſt, eine Apo⸗ theke, wo vielleicht für Frau Ley der letzte Linderungs⸗ trank bereitet wird... Dort ein Gaſthof: Zum Rie⸗ ſen! Der Goliath ſteht über dem Thorweg, der noch offen iſt.. Sie ſieht das ſtattliche Reiſecoupé Thie⸗ bold's de Jonge unter ihm... Oben vier Fenſter er⸗ leuchtet... Zechen dort oben vielleicht noch Benno von Aſſelyn und ſeine Gefährten und erzählen ſich Anekdoten und verhöhnen die Würde der Frauen und lachen über das, was andern Schmerzen bereitet, über Porzia, über Hedemann?.. Gerade ſo wie ſie einſt Klingsohrn ſo unter ſeinen Freunden wußte, den Weltenſtürmer, den jetzt mit dem Topfe Bettelnden! Sie konnte über Hunnius nicht lachen. Es lag ſelbſt in den„Saronsroſen“, wo endlich das Kreuz mit dem Herzen getrocknet war, nach ihrer gegenwärtigen Stim⸗ mung etwas vom allgemeinen Schmerz des Lebens und vom bitterſten Weh der Welt... Denn iſt nicht das größte Weh Blindheit, Thorheit, Anmaßung, Kampf und Wahn und leidenſchaftliches Ringen und das Ganze ein ſo tief entmuthigendes Durcheinander? Nun überfiel ſie auch noch die Furcht vor der Rück⸗ kehr in die Dechanei... Wenn die Pforte geſchloſſen war! Wenn ſie klin⸗ geln mußte! mit demſelben Mond⸗ lben Mond⸗ eiſtigen Be⸗ Schilder der den ſchwar⸗ n geſchloſ⸗ 253 Immer zaghafter wurde ihr ums Herz... Langſamer und langſamer trat der müde Fuß... Sie kam bei den Stufen an, die zur Kathedrale von St.⸗Zeno hinaufführten... Hier war es dunkel... Hier mochte ſie ſich niederlaſſen, ſich ausweinen... vor Schmerz über die Welt und über ſich ſelbſt... Nur die Todten die Ihrigen! Auf der Erde nur die— die ſie nicht mochten, oder die— die ſie nicht mochte! Und ſie mußte ſich ſagen: Ihr, die ihr mich haßt und fürchtet, gewiß, ihr habt ja Recht! Mühſam, bangend und zagend ſtieg ſie die Stufen empor... Ringsum die kleinen Häuſerchen... Sonſt war ſie in ſolchen Lagen ſo oft verſucht geweſen, den Leuten Nachts von den Fenſterbretern ihre Blumen aus den Töpfen zu ſtehlen! Sonſt langte ſie im Springen nach einem Hanfbüſchel hinauf, das als Wahrzeichen eines Zwirnverkäufers vor einer Thür hing! Sonſt jagte ſie, wie die alte Hauptmännin, Ratten und Mäuſe auf und lief ihnen nach, die Katze ſpielend... und wenn etwa dann Männer ſie verfolgten, ſo blieb ſie ſtehen, ließ dieſe an ſich vorübergehen und erwiderte ihre Anreden auf eng⸗ liſch oder italieniſch feſt und beſtimmt: Ich kenne den Weg! Langſam zählt ſie heute dreißig Stufen, die zur Ka⸗ thedrale hinaufführen... An jeder fünften ſteht, wie auf einem Calvarienberg, eine ſteinerne Gruppe der Leidensgeſchichte... friſch über⸗ tüncht mit grünlichweißer Oelfarbe... friſch vergoldet an den Heiligenſcheinen und Gewändern... 254 Wie ſie eben an der letzten Gruppe der Grablegung vorüber iſt, wie ſie quer über den den Dom umgebenden freien Platz zu der zweiten, niederwärts zu dem Park der Dechanei führenden Treppe kraftlos ſchreiten will, ſtrahlt ihr plötzlich an dem im Schatten liegenden altehrwürdi⸗ gen St.⸗Zenotempel ein magiſcher Lichtglanz entgegen. Von dem übrigen Mondſchein weicht er völlig ab. Sie blickt noch einmal hin und wiederholt ſich das Wunder von Damascus? Lichtumfloſſen tritt ein Prieſter im Ornat auf Es iſt Bonaventura, ihr Heiliger... Lucinde verbirgt ſich hinter der Grablegung... Bonaventura kommt aus der Sakriſteithür, die im Dunkel liegt und beim Geöffnetwerden den von der ent— gegengeſetzten Seite, wo der Mond ſteht, durch ein bun⸗ tes Fenſter hereinfallenden Lichteffect verurſachte. Es iſt Bonaventura in Prieſtertracht, begleitet von einem weißgekleideten Knaben und einem Meßdiener. Alle drei kommen, nachdem der Meßdiener die Sa⸗ riſteithür wieder verſchloſſen, ſtill und ſchweigſam nä⸗ her. Sich unbemerkt glaubend, ſchreiten ſie die Stufen zur Stadt hinunter... 3* Bonaventura hält das Hochheiligſte, der Meßdiener rägt Brevier und Rauchfaß, der Knabe klingelt... Wer etwa in den Straßen noch verſpätet ging, neigte ſich. Wer es auf ſeinem Lager hörte, ſagte: Das iſt der Dechant! Er geht unten an den Fall zur ſterbenden Frau Ley! Lucinden war es, als wenn ſte jetzt Schutz gefunden hätte. Bonaventura mußte in die Dechanei zurück! Konnte ſie es nicht unter ſeinem Beiſtande thun? ſie zu... imm ſtür man der meh Vol die troc ver Grablegung umgebenden em Park der wilI, ſtrahlt ltehrwürdi entgegen. öllig ab. olt ſich das auf ſie zu., r, die im der ent h ein bun⸗ gleitet von diener. G die Sa⸗ gſam nä⸗ e Stufen Neßdiener 255 Aber auch ſo und war dies alles auch nicht, doch zog es ſie unwiderſtehlich... Sie mußte folgen. Es klingelte... und klingelte... Dahin... dahin... immer voraus ſchritt das Sakrament... Endlich hörte man ein rauſchendes Gewäſſer daher ſtürzen. Es war der Fall. Ueber ein Brücklein mußte man noch gehen, auf dem ein St.⸗Nepomuk den Gruß der Vorübergehenden empfing... Die Zahl derſelben mehrte ſich... Wol ein Dutzend Menſchen aus dem Volke ſchloß ſich dem klingelnden Knaben an, ſo ſpät auch die Stunde ſchon vorgerückt war... Es kam ein ganz ver trockneter Lindenbaum und ein Haus, in das ſie eintraten... An der Wand neben dem Thorweg fand Lucinde die verroſteten Haken, von denen der Dechant erzählt hatte... Noch ſtand der Hackeklotz im Gange... Auf dem ſteinernen Eſtrich der Vorflur ging eine Rinne, durch welche ſonſt das Blut floß aus dem im Hofe befindlichen Schlachthauſe. Unter den Anweſenden, die der Hoſtie gefolgt waren, fiel Lucinde noch nicht auf. Meiſt waren es Frauen. Sie hielten ſich in der Vorflur, während eine Thür ge öffnet wurde, durch die man in ein hinteres Zimmer ſah, wo die Sterbende lag. Bonaventura ſchritt durch einige Betten hindurch, wo ruhig die kleinern Kinder der ſterbenden Mutter ſchliefen... Treudchen Ley und ein Bruder, der den Dechanten nun voch noch gerufen hatte, lagen über dem Bette der Mut⸗ ter ausgeſtreckt und ſchluchzten... Der ſo überraſchend ſtatt des Dechanten gekommene 256 geliebte Prieſter nahm von dem Miniſtranten das heilige Oel, um damit ſeine Finger zu netzen. Mit dieſen be⸗ rührte er die einzelnen Theile des Antlitzes der Ster⸗ benden... Für Bonaventura konnten Menſchen zugegen ſein, die noch heftigere Wallungen in ihm hervorgerufen hät⸗ ten als Lucinde, er würde nicht auf ſie geachtet haben. Er ließ die Sterbende, die ihn noch erkannte, mit einem matten Aufblick die ganze letzte Freude empfinden, an ſeiner Hand aus dem Irdiſchen hinausgeleitet zu werden. Mit groß und geiſterhaft aufgeſchlagenen Augen ſah ſie auf ſeine hohe Geſtalt und zupfte mit den unruhigen Finger⸗ ſpitzen an der Decke, bis ihre Tochter, wie wenn ſie Wünſche hätte, ſich ihr näher beugen mußte. Ihr Wunſch war nur, noch ſo viel Schärfe des Gehörs zu beſitzen, die milde Stimme des geliebten Prieſters zu hören. Bonaventura ſalbte die Sterbende mit leiſe beglei⸗ tenden Worten an den von der Kirche vorgeſchriebenen Theilen, an denen, welche die Organe unſerer Sinne, unſers Willens und unſerer Sünden ſind. Mit Auge, Ohr, Geruch, Mund, Hand und Fuß ſind wir an die Sinnenwelt gebunden: die Löſung von ihr, den Abſchied und die Trennung bezeichnet die Berührung mit dem, wie man ſagt, ſchmerzenſtillenden Oel... Bonaventura's Gebet übertönte das laute Weinen... Herr, unſer aller Gott, ſprach er, erquicke die Seele, die du geſchaffen haſt! Reinige ſie von allen Sünden und Makeln, damit ſie würdig werde, durch die Hände der Engel dir dargeſtellt zu werden! Durch Jeſum, un⸗ ſern Herrn! T dem feuer Das tief jem wan gel eine Gri vor das heilige dieſen be⸗ der Ster⸗ gegen ſein, erufen hät⸗ htet haben. mit einem finden, an zu werden. ſah ſie auf en Finger⸗ wenn ſie br Wunſch zu beſitzen, hören. eiſe beglei⸗ ſchriebenen rer Sinne, Mit Auge, wir an die en Abſchied mit dem, Weinen. ie Seele/ 257 Die Seele der armen Metzgersfrau war ſchon vor dem Amen! zu der ihr nun gelinderteren Pein des Feg⸗ feuers entflohen. Treudchen benahm ſich mit großer Standhaftigkeit. Das auffallend ſchöne Kind war blaß, zart, tief verhärmt, tief erſchüttert und doch blieb ſie umſichtig... Als die Sterbende geendet hatte, drückte der Leiche jemand von den Nähergekommenen die Augen zu. Es war eine hohe, kräftige weibliche Geſtalt. Sie trug ein gelbrothes Tuch um den Kopf gewunden und mußte eine Jüdin ſein... Und dicht hinter ihr ſtand ein Proteſtant, Nachbar Grützmacher, der würdige Wachtmeiſter... Er begrüßte Lucinden, die nun vortrat und jetzt erſt von Bonaventura bemerkt und erkannt wurde... Muß man erleben den Gegenſtand! ſprach inzwiſchen mit lauter alles übertönender Stimme die Jüdin... Eine Frau ſo ſanft wie ein Lamm! Ein Engel! Muß ich ſie noch ſehen, wie ſie iſt gelaufen über Land und hat die Bauern gebitbt und gebettelt, daß ſie bringen ſoll⸗ ten ihren Mann wieder auf die Füße! Wie hat ſie die paar Thälerchen, die ſie hatte geſpart oder geborgt ge⸗ kriegt, gezeigt und damit geklimpert, als wenn die Leute machten das rarſte Geſchäft um ein Ferkelchen, das ſie dann haben mitgenommen und nach und nach aufgezogen mit Glückſeligkeit, wie, Gott verzeih' mir's,'nen polniſchen Ochſen! Und das Treudchen da! Hat ſich das Kind nicht die Augen ausgenäht und ausgeſtichelt und hat ſie nicht gekriegt an die Fingerſpitzen ganz'ne rauhe Hand! Ein Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 17 258 Mädchen ſo rar! Schön genug für'ne Prinzeſſin! Und die guten Kinder! Gott ſoll ſie ſegnen! Während Grützmacher mit Bonaventura und dem Arzte flüſterte, küßte Treudchen Ley Lucinden die Hand und dankte für die„Ehre“ ihres Antheils. Sie nannte die Sprecherin Frau Henriette Lippſchütz. Es war die Haſen-Jette, die Wildprethändlerin, die Witwe des jü⸗ diſchen Metzgers, der die Kundſchaft der Leys geerbt und der nun auch ſchon wieder andern Platz gemacht hatte. Fräulein, wenn ſie jetzt hier haben was zu nähen— fuhr, Lueinden richtig unterbringend und ſich ihr zuwen⸗ dend, die Haſen⸗Jette fort— feine, feinſte Spitzen: geben Sie's nicht anders als an das Treudchen! Weine nicht, Kind! Du biſt nicht verlaſſen! Dein Toni, dein Edi... alle kommen ſie in die große Stadt, ins neue Waiſen⸗ haus, wo die Kinder leben wie die Prinzen! Sag' ich dir, Treudchen, Betten! Staatsbetten! Kauft die Stadt alle Federn von mir und die Decken hat mein Bruder geliefert! Gott! Was wird der Löb ſagen, wenn er nach Hauſe kommt und findet Frau Ley nicht mehr— der Löb mit ſeinem gefühlvollen Herzen! Bonaventura kannte auch den Löb, den Bruder der Frau Lippſchütz, den berühmten Gütermakler und Han⸗ delsmann Löb Seligmann. Er durfte dieſen Empfin⸗ dungen einer einzelnen einen gemeinſamen Ausdruck ge⸗ ben. Noch ſprach er, nicht als Geiſtlicher, ſondern als Bekannter und Freund der Bewohner von Kocher, laut einen herzlichen Nachruf, tröſtete die Kinder und ging zu⸗ letzt mit Grützmachern und dem Arzte. Sond Hand die Sie nannte mar die Es war die ve des jü s geerbt gemacht 259 Als er ſich mit erſterm über die vergebliche Ver⸗ folgung des Leichenräubers verſtändigt zu haben ſchien, bildete ſich wieder jener Zug, der die Monſtranz in die Kathedrale zurücktrug. Lucinde folgte... Wie mußte ſie ihrer eigenen Ju⸗ gend und ihrer Geſchwiſter gedenken!... Das neue Waiſenhaus! Es ſchlug zwölf, als Lucinde übermüdet wieder die Stufen zum Dome hinanſtieg und wartete, bis Bona⸗ ventura aus der Sakriſtei zurückkehren würde. Endlich kam er... in ſeinen gewöhnlichen Klei dern. Ich muß mich Ihnen anſchließen! ſagte ſie. Ich hatte Briefe an den Stadtpfarrer zu überbringen, deren Eile ich ganz vergeſſen hatte! Ich hielt mich zu lange im Geſpräch mit ihm auf, folgte dann Ihrem Zuge zum Sterbebette und muß nun unter Ihrem Schutze in die Dechanei zurückkehren! Kann ich es thun, als wenn ich überhaupt nicht abweſend geweſen wäre, deſto lieber! Ich fürchte Frau von Gülpen und ihre üble Auslegung! Bonaventura, der Frau von Gülpen's ſtrenge Auf⸗ faſſungen kannte, erbot ſich gern zu dem gewünſchten Beiſtand. Er war ſo menſchlich in allem und kein Haar⸗ ſpalter und kein Mückenſeiger... So gingen beide in den Park hinunter. Wie tobte es jetzt in Lucinden, wie ſtockte ihr Athem! Und doch dies ruhige Geſpräch über die Vorgänge der letzten Nacht, über Grützmacher'’s Nachrichten, über Benno, Hedemann, die Herbſtübungen, den kürzern Weg da oder dort, die Leidensfamilie, die eben verlaſſene, wie⸗ 17* 260 der dann die Baumalleen, die Boskete, Windhack' Stern⸗ warte... Darauf hin kannten ſich beide ſchon... So konnte ſie neben ihm gehen, wie eine Nachtwandlerin auf haus⸗ hoher Zinne, jeden Augenblick den Niederſturz drohend— ſo er, gleichſam den Arm ſchützend und ſchon zum Auf⸗ fangen ausgebreitet über ſie gehalten und doch vom Gleich⸗ gültigſten plaudernd und ſcherzend ſogar. Wie der Geliebte dann den Hausſchlüſſel zog, öff⸗ nete, ſie zuerſt in das ſtille Vorhaus ließ, erklärte, zwar unten zu wohnen, aber ſie doch bis hinauf begleiten zu wollen, wie ſie dann ihn zum leiſern Sprechen er⸗ mahnte, ſeine Begleitung ablehnte und er doch noch eine Stiege lang folgte— ſollte es ihr da nicht wieder ſein, wie ſchon oft, als müßte ſie vor ihm niederſinken und ihn anflehen: Tritt lieber mit deinem Fuß auf mich, du Entſetzlicher, Kalter, Unerbittlicher!... An ſeiner Bruſt hätte ſie jetzt ruhen, jetzt ſich ausweinen, auslachen mö⸗ gen.. und er ſagte nichts als: Gute Nacht, Fräu⸗ lein! Sagte das ihr, die noch jung, noch ſchön war, die Huldigungen erlebt hatte, wo ſie nur irgend erſchie⸗ nen war, eine Siegerin über ſo viel Männer von Reich⸗ thum, Anſehen, Geiſt... Gute Nacht, Fräulein.. Und das in tiefſter Stille... im nächtlichen Dunkel... Die zweite Stiege in ihren Entreſol glaubte ſie al⸗ lein gehen zu können... Sie hauchte ihm das in ſtam⸗ melnden Worten ſo hin...— Sie ging langſam... halb ohnmächtig vor Schmerz über das eine„Gute Nacht, Fräulein!“.. Alles ringsum war dabei ſtill... niemand bemerkte ihte) gehen hen erſch flieg teten 6 zimm Tre nen Zin gacks Stern⸗ So konnte mauf haus⸗ drohend— rzum Auf⸗ vom Gleich⸗ lzog, öf⸗ lärte, zwar egleiten zu rrechen er⸗ noch eine cht wieder niederſinken ß auf mich, einer Bruſt lachen mö⸗ zt, Fräu⸗ ſchön war, nd erſchie⸗ von Reich⸗ 261 ihre Rückkehr... vielleicht hatte auch niemand ihr Weg⸗ gehen bemerkt... Sie mußte ſich an dem eiſernen Gitter der Treppe halten, als ſie langſam hinaufſtieg... Bonaventura war nicht mehr hörbar... Auf dem Corridor der zweiten Etage blieb ſie ſte⸗ hen und holte einen tiefen, tiefen Athemzug... Dann erſchreckte ſie plötzlich ein Geräuſch wie von einem auf⸗ fliegenden Vogel... Es war der Pfau, der ihr neugierig, hoch aufgerich⸗ teten Hauptes entgegenſchritt. Sie entlief ihm faſt bis an die Thür ihres Wohn⸗ zimmers... Das Thier ſah ſo geſpenſtiſch aus... Ihr Wohnzimmer lag am Aufgang zu einer dritten Treppe, die ſchon ins Dach und zu Windhack's Ster⸗ nen führte. Wie ſie in Eile raſch nur und um unbemerkt in ihr Zimmer zu kommen den Schlüſſel drehte, wandte ſie ſich um, ſah eine Weile ins Leere, ſchrie dann aber faſt auf ... ſie glaubte im erſten Augenblicke ein Geſpenſt zu ſeben.. Es war, mit einem Lichte in der Hand aus einem der Corridore des Geviertes, in dem die Dechanei ge⸗ baut war, tretend, die leibhaftige Frau Hauptmännin von Buſchbeck... Dieſelben funkelnden Augen aus dunkeln Höhlen, dieſelbe aus Haube und Schleife hervorſchießende ſpitze Naſe, daſſelbe Drehen und mühlſteinartige Schroten der zahnloſen Kinnladen. Aber es war kein Geſpenſt... Es war die Schweſter 262 ihres alten Nachtunholdes... es war Frau Petronella von Gülpen— ohne die Verſchönerungen ihrer Toilette... Auf die aber auch von Seiten der Frau von Gülpen wie zum Tod erſchrockenen Worte: Aber, mein Fräulein! Wo kommen denn Sie noch ſo ſpät her? Wo denn— um Jeſu Wunden willen— waren— Sie— denn die — ganze Nacht— über— verſchwand Lucinde... Frau von Gülpen, die nur in dieſem ihrem äußerſten Negligé und ſogar ohne ihre Zähne ihren unruhigen Lolo aufgeſucht hatte, war noch mehr erſchrocken geweſen als Lucinde...— Lucinde hätte in dieſem Augenblick den Pfau erwür⸗ gen können. 3 Ohne eine Antwort gegeben zu haben, war ſie in ihrem Zimmer verſchwunden. Immer noch hörte ſie den knirſchenden Sand auf dem ſteinernen Eſtrich draußen, immer noch hörte ſie das Huſchen des Pfaus, der neben der wie eine Juno keinesweges ſchönen, aber wie Juno mindeſtens ebenſo zor⸗ nigen Frau ſtand und ſie mit ſeinem hoffärtigen kronen⸗ geſchmückten Kopfe angeſtarrt hatte... Es ahnte ihr für den folgenden Tag nichts Gutes... Freilich ſo bitter, wie ihr wieder der Kelch des Le⸗ bens geſchenkt wurde, ahnte ſie die Folge nicht... Als ſie nach einer ganz ſanft verſchlummerten, ganz außerordentlich erquickend geweſenen Nacht erwachte und die Sonne wundergolden in ihr Stübchen ſchien und das ſogar verſchönerte und das ſogar behaglich machte, als ſie dann das Fenſter öffnete, den erquickendſten Lindenduft einſog; als ſie in der Ferne ſchon den zweiten Tag der militäriſchen Uebu⸗ erhie käm Toi ſtüc „ 9 Toilette... von Gülpen Fräulein! ar ſie in Zand auf hörte ſie e Juno ebenſo zor⸗ en kronen⸗ 263 Uebungen durch Trommeln und Pfeifen angekündigt hörte, erhielt ſie von Windhack das Frühſtück überbracht... Er ſtellte es hin, während ſie gerade an ihrem Haar kämmend vor dem Spiegel ſaß und ſich in einem weiten Toilettenmantel verſtecken mußte, und ging... Wie ſie aufgeſtanden war, bemerkte ſie beim Früh⸗ ſtück ein Billet. Es war mit Geld beſchwert... Sie öffnete, las— ein Moment entſchied alles... Sie las die kurzen Worte: „Ich erſuche Sie, mein Fräulein, noch im Laufe des heutigen Tages unwiderruflich die Dechanei und für im⸗ mer zu verlaſſen. Petronella von Gülpen.“ Sie griff an ihr Herz. Im erſten Augenblick hatte es aufgehört zu ſchlagen. 10. Zur ſelbigen goldenen Morgenfrühe ſaßen der De⸗ chant und Bonaventura in des erſtern traulichem, duft⸗ erfülltem Studirzimmer zum Frühſtück... Nach der löblichen Sitte katholiſcher Geiſtlichen wan— delten ſie nicht etwa noch in Schlafröcken und Pantof⸗ feln, ſondern waren ſchon ganz in ihren üblichen ſchwar⸗ zen Kleidern. 