—— 76 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. l1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — — —-—— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 7 für ischentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———;;——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Tun nſat der Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 4 „——— ————-— ** ———— ͦ— — Das Schloss von Coppet im Jahre 1807. Hiſtoriſche Novelle aus dem Nachlaſſe der Gräſin von Genlis. Nach dem Franzoͤſiſchen frei bearbeitet von C. G. Hennig. Leipzig, Allgemeine niederlaͤndiſche Buchhandlung. Anton Peeters. 1831. Vorwort d er Verfaſſerin. Bei keiner meiner hiſtoriſchen Novellen habe ich die geſchichtliche Wahrheit getreuer im Auge behalten, als bei der gegenwaͤrtigen; dem ungeachtet habe ich mich der chronologi⸗ ſchen Ordnung nicht ſklaviſch unterworfen; viel⸗ mehr mir die Freiheit genommen, inſofern mir der lebhaftere Gang der Erzaͤhlung darunter zu gewinnen ſchien, die Reihenfolge der Ereigniſſe nach meiner Anſicht zu ordnen. Was die Hel⸗ din dieſes Romans betrifft, ſo habe ich ſie genau ſo gezeichnet, wie ich ſie beobachtet habe; — vI— ich habe blos eine Nachbildung des mir vor Augen ſtehenden Originals geliefert.— Gewiß ein ſehr beſcheidenes Geſtaͤndniß eines Schrift⸗ ſtellers; da Erfindung doch wohl das hoͤchſte Verdienſt des Erzaͤhlers iſt. Das Schloss Coppet. im Jahr 1 807. Ruhig war der See, der Tag fing an zu grauen. Die Schneegebirge und die ewigen Eismaſſen jenſeits des Genferſee's, die den Bewohnern der kleinen Stadt Lauſanne eine ſo herrliche Ausſicht gewaͤhren, faͤrbten ſich bereits mit leichtem Purpurſchimmer.— Sir Harry Seymour, ein junger, ſeit drei Monaten in Lauſanne anweſender Englaͤnder, war ſchon aufge⸗ ſtanden und angekleidet. Er oͤffnet das Fenſter, ſein Auge haftet an den durch die Liebeathmende Dichtung des Genfer Philoſophen ſo beruͤhmt gewordenen Fel⸗ ſen.„O Meiflerie, rief er, ſei mir gegruͤßt, trotz „dem aus dem See emporſteigenden Nebel, der Dich „den profanen Blicken der Alltagsmenſchen verhuͤllt, „unterſcheide ich Deine maleriſchen Formen, und „meſſe Deine Grauſen erregende Hoͤhe! Gefeierter „Felſen, ſtets wirſt Du der ungluͤcklichen Liebe ein „intereſſanteres Denkmal, als Italiens Obelisken „und Aegyptens Pyramiden ſeyn!....c Seymour ſchließt jetzt ſein Fenſter, ergreift ſeinen Hut, und eilt ſeinen Freund Werner aufzuſuchen, der 3 1*½ 8 — 4— ihn heut nach Coppet begleiten, und in dem dortigen Schloſſe einfuͤhren ſollte. Es war zu Ende Juni 1807, in jenem Zeitpuncte wo das triumphirende Frankreich ganz Europa Geſetze vorſchrieb. Schnell durchfliegt Seymour zwei enge Gaſſen, tritt in Werners Zimmer, findet ihn ſchla⸗ fend, weckt ihn, und treibt ihn an, aufzuſtehen:„Ei ruft Werner, es iſt ja erſt fuͤnf Uhr, wir brauchen hoͤchſtens ſieben Stunden nach Coppet, wir werden dort zu Mittag eintreffen, und man erwartet uns erſt um ſechs Uhr. „Wir werden einſtweilen den Park durchſtrei⸗ chen!“ „Ei! Sie haben große Eile! Inzwiſchen be⸗ greife ich wohl, daß, da Sie noch nie in Coppet ge⸗ weſen ſind, Ihre Erwartung, dieſes Schloß zu beſu⸗ chen, und eine, von der ausgeſuchteſten Geſellſchaft umgebene Frau kennen zu lernen, deren hoher Geiſt und freiſinnige Denkungsart, ſogar die Eiferſucht des⸗ jenigen Mannes zu erregen im Stande geweſen iſt, der bis jetzt jeder Erdenmacht zu gebieten gewußt hat, außerordentlich geſpannt ſeyn muß. Aber, nehmen Sie Sich in Acht, Sie ſetzen ſich einer Gefahr aus, an die Sie vielleicht gar nicht einmal denken. Athenais iſt in Coppet, dieſe junge Freundinn der Frau von Stael hat durch einen Zuſammenfluß von hoͤchſt ſon⸗ derbaren Umſtaͤnden, in einem Alter, wo ſonſt die Schoͤnheit ſich ihrer ſelbſt kaum bewußt iſt, eine wahr⸗ haft Europaͤiſche Beruͤhmtheit errungen.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Seymour,„und ohne Zeuge von den ungemeingroßen Aufſehen geweſen zu ſeyn, welches ſie vor zwei Jahren in England er⸗ regte, habe ich doch jene hiſtoriſch merkwuͤrdig gewor⸗ dene Reiſe mit allen Umſtaͤnden ſo oft erzaͤhlen hoͤren, um uͤberzeugt zu ſeyn, daß der Schoͤnheit nie eine glaͤn⸗ zendere Huldigung zu Theil geworden; ja mein lieber Werner, eine zwiefache poetiſche Veranlaſſung zieht mich nach Coppet; denn muͤſſen ſie mir nicht zugeſtehen, daß es eine außerordentliche Erſcheinung iſt, mitten unter dieſem Getoͤſe von alternden Koͤnigreichen und zuſammenſtuͤrzenden Staatsverfaſſungen, ſich gleich⸗ ſam auf eine bezauberte Oaſis verſetzt zu ſehen, wo das nie alternde Genie herrſcht, und die Schoͤnheit in einem ewig jungen Feenreiche waltet.“ Unter dieſen Geſpraͤchen kleidete ſich Werner an, deſſen Toilette bald gemacht war, es wurde aufgebro⸗ chen und man ſchiffte ſich auf dem See ein. Sey⸗ mours und Werners Freundſchafts⸗Buͤndniß gruͤn⸗ dete ſich auf einen Einklang der Gemuͤther, der ſeine Dauer zu verbuͤrgen ſchien. Beide beſaßen eine leben⸗ dige und poetiſche Einbildungskraft und viele Origina⸗ litaͤt des Characters. Werner ein Deutſcher und Pro⸗ teſtant hatte ſich durch zwei Schauſpiele, Attila und Luther, die in Deutſchland mit dem glaͤnzendſten Erfolg auf die Buͤhne gebracht worden waren, be⸗ ruͤhmt gemacht. Sonderbare ihm eigenthuͤmliche Grundſaͤtze, und drei unpaſſende durch gerichtliche Scheidung getrennte ehelige Verbindungen hatten ihm die Liebe verleidet, aber ſeine gluͤhende Einbildungskraft bedurfte eines ſein ganzes Weſen in Anſpruch nehmen⸗ den Gefuͤhls. Er ſuchte es in der Religion, die ihn ſpaͤter veranlaßte zu der katholiſchen Kirche uͤber zu tre⸗ ten, an welcher er ſeit dem mit eben ſo vielem Eifer als Aufrichtigkeit hing. „ Kaum ſaßen die beiden Freunde in dem Kahne als ſie ihr Geſpraͤch fortſetzten. „Seit den drei Monaten unſerer Bekanntſchaft haben wir uns beiderſeits unſern beſondern Beſchaͤfti⸗ gungen ſo ausſchließlich uͤberlaſſen, oder wir ſind durch unſere geſellſchaftlichen Verbindungen ſo zerſtreut wor⸗ den, daß wir jetzt in der That zum erſten Male in den Fall kommen, einige Stunden unter vier Augen mit einander zu verleben. Laſſen Sie uns dieſen * Gluͤcksfall benutzen, um uns gegenſeitig unſre Herzen zu eroͤffnen. Sagen Sie mir lieber Seymour, Sie 44 ſind in Lauſanne ſehr krank und ſehr truͤbſinnig ange⸗ kommen. „In der That hatte ich das Veſtland zu Wie⸗ derherſtellung meiner Geſundheit beſucht. Bittere Kraͤnkungen, einen ungluͤckliche Liebe hatten mich veran⸗ laßt, England zu verlaſſen; gerade in dieſem Augen⸗ blicke brach der Krieg aus, und nun wurde mir die Ruͤck⸗ 7 kehr in's Vaterland unmoͤglich. Ich war Gefangener; indeſſen war mein Gefaͤngniß weitlaͤuftig genug, denn es umfaßte alle Laͤnder, die Bonaparte's unbeugſamer Arm . beherrſchte. Ich beſuchte zu meiner Zerſtreuung das laͤnd⸗ liche Feſt in Interlacken; es that meinem verwunde⸗ ten Herzen wohl, in dieſen Zeiten allgemeiner Knecht⸗ 4*⁴ ſchaft der ruͤhrenden Erinnerungsfeier an eine einſt . errungene Freiheit beizuwohnen. Die in Coppet leben⸗ den Verbannten, nahmen, gleich mir, an dieſem er⸗ hebenden Feſte Theil, und meine jetzige Stellung als Gefangener zog mich zu denjenigen hin, deren Schick⸗ ſal einige Aehnlichkeit mit dem meinigen hatte. Mit einem Worte, die Bekanntſchaft der Frau von Stael und ihrer jungen Freundin, war fuͤr mich eine ſo merk⸗ wuͤrdige Erſcheinung, das ſie mir ſeitdem nicht wieder aus dem Gedanken gekommen iſt. Ich weiß nicht, ein Zauber ſich uͤber mein ganzes Weſen verbrei⸗ 3 tet hat. Ein neues Leben hat in mir begonnen, und all' mein Kummer iſt verſcheucht.“ „Ich wundre mich nicht, daß der Verein zweier mit Recht ſo beruͤhmten Perſonen eine ſolche Wir— kung auf Sie hervorgebracht hat, indeſſen bleibt es wohl außer Zweifel, daß zu dieſer wunderbaren Ver⸗ wandlung Ihres ganzen Weſens die Eine von den Bei⸗ den mehr als die Andere beigetragen hat. Jetztt iſt es mir ganz klar, daß meine Ihnen ſo eben mitgetheilten Beſorgniſſe fuͤr Ihre Ruhe gegruͤndeter ſind, als ich ſelbſt glaubte. Ich bin uͤberzeugt Sie lieben Athenais — und— beklage Sie!—„Aber warum?«— Athenais gehoͤrt zu den außerordentlichen Frauen. In ihrem dreizehenten Jahre mit einem Gatten verbunden, den der Unterſchied der Jahre, und unermeßliche Ge⸗ ſchaͤfte, die ihm keine Zeit ließen, ſich der Pflege eines ſo zarten und glaͤnzenden Verhaͤltniſſes zu widmen, von ihr trennen mußte, ſtand ſie mit einem Male und ganz unvorbereitet, gewiſſermaßen einſam in der großen Welt. Ohne Fuͤhrer und Rathgeber, von Anbetern umringt, hat ſie dennoch ihren unbeſchol⸗ tenen Ruf behauptet. Gegen die einſtimmigen Hul⸗ digungen, die ſich ihr von allen Seiten aufdringen, G keineswegs gleichgültig, ſieht ſie indeſſen in allen Beſtrebungen, deren Gegenſtand ſie iſt, blos eine leb 8 hafte Bewunderung, die ſie ſchmeichelt, ohne ſie zu berauſchen oder zu verfuͤhren, und ein ſinnreiches Wohlwollen das ihren Geiſt erfreut, ohne ihn allzu⸗ ſehr aufzuregen. Die Liebe, inſofern ſie ſich ihren Au⸗ gen als aufrichtig und rein darſtellt, erſcheint ihr blos als ein erhoͤhtes Gefuͤhl, das ſie zwar nicht geſonnen iſt zu erwiedern, dem ſie indeſſen ihre Theilnahme nicht verſagt; weit entfernt die Empfindungen, die ſie einfloͤßt, gewaltſam zuruͤckzuſtoßen, ſobald ſie ſich zart und wahr ausſprechen, hat ſie ſie jedoch nie durch grundloſe Hoffnung beguͤnſtigt; aber der verfuͤhreriſche Zauber ihres anmuthigen Weſens veranlaßt oͤfters ge⸗ faͤhrliche Taͤuſchungen, die ſie vielleicht, ohne daß ſie es ahnet, ſogar, wenn auch nur leichthin beruͤhrenz kurz, ihr fuͤr jede heftige Leidenſchaft verſchloſſenes Herz hat ſich bis jetzt nur der Freundſchaft geoͤffnet, de⸗ ren Heldin und Opfer ſie gegenwaͤrtig iſt. Es iſt ih⸗ nen bekannt, daß Frau von Stael aus Frankreich verwieſen worden iſt; Sie werden ebenfalls wiſſen, daß Athenais ſich nicht hat abhalten laſſen ihr Schickſal zu theilen, und daß ſie, um zu ihrer Freundin zu ge⸗ langen, den Drohungen und dem Unwillen der furcht⸗ baren Macht desjenigen getrotzt hat, vor dem ganz Europa zittert. „Ich kann nicht umhin Ihnen zu erklaͤren, — 10— mein lieber Werner, daß, falls Sie die Abſicht haben, meine Vernunft gegen die unwiderſtehlichen Reize zu waffnen, von denen ich mich hingeriſſen fuͤhle, Sie Ihren Zweck ganz verfehlen. Aber, ſagen Sie mir nur, wie Sie mit einem ſo geſelligen und ſanften Cha⸗ racter dazu gekommen ſind, ſich drei Mal ſcheiden zu laſſen?“ „ Um eine Untreue zu vermeiden, die ich, nach meinen Grundſaͤtzen, als eine Art von Ehebruch be⸗ tr achte.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Das glaube ich wohl. Es liegt dies in einem von mir als wahr angenommenen Syſteme, das ich Ihnen mittheilen will. Ich bin naͤmlich uͤberzeugt, daß die Natur fuͤr jedes auf Erden lebende maͤnnliche Weſen ein weibliches Weſen geſchaffen, und es ihm zur Gefaͤhrtin beſtimmt hat, und daß es nur darauf ankommt, es zu finden.“ „Man muß alſo eine Reiſe um die Welt ma⸗ chen, wenn man Luſt hat zu heirathen;z denn wenn dieſes Weib, dies einzige Weſen, in den Wuͤſten Afri⸗ ka's oder Amerika's geboren iſt....“ „Nein, der Schoͤpfer macht nichts vergebens, gewiß hat er die uns beſtimmte Gefaͤhrtin, uns ſo — 11— nahe geſtellt, daß es uns nicht zu ſchwer wird ihr zu begegnen.“. „Aber, wenn dieſe uns beſtimmte Gattin vor dieſer Begegnung ſtirbt, und wie, waͤhrend wir ſie aufſuchen, ſchon Wittwer ſind, ohne es zu ahnen 4 „Nun dann, wenn wir ſie nicht finden, ſo bleiben wir im eheloſen Stande. Ohne Zweifel werden Sie mir meine dreimalige Verheirathung vorwerfen; aber ich bin durch meine drei Scheidungen vollkommen gerechtfertigt.“ „In der That eine drollige Rechtfertigung.“ „Fuͤr mich ſind ſie es allerdingsg. Ich habe mich jedes Mal in der Ueberzeugung verheirathet, daß ich mich mit dem von der Natur fuͤr mich geſchaffenen Weſen vereheligte, ſobald ich aber meinen Irrthum eingeſehen habe, hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als ein Band zu loͤſen, daß ichfuͤr verbrecheriſch hielt, weil es mich abgehalten haben wuͤrde, mich mit der mir beſtimmten Gattin zu verbinden. Meine drei Gattinnen waren liebenswuͤrdig, ſie gefielen mir in manchem Betracht, ſobald ich mich aber uͤberzeugte, daß kein Einklang unſrer Herzen ſtatt fand, kamen ſie mir in meinen Augen nur als eine Art von Beiſchlaͤ⸗ ferinnen vor. Ich habe mich nicht aus Ueberdruß⸗ — 12— oder aus Widerwillen, ſondern aus Vernunftgruͤnden und ſittlichem Gefuͤhle ſcheiden laſſen.“*) „Dies ſind mir ſonderbare Anſichten. Ob ich mich indeſſen gleich nicht zu ihnen bekennen kann, ſo bemerke ich doch mit Vergnuͤgen eine große Aehnlichkeit zwiſchen uns beiden. Denn, auf jeden Fall haben Sie geliebt, und nach Ihrem Character zu urtheilen, bin ich uͤberzeugt, daß Sie im Kurzen eine vierte Liebſchaft haben werden.“ „„Dies iſt bereits der Fall.“ „Wie ſo? „Und zwar habe ich mit Ihnen noch dieſe Aehn⸗ lichkeit, daß der Gegenſtand meiner vierten Ver⸗ irrung dieſe Athenais iſt, die Ihnen den Kopf verdreht hat.“ „Iſt's moͤglich! doch, darf mich dies wundern? Kann man ſie denn ſehen, ohne ſie anzubeten!“ „Dieſe Verirrung iſt indeſſen nicht von langer Dauer geweſen. Sie war mit meinem Syſtem be⸗ kannt, und, als ich ihr meine Liebe erklaͤrte, antwor⸗ tete ſie mir laͤchelnd, daß ich mich irre und ſie fuͤr *) Dies war in der That Werners Grundſatz; alles hier Geſagte, die drei Heirathen, die drei Scheidungen, iſt buchſtaͤblich wahr. — 13— eine andere anſaͤhe. Ich wuͤnſche, mein lieber Sey⸗ mour, daß ſie gluͤcklicher ſeyn moͤgen, als ich.“ Dies war der Inhalt des Geſpraͤchs der beiden Freunde, waͤhrend ihrer Ueberfahrt von Lauſanne nach Coppet. Kurz vor der Mittagsſtunde kamen ſie in der Naͤhe des Schloſſes an, verließen ſogleich ihr Fahrzeug, und richteten ihre Schritte nach dem Hauptportal des Schloſſes. Werner war hier bekannt, und man ließ ihn unbedenklich ein. Sie nahmen nun den Weg nach den Gaͤrten, von denen ſie ſchnell einen Theil durch⸗ ſtrichen. Hierauf ſetzten ſie ſich auf eine Bank, und Werner beantwortete die Fragen Seymours, indem er ihn uͤber die Perſonen, aus denen der geſellſchaft⸗ liche Kreis der Frau von Stael zuſammengeſetzt war, naͤhere Auskunft gab. Benjamin Conſtant, ein ausgezeichneter Publiciſt, deſſen Laufbahn, ohne die Dictatur des Mannes, der es verſtanden hat, die Revolution zu bezwingen, hoͤchſt glaͤnzend geweſen ſein wuͤrde. Herr von Montloſier, ebenfalls Publiciſt, aber von einer andern Gattung, der zu der rechten Seite der conſtituirenden Verſammlung gehoͤrt; ein Franzos, der unſtreitig die alte Verfaſſung derz franzoͤſiiſchen Mo⸗ narchie am genauſten kennt. Herr von Sismondi, vertieft in ein jetzt wenig — 14— getriebenes Studium, da es die Kenntniß des Mittel⸗ alters zum Gegenſtand hat. Camille Jordan ein ſeelenvoller und gewiſſenhafter Redner, der ſeine fuͤr die Tribune beſtimmten Redner⸗ talente jetzt auf die Moralphiloſophie anwendet. Herr von Barante, ein junger Mann, von dem ſich die franzoͤſiſche Literatur einſt viel verſprechen kann. Herr Elzear von Sabran, deſſen Unterhaltung oͤfter mit ſogenannten wohltoͤnenden Phraſen unter⸗ miſcht iſt. Ein Witzſpiel aus einer fruͤheren Zeit, das aber in dieſem Kreiſe kein Gluͤck machen kann. Des⸗ wegen ſtuͤtzt ſich Herr von Sabran in Coppet auf an⸗ dere Verdienſte. Er macht mit Leichtigkeit fließende Verſe, die durch die gefaͤllige und harmloſe Weiſe mit der er ſie vortraͤgt einigen Werth erhalten. Der gute Geſchmack und die leichte Eleganz des alten Hofs haben in Coppet ihren Repraͤſentanten an dem Herrn von Noailles gefunden; es iſt Ihnen be⸗ kannt, wie ſehr Frau von Stael, welche Vorzuͤge des Geiſtes ſo richtig zu wuͤrdigen verſteht, auch dem Ton und der feinen Lebensart des ehemaligen Frankreichs Gerechtigkeit wiederfahren laͤßt. Herr von Montmorancy, iſt ganz kuͤrzlich erſt, in Folge einer ihm betroffenen und(denn man muß ge⸗ recht ſeyn), wohlverdienten Verbannung in Coppet an⸗ gekommen. Obgleich noch ſehr jung, iſt er doch ein Muſter von Hoͤflichkeit und Grazie der Hofleute aus dem goldnen Jahrhundert Frankreichs, und dieſer rit⸗ terliche Adel floͤßt in Bezug auf ihn eine um ſo groͤ⸗ ßere Theilnahme ein, da er der reine Ausdruck ſeines innerſten Gefuͤhls, und mit den trefflichſten und ein⸗ nehmendſten Eigenſchaften des Herzens, ſo wie mit dem großartigſten Character verbunden iſt. Noch werden Sie in Coppet Frau von Kruͤdener, de⸗ ren Roman„Valerie“ ſo vielen Beifall gefunden, Frau von Montaulieu, die ſich durch ihre Caroline von Lichtfield ebenfalls einen ehrenvollen Platz unter den Schriftſtellerinnen erworben hat, Frau Le⸗ bruͤn eine ausgezeichnete Malerin, deren liebliche Por⸗ traits alle große Gallerien Europa's zieren, und end⸗ lich den Grafen Galofkin, einen liebenswuͤrdigen und geiſtreichen Ruſſen antreffen. Auch aus Genf findet ſich, wie Sie wohl denken koͤnnen, immer Geſellſchaft in Coppet ein, eines der liebenswuͤrdigen Mitglieder derſelben iſ Herr von Cha⸗ teauvieux. „Es ſcheint, ſagte Seymour, daß wir ſest eine der Regeln der klaſſiſchen Epopen befolgen.“ „Wie ſo?“ — 16— „Sie haben ſo eben alle Perſonen, die eine Rolle zu ſpielen haben, vorlaͤufig gemuſtert.“ „Wahrhaftig, ſagte Werner lachend, ich habe Sie wie den Helden einer Wundergeſchichte behandelt, denn Ihnen habe ich alle dieſe Mitſpieler vorgefuͤhrt, inzwiſchen fuͤrchte ich ſehr, wie ich Ihnen bereits geſagt habe, daß ihre Rolle nicht ſo dankbar ſeyn werde, als ich ſie, freilich ohne es zu wollen, ihnen vorgeſpiegelt habe.“. 3 „Ja das iſt ſo Dichterſitte. Nichts deſtowe⸗ niger bin ich Ihnen fuͤr Ihre Gefaͤlligkeit verbunden.““ „Ich habe blos derer erwaͤhnt, die ſich gewoͤhn⸗ lich in Coppet aufhalten. Diejenigen die nur zufaͤllig dort zuſammentreffen, konnte ich Ihnen nicht alle auf⸗ zaͤhlen. Alle Reiſenden, welche die Schweiz und Sa⸗ voyen beſuchen, oder die nach Italien gehen, ſcheuen ei⸗ nen kleinen Umweg nicht, wenn ſie auf die Beguͤnſtigung hoffen duͤrfen, in dem Schloſſe Coppet Aufnahme zu finden. Man iſt in dieſer Gegend ſo daran gewoͤhnt, dieſen Verbannungsort als einen Vereinigungspunct aller beruͤhmten oder ausgezeichneten Perſonen zu be⸗ trachten, daß es auffaͤllt, wenn ein Fremder ohne ſich aufzuhalten, durch Coppet reiſt. Es ſind dies in der. That auch nur Leute, die befuͤrchten, ſich dadurch bei der franzoͤſiſchen Regierung in einem nachtheiligen Lichte * * 8₰ 4 darzuſtellen, und auf Koſten ihrer Neugierde, oder ihrer Sehnſucht der gefaͤhrlichen Anſteckung des Un⸗ gluͤcks zu entgehen wuͤnſchen. Aber ſo eben bemerke ich, daß ich in meiner Muſterung außer Acht gelaſſen habe, eines hoͤchſt wichtigen Mannes zu erwaͤhnen, der ſeinen Wohnſitz bei Frau von Stael foͤrmlich aufgeſchla⸗ gen hat. Dies iſt Herr von Schlegel*), ein Mann *) Jedermann, der Herrn von Schlegel kennt, wird bald bemerken, daß Frau von Genlis, dieſe treffliche Ma⸗ lerin nach der Natur zu den auf dem Schloſſe von Coppet vereinigten Individuen ein Phantaſiegemälde als Gegen⸗ ſtuͤck aufzuſtellen verſucht hat. Weit entfernt ſich je laͤcher⸗ lich gemacht zu haben, war Herr von Schlegel, ſowohl in Hinſicht auf die Annehmlichkeiten ſeines Geiſtes, als wegen ſeines ſanften Characters, einer der liebenswuͤrdig⸗ ſten Maͤnner, die man ſich denken kann. Was die großen Verdienſte um die Wiſſenſchaften desjenigen Mannes be⸗ trifft, dem Deutſchland eine treffliche Ueberſetzung Schake⸗ ſpear's verdankt, und deſſen Vorleſungen uͤber die Litera⸗ tur die ganze gelehrte Welt beſchaͤftigt hat, ſo iſt dar⸗ uͤber nur eine Stimme. Am allerwenigſten wuͤrde es dem Herausgeber geziemen, gegen die aufgeſtellten Grundſätze beruͤhmter Schriftſteller, deren Werke zu verbreiten er einer der Erſten geweſen iſt, ſich tadelnde Bemerkungen zu erlauben.— Frau von Genlis hat Herrn von Schle⸗ gel nie geſehen, ſie, ſonſt die. Milde ſelbſt, hat dieſe Milde nur zwei Mal verlaͤugnet, zuerſt gegen Voltaire, dem ſie ſeinen Unglauben nie verzeihen konnte, und hier gegen 2 — 18— von ungeheurer Gelehrſamkeit, aber ein ſyſtematiſcher G Kopf, der auf die franzoͤſiſche Poeſie und Literatur Theorien in Anwendung zu bringen verſucht hat, die ſich, meiner Meinung nach, nur auf die in einem weit min⸗ der beſchraͤnkten Kreiſe ſich bewegende deutſche Sprache anwenden laſſen, der vollendete Versbau Racine's hat vor ſeinen Augen keine Gnade gefunden, und er hat die ernſtliche Abſicht gehabt, dieſen großen Dichter zu verbeſſern, ſo ſchlaͤgt er z. B. vor, in dem Verſe: „Dans le mains des muets viens la voir expirer.“ ſtatt expirer, etrangler zu ſetzen. „Man muß in der That viel Muth beſitzen, um es zu wagen, Heiligthuͤmer dieſer Art anzutaſten.