— * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für aopchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— f. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „.„„„ 3=.„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Ae — — V —⸗———⸗————-—4 — ——— — Kleine o m a n und Erzaͤhlungen. Aus dem Franzoͤſiſchen l der Frauvon Genlis von Theodor Hel. Vierzehntes Baͤndchen. Leipzig, 1814 bei J. C. Hinrichs. 1) Celeſtine. Eine Erzaͤhlung. 2) Die Hirtinnen von Midian oder Moſeh's Jugend. 3) Das Graͤb der ſchoͤnen Ameſtris; eine perſiſche Geſchichte. 8 —— 4 12 ¹ Lib— A — N * 8 8 Bemerkungen fuͤr die Leſer. Da durch ein Verſehen die Anmerkungen zu dem Texte erſt in die Druckerei kamen, nachdem die fuͤnf erſten Vogen ſchon ge⸗ druckt waren, ſo ſind dieſelben zu den erſten vier Buͤchern am Ende des Werk⸗ chens nachgeholt, und zugleich angegeben worden, zu welchen Textesworten ſie ge⸗ hoͤren, welches die geneigten Leſer gefaͤl⸗ ligſt beim Leſen zu bemerken belieben wer⸗ den. Die Anmerkungen zu dem fuͤnften und ſechſten Buche ſind,(wie es auch bei den erſten vier Buͤchern haͤtte geſchehen ſol⸗ len) unter dem Texte geſetzt worden. Auch iſt ſtatt den darin vorkommenden Nahmen Jethro uͤberall Reguel zu leſen. Der Setzer. Celeſtine. Eine von der Frau von Genlis. ——— Glacklich, wer die ruͤhrenden Reize der Unſchuld, die das jugendliche Alter ſchmuͤcken, zu ſchildern vermoͤchte! Aber, wo in unſern Tagen ſoll ich das holde Urbild finden? Vergebens blicke ich zu⸗ ruͤck ſelbſt in die Zeiten der Vergangen⸗ heit; ich muß mich in die ſtille Einoͤde verſetzen und da finde ich die demuͤthige ſanfte Celeſtine, die im fruͤhen Jugend⸗ alter Muſter und Opfer der ruͤhrendſten Unſchuld war. Im achten Jahrhunderte lebte, nicht weit von einer großen Stadt, in einem freundlichen Landhauſe ein wackerer Mann, Nahmens Eugen. Er war nicht reich, aber wohlhabend; er hatte ein ſchoͤnes, gefuͤhlvolles Weib, das er liebte, und einen angenehmen Garten, und das war in jener Zeit genug, um gluͤcklich zu ſeyn. Eugen baute ſeinen Garten; Lea, ſeine Frau, beſchaͤftigte ſich mit der Wirthſchaft. Zuweilen, aber ſelten, riefen Geſchaͤfte den Mann in die Stadt, beſonders im Herbſte, wo er die letzten Fruͤchte des Jahres verkaufte. Waͤhrend dieſer kurzen Tren⸗ nungen ſpann Frau Lea mit ihren Maͤg⸗ den, und Abends, wenn man auf Eu⸗ gen wartete, erzaͤhlte man ſich Geſpen⸗ ſtergeſchichten. Die alte Monika wußte ſo ſchoͤne ſchauerliche Geſchichten zu er⸗ zaͤhlen, die bei dem matten Scheine der Lampe ihre Wirkung nicht verfehlten; denn Monika ſprach nie nach Hoͤrenſa⸗ gen, ſie hatte alles ſelber erfahren, ſel⸗ ber geſehen, und niemand zweifelte an der Wahrheit der wunderbaren Geſchich⸗ ten. Unbefangener Glaube und innige Aeberzeugung machten alles dieß ſo an⸗ ziehend, ſo wichtig. Waͤhrend Monika erzaͤhlte, erſchraken Lea und ihre jungen Maͤgde bei dem leiſeſten Geraͤuſche, bei dem Geſchrei eines Kaͤuzchens, bei dem Hauche eines Windes. Monika, ſchon lange taub, ſchrieb dieſe Aeußerungen des Schreckens nur ihren Erzaͤhlungen zu, und fuͤhlte ſich dadurch aufgemun⸗ tert, immer auf neue Geſchichten ſich zu beſinnen. Oft, wenn der heimkehrende Eugen an die Thuͤre pochte, ſchwankten die Zuhoͤrerinnen zwiſchen dem Verlan⸗ gen ihm entgegen zu eilen, und der Furcht, die Thuͤre zu oͤffnen. Es konnte Eugen ſeyn, aber eben ſo gut auch ein Geſpenſt. Man zoͤgerte ſo lange, bis ſich endlich Eugens Stimme deutlich hoͤren ließ. Alles