3 Nun erſt, an der Morgenſonne, nahmen ſich die grünen Decken und ſeidenen Vorhänge über den Bücher⸗ geſtellen, Bildern und Alabaſterſtatuetten, die ſchön ein⸗ gebundenen Kupferſtichſammlungen, franzöſiſchen Ganz⸗ franzbände mit dem Wappen der Aſſelyns beſonders freundlich und vornehm aus. Nichts ſah vergilbt, ver— blaßt aus. Die vielen Bekanntſchaften, die der Dechant in der Nähe und Ferne ſorglichſt pflegte, hielten alles jung und angehörig der heiterſten Gegenwart... Schon längſt war zwiſchen Oheim und Neffen über ihr verſchiedenartiges Verhalten zu ihrem gemeinſchaft⸗ lichen Beruf ein Abkommen getroffen. Bonaventura liebte den Oheim wie ſeinen Vater... Er konnte noch und Pantef⸗ lichen ſchwal⸗ men ſichh die den Bücher⸗ di ſchn ein ſiſchen Ganz⸗ beſonders gilt, ve Dechant r jielten alles Reffen über enneinſchaft⸗ 1 naventurd konnte noch 265 jetzt, wie einſt als Kind, die weiße, wohlgepflegte Hand des Greiſes an ſeine Lippen ziehen; ſo zärtlich empfand er für ihn... Sammelt ſich doch ohnehin der zurück⸗ geſtaute Schatz von Liebe im Herzen eines katholiſchen Prieſters und muß irgendwie und irgendwo hinausſtrö men, um das übervolle Herz nicht zu zerſprengen! In Bonaventura war dieſes Bett ſeiner Empfin⸗ dungen die Kirche, ſein Beruf, ſeine Heerde... und doch konnte er den Dechanten ſeinen weiſen, menſchen⸗ freundlichen, lieben Philoſophen nennen und der Dechant wieder nannte ihn ſeinen Heiligen, ſeinen künftigen Franz von Sales oder Carlo Borromeo und decretirte ihm, wie Paula, die Seherin, noch einſt die Mitra eines Erzbiſchofs, den Purpur eines Cardinals. Von dem Liebesdienſte, den ihm geſtern in ſo ſpäter Stunde gleich nach ſeiner nicht mehr erwarteten Ankunft Bonaventura abgenommen, wurde nicht viel geſprochen. Das Kommen und Gehen der Menſchen, Geburt, Leben und Tod iſt die tägliche Erfahrung dieſer Männer, wie beim Arzte das Befinden ihrer Patienten... Dennoch blickte der Dechant düſter und mit ſchmerz⸗ licher Miene in den ſonnenhellen Morgen, in die geöff— neten Fenſter, die grüne Linde und das Hüpfen der ge⸗ zähmten und an die Broſamen des Frühſtücks gewöhnten Vögel. Dieſe wagten ſich vor zwei Bewohnern heute nicht ins Zimmer. Bonaventura war eben im Begriff, mit einem Körnchen weißen Brotes einen der Spatzen zu überzeugen, daß ſich durch ihn hier nichts geändert hätte, daß jeder Hungerige getroſt kommen könnte auf den 266 Frühſtückstiſch, wo in altem geſchnörkelten Porzellan Chocolade ſervirt wurde, die dem Dechanten, wie er be⸗ hauptete, das Blut erwärmte und ihm mehr Lebens⸗ ſtimmung gäbe, als der nach ihm die Melancholie näh— rende Kaffee... Er bereitete ſich dieſe Chocolade, auch nachdem er die Meſſe geleſen— das Meſſeleſen ſelbſt mußte nüchtern geſche⸗ hen— mit eigener Hand... Windhack brachte dann ſiedendes Waſſer, das auf einer Theemaſchine im Kochen erhalten wurde. In ein kleines Gefäß wurde das Waſſer durch einen Hahn abgelaſſen und während es langſam ſtrömte, mußten die dünnen Scheibchen der Chocolade, die der Dechant dem Strahl entgegenhielt, ſchmelzen. Nach jedem geſchmol⸗ zenen Stücke quirlte er die gewonnene Auflöſung, die er ſo oft mit neuen Täfelchen wiederholte, bis ſein Ge⸗ ſchmack getroffen war. Er behauptete, dieſe Art der Chocoladebereitung wäre die einzig richtige. Er hätte ſie einſt von ſeinem Bruder Max, Benno's Adoptiv⸗ vater, gelernt, als dieſer aus Napoleon's in Spanien kämpfender Armee verwundet zurückkehrte und damals ein Knäblein von wenigen Monaten mitbrachte gen Bor⸗ kenhagen, wo er zum beſten der ganzen Familie Land⸗ wirth werden wollte, unſern Benno, der indeſſen dem Haarrauch acclimatiſirt und der Familie längſt wie ein geborener Angehöriger war. Die heute ſo düſtere Miene des Dechanten galt zu⸗ vörderſt dem Mismuth über die abendlichen Enthüllun⸗ gen wegen Lucinden. Noch wußte er nichts von dem nächt⸗ lichen Vorfall und der bereits ſchon definitiv erfolgten Kün⸗ digung. Bonaventura gab Lucinden ſogar das Zeugniß, rkelten Porzellan inten, wie er be m mehr Lebens⸗ Melancholie näh⸗ h nachdem er die te nüchtern geſche⸗ ate dann ſiedendes Kochen erhalten zaſſer durch einen ſtrömte, mußten er Dechant dem jedem geſchmol⸗ die er ng, bis ſein Ge⸗ dieſe Art der Er hätte 98 Adoptir⸗ u's in Spanien te und damals rachte gel Vor Familie Land⸗ der indeſſen ailje längſt wie aten galt zu⸗ Enthüllun⸗ on dem naͤch jolgten Kn⸗ 1, riß⸗ das Zeug daß ſie dem Onkel eine anregende, originelle, wenn auch die Menſchen etwas wirr durcheinander hetzende Unterhal⸗ tung werden könnte. Da wird nichts helfen! ſagte der Dechant. Ihre Erſcheinung ruft bei uns Erinnerungen wach, die wir fern halten müſſen!... Bonaventura wußte, wie wenig gern der Dechant an Schloß Neuhof erin— nert wurde... doch hielt er Lucindens Bleiben für ſo entſchieden noch nicht gefährdet, als es war. Dann hatten die Briefe ſehr aufregend auf den Onkel gewirkt, die Angelika Müller durch Benno und Hede⸗ mann geſchickt hatte und die letzterer ſchon geſtern Nach— mittag abgegeben... Von Benno ſah und hörte man nichts. Endlich aber und vorzugsweiſe galt die düſtere Stim⸗ mung einigen auf einem Nebentiſche ausgebreiteten wun⸗ derlichen Gegenſtänden, die im erſten Augenblick vielleicht einem Eintretenden nicht einmal wären aufgefallen, da ſie den allgemeinen Nippcharakter des ganzen Mobiliars trugen. Auf dem Tiſchchen, einem jener zierlichen von Ma— hagoni, die zu den kleinen Spielpartieen in der Dechanei gebraucht wurden, lagen eine zerbrochene goldene Uhr, ein Gemshorn, ein grüner Schleier, eine Spielhahn⸗ feder, ein Klappmeſſer mit vielen eingeſchlagenen Klin⸗ gen und ähnliche Gegenſtände von verwittertem und ver⸗ roſtetem Ausſehen. Dies waren die Sachen, die man in dem Sarg des alten Meviſſen gefunden hatte. Warum hatte der Alte dieſe Dinge ſo gehütet? Warum hatte Meviſſen, der in ſeinem eigengezimmerten Sarge ſchlief, eine ſo große Furcht vor ihrer Ent⸗ deckung gehabt? Wie hing, da Bonaventura ſehr bald 268 aus der Uhr und einem Namenszuge des Meſſers er⸗ kannte, daß dieſe Gegenſtände einſt ſeinem Vater gehört hatten, ein dem Werthe nach ſo unbedeutender Beſitz zu⸗ ſammen mit der Furcht des alten Begleiters ſeines Va⸗ ters, ſie durch den Tod in andere Hände gelangen zu wiſſen? Warum hatte er, wenn er dieſe Gegenſtände der Welt und ihrem Verkehr entziehen wollte, ſie nicht vernichtet? Die Uhr, das Gemshorn, das Meſſer ließen ſich vielleicht nicht ſo leicht zerſtören; was aber ſollte noch die Aufbewahrung des grünen Schleiers und der Spielhahnfeder? Die Unfähigkeit, ſich alle dieſe Fragen zu beantwor⸗ ten, beunruhigte auch Bonaventura ſo ſehr, daß er we⸗ gen dieſer theuern Reliquien zu ſeinem Oheim ge— reiſt war. Der Dechant freilich ſagte, als er ſoeben mit Rüh⸗ rung dieſe Erinnerungen an ſeinen Bruder Fritz gemu⸗ ſtert hatte, er wiſſe wohl, wie dieſe Gegenſtände mit dem unglücklichen Ende deſſelben in Verbindung zu bringen wären. Er könne nur nicht erklären, warum der Die⸗ ner, deſſen Anhänglichkeit und Treue eine ſeltene und erprobte war, auf dieſe Andenken einen ſo ganz unbe⸗ greiflichen Werth gelegt hätte. Ja, fuhr Bonaventura fort, wie konnten dieſe Dinge damals bei dem theuern Todten ſelbſt fehlen, da Sie. doch, wie ich hörte, ſo manche andere Andenken bei ihm fanden, den Trauring meiner Mutter, das Portefeuille mit ſeinem letzten Willen, die Wäſche, die er in einem Reiſeſack trug, als er durch das Val de Bagne über den St.⸗Bernhard nach Aoſta wollte, ſogar die Schaumün⸗ des Meſſers e dem Vater geht utender Beſitz zu nde gelangen ieſe Gegenſtänd wollte, ſie nicht as Meſſer ließen was aber ſollt hleiers und der n zu beantwor⸗ daß er we⸗ — m ge⸗ n Obeu e⸗ Dhei 8. eben mit Rüh⸗ er Fritz gemu⸗ gande mit dem zu bringen 3 ſe⸗ 2 ◻△ arum der D „ſeltene und be⸗ z ganz un⸗ dieſe Dinge hen da Sie ken hei ihm Pertefeuile r in einen n über den 16 gaumün⸗ „Sc rs ſeines Ve 269 zen, die er in der ſogenannten Jupitersebene noch ge⸗ funden? Wie iſt überhaupt der Tod meines Vaters⸗ verbürgt! Begruben Sie ihn ſelbſt? Ich zweifle jetzt an allem! Bona! rief der Dechant verweiſend. Stand Ihnen denn Meviſſen zur Seite, als Sie doch wol eine Unterſuchung über den Tod des Vaters an⸗ ſtellten? 1 Meviſſen war ja mein Führer bis St.⸗Remy, wo der Verunglückte zur Ruhe beſtattet liegt! Ließen Sie denn nicht den Sarg öffnen? Nie ha⸗ ben Sie mir, nie der Mutter, nie dem Stiefvater er⸗ zählen mögen, wie alles beim Ableben des Vaters zuging! Was ſollt' ich vor eure Seelen dieſe Bilder des Schreckens führen! Meine Aeltern liebten ſich nicht! Doch! Doch!... Ich war in Wien, lieber Sohn, und recht wie um mich zu ſtrafen für meinen heitern Genuß der Stadt, erhielt ich dort die Mittheilung, von deinem Vater hätte man ſeit Wochen keine Nachricht und fürchte ein Unglück. Im erſten Augenblicke glaubte man. An Selbſtmord? Es ließ ſich daran denken... Um meine Mutter! Bona, gib dieſen Vorſtellungen nicht ohne prüfende Ge⸗ rechtigkeit Raum! Deine Mutter lebt und liebt dich!... Meviſſen hatte bereits nach dem Orte geſchrieben, wo deine Mutter während der Reiſe deines Vaters weilte! 270 Von dort erhielt ich die Nachricht, daß man ſeine Spur verloren. Er hatte von Genf Abſchied genommen, um durch die Walliſer Alpen eine Fußwanderung anzutreten, die er ohne Begleitung ſeines Dieners machen wollte. Wochen waren vergangen, bis Meviſſen etwas von ihm erfuhr. Endlich währte dem Diener das Ausbleiben ſeines Herrn zu lange. Er ſtellte Erkundigungen bis auf den Weg zum Simplon an und bis nach Martigny. Leider vergebens. Jede Spur ſchien nach dieſen Rich⸗ tungen hin verloren. Als ich dann mit einer Eile, wie ſie nur irgend in der damaligen langſamen Communi⸗ cation möglich war, in Genf ankam, hört' ich ſchon, daß ſeine Spur auf dem andern Uebergange nach Ita⸗ lien, der von Martigny über den großen St.⸗Bernhard führt, entdeckt worden war, aber auch das, daß ſie zu dem ſichern Ergebniß ſeines Todes geführt hatte. Me⸗ viſſen befand ſich auf dem Hospiz der Auguſtinermönche; ich reiſte ihm nach. Dein Vater, mein edler Bruder, war von einem Schneewetter überfallen, verſchüttet, in einen Abgrund geſunken und elend erfroren. So oft der Gleich⸗ ſchritt im gewöhnlichen Daſein mir die Bequemlichkeit als eine zu unverdiente Gnade des Himmels erſcheinen läßt, muß ich dieſer Tage gedenken und des Anblicks, wie ich meinen theuern Bruder wiederſah! Wiederſah? Doch ſahen Sie ihn wieder? Allerdings! Sie fanden ihn nicht ſchon beſtattet? Ich hatte den Genferſee hinter mir und fuhr an den immer mehr ſich verengenden Ufern der Rhone nach Martigny, wo mir Meviſſen, ſelbſt ein Bild des Todes, man ſeine Spn genommen, u etwas von ihn igungen lit 2 kun nen Commund wich ſchon, ach Jta St.⸗Bernhard daß ſie zu Me⸗ hatte. uſtinermönchen edler Bruder, hüttet, in einen oft der Gleich⸗ Benuemlihkei z erſcheinen ſ 4 des Anblich g anzutreten machen wolte s Ausbleiben 271 entſetzt entgegenkam. Von dort nimmt man Saumroſſe; aber mein Gemüth war zu erſchüttert, ich legte mir die Wanderung zu Fuß auf. Sie führte durch geſprengte Felſen, an uralten, noch aus der Römerzeit heraus⸗ blickenden Mauern vorüber, durch das Geröll der Betten wilder Berggewäſſer, armſelige Dörfer, immer höher empor zu jenem Paß, auf dem Napoleon 1800 die Fuß⸗ tapfen der alten Cäſaren im ewigen Schnee wiederfinden wollte. Tief in den Schluchten, in die der Blick mit grauſendem Schwindel ſich verliert, weiden die Heerden der Rinder zwiſchen den Ausläufern der Gletſcher. Hier ſchon beſindet man ſich auf einer Höhe von 7— 9000 Fuß und erblickt dicht neben und über ſich in den Fel⸗ ſenriffen die Spuren des ſprengenden Froſtes und der we⸗ nigen im Frühjahr ſchmelzenden langen Schneegehänge. Ich reiſte im Juni und doch wurden die weißen Todtenfelder immer unabſehbarer, die Ausblicke öder und kahler. Die Führer erzählten von einem Fremden, der vor zwei Mo⸗ naten allein und ohne Warnung anzunehmen den Paß hätte erſteigen wollen. Da hätte plötzlich niederfallender Schnee die Wege verſchüttet und den Wanderer auf eine falſche Fährte geführt. Den Unglücklichen, den ich eben ſehen ſollte, hätte man auf einem vom Wege abgelege⸗ nen Felſenzacken gefunden, dicht an einem unermeßlichen Niederſturz... Sie ſahen den Vater! Ich ſah ihn! Ich ſah ihn in jener grauenvollen Morgue, die oft auf viele Jahre die Leichen der auf dem St.⸗Bernhard gefundenen Verunglückten zur Wiederer kennung durch ihre Angehörigen aufbewahrt! Gräßliche 272 Erinnerung! Eine Stunde vom Hospiz entfernt liegt ein kleines Gebäude, ausgeſetzt dem ſchärfſten Zuge der Eiſesluft, die das Defilé de Marengo durchſtreift. Einer der Auguſtiner ſtand ſchon mit dem Schlüſſel an der Pforte des Todtengewölbes und begrüßte mich. Ein und derſelbe Glaube, ein und derſelbe Beruf, und doch wie verſchieden⸗ artig unſere Pflichten! Ich kam aus Wien mit goldenen Ringen an den Fingern, mit zierlichen Billets in der Brief⸗ taſche, die mich zu einem Diner, dort zu einer Soiree eingeladen hatten, noch ſchwirrten die Opern der Ita⸗ liener mir im Ohre, die im Kärntnerthor ihre Stagione hielten, und vor mir ſtand trotz der Kälte im leichten Chorherrenrock ein Prieſter von nicht viel über dreißig Jahren mit ſeinem Begleiter, einem ihm mit dem Kopf bis an die Hüfte reichenden Hunde, deſſen gewaltige Muskeln, aufmerkende hohe Ohren, fürchterliche Lefzen und Tatzen in einem rührenden Contraſt zu dem Körb⸗ chen mit Lebensmitteln und dem ledernen weingefüllten Schlauche ſtanden, die an ſeinem zottigen Halſe befeſtigt waren. In franzöſiſcher Sprache begrüßte mich der Chorherr und bedauerte die Veranlaſſung, bei welcher zwei Prieſter ſo ihre Bekanntſchaft machten. Eine nach niederwärts führende Thür ſchloß er auf und wir ſtan⸗ den in einem Gewölbe, das die erhitzteſte Phantaſie nicht grauenvoller ſich ausmalen kann. Rings an den Wänden Gerippe an Gerippe, und nicht etwa nur völlig ver⸗ ſehrte, nicht etwa nur Reſte, ſondern wohlerhaltene Körper, die die Eiſesluft, die durch die offenen, corre⸗ ſpondirenden Fenſter zieht, an gänzlicher Verweſung ver⸗ hindert. Niemand wird hier begraben, deſſen Identität 4 z entfernt li arfſten Zuge rcchſtreift. En ſel an der Pfon Ein und derſel wie verſchieden en mit goldene zin der Brief zu einer Soire Opern der Ite ihre Stagiont eim leichten iber dreißig mit dem Koß eſſen gewaltig hterliche Leſzen zu dem Köll⸗ n weingefüllten Halſe befeſtig fßte mich der J. bei welchet „Eine nach und wir ſtau⸗ aſie nicht r völlig ver voblerhaltene ffenen/ corrk⸗ weſung ver⸗ ſten Jdentit nicht im Laufe, der Jahre hergeſtellt wird. So ſtanden dort Geſtalten ſchen zwanzig Jahre an die Wand ge⸗ lehnt! Vor ihnen lagen auf einem Tiſche ihre Kleider und die ſonſtigen Gegenſtände, die ſie bei ſich trugen. Der letzte in der Reihe war... ja! es war mein un⸗ glücklicher Bruder, dein theurer Vater... Ich ſah ihn ſtehen! Vor mir! Todt! Von einem Sturz von der Felſenkante, wo man ihn fand, war das Haupt zer⸗ ſchmettert und hing, ſchon faſt nur noch in Knochen, hernie⸗ der! Im übrigen war es ſein lieber, edler Eindruck! Da lagen die Kleider, die ich nur zu gut kannte, da lag das Portefeuille, das ich an mich nahm, da lag noch ſein Geld⸗ beutel mit dreißig Napoleons und etwas kleiner Münze und einigen römiſchen, wie man ſie in dieſen Gegenden oft findet, ein Plan der Schweiz, ein Fernrohr, Billets zur Ueberfahrt über den Genferſee, einiges weißes Brot, eben noch wie davon abgebrochen, eine Korbflaſche mit Kirſchengeiſt, Handſchuhe, Tragbänder, der Trauring dei⸗ ner Mutter... alles.„. alles.. Die Träger bürdeten es ſich dann mit der Leiche auf. Ich ſtieg mit dem Mönch zum Hospiz empor. Die Leiche blieb da ſo lange in der Kapelle, bis man ſie auf meinen Wunſch nach der ſüdli⸗ chen, italieniſchen Seite zu, über dem Orte St.⸗Remy beerdigte! Der Dechant ſchwieg... Nie hatte er dieſe Schil⸗ derung ſo genau gegeben. Nur einmal vor den Ge⸗ richten und einmal— vor dem jetzigen Kirchenfürſten, als dieſer noch die Geſchäfte eines Generalvicars ver⸗ waltete und die Heirath der Witwe beanſtanden wollte. Der Trauring meiner Mutter! wiederholte Bonaven⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. II.— 274 tura ſchmerzlich. In ihm liegt— die ganze Lebensfrage unſerer Kirche! Das iſt ein Abgrund, mein Sohn, wie auch unſere Eheloſigkeit... ſagte der Greis. Laß es ruhen! Beide Prieſter ſchwiegen. In dieſem Schweigen lag der Schauer zweier Jahr⸗ tauſende. Eine Weile verging—— So alſo war es! begann Bonaventura wieder voll Schmerz. Und doch wie iſt es möglich, daß dieſe Gegen⸗ ſtände vor uns auf dem St.⸗Bernhard damals fehlten? Warum hat ſie Meviſſen ohne Ihr Wiſſen an ſich ge⸗ nommen? Warum nahm er ſie mit ins Grab? Der Dechant ſchwieg... Ich weiß es nicht! ſagte er dann nachdenklich. Meviſſen wohnte allen dieſen Vorgängen bei, die Sie ſchilderten? In aufrichtigſter Trauer! Wir legten oben auf dem Hospiz alles zuſammen, was deiner Mutter zu überſenden war. Dieſe Gegenſtände dort fehlten, das weiß ich genau. Da das Geld unangerührt war, gedachten wir nicht der Uhr. Die Spielhahnfeder iſt ein Hutſchmuck der Alpen⸗ gegenden. Das Gemshorn ſaß ohne Zweifel als Griff an einem Alpenſtock. Der grüne Schleier iſt eine Schutzwehr des Auges gegen die blendende Wirkung des Schnees. Ge⸗ wiß! Ich ſah damals dieſe Dinge nicht und begreife den Werth nicht, den Meviſſen ſo weit darauf legte, ſie ſo heimlich zu bewahren! Er war ſo ehrlich und ſo treu... Ich erkundigte mich ſpäter in Genf; ich hatte die ſicherſten Beweiſe, daß dieſe einſame Alpenwanderung D Lebensfrage auch unſete ruhen! weier Jahr⸗ wieder voll dieſe Gegen⸗ als fehlten? überſenden ß ich genall ir nicht der der Alper als Griff an Schubwehr nees. Ge⸗ ud begrefe if legte ſe lich und ſe ⁸ 275 deines Vaters, während Meviſſen allein im Gaſthofe zur Balance zurückbleiben mußte, ihn mit einer durch den Erfolg nur zu ſehr gerechtfertigten Unruhe erfüllte. Die Beerdigung in St.⸗Remy vollzog er mit all der Stand⸗ haftigkeit, zu der ich mich nicht aufſchwingen konnte. Ich ſaß erſchöpft im Refectorium des Hospizes und ſchilderte den kindlichen Mönchen die Tugenden des Verblichenen. Wie hätt' ich ſie erfreut, wenn ich ihnen ſchon damals hätte ſagen können, daß der Sohn des Unglücklichen in den geiſtlichen Stand treten würde! Ich mußte dieſe Männer bewundern, die über ſiebentauſend Fuß über dem Meere wohnen, fünfzehn Jahre hier zu verweilen verpflichtet ſind und ſelten, wenn ſie auch mit zwanzig Jahren ſchon vom Biſchof zu Sitten hierher entſendet werden, ihr fünfunddreißigſtes Jahr erreichen. So wü⸗ then die Stürme, ſo dorrt der Froſt die Glieder aus, ſo verbraucht die tägliche Anſtrengung, die es koſtet, nur allein die nächſten Bedürfniſſe auf dieſe Höhe zu brin⸗ gen, nur Holz und Waſſer! So oft ich jene vermeſſenen Reden unſerer Geiſtlichkeit höre, Reden, wie ich ſie noch geſtern wieder vernahm, möcht' ich doch aufſtehen und eine Schilderung des Lebens der Auguſtinerchorherren auf dem St.⸗Bernhard geben und rufen: Hic Rhodus! Hic salta! Da zeigt euern Heldenmuth! Bonaventura ſchüttelte ſein Haupt, hob ſein braunes Auge wie verklärt und erwiderte: Nein, Oheim! Was iſt es denn, was dieſen Menſchen dort oben ſelbſt den Schnee ſo roſig erglühen läßt, daß ſie ihn auch ohne die Sonne wie nur in Purpur ge⸗ taucht zu erblicken glauben! Es iſt die himmliſche 18* 276 1 Sonne, die ſie beſcheint, die moraliſche, daß ſie ſich fühlen in einer großen Gemeinſchaft, der zu Liebe dieſe und alle Opfer dargebracht werden! Laßt dieſe Prieſter der Ebene doch vermeſſen reden und ſich ihrer Rechte und Pflich⸗ ten rühmen! Würde nicht ſchon in der Ebene dieſer Geiſt der Hingebung gepflegt, allmählich aufgezogen, allmählich herangebildet, wie könnte er in die Berge ſteigen! Nein! Aus einer einzelnen zufälligen Entſchließung des edeln Herzens hier und dort iſt es nicht möglich jene jungen Männer dort oben wohnen, wirken, früh dahinwelken zu laſſen! Sie würden vielleicht zuweilen in größerer Anzahl ſich einſtellen, als ſie nöthig ſind; öfter aber auch würden ſie ganz fehlen. So muß es eine Pflanz⸗ ſchule dieſes Geiſtes der Aufopferung geben, irgendeine magiſche Zauberformel muß ſie alle halten und regieren. An dem Muth, dort unter den Gerippen und dem Schnee des St.⸗Bernhard auszuhalten, arbeitet der ſtreitende Geiſt derer hier unten mit! Das iſt ja das Geheim⸗ nißvolle in unſerer Kirche, daß ſie ein Zuſammenwirken tauſendfacher Kräfte iſt, wo ſie wunderbar durch die For⸗ men erſetzt, was an den Perſonen ſich heute findet, morgen fehlt. Unſere Kirche befreit den Geiſt von den Launen des Zufalls, der Natur! O daß das ſo wenig verſtanden wird! Unſere Methode iſt groß! räumte der Dechant ein; ſeufzend aber ſetzte er hinzu:. Soviel Schönes, ſoviel Erhabenes in unſerer Kirche, ſo vieles, was den poetiſchen Menſchen in uns mit den tiefften Ahnungen und Schauern durchrieſelt— wenn nur ſo vieles andere, was dem Menſchengeiſte von un⸗ ſterbe richt 8 daß ſie ſich zu Leebe dieſ eſe Prieſter de öte und Pflic⸗ ne dieſer Geiſt en, allmählich igen! Nein! ng des edeln h jene jungen dahinwelken in größerer „ öffter aber eine Pflanz⸗ , irgendeine und regieren. ad dem Schnee der ſtreitende das Geheim⸗ jammenwirket durch die For⸗ andet, morgen tden Launen ri verſtanden gaut ein; Dechant? 2 7 girche aſerer Ki che, 4*† mit den — wenn von un⸗ viſte 277 ſterblichem und göttlichem Werthe ſein darf und muß, nicht in ihr verloren ginge! Dies Thema trennte beide wie immer... Ein räthſelhaftes Gefühl drängte den Dechanten, wäh⸗ rend der entſtehenden Pauſe ſeinem Schreibtiſch zuzulangen, als müßte er jenen Brief von unbekannter Hand Bonaventura mittheilen, jene Aufforderung, im Jahre 18** am Tage des heiligen Bernhard von Clairvaux unter den Eichen von Caſtellungo ſich zu einem Concil der Befreiung einzufinden! Doch erblickte er unter den Papieren zunächſt nur den Brief Angelika Müller's mit den Einlagen... Auch deſſen Inhalt erlaubte es, bei dem Gegenſtande zu verweilen, den Bonaventura die Grundlage der ka⸗ tholiſchen Kirche genannt hatte. Der Dechant war der Meinung, daß die latholiſche Kirche nicht zu ihrem Vortheil die Ehe zu einem Sa⸗ krament erhoben hat. Wo die perſönliche Freiheit ſo beſchränkt wäre, daß man ſein Lebtag im Joche einer einmal verfehlten Wahl hinſiechen müſſe... da könne der Segen Gottes nimmermehr weilen! Er ſprach dies auch jetzt wieder aus mit Rückſicht auf die Briefe, die er entfaltete. Bonaventura unterbrach ihn aber ſchon.. Nein, Onkel, ſagte er, es gibt keine Religion, die nicht bindet! Schon im Namen liegt's ja! Haben die Völker nicht in dieſem ein höheres Geſetz, ſo haben ſie es in jenem! Was iſt nicht alles den Juden, was nicht den Türken unterſagt! Ja, die katholiſche Kirche hat ſich das Schwerſte auferlegt! Das iſt wahr— aber darin liegt gerade ihr Muth, liegt— 8 278 Ihre Verwegenheit! warf der Dechant dazwiſchen. dn und fuhr in der That aufgeregter als ſonſt fort: ſtner Gelten laſſ ich Reinigungen und Faſten! Es iſt ah gut, daß der Menſch ſich oft und regelmäßig die Schranke vorführe, die ihn von der Thierwelt ebenſo und wie von einem übermäßigen Gebrauche ſeiner Freiheit G trennt! Aber die Ehe! Eine Verklärung der Schöpfung bohr mag ſie ſein, eine Stütze der Civiliſation; aber die Ehe dieſ an Geſetze zu binden, die wenn nicht die Natur— die man ſchon leider ganz aufgeben muß!