„ Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 2 Büc her: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr.— uf. Mk. 50% Pf. 2 Mk. Pf. 2 2 3—— 5. Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Der Zauberer von Rom. d KNene Erſter Band. Karl Gutzkow. Roman in neun Büchern F. A. Brockhaus. — 8 — — — 1 — — ½ = — R 8 Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Uebertragung in fremde Sprachen vor. Auf ſeiner Harzesfeſte jubelte Heinrich der Löwe, als Friedrich Barbaroſſa, wie ſchon einmal vor ihm ſelbſt in Chiavenna, ſo in Venedig vor Alexander dem Dritten die Kniee beugte und der Stellvertreter Chriſti die Worte der Schrift über den gedemüthigten Kaiſer ſprechen durfte:„Ueber Nattern und Vipern will ich deine Schritte führen!“ Jetzt freilich, und in dieſem Jahre erſt, ſah der Verfaſſer einen erlauchten ritterlichen Prinzen des öſterreichiſchen Kaiſerhauſes unter demſelben Balda⸗ chin, der des Patriarchen Haupt bedeckte, in Venedig friedlich dahinſchreiten am Tage des Fronleichnam. Die ſchmetternden Klänge der Hörner, Poſaunen und Ophikleiden der deutſchen Regimenter hallten an den Wänden des Marcusplatzes wider. Schlachten⸗ gebräunte Generale, den Hut unterm Arm, folgten dem Zuge, den ein weißes, vor wenig Tagen ge⸗ worfenes Lamm, mit rothen und blauen Bändern geſchmückt, eröffnet hatte. Ein blonder Knabe in weißen, ſchleifenbeſetzten Atlasſchuhen, angethan wie VI einer jener ſpaniſchen Infanten, die auf fürſtlichen Familienbildern Tizian malte, führte das Symbol der Kirche an einem rothen Gängelbande. Und dennoch iſt der Streit der Welfen und Ghibellinen noch unbeendet! Unausgefüllt die Kluft der deutſchen Einheit und der lateiniſchen und germaniſchen Welt überhaupt! Diejenigen Cabinete kennen wir, denen wenig da⸗ mit gedient geweſen, als die„Schlacht von Bronzell“ nur eine traurige Caricatur wurde! Wir haben die Liga, haben die Union! Was verbürgt uns, daß nicht das Vaterland eine zweite Schlacht von Mühlberg erlebt, die einſt gefahrvollſte Stunde unſerer Geſchichte... Nur ſelbſtverſtänd⸗ lich wird der Kaiſer, der beruhigend den knieenden Fürſten zuruft:„Nicht Kopf abe!“ kein Spa⸗ nier ſein. Das alte blut- und thränenreiche deutſche Ver⸗ mächtniß, die Spaltung in Süd und Nord, kann noch immer die Breſche werden, über welche hinweg unſere Heiligthümer, Sprache, Bildung, Nationalität, Volkswohl, im Völkerſturm genommen werden, und früher oder ſpäter iſt die Stunde da, wo entſchie⸗ den wird, ob die Welt den Slawen, Celto-Romanen oder Germanen gehört. Die nachfolgende Dichtung will, ſoweit dem Worte eine Wirkung zukommen kann, beitragen helfen die vaterländiſche Einheit n ördern. Sie will war⸗ „ „ — —— ⁵ VII nen, will ermuntern. Sie will die Gefahren auf⸗ decken einer trügeriſchen Lockung. Sie will den„lieb⸗ lichen Ton der Pfeife des Vogelſtellers“ nachweiſen ſelbſt in dem Buſch, wo Tannenzapfen, nicht Orangen reifen. Sie will einem großen, ſehnſüchtigen, auch von ihr heilig gehaltenen Hang und Drang der chriſt⸗ lichen Völker würdigere Ziele zeigen, als ſie ſich bisher in der fernen Fata⸗Morgana ſpiegelten. Sie will für jene heraufziehende Entſcheidung den germa⸗ niſchen Kampfesmuth ſchüren, tauſendjährigen Sieger⸗ ſtolz nähren helfen, will den Verräthern unſers eige⸗ nen Heerlagers auf ihren geheimſten und nächtlichſten Pfaden folgen. Sie will— Doch ſpreche die Abſicht des Buches aus ihm ſelbſt! Der Verfaſſer widmet es ſeinem Volke und ſei— ner Zeit. Er ſtellt dieſe Widmung mit ruhiger Ergebung in die Aufnahme, die von einer Seite aus nur die feindſeligſte werden kann. Häufe ſie Schimpf und Schmach— ein Theil der angeſtrebten irkung wird dann erreicht ſein. Wohlwollenden aber, Uebereinſtimmenden, Ge⸗ rechten den innigſten Gruß zuvor! Der Verfaſſer kennt aus ſchöner Erfahrung das Glück, für Ge⸗ müther zu ſchreiben, die den Autor gleichſam nur bevollmächtigten das zu ſagen, was ſchon lange ihnen ſelbſt auf dem Herzen brennt. Eine der ſeligſten Wonnen— Uebereinſtimmung! Ein nur leiſe ange⸗ VIII ſchlagener Ton und die Hingebung und Liebe führen ihn weiter! Wiſſen: hier lächelt der Leſer wie du: hier feuchtet ſich ſein Auge wie dir: hier erräth er dein Räthſel, noch ehe du zu Ende warſt es zu ſtel⸗ len: hier könnte er deiner einfachen Andeutung eine Fülle eigener Erfahrung an die Hand geben: welche Kraft entſtrömt dieſem ſichern Bewußtſein! Findet ihr zu viel grelles Licht, ihr ſeid gewiß, der Schat⸗ ten wird nachkommen; dunkelt es zu lange, ihr ver⸗ traut, daß es bald am Licht nicht fehlen wird! Was iſt hier Gutes, was Böſes? rufen wol ſchon im Beginn die, die gewohnt ſind nur ſich ſelbſt zu hören. Ihr ermüdet nicht, die Anklage oder Vertheidigung der Charaktere allmählich erſt ſich aufſummen zu ſehen. Nur ſchwarze oder weiße Menſchen haben wir Eng— verbundene in unſerm Erfahrungsbuche nie finden können und... ſtelle doch, du gefallenes Titanen⸗ geſchlecht, Menſchheit genannt, dem Weltenrichter einſt große Aufgaben! Sprüche urtiefer Weisheit fallen am Jüngſten Tage, nicht Schulcenſuren... Das erſte der neun Bücher iſt nur ein Vorſpiel, der erſte, ſchwere Jugendtraum eines in ſolcher Art„gemiſchten“ Charakters. Der Roman ſelbſt, ſowol in Form wie Bedeutung nach den Anforde⸗ rungen an einen Roman des neunzehnten Jahr⸗ hunderts, wie ihn der Verfaſſer in ſeinen„Rittern vom Geiſt“ zu definiren wagte, beginnt erſt mit dem zweiten Buche. Die kleinen Funken, die dort erſt zu zünden beſtimmt ſind und die in den Vorgängen IX des erſten Bandes, dem jungen Dämmerleben einer weiblichen Seele, nur ſpielend auf- und niederhüpfen konnten, wird des Kenners Auge leicht herausfinden. Sei ihre Irrlichtsnatur auch dafür Bürge, daß jetzt wie früher der Verfaſſer nichts um der nächſten Deutung willen ſchrieb oder mit grober Abſichtlichkeit dem freien Schwebegang der Muſe Zwang anthun wollte! Wie ſonſt wird auch hier das Geſetz des Lebens walten und jede freie Luſt am Daſein, jede Regung der natürlichen Empfindung den Keim ihrer höhern Deutung in ſich ſelbſt oft völlig unbewußt tra— gen. Denn in ſolchem Humor leben wir. All unſer Denken und Handeln ahnt die Schatten nicht, die es im Licht der Wahrheit wirft. Dresden, im Juli 1858. —õõ——õʒ3—— — 53 2 5 5 2 5 8 5 2· 2— 1 ——— Langen⸗Nauenheim iſt eines jener nordheſſiſchen Dör⸗ fer, die mitten im Herzen Deutſchlands liegen und denen dennoch nicht ſo warm gebettet iſt, wie es an der Bruſt einer ſo großen Mutter, wie das Vaterland, ſein ſollte.“ 7. Sieht man die verfallenen Hütten mit ihren Stroh⸗ und Schindeldächern, die dünngeſäeten wie frierenden Halme auf den Feldern, das ſpätreifende Steinobſt an den wenigen Bäumen oberhalb eines der vielen Bäche, die da⸗ und dorther von den rothen Felſen des Gebirges ſo behend niedereilen, als ſuchten auch ſie, wie andere Murmelquellen, blumengeſchmückte grüne Matten, ſo be⸗ greift man nicht, wie noch all der Kummer und das Elend es hergeben, daß in der Landeshauptſtadt jeden Mittag Schlag zwölf Uhr eine ſo prächtige Wachparade mit goldgeſtickten Uniformen und ſtolzberittenen Huſaren aufziehen kann. Aber Langen⸗Nauenheim iſt darum auch ſo gut regiert wie Klein-Bockenheim und Ober-Heddersheim, und hat am Eingang und Ausgang ſeinen bunten Pfahl mit den * Landesfarben und den Namen des Regierungs⸗ und 1* 4 Steueramtsbezirks, zu dem es auf Gottes Erdboden ge hört, hat ſein Amthaus, ſeine Spritzenordnung, ſeinen Feuerverſicherungszwang, ſeinen Büttel, ſeinen Nacht⸗ wächter und ſeinen ſogar landesherrlich ſalarirten Schul meiſter. Letzterer heißt Gottlieb Schwarz. Gerade jedoch ſein Häuschen iſt keines von den ſchmuckern. Es lehnt ſich faſt an die Kirche an, die ſelbſt ſo grau und geflickt zwiſchen zwei kleinen Hügeln liegt wie ein großes Storchenneſt zwiſchen den Hörnern eines Strohdachgiebels. Es hat ſogar Fenſter, wo die Schei⸗ ben mit alten Schulheften geflickt ſind; der Regen cor⸗ rigirte die Schreibfehler und falſchen Grundſtriche der bildungsbefliſſenen Jugend. Ein Gärtchen liegt dicht in der Nähe mit einem Staket von dürrem Reiſig, zwiſchen dem im Juni manchmal einige Erbſen blühen, falls man im April ſie zu ſäen nicht vergeſſen hat, was auch ſchon vorgekommen iſt. Vor Jahren... ja, damals war es noch anders. Damals war Gottlieb Schwarz ſelbſtverſtändlich noch jung, noch mit roſigen Hoffnungen aus einem hochlöb lichen Landes-Schullehrerſeminar hervorgegangen. Wie herrlich hatte ſich das ausgenommen, wenn die jungen Volks⸗Lehramtscandidaten im Seminargarten Roſenſtöcke veredelten und ſüße Birnen auf ſauere Quitten pfropf⸗ ten! Auch Seidenzucht trieb man, verſandte auch— wenigſtens im Geiſte— den köſtlichſten Honig an die Lebküchler von Frankfurt am Main und Nürnberg! In der Theorie bewährte ſich alles prächtig und vielleicht —4, 3 auch einige Jahre in der Praxis, wenigſtens zu Langen— Nauenheim, am Diemel⸗, Demel⸗, Donners⸗ und Duſters⸗ bach... die Geographen haben unter vier Bächen, an denen ſie Langen⸗Nauenheim können liegen laſſen, die Auswahl... dann aber... ja dann folgte vorzugs⸗ weiſe ein Weib, das nicht richtig gewählt war, folgten Kinder, ſieben„lebendige“, nächſtdem keine Beförderung, keine„Aufbeſſerung“, immer die aſchgraue Zukunft und das vielbeſprochene Leid eines deutſchen Schullehrers, eines Berufes, den plötzlich eines ſchönen Morgens in Deutſchland, dem Vaterlande des Gedankens, der Buch⸗ drucker⸗ und Buchmacherkunſt, niemand mehr gewählt haben wird, weil allerdings bei der Locomotive den Ofen heizen einträglicher iſt. Gottlieb Schwarz erntete, vollends als Witwer, Brenneſſeln, wo er einſt von oculirten Roſen geträumt hatte... von jenen ſaftigen, länglichen, ſo ſchön, ſo ſchön röthlich angeſprenkelten Birnen, die man beim Deſ⸗ ſert eines frankfurter Bankiers Tafelbirnen nennt und die ſelbſt die eingeladenen Diplomaten nicht verſchmähen in die Taſche zu ſtecken und ſie ihren Kindern vom Diner mit heimzubringen...— Doch um von Kindern zu reden Gottlieb Schwarz wird ſoeben von ſeinen ſieben „Lebendigen“ eines„los“. Das iſt die Lucinde, die Aelteſte! Dies mit der damals noch nachſchimmernden Romantik des Seminars getaufte Kind Maria Ludovica Lucinda iſt eben dreizehn Jahre alt und im Begriff die„Kinderlehre“ zu abſol⸗ viren. Ein nach dem unpoetiſchen Vergleich eines Fuhr⸗ 6 manns wie eine„langhalſige Flaſche“ aufgeſchoſſenes Mädchen ſteigt in eine Kutſche zu einer vornehmen alten Dame, die ſie nach der Reſidenz entführen will. Maria Ludovica Lucinda, die mit ſolchem Staats— namen Getaufte, die hätte der Vater eigentlich lieber behalten ſollen. Sie war in ſeiner ſpät geſchloſſenen Ehe das erſte ſpätgekommene Kind geweſen(als eines den Anfang gemacht, ging das Niederkommen raſcher, die Natur hat ihre wunderlichen Geſetze); ſie war noch, wie ihr Name zeigte, von leuchtenden Hoffnungen begrüßt geweſen, und Ida, Clara, Eſtrella, Balduin, Hugo, Achilles, Patroklus, was ſollte nicht noch alles ihr nach folgen! Doch blieb der hoffnungsvolle ſymboliſche Auf ſchwung nur bei der Erſtgeborenen, und die Spätern hingen ſchon alle von den Namen derer ab, die ihnen ein Pathengeſchenk ins Tauftuch binden konnten. Lucinde, die Romantiſche, ein Nachhall verklungener Jugend Zaubertöne goldenes Morgenroth des Lebens, daß g d 7 wir dein Bild einſt nur noch einmal wiederſehen, im Abendroth!— Lucinde verwerthete ſich dem Witwer noch am beſten von ſeinem reichen Kinderſegen. Die „Lange“ hatte Neigung zum Schulmeiſtern. Sie konnte zwar keinen Eierkuchen backen ohne ihn anzubrennen, aber ſie ſtand dem Vater in ſeiner ſchon ſogenannten „Schulfuchſerei“ bei. Sie ſprach gerade nicht engliſch, nicht franzöſiſch, aber an einer alten Wandlandkarte, die ſich ſtaatsinventariumsmäßig im Langen-Nauenheimer Schulhauſe erhalten hatte aus einer Zeit, wo man noch einige Inſeln der Südſee und das Innere Afrikas nicht entdeckt hatte, konnte ſie ſtundenlang ſtehen und ihrer der Nachkommenſchaft des früh gealterten Männleins aus 7 Zuhörerſchaft Wunder vortragen von den Pyramiden, die ſie nach Amerika, von den Porzellanthürmen, die ſie nach Afrika verſetzte. Alle die Gegenden, wo es noch Bären und Wölfe gab, wurden der Langen⸗Nauenheimer Jugend von ihr im hinterſten Indien gezeigt, womit freilich im Widerſpruch ſtand, daß der Revierförſter der zwei Dörfer weiter wohnenden Herrſchaft dann und wann noch einen von„da drüben herüber“, dem Rhöngebirge, kommenden Wolf gegen Weihnachten geſchoſſen hatte. Gottlieb Schwarz war ſchon lange in der Stim⸗ mung, zu allem, was ihm das Leben beſcherte, nur zu lächeln. Die wilden Verzweiflungen, wo der Menſch ſich in die Haare fährt und„Gott! Gott! Gott! iſt's denn möglich!“ oder dergleichen dumme Redensarten aus⸗ ſtößt, hatte er hinter ſich. Er lächelte zu dem Abſchied ſeiner Lucinde. Mußten die Kinder einmal„verſorgt“ werden, ſo fängt man ja von oben mit der„Latte“ an. Die Nächſte nach der„Latte“, ein Kind, das ſchon mit irdiſcherm Namen nach der Frau jenes Reovierförſters Luiſe hieß, verſtand ſich zwar nicht ſo gut auf Geo⸗ graphie wie Lucinde, aber ſie rechnete beſſer und ihre Eierkuchen brannten nicht an; Hannchen vollends, die Dritte— wieder nichts Mythologiſches— war erſt zehn Jahre alt, hatte aber mehr Sinn für die Wirthſchaft als die beiden Aelteſten zuſammengenommen; ſie ließ ſich nie die Mühe verdrießen, nach den geheimen Orten zu ſuchen, wohin die Hühner ihre Eier legten, ſie pflanzte gern und hielt ihre kleinern Geſchwiſter zum Kleider⸗ ſchonen und Naſenputzen an. Endlich beſtand der Reſt 8 Knaben, und von denen konnten ſich erſt zwei die Hoſen zuknöpfen. Das Rathſame, warum erſt Lucinde weggegeben werden mußte, lag beſonders darin, daß ſie ſehr hübſch und etwas hoch hinaus war. Sie hatte koſtſpielige Lieb⸗ habereien. Schwarz von Namen und von Haar und Augen, pflegte ſie ſich gerade gern mit irgendeinem zinnober- oder purpurrothen Stück Zeug zu putzen, mit Bändern und Lappen, und hätten dieſe ringsum die Pachterstöchter oder die Frau Pfarrerin ſelbſt ſchon nahe am Wegwerfen gehabt; die flocht ſie in das dunkle, ſchwere und etwas rauhe, ja roßmatratzenmäßige, weil ungepflegte Haar. Sie hatte ferner die Liebhaberei, unendlich träge, gerade herausgeſagt faul zu ſein, ſich den Sonnenſchein ſo in den offenen kleinen, rothlippigen Mund ſcheinen zu laſſen, daß dabei die weißen Zähne wie Perlen blitzten. Sie hatte die Liebhaberei, ſich in einer Luke des verwitterten Hausdaches einen Tauben ſchlag zu halten. Kurz, der Vater ließ die Luecinde ziehen, und ſie ging gern: ihre Leidenſchaft war die Geographie und ihre Träume ſpielten„jenſeit der Berge“. Das halbe Dorf umſteht den Wagen, mit dem Lucinde in die Reſidenz fährt. Man ſieht, was ihr auf ihre Lebensbahn mitgegeben wird... Zwar nicht die vier Hemden, die ſechs Ta⸗ ſchentücher, das Dutzend Strümpfe, ihr Sonntagskleid, die ein zugeknöpftes Bündel machen; aber den ſelbſt⸗ gefertigten Seidenhut, für deſſen Form ein urweltliches Modell von der Frau Pfarrerin, für deſſen Beſatz 9 Bänder und Lappen von allen Honoratioren, die hier im Bereich der vier Bäche wohnten, entlehnt worden waren. Ihre Toilettegeräthſchaften waren in einem wun⸗ derlichen Korbe beherbergt, deſſen Erſcheinen ein allge⸗ meines Gelächter hervorruft. Es iſt ein drahtgeflochtener Bienenhelm, in dem Gottlieb Schwarz, ehe er ſich ver⸗ heirathet hatte, in ſeinem damals erfreulichern Garten⸗ weſen noch nach dem Leben und Weben in ſeinen Bienen⸗ körben geſchaut und Verwirklichung ſeminariſtiſcher Ideale getrieben hatte. Manche von den Aeltern, die herum⸗ ſtehen, wiſſen noch, daß das„Klima“ bald äußerlich bald innerlich für Bienenzucht hier zu Lande zu rauh wurde. Dann hatte Lucinde oft dieſen Helm benutzt, um der Schuljugend poetiſche Schauer und Schrecken einzujagen. Als praktiſche Erläuterung ihres Geſchichts⸗ unterrichts über das Mittelalter rannte ſie mit vermumm⸗ tem Kopfe den Kindern nach und veranlaßte Turnier⸗ ſchauſpiele, bei welchen mancher Ente der Fuß verrenkt wurde. In dieſen dorfbekannten Helm hat Lucinde alle ihre Geheimniſſe verpackt, auch ihre Näh⸗, Strick⸗ und Stickapparate, die ihr leider in jeder Beziehung zu ſehr Geheimniſſe geblieben waren. Dann kommt ein Sack mit gedörrten Zwetſchen von jener Langen⸗Nauenheimer Art, die erſt ſechs Stunden im Waſſer quellen muß, bis ſie ans Feuer kommen darf, und auch dann noch wie ein Gericht Kieſelſteine ſchmeckt; ferner ein Kober voll Eier, die ſehr behutſam im Innern des Wagens unter⸗ gebracht werden, und zuletzt auf die Höhe des Gefährts, über dem Verdeck, ein großer Waſchkorb, den Lucinde ſehr feierlich zurückzuſchicken verſprechen muß. In ihm gurrt, gluckſt und gurgelt es durcheinander. Es iſt ihr Taubenſchlag. Ohne ihre Tauben mochte Lucinde nicht mit in die Stadt, und die vornehme Dame hatte gerade für dieſe die bequemſte und Paſſendſte Unterkunft ver⸗ ſprochen. Die Abreiſe Lucindens war gewiß etwas Merkwür⸗ diges und Seltſames. Sie erregte Staunen genug, jedoch nur Staunen. Keine Thräne floß, beim Vater nicht, bei den ältern Geſchwiſtern nicht; die jüngſten weinten nur, weil ſie nicht„mitgenommen“ wurden. Die Hauptſorge des Vaters war das baldige Zurück⸗ ſchicken des Waſchkorbes; er ſchlug den Nacht⸗Eilwagen, die Fahrpoſt, die Briefpoſt, die Diligence und mehrere landeskundige Hauderer als auszuwählende beſte Retour⸗ gelegenheit vor. Die Tauben gab er leichter hin; die koſteten ihm ein„Schreckliches“ an Erbſen und dem gan— zen Hauſe an Zeit.„Wer ſich Tauben hält, iſt immer ein verdorbener Millionär“, war einer von den Sätzen, wie er dergleichen vor dreißig Jahren in ſein Tagebuch zu ſchreiben pflegte. Die Kutſche fährt ab; die Leute ſehen ihr nach wie der Thurn und Taxis'ſchen Poſt. Das Fremde kommt, das Fremde geht... Gottlieb Schwarz ſteht vielleicht am längſten. Dann nimmt aber auch er erſt nachdenklich noch eine Priſe, die er ſich„auch noch zu ſeinem Ver⸗ derben“ angewöhnt hat, und geht nun— es iſt Sonn— abend Nachmittag, die ſeligſte Zeit des Schullehrer⸗ lebens— in die am Ende des Dorfes, vor dem großen Berge liegende Fuhrmannsausſpannung. Da pflegten die Fuhrleute und mehrere Conducteure der Thurn und Taxis'ſchen Poſtcurſe Vorſpann, geiſtigen und leiblichen, zu nehmen. Es war immer eine muntere Welt dort; auch eine frankfurter Zeitung lag auf, die Lucindens Vater eifrig ſtudirte, um auf den Ausbruch beſſerer Zei⸗ ten gerüſtet zu ſein. Die Zeiten, wo er im„Beiwagen“ derſelben geſucht hatte, ob nicht endlich ſeine letzten Ein⸗ ſendungen, die„Ferienphantaſieen eines deutſchen Dorf⸗ ſchullehrers“, ſeine„Jubel⸗Vorſchläge zur Verbeſſerung der Volkserziehung“, ſeine„Beobachtungen über die merk⸗ würdige Entwickelung eines Hagebuttenpfropfreiſes zur Erzielung veredelter Dornröschen“, ſein„Aufruf an die deutſche Nation zur Abſchaffung des überflüſſigen Dehn⸗ buchſtabens H“, zum Abdruck gekommen waren, die lagen weit ſchon, weit, weit... hinter ihm... Um die Er⸗ innerungen zu ſtopfen und ſich gleichſam über die Ver⸗ ſorgung ſeines Kindes zu freuen, trinkt er wol heute einen Schoppen mehr von dem etwas ſchweren Bier, das die Fuhrleute lieben, ehe ſie über den großen Berg machen... Wol war es bedenklich, daß Gottlieb Schwarz unter ihnen mehr verkehrte, als ſeiner Stellung und be⸗ ſonders dem ſpäten Heimwanken gut war, wenn Nachts die lieben Sterne blinkten und die vielen Brücklein von vier Bächen beachtet werden mußten, die da alle ſo ſtill und kühl mit dem Leid der Menſchen dahinfließen die„lange Latte“, die mit ihren Und nun, da ſitzt ſie denn, „Aufgeſpillerte“, die„Dreege“(Magere), um den kleinen Kopf gewundenen ſchwarzen Zöpfen, ganz das Abbild ihrer Mutter, einer Feldwebeltochter, deren Vater in der Reſidenz ein ſilbernes Porteepee hatte tragen ürfen und der ſich unter dem„dummen Bauernvolk“ als & civilverſorgter Kreisſteueramtscontrolſchreibereiaſſiſtent einen Steuerrath ſelbſt gedünkt hatte. Trotzig und ſchen, ängſtlich und feſt, nicht mit Abſicht, ſondern von Natur ſo gemiſcht, hockte das halbreife Mädchen in einem ver— waſchenen ehemals röthlich geweſenen Kattunkleide, das ihr ſchon lange zu kurz und zu eng geworden war, in der Ecke der Kaleſche, die langſam die Anhöhen hinauf⸗ ſchleicht, geführt von einem halbwüchſigen Burſchen, der die Gäule— ſie waren gemiethete, wie der Wagen— ſchonen ſoll Die alte Dame, die ihr aieiih ſich nicht zu fürch⸗ ten, ſondern der Nndendiet und beſten Schickſale gewiß zu ſein, iſt einem„Nachtmahr“ auct unähnlich. Wenig⸗ ſtens hat ſie eine Naſe, die in einer beſtändigen Neigung ſcheint a as vorgeſtreckte Kinn einen zärtlichen Kuß zu ui a ear neenem iſt nach den allgemeinen Ge⸗ ſetzen der Natur, inſoweit ſie ſich auf die Bildung eines menſchlichen Antlitzes erſtrecken, bei dieſer edeln Frau ein Mund anzunehmen; doch ſuchte man vergebens nach etwas, was wie zwei Lippen ausgeſehen hätte. Sind wirklich die Verſinnlichungen ſolcher Begriffe zwiſchen der liebevollen Naſen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden, ſo preßt ſie doch die glückliche In⸗ haberin derſelben ſo zuſammen, daß ſie nach oben in der Naſe, nach unten im Kinn gleichſam mit aufgegangen ſcheinen. Verſucht die Dame ferner, was ſie oft thut, über die Oeffnung, die man Mund nennt, ein Lächeln zu zaubern, ſo ſieht man einige Zähne, die wie die einſamen, geköpften Weidenſtumpfe an den Bächlein ſtanden, die man hier zu paſſiren hatte. Die Sprache der Dame iſt hochdeutſch, ſoweit ein gewiſſes Röcheln und Schnurren unartikulirter Zwiſchentöne es erkennen läßt, ſonſt ſogar was man gewählt nennt und„nicht frei von Bildung“. Leider kommt dieſe Sprache aber ſo ſeltſam zu Gehör, als wenn jeder Satz ſich in den innern Gängen der Bruſt verliert. Wie die herabge⸗ laſſene Eimerkette eines großen Ziehbrunnens verrollten die hübſcheſten Anfänge ihrer Reden für das aufmerk— ſame Ohr des ſie zuweilen ebenſo unheimlich anſchielenden Kindes in dunkle und unverſtändliche Abgründe. Den Namen ihrer Wohlthäterin und ihren Stand kannte Lucinde, die bereits hinter Langen⸗Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter dem erſten Nachbardorfe ſchon noch kürzer in * Jette umgetauft wurde. Sie fuhr mit der verwitweten Frau„Hauptmännin“ von Buſchbeck. T ame be⸗ hauptete in der Nähe auf irgendeinem Rittergute Kapi talien liegen zu haben, welches, Liegen“ ſich Lucinde(oder müſſen wir nun auch ſagen Henriette?) ganz figürlich vorſtellte. Beim Vorbeifahren an Langen Nauenheim wollte die Frau Hauptmännin ſich über den Dorfſegen ergötzt haben, der gerade aus dem Schulhauſe ſtrömte, an den lachenden, fröhlichen Kindern, und am meiſten hätte ihr„Lieb⸗Jettchens“ Erſcheinung gefallen, die die Kinder gerade aus der Thür entließ und jedem, der nicht Ordre parirte, tüchtig ſie erzählte das ſoeben lebendig und mit manchem wohlwollenden, leider im Huſten erſtickenden Hi! Hi! wieder, einen„Star nickſel“ mit auf den Weg gab. Denn Ordnung muß ſein! röchelte die Hauptmännin, als der Eimer ihrer Stimme wieder aus dem Brunnen herauskam, und fügte dann nach und nach hinzu: Sitz aber gerade, Kind! Schlag nicht die Beine ſo übereinander, du langes Ding! Ja, ſauge doch nicht an den Nägeln, Kerl! Guck mir doch nicht zum Schlag hinaus, wenn ich dir's nicht befohlen habe, du—! Ach was, ach was! Nenne mich meine liebe gnädige Frau! Hm, Hm! Lieb⸗ZJettchen! Zieh mir einmal die Schuhe aus, ich glaube, es iſt mir ein Stein hinein gekommen! Kind, kratz mir ein biſſel den Rücken, ich glaube, ich habe was aufgegriffen unter euch verfluch— oder s'iſt mein gewöhnlicher Rhevmatismus! So, Jette! So! Ha! ha! Ein ſolcher Name! Lucinde! Wer ſoll das ausſprechen! Solche Schullehrermucken! Halt dich 15 gerade! Sitz nicht ſo krumm! So! Brav! Wir werden ſchon einig werden! Lucinde that mit Ergebung alles, was ihr befohlen wurde. Die gnädige Frau von Buſchbeck hatte bei ihrer letzten Bewunderung des Langen⸗Nauenheimer Kinder⸗ ſegens dem Vater den Vorſchlag gemacht, dieſe unter allen hervorragende Erſcheinung in die große Stadt mitzunehmen, ſie wie ihr Kind zu behandeln, ſie aus— bilden, erziehen, in Muſik und Sprachen, ſchönen Künſten und Wiſſenſchaften unterrichten zu laſſen. Lucinde hatte dem überraſchten und geſchmeichelten Vater gelobt, dieſer wunderbaren Frau, die auf den Feldern hier Kapitalien„liegen“ hatte, unbedingt zu folgen und ſich zu fügen, in allem, in jedem, und ſo ihr Glück zu machen,„was man in Langen⸗Nauenheim bekanntlich nicht machen könne“, wie er dann ſelbſt hin⸗ zuſetzte. Lucinde hatte dabei gedacht:„Wie weit Ame⸗ rika iſt(wo manche Langen⸗Nauenheimer ſchon verſucht hatten ihr Glück zu machen) weiß ich!“ Sie dankte daher auch, nach dem Ausdruck ihres Vaters,„ihrem Schöpfer“, daß eine ſolche Frau ſich gefunden, die ſie ſo ohne weiteres und geradezu innerhalb fünf Stunden aus dem Neſt mit ſich heraus und in die Welt nahm. Um elf Uhr hatte die fremde Dame den oft bewunderten „Kinderſegen“ wieder bewundert, um ein Viertel auf zwölf Uhr die Vorſchläge gemacht, um vier Uhr kam ſie von den Gütern zurück, auf denen ſie Kapitalien„liegen“ hatte, die Bedenkzeit, die ſie gelaſſen, war verſtrichen, der erſte Widerſtand Lucindens nicht hartnäckig, aus⸗ 16 genommen was ihre Tauben anbelangte. Dieſe, wie geſagt und wie wir auf dem Verdeck hören können, nahm ſie mit, und ſo hatte Lucinde nicht einmal vorher noch dem Pfarrer, bei dem ſie in„Kinderlehre“ ging, oder der Frau Pfarrerin Abſchied geſagt, ja nicht einmal ge⸗ geſſen und getrunken. Das Letztere war vorläufig das Schlimmſte. Sie ſuchte der gnädigen Frau den Stein aus dem Schuh, ſie kratzte ihr den Rücken, ſie hörte nicht blos auf Jettchen, ſondern ſogar ſchon auf Jette, nun aber bekannte ſie auch, daß ſie nichts gegeſſen und getrunken hätte. Na, das war ja gerade das, wonach die Frau Hauptmännin ſchon lange hatte fragen wollen, denn ihrerſeits behauptete ſie auch, zwar nicht Hunger, aber Durſt zu haben, doch im nächſten Orte gäbe es ein vortreffliches Wirthshaus, und daſelbſt ein vortreff⸗ liches Bier; und als ſie näher kamen, entdeckte ſie, daß ſie einen andern Ort gemeint hatte... das Wirthshaus da, das kenne ſie,— da wäre alles ſchlecht, das Bier, die Milch, und da ihr ſelbſt der Durſt inzwiſchen ver gangen war, ſo ſchickte ſie die Jette blos an den Brunnen. Die hatte nun wieder kein Gefäß und trank aus der hohlen Hand. Daß ſie auch Hunger hatte, war in der liebevollen und gründlichen Erörterung über ihren Durſt vergeſſen worden. Es war ſchon Abend, als die Kutſche endlich in der Reſidenz anlangte. Die Laternen brannten ſchon; nach Anſicht mancher Opponenten der Communalverwaltung düſter und ſparſam; für Lucinden war es Feenbeleuchtung. Der arme Tropf ſah ſich wirklich an den himmelhohen Gebäuden, an den Lichtern, an den Carroſſen und vielen 17 Menſchen„ſatt“, wenn auch die Frau Hauptmännin, als die müde Kaleſche ſo ſchlaftrunken über das Straßen⸗ pflaſter hintaumelte, jetzt ein Nachteſſen, das ſie ſogar ins Franzöſiſche überſetzte und Souper nannte, in glän⸗ zende Ausſicht ſtellte. Die Paſſagiere hielten dann in einer der lebhafteſten Straßen an. Lucinde und der junge Wagenlenker luden das Gepäck ab, auch die Eier, auch die Zwetſchen, auch den Bienenhelm, und vor allem den Taubenſchlag. Alles kam durch gemeinſchaftliche Anſtrengung drei Treppen hinauf. Niemand oben empfing ſie. Lucinde mußte vor einer verſchloſſenen Thür die Herrlichkeiten hüten, bis die Frau Hauptmännin nachgekommen war. Sie kam mit den heftigſten Verwünſchungen über die Höhe des Trink⸗ geldes, das der kleine Knirps von Kutſcher gefordert hatte. Dazu die drei Treppen; ſie brauchte Zeit, bis ſie ſich ſammeln und das Vorlegeſchloß ihrer Wohnung prüfen konnte. Nachdem dies geſchehen, genug gerüttelt und . 3 geraſſelt war, ſchloß ſie auf. Lucinde trat in einen kleinen Gang, zu deſſen Rechten die Küche lag. Hier machte die vornehme Dame Licht und beaufſichtigte den . weitern Transport des Mitgebrachten. Beim Verſchließen der Eier im Küchenſchrank beleuchtete ſie einen ſteinhart geewordenen Laib Brot. Ja ſo! ſagte ſie. Unſer Souper! Da, Jettchen, raſch! Flink! Drüben im Laden! Wo iſt denn meine Börſe! Hole— hier! Lucinde ſollte raſch hinunterſpringen und gegenüber in einem Laden friſches Brot holen, auch von nebenan Butter und von noch weiter nebenan aus einem Keller Rettiche, die ſehr delicat ſchmeckten, wenn man, ſagte Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 2 . Frau von Buſchbeck, einen Salat draus machte mit Eſſig und Oel... Wie das alles ſo wonnig mundete! Als aber Lucinde ſchon im Gehen war und noch einmal zurückkam, weil ſie ja das Geld vergeſſen hatte, ſagte die freundliche, liebevolle Dame: Kindchen, biſt doch wol zu müde, auch zu fremd, und wirſt es nicht finden! Und nun ſchnitt ſie ſchon von dem alten Brote vor und holte aus einem andern Schranke mit koſtbarem Porzellan von buntgemaltem meißener Rococo ein aller⸗ liebſt geformtes Näpfchen, freilich nur mit Salz gefüllt. Aber„Salz und Brot macht die Wangen roth!“ ſagte ſie, und— Lucinde aß Salz und Brot. Aber da purren und gurren ja noch die Tauben in dem Waſchkorbe! Den armen Dingern muß drinnen recht bang geworden ſein und verſchmachtet ſind ſie gewiß auch. Morgen ſollte der Tiſchler kommen, hatte es auf der Landſtraße geheißen, und ſollte auf dem Dache eine wundervolle Vorrichtung treffen, einen Taubenſchlag, der nie einen Marder zulaſſen würde. Einſtweilen aber wurde jetzt die Höhlung unter dem Feuerherde ausgeräumt und eins nach dem andern von vierzehn der trefflichſten veredel⸗ ten Feldflüchter in dieſe unbequeme Wohnung eingelaſſen. Einen Vorbau machte man aus umgekehrten Schemeln, Beſen, ausgebreiteten Scheuerlappen. Die„gnädige Frau“ lachte ganz vergnüglich über die lieben Thierchen, nahm den Sack mit Zwetſchen und ging erſt jetzt in ihre vordern Zimmer. Auch hier die Prüfung der vor⸗ gelegten Schlöſſer. Auch hier ein behutſames Auf⸗ 19 ſchließen und ebenſo ſorgfältiges Wiederanziehen der geöffneten Thür. Lucinde wurde nicht aufgefordert zu folgen. Da ſtand ſie nun, todmüde, in der linken Hand ihr hartes Brot, in der rechten eine Küchenlampe. Sie durfte nicht näher kommen, weil erſt geſtern geſcheuert worden war, und die Decken lagen noch nicht wieder, die koſtbaren, zuſammengerollten, über die Lucinde einige⸗ mal im Vorſaal ſchon geſtolpert war. Es verging wol eine Viertelſtunde, bis die Frau Hauptmännin zu⸗ rückkehrte und Licht gemacht hatte. Wie ſie ſah, daß Lucinde ſo im Vorſaal ſtand und unnützerweiſe den lee⸗ ren Wänden leuchkete, ſagte ſie: Donnerwetter, das Oel iſt theuer! Du kannſt jetzt zur Ruhe gehen! In der Küche gab es noch einen gemüthlichen Verſchlag in die Mauer hinein. Dort öffnete die gnä⸗ dige Frau und zeigte Lucinden etwas, was wie ein Bett ausſah.„Jettchen“ allerdings war ſo müde, daß ſie nicht einmal ihre Bewunderung vor dieſem Bette, das man wieder unſichtbar machen konnte durch zwei Thür⸗ flügel, ausſprach. Sie war nur froh, den mitgenom⸗ menen Vorrath von Erbſen, den ſie vorhin ausgeſchüttet hatte, unterm Feuerherde verknuspert zu hören; ein paar ihr ſehr liebe Kropftauben gurgelten ihre Atzung ganz hörbar hinunter. Na, und nun kleide dich aus! Gute Nacht! Schlaf nicht zu lange! Träume gut! Sage: Ich wünſche Ihnen wohl zu ſchlafen, meine liebe gnädige Frau! Na, wird's? Nein, ordentlich! Ich— wünſche— Ihnen— wohl— — — 20 zu— ſchlafen,— meine— liebe— gnädige— Frau! So! Das war recht! O, wir verſtehen uns ſchon! Wir paſſen zuſammen! Um fünf Uhr aber Reveille! Verſtanden? Gute Nacht! Ahnend, was Reveille ſagen wollte, und etwas un⸗ gewiß, ob ſie wirklich am Ziel der verheißenen Selig⸗ keiten war, ging Lucinde, ſich reckend und dehnend, barfuß und im Hemde noch einmal nach vorn und ſah durch die Glasthür. Der Vorhang ließ ein Ritzchen offen, durch das ſie hindurchſchielte. Ei, kaut nicht die gnädige Frau gerade ihre Zwetſchen friſch aus dem Sack heraus? Es muß doch wol ſein, wenn's auch ein Anblick war, als wenn zwei concentriſche Mühl⸗ räder ſich umeinander drehten, nur jedes nach entgegen⸗ geſetzter Richtung hin.. Und wie die Zwetſchen auch ſchwierig zu ſchroten waren, ſo mundeten ſie der gnädigen Frau doch vortrefflich, ſodaß ſie ſchon einen Haufen Steine vor ſich hin und zwar ſehr ſauber auf ein Papier gelegt hatte. Sie hielt offenbar ihr„Souper“ und blinzelte dabei ſo liſtig mit den Augen ringsum wie eine Katze, die ſich auf ihre nächt⸗ liche Wanderung nach Mäuſen freut, und ſonderbar— auch mit den Steinen liebäugelte ſie, als wenn ſie der lockendſte Speck wären, an den jemand anderes noch an⸗ beißen ſollte. Und endlich gar noch ſonderbarer! Wenn die ſchwarzen Augen der gnädigen Frau einen recht ſtechenden Glanz bekamen, dann ſchien ſie ganz blind zu werden. Lucinde wußte das ſchon aus Vorkommniſſen der Reiſe; auch ſie beobachtete ſcharf. Jetzt bewegte ſich der Vorhang. Raſch ſchlich ſie zur Küche zurück, wo 21 ſie ſich ihren Bettkaſten heraustappte und zuſammenge⸗ krümmt auf einen Strohſack ſich niederwarf. Die Lade war zu kurz für ihren aufgeſchoſſenen Wuchs. Doch entſchlummerte ſie und hatte ſogar die angenehme Ah⸗ nung— morgen in der Frühe doch noch Wonnen des Paradieſes zu entdecken. Von dem Morgen an, wo Lueinde erwachte und im Auffahren faſt lebensgefährlich an die ſpitze Naſe der Frau von Buſchbeck ſtieß, die ſie ein für allemal be deutete: So lange dürfe ſie niemals ſchlafen!(es ſchlug eben eine Uhr mit heiſerm Tone, nicht unähnlich dem Bellen eines alten aſthmatiſchen Mopſes, fünf!)— von dieſem Morgen an blieb Lucinde ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage und drei Stunden bei der Frau „Hauptmännin“ von Buſchbeck und in den ſeltſamſten Verhältniſſen. Schon von der Frau, die fünfeinviertel Uhr⸗ die Milch brachte, hörte Lucinde ein lautes Lachen: Wieder einmal eine in die Falle gegangen! Weiter war die Milchfrau nicht gekommen, denn ſchon ſchlorrte die Frau Hauptmännin im„Nachtjoppel“ und mit einer Haube, deren Spitzen ſich in die uns ſchon bekannte liebende Umarmung von Kinn und Naſe 1 als Drittes im Bunde einzumiſchen ſuchten, aus der vordern Stube heraus und verwies Lucinden jeden un⸗ nützen Aufenthalt mit den Leuten, die„ins Haus kämen“. „Ins Haus“ nannte ſie ihre Wohnung, beſtehend, wie 23 Lucinde ſah, aus der Küche, einem dunkeln Entree mit Guckloch durch die Thür zur Hausflur, einer Schlaf⸗, einer Wohn⸗ und Putzſtube. Ueberladen aber war die Möblirung der kleinen Etage allerdings. Für ein zwei⸗ ſtöckiges Haus würde ſie ausgereicht haben. Was am erſten Abend Lucinde ſchon beim Beobachten des Zwet⸗ ſchenmahles befremdet hatte, waren eine Menge ausge⸗ ſtopfter großer Vögel, einige aus Steinen gemeißelte häßliche Köpfe, die Götzen vorſtellten, ein Porzellan⸗ Chineſe mit einem großen Pfauenwedel, auch eine Lanze, die quer an der Wand hing, mit einem Köcher voll Pfeile, die, wie ſie ſpäter erfuhr, vergiftet ſein ſollten. Alle dieſe Dinge hatte der Herr von Buſchbeck aus Indien mitgebracht. Er war Hauptmann in nieder⸗ ländiſchen Dienſten geweſen, und ſeine Witwe lebte von einer Penſion, die ſie, wie ſie ſagte, aus dem Haag bezog... die Gelder ausgenommen, die ſie auf dem Lande„liegen“ hatte. Dieſe vergifteten Pfeile beſchäftigten Lucinden ſo ſehr, daß ſie gleich in der zweiten Nacht von der gnädigen Frau träumte, die ihr im Schlaf erſchien und einen dieſer Pfeile gerade aufs Herz ſetzte. Sie ſchrie im Schlaf auf, und wie ſie aus ihrer Bettlade in die Küche blickte, huſchte auch etwas dahin und klappte nach der Entreéethür zu. Sie horchte länger, entdeckte aber nichts. Als ſie am Morgen erwachte und nach ihren Tauben ſah,— der Tiſchler war noch nicht beſtellt worden, weil Lucinde nicht früher ausgehen ſollte, als bis ihre„Gar⸗ derobe“ ganz in Ordnung war; ſie hatte daran den ganzen Tag nähen müſſen— da lag ja eine von ihnen 24 todt! Das Opfer war glücklicherweiſe keiner ihrer Lieb⸗ linge. Frau von Buſchbeck bedauerte den Unfall, fand es aber angemeſſen, daß man die Taube nicht ganz„um⸗ kommen“ ließ. Sie wurde zu Mittag von ihr ſelbſt, wie ſie's nannte, au gratin zubereitet. Daß Lucinde von einem ihrer Täubchen ſelbſt nichts eſſen mochte, that ihr leid, denn ſie ſagte, ſie hätte darauf gerechnet. Lueinde mußte ſich deshalb mit einer einfachen Milchſuppe be⸗ gnügen. Schwerlich würde Lucinde von der Milchfrau ein ferneres überraſchendes Wort, das wir gleich berichten wollen, vernommen haben, wenn ſie nicht die Schlau— heit gehabt hätte, ſchon durch das Guckloch zu beobach⸗ ten, wann dieſe kam. Denn kaum hatte im glücklich erſpähten Moment, als ſie ohne zu klingeln geöffnet bekam, die Milchfrau geſagt: Was? Sie ſind noch da? und dies Noch höchſt ſcharf betont, als auch ſchon wie⸗ der Frau von Buſchbeck in Halbnegligé, Joppel und Spitzenhaube erſchien und eine weitere„Converſation“ unterbrach. Lucinde war eine Gefangene. Die gnädige Frau beſorgte die inzwiſchen nothwendig gewordenen Ausgänge ſelbſt und ſchloß ihren Pflegling ein. Glück⸗ licherweiſe glaubte dieſer, ſolche Vorſicht wäre in der Ordnung, da ihr die Stadt als eine Höhle aller Laſter und Verbrechen geſchildert worden war. Nur daß ſie ausſchließlich in der Küche und auf dem Entree verbleiben mußte, wurde ihr zu ſchwierig. Sie rüttelte wenigſtens an dem Eingang zur Wohnthür, aber die vordere Herr⸗ lichkeit mit den Erinnerungen an die Wilden fand ſie immer verſchloſſen. ———ÿ—ÿ—ÿ—xxx—x—xxxxPÿÿ— — 25 Der Taubenſchlag, der auf dem Boden hergerichtet werden ſollte, kam nicht. Die Tiſchler wären viel zu theuer, hieß es, und vor Mardern blieben die Thierchen unterm Küchenherde geſicherter. Es war ein trauriger Anblick, die armen Luftbewohner in dem engen Raume ſich drängen und einer dem andern auf die ohnehin bei Tauben ſchon ſo ſchwerfälligen Füße treten zu ſehen. Lu⸗ cindens liebſte Freude war ſonſt geweſen, an der Dach⸗ luke zu ſitzen und die kreiſenden Bewegungen ihrer Pflege⸗ befohlenen mit ihren ſcharfen Augen, die ſie bis in die weiteſte Ferne verfolgen konnten, zu beobachten. Sie verbrachte eben damit die Zeit, die beſſer für die Erler— nung des Eierkuchenbackens wäre angewendet geweſen. Einzig den paar Kröpfern, die ſich Lucinde aufgezogen, that die Ruhe wohl. Die häßlichen Thiere ſaßen wie die Puterhähne und vergruben die Schnäbel in ihre Kröpfe. Leider aber mußten ſie hungern, was dieſe vornehmen Prälaten am wenigſten vertragen können. Es ſtarben aber— faſt konnte man ſagen„glücklicher⸗ weiſe“— in nächſter Nacht noch zwei von den armen Gefangenen. Es war eine Taube darunter, deren Ver⸗ luſt Lucinden unendlich nahe ging; eine halb braun und weiße Taube von ganz beſonderer Zierlichkeit, mit einem Halſe, deſſen Federn auf die wunderbarſte Art in ſämmt— lichen Farben des Regenbogens ſpielten, ohne daß man eigentlich unterſcheiden konnte, wo die grünen und die blauen Schattirungen anfingen; es ſind die Farbenſpiele der Taubenhälſe eben Wunder, die noch kein Chemiker hat erklären können. Lucinde wußte wohl, daß zu ihrer Wirkung das Licht des blauen Himmels gehörte, von dem 26 in die nach einer Brandmauer hinausgehende Küche leider ſehr wenig hereinfiel. Auf dem Boden, das entdeckte ſie dann allmählich auch, war gar kein Platz, um daſelbſt einen richtigen Taubenſchlag bauen zu können. Sie entdeckte das, wenn ſie von dorther Holz holen mußte. Es war das für ſie immer eine große Entdeckungsreiſe, auf der ſie vielerlei Neues ſah. Es ſchmerzte ſie daher auch nicht zu ſehr, als eines Tages die Alte mit einem ganz beſonders charakteriſtiſchen Tone ſagte: Sackerlot! Die Tauben freſſen einem ja das Hemd vom Leibe weg! Das ſind theure Koſtgänger! Wir wollen ſie verkaufen! Was ſie einbringen, leg' ich zu deiner Toilette an für den Winter, Jettchen! Lucinde hatte aus dem Fenſter, wenn ſie vorn rein machte und nähte— letzteres mußte ſie jeden freien Augenblick— und wenn es in der Küche zu finſter wurde, in der Vorderſtube, ſchon manche wunderſchöne Frau auf der Straße geſehen und träumte dann, wenig— ſtens einen neuen Hut tragen zu können, wenn auch ohne Federn. Sie gab alſo ihre Einwilligung zum Verkaufe. Die Alte brachte einen Koch aus einem der vornehmen Gaſthäuſer mit, der ſämmtliche Tauben an ſich nahm. Wie viel ſie dafür löſte und wie viel für ihren Winter— ſtaat verbraucht werden konnte, erfuhr Lucinde nicht; denn der Koch kam gerade in dem Augenblick, als ihr die gnädige Frau befohlen hatte auf dem Boden zu blei⸗ ben und zwei Trachten Kleinholz zu machen. Daß ſie nur eine„Magd“ bei der gnädigen Frau war, das hörte ſie dort oben denn endlich auch. Auf 27⁷ dem Boden trafen ſich die Mägde aus dem ganzen Hauſe zuſammen, und da erfuhr ſie desgleichen, daß Frau von Buſchbeck in der ganzen Stadt den Namen hatte, keinen Dienſtboten mehr, aber abſolut auch keinen mehr, bekom⸗ men zu können. Sie plage und quäle ihre Leute ſo ſehr, daß niemand länger als einige Tage bliebe. Die„Mieth⸗ weiber“ ſchickten niemand mehr, vor der Polizei be⸗ käme ſie gegen keine Anklage mehr recht; ſie wäre ver⸗ urtheilt geweſen ſich ſelber zu bedienen, wenn ſie nicht auf den Einfall gekommen wäre— Bei dieſer Eröffnung mußte Lucinde ſchon wieder hinunter. Frau von Buſchbeck rief ſie ſelbſt ab und fuhr die Magd an, die in einem Nebenboden Holz ſpaltete und wol„ihre Dienſtboten verführen“ wolle? Vor ihren Augen mußte Lucinde zwei Trachten Holz aufpacken und in die Küche tragen. Jetzt war Platz wieder unterm Feuerherd. Die Tauben waren fort. Die gnädige Frau behauptete, ſchlecht bezahlt worden zu ſein; ſie gab von dem, was ſie von dem Koch empfangen, nur die Hälfte an, und Lucinde hörte es kaum; ſie überlegte ſich nur, was ſie gehört: Frau von Buſchbeck hatte in der Stadt keine Magd mehr bekommen können und holte ſich des⸗ halb— eine doch wol vom Lande? Ihr Räthſel war gelöſt. Ehe ſie dabei mechaniſch das Holz verpackte, wollte ſie doch erſt die vielen kleinen Federchen wegnehmen, die von ihren Tauben zurückgeblieben waren. Sie wa⸗ ren ſo blau, ſo weiß, ſo goldbräunlich, und jede Feder erinnerte ſie gerade an die Verſchwundene, der ſie an⸗ gehörte... —8 Das gibt ein ſchönes Nadelkiſſen! ſagte die Frau Hauptmännin. Es war eine dieſer Frau eigene Kunſt, daß ſie die Phantaſie ihrer Pflegebefohlenen immer an⸗ zuregen wußte. Erſt der Winterſtaat, nun das Nadel⸗ kiſſen! Was ſind dem Kinderherzen nicht alles Eingänge zu den herrlichſten Feenſchlöſſern! Allmählich aber kam Lucinden das Vollgefühl ihres traurigen Looſes. Da hatte ſie ſchon in einer Nacht vor dem letzten Braten, den ſie gehabt(Taubenbraten), ſelbſt geſehen, daß die gnädige Frau, die an Schlafloſig— keit zu leiden ſchien, an ihre Bettlade kam, ſie überleuch⸗ tete, das Licht auf den Feuerherd ſtellte und eine der Tauben nahm und ihr mit raſchem Griff eigenhändig den Hals umdrehte. Dann legte ſie ſie wieder ruhig zu den übrigen und ſtellte, als wäre nichts geſchehen, die Zuber vor. Lucinde glaubte zu träumen. Aber es war ganz wirklich ſo geweſen. Der Augenſchein des Morgens beſtätigte es. So gingen anfangs die Tau⸗ ben fort, ſo gingen die Eier, ſo die Zwetſchen. Auch den Korb ſchickte ſie nicht an den Vater zurück, worüber Lucinde ſie zum erſten mal etwas trotzig zur Rede ſtellte. Aber die Alte wußte zu zähmen; vorzugsweiſe durch Hunger. Abends, als auch Lucinde zum erſten mal ihre Krallen gezeigt, brachte die Hauptmännin einen Haufen trockener Zwetſchenſteine. Lucinde bekam die Anwei⸗ V ſung, ſie mit einem alten Ziegelſteine, der vom Feuer⸗ herd losgegangen war, aufzuſchlagen und ſich die„koſt⸗ bare“ Mahlzeit der Kerne für den Abend munden zu laſſen. Ein Trunk Waſſer dazu würde die Kerne beſſer aufquellen laſſen... 29 Lucinde gehorchte wol, doch in den ſchwarzen Augen der Schulmeiſterstochter brannte mehr als nur Gehorſam. Sie mußten ſich nur immer erſt orientirt haben, und dann geriethen dieſe Augen in eine Glut, die von ſeltſamen Gedanken geſchürt werden konnte. Liſt weckt Gegenliſt, Tyrannei Widerſtand. Und wer weiß, ob Lueinde ein Weſen iſt, das ſich überhaupt nach ſanfter Rede, Güte des Herzens, Liebe und ſchonender Obhut ſehnt! Schon können wir ſagen, daß ihr nie die Zähne weh thaten, daß ihr nie ein Schnupfen Fieber machte, nie eine Zurück⸗ ſetzung Thränen koſtete. Sie half ſich immer gerade ſo weit durchs Leben, als ſie das Leben verſtand, und ihre Waffen waren in früheſter Zeit ſchon die geballte Fauſt, dann die ſpitze Rede, jetzt die Verſchlagenheit... Sie fängt mit der gnädigen Frau, die ſie nun„bald weg hat“, wie ſie den Mägden des Hauſes, die ſie aufhetzten, ein— geſteht, einen Kampf an, nicht etwa auf Leben und Tod, ſondern einen Guerrillakrieg innerhalb der von der gnädi⸗ gen Frau ſelbſt gezogenen Schranken. Sie hat allmählich dabei die ſchöne Stadt ſich„herausgeluchſt“, die herr⸗ lichen Gärten, die großen denkmalgeſchmückten Plätze, die Soldaten, die Offiziere, die ſchönen Umgebungen und die bezaubernden Fernblicke in ſonnenbeſchienene Ebenen und nach neuen blauen Hügelrändern hin; ſie erwiſcht aus dem Bücherſchranke des, wie ſie gehört hatte, noch gar nicht verſtorbenen niederländiſchen Hauptmanns Bücher; ſie dringt darauf, daß ſie, noch immer nicht eingeſegnet, wenigſtens in die Kirche gehen darf; ſie ſchreibt ſeitenlange Briefe nach Langen⸗Nauenheim, worin ſie freilich das Ausbleiben des Korbes entſchuldigen und eine Menge Erfindungen mittheilen muß, weil die gnädige Frau die Briefe erſt lieſt, ehe ſie ſie abgehen läßt. Und nun macht es ihr gerade Spaß, die komiſch⸗ ſten Erdichtungen zu ſchreiben, nur damit die„Alte“ ſich ärgert oder in jene Blindheit verfällt, die ſie überkommt, wenn ihre unruhigen und geſpenſtiſchen Gedanken ganz nach innen gehen. Lucinde ſchreibt von Bällen und Gaſtereien, und die Alte lieſt es, als hörte ſie die Geigen rauſchen und die Schüſſeln klappern. Sie läßt den Brief abgehen und iſt ſogar milder als ſonſt, weil ſie dann ſtundenlang nicht aus einem wie ſomnambulen Zuſtande herauskommt. Um ſo gräßlicher ihr Erwachen! Dann war's doch, als beſchuldigte ſie Lucinden, der„ſchwarze Teufel“, wie ſie ſie nannte, wolle ſie erwürgen. Dann hatte die menſchenfeindliche, geizige Frau Blicke ſo voll Gift wie ihre javaniſchen Pfeilſpitzen. Wie der Taubenfalk ſchoß ſie hinter Lucinden her, wenn dieſe nur einmal gelacht hatte; ſie krallte mit ihren dürren Fingern in ſie ein wie jener, wenn er aus Himmelshöhen niederſchießt. Die böſe Frau hatte keinen Schlaf. Sie fürchtete ent⸗ weder Geſpenſter oder ſich ſelbſt. Sie leuchtete um Mit— ternacht in die Winkel. Kam ſie an die Bettlade Lucin⸗ dens, ſo hielt ſie das Licht über die Halbſchlummernde und ſchrie ſie an: Das kann ſchlafen! Das kann die Augen zuthun! Oft mußte Lucinde aufſtehen und ihr um zwei Uhr Morgens vorleſen, Reiſebeſchreibungen, Er⸗ zählungen von den Wilden, zuweilen auch Legenden. Frau von Buſchbeck ging jährlich einmal zur Kirche; ſie war katholiſch. Wenn aber Lucinde um ihre Ein⸗ V 31 ſegnung drängte, nahm ſie alle Bücher fort und ſagte: Unſer Herrgott iſt der Satan! Sie war ſo geizig, daß ſie ſich eine alte Guitarre, auf der ſie in den Abend⸗ ſtunden klimperte, nicht einmal neu mit Saiten beziehen ließ. Auf zwei Saiten ſpielte ſie alte ſentimentale Lieder und pfiff dazu. Da ſie dies ohne Lippen thun mußte, ſo klang es wie leiſer klagender Nebelwind auf der Heide. Der Anblick dieſer grotesken Scene war Luecinden nicht vergönnt, denn Frau von Buſchbeck ſchloß ſich ein, wie ſee faſt immer that, beſonders nach jedem Erſten im Mo⸗ nat, wo der Poſtbote eine anſehnliche Summe in einem mit adeligem Petſchaft verſiegelten Briefe brachte. Da mochte ſie zählen, was ihr Geiz aufhäufte. Oft lauſchte Lucinde und hatte die liſtigen Augen an die Fenſter⸗ ſcheiben der Stubenthür gedrückt. Sie unterließ aber auch das, als eines Tages auf der entgegengeſetzten Fläche der Scheibe das volle Antlitz der plötzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmännin ſie angrinſte. Sie war von dem Anblick ſo entſetzt, als hätte ihr eine Fle— dermaus auf der Naſe geſeſſen. Sie bebte ſo, daß ſie nicht einmal entfliehen konnte, ſondern ruhig geſchehen ließ, daß die Thür ſich öffnete und ſie zur Strafe ihre gewöhnliche körperliche Züchtigung erhielt. Dabei liefen Tag und Nacht zuſammen. Hatte Lu⸗ cinde bis drei Uhr nach Mitternacht vorgeleſen, ſo meinte die Hauptmännin, bis vier wäre nur noch eine Stunde und man könnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen, worunter ſie Nähen und Stricken verſtand. Die Hemden und Strümpfe, die Lucinde lieferte, gingen und kamen: ſie behauptete, für eine Anſtalt, die gut zahle; 32 ſie ſpare alles für Lucindens Zukunft. Oft wurde ſie, wenn gar zu böſe Stunden kamen, ſo tückiſch, daß Lu⸗ einde manche Arbeit dreimal thun mußte, nur damit ihre Peinigerin über dies und jenes ihren Willen hatte. Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einlaß. Er erklärte rundweg, Frau von Buſchbeck ſollte auf dem Amte erſcheinen und ſich wiederum rechtfertigen wegen unmenſchlicher Behandlung ihrer Dienſtboten, wie ſchon öfters. Eine Menge Menſchen aus dem Hauſe und der Nachbarſchaft drängte nach. Beinahe wäre ein Act der Volksjuſtiz ausgeführt worden, denn man fand wirklich Lucinden an Händen und Füßen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Küche, in welcher Frau von Buſchbeck ihr altes Geräth aufbewahrte. Dort lag ſie ſchon ſeit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur Waſſer und Brot, weil ſie, wie ſie beſchuldigt wurde, aus„Bos⸗ heit“ zwei chineſiſche Taſſen zerſchlagen hätte mit der Drohung, alles Zerbrechliche auf der Servante zu zer⸗ trümmern, wenn ſie noch ferner jedes kleine Misgeſchick, das ſie beim Abſtäuben oder Putzen beträfe, mit„künf⸗ tigem Abzug von ihren Erſparniſſen“ büßen müſſe... Im Hauſe hatte man das Jettchen der Frau Haupt⸗ männin zwei Tage lang nicht bemerkt, Anzeige gemacht, und ſo kam es zum Durchbruch. Lucinde machte auf dem Amte dem Polizerrichter, Stadtamtmann genannt, einen wunderlichen Eindruck. Sie war trotz Kaſteiung und Entbehrung jeder Art faſt vollkommen entwickelt. Liſt und Verſchlagenheit 22 5535 waren unverkennbar der Ausdruck ihres Weſens, der ihr aber ſchön ſtand, wenn ihre dunkelbeſchatteten Augen glühten, ihre Lippen trotzig ſich aufwarfen und dabei ein ſtändiges ſcheues und ironiſches Lächeln um den kleinen zierlichen Mund ſpielte. Das ſchwarze Haar war in Flech⸗ ten geordnet, die voll und ſchwer um die Stirn gingen. Selbſt die Hände, die doch ſoviel ſchaffen und„ſchan⸗ zen“ mußten, waren nicht eben rauh. Sie ſagte, da die in einem Fiaker folgende Frau von Buſchbeck ſich auf die Feinheit und Schonung derſelben berief, daß ſie es bei ihrem Vater„nicht nöthig gehabt hätte“. Nur ihre Haltung entſprach nicht dem ſchlanken Wuchſe. Sie ſenkte den Kopf... ſo aber, wie wenn eine ſchwere Aehre ſich an einem langen Halme wiegt. Der Stadtamtmann ſprach von ihrer Familie.... Erſt jetzt erfuhr ſie ein ſchreckliches Unglück aus Langen⸗ Nauenheim. Drei ihrer Geſchwiſter, und das liebe Hannchen darunter, waren ſchon ſeit Jahresfriſt todt! Im Zeit⸗ raume von drei Tagen hatte ſie das Scharlachfieber, das in der Gegend wüthete, hinweggerafft... Die Alte hatte den Brief des Vaters aufgefangen und den Inhalt verſchwiegen, weil ſie die Wirkung des Kummers auf den Fleiß und die Arbeit fürchtete.! Wie Lucinde dieſe Nachricht hörte, ſtürzten ihr ſeltſamerweiſe keine Thränen aus den Augen... Nur ſchrecklich erblaßte ſie... Der Stadtamtmann ließ das wankende Mädchen ſich auf einen Stuhl ſetzen; man konnte eine Ohnmacht befürchten... Der Blick, den Lucinde bei dieſer Nachricht auf die böſe Frau warf, Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 3 —— 34 war furchtbar... Ihre ſonſt ſo dunkeln Augen ſahen in dieſem Moment weiß aus, und die böſe Zunge der 6 ſtadtberüchtigten Frau, die der Verzweiflung nahe war, kein Mädchen bekommen zu können, und in dieſem Fluche faſt mit wirklichem Schmerz eine angezettelte Verſchwö⸗ rung ſah, war gegen ſie völlig verſtummt. Als der Stadtamtmann Lucinden erſtens einen Lohn und die Auszahlung ihrer Erſparniſſe geſichert, dann die Frau Hauptmännin, die er indeſſen ſonderbarerweiſe immer nur Fräulein von Gülpen nannte, aufs entſchie⸗ denſte ermahnt hatte, die L Langmuth der„überhaupt gegen ſie ſo duldſamen“ ſtädtiſchen Behörden nicht zu erſchöpfen, wurde Lucinde von ihm befragt, ob ſie nicht zu ihrem Vater und zu ihren Geſchwiſtern zurück wolle? Sie ſaß ſtarr und antwortete nicht.„ Dann erwähnte der Stadtamtmann unter den Unter⸗ laſſungsſünden, die ſich„Fräulein von Gülpen“ gegen ſie hatte zu Schulden kommen laſſen, auch die unterbliebene und doch von ihr verſprochene anſtändige Confirmation. Gleichſam aber, als wenn ſich Lucinde fürchtete, nun in ¹ Langen⸗Nauenheim noch erſt confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten Buben und Mädchen geſetzt zu werden, antwortete ſie auf die wiederholte Frage, ob ſie mit der immerhin beträchtlichen Summe von nahezu 4 funfzig Thalern, die ihr zuerkannt wurde, nach Langen⸗ Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zuſam⸗ 4 mengeſchmolzenen Geſchwiſtern zurückkehren wolle, mit einem ernſten, bedachtſamen und faſt kalten Kopfſchüt⸗ teln: Nein! Das iſt's ja! brach die zitternde Tyrannin aus. 35 Das Leben auf der Straße, die Promenaden, die Offi⸗ ziere, das Schlendern, das Gaffen... Ruhe, Fräulein! unterbrach der Stadtamtmann. Frau von Buſchbeck oder Fräulein von Gülpen mußte ſich entfernen, nachdem ſie mit zitternden Händen einen Revers zur Zahlung von funfzig Thalern und Auslieferung aller Sachen Lucindens unterſchrieben hatte. Sie ging mit krampfhaftem Zuſammenſchlagen ihrer Ober⸗ und Unterkiefern, doch nicht ohne eine Art von Würde und Vornehmheit. Man hatte ihr da, wo man ihre Lebensverhältniſſe näher zu kennen ſchien, zwar den Titel einer Frau geraubt, den einer Adeligen aber laſſen müſſen. Draußen empfing ſie das Hohngeſchrei zuſammen⸗ gelaufener Menſchen. Sie war die Bekannte, Stadt⸗ kundige, die Frau: bei der niemand dienen wollte! Sie ſtürzte in ihren Fiaker, doppelt ſchwer auf— ſeufzend; denn ihr Geiz ſagte ihr wieder: Himmel, du haſt den Fiaker vorher zu bezahlen vergeſſen! Nun rech⸗ net dir der auch noch die halbe Stunde an, die er vor dem Stadthauſe hat warten müſſen! Der Stadtamtmann war in der Lage, gerade ein Mädchen zu bedürfen. Er bot Lucinden an, zu ſeiner Frau zu ziehen. Für die Confirmation verſprach er unverzüglich Sorge zu tragen. Sie nickte einfach: Ja! ſaß bis auf weiteres im Nebenzimmer des Amtsſaales eine halbe Stunde allein, ſetzte im Geiſte einen Brief auf, den ſie an ihren Vater ſchreiben wollte, und folgte dann dem Stadtamtmann, als er ſein Vormittagsgeſchäft hinter ſich hatte, in einiger Entfernung in ſeine Wohnung. Die Polizeidiener erſparten ihr die Gefahr, noch einmal zur gnädigen Frau, wie ſie lachend titulirt wurde,. zurückzukehren, und verſprachen ihr alles Ihrige abzuholen und nachzubringen, Lucinde ſchaute und hörte hinein wie in eine fremde Welt. Daß ſie einer ſchrecklichen, abſcheuerregenden, wie es hieß und auch ſpäter im Wochenblatt unter der Rubrik Polizeibericht zu leſen war,„zuchthaus⸗ würdigen“ Behandlung entronnen war,... das fühlte 37„ ſie eigentlich ſelbſt nicht ſo lebendig. Sie ließ ſich's von den Leuten nur ſagen und nahm's dann hin, wie die es wollten. Die Frau Stadtamtmann hatte nichts gegen die An⸗ ordnungen ihres Gatten einzuwenden. Nur ſchien ihr die Zumuthung, das neue Mädchen erſt confirmiren laſſen zu müſſen, umſtändlich. Indeſſen ſagte ſie zu. „Henriettens“ Anblick— dieſer veränderte Name blieb auch hier— that ihr wohl. Die Frau Stadtamt⸗ mann war gerade in der Hoffnung und ſorgte dafür! ſchönen Formen zu begegnen. Der Anblick des an⸗ ziehenden, ſchlanken und geſunden Mädchens that ihr wohl. Es kommt oft vor, junge Confirmandinnen zu ſehen, die nur gleich am Altar ſtehen bleiben ſollten, um ſich den Eheſegen geben zu laſſen. Auch Lucinde war auf beſondere Bitte des Amtmanns ſchon nach vier Wochen ein ſolcher Spätling unter den lieblichen weißgekleideten Kindern mit ihren Roſaſchärpen und Myrtenſträußchen. Der Superintendent geſtattete die ſchnelle Beförderung, da er von der Schulmeiſterstochter religiöſe Bildung vor⸗ ausſetzte. Er wußte wol nicht, daß man ſich nirgends mit dem lieben Gott weniger Sorge macht als in Pfarr⸗ und Schulhäuſern. Da ſteht man mit dem Himmel auf dem Fuß des Empfangens im Negligeé. Gebetet hatte Lucinde außer vor und nach der Schule nur beim Eier⸗ kochen. Pflaumenweich liebte der Vater die Eier und dafür genügten zwei Vaterunſer. Der Wildling ſtand nach vier Wochen unter den Confirmandinnen. 38 „An Wuchs ragte ſie hier nicht mehr vor allen her vor; es gab ebenſo aufgeſchoſſene Blondinen und Brü⸗ netten wie ſie, zu denen ſich der Herr Superintendent nicht gar zu ſehr zu bücken brauchte, wenn er ihnen Sonn⸗ tags darauf den Kelch reichte; aber Lucinde war ſchon voll, kräftig in den Schultern, ſtark in den Hüften, und wenn auch im allgemeinen ihr ſcharfgeformter Kopf ſelbſt noch nichtsſagend war, ſo reizte ſie das kindliche Weſen ihrer Umgebungen doch zu einem Umblick in der Kirche, der ihr ganz vorwitzig und weltlich ſtand. Manchem mußte ſie auffallen. Sie ſtand wie ein Hei⸗ denkind, zerſtreut und ohne Andacht, obgleich ihre ſchwarzen Bänder auf Trauer deuteten. Zugegen war niemand, den ſie kannte, außer einer alten Magd aus dem Hauſe, das der Stadtamtmann bewohnte. Dieſe hatte ihr ein vergoldetes Geſangbuch geliehen und ſie auf ihrer Kammer geſchmückt, ſodaß ſie hernach zur Frau Stadtamtmann hintreten konnte und deren ganzen Beifall erntete. Dieſe neue„gnädige Frau“ ſchenkte ihr ein ſchwarzes Halsband von Sammt mit einer Stahlſchnalle, die auf dem brü⸗ netten Halſe funkelte wie eine Broche von Diamanten. Ja, als ſie aus der Kirche zurückkam, wurde ſie ſogar mit Chocolade empfangen. Man war gut und freundlich gegen ſie. Es war eine ſonderbare Welt, in die das nun faſt funfzehnjährige Mädchen hier ſtündlich einblicken konnte. Die Gensdarmen gingen ab und zu, und der Stadt⸗ amtmann, der zwar ein für allemal im Hauſe und wenigſtens bei Tiſch mit den Vorkommniſſen ſeines Be⸗ rufes verſchont ſein wollte, konnte es nicht dahin bringen, 39 daß er ohne Behelligung bis zum Deſſert kam. Lucinde bediente; auch wenn Gäſte geladen waren. Sie beſaß zwar nicht viel Geſchick und machte vieles verkehrt, doch wurde das alles nicht mehr mit der früher erlebten Strenge gerügt. Zerſtreut mußte ſie ſchon dies ewige Rapportiren machen von dieſer Dieberei und jener Ge— waltthat. Ihre Phantaſie, die ſehr lebhaft war, ſah ringsum— ſie brauchte ſchon nur an die doppelten Namen der ihr vorerſt entſchwindenden„Frau Haupt— männin“ zu denken— die Welt voll Lug und Trug, und da ſich's dabei doch ſo behaglich eſſen und trinken ließ, ſo erſchreckte ſie keine Thatſache, ſelbſt kein Dieb⸗ ſtahl, kein Mord mehr; ſie ſchüttelte den Kopf darüber, daß die Dinge des Lebens alle ſo glatt, ſo höflich und vergnüglich vorwärts gingen, während tauſend Hände daran arbeiteten ſie zu verwirren, man ſah's nur ſo nicht auf den Promenaden, wenn ſie mit den Kindern des Stadtamtmanns ausging und die Leute ſtillſtanden und die Kinder bewunderten, d. h. ſie ſelbſt und ihre auffallende Erſcheinung. Eines Tages erlebte ſie aber auch auf der Prome— nade, daß ein junges Mädchen, das halb bäueriſch, halb ſtädtiſch, aber ſchwarz gekleidet war, auf ſie zuſtürzte. Es war ja ihre nächſtälteſte Schweſter Luiſe! Sie trauerte. Um die Geſchwiſter noch? Um den Vater! Das liebe, freundliche, immer lächelnde Männlein war nicht mehr... Luiſe weinte ſo laut, daß es ihr Lucinde verbot,„weil ja die Leute ſtill ſtinden“... Sie ſelbſt war wieder nur erblaßt wie damals, als ſie plötzlich nicht mehr ihre drei Geſchwiſter B hatte. Indem kamen noch zwei andere beflorte Kinder von der andern Seite. Es waren Auguſt und Guſtav, ihre Brüder. Die hatten das Haus des Stadtamtmanns aufgeſucht, dort gehört, ihre Schweſter wäre auf der Promenade mit zwei Kindern; nun hatten ſie ſich ver⸗ theilt, und eins hatte von hier, das andere von dort geſucht. Der Vater war todt... Und wie ſchmerzlich hatte er geendet!... Er war in einen der vier kleinen Bäche gefallen, mit denen Langen-Nauenheim geſegnet iſt... Spät von dem Vorſpann war er heimgekom⸗ men... Kein Stern blinkte... es war ein großer Nebel geweſen, und da hatte er eine von den Brücken verfehlt. Erſt Morgens hatten ſie ihn gefunden, wie er dalag im kühlen Grunde, aufgehalten von den Wurzeln eines alten Weidenſtamms. Lucinde ſchüttelte düſter den Kopf. Dann rief ſie mechaniſch des Stadtamtmanns Kindern, die ſie führte, ein ſcheltendes Wort; darauf fragte ſie, ob die Ge⸗ ſchwiſter ſchon gegeſſen hätten. Luiſe verſicherte es und kam auf das ſchmerzliche Ende des Vaters zurück. Lucinde fragte, was aus dem Hauſe, aus dem Garten, aus dem Geräth, den Hühnern, der Ziege, der großen Wand⸗ karte geworden wäre! Sie erfuhr, daß alles das theils dem Staate, theils dem Dorfe, theils dem Wirth zum Vorſpann und einer alten Frau gehörte, bei der ſie ſchon lange oft ihre Betten in Verſatz gegeben hatten, wenn ſie auf ein paar zuſammengerückten Schulbänken hatten ſchlafen müſſen. Luiſe die wollte nun auch dienen, und die Kinder brächte man vielleicht in einer Fabrik unter. So hatte es der Gemeindevorſtand in Langen-Nauenheim b b 41 geſagt; ſie ſollten's einmal ſo verſuchen, und„ging' es nicht, ſo würde wol anders geſorgt werden“. Guſtav war acht Jahre. In einer Spinnerei vorm Thore ſuchte man Kinder ſchon von acht Jahren an; es hatte das in der Zeitung geſtanden, in derſelben Zeitung, die der Vater immer auf beſſere Zukunft zu ſtudiren pflegte, und in deren Beiblatt einſt ſeine Phantaſieen über den Beruf eines deutſchen Volksſchullehrers geſtanden hatten. Nec impavidum ferient ruinae. Latein konnte Lucinde nicht, aber der Stadtamtmann überſetzte ſo etwas einmal bei Tiſche, und ſie glaubte, es hieß:„Was ſchadt's!