flog ihm nun entge⸗ gen. Er trat herein. Lea ſchloß ihn in ihre Arme; alles ward lebendig in dem kleinen Zimmer; die Spinnrocken wurden auf die Seite gelegt, die Spin⸗ deln aufgehoben, die man bei der Be⸗ wegung der Unruhe und Freude hatte fallen laſſen, und man kann denken, daß Eugen ſo gluͤcklich war, als alle 7 andern. Nur Eines fehlte ſeinem Gluͤcke, er hatte keine Kinder. Endlich erhoͤrte der Himmel ſeine Wuͤnſche, und nach einer fuͤnfjaͤhrigen Ehe ward ihm eine Tochter geſchenkt; aber er mußte das erſehnte Gluͤck theuer bezahlen; Lea ſtarb, als ſie dem Kinde das Leben gab. Eu⸗ gens Schmerz war ſo heftig, daß er ſeine geliebte Einſamkeit verließ. Er uͤbergab das Kind der Pflege eines Ver⸗ wandten, und nahm Abſchied, um einige Jahre zu reiſen. Sein Gram begleitete ihn uͤberall, und als er ein Jahr lang traurig umher geirrt war, kam er nach Aegypten, wo er in Oxyrinchos, einer großen Stadt der Landſchaft Thebais, laͤnger verweilte. Dieſe Stadt bot ihm einen uͤberraſchenden Anblick dar. Die Einwohner waren rechtglaubige Chriſten; ſowohl das Innere der Stadt, als die Umgegend war von einer ungeheuren Menge von Einſiedlern bevoͤlkert, welche in den praͤchtigen heidniſchen Tempeln wohnten, die aus dem Alterthume uͤbrig geblieben waren. Man fand faſt nur Kloͤſter, und wenig andre Haͤuſer. MNuͤßiggang, Ueppigkeit und Weltfreu⸗ den waren verbannt aus dem weiten Umkreiſe. Es gab weder Reiche, noch Arme. Alle nuͤtzliche Gewerbe regten ſich aͤmſig und machten den Handel bluͤhend; man pflegte die Kuͤnſte nur, um die Gottheit zu ehren und die Tempel zu ſchmuͤcken. Prachtaufwand zeigte ſich nur bei gottesdienſtlichen Feierlichkeiten. Die Tugend herrſchte allein unter den 9 Bewohnern, und auf den Straßen ſang man ſo andaͤchtig Hymnen und Pſalmen, als in den Kirchen. In allen Gegenden der Stadt wohnten Einſiedler, die in ihren ſtillen Zellen ihre Stimmen mit den frommen Toͤnen vereinten, und Tag und Nacht die Melodie heiliger Geſaͤnge erſchallen ließen. Die Gaſtfreundſchaft ward in Ehren gehalten, wie in den Zeiten der Patriarchen. Man ging taͤg⸗ lich Morgens und Abends vor die Thore der Stadt, um zu ſehen, ob nicht ein Fremdling, oder ein Armer voruͤber gehe, und Einer ſuchte dem Andern die Ehre ſtreitig zu machen, dem Wanderer Obdach und Beiſtand anzubieten. Eu⸗ gen hielt ſich lange in dieſer Stadt auf, und ſein Herz, von allen irdiſchen Guͤ⸗ 10 tern losgebunden, faßte den Entſchluß, der Welt gaͤnzlich zu entſagen. Aber in einer Stadt, ſelbſt in dieſer frommen, wollte er nicht ſeinen Aufenthalt waͤhlen, und begab ſich in die Wuͤſte von Ni⸗ trla, ſechzehn Meilen von Alexandrien. * 1»* 2 *. Dieſes ungeheure waldige Felſengebirge hatte ſeinen Nahmen von einer benach⸗ barten kleinen Stadt erhalten. Man fand hier einige Einſtedlergrotten, die in den Felſen gehauen waren, und ein kleines Kloſter auf dem Gipfel, des Bergs. Der Obere des Kloſters nahm den Fremdling auf, und nach vollbrach⸗ tem Pruͤfungsjahre legte Eugen das feierliche Geluͤhde ab. Er ward durch ſeinen frommen, ſtrengen Wandel ein Muſter aller Moͤnche. Aber es entging 11 dem Kloſteroberen nicht, daß ein tiefer Schmerz, der immer zuzunehmen ſchien, den jungen Mann druͤckte. Er drang in ihn, und Eugen geſtand ihm, daß er ſich nicht enthalken koͤnnte, mit ſchmerzlicher Sehnſucht an ein Kind zu denken, das er in der Welt zuruͤckge— laſſen. Der Obere, durch das Wort Kind getaͤuſcht, meinte, es waͤre die Rede von einem Knaben, und