———— Leihbibliothek V deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 81 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Jeih- und SCeſebedingungen. 2 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4— 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: V für aeüchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1——— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mer. 59 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Thl. 1 2 3 — ———— — õ— Seit dem Jahre 1791 war es in Frankreich nicht mehr möglich, ſich noch länger über die wahrſcheinlichen Folgen der Revolution zu täuſchen; indeß blieben doch einige Männer von Muth, denen es nicht an den reinſten Abſichten fehlte, noch gerne in Paris. Zwar durften ſie nicht hoffen, den Strom, der alle Dämme durchbrochen hatte, in ſeinem ver⸗ wüſtenden Laufe aufzuhalten, aber doch zu⸗ weilen wenigſtens dem Ungeſtüm ſeines fürchterlichen Anfalls zu wehren. So lange ein Bürger auf dem Poſten, auf welchem ihn gerade der Ausbruch politiſcher Stürme trifft, nützen kann, begeht er eine niedrige Feigheit, wenn er ihn bloß aus Rückſichten perſönlicher Sicherheit verläßt. 1* — A 4— Unter die Zahl der Tugendhaften, welche noch einige Hoffnung, Gutes zu wirken, auf ihrem Ehrenpoſten hielt, war auch Marquis de Palmene, Deputirter des National⸗Con⸗ vents, zu rechnen; aber auch ihn verließ am Ende jede ſeinem edlen Herzen ſo theure Täuſchung, welche ſeinen perſönlichen Muth ſelbſt den augenſcheinlichſten Gefahren trotzig entgegengeſtellt hatte. Das heilige Band, welches ſich um die Altäre, den Thron, das Vaterland und den Staat geſchlungen hatte, war zerriſſen; niedrige Leidenſchaften, unge⸗ zähmte Gottloſigkeit, unverlarvt in ihrer gan⸗ zen ſcheußlichen Geſtalt, und unerſättliche Hab’ucht ſielen in die blutigen Zügel der Re⸗ gierung, ergriffen ſie mit haſtiger Wuth und dem Schreckengeſchrey: Badet euch im Stro⸗ me der Lüſte, und opfert Blut eurer Rache. Millionen Mordgerüſte ſtiegen auf bey die⸗ ſem Schreckengeſchrey; jeder Edle, jeder Prieſter, jeder Redliche, der Vermögen be⸗ ſaß, fiel als Opfer. An die Stelle der alten ehrwürdigen Lehre, wagte es die Unverſchämt⸗ heit laut, das eitle Blendwerk einer Freyheit, —— ae d welche alle Bande der Pflicht verletzte, zu ſetzen, und den Lohn der Ehre und Tugend maßten ſich die gränzenloſen Anſprüche der unbändigſten Ehrſucht an. Beynahe jede Schrift, welche öffentlich erſchien, wurde zur Apotheoſe irgend eines Verbrächens, zur Ver⸗ leumdung irgend einer Tugend, deren An⸗ denken uns die Geſchichte aufbewahrte, zur Entehrung der Vergangenheit, aus welcher man vergebens jede große Erinnerung ver⸗ bannen wollte. Vergebens verſuchte man, aus dem blutigen Schlamme den dichten gräß⸗ lichen Schleyer, der die Zukunft decken ſollte, zu weben, vergebens ihr das leuchtende Sie⸗ gel der Gewißheit, den ſanften Strahl des Troſtes und den erhabenen Glanz der Herr⸗ lichkeit zu entreißen; doch dem, der noch an eine Zukunft glaubend, nicht der neuen Lehre folgen wollte, blieb keine andere Wahl, als Tod oder rettende Flucht. Marquis Palmene war ſo glücklich, und fand ein Mittel, ſich mit ſeinem liebenswür⸗ digen Adolph, ſeinem einzigen achtzehnjähri⸗ gen Sohne, nach Spanien zu flüchten. Dort NN 6 MNA follte letzterer die Gattinn treffen, die ſein Vater ihm ſchon von ſeiner Kindheit an be⸗ ſtimmte. Noch am Tage ihrer Abreiſe hätte ſie und ihn der Ehe unauflösliches Band ver⸗ einigen ſollen; ſchon war in der Tiefe eines Kellers heimlich der Altar bereitet: denn nur verborgen durfte eine Heirathege⸗ ſchloſſen werden, wenn die Religion der Ehe Schwur heiligen ſollte; ſchon harrte der Prieſter mit. Gefahr ſeines Lebens am Altare des liebenden Paares; doch hatte eine neue, dringende Gefahr die junge Caliſta und ihre Mutter, ohne den geringſten Auf⸗ ſchub, eiligſt abzureiſen genöthigt. In ſeiner Verzweiflung tröſtete ſich Adolph mit dem Gedanken an die Gewihheit, ſie in Spanien wieder zu finden. Nicht gemeine Leidenſchaft war ſeine heiße, zärtliche Liebe, welche ihm Achtung und Pflicht gebothen, und deren ſanfte Bande der Reitz angenehmer Erinne⸗ rungen aus den Jahren der Kindheit, endlich auch die Macht der Gewohnheit noch inniger und feſter knüpfte. Wie däuchte ihm der Weg⸗ der ihn nach Spanien führte, lang! Endl ch * — 7 Mer nach tauſend Verkleidungen, tauſend unauf⸗ hörlich neuen Gefahren kamen die zwey Flücht⸗ linge glücklich über die Gränze von Frank⸗ reich. Sie waren beyde zu Fuße. In dieſem Augenblicke ſtürzte ſich Adolph ſeinem Vater in die Arme, und des letzteren Knie ſanken nieder auf dem glücklichen Boden dieſes gaſt⸗ freyen, durch edlen Sinn für Religiöſttät ausgezeichneten Landes, welches er mit all der Inbrunſt eines Schifffahrers umarmte, der dem Ungeſtüme der Fluthen und des Sturmes entronnen, das rettende Geſtade erreichet und küßt.„Ha! mein Vater,“ ſchrie laut vor Freude Adolph,„nun ſind Sie außer Gefahr! Des Meuchelmörders Schwert ſchwebet nicht mehr gezückt über Ihrem Haupte, des Laſters Wahn bedroht nicht mehr Ihr theures Leben, und ich ſehe wieder Ca⸗ liſten!“)—„Lieber Sohn,“ erwie⸗ derte der Vater,„und ich darf nicht mehr zittern für dich!— Ach,“ fuhr er fort,„end⸗ lich komme ich nach langer Betäubung wieder zur Beſinnung, und zum freyen Gebrauche meiner Vernunft; nun darf ich das Spiel e — ——= 3 8 a meiner Geiſteskräfte ſich ungehemmt ent⸗ wickeln laſſen, kann meinen Glauben beken⸗ nen und meine Geſinnungen äußern. Wen habe ich in Frankreich verlaſſen? Nur blut⸗ dürſtige Räuber, unglückliche Schlachtopfer, oder andere arme bedauernswürdige Men⸗ ſchen, die den Verrath ihrer innigſten Über⸗ zeugung, ihrer gerechteſten Schmerzen, oder ihrer heiligſten Wünſche fürchten müſſen! Wüthende Tyrannen, elende Sclaven, be⸗ reit, das Henkersbeil über die bezeichneten Sühnopfer zu ſchwingen! Hier in dieſem Lande leitet die ſichere Hand der Religion der Leidenſchaften ſchweren Zügel, ſtärkt und befeſtigt jede natürliche Anlage zur Tugend; macht Gerechtigkeit und Sanftmut) zur Pflicht; ſchreibt Gatten und Vätern heilige, unverbrüchliche Treue und Ergebenheit, und Wachſamkeit in Erfüllung ihrer Pflichten vor; lehret die Kinder Ehrerbiethung und Gehor⸗ ſam: ſie wird die Stütze des Thrones und der öffentlichen Staatsgewalt, leiht dem Ge⸗ ſetze der Gottheit heiliges Siegel; biethet al⸗ len Leidenden ihre tröſtenden Arme, ſchlie⸗ — N 9 ArAT ßet ſie alle in den offenen Schooß ihrer Lie⸗ bel...“„Ach,“ ſagte Adolph,„dieſe Wohl⸗ thaten muß alle unſer gutes Vaterland miſ⸗ ſen!“—„Bethe mit mir, mein Sohn! Ich hoffe, wir werden nun Nächte ohne Entſetzen, Tage ohne Furcht und Grauen verleben; aber laß unſere Herzen nicht durch die Süßigkeit der Ruhe, oder behagliche Sicherheit hart⸗ herzig oder gleichgültig gegen die Leiden un⸗ ſerer armen Landsleute werden; die Groß⸗ muth unſerer Geſinnungen adle unſer Exil. Nicht ſtrafwürdigen Flüchtlingen, nicht ge⸗ meinen Verbannten wollen wir gleichen, die alle den Boden ihres Vaterlandes verfluchen. Selbſt auf fremdem Boden verkündige ſich das edle Herz, welches unter dem Buſen des Franzoſen ſchlägt, und obgleich verbannt und flüchtig, wollen wir unſerem Vaterlande we⸗ nigſtens noch durch unſre heißen Wünſche für ſein Wohl angehören.“ Als er dieſe letzten Worte ſprach, wendelen ſich ſeine Blicke zufäl⸗ lig zur Seite, und voll freudiger Rührung ſtand er ſtill. Hart am Rande des Fahrweges wurde er auf dem Felde ein altes hölzernes ITfT 10, Kreutz gewahr. Es war durch die Länge der Zeit ſchwarz geworden, wurde aber noch im⸗ mer ſehr ſorgfältig von den frommen Hirten der dortigen Gegend erhalten, welchen eine alte Sage dieſes heilige Denkmal ländlicher Andacht noch koſtbarer und ehrwürdiger machte. Eine Art Strohdach, auf vier dicke Bäume, deren Gipfel man abgeſchnitten hatte, geſtützt, ſchützte es vor den Unbilden der Witterung. Eine Myrthenhecke um⸗ ſchirmte dieſen einfachen ländlichen Tempel gegen die Annäherung von Heerden. Bey dem Anblicke dieſes altgothiſchen Kreutzes, mit al⸗ lerley Feldblumen und andern frommen Ga⸗ ben behangen, fühlte der Marquis eine ei⸗ gene beruhigende Empfindung. Kurz vor⸗ her Zeuge all der ärgerlichen Auftritte und der Gottloſigkeit, welche Frankreichs Boden beſudelt hatten, wußte er das Glück zu ſchä⸗ tzen, ſich in ein chriſtliches Land verſetzt zu wiſſen: die Religion, ſein edelſtes Kleinod, ſchien ihm wieder geſchenkt: mit frohem Ent⸗ zücken betrachtete er das ehrwürdige Zeichen des Heils, welches für ihn zugleich ein Unter⸗ 3 ren LII Frrsn pfand ſeiner perſönlichen Sicherheit war; denn enge knüpft ſich jedes Band der Ord⸗ nung, Ruhe, Sittlichkeit und Gerechtigkeit unter den Menſchen an dieſes Zeichen des Himmels. Die beyden Reiſenden beugten am Fuße des Kreutzes ihr Knie.„Großer Gott,“ bethete der Marquis,„möge einſt Vernunft und Tugend der bleibende Gegenſtand der irre⸗ geleiteten Wünſche unſers unbeſtändigen Vol⸗ kes werden. Möge das Volk, unter welchem wir itzt leben werden, in ſeiner heiligen Got⸗ tesfurcht verharren!“ Konnte wohl Vater⸗ landsliet ſich würdiger mit dankbarer Er⸗ kenntlichkeit der Gaſtfreundſchaft paaren? Als die Reiſenden ihre Knie erhoben, wurden ſie verſchiedene Chiffern, welche in das Kreutz eingegraben waren, gewahr, und entdeckten, daß dasſelbe ſeit mehr als zwey Jahrhunderten auf dieſem Felde errichtet worden war.„»Siehſt du, mein Sohn,“ be⸗ merkte der Marquis,„wie dieſes gebrechliche Holz ſorgfältig und unverſehrt erhalten wurde, während in Frankreich, England, Deutſchland der Geiſt der Neuerung inner⸗ rr 12 wrrr halb desſelben Zeitraumes von zwei Jahr⸗ hunderten ſo viele koſtbare religiöſe Denkmä⸗ ler zerſtörte, welche vergebens Erz und Mar⸗ mor ſchützte!—— Aber in dem Lande, das wir nun betreten, findeſt du überall das Ge⸗ präge jener alten, ſtets geheiligten Gottes⸗ derehrung, deren Urſprung ſich bis in das graue Alter der Apoſtelzeit verliert! Wie würdeſt du, treues Volk, im Falle der Noth, Religion, dein Vaterland und den Thron vertheidigen 1... 2 Die Reiſenden, welche vollkommen der ſpaniſchen Sprache mächtig waren, nahmen ihren Weg gerade nach Madrid, wo ſie Ver⸗ wandte von vornehmem Range am Hofe hat⸗ ten: ſie wurden mit der dem ſpaniſchen Cha⸗ 3 rakter eigenen Gaſtfreundſchaft aufgenom⸗ men. überdieß fand der Marquis ein Mittel, eine beträchtliche Summe Geldes dahin zu* ſchaffen, die ihm auf mehrere Jahre ein an⸗ ſtändiges Auskommien ſicherte, und daher für die Wünſche eines Emigranten zureichend war, der ſich, wie ſeine zahlreichen Mitbrü⸗ weee I3 Wrve. der ſo gerne der Hoffnung, bald wieder nach Frankreich zurückzukehren, überließ. Gleich bey ſeinem Eintritte in Madrid war dem guten Adolph eine ſeinem Herzen äußerſt empfindliche Trauerſcene vorbereitet. Gerade in Madrid ſollte er Caliſten und die Gräfinn d'Auberive, ihre Mutter, welche beyde ſechs Wochen vor ihm abgereist waren, treffen. Vater und Sohn waren ſogleich zu dem Banquier gegangen, an welchen der Marquis der Gräfinn Briefe mitgegeben hatte. Wie ſchmerzlich traf Adolph die Bothſchaft des Banquiers, er habe von dieſen zwey Da⸗ men aus Frankreich keine Sylbe gehör!! „Was iſt ihnen begegnet?“ rief Adolph von bangem Schrecken ergriffen.„Großer Gott!“ fuhr er fort,„ſie konnten wahrſcheinlich nicht über die Gränze herüber, und ſind verhaf⸗ tet!» Ein Thränenſtrom erſtickte ſeine Worte bey dieſem ſchrecklichen Gedanken.„Lieber Sohn,“ bemerkte darauf ſein Vater,„ſte ha⸗ ben beyde ſo bekannte Namen, daß, wenn ihnen dieſes Unglück widerfahren wäre, wir es früher noch erfahren hätten, als wir über , 14 n die Gränze eilten, denn ſie waren beynahe zwey Monathe vor uns abgereiſt. Ihre Flucht war allzu gut abgeredet, und ihr Begleiter einer unſerer vertrauteſten Freunde, deſſen Verſchlagenheit du kenneſt, und deſſen An⸗ ſehen bey den Republikanern, ungeachtet er an keinem ihrer Verbrechen Theil nahm, in ſehr hoher Achtung ſtehet. Sey verſichert, ſie ſind in Spanien, irgend ein uns unbekann⸗ ter Zufall wird ſie wohl verhindert haben, nach Madrid zu kommen.“—„Aber gar kei⸗ nen Brief!“——„Wie leicht geht ein Brief verloren— geſchrieben haben ſie gewiß.“ Waͤhrend der Marquis ſeinen Sohn auf dieſe Art zu tröſten ſuchte, war er ſelbſt äu⸗ ßerſt unruhig, und ſeine Unruhe ſtieg mit jedem Tage. Schon war ihnen ein halhes Jahr in Madrid verfloſſen, und noch keine einzige Spur über das Schickſal der vermißten Toch⸗ ter und Mutter zu finden. Endlich ſchien ihm ein ſchwacher Fingerzeig für ſeine Nachfor⸗ ſchungen den Weg nach Cadiy vorzuzeichnen, wohin er ſich auch verfügte, jedoch acht Mo⸗ nathe daſelbſt verweilte, ohne eine beruhigende N 15 4 Nachricht zu erhalten. Er kehrte alſo nach Madrid zurück, wo indeß der arme Adolph von Gram verzehrt in eine geſährliche Krank⸗ heit verfiel. Die Geſchicklichkeit der Arzte und die zärtliche Sorgfalt ſeines Vaters retteten zwar ſein Leben, aber tief im Herzen blutete die tödtliche Wunde ſeines Schmerzes. Schon war der Marquts ſeit achtzehn Monathen in Spanien, als er einen Brief vom Baron Olmar, dem Freunde, der die Grä⸗ finn und ihre Tochter auf der Flucht begleitet hatte, erhielt. Er ſchrieb, er habe beyde un⸗ ter erborgten Namen als zwey ſeiner Ver⸗ wandtinnen gluͤcklich bis nach Bayonne ge⸗ führt, wo ihn das ſeltſamſte Ereigniß von ihnen trennte. Am andern Morgen ſeiner Ankunft in Bayonne erhielt er bey ſeinem Erwachen ein Billet von Caliſten, des In⸗ halts: ihre Mutter habe ihren Plan geän⸗ dert, und wolle nicht mehr nach Spanien; ſte habe einen andern Zufluchtsort gefunden, deſſen Geheimniß ſie nicht verrathen dürfe. Das Billet ſchloß mit Betheuerungen dank⸗ barer Erkenntlichkeit, und dem Verſprechen, „ ℳ I 6 1141£☛ von Zeit zu Zeit zu ſchreiben. Der Baron ſchloß dieſes Billet, deſſen Schrift Adolph gleich erkannte, in ſeinen Brief: es war da⸗ her unmöglich, an der Sache zu zweifeln. Endlich ſchrieb der Baron, er ſey an demſel⸗ ben Tage verhaftet, und lange im Gefäas⸗ niß zurückgehalten worden. Dieſe Nachricht befreyte zwar Adolphs Phantaſie von den häßlichſten Geſpenſtern der ihn ſinnreich quälenden Furcht, und ver⸗ ſetzte ihn anfangs in eine Art freudiger Be⸗ täubung, welche aber kurz darauf wieder neuen lebhaften Beforgniſſen wich. Was iſt aus Caliſten geworden? Weicher Beweg⸗ grund, oder welches Ereigniß konnte, da ſie ſchon ſo nahe an der Gränze waren, ſo ſchnell der Mutter Entſchluß verändern? Wem mochte ſie ſich vertrauen? wo war der myſti⸗ ſche Zufluchtsort, dem ſie auf einmal vor die⸗ ſem Lande den Vorzug gönnte, wo Caliſte den Verlodten ihrer Hand und ihres Herzens finden ſollte? Dieſes Betragen ſchien ihm mit Recht ſehr räthſelhaft: der Marquis felbſt geſtand, daß er es nicht zu entziffern wüßte⸗ rr⸗ 17 rre In falſchen Vermuthungen und eben ſo ei⸗ teln Nachforſchungen wurden wieder drey Monathe hingebracht. Nach dieſer Zeit kam wieder der Banquier des Marquis eines Morgens zu ihm, und gab ihm einen Brief mit deſſen Adreſſe, und mit der Bemerkung, er wiſſe nicht, von wem und von welchem Lande er ihn erhalten habe. Der Marquis öffnet das Couvert, findet einen Brief mit der Aufſchrift: An Adolph von Palmene, und erkennt Caliſtens Schrift. Er rief ſo⸗ gleich nach ſeinem Sohne: Adolph war her⸗ zugeeilt: der Marquis ſtellte ihm den Brief, deſſen Datum erſt zwey Monathe zählte, ei⸗ genhändig zu, und Adolph las mit heftiger Gemüthsbewegung: „O mein theurer Adolph, alle meine Lei⸗ den verſüßt der tröſtende Gedanke an die Freude, die dir der Anblick dieſer Schrift und dieſes Briefes, und der Anblick dieſes Datums machen wird. Sey nicht unruhig, mein lieber Adolph: ich bin nun endlich außer aller Gefahr gegen die Anfälle unverſchämter Bosheit und Wuth, in einem Zufluchtsorte, * vern I8 Arrrs deſſen ſelige Stille keine Unruhe trübt. Er⸗ gehen wir uns in unſer Schickſal! Lang wird unſre Trennung dauern, aber am Ende wer⸗ den wir uns wiederfinden, und dieſer große, herrliche Tag möge uns auf ewig dann verei⸗ nigen! Ergeben wir unſre ſchwache Ohnmacht in den Willen und den wohlwollenden Plan der göttlichen Vorſicht! Omein Adolph, möge dich unfre heilige Religion während dieſer ſchmerzhaften Trennung mit ihrem Troſte aufrichten und beglücken! Lebe wohl! Mein Geiſt, ſchon längſt dem deinigen durch das Band der reinſten, ſeligſten Gefühle verſchwi⸗ ſtert, mein unſterblicher Geiſt wird dir uüberall folgen, über jeden deiner Schritte wachen. Erſpare dir alle Nachforſchungen über meinen Aufenthalt: denn ſie wären alle vergebens. Jedes Jahr erhältſt du zwey Briefe von mir. Noch einmal lebe wohl. Faſſeſt du einen ed⸗ len Entſchluß, übeſt du eine gute Handlung, ſo denke an mich.. Ach, gewiß bin ich dann deinem Andenken ſtets gegenwärtig. Ach, mein lieber Adolph! Trauter Freund meiner Zugend, theurer, glücklicher Zeuge der einzi⸗ rea Iqũ wa gen ſchönen Tage meines Lebens, welche lei⸗ der! nur allzu ſchnell verfloſſen! Es ſchien, als hätte uns der Himmel für einander ge⸗ ſchaffen. Gebohren in einem und dem näm⸗ lichen Jahre, hatte uns auch dasſelbe fried⸗ liche Dach ſchützend genährt; der freundlichen Hoffnung holde Täuſchung lächelte uns in unſrer Wiege zu; ſchon in unſre erſten Spiele miſchte ſich der Zauber erwachender ſüßer Ge⸗ fühle; ein wohlthätiger Schleyer verbarg uns noch die düſtre und unſern Blicken undurch⸗ dringliche Zukunft. Nur der Umſturz aller menſchlichen und göttlichen Geſetze, nur der gänzliche Untergang Frankreichs konnte auch unſer Glück begraben. Indeß genoſſen wir des reinſten Glückes, genoſſen es frey von jedem bittern Gemiſche der Leiden, liebten uns ohne Vorwürfe und ohne Furcht! Ha, mit Recht können wir ſagen, wir lebten! Danken wir dem Himmel, der unsmitten unter den Ausſchweifungen und Verbrechen unſers Jahrhunderts unſre Unſchuld bewahrte. Nun ſo lebe wohl, mein lieber Adolph, du, der du am Brautaltare meiner harrteſt. Theu⸗ 20 MA rer Gatte! lebe wohl. Weine über deine trauernde Caliſte nicht, aber flehe für ſie zur allmächtigen Gnade Gottes! Wiſſe, ſelbſt noch über das Grab wird ſich ihre unveränderliche Zärtlichkeit erſtrecken.“ Adolph netzte mit Thränen den Brief, las ihn mehr als zwanzig Mal durch, und je mehr er ihn las, deſto trauriger wurde ſeine Stimmung, trotz der lebhaften Freude, die das Datum von zwey Monathen anfangs in ihm erregt hatte. Nach vielem Hin⸗ und Her⸗ ſinnen dachte er, daß Caliſte und ihre Mut⸗ ter ſich vielleicht in ein Kloſter eingeſchloſſen hatten, wo ſie ſich durch unauflösliche Ge⸗ lübde ſtrengen Andachtsübungen weihten. Dieſer Behauptung ſtellte der Marquis un⸗ widerlegbare Gründe entgegen.„Noch im⸗ mer iſt ihre leidenſchaftliche Liebe unverkenn⸗ bar; ſie hat dir feyerlich ihre Treue zuge⸗ ſichert: ohne einen neuen Beruf konnte ſie dir alſo nicht auf immer entſagen, zumal da ſie ſchlechterdings kein Umſtand zu dieſem Schritte zwang, ſondern ſie im Gegentheile ſchon die Gränze eines Landes erreichte, wo ſie einen rran 21 ficheren Zufluchtsort, die nöthige Baarſchaft, und die gewiſſe Hoffnung ihrer gewünſchten Vereinigung fand. Den außer aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit liegenden Fall, daß ſie Nonne ward, vorausgeſetzt, würde ſie gegen ihre Pflicht handeln, wenn ſie ſich zu einem Brief⸗ wechſel mit dir herbeylaſſen, und in dir die Geſinnungen, welche ihr eigenes Herz ver⸗ räth, nähren wollte. Endlich hätte mich von einem Vorfalle dieſer Art ſicher ein Brief ih⸗ rer Mutter in Kenntniß geſetzt, ich kann mir wenigſtens keinen Grund denken, warum ſie mir ſo etwas hätte bergen wollen.“—„Aber wo mag ſie denn ſeyn, und was ſoll dieſes tiefe Geheimniß bedeuten?“—„Das weiß ich wohl nicht, und ich geſtehe, daß ihr Betragen raͤth⸗ ſelhaft iſt, zumal wenn ihre unbegreifliche haſtige Trennung von dem Baron und das Billet berückſichtigt wird, welches ſie ihm da⸗ zumal ſchrieb, und worin ſie weder den Zu⸗ ſtand einer Überraſchung, noch eine Klage verlauten ließ.“ Dieſe Bemerkungen vollen⸗ deten die Verwirrung, in welche er verſun⸗ ken war; doch arbeitete ſich aus den verſchie⸗ rra 22 frrwR denen ſich durchkreutzenden ſeltſamen Gedan⸗ ken eine herrſchende Idee hervor, die ihn be⸗ ruhigte, er dachte: Caliſte mag ſich wohl aus Frankreich gerettet haben; ſie liebt mich, ſie verſpricht, mir zu ſchreiben!— In ſehnſuchts⸗ voller Erwartung eines Briefes beſchäftigte er ſich ausſchließend mit der Zukunft, und blieb für alles Übrige empfindungslos. So vergingen ihm ſechs peinliche Monathe in ge⸗ ſpannter Unruhe und Beſorgniß. Endlich kam auch dieſer ſo lang erſehnte Brief mit der Poſt, mit der unmittelbaren Adreſſe an den Marquis Palmene, mit demſelben Datum von zwey Monathen, und einem in England darauf gedruckten Stempel. Der Brief ent⸗ hielt in einem gleichförmig niedergeſchlagenen Tone nichts als Ausdrücke der zärtlichſten Em⸗ pfindung, religiöſe Betrachtungen über das vergängliche Glück des Lebens, und die un⸗ unterbrochene Aufforderung, ſich gänzlich dem Willen der göttlichen Vorſehung zu fügen. Caliſte wiederhohlte zwar beſtändig ihre erſte Verſicherung, ſie lebe ruhig und glücklich, aber mit ſchmerzlicher Rührung entdeckte nn Z en Adolph Worte, verwiſcht durch Thränen, welche das Papier benetzt hatten. Nun kam er auf den Gedanken, man habe Caliſten entführt; die Liebe eines eiferſüchtigen Ty⸗ rannen halte ſie in Feſſeln; das undurch⸗ dringliche Geheimniß, welches ihn ſo unglück⸗ lich mache, werde ihr zur ſtrengſten Pflicht gemacht, und ſie müſſe jeden ihrer Briefe zeigen, weßwegen ſie ihm keine Mittel ent⸗ decken könne, ihr zu antworten. Der Marquis machte den Einwurf, daß ein Liebhaber von ſo heftigem Charakter, ein gewaltſamer Ent⸗ führer und Räuber ihr gewiß nicht einen ein⸗ zigen Brief geſtatten würde. Überdieß würde Caliſte, die keiner Lüge fähig ſey, nicht ſo ſehr den Frieden und die tiefe Ruhe ihres Zufluchtsorts preiſen, wenn ſie in der Ge⸗ walt eines unbändigen, aller Grundſätze ſpot⸗ tenden Deſpoten wäre.„Aber,“ entgegnete Adolph,„warum ſucht ſie ſich ſo ſorgfältig zu verbergen? Würde ſie mir verbiethen, Briefe mit ihr zu wechſeln, wenn ſie es thun könnte, ohne mir ihren Zufluchtsort zu entdecken.“ »Wenigſtens kannſt du deutlich wahrneh⸗ wva 24 men,“ antwortete der Vater,„daß ſie ſich ſehr genau um alles, was dich betrifft, er⸗ kundigt, da ſie ſo beſtimmt unſere Adreſſe kennt. Aber am Ende muß ich freylich auch geſtehen, daß ich dieſes Räthſel ſchlechterdings nicht zu entziffern im Stande bin.