“ Es war ein Wahlſpruch geweſen, den ein alter Ritter gehabt. Sie nahm ihn ſchon oft an, und heute nun mußte ſie ſchon. Sie nahm die Kinder, die alle zunächſt doch noch Hunger und Durſt genug hatten, mit ſich; der Schweſter ſagte ſie gleich die Miethsfrau, wo die wohnte, und wie ſie mit der ſprechen müſſe. Die Frau Stadtamtmann war noch nicht am Ende ihrer Hoffnung, die zwei kleinen Buben vom Lande waren prächtige Jungen, ſie gefielen ihr. Auguſt und Guſtav blieben einen Tag und kamen dann nicht in die Fabrik. Der Stadtamtmann ſorgte dafür, daß ſie ins Waiſen— haus aufgenommen und„gut erzogen“ wurden. Und nun ſind kaum drei Jahre von dem Langen⸗ Nauenheimer Auszug vergangen, und welche Verände⸗ rungen haben wir! Lucinde fand ſich in alles. Sie hatte etwas Wüh⸗ lendes, Unruhiges und beherrſchte jede Situation. Bei Tiſche wartete ſie nicht mehr auf. Der Stadtamtmann 42 fand, daß es kaum noch ſchicklich war. In die Höhe wuchs ſie nicht mehr, dafür that es ihr Geiſt, und ſie regierte eigentlich das Haus, das ſie aufgenommen. Selbſtverſtändlich da, als die Frau Stadtamtmann eines Jungen geneſen war, aber auch ſpäter. Durch ihre ſichere, herausfordernde Ruhe, ihr ſpöttiſches Lächeln, ihren Flunkergeiſt nur verdarb ſie ſich zuweilen ihre Autorität. Lange Ruhe unm ſie her ertrug ſie nicht, und übermäßiges Glück oder allzu frohe Selbſtzufriedenheit verdarb ſie gern, indem ſie Schickſal ſpielte. Der Amme gegenüber lobte ſie das ſchöne Ausſehen anderer Kinder, eine Hand⸗ lung, für die man bekanntlich von jeder Amme vergiftet werden kann. Einem Bedienten, der etwas ſchwach von Begriffen war und ſeine Beſtimmung verfehlt zu haben glaubte, weil er eine leſerliche Hand ſchrieb, gaukelte ſie bald dieſe, bald jene glänzende Ausſicht vor. Hager! rief ſie, wenn ſie die Zeitung geleſen hatte, in Amerika iſt ein Vetter Ihres Namens geſtorben, man fordert alle Hagers guf ſich zu melden! Mußte Hager gerade die Schuhe oder Meſſer putzen, ſo hatte ſie, wenn er frei war, die Zeitung verlegt und jagte den beſchränkten Menſchen wochenlang mit ſeinen Vermuthungen, welcher von ſeinen Anverwandten jener in Amerika verſtorbene Hager geweſen ſein konnte, im Kreiſe umher. Von ihrem Koboldgeiſt blieben dann ſelbſt die bei einem Kaufmann dienende Schweſter und ihre Geſchwiſter im Waiſenhauſe nicht verſchont. Ihr bei aller äußern Ruhe innerlich unruhiger Sinn wuchs mit dem Beſuch des Theaters, das ſie durch den Stadtamtmann frei hatte, jedoch nur im dunkeln Hintergrunde einer Loge dritten Ranges, 43 während die Herrſchaft im zweiten ſaß. Immer mit leuchtenden Augen kam ſie vom Theater heim. Man glaubte natürlich, daß es die Stumme von Portici ge— weſen, die ſie ſo außerordentlich aufgeregt hatte; aber es waren die Zuſchauer, die Logen, die glänzenden Toi⸗ letten, die fürſtlichen Herrſchaften. Die Tiſchgeſpräche berichteten dann nach wie vor von vornehmen Spielern, von zankſüchtigen vornehmen Herrſchaften, von allem, was ſich nur zur Kenntnißnahme des Polizeirichters einer ſo anſehnlichen Stadt drängte, und dergleichen Leute ſah ſie dann wieder fröhlich und wohlgemuth und mit Lorg⸗ netten ſpielend in den eleganteſten Logen. Eines Tages that ſie einen tiefen Einblick in das innerſte Lebensgetriebe... Das glänzendſte Waarenmagazin der Stadt war ein ſogenannter Bazar, in welchem alle Modeartikel und Be⸗ dürfniſſe einer eleganten oder auch nur comfortablen häuslichen Einrichtung, ſoweit ſie Stoffe betraf, ver⸗ kauft wurden. Ein unternehmender Kaufmann im Anfang der mittlern Jahre leitete dies Geſchäft, wie man ſagte, nicht ganz mit ſeinem eigenen Gelde. Sein Savoirfaire kam ihm jedoch zu ſtatten, um die ganze höchſte, hohe und mittlere Geſellſchaft an ſich zu ziehen. So gefällig die Formen des Mannes waren, der in ſeinem ſchwarzen Frack mit weißer Halsbinde die Honneurs ſeines mit mindeſtens einem Dutzend Commis ausgeſtatteten Ge— ſchäftes machte, ſo entſchieden wußte er doch ebenfalls in geeigneten Fällen aufzutreten. Schon oft war in ſeinem großen und ſchwer zu beaufſichtigenden Geſchäft geſtohlen worden, ſogar während des Verkaufs, und 44 oft ſchon hatte er, wenn entweder der Stadtamtmann bei ihm oder er bei jenem zu Tiſche war, erklärt, er würde niemand ſchonen, wenn er einen jener eleganten Diebe beim Handverkauf entdeckte, und ſollte es der Vor⸗ nehmſte ſein. Schicken Sie nur ſofort zu mir, hatte der Polizeirichter erwidert. In ſolchen Fällen muß man der Schlange gleich auf den Kopf treten! Und eines Tages ſchickte der Kaufmann; der Stadt⸗ amtmann möchte eiligſt, aber ſelbſt kommen, hieß es, er möchte einen ſeiner Gehilfen, aber vorläufig nur in der Ferne, bereit halten... Der Stadtamtmann war nicht gegenwärtig. Und da auch Hager, der Diener, nicht zugegen war, ſo mußte Lucinde die Mantille umwerfen und auf das Amthaus laufen. Aber auch dort fand ſie ihren Herrn nicht. Da ſie ihn auf dem Caſino vermuthete, ſo eilte ſie ins Caſino und nahm ſofort einen der Peolizeidie⸗ ner mit. Ihr Weg führte ſie aber an dem großen Magazin des Kaufmanns ſelbſt vorüber, in deſſen obern Räumen dieſer auch wohnte. Da ihre Herrſchaft in die letz— tern beſchieden war, ſo glaubte ſie ſehr vernünftig zu handeln, wenn ſie die Stiege hinaufging und dem Kauf⸗ mann wenigſtens den Polizeidiener anbot, der ja ſo lange unten, wie zufällig, bei einer glänzenden Carroſſe, die am Hauſe ſtand, warten konnte... Da das ganze Haus nur allein von dem Kaufmann bewohnt wurde und oft der Verkehr in den obern Räumen 45 mit dem Magazin, das zwei Stockwerke einnahm, der lebhafteſte war, ſo konnte es Lucinden nicht wunder neh⸗ men, den Eingang der Wohnung offen zu finden. Auch ſtand auf der Treppe ein Bedienter in Livree, der auf ſeine Herrſchaft zu warten ſchien und nicht unmöglich der unten harrenden Carroſſe, die ein Wappenſchild ſchmückte, angehörte. Aber noch mehr Thüren ſtanden offen, und augen⸗ ſcheinlich herrſchte in der Wohnung die größte Verwir⸗ rung, wie ſie wol nach aufregenden Entdeckungen ſtatt⸗ zufinden pflegt. In dem hintern Zimmer glaubte Lucinde einen Wortwechſel zu hören. Niemand war zugegen, außer einigen Kindern des Kaufmanns, die ſorglos umher⸗ rannten. Iſt der Vater da? fragte Lucinde. In ſeinem Bureau! hieß es. Die Bedienung ſchien ausgeſchickt zu ſein; auch die Mutter war nicht anweſend. Lucinde kommt näher; die Teppiche dämpfen ihren Tritt, und ſchon überſieht ſie im Geiſt, was drinnen vor ſich geht. Sie zieht die Thüren hinter ſich zu und ſteht unentſchloſſen, ob ſie klopfen ſoll oder nicht... Nein! ruft der Kaufmann. Sie wieder, Frau Ba⸗ ronin! Sie ſind es jetzt fünfmal geweſen! Ich ſchwöre Ihnen, daß ich keine Rückſicht mehr kenne! Eine Dame Ihres Standes! Schämen Sie ſich! Aber ich ſchone Sie nicht mehr, mögen Sie auf ewig gebrandmarkt ſein! Nicht fünf Minuten noch, ſo werden Sie vor dem Rich⸗ ter ſtehen! Einen Kaufmann ſyſtematiſch zu beſtehlen, wie Sie es jetzt ſchon ſeit Jahren thun! Pfui der Schande!! Inzwiſchen hört man eine weibliche Stimme Be⸗ ſchwörungen und Betheuerungen ausrufen, die von Thränen erſtickt werden... Laſſen Sie! Ich habe kein Mitleid mehr! ruft der Kaufmann. Seit Monaten beobachte ich Sie! Seit Monaten bemerk' ich, daß jedesmal nach Ihrem Beſuch im Magazin ein Packet Spitzen, eine Lage geſtickter Taſchentücher oder Seidenzeuge oder Foulards fehlen. Ich habe die Discretion gehabt, den Verdacht meiner Leute von Ihnen abzuwenden! Nur allein ich habe mit Ihnen verkehren wollen, ſo oft Sie das Magazin be— traten! Heute endlich ſeh' ich die raſche Handbewegung, als Sie eben einen Ihrer maskirten Käufe abſchließen! Ich folge Ihnen, Sie verlaſſen den Laden, ich begleite Sie und am Wagen entdeck' ich, was Sie inzwiſchen unter Ihrem Mantel verbargen! Pfui der Schande! Aber ich kenne keine Schonung mehr! Lucinde hörte, daß der ungeduldige Kaufmann ſich näherte, um zu ſehen, ob nicht endlich der requirirte Stadtamtmann kam. Jetzt aber auch vernahm ſie plötzlich ein heftiges Fallen und die herzzerreißende Klage einer Schluchzenden: Auf meinen Knieen beſchwör' ich Sie, Herr Guthmann! Ich werde alles erſtatten! Machen Sie mich nicht un— glücklich! Es währte der Auftritt noch eine Weile fort, bis ſich die Vorwürfe und Drohungen milderten, das laute Schluchzen der Dame ſich legte, zuletzt alles ſtill wurde... Es wurde ſogar ſo ſtill, ſo unheimlich ſtill, daß es Lu⸗ cinden vor Schreck kalt überrieſelte. Sie konnte nicht 47 ganz den Vorgängen mehr folgen und dachte ſich irgend⸗ eine Gewaltthat. Leiſe, athemlos, unſicher auftretend zieht ſie ſich an die Thür, klinkt ſie wieder leiſe auf und ſchleicht ſich durch die Zimmer nach vorn auf den Vorplatz zurück, wo der galonirte Bediente wartet. Eine ſo anziehende Erſcheinung wie Lucinde brauchte hier nicht zweimal zu fragen, um den Namen ſeiner Herrſchaft zu erfahren. Der Diener nannte eine der erſten Damen der Stadt. Nicht lange dann währte es, ſo kam der Kaufmann mit der Herrſchaft des Bedienten aus ſeinem Bureau zurück. Es war eine ſchlanke, magere, noch junge Dame, die Lucinde ſchon oft im Theater geſehen hatte, eine Frau, noch von Jugendreiz und Anmuth überſtrahlt. Sie lächelte verlegen... Auch der Kaufmann lächelte... Sie ſchienen etwas verabredet zu haben, etwas beſprochen, was vielleicht nicht ganz erledigt war. Die Dame zögert... Der Kaufmann beruhigt ſie mit einem ſüßen Bitte! Bitte! . Dann ſteigt die Dame die Stufen nieder. Lucinde wird jetzt kurz und barſch befragt, was ſie wolle? Der Kaufmann kennt ſie doch ſonſt, ſah ſie oft, war immer ſehr artig gegen ſie... in dieſem Augenblicke iſt er wie abweſend. Als Lucinde in ſtotternder Unſicherheit die Meldung macht, daß der Stadtamtmann nicht zugegen geweſen wäre, daß ſie aber vom Amte jemand mitgebracht hätte, der unten warte, entſchuldigte ſich Herr Guthmann mit ſich findender Artigkeit wegen„vergeblicher Bemühung“. Mit einem auszurichtenden Gruße an ihre Herrſchaft und dem Auftrag, einen ſtattgehabten„Irrthum“ anzu⸗ 48 deuten, ſteigt Lucinde die Treppe nieder. Unten rollt eben die prächtige Carroſſe ab. Den mitgebrachten Gensdarmen muß Lucinde gehen heißen. Dieſe Scene veranlaßte in ihr Aufregungen, die ſie kaum beherrſchen konnte. So hatte ihr noch nie das Herz geſchlagen, ſo war ihr noch nie das Blut durch die Adern gerollt! Sie verſchloß das Erlebte in ſich. Nicht Schonung oder vielleicht eine angeborene Discretion war es, was ſie zu dieſer Verſchwiegenheit beſtimmte. Entweder fürch⸗ tete ſie, zu verrathen, daß ſie ſchon trotz ihrer Jugend eine ſolche Scene verſtanden hatte, oder man darf glauben, daß ſie einen Genuß darin fand, ein ſo wunderbares Er⸗ lebniß ganz allein für ſich zu beſitzen, ganz allein für ſich zu genießen und überhaupt Dinge zu kennen, die die Nacht mit Grauen bedeckt. In jedem Leben iſt der Augenblick entſcheidend, wo uns die Dinge anfangen objectiv zu werden. Unſere Kraft fängt von dem Augenblick an, wo wir etwas wiſſen, was endlich einmal feſtſteht, endlich einmal fixirt iſt wie der Schmetterling unter der Nadel, nicht mehr auffliegen, nicht mehr wieder lebendig werden, uns wider— legen, irren, wieder zu Anfängern machen und in alle Weiten treiben kann. Die Leute nannten Lucinden allmählich ſtolz. Ihr Stolz beſtand darin, daß ſie ſich ſelber emporhob, es verſuchte mit ihrer mangelhaften Bildung ihrer immer reichern Erfahrung gleichzukommen. Sie wußte ſo vieles mehr und beſſer als viele andere, und da ſie doch an formeller Bildung zurückſtand, auch zu träge und zu unſtet war, vielerlei noch zu lernen und nachzuholen— ihre Herrſchaft würde ihr dazu, wenn ſie's begehrt hätte, die Mittel geboten haben—, ſo trug ſie geiſtig den Kopf mit Bewußtſein ihrer Lücken hoch und erfand ſich allerlei Erſatzmittel und Beſchönigungen für das, was ihr fehlte. In dieſen Erfindungen war ſie ſo glücklich, daß man ſie bald das poetiſche„Heſſenmädchen“ nannte und ſie Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 4 50 bewunderte. Sie war naiv mit Bewußtſein. Sie konnte den Blick ſo ſenken, wie die Andacht ſelbſt. Sie konnte ihn aber auch wieder aufſchlagen, wie jene Meduſen, die gerade darum ſo grauſam mit ihren Blicken tödten, weil ſie ſo anziehend ſind, ſo regelrecht in ihrem Antlitz alle Linien der Anmuth haben. Lucindens Kopf wurde immer mehr ein Gemmenkopf, den ebenſo der blumen⸗ durchflochtene Aehrenkranz der Ceres wie das Schlangen⸗ geringel einer Phorkyde ſchmücken kann. Der Stadt⸗ amtmann, der zu den eigenthümlichen Naturen gehörte, die eine wahre Cerberusbiſſigkeit im Amte mit einer häus⸗ lichen träumeriſch weichen und faſt lyriſchen Art verbinden können, erklärte es für einen„radicalen Unſinn“, als auf dem Caſino davon die Rede war, ſein vielbeſprochenes ſchönes Kindermädchen ſollte er die Tracht annehmen laſſen, in der Van Embden ſeine berühmten blumen— zupfenden Dorfmädchen gemalt hat. Er hätte ſie, wenn's nach ihm gegangen wäre, in eine Penſion ſchicken mögen, ſoviel Reſpect hatte er vor ihren Gaben. Nur ſeine Frau theilte den Enthuſiasmus nicht. Sie hörte ſeit lange nur auf die vielen Klagen, die über Lucinden einliefen. Alle jungen Mädchen der Bekanntſchaft oder Verwandtſchaft des Stadtamtmanns waren eine Zeit lang von ihr entzückt; kaum aber hatten ſie einen Vertrauens⸗ bund mit ihr geſchloſſen, ſo nannte man ſie treu⸗ los, verrätheriſch und warnte vor ihr die, die ſie em— pfohlen hatten, und die, die ſie noch beſchützten. Die einen hoben ſie zwar dann in den Himmel, die andern verwünſchten ſie aber ſchon. Sie war oft in dem Grade der Gegenſtand der allgemeinen Discuſſion, daß ſich der 51 Stadtamtmann die Ohren zuhielt, ſeine Gattin aber, „um dem Dinge ein Ende zu machen“, ihre Entlaſſung beantragte. Nichts iſt ſo verderblich für die Jugend, als unge— ſtraft böſes Beiſpiel hingehen ſehen. Lucinde ſah die vornehme Dame, die eine Diebin war, ſehr oft wieder. Sie ſah ſie auf der Promenade, im offenen Wagen, ſie ſah ſie, von Cavalieren umgeben, im Theater; ja, eines Tages, eine halbe Meile von der Stadt entfernt, ſah ſie in einem öffentlichen Luſtgarten des Fürſten, nach dem man Partieen zu machen pflegt, die ſchöne Frau in der Begleitung eben deſſelben Kauf⸗ manns, der ſie hätte vernichten können. Sie bedauerte damals, das ſeltſame, die dunkeln Alleen ſuchende Paar nicht genauer beobachten zu können, denn der, der ſie ſelbſt begleitete, war gerade ein junger Mann aus dem Geſchäftsperſonal des Herrn Guthmann und ſchien gerade ſeinen Principal hier am meiſten vermeiden zu wollen. Kaum hatte der junge Mann die vornehme Dame mit dem in den Formen höchſt gewandten Herrn Guthmann durch die grü⸗ nen Laubgänge des Parkes daherkommen ſehen, als er auch Lucinden ſofort in eine Nebenallee zog und den Tag über vermied, ſich draußen im Freien zu zeigen. Oskar Binder wußte nichts von den Urſachen dieſer ſo auffal⸗ lend intimen Annäherung, und Lucinde erröthete noch, wenn ſie darüber nachdachte, wie ſie es anſtellen ſollte, zu verrathen, was ſie belauſcht hatte, und den Preis zu nennen, um den die Baronin ihre äußere Ehre ge⸗ rettet hatte. Der ſchöne Oskar Binder ſelbſt aber gehörte einer 4* achtbaren Familie an und war, wie man behauptete, der zuverläſſigſte und anſtelligſte unter ſämmtlichen Commis im Bazar Guthmann. Das Vertrauen ſeines Principals überließ ihm die Verwaltung der Kaſſe. Durch ſein Aeußeres ebenſo empfohlen wie durch Namen und Her⸗ kunft, kam er in die Kreiſe des Stadtamtmanns, und viele der jungen Mädchen, Töchter von Räthen und an— geſehenen Beamten, zeichneten ihn aus. Dennoch warf er ſein Auge nur auf die halb ſchon als Pflegekind im Hauſe des Stadtamtmanns befindliche„Henriette“. Daß ſie eine Schweſter hatte, die noch diente, hatte ſchon auf— gehört; Lucinde verſchaffte ihrer Schweſter eine Stelle in einer großen, von einem Verein unterſtützten Näh⸗ anſtalt; ihre Geſchwiſter im Waiſenhauſe ſollten zum Militär gebildet werden. So den Uebrigen faſt ſchon ebenbürtig, ergänzte ſie, was ihrer Stellung mangelte, durch die Geltendmachung ihrer Perſönlichkeit. Der junge Buchhalter hörte, was allmählich alle jungen Männer von den andern Mädchen über Lucinden hörten, daß ſie die Störerin des allgemeinen Friedens, eine gefährliche, zu jedem Mittel greifende Kokette wäre. Da ſie aber den Reiz des Eindrucks für ſich hatte und überdies im Ge⸗ gentheil kein Waſſer zu trüben ſchien, zog ſie alle an. Sie hatte eine Art, bei gemeinſchaftlichen Spaziergängen allein zu bleiben, irgend nach einer Blume zu ſuchen, einen Kranz zu winden, die jeden, den ſie mochte, in ihre Kreiſe zog. Wenn ſie den Schein des Dienens an⸗ nahm, ſo half man ihr; wünſchte ſie ſelbſt etwas, ſo vollzog man es. Die noch ländliche Betonung ihrer Worte ſtand ihr beſonders naiv; ſie war anziehend in ihren Aeußerungen, und wenn ſie lachte, ſo konnte ſie, wenn ſie gerade nicht zu weit darin ging, alles mit ſich fortreißen. Nur zu weit durfte ſie nicht gehen. Schüttete ſie ſich vor Lachen, wie man zu ſagen pflegt, ſo hatte es den Ausdruck böſer Schadenfreude, und all die jungen Mädchen ſchienen dann recht zu haben, die zuweilen wünſchten ihr geradezu die Augen auskratzen“ zu können. Der junge Buchhalter folgte an jenem Tage, der ein auf die Woche fallender Feiertag war und ihm wie dem ſonſt ſehr fleißigen Principal Urlaub gegeben hatte, lieber Lucinden als den übrigen Theilnehmern und Theil— nehmerinnen einer großen Partie, die einige Verwandte des Hauſes, in dem ſich Lucinde befand, veranſtaltet hatten. Ihre Gegnerinnen behaupteten, daß ſie die Kunſt, ſich in einem Parke plötzlich zu verirren, weidlich ver⸗ ſtünde; aber die, die für ſie als Naturkind und„Heſſen⸗ mädchen“ ſchwärmten, nannten ſie einen Elfen, ein romantiſches Weſen, das die gewöhnlichen Gleiſe des Alltäglichen nicht zu wandeln brauche. Heute hatte ſie es auf Eichkätzchen abgeſehen, deren ſie mehrere ſchon aufgehuſcht hatte. Die jungen Männer folgten faſt zu ſtürmiſch, faſt zu auffallend. Lucinde hatte ebenſo das Talent, die Männer für ſich allein zu haben, wie das andere, wenn ſie wollte, niemand aus der großen Ringkette des gemeinſchaftlichen Vergnügens herausfallen zu laſſen; ſie ſagte dann jedem etwas, was ihn zur Anknüpfung eines Geſprächs ermuthigen konnte. Schon war der junge Buchhalter darüber eiferſüchtig, 2— und eben, als er ſeinen Principal entdeckte, hatte er es wirklich durchgeſetzt ſie zu iſoliren. Als er nun doch zu den andern zurückkehren mußte, fragte ſie: Warum fliehen Sie denn nur vor dem Herrn Guth⸗ mann? Der junge Buchhalter blieb die Antwort ſchuldig, worüber ſie theils aus Neugier, theils aus Laune in Verdruß gerieth. Aber rings gab es nun Augen, die wußten, daß Lucinde zu den Naturen gehörte, die ihr Gefühl da, wo ſie zanken und Vorwürfe machen, mehr offenbaren als da, wo ſie ſchmeicheln und gut ſcheinen. Jetzt ſah man aus ihrem Schmollen, daß Oskar Bin⸗ der, der ſchöne Buchhalter, der Bevorzugte war. Als Lucinde ſechzehn Jahre geworden, ſprach man von ihrer Verlobung mit ihm. Der junge Mann ſchien eine glänzende Situation zu beſitzen. Er überhäufte Lucinden mit Geſchenken, und dennoch verſicherte er ſeinen nächſten Freunden(auf Dinge, die ihm und ihnen ſehr heilig waren, in der Form, z. B.„auf Taille“ oder„Ich will hier nicht geſund ſtehen!“) daß er von Lucinde noch nie auch nur die Hand gedrückt bekommen hätte. Auch der Stadt⸗ amtmann erfuhr dieſe Verſicherungen und rüſtete ſich alles Ernſtes auf eine Ausſteuer ſeines geliebten Findlings, auf den er einen Theil der Sympathieen für Glaube, Liebe und Hoffnung übertrug, die er ſich in einem Beruf voll Mistrauen und Verfolgung als ſeine geheimſte Lebenspoeſie doch zu erhalten ſuchte. Da aber kam eines Tages ſeine Gattin und war über die„teufliſche“ Natur eines Mädchens im Reinen, das die Neigung ihrer Nichte, der Hofraths⸗ —,— — ——o? 55 Eveline, zu irgendeinem andern jungen Manne, dem Lieutenant Wallbach, durchkreuzen konnte und mit die⸗ ſem einen ganzen Abend lang in der Schützengeſellſchaft in einem Winkel gelacht haben ſollte. Die Hofräthin kam, der Hofrath kam, Eveline wurde krank, der Lieute⸗ nant fühlte ſich über die vom Hofrath für ihn zur Ver— heirathung zu ſtellende Caution und durch die Erwähnung derſelben in einem Wortwechſel beleidigt und nahm ſeine Werbung zurück; kurz, der Stadtamtmann, Evelinens Onkel, mußte dieſem„Familienunglück“ eine Satisfac⸗ tion bieten: ſie beſtand in der endlichen Verabſchiedung Lucindens. Lucinde, die ſich, wie man bitter genug geſagt hatte, „einen andern Dienſt ſuchen“ ſollte, machte einige Verſuche, den Ernſt in Humor zu verwandeln. Sie gelangen nicht. Der Stadtamtmann mußte den Schein vermeiden, ſelbſt von ihr bezaubert zu ſein. Seine Gattin ſagte,„ihr Maß wäre voll“. So zog Lucinde zu ihrer Schweſter, der Nähterin... In dem Behagen ihrer eigenen Intereſſen that es ihnen allen nichts, ob da ein Leben in ſeiner Entwickelung unterbrochen wurde oder nicht. Acht Tage darauf war aber Lucinde für die ganze Stadt verſchwunden. 6. Wir finden ſie in einer Extrapoſtchaiſe wieder, die eines frühen Morgens in jene zaubervolle, ſonnenglanz⸗ verklärte Ebene niederfährt, die man von einer großen Terraſſe der Stadt aus nur mit dem Hochgefühl der Sehnſucht und des Entzückens betrachten kann. Berge ringsum; aber nichts mehr, was bedrückt oder beengt, wie daheim, wo die vier verhängnißvollen Bäch⸗ lein niedergingen. Ein großer freundlicher Strom ſchlän⸗ gelt ſich durch Wieſen und Felder hin, und erſt die äußerſten Ränder deſſelben ſind mit waldigen Höhen umkränzt. Ueber das ganze große Panorama hin die bunteſte Abwechſelung. Hier grüne junge Saaten, dort die gelben großen Tücher der nordiſchen Oelpflanze; dann ein dunkler Eichenforſt, hinter dem wieder die blauen Wogen des Stromes aufblitzten; die Häuſer ſo ſchmuck mit rothen Ziegeldächern, die Herrſchaftsſitze mit langen Pappelalleen, die in mäßiger Verwendung jeder Gegend einen ganz beſonders vornehmen Ausdruck geben, und ſo auf Stunden und auf Meilen hin. Die Berge da, ſagte Lucindens Begleiter, ſind die Weſerberge! Dahinter geht's nach Bremen und dann— nach Amerika! 57 Es war ein wunderſchöner Junimorgen. Die Sonne brannte, und gern hätte Lucinde die Glasfenſter des Wagens geöffnet. Ihr Begleiter wollte erſt die nächſte Station ab⸗ warten. Auch dort noch bat er, die Schwüle des engen Raumes lieber noch eine Weile zu ertragen. Erſt gegen zehn Uhr, als ſie wol ſchon fünf Meilen von der von ihnen verlaſſenen Stadt entfernt waren und es eine waldige Anhöhe hinaufging, öffnete er und ließ das Fenſter ganz zurückſchlagen. Viel lieber hätte Lucinde die Ausſicht genoſſen, die ſich früher dargeboten hatte, Fernblicke auf die roth⸗ gedachten Meiereien, altersgraue, aus Buſch und Baum hervorblickende Thürme alter Edelſitze und Abteien, Mühlenwerke und Fabriken, deren hohe Schornſteine die blaue Luft mit kräuſelnden Nebelwolken erfüllten, wun— derliche Kirchthürme, die bald den Minarets der Mo⸗ ſcheen glichen, bald aber auch ganz verbuttet ausſahen, wie alte Büchſen und Flaſchen für Pferdemedicamente.. Jetzt lag nur zur Rechten ein faſt undurchdringlicher Tannenwald, zur Linken ging es eine kleine Anhöhe mit niederm Gehölz inauf, an das ſich zuletzt eine Buchen⸗ waldung lehnte. Belebt war's ringsum. Fink, Droſſel und Pirol ließen ihren friſchen Waldruf ertönen. Aus dem Tannendickicht zur Rechten hörte man dann und wann ein hallendes Geräuſch, das die Nähe von Holzſchlägern verrieth. Zur Linken fiel die Sonne ſo günſtig über die grünen Baumkronen, daß ſich ganz jene lieblich magiſchen Lichtwirkungen erzeugten, die eben auch nur den Buchen⸗ wäldern eigen ſind. Nach Amerika! Das war weit von dieſen ſummenden Käfern, dieſen um die Roſſe des Poſtillons ſchwärmenden Brummfliegen, weit von dieſem ſelbſt, der die Anhöhe zu Fuß nebenher ging und mit einem aus dem Vorholz zur Linken ge— brochenen Birkenzweige über das lichtbraune Glanzhaar ſeiner ſchweißgebadeten Thiere hinfächelte! Bei ſo fernem Reiſeziel mochte wohl gerechtfertigt ſein, daß der junge Buchhalter— denn Oskar Binder iſt Lucindens Begleiter— ſchon ſeit fünf Uhr Morgens, wo ſie ausgefahren, ſo außerordentlich nachdenklich iſt und immer nur eine kleine Kaſſette betrachtet, die er auf dem Schooſe hält. An und für ſich war er faſt gekleidet als ging' es zum Balle... Als Lucinde vorm Thore, wo ſie ſeiner Weiſung zu⸗ folge ohne irgendein anderes Gepäck, als das ſie ſelbſt in der Hand tragen konnte, an zwei einſam am Wege ſtehenden Pappeln erſcheinen ſollte, ſeiner in einem har⸗ renden Wagen anſichtig wurde, erkannte ſie ihn kaum. Er blickte hinaus und winkte heftig, daß ſie raſch auf den Tritt der Chaiſe und durch die von ihm gehaltene Thür einſteigen möchte. Er hatte ſich von geſtern, wo ſie kurz und raſch erklärt hatte, es wäre ſicher am beſten, wenn ſie ſich ihm zur Reiſe nach Amerika anſchlöſſe, bis heute früh ſeinen ſchönen Bart ſowol um Mund wie Kinn und Wange abnehmen laſſen, und hatte eine ganz curioſe Phyſiogno⸗ mie bekommen, die früher aus der Bartwaldung heraus kaum erkennbar geweſen war. Hätte ſie nicht ihr Wort gegeben und wäre des 59 „nun doch verpfuſchten“ Lebens in der Reſidenz über⸗ drüſſig geweſen, ſo hätte ſie umkehren mögen, ſo wenig gefielen ihr jetzt die Naſe, der Mund und die Ohren des jungen Buchhalters, denn auch dieſe hatten früher nicht ſo grell hervorgeſtanden, als ſeit heute früh, wo auch ſeine ſchönen langen, zierlich über den Hemdkragen in einem einzigen Strich herabfallenden dunkelbraunen Haare von der Schere vertilgt worden waren. Die gelben Glacehandſchuhe trug er wie immer. Für den ſchwarzen trug er einen grünen Reitfrack mit goldenen Knöpfen, dazu elegante carrirte Beinkleider, eine hohe Mütze von ſchottiſchem Zeuge mit einer Troddel, und einen Plaid, den er ſofort, als fröſtelte ihn in allen Gliedern, über ſeinen ganzen Körper ausbreitete, ſorg⸗ fältig aber dabei der Knöpfe ſeiner Glacehandſchuhe achtend und dieſe ſelbſt ab und zu ungeduldig nieder⸗ ſtreifend wie beim Anprobiren... Dafür, daß auch Lucinde ſich, nach ſeinem aus⸗ drücklichen Wunſche, ja Befehl, gänzlich metamorpho⸗ ſirt hatte, ſchien er im erſten Augenblick kaum ein Auge zu haben, und doch bot ſie eine phantaſtiſche Erſchei⸗ nung dar.. Ein kleines kurzes Strohhütchen nahm ſie ab, und da fielen ihr die vollen Haare, die ſie ſonſt nur in Flechten getragen, in langen dunkeln Locken über die Schulter bis in den Nacken herab. Von geſtern Abend ſieben bis neun Uhr hatte ſie von ihrer Schweſter, die in dieſe Reiſe eingeweiht war, ſich ihr Haar ſo ordnen laſſen, hatte die Nacht geſchlafen mit funfzig Papilloten um den Kopf, die von Luiſen mit einer großen, über zwei Talglichtern glühend gemachten Ofenzange gebrannt worden waren. Aue Liebesbriefe, die beim Ausrangiren der ſo„leicht wie möglich“ herzuſtellenden Bagage auf dem Boden der kleinen Dachſtube ausgebreitet lagen, waren zu dieſen Papilloten benutzt worden. Zu dem reizenden Kopfſchmuck geſellte ſich faſt eine Balltoilette, ein luftiges, bauſchiges, weißes Kleid, das ſchönſte, das ſie hatte, beſtehend aus einem geblümten Muſſelinſtoff. Die vor Eile faſt athemlos klopfende Bruſt bedeckte eine rothe Florecharpe mit langhängenden ſeide⸗ nen Franſen. Dazu zwar hohe Schnürſtiefel aus Sei⸗ denzeug, keine Schuhe, wohl aber helle Handſchuhe und Manſchetten von langen weißen Spitzen. Es hätte zu dieſer Erſcheinung ein mit Seide ausgeſchlagener offener Landau, nicht die auf jeder Station gewechſelte ſchmuzige Poſtchaiſe gehört. Aber ſowol für dieſe Toilette wie für das dagegen auffallend genug abſtechende Bündel, das Lucinden beim Tragen bis zum Thor faſt zu ſchwer geworden war, hatte der junge Mann ſtundenlang keine Augen. Ueber ſeine eigene Metamorphoſe lächelte er mit gezwungener Leichtigkeit, und befahl dann immer nur mit einer ſeine Begleiterin mehr erſchreckenden als ihr imponirenden Barſchheit dem Poſtillon die größte Eile. Jetzt erſt, um zehn Uhr, als Lucinde doch auch ein⸗ mal ausſteigen und ſich etwas dehnen und recken wollte, bemerkte er, wie ſie ſeine Weiſung, ſich vornehm und anders als gewöhnlich zu kleiden, bis zum„Auffallenden“ nienerie hatte; er bat ſie, lieber im Wagen zu blei⸗ Site hatte gedacht, er würde endlich ſagen: Nein aber 61 wie ſchön! Wie entſprechend der gegebenen Anweiſung! Und vollends waren jetzt ſogar die Locken aufgegangen und hingen ihr, wie einer Genoveva, lang über den Nacken herab, ein wildromantiſches Ausſehen gebend... Aber Oskar Binder zankte ſogar. Die Vögel werden nicht vor mir erſchrecken! ſagte ſie ſpitzig, als er ſich dabei ängſtlich umſah. Sie ließ ſich nicht abhalten und ſtieg aus. Wie wohl that ihr's, endlich im Walde die beklom— mene Bruſt ausdehnen zu können! Oskar Binder gefiel ihr heute nicht. Sie wußte nicht, wie ſie ſo ſchnell und unüberlegt in dieſe„Gelegen⸗ heit nach Amerika“ hatte einwilligen können. Sah dieſe Reiſe doch einer Erhörung ſeiner Huldigungen nicht un— ähnlich, und doch hatte ſie Oskar'n bisjetzt keine Zärtlich⸗ keit geſtattet. Wäre er ihr heute früh fünf Uhr bei den beiden Pappeln gleich um den Hals gefallen, dann hätte es mit ihrer Zukunft ſeine Richtigkeit gehabt, der Augen⸗ blick hätte ſie überwunden, ſie hätte ſich liebkoſen laſſen und nach Gefühl erwidert; jetzt aber war der Augen— blick verfehlt, und wenn bei den beiden Stationen, die ſie hinter ſich hatten, jedesmal beim Weiterfahren der junge Mann einen Anflug von Zutraulichkeit bekam und ihre Hand ergreifen wollte, zog ſie ſie zurück. In dem zornigen Temperament, das ihrem Blute eigen ſchien, bei dem ſchwachen„Talent zur Treue“, wie ſie es ſelbſt nannte, überlegte ſie ſchon bei den erſten ahnungs⸗ vollen Blicken in die nächſte Ferne, ob denn in der That nicht Amerika auch zu weit liegen möchte; denn nach ihrem Princip mochte ſie hier in jedem Dorfe gleich halten und in jedem Schloſſe gleich die Leute ken⸗ nen lernen. Den Bitten des nur mit ſeiner Kaſſette beſchäftigten Oskar, im Wagen zu bleiben, gab ſie kein Gehör. Der Weg ging bergauf, der Poſtillon ſchritt auch zu Fuß und ſie wollte ſogar noch weiter links in den Buchen⸗ wald hinein. Das dort noch gehäufte Laub vom vori⸗ gen Jahre lockte ſie. Das raſchelte ſo gleichförmig zu ihren Füßen hin, und ſie wollte dabei an Amerika und das große Weltmeer denken, das ſie mit dem jungen Manne und ſeiner thörichten Liebe zu ihr zu durchſchiffen hatte. Und wie gebieteriſch er ſchon wurde! Er rief einmal über das andere in engliſcher Betonung: Mary! Mary! Als wenn auch er ihren Namen Lueinde zu verleugnen hätte! Sie ſtaunte dabei, daß Oskar, wie ſie bei den zurückgelegten Stationen ſchon bemerkt zu haben glaubte, ſich mit den Poſthaltern und Wagen⸗ meiſtern in gebrochenem Deutſch unterhielt. Mehr aus gereiztem Spott als aus guter Laune war es, daß ſie von ihrem Laubmeer, das ihr bis an die Knöchel ging, zur Landſtraße hinüber antwortete: 5 ves, my dear! ves, my dear!. Die engliſche Converſation that Oskar'n wohl und ſchien zu ſeiner Beruhigung zu dienen. Während der Poſtillon horchend mit ſeinem Birkenzweig die Gäule kitzelte, fing jener laut einen engliſchen Discurs an, der im Walde hüben und drüben nachſchallte. Lucinde verſtand ihn freilich nicht mehr als der Po⸗ ſtillon; ſie ſagte immer nur: ves, my dear! Ves, my dear! Ihr Augenmerk war auf Eichkatzen gerichtet, deren ſie nicht wenige aus dem Laube, unter dem noch manche vorjährige Buchecker lag, aufſchreckte. Wie ſie ſo hin- und herrannte und die Thierchen die Stämme hinaufſchoſſen, mußte ſie ſonderbarerweiſe der längſt vergeſſenen und aus der Stadt entſchwunde⸗ nen Frau Hauptmännin von Buſchbeck gedenken. Dieſe ſtand ihr plötzlich in dem Nachtkamiſol mit der großen Haube über der Naſe und dem aufgebundenen Unterrock vor Augen und vergegenwärtigte ihr beſonders den Mo⸗ ment, wenn ſie auf den Mäuſefang ging. Fand nämlich Frau von Buſchbeck auf ihrem Boden der Kartoffeln zu viele zernagt, ſo hatte die ſeltene Frau auch das Talent, Mäuſe aus freier Hand zu fangen. Lucinde war ihr oft nachgeſchlichen, wie ſie auf der Hühnerſteige, die zum Dache führte, auf der Lauer lag, liſtig um ſich blickte und mit raſchem Griff ſich eines ihrer Opfer bemäch⸗ tigte. Hing dann am Morgen in der Küche immer ein halb Dutzend Mäuſe an den Schwänzen aufgereiht und hätte die Jägerin geſagt, es wäre ein Vorurtheil, ſo rein⸗ liche und leider von den beſten Dingen ſich nährende Thierchen nicht zu ſpeiſen, in den erſten Wochen, wo Lucinde von Langen⸗Nauenheim zu ihr gekommen war, hätte ſie voll ſtaunender Bewunderung und in ihrer „damaligen Dummheit“ nicht widerſprochen, ſondern ſie auf Befehl gegeſſen, geſotten oder gebraten, wie die Frau Hauptmännin nur gewollt. Warum ihr aber das gerade jetzt ſo entgegenkam? Hier im Walde? In die⸗ ſer Einſamkeit? Sie ſah die Alte deutlich, ſie ſah ſie zwiſchen den Bäumen hinhuſchen und Mänſe fangen; ſie mußte ſich ſchütteln; ſie kannte ſich noch darauf nicht, was es iſt, vom Fieber durchſchauert zu werden. Sie war vor Aufregung ſeit geſtern Abend mit dem Locken⸗ brennen und Frühaufſtehen und„ nach Amerika Reiſen“ nicht zur Ruhe gekommen und eine Krankheit drohte. Der junge Anglo⸗Amerikaner merkte nicht, wie ge— ſpenſtiſch blaß ſie ſah, als ſie mit hängenden Locken über das raſchelnde Buchenlaub zu ihm zurückkehrte und in den Wagen ſtieg, der jetzt bergab und ſchneller fuhr. Nur wieder ſeine Kaſſette, ſein gedrucktes Reiſehandbuch und die Entfernung bis zur nächſten Station hatte er im Kopfe. Eine wundervolle Gegend! ſagte er dann einmal ganz gedankenlos und bemerkte kaum, wie ſich Lucinde in die Ecke des Wagens drückte, ſeinen Plaid um ſich der zweiten Station über⸗ zog, den er ihr ſchon nach chon trotz der Schwüle des gelegt hatte, als es ſie dort ſ geſchloſſenen Wagens fröſtelte. Ich will ſchlafen! ſagte ſie jetzt und zog den Plaid bis über die Stirn. Hätte der Entführer eines den wunderlichen Wider⸗ ſpruch von Geſcheidt und in vielem noch völlig Beſchränkt verbindenden Mädchens Gefühl gehabt für irgendetwas anderes als die Sorge, für ſeine Reiſe einen großen Vor⸗ ſprung zu gewinnen, ſo hätte er bemerken müſſen, wie ihr Antlitz in Wachs ſich verwandelt hatte, ihre Lippen bebten, ihre Hände ſchlaff hingen, das Kleid ſich ver⸗ ſchob und die Schultern marmorkalt hervorſahen. Es war auch wol ein ſolches Fieber, wie man es nach geiſtigen wie leiblichen Geburten hat. Sie begriff all⸗ mählich, wie es doch mit dieſer ſchnellen Reiſe zuſammen— 65 hängen mochte. Oskar Binder hatte Urſache zur Eile. Lucinde war, einfach in die Sprache der täglichen Welt überſetzt, erſtens von ihm entführt, und zweitens war ie es von einem Diebe. Daß ſie in ihrem Zuſtande keine Erquickung, keine Rittagsraſt begehrte, kam dem Flüchtling ganz genehm. Er eilte nur und wetterte auf allen Stationen im ge⸗ läufigſten Engliſch oder gebrochenen Deutſch. Gegen Mittag kaufte er kalte Küche, ſie im Wagen zu ver⸗ zehren. Lucinde wollte nur einen Trunk Waſſer. Jetzt bemerkte er erſt ihren Zuſtand... 3½ Ich bin das Fahren nicht gewohnt, hauchte ſie. Ihre Zunge war trocken. Wenige Tropfen Waſſers löſchten den Durſt nur auf einen Augenblick; und doch ſchauderte ſie, mehr zu trinken. Sie drückte ſich wieder in ihre Ecke. Da ſie die Verſicherung gab, daß ihr nichts fehle, beruhigte ſich der Flüchtling. Es war zwei Uhr, und man hatte wol ſchon acht Meilen zurückgelegt. Die Gegend nahm einen neuen Cha⸗ rakter an. Oskar Binder fing an zu trällern; er pfiff ſich einige Arien, die er ſonſt wol auch mit einer ſchönen Tenorſtimme zu ſingen verſtand. Er bekam die unter⸗ nehmende Haltung wieder, die ihm ſonſt geläufig war, ¹ ſtrich ſich das Geſicht an den Stellen, wo ſonſt ſein 6 Bart geſtanden hatte, und lachte einmal über das andere 9 laut auf. ⸗ Jetzt intereſſirten ihn kleine Dinge am Wege, ein Dorf, ein bellender Hund, dem er nachahmte und ihn 5 Gutzkow, Zauberer von Rom. I 5 damit nur noch heftiger reizte, die Landestracht. Auch den falſchen Engländer hielt er nicht mehr ſo conſequent feſt und gegen Lucinden wurde er aufmerkſamer. Er ſetzte ſich rücklings und lehnte die Halbſchlummernde über d Rückſitz bequemer aus, ſchlug ihre Füße in ſeinen aufe⸗ gebreiteten Plaid, ſtrich die langen Haare von der kalten feuchten Stirn zurück, küßte die Hände, deren Handſchuhe ſchon abgezogen waren, und kniete ſogar nieder, um von dem Glück ſeiner Eroberung, von der Zukunft, von der baldigen Ruhe in einem guten Hotel und den Bequem⸗ lichkeiten eines erſten Kajütenplatzes auf einem deutſch⸗ amerikaniſchen Dampfer zu ſprechen. Lucinde hörte allem in träumeriſcher Abweſenheit zu. Die Küſſe, die ihr Begleiter auf ihre Hände drückte, ſchien ſie nicht zu fühlen. Ruhig ließ ſie ihn auch ihre Locken ſtreicheln. Zu lange auch verweilte er bei ſeinen Zärtlichkeiten nicht; immer wieder fuhr er auf, das kleinſte Geräuſch konnte ihn erſchrecken. Kehrte er dann von einem Blicke aus dem Wagenſchlage zurück, ſo griff er erſt nach ſeinem Reiſehandbuche und verglich das, was er las, mit dem was er eben draußen geſehen. Seltſam genug mochte ihm ſein, in ſeinem„Guide“ vielleicht zu leſen: Nun öffnet ſich das große Becken, wo einſt die Römerwelt mit den Germanen zuſammen⸗ ſtieß, Varus ſeine Schlachten verlor, Arminius das Schwert des Rächers über die vernichteten Legionen ſchwang, bis dann um achthundert Jahre ſpäter die Römer wiederkehrten, mit dem Kreuze voran, dem Schwerte Karl's des Großen hintennach. Hier an dieſen Strömen vollzogen ſie an den Sachſen die Bluttaufe... 67 Von den Wonnen des Geſchichtskundigen, der hier zwiſchen dieſen Bergketten und Längenthälern die erſten deutſchen Klöſter errichtet weiß, die damaligen erſten Pflanzſtätten der Bildung, der das Auge dort nach einem ſagenreichen Hügel, hier nach einer waldverlorenen Kapelle richtet und ſieht, wie zwiſchen Katholicismus und Prote⸗ ſtantismus das Land getheilt wellenartig dem grünen Landmeere, Weſtfalen genannt, und von dort den großen geſchichtsmaßgebenden Strömen und Meeren zu ſich windet... davon hatte nach Bildung und Ge⸗ fühl das ſtarre Auge des jungen Verbrechers keine Ahnung. Um drei Uhr war es wieder eine Waldung, in die die Reiſenden einfuhren... Diesmal eine von Birken. Geiſterhaft ſtanden die blendendweißen ſchlanken Stämme, die Zweige hingen nieder wie an den Trauerweiden. Kein Herbſtlaub war von den dürftig geſchmückten Kronen mehr auf dem Boden ſichtbar, Moos und Flechtengewächſe zogen ſich, von blauen Blumen unterbrochen, weithin zwiſchen den ſonnen⸗ beſchienenen, feenhaft winkenden Stämmen. Hielt der Wagen, ſo flüſterte es von den Espen, die zwiſchen den Birken ſtanden, wie ein Säuſeln der Allnatur, und Wäſſerchen ſickerten da und dort aus dem Mooſe hervor und benetzten die ihrem Laufe ſchon folgenden Vergiß⸗ meinnicht wie in der Idylle eines Traumes. Lucinde lag in Betäubung... Ihr Auge war ge⸗ ſchloſſen, doch ſchlief ſie nicht. Sie fühlte wohl, daß die immer gewecktere Laune, immer fröhlichere Stimmung ihres Begleiters angefangen hatte nur ihr allein ſich zu *. 5* 68 widmen; ſie duldete es, um nur Ruhe zu haben. Sie wußte und fühlte wol etwas von der Berührung ihrer Lippen. Sie war machtlos, geiſtig und körperlich ohne Willen. So ging es eine Weile wie im Traume fort... Da plötzlich ſpringt ſie auf, wie von einer Natter geſtochen. Der Muth des jungen Mannes hatte mehr gewagt. Krampfhaft ſtößt ſie ihn zurück und ſieht ihn mit ſtarren, weit aufgeriſſenen Augen an... Aber auch ihm war gerade in demſelben Augen— blicke mehr geſchehen als nur der Widerſtand eines ihm zu hülflos geſchienenen Opfers. Die fünf Finger jeder Hand ſtreckte er krampfhaft vor ſich ihn, wie einer, der eine Scene unterbricht mit plötzlicher Anſtrengung ſeines Gehörs, und kaum hatte dieſe Bewegung eine Secunde gedauert, kaum Lucinde ihr eigenes Entſetzen vor dem ſtarren Schreck des Frev⸗ lers vergeſſen, als dieſer nach einem Griff auf ſeine immer zur Hand ſtehende Kaſſette den Schlag geöffnet hatte, Halt! donnerte, ohne Mütze aus dem Wagen ſprang und für ſie verſchwunden war. Lucinde ſank vor dem plötzlich haltenden Wagen in den Sitz zurück, erhob ſich aber wieder, wickelte ſich aus dem Plaid heraus und machte Miene, inſtinctmäßig dem Flüchtling zu folgen. Indem ſchlug ein Geräuſch an ihr Ohr wie von Pferdehufen. Sie blickte zum Schlag hinaus, den der Poſtillon voll Erſtaunen über das Benehmen ſeines Paſſagiers auch auf ſeiner Seite, der linken, geöffnet. Man ſah 69 zwei Gensdarmen mit klapperndem Seitengewehr in noch ziemlicher Entfernung daherjagen. Lucinde, wie in der Anſteckung des Augenblicks, ſpringt hinunter, die Pferde halten aber nicht recht, ſcheuen und wollen auf den Fuß⸗ weg. Dadurch gibt ihr der Inſtinct des Moments den Gedanken, nicht zur Rechten, wo Binder verſchwunden war, zu entfliehen, ſondern nach der linken Seite. Ein Fluch der Verwunderung von ſeiten des Poſtillons folgt ihr. Sie rennt das niedrige Geſtrüpp quer hin⸗ durch. Haſelgeſträuche und Brombeerhecken biegt ſie zu⸗ rück, läuft, wie von Furien verfolgt, in der ganzen athemloſen Haſt der fieberhafteſten Erregung, mit Kräf⸗ ten ausgerüſtet, die ſie im Augenblick hernimmt, ſie weiß nicht woher, läuft durch Heck und Moos, durch weiche, verſinkende Stellen, Sträuche zurückbiegend und keinem Verſtecke, der ſich darbietet, vertrauend. Wie von der Luft getragen, fliegt ſie dahin, und erſt, als ſie nicht mehr kann, reicht das Entſetzen über Gefahren, die ſie ſicher nicht zu groß ſich ausgemalt, nur noch ſo weit aus, auf die Zweigſtämme eines rings von hohen Büſchen umgebenen Baumes zu klettern, die Zweige des Um⸗ wuchſes zurückzudrängen, die höhern Wipfel an ſich zu ziehen, ſich feſt an ſie anzuklammern und mit einem einzigen kühnen Sprunge auf die Aſtgabel des Baumes zu ſpringen, wo ſie dann leichtere Mühe hat höher zu klimmen und athem⸗ und kraftlos, mit herabhängenden Händen und niedergebeugten Hauptes zuſammenzuſinken. So lugt der Luchs mit ſtarren Augen aus grünen Zweigen und harrt des nahenden Jägers. In dieſer Stellung blieb Lucinde wol eine Stunde. Sie hatte oft ſchon auf Bäumen geſeſſen, aber ſo in Angſt und Kraftloſigkeit noch nie. Mit den über einen gewaltigen Aſt ausgelegten Armen hing ſie mehr, als ſie auf einem untern mit den Füßen ſtand. Der Schweiß, der ihr von der Stirn troff, mußte ihr gut thun; ſie behielt wenigſtens die Beſinnung, und dieſe lieh dem Körper Kraft. Lang hingen die Haare, das weiße Kleid war zer⸗ fetzt, ihr rother Shawl war irgendwo hängen geblieben. Ihr ganzer Sinn ſſpitzte ſich nur auf das Gehör zu. Wenn ihr Auge über etwas funkelte, war es ein Blatt, das rauſchte, ein Käfer, der ſummte. Sie beſann ſich ſogleich darauf, daß ſie ungewiß ſein konnte, ob ſie mehr vor den Häſchern als vor ihrem Be⸗ gleiter ſo geffohen war.* Als ſie nichts hörte, keine Menſchentritte, kein Ge⸗ räuſch von Waffen, konnte ſie endlich die Miene ſo verziehen, daß die weißen Zähne eine Weile hervor⸗ ſtanden, wie immer, wenn ſie ſpöttiſch lachte... Es war ein Lachen, das allmählich in ihrem Innern ſo platzgriff, 4 4 48 71 daß es ſich auch äußerlich geltend machte. Sie lachte, wie die Verzweiflung pflegt, wenn ſie nicht mehr aus noch ein kann. Sie überlegte, was nun alles kommen konnte! Wenn ſie aus dieſer Lage nichts Neues und Unerwartetes erlöſte, ſah ſie Demüthigungen entgegen, die grauenhaft waren. Alles blieb ſtill... Sie traute ſich die Kraft zu, niederzuſteigen... Der Gedanke: Wie, wenn ſie durch die Nacht ſo hin⸗ wandern könnte, durch die Wälder, die Berge, über die Meere— bis Amerika! der ſtand ihr ſo lange bei, bis ſie wieder auf ebenem Boden war und dann freilich vor Erſchöpfung bald zuſammenſank. Sie hatte ſeit dem geſtrigen Tage keine Nahrung genommen. Nun lag ſie kraftlos und griff nach den Zweigen der Sträucher über ſich und beugte ſie zu ſich nieder, hoffend auf Erquickung. Nirgends eine Frucht. Erdbeerbüſche ſah ſie etwas weiter, aber die Früchte waren abgeſtreift. Dies bewies ihr wenigſtens Menſchennähe. So lag ſie lange; ſie legte den Kopf über die gekreuzten Arme und ſchmachtete ſo hin... Seit lange hatte ſie ſolche Einſamkeit auch ihres Innern nicht gefühlt. Doch mit Thränen konnte ihre Natur ſich nicht helfen. Vor acht Tagen— da hiütte ſie„beinahe“ geweint, als ſie das Haus des edeln Mannes, des Stadtamtmanns, verließ. Sie weinte auch wirklich, als die alte Köchin über ihr tröſtend und doch kopf⸗ ſchüttelnd geſagt hatte: Jettchen, Jettchen, Sie werden noch Traurigeres in der Welt erleben, als das iſt! 72 Sie hatte ſchon ſeit lange nicht mit der Alten geſprochen, weil ſie zu ſtolz geworden war. Aber lange hatte die Rührung nicht gedauert. Sie wühlte ſchon damals nach einer Genugthuung. Da ſich keine fand, da ihr überall der Weg verſperrt war nach der Seite hin, wo allein ihrem Stolze genügt werden konnte, ſo war ſie bereit geweſen, das Netz, das ſie überſpann, zu zerreißen und mit Oskar Binder in die weite Welt zu gehen. Wie das ſo war und werden konnte, hatte ſie nicht viel über⸗ legt. Nun ſah ſie's und neu genug waren die Folgen... Jetzt blickte ſie in einem Walde einſam hinein in Moos, Farrnkräuter, Sträuche mit Blüten und Beeren, die zum Herbſte reiften... Was dieſer ihr wol bringen wird! Die kleinen Käfer und Inſekten um ſie her konnte ſie noch verfolgen, wie ſie ſprangen und ſich kugelten und auf Halme kletterten, die am Gewichte derſelben zuſammenknickten... Es regt ſich doch alles, es nährt ſich doch alles! Das zu denken, auch jetzt zu denken, war längſt ihre Art, und ſo elend ihr zu Muthe blieb, aufſtehen würde ſie doch, wenn nicht gleich jetzt, doch noch vor Abend; und zurückdenken mochte ſie am wenigſten; aufrichtig beklagen, ſich etwas vorwerfen, bereuen, das hatte ſie nie vermocht, und wenn ſie ſonſt geſtraft worden war, Thränen kannte ſie auch da nicht. Ihr Vater weinte wool dann ſtatt ihrer und ſeufzte: Die Mutter! Nach einer halbſtündigen Ruhe raffte ſie ſich wieder in die Höhe. Sie ordnete ihr Haar, ſoweit es ging, erſchrak zwar über den Zuſtand ihres Kleides, verſuchte aber weiter zu kommen. .— ————, 73 Sie hielt ſich an die Zweige und Stämme. Einen Weg fand ſie nicht. Sie war gauz im Dickicht, und doch war ihr's manchmal, als läutete von irgendwoher eine Glocke. Dann war's blos wieder ein Summen im Graſe oder im Ohre. Einige hundert Schritte brachte ſie ſo vorwärts; weiter trug ſie ihre Kraft nicht mehr... Es war an einem wunderſchönen Platze, wo ſie zuſammenſank. Der Wald wurde lichter, die Birken ragten wieder, Erlen, auch Weiden kamen. Sie ſah ſogar in der Ferne Schilf, dicht verwachſen; nun mußte doch ein Waſſer kommen. Sogar Schwalben ſchoſſen daher, die ſonſt im Walde nicht wohnen. Auch eine Lerche wirbelte ein Abendlied in der Luft. Aus dem Schilfe blickte manche dunkelblaue Blume ihr ent⸗ gegen. Weiße Nymphäen ſah ſie auf kleinen Wäſſerchen. Das Gras um ſie herum war von Vergißmeinnicht ge⸗ zeichnet... Immer müder und müder wurde ihr. Rings der große ſchwei nde Kranz des Waldes, hier ein klei⸗ nes Waſſereiland, drüber der blaue Himmel mit einigen wie durchſichtigen Roſawölkchen in allerhöchſter Höhe. Sie blickte noch einmal empor, dann faßte ſie, wie um ſich zu halten, einen Büſchel blauer Glockenblumen, und lag dann ſo, dieſe in der Hand haltend, ohne Bewußtſein. Eine grüne, behend dahinſchlängelnde Eidechſe, die ſie im Sinken unter einem feuchten, moosbewachſenen Steine aufſcheuchte, ſah ſie wol noch, aber fürchtete ſie nicht mehr. Als Lucinde erwachte, war es dunkler Abend. Ihre Ohnmacht war in Schlummer übergegangen. Sie erwachte an derſelben Stelle. Obgleich ſie ſchwer geträumt hatte und im Traume weit entrückt geweſen war in ferne Lande, ſo erkannte ſie doch ſogleich den Ort wieder trotz der Dunkelheit. Nur Geſellſchaft hatte ſich eingefunden. Es ſaß ein Mann neben ihr. Es war ein ihr völlig Fremder, und doch erfüllte er ſie nicht im mindeſten mit Schrecken. Seine Geberde war auch zu ſprechend für die Gefahr⸗ loſigkeit ſeiner Nähe und ſeiner Abſicht. Er lag auf den Knieen, faltete die Hände, die er läſſig niedergleiten ließ, und betrachtete die Erwachende, wie wenn er eine über⸗ irdiſche Erſcheinung angebetet hätte. Ihr Erwachen ſchien den Fremden mit großer Freude zu erfüllen. Er war hoch und ſtark, ein Mann eher noch in jungen als in mittlern Jahren. Sein Antlitz, ſoweit es der ſchon nächtlich gedunkelte Abend erkennen ließ, war voll, geröthet, beides faſt im Uebermaß. Die Art und Farbe der Augen ließ ſich vor dem Schirm einer leichten Sommermütze, die er trug, nicht erkennen. Auch ſeine übrige Tracht war von leichtem, hellem Sommerſtoffe, bis zu Gamaſchen hinunter, die er trug. Das Halstuch war mit einem Ring zuſammenge⸗ bunden, deſſen weiße Steine wunderbar funkelten. Eine ſchwere goldene Kette hing über die offene Bruſt hinweg über ein ſauber gefälteltes Hemd. Von der grünen 75 Waldeseinſamkeit ſtachen die weißen Glaceéhandſchuhe ab, die auch dieſer Fremde wie Oskar Binder trug und trotz ſeines Knieens und ſeiner wie anbetenden Geberde nicht ausgezogen hatte. Noch ehe Lueinde ſich in dieſen ſeltſamen Anblick gefunden, wurde ſie von dem fremden Manne angeredet. Es war in einer fremden Sprache, die aber einige deut⸗ ſche Laute untermiſcht hatte, und das ſo richtige und voll⸗ tönende, wie wenn ihm jene doch nicht recht geläufig war. Die ſich gleichbleibende Stellung und ehrfurchtsvolle Anrede des Fremden überraſchte Lucinden jetzt ſo, daß ſie ſich erhob und einige Worte ſprach: Wer ſind Sie? Wo bin ich? b In dieſem Augenblicke kamen aber auch ſchon aus dem Walde einige Leute und brachten einen großen Tragſeſſel. Ein älterer, ſchwarzgekleideter Mann führte ſie und näherte ſich mit Anweiſung der Stelle, wohin ſie ihm mit dem Seſſel folgen ſollten. Da er Lucinden ſchon 7 aufgeſtanden und jetzt wie auf der Flucht fand, rief er ihr entgegen: Mein junges Kind! Fürchten Sie ſich nicht! Sie ſehen hier nur die Sorge des Herrn Kammerherrn! Wir waren im Begriff, Sie auf dieſem Stuhl in meine Wohnung t zu bringen!* 1 Lucinde war ſich ihrer eigenen Abenteuerlichkeit zu Ea, 1 . p gut bewußt; wie hätte ſie von den Männern, ſtatt Auf⸗— 1 klärungen zu geben, welche verlangen können! Besse 3 Sie müſſen ermüdet ſein! Setzen Sie ſich! Dieſe Fe 9 Leute ſind ſtark genug, Sie den Weg, der nicht zu kurz n 1 iſt, in meine Wohnung zu tragen!, So ſprach wiederholt der Neuhinzugekommene, ein hagerer, langer Mann, von gelaſſenem Weſen. Sie mußte nach Tracht und Haltung in ihm einen Dorf— geiſtlichen vermuthen. Der als Kammerherr Bezeichnete war aufgeſtanden und hielt ſich immer nur in einiger Entfernung, faltete die Hände und betrachtete Lucinden wie ein Wunder, das ſie in dieſer Umgebung, in ihrem wilden und doch ele— ganten Aufzuge allerdings auch war. Ermüdet und ſchwach bis zum Umſinken, ließ ſie ſich die Dienſtleiſtungen der Leute gefallen, duldete, daß man ſie auf den Seſſel hob, dieſen dann kräftig erfaßte und ſie ſo aus dem jetzt ſchon vom Monde beſchienenen und von Leuchtkäfern und ſchwärmenden Phalänen belebten Schilfmoor in den dunkeln Wald zurücktrug. Die Träger ſprachen nichts als was zur Verſtändi⸗ gung des beſſern Handhabens des Stuhles gehörte; auch die beiden andern, der Kammerherr und der, den ſie für einen Geiſtlichen hielt, folgten ſchweigend. Lucinde, ſo dahingetragen den ſchmalen düſtern Waldweg, glaubte noch immer zu träumen, und doch war alles Wirklichkeit. Dieſe geiſterhaften Lichter, die der Mond zwiſchen die hohen Stämme warf, waren zu natürliche. Aber das Gefühl, einer Gefahr entgegenzugehen, konnte hier nicht auffommen. Die beiden Männer blie— ben zwar in lebhaftem, wie ſie hörte, jetzt in vollkom⸗ menem Deutſch geführten Geſpräch zurück, aber die gut⸗ müthigen Mienen ihrer Träger ließen auf ehrliche Dorf⸗ bewohner ſchließen. 77 Lucinde war ſo angegriffen, daß ſie mit ſich geſchehen ließ, was man thun wollte. Sie lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Seſſels und hörte nur. Endlich ver⸗ nahm ſie das Schlagen einer Thurmuhr und Hunde⸗ gebell. Sich ein wenig aufrichtend, ſah ſie einige Lichter blinken, auf die man in gleichmäßiger Bewegung zu⸗ ſchritt. Der kleine Zug kam in ein ſtilles, ſchon in nächt⸗ licher Ruhe ſich wiegendes Dorf. Die hintern Begleiter hatten eine Straße abgeſchnitten und waren den Trä⸗ gern voraus. An der Kirche lag ein ſtattliches Haus, dem letztere durch ein zur Seite liegendes großes Hof⸗ thor ſchneller beikommen wollten; doch der Kammerherr ſprang heran und rief ein gellendes: Nein! indem er auf den Haupteingang des Hauſes ſelber zeigte. Seine Geſtalt und Stimme bot in dieſem Augenblicke einen ängſtlichen Eindruck. Lucinde hätte gewünſcht, von ihm minder geräuſchvoll geehrt zu werden. Daß ſie ſich in einem evangeliſchen Pfarrhauſe be⸗ fand, bemerkte ſie bald an der Umgebung, die immer lebhafter und zahlreicher wurde. Eine freundliche Frau beklagte ſie, erklärte ſie ohne Zweifel für verirrt, für krank, und rühmte den Kammerherrn, der die Unglück⸗ liche entdeckt hätte, die an jener Stelle im Walde un⸗ fehlbar die Nacht würde haben verbleiben und ſich vollends verderben müſſen. Man trug Lucinden eine Treppe hinauf, in ein zwar niedriges, aber freundliches und ſehr geräumiges Zim⸗ mer, neben welchem ein Cabinet mit Bett ſich befand. Alles war ſchon hergerichtet zu ihrem Empfang. Jeder 78 griff zu, jeder bot ihr Hülfleiſtung; nur der Kammer⸗ herr ſtand unausgeſetzt von fern und betrachtete, was er ſah, wie eine Märchenerſcheinung. Jetzt überſah Lucinde die ganze lange, ſtarke, breitſchulterige Perſön⸗ lichkeit, deren zartes, faſt ſüßes Benehmen mit dieſem Aeußern in einem faſt komiſchen Contraſte ſtand. Ihre Erklärung, daß ſie ſich verirrt hätte, genügte vorläuſig und verhinderte alle weitere Nachforſchung. Man war bedacht, ſie mit Speiſe und Trank zu ver⸗ ſorgen und ihr die Ruhe eines weichen Lagers zu gön⸗ nen. Sie unterwarf ſich auch jedem, was man zu ihrer Stärkung und Bequemlichkeit erſann. Sie war nur das willenloſe Echo jedes geſprochenen Wortes bis auf das: Gute Nacht! das man ihr zurückließ und das ſie ebenſo erwiderte. Sie hörte noch etwas wie den gezogenen Ton eines Wächterhorns und entſchlief. Die weniger kräftige als zähe Natur Lucindens hatte ſich am folgenden Morgen vollſtändig wieder erholt. Von einem wohlthätig über Nacht ausgebrochenen Schweiße merkte ſie jetzt kaum noch etwas, als die gewonnene Stärkung. Sie richtete ſich, wie die Sonne hell in die ſehr niedrigen, aber wohnlichen Zimmer ſchien, hoch auf und lachte ſchon wieder über die Situation, in der ſie ſich befand. Man war ſchon um ſie her beſchäftigt ge⸗ weſen. Sie fand ſchon Kleider, Wäſche, Hülfsmittel ihre Toilette zu machen, erfriſchendes kaltes Waſſer. Sie konnte annehmen, daß ſie mit Oskar Binder in den von ihm ſo hochgerühmten Hotels der Seeſtadt Bremen angekommen und eine Gräfin war, als welche er ſie überall behandeln zu wollen verſprochen hatte. Bei dem 7 4 5 4 7 79 — Gedanken, ob der junge Mann nicht ſchon auf dem Wege ins Zuchthaus war, überlief ſie eine peinliche Furcht. Sie erwog indeſſen ihren Antheil an ſeiner Schuld und durfte ſich freiſprechen bis auf den verlorenen Ruf. Letztere Betrachtung ſtörte ſie nicht zu lange: ihrer Na⸗ tur widerſprach es, ſich um irgendetwas allzu viel Sorge zu machen. Die Kleider, die ſie vorfand, entſprachen freilich der Vorſtellung von einer reiſenden Gräfin ſehr wenig. Es waren leichte, vielfach gewaſchene und von der 1 Sonne ausgebleichte Kleider der Frau Pfarrerin. Sie zog einen der Röcke an und lachte über ſich ſelbſt, als ſie in den Spiegel geblickt, von dem ſie erſt— 0 zwei ſich kreuzende Pfauenfedern und eine Anzahl Viſiten⸗ n karten und geſchriebene Einladungen zu Mittageſſen und 4 Kaffeegeſellſchaften in der Umgegend wegnehmen mußte. 4 Wie eine Großmutter! ſagte ſie, von dieſen Familien⸗ 1 n bezügen angeregt, zu ſich ſelbſt. Sie ſann hin und her, e wie ſie ſich helfen konnte, denn vollkommen gegenwärtig 4 e 1 war ihr die Anweſenheit eines Mannes, den man Kam⸗ 14 je merherr genannt und der ja vor ihr anbetend auf den 4 uf Knieen gelegen und ſie wahrſcheinlich ſpaniſch oder arabiſch ſe begrüßt hatte. Leiſe hatte ſie auch ſchon die an den Fen— e ſtern dicht herabfallenden gemuſterten und roth umſäum— t 1 ten Muſſelingardinen gelüftet und richtig ſchon ihren 1¹ 6 Verehrer in dem kleinen Garten vor dem Hauſe auf- und er abwandelnd erblickt. 9 e Lucinde war eitel genug, die glänzende Toilette, in ſe der er erſchien, auf ihre Veranlaſſung zu ſetzen. Er trug 1 8 eine hellblaue Uniform mit goldgeſticktem Kragen, mehrere 80 Orden auf der Bruſt und einen dreieckigen Treſſenhut auf dem ſchon wieder ſehr rothen Antlitz. In gravitäti⸗ ſcher Würde ging der Kammerherr durch die zierlichen Wege des kleinen Blumengärtchens auf und nieder und brach nur dann und wann zu einem Bouquet, das er ſchon in Händen hielt, noch eine Roſe oder aus den Einfaſſungen der Beete eine Federnelke. Zunächſt ordnete ſie ihr verwildertes Haar. Sie legte es wie ſonſt wieder in Scheitel und Flechten.“ Um Locken zu machen, fehlte die Feuerzange ihrer Schweſter. Dieſe Umwandlung dauerte lange. Sie wurde ihr aber angenehm durch eine ganz wunderbare Unterhaltung, die plötzlich durch das Haus ertönte. Eine Muſik erfüllte die nicht unanſehnlichen Räume deſſelben, und zwar mit einem Wohllaut, der höhern Sphären angehörte. Jedes Glas auf dem Tiſche, die Fenſterſcheiben, die Bilder an der Wand, ja, die klappernde Thür eines gußeiſernen Ofens, alles ſchien von dieſer Muſik mit ergriffen, ſo mächtig brauſten die Accorde durcheinander, ob ſie gleich nur von einem einzigen Inſtrumente, etwa von einer rieſigen Flötenuhr, zu kommen ſchienen. Was iſt das? fragte Lueinde die Magd, die ſie in ſeltſam fremder, ihr nicht geläufiger, plattdeutſcher Sprache um das Frühſtück anging, das ſie zu haben wünſchte. Der Herr Pfarrer ſpielt! hieß es. Ja, aber was? worauf? Die Magd lächelte verlegen; ihr guter Wille, Auf⸗ klärung zu geben, ſcheiterte an einem ſchweren fremd⸗ artigen Namen. V 81 Die Töne ſchwollen indeß und löſten ſich ab mit einer Weihe und Erhabenheit, die der feierlichſten Kirchenmuſik gleichkam. Bald waren es Flöten, bald Oboen, bald die Töne eines Violoncells. Nur einmal hatte Lucinde ähnliche Eindrücke gehabt, damals, als ſie zur Oſterzeit gelegentlich die kleine katholiſche Kirche der Reſidenz be treten, um zu belauſchen, wie ſich die Frau Hauptmännin anſtellte, im Beichtſtuhl zu ſitzen. Sie erfuhr ſpäter, daß die geizige Frau, die den Satan ohnehin für den wah— ren Herrgott hielt, nur deshalb alle Jahre einmal zur Beichte ging, um ein monatliches gänzliches Faſten zu motiviren, das ſie darauf als eine ihrem Hauſe für ihre Sünden dictirte Strafe einführte. Lucinde dachte auch bei dieſer Muſik an jene Zeit der bitterſten Entbeh⸗ rungen. Da ihr ſchönes Kleid einer gründlichen Ausbeſſerung bedurfte, wenn es nicht gar ganz verdorben war, ſo blieb ihr nichts übrig, als für ihr Coſtüm ſich den Umſtänden zu ergeben. Sie bat um eine Haube und erhielt ſie. An dem Schnitt ihres Antlitzes, an dem Reiz ihrer For⸗ men war nichts zu entſtellen, ſie konnte den Eindruck einer eben verheiratheten jungen Frau machen. Sie nahm dann ein leichtes Frühſtück von Milch und eilte an die Quelle der berauſchenden Töne, die das ganze Haus verzauberten. Man empfing ſie unten ſehr freundlich und wünſchte ihr Glück zu ihrer ſchnellen Erholung. Ihre Toilette fand man erfindungsreich und entſchuldigte ſich, ihr nicht mehr bieten zu können. Die Muſik hatte denſelben Au⸗ genblick aufgehört. Auf ihr Befragen, welchem Inſtru⸗ Gutzkow, Zauberer von Rom. J. 6 ment man verſtanden hätte dieſe wunderbaren Töne zu entlocken, zeigte der Pfarrer auf einen Kaſten, in welchem eine Reihe von Gläſern, eins ins andere geſteckt, an einem Bande in der Schwebe gehalten lagen. Durch eine mechaniſche Vorrichtung bewegten ſie ſich, geriethen durch ſtändiges Drehen in Schwingungen und wurden nun mit den Fingerſpitzen je nach ihrer Stimmung be⸗ rührt. Dieſe Art des Spielens ſchien anſtrengend. Man mußte die Gläſer durch Friction in Umſchwung erhalten. Der Anblick ſelbſt war lange nicht ſo poetiſch wie die Wirkung. Es war eine, jedenfalls verbeſſerte, jener alten und echten Harmoniken, die Benjamin Franklin er⸗ funden haben ſoll, und die ſchon lange aus dem Ge⸗ brauch des Virtuoſenthums gekommen ſind und nur hier und da noch von einem Freunde ernſter und weihe⸗ voller Muſik geſpielt werden. Der Pfarrer und die Pfarrerin, beide waren gleich geſchickt darin. Das nächſte Geſpräch, an welchem in beſcheidener Zurückhaltung einige freundliche Kinder, zwei Mädchen und zwei Knaben, theilnahmen, betraf natürlich das geſtrige Finden der Verirrten. Der Pfarrer hatte mit dem Kammerherrn, der immer noch im Garten, harrend und ſeinen Strauß vervollſtän⸗ digend, auf⸗ und niederging, kurz vor Sonnenuntergang noch einen Spaziergang gemacht. An dem Riedbruch, wie die bezeichnete Gegend benannt wurde, hatte man Lu⸗ cinden überraſchend genug und im Schlummer hingeſtreckt gefunden. Ihr zerriſſenes Kleid, die aufgelöſten Haare hatten keinen Zweifel gelaſſen, daß es ſich um eine Kranke handelte, und ſchnell war der Pfarrer zum Dorfe 83 geeilt, während der Kammerherr zur Aufſicht zurückge— blieben war. Zwei faſt gleichzeitige Fragen, die ihrerſeits nach der wunderlichen Art des letztern, und die Frage der Pfarrersleute, wie und woher ſie denn in dieſe misliche Lage gekommen, durchkreuzten ſich eben, als man vorm Hauſe einen fürchterlichen Lärm hörte, Schimpfreden und Drohungen wildeſter Art. Ja, was iſt wieder? ſagte ruhig der Pfarrer und ging hinaus. Lucinde ſah, daß ſich der Kammerherr wie ein Tob⸗ ſüchtiger geberdete und in einige Entfernung hinaus⸗ ſchrie: Schlingel, nichtswürdiger Schurke, Tagedieb! Wo bleibt mein Degen? Wie lange ſoll ich nach meinem Degen rufen? Bin ich der Kammerherr von Wittekind oder nicht? Da auch die Pfarrerin auffallenderweiſe ſehr ruhig in den Garten ging, ſo nahm Lucinde keinen Anſtand zu folgen. Sie hatte ſchon die Thür in der Hand, als ihr auffiel, wie ſchnell das älteſte der Mädchen an die Harmonica ſprang und einige der Gläſer mit dem müh⸗ ſam ausgebreiteten Spann ihres kleinen Händchens zu reiben ſich mühte. Was iſt das alles? fragte ſie ſich und war um ſo mehr betroffen, weil der Name Wittekind ſie an die monatlichen Geldſendungen der Frau von Buſchbeck oder des Fräuleins von Gülpen erinnerte. Auf den fünf Sie⸗ geln hatte ſie einmal die Worte:„Freiherrlich Wittekind'⸗ ſche Kameralverwaltung“ geleſen... 6* Die Kleine ſpielte wohlgeordnet einen Choral. Der Kammerherr riß dazwiſchen ſein Blumenbouquet ausein⸗ ander, rannte über die Beete, zertrat alles und ſchlug ſogar gegen den Pfarrer, der ihm zuzureden und ihn ins Haus zurückzuführen ſich bemühte, mit geballter Fauſt. Leuten, die draußen am Staket gaffend ſtehen blieben, winkte der Pfarrer zu gehen. Meinen Degen! Meinen Degen will ich haben! rief der Ungeberdige unausgeſetzt und drohte nach einer Seite hin, wo ſich jemand zu befinden ſchien, der dieſen zu bringen von ihm beauftragt war. Aber den Degen? rief die Pfarrerin, jetzt doch auch erregter ins Haus zurückkehrend. Wie kann man ihm einen Degen laſſen! Lucinde begriff nun, daß der Kammerherr geiſtes⸗ krank war. Nie hatte ſie Menſchen in dieſem Zuſtande geſehen und fürchtete ſich, trotzdem daß man verſicherte, die Muſik würde allmählich ſeine Tobſucht mildern. In wunderbaren Tönen ſpielte auch jetzt die Frau Pfarrerin, eine kleine, zarte, aber geiſtig durchleuchtete und willens— ſtarke Frau. Wie Lucinde nun auch auf dem Sprunge war auf die Treppe zu eilen und ſich in den obern Stock zu flüchten, traf ſie durch die noch geöffnet gebliebene Haus— thür der Blick des Tobenden. Kaum war er ihrer an⸗ ſichtig geworden, als er augenblicklich in ſeinen Schimpf⸗ reden innehielt, die Hände nach ihr ausſtreckte und halb die Knie beugte. Dieſe Aenderung der Scene war das Werk eines Augenblicks. Die zaubervollen Accorde, die die Pfarrerin 85 dem Inſtrument entlockte, hoben eine Situation, deren Feierlichkeit von dem Schrecken und Staunen der Näher— ſtehenden unterſtützt wurde; die entfernter Lauſchenden freilich lachten. Lucinde blieb eine Weile unbeweglich. Dann aber faßte ſie ſich Muth und ging auf den Kammerherrn zu, ihm einen freundlichen: Guten Mor⸗ gen! wünſchend. Er erhob ſich, ſprach nichts und lächelte voll Ehr⸗ furcht. Daß Sie mich noch wiedererkennen! fuhr Lucinde wie in unbefangenſter Laune fort. Ich habe mich ſeit geſtern verändert, nicht wahr? Sie gehören jetzt der Erde an! ſprach der wie in einem Bann Befindliche feierlich, langſam, mit ſonderbar hochliegender, faſt weiblicher Stimme. Nicht wahr, fuhr Lucinde ſcherzend fort, Sie glaub⸗ ten geſtern, ich wäre vom Himmel gefallen? Und nun ſuchte ſie die zerſtreuten Blumen auf, wobei ihr der Kammerherr behülflich ſein wollte. Aber dieſe ſteife Uniform! fuhr ſie fort. Pfui! Pfui! Wie garſtig dieſer hohe Kragen! Das mag ſich wol bei Hofe ſchön ausnehmen, aber hier... Die armen Roſen und Nelken! Nein, kommen Sie, Herr Kammerherr von Wittekind! Ziehen Sie Ihre geſtrige leichte Klei⸗ dung an, und wir richten den Garten wieder in Ord⸗ nung! Ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen! ſagte der Kranke und verbeugte ſich wie vor einer Fürſtin. Nun gut! So denken Sie nur, daß ich auch ganz incognito hier lebe und wir uns eines dem andern nichts vorwerfen wollen! Der Kammerherr verbeugte ſich und ging, ohne weiter nach dem Degen zu fragen, ins Haus, um ſich umzukleiden. Er bewohnte die andere Seite des Erd⸗ geſchoſſes.— Alle ſtanden in Verwunderung vor dieſem unerwar⸗ teten Beſänftigungsmittel. Der Pfarrer beſonders ſchien ſehr erfreut und ſagte leiſe: Die Muſik war bisjetzt das Einzige, was die zu⸗ weilen ausbrechende Tobſucht des geiſtesſchwachen Mannes mildern konnte. Nun kommen Sie und ſchon Ihr An⸗ blick entwaffnet ſeine Wuth! Sie ſind uns ja wie ein Geſchenk von Gott gegeben! Lucinde erfuhr, daß der Pfarrer von Eibendorf, dem das trauliche Neſt von Kindern ſich füllte, vom Ertrag ſeiner Pfarre aber kaum die Scheuer, ſich erboten hatte, einen geiſteskranken vornehmen, ſehr reichen Mann in Obhut zu nehmen. Es war, er geſtand es aufrichtig, eine ganz einfache Speculation auf die Beſſerung ſeiner eigenen Exiſtenz. Er wollte dieſe Erſparniſſe anlegen für die künftige Ausbildung ſeiner Kinder. Offen ſagte er das; aber man ſah wohl, ſein eigener redlicher Wille und die Herzensgüte ſeiner Frau konnten ſich nicht ent⸗ ſchließen, dieſe Pflege wie das Amt eines Miethlings auszuführen. Sie unterzogen ſich ihrer ſchweren Auf— gabe, die ſie in dieſem mislichen Umfange, wie ſich bald herausſtellte, kaum geahnt hatten, mit aufrichtiger Hin⸗ gebung, wachten Tag und Nacht über den launiſchen, oft bösartigen und in der großen Welt in vielen Dingen 87 gründlich verdorbenen Mann, der ſchon an die Vierzig gerückt ſchien und doch kaum dreißig zählte. Freiherr Jeröme von Wittekind entſtammte dem Ge— ſchlechte, das ſich für die Nachkommen jenes edeln und tapfern Wittekind hielt, der in dieſen Gegenden, tiefer abwärts nach Weſten zu, lange Jahre Karl dem Großen die Spitze geboten. Einem Geſchlechte der Hünen ſchien auch noch immer dieſer entartete Enkel anzugehören. Der Kammerherr war der jüngere Sohn des großen Land⸗ beſitzers und eines der erſten Glieder hierländiſcher Rit⸗ terſchaft, des Kronſyndikus von Wittekind; der ältere ſtand in Dienſten des nordwärts liegenden großen Staats. Dieſer jüngere, von früh beſchränkt und ſchwachſinnig, hatte ſich den Kammerherrnſchlüſſel eines der kleinen Höfe geben laſſen, die in der Gegend der Externſteine liegen. Seine Reiſen und Aufenthalte in großen Städten waren die Veranlaſſung zu ſo vielen Thorheiten und Verſchwen⸗ dungen geworden, daß der Vater ſeinem Weſen Einhalt thun mußte. Die Beſchränkung, die er erfuhr, reizte ſeine Wildheit noch mehr, und als der Vater, der ſelbſt ein determinirter Mann war und im Nothfall, wie Lucinde ſpäter kennen lernte, mit geſchwungener Hetzpeitſche drein⸗ fahren konnte, ihn vollends einengte und, um den Geiſtes⸗ zuſtand ſeines Sohnes nicht zu verrathen, ihn gar wie einen zweiten Kaspar Hauſer einſchloß, ließ die Elaſticität dieſer ſchwachen Geiſteskräfte immer mehr nach und ein oft bösartiger Blödſinn war die Folge, die nur noch die gewohnte Art der Haltung und der hochgetragene Nacken des adeligen Stolzes in der ſtattlichen Erſcheinung des Kammerherrn verdeckte. Obgleich Katholik, hatte man ihn, um ſeinen Zuſtand ganz aus dem Bereich der Controle der ihm ebenbürti⸗ gen Adelsgeſchlechter zu bannen, zu einem proteſtantiſchen Geiſtlichen, zehn bis zwölf Meilen von den großen Gü⸗ tern des Vaters entfernt, gegeben. Den Vorwand dafür gab ſeine Liebe zur Malerei. Er beſaß ein wirkliches Talent zum Copiren und ſtreifte durch die Gegend meiſt mit der Zeichenmappe. Sein Diener ſagte dann jedem, ſein Herr halte ſich deshalb beim Pfarrer auf, weil nichts der Umgegend von Eibendorf gleichkäme. Wald, Berg, Wieſe und Grund ſchmückten das Thal allerdings mit den reichſten Farben; die Malerei und Muſik wurden zu Hülfsmitteln, den Zuſtand des Kranken zu mildern. Von dem Augenblick an, wo der Kammerherr in ſei⸗ nen Sommerkleidern zurückkehrte und mit Lucinden, die ſich einen Strohhut gegen die Sonne entliehen hatte, die Beete zu ordnen und die Pflanzen wiederherzuſtellen be⸗ gann, entſpann ſich ein Verhältniß, das ein Jahr dauerte und mehr als Lucindens ſechzehntes Lebensjahr füllte. Lucinde blieb auf der Pfarrei, hier„Paſtorat“ ge⸗ nannt. Man fragte ſie allerdings mach ihrer Herkunft, ihrem Namen und dem Stande ihrer Aeltern. Sie gab auch dem Pfarrer und dem Schulzen(dem„Meier“ des Dorfes) einen Namen an. Erſt war ſie Johanna Stegmann, aus dem Thüringiſchen gebürtig. Kam der Pfarrer und drohte lächelnd mit dem Finger und ſagte, er hätte nach Vacha, das ſie als Wohnort angegeben, geſchrieben und die Nachricht bekommen, daß man dort nichts von einer Johanna Stegmann wiſſe, ſo nannte ſie ſich Luiſe Starkin, aus der Gegend von Fulda über die Rhön hinaus, wo ihr Vater ein Oberförſter des Königs von Baiern wäre. Schüttelte man nach vier Wochen wieder den Kopf, ſo erwiderte ſie: — Will man, daß ich bleibe, ſo quält mich doch nicht ſol! Man mußte nämlich wirklich wünſchen, daß ſie blieb. Sie war dem Frieden des Hauſes faſt nothwendig ge⸗ worden. Was zur Beſänftigung des Kammerherrn die Harmonica nur annähernd erreicht hatte, das löſte Lu— cinde vollſtändig. Der Kammerherr wurde durch ſie ein Kind, das an ihrem Leitſeile unter Blumen ſpielte; er zeichnete, malte, ſprach leidlich vernünftig und ver⸗ hieß eine wirkliche Heilung. Ohne phantaſtiſches Uebermaß und manche Wunder⸗ lichkeit ging es dabei freilich nicht ab. Es blieb dem Kranken von Lucinden die Vorſtellung wie von einer in der That feenhaften Erſcheinung. Er ließ ſich den Wahn nicht nehmen, daß Lucinde eine Toch⸗ ter der Waldeskönigin, vielleicht ſie ſelbſt wäre, und Lueinde that nichts, ihm dieſen Glauben zu nehmen. Sie ließ ſich von ihm ganz ſo ſchmücken, wie er ſie ſehen wollte, wenn er ſie malte. Es waren dies dieſe wunderlichen Malereien der Geiſteskranken, die durch ihre techniſche Vollendung oft überraſchen und doch immer etwas nur mechaniſch Wiedergegebenes und Seelenloſes darſtellen. Es waren in ſeinen Landſchaften immer der⸗ ſelbe Eichbaum, immer derſelbe Felſengrund, immer daſſelbe Haus, derſelbe Kirchthurm, derſelbe Bach und dieſelbe Mühle wiederzufinden, nur wechſelte die Ver⸗ miſchung und die Beleuchtung. Auch ſeine Porträts drückten, er mochte den Pfarrer oder den Meier im Dorf oder den einzigen Bekannten, der ihn zuweilen beſuchte, einen Grafen Hans von Zeeſen wählen, immer denſelben Charakter aus, eigentlich ihn ſelbſt. Nur für Lucinden ſuchte er Abwechſelung, bald in dieſer Situation, bald in jener. Er verſchwendete Summen Geldes, um ſie bald als Griechin, bald als Zigeunerin, bald als Salondame oder Amazone malen zu können. Von —— 91 jenem Reſidenzſtädtchen, wo er ſich einſt den Kammer— herrnſchlüſſel gekauft hatte, waren beſtändig Cartons mit koſtbaren Stoffen unterwegs. Selbſt theuere Schmuck— ſachen wurden angekauft. Und der Kronſyndikus, der Vater, der zuletzt doch auch von dieſem Treiben hören mußte, widerſprach diesmal nicht. Einmal drückte ihn der geheime Vorwurf, das Uebel des Sohnes ſelbſt durch ſeine Erziehung gemehrt zu haben, dann nährte er die Hoffnung, ihn wieder in die Geſellſchaft zurück⸗ zuführen. Es wurde ſogar eine Adelige genannt, die nach einem Familienſtatut mit ihm vermählt werden ſollte, nachdem eine Verbindung mit einem Fräulein Monica von Ubbelohde vor geraumen Jahren geſcheitert war. Lucinde genoß dieſe Lage eine Zeit lang mit der ganzen Behaglichkeit ebenſo eines ſichern und geſchützten Aufenthalts wie geſchmeichelten Selbſtgefühls... Eiben⸗ dorf lag dem Winkel zu, wo ſich das Eggegebirge mit dem Teutoburger Walde kreuzt; es war umgeben von jenen Waldzügen, die ſo dichtbelaubt, ſo frei und ur⸗ ſtämmig ſich ſonſt nur im Süden Deutſchlands wieder⸗ finden. Von mancher aufſteigenden Anhöhe aus ſah man in das ganze Tiefthal der Weſer hinab. Ein ent— zückender Anblick! Jeder Hügel bewaldet und umgeben von unabſehbaren Feldern und Wieſen, denen ſich in friſchen Farben Dörfer, weiterhin anſehnliche Städte entwinden. Die ſchroffern und die Seele mit mächtigen Ahnungen erfüllenden Partieen mußte man im Gebirge ſuchen; dieſe Ebene hier bot den Charakter der Milde und Lieblichkeit. Nach Oſten hin ſah man an beſonders lichthellen Tagen in dunkler Färbung die Nadelholzcon⸗ 1¼ touren des Harzes. Dabei waren die Volksſitten leb⸗ haft, ja keck und herausfordernd. Es gab Aufzüge und Feſte aller Art, ſogar ein Schützenfeſt für Frauen. Morgens in erſter Herbſtfrühe ziehen die Ehefrauen der Gemeinde, unter ihnen manche Anmuthige, von irgend⸗ einem Hofe aus, in goldenen landüblichen Häubchen und Stirnbinden, mit Bändern und Blumenſträußen geſchmückt, mit den Gewehren ihrer Männer in den Händen. Der Kammerherr hatte verlangt, daß Lucinde die Schützen⸗ königin ſpielte, die mit dem Zeichen ihrer Würde, den Säbel an der Seite, vorausmarſchirte. Da ſie nicht verheirathet war, ſo ſetzte man die äußerſte Anſtrengung daran, ihn von dieſem Verlangen abzubringen. Sie be⸗ gnügte ſich dann auch mit der Rolle des Fähnrichs. Die Fahne aber, die er ſie tragen ließ, war eine wun⸗ derliche Curioſität, die er ſelber erfunden hatte. Er beſchäftigte ſich nämlich mit der hier landesüblichen ge⸗ lehrten Spielerei, in den Nachrichten der Alten über den Aufenthalt der Römer in Deutſchland Thatſachen und Namen aufzufinden, die mit den Sitten und Namen der Gegenwart noch in irgendeinem Zuſammenhange ſtehen. Der Kammerherr wußte genau, wo Varus von Hermann dem Cherusker geſchlagen war, er behauptete, dicht bei Neuhof, dem Schloſſe ſeines Vaters. Er war auch ſelbſt in Rom geweſen und vermeinte, dort in den Alterthumsſchätzen des Vatican Dinge geſehen zu haben, die die Römer nur auf der heiligen rothen Erde Weſt⸗ falens gefunden haben konnten. Dortige alte Trink— gefäße wären nur aus Glashütte gekommen, einem Vor⸗ werk ſeines Vaters, alte Wurfgeſchoſſe nur aus einem 4 — F. * 6 93 ganz beſtimmten Holze, dem Düſternbrook hinter Neuhof, geſchnitzt, alte Waffen aus einer uralten Schmiede her— vorgegangen, die ſeit Jahrhunderten die Hufe der Roſſe ſeines Hauſes beſchlug. Nur in einem wich er von dem Urtheil ſeines Vaters ab. Er las den Tacitus ziemlich geläufig und hatte die beſondere Ueberzeugung, daß der Tempel der Tanfana, wo die alten Deutſchen angebetet haben ſollten, nicht etwa die große Dämpfpfanne der Saline Hallenſtein ſeines Vaters war, wie dieſer ſelbſt und alle Paſtoren der Umgegend glaubten, ſondern nur eine Tannenfahne, nämlich der alte deutſche, weiland heidniſche, dann ſo gründlich getaufte, bekehrte und chriſt⸗ lich gewordene liebe Weihnachtsbaum, den in der That Lucinde mit bunten Bändern geſchmückt und mit allerlei zierlichen Vergoldungen bei jenem Schützenfeſte als Fähnrich tragen mußte. Da auch in dieſem Weihnachts⸗ Weeeſſe ine Tannenfahne, dem Palladium der alten Deutſchen, goldene Ringe, Ketten, Schaumünzen hingen, die die Siegerinnen im Schießen gewinnen ſollten, ſo ließ man ſich dieſe Verbindung des alten heidniſchen Rom mit Deutſchland und dem überwiegend proteſtan⸗ tiſchen Eibendorf(katholiſche Einwohner waren in einem Nachbardorfe eingepfarrt) gefallen. Es waren Geſchenke von dem ſogenannten„tollen Kammerherrn“. Auf die Länge mußte freilich den Pfarrer die un— ſichere Herkunft und das längere Verweilen Lucindens beunruhigen. Er hatte dem Kronſyndikus nach Neuhof, dem Stammſitze der Wittekinds jenſeit des Gebirges, wiederholt ſeine Bedenken mitgetheilt. Da aber die Wir⸗ kung der Abenteurerin eine ſo vortheilhafte für den . Kammerherrn war, ſo befahl der Vater, an dieſem Er⸗ ziehungsplane, den der Zufall an die Hand gegeben, vorläufig nichts zu ändern. Seine Briefe waren kurz und beſtimmt, wie die Art des Mannes überhaupt ſein ſollte. So duldete man das, was nach und nach an⸗ fing auch ſeine Mislichkeiten nach ſich zu ziehen. Denn weder die vom Gewöhnlichen abweichende Situation des Geiſteskranken, ſeine einſamen Wanderungen mit der Fremden, ſeine Ausbrüche von Eiferſucht, noch Lucindens mehr zum Zerſtören als zum Schaffen geneigte Natur blieben lange unverborgen... Schon fing ſie an, als es zum Winter ging, ſich an dieſer ſich gleichbleibenden Lage nicht zu genügen: ſelbſt der Bann einer ſolchen Huldigung, wie ſie ſie hier, allerdings ohne die geringſte intimere Beläſtigung fand, wurde ihr zu enge, der Gang der Tage wurde zu gleichförmig, die Welt, in der man hier ſeine Befriedigung gefunden hatte, brachte ſelten eine andere Unterhaltung als eine Thorheit des Kammer⸗ herrn mehr. Die Menſchen, die es da und dort noch zu gewinnen gegeben hätte, hielten ſich in ſcheuer Ferne, ſelbſt Graf Zeeſen, der alle zwei Monate einmal von ſeinen nahe liegenden Gütern kam, um einige Stunden lang die ſonderbarſten Geſpräche mit dem Kammerherrn zu pflegen. Wäre Graf Zeeſen nicht ausgeſprochen ka⸗ tholiſch geweſen und im Pfarrhauſe dieſer Punkt des Kammerherrn wegen mit großer Zurückhaltung behandelt worden, die Familie hätte vielleicht auch den Grafen mindeſtens tiefſinnig genannt. Dieſer noch junge Cavalier war nach den Aeuße⸗ rungen des Kammerherrn zu Lucinden, die von ihm alle 95 ſeine Familienbeziehungen erfuhr(nur nie etwas über die Frau„Hauptmännin“ von Buſchbeck oder das Fräu⸗ lein von Gülpen, eine Perſönlichkeit, die er nicht zu kennen behauptete), ſein zweitbeſter Freund. Der erſt⸗ beſte hieß Doctor Heinrich Klingsohr. Doch fügte er regelmäßig mit einem Kreuze, das er dabei in die Luft malte, hinzu: Klingsohr iſt mein beſter Freund, aber er hat mich verrathen! Vom Grafen Zeeſen, mit dem er ſtudirt hatte und in Rom geweſen war, ließ er eine auf⸗ richtige Hingebung gelten, beklagte aber ein unglückſeliges Geſchick deſſelben, das er nie genauer angab. Die Pfar⸗ rerin verrieth es eines Tages Lucinden, indem ſie erzählte: Der Graf hat ſich mit einem Freifräulein von See⸗ felden verlobt, leidet aber darüber an Gewiſſensſcrupeln, ſeitdem er ein altes Familienſtatut in Erfahrung gebracht hat. Vor hundert Jahren hat nämlich ein Ahn ſeines Hauſes die Beſtimmung gemacht, daß, wenn ein älteſter Sohn der Nachkommenſchaft ſich entſchließen ſollte, nicht zu heirathen, die von ihm und ſeiner ſpäter geiſteskrank gewordenen Frau reich vermehrten Güter der Zeeſen dazu angewendet werden ſollten, ein großes Landes⸗ Irrenhaus zu begründen. Hundert Jahre lang haben die Nachkommen vorgezogen zu heirathen. Erſt dieſer Hans von Zeeſen, der viel Frömmigkeit beſitzt, wurde über jene nun hundertjährige Unterlaſſung eines guten Werkes 4 ſtutzig, und ſonderbarerweiſe iſt ſeine Braut, die ihn ebenſo heiß liebt wie er ſie, von gleicher Seelenſtim⸗ mung. Ich zweifle gar nicht, daß der Graf ſeinen kranken alten Freund nur deshalb ſo oft beſucht, um ſich in dem heroiſchen Vorſatze des Entſagens zu beſtärken. ——— Lucinde horchte hoch auf. Hier kamen Ideen, die ſie an ſich vollkommen verſtand, in eine Verbindung oder in Conflicte, die ſie noch nicht faſſen konnte. Doch hörte ſie aufmerkſamer zu, wenn der kleine blaſſe, ſchmächtige Mann, der Graf, in ſchlichter, faſt prieſter— licher Tracht kam und ſich mit dem Kammerherrn unter⸗ hielt. Nie hatte ſie ſo viel von Gedanken, Meinungen, ideellen Beziehungen gehört wie in den Geſprächen eines Halbirren mit einem Manne, der ſo fromm war, daß er ſelbſt unter der proteſtantiſchen Pflege ſeines Freundes zu leiden ſchien. Wie eigenthümlich nach dem Wunderbaren und Fremd⸗ artigen hier zu Lande faſt überall ausgegangen wird, erfuhr Lucinde bei vielen Gelegenheiten, unter andern bei einer Erinnerung an den alten Bienenhelm ihres Vaters, den dieſer nie zurückbekommen hatte; die Haupt⸗ männin hatte ihn, ſcheinbar zu Gunſten Lucindens, an einen Trödler verkauft. Sie beſuchte nämlich aus alter Neigung oft die Dorfſchule und gab in ihr Unterricht auf ihre Weiſe. Beim Schulmeiſter fand ſie ein geregel— teres Hausweſen als bei ihrem Vater, und in der Gartenwirthſchaft auch einen Bienenhelm, den gerade ein Knecht aus dem Ortevvom Schulmeiſter borgte, um den Bienen das Leid vom eben verſtorbenen Herrn an⸗ zuſagen. Ueber den ſonderbaren hierländiſchen Gebrauch, daß man mitten in die Bienenſtöcke hinein den Tod des Hausvaters anzeigen und den Knecht den Bienen melden läßt:„Einen ſchönen Gruß von der Frau und der Herr wäre todt!