antwor⸗ tete dem traurigen Moͤnche, es ſollte ihm vergoͤnnt ſeyn, ſein Kind zu hohlen und im Kloſter zu erziehen. Eugen merkte den Irrthum, und konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, ihn zu benutzen. Er reiſete am andern Tage in ſeine Heimath ab, um ſeine Tochter Celeſtine zu hohlen, die damals erſt zwei 12 Jahre alt war. Er ließ ihr Knaben⸗ kleider machen, und nahm ſie mit ſich in ſein einſames Kloſter, wo er ſie ſeinem Oberen unter dem Nahmen Celeſtin vor⸗ ſtellte. Sie ward in allen kloͤſterlichen Uebungen erzogen; ihr Vater ließ ſie in voͤlliger Unwiſſenheit uͤber ihr Geſchlecht und ſie ſelbſt widmete ſich dem geiſtlichen Stande. Ihre Schoͤnheit, die jeder⸗ mann uͤberraſchte, war dem Vater ein Grund mehr, in ihr den Entſchluß zu befeſtigen, ſich Gott zu weihen. Eugen wollte ſeine Tochter bis in ihr ſechzehn⸗ tes Jahr erziehen, alsdann das Geheim⸗ niß ihr und ſeinem Oberen enthuͤllen, und ſie in ein Kloſter zu Alexandrien bringen, wo ſie den Schleier nehmen ſollte. Sein ploͤtzlicher Tod ſtoͤrte dieſen .123 Entwurf. Er ward vom Schlage ge⸗ ruͤhrt, und ſtarb in den Armen ſeiner Tochter, ohne daß er ein Wort hervor⸗ bringen konnte. Celeſtine, damals vier⸗ zehn Jahr alt, ſah ſich verwaiſet und kannte weder ihr Schickſol, noch ihr Geſchlecht. Sie trug das Gewand eines Laienbruders; alle Moͤnche liebten ſie, und ruͤhmten ſie den andern Bruͤdern als ein Muſter von himmliſcher Sanft⸗ muth und edler Offenherzigkeit. Der Kloſterobere, ein ehrwuͤrdiger Greis, uͤbernahm es, Vaterſtelle bei ihr zu ver⸗ treten, und wies ihr eine kleine Zelle neben der Seinigen an. Als Bruder Celeſtin ſein ſechzehntes Jahr erreicht hatte, gab man ihm das weiße Novizen⸗ kleid, und verſprach ihm, er ſollte am 14 Ende des Jahres ſein Geluͤbde ablegen, wenn er fortfahren wuͤrde, ſich gut zu betragen. Einige Tage nachher nahmen die gaſtfreien Einſiedler einen ehrwuͤr⸗ digen Greis auf, den ſein Sohn Euſeb, ein neunzehnjaͤhriger Juͤngling, begleitete. Bruder Celeſtin erhielt den Auftrag, die Gaͤſte in das angewieſene Gemach zu fuͤhren. Nicht weit vom Kloſter war eine Felſenquelle, die den Moͤnchen fri⸗ ſches reines Waſſer gab. Die langen Aermel ſeines wollenen Gewandes auf⸗ ſtreifend, enthuͤllte Bruder Celeſtin ſeine Arme, und als er in einem großen ir⸗ denen Gefaͤße Waſſer geſchoͤpft hatte, kam er zu den Fremden zuruͤck, um ihnen die Fuͤße zu waſchen. Sie bewun⸗ derten ſeinen edlen Anſtand, ſeine bluͤ⸗ 15 hende Schoͤnheit, und erſtaunten uͤber die Zartheit und blendende Weiße ſeiner Arme. ECeliſtine war entzuͤckt uͤber das Wohlwollen, welches die Gaͤſte ihr be⸗ wieſen. Beim Abſchiede ſchenkte ſie dem Greiſe ein Bild, und dem Sohne ein Kreuz von Cedernholz, das er immer zu bewahren verſprach. Einige Kloſterbruͤder, die an gewiſſen Tagen nach Nitria gingen, um die noͤthigen Lebensmittel zu hohlen, ſtellten dem Oberen vor, Celeſtin waͤre alt ge⸗ nug, um abwechſelnd mit den andern dieſe Reiſen zu machen. Der Obere be⸗ fahl, daß kuͤnftig auch an Bruder Cele⸗ ſtin die Reihe kommen ſollte. Da die Wege ſchlecht waren und an ſchroffen *½ 16 Abgruͤnden hin liefen, ſo mußten die Bruͤder, wenn ſie von der Nacht uͤber⸗ raſcht wurden, in einem Wirthshauſe der Stadt bleiben, um erſt am folgenden Tage mit dem Vorrathskarren wieder aufzubrechen. Die Tochter des Wirths ward nicht muͤde den ſchoͤnen Bruder Celeſtin zu bewundern; ſie bewies ihm allerlei Aufmerkſamkeiten, und beim Ab⸗ ſchiede brachte ſie ihm