— doch die Liebe hove ausſchließlich vorgeſchrieben hat, das rächt ſich an der Sitte und— Sittlichkeit! Es wird ſich an der Kirche rächen! In ſolchen Augenblicken der Erregung des Greiſes lir widerſprach Bonaventura nicht. deig Es lag auch dann ein ſo ſtolzer, hoher Ausdruck in 8 des Dechanten Blicken, die ſchlanke, noch ungebeugte Geſtalt Wal wuchs vollends in die Höhe, die gewohnte Indolenz ſchwand 1 ſo ganz, daß der Oheim dann etwas von einem Staats⸗ Din mann oder einem weiſen Geſetzgeber zu bekommen ſchien und den, der ihm widerſprach, geradezu unreif erſcheinen ließ. et t Habe nur meine Erfahrung! ſagte er. Man ſieht ben nur nicht dieſe Nachtheile einer ſcheinbaren Wahrheit und ſie einer ſo großen Lüge! Sie liegen— dank der furchtbaren den Organiſation, die in unſerer Welt die polizeiliche Ordnung hat!— nicht ſo offen! O ſie liegen ſo verborgen, daß es legt mir oft, wenn ich mich in unſerer katholiſchen Welt um⸗ ſchri ſehe, vorkommt, als ſähe man die alten Verließe der Burgen„Ar wieder, wo die Gebeine der Geopferten modern, ſähe in JSA die Kerker der alten Klöſter, die die Folgen der Zucht⸗ dieſ loſigkeit vergruben... Doch— laß es jetzt genug ſein! ant dazwiſchen it fort: ſten! Es iſt egelmäßig die zierwelt ebenſ ſeiner Freiheit der Schöpfung aber die Ehe Natur— die doch die Liebe Han der Sitte irche rächen! des Greiſes Ausdruck in heugte Geſtalt dlenz ſchwand nem Staats⸗ ꝛn ſchien und ſcheinen ließ⸗ Man ſieht gahrheit und r furchthaten he Ordnung en, daß es n Welt um⸗ der Burgen rn, ſähe in der Zucht ſein! genug 5 279 Und gleichſam als wenn die Erinnerung einer ganzen ſchweren Vergangenheit über ihn käme, ſo zitterte er und brach nun ab. Wie um ſich zu beſänftigen, nahm er dann die Briefe und ſagte: Gehſt du zum Weinberg des Oberſten von Hülles⸗ hoven hinüber, ſo weiß ich nicht, ſollſt du dem Oberſten dieſe Briefe da mitnehmen oder nicht? Er erzählte, daß ſie ihm von Armgart von Hülles⸗ hoven zugekommen wären... Bonaventura wollte ſchnell in ſeine Pfarre zurück. Er konnte nicht hoffen Benno's habhaft zu werden; nur auf dem Amte galt es noch ſeine Anzeige über den Leichenraub zu machen. Dem Oberſten ſtand er ferne. Der Oberſt war ein Sonderling, der gegen die ganze Welt etwas Schroffes, ja Ablehnendes hatte... Die Briefe beziehen ſich, ſagte der Dechant, auf Dinge, die ich nicht gern mit dem Oberſten erörtere.. Bonaventura kannte die Perſonen und Verhältniſſe... er wußte, daß Armgart von Hülleshoven in dem Glau⸗ ben erzogen war, eine Waiſe zu ſein... er wußte, daß ſie ſeit noch nicht lange erſt erfahren hatte, daß ihre bei⸗ den Aeltern lebten und getrennt lebten. Als Bonaventura die beiden zierlich zuſammenge⸗ legten Briefe ſah, auf welchen mit ſauberer Hand ge⸗ ſchrieben ſtand:„An meinen Vater!“ Auf dem andern: „An meine Mutter!“ ſagte er: Sie ſpricht doch wol ihr Glück aus, jetzt plötzlich dieſe Schätze gefunden zu haben? Im Gegentheil! erwiderte der Dechant. Als ich die 280 Briefe empfing, wußt' ich nicht, ob ich über ſie lachen oder mich ärgern ſollte. In Wahrheit war ich von ih⸗ nen gerührt, um ſo mehr, da auch die Mutter mir aus Wien geſchrieben hat, wo ſie endlich das Kloſter, in dem ſie zeither meiſtentheils lebte, verließ. Beide Aeltern machen Anſprüche auf ihr Kind und jetzt um ſo lebhafter, ſeitdem ſie um dieſen Beſitz wieder in den alten eiferſüchtigen Streit gerathen ſind. Die Mutter will ſogar binnen kurzem in die Gegend kommen, was ich dich bitte, um Aufreizun⸗ gen zu vermeiden, dem Oberſten zu verſchweigen... Bonaventura hätte ſich gern dem Auftrage entzogen. Doch las er, da der Dechant es wünſchte, den einen der offenen Briefe Armgart's. „Mein Vater!“ ſchrieb Armgart von Hülleshoven. „Wie die heilige Margarita betete, ſo wiederhole ich: «Mein Herr und Gott, bewahre unſer Herz in Reinig⸗ keit, unſer Leben in Unſchuld und jede Begierde, jede Meinung, jede Handlung unſers Lebens in reinſter Wahrheit!“ Daß ich dich einſt nennen werde: Mein ein⸗ ziggeliebter Vater! wird die Folge der Erkenntniß deiner hohen Tugenden ſein. Die Heiligen mögen mir bezeu⸗ gen, ich habe ein Herz, ſo voll der himmliſchen Liebes⸗ flammen, daß ich dich mit Innigkeit umarmen könnte, wenn ich nicht wüßte, daß ich eine Mutter habe. Auch ſie darf ich, wenn ich wahr ſein will, nicht begrüßen, wie es Kindern ziemt, ihre Aeltern nach langer Tren⸗ nung zu begrüßen. Würd' ich aber, wenn ich zu dir mit ausgebreiteten Armen flöge, nicht die Mutter be⸗ trüben? Würd' ich nicht den Schein annehmen, als be⸗ vorzugte mein Herz eines von euch? Würd' ich nicht ein Ur Wegt? beide mich; mich! ken un ener, nach nicht A wie ſ tomr Kind tern vor und Fri mü M krau Kire Ar über ſie lachen dar ich von iſ⸗ utter mir aut iſter, in dem ſte Aeltern machen hafter, ſeitdem zeiferſüchtigen binnen kurzem um Aufreizun⸗ weigen... age entzogen. den einen der Hülleshoven. ederhole ich: z in Reinig⸗ egierde, jede in reinſter Mein ein⸗ ntniß deiner mir bezeu⸗ chen Liebes⸗ men könnte, abe. Auch begrüßen, nger Tren⸗ 1 zu dir ich Mlutter be⸗ g als be⸗ ich nicht 281 ein Urtheil zu ſprechen ſcheinen, das ferne von mir liegt? Ach, ich beſchwöre euch! Kommt, liebevereint, beide— und ruft mich an euer ausgeſöhntes Herz! Laßt mich zu euch beiden zu gleicher Stunde emporblicken! Laßt mich reuevoll und in ewiger Liebe vor euch beiden niederſin⸗ ten und mit einem einzigen glückſeligen Worte mich nennen euer einziges und treues Kind, Armgart von Hülleshoven.“ Und der Mutter? Schreibt ſie wörtlich daſſelbe! Bonaventura überflog den Brief, den der Dechant nach Wien ſchicken ſollte. In dem einen Briefe waren nicht mehr Worte und Buchſtaben als im andern. An den Pünktchen da, ſagte der Dechant, ſeh' ich, wie ſie gezählt hat, ob auch keiner mehr Buchſtaben be⸗ kommen hat als der andere! Oder weniger! ſagte Bonaventura gerührt. Sieh, ein Kind will ſich zum Preis der Ausſöhnung ſeiner Ael⸗ tern ſetzen! Sollten dieſe beide nun nicht wirklich, um vor ihrem Kinde nicht beſchämt zu ſtehen, ihren Haß und Groll fahren laſſen? Bleibt der kleine Genius des Friedens nur feſt in ſeiner Weigerung, ſo mein' ich, müßte eine Eiferſucht entbrennen zwiſchen Vater und Mutter, die zum Guten führt! Nennen Sie das Sa⸗ krament der Ehe noch den großen wunden Schaden unſerer Kirche, wenn es ſolche Opfer möglich macht? Die kleine Armgart handelt— ich muß es ſo nennen— katholiſch! „Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge haſt du dein Lob zugerichtet!“ ſagte der Dechant ironiſch und erhob ſich, um Bonaventura das Geleit zu geben und nach Windhack zu klingeln. „ 7 282 Nachdem ſie beide die Reliquien aus dem Sarge zu⸗ ſammengelegt und in einer Taſche, die zu Bonaventura's Reiſeeffecten gehörte, geborgen hatten; nachdem der De⸗ chant auf die von ihm ausgeſprochene Erwartung, der Neffe würde doch wenigſtens zum Mittageſſen noch daſein, eine ablehnende Antwort erhalten hatte— den Pfarrer zog es mächtig in ſeine Gemeinde zurück und— Lucinde ver⸗ ſcheuchte ihn—; ſtanden beide ſchon an der Thür, Bona⸗ ventura, um auf den Weinberg des Oberſten zu gehen, der Dechant, um in der Stadt die dieſe Nacht mutterlos gewordenen Waiſen mit Geldmitteln zu verſehen. Eben ſagte er: Tröſte Witwen und Waiſen, wie du heute Nacht gethan haſt, theile, wenn du ihnen nichts Beſſeres ge⸗ ben kannſt, Heiligenbilder an ſie aus: nur um Eines bitt' ich dich, Bona, um Eines... Zwei Thüren gingen in dieſem Augenblicke zu glei⸗ cher Zeit auf. Windhack trat ein und wollte eine Meldung an Bo⸗ naventura bringen. Herr Pfarrer! ſagte er eilends... Aber auch Frau von Gülpen war von nebenan er⸗ ſchienen und machte einen Eindruck, der jedem, der ſie nur anſah, die Sprache rauben konnte... Zwar war ihre Toilette ſchon in ſchönſter Ordnung, Windhack's gewellter Scheitel ſaß ſchon kunſtvoll unter der buntbebänderten Spitzenhaube und doch kam ſie wie eine halb Bewußtloſe. Ihr eines Auge war Entrüſtung, ihr anderes Schrecken, die Naſe Zorn, die Oberlippe Staunen, die Unterſhe Abſcheu. Sie glich einem eben von ein Maus dem es lich ſo der Ro Vindh der Fr Ein derholte than d Lachte der ei zen h d — im Sarge zu⸗ Zonaventura dem der De⸗ vartung, der noch daſein, Pfarrer zog Lucinde ver⸗ Thür, Bona⸗ en zu gehen, öt mutterlos „5 ehen. eute Nacht Beſſeres ge⸗ um Eines icke zu glei⸗ ng an Bo⸗ nebenan er⸗ der ſie nur Ordnung, voll unter un ſie wie lntrüſtung, 9ℳ erlippe nem tben von einem Traum Exrwachten, der geträumt hatte, eine Maus wär' ihm quer über das Geſicht geſprungen, und dem es in dem Augenblick, wo er erwachte, auch wirk⸗ lich ſo vorgekommen, als hätte ihm etwas Kaltes auf der Naſe geſeſſen. Gott, was iſt Ihnen, Liebe? fragte der Dechant. Sie wollte ſprechen, aber ſie konnte nicht... Sie winkte nur Windhack, zu ſagen, was der wolle... Ein Wägelchen iſt halt eben vorgefahren—! ſagte Windhack, ſtockte aber, weil dem ſo ſichtbaren Schmerz der Frau von Gülpen offenbar die Vorhand gebührte... Ein Wägelchen— iſt— eben— vorgefahren! wie⸗ derholte Frau von Gülpen mit hauchender Stimme. Sie that dies, um ihm gleichſam ſeine Mittheilung zu er⸗ leichtern. Es war ein Ton der leidendſten Geduld, ja der eines förmlichen Abgeſchloſſenhabens mit dieſer gan⸗ zen höchſt unvollkommenen Welt... Schon ahnte der Dechant die Urſache dieſes Anblicks — die neue Nichte—— Was iſt denn, Windhack? fragte er, um nur bald wenigſtens über deſſen Störung hinwegzukommen— Der Wagen unten... Nun ja, nun ja— Herr Maria!„ Wer? Herr Maria! Frau von Gülpen war ſo großmüthig, ſo tief edel⸗ geſinnt, ſo gewohntermaßen aufopferungsfreudig, auch noch jetzt die Verſtändigung zu unterſtützen. Herr Schnuphaſe! ſagte ſie. 284 Herr Schnuphaſe?... Eine dringende Me fuhr Windhack fort. An mich? fragte Bonaventura. Herr Maria hat Sie halt ſchon in aufgeſucht... ein ſehr wichtiger Auftrag. Und ſchon hörte man au das Huſten und Räuspern ein wohnt ſchien, lange oh werden zu verharren... Iſt denn ſchon die Dechant lächelnd und v Aber Herr Jean B küchler, Wachslichterfab der Reſidenz des Kir . ne das freudigſte Bewillkommt⸗ oder drei Priſen genommen zu haben, um nur dicht am Schlüſſelloch draußen nieſen zu können.. 3 Und mit jener Selbſtaufopferung, die für ſich ſelbſt im Leben ja auch nichts, auch gar nichts beanſprucht, ſondern die ein Bild der Ergebung, hack hätte ſagen können... Gern hätte er tröſtend ihr zu⸗ geflüſtert: Nun,„die Perſon“ i*ſt doch ſchon fort? Laſſen Sie ſie in Gottes Namen reiſen! Und gleich! Den Augen⸗ blick. Aber der Eintretende nahm die Aufmerkſam⸗ keit aller Anweſenden allein in Anſpruch. ldung an den Herrn Pfarrer... St.⸗Wolfg ang f dem Corridor draußen es Mannes, der nicht ge— be kleiner iſt gr tall, Weinkt ſchene ſtatt, Hand ordent Entſch Negli Hochw ehrwür hack. wir- 7 ganz u ſ geber in ſe Spr römi blieb giſche des d Nua höben „Me G „Se ern Pfarrer. St.⸗Wolfgang ridor draußen der nicht ge⸗ Bewillkommt⸗ e, fragte der aphaſe, Leb⸗ mdſucker aus ſichtlich zwei m nur dicht ſich ſelbſt im ſondern die winkte Frau möchte! gerührt, zu ein Eckana⸗ „ganz nur wie Wind⸗ hr zu⸗ 285 Herr Jean Baptiſte Maria Schnuphaſe iſt ein kleiner Mann von unendlichſter Devotion. Sein Frack iſt grün, die Knöpfe daran ſind weiß und von Me⸗ tall, die Weſte iſt von Kameelgarn und gelb und die Beinkleider ſind von Nanking. Er trägt weißgewa⸗ ſchene Lederhandſchuhe, wie zu einer Kindtaufe. Aber ſtatt eines Hutes hat er doch nur eine Reiſemütze in der Hand und das genirt ihn und das bringt ihn außer⸗ ordentlich in Verlegenheit und er muß lächeln und um Entſchuldigung bitten und muß alles aufbieten, um das Négligé dieſer Reiſekappe zu verbergen und muß ſein: Hochwürdigſte Hochwürden— gnädigſte Frau— hoch⸗ ehrwürdiger Herr Pfarrer— ſehr geehrter Herr Wind⸗ hack... mit ſo vielen Verbeugungen unterbrechen, daß wir— Doch nein! Um Jean Baptiſte Maria Schnuphaſe ganz zu charakteriſiren und nichts zu unterlaſſen, was zu ſeinem„ganz ergebenſten“ und„hochachtungsvoll er⸗ gebenſten“ Eindruck gehört, müſſen wir ihn eigentlich in ſeiner eigenen Sprache reden laſſen... Es iſt das jene Sprache von der Abdachung des Harzes her in die kleine römiſche Enclave, das einzig rechtgläubig dortherum ge⸗ bliebene Hildesheim. Es iſt die Sprache der braunſchwei⸗ giſchen Umlaute„uö“ ſtatt a oder au oder o, die Sprache des lispelnden S vor St und Sp... Alle dieſe feinen Nuancen gehören zu dem Duft des„Vörnöhmen“ und„Er⸗ höbenen“, das den Lebküchler, Wachslichterfabrikanten und „Meßgewandſ⸗ticker“ ſchon ſeit dreißig„Jöhren“ umgibt. Schnuphaſe, oder nach ſeiner eigenen Ausſprache „Schnuphöſe“, beſitzt eine nie„ermöngelnde“ Erge⸗ 286 benheit. Er iſt das Factotum aller menſchlichen Bedürf⸗ niſſe des höhern und niedern„chriſtköthöliſchen“ Klerus. Er iſt der Beichtvater der Beichtväter. Herr Maria, von Hildesheim durch eine glückliche Geſellenſchaft und darauffolgende Verheirathung gen Weſten verpflanzt, iſt wohlangeſehener Bürger und Hausbeſitzer in der ſtolzen Königin des großen„S-trömes“, die wir kennen ler⸗ nen werden. Er iſt der„Figaro hier“, der„Figaro dort“ des Domſtifts und aller derer, die ſein Vertrauen ſuchen und nicht ſuchen! Dienen, dienen um jeden Preis, dienen und wär's auch nur um die regelmäßige Abnahme ſeiner weltberühmten Wachskerzen für Haus und Altar, ſeiner Lebkuchen für den Weihnachtsbaum, ſeiner Sticke⸗ reien, deren Anfertigung ſeine beiden Töchter Exa und Apollonia zu den Garderobieren aller Gottesmütter des Landes und aller ſonſtigen heiligen Toiletten gemacht hat... dienen war„Herrn Maria's“ Lebensaufgabe! Wo ereignete ſich das Weihen einer Kirche auf zwanzig Meilen in der Runde, ſtromauf, ſtromab, ins Franken⸗ land hinein und hinüber auf die rothe Erde, daß Herr Maria fehlte? Oder eine Prieſterweihe oder ein Zweckeſſen oder ein großes Leichenbegängniß oder eine Glockenweihe oder eine Wallfahrt oder eine Schauſtellung wunderthä⸗ tiger Bilder oder Reliquien... Herr Maria ſollte feh⸗ len? Herr Maria, der kleine, immer vom Feuer der Ueberzeugung ſowol wie vom edelſten Ahrbleichert Gerö⸗ thete? Er war einer der Cherubs, flammend von der Naſe bis zum Schwert, die an der Kathedrale in der Reſidenz des Kirchenfürſten die Eingangsportale hüteten! Dabei durfte er auch wandeln auf Erden wie ein Cherub auf Urlauo Damyf ſteecker der a durch war i Biene nenme er of ſchwa Haup. Vienen Anterſc thorne aus kerzer ihn Sam ſeine erleb ſätze nen talite 4⁴ wohle ren Pilt mäch falls Erbſ hauſe ſchlichen Bedün „,1 Glar liſchen“ Kleru Herr Man All0, ſellenſchaft u verpflanzt, in der ſtohe wir kennen le „der„Figer ſein Vertraue im jeden Preit ge Abnahm ttesmütter des letten gemach nsaufgabe! auf zwanzig ins Franten⸗ daß Hert in Zweckeſſen o Glockenwelhe vorthä⸗ a wundellhe . ſoh⸗ ja ſollte ſeh⸗ Feuer det eichert Gerl⸗ d n der eend von „, in der drale ¹* „gteten! tale hütèn erub auf 287 Urlaub, ein Cherub der Legende, zu Wagen, zu Roß, per Dampf auf der kühlen Welle oder der hie und da ſchon ſich ſtreckenden Schiene!.. Herr Maria wohnte in einem der alterthümlichſten, maſſivſten Häuſer, die man ſich durch hochwürdigſte Protection nur erwerben kann. Er war in ſeiner Art ein Napoleon. Wenigſtens war die Biene ſein Symbol. Er hätte eigentlich in einem Bie nenmantel bei jeder Proceſſion voranſchreiten müſſen, wie er oft voranſchritt, dann freilich im ſchwärzeſten der ſchwarzen unter ſeinen vielen Fräcken, mit entblößtem Haupte und eine ſeiner eigenen Kerzen tragend... Die Bienen hatten ihn gelehrt, Honig früh von Wachs zu unterſcheiden, aus jenem die lieblichſten nürnberger Leb⸗ und thorner Pfefferkuchen und baſeler Leckerlis zu geſtalten, aus dieſem aber Kerzen, reine, weißgelbe edle Wachs⸗ kerzen zur heiligſten Weihe. Und dieſe Bienen hatten ihn auch die Emſigkeit gelehrt, den raſtloſen Fleiß, das Sammeln auf allen Fluren und Wegen und Stegen für ſeinen eigenen Schatz und den des Reiches Gottes. So erlebte er freilich die Berufung zu den höchſten Steuer⸗ ſätzen durch dieſen kalten proteſtantiſchen, keine Exemtio⸗ nen duldenden„S⸗töt“, aber auch die Mittel, ſie quar taliter pünktlichſt zu berichtigen. Herr Maria galt für wohlhabend, aber er war reich. Das wußten Domher⸗ ren und Capitulare und Officiale und Curaten bis zu Pſalteriſten und Calcanten hinunter. Dominicus Nück, der mächtige Procurator, Benno's Principal, wußte es gleich⸗ falls. Der hatte ihn auf der Liſte aller derer, die in großen Erbſchaftsfragen, wie z. B. jetzt in der der Dorſte⸗Camp⸗ hauſen, Mündel⸗ und Pupillengelder auf die rechten Plätze 28s8 anzulegen wiſſen. Und was gab es nicht allein ſchon auf dem geiſtlichen Gebiete zu rechnen und zu zählen! Was hatten die Herren von Sancta⸗Columba und Den Apoſteln und Den ſieben Schmerzen und allen Kirchen dieſſeit und jenſeit des Stromes nicht für einen Neffen dort, für eine Nichte da liebevollſt zu ſorgen, aufzuneh⸗ men und abzutragen! Was gab es nicht Kapitalien un⸗ terzubringen!„Schicket euch in die Zeit, denn es iſt böſe Zeit!“ Herr Maria kannte das ganze Land, kannte alles, was neben Bienen auch Korn und Gerſte zieht und Hypotheken braucht. Freilich war er nicht in dieſer Gegend geboren, aber er war geboren in dem Lande der Höflichkeit, der feinſten deutſchen Ausſprache, der gewähl⸗ teſten Umgangsformen. Er wurde überall gut aufgenom⸗ men und nie übermüthig. Er hatte von den Bienen die ſchöne Hanfonie gelernt, die Unterordnung unter einen gekrönten Weiſel, unter die ſelbſtbeſchauliche Trägheit vor⸗ nehmer Drohnen; ſelbſt jener poetiſche Schwung fehlte Herrn Maria nicht, den die Alten mit den Bienen bezeichnen wollten, wenn ſie im Munde eines göttlichen Redners die Biene abbildeten oder einen Sophokles an ihr ſter⸗ ben ließen... nein, Sophokles ſtarb an einer verſchluck⸗ ten Weinbeere! Aber ſchon die attiſchen Bienen ruhten vielleicht am liebſten auf ſolchen Weinbeeren, die von Chios und Tenedos an den Jliſſus verpflanzt wurden! Schnuphaſe beſtätigte den Naturforſchern, daß die Bie⸗ nen am liebſten ſich den Honig vom Safte der Wein⸗ beeren ſaugen. Oder verurtheilt ihr ihn deshalb? Lebte der ſchwungvolle Mann nicht im Lande der köſtlichſten Reben? Er, der nur n„brauns⸗weiger“ Mumme oder goslau dürſte hatte lein, auf! unter ringe nen „erhü glöſe „Sh Tann mit L Pfarr Kledde wer fein, Hüt weif biſch der und der Kerz her ſich rein an neh⸗ ihn, G icht allein ſch und zu zähla umba und Da d allen Kirche er einen Neffe rgen, aufzuneh Kapitalien un „denn es iſ ze Land, kannte ad Gerſte zielt nicht in dieſer dem Lande der e, der gewähl⸗ gut aufgenom⸗ ei Bienen die g unter einen Trägheit vor⸗ Scwung fehlte enen bezeichnen lichen Redners zan ihr ſter⸗ iner verſchluck⸗ Bienen ruhten „n, die von Tell, 289 goslarer„Göſe“ als die höchſten Errungenſchaften der dürſtenden Menſchheit bei ſeiner Geburt kennen gelernt hatte, er bekam ſein rothes Näschen, ſeine rothen Wäng⸗ lein, die dem weißen Lockenköpfchen allerliebſt ſtanden, nur auf den ſchönen Rebenhügeln ſeines neuen Vaterlandes, unter den epheuumwundenen Burgruinen, da, wo man ringsumher dicht neben dem Anblick des Großen und Schö⸗ nen auch überall einen Guten ſchenkt. So zu ſtehen auf „erhöbenſtem“ Standpunkte, ſo mit dem grünen„Römer⸗ glöſe“ allen„Köpöllen“ und Kirchen und„Dömen“ und „S⸗tiften“ und„Köthödrölen“, die er erleuchtete, allen Tannenbäumen ringsumher, die er zur Weihnachtszeit mit Lichtern und Lebkuchen ſchmückte, allen Kaplanen und Pfarrern, die er mit wundervollen Meßgewändern be⸗ kleidete, ein Hoch nach dem andern auszubringen— wer konnte ihm das verdenken! Blieb er nicht immer fein, nicht immer nobel, immer Herr ſeiner weißen Wäſche, Hüter ſei r Manſchetten, Meiſter im Knoten ſeiner weißen Binde, zierlich und manierlich? Einem Weih⸗ biſchof die Hand zu küſſen, hätte ihn von allen Schäden der Pathologie geheilt! Glücklicherweiſe war er geſund und fühlte ſich im Ahrbleichert und ſeinem Berufe wie der Fiſch im Waſſer! Oder er war ſelbſt wie eine ſeiner Kerzen! Erſt Product einer von tauſend Enden und Ecken her geſammelten Betriebſamkeit— und dann ſo ſanft ſich ſelbſt verzehrend im Lichte, in aufwärtsſtrebender reiner, heiliger Flamme und fanatiſchſter Hingegebenheit an alles, was ſich nur für ſein römiſches Ideal unter⸗ nehmen, betreiben, wühlen ließ! Betriebſamkeit ließ ihn, wie Löb Seligmann, der Bruder der Haſen-Jette, Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 19 290. vom Felde die Früchte„auf den Halm“ kaufte, den Reps „auf die Blüte“, den Taback, die Runkelrübe„auf Sten⸗ gel und Knollen“, ſo den Honig und Wachs kaufen„auf die Blume“, auf die Blume, wenn über dem duftenden Kelche noch die grünen Weberinnen wetteifernd mit den Schmetterlingen ſummten und ſchwelgten! Und faſt alle Stöcke der Bauern und Schullehrer waren ſo dem ten— denziöſeſten aller Tendenz⸗Tendenzer verpfändet, noch ehe die Zellen ſich füllten.