“ „Ha! in ſolchen Faͤllen iſt Herr von Schlegel ein Held; und hier beſonders laͤßt er ſeinem Selbſtver⸗ trauen mehr Spielraum als irgend wo anders, denn er hat die Anmaßung, Frau von Stael unter ſeine Schuͤlerinnen zu zaͤhlen. Herrn von Schlegel, wahrſcheinlich wegen ſeiner von ihr ſogenannten literariſchen Ketzereien. Gewiß, haͤtte Frau von Genlis die perſoͤnliche Bekanntſchaft des Herrn von Schlegel gemacht, ſo wuͤrde ihr richtiges Gefuͤhl ein ganz anderes Urtheil uͤber ihn gefaͤllt haben. Anmerk, des Herausgebers. — 19— „Aber man ſagt allerdings, daß ſie einige ſeiner Theorieen uͤber die Kunſt angenommen habe. „Ja, um zu beweiſen, daß man bei einer ſol⸗ chen Ueberlegenheit des Geiſtes, Alles, was man willl, be⸗ haupten kann. Uebrigens macht ſie ſich, ohne daß er es bemerkt, uͤber ihn und ſeine Leidenſchaft fuͤr ſie luſtig.“ „Ach! alſo Herr von Schlegel iſt verliebt.“ „Und zwar in der Hoffnung, daß ſeine Aus⸗ dauer und ſein Ruf das Mamorherz der Frau von Stael endlich erweichen werden.“ „Sagen Sie mir, wie bringt man ſeine Zeit auf dieſem Schloſſe zu? Womit beſchaͤftigt man ſich?“ „ Fuͤrs erſte— ſpielt man nie.“ „Wie! nicht einmal Whiſt?« „Man ſchwatzt, man ſchreibt, man unterhaͤlt ſich uͤber die Liebe, den Ruhm, die Literatur, die Po⸗ litik. Sie werden eine ſonderbare, ſeit einem Jahre eingefuͤhrte Gewohnheit bemerken. Der Tag wird nicht mit muͤndlicher Unterhaltung, ſondern mit Cor⸗ reſpondenz geſchloſſen. „Mit Correſpondenz!“— „Ja, ſtatt mit einander zu ſprechen, ſchreibt man ſich. „Ich verſtehe, man wirft ſeine Briefe in ein Kaͤſtchen, und des andern Morgen Riaheit man ſie.“ — 20— „Fehl geſchoſſen! Dies waͤre eine kalte und lang⸗ weilige Unterhaltung. Nein, man geht hierbei ganz anders zu Werke: Jedermann nimmt an einer gro⸗ ßen runden Tafel Platz, auf welcher ſich Federn, Papier und Dintenfaͤſſer befinden. Nun ſchreibt man eine Menge Billets„die man dem Gegenſtand, an wel⸗ chen ſie gerichtet ſind, zuſchiebt, oder zuwirft, und er⸗ haͤlt ſogleich Anwort darauf.“ „Dies iſt fuͤr Liebeserklaͤrungen ſehr bequem.“ „Sie begreifen wohl, daß dieſe Correſpondenz zu keinem andern Behuf benutzt wird. Oefters ſchrei⸗ ben zwei, in eine und dieſelbe Perſon Verliebte, zaͤrt⸗ liche Billets, die zu gleicher Zeit abgegeben werden; die Antworten kreutzen ſich, und man kann in den Zuͤgen ſeines Nebenbuhlers leſen, wie die ſeinige lautet.“ Bei dieſen Worten Werners ſchlug die Schloßuhr Vier. Man ſpeiſte erſt um ſechs Uhr, aber Werner vermuthete, daß in dem Saale bereits Geſellſchaft an⸗ weſend ſeyn wuͤrde, und ſo verfuͤgten ſie ſich dahin. Frau von Stael und Athenais erſchienen erſt in dem. Augenblicke wo man ſich zur Tafel ſetzte. Dieſe zog ſich wegen der Lebhaftigkeit der Unterhaltung, wie ge⸗ woͤhnlich, ſehr in die Laͤnge, unter der Beredſamkeit der Frau von Stael, den geiſtvollen Bemerkungen des Herrn Benjamin Conſtants, dem Paradoxen des Herrn von Schlegel, den Anecdoten des Herrn von Sabran, der anziehenden Naivitaͤt und der feinen und geiſtvol⸗ len Grazie Athenais, flogen die Stunden mit einer unbegreiflichen Eile dahin.““ In dieſem traulichen Kreiſe uͤberließ ſich Frau von Stael allen Eigenthuͤmlichkeiten, und der ganzen Be⸗ weglichkeit ihrer kuͤhnen und fruchtbaren Einbildungs⸗ kraft; es machte ihr Vergnuͤgen, die verſchiedenartigſten Gegenſtaͤnde aufzufaſſen, und dann wieder fahren zu laſſen, und durch die Ueberlegenheit ihres Geiſtes zu⸗ weilen Meinungen zu unterſtuͤtzen, deren ſchwache Sei⸗ ten ſie mit dem lieblichſten Zauber ihrer Rede zu ver⸗ huͤllen wußte. Oefters traf es ſich, daß Herr von Schlegel, der ſich noch immer nicht an die Biegſamkeit eines ſo ſchnellen Geiſtes gewoͤhnen konnte, dem Flug ihrer Gedankenreihe nicht zu folgen vermochte, und an dem Punct haften blieb, von welchem der Streit ausgegangen war. Dann glaubte er auf eine paradoxe Behauptung zu ſtoßen, die er voraus zu ſehen nicht Zeit genug gehabt hatte, und machte ſich fertig, Frau von Stael zu antworten, welche unterdeſſen ihre An⸗ griffe und ihre Vertheidigung auf eine ganz andere Seite hingerichtet hatte. So erhob ſich gerade an die⸗ ſem Tage ein großer Streit uͤber die Einheiten, in — 22— welchem Herr von Schlegel eine ganze poetiſche und literariſche Theorie uͤber dieſen Gegenſtand entwickelte; aber bei dieſer Veranlaſſung ſetzte er auf eine hoͤchſt ungerechte Weiſe das ganze in Frankreich angenom⸗ mene dramatiſche Syſtem herab. Niemand, ſelbſt Frau von Stael nicht ausgenommen, war der Mei⸗ nung des Herrn von Schlegel, nun wurde er ernſtlich boͤſe und aͤußerte gegen Frau von Stael: er ſich muͤſſe ſehr wundern, daß ſie eine Meinung beſtreite, die ſie in einem ihrer Werke ſelbſt aufgeſtellt habe.“ „In der That erwiederte Frau von Stael laͤ chelnd, ich waͤre wohl nicht der erſte Schriftſteller, der, im Vertrauen auf ſeinen Scharfſinn, der Verſu⸗ chugn unterlegen haͤtte, einen parodoxen Satz zu be⸗ haupten.“ Waͤhrend jetzt Herr von Schlegel ſich zu einer bittern Gegenbemerkung anſchickte, bat Herr von Sabran um die Erlaubniß, ein wenig Abwechſelung in dieſe Unterhaltung durch eine kleine Anecdote zu brin⸗ gen, die er einſtmals von dem Ritter von Boufflers habe erzaͤhlen hoͤren*) „In den erſten Regierungsjahren Ludwig XV. gal⸗ ten die Marſchallin von Luxemburg und die Graͤfin 3 *) Die Anecdote iſt wahr. — 23— Egmont fuͤr die zwei ſchoͤnſten Frauen am Hofe; die erſte war lebhaft, geiſtvoll und bezaubernd; die zweite ſchoͤn, aber es fehlte ihr an Geſchmack. Bei einem großen Hoffeſte erſchien die Graͤfin in einem praͤchtigen, aber auffallenden Anzug, den man laͤcherlich fand, und alle Anweſende waren der Meinung, daß dieſer ge⸗ ſchmackloſe Anputz ſie bis zum Unkenntlichwerden ver⸗ unſtalte. Nur die Marſchallin von Luxemburg be⸗ hauptete, daß das Kleid allerliebſt ſey, und gerade ſeine Eigenthuͤmlichkeit das Gefaͤllige deſſelben erhoͤhe. Man betrachtete ihr Lob als einen feinen Spott; aber an einem, zwei Tage ſpaͤter ſtattfindenden, Hofball war man nicht wenig erſtaunt, die Marſchallin gerade in einem ſolchen Anzug erſcheinen zu ſehen, welcher zwei Thge zuvor einen ſo uͤbeln Eindruck gemacht hatte. Man umringt die Marſchallin, man betrachtet ſie von allen Seiten, man erklaͤrt, daß man ſich geirrt, daß man den Anzug ganz falſch beurtheilt habe, daß er in der That ganz allerliebſt ſey. Indeſſen war das fruͤ⸗ here Urtheil nichts weniger als falſch, und nur die Grazie der Marſchallin hatte dieſen geſchmackloſen An⸗ zug gehoben....“ Hier endigte Herr von Sa⸗ bran ſeine Erzaͤhlung, indem er ſeine Blicke auf Frau von Stael heftete. Alles lachte, und Herr von Schle⸗ gel, der ſich von der Anwendung nicht das Geringſte traͤumen ließ, lachte wie die Uebrigen.„Ihre Fein⸗ heit iſt mir nicht entgangen“, ſagte er zu Herrn von Sabran,„ſie haben unſern literariſchen Streit, durch eine gar nicht hierher gehoͤrige Erzaͤhlung unterbrechen wollen.“ 8 „Nichts entgeht doch Herrn Schlegels Scharf⸗ ſinn“, bemerkte Herr Benjamin Conſtant. „Je nun, was den Scharfſinn betrifft, den wird man mir doch wohl nicht ganz abſprechen, in⸗ deſſen wird es Ihnen doch nicht gelingen, mich von dem eigentlichen Streitpunkte abzubringen. Ich komme mit Ihrer Erlaubniß auf die Frage zuruͤck, die ich ſo eben die Ehre hatte, der Frau von Stael vorzulegen, und erbitte mir ihre Antwort. „Die Wagen ſind angeſpannt“, ſagte Frau von Stael,„iſt's Ihnen gefaͤllig, ſo machen wir eine Spazierfahrt laͤngs dem Seeufer.“« Mit dieſen Wor⸗ ten ſtand ſie auf, und trotz allen Gegenvorſtellungen und allen bittern und lauten Bemerkungen des Herrn von Schlegel fuhr man ab.. Am Abend ſetzte man ſich gewoͤhnlich um eine Tafel zum Schreiben. Herr von Schlegel unterließ nicht, ſeine ewige Streitfrage aufs neue in Anregung zu bringen; er ſchrieb einen langen mit gelehrten Er⸗ klaͤrungen angefuͤllten Brief an Frau von Stael, und — 25— dieſe ſtellte ihn, ſtatt aller Antwort Athenais zu, wor⸗ auf beide in Lachen ausbrachen; dies verſetzte Herrn von Schlegel in eine ſo uͤble Laune, daß er ploͤtzlich aufſtand, das Zimmer verließ und zu Bette ging. Unterdeſſen ſchrieb Seymour, der dieſen guͤnſtigen Augenblick benutzen wollte, ein Billet an Athenais, welches die leidenſchaftlichſte Liebeserklaͤrung enthielt. Athenais fand nicht fuͤr gut es zuruͤckzugeben, was vielleicht einen unangenehmen Auftritt haͤtte herbei⸗ fuͤhren koͤnnen, ſie nahm ein Blaͤttchen Papier, aber ſtatt zu ſchreiben, machte ſie einige Punkte darauf. Nachdem Seymour uͤber dieſes ſtumme Billet einige Augenblicke nachgedacht hatte, beantwortete er es fol⸗ gender Maßen: „Zehen Puncte! zuverlaͤſſig bezeichnen dieſe ein 1„Wort, daß Sie nicht niederzuſchreiben wagen, und „dieſes Wort beſteht aus zehen Buchſtaben. Ha! ich „errathe es, mit Entzuͤcken errathe ich es. Dieſe „zehen Puncte bedeuten: Ausgeharrt(perseverez)! „ich bedurfte dieſes Befehls nicht, aber ich fuͤhle mich „unausſprechlich gluͤcklich, ihn von Ihrer Hand zu „erhalten! Bis in die Gruft werde ich dieſes geheim⸗ „nißvolle Billet bewahren, das mich zum gluͤckſeligſten „aller Menſchen macht.“ — 26— Laͤchelnd las Athenais dies Briefchen, ihre Ant⸗ wort lautete: 4 „Ich ſehe wohl, daß die Eigenliebe ein mehr erfin⸗ „deriſcher als ſcharfſinniger Ausleger iſt.“ Seymour erwiederte, daß ihn nichts in der Welt von ſeiner erſten Deutung abwendig machen, und daß ſeine Beharrlichkeit bis in die Gruft dauern werde. So endigte ſich dieſer Abend. Des andern Morgens kuͤndigte Frau von Stael der Geſellſchaft als eine wichtige Neuigkeit die Ankunft des jungen Prinzen Friedrichs von Preußen auf dem Schloſſe an. Dieſer Prinz war fuͤnf Monate fruͤher in der Schlacht bei Eylau zum Gefangenen auf Ehren⸗ wort gemacht worden. Er hatte ſich in Metz und Soiſſons aufgehalten, und da ihm die Erlaubniß er⸗ theilt worden war, durch die Schweiz nach Italien zu gehen, ſo ſtattete er, bei dieſer Gelegenheit der Frau von Stael, welche er in Berlin hatte kennen gelernt, ſeinen Beſuch ab. Dieſe Nachricht machte auf die in der Geſellſchaft befindlichen Frauen einen ſehr angeneh⸗ men Eindruck, ſie fuͤhlten eine lebhafte Theilnahme fuͤr dieſen jungen Prinzen, deſſen glaͤnzende Tapfer⸗ keit, ſo wie ſein Ungluͤck und der ſchoͤne Name Friedrich von Preußen, ihre Einbildungskraft mit erhabenen und romantiſchen Ideen erfuͤllten. Dieſer Eindruck — 27— ſprach ſich bei ihnen und insbeſondere bei Athenais ſo deutlich aus, daß er faſt bei allen Maͤnnern eine heim⸗ liche Eiferſucht erregte, welche beſonders Herr von Schlegel mit ſeiner gewoͤhnlichen Feinheit aͤußerte: „Aber,“ ſagte er,„dieſer koͤnigliche Prinz wird uns ſehr geniren. Wie lange wird er wohl hier bleiben?“ „So lange er ſich hier gefaͤllt,« antwortete Frau von Stael,„ich hoffe wenigſtens vierzehn Tage, und ich werde Alles aufbieten, um ihm den Aufenthalt in Coppet angenehm zu machen.“ „Weil es ein Prinz iſt,“ bemerkte Herr von Schlegel,„und ein Prinz iſt doch auch nur ein Menſch.“ „In Wahrheit ein erhabener Gedanke,“ erwie⸗ derte Frau von Stael. „Er iſt nicht neu“, ſagte Seymour,„aber wahr. Wenn dieſer Prinz ein bloßer Privatmann waͤre, wuͤrde er Ihnen wohl, gnaͤdige Frau, eine ſo lebhafte Theilnahme einfloͤßen?“ „Nein, zuverlaͤſſig nicht, denn, der wuͤrdig gefuͤhrte Name des großen Friedrichs muß allerdings mehr Theilnahme erregen, als der Name eines bloßen Privatmannes.“ „Ja“, ſagte Athenais,„es liegt in dieſen ge⸗ ſchichtlichen Namen ein gewiſſes Etwas, das die — 28— Einbildungskraft erregt und, wenn zugleich die Erin⸗ nerung großer ungluͤcksvoller Ereigniſſe ſich an ſie ket⸗ tet, eine herzergreifende Ruͤhrung hervorbringt.“ „Beſonders, wenn dieſe Prinzen jung und ſchoͤn ſind, nicht wahr, mein Fraͤulein?“ fuͤgte Herr von Schlegel hinzu. Er brach bei dieſer Frage, die er fuͤr ein beſonders feines und boshaftes Epigramm hielt, in ein lautes Gelaͤchter aus.— Athenais erroͤthete, Seymour, deſſen Blick unverwandt an ihr heftete, ſeufzte, und Frau von Stael ſagte: „Ohne Bedenken geſtehen wir, daß die Helden uns doppelt gefallen, wenn ſie liebenswuͤrdig ſind.“ „Der Prinz iſt alſo liebenswuͤrdig?“ „Sehr liebenswuͤrdig“, erwiederte Herr von Montmorency,„wenn er Luſt zu gefallen hat. „Ach dieſe Luſt wird ihm hier nicht fehlen“ ſagte Seymour. In dieſem Augenblick vernahm man das Rollen einer Kutſche. Es kam Beſuch. Frau von Montau⸗ lieu, Madame Necker, der Graf Golofkin und der Prinz Wolkonski traten in den Saal. Der beredte Zorn des Herrn von Schlegel wurde hierdurch unter⸗ brochen, und ſein Abſehen ging von nun an nur da⸗ hin, in der ſchwermuͤthigen und weinerlichen Gattung der Romantik, und durch einige Abhandlungen uͤber Romanenweſen vor den Neuangekommenen zu glaͤn⸗ zen. Inzwiſchen hatte er noch einen neuen Verdruß. Frau von Stael erklaͤrte, daß, anſtatt des Abends zu ſchreiben, man ſich muͤndlich unterhalten wuͤrde, denn da der Prinz weder mit den Privatintereſſen noch mit den geſellſchaftlichen Scherzen der Verſammlung be⸗ kannt ſey, ſo werde er an dieſem Vergnuͤgen nicht Theil nehmen koͤnnen, weshalb man es alſo ausſetzen wolle. „Es iſt indeſſen grauſam, daß ein Prinz kom⸗ men muß, um die Einrichtungen eines ganzen geſell⸗ ſchaftlichen Kreiſes umzukehren; es iſt hart ſich einem ſolchen Despotismus unterwerfen zu muͤſſen.“ Man lachte uͤber den ſo wohl angebrachten„Des⸗ potismus“, ohne daß Herr von Schlegel ſich da⸗ durch beleidigt fuͤhlte, er glaubte vielmehr ſich recht treffend ausgedruͤckt zu haben, denn er hielt gewoͤhnlich das Lachen, welches er erregte, fuͤr Beifall. Die Eigenliebe verleiht ſo Manchem dieſen milden Cha⸗ racterzug. Den ganzen uͤbrigen Theil des Tages ſprach man blos von dem Prinzen, von ſeinem Muthe, und von dem ungluͤcklichen Ereigniſſe, das ihn hindere, ins Vaterland zuruͤckzukehren. „Es iſt eben ſo merkwuͤrdig als romantiſch“, be⸗ merkte Frau von Kruͤdener,„daß dieſer junge, ſeiner erhabenen Familie, ſeinem verwuͤſteten Lande entriſſene Prinz von der Vorſehung in dieſes mit beruͤhmten Ver⸗ bannten angefuͤllte Schloß gefuͤhrt worden iſt. „Ja,“ erwiederte Frau von Stael,„die blinde Macht, welche die Jahrbuͤcher der Weltgeſchichte mit ganzen Seiten von Ereigniſſen angefuͤllt, die die Nach⸗ welt fuͤr Fabeln erklaͤren wird, dieſe Macht, welche, ſtatt auf Befeſtigung bedacht zu ſeyn, ſich nur durch den Umſturz von Thronen zu erweitern ſtrebt, kehrt alle Privatverhaͤltniſſe um, und jedes von ihr bewirkte welt⸗ geſchichtliche Ereigniß beut zu eben ſo vielen Wunder⸗ romanen einen kaum zu erſchoͤpfenden Stoff dar. Aber,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Blicke auf Athenais und Herrn von Montmorency wendete,„darf ich mich uͤber einen Despotismus beklagen, der, indem er mich aus Frankreich entfernte, mir gezeigt hat, wie weit die Großtluth der treuen Freundſchaft gehen kann. Dieſe Haͤrte hat nur dazu gedient, einen Kreis von Freunden um mich zu verſammeln, die mir ſo unendlich theuer ſind... „Ach,“ erwiederte Athenais, in dem ruͤhrendſten Tone,„kann man in Ihrer Naͤhe ſich fuͤr verbannt halten?“ Noch an dieſem Tage kam ein zweiter Courier des Prinzen mit der Nachricht an, daß er beſtimmt am folgenden Tage zwiſchen vier und fuͤnf Uhr Nachmit⸗ tags auf dem Schloſſe eintreffen werde. Alle Damen des Schloſſes verſammelten ſich an dieſem wichtigen Tage punct vier Uhr im Saale. Die Maͤnner machten die Be⸗ merkung, daß die Frauen ſaͤmmtlich in einem viel groͤße⸗ ren Staate als gewoͤhnlich erſchienen, mit Ausnahme der einzigen Athenais, die dem Anſchein nach hoͤchſt einfach, aber ſo ausgeſucht geſchmackvoll und elegant gekleidet war, daß es dem Scharfblick des unruhigen Seymour nicht entgehen konnte. Er hatte ſich in einem entfern⸗ ten Winkel des Saals neben Werner geſetzt. „Ach, mein Freund“, ſagte er zu dieſem, ganz leiſe:„nie war ſie ſo ſchoͤn; ich bin verloren.“ „Wie ſo?“ „Seyn ſie uͤberzeugt, daß der Wunſch zu ge⸗ fallen einen gewiſſen Zauber uͤber die Schoͤnheit ver⸗ breitet, der ſie noch um eines ſo reizend macht.“ „Wunſch zu gefallen! Sie hat ihn ja noch nie geſehen.“ „Sie hat aber oft von ihm reden gehoͤrt! Ihre Einbildungskraft iſt exaltirt, verfuͤhrt... Ein Prinz im Glanze der Jugend, der Tapferkeit und eines ro⸗ mantiſchen Mißgeſchicks, dieſer Name, der an eine ſo beruͤhmte Regierung, an einen ſo glaͤnzenden Ruhm aus der neuern Zeitgeſchichte erinnert; dieſer durch die — 32— Kuͤnſte und die Waffen ſo hoch erhabene Thron, den jetzt der Krieg uͤber der kaum verſchloſſenen Gruft des großen Friedrichs untergraͤbt und niederſchmettert, welche wundervolle Begebenheiten! Welchen Eindruck muͤſſen ſie nicht auf das Herz eines ſo jungen weib⸗ lichen Weſens von ſo lebhafter Einbildungskraft ma⸗ chen, das die Liebe noch nicht gekannt hat!... Rech⸗ nen Sie denn endlich den Einfluß dieſes verwuͤnſchten Schloſſes fuͤr nichts, wo Alles anders als anderwaͤrts iſt, wo Liebe und Freundſchaft ein ganz anderes Gepraͤge tragen, als in der Alltagswelt, wo man eine anſteckende Luft athmet, die alle Koͤpfe erhitzt und verdreht, und der Unterhaltung, den Leidenſchaften, ſelbſt den aus dieſem magiſchen Aufenthalte geſchriebenen Briefen, ich weiß nicht was fuͤr einen außergewoͤhnlichen und zau⸗ beriſchen Anſtrich gibt, dem es vielleicht zuweilen an Wahrheit fehlen mag, der aber nichts deſtoweniger die Einbildungskraft unterjocht und mit ſich fortreißt...“ Werner laͤchelte bei dieſen Worten, und Seymour hielt innen; er ſah Athenais aufſtehen und den Saal verlaſſen. 3 Unruhig und befangen ging Athenais auf ihr Zim⸗ mer. Sie oͤffnete ein Fenſter, aus welchem man Alles, was in das Schloß kam, beobachten konnte; ſie zog die Jalouſien nieder, und ſetzte ſich an dieſes Fenſter. Sie — 33— ergriff ein Buch, aber in ihrem aufgeregten Zuſtande war es ihr nicht moͤglich auch nur eine Zeile zu leſen... So verſtreicht eine Viertelſtunde... ploͤtzich faͤhrt ſie zuſammen, ſie bemerkt einen Wagen, ſie ſteht ſchnell auf, neigt ſich nach der Jalouſie hin, der Wagen rollt dem Thore zu— jetzt haͤlt er, oͤffnet ſich, und Athenais ſieht herzklopfend den jungen Prinzen ausſteigen. Sie kann ſeine Zuͤge nicht erkennen, aber ſein gefaͤlliger Anſtand, ſein edler Gang und die ausgezeichnete Ele⸗ ganz ſeiner ganzen Haltung nimmt ſie ein. Der Prinz tritt in das Schloß. Athenais hoͤrt die Stimme der Frau von Stael, die ihm entgegen gegan⸗ gen war, um ihn an dem Eingang des Vorhauſes zu empfangen.. Waͤhrend die etwas außer Faſſung gerathene Athe⸗ nais annoch zoͤgerte, das Zimmer zu verlaſſen, ob ſie gleich vor Begierde brannte, in den Saal zuruͤckzukehren, betrat ihn, von ſeinen Adjutanten gefolgt, der Prinz, an der Hand der Frau von Stael. Dieſe ſtellte ihm ſogleich die in demſelben befindlichen Damen vor, und nannte ihm die anweſenden Herren. Waͤhrend dieſer Vorſtellungen warf der Prinz, der noch eine mehr erwartet hatte, die Augen zerſtreut außerhalb des ihn umringenden Zirkels. Endlich nahm er neben Frau von Stael Platz, und die Unterhaltung wurde allge⸗ 3 — 34— mein. Mit einem Male oͤffnet ſich langſam die Thuͤre und Athenais naͤhert ſich. Der Prinz erhebt ſich mit Lebhaftigkeit. An der Eleganz ihrer Taille, an dem blendenden Glanze ihrer Geſtalt iſt es ihm unmoͤglich, ſie zu verkennen, aber er hatte ſich von ihr eine ganz andere Vorſtellung gemacht, er hatte ſich dieſes durch ſeine Schoͤnheit ſo beruͤhmte weibliche Weſen als eine auf ihre Siege ſtolze Frau mit einer feſten Haltung und mit jenem Selbſtvertrauen gedacht, welches dieſer Art von Beruͤhmtheit nur zu oft eigen iſt; dagegen ſahe er jetzt eine junge ſchuͤchterne Perſon ſich verlegen und erroͤthend naͤhern, und ein ungemein ſuͤßes Gefuͤhl verband ſich in dieſem Augenblicke mit ſeinem Erſtau⸗ nen, ſo daß er nicht aufhoͤren konnte, ſie anzuſehen. Bei der Mittagstafel wies Frau von Stael dem Prinzen Friedrich ſeinen Platz zwiſchen ihr und Athe⸗ nais an. Trotz aller Beredſamkeit der Erſteren konnte der Prinz dennoch ſeiner hoͤchſt auffallenden Zerſtreuung nicht Meiſter werden. Athenais ſchien nicht minder befangen. Seymour, dem nichts entging, verließ die Tafel in Verzweiflung.. Wegen der ungeheuern Hitze machte man nach der Tafel keine Spazierfahrt; ſondern die Geſellſchaft ging nach der Gallerie hinunter, um ſich bis zur Stunde der Promenade mit Muſik zu unterhalten. Eine ſehr elegant verzierte Harfe wurde Athenais uͤberreicht. Nach einigen glaͤnzenden Accorden und harmoniſchen Griffen von bezaubernder Anmuth, ſang Athenais, unter Begleitung der Harfe, ein allerliebſtes Lied der Koͤnigin von Holland: fais ce que dois, advienne que pourra.(Thu was du ſollſt, erfolge was da will.) Der Bezug dieſer Worte auf die Verhaͤltniſſe der beruͤhmten Verwieſenen, der Zauber, die Schoͤnheit der Stimme Athenais, die Grazie ihrer Haltung erregten eine Be⸗ wunderung, die in Begeiſterung uͤberging. Der Prinz hoͤrte ihr mit Entzuͤcken zu, und als ſie aufgehoͤrt hatte zu ſingen, betrachtete er ſie mit einer nicht zu beſchrei⸗ benden Verwirrung, indem er die Stelle des Lieds: Et des talens!...