“ konnten ſich der Kammerherr und der ge⸗ rade anweſende Graf in Mittheilungen verlieren, die —44 alle Seiten der Geſchichte und der Philoſophie berührten. Lucinde ſtaunte über den Glauben, der annahm, daß ohne dieſe Leid⸗Anſage die Bienenſtöcke in Jahresfriſt ausgehen würden; aber der Kammerherr und der Graf, beide warfen verklärt ihre Blicke empor und ſprachen jetzt ſogar anerkennend von dem früher gemeinſchaftlichen verrätheriſchen Freunde, Heinrich Klingsohr, der auf die Darſtellung des Zuſammenhangs der Bienen mit den Staats⸗ und Rechtsbegriffen der Menſchheit in Göttingen Doctor geworden war. Und ſo dunkel es nun auch in des Kammerherrn Begriffen ausſah, ſo wurde er doch auf dieſe Art Lucinden ein Lehrer. Auf Partieen, die er in einem von ſeinem Diener geführten Einſpänner machte, ſprach er mit Lucinden, ob ſie es nun verſtand oder nicht, nur fran— zöſiſch, ein andermal nur engliſch, ein drittesmal, wenn er gerade auf Tacitus und die alten Germanen oder auf eine Sammlung alter Marienlieder, die Graf Zeeſen zum Druck vorbereitete, kam, nur lateiniſch. Sie er⸗ widerte mit dem Wenigen, was ſie früher von Engliſch und Franzöſiſch aufgegriffen hatte, und bewundernswerth war die Geduld, mit der der Kammerherr ſich mühte, einer der Erde nicht angehörenden Erſcheinung allmählich die Sprachen derſelben beizubringen. Die Sprache, die er an dem Riedbruch damals im Walde beim erſten Finden an ſie gerichtet hatte, war ein Gemiſch von Lateiniſch und Plattdeutſch geweſen. Dieſen Gewinn an Kenntniſſen ließ ſich Lucinde, die unter all dem Düſter ihre Heiterkeit nicht verlor, wohl gefallen. Der Gewinn mehrte ſich, als die langen Abende Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 7 — ͦ— — —— —— —— kamen und der Pfarrer ſich gleichfalls geneigt erklärte, die Civiliſation des Wildlings zu unterſtützen. Auch im Klavier, deſſen Grundlagen Lucinde ſchon im Hauſe des Stadtamtmanns gelegt hatte, vervollkommnete ſie ſich unter Leitung des muſikaliſchen Mannes, der ſeine Kin⸗ der, ja ſelbſt noch ſeine an ſich hierin geringer talentirte Frau unterrichtete. Der Herbſt und ein langer, ſchnee⸗ und froſtreicher Winter wurde auf dieſe Art für Lucinden eine Studienzeit, die bei der Leichtigkeit ihrer Auffaſſung und der geringen Zerſtreuung dieſes Aufenthalts reiche Früchte trug. Der Kammerherr ſelbſt, dem es an wiſſen— ſchaftlichem Material nicht mangelte und deſſen liebſtes Thema ſich immer an die Erinnerungen von Rom oder Göttingen hielt, docirte ihr oft Geſchichte und Philoſophie, 4 die er mit der Mathematik und, ſonderbar und für die 4 Schrullen jener Provinz unſers Vaterlandes kennzeichnend genug, auch mit der Kunſt des Drechſelns verband. Wie die Adeligen Weſtfalens in ihrer Erziehung 8 und ländlichen Beſchäftigung an den Hofbällen von Berlin und in Münſter nicht zu erkennen ſind, ſo wird man ſeltſam finden, daß es berühmte Geſchlechter unter ihnen gibt, die neben ihrem angeblichen Berufe, die unerſchütterlichen Erben Karl's des Großen zu ſein und in Demuth vor Gott, dem Papſt und dem Landes⸗ herrn ihre Renten zu verzehren, auch ein Handwerk lernen. Manche, die nicht gut ſchreiben können, aber ſchon in 4 Potsdam ein Portespee führen und in Verlegenheit kommen zu bekennen, daß ſie nicht viel mehr wüßten, als was auf ihren düſtern, einſamen Kampen der„Haus⸗ pape“ ihnen zu lernen zugemuthet, verſtehen ſich vor⸗ 99 trefflich auf den Hufbeſchlag der Pferde oder arbeiten ſich das Sattel- und Riemzeug derſelben ſelbſt aus. Das Drechſeln aber in grobem und feinem Holze iſt eine ſo weit verbreitete Kunſtfertigkeit des weſtfäliſchen Adels, daß Lucinde ſich nicht hätte zu verwundern brauchen, neben dem Maleratelier ihres Freundes auch eine Kam⸗ mer anzutreffen, die zu einer vollſtändigen Drechsler⸗ werkſtatt eingerichtet war. Ihr aus Kirſchbaumholz aller⸗ hand Büchſen und Ringe zu drehen, war ſelbſtverſtändlich ſeine liebſte Aufgabe; aber er drehte auch Bälle, Kegel, Pyramiden, koniſche Ausſchnitte und Figuren aller Art, von denen er nicht nur mathematiſche Auslegungen gab, ſondern auch philoſophiſche und religiöſe. Oft ſprach er dabei von einem in der Nähe ſeiner väter⸗ lichen Güter wohnenden Philoſophen, der aus den einfachſten Grundbegriffen unſerer mathematiſchen An⸗ ſchauungen die tiefſten Wahrheiten der Religion her⸗ geleitet hätte. Je geheimer dieſe Geſpräche vor dem Pfarrer geführt wurden, deſto reizvoller wurden ſie für einen Verſtand, der ſich aus den verworrenen Begriffen eines Narren manches Körnlein Vernunft entnehmen konnte. Dennoch wünſchte Lucinde dieſe Lage geändert. Das Aufſehen, das ſie in der ganzen Gegend mit dem„tollen“ Kam⸗ merherrn machte, war nicht gering. Auch hatte der Pfarrer erleben müſſen, daß ein Brief, den Lucinde an ihre Schweſter geſchrieben und eine Meile weit erſt von ihr auf die Poſt gegeben war, zurückkam, mit der voll⸗ ſtändigen und wahren Adreſſe ſeines Schützlings, ja, daß der Meier von Eibendorf ihm Mittheilungen machte, 7 83 100 die jetzt den Zuſtand, wie man Lucinden im Riedbruch gefunden, vollkommen erklärten. Eine ſcheue Beſorgniß des ganzen Hauſes vor Lu⸗ cinden hatte ſich ſchon längſt geſteigert, ſie wurde zur Abneigung, als man ſie bei Ueberreichung des von der Poſt geöffnet geweſenen und wieder von der Poſt ver⸗ ſchloſſenen Briefes wol aufs äußerſte über die offene Angabe ihres Namens erſchrocken fand, weniger aber über den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zuſatz: „Iſt vor vier Wochen am Nervenfieber geſtorben.“ Der Tod ihrer Schweſter Luiſe, einer einzigen, wie ſie öfter geſagt hatte, erſchütterte ſie weniger als die richtige Angabe ihres Namens! Daß mit ſo viel Schön⸗ heit, jeweiliger Liebenswürdigkeit, immer mehr ſich her⸗ ausſtellendem Geiſt und zunehmenden Kenntniſſen ſo viel Gefühlloſigkeit verbunden ſein konnte, als ſich jetzt erſt offenbarte, nahm vorzugsweiſe die Pfarrerin gegen den längern Aufenthalt Lucindens ein, und offen wurde dem Kronſyndikus von Wittekind nach Neuhof die Anzeige gemacht, daß ſie ohne Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei ſich behalten könnten, mit ihr aber länger nicht mehr mochten. Lucinde überſah das alles. Ihrem wühleriſchen Um⸗ blick entging ſelten etwas, während ſie alles an ſich zu verbergen wußte, ſelbſt den Schreck und ihr wirlliches geheimſtes Erſchüttertſein durch den Tod der Schweſter. Trotzig warf ſie die Lippen auf und erklärte, ſie ginge jeden Augenblick, wenn man's wünſchte. Man irrte ſich keineswegs, wenn man vorausſetzte, daß ſie auch vom Kammerherrn ſich trennen wollte, wenn nicht eine andere 101 Feſtſetzung ihres Verhältniſſes zu ihm ſtattfände. Die Ausſicht ſogar, die Gattin deſſelben zu werden, ſchien ihr keineswegs zu hoch. Sie beſaß einmal die Formel, die dieſen verdunkelten Geiſt einigermaßen zu erhellen vermochte. Sie ſagte ſich, daß der vornehmen und ſtolzen Familie wenig daran liegen könnte, ſich bei einer doch ſchon aufzugebenden Perſönlichkeit auch noch gegen dieſe Ausnahme von der Regel zu ſtemmen. Darin irrte ſie ſich aber, wie ſie von der hierin entſcheidenden Perſönlichkeit ſelbſt erfuhr. In den erſten Tagen des April erſchien der Kron⸗ ſyndikus, der Vater des Kammerherrn. Freiherr von Wittekind⸗Neuhof, Kronſyndikus des ehemaligen Königreichs Weſtfalen, ſetzte durch ſeinen Namen ſchon das ganze Pfarrhaus in Furcht und Schrecken. Als der Kammerherr den am Wirthshauſe haltenden väterlichen Reiſewagen geſehen, der über und über be— ſpritzt, langſam durch die moraſtigen Straßen des Oertchens zog, fuhr er wie ein wildes Thier auf, das ſeinen Wärter am Käfig vorüberſtreifen hört. Er rannte im Hauſe hin und her, rollte die Augen, hielt den Mund geöffnet, wie in ſeinen Wuthanfällen, packte, als wollte er ſich mit ſeinem Theuerſten ſchützen, ſeine Farben, ſeine Pinſel, ſeine philoſophiſchen Kugeln, Kegel, Dreiecke zuſammen, griff nach einem Crucifix, das er ſich ſelbſt geſchnitzt und nach vielen kunſtgeſchichtlichen Controverſen mit dem Grafen Zeeſen und einem einge⸗ holten Gutachten der Verlobten deſſelben, des Freifräu⸗ leins von Seefelden, ſelbſt bemalt hatte, rief den Diener und ſchien ſogar Lucinden vergeſſen zu haben. Die Kinder im Hauſe liefen ebenfalls auf und ab. Die Pfarrerin ſuchte nach Lucinden, die ſich verſteckt auf — p 46 8 103 ihrem Zimmer hielt, zugeriegelt hatte und keine Ant⸗ wort gab. 2 Der Pfarrer griff in die Gläſer der Harmonica. Der ganze alte Zuſtand der Wildheit ſchien beim Kam⸗ merherrn wieder zurückgekehrt, dieſer Zuſtand, der ſeit faſt einem Jahre, ſo oft er ſich während deſſen gezeigt hatte, durch einen einzigen Ruf, durch ein geträllertes Liedchen der von der Treppe herabſpringenden Lucinde ſchon aus der Ferne ſich beſänftigen ließ. Die ängſtlichen Kinder riefen vom Garten aus zum Fenſter: Fräulein! Fräulein! Sie klopften, als keine Antwort kam, an die Thür. Lucinde ließ nichts von ſich hören. Mit ängſtlicher Unruhe blieb ſie in ihrem Verſteck, trat leiſe mit den Zehen auf und hörte mit liſtig ans Fenſter gehaltenem Ohr das Toben des Kam— merherrn. Dieſer entfaltete ſeine ſonſt gewohnte Art, die die eines wilden, auf der Univerſität alt gewordenen Burſchen war, die Natur eines nie anders als mit einem rieſigen Neufundländer das Trottoir der Straße beherr⸗ ſchenden Pauk⸗Senioren alten Stils— er konnte ſtunden⸗ lang von ſeinen Suiten und den Paukereien auf der Menſur und dem beſten, aber verrätheriſchen Freunde Klingsohr erzählen—; johlend rief er über den Garten, ſchlug die Thüren, rüttelte am Fenſterkreuz und redete die Roſſe und die Kutſche ſeines Vaters höhnend und herausfordernd an. Bald erſchien der Kronſyndikus ſelbſt. Es war eine Geſtalt von gleichem Wuchſe wie der Sohn, hünenhafter Höhe und trotzigfeſten Schrittes, ſo weiß auch ſchon ſein Haar ſchimmerte. 104 Er trug einen grünen Jagdrock, hohe Stiefel mit Sporen und ließ eine Reitgerte ſchon in der Ferne be⸗ denklich in der Hand hin⸗ und hertänzeln. Doch lachte er, am Gartenzaun ſchon vom Pfarrer empfangen, zum Fenſter empor und ſchien beſſerer Laune als ſein Sohn, den er ſchon draußen, zum Parterrefenſter zu, mit folgenden Anreden ſeiner väterlichen Huld verſicherte: Pinſelheld! Ha! ha! ha! Stubenhocker! Trifft man dich endlich einmal? Farbenkleckſer! Schäm' er ſich! Treibt ſich in der Welt herum! Muß ihn'mal wieder mit Gewalt holen! So tändelte er mit fingirter Ueberraſchung, den Sohn hier zu finden, und als wenn der Kammerherr hier aus freien Stücken lebte. Dieſer ging auch auf den Spaß ein. Der Vater tändelte mit dem Sohn, wie mit einem Hunde, den man zum Wedeln und Springen reizen will. Und im Hauſe wurde es nun ängſtlich ſtiller; die Furcht des Sohnes vor dem Vater war die des Thieres. Man behauptete, daß der Kron⸗ ſyndikus von Wittekind⸗Neuhof trotz ſeiner Jahre noch im Stande war, den baumſtarken, jüngern Mann nieder⸗ zuwerfen und ihn auch ſchon oft mit beiden Händen eine Viertelſtunde lang auf der Erde gehalten hatte Auge in Auge, Mund gegen Mund den Trotz deſſelben bändigend. Mit einem kurz zuſammengeſchleiften, liebkoſenden Hui⸗hu! Hui⸗hu! Hui⸗hu! trat der Kronſyndikus ins Haus. Die Verſtändigung im Erdgeſchoß, die Begrüßungen und Auseinanderſetzungen hörte Lucinde nicht. Aber das —— f 105 vernahm ſie, daß es nicht ſanft herging, daß die Kinder, der Pfarrer, die muthige Frau Pfarrerin wie immer thätig ſein mußten, die Vermittler und Beruhiger zu machen. Zuletzt kam der Diener des Kammerherrn, mit dem Lucinde ſchon lange conſpirirte, auf den Zehen zu ihr geſchlichen und theilte ihr flüſternd mit, daß es ſich um die Abreiſe des Kammerherrn, ſeine alte doch noch beſchloſſene Vermählung mit einem Freifräulein handelte, aber auch von ſeiner Weigerung und dem un⸗ widerruflichen Entſchluß, nur Lucinden zu ſeiner Ge⸗ mahlin zu erheben... An dem wilden Lachen des Vaters, das dann und wann heraufſchallte, merkte man den Eindruck dieſer Eröffnungen des Kammerherrn, der immer ſtiller wurde und zuletzt ſogar in das gewöhnliche Schlußſtadium ſeiner Wuthanfälle fiel, in ein an dieſem ſtarken und mächtigen Manne ganz beſonders ſchreckhaftes feiges Verzagen, das ſich bis zum Weinen und lauten Wehklagen ſteigern konnte. Wie dies ſtoßweiſe Schluchzen ſchon vernehmbar wurde, hörte man von unten heraufkommen. Fort! rief Lucinde dem Diener zu und ſtand auf dem Sprunge, die Thür zu ſchließen. Der Diener ging und that, als wär' er im Begriff geweſen eben auf den Boden zu ſteigen. Die Pfarrerin aber war's, die kam. Sie klopfte leiſe an und bat Lucinden mit weicher Stimme herunter⸗ zukommen, der Vater wünſchte ſie zu ſehen. Er kann heraufkommen! antwortete ſie in beklom⸗ mener Angſt. 106 Ich bitte Sie, Fräulein Schwarz! ſagte die Frau und drängte. Nein! Nein! Ich komme nicht! Damit verſchloß ſie auch noch ihre Thür. Verriegelt hatte ſie ſie gleich beim erſten Hineinſchlüpfen. Nach einer Weile, während die Pfarrerin ſeufzend gegangen war, hörte Lucinde den ſchweren, ſporenklir⸗ renden Tritt eines Mannes auf der Stiege. Eines der Kinder zeigte ihm den Weg; und bald hörte ſie ein Klopfen, das unfehlbar mit keinem menſch⸗ lichen Finger, ſondern mit dem Knopfe der Reitpeitſche erfolgte. Zitternd ſtand ſie und wagte nicht zu öffnen. Als das Klopfen mit einigen freundlichen Worten wiederholt wurde, öffnete ſie und mußte ſtaunen, den Kronſyndikus ohne Stock oder Reitpeitſche zu ſehen; wirklich waren es nur ſeine Finger geweſen, die geklopft hatten. Die große Geſtalt trat ein. Auffallend war die Aehnlichkeit mit dem Sohne, nur hatten Wuchs und Kopf nichts Gedunſenes wie bei dieſem. Wettergebräunt, mit leiſen Pockennarben überlaufen und hier und da mit Warzen beſetzt war das Antlitz; rothe Flecken um die ſtumpfe Naſe und die knochigen Wangen verriethen die Liebe zum Wein; die dicken Augenbrauen waren gelbweiß, die Haare noch ſtark und von gleicher gelbweißer Farbe. Man ſah das Bild eines auf ſeinen Namen, ſeinen Rang, ſeine Verbindungen, vielleicht auch auf ſeine eigenen Meinungen und Entſchließungen ſich 107 mit unerſchrockener Feſtigkeit ſtützenden Adeligen, das Bild eines Mannes, den Widerſpruch erbitterte. Lucinde hatte aber kaum einige Worte von ihm ge⸗ hört, ſo bemerkte ihre Klugheit auch ſogleich, daß dieſe Art Menſchen dann ungefährlich, ja ſogar zuvorkommend und liebenswürdig werden kann, wenn man allen ihren Ge⸗ danken nachgiebig folgt und ſie ganz für etwas ebenſo Großes und Vorzügliches nimmt, als wofür ſie gehalten ſein will... Auf die erſten von ihm ſtatt drohend ſogar im Gegentheil ſchmeichelnd ausgeſprochenen Begrüßungen des ſchönen Mädchens, auf ſeine Verſuche zur Courtoiſie und ſogar eine Befangenheit, die von Lucindens Er⸗ ſcheinung geblendet war, gewann ſie bald den Muth, ſeinen Worten Stand zu halten. Sie war in der gewählten Tracht, die der Kammer⸗ herr, der ſie noch nie unzart berührt hatte, und ſie nur anſchauend und bewundernd liebte, an ihr beſonders gern hatte. Sie trug ein ſchwarzſeidenes Kleid, hatte in ihr geflochtenes, offenes Haar einige bunte Bandſchleifen ge⸗ ſteckt, die ihr weit bis in den Nacken hingen, und benahm ſich mit der ihr eigenen und, wie alle, die ſie näher kannten, es nannten, ihr ſiegreich zu Gebote ſtehenden träumeriſchen Kindlichkeit, die den Eindruck eines Weſens ſogar voll Poeſie und Unſchuld machte. Der wilde Freiherr war ſogleich gewonnen und rühmte den Geſchmack ſeines Sohnes mit vielen humoriſtiſchen Donnerwettern, Sackerlots und zudringliche àrla bonne heurejß.— DOhne viel Umſchweife zu machen, erklärte er, daß A ————, —— 1 1 4 108 der Kammerherr eine Baroneſſe von Tüngel heirathen müſſe; er wiſſe ſehr wohl, und auch ſeiner künftigen Gemahlin würde es nicht verborgen bleiben, daß der Junge ſeine tollen Stunden hätte, doch laſſe er ſich lei— ten, wie ja dieſer Aufenthalt hier in Eibendorf bewieſen hätte. Ferner: Er wiſſe auch, daß ihm ſelbſt die Kunſt abginge, mit einem Menſchen, der ganz aus der Art geſchlagen, richtig zu verkehren; daß Jeröme das Pulver nicht erfunden, ſei bekannt; der Titel eines Kammerherrn wäre die Gnade eines benachbarten Fürſten geweſen, in deſſen Gebiete einige ſeiner Güter lägen; ſein älterer Sohn, der Regierungsrath, hätte dafür des Verſtandes nur zu viel; die Natur gliche gern aus, und ein Unglück wär' es nicht, wenn der Bund mit den Tüngels zur Aus⸗ führung käme; Kinder würde es ſchwerlich geben; wie viel eine richtige weibliche Behandlung zu thun vermöchte, hätte ja Lucinde bewieſen, und er wäre ihr von Herzen dankbar dafür. Daß er ſeinen Dank, wie er gleich auf⸗ richtig hier bekennen wollte, bis zur Adoption einer ſolchen Schwiegertochter, wie ſie wäre, ſteigerte, davon könnte natürlich keine Rede ſein. Der große Narr weine zwar und wolle nicht von ihr laſſen; es würde ſich aber auch das bei ihm geben. Einſtweilen möchte er ſelbſt nicht allzu lange in dem Hauſe hier verweilen: er müſſe bekennen, weder allzu viel Weihrauchduft noch lutherſche Pfarrhausluft wäre ſein beſonderer Geſchmack; leider hätte er einen katholiſchen Pfarrer nicht wählen können, da es ja den„armen Käuzen“ an einer Pflegerin und zerſtreuenden Kindern fehle. Das Beſte wäre, ſie folgten ihm einmal vorläufig alle beide, der Kammerherr und 109 Lucinde. Schloß Neuhof wäre ſehr groß, hätte nicht nur zwei Seitenflügel, ſondern im Park auch noch ein paar Pavillons, von denen ſie den einen ganz allein be⸗ ziehen könne und zwar ſo lange, bis das Arrangement mit den Tüngels getroffen wäre und ſie ſich dann in aller Stille eines Tages entfernen oder ſonſtwo auf ſeinen Gütern etabliren könne. Für ihre Exiſtenz„ſo oder ſo“ ſolle ſchon geſorgt werden; denn die Undank— barkeit wäre einer der letzten von den alten Fehlern der Wittekinds... Und nun ſchloß er, auch von der Bündigkeit ſeiner eigenen Darſtellung geſchmeichelt, mit einem Gelächter, daß die ganze Stube ſchütterte. Er zog dabei Lucinden an ſich, um ſie zu küſſen, was auch erfolgt wäre, wenn ihn in ſeinem gewaltigen, ſelbſtzufriedenen Lachen und dem Verſuch, ſeinen rauhen Backenbart an der Sammt⸗ wange des Mädchens zu reiben, nicht ein Huſten über⸗ kommen wäre, den er auf die verdammte Witterung, das heurige zu ſpäte Eintreffen des Frühlings und„allerlei ſonſtigen niederträchtigen Aerger“ ſchob... Lucinde hatte keine Veranlaſſung, dieſen Anordnungen Widerſtand zu leiſten. Sie ſelbſt ſehnte ſich aus einem Hauſe hinweg, in dem ſie die frühere Werthſchätzung vermißte. Die Schraube mit dem Kammerherrn und der Möglichkeit, ſich in eine glänzende Lebensſtellung zu verſetzen, ging ja noch fort. Vorläufig ſtanden die neuen Verhältniſſe, die der Kronſyndikus in Ausſicht ſtellte, ſchon ſo lebhaft vor ihrer Phantaſie, daß ſie den Gedanken, in einem großen ſchönen Park einen eigens für ſie eingerichteten Pavillon zu be— 110 wohnen, ſich ſchon ganz mit allen möglichen Farben ausmalte. Ihre ängſtliche Schüchternheit aber legte ſie nicht ab. Dieſe war auch vielleicht nicht ganz gemacht. Noch hatte überhaupt das Leben die wirren Stoffe, die in ihrem Innern lagen, nicht verarbeitet bis zur klaren Unterſcheidung von Gut und Böſe. Ihr Inſtinct ſagte ihr jetzt, daß ſie ſehr anſpruchslos und ungefährlich erſcheinen müſſe, wenn ſie die gute Meinung, die der Kronſyndikus von ihr gefaßt zu haben ſchien, behaupten wollte. Daß ſie ſich mit dem, was er in Ausſicht ſtellte, nicht ganz zufrieden geben würde, wußte ſie ſchon. Da— mit ſie aber dahin gelangte, mehr zu gewinnen, war es nothwendig, alles mit ſich geſchehen zu laſſen, was der Kronſyndikus vorſchlug. Sie erkannte gleich ſeine Art, als ſie ihm wegen dieſer weiſen Anordnung ganz beſonders innig gedankt und ihn damit noch wohlwollender geſtimmt hatte. Sein ganzes Leben war, nach der ge— wöhnlichen Vorſtellung ſolcher Charaktere, eine einzige große Erfahrung von Undank. Lucinde gefiel ihm immer mehr, und er ſagte auch unten, daß in ihren ſchwarzen Augen etwas läge, was ihn, ſo alt er wäre, ſelbſt noch thöricht machen könnte. Der unruhige und ſtürmiſche Geiſt des Mannes verlangte die allgemeine Abreiſe ſchon vor Ende des Tages. Der Kammerherr ließ alles geſchehen, was man anordnete, blieb ihm doch ſein Liebſtes auf Erden, das Ideal ſeiner Träume, die ewig gleiche Belebung ſeiner Bilder, ſeine Schülerin, ſeine Heilige. S— 22 —— 2 111 Wie ein Kind nahm er Abſchied von dem Hauſe des Pfarrers und den nächſten Umgebungen. Noch an den Riedbruch in dem Walde war er, bis an die Knöchel verſinkend, gegangen und hatte an derſelben Stelle, wo er einſt Lucinden gefunden, einige ſchon ſproſſende Gräſer und Schneeglöckchen gepflückt. Schon lange verkündete hier ein Würfel aus Sandſtein mit einigen Emblemen des Philoſophen jener kleinen Stadt, deſſen Syſtem er an der Drechſelbank und auch aus einigen bei demſelben perſönlich nachgeſchriebenen Heften ſo bewunderte, und auf dieſem Würfel das eingegrabene griechiſche Wort: „Heureka!“(Ich habe gefunden!) allen Blumen und Vögeln und Schmetterlingen und Käfern ſein Glück— dieſen wol allein, denn Menſchen verirrten ſich des ſumpfigen Weges nicht. Der Pfarrer ſelbſt, dem eine bedeutende Einnahme⸗ quelle verſiegte, ſah den oft ſo unholden Gaſt mit Rüh⸗ rung ſcheiden. Die Pfarrerin meinte: Man gewöhnt ſich ſo bald an das, was tägliche Pflicht geworden, ſelbſt wenn Plage und Qual damit verbunden iſt. Den Ver⸗ luſt der Einnahme mußte man zu verſchmerzen ſuchen, miſchte ſich doch auch das angenehme Gefühl in den Scheideaugenblick, erlöſt zu ſein von einem Alp wie Lucinde. Einen Misbrauch ihrer Schönheit, ein übles Beiſpiel, das ſie den Kindern im Genuß ihrer Triumphe gegeben, konnte man ihr nicht nachſagen. Da ſie aber die gewohnten und allgemeinen Wege in keinem Dinge gehen mochte und an kleinen Verwirrungen, die ſie ſchon genug in den nächſten Beziehungen des Hauſes angerich⸗ tet hatte, förmlich Freude zu empfinden ſchien, ſo ſah 112 man ſie mit erleichtertem Herzen ziehen. Lucinde wußte das und machte von ihrem Gehen keine Umſtände. Nur den Kindern im Hauſe und manchem Fleißigern in der Schule ließ ſie zurück von ihrem Ueberfluß an Kleinig⸗ keiten und hunderterlei Bagatellen, die ihr der Kammer⸗ herr verehrt hatte. Die Reiſe ging über das Eggegebirge der weſtfäli— ſchen Abdachung zu. Obgleich der Kronſyndikus mit der Mehrzahl ſeiner Güter der großen norddeutſchen Monarchie angehörte, ſchien ſein Herz doch mehr an Hannover, an Braun⸗ ſchweig, an Lippe, Bückeburg, Detmold zu hängen, in deren Gebieten er gleichfalls angeſeſſen war. Ja, bis in den höhern Norden hinauf, bis Hamburg, bis Kiel hin beſaß er einzelne, durch Verſchwägerungen und alte Fa⸗ milienbeziehungen ihm zugefallene Güter. Der Kammerherr ſchien dabei trotz alledem ſein Lieb⸗ lingsſohn. Des ältern, des Regierungsraths, wurde nur mit Gereiztheit gedacht, ja, in den Spott, in den er zuweilen über die Welt, in welcher jener lebte, ausbrach, ſtimmte der Kammerherr mit ein, ſodaß man beide dann in ein mit ganz gleicher Tonart geſetztes Lachen ſich aus⸗ ſchütten hören konnte. Die freie, ungebundene, ja zügelloſe Art des Vaters fiel Lucinden bald genug auf. Der Kammerherr war viel ſittſamer. Sein Vater gab ihm das Zeugniß, daß der„alte Schafskopf“, wie er ihn nannte, immer nur Hunde und ſeine ſogenannten guten Freunde geliebt, immer nur vor den Damen wie ein Duckmäuſer geſtanden hätte und zu ſeinem höchlichſten Erſtaunen nun doch noch in den Apfel der Erkenntniß beißen wollte... Wenn er eine ſolche Vergleichung brauchte, lachte er ſich ſelbſt Beifall, und Lucinde wußte ſchon, wie gern er ſah, wenn ſie darüber auch den Mund in Lächeln verzog. Sie erntete dafür über ihren Verſtand und ihre Zähne Schmeicheleien ſo derber Art, wie ſie der Kammerherr nie auszuſprechen gewagt hatte. Dieſe Reiſe währte eine halbe Nacht und einen hal— ben Tag. Man fuhr mit vier Pferden Extrapoſt. Am Wege ſah man dann und wann Crucifixe und Heiligen⸗ bilder. Die an hiſtoriſchen Erinnerungen ſo ahnungs⸗ reiche Gegend war jetzt gemiſchter Confeſſion. Bei der Frage nach Lucindens Herkunft, ſonderbarem Vornamen, religiöſem Bekenntniß kam es zu einigen Erörterungen über die Stadt, aus der ſie entflohen war. Und nun fragte der Kronſyndikus von Wittekind ſelbſt, ob Lucinde dort nichts von einer gewiſſen Gülpen oder Buſchbeck, wie ſie ſich nenne, gehört hätte. Und trotzdem, daß ſie ja auch dem Kammerherrn ſchon dieſe Namen aus⸗ geſprochen hatte, antwortete ſie: Nein! Sie fürchtete weitere Fragen über ihre Herkunft und die Urſache der Bekanntſchaft mit jener unheimlichen Frau. Der Kammerherr hätte ſich der frühern Frage Lu⸗ eindens nicht erinnert, aber er war auch in dem Augen⸗ blick gerade beſchäftigt, mit einem Perſpectiv die Fenſter eines Herrenſitzes zu fixiren, an dem ſie in einiger Ent⸗ fernung vorüberfuhren. Er entdeckte dort ſeinen zweit⸗ beſten Freund, den Grafen Zeeſen, der trotzdem, daß es erſt April war, ſchon Fliegen zu jagen ſchien. Lucinde brauchte das Glas nicht, um zu ſehen, daß der Gutzkow, Zauberer von Rom J. 8 114 Graf alle Fenſter im erſten Stock ſeines„Hofes“ offen hatte und mit der Fliegenklatſche die dort demnach ganz unglaublich frühzeitigen Störenfriede hinausjagte... Der Kronſyndikus war offenbar über ſeine eigene Frage nach der„Hauptmännin“ in Gedanken verloren, ſonſt hätte er um einige Meilen weiter nicht ſo unbefan⸗ gen von einer jungen Dame geſprochen, die ſie auf den Wieſenwegen, die einen kleinen Edelhof umgaben, ein⸗ ſam und, wie es ſchien, tief nachdenklich ſpazieren gehen ſahen. Es war dies Thereſe von Seefelden, die Ver— lobte jenes Grafen Zeeſen... Kaum begann der Kammerherr von den vortrefflichen Eigenſchaften ſeines Freundes, des Grafen, und hatte eine Parallele zwiſchen ihm und dem„Verräther“, dem Doctor Klingsohr, zu ziehen angefangen, als der Kron⸗ ſyndikus mit dem Fuß aufſtampfend rief: Schweig! Nenne mir den hundsföttiſchen Namen nicht! Man erfuhr jetzt, daß der leidenſchaftliche Mann in dieſem Augenblick nicht nur von der Zukunft ſeines Sohnes, ſondern von vielen andern Dingen, vorzugs⸗ weiſe aber von ſeinen Beziehungen zu dem Vater jenes Klingsohr, ſeinem Generalpachter, auf das heftigſte ge⸗ reizt war. 10. Immer und immer ſchon war ein gewiſſer„Deich⸗ graf“ genannt worden, ein Titel, nach deſſen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte. Wie ſicher ſie zwar in allem, was zur Bildung ge⸗ hörte, jetzt ſchon Stand hielt und einen über Geld⸗ angelegenheiten vom Vater in franzöſiſcher Sprache be⸗ gonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung 1 unterbrach, ob ſie nicht lieber polniſch ſprechen wollten, V was ſie weniger verſtünde als franzöſiſch, ſo hütete ſie — ſich doch, auf Gebiete einzugehen, wo ſie in keiner Weiſe heimiſch war. Sie bildete ſich da jenes bekannte auf⸗ 1 merkende und geheimnißvolle Schweigen aus, das bei ſ Leuten, denen Bildung überhaupt zugeſtanden werden 1 muß, immer annehmen läßt, daß ſie über jeden vor— liegenden Fall, und beträfe er die Inſchrift einer ägypti⸗ ſchen Pyramide, vollkommen au fait ſind. Bald merkte Lucinde aus den Drohworten, die der Kronſyndikus ausſtieß, daß es mit dem Deichgrafen eine beſondere Bewandtniß hatte. Dieſer„Graf“ ſchien nur ein Bürgerlicher zu ſein. Es war der erſte Pachter des 8* —jj—— —— — —, 116 Freiherrn von Wittekind. Der Kronſyndikus nannte ihn unausgeſetzt bald einen Hund, bald einen Schurken; ja, er erklärte, daß er ihm bei erſter Gelegenheit und, wie er ſagte,„stanta pe“ eine Kugel vor den Kopf brennen würde. Der Kammerherr wünſchte neue Vorkommniſſe des Zwiſtes zu wiſſen, aber der Vater ſchien von den⸗ ſelben ſo ergriffen zu ſein, daß er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz überhörte... Das Terrain war eine Zeit lang nur eben geweſen. Auf den Gütern des Freiherrn, die von der Straße oſtwärts lagen, wurde es wieder von Anhöhen unter⸗ brochen, und auf der höchſten Höhe lag Schloß Neuhof wie eine leuchtende Krone der ganzen in Saatengrün, Wald und Wieſe prangenden Gegend. Dieſem Schloß, dieſen reichen Fluren nach zu ſchließen, mußte der Kron⸗ ſyndikus fürſtliche Einnahmen beziehen, womit freilich ſein Dingen und Zanken mit den Poſtillonen und Wir— then in Widerſpruch ſtand. Lucinde hatte den Muth, ihn ſeines Geizes wegen aufzuziehen, wozu er ganz bei⸗ ſchmunzelte und ihr in die Wangen kniff mit daß er von ſolchen hübſchen Kindern wie ſolche Wahrheiten ſtimmend den Worten, ſie in ſeinem Leben leider nur zu oft hätte hören müſſen. Ehe man auf die bedeutende, aber ſanft aufſteigende Anhöhe gelangte, von welcher das im vorigen Jahr⸗ hundert gebaute Schloß herniederleuchtete, hatte ſich in die jeweiligen Auseinanderſetzungen des Kronſyndikus über die Ernte, die neuen Wegebauten, die Kirchen und Klö⸗ ſter, die man in der Ferne aufragen ſah, über einen oft citirten Landrath von Enckefuß, den ſein Auge da ☛ 117 und dort zu erſpähen glaubte, dann wieder über den Reichthum und die hohe geſellſchaftliche Stellung der Tün⸗ gels und über die Vorzüge der freilich nicht mehr ganz jungen Baroneſſe Portiuncula, die Jérome heirathen ſollte, wieder der Zorn gemiſcht auf jenen„Deichgrafen“. Man ſah, aus den heftigen Rügen über dieſen Acker, jene Hecke oder Anpflanzung, überall die Schöpfungen dieſes Mannes, der ſeit einer langen Reihe von Jahren mit dem Freiherrn aufs innigſte befreundet geweſen, jetzt aber, wie ſein Sohn mit dem Kammerherrn, in Bruch gekommen war. Der Kammerherr ſuchte die Neigung ſeines Vaters zu gewinnen durch beſtändiges Schüren dieſes Haſſes, durch Uebertreibungen und Flüche, die die des Vaters zuweilen noch an Kraft und Umfang über⸗ trafen. Zwei verwöhnte, durch ihren Namen und Beſitz ſich für unantaſtbar haltende Männer ſcheuten ſich nicht, dem Deichgrafen im Geiſte bald die Peitſche zu geben, bald ſämmtliche Hunde ihrer Förſter auf ihn zu hetzen. Lucinde erfuhr jetzt, daß der Generalpachter Klings⸗ ohr den altüblichen Namen eines Deichgrafen von einer frühern Anſtellung bei den Deichen der hannoveriſchen Niederelbe führte, dort die Bekanntſchaft des zuweilen nach ſeinen mecklenburgiſchen und holſteiniſchen Gütern durchreiſenden Freiherrn machte und von dieſem bereits vor beinahe dreißig Jahren in dieſe Gegend als ſein Pachter berufen worden war. Lange hätten ſie in dieſer Lage freundſchaftlich verkehrt, ſogar die Söhne des Frei⸗ herrn und des Deichgrafen wären zuſammen aufgewach⸗ ſen und erzogen worden, der Kammerherr hätte mit Hein⸗ rich Klingsohr, dem jetzigen Doctor, in Göttingen ſtudirt, — 118 und bei alledem war eine Feindſchaft ausgebrochen, wo einer denn doch noch, wie der Kronſyndikus ſagte,„dran glauben“ würde. Die Urſache dieſer Feindſchaft lag in einer neuern Ernennung des Deichgrafen. Der alte Klingsohr, der ſich als großer Pachter im landwirthſchaftlichen Verein, ja als Kenner der Volkszuſtände auf dem Provin⸗ ziallandtage einen Namen gemacht hatte, war Com⸗ miſſar der Regulirung bäuerlicher und grundherrlicher Verhältniſſe geworden. Erſt jetzt wurden in dieſer Ge⸗ gend die letzten Reſte der Leibeigenſchaft aufgehoben. Die Regierung beſtimmte Theilungscommiſſare, denen ſie ihr Vertrauen ſchenkte, um jedes ſtreitige Recht zwiſchen Bauern und Grundherren, zwiſchen den Gemeinden und Einzelperſonen zu prüfen und ſchließlich nach beſter Ueber⸗ zeugung die Ablöſungen zu ſchätzen. Man konnte nicht bemeſſen, daß ein Macchiavellismus darin lag, zu einem unter Umſtänden ſo unpopulären, ja gefährlichen, der Beſtechung wie der Anfeindung ausgeſetzten Poſten einen Oppoſitionsmann zu wählen. Im Gegentheil ließ ſich annehmen, daß gerade in der geſunden, offenen und ehr⸗ lichen Politik des Deichgrafen, die der Regierung ſchon viel zu ſchaffen gemacht hatte, eine Bürgſchaft gefunden wurde für die Gerechtigkeit, mit der er ſich ſeinem ſchwierigen Amt unterziehen würde. Er kannte die Ge⸗ gend ſeit beinahe dreißig Jahren, hatte die Intereſſen derſelben mannichfach ſtudirt und war unſtreitig der geeignetſte, der die Unparteilichkeit einer ſo wichtigen Procedur verbürgte. Lucinde gewann dieſe Einſicht in ihr keineswegs fremde Verhältniſſe vollſtändig erſt von „ 119 4 4 ihrem Pavillon im Schloßpark zu Neuhof aus. Jetzt war es nach des Kronſyndikus Meinung eine teufliſche, höllenmäßige und bis an die Throne dieſſeits und jen⸗ ſeits zu verfolgende Undankbarkeit des Deichgrafen, auf ſeinem neuen Poſten fortwährend ſeinem Pachtgeber, lang⸗ jährigen alten Freunde, ja Wohlthäter, wie er ſagte, in faſt allen ſtreitigen Fragen Unrecht zu geben, ihm Rechte zu entziehen auf Wald und Flur, die er ſeit Urgedenken beſeſſen haben wollte, die Summen, die er von ſeinen frühern Lehnſaſſen zu empfangen, gering, die aber, die er ſelbſt an die Gemeinden zu zahlen hätte, hoch Durch dieſe nun ſchon ſeit zwei Jahren die den Deichgrafen zum Wohl⸗ thäter des ganzen Kreiſes machte, waren beide in Strei⸗ tigkeiten gerathen, die leicht auf Thätlichkeiten übergehen konnten, denn auch der alte Klingsohr war, wie Lu⸗ cinden aus dem plattdeutſchen Examen, das der Kron⸗ ſyndikus bald mit Poſtillonen, bald mit Gensdarmen über„etwa Vorgefallenes“ oder Vorkommniſſe des Feld⸗ baues anſtellte, vernehmlich wurde, eine heftige Natur, zäh und eigenſinnig in ſeinen Ueberzeugungen. Der Pacht, der nur noch einige Jahre lief, war ihm vom Freiherrn gekündigt worden... Und gib Acht, Jéröme, F anzuſchlagen. dauernde Ablöſung, 1 ſchloß der Vater in ſeinen Anklagen, wir werden er⸗ 1. leben, daß er uns noch allen als Zuchtruthe geſetzt wird, f 7 denn Enckefuß will und muß verſetzt werden! Geſchieht das, ſo kauft ſich Klingsohr ein Eigenthum, läßt ſich wählen, und unter den drei Candidaten angeſeſſener chlagen das Recht Bewohner des Kreiſes, die wir vorzuſ Landrath — haben, wird von oben her kein anderer zum ——̃ 120 gewählt werden als der erprobte Herr Theilungscom⸗ 9 miſſar! Lucinde hörte allen dieſen Geſprächen mit der Er⸗ wartung zu, im Verlauf derſelben würde vielleicht der Name der Schreckgeſtalt, der Mäuſefängerin und Gift⸗ pfeilbeſitzerin genannt werden. Doch war der Umfang an Lebensbezügen und Erinnerungen des Kronſyndikus ſo außerordentlich groß, daß er unausgeſetzt Neues aufs Tapet brachte und zum Alten, wo es nicht den Deich⸗ grafen betraf, ſelten zurückkehrte. Der Kammerherr ſetzte dabei ſeinen gewohnten Unterricht Lucindens durch Erklärungen fort. Auseinanderſetzen, erläutern, dociren war ſein Steckenpferd. Fürſten, Grafen, Biſchöfe und Erzbiſchöfe wurden dabei wie die gewöhnlichſten Men⸗ ſchen ſogar einfach mit Vornamen genannt. Alles, was Lucinden bisher hoch und unerreichbar geſchienen, zeigte ſich ihr hier ganz menſchlich und von den allgemeinen Leidenſchaften aller beherrſcht. Für ihre Bildung und. Lebensauffaſſung mußte daraus, wie durch die Erfahrun⸗ gen im Hauſe des Stadtamtmanns, ſich mancherlei er— geben. Wer den erſten Blendzauber, den die Großen der Erde verbreiten, auszuhalten oder ihn allmählich in nächſter Nähe erblinden zu ſehen Gelegenheit gehabt hat, wird leicht für alle Lebensverhältniſſe eine Entſchloſ⸗ ſenheit und Thatkraft bekommen, die vor keinem Ziel des Ehrgeizes mehr zurückſchreckt. 5 Schon lange, ehe man, langſam die ſanft aufſtei— genden Anhöhen zum Schloſſe emporfahrend, an dieſem angekommen war, hatte man zur Rechten den zwar noch laubloſen, aber ſchon von Spatzen, Amſeln, Gold⸗ 121 ammern belebten großen Park neben ſich liegen. Die Umwandelung eines Waldes in dieſe regelrechte und kunſt⸗ mäßige Zierlichkeit, mit zuweilen durchſchimmernden Er— lenbrückchen, kleinen von Hängeweiden beſtandenen In⸗ ſeln, künſtlichen Felsgrotten, Waſſerfällen, ſtammte ſchon aus dem vorigen Jahrhundert. Auch die erwähnten Pavillons mit Galerieen und chineſiſchen Dächern wurden ſichtbar. Ein ſolcher, der auf der andern Seite lag und im untern Geſchoß von einem alten Schloßdiener bewohnt wurde, ſollte ganz für Lucinden eingerichtet werden, falls ſie nicht vorn bei Vater und Sohn im Schloſſe wohnte. Die ſittlichen Vorſtellungen des Kronſyndikus ſchienen von ſogenannten Vorurtheilen völlig frei zu ſein. Selbſt wenn ſein Sohn zu Lucinden in Verhältniſſen geſtanden hätte, in denen dieſer nicht ſtand, würde er darüber mit Unbefangenheit geſcherzt haben. Schloß Neuhof bot in ſeinem Hofe und in den Sei— tenbauten ein großes Oekonomieweſen. Den einen Theil ſeiner Beſitzungen verwaltete der Freiherr ſelbſt. Da gab es Ställe voll Rinder und Schafe, in der Ferne Ziegelöfen, eine Branntweinbrennerei, eine Brauerei, deren Grundſtofſe und Erträge im beſtändigen Verkehr um das Schloß herum kamen und gingen und die näch⸗ ſten Räumlichkeiten deſſelben ſo unſchön wie möglich er⸗ ſcheinen ließen. Menſchen umgaben den Beſitzer von allerlei, aber durchgehends untergeordneter Art. Ihm mußte man nur dienen, nur gehorchen; Weiſungen von andern anzunehmen war ſeine Sache nicht. Von jeher hatte er auch deshalb Frauen lieber um ſich leiden mögen als Männer. Gleiches, Ebenbürtiges, Höheres, zu dem er aufblicken mußte, duldete ſeine hohe Meinung von ſich ſelbſt nicht. Seine tyranniſche Art ſchlug mit einer Handbewegung um ſich und ſcherzte mit der an⸗ dern. Ihm kam nichts auch nur, wie er's zu nennen pflegte,„bis an den Nabel“. Er hatte immer recht, ob nun eine andere Fütterung für verkommene Schafe oder der Bau eines neuen Ofens für die Ziegelei be⸗ antragt wurde. Die Mägde, die Knechte, die Verwal⸗ ter der vielen Zweige, in denen gearbeitet und Gewinn angeſtrebt wurde, alle ſtanden in der Regel in den Fällen, wo's, wie er ſagte,„auf Grütze im Kopf“ ankam,„wie die Heuochſen“ und waren die Dummköpfe ſelbſt. Er nur wußte alles und entſchied alles. Und dann, wenn Er den„rechten Zapfen“ eingeſchlagen hatte, Er„den Nagel auf den Kopf getroffen“, Er irgend⸗ einmal„den Karren wieder aus dem D. geſchoben“ hatte, mußte alles den Kopf ſchütteln und ohne viel Worte gleichſam nur ein:„Aber man muß ſagen, unſer gnädigſter Herr—“ mit den Augen andeuten. Wer das verſtand, traf den Ton, in dem er die Menſchen mit ſich verkehren haben wollte. Es war dann ſchon vorgekommen, daß er in ſolchen Fällen, wo Er allein „dem Ding auf die Beine geholfen“, die Börſe zog und — einen Thaler austheilte, nur damit ſich die Ochſen, die Eſel, die Rindviecher dafür, daß ſie ſich ihm gegenüber als ſolche bewährt und bekannt hatten, einen guten Tag machten. Lucinde wurde unter zahlreichen neuen Menſchen ein⸗ geführt als eine durch Familienbekanntſchaft Empfohlene, der das Land nützen und die wiederum auch dem Lande 123 nützen ſollte. Da der Kammerherr nicht aufhörte, ſeine Liebe mit einer niemand an ſie heranlaſſenden Eifer⸗ ſucht zu ſchützen und ſeine Sorgfalt, Obhut und Zart⸗ heit gegen ſie die gleiche blieb, ſo durchkreuzte er die Plane des Vaters, der nicht wenig Luſt bezeugte, der Rival ſeines Sohnes zu werden. Lucinde wohnte im Schloſſe ſelbſt nur bis zu dem Tage, wo mit dem mächtig hereinbrechenden Frühling eine Menge benachbarter Adels⸗ familien erſchienen und ſie in den für ſie beſtimmten Pavillon des Parks zog. In dieſer Zeit der Beſuche mußte ſie ſich vom Schloſſe ſogar ausdrücklich fern halten. Vom Pavillon aus beobachtete ſie die vornehmen Gäſte, die kamen und gingen. Liebliche junge Mädchen, auch Kinder umſchwärmten einige Stunden lang, wäh⸗ rend der Hof ſich mit Livreen füllte, einen Weiher im Park. Beſonders anmuthig war eine Comteſſe Paula von Dorſte⸗Camphauſen, eine zarte, ſchlank aufgewach⸗ ſene und, wie es ſchien, kränkelnde Blondine mit lan⸗ gem goldenen Haar, kaum zwölf Jahre alt und ſchon zur Reife entwickelt. Ihre treueſte Begleiterin war ein kleiner ſchwarzer Lockenkopf, den man Armgart von Hül⸗ leshoven nannte. Auch flüchtig ſah Lucinde jene Por⸗ tiuncula von Tüngel, aus dem Geſchlecht der Tüngel⸗ Appelhülſen, die in dieſen Tagen und bei dieſen Be⸗ rathungen und Bewillkommnungen durchaus die Kam— merherrin von Wittekind, die Gattin eines Geiſtes⸗ ſchwachen, werden ſollte. Sie ſah ſie eines Tages wie⸗ der, als ſich der Park plötzlich mit Menſchen gefüllt hatte. Sie war nicht auf dieſe Ueberraſchung gefaßt geweſen. Sie hatte ſich in träumender und verdrieß⸗ 124 licher Langeweile für ſich allein in ihrem Pavillon ge⸗ ſchmückt und mußte an den Parkweiher, weil der Kammerherr, wie ſie von den alten Leuten, bei denen ſie wohnte, erfuhr, ihr im Vogelhauſe alle ihre Näh⸗ apparate verſteckt hatte. Dorthin wagte ſie ſich. Sie hatte ſich in einem vom Kammerherrn mit Goldlackfarbe bemalten ſchöngeformten Kahn, zu dem ein zierliches mit Goldfarbe gleichfalls überzogenes Ruder gehörte, an das in der Mitte befindliche Haus voll türkiſcher Enten, Tauben und Schwäne, die in drei Stockwerke vertheilt waren, hinrudern wollen, indem gerade die ganze Ge⸗ ſellſchaft vom Schloſſe kam. Alles eilte voll Staunen näher. Es war die phantaſtſſchſte Ueberraſchung, die man ſehen konnte. Der Teich, der goldene Kahn, die ſchöne Schifferin... Und der Kammerherr ſelbſt konnte, da der Vater nicht ſogleich in der Nähe war, dem Drange nicht widerſtehen, der Welt ſeine wahre Liebe genauer zu zeigen. Lucinde erſchrak und flüchtete ſich in das Vogelhäuschen. Es beſtätigte dieſer Anblick die Sage, daß ſich der Kammerherr Jéröme auf Schloß Neuhof ein Elfenkind hütete. Es folgte aber eine heftige Scene mit dem hinzu⸗ kommenden Keaßſt yndikus. Die phantaſtiſche Schifferin ſtieg über den Lärmen in die Pagode hoch hinauf und kletterte bis an die obere Spitze, die in einem bunt⸗ gemalten Taubenſchlage endigte. Da flatterte es, als ſie dort richtig ihr Nähzeug entdeckte, von allen Oeff⸗ nungen heraus, während der Kahn, den ſie nicht be⸗ feſtigt hatte, inzwiſchen ans Ufer ſchwamm. Nun woll⸗ ten die Herren der Gefangenen zu Hülfe eilen; aber der r Kronſyndikus machte dem Vorfall durch kurze und ent⸗ n 2 6 d ſchiedene Befehle ein Ende. Er kündigte auch die eben . erfolgte Ankunft ſeines alteſten Sohnes an. 6 3 3 Alles mußte leh den Park verlaſſen und den Re⸗ jerungsrath von Wittekind begrüßen t 3 4 Lucinde bekam ſo die Freiheit. — Bis die Bediente den Kahn zurückgerudert hatten t zur Inſel, ſaß ſie unter den Tauben, die allmählich wiederkehrten, und konnte Betrachtungen anſtellen über d⸗ alles, was zwiſchen i ihrem Taubenſchlag auf dem ge⸗ en flickten Schindeldach in Langen⸗Nauenheim, d dem Tauben⸗ ie ſchlag unter dem Küchenherd der Frau Hauptmännin und 1 1 dem hier auf der chineſiſchen Pagode im Park von Schloß der Mitte lag. Neuhof für ſie an Erlebniſſen in * 11 Schon war für Lucindens Ehrgeiz eine Zurück⸗ ſetzung, wie ſie ſie jetzt erlebte, wenig geeignet. Manchmal, wenn ſie bei offenem Fenſter in ihrem Pavillon ſaß, war es ihr, als wenn ſie ſich in der That doch nur eine aufs Land hin vermiethete Nähterin erſchien. Sie ſaß und beſſerte wirklich nur Wäſche aus. Es war aller⸗ dings ihre eigene. Sie hatte um ihre Schweſter fort⸗ geſetzt noch Trauer anlegen wollen und begehrte neue ſchwarze Kleider; der Kronſyndikus hatte ſie ihr ab⸗ geſchlagen, da der Anblick ſeinen Augen nicht wohlthäte, eine Aeußerung, die ſie den alten Leuten wiederholte, bei denen ſie wohnte, und die von dieſen mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde... Ueberhaupt fiel ihr der Druck, unter dem hier auf dem Schloſſe und in ſeiner nächſten Umgebung alles lebte, immermehr auf. Ja, ſie ſelbſt empfand ihn ſchon. Als ſie wegen der verweiger— ten Garderobe wollte zu ſchmollen anfangen, rief der Kronſyndikus ein ſo ſtarkes und drohendes Halloh! daß ſie erbebte und dieſen Ruf, dies Zuſammenziehen der gelbweißen buſchigen Augenbrauen nie wieder herauf⸗ beſchwören mochte. — 127 Während auf dem Schloſſe eines Tages wieder eine glänzende Gaſterei ſtattfand, trieb es Lucindens Un⸗ geduld und verletzte Eitelkeit ins Freie. Hinter dem Park gab es erſt ein Feld und eine Reihe von Obſtbäumen zu durchſtreifen, dann öffnete ſich ein grüner Grund, und tief hinab ging in allmählicher Abdachung eine enge Bergſpalte, die ſich erweiterte zum ſchattenreichſten Waldesgrün, wieder dann enger wurde und ſich ſo in gleicher Abwechſelung fortzog bis zur Ebene hin, aus der zunächſt die Thürme eines Francis⸗ canerkloſters, Himmelpfort genannt, herüberſahen, dann die des Stifts Heiligenkreuz und der Dom der uralten Stadt Witoborn. In dieſem Einſchnitt zwiſchen zwei oben ganz wie in der Ebene liegen bleibenden Saatfeldern wucherte die Pracht des Waldes. Im Winter mußte dieſe Spalte mit Schnee überfüllt ſein. Auch jetzt im Frühjahr, wo überall der Boden ſchon trocken, glänzte hier noch alles feucht. Von den Felswänden tropfte es zwiſchen Moos und Farrnkräutern hin. Ein Bächlein bildete ſich unver⸗ ſehens. Es rieſelte unter Haſelnußbuſch und Schleh— dorn über ein verworren ſleinites Bett. Mancher Fels⸗ block ſchien den Lauf des Bächleins ganz zu verſperren, doch plötzlich brach es irgendwo mit ſtiller, ſich gleich— bleibender Stärke wieder hervor. Dann aber wurde die Spalte weiter, die Bäume wurden höher und höher, Tannen ragten mit geradlinigem Wuchſe, tiefer ab kamen Eichen, die von einer kurzen Strecke des weißeſten Sandes, dann Buchen, die von kurzem Graſe umgeben waren. Querdurch gingen Fußwege vongda und dorther 128 und zuletzt ein ſchmaler Reitweg dicht vor dem Eintritt in eine rieſige Gruppe uralter Eichenſtämme, die man den„Düſtern Bruch“ oder den Düſternbrook nannte. Von hier aus konnte man bequem wieder die Seiten⸗ wände des Grundes emporklimmen und kam dann wieder in der Hochebene an, wo über grünen Saaten die Ler⸗ chen ſtiegen und die Gegend ſich hinzog, ſo gleichförmig, ſo eben als wenn dieſer Grund gar nicht vorhanden war. Und doch führte er allein, wie die große Hauptſtraße, die vorm Schloſſe vorbeiging, auf das allgemeine Niveau des Landes zurück. Ueber dem fernen Tiefland lag das Schloß wol gegen tauſend Fuß hoch. Fünf Regierungen beſaßen hier Enclaven; nur nach Weſten zu gehörte alles ausſchließlich jener Krone, in deren Dienſten der älteſte Sohn des Freiherrn, der Regierungsrath, ſtand und ſein, wie es ſchien, einziger nächſter Freund, der Landrath, ehemalige Huſarenrittmeiſter von Enckefuß, gewöhnlich„der ſchöne Enckefuß“ genannt. Vor der ſtechenden Nachmittagsſonne boten die Schat⸗ ten des Düſternbrook heute den erquickendſten Schutz. Es rieſelten zwar noch die kaum geſchmolzenen Schneereſte, die ſich in den Felsſpalten feſtgefroren hatten, jeder Schritt war glatt und gefahrvoll; aber Lucinde hielt ſich an den ſchon allmählich ihr Laub treibenden Büſchen und ſuchte das von würzigen Kräutern duftende niedere Thal zu gewinnen. Belebt war es von allem, was nur in den erſten Frühlingstagen auf den Bäumen mit Gurgeln, Zwitſchern, Schnabelwetzen der allernärriſchſten Art wie⸗ der die Wonne erprobt, ſich von dem Nochvorhandenſein ſeiner alten Stimmittel überzeugen zu können. 129 ritt Lucindens Sinn ging dabei brütend auf irgendeinen an 4 zu faſſenden Entſchluß. So wie ſie jetzt da war, den te. runden Strohhut mit ſchwarzem Band in der Hand, in en⸗ die Weite zu gehen und gar nicht zurückzukehren, war der noch das Leichteſte, was ſich ausführen ließ gegen eine er⸗ Lage, in deren Erwartungen und Ausſichten ſie ſich be— ſo trogen hatte. Daß ihr Sinn Gedanken der Rache nicht ar. unzugänglich war, wiſſen wir. Düſter zogen ſich ihr die die dunkeln Augenbrauen zuſammen, manche raſch gebrochene eau Blüte zerriß, ja zerbiß ſie, manches junge, kaum ganz das entrollte Blatt zerkaute ſie, ſo bitter es ſchmeckte... gen Immermehr gerieth ſie in einen Zorn, wo die bei dun— örte keln Augen eigenthümlich ſchon vorhandene leichte Ent⸗ zündlichkeit der obern Wangen ſich immermehr ſteigerte der and und den heißen Lichtern noch dunklere Schatten gab. der Vom Düſternbrook her ſtörte ſie jetzt Geräuſch. Bald uß, waren es Axtſchläge, bald der gleichmäßig klingende Ton 1. einer Säge.— zat⸗ Als ſie näher kam, bemerkte ſie einen Arbeiter vom Es Schloßhof. Sie neckte ſich zuweilen mit ihm. Es war die ein fremder Arbeiter vom Weſten her, ein gelernter rit. Küfer, der auch für die Brauerei, Brennerei und die den Milchwirthſchaft des Kronſyndikus mit Fleiß und Geſchick ſchte große Gefäße baute, Bottiche von gewaltigem Umfang, zn Tonnen in allen Größen. Rüſtig arbeitete er vom Mor⸗ deu’ gen bis zum Abend und zog ſich ſeine Hülfsgeſellen el ſelbſt; er hieß Stephan Lengenich und war landeinwärts wie⸗ einer der eifrigſten Kirchenbeſucher. Auf dem Schloſſe ſein ſelbſt gab es eine Kapelle, doch wurde in ihr nie die Meſſe geleſen, obgleich der Kronſyndikus von ſieben 9 Gutzkow, Jauberer von Rom. I. 130 Pfarreien und dem Kloſter Himmelpfort ſelbſt Patronats⸗ herr war. Seit Jahren ſtand er mit ſeiner Kirche auf ge⸗ ſpanntem Fuß und duldete auch z. B. nie, daß die Francis⸗ caner Schloß Neuhof betraten, eine Maßregel, die durch die Auslegung der Polizeigeſetze über das Terminiren der Bettelorden von ſeinem Freunde, dem Landrath, dem „ſchönen Enckefuß“, nach Kräften unterſtützt wurde. Ei, Herr Lengenich! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden, nicht ſtarken Stimme; ſchon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius umgehauen? Wenn Ihnen nur nicht einmal ſo ein alter Heidengott dabei erſcheint und Ihnen was anthut! Stephan Lengenich ſah auf und meinte in der That: Machen Sie keine Scherze, Mamſell Schwarz! Aber es muß ja ſein! Die alten Fäſſer faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite... 'S iſt recht, ſagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig ſichern Art, die den ihr geläufigen Volkston jetzt ſchon mit Bewußtſein feſthalten konnte, s' iſt recht! Man ſoll nicht neuen Moſt gießen auf alte Schläuche! Stephan Lengenich horchte... Lucinde zeigte, daß ſie eine Schulmeiſterstochter war, auch ein Jahr bei einem Pfarrer gelebt hatte, und fuhr weiterſchreitend mit künſtlichem Pathos fort: Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lap⸗ pen von neuem Tuche, denn der Lappen reißet doch wieder vom Kleide und der Riß wird ärger. Adjes, Stephan! Betet ihr einmal ein Ave Maria für eine andere arme Seele als die der Liſabeth, ſo ſchließt auch unſereins ein! Damit ging ſie, ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten, den ſie an ein allbekanntes Verhältniß mit der erſten Beſchließerin des Hofes erinnert hatte. Lucinde ſchlug den kürzern Weg jetzt wieder zur An— höhe ein. Es war ein ſteilerer, aber von Steinen un⸗ terſtützter Pfad, der zur obern Anhöhe der Schlucht führte⸗ Sie war auf der Hälfte dieſes etwas mühſeligen Weges, als ſie hinter ſich laut reden hörte. Sie wandte ſich und ſah, daß Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen in einem lebhaften Ge⸗ ſpräch begriffen war. Widerhallte ſo ſchon in dieſer Stille an den Bergwänden jedes geſprochene Wort, wie viel mehr noch ein Zank, der allmählich heftiger geführt wurde. Eine ſchlanke Geſtalt in ſchwarzem Sammetkittel, wei⸗ ten Sommerbeinkleidern und einem grauen, mit einem Zweig geſchmückten Hut konnte von ihr nicht im Geſicht betrachtet werden, da der Sprecher rückwärts ſtand. Aber der Stimme nach war es ein junger Mann, nicht, wie ſie im erſten Schreck über den Lärm vermuthet hatte, der Deichgraf ſelbſt, der als Theilungscommiſſar, wie ſie wußte, über den Düſternbrook und die dortige Baum⸗ fällberechtigung mit dem Kronſyndikus in Streit war. Hat es der Freiherr befohlen? Ausdrücklich befohlen? fragte der Hinzugekommene mit heftiger Entrüſtung. Guten Morgen! war Stephan Lengenich's Antwort, während er weiter ſägte. Geſtern noch ſtand die Eiche! Das muß erſt die Nacht geſchehen ſein! Sie haben keinen Auftrag dazu gehabt! 9* Guten Morgen! ſagte der Küfer und ſägte weiter. Will man uns mit Gewalt aufs Aeußerſte bringen? Antwort! Red' Er! Herr! richtete ſich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den rothen Strich einer Mütze, die er trug, womit er andeuten wollte, daß man einen noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit Er anredete. Sich aber beruhigend, fügte er dann weiter arbeitend ſpöttiſch hinzu: Guten Morgen! Vom Düſternbrook gehört nicht eine Eichel der Herr⸗ ſchaft! Es iſt Gemeindewald und ſeine Privatnutzung ein Misbrauch, der nicht fortbeſtehen kann! Nicht eine Eichel? Suchen Sie hier Eicheln? Stephan Lengenich ſprach dieſe Anzüglichkeit auf Thiere, die man mit Eicheln füttert, ganz im boshaften Geiſte ſeiner Herrſchaft. Im erſten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief: Kerl! Dann beſann er ſich wol auf den ungleichen Kampf und ſagte ſich langſam ent⸗ fernend: Nehmt euch vor meinem Vater in Acht! Er legt nächſtens den Grenzſtein und dann werden ihn die Gensdarmen zu bewachen wiſſen! Damit ſchritt er, verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters, langſam weiter. Bei der Gewißheit, endlich des mehrfach beſprochenen frühern Freundes und Studiengenoſſen des Kammer⸗ herrn, der durch eine Abhandlung über das ſogenannte Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war, anſichtig zu werden, wandte ſich Lucinde, ihn doch nun auch deut— licher zu ſehen. Dabei glitt einer der Steine aus, die ſonſt das Auf⸗ f ſteigen erleichterten. 1 Der Fall weckte die Aufmerkſamkeit des Doctors, r wie er gewöhnlich im Geſpräch auf Neuhof genannt 1 wurde. Auch er wandte ſich und bemerkte die Nähe eines — jungen, in dieſer einſamen Umgebung überraſchend auf⸗ tauchenden Mädchens. Er zog den breiten Krempenhut und grüßte. Beide ſchritten weiter, er den Weg, den ſie eben zurückgelegt, den Grund hinauf, ſie den parallelen, aber oben auf der Hochebene. Sie hatte den Eindruck keines ſchönen Mannes em⸗ pfangen. Der Doctor mochte wenig über einige Zwanzig zählen, hatte aber ſchon das Anſehen eines Dreißigers. Der Kopf war ausdrucksvoll, aber das kurzlockige, etwas röthliche Haar war an den Schläfen und der Stirn ſchon ausgegangen. Der Bart war gepflegter, aber noch röther als das Haar. Er hing über Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten; und an entſtellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn, ja ſogar auf der Naſe, Schmarren, deren Urſprung ſie gleich hinzubringen wußte. Nach den Erzählungen des 1 9 Kammerherrn waren es Duellnarben. Die Tracht des Doctors war die leichteſte; kaum daß um den magern Hals ein dünnes Tuch gelegt war. Die Bruſt ſtand faſt offen. Handſchuhe fehlten ganz. Lucinde hatte ſeit den Erinnerungen an Oskar Bin⸗ der und deſſen Freunde in der Reſidenz einen Abſcheu 134 vor allen Stutzern und geſchniegelten Männern. Viel Aeußerlichkeit war überhaupt bei den Herren nicht Sitte, die auf Schloß Neuhof kamen; die Gewohnheiten der reichſten Leute hier waren in dieſem Punkte einfach. Grafen gingen wie Bauern. Nur der Landrath, der „ſchöne Enckefuß“, hielt die Erinnerung an die Zeiten, wo er wirklich ſchön geweſen ſein mochte, durch eine ge— ſuchte Toilette, feſtgeſchnürte Taille, gefärbte Haare, Bart, Augenbrauen, ja, wie man behauptete, gemalte Wangen und Schläfe aufrecht... er konnte ſeine Triumphe als Rittmeiſter der Huſaren nicht vergeſſen und blieb, ob er gleich ſchon einen großen Sohn hatte, der Beau der Gegend, der bpetit-maitre von der Stadt Witoborn an bis auf Schloß Neuhof. Die ſtudentiſche Art der Erſcheinung des Doctors paßte vollkommen in den Rahmen der verworrenen Er⸗ zählungen, die der Kammerherr, wenn er in ſeinen renommirenden Erinnerungen kramte, von dem akademi⸗ ſchen Leben deſſelben zu geben pflegte. Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz glei⸗ cher Linie. Lucinde konnte ſich oben nur am ſchmalen Rande des Grundes halten, denn zu ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg; die junge Getreideſaat ging bis dicht an den Rand des Abhangs. Es entſpann ſich trotz der anſehnlichen Diſtanz ein Geſpräch über das Misverhältniß der Anſprüche, die ſich bei der Regulirung der bäuerlichen und grundherr⸗ lichen Verhältniſſe ergeben hatten. Der Doctor fragte, als Lucinde darüber ſich ganz unterrichtet zeigte, ob ſie 135 denn zu den auf Neuhof oben verſammelten Herrſchaften gehöre?. G Nicht zu den Herrſchaften! Zu den Dienern! antwor⸗ tete ſie und balancirte auf dem ſchmalen Pfade hin, wohl wiſſend, daß ſie nicht wie eine Dienerin ausſah. Sie ſind doch nicht etwa gar das Elfenkind, das mein alter Freund, der Kammerherr, jenſeit der Wäl⸗ der an einem Schilfteich gefunden hat? Ja freilich! Das bin ich! ſagte ſie und ſprang nun mehr als ſie ging. So werden Sie, ſagte der Doctor, trotz der Tün⸗ gel'ſchen Familie, deren Appelhülſener Linie zurückgekom⸗ men iſt, Frau von Wittekind werden! Ich gratulire! Einen beſſern Mann kann ſich eine Frau nicht wünſchen! Dann müſſen Sie aber zu uns nach Göttingen ziehen! Lernen Sie reiten! Oder können Sie's wol gar ſchon? Um ſo beſſer! Wir machen Sie zur Conventsſeniorin, falls Ihr Mann nicht aus Rückſicht auf die göttinger Fenſter⸗ ſcheiben ſofort wieder relegirt wird! Denn er bekannte Ihnen doch wahrſcheinlich ſeine alte Leidenſchaft, in Göt⸗ tingen keine ganzen Fenſterſcheiben und Laternen ſehen zu können?„Nacht muß es ſein, wo Wittekind's Sterne ſtrahlen!“ Die göttinger Laternen, ohnehin nicht die hellſten, koſteten ihm einen Theil ſeiner glücklicherweiſe guten Wechſel. Dieſe Liebhaberei, erwiderte Lucinde, iſt noch immer nicht ſo ſchlimm geweſen wie die einiger ſeiner Ahnen, die keinen Dachdecker auf einem Thurm ſehen konnten, ohne nicht das Gelüſt zu haben, ihn herunterzu⸗ ſchießen. — Aha! rief der Doctor. Sie ſind eingeweiht! In deutſche Staats⸗ und Rechtsgeſchichte! Lucinde verſchwieg, daß es der Kammerherr mit Vögeln noch ſo machte. Man ließ ihm deshalb nur eine Windbüchſe; in ſchlimmen Anfällen richtete er auch mit dieſer die grauſamſten Verheerungen an. Der Doctor ſchien aufmerkſamer geworden und ſuchte Lucinden näher zu kommen, was ohnehin durch ſeinen aufſteigenden Weg von ſelbſt geſchah... 'S wäre ganz gut, ſagte er, wenn einmal in dieſe Menſchenraſſe friſches Blut käme! Ich bin an und für ſich ganz für dieſe alten Geſchlechter und mag ſie leiden, aber ſie ſollten ſich nicht untereinander kreuzen, ſondern zur Inoculation des Volks benutzen; das gäbe einen Nachwuchs wie der der alten Angelſachſen und Nor⸗ mannen, der jenſeit des Kanals noch immer ſo ſtattlich iſt. Wenn wir Deutſche ein Princip haben, das ver⸗ nünftig iſt, wie die Adelsidee, ſo reiten wir's leider auch immer gleich zu Tode! Lucinde erwähnte ganz dreiſt ſeine Abhandlung über die Bienen. Was? Wie? Wiſſen Sie davon? rief der Doctor. Nun ja! Im Bienenſtaat liegt mehr Weisheit als in Dahlmann's„Politik“, zu der er keinen zweiten Theil ſchreiben kann. Auch die Bienen pflanzen ſich mit ver⸗ nünftiger Ariſtokratie fort. Ein Ei, aus einer ſchlech⸗ ten Arbeitszelle in eine Königinzelle gebracht, gibt eine Königin. Wir werden erſt die Probleme der Geſchichte dann löſen, wenn wir ein Mikroſkop erfunden haben, groß genug, das Leben und Weben eines durchſich— — 137 tigen Bienenkorbs zu gleicher Zeit zu beobachten. In China, in Indien iſt es mir manchmal als wenn man das Bienenleben ſchon ſeit Jahrtauſenden beſſer kennt als bei uns. Da Lucinde von dem ſchmalen Raſen immer aus— glitt, rief ihr der jetzt ganz Nahegekommene: Sie gehen ſchlecht da oben! Ich biege hier die Zweige zurück, ſo kommen Sie herunter! Dann müßt' ich wieder wie Sie ſteigen! ſagte ſie und blieb. Bei dem Verſuch, den der Doctor machte, ihr zum Niederſteigen das Geſtrüpp der Büſche wegzubiegen, fiel von oben her das Licht auf ihn günſtiger. Der Hut wurde ihm gerade von einem zurückgehenden Zweige weggenommen; ſo ſah ſie einen ſcharfen, durchgeiſtigten Kopf. Daß in ihm Leidenſchaften zuckten, daß in dem großen wie luftblauen Auge eine Unbeſtimmtheit ſchwamm, ſo groß und weit, wie eben die Luft und das Meer ſelbſt, konnte ſie mit ihren jungen Jahren noch nicht unterſcheiden, aber das Gefühl einer außerordentlichen Kraft ſtrömte ihr aus dieſem an ſich harten und un⸗ ſchönen Antlitz, aus dieſen unabſehbar weiten, hellen und wie ſchwimmenden Glaskugelaugen entgegen. Warum ſind Sie aus Göttingen hier? fragte ſie. Stehen Sie Ihrem Vater in ſeiner undankbaren Ar⸗ beit bei? Schon daß Lucinde fragen konnte, ſchien ihren Be— gleiter hoch zu erfreuen. Mit den meiſten Mädchen dieſer jungen Jahre kann man ja ſtundenlang gehen, und ſie wiſſen nichts als ein empfindſames Jal! oder Nein! Sie lächeln halberſchrocken zu allem und jedem und nen— nen auch ſpäterhin noch die eigentlich eitelſte Verſunken⸗ heit in ſich ſelbſt ihr ſchweigſames Gemüth. Der Doctor erzählte, daß ſein Vater aus dem Pacht⸗ verhältniß zu dem Kronſyndikus ſich zu löſen und ein eigenes Gut zu kaufen beabſichtigte. Zu dem Ende glaubte er des einzigen Sohnes Beiſtand nöthig. Leider, fügte dieſer hinzu, bin ich kein ſo fermer Advocat gewor⸗ den, wie er hoffte.„Grau, Freund, iſt alle Theorie, und grün des Lebens goldener Baum“, nämlich der, auf dem die vollwichtigen Piſtolen wachſen! Lucinde wußte ſchon von Eibendorf und Neuhof her, daß man hier zu Lande die Goldſtücke Piſtolen nennt. Jeder Gegenſtand, den der Kammerherr taxirte, wurde nach Piſtolen berechnet. Vielleicht könnten Sie den Streit zwiſchen dem Kron⸗ ſyndikus und dem Deichgrafen beilegen? ſagte ſie. Unmöglich, mein Fräulein! erwiderte der Doctor. Das ſind Gegenſätze, die uralt ſind. Schon an dem öden Strand der Elbe, wo ſich beide kennen lernten, ſoll mein Vater ſich durch das Abzählen der hannoveri⸗ ſchen Sandkörner gegen die holſteiniſchen als Deichgraf unmöglich gemacht haben. Es gibt ſolche große Cha— raktere, die gerade zwei Minuten vor halb ſieben und zu keiner Secunde anders einen Gegenſtand abgemacht ſehen wollen. Sie halten die Hand aufs helle, lichte Feuer wie Mucius Scävola, nur um ihren Muth zu beweiſen. Verſöhnung? Mein Vater konnte ſehr leicht von Napoleon eine Kugel vor den Kopf be— kommen, denn er fing die Befreiungskriege nach ſeiner ————;— „ 139 Uhr an. Gerade zwei Minuten vor halb ſieben! Der Tugendbund hatte geſagt: Zwei Minuten vor halb ſie⸗ ben ſteht jeder Patriot an der Spritze, und mein Vater hielt ſich an die Ordre. Ob nun die Umſtände bewieſen, daß die Schlacht bei Dresden ganz unzweifelhaft für Napoleon gewonnen war, ob es noch ganz im Unklaren blieb, ob die Oeſterreicher in die Allianz treten wür⸗ den— mein Vater nahm die Schlacht bei Leipzig ſchon für geſchlagen und gewonnen an. Der Deichgraf ſam⸗ melte Mannſchaften, bewaffnete ſie und ſtürmte die Zoll⸗ häuſer der weſtfäliſchen Regierung. Zwei Tage lang war Deutſchland frei vom Tyrannenjoch; dann aber eine Gewehrſalve von bückeburg⸗weſtfäliſchen Grenadieren, die Napoleon's Arrieregarde bildeten, und die Patrioten waren auseinander geſprengt. Mein Vater hinkte mit verwundetem Fuß in den Teutoburger Wald, wo er jede Stelle kennt, an der einſt Arin bivouakirt hat und ſich an dem Meth erquickte, den ihm Thusnelde bereitete. Da irrte er proſcribirt umher. Auf hundert Thaler hatte man ſeinen pünktlichen Kopf angeſchlagen. Glück⸗ licherweiſe half ihm aber der Geiſt des alten Arminius und Mutter Thusnelde. In den Schluchten blieb er unentdeckt und war dann wieder der Erſte, der nach der Schlacht bei Leipzig auf die Externſteine zum Aufruf des ganzen weſtlichen Deutſchland eine blutrothe Fahne ſteckte. Mein Vater machte trotz Weib und Kind den Krieg mit und ſoll die Lieder von Max Schenkendorf in unſerm alten burſchenſchaftlichen Commersbuch auswendig gewußt und überall vorgeſungen haben, wie auch ich, als ich noch etwas grün zuerſt in Erlangen ſtudirte. Später hat er 140 nicht mehr viel davon wiſſen mögen und von Verſöh— nung iſt bei ihm in principiellen Gegenſätzen nie die Rede! Ueber dieſe Mittheilungen waren beide Wanderer oben zuſammengekommen. Sie gingen unter den blühen— den Obſtbäumen hin dem Park zu. Da Luecinde durch die akademiſchen Reminiſcenzen des Kammerherrn in vielen der von ihrem Begleiter an⸗ geregten Verhältniſſen heimiſch war, ſo konnte dieſer auf ihren wiederholten Vorſchlag, eine Vermittelung zu ver⸗ ſuchen, in der Charakteriſtik ſeines Vaters fortfahren. Nein, mein Fräulein! ſagte er. Mein Vater iſt trotz⸗ dem, daß er nicht mehr den Schenkendorf ſingt und wir jetzt 1832 ſchreiben, in der Exaltation von 1813 ſtehen ge⸗ blieben. Schwarzrothgold kam er aus Frankreich zurück und mußte 1817 wieder etwas anzetteln da drüben im Teuto⸗ burger Walde bei dem großen Chriſtoph, den ſie jetzt dort auf die Höhe ſtellen wüſlen, das germaniſche Rächerſchwert in Händen. Für den deutſchen Kaiſer und deſſen Wie⸗ derherſtellung ſaß er drei Jahre in Magdeburg. In dieſer Zeit war der frühere weſtfäliſche Kronſyndikus, d. h. Ver⸗ treter der Krone des ehemaligen Weinreiſenden und ſpä⸗ tern Königs Hieronymus bei der weſtfäliſchen Land⸗ ſchaft, d. h. den Ständen und Deputirten der ihm unter⸗ worfenen Provinzen, Freiherr von Wittekind⸗Neuhof, immerhin ſo zu ſagen unſer Wohlthäter. Das Pacht⸗ verhältniß ging fort, ohne daß der Vater damals die vollſtändigen Summen auftreiben konnte. Der rüſtige Grundherr trieb ſie ſich eben ſelber ein. Meine Mutter ſtarb darüber, der Vater kam aus Magdeburg zurück und warf ſich jetzt in die ergrimmteſte Provinzialoppo⸗ 141 ſition. So hat Demoſthenes nicht über Philipp von Macedonien gedonnert wie mein Vater— lieber Gott, noch dazu bei verſchloſſenen Thüren!— über Brücken und Vicinalſtraßen. Harry Heine ſpricht von einem Mirabeau der Lüneburger Heide. Mein Alter war einer von der witoborner. Und wirklich, er allein mit ſeinen zwei Minuten vor halb ſieben war's, der hier Großes durchſetzte in Ermangelung von Größerm. Ueberall, wo Sie hier einen Hemmſchuh an einen Pfahl gemalt ſehen und einen Finger darüber mit dem Avis: Bei einem Thaler Strafe! überall, wo an einem Kreuzweg ein Pfahl mit vier Armen ſteht: Hier geht's nach Mölln, nach Schöppenſtedt, Schilda oder Krähwinkel! bei jeder Verbeſſerung in Luft, Feuer, Waſſer und Erde ringsum kann er mit ſtolzem Bewußtſein wie ein„Sattelmeier“ aus Karl's des Großen Zeit vorübergehen. Und nun iſt er denen, an welchen er ſich d eutlich für Magde⸗ burg rächen wollte, der Regierung ſelbſt, zum Bedürfniß geworden! Der vielbefähigte unruhige Mann, dem ſein nächſter Beruf ſchwer genug aufliegt, übernimmt die Regulirung der grundherrlichen Verhältniſſe und führt dieſe richtig wieder nach dem Maßſtabe: Zwei Minuten vor halb ſieben! durch. Nichts ſchont ſein Zollſtock. Er zerſtört den ſchönſten Ameiſenbau, wenn die eine Seite an Hinz, die andere an Kunz gehört. Er ſteckt den Spaten gerade mitten durch, er trennt die Blüte vom Aſt, den Schwanz der Kuh vom Kopf, es iſt und bleibt der alte Deichgraf, der Mathematik und Waſſerbaukunſt ſtudirte, bei Stade die Sandkörner zählte, die ſich ins hannoveriſche Fahrwaſſer verloren und Holſtein gehörten, und der jetzt noch Landrath werden wird, ja, zu alledem vielleicht einen Orden bekommt und zur Anerkennung für den friedlichen Verlauf aller ſeiner patriotiſchen Land⸗ ſtürme und ſchwarzrothgoldenen Revolutionen eines Tages in Sansſouci zu Mittag ſpeiſt! Lucinde wußte nicht, wie ſie dazu kam, auf dieſe im Grunde unkindliche, aber offenbar gleichfalls aus einem Ueberzeugungseifer(nur für andere, ihr unbekannte Auf⸗ faſſungen) herzuleitende Auslaſſung fragend zu erwidern: Sind Sie katholiſch? Der Doctor ſchwieg erſt erſtaunt und ſagte dann: „Du ſprichſt ein großes Wort gelaſſen aus!