„Die Blume“— darauf war er Kenner! Und er drückte niemanden. Er handelte wie ein Mann, der die heilige Ehre genoß, mit Stolen, Alben, Manipeln, Fahnen, Standarten, Demonſtrationen, ſelbſt Intriguen die Glorie des katholiſchen Lebens zu mehren, die Hochämter bis nach Lüttich und Antwerpen hin und die großen Dome— o wär'es bis an die Peterskuppel von Rom geweſen!— mit Licht⸗, Gold⸗ und Silberglanz zu füllen! Herr Schnuphaſe überbrachte vom Herrn Kaplan Michahelles, dem Secretär des Kirchenfürſten, einen Brief, der für St.⸗Wolfgang beſtimmt war. Ein Auftrag Sr. Eminenz? fragte der Dechant er⸗ ſtaunt, als Bonaventura den Brief erbrach. Frau von Gülpen zitterte bei dieſem Worte jetzt auch noch zu alledem vor— Devotion.. Zu dienen, Höchwürden! ſprach Herr Maria. Ohne weitern Aufenthalt? ſagte Bonaventura be⸗ troffen im Leſen halb für ſich. Ohne allen weitern Aufenthölt, Höchwürden! In die Reſidenz ſollſt du kommen? fragte der De⸗ chant hocherſtaunt. Zu dienen, Höchwürden! beſtätigte Schnuphaſe. fte, den Repe lbe„auf Sten s kaufen„ouf dem duftenden fernd mit den Und faſt alle ſo dem ten⸗ ndet, noch ehe arauf war er ndelte wie ein tolen, Alben, konen, ſelbſt zu mehren, bin und die pel von Rom zzu füllen! eern Kaplan einen Brief, Dechant er⸗ te jebt auch 291 Des Dechanten Herz klopfte faſt hörbar von einer Ahnung, die mit der vorhin unterbrochenen Warnung im innigſten Zuſammenhange ſtand. Gerade das hatte er ſagen wollen, gerade vor der Gefahr warnen, die jetzt für Bonaventura heraufzog! Zu all den Foltern, die Frau von Gülpen zu über⸗ ſtehen hatte, kam nun noch die, ſehen zu müſſen, wie der Dechant förmlich erblaßte und ſich an ſeinem Tiſche halten mußte... Alle ihre Gedanken gingen nun wieder blos auf die Hausapotheke, auf ihre niederſchlagenden Pulver— und dabei ſah der geliebte Mann offenbar doch nur mit der Abſicht ſo ſcharf jetzt auf ſie hinüber, um ſie zu entfernen, ſich allein zu wiſſen mit Bona und über den empfange⸗ nen Brief mit ihm eine Scene zu haben... eine Scene! Herr Maria, nichts ahnend als nur Gutes, äußerte: Hochwürden werden gewögentlichſt in meinem Hauſe abs—teigen! Ich bitte! Ich bitte! Es iſt der Befehl— wöllt' ich ſögen der Wunſch Sr. Eminenz, daß Ew. Hoch⸗ ehrwürden bei mir wöhnen! Im ſogenannten ſ— teinernen Hauſe, dicht an der Köthödröle! Der Dechant beherrſchte ſich nicht länger. Windhack bekam Befehl, Herrn Schnuphaſe, der es einräumte, ſich noch„im ungefrühſtückten Zuſtande“ zu befinden, ein Déjeuner à la fourchette vorzuſetzen... Frau von Gülpen durfte dem entſcheidenden Blick, dem Wunſche, der ſie in dieſem Moment aus den Augen des Dechan⸗ ten machtgebietend traf, ſich nicht widerſetzen... Sie ging... ſie ging auf Bonaventura mit einem Blick, der ihn um aller Heiligen willen, die im und nicht im Kalender ſtehen, bat, den Dechanten zu ſchonen!... Sie? Sie ſelbſt? 19* 292 Ach ſie war ja gewohnt alles zu tragen!... Als ſie noch Herrn Schnuphaſe's Diener und„gehorſamſten Befehle“ und „unterthänigſten Bereitwilligkeiten“, auch„die Abſicht, den nähern Beſcheid abwörten zu wollen“, unterbrechen mußte und die Thür öffnete, die zum Corridor führte, und nun wieder mit Herrn Schnuphaſe zu complimentiren hatte, wer zuerſt ginge, da warf ſie noch einen Blick gen Him⸗ mel... Er war gemiſcht aus Kummer und ſchon wieder doch— aus der ſeligſten Freude: Dieſe Bürden— wie ſind ſie ſo ſchwer und dennoch— wie wär' ich unglück⸗ lich, wollte ſich irgendjemand unterſtehen, ſie mir abzu⸗ nehmen! Bonaventura und der Dechant waren allein. Mein Sohn! rief der Greis jetzt ausbrechend und mit der ganzen zurückgehaltenen Kraft ſeiner Furcht und Aufregung, mein Sohn! Was iſt das? Er warf ſich dem jungen Prieſter mit einer Leiden⸗ ſchaft, die dieſer an ihm nie gekannt, an die Bruſt. Was kann, was ſoll dir beſchieden ſein! fuhr er fort. Auch dich wollen ſie haben! Auch dich wollen ſie in ihre Strudel ziehen! Wir gehen den troſtloſeſten Verwirrungen entgegen— o mein Sohn! Mein Sohn! Folge dieſem Briefe nicht! Ich beſchwöre dich! Widerſtehe! Wie kann ich? erwiderte Bonaventura und erinnerte den Greis an die allbekannte Stellung des Kaplans Michahelles. Dieſer hatte einfach und kurz geſchrieben: „Hochwürdigſter Herr! Im Auftrage Sr. Eminenz oll ich Sie erſuchen, ihm binnen acht Tagen perſönlich Ihre Aufwartung zu machen. Ihr hochachtend ergeben⸗ Als ſie noch Befehle und lic gen Him⸗ ſchon wieder en— wie h unglück⸗ te mir abzu⸗ 8 echend und Furcht und iner Leiden⸗ Bruſt. 293 ſter Eduard Michahelles. Alles zur größern Ehre Gottes.“ Das Loſungswort der Jeſuiten! ſagte der Dechant mit tiefſter Erbitterung. Bona! Bona!— es würde den Reſt meiner Tage kürzen... Theurer Onkel! unterbrach der Pfarrer und um⸗ armte den Dechanten. Warum dieſe Sorgen! Man beruft mich zu irgendeinem harmloſen Auftrage! Der Kirchenfürſt iſt aus unſerer Heimat gebürtig! Er kannte den Vater... Sein Arm iſt gewaltig, ſein Wille ſtark— Bona! Es iſt mir, als ſäh' ich dich von mir geſchieden! Geiſtig geſchieden! Ich werde prüfen und nur das Gute behalten! Sie werden deine Liebe zur Religion mit einem neuen, dir fremdartigen, verfälſchten Stoffe ſchüren! Sie werden dich in ihre Bahnen reißen, die Bahnen der Zerſtörung, des Kampfes, der Auflehnung gegen Geſetz und Obrigkeit, des Kampfes gegen das theuere Va⸗ terland!... Prieſterberuf! Die Kirche! Rom! Das wer⸗ den die Formeln werden, die deine Ueberzeugungen binden, deinen Willen gefangen nehmen— Bona! Der junge Prieſter zuckte die Achſeln und deutete auf den Brief... Du— mußt— folgen! ſagte der Dechant endlich wie tonlos. Sicut cadaver estote! Ihr ſollt ſein wie die Leichname!. Lebe wohl! Beide gingen... ſie gingen erſt noch zuſammen. Der Dechant nahm ſchon jetzt Abſchied von dem jungen Prie— ſter, den, wenn er wahr ſein wollte, der Nuf des Kir⸗ 294 chenfürſten in die außerordentlichſte Aufregung verſetzte, ja bis zur Begeiſterung erhob. 3 Um den Greis zu tröſten, ſagte er: Fiat lux in perpetuis! Wie? blickte der Dechant auf und ſah ihn auf dies Wort betroffen an. Es war die Loſung der aus Italien gekommenen Aufforderung... Doch ruhig und harmlos hielt Bonaventura des Greiſes Frage aus. Der Dechant ſah, daß dieſe Worte nur durch einen Zufall geſprochen wurden. Am Hauſe unten trennten ſie ſich... Herrn Maria feſſelten Windhack und das Früh⸗ ſtiück... Den Dechanten hielt eine Weile noch der nun an⸗ gekommene froh ſcherzende und grüßende Napoleone Biancchi auf. Catone trug ein Bret voll Gipsabgüſſe, friſch gefüllt, und unter den Heiligen ſtand ein Apollino, ſtand der Knabe mit dem Schwan, ſtand Dannecker's Ariadne... Alle Jahre brachte Napoleone dem De⸗ chanten irgendetwas, was ſeinen Geldbeutel in Contribu⸗ tion ſetzte und Frau von Gülpen für die Unterbringung in den ſchon überfüllten Räumlichkeiten neue Sorgen machte... Der Dechant beſchied den alten Bekannten, gezwungen freundlich, auf den Nachmittag und wandte ſich zum Dome von St.⸗Zeno, während Bonaventura auf dem Wege zu dem Weinberg des Oberſten bereits hinter den Bäu⸗ men verſchwunden war. — aung ihn auf dies r aus Rtalien aventura des Fdieſe Worte das Früh⸗ der nun an⸗ Napoleone Gipsabgüſſe ein Apollino, Dannecker e dem De⸗ in Contribu⸗ terbringung eue Sorgen zezwungen zum Dome dem Wege den Bäu⸗ 11. Inzwiſchen war Lucinde nicht müßig geweſen. Eine Weile hatte es gedauert, daß das Billet der Frau von Gülpen ſie ſo niederſchmetterte, wie vor Jahren einſt der Tod Serlo's an jenem Abend, als ſie in ihm den einzigen Menſchen zu finden hoffte, der für ſie noch auf der Welt tröſtend leben konnte. Eine Weile hatte ſie ſich geſagt: Du gehörſt denn alſo wirklich zu den Unglücklichen, die keine Ruhe im Leben finden werden! Zu den Gezeichne⸗ ten, vor denen alles flieht! Zu denen, die gehaßt werden, wo ſie lieben, falſch erſcheinen, wo ſie voll Vertrauen ſich hingeben! Zu den Unglücklichen, vor denen die Müt⸗ ter ihre Kinder wegziehen, weil ſie glauben, ſchon ihre freundliche Anrede thäte ihnen Leids, ihr Auge ſchon hätte den böſen Blick, der Verderben bringt! Zu den Unglücklichen, die, was ſie auch im Leben beginnen, nie und keinem etwas recht machen können, immer eine an⸗ dere Abſicht haben ſollen, als ſie ausſprechen oder zeigen, ... ach und denen die Natur ſelbſt ſchon, grauſam genug, wirklich auch die Hand des Ungeſchicks gegeben hat, die alles fallen läßt, was ſie angreifen, alles nur noch mehr verwirrt, was ſie löſen möchten! 296 Sie kämp fte zwiſchen zwei Rathgebern und Bei⸗ ſtänden jetzt.. Bonaventura oder Beda Hunnius... Jener war geſtern, auch vorg ſo gut geweſen... Ihr einziges L ſters Nähe und Vertrauen, im Abglanz ſeines Lichts zu leben, und wär' es als Magd... es war ihr wieder in ſo unmittelbare Nähe gerückt... Und doch auch er! Wie ablehnend war bei alledem dieſe ſeine Freundlich⸗ keit, wie kalt ſeine Höflichkeit! Es ſchien ihr ſo ſeltſam, daß auch Bonaventura ſich vor ihr fürchten konnte, fürchten als Verführerin zum Bruch ſeiner Gelübde! Bit⸗ ter ſagte ſie ſich: Daß doch dieſe Männer ewig nur dies Eine in uns finden können— Nur dies Eine— Nie und nirgends etwas Anderes! Nach einigen Stunden der Verzweiflung, des Zornes, der Hoffnung auf einen verſöhnlichen Schritt vielleicht von Seiten des Dechanten oder von Seiten Bonaven⸗ tura's, entſchloß ſie ſich— da ſie Bonaventura und den Dechanten nun auch noch das Haus verlaſſen ſahe und nichts kam, ſie zu befreien von ihrem Jammer, von ihrer Demüthigung,— die Hülfe Beda Hunnius' in Anſpruch zu nehmen. eſtern, ſo freundlich und ebensziel, in dieſes Prie⸗ Ihr Zimmer zu verlaſſen wagte ſie nicht— aus Scham, etwa Benno oder Hedemann zu begegnen— jeder Stein ſchien ſie zu verhöhnen— jedes Baumblatt ſchien ihr ein ſie verletzendes Mitleid mit ihr zu haben. Sie wollte an Hunnius ſchreiben... Geräthſchaften dazu gab es in ihrem Koffer... Sie öffnete und legte alles Nöthige heraus... n und Be Hunnius.. reundlich und dieſes Prie⸗ es Lichts zu ihr wieder ich auch er! Freundlich⸗ ſo ſeltſam, ten konnte, übde! Bit⸗ ewig nur Eine—! ees Zornes, t vieleicht Bonaven⸗ a und den ſahe und von ihrer Anſpruch — aus gnen— aumblatt u haben. hſchaften und legte 297 Als ſie geſchrieben, hatte ſie zwei Gelegenheiten, deren ſie ſich zur Abgabe des Briefes bedienen konnte... Die eine war Napoleone Biancchi, der ſich vom Dechanten nicht ganz hatte abweiſen laſſen, ſondern die Treppe hinaufſtieg und nach Signora Schwarz fragte... Auch das mußte Frau von Gülpen hören und ſehen! Der Ankauf ſchon einer Kunſtſammlung im Hauſe! ſagte ſie, als ſie den Italiener an die Thür verwies, wo man den Moſes Michel Angelo's hatte kaufen wollen. Lucinde begrüßte den Italiener gefaßt, lehnte den Ankauf nicht ab, gab für die Statue, was Napoleone verlangte. Sie ließ dann Porzia grüßen. Sie erfuhr, daß Hedemann ſeiner Tochter geſtern ganz den Dienſt erwieſen hatte, den ſie vorausgeſetzt. Auf ihren Glückwunſch zur„ſchönen Müllerin von Witoborn“ machte Napoleone eines der charakteriſtiſchen Zeichen, mit denen der Italiener dreierlei Gedanken zu gleicher Zeit ausdrücken kann, ſagte aber doch: Herr Hedemann wollte von Ihnen italieniſch lernen! Bitter lächelnd über die Zerſtörung aller dieſer ſchö⸗ nen, ſo traulich geweſenen Hoffnungen, überlegte ſie, ob ſie ihren Brief für die Stadtpfarrei durch Napoleone beſorgen laſſen ſollte. Dabei fiel aber ihr Blick vom Fenſter aus auf einen andern Ankömmling, der in den Wegen des Parkes ſichtbar wurde, eine hohe, kräftige weibliche Geſtalt, die unverkennbar die Jüdin von geſtern war. Sie trug auf dem einen Arm ein Kind, auf dem andern einen großen verdeckten Korb. 298 Rufen Sie mir jene Frau mit dem Korb und dem Kinde herauf! ſagte ſie zu dem Italiener, der ſich ent⸗ fernend der aus ihrem Erſtaunen nicht mehr heraus⸗ kommenden und wie auf Wachtpoſten befindlichen Frau von Gülpen in der That die Mittheilung machen konnte, daß Lueinde ihm einen ſeiner werthvollſten Abgüſſe ab⸗ gekauft hatte. Sinnend ſtand Lucinde vor dem Geſetzgeber der Juden, deſſen koloſſale und markige Formen eher einem Hercules angehörten, wenn man nicht an den Propheten des„ſtarken und eifrigen“ Gottes denken wollte... Iſt doch nicht jeder Prieſter nur ein Schatten! ſagte ſie ſich. Nicht jeder nur ein kalter todter Begriff! Nicht jeder nur die Drohne im Bienenſtock! Nicht jeder nur ein Mann in langem Frauengewande!.— Es paßte auf Moſes und auf Beda Hunnius... Sie hatte den Brief noch einmal überleſen. Sie ſchilderte dem neuen Freunde ihr Misgeſchick in der Dechanei und bat um ſeinen Beiſtand... Als ſie geſiegelt, klopfte es... Die Haſen-Jette trat ein... Auch ihr hatte Frau von Gülpen mit den Worten den Weg zur Manſardenſtube gewieſen: Ich ſehe, dort oben bekommt noch heute die ganze Stadt Audienz! Frau Henriette Lippſchütz trat in gewählterer und minder phantaſtiſcher Kleidung ein, als ſie dieſe Nacht getragen hatte. Am rechten Arme hielt ſie einen mäch⸗ tigen Korb voll friſchgeſchoſſenen wilden Geflügels, das auf einer Unterlage von zuſammengerollten und gleichfalls verkäufli rollen, E auf der ſchon zu Tra Arme? Me iſt ſo nun g Wir w David Fräule Lu⸗ Aber dogene ſeiner Dam dich die 1 nur dien Kna beſo dorb und dem der ſich an mehr heraus⸗ ndlichen Frau nachen konnte n Abgüſſe dh eſetzgeber de en eher einen ich jeder nun zunnius... erleſen. Sie ſſchick in der 299 verkäuflichen groben Scheuertüchern, Zwirngebinden, Band⸗ rollen, Schwefelfäden, Feuerzeugen und dergleichen ruhte; auf der Linken trug ſie einen Knaben von mindeſtens ſchon zwölf bis dreizehn Jahren. Tragen Sie einen ſo großen Jungen noch auf dem Arme? fragte Lucinde. Mein Davidchen! antwortete die Jüdin. Das Kind iſt ſo ſchwach auf die Beine! Und weil die Tante Ley nun geſtorben iſt, fürchtet ſich das Kind zu Hauſe! Wir wohnen gerade gegenüber dem Unglück! Komm, Davidchen, ich ſetze dich auf das ſchöne Sopha da! Das Fräulein erlaubt es! Womit kann ich dienen? Lucinde nahm Kleider und Wäſche vom Sopha fort. Aber der ſchon ſo große Knabe proteſtirte mit langge⸗ zogenem, weinerlichem Tone und hielt ſich feſt am Halſe ſeiner Mutter. Fürchteſt dich doch nicht, Davidchen? Eine ſo ſchöne Dame! Hände wie Seide! Komm, Davidchen! Laß dich ſitzen! Nein! war die Antwort, weinerlich langgezogen und entſchieden. Und voll unendlichſter Milde und Nachgiebigkeit ſagte die große Frau: Willſt du nicht, Davidchen? Nun, ſo gib dich nur! Ich will den Korb niederſtellen! Womit kann ich dienen, Fräulein? Dabei hielt die Frau unverwandt den ſchweren Knaben. Ich hätte gern einen Brief von Ihnen in die Stadt beſorgt— ſagte Lucinde... Die Frau nahm den Brief; aber David ſagte: Ich— ich will ihn haben! Willſt ihn haben, mein Sohn? ſagte die ſchwächſte aller Mütter. Er kann nichts ſehen Geſchriebenes, er will's haben! Gelt, David, du gibſt einen Gelehrten? So ſchmeichelte ſie dem David, nur damit er nicht den Brief zu tragen begehrte. Die kluge Frau ſah wohl, daß das Fräulein nicht den Brief offen getragen wünſchte. Zum Glück war David eitel und wollte noch gründ⸗ licher ſeine Kenntniſſe leuchten laſſen. Er zeigte auf den Korb und ſagte: Achetez quelque chose Mademoiselle! Nous avons des jolis objets à vendre! Was hat er geſagt? Was hat er geſagt? rief die entzückte Mutter. Lucinde überſetzte es und rühmte aufrichtig des Kna⸗ ben Genie. Der Onkel laßt ihn lernen alles zu Hauſe durch Maitres! Das Kind iſt ſo klug! Aber es kann nicht gehen in die Schule! Gleich iſt es müde, wenn es iſt gegangen eine halbe Stunde— es iſt ſo ſchwach auf die Beine! Alſo David kann gehen! ſagte Lucinde voll Ent⸗ rüſtung über den großen Jungen, der ſich tragen ließ... Er ſtudirt ſoviel! wiederholte die gute Mutter. Aber wieder wollte David den Brief haben und die Adreſſe leſen. 8 Er bekam ihn auch und überſetzte die Adreſſe gleich ins Franzöſiſche... —— Das Fräulei Auf denn ne Geldſtü Wo Miene Zu immer das d Geldſt Ei N David ſagte: gee die ſchwäch Heſchriebenes, einen Gelehrien r damit er ni kluge Frau ſi f offen getrage te noch grund Nous avon’ geſagt? rief di ichtig des Knd⸗ 1 Hauſe durdh es kann nich 9 ſſ de, wenn es ſo ſchwach all nde voll En tragen ließ. Mutter. aben und die gleih Apreſſe 301 Das Kind! ſagte Frau Lippſchütz. Nicht wahr, Fräulein, der Brief iſt auf die Poſt? Auf die Poſt? wiederholte Lucinde. Sagt' ich's denn noch nicht? Nein, liebe Frau!(Sie gab ihr ein Geldſtück.) Bringen Sie den Brief in die Stadtpfarrei— Wohin? fiel die Frau mit einer ſich verdüſternden Miene ein. Zu Herrn Hunnius! Hunnius—? ſagte die Züdin und während ſie immer mehr in Verlegenheit gerieth, betrachtete David das der Mutter ſogleich aus der Hand genommene Geldſtück. Ein Frédéric d'argent! ſagte er. Was hat er geſagt? Ich hätte Ihnen einen ſilbernen Friedrichsdor ge⸗ geben! Ein Viergroſchenſtück ein ſilberner Friedrichsdor! Doch erhob ſich die Freude der Mutter nicht mehr zu dem frühern ſtrahlenden Glanze über die Kenntniſſe und den Witz ihres Kindes, ſie zögerte und nahm An⸗ ſtand, das Billet in die Stadtpfarrei ſelbſt zu tragen... Fräulein! ſagte ſie. Ich muß Ihnen etwas ſagen! Ich will ſchicken eines von den Kindern der armen Frau Ley! Es will auch kommen ein Herr, der Treudchen Ley möchte mitnehmen in die Stadt und will ſich erkun⸗ digen nach ihr beim Herrn Stadtpfarrer! Ein Kind wie eine Prinzeſſin! Dabei die Arbeitſamkeit ſelbſt! Warum wollen Sie denn nicht ſelber gehen? Ich kann nicht gehen in die Kloſtergaſſe— 302 Liegt dort die Stadtpfarrei? Ich kann nicht gehen über die Schwelle der Stadt⸗ pfarrei— Sind Sie ſo rechtgläubig? Die Jüdin lehnte dieſe Auslegung ab— Auch die Dechanei iſt die Wohnung eines chriſtlichen Geiſtlichen... ſagte Lucinde. Die Jüdin ſah ſich um, mit einer Miene, die offen⸗ bar ſo viel ſagen wollte als: Hier, in dieſem toleranten Hauſe empfind' ich nicht das, was mich in der Stadt⸗ pfarrei ſtören würde... Dabei fiel ihr Auge, das ſie unverwandt nur auf ihren David gerichtet gehabt hatte, jetzt erſt auf das an⸗ ſehnliche Gipsbild, das Lucinde auf eine Kommode geſtellt. Gott! rief ſie plötzlich. Wer iſt der Mann? Hercules, der Gott der Stärke! ſagte David... Nein— warf in ſteigender Aufregung ſeine Mutter ein— Es iſt Moſes, euer Geſetzgeber! berichtigte Lucinde. Hätte mir eins geſagt: Henriette, es iſt dein Onkel, der Doctor Leo Perl— ich würde geſagt haben: Der Kopf! Der Blick! Das Auge, ja! Gott im Himmel, es war ein Mann— man hüätte geglaubt, er zerſchmeißt die Welt— und muß ſich taufen! Tauft ſich in der Stadtpfarrei! Hier in Kocher vor ſeiner ganzen Familie! Es war meiner Mutter Bruder! Und der Mann, geweſen wie ein Löwe, iſt zuſammengegangen wie ein Kind, wie wenn ich ſagen wollte, der Moſes da auf der Kommode geht zuſammen wie hier mein David auf dem Arm! In dieſe lebhafte Anſchauung einer Phantaſie, die auch das kle pheten mit krit Wo Die wäre,; hatte ve der B. Winckel die He öählun -. 