“ Selbſt die Zeit ſchien in dieſer äußerſt ſeltſamen Si⸗ tuation keine Anderung hervorzubringen, nur wurde Adolphs lebhafte Unruhe gemäßig⸗ ter; denn er erhielt regelmäßig alle halbe Jahre einen Brief von Caliſten. Zwar er⸗ neuerte jeder ihrer Briefe den früheren tie⸗ fen Eindruck der Beſorgniß, und zugleich ſeine geſpannte Neugierde, mit der zärtlich⸗ ſten Theilnahme an ihrem Schickſale; am Ende aber konnte er doch ungeachtet des Tons der Empfindſamkeit, welchen er in ihren Briefen vorherrſchend fand, nicht umhin, ſie grauſamer Untreue zu beſchuldigen: denn ihr Betragen mußte deſto unerklärbarer ſcheinen, als bereits auch das Schreckenſyſtem in Frank⸗ reich zu Grabe gegangen war, und daher kein gültiger Grund dieſe vollſtändige Entſagung rechtfertigen konnte, mit welcher ſie den Gat⸗ rrar 25 r, ten, den die Mutter ihr von der Wiege an zugedacht hatte, ihre Freunde, ihr Vaterland und ihre ganze Familie behandelte. Caliſte hatte in Paris eine ihrer Jugendfreundin⸗ nen, die ſchöne und liebenswürdige Leontine, deren Vormund der Baron von Olmar war, verlaſſen. Sie hatte Adolphen und ſeiner Ca⸗ liſte Beweiſe einer ſchweſterlichen Freundſchaft und Zuneigung gegeben: ſtets die Vertraute ihrer unſchuldsvollen Geheimniſſe, und ihre unzertrennliche Gefährtinn, wußte ſie mit der Grazie ihrer theilnehmenden Empfindſamkeit in die ſchönen Tage ihrer erſten Jugendzeit einen eigenen unnennbaren Reitz zu weben. Oft hatte ihr Adolph geſchrieben, um von ihr Nachrichten über Caliſtens Schickſale zu hö⸗ ren, aber auch ſie antwortete, ſie habe keine Sylbe vernommen. Adolph kam daher unge⸗ achtet aller Gegenvorſtellungen ſeines Vaters auf ſeine erſte Idee zurück, ſte müſſe tief in einem Kloſter von Portugall, Deutſchland oder Italien begraben ſeyn. Im Jahre 1800 traf der Marquis An⸗ ſtalten zu ſeiner Rückreiſe nach Frankreich, Die Battuecas, 1. Thl. 2 — 7, 26 wee indem er nur noch ein Jahr ſich in Spanien aufhalten wollte, und gewährte Adolphen den Wunſch, den er geäußert hatte, einige Schlöſſer, die ſie nur auf ihrer Vorüberreiſe geſehen hatten, nebſt einigen noch unbekann⸗ ten Provinzen zu beſuchen. Adolph hatte ſo eben ſein fünf und zwanzigſtes Jahr erreicht. Vollendete Würde des Charakters mit ſelte⸗ ner Bildung des Geiſtes und Herzens in ſich vereinigend, glaubte er für ſeine unglückliche Leidenſchaft kein wirkſameres Mittel zur Zer⸗ ſtreuung aufzufinden, als ſich ganz dem Dran⸗ ge nach wiſſenſchaftlicher Bildung zu über⸗ laſſen. Unſere Reiſenden gingen zuerſt nach Sa⸗ lamanca, wo ſie den ſchönen neuen Platz be⸗ wunderten, welchen eine dreyfache Reihe von Balconen ſchmückt, die auf prächtigen Arca⸗ den ruhen. Letztere ſind mit Medaillons in halb erhabener Arbeit verſehen, worauf die Profile der berühmteſten Männer Spaniens ſich darſtellen. Eben ſo beſuchten ſie auch die hochgeprieſene Univerſität von Salamanca und die merkwürdigſten Kirchen. IIN 27 7 Der Gaſtwirth, wo unſere zwei Reiſen⸗ den eingekehrt waren, war ein Mann von äußerſt glücklichen Anlagen, und hatte auch eine, in Spanien bey dieſer Claſſe Menſchen nicht allzu ſeltene, gute Erziehung erhalten. Dieſer Mann ſprach mit dem Marquis von Palmene ſehr viel von dem berühmten Can⸗ ton der ſogenannten Battuecas, und gab ihm folgende Aufſchlüſſe über dieſes kleine intereſſante Völkchen: In Spanien liegt ungefähr vierzehn Stunden von Salamanca, in dem Diöces⸗ diſtricte von Coria, zu dem Königreich Leon gehörig, und in einer Entfernung von acht Stunden von Ciudad⸗ Rodrigo, ein ſehr fruchtbares Thal, wiewohl dasſelbe ringsum von einer Kette ungeheurer Felſenmaſſen ein⸗ geſchloſſen iſt, die einen ſeit Jahrhunderten unzugänglichen Wall bildeten. Dieſer Can⸗ ton heißt das Thal der Battuecas; ſein Um⸗ fang erſtreckt ſich auf beynahe eine halbe Meile. Jahrhunderte hindurch war, wie ge⸗ ſagt, der Eintritt in dieſes Thal ſchlechter⸗ dings unmöglich, bis endlich durch ein Ereig⸗ 2* wn, 28 niß, welches die Folge lehren wird, auch die⸗ ſer Eingang gefunden ward. Aber lange ſchien letzterer undurchdringlich, niemand wagte es, ſich demſelben zu nähern. Seit Jahrhunderten verbreiteten ſich Schrecken, Geſchichtchen und Mährchen über die Ge⸗ heimniſſe dieſes wunderbaren Thales. Auf dieſen ſtarren Felſenmaſſen hatten die Hirten in jener Gegend und verirrte Wanderer un⸗ geheure Nauchſäulen, die ſich gleich einem heftigen Wirbelwind drehten, feurige Figu⸗ ren, Geſpenſter und tauſend ſeltſame aben⸗ teuerliche Erſcheinungen wahrgenommen. Fürchterliche Stimmen hatte man in unbe⸗ kanntem Klageton heulen gehört, und nie⸗ mand zweifelte, daß dieſer gräßliche Aufent⸗ halt grauſamen Geſpenſtern, böſen Zauberern und unglücklichen verfolgten Schatten zur Wohnung diente. Wenn Hirten aus der Nachbarſchaft ihre verirrten Herden aufſuch⸗ ten, und von weitem dieſe drohenden Felſen⸗ maſſen erblickten, ſo wurden ſie von plötzli⸗ chem Schauder befallen. Eilenden Fußes tra⸗ ten ſie den Rückweg an, die Schrecken ihrer Mwr 29 Phantaſie unter den übrigen Dorfbewohnern zu verbreiten, denen ſie neue überraſchende Viſionen und Schreckensſcenen ſchilderten. Alle Unfälle, alle traurigen Ereigniſſe, von welchen die Gegend zuweilen heimgeſucht wurde, wurden den gefährlichen Hexereyen der böſen Zauberer in dem Thale der Bat⸗ tuecas beygemeſſen. Wollte eine Mutter ihr ungelehriges Kind zurechtweiſen, ſo erwähnte ſie nur der böſen Zauberer, ſie konnte es mit nichts ſo ſchrecken, als wenn ſte es denſelben abzuliefern drohte. Alljährlich gingen die in der Gegend be⸗ findlichen Pfarrer zur Frühlingszeit in ſtatt⸗ licher Prozeſſion verſammelt, um den Teufel aus dieſen furchtbaren Felſen zu verbannen, und den angränzenden Canton gegen die böſe Macht der hölliſchen Geiſter zu ſchützen. In der That war die heulende Melodie ihres Trauergeſangs ganz geeignet, die fürchter⸗ lichſten Erſcheinungen in dem zerrütteten Gehirn der gläubigen Menge hervor zu bringen, die dann alle früheren Hirtenfabeln beſtätigt fand. Man glaubte wirklich die ſelt⸗ * 30 ũꝗᷣOᷣ ſamſten Figuren auf der Spitze dieſer Felſen⸗ maſſen gaukeln zu ſehen, von wo ſie ſich ſo⸗ dann mit auffallenden Zeichen des Entſetzens, der ſichtbarſten Wirkung der Beſchwörung, in den tiefſten Abgrund ſtürzten. Endlich verdankte erſt im ſechzehnten Jahrhunderte die Wahrheit dem bloßen Zu⸗ falle ihre unvermuthete Entdeckung. Einſt verirrte ſich der Herzog Alba, und kam mit geringem Gefolge, auf dieſe Art der erſte, in dieſes Thal. Ohne zu ahnen, an wel⸗ chem Orte er ſich befand, bewunderte er die Fruchtbarkeit einer Gegend, die in der Um⸗ gebung ihres Eingangs ſich durch einen eige⸗ nen Charakter ernſter Trauer zu verkündigen ſchien. Er fand eine große Menge Hütten von Baumblättern, ein ſanftes, beynah⸗ furchtſames Volk, das eine ihm gänzlich fremde Sprache ſprach, und bey ſeinem An⸗ blick weit mehr Schüchternheit als Neugierde verrieth. In leichkgeſchürzten weißen Fellen beſtand ihre Kleidung: mit Blumen waren ihre Mädchen, Jünglinge mit grünen Blät⸗ tern und junge Mütter mit einem AÄhren⸗ 4 ee, 31 kranze von Gerſte, dem Zeichen ihrer Frucht⸗ barkeit, geziert.*) Kurz nach dieſer Begebenheit lernte man einen Theil der Geſchichte der Battuecas ken⸗ nen, den Reſt ergänzte die Phantaſie der Geſchichtſchreiber, deren Fruchtbarkeit an Er⸗ findungen oft mit jener eines Romandichters wetteifert. Indeſſen heben wir folgende Thatſachen aus. Flüchtlinge, welche ein Theil der Ge⸗ ſchichtſchreiber für eine kleine gothiſche Colo⸗ nie, die die Tyranney der Mauren floh, und andere für eine Völkerſchaft der alten Can⸗ tabrer ausgeben wollen, zogen ſich in dieſen Zufluchtsort, wo ihnen die Natur in Über⸗ fluß alle zum Glücke hinreichenden Schätze, um welche ſie von keinem Eroberer beneidet wurden, gönnte. Wilde Ziegenherden weide⸗ ten im friedlichen Thale; ohne Pflege gedeih⸗ ten und wuchſen hier Getreide, verſchiedene ſehr heilſame Pflanzen und Fruchtbäume aller — *) Dieſe und die folgenden Details ſind ſtreng hiſtoriſch. , 32 wrr, Art; eine Menge Quellen ſprudelten aus den Felſenritzen hervor, und ergoſſen ſich in der Ebene. Einer Sage, die ſich unter den Bat⸗ tuecas fortpflanzte, zu Folge wird verſichert, daß im Jahre 1009 der Waldſtrom Tormes durch die veränderte Richtung ſeines Laufs den einzigen Eingang, durch welchen man in das Thal gelangen konnte, verſchloß; gerade als ob der Himmel ſich dieſes Mittels hätte bedienen wollen, die Ruhe eines friedlichen Volkes nicht zu ſtören, welches durch die Sanftmuth ſeines Charakters und die Rein⸗ heit ſeiner Sitten den beſonderen Schutz der göttlichen Vorſehung zu verdienen ſchien. So lebten die Battuecas mehrere Jahr⸗ hunderte mitten in Spanien, ihrem eigenen Vaterlande fremd, getrennt von der ganzen Welt, deren Exiſtenz für ſie eine Art Problem geworden war; allmählich vergaßen ſie ſogar ihre Mutterſprache, ihre vorigen Gebräuche, deren Befolgung ihnen nicht mehr möglich war, Geſetze, in welchen ſie keinen Nutzen mehr fanden, den Gottesdienſt, dem kein Tempel, kein Altar und kein Pontifex mehr Mr 33 rrrrn huldigte, und ſogar ihren erſten Urſprung. Doch pflanzten ſich glückliche Sagen unter ihnen fort, denen ſie die beglückende Idee ei⸗ nes höchſten Weſens, Gebräuche und Em⸗ pfindungen zu danken hatten, welche unter eigentlichen Wilden nicht zu finden ſind. Ohne ganz die milde Außenſeite geſitteter Völker zu verlieren, waren ihnen doch die Früchte der Verfeinerung, der Genuß der Kunſtwerke und ein Heer von Laſtern unbe⸗ kannt. Nach zwey oder drey Jahrhunderten änderte ein plötzliches Erdbeben den Lauf des Stromes, welcher ihre Zufluchtsſtätte um⸗ ſchloß. So ward der Eingang in das Thal, wiewohl noch immer ſchwer, doch wenigſtens möglich gemacht. Dieſes große Ereigniß machte keinen Eindruck auf dieſes Völkchen; zufrieden mit ſeinem Looſe, hatte es beſchloſ⸗ ſen, die fremde Welt außer ſeinem Gebiethe nie aufzuſuchen. Nur die Rückblicke der Er⸗ innerung und Vergleichung, welche ſich zwi⸗ ſchen dem Zuſtande dunkler Nichtigkeit und jenem einer glänzenden Beſtimmung erge⸗ ben, ſind geeignet, die Einbildungskraft zu men 3 4 wr entflammen, und ungeſtüme Begierden an⸗ zufachen. Kein Funke von Ehrgeitz glimmte in irgend einem Buſen, denn die Battuecas ahneten nicht einmal das Daſeyn eines ehr⸗ ſüchtigen Bürgers Ihre äußerſt beſchränkten Beſitzungen waren mehr als hinreichend für ihre Bedürfniſſe. Sie träumten nicht einmal die Möglichkeit feinerer Gerichte als ihre Krauter und Früchte, eines köſtlicheren Trunks, als das friſche Kryſtal ihrer Quellen both, oder einer angenehmeren und bequemeren Wohnung, als ſie in ihren Hütten fanden. In ſüßer Eintracht ſchwanden ihre Tage hin, denn kein Gegenſtand konnte ihren Neid oder Ehrgeitz wecken: das Recht des Stärkeren war bey ihnen außer aller Kraft, niemanden kümmerte etwas außer gegenſeitiger Gleich⸗ heit, friedlicher Ruhe und Geſelligkeit, nie gab es für den Unternehmendſten, oder Tapferſten, oder Geiſtvollſten eine Ehren⸗ krone zu erringen. Es war ihnen nicht mehr gänzlich unbekannt, daß außer ihrem Gebie⸗ the noch andere Geſchöpfe ſich befänden: mit Schrecken hatten ſie von weitem deren einige rre, 35 ewee ſchon auf der Spitze ihrer hohen Felſen ent⸗ deckt, aber Furcht und Gleichgültigkeit hemm⸗ ten jeden ihrer Schritte außerhalb der Gränze ihrer Heimath. Doch der Herzog Alba, als er dieſes ein⸗ ſame, originelle Völkchen fand, wollte ſich mit der Aufklärung desſelben beſchäftigen. Mehreren Miſſionairen wurde der Auftrag zu Theil, das wohlthätige Licht des Chriſten⸗ thums unter ihnen zu verbreiten. Als ſie in den Diſtrict von Coria kamen, kreutzten und ſegneten ſich die Einwohner, denen ſie die Beſtimmung ihrer Sendung eröffneten. Man bedauerte ſchon die Miſſionaire als Opfer ih⸗ res Eifers, und wah⸗ agte ihnen beſtimmt, daß wenn es ihnen auch aller unüberſteigli⸗ chen Schwierigkeiten ungeachtet gelingen ſoll⸗ te, bis in das Thal zu dringen, ſie nur Ge⸗ ſpenſter und Zauberer finden würden. Ver⸗ gebens ſuchten die Miſſionaire dieſe Schreck⸗ bilder durch das Zeugniß des Herzogs und ſeiner Leute zu widerlegen, man erwiederte, der Herzog irre, und habe ein anderes Thal mit jenem der Battuecas verwechſelt. 36 Fren Nicht ohne heimliches Grauen betraten die Miſſionaire das erſtemal das myſtiſche und verrufene Thal, doch bald verſchwand ihre Täuſchung: ſie konnten nicht umhin, die reinen Sitten und die Unſchuld dieſes glück⸗ lichen Völkchens zu bewundern, welches darum Jahrhunderte hindurch ſo treu das Naturgeſetz befolgt zu haben ſchien, und von dem Himmel gänzlich von aller Mittheilung mit dem übrigen Theile unſerer Erde abge⸗ ſondert wurde, um ſich deſto wuͤrdiger zur Aufnahme und genauen Befolgung der er⸗ habenen Wahrheiten der göttlichen Lehre des Evangeliums vorbereiten zu können. Mit Freuden bekannten ſich die Battuecas zu ei⸗ ner Religion, die ihnen Friedfertigkeit, Men⸗ ſchenliebe und Mäßigung der Leidenſchaften vorſchrieb, Tugenden, welche ſie ohne An⸗ ſtrengung übten, und welche die Religion zu einem erhabenen Zwecke verbindend in ihnen vollends läuterte und befeſtigte. Sie war es, welche ihrer Moral jene Vollkommenheit lieh, die einzig die Liebe zum Schöpfer und die chriſtliche Nächſtenliebe gründen können. errrr 37 rrrr Die Miſſionaire, dieſe glücklichen Apo⸗ ſtel einer ſo ſchmalen Erdſtrecke in Spanien, ſchienen freudig die erſten goldenen Jahrhun⸗ derte der Chriſtenheit, die ſo eben die ſchwe⸗ ren Bande ihrer erſten Verfolgung ſprengte, wieder aufleben zu ſehen. Die Battuecas be⸗ trachteten ſie als Bothen des Himmels, als ihre größten und erhabenſten Wohlthäter. Sie glaubten, dem leuchtenden Strahle ih⸗ res Genies, und dem ſtaunenswürdigen Er⸗ folge ihrer Betriebſamkeit nicht genug den Zoll ihrer Bewunderung entrichten zu kön⸗ nen, denn ſie hatten auch einige Hausgeräthe, grobe Leinwand und alle Gattungen Acker⸗ werkzeuge von ihnen erhalten, doch unter den Geſchenken, die ſie am angenehmſten überraſchten, waren einige Früchte, die ihnen gänzlich unbekannt waren, und nur eine Meile von ihrem Thale weg wuchſen. Auch die Miſſionaire gewannen eine ſo herzliche Zuneigung zu ihrem neubekehrten Völkchen, das ſich ſo dankbar und gefaͤllig gegen ſie be⸗ zeigte, daß ſie beſchloſſen, ihre Tage ganz in errr 38 ☚ ihrer Mitte zuzubringen. Sie rundeten zuerſt die Höhlung eines Felſens aus zu einer Kir⸗ che, dem erſten dauernden Denkmale, das in ihrem Thale errichtet wurde. So ſtiftete die Frömmigkeit hier auf ewig ihr goldenes ſchönes Zeitalter, und heiligte dieſen Zu⸗ fluchtsort des Friedens, der Einfalt und der Unſchuld. Die Geiſtlichen bauten dann ein Kloſter an die Kirche und bewohnten es. Beyde Gebäude beſtehen noch, eine ehr⸗ würdige Reihe von Prieſtern nahm dieſes Kloſter ſeit ſeiner Stiftung nach einander in Beſitz; dieſe Kloſtergeiſtlichen ſind zugleich die Pfarrer, die einzigen Geſetzgeber und die AÄrzte der Battueras. Doch der ausgezeichne⸗ teſte Zug in der Originalität dieſes Völkchens blieb beſtändig dee, daß es ſich trotz ſeiner Entdeckung durch den Herzog Alba doch nur immer auf ſein Thal beſchränkte, ohne daß die Neugierde es je, aus dieſem auszuwan⸗ dern, verleitet hätte. Auch iſt es wahr, daß die Kloſtergeiſtlichen keine Mühe der überre⸗ dung ſparten, um ſie in dieſem klugen Vor⸗ ſatze zu beſtärken.*) Dieſe Schilderung der Battuecas machte auch die Neugierde unſerer zwey Reifenden rege, und ſie beſchloſſen, ohne den geringſten Aufſchub dieſes ſeltſame Thal zu beſuchen. Die Reiſe begann. Als ſie ſich dem Thale näherten, fanden beyde mehr Schwierigkei⸗ ten, den Eingang zu finden, als ſie ſich vor⸗ geſtellt hatten, ais ſie aber endlich doch dahin kamen, wurde alles, ſowohl für den Vater als den Sohn, ein Gegenſtand frohen Stau⸗ nens und angenehmer Üüberraſchung. Mit großen Augen maßen ſie die hohe Gruppe der feltſamſten Felsgeſtalten, welche dieſes ſchöne Thal von allen Seiten beynahe herme⸗ tiſch ſchloſſen. Dieſe beſondere Lage brachte die Wirkung hervor, daß ſelbſt in den heiße⸗ ſten Tagen des Sommers die zumal in Spa⸗ nien ſehr fühlbare Gewalt der Sonnenwärme durch die ewigen rings verbreiteten Felſen⸗ *) S. den Dierionaire von Moreri, und die ſchätz⸗ bare Reiſebeſchreibung Spaniens von Bourgoing⸗ Wrrw. 4 0 NT ſchatten gedämpft ward. So wie durch fein lebhafteres Grün und die natürliche Gutmü⸗ thigkeit ſeiner Einwohner, eben ſo unterſchied ſich dieſes Thal auch hinſichtlich ſeines Clima von dem übrigen Theile von Spanien. Durch den ſchimmernden Silberſtreif eines über⸗ aus klaren und durchſichtigen Baches wird es der Länge nach durchwunden, Blumen und üppige Raſenſitze kränzen das Ufer, frey irren bey Tag und Nacht Schaf⸗ und Ziegenher⸗ den in den fetten Triften, ſie haben weder Eigenthümer, noch Wächter, ſondern ſind öffentliches Gut. Hütten aus Baumblättern, oder natürliche Grotten ſind, mit Ausnahme der Kirche und des Kloſters, die einzigen Wohnungen dieſes ſeligen Aufenthalts, wo die ganze Natur Ruhe und heilige Stille ath⸗ mend, den Geiſt der tiefen Betrachtung, oder erhabenen Anſchauung und Gedankenſamm⸗ lung weht. Oft zwang geheimer, nie em⸗ pfundener Wonneſchauer unſere Reiſenden, nachdenkend ſtill zu ſtehen: in bezauberndes Gewand hüllten ſich die Gegenſtaͤnde, die alle ihrem trunkenen Auge ſich bothen, und ſie wrro Al a empfanden einen eigenen Reitz in der Be⸗ wunderung, die ſie ihnen entlockten; zu hel⸗ lem Lichte ſtrahlte in ihrem Buſen die Über⸗ zeugung von der Eitelkeit der falſchen irrdi⸗ ſchen Güter empor.„Eine Veſte,“ ſprach der Marquis,„bildete die Natur in dieſem Thale, das Glück der Unſchuld zu ſchützen! Die Me⸗ talle, um welche die anderen Menſchen ſich ſo neiden, Gold und Silber, alle Erzeugniſſe ihrer Künſte ſind dieſen hier völlig unbekanntt ſie haben um ſo weniger die Gräuel einer Be⸗ lagerung zu fürchten! Reiner, heiliger Bo⸗ den, den das Laſter des Stolzes und der Habſucht nie befleckte, deſſen glückliche Ein⸗ wohner ſogar den Namen Krieg nicht kennen, ſey mir gegrüßt! Hier herrſcht die wahre Freyheit, denn hier ſchwingt der Ehrgeiß nie die Fackel der Zwietracht und der Anarchie!..“* Die Reiſenden gingen in's Kloſter. Sie fanden die Zellen gleichſam begraben unter den hohen Felſen, die ihrem Scheitel droh: ten, und unter dem dunklen Schatten der Bäume, die ihren Eingang verbargen. Der Prior des Kloſters, Pater Iſidor, lud die * ——— 4 2 r Reiſenden zu einem kleinen Mahle ein, auf welches die intereſſanteſte Unterredung folgte. Mit rührenden Ausdrücken ſchilderte der ehr⸗ würdige Mann das Lob des guten Volks, das er regierte. Seine Gleichgültigkeit, meinte er, gegen alles, was außer dem engen Kreiſe ſeines Gebieths vorgehe, ſey die Schutzwache ſeiner Unſchuld und der Reinheit ſeiner Sit⸗ ten. Seit der Stiftung dieſes Kloſters waren alle Geiſtliche, die es nach einander bewohn⸗ ten, von der Wichtigkeit durchdrungen, dieſe glückliche Gleichgültigkeit unter den Thalbe⸗ wohnern fortzupſlanzen.„Wir,“ ſprach der Prior,„die wir der Welt entſagen, um uns mit ihnen in der Einſamkeit zu begraben, wir finden es wohl nicht ſchwer, ſie zu überreden, daß ſie ſonſt nirgends das Glück, deſſen ſie hier genießen, finden würden. Von Zeit zu Zeit wagten es einige unter ihnen, das Thal zu verlaſſen, und zwey bis drey Stunden weit außer demſelben ihr Glück zu verſuchen; doch wurden ſie alsdann ſtets übel empfangen, ſie trafen nur Hirten aus der umliegenden Ge⸗ gend, die in ihren lächerlichen Vorurtheilen n h we gegen die Battuecas verharrten, ſie für Zau⸗ berer oder Geſpenſter hielten, und daher bey ihrem Anblicke entweder die Flucht ergriffen, oder ſie wohl gar mit lautem Spott ver⸗ höhnten, und mit Steinen begrüßten. Dieſe unglücklichen Verſuche waren allerdings ge⸗ eignet, jeden Funken von Wißbegierde und die Luſt zu reiſen in ihnen zu erſticken. Doch hat uns ſeit ein Paar Jahren her ein junger Bat⸗ tuecas, der ſich unter ſeinen Landsleuten durch ſeinen beſonders kühnen und unternehmen⸗ den Geiſt vorzüglich auszeichnete, ſchon ſeit einigen Jahren Waiſe, nicht geringe Beſorg⸗ niß einflößt: er heißt Placide. Voll Genie, voll reger Empfindſamkeit und von der leb⸗ hafteſten Gluth der Phantaſie beſeelt, legte er ſeit ſeiner Kindheit beynahe eine leiden⸗ ſchaftliche Bewunderung gegen die Bewoh⸗ ner der andern Welt,(ſo hießen hier die Spanier in den andern Bezirken) gegen dieſe Völker, denen, wie er ſagte, alle Künſte ihre Entſtehung verdanken, an den Tag. Hier iit übrigens nur gemeine Induſtrie, welche bloß für die erſten ſtrengſten Bedürfniſſe ſorgt, ———ju MA 4 4 ℳ☛ bekannt. Die Gelehrſamkeit der Battuecas ſchränkt ſich ſelbſt bey den gebildetſten auf Leſen, und allenfalls etwas weniges Schrei⸗ ben ein. Unſere Mönche, welche dieſe kleine Colonie ſtifteten, hüteten ſich weislich, fei⸗ nere Erfindungen zu verbreiten. Indeſſen ga⸗ ben doch der Gottesdienſt, die Zierathen in der Kirche, ein ſteinernes Crucifix, ein gro⸗ bes Bild der heiligen Jungfrau, zwey bis drey ſchlechte Gemälde, und die Kirchenmuſik in der Meſſe, den Battuecas einige Begriffe über Bildhauerey, Malerkunſt, Muſik und ſogar über Dichtkunſt; denn auch in unſern Kirchen werden Hymnen in der Landesſprache geſungen. Einzelne Werke der Dichtkunſt, welche unſerm Placide in die Hände fielen, begeiſterten ihn ſo, daß er ſelbſt zum Verfaſ⸗ ſer wurde, und daß ſeine eigenen Werke, ungeachtet ſeines Jugendalters von fünfzehn Jahren, ſchon ſolches Talent verkündigten, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihm fünf bis ſechs Bände heiliger Geſänge unſerer größten Meiſter zu verſchaffen. Nun kannte ſein Enthuſtasmus für die Völker der andern 4 un 5 Welt keine Gränze mehr. Er iſt ſeit dem ei⸗ ner der erſten Dichter Spaniens, und ich habe ohne ſein Wiſſen zu Madrid eine ano⸗ nyme Sammlung ſeiner Dichtungen veran⸗ ſtaltet, welche allgemeinen Beyfall und Be⸗ wunderung erregte. Er war dazumal zwey und zwanzig Jahre alt, und ſo genoß dieſer junge Decchter, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ſchon in ſeiner damaligen tiefen Verborgenheit des größten Ruhms. Während ſeine Werke ſchon in allen Bibliotheken prangten, ah⸗ nete er kaum ihren Druck, und noch weniger ſein eigenes Talent. Doch trieb ihn ſein er⸗ findungsreiches Genie mit jedem Tage irgend eine neue Vervollkommnung an den hier üb⸗ lichen Künſten und Gewerben, deren erſten rohen Stoff wir allein zu bearbeiten wußten, zu erſinnen. So kam er auf Erfindungen, die ſeit Jahrhunderten beſtanden, deren Ehre ihm aber deſſen ungeachtet nie ſtreitig wer⸗ den kann, da er jedesmal allein der Schöpfer und Erfinder war. So wurde er ein vortreff⸗ licher Landſchaftszeichner, und als er in der Folge Maler werden wollte, bereitete er ſich NrAR 46 Mr ſelbſt aus dem Safte verſchiedener Pflanzen die mannigfaltigſten Farben. So verdankten ihm die Flöte und Pauken ihre Entſtehung, ehe er noch ein muſikaliſches Inſtrument ge⸗ ſehen hatte. Dieſe ſeltene Vereinigung von Induſtrie, Talent und Thätigkeit mußte ihn weit über alle ſeine Landsleute erheben. Er war der erſte berühmte Battuecas in dieſem Thale. Nur Dankbarkeit war das Gefühl, das jeder der zahlreichen fremden Ordens⸗ geiſtlichen einflößte, die im Namen des Him— mels, und das Evangelium in der Hand, die reinſten edelſten Ideen von Civiliſation ver⸗ breiteten: aber Neid erregte ihr junger Landsmann, welcher ſich zum Gegenſtande allgemeiner Aufmerkſamkeit zu machen wußte. Wenn übrigens auch ſeine Talente und die Morgenröthe ſeines Ruhmes ihm in dieſem einſamen Thale den Haß ſeiner männlichen Zeitgenoſſen erregten, ſo waren doch die Em⸗ pfindungen, welche er der weiblichen Hälfte dieſer Thalbewohner einſlößte, von einer ganz tentgegengeſetzten Art. Nur nachbarliche Ver⸗ hältniſſe, oder Bande der Verwandtſchaft hatten vorher die ehelichen Verbindungen geknüpft; kaum ſchien Liebe ſich zum Charakter eines bloßen Vorzugs vor andern zu erheben, und nun ging dieſe Empfindung auf einmal zu dem höchſten Grade von Leidenſchaft über. Eitelkeit, Eiferſucht, Putzſucht, kurz alle Ele⸗ mente, welchen dieſe Leidenſchaft ihr vor⸗ züglichſtes Gedeihen verdankt, vereinigten ſich zu ihrer plötzlichen Entſtehung: ſeine Wahl entſchied jedoch für die Hübſcheſte und Schönſte. Dieſer Vorzug, den er gewährte, breitete einen Theil ſeines eigenen Ruhmes über Ines,(ſo hieß der Gegenſtand ſeiner Liebe) aus: der neue Glanz und Zuwachs, den der ohnehin bedeutende Ruf ihrer Schön⸗ heit erhielt, erweckte die Flamme der Eifer⸗ ſucht ihrer Nebenbuhlerinnen, und fachte vol⸗ lends den lodernden Funken der beſchämten Wetteiferung, der in der Herzen der Jüng⸗ linge brannte, an. So brach der erſte Sturm in die friedliche Stille ihrer häuslichen und öffentlichen Sittlichkeit ein. Doch brachten es unſer Anſehen und unſere Ermahnungen da⸗ hin, daß ſie ihr Gemüth beſanftigen, und die , nnmn 4 er Ordnung wieder in ihre vorigen Rechte zu⸗ rücktreten ließen. Eines Tages kam Placide mit der Er⸗ klärung, er ſey feſt entſchloſſen, eine große Reiſe zu unternehmen, nämlich nach Madrid zu reiſen.