jedesmal ein Koͤrb⸗ chen mit Fruͤchten, das der junge No⸗ vize uneigennuͤtzig zu den uͤbrigen Vor⸗ raͤthen fuͤgte. Celeſtine war durch dieſes freundliche Zuvorkommen geruͤhrt und belohnte es mit herzlicher Zuneigung. Eines Morgens, als Celeſtine die Vor⸗ raͤthe erwartete, ging ſie in den Garten 17 und ſtellte ſich an einen kleinen Teich. Marie kam ploͤtzlich herbei und brachte ihr ein Koͤrbchen voll Pfirſchen. Celeſtine lobte die ſchoͤnen Fruͤchte. Ja, antwor⸗ tete die Wirthstochter, bluͤhend und ſchoͤn ſind ſie, aber doch nicht ſo bluͤhend, als eure Wangen, Bruder Celeſtin. . Als eure Wangen, Marie! O nein, ſo bluͤhend ſehe ich nicht aus. Seht herab, Bruder Celeſtin, in den Teich und vergleicht ſelbſt. Bei dieſen Worten nahm Marie eine Pfirſche und hielt ſie zwiſchen Celeſtinens Geſicht und das Ihrige. Seht Ihr, fuhr ſie fort, wie Eure Wange bluͤhender iſt, als die meine und als die Pfirſche? Bruder Celeſtin, ſelbſt eine Roſe iſt blaß dagegen. — V V b 3 I 18 Als ſie dies ſprach, ließ ſie die Frucht fallen und ihre Wange ſtreifte ziemlich nahe an Celeſtinens Geſicht. In dieſem Augenblicke gingen zwei Knechte des Wirths voruͤber, und blie⸗ ben uͤberzeugt, Bruder Celeſtin haͤtte Marien gekuͤßt. Das Maͤdchen hob die Pfirſche auf; Celeſtine nahm das Koͤrb⸗ chen hin und kehrte ins Wirthshaus zu⸗ ruͤck. Einige Tage nachher kam Celeſtine wieder in die Stadt, begleitet, wie ge⸗ woͤhnlich, von einem andern Kloſterbru⸗ der, der ſehr alt und faſt ganz taub war. Man mußte im Wirthshauſe uͤbernachten. Man fuͤhrte die frommen Gaͤſte in eine kleine Kammer, worin dieſe ein gutes Bett mit Vorhaͤngen und am andern Ende, nahe an der Wand, — — 19 ein ſchlechtes Gurtbett mit Stroh fanden. Der alte Moͤnch waͤhlte, wie Marie voraus geſehn hatte, das beſte Lager und Celeſtine legte ſich auf das Stroh. Kaum hatte der muͤde Alte ſich nieder⸗ gelegt, ſo lag er in feſtem Schlafe, aber er ſchnarchte ſo laut, daß Celeſtine kein Auge ſchließen konnte. Da vernahm ſie jenſeit der duͤnnen Scheidewand, an welche ihr Bett geſtellt war, Mariens Stimme. Schlaft Ihr, Bruder Celeſtin?2 Nein Marie, wollt Ihr etwas von mir? O Bruder Celeſtin! Was iſt's denn, Marie? Seid Ihr nicht wohl? Soll ich Huͤlfe rufen? O nein, nein! Sprecht ja nicht zu 7 1 20 laut! Bruder Celeſtin, ich moͤchte gern recht aufrichtig mit Euch reden.— Bei dieſen Worten oͤffnete ſie ein Loch, das 5 ſie in die Wand gemacht hatte. Es war gerade groß genug, um einen Arm durch⸗ ſtecken zu koͤnnen. In ihrer Kammer V war Licht und ECeleſtine erkannte des Maͤdchens Geſicht. Marie, ſprach ſie lachend, Ihr habt mich bange machen wollen, und ich bin in der That recht erſchrocken. In dieſem Augenblicke er⸗ — wachte ploͤtzlich der alte Kloſterbruder, der an Engbruͤſtigkeit litt. Er oͤffnete den Vorhang, ſah das Licht durch das Loch ſcheinen und unterſchied deutlich ein Geſicht hinter der Wand. Was iſt das? hob er an. Das Loch ward ſchnell ver⸗ ſchloſſen, als dieſe Worte laut wurden, 21¼ und es war wieder dunkel in der Kam⸗ mer. Was iſt das? fragte der alte Moͤnch noch einmal. 