(und Talente) laut wiederholte. Der in dieſe Worte gelegte Ausdruck war ſo umfaſ⸗ ſend, und ſie wurden in einem ſo ergreifenden Tone ausgeſprochen, daß er Athenais bis ins Innerſte erſchuͤt⸗ terte. Um ihre Bewegung zu verbergen, ſtand ſie auf, und ſetzte ſich an einen ganz am entgegengeſetzten Ende der Gallerie befindlichen Tiſch. Ein Theil der Geſell⸗ ſchaft ſchloß ſich ihr an. Endlich nahm man an der Tafel Platz, wo die gewoͤhnliche Correſpondenz begann. Die Adjudanten des Prinzen und einige andere Perſo⸗ nen ergingen ſich auf der Terraſſe. Der Prinz, wel⸗ cher keine Luſt zum Schreiben hatte, blieb neben Frau 32* ϑ — 36— von Stael ſitzen. Mitten unter dieſen mit andern Dingen beſchaͤftigten Perſonen befand er ſich gewiſſer Maßen mit ihr unter vier Augen, was ihm ſehr er⸗ wuͤnſcht war. Es entſpann ſich nun zwiſchen ihnen ein leiſes Geſpraͤch, was der Prinz mit Fragen uͤber alle anweſende Perſonen begann, um die er ſich im Grunde ſeines Herzens nur wenig oder gar nicht be⸗ kuͤmmerte; als er ſie ſaͤmmtlich die Muſterung hatte paſſiren laſſen, ohne viel auf die Antwort zu merken, fuͤhlte er ſelbſt, daß es doch unnatuͤrlich ſey, ſich den Schein geben zu wollen, als ob man die merkwuͤrdigſte unter allen vergeſſen habe, und daß er durch dieſe Art von Vernachlaͤſſigung ſein Gefuͤhl am aller erſten ver⸗ rathen muͤſſe. Es war ihm unmoͤglich, den Namen Athenais auszuſprechen; ſchweigend und in hoͤchſter Verlegenheit ſahe er Frau von Stael an. Die Gei⸗ ſtesgegenwart vermag wohl dasjenige zu verbergen, was unſern Kopf und unſere Einbildungskraft beſchaͤf⸗ tigt, aber ſelten iſt ſie geſchickt genug, die Bewegungen des Herzens zu verſchleiern. Die auf den Prinzen gehefteten großen und durchdringenden Augen der Frau von Stael ſetzten ihn in eine Art von Beſtuͤrzung. Er wußte nicht, wie er es anfangen ſollte, um dieſe Unterhaltung fortzuſetzen, als ploͤtzlich in der Gallerie die kreiſchende Stimme des Herrn von Schlegel er⸗ — 37— ſchallte. Dem Prinzen kam dieſe Stoͤrung, die ihn aus ſeiner Verlegenheit zog, ſehr erwuͤnſcht. Er ſtand auf, naͤherte ſich dem Herrn von Schlegel, und fragte ihn lachend nach dem Grunde des ſo lauten Ausbruchs ſeiner Beſchwerden. Herr von Schlegel benachrich⸗ tigte nun dem Prinzen, daß Athenais ſich hartnaͤckig weigere, ihm zu antworten, und eine hoͤchſt intereſſante, am vorigen Abend begonnene Streitfrage durchaus nicht fortſetzen wolle. Nie habe er ſie, fuͤgte er hinzu, ſo zerſtreut geſehen, als heute. Frau von Stael eilte jetzt herbei, um das Ungewitter zu beſchwoͤren; ſie legte dem Herrn von Schlegel mit leiſer Stimme Stillſchweigen auf, ergriff Athenais Arm, und ging mit ihr auf die Terraſſe. Der Tag neigte ſich, die Luft war mild und mit Wohlgeruͤchen erfuͤllt, Frau von Stael ließ ſich mit Athenais und dem Prinzen auf einer Gartenbank nieder. Hier unterhielt man ſich geraume Zeit hoͤchſt angenehm. Als ſich indeſſen mehrere Perſonen hinzugeſellten, ſchien der Prinz erſt zu bemerken, daß er die ganze vorige Nacht durchgefah⸗ ren, und daher ſehr ermuͤdet ſey, und zog ſich zuruͤck; aber er hatte weder Luſt zu ſchlafen noch ſelbſt ſich nur niederzulegen. Er behielt einen ſeiner Adjudanten bei ſich, der durch ſeine Heiterkeit, ſeine ſchaͤtzbaren Ei⸗ genſchaften, und ſeine Anhaͤnglichkeit ſich ſein Ver⸗ —-——— — 38— trauen und ſeine Freundſchaft erworben hatte, und redete ihn mit den Worten an: „Ich habe Ihnen viel zu erzaͤhlen, mein lieber William, Sie werden erſtaunen!“ „Gar nicht, Ihro Hoheit,“ erwiederte William laͤchelnd,„Sie ſind auf vierzehn Tage, die wir hier auf dieſem Schloſſe zubringen wollen, verliebt.“ „Auf die Dauer meines ganzen Lebens,“ erwie⸗ derte der Prinz in dem ernſthafteſten Tone:„Ja, fuͤr das ganze Leben!“ Bei dieſen Worten ſtand William wie verſteinert. „Ha,“ ſagte er,„dies iſt fuͤr mich in der That etwas ganz Neues, nie haben Ihro Hoheit ſich noch gegen mich auf dieſe Weiſe ausgeſprochen. „Weil ich bis jetzt nur fluͤchtige Neigungen ge⸗ kannt habe; ich liebe jetzt zum erſten Male, und ich fuͤhle, daß dieſer tiefe Eindruck in meinem Herzen ſich nie vermindern wird. Welches Weib wird je aus mei⸗ nem Gedaͤchtniß das Andenken an dieſes bezaubernde Weſen verloͤſchen koͤnnen, deſſen Bild mir uͤberall fol⸗ gen wird. Dies Ungluͤck fehlte mir noch in meiner grauſamen Lage. Ich hatte in mir ſelbſt hinlaͤngliche Kraft gefunden, um die ſchrecklichſten Unfaͤlle, das ploͤtzliche Hinſchwinden der Taͤuſchungen des Ehrgeizes und des Blendwerks der Groͤße, mit Muth zu ertra⸗ gen, aber wenn die Staͤrke der Seele uns bei ſolchen Ungluͤcksfaͤllen aufrecht erhalten kann, was vermag ſie gegen die Wunden des Herzens? Der Stolz kann dem Schickſale Trotz bieten, aber gegen die Liebe iſt er ohnmaͤchtig.“ „Warum wollen aber Ihro Hoheit ſich ſo ſchnell der Verzweiflung uͤberlaſſen? Kann diejenige, die Ih⸗ nen eine ſo heftige Leidenſchaft einfloͤßt, ſie nicht auch erwiedern?... Ihro Hoheit haben mir ſo oft vorge⸗ worfen, ich ſei ein neugieriger Frager, und dies ſind Fehler, die man in dieſem Schloſſe ſich wieder ange⸗ woͤhnen koͤnnte, wenn man ſie abgelegt haͤtte.— Nun denn, gnaͤdigſter Herr, ich weiß bereits eine Menge Dinge.“ „Nur ein einziger Gegenſtand erregt meine Theil⸗ nahme.“ „Ich werde Ihnen ſogleich mit einer Antwort dienen..— Athenais hat bis jetzt keine Leidenſchaft, die ſie eingefloͤßt hat, erwiedert. Blos fuͤr Freund⸗ ſchaft empfaͤnglich, hat ſie die Liebe nie gekannt.“ „Waͤr' es moͤglich!“ „Dies behauptet Jedermann.. Dieſer, kurz vor uns angekommene, Englaͤnder iſt ſterblich in ſie ver⸗ liebt. ⸗ “ —-— — „Ich habe es bemerkt; und Sie glauben, daß er hoffnungslos liebt?“ „Ich bins gewiß— Werner und Schlegel haben mir verſichert, daß ſie dieſem armen Inſulaner den Kopf voͤllig verdreht hat; aber er taͤuſcht ſich uͤber ſeine ungluͤckliche Leidenſchaft nicht, und iſt uͤberzeugt, daß ſie ſie nie erwiedern wird.“ „Und warum ſollte ich gluͤcklicher ſeyn? Mir da⸗ mit zu ſchmeicheln, waͤre eine Anmaßung, eine Gecken⸗ haftigkeit... c⸗ „Guaͤdigſter Herr, außer der Jugend und den aͤußern Annehmlichkeiten werden Sie noch durch die Geburt und den Rang unterſtuͤtzt, Sie ſind der wahre Held eines die hoͤchſte Theilnahme erregenden Romans. Wie koͤnnen Sie glauben, daß ein weibliches Weſen allen dieſen Vorzuͤgen zu widerſtehen vermoͤge? Und vollends in dieſem Aufenthalte, den man das Schloß der Liebe und der Dichtungen nennen koͤnnte, und wo Ihre Gegenwart die erhabenſten und intereſſanteſten Fictionen des Heldenromans verwirklicht!— Denn Sie erſcheinen vom Schickſale verfolgt, aber in der Glorie des Muthes und des Ruhms, und endlich aus⸗ gezeichnet durch den beruͤhmteſten Namen, durch glaͤn⸗ zende Abentheuer und eine maͤchtige Leidenſchaft.“ — 41— „Nein, William, und wenn ich die Hoffnung haͤtte, ihr Herz zu ruͤhren, ſo wuͤrde ich doch ihr reines Ge⸗ fuͤhl und ihre Ruhe ehren.“ „Sie werden ihr alſo Ihre Gefuͤhle nicht erklaͤren, gnaͤdigſter Herr?“ „Nein, ſie ſoll ſie nie erfahren und ich werde in wenig Tagen dieſen gefaͤhrlichen Aufenthalt verlaſſen.“ „Wie, ſo bald?“ „Es iſt unvermeidlich, ich habe fuͤr meine Ruhe mich hier ſchon zu lange verweilt.“ Waͤhrend der Prinz ſeinem Freunde ſein Herz eroͤffnete, unterhielt ſich Frau von Stael, die ſich in ihre Zimmer zuruͤckgezogen hatte, ihrer Seits uͤber denſelben Gegenſtand mit Athenais.„Ja,“ ſagte ſie, „Werner hat ſo gar Unrecht nicht, die Liebe ſteht unter einer geheimen Macht, welche trotz Entfernung und ſogenannten geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſen diejenigen zuſammenfuͤhrt, die ſich lieben ſollen. Es mußte, um den Prinzen von Preußen hierher zu bringen, Napo⸗ leon die Schlacht von Eylau gewinnen, die preußiſche Monarchie von ihrer Groͤße herabſinken, dieſer junge Prinz in Gefangenſchaft gerathen, es mußte ihm die Luſt anwandeln nach Italien zu reiſen, und ſich auf dieſem Schloſſe zu verweilen, und hier mußte er Sie — 42— als Verbannte finden. Ohne alle dieſe Ereigniſſe wuͤr⸗ den Sie einander nie begegnet ſeyn.“ „Ich bewundere die Leichtigkeit, mit welcher Sie einen Roman zuſammenſetzen,“ antwortete laͤchelnd Athenais.„Dieſe Liebe des Prinzen exiſtirt nur in Ihrem Kopfe.“ „In ſeinem Herzen iſt ihr eigentlicher Sitz. Wir haben heute die erſten Seiten eines ſchoͤnen Romans, eines Heldengedichts durchlaufen; aber die Ehre der Erfindung gehoͤrt nicht mir, meine Einbild ungkraft hat keinen Theil daran, ich habe es nicht entworfen.“ „Nun, und wer denn ſonſt?“ „Sie, Ihre Zuͤge, Ihre Liebenswuͤrdigkeit, Ihr Geiſt, Ihre ganze Perſoͤnlichkeit.“ „Nein, nein, die Romane dieſer Gattung ſind zu 6 gefaͤhrlich, ich mag keinen ſpielen. „Der, von dem ich ſpreche, ſage ich Ihnen.“ „Nun ſo wird er ein bloßes Fragment bleiben.“ „Eine wahrhafte Leidenſchaft iſt nothwendiger Weiſe von Dauer, und dieſe, ſo wie ſie ſich ausſpricht, wuͤrde Stoff zu einem epiſchen Gedichte liefern.“ „Das will viel ſagen. Und die Entwickelung?“ „Sind Sie nicht frei, ſobald Sie nur wollen?“ „Wo denken Sie hin? Eine Scheidung?“ hat bereits begonnen, — 43— „Derjenige, deſſen Namen Sie fuͤhren, wuͤrde ſich nicht dagegen ſetzen, ſobald es Ihr Gluͤck befoͤrdern koͤnnte.“ „Haben Sie vergeſſen, daß ich Katholikin bin.“ „Frankreichs Geſetze laſſen jetzt die Eheſcheidungen zu, und in ihrer Lage koͤnnten Sie ohne Ihr Gewiſſen zu beſchweren, darauf antragen.“ „Nein, niemals. Haben Sie denn uͤbrigens die Geburt und den Rang desjenigen vergeſſen, bei wel⸗ chem Sie eine ſo chimaͤriſche e denſchaft vorausſetzen?“ „Sie iſt nicht chimaͤriſch, die Liebe weiß alle Hin⸗ derniſſe zu beſeitigen. Sie wird uͤber ihre zarten Be⸗ denklichkeiten und uͤber ſeine Vorurtheile ſiegen.“ „Wie ſchnell Sie in wenig Minuten vorwaͤrts eilen.“ 1 „Herz und Phantaſie geben mir meine Prophe⸗ zeihung ein, und von ihnen geleitet, uͤberblickt man, in Liebesangelegenheiten, mit einem Male die ganze Zukunft. Sagen Sie mir, habe ich mir, in demjeni⸗ gen, was ich Ihnen von dem Prinzen ſagte, eine Ue⸗ bertreibung zu Schulden kommen laſſen? Eine ſchoͤne Geſtalt, regelmaͤßige Zuͤge, braune Haare, blaue Au⸗ gen, eine ausdrucksvolle Geſichtsbildung, einen edlen Character, eine erhabene Seele... was wollen Sie mehr?? — 44— „Aber hier iſt von keiner Wahl die Rede, ich wauͤnſche weiter nichts als meine Ruhe und den Frieden meiner Seele zu erhalten.“ Dieſe Unterhaltung verlaͤngerte ſich bis ſpaͤt in die Nacht, und obgleich Athenais ihre Anſichten ſtandhaft behauptete, ſo mißfielen ihr doch die Ausfaͤlle der Frau von Stael gegen die Gleichguͤltigkeit gerade nicht. Am andern Morgen erklaͤrte der Prinz gegen Frau von Stael ſeinen Wunſch, ſich mit ihr ausſchließlich, oder wenigſtens nur in einem kleinen Kreis von den ihr am naͤchſten ſtehenden Freunden unterhalten zu koͤnnen, da er in einer Umgebung von hundert Perſonen Ihres naͤhern Umgangs gar nicht genießen koͤnne. Frau von Stael verſprach ihm, ſich alle Abende bald zuruͤck⸗ zuziehen, und ſchlug ihm vor, ſie auf ihrem Zimmer zu beſuchen. Sie wuͤrde, fuͤgte ſie hinzu, nur Athenais und die Herren von Montmorency und von Sabran zu dieſen Abendunterhaltungen einladen. Dem Prinzen ſchien dieſer Vorſchlag viel Vergnuͤgen zu machen. Am Abend, nach dem Nachteſſen, ſah er wohl zehn Mal nach der Stutzuhr, und konnte ſich der Bemerkung nicht enthalten, daß ſie wohl zu langſam gehen moͤchte; Frau von Stael laͤchelte; endlich um eilf Uhr brach ſie auf. Einige Anweſende blieben noch in dem Saale, andere zogen ſich zuruͤck; diejenigen, welche die Erlaub⸗ 44 niß erhalten hatten, Frau von Stael zu folgen, begaben ſich auf ihr Zimmer, nach dem man einige Zeit ge⸗ ſchwatzt hatte, baten Frau von Stael und Athenais den Prinzen, ihnen einige naͤhere Umſtaͤnde uͤber ſeine Gefangennehmung mitzutheilen, was er auch ungefaͤhr auf folgende Weiſe that. „Bei der gaͤnzlichen Aufloͤſung unſeres Heeres nach der ungluͤcklichen Schlacht von Eylau, verſuchte ich vergebens die zerſtreuten Fluͤchtlinge zu ſammeln, ich ſtuͤrzte mit meinem Pferde in einen Sumpf, aus dem es mir durchaus unmoͤglich war, mich heraus zu arbei⸗ ten. Von Anſtrengung erſchoͤpft, und bei einem, trotz der leichten Verwundung, immer bedeutendem Blut⸗ verluſte, ſchwanden ſehr bald meine Kraͤfte. Ich wurde nicht ohnmaͤchtig, ich behielt vielmehr meine ganze Beſinnung, um in dieſer ſchrecklichen Nacht den Kelch der Leiden, ſo viel deren nur immer ein menſch⸗ liches Weſen zu ertragen vermag, bis auf den Boden zu leeren. Die Nacht brach ein, der Himmel war dunkel und bedeckt. In dem Moraſte verſunken, und beinahe begraben, mitten im Geroͤhrig und von tiefer Finnſterniß umringt, bedurfte ich blos des Muthes der Geduld, der aber den Kriegern gewoͤhnlich fremd iſt. Ich mußte mich darein ergeben, unbemerkt, und in einer niederdruͤckenden Unthaͤtigkeit mein Leben zu en⸗ — 46— digen. Welche herzzerreiſſende Erinnerungen ſtellten ſich nicht meiner Einbildungskraft waͤhrend dieſer furchtbaren Todesangſt dar! Unter welchen bittern Gefuͤhlen ſchwebten nicht die Thaten des großen Frie⸗ drichs, der Ruhm der preußiſchen Heere, und die glaͤn⸗ zenden Hoffnungen meiner fruͤhern Jugend meinem Geiſte vor!..... Ich fuͤhlte zu gleicher Zeit die furchtbare Laſt des Ungluͤcks, das einem ſolchen Ruhme folgte, das Mißgeſchick meiner Familie, meines Vater⸗ landes, und den neuerlichen Tod meines Bruders. Ich ſtand nicht mehr an der Spitze einer trefflichen Armee, vor welcher ich geglaubt hatte den heiligen Schatten des großen Friedrichs zu erblicken, der uns den Weg zum Sieg zeige, ich konnte dieſe glorreiche Laufbahn nicht mehr verfolgen. Das unerbittliche Schickſal, der unbiegſame Arm des Ungluͤcks hielt mich in einem Abgrund gefeſſelt, der mein Grab zu werden drohte. Das blendende Gebilde des Ruhms war verſchwunden, und von den Meinen getrennt, mit meinem Schmerz und mit meinen Erinnerungen allein, umſchwebte mich in der dunkeln Nacht, in die ich verſunken war, nichts als das blutige Bild meines ungluͤcklichen Bruders. Um Mitternacht zogen mich endlich franzoͤſiſche Offi⸗ ziere und Soldaten aus dem Sumpfe. Ich nahm keinen Anſtand mich zu erkennen zu geben, und ſie fuͤhrten mich ſogleich in das ganz nahe bei dieſer Stelle befindliche Zelt Napoleons. Meine Kleider waren mit Blut und gruͤnlichem Schlamme bedeckt. Napo⸗ leon ſchien ſich uͤber meinen Anblick zu verwundern. Man berichtete ihm mit wenigen Worten, auf welche Weiſe ich gefangen worden war. Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung hafteten Napoleons Blicke unverwandt auf mir, und ich, meines Theils, ſahe ihn ebenfalls ſcharf an. Nach Beendigung des Rapports ſagte er zu mir: „Ihr Bruder hat ſich toͤdten laſſen, wie ein Narr!« „Wie ein Held,“. unterbrach ich ihn„und ich beneide ſein Loos.“ „Da haͤtten Sie Unrecht,“ erwiederte er,„Sie werden gut behandelt werden, und Gefangener auf Parole ſeyn.“ „Bei dieſen Worten verbeugte ich mich und ver⸗ ließ ihn.“ „Man transportirte mich nach Metz, und nach einem Monat erhielt ich die Erlaubniß nach Soiſſons zu gehen. In beiden Staͤdten hatte ich alle Urſache mit der franzoͤſiſchen Urbanitaͤt zufrieden zu ſeyn. Ich erkannte ſie dankbar an, aber ohne davon Gebrauch zu machen. Ich verzichtete auf Geſellſchaft und Feſte. In ſolchen Widerwaͤrtigkeiten ſchreibt das Gefuͤhl eig⸗ ner Wuͤrde, welches Klage und Murren verpoͤnt, zu⸗ gleich eine ernſte Haltung und Eingezogenheit vor. Mein einziges Vergnuͤgen beſtand in der Lectuͤre, und mein naͤherer Umgang erſtreckte ſich nur auf einen ge⸗ wiſſen Dorſan; es war ein zu Grunde gerichteter und ſeit Kurzem erſt wieder zuruͤruͤckgekehrter Emigrant, ein Mann von Verdienſten und Kenntniſſen. Er hatte einen Buchhandel errichtet, und lebte, mit ſeinem Handelsgewinn zufrieden, als ein wahrer Philoſoph, indem er faſt den ganzen Tag in ſeinem Magazin unter ſeinen Buͤchern zubrachte, die ſeine einzige Ge⸗ ſellſchaft ausmachten. Da er es ſich außerordentlich angelegen ſeyn ließ, mir alle diejenigen zu verſchaffen, die ich wuͤnſchte, und oͤfters meine Wahl in dieſer Hin⸗ ſicht leitete, ſo gewann ich ihn lieb, und nahm ſeinen Vorſchlag an, mir bei meinen Ausfluͤgen zum Fuͤhrer zu dienen, und mich mit allen Merkwuͤrdigkeiten der Umgegend bekannt zu machen. An dem zu unſerer Wanderung beſtimmten Tage holte er mich um ſieben Uhr des Morgens ab. Wir verließen die Stadt, und als wir im Freien waren, begann zwiſchen juns eine fuͤr mich hoͤchſt intereſſante Unterhaltung. In dem ganzen Weſen Dorſan lag ein ruhiger Ernſt, der mich ungemein anſprach. Wir kamen auf meine Lage zu ſprechen.“ —4, „Sie muͤſſen mir zugeſtehen, ſagte ich zu ihm, daß es eine etwas ſonderbare Erſcheinung iſt, einen am Ufer der Spree gebornen Koͤnigsſohn in einer klei⸗ nen Stadt Frankreichs als Verwieſenen zu ſehen.“ „Ohne Zweifel werden die durch die allgemeinen politiſchen Stuͤrme in das Innere von Sibirien oder der Krimm, ja ſelbſt nach Amerika und Indien ver⸗ ſchlagenen Franzoſen eine aͤhnliche Bemerkung machen, entgegnete Dorſan...... Dieſe Zuſammenſtellung ge⸗ woͤhnlicher Ereigniſſe mit meinem Schickſale war mir auffallend. Es iſt uns unangenehm, Widerwaͤrtig⸗ keiten, deren Opfer wir geworden ſind, in die Klaſſe alltaͤglicher Ereigniſſe gereiht zu ſehen. Man kann, bei großen Ungluͤcksfaͤllen wohl auf das Mitleid verzich⸗ ten, allein mir ſcheint, daß man dann wenigſtens das Erſtaunen in Anſpruch nehmen, und als eine Art von verdienter Huldigung betrachten duͤrfe.“ „Zu allen Zeiten, erwiederte ich, iſt das Schick⸗ ſal von Privatleuten dem Wechſel und Veraͤnderungen aller Art unterworfen geweſen. Dies iſt indeſſen bei Fuͤrſten nicht der Fall. Ihr erhabener Rang, die po⸗ litiſche Wichtigkeit ihrer Perſoͤnlichkeit ſichern ihnen ge⸗ woͤhnlich ein beſtaͤndigeres Loos; und Sie werden mir wenigſtens zugeſtehen, daß meine Gefangenſchaft der 3 4 — 50— kleinen Stadt Soiſſons ein, innerhalb ihrer Mauern noch nie geſehenes, Schauſpiel darbietet. „Bei dieſen Worten laͤchelte Dorſan ſchweigend, und ich gab unſerer Unterhaltung eine andere Richtung. Bei unſerer Zuruͤckkunft in die Stadt fuͤhrte er mich durch eine mir bis jetzt unbekannt gebliebene Straße. Bald blieb er vor einem gothiſchen Gebaͤude ſtehen, welches ehedem eine beruͤhmte Abtei geweſen war, und ſchlug mir vor hinein zu gehen. Ich war es zufrie⸗ den. Eine Art von Portier fuͤhrte uns durch mehrere Gemaͤcher, und als wir in einem ungeheuern, auf ſteinernen Saͤulen ruhenden Saal traten, gab er un⸗ ſerm Begleiter einen Wink, worauf dieſer uns verließ. Ich betrachtete nun den Saal genauer und erkundigte mich nach deſſen fruͤheren Beſtimmung. Dies war, ſagte Dorſan, der Saal, wo ſich die Waͤchter des un⸗ gluͤcklichen Ludwigs des Gutmuͤthigen aufhielten.“*) „Iſt's moͤglich!... „Etv. Hoheit iſt nicht unbekannt, daß dieſer un⸗ gluͤckliche Monarch ein Opfer des ſchaͤndlichſten und ſchwaͤrzeſten Undanks wurde, und daß ſeine ruchloſen Kinder ihm Thron und Freiheit raubten.“ „Nun?“— *) Geſchichtlich. —————V— — 51— „Nun, gnaͤdigſter Herr, hier war ſein Gefaͤngniß. Hier verwaltete eine zum Schutz ſeiner geheiligten Per⸗ ſon beſtimmte, aber fuͤr die Mitwirkung zu dem ab⸗ ſcheulichſten Verbrechen gewonnene Leibwache das ſtraf⸗ bare und ſchaͤndliche Amt der Kerkermeiſter.“ „Ich verſtehe, erwiederte ich, daß Soiſſons inner⸗ halb ſeiner Mauern einen viel beruͤhmtern und viel un⸗ gluͤcklichern Fuͤrſten als mich geſehen hat.“ „Dieſe Scene machte auf meinen Geiſt einen tie⸗ fen Eindruck, und ſo oft ich, waͤhrend meines Aufent⸗ halts in Soiſſons in die Verſuchung kam, uͤber mein Geſchick zu murren, ſo beſuchte ich den Saal der Leib⸗ wache Ludwigs des Gutmuͤthigen, um dort meinen Ge⸗ danken nachzuhaͤngen.“ „Das Uebrige iſt Ihnen bekannt, fuhr der Prinz fort. Ich wuͤnſchte Italien zu beſuchen, welches mir indeſſen nie ſo viel Intereſſe gewaͤhren wird, als die Schweiz; und die glaͤnzenden Erinnerungen, die in Rom jeden Schritt bezeichnen, werden fuͤr mich nie den Werth derjenigen haben, die ich von Coppet mit mir nehme.“ Hier ſchwieg der Prinz, alle Anweſende gaben ihm zu erkennen, wie intereſſant ihnen ſeine Mittheilun⸗ gen und beſonders die Geſchichte ſeiner Leiden, in der ſchrecklichen Nacht nach der Schlacht von Eylau ge⸗ . 