2, velle der Stad eines chriſtich diene, die offe jeſem tolerante iigte Lueinde t dein Oula- t haben: Der Gimmel tt im Himmen er zerſchnelh 2„„ der uft ſich in bel 202 303 das kleine Gipsbild gleich nur im vollen Bilde des Pro⸗ pheten ſah, den es bedeutete, wiederholte mehrmals David mit kritiſcher Schärfe: Warum ſitzt Moſes? Die Mutter, die wieder leicht im Stande geweſen wäre, zu erwidern: Auch er war ſchwach auf die Beine! hatte vor Trübheit ihrer Erinnerungen keinen Ausdruck der Bewunderung mehr über dieſe Frage, die ſchon Winckelmann beſchäftigt hat, ſondern hob den Korb in die Höhe, bat Lucinden, ihr die Thür zu öffnen und verſprach, das Billet ſo pünktlich beſorgen zu laſſen, als wenn ſie es dem Stadtpfarrer ſelbſt überbracht hätte. Lucinde entſann ſich aus des Dechanten geſtriger Er⸗ zählung, daß Leo Perl von ihm ſein Freund genannt worden war und ſogar der Geiſtliche geweſen ſein ſollte, der Bonaventura getauft hatte. Es vergingen ihr jetzt zwei der peinlichſten Stunden ihres Lebens. Ungeduldig ſchritt ſie auf und nieder, las eine Weile, ſchrieb, ſchloß und öffnete das Fenſter, ſah bald nach dem kleinſten Geräuſch, bald verſchmähte ſie es, dies nach ei⸗ nem größern zu thun.. Wagen rollten an und ab... Aus der Ferne hörte ſie die militäriſchen Uebungen— Trommeln und Schie ßen... Sie las in Serlo's Erinnerungen— in Hun⸗ nius' Saronsroſen— ſie ſchrieb an Joſeph Niggl... an den Vorſteher des orthopädiſchen Inſtituts... ſie wußte noch nicht, ob ſie dorthin zurückkehren ſollte... Sie zeichnete ſich mit der Feder auf ein leeres Blatt Papier als Pilgerin mit dem Muſchelhut und dem Wanderſtabe— 304 ſie dachte allen Ernſtes daran, vielleicht ſo hinauszuwan⸗ dern in die weite Welt und die zu ärgern, die für ihre katholiſche Wiedergeburt ſo wenig Anerkennung hatten... Sie ſagte ſich: An der Schwelle der Peterskirche will ich ſterben! Die Hoffnung, daß plötzlich Bonaventura eintrat oder der Dechant oder Benno oder irgendwer, der eine Ver⸗ mittelung verſuchte, erfüllte ſich nicht. Gegen Mittag erſchien Windhack und bot ihr zu eſſen. Er wollte ihr, was ſie nur begehrte, auf ihr Zim⸗ mer bringen... Sie ſchüttelte den Kopf und wandte ihm den Rücken... Im Spiegel ſah ſie, daß ſich der Alte zu verwun⸗ dern ſchien über die gemüthliche und noch ſo wohnliche Ordnung des Zimmers, die keine Spur einer Zurüſtung zur Abreiſe trug. Das Gipsbild wird halt ein biſſel ſchwer zu verpacken ſein! ſagte er, mit Erwartung, was auf dieſe ironiſche Andeutung erwidert würde. Statt aller Antwort trat Lucinde an die Kommode, fuhr einfach mit der Hand über ſie hinweg und warf die Figur hinunter, ſodaß ſie in hundert Scherben im Zim⸗ mer lag. Windhack ſchien ſein Gefallen an dieſer Kraftäuße⸗ rung zu haben... Lächelnd ſagte er: Wenn Ihnen das Zimmer zu dumpf iſt, Fräulein, und Sie friſche Luft ſchöpfen wollen, hier geht gleich die Treppe zu meiner Sternwarte hinauf! Lucinde ſah nicht hin, dankte aber mit einer ſtum⸗ men Kopfpverbeugung. ſo hinauszuvan en, die für ihn znung hatten. Peterskirche wil urg eintrat oder „der eine Na bot ihr zu eſſen „auf ihr Zin den Rücken. te zu verwun⸗ Hſo wohnlich iner Zurüſtung er zu verpacken dieſe rroniſche die ſommode, und warf die „2im⸗ arben im Nill ſer(raftaͤuße⸗ ſ Fräulein vobt gleich die uni⸗ t einer ſt 305 Der Dechant drückt Ihnen ſein Bedauern aus! Er hat es eben erſt jetzt nach ſeinem⸗Ausgang erfahren! Er läßt Sie fragen, ob Sie noch etwas zu wünſchen hätten? Lucinde ſchüttelte den Kopf. Herr von Aſſelyn, der Pfarrer, iſt ſchon nach St.⸗ Wolfgang zurück... Lucinde hielt mit beiden Händen krampfhaft das Bret am Fenſter feſt und ſah zitternd in den Park und gen Himmel. Ein Bote hat ihn nach der Reſidenz des Kirchen⸗ fürſten berufen... Man ſagt, er wird dort in eine offene Stelle an den Dom kommen... Sie lächelte bitter. Ihre Gedanken ſprachen: Empor zu Paula's Prophezeiung! Fräulein! näherte ſich Windhack vertraulicher... Sie erwarten einen Brief? ſagte er. dun wandte ſich Lucinde... Frau von Gülpen, flüſterte er, läßt niemanden mehr zu Ihnen! Hier den Brief da... den hab' ich halt dem Treudchen Ley abgenommen... aber heimlich... Sie wollte Ihnen für Ihre Theilnahme danken, ſagte ſie. Ich merkte gleich etwas. Frau von Gülpen meinte, des Nachts wäre noch keine ihrer Nichten ſo aus dem Hauſe gelaufen und wenn noch ſoviel Menſchen in der Stadt im Sterben gelegen hätten... Sie würden al reiſen! ſagte ſie. Und während mir das arme Kind dann vom Begräbniß der Mutter erzählte und von einem prächtigen Dienſt, den ſie bekommen ſoll, ließ ich mir heimlich von ihr halt den Brief zuſtecken... 1 20 Rom Gutzkow, Zauberer von 306 Dann ſich umſehend, wie wenn Frau von Gülpen an der Thür lauſchen könnte, gab ihr Windhack das Billet. Er entfernte ſich, um dem Verdacht zu entgehen, als wenn auch er ſich„mit der Perſon auf Geſprächen betreffen ließe“. Es war die Antwort des Stadtpfarrers. Lucinde erbrach und las: „Meine Hochverehrteſte! Ich bin aufs tiefſchmerz⸗ lichſte berührt von der Ihnen widerfahrenen Behand⸗ lung! Kaum eine Freundſchaft gewonnen, wie die Ihrige, und ſchon die perſönliche Nähe preisgeben müſſen! Aber zu erwarten war dieſes ſchnelle Ende! Ihr Geiſt, Ihr Feuer, Ihre Bekenntnißtreue und— die Dechanei!"... Sie nickte, jetzt ganz übereinſtimmend. „Hier an Ort und Stelle!“ fuhr ſie zu leſen fort,„wüßt' ich im Augenblick leider keine Gelegenheit, Sie zu feſſeln! Ohnehin iſt vor Ihnen als vor einer Emiſſärin gewarnt worden! Auch meines Bleibens iſt hier ja wol ſchwerlich noch allzu lange! An dem Dom in der Reſidenz des Kirchenfürſten iſt eine Stelle offen, für welche ich ge— gründete Ausſicht habe, daß ich durch den Ihnen bekannt gewordenen Freund und Brieſſteller deſignirt bin...“ Lucinde unterbrach ſich mit einem bittern Lächeln, als wollte ſie ſagen: Du armer Thor! Dieſe Stelle iſt ſchon für Bona⸗ ventura von Aſſelyn beſtimmt und wird die Staffel werden zu ſeinem künftigen Biſchofsſitz! Und nun ſchon im Uebermaß ihrer Eiferſucht und Liebe zerſtreut durch den Gedanken, die alte Renate in St.⸗Wolfgang packen und aufbrechen und mitreiſen, auch durch ventu 1 Man Kirch Schn Auft reich gewi werd -—— von Gülpen an ack das Billet. zu entgehe auf Geſprächen uſs tiefſchmer en fort,„wüßt Sie zu feſſeln! ſärin gewarnt vol ſchwerlich Reſidenz des zelche ich ge⸗ nen bekannt Hin.. l. tern Lächeln durch die Furcht, jetzt wol gar Klingsohrn und Bona⸗ ventura zuſammentreffen zu ſehen— fuhr ſie fort: „Eine Anknüpfung iſt vielleicht für Sie durch einen Mann möglich, den ich ſtündlich von der Reſidenz des Kirchenfürſten erwarte, einen vielvermögenden Herrn Schnuphaſe. Er hat, wie er hieher geſchrieben, den Auftrag, für ein vornehmes, überaus reiches und einfluß reiches Haus daſelbſt eine Geſellſchafterin zu ſuchen, die gewiſſer Conflicte wegen mit beſonderer Vorſicht gewählt werden muß...“ Lucinde las dieſe Stelle noch einmal... Der plötzliche Gedanke, in die Nähe Bonaventura's und Klingsohr's verpflanzt werden zu können, ließ ſie vor Aufregung den übrigen Inhalt dann faſt nur noch überfliegen „Das erſte chriſtliche Handelshaus daſelbſt iſt das Piter Kattendyk'ſche, und wenn Sie vielleicht geneigt wären, bei Frau Commerzienräthin Walpurgis Kat⸗ tendyk—“— „Poſtſcriptum. Soeben kommt Herr Schnup haſe bei mir vorgefahren! Der Vorſchlag iſt gemacht, erwogen, angenommen! Sie können, wenn Sie wol len, Herrn Schnuphaſe ſofort begleiten und noch heute mit ihm in die Reſidenz des Kirchenfürſten reiſen, wo Sie nach dem, was ich von Ihnen erzählt habe, im Kat tendyk'ſchen Hauſe zu einer der glänzendſten Stellungen mit offenen Armen werden aufgenommen werden!“ Lucinde mußte jetzt vor Aufregung, Glückſeligkeit und dem triumphirenden Gefühl der Genugthuung und doch wieder auch vor Furcht, alles das— und was mehr, 20* 308 als die Hoffnung, in Bonaventura's Nähe weilen zu dürfen!— könne doch wieder ſcheitern, den Brief eine Weile aus der Hand legen. Dann aber las ſie den Schluß: „Sie können ſich aber auch, wenn Sie vielleicht— und zu meiner höchſten Freude— noch einige Tage hier im„Rieſen“ wohnen bleiben wollen, einer ſpätern Ge⸗ legenheit bedienen! Derſelbe vortrefflichſte Herr Schnup⸗ haſe kehrt in einigen Tagen wieder zurück, um vielleicht dann die ihm von mir empfohlene bedauernswerthe Waiſe, Gertrud Ley, abzuholen, die er in einer nicht minder reſpectabeln Stellung unterzubringen hofft, wie er ſagt, bei einer verwitweten Frau Hauptmännin von Buſchbeck.“ Das Papier entfiel Lucindens Händen. Wie? rief ſie laut vor ſich hin und nahm den Brief wieder auf und las die Worte noch einmal. Es war der wirkliche Name, wirklich war es Treud⸗ chen Ley, die dieſe ihr ſo wohlbekannte Stellung antreten ſollte... „Das Mädchen“, las ſie zitternd weiter,„nieder⸗ gebeugt von ihrem Verluſt, überbringt Ihnen dieſe Zeilen ſelbſt, zugleich auch, um ihre Freude auszudrücken, mit Ihnen vielleicht gemeinſchaftlich die Reiſe machen zu können. Wäre nicht das Begräbniß ihrer Mutter noch abzuwarten, ſie ginge ſchon heute.“ Zur Hauptmännin von Buſchbeck?... Die noch lebt?... In der Reſidenz des Kirchenfürſten lebt?... Die Schweſter meiner zweiten Peinigerin?... Hat dieſe wol ſchon den Namen ihrer Herrſchaft von Treudchen Ley dernommen?... Iſt ſie wol gar verbündet mit dieſer ——— * kähe weilen z den Brif in evielleicht— nige Tage hie er ſpätern Ge Herr Schnuy um vielleicht zwerthe Waiſe nicht minder wie er ſagt, Buſchbeck.“ mm den Brief es Treud⸗ aa antreten 9 ter,„nieder dieſe geilen ldrücken, mit machen zu 309 Schweſter, die jetzt von Frommen protegirt wird, ſie, der zufolge nicht Gott, ſondern Satan die Welt regiert?... So ſchoſſen ihre Gedanken dahin... Lucinde konnte ſich nicht denken, daß die gemeinte Frau Hauptmännin von Buſchbeck die ihrige war. Dennoch überflog ſie nur noch kurz die faſt zärtlichen Schlußverſicherungen der Hochachtung und Ergebenheit, mit denen Beda Hunnius ſeinen Brief geſchloſſen hatte, warf ihren Shawl um, ſetzte den Hut auf und eilte die Stiege hinunter, um, unbemerkt über das, was ſie im Hauſe etwa aufhalten, etwa anſtaunen, etwa anreden konnte, hinüber in die Stadt zu eilen, wo ſie im Ueber⸗ maß ihrer neuen und glücklichſten Hoffnungen in der Pfarrei erwartete, entweder Aufklärungen zu vernehmen oder, wenn ein ihr lieb gewordenes junges Mädchen in Gefahren gerathen ſollte, die ſie kannte, deren die vorſorg⸗ lichſten dann ſelbſt zu geben. Ihr Herz war vielleicht nicht mehr gut, aber auch noch nicht böſe.. Sie war das, was ein ſtarker Bildner aus ihr hätte formen können. 12. Benno aber, Hedemann, Thiebold de Jonge... wo weilen die, die uns hoffentlich ein wenig lieb geworden ſind oder die es mit der Zeit vielleicht noch zu werden hoffen? Ihrer habhaft zu werden iſt nicht möglich. Wol aber tauchen ſie mit dem, was uns an ihnen viel⸗ leicht intereſſirt, bei einem erſten Blicke auf, den wir noch zuletzt— acht Tage mögen freilich verſtrichen ſein— auf die vielgerühmte Reſidenz des Kirchenfürſten ſelbſt werfen wollen. Da liegt ſie denn alſo vor uns!... Eine königliche Stadt!... Die gewaltige Jungfrau, die bei feſtlichen Gelegenheiten, gemalt oder aus Gips und Draperieen geformt, den Genius derſelben vorſtellt, ziert mit Recht die majeſtätiſche Mauerkrone!... Kein gebietender Herrſcherwille ſchuf dies Chaos von Thürmen, Kirchen, Kapellen, Klöſtern, Giebeldächern, Rath⸗ und Kaufhäuſern, Waarenhallen, Hafenſpeichern, Schiffsmaſten, jetzt auch von dampfenden und funken⸗ ſprühenden Feuerſchloten! Was da im Abendglühen von den letzten Strahlen der leucht an de angen Jahr baute klope Gro von ſchla bläh vom vay Fr lie un Jonge.. geworden ſind rden hoffen? lich an ihnen viel⸗ i den wir noch en ſein— auf ſelbſt werfen Eine kuniglice bei feſtlichen Draperieen t mit Recht 4 1 tor Chaos vol beldächern, fenſpeichern, funken⸗ „ rahleu Ztrahle 311 der ſcheidenden Sonne des erſten Septembertags er⸗ leuchtet und von der matten Scheibe ihres Stellvertreters an der Wächterzinne des Himmels ſanft bläulich ſchon angedämmert vor uns liegt, ſchuf ſich im Laufe zweier Jahrtauſende durch die Umſtände ſelbſt! Hier ſtieß der Römer ſeine Lanze in den Boden und baute ſtatt windbewegter Zelte Caſtelle, wie uralte Cy⸗ klopenarbeit Hier ſtampften die Roſſe Karl's des Großen, wenn ſie raſteten vom Marſch aus den Thälern von Roncesvall und entgegenſchnaubten den Wittekinds⸗ ſchlachten auf jenſeitigem Ufer... Hier fing ſich, Schiffsſegel blähend und den Handel der Welt belebend, Nordſturm, vom eiſigen Island brauſend, Oſtwind, der aus der Le⸗ vante wehte und den Weg an den Ufern Spaniens, Frankreichs und Hollands entlang die Waaren nehmen ließ, die ſonſt über Venedig kommend nur Augsburg und Frankfurt bereichert hatten... Hier drängte und trieb und ſtieß die Zeit die Zeit, die Sitte die Sitte, die Meinung die Meinung... Was übrig geblieben von Zeit und Sitte und Meinung, das ergänzt die Ordnung und Civiliſation der Gegenwart... ja ſie ergänzt ſogar die Ruinen und baut das mit künſtlichem Glauben aus, was der natürliche unvollendet ließ. Es iſt neun Uhr Abends Noch einmal ſchlagen all dieſe Kirchthurmglocken zuſam⸗ men, wie wetteifernd mit den Trommeln in den Kaſernen, mit dem Signalhorn vor den Wachthäuſern! Es iſt die Stunde, wo die Müden zur Ruhe gehen ſollten— eine arbeitende, fleißige und gewinnſüchtige Stadt wird früher müde als eine Stadt nur des Luxus und Genuſſes 312 Und doch gibt auch dieſe ſinnlichbewegte und lebens⸗ ſichere Stadt nicht nach... noch wogen die Menſchen auf und ab... noch luſtwandeln ſie auf der die Ufer des großen Stromes verbindenden großen Schiffbrücke, die wie von Fiſchbein ſich biegt unter jedem Roß und Wa⸗ gen... noch ſtehen Liebende in träumeriſchem Plaudern über die Brüſtung gelehnt und ſprechen von zukünftigem Glück, das nur zu oft dem Golde gleicht, das eben der Mond auf den Fluten ſchwimmen läßt... in den Schen⸗ ken kämpft die Rebe und der Saft der Gerſte um den Sieg... das chriſtliche Opium, die Eigarre, ſecundirt beiden Parteien, bis die Kämpfer— vorläufig auf beiden Seiten unterliegen... Hat ſich denn, du alte Römerſtadt, endlich im Zechen und Reden und Singen dein deutſches Gemüth genug gethan? Hat es ſich endlich ausdebattirt und aus⸗ politiſirt? Sattgetrunken an ungegorenem Zeitungsmoſt und zu Eſſig gewordenen oder ſchon mit Schimmel beſtan⸗ denen alten Gemeinplätzen? Hat ausgeklingelt und aus⸗ geklüngelt die Schellenkappe? Verdampfen die lebendigen Rauchmaſchinen in den Straßen und erklingen endlich nur noch die letzten guten oder ſchlechten Geckenwitze? Eine Gute Nacht! hüben und drüben... Alles endlich ſtill, falls nicht noch irgendwo ein Mitglied der mehreren hoch⸗ berühmten Geſangvereine der Stadt ein Tenorſolo probirt bei offenem Fenſter... die muſikliebende Stadt iſt ſtolz auf ihre Leiſtungen im Quartett; niemand, außer vielleicht einer Katze, wird den Sänger parodiren. Halten wir aber am ſogenannten Heiligenpütz ſtill, überſchreiten links den Aſchenkötter, laſſen rechts den halten Anwe blicke C N lich 9 daß ſich lüger eige Ge wa Ko gte und lebens die Menſchen jder die lifer Schiffbrücke, di ſchem Plaudern n zukünftigem „das eben der in den Schen⸗ Gerſte um den rrre, ſecundirt auf beiden andlich in ſſches Gemüth attirt und aus⸗ geitungsmoſ himmel beſtan⸗ gelt und aus⸗ die lebendigen Wwitze⸗ Eine endlich ſtl, 313 Treckkamp liegen und bleiben wir endlich vor einem mit len Gaslaternen geſchmückten, jüngſt erſt mit arbe beſtrichenen ſtattlichen Gebäude... ckwerk iſt mit Eiſengittern geſchützt. die mit Ketten verbunden ſind, lgus, das ohne Wechſel oder Neugier in die Comptoire zwei hell graugrüner Oelf Das untere Sto Steinerne Kegel, halten das profanum vu Anweiſung nur etwa aus purer blicken könnte, zurück... Irgendein Schild, irgendeine Firma iſt nicht erſicht⸗ lich.... Wer hier die blitzende Meſſingklingel zieht, weiß, daß in dieſem mächtigen Hauſe mit ſeinen weit hinaus ſich erſtreckenden Hintergebäuden, die alle auf den Hei⸗ ligenpütz, den Aſchenkötter und den Treckkamp noch ihre eigenen Thorwege hinaus haben, das erſte„chriſtliche“ Geſchäft der Stadt, die Firma„Kattendyk und Söhne“ waltet. Oeffnet man uns dann, ſo ſteckt ein Portier den Kopf aus einem Kellerfenſter des Thorwegs... Man kennt uns? Paſſirt! Wir finden uns zu⸗ recht... Ein Glasverſchlag trennt das Treppenhaus von der Region der untern Stockwerke; unten waltet nur das Geſchäft... Man läßt die mit Blech belegten Eichenthüren und mit Eiſenſtangen verſchloſſenen untern Comptoire liegen und ſteigt erſt drei kleine Stufen höher... Hier wieder eine Klingel. Die Glasthür öffnet ſich. Jetzt erſt ſchreitet man auf Teppichen in den erſten Stock hinauf... 314 Gewiß iſt es ein behagliches Gefühl, ſich Abends gegen zehn Uhr in einem Haufen todter Steine, wäh⸗ rend ringsum alles ſchon zu ſchlummern ſcheint, einen kleinen ſtillen Winkel denken zu können, wo im Winter und ſelbſt in den erſten Herbſttagen ſchon die Flamme des Kamins noch nicht erloſchen iſt, ein gelblicher Schein von der durch einen bunten Schirm gedämpften Glaskugel der Lampe die Teppiche auf dem Fußboden und auf dem Tiſche erhellt, einen Winkel, wo noch ein kleiner Kreis von Men⸗ ſchen ſich um ein Piano verſammelt hat oder um ein Buch, das vorgeleſen wird, oder um einen geiſtvollen Redner oder eine gemüthvolle Frau, die jeden heiter an⸗ zuregen verſteht. Einem Einzigen, Unverbeſſerlichen viel⸗ leicht iſt gegen zehn Uhr von der Hausfrau noch geſtat⸗ tet worden, dicht am Kaminrande mit Discretion eine Cigarre zu rauchen; zwei junge Damen ſchneiden eine Zeichnung aus; einige junge Herren ſind über eine neue Oper in Streit gerathen; gelöſt wird der Kampf von einem nicht fehlenden, den Abend beſchließenden kleinen Stegreif⸗Souper. Geht man dann gegen elf Uhr von dannen, ſo trägt jedes mit ſich hinaus das Gefühl, das uns zuweilen wol noch erſtens in eine geöffnete Reſtaura⸗ tion ziehen kann, um auf magenverderbende Majonaiſen ein gutes Beefſteak und ein Seidel Bier zu ſetzen, aber auch zweitens jenes Gefühl, daß wir denn doch im Grunde ein Daſein leben, unabhängig von Holz und Stein und Stundenſchlag und Nachtwächterhorn, und daß wir mit ſchönen Seelen noch ſchön empfinden können und unſere Leidenſchaften zügeln oder anſtändig verbergen und aufgehen können in einer ſchönen harmoniſchen Welt⸗ allgen der w vorül räthit verhe Schr Benn hl, ſich Abend er Steine, waͤh n ſcheint, e wo im Winte die Flamme de icher Schein von n Glaskugel da auf dem Tiſch reis von Men oder um ein n geiſtvollen n heiter an⸗ eſſerlichen diel⸗ au noch geſtat⸗ discretion eine ſchneiden eine über eine neue r Kampf von den lleinen melf Uhr von Gefühl, das i nete Reſtaura⸗ „Mjonaifen n, aber ſe im Grunde und Stein 315 ordnung, aus der wir uns nur langſam zurückfinden in dieſe„ſchnöde Welt“— vielleicht erſt durch die Mahnung eines vergeſſenen Hausſchlüſſels. Bis elf Uhr mag dieſe behagliche Erinnerung im allgemeinen auch auf eine Geſellſchaft gepaßt haben, an der wir diesmal im erſten Stock des Kattendykſchen Hauſes vorübergehen. Um dieſe Zeit ſaßen bei Frau Commerzien⸗ räthin Walpurgis Kattendyk gewiß noch ihre Töchter, die ten und die unverheiratheten, zuſammen, ihre Procurator Dominicus Nück, Agitator der Lande verheirathe Schwiegerſöhne, der berühmte Benno's Principal, der„Vordenker“ und hüben und drüben, ſoweit zu Gott in lateiniſcher Zunge gebetet wird, vielleicht auch noch ein anderer Procurator, der Procuraführer des Hauſes, Ernſt Delring, der zweite Schwiegerſohn; vielleicht auch der Beichtvater der Com⸗ Martinus Taube; auch ihr Rath⸗ merzienräthin, Domherr Medicinalrath Gold⸗ geber in leiblichen Angelegenheiten, finger; vielleicht ſogar, da die nahe gelegene, bedenklich bedrohte Univerſität Ferien hat, deſſen Sohn, der Pro⸗ feſſor extraordinarius Guido Goldfinger, der um die jüngſte Tochter des Hauſes freit; auf alle Fälle fehlt der dritte und ſogar luſtige Rathgeber des Hauſes, Ignaz Pötzl nicht, ein ehemaliger Schauſpieler und Sänger, der das Gnadenbrot im Hauſe mit Anekdoten und ſtillertragenem Gehänſeltwerden lohnt... und was ſich ſonſt an Para⸗ ſiten und Hausfreunden und allerlei menſchlichen Schoos⸗ hündchen um eine reiche, anregungsbedürftige Kaufmanns⸗ frau, die unter der Laſt, ſich und andern wohlzuthun, oft zuſammenbricht, täglich zu verſammeln pflegte... auch eine neue Mehrung der Geſellſchaft fehlte ohne Zweifel nicht— — Lucinde Schwarz. 