“ Nein, wir ſind es nicht, mein Fräulein! Am Ende des Parks durchkreuzten ſich einige Wege und ein ſteinernes Chriſtusbild hing über einer Ruhebank. Lucinde war ermüdet. Sie ſetzte ſich. Der Doctor lehnte ſich an einen Baumſtamm ihr gegenüber. Sie nahm den inzwiſchen wieder aufgeſetzten Hut ab. Schon lange trug ſie wieder ihr Haar in Flechten. Eine davon war losgegangen. Es machte ihr gar nichts, ſo vor einem Fremden ihre Toilette zu machen, ja ſogar eine Haarnadel im Munde, zwiſchendurch zu ſprechen: Nein, Sie ſchüren nur noch den Haß! Das iſt aber unrecht! Sie ſollten Verſöhnung ſtiften! Heinrich Klingsohr war jetzt verſtummt und weidete ſich an dem Anblick. Lucinde ſah nicht älter aus als ſie war. Sechzehn Jahre und eine ſolche Reife des Ur⸗ theils! Faſt kindiſche Bewegungen, die Beine übereinander geſchlagen, im Schooſe den Hut, die Nadel im Munde, ein Kamm aus der Kleidestaſche zu Hülfe genommen, um losgegangene und verworrene Härchen im Nacken hinten zu einer kleinen Welle zu runden, und, als der Strohhut dabei zur Erde fiel und Klingsohr hinzuſprang ihn aufzunehmen, den Hut ruhig auf die Füße des Steinbildes über ſich gehängt... Alles das allerdings mit beſtimmtem und bewußtem Wohlgefallen an der im⸗ mermehr erglühenden Theilnahme der neuen Bekannt⸗ ſchaft und doch ganz wie zufällig und abſichtslos. Klingsohr hatte ſich jetzt gleichfalls auf die Bank geſetzt, ſo aber, daß er, bald das Steinbild, bald ſie betrachtend, elegiſch improviſiren konnte: Am Fuße des Erlöſers Hängt ihr pariſer Hut— Und ihre dunkeln Locken Netzt heil'ger Wunden Blut... Kennen Sie Heine? unterbrach er ſeine Parodie... Gewiß! ſagte ſie. Der Kammerherr kann ihn aus⸗ wendig! Der Kammerherr! fuhr Klingsohr, jetzt hingeriſſen von der Schönheit und Lieblichkeit der Erſcheinung, auf: Iſt es denn möglich! Jeéröme— Er ſtockte in ſeiner Rede, ergriff Lucindens Hand, zog ſie an ſich und ſah ihr mit ſeinen jetzt weit geöffneten großen Augen ins erröthete, von der Wanderung und dem Schreck über ſein Benehmen doppelt erglühende Antlitz... Und nun ein ganz kokett ſtrafendes, kindiſch mädchen⸗ haftes: Aber Herr Doctor! womit ſie aufſprang und in raſcher Handbewegung den Hut ergreifend weiterging. Klingsohr folgte wie bebend. Er konnte annehmen, daß Lucinde ihm entfloh und die Nähe des Parks benutzte, vor den Gefahren einer Fortſetzung dieſer einſamen Be⸗ gegnung ſich zu ſichern... Wie aber, als wenn nichts geſchehen wäre, wandte ſie ſich plötzlich und lenkte auf das frühere Geſpräch zurück mit den Worten: Ja! Laſſen Sie uns beide Frieden ſtiften zwiſchen Neuhof und— wohnen Sie auch auf der Buſchmühle? Klingsohr, über dies Vergeben und Vergeſſen ſelig und von den Künſten, die eben auch ſo nur Lucinde kannte, ſchon umſtrickt, wie alle, die ihr bisher be⸗ gegneten, wiederholte, wie wenn er ſich auf nichts be⸗ ſinnen konnte: Frieden? Was? Buſchmühle? Ja, half ſie nach, zwiſchen Ihrem Vater und Unmöglich! fuhr er ſich beſinnend und wild auf. Die Welt muß in Flammen ſtehen! Krieg! Krieg! Aller Dinge Vater iſt der Krieg! ſingt Pindaros. Und ich reſpectire ſogar dieſe alte Hünennatur des Kronſyndikus! Dies Ge⸗ ſchlecht iſt ſchon ſeit dem Tage, da Karl der Große ſeine Vorfahren gebunden in die Weſer jagte und mit Gewalt taufte, Hadern und Streiten gewohnt und hat eine Na⸗ tur dafür, auch den alten reichsunmittelbaren und kaiſer⸗ ebenbürtigen Dünkel, der immer hoch zu Roß ſitzt und ſich in ſeinen Rüſtkammern ſogar noch die Schwerter auf⸗ bewahrt, mit denen ihre Ahnen gelegentlich in Regens⸗ burg, Gotha oder Soeſt drüben als Landfriedensbrecher hingerichtet wurden! Die haben ſolche Aufregungen nöthig! Nur wir Plebejervolk verlieren immer gleich den Athem, ſind zu kurz, zu dick, zu unterſetzt ſtämmig für ſolche Fehden... Kennen Sie meinen Alten? Lucinde hatte den Deichgrafen oft reiten und fahren ſehen und erkannte aus des Doctors Schilderung die kleine, corpulente Perſönlichkeit eines Charakters, der, wie ſie ſah, vom Sohne ſelber aufgegeben wurde... Aber dürfen Sie denn drüben überhaupt ſagen, daß Sie mit mir geſprochen? fragte er. Sein Ton war wieder ſo zärtlich, daß Lucinde ſich ſeiner Annäherung entzog. Und jetzt hatte er zwei Blütenzweige von einem Obſtbaum über ſich abgebrochen und legte den einen ſtumm in ihre Hand, den andern ſenkte er ohne ein Wort zu ſagen in die Erde. Er be zeichnete damit eine Stelle, wo Lucinde ſeitwärts vom Wege eine Weile geſtanden hatte. So redete er faſt die Sprache ſeines Freundes, des Kammerherrn. An dergleichen demnach gewöhnt, widerſprach ſie gar nicht, ſondern ließ ihrer neuen Eroberung ruhig lächelnd auch dieſe Huldigungsform. Der Doctor pflanzte den Zweig und ſchwieg bewunderungsvoll. Als die Procedur vorüber war, kamen ſie an die kleine Pforte des Parkes, zu der Lucinde den Schlüſſel hatte. Ringsum war alles ſtill, niemand kam des Weges... „Das Schweigen iſt der Gott der Glücklichen!“ flü— ſterte Klingsohr rings um ſich blickend, und dann wieder ſeufzend rief er: Jéröme! Jeéröme! Wie iſt es nur möglich, Jéröme! Verdrießlich über die Anſpielung auf ihr Verhältniß zum Kammerherrn erwiderte ſie kurz: 1 Ich verſtehe Sie gar nicht! Adieu! Gutzkow, Zauberer von Rom. J. 10 Klingsohr folgte, blieb dann plötzlich ſtehen und ſprach laut: Die Linde blühte, die Nachtigall ſang, Sie Sonne lachte mit freundlicher Luſt; Da küßteſt du mich und dein Arm mich umſchlang, Da preßteſt du mich an die ſchwellende Bruſt! Die Blätter fielen, der Rabe ſchrie hohl, Die Sonne grüßte verdrießlichen Blicks; Da ſagten wir froſtig einander: Lebwohl! Da knixteſt du höflich den höflichſten Knix! Lucinde erwiderte lachend: Ein ſo gelehrter Mann und fremde Citate? Hüten Sie ſich, mein Fräulein, rief Klingsohr, wenn ich Original werde! Dabei ſtreckte er wild die Arme aus. Es war eine Geberde, wie wenn er den Himmel auf die Erde herab⸗ ziehen könnte. Sie erſchrak und entſchlüpfte. Am Gitter, wo ſie aufſchloß, wendete ſie ſich noch einmal... Ihr Begleiter war nicht mehr weiter gefolgt. Auf ſechs oder ſieben Schritte blieb er zurück, wie wenn er ſeiner Kraft nicht traute weiter zu gehen. Nur leiſe lispelte er ihr nach: Engel! Seh' ich Dich wieder? Dabei hob er die Hände empor, wie anbetend, ge⸗ rade ſo wie der Kammerherr einſt gethan. Sie winkte, daß er gehen möchte... Aber es war ja ihre Sache, zu gehen... 147 Klingsohr rief wieder: Heilige! Dann ſprach er leiſe und innig: Bitt' für mich!... Erlöſe mich! ſetzte er dringender und faſt feierlich hinzu. Das die Umzäunung bildende geſchnittene Zwergholz des Parkes verbarg ſie jetzt. Sie ſchritt unter den hohen, noch faſt durchſichtigen Ulmen, die ſich über ſie mit ihren halbbelaubten Zweigen wölbten, hin gleichſam wie in Lüften. Auf ſo ergreifende Worte, wie ihr da eben nachklangen, Erwiderungen zu geben hatte ſie noch keine Schätze des Geiſtes, des Herzens und der Phantaſie in ſich. Es war die erſte Begegnung ihres Lebens mit einem Manne, die ſie vernichtete. 12. In ihrem Pavillon fand Lucinde den ſchon ängſt⸗ lich auf ſie harrenden Jeröme. Er hatte ihr Wunderdinge zu erzählen und ſie blieb aus! Nun aber auch beſtürmte er ſie mit ſeinem Lachen, das er in der Gewohnheit hatte, wenn ihm irgendetwas nach ſeiner Vorausſetzung beſonders Kluges gelun⸗ gen war. Der Verſuch, ihn bei dem großen Familien⸗ und Nachbarseſſen, das um vier Uhr begonnen hatte, und in Gegenwart des Regierungsraths, ſeines ältern Bru⸗ ders, der Welt als einen zurechnungsfähigen Menſchen vorzuſtellen, war vollſtändig geſcheitert. Nach der Mittheilung, die er von dem übeln Ver⸗ lauf eines ſeiner gewohnten Streiche erzählte, merkte man wohl, daß ſein eigener Bruder, der Regkerungsrath, ihm die Gelegenheit erleichtert hatte, aus der erzwun⸗ genen Rolle zu fallen, die er unter den ſtechenden Au⸗ gen und der zuſammengezogenen Stirn ſeines Vaters ſpielen mußte. 149 Für Lucinden, die kaum die Beſinnung hatte zuzu⸗ hören, war auch noch die Ueberraſchung aufgeſpart, daß, wie es ſchien, in fröhlicher Weinlaune und im Triumph eines eroberten Sieges der Regierungsrath ſelbſt erſchien und zum erſten mal ſie zu ſehen verlangte. Der von der Tafel angeregte Mann, der mit dem Vater und Bruder wenig Aehnlichkeit hatte, kam in Begleitung des„ſchönen Enckefuß“, der in weinſeliger Laune den Arm um den Regierungsrath geſchlungen hielt und der Verwilderung ſeiner künſtlichen Verjüngungen nicht mehr zu achten ſchien. 3 Beide kamen die ſchmale Stiege des Pavillons her— auf und reizten die Eiferſucht des Kammerherrn nicht wenig durch ihre verfänglichen Grüße und Reden. Ihren Paß, mein— Fräulein—, lallte der Land⸗ rath mit galanten Verbeugungen, die das Mobiliar des kleinen Zimmers in Gefahr brachten. Ihre Legitima⸗ tion—! Carte du séjour! Ich bin— Der Regierungsrath analyſirte ſchon die Beſtandtheile des fehlenden Paſſes, der für Lucinden bereits einige male läſtig genug zur Sprache gekommen war Augen ſchwarz, unterbrach er ſelbſt den Landrath und mit ſtaunender Ueberraſchung— Naſe mittel— Mund klein— Zähne— allerliebſt— Der Landrath wollte die Beſchaffenheit der Zähne unterſuchen und griff nach den Lippen des ängſtlich ſich in eine Ecke drückenden Mädchens... Der Kammerherr ſtimmte zwar ſcheinbar in dieſe Lucinden dargebrachte Huldigung ein, wehrte aber denn doch die Hand des Rittmeiſters jetzt mit einer Ent⸗ 150 ſchiedenheit zurück, die dieſen zu dem Ausruf ver⸗ anlaßte: Sacre bleu! Herr, das iſt grob! Der Regierungsrath kam in dieſem Augenblick zur Beſinnung. Der Landrath war in jungen Jahren einer der wildeſten Offiziere geweſen und hatte namentlich den Stolz des Landes, einen jungen Grafen von Truchſeß⸗ Gallenberg, kurz nach der Beſitznahme dieſer Provinzen durch die jetzt über ſie herrſchende Krone im Duell er⸗ ſchoſſen. Zum Landrath hatten ihn die Umſtände, ſein bei aller alten Huſarenwildheit höchſt leutſeliges Weſen gemacht; ſein Ehrgeiz war aber gerade jetzt um ſo em— pfindlicher gereizt, je mehr ſeine hervorragende Stel⸗ lung durch ſeine Neigung zur Galanterie, ſeine geringen Kenntniſſe von adminiſtrativen Dingen, ſeine Schul— den und vorzugsweiſe die zunehmende Abſchließung des Provinzialgeiſtes in der adeligen Sphäre auf Schwie⸗ rigkeit über Schwierigkeit ſtieß... Kommen Sie, Rittmeiſter! ſagte der Regierungsrath ablenkend. Mein Bruder iſt zu beneiden! Aber er hat ſein Glück verdient! Seine Genie hat ſich heute die Krone aufgeſetzt! Kein Trauring, Jeröme, nein, für Türck ein goldenes Halsband! Ha, ha, ha! brach der Landrath beſchwichtigt aus eund konnte ſich vor Lachen kaum feſt auf der Treppe erhalten, die man wieder niederſtieg. Während er auf Lucinden fortwährend Kußfinger und ſchmachtende Blicke warf, wie ſie auch nur ihm, dem ewigen Jeune homme und ſechzigjährigen Adonis zu Gebote ſtanden, ver⸗ hütete der Regierungsrath durch kräftige Haltung der 151 andern Hand des Schwankenden ein Unglück, wie es beim„ſchönen Enckefuß“ oft ſchon vorgekommen. Er war für ſeine Jahre immer noch ſo unternehmend, ſein Reiten war von ſolcher Kühnheit, daß der Effect ſeiner ſtundenlangen Toiletten ihm alle Augenblicke einmal durch ein ſchwarzes Pflaſter auf Naſe oder Stirn verdorben wurde. Die Luſt und Freude im Kammerherrn war zu groß, um nicht nach Entfernung der beiden Neugierigen ganz zu ihr zurückzukehren. Er hatte während der Tafel einen Bindfaden aus der Taſche genommen gehabt, dieſen heimlich um einige in ſeiner Nähe befindliche Flaſchen ge⸗ ſchlungen, dann Türck, einen der Hunde des Vaters, die immer in der Nähe des Mittageſſens ſchnupperten, an ſich gelockt, an den Faden ein Stückchen Fleiſch befeſtigt und dies dann dem Thiere heimlich zugeſteckt. Türck würgte daran, blieb aber noch ruhig auf ſeinem Platze, in Hoffnung auf mehr. Endlich aber vom Kronſyndikus aufgejagt, riß er alle Flaſchen und Gläſer um, übergoß das elegante neue Seidenkleid Portiuncula's von Tüngel⸗Appelhülſen mit Rothwein und machte, daß ihre Mutter, die hineingriff, um das theuere Kleid zu retten, ſich mit den Scherben einer zertrümmerten Flaſche empfindlich in die Hand ſchnitt. Die Verwirrung waͤr ſo groß, daß nicht viel gefehlt hätte, der Kronſyndikus wäre ſeinerſeits aus der Rolle gefallen und hätte nach dem ihm der Hunde wegen immer nahe liegenden Kantſchu gegriffen und den Sohn vor allen Leuten durchgebläut. Denn daß dieſer der Anſtifter, war ſogleich erkannt... Die Tafel war zu Ende. Die Tüngel⸗Appelhülſens reiſten ab, die Tüngel⸗Aus⸗dem⸗Winkel folgten, dann die Hülles⸗ 152 hoven, die Ubbelohdes, Graf Münnich, die vornehm⸗ ſten von allen, die Dorſte-Camphauſens, eines nach dem andern... Lucinde, die von ganz andern Gedankenreihen bewegt war, hatte zu alledem noch die läſtige Aufgabe, die Furcht des Kammerherrn, der ſich nun nicht getraute ins Schloß zurückzukehren, zu beſchwichtigen. Der Vater ließ ſich nicht ſehen, ein Omen, worüber der Schuldbewußte in Angſt gerieth. Zuletzt mußte ſie ſich ſelbſt entſchließen, in der ſchon eingebrochenen Dunkelheit den weiten Weg nach dem Schloßhof ihn zurückzubegleiten und ihn unter vielen Umſtändlichkeiten und gewagten Scherzen ihrerſeits mit dem Alten auszuſöhnen. Glücklicherweiſe war aber der Kronſyndikus nicht allzu heftig ergrimmt. Bei ſolchen Familienconventen gab es immer Zank; ihm kam jede Lebensäußerung der ihm doch Gleichgeſtellten anmaßend vor. Da wurden Erinnerun— gen durchgeſprochen, die ihn verſtimmten; alte Wunden riß man auf, die kaum nach einer Generation ganz vernarbt waren; wieder ſah er, wie alles ihn haßte und fürchtete. Dann beſchäftigte ihn mit Meldungen aller Art die„Regulirung“, die ſchon zu einem Schreck— geſpenſt für ihn und das ganze Schloß geworden war, da ſie ihn in Sinnen und Brüten bis zur Abweſenheit mehr treiben konnte als die Narrheit ſeines Sohnes. Die gute Stunde, von dem Doctor Klingsohr zu ſprechen, war noch nicht gekommen, wenn auch der Abend leidlich vorüberging und die Aeußerungen des Kron⸗ ſyndikus:„Ja, Lucinde, mit Portiuncula iſt's nun nichts!“ öfter wiederholt wurden und ganz harmlos herauskamen. — 153 Klingsohr jedoch erſchien wieder und wieder... Noch mehr, er machte ſeine Drohung wahr, ſich „auch als Original“ zu zeigen. Welches die geiſtige Verwandtſchaft zwiſchen ihm und dem Kammerherrn war, begriff Lueinde nicht: aber ſelt⸗ ſam genug, daß auch bei dieſer ihr dargebrachten neuen Verehrung ein Bedürfniß zu Grunde zu liegen ſchien, in ihr mehr zu ſehen, als ſie ſich ſelbſt erſcheinen konnte. Auch Klingsohr ſchmückte ſie ph hantaſtiſch aus und über⸗ iu ſie mit dem Reize von Schönheiten, die ſie trotz hrer Eitelkeit als reine Erdichtung erkennen mußte. Auch dum wurde ſie zur Erſcheinung, die bald dem Reiche der Luft, bald dem Waſſer angehörte. Bald war ſie Sylphe, bald Undine. Sie ſollte wol glauben, daß es ihr eigener Werth war, der ſie den Männern ſo er⸗ ſcheinen ließ. Es brach die Zeit eines wunderbaren Rauſches für ſie an, eines aſtande⸗ den ſie in dieſer Art noch nicht gekannt hatte. Sie hatte die üble Wirkung beobachtet, die ſchon die Nennung des Namens Heinrich Klingsohr im Schloſſe hervorbrachte. Der Kammerherr lohte in Eiferſucht auf, der Kronſyndikns ſprach nur von der „undankbaren Bande“ und beſtätigte nicht nur alles, was Heinrich ihr von der Vergangenheit über ihn und den Vater gleich beim erſten Zuſammentreffen erzählt hatte, ſondern was ſie auch aus dunkeln Andeutungen des verſchwiegenen alten Paares, bei dem ſie wohnte, von vergangenen und vielbewegt geweſenen Tagen ent⸗ nehmen konnte. Ja! ich habe den Schlingel auf meinen Knien ge⸗ ſchaukelt! ſagte der Kronſyndikus, als vom Doctor die Rede war. Ich habe auch die Frau erhalten, als der Elende in die Wälder lief und Aufruhr predigte. Ich habe den Pacht mir durch meinen Eifer ſelber verdienen müſſen. Und dieſer Hund will jetzt Herr über das ganze Land werden?— Fritz— er meinte den Regierungs⸗ rath— Fritz nimmt ihn auch noch in Schutz! Alle die Leute hier! Mein eigener Schwager, Graf Joſeph! Aber im Düſternbrook, das ſag' ich, laſſ' ich mich nicht um eine Hand breit aus dem alten Nutzen bringen, das ſchwör' ich, oder ich will in alle Ewigkeit nicht aus dem Lutterberg bei Witoborn herauskommen! Er meinte damit: aus dem Fegfeuer; denn man glaubt in jener Gegend, daß in dieſem Berge für den weſtfäliſchen Adel der Eingang zum Fegfeuer liegt. Die Begegnung mit Stephan Lengenich war ihm natürlich auch ſogleich bekannt geworden. Dieſer arbei⸗ tete aber täglich friſch unten fort, fällte Stämme nach wie vor und hatte in dem Düſternbrook eine ganze Werk⸗ ſtatt eingerichteet. Planken und Bodeneinſätze lagen ringsum, friſch erſt aus dem Walde herausgehauen und geſägt. Da Lueinden, die einige Geſtändniſſe gemacht hatte, jede fernere Begegnung mit dem Doctor, der„zu allem nun auch noch ſeinen gelehrten Senf hinzugäbe“, ver⸗ boten wurde, ſo konnte ſie mit ihm nur geheim zuſam— menkommen. Leider fand ſie unter der Aufſicht der Alten, die mit ihr den Pavillon bewohnten und im allgemeinen mürriſche und ſtrenge Leute waren, Schwierigkeiten. Dieſe wuchſen ſo, daß ſie ihren Entſchluß, von allen 155 dieſen Feſſeln, möchten ſie für die Zukunft verſprechen welches Glück ſie wollten, ſich frei zu machen, immer⸗ mehr reifen ließen. Iſt denn das nicht die eigentliche und wahre Natur des Mannes? ſagte ſie ſich, wenn ſie ſich im Geiſte Klingsohr's Bild entgegenhielt. Sind denn die Männer, die das Leben zu bezwingen verſtehen, wirklich ſolche, wie ſie uns in ſchönen Bildern begegnen? Klingsohr war nicht ſchön; er vernachläſſigte ſich in ſeiner Kleidung, er hatte etwas Sorgloſes, ſogar Ver⸗ wildertes. Sie erfuhr, daß ſein Gang durchs Leben unregelmäßig geweſen, kometenartig; ſie erfuhr, daß er die Hoffnungen des immer rührſamen Vaters täuſchte und ſich der Uebereinſtimmung mit demſelben und ſeines Beifalls nicht rühmen konnte. Aber, was ſie ſogleich bei der äußern Unähnlichkeit dieſer Natur mit der eines Oskar Binder gefühlt hatte, daß das Auge hier geiſtige Schönheiten finden würde und dieſe dann auch allmäh⸗ lich das Aeußere heben, traf immermehr zu. Wenn dieſer ſeltſame junge Mann im Mondenſchein an der Parkpforte mit ihr auch nur einige Minuten verweilte — die Eiferſucht des Kammerherrn war jetzt aufgeregt und ſein heimtückiſcher Sinn gefiel ſich in den hinter⸗ liſtigſten Anſchlägen—, das Bild, das ſie von ihm empfangen, verklärte ſich immermehr zu der Vorſtellung von dem Muthe, der Thatkraft der Männer überhaupt und der auch die Frauen hebenden heroiſchen Beſtimmung derſelben. Und wie verſtand auch Klingsohr ſein ganzes Sein mit einem poetiſchen Nimbus zu umgeben! Mitten in den kurzen Begegnungen, die ſich allein möglich machten, brach er in Verſe aus und verband dann mit der Wild⸗ heit eines Titanen, der noch die ganze Welt zuſammen⸗„ zurütteln gedachte, etwas Naives, Träumeriſches, Kindliches T wieder. Manches, was die gemeſſene Zeit zu ſagen verbot, t ſprach er in geſchriebenen Blättern aus, die er ihr in die 9 Hand drückte, und ſchon häufte ſich ihr durch Bauerknaben, 1 d Bettler und fahrende Muſikanten ein geheim beſorgter Brief⸗ d wechſel. Daß ſie auf ſeine Hülfe und Befreiung aus ihrer. gegenwärtigen peinlichen und unbeſtimmten Lage rechnete, das ſtand damals feſt, als er ihr das unwürdige und ſchimpf⸗ liche Loos ſchilderte, welches zuletzt denn doch noch ihrer im Schloſſe Neuhof warten würde; Vater und Sohn, ſagte er, würden zuletzt um ihren Beſitz ſtreiten und der Alte würde ſiegen. Sie ſchauderte. Klingsohr verſprach, ſie mit nach Göttingen zu nehmen, um ſich dort, wenn der Vater die Mittel gäbe, als Docent zu habilitiren. Sie ſollte ſein Weib ſein. Es war gegen Ende Juni. Schon lange war die erwünſchte Regenzeit angebrochen und dauerte anhal— tender, als ſie der Landmann nun wieder haben wollte. Die auch durch ſtrömenden Regen nicht zu tilgenden Reize des Landlebens, der Anblick der grünen und gelb gefärb⸗ ten Fluren und der berauſchende Duft der Linden und Tannen blieben ſich gleich; beſonders von dem Schloſſe Neuhof ſelbſt aus; nach vorn bot der volle Anblick in eine Landſchaft voll Mannichfaltigkeit und Schön⸗ heit maleriſche Fernſichten, in nächſter Nähe dufteten der I Park und die nahe liegenden Wälder. An dem offenen Fenſter, in der linken Eckſpitze des Schloſſes, im erſten Stock, ſaß Lucinde des Tages jetzt faſt ununterbrochen und ſuchte ſich in ihrer wunderlichen Lage, die der der „Sklavin in goldenen Feſſeln“ nicht unähnlich war, zu beſchäftigen, ſo gut es bei ihrem geringen Arbeits⸗ triebe und den aufgewühlten Stimmungen ihres Innern Behen wollte. Wieder war ſie ganz auf die Unterhaltung des handrdenn auf ſeine Pflege angewieſen, denn geiſtig? beidende kränkelte auch körperlich. Er gehörte da ei ganz zu den Kindern, die eine Taſſe Milch nur von dieſer Schweſter, einen Teller Suppe nur von jener Magd wollen gereicht erhalten. Er nahm nichts als nur von Lucinden. Sonſt trieb er ſein altes Weſen. Er zeichnete, malte, porträtirte Köpfe, die erſten beſten vom Oekonomiehofe oder aus der Brennerei, ſogar Hunde und vor allen jetzt Türck, den nun von ihm beſonders be⸗ vorzugten. Mishandelte er nicht die ſchönen Künſte, ſo drechſelte er, und wiederum verband er damit die ſtereo⸗ metriſche Philoſophie des Sehers und Zukunftsphilo⸗ ſophen Laurenz Püttmeyer zu Eſchede, einem kleinen Städtchen nördlich von Witoborn, rechtsab vom dem ſo⸗ drane großen nach dem Weſten führenden„Hell— wege“, der auch in der That in manchen Dingen der einzige helle Weg, die Straße des Lichts, durch eine große acedii ſche Finſterniß genannt werden kann. Das Eckzimmer gehärte zu einer Suite von Zim— mern, die dem Reichthum und den geſellſchaftlichen An⸗ 62 ſprüchen der Wittekinds entſprachen. Das Schloß war geräumig, aber nicht eben luxuriös gebaut. Die nüch— terne Stimmung des vorigen Jahrhunderts hatte in baulichen Dingen nur das Nützlichkeitsprincip im Auge. 1 1 Deſto gewählter war aber theilweiſe die Ausſtattung. 158 Einige dieſer Zimmer waren geradezu fürſtlich, ſowol in der Tapezirung wie in der übrigen Ausſchmückung durch Marmor, Bronze und Glas. Nicht nur die Spiegel, auch die Tiſche, die auf geſchweiften Füßen ſtanden, boten die reichſte Vergoldung; die Platten waren von köſt⸗ lichen Marmorarten und ſpiegelblank. In den Ecken ſtanden Spieltiſche mit getäfelter und ausgelegter Arbeit von ſeltenem Geſchmack und hohem Werthe. Das Schnitzen in Holz und Elfenbein iſt von jeher in dieſen Gegen⸗ den mit Meiſterſchaft getrieben worden. Die alten Bil⸗ der, wie die gelbſammtenen Ueberzüge der Möbel waren mit Staubvorhängen bedeckt. Dieſe Zimmer, wol fünf bis ſechs an der Zahl, jedes in einem andern Ge⸗ ſchmack, verzweigten ſich nach den Seitenflügeln und nach der Hinterfronte mit Corridoren, die an den Wänden in ganzer Höhe, von der Erde bis an die Decke, mit Spiegeln bekleidet waren. An den Plafonds waren Malereien angebracht von einem keineswegs nazareni⸗ ſchen Geſchmack. Einzelne Vaſen, die auf Marmorgeſtellen die Einförmigkeit dieſer Corridore unterbrachen, zeig— ten vortreffliche Malereien aus der Schule Albano's. Daß dieſe Corridore an den Wänden von rings hin⸗ laufenden Divans, die gleichfalls mit gelbem, blumen— artig gepreßtem Plüſchſammt überzogen waren, begrenzt wurden, bewies, wie ſie einſt zu großen Geſellſchaften gedient hatten. Auch fehlten alte Kronleuchter von langhängenden Kryſtalltropfen und Glasberlocquen nicht. 4 An den Wänden waren Vorrichtungen angebracht zu Girandolen, immer zu fünf und fünf Flammen. Man ſah es, daß hier einſt ein regierender Miniſter eines der 3. u 159 nahe gelegenen Fürſtenthümer, dann ein quiescirter öſter⸗ reichiſcher Feldzeugmeiſter gewohnt hatten, dann und wann ein Erzbiſchof zu längerm Beſuch gekommen war, alles Vorvordere, Angehörige und Verwandte des Hauſes, zu⸗ nächſt bis auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu⸗ rück. Der jetzige Stammhalter liebte nicht mehr den Luxus. Doch hatte es auch bei ihm einſt Zeiten gegeben, wo alles im Lichterglanz ſchwamm. Es waren nicht die Zeiten geweſen, wo noch die frühverſtorbene Mutter des Regierungsraths und des Kammerherrn lebte, wohl aber unmittelbar darauf, wo es zuweilen hieß, die Damen, die eine Zeit lang hier hauſten, wären Couſinen des regierenden Stammherrn oder Tanten und Nichten deſ⸗ ſelben. Meiſt aber waren es über Kaſſel gekommene Franzöſinnen oder Italienerinnen, die eine Zeit lang blieben, mit Freudenfeuern empfangen wurden und plötz⸗ lich über Nacht verſchwanden, ohne daß man je wieder von ihnen erfuhr. Gewöhnlich hörte man kurz vor die⸗ ſen Abreiſen in den eleganten Zimmern oben eine Scene, deren Charakter, um ihn volksthümlich zu bezeichnen, Mord und Todtſchlag war. Dann wurde es plöͤtzlich ſtill; aber auch ſo plötzlich, wie mit Geiſtern im Bunde. Zuweilen zuckte noch irgendein Laut auf, irgendwo in einem der düſtern Pavillons des Parks, in irgendeinem der tiefgelegenen Keller des Schloſſes; dann war's für immer ſtill. Verſchloſſene Wagen entfernten Nachts die von ihrem Glanz Herabgeſtürzten. Mit dieſen Vorgän⸗ gen ſtand, wie Lucinde im Pavillon erfahren hatte, der Name des Fräuleins von Gülpen oder der Frau von Buſchbeck in Verbindung. Dieſe Räthſelhafte war unver⸗ 160 heirathet geblieben, war allerdings die Verlobte eines in Java dienenden Kriegers geweſen, lebte aber von keiner niederländiſchen Penſion, ſondern von einer Rente des Kronſyndikus, bei dem ſie vor vielen Jahren mindeſtens ebenſo viel geweſen war wie jetzt die Liſabeth, die von allen mit Reſpect behandelt wurde, obgleich ſie nur eine Bäuerin war und vollkommen für Stephan Lengenich paßte. Der Kronſyndikus hatte ſich nach den erinnerungs⸗ reichen Verirrungen der Vergangenheit ganz den Kreiſen zugewandt, die nur unter ihm ſtanden.. Was Lucinde von allen dieſen Dingen allmählich herausbekam, verdankte ſie theils Klingsohr'n, theils den alten Stammers, bei denen ſie wohnte, vorzugsweiſe aber, da auch dieſe von der Vergangenheit bitter berührt zu werden ſchienen, dem ſelbſt ſchon grauhaarigen Sohne derſelben, einem buckeligen Muſikanten, der im Lande herumſtrich und der vorzüglichſte Bote war, deſſen ſich Klingsohr für ſeinen Briefwechſel bediente. Der Kronſyndikus wohnte im Parterre, wo ſein un— ruhiger Sinn gleich ins Freie konnte, wenn er bei den vielen Rathſchlägen und Hülfen, die er leiſten mußte und die auch Er nur allein leiſten konnte, raſch zur Hand ſein wollte. Manchmal blieb er des Nachts ganz aus. Seine Güter erſtreckten ſich weit, und obgleich bei einem Theil derſelben die unmittelbaren Beziehungen durch das Pachtverhältniß des Deichgrafen unterbrochen waren, ſo ließ er doch als eigentlicher Herr ſich ſeine Laune, da und dort hineinzureden, nicht nehmen; bald kehrte er dann hier, bald dort ein, auf eigenem oder fremdem Gebiet. Eines Tages war er wieder einen weiten Weg 161 ausgeritten. Es handelte ſich darum, gegen den Deich⸗ grafen, der, um vielleicht wirklich Landrath zu werden, ſchon einen kleinen Gutskauf abzuſchließen ſuchte, zwei maskirte Gegengebote zu veranlaſſen. Die Re⸗ gierung unausgeſetzt um Beförderung oder Verſetzung anzugehen, drängte den„ſchönen Enckefuß“ eine von Jahr zu Jahr ſich mehrende Schuldenlaſt. Nun gab's Hin⸗- und Herritte, Verhandlungen mit der Geiſtlichkeit, den Advocaten im nahen zum Kreis gehö⸗ renden Städtchen Lüdicke, Umtriebe, um, wenn es zum Wählen eines neuen Landraths kommen ſollte, den Wahl⸗ modus durch Zuſammenlegung dieſer oder jener hetero⸗ genen Diſtricte zu paralyſiren, und was ſonſt dergleichen Künſte des Regierens und Politiſirens jetzt geworden ſind, von der Wahl eines Gemeindeſchulzen auf dem Dorfe an bis zum Landſtand und Mitglied eines Herrenhauſes. Zunächſt den Gutskauf des Deichgrafen rückgängig zu machen, war ein Ziel„des Schweißes der Edeln werth“. Der Haß des Kronſyndikus gegen ſeinen alten Freund kannte keine Grenzen, und die Vorfälle im Düſternbrook, wo der Deichgraf inzwiſchen mit Gensdarmen einen Grenzſtein aufgeſtellt hatte, den jedoch der Kronſyndikus ſchon wieder hatte wegnehmen laſſen(wofür ihm eine Citation in die Kreishauptſtadt geworden), hatten das Feuer immer noch mehr geſchürt. Es war vier Uhr. Der Kammerherr ſaß und por⸗ trätirte ſeinen Hund, ſeinen Retter von der wie der Tod gefürchteten Ehe. Türck war von den vielen Hunden, die auf dem Schloſſe knurrten und bellten, gerade derjenige, den Lucinde nicht leiden mochte. Sie nannte ihn gerade Gutzkow, Zauberer von Rom. I 11 162 ſo, wie der Kronſyndikus zuweilen den Deichgrafen nannte, einen„Calfacter“, ein Wort, deſſen Urſprung ihr der Kammerherr im Begriff war mit dem ganzen ihm eigenen Aufwand ſeiner noch haften gebliebenen Schulkenntniſſe zu erklären. Calefacio, calefeci, calefactum, calefacere, wieder⸗ holte er und fing an, indem er malte, mit ſich ſelbſt, wie er ſagte, zu„certiren“ und ſich gleichſam von die⸗ ſem oder jenem ſeiner alten Mitſchüler übertreffen zu laſſen. Imperfectum zweite Perſon Singularis! rief er mit befehlender Stimme. Dann mit lispelnder und ſchüchterner: Calefixis! Falſch! donnerte er. Klingsohr, Sie! Calefaxisti! Falſch! Plüddemann, Sie! Calefeceritis! Falſch! Wer kommt! Der Folgende! Der Folgende! Herr von Wittekind, Sie! Calefaciebas! Bravo, Herr von Wittekind! Setzen Sie ſich über Plüddemann, Klingsohr, Katerkamp und Vincke! Dieſe Selbſtgeſpräche und Selbſtlobeserhebungen war Lueinde ſchon lange gewohnt. Oft mußte ſie Zumpt's Grammatik nehmen und ihm überhören. Sie lernte ſelbſt dabei. Früher that ſie es ſogar ganz gern. Jetzt aber, ſeit Klingsohr in ihrem Herzen lebte, unterhielt es ſie wenig. Da auch Klingsohr zu den Mitſchülern gehört haben ſollte, die ein wie es ſchien doch geborener Dümm⸗ ling immer übertraf, ſo ſprach ſie heute ihre Verwun⸗ 163 derung darüber aus, erntete jedoch für die Anerkennung des Doctors eine Flut von Beſchuldigungen gegen den alten Kameraden; er wiſſe gar nichts, er hätte auf der Iniverſität nachholen wollen und ſich nun erſt recht lächer⸗ lich gemacht, da die Andern ſchon ihre Freiheit genoſſen hätten; dann hätte ihm der Deichgraf kein Geld mehr geſchickt, allen wäre er verſchuldet geweſen und hätte ſich, wenn er nicht bezahlen konnte, nicht anders loskaufen können als durch Wetten, zum Beiſpiel: Zwölf Maß Goslarer Bier an einem Abend zu trinken und dann doch noch in eine Geſellſchaft zum Juſtizrath Bauer oder zum Pandektiſten Hugo zu gehen und mit den elegan⸗ teſten Damen dort über den Begriff des Romantiſchen oder„Die bezauberte Roſe“ von Ernſt Schulze zu ſtreiten. Das Bild einer wüſten Vergangenheit war Lucinden ſchon lange an Klingsohr nicht fremd; aber er klagte ſich ja ſelbſt an! Und zu hell leuchteten ſeine klugen Augen im letzten Mondenſchein, zu ſüß war ſeine Rede in dem flüchtigen Augenblicke geweſen neulich, wo er zum erſten mal leiſe ihre Stirn geküßt hatte, zu tief und anregend war alles, was ſie ſchriftlich von ihm durch den verſchmitzten Muſikanten beſaß und auf dem Herzen trug, um es in jeder unbelauſchten Minute zu durchfliegen. Heute hatte Klingsohr verſprochen, Abends gegen ſieben Uhr einen ſolchen Umweg zur Wohnung ſeines Vaters zu nehmen, daß er, heimkehrend von der Kreisſtadt, wo er den Gutsankauf zu betreiben helfen ſollte, am Schloß vorüberreiten mußte. Einige Blumen, die ſie in demſelben Augenblick, wo er an ihrem Fenſter 41* vorüber mußte, ihm entweder zuwerfen oder, wenn dies nicht möglich wäre, wenigſtens an die Lippen drücken wollte, ſtanden ſchon, friſch aus den Beeten des Vor⸗ parks genommen, in einem Glaſe bereit vor ihr. Ihre ſich kreuzenden Gedanken nicht zu verrathen, unterbrach ſie den immer noch fortcertirenden Kammer⸗ herrn mit der Frage, wie denn nur ſein Vater einen doch immerhin ſo rüſtigen, thätigen, energiſchen und charaktervollen Mann wie ſeinen Pachter, den Deich⸗ grafen, ſo oft„Calfacter“ nennen könnte? Plüddemann! Was iſt ein Calfactor? fiel der Kam⸗ merherr zur Antwort ein. Mit veränderter Stimme antwortete er: Galefactor, Warmmacher, iſt ein Pedell— Pudel! unterbrach er ſich ſelbſt... Pudel? Wer ſagt das? Klingsohr! Wer nannte hier den Pedell einen Pudel? Große Unterſuchung...(immer ſpricht der Kammer⸗ herr). Kein Reſultat... Ein Calefactor iſt ein Ofenheizer, ein Mann, der's ſtatt cale, welches bekanntermaßen nicht kalt, ſondern warm heißt, warm macht, id est im Ofen... Katerkamp flüſtert: Auch an andern Orten... Allgemeines Gelächter. Auch der Conrector lacht. Sintemalen vor kurzem erſt ſieben Quartaner über⸗ gelegt worden ſind und ab calefactore warm gemacht bekamen cum Bim-Bam-Bam-Bum-Baculo! Nun ſang der Geiſtesſchwache Studentenlieder... mit dem Refrain des Crambambuli... 165 Wie paßt das aber alles auf den Deichgrafen? fragte Lucinde, an dergleichen gewöhnt und durch das offene Fenſter forſchend. Calfactor, ſagte der Kammerherr, am Türck wieder fortmalend, Calfactor iſt ein Subject, ein dienendes Inſtrument, ein Farbenreiber, ein Pinſel, eine Drechſel⸗ bank, ein Pudel, der apportirt... Nein, nein, nein! unterbrach Lucinde. Einen Cal⸗ facter nennt man bei uns zu Hauſe einen Hund, ganz wie Ihren Türck, den man jeden Augenblick daran erin⸗ nern muß, wer ſein Herr iſt, der an jedem Stein ſtill⸗ ſteht und ſchnuppert, was unter ihm ſtecken mag, der, wenn man ihn freundlich anredet, den Schweif zwiſchen die Beine klemmt und wie mit böſem Gewiſſen davon⸗ läuft, einen elenden Ueberläufer, der im Stande iſt, nach einem halben Jahre ſeinen eigenen Herrn nicht mehr zu erkennen und ihn anzufallen... Braviſſima! rief der Kammerherr. Recht, meine Heilige! So handelte der Deichgraf am Vater! So vergalt er ſeine Wohlthaten! Heinrich muß mir minde⸗ ſtens noch hundert Piſtolen ſchuldig ſein oder er hat ſie wenigſtens nur mit einer ausgetrunkenen Tonne Goslarer Bier bezahlt, die ich dann auch wieder auf meine Rech⸗ nung habe nehmen müſſen! Sind das keine Calfacters? Der Alte war ſonſt ein Demagog und nun will er Landrath werden. Sind das keine Calfacters? Lucinde erwiderte Partei nehmend: Die Regierung iſt aufgeklärter geworden; ſie braucht die Unterſtützung der Vernünftigen gegen die Unvernünf⸗ tigen. Die Gensdarmen machen es dabei nicht allein, 166 und wie ich gehört habe, Ihr eigener Bruder, der Re⸗ gierungsrath, ſoll ja ganz ebenſo denken und dem Deich⸗ grafen einen Beſuch gemacht haben... Was? Wie? Mein Bruder? ſchrie der Kammerherr und ſprang auf. Ich höre es wenigſtens, lenkte Lucinde ein. Man hätte erwarten ſollen, der Kammerherr würde nach einer Flinte, mindeſtens nach ſeiner Windbüchſe geſucht haben. Jetzt zeigte ſich der ſchwachwillige Cha— rakter des Kranken in dem bloßen Verweilen bei der Thatſache, in der bloßen Freude, dies dem Vater— anzeigen zu können! Lachend rief er: Schöne Zeiten das! Ein Wittekind unter den Gens⸗ darmen! Aber— Roma nondum locuta est! ſetzte er feierlich hinzu. Was heißt das? fragte Lucinde ärgerlich. Der Kammerherr wollte wieder Plüddemann und Vincke und ſeine andern detmolder Schüler dieſe Phraſe überſetzen laſſen, als er vom Hufſchlag eines in galo— pirender Eile daherſprengenden Pferdes unterbrochen wurde. Lucinde ſah ſchnell zu dem nach der Fronte des Schloſſes führenden Fenſter hinaus, denn von daher kam das Geräuſch. So verwegen durfte von den Leuten des Schloſſes niemand in deſſen Nähe reiten! Es war aber Klingsohr nicht, ſondern der Kron⸗ ſyndikus ſelbſt. Wie kam der heute ſchon ſo früh heim? Wie kam er von einer Gegend heim, die keinen andern Zugang bot als den nach dem Düſternbrook? War er wol gar den Grund ſelber hinaufgeritten? 167 Das Pferd ſchäumte, und faſt flog dem Reiter die grüne Mütze ab, als er mit einem gewaltigen Ruck in das offene Seitenthor des Schloſſes ſchwenkte. Nach dem erſten Augenblicke des Erſtaunens, wie der Kronſyndikus dieſen beſchwerlichen Weg hatte wählen können, wollte man zur Arbeit und Ueberſetzung der Worte: Roma nondum locuta est! übergehen, als Türck voll Unruhe an die geſchloſſene Thür ſprang, die Schwelle bekratzte und hinaus wollte. Der Calfacter! murrte Lucinde, während ihm der Kammerherr ſchmeichelte, um ihn zum Bleiben zu bringen. Man mußte aber öffnen; das Thier heulte vor Un⸗ geduld, hinauszukommen. Bald vernahm man ein Rennen und Laufen im Hauſe, ein Rufen durcheinander. Man erfuhr, daß der Kronſyndikus befohlen hatte, einen Wagen anzuſpannen. Darin lag an und für ſich nichts Auffallendes, es kam oft vor. Aber die Eile war nie ſo dringend Lucinde ging in ein Zimmer, das in den wie eben. Sie ſah den Kronſyndikus, bis an den Hof führte. Hals zugeknöpft, in ſeinem grünen Reitrock und in den hohen, ſchweren Stiefeln im Hofe ſtehen und mit ſtummen Geberden zur Eile winken. Sonſt pflegte er ſolche Befehle mit einer Flut nicht eben gewählter Com⸗ mandowörter zu unterſtützen; heute ging alles ſtill, mit Winken und nur zuweilen mit einem ungeduldig auf⸗ geſtoßenen Fuße zu. Er wandte, im Hofe ſtehend, dem Schloſſe den Rücken. Den Hirſchfänger, ohne den er 168 nie ausritt, ſelbſt in Zeiten, wo es keine Jagd gab, mußte er ſchon abgeſchnallt haben, und doch taſtete er immer nach demſelben hin und ſchüttelte den Kopf, wie wenn er erſtaunte, vergeſſen zu haben, daß er ſchon ab⸗ gelegt war. Nun wandte er ſich und ſchritt wie taumelnd wieder zum Schloſſe zurück, wo er in ſeinen Zimmern ſchon geweſen zu ſein ſchien. Lucinde erſchrak. Das ſonſt ſo geröthete Antlitz des Greiſes war ſo auffallend bleich, daß die rothen Flecke, die es immer hatte, wie Wunden ausſahen. Die Mütze war ihm entweder bei dem Schwenken in den Thorhof wirklich noch entfallen oder auch ſchon abgelegt worden. Grell ſtachen die weißen Haare von der Luft ab; ſie ſchienen ſich zu bäumen; der weiße Backenbart ging grauenhaft auf und nieder, wie wenn die Kinnladen fröſtelnd aneinanderſchlugen. Das weibliche Perſonal der Bedienung und ganz beſonders die Liſabeth, immer voll Umſicht und großer Rührigkeit, war ängſtlich um ihn her beſchäftigt. Wie er wieder auf die wenigen Stufen, die zum Schloßeingang führten, treten wollte, glitt er faſt aus; er hatte, da die Hände immer an der obern Klappe ſeines Frackes knöpften, vergeſſen ſich am Geländer zu halten. Lucinde eilte jetzt ſelbſt hinunter. Als ſie ankam, hieß es, der Kronſyndikus hätte ſich in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen. Was ihm wäre? fragte ſie. Er iſt mit dem Pferde geſtürzt! Iſt er den Grund hinaufgeritten? Man wußte keine Antwort. Manche ſagten: 169 Das doch wol nicht! Inzwiſchen donnerte die gewohnte Stimme gleichſam wie mit jetzt erſt hervorgelaſſener, bisher zurückgehalte ner Kraft: Wird's mit dem Wagen? Schon zog man die Kaleſche heraus. Und wie er ihrer anſichtig wurde, befahl dieſelbe Stimme: Der Kammerherr ſoll mitfahren! Nach Eggena! Es war eines ſeiner Vorwerke, auf dem er gern in der Jagdzeit verweilte. Damit ſchlug er die Fenſter ſo heftig zu, daß eine Scheibe zerklirrte. Alles das konnte allerdings an ſich nicht anders als Lucinden ſehr erwünſcht kommen. Es war über ſechs Uhr; gegen ſieben Uhr ſollte ſie Klingsohr'n erwarten, mit dem ſie nun vielleicht ſprechen, ihn eine Strecke begleiten konnte, ſo ſehr auch jeder ihrer Schritte von den Spionen des Schloßhofs oder des Parks bewacht wurde Dem Kammerherrn kam der Befehl höchſt ungelegen. Da dieſer Befehl jedoch von einer der Mägde wiederholt wurde die ſogenannte Dienerſchaft, auch der Diener des Kammerherrn, arbeitete in den verſchiedenen Branchen der Wirthſchaft und legte nur bei beſonderer Veranlaſſung Livree an—, ſo half kein Widerſtand. Am Hufſchlag des Roſſes hatte der Furchtſame ſchon vernommen, wie ſein Vater in einer Stimmung war, bei welcher ihm Stock oder Peitſche nicht zu entfernt lagen. Er ſah ängſtlich nach dem Wetter. Es hatte ſich leidlich mit dem Regen beruhigt, aber düſter hingen die grauen Wolken und weit, weit über der ganzen Gegend hin. 170 Während der Kammerherr ſich nun im Nebenzimmer ankleiden mußte und Lucinde ganz ſchon nur dem Wunſche lebte, daß die Minuten doch lieber langſamer verrinnen möchten, nur damit Vater und Sohn erſt auf dem Zwei⸗ ſpänner ſäßen und weiter auf dem Wege nach Eggena voraus wären, hörte man plötzlich den allgemein ausge⸗ ſtoßenen entſetzlichen Schrei: Feuer! Feuer! Feuer! Lucinde ſtürzte wieder hinunter und fand den ganzen Hof in Verwirrung. Die Urſache des Rufes mußte ihr beim Herabſprin⸗ gen von der ſteinernen Treppe ſelbſt ſogleich begreiflich werden an einem brandigen Geruch, der ſich im Hofe verbreitete und verbunden war mit einem leiſe aus der zerbrochenen Scheibe des Wohnzimmers des Kronſyndikus hervordringenden Rauche... Man ſchlug heftig an die von innen verſchloſſene hür des Parterre und wiederholte den Ruf: Excellenz! Es brennt ja! Keine Antwort. Er iſt erſtickt! hieß es. Die Beſchließerin war außer ſich und rief nach den Knechten. Ihr erſter Ruf galt dem Stephan Lengenich, jenem Küfer, der von ihr begünſtigt wurde. Von dieſem aber hieß es, er arbeite irgendwo im Walde, vielleicht im Düſternbrook. Nach einer Weile machte der Kronſyndikus das Fen⸗ ſter auf und ſagte mit matter Stimme, ſie ſollten ſich alle— alle zum Teufel und an ihre Arbeit ſcheren. Er hätte ja nur— er hätte Papiere verbrannt T T bſprin⸗ ſcheren. . 1 ¹ 171 Wo der Kammerherr wäre?... Es ginge nach Eg— gena!... Ob der Wagen bereit ſtünde?... Wo das Fräulein Schwarz wäre? Lucinde meldete ſich, indem ſie von den Stufen des Eingangs ſich vorbeugte... Ein erzwungenes Lächeln begrüßte ſie von einem Kopfe, den man kaum wiedererkannte. Vom Verbrennen der Papiere im Ofen mußte ihm der Ruß ins Geſicht geſchlagen ſein. Der Contraſt des geſchwärzten Antlitzes, der weißen Haare, des Bartes, der Augenbrauen und des Hauptes mit einem vornehmen Staatskleide, das der Aufgeregte plötzlich wie in der Zerſtreuung angezogen, mit einem Kleide, auf dem beſtändig das goldene, achtſpitzige Kreuz des Welfenordens haftete, wäre burlesk geweſen, wenn nicht die Situation ſelbſt etwas Schreckhaftes gehabt hätte. Ich komme noch hinauf, ſagte er. Gehen Sie, Liebe! Gehen Sie! Ich bitte! So artig hatte der Tyrann nie mit ihr geſprochen. Durch ſeinen Paroxysmus war er wie um gewandelt. Lucinde hatte nur die ſiebente Stunde im Kopfe... Der Kammerherr, der an Ordrepariren gewöhnt war, kam ſchon mit Regenſchirm, Hutſchachtel und ſogar einem Pelze... Lucinde fragte ihn lachend, ob er nach Sibirien reiſen wollte? Sie holte dem Halbweinenden einen Ueberzieher und behielt den Pelz zurück. Der Brandgeruch zog ſich inzwiſchen durchs ganze Haus. Es war ein Geruch weit mehr von verbrannten 172 Haaren oder Tuch als von Papier. Daß der Dampf ſo groß ſein konnte, um durch alle Oefen zu dringen, mußte aus dem Verſchütten von Waſſer auf die Flam— men entſtanden ſein. Zuletzt kam der Kronſyndikus wirklich in den erſten Stock und ſchloß, wie ſie erſtaunend bemerkte, alle Staatszimmer auf. Welches Bedürfniß konnte er haben, eine geſtickte Uni⸗ form, ſeinen liebſten Orden zu tragen und ſeine Staats⸗ zimmer zu öffnen und hin und her zu durchſchreiten? Alle Läden riß er auf. Er lüftete vielleicht nur. So kam er in das Eckzimmer, wo Lucinde ſchon am Nähtiſch ſtand, ſo ſtand, als müßte ſie ihre Blumen bewachen. Der Greis bot den ſeltſamſten Anblick. Das Geſicht war jetzt gereinigt. Aber zu ſeiner Land⸗ ſtandsuniform mit dem hannoveriſchen Orden der Welfen ſtand im ſonderbarſten Contraſt der Hirſchfänger, den er wieder umgeſchnallt hatte. Die Hände waren mit den weißeſten Handſchuhen geſchmückt, als wenn er zu Hofe gehen wollte. Voll Unruhe pblickte er um ſich und ſtotterte: Lüftet doch! Lüftet doch! Wie erſtickend! Wie dumpf! Wie rauchen die Oefen! Verbrenne nur ein bischen Pa— pier und es riecht gleich wie der lebendige Satan! Dabei zuckten ihm ſeine ohnehin ſchon unheimlichen Augenbrauen krampfhaft auf und nieder... Der große, baumſtarke Mann ſtand wie von einer Ohnmacht bedroht. Und indem er mit den Fingern der linken Hand immer in ſeinen Bart, bald da, bald dort, n erſten alle licke Uni⸗ e Staats⸗ reiten? eicht nur. ſchon am Blumen Anblick. eer Land⸗ r Welfen aren mit um er zu um ſich ie dumpf! schen Pa⸗ ttan. geimlichen von einer gern der bald d dort, 173 wie in einer kreiſenden Bewegung griff, ſagte er, als wollt' er Gleichgül tigtei zeigen: Hab' mich wieder'n mal geärgert! Ueber den verd— Landrath; nein— ja— den— Rittmeiſter! Und dieſe Briefe vom Fritz„.. In den Ofen damit! Immer Aerger! Inimer Aerger! Lucinde, die kaum merkte, daß er die Gründe ſeines Aergers offenbar fingirte, war ihm, um ihn nur zu be⸗ ruhigen, ſo zuthunlich, wie er ſonſt wünſchte. Sie be⸗ wunderte die prächtige Uniform, beſah das wunderſchöne Comthurkreuz mit ſeinen goldenen Kugeln, ſeinem welfi ſchen Löwen, ſeinem weißen Roß und ſeinen Eichen⸗ zweigen; ſie wußte ſchon, was die alte deutſche Ge⸗ ſchichte zu erzählen hatte von dem Löwen des mächtigen braunſchweiger Herzogs Heinrich Welf und dem Kniefall des Hohenſtaufen vor dem Löwenherzog und von den Römerzügen und der geſpaltenen Einheit des deutſchen Vaterlandes Der Alte lächelte jetzt zu all dieſem„Kram“, wie er's eben nannte, und ſuchte über das zu ſcherzen, was ihm in ſeinen jeweiligen Wuthanfällen auf die Regierung und den Deichgrafen ſonſt ein„blutiger Ernſt“ war. Welfen und Ghibellinen! rief er oft. Ihr Ghibellinen mit euern Kaiſern, wir Welfen mit unſerm Rom! Heute aber hielt er das Nächſte feſt. Wieder und wieder rief er mit äußerſter Ungeduld: Ob nun bald gepackt wäre, der Koffer auch, Kleider für ihn und den Kam⸗ merherrn? Dabei ſah er nach der Uhr, brummte vom „Landrath heute in Lüdicke“,„Eggena nach Lüdicke drei Stunden“ und ähnliche Berechnungen. Dann ſtarrte er 174 in die Gegend hinaus, nahm ein Fernglas, deſſen ſich ſein Sohn zu bedienen pflegte und das auf dem Näh⸗ tiſch Lucindens lag, und zog es auf und nieder. Dies that er eine Weile wie gedankenlos, wie mechaniſch. In dem mehrfach hervorgeſtoßenen Namen Enckefuß ſchien eine große Beruhigung für ihn zu liegen. Plötzlich aber rief er: Was? Wie? Wer kommt denn da? Er deutete auf einen leichten Wagen, den man bei einiger Aufmerkſamkeit auch mit bloßem Auge ſehen konnte. Lucinde blickte erſchreckend hinaus. Es war erſt wenig vor halb ſieben, ja gerade die Stunde, die der Deichgraf nach dem Urtheil ſei⸗ nes Sohnes im Handeln immer einzuhalten pflegte, zwei Minuten vor halb ſieben. Der Wagen ging bergan, und die Strecke von unten herauf war lang und ſteil, der Wagen fuhr langſam; gegen ſieben konnt' es ſein, wenn er endlich auf der Höhe war. Sollte Heinrich, ſtatt zu Roß, im Einſpänner kom⸗ men? Und durch den kleinen Taſchen⸗Frauenhofer hatte der Kronſyndikus ſchon erkannt, daß es wirklich der„Doctor“ war. Die Wirkung dieſer Entdeckung war bei dem Greiſe die allerauffallendſte. Lucinde hätte noch deutlicher bemerken können, wie der Kronſyndikus krampfhaft ſich am Nähtiſch hielt und, da dieſer leicht war, faſt mit ihm umſtürzte. Um ihre eigene Unruhe und Verlegenheit zu verbergen, hatte zeſſen ſich em Näh⸗ man bei ge ſehen e war. er kom⸗ uenhofer wirklich Grreiſe en, wie ch hielt te. Um n, halte 15 ſie ſich nur in dieſem Augenblicke ſelbſt zum Seiten⸗ fenſter gewandt. Was will denn der Doctor? ſprach der Kronſyndikus immer tonloſer und kürzer athmend... Der Junge— der Junge— der— was will denn der? Was ſoll denn der? Wozu kommt denn ſchon der? Es ſchienen ihm Gedanken durch den Kopf zu ſchießen ganz anderer Art, als die er gewöhnlich über das„Volk da unten in der Buſchmühle“ ausſprach. Der Wagen kam näher. Es war ein Einſpänner, den wirklich der junge Klingsohr führte. Was will er denn? Was hat er denn? fuhr der Alte auf und wandte ſich dabei nicht an Lucinden, die ganz nur mit ihrer eigenen Beſorgniß beſchäftigt war und ſich abwandte, um ihr Erröthen zu verbergen. So nur konnte es geſchehen, daß ſie die zunehmende Unruhe des Greiſes nicht bemerkte, nicht ſein Hin- und Wiederrennen, nicht ſein Oeffnen des nach der Seiten⸗ fronte gehenden Fenſters, nicht ſein erneutes Blicken durch das Fernrohr, das er zitternd aus⸗ und einzog. Endlich, als er in das Pfeifen eines Liedes ausge⸗ brochen war und in den geöffneten Prachtzimmern die Decken von den gelben Sammtmöbeln riß und wieder kam und wieder ging, lachte er plötzlich laut auf, rief Lucinden in die Staatszimmer und ſagte mit der ihm eigenen fauniſchen Miene: Lucinde! Lucinde! Höre, Kind! Ich ſag' dir etwas! Herr Kronſyndikus! rief dieſe und eilte näher. Satan, ſchwarzer—! Excellenz— 176 Engel! Schlechte Perſon— liebſt den Kerl, den Doctor! Er lachte dabei convulſiviſch. Haſt recht! ließ er ſie kaum zu Worte kommen und umarmte ſie. Haſt recht! Er kann's einem ſchon anthun! Aber Excellenz— Weiß alles, verdammte Hexe! Ihr ſaht euch in dem gottverfluchten Grunde, ſaht euch im Park... hinterm letzten Pavillon... am Faſanennetz... im Mondſchein... Glaubſt du, der buckelige Stammer geigt mir nicht auch um funfzehn Silbergroſchen oder eine Tracht Hiebe die Wahrheit?... Aber... aber haſt recht... ſollſt recht haben, Kind... Wie kann man einen Narren lieben? Da... den... Und... einen... Greis dann noch dazu? Halt ihn feſt... den Doctor mein' ich... Gleich auf der Stelle! Hier iſt der Schlüſſel zum Keller! Eßt, trinkt! Laß deine Künſte los, Zigeunerin! Ich gönne ihn dir... Sieh, Kind, wie er das Roß zügelt! Daß dich... Seine Mutter war ſchön... Lucinde, höre— aber leiſe— ſag' ihm was... hier, da... auf dem Sopha... ſag' ihm was... Hol' ihn dir... halt' ihn dir feſt und plauſch' ihm ins Ohr... hörſt du... ob er's denn noch nicht weiß... nie gehört hat... nie erfahren... daß... daß... Na, was?... Ha, ha, ha!... Wer ihm den Riegel aufſchob... als er in die Welt gekommen... Hm? Verſtehſt du... Lucinde, ſag's ihm beim fünf⸗ ten, ſechsten Glas Champagner... Liſabeth! Liſabeth! Küche, Keller, alles geöffnet!... Sag's ihm... drei Söhne hatte der alte Wittekind, einer iſt Candidat zum ammer 1 oder . aber e kann nd... . den ßier iſt Künſte Kind, Mutter g ihm g ihm lauſch h vicht fünf⸗ ſabeth! .. drei at zum 17 Premierminiſter, einer Candidat zum Tollhaus... und der da?...„Der Gott, der Eiſen wachſen ließ“ ſangen ſie damals— ha, ha!— als ſie den Tugendbund ſchloſſen und in den Teutoburger Wald geheime Reiſen machten und die Weibſen zurückließen... ha, ha, ha!... Ver— ſtehſt du, kleine ſchwarze unſchuldige Schlange? Ein tolles Lachen, ja, das ihr bekannte Lachen der Selbſtzufriedenheit über ſeine plötzlichen Lichtblitze der Klugheit und Verſchmitztheit, erſtickte die Rede des wie wahnſinnigen Greiſes. Lucinde ſtand ſprachlos und konnte um ſo weniger zu Worte kommen, als der Kammerherr, der ſeither unten gewartet hatte, jetzt zurückkehrte und eine Aende— rung der ihm gegebenen Befehle zu hoffen ſchien. Lucinde verſtand vollkommen das ſchreckliche Geſtänd⸗ niß, das der Kronſyndikus gemacht hatte. Die Dazwiſchenkunft des Kammerherrn hinderte eine weitere Erörterung. Der Vater zog Lucinden mit ſich hinunter. Wie er auf der Treppe ſich auf ſie ſtützte, raunte er ihr immer heimlich und mit emporgeſtreckten, zitternden Fingern Worte der frivolſten Enthüllungen zu... Auf der Treppe noch, wo er ſich am Geländer feſthielt, ſagte er der Beſchließerin: Lucinde kriegt die Schlüſſel! Was die von jetzt an befiehlt, geſchieht! Verſtanden! Was hab' ich geſagt? Liſabeth, mit einem überraſchten Blick voll Gift und Zorn, mußte wörtlich wiederholen, was ihr Herr geſagt hatte; erſt wollte ſie's nicht und betrachtete Lucinden er⸗ ſtaunend, dann mußte ſie ihr Verſtandenhaben der Verfü⸗ gung laut wiederholen und feierlich Unterwerfung geloben. Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 12 Hierauf ſah er faſt mit Mitleid auf den wartenden Kammerherrn, drehte den Hirſchfänger vor ſich hin und ſtieg in die Kaleſche. Lucinden flüſterte er noch aus dem Schlage ans Ohr: Sag' es ihm!... Aber ſchweigt beide... ſo wahr ein Gott im Himmel lebt! Zur Liſabeth ſich wendend, wiederholte er: Zeig' auch du, was ich dich lernen ließ bei Weſſel in Hannover! Brate, koche! Haltet ihn feſt! Trinkt auf mein Wohl!„Um acht Uhr iſt Verlobung oder ſieben Schüſſeln!“'s war ein altes Stück zu meiner Zeit! Luſtig! Ich will die Augen zudrücken... über alles... will Frieden haben mit dem— Deichgrafen... Frieden... Jeſus aber, jetzt fort, Hannes! Der letzte, faſt tonloſe Ruf galt dem Kutſcher. Die Pferde zogen ſchon an, und nach der entgegen⸗ geſetzten Seite hin, wo Heinrich Klingsohr herkam, rollte der Kronſyndikus aus dem Seitenthor und den Berg hinunter. Sein Sohn ahnte glücklicherweiſe Klingsohr's Nähe, die entſcheidende Gefahr für ſeine Neigung nicht. Nur die äußere hatte er jetzt im Auge— den Hemmſchuh, den der Kutſcher anlegen ſollte! Von allen Schrecken war ihm der des Bergabfahrens einer der haarſträubendſten. Türck, der Calfacter, lief nicht, wie er ſonſt pflegte, dem ankommenden Wagen bellend und wedelnd entgegen, ſon⸗ dern ſchloß ſich der Kaleſche an, der er mit eingezogenem Schweife nachlief. Betrübt und zaghaft waren die Mie⸗ nen, die der Kammerherr Lucinden noch beim Abſchied zuwarf. Morgen! ſagte er kleinlaut; aber der große rtenden in und us dem wahr Weſſel Trinkt J oder er Zeit! les... den... J. ggegen⸗ rollte Berg Nähe, dur die h, den en war endſten. te, dem 1, ſon⸗ ogenem e Mie⸗ bſchied große 179 Kaſten fiel ihm auf, den noch der Kronſyndilus wie für eine längere Reiſe hatte in der Vache unterm Kutſcherbock einſchließen laſſen. Nur daß ſein Bedienter zurückblieb, ſchien ihm einige Hoffnung zu geben. Zum Beſinnen über die Wahrheit deſſen, was der Kronſyndikus ihr zugeraunt hatte, blieb Lucinden keine Zeit... Heinrich Klingsohr, der natürliche Sohn des mächtigen Mannes, grüßte ſchon, da er zu ſeinem Jubel die davonfahren ſah, denen er hier zu begegnen fürchten mußte. Bei einer plötzlichen Lebensgefahr, ſagt man, ſchöſſe wie an einem elektriſchen Leiter blitzesſchnell die ganze Vergangenheit eines Menſchen an ſeinem letzten Bewußt⸗ ſein vorüber. Umgekehrt übte die Fülle von Vorſtellungen, die ſich für Lucinden auf wenig Augenblicke jetzt zuſammenzu⸗ drängen hatte, die Wirkung, daß ſie ihr das Bewußtſein völlig nahm, ja, ſie in einen traumähnlichen, bacchanti⸗ ſchen, von höchſter Freude, von Luſt und Schmerz ebenſo gehobenen wie wieder vernichteten Zuſtand verſetzte. Dieſe räthſelhaften Vorgänge mit dem Kronſyndikus, dieſe Feuersgefahr, ſein Benehmen am Fenſter, der ver⸗ zweiflungsvolle Humor und die Furcht vor Heinrich Klingsohr, dann ſein mit den dunkeln Gerüchten über ihn und eine große Anzahl illegitimer Kinder übereinſtim⸗ mendes Geheimniß, die plötzliche Verſöhnungsluſt, die ſich beim Beſteigen des Wagens auch noch in dem ausdrück— lichen Befehl gezeigt hatte, daß die Liſabeth die Diener in Livree ſtecken und augenblicklich die ganze Größe des Wittekind'ſchen Hauſes entfalten ſollte... dann der heran⸗ rollende Wagen des wiederum ſeinerſeits mit den un⸗ 12* —————.;——— 180 glaublichſten Ueberraſchungen Erwarteten, alles das ver⸗ urſachte in ſeiner ſchnellen Aufeinanderfolge ihr einen faſt phyſiſchen Schmerz, wie wenn ſie wirklich den Tod des Ertrinkens erleiden ſollte. Und doch rief auch wieder zu gleicher Zeit alles in ihr — wie die erſten rauſchenden Accorde einer Ballmuſik— zu Luſt und Freude. das ver⸗ nen faſt Tod des in ihr nuſik— 13. Während Lucinde das Staunen der Liſabeth auf die natürliche Vorausſetzung einer Verſöhnung mit dem Deich⸗ grafen verwies, lief ſie ſchon über den marmorgetäfelten Eſtrich des untern Schloſſes an die hohe, ſchwere Thür, ſchloß dieſe mit dem immer von innen ſteckenden Schlüſſel auf und trat auf den Perron hinaus, um Klingsohr'n anzurufen. Dieſer hatte auch ſeinerſeits einen Blumenſtrauß in der Hand und ſuchte ſie, langſam fahrend, am Fenſter. Wie erſtaunte er, als ſie ſelbſt erſchien, ihn anredete und aufforderte auszuſteigen! Sie werden alles erfahren, kommen Sie nur! ſagte ſie. Der Kronſyndikus iſt eben abgereiſt, der Kammer⸗ herr mit ihm, ich bin allein und ausdrücklich beauftragt, Sie zum Bleiben einzuladen! Da geht ja die Welt unter! ſagte der Doctor, ſprang vom Wagen und übergab ſein Gefährt einem ſchon in Livree, die er eben noch zuzuknöpfen im Begriff war, herbeiſpringenden Gehilfen der Branntweinbrennerei. Es war auch inzwiſchen Feierabend. Der Hof war in voller Bewegung. Die Inſpectoren und Arbeiter 182 aller der verſchiedenen hier zu beaufſichtigenden Branchen begriffen nicht, wie ſie den Sohn des Deichgrafen konnten auf Schloß Neuhof einkehren ſehen. Aber Lucinde zog den verwunderlichen Gaſt die große ſteinerne Stiege hin auf in die Staatszimmer, wo man bereits anfangen wollte einen Tiſch zu decken, Lucinde ſollte nur beſtimmen welchen. Sie wählte einen der glänzendſten mit einer Decke von Lapis Lazuli, achteckig, mit geſchweiften, ver⸗ goldeten Füßen, dicht vor einem Kanapee, das in der Nähe eines Kamins ſtand... Dazu läuteten von allen Tiefen her die Glocken das Ave Maria... der trübe Regenhimmel ließ im Weſten vom Sonnenlicht einige rothe und blaue Streifen hindurch... Klingsohr kannte aus ſeiner Knabenzeit alle dieſe Zimmer... Wie konnte es geſchehen, daß er ſeit Jahren und bei der jetzigen Lage der Dinge hier wieder ſo wie einſt aufgenommen, ja, gerade von Lucinden, dem Wettpreis zwiſchen Vater und Sohn, ohne alles Hinderniß ſo empfangen wurde! Er ahnte einen Hinterhalt und ſprach ſich auch dahin aus, daß er der böſen Tücke des Kronſyndikus alles zutraue. Ich wäre der Erſte nicht, ſagte er, den er wie ein Ritter des Fauſtrechts behandelt hat! In ſeinen Kellern ſaßen ſchon Männer und Frauen aus aller Herren Ländern, und ich wette, daß es da unten ausſieht wie in der Blaubartskammer!. Wie es in ſeinen Kellern ausſieht, erwiderte Lu⸗ cinde, werden Sie bald erfahren! Sie ſollen be⸗ wirthet werden wie... wie ein Sohn des Hauſes. anchen onnten e zog e hin⸗ angen mmen einer „ver⸗ in der 1s Ave mvom 1... dieſe und einſt tpreis iß ſo dahin alles den er gegen meines Vaters Lehre vom Zollſtock und der geraden Stellen aus Shakſpeare, nach„Verdienſt“, ſo bin ich vor Schlägen nicht ſicher! Aber bitte, keine Unarten! Das Mittelalter hat einige Schattenſeiten, die ich nicht vertheidigen werde! Lucinde ſuchte ihm die Furcht zu nehmen und zog ihn in ein Zimmer, wo ſie unbelauſchter waren. Wie im Traume folgte Klingsohr. Zum erſten male ſah er auch ſeine Liebe in ſo prächtigem Rahmen. Sie trug ein leichtes dunkelblaues Kleid; ſeidene Bänder von gleicher Farbe ſenkten ſich in den braunen Nacken. Schwarze Florſpitzen zierten das Haar und bedeckten ebenfalls, zu halben Handſchuhen geformt, die jetzt ſehr gepflegten Hände. Auf der Bruſt hatte ſie ſich den Roſenſtrauß befeſtigt, den Klingsohr mitgebracht, während ſie ihre eigenen Blumen theilte, ſeinen Rock, ſeinen Hut damit ſchmückte und noch für den Tiſch übrig behielt, um eine koſtbare Vaſe damit zu füllen. Sie erzählte ihm auf ſein ſtaunendes Schweigen alle ſoeben erlebten Vorgänge bis auf die letzte Enthüllung, die ſie ſich, weil ſie ihr noch ſchwer zu formuliren war, vorbehielt. Sie kamen überein, daß der Kron⸗ ſyndikus in dem Doctor einen Verbündeten gegen den Vater gewinnen wollte, einen Vermittler und Beileger des Streites. Lucinde unterſtützte vorzugsweiſe dieſe Annahme und hatte die Freude zu hören, daß Klingsohr verſicherte:— Nun, was ich thun kann, dieſer Vorausſetzung zu entſprechen, ſoll geſchehen! Sie kennen meine Abneigung Behandelt ihr mich hier, parodirte Klingsohr mit 4 Schnur, Lucinde! Das Leben wird ſchon ohnehin täglich immer mehr ſo regelmäßig wie die manchmal recht mono⸗ tone Natur! Ihm Freiheit abzugewinnen, die Tyrannei des Geſetzes abzuſchütteln, das iſt unſer ſchönes Ziel, und wenn ich ganz ſicher wäre, daß nicht dieſe Thüren plötz⸗ lich aufgingen und einige Geharniſchte hereinträten und mich als Geiſel feſthielten, ſo würde ich meine Sym⸗ pathieen für den wilden Freiherrn ganz offen ausſprechen. Darauf hin und vorausgeſetzt, daß es bald alles, nur nicht Prügel gibt, will ich auf ſein Wohl trinken und geloben, den Alten von der Buſchmühle ſoweit es irgend möglich zur Raiſon zu bringen. Sie ſtanden jetzt beim Durchſchreiten der prächtigen Zimmer gerade an der Stelle, wo der Kammerherr den Türck gemalt hatte. Noch hing das Bild an der Staffelei und Klingsohr brach in komiſche Bewunderung des neuen „Hondekoeters“ aus, wie er ihn nannte. Der iſt mit verreiſt? rief er aufs neue kopfſchüttelnd. Und man weiß, daß Sie mich aufnehmen? Was iſt hier nur vorgefallen! Der Kammerherr weiß nichts! Nur der Vater! Machen Sie ſich's bequem! Sie werden noch mehr er⸗ leben... Noch mehr? Lucinde antwortete nur dadurch, daß ſie hin und wie— der rannte, ordnete und befahl. Nicht umſonſt hatte der Kronſyndikus von einem Feſtgelage geſprochen. Sie ließ nun ein ſolches für den Doctor mindeſtens ebenſo her⸗ richten wie für die adeligen Gäſte. Der Kronſyndikus ſelbſt war im Eſſen mäßig, aber die häufigen Beſuche täglich mono⸗ rannei 8, nur en und irgend ſchtigen rr den faffelei neuen ttelnd. ſt hier Vater! hr er⸗ nd wie⸗ tte der jie ließ ſo her⸗ Indikus Beſuche 185 des„ſchönen Enckefuß“ hatten das Haus mit den Noth⸗ wendigkeiten eines ſchnellen und einladenden„Tiſchlein deck' dich“ eingerichtet. Geliebte Lucinde, ſagte Klingsohr, wie er ſie dann wieder plötzlich ſtill ſtehen und über ihre eigentliche Auf⸗ gabe grübeln ſah, es gibt eine Erbſünde und es gibt eine Erbtugend! Man ſpricht davon, daß jene uns um unſer Seelenheil gebracht hat und verketzert die vernünftigen Unvernunftslehrer, die dieſe tiefſte und humanſte aller Lehren vertheidigen! Welche Sünde? fragte Lucinde und dachte nur an das Ordnen des Tiſches, über deſſen acht Ecken längſt ein blendend weißes Damaſttuch gebreitet war, das ſich ſchon mit Tellern, Gedecken, Gläſern, Flaſchen, einem Champagnerkühler und Deſſertaufſätzen füllte. Die Erbſünde, die mit dem erſten nicht verſchmähten ſchönen rothwangigen Apfel in die Welt gekommen! ſagte Klingsohr. Wir können ja die Nichtigkeit dieſer Erde gar nicht ſchöner erklären als durch unſere eigene Schuld! Ihr jammert, daß der Frühling ſeine Blüten verwehen ſieht, daß Blüte, Frucht und alle Schönheit der Erde, der Schmetterling und der Menſch, zu Staub verwehen! Iſt nur unſere Sünde ſchuld daran, ſo hat ja die Vergänglichkeit dieſer Erde ihren erklärlichſten Grund in uns und nicht in der Schöpfung ſelbſt! Man kann ja dann immer noch hoffen auf die Sonne, auf die Ge⸗ ſtirne, auf etwas, was jenſeit dieſer Bezirke,„von wannen niemand wiederkehrt“, liegen wird, Lucinde, und wären es nur Ihre Augen, die als Sterne an den Himmel verſetzt werden ſollen! Lucinde ſagte zu allem: Ja! Ja! Ja! Ja! Sie hörte kaum; zu ſchön wollte ſie alles machen. Der Doctor ſollte wenigſtens hinter dem Landrath nicht zurückſtehen. Klingsohr muſterte die nach franzöſiſcher Auffaſſung in Alabaſter ausgeführten griechiſchen Statuen des Zim⸗ mers, die Landſchaften aus der Schule Claude Lorrain's und Berghem's... Kein anderes Gnadenbild hier, ſagte er, als Sie ſelbſt, Lucinde! Lucinde beſtätigte, daß auf Schloß Neuhof die Reli⸗ gion nur in den Wirthſchaftsgebäuden und den hintern Wohnungen vertreten ſei, den Kammerherrn ausgenom⸗ men, der noch immer mit dem ſchwermüthigen und ge⸗ wiſſenskranken Grafen Zeeſen in Briefwechſel ſtand... Beide reiſten in Italien! ſagte Klingsohr. Jeroͤme hoffte ſchon lange durch Beten ein großer Maler zu werden wie Fra Fieſole! Nun waren alle Vorrichtungen des Abendimbiſſes aufs prächtigſte getroffen. Klingsohr ſtreckte ſich mit Behagen in einem Fauteuil, vor dem eben von zwei über alles wie verblüfften Dienern angerichtet werden ſollte. Bei jeder Gelegen— heit, wo dieſe Zeugen fehlten, ergriff er Lucindens Hand, dieſe an ſich ziehend, mit Küſſen bedeckend und ſeine Unmöglichkeit, ſich in die Märchenwelt zu finden, aufs neue verſichernd. Eben kamen die Diener zurück, lauſchend, horchend... Lucinde fragte, nur um zu ſprechen: Jetzt aber Ihre Erbtugend? Was iſt das? —— 187 Erbtugend, ſagte Klingsohr in einem ihm beim Aus⸗ ſprechen von Gedanken und Verſen eigenen ſingenden Tone; Erbtugend! Die iſt der ewige Rückſchlag des Geiſtes gegen die Natur! Sie iſt die Flut, wenn die Sünde die Ebbe! Sie iſt vielleicht auch nur das ewige Philiſterium, an dem ſelbſt die Titanen litten, wenn ſie zu viel Kaukaſuswein getrunken hatten! Möglich, daß dieſer Erbtugend jene eingeimpfte Furcht vor der Hölle zum Grunde liegt oder die Furcht vor einer Tracht Prügel, jene Furcht, von der bekanntlich die romantiſchſten Liebhaber Boccaccio's und Bandello's nicht frei ſein konn⸗ ten... Ja! Lucinde! Ich weiß doch, daß ich hier ein Romeo bin, auf den plötzlich„zehntauſend Tybalts“ eindringen werden mit einigen Doubletten der allbekannten neuhofer Hundepeitſche! Lucinde widerlegte jetzt ungeduldig werdend ſeine er⸗ neuerte Furcht und erklärte das feſtere Schließen aller Thüren durch das Wetter, da es unheimlich dunkel wurde. Der Abend ſchien ein Gewitter zu bringen. Dunkel— braune und rothe Wolken zogen immer dichter von Weſten her. Zwiſchen dem Läuten der Abendglocken hörte man ſchon die fernher rollenden Donner. Klingsohr ergriff Lucindens Hand und ſprach, da ſie jetzt allein waren und nur noch das zu ſervirende Mahl fehlte, mit dem eigenen Aufſchlag ſeiner großen, wenn er wollte, feſten und beſtimmten Augen: Wer in der romantiſchen Zeit nicht Frau Venus mied, Wol gar einem Ebeweib ſein Herz verſchenkte, Dem geſchah's, daß man ihn manchmal briet Oder an einen neuen Galgen henkte! So hört ſich noch jetzt, minnt man ein ſchönes Weib, Beſonders vom Nachbarn Herrn Philiſter, Selbſt im holdſeligſten Zeitvertreib Ein feurig Geknatter, ein flammend Gekniſter. Gibt ſie ein Löcklein zum Liebespfand, Und ſteckſt du's zu bergen zur Taſche, Fühlſt du doch dabei was wie Henkershand Und um den Hals die vergeltende Maſche! Das iſt das Gewiſſen! ſagte Lucinde ſcharf be⸗ tonend. Da er ſie küſſen wollte, hielt ſie ihn zurück. Nein, Erbtugend— wollte Klingsohr in ſeiner ge— wohnten Phantaſtik fortfahren— Aber indem wurde das Nachtmahl hereingetragen. In dem noch allgemein nachdauernden Schreck vor dem Benehmen des Kronſyndikus geſchah dies mit denſelben Förmlichkeiten wie bei dem vornehmſten Beſuche. Was iſt das nur alles? rief Klingsohr aufs neue, wie irr ſich an die Stirn greifend... Lucinde verſicherte, daß allerdings irgendetwas Großes geſchehen ſein müſſe, um den Kronſyndikus ſo für ihn einzunehmen. Nicht nur, daß er dieſen Empfang an— geordnet hätte, auch für die Entdeckung, daß beide ſchon lange ſich ſähen und ſprächen— der buckelige Stammer hätte geplaudert— wäre ſeine Milde bewundernswerth geweſen. Er dächte daran, ſetzte ſie hinzu, ſie ganz ſo glücklich zu machen, wie er... wie ſie... ſelbſt es zu werden wünſchte. Lucinde! rief Klingsohr voll Entzücken und warf Gabel und Meſſer fort. Wann wirſt du mein? Bald! Bald!„Balde auch du!