4* — 52— weſen waren; nur Athenais ſagte kein Wort, aber ihr Herz hatte geſprochen, und der Prinz hatte es verſtan⸗ den; er hatte geſehen wie bei ſeiner Erzaͤhlung ſich ihre Augen mit Thraͤnen fuͤllten, und jetzt fuͤhlte er ſich durch ein Stillſchweigen begluͤckt, das ihm zu ſagen ſchien, ſie wolle ſich weder der gewoͤhnlichen Theilnahme der Uebrigen anſchließen, noch ihr Geheimniß verrathen. Um dieſe koͤſtliche Abendunterhaltung zu verlaͤngern, richtete nun der Prinz ſeiner Seits verſchiedene Fragen an Frau von Stael. Er bezeichnete ihr einige naͤhere Umſtaͤnde, uͤber die er Auskunft zu erhalten wuͤnſchte, worauf Frau von Stael das Wort folgender Maaßen nahm:„Ich will Ihnen blos die einzige Unterhaltung mittheilen, welche ich mit Napoleon gehabt habe, und die mir ſeine entſchiedene Ungnade zugezogen hat. Ich hatte mit mehreren Perſonen, die er nicht leiden konnte, Umgang; die Geſellſchaft, die ſich bei mir verſammelte, erregte ſeinen Argwohn im hohen Grade. Weit ent⸗ fernt Verſchwoͤrungen anzuzetteln, erlaubten wir uns nur dann und wann einige witzige Bemerkungen uͤber ſeine Staatsverwaltung und den Mißbrauch ſeiner Ge⸗ walt, die nur zubald in Umlauf kamen, und die man nicht verfehlte, ihm mitzutheilen. Geiſtvolle Maͤnner und Frauen, die in dieſer Art von Ruf ſtehen, ſind ſelten vorſichti. Der Kitzel in dieſer Gattung von Witzſpielen, die auf jedes Ereigniß anwendbar ſind, und auf welche Alt und Jung Anſpruch machen kann, zu glaͤnzen, hat ſo viel Anziehendes, daß ſchon Man⸗ cher Gluͤck und Ruhe dem Vergnuͤgen aufgeopfert hat, als Erfinder eines Calambourgs angefuͤhrt zu werden. Ich erfuhr, daß Napoleon hoͤchſt aufgebracht auf mich ſey; man ſprach von Verbannung, von Verfolgung; endlich entſchloß ich mich, ihn um eine Audienz zu bit⸗ ten. Er gewaͤhrte mein Anſuchen. Noch nie hatte ich mit ihm geſprochen, und ihn bis jetzt nur im Vor⸗ uͤbergehen erblickt. Nicht ohne Herzklopfen befand ich mich jetzt dem Manne gegenuͤber, deſſen gebieteriſcher Wille die Geſtalt von Europa veraͤndert, Koͤnig⸗ reiche geſtuͤrzt und errichtet, und das Schickſal von Mil⸗ lionen beſtimmt hatte. Das berauſchende Hochgefuͤhl glaͤnzend ausgefuͤhrter Großthaten, umgiebt denjeni⸗ gen, der die doppelte Kraft beſitzt einen geſunkenen Thron wieder empor zu richten, und ſich darauf zu ſchwingen, mit einer ehrfurchtgebietenden Glorie.— Napoleon hat eine ſonderbare Art, Frauen in Privar⸗ audienzen zu empfangen. Er laͤßt ihnen nie einen Stuhl anbieten, ſondern ſpricht ſie, indem er, waͤh⸗ rend der ganzen Audienz, mit ihnen im Cabinette auf und abgehet. Als ich ihn naͤher ins Auge faßte, fiel mir die Schoͤnheit ſeiner Zuͤge auf. Sein Kopf hat — 34— etwas Griechiſches und Heldenartiges, aber ſeine Miene druͤckt Herrſchſucht und Wildheit aus. Sein Blick iſt lebhaft und durchdringend, ſeine Zaͤhne ſind ſchoͤn, und ſein Laͤcheln ſoll, wenn er guter Laune iſt, ausdrucks⸗ voll und fein ſeyn. Ich habe ihn nicht anders als in einer bittern und gezwungenen Stimmung geſehen, und in dieſem Falle iſt er beleidigend und hart. Dieſer Kopf ſteht auf einem Koͤrper unter mittlerer Groͤße, deſſen gemeine Formen weder einen Helden noch einen Krieger bezeichnen. Man koͤnnte ſeine Geſtalt mit der Bildſaͤule Nebukadnezars vergleichen, deſſen Kopf von Gold und der untere Theil des Koͤrpers von Thon war. Ich begann damit, ihm zu danken, daß er geruht habe, mir Gehoͤr geben zu wollen.... Er unterbrach mich mit Heftigkeit, indem er mich in dem trockenſten und ſtolzeſten Tone fragte, was ich ihm zu ſagen habe.“ „Daß Ew. Majeſtaͤt zuvoͤrderſt ſo gnaͤdig ſeyn moͤch⸗ ten, mich ruhig und guͤtig anzuhoͤren.““ „Ruhig und guͤtig! erwiederte er bitter, und doch weiß ich, daß Sie, wenn Sie von mir ſprechen, bei⸗ des taͤglich außer Augen ſetzen.“ „Guter Gott, Sire,“ antwortete ich„wie eitel machen Sie mich“ „Wie ſole „Iſt es moͤglich, daß Ew. Majeſtaͤt, mitten un⸗ — — — — 55— ter den Sorgen, die Ihnen die Eroberung von Europa und die Schwierigkeiten es zu beherrſchen verurſachen, noch Zeit uͤbrig bleibt, um von den vertraulichen Un⸗ terhaltungen eines Weibes Nachrichten einzuziehen.“ „Ich ziehe keine Nachrichten ein, man hinterbringt mir ſie. Da ich von Allem unterrichtet ſeyn will, ſo muß ich auch Alles anhoͤren.“ „Ja, Sire, nur keine Angeber.⸗é Hier warf mir Napoleon einen furchtbaren Blick zu, der jedoch, ſtatt mich niederzuſchmettern, meinen Muth erhob. Ich war durch den Zauber der Groͤße auf einen Augenblick mehr geblendet als eingeſchuͤchtert worden, denn ich kenne keine andere Bewegungen des Herzens, als die⸗ jenigen, welche mir Bewundrung und Gefuͤhl einfloͤ⸗ ßen; aber dieſe Ruͤckſichtloſigkeit gegen ein Weib, die⸗ ſer unritterliche Ton gaben mich mir ſelbſt wieder. Das Gefuͤhl meiner Ueberlegenheit bei dieſer Zuſam⸗ menkunft ließ in meiner Seele nur den feſten Vorſatz reifen, dieſen wichtigen Vortheil uͤber ihn durch eine unerſchutterliche Kaltbluͤtigkeit zu behaupten. Nach einer kurzen Pauſe fuhr ich fort:„duͤrft' ich es wagen Ew. Majeſtaͤt zu fragen, welches die Ver⸗ gehungen ſind, deren man mich beſchuldigt?“ „Man klagt Sie an, die Regierung, unter wel⸗ cher Sie doch aus eigner Wahl leben, nach allen Ihren Kraͤften zu verunglimpfen.... Sie ſind keine Fran⸗ zoͤſin, wenn Ihnen denn nun hier Alles ſo mißfaͤllt, ſo hindert Sie ja nichts, in die Schweiz zuruͤckzukehren, und ſich dort niederzulaſſen. „In allen Zeiten war Frankreich wegen ſeiner An⸗ nehmlichkeiten und ſeiner Urbanitaͤt das wahre Vater⸗ land des Talentes; in ſeinem Schooße ſucht man es zu vervollkommnen, und die Beruͤhmtheit zu erlangen, die der Preis deſſelben iſt. Nie wird man mich uͤber⸗ zeugen, daß es unter der Regierung Ew. Majeſtaͤt die⸗ en glorreichen Vorzug verlieren koͤnne.“ Dieſe Antwort mißfiel ihm nicht, ſein Blick wurde milder. „Nein, Madame, nein,“ ſagte er,„ich bin weder Tyrann noch Barbar; dies habe ich durch die Unter⸗ ſtuͤzung bewieſen, die ich den Kuͤnſten und Wiſſen⸗ ſchaften und der Literatur angedeihen laſſe; aber ich darf nicht dulden, was jeder Herrſcher unterdruͤcken muß. Warum eifern Sie ſo heftig gegen meine Regierung? woruͤber haben Sie Sich zu beſchweren?“* „Sire, man hat Sie falſch berichtet, man hat meine Wuͤnſche fuͤr Klagen ausgegeben. Allerdings habe ich geſagt, daß Ew. Majeſtaͤt durch den Glanz Ihrer Großthaten alle Helden der fabelhaften Vorwelt laͤngſt uͤbertroffen haͤtten, und daß es nun Zeit ſey, zu der Einfachheit der Geſchichte zuruͤckzukehren; daß Nuhe fuͤr Sie eine Pflicht ſey, ſowie ſie fuͤr die ganze Welt die groͤßte Wohlthat ſeyn wuͤrde, und endlich, daß die alles erobernde Macht ihre errungene Groͤße nur durch Maͤßigung und Großmuth rechtfertigen koͤnne.“ „Ich habe mich nicht zu rechtfertigen, erwiederte er mit erhobener Stimme, beſchaͤftigen Sie ſich lieber mit Ihrer eignen Rechtfertigung. „Sie haben ſie ſo eben vernommen.“ „Sie ſind alſo blos hierher gekommen um mir gu⸗ ten Rath zu ertheilen. In der That eine ſonderbare Anmaßung von einem Weibe.“ „Ich habe mir nur angemaßt, die Wahrheit zu ſa⸗ gen: was koͤnnte Ihnen, Sire, uͤber eine ſolche Hul⸗ digung gehen?2 „Unterwuͤrfigkeit und Stillſchweigen.“ „„Ich vermag mich blos den Geſetzen und der Ver⸗ nunft zu unterwerfen.“ „Rechnen Sie die Macht fuͤr nichts.“ „Sie iſt goͤttlichen Urſprungs, wenn ſie wohlthaͤ⸗ tig iſt.“. „Ja, wenn man ſchwach genug iſt, Alles zu er⸗ lauben. Furcht und Kleinmuth ſuchen oͤfters ſich hin⸗ ter den Namen Guͤte zu verbergen, und alle Unruh⸗ ſtifter nennen nuͤtzliche Wachſamkeit und Feſtigkeit Des⸗ potismus.... Entfernen Sie Sich, Madame, und treffen Sie Ihre Einrichtung Frankreich bald moͤglichſt zu verlaſſen.“ „Die Trennung von meinen Freunden wird mir ſchmerzlich ſeyn, aber ich habe von jeher den Ruhm geliebt, und ich werde mich mit der politiſchen Wich⸗ tigkeit troͤſten, welche Ew. Maj. mir zu geben geruhen. In Ihren Jahrbuͤchern, Sire, wird auch mir eine Zeile gewidmet ſeyn.“ Nach dieſen Worten verneigte ich mich ehrfurchts⸗ voll und entfernte mich. Dies war der Inhalt unſerer Unterredung, die Fol⸗ gen ſind Ihnen bekannt, in dieſem Augenblicke ſchei⸗ nen ſie alles Schmerzliche fuͤr mich verloren zu haben. Als Frau von Stael aufgehoͤrt hatte zu ſprechen, reihete man noch viele politiſche Betrachtungen an dieſe Erzaͤhlung, und trennte ſich erſt um zwei Uhr nach Mitternacht. Der Prinz fand ſeinen Adjudanten, den er in dem Saale verlaſſen hatte, in ſeinem Zimmer. William verſicherte ihm, daß er, waͤhrend der Abweſenheit des Prinzen auch keine Langeweile gehabt haͤtte, da er ſich mit Werner und Schlegel unterhalten habe, die ihm Athenais Geſchichte erzaͤhlt haͤtten. „Die uͤbrigens durch die Geſetze ihres Landes ein⸗ gefuͤhrte Scheidung waͤre alſo fuͤr ſie, die ſchon in ihrem dreizehnten Jahre Vermaͤhlte, leichter, als fuͤr jede andre Franzoͤſin,“ bemerkte der Prinz.....„Aber,“ fuhr er fort,„was koͤnnte mir es helfen? der verhaßte Unterſchied des Standes, den das Geſchick zwiſchen uns aufgeſtellt hat, wuͤrde mir nicht erlauben, ſie zu eheli⸗ gen, und ich koͤnnte ihr, ohne Beleidigung, meine Gefuͤhle nicht erklaͤren. Alſo bleibt mir nichts uͤbrig, als abzureiſen.“ „Schade! Mir gefaͤllt es hier ſehr wohl, der Auf⸗ enthalt auf dieſem Schloſſe iſt unterhaltend.“ „Ach, William, wie bezaubernd iſt ſie nicht!““ „Wer, gnaͤdigſter Herr? Athenais 2..... Alleer⸗ dings! Jedermann ruͤhmt ihren trefflichen Character, die Anmuth ihres Geiſtes— Sie iſt in der That höchſt liebenswuͤrdig.““ „Welch' ein Blick! welch' ein Ausdruck von Sanftmuth, Feinheit und Gefuͤhl liegt in ihm! Man wuͤnſchte die naͤhern Umſtaͤnde meiner Gefan⸗ gennehmung zu wiſſen. Waͤhrend der Erzaͤhlung mei⸗ ner Leiden, in der auf die Schlacht von Eylau folgen⸗ den Nacht, hoͤrte Athenais mir ſo aufmerkſam und in einer ſolchen Bewegung zu, daß ſie ſelbſt nicht be⸗ merkte, wie ſie weinte; mild rollten die Thraͤnen uͤber — 60— ihre Wangen. Wie ſchoͤn war ſie!.... Ach, wie werde ich mich von dem Orte ihres Aufenthalts tren⸗ nen koͤnnen!“ So quaͤlte dieſen jungen Prinzen, in welchem Ver⸗ nunft und Liebe mit einander kaͤmpften, eine um ſo peinigendere Unentſchloſſenheit, da dies Gefuͤhl ſeinem von Natur feſten und beſtimmten Character gaͤnzlich fremd war. In den drei folgenden Tagen fiel nichts Erhebliches vor. Der Prinz und Athenais ſprachen ſich nicht, ver⸗ ſtanden ſich aber vollkommen. Erſterer, ſterblich ver⸗ liebt, weit entfernt an ſeine Abreiſe zu denken, hatte William erklaͤrt, daß er erſt in vierzehn Tagen abreiſen wuͤrde; aber eines Abends meldete Letzterer dem Prin⸗ zen, daß er ihm etwas Außerordentliches mitzutheilen habe.— Der Prinz drang in ihn es ſchnell zu thun, worauf dieſer begann: „Gnaͤdigſter Herr, ich ſehe daß Ihre Leidenſchaft fuͤr Athenais taͤglich waͤchſt, und ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, Sie davon zu heilen. „Wie ſo lec „Allem Anſchein nach hegt ſie ein fruͤheres Gefuͤhl fuͤr einen Andern in ihrem Herzen.“ „Und wer iſt dieſer Andere?““ „Seymour.“ „Dieſer Englaͤnder?“ „Eben dieſer.“ „Das iſt unmoͤglich, er iſt leidenſchaftlich in ſie ver⸗ liebt, aber ſie wuͤrdigt ihn keiner Aufmerkſamkeit.“ „Ja in dem Saale, aber in dem Garten, auf der Terraſſe, auf dem Spatziergange, am Seeufer.“ „Am Seeufer! zu welcher Zeit denn!“ „Mit Anbruch des Tags.“ 1 „„Welch' ein Maͤhrchen... Uebrigens iſt dieſer Eng⸗ laͤnder nur wenig Tage vor mir hier angekommen, ſie hat ihn zum erſten Male in Lauſanne geſehen, und ihn dort kaum bemerkt, ſie kann alſo kein fruͤheres Gefuͤhl fuͤr ihn hegen““ „Darinn beſteht eben das Geheimniß; indeß iſt es wahrſcheinlich, daß ſie einander in Paris geſehen ha⸗ ben, daß der Englaͤnder ſich dort lange aufgehalten hat, und daß er blos um ihretwillen in die Schweiz gekom⸗ men iſt.“ „Und Frau von Stael ſollte von allem dem nichts wiſſen?“⸗ „Kein Wort!« „Ach, William, wer hat Ihnen denn alle dieſe Maͤhrchen erzaͤhlt, die in der That laͤcherlich ſind. Ihr Eifer fuͤr mich taͤuſcht Sie auf eine ſonderbare Weiſe, wenn er Sie uͤberreden will, daß ich Laͤſterungen uͤber — 62— eine Perſon, die ich eben ſo bewundere, als ich ſie liebe, ſo leicht Gehoͤr geben koͤnne!“ „Ich ſchmeichle mir, daß Ew. Hoheit nicht glau⸗ ben werden, irgend ein Intereſſe, welcher Art es auch ſey, koͤnne mich veranlaſſen, Verlaͤumdungen anzuhoͤ⸗ ren und zu wiederholen.“ „Sie halten ſie in Ihrer Ueberzeugung fuͤr Wahr⸗ heiten, aber ich behaupte, daß es Verlaͤumdungen ſind.“ „Gut, gnaͤdigſter Herr, ich werde von nun an ſchweigen, trotz der allergroͤßten Wahrſcheinlichkeit werde ich kein Wort weiter ſagen. Ew. Hoheit wollen getaͤuſcht ſeyn, ich werde Ihren Irrthum nicht befoͤrdern helfen, aber auch nicht weiter verſuchen ihn aufzuklaͤren; Sie wollen die Wahrheit nicht hoͤren— Ihr Wille iſt mir Befehl.“ „Nein! Athenais iſt keiner ſolchen abſcheulichen Heuchelei faͤhig. Nein, dieſes ſo harmloſe, ſo naive We⸗ ſen hat die Verſtellungskraft gewiß nicht gelernt; in ih⸗ ren Augen, in denen ſich ihre ganze Seele ſpiegelt, hat ſich gegen dieſen Englaͤnder nie etwas Anderes als Gleich⸗ guͤltigkeit gezeigt, und mehr als ein Mal, ſelbſt in ſei⸗ ner Gegenwart, haben ihre Blicke mit einer ſo entzuͤcken⸗ den Milde auf mir geruht!.... Athenais argliſtig und — 63— falſch!... Es waͤre ein hoͤchſt furchtbarer Gedanke, wenn er nicht hoͤchſt ungeraͤumt waͤre!... Bei dieſen Worten ging der Prinz in großer Be⸗ wegung einige Mal im Zimmer auf und ab. William fuͤhlte ſich etwas gereizt. Statt ihm zu antworten, naͤ⸗ herte er ſich der Stutzuhr.“ „Mein Gott,“ rief er aus,„ſchon ſo ſpaͤt! zwei Uhr weniger zehn Minuten.... Haben Ihro Hoheit noch etwas zu befehlen?“ 4 Der Prinz blieb ſtehen.„Ich wette,“ ſagte er, „Schlegel hat Ihnen alle dieſe Geſchichten erzaͤhlt... antworten Sie mir.....“ „„Alles was ich hierauf erwiedern kann, iſt, daß Schlegel, ſo gut wie jeder Andere falſch ſehen und ſich irren kann, daß er aber ein ganz rechtlicher Mann und keiner Unwahrheit faͤhig iſt.“ „Ich verlange keine Lobrede auf ihn.““ „Nun ja, gnaͤdigſter Herr, er und Werner haben mir es geſagt, und uͤberdies habe ich ſelbſt ſehr unzwei⸗ deutige Aeußerungen vernommen.“ „Ach, William, Sie toͤdten mich!... Bei dieſen Worten ſank der Prinz, ganz außer ſich, auf den So⸗ pha, indem er ſein Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckte. Alle Empfindlichkeit war jetzt bei William verſchwunden, und er nur mit dem Schmerz des Prinzen beſchaͤftigt.“⸗ 74⸗ „Gehen Sie,“ ſagte der Prinz.„Haben Sie mir nicht noch vor zwei Tagen, hier auf dieſem naͤmlichen Zimmer verſichert, daß ihr dieſer Englaͤnder voͤllig gleich⸗ guͤltig ſey?« „Ich glaubte es damals, und Jedermann war der⸗ ſelben Meinung; aber jetzt, da ich vom Gegentheil uͤber⸗ zeugt zu ſeyn glaube, halte ich es fuͤr Pflicht, Sie davon zu benachrichtigen.“ „„Aber, wo ſind die Beweiſe 2c „Befehlen Ew. Hoheit ihnen Alles zu erzaͤhlen?“ „Ich verlange es.“ „Nun dann: waͤhrend Ew Hoheit dieſen Abend bei Frau von Stael waren, ſchlug mir Herr Schle⸗ gel vor, bei der ſchoͤnen und ſo warmen Nacht, einen Spatziergang auf die Terraſſe zu machen, und hier ſagte er mir, daß er eine ſonderbare Entdeckung ge⸗ macht habe, endlich erklaͤrte er ſich deutlicher.— Er ſey nun, ſagte er, zu ſeinem großen Erſtaunen ſeit zwei Tagen uͤberzeugt, daß Seymour und Athenais ſich liebten und mit einander einverſtanden waͤren; wobei er mir denn Folgendes mittheilte: Vorgeſtern Abends, als Athenais uͤber die Gallerie nach ihrem Schlafgemach gegangen waͤre, ſei ihr Seymour gefolgt, und habe zu ihr ge⸗ ſagt:„Alſo morgen fruͤh um ſechs Uhr?« worauf — 65— Athenais ſtehen geblieben ſey, und geantwortet habe: „Ja, ach! wie beunruhigt mich dies Alles!“ „Und mich! habe Seymour erwiedert, anbetungs⸗ wuͤrdige Fraul haͤtte er noch hinzugefuͤgt... So endigte dieſes Zwiegeſpraͤch, von welchem Schlegel, welcher an der nach der Terraſſe gehenden Gallerie⸗ thuͤre ſaß, kein Wort verlor. Den andern Morgen, als geſtern fruͤh, weckt die Neugierde Schlegeln mit Anbruch des Tages. Er ſteht auf, ſtellt ſich auf die Lauer, und ſieht in der That Athenais vor ſechs Uhr, blos von ihrer Kammerfrau begleitet, aus dem Schloſſe gehen. Einige Augenblicke ſpaͤter verließ auch Sey⸗ mour das Schloß, um ihr zu folgen. „Das iſt unglaublich“ ſagte der Prinz...„Ue⸗ brigens“ fuhr er fort,„habe ich fuͤr alles dieß nur Schlegels Zeugniß, und das, ich geſtehe es, iſt mir noch nicht hinreichend.“ „Geduld, gnaͤdigſter Herr!ee erwiederte William, „ich bin mit meiner Erzaͤhlung noch nicht zu Ende... Anfangs war ich auch ungewiß, ob Schlegel wirklich recht verſtanden habe, als wir Sie aber das Zimmer der Frau von Stael verlaſſen hoͤrten, zog mich Schle⸗ gel mit auf die Terraſſe, in der Hoffnung, vielleicht noch einige Worte von Athenais zu erlauſchen; und in der That ſahen wir ſie in Seymour's Begleitung, . 5 und hoͤrten zu ihr ſagen:„Alſo um ſechs Uhr Mon⸗ tags, nicht wahr?— wir muͤſſen den fruͤhen Mor⸗ gen benutzen.—„Koͤnnen Sie daran zweifeln?“ erwiedertee Athenais,„koͤnnen Sie glauben, daß ich die Nacht vor einem ſolchen Morgen nur eine Minute ſchlafen koͤnnte?“ Mit dieſen Worten entfernten ſie ſich, und ich konnte weiter nichts vernehmen. „Großer Gott!“ ſagte der Prinz;„aber ſind Sie gewiß, daß es Athenais war, die dieſe Worte geſprochen hat?“ „Kann man ihre Stimme verkennen. Uebrigens war die Gallerie erleuchtet, und ich konnte ſie deutlich unterſcheiden.“ „Seymour erwartete ſie alſo an dieſer Stelle?“ „Allerdings. Alle Abende verlaͤßt er den Saal, um, in einem Winkel dieſer Gallerie, uͤber die ſie gehen muß, verſteckt, eine ganze Stunde auf ſie zu lauern.“ „Deswegen alſo hat ſie ſich meinem Wunſche, ſie die Treppe hinab zu begleiten, ſo heftig widerſetzt, deswegen alſo hat ſie mich ſo inſtaͤndig gebeten, mich nach der andern Seite des Schloſſes zu begeben, und uͤber die kleine Treppe nach meinem Zimmer zu ver⸗ fuͤgen. Ich ſchrieb dieſe uͤbertriebene Vorſicht einem Uebermaße von Zartgefuͤhl zu, und gehorchte ihr voll — 67— Bewunderung... und ſie that es wegen der einem dritten verſprochenen Zuſammenkunft!..... Welch zweideutiges, welch argliſtiges Benehmen! Und ohne Vorbewußt der Frau von Stael! Welche feine Ver⸗ ſtellungskunſt! Wie heftig muß ihre Leidenſchaft fuͤr dieſen Engelaͤnder ſeyn!... Wie falſch! wie hin— terliſtig ſind die Frauen und wie undurchſchaubar! . Ich verachte ſie alle... Sie zeigt viel Ge⸗ fuͤhl fuͤr Religioſitaͤt, es ſteht alſo auch zu vermuthen, daß ſie eine Heuchlerin iſt!... Mit welcher Begei⸗ ſterung ich ſie bewunderte. Dies Gefuͤhl that meinem Herzen ſo wohl, daß es mich gewiſſer Maaßen uͤber alle Qualen einer hoffnungsloſen Leidenſchaft erhob... Dieſe reine Zuneigung, die ich fuͤr ſie empfand, war alſo nichts weiter als ein unſinniger Irrthum, eine laͤcherliche Taͤuſchung!... Ich ſehe mich alſo ge— zwungen, ſie zu verachten! Ach das heißt, aus dem Himmel in die Hoͤlle zu ſtuͤrzen!... Alſo Mon⸗ tags, dies waͤre uͤbermorgen!“ „Ja, gnaͤdigſter Herr! Montags fruͤh um ſechs Uhr.“ „Und wo ſoll die Zuſammenkunft ſtatt finden?“ „Dies weiß ich nicht, aber, nach dem Wege zu urtheilen, den ſie eingeſchlagen haben, vermuthe ich, daß es in einem kleinen, einſamen, am Ufer des Sees, . 5*¾ — 68— eine kleine Viertelſtunde von hier gelegenem Hauſe, das wir oft auf unſern Spaziergaͤngen bemerkt haben, geſchehen ſoll.“ „Welch unbegreifliches Ereigniß!... Sie glau⸗ ben alſo, daß ſie ſich dort treffen werden?... Welche Vorſichtsmaaßregeln, welche geheimnißvolle Anſtalten! und dieſes Englaͤnders wegen!... Was hat er denn ſo Verfuͤhreriſches?“ „Er iſt jung, ſchoͤn; ſeyn Sie uͤberzeugt, ſie lie⸗ ben ſich ſchon ſeit laͤngerer Zeit.“ „Genug, dieſer Mißgriff wird mich heilen; denn ſie hat ſich am Ende doch als Coquette gegen mich benommen. Unmoͤglich koͤnnen ihr die Gefuͤhle, die ſie mir eingefloͤßt hat, entgangen ſeyn. Warum mir nicht gleich alle Hoffnung rauben? Warum mir ſo viel Theilnahme zeigen?“ „Sie ſprachen immer von einer ſchnellen Abreiſe.“ „Sie glaubte nicht daran. Sah ſie denn nicht, daß ich ſie immer verzoͤgerte! Ha! welche Argliſt!... Montags!.... alſo uͤbermorgen... Ach Gott!... Ich werde morgen abreiſen!... Aber nein, ich will dieſes Gewebe von Trug und Falſchheit erſt ganz durch⸗ ſchauen.“ „Ich glaube in der That, gnaͤdigſter Herr, es wuͤrde gerathener ſeyn, abzureiſen.—“ ——— — 69— „Nein, der Seltſamkeit wegen will ich bleiben. Uebrigens habe ich der Frau von Stael bereits verſpro⸗ chen, daß ich erſt in zehn Tagen abreiſen wuͤrde. Fuͤrchten Sie nichts, William, es ſoll zu keinem Auf⸗ tritte kommen. Glauben Sie mir, ich bin zu ſtolz, um mich nur empfindlich zu zeigen.“ William ſchien dieſem Verſprechen nicht zu trauen, und er hatte Recht. Als der Prinz am andern Morgen Athenais wie⸗ der ſah, zuckte es ihm unwillkuͤrlich durch alle Nerven. Statt, wie gewoͤhnlich, zu ihr hinzugehen, blieb er auf ſeinem Platz und vermied ihren Anblick. Werner und Schlegel naͤherten ſich ihm, um mit ihm zu ſprechen, er antwortete ihnen nicht, und entfernte ſich von ihnen. Athenais fiel ſein kaltes und unfreundliches Beneh⸗ men auf.... Bei der Mittagstafel, wo Jedermann ſeinen gewoͤhnlichen Platz einnahm, ſaß ſie neben ihm. Um ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen, erwaͤhnte ſie der Felſen von Meillerie, denn man hatte Willens am folgen⸗ den Tage in Lauſanne zu uͤbernachten, um von dort aus auf einer Seepartie, dieſe, durch die neue He⸗ loiſe ſo beruͤhmt gewordenen Felſen in Augenſchein zu nehmen. „Es wird mir angenehm ſeyn“ ſagte der Prinz, „an einer Spazierfahrt, welche Frau von Stael Ver⸗ gnuͤgen macht, Theil zu nehmen; uͤbrigens ſind die Felſen von Meillerie fuͤr mich bloße Steine, denn ich bin nichts weniger als romanenhaft.“ Dieſe in einem bittern Tone ausgeſprochene Be⸗ merkung uͤberraſchte Athenais auf eine befremdende Weiſe. „Guaͤdigſter Herr,“ entgegnete ſie kalt,„man braucht nicht romanenhaft zu ſeyn, um die Schoͤnhei⸗ ten der Natur und eine maleriſche Ausſicht zu be⸗ wundern.