8 Es iſt Marie, antwortete Celeſtine ganz unbefangen. Wie! Marie? Ja, ehrwuͤrdiger Bruder, Marie wollte mir einen Poſſen ſpielen. Das ſind ſchlechte Poſſen, rief der alte Kloſterbruder, das ſind Teufels⸗ poſſen. O ich verſichre Euch, lieber Bruder, Marie hat's nicht in boͤſer Abſicht ge⸗ than. 22 Wißt Ihr denn nicht, Bruder Cele⸗ ſtin, daß man keine Gemeinſchaft mit den Maͤdchen haben darf? Lieber Bruder, man hat mir nie et⸗ was von Maͤdchen geſagt, und ich habe nie daran gedacht. Aber die da denkt an Euch, wie es ausſteht. Mit Maͤdchen ſchwatzen und ſchaͤkern, beſonders des Nachts, wenn man im Bette liegt, das iſt eine Tod⸗ ſuͤnde. 8 Erſchrocken warf ſich Celeſtine, als ſie dieſe Worte gehoͤrt hatte, vor ihrem Strohlager auf die Kniee und flehte Gott bis zum hellen Morgen um Ver⸗ zeihung. Als ſie am folgenden Tage ins Kloſter zuruͤckkam, klagte ſie ſelbſt 8 23 bei dem Oberen ſich an, daß ſie waͤhrend der Nacht im Bette mit einem Maͤdchen geſchwatzt und geſchäͤkert haͤtte. Dieſes Geſtaͤndniß, das keine naͤheren Umſtaͤnde angab, erſchreckte den Kloſteroberen nicht wenig; und als er ſich den Vor⸗ fall ausfuͤhrlich hatte erzaͤhlen laſſen, ſetzte er hinzu: Lieber Celeſtin, du mußt ſehr wenig Zuruͤckhaltung gegen das Maͤdchen gehabt haben, ſonſt haͤtte ſie ſo etwas nicht wagen koͤnnen. Du weißt nicht, was das zu bedeuten hat, aber darum laß dir in Zukunft die groͤßte Vorſicht empfohlen ſein. Nach dieſem Verweiſe ward der ar⸗ men Celeſtine eine Bußuͤbung von vier⸗ zehn Tagen aufgelegt, und dieſe Strafe 24 uͤberzeugte ſie vollends, daß ſte ſich ſehr vergangen haͤtte. Als ſie wieder nach Nitria kam, wollte ſie mit Marien gar nicht mehr reden und gab ihr keine Ant⸗ wort. Marie ward daruͤber ſehr em⸗ pfindlich. Das. verdorbene Maͤdchen hatte ſchon lange einen ſtrafbaren Um⸗ gang mit einem Kriegsknechte, aber die⸗ ſer, der keine Hoffnung hatte, die Toch⸗ ter des reichen Wirths zu heirathen, gab ſie endlich auf und verließ die Stadt. Marie war ſchwanger. Sie gebar eine Tochter, und als der Vater den Nahmen des Verfuͤhrers wiſſen wollte, nannte Marie den Bruder Celeſtin, ſtatt den Kriegsmann anzugeben. Zwei Knechte ſagten aus, ſie haͤtten das Maͤdchen und den jungen Moͤnch bei einer verſtohlenen 25 Umarmung im Garten uͤberraſcht. Der aufgebrachte Vater ging ins Kloſter und brachte ſeine Klage vor den Oberen, der ſogleich den Beſchuldigten zu ſich rufen ließ, um ihn in Gegenwart des Anklaͤgers zur Rede zu ſtellen. Was hoͤre ich? ſprach er mit ſtrengem Ernſte. Wie, Unglaͤcklicher! Ihr habt mit der Tochter dieſes wackern Mannes verbre⸗ cheriſchen ümgang gepflogen? Sie iſt entehrt, durch Euch entehrt, und hat ein Kind geboren, wovon ſie Euch als Vater angiebt. Das ſind die Folgen eurer ſtrafbaren Vertraulichkeit mit ihr! Ach ehrwuͤrdiger Vater! antwortete Celeſtine weinend, ich kannte die Gefahr nicht. Wie, ich bin Vater dieſes Kindes? 26 Ja, Elender! O ich bin ein großer Suͤnder, ehr⸗ wuͤrdiger Vater! ſprach Celeſtine und ihre Thraͤnen floſſen unaufhaltſam. Legt mir meine Strafe auf. Der Obere hielt Celeſtinens Demuth, und ihre Thraͤnen fuͤr das offenſte Ge⸗ ſtaͤndniß, jagte ſie aus dem Kloſter, und befahl ihr, in einer von den felſigen Einſtedlerzellen in der Wuͤſte, die durch den Tod ihres Bewohners vor Kurzem leer geworden war, ihren Aufenthalt zu nehmen. Geht hin, ſprach er, und ſoͤhnet euer Verbrechen durch ſtrenge Buße. Die Einſiedelei iſt nur eine Vier⸗ telſtunde von hier entfernt, und ich er⸗ laube Euch, alle zwei Tage ins Kloſter 27 zu kommen, um Euch das Brot zu hohlen, das wir Euch immer geben wol⸗ len. Ehe Ihr abreiſet, koͤnnt Ihr aus der Zelle, die Ihr hier bewohnt habt, alles Geraͤthe mitnehmen. ehrwuͤrdiger Vater, antwortete Celeſtine, ich will nur meine Buͤßer⸗ geißel und mein ü Vlalmenguch mitnehmen. Celeſtine, von Kummer und Reue bewegt, und feſt uͤberzeugt, daß man Vater werde, wenn man Nachts mit einem Maͤdchen ſchwatzt und lacht, ver⸗ ließ das Kloſter und begab ſich in die einſame Zelle, die man ihr zum Ver⸗ bannungsorte angewieſen hatte. Es war eine anmuthig gelegene Felſengrotte, in deren Naͤhe eine friſche Quelle rieſelte. 