„Wo denkſt du hin, mein liebes Kind,» erwiederte ich,„eben jetzt, da du deine Ines heirathen ſollſt.“—„Was? Ines,“ antwortete er,„die wird erſt in ſechs Mona⸗ ten ſiebenzehn Jahre alt, und unſre Geſetze, wie bekannt, geſtatten ihr nicht, ſich vor die⸗ ſem Alter zu verehlichen. Ich kehre bis dahin zurück, und bleibe daher nur vier bis fünf Monate aus. Überlege es dir wohl, mein lie⸗ ber Placide, ohne Erfahrung wagſt du dich in eine dir ganz neue Welt.— Ich will dieſe gebildeteren Menſchen, die die Schrift, das Rechnen und jede andere Kunſt erfanden, kennen lernen. Was kann ich unter ihnen für Gefahren laufen? Sind ſie nicht Chriſten, und aufgeklärter, als wir? Sie müſſen alſo nothwendig auch Tugend beſitzen.— Mein lie⸗ ber Placide, du bleibſt bey den Gedanken ſtehen, als wären dieſe Menſchen nicht nur gebildetere, ſondern eben deßwegen auch ver⸗ nünftigere Leute als wir, doch hierin irrſt du dich ſehr: ich verſichere dich im Gegen⸗ theile, du wirſt in Madrid Laſter finden, von denen du nicht einmal träumſt.— Ich geſtehe, daß ich dieſes nicht begreifen kann: denn wie können ein durch die Wiſſenſchaf⸗ ten aufgeklärcee Geiſt und ein laſterhaftes Herz ſich vereinigen?— Indeß erinnerſt du dich, mein Sohn, welche Folgen der Stolz ſogar in Engeln erzeugte, als ſie Gott verga⸗ ßen.“—„Ja wohl,“ erwiederte Placide.„Aber wie können mit dem Beyſtande der Offenba⸗ rung, der erhabenen Moral des Evange⸗ liums und der Vernunft, ſchwache Sterbliche, die nur kurze Zeit in dieſem Pilgerleben zu verweilen haben, ſich ſo tief verirren? Nur unſterblich geſchaffene Geiſter, die nur von Gottes Herrlichkeit ſich Begriffe machen konn⸗ ten, mochten der überraſchenden Verſuchung ihres Stolzes unterliegen. Dieſer ungeheure Undank erregt zwar Schauder, bleibt aber doch immer begreiflicher, als die unglaublich größere Verdorbenheit ſchwacher gebrechlicher Die Battuecas, 1. Tyl. 5 n, 5Oo we Weſen, die mit ihrer Verdammniß zum Tode, mit dem Gefühle der unendlichen Güte Got⸗ tes und der Überzeugung von ſeiner Allmacht, zugleich die Furcht vor der Gerechtigkeit ſei⸗ ner Strafe verbinden! Mein Entſchluß iſt ge⸗ faßt.— Vergebens drang ich in ihn, dieſem Gedanken zu entſagen; meine Bemühungen waren fruchtlos. Ich warnte ihn vor der täu⸗ ſchenden Außenſeite und ſchrieb einem meiner Neffen in Madrid, Dom Pedro, ſich des in⸗ tereſſanten jungen Menſchen anzunehmen. Dom Pedro kam ſelbſt, ihn hier abzuhohlen, und übernahm ganz die Aufſicht über ihn. Placide reiste fort. Er hatte dazumal drey und zwanzig Jahre. Seine Abreiſe ging uns allen ſehr nahe. Wir verloren ihn gerade in der Blüthe ſeiner Jahre; er beſaß eine regel⸗ mäßige ſchöne Geſtalt, eine vorzüglich leb⸗ hafte Einbildungskraft, ein gefühlvolles Herz und eine liebenswürdige Offenheit, nur fehlte es ihm an aller Erfahrung. Wie läßt ſich er⸗ warten, daß er den Verführungen aller Art, welche auf ihn lauerten, entgehen würde? Doch ihn ſelbſt muß man hören, um zu begreifen, un BI we durch welche glückliche Verkettung von Ideen und Gefühlen er ſo vielen Gefahren Wider⸗ ſtand leiſten konnte.“„Sie werden an ihm,“ fuhr Pater Iſidor fort,„eine eigene Lebhaf⸗ tigkeit, verbunden mit der edeiſten Einfalt, und eben ſo in ſeiner Sprache das unterſchei⸗ dende Gepräge dieſer Eigenſchaften finden. Er iſt keines Wegs ein Wilder mehr; er hat im Gegentheile einen ſehr gebildeten Ver⸗ ſtand, eine fruchtbare Phantaſtie, viel eigent⸗ liches Genie und mannigfaltige Talente. Mit allen dieſen Vorzügen ausgeſtattet, trat er allerdings in der Welt ſehr vortheilhaft und empfehlend auf, ließ jedoch zugleich die voll⸗ ſtändigſte Unwiſſenheit aller geſelligen Ver⸗ hältniſſe, Sitten und Gebräuche, ſo wie der Erfindungen neuerer Induſtrie an ſich wahr⸗ nehmen: an allen Gegenſtänden klebte für ihn der Reitz der Neuheit. Er hat die glück⸗ lichſte Organiſation von der Welt, beſitzt ei⸗ nen fein gebildeten Geiſt, deſſen Scharfblicke nichts Schönes, nichts Beyfallwürdiges ent⸗ geht, und Gefühyl für Recht und Sittlichkeit in ſo hohem Grade, daß es ſich auffallend * oern B2 r2, gegen jede Verletzung der Menſchlichkeit oder Tugend empört. Da die Gegenſtände, welche Bewunderung oder Tadel zu erwe⸗ cken pflegen, ihm noch nicht gleichgültig, noch ſeine Vorſtellungen mit dieſen Gegenſtän⸗ den hinlänglich vertraut geworden ſind, ſo nimmt ſein Urtheil den abſprechenden Ton der Entſcheidung, und eben ſo auch ſein Herz entweder die leidenſchaftliche Stimmung der Bewunderung, oder jene des lebhafteſten Ab⸗ ſcheues an.„Bey dieſen Worten unterbrachen der Marquis und Adolph den Pater Iſidor, und äußerten den lebhaften Wunſch, aus Placide's eigenem Munde diefe intereſſante Schilderung zu hören.“„Da Sie die Nacht hier zubringen,“ antwortete der Pater,„ſo verſpreche ich Ihnen Gewährung Ihres Wun⸗ ſches. Placide wird den Abend unter uns ſeyn, und ſeine Geſchichte erzählen.“ Placide kam. Unſere beyden Reiſenden konnten nicht umhin, die ausdruckvolle Miene ſeines regelmäßig ſchönen Geſichts, die edle Haltung und die angeborne Grazie an dig⸗ ſem jungen Manne, der dazumal ein Alter 5 — wwon 53 womn von ungefähr ſieben und zwanzigJahren zählte, zu bewundern. Auch Placide ſchien das vor⸗ theilhafte Außere, die hübſche Geſtalt Adolphs, und der Zug von Melancholie zu rühren, der ſich deutlich über ſein und ſeines Vaters gan⸗ zes Weſen ergoß, und für unſern gefühlvol⸗ len Wilden eine deſto ſtärkere Aufforderung wurde, ſich beyden gefällig zu erweiſen. Pater Iſidor, der den andern Tag zeit⸗ lich aufſtehen wollte, verließ ſie alle drey und ging zu Bette. Nach einer Unterredung von ungefähr einer halben Stunde, willigte Pla⸗ eide, jedoch nicht ohne geheimes Seufzen, endlich ein, die lebhafte Neugierde der bey⸗ den Reiſenden zu ſtillen. Dann deckte er mit beyden Händen ſein Geſicht, und rief: »Soll ich von neuem in meiner Erinnerung jene Scenen augenblicklicher trüber Be⸗ ſtürzung und trunkener Freude, oder jene tieferen Wunden auffriſchen, deren trauriges Andenken mein Herz ſo lange ſchon zu ver⸗ meiden ſucht! Oft denke ich an die Empfin⸗ dungen, welche das raſche Wechſelgemälde des feineren geſellſchaftlichen gebens, das ſo rrrr 5 4 Tr ſchnell an meinem innern Blicke vorüberging, in mir erweckte. Im ſtillen Schooße einer glücklichen Einſamkeit kann man dann ohne Gefahr an ſo manchen Irrthum, ſo manchen Widerſpruch, und ſo manche unzuſammen⸗ hängende, planloſe oder wohl gar planwidrige Handlung zurück denken. Welcher vernünf⸗ tige Menſch könnte trauernd die Welt ver⸗ miſſen, von welcher er ſich eine richtige Vor⸗ ſtellung zu machen Gelegenheit fand? Doch wo nehme ich die Stärke her, jenen flüchti⸗ gen Rauſch des Glücks, jenen holden Wahn der Hoffnung, jene ſüße Betäubung der Liebe und Freude, deren Nektar⸗Kelch ich ei⸗ nige Augenblicke koſtete, zu ſchildern? Nie werde ich dieſe Empfindungen vergeſſen. Wohl konnte ich Meiſter meiner Einbildungskraft werden, doch allzu tief, allzu unauslöſchlich, allzu innig ſind die Spuren, die ſie meinem Herzen eingegraben haben, als daß ſie je dar⸗ aus vertilgt werden könnten. Und nun muß ich dieſe Spuren in meinem Herzen verfolgen. Sie wollen, daß ich in der Aſche wühle, un⸗ ter welcher ein verzehrendes Feuer glimmt. Wie leicht kann es ſeyn, daß dieſe gehei⸗ me Gluth zur lichten Flamme empor lodert, deren Ausbruch nichts mehr bändigt. Doch Sie wollen es ſo! Ach! nur zu vielen Reitz finde ich in der Vollziehung Ihres Auftrags.“ Bey dieſen Worten ſchwieg Placide, um ei⸗ nige Augenblicke ſeine Gedanken zu ſammeln, und fuhr dann fort in folgender Erzählung: „Schon drey Jahre vor meiner Reiſe nach Madrid hatte für mich der Aufenthalt im Thale beynahe allen Reitz verloren. Ich ſah mich als den unglücklichen Gegenſtand des gemeinſamen Haſſes meiner Landsleute, weil ich mich ihnen dadurch nützlich machen wollte, daß ich die verſchiedenen Künſte, wovon ſie kaum die erſten Anfangsgründe kannten, zu vervollkommnen ſuchte. Ich kann verſichern, daß meite Eitelkeit fern von aller Theilnah⸗ me an dieſen meinen Bemühungen blieb; rein war meine Abſicht, nur der Hang nach Wiſſenſchaft meine innigſte Leidenſchaft und der Anblick des öffentlichen Wohlſtands mein ſchönſter Lohn. Doch genug, ich wurde gehaßt.“ 3, 56 „Gewiß fand Stolz ſeinen Urſprung nicht im großmüthigen Gefühle der Stärke, ſon⸗ dern im gezwungenen Selbſtgeſtändniſſe un⸗ verkennbar geringerer Kraft, und entkeimte zuerſt dem oft unbeſiegbaren niedrigen Trotze, der ſich jeder edlen Bewunderung verſchließt, und nur des Undanks Ungeheuer im Herzen ſchalten läßt. So fiel der Hochmuth der En⸗ gel, die die Allmacht Gottes neideten. Was mich betrifft, ſo verſtärkte die Gehäſſigkeit, deren Zielſcheibe ich geworden war, in mir den Vorſatz, Menſchen von billigerer Den⸗ kungsart aufzuſuchen. Wie bedauerte ich, daß ich meine ÄAltern verloren hatte! Sie hätten meinen Anſtrengungen Beyfall, vor⸗ züglich meinen wiſſenſchaftlichen Bemühun⸗ gen Ermunterung gezollt, und mit gerechtem Stolze hätten ſie dann auf meine Fortſchritte blicken dürfen. Nicht ohne Thränen zu ver⸗ gießen, reiste ich fort, und nahm nach dem letzten Segen, den Pater Iſidor mir gewährte, Abſchied von meiner Ines.“ „Sie ſollte in ſechs Monaten meine Gat⸗ tinn werden. Ich liebte ſie, doch ohne Leiden⸗ 5 rrn 57 3 ſchaft, andere junge Madchen des Thals, welche beynahe die ihrem Geſchlechte eigene Schüchternheit vergaßen, gaben mir die un⸗ zweydeutigſten Beweiſe von weit lebhafteren Gefühlen, die ich nur der Art von Ruhm zu⸗ ſchrieb, den mir meine Erfindungen gaben. Ich zog die junge Ines vor: doch leitete meine Wahl nicht ſowohl der rührende Zauber ihrer Schönheit, als die Unſchuld ihres Herzens, die Reinheit ihrer Geſinnungen und der lie⸗ benswürdige Reitz ihrer Schüchternheit. Ich hatte zwar nicht allzu viel vertrauliche Unter⸗ redungen mit ihr gepflogen; waren wir je⸗ doch beyſammen, ſo fühlten ſich unſre Her⸗ zen wohl, ohne ein einziges Wort zu wech⸗ ſeln; unſre Geiſtesmittheilung blieb auf dieſe Art ſehr beſchränkt, denn ihre vollſtändige Unwiſſenheit und die Unthätigkeit ihrer Phan⸗ taſte ſchloß jeden Berührungspunct einer en⸗ geren Verhindung aus. Sah ſie mich an, ſo war wohl die innigſte Behaglichkeit der Aus⸗ druck ihrer Miene, und meine Verſe gefielen ihr, ohne daß ſie ſie verſtand; doch nur die Stimme, nicht das Verdienſt des Verfaſſers AA 5 8 rrh bezauberte ſie. Sie ſang mit einer großen Vor⸗ liebe eine Hymne, die ich verfaßt und in Mu⸗ ſik geſetzt hatte; dieß war alles, wodurch ſie 3 mir ihre Zärtlichkeit bewies. Wir liebten uns ohne eine Zwiſchenpauſe von Unruhe, von Ei⸗ ferſucht oder Erkältung, nichts ſtörte die glückliche Monotonie unſers Verhältniſſes,oder eigentlich zu reden, wir liebten uns gar nicht (wie ich es ſeitdem nur allzu wohl eingeſehen habe). Wenigſtens war es nicht die wahre eigentliche Liebe, nicht der Sturm der Lei⸗ denſchaft, der tyranniſch mitten unter dem Zauber der Kunſt und der Verfeinerung ge⸗ ſellſchaftlicher Sitten dem ganzen Leben eine andere Geſtalt gibt; nicht jene Liebe, die in Hinderniſſen ihren mächtigſten Reitz findet, die aus allem, was Talente Verführeriſches, das Geheimniß Lockendes, und die Bilder ei⸗ ner erhitzten Phantaſte Trügeriſches haben, Begeiſterung ſchöpft. So iſt der Anblick des Thalſtroms während eines Ungewitters. Re⸗ gen, Hagel und Wind, und die ganze Na⸗ tur verſchwören ſich, ſeinen brauſenden Un⸗ geſtüm zu wecken. Nicht an ſich iſt der Strom „ wn 59 wr ſo fürchterlich, ungereitzt fließt ſeine Welle als ein heller Silberbach fort, nur fremde Ein⸗ wirkungen ſchwellen den Drang ſeiner Wo⸗ gen, ändern die Richtung ſeines friedlichen Laufs, trüben den glatten Spiegel ſeines Kryſtalls, und machen ihn zum verheerenden wilden Strome. So auch die Liebe, wenn ſie im Schooße der Einſamkeit gedeiht, unſre Tage gleich dem ſtillen Silberbache ſanft da⸗ hin fließen läßt. Nicht Sturm und Ungeſtüm iſt ihr natürlicher Charakter, wo ſie ſo er⸗ ſcheint, iſt ſte nur die Frucht der Verirrungen unſerer Phantaſie.“” »Ich reiste ab mit der Hoffnung, in einer andern Welt die Vollkommenheitz in aller Art von Tugenden und die vollendete Ausbildung der Kunſt und Wiſſenſchaft zu finden.“ »Für die Reiſe war ich in keiner Verle⸗ genheit⸗Dieß hatte ich dem guten Pater Iſt⸗ dor zu danken, der mich einem Neffen von ihm, Dom Pedro, empfohlen hatte. Letzterer hohlte mich im Thale ab, und wir traten die Reiſe zu Fuß an. Er hatte mir ein Kleid, wie das ſeine, machen laſſen, ich fand es unbe⸗ — 60 denn quem, doch dachte ich, ich würde mich, wie er, an dieſe Beſchwerde gewöhnen. Als wir eine Stunde gegangen waren, trafen wir den erſten Wagen, den ich ſah. Er war für uns beſtimmt, und ich geſtehe, dieſes fortrollende Gebäude ſchien mir ein ſo neues, ſo bewun⸗ derungswürdiges Werk, daß ich es über eine halbe Stunde lang betrachtete. Als wir uns hinein begeben hatten, war mir gar nicht wohl zu Muthe. Ich fürchtete, wir würden umge⸗ worfen werden, und empfand eine eigene Un⸗ ruhe in den Füßen, ja ſogar eine Art Schwin⸗ del, kurz, mir wurde außerordentlich bange. Dom Pedro, ein Mann von zwey und vierzig Jahren, iſt tugendhaft und ſehr gebildet, be⸗ ſitzt einen aufgeklärten Geiſt und das vortreff⸗ lichſte, edelſte Herz. Seine Unterredung war für mich ſehr lehrreich, und im Gegentheile meine gänzliche Unwiſſenheit für ihn ſehr be⸗ luſtigend. Ich wußte wohl, daß es in dem Lande, wohin wir fuhren, kein für alle ohne Unterſchied gemeinſchaftliches Gut gebe, und daß man Geld brauche, um zu leben. Dom Pedro hatte welches, und mir ſchien nichts natürlicher, als wenn er auch mit wir feinen Vorrath theilte: ich dachte, niemand laſſe es demjenigen, dem es fehlt, darau gebrechen, wenigſtens dürfe kein Chriſt in dieſem Puncte ſich anders benehmen. Ohne mich daher auch nur mit einer Sylbe bey Dom Pedro zu be⸗ danken, hielt ich einen Dank, wie dieſen, viel⸗ mehr für eine Art Beleidigung, als für meine unerläßliche Verpflichtung.“ „»Bey dem erſten Dorfe, durch welches wir fuhren, glaubte ich ſchon eine Stadt zu ſehen, und fragte, wie es möglich ſey, daß Madrid weit ſchönere Haͤuſer habe. Bey der zweyten Poſt, wo wir die Pferde wechſelten, wurde ich lebhaft durch einen eben ſo trauri⸗ gen als für mich noch ungeſehenen Auftritt gerührt. Dom Pedro war in feſten Schlaf verſunken, ich lehnte im Wagenfenßter, und verſchlang mit neugierigen Blicken alle Gegen⸗ ſtände, die ſich meiner geſpannten Erwartung darbonen. Wir hielten eben an einer Ecke des Dorfes, einem Bäͤckerladen gegenüber. Ein Weid, mit Lumpen bedeckt, und zwey kleine Kinder im Arme, näherte ſich uns, und 3 bath um Almoſen. Sie klagte mit jammern⸗ der Stimme, ſie müſſe mit ihren Kindern vor Hunger ſterben.„Wie wäre das möglich,“ rief ich laut,„ſiehſt du nicht dort die Menge Brots, dicht hinter deinem Rücken aufge⸗ pflanzt! Geh hin, und nimm, was du brauchſt.“—„»Ach! dieß wird man nicht ge⸗ ſchehen laſſen.“—»Wer wird es dir in dei⸗ nem Zuſtande wehren?“ Mit dieſen Worten öffnete ich die Schlagthüre, ſprang aus dem Wagen, ſtürzte mich in den Bäckerladen, und griff nach einem gewaltigen Laibe. Dieſen reichte ich dem armen Weibe und ſagte zum Bäcker:„Guter Freund, du ſiehſt, ich habe dieſen Laib nicht für mich genommen, ich gebe ihn dem armen hungrigen Weibe.“—„Nun ſo zahlen Sie das Brot.“—„Zahlen, lieber Freund, das kann ich nicht, ich habe kein Geld, aber ich wiederhohle es ja noch einmal, der Laib gehört dem armen Weibe.“—„Ha!“ erwiederte der feiſte Bäcker,„Arme gibt's genug! Wer, Teufel! ſollte allen geben?“ —„So lange es Brot und Arme gibt, mußt du Brot den Armen geben,“ ent⸗ n, 63 ww, gegnete Placide.„Denn wozu zahlen dir ſonſt die Reichen das Brot?“—„»Nun, das wäre ein ſchönes Handwerk.“—„Allerdings, denn Gottes Segen waͤre dabey.“ Waͤhrend dieſes Wortwechſels ſtieg dem armen Weibe die Beſorgniß auf, den Bäcker dürfte eine Zumuthung dieſer Art in üble Laune ver⸗ ſetzen; ſie wollte ihm daher den Laib zurück⸗ ſtellen. Er nahm denſelben, und gab ihr da⸗ für ein kleineres Brot. Doch dieſen Tauſch ertrug ich nicht.„Sie wird den Laib behal⸗ ten, den ich ihr ausgeſucht habe,“ rief ich mit donnernder Stimme darein, riß dem Bäcker den großen Laib aus den Händen, und letz⸗ terer ſchrie wüthend ſeinen Leuten, ihm zu Hülfe zu kommen. Sie eilten herbey. Ohne mich zu beſinnen, bediente ich mich des er⸗ oberten Laibes zu meiner Vertheidigung, welche ſo wohl gelang, daß ich das Brot an dem Rücken meines Gegners, den ich zu Bo⸗ den geworfen hatte, zerſchlug, einen Bäcker⸗ jungen neben ſeinem Herrn zur Erde ſtreckte, und den andern ſo derb bey ſeiner Gurgel faßte, daß er ſein Heil tief im Hintergrunde 65 des Bäckerladens ſuchen mußte. Mit Schre⸗ cken fühlten ſie die Übermacht meiner phy⸗ ſiſchen Kräfte, und ich war Herr vom Schlacht⸗ felde, als Dom Pedro erwachte, und auf mich geflogen kam; er bath mich, ihm die Urſache des entſetzlichen Lärmens zu erklären.“ „Betroffen, ihn nicht meinen noch nicht gedämpften lebhaften Unwillen theilen zu ſe⸗ hen, blieb ich wie verſteinert ſtehen. Auch war dieß das erſte Mal, daß ich in Zorn ge⸗ rathen war; denn man zankt und ſchlägt ſich nicht in unſerm Thale. Nicht geringer als mein Unwille war meine Beſorgniß, meine Widerſacher vielleicht tödtlich verwundet zu haben, doch ſchwand die letztere, und ich be⸗ merkte mit dem größten Vergnügen, daß ſie, einige Contuſtonen abgerechnet, alle mit hei⸗ ler Haut entkommen waren. Die Freygebig⸗ keit meines Reiſegefährten trug ebenfalls zu ihrer Beſaͤnftigung nicht wenig bey. Er be⸗ theilte auch das arme Weih mit einigen Geld⸗ ſtücken, und mit den zerſtreuten Trümmern des großen Laibes, welchen ich auf des Bä⸗ ckers Rücken für ſie zerſchlagen hatte. So 65 v waren alle Theile, außer mir, zufrieden ge⸗ ſtellt, noch immer benahm mir der Zorn die Sprache, und zugleich bereute ich, meine Mitbrüder ſo mißhandelt zu haben. Ehe ich nach verrichteter That in den Wagen ſtieg, hing ich der armen Frau noch einen großen, prächtigen Scharlachmantel, welchen Dom Pedro mir zum Geſchenk gemacht hatte, mit den Worten um: Mit dieſem Mantel kleide dich. Die ganze zuſammengelaufene Menge brach in ein lautes Gelächter über meine Gut⸗ müthigkeit aus: man ſah mich für einen Nar⸗ ren an, und ich glaube, Dom Pedro dachte in dieſem Augenblicke, er habe mit der Auf⸗ ſicht über mich keine ſonderlich leichte Rolle übernommen. Als ich und Dom Pedro wie⸗ der im Wagen ſaßen, ſagte er, ernſt, jedoch in ſeinem gewöhnlichen ſanften Tone zu mir: „»Placide, du haſt einen artigen Auftritt er⸗ regt. Um dieſem Weibe ein Almoſen zu ge⸗ ben, hätteſt du bald zwey bis drey Menſchen erſchlagen. Welches Recht ſtand dir auf das Eigenthum dieſes Bäckers zu?“—„Wie kann ein Chriſt mit kaltem Blute auf der ei⸗ .* vrrra 66 nen Seite ſo eine Menge Brot aufgehäuft, und dabey eine arme unglückliche Mutter mit zwey hungrigen Kindern ſehen, ohne ihren Hunger ſogleich zu ſtillen?“—„Hat nicht vielleicht auch der Bäcker Kinder, eine Gattinn und zahlreiche Haus⸗ und Tiſchgenoſſen 2 Weißt du, wie es mit ſeinem Vermögen ſte⸗ he, und wie viel er vielleicht in geheim Al⸗ moſen unter die Armen vertheile? Wer weiß, ob er nicht ſogar die Abſicht hatte, dem ar⸗ men Weibe im Verborgenen wohl zu thun: denn, wie du weißt, was die Rechte gibt, ſoll die Linke nicht wiſſen. Du ſprachſt von Reli⸗ gion. Eine ihrer vorzüglichſten Lehren befiehlt, ſeine Mitmenſchen nicht nach dem Scheine zu verdammen. Und wo haſt du in der heiligen Schrift geleſen, es ſey erlaubt, ſich ſelbſt das Eigenthum eines Geitzhalſes in der Abſicht zuzueignen, um es zu einem guten Werke zu verwenden?“—„Ich fühle es, ich hatte Un⸗ recht, doch bitte ich zu bedenken, daß ich, un⸗ geachtet ich die heilige Schrift geleſen und aus ihr die Geſetze zahlreicher Geſellſchaften kennen gelernt habe, mich mit dem Begriffe von Eigenthum noch nicht vollſtändig ver⸗ traut machen konnte. Bey uns zu Hauſe ſind lauter gemeinſchaftliche Güter, nie hört man da einer unmenſchlichen Handlung erwähnen.“ —»Dagegen,“ bemerkte Dom Pedro,„habt ihr Land und Heerden mehr als ihr braucht, euer kleines Völkchen überflüſſig zu nahren. Doch nehmen wir an, eine Viehſeuche oder irgend ein anderer Unfall hätten in eurem kleinen Thale eine wirkliche Noth erzeugt, du wäreſt mit deiner Ines verheirathet, Va⸗ ter mehrerer kleiner Kinder: würdeſt du dich nicht deiner Stärke und Gewandtheit bedie⸗ nen, um auf die ſteileſten Felſen zu klettern, wilde Früchte und Kräuter aufzuſuchen, und ſie deiner Familie zu bringen?“—„Ja, ge⸗ wiß.“—„Und würdeſt du den Vorrath, den du dann beſäßeſt, an andere, ſelbſt an noth⸗ leidende Kranke, oder ſchwache Greiſe, willig abtreten?“—„Nein.