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Prinz,„man muß ſich wenigſtens den Taͤuſchungen der Liebe hingeben koͤnnen, und ich verachte ſie.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich gegen die Frau von Stael, um an der allgemeinen Unterhaltung Theil zu nehmen, aber dies geſchah in einem ſo trocknen Tone, wie man ihn bis jetzt noch nicht an ihm bemerkt hatte. Beſonders legte er es darauf an, Seymour, Werner und Schlegel zu widerſprechen. Athenais uͤberzeugte ſich bald, daß er den foͤrmlichen Plan ent⸗ worfen habe, unartig gegen ſie zu ſeyn, und daß er mit einem Worte auf Seymour eiferſuͤchtig waͤre. Jetzt wurde ihr es aber auch klar, daß ihr Gefuͤhl fuͤr dieſen jungen Prinzen weit lebhafter ſey, als ſie geahnet hat. Sie kam in die Verſuchung, ſich gegen ihn zu erklaͤren, —— — 71— um ihn von einer ſo grundloſen Eiferſucht zu heilen; allein, bei reiflicher Ueberlegung fuͤhlte ſie die ganze Gefahr einer ſolchen Unterredung. „Nein, nein,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ich will, ich kann Gefuͤhle nicht erwiedern, die ich nur zu gut durchſchaut habe; mag der Verdruß uͤber mich ſie aus ſeinem Herzen tilgen, mag er unzufrieden von hier ſcheiden, wenn er ſich nur minder ungluͤcklich fuͤhlt. Die Abweſenheit wird dieſen voruͤbergehenden Eindruck bald verloͤſchen, und bin ich einmal von ihm auf immer getrennt, dann werde ich mich, ohne Gefahr fuͤr ihn und fuͤr mich, rechtfertigen koͤnnen. Frau von Stael wird einen Briefwechſel mit ihm unterhalten, ich werde ſie mit der Erklaͤrung beauftragen, die ich jetzt zuruͤckhalte, und ohne ihm mein ganzes Innere zu eroͤffnen, werde ich ihm wenigſtens uͤberzeugen, daß dies Herz nie fuͤr einen Andern geſchlagen hat.“ Ihrem Entſchluſſe getreu, behauptete Athenais gegen den Prinzen ein fortwaͤhrendes Stillſchweigen, und vermied es, im Lauf des ganzen noch uͤbrigen Ta⸗ ges, ſich neben ihn oder Seymour zu ſetzen. Uebri⸗ gens bemuͤhete ſie ſich, ihre Niedergeſchlagenheit zu beſiegen, und zeigte eine Heiterkeit, von der ſie weit entfernt war. Dieſes Benehmen vollendete den Ver⸗ druß und die Verzweiflung des Prinzen, dem es nur — 212— mit großer Anſtrengung gelang, die ſtuͤrmiſchen Bewe⸗ gungen ſeines Innern zu verbergen. Nach dem Nachteſſen begleitete Athenais, unter dem Vorwande, daß ſie noch Briefe zu ſchreiben habe, Frau von Stael nicht auf ihr Zimmer. Der zur Ver⸗ zweiflung gebrachte Prinz war auf den Punct loszu⸗ brechen; und er bedurfte ſeiner ganzen Selbſtbeherr⸗ ſchung, um an ſich zu halten. Er klagte uͤber heftige Kopfſchmerzen und zog ſich vor Mitternacht zuruͤck. Als er ſich mit ſeinem Freunde allein befand, uͤber⸗ ließ er ſich den Ausbruͤchen ſeiner Wuth, auf eine ſo furchtbare Weiſe, daß William ſich daruͤber entſetzte. Indeſſen ſchien er doch endlich ſich zu beruhigen; er⸗ klaͤrte indeſſen, daß er entſchloſſen ſey, Athenais mor⸗ gen in der Entfernung zu folgen, er verſprach uͤbri⸗ gens auf ſein Ehrenwort, keinen unuͤberlegten Schritt zu thun, und jedes Aufſehen zu vermeiden. Er legte ſich gar nicht zu Bette, und ſetzte ſich, bei dem erſten Schimmer des anbrechenden Tages mit William an ein Fenſter, deſſen Jalouſien er herabließ, und aus welchem ihm die Entfernung Athenais aus dem Schloſſe nicht entgehen konnte. Punct ſechs Uhr ſah er ſie wirklich herausgehen; ſie war weiß gekleidet und verſchleiert, und hatte blos eine Kammerfrau bei ſich. Der Prinz und William 3 gingen nun ebenfalls hinunter, da ſie aber Athenais einen kleinen Vorſprung laſſen wollten, ſo folgten ſie ihr erſt nach einer halben Viertelſtunde. Sie ſahen ſie in der Entfernung, und blieben ſtehen. Athenais ſetzte ihren Weg laͤngs dem See fort, und bald entzog ſie eine Weidenallee ihren Blicken. Sie verfolgten ihre Straße noch einige Minuten lang, denn ſie wußten, daß Athenais die Weidenallee nicht verlaſſen konnte, ohne wieder auf den von ihnen eingeſchlagenen Weg zu kommen. Mit einem Male zeigte ſich ihnen in der Entfernung das kleine Haus am See, deſſen ent⸗ gegengeſetzte Seite ſich an ein Gehoͤlz lehnte, und bald ſahen ſie einen Mann herauskommen, den ſie ſogleich erkannten. Es war Seymour, der Athenais entge⸗ gen ging, und um ſie zu erreichen, ſchnell in die Wei⸗ denallee eintrat, und vor ihren Blicken verſchwand, ohne jedoch weder den Prinzen, noch William, die ſich in weite Maͤntel gehuͤllt hatten, zu bemerken. Bei dieſem Anblick zog William den Prinzen ſchnell von dem Wege ab, und beſchwor ihn, in das Hoͤlzchen zu gehen.... Blaß und ſtarr ließ ſich der Prinz nach ſeiner Willkuͤr lenken, ſetzte ſich auf einen Baumſtock und verſank in ein dumpfes Schweigen. Vergebens redete ihn William an, er hoͤrte ihn nicht. Endlich begann er wieder zu ſprechen:„Es iſt wahr“ ſagte à4— er,„ſie hat mir nichts verſprochen, ich habe ihr ſogar meine Gefuͤhle nicht foͤrmlich erklaͤrt, aber ſie hat ſie nur zu gut verſtanden. Wie oft haben mir es ihre Augen geſagt! Sie hat ſich ein grauſames Spiel dar⸗ aus gemacht, eine Leidenſchaft immer mehr zu entflam⸗ men, die ſie doch nicht erwiedern konnte... In die⸗ ſem Augenblick iſt ſie in Seymour's Geſellſchaft!— und ohne Vorbewußt der Frau von Stael... dieſer Freundin, die ſich ſchmeichelt, ihr ganzes Vertrauen zu beſitzen!... Welcher Verrath!.... Beruhi⸗ gen Sie ſich uͤbrigens William, ich bin geheilt, voll⸗ kommen geheilt. Man muͤßte weder edeln Stolz noch Seelengroͤße beſitzen, um fuͤr eine Frau von einem ſolchen Character noch ein leidenſchaftliches Gefuͤhl in ſeinem Innern hegen zu koͤnnen... So ſind die Franzoͤſinnen, dies iſt ihre abſcheuliche Coquetterie! Ich habe nur noch einen Wunſch! naͤmlich ihr meine ganze kalte Verachtung an den Tag legen zu koͤnnen. Sie ſoll es wiſſen, daß ich ruhig und voͤllig enttaͤuſcht abreiſe. Jetzt William kehren Sie nach dem Schloſſe zuruͤck.“ „Wie, gnaͤdigſter Herr, ohne Sie!“ „Noch ein Mal, fuͤrchten Sie nichts. Ich bin indignirt, aber nicht mehr erzuͤrnt. Ich werde hier an dem Rande des Holzes auf- und abgehen, ich ——W werde ſie aus dem Hauſe kommen ſehen, ich werde ſie in der ruhigſten Haltung gruͤßen, dann noch ein hal⸗ bes Stuͤndchen ſpazieren gehen; hierauf in das Schloß zuruͤckkehren, und ſie ſollen den ganzen Tag uͤber mit mir zufrieden ſeyn; ſeyen Sie uͤberzeugt, ich werde weder Verdruß noch Traurigkeit blicken laſſen.“ „Ums Himmels Willen, gnaͤdigſter Herr, erlau⸗ ben Sie mir, bei Ihnen bleiben zu duͤrfen!“ „Nein, gehen Sie, und ſeyen Sie verſichert, daß ich nichts meiner Unwuͤrdiges thun werde; gehen Sie jetzt, ich verlange es.“ William mußte gehorchen, unruhig und mit einem Seußzer entfernte er ſich. Der Prinz verließ das Hoͤlzchen und naͤherte ſich dem Hauſe.— Er gewahrte an einem untern, offenen Fenſter ein altes Weib, und rief es. Nun ging er zur Thuͤre, und die Alte oͤffnete ſie. Von einer unwider⸗ ſtehlichen Bewegung angetrieben, betritt der Prinz das Haus mit Heftigkeit; die, durch ſeine Haltung und ſeinen Blick erſchreckte Frau entfernt ſich. Der Prinz ſtuͤrzt jetzt nach einer Thuͤre, wohin ihn Athenais Stimme leitete oder vielmehr hinriß; zitternd bleibt er vor ihr ſtehen, er hoͤrt Athenais deutlich dieſe Worte ausſprechen:„Ja ich verſpreche es Ihnen.“ ....„Treuloſe,“ rief er aus....„In dieſem — 76— Augenblicke oͤffnet ſich die Thuͤre, er tritt in dieſes ge⸗ heimnißvolle Zimmer,— und bleibt verſteinert vor dem Anblick des unerwarteten Gemaͤldes ſtehen, das ſich ihm darbietet.... Seymour befand ſich nicht in dem Zimmer, ſtatt ſeiner erblickte er auf einem Bette einen ſterbenden Greis, der an ſeine Bruſt ein Crucifix druͤckt, welches ihm ein ehrwuͤrdiger Prieſter darreicht, der zu den Haͤupten des Bettes ſteht; endlich, Athe⸗ nais knieend, neben einem jungen, troſtlos zuſammen⸗ geſunkenen, laut weinenden Maͤdchen, deſſen beide Haͤnde Athenais in den ihrigen hielt. Alles iſt nun aufgeklaͤrt... der Prinz hat ſchon Alles errathen. Mit dem bitterſten und heftigſten Unmuth wechſelt ploͤtzlich in ſeiner Seele das entzuͤckende Gefuͤhl der reinſten Zufriedenheit und der hoͤchſten Bewunderung. Dieſe Empfindung war ſo koͤſtlich, daß kein Vorwurf uͤber ſeine Ungerechtigkeit ſie truͤben konnte. Er fuͤhlt ſich uͤber die Rechtfertigung und den Triumph Athe⸗ nais zu gluͤcklich, um in dieſem Augenblicke irgend Reue faͤhig zu ſeyn. Langſam naͤherte er ſich ihr, welche, da ſie ihn erblickte, nur ein leichtes Zeichen von Ueberraſchung aͤußerte, da dieſer religioͤſe und traurig⸗ ernſte Auftritt alle ihre Seelenkraͤfte in Anſpruch nahm. Voll tiefer Ruͤhrung ließ ſich der Prinz ſchweigend neben ihr auf die Knie nieder, es war fuͤr ihn ein beſe⸗ ligendes Gefuͤhl, an ihrer Seite zu beten. Alle Ideen von Guͤte, von Seelenreinheit erfuͤllten ſeine Einbil⸗ dungskraft, und durchdrangen ſein Innerſtes. Es ſchien ihm, daß, indem er auf dieſe Weiſe die himm⸗ liſchen Gefuͤhle und alle heilige Empfindungen Athe⸗ nais mit ihr theile, ſein Weſen ſich mit dem ihrigen auf das Innigſte verbinden muͤſſe. Der ſterbende Greis wendete ſich jetzt nach Athe⸗ nais hin:„Engel des Himmels,“ ſagte er,„der mir die Troͤſtungen der Religion verſchafft, und den herzzerreiſſenden Kummer, den ich außerdem mit in das Grab haͤtte nehmen muͤſſen, beſeitigt hat, wenn einſt Dein gefuͤhlvolles Herz ein Leiden druͤcken ſollte, ſo wirſt du voll Vertrauen den Gott der Erbarmung und Gnade anflehen koͤnnen; Du wirſt Dich an alles dasjenige erinnern, was Du an mir gethan haſt, und Dich mit Zuverſicht an die ewige Liebe wenden. Lebe wohl, empfange mit den Segnungen der Gottheit zu⸗ gleich den Segen eines dankbaren Greiſes.“ Mit dieſen Worten ließ er ſein ſchwaches Haupt auf das Kiſſen zuruͤckſinken und— ſeine Augen ſchloſſen ſich fuͤr immer.... Athenais neigte ſich zu dem jun⸗ gen Maͤdchen, der Enkelin des Greiſes, und druͤckte ſie ſanft weinend an ihr Herz. Der Prinz fuͤhlte, daß es in dieſem Augenblicke unmoͤglich ſey, mit ihr zu — 78— ſprechen, bat ſie aber inſtaͤndig um eine Unterredung, und Athenais beſchied ihn in den Park von Coppet, wo ſie ihm verſprach, ſich um drei Uhr Nachmittags einzufinden. Der Prinz eilte nun nach dem Schloſſe zuruͤck; er konnte es kaum erwarten, William zu fin⸗ den, und durch die Erzaͤhlung alles Vorgefallenen Athe⸗ nais in ſeinen Augen zu rechtfertigen. Aber dieſer hatte zwar den Befehl des Prinzen befolgt, konnte jedoch ſeiner Unruhe nicht Meiſter werden, und hatte eben das Schloß verlaſſen, als der Prinz wieder in ſeinem Zimmer anlangte. Es war kaum neun Uhr; um zehen Uhr ſah der Prinz Athenais zuruͤckkehren, aber William traf erſt zu Mittage ein. Er kam der Erklaͤrung des Prinzen mit den Worten zuvor:„Ich weiß Alles und zwar mit weit genauern Umſtaͤnden als Ew. Hoheit wiſſen koͤnnen.“ Nun beſtuͤrmte ihn der Prinz mit Fragen, und William, der ein Freund von etwas lang ausge⸗ ſponnenen Erzaͤhlungen war, bat um die Erlaubniß, dieſe in einer gewiſſen Ordnung vortragen zu duͤrfen. „Dem Befehl Ew. Hoheit gemaͤß,“ ſagte er,„kehrte ich mit einem wahrhaft ſchwermuͤthigen Gefuͤhle nach dem Schloſſe zuruͤck. Ich zitterte bei dem Gedanken an die erſten Ausbruͤche Ihrer Gemuͤthsbewegungen, beſonders fuͤrchtete ich den ſchrecklichen Eindruck, den — 1— das Zuſammentreffen mit Athenais, wenn dieſe mit Seymour aus dem Hauſe am See kommen wuͤrde, auf Ew. Hoheit hervorbringen werde. Nachdem ich in dem Garten meinen traurigen Gedanken laͤnger als zwei Stunden lang nachgehangen hatte, verließ ich das Schloß, eben als Ew. Hoheit zuruͤckkehrten, was ich aber nicht bemerkt hatte. Ich ging wieder nach dem Hauſe am See und, indem ich mich der kleinen Wohnung naͤherte, begegnete mir Athenais in Beglei⸗ tung Seymours und ihrer Kammerfrau. Athenais Zuͤge trugen das Gepraͤge der Traurigkeit, ſie blieb ſtehen:„Sind Sie nicht erſtaunt“ redete ſie mich an,„uͤber meine fruͤhe Entfernung aus dem Schloſſe?“ Und da ich in der That mein Erſtaunen nicht bergen konnte, ſo nahm Seymour das Wort:„Athenais und ich,“ ſagte er,„haben einen ſterbenden Greis beſucht, der dies kleine Haus am See bewohnte; es iſt ein armer Irlaͤnder, der, wie ich, auf dem Feſtlande zu⸗ ruͤckbleiben mußte. Da er ſich ſehr krank fuͤhlte, und an ſeinem Aufkommen zweifelte, ſo ſehnte er ſich nach den Troͤſtungen ſeiner Religion, denn er war katho⸗ liſch. Ach, er hatte wohl Urſache ſein Ende fuͤr nahe zu halten, denn ſo eben iſt er geſtorben. Um den Wuͤnſchen des wuͤrdigen, von ſeinem Vaterlande ent⸗ fernten, Greiſes zu entſprechen, theilte ich ſein Anlie⸗ — 2 ———ÿõ—eÿp——— gen Athenais mit. Dieſe ſorgte fuͤr einen Prieſter, aber, damit noch nicht zufrieden, wollte ſie den wuͤr⸗ digen Greis ſelbſt ſehen, und ihn durch ihre Theil⸗ nahme und ihr Mitleiden erquicken, und ſo hat, das zaͤrtlichſte Mitgefuͤhl ſich mit Allem, was die Religion und die beſeligende Hoffnung der Unſterblichkeit Erhe⸗ bendes und Troͤſtendes darbietet, vereinigt, um ihm den letzten Kampf zu erleichtern.“ „Als Seymour ſeine Erzaͤhlung beendigte, kamen wir im Schloſſe an, Athenais zog ſich in ihr Zimmer zuruͤck, und ich trat in den Saal. Ich befand mich hier mit Wernern allein:„Nun,“ ſagte ich zu die⸗ ſem,„dies Abentheuer wird den Herzensangelegen⸗ heiten Seymours bei Athenais nicht wenig Vorſchub leiſten; ſie ſcheinen doch in ſehr innigen Verhaͤltniſſen zu einander zu ſtehen.“ „Was denken Sie!“ rief Werner aus,„Sey⸗ mour hat auch nicht die geringſte Hoffnung.“ „Wie ſo?.. „Er hat ihr eine leidenſchaftliche Liebeserklaͤrung gemacht, worauf ihm Athenais mit einer Ruhe geant⸗ wortet, die ihm zur Verzweiflung gebracht hat, aber von der Wahrheit ſeiner Gefuͤhle geruͤhrt, hat ſie ihm ihre Freundſchaft angeboten, und ihn um die ſeinige mit einer ſo bezaubernden Guͤte gebeten, daß Seymour — 81— bis in die innerſte Tiefe ſeiner Seele durchdrungen, ſie ihr mit Entzuͤcken verſprochen, und ohne den ſo na⸗ tuͤrlichen Verdruß eines abgewieſenen Liebhabers zu empfinden, auf alle Hoffnung von Gegenliebe verzich⸗ tet hat, indem er blos von dem begeiſternden Gefuͤhle der reinſten Achtung fuͤr ſie durchdrungen iſt. Athe⸗ nais Freundſchaft ſcheint ihm ein hoͤchſt beneidenswer⸗ ther Gewinn, und dieſer Gedanke troͤſtet ihn fuͤr das ſchmerzlichſte aller Opfer.“ Dieſe Erzaͤhlung Williams verſcheuchte vollends alle Unruhe aus dem Herzen des Prinzen, und ſteigerte noch, wo moͤglich ſeine Ungeduld, nach der ihm von Athenais beſtimmten Stunde ihrer Zuſammenkunft. Er ging in den Garten hinunter. Waͤhrend zwei langer Stunden ſchien ihm die Zeit ſtill zu ſtehen? Er harrte mit einer brennenden Sehnſucht, und doch ohne Langeweile zu empfinden, kann man uͤberhaupt dieſes den Geiſt zu Boden druͤckende Gefuͤhl empfin⸗ den, wenn man das, was man liebt, erwartet? und Herz und Einbildungskraft mit dem Gegenſtand ihrer Sehnſucht angefuͤllt und beſchaͤftigt ſind!..... Endlich erblickt er Athenais., ein ſeliges Gefuͤhl durch⸗ ſtromt ihn, und ſein freudiges Entzuͤcken iſt mit einer Art von Erſtaunen untermiſcht, als ob der Anblick dieſes theuern Gegenſtandes fuͤr ihn ganz neu waͤre. 6 — 82— Die wahre Liebe vermag es nicht, ihre Empfindungen voraus zu berechnen, ihre Wonne und ihre Leiden uͤbertreffen immer Alles, was die Erwartung ſie hat hoffen oder fuͤrchten laſſen. Der Prinz fliegt Athenais entgegen, welche ſich ihm langſam naͤherte. Eine ſanfte Schuͤchternheit verſchoͤnerte ihre zoͤgernden Schritte mit allem Zauber der Beſcheidenheit, waͤhrend die lebhafte Roͤthe ihrer Wangen die Bewegungen ihres Herzens verrieth. Die reinen Empfindungen ihres Innern ſchienen ploͤtzlich auf den Prinzen uͤberzugehen. Den heftigen Wallun⸗ gen, die ihn durchbebten, folgt jetzt der gefuͤhlvollſte Zartſinn. Er hemmt ſeine ſchnellen Schritte, er fuͤhlt, daß jede heftige Aeußerung Athenais erſchrecken, oder ihr doch wenigſtens mißfallen koͤnnte, und als er endlich ihr zur Seite ſteht, ſind beider Gefuͤhle ſo in einander verſchmolzen, daß keines von ihnen ein Wort zu ſprechen vermag. Sie ſetzen ſich neben ein⸗ ander ſchweigend auf eine Bank, und nach einiger Zeit unterbricht endlich der Prinz das Stillſchweigen, in⸗ dem er wegen der Unbeſcheidenheit, die ihn nach dem Hauſe am See getrieben habe, um Verzeihung bittet. „Ich haͤtte dieſen geheiligten Zufluchtsort ehren ſollen,“ fuͤgte er hinzu;„Sie haben ihn zum Tem⸗ pel des Ehrwuͤrdigſten hienieden, zum Heiligthum der Religion, des Ungluͤcks und der Wohlthaͤtigkeit ge⸗ weiht!.... Doch nein, ich kann eine Voreiligkeit nicht bereuen, die mich in Athenais den entzuͤckendſten Verein von Tugend und Herzensguͤte hat finden laſ⸗ ſen!«.... Der Prinz ſchwieg. Er erwartete eine Antwort, aber vergeblich. Athenais ſchlug erroͤthend die Augen nieder. „Wuͤrdigen Sie mich wenigſtens der Verſicherung, daß Sie mir verzeihen. Damit ich doch den troͤſten⸗ den Gedanken mit mir nehme..... 4 „Wie, gnaͤdigſter Herr,“ unterbrach ihn Athenais lebhaft,„Sie wollen abreiſen?“ „Ach,“ antwortete der Prinz,„ich habe ſchon zu lange gezoͤgert.... In dieſer letzten Unterredung mit Ihnen muß ich Ihnen mein ganzes Herz oͤffnen. Ich weiß, daß das Band, was Sie bis jetzt noch feſſelt, leicht geloͤt werden kann, und— haͤtte ich Ihnen einen Thron anzubieten, ſo wuͤrde ich mich uͤbergluͤck⸗ lich fuͤhlen, wenn Sie ihn annehmen wollten; aber ich bin ein Fluͤchtling und ein Gefangener, mein Vater⸗ land iſt zu Boden gedruͤckt, aller Glanz, der mich um⸗ gab, iſt verſchwunden; mir iſt nichts geblieben, als mein Muth, und ich kann den Schlaͤgen des Schickſals nur den unerſchuͤtterlichen, edlen Stolz des Ungluͤcks entgegen ſtellen. So iſt es mir alſo nur erlaubt, in⸗ . 6*¼ —&— dem ich Ihnen ein ewiges Lebewohl ſage, Ihnen zu⸗ gleich meine ewig dauernde Liebe zu erklaͤren. Dieſe ruͤhrenden, das edelſte Herz beurkundenden Worte mach⸗ ten auf das fuͤr Seelengroͤße ſo empfaͤngliche Gemuͤth Athenais einen ſolchen Eindruck, daß ſie ihre Thraͤnen nicht zuruͤckzuhalten vermochte. Bei dieſem Anblick ſtuͤrzte der Prinz, außer ſich, zu ihren Fuͤßen. „Ach,“ rief er, entzuͤckt,„ich beklage nicht mehr mein Geſchick. Fortan liegt es in Athenais Haͤnden ... Verfuͤgen Sie uͤber mich... Was ſoll ich thun?... Wie ſoll ich handeln..... Befehlen Sie.... Ihr Wille, Ihre Anſichten ſind die mei⸗ nigen... reden Sie. c⸗ „Dieſe Uebergabe eines Herzens, wie des Ihri⸗ gen««, antwortete Athenais,„kann ſich nur auf eine tief gefuͤhlte Achtung gruͤnden. Ich bin ſtolz genug, Ihnen zu ſagen, daß Sie mir Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren laſſen, ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß Ihre Gefuͤhle mich mit der innigſten Theilnahme erfuͤl⸗ len, denn ſie ſind Ihrer wuͤrdig. Reiſen Sie, gnaͤ⸗ digſter Herr, beſiegen Sie eine ungluͤckliche Leiden⸗ ſchaft, aber erhalten Sie mir Ihre Freundſchaft, ich fuͤhle es, daß ſie mir als einzige Troͤſterin fuͤr mein ganzes Leben unentbehrlich iſt.“ 2 — 85— „Iſt's wahr, Athenais? Entſagen Sie dem Gluͤcke!.... „Wir werden uns nie wieder ſehen! dies ſagt Ihnen Alles!—.. „O! welche entzuͤckende Worte, die bis zu mei⸗ nem letzten Athemzuge in meiner Seele widerhallen werden!— Ich verzeihe meinem Geſchick— was ſage ich— ich ſegne es. O, moͤge es immer ſo blei⸗ ben!.... Nein, ich reiſe nicht ab, ich verlaſſe Sie nicht.... „Wir muͤſſen uns trennen... Ihre und meine Ehre fordern dieſes grauſame Opfer.— Die Begei⸗ ſterung der Liebe kann fuͤr Sie ſo wie fuͤr mich nichts anders als Begeiſterung fuͤr die Tugend ſeyn. Nie koͤnnen wir einander angehoͤren, Alles ſetzt ſich unſrer Verbindung entgegen, und nur, indem ich Ihnen Lebewohl ſage, kann ich Ihnen meine Gefuͤhle beken⸗ nen. Ihnen kommt es jetzt zu, dieſes Geſtaͤndniß zu rechtfertigen, indem Sie auf jede Hoffnung verzichten, und ſich von mir entfernen.... Ich hoͤre Schritte; es kommt Jemand... ſtehen Sie auf.... Wir muͤſſen unſere Bewegung und unſere Thraͤnen verber⸗ gen...„ Bei dieſen Worten ſprang der Prinz ſchnell auf, und trocknete ſich die Augen. guͤltigen Dingen; man ſpazierte noch eine Stunde im — 86— „Vergoͤnnen Sie mir wenigſtens“ ſagte er mit ſchmerzlicher Stimme,„noch vierzehn Tage.“ Athe⸗ nais antwortete blos durch ein Zeichen mit dem Kopf; ſie bemerkte Frau von Stael und Herrn von Montmo⸗ rency, die ſich ihr naͤherten, ſtand ſchnell auf und ſtuͤtzte ſich auf den ihr von dem Prinzen dargebotenen zittern⸗ den Arm, indem ſie der Frau von Stael entgegen ging. Dieſe kannte Athenais zu genau, als daß ihr nicht ihre und des Prinzen heftige Bewegung haͤtte auffallen ſollen, aber, um ſie nicht zu vermehren, ſtellte ſie ſich, als habe ſie nichts bemerkt. Sie ſprach blos von gleich⸗ Garten; dann ging man ins Schloß zur Mittagstafel. Waͤhrend derſelben kam das Geſpraͤch auf die Liebe, was auf dieſem Schloſſe oft der Fall war. Frau von Stael behauptete, daß die heftigen Leidenſchaften im⸗ mer ploͤtzlich und auf den erſten Anblick entſtaͤnden. „Die Fabel« fuͤgte ſie hinzu,„laͤßt die Minerva in voller Ruͤſtung aus dem Gehirn Jupiters entſpringen; aber die Weisheit bedarf der Zeit und der Erfahrung, um ihr erhabenes Ziel zu erreichen. Ich habe von jeher dieſe Allegorie unpaſſend gefunden. Auf dieſe Art entſteht nur die Liebe; ſie iſt es, die mit einem Male, ausgeruͤſtet mit allen Kraͤften der Seele und des Ge⸗ muͤths, deren ſie zu einer ewigen Dauer bedarf, ins Leben tritt.