“ ſingt Goethe. Warum kommt gen. dem lben nmer erth ſo 3 zu varf ald 3 umt 6 189 mir das traurige„Ueber allen Wipfeln iſt Ruh“ in dieſem Augenblick! Nicht wahr? Die Speiſen— ſind vergiftet? Als Lucinde ein Ja! nickte und dabei auffuhr, um nach der Fortſetzung des Mahles zu klingeln, ver— folgte er ſie. Hexen, ſagte er, Giftmiſcherinnen gab es von je auf Neuhof! Du ſelbſt biſt eine von dieſen alten Alraunen, dieſen Zauberweibern... gerade ſo eine Hexe, wie meine Mutter von einer erzählte, die ſie das Fräu⸗ lein Gülpen nannte... Au! unterbrach er ſich ſelbſt mit einem leiſen Schrei. Was iſt? fuhr ſie doppelt betroffen zurück. Klings⸗ ohr hatte den Namen der Hauptmännin in dem Augen⸗ blick ausgeſprochen, wo er ſeine röthlichen kurzen Locken an ihr Bruſttuch drückte... Er antwortete: Wenn ich dich küſſen ſoll, mein Kind, was ſoll es taugen, Daß du mit Nadeln dir beſteckſt die Bruſt! Den Liebenden war immer nur bewußt: Gott Amor ſticht ins Herz und keinem in die Augen! O! rief Lucinde und ſah ihr Vergehen... An der Wange, dicht neben einer ſeiner vielfach ſchon zwiſchen ihnen beſprochenen Narben, hatte eine Nadel ihm eine leichte Schramme geriſſen. Lucinde riß die Nadel vom Tuche, griff nach der Kryſtallflaſche voll Waſſer auf dem Tiſche, goß Waſſer in die hohle Hand, tauchte ihr Taſchentuch ein und drückte es ihm auf die wunde Stelle. Dabei war ihr das Bruſttuch entfallen und ihr langer dunkler Nacken ſchimmerte unbedeckt bis zu den Schultern, ihr bräunlicher Hals bis zu den hohen Wöl— bungen ihrer Bruſt. Eben brachte man zwei Leuchter, je drei brennende Kerzen. Als dann Klingsohr und Lucinde wieder allein waren und ſich, auch um ruhiger zu werden, aufs neue zum Mahle geſetzt hatten, richtete ſie eine Frage an ihn über Klingsohr's Mutter, über die Gülpen, ob er dieſe gekannt hätte und was er von ihr wiſſe... Er beantwortete ſie mit einer Apoſtrophe an die Speiſen: Fräulein von Gülpen? Ich kannte ſie nicht. Aber ſie nennen und fragen: Was mag in dieſer Spargel⸗ ſauce enthalten ſein, iſt eins! Recht ſo, Lucinde! Nehmen Sie nichts davon! Dieſe jungen Erbſen haben eine grün⸗ liche Farbe, die über das Pflanzenreich hinaus ſich in das Mineralreich verliert; ich wette, man kochte ſie in derjenigen kupfernen Pfanne, die ſeit dem letzten der unerklärten Todesfälle auf Schloß Neuhof noch immer nicht verzinnt worden iſt. Dieſe Hühner hört' ich noch vor einer halben Stunde im Hofe gackern! Sie erwecken unwillkürliche Mordgedanken, und nur der Champagner weckt mir kein Jugendmärchen auf von der alten weſt⸗ fäliſchen und Tugendbundzeit, in der ich 1809 geboren wurde. Da gab es hier, während mein Alter im Walde geheim mit den Rächern dingte, Corinnen in griechiſchen Gewändern, die über Kaſſel aus den Spielhöllen Vene⸗ digs und Neapels kamen, Spanierinnen, die wie Ama⸗ d ihr 1 den Wöl nende umer noch ecken agner weſt⸗ poren alde ſchen zene⸗ lma⸗ 191 zonen ritten, Creolinnen, deren Männer ihren Kopf auf den Schaffoten der Franzöſiſchen Revolution gelaſſen hatten und mit dem ihrigen doch noch den Bruder Bonaparte's, was ſag' ich, ihn ſelbſt verrückt machten... Aber die Gülpen? Die ſoll an dieſem Minnehof nur die Ceremonien⸗ meiſterin geweſen ſein! Der buckelige Landſtreicher mit der Geige hat geplaudert? Laß dir von dem erzählen oder von ſeinen Alten hinten... nein, die ſind ſeit den grauen Tagen ſtumm geworden... Worüber? Die Gülpen, oder wie ſie ſich von einem Jäger, der ſie heirathen wollte, nannte, Buſchbeck— Einem Jäger? Jetzt einem Mönche! Drüben im Franciscaner⸗ kloſter Himmelpfort! Haſt du nie vom Bruder Huber⸗ tus gehört? Die Mönche dürfen nicht auf Neuhof... Der Jäger war ein Soldat in holländiſchen Dien⸗ ſten... Hauptmann... Feldwebel, Kind! Vielleicht als Lieutenant entlaſſen! Er iſt Laienbruder drüben... Und war nie verheirathet... Mit wem? Der Hauptmännin— Was ſag' Der Bruder Hubertus kam von ih Wilden und ging zu den Wilden! Hier galt keine Ordnung und kein Geſetz und kein Prieſter! Haſt du nicht gehört, daß der Kronſyndikus noch eine Frau am Leben hat? 192 Wie? Wer? Noch eine Frau? Der Kronſyndikus? In Italien! Man ſagt es... Kinder gibt es aller Orten genug von ihm... oder er ſpielte wenigſtens ohne zu wiſſen den Landesherrn, in deſſen Bildniß auf den Groſchen ſich alle Frauen in gewiſſen Umſtänden verſehen müſſen! Sie eſſen ja nicht, Doctor! lenkte Lucinde er⸗ röthend ein. Ich trinke! antwortete Klingsohr. Stoß' an, ſagte er, wie immer je nach der Stimmung abwechſelnd mit Du und Sie; ſtoß an, Lucinde! In Italien ſchickte er an Jeroͤme plötzlich einen Kurier, daß er nach Hauſe kommen ſollte... Graf Zeeſen, ſagte man, hätte ihn bereden wollen, in ein Kloſter zu gehen... Der Muſikant meint, ſeine Alten hätten als Grund des Zurückmüſſens immer etwas von der zweiten gnädigen Frau gemunkelt! Die noch lebe? Nein, der Freiherr iſt nur einmal verheirathet geweſen! Ganz recht! unterbrach Klingsohr. Die Schweſter vom Grafen Joſeph drüben, dem Letzten des Hauſes Dorſte⸗Camphauſen auf Weſterhof! Sie ſtarb früh, nachdem ſie zwei Söhne geboren; ſie ſtarb, ſagt man aus Gram über die Aufnahme jener Gülpen ins Haus. Dieſe regierte. Als die Baronin ſtarb, genoß der Witwer ſeine Freiheit, bis plötzlich Ruhe kam mit dem Sturz Napoleon's. Doch bei alledem iſt landbekannt, daß die Klöſter und Beichtſtühle hier ringsum über den Kron⸗ ſyndikus die tiefſten Geheimniſſe verſchließen... Auch mein Vater weiß manches, hält ſich aber ſtumm drüber wie die alten Stammers hinten über die Gülpen. ditus? es aller igſtens iß auf tänden ſagte nd mit ickte er Hauſe bereden meint, immer einmal weſter auſes früh, man Haus. Gitwer Sturz aß die Kron⸗ Auch drüber ℳ 193 Lucinde wagte nicht, über letztere weiter zu forſchen. Sie fürchtete, daß ſie hätte ſagen müſſen, woher und aus welcher Situation ſie die„Hauptmännin“ kannte. Aber mit ſpähendem Blick ſtellte ſie jetzt die Frage: Und Ihre Mutter? Klingsohr erwiderte: Ich kannte ſie wenig! Sie ſtarb, als ich ſieben Jahre alt war. Nur daß ſie ein Bild des Leidens geweſen ſein ſoll, weiß ich. Als der Vater in Magdeburg ſaß, wurd' ich in dies Schloß genommen und mit Jeröme erzogen. Lucindens Unruhe mehrte ſich, je näher ſie ihrer Eröffnung kam. Sie wußte nicht, was ſie that, als ſie fortwährend den Champagner trank, den ihr Klings⸗ ohr einſchenkte. Unſere Zukunft, Lucinde! Der Traum einer Som⸗ mernacht! rief er. Die Gegend war inzwiſchen nachtdunkel geworden. Rabenſchwarze Schatten hatten ſich niedergeſenkt, ein immer näher rückendes Gewitter entlud ſich... Das Nachtmahl war bald zu Ende. Nur dem ſchäumenden Weine ſprach noch Klingsohr immer erreg⸗ ter zu. Er weckte dadurch in Lucinden die Erlihgen des Kammerherrn von ſeiner Unmäßigkeit und den Trinkwetten. 7 Erzählen Sie von Ihren Knabenjahren! ſprach Lucinde. Klingsohr betrachtete lange die aufſteigenden Perlen des Schaumweins und erwiderte mit dem ihm eigenen halb künſtlich, halb natürlich elegiſchen Tone: ſe utzkow, Zauberer von Rom. I. 13 Vo ſeid ihr hin, ihr heilig hehren Tage, Wo mir ein Stern noch wie ein Engel ſprach! Wo ich geglaubt, ein Regenbogen ſage, Daß immer noch des Himmels Langmuth wach! Wo in dem Blitze, in der Donner Rollen Nur eines Vaters Zürnen lag,— der Liebe Grollen! Der Regen ſchlug an die Scheiben. Der Sturm tobte... Fenſter und Thüren, die nicht geſchloſſen ge⸗ weſen, ſchlugen klirrend und krachend an.. Aber Lucinde drängte: Nein! Beginnen Sie anders! Ihre Mutter... Ha, ich weiß, ſagte er, du willſt von meiner erſten Liebe hören, Lucinde! Ja, Wenn ſie leicht und zierlich Mir vorüberflog— Und ich hübſch manierlich Meine Mütze zog— Nichts, nichts von dem— ſagte Lucinde.. Das Lied iſt nicht lang, Lucinde! unterbrach er ſie. Nur den Schluß will ich dir ſagen. Dieſe Liebe endéte, als Amanda eines Tages keine Hoſen mehr trug; das hübſche Ding war in dem Augenblick fünf Jahre älter geworden und kannte mich nicht mehr. Schülerliebe! Gut! Gut! Aber wo ſind Sie geboren? In der Buſchmühle! Und Ihre Mutter? Erzählen Sie von ihr! Ein Donnerſchlag erſchütterte in dieſem Augenblicke das Schloß, daß es bis auf den Grund erbebte. Die Diener kamen nicht mehr... Klingsohr rückte ſeinen Seſſel dem Divan näher und zog Lucinden an ſich un er erſten er ſie. endete, -; das älter tebe! enblicke Die ſeinen ch un 195 ſtreichelte ihr Haar und ſah ihr in die ſcheu und ängſtlich umblickenden Augen und hielt die Hand über ihre dunkeln Brauen, gleichſam als wenn er das Rollen der ſchwarzen Sterne in dem weißen Emailgrunde beruhigen, das Zucken der Wimpern beſchwichtigen wollte. Jetzt begann er von ſeiner Mutter In einem langen weißen reinen Gewande, ſagte er, muß dieſe Edelſte ihres Geſchlechts aus der Welt emporge⸗ ſtiegen ſein! Ringsum lag die Sünde— ſie allein erhob ſich aus ihr, ſie, die einzig Reine! Eine Natter klammerte ſich noch an ihren Fuß, die zertrat ſie! Wie ich geboren wurde, verlor jene Gülpen die Herrſchaft im Schloſſe— Schon 1809 unterbrach Lucinde... Sie ſah, wie viel Jahre es gebraucht hatte, ihre Peinigerin ſo geiſtig und körperlich zu zerſtören, wie ſie ſie gefunden hatte! Wie das alles zuſammenhängt, fuhr Klingsohr fort, weiß ich nicht... Lucinde faßte ſich jetzt Muth und ſprach: Ich will es Ihnen ſagen! Klingsohr horchte auf. Lucinde erzählte noch um⸗ ſtändlicher den Vorfall, den man heute mit dem Kron⸗ ſyndikus erlebt hatte. Sie erzählte das Verbrennen von Papieren, ſeine Unruhe, ſeine eilige Abreiſe, den Ein⸗ druck, den ihm die Ankunft des Doctors gemacht, ſeine Eröffnung über die Art, wie ſie ihn aufnehmen ſollte... Eben zuckte durch das Zimmer ein Blitzſtrahl. Klingsohr erhob ſich und wurde aufgeregter... Wie Lucinde fortfuhr und das Ziel ihrer Eröffnungen immer leiſer ſprechend ſchon völlig verſtändlich angedeutet hatte, ergriff er ein Glas, ſchleuderte es wild zu Boden, 13* daß es zerſplitterte, rieb ſich die Stirn und rannte zum Fenſter, als müßte er mit dem Kopfe durch die Scheiben hindurch in die tobende Nacht und die Donner hinaus. Ihr ſeid wahnſinnigl ſchrie er. Alle, alle hier ſeid ihr's! Lucinde nahte ſich, bat ihn, ſich zu mäßigen; ſie ſagte ihm, er möchte ſich faſſen, möchte ruhig hören... Nein! rief er und ſchleuderte nun auch ſie zurück mit den Worten: Circe! Machſt du Menſchen zu Eſeln? Zu Maul⸗ eſeln? Bin ich verrückt? Jetzt riß er das Fenſter auf, daß der Regen nur ſo hereinſtrömte. Lucinde ließ ihn erſchreckt erſt gewähren... Ich liebe meinen Vater! rief er, und ſog die Tropfen ein und beſtrich ſich mit dem Regen Stirn und Wange. Ich liebte ihn von jeher dann, wenn ich mich haſſen mußte. Und nun vollends... meine Mutter! Lucinde ſchloß das Fenſter. Klingsohr rannte auf und nieder... O ich weiß jetzt, wozu ich hergelockt bin! Zur Rache gegen meinen Vater! Geiſtigen Rache! Zur Demüthigung unſers Namens! Schändung einer Aſche unter der Erde! Ihr Vater iſt der Kronſyndikus! ſagte Lucinde mit einer Feſtigkeit, als ſpräche ſie von Dingen, die ihrer Jugend völlig angemeſſen waren. Ein convulſiviſches Gelächter erſtickte den erſten Auf⸗ ſchrei des zu ſeiner übrigen Erregung nun auch noch halb Berauſchten. Ruhig fuhr Lueinde fort: Darum ſorgt er für unſere Zukunft! te zum jcheiben naus. ihr's! Maul⸗ en nur ropfen Vange. haſſen Rache igung edel de mit ihrer Auf⸗ noch 197 Ha, ha! Und nun ſprach Klingsohr plötzlich, wie ſich und die ganze Situation parodirend, plattdeutſch, dem ohnehin ſchon eine komiſche Wirkung beiwohnt. Er paro⸗ dirte ihren feierlichen Ernſt. Sie wandte ſich zum Schmollen ab und ließ ihn ſtehen. Klingsohr warf ſich in ſeinen Seſſel und blickte geiſterhaft vor ſich hin... Das in der Natur tobende Wetter hatte ſich etwas gemildert. Man hörte nur den gewaltig ſtrömenden Regen. Dann ſetzte er ſich ruhiger zu Lucindens Füßen auf eine Fußbank und das Haupt auf beide Hände ſtützend ſprach er dumpf: Baſtard! Glaube das nicht, du innerer, allzu eitler Dämon! Ja eitel! Wir werden die Urſachen dieſes tollen Spukes erfahren! Nur allzu ſehr fühl' ich in mir— das dienende Blut! Altes Sachſenblut? Auch ich? Wie wur⸗ den die großen athletiſchen Geſtalten mit den hängenden rothen Haaren unter dem Bärenkopf in die Weſer ge⸗ trieben, um von ihrem Odin und von ihrer Freyja zu laſſen! Wie ſaßen ſie hoch zu Roß, als ſie dem Banner ihrer Herzoge folgten! Wie dingten ſie mit dem Kaiſer und den Biſchöfen um ihr Recht und loderten auf um einen„Strohhalm“, der ihrer Ehre im Wege lag! Und ſelbſt noch im brocatenen Kleide mit der Perrüke und dem ſteifen Degen an der Seite, wie ſie da unten den Weſt⸗ fäliſchen Frieden ſchloſſen, ſchritten ſie gravitätiſch einher, langſamer, ſchwerfälliger, aber feſter auch auf ihre grüne Hufe vertrauend als irgendwer im übrigen Deutſchland! Dem engliſchen Lande gaben ſie die rechte Volksmiſchung und tauſend Jahre ſpäter einen König. Und wie haben —BQZñOzñ————ÿ—ꝛ—x:—— 198 ſie dieſe vier- und ſechsſpännig fahrende Weiſe bewahrt i bis auf den heutigen Tag! Ob ſie platt⸗- oder hoch—- deutſch reden, ſie lispeln nur und jedes Wort iſt g Schießpulver, wie Heinrich Percy's! Schlank iſt ihr ſi Wuchs, behend ihre Haltung! Wenn auf der Univer⸗ n ſität alle andern deutſchen Stämme durcheinander fahren, 1 der Bayer phlegmatiſch, der Franke windig, der Schwabe der andern Stichblatt, der Thüringer von ewiger Weh⸗ muth durchdrungen iſt trotz des allerdünnſten Biers, der Oberſachſe ſchwätzt, der Märker aus Blödigkeit, die er b nicht eingeſtehen will, grob und maliciös wird,... ſtehen wir Niederſachſen und Weſtfalen da wie die ſchlan⸗ ken Tannen am Bergesrand, feſt und ſicher wurzelnd; 0 ein Wort ein Mann, von einer Vornehmheit, der kein deutſcher Stamm ſich gleichſtellen kann! Man muß uns handeln ſehen um ein Roß! Kurz und bündig! Sechzig Piſtolen ohne Halftergeld! Spitz, ſcharf, weich der Ton! Feſt die That! Ach, vergib mir, Geiſt meiner guten, vielgeprüften Mutter, daß ich dich Arme, die Witwe eines mit dem Geiſt der Zeit Vermählten, der dich einſam daheim ließ am Spinnrocken, läſtere! Lore⸗ ley, nein! Hörteſt du's? Ich würde mir leider, leider nichts draus machen! Mag ich immerhin um eine Minute vor halb ſieben ſtatt zwei zu früh auf die Welt gekom⸗ men ſein, aber es iſt ein ſchlechter, elender, gemeiner Spaß deines frevelmuthigen Alten, und du thuſt recht, arme Gläubige, daß du entſchlummerſt. Die Bürde die⸗ ſer Lüge war zu ſchwer für dich! Ermüdet vor Aufregung, eingelullt durch den Wein und die geſpenſtiſche Weiſe des wie immer dergleichen. 1 199 im Prophetenton vor ſich Hinſprechenden, ließ Lucinde es geſchehen, daß der düſtere Träumer, in deſſen Seele es gleichfalls ſchon lange mehr zur Nacht als zum Lichte ſich zu wenden ſchien, ihre Hände ergriff, dieſe küßte, näher und näher ſeine Wange an die ihrige ſchmiegte und ſie in ganzer Länge auf den ſchwellenden Divan ausſtreckte. Eine Weile betrachtete er ſie mit gefaltenen Händen... Dies ſah ſie noch... ihr Auge blieb offen oder blinzelte doch... Ihre Mienen waren in ein Lachen wie erſtarvt... Jetzt ein Epheukranz um dein Haupt, flüſterte Klings⸗ ohr, der Thyrſusſtab mit Weinlaub in deiner Hand, ein Pardelfell unter dir, und die Bacchantin erwartet ihren Praxiteles! Lucinde verſtand nichts. Sie hauchte nur: Doch! Doch! Doch! Doch hat der Kronſyndikus recht! war ihre Meinung. Klingsohr verſtand, was ſie ſagen wollte, und gerieth in Sinnen. Seine Phantaſie malte ſich die Möglichkeit aus— und wie bei ſolchen Naturen dann geſchieht, ſah er allmählich die Wirklichkeit. Jetzt als wenn ihn Furien peitſchten, er müßte und ſollte glauben, erhob er ſich und ſprach unausgeſetzt, wol ein halb Dutzend mal, vor ſich hin: Wär' es denn möglich? Wär' es denn möglich? Indem meldeten die Diener das Nachlaſſen des Regens.... Spannt ein! rief Klingsohr wild und erhob die Flaſche. Und wieder ſchenkte er voll und nicht mehr in die kleinen ſpitzen Gläſer, ſondern in Waſſergläſer. Er credenzte 200 ebenſo Lucinden, die trank, weil ſie Waſſer zu nehmen glaubte... Drei Späne aus dem Thor der kleinen Buſchmühle! lallte Klingsohr und zog den Ton wie durch die Zähne, ſodaß es ſchneidend hämiſch und bitter erklang. Ich wette, daß ich ſie unten finde, du alter Freigraf der Feme! Am nächſten beſten Baum kann der Freirichter Wittekind keinen jetzt mehr henken, ſo hat er dem Vater einen andern Streich ſpielen wollen! Iſt nicht eine Schlange das Wappen der Wittekinds? Nein, ein Lindwurm! Aber ich will Feindſchaft ſäen unter den Samen der Schlange, ſpricht der Herr! Ich werde mich nach dieſem Schurkenſtreich mit meinem Alten ausſöhnen. An der Mühle wollen wir ſitzen und wenn das Rad klappert, nehmen wir das Geſang⸗ buch zur Hand, wo die Mutter deutlich eingeſchrieben: Den 13. Auguſt 1809 geboren mein Heinrich Otto Alexander! Alexander! Mein Alter hoffte auf Rußland damals! Heil von Moskau! Und warum nicht auch! Nur—„Gott iſt groß und der Zar iſt weit!!“ Seufzend wankte er zu Lucinden, beugte ſich über ſie und ſprach jetzt leiſe und wie ſingend: Träume! O träumteſt du: Es rauſchen die Blätter, es flüſtert der Wald, Wer regt ſie der Winde ſo mannichfalt? Nur Einer! Es blitzen die Farben im hellen Kryſtall, Sind's tauſend der Strahlen vom Sonnenball? Nur Einer!. eehmen klang. eigraf der o hat ollen! linds? ſäen Herr! einem ſitzen ſang⸗ teben: Otto ßland auch! her ſie 201 Ich, ich, ich erwidere dir, Mädchen: Es klopfen viel tauſend Schläge der Bruſt, Wer führt ſie, die Hämmer in Schmerz und in Luſt? Nur Eine! Was hebt dir die Seele, was ſprengt dir das Sein? Iſt's Himmel? Iſt's Erde?... Allein, allein Nur Eine! So ſprach Klingsohr. Fiebernd, im Taumel der entfeſſelten Sinne hatte er ſich über die Halbſchlummernde gebeugt... zurück— geſunken und halb auf dem Divan ausgeſtreckt, hielt ſie den linken Arm rückwärts unter das Haupt gelehnt... mit dem rechten wehrte ſie kraftlos ſtürmiſchere Zärtlich⸗ keiten ab... das Bewußtſein verging ihr... die Augen ſchloſſen ſich, müde wie damals im Walde mit Oskar Binder. Sie träumte ſchon, ehe ſie ganz entſchlummert war. Selbſt eine heftige Erſchütterung, die ſie annehmen laſſen mußte, daß Klingsohr plötzlich aufſprang, erweckte ſie diesmal nicht. Sie hörte ein fernes Brauſen wie an einem Waſſer. Es konnten Thüren, Schritte, Stimmen durcheinander ſein... ſie träumte von bunten Wolkenwagen, von Farben des Regenbogens... ſie ſah ihre Tauben wieder, die den Wolkenwagen zogen, ſie ſah alle die glänzen— den Shawls, Teppiche, Kleiderſtoffe aus dem Magazin des Herrn Guthmann rings drapirt über dem Regen⸗ bogen und kleine Gnomen trugen alles ab und zu, und wieder waren es doch die lächerlichen Modegecken im Bazar Guthmann, und ein langes Maß von Papier zog der eine und dem andern wurde unter der Hand eine Reihe von Sternen daraus... und dann waren es die Blumenbüſchel und blauen Glocken, die ſie im Walde am Fuße des Eggegebirges einſt im Sinken am Riedbruch in der Hand gehalten, und alles um ſie her wurde dann grün und immer grüner und mit zwei funkelnden Augen lag plötzlich jene Eidechſe auf ihrer Bruſt, die damals unter dem moosbewachſenen Steine aufſchlüpfte... Nun erwachte ſie. Um ſie her war es ſtill. Die Lichter waren ausge⸗ löſcht bis auf eines, das faſt niedergebrannt war. Sie mußte ſo ſchlummernd, erſt heiter, dann angſt⸗ voll träumend, mindeſtens ſchon eine Stunde gelegen haben. Sie richtete ſich empor. Was war geſchehen? Hatte ſie Klingsohr verlaſſen, ohne ſie zu wecken? Nichts war zu hören als das Klappern einer fernen nicht geſchloſſenen Thür. Die Reſte der Mahlzeit, die leeren Flaſchen und halbgefüllten Gläſer ſtanden unabgeräumt, wirr durch— einander. Sie boten jenen Anblick, der nach einer Orgie die Sinne ſo ernüchtert, die Empfindung ſo beſchämt und empört... Unendlich müde, wie zerſchlagen an allen Gliedern, durchfröſtelt von der kühlen Luft des Zimmers, das ge⸗ öffnet geweſen ſein mußte, ſuchte ſie nach Menſchen, die noch wach waren. Alles war wie ausgeſtorben... Von Klingsohr war ihr doch geweſen, als hätte ſie im Traum 203 gehört, wie er laut über ſie hinweggerufen, an ihr gerüttelt hätte, und Menſchen mußten im Zimmer ge⸗ weſen ſein, alle Stühle ſtanden ja in Unordnung, der ge⸗ täfelte Fußboden knirſchte ſogar von förmlichem Schmuz... Sie ſah zum Fenſter hinaus... Es war tiefe, ſtille Nacht... Die große Wölbung der faſt unermeßlichen Fernſicht über Wieſe, Wald und Feld hin eine einzige ſchwarze Finſterniß, die kein Stern erleuchtete... Die Regenwolken hingen trüb und ſchwer. Sie öffnete, ſtreckte die Hand hinaus; ſie fühlte, daß die Luft kühl war, doch nicht mehr tropfte... Sie gedachte jetzt deutlicher Klingsohr's, gedachte er— ſchreckend ſeiner letzten Zärtlichkeiten, die ſie mit ſchon geſchwundenem Bewußtſein hingenommen, ſeiner wilden, vermeſſenen, wie ein ſchneidender Luftzug noch durch ihre Seele gehenden Reden. Ihr war nur am Muthe des Mannes gelegen, an ſeinem Trotz, an ſeiner Heraus⸗ forderung gegen Menſchen und Geſchick, und in dem, was ſie heute und ſchon oft von Klingsohrn gehört, lag doch eher eine Thatkraft, die ſich nur künſtlich auf— ſtachelte... Sie gedachte ſchreckhaft des Kammerherrn; ſie glaubte die Thür ſich öffnen zu ſehen und das kratzende Scharren eines Hundes zu hören. Nun faßte ſie den Gedanken, ob ſie noch zu dem Pavillon in den Park könnte, wo ſie doch eigentlich wohnte. Hatte man ſie vergeſſen? Sie nahm das Licht, um auf die Treppe und dann über den Hof zu ſchreiten. Erſt mußte ſie durch die langen Corridore, wo rings an den Wänden die Spiegel ihre eigene Geſtalt wieder⸗ gaben. Wie ſah ſie aus! Wie aufgelöſt hing das Haar! 204 Wie lag das Kleid von den Schultern herab! An die Spiegel mit dem Lichte tretend, bebte ſie zurück, weil ſie plötzlich der Sage gedachte, daß es mit dem Glocken⸗ ſchlage zwölf unheimlich wäre mit einem Licht ſich im Spiegel zu ſehen... Doch bis zum Hofe kam ſie nicht, nicht einmal bis zur Treppe; die offen ſtehende Thür machte einen Zug— wind, der ihr das Licht ausblies. Nun ſtand ſie vollends erſchreckt. Sie rief: Liſabeth! Liſabeth! Keine Antwort, als das Echo des langen Cor⸗ ridors... Sie taſtete ſich zurück zu den vordern Zimmern. Hier aus dem Fenſter zu rufen war den Sternen ge⸗ ſprochen... Nun wankte ſie dem Divan wieder zu und hielt ſich an der kalten Marmorbekleidung des Kamins... verwün⸗ ſchend die Rückſichtsloſigkeit, die ſie hier ſo preisgeben konnte. Als ſie ſich aber niederlaſſen mußte, weil es ſie fieberiſch fröſtelte, fühlte ſie etwas wie einen Man⸗ tel. Erſchreckt fuhr ſie zurück. Es war eine Decke, eine der geſteppten, die unter die Federbetten gebreitet werden. Man hatte alſo doch an ihre Ruhe gedacht und vorausgeſetzt, daß ſie hier und auf dem Divan die Nacht zubringen würde. Ihr Fuß ſtieß auch an ein Federkiſſen, das hin⸗ untergeglitten war. Sie konnte es unter ihren Kopf legen und that es. In die „weil locken⸗ ch im al bis Zug⸗ Cor⸗ zmern. en ge⸗ lt ſich rwün⸗ geben es ſie Man⸗ Decke, breitet t und Nacht hin⸗ Kopf 205 Sich in ihr Loos ergebend, ſtreckte ſie ſich, um zu ſchlafen, drückte den Kopf in das untergelegte Kiſſen und zog die Decke über ſich. Es wurde ihr wärmer; aber die Bilder der erregten Phantaſie wichen noch lange nicht... Immer ſah ſie Leben und Bewegung um ſich her. Jede zufällige Be⸗ rührung weckte eine Vorſtellung. Klingsohr's Geſtalt konnte ſie nicht ſehen, aber hörbar blieb ihr ſeine Stimme. Immer noch glaubte ſie ihn reden zu hören und zwi— ſchendurch öffnete der Kronſyndikus die Thür und fragte: Schläfſt du?... Auch den Deichgrafen ſah ſie durchs Zimmer ſchreiten und die Ahnenhilder in den goldenen Rahmen ſtumm betrachten... dann wurde die Reihe der Geſtalten immer ferner, nebelhafter wurden ihre Umriſſe... Sie ſah die Frau Hauptmännin Tauben morden und Mäuſe fangen aus freier Hand und vor ſchönen Prinzeſſinnen knixen und ſie dann in den Keller ſperren, wohin ſie ihnen in der Nacht Beſuche machte, mit der Lampe über ihnen hinwegleuchtend und lachend, wenn eine Ratte an ihnen nagte... gerade wie ſie ihr einſt gethan... Die eine Schlummernde war ihre todte Schweſter; die erhob ſich aber und ſetzte ſich an ihren eigenen Nähtiſch, kleine Hemden zu nähen, die wol den beiden noch lebenden Geſchwiſtern im Waiſenhauſe ge— hören ſollten... auch dieſe erſchienen und winkten ſo ſeltſam und ſo abwärts... und die drei andern kleinen Geſchwiſter, die am Scharlach geſtorben, ſah ſie mit Blumen bekränzt und eine wundervolle Muſik begann... es waren die Flötentöne der Harmonica... es war die Kirche in Eibendorf... die Kirche der Reſidenz ———ͤ— 206 dann wieder... das Geſangbuch der Magd im Hauſe des Stadtamtmanns blitzte in ſeinem Goldſchnitt und ſchlug ſich hell auf... ſie las Warnungen, Mahnungen, unter⸗ drückte und hier offen ausgeſprochene Vorwürfe ihres Ge⸗ wiſſens... bis ſie dann feſter einſchlief, aber doch immer noch in der Vorſtellung, den Vater zu führen, alle die ſchmalen Brückenſtege von Langen⸗Nauenheim entlang, und dem ſchwer dahintaumelnden kleinen Mann, der ſeinen Hut verloren und, mit den weißen Haaren im Winde, immer nach dem Kopfe griff, zuzurufen: Vater hier! Vater hier! So war ihre letzte Erinnerung... Am folgenden Morgen weckte ſie die Liſabeth und brachte die ſchreckliche Kunde, daß man geſtern Nacht im Düſternbrook den Deichgrafen in ſeinem Blute ſchwim— mend und— ermordet gefunden hätte. uſe des ſchlug unter⸗ es Ge⸗ immer ν 14. Als Lueinde dies grauenvolle Wort hörte, ſprang ſie empor. Sie verſtand nicht einmal gleich, was ſie hörte. Sie wußte anfangs kaum, wo ſie war. Die Mägde hatten ſchon aufgeräumt und über dem gelben Plüſchſammt hingen ſchon wieder die grauen Ueber⸗ züge. Nur ſie hatte man den erquickenden Schlaf noch genießen laſſen. Die Liſabeth wiederholte die grauenvolle Mittheilung: Der Deichgraf iſt todtgeſtochen! Geſtern! Im Dü⸗ ſternbrook! Aber der Doctor? fragte Lucinde erblaſſend und ſich auf alles Geſtrige jetzt erſt beſinnend. Sie ſchliefen gerade, hieß es, als die Leute, die auf der Buſchmühle arbeiten und den Weg über Neuhof nehmen, wenn ſie nach Hauſe wollen, die Nachricht brach— ten. Es war um neun Uhr. Ermordet! wiederholte Lucinde ſchaudernd und ſich auf das, was damit zuſammenhängen konnte, beſinnend... Abgeſtochen mit einem Meſſer, gerade wie man einen O.O— 208 Karpfen abſticht, dicht am Kiemen! fuhr die Liſabeth fort. Im Regen lag er hart am Grenzſtein bei der großen Eiche. Mit dem Menſchen, der's gethan hat, muß er gerungen haben auf Leben und Tod! Aber wer war es denn? Die Liſabeth wußte niemand zu nennen, erzählte aber von der Bewegung auf dem Hofe und in der ganzen Gegend... Und der Doctor? Dem hätte man's geſtern Abend ſogleich geſagt. Er hätte wie verſteinert geſtanden, ſie erſt wecken wollen, dann wäre er hinuntergeſchlichen in ſeinen Wagen, wie ein Schatten. An den Glaswänden hätte er ſich wie ohnmächtig gehalten und wie er ſein Antlitz drin ge⸗ ſehen, hätt' er ſich an den Kopf geſchlagen und einige⸗ mal gelacht, gelacht nämlich vor Schmerz... Die Liſabeth erzählte, wie es auch ihr immer ginge, daß ſie vor Schmerz lachen müßte und daß ſie ſchon einmal drum einen Doctor gefragt hätte. Die Aerzte wiſſen, was ſie alles dem Volke leiſten ſollen! Sie werden ge— fragt, ob ſie nicht Tränke hätten, daß man gerade nur dies oder das träume, und zu manchem Arzt ſchon kam eine Mutter und verlangte ihrem Kinde etwas verſchrie⸗ ben, weil es ſo leicht„ſchrecke“. Von den Nerven Lucindens wiſſen wir ſchon, daß ſie gegen den Schreck geſtählt ſind. Was aber ſagte denn nur der— Doctor? fragte ſie. Der wollte Sie nur wecken, hieß es weiter, und als Sie nicht hörten, ſchlich er davon und in den Wagen war er und ſein Gaul zog ihn fort, wir unße i fort. rroßen uß er e aber ganzen t. Er wollen, n, wie ch wie in ge⸗ einige⸗ ginge, einmal wiſſen, en ge⸗ de nur n kam eſchrie⸗ n, daß gte ſie. und als Wagen n ſelbſt 209 nicht wie. Hernach ſagte Stephan, der ſpät aus dem Wirthshaus kam, es wäre beſſer geweſen, es hätte ihm eins ſein Roß geführt: er hätte auf die Nacht ein Un— glück haben können... es geht ſchroff ab bis zur Buſchmühle. Dort fand er ſchon den todten Vater? fragte Lucinde kopfſchüttelnd. Stephan, fuhr die Liſabeth fort, war der erſte, der den Deichgrafen gefunden hat. Es fehlte ihm ein Stemm eiſen. Da war's ihm doch, als ob er's im Grund hätte liegen laſſen an der großen Eiche. Nun ging er hinunter und im Schummer ſchon. Gleich ſah er, wie da alles durcheinander lag an ſeinem Werkplatz. Der Stein mit dem Adler war weggeſchoben, rundum alles zertreten, und wie wenn es Streit gegeben. Und nun, Marie Joſeph! da fand er denn auch den Deichgrafen gerad' auf dem Geſichte liegend. Hier, ſehen Sie, hier am Hals, da wo ſchon manche ein neugeboren Kind mit einer Steck⸗ nadel umgebracht hat, gerade da hatt' er's weggekriegt; nicht drei Zoll tief war der Nickfänger hineingefahren, ſagte Stephan. Der Nickfänger? fragte Lucinde. Woher weiß man denn von...? Was wird der Kronſyndikus ſagen? fügte ſie jetzt noch ganz harmlos hinzu. Die Liſabeth ſah Lucinden groß an. Sie ſchien zu erſtaunen über eine Frage, die geringe Menſchenkenntniß verrieth. Lucinde war in der That von den ſonſtigen Dingen, die in ihr lebten, ſo erfüllt, daß ſie kaum noch an die auffallende geſtrige Rückkehr des Kronſyndikus“* dachte. Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 14 Die Liſabeth erklärte zunächſt das ſpäte Ausblei⸗ ben Stephan Lengenich's. Er hätte im Wirthshaus den Vorfall wol zehnmal wiederholen müſſen. Die Leiche war in die Buſchmühle getragen worden und jetzt ſäße ſchon ein Actuar aus dem Amte Lüdicke unten und im Düſternbrook würde alles nach Befund aufgenommen. Daß es in dem ganzen Kreis eine nicht geringe Zahl von Menſchen gab, die mit dem Theilungscommiſſar in Streit lagen, und daß man ihm gerade an dem einſamen Düſternbrook hatte aufpaſſen können, ſtand feſt. Ein Verdacht auf dieſen oder jenen, der der Thäter hätte ſein können, wurde nicht ausgeſprochen; die Liſabeth ſelbſt war zu klug, die Gedanken, die der ganze Hof ſchon über den Kronſyndikus theilte, Lucinden mitzutheilen. Es war eine dumpfe Schwüle, die den Vormittag über Schloß Neuhof und allen ſeinen Bewohnern lag. Die Arbeiten gingen läſſig. Jeder hatte die ſchreckens⸗ volle Thatſache zu wiederholen und zu erörtern. Lu⸗ cinde begriff dann allmählich, daß die ſonderbare, allen erſichtlich geweſene Ausſöhnung des Kronſyndi— kus mit dem Sohn des Deichgrafen allgemein in einen Zuſammenhang mit dem Vorgefallenen gebracht wurde. Die Unruhe und das Geheimnißvolle wuchs, als Stephan Lengenich, der. allerdings im offenen Kriege mit dem Deichgrafen gelebt hatte, auf gerichtliche Re⸗ quiſition abgerufen wurde und am Abend nicht wie⸗ derkam. Die Vorſtellung, die ſchon auf dem ganzen Schloß feſtſtand, daß der Kronſyndikus der Mörder ge⸗ weſen, theilte ſich endlich auch Lucinden mit, und als erſt der Inſpector der Brennerei, die wichtigſte Perſon lsblei⸗ shaus Die d jetzt n und umen. Zahl ſar in ſamen Ein hätte ſelbſt über nittag lag. ckens⸗ Lu⸗ rbare, yndi⸗ n in bracht vuchs, Kriege 3 Re⸗ wie⸗ anzen r ge⸗ d alo erſon 211 auf der Oekonomie, erklärte, es würde doch wol noth⸗ wendig ſein, daß der Kronſyndikus auf Eggena durch einen Expreſſen von dem Vorgefallenen in Kenntniß ge⸗ ſetzt würde, und dabei die Miene eines Mannes machte, der wie von etwas an ſich ganz Ueberflüſſigem ſprach, wandte ſie ſich erblaſſend ab und ging dem Parke zu, überlegend, ob ſie nun nicht ſelbſt zur Buſchmühle ſollte. Die Wege dorthin waren aber übermäßig vom Regen aufgeweicht und Beiſtand mochte ſie nicht begehren. Schon war ihr, als wäre ſie eine Mitſchuldige, die vor allem den Kronſyndikus zu ſchonen hätte!... Darum war Heinrich ſein Sohn! Darum wollte er ihm gleichſam die Hände binden! So ſprach ſie mit ſich im Pavillon und blickte gedankenvoll in den düſtern Park. Der Sturmwind peitſchte wieder die Zweige der hohen Ul— men und bog ſelbſt die Stämme. In ihrem Innern ſah es nicht anders aus. Einer Nachricht von dem Doctor harrte ſie mit jeder Minute entgegen. Dieſe kam aber nicht. Der Tag ging über das grauenvolle Ereigniß hinweg, auch eine auf— geregte, halb ſchlafloſe Nacht. Von dem Doctor war nichts zu hören und zu ſehen; ſelbſt dem gewöhn— lichen Boten, dem buckeligen, grauhaarigen Sohn der Alten, bei denen ſie wohnte, dem Muſikanten, hätte ſie ſeinen Verrath verziehen, wenn er nur eine Mit⸗ theilung gebracht hätte. Als dieſer aber kam, den Vor⸗ fall wiederholte und obenein noch hämiſch lachte und ſeinen nun auch wie aus ihrer Lethargie erwachenden und grinſenden Alten von einem Schaffot ſprach, über das erſt ein Sammttuch gebreitet werden müßte mit 14* 212 einem geflügelten und gekrönten Lindwurm— dem Wappen der Wittekinds— da ergrimmte ſie aufs heftigſte, ver⸗ bot ihm im Pavillon zu bleiben, riß, da er nicht gehen wollte, das Fenſter auf, warf ſeine Geige weit in die Nacht hinaus, zwang ihn, ſeinem Inſtrumente, das er auf allen Kirchweihen und an jedem Sonntage in den Schenken um Witoborn ſtrich, nachzulaufen und ſchloß indeſſen, mit einigen Sätzen von der Treppe ihm nach⸗ ſpringend, die Thür des Pavillons. Die Alten vergegenwär⸗ tigten ſich inzwiſchen, welchen„Stein im Brete“ Lucinde vorn im Schloſſe hatte, und ließen ſie aus Furcht gewähren. Auf dem Hofe fehlte das Auge des Herrn. Der Bote hatte vom Vorwerk Eggena die Nachricht gebracht, der Kronſyndikus würde in der Frühe zurückkommen. Er kam aber noch am Mittag nicht. Am Abend traf er dann endlich ein. Er allein, ohne den Kammerherrn. Lucinde hörte das von den Alten, die beim Hofkehren ihn hatten ausſteigen und vom Landrath, der ihn begleitete, Abſchied nehmen ſehen noch immer war er in ſeiner glänzenden Uniform. Jetzt drängte ſie's, zu ihm zu eilen, und doch fürchtete ſie ſich, dem Ent⸗ ſetzlichen entgegenzutreten. Auch mußte ſie nach dem Vorgefallenen, nach dem Beweiſe des höchſten Vertrauens, das er ihr geſchenkt, glauben, er würde bald aus eigenem Antriebe entweder ſelbſt kommen oder um ſie ſchicken. Da es endlich dunkel wurde und ſich niemand bei ihr ſehen ließ, auch vom Doctor immer noch keine Kunde kam und nur erzählt wurde, am folgenden Morgen würde auf einem der nächſten Kirchhöfe, der zu einer kleinen evan⸗ geliſchen Gemeinde gehörte, der Deichgraf beſtattet werden, Vappen e, ver⸗ gehen in die das er in den ſchloß n nach⸗ genwär⸗ Lucinde währen. Der ebracht, ommen. traf er rherrn. fkehren er ihn er war ee ſies, m Ent⸗ ich dem und als dann auch Abends von dorther klagend und faſt wimmernd zwei kleine Glöcklein aus dem Thale herauf⸗ klangen, hielt ſie es ſo nicht länger aus. Sie wagte ſich über den großen Weiher des Parkes, deſſen gefie⸗ derte Bewohner ſchon längſt die Stockwerke ihres Thurms bezogen hatten, hinaus, ſie wollte ſich in den Zimmern des Kammerherrn zu ſchaffen machen und ſo den Vater an ihre Gegenwart erinnern. Wie erſtaunte ſie aber, als ſie daſſelbe Gefährt, in welchem vor zweimal vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr angekommen geweſen, an der hintern Auf— gangstreppe des Schloſſes ſtehen ſah und erfuhr, der Sohn des Deichgrafen wäre oben mit dem Kronſyndikus allein und niemand dürfte ſie ſtören! Sie traute ihrem Ohre kaum. Jetzt ſah ſie jeden⸗ falls die Beſtätigung erſt der Unſchuld des Kronſyn⸗ dikus überhaupt, dann aber auch wieder, aufs neue grübelnd und die Vorgänge vergleichend, die ſo nahe Verwandtſchaft zwiſchen beiden. Von den Leuten erfuhr ſie, daß die Ausſichten auf Entdeckung des Mörders ſich gemehrt hatten. Theils behauptete man, daß von einem Morde überhaupt nicht die Rede ſein konnte, ſondern nur von den Folgen eines Wortwechſels. Hatte der Deichgraf beim Streite ſich gewandt und war ein gezücktes Meſſer(ein gezogener Hirſchfänger, wagte ſchon niemand mehr hinzuzuſetzen) ſo unglücklich geweſen, gerade im ſelben Augenblick in den Nacken zwiſchen die Halswirbel zu fahren, ſo drehte er ſich noch einen Augenblick ein wenig um und„weg war er“, wie Kenner verſicherten. Man erzählte, daß ſo die Jäger mit dem Nickfänger dem Todeskampfe eines erlegten Hirſches im Nu ein Ende machen. Alle aber wußten, daß ſich die Umſtände, wie es hergegangen, immer mehr lichteten, ſeit man einem Fetzen Tuch, den ſicher im Rin⸗ gen das Opfer ſeinem Mörder vom Kleide geriſſen, dieſe einſtimmige Erklärung gab. Man wußte auch, daß der Tuchfetzen von Farbe grün geweſen. Allen ſtand frei— lich, ohne daß eine Silbe laut wurde, dabei der Kron⸗ ſyndikus vor Augen, der ſo ängſtlich vorgeſtern ſeinen grünen Jagdrock bis oben hin zugeknöpft gehabt hatte, allen war begreiflich, daß der Geruch, der ſich ſo peſti⸗ lenzialiſch im Schloſſe nach ſeiner Rückkehr aus der Ge⸗ gend des Grundes her verbreitet hatte, nur von einem verbrannten Kleide herrühren konnte... aber niemand verweilte dabei erſichtlich, die einzige Liſabeth ausge⸗ nommen, die wie ſinnlos hin- und herrannte, ſeitdem Stephan Lengenich aus Lüdicke nicht wiederkam. Indem klingelte es beim Kronſyndikus aufs hef⸗ tigſte... jeder glaubte, dort wäre Hülfe nöthig... Lucinde bebte... die Liſabeth ſuchte nach Faſſung... ſie ſchickte einen Diener, um die Befehle des gnädigen Herrn zu holen. Nach wenig Augenblicken kam der Diener zurück... Das Roß ſollte ausgeſchirrt werden! Ausgeſchirrt? war nur ein Ton, den alle zugleich ſprachen. Man zerſtreute ſich kopfſchüttelnd. Auch Lu⸗ cinde zog ſich zurück, dem Vorpark zu. Wieder aber klingelte es... Der Diener kam aufs neue und brachte die Nach⸗ erlegten richt, man hätte Licht verlangt und— zwei Flaſchen wußten, Burgunder! er mehr Jetzt wußte Lucinde nicht mehr, woran ſich halten. im Rin Sie fragte nach dem Kammerherrn, von dem niemand —n, dieſe etwas wußte, dann ſchwankte ſie, da nach ihr nicht be— daß der gehrt wurde und ſie auch nicht wußte, wie ſie in eine ſo nd frei geheime Zwieſprache eintreten ſollte, ihrem Häuschen zu, r Kron⸗ jetzt ſich ſelbſt mit ihrer Jugend und Lebensunerfahren⸗ n ſeinen heit beſcheidend. Sie ſagte ſich, daß ſie bei ihren Jah öt hatte, ren alles das ſchon zu verſtehen—„zu dumm“ wäre. ſo peſti Im Pavillon war es düſter und geſpenſtiſch. Der der Ge Sturm tobte, Zweige brachen. Die Mitbewohner ſchlie⸗ en einem fen ſchon. Sie glaubte immer noch, man würde ſie nun niemand wol nach vorne rufen. Es geſchah aber nicht. Es ver ausge⸗ ging die zehnte Stunde. Endlich ſuchte ſie fiebernd das ſeitdem Lager Das Lied der Prinzeſſin Ilſe aus dem„Liederbuch von Heine“, in dem ſie eine Weile geleſen, rauſchte ihr ufs hef noch lange im Ohr: t... d1— Es bleiben todt die Todten, 2 en Und nur das Lebendige lebt; gnädig Und ich bin ſchön und blühend, Mein lachendes Herze bebt. nnit.. Und bebt mein Herz dort unten, So klingt mein kryſtallenes Schloß, 3 zugleic Dort tanzen die Fräulein und Ritter Auch Lu⸗ Und jubelt der Knappentroß. Bilder wie vom Hauſe im einſamen Tannenwald, 1 Bilder vom ledernen Großvaterſtuhl und der am ſchnur⸗ ie Nach⸗ die 216 renden Spinnrad ſitzenden Großmutter, Bilder vom wilden Jäger und ſeinem Liebchen, vom Mondſchein, vom Galgen, von Gretchen in ihrem Wahnſinn gaukelten um ſo mehr um ſie her, als die Lebensſchickſale der alten Stammers und einer ihnen frühgeſtorbenen Tochter ſich trotz der Dun— kelheit, die für ſie auf ihnen lag, geſpenſtiſch einmiſchten. Der Refrain„Dort oben auf dem Schloſſe“ blieb ſich immer gleich und dazu geigte der buckelige„junge“ Stam⸗ mer unter ihrem Fenſter und wisperten die Alten nebenan. Es war ihr, wie wenn irgendwo Hochzeit gefeiert wurde mit Gäſten aus der Unterwelt. Blanke Ritter, Frau'n und Knappen Schwangen ſich im Fackeltanz.... Am folgenden Morgen klagten dann wieder die ihr wohl bekannten, ſonſt aber ſelten von ihr beachteten kleinen Glöcklein, die evangeliſchen; die großen, die katholiſchen ſchwiegen. Vom Doctor erfuhr Lucinde, daß er Nachts zwölf Uhr erſt vom Schloſſe abgefahren, und vom Kronſyndikus, daß er ſchon um fünf Uhr in der Frühe wieder vom „ſchönen Enckefuß“ abgeholt und nach Eggena zurück⸗ gekehrt war. Nach ihr war nicht gefragt worden, und ſie hörte dies gern, weil es ihr anzudeuten ſchien, daß zwiſchen den Menſchen, die ihr werth waren, Friede herrſchte. Auch auf Schloß Neuhof war große Bewegung, denn um acht Uhr ſollte der Deichgraf begraben werden. Aus der Nähe und Ferne, zu Fuß, zu Roß, zu Wagen ſtrömten Theilnehmende herbei. „Es war ein Mann! Nehmt alles nur in allem!“ ammers er Dun⸗ niſchten. ſebenan. t wurde die ihr kleinen oliſchen ölf Uhr ondikus, r vom zurück⸗ n, und in, daß Friede g, denn klang ſeine Nachrede— erſt am Grabe von der auf⸗ geſchütteten Erde aus, dann aber ſelbſt bis in die fern— ſten Gauen des Vaterlandes. Man legte Eichenkränze auf ſeinen Hügel. Sie wur⸗ den auch im bildlichen Sinne ihm gewunden, in Nachrufen aller Art, in Verſen, in ungebundener Rede... Man pflückte die Blätter zu dieſen Kränzen auch bildlich aus den Schluch⸗ ten des Teutoburger Waldes, durch die der Edle damals als Flüchtling geirrt, wie er ſich in der Befreiungsſtunde des Vaterlandes ſo gefahrvoll verrechnet hatte. Auch ſeine Tage von Magdeburg wurden gerühmt. Schon war ja die Zeit angebrochen, wo auf den Thronen Herrſcher ſaßen, die die Blütenträume auch ihrer Jugend wollten reifen ſehen. Und ſo wie jetzt bei dieſem vielbeſprochenen Ende eines Patrioten, gehen ja noch zuweilen durch das Vater⸗ land ſegnende Geiſter und ſchwingen die Fahnen unſers wahren Ruhmes... Zu den Poſaunen, über welche die weißen Ehrentücher des Friedens, nicht die blutigen des Streites feſtlich niederhängen, horchen wir dann noch einmal wieder empor, wie zu den Herolden unſerer wah⸗ ren vergangenen und künftigen Größe. O daß es ſo oft nur die Todten ſind, um die wir uns die Hände reichen! Daß es faſt immer nur eine Erinnerung, ein Lied, ein Gedicht iſt, um das eine kurze Weile das viel— ſtimmige Durcheinander der Parteien verſtummt, eine Weile der große Riß, der durch das deutſche Herz geht, nicht im eigenen empfunden wird!... Man pries des Geſchiedenen Muth, ſeine Charakterſtärke und Rechtlich⸗ keit. Sein letzter Uebergang in die Formen der Bu— reaukratie war ein ſo natürlicher geweſen. Er war von 218 denen, die die antike Tugend hatten, den Staat bis in die innerſten Fingerſpitzen zu fühlen. Man verurtheilt ſo oft ſchon wieder dieſe Tugend! Ja wie habt ihr ſie gefährlich gemacht! Nach dem, was wir ſchaudernd alle erlebten, welch ein Verbrechen iſt es nicht geworden, auf den Ruf der Lärmtrommel zu hören, die durch die Stra⸗ ßen wirbelt! Wer nur hinausſieht, wer nur je ein Wort in eine freie Luftwelle gab, dem wurde die Zeich⸗ nung vor den Mächtigen gewiß! Nun müſſen wir uns ſchon ſo erziehen, daß wir in einem allgemeinen Brande auf keinen noch ſo ſtarken Hülferuf mehr hören, ſondern kalt nur unſere eigene Habe bergen.„Was geht euch das Andere an!“ Wehe, wehe euch, wenn einſt die Stunde der großen Gefahr ſchlägt, die dem Vaterlande immer näher rückt! Dann werden wir in die Straßen und Plätze hinausſprechen ſollen und niemand wird es können oder wagen! Dann werden wir gerufen wer⸗ den von den Signalen, die uns trügeriſche erſcheinen müſſen, ſeit ihr die, welche ihnen ſchon einmal ge⸗ folgt ſind, ſo unerbittlich ſtraftetl! Wehe dann euch— und auch uns! Klingsohr, der Alte von den Externſteinen, hatte dieſe Selbſtbeherrſchung nicht und ſein lebendiges Ergriffenſein von der Zeit rühmte man damals an ihm. Man nahm die Lieder von Arndt und Schenkendorf zu Eingangs⸗ und Schluß⸗Blumenpforten ſeiner Nekrologe, die ſich bis in die fernſten kleinen Volksblätter verloren. Auch ſein Bild verbreitete man. Es war nur ein kleiner, kurzer, dicker, unterſetzter Mann, gar kein Gracchus oder Timoleon der Phantaſie geweſen. Die Stirn war ſogar ſo groß, wie bis in urtheilt ihr ſie nd alle Zeich⸗ vir uns Brande ſondern ht euch inſt die erlande traßen ird es mwer⸗ heinen al ge⸗ ch— e dieſe fenſein nahm gangs⸗ bis in Bild dicker, on der , wie 219 man ſie bei Narren zeichnet, die Augen blinzelnd klein, die Backenknochen vorſtehend, wie bei Baſchkiren, der ganze Mann einem modernen Bacchus nicht unähn⸗ lich, und doch trank der Mann nur das klare Waſ— ſer des Buſchmühlbaches, ſo oft er auch den„Va⸗ ter Rhein“ beim jährlichen Erinnerungsfeſt der Freiwil⸗ ligen und der Gründung der Städteordnung leben ließ. Er war entzündet vom Feuer nur ſeiner freien und überzeugungsreinen Seele. Er hatte die Schönheit des Gedankens. Einige Spötter rügten, daß er nicht nur kein Vermögen hinterließ, ſondern das, was er beſaß, ſogar in Zerrüttung. Doch hatte er Gläubiger, die ihm dennoch auch noch den Gutsankauf hatten möglich machen wollen. In einigen Städten ſammelten die Liederkränze für ſein Grab und zu einem Denkſtein. Um den Anlaß ſeines Todes loderte erſt über jeder Bergſpitze und nach allen Richtungen des Vaterlandes hin eine große Flamme des Zornes und gedrohter Rache. Dann aber kamen in den Zeitungen wieder die berühm— ten Sänger, die Tänzer, Tänzerinnen, Feſtlichkeiten in Paris und London, man hatte einige Mammuthsknochen ausgegraben, die neuen Eiſenbahnen erfüllten alles mit Bewunderung und Speculationseifer; eine Flamme nach der andern erloſch und zuletzt blieb kein anderer Rächer übrig als das langſame und geheime Gerichtsverfahren jenes mehreren Dynaſtieen angehörenden Städtchens Lü⸗ dicke und der über die Buſchmühle verhängte Segueſter. Stephan Lengenich, der Küfer und Arbeiter im Düſtern⸗ brook, blieb indeſſen eingezogen. Er galt bereits in we⸗ nig Tagen für den muthmaßlichen Mörder. ——— 15. Zwei Tage nach dem Begräbniß ſeines Vaters ſah man den Doctor Heinrich Klingsohr mit dem Kron⸗ ſyndikus nach der Buſchmühle fahren und daſelbſt das verſiegelte Inventarium beſichtigen. Zwei ſtattliche Mecklenburger, die beſten des Stalles und herübergekommen erſt kürzlich aus den norddeutſchen Beſitzungen der Wittekinds, waren dem leichten, elegan⸗ ten Wagen vorgeſpannt. Wieder einige Tage, und der Freiherr von Wittekind⸗ Neuhof und Doctor Heinrich Klingsohr reiſten gemein⸗ ſchaftlich nach der großen Stadt, in welcher der Regie— rungsrath Friedrich von Wittekind eben zum Oberregierungs⸗ rath ernannt worden war... Auch ihm waren düſtere Gerüchte zu Ohr gekommen über den Tod des Deich⸗ grafen. Um ſo freudiger überraſcht mußte er ſein durch den Beſuch des mit ſeinem Vater ſo traulich verbunde⸗ nen Sohns deſſelben. Man ſprach mit Unbefangenheit von dem Vorgefal⸗ lenen. Als jenes grünen Tuchkragens Erwähnung ge⸗ ſchah, der an der Mordſtätte wäre gefunden worden, ers ſah Kron⸗ öſt das Stalles utſchen ellegan⸗ gemein⸗ Regie⸗ erungs⸗ düſtere Deich⸗ durch bunde⸗ rgefal⸗ ng ge⸗ vorden, hieß es, daß durch eine Nachläſſigkeit unbegreiflicher Art ſo wichtige Hülfsmittel der Entdeckung plötzlich wären abhanden gekommen. Alle dieſe Geſpräche fanden in Gegenwart der neuen Frau von Wittekind ſtatt. Es war eine Heirath, die erſt jetzt die Billigung des Kronſyndikus erhalten. Eine nicht mehr junge, unvermögende, aber dem Sohne durch Gewohnheit und manche, wie man ſagte, ſchmerzliche Erinnerung werth gewordene Witwe eines geliebten Freun⸗ des und Amtscollegen, eines Herrn von Aſſelyn... Der Oberregierungsrath fand einen Vorſchlag, den ſein Vater machte, ſehr annehmlich. Doctor Klingsohr ſollte die mecklenburgiſchen und holſteiniſchen Güter der Familie bereiſen und ſich in Altona nach der Lage von Proceſſen erkundigen, deren die Familie über dieſe Beſitz⸗ thümer mehrere zu führen hatte. Der Doctor kannte Hamburg und freute ſich auf einen ihm bekannten zerſtreuenden und anregenden Auf⸗ enthalt, deſſen Koſten der Kronſyndikus trug. Den Kammerherrn hatte der Kronſyndikus zum Grafen Zeeſen geſchickt und zwar ſchon am Tage nach ſeiner ſtür— miſchen Abreiſe auf das Vorwerk Eggena. Daß der Un⸗ glückliche Widerſtand leiſten wollte, verſchwieg der Vater nicht, ebenſo wenig wie den Zwang, den man anwendete, den Widerſtand zu brechen. Er hatte ihn kurzweg binden laſſen. Der ſpäter nachgeſchickte Diener des Kammerherrn meldete, Graf Zeeſen böte alles auf, ſeinen Herrn zu zer— ſtreuen und zu feſſeln. Er ſänge ihm geiſtliche Lieder und beſpräche die Viſionen, die der Kammerherr zu haben glaubte. Inzwiſchen wäre der Kammerherr freilich bett⸗ lägerig geworden, aber die Verlobte des Grafen, das Freifräulein von Seefelden, ſorgte für ſeine Verpflegung. 86 Alle dieſe Veränderungen gingen auch an Lucinden vi nicht ſpurlos vorüber. Sie erſchütterten ſie nicht minder ter wie den Doctor und den Kronſyndikus. Der Doctor, der nae ihr unter allen Umſtänden jetzt wirklich als des letztern na⸗ O türlicher Sohn erſchien, wiederholte mit ſcheuem Niederblick, ihr ernſt und verſtört, wie er jetzt faſt immer war, Be— der theuerung ſeiner Liebe über Betheuerung; der Kronſyndi⸗ 1 kus hatte Urſache, die Vertraute eines Geheimniſſes, das beide im ſtillen Verkehr wiederaufnahmen, mit Aufmerk⸗ ein ſamkeit und Schonung zu behandeln. Sie erhielt Be⸗ a weiſe einer Freigebigkeit, die an dem ſonſt ſo geizigen llei Manne auffallend genug war. Da nicht gezweifelt wer⸗ Le den konnte, daß ſie das Ziel ihrer Herzenswünſche in ſit einer Vereinigung mit Heinrich Klingsohr ſinden mußte, ſo wurden die Aenderungen ihrer Lebensſtellung dahin getroffen, daß ſie ihm nahe bleiben, aber vorläufig doch bin noch ſo weit von ihm getrennt ſein ſollte, um keinen Anſtoß zu erregen. Vor allem fehlte ihr noch manche Vervollſtändigung ſ ihrer Bildung. Es war hohe Zeit, das Chaos ihrer de Fähigkeiten und Kenntniſſe zu lichten. Dieſe Anordnung hit wurde mit Fürſorge getroffen. Man hatte eine Familie d ausfindig gemacht, bei der ſie, nicht ſogleich in Hamburg te ſelbſt, wol aber dicht in der Nähe auf dem Lande n wohnen ſollte. d Da Heinrich Klingsohr erſt nach Göttingen zurück b mußte und bei allen dieſen Anordnungen von ſeiten des A wie verwandelten und ganz außerordentlich milde, zahm n 223 1, das und nachgiebig gewordenen Kronſyndikus eine Zartheit und legung. Schonung der Sitte und des Anſtandes beobachtet wurde,— einden wie wenn es ſich wirklich um eine künftige Schwiegertoch⸗ minder ter deſſelben handelte, ſo gab man Lucinden ſogar bis or, der nach Hamburg eine Begleiterin mit, die in der vom ern na⸗ Oberregierungsrath bewohnten Stadt gewählt wurde und erblic, ihr auf halbem Wege entgegenkam, an dem Tage, wo , Be⸗ der Kronſyndikus und Klingsohr ſie auf ihrer Abreiſe nſyndi⸗ vom Schloſſe begleiteten. 6, das Die Abreiſe fiel mancherlei Umſtände wegen auf ufmerk⸗ einen Tag, wo der Kronſyndikus und Klingsohr in it Be⸗ Lüdicke einen Termin abhalten mußten in Angeleg eijgen heiten des, wie es ſchien, ſehr gravirten Steph+ t wer⸗ Lengenich, an dem ſelbſt die Liſabeth irre geworden war, ſce in ſeitdem der Kronſyndikus von ſeiner Reiſe zum älteſten mußte, Sohn zurückgekommien war und ihr eine funkelnde, ſchwere dahin goldene Kette mitgebracht hatte, zu der, wie der Alte g doch hinzufügte,„jetzt nur noch die Uhr fehle“. Sie that feinen das Ihrige, ſich auch dieſe zu verdienen... Dieſen Termin in Lüdicke hatte man für kurz gehal⸗ ten, aber es dauerte faſt eine Stunde, daß Lucinde alff digung 43 dem Marktplatze der kleinen Stadt in ihrem vorn und zira hinten bepackten Wagen harren mußte. Sie konnte bei duung dem immer gleichrinnenden Strom eines ſchön geform⸗ 3 Jamiſt ten alten Rolandsbrunnen, an dem ſie hielt, bei ſeinem— mmburg nicht endenden, immer gleichmäßigen Waſſerſtrahl recht Lande der Zeit gedenken. Was hatte ihr dieſe nicht alles ge⸗ 2 bracht! Was hatte ſie nicht ſchon alles ausgelöſcht! zurüch Auch das Bild eines auf ſchaumbedecktem Roſſe den ſtei— en des nigen Grund hinterm Park vom Düſternbr ook Empor⸗ zahn ſtürmenden, auch das Bild von der Waldhütte, den Tan⸗ nen, dem Monde, der Großmutter, ihrer ſelbſt am Spinn⸗ rade, dem durch die kleinen bleigefugten Scheiben herein⸗ lugenden wilden Jäger mit der rothen Feder am Hute, der dann wieder der Franciscanerbruder Herr von Buſch⸗ beck aus Java war... Alles hatte ſich ihr ſchon ge⸗ bleicht. Denn zu oft hatte ja auch der Doctor beſtimmt und feſt wiederholt und dann der zu Gnaden wieder angenommene buckelige Muſikant, vorzugsweiſe aber der ſeit einigen Wochen ganz beſonders elaſtiſche„ſchöne Enckefuß“ beſtätigt: der Kronſyndikus war allerdings m Platze der grauenvollen That geweſen und hatte ge— en, wie der Deichgraf dort getödtet lag; das Entſetzen, man könnte ihn, der ihn in Gedanken allerdings auch tau⸗ ſendmal erſchlagen hatte, für den Mörder nehmen, hatte ihn von dannen gejagt, und wenn es geſchienen, als jagten ihn ſelbſt die Furien, ſo wäre es die alte Freund⸗ ſchaft für den Deichgrafen geweſen, die in ſeinem Her— zen trotz des ſpätern Zerwürfniſſes doch in der That unerſtickt geblieben wäre... Und wenn Lucinde den Doctor dann ſelbſt fragte: Biſt du wirklich der dritte Sohn? ſo ſagte dieſer geheim⸗ nißvoll: Störe die Ruhe der Todten nicht!... In ſeiner Liebe war der Ausdruck ſtärker und leiden⸗ ſchaftlicher noch als ſonſt geworden, wenn auch mit einer mehr unheimlichen als beglückenden Wirkung für ſie. Vom Amte kamen damals beide Männer ſehr bleich zurück. Sie behaupteten, der Querfragen doch endlich müde geworden zu ſein und ließen den Wagen einem Gaſthauſe zurollen, um ſich zu erfriſchen. Lueinde ſtieg nicht aus. den Tan⸗ Spinn⸗ herein⸗ m Hute, n Buſch⸗ ſchon ge⸗ beſtimmt N wieder aber der „ſchöne llerdings hatte ge⸗ Entſetzen, auch tau⸗ en, hatte en, als Freund⸗ em Her⸗ der That B fragte: rgehein⸗ nd leiden⸗ mit einer ſie. ehr bleich lich müde Gaſthauſt iict aus Sie muſterte vom Wagen aus das Wirthshaus, den Garten deſſelben und eine gewiſſe kleinſtädtiſche Zier⸗ lichkeit in den bemalten Staketen, in einer mit grotes⸗ ken Wandgemälden geſchmückten Kegelbahn, in einem ausgeſtopften Uhu innerhalb einer von Singvögeln be⸗ lebten Voliere. Bei einer großen ſchwarzlackirten Kugel, die im Garten als Reverbere für die„ſchöne Ausſicht“ gelten ſollte, gedachte ſie des armen um ſie betrogenen philoſophiſchen Drechslers, der den Grafen Zeeſen recht eindringlich jetzt an ſein Familienſtatut, die Stiftung eines Irrenhauſes, erinnern mochte! Im Hinblick auf beiden Männer athmete ſie wahrhaft auf, endlich jetz geſundere Lebensluft zu kommen. Ja es that ihr ſogar wo im Saale des Gaſthauſes durch die geöffneten Fenſter, un⸗ ter ausgeſtopften Vögeln, Käfern, geſpießten Schmetterlin⸗ gen, Kupferſtichen von engliſchen Pferden und ähnlichen Herrlichkeiten eleganter Wirthsſtuben jener Gegend, da ſo traulich hinterm Champagnerglaſe zwei feſte, kraftvoll ver— bundene Männer zu ſehen. Sie liebte Trotz und Kühnheit. Auch ihr war Stephan Lengenich längſt der Schuldige. Seinen böſen Sinn hatte ſie ja ſelbſt gekannt, ſein Dro⸗ hen ja ſelbſt gehört. Sie hatte alles das gerichtlich hier in Lüdicke in einem frühern Termine bezeugt und beſchworen. Trotz des Champagners ſtiegen ihre beiden Begleiter zu ihr ſchweigſam und ernſt ein. Sie blieben noch einige Stunden an ihrer Seite bis zu einer Station, wo ſie Extrapoſt nahmen und zurückreiſten. Von der großen Stadt, wo der jetzige Oberregierungsrath wohnte, ſollte ihr auf einige Meilen ſchon eine Begleiterin entgegen⸗ kommen, die ſich ihr anſchließen würde bis Hamburg, Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 15 226 wo ſie unter Klingsohr's Augen ihre Ausbildung voll— enden ſollte. 1 Der Abſchied des Kronſyndikus von Lucinden war inniger faſt als der des Doctors. Dieſer gab nur die Hand und ſprach, wie wenn Abſchiede nicht zu ſeinem Syſtem gehörten, vom baldigen Wiederſehen. Jener hatte Thränen im Auge. Der Kronſyndikus weinte! Er war ſeit Wochen um Jahre älter geworden. Seine Augenbrauen ſahen nicht mehr ſo gelblichweiß aus wie ſonſt, ſie hatten ſich ganz gebleicht. Die hohe Geſtalt ſchien, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, kaum Kraft zu haben, ſich ſo zu halten, wie dem Wappen des gekrön⸗ ten und aufgebäumten Lindwurms geziemte. An Geld und Gut war Luecinde ſo ausgeſtattet, daß ſie ſorglos in die grüne Weite fahren konnte. Nach acht Tagen ſchon verſprach Klingsohr in Hamburg bei ihr zu ſein. War das alles, wie es ſo kam, ging und was es bedeutete, räthſelhaft genug, ſo konnte ſie durch ihre Begleiterin, die nach einigen Meilen Alleinfahrens ihr entgegenkam, erinnert werden, daß alles im Leben nur Bild und Gleichniß iſt. Sie war, wie Klingsohr und der Kronſyndikus ihr ſchon geſagt hatten, die Braut des „Sehers von Eſchede“, jenes Dr. Laurenz Püttmeyer, der auf die Philoſophie des Pythagoras zurückgekehrt war und aus mathematiſchen Figuren das Weltall er⸗ klärte. Sie hieß Angelika Müller, war eine hohe, ſchmächtige, blaſſe Blondine am Ende der zwanziger Jahre. Bei jeder Anrede erröthete ſie. Sie ſchien ein Gemüth von Weihe und Innigkeit. In Hamburg war ſie von einer dort wohnenden katholiſchen Familie i voll⸗ en war nur die ſeinem Jener weinte! Seine us wie Geſtalt traft zu gekrön⸗ n Geld ſorglos Tagen ſein. was es h ihre ens ihr en nur hr und aut des tmeher, tgekehrt fall er⸗ hohe, anziger ien ein amburg Familie 227 8 L. als Erzieherin berufen worden und geſtand ſogleich mit größter Sicherheit, daß ſie den Dr. Laurenz Pütt⸗ meyer von Eſchede für den einzigen berufenen Denker unſerer Zeit halte und daß ſie gelobt hätte, nicht frü her ſeine Hand anzunehmen, bis er nicht in Berlin den erledigten Lehrſtuhl Hegel's erhalten hätte. Lucinde glaubte ſehr an dieſen hohen Geiſt. Auch der Kron— ſyndikus hatte oft erklärt, daß die Drechſelbank für den Kammerherrn eine Quelle lehrreicher Unterhaltung ge⸗ worden, ſeitdem er auf ihr die Würfel und Pyramiden Laurenz Püttmeyer's herſtellte. Mit dieſer Begegnung auf mancherlei neue Eindrücke angewieſen, fuhr Lucinde in ihrem ſchwer bepackten Mieth⸗ wagen die ſchon wieder ſtaubig gewordene Landſtraße hin⸗ unter. Die Lerchen wirbelten zwar, aber von Weſten kamen düſtere, den Athem benehmende Wolken, der jenen Gegenden eigene Haar⸗ oder Höhenrauch. Doch ſchienen die Menſchen der Ebene dieſe Dünſte gewohnt. Sie arbeiteten im Felde. Lucinde glich ſelbſt dieſen Fluren, auf denen ſchon ſo voll geerntet war und über welche ſchon wieder die Pflugſchar ging, um noch in dieſem Jahr der Natur neue Triebkraft abzugewinnen. Noch völlig war ſie ſich unklar. Man hätte ſie in Hamburg in die Schule ſchicken können, ſie würde ge— gangen ſein und mit der Mappe unterm Arm. 16. Von jenem Uferrande aus, an welchem der Deich⸗ graf in ſeinen jüngern Jahren, nach dem Ausdruck ſeines Sohnes, die Sandkörner zu zählen pflegte, gewährt Hamburg einen großartigen Eindruck. Eine zweite nicht unanſehnliche Stadt, Altona, iſt ihr eng verbunden. Thürme, hohe Giebel, Dampfeſſen, Krahnen und zahlloſe Schiffsmaſten ragen fernhin im wirren Durcheinander empor. Auf der Woge kreuzen ſich mit rothen Segeln die kleinen Ever, die, von kraft⸗ vollen Ruderern geführt, die Kauffahrteiſchiffe behend umſchlüpfen. Beim Landen tritt man in eine Welt, die ſich ihrer Geſchichte und Bedeutung bewußt iſt. Dieſe Straßen und Plätze, dieſe Vorſtädte und Hafenkais ſind Lun— gen, die ihre Luft nicht aus dem kleinen Binnenleben der Nachbarſchaft, ſondern aus dem unermeßlichen Ocean ſchöpfen, aus den Verbindungen mit England und Ame⸗ rika und mit dieſem im Norden und im Süden. Bringe niemand die Anſchauungen einer deutſchen Reſidenz oder Provinzialſtadt mit! Der Matroſe, der 229 Everführer, der Schiffsabläder, der Packknecht, der Hau⸗ ſirer, der Karrenſchieber nehmen die nächſte Bequemlich⸗ keit der Straße für ſich in Anſpruch und ſchleudern mit eingeſtemmten Armen den, der etwa auf ſein Spazier⸗ ſtöckchen mit goldenem Knopf oder ſeine Glacéhandſchuhe als Berechtigung zu Ausnahmezuſtänden verweiſen möchte, 8 in ſouveräner Machtvollkommenheit auf die Seite; glück⸗ 1 lich, wer noch dabei in einen Kram getrockneter Feigen oder friſcher Orangen fällt, nicht in eine der engliſchen Geſundheitsgeſchirr- und Wedgewoods⸗Niederlagen, die man an den offenen Straßenecken oder auf ambulanten r Deich⸗ 2 ij ſeines Karren feil hält. gewährt Vor dem Brande lag die Börſe in dem jetzt ver⸗ 5 ſchwundenen engen Gewühl jener alten Straßen am iſ ihr Burſtah und Rödingsmarkt, deren Häuſer manches Men⸗ npfeſſn, ſchenalter geſehen hatten. Die Naivetät Hamburgs, die bin im 8 ſich ſo gut mit londoner Civiliſationszuſtänden verträgt, treuzen eine Naivetät, die in dem unendlich unſchuldige 1 ſozu⸗ en kraft⸗ jagen ſchämigen Dialekt, auch ſelbſt beim Blaſé, ſich wie behend die Unbefangenheit einer champagnertrinkenden Gurli anhört, war durch manchen verwitterten und nur noch 4 an einigen Aeſten zum Blühen und Grünen kommenden ch ihrer alten Lindenknorren ausgedrückt, der mitten unter Im⸗ Straßen port und Export, unter Lotteriecomptoiren, Galanterie⸗ d Lun⸗ läden und Auſternkellern wie ein Symbol der Unſchuld ꝛenleben ſtehen geblieben war. Dieſelbe Idylle wiederholte ſich Ocean beim Anblick der Gemüſekörbe der Vierlanderinnen und d Ame⸗ des verſchwenderiſchen Ueberfluſſes, mit dem aus rothen Blechkübeln die Milch durch die Straßen zu fließen* eutſchen ſcheint. Auch dicht an der alten Börſe ſäuſelten noch ſe, der 230 einige Linden- und Akazienbäume in die„Ueberſchrei⸗ bungen“ von Mark Banco hinein, und mancher gefühl⸗ volle Wechſelſenſal nahm nach vollbrachter Feſtſtellung der Tagescurſe ſeiner Gattin noch einen Canarienvogel oder Dompfaffen mit heim, den vaterſtädtiſche Gemüth⸗ lichkeit am Eingange der alten Börſe zu verkaufen ge⸗ ſtattete. Es ſah ringsum eng, alt, holländiſch aus. Nicht des ſtark vertretenen jüdiſchen Elements, ſondern der Bauart einer vor dem Regen ſchützenden Halle und des im Freien liegenden Parquets wegen glaubte man in den Vorhof einer alten Synagoge zu treten. Zu den Gemüthlichkeiten Hamburgs oder den ham⸗ burger„Ironieen des Satan“, wie Dr. Heinrich Klings⸗ ohr geſagt haben würde— an dergleichen Kraſt- und Schlagworte waren auch dort ſeine Freunde gewöhnt— gehört im Sommer das idylliſche Wohnen der Geldleute unter Gras und Blumen vor den Thoren der Stadt. Es iſt wahr, die Atmoſphäre Hamburgs bekommt im Sommer etwas Mephitiſches. Aehnelt ſie auch nicht ganz dem Dufte der pariſer innern Stadt, wo die Ge⸗ würze, Kaffeebohnen, Pfefferſorten, Zimmetarten aller Zonen zuſammenzukommen ſcheinen und die Kehle zum Erſticken zuſammenſchnüren würden, wenn die penetrante und vom pulveriſirten Theriak erfüllte Luft nicht mit den Gerüchen von ranziger Butter und altem Käſe wie— der gemildert und gefeuchtet würde, ſo geſellen ſich zu den ganzen und zerſtoßenen Gewürzen in Hamburg noch die Ausathmungen der Kanäle oder Fleete, vorzugsweiſe aber jene ſonderbaren Oelgerüche, in die vom 52. Grad nördlicher Breite an alles in Europa eingehüllt ſcheint, was berſchrei⸗ r gefühl⸗ ſtſtellung rienvogel Gemüth⸗ ufen ge⸗ Nicht man in en ham⸗ Klings⸗ bekommt uch nicht die Ge⸗ n aller hle zum netrante icht mit iſe wie⸗ zu den voch die gsweiſe 2 Grad nt, was 231 da lebt und webt. Das iſt von dieſem Breitengrade an ein Malen und Kleckſen mit Oelfarbe an jede Wand, jedes Holz, jeden Stein! Der Nordländer liebt die grelle Farbe mehr als der Südländer. Wir glauben wunder, welche Farbenreize der Spanier für ſeine Klei— dung ſucht. Die andaluſiſche Tänzerin kleidet ſich in Gelb und Schwarz. Der Nordländer aber will rothe Halstücher, malt ſich grüne Häuſer, beſtreicht ſeine Wind⸗ mühlflügel, ſeine Segel, ſeine Milchkannen, ſeine Gar— tenzäune, ſchläft in gold⸗ und grünlackirten Bettſtellen, hat überall den Farbentopf und den Oelkrug in der Hand, bepinſelt und beglänzt Diele und Treppe und Fußboden und Fenſterrahmen. Kein Wunder, daß die beengte Lunge ſich in jenem friſchen Wieſengrün ausath⸗ men will, das dem Hamburger glücklicherweiſe bis dicht D unter die Thorſperre wächſt. Die großen Kaufleute fahren um drei Uhr in ihre prächtigen Villen, die an der Elbe liegen; aber ein ſolcher kleiner Exporteur in Kleeſaat, wie Herr Carſtens, geht nach vollbrachtem Tagwerk erſt eine Stunde in die Börſenhalle, wo er in die Schiffsliſten Auſtraliens blickt, um ſich nach„Suſanna Maria“, einer geſunden, voll— wangigen, friſchen Bark, zu erkundigen, die nach Ade⸗— laide einige hübſche Doſen jener Panacee der Acker⸗ wirthſchaft bringen ſoll. Sie iſt noch nicht angekommen am Orte ihrer Beſtimmung, die Suſanna Maria, aber ein anderes— wir reden in der Naivetät dieſer oft ſo unſchuldig verkannten Geldſeelen—„nettes und ſchoi⸗ nes“ Ding, die„Meta Carſtens“, iſt ſehr guter Dinge in Baltimore eingelaufen und bringt den dortigen Far⸗ mern das, was ihnen auf ihren Acres jetzt lieber iſt als etwa eine Kunde von der endlich errungenen Frei⸗ heit Germaniens. Kleeſaat i*ſt ein ſpecifiſch europäiſcher Artikel, ohne den es keine ausführbare Brache und keine Hebung des Viehſtandes gibt; denn wie am Neckar, ſo am Miſſouri: die Kühe werden, wenn ſie friſches Heu im Stall bekommen, ſchöner, als wenn ſie draußen im Freien ſich das beſte Gras zerzupfen und nebenbei im⸗ mer etwas dabei verſchlucken, was ihnen nicht bekommt, wenn es auch nicht der übelberufene Duwock iſt, über den ſich eben noch bis halb vier Uhr Herr Carſtens in eine noch nicht aufgeſchnittene und bei Hoffmann und Campe erſchienene Broſchüre vertieft. Die Kleeſaat iſt eine der ergiebigſten Branchen des europäiſchen und namentlich des deutſch⸗böhmiſchen Ex⸗ ports, eine Entdeckung, die nur leider von Herrn Car⸗ ſtens nicht allein gemacht wurde. Er würde die Broſchüre über den Duwock ſicher lie⸗ ber Sonntag Vormittag zugleich mit einer verbotenen Schrift von„Harry“ Heine, letztere natürlich mit ent⸗ ſchiedener Indignation, doch theilnehmend, bei ſich zu Hauſe geleſen haben, wenn ihn nicht eine Reihe verfehl⸗ ter anderweitiger Branchen, Leder, Thran, Gerbſtoffe, Talg, zuletzt auf die Kleeſaat geführt hätte, einen Arti⸗ kel, deſſen große Erfolge ſchon andere voraus hatten, diejenigen nämlich, von welchen bereits einige in zier⸗ lichen Cabriolets zu ihren Villen am ſchönen Ufer der Elbe dies⸗ und jenſeits Teufelsbrück gefahren ſind. Indeſſen eine Sommerwohnung zu beſitzen, erlaubte Herrn Carſtens doch ſein jährlicher Umſchlag. Sogar ſich ber iſt Frei⸗ äiſcher keine tenen ent⸗ ) zu fehl⸗ toffe, Arti⸗ ttten, 59 24 an Tagen, die, wie der heutige, ſich auch gar zu hei— ßer Strahlen des Sonnengotts zu erfreuen haben, einer Droſchke zu bedienen, um wenigſtens durch die ſchwülen Straßen bis zum Dammthor zu kommen, geſtatteten ihm ſeine Verhältniſſe, die gar nicht ſo ganz„unreſpec⸗ tabel“ ſind. Herr Carſtens hat nur die unglückliche Manie, alle zwei Jahre, wenn die Kleeſaaten ringsum im Vaterlande in ſchönſter Blüte ſtehen, ſich und ſeinen beiden Schweſtern, die ihn in Ermangelung einer Gat⸗ tin die Wirthſchaft führten und„das Leben verſüßten“, eine Erholungsreiſe von ſechs Wochen zu gönnen, bei welcher er, wie weiland die im December mit ihren Herren wechſelnden römiſchen Sklaven Saturnalien feierten, ſo die erſten Gaſthöfe beſuchte und ſogar täg— lich Cliquot nicht verſchmähte, den er an den Ufern der Elbe des nebeligen Klimas wegen dem Portwein ent— ſchieden unterordnete. Außerdem ſparten ſeine liebevollen Schweſtern an einer Mitgift, die ſonderbarerweiſe mit den Jahren zwar zunahm, aber an Werth und Reiz für Männer, die etwa danach heirathen wollten, zu verlieren ſchien; es ſcheint leichter, 18 Jahre mit 20000 Mark an den Mann zu bringen, als 45 mit 50000. Herrn Carſtens unendliche Liebe für ſeine Schweſtern, welche ihm dieſe jährlich in der Jahreszeit, in der wir uns befinden, mit Erdbeerkaltſchale oder ſeinem täglich aufgeſetzten Leibgerichte, jungen Erbſen mit„Sweſern“, ein für allemal vergolten haben wollten, unterließ nicht, dieſe Mitgift ſeiner Schweſtern— er hatte ja nur dieſe beiden— bis auf eine Höhe zu ſteigern, die ihnen * 9 ————— 23 Allenfalls auch nach ſeinem Tode erlaubt hätte, die Er⸗ trägniſſe des Kleeſaatexports entbehren zu können. Es war immerhin ein ganz„reſpectabler“ Mann von 100000 Mark Banco jäahrlichen Umſchwungs, von welchem ſchon ca. 6— 7000 Nettoniederſchlag übrig blieben. Dennoch mußte er vorziehen, intereſſante Broſchüren lieber auf der Börſenhalle zu leſen, als ſich deren zu Hauſe aufzuſchneiden. Er mußte vorziehen, nur alle zwei Jahre von Celle bis Wien und von Wien zurück, vielleicht der Abwechſelung wegen, diesmal bis Lüneburg, für einen „hamburger Kaufmann“ zu gelten, ſich in ſeiner Privat⸗ liebhaberei, dem Sammeln alter, auf die hamburgiſche Ge⸗ ſchichte bezüglicher Münzen, zu mäßigen, ja er mußte ſich ſogar die Unbequemlichkeit aufbürden, ſeinen Schweſtern eine Geſellſchafterin zu halten, die jedoch für Koſt und Logis und den von Meta Carſtens ertheilten claſſiſchen Pianoforteunterricht ein Supplement hinzu zahlte... Alles das, um nur zwei geliebte Weſen nicht mit Sorgen und ſchrecklichen Ausſichten auf Entbehrungen, z. B. eines Sommerlogis und der winterlichen Anweſenheit bei je⸗ der zehnten oder elften Vorſtellung eines neuen Stücks im Stadttheater(das Stück mußte ſich„erſt bewährt“ haben) zu hinterlaſſen, ſintemalen ſein Unterleib von früherer leichter Auffaſſung des Lebens geſchwächt war und ſein Muskel⸗ und Knochenbau— eine natürliche Folge des hamburger Winterklimas— an Rheumatismus litt, zwei Krankheitsbedingungen, die, wenn ſie ſich begegneten und den Rheumatismus auf einen der edlern Theile des Herrn Carſtens— und die edelſten waren ſein Herz und 3 —— 235 E ſein Magen— werfen ſollten, allerdings ſeinem Leben 8 plötzlich ein Ende machen konnten. 0000 Hier nun, in der vor dem Dammthore in Hamburg ſchen gelegenen Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carſtens, treffen wir„Fräulein Lucinde Schwarz“ wieder, heraus⸗ hhüren genommen aus Lebensverhältniſſen völlig anderer Art, in en zu neuen Umgebungen, neuen Anſchauungen, neuen Em⸗ zwei pfindungsweiſen. eleicht Lucinde verdankte dieſe Uebereinkunft jenen Gütern einen des Kronſyndikus, von denen das eine in Holſtein, das rivat⸗ andere in Mecklenburg verpachtet war. Die Kleeſaat zſe Ge⸗ war auch hier die grüne Spur, die von dem Teutoburger te ſich Wald, über den Haarrauch und die Heidſchnucken hinweg, eſtern mit einem Umwege über die Marſchen und Geeſte des und rechten Elbufers, nach einem noch volle zwanzig Minu⸗ iſchen ten vom Dammthor gelegenen Landſitze führte, der unter ... ähnlichen Landſitzen mit Nr. 33 kenntlich gemacht war und orgen aus einem Vorgarten von etwa auch dreiunddreißig Schritten, eines jedoch keineswegs in quadrater Potenz, ſondern nur etwa ei je⸗ zwanzig Schritten der Breite nach, einem Hauſe von an⸗ jtücks derthalb Stockwerken ohne Keller und einem Hinterhofe ahrt⸗ und Hintergarten beſtand, der ſeinerſeits nur zehn Fuß von lang und fünf Fuß breit war, einen Holzſchuppen ent⸗ rund hielt mit einer Hundehütte und die Grube zur Inem— Folge fangnahme alles überflüſſigen Niederſchlags irdiſchen it, Daſeins. Nach hinten war alles das von einem veten ſchon abgeblühten Hollunderbuſch umzäunt und trennte tdes 4 auch dies Gebüſch dieſen Tummelplatz ländlicher Erho⸗ uund lung von einem Hditto, der mit gleichen luxuriöſen Be⸗ 3 quemlichkeiten ſeine Fronte in einer andern Straße hatte und vielleicht dort an einer Nr. 76 oder 77 bemerklich war, wo wiederum in gleicher Weiſe auch nach vorn dreiunddreißig Schritte bis zum Straßenſtaket Raum ge— boten wurde dem„Flügelſchlage einer freien Seele“. grüner Raſen, an deſſen Friſche und Ueppigkeit es bei einem landwirthſchaftlichen Samenhändler nicht fehlen konnte. gen, daß man ſich bequem auf ihrem Simſe hätte nie⸗ derlaſſen können, wenn nicht die hanſeatiſche Gewohnheit die Fenſter ſtatt nach innen nach außen öffenbar ange⸗ bracht hätte, war eine, wie ſich von ſelbſt verſteht, grün⸗ lackirte hölzerne Laube befindlich, durchzogen von einer einzigen, bereits von unten her in emporſchlängelnder Entwickelung begriffenen Weinranke, deren bisjetzt noch mangelnde Ausdehnung und Zlätterfülle einſtweilen ein in der Höhe von anderthalb Fuß üppig wuchernder Wald von türkiſchen Bohnen und Kreſſe erſetzte. Breterwand rechts lief eine grüne Wand von ſpaniſchem Flieder hin, einigen Weidenſtumpfen mit keck ausſchießen⸗ den Zweigen und vorn am Eingang zwei duftenden, weil noch in der Nachblüte befindlichen kleinen Akazienbäumen. tel Höhe des Häuschens eine großartige Markiſe von roth⸗ und weißgeſtreiftem Sceltuche niederlaſſen, die auch über die allzu jugendliche Entwickelung der Laube den Mantel der Liebe breitete. Der Vorgarten in Nr. 33 war zum größten Theile Dicht an dem Haunſe, deſſen Fenſter ſo niedrig gin— Vorn und am Rande der Breterwand links und der Mangelte es an Schatten, ſo ließ ſich von zwei Drit⸗ Im Erdgeſchoß gab es drei Zimmer: eins zum Spei⸗ ſen, eins zum Wohnen, eins zum Schlafen. Dazu eine Küche. Oben wohnte Herr Carſtens. Seine Statur war glücklicherweiſe nicht zu hoch. Er konnte in der zweiten Etage vollkommen ſicher ſein, die Decke ſo unbe— ſchädigt zu laſſen, wie§. 