“—„Indeß, da bey euch lauter gemeinſchaftliche Güter ſind, und daher unter alle gleich getheilt werden ſollen, o wäre dein geſammelter Vorrath geſtohlen. Du ſiehſt daher, wie ungereimt die gleiche 68 Denn. Vertheilung der Güter wäre, da ſie keineswegs in der Natur gegründet iſt, und jeden Fun⸗ ken von Betriebſamkeit erſtickt. Ein allmäch⸗ tiger und unwiderruflicher Rathſchluß der göttlichen Gerechtigkeit hat den Menſchen zur Arbeit verurtheilt. Doch wird der Menſch nur alsdann arbeitſam, wenn er die Hoff⸗ nung, Eigenthum zu erwerben, oder das Er⸗ worbene zu erweitern, nähren kann. Alſo wird Gottes Geboth in dieſem ſo weſentlichen Stücke nur bey jenen Völkern, welche dieſer Vortheile genießen, genau befolgt, und eben deßwegen ſind auch unſre geſelligen Verhält⸗ niſſe und die Geſetze, auf welchen ſie beru⸗ hen, dem Geiſte der Religion mehr ange⸗ meſſen.“ „Ich fand dieſe Ermahnung ſehr ver⸗ nünftig, und verſprach daher meinem Gefähr⸗ ten acht mehr aus Nächſtenliebe zu ſtehlen und unter die Bäcker Schläge zu vertheilen. Dom Pedro, um mir den verdrießlichen An⸗ blick des Betteins zu erſparen, befahl einem ſeiner Bedienten, voraus zu gehen, und un⸗ ter alle Bettler, die er träfe, Almoſen zu n 6QD rn vertheilen, unter der Bedingung, daß ſie un⸗ ſerm Wagen nicht nahe kommen durften. Der Reſt unſerer Reiſe both mir angenehme Über⸗ raſchungen dar Koöͤſtlich ſchien mir jedes Nacht⸗ lager ſelbſt in dem elendeſten Wirthshauſe; ich wurde nicht ſatt, die Meublen, die Wohn⸗ zimmer und die Artigkeit der Wirthe, bey denen wir einkehrten, zu bewundern. Jede Mahlzeit⸗war für mich ein beſonderes herrli⸗ ches Feſt; auch wurde ich gleich den erſten Tag nach dem Abendeſſen ſo krank, daß ich mir den feſten Vorſatz wiederhohlte, ein an⸗ deres Mal meiner vorzüglichen Eßluſt Schran⸗ ken zu ſetzen. Ich wollte anfangs durchaus keinen Wein trinken, denn dieſes ſtarke Ge⸗ tränk war mir bis dahin ganz fremd geweſen. Dom Pedro überredete mich, daß bey den Speiſen unſerer Köche der Wein beynahe ein unerläßliches Bedürfniß ſey, ich trank eine halbe Bouteille, und war berauſcht. Nicht we⸗ nig ſchämte ich mich, einige Stunden hin⸗ durch gänzlich den Gebrauch des Verſtandes verloren zu haben, und ich hielt ſeildem das feyerliche Verſprechen, dieſem gefahrlichen won fO esaa Getränke auf immer zu entſagen. Wir lang⸗ ten zur Nachtzeit in Madrid an, und mich beherbergte Dom Pedro's elegante Wohnung, deren Aufwand mir beynahe blendend ſchien; doch müde von der Reiſe, eilte ich zur Ruhe. Die weichen Fiaumen meines Bettes hielten mich die ganze Nacht hindurch wach. Ich fühlte mich am Morgen ſo krank und verändert, daß Dom Pedro um einen Arzt ſchicken wollte. „»Nein, nein,“ rief ich,„laſſen Sie mich die Flau⸗ mendecke weg werfenz laſſen Sie mich wieder meine Beine gebrauchen und weniger eſſen, ſo hoffe ich bald wieder geſund zu werden.“ In der That, ich wollte mich ſchlechterdings nicht mehr in die Wagen einſperren laſſen, die dem Anſchein nach freylich bequem ſind, in denen man aber erſticken möchte.“ »Auch der Geiſt, der in Dom Pedro's. Wohnung zu wehen ſchien, behagte mir ſehr; denn allenthalben athmeten Friedfertigkeit, Lugend und Ordnungsliebe in ſeinem Hauſe. Er war Witwer, und hatte keine Kinder. Seine ältere unverheirathete Schweſter lebte mit ihm in der herzlichſten Eintracht, und theilte AG 71 Wwr mit ihm die Sorge für die Erziehung ſeiner drey Neffen, die ihm ſein verſtorbener Bru⸗ der als Waiſen hinterlaſſen hatte, und deren älteſter zehn Jahre zählte.“ Ich hatte Dom Pedro verſprechen müſ⸗ ſen, nie ohne ihn auszugehen, und den drit ten Tag nach unſrer Ankunft führte er mich zu Fuß in eine Kirche. Als wir durch dde Straße gingen, war ich bey jedem Schritte ſtille zu halten verſucht, um meine Blicke an allen den Gegenſtänden, deren Neuheit mich gefeſſelt hielt, zu weiden. Aller Augen dreh⸗ ten ſich nach mir, ſo auffallend war oft die Miene meines Staunens und ſo laut der Ausruf meiner unaufhörlich regen Bewunde⸗ rung. Als wir in die Kirche von Laſpaleſas*) traten, fühlte ich mich von einem eigenen na⸗ menloſen Gefühle und einer Art Schauer durchdrungen; doch als ich der Orgelſpiel und den geiſtlichen Geſang vernahm, ſchien auf der Welle der Harmonie mein Geiſt zu Gott *) Eine moderne und zwar eine der ſchönſten Kir⸗ chen in Madrid, voll vortrefflicher Gemälde. ra 72 empor zu wallen, und Entzücken des Him⸗ mels meine Bruſt zu füllen, ich ſenkte mein Knie und blieb beynahe eine Stunde bewe⸗ gungslos in dieſer Stellung. Dom Pedro riß mich endlich aus dieſer Extaſe, oder viel⸗ mehr er ſchleppte mich beynahe mit Gewalt us der Kirche, denn ich wollte ſchlechteꝛdings noch länger bleiben, um nach Herzensluſt die prächtigen Gemälde, Statuen und Zierathen, vorzuglich aber den Bau der Kirche zu be⸗ trachten, deren kühner architektoniſcher Styl meine Einbildungskraft in Verwirrnng ſetzte. Während ich mich gegen alle ſeine Bemühun⸗ gen ſtraͤubte, hatte ſich indeß die andächtige Menge zerſtreut, und wir waren faſt allein in dieſem ungeheuer weiten Prachtgebäude. Ich ſah eine verſchleyerte weibliche Geſtalt in ſchwarzen Trauerkleidern eingehüllt auf ei⸗ nem prunkvollen Grabmale von weißem Mar⸗ mor bethend knien. Ich konnte ihr Geſicht nicht ſehen; aber ihre andächtige kniende Stel⸗ lung, die Grazie, mit welcher ihr ſchlanker Wuchs am ſtolzen Grabmale hingegoſſen ſchien, verfehlten nicht ihren Eindruck, ich näherte mich und wollte neben ihr knien. Sanft beugte ſich ihr Haupt gegen mich hin, ihr Finger hob den Schleyer, um mich näher zu betrachten, und zeigte mir den Himmel ihres Angeſichtes, eine Wange, auf welcher noch der Perlenthau ihrer Thränen glänzte, gleich dem von Aurorens Thränen gebadeten friſchen Roth der zarten Heckenroſe, einen zärtlich ſchmachtenden Blick und den Zug hol⸗ der Trauer in jeder ihrer Engelsmienen ſich. verklärend.„Was fehlt Ihnen,“ fragte ich ſie, „bitten Sie Gott um die Wiedergeneſung ei⸗ nes Vaters oder einer theuern Mutter, oder um die Wiederkehr eines abweſenden Freun⸗ des? Sagen Sie mir's, ich will mit Ihnen be⸗ then.“ Bey dieſen Worten ſchien die ſchöne Unbekannte nicht wenig überraſcht, und ſie erwiederte nach einem kurzen Schweigen: »„Sie ſehen mich knien am Grabe, am Grabe meines Gatten.“— »Wie dem ums Leben leid geweſen ſeyn mag“— fuhr ich herzlich und gutmüthig fort,—„wie iſt es möglich, ſo jung ſchon Witwe zu werden?— Ich bin es ſchon achtzehn Die Battuecas, 1. Thl. 4 8* ³ rT 74 rr Monate.—„Und dieſes prächtige Denkmahl 3 — iſt ein Grab?“ O, edle Allmacht ſchöner Kunſt, die den Flug der Erinnerung haſcht, und der Vergangenheit Fortdauer gibt! Wer in un⸗ ſerm Thale ſtirbt, ſtirbt ganz. Keine dauernde Spur unſers Daſeyn bleibt zurück. Ein klei⸗ ner Haufe Sand, ein hölzernes Kreutz, über unſere Ruheſtätte aufgepflanzt, ſo ſind un⸗ ſere Gräber. Blätter und Zweige bilden unſre Wohnungen. Ein Sturm oder Nordwind 4 weht, und ſie ſind hin. Der Staub, der unſre entſeelte Hülle deckt, wird in alle vier Winde zerſtreut. Gleichgültig betreten unſre Enkel den Boden, der uns trug, und die Pflanze, genährt von unſerer Aſche. Alle Merkmale unſrer ſchnellen Wanderſchaft im Thale ſind V 1 bald und auf immer verloſcht, kein Zeichen verkündigt mehr, daß wir einſt lebten. Unſer Nahme geht zugleich mit uns zu Grunde. Und auf dieſem Grabmahle leſe ich in Erz und Marmor den geprieſenen Namen Ihres Gatten. Er, er ſtarb nicht. Sein Vaterland kann ihn nicht vergeſſen, und um ihn trauert. Ihre Zähre.“ Während ich ſo mit tief beweg⸗ vr, 75⁵ er ter zitternder Stimme ſprach, faßte mich die Unbekannte mit dem Ausdrucke ſteigender Überraſchung ins Auge. Indeß betrachtete uns Dom Pedro in der Entfernung einiger Schritte mit Aufmerkſamkeit. Endlich nahte er ſich, um mir zu rufen, und als er die Un⸗ bekannte erblickte, ſagte er:„Wie? Donna Bianca Penilla?“ dieß war ihr Name. Donna Bianca ſtand auf, kam Dom Pedro entgegen, und ich merkte, daß ſie ihn fragte, wer ich ſey. Dom Pedro neigte ſich an ihr Ohr, und fliſterte ſo leiſe, daß ich nichts verſtehen konnte. Doch wurde ich an Bianca Merkmale einer Bewunderung gewahr, ſie heftete ihre ſchönen Augen auf mich und alle ihre Blicke verriethen mir eine theilnehmende Neugierde. Dom Pedro begleitete ſie an ihren Wagen. Bevor ſie einſtieg, wendete ſie ſich noch einmal gegen mich und ſagte mit einem liebevollen Lächeln:„Ich ſpeiſe bey DomPedro, und werde Sie mit Vergnügen wieder ſehen.“ Dieſer Ausdruck, ſie werde mich mit Vergnü⸗ gen wieder ſehen, hatte für mich in ihrem Munde ſo beſonderen Reitz, daß ich beynahe 4* ℳ 6 zweifelte, ob ich ſie recht verſtanden habe; ich ſtellte deßhalb Dom Pedro zur Rede, er fing zu lachen an, und wiederhohlte, ſie würde mich mit Vergnügen ſehen, um mit mir zu plaudern, ſie finde meinen überaus originel⸗ len Charakter anziehend, und habe mir ſehr viele Fragen über das Thal der Battuecas zu machen.„Donna Bianca Kenilla,“ fuhr er fort,„iſt eine junge Witwe, erſt ein und zwanzig Jahre alt; ihr Gatte war einer der angeſehenſten Großen am Hofe. Er ſtarb drey Jahre nach der Heirath. Die junge, reiche, ſchöne, talentvolle Witwe verſchmäht das Heer von Freyern, die ſie umſchwärmen, ſte ſcheint untröſtlich; ſie hat geſchworen, nur ihrer Liebe zur Kunſt, der Freundſchaft und der Tugend ihr Leben zu widmen, und ihre Freyheit zu behaupten. Du wirſt ſie oft bey mir ſehen, ſle iſt unſre Nachbarinn und die Freundinn meiner Schweſter. Geiſt und Frömmigkeit vermählen ſich in ihr mit ſeltener Schönheit und einem beynahe leidenſchaftlichen Ge⸗ ſchmacke für die Literatur.“— So plauder⸗ ten wir auf der Straße, denn Dom Pedro A 77 ere führte mich zu einer Verſammlung, welche er eine literäriſche Akademie nannte. Als wir eintraten, fanden wir ſchon den ganzen Saal voll von Herren und Damen des erſten Ran⸗ ges.„Sieh dorthin,“ ſagte mir Dom Pedro, „die ganze Reihe Männer längs der großen langen Tafel ſind lauter Gelehrte, deren Ta⸗ lente Spanien den größten Ruhm bringen. Betrachte jenen dort mit einer Rolle Papier in der Hand: er iſt ein ſehr berühmter Dich⸗ ter. Er wird Fragmente eines von ihm ſelbſt verfaßten Gedichtes über den Ackerbau vor⸗ tragen.“ Wirklich der Dichter las ſehr ſchöne Verſe vor, die mit Enthuſtasmus aufgenom⸗ men wurden. Während der allgemeine Bey⸗ fall den Dichter krönte, wurden in mir Ge⸗ fühle rege, die ich vergebens zu ſchildern verſuchen würde, und denen wohl Bewunde⸗ rung und traurige Vergleichungen und Rück⸗ blicke auf mich ſelbſt zum Grunde lagen. »Ha!“ rief ich begeiſtert aus,„wie ſchön, wie göttlich ſind die Verſe, aber auch die Zu⸗ hörer, wie würdig dieſes edlen Genuſſes! Dieß ſind wahre Chriſten, keines niedrigen Neides ⸗ faͤhig. Ach, warum muß ſo ein erhebendes Bey⸗ ſpiel für die Battuecas verloren gehen. Warum ſind meine Landsleute nicht zugegen. Ja, nun ahne ich den ſüßen, köſtlichen Rauſch des Ruhms. Er iſt der rührende Beyfall, die aufrichtige Huldigung, die liebende Vergöt⸗ terung, welche der Mitbürger Entzücken dem Verdienſte zollt. Ha! wie ſchön, wie beſeli⸗ gend iſt dieſer Ruhm. Nur dem Genie ge⸗ bührt dieſer herrliche Zoll. Aber dieſer Lohn muß ihm auch werden, wenn nicht der häß⸗ lichſte Undank ſich dagegen ſtemmt. Doch hier, hier gibt die öffentliche Stimme der Gerech⸗ tigkeit dieſen göttlichen Lohn!“ Dieſe und ähn⸗ liche Ausrufungen wurden zum Glücke nicht gehört, denn ſie entſchlüpften mir in den brau⸗ ſenden Momenten des Beyfalls. Ich kam beynahe außer mich, vergebens verſuchte Dom Pedro alle mögliche Mittel, mich zum Schweigen und zur Ruhe zu brin⸗ gen. Schon war der Ausdruck in meinem Geſichte und die Heftigkeit meiner Geberden mehreren Gliedern der Geſellſchaft auffallend geworden, als Dom Pedro dieſen Eindruck errrr 7 9 rT bemerkte, und ſobald der Dichter ſein Gedicht vorgetragen hatte, mich haſtig aus der Ver⸗ ſammlung führte. In ſeiner Wohnung war mir indeß noch eine andere und weit gefaͤhr⸗ lichere Art bezaubernder Überraſchung berei⸗ tet. Er hatte fünf bis ſechs Männer und eben ſo viele Damen zur Tafel geladen, und un⸗ ter letztern fand ſich auch Donna Bianca ein. Doch ſuchte und fand mein Auge nur ſie. Aber in der That mußte auch jede andere Dame vor dem Glanze ihrer Schönheit weichen. Die Hülle ihres ſchwarzen Trauerflors war befei⸗ tigt, denn ſeit einem Jahre ſchon hatte ſie die Trauer abgelegt, und trug ſie nur eine Stunde des Morgens, wenn ſie auf dem Grabmahle ihres Gatten weinte. Prächtig waren alle an⸗ deren Damen gekleidet, nur Donna Bianca hatte ein einfaches, ſchmuckloſes Gewand; ihr ganzer Schmuck beſtand in einer Halskette und Armbändern mit Perlen, ein Kranz von Vergißmeinnicht ſchloß die blonden Locken ih⸗ res Haares in eine Flechte. Sie kam auf mich zu, ſie redete mich an in einem Tone, in wel⸗ chem ich ſo überſchwengliche, rührende Güte A 8O zu finden glaubte, daß mich das Übermaß meiner ſeligen Verwirrung zu keiner Antwort kommen ließ. Sie warf einen Blick auf mich, in dem ſich Staunen und Empfindung malten, und entfernte ſich. Mein Auge ver⸗ folgte ſie, und ich blieb ſtumm und ohne Be⸗ wegung an der Stelle, wo ſie mich verlaſſen hatte; mein Athem ſog mit Entzuͤcken einen mir neuen, angenehm berauſchenden Duft, welchen jede ihrer Spuren hauchte. Dom Pedro hatte alle ſeine Freunde im voraus ſchon auf meine Unwiſſenheit gefaßt gemacht. Mit theilnehmender Neugierde betrachteten alle einen Battuecas, über den ſich mein Freund, Dom Pedro, ſehr gütig geäußert hatte. Man ſetzte ſich zur Tafel; Donna Bianca nahm ihren Platz neben mir, und heftig ſchlug mir das Herz. Einzig mit dem ſeligen An⸗ ſchauen ihrer Reitze, oder den Engellauten ihrer Stimme beſchäftigt, vergaß ich das Eſ⸗ ſen, und ſogar meine Serviette aufzuſchla⸗ gen; lächelnd erinnerte ſie mich daran, und ich aß, was ihre ſchöne Hand both, deren zarte Form und blendende Weiße mein r 8i Auge dergeſtalt feſſelten, als ob ich das erſte Mal eine Frauenhand ſähe. Man ſprach viel von Literatur, und Donna Bianca zeigte mir zwey Gelehrte, die ich aufmerkſam hoͤren ſollte, da ich Poeſie liebe, und beyde in dieſem Fache ſich ausgezeichnet hätten.„Ich wünſchte wohl,“ war meine Antwort,„einigen Vortheil aus ihrer Unterredung zu ziehen; aber ſeit einer Stunde iſt nur ein Gedanke, ein Gefühl der Gegenſtand, der meine ganze Vorſtellungskraft beſchäftigt, und nichts ver⸗ mag mich mehr davon zu trennen.“ Bianca's Auge ſenkte ſich, ein leiſer Seufzer entſchlüpfte ihrem Munde, und fand den Wiederhall in meinem Herzen. Ich gerieth in die lebhafteſte Bewegung! Eine Verlegenheit, die ich nie gefühlt hatte, ein Heer der ſeltſamſten Be⸗ ſorgniſſe, die ich nicht zu nennen wußte, draͤngte ſich in meine Bruſt, und verſetzte mich in eine unbeſchreibliche Verwirrung. Aber bald ſah ich wieder Heiterkeit auf Bianca's Antlitz ſtrahlen, und wurde etwas ruhiger. Die Unterredung fiel von neuem auf das Ge⸗ dicht, das wir in der Akademie ſo ſehr be⸗ w, Be w, wundert hatten, und ich fühlte mich eben ſo betroffen als unwillig, da ich gerade die von Bianca bezeichneten Gelehrten hörte, wie un⸗ gerecht und grauſam ſie den Verfaſſer und ſein Werk zerfleiſchten. Ich wurde zu meinem Verdruſſe gewahr, daß Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft nicht alle Neider entferne. Ich nahm das Wort, um das große Talent des Dich⸗ ters gegen ihre blutige Geißel zu ſchützen. Ich citirte mehr als dreyßig vortreffliche Verſe, die mein Gedächtniß behalten hatte, und führte ſo nachdrücklich ſeine Vertheidigung, daß meine Gegner außer Faſſung kamen. Sie mochten wohl ſich's nicht träumen laſſen, bey einem rohen Battuecas ſo vielen Geſchmack in der Dichtkunſt zu finden. Ich fühlte mich über mich ſelbſt erhaben, nicht etwa weil man mich mit Zeichen des Beyfalls und an⸗ genehm getäuſchter Erwartung vernahm, ſon⸗ dern weil Donna Bianca's Beyfall an eine Art Entzücken gränzte. Sie fliſterte mir, als ſie von der Tafel ſich hob, leiſe die Worte zu: „Sie haben ſo eben einen vollkommenen Triumph gefeyert, und ich geſtehe, er freute re, 83 rrw mich.“—„Den wahren Triumph fühle ich in dieſem Augenblicke,“ war meine Gegen⸗ rede. Sie erröthete, und verfügte ſich auf der Stelle in den Saal. Ich blieb wie ver⸗ ſteinert ſtehen, ich konnte mich ſelbſt kaum erkennen: mein Kopf war in der That zu ſchwach, die plötzliche Revolution, die in meinen Ideen, und zumal in meinem Her⸗ zen vorging, zu ertragen. Ach! ich wagte keine Frage an mein brennendes, tief erſchüt⸗ tertes, allzu lebhaft fühlendes Herz, doch ſprach es ſo laut und heftig, daß es mir wi⸗ der meinen Willen vernehmlich wurde. Wohl war ich mir des Rauſches meiner Thorheit bewußt, und ahnete die Gefahr, ließ mich aber durch die Allgewalt eines Zaubers, ge⸗ gen welchen mir jeder Widerſtand unmöglich ſchien, hinreißen. Dom Pedro ſuchte mich auf; er umarmte mich mit der Verſicherung, über den Erfolg meiner Vertheidigung fey er beynahe außer ſich vor Freude, und fügte bey, daß man mich im Saale zu ſehen wün⸗ ſche, wo Muſik gegeben werde. Ich fühlte dunkel, daß ich mir Gewalt anthun mußte, , 84 ere und folgte. Da wir eintraten, ſetzte ſich Donna Bianca an ein Clavier. Ich lernte mich vor mir ſelbſt fürchten, und nahm weit von ihr weg meinen Sitz. Von einer Gottheit ſchien die Allgewalt ihres Spiels entlehnt, weh⸗ muthsvolles Entzücken hemmte mir den Athem.. Strafbare Wünſche, eine hoff⸗ nungsloſe Flamme ſtiegen auf in meiner Bruſt... Mit angebornem tiefen Gefühle für Kunſtgenuß, hatte ich außer der Meſſe nur die Muſik der Pauke und der ländlichen Schalmeyen, deren Erfinder ich war, ver⸗ nommen, und nun hörte ich eine Himmels⸗ Harmonie den beſeelenden Fingerſpitzen eines Engels entwehen, den alle Gaben des Him⸗ mels ſchmückten, kurz den ich mit ſtaunender Begeiſterung, mit ganzer Herzenseinfalt und mit aller Gluth einer leidenſchaftlichen Seele bewunderte. Sie ſpielte ein Adagio mit ei⸗ nem Ausdrucke, der meinem Herzen die ſchwärmeriſche Sprache der erſten keimenden Liebe und ſüßen Trauer wurde. Mir war, als ob ihre Stimme ſanft mich tröſten woll⸗ te. Erwiederte nicht die holde Wehmuth ih⸗ , 85 v res Spiels mein leiſes Stöhnen? Meine Thraͤnen floſſen, ich bemerkte es nicht, aller Augen waren auf mich geheftet, und ich be⸗ merkte es nicht; ich war allein mit Donna Bianca!.. Nachdem ſie ihr Spiel geendet hatte, ſtand ſie auf, und ſchien gerüyrt, da ſie mich von Thränen gebadet ſah. Die ganze Geſellſchaft ſchrieb den Zuſtand, in dem ſie mich erblickte, einzig der Wirkung der Muſik zu. Man wußte, daß ein Eindruck dieſer Art für einen Battuecas noch den vollen Reitz der Neuheit haben mußte. Vergebens bath man Bianca zu ſingen; worauf Dom Pedro mei⸗ ner Stimme eine Lobrede hielt, und mich auf einmal bath, eine Arie zu ſingen, wozu ich den Text und Muſik für Ines verfertigt hatte. Ich hatte ihr den Titel gegeben: Ab⸗ ſchied und Liebesſchwur. Mich faßte Schauer, ich wurde bleich, und tauſend Sta⸗ cheln tiefer Gewiſſensbiſſe fühlte ich mein Herz durchbohren und zerreißen. Während ich in ſchmerzloſes Stillſchweigen verſunken war, erzählte Dom Pedro mein Verhältniß mit Ines. Er hatte ſie geſehen, er rühmte a S. eeer ihre Schönheit, die Grazie ihrer Unbefangen⸗ heit, und ihre Zärtlichkeit für ihren Undank⸗ baren. In ſtarren Fieberfroſt wandelte ſich während der Erzählung der Schauer, der mich ergriffen hatte, in düſtre Farbe des To⸗ des die Bläſſe meines Geſichts, ich war ver⸗ nichtet, und einer Ohnmacht nahe. Die ganze Geſellſchaft war über meinen außerordentli⸗ chen Zuſtand betroffen, und ſchrieb ihn dem Leide über die Trennung von der Geliebten zu. Ich benutzte dieſen Irrthum, und ſchlich mich eilends weg, ohne zu Bianca mein Auge zu erheben: ich fand mich keines ihrer Blicke mehr würdig. Ich verſchloß mich in meinem Zimmer, ſchützte Kopfweh vor und blieb den ganzen Tag allein, von niederſchlagenden Betrachtungen gefoltert. Mitten unter mei⸗ nen Gewiſſensbiſſen und trotz der Verwirrung, in welche ſie mich verſetzten, war doch der peinlichſte Gedanke für mich der, daß Donna Bianca die Vorſtellung verlöre, die ſie ſich von meinen Gefüylen für ſie hatte machen müſſen: denn ihre Blicke ſchienen mir eine Kaage an mein Herz. Ich war entſchloſſen, , 87 r meiner Pflicht zu folgen, aber ich wollte den⸗ noch, daß Donna Bianca mein Opfer in ſei⸗ ner ganzen Größe kenne: oder, wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, es richteten all die neuen Vorſtellungen, die mich beſtürmten, die unbeſtimmten Hoffnungen, die Luftſchlöſ⸗ ſer, die ich baute, in meiner Phantaſie eine ſolche Verwirrung an, daß mir nur der ein⸗ zige klare Gedanke von der gänzlichen Ver⸗ rückung meines Schickſals blieb.“ »Am andern Morgen kam Dom Pedro auf mein Zimmer. Er kündigte mir an, mit welchem Vergnügen er mich zu Donna Bianca führen wolle, ihr ſchönes Bildercabinet zu beſuchen; ſie ſey von unſerem Beſuche unter⸗ richtet, und erwarte uns.„Das wird für uns ein neuer Genuß ſeyn,“ fuhr er fort,„und ich freue mich im voraus auf den feſtlichen Au⸗ genblick, als Zeuge den Eindruck, den dieſe prächtige Sammlung von Meiſterwerken auf dich machen wird, zu ſehen.“* Ich war zu ver⸗ wirrt, um zu antworten, und ging auf der Stelle mit Dom Pedro fort. Das der ane Hotel der Donna Biancg war in der n * —õ—õʒ— —————————— ae 8,88 re lichen Straße, in einigen Minuten waren wir bey ihr. Nachdem wir eine Reihe von Vorzimmern durchwandert hatten, langten wir in einem niedlichen Cabinet an, wo man uns Bianca's unverweilte Ankunft meldete. Dieſes Cabinet war, wie Dom Pedro be⸗ merkte, ganz mit Werken von Bianca's ei⸗ gener Hand behangen, alle Blumenſtücke hatte ſie ſelbſt gemalt. Bey dieſer Bemerkung, und bey dem Anblicke dieſer Gemälde ſtand ich in Entzückung verloren.„Wie friſch die Blumen, wie wahr und täuſchend ihre Far⸗ ben ſind! Iſt es möglich, daß die wirklichen auf dem Tiſche jene an der Wand an Glanz und Schönheit übertreffen!...“ Dom Pedro mußte lächeln.—„Die Blumen in dieſen Gefäßen,“ bemerkte er,„ſind gleichfalls täu⸗ ſchende Nachahmungen, ſie ſind Bianca's Werk, du darfſt ſie nur berühren.“ Ich ge⸗ horchte, und meine Verwunderung erreichte ihre letzte Stufe. Noch hatte ich nicht künſt⸗ liche Blumen geſehen.„Ha,“ rief ich,„be⸗ zaubernde Magie der Kunſt und des Genie's, zu welchem Range erhebſt du nicht der Sterb⸗ wrna 89 rao lichen Geſchlecht! Ja, ich ſchätze mich glück⸗ lich, daß ich nicht von Kindheit auf mit dieſen Wunderwerken vertrauter wurde. So kann ich nun des Staunens der Bewunderung, und all des Enthuſiasmus in vollem Maße genießen, welchen ihr Anblick erwecken muß.“* —„Wende dich auf die andere Seite,“ rief Dom Pedro mir zu,„du wirſt ein intereſſan⸗ tes Portrait finden. Dieß iſt in dieſem Ge⸗ mache das einzige Gemälde, das nicht Bian⸗ ca's Hand gefertigt hat, denn ſie malt nur Blumen.“ Bey dieſen Worten wandelte mich eine unbehagliche Empfindung an, denn ich dachte gleich, ich würde das Bildniß des an⸗ gebetheten Gatten, um welchen Bianca trauerte, finden; aber ich verlor dieſen Ge⸗ danken, da ich das Gemälde betrachtete, wel⸗ ches einen Mann von beylaͤufig ſechszig Jah⸗ ren vorſtellte. Die anziehende Majeſtät in dieſer Geſtalt ließ mich Bianca's Vater ver⸗ muthen.