« Friedrich bezeugte der Frau von Stael uͤber dieſe Bemerkung ſeinen lebhafteſten Beifall, was ſie auch ganz natuͤrlich fand, und auf dieſe Zuſtimmung von ſeiner Seite im Voraus gerechnet hatte. Nun machte man ſich fertig, gleich nach der Tafel nach Lau⸗ ſanne zu fahren, wo man uͤbernachten, und des andern Morgens die Felſen von Meilerie in Augenſchein neh⸗ men wollte. Der Prinz ſchien uͤber dieſen Plan ganz entzuͤckt, was Athenais ein Laͤcheln abnoͤthigte. „Dieſe Felſen“ ſagte Sie zu ihm leiſe,„ſind in⸗ zwiſchen nichts als Steine, und Sie, gnaͤdigſter Herr, ſind durchaus nicht romanenhaft.“ „Ach,“ erwiederte der Prinz,„ſahen Sie denn nicht gleich ein, daß ich Unſinn ſprach, da ich anders denken und fuͤhlen wollte, als Sie.... Waͤh⸗ rend dieſer Worte ſtand man von der Tafel auf, und fuhr gleich darauf ab. Des andern Morgens ſchiffte man ſich mit dem Fruͤheſten ein, aber das Wetter war ſtuͤrmiſch, und der Himmel bedeckt. Athenais ſaß in dem Schiffchen zwiſchen Frau von Stael und Frau von Montaulieu, der Prinz ihr gegenuͤber. Ein zweites Fahrzeug war mit Muſtikanten beſetzt, die auf Blasinſtrumenten liebliche Melodien bekannter Arien vortrugen, welche das Echo wiederholte. Die aufgeregten Wogen, der — 88— dichte Schleier, der den Horizont bedeckte, der Zweck dieſer Spazierfahrt, und vor allen Dingen die gehei⸗ men Empfindungen Athenais und des Prinzen, Alles vereinigte ſich, um die Unruhe ihrer Herzen zu ver⸗ doppeln, und ihre Einbildungskraft zu uͤberſpannen. Der Ausdruck einer tiefen Schwermuth, der ſich uͤber das ganze Weſen Athenais verbreitet hatte, erhoͤhte noch den gewohnten Zauber ihrer Geſtalt, und ſchien jedes theilnehmende Gemuͤth zu dem zaͤrtlichſten Mit⸗ gefuͤhl aufzufordern. Der Prinz betrachtete ſie ſtill⸗ ſchweigend; er las in dem Innerſten Ihres Herzens, indem er zugleich die Gefuͤhle des ſeinigen belauſchte. Waͤhrend dieſer Fahrt fiel die Unterhaltung natuͤr⸗ lich auf Rouſſeau's„neue Heloiſe.“— Der Prinz und Athenais nahmen keinen Theil daran, ein ſittlich reinerer Roman beſchaͤftigte ſie. Nachdem man den ganzen Tag mit Bewunderung der Felſen von Meillerie zugebracht hatte, ſchiffte man ſich am Abend wieder ein, um nach Lauſanne zuruͤck⸗ zukehren. Schon zogen ſich Wetterwolken drohend zuſammen, die bald in ein furchtbares Gewitter aus⸗ brachen. Der ganze Himmel war ſchwarz umzogen, es erhob ſich ein heftiger Sturm, der Donner bruͤllte mit verdoppelten Schlaͤgen, die das Echo auf beiden Ufern des wildbewegten Seees widerhallte. Saͤmmt⸗ liche Frauen waren von banger Furcht ergriffen, nur Athenais nicht, die jedoch in tiefes Schweigen verſun⸗ ken war. Unterdeſſen wuͤthete der Sturm ſo ſchrecklich, daß man nur darauf bedacht war, irgend einen zum Landen ſchicklichen Ort zu finden. Es war ſo ſtockfin⸗ ſter, daß man nur beim Leuchten der Blitze die Gegen⸗ ſtaͤnde erkennen konnte; die Schiffer ſelbſt ſchienen beſtuͤrzt. In dieſem allgemeinen Aufruhr der Natur war der Prinz blos mit Athenais beſchaͤftigt.„Selbſt die Gefahr hat fuͤr uns Reize,“ ſagte er zu ihr;„ ſie vereinigt unſere Schickſale inniger mit einander, waͤh⸗ rend in dem ruhigen Lauf unſeres Lebens jeder Schritt uns von einander entfernt.—„Ha!“ erwiederte Athenais,„was kuͤmmert mich mein Schickſal?— Aber das Ihrige... Ach, ich habe die Kraft nicht dieſe verdoppelte Gefahr zu ertragen.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als ein ſchrecklicher Blitz, ganz in der Naͤhe des Fahrzeugs, mit einem furcht⸗ baren Gekrach die wildbrauſenden Wellen des Seees theilte. Dieſe lange Furche eines verzehrenden Feuers, das erſt ſpaͤt in den Fluthen verloͤſchte, erleuchtete das ganze Geſtade, und in dieſem Augenblick ſah der Prinz, deſſen Augen unverwandt auf Athenais geheftet wa⸗ ren, eine Todtenblaͤſſe ſich uͤber alle ihre Zuͤge verbrei⸗ ten, aber eben ſo ſchnell entzieht ſie die ſchwarze Fin⸗ — 90— ſterniß ſeinen Blicken... Er ruft ſie... Athe⸗ nait ſeufzt, ſie legt ſich auf die Schultern des Prinzen und wird ohnmaͤchtig. Außer ſich, ſchließt ſie der Prinz in ſeine Arme, in dieſen Moment ſtoßen die Schiffer ans Land. Der Prinz traͤgt Athenais beſin⸗ nungslos ans Ufer Nun ſteigt die ganze Geſellſchaft ans Land; Athenais oͤffnet die Augen, und Zittern durchbebt ſie, als ſie ſich in des Prinzen Arm und an ſeine Bruſt gedruͤckt fuͤhlt. Milde Thraͤnen entquol⸗ len ihren Augen, und ein einziger Blick von ihr ent⸗ ſchaͤdigt den Prinzen fuͤr alle ausgeſtandene Angſt. Indeſſen wuͤnſcht Athenais, die ſich auf des Prinzen Arm ſtuͤtzte, ſich an die ſich ihr naͤhernde Geſellſchaft anzuſchließen. Die Verwirrung am Ende dieſer Luſt⸗ fahrt, die nahe und ernſtliche Gefahr, die alle Gemuͤ⸗ ther in aͤngſtliche Bewegung geſetzt hatte, die Finſter⸗ niß, und das furchtbare Getoͤſe des Donners hatten Niemanden Zeit gelaſſen, an etwas Anderm als an dieſen Schreckensſcenen Theil zu nehmen; jetzt war die Ruhe wieder eingetreten, und Jedermann wurde nun auf den Zuſtand aufmerkſam, in welchem ſich noch immer der Prinz befand. Noch ſchwimmen ſeine Au⸗ gen in Thraͤnen, und ſeine ganze Haltung traͤgt das Gepraͤge der lebhafteſten und erſchuͤtterndſten Gemuͤths⸗ bewegung; man bemerkt Athenais tiefe Ruͤhrung, man — 91— erinnert ſich, daß, in dem Augenblick der groͤßten Ge⸗ fahr, der Prinz nur fuͤr ſie beſorgt war, und das Ge⸗ heimniß, dieſer ſchon von mehreren Gliedern der Geſell⸗ ſchaft geahneten Liebe iſt mit einem Male enthuͤllt*). Man uͤbernachtete in Lauſanne, und kehrte den folgenden Tag nach Coppet zuruͤck. Am Abend zog ſich Athenais, die ſich ſehr erſchoͤpft fuͤhlte, ſehr fruͤh⸗ zeitig auf ihr Zimmer zuruͤck. Frau von Stael, die ſich mit dem Prinzen allein befand, beantwortete die Fragen, welche dieſer uͤber Athenais⸗ und uͤber die naͤ⸗ hern Umſtaͤnde ihrer Verbannung an ſie richtete, un⸗ gefaͤhr mit folgenden Worten:„ Sie wiſſen, was Athenais fuͤr die Welt iſt, aber, was ſie mir iſt, wiſ⸗ ſen Sie nicht. Zu jeder andern Zeit wuͤrde ſie die Wonne meines Lebens und die Zierde meiner Umge⸗ bungen geweſen ſeyn, aber hier iſt ſie mein eigentliches Leben, hier aber erquicke ich mich im vollſten Sinne des Wortes an den Gefuͤhlen ihrer ſchoͤnen Seele, einer der reinſten, die je aus den Haͤnden des Schoͤ⸗ pfers hervorgegangen iſt, an ihrem ſo erhabenen und ſo einfachen, ſo gruͤndlichen und ſo angenehmen, ſo feinen und ſo natuͤrlichen Geiſte. Immer nur mit *) Alle Scenen dieſer Waſſerfahrt und dieſes Sturms ſind voͤllig in der Wahrheit gegruͤndet. 92— den Vorzuͤgen ihrer Freunde beſchaͤftigt, iſt Athenais voͤllig anſpruchslos, ob ſie gleich auf jeden Vorzug Anſpruch machen koͤnnte. Nie iſt Jemand freier von Selbſtſucht, und, trotz aller Beruͤhmtheit, beſcheide⸗ ner, als ſie geweſen. „Als Napoleon den Thron beſtieg, begleitete ihn aller Stolz eines Eroberers und alles Mißtrauen eines Despoten auf denſelben; auch gefallen wollte er, weil er in allen Stuͤcken der Erſte ſeyn wollte. Athenais war zu beruͤhmt, um nicht ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Er ſahe ſie zum erſten Male auf einem Feſte, wo ſie aller Augen auf ſich zog; er nahete ſich ihr, und unterhielt ſie mit jener orientaliſchen Galanterie, welche fuͤr ſo viele Weiber verfuͤhreriſch geweſen iſt, und die Athenais nur in Verlegenheit ſetzte. Sie reiſte den folgenden Tag ab, um ſich auf dem Schloſſe von Clichy, eine Viertelſtunde von Paris, einige Zeit aufzuhalten. Kurze Zeit darauf wurde Athenais Vater, der in eine Verſchwoͤrung gegen den Kaiſer verwickelt war, verhaftet, und nach dem Tem⸗ pelthurm gebracht. Er war ein oͤffentlicher Beamter. Die Verſchwoͤrung war erwieſen, Athenais uͤberzeugte ſich ſehr bald, daß, wenn ein Richterſpruch erfolgte, ihr Vater verloren ſey; ſie bat daher den Kaiſer ſchrift⸗ lich um eine Audienz. Dieſer ließ ihr wiſſen, daß er ſie denſelben Tag noch um zwoͤlf Uhr empfangen werde. Noch vor der beſtimmten Stunde fand ſich Athenais zitternd und in Thraͤnen ſchwimmend, im Kabinet des Kaiſers ein, der allein war. Der Kaiſer ließ ſie nie⸗ derſetzen, und that verſchiedene Fragen an ſie, wahr⸗ ſcheinlich mehr um ſie ſprechen zu hoͤren, als ſich uͤber eine Sache Auskunft zu verſchaffen, die ihm laͤngſt bekannt war. Athenais verſuchte nicht ihren Vater zu rechtfertigen, aber ſie wußte Alles, was den Zorn des Kaiſers mildern konnte, ſo geſchickt zuſammen zu ſtellen, daß dieſer ſogleich den Befehl zu ſeiner Be⸗ freiung ausfertigen und ihr zuſtellen ließ. Mit dieſem ſie begluͤckenden Befehl verſehen, fliegt ſie nach dem Tempelthurm; alle Pforten oͤffnen ſich ihr, ſie befreit ihren Vater, und geht mit ihm nach Clichy. Kaum war ſie einige Stunden dort, ſo erhielt ſie ein Schreiben von dem Polizeiminiſter, der ſie er⸗ ſuchte, ihm in den Abendſtunden eine Privatunter⸗ redung zu geſtatten. Athenais kannte Fouché ein wenig, ſie hatte ihn ſogar oͤfters in ihrem Hauſe geſe⸗ hen. Dies iſt eine Bekanntſchaft, die man nicht ver⸗ nachlaͤſſigen darf, wenn auch nicht unſer⸗ doch unſrer Freunde wegen. Fouché erſchien um acht Uhr. Athe⸗ nais war neugierig zu erfahren, was er ihr zu eroͤffnen habe. Fouché kommt nicht leicht in Verlegenheit, — 94= ſeine Befangenheit fiel ihr auf. Laͤchelnd begann er endlich: „Erlauben Sie mir vor allen Dingen Ihnen zur Befreiung Ihres Herrn Vaters Gluͤck zu wuͤnſchen.“ „Ach!“ erwiederte Athenais,„ich bin ſehr gluͤck⸗ lich und ſehr dankbar!“ „Erlauben Sie mir zugleich,“ fuhr Fouché fort, „Ihnen eine Erklaͤrung zu machen, die Sie ohne Ver⸗ legenheit anhoͤren koͤnnen, Sie haben mir eine wahre Theilnahme eingefloͤßt, wovon ich Ihnen die unzwei⸗ deutigſten Beweiſe zu geben bereit bin.“ „Ich bin von dieſen vortheilhaften Geſinnungen um ſo lebhafter ergriffen, da ich nicht weiß, womit ich ſie verdient habe.“ „Ihre Jugend, gnaͤdige Frau, Ihre Schoͤnheit ziehen natuͤrlich die Blicke aller derer auf ſich, die ſich Ihnen naͤhern; uͤbrigens iſt Ihnen nicht unbekannt, daß es die Pflicht eines Polizeiminiſters iſt, das Be⸗ tragen und die Schritte derjenigen, die einen großen geſellſchaftlichen Einfluß haben koͤnnen, beſonders ge⸗ nau zu beobachten. Und welcher Einfluß kann maͤch⸗ tiger ſeyn, als der der ſchoͤnſten Frau in Paris, wel⸗ cher ganz Europa huldigt, und die die Honneurs des glaͤnzendſten Hauſes macht. Ich bin daher mit allen — 95— Ihren Schritten und Ihren Meinungen genau be⸗ kannt.“ „Ihre wohlwollenden Geſinnungen“ erwiederte Athenais laͤchelnd,„haben Sie alſo bis jetzt nur dahin vermocht, meine Handlungen auszuſpaͤhen?“ „Allerdings, aber mit dem feſten Vorſatze, nie Ihr Angeber zu werden, wenn ich etwas Bedenkliches entdecken wuͤrde, ſondern mich nur darauf zu beſchraͤn⸗ ken, Ihnen in dieſem Falle nuͤtzliche Winke zu geben. Uebrigens hat Alles, was ich in dieſem Bezug erfahren habe, nur dazu dienen koͤnnen, meine Achtung fuͤr Sie in jeder Hinſicht zu befeſtigen. Ich weiß z. B. daß Lucian Bonaparte ſich vergeblich um Ihre Liebe bewor⸗ ben, daß er Ihnen verſchiedene Male geſchrieben hat, und daß Sie ihn mit vieler Ruhe und Milde alle Hoffnung geraubt haben.“ „Wer hat Sie aber von allen dem unterrichtet?⸗ „Meine Wachſamkeit, welcher, ſeyen Sie ver⸗ ſichert, nichts entgeht. Ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck, daß Sie die Huldigungen eines Mannes von unuͤber⸗ legten und zugleich falſchen Character zuruͤckgewieſen haben. Lucian, dieſer Republikaner aus Ehrſucht, Schoͤngeiſt ohne Kenntniſſe, Dichter ohne Begeiſterung, und kaltromantiſcher Liebhaber verdiente es auf keine Weiſe ein Herz, wie das Ihrige zu feſſeln.“ — 96— „Dies Gemaͤlde hat viel zu viel Schatten. Lu⸗ cian beſitzt viele Vorzuͤge des Herzens, Geiſt, gelaͤu⸗ terten Sinn fuͤr die Kunſt, und nie hat eine ſchlechte Handlung ſein Leben befleckt.“ „Sie werden viel zu thun bekommen, gnaͤdige Frau, wenn Sie die Vertheidigung aller derjenigen, die in Sie verliebt ſind, uͤbernehmen wollen. Aber erlauben Sie, daß ich jetzt auf die wahre Veranlaſſung zu meinem Beſuch komme. Ich will Ihnen einen Beweis von Vertrauen geben, darf ich auf das Ihrige rechnen?“ „Es wuͤrde Ihnen nutzlos ſeyn: Sie wiſſen Alles, ohne daß man Ihnen etwas vertraue. Man kann Sie wohl um Verſchwiegenheit bitten; aber die Freund⸗ ſchaft ſelbſt iſt der Muͤhe uͤberhoben Ihnen ein Ge⸗ heimniß zu offenbaren.“ „Keine menſchliche Gewalt giebt uns den Schluͤſſel zu den Herzen, und ich moͤchte vor allen andern in dem Ihrigen leſen.“ „Es hat keine Geheimniſſe, ich werde Ihnen mit aller Offenheit antworten. Nun dann!— „Wiſſen Sie alſo, daß ich eine lange Unterredung mit einer hohen Perſon gehabt habe, und daß dieſe blos, Sie, gnaͤdige Frau, zum Gegenſtand gehabt hat.“ „Mich!“— „Ja der Kaiſer hat ſich mit mir waͤhrend zwei Stunden blos von Ihnen unterhalten.“ „Dies iſt mir befremdend.““ „Und, Sie koͤnnen hinzufuͤgen, hoͤchſt ehrenvoll. Der Kaiſer hat von Natur ein Gefuͤhl von Verachtung gegen das weibliche Geſchlecht, aber auf Sie hat er in einem Tone von Achtung und Bewunderung, eine wahre Lobrede gehalten. Ihr Ruf, Ihr Geiſt, Ihre Beſcheidenheit, Alles, bis auf den Ton Ihrer Stimme hat ſeine lebhafteſte Theilnahme erregt. Uebrigens bin ich bei dieſer Unterredung nicht ſtumm geweſen, und ich verſichere Ihnen, er hat mich mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit angehoͤrt....“ Hiier ſchwieg Fouché. Er erwartete einige drin⸗ gende Fragen, einige unwillkuͤrliche Zeichen von Freude und Gemuͤthsbewegung; aber das natuͤrliche Gefuͤhl der Unſchuld und Reinheit ſieht zuweilen ſchaͤrfer, als der Spaͤherblick der Liſt und der Erfahrung. Athenais ahnte dunkel die Abſichten und die Plaͤne des ſchlauen Miniſters. Sie antwortete nichts, und Fouché be merkte in ihren Zuͤgen nur eine eiskalte Unbeweglichkeit; denn dieſe Zuͤge ſind ſo mild, daß ſelbſt die Verachtung ſich in ihnen nur durch Kaͤlte ausdruͤckt. Nach einem kurzen Schweigen, hoffte der in Verlegenheit geſetzte . 7 — 98— Fouché, daß wenigſtens der uͤbrige Theil ſeines Antrags, dieſer ſo ſchwer aufzuregenden Frau nicht unangenehm ſeyn werde, und fuhr jetzt fort: „Der Kaiſer hat mir aufgetragen Sie zu fragen, ob Ihnen vielleicht eine Stelle am Hofe angenehm ſeyn wuͤrde; und in dieſem Falle glaube ich Ihnen verſpre⸗ chen zu koͤnnen, Ihnen diejenige zu verſchaffen, die Sie wuͤnſchen. „Ehrgeiz liegt nicht in meinem Character“ antwor⸗ tete Athenais,„ich habe eine Art von Abneigung gegen das Hofleben, ich bin mit meiner Lage zufrieden und wuͤnſche nicht ſie zu veraͤndern.“ Dieſe Anwort kam Fouché ſo unerwartet, daß er ſie nicht fuͤr aufrichtig hielt. Er erwiederte Athenais laͤchelnd, daß er ſie erſuche, ſich die Sache zu uͤberlegen, er werde morgen ſich ihre endliche Entſcheidung perſoͤnlich erbitten, und hiermit beurlaubte er ſich. Wirklich erſchien Fouché am folgenden Tage, und da Athenais dieſelbe Sprache fuͤhrte, ſo war er uͤber⸗ zeugt, daß ſie die Wahrheit durchſchaut habe, und daß ſie eine offene Erklaͤrung erwarte.— Nun nahm er einen geheimnißvollen und feierlichen Ton an:„Sie haben alle Urſache,“ ſagte er,„ſich nicht zu ſchnell anzu⸗ draͤngen.... Es iſt hier nicht davon die Rede, einem voruͤbergehenden Phantaſieſpiele nachzugeben... Ich — 99— billige ganz ihre Zuruͤckhaltung, und ich wuͤrde ſie Ih⸗ nen gerathen haben, wenn Ihr Scharfblick Sie nicht ſelbſt ſo richtig geleitet haͤtte.... Bis jetzt hat man blos Launen zu bekaͤmpfen gehabt, wo man wenig Wi⸗ derſtand gefunden hat. Es iſt gut, daß man erfahre, wie ſehr Sie von andern Frauen verſchieden ſind, und daß man aus der Unruhe uͤber den Widerſtand, den ganzen Umfang ſeiner Empfindungen kennen lerne.“ Bei dieſen Worten haftet Athenais ſtrenger Blick unverwandt auf Fouché.„Was ſoll dieſe Sprache bedeuten, von wem ſprechen Sie mit mir, mein Herr?“ ſagt ſie zu ihm. „Ich muß mich alſo deurlicer erklaͤren.. Der Kaiſer wuͤnſcht um jeden Preis Sie an den Hof zu ziehen.“ Dieſe ſo unzarte Erklaͤrung erfuͤllte Athenais mit einem lebhaften Unwillen. Inzwiſchen war ſie doch klug genug, ihn nicht merken zu laſſen. Sie uͤberlegte, daß es zwecklos ſeyn wuͤrde, einen Auftritt zu veran⸗ laſſen, der ihrem Character nicht angemeſſen war, und der einen maͤchtigen und gefaͤhrlichen Mann, von ſo wenigen Grundſaͤtzen, daß er in dieſem Vorſchlage nichts Beleidigendes fuͤhlte, zu ihrem unverſoͤhnlichſten Feind gemacht haben wuͤrde. Athenais war der Meinung, daß es hinlaͤnglich waͤre, den Vorſchlag mitzFeſtigkeit 8*— 7 1 — 100— von der Hand zu weiſen, ohne ſich merken zu laſſen, daß ſie ſich beleidigt fuͤhlte:„Ich verſtehe Sie, ſagte ſie laͤhhelnd, und will Ihnen mit der Einfachheit ant⸗ worten, die einen ſo geiſtvollen Mann, wie Sie, weit mehr uͤberzeugen wird, als alle ſchoͤne Redensarten und das pompha fte Zurſchautragen erhaben ſeyn ſollender Gefuͤhle. Ich wiederhole es Ihnen nochmals, ich be⸗ ſitze nicht den mindeſten Ehrgeiz, meine Lebensweiſe iſt nach meinem Geſchmack, und uͤbrigens, ſey es nur Vorurtheil, oder Grundſatz, ich halte ſo viel auf mei⸗ nen Ruf, daß nichts in der Welt mich veranlaſſen koͤnnte, ihn zu opfern. Mit einem Worte, mein Ge⸗ wiſſen, mein Geſchmack, mein Character dringen mich, Anerbietungen dieſer Art laut und unwiderruflich zu⸗ ruͤck zu weiſen. Ja wenn ſie mich auch blenden koͤnn⸗ ten, ſo wuͤrde ich doch nicht in die Verſuchung gerathen, ſie anzunehmen, denn ich waͤre durchaus zu ungeſchickt, um auch nur den geringſten Vortheil fuͤr mich daraus zu ziehen. Mir fehlt es mit einem Worte an der noͤ⸗ thigen Klugheit um am Hofe leben zu koͤnnen, ohne von Naͤnkeſchmidten betrogen, oder von Neidern ge⸗ ſtuͤrzt zu werden..... 5 „Ja, allerdings,“ unterbrach ſie Fouché,„Ihr off⸗ ner Character bedarf eines Fuͤhrers, und ich werde im⸗ mer bereit ſeyn, uͤber Sie zu wachen, die Plaͤne der — 101— Bosheit zu vereiteln, Sie zu warnen, Ihre Anſichten aufzuklaͤren, Ihnen guten Rath zu ertheilen, und Ihre Herrſchaft zu befeſtigen.“ „Alle Herrſchaft, ſie ſey von welcher Art ſie wolle, erfordert zu viele Sorge, Muͤhe und Anſtrengung. Ich habe keinen Sinn fuͤr die Sucht nach Groͤße, ich kenne nur das Beduͤrfniß darauf zu verzichten.“ „Das kommt daher, weil Sie daruͤber noch nicht gehoͤrig nachgedacht haben.— Wie? bei Ihrer See⸗ lengroͤße, und bei Ihrem wohlwollenden Character, koͤnnten Sie gegen den Ruhm unempfindlich ſeyn, den maͤchtigen Beherrſcher aller gebildeten Nationen in Ihre Feſſeln zu ſchlagen! Sie koͤnnten auf das Gluͤck ver⸗ zichten wollen, ſeine Sitten und ſeinen Character zu mildern, und der durch Genie, Kraft und Tapferkeit gegruͤndeten Weltherrſchaft das Siegel der Vollendung aufzudruͤcken, indem Sie ſie durch Menſchlichkeit, Milde und jede ſanfte Tugend verherrlichten!« „Von ſolchen Anſpruͤchen bin ich weit entfernt, ſie koͤnnten meine Einbildungskraft nur dann erwaͤrmen, wenn ſie geſetzmaͤßig waͤren. Sie verwechſeln die mir zugedachte Rolle mit der einer Gemahlin. Wahr iſt's, eine Favoritin kann, wie Agnes Sorel, fuͤr einen Augenblick, das Gemuͤth zu einer Edelthat aufregen; aber der erhabene Einfluß, der ſeine Macht uͤber das yÿÿ—— 1 1 N ht 4 4 1 V —·— — 102— ganze Leben verbreitet, kann nur durch ein reines und tugendhaftes Gefuͤhl erlangt werden.“ „Die Beweggruͤnde und der Erfolg rechtfertigen jede Handlung.“ „Ich kann mich nicht uͤberzeugen, und werde von meinen Grundſaͤtzen nicht abweichen. Bedenken Sie daß man nicht leicht Anſichten aufgiebt, die unſer Ge⸗ wiſſen einmal fuͤr richtig anerkannt hat, und die mit unſern innerſten Gefuͤhlen im Einklang ſtehen.“ Dieſe einfache, beſtimmte und durchdachte Erkläͤ⸗ rung, uͤberzeugte endlich Fouché, daß Athenais ganz offen zu Werke ging, und ſo redete, wie ſie dachte; in⸗ deſſen nahm er ihre Milde fuͤr Schwaͤche, und gab noch immer die Hoffnung nicht auf, wenn auch nicht ſie zu dem erſehnten Schritt zu verfuͤhren, doch ihre Klugheit zu uͤberraſchen. Es lag ihm an dem Gelin⸗ gen ſeines Plans um ſo mehr, da er Bonaparte ver⸗ ſprochen hatte, nichts zu verabſaͤumen, um ſeinen Zweck zu erreichen, und dieſer auf den guͤnſtigen Aus⸗ gang beſtimmt rechnete. Er wurde immer dringender, aber ſein ganzes Miniſtertalent und ſeine argliſtige Be⸗ redſamkeit hatten keinen andern Erfolg, als die be⸗ ſtimmte Wiederholung ihrer abſchlaͤglichen Antwort. Nun verſuchte er Athenais einzuſchuͤchtern:„Bedenken Sie,“ ſagte er,„daß Sie dem Kaiſer Dankbarkeit ſchul⸗ dig ſind, daß er keine mit Ihren Vorurtheilen unver⸗ einbare Verbindung von Ihnen verlangt, ſondern blos wuͤnſcht, Sie moͤchten um eine Hofſtelle bei ihm nach⸗ ſuchen, und daß er mir Vollmacht ertheilt hat, Ihnen diejenige, die Ihnen am angenehmſten ſeyn wuͤrde, im Voraus zu zu ſichern. Bedenken Sie die Gefahr, ein ſolches Anerbieten, das nie irgend Jemanden noch ge⸗ macht worden iſt, auszuſchlagen. Der entſcheidende Gebieter uͤber das Schickſal ganzer Reiche iſt nicht ge⸗ wohnt Geringſchaͤtzung zu ertragen: er iſt heftig, er iſt unumſchraͤnkt, folgen Sie mir, reizen Sie ihn nicht.