26 Celeſtine fand in der Grokte nichts, als ein Lager von trocknem Laube, das mit einer alten Strohmatte bedeckt war. Das iſt genug fuͤr einen armen Buͤßer! ſprach ſie. Ach! ich bin nicht wuͤrdig, auf dieſem Lager zu ruhen, wo der fromme Einſiedler geſtorben iſt; aber ich hoffe, er wird im Himmel fuͤr mich beten, auf daß ich mich bekehre. Sie hatte ihr zu ſchweres Kruzifix nicht mitnehmen koͤnnen, und machte ſich aus zwei Palmenzweigen ein Kreuz, das ſie neben ihr Lager ſtellte. Das ſchuldloſe Opfer der Verlaͤumdung wid⸗ mete ſich der ſtrengſten Buße in der ein⸗ ſamen Zelle; aber das Schickſal der Un⸗ gluͤcklichen war ſo ſeltſam, daß ſie bei 29 aller Herzensreinheit doch nicht das Gluͤck eines ruhigen Gewiſſens genießen konnte. Sie troͤſtete ſich freilich damit, daß ſie blos aus voͤlliger Unwiſſenheit geſuͤndigt hatte, und nichts bekuͤmmerte ſie, als das Aergerniß, das durch ſie war ge⸗ geben worden. So kam das Ende des Sommers. Celeſtine hatte ſchon acht Monate in der Felſengrotte gelebt, und nie ging ſie aus, als wenn ſie Kraͤuter und wilde Fruͤchte aus dem Walde, oder Brot aus dem Kloſter holen wollte, und an Feiertagen, um die Kloſterkirche zu beſuchen. Aber ſie hielt ſich nicht fuͤr wuͤrdig, den heiligen Ort zu betreten, und alle Moͤnche waren geruͤhrt von ihrer Demuth, wenn ſie die Buͤßende vor der Kirchthuͤre knieen ſahen. 30 Eines Morgens in den erſten Tagen des Mais, ſaß Celeſtine in ihrer Grotte, und war beſchaͤftigt Weidenkoͤrbchen zu flechten; da ſah ſie ploͤtzlich zwei Maͤnner von ernſtem Anſehn herbei kommen, von welchen Einer ein Windelkind trug. Es waren die Gerichtsdiener, welche nach dem geſetzlichen Ausſpruche der Richter das uneheliche Kind, das die Verwand⸗ ten der Mutter verſtoßen hatten, dem Vater brachten. Man legte das Kind auf einen mooſigen Stein an des Ein⸗ ſtedlets Seite, und ſprach zu ihm die Worte: Nehmt hin die Frucht eures unordentllchen Wandels und traget Sorge fuͤr das Maͤdchen. Celeſtine blieb unbeweglich vor Ueber⸗ 3¹ raſchung und ſchmerzlicher Beſtuͤrzung. Man ließ ſie allein. Sie nahm das Maͤdchen auf ihren Schooß. Es war ein ſchoͤnes Kind und Celeſtinens Thraͤ⸗ nen floſſen, als ſie es betrachtete. Armes Geſchoͤpf! ſprach ſie, ja ich will fuͤr dich ſorgen. Ich fuͤhle wohl, daß ich dein Vater bin, ich liebe dich ja ſchon. Man verſtoͤßt, man verlaͤßt dich, aber du haſt noch einen Vater. Ich will treu uͤber dich wachen, und wenn deine Jugendzeit voruͤber iſt, ſollſt du nicht in die Stadt gehn, damit du nicht Vater werdeſt, ohne es zu wiſſen. Bis dahin will ich dich unterrichten, du ſollſt die Gefahren kennen lernen, die mich ins Verderben gebracht haben, und du wirſt die Erfahrung deines ungluͤcklichen Va⸗ — ters benutzen. In deinem vierzehnten oder funßzehnten Jahre ſollſt du eben ſo viel wiſſen, als ich leider in meinem ſiebzehnten weiß. Bei diefen Worten ſtroͤmten ihre Thraͤnen. Das Kind, erſt ein Jahr alt, laͤchelte ihr zu und ſtreckte ſeine Haͤndchen nach ihrem Geſichte aus, als haͤtte es ſie liebkoſen wollen. Celeſtine war innig bewegt; ſie druͤckte das Kind an ihre Bruſt und umſchloß es mit der waͤrmſten Zaͤrtlichkeit. Ein unſchuldiges Geſchoͤpf wenigſtens