316 Belauſchen wir heute keinen der hier ausgeſtoßenen Seufzer über die Zeit, die neuen pariſer Moden und die Leiden der Kirche, keine Klagen über den Aufſchwung der jüdiſchen Häuſer, keine Vermuthungen über die Beſetzung des erledigten Domvicariats, keine Bewunderung vor ei⸗ nem neuen Zeitungsartikel oder einer neuen Selbſtdemüthi⸗ gung des Pater Sebaſtus, auch keine ſtille Vergleichung der glänzenden Berichte Jean Baptiſt Maria Schnup⸗ haſe's über die ſeit einigen Tagen aus Kocher am Fall angekommene neue Geſellſchafterin mit ihrem wirklichen Benehmen... ihrer ſo ſittſamen, faſt ſtummen Haltung, ihrem täglich zweimaligen Kirchgang und einen ſo tief, tief demuthsvoll niedergeſchlagenen Blick, daß man ſchon an⸗ fängt, über eine ſo unerwartete Einfachheit und faſt zu weit gehende Anſpruchsloſigkeit einer doch äußerlich ſo auf⸗ fallenden und überraſchend ſchönen Erſcheinung ſtaunend — den Kopf zu ſchütteln... 3 Steigen wir einen Stock höher... Im zweiten Stock wohnen der Procuraführer Ernſt Delring und ſeine Gattin Hendrika geborene Kattendyk; nach hinten hinaus aber Piter Kattendyk, ihr Bruder, der einzige Sohn der verwitweten Frau Commerzien⸗ räthin. Piter hat nach hinten auch noch den erſten Stock in Beſchlag... beide waren durch eine niedliche Wendel⸗ treppe verbunden... Wir finden auch bei Herrn Delring ſchon alles dunkel. Dagegen ſind bei Piter noch der erſte Stock, der zweite und die Wendeltreppe prächtig erleuchtet. Piter Kattendyk hatte einen ſeiner glücklichſten Mo⸗ mente. Un dern h gechen chen T lichen gebrau A den C aus an de an ge „auf derg und prei ling bur 317 1 4. 4 — . 31 nsen iſt er nicht nur von ſeinen„guten“, ſon⸗ ausgeſioßenen dern heute ſogar von ſeinen„beſten“ Freunden und ſie Noden und de zechen und ſie ſchmauſen und ſie jubeln— ganz im übli⸗ luſſchwung de chen Tone der alten frommen Römerſtadt. die Beſetung Die Bowle ſteht auf dem Tiſch, die kunſtvoll ge⸗ 2 derung vor i ſchliffene, roſenrothe Kryſtallbowle... 1 Selbſtdemüthi Sie iſt gefüllt mit einem nach allen trinkwiſſenſchaft⸗ kichung lichen Geſetzen der Vereinigten Staaten Nordamerikas 1 gebrauten Sherry⸗Punſch... Fal An den drei vor Cigarrendampf etwas matt brennen⸗ em wirklichen den Glaskugeln, an den Anekdoten, deren zwei Drittheile nen Haltung, aus dem„Humoriſten in der Weſtentaſche“ entlehnt ſind, iſo tief tief an der Fülle von bei alledem wiehernd belachten„Witzen“, nan ſchon an⸗ an gewiſſen Thatſachen, die man vorher immer als etwas ind faſt zu weit„auf Ehre zu Verbürgendes“ und mit einem Schnedderedeng lich ſo auf der glaubwürdigſten Verſicherung Anzupreiſendes verkündigte nuna ſtaunend und nachher dann doch allen noch ſo touchirenden Zweifeln 5 nung preisgab, merkt man, daß man ſich hier unter den Jüng⸗ lingen mit den maleriſchſten Bärten und den halbgelöſten bunten Halsbinden unter der kaufmänniſchen Ariſtokratie k. der Stadt befand... Alle führen ſie Namen, vor denen Tauſende ihrer Mitbürger ſelbſt im Traume den Hut abziehen. Wie hängt auch hier alles am Wink ihrer Augen! 1 Zwar trennt eine große Glasthür dieſe höchſt reſpectabeln dl jungen Herren der Schöpfung von einem im Vorgemach eingeſchlummerten Diener in Livree; die alte Kathrine jedoch unten in der Küche der Mutter wacht noch, hat ſie auch ſowol einer heute erſt neu zugezogenen Kammer⸗ 318 jungfer der Frau Hendrika Delring wie dem eulſcher und dem erſten Hausknecht geſagt: Na, ich denke wol, um ein Uhr kann ich zur Ruhe gehen! Der junge Herr Thiebold de Jonge ſind zugegen! Da blaſen ſie blos Trompete! Zur Trompete brauchen ſie blos manchmal ein bischen mehr Arak und die Arak⸗ flaſche hat Herr Piter immer ſelbſt zur Hand! Thiebold de Jonge war erſt geſtern von ſeinem kur⸗ zen Kriegsfeldzuge zu Kocher am Fall und einer damit verknüpft geweſenen kleinen Reiſe zurückgekehrt. Mit drei Tagen hatte man die Uebungen zur allgemeinen Wehr⸗ tüchtigkeit bewenden laſſen. Das„Blaſen der Trompete“ war jedoch von Seiten Kathrinens keine Anſpielung auf die Montur Thiebold's, in der dieſer Abſchied genommen hatte von Freund Piter, als er mit von Enckefuß Extrapoſt abreiſte— Freund Benno von Aſſelyn wollte in„einem Anfall ſeines gewöhnlichen todtſchlägeriſchen Humors“ zu Fuß gehen. Die andern Genoſſen waren noch militärfrei und hatten ſich vorläufig allenfalls durch „zu ſchwache Bruſt“ von dem Wafefendienſt ledig gemacht, was jedoch nicht hinderte, daß ſie ſoeben die Arie:„Von Romeo's Rächerarmen“— die Schröder⸗Devrient hatte vor kurzem erſt in der Stadt gaſtirt— mit einem Effect ſangen, ja die Worte:„Soll ſich kein Gott erbarmen!“ ſo hervorhoben, daß das ganze Haus bis in die hinter⸗ ſten Waarenmagazine erzitterte. Die Trompete entſprach einer andern Ideenverbindung. Clemens Timpe(Timpe's ſel. Erben, Commiſſion und Spedition) war auch in der Union geweſen, hatte „Seewaſſer gekoſtet“ wie Thiebold de Jonge... wenn auch n Paſſer Whip Alkoho kennen des ce Gegenf Waſſer Schwä „ſeine nicht je nach e Nog ren ſi eigar ſteng und diſc Rhe über lich ie dem Kulſcher . ich zur Ruhe ge ſind zugegen! te brauche Hand! 1.,,e kr⸗ von ſeinem kul⸗ Ld d genomme on Encke fuß 1 Tſelm wolle ſſen wäre eno allenfalls durch „dig gemact 319 auch nicht wie dieſer ſogar das Naß amerikaniſcher Waſſerfälle... Clemens Timpe ſprach nie von einem Whip oder Brandygrog oder ſonſt einer pikanten höhern Alkoholvergiftung, die er in Boſton oder Neu⸗Orleans kennen gelernt hatte, ohne die„Sherrypunſchbrauerei“ des canadiſchen Holzflößers Thiebold de Jonge zum Gegenſtand einer Discuſſion zu machen, wobei der vom Waſſerfall zu St.⸗Moritz Gerettete und leidenſchaftlich Schwärmer für Armgart von Hülleshoven, die Tuoh „ſeines zweiten Vaters“, wie er ſagte, meiſt, wie ſonſt nicht ſeine Art war, unterlag. Heute ſaßen Piter und die Freunde um die Arakflaſche, wie tätowirte Indianer, nicht jedoch„gierig nach flüſſigen Feuerfluten“. Sie ſaßen, nach einer lebhaften Discuſſion, ob Whip— ob Brandy⸗ grog— ob kalten Sherrr punſch! bei letzterm und nun wa⸗ ren ſie gereiht um einen glänzenden Mah agonitiſch, die Linke cigarrenbewaffnet, in der Rechten mit langen Maccaroni⸗ ſtengeln, durch die ſie den L wwih einſch lürſteme eine Trinkmethode, die Thiebold de Jonge hier zu Lande eingeführt hatte. Man durfte ſie aul erdings dann adopti ren, wenn, wie z. B. heute, es galt, einen von Roſtbeef à('Anglaiſe, Salmen a la Hollandaiſe, Rebhühnerpaſtete à la Kathrine Fenchelmeyer— Kathrine unten in der Küche der Mutter Commerzienräthin hieß Fanchelrwee und war nicht blos in Rebhuhnpaſtete, ſondern auch in Fiſchſaucen Original— und von dem dazu dochegen Rhein⸗, Moſel⸗, Bordeaux⸗, Burgunder⸗ und Portwein überhitzten Gaumen allmählich linde und leiſe und lieb lich wieder abzukühlen. Der„junge Herr“(zu Ehren der uralten Firma 320 und bei der Tendenz der Neuzeit zur alten Zeit Piter genannt), Piter Kattendyk war einer der„famoſeſten“ jungen Gentlemen der ſtolzen Handels⸗, Gewerbs⸗ und Kirchenſtadt. Er hatte heute die Abſicht, um vier Uhr Morgens, wenn die von Paris kommende Briefpoſt ſich eines Stückchens Eiſenbahn bediente, das ſchon am jen⸗ ſeitigen Ufer einige Meilen hinein ins Land ging, ſich mit dieſer Reiſebeförderung in die Gegend von Witoborn zu begeben, wo ihn Dominicus Nück, ſein Schwager, zu einem ſchleunigſt arrangirten Güterankauf benutzen wollte. ... Benutzen! Ihn! Himmel, wenn Piter dies von Nück wirklich zu mehreren Domherren und beſonders dem Se⸗ cretär des Kirchenfürſten, Eduard Michahelles, gebrauchte Wort in Erfahrung gebracht hätte! Ihn„benutzen“! „Vorſchieben“ ſchon hätte ihn beleidigt! Pitern, dem jetzt alles daran lag zu beweiſen, daß ſein Schwager Ernſt Delring, der Procuraführer und bisherige Chef, vor ſei⸗ nem Genie ſich in Acht zu nehmen hätte, ſeitdem er, der „junge Herr“, von Reiſen zurückgekommen war! Pitern lag, als er die Zuſtimmung zu dieſer Reiſe nach Wito⸗ born gab, nur an einem Beweiſe ſeiner ſeltenen Einſich⸗ ten und ſeines Geſchmacks für eine neue Reiſetoilette, in der er ſich bereits fertig befand, theils ganz ſchottiſch, theils halb ſchottiſch. Piter wollte in dieſem maleriſchen Coſtüme Wälder und Felder und Mühlen kaufen, für welche Dominicus Nück dann vielleicht wieder einen Abkäufer wußte, vielleicht das Domkapitel ſelbſt— eine Differenzſumme erſtens für das Haus Kattendyk und Söhne und zweitens für Dominicus Nück blieb ſchon übrig— kurz einen irgend ähnlichen Zweck gab es zu einer Reiſe, um derentwillen die zu ſo ſpe Anfal mant den 9 ja C (Joſ eigen auf m men alten Zeit Pie der„famdſeſten ², Gewerbs⸗ und 4 un. icht, um vier Uht ende Brieſpoſt ſih das ſchon am jen zLand ging, ſh ein Schwager, u dvon Witobon uf benutzen wollte dies von Nüch Ues, 9' gom malerl iſchen „fur welche „laufen, für wel Ihn„benutzen Pitern, dem jebt ers dem Se 6 gebraucht die zu einem letzten„Satz“ von Pitern entbotenen Freunde ſo ſpät noch bei ihm blieben, ja ſogar gewillt waren, im Anfall einer beim Sherrypunſch zu allem fähigen Ro⸗ mantik, ihm gegen vier Uhr Morgens das Geleit auf den proviſoriſchen Bahnhof zu geben. Auf den Untergang aller Schnell⸗, Fahr⸗, Malle⸗, ja Extrapoſten nicht ausgenommen! rief Joſeph Moppes (Joſeph Moppes sen., Weingeſchäft) und begleitete dieſe eigenthümlich betonten Worte mit einem anzüglichen Blicke auf Thiebold de Jonge, der heute der einzige nicht recht in die allgemeine„ungeheure Heiterkeit“ Miteinſtim⸗ mende war. Thiebold ließ es ruhig geſchehen, daß Gebhard Schmitz (A. und G. Schmitz, Stahl⸗, Eiſenwaaren und Hüt⸗ tenbetrieb) auf ſeine Koſten denen, die noch nichts davon wußten, die„koloſſale Idee“ des Hausknechts im Rieſen zu Kocher am Fall erzählte, der die ſich ſelber ölenden neuen engliſchen Patentachſen am väterlicherſeits geborgt geweſenen Landau Thiebold de Jonge's abgedreht und mit Wagenſchmiere verdorben hatte... Gerade ſo wie Henneschen, rief nachträglich in den lachenden Chorus Gebhard Schmitz hinein, wenn er die Lackſtiefeln ſeines Herrn mit Wichſe tractirt! Thiebold ſaß ruhig mit aufgeſtemmten Armen und ſenkte den Kopf auf ſeine Trompete, den Maccaroniſtengel herab, den er mit aller Ruhe wie zu einer„ſtillen Muſik“ der Seele, ja, wie ein Schäfer Arkadiens ſeine Flöte blies und dabei vielleicht über die Theorie des Stechhebers oder des Luftdrucks oder ſonſt etwas Höheres nachgrübelte... Thiebold war eine etwas zum Embonpoint neigende, Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 21 322 aber hoch und ſchön aufgeſchoſſene blonde Natur, friſch und rund in ſeinen angenehmen Geſichtszügen, von einem ſchöngepflegten, ins Goldgelbliche ſpielenden Barte, in allem zu männlichſtem Effect beſtimmt, nur zu lebhaft, zu ſehr oft ein Vorſprecher, Anekdotenerzähler, heute jedoch faſt„tiefſinnig“, wie ihm Piter vorwarf, und ſogar bei Tiſche, wo er ſich das Tranchiren— Aufſchneiden, wie ſeine Freunde ſagten— niemals nehmen ließ, von einer Apathie, die einige— freilich ſpottweiſe— für die Nachwehen ſeines hier ſchon zum Amuſement gewordenen Sturzes in den St.⸗Moritz, andere für den untrüglichen Beweis hielten, daß Thiebold„einmal wieder“ verliebt wäre... Letzteres war eine Verleumdung, da er ſeit dem erſten Beſuch des Penſionats der Engliſchen Fräu⸗ lein von Lindenwerth für keine weibliche Erſcheinung der Welt, die nicht Armgart hieß, mehr Sinn hatte. „Schwing dich auf, Frau Nachtigall!“ intonirte Joſeph Moppes, der einen klangvollen erſten Tenor für die berühmten Quartette der Vaterſtadt com⸗ mandirte, und er that dies ſchon zum zweiten mal, um Thiebold de Jonge mehr in die allgemeine Heiterkeit mit hinüberzuziehen. Die Eiſenbahnen waren noch ſo neu und die ſämmt⸗ lichen„Häuſer“ dieſes jungen mercantiliſchen Vollbluts ſo an den Actien derſelber intereſſirt, daß das Geſpräch von den Patentachſen des vom Hausknecht im Rieſen faſt verdorbenen Landau ſogleich auf dieſe ſelbſt überging und einſtimmig vereinigte man ſich mit einem hohen und außerordentlichen Ernſte in dem ſehr paradoxen Satze, daß ie Eiſer nenſchli Thi heute w beherrſc ein Und Bemer! De bahnen triebe G ſpender gefalle auch j mit e man geno 8 C dde Natur, friſ ügen, von einen enden Barte, in ur zu lebhaft, z gleer, heute jedoc f, und ſogar be lufſchneiden, wie Hließ, von einer eſſe— für die nent gewordenen den untrüglichen vieder“ verliet ng, da er ſeit ergliſhen Ftür Erſcheinung der inn hatte. gall!“ angvollen erſten dt con⸗ I, um Paterſta weiten ma ne heiterkeit mi und die ſämmt⸗ ſcen Vollblut das geiprich icht im Rieſen ſabſ überging nem hohen nnd axen Satze doß 323 die Eiſenbahnen wirklich eine merkwürdige Erfindung des menſchlichen Verſtandes und jedenfalls ein Fortſchritt wären. Thiebold, der ſonſt niemals lange ſchweigen konnte und heute wirklich wie von einem entſchiedenen„Weltſchmerz“ beherrſcht ſchien, ließ ſogar die ganz aus der Tiefe wie ein Unkenton aus dem Sherrypunſchglaſe hervortönende Bemerkung fallen: Der Generalpoſtmeiſter hat erklärt, mit den Eiſen⸗ bahnen hörte die Ueberwachung der demagogiſchen Um⸗ triebe auf! Gewiſſe engliſche Groans oder ironiſche Beifalls⸗ ſpenden hatten die Freunde ſchon für mehrere heute Abend gefallene Aeußerungen in Bereitſchaft gehabt. Sie brachen auch jetzt über dieſe de Jonge'ſche Aeußerung und ſogar mit einem Trommeln auf Tiſch und Fußboden aus... Im Staatsrath, fuhr Clemens Timpe allen Ernſtes fort, iſt wahrhaftig die Majorität— nein wirklich hört doch!— die Majorität noch ſchwankend, ob die Eiſen— bahnen überhaupt weiter zugelaſſen werden ſollen.. Und Joſeph Moppes fiel ein: Weiter, als wir uns hier ſchon wieder infolge un⸗ ſerer unverbeſſerlichen Nachäffungsſucht herausgenommen haben! Wie hierauf die Worte:„Eine jute jebratene Jans iſt eine jute Jabe Jottes!“ paſſen und von der ganzen Geſellſchaft mit einer jener jubelnden Zuſtimmungen, die man gewöhnlich„Hohngelächter der Hölle“ nannte, auf⸗ genommen werden konnten, wird niemand begreifen. Und dennoch hatte damit Weigenand Maus(Maus & Compagnie, Droguerie⸗ und Farbwaaren) nur ſagen 21* 324 wollen: Was läßt ſich von den Ghibellinen anderes er⸗ warten! Man ſetzte nun vom ſocialen Standpunkte aus die Anklagen fort, die Bennrath von Nennhofen auf der Conferenz des Beda Hunnius vom kirchlichen erhoben hatte. Man begann durcheinander Mir und Mich zu verwechſeln, ſchilderte den Appetit der Offiziere und Be⸗ amten bei dem letzten Diner ihrer Väter, machte dem immer ſchweigſamer werdenden und in völligem Nicht⸗ vertheidigungszuſtande befindlichen Thiebold de Jonge Vorwürfe über ſeine Reiſe mit Herrn von Enckefuß und beſtätigte den ſeparatiſtiſchen Geiſt, auf den damals und noch jetzt die Thiers, Odilon⸗Barrots und Bonapartes rechnen, wenn ſie von einem ganz ohne Schwertſtreich zu erobernden linken Rheinufer ſprechen. Man durfte erwarten, daß Thiebold jetzt endlich auf⸗ fahren konnte und gewohnterweiſe ſich vielleicht die Freundſchaft mit von Enckefuß verbat. Er ſchwieg aber und zuckte nur mitleidig die Achſeln. Die ganze Reiſe in ſeinem Landau nach Kocher am Fall ſchien von ihm ver⸗ geſſen worden zu ſein und Joſeph Moppes hatte ſehr Recht oder bekam es wenigſtens durch die allgemeine Zuſtim⸗ mung, als er Thiebold vorwarf, erſt mit ſo großem Jubel zu den Uebungen abgegangen zu ſein und jetzt in ſolcher Laune zurückzukehren. Und als Thiebold brummend dieſe jebungen für das Langweiligſte von der Welt erklärt hatte, ſagte Joſeph Moppes zu allgemeiner Billigung: Merkwürdig, de Jonge! Bei Ihnen iſt immer alles entweder gleich„Supra“ oder„unterm Nachtwächter“! Letzterer hatte inzwiſchen ſchon längſt die zwölfte Stunde gerufen hatten! Die nach d. h. ne nla He Scheitel auf den regung es bei g ſich jetz „mit ei ſo gan⸗ wirklich fähiges heute, M ter's! der B das C Piter Ernſt kreuze mmal, 8 Füll war und etwa alt, linen anderes e ndpunkte aus de unhofen auf d erchlichen erhobe ir und Mich Offiziere un tter, machte den nvölligem Nicht ebold de Jonge on Enckefuß un en damals und d Bonapartei ne S öwertſtreic jetzt endlich auf- H vielleict die d Be 325 gerufen und die zahlloſen Thurmuhren der frommen Stadt hatten dieſe Angabe in allen Tonarten beſtätigt... Die Elaſticität der ſieben Freunde ließ jedoch nicht nach. Auch Thiebold bekam eine erhöhtere Stimmung, d. h. negativ, bis zum offenbaren„Sein oder Nichtſein“ a la Hamlet. Er fuhr ſich in ſeinen ſchönen blonden Scheitel, zupfte am Barte, ſchlug zuweilen das Glas auf den Tiſch und hatte eine Welt voll Zorn und Auf⸗ regung und Schmerz und doch dabei wieder auch, ſchien es bei alledem, von Luſt und Freude in der Bruſt. Er hätte ſich jetzt offenbar ganz gern, wie es bei Goethe heißt, „mit einem Poeten aſſociirt“, um ſeine Empfindungen ſo ganz con amore auszuſprechen, wie ſein volles, wirklich gutes und der reinſten Liebe und Dankbarkeit fähiges Herz ſie fühlte, nicht wie ſie Joſeph Moppes, der heute, da Thiebold pauſirte, die Oberhand hatte, parodirte. Merkwürdig aber bei alledem die Glückſeligkeit Pi⸗ ter's! Piter braute nur bald mit Sherry, bald mit Arak an der Bowle, ſchenkte die Gläſer voll, lächelte nur und genoß das Glück, ſechs ſolche Freunde zu haben... Piter ſchwieg! Piter, der nicht ertragen konnte, daß ſein Schwager Ernſt Delring fünf Worte ſprach, die er nicht ſofort durch⸗ kreuzte mit ſeinem täglichen, ja ſtündlichen„Hören Sie zmal, Delring, ich bin nicht mehr derjenige, welcher—“ Nämlich auch Piter war blond, aber nicht von der Fülle und Kraft ſeines Freundes Thiebold de Jonge. Er war auch ſchlank, freilich viel ſchmächtiger. Sein Kinn und ſeine Lippen waren weniger ganz bartlos, als nur etwas ſtark dünnbärtig. Kaum dreiundzwanzig Jahre alt, hatte Piter ſchon das Leben gleichſam hinter ſich, 326 ohne darüber die Energie des Willens und einen ſeltenen Ehrgeiz verloren zu haben. Seit einiger Zeit war er von„Bildungsreiſen“ nach dem Auslande zurückgekehrt und nahm nun, als einziger Sohn der verwitweten Frau Commerzienräthin, an dem großen Geſchäfte theil in einem Grade, der ihn mit ſeiner ganzen Familie in die heftig⸗ ſten Conflicte brachte. Piter glaubte die vollkommenſte Berechtigung zu haben, ſich keine gewöhnliche Natur zu dünken. Vorurtheilsvolle Menſchen mochten vielleicht ſa— gen: Dieſer einzige Sohn wurde nach dem frühen Tode Piter No? Kattendyk's von der Mutter wie ein Prinz er⸗ zogen! Während ſie in die Bäder und nach Rom und Paris reiſte, wurde Piter durch Beiſpiel und Erziehung zu einer unglaublichen Meinung von ſich ſelbſt geſteigert! Aber Piter ſah nicht ein, warum er von ſich gering denken ſollte. Er ſchwieg nur unter Freunden, wie ſie jetzt bei ihm Sherrypunſch tranken; ſonſt nie; immer führte er das Wort und ſchon als neunzehnjähriger junger Mann, der eben von der Handelsſchule kam, hatte er wie ein Prin⸗ cipal die Hände in den Beinkleidertaſchen und wußte über jeden Gegenſtand in Oper, Ballet, Freihandel und Sta⸗ tiſtik der Ein⸗ und Ausfuhr eine Meinung zu behaupten. Widerſpruch duldete er ſonſt, jetzt nicht mehr, am wenigſten aber von Menſchen, die ihm durch Bande des Bluts ver⸗ bunden waren und etwa dadurch ihrerſeits die Berechtigung zu haben glauben durften, ihn als großen Charakter nicht im mindeſten anzuerkennen. Nur die Mutter ſchonte den einzigen Sohn. Er glich ſo ganz ihrem Seligen, für den ſie jetzt noch nach zehn Jahren ſo viel Meſſen leſen ließ, als wenn dieſer Gute durch ſeinen Titel als Com⸗ merzie Proteſ des P würdit nem f Wang Anfäl Freun laſſen ſamm ſogar ſtreng konnte hatten Buch ſtund delte die ſtan We ſei ha und einen ſelten niger Zeit war lande zurückgele verwitweten ön häfte theil in ein nilie in die hefti die vollkommenſ üöhnliche Natur ſchten vielleich ſt dem frühen Tod wie ein Prinz e nach Rom und el und Erziehun H ſelbſt geſteigen! ſich gering denten wie ſie jett bei mer führte er da unger Mann, der a wie ein Pein⸗ mund wußte üiben thandel und Ste⸗ ung zu behaupten „am wenigſtet des Bluts dei die Berechtigung kter nich 327 merzienrath und ſeinen Orden, die ihm beide freilich Proteſtanten gegeben hatten, immer noch an der Pforte des Paradieſes uneingelaſſen umherirren müßte... Merk⸗ würdig dabei, daß Piter mit ſeinen blauen Augen, ſei⸗ nem faſt unſichtbaren Bärtchen um Lippe und Kinn und Wange eigentlich ein herzensguter Junge war. Er hatte Anfälle von Gemüth. Für einen ſogenannten„guten Freund“ konnte er ſich im wörtlichſten Sinne todt ſchlagen laſſen; wie oft hatte es nicht ſchon einen nächtlichen Zu⸗ ſammenſtoß mit den Spießen der Straßenwächter, ja ſogar den Gewehrkolben der Schildwachen gegeben! So ſtreng er im Comptoir war und ſich die Miene geben konnte, als müßten Bücher, die dreißig Jahre geſtimmt hatten, jetzt einmal von einer Commiſſion geſchworener Buchhalter oder von ihm allein in einer„ſtillen Abend⸗ ſtunde“ gründlichſt revidirt werden, ſo nachläſſig behan⸗ delte er die Contocorrenten etwaiger Anleihen der Freunde, die mit ihm Sherrypunſch tranken. Wer Piter's Ver⸗ ſtand anerkannte, konnte bei ihm über alles gebieten. Wer aber zuweilen an ſeinem Verſtande zweifelte, was ſeine Schwäger, ſeine Schweſtern und die ältern Buch⸗ halter nicht mehr wie gern thaten, hatte einen geſchwo⸗ renen Feind in ihm. Wie Piter von ſich ſelbſt dachte, bewies er eines Abends in einem Cirkel ſeiner Mutter, wo er bei Gelegenheit der damals eben wieder neu aufgekommenen Phrenologie ſagte:„Die Phrenologie hat an mir die Zeichen des ſanguiniſch⸗nervöſen Tempera⸗ ments entdeckt! In erſchreckendem Grade findet ſich an meinem Schädel(er ſah dabei auf ſeinen Schwager Del⸗ ring) die Anlage der gegenſtändlichen Auffaſſung! Sehr 328 groß iſt(er blickte auf ſeine drei Schweſtern) mein Zer⸗ ſtörungsſinn! Selbſtachtung aber und(nun ſah er, doch etwas liebevoller, auf ſeine hochgeſpannte und fromme Mutter) ein bischen Neigung zum Wunderbaren milddert dieſe gefährliche Anlage! Gering iſt indeſſen(die Mutter zuckte ſchon wieder zuſammen und entſetzte ſich über den Blick, den Piter auf einige der Domherren warf), ge⸗ ring iſt mein Verehrungsſinn! Schwach, ganz ſchwach iſt meine Anhänglichkeit(die Mutter, außer ſich über ihre Täuſchung, proteſtirte faſt mit Thränen) und am wenig⸗ ſten ausgebildet iſt mein ſogenannter Ingenieurſinn! Aus letzterm muß ich ſchließen, daß ich nie eine Vorliebe für große Bauten haben werde!