„Nein,“ hieß es,„das iſt der Gatte, den ſie beweint.“—„Ihr Gatte?“—»Ja, er war fünf und fünfzig Jahre alt, als Bianca, ſchoͤn, wie du ſie vor dir erbliUkſt, und erſt . A 9⁰ Mra ſtebenzehn Jahre alt, ihn den glänzendſten Jünglingen am Hofe freywillig vorzog.“— „So iſt es nicht Liebe, die ihr Thränen ent⸗ lockt 2“—„Nein, nicht Liebe, ſondern Ach⸗ tung, Bewunderung und Dankbarkeit lenk⸗ ten ihre Wahl. Nie hat ſie Liebe kennen ge⸗ lernt.“— Nie hat ſie Liebe kennen gelerntl tief gruben ſich dieſe Worte in mein Herz, es thaute auf in neuem Sonnen⸗ ſchein verwegener Hoffnung, und jede an⸗ dere Vorſtellung wurde aus meiner Phanta⸗ ſie verdrängt.»Donna Bianca,“ hob neuer⸗ dings Dom Pedro an,„war ſeit ihrer Wiege Waiſe, ſie wurde von ihrem Onkel erzogen. Letzterer ward in der Folge ihr Vormund, und gab ihr eine vortreffliche Erziehung. Er wußte ihr durch ſeine väterliche Sorgfalt um ihr Wohl, durch ſeinen Geiſt, ſeine vollen⸗ dete Tugend, und durch den Ruhm, welchen er im Felde und als Staatsmann erwarb, ſo viele Achtung, ſo viele zarte Zuneigung ein⸗ zuflößen, daß ihre Anhänglichkeit an ihn mit jedem Jahre inniger wurde. Als Donna Bianca ihr ſiebenzehntes Jahr erreichte, b V V — ˖—Q——Q—Q— p—— rr 9 I TT drang ihr Vormund in ſie, unter ihren zahl⸗ reichen Freyern zu wählen. Zugleich ver⸗ ſicherte er, ſein ganzes Vermögen ſey ihrer Ausſtattung gewidmet: die Hand, die ſie ihm freywillig und auf ewig both, war ihre Antwort.“— Welch neue Verwirrung, welch angenehme Beſtürzung verurſachten mir dieſe Worte. Sie waren mir Bürge für Bianca's ſchöne Engelsſeele, und berechtigten mich zu der geheimen Beruhigung: So war nicht Liebe die Quelle, aus welcher ihre Thränen floſſen! So darf ich hoffen, daß ihre bloß wehmüthige Erinnerung ein lebhafteres Ge⸗ fühl nicht allzu hartnäckig befehden wird.“ „Nach einer halben Stunde darauf er⸗ ſchien Bianca: ſie erblickte mich, ein ſanftes Roth überzog ihre Wangen, unſere Blicke begegneten ſich, und weg war alle Beſorg⸗ niß, weg meine vorige Gewiſſensfolter, weg das Andenken an Ines und das Thal: ich fühlte auf einmal einen Taumel des Glücks, der keinem einzigen trüben Gedanken Raum geſtattete. Wir gingen in einen andern Saal mit hiſtoriſchen Gemälden: doch waren ihre A 9² Vollkommenheiten für mich verloren, nicht Bianca's Hand hatte ſie gefertigt. Wie kalt und froſtig ſchien mir alles in Vergleich mit den Geſchöpfen ihres Pinſels; und zu dem geſtattete eine unbezwingliche Zerſtreuung, die ſich meiner bemeiſtert hatte, nicht, daß ich auch den kleinſten Grad von Aufmerkſamkeit Gegenſtänden, die mit ihr in keiner Bezie⸗ hung ſtanden, hätte widmen können. Nach drey Viertelſtunden kam ein Bedienter, und benachrichtigte Dom Pedro, daß ihn zu Hauſe jemand erwarte, den er beſtellt hatte. Noch war ein Saal zu beſehen; Dom Pedro em⸗ pfahl mich lächelnd der ſchönen Gebietherinn, und ſagte, daß er ihr die Rolle eines Men⸗ tors bey mir überlaſſe. Er fügte die Bemer⸗ kung hinzu, daß er nur ein Paar Schritte entfernt wohne, und ich daher, wenn ich alles beſehen habe, leicht und ohne einen Führer nach Hauſe treffen würde. Er verließ uns. Nun war ich allein mit Donna Bianca. Wer vermag zu ſchildern, wie mir zu Muthe war. Mir war, als ſollte ich das Urtheil über mein Schickſal, das Loos aller künftigen Tage von Wr 93 ror dieſem Augenblicke erwarten. Ich zitterte ſo ſehr, daß ich mich an einen Seſſel halten mußte.„Was iſt Ihnen?“ ſagte ſie in einem Tone, der nicht eine allzu feſte Stimmung zu verrathen ſchien.—„Ach,“ rief ich,„wenn Sie meinen Zuſtand nicht jetzt entdecken, ſo entdecken Sie ihn nie. Wie könnte ich's Ihnen beſchreiben? Keines Sterb⸗ lichen Zunge würde den Ausdruck wagen!“ — Ich ſah eine lebhafte Veränderung an Bianca bey dieſen Worten.„Setzen wir uns,“ ſprach ſte endlich.„Ach,“ rief ich und ſank in einen Lehnſtuhl, welch ein Heer von Empfindungen weckt die unwillkürliche Be⸗ wunderung, die Sie mir einzuflößen wuß⸗ ten! Welch zerrüttender ſchneller Wechſel von Wonne, Wehmuth, Furcht und Hoffnung! Wie beſeligend iſt die Täuſchung eines ein⸗ zigen Augenblicks, der mit dem Blitzſtrahle erträumten Glückes die wilden Wünſche mei⸗ nes Herzens erhellet! Welch blendenden Schimmer ein einziger heller Blick in die Zukunft verbreitet! Welche fürchterliche Nacht dann wieder dieſen einzigen Sonnenblick , 94 vora verſchlingt! Ich fühle ihn, den heftigen Sturm, der in meiner Seele wüthet, nicht vorüber⸗ gehend iſt ſein Toben, nur mit meinem Leben endet meine Qual.“ „Placide,“ antwortete Donna Bianca, „Sie kennen nicht unſre Sitten, Gebräuche, unſere Regeln der Schicklichkeit. Sie ahnen nicht, was alles in Ihren Ausdrücken liegt. Ich entſchuldige Sie, doch dieſe Sprache darf ich nicht länger hören. Wir müſſen unſere Unterredung auf einen andern Gegenſtand lenken.“— Ihre Engelſtimme milderte zwar den Ernſt dieſer Worte, doch waren ſie für mich betäubend, mit beyden Händen barg ich das Geſicht, und ſchwieg. Endlich ſagte ſie nach einer langen Pauſe:„Plaeide, ich bin nicht böſe, brechen Sie Ihr trauriges Schwei⸗ gen, es thut mir weh.“—„Sie verbiethen mir, von Ihnen zu ſprechen, was ſoll ich ſagen 2* —„Lieben Sie nicht die Künſte?“—„Ja, ich liebe ſie der ſchönen Künſtlerinn wegen.“— „Und die Dichtkunſt, die Sie ſelbſt ausüben und über die Sie ſo trefflich ſerechen! Ich fühle ein lebhaftes Verlangen, Verſe von Ih⸗ nen zu hören, denn dieſe müſſen ſich ſehr vor⸗ theilhaft durch ihre Originalität auszeichnen.“ — Dieſe Aufforderung verſetzte mich in eine ſchreckliche Beſtürzung; ich war voll Angſt, Bianca möchte die Verſe zu hören wünſchen, die ich auf Ines verfertigt, und am vorher⸗ gehenden Abend mich zu ſingen geweigert hatte. Sie errieth meine Gedanken an dem Ausdrucke meiner Miene, und um einem Auftritte vorzubeugen, ſagte ſie mit beruhi⸗ gendem Tone:„Hören Sie mich, wir wollen über einen Tauſch einig werden. Ich will Ih⸗ nen eine herrliche Poeſie ſingen, die ich mit Muſik begleitet habe, und dann erweiſen Sie mir eine Gefälligkeit, auf welche ich einen beſonderen Werth lege: Sie laſſen mich eine Ihrer Poeſien, welche Sie wollen, hören, ſobald ſie nur von Ihnen iſt. Sie werden mich ſehr verbinden!“— Mit dieſen Worten hob Sie ſich, und ſetzte ſich an ein Piano, das einige Schritte von uns ſtand.„Die Verſe, die ich ſinge,“ fuhr ſie fort,„ſind von einem anonymen Verfaſſer, einem genievol⸗ len Dichter, der aber aller Welt unbekannt 96 ra geblieben iſt. Seine Dichtungen ſind alle reli⸗ giöſen Inhalts, voll des erhabenſten Schwungs, ich ziehe ſie allen andern Verſen vor. Ihr ho⸗ her Gedankenflug, das originelle Gewand des Ausdrucks, die Größe und Harmonie des Ganzen gewähren mir einen Genuß, der an das heiligſte Entzücken gränzt. Doch ich wähle die ſchönſte der Blumen in dieſem wonne⸗ duftenden Strauße; ſein Meiſterſtück, eine Ode.... „Beneidenswerther Dichter!“ rief ich mit einem Seufzer.„Ja wohl beneidenswerth iſt der,“ erwiederte Bianca,„den der Himmel mit ſo hohen Gaben ſchmückte, und der ſie zu einem ſo edlen Gebrauche zu verwenden weiß. In der Ode, die Sie nun hören ſol⸗ len, ſpricht des Dichters eigene Empfindung. In ländlicher Einſamkeit ſaß er auf einem Felſen und ſang, die erſten Strahlen der Morgenſonne begrüßend, die Schönheiten der Natur und die Wohlthaten ihres Schö⸗ pfers.“— Ich erinnerte mich einer Ode, die ich ſelbſt über einen ähnlichen Gegenſtand ge⸗ dichtet hatte. Ich konnte mich nicht eines ſtil⸗ fe 9) e len Seufzers bey dem Gedanken erwehren, wie tief meine eigene Ode unter jener, die eine ſo lebhafte Bewunderung erregt, ſtehen müſſe!— Donna Bianca phantaſirte eine Weile, und in ſanfte Töne ergoß ſich dann ihre Silberſtimme! Ich horche, und jedes Wort erhöht die füße Beklemmung meiner ſchwellenden Bruſt, ich erkenne die Ode, die ich gedichtet hatte. In brauſende Wallung ge⸗ räth das Blut in meinen Adern. Die loh⸗ nende Empfindung des Dichters überſtieg je⸗ den Traum des höchſten Rüͤhms und Glücks, den je der kühnſte Schwung ſeiner Einbil⸗ dungskraft erfliegen konnte. Ich zweifelte bey⸗ nahe an meinem wachen Zuſtande, ſo un⸗ glaublich ſchien mir dieſe Täuſchung. Mit halbgeöffnetem Munde, athemlos, hing unbe⸗ weglich mein Blick an der Geſtalt der Zaube⸗ rinn. Trunken fühlte ich mich von überſchweng⸗ licher Wonne, in ihrer Himmelsſtimme den Ausdruck meiner Ideen, oder vielmehr ihre eigenen Gedanken verſchmolzen mit den mei⸗ nigen zu hören, welche ſie ſo rübrend mit der Schopfung ihrer e genen Melodie zu paaren Die Battuecas, 1. Thl. 5 —fß TA 98 M9& wußte. Dieſer beſeligende Einklang unſerer Gefühle ſchien mir die innigſte Vereinigung un⸗ ſerer Seelen. Endlich mußte ich in der Mitte der ſechsten Strophe dem überſtrömenden Entzücken meiner Bruſt erliegen, ich fiel zu ihren Füßen, und erklärte mich als den Ver⸗ faſſer dieſer Ode.—„Großer Gott! ſind Sie der unbekannte Dichter! Wohl hätte ich Sie gleich errathen ſollen.“— Ich beendigte dann den Vortrag dieſes Gedichtes, und gab ihr meine Vermuthung zu erkennen, daß Pater Iſidor, dem ich meine Gedichte mitgetheilt hatte, ſie während ſeiner letzten Reiſe nach Madrid drucken ließ. Waͤhrend ich ſo ſprach, horchte ſchweigend Bianca tief bewegt, und zitterte. Thränen ſah ich in ihrem Auge ſchimmern.„Wie,» rief ich,„welch neidens⸗ werthes Loos! Ich finde Sie wieder, finde Sie mit noch rührenderem Reitze geſchmuͤckt, ſo wie Sie mir das erſte Mal, als mir Ihren erſten Blick der Himmel ſchenkte, erſchienen. Ich ſehe Sie wieder mit dem Schmucke be⸗ zaubernder Thränen! Und dieſen Perlen⸗ ſchmuck, wer entlockte ihn Ihrem ſchönen Auge, 99. dem reinen Spiegel Ihrer Engelſecle? Ich! ich bin der glückliche Sterbliche, dieſe holde ſelige Empfindung iſt mein Werk. Bevor ich Sie kannte, war mein Herz mit dem Ihrigen vermählt, theilte das Ihrige die erhebenden Gefühle, von welchen meine Bruſt über⸗ ſtrömte. Während eine unendliche Kluft uns trennte, wäͤhrend ich in meiner wüſten Ge⸗ burtsſtätte die fernſte Einſamkeit für meine ſtillen Betrachtungen ſuchte, waren unſre Herzen ſchon durch ein unſichtbares Band um⸗ ſchlungen, wehte der ſelige Hauch meiner Be⸗ geiſterung auch ſchon in Ihrem Buſen, und in den Himmelslaut Ihrer göttlichen Stim⸗ me, in die harmoniſche Allgewalt Ihres Spiels wandelte ſich der Ausdruck meiner Gefühle. Oft erwiederte das Echo des Thales meine, oft das laute Pochen meines Herzens ſeine Stimme. Ha! war das nicht Ahnung? War der Wiederhall nicht der flüſternde Laut Ih⸗ rer Engelſtimme?“—„Ja,“ ſagte ſie endlich, „lange ſchon hätte ich in Ihnen den originel⸗ len Dichter ahnen ſollen, der mich mit ſo gewaltigem Enthuſiasmus feſſelte, nur allein 5* , 100 N in Ihnen jenes in ſeiner Art einzige höhere fang ſeiner Talente, einzig ihr die überlegene Macht verdankt, mit welcher das Feuer Ih⸗ rer eben ſo lebhaften als edlen Einbildungs⸗ kraft, der ungeſtüme Gedankenflug Ihrer Dichtung, die unbefangene Grazie ihres Aus⸗ drucks und die leidenſchaftliche Wärme Ihrer Sprache jeden Geiſt beherrſchen muß.“„O Placide!“ fuhr ſie fort,„ſeit vier Jahren her ſind Sie der Gegenſtand meiner lebhafteſten Bewunderung; an der heiligen Flamme Ih⸗ rer Phantaſie erglühte auch meine Liebe zur Tugend, auch mein Gefühl adelte der reine Sinn für eine beſſer Welt, welchen Ihre An⸗ dacht athmet. Ihnen danke ich den ſüßen Hang zur Einſamkeit, die Verachtung, mit welcher ich den eiteln Tand der Welt betrachte. Welch herrliches Feſt iſt mir bereitet, wenn ich nun der Welt verkündigen darf, daß Sie der große Dichter ſind, wenn ich dann in vollem Glanze ſeines Ruhms ein Talent erblicke, dem allein die ſchönſte Krone des Verdienſtes ge⸗ bührt!“—„Nein, nein,“ unterbrach ich ſie, Weſen, welches einzig der Natur den Um⸗- — r 101 rr „das war ein Geheimniß, das ich Ihnen ver⸗ traute, nur in Ihrem Beyfalle liegt all mein Ruhm und all das Glück, wornach ich ſtrebe. Sie und Ihren Beyfall ausgenommen, iſt mir jede andere Huldigung gleichgültig. Nur Ihnen ſey in der Folge jede meiner Schriften geweiht. Mit welcher feurigen Anſtrengung will ich nun arbeiten um ein Talent zu ver⸗ vollkommnen, welches die edelſte Seele rührte. Beſeelt von dieſem Gedanken, werde ich mich ſelbſt zu übertreffen ſuchen, und einzig ge⸗ kannt von Ihnen, ſey mir dann ſelbſt die Verborgenheit meines Ruhmes, nach wel⸗ chem ſonſt geheimer Drang meiner Seele rang, der lohnendſte Genuß. Ay! je ſüßer einſt meinem Ohre der künftige Zauberton eines berühmten Namens klang, um ſo mehr reitzt mich nun der beſeligende Gedanke, Ih⸗ nen dieſes ſchöne Opfer zu bringen!*.. Wäh⸗ rend ich ſo ſprach, kniete ich zu ihren Fuͤßen, und hielt mit Wonneſchauer ihre zitternden Häade in den meinigen feſt. Feſter umklam⸗ merte ich die ſchöne Beute, als plötzlich ein durch den Hof rollender Wagen ſich hören ließ⸗ **⁸ rrr 102 rrr und ſie mit haſtiger Bewegung ſich mir ent⸗ riß.„Ach! ſtehen Sie auf,“ ſagte ſte mir, „und wenn es möglich iſt, ſo verbergen wir die Heftigkeit unſerer gegenſeitigen Empfin⸗ dung vor den gleichgültigen Augen der Welt.“ —„Wie,“ rief ich,„man will uns trennen, und ich hätte Ihnen noch ſo viel zu ſagen!“ —„Kommen Sie morgen Abends bis fünf Uhr.“. Ich ſtand bey dieſer Zuſicherung auf: ſie gab mir ein Zeichen auf eine Thüre, ich eilte ihr zu gehorchen, und verließ ſie.“ „Ich war in einem Zuſtande von Trun⸗ kenheit, der mir keine einzige vernünftige Überlegung geſtattete: ich brachte den ganzen Tag und einen großen Theil der Nacht mit Verſen zu, die ich ihr am andern Morgen ſchickte. Von dieſem Augenblicke an zählte ich jede Minute bis Schlag fünf Uhr, und flog ſodann in ihre Wohnung. Man führte mich durch's Haus; Donna Bianca erwartete mich im Garten, ich fand ihr reitzendes Bild im Spiegel eines Silberteichs, fand ſie lächelnd am Ufer harren, welches herrliche Vaſen und Statuen bekränzten. Zum erſten Mal ſah ich e LO3 r einen künſtlichen Springbrunnen, Meiſter⸗ werke der Bildhauerey und allen den Aufwand, welchen Luxus und Kunſt in unſern Pracht⸗ gärten entfaltet. Auf eine Marmorbank hin⸗ gegoſſen, ſchmückte ſie den Reitz dieſer Wun⸗ derwelt, ihr Anblick vollendete das Ganze des bezauberungsvollſten Schauſpiels, welches ich je geſehen hatte. Ich blieb einen Augenblick ſtehen, die einzelnen Züge dieſes hinreißen⸗ den Gemäldes, und ihre kunſtvolle Verbin⸗ dung zu betrachten! Endlich mußte ich mich bewundernd in den Ausruf ergießen: Ha, großer Gott! welche nie empfundene holde Magie! und dieſer glückliche Boden, dieſer Aufenthalt von Seligkeit und Wonne ſollte nur ein Verbannungsort ſeyn? Alſo zu ſo ei⸗ nem Gefängniſſe verdammte die Rache des Himmels den ſündigen, gefallenen Menſchen! Ha! welche hehre Begriffe müſſen wir uns denn nicht von des erſten Menſchen Urvoll⸗ kommenheit und Größe, von dem überſchweng⸗ lichen Maße ſeines verlorenen Glücks bilden.“ In gränzenloſes Staunen, in heißen Erguß der Andacht überging meine ſtille Betrachtung ☛ vown 104 n,. über Gottes erhabene Großmuth!— ‚Und dieſe himmliſche Geſtalt, iſt ſie die Geſtalt ei⸗ ner Sterblichen? Wie iſt es möglich, ſie zu ſehen und nicht zu glauben, noch wandle man in Edens Gefilden.“⸗Mit dieſen Worten eilte ich auf ſie zu, und lag zu ihren Füßen, meine Leidenſchaft ergoß ſich in jeden Ausdruck, der der erſten keimenden Liebe eines von unge⸗ wohnten Regungen überwallenden Herzens entſtrömt; denn noch hatte ich die Liebe nicht kennen gelernt, wenigſtens verdiente dieſen Namen die ruhige und gleichförmige Empfin⸗ dung nicht, welche mir Ines einflößte. Mit all dem verführeriſchen Reitze einer ſeltenen Schönheit und eines fein gebildeten, ihren Umgebungen weit überlegenen Geiſtes, ver⸗ einigte Donna Bianca noch für mich den über⸗ raſchenden Reitz der Neuheit. An ihr fand ich zum erſte Mal gewählten Putz, Geiſtesbildung und Grazie. Jedes ihrer Talente mußte in meinen Augen an eine Art Wunder gränzen. Gemacht, ein Gegenſtand der Liebe und Be⸗ wunderung für die ganze Welt zu ſeyn, konnte ſie doch dieſe Gefühle bey niemanden ͤſ n 105 in ſe hohem Grade und zu einem ſo lebhaf⸗ ten Enthuſiasmus, als in mir, erwecken. Sie wußte es wohl, und dieſer Gedanke mochte wohl mehr als jeder andere zu der herzlichen Zuneigung, welche ſie für mich empfand, beygetragen haben. Mit zärtlicher Rührung vernahm ſie meine Worte, ſeufzte, da ich ſie beſchwor, mir zu antworten, und hieß mich endlich, neben ihr Platz nehmen.„O Placide! welche Hoffnung nähret Ihr Herz? Haben Sie nicht feyerlich Ihre Treue einer Andern zugeſchworen, ſollen Sie nicht ſchon in ſechs Monaten die junge Ines heirathen?“ Dieſe Worte ſchmetterten mich gleich einem Don⸗ nerſchlag darnieder. Ich antwortete mit kei⸗ ner Sylbe. Ich fühlte mich vernichtet.„Spre⸗ chen Sie,“ fuhr ſie fort,„was hoffen Sie noch?“—„Sie zu laſſen und zu ſterben.“— »Nein, nein,“ fiel ſie ſchnell ein,„Sie müſ⸗ ſen leben, leben für die Tugend, für die Er⸗ füllung unſerer heiligen Pflichten, für die Voll⸗ bringung eines großmüthigen Opfers, und dem Himmel danken, der Ihnen und mir ein ſo hohes Ziel bezeichnete. Dieſer großen Be⸗ e, L106 v, ſtimmung wollen wir uns würdig zeigen. Triumphirend werden wir beyde, Sie über das Verbrechen, und ich über die Thorheit dieſer Leidenſchaft ſiegen. Ich geſtehe Ihnen, Placide, ich liebe Sie, nur für Sie fühlte ich jene plötzliche Regung im Herzen, die in der Stärke ihres Entſtehens beynahe jede Überlegung des Geiſtes ausſchließt. Aber eben darum kann ſie nicht dauerhaft ſeyn. Kurz, Sie haben meine Phantaſte und mein Herz gefeſſelt. Da ich ſo oft ihre Verſe las, und ſie ſo tief in mein Gedächtniß prägte, dachte ich wohl tauſendmal daran, daß, wenn ich den Verfaſſer kennte, ich mich nicht enthal⸗ ten könnte, ihn mit aller Inbrunſt meines Herzens zu lieben, und noch ehe, als ich den gefährlichen Verfaſſer entdeckte, hatten Sie ſchon meine Vernunft verſtrickt: unmöglich konnte ich der unbefangenen Originalität Ih⸗ res Charakters und der Stärke des Gefühls, und dem Ausdruck widerſtehen. Ungeachtet aller Vorurtheile, die ſich unſerer Verbin⸗ dung widerſetzen, wäre ich die Ihrige, wenn Sie ſelbſt noch nicht vergeben wären.—„Wie, r 107 wv, Sie wären mein, wenn ich noch frey wäre! Bin ich etwa ſchon gekettet? Was konnte ich verheißen? Etwa ein Gefühl, das ich nicht einmal kannte, nicht einmal noch ahnen konnte. Nie ſah man noch im Thale einen Gegenſtand, wie Sie, dort kennt man nicht Liebe, nicht Bewunderung. Ach! ich bin nicht treulos, bin nicht wortbrüchig. Dieſe heftige Flamme, die mich verzehrt, fühlte ich für keine als für Sie lodern!— Doch Ines? Sie beſitzt die Liebe, die Sie ſchildern, für Sie!— Nein, nimmermehr, kein Gefühl wird Leidenſchaft in dieſem einſamen Thale. Was ſte fühlt, iſt bloße Freundſchaft. Unſere eheliche Verbindung iſt für ihr Glück keine unerläßliche Bedingung.— Nicht mich können Sie davon erzeugen.— Ein junger Thal⸗ bewohner, ein ſchöner Mann, warb um ihre Hand, er wird gewiß meine Abweſenheit be⸗ nützen, um ihr Herz zu gewinnen, und viel⸗ leicht iſt ſeine Bemühung nicht ohne Erfolg. Sie wird mich vergeſſen.“—„Unmöͤglich dach⸗ ten Sie ſo, als Sie das Thal verließen.“— „Ach! dazumal konnte ich nicht denken, nicht Wre, 108 e, vergleichen, ich lebte wie eine Pflanze. Noch unbeſtimmt war mein ganzes Daſeyn, jede meiner Empfindungen, jede meiner Ideen ſchwankend. Mich trieb nur Unruhe und Ah⸗ nung; ich wollte auf Reiſen, darin beſtand meine einzige Leidenſchaft. Geheime Vorem⸗ pfindung der Liebe war der Sporn, der mich weckte, Sie ſuchte ich, an dieſem Ideale hing dunkel meine Sehnſucht. Nur die Bekannt⸗ ſchaft mit Ihnen entwickelte meinen Geiſt, und ſchuf mein Da eyn. Ihnen gehöre ich ganz, denn ohne Sie, was waͤre mein gan⸗ zes Seyn? Wüßte ich, was Liebe ſey 25... So dauerte unſere Unterredung bis pät in die Nacht, endigte jedoch auf eine für mich ſehr ſchmerzliche Art. Donna Bianca ſagte mir zuletzt, ſie theile keineswegs die Hoffnung, die ich nähre, als habe Ines ihre Geſinnung geändert, ſie könne daher keinen meiner Be⸗ ſuche mehr empfangen, ſondern wir würden uns nur bey Dom Pedro in der Folge ſehen. Sie befahl mir, letzterem unſer Geheimniß nicht zu verrathen. Weinend verſprach ſte mir ewige Freundſchaft, und verbarg mir nicht, MA 1⁰09 rrrn daß es ſie den Aufwand aller ihrer Anſtren⸗ gung koſte, um über eine Leidenſchaft zu ſie⸗ gen, welche ihre eigene Vernunft verdam⸗ me, und die ſie mir wider Willen ſchon ent⸗ deckt hätte. Unmöglich konnte ich länger einen Entſchluß bekriegen, den ich ſelbſt bewundern mußte. Ihre ſeltene Tugend hob die meinige wieder empor, auch meinem blutenden Her⸗ zen eignete ſich ihr hoher Seelenadel an. Ich gehorchte ihr, indem ich einen Strom von Thränen vergoß, und entfernte mich als der unglücklichſte und zugleich leidenſchaftlichſte aller Liebhaber aus ihrem Hauſe. Verzehrt von tiefem Grame, und zugleich hingehalten durch die ſelige Gewißheit ihrer Gegenliebe, worauf ich das ſchwankende Gebäude meiner Hoffnungen ſtützte, fand ich nirgends einigen Troſt, als in anhaltender Beſchäftigung, und in dem Studium der Literatur und Künſte. Mir ſchien, als ob ich in demſelben Verhältniſſe, in welchem ich Fortſchritte in Kenntniſſen und Talenten gewänne, mich ihr näherte, we⸗ nigſtens war dieſe Art Vereinigung die edelſte und zugleich die tröſtendſte. Zwey Tage darauf van 1IO wru ſah ich ſie bey Dom Pedro, wo ſie zur Tafel geladen war. Unausſprechlich war meine Verwirrung; ich hielt mich ſtill verborgen, kaum wagte es mein Auge, ihrer ſchweben⸗ den Geſtalt zu folgen, doch bedurfte es nicht meines Auges, unaufhörlich ihr Bild zu ſchauen. Ein einziger Ton ihrer Silberſtimme genügte, ſie in all der Grazie ihrer beynahe überirdiſchen Schönheit vor meinen Blick zu zaubern. Man wollte eine Art Niedergeſchla⸗ genheit an ihr entdecken, und ſie geſtand, ſie leide. Ha! welchen Zaub erhall weckten dieſe Worte, ſie leide, tief in meinem Herzen! In dem Tone ihrer Stimme lag eine zärt⸗ liche fanfte Klage, daß jeder ihrer Ausdrücke für mein Herz eine eigene rührende Bedeutung hatte: in dem Geringfügigſten, was ſie ſprach, lag etwas Geheimnißvolles, das ich auslegte, verſtand und mit innigem Dank und Liebe aufnahm. Nach der Tafel pflanzte ſich die Ge⸗ ſellſchaft an ein em großen Spieltiſche auf, und es gab daher für mich ein neues Schau⸗ ſpiel. Ich fragte anfangs um die Erklarung des Spiels. Ich begriff es bald, doch um ſo 111 r weniger konnte ich begreifen, wie Leute von ſo vieler Bildung, Geiſt und Verſtand an ei⸗ ner ſo läppiſchen Unterhaltung mehr als an der lehrreichſten Unterredung Vergnügen fin⸗ den konnten. Man mußte mir geſtehen, daß die Hoffnung, von ſeinen Freunden Geld zu gewinnen, der wahre Grund für dieſen ſelt⸗ ſamen Vorzug ſey.