7 des Miethcontracts es bedingte. Die Hauptſache an einer ſolchen hamburger Som— merwohnung iſt nur, daß ein Raum vorhanden iſt, wo der Kohlencomfort ſtehen und der Theetopf ſieden kann. Die grünen Erbſen und gebackenen„Sweſer“ mochte man im Hauſe verzehren, Speiſegeruch iſt überhaupt der Nachbarſchaft wegen„nicht genteel“; aber der Theetopf hat ſein unbeſtrittenes Recht. Auch in Nr. 33 ſtand er um 7 Uhr Abends auf dem eiſernen Kohlengerüſt; das Tiſchtuch wird in der Laube ausgebreitet, die Markiſe in die Höhe gezogen und das altſächſiſche„Ich bin Herr in meinem Hauſe“ in einer Weiſe geltend gemacht, daß man ſich vor den Augen der Welt weder im Nähen, noch Stricken, noch Sticken, noch Leſen, noch Schlafen, noch Rauchen, noch Wiegen in einem amerikaniſchen Wiegeſtuhl, noch Erſcheinen in einer glänzenden Haus— jacke von Pferdehaartuche irgendwie ſtören läßt. Den Vorübergehenden fällt nichts auf, weder eine grüne Brille noch eine graue Katze, weder ein ſchwarzer Hund noch ein rother Papagai, weder ein gelber Strohhut von vier Ellen Umfang noch eine ſchlangenartig gewundene Cigarren⸗ ſpitze von ſchönſter hellrother genueſer Korallenarbeit... Letztere war eine Neigung zur Koketterie des Herrn Car⸗ ſtens, wie jene ſogenannten Nizzahüte eine der mehreren, doch erlaubten ſeiner beiden Schweſtern. Wir finden Lucinden wieder, wie ſie ſich ſchon am ——— Millernthor von Angelika Müller, die zu einer hier eta⸗ blirten reichen Handelsfamilie aus Antwerpen zog, um dort im Hauſe Leſen, Schreiben und Rechnen nach con⸗ feſſionellen Bedingungen zu lehren, getrennt hatte. Die Braut Dr. Püttmeyer's, des Hegelſtuhl-Aſpiranten, wurde von einem eleganten Wagen im Hafen in Empfang ge⸗ nommen. Lueinde aber fuhr in einem Fiaker ins Comp⸗ toir des Herrn Nikolaus Carſtens am Rödingsmarkt, einer düſtern, mit Bäumen beſetzten holländiſchen Gracht. Hier im Lärmen der ſich durch den Kanal fluchenden Schiffer, der Krahnenwinder, der Führer von ſchwerſtampfenden, ſchellenbeladenen Laſtroſſen wohnen bleiben zu ſollen, hätte ihr die Sinne benommen. Sie wurde ſofort in die„ſchöne Natur“ vor's Dammthor dirigirt und fuhr dorthin, er⸗ wartungsvoll, was ihr das Schickſal an neuen Prüfun⸗ gen und läuternden Vorbereitungen fürs Leben beſche⸗ ren würde. Anfangs kam ſie ſich in ihrer neuen Lage wie eine Gefangene vor. Man hatte ihr geſagt, ein älterer Herr, Junggeſell mit zwei Schweſtern, pflegte, obgleich alle drei in ſehr „reſpectablen“ Verhältniſſen lebten, doch zur Zerſtreuung und Belebung des„Hauſes“ bald eine junge Baroneſſe vom Lande, die ſich in Sprachen und Muſik vervoll⸗ kommnen ſollte, bald eine Engländerin, die an der beſten Quelle deutſch zu lernen beabſichtigte, bald eine Binnen⸗ länderin, die zu viel Thee und Zwieback und zu wenig Roſtbeef genoſſen und der überdies Waſſerluft, Milch und Wieſengeruch gut thun ſollte, liebevoll in die Ge⸗ meinſchaft einer ſtillen Familie aufzunehmen. 7 mp⸗ einer zeſell ſehr uung neſſe voll⸗ eſten nen⸗ enig Nilch be⸗ 239 Mit jenem hamburger Schein der urweltlich angebo— renen Solidität und einer Gemüthlichkeit, die ſelbſt in Geldſachen nicht aufhört, mit jenem kindlichen ſich wie von ſelbſt verſtehenden Fallenlaſſen des Tons, werden dabei auch einige hunderttauſend Mark Banco genannt, mit jenem gewiſſermaßen weiter nicht zur Sprache kommen⸗ den zufälligen Schlußſchnörkel eines gleichfalls nur der Form wegen aufgeſetzten Contracts war eine Penſion von 1500 Mark Courant für ſie bewilligt worden. Dieſe leichte und graciöſe Behandlung des Geldes, das nur vor dem Wechſelgericht oder bei der erſten und zweiten Prätur eine ernſte und dann zuweilen recht grobe Be⸗ deutung annehmen kann, imponirte Lucinden ebenſo ſehr, wie die ſchnell eroberte Freundſchaft, die ihr zwei Damen entgegentrugen, die das„ſüße Mädchen“ behan⸗ delten, als hätten ſie ſie ſchon aus Langen⸗Nauenheim gekannt, wie ſie noch barfuß unter den Enten in den Bächen herumkrebſte, an welchen gerade auch ſolche Wei⸗ den ſtanden, wie ſich zwei hier hinter das Staket her verirrt hatten, zum Beweiſe, wie feucht die Luft und der Boden war. Ja, es war im Verkehr gleich alles hier ſo ſicher, ſo feſt, ſo unbeſchreiblich gediegen, ſolid, leidenſchaftslos, gewiegt, ſo ganz in ihr neuer Art und unendlich imponirend. Selbſt die großen Nizzahüte, die einem Schattengeber, den auf Schloß Neuhof auch die Liſabeth trug, faſt gleichkamen, machten Lucinden eine Weile ſprachlos. Doch ängſtigte ſie es bald, daß beide Schweſtern, Sophia ſowol wie Meta, mit ihren Hut⸗ krempen faſt die ganze Sommerwohnung unter Schatten ſetzen konnten. 240 Lucinde wußte einige Tage lang im wörtlichen Sinne weder aus noch ein. Schon gleich, als ſie den Winkel ſah, in dem ſie ſchlafen ſollte, kamen ihr die Tage bei der alten Buſchbeck in Erinnerung. Das Erwachen, Ankleiden hinter Bettſchirmen, die erſte Anlage und ſpä⸗ tere Vollendung der Toilette zu dreien in demſelben Zimmer, und das alles verbunden mit dem im ländlichen Negligé eingenommenen erſten Frühſtück nebſt Fleiſch und Eiern, dazu Herr Carſtens im Sommerrock, mit der gewunde⸗ nen Korallenſpitze im Munde, dann das Rühmen des rings von den allerdings vorhandenen Wieſen in die „Gärten“ hereinwachſenden grünen Gras⸗Gottesſegens, das unleugbare Klingeln wirklich vorhandener Kühe und die allgemeine Bewunderung dann beim„gebildeten Ge⸗ ſpräch“, das überhaupt in Ausſicht geſtellt wurde, vor drei alten hamburger Kupfermünzen, die Herr Carſtens als Perſpective künftiger geiſtiger Genüſſe geſtern mit⸗ gebracht hatte, dann der umſtändliche, zärtliche Ab⸗ ſchied des Bruders, wenn er ins Geſchäft ging, und alle dieſe täglichen Vorgänge in einer ſich immer gleich⸗ bleibenden Cadenz des Gemüthlichen, des Sichvonſelbſt— verſtehenden und gleichſam Uraltewigen und auch noch nach Jahrtauſenden Soſichgleichbleibenden... das machte ihr einen Eindruck, als hätte ſie müſſen in die einge— hegten Wieſen hinüberſpringen und zunächſt gleich bei den Melkerinnen drüben, die vor den großen rothange⸗ ſtrichenen Kübeln ſaßen, Hülfe und Unterhaltung ſuchen. Allmählich aber fand ſie ſich dann, beſonders als die jüngere Schweſter— mit welcher Bezeichnung indeſſen ihr Alter nicht etwa aus dem Beginn der Vierziger n Sinne Winkel rage bei rwachen, nd ſpä⸗ zimmer, Neglige Eiern, ewunde⸗ nen des in die gſegens, ihe und ten Ge⸗ ſe, vor Larſtens ren mit⸗ he Ab⸗ 3. und gleit⸗ onſelbſt⸗ ch noch machte einge⸗ eich bei thange⸗ ſuchen. als die indeſſen ierziger 241 zurückverlegt werden ſoll— ihre Hauptforce entwickelte, das Spiel am Piano. Das ſtand im Wohnzimmer, dicht in der Nähe der in der Entwickelung begriffenen Laube. Man konnte die„Sonate pathétique“ nicht ſchmelzen⸗ der, die„Eroica“ nicht feierlicher vortragen als dies Meta Carſtens that. Lucinde fühlte, was ſie hier lernen konnte. Sophie handelte wol unterdeſſen mit einem jun⸗ gen bäuerlich gekleideten und an einem Schulterquerbal⸗ ken ein Dutzend Gemüſekörbe tragenden Burſchen um junge Erbſen und ein fliegender Metzger brachte die viel⸗ beſprochenen„Sweſer“. Das Plattdeutſche, dem Lu⸗ cinde auf Schloß Neuhof kaum entronnen zu ſein glaubte, tauchte dabei aufs entſchiedenſte wieder auf. Es ſtand indeſſen den Schweſtern, beſonders wenn ſie mit den Vierländern verkehrten, ganz zierlich und erhöhte den Eindruck des Gelaſſenen, Soliden, Leidenſchaftsloſen und „Reſpectabeln“, welches letztere Wort immer das dritte war. Die kalte Ruhe aber wieder, mit der die Schwe⸗ ſtern— Meta ſtand dann zur Unterſtützung der De⸗ batte mitten aus dem dritten Satz der„Eroica“ auf— die grünen Erbſen auf die Hälfte hinunterbieten und mit einem:„Ne, Ne, Ne, min Jong! Hol di jo nich op, min Jong!“ den Handel abbrechen konnten, ſtand in ſo ſeltſamem Widerſpruch mit der Süße des Tons, daß ſie immer nur ſchwieg und horchte und über ſo ſeltſamer Gegenwart faſt die Vergangenheit vergaß. Klingsohr kam dann endlich auch aus Göttingen an. Daß ſie die Verlobte eines Doctors der Rechte war und dieſer ſelbſt ein mit der Durchführung wichtiger adeliger 8 Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 16 Proceſſe betrauter Advocat, der eine Zeit lang in hie⸗ ſiger Stadt wohnen wollte, wurde ſchon in der Corre— ſpondenz über die Marſchen und Geeſte hinweg von Schloß Neuhof aus nach dem Rödingsmarkt berichtet. Klingsohr beſaß ſelbſt etwas von der eigenthümlichen Art der Studirten, die in hanſeatiſchen Städten den Ton angeben. Er hatte meiſt ſeine Ferien bei ham⸗ burger Freunden verlebt und verkehrte in Göttingen über⸗ haupt nur mit Studenten, die unter ſich plattdeutſch ſprachen.„Selbſt iſt der Mann!“ ſcheint die Deviſe aller dieſer jungen hamburger Aerzte und Advocaten zu ſein. Klingsohr fand hier die liebſten Genoſſen ſeiner Studienzeit wieder. Gleich den erſten Abend, wo er zum Thee in der hoffnungsvollen Laube blieb, fand er auch bei den Damen und Herrn Carſtens einen außer⸗ ordentlichen Anklang. Bei Herrn Carſtens beſonders, ſeit⸗ dem er mit ihm über den alten Seeräuber, den Störtebeker, geſprochen. Als die Hinrichtung deſſelben erzählt werden ſollte, brach zwar Klingsohr ab, verſprach aber Herrn Carſtens einige Münzen über die Einführung des ſoeſter Stadtrechts in Hamburg zu bringen, die er noch von ſeinem Vater aus der Deichgrafenzeit her beſaß. Eben ſchwamm Herr Carſtens darübex in Entzücken und no⸗ tirte ſich den Gegenſtand zum Nachſchlagen in den rei⸗ chen Bücherſchätzen der Börſenhalle, und ſchon hatte er auch Meta gewonnen durch eine Parallele zwiſchen Mo⸗ zart und Beethoven, indem er jenen mit Rafael, die— ſen mit Correggio verglich und dadurch bei den Schwe⸗ ſtern die Schleuſen wegzog von verhaltenen ſeligſten Er— innerungen an die dresdener Galerie, Terraſſe und in hie⸗ Corre⸗ eg von ichtet. mlichen en den ham⸗ n über⸗ tdeutſch Deviſe aten zu ſeiner wo er and er außer⸗ s, ſeit⸗ tebeker, werden Herrn ſoeſter h von Eben nd lo— en rei⸗ atte er n Mo⸗ die⸗ Schwe⸗ en Er⸗ e und Sächſiſche Schweiz... Ein Wort gibt dann eben das andere. Sophia Carſtens bewunderte des Doctors Kunſt, ſich plattdeutſch auszudrücken. Man merkte dies bei der Plage der Sommerwohnungen, den Bettlern, die er plattdeutſch über ihre Herkunft und ſonſtige„Poeſie des Zigeunerthums“ examinirte. Sophie fand, indem ſie trotz dieſer Poeſie doch lieber die Thür des„Gartens“ abſchloß und mit wenigen Schritten wieder hinterm Thee⸗ topf ſaß, eine Bürgſchaft ſeines Gemüths darin, daß er die lieblichſte und ſanfteſte Sprache von der Welt über ſeinen Reiſen und gelehrten Studien nicht vergeſſen hätte. Mein guter Vater, ſagte der Doctor mit melancho⸗ liſchem Ausdruck der Mienen und eine Weile die Cigarre aus dem Munde nehmend, mein Vater haßte die platt⸗ deutſche Sprache. Er duldete ſchon nicht, daß ſie drüben in Stade, wo er wohnte und meine Mutter geheirathet hatte, in ſeinem Hauſe geſprochen wurde. Auch auf der Buſchmühle, wo alles plattdeutſch ſpricht, mochte er ſie nicht hören. Er nannte ſie eine faule und bequeme Bauernſprache, nur gemacht für das Ideal des zufrie⸗ denen feudalen Schlaraffenthums. Wenn er über irgend⸗ eine Trägheit in ſeiner Nähe in Zorn gerathen konnte, über ein Gehenlaſſen wichtiger Dinge, über Geſinnungs— loſigkeit in großen patriotiſchen Fragen, ſo rief er: „Sitt ick in gooder Roh', rook min Piep Toback dats!“ Er glaubte damit das ganze Weſen des Plattdeutſchen getroffen zu haben. Die drei Geſchwiſter Carſtens kannten das unglück⸗ liche Ende des berühmten Mannes und verriethen nur 16* durch Achſelzucken ihr Bedauern über dieſen Mangel bei ſoviel anderweitigen Vorzügen. Lucinde aber konnte nicht umhin, die gleiche Ab⸗ neigung auszuſprechen. Das iſt ja eine Sprache, ſagte ſie, die eines Mannes gar nicht würdig iſt! Man glaubt ſie nur im Winter hinterm warmen Ofen oder aus einem großen Backtroge heraus hören zu können, in den man ſich mit der ge⸗ ſtreiften Schlafzipfelmütze gelegt hat, um noch die Wärme nachzugenießen. Plattdeutſch iſt eine Sprache, mit der man nur über ſaure Milch und ob die Gurken ſchon blühen, reden kann. Will man einen Gedanken aus⸗ ſprechen, ſo läßt ſie uns gleich im Stich. Jeden Buch⸗ ſtaben, der Kraft und Energie erfordert, läßt ſie aus ihrem Alphabet herausfallen; alles ſchlorrt darin wie in niedergetretenen alten Pantoffeln. Schleppt das und ſchlendert und iſt dabei ſo kalt, ſo eingebildet! Der Buch⸗ ſtabe S wird T, Ch wird K, das A vernergelt ſich in E. Ganze Buchſtaben und Silben fallen weg, um nur ſchnell wieder zum Ofen zu kommen.„Geſchlagen“ iſt„Slän“, „aufgeſtanden“ iſt„upſtän“. Von den erhabenſten Din⸗ gen ſpricht dieſe Sprache wie von Kinderſpielzeug, und dabei liegt doch wieder eine Malice, eine Gereiztheit in ihr, die uns z. B. vor den Mägden, wenn dieſe hier plötzlich hochdeutſch zu ſprechen anfangen, einen blanken Schrecken einjagen kann. Das war freilich eine entſetzliche Anklage! Um ſo mehr, als die Schulmeiſterstochter in ſolchen Dingen ganz auf ihrem Felde war! Die Schweſtern ſahen ſich nur um, daß ſie weder Nr. 32 noch Nr. 34 belauſchten, ¹ 4 gel bei ſe Ab⸗ kannes Winter actroge der ge⸗ Wäͤrme nit der n ſchon n aus⸗ 1 Buch⸗ ſie aus wie in s und Buch⸗ ch in E. rſchnell Slän“, en Din⸗ ug, und theit I eſe hier blanken Um ſo Dingen chen ſch ufüten 245 dort eine Maklerfamilie, die unter ſich immer nur platt⸗ deutſch ſprach— man konnte die Erwachſenen dann allerdings von den Kindern kaum unterſcheiden— hier ein Profeſſor vom Johanneum, der dieſe Mundart wiſ— ſenſchaftlich behandelt hatte und für den Störtebeker und das ſoeſter Stadtrecht dem Kleeſaathändler von großer Wichtigkeit war, da er die vaterſtädtiſche Neigung deſ⸗ ſelben wiſſenſchaftlich unterſtützte. Man blickte ſchweigend und um Widerlegung mit flehentlichen Blicken bittend auf den Doctor, der ſeiner⸗ ſeits die großen Waſſerſeen ſeiner Augen wie übertreten ließ und geſchmeichelt über Lucinden ſtaunte, die den Vor⸗ theil genoß, den die Verpflanzung aus einem alten in neuen Boden mit ſich bringt. Nichts hebt die geiſtige Kraft ſo ſehr, als ſich in Vergleichung bringen können mit neuen Eindrücken, ſich abheben von einer gründlich veränderten Folie. Wie Lucinde auch ſo gar bitter und feſt ſprach, merkte der Doctor erſt, daß ſie ſich auch äußerlich ver⸗ ändert hatte. Er muſterte ſie, immer noch ſchweigend, mit ſtaunender Bewunderung. Ihr Körper hatte ſich wie zum Abſchluß entwickelt unter dem Einfluſſe des Erlebten. Immermehr gewann vielleicht der charakteriſtiſche Aus⸗ druck über den ideal⸗ſchönen die Oberhand. Ihre Züge glichen jetzt jenen ſeltſamen Köpfen, die uns aus irgend⸗ einer hervorſpringenden Beſonderheit ſogleich unvergeß⸗ lich ſind, die aber auch Gefahr laufen können, daß ſie mit der ſchwindenden Jugend die Anmuth verlieren. Hier, wie ſie eben noch zu gleicher Zeit eine Fliegenjagd er⸗ öffnet hatte, dabei einen gleichfalls runden Hut, der jedoch um einen Fuß weniger Umfang hatte als bei den Fräulein Carſtens, abriß und ihn zum großen Schrecken derſelben ſogar auf eine Wespe warf, blieb der Ein⸗ druck einer Amazone, die Kraft mit Verſchmitztheit ver⸗ bindet. Der leiſe geöffnete Mund zeigte die Zähne; das Haar war, weil eine Toilette in dem engen Raum nicht mehr möglich wurde, faſt um die Hälfte von ihr gekürzt worden; ſie trug es nun in großen und cylinderförmigen Wellen zuſammengebunden um Scheitel und im Nacken. Um den Hals lag ein Collier antiker Form, das ihr der Kronſyndikus von den Schätzen mitgegeben, die an⸗ geblich ſeiner Frau, vielleicht einer ſeiner Italienerinnen gehört hatten, und den halbentblößten Arm ſchmückten zwei gleiche reich mit Perlen und Rubinen beſetzte alter⸗ thümliche Armbänder. Sie beſaß eine ziemliche Aus⸗ wahl ſolcher alter Schmuckgegenſtände, und jenes Fräu⸗ lein Angelika Müller, mit dem ſie gereiſt war, hatte beim zufälligen Anblick des geöffneten Kaſtens, der ſie enthielt, geſagt: Alles alt, aber gerade jetzt ſehr modern! Das Unvergeßliche an Lucindens Aeußerm waren vorzugsweiſe ihre ſchwarzen und wie von einer Entzün⸗ dung aller feinſten Aederchen bis in die Wangen rings umſchatteten Augen, ein plaſtiſch gleichmäßiges Oval des Kinns, dann ein ſtetes Lächeln am kleinen Munde und in der Haltung ein fortwährend grübelndes Niederblicken, wie wenn ſie auf dem Boden etwas ſuchte, was ſie ver— loren. An dieſe Einzelzüge dachte man, wenn ſie genannt wurde, ebenſo ſchnell wie bei den Fräulein Carſtens an die Naſen derſelben. Man hüätte allerdings glauben bei den hrecken r Ein⸗ it ver⸗ e; das mnicht gekürzt rmigen Nacken. das ihr die an⸗ erinnen mückten alter⸗ Aus⸗ Fräu⸗ „hatte der ſie tt ſehr waren Entzün⸗ n rings val des de und rblicken, ſie ver⸗ genannt Larſtens glauben können, dieſe Damen ſtammten aus dem urweltlichen Geſchlecht der Saurier, von welchem bekanntlich nur noch das Krokodil, das Chamäleon und die Eidechſe als Reſte übrig geblieben ſind. Klingsohr ſah zwar auf die Uhr und ſprach von einem Spaziergang an dem Rande der Alſter, des nahe gelegenen Flüßchens, an deſſen Ufern ſich zwar nur Sand aufwellt, aber auch alte, ſchöne, ſturmerprobte Eichen ſtehen in einer Pracht und Fülle, als hätten ſie ſchon den hier einſt lebenden Klopſtock zu ſeinen Barden⸗ geſängen begeiſtert... Aber die Familie hatte die Freude, daß er doch noch erſt den ſchwebenden Kampf aufnahm und im Plattdeutſchen gerade ſtatt Schläfrigkeit und Trägheit Energie und Thatkraft fand. Wenn, liebe Freundin, ſagte er, dieſe Ihre Holzpan⸗ toffeln und geſtrickten blauweißen Nachtmützen raſch zum Ziel kommen wollen und die Sprache kurz nehmen, ſo iſt damit nicht der Ofen gemeint, ſondern die Sache ſelbſt, um die es ſich in der Gemeinde, auf dem Acker oder auf dem Schlachtfelde handelt. Man nimmt bei uns die deutſche Sprache gerade ſo, wie ſie ſo auch der Engländer nur brauchen konnte, der allerdings das, was noch für die Ideenwelt meines Vaters fehlte, aus der Bretagne herübernahm. Gibt es ſchlagfertigere Volks⸗ ſtämme, als es die Dithmarſen und Frieſen waren und es noch ſind? Hat dieſe raſche und behende Sprache, die ſich mit keinem weitläufigen und unbeholfenen„Auf— geſtanden“ aufhält, ſondern raſch und flink vom„ Up⸗ ſtaän“ ſpricht, nicht die ſchöne Eigenſchaft, Bauer und Edelmann faſt gleichzuſtellen? Sie macht aus den Be⸗ 248 kennern dieſer Mundart faſt eine einzige Familie. Wenn ſie vielem Philiſterhaften einen Vorſchub zu leiſten ſcheint, ſo leiſtet ſie ihn in Wahrheit doch nur der Einwurze⸗ lung des perſoͤnlichen Stolzes auf eigenen Beſitz, eigenen Grund und Boden. Die Neuerung, deren Ideen ſich freilich nicht nach plattdeutſchen Lauten ausdrücken laſſen und, wollte man von Verfaſſungen und Aehnlichem darin ſprechen, eher wie Spott klingen würden, iſt dieſen Stämmen fremd; aber hat es nicht ſein Gutes, daß wir noch im Vaterlande Schanzen und Wälle der frei be⸗ wahrten Selbſtändigkeit gegeneinander aufwerfen kön⸗ nen? Die Einheit iſt ein ſchöner Klang; aber ſie ge— winnen auf Koſten unſerer beſſern Natur? Wer möchte das befürworten um ſolchen Preis! Der Deutſche bildet nur ein geiſtiges Volk. Seine Kraft liegt auf der Scholle, die er vertheidigt, ſeiner Sitte, ſeiner Sprache, ſeinen Ueberlieferungen. Mit dem überall aufgepflanzten ein⸗ heitlichen Banner, einem ſchwarzweißen oder ſchwarz— gelben oder ſchwarzrothgoldenen ſogar, würden wir unſern beſten Gehalt verlieren, und ſo iſt auch die platt⸗ deutſche Sprache nur Hemmſchuh zu deſto ſichererer Fahrt. Nivellirenden Staatsmännern gegenüber ſchützt gerade ſie Perſon und Gemeinde. Wenn die Damen Carſtens Romane laſen, ſo ſuch— ten ſie glücklicherweiſe immer gerade das, was andere überſchlugen. Sie ſtrichen ſich gern ſogenannte ſchöne Ge⸗ danken an und ſchrieben ſie hernach in ihre Sammlungen über zur erhebenden Lectüre in Augenblicken der Sehn— ſucht und des Sichnichtverſtandenfühlens oder zur Stamm⸗ bücherbenutzung. Dieſe Erörterung, die der Doctor 249 denn ihnen anzuhören zumuthete, nahmen ſie für eine ihrem eint, Geiſte dargebrachte große Huldigung. Schon weckte die⸗ Irze⸗ ſelbe die überraſchte Aufmerkſamkeit der Nachbarſchaft. enen Fernerhin war der Uebergang in die gerade ſchwebende ich Frage des Zollvereinsanſchluſſes die leichteſte Folge dieſer nſſen Meinungsäußerung, für welche freilich Lucinde keinen arin Widerſpruch hatte. Sie ließ den beiden Damen den reſen Triumph, durch die Feſthaltung ihrer heimiſchen Sprache wir auch den Kaffee, den Zucker und den Wein vor den Ge— I be⸗ fahren des Untergehens in deutſcher Allgemeinheit ge— kon⸗ rettet zu ſehen. Lauſchte nebenan der Profeſſor vom ge⸗ Johanneum, ſo mußte er ſeine Freude gehabt haben an öchte Klingsohr's Rede. Er würde nicht Anſtand genommen öidet haben, ihn zu einem Bekenner der Schule Juſtus Mö⸗ poll, ſer's zu machen, einer Schule, die bekanntlich keine Wie⸗ dergeburt Deutſchlands zulaſſen würde, wenn nicht auch 9 3 4 in ihr Rechnung getragen würde dem Ewig⸗Osna⸗ 8 brückiſchen. wirh Der Abend wurde kühl, wie es die vielen Wieſen wir. nach Untergang der Sonne mit ſich bringen. plit Klingsohr wollte an die Alſter und bat um Lucin⸗ ahit dens Begleitung... erade Dieſe warf ihre Mantille um, einen Hut über und begleitete ihren Freund, wohin er ſie zu führen gedachte. ſuc⸗ Es gab trotz der volkreichen Stadt, die zu einer ndelt beſtimmten Stunde auch wie im Nu durch die theuere e Ge⸗ Thorſperre die Bevölkerung in ihre Wälle und Mauern ungen zurückdrängt, hier draußen einſame und ſtille Wege. Sie Sehn⸗ waren ländlicher Art, führten durch Weidenalleen über tamm Wieſen an Bächlein entlang, führten durch kleine Bir⸗ kengehölze und endeten in parkähnlichen Vergnügungs⸗ orten, die jetzt von Menſchen ganz entleert waren. Der Himmel wurde dunkler und dunkler und ließ ſchon einzelne Sterne blicken. Die Sichel des Mondes ſtand ſchon länger, aber ſie war noch matt und füllte ſich mit vollerm Lichtglanz erſt gegen Mitternacht. Das ſtille, heimliche Käferleben in Büſchen, an Hecken und Zäunen regte ſich; es war kurz nach Johan⸗ nis. Die Phosphorfunken, die man haſchte, wurden auf der Hand zu kleinen Käfern mit punktirten Flügeldecken. Der ſumpfigen Natur konnten die Fröſche nicht fehlen, dieſe Kukuks der Waſſerwelt, die ihr Einerlei zum beſten zu geben nicht müde wurden. Friedlich ernſt rauſchten, von einem leiſen Luftzug erregt, die berühmten Eichen der Alſter. Fernher brauſte das Gewühl der großen, in der Abendſtunde die durch die Arbeit gebunden ge—* weſenen Sinne entfeſſelnden Stadt; Muſik tönte herüber von einem Kranze von Lichtern, der um das Baſſin des Jungfernſtiegs immer reicher und voller ſich hinzog. Gerade hierher nun nach ſoviel Erlebtem verſetzt zu ſein, war für beide wunderbar genug. Klingsohr legte den Arm um Lucinden und wiederholte die Betheuerung ſeiner Liebe. Er hätte, ſagte er, ein reiches Feld von Thätigkeit in den verwahrloſten Proceſſen der Wittekind'ſchen Fa⸗ milie gefunden, es könnte ſich bis zum Winter hinziehen, daß er hier bliebe... Und dannd fragte Lucinde, die eine gleiche Wärme wie damals auf Schloß Neuhof für den Freund nicht mehr fühlte. ungs⸗ ließ ondes füllte an ohan⸗ n auf decken. ehlen, beſten ſchten, Eichen ooßen, terung tigkeit n Fa⸗ ziehen, Bärme icht 251 Was wir ellebten, erwiderte dieſer, kam ſo unglück⸗ ſelig ſtörend, kam ſo die nächſte Beſinnung raubend, daß ich noch keinen Plan für die Dauer gefaßt habe. Ach, und wie oft iſt mir's wieder, als ſollt' ich dich umfangen und dich mit mir hinabziehen in Tod und Vernichtung! Sieh den geiſterhaften Schein der Wellen! Wie ſtill und ge⸗ heimnißvoll ſie dahinfließen! Lucinde wandte den Kopf zu dem Sprecher empor. Er hatte ihr den Hut abgenommen, weil der Rand deſ⸗ ſelben ihn hinderte, ſich feſter an ſie zu ſchmiegen. Letz⸗ teres that er mehr als ſie deſſen erwiderte. Sie fand ihn ſchwankender, haltloſer, als ſie von Männern ſeiner Art geglaubt hatte. Und bei dem„geiſterhaften Schein“ der Wellen auch ihres unglücklichen Vaters gedenkend, ſchüt⸗ telte ſie's faſt wie Froſt. Sie ſagte faſt wie mit be⸗ wußteſter Proſa: Warum denn ſterben! Ein Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt... Wie drüben in der Stadt die Wagen rollen! fuhr ſie fort. Wie die Muſik ſo luſtig klingt! Das alles ruft und will genoſſen ſein! Klingsohr lüftete den Sommerhut und fuhr ſich er⸗ regt durch ſein krauſes röthlich ſchimmerndes Haar. Die Narben an Stirn und Wangen zuckten. Laß uns von dem Schilf da fort! ſagte er und zog Lucinden vom Ufer mehr der Baumallee zu... Blicke auf Vergangenheit und Zukunft mußten ſich jetzt von ſelbſt ergeben. Klingsohr ſprach viel und ſchnell durcheinander vom Tode ſeines Vaters, von der Schuld des Stephan Len⸗ genich, die ſich immer erwieſener herausſtellte. Er wie⸗ derholte wie ſchon oft: Der Schrecken über den einſamen Anblick des Er⸗ ſchlagenen, das Entſetzen, daß man ihm hätte die That zuſchreiben können, hatten den Kronſyndikus in Verwir⸗ rung gebracht, und, was mehr iſt, hinter dem Haſſe gegen meinen Vater barg ſich Freundſchaft. Vom Schickſal deſſelben erſchüttert, unfähig, der Erſte zu ſein, der es anzeigte, ſprengte er nach Neuhof zurück, konnte die Todesnachricht nicht über ſeine Lippen bringen, ver⸗ brannte in einem Anfall von Großmuth, was er von Schuldforderungen noch in der Buſchmühle geltend machen konnte und bot mir ſeinen Schutz und ſogar den Vater⸗ namen an und mein ganzes Glück in dir!... Stephan Lengenich iſt der Mörder... Die Feinde meines Vaters waren ja zahllos. Auf jedem Waldwege begegneten ihm Männer, die ihm den Gruß verweigerten. Ich hörte ihn einmal klagen, daß man auf der Buſchmühle Feuer angelegt gefunden. Man verſchwieg es, weil gerade ihn der Verluſt der Popularität ſchmerzte. Hoch immer auf dem Schilde aller wollte er getragen ſein. Er konnte keine Gegner dulden, ohne ſie nicht von der Nich⸗ tigkeit ihres Haſſes überzeugen zu wollen. That er's dann, ſo verwirrte ſich der Hader nur erſt recht. Feind⸗ ſchaft, die auf Antipathie beruht, vermittelt ſich ſchon bei einer günſtigen Gelegenheit zum leidlichen Auskom⸗ men; tauſcht man aber mit ruhiger Ueberlegung Warum gegen Warum aus, ſo treten erſt recht Verletzungen ein, die unheilbar ſind. Dieſe Tage ſind düſter, aber ſie liegen hinter uns. Vor uns winkt die Zukunft. Kehr' 253 rwie⸗ ich nach Göttingen zurück, ſo ſollſt du die Muſe meiner Studien ſein. Laſſ' ich mich von Freunden, deren ich 8 Er⸗ hier nur zu viele fand, bereden, hier zu bleiben, ſo findeſt That du dich in dieſe neuen Anſchauungen. Komme, was erwir⸗ kommen mag, baſe Wenn ich dich nur habe, hicſal Wenn du mein nur biſt! der es te die Nun war Klingsohr im gewohnten Zuge und drückte „ver⸗ ſie, dichtend und phantaſirend, wilder an ſich, als ihr, er von der nur Horchenden, wohlthat. machen So gingen ſie bald wieder am Schilf des Ufers oder Vater⸗ ſuchten, um nicht im Sande zu verſinken, grüne Stellen. tephan Weiter kam ein Weidengebüſch. Da blieben ſie ſtehen und Vaters Klingsohr ergab ſich mit neuen Betheuerungen ſeinem gan⸗ en ihm zen Gefühl, das jetzt ein keckes und herausforderndes wurde. hörte Lucinde ſchwieg nur. Es war ihr nicht als wäre Feuer ſie die Mitſchuldige eines Mitſchuldigen; aber irgend⸗ lde ihn etwas blieb im Dunkeln... Eine gewiſſe Kluft zwi— inmer ſchen Klingsohr und ihr konnte ſie nicht mehr aus⸗ Er füllen. Sie wußte nicht, woran es lag, daß ſie ſich nig ihm plötzlich gewachſen fühlte, ja ihn überſah. Die Ko Zauber des Feſſelnden waren ihm plötzlich für ſie ab⸗ at 415 geſtreift, und ſo bedeutſam ſeine Rede blieb, ſeine That⸗ Fend⸗ kraft vermißte ſie, und ſelbſt ſeiner Rede, ſeinem Humor, ſchen ſeinen Woiſon Veinße 0 dde de doe ſeinen Verſen, hörte ſie Gebundenes, Unfreies ab, ja, uskom⸗ eine Gefallſucht, für die ſie nur keinen Ausdruck hatte. Wermm Und doch gerade in ihm hatte ſie Ausdehnung und ki th Raum zu finden gehofft wie im Univerſum, das er ſonſt Hu aauf ſeinen Schultern zu tragen ſchien! Nun gefiel ihm Keh — 254 ſogar dieſe enge, begrenzte Welt, in die man ſie ver⸗ ſetzt hatte. Es war eine Freiheit, die ihr Zwang er⸗ ſchien. Und die Zumuthung, daß ſie ihm Stab, ſie ihm Stütze ſein ſollte! Er begleitete ſie an das kleine Haus zurück, in die Maunſefalle, wie ſie es nannte. Sein Abſchied war ſtür⸗ miſch; ſie ſagte ihm kühl eine Gute Nacht! Zehn Uhr Abends war's. Dennoch ſieht man Klings⸗ ohrn noch nicht in ſeine Wohnung gehen, ſondern in einen der Pavillons eintreten, die ſich am Alſterbaſſin befinden. Muſikklänge, Tabackrauch, die Düfte von Grog und Punſch wirbeln in allen... Hier begegnen ſich der Einheimiſche und Fremde. Draußen vor der Thür ſtehen Seſſel, auf welchen man, wenn die des Nachts ſich zuweilen ſanft wieder mildernde Waſſerluft es geſtattet, die wogenden Men⸗ ſchenmaſſen an ſich vorüberziehen läßt, wol auch die auf dem Waſſer noch mit chineſiſchen Lampen dahinrudern⸗ den Gondeln verfolgt und ein Bild voll Leben und Be— wegung in ſich aufnimmt, das nur in der Ferne eine einzige große Windmühle unſchön, aber doch charakte⸗ riſtiſch begrenzt.. Dieſe Pavillons ſind ſo bequem gelegen, daß man ſich ihrer kleinen Eckſitze im engern innern Raum gern als Stelldicheins für Freunde bedient. Manche Tiſche werden immer von derſelben Geſellſchaft in Beſchlag ge— nommen, entweder bei ſchönem Wetter draußen oder bei unfreundlichem drinnen. Im Winter iſt man jeden— falls ſicher, immer eine Gruppe von Bekannten an einer und derſelben Stelle zu finden. ei r ſtür⸗ klings⸗ neinen de... welchen wieder Men⸗ die auf rudern⸗ nd Be⸗ ne eine zarakte⸗ aß man m gern Tiſch lag ge⸗ in oder ſan n einer 25⁵5 Der Kreis, in dem ſich Klingsohr hier bewegte, iſt ein den Hanſeſtädten ganz eigenthümlich angehörender. Der Kaufmann iſt dort der beſtimmende und maß⸗ gebende Theil der Bevölkerung, aber zu ſeinen Ergän⸗ zungen gehört der Arzt, der Advocat, auch der Schrift⸗ ſteller und Gelehrte überhaupt, denn an dem Bedürfniß des gedruckten Buchſtabens fehlt es durchaus nicht, und eine dieſen Städten ganz ausſchließlich angehörende Lite⸗ ratur beeifert ſich es zu befriedigen. Die Achtung vor der Wiſſenſchaft iſt nicht gering. Man kann aber auch ſagen, daß die, welche zu ihren Bekennern gehören, nichts unterlaſſen, was ihre Geltung mehren kann. Nirgends äußert ſich der Arzt, der Advocat und Schulmann mit ſolcher Beſtimmtheit wie unter Kauf⸗ leuten, und niemand unterwirft ſich ihnen auch ſo un⸗ bedingt wie dieſe. Englands Parlament iſt ein Beweis, wie der Nimbus der gemachten Studien ſich vorzugsweiſe in einer großen geſchäftlichen Welt erhält. Dieſe Aerzte und Advocaten ſind es vorzugsweiſe, die den öffentlichen Geiſt beſtimmen und das Endurtheil auch in den Familien ab⸗ geben, denn, wie jene die Frauen regieren, ſo werden dieſe zu jeder Berathung von größerer Wichtigkeit hin⸗ zugezogen. Die einen von ihnen folgen dem allgemeinen Geiſte des Erwerbs und nehmen früh eine praktiſche Richtung an, ſtreifen den Idealismus ab, reden mit dem gemeinen Mann in ſeiner Sprache und nehmen die ma⸗ terielle Welt ganz wie ſie iſt; die Wiſſenſchaft wird ihnen eine melkende Kuh; ſie verſchmähen ſelbſt die Intrigue nicht, und werden in der oft bis zum Liebloſen gehen⸗ den Entfaltung des ſchroffſten und einſeitigſten juriſti⸗ 256 ſchen Verſtandes unterſtützt von denen, die ihre Spitz⸗ findigkeit in Anſpruch nehmen, bewundern, rühmen, reich⸗ lich belohnen. Die andern ſind, wie die menſchlichen Entwickelungen einmal durch ihre angeborenen Anlagen beſtimmt werden, von einer idealen Haltung. Sie ſcheinen das Alltägliche zu verachten, vertreten die Gedankenwelt, hüllen ſich in einen heiligen Nebel myſtiſchen Eingeweiht⸗ ſeins, ſind entwe der Freimaurer oder Pietiſten oder Poe⸗ ten oder alles zu gleicher Zeit und in verſchiedenen Lagen, nur benehmen ſie ſich überall wie ein Beſonderes, Vornehmes und ewig Akademiſches, und man darf hin⸗ zufügen, daß auch dieſen Männern der Erfolg nicht fehlt. Jetzt, wo die materielle Richtung überwiegt, mag das Häuflein dieſer vorzugsweiſe mit dem Rufe des Geiſt— reichen ausgezeichneten Adepten der Wiſſenſchaft geſchmol⸗ zen ſein. Noch in den dreißiger Jahren aber war der Zuſammenhang Hamburgs mit den edelſten Richtungen des Vaterlandes ein ſehr inniger, und die ſchöne, maß⸗ haltende, ſich ſelbſt beſchränkende Weiſe manches dort gefeiert geweſenen Namens wird noch jetzt bei den Nach⸗ lebenden nicht verklungen ſein. So ſcheiden ſich beide Richtungen im Alter. In der Jugend aber gehen ſie noch mehr zuſammen. Der Scharf⸗ ſinn des einen findet ſeinen Widerpart am Wiſſen des andern, der Rabuliſt der ſpätern juriſtiſchen Praxis ſtreitet ſich noch mit Hartnäckigkeit für Schelling oder Hegel, denen er die Schärfe ſeiner Unterſcheidungen zugute kom⸗ men läßt. Allen aber gemeinſam iſt auf lange Zeit, oft bis in die erſten Jahre der Verheirathung hinein, das lebendige Feſthalten des akademiſchen Lebens. Die e Spitz⸗ n, reich⸗ ſchlichen Anlagen ſcheinen kenwelt, geweiht⸗ der Poe⸗ hiedenen onderes, arf hin⸗ cht fehlt. nag das s Geiſt⸗ ſeſchmol⸗ war der chtungen e, maß⸗ hes dort en Nach— In der Scharf iſſen des i5 ſtreite 1 Hegel zute bom ge Zü hinein, s. Di 257 von Göttingen oder Heidelberg mitgebrachten Anſchauun⸗ gen werden nicht nur in den Kaffeehäuſern feſtgehalten, ſondern oft auch noch in dem Wäldchen hinter Wands beck, in den Hohlwegen hinter Eppendorf. Man ſetzt die Feindſchaften, die man von der Hirſchgaſſe in Heidel⸗ berg, von Ulrici in Göttingen mitbrachte, in der Vater ſtadt fort und wechſelt auch oft noch im nahen holſtei niſchen Sachſenwalde Kugeln um dieſelben Bagatellen, um welche man am Neckar und an der Leine„auf krumme Säbel losgegangen“ war. In dieſen Kreis ſeiner Freunde kehrte Heinrich Klingsohr, mit Enthuſiasmus empfangen, zurück. Die grüngelbweiße Farbe hatte mit der rothweißen immer har⸗ monirt; gehörten doch beide dem großen Bunde des Plattdeutſchen an. Klingsohr traf junge Advocaten und Aerzte, Aſſiſten ten am Krankenhauſe, gelehrte Speculanten, die ſich durch irgendein Organ, das Ohr, das Auge, oder als Ju⸗ riſten durch Wechſel⸗ oder Staatspapiergeſchäft eine Spe⸗ cialität zu ſchaffen ſuchten, andere, Juriſten, die auf eine Anſtellung in der Verwaltung rechneten und ſich mit Statiſtik der Ein⸗ und Ausfuhr beſchäftigten, Schul⸗ männer, die vor drei Herren und ſiebzehn Damen Vor⸗ träge über Spinoza hielten, andere, die eine alte Nei⸗ gung zum Schriftſtellerthum nicht länger zu verbergen brauchten, ſondern durch irgendein Angebot der vielen hier erſcheinenden Zeitungen Redactoren wurden, ſie wußten nicht wie, Candidaten, die noch nicht nöthig hat ten, das Haar zu ſcheiteln und den Blick zu Boden zu ſchlagen, da die Ausſicht zu einem Pfarramt in der Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 17 Stadt erſt über eine lange Probezeit auf dem Lande oder ein mühſeliges Lehramt geht... kurz, in dieſen, na⸗ tkürlich unausgeſetzt von Cigarrenwolken eingehüllten Kreis trat Klingsohr ganz ſo wieder ein, wie er ihn von ſeinen frühern Beſuchen her kannte. Selbſt in Göttin⸗ gen als Privatdocent hatte er den Zug zum ewig Stu⸗ dentiſchen nicht aufgeben können. Er fand hier alle alten Anekdoten wieder, alle alten Stichwörter und Stichblät⸗ ter des Witzes, alle alten Spitznamen; man lachte ebenſo auf gegenſeitige Koſten wie bei Bethmann in Göttingen, mit der gleichen oft ſehr nahen maliciöſen Anſtreifung an die„touchirende“ Grenze und mit derſelben Empfind⸗ lichkeit, wenn dieſe wirklich überſchritten und eines jener Worte geſprochen wurde, in deren Entgegennahme der „Mann von Ehre“ ſich in Deutſchland vom„Philiſter“ unterſcheiden ſoll. Zwiſchendurch galten die Geſpräche der aufgeregten Zeit, den Streitigkeiten des Tages, den Vorkommniſſen der innern ſtädtiſchen Verwaltung, den Perſönlichkeiten der einzelnen Theilnehmer des Kreiſes und vorzugsweiſe den Frauen. Letztern widmete man ganz den Antheil, der ihnen überhaupt gebührt; erhöhen aber mußte er ſich im Munde junger Männer, von denen ſelbſt die, welche den Reiz des Frauenthums mehr als ſich gebührt hätte ſchon auf ſich hatten wirken laſſen, nicht in eine ſouveräne Ver⸗ achtung deſſelben, die den Blaſirten eigen iſt, verſunken waren, ſondern aus dem Wüſten und Wilden ſich ganz ſo wie Heinrich Klingsohr ſelbſt zu einem Bedürfniß aufſchwangen, in den Frauen das Madonnenhafteſte von der Welt zu finden und ſie anzubeten wie die eigene * Lande oder jeſen, na⸗ Uten Kreis ihn von n Göttin⸗ wig Stu⸗ alle alten Stichblät⸗ hte ebenſo Höttingen, Inſtreifung Empfind⸗ ines jener ahme der philiſer“ Geſpräche ages, den ung, den s Kreiſes der ihnen m Munde den Reiz ſchon auf äne Ver⸗ verſunten ſich zan gedürfniß feſte von te eigent 259 verlorene Unſchuld und Jugend. Die dem Fremden faſt unglaubliche Möglichkeit, daß ſich in Hamburg überhaupt Sitte und Unſitte in ſtrengſter Geſchiedenheit erhalten können, war auch in dieſem Kreiſe bewieſen. Man konnte der tollſten Phantaſie und einer grauenerregenden Kenntniß aller Nachtſeiten im Frauenleben den Zügel und war wiederum, wenn der Name einer Unbeſcholtenen genannt wurde, einig in dem ſeidenen, dem ſchießen laſſen Preiſe ihrer Bilde einer Katharina von Siena ent⸗ ſprechenden Augenwimpern, dem Preiſe ihrer Hände, deren Durchſichtigkeit und Weiße nicht anders als mit der Zierlichkeit der Hände eines van Eyck und Mem⸗ ling verglichen wurde, dem Preiſe ihrer Augen, die wegen ihrer etwaigen träumeriſchen Unbewußtheit und gläubigen Zuverſicht geradezu katholiſche genannt oder ihrer irren⸗ den, rein nur innerhalb des inſtinctiven Lebens bleiben— den Unſchuld wegen mit den ſanften Augen einer Ga— Ein Drängen aus dem zu reich genoſſenen, in ſeinen Untiefen zu ſehr erkannten Alltäg⸗ lichen zum reinern Licht empor beſaßen alle, und die Art, ſich ihre läuternden Flammen ſeltſam genug. Mancher betete in Tochter eines Millionärs zelle verglichen wurden. zu entzünden, war dieſem Sinne die der Gröninger Straße an, mancher aber auch nur die eines armen Handwerkers an den„Vorſetzen“ oder„Raboiſen“. Auch jenes„hehre Gnadenbild“, aufblickte, geworden. zu dem Klingsohr war gleich nach ſeiner Ankunft allen bekannt Daß es ſich um die Penſionärin einer„reſpectabeln“ Familie handelte, wußte man. 477 260 Man machte an der Sommerwohnung des Herrn Carſtens Fenſterpromenade, um den Schatz zu ſehen, der einem„Abadonna“ noch vor ſeinem gänzlichen Fall oder ſeiner Läuterung vom Himmel beſchert werden konnte; denn in dieſem Kreiſe galt Klingsohr für einen jener gefeſſelten Titanen, die früher oder ſpäter den ewigen Göttern des Olymp den Garaus machen konnten. Er hieß einer von denen, die eine unberechenbare„Zu⸗ kunft“ beſäßen. Ein einziges Publikum hatte er in Göt— tingen geleſen, das aber von einigen Hundert Studenten beſucht wurde, während er eine Vorleſung über Privat⸗ recht nicht zu Stande bringen konnte. Aber in jener Vorleſung über„Dante's Zeit- und Weltanſchauung“ elektriſirte er ſeine Zuhörer in einem Grade, daß man an Klingsohr nicht anders dachte als wie an einen Evan⸗ geliſten, der immer ein wildes Thier neben ſich ſitzen hat. Die Drachen und Greife Dante's zogen ſeinen Ruhmeswagen, ſein Schweigen war ſo bedeutungsvoll wie die Geheimniſſe der Apokalypſe, ſein Reden war Prophetenthum. Daß er arbeitete, ſtand feſt. Wenn er um zwölf Uhr von der„Kneipe“ gekommen war, ſah man bis drei und vier Uhr noch Licht bei ihm. Seine Verſicherung, er würde ein neues Syſtem des Staats⸗, des Natur⸗, des Völkerrechts, eine neue Philoſophie der Geſchichte, eine neue Geſchichte der Literatur, eine neue Ausgabe des„Sachſenſpiegel“, eine Zuſammenſtellung der Fragmente des Ciceroniſchen Buchs„De Republica“ bringen, eine Geſchichte der italieniſchen Städtebünde, eine Abhandlung über die Verjährungsfriſten, eine neue Begründung des Steuerweſens und eine Kritik Adam werden, ir einen konnten. re„Zu⸗ in Göt⸗ tudenten Privat⸗ in jener hauung“ aß man n Evan⸗ ch ſitzen n ſeinen tungsvoll den war Wenn er var, ſah . Seine Staats⸗ ſophie der eine nelle enſtellung pubſie adtebünde⸗ dine teut 261 Smith's nach dem Syſtem der Bienenkörbe, alle dieſe Verheißungen fanden den vollſtändigſten Glauben. Für jedes dieſer epochemachenden Werke hatte er die leitenden Geſichtspunkte ſchon fertig und wußte ſie an geeigneter Stelle ſo anzubringen, daß man jahrelang von dem Gedanken ſprach, den Sie, wiſſen Sie, Klingsohr, da⸗ mals auf dem Ritt nach Münden, am Zuſammenfluß der Werra mit der Fulda, auf der reizenden kleinen Inſel(dem„Taufkiſſen der neu entſtandenen Weſer“, konnte er einwerfen) ausſprachen? Klingsohr ſtrich ſich die kurzen röthlichen Locken und lächelte dann nur. Er lächelte nicht etwa geſchmeichelt— die Werthſchätzung verſtand ſich ſchon von ſelbſt— er lächelte voll Weh⸗ „Mär⸗ chen aus alten Zeiten“ ſprach. In ſolchen Wehmuths⸗ augenblicken konnte er, war es Abend und ſaß man im Freien, ſtundenlang auf ein einziges Sternbild blicken, die Kaſſiopeia, und ohne eine Miene zu verziehen ſo viel Bier oder Wein oder Grog„vertilgen“, wie ihm auf ein Klappern mit dem Zinndeckel, oder das Rütteln einer leeren Flaſche, oder das Anklingen mit dem Stahlbügel der Cigarrentaſche an ein leeres Glas von einem kundigen „Gleich-Gleich-Herr!“ nur hingeſtellt wurde. Begann er dann endlich nach ſolchen Pauſen zu reden, ſo war es gewöhnlich eine neue Lesart im Tacitus, die er ſolange überdacht hatte, oder ein Irrthum in Vega's Logarith⸗ miſchen Tafeln. Je ſeltſamer, je abſtruſer ſeine Aeuße⸗ rung, deſto mehr imponirte ſie. Jetzt wieder ſaß Klingsohr im Alſterpavillon bis zwölf Uhr Nachts mit derſelben Beharrlichkeit und in muth, wie ein Träumer, dem man von einem 262 demſelben Wechſelverkehr mit den„Gleich⸗Gleich⸗Herr!“s wie ſonſt. Aber„zerriſſener“ und wüſter als ſonſt war ſeine Art, bitterer ſein Humor; die Scherze, die er oft bis zur Ausgelaſſenheit über einen und denſelben Gegen⸗ ſtand„zuſammenjeanpauliſiren“ konnte, floſſen nicht mehr von ſeinen zuweilen krampfhaft zuckenden Lippen. Man brachte bei Beobachtung dieſer Veränderung den ihn betrübenden Tod des hochgefeierten Vaters in Rechnung, dann die Liebe zu dem Elfenkinde vor dem Dammthor, das alle geſehen und wegen ihrer fremdartigen, der hier zu Lande üblichen Weiſe nicht entſprechenden Art des Ausſehens und Benehmens bewunderten. Einige„ſchlechte Witze“, die dieſer oder jener ſich erlanbt hatte, waren faſt bis an die„touchirende“ Grenze gegangen und ein für allemal beſeitigt worden. Klingsohr hatte ſich, als man von einem bei dem Kleeſaatmakler Carſteus in„Cor rection“ gegebenen„Röslein auf der Heiden“ ſprach und das Rauhe Haus erwähnte, vom Tiſche erhoben, wie wenn ein jeder Zoll an ihm auf zwei hinauswüchſe und er geradezu bis zu ſeiner Kaſſiopeia hinauf wollte; er ſprach kein Wort, aber ſein ſonſt ausdrucksloſes Auge ſtarrte und von Stund' an war das Geſpräch über dieſe Liebe rein und unentweiht, wenn man auch nicht begriff, wie ſie den von einem ſolchen Beſitz Beglückten nicht mehr beleben und erheitern konnte. Des Geldes, das allerdings ſonſt, wenn es man— gelte, dem„Weltſchmerz“ Vorſchub zu leiſten pflegte, beſaß Klingsohr genug. Wie kam er zu dieſer verſtimm⸗ ten Laune, dieſem ſchlendernden, dicht an den Häuſern entlang gehenden Gang, dieſem Niederblicken, dieſem hef⸗ 263 Herr!06 Scherben tigen Aufſchlagen der Gläſer, daß ſie oft in S zerſplitterten, dieſem erbitterten Angriff auf Richtungen, t glaubte, dieſer gehäſſigen Ver⸗ lebensvoll und fröhlich ſich ſonſt war die er oſt denen man ihn verwand folgung alles deſſen, was um ihn her tummelte? Einige Aufſätze ſchrieb er damals für Blätter, die ſeine Freunde redigirten. Die doctrinären Behauptungen en Gegen⸗ ſen nicht ꝛ Lippen. Jden ihn Kechnung, ther, darin gingen ſelbſt dieſen zu weit. In einer Republik der ſiic von Bürgern rühmte er den Adel, nannte ihn von Gott 9. eingeſetzt, ſtellte ihn wie Leuchten hin, die das Dunkel tütt der Zeiten erhellen ſollten, pries ihn ſeiner Einſeitigkeit re wegen, in der die Bürgſchaft ſeiner Kraft läge, ja ſchloß 1 damit, daß kein Denker beſſer die Zeit erfaßt hätte als h jener Ludwig von Haller zu Winterthur in der Schweiz, 96 derſelbe, der Luthern einen ſittenloſen, entlaufenen Mönch vuß d geuanni hat. 4 Dieſe Artikel erregten Widerſpruch. Sie würden in wiewenn dem Kreiſe, der Klingsohrn bewundernd umgab, eine 6 und 1 Spaltung hervorgerufen haben, wenn nicht ſeiner Ver⸗ prach götterung des Adels eine Nemeſis der ſchneidendſten Jronie ge ſart gefolgt wäre. ieſe Liebe Sie erxegte das Auſſehen der ganzen Stadt. if ne ¹ icht mehr— es man⸗ n yflegte verſtimm⸗ Häuſern 7 ieſem hef⸗ — —— 127. Eines Tages, an einem ſchönen Nachmittage, ſaß Klingsohr am Alſterpavillon wieder unter ſeinen Freunden. Sie waren heute zahlreicher denn je vertreten, da man auf dem wallenden blauen Baſſin ein Wett⸗ 7 rudern verauſtalten wollte, zu welchem einige von ihnen als Comitémitglieder gehörten und ſich über man⸗ cherlei dabei zu beobachtende Vorſchriften vor der ent⸗ ſcheidenden Sitzung zu verſtändigen wünſchten. Schon baute man ein Gerüſt auf einigen Kähnen, das in bunter Ausſchmückung in der Mitte des Baſſins als Feſttribüne vor Anker liegen ſollte. Die Maſſen der Bevölkerung wogten hin und her. Klingsohr war vorm Thore ge⸗ weſen und hatte, wie ſchon oft, Lucinden nicht gefunden. Dieſe konnte das Einerlei der Beethoven'ſchen Sonaten, der grünen Erbſen und vaterſtädtiſchen Münzen nicht länger ertragen und hatte nach rechts und links ihr Ter⸗ 4 rain erweitert. Menſchen, die von einer friſchen und lebenskecken Kraft ſich beſtimmen laſſen, finden ſich überall. Lucinde hatte die ganze Reihe der Sommerwohnungen von Nr. 25 bis 40 dieſſeit der abgeblühten Hollunder⸗ 265 hecke und jenſeit von Nr. 45 bis 60 durchbrochen und dort durch Vermittelung von Kindern, hier durch einen entflogenen Papagai, da durch ein am Buſchwerk des Gitters beim Vorüberſtreifen hängen gebliebenes Tuch, dem man von innen Abhülfe ſpendete, eine Bekanntſchaft nach der andern geknüpft. Zum Schrecken der beiden Damen Carſtens war ſie überall einheimiſch geworden, ſowol bei Menſchen, die jährlich 10000 Mark einnah⸗ men, als bei ſolchen, die vielleicht nur auf 4000 kamen und ſogar den Winter über die Sommerwohnung nicht aß verließen;„ja bei Juden ſogar“, bei Lotteriecollecteuren er und Hausmaklern ſprach ſie ein und wußte alle Geheimniſſe en, der jungen Mädchen und jungen Frauen, der Matronen, tt⸗ 4 ſogar der Ehemänner und Greiſe. Ihre Zutraulichkeit be⸗ on fremdete erſt, dann entzückte ſie. Die fremdartige, halb ſüd⸗ 3 deutſche Ausſprache, der geringe Werth, den ſie auf ihre 83 Anmuth legte, ihre Neigung zum Necken gefielen ſo aus— oi nehmend, daß Eiferſuchtsſcenen ausbrachen, und ſchon darüber, wer ſie am längſten und am öſterſten beſitzen ne konnte. Lucinde erkannte ſich kaum ſelbſt wieder in die— fg ſen Erfolgen. Die alte Erfahrung, daß in ein ſteifes, allzu geregeltes Treiben ein glücklich organiſirter Geiſt 3 mit den leichteſten Mitteln Leben und Bewegung bringen 1 kann, beſtätigte ſich aufs neue. Sie ſtaunte über das,— 3 was ſie zu Stande brachte. Alle Herzensgeheimniſſe von 3 1 einem Dutzend junger Mädchen kannte ſie, und Männer, die ſonſt auf Spaziergängen kalt vorübergingen, wur⸗ den ihr jetzt in ihrem geheimſten Charakter enträthſelt. Sie half, wo ſie konnte. Ja, ſie ſelbſt erntete Huldi— gungen in ſolchem Ueberfluß, daß ſie nicht wußte, was damit anfangen. Noch entdeckte ſie alles Klingsohrn und nahm deſſen Warnungen auf. Bald aber ſtellte ſie Ver⸗ gleiche an und gerieth in Neckereien und Verſteckſpiele, ganz in der ihr eigenen Weiſe, die allen und keinem gehörte. Bald folgte dann freilich auch die Reaction. Hier war eine Eitelkeit verletzt, dort ein Verdacht über⸗ trieben worden; ſchon gab es Vorwürfe, ſchon Verfein⸗ dungen; Freundſchaften löſten ſich im Lauf eines einzigen Abendſpazierganges durch die thaufeuchten Wieſen in ent⸗ ſetzliche Enthüllungen, Racheplane und Warnungen auf. Hütet euch vor der! riefen die einen, während die an⸗ dern noch das treueſte und edelſte Herz liebkoſten und nur ein Kind der Natur in Lucinden ſahen, dem nie⸗ mand gram ſein könne, ſelbſt wenn es unüberlegte Streiche machte... Kein Wunder, daß in dieſen immer⸗ mehr zunehmenden Wirren Klingsohr oft ſtundenlang bei der Erbſen kernenden Sophia oder der„Lieder ohne Worte“ ſpielenden Meta oder dem in der Geſchichte der hamburger Bürgermeiſter verlorenen Nikolaus verweilte alten und ſich von ſeiner in Feld und Wald verflogenen Liebe nichts finden wollte. In der durch eine ſolche Nachricht von einer wieder in die Sumpf⸗, Moor⸗, Wald⸗ und Sandſteppenwelt hinter Eppendorf hinausgegangenen Wanderung erzeug⸗ ten Misſtimmung war Klingsohr an jenem Nachmittage zur Stadt zurückgekehrt. Da das auf der Alſter vor⸗ bereitete Vergnügen ein ariſtokratiſches war, ſo fanden ſich in dem Kreiſe, den er betrat, gerade diejenigen an— weſend, die ihr Patricierblut in denſelben Wallungen kund zu geben pflegten, wie wenn ſie zu den„Granden — 3 . 267 d der Ukermark“ oder zu Mecklenburgs Vollblut gehörten. Zu den Hoſfſchlittenfahrten unter den berliner Linden 1 können die Farben, die die Vorreiter tragen, die Far⸗ 3 ben der Federn, die auf den Köpfen der Roſſe wehen 4 ſollen, nicht ſorgfältiger nach den heraldiſchen Thatſachen 3 der Familienwappen beſtimmt werden, als hier die jun⸗ gen Doctoren aus den Familien der Millionäre und die B künftigen Senatoren und Geſandten der Republik von 1 den Emblemen ihrer Wimpel, den geſtreiften Farben 6 ihrer Ruderbvote und Ruderer ſprachen. Die„Ehre“ 3 war in ihrer ganzen, ſo empfindlichen und bekanntlich 3 nur geringen Elaſticität angeſpannt, und Heinrich Klings⸗ d ohr gab ſeine Rathſchläge in einem Tone, als wenn er 1 in der That ein rechtmäßiger Sohn jenes Freiherrn e von Wittekind war, deſſen Proceſſe er nur führte. 7 In dieſem Augenblick geſchah ihm aber etwas Ent⸗ ei ſetzliches. le Eine ſchlanke, hohe Geſtalt in ſchwarzem Frack, mit - einem hierorts auffallenden Ordensbande im Knopfloch, te drängte ſich durch die dichten und dem Alſterſpiegel zu⸗ n gewandten Menſchenmaſſen an den von den geachtetſten jungen Männern der Stadt beſetzten Tiſch, rief ein lautes, er faſt kreiſchendes: Hab' ich dich, Schurke! einem derſelben, lt dem er den Hut vom Kopfe ſchlug, entgegen und ſchlug— mit einer Reitpeitſche auf Schultern, Kopf, Hände deſ⸗ ſelben ſo unbarmherzig zu, daß im Nu blutige Strie— ⸗ men auf Stirn und Wangen ſichtbar wurden. Man n hätte noch Aergeres befürchten müſſen, wenn dem Raſen⸗ 2 den, der Stühle und Tiſche umwarf, um noch ärger u 3 über ſein Opfer herzufallen, andere nicht im Augenblick n in die Arme geſprungen wären und mit der äußerſten Anſtrengung ſeinem Beginnen ein Ende gemacht hätten. Der ſo Getroffene war Klingsohr. Den Angreifer erkannten ſowol dieſer ſelbſt, ſoweit er die Beſinnung behielt, wie mehrere in der Geſellſchaft ſogleich wieder. Es war kein anderer als ein älterer göttinger Studien⸗ genoſſe, der Freiherr Jéröme von Wittekind. Der Kammerherr nannte auch ſogleich ſeinen Namen und warf zum Ueberfluß eine Karte auf den Tiſch. An⸗ dere riſſen ihn fort. Das rege Rechtsgefühl und das ſchnell entſchloſſene Naturell der Bevölkerung machte ſich in der Beihülfe geltend, die der Mishandelte erfuhr; man riß den Störer des Stadtfriedens faſt nieder. Die Mitglieder der Geſellſchaft aber, die ſein Ueberfall ſo urplötzlich geſtört hatte, hinderten ſowol die Volksjuſtiz wie die Arreſtation. Alle erkannten, daß hier ein Vor⸗ fall ſtattfand, der einem Ehrengericht angehörte, nicht der Polizei. Klingsohr blutete. Sowie er zum Be wußtſein gekommen, wollte er ſich entfernen. Kein Wort ſprach er, ja er ſchien dem Ueberfall eine Bedeutung zu geben, die dieſen gänzlich dem Bereich fremder Ein⸗ miſchung entzog. Um den Angreifer, deſſen ſtattliche Geſtalt imponirte, ja der ſofort eine Erfriſchung be⸗ ſtellte und die Börſe zog, hatte ſich ſofort eine Gruppe gebildet. Es ſtand bald feſt, daß eine ſolche Selbſthülfe hier nur die Folge eines äußerſten Zwanges gebotener Umſtände geweſen war, und wenn auch Männer und Frauen riefen: Er iſt toll! wenn auch einige der Herren am Tiſche es überdies auch ſchon geſagt hatten: Es iſt der tolle Wittekind! ſo erblickte man doch zunächſt in 269 ſeiner Handlungsweiſe nur das Maß, wie weit Rache und langgeſchürte Wuth vielleicht begründetermaßen einen Menſchen fortreißen können. Den Angreifer begleiteten über die Straße einige ſeiner alten Commilitonen auf einige Zimmer, die er, vor einer Stunde angekommen, im erſten Stock der auf zwanzig Schritte nahe gelegenen Alten Stadt London genommen und auf Befehl der Polizei nicht mehr verlaſſen durfte. Man erfuhr von dem ohne alle Begleitung Angekommenen, daß ihm Klingsohr„ſeine Braut“ entführt hätte. Wirr genug waren die nähern Angaben des Rache— ſchnaubenden; aber kannte nicht jeder das Räthſelhafte der Perſönlichkeit, mit der Klingsohr in Hamburg aufgetreten war? Der Kammerherr konnte, wenn er einen tobſüch⸗ tigen und böſen Gedanken unausgeſetzt verfolgte, mit Conſequenz verfahren wie ein Vernünftiger. Jetzt war er ganz heiter, lachte, ließ Champagner kommen, behielt ſeine alten Freunde zurück und widerſetzte ſich der An— ordnung eines Ehrengerichts keineswegs. Die Satis⸗ faction, die als dem ſo Gezüchtigten gebührend ſogleich genannt wurde, verſprach er ohne weiteres geben zu wollen, drang aber auf Eile, wobei er ſich benahm, als drohten der Verzögerung Gefahren für ihn und andere. b Niemand begriff dabei aus ſeinem Benehmen, wie der längſt als ſchwachſinnig Bekannte mit einer gewiſſen lachen⸗ „ den Geberde immer auch die Freude über ſeine Flucht aus einer, wie es ſchien, gewaltſamen Abſperrung kund gab. Klingsohr wurde ſofort in ſeine Wohnung gefahren. Ihn begleitete der andere Theil der gemeinſchaftlichen Freunde. Als man von der Entſcheidung durch die Kugel ſprach, ſprang er auf, ſtieß das Gefäß mit kal⸗ tem Waſſer, aus welchem man die Umſchläge anfeuch⸗ tete, die die Striemen ſeines Antlitzes kühlen ſollten, zurück und blickte ſtarr ins Leere, wie ſchaudernd vor einer gräßlichen Gedankenverbindung. Dann ſank er in einen Seſſel zurück, dumpf vor ſich hinbrütend, das Haupt aufgeſtützt und den Kopf ſchüttelnd wie über das Unerklärlichſte der Welt. Die Beſchimpfung, die er vor einer ganzen Stadt erlitten, war ſo groß, daß man dieſen ſtarren Ausdruck, der ſich bis zum Ausbruch eines jeweiligen bittern Lachens ſteigerte, nur allein ſeinem Schamgefühl zuzuſchreiben brauchte. Nannte man jedoch den Kammerherrn verrückt, ſo ſchüttelte er den Kopf und that, als wäre ſein Beleidiger der Weiſeſten einer und von Gott ſelbſt geſandt. Daß Jeröme von Wittekind in dem Grade ſchwach⸗ ſinnig war, wie es Luecinde kannte, wußte man in dieſem Kreiſe noch nicht; man hatte vor Jahren in Göttingen des Verkehrten genug von ihm erlebt, aber ſelbſt Klings⸗ ohr kannte ihn nicht in ſeinem ganzen Zuſtande. Einem der Freunde, einem Arzt, der lange bei dem Thema der Narrheit des Beleidigers verweilte, unterbrach er die Rede. Man mußte es ſeiner Aufregung und dem Mis⸗ muth, zur Herſtellung ſeiner mishandelten Ehre— wie einmal die Logik des Duells mit ſich bringt— nun noch ſein Leben preiszugeben, zuſchreiben, wenn ſeine Aeuße⸗ rungen herauskamen wie ein Schauder vor den Fügungen des Geſchicks. Dumpf ſprach er in Stellen aus den Tragi⸗ kern aus, daß das Schickſal ſeine Verhängniſſe durch un⸗ ſere eigene Thorheit und Leidenſchaft vollziehen laſſe. 271 Ebenſo wichtig, wie die Vorbereitung eines Duells, die Klingsohr als den Abſchluß des die ganze Stadt er⸗ füllenden Vorfalls ruhig geſchehen ließ, war die Für— ſorge, die man zu treffen hatte, um Lucinden vor dem Kammerherrn zu ſichern. Sofort wurde eine Mittheilung nach der Sommer⸗ wohnung des Herrn Carſtens gemacht mit der Warnung, Fräulein Schwarz nicht einem Ueberfall bloßzuſtellen, der bei dem Charakter einer ſolchen Leidenſchaft, wie ſie der Kammerherr zur Schau trug, leicht in einer gewaltſamen Entführung beſtehen konnte. Die Damen des Hauſes erſchraken nicht wenig, theils über den Vorfall an ſich, theils über die in Ausſicht geſtellten Folgen. Sie beklagten, eine Perſon aufgenommen zu haben, die nun in der ganzen Stadt ein ſolches Gerede veranlaßte. Hatte ſich Lucinde bereits unter einem Dutzend Familien die verſchiedenartigſten Beurtheilungen zugezogen, ſo gab ſie denen, die ihrem Charakter mistrauten, ſie der Koketterie und Intrigue beſchuldigten, jetzt eine Thatſache an die Hand, die ihr Urtheil rechtfertigte. Sie war die Geliebte eines vornehmen Adeligen und dieſem von Klingsohr ent⸗ führt... Schreckensworte für das Ohr der Damen Car⸗ ſtens, die von Lucindens ſpät dauernden Spaziergängen und Landpartieen und ihrem Abends ſpät bis zum Dun⸗ kelbraunwerden ziehenden Thee genug indignirt waren. Als Lucinde die Kunde von dem Vorfall am Alſter⸗ pavillon vernahm, überfiel auch ſie ein Grauen bei dem Gedanken, dem Kammerherrn zu begegnen. Nimmer⸗ mehr! rief ſie und ſah um ſich, wie einſt ihre Tauben, wenn ſie den Stoßvogel erblickten. In dem engen Raum dieſes Hauſes, ſelbſt wenn man Herrn Carſtens hätte veranlaſſen wollen unten zu ſchlafen, war kein Verſteck zu finden. Auf dem Rödingsmarkt gab es nur herabgelaſſene Vorhänge, jetzt keine Betten, keine Bequemlichkeit, und doch erklärte ſie, gern auf der Erde ſchlafen zu wollen, nur nicht ſich der Gefahr auszuſetzen, dieſem Verfolger zu begegnen. Aber jedem der drei Geſchwiſter fiel irgend⸗ eine Bagatelle ein, die in ſeinem Nichtbeiſein in der Stadt beſchädigt werden konnte. Sie erklärten, dann lieber auf einige Zeit alle mit in die Stadt zurückgehen zu wollen, wodurch natürlich der Verſteck wieder aufgehoben wurde. Endlich bot ſich ein anderes Auskunftsmittel. Die raſch geſchloſſenen und raſch wieder abgebrochenen Freundſchaf⸗ ten mit der Nachbarſchaft hatten bei zwei Intereſſen Stand gehalten, einem materiellen und einem geiſtigen. Ein Modehändler vom Neuenwall hatte in der jetzigen Saison morte keinen beſſern Kunden als die junge Pen— ſionärin des Kleeſaatmaklers Carſtens. Lucinde war reich⸗ lich vom Kronſyndikus und Klingsohr mit Geld aus— geſtattet. Zu ihren Liebhabereien gehörte es nicht nur, ſich zu ſchmücken, ſondern mehr noch, in der Stadt von Laden zu Laden zu gehen und Einkäufe zu machen. Sie hatte die Liebhaberei des Schenkens. Manche von denen, die nichts mehr von ihr annehmen wollten, behaupteten, ſie wollte ſich damit nur das Recht erkaufen, die Menſchen dann auch verletzen und ärgern zu können. Die Damen Carſtens nannten ſie eine Verſchwenderin und begriffen nicht, wie ſie bei einer Beſchwerde darüber von Klingsohrn die Antwort bekommen konnten:„Feen ſchenken gern!“ Er wußte, daß Lucinde darben, auf Stroh liegen konnte ebenſo wie in 273 goldenen Paläſten wohnen. Sie hatte bisjetzt mit dem Leben nur geſpielt; faſt ſchien ſie zu wollen, daß auch das Leben nur mit ihr ſpiele. Etwas ſelbſt und lange zu erwarten und zu erhoffen, wäre ihr das Drückendſte geweſen. Hätte ſie damals die Volksjuſtiz nicht von der Frau Hauptmännin von Buſchbeck erlöſt, ſie würde viel— leicht noch bei ihr gedient, noch die Zwetſchenkerne ſich zerſchlagen und ſie für eine Delicateſſe verſpeiſt haben, glücklich, daß es nicht die gefangenen Mäuſe waren. Es gibt einen großen Bund in der Geſellſchaft, der ſeine eigenen Myſterien hat. Es iſt dies der Bund der Notenkundigen, der einer Verſchwörung gegen die muſik⸗ unkundige Welt nicht unähnlich ſieht. Dieſer Eifer, ſich zu Duetten und Trios zu verbinden, bei welchem Ma— dame Möller und Friäulein Wulff ſangen, Lucinde ſpielte— der Geſang war ihr völlig verſagt—, dann einmal Herr Möller mit der Violine, Herr Wulff mit der Flöte begleitete, dieſer Fanatismus, bei keinem Streich⸗ quartett der Dilettantenwelt, bei keinem Concert durch⸗ reiſender Berühmtheiten zu fehlen, dies ewige geheimniß⸗ volle Verbundenſein mit Felix Mendelsſohn⸗Bartholdy auf dem Wege der Tonſchlüſſel in A-Dur und C-Moll das iſt ein ganz eigener Cultus, der, wie es die Diſſo⸗ nanz des Lebens und der Genuß an etwas mehr oder minder rein geſtimmter Harmonie einmal mit ſich bringt, bis zur ſouveränen Verachtung aller Uneingeweihten führt und aus Notenkundigen ſchon die größten Ariſtokraten und Tyrannen gemacht hat. Madame Möller hatte bei einer zufälligen Anweſenheit in Leipzig von einer Schülerin Mendelsſohn's ſingen gelernt, was ſo viel war als von Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 18 1 274 ihm ſelbſt. In den Räumen der Sommerwohnung Möller und Wulff hatte man Muſikaufführungen gehalten, deren Wichtigkeit zwar nicht ganz, aber doch annähernd den Sitzungen des deutſchen Bundestags gleich erachtet wurde, auch Meta Carſtens ſchloß ſich an, einige junge Buchhalter oder Gelehrte ſpielten Bratſche, Cello oder entwickelten guttreffende Stimmen. In dieſem Kreiſe war es, wo ſich Lucinde am längſten hielt. Sie be— gleitete nur, ſpielte nur zweite Stimmen und lachte dabei innerlich ſowol über die langen Hälſe der Singenden wie über die allgemeine menſchliche Eitelkeit. In das dieſer Familie gehörende Haus auf dem Neuenwall flüchtete ſich Lurinde. Madame Möller und Fräulein Wulff ſchliefen zu ihrem Schutze in der Stadt. Aus dieſer verſchwiegenen Einſamkeit entſtand freilich eine Frequenz, welche die des im Parterre befindlichen Som⸗ mergeſchäfts übertraf. Herr Noodt hatte den Aufent⸗ halt bald erkundſchaftet und gönnte Herrn Wulff nicht die beſtändige Nähe Lucindens und machte Beſuch und Fräulein Smidt fürchtete das und machte ſich ſelbſt bei Madame Möller zu ſchaffen und Fräulein Janſen fürchtete wieder, Herr Gensler würde demſelben Triebe folgen, und ſuchte die Fährte auf, die auch endlich nicht nur Herr Gensler, ſondern auch Herr Burmeſter, Herr Johannſen und Herr Wilckens gefunden hatten. So ver⸗ ſtrichen drei Tage in einem nicht endenden Klingeln der Dielenthür und einer Aufregung der an der Verborgenheit betheiligten Perſonen, die ſich nur durch Muſik beſchwich⸗ tigen ließ; man ſang, man ſtritt über Noten und Ton⸗ arten und da der Flügel fehlte, ſang man Scalen und * 8 — 275 Solfeggien und ſtritt über den größern Werth der Schu⸗ mann'ſchen oder der Mendelsſohn'ſchen Lieder. Um ein Weſen, das ſich in dieſer Lage ſo benehmen konnte und nur auf das dringendſte Verlangen der Damen Carſtens zu bewegen geweſen war, einige Zeilen des Be⸗ dauerns an Klingsohr zu ſchreiben, ihm ihre Flucht, ihre Sicherheit, ihren Antheil an ſeinem ſchmerzlichen Erleb⸗ niß auszudrücken, ſchoß ſich dann zwei Tage nach der erhaltenen öffentlichen Beſchimpfung Klingsohr mit ſeinem Jugendfreunde hinter Ottenſen auf zehn Schritt Barriere. Man hatte vieles erwogen gehabt. Klingsohr hatte ſich mit den Secundanten vorher eingeſchloſſen, hatte von ſeinen Verpflichtungen gegen den Kronſyndikus geſprochen; immer aber trat allen Abmahnungen das Bild entgegen: Vor einer ganzen Stadt mit der Reitpeitſche durchgehauen! Die Satisfaction konnte nur in einem Duell beſtehen. Man hatte die Formen des Duells ſo leicht wie möglich gemacht, die Diſtanzen nach den größten Maßen genommen und dennoch ſchoß Klingsohr ſeinen Beleidi⸗ ger, nachdem dieſer, ohnehin abgekühlt und von der Ge⸗ fahr erſchreckt, einen verfrühten Schuß ohne zu avanciren blindlings abgefeuert hatte, mit dem ſeinigen auf einen einzigen Anſchlag nieder. Die Kugel drang zwiſchen die untern Rippen in Blut⸗ gefäße, die ſich augenblicklich zu entleeren begannen. Eine Secunde ſtand noch Jéröme, entfärbte ſich, ſuchte ſich zu wenden und ſank entſeelt zu Boden. Nach vollbrachter That wurde Klingsohr von ſeinen Freunden dringend aufgefordert, den im Gehölz befind— lichen Wagen zu beſteigen. 18* In dieſer menſchenbeſäeten und gutbewachten Gegend mußten zwei Schüſſe ſelbſt in der erſten Morgenfrühe auffallen. Der mitgenommene Arzt erklärte, jeder Verſuch, den Gefallenen ins Leben zu rufen, wäre vergeblich. Klingsohr zeigte einen dumpfen Schmerz. Er ſtand wie erſtarrt und mochte ſich von der Leiche nicht trennen. Laßt mich! rief er und ſchleuderte die, die ihn fort⸗ ziehen wollten, zurück. Wir beſchwören dich! rief man. Klingsohr! Die Flurſchützen kommen! Klingsohr blieb ſtarr und ſchauderte... Der Frevel iſt beſtraft, wie er's verdiente! rief man. Komm! Klingsohr beugte ſich mit einem Knie, ſtemmte das Haupt auf das andere und faßte die erkaltete Hand des ſchon Verblichenen. Die lange herculiſche Geſtalt lag marmorblaß, die Lippen waren krampfhaft geöffnet, wie wenn ein Wort noch von ihnen hätte kommen ſollen, das der plötzliche Tod abſchnitt. Da jeder Lebenshauch geſchwunden war, ſo nahmen die Secundanten die wichtigſten Dinge aus den Taſchen der Leiche, um ſie ſelbſt bis auf weiteres liegen zu laſſen, gerichtliche Rencontres zu vermeiden und vor⸗ läufig nur ſich ſelbſt zu flüchten. Mit Widerſtreben wurde Klingsohr in den Wagen gezogen. Man ſah Menſchen dem Gehölz zueilen, glaubte aber den Vorſprung noch frei. Die Roſſe zogen an, der tiefe Sand geſtattete kein ſchnelles Anſprengen. Kaum aber — ber iefe ber hatte man das Gehölz hinter ſich, als der Flurſchütz mit einigen ſchnell herbeigerufenen Landleuten ihnen ſchon in die Zügel fiel. Jetzt, wie zur Beſinnung kommend, ſpringt Klingsohr auf, reißt die eine der noch geladenen Piſtolen an ſich und erſchreckt dadurch ſeine Freunde ſo, daß ſie ſich nur beſchäftigen können, ihm die gefährliche Waffe zu ent⸗ winden. Darüber verlieren ſie den Vortheil entweder zu entkommen oder, wie wol in ſolchen Fällen geſchieht, ſich durch Beſtechung loszukaufen. Sie mußten ihre Namen nennen und verſprechen, mit dem Wagen dem Flurſchütz zu folgen. Auf dem Stadthauſe in Altona wurde ein Protokoll aufgeſetzt. Klingsohr, dem nur zunächſt an der wür— digen Beſtattung ſeines Opfers lag, mußte zurückbleiben. Die andern entfernten ſich auf Ehrenwort. Nach einer ſo ernſten Wendung war für niemand der Boden unter den Füßen mehr hinweggenommen als für Lucinden. Sie kehrte auf die erſte Schreckenskunde zur Car⸗ ſtens'ſchen Familie zurück, aber der Fall wurde ſo viel⸗ fach erörtert, mindeſtens ſo allgemein beſprochen, daß ſie der Gegenſtand der allgemeinen Neugier und keines ihr günſtigen Urtheils wurde. Der Schimpf, der Klingsohrn angethan geweſen, war beſtraft; ihn erwartete ein Spruch der Richter; nur ſie, die Veranlaſſung dieſer blutigen Scenen, ging frei aus, und jetzt konnte ſelbſt die Muſik nicht mehr ihren klingenden Schild über ſie legen. Sie fühlte ihre Lage und zum erſten mal war ihr Nr. 33 gerade recht; die zwei —— 278 Bettſchirme, die ſie von den Schweſtern trennten, ließen ihr gerade ſo viel Raum, wie ſie auf einige Tage bedurfte. Daß in ſolchen Lagen Naturen, wie die ihrige, allein ſtehen, aber auch ganz allein, das erfüllte ſie mit Bit⸗ terkeit. Sie machte ſich Geſtändniſſe über ſich ſelbſt, ihre Umgebungen und über ihre Grauſamkeit gegen Klingsohrn. Sie liebte ihn nicht mehr. Was traf ſie da nach ihrer Meimung weiter für eine Schuld! Dieſe ganze Um⸗ gebumg war ihr peinlich geworden, da ſchon lange alles das es wurde, was von ihr durchſchaut werden konnte. „Sie hatte angefangen, ſich fortgeſetzt einzureden, daß dieſe Welt eine ganz nichtige, nur dem Schein huldigende, daß dieſe Menſchen alle, die ſie bevölkern, nur Puppen wären, die an den Drahtſeilen einiger kluger Matadore tanzten. Welche Narrheiten rechts und links! Dieſe Schweſtern, die einen Bruder tyranniſirten, nur um ein geſichertes Alter zu haben! Pedantinnen in jedem Worte, das ſie ſprachen, in jedem Schritt, den ſie thaten, immer nach dem Wetter lugend, auch in geiſtigen Dingen, immer bedacht: Was werden die Leute dazu ſagen! Und Herr Carſtens ſelbſt, eitel auf eine Liebhaberei, zu der er nur die Geduld, nicht die Kenntniſſe beſaß, ſonſt ſtun— denlang beſchäftigt mit dem Selbſtraſiren ſeines Bartes, dem Knüpfen ſeiner Halsbinde! Dieſer Profeſſor links, bei jedem Worte, das er ſprach, ſich umſehend, wie wol deſſen Wirkung wäre, die Silben zählend, als wenn er die deutſche Sprache erfunden hätte und ſie ſchonen und nicht allzu gemein machen müſſe! Dieſe Frauen überall von Haus zu Haus; jede verſunken in ihr eigenes In⸗ tereſſe, in ihre Kinder, ihre Möbel, ihre Taſſen, ihre „ Kleider, ihre etwaige Schönheit! Des Prahlens mit Gefühlen da, mit Gedanken dort kein Ende! Die Muſik⸗ närrinnen vollends ſchon die lächerlichſten von allen! Nun entdeckte ſie, daß ſie ja viel mehr wußte als ſie alle, daß ſie Geſichtspunkte hatte, während alle im Nebel taſte ten; denn keines wußte vom Leben ſelbſt ſo viel, als wie ſie doch ſchon erkannt hatte oder wie ſie Klingsohrn verdankte, der ſo viel Ahnungen und Lichtblicke in ihr entzündet hatte. Doch auch für dieſen ergriff fie kein reines Mit⸗ gefühl mehr. Sie hatte die Vorſtellung von ſich, daß ihr im Leben irgendein weit größeres Ziel beſchieden wäre und daß alle dieſe Begegnungen, die ſie bisjetzt erlebt hätte, nur dazu dienten, ihre Entwickelung zu fördern. Nur Schlangenhäute waren es, die ſie abſtreifte. Seit dem Tode Jeroͤme's rechnete ſie tiefinnerlich auch ſchon Klingsohrn zu dem, was für ſie abgethan war. Was aber beginnen? Zurück mochte ſie in nichts! Das Verhältniß zum Kronſyndikus mußte nun doch wol aufhören! Ihr Verlobter war ja der Mörder ſeines Sohnes geworden! Jetzt erkannte ſie wohl, daß Klingsohr nicht des Kammerherrn Bruder ſein konnte! Die Rolle, die ſie in jener Schreckensnacht auf Schloß Neuhof an— gefangen zu ſpielen, war zu Ende!... Dieſe unbeſtimmte Gegenwart konnte indeſſen nicht bleiben. Und ſollte ſie mit ihren ſeidenen Kleidern und Hüten betteln gehen, ſie dachte an Flucht. Sie ſchrieb einige Briefe. Einen an ihre Geſchwiſter, die aus dem Waiſenhauſe zu Meiſtern gegeben worden waren, um Handwerke zu erlernen, einen ſogar nach Eibendorf an den Pfarrer, einen wagte ſie auch an den Kronſyndikus. Die Empfindungen, die die 280 Situation der Anzeige des erlebten Schrecklichen mit ſich brachte, waren ihr geläufig, ſie ſchrieb ſie mit der größ⸗ ten Gewandtheit nieder. Auch dachte ſie an jene An⸗ gelika Müller, mit der ſie nach Hamburg gereiſt war. Irgendwo hoffte ſie auf Rath,„nur nicht in ihrer näch⸗ ſten Umgebung oder von Klingsohr. Von dieſem bekam ſie aber täglich einen Brief. Die Sprache darin war beſonnen. Er ſagte, daß ſeine jetzige Lage ihm wohlthäte; es läge ein unendlicher Troſt darin, ſich einmal ſo recht von dem Geſetz des Lebens, wie es iſt, von den eiſernen Armen der natürlichen Folgen un⸗ ſerer Handlungen gehalten zu ſehen und keinen freien Willen mehr zu haben. Er bat ſie, eine Weile auszu⸗ harren, bald würde ſein Geſchick entſchieden ſein; ein Jahr Feſtung würde nicht ausbleiben; er würde dieſe Strafe in einer ſchönen Stadt am Buſen der Oſtſee zu verbüßen haben; wenn er wüßte— und er wiſſe es ja!