“ Dieſe Bemerkung war die allerbitterſte. Sie ging auf eine Summe von 10000 Thalern, die die Mutter zum Ausbau eines gewiſſen berühmten großen Domes ver⸗ willigt hatte. Denn an ſich hatte Piter im Gegentheil das ganze altbewährte Haus ſeiner Aeltern neuerdings faſt umgeriſſen, Treppen gebaut, wo früher keine waren, Alkoven zerſtört, Säle geſchaffen und vorzugsweiſe ſeine Schweſter Hendrika Delring ſo in der langgewohnten Exiſtenz ihres zweiten Stockes beeinträchtigt, daß dieſe Aermſte, wie ſie ſagte, ſich vor dem Bruder kaum rücken und rühren konnte, von dem Lärm ſeiner nächtlichen Orgien ganz zu ſchweigen. Nur die Beſonnenheit ihres Gatten hielt ſie von äußerſten Schritten zurück, die nie⸗ manden hätten wunder nehmen dürfen, da die vortreff⸗ lichſte Frau nach zehnjähriger kinderloſer(gemiſchter) Ehe Mutter zu werden in nächſter Hoffnung hatte. In Piter's Freundeskreiſe aber ſchlug es jetzt im Durch⸗ einand und C zwei! Sylve deckung letzter niß ko Jahre Punſch ſchöpft bigen langſa gemein hin Klavi ſpiele große abzur ſchlei Tein gen ange zuſeh ringe ſchen jetzt ſtütz muf ſtern) mein Ze zun ſah er, doch ate und frommt derbaren milden ſen(die Mutter te ſich über den reen warf), ge⸗ ganz ſchwach iſ ſich über ihre und am wenig⸗ nieurſinn! Aus e Vorliebe füt ſe. Sie ging die die Mutter en Domes vel⸗ Gegentheil das teuerdings faft keine waren, ugsweiſe ſeine langgewohnten gt, daß dieſe er kaum rücken er nüchtlichen nenheit ihres rück, die nie die vorttef ſcher) Ehe 329 einander der Debatten, vorzugsweiſe jetzt über Weſten und Cigarren und durchreiſende Sängerinnen bereits halb zwei Uhr... und wer hätte nun nicht ſchon in einem Sylveſterkreiſe das neue Jahr abgewartet und die Ent⸗ deckung gemacht, daß dreißig Minuten vor„des Jahres letzter Stunde“ der lebendigſte Humor zu der Erkennt⸗ niß kommen kann, ob er ſich im Abwarten des neuen Jahres auch nicht vielleicht zu viel zugemuthet? Der Punſch iſt in der Terrine kalt geworden, der Witz er⸗ ſchöpft ſich ſchon in Leberreimen und zwei⸗ und dreiſil⸗ bigen Charaden; immer müder werden die Augen, immer langſamer ſchleichen die Minuten, die noch bis zur all⸗ gemeinen Umarmung und kußbeſiegelten Beglückwünſchung hin zu verleben ſind. Wer da nicht im Stande iſt ans Klavier zu ſpringen und einen elektriſirenden Tanz zu ſpielen, der kann erleben, daß einer um den andern das große Unternehmen, den letzten Stundenſchlag des Jahres abzuwarten, völlig aufgibt und in aller Stille davon⸗ ſchleicht mit einem das ganze Jahr zuſammenfaſſenden Trinkgeld an die gratulirende Bedienung. Um ein Viertel auf vier Uhr hatten die Freunde zwei Wa⸗ gen zu erwarten, die im Hofe unten auf die Minute ſollten angeſpannt erſcheinen. Es war auch ganz beſtimmt voraus⸗ zuſehen, daß ſie alle noch etwa eine Stunde auf den Divans ringsum ſchlafen und tüchtig ſchnarchen würden, aber zwi⸗ ſchen ein und zwei Uhr zeigte ſich davon noch keine Spur... Fehlte auch die lebhafte Mittheilung des auf Spott jetzt ſogar verdrießlich werdenden und den Kopf auf⸗ ſtützenden Thiebold de Jonge, ſtockten die Zungen ſchon und mußten ſogar die ſonſt ganz ungentilen Anſpielungen auf 330 die einzelnen Geſchäftsbranchen, wie:„Sie ſind auf dem Holzwege!“ zu dem Holzhändler Thiebold, oder„Schen⸗ ken Sie reinen Wein ein!“ zu dem Weinhändler Mop⸗ pes, durch die Vermittelung der andern gütlich beigelegt werden, ſo fehlte es doch immer noch an Stoff der Un⸗ terhaltung nicht; denn es gab zwei Themata, die in die⸗ ſem Kreiſe endlos variirt werden konnten. Das waren die Juden und die Frauen. Erſtere hatten ſich in kurzer Zeit hier ſehr empor⸗ geſchwungen. Eine nicht zu entfernte Verwandtſchaft der Haſen⸗Jette, die Fulds, rechnete man zu den dreifachen Millionären und wenigſtens im Wechſelgeſchäft hatten die Brüder Moritz Fuld und Bernhard Fuld alle überflügelt. Sie hatten Comptoire in Paris, Brüſſel und Amſterdam, machten ein großes Haus, hatten eine Beſitzung im En⸗ neper Thal gekauft, dort eine Villa, ſogar eine Kirche gebaut. Es konnte zunächſt keinen anziehendern Stoff geben, der hier beſprochen wurde, als das Haus Fuld und Söhne, und im Verlauf dieſer Mittheilungen, die indeſſen eine Kette nur von Spott und Misgunſt waren, wurde auch Thiebold lebendiger und erregter. Gebhard Schmitz und Joſeph Moppes hatten zwei Kunſtfertigkeiten, die miteinander wetteiferten. Dieſer in⸗ tonirte die anziehendſten Lieder, jener war ein Dialekt⸗ künſtler. Ob ſächſiſch oder berliniſch oder frankfurtiſch oder im Volkston der eigenen Vaterſtadt, war ihm gleich. Er ahmte jede Mundart nach, ſo weit die deutſche Zunge reicht. Vorzugsweiſe aber war ihm das Jüdeln geläufig. Er erzählte von Juden nie anders als im rauhſten Kehlkopftone. Und wenn er von Spinoza hätte ſprechen couliſſe weltgeſe Hombu Stande Bir platz un ic geſe der M Bändch von de D. an der S iſt hie und h nicht „Sch Vater T ware n vorri „M dien Sie ſind auf dem „oder„Schen⸗ inhändler Mop⸗ gütlich beigelegt rStoff der Un⸗ nta, die in die⸗ Das waren er ſehr empor⸗ wandtſchaft der den dreifachen häft hatten die le überflügelt. ud Amſterdam, fitzung in Er ar eine Kirche hendern Stoff as Haus Juld lungen, die unſt waren, es hatten zwei 1 Dieſer in⸗ „en Dilek⸗ fr ankfurtiſch ar ihm gleic ſſche Zunge eln geläufi rauhſten m itte ſprechen 331 können, Gebhard Schmitz würde deſſen Philoſophie vor⸗ getragen haben wie die eines Hauſirers, der von ſeinen Maſematten ſpricht. Von einem der Fulds, zwei in den pariſer Börſen⸗ couliſſen und Salons gebildeten, höchſt! eleganten und weltgeſchliffenen jungen Männern, die auf einer Jagd in Homburg oder Baden⸗Baden ſich neben jedem deutſchen Standesherrn ſehen laſſen konnten, erzählte er: Bin ich doch gekommen heute Abend auf den Dom⸗ platz und habe geſehen... Gottswunder... Was hab' ich geſehen! Iſt gekommen Herr Fuld und Söhne junior der Moritz! Iſt er gekommen mit dem neuen rothen Bändchen im Knopfloch! Hat er doch gekriegt den Orden von der ehrlichen Legion in Paris! Die Unterbrechungen der Zuſtimmung verſtanden ſich an den ſchlagenden Stellen von ſelbſt... Sieht der Ritter Moritz ſich um und wird fragen: Wo iſt hier die Fabrik von die Wachslichter und Lebkuchen und heiligen Oblaten? Herr Schmitz! Können Sie mir nicht ſagen: Wo iſt wohnhaft Herr Jean Baptiſte Maria „Schnuphöſe“ aus Hildesheim mit die elegönte ſ— pitze Vatermörders? Dieſe Variation geſtattete eine neue Zuſtimmung. Sie war eine andere Tonart der Gebhard Schmitz ſchen Rede⸗ kunſt, die ein Uniſono von ähnlich betonten Worten her⸗ vorrief... Gebhard Schmitz fuhr fort: Gut! Hab' ich ihm gezeigt den Laden von Herrn „Möriöb“ und hab' mir gemacht doch auch ein Geſchäft bei die Fräuleins, um zu hören, was der Ritter von Louis V 1 ½ 332 Philipp's ehrliche Leute hat für neue Maſematten!.. Gut! Wie wir eintreten, frag' ich die Fräuleins... Uniſono des Chorus: Evö! Apöllönia! Ob ſie nicht hätten ein ſchönes ges— ticktes Tauf⸗ tüchelchen mit bröbönter S— pitzen, das ich wollte ſchen⸗ ken nach Bilk uf die Hütte von meinem Tate, wo zwei bil⸗ kener Jüden ſind gekommen auf den Einfall ſich zu tau— fen! Sagt der Herr Ritter von die franzöſiſche Ehrlichkeit zu mir: Main, Herr Schmitz! Sie wollen kaufen ſo feinen„Böttiſt“, um zu waſchen zwei bilkener Juden rein von's Judenthum? Da will ich Sie recommandiren die geiſtliche Stickerei da oben in dem fünften Carton rechts ſeh' ich Litera B, wo angeſchrieben ſteht mit la⸗ teiniſche Buchſtaben:„Tauftügelchen“— Tügelchen mit 'nem G, Herr Schmitz! Neue Unterbrechung über die Orthographie Eva's und Apollonia's Schnuphaſe... Aber der Ritter der ehrlichen Legion... wird er doch ſagen: Hat mein Bruder nicht geſtern gekauft hier ein Altarbecken und drei neue Meßgewandkleider.. meine Damen?... Ja, Herr Fuld!... Nun, ſo wer⸗ den die Fräulein haben die Güte mir noch zu geben zwei Dutzend von die ſtärkſten Wachslichter fürs heilige Hoch— amt!... Sag' ich: Herr Fuld: Wie heißt Hochamt?... Alles, Herr Schmitz, für die neue Kirche zum Geſchenk, wo mein Bruder hat bauen laſſen oben bei Lindenwerth und Druſenheim im Enneper Thale! Und zu die Fräu⸗ leins ſagt er: Wiſſen Sie, Fräulein, die Kerzen, wo Herr Levi, der Gemeindevorſtand, hat gekauft neulich fürs T frag’ ſchöner ſteigert Her Octobe dem, d oc i duß un wahr, Paris ſeiner angekg ihn la baut j B ſematten!... äuleins... ticktes Tauſ⸗ vollte ſchen⸗ wo zwei bil lſich zu tau⸗ che Ehrlichkit en kaufen ſo lkener Juden ommandiren iften Carton ſteht mit la⸗ Lügelchen mit aphie Evab . wird er gekauſt hier dkleider. un, ſo wer⸗ geben wei ellie hoch⸗ chamt?.. ml Geſchenl, — adenwerth die Fräu⸗ Kerzen, wo uuft neul fürs Tabernakel in unſre Synagoge... Die aufgeklärte? frag' ich. Die neue, Herr Fuld, wo ſoviel Licht in die ſchönen Fenſter fällt?... Nein, Herr Schmitz, ſagt er, in die dunkle! Gerade ſo wie wir gebaut haben unſre Kirche in Druſenheim auch ins Byzantiniſche! Durch den Jubel der Freunde hindurch fuhr mit ge⸗ ſteigerter Stimme Gebhard Schmitz fort: Herr Schmitz! Sie wird eingeweiht am neunten October, dem Tag vom heiligen Dionyſius, wiſſen Sie dem, den die Römer haben abgehauen den Kopf und der noch iſt gegangen ich weiß nicht wie viel Meilen zu Fuß und mit dem Kopf unterm Arm!... Iſt es denn wahr, Herr Ritter, frug ich, daß Ihr Herr Bruder in Paris von ſeinem Freund Louis Philipp und aus dem ſeiner Kapelle von St.⸗Denis um 10000 Francs hat angekauft einen heiligen Zehen von St.⸗Denis und will ihn laſſen einmauern in dem Altar, wo Sie haben ge⸗ baut in Druſenheim die neue Kirche im Baſiliskenſtil? Baſiliskenſtil... wiederholte der Chorus. In dem Augenblick iſt aber gekommen eine Chaiſe vorm Wachslichterlöden und Fräulein Apollönia hat ge⸗ rufen: Ach, Herr Fuld! Ach Herr Schmitz!— bitte um Entſchuldigung, wir bekommen ſoeben—! und ein ſchöner ſchlanker Herr Köplön iſt eingetreten in den Löden, friſch von der Reiſe angekommen und ſoll wohnen bei Herrn Schnuphöſe... Und was wird mein Ritter thun von der ehrlichen Legion? Gleich als wollt' er haben Ablaß auf hundert Jahre für die byzantiniſche Kirche hat er Hoch⸗ würden eingeladen, auch zu ſehen, was gebaut hat ſein Bruder Bernhard Fuld zu Druſenheim neben die neue 334 Villa und zog ſein Portefeuille und hat gegeben dem frem⸗ den Prieſter gleich die Viſitenkarte: Monsieur Monsieur Moritz Fuld... Der ganze Chorus fiel hier mit den donnernd be⸗ tonten Worten ein: A Paris! à Paris! Man weiß ſchon! Dieſe für unſere Leſer gänzlich unverſtändliche und doch allgemein bejubelte Pointe der Erzählung krönte ſie für die jungen Männer wie das letzte Schlagwort eines Epigramms... Die Worte:„Man weiß ſchon!“ knüpften ſich nämlich an die allbekannte Anekdote, der zufolge der ganz arm aus Kocher am Fall einſt gekommene und durch Kriegslieferungen emporgeſtiegene alte Vater der Gebrüder Fuld jemanden, der ihn bei ſeinen öftern Reiſen nach Paris um ſeine dortige genauere Adreſſe gefragt, mit ſchmunzelndem Stolz geantwortet haben ſollte:„Schrei⸗ ben Sie nur ganz getroſt und einfach blos meinen Namen aà Musje Musje Fuld à Paris! Man weiß ſchon!“ Die Wirkung dieſer Erzählung auf Thiebold de Jonge war eine in der Hauptſache, doch im andern Sinne als bei den Freunden, auch aufregende. Nicht daß er Gebhard Schmitz geſagt hätte: Aber Sie lügen ja ganz entſetzlich, Schmitz! Moritz und Bern⸗ hard Fuld ſind ja zwei höchſt gebildete und ſehr taktvolle Männer, über die wir uns nur deshalb ärgern, weil ſie geradezu einen Aufſchwung nehmen, der uns alle ver⸗ dunkelt— auch er ſtand unter den Vorurtheilen ſeiner Geburt und ſeines Standes— aber ſowol die That⸗ ſache, daß wahrſcheinlich den Abend Bonaventura von Aſſelyn angekommen war, wie die Erwähnung Druſen⸗ heims, ſenſchuf kommen und ük unter eatur ungewö Juden ſpotten. Alois( die Au Talent Hie Thiebo Jo verlore Ei und er nicht z N mens! en dem frem⸗ ur Nonsieur donnernd be⸗ n! ändliche und ig kränte ſie agwort eines 7,“ knüpften zufolge der e und durch Gebrüder Reiſen nach efragt, mi Schrei⸗ und Berl⸗ r taltvolle gern, weil alle vet⸗ ner 6 eilen ſei die What⸗ nturq von 4 Drnſen⸗ g 2 heims, das dem Aufenthalte Armgart's auf einen Büch⸗ ſenſchuß gegenüberlag, ließen ihn kaum zur Beſinnung kommen. Er ſprang auf, lief im Zimmer hin und her und überhörte dabei gänzlich, daß Weigenand Maus unter allgemeinſter Zuſtimmung beantragte, eine Cari⸗ catur anfertigen zu laſſen, um„auf dieſem nicht mehr ungewöhnlichen Wege“ das zeitgemäß⸗modernſte Thema: Juden bauen den Chriſten ihre Gotteshäuſer! zu ver⸗ ſpotten. Ein ſtillerer und ſanfterer unter den Freunden, Alois Effingh(Effingh K Cie., Bankgeſchäft), übernahm die Ausführung durch einen vertrauten Freund, der das Talent beſaß mit der Feder gleich auf Stein zu zeichnen. Hieß der Geiſtliche nicht Herr von Aſſelyn? fragte Thiebold de Jonge. Ich glaube, ja... antwortete Gebhard Schmitz, ganz loren in die Caricatur und noch weitere Details gebend. Ein Vetter Benno's von Aſſelyn... ſagte Thiebold und erwähnte einen Namen, den alle kannten, der aber nicht zu dieſem Kreiſe gehörte... Nächſten Sonntag Partie nach Druſenheim! rief Cle⸗ mens Timpe... Bewunderung der Villa. Der Kirche... Der Tauftügelchen. Wir laden Eva und Apollonia ein... Kein! unterbrach Joſeph Moppes. Achtung vor Thie⸗ bold de Jonge! Auf Lindenwerth ver „Da blüht eine Blume ſo hold, ſo hold“.. Auf Lindenwerth? rief der Chorus. 336 Ja, de Jonge! unterbrach den Singenden Gebhard im Stifte bei meiner Schweſter! Wahrhaftig!... Ich bin ſonſt in Geſchmacksſachen— Schmitz. Ich war auf Ehre— aber die Tochter Ihres Lebensretters— Die Lebensretterstochter... rief der Chorus. Kapitaler Geſchmack! Auf Taille! näſelte Schmitz im ghibelliniſchen Leutenantston.. Moppes ſang: „Und ſchöner als in dieſer Roſe... A la bonne heure! Eigentlich noch ein Backfiſch, aber künftige„Jöttin“! fuhr Schmitz fort und— „Hebe ſtieg in ſanfter Feier”“... ſang Moppes. Schwarz und braun ſind ihre Augen. „Maikäferlein, was fliegſt du auf?“ Zähne,— reizend! Zwei Zähne—, man ſieht ſie immer— Man ſieht ſie immer? rief der Chorus... „Um das Rhinoceros zu ſehen“— declamirte jetzt ſogar Weigenand Maus. Thiebold erwachte aber aus ſeinem Brüten wie ein Löwe und ſchüttelte ſeine goldene Mähne. Genug! rief er mit donnernder Stimme.. Aber Singvögelein ſinget, Singvögelein ſchwinget Stolz ſich in den Himmel hinein! antwortete Moppes. 32 Der Streit wurde durch Gebhard Schmitz beigelegt. Letzterer blieb bei ſeiner Bewunderung Armgart's, nannte nden Gebhard er Schweſter acksſachen— nsretters— Tporus. ſſelte Schmit ackiiſch, aber nan ſieht ſie in ten wie e 2 beigelegt 73 nannte ſie das Entzücken des ganzen Penſionats und ließ jetzt wirklich etwas Höheres gelten als ſeine Dialektkunſt und ſeinen pariſer„Gibus“ zum Einklappen, den er ſuchte. Es blieb bei der Caricatur und bei der ſonntäglichen Partie... Gruppen bildeten ſich... der eine lag von der Caricatur ſprechend da, der andere von der Liebe über⸗ haupt dort... man flüſterte... man hatte jetzt Ge⸗ heimniſſe... ja es ſenkte ſich über die wüſte Atmo⸗ ſphäre mancher reinere Sonnenſtrahl... Selbſt Piter ließ endlich von der Arakflaſche und erzählte mit ge⸗ dämpfter Stimme von einigen wunderbaren neuen weib⸗ lichen Bekanntſchaften, beſonders einer... er ſprach ganz leiſe nur ins Ohr zu Gebhard Schmitz Joſeph Moppes, der hören wollte und nichts verſtand, parodirte: Mir auch war ein Leben aufgegangen! Folgen können wir dieſen Geſprächen nicht. Sie enthielten zu viel von dem, was, wenn Männer zwiſchen zwei und drei Uhr Morgens von Frauen ſprechen— die Nacht„bedeckt mit Grauen“. Endlich aber wurde alles ſtill... die am lauteſten geſprochen hatten, ſchnarchten ſchon... auch Piter im ſchottiſchen Reiſecoſtüm ſchlummerte und lächelte und ſein etwas ſtumpfes Näschen ſchien im Traume eine ganze Jakobsleiter voll Seligkeiten zu balanciren... nur Thiebold de Jonge lag auf einem Sopha ausgeſtreckt, das Haupt aufgeſtützt, ſah nach der Uhr und war in wenig Minuten der einzige, der wach geblieben. Gutzkow, Zauberer von Rom. II. 22 Er gedachte ſeines Freundes Benno... Benno's, der, wie dieſer ſich einmal ausgedrückt hatte, den„lateiniſchen Stolz“ beſaß, ſich in einer Soll und Haben⸗Sphäre von dieſer Art nicht heimiſch zu fühlen, ja die geſchilderte geradezu verachtete. Thiebold, in ſeiner Art ein Schwärmer, betete bei alledem Benno an. Nur hatte er ſich wieder einmal mit ihm ge⸗ zankt und zwar empfindlich... er hatte ſogar den erſten bedeutendern Zwieſpalt mit ihm... Nicht um Armgart's willen... Von Benno's Empfindungen für Armgart hatte Thiebold bei deſſen in allen Dingen bewahrter kalter Außen⸗ ſeite keine entfernteſte Ahnung... Wohl aber war der Vorfall an dem Tage, wo Hedemann die Begegnung mit Herrn von Enckefuß im Wirthshauſe an der Landſtraße gehabt hatte, für beide zum Gegenſtand des erſten längern Misverſtändniſſes geworden.. Benno und Thiebold waren Schulfreunde, die ſich in ſpätern Jahren aus dem Auge verloren hatten. Sie fanden ſich wieder, als Benno ſich bei einer zufälligen Begegnung über das gerade beſprochene Abenteuer in Canada dahin äußern konnte, daß ihm wenn auch nicht Ulrich von Hülleshoven, doch Hedemann ſeit früheſter Kindheit wohlbekannt, ja ſozuſagen ſein Nährvater und Erzieher geweſen wäre, ſolange bis der Dechant ihn ganz in ſeine Nähe nahm und ihn in der der Reſidenz des Kirchenfürſten nahe gelegenen Univerſität auf Schulen ſchickte... Das Band der Freundſchaft mußte ſich enger und enger um beide ſchlingen, da Thiebold's Charakter die Hingebung ſelbſt war. Nach wenig Monaten ſchon konnte er nicht mehr ohne Benno ſein, nichts mehr ohne Benno's, der, „lateiniſchen en⸗Sphäre geſchilderte bei alledem nit ihm ge⸗ den erſten Armgarks ngart hatte ter Außen⸗ rwar der ng mit Landſtraße en längern die ſich ten. Sie zufälligen nteuer in auch nicht früheſter ater und ant ihn Reſidenz Schulen ich enger harakter en ſchon hr ohne ☛ꝗʒ«—y=rͤõ———— ihn unternehmen. Alles, was dieſer ſagte oder that, war für ihn, ſogar in Gegenwart anderer, ein Evangelium. Seine enthuſiaſtiſche Natur umſchlang Benno, trotz aller⸗ dings mancher und faſt ſtündlicher Reibung, doch wie der Epheu den feſten Stamm. Die Reiſe nach Kocher am Fall mit Extrapoſt ent⸗ ſprach Thiebold's Verhältniſſen und galt eigentlich der Huldigung Benno's und den Verwandten deſſelben in Kocher. Da Benno aber allein und über Lindenwerth und St.