„Aber,“ ſagte ich,„warum verlangen ſie es nicht lieber, wenn ſie wel⸗ ches brauchen, anſtatt ihre Zeit ſo elend zu verſplittern? Zu dem laufen ſie ja Gefahr, ihr letztes Geld an reiche Leute zu verlieren; ich finde das ſehr ſonderbar.” Statt zu ant⸗ worten, lachte die Geſellſchaft; dieß nahm ich übel, und das Gelächter verdoppelte ſich. Endlich nahm Donna Bianca, welche ſich ſelbſt von den Spielenden ausſchloß, für mich das Wort. Sie erklärte, daß ſie im Grunde völlig ſo dächte, wie ich. Still horchte ich, und der Streit ging zu Ende. Der ganze Reſt des Nachmittags und Abends wurde, zu meiner nicht geringen Verwunderung, mit nichts als fadem Spiele erwürgt. Doch wie ſtieg erſt in der Folge noch meine erſte Über⸗ Sewe 112 raſchung, als ich die entſchiedenſten Spieler ſich muthig bey der Gurgel faſſen ſah, um wegen einer nichtsbedeutenden Kleinigkeit nicht nur ihre Zeit, ſondern auch ſich ſelbſt zu erwürgen. Männer von der ſtattlichſten Au⸗ ßenſeite wurden oft zu den gräulichſten Auf⸗ tritten mitten in einer aufgeklärten Geſell⸗ ſchaft echter Chriſten hingeriſſen, ohne ſich auch nur im geringſten in den Augen der übrigen zu entehren, oder von ihrer Geſell⸗ ſchaft ausgeſchloſſen zu werden. Aber leider! hat mir ſeit dem die gänzliche Verrücktheit und unbegreifliche Tollheit der geſitteten Welt bey weitem noch ergiebigeren Stoff zu ſtau⸗ nendem Nachdenken geliefert!“ „Dom Pedro, welcher meinen Geſchmack für Gemälde kannte, zeigte mir jene ſeiner Wohnung, und alle merkwürdigen Samm⸗ lungen von Madrid.“ „»Als ich das erſte Mal in derley Cabinetten Gemälde eines niedrigen oder ſchlüpfrigen Pinſels, oder ſolche, welche ganze ärgerliche Auftritte vorſtellten, erblickte, traf mich bey⸗ nahe eine Art Betäubung, die jede meiner e lI3 ere Bewegungen hemmte. Ich konnte nicht be⸗ greifen, wie ein Maler die hohe Beſtimmung ſeines Talents, entweder eine ruhmvolle Ver⸗ gangenheit auf der Leinwand in eine begei⸗ ſternde Gegenwart umzuſchaffen, oder die zarte, ſchnell erbleichende Roſe der Liebe und Freude in die Gluthfarbe der Ewigkeit zu tauchen, ſo tief erniedrigen könne, um ſolche elende Bilder hin zu zeichnen. Ich fand in der Wahl ſolcher Sujets eine Niederträchtigkeit, einen ſo verdorbenen Geſchmack und eine ſo entartete Seele, daß ſie mir jedes Mal den größten Ekel verurſachten. Oft fluchte ich des Künſtlers, ſo unwürdig des großen Talents, welches er nur zur En heiligung ſeiner eige⸗ nen Kunſt mißbraucht, und mein Unwille er⸗ reichte zuweilen einen ſo hohen Grad von Lebhaftigkeit, daß ich ohne Dom Pedro's Zu⸗ reden in der erſten Aufwallung meines Zor⸗ nes derley häßliche Sudeleyen zerriſſen und zertrümmert hätte. Zu traurigen Betrachtun⸗ gen führte mich dieſe Entdeckung eines ſo ſcheußlichen Mißbrauchs der Kunſt, und lei⸗ der! lernte ich nur allzu bald einſehen, daß *X 114 die ſchonen Künſte, die ich mit ganzer Begei⸗ ſterung liebte, und denen der menſchliche Geiſt oft den herrlichſten Aufſchwung ſeiner Kräfte verdankt, daß gerade ſie ihn auch auf die tieffſte Stufe der Erniedrigung führen, und ihn der ſchimpflichſten Verachtung Preis geben können. Denn ich begriff, daß man auf eben dieſe Weiſe die Künſte alle miß⸗ brauchen konnte. Ich theilte dieſe Gedanken Dom Pedro mit.„Leider,“ antwortete er, „haſt du es errathen. Die Muſik, deren gehei⸗ mer Zauber das roheſte Herz beſänftigen, den düſtern Ernſt der trübſten Stunde mil⸗ dern, die reine Gluth der Andacht zur hellen lodernden Flamme anfachen, den Geiſt zu ſtillem Nachdenken wecken, oder den Muth des Kriegers entflammen, und in die don⸗ nernde Gefahr den Helden treiben kann, wird gerade am häufigſten entweiht. Oft ſinkt die Himmelsleiter der Töne in den Schlamm der niedrigſten Lüſte, zu deren Kitel ſie gemiß⸗ brauchet wird. Wenn daher ihr kunſtvolles Spiel zur bloßen Beluſtigung der Uppigkeit ausartet, ſo ſtreift ſie ſelbſt den Adel ihrer re 115„re hohen Beſtimmung, die lebendige Allgewalt ihres Zaubers, und das Lichtgewand ihrer genialiſchen Schöpfung ab. Ihr bleibt dann höchſtens das Verdienſt einer trockenen müh⸗ ſamen Berechnung, und ſtatt erhebender Ver⸗ edlung iſt weibiſche Verweichlichung ihre Frucht. Selbſt die unſterblichen Himmels⸗ töchter, Poeſte und Beredſamkeit, geſchaffen, dem ſterblichen Auge den Reitz der Vernunft und Tugend zu enthüllen, oder uns in ihren Schooß zurück zu führen, wenn uns die Ver⸗ irrung unſerer Leidenſchaften daraus ver⸗ bannte, auch ſie werden oft zu einem bloßen Mittel des Trugs und der Verführung her⸗ abgewürdigt.“—„Wie, iſt es möglich,“ un⸗ terbrach ich ihn,„während kaum das ganze Leben hinreicht, um ſich mit allen guten Bü⸗ chern älterer und neuerer Schriftſteller be⸗ kannt zu machen, werden noch ſo elende, ſchäͤdliche Bücher geleſen? Wie unwürdig und lächerlich wird die koſtbare Zeit verſplittert. Sind denn aber die Verfaſſer, welche ſo häß⸗ liche Geburten an das Tageslicht fördern, nicht der Gegenſtand allgemeiner Verachtung 82 e 116 A und der gerechteſten Verabſcheuung? Selbſt die Partey ihrer eigenen Anhänger zollt ihnen zwar nicht Achtung, jedoch Be⸗ wunderung ihrer Talente.— Was iſt Be⸗ wunderung ohne Achtung? ein kahles Auf⸗ ſtaunen, eine Verwunderung des Geiſtes, deſſen ſich die Empfindung ſchämt. Welchen Werth kann das Talent ohne einen nützlichen Zweck, ohne Moral, ohne Tugend und ohne Weisheit haben?— Doch das Genie!— Nein, unmöglich kann ein Schriftſteller, dem es an Grundſätzen fehlt, ſich rühmen, Genie zu ha⸗ ben. Wie niedrig und verworfen müſſen nicht die Gedanken eines Böſewichts ſeyn. Träumt wohl ſo einem Unglücklichen je von der ſeli⸗ gen Erhebung reiner Andacht zu der unend⸗ lichen Vollkommenheit des höchſten Weſens? Er kennt das Entzücken des Dankes, der Liebe und Bewunderung nicht. Nie hat ſich noch das Spiel der edelſten und erhabenſten Seelenkräfte in ihm entwickelt. Begreife wer da will die ungeheure Erniedrigung der Menſchenſeele eines Schriftſtellers, der den Ruhm der nützlichſten und ſinnreichſten Er⸗ 2 * 117 errrn findungen entweiht, die Heiligkeit der Ein⸗ ſamkeit ſchändet, des ſtillen Nachdenkens ſanfte, ſegenvolle Gabe zu tollem Mißbrauche verdirbt, und ſich in ſein Zimmer ſchließt, um mit kalter, ruhiger Überlegung verbreche⸗ riſchen Wahn in gefährlichen Zeilen aufzuſe⸗ ten, und letztere ſogar dem Drucke, und lei⸗ der! vielleicht auch der Nachwelt zu überlie⸗ fern!— So abſcheulich derley Ausſchwei⸗ fungen des Geiſtes ſind, ſo macht uns doch ſchon die Gewohnheit beynahe mit ihnen ver⸗ traut. Es iſt gewiß, daß du derley Greuel⸗ thaten, da du ſie nie kannteſt, weit lebhafter und richtiger fühlſt, als wir.“ „Dieſe Unterredung vermehrte noch die tiefe Niedergeſchlagenheit, welche mein eige⸗ ner Gram in mir erzeugte. Alle die ſchönen Begriffe, welche ich mir von dem Zuſtande einer vollendeten Civiliſation gebildet hatte, verſchwanden, und noch kannte ich weder den Krieg, noch die Inquiſition und ihre gräßli⸗ chen Auto- da-fé. Doch berichtigte hinſicht⸗ lich der letzteren Dom Pedro meine Ideen dahin, daß er ihren gegenwärtigen Zuſtand 8 , rs, LIIG run von ihrem ehemaligen mir ganz verſchieden darſtellte, und bemerkte, ſie ſtrafe bloß die Verbrecher, welche die öffentliche Ruhe ſtö⸗ ren, ohne ſie jedoch zugleich als Schlachtopfer ihrer Rache öffentlich hinzurichten: ihr Amt ſey bloß auf eine Art ſtrenger geiſtlicher Auf⸗ ſicht eingeſchränkt.“ „Hätte mich nicht eine vorherrſchende Idee zerſtreut, ſo würden alle dieſe Betrachtungen einen noch weit heftigeren Unwillen in mir hervorgebracht haben; Donna Bianca's Bild nahm meine ganze Einbildungskraft gefan⸗ gen, mit dem Gedanken an ſie erloſch jede Theilnahme an irgend einem andern Gegen⸗ ſtande. Ich hatte natürlichen Beobachtungs⸗ geiſt, doch er ging jetzt für mich verloren; nur was auffallend war und durchaus nicht unbemerkt bleiben konnte, ſah ich, dagegen entſchlüpften mir alle Einzelnheiten und fei⸗ nen Nüancen.“ „Indeß wollte ſich Donna Bianca, unge⸗ achtet ſie gegen mich außerordentlich zurück⸗ haltend war, das Vergnügen machen, den Eindruck zu beobachten, welchen die Vorſtel⸗ rrr 119 rrre lung einer ſchönen Tragödie in mir erzeugen würde. Sie wußte, daß ich noch nie in einem Schauſpielhnuſe geweſen war. Wir beſuchten es mit Dom Pedro und ſeiner Schweſter. Ich entſprach keineswegs ihrer Erwartung. Ich konnte mir nichts Lächerlicheres, als den declamatoriſchen Ton der Schauſpieler, ihre gekünſtelte Haltung, und ihr übertriebenes Geberdenſpiel denken. Ich fragte, ob denn die Könige und ihre vertrauten Lieblinge ſich gewöhnlich ſo ſeltſamer Ausdrücke zu bedienen pflegten, und ſich ſchon durch ihren auffallen⸗ den Gang verkundigten? Ihr Geſchrey klang meinem Ohre unausſtehlich, und die Anfaͤlle ihrer Wuth ſchienen mir vollends die Maje⸗ ſtät ihres Ranges zu entehren. Zudem wurde in demſelben Stücke ein ſo ungeheurer Ver⸗ brecher dargeſtellt, daß ich mir ihn ſchlechter⸗ dings nicht anders als ein unglückliches Ge⸗ ſchöpf der Phantaſie vorſtellen konnte, denn ſein Charakter lag gänzlich außer dem Kreiſe einer vernünftigen Wahrſcheinlichkeit. Mit einem Worte, ich fand keine Wahrheit, und nichts als Übertreibung in dieſer Darſtellung. N 120 rr Es folgte darauf ein anderes kleines Stück, welches mich vielleicht unterhalten haͤtte, wenn ich zum Lachen geſtimmt geweſen wäre. Doch gab es auch in dieſem Stücke Dinge, die ich nicht begreifen konnte. So fand ich zwey äußerſt närriſche, mir durchaus uner⸗ klärbare Rollen. Die eine war ein ſogenann⸗ ter Geck, die zweyte eine ſogenannte Coquet⸗ te, Charaktere, deren Handlungen mir voll⸗ kommen unbegreiflich, ſo wie ihre Ausdrücke höchſt feltſam und unverſtändlich ſchienen. Einige Tage darnach führte mich Dom Pe⸗ dro zu einem anderen Schauſpiel, das mich mit Schauder erfüllte. Es war ein Stierge⸗ fecht. Ich fand Damen, die ich in der Tra⸗ gödie bemerkt hatte, wo ſie über erdichtete Vorfalle in Thränen zerfloſſen. Dieſe zarten Naturen ſahen menſchliches Blut mit ſo gie⸗ rigem wildlüſternem Blicke fließen, daß ſie ihre lebhafte Freude und ihren an Enthuſias⸗ mus gränzenden Beyfall nicht bergen konn⸗ ten. Das Übermaß meines Unwillens geſtat⸗ tete mir nicht, die häßliche Kataſtrophe die ſer Unterhaltung, welche in dem Tode des Thie⸗ A, 121 AM res oder einiger Menſchen beſtand, abzuwar⸗ ten. Ich entfernte mich mit haſtigen Schrit⸗ ten, und ſperrte mich in mein Zimmer ein, um den Seufzern meiner gepreßten Bruſt über dieſe rohe Gefühlloſigkeit freyen Lauf zu laſſen. Die zahlloſen Widerſprüche in dem Betragen dieſes geſitteten Volks waren mir ein beſtändiges Räthſel, denn auf der an⸗ dern Seite mußte ich wirklich den geſellſchaft⸗ lichen Sitten der Spanier Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen; ich bewunderte die Anmuth ihres Unterredungstones, die Achtung, die man ſich wechſelſeitig bewies, die Gefällig⸗ keit ihrer Manieren, welche zarte Empſindung und Wohlwollen zu athmen ſchienen, die Leichtigkeit, mit welcher eine Freundſchaft ge⸗ ſchloſſen, die Artigkeit, mit welcher ſie oft von freyen Stücken angebothen ward, und. dieſe kleinen, aber ſchönen, jeden Augen⸗ blick bereiten Opfer, welche liebenswürdige Selbſtverläugnung oft fremder Laune brachte. Gutmüthigkeit findet man zwar auch in un⸗ ſerm Thale, doch bey weitem nicht jene ent⸗ gegenkommende Hoöflichkeit, jene ſchmeichel⸗ Die Battuecgs, 1. Thl. 6 en la2 eeer hafte Aufmerkſamkeit und jene reitzende Um⸗ Zangsſprache. Sollte dieſe lachende Außen⸗ ſeite nur die äußere triegeriſche Schale, ein verabredetes Mittel ſeyn, den Fremdling zu täuſchen? Sollten ſie dieſe ewige Pantomime nur deßwegen ſpielen, um dahinter ihre lieb⸗ loſen Herzen, und geheimen böſen Abſichten zu verbergen? Welche Thorheit wäre dieß! Aber finde ich nicht auch wirkliche, erhabene Tugenden unter ihnen? Stellt nicht Dom Pedro's Familie das Beyſpiel vollendeter Chriſten⸗Eintracht auf? Erfüllt nicht Dom Pedro als liebender Onkel, nicht als wach⸗ lamer Vormund, als guter Bruder, als zärt⸗ licher Freund, als billiger und nachſichtsvol⸗ ler Hausvater den Umfang aller ſeiner Pflich⸗ ten? Und dabey mit welcher Menſchenfreund⸗ lichkeit, mit welcher Chriſtenliebe! Ganze Fa⸗ milien verdanken ihm ihre Erhaltung, Ge⸗ fangenen löſet er liebreich ihre Ketten, die Waiſe findet bey ihm eine ſichere Zufluchts⸗ tätte, der fleißige Arme Brot und Arbeit. 3 Selbſt auf den trägen Müßiggänger erſtreckt ſich ſeine Großmuth:„Man muß ihn zur u 123 Thätigkeit ermuntern,“ ſagt er.„Verdient niedergeſchlagener Muth, den oft widriges Schickſal beugte, kein Mitleiden? Nicht im⸗ mer iſt ſtumpfe Gefühlloſigkeit Laſter. Wozu ſo heftiger Unwille gegen einen Unglücklichen, deſſen traurige Unbehülflichkeit niemanden als ihm ſelbſt Schaden verurſacht? Wäre es, ſtatt ihn hartherzig zurück zu ſtoßen, nicht vielmehr ein gutes Werk, ihn mitleidig em⸗ por zu richten, und ihm wieder Muth und Kraft zur Arbeit einzuflößen? Eilt mit Freu⸗ de und Bewunderung dem zu Hülfe, der ſtandhaft gegen den Sturm des Schickſals kämpft, der Rettung lohnendes Gefühl iſt euch unausbleiblich beſtimmt, doch entzieht deßwegen dem Unglücklichen nicht eure Hülfe, der ohnmächtig ringend ſchon darnieder ſinkt, und am Rande ſeines Abgrundes ſchwebt.“ — Seine Schweſter theilte nicht nur dieſe ſchönen menſchlichen Gefühle, ſondern nahm auch an ſeinen wohlthätigen Handlungen thä⸗ tigen Antheil. Eben ſo fand ich auch unter der Geiſtlichkeit erbauliche Sitten, Biſchöfe*), *) Man ſehe die Reiſe nach Spaen von Bour⸗ rm Leh, ere 3 welche weitläufige Manufacturen und Spi⸗ täler ſtifteten, und eine Menge männilicher und weiblicher Orden, entweder mit der Er⸗ ziehung der Jugend, oder mit Heilung der Kranken und milder Unterſtützung der Dürf⸗ tigen beſchäftigt. Ich hatte vernommen, was die heroiſchen Miſſionaire alles zum Beſten der Menſchheit thun; ich wußte, daß alle ſchönen Künſte zur Unterſtützung der öffent⸗ lichen Noth beyſteuern. Dahin gehört der Antheil der Armen an dem Ertrage öffentli⸗ cher Schauſpiele aller Art. Endlich bemerkte ich, daß Donna Bianca mit ihrem wohlthä⸗ tigen, gefühlvollen und großmüthigen Her⸗ zen beynahe den größten Theil ihres Vermö⸗ gens dem Beyſtande der Armen widmete.“ „»Dieſe tröſtenden Ideen waren für mich allerdings ſehr beruhigend, doch mußte der Contraſt der unbegreiflichen Tollheiten, de⸗ ren täglicher Zeuge ich war, für mich um ſo 8 going, in welcher merkwürdige Details über die rühmliche Art enthalten ſind, wie der Erzbiſchof von Toledo und andere geiſtliche Große in die⸗ ſem Königreiche die Noth der Armen lindern. V V V V 12 5 aufſallender werden. Noch hatte ich eine Merkwürdigkeit, die auf mich den unange⸗ nehmſten Eindruck machte, nicht geſehen. Dom Pedro führte mich in's Arſenal. Ich trat ein in dieſe Höhlen des Mords und Ge⸗ mächer der Verwüſtung, wo Menſchenfleiß, durch barbariſche Blutgierde befleckt, unter tauſend wechſelnden Formen alle möglichen Zerſtörungsmittel aufhäuft, welche nur die fürchterlichſte Wuth erfinden kann, und de⸗ ren wir in unſerm Thale, bis auf die Pfeile und Bogen, mit welchen wir die Raubvögel ekriegen, kein einziges kennen. Wohl hatte ich in Madrid Männer mit einem Degen an der Seite geſehen, doch wurde mir dieß Werkzeug bloß als Sitte geſchildert. Eine ähnliche Sitte glaubte ich auch in dem Feuer⸗ gewehre, welches ich die gemeinen Soldaten am Arme tragen ſah, zu finden. Da mir al⸗ les neu war, ſo hatte ich ſo viele Fragen zu ſtellen, daß ich oft die wichtigſten unterließ. Doch bey dem Anblick dieſes ungeheuren Waffenvorraths, deſſen blutige Beſtimmung ich kennen lernte, erſtarrte ich vor Entſetzen. * , 126 er. Mein Haar ſträubte ſich, als man mir die mörderiſche Wirkung einer Piſtole, Flinte, einer Kanone u. ſ. w. erklärte.„Großer Gott,“— rief ich aus,—„iſt dieſes fürch- terliche Mordgeräthe von Menſchenhänden verfertigt! Von Brüdern gegen eigene Brü⸗ der, nicht gegen feindliche Ungeheuer! So werden doch die Kriege, zu denen man ſich ſo ſchrecklicher Werkzeuge bedient, kurz und ſelten ſeyn, und nur dann geführt werden, wenn die ſchreyendſte Ungerechtigkeit kein an⸗ deres Mittel zur Ausgleichung übrig läßt? aber deßwegen bleibt doch die menſchenfeind⸗ liche Abſicht dieſer Erfindungen empörend!”“ Bey dieſen Worten lächelte man über meine Einfalt, und ich vernahm, daß es beſtändig Kriege gäbe, denen die nichtsbedeutendſten Vorwände zum Grunde lägen. Ich konnte nicht Worte für den Ausdruck meines Erſtau⸗ nens und tiefen Abſcheues finden!“ „Nachdem ich dem Arſenal entkommen war, und einige Straßen durchwandert hat⸗ te, langte ich an einem großen Platze an, wo ich eine ungeheure Menſchenmenge ver⸗ 85 2 2 rrr 4 127 Mrrrr ſammelt fand. Ich fragte nach der Urſache dieſes außerordentlichen Zuſtrömens der Men⸗ ge, und man deutete auf ein Blutgerüſte. Ein Verbrecher, der um einige elende Gold⸗ ſtücke willen den abſcheulichſten Meuchelmord begangen hatte, ſollte hingerichtet werden, und ſchon harrte der gaffende Pöbel dieſem neuen Auftritte entgegen.„Geſittetes Voik,“ — rief ich aus,—„all deine Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft wiegt deine Grauſamkeit und deine Laſter nicht auf. Tauſendmal ziehe ich die wüſte Einöde dem Pompe jeder deiner glän⸗ zendſten Städte vor, wo jeder Schritt, jede Frage mir das Scheuſal eines Verbrechens, oder die ſchimpfliche Blöße einer Thorheit enthüllt!“ Die mich vernahmen, hielten mich für einen Narren, und ich hörte um mich ein lautes Gelächter ausbrechen. Ich entſchlüpfte dem Gedränge, und mit bitterm Gram er⸗ reichte ich Dom Pedro's Wohnung.“ „Doch die ſüße Erinnerung an Donna Bianca verlöſchte bald die Spuren dieſer grel⸗ len Empfindungen. Nur eine ihrer holden Mienen, die meiner Erinnerung ſtets ſo 128 r freundlich lächelten, genügte, um die Mi⸗ ſanthropie ſammt ihrem ganzen feindlichen Gefolge aus meinem Herzen zu verbannen. Einſt wollte mich Dom Pedro, um mir meine düſtern Grillen zu verſcheuchen, mit einer Unterhaltung bekannt machen, die mir da⸗ zumal noch gänzlich neu war; es war mas⸗ kirter Ball. Zwar beſuchte Dom Pedro der⸗ ley Bälle nie, doch wollte er ſich aus meiner Uberraſchung ein Vergnügen machen, weß⸗ wegen er mich auch ohne die geringſte vor⸗ läuſige Schilderung dieſer ſonderbaren Un⸗ terhaltung an Ort und Stelle führte. Bevor ich in den Saal trat, hörte ich ſchon ſtaunend ein ſo widriges, meine Ohren ſo beleidigendes Geſchrey, daß ich weiter nichts als einen hitzigen Wortwechſel oder Streit vermuthete. Dieſe Vermuthung erwiederte Dom Pedro lächelnd mit der Bemerkung, daß man ſich im Ge⸗ gentheil ſehr lebhaft unterhalte. Endlich tra⸗ ten wir ein, Angſt und Luſt zu lachen traten in ſeltſamen Wechſel und Streit in meinen Bruſt, da ich alle dieſe tragiſch⸗komiſchen Figuren ſah. Wir waren beyde ohne eine —— ro 120 Larve, und da mich ſchon mehrere Masken kannten, ſo wurde meine Erſcheinung für ſte das plötzliche Signal zu einem allgemeinen Angriffe. Man überſchwemmte mich mit ei⸗ nem Strome ſo läppiſcher Albernheiten, und ſo ungereimter Zoten, daß ich ihren Scherz mit Achſelzucken, und ſie hingegen letzteres mit Schmähungen erwiederten. Mit Mühe machte ich mich los, um Dom Pedro aufzu⸗ ſuchen, der ſich im Gedränge verloren hatte, und kam mittlerweile aus dem Regen in die Traufe. Denn mich umſchwärmte ein ſo ge⸗ waltiges Heer von Harlekins anderer Gattung und Farbe, daß ich über eine Stunde zu thun hatte, um ihren Verfolgungen und ihren fa⸗ den Einfällen, die ich noch bey weitem alber⸗ ner als jene der früheren Masken fand, zu entrinnen. Endlich kam mir Dom Pedro zu Hülfe, und rettete mich aus ihren Händen; ich war nicht wenig betäubt, ermüdet und beynahe ernſtlich aufgebracht. Wir verließen den Saal, und da wir endlich allein waren, ſchien ſich Dom Pedro über meinen Unwillen zu wundern. Nun erklärte er mir erſt, was ner 13 0, ein Bal masqué ſey, und welche Art Unter⸗ haltung man darin finde.„Die Herren und Damen, die wir jetzt verlaſſen,“— bemerkte er weiter,—„bleiben die ganze Nacht, und nun wirſt du wiſſen, was der Ausdruck, ſich luſtig machen, zu bedeuten hat.“—„Sich ſo luſtig zu machen,“— erwiederte ich,—„iſt gewiß die Erſindung des bittern ausgelaſſe⸗ nen Spottes einer tief eingewurzelten ſchwar⸗ zen Miſanthropie. Ein Miſanthrop wollte ſich auf einige Augenblicke zerſtreuen, und fand daher kein beſſeres Mittel, als der Vernunft, welche in ſeinen Augen nur verächtlich ſchien, und der Wahrheit, die ſein Gemüth erbitter⸗ te, gänzlich zu entſagen, den Menſchen, wie er iſt, rein zu vergeſſen, keine andere Sylbe als eine ununterbrochene Reihe der abge⸗ ſchmackteſten Unwahrheiten und Lügen, und nicht einmal ſeine eigene natürliche Stimme aus ſeinem Munde hören zu laſſen, und ſo⸗ gar ſeine eigene Menſchengeſtalt zu verläug⸗ nen.“ Dom Pedro konnte nicht umhin, zu lächeln.„Du haſt eine eigene Art, die Dinge zu ſehen,“— ſagte er endlich,—„und ich „ r 131 w geſtehe, daß deine Anſicht im Grunde ver⸗ nünftiger ſey, als ſie uns ſelbſt ſcheinen mag, weil wir uns leider! von Jugend auf gewöh⸗ nen, d die Gegenſtände in einem ſchiefen Lichte und unter dem Schleyer verjährter Vorur⸗ theile zu betrachten.“ „Von dieſem Tage an faßte ich den Ent⸗ ſchluß, die ſogenannte große Welt zu fliehen; der Ekel, den ich an ihren falſchen Erhoh⸗ lungen und Ergetzlichkeiten fand, machte den letzten Funken reger Neugierde in mir erlö⸗ ſchen, kurz ich verfiel in Schwermuth und verwilderte beynahe ganz.* „Eines Morgens kam Dom Pedro auf mein Zimmer mit einer Miene, die mich be⸗ troffen machte. Ich ſtellte ihn zur Rede, und nach einer kurzen Pauſe kündigte er mir an, daß Donua Bianca auf eines ihrer Landgü⸗ ter in der Entfernung von ungefähr zwanzig Stunden von Madrid abgereist ſey, wo ſie ſechs Monate zubringen wolle, mit dem Bey⸗ ſatze, daß ſie niemand ohne Ausnahme beſu⸗ chen dürfe. Dom Pedro bemerkte, ſie habe ihm ihr und mein Geheimniß entdeckt, und bey dem Auftrage, mir ihr letztes Lebewohl zu ſagen, einen Strom bitterer Thräuen ver⸗ goſſen.— Wie, ich ſoll ſte nicht wieder ſehen? —„Bedenke,“ war ſeine Antwort,„daß die Pflicht euch trennt. Du biſt verlobt, ein gefühlvolles unſchuldiges Geſchöpf hat deine Verheißung, ſie rechnet auf deine Treue, und harret deiner.— Ich verſtehe, ich reiſe noch heute ab.— Nein, nein, Donna Bianca be⸗ ſchwöret dich, bis zu dem Augenblicke, den du ſelbſt für deine Rückkehr in das Thal feſt⸗ geſetzt haſt, hier zu bleiben, das heißt, nicht eher Madrid zu verlaſſen, als bis vier Mo⸗ nate verfloſſen ſind, und ich vereinige meine Bitte mit der ihrigen. Sie hofft, du werdeſt, wenn du ſie nicht ſiehſt, wieder zur Beſin⸗ nung kommen, und bis zu deiner Ahreiſe dürfte euch beyden die Ruhe wieder werden, die ihr verloren habt, und welche inzwiſchen vielleicht die glückliche Frucht der reiferen Über⸗ legung und eurer edlen Geſinnungen werden kann.