““ 3 „Laſſen Sie mich in Ihrem Berichte die ehrerbie⸗ tigſte und dankbarſte Sprache fuͤhren, ich habe nichts dagegen, aber ſagen Sie ihm, daß ich einen unuͤber⸗ windlichen Widerwillen gegen das Hofleben habe. Die⸗ ſer Widerwille kann keine Beleidigung fuͤr ihn ſein; das Beduͤrfniß der Ruhe und Stille kann kein Monarch als einen Mangel an Ehrfurcht gegen ihn anſehen. „Ja in den gewoͤhnlichen Verhaͤltniſſen, allein die Geſinnungen des Kaiſers gegen Sie ſind Ihnen nicht unbekannt, und er hat mich beauftragt, ſie Ihnen in ſeinem Namen zu erklaͤren.“ „Wenn ich mich alſo dem Hofe anſchloͤſſe, ſo wuͤrde ich ſolche durch dieſen Schritt zu billigen ſcheinen.“ — 104— „Aber, da Sie in dieſer Beziehung nichts verſpre⸗ chen, ſo koͤnnten Sie Sich immer noch weigern, nach⸗ zugeben.“ „Aber, dann wuͤrde ich auch allen Gewaltthaͤtig⸗ keiten, allen Verfolgungen dieſes erzuͤrnten Gebieters, den Sie mir ſelbſt als ſo eigenmaͤchtig, als ſo herrſch⸗ ſuͤchtig ſchildern, ausgeſetzt ſeyn.“ „Er wird Sie, ohne Sie zu ſehen, mit tauſend⸗ mal heftigerer Wuth und Erbitterung verfolgen. In ſeiner Naͤhe wuͤrde ein Blick von Ihnen hinreichen, ihn zu entwaffnen.“ „Er wuͤrde mir es mit Recht zum Vorwurf machen koͤnnen, die Stelle angenommen zu haben; er wuͤrde in meinem Widerſtande nur eine erkuͤnſtelte und laͤcher⸗ liche Bedenklichkeit finden. Kurz, laſſen Sie uns nicht weiter davon ſprechen, mein Entſchluß iſt gefaßt, er iſt unwiderruflich.“ „Der Kaiſer wird ſich raͤchen, und ich werde es nicht hindern koͤnnen.“ „ Ich trotze ihm nicht, aber ich werde, wenn es nicht anders ſeyn kann, ſeine Ungerechtigkeiten zu er⸗ tragen wiſſen....“ Hier konnte der Prinz die Ausbruͤche ſeiner Be⸗ wunderung nicht laͤnger zuruͤckhalten:„Anbetungs⸗ wuͤrdiges Weſen!“ rief er aus,„welcher Sterbliche hat — 105— noch jemals ſo viele Seelengroͤße mit ſo vieler Beſchei⸗ denheit und Einfachheit vereinigt! Aber haben Sie die Guͤte, gnaͤdige Frau, in Ihrer Erzaͤhlung fortzufah⸗ ren.“ Frau von Stael laͤchelte, und entſprach ſeinen An⸗ ſuchen mit folgenden Worten: „Fouché war endlich genoͤthigt ſeine thoͤrichten Hoffnungen aufzugeben. Die feinſten und in der arg⸗ liſtigen Kunſt der Intriguen geuͤbteſten Hofleute irren ſich manchmal in ihren kluͤglichſten Berechnungen, weil ſie nur immer die Ehrſucht als erſten Hebel betrachten, und weder an Offenheit noch Rechtlichkeit glauben. Fouché verheelte Athenais nicht, daß Bonaparte wuͤ⸗ thend ſey, und daß ſie vor ſeinem Zorne Alles zu fuͤrch⸗ ten habe; dieſe erfuhr auch bald darauf in der That, daß der Kaiſer nicht erroͤthe, ſein Mißvergnuͤgen denje⸗ nigen zu erkennen zu geben, die ihr Haus beſuchten. Den Vorwand zu dieſem hoͤchſt ſonderbaren Unwillen gab die Freundſchaft Athenais gegen mich, denn ich war ſchon verwieſen. Die Erbitterung Bonapartes gegen dieſe zeigte ſich endlich auf eine ſo vielfache und ruckſichtsloſe Weiſe, daß alle Diejenigen, die an ihrem Schickſale Theil nahmen, ihr den Rath gaben, ſich auf einige Zeit zu entfernen. Sie bat nun um Paͤſſe, um durch die Schweiz nach Italien zu reiſen, in der — 106— Abſicht ſich in Coppet zu verweilen, aber der Polizei⸗ miniſter ſagte ihr, er habe den gemeſſenen Befehl ihr zu erklaͤren, daß wenn ſie nur einen, auch noch ſo kur⸗ zen Beſuch mache, ſie nicht nach Frankreich zuruͤckkeh⸗ ren duͤrfe. Trotz dieſer Warnung reiſte Athenais ab, und was der Miniſter vorausgeſagt hatte, erfolgte; denn kaum in Coppet angelangt, erhielt ſie den Re⸗ gierungsbefehl, der ihr unterſagte, in ihr Vaterland zuruͤckzukehren. Urtheilen Sie jetzt, gnaͤdigſter Herr, von meiner Ruͤhrung, von meiner Dankbarkeit, und von meiner Bewunderung, als ich dieſen Engel in Men⸗ ſchengeſtalt bei mir eintreffen ſah, und alle dieſe Um⸗ ſtaͤnde erfahre.“ „Sie iſt alſo,“ ſagte der Prinz,„der Gegenſtand eines perſoͤnlichen Haſſes Nopoleons!“ „Ja, gnaͤdigſter Herr, ſie iſt von ihrer Familie, von ihren Freunden, von ihren Umgebungen getrennt, und auf unbeſtimmte Zeit, vielleicht fuͤr die ganze Dauer der Regierung Napoleons verbannt, und, was meine Unruhe aufs hoͤchſte ſteigert, ſind die neuerdings erhal⸗ tenen Nachrichten, die mich fuͤrchten laſſen, Athenais werde bald den Befehl erhalten, Coppet zu verlaſſen.““ „„„Dieſe Coalition zweier die Ufer des Genferſees be⸗ „„„wohnenden Frauen, ſetzt,“«« wie man ſagt,„„den Herrn der Welt in Furcht.“«« — 107— Dieſer Gedanke, ſo wie die ganze Erzaͤhlung gaben den Ideen des Prinzen ploͤtzlich eine ganz neue Rich⸗ tung, und erhoben dieſe, aller Verbindung, jeder Stuͤtze beraubte, Athenais, in ſeinem Auge zu einem gehei⸗ ligten Weſen, welcher fortan ſein ganzes Leben zu wei⸗ hen, er ſich fuͤr verbunden hielt. Eine entzuͤckende Taͤuſchung machte ihm die Liebe gewiſſer Maaßen zur Pflicht, er erwartete ſehnſuchtsvoll den Augenblick, wo er ſie allein ſprechen konnte, und als er ſie am andern Morgen auf der Terraſſe ſpazieren gehen ſah, flog er ihr entgegen:„Was habe ich erfahren,““ rief er in der hoͤchſten Bewegung aus?„Endlich kenne ich nun Ihre Verhaͤltniſe— Ha!— gebieten Sie uͤber mich.... Ich lebe nur fuͤr Sie! Genießen Sie aufs Neue Ih⸗ rer Freiheit, mit Entzuͤcken opfere ich Ihnen die mei⸗ nige.“ Er ſprach dieſe Worte mit einer ſolchen Begeiſte⸗ rung, daß ſie Athenais in eine Art von Schrecken ſetzten. „Ich erkenne Sie,“ ſagte ſie,„an dieſen großmuͤ⸗ thigen Geſinnungen. Unſtreitig wuͤrde es fuͤr mich ein uͤberaus ſuͤßes Gefuͤhl ſeyn, Sie zu meinem Beſchuͤtzer waͤhlen zu koͤnnen. Bei einem ſo edelmuͤthigenund mei⸗ nem Herzen ſo theuern Stuͤtze wuͤrde ich weit entfernt, uͤber mein Schickſal zu murren, ſeine Launen und ſelbſt die Unfaͤlle ſegnen, die uns zuſammen gefuͤhrt haben. — 108— Aber unuͤberſteigliche Hinderniſſe trennen uns von ein⸗ ander.“ „Fuͤr mich gibt se keine, wenn Sie mich lieben.“ „Gerade mein Gefuͤhl fuͤr Sie, vergroͤßert dieſe Hinderniſſe noch; und nur, indem ich das meinige zum Opfer bringe, kann ich das Ihrige rechtfertigen.“ „Was ſagen Sie? Großer Gott!“ „Haben Sie die Guͤte mich anzuhoͤren! Allerdings wuͤrden mir die Geſetze erlauben, die Kette, die mich feſſelt, zu ſprengen, aber Ehre und Religion verbieten es mir. Derjenige, deſſen Namen ich fuͤhre, lebt in Frankreich, und der Haß, der mich daraus verwieſen hat, laſtet drohend auch auf ihm. Kann ich in ſolchen Verhaͤltniſſen, mich oͤffentlich und gerichtlich von ihm trennen? Ich bin bis jetzt Nutznießerin eines großen Theils ſeines ungeheuern Vermoͤgens geweſen, von welchem er von jeher einen ſo edeln Gebrauch gemacht hat, und jetzt, da ich mit Gewißheit weiß, daß eine furchtbare Macht ſeinen Sturz beabſichtigt und vor⸗ bereitet, ſollte ich ihn theilnahmlos ſeinem traurigen Schickſale uͤberlaſſen!“ „Aber gerade da man Sie in ihm verfolgt, werden Sie ſein Ungluͤck verhindern, indem Sie Ihr Loos von dem ſeinigen trennen.“ — 199— „Nein, der Schlag iſt bereits erfolgt, ſchon hat er oͤffentliche Beweiſe von den unguͤnſtigen Geſinnun⸗ gen der Regierung erhalten, und er iſt auf den ſchlimm⸗ ſten Ausgang vorbereitet. Meine unerſchuͤtterliche Freundſchaft kann allein ihm noch einigen Troſt ge⸗ waͤhren. Er rechnet darauf, und ich wuͤrde mich in den Augen aller Edeln herabwuͤrdigen, wenn ich ſein ehrenvolles Vertrauen taͤuſchen koͤnnte... Nein, kann ich auch den Gefuͤhlen meines Herzens nicht gebieten, ſo weiß ich doch, daß, auf den Dornenpfaden ſeiner neuen Laufbahn mein Platz an ſeiner Seite iſt.“ „Athenais!“ rief der Prinz,„Sie durchbohren mir das Herz... Was ſoll aus mir werden, getrennt von Ihnen, ohne Hoffnung Sie je wieder zu ſehen!— Wo werde ich Troſt finden?“ „In der Ueberzeugung, daß ich der Gefuͤhle, die ich Ihnen eingefloͤßt habe, nicht unwuͤrdig bin. In dem Gedanken, daß, wenn ich Ihnen meine Verhaͤltniſſe geſchildert, und Sie erſucht haͤtte, durch Ihren Rath mich auf den Weg der Pflicht zu leiten, Ihre erha⸗ bene Seele mir alle Opfer, die ich gebracht habe, wuͤrde oooxgeſchrieben haben“ Bei dieſen Worten heftet der Prinz ſeinen thraͤnen ſchweren Blick auf Athenais, und betrachtet ſie einen Augenblick, ohne nur ein Wort hervorbringen zu koͤnnen. Endlich laͤßt er ſich mit einem , — 110— Knie vor ihr nieder, ergreift ihre zitternde Hand, druͤckt ſie feſt an ein Herz, ſpringt dann mit einem Male heftig empor und ruft mit gebrochener Stimme: „Lebe wohl, Athenais! Lebe wohl!“ und entfernt ſich mit ſchnellen Schritten. Athenais zerfloß in Thraͤnen, und eilte auf ihr Zimmer, wo ſie ſich einſchloß:„O Gott,““ rief ſie aus, „ſo iſt denn Alles vorbei! ich werde ihn nie wieder⸗ ſehen!..... Er reiſt ab, wahrſcheinlich heut noch!... Er iſt alſo nur hierher gekommen, um die Buͤrde ſeines Ungluͤcks noch zu erſchweren! Ich habe ſeinen Kummer nur vermehrt!.. Ach!.. Beide ſind wir unſeres Va⸗ terlandes beraubt, beide ſtehen wir einzeln und leidend da— eine und dieſelbe Hand iſt die Schoͤpferin unſerer Qualen, da ſchien das Schickſal gleichſam geruͤhrt durch die traurige Gleichheit unſerer Leiden uns einan⸗ der naͤhern zu wollen, um uns gegenſeitig zu troͤſten: aber ploͤtzlich erwachte von Neuem ſein alter Groll und die kurzen mit einander verlebten Augenblicke mußten nur dazu dienen, uns noch ungluͤcklicher zu machen!... Haͤtte ich ihm wenigſtens alle meine Gefuͤhle ausdruͤcken koͤnnen. Er kennt meine Grundſaͤtze, aber mein Herz kennt er nur unvollkommen!...— Dieſe trau⸗ rigen Betrachtungen waren von einer Thraͤnenfluth begleitet. Nach Verlauf von drei Viertelſtunden hoͤrt — 111— ſie ein Geraͤuſch von Pferden und Wagen...„Ach,“ ruft ſie aus,„er reiſt ab!’— Sie will aufſtehen, aber die Fuͤße verſagen ihr den Dienſt, und ſie faͤllt auf den Sopha zuruͤck.... Der Wagen faͤhrt zum Hofe hinaus. Von Fieberfroſt durchſchuͤttelt, hoͤrt Athenais das ſich immer vermindernde Geraͤuſch des fortrollenden Wagens ſich in der Ferne verlieren. So wie er abnimmt, fuͤhlt auch Athenais ihre Kraͤfte ſchwinden, es ſcheint, als wolle dieſer Wagen ihr gan⸗ zes Daſein mit ſich fortreiſſen.... Bald lauſcht ſie ganz vergebens, ſie hoͤrt nichts mehr.... Dieſe furcht⸗ bare Stille iſt ihr die Stille des Nichtſeins.... und es tritt bei ihr eine voͤllige, hoͤchſt ſchmerzliche Er⸗ ſchoͤpfung ein. Als ſie indeſſen die Schloßuhr zwoͤlfe ſchlagen hoͤrt, rafft ſie alle ihre Kraͤfte zuſammen, um ſich aus dieſem Zuſtand von Vernichtung heraus zu reiſſen. Um dieſe Zeit verließ gewoͤhnlich Frau von Stael ihr Zimmer, nachdem ſie, ſo wie Athenais und einige andere Schloß⸗ bewohner, welche nicht an dem allgemeinen Fruͤhſtuͤck Theil nahmen, fuͤr ſich allein gefruͤhſtuͤckt hatte. Athe⸗ naͤis fuͤhlt nur das Beduͤrfniß der Einſamkeit, um ungeſtoͤrt meinen und ihren traurigen Gedanken nach⸗ haͤngen zu koͤnnen, und da ſie in dieſem Augenblicke Frau von Stael nicht zu ſprechen wuͤnſchte, ſo ent⸗ — 112= ſchloß ſie ſich, einen Spaziergang außerhalb des Schloſſes zu machen. In einem kleinen Hoͤlzchen, nahe am Schloſſe, befand ſich eine kleine katholiſche Kapelle, welche vor vierzig Jahren, mit Genehmigung der Behoͤrden, ein in Genf wohnender erſt kurz vor der Revolution dort verſtorbener Franzos hatte bauen laſſen. Dieſer, ſtets in Trauer gekleidete, und in einer voͤlligen Abgeſchie⸗ denheit lebende Fremdling hatte zu ſeiner Zeit, durch ſeine Jugend, ſeine ſchoͤnen Formen, ſeine tiefe Trau⸗ rigkeit, ſeine Froͤmmigkeit und ſeine Wohlthaͤtigkeit alle Genfer fuͤr ſich eingenommen. Er hatte keine Bedie⸗ nung; den Winter brachte er in Genf auf einem kleinen Zimmer zu, in welchem ſich nichts als ein Bette, ein Stuhl, ein ſchoͤnes, die heilige Thereſia vorſtellendes, Gemaͤlde, ein Tiſch, ein Schreibzeug und einige Buͤ⸗ cher befanden. Alle Sommer ſchlug er ſeine Woh⸗ nung in dem kleinen Hoͤlzchen auf, wo ſich die Ka⸗ pelle befand, und wo er eine Art von Einſiedelei hatte bauen laſſen, die er blos Sonntags verließ, um in der großen katholiſchen Kirche dem Gottesdienſte bei⸗ zuwohnen, denn die Regierung hatte ihn blos erlaubt, ein Mal des Jahres, eine ſtille Meſſe in der Kapelle leſen zu laſſen,— und er hatte ſie erſucht, daß dies am Thereſientage, den funfzehnten Oktober, geſchehen — 113— duͤrfe. An dieſem fuͤr ihn ſo feierlichen Tage ſtattete der Einſiedler jaͤhrlich ſechs junge Maͤdchen aus, denen er auch die Hochzeit ausrichtete. Uebrigens machte er fuͤr ſeine Perſon nicht den geringſten Aufwand; aber man wußte von ſeinem Wechsler, daß er reich ſey, auch bewies dies die unzaͤhlige Menge Armen die er auf das Neichlichſte unterſtuͤtzte. So verlebte er in Genf zwanzig Jahre. Man war allgemein der Mei⸗ nung, daß der Verluſt einer geliebten Perſon, eben als er ſich mit ihr verbinden wollte, der eigentliche Grund zu dieſer frommen und ſonderbaren Lebensweiſe ſey, und daß der Gegenſtand ſeines ſo anhaltenden Schmerzes den Namen Thereſia gefuͤhrt habe. Auch nach dem Tode des Einſiedlers hielt man ſeine Kapelle und ſeine Einſiedelei, welche Letztere mit ruͤhrenden, von ſeiner Hand in dem von ihm bewohnten Gemach angebrachten Inſchriften angefuͤllt war, in Ehren. Die Thuͤre zur Kapelle ſtand beſtaͤndig offen, denn ſie enthielt keine Kirchengefaͤße und man fand hier blos das Grab des Einſiedlers, ein Crucifix und einen ſchmuckloſen Altar. Die im Canton wohnenden Ka⸗ tholiken verrichteten hier oͤfters ihre Andacht. Waͤh⸗ rend der ſchoͤnen Jahreszeit war das Grab mit Kraͤnzen, Guirlanden und Straͤußern aus Feldblumen bedeckt, weelche die einſt von ihm ausgeſtatteten Baͤuerinnen, 8 — 114— als Opfer der Dankbarkeit an ſeiner Gruft niederlegten. In den Staͤdten und Palaͤſten gerathen die Wohl⸗ thaten ſchnell in Vergeſſenheit, aber in den Huͤtten altert die Dankbarkeit nie. Athenais verließ das Schloß eilig, und richtete ihre wankenden Schritte der Einſiedelei zu. In dieſem ſtillen Zufluchtsort des Schmerzes, in dieſem kleinen, von der ungluͤcklichen Liebe erbauten Wohnplatze will ſie ihren ſchwermuͤthigen Gedanken nachhaͤngen. Sie ging langſam, und erblickt erſt nach Verlauf einer Stunde die nahe vor ihr liegende Einſiedelei... In dieſem Augenblicke vernimmt ſie hinter ſich ein leichtes Geraͤuſch, ſie dreht ſich um.... und welch Er⸗ ſtaunen!.... erblickt den Prinzen. Dies verur⸗ ſacht ihr eine heftige Bewegung, daß ſie wankt, und genoͤthigt iſt, ſich an einen Baum anzuhalten. Der Prinz, welcher ſie erblaſſen ſieht, ſtuͤrzt auf ſie zu, und unterſtuͤtzt ſie mit ſeinen Armen. Athenais, vor Erſtaunen wie an den Boden gekettet, vermag kein Wort hervorzubringen, genießt jedoch im Stillen ihres Gluͤcks, denjenigen wieder zu ſehen, welchen wieder zu ſehen ſie nie mehr gehofft hatte.... Endlich, nachdem ſie ſich moͤglichſt geſammelt hatte, ſagte ſie zu dem Prinzen:„Dieſe Einſiedelei iſt Ihnen unbe⸗ — 115— kannt, die Ihnen uͤbrigens auch wenig Intereſſe ein⸗ floͤßen kann, da Sie Proteſtant ſind....“ „Sie wird mir das hoͤchſte einfloͤßen,“ unterbrach ſie der Prinz,„wenn ich mich mit Ihnen darinnen aufhalte, kommen Sie herein, um ein wenig auszu⸗ ruhen.“ Bei dieſen Worten ſetzt Athenais ihren Weg fort, und tritt mit dem Prinzen in die Einſiedelei. Sie naͤhert ſich einem kleinen Gemach, und zeigt dem Prinzen eine uͤber der Thuͤre befindliche Inſchrift: „Leſen Sie“ ſagt ſie zu ihm; und der Prinz las. „Hier wurden ſchwere Leiden mit Erge⸗ bung getragen. Moͤge jedes empfin⸗ dende und treue Herz, in demſelben Ge⸗ fuͤhle dieſelbe Staͤrkung finden.“„Und dieſe’ fuhr Athenais fort, indem ſie nach der rechten Seite der Mauer zeigte:„Nur der ſteht einſam auf Erden, der fuͤr ewig vom demjeni⸗ gen getrennt iſt, was er liebt.“„Ach!“ rief der Prinz aus,„man hat hier leiden und ſeufzen koͤn⸗ nen, aber wo hat man je ſo geliebt, wie ich Sie liebe!“⁰ „Ja, es iſt keine Taͤuſchung, ich ſehe Sie wieder, ich hoͤre ihre Stimme, ich bin in Ihrer Naͤhe. In dieſem Augenblicke kann ich an unſer Ungluͤck nicht 8* — 116— denken, ich kann nicht daran glauben; und doch— reiſen Sie ab!”— „Morgen erſt, ich muß mich noch von Frau von Stael beurlauben, und ſo werde ich noch dieſen ganzen Tag bei Ihnen zu bringen, wenn Sie mir aber das Gluͤck goͤnnen wollen, mich noch eine Stunde mit Ih⸗ nen unterhalten zu duͤrfen, ſo ſey es hier. Hier wer⸗ den wir von der Zudringlichkeit der Schloßbewohner nicht geſtoͤrt werden.“ Bei dieſen Worten ſah ſich der Prinz vergebens nach Stuͤhlen um, um ſich ſetzen zu koͤnnen; er bemerkte nur eine Art breite ſteinerne Bank, welche in einer Vertiefung der Mauer ange⸗ bracht war. Athenais lud ihn ein ſich zu ſetzen:„Die⸗ ſer Stein,“ ſagte ſie,„diente dem Einſiedler zur Lager⸗ ſtaͤtte; nie ſchloß hier ein ſanfter Schlummer ſeine ſchwe⸗ ren Augenlieder, und wie viele Thraͤnen wurden hier uͤber eine ſchmerzliche Trennung vergoſſen!“ „So werde ich fortan alle meine Naͤchte durchwa⸗ chen! Ja, die Vorſehung hat mich abſichtlich nach die⸗ ſem der Schwermuth geweihten Ort geleitet, um Ih⸗ nen hier das letzte Lebewohl zu ſagen. Die traurigſten Einnerungen aus einer troſtloſen Vergangenheit ver⸗ einigen ſich hier, um mir das Gemaͤlde der mich er⸗ wartenden Zukunft zu entwerfen. Athenais, wie ruͤh⸗ rend und wahr, iſt der mit großer Schrift dieſem — 17— Schmerzenslager gegenuͤber angebrachte Gedenkſpruch, den ich mir unter Schaudern immer wiederhole:„Nur der ſteht einſam auf Erden, der fuͤr ewig von demjenigen getrenntiſt, was er liebt.“ Unaufhoͤrlich wird mir in Zukunft dieſe Inſchrift, die mir mein kuͤnftiges Geſchick vorausſagt, vor Augen ſchweben. Waͤhrend meiner Gefangenſchaft, auf mei⸗ nen Reiſen, in den Palaſt meiner Ahnen, wenn ich je ihn wieder betrete, wird ſie meinem Innern mit unausloͤſchlichen Zuͤgen eingepraͤgt bleiben, mein bre⸗ chendes Auge wird ſie noch in meiner Todesſtunde er⸗ blicken, und ich werde das Leben ohne Bedauern ver⸗ laſſen.“ „Nein, Ihr Leben hat eine edlere Beſtimmung; die Erfuͤllung Ihrer erhabenen Pflichten wird Ihnen Ihre Ruhe wiedergeben.... „Athenais, rauben Sie mir den einzigen Troſt nicht, der mir noch uͤbrig bleibt, ich meine denjenigen, daß ſie meinen Empfindungen Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren laſſen.— Was ſagen Sie mir von Ruhe? fuͤr mich gibt es hienieden keine mehr.... Allerdings werde ich meine Pflichten erfuͤllen, die Tugend iſt mir theuer genug zu ſtehen gekommen, um ihr treu zu bleiben: und wird ſie nicht das einzige Band ſeyn, das uns hin⸗ —, 4 5 — 118— fort an einander kettet! Sollte ich dieſe letzten Faͤden, die unſere Seelen durch eine heilige Sympathie noch an einander ketten, freventlich zerreiſſen? Jede ihr ent⸗ ſproſſene edle Handlung, jede durch ſie entflammte Be⸗ geiſterung, jedes durch ſie verſchoͤnte Gebilde menſchli⸗ cher Vollkommenheit wird ſich in meinem Kopfe und in meinem Herzen immer mit der Erinnerung an Sie verſchmelzen. Wie theuer wird ſie mir ſeyn, ſie wird immer von Ihnen zu meinem Herzen reden.... Aber kann derjenige Ruhe finden, der Sie liebt, und ſeine Liebe zum Opfer bringen muß!— Nein, ich werde immer unruhig, immer ungluͤcklich, aber mit Muth und Ihrer wuͤrdig werde ich es ſeyn. Erinnern Sie Sich, daß ich niemals, weder Ihre Bedenklichkeiten noch Ihre Entſchluͤſſe bekaͤmpft habe. Das Gluͤck Sie mit Entzuͤcken bewundern zu koͤnnen, entſchaͤdigt mich fuͤr Alles. Wenn ich Ihre edeln Gefuͤhle haͤtte bekaͤmpfen wollen, ſo haͤtte ich geglaubt, die meinigen zu entheili⸗ gen, ich haͤtte befuͤrchtet, die erhabene Verbindung un⸗ ſerer Seelen aufzuloͤſen.“ „Ha!““ erwiederte Athenais,„dieſe reine Vereini⸗ gung, muß uns fuͤr die Zukunft ein Gluͤck ſichern, wel⸗ ches weder Zeit noch Abweſenheit zerſtoͤren koͤnnen, dies ſagt mir ein ſuͤßes Vorgefuͤhl. Die zarte und treue Freundſchaft wird uns fuͤr die Qualen der Liebe ent⸗ — 1419— ſchaͤdigen, und ſo hoffe ich, daß einſt Ruhe und Zu⸗ friedenheit wieder bei Ihnen einkehren werden. „Ich fuͤr meinen Theil mag nichts auf Koſten ei⸗ ner Liebe hoffen, deren Endſchaft voraus zu ſehen nur ſchrecklich ſeyn wuͤrde.“ Die Unterhaltung dauerte geraume Zeit in dieſem Sinne fort. Endlich mußte man ſich entſchließen auf das Schloß zuruͤckzukehren. Der Weg aus der Ein⸗ ſiedelei fuͤhrte vor der Kirche vorbei. Athenais aͤußerte den Wunſch fuͤr einen Augenblick hineinzugehen, und der Prinz ſagte ihr, daß er ſie zehn Schritte davon unter einem Baume erwarten wolle. Athenais trat in die Kirche, und der Prinz, welcher bemerkte, daß ſie die Thuͤre halb offen ließ, naͤherte ſich ſachte, und beobachtete ſie, ohne daß ſie es merkte, durch die halb geoͤffnete Thuͤre. Er ſahe ſie dem Grabe des Einſied⸗ lers ſich naͤhern, niederknien, und mit Inbrunſt beten. Nie hatte ſie ihn ſo ſchoͤn geſchienen, als in dieſem Au⸗ genblicke. „Nein, ſagte er, ihre Empfindungen ſind zu rein, als daß ſie Gott bitten koͤnnte, ſie aus ihrem Herzen zu vertilgen.... Sie betet fuͤr mein Gluͤck, und das Flehen dieſer Engelsſeele wird gehoͤrt werden. Scheint es mir doch ſchon als ob ihr Gebet den furchtbaren Sturm meines Herzens beruhige...