⸗Wolfgang und ſogar zu Fuß gehen zu wollen erklärt hatte(in ſeinem Charakter lagen dieſe ſchrof⸗ fen Ablehnungen des liebevollſten Entgegenkommens), ſo hatte von dieſer bequemen Reiſegelegenheit der Aſſeſſor von Enckefuß den Gewinn. Dies war nur eine ober⸗ flächliche Bekanntſchaft beider Freunde. Sie hätte ſich jetzt feſter knüpfen können. Gab das Zuſammenreiſen dazu die beſte Gelegenheit, ſo wurde doch jede weitere Beziehung wenigſtens für Thiebold durch die Scene mit Hedemann und Porzia Biancchi unmöglich. Lucinde hatte ſich an jenem Abend, als ſie im „Rieſen“ ein Gelag in dem Geſchmack, wie eben ge— ſchildert, vorausſetzte, wenigſtens in Betreff einiger Theil⸗ nehmer vollſtändig geirrt. Benno fehlte und Thiebold. Beide ſaßen beim Oberſten auf ſeinem Weinberge. Sie ſaßen mürriſch und ohne Entſchluß, auch nur auf die Dechanei zu gehen. Benno hatte an einem Souper im Rieſen theilnehmen wollen; Thiebold erklärte, mit Herrn von Enckefuß nichts mehr gemein zu haben. Hedemann iſt ein Narr! hatte Benno in ſeiner kurzen Weiſe erwidert und darüber entſpannen ſich dann Wortgefechte, die bald 8 22* 340 einen ernſtern Charakter annahmen. Sie endeten damit, daß Thiebold das ganze, eigentlich ihm doch ſo unendlich ſüße und nothwendige Joch ſeiner Abhängigkeit von Benno einmal abſchüttelte und ihm Dinge ſagte, die ſich ſelbſt unter den beſten Freunden nach vierundzwanzig Stunden nicht wieder zurücknehmen laſſen. Aſſelyn, hatte er geſagt, Sie ſind ein Menſch, dem ſeine Philoſophie noch das Herz im Leibe ausdörren wird! Ich bemitleide Sie, wenn Sie ſich Ihren Dominicus Nück zum Muſter genommen haben, dieſen armſeligen Men⸗ ſchen, der eine Million beſitzt und Sonntags die Sack⸗ träger beneidet, die vorm Thore bei einem Glaſe des ſchandbarſten Krätzers Kegel ſchieben! Schämen Sie ſich mit Ihrer ſündhaften Gleichgültigkeit für Gott und die Welt! Sie erzählen von einem Zauberweib, mit dem Sie hierher gereiſt ſind, und wollen nicht in die Dechanei zurück, nur um ſie nicht wiederzuſehen! Von einem Engel in Menſchengeſtalt, einem Mondſcheinelfen, unſerer Armgart, wiſſen Sie nichts, als daß ſie ihrem Vater ein paar Hoſenträger ſtickt! Dieſe Porzia Biancchi iſt Ihnen nicht viel mehr als eine Landſtreicherin, und Hedemann's Neigung finden Sie geradezu lächerlich, da Sie doch wiſſen, daß er, wie der Oberſt, eine Natur iſt, die die Spreu vom Weizen zu unterſcheiden weiß!... Als Müller! wird Ihre ewige Ironie einwerfen; aber nach Ihnen müßte der Friede in dem Hauſe der Hülleshoven und Ubbelohdes einfach nur durch die Polizei vermittelt werden! Sehen Sie zu, wie weit Sie mit. dieſem Si⸗ birien in Ihrem Herzen kommen werden! Gerade ſol⸗ chen Naturen, denen alles gleichgültig iſt, ſolchen, die 1 damit, nendlich Benno h ſelbſt Stunden echanei einem nſerer Vater ancchi 341 in der ganzen Welt nichts, aber auch nichts als Schein und Dummheit ſehen, wird zuletzt ſo heiß unter den Sohlen, ſo fegefeuermäßig ſchwül ſchon hier auf Erden zu Muthe, daß ſie ſich wie der Skorpion, den man auf Kohlen ſetzt, zuletzt ſelbſt umbringen! Sie haben wahrſcheinlich in der letzten Nacht, wo Sie nicht ſchlafen konnten, Seume's„Spaziergang nach Syrakus“ geleſen? war alles, was Benno geantwortet. Dennoch trafen die Worte Thiebold's ihn tiefer, als er ſich den Schein gab. Dazu war er zu ſtolz, zu entgegnen: Sage mir, wie ich in die Welt gekommen bin, und du wirſt ſehen, ich kann die Welt lieb haben! Er vertändelte den Ernſt ſeines Unmuthes überhaupt und auch jetzt den Ernſt ſei⸗ ner innerlichſten Zuſtimmung zu dieſem ungewohnt ſtar⸗ ken Ausbruch allerdings ſchon vielfach benutzter Freund⸗ ſchaftsrechte. Gerade dadurch, daß er dennoch zu Enckefuß hielt, bewies er, wie ſehr er ſich getroffen fühlte. Vor Hedemann rechtfertigte er ſich im Vertrauen: Lieber Alter, mögen Sie mit dem Enckefuß haben, was Sie wollen, der Sohn hat mir geſtanden, daß ſein Vater in Verzweiflung iſt— wie kann ich ihm meinen Beiſtand entziehen! Hedemann hatte dieſer Antwort auch zugeſtimmt und ſie natürlich gefunden... Seitdem die Italiener im Orte angekommen waren und ihren gewohnten ſtark aufdring⸗ lichen Handel trieben, ſchien er von der erſten Hitze ſei⸗ nes Antheils etwas zurückgekommen. Eine weitere Erörterung und gründliche Ausſöhnung zwiſchen Thiebold und Benno hatte in Kocher ſelbſt nicht 342 mehr ſtattgefunden. Major von Pritzelwitz benutzte die ihm nur verwilligten drei Tage, um ſeine kleine Armee in einen jeden Augenblick ſchlagfertigen Zuſtand zu verſetzen und ihr durch tüchtigſtes Sporengeben auch dergleichen„Mucken“ der Geſinnung zu vertreiben, wie ſie hier zu Lande üblich wa⸗ ren, wo man an Carnevalstagen den Kaiſer Napoleon, ſeine Marſchälle und ſeine alte Garde in öffentlichen Aufzügen copirte. Moppes, Timpe, Schmitz und ſelbſt Weigenand Maus waren nicht ſelten ſchon zu Pferde mit Mamluken einhergeritten und hatten ſich mit allem Pomp ſo in Orden und Stickereien gefallen, als wenn ſie die Schlachten bei Jena und Eylau gewonnen hätten. Auch Benno's beſter Abſicht, den Streit in der De⸗ chanei beizulegen und Lucinden in ſie zurückzuführen, ließ ſich nicht der Nachdruck ſeiner gewohnten Handlungsweiſe geben. Dieſe fuhr mit Herrn Schnuphaſe ſchon am an— dern Tage in ihre neue Lebensſtellung. Und auch Thiebold war dann am Morgen des vierten Tages in Kocher plötzlich verſchwunden. Er hatte an Benno ein einfaches Billet zurückgelaſſen, worin er ſagte, es würde ihm Vergnügen machen, wenn er mit dem Aſſeſſor von Enckefuß ſeinen Landau benutzen wollte; er ſelbſt wäre in Flößereigeſchäften erſt mit der Poſt, dann mit dem Dampfboot auf einige Tage nach Mainz gegangen. Seit heute Abend erſt war er, und jetzt bedeutend ab⸗ gekühlt, von dorther zurück. In Lindenwerth hatte er Halt gemacht und ſich mit den Empfindungen eines Toggenburg einige Stunden am vielberühmten Hüneneck aufgehalten. Nach dem Fenſter des Saales, in dem Armgart wohnte, hatte er das Angeſicht gerichtet, ſolange die letzten Strah⸗ die ihm in einen und ihr Mucken“ gllich wa⸗ on, ſeine Lufzügen igenand amluken Orden tten bei 343 len der Sonne es vergoldeten. Da er keine Verwandte im Penſionat hatte, wurden ihm die Beſuche von den geſtrengen Engliſchen Fräulein nicht mehr geſtattet. Nun lag er hier, im Ohr die wüſten Scherze ſei⸗ ner„Freunde“... vorgenießend ſchon die von ihm mit leidenſchaftlicher Zuſtimmung ergriffene Sonntagspartie nach Druſenheim, wo eine Begegnung mit Armgart nicht unmöglich war... ſonſt aber aufgelöſt in Reue und Scham und unendlichſter— Sehnſucht nach Benno. Und vielleicht wäre dennoch auch über ihn der Schlummer gekommen, wenn nicht plötzlich im Hofe Wagenraſſeln und das mahnende Knallen zweier Peitſchen hörbar geworden wäre... Er ſprang auf, fiel faſt, da die Lampen aus⸗ gegangen waren, orientirte ſich und weckte Pitern, der im Concert der ringsum Schnarchenden jetzt eine Solo⸗ ſtimme übernommen hatte... Piter war eingeſchlummert geweſen mit den vertraulichſten Geſtändniſſen, die er in das Ohr ſeines Freundes Gebhard Schnitz geflüſtert hatte über zwei wunderbare Frauenerſcheinungen, die plötzlich durch„einen hölliſch vernünftigen“ Gedanken ſeiner An⸗ gehörigen ganz dicht in ſeine Nähe verpflanzt waren... weniger von Mamſell Lucinden Schwarz war er entzückt— „obgleich auch dieſe“... Und in dieſen Haarſpaltungen ſeines Geſchmacks war er ſelig eingeſchlummert... Nun, von Thiebold de Jonge aufgerüttelt, fuhr er empor... So groß auch immer ſein Vertrauen zu ſich ſelbſt war und ſo ſehr er ſich vorgenommen hatte, ſich in ſeiner ganzen künftigen Haltung im Leben einen wenn nicht großen, doch eigenthümlichen und merkwürdigen Charakter zu geben, ſo geſchah ihm doch immer, daß ſein erſtes Erwachen von 344 irgendeiner der vielen, nicht blos durch den natürlichen Schlaf verurſachten Beſinnungsloſigkeiten regelmäßig eine geringfügige Vorſtellung über die gerade obwaltende Si⸗ tuation begleitete, der dann die völlig decontenancirte Miene entſprach... So auch heute... Der erſte Ge⸗ danke, als ihn Thiebold aufrüttelte, war an das Fünfuhr⸗ aufſtehen in der Handelsſchule gerichtet... Bald aber be⸗ ſann er ſich auf ſein gegenwärtiges Alter und ſeine Stellung im Leben und in dieſem Hauſe und rief donnernd den Joſeph im Vorzimmer wach, ihn in den Hof jagend, und taumelte, ſeliger Rückerinnerungen voll, eine niedergebrannte Kerze in der Hand, das Product ſeines ihm nur für den Aus⸗ bau des Domes ſeiner Vaterſtadt mangelnden Ingenieur⸗ ſinnes, die luftige, zierliche neue Wendeltreppe, empor. Er mußte ja, während Thiebold die andern Schläfer weckte, noch einmal in ſein Garderobezimmer... Um ganz dem Bilde der Modenzeitung, nach der er ſich kürzlich erſt für die Morgentoilette, für die Jagd und für Reiſen equipirt hatte, zu entſprechen, fehlte noch ſein Plaid und ſeine Tragtaſche an juchtenledernen Rie⸗ men. Piter war in ſolchen Dingen exact. Für die Jagd beſaß er eine rothe Jacke mit kurzen Schößen, goldenen Knöpfen, grauledernen Hoſen und hohe gefirnißte Stulp⸗ ſtiefel. Für die Reiſe trug er einen kurzen Phantaſierock mit zwei Bruſttäſchchen, ſchottiſche Beinkleider ohne Sprungriemen, Lackſtiefel, die, wenn die Beinkleider in die Höhe gingen, Schäfte von rothem Saffian zeigten. Wie Piter etwas mühſam hinaufſteigt, wird ihm eine Ueberraſchung zu Theil. Kaum hatte ſein etwas ſchwerer Fuß auf der leichten Treppe die erſten Stufen —, 2 ⸗ ½ 7 n ———., re,—. ürlichen öig eine nde Si⸗ nancirte ſte Ge⸗ ünfuhr⸗ ber be⸗ tellung Joſeph umelte, Kerze Aus⸗ nieur⸗ hläfer Um er ſich und noch Rie⸗ Jagd =—— —— betreten, kaum hatte ſich ſein etwas unſicheres Auge über⸗ zeugt, daß es auch oben dunkel geworden war, kaum war die mit beſonderm Nachdruck an die Lehne ſich krampfende rechte Hand im Begriff mit der linken zu wechſeln, wo⸗ bei die Uebergabe des Lichtes in die andere Hand mit Schwierigkeiten verbunden ſchien und, da er ſie doch zu überwinden verſuchte, das Licht auch richtig ausgehen ließ— als von oben her eine Thüre aufging und der Schimmer eines Lichtes dem im Dunkeln Emportaſtenden zu Hülfe kam. Und kaum hatte Piter, ſtaunend über dieſes unge⸗ wohnte nächtliche Lebendigſein über ihm, aufgeblickt, ſo mußte er ſich um ſo betroffener fühlen, als ihm über das kleine bronzirte Gitter hinweg ein holdes Frauen⸗ antlitz entgegenleuchtete; in Wirklichkeit leuchtete mit einem Lichte und figürlich durch holdeſten Liebreiz und eine ſeltene Anmuth; dabei daſſelbe zarte Mädchenangeſicht, in deſſen Schilderung er ſoeben zu Gebhard Schmitz beinahe hätte poetiſch werden können, wenn ihn nicht der Schlummer übermannte... Ja, aber, um Gottes willen! Sie noch auf? ſprach er mit nicht leichter Zunge... Das junge Kind zitterte und trat mit dem Leuchter in der Hand zurück... denn nun ſtand Piter ſchon ſchwer und krampfhaft und mit einem entſetzlichen Dunſt von Taback und Wein dicht vor ihr... Er weidete ſich an einem Anblick, der ihm ein„Bild aus Himmelshöhen“ ſchien. Dieſe zwar nur kleine, aber zierlich behende Geſtalt, dies goldblonde Haar, das einen Trauerkrepp in ſeine dichten Flechten eingewunden hatte, dieſe aus 346 einem gleichfalls trauernden ſchwarzen Kleide hervor⸗ blendende weiße Haut und der Schnitt des Geſichtes von einer wunderbar lieblichen Rundung und Regel⸗ mäßigkeit übten wieder die ganze Wirkung auf ihn aus, die er ſchon ſeit geſtern früh um zehn Uhr empfunden hatte, als er dieſes neu hinzugezogene Mädchen ſei⸗ ner Schweſter Hendrika Delring zum erſten mal ge⸗ ſehen hatte. Aber zum Donnerwetter... wie kommen Sie denn dazu, ſo— ſo lange aufzubleiben oder vielmehr—? So hab' ich Frau Commerzienräthin— vielleicht — nicht richtig verſtanden— ſie befahl— mir, da ich hier oben doch— bei Madame Delring bin— immer auch auf Ihre Wünſche zu hören— und wenn Sie reiſten— hätten Sie manchmal noch etwas nöthig— und da— wartete ich ſo lange— Die Stimme des armen überwachten, verweinten und erſchreckten Mädchens zitterte... Na, das iſt ja aber wahrhaftig noch beſſer. Piter lachte wie über eine grenzenloſe Beſchränktheit und doch that ihm die Naivetät wohl, die ſo auf ſeine allerhöchſte Befriedigung bis gegen vier Uhr Morgens aufbleiben konnte. Hahaha, lachte er und taumelte, um ſein ausgegan⸗ genes Licht auf ein Fenſterſims zu ſetzen. Das iſt ja einzig! Sie bleiben'ne ganze Nacht um unſereinen— und nun reiſ' ich— jetzt, wo ich ſolche— Nachbarſchaft— habe— Meine Schweſter— na, wird einen ſchönen Lärm machen, wenn ſie hört, daß Sie Muttern ſo unſinnig— wollt' ich ſagen allerliebſt— verſtanden haben! Herr Gott— kleiner hervor Geſichtes Regel⸗ ihn aus, pfunden hen ſei⸗ nal ge⸗ anktheit f ſeine orgens ———— 347 Engel! Die Zeiten ſind vorüber, wo man— Nachts auf⸗ blieb— wenn unſereins blos nur nach Elberfeld reiſte— Jetzt heißt's: Reiſe glücklich! und das Uebrige— macht Wecker an der Uhr— und— und Hausknechts Stall⸗ laterne— Dieſe blitzte auch unten im dunkeln Hofe hochauf an die Hauswand gegenüber... Piter wollte von dem überraſchenden Misverſtändniß noch Vortheile ziehen, aber das ſchöne Mädchen hatte ſchon die Thür ihres Zimmers zum Rückzug in der Hand— Piter wollte nach und trat einſtweilen mit den Füßen zwiſchen die Oeffnung, die die Fliehende ſchließen wollte. Warum ſind Sie denn ſchwarz— an— angezogen — Donnerwetter und wie heißen Sie denn—? Gertrud Ley— Gertrud! Alſo Treudchen? Sieh! Du biſt ſchön, Treud⸗ chen, ſtraf mich Gott, wie ein Engel— aber— aber warum denn der ſchwarze Flor da in— deinen allerliebſten— Wenn Treudchen Ley jetzt in ein faſt krampfhaftes Weinen ausbrach, ſo war es nicht ſo ſehr die Erinne— rung an die Leiden, die ſie ſeit einigen Wochen und vollends den letzten Tagen durchgemacht hatte, als auch das Gefühl der tiefſten Beſchämung über den Irrthum, der ſie ſo bis früh Morgens hier oben hatte aufſitzen und wachen laſſen, auch vielleicht der Schmerz, dafür ſo belohnt zu werden, wie jetzt von Pitern geſchah... und auch ihr Vater fiel ihr ein, wie der ſo des Morgens aus den Wirthshäuſern kommen konnte. Ihr Weinen war ſo convulſiviſch, daß Piter darüber an Beſinnung verlor und gewann— je nachdem. Den Verſuch 348 ſich ihr noch zu nähern gab er auf und zog ſich ſcheu und ſeit langer Zeit zum erſten mal in einer Art Verlegenheit auf ſein Zimmer zurück. Als er dann wiederkam mit Plaid und Taſche, war Treudchen verſchwunden. Die zu den Zimmern ſeiner Schweſter führende Thür war verriegelt. Er klopfte und klopfte. Er war in einer Begeiſte⸗ rung, in einem Sturm, in einem Drange der Liebesbetheue⸗ rung, in einem Vergeſſen ganz ſeiner ſelbſt— Treudchen Ley antwortete aber nicht mehr. Piter mußte den ſchon mahnenden Freunden folgen. Unten ſchob einer den andern in die harrenden bei⸗ den Wägen. Im Abfahren waren alle ſieben noch leidlich wach. Piter war ſogar ganz, als hätte er die„ſeiner Na⸗ tur durchaus nothwendigen“ zehn Stunden vollſtändig geſchlafen, er lachte und trällerte, und ſagen wir nur, wie unſinnig. Seine eben erlebte Geſchichte hätte jedoch niemand hören können, wollte er ſie auch erzählen, ſo raſſelte man über die öden und ſchon vom kommenden Tageslicht an⸗ gedämmerten Straßen, über die große Brücke, durch die Feſtungswerke; auch kam die pariſer Mallepoſt, nicht unhörbar, hinter ihnen her. Im Bahnhof angekommen, ſchliefen alle außer Pi⸗ tern und Thiebold. Nun aber raffte man ſich noch einmal auf und nahm Abſchied. Kutſcher und Bediente beſorgten Piter's Effecten und die Freunde gewannen auf einen Augenblick ihren alten Humor wieder. Allen fiel ihr erſtes Reiſen zur Meſſe nach Frankfurt oder Leipzig ein und nun brach Gebhard heu und egenheit egeiſte⸗ hetheue⸗ folgen. tändig r, wie emand e man ht an ch die nicht 349 Schmitz, der Dialektkünſtler, wieder das Eis und ent⸗ faltete neue Talente.„Sie, mein kutes Härrchen! Eine kute Meſſe!“ variirte er und der einfallende Chorus ſäch⸗ ſelte mit, bis auf den Pfiff der Locomotive der Zug davon⸗ brauſte und ein donnerndes Hurrah den Zweck und die Bedeutung dieſer Nacht krönte. Die Chaiſen fuhren jetzt in die Stadt zurück und ſetzten alle jungen Herrſchaften vor den Pforten ihrer hochmögenden Väter ab, wo dann ein jedes froh war, ſich in bequemen Sprungfedermatratzen auszuruhen von ſoviel Witz, ſoviel Bildung, ſoviel Kenntniß der Welt und der Menſchen, ſoviel bewußtem Werth für die Welt im allgemeinen und dieſe höchſt ehrwürdige und in ſo vielen Dingen entſchie⸗ den und ſelbſtvertrauend den vaterländiſchen Ton angeben wollende Stadt im beſondern. Während Piter vielleicht entſc=hlummernd Treudchen im hochzeitlichen Kleide und von ihm ſelbſt an den Altar geführt ſah— es wäre das die kapitalſte Idee geweſen, die ſein ihm mangelnder„Verehrungsſinn“ für die Familie hätte ausführen können— war Thiebold, der jeden der Genoſſen noch an ſein Haus gebracht und ſich das Feſt— halten an der Druſenheimer Sonntagspartie bedungen hatte, in der Mitte der Stadt ausgeſtiegen. Schon war es halb fünf Uhr... die Straßen wur⸗ den lebendiger... die Tageshelle mehrte ſich... Seine Schritte führten ihn an einen kleinen winke⸗ ligen Platz, wo Benno wohnte. Mit der Schwärmerei eines Verliebten ſtellte er ſich an einen ſchon von den Mägden mancher fleißiger Hand⸗ werker belebten Brunnen und ſah zu den geſchloſſenen Häuschens empor. Es hing ein Blumenbret vor dem Wohnzimmer⸗ fenſter... alle drei Läden waren geſchloſſen. Der Morgenthau, die herbſtlich friſche Luft kühlte die Augen des ſtillen Beobachters, der gewiß ſein konnte, draußen auf den Holzhöfen ſeines Vaters auch ſchon das lebendigſte Tagwerk begonnen zu finden. Wie er einige Minuten ſo geſtanden hatte, nicht achtend der Neugier um ihn her, nicht achtend der Fuhr⸗ werke, die ſchon im Gang waren, der Ausrufungen, die ſchon von Verkäufern ertönten, öffneten ſich im erſten Stock die Jalouſieen an Benno's Wohnzimmer. Benno war ſchon aufgeſtanden und öffnete, wie er war, im rothgeſtreiften Nachthemde, mit der einen Hand durch ſein dunkles Haar fahrend, mit der andern einen kleinen Vogelbauer unter die Blumen ſetzend. Guten Morgen, Aſſelyn! rief Thiebold voll beben⸗ der Freude und faſt ſchüchtern hinauf. Guten Morgen, de Jonge! war die ruhige und er⸗ ſtaunte Antwort. Schon ſo zeitig auf? Und Sie noch ſo ſpät wach? Haben Sie ſchon gefrühſtückt? Das nicht! Aber Reſte aufzuarbeiten... Doch kommen Sie nur herauf, falls Sie mir nicht wieder über meine alte Kaffeemaſchine die Ohren voll lamen⸗ tiren wollen! Thiebold wußte ſchon, daß das alles von Benno nur Redensarten waren, die wenigſtens die halbe Freude der Fenſtern ſeines Freundes im erſten Stock eines ſchmalen zimmer⸗ t kühlte konnte, h ſchon nicht „ Fuhr⸗ en, die erſten nd er⸗ nb 351 Ueberraſchung verdeckten, die er ſelbſt ſo überſtrömend voll und vom tiefſten Herzensgrunde ganz empfand. Da iſt der Hausſchlüſſel! ſagte Benno nach einer Secunde und warf ihn hinunter. Thiebold hob den Schlüſſel auf, ſchloß die Haus⸗ pforte und ſtieg die ſchmale Stiege zu ſeinem Freunde und zum gemeinſchaftlichen Frühſtück hinauf. Er wußte, daß er ſeinem bewunderten und ange— beteten Aſſelyn nicht um den Hals fallen durfte; er wußte, daß ihm jede weitere Erörterung des Misver⸗ ſtändniſſes mit den Worten würde abgeſchnitten werden: Sie ſind ein närriſcher Kerl!... Er wußte, daß ſeine ganze zu einer Scene der innigſten Zärtlichkeit geneigte Stimmung ſofort die kalte Douche der Ironie bekommen würde. Aber wie er ſo Stufe um Stufe hinaufſtieg, fühlte er doch, er kam aus einem Chaos voll Nacht, voll Kampf, voll Wahn, voll Thorheit zu einem Menſchen, der ſein überwallendes Herz beruhigen, die dunkeln Stimmungen ſeiner Seele erleuchten, ihn im Straucheln halten, im Irren führen konnte, zu einem Freunde, zu dem, ſo jung er war, er und mancher andere hätten ſprechen dürfen: Bei dir— iſt Licht und Ruhe! Darin glichen ſich Bonaventura und Benno, daß jeder von ihnen umſtrickt und umſponnen war von einem durch Schickſalshand angelegten Lebensräthſel. Aber auch darin glichen ſie ſich, daß von einer zu hoffenden Löſung deſſelben ihnen und andern mehr abhängen mußte als nur — ihr eigenes Glück. Ende des zweiten Buchs. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Grey Sortroſ Chari Hed Magenta Vellow