ſoll in dieſer Hoͤhle wohnen, ſprach ſie. Freilich wird meine Verwirrung noch groͤßer ſeyn, wenn ich mit dem Kinde auf den Armen mein Brot im Kloſter ſuche, aber die Suͤnder 3³3 koͤnnen nicht zu ſehr gedemuͤthigt werden. Liebes Kind, weil du meine Tochter biſt, will ich dich Lea nennen; ſo hieß meine Mutter, die mein Vater ſo ſehr beweinte. Seit dieſem Augenblicke hing Celeſtine mit einer immer wachſenden Zuneigung an der kleinen Lea. Sie trennte ſich nie auf einen Augenblick von ihr; das holde Kind erheiterte ihr den Aufent⸗ halt in der einſamen Grotte, und nichts machte Celeſtinen Kummer, als daß ſie ihm nicht Milch zu ſeiner Nahrung geben konnte. Sie fand oft in einem hohlen Baume Honig, den ſie ſammelte und fuͤr ihren Pflegling aufbewahrte. Die Vorſehung aber erfuͤllte bald alle Wuͤnſche C 54 der Einſiedlerin. Eines Tages, als ſie aus dem Kloſter zuruͤckkam, fand ſie in ihrer Grotte eine blendend weiße Ziege, die ruhig auf dem Mooſe lag. Wer koͤnnte ihre Freude ſchildern! Die Ziege wurde geliebkoſet und erhielt Brot und Kraͤuter. Sie war nicht ſcheu, aber um ſie deſto ſicherer feſt zu halten, legte Celeſtine ihr ein Band um den Hals. Das Thier ward bald ſo zahm, daß es nach vierzehn Tagen der Einſtedlerin freiwillig folgte, und das Kind hatte nun alle Tage friſche naͤhrende Milch. So waren drei Monate vergangen, als ein Traum, den Celeſtine fuͤr eine himmliſche Eingebung hielt, auf einmal ihr Schickſal verwandelte. Einſt ſah ſie, 35 in tiefen Schlaf begraben, die Decke ihrer Grotte ſich oͤffnen, und es erſchien ein Engel, der alſo zu ihr ſprach: Hoͤre! ſobald du erwacheſt, verlaſſe deine Grotte und wandre, ohne zu raſten, bis zu einer hohlen Eiche am Saume des Wal⸗ des; da ruheſt du aus mit deinem Kinde. Am folgenden Morgen, bei Sonnenauf⸗ gange, trittſt du deine Wanderung wie⸗ der an, und wenn du aus dem Walde kommſt, wendeſt du dich nach Morgen, und nach einer Wanderung von fuͤnf Stunden wirſt du einen Weg erblicken, der auf beiden Seiten mit einer Hecke von wilden Roſen eingefaßt iſt. Dieſer Pfad bringt dich zu einem ſchoͤnen Hauſe. Du pochſt an die Thuͤre und bitteſt um Gaſtfreundſchaft. Man wird dich freund⸗ 5 — 4 36 lich aufnehmen. Bei dieſen Worten ver⸗ ſchwand der Engel und Celeſtine erwachte. Sie kniete nieder und betete dankend zu Gott. Darauf erhob ſie ſich, und als die Morgenroͤthe anbrach, lud ſie auf ihre Schultern einen Sack, worin Brot, eine Honigſcheibe und einige Datteln waren. Sie hing eine leichte Kuͤrbis⸗ flaſche mit rveinem Waſſer um den Hals, ſteckte ihr Pſalmenbuch zu ſich, und ſo mit allem, was ſie beſaß, beladen, nahm ſie das Kind auf den Arm und von ihrer Ziege begleitet, machte ſie ſich auf den Weg. Gluͤckliche Armuth, du allein kannſt die köſtlichſten Guͤter der Erde uns ver⸗ ſchaffen, Seelenfrieden und Unabhaͤngig⸗ 37 keit. Wer ſich mit einem aͤrmlichen Ob⸗ dache, mit einem einfachen Anzuge, mit maͤßiger Nahrung zu begnuͤgen weiß, iſt immer frei. Gold und Edelſteine bringen dem Wanderer immer Gefahr. Ach! der groͤßte Theil der Menſchen, die Raͤnke⸗ macher, dit Boͤſewichter, die Diebe, ſind ſtets gegen den Neichen verſchworen, aber der Arme hat keine Nachſtellungen zu fuͤrchten, er iſt immer zur Abreiſe bereit, nichts haͤlt ihn auf, nichts feſſelt ihn, nichts kann ſeinen Lauf hemmen. Mag alles um ihn her ſich verwandeln, alles zuſammen ſtuͤrzen, er allein bleibt ruhig, unerſchuͤtterlich, er hat nichts verlohren, er hat nichts zu bedauern. Findet