““ — 120— Der Prinz verweilte mit Entzuͤcken bei dieſem troͤſt⸗ lichen Gedanken, als er Athenais aufſtehen, und von ihrem Buſen einen Roſenzweig loͤſen ſah, den ſie auf das Grab legte, und dagegen eines von den darauf lie⸗ genden frommen Weihgeſchenken nahm. Es beſtand aus einem kleinen Kranze von blauen Korn⸗ und Drei⸗ faltigkeitsblumen. Sie war erſtaunt und geruͤhrt den Prinzen an der Kirchthuͤre zu finden. „Ich habe es nicht gewagt, Ihnen in dieſe Kapelle zu folgen,“ ſagte er,„aber wir verehren denſelben Gott, und waͤhrend Ihres Gebets erhob ſich meine ganze Seele zu ihm empor.“ Tief geruͤhrt, antwortete Athenais nur durch einen Seufzer, gab dem Prinzen den Arm, und ſo nahmen ſie traurig den Weg nach dem Schloſſe. Schweigend und uͤber den Inhalt ihrer Unterredung, der letzten hienieden, in ſchmerzliches Nachdenken verſunken, gingen ſie langſam fort... Um nicht mit einander im Schloſſe einzutreffen, hatten ſie ſich beſprochen, bei einer praͤch⸗ tigen, mit einer Moosbank umgebenen, am Ufer des See's befindlichen, und nur zweihundert Schritte vom Schloſſe entfernten Fichte, ſich zu trennen. Als ſie die ſich weit ausbreitenden, wie ſchwarze Streifen am azurblauen Himmel erſcheinenden Aeſte erblickten, fuh⸗ — 121— ren beide unwillkuͤrlich zuſammen, und ſchritten gleich⸗ ſam maſchinenmaͤßig langſamer vorwaͤrts, um den ban⸗ gen Augenblick der Trennung noch um einige Secunden zu verzoͤgern.... und aus Furcht ihren Schmerz noch zu vergroͤßern, faßten beide in ihrem Innern den Ent⸗ ſchluß, alle Ausbruͤche deſſelben zu unterdruͤcken. End⸗ lich kamen ſie bei dem Baume an, die zitternde Athe⸗ nais ſettzt ſich, oder ſinkt vielmehr auf die Moosbank.... In dieſem Augenblick faͤllt ihr der Blumenkranz, den ſie vom Grabe des Einſiedlers mitgenommen hatte, aus den Haͤnden und zu des Prinzen Fuͤßen, welcher ihn ſogleich aufhebt, und an ſeine Bruſt druͤckt. „Theure Athenais,“ ſagte er, mit gebrochener Stim⸗ me,„zuͤberlaſſen Sie mir dieſen in einem Schmerzgefuͤhl gewundenen, und von ſo frommen Haͤnden aufgehobe⸗ nen Kranz; er ſollte die Gruft eines treuen und ungluͤckli⸗ chen Geliebten zieren, ſeine Beſtimmung wird erfuͤllt werden; ich werde ihn mit der reinſten Zaͤrtlichkeit, ſo lange ich lebe, aufbewahren, und nach meinen Tode ſoll er mit mir in den Sarg gelegt werden... Athe⸗ nais beſuchen Sie dann und wann dieſen Baum, er ſey Ihnen theuer, als Zeuge meines Schmerzes und meines Grams, und die in ſeine Rinde gegrabenen inhalts⸗ſchweren Worte:„Schmerz und Treue,“ beruͤhre zuweilen ihr ermattetes Haupt!— — 122— Mit dieſen Worten ſteckt der Prinz den Blumen⸗ kranz in ſeinen Buſen und entfernt ſich ſeufzend.... Er beſchleunigt ſeine Schritte, Und in wenig Augen⸗ blicken iſt er im Schloſſe. Man ſagt ihm, Frau von Stael ſey noch nicht im Geſellſchaftsſaale erſchienen, er geht daher auf ihr Zimmer, findet ſie allein, und vertraut ihr, indem er ihr zugleich ſein Lebewohl ſagte, das Geheimniß ſeiner Liebe zu Athenais.. „Sie ſagen mir nichts Neues,“ antwortete ihn Frau von Stael;„ich hatte Ihre und Athenais Ge⸗ fuͤhle ſchon entdeckt, und da ich die Verhaͤltniſſe der Letztern kenne, welche, wenn ſie es nur wollte, die Trennung ihrer Ehe ſehr erleichterten, ſo rechnete ich, auf den gluͤcklichſten Ausgang dieſes ſo intereſſanten Romansz; aber jetzt habe ich, ſo wie Sie, alle Hoffnung verloren, da Athenais glaubt, durch eine Trennung ihr Zartgefuͤhl und ihre Pflicht im gleichen Grade zu verletzen. Das, was ſie Ihnen hieruͤber geſagt hat, iſt ihr unabaͤnderlicher Entſchluß. Ihre Liebe, gnaͤdigſter Herr, war uneigennuͤtzig genug, um Athenais Be⸗ denklichkeiten zu ehren, und ſich ihnen zu unter⸗ werfen; Sie bringen ihr das ſchmerzlichſte Opfer, aber Sie erwerben ſich dadurch auch neue, heilige Rechte auf dieſes Engelherz. Unter dieſen Umſtaͤnden wuͤrden Sie vielleicht wohlthun, unmittelbar abzureiſen, und — 123— doch habe ich den Muth nicht, es Ihnen zu rathen. Warum ſollten wir die wenigen gluͤcklichen Tage, die der Himmel uns gewaͤhrt, mit Gewalt zuruͤckweiſen? Wird es nicht noch immer Zeit genug ſeyn, ſich dem Schickſale zu unterwerfen, wenn Athenais ſich foͤrmlich wird erklaͤrt, und hoͤhere Befehle uͤber Sie verfuͤgt haben werden? Dann werden Sie die vereinten Kraͤfte Ihres Geiſtes und Ihres Herzens aufbieten, um dies großmuͤthige Opfer zu vollenden, und das heilige Ge⸗ fuͤhl der Pflicht wird Sie, bei dem eben ſo traurigen, als ehrenvollen Sieg uͤber ſich ſelbſt, maͤchtig unter⸗ ſtuͤten. Aber jetzt, da es noch von Ihnen abhaͤngt, einige kurze Augenblicke bei uns zu verleben, wollen wir verſuchen, zu vergeſſen, daß wir uns bald von einander trennen muͤſſen.“ Waͤhrend dieſer Unterhaltung ſaß die trauernde Athenais wie vernichtet noch immer unter dem Baume, wo der Prinz ſie verlaſſen hatte, und wurde aus ihrer tiefen Niedergeſchlagenheit erſt durch das Geraͤuſch ſich ihr naͤhernder Schritte geriſſen. Es waren Werner und Schlegel. Bei ihrer Annaͤherung ſtand Athenais ſogleich mit der Aeßerung auf, daß ſie einen langen Spaziergang gemacht habe, und ſehr ermuͤdet ſey. Herr von Schlegel erwiederte, man ſaͤhe es ihr wohl an, ſie ſey ganz blaß und veraͤndert. Unter ſeinen zahl⸗ — 124— loſen Anmaaßungen, hatte er auch die, ſich ganz vor⸗ zuͤgliche mediziniſche Kenntniſſe zuzutrauen, uͤber welche Kunſt, ſo wie uͤber eine Menge anderer Dinge, uͤber⸗ haupt, wie er ſagte, ſeine ganz beſondern Anſichten habe. Um Athenais zu beweiſen, daß ihre Muͤdigkeit von vielem Gehen herruͤhre, verbreitete er ſich auf die weitſchweifigſte und langweiligſte Weiſe uͤber die Vortheile und den Mißbrauch der koͤrperlichen Uebun⸗ gen. Er war erſt bis zur Gymnaſtik der alten Griechen gekommen, als ſie ſchon den Geſellſchaftsſaal des Schloſ⸗ ſes erreicht hatten; und damit die dort befindliche Ge⸗ ſellſchaft, von allen den ſchoͤnen Sachen, die er bereits vorgetragen hatte, nichts verlieren moͤchte, kam er noch ein Mal auf die Aegyptier und Chaldaͤer zuruͤck. Waͤhrend dieſes gelehrten Geſpraͤchs blieb Athenais, der er, unter ernſtlicher Empfehlung der groͤßten Ruhe, mit aller Sorgfalt einen Platz auf dem Sopha ange⸗ wieſen hatte, in der That beinahe unbeweglich ſitzen, und war ſo in Nachdenken verloren, daß ſie von Allem, was um und neben ihr vorging, nicht das Geringſte bemerkte. Ihre Augen ruhten unverwandt auf der Thuͤre, zu welcher Frau von Stael gewoͤhnlich herein⸗ trat, denn ſie zweifelte nicht, daß der Prinz ſich bei ihr befinden, und zugleich mit ihr in den Saal kom⸗ men werde. Noch immer hatte es Herr von Schlegel — 125— mit den Aegyptiern zu thun, als Athenais feines Ge⸗ hoͤr das Geraͤuſch von den Schritten des Prinzen, und das Rauſchen des Kleides der Frau von Stael vernahm. Jetzt oͤffnet ſich die Thuͤre, und der Prinz nebſt Frau 1 von Stael treten ein. Letztere naͤhert ſich ſogleich Athe⸗ nais und fluͤſtert ihr heimlich zu, daß der Prinz be⸗ ſchloſſen habe einen Courier abzuwarten, bevor etwas wegen der Reiſe entſchieden werden ſolle. Athenais ſchoͤpft wieder leichter Athem; dieſer Aufſchub benahm wenigſtens dem Tage, der ſchon goͤſtentheils verfloſſen war, den hoͤchſt traurigen Character eines Trennungs⸗ vorabends. Kurz darauf ſchlug Frau von Stael ganz laut Athenais vor, noch einen Spaziergang auf der Terraſſe mit ihr zu machen, dem ſich jedoch Herr von Schlegel aus allen Kraͤften widerſetzte, da er Athenais die ſtrengſte Ruhe empfohlen habe, deren ſie im hoͤch⸗ ſten Grade beduͤrfe. Frau von Stael verſprach laͤchelnd ganz langſam zu gehen, und verließ, trotz dem miß⸗ billigenden Gemurmel des Herrn von Schlegel, mit Athenais den Saal. Als ſie ſich auf der Terraſſe be⸗ fanden, bat Athenais die Frau von Stael um einigen Aufſchluß uͤber den Plan des Prinzen. „Er iſt noch nicht beſtimmt,“ antwortete dieſe; „aber Sie haben vergeſſen, daß ich auf morgen einen Ball verſprochen habe, daß die Einladungen bereits — 126— ſtatt gefunden haben, und daß der Prinz mit vieler Gefaͤlligkeit verſprochen hat daran Theil zu nehmen.“ „Ja, vor zwoͤlf Tagen hat er ſich zu dieſer Theil⸗ nahme anheiſchig gemacht, damals glaubte er ſich viel laͤnger hier aufzuhalten.“ „Ich wiederhole es Ihnen, der Prinz hat noch keinen beſtimmten Plan, und Sie koͤnnen verſichert ſeyn, daß er es jetzt vermeidet ſich damit zu beſchaͤfti⸗ gen. Folgen Sie mir, vermeiden Sie ebenfalls zu viel daruͤber nachzudenken, denken Sie lieber an den Ball, den man hauptſaͤchlich deswegen beſuchen wird, um ihn und Sie tanzen zu ſehen. „Ich, jetzt tanzen!“ „Dies iſt unumgaͤnglich noͤthig. Wenn Sie in dieſer zahlreichen Geſellſchaft nicht den Muth haͤtten Ihren Schmerz zu unterdruͤcken, ſo wuͤrden Sie zu tauſend laͤcherlichen Maͤhrchen Gelegenheit geben. Die Verbannten inſonderheit muͤſſen ſo viel als moͤglich vermeiden, ſich bemerklich zu machen. In Zeiten, wo der Partheigeiſt herrſcht, artet jede Anecdote in Verlaͤumdung aus.“ „Ich, morgen tanzen, mit meinem gebrochnen Herzen!“. „Und doch bin ich uͤberzeugt, daß der Gedanke: „„„morgen reiſt er noch nicht!“ Sie mit Entzuͤcken — 127— erfuͤllt. Iſt es denn nun nicht natuͤrlich, dieſen morgenden ſchoͤnen Tage, der, ſtatt der traurige Zeitpunct einer grauſamen Trennung zu ſeyn, Ihnen in ſeiner Naͤhe ſanft verfließen wird, zu feiern?— Ja, Sie werden tanzen, zwar nicht ohne einige ſchmerzliche Gemuͤths⸗ bewegung, aber auch nicht ohne alle freudigen Ge⸗ fühle.... „Aber ich koͤnnte mich unter dem Vorwande der Erſchoͤpfung, von der mir Herr von Schlegel ſo viel vorgeſagt hat, dem Tanze entziehen.“ „Wenn Sie nicht tanzten, ſo waͤre es um unſer ganzes Feſt geſchehen, und Sie wollen mich doch gewiß nicht des Vergnuͤgens berauben, dem Prinzen noch vor ſeiner Abreiſe mit einem recht angenehmen zu erfreuen. Soll ich es Ihnen uͤbrigens geſtehen, meine ſchoͤne Athenais, ich coquettire gern mit Ihnen, da Sie es fuͤr ſich ganz verabſaͤumen. Der Prinz hat Sie die Harfe ſpielen, er hat Sie ſingen hoͤren, aber tanzen hat er Sie noch nicht geſehen, und ich wuͤnſche, daß, ehe er ſich von ihnen trennt, er alle Ihre be⸗ zaubernden Talente kennen lerne.“ „Ich hoffe, oder ich bin vielmehr feſt uͤberzeugt, daß ein ſo gehaltloſes Verdienſt, ſeine wohlwollenden Geſinnungen gegen mich nicht vermehren wird.“ „Nein, aber dieſes verfuͤhreriſche Talent, wird — 128— ſeiner Erinnerungskraft ein neues entzuͤckendes Bild einpraͤgen, deſſen Gegenſtand Sie ſeyn werde. Wie werden Sie ſich anziehen?....““ Dieſe Frage zwang Athenais ein Laͤcheln ab. „Dies, ſagte ſie, iſt eine wahrhaft weibliche Frage.“ „Und zugleich eine freundſchaftliche.“ „Nun dann, ſagte Athenais, ich kann Ihnen nicht beſſer antworten, als, indem ich Ihnen ohne Umſchweif geſtehe, daß, ſo wie Sie vom Ball geſprochen haben, ich an meinen Kopfputz und an meinen Anzug gedacht habe. Ich werde mich mit den Blumen ſchmuͤcken, die er mir gewidmet hat, in mein Haar werde ich einen Kranz von blauen Korn⸗und Dreifaltigkeits⸗ blumen flechten, und die Beſetzung meines Kleides wird aus einem Gewinde von denſelben Blumen be⸗ ſtehen.“ „Ach,“ rief Frau von Stael aus, indem ſie Athe⸗ nais umarmte,„wie liebe ich dieſe Offenheit und Auf⸗ richtigkeit! Auf der Stelle ſoll ein Expreſſer nach Genf geſchickt werden, um alle blaue Kornblumen und alle Dreifaltigkeitsblumen, die bei den Kaufleuten, die mit kuͤnſtlichen Blumen handeln, aufzutreiben ſind, zu⸗ ſammen zu kaufen. Der Gedanke iſt allerliebſt, ich befoͤrdere ſeine Ausfuͤhrung mit wahrem Vergnuͤgen.“ In der That verließ auch Frau von Stael ſogleich — 129— Athenais, um den Expreſſen abzuſenden, und dieſe ging in den Saal zuruͤck. Athenais und der Prinz entfernten aus ihrem Gemuͤthe den ſchmerzlichen Gedanken an eine unver⸗ meidliche Abreiſe, und uͤberließen ſich ganz dem Gluͤck noch bei einander zu ſeyn. Die Unterhaltung an der Mittagstafel war ſehr lebhaft, ſo daß man faſt zwei Stunden ſitzen blib. Man kam auf die Kapelle des Einſiedlers zu ſprechen. Werner erzaͤhlte die Geſchichte dieſes intereſſanten Mannes, und lobte ſeine Beſtaͤn⸗ digkeit; Herr von Schlegel dagegen behauptete, daß man bei allzu erhoͤhtem Gefuͤhl nothwendig unbeſtaͤndig ſeyn muͤſſe, denn das gebieteriſche Beduͤrfniß zu lieben, ziehe ein leidenſchaftliches Gemuͤth ſehr bald zu einem neuen Gegenſtande hin, wenn es ohne Hoffnung geliebt habe, oder durch Entfernung oder Tod von dem angebeteten Gegenſtand getrennt worden ſey. Er fuͤgte hinzu, die Beſtaͤndigkeit ſey im Grunde nichts weiter als Gefuͤhlloſigkeit, und der Einſiedler blos ein alter pflegmatiſcher Menſch geweſen. Seymour pflichtete dieſer Meinung bei, die uͤbrigens von allen Anwe⸗ ſenden, am heftigſten aber von dem Prinzen be⸗ ſtritten wurde. Dieſer Streit dauerte bis man die Tafel aufhob, um in die Wagen zu ſteigen, und die gewoͤhnliche Spazierfahrt am See zu machen. Der 9 Reſt des Tages entflog Athenais und dem Prinzen wie ein Traum, aber die Trennung am Abend war ſchmerz⸗ lich, denn ſie erinnerte an diejenige, die nur zu bald folgen wuͤrde, und Athenais beurlaubte ſich mit Thraͤnen in den Angen. Sie fand auf ihrem Zimmer einen großen Korb voll Kornblumen und Stiefmuͤtterchen, die der Expreſſe von Genf gebracht hatte, und Athe⸗ nais Kammerfrauen brachten einen Theil der Nacht damit zu, den fuͤr morgen beſtimmten weißen Ball⸗ anzug mit dieſen Blumen zu beſetzen. Der Ball begann bereits des andern Tags fruͤh in einem gruͤn ausgeſchmuͤckten Gartenſaale. Die Verſammlung war glaͤnzend und zahlreich. Als Athe⸗ nais erſchien, erregte ihr geſchmackvoller Anzug und der Glanz ihrer Schoͤnheit allgemeines und ſich laut ausſprechendes Aufſehen; der bereits angefangene Tanz, ward, wenn auch nicht unterbrochen, doch wenig⸗ ſtens, beſonders durch die abgezogne Aufmerkſamkeit der Taͤnzer, geſtoͤrt; das Erſtaunen und die Bewun⸗ derung erlaubten nicht, auf die Touren zu merken, und den Takt der Muſik zu beobachten, alle Taͤnzer hatten nur Augen fuͤr Athenais, vergaßen ihre Pas, waren zerſtreut, und kamen aus dem Takt, und durch den ganzen Saal hoͤrte man nichts, als den halb lauten Ausruf!...„Wie ſchoͤn, wie reizend iſt ſie!“ — Athenais beſcheidene Verwirrung erhoͤhte lihre Schoͤn⸗ heit noch, denn waͤre der Prinz nicht Zeuge dieſer allgemeinen und unwillkuͤrlichen Huldigung geweſen, ſo haͤtte Sie ſich ihr lieber entziehen moͤgen. Aber konnte dieſe Huldigung ihm unangenehm ſeyn!.... Nein, ſie bemerkte, wie er ſich in ihr gleichſam be⸗ rauſchte, ſie ſah mit welcher Ruͤhrung er den Kranz betrachtete der ihren Kopfputz ſchmuͤckte, und welcher demjenigen, der ihm ſo theuer war, vollkommen glich. Er nahete ſich ihr jetzt, und machte in Bezug auf die Wahl der Blumen, die ihren Anzug ſchmuͤckten, tau⸗ ſend leidenſchaftliche und zarte Anſpielungen, die nur ſie verſtand. Sie konnte es nicht vermeiden zu tan⸗ zen, und ihr Tanz erregte allgemeines Entzuͤcken. Das Gluͤck auf den Prinzen in ſo verſchiedener Ruͤck⸗ ſicht, ſo angenehme Eindruͤcke zu machen, hatte fuͤr dieſen Abend allen Kummer aus ihrem Herzen ver⸗ bannt, unwillkuͤrlich fuͤhlte Sie ſich durch die Bewun⸗ derung, die ſie erregte, ergriffen:— Es war der ſchoͤnſte Tag ihres Lebens. Es liegt in dem Herzen des Menſchen, daß er, ſo viel er kann, vermeidet, an dasjenige zu glauben, was zu bezweifeln, er beſonders Intereſſe hat; indem wir ein uns drohendes unangenehmes Ereigniß hinaus⸗ ſchieben, berauben wir es gewiſſer Maaßen ſeiner trau⸗ * rigen Gewißheit. So war zwar die nahe Abreiſe des Prinzen unvermeidlich, aber eine Taͤuſchung, welcher Athenais ſich nur zu gern hingab, ließ ſie hoffen, daß dem morgenden Tage immer noch ein anderes„mor⸗ gen“ folgen werde. Dies war indeſſen nicht der Fall, und an dem, auf dieſen ſo gluͤcklichen Tag folgenden Morgen erhielt der Prinz einen Courier, der ihm die Nachricht von dem mit Frankreich abgeſchloſſenen Frieden, und zu⸗ gleich den Befehl des Koͤnigs uͤberbrachte, ſogleich nach Berlin zuruͤckzukehren. Dieſe Nachricht und dieſer Befehl war allerdings zu erwarten, und doch machten ſie ganz den Eindruck eines voͤllig unvorhergeſehenen Ereigniſſes. So mußte ſich alſo der Prinz von einem Aufenthalte trennen, der ihm ein zweites theures Va⸗ terland geworden war. Der Befehl lautete beſtimmt, es blieb nichts uͤbrig, als zu gehorchen. Die Abreiſe wurde alſo auf die folgende Nacht feſtgeſetzt, dies war der einzige Aufſchub, den man ſich erlauben durfte. Der Tag war ein lang dauernder Abſchied. Nur zu bald erſchien der Abend, und der Augen⸗ blick der Trennung nahte mit einer furchtbaren Ge⸗ ſchwindigkeit heran. Damals arbeitete Frau von Stael an ihrem treff⸗ lichen Werke:„Corinna“ oder„Italien.“ — 733— Athenais, ſey es nun, um die Beaͤngſtigung zu verdraͤngen, die ihr, bei dem Gedanken an den graͤß⸗ lichen, wie eine ſchwarze Wetterwolke drohend heran⸗ ruͤckenden Augenblick die Bruſt zuſammenſchnuͤrte; ſey es, um die Verlegenheit einer peinlichen, von allen Anweſenden geahneten, aber nicht von allen richtig beurtheilten Lage, zu verbergenz vielleicht auch, um den beſtimmten Moment noch um einige Stunden hinauszuruͤcken, kam auf den Einfall, Frau von Stael zu erſuchen, der Geſellſchaft ein Bruchſtuͤck aus„Co⸗ rinna“ vorzuleſen. Frau von Stael begriff ſogleich, daß dies fuͤr ihre junge Freundin ein Mittel ſeyn koͤnne, ihre Gedanken ausſchließlich auf einen Gegenſtand zu concentriren, ohne von denjenigen Mitgliedern der Geſellſchaft, die nicht davon unterrichtet ſeyn ſollten, zu ſtreng beob⸗ achtet zu werden; und ſuchte daher ſogleich das Bruch⸗ ſtuͤck hervor, von welchem ſie glaubte, daß es zu dem beſtimmten Zweck am geeignetſten ſeyn werde. Ihre Wahl war ſchnell getroffen, ſie entſchied ſich fuͤr die zweite Improviſation der Corinna, die jetzt den poetiſchen Erinnerungen an das Vorgebirge Miſene nahe an den Ufern des Meerbuſens von Bajaͤ ange⸗ gereihet, und deren Gegenſtand ein eben ſo ruͤhrender als feierlicher Abſchied von jedem Erdengluͤck und jedem Erdenruhme iſt. Frau von Stael wuͤnſchte, daß Athenais von Zeit zu Zeit ihre Vorleſungen durch einige harmoniſche Zwiſchenſpiele auf der Harfe unterbrechen moͤchte. Ein ſolcher Verein der bezauberndſten Talente haͤtte einen feſtlichen Genuß gewaͤhren muͤſſen, wenn nicht Traurigkeit auf allen Geſichtern verbreitet geweſen waͤre, und Thraͤnen jedes Auge gefuͤllt haͤtten. Dieſer, uͤber eine Trennung, deren Ziel zu beſtim⸗ men unmoͤglich war, verbreitete melodiſche Schleier, die herzerſchuͤtternden Worte einer begeiſterten Muſe, die milden und ruͤhrenden Toͤne, die Athenais Harfe entſchwebten, dieſes Verſchmelzen der reinſten Seelen⸗ erguͤſſe wuͤrden von entzuͤckender Wirkung geweſen ſeyn, wenn ſie nicht einen Moment haͤtten verhuͤllen ſollen, deſſen Erſcheinen nicht mehr zu hintertreiben war. Jetzt trat ein tiefes Schweigen ein. An Unter⸗ haltung war nicht mehr zu denken. Die Schloßuhr ſchlug zwoͤlfe. Dies war die zur Abreiſe beſtimmte Stunde. Frau von Stael ſteht auf, der Prinz folgt ihr, ſcheinbar aus Hoͤflichkeit, und ſich das Anſehen gebend, als knuͤpfe er keinen andern Gedanken an dieſe Be⸗ wegung. — 135— Alle Anweſende ziehen ſich jetzt zuruͤck, und Frau von Stael, Athenais und der Prinz befinden ſich allein in dem Saale. So war denn der Augenblick des wirklichen Abſchieds erſchienen. Athenais und der Prinz weinten nicht; die Er⸗ ſchuͤtterung ihrer Herzen hemmte jede Bewegung. FSrau von Stael wandte ſich jetzt an den Prinzen. „Leben Sie wohl, gnaͤdigſter Herr,« ſagte ſie— Alles, was die Liebe reines, zartes und beſeligendes zu gewaͤhren vermag, haben Sie empfunden; alle edle, heldenmuͤthige, erhabene Gefuͤhle, die ſie einfloͤßen kann, bereits Ihr angeſtammtes Erbtheil, hat ſie in Ihnen befeſtigt.— Keine Schwachheit hat dieſe entzuͤckenden Empfindungen entweiht; der ſuͤße Zauber einer ſol⸗ chen Erinnerung verbuͤrgt Athenais ihre Dauer. Bei Ihrer Jugend koͤnnen Sie vielleicht einer voruͤber⸗ gehenden Taͤuſchung zuweilen nachgeben; aber Ihr Herz wird immer Athenais angehoͤren, ihr, die in die⸗ ſem edeln Herzen zur Entwickelung des Keims fuͤr jedes erhabene Gefuͤhl durch ihre reine Liebe gewiß nicht wenig beigetragen hat.“ Das, waͤhrend einer Reihe von Jahren, ſelbſt als die Verbannungen an der Tagesordnung waren, 3 — 136— ſo beſuchte Schloß, gleicht jetzt einer Einöde. An die 3 Stelle der ſich einſt ſo lebendig ausſprechenden Ge⸗ fuͤhle des Ruhms, des Schmerzes, der Hoffnung, der reinſten Zuneigung und der erhabenſten Entſchluͤſſe, iſt ein tiefes Schweigen getreten. Aus dem einſt ſo belebten Verbannungsort iſt jetzt alles Leben verbannt. Der Fremde beſucht ihn nur noch um der Erinne⸗ rungen willen, die ſich an ihn knuͤpfen. Es hat, koͤnnte man ſagen, ſeinen Rang unter den beruͤhmten Truͤm⸗ mern einer verſchwundenen Vorzeit eingenommen. Das ſchoͤne Gemaͤlde von Gerard: Corinna's Improviſationen an dem Vorgebirge von Miſene: iſt das letzte Andenken an die unruhigen und truͤben Tage, deren Schilderung zu entwerfen, die Verfaſſerin dieſer Novelle verſucht hat. — 4 4 . 4 . 1 16