— Ach! ſie denkt, ſie könne mich ver⸗ geſſen!... Unverlöſchbar iſt ihr Bild in mei⸗ nem Herzen. Ach! warum habe ich dich, ſeli⸗ — * ura 133 ges Thal verlaſſen? Die reitzenden Einöden meines Vaterlandes, wo ich in ſo glücklicher V Verborgenheit lebte, werden meiner Einſam⸗ keit wüſte Strecken. Fern von ihr, in den en⸗ gen Umkreis dieſer Berge eingeſchloſſen, was werde ich auf jenen Felſen werden, wo ich ſo goldene Jugendträume einſt nährte. Mit wel⸗ chem Blicke wird mir dann die Erinnerung begegnen? Iſt es möglich, kann ſie mich ſo grauſam verlaſſen, verbannen, mein Herz ver⸗ leumden, indem ſie mir Tage der Ruhe weis⸗ ſagt!— Sie rechnet auf ihre, wie auf deine Tu⸗ gend; nichts entgeht ihrem vorſichtigen Blicke; ſie glaubt mit vollem Rechte, nachdem du ein vollkommen geſittetes Volk kennen lern⸗ teſt, und mit unſern mannigfaltigen Künſten und geſelligen Genüſſen näher vertraut ge⸗ worden biſt, ſo könne für dich der Aufenthalt im Thale nicht taugen. Sie ladet dich alſo. ein, mit deiner jungen blühenden Gattinn wieder zurückzukehren, und will dir dann das Gut ſchenken, welches ſie gegenwärtig be⸗ wohnt. Auf dieſem Gute verbringſt du dann die ſchöne Jahreszeit, und kommſt im Win⸗ V ————.— 4 rce 134 r ter wieder zu mir, denn ich will hoffen, mein lieber Placide, daß du mir dieſen Beweis deiner Freundſchaft gerne zugeſtehen wirſt.“ „Allzuwohl kannten Dom Pedro und Donna Bianca meine Unkunde in dem ſo ge⸗ nannten feineren ſittlichen Betragen, und ſetz⸗ ten daher mit voller Überzeugung voraus, daß ich ohne weiters in dieſen einfachen Vor⸗ ſchlag willigen würde. In der That dachte ich dazumal nicht, daß die Großmuth einer Hand⸗ lung dem Stolze desjenigen, den ſie zu ih⸗ rem beglückten Gegenſtand machen will, zu nahe trete, und daß zwar das Geben, nicht aber auch das Nehmen edel ſey. Gewöhnlich pflegt natürliches Gefühl in derley Fällen ſehr richtig zu urtheilen, doch wird es nie derglei⸗ chen übertriebene Forderungen eines falſchen Zartgefühls errathen. Dieſer Antrag verſetzte mich daher nicht in die geringſte Verlegenheit, deſſen ungeachtet nahm ich dieſe Anerbie⸗ thung nicht an.„Nein, nein,“ rief ich in ent⸗ ſchiedenem Tone,„gezwungen, ſie zu verlaf⸗ ſen, will ich auch allem übrigen entſagen. Mitten unter den verführeriſchen Fallſtricken rrrn 1 3 5, dieſer Welt kann ich zwar hie und da viel⸗ leicht eine lockende, jedoch überall nur eine käuſchende Ähnlichkeit mit ihren vollendeten Vorzügen finden, nur in dem reinen Spiegel meiner liebenden Phantaſie kann der volle Reitz ihres himmliſchen Bildes ſtrahlen! Ich will nicht mehr das Lob eines gemeinen Ver⸗ ſtandes, gemeiner Tugenden, nicht Talente, welche ſo tief unter den ihrigen ſtehen, und nicht Schönyeiten rühmen hören, die vor dem Glanze ihrer Gegenwart erlöſchen. Indeß will ich ſo lange bleiben, als ſie mir vorgeſchrie⸗ ben hat; ich will gehorchen: aber die Welt will ich fliehen, nur in eurem ſtillen Familien⸗ kreiſe leben, und wenn ihr Beſuche habt, mich in mein einſames Zimmer ſchließen.“ Dieſem Entſchluſſe getreu, ſuchte ich von dieſem Au⸗ genblicke an die tiefſte Einſamkeit auf, um in dieſer mich für den Schooß meiner künftigen Einſtedeley vorzubereiten. Doch ſetzte ich meine wiſſenſchaftlichen Beſchäftigungen mit erneuer⸗ ter Anſtrengung fort. In ſechs Wochen wurde ich mit zwey Landſchaften in Ohl ganz fertig, und wiewohl ich mich noch nie in dieſer Art we 136 rr⸗ vorher verſucht hatte, ſo gefielen doch dieſe gelungenen Gemälde ſo ſehr, daß ſie Dom Pedro in ſeinem Saale aufſtellte. Mit Ver⸗ gnügen dachte ich, daß ſie auch Bianca einſt zu Geſicht bekommen würde!— Indeß ver⸗ floſſen allmählich die Tage und Stunden, und rafften in ihrem eilenden Fluge die ſchwachen Trümmer meines erträumten Glückes und eine ſchwankende Hoffnung, die ich im ſtillen Buſen nährte, mit ſich hin. Schon war ich vier Monate in Madrid, und hatte nur noch bloß zwey Monate zu verweilen. Der Ge⸗ danke meiner Rückkehr in das Thal war für mich ein geheimer Dolch. Großer Gott lſagte ich zu mir ſelbſt, mit welchem Blicke darf ich mich der jungen Ines nahen, die ich vergeſ⸗ ſen, die ich verrathen habe! Was wird aus mir werden, wenn ich ſie zum Brautaltare führe, und mich, während mein Herz nicht mehr mein iſt, durch einen ewigen Eid der Treue mit ihr verbinde! Kann ich dieſe ſchreck⸗ liche, dieſe heilige und unverbrüchliche Ver⸗ bindung ſchließen? Und mit wem? mit Ines. Sie iſt anziehend, ſie iſt ſchön und beſitzt ein r, 137 ra reines unſchuldvolles Herz. Aber ſie kennt die Liebe, ſie kennt das Opfer nicht, das ich ihr mit blutender Seele bringe. Während ich mich vielleicht in unnöthigem Gram verzehre, lebt ſie in harmloſer Ruhe, die, ich bin faſt über⸗ zeugt, nicht das geringſte trübe Wölkchen ſtört. Vielleicht hat ſie mich ſogar vergeſ⸗ ſen. Ich darf nur an ihr letztes ruhiges Le⸗ bewohl denken. Nur wenige Thränen vergoſ⸗ ſen wir beyde. Zwar iſt ſie mir noch immer werth, doch unvertilgbar bleibt für meine Er⸗ innerung die heitere Stille, welche dazumal auf ihrer Stirne thronte! Lebe wohl!— ſo war ihr Abſchied,— ich rechne auf dich, und werde ohne Unruhe deiner harren. Ohne Un⸗ ruhe? Iſt dieß die Sprache der Liebenden! So viele Sorgloſigkeit, läßt ſie ſich wohl mit dem ungeſtümen Drange der Leidenſchaft, deren Sturm unſer ganzes Daſeyn durch⸗ einander wühlt, vereinen? Vielleicht fühlt ſle in dieſem Augenblicke die Liebe, deren ich mich nicht rühmen darf, für einen andern. Viel⸗ leicht ſetzt ein anderer alle Triebräder in Be⸗ wegung, um ihr Herz zu ge winnen. Vie * 7w 138 leicht fürchtet ſie ſogar meine Wiederkehr. Vorzüglich war dieſe letztere Idee meiner Ein⸗ bildungskraft ſo willkommen, daß ich immer daran dachte, und auf dieſe Vorſtellung ſo⸗ gar das einzige Luftſchloß meiner Hoffnung baute. Um hierüber einiges Licht zu gewin⸗ nen, hätte ich zwar nur einen Bothen in das Thal ſchicken dürſen, denn da gibt es weder eine Poſt, noch irgend eine andere ähnliche Anſtalt, und folglich werden da weder Briefe geſchrieben, noch gewechſelt; die Geiſtlichen verließen nur ſelten ihrer eigenen Ordensan⸗ gelegenheiten wegen das Thal. Indeß ver⸗ hinderte mich daran ſtets die geheime Furcht, ich würde mich vielleicht zu ſehr ungelegener Zeit in ihrem Andenken erneuern.“ „Ich lebte in der größten Eingezogenheit; Poeſte, Muſik und Malerey theilten ſich ſchwe⸗ ſterlich in meine Stunden, und ich fand, daß der ſanſte tröſtende Reitz, den Kunſt und wiſ⸗ ſenſchaftliche Beſchäftigung über unſre Tage weben, zwar nicht die Wunden einer kran⸗ ken Seele heilen, jedoch die Heftigkeit ihrer Schmerzen lindern könne. Auf jeden Fall ver⸗ — — 139 F mindert dieſes treffliche Heilmittel jenen kei⸗ denſchaftlichen Zuſtand, der weit entfernt, der Energie unſerer Seele einen neuen Spiel⸗ raum zu eröffnen, ihre Krafte im Gegentheile erſchöpft, und von verächtlicher Muthloſigkeit in Verzweiflung übergeht. Sich einer anhal⸗ eenden ernſtlichen Beſchäftigung zu widmen, iſt die herrlichſte Waffe des Muths gegen das anſcheinende Übermaß der Leiden. Die Triumphpalme des Sieges krönet den muthi⸗ gen ſtandhaften Streiter.“ »Oft machte ich einſame Spatziergänge in den Umgebungen von Madrid. Eines Tages verlor ich mich in träumender Betäubung ſo weit, daß ich mich bis auf die Entfernung ei⸗ niger Stunden dem Thale näherte, und in ein Myrtenwäldchen mich verirrte. Da ich wie⸗ der meinen Weg zu finden ſuchte, hörte ich das ſanfte Plätſchern eines Waſſerfalls und nahm dahin die Richtung meiner Wander⸗ ſchaft, bis ich in eine breite Citronenallee ge⸗ langte, in deren Mitte ein klarer Silberbach rieſelte. Das Ende der Allee fuͤhrte mich zu einem mit Moos bedeckten Felſen, aus wel⸗ r 140 0 chem eine Quelle hervor ſich drängte, und dem hellen Bächlein, deſſen Lauf ich ver⸗ folgte, ihr Silber lieh. Am entgegengeſetzten Ende der Allee winkte mir ein neues kleines Häuschen, unter Jasmin und Orangeabäu⸗ men, Lorber⸗ und Roſenſträuchen hold ver⸗ ſteckt. In ſanfte Empfindung wiegte mich der wallende Duft der Blumen, das leiſe Mur⸗ meln des Baches, und die maleriſche Einſie⸗ deley in dieſer Gegend. Mir ſchien, als ob in dieſer reitzenden Zufluchtsſtätte, welche überall die Roſenſpur einer Grazie verrieth, der kleine Götterſchelm der Liebe ſich verbor⸗ gen hielte, und daher nur ein liebendes glück⸗ liches Paar hier wohnte. Ich konnte nicht ge⸗ nug den guten Geſchmack, die niedliche Sym⸗ metrie und den edeln einfachen Styl an die⸗ ſem artigen Häuschen bewundern. In der Entfernung von ungefähr hundert Schritten ſtand ein antiker Altar von weißem Marmor, Blumen aller Art umrankten ihn. Er trug die Inſchrift: Der Gaſtfrey hei t, der Freundſchaft, der Kunſt!„Ach!“* ſeufzte ich,„hier wohnt Friede, denn hier iſt errrn 141 we nicht von Liebe die Rede. Wohl kennt man nicht der Güter ſeligſten Genuß, doch ſchlürft man hier der ſüßen Ruhe und Vergeſſenheit Nektartrank!“ Ich näherte mich dem Altare, auf welchem ich zwey alabaſterne Vaſen fand. Milch both die eine, und reines Kryſtall der Quelle both die andere. Eine der Seiten⸗ bänke des Altars trug die Inſchrift: Dem müden Wanderer. In der That führte keine einzige der gebahnten öffentlichen Stra⸗ ßen zu dieſem ländlichen geheimnißvollen Tem⸗ pel. Dieſe letztere Inſchrift fand an mir gänz⸗ lich ihre Beſtimmung erfüllt, denn müde ſank ich auf dieſe einladende Bank nieder. Auf ein⸗ mal fühlte mit Entzücken mein Ohr den Zau⸗ ber einer Silberſtimme mit dem ſanften Hall einer Guitarre ſich vermählen: ich ſtand auf, näherte mich dem Hauſe und geſtützt an einen Orangenbaum, horchte ich der Stimme, die folgende Romanze ſang: Mnemoſynens reitzvolle Töchterſchaar Komm, heißer Gluth des Buſens hier zu fächeln⸗ Der ſtillen Einſamkeit hier ſanft zu lächeln, Komm, deiner harrt ein unſchuldvolles Paar⸗ MMN 1 4. 2 Ach! komm, zu heilen der Erinnerung Erſtorbner Freude tiefe Herzenswunde. Mild ſtrömet Troſt aus deinem Honigmunde, Mit deinem Zephyrſchritte naht Begeiſterung⸗ Nicht Weihrauch rauſchender Vergötterung, Dich lohne hier der Duft beſcheidner Veilchen, Erquickſt du leiſen Gram auch nur ein Weilchen, So zoll ich jubelnd dir Bewunderung. Hold ſtrahlt der Wundertempel deiner Kunſt, Vom Sternenkranz des Ruhmes hell umſchlungen, Doch holder noch iſt dir das Loos gelungen, Zu tröſten uns mit deiner Himmelsgunſt Dich weckt zu Saitenſpiel der Silberbach, Der irrend ſich durch Blumenhecken windet, Bis er den Weg zum ſtolzen Strome finder; Dich ladet ein der Hütte ländlich Dach. Dich zu empfangen, ſchmückt ſich dieſer Haini In deſſen Schooß ſich ſäuſelnd Weſte wiegen. Gern wirſt auch du an dieſen Schooß dich ſchmiegen, Und uns dafür die ſchönſten Blumen ſtreu'n. Noch lauſchte ich, als ich einen ehrwür⸗ digen Greis gerade aus dem Hauſe mir ent⸗ gegen kommen ſah. Er lud mich freundlich wnne 14, 3„wen ein, ihm zu folgen, und ich gehorchte. Als wir in dieſem Hauſe angelangt waren, führte er mich in einen artigen Saal, mit mehreren Blumengemälden behangen, an welche ſich mit einem ſtillen Seufzer mein Auge heftete. Sie waren ſo fein und zart gezeichnet, daß ſie mich an Bianca's ähnliche vollendete Meiſterwerke erinnerten. Im Saale traf ich die junge Sän⸗ gerinn, die ich vernommen hatte. Sie nannte ſich Thereſa, und war erſt vierzehn Jahre alt. Gonzale, ſo hieß der Greis, der Eigen⸗ thümer dieſer Wohnung, zeigte mir Thereſa, und ſprach:»Hier ſehen Sie das einzige Kind, das mir noch übrig blied, meine En⸗ kelinn.“ Bey dieſen Worten netzten ſich ſeine Augen mit Thraͤnen; ich fühlte mich wohl an ſeiner Seite, da ich an ihm einen Unglückli⸗ chen fand, feſt drückte ich ſeine Hand an die meinige. Bald verſtehen ſich die lieberden Herzen zweyer Leidenden, und nicht länger fühlten ſich die unſeren fremd. Nach einer kurzen Unterredung erkundigte ich mich um ſeine gegenwärtige Lage, und er erzählte mir ſeine Geſchichte; nie hatte ich eine ruhrendere L 144 rcon Hernommen. In einem und demſelben Jahre verlor er ſein ganzes Vermögen und zwey beynahe anbetungswürdige Kinder, ſeinen einzigen Sohn und eine Tochter, Thereſa's Mutter. Schon war er dem äußerſten Elende nahe, und die traurige Entwickelung dieſer Kataſtrophen mußte in der Schilderung, die er davon entwarf, die Schmerzen der Erin⸗ nerung erneuern.„Wohl hätte ich dem Über⸗ maße meiner Leiden erliegen müſſen,“ fuhr er fort,„wäre mir nicht mein ſchützender Engel in der Geſtalt einer Frau zu Hülfe ge⸗ kommen. Sie ſtrahlte in dem erſten hellen Glanze ihrer Schönheit und Jugend, und hatte meine Unfälle vernommen. Gleich in der erſten Aufwallung ihres erbarmensvollen Herzens nahm ſie ſich vor, mich wieder mit neuen Banden an das Leben zu knüpfen. Die⸗ ſer heiße Wunſch ihrer Engelsſeele wurde er⸗ hört. Ich lag bereits auf dem Sterbebette. Sie kam, und neues Leben verkündete ſich mir in dem Glanze der ſchönen Thränenperle ihres Auges. Sie nahm Thereſa in ihre Arme, welche erſt neun Jahre zaͤhlte, überhäufte ſie — 145 ere mit den zärtlichſten Liebkoſungen, und ſagte mir im Weggehen: Ich bin jung und reich, doch ganz dafür geſchaffen, Handlungen, die mein Herz mit dem lohnenden Entzücken der Wohlthaͤtigkeit befeligen, zu üben, und werde übrigens insbeſondere aufgefordert, die Zahl dieſer ſchönen Handlungen zu ver⸗ vielfältigen. Seyen Sie alſo ruhig, ich werde es Ihnen an nichts gebrechen laſſen, und Ihre Enkelinn ſoll eine gute Erziehung er⸗ halten!*— Sie verließ mich. Eine Himmelser⸗ ſcheinung war mir ihr Beſuch. Noch am nämlichen Tage ſchickte ſie mir einen Arzt, Geld und andere Gegenſtände des Bedürfniſe ſes und der Erhohlung. In das Gewand der Grazie hüllt ſich jede ihrer Wohlthaten, denn jede weiß ſie mit ſo zärtlicher Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, mit ſo rührender natürli⸗ cher Herzensgüte zu verbinden, daß jede den Reitz eines wohlwollenden unſchuldigen Ge⸗ ſchenks, oder zarter freundſchaftlicher Theil⸗ nahme gewinnt. Sie kam am andern Tage wieder, und fragte mich, ob ich mich lieber in Madrid, oder auf dem Lande zu wohnen Die Battuecas, 1. Thl. 7 rrrrn 246 ur entſchlöſſe. Ich ſehnte mich nach verborgener Einſamkeit, und ſie wählte dieſe romantiſche Einſiedeley. Sie ſelbſt zeichnete die Anlage zu dieſem niedlichen Häuschen, und zierte die Gemächer mit dem Aufwande, den Sie daran bemerken. Dieſes Tapetenſtück iſt von ihrer Hand, dieſes ſchöne Gemälde auch. Die Gemüthsbewegung, die aus Ihrem Auge hervorleuchtet, iſt mir Bürge, wie ſehr Sie dieſe Schilderung rührt. Und dennoch iſt dieß alles nichts in Vergleich mit dem, was ſie ſeit dem noch that. Sie ſelbſt wollte Thereſas Erzieherinn werden. Zweymal die Woche pflegte ſie ſelbſt regelmäßig zu kommen, um ſie in Zeichnen, Muſik und andern Gegen⸗ ſtänden zu unterrichten. Und welche Sanft⸗ muth, welche Geduld ſie dabey an Tag legte! Wollte ich ihr mein gerechtes lebhaftes Dank⸗ gefühl zu erkennen geben, ſo antwortete ſie: „Lieber Vater, Gott hat Ihnen wieder Ihre Enkelinn geſchenkt, und mich, die ich Waiſe bin, in Ihnen meinen Vater wiederfinden laſſen. Nun, ſo laſſen Sie uns beyde Gott dafür danken.“Oft verweilte ſie im Sommer - — Unruhe.—„Ja,“ antwortete Gonzale,„ſie gen Weibes zu hören.“—„Dieſes Vergnü⸗ Traa 147 r zwey bis drey Tage hier, und wenn ſie auf eines ihrer Güter ging, pflegte ſie uns zwey Lehrer, die ihre Stelle vertraten, zu ſchicken. Dieß dauerte ſo fort bis zu dieſem Jahre. Da nun Thereſa nach ihrer erſten ſorgfältigen Ausbildung ſchon allein wiſſenſchaftlicher oder anderer Kunſtbeſchäftigung ſich zu weihen im Stande iſt, ſo haben wir die Lehrer dermal ausgeſchlagen.—„So iſt ſie alſo jetzt gerade abweſend?“ fragte ich mit außerordentlicher iſt ſchoon über ſechs Wochen abweſend, und ihre Abweſenheit ſoll ſechs Monathe dauern.“ —„Großer Gott,“ rief ich,„ſchenke mir das Glück, den Namen dieſes anbethungswürdi⸗ gen kann Ihnen nicht gewährt werden,“ be⸗ merkte der Greis.„Ich ſelbſt kenne ihren theuern, ehrwürdigen Namen nicht, ſie wollte ihn nie nennen. Doch wiſſen Sie, wie ſie ſich dabey benahm:„Lieber Vater,“ ſagte ſie, „bey dem Glücke, welches Sie mir verſchaf⸗ fen, will ich überdieß auch noch ein kleines Verdienſt mir erwerben. Seyen Sie verſichert, 7*⁵ 148 es thut mir weh, zurückhaltend gegen ſie zu erſcheinen. Doch lege ich mir ſelbſt dieſe Un⸗ annehmlichkeit auf, und hoſſe, Gott werde mir's lohnen.“—„Ich mußte alſo,“ fuhr der Alte fort,„ein Incognito ſo erhabener ſelte⸗ ner Art verehren. Wir nennen ſie hier nie an⸗ ders als unſere Freundinn.»—„Doch die Leh⸗ rer, die ſie ſchickte?*—„Waren ihre eigenen in ihrer früheren Jugend. Sie hatten Befehl, zu ſchweigen, und ich hätte mir ein Gewiſſen daraus gemacht, ſie zu fragen. Doch da bey ihrer letzten Reife ihre Abwefenheit von etwas tängerer Dauer werden dürfte, und Thereſa ſchon geläufig ſchreibt, bath ſie um Erlaub⸗ niß, ihr auch ſchreiben zu dürfen. Unſere Freundinn dachte einen Augenblick nach, dann fagte ſie:„Sie müſſen einen doppelten Um⸗ ſchlag, und die Adreſſe nach Madrid machen, wie ich ſie Ihnen angeben werde. Ich will für dieſen Briefwechſel einen Namen wählen, welcher wohl nicht mein eigener, doch ein mir theurer Name iſt.“—„Und welcher war denn dieſer theure Namen, den ſie vor ungefähr zwey Monathen wählte?“—„Placidia.“ V V —— — —— errr 149 rre — Bey dieſem Laute hielt ich mir beyde Hände vor das Geſicht, und Thränen ſtürzten aus meinen Augen. Gonzale und Thereſa hatten mich ſchon ſeit einer Viertelſtunde ſo geruͤhrt und tief bewegt geſehen, daß ihnen dieſe plötzliche Bewegung nicht allzu überraſchend ſchien. Sie dachten nur, daß ich am Schluß dieſer intereſſanten Darſtellung meinen Ge⸗ fühlen freyen Lauf laſſen wollte.„O mein Vater,“ rief Thereſa,„erlaube, daß ich die⸗ ſem guten Fremden das Portrait unſerer Freundinn zeige.“—„Ja.“ antwortete der Greis,„er ſcheint mir würdig dieſer hohen Gunſt.“— Sogleich heftete Thereſa eine gol⸗ dene Kette an ihrem Buſen los, an deſer hing ein kleines Miniaturgemälde, welches ſie mir zeigte. Ich faßte dieſes Gemälde mit unnennbarem ſchauernden Entzücken. Ich er⸗ kannte Bianca's aͤhnliches Bildniß. Ich wußte es zwar beynahe ſchon voraus. Nichts deſto⸗ weniger erfüllte mich die vollkommene Ge⸗ wißheit mit Freude, Bewunderung und Liebe. Sie, ſie iſt's! hallte es tief in meinem In⸗ neren. Geheime Ahnung hatte mich gleich 8 vor, 150 de bey meinem Eintritte in den Saal ergriffen, gleich bey den erſten Worten in Gonzales Erzählung rieth mein Herz auf Donna Bianca, und ſagte mir: Sie iſt's. Wie tief hätte es mich geſchmerzt, wie eiferſüchtig wäre ich für ihr Verdienſt geworden, wenn ein anderes weibliches Weſen, als ſie, eine ſolche Handlung hätte vollbringen können. Doch welch anderes Weſen, als ſie, konnte mit dieſem ſo ſeltenen Grade von Großmuth zu⸗ gleich die Grazie der Liebenswürdigkeit und anſpruchloſen Herzensgüte verbinden? Und ohne mein Wiſſen, als ſie mich leider! auf ewig verließ, hatte ſie den Namen Placidia ſich gegeben. Ha! welch Wermuth bitterer Leiden, welche tiefe Trauer geſellte ſich zu meiner innigen Bewunderung. Verlieren mußte ich ſie, dieſes Götterweib, die ich an⸗ bethete, und die mich wieder liebte! Ertragen mußte ich die fürchterliche Centnerlaſt des niederſchlagenden Gedanken, daß ich dem Glücke ihrer Anbethung zu entſagen, und ihr zugleich ihr eigenes Glück zu rauben ver⸗ dammt mich fühlte. Feſt umklammerte ich ihr * rrTA 151 ren Portrait, ſtarr heftete ſich mein Blick auf die mir ſo theuern Züge ihres Bildes, benetzt von meinen Thränen nahm es mir Thereſa, und mir war, als ob mein Herz gewaltſam mir aus der Bruſt entriſſen werden ſollte. Doch dachte ich, daß Donna Bianca ſorgfäl⸗ tig unſre Geheimniſſe vor Gonzale bewahr⸗ te, und ich mir daher in gleichem Maße ein unverbrüchliches Stillſchweigen auferlegen müßte. Ich wollte daher nicht meinen Na⸗ men an einem Orte nennen, wo ihn Liebe ohnedieß auf eine eben ſo rührende, als ge⸗ heimnißvolle Art geheiligt hatte. Ich erin⸗ nerte mich, daß einer der Vornamen Bian⸗ ca's Theophila lautete, und nannte mich daher dem Alten Theophil. Bevor ich mich aus dieſem Hauſe trennte, welches mir in ſo mancher Hinſicht höchſt theuer geworden war, ſpannte ich die vorzügliche Theilnahme, wel⸗ che ich bey Gonzale für mich erregt hatte, zu noch höherem Intereſſe dadurch, daß ich ihm erzählte, ich ſey im Thale der Battuecas ge⸗ boren, und wolle in wenigen Monathen wie⸗ der dahin mich begeben. Zugleich beſchwor ich vein 152 ihn ſo dringend, als ich konnte, mir zu er⸗ lauben, bey Thereſa ſtatt der liebenswürdigen Placidia die Lehrerſtelle zu vertreten, und ihr bis zu meiner Abreiſe in Muſik und Zeichnen Unterricht zu geben. Der Alte willigte ein, und ich verſprach, den andern Tag zu kom⸗ men.*. »Ich meldete Dom Pedro dieſes kleine Abenteuer, welches auch auf ihn einen ſehr lebhaften Eindruck machte.„Dieſe großmü⸗ thige Handlung der Donna Bianca,“ ſagte er,„ſetzt mich keineswegs in Erſtaunen, ich kenne deren mehrere, deren liebenswürdige Urheberinn ſie iſt. Gleichgültig gegen eiteln Putz und Tand, im Beſitze eines ſtattlichen Vermögens und des beynahe noch ſchöneren Kleinodes kluger Häuslichkeit, mit welcher ſie ſich in ihren perſönlichen Bedürfniſſen einzu⸗ ſchränken weiß, iſt ſie beſtaͤndig in der Lage, dem wohlthätigen Hange ihres edlen Charak⸗ ters und der Stimme ihres guten Herzens zu folgen. Doch, mein lieber Placide, finde ich dieſes ſeltſame Abenteuer ganz geeignet, dich noch unglücklicher zu machen. Du hätteſt beſ⸗ 153 ſer gethan, wenn du die Rückkehr in die ſe Einſiedeley, welche für deine Lage ſo gefähr⸗ lich iſt, lieber ganz vermieden hätteſt. Von neuem wagſt du es, dich in der Liebe Won⸗ nerauſch zu ſtürzen, die Abweſenheit wird dich nicht mehr von Donna Bianca trennen, überall wirſt du ſie an der Seite dieſes ehr⸗ würdigen Alten im friſchen Jugendglanze ih⸗ rer Schönheit erblicken. Welche neue Qualen du dir ſelbſt bereiteſt!“— Er hatte Recht, doch war ich nicht im Stande, der Stimme der Vernunft Gehör zu geben.“ „Am andern Tage kehrte ich früh zu Gonzale zurück, und brachte ihm eine von mir gezeichnete Landſchaft, die ich mit ſeligem Entzücken in ſeinem Saale zwiſchen zwey Ge⸗ mälde der Donna Bianca aufhing. Ich fing ſogleich meinen Unterricht mit allem nur er⸗ denklichen Eifer an und fühlte mich dabey ſo glücklich, da ich Bianca's Stelle vertrat, und Gonzale meine Bemühung durch ſeine reitz⸗ volle Unterredung lohnte, deren angebetheter Gegenſtand Placidia war. Der Laut dieſes Namens, dem der ſchöne Vorzug ihrer ge⸗ ron 154 wn heimen Herzenswahl zu Theil geworden war, weckte jedes Mal in mir die ſüßeſten Empfin⸗ dungen. Wie theuer mir ſeit dem mein eige⸗ ner Name wurde! Wie ſtolz er mich ſeit die⸗ ſem Augenblick machte! Welch neue rührende Züge ihrer Wohlthätigkeit und ihres ganzen Betragens mir der Greis entdeckte!