— daß ihm in ſein dunkles Leben nur der Glanz, ihrer Liebe ſchiene, ſo könnte er ſein Loos nur preiſen. „Es liegt“, ſchrieb er,„ein Zauber im Dulden und Ge⸗ horchen; es liegt ein Zauber im Müſſen, die wahre Frei⸗ heit im Sichgefangengeben! Schon mit dem entſtrömen⸗ den Blut meines unglücklichen Opfers wurde mir leichter! Ich hätte mit ſeinen rinnenden Tropfen ſelbſt ſterben können! Daß ich dieſe That auf dem Gewiſſen habe, drückt mich nicht zu ſehr. Die Beſchimpfung, der ich vor hunderten von Zeugen ausgeſetzt war, überſchritt jedes Maß. Der Kammerherr war nicht in dem Grade geiſtesſchwach, daß er nicht mit kluger Berechnung einen ſo boshaften Plan ausführen konnte. Alle meine Richter 281 ſind voll Theilnahme und ſchon meine Freunde gewor⸗ den. Der Greis auf Schloß Neuhof wird ſeinen Sohn von mir nicht fordern,... von mir nicht, Lucinde!... Ich ſchrieb ihm nicht. Theile Du mir mit, was er Dir antworten wird, falls Du ihm den Vorfall anzeigſt, wie ſchon andere thaten. Sag' ihm, daß ich ihm das Vater— herz, das er mir einſt ſchenken wollte, jetzt zurückgegeben hätte und meinen Weg auch über die Wälle einer Feſtung hinweg finden würde; irgendwohin komm' ich ſchon, wo ich mit Dir, Lucinde, meine Hütte bauen kann! Lies Bernardin de St.⸗Pierre! Und lerne dann engliſch! Dieſe britiſche Literatur hat Freude an den Dingen, wie ſie ſind! Es geht nichts über die Ergebung, nichts über die Geduld, die ſich mit einer Blume und einem einzigen Sonnenſtrahl beſchäftigen kann! Sieh, hier hab' ich ein Zimmer, angenehm, geräumig, aber das Licht fällt von oben, die untern Fenſterladen ſind geſchloſſen und nicht zu öffnen. Zwiſchen den Ritzen ſtiehlt ſich ein Sonnen⸗ ſtrahl hindurch. Ich beobachte ihn ſtundenlang. Er geht wie der Schatten eines Sonnenuhrzeigers im Kreiſe. Es iſt ein Nichts, ein Schein und doch wie weſenhaft! Die Atome zittern und tanzen in ihm! Ohne dieſen Strahl würden die Atome ſinken und nicht, für mich wenigſtens, daſein, aber in ihm wirbeln und erhalten ſie ſich und immer rundum. So halten ſich die Welten! In einem höhern Sonnenſtrahl werden wir einſt das ſelber ſehen, ſelber fühlen! Wie überflüſſig alles Wiſſen, wenn man das weiß! Ich brauche kein Buch mehr. Man hat mir Bücher und Schreibpapier angeboten. Ich will nicht mehr haben als ich brauche, um an Dich zu 282 ſchreiben. Leſen iſt mir verhaßt. Jeder Buchſtabe, der nicht aus der Welt jenes meines einzigen Sonnenſtrahls kommt, thut mir weh. Menſchen! Menſchen! Ihr dünkt euch ſo viel! Ich könnte alles hingeben wie ein Mönch, wenn nur im Klboſtergarten ihm ſein kleines Blumen⸗ beet bleibt!“ Für Lucinden waren dieſe Klagen nicht im mindeſten rührend. Sie ſchrieb, aber ſie beantwortete gerade dieſe Klagen nicht. Sie überließ ſich ſcheinbar Klingsohr's Anordnungen, beſprach aber eine Reiſe nach England mit Herrn Carſtens, der ſchon, um ſie zu entfernen, in Correſpondenz mit jenem Pachter ſtand, deſſen Bekannt⸗ ſchaft er die Penſionärin verdankte. Nach dem Glauben der Nachbarn war Lueinde ſchon fort und manchem ihrer Nekrologe oder ägyptiſchen Todtengerichte, die ihr vor dem Fenſter und hinter herabgelaſſenen Vorhängen drau⸗ ßen in der Laube von einem Einſprechenden gehalten wurden, konnte ſie ſelber zuhören. Am Tage nach dem Begräbniß des Kammerherrn war ihrer Ungeduld kaum noch einzuhalten. Die Ver⸗ antwortlichkeit des Hauſes für ſie hatte ſich aufs höchſte geſteigert. Die Damen Carſtens ſchliefen nicht mehr. Sie ſchloſſen Lucinden am Tage ein, ſie verſagten ſich ſelbſt den Genuß der Natur, gingen nicht aus, verſchloſ⸗ ſen ſogar das Piano, nur damit ſich Lucinde nicht durch Spielen verrieth. Noch den dritten, vierten Tag ließ ſie ſich durch eine Reiſebeſchreibung über England beſchwichtigen. Am fünften aber drohte ſie mit einem Sprunge aus dem Fenſter. Sie hatte gerade beide Schweſtern, die ſie verzweiflungs⸗ 283 voll an den Kleidern zurückhielten, hinter ſich, als ein eleganter Wagen draußen am Staket vorgefahren kam mit zwei Bedienten, von denen einer die Livree des Schloſſes Neuhof trug. Der Schlag öffnete ſich und ganz in Schwarz ge⸗ kleidet trat, unterſtützt von dem andern Diener, eine lange, hagere Geſtalt aus dem niedergelaſſenen Schlage. Excellenz, der Kronſyndikus! rief Lucinde und wäre faſt aus dem Fenſter und dem Ankommenden an den Hals geſprungen. Um alles in der Welt von den Schweſtern um An ſtand und„ſittliches Betragen“ erſucht, hielt ſich Lu⸗ cinde zurück und bedeutete die Wächterinnen, daß ſie denn doch eilends ſelber Seiner Excellenz entgegengehen möchten. Die Schweſtern,„zwei Seelen und Ein Gedanke“, drängten ſich ſchon vor einem Spiegel, um ihre Friſur, ihre Kleider zu ordnen. Dies währte lange. Der Kron⸗ ſyndikus war inzwiſchen im Garten und pochte ſchon an die ſeither immer verſchloſſen geweſene Hausthür. 18. Hätte Lucinde den Ankommenden nicht ſchon beim erſten Schritt aus dem Wagen erkannt, aus dieſem lei— ſen und zurückhaltenden Pochen würde ſie es nicht gekonnt haben. So pflegte ſonſt der Kronſyndikus von Witte⸗ kind⸗Neuhof nicht zu pochen. Er nahm, da nicht geöffnet wurde, den Stab, auf den er ſich im Gehen geſtützt hatte, und pochte wieder⸗ holt an die Thür, doch aber auch mit dem Stabe ebenſo zurückhaltend wie zuvor mit der Hand. Als die Fräulein Carſtens in ihrer Toilette ſo weit vorgeſchritten waren, ſich einem ſolchen Beſuche vorſtellen zu können, öffneten ſie und baten wegen der Verzögerung um Entſchuldigung. Das Auge des Greiſes, der leiſe irgendetwas Verbindliches brummend erwiderte, ſuchte nur Lucinden. Als ſie vortrat, umarmte er ſie mit Innigkeit. Eine Thräne ſtand ihm in den weißen Wimpern; er bedurfte iniger Erholung, bis er ſprechen konnte. Thränen kannten Lucindens Augen in dieſer Situation nicht, aber ſie ſprach mit Innigkeit zu dem gebeugten Greiſe, der jetzt einen Stuhl ſuchte, ſich zu ſammeln. Lu⸗ cinde würde mit noch größerer Herzlichkeit ſeinen Gruß er⸗ widert haben, wenn die Redſeligkeit der Fräulein ſich nicht in einen Wettſtreit von Beileidsbezeigungen ergangen hätte. Da ſo vier Stühle jetzt zuſammengerückt zu ſehen zum ceremoniellen Erörtern des„Unglücks“ und des „bejammernswerthen Vaterſchmerzes“ u. ſ. w., das be⸗ nahm ihr jede Luſt, ſich ihrerſeits an dem Beileid zu betheiligen. Der Kronſyndikus ſchien die gleichen Gefühle zu hegen. Nach einigen Klagen über ſein ſchmerzliches Geſchick, einigen Berichterſtattungen über die nach Schloß Neuhof bereits von einem andern der mitgebrachten Diener ab⸗ geſandte Leiche ſeines Sohnes erhob er ſich und forderte Lucinden auf, in den Wagen zu ſteigen und mit ihm in den Umgebungen der Stadt ſpazieren zu fahren. Dieſe Veranlaſſung, die Gefangene wieder in die Oeffentlichkeit zurückkehren zu laſſen, war zu gebieteriſch. Die Fräulein trugen ſelbſt Hut, Sonnenſchirm, einen Ueberwurf herbei und erſchöpften ſich in Zärtlichkeiten und Schmeicheleien für Lucinden, als wäre nie etwas zwiſchen ihnen vorgefallen. Der Kronſyndikus bot Lucinden den Arm. Es war eine Artigkeit; aber eher hätte ſie ſich veranlaßt fühlen können, ihm den ihrigen anzubieten. Denn wie ſchritt er langſam und hinfällig! Seine Augen lagen tief in den Höhlen! Das Antlitz war ſo wachsbleich und mit einem Netz von Runzeln und Furchen nach allen Richtungen hin überzogen, wie ein Kopf von jenem Denner, der in 286 dieſer Stadt gemalt hat. Die weißen Barthaare ſtan⸗ den auf den hohlen Wangen wie zum Zählen. Der in der großen Livree der Wittekinds harrende Diener war noch zu dem Commiſſionär des Hotels, der durch die Stadt den Führer machte, hinzugeſprungen, um ſeinen Herrn beim Einſteigen in den Wagen zu un— terſtützen. Lucinde erkannte ihn wohl. Es war der ge⸗ wöhnliche Diener des Kammerherrn... Jeröme war dem Grafen Zeeſen plötzlich entſprungen geweſen. Wer ihn mit den Vorgängen auf Schloß Neuhof bekannt ge⸗ macht, ihm Lucindens und Klingsohr's Aufenthalt ver⸗ rathen, die Mittel zur Flucht verſchafft hatte, war un⸗ bekannt. Erſt zwei Tage darauf, nachdem man ihn vergebens in Eibendorf beim Pfarrer geſucht, entdeckte man die Spur, die nach Hamburg führte, und die ſchnell nachgeſchickten beiden Diener kamen zu ſpät. Dieſe wa— ren es geweſen, die noch früher als Lucinde und die Behörden an den Kronſyndikus das traurige Ende ſei⸗ nes Sohnes berichtet hatten. Nach vollſtändiger und ſo auf alles Erlebte wieder⸗ holt zurückkommender Erörterung ſagte der Kronſyn⸗ dikus: Lucinde! Du kennſt meine Anhänglichkeit an den Doctor! Du weißt, wie mich der Tod ſeines Vaters erſchütterte! Ich trug ihm, wie du weißt, gleich den⸗ ſelben Abend meine Hand zum Schutz und Beiſtand an, ja, bot ihm ſogar den Vaternamen! So ſchmerzhaft er mir dieſe Geſinnung vergolten hat, ſo will ich ſie ihm darum doch nicht entziehen. Die ihm von Jôroͤme an— gethane Mishandlung war die ſchimpflichſte, die ein Mann 287 erleben kann. Eine Genugthuung mußte ihm werden. Daß freilich ſeine Hand dazu beſtimmt war... Nun ſtockte der Greis; die leiſe zitternden Kinnladen ſchienen die Kraft nicht zu haben, ſeinen Gedanken zu folgen. Er veränderte ſeine Rede und ſagte: Daß ſeine Hand ſo unglücklich war, Jéröme bis auf den Tod zu treffen! Es iſt aber einmal Gottes Fügung ſo geweſen, nun muß es verſchmerzt werden! In un— ſerm Kloſter Himmelpfort werden wir Jéröme beiſetzen und im Park will ich ihm an der Stelle, wo er dir damals, als die Verwandten dich entdeckten, zum Pa⸗ villon hinaufrief— da will ich ihm noch eine kleine Pyramide ſetzen laſſen, ſo eine, wie er zu drechſeln pflegte, das Bild der jenſeitigen Sehnſucht— nach Pütt— meyer... Jeröme iſt ohne Beiſtand ſeiner Kirche ge⸗ ſtorben. Das Fräulein Angelika Müller ſprach ich ſchon. Du haſt ſie arg vernachläſſigt! Lueinde ſchützte Mangel an Zeit und Intereſſe vor. Das Verweilen bei religiöſen Erwägungen war ihr am Kronſyndikus neu... Der Wagen fuhr, wie befohlen worden war, lang⸗ ſam über die Wälle der Stadt.. Manche Spazier⸗ gänger in den Alleen erkannten Lucinden und dieſe hielt ſich denn auch gerade ſo, als ſollte alle Welt die Ge— nugthuung bemerken, die ihr ſoeben wurde... Der Kronſyndikus fuhr fort: Auch Klingsohrn ſah ich ſchon! Er hat nur den einen Schmerz, nicht in deiner Nähe zu ſein. Die große Stadt hat dich zerſtreut, Lucinde! Ich hoffe nicht, daß du mir den Schmerz anthuſt und deinen Freund vernachläſſigſt! Ich habe verſprochen, euer beiderſeitiges Glück im Auge zu behalten, werde aber meine Hand unerbittlich von dir abziehen, wenn du Heinrich täuſchen könnteſt! Es iſt einer von den Männern, die des weib⸗ lichen Umgangs bedürfen, die aber nicht die Geduld ha⸗ ben, ſich einen würdigen Gegenſtand ihrer Liebe langſam zu erobern. Mit Geiſt und Charakter wollen die Frauen ſelten einen Mann. Sie wollen faſt immer nur, wer ihnen ſchmeichelt oder amüſant iſt oder im beſten Falle Gemüth verräth, worunter ſie etwas verſtehen, was ſo viel wie unbedeutend iſt. Klingsohr würde in der Wahl ſeiner Liebe immer nur fehlgreifen. Er iſt tief gebeugt. Du wirſt ihn durch deine Heiterkeit und Unbefangenheit wiederaufrichten. Alſo? Ich rechne auf deine Beſtän⸗ digkeit! Nicht aus Schonung für den wie verwandelten Greis, ſondern aus Furcht vor ſeiner, wie es ſchien, ſehr ernſt gemeinten Drohung gab Lucinde Verſicherungen, von denen ihr Herz nichts wußte. Man wird deinen Freund, fuhr der Kronſyndikus fort, zu einer Feſtungshaft verurtheilen. Er wird ſie abzubüßen haben in einer Stadt, die ich in meinen jün⸗ gern Jahren wohl geſehen habe. Sie liegt an einem ſchönen Buſen der Oſtſee. Ja, der liegt mir ſo blau vor ugen, als wäre ich erſt geſtern dageweſen! Der Menſchenkreis dort iſt klein, aber traulich. Eine Uni⸗ verſität, eine Beſatzung beleben den kleinen Ort. Fami— lien, die dich in ihre Obhut nehmen, werden ſich finden laſſen wie hier. Heinrich ſitzt dabei auf der Feſtung. Anfangs wirſt du ihn wol in der Feſtung ſehen kön⸗ 289 nen, ſpäter wird er, denk ich, auf Stunden ſie verlaſſen und in der Stadt ſich aufhalten dürfen. Man iſt gegen Gefangene dieſer Art nachſichtig; nach einem Jahre ſchon iſt die Strafe, wenn ſie auch vielleicht auf drei Jahre verhängt würde, abgebüßt. Ich, als Vater des Erſchoſ⸗ ſenen, werde in Kopenhagen ſelbſt um Gnade bitten, das wird die Haft kürzen. Dann bin ich dafür, daß Hein⸗ rich ſeinen Schatz von Gelehrſamkeit in Göttingen zur Anerkennung bringt und dort um eine Profeſſur wirbt; du haſt all die Fähigkeiten, die ihm für die ſtrenge Ver⸗ folgung ſolcher Plane mangeln. Du wirſt ihm durch die Ehe überhaupt erſt die Erziehung geben, die er eigent⸗ lich nie bekommen hat. Seine Mutter ſtarb früh Was ich dir einſt von ihr ſagte, war... Eingebung— des Augenblicks! Nichts weiter! Er hat dir davon erzählt? Lucinde nickte. Sie verſprach alles, was der Kron⸗ ſyndikus nur zu hören wünſchte. Sie war ſchon glück⸗ lich, aus der Geſellſchaft der Fräulein Carſtens erlöſt zu ſein. Sah ſie doch jetzt, auf einer Spazierfahrt, wie ſie ſie nie gemacht, zum erſten mal erſt das ſchöne Hamburg! Und nun ſchon wieder das neue Bild der See, einer Univerſität, einer Beſatzung— Vorſtellungen, die ihre Phantaſie ganz in Beſchlag nahmen. Nur mit Widerſtreben kehrte ſie in ihre Klauſe zurück, an welcher der Kronſyndikus nach einer Stunde vorfuhr. Von den Fräulein am Staket empfangen, gab ſie ſich unbehin⸗ dert den ſtaunenden Blicken aller Nachbarn preis. Der vornehme Herr, der ſie ſo ehrte, war ja der Vater ihres erſchoſſenen„erſten Verlobten“. Am folgenden Tage ſah ſie, wieder in Begleitung Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 19 des Greiſes, auch Klingsohrn im altonaer Stadthauſe. In der Sehnſucht, ihre gegenwärtige Lage geändert zu bekommen, ging ſie auf alles ein, was man von ihr vorausſetzte. Sie war, vom Kronſyndikus, der indeſſen eine Weile am Ufer der Elbe auf- und abfuhr, mit Klingsohrn allein gelaſſen, ganz ſo hingebend, ganz ſo vertrauend, wie der Gefangene nur verlangte. Sie konnte ihn in der Vorausſetzung zurücklaſſen, daß er auf die Treue„ſeines Mädchens“ wie auf Felſen würde bauen können. Vor ihrer Kunſt, ſich in die Umſtände zu ſchicken, auf eine Erinnerung an den Kammerherrn den Blick zu umfloren, auf ein ſtürmiſches: Sieh mir ins Auge! feſt und ſicher die ſchwarzen Sterne Klings⸗ ohrn entgegenzuhalten, erſchrak ſie ſelbſt. Klingsohr ge⸗ rieth in einen Ausbruch von Wonne, wie damals in der verhängnißvollen Abendſtunde auf Schloß Neuhof. Sprang er auch wol mitten aus einer Liebkoſung auf, trat vor ſie hin, ſtreckte die Hand aus wie um ſie zu erwürgen und ſagte: Schlange! Biſt doch falſch! Falſch! Ich weiß es!... ſo entwand ſie ſich ihm leiſe, wendete ihm ih— ren Nacken zu, verſteckte den Kopf wie ſchmollend in die Ecke des Sophas, und erſt dann, wenn er ſie dennoch in dieſer Lage umfing, mit den Armen gewaltig ihren ſchlanken Leib umſpannte, den Kuß ſeiner Lippen auf ihre Schultern drückte, zog ſie dieſe wie furchtſam ganz in die Höhe und wandte ſich leiſe und allmählich erſt mit dem Kopfe herum, allmählich die brennenden Augen erhebend, dann ſprang ſie auf und warf ihn ſcherzend zurück, gerade ſo, wie im Käfige die Panther zu ſpie⸗ len pflegen. auſe. rt zu ihr eſſen mit z ſo Sie ß er vürde ſtände herrn ) mir lings⸗ ſr ge⸗ n der prang oor ſie n und weiß m ih⸗ in die ennoch ihren n auf ganz h erſt Augen erzend u ſpie⸗ 291 Vierzehn Tage brachte Lucinde dann noch mit dem Kronſyndikus zu, um mit ihm allein die Güter deſſelben zu bereiſen. Der Abſchied von den Damen Carſtens war ein ein⸗ ziger Jubel ihrer endlich befreiten Seele. Da ſie den trauernden Greis, wie es auch dieſer ihr ausdrücklich dankte, mit ihrer Heiterkeit erfreute, ſo ließ ſie ihrem Humor ganz den Zügel ſchießen... Sie parodirte alle Erinnerungen an Schloß Neuhof, an die Liſabeth, an alle Inſpectoren, an die Arbeiter, und nur vor Stephan Lengenich mußte ſie Halt machen. Der Arme ſaß noch immer und kämpfte gegen die Verdachtsgründe, die ihn gravirten, vergebens. Seine wichtigſte Entlaſtung, jenes grüne Stück Tuch, das man gleich anfangs bei der Leiche des Deichgrafen gefunden hatte, war, räthſelhaft genug, abhanden gekommen. Auch von ihren neuern Erfahrun⸗ gen erzählte Lucinde und ſtellte ſo viel Caricaturen auf, daß ſie den Greis zu der aufrichtigen Verſicherung ver⸗ anlaßte, nur mit ſchwerem Herzen träte er ſie an Klings⸗ ohrn ab, ſie wäre wie geſchaffen, ihm den Reſt ſeiner Tage zu vertändeln. Auch von ſeinem jetzt alleinigen Erben, dem Oberregierungsrathe, ſprach er wieder mit der alten Erbitterung. Dieſer war ein Anhänger des Gouvernements in einem Grade, daß er ihn, nach einer in ſeiner heimatlichen Gegend geläufigen Erinnerung an Hermann den Cherusker, immer nur den neuen Segeſt nannte; Lucinde beſaß Kenntniſſe genug, darunter einen Verräther zu verſtehen. Die holſteiniſche Reiſe bot Natureindrücke und Ab⸗ wechſelungen, wie ſie ſich von dieſen Flachländern kaum 19* erwarten ließen. Sanfte Hügel und Thäler wechſelten mit Seen, letztere von prachtvollen Buchenwäldern ein⸗ gerahmt, fiſchreich und überflattert von wildem Geflügel. Die Glocken von ſtattlichen Rinderheerden läuteten auf Wieſen, die ſich hinzogen wie Alpenmatten. Jede Blume, die auf den Stoppelfeldern noch zurückgeblieben, mußte mitreiſen. Lucinde ſtieg aus und wand Kränze, den Greis zu ſchmücken, der ſich's gefallen ließ, wenn ihn ſein Rundblick über die landwirthſchaftlichen Eindrücke zu ernſt ſtimmte. Die Beſitzungen, an denen man vorüberfuhr, waren ſchloßähnlich, von großen, maſſiven Wirthſchafts⸗ gebäuden umgeben, mit Gärten und Parks geſchmückt. Die Bauernhäuſer ſtanden denen ihrer Herrſchaften nicht nach. Alles zeugte von Wohlhabenheit und beſtritt die Anſichten, die Lucinde vom Plattdeutſchen als dem Aus⸗ druck der Läſſigkeit und Trägheit hatte. Die Krone aller dieſer Eindrücke, die noch über den Eindruck der in ſonnenglänzenden Wäldern ſtill verborgenen Seen ging, war das letzte Ziel der Reiſe, die Hafenſtadt am Buſen der Oſtſee ſelbſt. Wo kamen in dieſen Flachländern plötzlich dieſe dun⸗ kelgrünen hohen Ufer her! Dieſe bewaldeten Höhen, von deren Fuß ſich die grellrothen Dächer der Fiſcherdörfer abhoben, wie wenn im gleichen Landſchaftsgefühl Natur und Kunſt ſich begegneten! Auf dunkelblauer Fläche weiße Segel, Möven im flatternden Neckſpiel, der Spiegel des Waſſers ſo blau, ſo kryſtallen, wie eine rieſige Schale von Saphir, und darüber her der Himmel, ſo durch⸗ ſichtig und ahnungsſchwer die nahe gerückte Ferne ver⸗ rathend, Ufer ſo vieler Inſeln, Skandinaviens wie ge⸗ 293 ſehene Küſte!... Auch die Feſtung mit dem hochragen⸗ den Danebrog, auch die Stadt mit ihren Promenaden und Alleen trug den Charakter, als beträte man einen einzigen üppigen großen Garten. Hier in Kiel, wo man ſpäter noch jahrelang von Lucinden ſprach, wurde ſie einer Profeſſorenfamilie über⸗ geben. Als die Bedingungen geſchloſſen waren und ihr Einzug gehalten werden konnte, rüſtete ſich der Kronſyndikus, von ihr Abſchied zu nehmen. Er hatte ſeine Bereitwil⸗ ligkeit, ihren Wünſchen zu genügen, auch noch darin be— währt, daß er in dem Hauſe des Profeſſors ſeiner Pflege⸗ tochter, wie ſie beinahe genannt wurde, eine größere Freiheit erwirkte, als ſie in Hamburg genoß. Sie hatte ihre eigenen Zimmer. Die Nachricht, daß ſie die Braut eines Feſtungsgefangenen war, hatte ſich bald verbreitet. Der ſeltſame Umſtand, daß der eigene Vater des vom Dr. Klingsohr erſchoſſenen Herrn von Wittelind es war, der ſeine Hand ſchützend über ſie ausgeſtreckt hielt, wurde romantiſch genug ausgeſchmückt. Am Abend vor der Abreiſe des Kronſyndikus hatte ſie mit ihm noch eine herzbeklemmende Sceue.... Sie hatte, da er ganz in der Frühe reiſen wollte, die Nacht über wieder in dem Gaſthofe bleiben wollen, wo ſie gleich anfangs mit ihm abgeſtiegen war. Sie konnte ihn erſt in ſpäter Abendſtunde erwarten, wo er zurückkehrte von einer Unterredung mit einigen öſterreichiſchen Offizieren, die ſich in dieſer„roßprangenden“, an Geſtüten reichen Gegend zum Ankauf von Pferden befanden. Schon oft hatte ſie auf Schloß Neuhof von jener kindlichen Blondine, der Gräfin Paula von Dorſte⸗Camphauſen, einer Nichte des Kronſyndikus, gehört, daß ihr unermeßlicher Reich⸗ thum nach dem Tode ihres kränkelnden Vaters, des Grafen Joſeph(Schwagers des Freiherrn), Anlaß zu einer großen Veränderung geben würde auf Antrieb einer in Oeſterreich anſäſſigen zweiten Linie des alten Grafen⸗ geſchlechts der Camphauſen. Der Kronſyndikus, der Oheim, vielleicht der künftige Vormund der beiden letzten Augen, auf welche die eine Linie ſtand, der ſchönen ſanf⸗ ten Augen jener Kleinen, die einſt Zeuge geweſen war, wie ſich Lucinde in die Pagode des Waſſergeflügels auf Schloß Neuhof geflüchtet hatte, war mit dem Vertreter der öſterreichiſchen Linie, Grafen Salem⸗Camphauſen, hier zuſammengetroffen zu Beſprechungen, in die Lucinde, wie in die vielen andern Beziehungen, in deren Chaos der Kronſyndikus lebte, keine nähern Einblicke erhielt. Dieſe Beſprechungen fanden in einem Badeort bei Kiel ſtatt, deſſen Name dem Kronſyndikus Erinnerungen wecken mußte, unheimlich genug— Düſternbrook. Gegen neun Uhr kam der Kronſyndikus von einem Diner heim, bei welchem wider Vermuthen eine Anzahl von Offisiaren der Garniſon zu Ehren der fremden Gäſte zugegen geweſen war. Graf Hugo von Salem⸗Camp⸗ hauſen, ein ſtattlicher junger Cavalier, begleitet von ſeinem Freunde, einem Baron Wenzel von Terſchka, wie Lucinde ſchon wußte, führte den Kronſyndikus die Stie⸗ gen des Hotels hinauf. Sie ſprang in ihr früher ſchon innegehabtes Neben⸗ und Schlafzimmer, merkte aber wohl, daß der Greis in der Geſellſchaft fröhlicher Lebemenſchen ſein Leid vergeſſen und dem Weine zugeſprochen hatte in altgewohnter Art. Dennoch blieb er ſtill und ver⸗ 295 abſchiedete ſich von dem Grafen mit einem Tone, der ſeiner gedrückten Situation angemeſſen war. Als die Cavaliere ſich entfernt hatten und zu einigen Wagen voll Offizieren(unter ihnen ein Prinz von einer Seitenlinie des regierenden Hauſes) zurückgekehrt waren, um, wie Lucinde ſpäter erfuhr, noch in die heute ſiatt— gefundene Eröffnung der Theaterſaiſon zu fahren und dort die Kritik der neuen Truppe mit einigen Demon⸗ ſtrationen zu verbinden, die das aufgeführte Stück unter⸗ brachen und einen Conflict mit der im Parterre befind⸗ lichen Studentenſchaft herbeiführten, klopfte ſie an und trat zum Kronſyndikus ein. Dieſer ſaß bereits am geöffneten Schreibbureau. Er hatte ein Käſtchen geöff⸗ net, aus dem er Schmuckgegenſtände hervorgenommen hatte... Wie er Geräuſch hörte, ſprang er auf und rief: Wer da? Es währte einige Augenblicke, bis ſich der heftig er— ſchrockene Mann in die Nähe Lucindens gefunden hatte. Der Diener brachte noch einige Lichter mehr, da ſich der Kronſyndikus beim Heraufkommen, trotzdem, daß zwei ſchon brannten, über die große Dunkelheit beklagt hatte. Lucinde erklärte den Grund ihrer Anweſenheit: Die Abreiſe ihres Wohlthäters in erſter Morgenfrühe und ihr Bedürfniß, den Abſchied noch bis dahin zu ver⸗ ſchieben. Auffallend langſam fand ſich der Greis in dem, was ſie ſagte, zurecht und erwiderte wie abweſend: Gut! Gut! 8 Jetzt winkte er dem Bedienten und ſagte, daß er zu Bett gehen wollte. Lucinden einfach zunickend, ging er ins Nebencabinet und drückte die Thür deſſelben zu. Nach einer Weile kehrte der Diener zurück und flüſterte Lucinden zu, die mit Spannung gewartet hatte: Es muß ihm was in die Quere gekommen ſein... Wo aber? fragte ſie ebenſo leiſe. Bei den Offizieren! Dieſe wußten doch, daß er trauerte, und dennoch— Lucinde wollte ſagen, wie unrecht man gethan hätte, ihn in den Zuſtand zu bringen, wie ſie ihn gefunden... Der Diener erzählte aber, daß die Offiziere im Ge⸗ gentheil in größter Ruhe zu Tiſch geſeſſen hätten, daß von dem Grafen Salem-Camphauſen ein Glas ergriffen und geſagt worden wäre, ſie wollten es leeren ohne an⸗ zuklingen und dabei eines unglücklichen Vaterherzens ge⸗ denken. Feierlich hätten da alle die Gläſer ausgetrunken und ſie niedergeſtellt wie„aufs Tempo“. Es hätte einen ſchauerlichen Eindruck gemacht. Da nun aber wäre der Kronſyndikus ſelbſt geſprächig geworden und hätte, aus Dankbarkeit und wol auch Rührung über die Schonung, die Herren ermuntert, es nicht ſo ernſt zu nehmen. Nun wäre die Rede auf Lucinden gekommen— Auf mich? fragte ſie erſtaunt. Der Diener konnte auf ihr Drängen, was man von ihr geſagt hätte, nichts erwidern; denn da er beim Auf⸗ warten geholfen, hätte er ſich gerade entfernen müſſen. Wie ich aber zurückkomme, fuhr er flüſternd fort, lachen ſie alle, ſprechen aber franzöſiſch und der Alte er zu binet ſterte Ge⸗ daß riffen an⸗ ge⸗ unken einen e der aus nung, Nun 1 von Auf⸗ ſſen. fort, 297 zieht aus der Taſche eine von den Koſtbarkeiten, deren er Ihnen ſchon viele geſchenkt hat... Warum aber das? Er hat noch eine Menge für ſie auf morgen zum Abſchied ausgeſucht! Da drinnen im Secretär! Das wird er doch den Offtzieren nicht geſagt haben? Verſtanden hab' ich blos, wie er das Armband— ein Armband war's— herumzeigte... da ſagten ſie alle: Superb! Charmant! Nämlich auf franzöſiſch! Aber warum nur zeigt' er's denn? Ich meine gar... und ganz gewiß... ſie ſtritten über Ihre... Ihre Naſe, Fräulein! Dummer Schnack! Mein Seel', wirklich! Ob die ſpaniſch oder italieniſch wäre... oder... Da ſagte der eine, der den Grafen aus Wien mit hierher begleitet hat... Herr von Terſchka... Der ſagte, das Bild auf dem Armband— das nämlich auch ganz Ihre Naſe haben ſollte— wäre eine Italienerin, die er kenne... aus Rom... und genannt hat er ſie auch... Jetzt fiel der Graf ein und ſagte auf deutſch: Ja, Terſchka, das iſt ja halt die leibhaf⸗ tige... Nun nannte der wieder einen Namen... aber einen deutſchen, den ich nicht behalten konnte... aber eine Kunſtreiterin war's... das ſchönſte Mädchen in Wien... und während nun wieder die Offiziere zwar in Lachen ausbrechen wollten, aber ſich zurückhielten und doch nicht zu lebendig werden wollten... wegen der Trauer... hielt ſich der Alte gerade am wenigſten, redete allerlei durcheinander, ſchenkte die Gläſer rings um 298 ſich her voll, ſchnackte vom Hundertſten ins Tauſendſte, und wenn er nun die Nacht nicht ordentlich ſchlafen kann, ſo iſt's ſeine eigene Schuld. Um vier Uhr ſoll ich ihn wecken. Der Diener ging. Lucinde ſchüttelte den Kopf, dachte aber bald nur noch an das ſchöne Armband, an den Streit der Offi⸗ ziere, ging ins Nebenzimmer, ſah ſich beim Entkleiden im Spiegel, forſchte nach der Nationalität ihrer Naſe und ging zu Bett. Kaum mochte ſie, müde vom Warten, eine Stunde geſchlafen haben, als ſie erwachte. Der Mond ſchien hell ins Zimmer, ſie hatte vergeſſen die Laden zu ſchlie⸗ ßen... Der Wächter rief die elfte Stunde... einige vereinzelte Rufe und Liederintonationen kamen von den vom Wirthshaus heimkehrenden Studenten, in deren Le⸗ ben ſie ſich durch Jéröme's und Klingsohr's Erzählungen ſchon längſt zu verſetzen gewußt hatte. Der Theater⸗ lärm hatte die Köpfe vollends erhitzt... Wie es dann wieder ſtill wurde und ſie eben im Begriff war, auch wieder einzuſchlafen, hörte ſie im Nebenzimmer Geräuſch. Ein harter Gegenſtand fiel nieder und rollte auf dem Fußboden hin. Sie erhob ſich... Jetzt hörte ſie Schritte und laut reden... Sie ſprang auf... ſie hatte vergeſſen, die Verbin⸗ dungsthür zuzuriegeln... Es war aber der Kronſyndikus ſelbſt, der ohne Zwei⸗ fel mit ſeinem Bedienten ſprach, den er durch eine Klingel wecken und vom Corridor zu ſich herüberrufen konnte. 299 Als ſie aber die Riegel leiſe zugeſchoben hatte, hörte ſie, daß der Kronſyndikus allein ſein mußte. Er ächzte und ſtöhnte und ſprach mit ſich ſelbſt... Jetzt durfte ſie annehmen, daß ihm etwas zugeſto— ßen war... Raſch warf ſie ſich einen Rock über, hielt einen großen rothen Shawl in Bereitſchaft und trat wieder an die Thür... Der Greis war allein und, wie ſie hörte, in großer Aufregung... Sie unterſchied Worte, die er ſprach... Jetzt war es ihr, als wenn er um Hülfe rief... Nun hielt ſie ſich nicht länger, ſondern drückte die Thür auf und trat, ſo wie ſie war, vom Shawl ver⸗ hüllt, in ihrem von einem Häubchen zuſammengehaltenen Haar, im weißen Unterkleide ein. Wie entſetzte ſie ſich aber, als der Kronſyndikus mit einem Stockdegen in der Hand aufrecht im Zimmer ſtand, bei ihrem Anblick auslegte und ſie mit aufgeriſſenen Augen anſtarrend anfuhr: Geſpenſt! Zurück! Was ſagſt du, daß du mein Weib biſt! Römiſche Schlange! Ich— Lucinde ſtieß einen Schrei aus, denn mit dem ge— zückten Degen kam der Fieberkranke, Halbnackte dicht auf ſie zu. Den Irrthum ſeiner Phantaſie erkennend, ließ er in demſelben Augenblicke den Degen fallen. Dieſer klirrte auf ein Glas nieder, das vom Nachttiſch des Neben— zimmers gefallen ſein mußte, ſeines ſtarken Bodens we⸗ gen aber nicht zerbrochen, ſondern bis in das Wohn⸗ 4—— —— an dem Verzagten vorüber. Kaum hatte er Lueinden zimmer gerollt war, als deſſen Thür von dem Aufgereg— ten geöffnet wurde. Lucinde, ſagte der Greis, ſie erkennend und ſeiner Erſcheinung in einem Nachtkamiſol und mit nackten Füßen nicht achtend, Lucinde, komm her! Steh mir bei, ich ſehe nichts als Blut— ich habe mich verwundet— Nein, Nein! beruhigte ihn Lucinde, die ſich im Mon⸗ denſchein leicht orientiren konnte und einer Nacht gedachte, wo ſie ebenſo ihren Vater einmal, als er ſpät aus dem „Vorſpann“ gekommen war, zur Ruhe bringen half, während alle Geſchwiſter um den Wahnſinnigſcheinen⸗ den herumſtanden und ſchrieen... Sie achtete ſeines Aufzugs nicht. Deer Fieberkranke ließ ſich nicht bedeuten und ſagte: Doch, Kind! Sieh doch nur! Da! Und nun huſchen dieſe Kerle alle um mich herum und ſtehen mir nicht bei! Hunde, was ſchnuppert ihr denn nur an meinen Beinen! Jeſus Marie, laßt doch die Menſchen aus der Stube! Liſabeth, was ſoll denn der Mönch da in der Kutte?... Fort mit dem Buſchbeck! Sind Sie des Teufels, Herr! Und ſchießen ihre giftigen Pfeile auf mich ab, Menſch? Halt! Halt! Fort, brauner Teufel!— Hier,— ha, was liegt denn da im Wege? Worüber fall' ich denn ewig? Wieder der Dicke? Jeſus! Bringt ihn mir doch fort! Was liegt denn der Dicke mir ewig im Weg und läßt ſo die Menſchen über ſich fallen! Lucinde that das Möglichſte, den mit herzzerreißen⸗ dem Jammer Phantaſirenden zu beruhigen... Zu wild aber jagten die Bilder vergangener Tage gereg⸗ ſeiner Füßen ) ſehe Mon⸗ dachte, s8 dem half, einen⸗ ſeines ſagte: uſchen jt beil einen! Stube! 01 erkannt, war ſie ihm doch ſchon wieder eine andere und vorzugsweiſe jene Schreckgeſtalt, die er erſt zu ſehen geglaubt hatte. Den rothen Shawl nannte er einen Königsmantel, die Haube die Krone der Semiramis— Mitten in ſeine Angſtrufe miſchten ſich italieniſche Laute, die Lucinde nicht verſtand... Auch die Kunſtreiterin ſchien vor ſeiner Phantaſie auf- und abzugaukeln. Endlich hatte Lucinde den Klingelzug erreicht und zog dieſen aufs heftigſte.. Vor dem Ton fuhr der Greis zurück. Es mußte ihm ſein, als hätte ihm mit dieſem ſchrillen Laut jemand einen Schlag gegeben, ſo taumelte er und blieb eine Weile ſtarr. Die Beſinnung kehrte wieder. Lucinde klingelte zum zweiten mal. Er ſah um ſich, verglich den Ort, wo er war, ſah rückwärts auf ſein dunkles Cabinet, und wie Lucinde unerſchrocken zum dritten mal geklingelt hatte, winkte er ihr zu mit vollkommenem Bewußtſein, ſie ſollte das nur laſſen und jetzt gehen. Da ſie zögerte, ſchüttelte er den Kopf, beſah ſeinen Aufzug und ſprach wiederholt und aufs beſtimmteſte: Geh, geh, Kind! Ich habe ſchwer geträumt.. Das Mahl mit den Herren... ich hätte nicht dabei ſein ſollen... geh, geh! Indem hörte man ſchon eilende Schritte auf dem Corridor, ſchon das Einſetzen des Schlüſſels, den der Diener, um früh den Herrn wecken zu können, mit ſich genommen hatte. Als der Diener eintrat, fand er ſeinen Herrn ſchon allein und bekam in ruhiger, wie Lucinde noch zitternd und bebenden Herzens belauſchte, klar zuſammenhängen⸗ der Rede die Erklärung, daß er ſich unwohl gefühlt und ſelbſt geklingelt hätte, jetzt wär' es vorüber. Der Die⸗ ner machte Licht, deutete auf die Splitter des Glaſes, auf den Degen. Es war gefährlich, den Kronſyndikus noch länger ſo im Zimmer in bloßen Füßen zu laſſen; er ging zu Bett, nachdem er dem Diener die Weiſung ge⸗ geben, die Verbindungsthür des Cabinets anzulehnen und nebenan im Wohnzimmer auf dem Sopha zu ſchlafen. Jetzt erſt verriegelte Lucinde. Sie hörte Zurüſtungen, wie ſich der Diener einiges Bettzeug holte und auf dem Sopha Platz nahm. Ge⸗ preßten Herzens ging ſie auf ihr Lager zurück, wo ſie bei ihrer Jugend und noch von der Reiſe nachhalten⸗ den Ermüdung bald wieder in den Armen des Schla⸗ fes lag. Um vier Uhr weckte man ſie. Schon war der Kron⸗ ſyndikus nebenan hörbar. Als ſie ſich angekleidet hatte, hörte ſie ſchon das Blaſen dés Poſtillons. In aller Freundlichkeit klopfte ihr Wohlthäter an die Thür und ſteckte den Kopf herein... Lucinde fand ihn vollkommen beruhigt und zur Ab⸗ reiſe gerüſtet... Des nächtlichen Vorfalls wurde keine Erwähnung gethan. Noch übergab ihr der Abreiſende Geld, wirklich auch einige Schmuckſachen und ermahnte ſie, den„nun bald eintreffenden Doctor“ ſo zu empfangen, wie ſie es ihm verſprochen hätte. Mit einem Kuß auf ihre Stirn, einem langen Blick 303 ilt und auf ihre ganze Erſcheinung, als wollte er ſagen: Seh' r Die⸗ ich dich wieder? Und was wird wol aus dir alles noch Glaſes, werden? ging er... inditus Sie folgte bis in den Corridor und wollte weiter; laſſen; an der Treppe aber hielt er ſie ſchweigend zurtck... ung ge⸗ Unter den Kleinodien, die koſtbar, aber wiederum en und von alter Facon waren, befand ſich keines, auf welches lafen. die Erzählung des Bedienten gepaßt hätte. Er wird es zurückbehalten haben... das Bild ſei⸗ einiges ner— zweiten Frau! ſagte ſie ſich, legte einige der 1. Ge⸗ Brochen und Armbänder an, nahm ſie dann wieder ab wo ſie und ging noch einmal zu Bett. hhalten⸗ Sie ſchlief bis gegen neun Uhr. Dann begab ſie Schla⸗ ſich in ihre neue Wohnung. er Kron⸗ ſon das. äter an zur Ar⸗ wühnung 19. Haß und Bewunderung, Fluch und Segen ſetzte ſich auch auf dem neuen Schauplatz ſeines Lebens an die Ferſen eines Mädchens, das durch ſtetes Verpflanzen aus einer Lebensſituation in die andere eine ſeltene gei⸗ ſtige Kraft gewinnt. Jetzt achtzehnjährig, entwickelte ſich Lucinde nicht mehr in ihrer Aeußerlichkeit. Im Gegentheil nahmen die ſanf⸗ ten und runden Formen, die dem halben Kinde ſchön geſtanden hatten, einen ſcharfen Charakter an. Schul⸗ tern und Hüften gewannen eine hervorſpringende Be⸗ ſtimmtheit; ja, ſie fing an zu magern, wodurch das Feuer ihrer Augen um ſo brennender wurde. Die ganze Stadt war mit ihrem Erſcheinen beſchäf— tigt. Man definirte ihren Reiz nicht, man nahm ihn als den einer aparten Natur hin. In den Offiziers⸗ kreiſen ſagte man: Sie hat Raſſe! Das deutſche Pferde⸗ Arabien, Mecklenburg, lag nahe genug und entſchuldigte einen Ausdruck, der vom Stalle kam. Für eine Spa⸗ nierin beſaß ſie zu wenig Schwärmerei im Aufblick der 305 Augen. Für eine Italienerin hatte ſie das Phlegma und die äußere Kälte nicht. Einer Griechin entſprachen, wie es bei den Frauen allgemein hieß, die falſchen Augen. Ein Wort wurde eine Zeit lang entſcheidend. Ein däni— ſcher Offizier, Dichter und Freund jenes Prinzen, hatte ſie eine künftige Sibylle genannt. Ihre Feindinnen machten ſogleich eine Hexe, Indifferente, eine Zigeunerin daraus. Sie trug ſich in grellen Farben, liebte ſchwere Stoffe, bunten Schmuck. Bald zeigte ſie ſich zu Wagen, bald zu Roß. Als Amazone durch die Alleen des Schloß⸗ gartens hinſprengend, begleitet von den Männern, die ſich um eine weibliche Erſcheinung, die ſich fühlt und zu geben weiß, von ſelbſt finden, ohne geſucht zu werden, machte ſie einen Eindruck der feſſelndſten Art. Ein run⸗ der Herrenhut ſaß ihr tief im Nacken. Ein langes ſilbergraues Tuchkleid hing faſt bis zu den Hufen des Roſſes herab. Endlich kam Klingsohr. Daß er bald nach dem Wiederſehen innerhalb der Feſtung in Verzweiflung gerieth, läßt ſich denken bei einem ſolchen Genuß ihrer Freiheit, wie ihn Lucinde ſich geſtattete. Die Eiferſucht verzehrte ihn. Obgleich auf die Feſtung beſchränkt, hatte er die volle Freiheit bekommen, Beſuche zu empfangen. Auch ſtellte ſich Lu⸗ einde anfangs faſt täglich bei ihm ein, wandelte mit ihm auf dem Glacis Arm in Arm, bald aber verdroß ſie die Beobachtung und der auf den Mienen der Offiziere ſichtbare Spott. Als Klingsohr nach einigen Wochen ſchon die Er⸗ laubniß bekommen hatte, einige Stunden des Tags auf Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 20 Ehrenwort in der Stadt zu verweilen, gab es, wenn er in ihrer Wohnung vergebens auf ſie wartete, bald die aufgeregteſten Scenen. Mußte er mit dem Glockenſchlag Neun ſeine Rückwanderung antreten und ſie war von irgendeiner Zerſtreuung noch nicht wieder da, wie er— grimmte er in Zorn und Verzweiflung! Jener Prinz war es vorzugsweiſe, der Lucinden mit Leidenſchaft auszuzeichnen angefangen hatte. Sie ließ ſich ſeine Huldigung wie die der andern gefallen. Aus dem angenommenen Syſtem, keinem zu gehören, trat ſie um ſo weniger heraus, als ſie den Ruf des Hauſes, in dem ſie wohnte, zu ſcho— nen, die bereits begonnene Empfindlichkeit ihrer nächſten Beſchützer zu verſöhnen hatte. 3 Klingsohr wollte ſie in Anfällen ſeiner Eiferſucht oft einſchließen, wie nach ſeinem Ausdruck jener Ritter ſeiner Meluſine that. Er nannte ſie in wüthenden Zornausbrüchen ein Weib ohne menſchliches Blut, ein Halbgeſchöpf von Feuer und von Waſſer, eine Fiſch⸗ natur; er hätte ſie täglich in einen Kaſten ſchließen mögen, deſſen Schlüſſel er zurückbehielt und mit ſich in die Feſtung nahm. Die Verzweiflung, ſich nach allen Sei⸗ ten hin gebunden zu fühlen, trieb ihn, wenn ſie im Theater war, wo er nicht erſcheinen ſollte, wieder zu der alten akademiſchen Lebensweiſe zurück. Wieder gab es auch hier, in der Stadt und in der Feſtung, Bewun⸗ derer, die ſeinen Orakelſprüchen lauſchten. Wieder ſchrieb er zwanzig Bücher zu gleicher Zeit. Wieder hatte er Syſteme erfunden, die noch um einige Jahre zu früh gekommen wären, wenn er ſie jetzt ſchon hätte veröffent⸗ lichen wollen. Oft mußte ihn die Ronde aus der Feſtung enn er ld die ſchlag r von ie er⸗ z war eichnen vie die yſtem, 1, als u ſcho⸗ äiſſa jerſucht Ritter henden t, ein Fiſch⸗ chließen hin die Sü⸗ ſie im eder zu der gab Bewun⸗ ſchrie hatte er zu frih rröffent⸗ Feſtung 307 noch in der Stadt aufſuchen und fand ihn ſchon wieder da, wo die Staaten beim Klopfen der zinnernen Deckel erſchüttert werden. Wie haßte ſie ihn, wenn ſie davon erfuhr oder er ſelbſt noch kam, ſie in den Folgen ſolcher Geſelligkeit zu grüßen! Gab ſie ihre Fiſchnatur voll⸗ kommen zu, ſo war es, weil ſie ſagen konnte: Ich mache mich anheiſchig, vierzehn Tage lang nur von Waſſer zu leben! Der Winter brachte Geſellſchaften, Bälle... Allgemein erzählte man ſich von einer Geſchichte, die anfangs nur zu lachen gab... Lucinde hatte jenen Prinzen ſo ſicher gemacht, daß ſie ihm ſogar die Zuſage zu einem von ihm aufs dringendſte erbetenen Stelldichein gab. Der Prinz bewohnte eine Villa, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Briefe, mündliche Botſchaften, Vermittelungen von Beauftragten ſollten an einem beſtimmten Abend an dem Thor, das nach Bellevue, von dort nach der Villa des Prinzen führte, einen Wagen harren laſſen, welchem eine Verſchleierte zur beſtimmten Stunde ſich nähern würde. Der Wagen würde dann dem in der Villa harrenden Prinzen die ſo dringend und heiß erſehnte Eroberung zuführen... Schon ſeit einigen Wochen hatte dieſer Kampf gegen⸗ ſeitiger Bitten und Ablehnungen gedauert. Lucinde, die keine Uebereilung der Sinne kannte, legte eine Intrigue an, die ihrer Luſt an Spuk und Schadenfreude entſprach. Eine große Vorliebe, die ſie für das nicht ganz ſchlechte Theater der Stadt gefaßt, hatte ſie mit einigen Mitglie⸗ dern deſſelben bekannt gemacht. Unter dem weiblichen Perſonal befand ſich eine Sängerin für jugendliche Par⸗ 20* tieen, eine Erſcheinung vom allerkleinſten Wuchſe, aber um ſo größerer Gefallſucht. Sie hieß Henriette und wurde von den Studenten ſpottweiſe in Beziehung auf die berühmte Henriette Sontag Henriette Montag ge⸗ nannt. Dieſer theilte ſie unter veränderter Adreſſe ſchon lange jene Briefe des Prinzen mit, die an ſie ſelbſt gerichtet waren. Am Schluß ſchrieb ſie regelmäßig mit nachgeahmter Handſchrift einen Ort, an welchem der Prinz ſeine Antworten zu erhalten wünſchte. Wie vor— auszuſehen war, kamen die geſchmeicheltſten von der Welt. Dieſe ſtellte ſie wieder dem Prinzen als die ihrigen zu. So gingen dieſe Briefe hin und her. Immer näher durfte der Prinz ſich ſeinem Ziele gekommen glauben, und ſo war der Briefwechſel zwiſchen ihm und Lucinden eines Tages ſo weit, daß jenes Rendezvous vorzu⸗ ſchlagen gewagt wurde. Auch dieſer Brief ging an die Sängerin... Um die ſiebente Abendſtunde ſtieg eines Tages an dem genannten Thore eine verſchleierte Dame in den bewußten dort harrenden Wagen und fuhr ohne Zweifel einem demüthigenden Schickſal entgegen zur Villa⸗ „Demüthigend“ hatte Lucinde gedacht... Was erlebte ſie aber? Der geſpielte Streich kam zwar zur allgemeinen und beluſtigenden Kunde; der Prinz jedoch, dem Spott ſich entziehend, verſchwand auf einige Zeit, nahm auch zuletzt ſeinen Abſchied, ließ aber auch die kleine Henriette Montag von der Bühne zurücktreten, kaufte ihr in entlegener Gegend des Landes eine Beſitzung, verſchaffte ihr einen adeligen Namen und heirathete ſie zuletzt in der legi⸗ timſten Form. aber te und ng auf ag gk⸗ Adreſſe eſelbſt zig mit im der die vor⸗ er Welt. gen zu. näher glauben, aucinden vorzl⸗ an die g eines e Dame ihr ohre ur Ville nien und watt ſich vott U ch zuletz Montag ntlegenei ihr einen der legi 309 Der Eindruck, den Lucinden dieſe unerwartete und ſchnell aufeinander folgende Wendung machte, war außer⸗ ordentlich genug. Er ſteigerte ſich bis zum offenbaren Verdruß. Der Neid, der ſie erfüllte, legte ſich mit der Zeit. Sie verweilte weit länger bei der Ueberlegung, worin das Feſſelnde hier hatte liegen können, in welchem weiblichen Reize, in welcher Kunſt des Gefallens, in welcher Macht, die Frauen auf Männer, allerdings hier von nur wenig Geiſt, auszuüben im Stande ſind? Dann aber wurde denn doch das allgemeine Aufſehen, das dieſer Vorfall nach ſich zog, und das ungünſtige Licht, in dem ſie dabei ſchon durch die geſpielte Intrigue ſelbſt erſchien, Veranlaſſung zu Mismuth jeder Art. Sie er⸗ hielt den längern Aufenthalt in der achtbaren Familie, die ſie aufgenommen hatte, gekündigt. Sie konnte froh ſein, daß wenigſtens Klingsohr über den Scherz mit dem Prinzen lachte. Ihm that der Vorfall als Beweis ihrer„Treue“ wohl. Klingsohr's Haft, die in der That auf Gnadenwege bis zu einem Jahre gekürzt wurde, nahete ſich ihrem Ende— aber auch in Lucindens Leben trat eine ent⸗ ſcheidende Kriſis ein. Gefahrvoll iſt es einer geradezu auf die Wolken zugehenden Lebensbahn, wenn ſie in den Motiven ihrer Handlungen einmal wechſelt. Wer immer mit dem Ver⸗ ſtande vorauswühlt, wohin er mit Hand und Fuß zur That nachſchreiten ſoll, der verſchüttet ſich den Weg, wenn er plötzlich den Einfall bekommt, nicht dem Ver— ſtande, ſondern dem Herzen folgen zu wollen. Eins darf man nur feſthalten, entweder den Ruhm oder die Ueberzeugung. Alles zugleich erſtreben, verdirbt eins das andere. Wer den Ruhm wlll, ſoll— die Welt⸗ philoſophie lehrt es— das Gewiſſen nicht hören; wer das Glück will, muß auf die Ueberzeugung verzichten. b So iſt das Daſein. Die Menſchen, die wie duf den Rennbahnen des Alterthums mit vier Roſſen zu gleicher Zeit dahinſprengen können, von denen eins die Be⸗ geiſterung, das andere die Mäßigung, das dritte die Tapferkeit, das vierte die Tugend iſt, und die, ſo ver⸗ ſchiedenartig auch die Roſſe anziehen, doch zu einem großen Ziele kommen, gibt es nicht, außer ſie wurden b auf Thronen geboren. Geborene Herrſcher können alle Kränze des edelſten Strebens zu gleicher Zeit gewinnen b Wie beklagenswerth, wenn ſie den großen Vorſprung, 1 den ihnen die Ordnung der Dinge für das Große, Gute und Ideale zu gleicher Zeit gelaſſen, nicht zu benutzen 1 wiſſen und ſie entweder nur beim Beſchränkten ſtehen bleiben oder beim Gewaltthätigen!... Die Vortheile aber einer Lebensſtellung, die Lucinden ſchon bis zur Gattin eines Prinzen erheben konnte, verlor ſie, als ſie einmal ſtatt aus dem Verſtande— aus dem Herzen handelte. In jener Schauſpielertruppe, der die zur Gemahlin eines Prinzen erhobene„Zwergin“ angehörte, zeichnete ſich eine nicht mehr junge Schauſpielerin aus, die ſich 1 Madame Serlo nannte, obgleich ſie, wie man ſagte, mit 1 dem Helden und Liebhaber der Truppe dieſes Namens nicht verheirathet war. 7 9 Madame Serlo war groß, von majeſtätiſcher, faſt z zu impoſanter Haltung; denn nicht jede Rolle ſtand ihr und für die majeſtätiſchen fehlte ihr doch wieder die Größe t eins Welt⸗ ; wer ichten. uf den gleicher he Be⸗ tte die ſo ver⸗ einem wurden en alle winnen ſprung, e, Gute benutzen ſtehen eile aber Gattin einmal undelte. jemahlin zeichnete die ſich gte, ni Namens her, faſ ſtand ihi ie Grüße 311 der Empfindung, der Phantaſie, des Schwunges. So blieben ihr nur die kalten Salondamen, in denen ſie theilweiſe wirklich bewundert wurde... Und in der That hatte das ehemalige Fräulein Leonhardi oder Ma⸗ dame Serlo eine Art, im Luſtſpiel mit einfachen Mitteln Wirkungen hervorzubringen, die ihr das Anſehen einer Künſtlerin gaben. Mit zwei oder drei Rollen des Con⸗ verſationsſtücks blendete ſie alles und manches große Hoftheater war ſchon in die Falle gegangen und hatte dieſe unübertreffliche Frau von Waldhüll im„Letzten Mittel“, dieſe Baronin von Wiburg in„Stille Waſſer ſind tief“ engagirt, bis ſich nach der vierten oder fünften Rolle die gänzliche Unbrauchbarkeit einer Semiramis ohne Leidenſchaft herausſtellte. Zu ihrer Figur paßte ſchon ein zu kleiner Kopf nicht. Die etwas ſtumpfe Naſe, das geſpaltene Kinn, die blauen Augen, alles war aus— druckslos. Bei alledem machte das Enſemble ihrer Er⸗ ſcheinung ſich noch immer im Salonſtück intereſſant und war für jeden eine Weile in dieſer Sphäre einnehmend. Man rühmte überall ihre Formen, man verglich ſie mit den Geſtalten, die Tizian als Venus malte. Ihr Haar war blond, ihre Haut hatte eine Incarnation, auf die der Ausdruck Miſchung von Milch und Blut im voll— kommenen Sinne paßte. Gezwungen, niederzuſteigen in die Sphäre, wo man ſich kalt und empfindungslos dargeſtellt auch eine Jung⸗ frau von Orleans, eine Julia, eine Luiſe Millerin ge⸗ fallen laſſen muß, wenn nur die Geſtalt genügt und Coſtüme ſowol wie eine gewiſſe Tournure die andern Mängel vergeſſen laſſen, hatte Madame Serlo einen jungen Mann mit ſich in ihre Sphäre hinuntergezogen, der einen kurzen Augenblick zu glänzenden Hoffnungen berechtigt ſchien. Serlo war aus einer der ehemaligen geiſtlichen Re— ſidenzſtädte Deutſchlands gebürtig und zum Prieſter be— ſtimmt geweſen. Aus dem Seminar war er kurz vor der letzten Vorbereitung zum Empfang der Weihen ent⸗ flohen und hatte theils aus Abneigung gegen den Stand überhaupt, für welchen ihn ſeine armen Aeltern beſtimmt hatten, theils aus Unvermögen, irgendwie einen andern Beruf zu wählen, der ihn erhielt, theils endlich aus wirklicher Neigung die Laufbahn der Bühne einge⸗ ſchlagen. Serlo's Wege waren anfangs die allerdornenvollſten. Nur um ein Mittagbrot zu gewinnen, ſchloß er ſich reiſenden Geſellſchaften an, die in Scheunen Vorſtellungen gaben; ſelbſt bei Gauklern und Taſchenſpielern leiſtete er auf Tage und Wochen Beihülfe, nur um nicht zu verhungern. Von Hauſe mit dem väterlichen Fluch und mit Steckbriefen verfolgt, mußte er ſchon deshalb bald in dieſes, bald in jenes Verhältniß treten, nur um den Ver⸗ folgern ſeine Fährte abzuſchneiden. Mit der Zeit mil⸗ derte ſich dann der Haß der Seinigen, die Vexation der Behörden. Er fand einige Geſellſchaften, die in etwas anſtändigern Formen auf Rechnung der„drama⸗ tiſchen Kunſt“ das Leben ihrer Mitglieder friſteten. Serlo's ſchöne Mittel gewannen ihm allmählich ein Ver⸗ trauen, das er freilich durch ſein Talent noch nicht recht⸗ fertigte. Er war ſchlank gebaut, hatte dunkle, feurige Augen, ſchwarzes Haar, eine friſche Farbe, die ſich nur z vor ment⸗ Stand ſtimmt andern h aus einge⸗ ollſten. er ſich lungen leiſtete chtt zu ich und bald in n Ver⸗ t mil⸗ exation die in drama⸗ n. in Ver⸗ t recht⸗ feurige ich nut leider bald, auch infolge der Entbehrungen und An⸗ ſtrengungen, als trügeriſch erwies und der lachende Widerſchein einer kranken Bruſt war. Schon in dieſen erſten Anfängen ſeiner Laufbahn geſchah es ihm zweimal, daß er auf der heſſiſchen Bergſtraße, ein andermal in der Gegend zwiſchen dem badiſchen Freiburg und Baſel— wo wandern nicht dieſe armen Heloten der dramatiſchen Muſe!— von einem Blutſturz befallen wurde und hülflos und verlaſſen in kleinen Städtchen liegen bleiben mußte. Die vornehmſte Bühne, auf der er, leidlich ge— neſen, im Fache der Liebhaber zum erſten mal wieder auftreten konnte, war St.-Gallen geweſen. Serlo ſpielte in St.⸗-Gallen den Mortimer. Er erlebte dabei, daß ſelbſt eine ſo kleine Stadt wie dieſe ſchweizeriſche ihn auslachte. In Lindau am Bodenſee ging es ihm nicht beſſer. In den kleinſten Städten werden jetzt ſchon Recenſionen und nach auswärts Cor⸗ reſpondenzen geſchrieben. Um dieſe ſeine beiden Nieder⸗ lagen zu decken, wählte er ſtatt ſeines eigentlichen Namens Firmian Neumeiſter den Namen Serlo und gerade Serlo mit Bewußtſein aus Göthe's Wilhelm Meiſter. Gebildet durch Schulunterricht und die Vorbereitungen zum Prie⸗ ſterſtande, hatte er vorzugsweiſe die beiden male, wo nach ſeinen Blutſtürzen Schonung ihm anempfohlen wurde und die Pflege guter Menſchen ihm eine Zeit lang Muße gewährte, ſein Wiſſen zu erweitern und zu ver— vollkommnen geſucht. Er ragte durch ſeine geiſtige Be⸗ deutung unter ſeinen Standesgenoſſen bei weitem hervor und konnte ſich endlich mit dem Namen Serlo in Paſſau, Regensburg, ja ſelbſt mit der Zeit in Nürnberg behaupten. Hatte Serlo einen Erfolg errungen, ſo warf ihn leider immer wieder ſein körperliches Befinden zurück, nahm ihm feſte Stellungen, zwang ihn, monatelang zu pauſiren und in den Bädern wieder Erholung und Stär⸗ kung zu ſuchen. Seine Gemüthsſtimmung erfüllte ſich dabei mit großer Bitterkeit. Er konnte dieſer Bitterkeit einen geiſtigen Ausdruck geben. Er ſah überall die Er⸗ folge der Talentloſigkeit, der Intrigue, des ſchlechten Geſchmacks. Er, mit ungleich größern Anſprüchen auf die Gunſt der Muſen, mußte zurückſtehen. Schon war ihm geſchehen, daß er an irgendeinem glücklichen Abend irgendeinem durchreiſenden Kunſtkenner in kleinen Städten aufgefallen war und einen Ruf nach einem großen Hoftheater bekommen hatte; kaum dort angelangt, überfiel ihn eine Heiſerkeit, die ihm entweder das Auf⸗ treten ganz unterſagte oder ihn, wenn er ſpielen konnte, außer Benutzung ſeiner Mittel ſetzte. Und doch hatte ſich darauf etwa fünf Jahre lang ſeine Lage ziemlich günſtig geſtaltet. Er bekleidete erſte Fächer an großen Stadt⸗ theatern und hatte Erfolge, Erfolge ſowol auf der Bühne wie in der Geſellſchaft. Es umgab ihn ein eigener Reiz des Geheimnißvollen, den ſeine liebenswürdige und angenehme Perſönlichkeit unterſtützte. Serlo gehörte keines⸗ wegs zu denen, die ſich der böſen Welt gegenüber un⸗ bewaffnet betreffen ließen. Das Unglück hatte ihn längſt mehr ſcharf als ſchartig gemacht und im Glück gab er ſeine Weiſe keineswegs auf und verwundete wol auch zuerſt, da ihm Urtheil und Ueberzeugungseifer nicht fehlten. Die Macht, die er überall durch Intrigue erſtrebt und wirklich auch durch ſie erobert ſah, reizte ihn ſogar, f ihn zurück, ng zu Stär⸗ te ſich terkeit ie Er⸗ lechten en auf Schon cklichen kleinen einem elangt, 3 Auf⸗ konnte, tte ſich günſtig Stadt⸗ Bihne eigener ge und keines⸗ der un⸗ rlängſt er ſeine zuerſt fehlten. öt und ſogar, 315 auch ſeinerſeits nicht die Hände in den Schoos zu legen oder unter Gaunern, wie er zu ſagen pflegte, der einzige ehrliche Mann zu bleiben. Serlo ſchien ſogar vielen gefährlich; er rührte ſich nach Kräften, zerriß hier eine Feſſel, um dort eine andere zu vortheilhafterm Dienſt ſich anzulegen, ſtieß fort, was ihm im Wege ſtand, und unterdrückte mit Gewalt Gemüth und Reue, zwei Begriffe, die für dieſe„elende und erbärmliche Welt“ nicht paßten und„die Krähen da einließen, wo die Adler wohnen ſollten“, wie er oft mit Shakſpeare ſprach. Geiſt, Bildung, Intrigue, Talent und ein bei alledem nicht zu verwindender gemüthlicher Zug gaben in Serlo eine Erſcheinung, die zum Höchſten berufen ſchien, wenn nur die Natur und das Glück gewollt hätten. Die Natur hatte Firmian Neumeiſter, genannt Serlo, zu einem frühen Tode beſtimmt. Er war glücklich zu einem der erſten Hoftheater emporgeklommen, hatte ſich drei Jahre behauptet, begehrte einen Contract, der ihn nach fernern fünf Jahren hätte penſionsfähig machen müſſen; man wollte ihm nur einen kürzern geben, der dieſe Penſionsfähigkeit ausſchloß. Bei dem Streite, der darüber entſtand, vergaß ſich Serlo in den Formen, in denen ſein Chef ſich behandelt zu ſehen berechtigt war. Serlo erhielt ſeine augenblickliche Entlaſſung. Damals traf er in gleicher Stimmung jenes Fräulein Leonhardi. Man hatte an demſelben Hoftheater geglaubt, nach einer von ihr geſpielten Donna Diana in ihr eine der erſten Künſtlerinnen zu gewinnen, und fand bald, daß ſie eine Rolle wie die andere gab, die Lady Macbeth von dem⸗ ſelben zuckerſüßen Lächeln begleitet, wie ſie Bauernfeld'ſche junge Witwen ſpielte. So verließen beide zu gleicher Zeit dieſelbe Stadt mit denſelben Empfindungen, den Empfindungen der Bitterkeit, und auch mit demſelben Uebermuth, der die Verzweiflung wegzulügen ſucht. Serlo ſprach ſpäter oft von dieſer Verbindung mit Lionel's Worten:„Glück zu dem Frieden, den die Furie ſtiftet!“ Nach einem halben Jahre, wo beide zuſammen Gaſt— rollen gaben, mußte Serlo ſchon für ſeine Begleiterin ſorgen, als wäre ſie ſeine Gattin. War ſie dies oder war ſie es nicht, ſie konnte kein Engagement annehmen. Serlo mußte ſie und ein erwartetes Kind ernähren. So nahm er die erſte beſte Stellung, die nur etwas Brot gab. Er nahm ſie in einer Form, die ſich ſpäter nur zu oft wiederholte... Es ging zum Herbſt. Die Entbehrungen, die von einem Gaſtſpielreiſen ohne Ruf und Reſultat unzertrennlich ſind, hatten ihn aufs Krankenlager geworfen. In einer Mittelſtadt Norddeutſchlands, wo Frau⸗ lein Leonhardi noch Verehrer von ſonſt beſaß, traf ſie, ihren Zuſtand möglichſt verbergend, bei einem derſelben mit einem durchreiſenden Director einer Bühne zuſammen, der einen Liebhaber zu engagiren wünſchte. In einem Augen⸗ blick, wo der Director nach irgendeinem Gegenſtand auf der Straße zu ſehen ans Fenſter trat, beſaß ſie die Geiſtes⸗ gegenwart, dem alten Freunde raſch zuzuflüſtern: Schicken Sie in unſer Hotel! Serlo ſoll ſich ankleiden!... Wie fragte der Director und wandte ſich. Sie ſprachen ja eben von Serlo? Iſt Serlo hier?... Im Goldenen Adler! hieß es... Schade, daß er kränkelt! antwortete der Director Kränkelt? erwiderte die Leonhardi. dche eicher hmen. 1. etwas ſpäter Die f und rlager Fräu⸗ f ſie, en mit n, der lugen⸗ uf der eiſtes⸗ hhicken ... rachen ſdenen vortete hardi⸗ 317 Serlo iſt ſo geſund wie ein Fiſch!... Ich möchte ihn wol ſprechen; ich könnte ihn brauchen... ließ überlegend der Director fallen. Der alte Verehrer des Fräuleins, ein wohlhabender Theaterliebhaber, der ſich darin gefiel, im Orte die ſeltenſten Weine zu haben, hielt ihn zurück: Nein, nein, nein! Sie bleiben! Ein Glas Tokayer! Der Director ſchützte Eile vor, blieb jedoch, um wenigſtens auf baldiges Wiederſehen anzuſtoßen. Damit fand der Kunſtfreund einen Moment, hinauszuſpringen und ſeinem Bedienten zu ſagen: Lauf in den Goldenen Adler! Herr Serlo ſoll ſich ins Zeug werfen, ein Director kommt ihn zu engagiren! Nachdem bietet er der Künſtlerin und dem Director ein improviſirtes Frühſtück. Dem Director, der fürchtete, mit Fräulein Leonhardi, die er ſchon einmal ſechs Wochen im Engagement gehabt, auf neue Erörterungen zu ſtoßen, ergab ſich bald, wie Serlo zu Fräulein Leonhardi ſtand.„Madame Serlo? Ei der Tauſend!“—„Ja Madame Serlo! Doch nimmt mein Mann auch Engagement allein an.“ Eine halbe Stunde ver⸗ fließt. Zuletzt begleitet der Director Madame Serlo in den Goldenen Adler. Dort, wo noch eben im abgetragenen Schlafrock, mit einem großen wollenen Tuch um den leidenden Hals, ein armer Kranker, leichenblaß, auf dem Bett gelegen hatte; dort, wo alles ringsum in der größten Unordnung geweſen war, wo Arzneigläſer am kühlenden Fenſter ſtanden, Wäſche am Ofen hing, um erwärmt zu werden; dort, wo ein hinfälliger Kranker, einem Greiſe ähnlich, das dunſtige Zimmer mit Seufzern und Verwünſchungen über ſein Geſchick erfüllt hatte, hatte nach der Meldung des Dieners im Nu eine Verwand⸗ 1 lung ſtattgefunden. Die Gläſer waren entfernt, das 1 Bett durch einen Schirm verdeckt worden, die Wäſche hinweggenommen, die größte Ordnung herrſchte. Der Kranke, der Lebensüberdrüſſige, Hinfällige, Huſtende 1 ſtand in dem einzigen Frack, den er beſaß, mit eng an⸗ 1 ſchließenden Beinkleidern, gefirnißten Stiefeln, weißer Weſte, über welche eine Lorgnette niederhing, buntem, loſe umgeſchlungenen Halstuche, eben den Hut aufſetzend, eben helle Handſchuhe anziehend, eben noch die Cigarre im Munde, um ſie raſch gleichſam auszurauchen, ein Liedchen trällernd und die Thür öffnend. Wohl hatte er das Gefühl, als wenn ihm die Füße verſagten, die Hände flogen noch vor Fieberfroſt, die Lippen zuckten, der ganze Körper zitterte... dann aber hört er kommen, jetzt eine Arie geträllert, laut eine Tirade geſprochen und nun: Was zum Henker, Sie Herr Director? Was führt Sie in dies verdammte Neſt, wo ich einen alten Freund beſuchen mußte? Bravaden folgten auf ſeine Kraft, Bra⸗ vaden über den langweiligen Aufenthalt, die baldige Abreiſe... man plaudert, man ſcherzt, man bietet V Cigarren... Der Director engagirt den unverwüſt⸗ lichen, intereſſanten Serlo für die Winterſaiſon. Die Contracte waren, wie gewöhnlich, gleich zur Hand in der Rocktaſche; noch einige Debatten über die Gage, dann Unterſchrift... Beim Scheiden ſagte der Director ſcherzend, mit einem feinen Blick auf Madame Serlo: Serlo! Serlo! Die grauen Härchen an den Schläfen! Schonung! Schonung!... Dieſe grauen Härchen hatte der Leidende in der Eile zu färben vergeſſen. Madame Serlo verſprach zu ſorgen, daß die Härchen nicht um , das Wäſche Der uſtende 1g an⸗ weißer untem, ſetzend, Ligarre n, ein l hatte en, die zucken, ommen, en und s führt Freund , Bra⸗ baldige bietet verwüſt⸗ 1. Die Hand in 2 Gage, Director Serlo: liſen ſen hatte Madame icht un ſich griffen. Das Uebrige iſt Ihre Sache! ſagte ſie mit der Süßigkeit jenes Converſationstons, mit dem ſie ihre Eroberungen machte. Als der Director fort iſt, ſinkt Serlo, der eine Stunde lang mit der äußerſten An— ſtrengung die Rolle eines Geſunden und Frohgemuthen durchgeführt, ohnmächtig zuſammen. Die Gefährtin ſeines Lebens ſprach den ganzen Tag nur— von dem Glück, ſolche Freunde zu beſitzen wie ſie in jenem Kunſt⸗ freund! Es war, ſagte Serlo, als er dieſe Scene eines Abends, als ſeine Gattin ſpielte, Lucinden erzählte, nicht das erſte mal, daß ich gut geſpielt hatte und— ohne Beifall blieb. In eine Verbindung mit dieſen Schauſpielern trat Lucinde durch Zufall. Voller Unmuth über die ihr gewordene Kündigung hatte ſie eine Wohnung geſucht. Sie erhielt das An— erbieten derjenigen, die Serlo verlaſſen wollte; die Saiſon war zu Ende, mit ihr das Engagement. Es machte ihr damals einen wunderlichen Eindruck, die Menſchen, die ſie in dem von ihr immer heiß ge⸗ liebten Theater nur im bunten Flitter, geſchminkt und in wallenden Locken geſehen hatte, hier unter lärmenden Kindern, trotz artiger Formen verdrießlich und aller Hülfsmittel zu täuſchen entkleidet, wiederzufinden. Die ſtadtkundige Geſchichte des Prinzen und der Soubrette hatte eine Anknüpfung nähern Geſprächs ge— geben. Serlo ſagte, daß ſich daraus ein Luſtſpiel machen ließe und Madame Serlo vertheilte ſchon die Rollen. Lucinde hörte. Der Einblick in dieſe neue und, wie ſie ſogleich ſah, leidenſchaftlich bewegte Welt reizte ſie. 320 Sie miethete zwar die Wohnung nicht, kam aber wieder und machte ſich, wie dies in ihrer Art war, mit den Kindern zu ſchaffen. Dieſe waren hübſch und von viel aufgeregterer Natur, als Kinder in ſolchem Alter zu ſein pflegen. Sie waren ſelbſt ſchon Schauſpieler. Auch Klingsohr hatte anfangs Gefallen an dieſer Bekanntſchaft, die ihm Lucinde mittheilte und in die ſie ihn einführte. Ihm hatte dieſe Sphäre ganz bewußt und in poetiſcher Wahrheit den Reiz, der im Wilhelm Meiſter nur zu künſtlich um ſie gebreitet iſt. Lueinde fühlte ſich taſtend, doch deſto verhängnißvoller hinein. Bedrängt und verurtheilt von der öffentlichen Meinung, hatte ſie bei Madame Serlo ein Aſyl gefunden, wo ſie ſich aus⸗ ſprechen und in ihrer Art ganz gehen laſſen konnte. Ihr Scharfſinn entdeckte bald den geheimen Schaden dieſer unglücklichen Künſtlerverbindung. Serlo litt unter der Kälte und Herzloſigkeit ſeiner Lebensgefährtin bis zur Verzweiflung. Das ganze Leben dieſer Frau war nur ein einziger Vorwurf gegen den Vater ihrer Kinder Sie behauptete, um ihn die glänzendſte Laufbahn verfehlt zu ha⸗ ben, während Serlo doch nur ein Opfer ſeiner Begegnung mit ihr geworden war. Lucinde wurde, wie das ge⸗ ſchieht, die Vertraute, die Rathgeberin beider, die Ver⸗ mittlerin zweier Gegenſätze, die mit höchſt ungleichen Waffen kämpften. Dort die kalte friſcheſte Geſundheit, hier ein Siechthum, das Schonung und Liebe bedurfte. Lucindens Empfindungen über Klingsohr wurden von der liſtigen Madame Serlo bald errathen. Sie ver⸗ urtheilte den Doctor, wie ſie ihrerſeits alle Männer verurtheilte, ausgenommen die, die ihr huldigten. Lueinde rwieder mit den von viel llter zu ler. n dieſer n die ſie sußt und (Meiſter ühlte ſich Bedrängt hatte ſie ſich aus⸗ nte. Ihr en dieſer unter der bis zur war nur der üie hlt zu ha⸗ Ngegnung das e⸗ de Ver b unglicha Hefundhei, bedurſte zurden von Sie vel⸗ e Männet 4 Lueinde 321 fand für alles das, was ſie an Klingsohrn nicht mochte, den weltgewandteſten Ausdruck. Kaum ſtand es feſt, daß ſie Klingsohrn nicht mehr liebte, ſo hatte Madame Serlo auch ſchon den Plan fertig, das räthſelhafte, ſchöne und aus unbekannten Hülfsquellen reich mit Mitteln aus⸗ geſtattete Mädchen an ſich zu ziehen. Sie ſchmeichelte ihr zunächſt mit dem unverkennbaren Urtheil, das ſie über die Bühne hätte, dann ſogar mit einem Berufe für ſie. Sie löſte Lucinden immer mehr von den Beziehun⸗ gen ab, die ſie noch hier und da in der Geſellſchaft hatte. Als der Augenblick der Auflöſung des Theaters heranrückte und von einem kleinen Seebade geſprochen wurde, in dem die Trümmer der Geſellſchaft im Sommer Vorſtellungen geben wollten, bedurfte es bei Lucinden keiner langen Ueberredung. Sie entſchloß ſich eine Stadt zu verlaſſen, die ihr durch Klingsohrn ſowol wie durch die ſtete Erörterung ihrer Intrigue mit dem Prinzen unerträglich geworden war. Ueber Klingsohrn hatte ihr Madame Serlo, die das Leben kannte, ein Bild entworfen, deſſen Wahrheit ſich nicht widerlegen ließ. In voller Gewißheit ging ihr auf, daß die Ueberſchwenglichkeit dieſes zu ſo Edelm be⸗ rufenen und bedeutſamen Mannes eine Folge der Auf⸗ regung war, die ihren Urſprung in der Gewohnheit unmäßigen Trinkens hatte. Die Trunkſucht war bei Klingsohrn entſtanden wie im Traume, wie bewußtlos, wie die natürliche Begleiterin genialer Ueberſpannung. Wie ſie auch gekommen, ſie war da, und Madame Serlo ſchonte die Farben nicht, dieſen Zuſtand auszumalen. Sie kannte die Nachtſeiten des Lebens und ſparte keinen Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 21 2 — Zug an dem Bilde der Zukunft, das ſie für Klingsohrn aufrollte. Sie behauptete, ſchon gehört zu haben, daß er Opium nähme; ſie ſchilderte die Folgen dieſer Neigung in einer Weiſe, die die zum erſten male von ſolchen Dingen Hörende nicht an der Wahrheit des Gerüchts zweifeln ließen. Sie hatte ja Klingsohrn oft genug ſchon geſehen, wie er, wenn er mit ihr ging, ſie ſtarr betrachtete und ſie ihn unmuthig anrufen mußte, um ihn nur zur Beſinnung zu bringen. Die Abneigung, die ſie immer tiefer gegen ihn empfand, bekam jetzt Grund und Ausdruck. Da ſie wußte, wie er nach ihr verlangen, ſie verfolgen würde, ſo hüllte ſie die Entfernung von Kiel, die ſie in der That drei Monate vor Ende der Gefangenſchaft Klingsohr's ausführte, gerade ſo weit in Dunkel, als ihr mit Beiſtand jener verſchmitzten Frau nur irgend möglich wurde. Mit ihren noch ausreichenden Mitteln, mit dem reichen Schatze ihrer Kleider und Schmuckſachen war ſie Madame Serlo willkommen wie ein Engel des Lichts. Die andern Schauſpieler reiſten ab, geradeswegs nach jenem Bade. Nach einigem Hin⸗ und Herreiſen, um ihre Spur zu verbergen, erſchien auch Lucinde in jenem noch menſchenleeren Strandorte. Sie war nun in dieſen neuen Kreis, eben aus Furcht vor Klingsohrn, wie gebannt. Von ihrer eigenen Vergangenheit deckte ſie nicht viel auf, wie überhaupt Verſchwiegenheit zu ihren Tugenden gehörte. Daß ſie aber ſchon ein bewegtes Leben geführt, wurde ſogleich erkannt, wie auch der Name des Kron⸗ ſyndikus haften blieb als desjenigen, vor dem ſich Lucinde zu rechtfertigen hätte und auf deſſen Gunſt und Untert⸗ lingsohrn ben, daß Neigung n ſolchen Gerüchts fft genug ſie ſtarr um ihn g, die ſie -rund und verlangen, nung von vor Ende de ſo weit sten Frau mit dem i war ſie des Lichs. vegs much um ihre ſenem noch ſen neuen 2 gebannt richt viel Tugende en geflit des Kol⸗ c Lucinde nd Untt 323 ſtützung hier alles ankam. Die ſich mehrenden Spuren der Nachforſchungen, die um ſie angeſtellt wurden, ver— anlaßten das engſte Zuſammenwohnen Lucindens mit der Serlo'ſchen Familie. Sie gab dabei uneigennützig, was ſie beſaß. Madame Serlo war eine Meiſterin in der Kunſt des Schmeichelns. Sie hatte jetzt das ſehnſüchtigſte Ziel wieder eines Engagements an ſolchen Plätzen, wo ſie den reichen Schmuck und die koſtbaren Kleiderſtoffe, die ihr Lucinde gern zu Gebote ſtellte, verwerthen konnte. 2 Die eigentliche Feſſel aber, die dieſe Eroberung feſt⸗ hielt, war in der That der von Lucinden gepflegte und gegen die Kälte der Frau geſchützte Mann. Serlo hatte etwas Vergeiſtigtes. Er beſaß ganz jene verklärte Schön⸗ heit, die bei Bruſtleidenden bis an das Ende ihrer Tage ſich noch zu ſteigern pflegt. Sein Auge blickte voll ſanfter Glut, wenn er am wenigſten beobachtet wurde. Die Formen ſeines Antlitzes waren ſo edel, daß ſie den Meißel des Bildhauers herausfordern konnten. Das Haar hing in den Nacken mit ſeinem grauen Schim⸗ mer, wenn es nicht gefärbt wurde der„Komödie“ wegen. Alles, was Serlo ſprach, war der Bruſt wie mit An⸗ ſtrengung abgerungen, darum aber auch gewichtvoll und feſt und nie unnütz. Einen Ueberfluß an Worten, wie ihn ſeine Gattin ſich wohlbekommen ließ, kannte er nicht. Die Bitterkeit ſeiner Aeußerungen zog Lucinden tief an; ſie war in ähnlicher Stimmung. Dazu die Furcht, ſich von Klingsohrn entdeckt zu ſehen oder dem Kronſyndikus ſich verantworten zu müſſen. Da Madame Serlo ſie darum drängte, hatte ſie an letztern geſchrieben und um 21* 324 neue Geldmittel gebeten. Dieſer Brief war aber ent⸗ weder nicht an ſeine Adreſſe gekommen oder wurde ab— ſichtlich unbeantwortet gelaſſen. In der unendlich elegiſchen Stimmung, die Serlo täglich beherrſchte, ironiſirte er ſich und ſogar die An⸗ hänglichkeit der Familie an Lucinden. Wenn ſie ihm dankte für alles, was er in ſtillen Stunden von ſeiner Jugend ihr erzählen mußte, von Menſchen, Gegenden, die er geſehen, ſagte er bitter lächelnd: Kind, wir ziehen uns gegenſeitig aus! Darüber hatte ſie die ganz klare Vorſtellung, daß Madame Serlo die Klugheit alternder Theaterdamen befolgte, ſich an ein friſches, aufblühendes Talent anzuklammern, ſtets es zu bewundern und ſo— lange als nur irgendmöglich die Erträgniſſe deſſelben für ſich zu behalten. Aber es irrte ſie darum nicht. Sie durchſchaute alles, nur zu wenig die Schmeichelei über ihr Talent. Sie wollte wirklich noch die Bühne be⸗ treten. Madame Serlo begann eine Art Unterricht; ſie glaubte vielleicht aufrichtig, der Geiſtesſchärfe ihres Zög⸗ lings, dem Wagemuth, dem noch zuweilen aufſprudelnden Humor deſſelben entſpräche das gleiche Vermögen auch auf der Bühne. Selbſt Serlo glaubte dies und ergänzte in geiſtooller Rede die Auleitungene die ſeine! routinirte Gattin gab. 3 Von Klingsohrn unbehelligt, ging dies plötzlich veränderte Leben einige Monate hin. Von ihrer Höhe war Lucinde völlig herabgeſtiegen. Wo war die Amazone hin, die auf den Roſſen des Univerſi⸗ i⸗ tätsſtallmeiſters geprangt hatte! Serlo* fühlie dies und ſagte zu ihr: 8 aber ent⸗ wurde ab⸗ die Serlo die An⸗ mſie ihm von ſeiner Gegenden, wir ziehen ganz klare alternder fblühendes n und ſe⸗ deſſelben icht. Sie helei über gühne be⸗ erricht; ſie ihres Zig⸗ erndelnden ögen auch d ergänzte routinirte 6 plölic on ihrer Wo wal Uuiverſi üle di 325 Beſtes Fräulein, wie beklage ich Sie! Wie hat das alles möglich werden können! Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas! Napoleon ſagte das! erwiderte ſie, ſtolz den ge⸗ ſenkten Kopf erhebend. Das iſt wahr, entgegnete Serlo erglühend. Die großen Geiſter wandeln regellos! Bitter lächelnd ſetzte er hinzu: Nur die Hofräthe fallen nie aus der Rolle! ſind ewig erhaben! 9 Die Die Familie reiſte mit ihrer Eroberung hierhin und dorthin. Die Seebadſaiſon war des ſchlechten Wetters wegen nicht eingeſchlagen. Der Kronſyndikus antwortete nicht. Madame Serlo ſchrieb zuletzt ſelbſt. Sie that ſich auf ihr Talent, mit den Großen zu verkehren, etwas zugute. Es erfolgte aber auch für ſie keine Antwort. Man wollte in Neuhof entweder ganz abbrechen oder ſtra⸗ fen... durch Schweigen vielleicht auf Beſſerung hoffend. Eines Tages erſchien aber Klingsohr. Es war in Lüneburg auf der Heide. Man hatte gehofft, für den Winter dort eine Unterkunft zu finden. Von dem Verſiegen ihrer Hülfsmittel, den Anſtren⸗ gungen der Reiſe und den Erlebniſſen innerhalb der Familie Serlo war Lucinde ſchon ſo muthlos geworden, daß ſie Klingsohrn in das kleine Gaſthofzimmer, das ſie bewohnte, mit einem leiſen und furchtſamen Aufſchrei eintreten ſah. In früherer Zeit wäre ſie ruhiger geweſen und hätte ihn entweder mit Verſtellung oder mit einer offenen Kündigung begrüßt. 326 Klingsohr trat auf ſie zu, gleichſam um ſich zu über— zeugen, ob ſie es denn wirklich wäre... Dann fragte er, während ſie langſam aus der Sophaecke ſich erhob: Warum haſt du mir das gethan? Sie begann keine Erörterungen, ſondern erwiderte kleinlaut und durch die Schule des Lebens gedemüthigt: Wann biſt du angekommen? Auf einem Felde gleichgültiger Geſpräche fand man ſich zuletzt ſo leidlich wieder zurecht. Ja auch aus der Theaterſphäre und Verſtellungskunſt heraus war dieſer ſcheinbare und ſo ſchnell geſchloſſene Friede zu erklären. Wenn Madame Serlo eben noch jemand im Geiſte ver— giftet hatte, konnte ſie, wenn er zufällig ſelbſt erſchien, ihm den Stuhl hinrücken, dieſen abſtäuben und das ganze Arſenal ihrer Liebenswürdigkeiten ſpielen laſſen.. Und das Beſte, ſagte Serlo oft, iſt dann die wirkliche Freundſchaft für dieſe vergiftete Perſon, wenn ſie zuletzt geht! Die Judasküſſe wurden echte, wenigſtens auf ſo lange, als der Nachgeſchmack des dabei genoſſenen Kaffees und das gemeinſchaftliche Intereſſe einer bei dieſer Ge⸗ legenheit geſchloſſenen gemüthlichen Intrigue dauert! Für ſolche von dem Kranken, der dabei lang auf dem Sopha ausgeſtreckt lag und das ſchöne bleiche Antlitz aufſtützte, immer mit ſchneidender Bitterkeit hin⸗ geworfene Aeußerungen erntete er von ſeiner Lebens⸗ gefährtin Schmähungen, von Lucinden ein vertrauliches Zunicken der Uebereinſtimmung. 2* Klingsohr kam ohne Geld. ih zu über erwiderte Bemüthigt: fand man h aus der war dieſer u erklären. Geiſte ver ſt erſchien, und das laſſen... e wirkliche ſie zulebt ens auf ſo nen Kaffeed dieſer Ge⸗ dauert! lang auf ne bleiche rareit hin er Lebend ertrulihe 4 41 Die kluge Madame Serlo bekam bald heraus, daß er in einem Briefe, in welchen der Kronſyndikus endlich auch einen und dieſen voller Mahnungen an Lucinden eingelegt hatte, deſſen übergenug empfangen. Das Suchen nach Ihnen, liebe Lucinde, ſagte ſie ſpitz, muß viel Aus gaben verurſacht haben! Klingsohr hatte ſchon immer eine Zuneigung für die Familie gehabt und hatte ihr Leben oft genug ro— mantiſch genannt. Man verſtändigte ſich, vergab ſich einander, was etwa gegenſeitig gefehlt war, und bald entſpann ſich auf einige Tage ein Zuſammenleben, in deſſen Hintergrunde der Entſchluß Lucindens zu ſtehen ſchien, daß ſie Klingsohrn wieder nach Schloß Neuhof begleiten wollte. Es bekümmerte ſie, daß der Kron⸗ ſyndikus ſo kalt geantwortet hatte. Schloß Neuhof betret' ich mit keinem Fuße mehr! ſagte Klingsohr. Doch will ich dich bis Lüdicke be⸗ gleiten!— Madame Serlo horchte nur immer. Sie ſollte ihre Eroberung aufgeben? Lucinde beſaß noch Kleider und Schmuck genug, um davon ein ganzes Jahr lang ſie alle erhalten zu können... Die Frau blinzelte ihr Stand⸗ haftigkeit zu.. Drei Tage war Klingsohr in Lüneburg, als er auch dort ſein gewohntes Leben begann... Er fand göttinger Freunde, er entzückte durch den Dämmer der Poeſie, mit dem er ſich theils durch Re⸗ miniſcenzen aus den beliebteſten Dichtern, theils durch die Gabe der eigenen Improviſation zu umgeben wußte, er erntete, wenn er ſprach oder ſchwieg, die gewohnte Bewunderung, er ſtreifte die Aermel ſeines Rockes wie⸗ der im heiß gewordenen Geſpräch empor wie einer, der auf die Menſur zu treten bereit iſt, und war der Titane, deſſen Zukunft noch niemand berechnen konnte. Madame Serlo beobachtete ſcharf. Am Nachmittag des vierten Tages öffnete ſie leiſe das Zimmer, in dem Lucinde eben an den Kronſyndikus ſchreiben wollte, winkte bedeutungsvoll und rief wispernd Lucinden auf die Num⸗ mer, die Klingsohr bewohnte. Das Zimmer fanden ſie unverſchloſſen. Madame Serlo hatte es aufgedrückt und zeigte auf Klingsohrn, der über ſein Bett auf den Rücken aus⸗ geſtreckt lag, eine kleine Cigarrenpfeife in der Hand hielt und zu ſchlafen ſchien. Er hat Opium geraucht! ſagte Madame Serlo. Sehen Sie nur! Nun träumt er! Er iſt im ſiebenten Paradieſe! Lucinde beobachtete den Unglücklichen, der mit offe⸗ nen Augen lag, aber völlig abweſend war. Er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt, der linke hing ſchlaff vom Bette nieder mit der kleinen Pfeife, aus der er leicht ein Opiat geraucht haben konnte. Auf dem Fußboden lagen die Gedichte Coleridge's, jenes engliſchen Dichters, der am Opium zu Grunde gegangen iſt. Lucinde war vollkommen berechtigt, an dieſe Deutung zu glauben. Dieſe offenen Augen, dieſe blaſſen und krampfhaften Geſichtszüge, verbunden mit einem zucken⸗ den Hüpfen der Nerven, beſtätigten, was ſie von beiden Serlos über die Wirkungen dieſer Betäubung ſchon ver⸗ nommen hatte. Sie wurde darüber von einem Grade ſces wie⸗ iner, der r Titane, ſchmittag „in dem e, winkte die Num⸗ eigte auf fen aus⸗ er Hand Serlo. ſiebenten nit offe⸗ Er hatte nke hing Deutung ſſen und n zucen⸗ n beiden hen ver n Grade 329 von Abneigung gegen Klingsohrn ergriffen, daß ſie bat, den Ort, der ohnehin keine Hoffnungen für die Bühne bot, ſofort, aber auch augenblicklich, ohne ſein Erwachen abzuwarten, zu verlaſſen. Madame Serlo hatte erreicht, was ſie wollte. Serlo, den man hinzurief, ſprach mitleidiger und rieth zur Verſöhnung, zur Heilung des Unglücklichen. Er hatte dem Kloſterleben, dem Leben der Entſagung nahe geſtanden, er kannte die Verirrungen der Phantaſie... Lucinde nahm keine Beruhigungen an. Sie forderte die Rechnungen ein, gab einen werthvollen Ring von den Geſchenken, die ihr der Kronſyndikus noch beim letz⸗ ten Abſchied in Kiel gegeben, zur Ausgleichung der Zeche und wollte ſchon fort in einer Stunde. Von Madame Serlo wurde ſie aufmerkſam gemacht, daß man Klingsohrn einſchließen ſollte... er könnte be⸗ ſtohlen werden. Damit zeigte ſie auf ein Portefeuille, das ihm aus der Bruſttaſche entglitten war und neben ihm auf dem Bette lag. Es war ein Geſchenk, das Luecinde ihm ſelbſt gefer⸗ tigt; eine Stickerei von ihrer Hand zierte die beiden Deckel. Nichts vom Inhalt, nur das Portefeullle ſelbſt wollte ſie an ſich nehmen. Sie öffnete, warf einiges Geld, einige kleine Schlüſſel, Bleiſtifte, ſogar zerknitterte Briefe, alles, was darinnen lag, hinaus, warf es ungeprüft und ungeleſen auf die Bettdecke, behielt ihr Geſchenk, das Portefeuille, ſchloß die Thür zu und ließ, wie ſie bitter wiederholte, Klingsohrn im ſiebenten Paradieſe. Es wird ſchöner ſein als das Dante'ſche! ſetzte ſie zu Serlo hinzu. Sie wußten beide, daß Klingsohr über Dante geleſen und des Florentiners Hölle feſſelnder und anzie— hender genannt hatte als deſſen Himmel. Serlo hatte ſeiner Gattin gegenüber aus phyſiſcher Schwäche keinen Willen. Er ſorgte nur immer, auch beim Reiſen, Ankommen und Abgehen, für die Kinder. Der Handel mit dem Wirthe wurde abgeſchloſſen. Man hatte noch einen guten Ueberſchuß und accordirte einen Wagen. Er ſollte ſie der obern Elbe zuführen. Schon war man im Packen begriffen, als ſich in Klingsohr's Zimmer ein entſetzliches Pochen vernehmen ließ. Man gab dem Kellner den Schlüſſel, mit dem ge⸗ öffnet werden konnte. Zugleich ſprang Lucinde in ihr Zimmer, Madame Serlo folgte, beide verriegelten ſich. Auf dem Corridor hörte man Klingsohrn jetzt nach ſeinem Portefeuille rufen. Da er den Inhalt gefunden hatte, konnte er von keinem Diebſtahl ſprechen. Er rief Serlo; dieſer wies ihn von ſeinem Zimmer aus an die Frauen. Am Schlüſſelloch des Nebenzimmers lauſchte Madame Serlo. Lucinde betrachtete ruhig ihre Stickerei auf dem Porte⸗ feuille. Es war Winter; ſie ſah ſich nach dem Ofen um, um das Portefeuille zu verbrennen. Madame Serlo hinderte ſie und öffnete wenigſtens noch einmal das ſchöne Geſchenk. Alles das geſchah, während Klingsohr an der Thür rüttelte, pochte und im wildeſten Ungeſtüm ſein Eigen⸗ thum zurückverlangte. Serlo erklärte ihm das Vorgefallene und machte ihm dd anzie⸗ öhyſiſcher rr, auch Kinder. u. Man te einen ſich in men ließ. dem ge⸗ Madame etzt nach gefunden Er rief an die Madame m Porte⸗ em Ofen enigſtens er Thür Eigen⸗ che ihn 331 in lateiniſcher Sprache Vorwürfe über ſeine Verirrung, die Klingsohr nicht in Abrede ſtellte. Ihr habt gut ſpre⸗ chen! entgegnete er. Wer das Bedürfniß des Glückes hat, ſucht es, wo er's findet! Ich wünſche Euch nicht meine Nächte oder die Träume, die mir mein kurzer Schlaf ſchenkt! In mildern Worten bat er Lucinden jetzt um die Rückgabe des Portefeuille. Klingsohr! ſprach dieſe mit feſter Stimme dicht an der Thür nebenan, wo Klingsohr im Zimmer war, wandeln Sie Ihre Bahn! Wir ſind geſchieden! Auf ewig! Lucinde! lautete ſein Flehen. Das Portefeuille wird auf Ihrer Bruſt entweiht! Ich behalte es! Nimmermehr! rief Klingsohr und ſchlug gegen die Thür. Was iſt denn nur ein ſo beſonderer Werth daran? flüſterte Madame Serlo und betrachtete es wiederholt näher. Sie las auf dem inwendigen und befeſtigten Perga⸗ ment eine Menge kurzer Bemerkungen, Namen, abgeriſſene Titel von Schriften, Citate, gelehrte Dinge, die ihren Horizont überſtiegen. Dennoch hielt ſie dieſe Blätter nicht für unwichtig. Wer weiß, flüſterte ſie, welche Geheimniſſe ſie enthalten! Als Klingsohr nicht endete und behauptete, er würde das Haus in Brand ſtecken, wenn er das Portefeuille nicht zurückbekäme— ſchon wurde durch den Lärm der Wirth herbeigezogen—, las ihm Madame Serlo höh⸗ nend einige Worte vor, die vielleicht die Seite des Per⸗ gaments bezeichneten, an der ihm vorzugsweiſe gelegen wäre. 8 Weib, ſchweige! rief er und ſchien nur aus Rück⸗ ſicht auf Serlo, der mit den ängſtlichen Kindern hinter ihm ſtand, weitere Bezeichnungen zu unterdrücken. Bitter höhnend klang es, als Madame Serlo buch⸗ ſtabirte: „Weltordnung— Dante's Hölle— Buſchbeck— ſiebentes Paradies— Johannes von Zeeſen— Re— sina Goeli— neun Zeitalter— Schön Hedwig— Hubertus— Rom die Katakomben——“ Tod und Teufel! ſchrie Klingsohr und ſchlug jetzt mit einem Stuhl gegen die Thür. Er zeigte ſich in der ganzen Wildheit, in der ihn Lucinde kannte. Serlo bat, der Wirth befahl Ruhe, Lucinde ſelbſt rieth zum Nachgeben. Was iſt ihm nur ſo gelegen an dem Ding? wiederholte Madame Serlo. Sie unterſuchte, während Lucinde die herausgenommenen Blätter überflog, den übrigen Inhalt. Da fand ſie denn, daß eins der kleinen Täſchchen ver⸗ ſchloſſen war. Sie bog das Leder etwas zurück und fühlte, da man nichts ſehen konnte, hinein. Hin⸗ und herſtreifend mit dem kleinen Finger, der allein Platz hatte, entdeckte ſie, daß drinnen etwas lag, was ſich rauh anfühlte... vielleicht ein Stück Tuch... Seltſam! ſagte Madame Serlo zu Lucinden. Was kann ihm an einem Fetzen Tuch gelegen ſein? An Lucinden lief jetzt eine Erinnerung hin wie das Wort am elektriſchen Drahte. Der Gedanke, daß ſich hier der Tuchſtreifen vorfand, der einſt an der Leiche des gelegen s Rück⸗ hinter o buch beck— lug jetzt der ihn Ruhe, derholte inde die Inhalt. den ver⸗ ück und in⸗ und t hatte, rauh Was vie das ſich des Deichgrafen gefunden wurde und ſpäter durch ſein plötz⸗ liches Verſchwinden den erſt vor kurzem, wie ſie gehört, wegen mangelnden Beweiſes freigeſprochenen Stephan Lengenich ins Gefängniß gebracht hatte, zuckte in ihr auf. Die Farbe des Tuches ließ ſich nicht erkennen, nur der Stoff fühlen... Sie ſtand träumeriſch und auch Madame Serlo merkte die jähe Flucht der Gedanken, die ihr eben durch den Kopf ſchoſſen. Klingsohr hatte inzwiſchen ſein Benehmen geändert. So war er immer. Eben noch ein Ungethüm, vor dem man alles entfernen mußte, was ſich etwa zertrümmern ließ, wurde er plötzlich weich wie ein Kind, ja ſogar feig und ließ ſich auf Nachgiebigkeiten betreffen, die mit ſei nem ſonſt ſo reizbaren Ehrgefühl im vollſten Widerſpruche ſtanden. Lucinde! ſprach er mit weicher Stimme und durch's Schlüſſelloch. Gib mir mein Portefeuille zurück! Es hängt daran die Ruhe meines Lebens! Gut, Klingsohr! ſagte Lucinde, die die Gedanken an die Schreckensſcenen von Schloß Neuhof nicht feſt— halten mochte, weil ſie zu ihren quälendſten Erinnerun⸗ gen gehörten; wenn das iſt, ſo geb' ich dir's unter der Bedingung zurück, daß ich's behalte, bis wir in dem unten befindlichen Wagen ſitzen und abfahren! Du ver— ſprichſt mir aber auf deine Ehre, mich von dieſem Au⸗ genblicke an nicht mehr zu kennen, nie und nirgends, hörſt du, nie und nirgends, und mich meine Lebensbahn ziehen zu laſſen, wie und wo ich will! Leiſte mir die— ſen Schwur! Thuſt du es nicht, ſo iſt hier noch ſo viel 334 Glut im Ofen nebenan, daß dein Portefeuille im Augen⸗ blick von den Flammen verzehrt iſt! Um Gottes willen nein! rief Klingsohr. Dann ſchwieg er eine Weile. Er ſchien nicht zu be— zweifeln, daß Lucinde wahr geſprochen, und überlegte, welchen Werth für ihn die beiden Gegenſätze der geſtell⸗ ten Alternative hatten. Lucinde wiederholte mit feſter Stimme, was ſie eben geſprochen, während Madame Serlo's liſtiges Auge ver⸗ gebens in ſo wunderbare und unglaubliche Geheimniſſe des Täſchchens zu dringen ſuchte... Serlo antwortete jetzt ſtatt Klingsohr's. Man hörte das leiſe und ſchmerzlich ausgeſtoßene Wort des letztern: Ich gebe— mein Ehrenwort! Nun verlangte Lucinde, daß ſich Klingsohr bis zur Abreiſe, die ſogleich erfolgen würde, entfernte. In die Brieftaſche ließ ſie die Neugier der Madame Serlo nicht weiter einblicken. Die Anſtalten der Abreiſe waren zu Ende. Klings⸗ ohr ſtand am Wagenſchlag und nahm ſein Portefeuille mit einer Haſt zurück, als hinge die Ruhe ſeines Lebens daran. Dies mußte ſein, wenn er um einen ſolchen Preis Lucinden entſagen konnte. Er wollte noch mit der Geliebten reden, reichte ihr die Hand in den Rückſitz, den ſie ſo lange einnahm, bis ſie die Stadt verlaſſen— ſpäter duldete ſie nicht, daß Serlo irgendeine Bequemlichkeit entbehrte—, aber ſie lehnte dieſe Hand ab. Klingsohr bat wiederholt um die Hand und zog die ſeine nicht zurück. Augen⸗ zu be eerlegte, geſtell ſie eben ge der⸗ ehnniſſe in hörte letztern: bis zur In die lo nicht Klings :eefeuille 6 Lebens en Preid ſchte ihr hm, lid t, daß aber ſie zog die blieb, D amit ſeine dargereichte Rechte nicht d iuide 1 nahm ſie die Hände des einen der an legte dieſe beide in die ſeinige. So wurde dieſe vo on ihr ſo wirklich vollzogen. Aiia zns d 20. Zu dem Fluche, der mehr auf dem Theaterleben ruht als Segen, gehört die Unmöglichkeit, ſich ein Leben lang aus dem Banne deſſelben zu befreien, wenn in ihm auch nur einige wenige Augenblicke genoſſen wurden, die glück— liche waren. Man hat es geſehen und ſieht es täglich, wie der⸗ jenige, dem ein kurzes Glück in dieſem Wirkungskreiſe lächelte, ewig von demſelben zehrt, immer hofft, daß es wiederkehren müſſe, immer glaubt, daß es nur durch zu⸗ fällige Umſtände, die ſich beſeitigen laſſen würden, am Wiedererſcheinen verhindert wäre. Ein Leben voller Ent⸗ behrung und Enttäuſchung, ja ein Leben voller Schmach und Entwürdigung kann an dieſe trügeriſche Hoffnung verloren gehen. Lucinde betrat noch die Bühne nicht und blieb dem Verkehr der übrigen Theaterwelt ſchon um deswillen fern, weil Madame Serlo ſich bei allen Entbehrungen für zu erhaben dünkte über die niedere collegialiſche Sphäre, der ſie jetzt immer mehr und mehr angehören mußte. Um ſo enger war Lucindens Verbindung mit den Serlos ben ruht ben lang ihm auch die glück⸗ wie der⸗ ngskreiſe daß es durch zu⸗ en, am ller Ent⸗ Schmach Hoffnung lieb dem len fern, mfir zu 337 ſelbſt. Manche Gelegenheit, manche Huldigung bot ſich, dieſen Bann zu brechen. Sie konnte nichts mehr mu⸗ thig ergreifen. Sie ſchleppte ſich mit den kummervol⸗ len Zuſtänden dieſer⸗ Familie ſo hin und Serlo bedurfte ihrer. Sie hätte nie von ſich ſelbſt geglaubt, daß ſie einer ſolchen Anhänglichkeit fähig war. Zwiſchen ihr und Madame Serlo mußte zuletzt of— fene Feindſchaft ausbrechen. Der Kronſyndikus antwor— tete auf keinen Brief; die Kleinodien und werthvollen Kleider waren verkauft; jetzt mußte ſchon Lucinde das Brot der Armuth theilen. Sie nahm es in An⸗ ſpruch mit dem Verſprechen, alles gut zu machen, wenn ſie einſt als Schauſpielerin auftreten würde; einſtweilen unterrichtete ſie die Kinder, ſie beſorgte die Wirthſchaft, ſie pflegte Serlo.— Gerade aber in dieſem letztern immer nöthiger wer⸗ denden Amte begegneten ſich beide Frauen, die Alternde, die die Jugend log, und die Jugendliche, die mit neun— zehn Jahren ſchon die Stirn wie eine Matrone runzeln konnte, mit Haß und Eiferſucht. Lucinde hatte vom Arzt gehört, daß Serlo's hinfällige Geſundheit noch länger gefriſtet werden könnte bei ſorg⸗ ſamer Pflege. Madame Serlo war ſelbſt davon über⸗ zeugt, beſaß aber jene ſchroffe Weisheit der ewig Geſun— den, die in jeder Klage eines Kranken Uebertreibung ſieht. Sie ſelbſt war kaum jemals krank geweſen, ſie erklärte das Krankſein für eine„dumme Angewöhnung“. War ſie ſelbſt wie ein Fiſch im Waſſer, ſo ſollte alles um ſie her ihr Element theilen. Hatte ſie ſich gebadet, mit Staubregen überrieſeln laſſen, kam ſie trotz ihrer 22 Gutzkow, Zauberer von Rom. I. Vierzig friſch und ſtrahlend zum Frühſtück, ſo ſollte die ganze Welt nur ihrem Beiſpiel folgen und es würden alle Huſten, Kopfwehe, Katarrhe, beſonders aber die eingewurzelten, aus denen doch wol Serlo's ganzer Zu⸗ ſtand allein herzuleiten wäre, für immer verſchwinden. Serlo lächelte dazu und Lucinde ſagte: Wenn aber gerade die eingewurzelte Einbildung ſchon den ganzen Menſchen regiert und ihm nur noch manch⸗ mal wohl wird in der Gewißheit, daß man dieſe ſeine Schwäche ſchont? Das eben darf man nicht! erwiderte Madame Serlo. Man darf keine Irrthümer beſtärken, darf keinen übeln Gewohnheiten Vorſchub leiſten! Wenn ſich Serlo nur herausreißen könnte, nur wollte, es würde ihm und uns allen geholfen ſein! Dies kalte Wort vom„Herausreißen“, vom Empor⸗ raffen war das grauſam ewig wiederholte, das in Ser⸗ lo's Ohr ſchon ſeit ſechs Jahren mit bohrendem Schmerz wühlte. Er liebte glücklicherweiſe das Leben ſelbſt und ver⸗ ſuchte es, ihm Wohlbefinden und Kraft abzugewinnen, abzutrotzen. Brach er nach einer ſolchen Anſtrengung, in der er ſogar ſpielte und ſich zu Feuer und Begeiſte⸗ rung zu entflammen ſuchte, wieder zuſammen, unter⸗ ſuchten Aerzte das Geräuſch ſeiner Lungen und entfernten ſich mit ernſten Mahnungen an die Gattin, an die„Er⸗ zieherin“ der Kinder, wie Lucinde genannt wurde, ſo traten Augenblicke einer völligen Muthloſigkeit ein und Serlo ergriff dann oft, wenn er mit Lucinden allein war, ihre Hand und ſagte faſt weinend: „ ſollte die s würden aber die anzer Zu⸗ inden. dung ſchon ich manch⸗ dieſe ſeine me Serlo. inen übeln Serlo nur n und uns m Empor⸗ in Ser⸗ n Schmerz und der⸗ ugewinnen, itengug d Begeiſte⸗ en, untel⸗ entfernten 1 die 1 ſo wurde, 1 ein und llein den a Er⸗ — Wenn ich nur nicht noch in meiner letzten Stunde hören muß, daß ich mir zu viel nachgäbe! Das Wort: Reiß' dich heraus! wird mein Grablied werden! Lucinde verſicherte: Ich werde bei Ihnen bleiben! Was ſie an dieſen bemitleidenswerthen Mann feſſelte, war ſein Unglück und ſeine Bitterkeit. Sie befand ſich in einer Stimmung, die der ſeinen nicht unähnlich war. Ihr ganzes Leben war ja gleichſam in einen plötzlichen Stillſtand gerathen, in einen jähen Sturz, wie in eine Verſandung. Wo war ſie hingerathen? Aus ſolcher Höhe des Glücks! Auch die erſten Reize desjenigen Eindrucks, den man an ihr den elfenartigen genannt, waren geſchwunden; ſie war jungfräulich geblieben, aber nicht mehr ſo gefällig, ſo naiv, ſo lacertenhaft wie einſt. Sie legte keinen Werth mehr auf ihr Aeußeres, ſie ſchmückte ſich nicht mehr; die Abneigung gegen die Waſſertheorie der mit Fiſchblut, wie ſie ſagte, belebten Madame Serlo ließ ſie die Vorſchrif— ten der Ordnung ſogar mehr vernachläſſigen als billig. Ihre Geſtalt bekam etwas Läſſiges. Wochenlang verließ ſie das Haus nicht oder ſah nur zu den Kindern nieder, wenn ſie dieſe beim Spazierengehen führte. Sie war muthlos geworden und ſo vergrämelt wie ein Mädchen, das jeden Augenblick den Stundenſchlag erwartet, an wel⸗ chem es dreißig Jahre zählt. Zwanzig zählte ſie ſchon; denn zwei Jahre führte ſie das herumziehende Leben, das ſogar Reiz für ſie be⸗ kam in den täglichen kleinen Abwechſelungen der Bühnen⸗ chronik, in der lebhaften und feurigen Anwaltſchaft für das äußere Intereſſe der Familie, der ſie ſich angeſchloſ⸗ 22* ſen hatte, endlich innerlich in der Parteinahme für Serlo gegen ſeine Frau. Es gab Scenen der Erbitterung. Oft genug wurde das Wort geſprochen, daß entweder die „Gattin“ oder Lucinde gehen müßte. Serlo, der auf liebevolle Hingebung keine Anſprüche mehr gemacht hatte, der glücklich war, daß noch einmal ein Blick, der Hand⸗ druck eines theilnehmenden Weſens ihn lohnen konnte für ſein Dulden, Serlo vermittelte dieſen Zwieſpalt, ſo gut es immer ging. Um den Frieden wiederherzuſtellen, hatte er gewiſſe Hülfsmittel, die nicht fehlſchlugen. Er rühmte, was die Kinder in der Muſik für Fortſchritte machten; Lucinde unterrichtete ſie. Er ließ Lucinden Scenen aus den claſſiſchen Stücken recitiren. Sie ſprach ſie mit Ver⸗ ſtändniß, wenn auch kalt und ſchwunglos. Die Begei⸗ ſterung wird der Abend und der Anblick der Zuſchauer geben! ſagte der Kranke. Er deutete auf die großen Vortheile hin, die ihnen allen würden geboten werden, wenn endlich Lucinde ſich entſchließen könnte, in das ſo verwaiſte und ſo theuer bezahlte Fach der„Liebhaberinnen“ von Geſtalt und Schönheit einzutreten. War der Friede auf dieſe Weiſe wiederhergeſtellt, ſo erzählte er mit Gemüthlichkeit von ſeinem vergangenen Leben. Die Schärfe, die er früher beſeſſen, hatte ihn in der Schule der Leiden immer mehr verlaſſen, nur die bittere IJronie war ihm geblieben, das Salomoniſche: Alles iſt eitel! Er wollte ſeine Philoſophie des Lebens, daß alles Wahn, alles Verkehrtheit und Narrheit wäre, von ſeinen früheſten Anfängen her beweiſen. Beſonders lange verweilte er in der Schilderung ſeiner erſten An⸗ läufe zur geiſtlichen Laufbahn... Serlo ſchilderte Men⸗ für Serlo rung. Oft wweder die „der auf nacht hatte, der Hand⸗ konnte für t ſo gut es e len, hatte Er rühmte, te machten; Scenen aus ſie mit Ver⸗ Die Begei⸗ Zuſchauer die großen en werden, in das ſe habetimen egeſtell ſo vergangenen huir i en, nur die llomoniſche des Lebens⸗— rheit wätt Beſorders erſten Är⸗ derte Men ſchen mit derſelben Lebhaftigkeit wie Gegenden. Seit Jahren führte er Tagebücher und las daraus Stellen vor, über deren Bitterkeit und Satire er oft den Kopf ſchüttelte, gleichſam als wenn er nicht begreifen konnte, wie er einſt ſo hätte denken und fühlen können. Er nannte dann das, was er las, abgeſchmackt, wahnbethört, oft aber auch wieder, offen von ſich ſelbſt geſtanden, klug und treffend. Manchmal, wenn er beim Blättern auf Thorheiten ſtieß, auf Racheplane, Anfeindungen, die er ſelbſt erlitten oder angezettelt hatte, ſagte er mit vollem Ernſt: Ich war damals verrückt! Wir alle ſind verrückt! Jeder iſt's innerhalb ſeines eigenen Intereſſes! Und wir wiſſen es ſogar ſelbſt ſehr gut! Mindeſtens, wenn wir zurückblicken und uns vergegenwärtigen, wie wir damals waren, damals das ſagen, das thun konnten! Bei anderm, was er erzählte oder las, ſagte er dann wieder ganz offen von ſich ſelbſt: Wie gut das von mir war, wie edel! Ja, darf man ſich denn nicht ſelber lieb haben?... Wenn Madame Serlo zuhörte, was ſelten geſchah— ſie hatte zu jeder Zeit, nicht blos Abends, einen Schlaf, der nur: Ich will! zu ſagen brauchte und ſie ſchon ſchnarchen ließ— ſagte dieſe: Nein, lies lieber aus dem allen heraus, daß du einſt mehr Courage hatteſt! Und die könnteſt du noch haben, wollteſt du dich nur herausreißen! Herausreißen!... Es war das ewige Wort... Es ſchnitt dann wieder alles entzwei. Einige betrügeriſche Directionen hatten die Familie bis an den Rand des Elends gebracht. Lucinde mußte das Opfer, das ſie immer in Ausſicht geſtellt hatte, jetzt end— lich vollziehen und einen Schritt thun, der ihr innerlich widerſtrebte. Man unterhandelte mit einem anſehnlichen Theater über ihr erſtes Auftreten. Die Umſtände hatten es gefügt, daß ſie den erſten Schritt an die Lampen ge⸗ rade in jener Stadt thun ſollte, in welcher ſie einſt von der Frau Hauptmännin von Buſchbeck in dieſe wirre Welt war eingeführt worden. Dieſe Stadt wiederzuſehen, flößte ihr Schauder ein. Jahre waren vergangen, ſeit ſie dort gelebt. Wie mancher konnte ihrer eingedenk geblieben ſein! Ein dunk— les Gerücht hatte ihr von ihren beiden letzten Geſchwi⸗ ſtern kein glückliches Wiederſehen in Ausſicht geſtellt. Beide Knaben ſollten aus dem Waiſenhauſe zu Lehrher⸗ ren gekommen ſein, dann aber ſich ſchlecht bewährt und ſogar ſchon den Gerichten Gelegenheit gegeben haben, ſich mit ihnen zu beſchäftigen. In der Schweigſamkeit über ihre Angelegenheiten, die ihr eigen war, ſprach ſie Serlo nur obenhin vom Vergangenen, kein klares Wort von ihren Beſorgniſſen, ſonſt würde dieſer ſie entweder widerlegt oder die Anknüpfung mit der Bühne gerade dieſer Stadt widerrathen haben. Die Verhandlung mit dem Vorſtande war ſchriftlich erfolgt; die perſönliche Vor⸗ ſtellung fiel nicht ungünſtig aus; Lucinde hatte ſich Gewalt angethan und machte einen Eindruck, der etwas verſprach. Nach Madame Serlo's kecker Ausſage hatte ſie ſogar bereits auf kleinen Bühnen„ſechs bis ſieben mal mit glänzen⸗ dem Erfolg“ geſpielt. Sie bekam die Zuſage, daß ſie als Jungfrau von Orleans auftreten durfte. Auch die Bitte um einen veränderten Namen wurde gewährt. Madame Serlo konnte dieſe Entſcheidung, die ſich noch vierzehn Tage hinziehen konnte, im Orte ſelbſt nicht anſehnlichen inde hatten Lampen ge⸗ eeinſt von wirre Welt hander ein. elebt. Wie Ein dunk⸗ en Geſchwi⸗ cht geſtell. zu Lehrher⸗ ewährt und ben haben, weigſamkeit ſprach ſi ares Wort ie entweder hne gerade ndlung mit nliche Vor⸗ ſic Gewalt grerſprach ogar bereits it glänzen⸗ e, daß ſi Auch die :währt. „die ſi ſalbſtLict — abwarten. Einmal hätte man des beſſern Eindrucks we⸗ gen eine gute Wohnung nehmen müſſen, deren größere und für alle ausreichende Ausdehnung die vorräthigen Mittel überſchritten haben würde; dann aber auch war ihr eine Stellung angeboten worden bei einem jungen Fürſten, der erſt vor kurzem ſein Regiment angetreten hatte und für ſein Land eine neue Aera beginnen wollte durch Verbeſſerung des Ballets ſeines Hoftheaters. Schon war dieſe unglückliche Familie ſo weit gekommen, daß ſie auf den Erwerb durch ihre Kinder ſehen mußte. Dieſe entſchloß ſich die Mutter jenem jungen Fürſten für ſein Ballet anzubieten. Lucinde verſtand genug von der Welt, um den Seufzer und das bittere Lächeln ſich deuten zu können, als Serlo dies hinter ſeinem Rücken gemachte Arrangement erfuhr. Zu krank, um die Reiſe ſchon jetzt weiter fortzuſetzen, nahm er Abſchied von den Seinigen. Als er die Kinder küßte, ſtanden ihm Thränen in den Augen.„ Er ſchien die Ahnung zu haben, entweder daß er ſie nicht mehr wiederſähe oder welcher Zukunft ſie entgegengingen. In dieſer Stadt nun mußte über Lucinden alles, was an ihrem Lebenshimmel ſich düſter und unheildrohend zuſammengezogen hatte, zu gleicher Zeit ausbrechen. Sie ſuchte erſt niemand auf, verbarg ſich auf ihrem Zimmer, ſtudirte mit ängſtlicher Spannung ihre Rolle. Ob ſie nach der alten Magd ſich erkundigen ſollte, die ihr zur Einſegnung einſt das Geſangbuch geliehen? Ob ſie ſuchen ſollte von ihr manches in Erfahrung zu brin⸗ gen, was ſie und die Ihrigen betraf? Es war gefahr⸗ vvoll für die Stellung, die ſie jetzt in der Geſellſchaft einnehmen mußte, und doch hätte ſie gern von dieſem gehört und von jenem, vom Stadtamtmann, von Herrn Guthmann, von der bewußten Dame aus der Geſell⸗ ſchaft, von der böſen Buſchbeck, von Oskar Binder, von der Heimat, vor allem von ihren beiden Brüdern. Sie wurde letzteres endlich Serlo ſchuldig, der ihr die Pflicht, ſich um dieſe erſt jetzt von ihm in Erfahrung gebrachten Geſchwiſter zu bekümmern, als unerlaßlich vorſchrieb. Sie erwiderte: Warum gerade dieſen Kelch, Serlo? Wir ſind ein Neſt wilder Waſſervögel geweſen! Wir flogen aus und hatten keinen Trieb, zuſammenzuge⸗ hören! An unſerer Mutter lag's! Wir liebten den Vater, haßten die Mutter, aber unſerer aller Art war und iſt dennoch nach ihr!... Wenigſtens zu jener Frau verſprach ſie zu gehen, bei welcher ihre Schweſter geſtorben war. Hier erfuhr ſie vielerlei. Der Stadtamtmann war aus politiſchen Gründen in den Zeiten einer ewigen Gäh⸗ rung beungnadet und verſetzt worden; die Frau Haupt⸗ männin war aus der Stadt verſchwunden und vielleicht an den Rhein gezogen, wo ſie eine Schweſter gehabt haben ſollte. Der junge Commis, mit dem ſie vor fünf Jahren in die Welt gegangen, verbüßte noch ſein Verbrechen des Kaſſendiebſtahls und der Wechſelfälſchung im Zucht⸗ hauſe; der Kaufmann Guthmann hatte fallirt und war mit der bewußten vornehmen Dame, da er ſich von ſeiner Frau, ſie aber von ihrem Gatten hatten ſcheiden laſſen, in die weite Welt gezogen... Ihre eigenen Ge— ſchwiſter? Die hatten nicht gutgethan. Von ihren Mei⸗ ſtern kamen ſie in eine neu errichtete Beſſerungsanſtalt on dieſem on Herrn er Geſell— nder, von ern. Sie ie Pflicht, gebrachten vorſchrieb. „Serlo? en! Wir umenzuge⸗ ebten den Art war zu jener Schweſter nann war ggen Gi⸗ u Haupt⸗ dirllicht zabt haben uf Jahren Verbrechen in Zucht und war ſich von i ſcheiden genen Ge⸗ tren Ni⸗ ngsanſtal im Innern des Landes... Bei allen dieſen herzzerrei⸗ ßenden Mittheilungen trommelte es in den Straßen wie ſonſt und die Querpfeife ſchrillte und die Commandos der Wachparade hallten wider und die Brunnen gingen wie ſonſt und auf dem größten Platze der Stadt riefen die Kinder wie ſonſt ein berühmtes Echo wach und glänzende Carroſſen raſſelten aus den Gaſthöfen heraus, weil in dem Luſtparke des Fürſten, dem Schauplatze der erſten Trium⸗ phe des„Heſſenmädchens“, heute, wie ſonſt, die berühm— ten Waſſer ſprangen. Lucinde kam zu Serlo und ſagte: Ich bringe trockenes Reiſig zum Einheizen! Winter⸗ holz! Ganz wie die alte Lene, die im Langen-Nauen⸗ heimer Forſt frei ſammeln durfte! Sie erzählte dann. Serlo erwiderte: Das iſt die Welt! Der Tag kam heran, wo an den Straßenecken zu leſen war:„Die Jungfrau von Orleans. Romantiſche Tragödie von Schiller. Jeanne d'Arc: Fräulein Kon⸗ ſtanze Huber, als Gaſt.“ Sie hatte, ſie wußte ſelbſt nicht warum, den Namen des Pfarrers von Eibendorf an⸗ genommen. Ihre Befangenheit ſteigerte ſich am Morgen vor dem verhängnißvollen Tage bis zur zaghafteſten Furcht. Man hatte ſie im Bureau und auf der Probe mit einer ſcheinbar zuvorkommenden, dem Erfolg aber jeden⸗ falls mistrauenden Artigkeit behandelt. Daß man den Verſuch überhaupt wagte, war eine Ge⸗ fälligkeit gegen Serlo, der aus frühern beſſern Verhältniſ⸗ ſen unter dem Perſonal einige theilnehmende Freunde hatte. —õ ʒõ— 346 Lucinde brachte von der Probe keine erfreuliche Stim⸗ mung heim und erzählte, was ſie aus dem Benehmen der Mitſpielenden herausgefühlt. Serlo lag auf dem Sopha ausgeſtreckt; gerade von Tag zu Tag wurde ſein Befinden bedenklicher,— er ſprach mit einer eigenthümlich peinlichen Aufregung: Nehmen Sie's doch, liebe Freundin, ganz ſo wie es iſt! Gerade da, wo man aus der Verſtellung eine Kunſt gemacht hat, läßt man ſich im gewöhnlichen Leben ganz ſo gehen, wie man iſt! Es gönnt Ihnen eben niemand einen Erfolg, ſelbſt die nicht, die Sie um meinetwillen protegiren! Höchſtens eine alte gutmüthige Perſon, die Sie ankleidet und dabei an ihr Trinkgeld denkt! In die⸗ ſer Laufbahn muß man ſich eben alles ſelbſt erobern! Lucinde ſprach die Befürchtung aus, daß ihre frühern Verhältniſſe hier bekannt geworden ſein dürften und ge⸗ gen ſie ſprechen würden... Sie werden ſelber für ſich ſprechen, erwiderte Serlo, wenn Sie nur in Ihrer erſten Scene gefallen haben! Man braucht ja in dieſer Rolle nur laut und deutlich das zu ſagen, was vorgeſchrieben ſteht! Lucinde war am Tage der Vorſtellung in der Stim⸗ mung, die ſie ſelbſt mit der Erwartung verglich, hinge⸗ richtet zu werden. Hätte ſie nicht den unabweislichen Zwang gehabt, ſchon auf die kleine Summe rechnen zu müſſen, die ſie für dieſen Abend als Ehrenſold zu er⸗ warten hatte— Serlo bedurfte gerade jetzt wieder der ſorgſamern ärztlichen Pflege und mancher beſſern Aus⸗ wahl in ſeiner Koſt—, ſie würde, wie ſie ſagte, dieſen Kelch an ſich haben vorübergehen laſſen. liche Stim⸗ Benehmen gerade von er,— er egung: ſo wie es eine Kunſt Leben ganz en niemand neinetwillen perſon, die t! In die⸗ erobern! gre frühern n und ge⸗ erte Serlo, ten haben! nd deutlich der Stim⸗ ich, hinge⸗ bweislichen rechnen zu pld zu er— r der Aus⸗ wiede ſern u agte, dieſen 347 Wie ſie um vier Uhr ſich rüſtete, ihre Wäſche durch ein gemiethetes Mädchen ins Theater ſchickte und ſich dann halb zögernd ſelbſt auf den Weg machen wollte, war Serlo ein wenig eingeſchlummert. Sie blickte aufs Sopha. Seine Augen waren geſchloſſen. Er athmete ſchwer. Der Huſten, dem nachzugeben die Bruſt kaum noch Kraft hatte, machte ſich nur in ſtoßweiſen Kräm⸗ pfen bemerkbar, wie bei den intermittixenden Athemzügen eines Sterbenden. Dieſer Zuſtand beunruhigte ſie nicht... Sie hatte ihn ſchon oft erlebt, ſchon oft hatte man das Er⸗ löſchen der Lebensflamme ganz nahe geglaubt. Sie legte dem Schlafenden ein Kiſſen unter den Kopf, rückte einige Stühle dem Sopha näher und wollte jetzt gehen, ſo ſehr ihr auch faſt die Sinne ſchwanden. Da blickte der Kranke empor. Ich habe Sie ganz wohl gehört, gute Freundin! hauchte er leiſe. Ich werde Sie doch ſo nicht gehen laſſen— ohne meinen Segen? Nun richtete er ſich ein wenig auf und ſprach mit erhöhter Stimme: Lucinde, wenn Sie ſpielen, denken Sie nur nicht an die paar Menſchen, die Sie vor ſich ſehen, ſondern allein an die Menſchheit im großen und ganzen! Ver— achten Sie die, die Sie ſehen, und lieben Sie die, die Sie nicht ſehen! Laſſen Sie die Hörer fühlen, daß Sie eine Prophetin ſind, die in dieſem Augenblick jeden beſchämen will, der im Gemeinen und Geringen lebt! Das Auge ſieht den Himmel offen— und hört keine Diſ⸗ ſonanz dieſes elenden Lebens mehr! Dort oben, ſo glauben Sie wenigſtens, wird alles Harmonie werden! Dort werden wir erfahren, warum wir hienieden die volle ſchöne Ahnung des Glückes haben durften und doch ſo viel leiden mußten! So hab' ich als Kind immer den Märtyrern nachgefühlt, wenn die um ihren Glauben ſo Grauenvolles erfahren mußten. Knien mußt' ich dann in der Einſamkeit und denken: Nun kommt nur heran, ihr römiſchen Landpfleger und Proconſuln alle! Gebt mir nur die tödtliche Wunde! Das wird mich gleich in die Freuden des Paradieſes verſetzen! Dieſer Glaube iſt hin... aber wenn er uns irgend noch ein— mal aufleben kann, iſt es in der Poeſie. Blicken Sie nur immer empor und thun Sie ſich nichts auf den ſchönen Harniſch zugute!„Mein iſt der Helm und mir gehört er zu!“ Wer da auf Bertrand zuſpringt und ſich wie eine Amazone geberdet, hat ſchon ver— loren! Für dieſe Seherin, die ihre Zukunft kennt, iſt das Ueberbringen dieſes alten kriegeriſchen Schmuckes eine ganz einfache, ſich von ſelbſt verſtehende Beſtätigung ihrer Viſion der Gottesmutter. Von da an beginnt in ihr die feſteſte Zuverſicht und eine einfache, demüthige Unterordnung unter den Rath des Verhängniſſes! Mit dem Himmel ſpricht ſie, wie andere mit ſich ſelbſt. Ver⸗ gleicht ſie dann ihre ſchwache Menſchenkraft mit der Größe der ihr geſtellten Aufgabe, dann darf ſie einen elegiſchen Ton anſchlagen, zu dem jedoch die Muſik der Verſe nicht zu viel verleiten darf. Mitleid mit ſich ſel⸗ ber fühlt ſie, ſie ſpricht es aus, wenn ſie Lionel ſieht. Warum ſie gerade den liebt, nachdem ſie Tauſende von Männern geſehen,... ich weiß es nicht, beſte Freun⸗ din! Iſt es, weil Lionel einmal vom erſten Helden —ͤe—e den die en und s Kind n ihren n mußt' unt nur In alle! d mich Dieſer loch ein⸗ fen Sie auf den m und uſpringt on ver⸗ ant, iſt chmuckes ſtätigung ginnt in emüthige 6! Mit t. Ver⸗ mit der ſe einen duſik der ſc ſe nel ſeht ide von Freun⸗ beda 349 und Liebhaber geſpielt werden muß— olbgleich die Rolle undankbar iſt— der Dichter wollt' es einmal ſo. Es iſt kein Werk des Genius, dies Drama; es lag dem Schöpfer im Gemüth, nicht im Verſtande; es will ein— fache kindliche Hingebung bei allen— beim Publikum und beim Spieler. Aus dieſem Geiſt heraus ſprechen Sie! Dann:„Leichte Wolken heben mich!“ und geben Sie Acht, Der ſchwere Panzer wird zum Flügelkleide! Hinauf— hinauf— die Erde flieht zurück— Kurz iſt der Schmerz und ewig iſt die Freude! Jetzt küßte er ihr noch, da Lucinde ſich zu ihm nie— derbeugte, die Stirn, lächelte, neckte ſogar, ſprach von der Art, wie ſie beim Hervorruf ſich zu verneigen hätte, rieth ihr Vorſicht an im Gefecht mit Lionel... dann winkte er mit ſtummer Handbewegung... ſo ging ſie. In der Garderobe war man freundlich. Darſteller geringerer Rollen machten ihr Lobſprüche über ihr Aus⸗ ſehen als Hirtin; aber ſchon war es ihr bedenklich, daß ſie irgendwo zwiſchen den Couliſſen hörte, ſie wußte nicht von wem:„Ganz das Heſſenmädchen!“ Sie ſaß dann, ehe noch der Vorhang aufging, ſchon unterm Drudenbaume. Aus den Couliſſen wurde ſie lorgnettirt. Geſtalt, Kopf, Auge, alles war bedeutungs— voll, wenn nicht zu ſcharf, zu ſtechend, auch zu wider⸗ ſprechend der äußern Befangenheit. Der Director ermunterte ſie. Als der Vorhang aufgezogen und der Dialog im Beginn war, durfte ſie ſchweigen. Sie konnte ſich 350 Muth faſſen, die zahlreich verſammelte Menge zu über⸗ ſehen. Statt jedoch jetzt nach Serlo's Anweiſung mit aller Gewalt an die Abweſenden zu denken, in die Höhe und gen Himmel zu blicken, unterſchied ſie gerade die An⸗ weſenden. Ihr ſcharfes Auge zeigte ihr dieſe Perſön⸗ lichkeit und jene, ſie ſah die Plätze, wo ſie früher ſelbſt geſeſſen. Ihr Sinn wurde zerſtreut und der erſte wohl⸗ thuende Eindruck, den ſie machte, hielt ſich nicht. Man fand ſie hager, eckig, unſicher, man ſah Verſtand, wo man Gefühl erwartete. Die begeiſterte Kraft eines hohen Willens ſchien ganz zu fehlen... Das Vorſpiel ging wol ohne Störung vorüber, der Ton hinter der Scene wurde jedoch ſchon ſpöttiſch. Um ihr gleichſam zu ſchmeicheln und ſie für den ausgeblie⸗ benen Beifall zu tröſten, ſprach man luat von der Indolenz des Publikums. Hier und da hörte ſie Worte aus der bekannten Parodie des Abſchieds Jo⸗ hannens von ihrer Heerde. Auch die Schlußworte wie⸗ derholte jemand:„Johanna geht und nimmer kehrt ſie wieder!“ In Harniſch und Helm ſah Lucinde impoſant genug aus. Dies ſchöne natürliche Haar in ſchwarzen Locken, dieſe dunkeln Augen, dieſer ſchlanke, jetzt für die Kriege⸗ rin nicht mehr zu hohe Wuchs... Sie hätte ſich nur zu ermannen, die Stimme zur Kraft und Entſchiedenheit zu erheben brauchen und würde ſich vor Demüthigung gerettet haben. Aber ſie blieb zerſtreut, muthlos, außer⸗ halb der Situation, verſäumte die Stichwörter, ſah und hörte nur auf das, was ſie umgab. Von allem, was —— zu über⸗ nit aller öhe und die An⸗ Perſön⸗ er ſelbſt te wohl⸗ Man ind, wo s hohen ber, der J. Um geblie⸗ on der arte ſi ds Jo— rte wie⸗ fehrt ſie t genug Locken, Kriege⸗ ſich nur denheit thigung außer⸗ oh und n, was Serlo ihr angerathen, that ſie das Gegentheil. Sie liebte auch die Menſchheit nicht, ſie haßte ſie ja! So ſchleppte ſie ſich durch den erſten Act, ſchwunglos, und bei aller Schärfe ihres äußern Ausdrucks, ihres Ver⸗ ſtandes, bei allem Reichthum ihrer Lebenserfahrung erſchien ſie ein großes, unreifes Kind. Der Schluß des Actes blieb ohne Beifall, ja er erweckte im ganzen Theater das laute Ausbrechen einer Verwunderung... Hatte ſich ihre erſte Jugendgeſchichte verbreitet, ihr Urſprung von einem Dorfe der Nachbarſchaft, ihr Dienſt⸗ verhältniß im Hauſe des frühern, exilirten Stadtamt⸗ manns, oder war das Publikum durch eine Darſtelle⸗ rin der Iſabeau zur Heiterkeit geſtimmt... im zweiten Acte wurde die Aufnahme bedenklich. Das Lager der Engländer wird vorgeführt, der Streit der Heerführer folgt, ihr)e Ausſöhnung. Nun muß dem Darſteller des Lionel einfallen, zu betonen:„Glück zu dem Frieden, den die Furie ſtiftet!“ Es war dies eine von den feinen Nuan⸗ cen, die entſtehen, wenn unſere„Künſtler“ zu„denken“ anfangen. Alles lachte hellauf. Jeder ſah die Er— ſcheinung der corpulenten und ſo grimmigen Iſabeau im Geiſte als Furie vor ſich. Nun kam die Ver⸗ wandlung. Johanna ſollte Burgund und Frankreich verſöhnen. Kein Ton war jedoch Lucinden fremder als der, Streitende zu verſöhnen. Bei den ſchwach gehauchten Worten:„Und einen Donnerkeil führ' ich im Munde“ klatſchte jemand ironiſch. Man lachte aufs neue, ſie verliert die Beſinnung und kann ſich zu den letzten Wor— ten nicht mehr ſammeln. Der Vorhang fällt, ehe ſie die Scene ganz beendet hatte. Sie taumelte in die Garderobe zurück.. Der Gaukeltraum ihres Lebens war zu Ende. Als der Vorhang wieder aufgehen ſoll und alles um ſie her grauenhaft ſtill iſt, kommt der Vorſtand der Bühne, ein freundlicher, wohlwollender alter Herr, dem die jüngere Generation den Ruf verſchaffen wollte, daß er„einen Misgriff nach dem andern“ beging, und ließ die Frauen aus der Garderobe treten. Er ſagte Lucin— den mit mildem, aber entſchiedenem Tone: Liebes Kind! Sie werden nicht weiter ſpielen! Auf den Proben konnt' ich dieſe Unſicherheit nicht erwarten! Sie ſind entweder nicht bei der Sache oder talentlos! Unſere gewöhnliche Darſtellerin hat ſich bereits angeklei⸗ det und wird die Rolle zu Ende führen! In dem Augenblick hörte man auch ſchon den ſtür⸗ miſchen Beifall, mit dem die„echte Johanna“ empfan⸗ gen wurde. An Selbſtbeherrſchung fehlte es Lucinden nicht. Nun bekam ſie Haltung! Doch wenn ſie auch hätte in Vor⸗ würfe oder Klagen ausbrechen wollen, der Director würde ſie nicht angehört haben. Er wurde in die fürſtliche Loge gerufen. Hohn verfolgte die Unglückliche nicht, als ſie ſich um⸗ gekleidet hatte, ihrem Mädchen ihre Sachen gab und in Begleitung deſſelben nach Hauſe ging. Sie mußte die ganze Länge der hintern Bühnenwand paſſiren und vor allen denen, die zu dem kommenden Krönungszuge ge— hörten, vor mehr als hundert Menſchen, vorübergehen. Der Spott ſchwieg: maſſenhaft verhöhnt der Menſch den Unglücklichen nicht. Einzelne laſſen ſich zwar den 353 robe Hufſchlag des Eſels auch dann nicht nehmen, und ſo 4 inde. ⁸ ſagte einer: Gute Nacht! Da lachten denn freilich alle, alles aber nur über den Muth, jetzt einen ſolchen„Witz“ zu der machen... man ſah, als ſie durch die Leute ging, auf dem den Sprecher, nicht auf ſie. daß Lucinde war auf der Straße, in der Dunkelheit der ließ Gaſſen. Die Menſchen, die ihr begegneten, wußten nichts cin⸗ von ihrem Geſchick und darin fand ihre ſtarke Natur ſchon wieder Kraft, ſchon wieder Anhalt. Nur Serlo Auf wiederzuſehen, zu dem ſo zurückkommen zu müſſen... rten! das benahm ihr den Athem. Sie fühlte, daß ſie, die ſich llos! der Zeit nicht mehr entſinnen konnte, ſeitdem ſie geweint, elei⸗ jetzt in Thränenſtrömen ſich baden müßte, wenn ſie in 5 ſein Zimmer träte, der Schein der kleinen Lampe, bei ſüt⸗ dem er zu ſchlafen pflegte, auf ſein Antlitz fallen würde fan⸗ und ſie ihm berichten müßte, wie es ihr ergangen! Mühſam ſtieg ſie, keuchend, an der Lehne der Treppe ſich haltend und die erſtaunten Fragen der Dienerin, die z aufrichtig gemeinten Troſtgründe derſelben, die von einer ürde angelegten Kabale ſprach, nur mit Stillſchweigen auf— 39 nehmend, in ihre Wohnung hinauf. Je näher ſie dem 5 dritten Stocke kam, deſto ſchneller ging ſie. So hatte ſie noch nie das Bedürfniß nach einer Stelle, um nie— un derzuſinken, ſo noch nie nach einem Menſchen, dem ſich din auszuweinen, ſo noch nie die Wonnen des Troſtes ge— e di 1 ahnt, der in einer einzigen rein, aber auch ganz rein Vie und ſelbſtlos mitfühlenden Seele liegen kann... 3 ge Niemand von den Wirthsleuten, bei denen ſie wohnte, ehen hörte ſie kommen. Alles war im Theater! Sie drückt uſch die Thür auf, ſie ſtürzt auf das Sopha zu, ſie hat kdei Gutzkow, Zauberer von Rom. I. 23 ihre ganze Kraft in dem Hülferuf:„Serlo!“ geſam⸗ melt... Der aber lag, von der kleinen Lampe beſchienen, auf dem Sopha... Er ſchlief nicht mehr... Stirne, Wange, Hand waren kalt.. Er war todt. Die Schauſpieler haben die ſchöne Art, in äußerſten Lebenskriſen ſich von der herzlichſten Seite zu zeigen. Es iſt dann faſt, als gedächten ſie der alten Zeit, wo ſie noch zu den Verfemten gehörten, gedächten ihres eigenen, meiſt ſo ſchwankenden Looſes. Serlo war freilich ſchon ſo verbittert geweſen, daß er auch dieſe Erfahrung anders erklärte. Er hatte zu Lucinden ſchon vor längerer Zeit einmal geſagt: Wir Komödianten kennen die Wirkung, die auf der Bühne Edelmuth macht! Immer Schlangen im Herzen haben, erſtickt uns auch zuletzt ſelbſt. Wir athmen ja auf, einmal für unſere beſſere Empfindung ein Zeugniß aufſtellen zu können. Daß uns dann aber auch der Beifall, nicht nur des Gewiſſens in aller Stille, ſon— dern auch der öffentliche und der Hervorruf nicht fehle, dafür ſorgen wir ſchon! Gilt es ein bewieſenes Herz, gilt es unſer Mitleid, unſere Aufopferung, dann wird ſogar ein College einmal zum Claqueur des Collegen und das— will viel ſagen! 23* 356 Dieſer bittern und menſchenfeindlichen Aeußerung er⸗ innerte ſich Lucinde, als ſie den Eifer ſah, mit dem man Serlo beſtattete, ſeine Angelegenheiten ordnete, für ſeine Anerkennung ſogar durch die Preſſe ſorgte. Jetzt hatte jeder das Ringen des Armen beobachtet, jetzt hatte jeder gefunden, daß er eines beſſern Looſes würdig geweſen war. O dieſe Grabredner! ſprach Serlo einſt ſchon früher einmal wie in Vorahnung. Man möchte dieſe Kerle immer fragen, warum ſie nicht früher das Maul aufthaten? Für alle dieſe Liebesdienſte wurde ein Comité nie⸗ dergeſetzt und Lucinden ſelbſt der Ueberſchuß einer Sub— ſcription angeboten. Sie nahm für ſich nur, was für das„unterbrochene Opferfeſt“, wie ein bewunderter Witzbold und beliebter Zeitungsreferent von der Vorſtellung der Jungfrau ge⸗ ſagt hatte, von der Direction gezahlt wurde. Sie wohnte dann noch dem Begräbniß und der theilweiſen Verſiege⸗ lung der Verlaſſenſchaft bei, ſchrieb an Madame Serlo und die Kinder, ließ, was ſie noch entbehren konnte, dem Todtengräber zurück, um einige Jahre lang Serlo's Grab zu ſchmücken, und reiſte ohne Plan, ohne Ziel blindlings in die weite Welt hinaus. Zunächſt nur über die düſtern Berge hinweg, die waldigen, dunkeln Fichtennadelhöhen... Nur in freund⸗ lichere, ſonnigere Thäler! Sie wollte womöglich die Stadt ſehen, in der Serlo geboren war und noch An— verwandte hatte. Dann hoffte ſie irgendwie und wo weiter zu kommen... Was das Leben zur Schule machen kann, glaubte ſie hinter ſich zu haben. Eine Schülerin im großen Lehr⸗ 357 gange des Schickſals erſchien ſie ſich nicht mehr. Sie mußte ſchon wieder bitter lachen, als ſie ſo im Eil— wagen über die Schluchten des Rhöngebirges fuhr, dabei an die Wölfe des Revierförſters, an ihre Langen⸗Nauen⸗ heimer Wandlandkarte dachte und ihr immer die Klänge ihrer Rolle im Ohre ſummten. Auch andere Rollen wur⸗ den lebendig. Wie viel hatte ſie nicht auswendig gelernt und ſtudirt! Fahr' hin, lammherzige Gelaſſenheit! Zum Himmel fliehe, leidende Geduld! Dieſe Worte wiederholte ſie am öfterſten. Ver⸗ irrung ſchien ihr alles, was ſie bisher erlebt. Sie ſah neue Ströme, neue Thäler, neue Ebenen; ſie fühlte wieder die Kraft, ihr Schickſal ſich ſelbſt zu geſtalten. Wie aber und womit? Wo den Handſchuh hinſchleu— dern zur Fehde gegen Natur, Menſchen, Erde, Himmel? Nach Schloß Neuhof zurückkehren? Dort dem Kronſyn— dikus, wenn er noch lebte, ein Wachtauf! Wachtauf! rufen? Thatſachen geltend machen, die nicht ganz aus ihrem umflorten Gedächtniß entſchwunden waren? Dann hätte ſie freilich nach Norden zurück müſſen und ſchon hatte ſie's unwiderſtehlich nach dem Süden gezogen. Als man Serlo auf dem Friedhofe, dem katholiſchen, begraben hatte, war ſie zugegen geweſen und hatte von fern geſtanden. Sie gehörte dem Dahingegangenen zwar am meiſten an, aber das auf der Bühne Erlebte zwang ſie, an den Grabeshügel erſt dann heranzutreten, als alle ſich entfernt hatten, der Weihrauch verduftet, die ſchönen Geſänge des Theaterchors verklungen waren. Da hatte ſie noch eine Thräne in ihrem brennendheißen Auge gehabt. Dann warf auch ſie drei Hände voll Erde auf das Grab, nahm jene Rückſprache mit dem Todtengräber und war nur noch eine Weile unter den Gräbern gewandelt. In der Nähe lag der Kirchhof, auf dem ihre Schweſter begraben ſein mußte... Er ſtand offen... Sollte ſie hineingehen?... Ueberall las ſie: „Friede und Glück“... Wo es ſo viel Gräber gibt, ſo viel müde, gequälte, betrogene Herzen, Glück? Ja, Glück, unter der Erde im Nichts ſich ausruhen! Im Nichts! So glaubte ſie ſchon. Alles ſchien ihr Traum und Wahn. Verwirrung, Krieg, feſter Wille nur, und den Fuß geſetzt auf jeden Nacken, der ſich nicht beugen will! Das ſchien ihr eine Aufgabe, allein des Lebens würdig... Sie ging nicht auf den Friedhof. In eine altberühmte Stadt kam ſie und fand Ver⸗ wandte Serlo's. Dieſe fragten nach ſeinem Nachlaß. Sie ſagte, ſie hätte nichts, ging und belächelte ihre Anwandlung von Gefühl. Mit ſich kämpfend, ob ſie an den Kronſyndikus, vielleicht an ſeinen Sohn, den Oberregierungsrath, ſchrei⸗ ben, bitten, vielleicht drohen ſollte, las ſie in der Zei⸗ tung des Orts folgende Aufforderung: „Man ſucht im orthopädiſchen Inſtitut ein gebildetes junges Frauenzimmer katholiſcher Confeſſion, das der Sprachen und Muſik vollkommen kundig ſein muß. Nä— heres bei dem Director.“ Ein orthopädiſches Inſtitut! Eine Erziehungsanſtalt für die Unarten des Körpers; eine Correctionsanſtalt der Natur! Die hier gemeinte war weit berühmt. Sie 359 war eine der erſten geweſen, die man in Deutſchland überhaupt anlegte; ſie wurde vom Landesfürſten könig⸗ lich unterſtützt. Es ſtrömten ihr aus allen Gegenden, ſelbſt aus England und Amerika Pfleglinge, größtentheils junge Mädchen zu, von denen nicht einmal alle an ganz auf— fallenden, durch das Streckbett zu heilenden Fehlern lit ten; die Neigung, dem Körper ſeinen natürlichen Wuchs zu entziehen, iſt ja leider tief in die erſte Erziehungs⸗ und Bekleidungsſitte unſerer Zeit eingeriſſen, ſo tief, daß bei einer Unterſuchung, die jener Fürſt einmal in einem adeligen Töchterinſtitut anſtellen ließ, faſt die Hälfte von hundertachtzig jungen Mädchen keinen richtigen Wuchs oder Gang hatte! Lucinde ſtellte ſich dem Director vor und gab allerlei Auskunft über ihr vergangenes Leben. Da ſie ſich ge⸗ wandt franzöſiſch ausdrückte, etwas Engliſch verſtand, vollkommen fertig Klavier ſpielte, war die Prüfung bald geendigt. Auch ihr beſtimmtes Weſen gefiel. Man wurde über die Bedingungen einig. Von den Kenn⸗ zeichen, die ihr ſonſt noch etwa mangelten, hatte man nicht geſprochen; daß ſie katholiſch war, ſchien ſich von ſelbſt zu verſtehen. Gleich ſchon am Tage darauf ſollte ſie beim In— ſtitut eintreten. Da der Vorſtand und Beſitzer der Anſtalt Arzt war, der ſeine Zeit geregelt hielt, ſo wurde die genaue Stunde angegeben, wo er Lucinden in die Säle einführen wollte. Morgen in der Frühe„um punkt neun Uhr“ wurde ſie erwartet. Es war um die Oſterzeit. Der morgende Tag war, wie ſie im Gaſthauſe hörte, ein Quatembertag. Schon früh wurde ſie vom Geläut der Glocken geweckt und als ſie ſich angekleidet hatte, hörte ſie, daß in der Ka⸗ thedrale vom Biſchof heute eine Prieſterweihe vorgenom⸗ men wurde. Drei junge Diakonen ſollten die letzten Weihen erhalten. Nach acht Uhr ſtieg auch ſie, von Unruhe und Un— geduld getrieben, die Anhöhe empor, auf welcher die Kathedrale lag, umgeben von Reſten alter Bauwerke. Hier ſollten deutſche Kaiſer einſt eine Pfalz, einen Pa⸗ laſt gehabt haben, an derſelben Stelle, wo jetzt nur eine Schwadron Chevauxlegers einkaſernirt lag in allerlei Anbauten, die mit Galerieen hinausgingen auf einen Platz, den man den Schloßhof nannte und wo aller— dings an einer Stelle ein alter Thurm mit Wendeltreppe und ein ſteinernes Portal, über welchem der Thierkreis abgebildet war, unmittelbar um tauſend Jahre aus der Gegenwart hinausverſetzten. Die Kathedrale ſelbſt war in byzantiniſcher Form angelegt, aber von dem Geſchmack ſpäterer Jahrhun⸗ derte mannichfach ergänzt durch Neubauten, Rundkränze und Thürme allerlei Stils. An den obern Stockwer⸗ ken der Thürme ſah man Säulen und Statuen, die Thüren waren nicht eben hochgewölbt, aber reich ge⸗ ſchmückt mit Bildwerken. Die Nähe der kaiſerlichen Burg chien Einfl uß gehabt zu haben auf die Gegenſtände dieſer Reliefs; man ſah Allegorieen mit den Attributen der Ge⸗ rechtigkeit, Salomo, den Richtenden, eine verhüllte Geſtalt mit der Wage in der einen Hand und dem Schwert in der andern ihm zur Seite. Dazu geſellte ſich in noch nicht allzu 361 kirchlicher Ausdrücklichkeit der wunderlichſte Schmuck von Thieren und manche humoriſtiſche Ausgelaſſenheit, die man am Eingang ſo heiliger Stätte am wenigſten ge⸗ ſucht haben würde... Ein Silen reitet auf einem Zie— genbock, ein Affe ſchreitet gravitätiſch in Gewändern daher, ein Löwe ſpielt mit jungen Haſen... Es iſt als wenn ſich das alte Leben der Zeit in Markt und Wald nur in Stein verwandelt hätte und ſich ſeiner⸗ ſeits der trauten Nähe des Allerheiligſten auch erfreuen, vielleicht aber auch an der Pforte andeuten wollte, weſſen man alles, die heiligen Räume betretend, vom Ungeiſt— lichen draußen uneingedenk werden ſollte. Oſtern war ſpät gefallen, aber die reichen Blumen⸗ ſpenden, die Lucinde in den Straßen getragen fand, waren doch zu koſtbar für die Jahreszeit. Hier mußten ganz beſondere Opfer der Liebe ſtattfinden, wenn man dieſe Kränze und Kronen ſah, die, aus den ſchön⸗ ſten Blumen gewunden, noch wie verſpätet eilends in die Kathedrale nachgetragen wurden. Die Menſchen drängten ſich, vorzugsweiſe eilten die Frauen. Eine Prieſterweihe iſt einer der anregendſten Vorgänge des kirchlichen katholiſchen Lebens, gleichſam eine geiſtliche Hochzeit, fehlt doch bei Ertheilung der erſten Grade ſelbſt eine ſichtbare Braut nicht, ein kleines Mädchen, dem der entſagende Prieſter angetraut wird, als dem Symbol der reinen, unentweihten, jungfräulichen Kirche. Hier han⸗ delte es ſich um drei junge Diakonen, die ſchon die letz⸗ ten Weihen erhielten und ſozuſagen nicht„ein⸗“, ſon⸗ dern, wie Lucinde auf Erkundigung vom Volke erfuhr, „ausgeweiht“ wurden. Lucinde machte erſt einige Gänge durch die alte Pfalz, betrachtete die geheimnißvolle Wohnung des Bi⸗ ſchofs, hinter der ein Garten mit ſchon Blüten anſetzen⸗ den edeln Bäumen ſich erhob, und umſchritt die Kathe⸗ drale, die wie ein Sinnbild des Lebens ſelbſt, abwech⸗ ſelungsreich und faſt in ihrem urſprünglichen Zweck über⸗ laden und erdrückt erſchien... fehlte doch ſelbſt an einem Ausbau ein Schalter mit friſchem Backwerk nicht, in der Kirche ein Bäckerladen! Einer alten Sitte zu— folge mußte hier jeder neu gewählte Domherr weißes Brot kaufen und an die Schuljngend, die ihm Glück wünſchte, ſelbſt vertheilen... So bot die Kirche Brot des Lebens, geiſtiges und leibliches. Lucinde, gedenkend, daß ſie in ihrer neuen Lage die ihr mangelnde und von ihr als unweſentlich voraus⸗ geſetzte Bedingung ganz verſchwiegen hatte, wollte das geiſtige wenigſtens am Geſchmack verſuchen und trat in die Kathedrale ein. Das Innere derſelben war trotz der Sonne von Kerzen erhellt, mit Blumenkränzen durchzogen, von Orgelklängen durchbrauſt; Stimmen redeten laut und ſo voller neugierig ſich drängender, auf den Zehen ſtehen⸗ der Menſchen war der Raum, daß Lucinde nur auch ſogleich von dem, was vorging, angezogen wurde und der Betrachtung des Baues ſelbſt, ſeiner hohen Gewölbe, ſeiner bunten Fenſter, ſeiner Kapellen und Grabmäler ſich jetzt nicht widmen konnte. Die heilige Handlung war ſchon in vollem Gange. Der Biſchof ſtand am Hochaltar in prächtigen Gewän⸗ dern. Rings um ihn her eine Reihe junger Prieſter niederkniend, vor ihm drei andere, die, welche eben die letzten Weihen empfingen. Eben redete der Archidiakon den Biſchof mit den Worten an: Die heilige Mutter Kirche verlangt, daß die gegen— wärtigen Diakonen zur Würde des Prieſterthums ge⸗ weiht werden! Der Biſchof ſprach: Weißt du, daß ſie würdig ſind? Der Archidiakon erwiderte: Soweit es die menſchliche Gebrechlichkeit zu erkennen vermag, weiß ich es und bezeug' es! Nun wurden die Namen der drei zu Weihenden ge— nannt, die mit Kerzen in der Hand vor dem Biſchofe ſtanden: Joſeph Niggl, Beda Hunnius, Bonaventura von Aſſelyn. Der letzte Name machte die Hörerin lebhafter auf— blicken. Dieſer Name Aſſelyn war auf Schloß Neuhof nicht ſelten genannt worden. Der Sohn des Kronſyn— dikus, der Oberregierungsrath, hatte die Witwe eines Herrn von Aſſelyn geheirathet. Sie erinnerte ſich, daß ſein mitübernommener Stiefſohn Bonaventura von Aſſe⸗ lyn genannt wurde, doch war er für den Militärſtand beſtimmt geweſen und hätte jetzt Offizier ſein müſſen. Sie blickte näher... Jetzt überfiel ſie ein Schauer... Alle ihre Umgebungen wandten ſich, als ſie einen zwar unterdrückten, aber doch genugſam hörbaren ängſt⸗ lichen Schrei ausſtieß... Das iſt... hatte ſie erſt ganz laut geſagt,... leiſer aber und ſchon verklingend auf ihren plötzlich er⸗ bleichenden Lippen hinzugefügt: ja— Serlo! Der Biſchof ſprach ſoeben von der Bürde und Würde des geiſtlichen Amtes... Lucinde hielt ſich an einen der dicht beſetzten Kirchen⸗ ſtühle im Innern des Schiffes. Sie ſtarrte auf den jun⸗ gen Prieſter, den man Bonaventura von Aſſelyn ge— nannt hatte. Er war wie Serlo! Serlo, wie er vor zehn Jahren hier hätte können geſtanden haben! Der⸗ ſelbe ſchlanke Wuchs, dieſelbe würdige Haltung, dieſelben, als er ſich wandte, ganz ſichtbaren edeln Geſichtszüge, derſelbe feine Schwung des Profils, dieſelben dunkeln Augen, das Haar, das ſchon die Tonſur empfangen und ringsum rabenſchwarz war... Aller Augen theilten das Intereſſe für dieſen jungen Novizen des Prieſterthums. Wäre dies nicht geweſen, die Unruhe, die Lucinde verrieth, hätte noch ſtörender auffallen müſſen. In der Litanei der Heiligen, die jetzt vom Biſchof vor den niederknienden Prieſtern und während er ſelbſt kniete, begonnen wurde und deren wiederholtes: Bitte für uns! die dichte Menſchenmaſſe volltönend und durch die nicht endende Gleichmäßigkeit faſt die Sinne verwir⸗ rend nachmurmelte, fand Lucinde Zeit ſich zu ſammeln und die krankhafte Aufregung ihrer Gefühle zu be⸗ ſchwichtigen. Als ſich endlich die Betenden erhoben und wieder die lange ſchlanke Geſtalt Serlo's wie aus dem Grabe erſtanden vor ihre fieberhaft erregte Phantaſie getreten war, hätte ————⏑ᷓ— Lürde rchen⸗ mjun⸗ n ge⸗ rvor Der⸗ ſelben, zzüge, nkeln angen ungen veſen, ender iſchof ſelbſt Bitte durch rwir⸗ mmeln — be⸗ er die unden hätte 6 365 ſie ſich den mit Blumen beſtreuten Aufgängen zum Hoch⸗ altar noch mehr genähert, wenn nicht einige das Ge— wölbe mächtig durchdröhnende Schläge der Thurmuhr ſie zur Beſinnung gebracht hätten. Neun ſchlug es, die Stunde, wo ſie ſchon im Inſtitut erſchienen ſein ſollte. Noch einmal ſah ſie an den Hochaltar, dann ringsum... es waren Hunderte von jugendlich er— blühenden Mädchen anweſend, ganze Schulen, ganze Penſionate,... konnte nicht auch jenes Inſtitut... nein, ſie beſann ſich, die künftigen Pfleglinge, zu denen ſie eilen mußte, führten ein Leben, das dem der andern nicht glich... ſie lagen auf Betten, bewegten ſich in Bän⸗ dern und Maſchinen... dieſe arme Kinder fehlten. Nun riß ſie ſich los. Noch im Gehen war ſie nur zu dem Prieſter hingewandt, der ihr Serlo ſchien... Serlo, wie er einſt geweſen ſein konnte, ſein mußte! Eben ſtreckte der Biſchof die Hand über die zu Wei⸗ henden aus, ſprach Worte des Segens, begann die Cere⸗ monieen an dem erſten der drei, indem er die Stola, die er als Diakon von der linken Schulter zur rechten trug, ihm kreuzweiſe über die Bruſt hängte und dann ſprach: Nimm auf dich das Joch des Herrn! Denn ſein Joch iſt ſüß und ſeine Bürde iſt leicht! Wie ſie, mit dem Nachklang dieſer Rede, der An⸗ ſtalt zuflog und dort glücklicherweiſe noch nicht verſpätet ankam, wußte ſie kaum Das große Gebäude des orthopädiſchen Inſtituts nahm ſie auf. Es war geſchmackvoll und ſogar luxuriös ein⸗ gerichtet. Hinterwärts hatte man den Blick in einen Garten, wo der Raſen ſchon in üppigem Grün ſtand. Durch eine geöffnete Glasthür trat man in einen großen Saal, den zierliche Treibhauspflanzen ſchmückten Dann freilich kamen die trübern Eindrücke... Saal an Saal... Bett an Bett. Kinder darunter, die die Hoffnung ihrer Mütter auf Schönheit ganz betrogen hatten; aber doch viele auch, die ſie wol noch einſt er⸗ füllen werden... Ein Jahr, und eine Neigung der Hüfte oder der kaum ſichtbare ungleiche Wuchs einer Schulter iſt geheilt! Einige dieſer jungen ringsum liegen⸗ den Mädchen werden vielleicht ein wenig, ganz leiſe nur und unſcheinbar mit dem einen Fuße weniger behend durchs Leben ſchweben; aber was thut das ihrem roſigen Lächeln? Was thut das ihrer neckiſchen Luſt, die einen ganzen Kreis in gleicher Lage Befindlicher ringsum auf den Prokruſtesbetten eben zum Lachen bringt! Dieſe ſchel⸗ miſchen Augen dort, dieſe ſinnigen hier, dieſe Roſen auf den Wangen, dieſe Lilien auf Arm und Nacken, jede eine Knospe voller Hoffnung für die Zukunft, jede ſo ganz das ſchöne, liebevolle, reiche Geheimniß eines jungen Mädchenlebens!... Wer kann ſonſt ſchon ſolche junge Mädchen im traulichen Verein ſpielend, harmlos dem Augenblick dahingegeben ſehen, ohne nicht zu gedenken: Was wird euch allen noch einſt beſchieden ſein? Welche Flammen werden in euren Herzen lodern? Wo waltet jetzt wol die Hand, die liebend einſt die eurige erfäßt? Vor welchem Munde, der von Liebe ſpricht, wird euer Jugendmuth verſtummen, und ach! welcher von euch allen ſind noch die größten Leiden aufgeſpart? Der- 4 vielleicht, die jetzt die Glücklichſte ſcheint? Der vielleicht,“ die ihr alle wie eure Schweſter liebt, mit der ihr eure großen 1.. 2 Saal die die trogen einer liegen⸗ ſe nur behend roſigen einen m auf eines ſolche 's dem eenken: Welche 367 Freuden, eure kleinen Geheimniſſe theilt und der ihr, ſo oft ihr unter den Blumen des Feldes ſein dürft, ſein könnt, die ſchönſten bringen müßt, die ihr am Wege gefunden?— bringen ſelbſt dann, wenn der Geliebten ein Fuß nicht ſo ſchnell gehorcht wie der andere? Eine ſolche Königin unter dem jungen Volke, eine ſchon emporragende Lilie unter Maiblumen und Veil⸗ chen, ein Weſen ſchon voll Seele, während ringsum nur noch Gemüth, Verſtand und Phantaſie ſich entwickelten, war die junge, zu früh emporgeſchoſſene und deshalb in ihrem Wuchſe ängſtlich überwachte Sechzehnjährige, welche vorzugsweiſe der Obhut, der Geſellſchaft, der Unterhaltung Lucindens angewieſen werden ſollte. Der Vorſtand des Inſtituts hatte die neue Lehrerin und Geſellſchafterin des Hauſes im Wandeln durch die Säle laut eingeführt. Erſt hatte er ſie allen flüchtig vorgeſtellt, dann aber mit beſonderm Vorzug einer unter ihnen, die in einem abgeſonderten Zimmer lag und von ihm Comteſſe Paula von Dorſte⸗Camphauſen genannt wurde. Wie Lucinde auch dieſen Namen hörte, erſchrak ſie. Auch dieſen kannte ſie ja ſchon! Es war ja jene Größere von den Mädchen geweſen, die ſie am Weiher im Park von Neuhof beobachtet, jene Gräfin Paula, die reiche Erbin, die Nichte des Kronſyndikus, die vielleicht einſt mit jenem öſterreichiſchen Offizier vermählt werden konnte, den ſie vor zwei Jahren in Kiel geſehen... Kam das alles hier ſo wieder zuſammen? Wie fügte ſich Ring an Ring? Sollte ſie die Kette feſthalten, ſich binden, aufs neue ſich in das große, bewegte, thatſachenreiche Leben —— 368 um Schloß Neuhof und die uralte Stadt Witoborn hin⸗ überziehen laſſen? Auf einem ſchrägliegenden Ruhebett, von einigen Gurten und Bandriemen, einigen eiſernen Klammern in feſter Lage gehalten, lag, weißgekleidet, das ſchlanke junge Mädchen, eine Geſtalt zart, wie durchſichtig, ganz von jenen länglichen Formen, ſowol im Oval des edeln griechiſchen Profils, wie des Oberkörpers und der Hände, die wir gelernt haben als Ausdruck des Seeliſchen zu nehmen. Die Comteſſe, die ihr eigenes Zimmer hatte, ſchien zu ſchlummern. Der Director ſagte leiſe: Sie iſt krank und mir ganz beſonders empfohlen! Sehen Sie nur!... Sie neigt zum Traumſchlafe Sie ſpricht! Ganz deutlich! Und doch ſchläft ſie! Lucinde trat näher... Ihr Herz pochte... Murmelnd ſprach das junge Mädchen Worte, die einem Gebet gleichkamen. Der Director ſchloß die Thür, die zu den lauten Sälen führte... Nimm hin, ſprach das junge Mädchen, leiſe und langſam betonend, nimm hin— das— prieſterliche— Kleid— welches— die Liebe bedeutet!— Gott iſt mächtig— genug in dir— die Liehe zu vermehren und ſein Werk— zu— vollenden—! Der Director horchte hoch auf; ſo zuſammenhängend hatte die Kranke noch nie geſprochen. Lucinde träumte noch von Neuhof, von der Ka⸗ thedrale... en hin⸗ einigen eern in ſchlanke „ gan edeln Hände, hen zu ſchien fohlen! lauten iſe und iche— jott iſt reen und 369 „ Die Schläferin ſchwieg eine Weile, dann fuhr ſie deutlich fort: Du willſt, o Herr— dieſe Hände— weihen und heiligen— durch die Salbung— damit alles, was ſie weihen— geweiht und geheiligt ſei im Namen un— ſers Herrn! Dann ſetzte ſie mit einer andern, faſt männlichen Stimme hinzu: Amen! Was mag ſie beſchäftigen? fragte der Director erſtaunt. Lucinden aber war es, als wäre ſie an den Hoch— altar zurückverſetzt, wo ſie Serlo geſehen zu haben glaubte, wie er von den Todten erſtand. Der Director winkte, daß ſie nicht ſpräche; eben wollte ſie an die Prieſterweihe erinnern. Die Schlafende fuhr fort: Nimm hin— den Heiligen Geiſt! Welchen— du die Sünden erlaſſen wirſt, denen— ſind ſie erlaſſen! Welchen— du ſie— behalten— wirſt, denen— ſind— ſie— behalten! Sie ſpricht dem Biſchof nach, der in dieſem Augen⸗ blick in der Kathedrale die Prieſterweihe hält!... flü— ſterte Lucinde. Sieh! Sieh! bemerkte jetzt der Director kopfſchüt⸗ telnd und ſetzte dann leiſe und faſt lächelnd hinzu: Es iſt ein Verwandter ihrer Familie darunter, Zögling des hie— ſigen Convicts, ein junger ehemaliger Offizier,... er wird in dieſem Augenblick ausgeweiht... Ein Herr von Aſſelyn! Gutzkow, Zauberer von Rom. I. Ganz recht! Der Director flüſterte nach einer Weile: Sie hat eine große Verehrung vor dieſem ihrem Landsmann... ſie leidet entweder darunter, der Feier⸗ lichkeit nicht beiwohnen zu können, ſieht ſie aber im Geiſte vor ſich... oder... ſie wünſcht wol gar... Auf dieſes bedeutungsvoll gezogene:„Wol gar“, in dem Lucinde die Vermuthung erkannte, die Kranke litte dar⸗ unter, daß der ihr Theuere überhaupt Prieſter wurde und Frauenliebe nun ein ganzes Leben lang nicht mehr erwidern durfte, ſchienen plötzlich die Empfindungen der Schlum⸗ mernden Inhalt und Ausdruck zu verändern. Die Mienen verdüſterten ſich, die Hände hoben ſich als wollten ſie irgendetwas Störendes verhindern. Der Rücken, den ſie nicht bewegen konnte, ſchien ſich erheben zu wollen. Zu⸗ rückgehalten von dem Mechanismus des Bettes, mehrte ſich ihr)e Angſt. Seufzer entrangen ſich der Bruſt, die ſich mächtig hob. Der Mund blieb ſtarr geöffnet als wollte er: Nein! Nein! Nein! rufen... Da fuhr der Director ſanft über ihr Antlitz und weckte ſie. Befremdet ſah ſie um ſich, als hätte ſie hier zu er— wachen nicht vorausgeſetzt. Als dann der Director ihr die neue Pflegerin vor⸗ geſtellt hatte, veränderten ſich ihre Züge allmählich zur frühern Milde. Sie ſchien Lucinden nicht von früher zu erkennen. Sie lächelte gelaſſen, ergeben, ſanft, ja dies Lächeln war wie jener lichte Hauch, jener ſanfte röthliche Schimmer im Innern einer weißen Roſe. Tief andachtsvoll, gläubig der Gruß ihres ſchönen Antlitzes. dern lum⸗ enen ſie 1 ſie Zu⸗ yrte die als 371 Sie bewegte ſich nicht, aber in den Augenwimpern lag etwas, wie wenn ſie ſich im Geiſte verneigte. Sie ver⸗ neigte ſich wie einem Engel der Verkündigung. Kommt aber wol der Engel, der ſich in freundlicher Anrede jetzt über Paula von Dorſte⸗Camphauſen nieder⸗ beugt, aus den reinen Regionen des Lichtes? Ihr Kinderſeelen ringsum! Mögen lichtgeborene gute Engel über euch wachen, Hüter und Schirmer vor dem nachtdunkeln Gefieder, das an Lucindens Haupte, wie einer Tochter Lucifer's, dämoniſch aufzurauſchen ſcheint! Nachdem ſie ihr Zimmer angewieſen erhalten und ihren Einzug geordnet hatte, machte ſie einen ihrer erſten Ausgänge zum Biſchof. Sechs Wochen ſpäter holte ſie für ihre neue Stellung die Bedingung nach, der katholiſchen Kirche anzugehören. Ende des erſten Buchs. * ʃ 5 2 8 8 2. = Druck von F. 2— * ADDDW 8 Green vellow