„Placi⸗ dia,“ ſagte er,„kam im erſten Monathe, als ich Witwer geworden war, zu mir. Tie⸗ fen Schmerz hüllte ſie in ihre fanfte ſchmach⸗ tende Miene. Ich war acht Tage krank, und während dieſer ganzen Zeit war ſie ausſchlie⸗ ßend mit mir beſchäftigt. Sie ſuchte tröſtende Erholung im Gebethe, in der liebevollen Pflege, die ſie mir zukommen ließ, und in dem Unterricht, welchen ſie Thereſen gab.“ —„»Nun, und glauben Sie, daß ſie jetzt glücklich ſey?“ fragte ich ihn.—„Wer ver⸗ diente es mehr zu ſeyn, als ſie,“ verſetzte der Alte.„Doch ſcheint ſeit einigen Monathen geheimer Gram an ihr zu nagen. Noch iſt ſie ſo gut und ſanft, wie vorher, aber dabey zer⸗ ſtreut und in düſteres Nachdenken verſunken. Sonſt, wenn ſie Thereſa Unterricht gegeben — wnrr 155 dnns hatte, ging ſie mit uns im Garten, oder im Wäldchen ſpazieren, und fand Vergnügen daran, die Blumen ſelbſt zu warten; doch ſeit vier bis fünf Monathen iſt eine auffal⸗ lende Veränderung an ihr vorgegangen. Sie ſcheint beynahe in keiner anderen Unterhal⸗ tung mehr Vergnügen zu finden, als in dem Geſange einer Ode geiſtlichen Inhalts, zu der ſie ſelbſt die Muſik verfaßt hat. Ihr En⸗ thuſiasmus für den Text dieſer Ode geht ſo weit, daß ich ſie oft in Thränen beynahe zer⸗ fließen ſah. Thereſa bath ſie einſt um dieſe Ode und die Muſik dazu:„Nein,“ erwie⸗ derte ſie,„ich bin zu eiferſüchtig auf dieſes theure unſchätzbare Kleinod meines Herzens, niemand außer mir darf ſie ſingen. Ich glaube dieſe einzige Eitelkeit zu beſitzen, aber auch die einzige zu ſeyn, die ſie mit jenem Aus⸗ drucke, der ihrem Gegenſtande entſpricht, zu ſingen weiß.“— Welchen Eindruck mußten dieſe und ähnliche Erzählungen auf mein Herz machen! Meine Leidenſchaft, die ſich ſchon in ihrem erſten Entſtehen ſo gewaltſam angekündigt hatte, ſtieg auf's Außerſte, urs 15G wrn, meine Einbild ungskraft verlor ſich in eine Menge unbeſonnener Entwürfe, die ich Dom Pedro zu verbergen ſuchte, denn ich fürchtete die ſtrenge Kälte ſeiner Vernunft, und wollte nur die Stimme meiner Liebe zu Rathe zie⸗ hen. Von Bianca's leidenſchaftlicher Gegen⸗ liebe überzeugt, glaubte ich darin eine Recht⸗ fertigung meines eigenen Wahnſinns zu fin⸗ den, und ſogar befugt zu ſeyn, die ausſchwei⸗ fendſten Unternehmungen zu wagen. Zwar durchkreutzten ſich dieſe ſchankenden Gedan⸗ ken, und meine vollkommene Unwiſſenheit all der größeren oder kleineren bey einer au⸗ Berordentlichen Unternehmung zu beſiegenden Hinderniſſe ließ keinen feſten und bleibenden Plan ſich entwickeln; doch war ich auf jeden Fall entſchloſſen, alle moglichen Mittel anzu⸗ wenden, um Bianca zu bereden, daß ſie mir folge, und ſollte ich ſie in die fernſte Einöde führen, ja ich machte mich ſogar auf eine ge⸗ waltſame Entführung gefaßt, im Falle ich ihre Einwilligung nicht erhalten ſollte. Ich vergaß meine eigenen Grundſätze, und um ſo mehr die unerſchütterliche Strenge der ih⸗ 15z er. rigen, und ſah in ihr nur das liebende Weib, welches ich zu jedem Opfer würde bewegen können.“ „Alle Tage ging ich zu Gonzale. Hatte ich Thereſa unterrichtet, ſo gingen wir in den Garten. Ganze Stunden verweilte ich in dem Parterre, wo alle Blumen Bianca's ei⸗ gene Hand erzogen hatte. Unter andern fand ich auch einen artigen Strauch, mit der In⸗ ſchrift: Dieſen Roſenſtrauch widmet ſich Placidia. Wie üppig dieſer Roſen⸗ ſtrauch unter der zärtlichen Pflege meiner Hände und dem glühenden Hauche meiner un⸗ ermüdeten Küſſe wuchs! Welch ſüßen Rauſch ich mit dem Dufte diefer Roſen ſog! Thereſa hatte nicht unterlaſſen ihrer Wohlthäterinn zu melden, daß der junge Thalbewohner Theo⸗ phil ihren Unterricht in der Muſik und im Zeichnen erſetzte. Donna Bianca erſtaunt, daß der Zufall die Entdeckung dieſer ſo tief verborgenen Einſiedeley veranlaßt hatte, wußte übrigens gleich den jungen Thalbe⸗ wohner zu errathen, und dachte, daß ein ähnliches Spiel der Zärtlichkeit, ſo wie ihren ror 158 ern, eigenen Namen in Placidia, den meinigen in Theophil verwandelt haben mochte. Ihre Antwort, die mir ſogleich mitgetheilt wurde, und deren eigentlichen Sinn niemand außer mir begreifen konnte, enthielt Außerungen, deren jede ich mir tief in das Herz zu prägen hatte. Ich war, nachdem ich den Brief gele⸗ ſen hatte, ſo verwirrt, daß ich aus Gonzales Haus, wider meine Gewohnheit, noch lange vor Einbruch des Abends zu entkommen eilte. Ich blieb im Myrthenwäldchen ſtehen, um da mit Muße über meine Lage und meine Entwürfe nachzudenken.„Ja,“ ſagte ich end⸗ lich,„unſre wechſelſeitigen Gefühle haben das Loos unſerer künftigen Beſtimmung aus⸗ geſprochen! Ich liebe und werde geliebt! Nur ihr bin ich mit dem Schwure der Liebe ver⸗ lobt. Ich weiß es, ſie macht ſich zur Sclavinn conventioneller Vorurtheile, deren ganze Ab⸗ ſcheulichkeit und empörende Tyranney mir nun, da dieſe gebietheriſchen Schranken uns beyde trennen ſollen, in ihrem vollen Lichte erſcheint. Ich will dieſe grauſamen Feſſeln ſprengen! Sollte es denn in dem weiten Ge⸗ *2 Mr 159 rrrra biethe des Erdkreiſes, wovon ich bloß einen kleinen, kaum bemerkbaren Punct kennen lernte, nicht tiefe Einöden und unbewohnte Strecken geben? Ach! könnten wir ſo ein einſames Thal, wie das unſrige, finden! Wie entzückt würde ich ihr des Ruhmes Strahlen⸗ glanz, der einen Augenblick meine Phantaſie locken konnte, opfern! Was brauche ich Bey⸗ fall, der den Werth meiner Talente in Bian⸗ ca's Augen nicht erhöht!“ „Dieſe Gedanken beſchaͤftigten mich ſo ſehr, daß ich mein Studium der Geographie verdoppelte: doch ſuchte ich auf der Karte nur unbekannte Gegenden, einſame, verlaſſene Inſeln, dorthin wollte ich die einzig Ange⸗ bethete führen, um mit ihr meine Tage hin⸗ zubringen.“ „So feſt ich mir's vorgenommen hatte, Dom Pedro meine Abſichten zu verbergen, ſo war ich doch in der Verſtellungskunſt zu wenig geübt, als daß er nicht meine zuneh⸗ mende leidenſchaftliche Unruhe hätte wahr⸗ nehmen ſollen. Alle Tage kam Dom Pedro, wenn ich von Gonzale zurückkehrte, auf mein — s 160 rgrxr Zimmer, und um ſeinem Verhöre zu ent⸗ kommen, entſchloß ich mich, jeden Abend in ſeinem Saale zuzubringen, doch fand ich we⸗ nig Zerſtreuung in der Geſellſchaft, welche er da zu verſammeln pflegte.“ „Indeß verſtrich die Zeit, die zu meiner Rückkehr in das Thal feſtgeſetzt war, ich war ſchon über ſieben Monathe in Madrid, Donna Bianca ſollte in ſechs Wochen kommen. Ent⸗ ſchloſſen, ſtatt ihre Ankunft abzuwarten, ſie lieber ſelbſt aufzuſuchen, wartete ich mit der Ausführung dieſes Plans, bis Dom Pedro eine kleine Reiſe, welche er nicht länger auf⸗ ſchieben konnte, unternahm. Das Seltſame in meinem Zuſtande war, daß ich ſelbſt in dem Augenblicke vor der Ausführung eines ſo ſinnloſen, ſo eidbrüchigen Plans nicht die geringſte Gewiſſensunruhe fühlte; denn meine Leidenſchaft, der ich mich ohne alle Schranken überließ, hatte den höchſten Grad erreicht, und ich beſchäftigte mich ausſchließend mit al⸗ len nur erdenklichen Mitteln, ſie vollends zu befriedigen.“— „Eines Morgens war ich allein auf mei⸗ 16I nem Zimmer. Man meldete mir einen Klo⸗ ſtergeiſtlichen aus dem Thale, der mich ſpre⸗ chen wollte. Ein gewaltiger Donnerſtreich ſchmetterte mich mit dieſer Nachricht zu Bo⸗ den! Die Schrecken meines ſchlummernden Gewiſſens erwachten! ich fürchtete, wegen des Verraths und der Vergeſſenheit meiner heiligſten Verpflichtung zur Rede geſtellt zu werden. Ich fühlte mich ſchuldig, und da ich mich ſelbſt keiner großmüthigen Vergebung werth achten konnte, ſo ſchwand der letzte Funke meines Muths, und ich verſank in düſteres Schweigen. Blaß und bebend lehnte ich mich an einen Tiſch. Die Thür öffnet ſich, und ich ſehe einen Prieſter, der einen Brief vom Pater Iſidor in der Hand hält. Er tritt näher, und reicht mir den Brief, woran ich ſogleich die Schrift erkannte, und den meine bebende Hand kaum faſſen konnte. Endlich erbreche ich mit krampfhafter Bewegung das Siegel. Doch wie ward mir, als ich anfangs mit zagender Beklommenheit und dann mit küſterner Neugierde las:„Mein lieber Pla⸗ cide, ich habe eine unangenehme Nachricht ⁴* ter, mein Neſſe und ein Mann von bewähr⸗ Mr 16² r dir zu melden, doch eile ich, ſie dir zu hinter⸗ bringen, damit du deinen Aufenthalt in Ma⸗ drid um einige Monathe noch verlängerſt. Verbanne Ines aus deinem Andenken, ſie iſt deiner nicht mehr würdig: ſie nahm die Flucht mit einem Fremden, der erſt ſo kurze Zeit im Thale wohnte, daß noch ſein Name unbekannt war. Er war erſt am Abend an⸗ gelangt, und ſie, ſtatt ſich nach der bey uns üblichen Mädchenſitte in ihre Hütte zu ver⸗ ſchließen, ſuchte ihn nicht nur auf, ſondern — welch unerhörte That in unſerm abgeſchie⸗ 3 denen Thale!— entwich mit ihm am folgen⸗ den Morgen bey Tagesanbruch. Ein von ih⸗ rer eigenen Hand geſchriebener und gefertig⸗ ter Brief läßt nicht den geringſten Zweifel übrig. Alſo vergiß die Elende, ſie war nicht die Verführte, ſondern ſelbſt Verführerinn; denn du weißt, kein Fremder wagt es, in eine der Hütten zu dringen, wo die jungen Mädchen ſind, und eben ſo wirſt du auch wiſſen, daß Dom Pedro Ines nur deßwegen anſichtig ward, weil er ſelbſt ſchon Hausva⸗ A 1 63 A ter Redlichkeit und den ſtrengſten Sitten iſt. Ich kenne nur zu ſehr die Dauer deiner Ge⸗ ſinnungen und Zuſagen, um mir die traurige Üüberraſchung vorzuſtellen, in welche dich dieſe niederſchlagende Bothſchaft verſetzen muß. Wahrlich, ich kränke mich nicht wenig, wenn ich an den Schmerz denke, den dir dieſer Brief verurſachen wird. Wir ſind ſchon ſpãt im Herbſte, ich rathe dir, den Winter in Madrid zuzubringen, und erſt im Frühling zu uns zu kommen. Laß dich dein Gewiſſen tröſten, mein lieber Placide, und danke Gott, daß er dir eine ſtandhafte Seele ver⸗ lieh, welche ſich durch keine ſtrafbare Leiden⸗ ſchaft erſchuͤttern läßt, und daß du ein Mann von Grundſätzen biſt, der dem Meineide ſelbſt den Tod vorziehen würde.“— „Ich war äußerſt betroffen, nachdem ich dieſen, Brief geleſen hatte. Ich eilte alſo gleich den Überbringer zu verabſchieden, und ſank, nachdem er ſich entfernt hatte, in einen Lehnſtuhl, wo ich in bittere Thränen zerfloß. Tauſend verſchiedene Empfindungen durch⸗ kreutzten meine Seele, die herrſchende war orn 164 A das peinliche Gefühl der Scham. Der Mann, dem ich meine innigſte Ehrfurcht zollte, hielt mich nicht fähig, mein Wort zu brechen, nicht fähig, mich von blinder Leidenſchaft da⸗ hin reißen zu laſſen! Ach, wie tief mich die Laſt ſeiner unverdienten Achtung beugte. Kaum konnte ich die Freude fühlen, mich frey zu wiſſen. Mir war, als ob für mich kein Glück geſchaffen wäre, denn leider! war ich wohl werth, welches zu empfinden, oder zu genießen? Da meine Leidenſchaft, deren Hinderniſſe plötzlich verſchwunden waren, die Stimme meiner Vernunft nicht mehr erſtick⸗ te, ſo konnte ich ohne Täuſchung in die grelle Blöße meines Herzens blicken! Ich ſeufzte über das unglückliche Loos der jungen Ines, welche ohne Zweifel das Opfer eines Ver⸗ führers geworden war; nur aͤn wohl hatte ich leidenſchaftliche Verirrungen kennen ge⸗ lernt. Konnte je mein Auge Bianca's Reitz begegnen, ohne ſie anzubethen! Doch bald beſeelten mich wieder Hoffnung und Liebe, und um ihren Zauber deſto ungeſtörter zu genießen, entfernte ich, wiewohl nicht immer 4 ww,„ 165 w⸗ mit gleichem Erfolge, alle peinlichen Vor⸗ würfe, die mich verfolgten. Ich ging zu Dom Pedro, und um meine Schwachheit nicht durch Scheinheiligkeit zu vergrößern, legte ich ihm das getreue Geſtändniß aller meiner aus⸗ ſchweifenden Plane ab. Wohl war mir dieſes Geſtändniß ſchmerzlich, doch glaubte ich durch dieſe verdiente Buße meinem Gewiſſen eine Erleichterung verſchafft zu haben. Meine Freymüthigkeit entwaffnete den ſtrengen Ernſt des tugendhaften Dom Pedro, ich fand nur Wohlwollen und nachſichtsvolle Freundſchaft in ſeinem Betragen.„Nun ſo wollen wir das Vergangene vergeſſen,“— ſo lauteten ſeine troſtreichen Worte,—„und nur an die Zu⸗ kunft denken, welche dir eine ſo lachende Aus⸗ ſicht zeigt. Du biſt frey, Donna Bianca liebt dich, ſie ſelbſt geſtand es dir, ſie iſt dein. Einer ihrer Briefe benachrichtigte mich, daß ſie, um ihren Gram zu zerſtreuen, nach Va⸗ lenzia reiste. Sie will die herrlichen Umge⸗ bungen dieſer Stadt beſehen, dort wollen wir ſie auch ſuchen, und werden ſie längs der Küſte unweit des kleinen Hafens von Grao r 166 urre anſäßig finden. Wenn du willſt, ſo reiſen wir morgen mit dem Anbruche des Tages dahin ab.“— „Ich umarmte bey dieſen Worten Dom Pedro, und hing entzückt an ſeinem Halſe. Seine Freundſchaft verſöhnte mich wieder mit mir ſelbſt, er gab mir die beruhigendſte Verſicherung über mein künftiges Schickſal, und ich fühlte das ſüße Erwachen all der ſchmeichelnden Bilder meiner wiederaufleben⸗ den Liebe und Hoffnung.“ „Götterglück harrte meiner geflügelten Eile. Ich ſtürzte zu Bianca's Füßen, ſprach das wonnetrunkene Geſtändniß der Liebe, und ſchlürfte den Nectar ihrer Schmeichel⸗ worte, die mich ihrer Gegenliebe verſicherten, und dieſe Verſicherung mit dem zärtlichen Schwure ewiger Treue ſlegelten. Welch neues Erwachen, als ich am andern Tage den er⸗ ſten Strahl der Morgenſonne grüßte! Welch neuen Zauber holder Verwirrung der erſte ſelige Gedanke an mein Glück in die ſüße Beklemmung meines Buſens goß! Welch Seelenjubel mich dem Arme des Schlum⸗ 167 A mers entriß, um der vergötternden Entzückung eines neuen Daſeyns entgegen zu eilen! Ich flog zu Donna Bianca, umleuchtet von der Morgenröthe des lieblichen Tages und mei⸗ nes ſchwärmeriſch ſchönen Glücks! Schon harrte ſie meiner, Dom Pedro ſchlummerte noch, und da ſie wußte, daß ich das majeſtä⸗ tiſche Schauſpiel des Meeres nie geſehen hatte, ſchlug ſie mir einen Spaziergang längs der Küſte vor. Die Luft war ſchwül gewor⸗ den, fern deckte Gewölke den Himmel. Wir traten den Spaziergang an, ich hielt ihren Arm und drückte ihn feſt an meinen Buſen. Tiefe Stille herrſchte in der ganzen Natur, wir durchflogen reitzende Landſchaften, und die unnennbare Empfindung, die ſich in mei⸗ nem Buſen regte, war ſo heftig, daß auf einmal eine eigene ſchmerzvolle Wehmuth ſich mit dem Wonnegefühl meines Glückes gattete! Sind wir arme Sterbliche nicht zu bedauern, wir, deren flüchtiges Daſeyn uns nur kurze Augenblicke im Schooße heiterer Seelenruhe göunt, und uns mit immer neuen Qualen bedroht! Sind wir nicht geſchaffen, felbſt Leiden mit ungleich größerer Stärke, als den höchſten Genuß der reinſten voll⸗ kommenſten Seligkeit zu tragen! Vergif⸗ tet nicht ein leiſer Harm ſelbſt unſre ſchönſten Freuden! Iſt nicht dieſe geheime Ahnung der traurige Vorbothe ihrer kurzen Dauer, ſagt ſie uns nicht, wie flüchtig ſie uns auf ewig oft entſchlüpfen! Muß nicht die unſtäte Un⸗ ruhe unſers Herzens jede himmliſche Regung ſeines heiligſten Entzückens mit erneuerten Anwandlungen ſchwermuthsvoller Empfin⸗ dungen begleiten!— Auf einmal hörte ich dumpfes Geräuſch der Wogen, vor Schauer bebten mir die Glieder. Meine Verwirrung ſtieg, und mit ihr die bange Erwartung, die erſte aufrollende Scene eines neuen, maje⸗ ſtätiſch ernſten Schauſpiels zu erblicken. Bianca deutete auf das Meer. Ich blieb un⸗ beweglich, heiliges Gefühl der Andacht ſtillte plötzlich den Aufruhr in meinem Buſen. Alle Gedanken irdiſchen Glücks ſchienen aus mei⸗ ner Seele zu flüchten. Ich ſah das endloſe Meer, ein Bild des Ewigen. Meine kühne, aber ohnmaͤchtige Phantaſte verlor ſich in un⸗ Mrrn 169 rr, ermeſſene Raͤume! Endlich entriß mich Bian⸗ ca's Stimme dieſer Entzückung. Wir gingen weiter. Ich liebte leidenſchaftlich, wir waren beyde frey, ich konnte auf ihr Herz und ihre Hand rechnen, und nichts vermochte dennoch, meine tiefe Schwermuth zu zerſtreuen. Nicht ohne Zittern konnte ich meines Glückes ge⸗ nießen, ich fürchtete jeden Blick in die Zu⸗ kunft, in deren Hinterhalt ſo viele vereitelte Plane, ſo manche grauſame Täuſchung unſe⸗ rer ſchönſten Hoffnungen lauern! Wollte ich mich beruhigen, und mir die Zukunft mit den einladenden Farben der Liebe malen, ſo ſchien mir plötzlich wieder ein dunkler Schleyer die reitzende Ausſicht zu verbergen, ein Schleyer, den ich zulüften nicht Kraft und Muth genug hatte. Donna Bianca erinnerte mich an unſere bevorſtehende Vermählung, und beſtimmte ſelbſt den Tag dazu, ich ſeufzte, und mit Thränen füllte ſich mein Auge. Mit zärtlichen Vorwürfen drang ſie dann in mich, meine unzeitige Traurigkeit abzulegen.„Ach, du guter Gott!“ antwortete ich,„wie ſollte ein Glück, wie das meinige, nicht mit Un⸗ Die Battuecas, 1. Thl. 3. 170 ruhe verbunden ſeyn!“—„Mit Unruhe?2* fragte ſie befremdet.„Was fällt dir ein? Sa⸗ ge, was fürchteſt du ſo ſehr?“—„Ich fürchte Alles. Ich bin in eine mir gänzlich fremde Welt verſetzt, ſie wird unſere Verbindung mißbilligen, wie du ſelbſt bemerkteſt.“— „Wielleicht mißbilligen, doch nicht hindern.“ —„Ach, warum haben wir nicht dieſe neid⸗ volle Welt verlaſſen, um unſer Glück in die fernſte Einöde zu verbergen,“ fuhr ich fort. —„O Plaride,“ entgegnete ſie,»„zwar will die Welt nicht, daß man die Geſetze ihrer conventionellen Verhältniſſe übertrete, doch ſelbſt in ihren Augen rechtfertigt die Tugend einen Schritt, durch welchen ich mich viel⸗ leicht über die engen Schranken jener Ver⸗ hältniſſe hinaus ſetze. Denn wiſſe, nicht blinde Leidenſchaft allein iſt das Band, das mich ſo innig an dich kettet. Während ich der Nei⸗ gung meines Herzens folge, bin ich zugleich überzeugt, daß mein künftiges Leben nur dem reinen Dienſte der Tugend huldigen⸗ und ich von dem Vermögen, welches mir die Vorſehung ſchenkte, einen würdigen Ge⸗ —,— — , 1 7 1 Trrr brauch zu machen wiſſen werde. Deine Seele iſt ſo unverdorben, daß du ſie noch ganz vor dem verderblichen Einfluſſe bewahrteſt, wel⸗ chen das Beyſpiel des Luxus, der Pracht und Verſchwendung unter den meiſten jungen Maͤnnern verbreitek. Für deine Vernunft wäre die Frage, ob du lieber dreyßig Pferde halten, oder für den Unterhalt fünfzig dürf⸗ tiger Familien ſorgen wollteſt, keine ſehr ver⸗ wickelte Aufgabe. Sollteſt du vielleicht der Armuth eine Strohhütte bauen, ſo würdeſt du nicht zugleich bedenken, ob es nicht etwa angenehmer ſey, eine ähnliche Strohhütte zur Verzierung deines Gartens aufzuführen. Du wirſt eine gute Handlung nicht dem ſchim⸗ mernden Tand der Eitelkeit hintanſetzen, nicht ahnen, mit welchen Aufopferungen ſie oft in der großen Welt für uns verbunden ſey. So iſt der Gatte, den ich mir wählte. Wird man ſeinen Charakter, ſeine Grundſätze, ſein her⸗ vorſtrahlendes Genie erſt kennen lernen, wird man den Einfluß entdecken, welchen er auf die Vervollkommnung meiner Geſinnungen durch ſeinen näheren Umgang gewann, wird 8* w 172„W 3 dieſer wohlthäͤtige Einſluß in ſchönen Hand⸗ lungen ſichtbar, ſo iſt gewiß auch meine Wahl vollſtändig gerechtfertigt.“—„Wie, Placi⸗ dia, du wähnſt, ich ſoll deine Engelsſeele mit neuen Tugenden ſchmücken! Welche Täu⸗ ſchung deines liebenswürdigen Herzens! Ver⸗ giß nicht, was du thatſt, ehe wir uns noch kennen lernten. Mußt du dich ſelbſt verklei⸗ nern, um mich in deſto günſtigeres Licht zu ſtellen? Mein einziger Vorzug, auf welchen ich ſtolz zu ſeyn berechtigt bin, und wornach ich ewig geitze, iſt, von dir, Placidia, geliebt zu werden.“— „Unter dieſen und ähnlichen Ergießungen unſerer heißen Liebe ſchickten wir uns an, das Geſtade zu verlaſſen, als auf einmal das ver⸗ doppelte Ungeſtüm der Wogen unſere Blicke zurückrief. Brauſend drängten ſie ſich an den Felſen zu unſern Füßen, und bebend faßte ich Bianca's Hand. Von gleicher trauernden Empfindung und dunkler Ahnung drohen⸗ der Verhängniſſe fühlten wir unſre ſchwel⸗ lende Bruſt ergriffen.»O Himmel!“ ſeufzte 4 4 —— rrr 173 A ſie,„ſo ruhig ſchien das Meer!“—„Ach!“ ſeufzte ich,„es zeigt uns das Bild unſers Le⸗ bens. Siehſt du, eben ſo triegeriſch iſt unſre Hoffnung, eben ſo ſtürmiſch und veränderlich unſer Schickſal. Welch gräßlichen Abgrund der glatte Spiegel deckte!“— Bey dieſen Worten ſah ich Thränen Bianca's Auge ent⸗ ſtürzen, und fühlte auch bald mein eigenes von heißen Thränen feucht.„Ach verzeihe,“ — rief ich, und ſtürzte mich zu ihren Füßen, —„verzeihe meinem allzu empfindſamen, durch die Liebe ſo angſtvollem Herzen! Ja, ich geſtehe, daß mich mein ſo unverhofftes übergroßes Glück beynahe ſchreckt. Die Selig⸗ keit, die mir dein Mund verheißt, die Him⸗ melswonne tugendhafter Liebe! nein, ich wage ſie nicht zu träumen. Zwar erblicke ich dich immer und ſehe nur dich in der reitzenden Ferne der Folgezeit, die du verkündeſt, ich ſehe dich froh umgaukelt von dem lieblichen Reitze all deiner vollendeten Kunſttalente, geſchmückt mit all der Grazie deiner Unſchuld, deiner holden Sittſamkeit und Herzensgüte, rr 174 on. lumen der Freude entblühen jeder deiner wonneduftenden Spuren; hier erquickſt du die letzten Tage des hinfälligen Greiſes, dort ſtreckſt du dem hülfloſen Waiſen die liebreiche Hand entgegen, alle Unglücklichen finden an dir ihre zärtlichſte Mutter. Doch will ich nun anbethend die himmliſche Geſtalt ereilen, und gebeugt zu ihren Füßen mit einem Kuſſe ihr wehendes Gewand erreichen, dann, o grau⸗ ſame Erſcheinung! ſtürzt plötzlich der dichte Schleyer eines undurchdringlichen Gewölks dazwiſchen.“—„Nein, nein,“ rief Donna Bianca,„nichts kann uns beyde mehr tren⸗ nen, ein ſeliges unauflösliches Band ſoll uns beyde binnen wenigen Tagen vereinigen. Du ſchwärmſt, und ich bin weit entfernt, all deine trüben Beſorgniſſe zu theilen, doch machen ſie mich traurig. Darum laß uns keinen Au⸗ genblick unſers reinen Glückes verlieren.“— So ſprach ſie, ohne dem Strome ihrer Thrä⸗ nen, die ſich mit den meinigen vermiſchten, wehren zu können.“ „In dieſem Augenblicke kam Dom Pe⸗ —.— r Lh ere dro. Ihn hatte das Ungewitter in Schrecken geſetzt, und er ſorgte ſogleich dafür, uns in einem Wagen abzuholen. Wir trockneten unſre Thränen.„Wir müſſen unſre Schwach⸗ heiten vor Dom Pedro's Augen verbergen,“ — flſterte mir Bianca mit einem himmli⸗ ſchen Lächeln zu,—„denn kann wohl die Freundſchaft der Liebe ſeltſamen Zuſtand je enträthſeln?“ Wir gingen Dom Pedro ent⸗ gegen, und ſetzten uns in den Wagen.“ „Gleich bey dem erſten Blicke, mit wel⸗ chem ich Dom Pedro begegnete, fühlte ich mich ruhiger. Ich hatte ſo beſonderes Ver⸗ trauen zu ihm gefaßt, daß ſeine ruhige Be⸗ ſonnenheit ſich unwillkührlich meinem Geiſte mittheilte, und ich traute meinem eigenen Glücke, da ich ſah, daß er es nicht mehr be⸗ zweifelte. In frohem Rauſche des Entzückens ſchwand der Reſt des Tages hin, und wir reisten des andern Morgens früh auf einen der Landſitze von Donna Bianca. Engelsſtim⸗ men ſchienen mir die künftige Wonne dieſes Aufenthalts zuzufliſtern, wo ich binnen we⸗ NV 1 7 6 TrT nigen Tagen Bianca's Hand beſthzn ſollte, denn wir hatten beſchloſſen, unſere Trauung in der Schloßcapelle zu vollziehen. Dom Pe⸗ dro begab ſich ſogleich zum Pfarrer, um mit ihm wegen des Vermählungstages Rückſpra⸗ che zu nehmen, und er wurde auf die naͤchſte Woche feſtgeſetzt. Ende des erſten Theils. — 14 4 ſ dudaaazaömwuazauumunuuuauuxurraumuxumnauauu iſinffffnfſſſinmnſiſſſſiſt 7 8 9 10 11 14 15 Fon