er nicht uͤberall Brot, Kraͤnter und ein grobes Gewand? Weichlichkeit — hat ihn nicht entnerot; alle ſeine Kraͤfte ſind unverſehrt und waͤhrend ein Ande⸗ rer, der einſt reich war und jetzt zu Grunde gerichtet iſt, der Verzweiflung unterliegt, traͤgt er froͤhlich die Buͤrde des Lebens und ſegnet die Vorſehung. Und wenn er endlich das Ziel ſeiner Laufbahn erreicht, blickt er ohne Schmerz auf die vorgaͤnglichen Dinge, die ihn umgeben; er hat keine unwuͤrdigen ſchimpflichen Bande zu zerreißen, ihm folgen nur edle Klagen, die Klagen treuer Liebe und Freundſchaft. Er laͤßt keine glaͤnzende Spur auf der Erde, aber der rechtliche Mann, wie gering er auch ſein mag, laͤßt in den Augen des Ewigen immer eine Luͤcke zuruͤck. Celeſtine, die an die keitung eines himmliſchen Fuͤhrers glaubte, folgte ge⸗ nau dem Wege, den der Engel im Traume ihr angewieſen hatte. Sie hielt ſich nur einige Mahle auf, um ein wenig Nahrung zu ſich zu nehmen, und beſonders um der kleinen Lea etwas zu reichen. Gegen Abend fand ſie die hohle Eiche. Dieſer Baum hatte einen ſo großen Umfang, daß Celeſtine mit dem Kinde und der Ziege Platz in der Hoͤhlung fand. Sie brachte die Nacht darin zu, und ſchlief einen feſten Schlaf. Als ſie bei Tagesanbruche erwacht war, ſetzte ſie ihre Reiſe fort. Nicht lange vor Sonnenaufgang erblickte ſie mit un⸗ ausſprechlicher Freude die Hecke von wilden Roſen; ſie betrat den Pfad, der ſich vor ihr oͤffnete, und kam zu einem „— 40 angenehmen Hauſe, das mit anmuthigen Gaͤrten umgeben war. Sie pochte leiſe an die Thuͤre. Eine Magd oͤffnete, und Celeſtine bat mit ſtiller Beſcheidenheit und mit ſanfter Stimme um Gaſtfreund⸗ ſchaft. Kaum hatte ſie die Bitte aus⸗ geſprochen, da rief die Magd ein freund⸗ liches: Herein! herein! ihr zu, und ihre Freude einen Gaſt zu ſehen, war ſo groß, daß ſie nicht daran dachte, die Thuͤre zu ſchließen, und ſchnell voran lief, um ihren Gebietern die Nachricht zu bringen. Celeſtine wagte es nicht ihr zu folgen und blieb demuͤthig an der Thuͤre ſtehen. Nach einigen Augenblicken kam die Magd athemlos zuruͤck, und bat die Fremde, ihr zu folgen. Da kam ein junger Mann mit ſeinem Bru⸗ 1 41 der, einem Knaben von neun Jahren, hinzu, und beide ergriffen freundlich Celeſtinens Haͤnde, um ſie herein zu fuͤhren. Als ſie in ein ſchoͤnes Wohn⸗ zimmer traten, warf Celeſtine die weiße Moͤnchskappe zuruͤck, welche ihr Geſicht verhuͤllte. Iſt es moͤglich? Bruder Celeſtin! rief der junge Mann mit lebhafter Freude. Celeſtine erkannte bei dieſen Worten den Juͤngling, der mit ſeinem Vater vier und zwanzig Stunden in dem Klo⸗ ſter in der Wuͤſte Nitria zugebracht hatte. Sie ſeufzte bei dem Gedanken, daß ſie ihr Vergehen auch ihm geſtehen muͤßte, wenn er ſie uͤber das Kind, das ſie auf 42² den Armen trug, fragen ſollte. Ach! ſprach ſie, wenn er hoͤret, was ich ge⸗ than habe, wird er mich verachten, und nicht mehr die ſanften Blicke auf mich heften, die mich ſo ſehr ruͤhren. Dieſe Demaͤthigung iſt hart, aber ich muß mich ihr unterwerfen. Euſeb zog Celeſtinen weiter, und brachte ſie in ein Gemach, wo ſie den Greis fanden und ſeine Frau, die ſpin⸗ nend neben ihm ſaß. Vater! Vater! rief Euſeb, da iſt Bruder Celeſtin, von welchem wir ſo viel geſprochen haben. Er hat ein armes Kind, deſſen er ſich gewiß mitleidig angenommen. Celeſtine erbebte bei dieſen Worten. Sie ſenkte ihre Blicke, und konnte es 45 noch nicht uͤber ſich gewinnen, ſich ſelber anzuklagen. Der Greis umarmte ſie zaͤrtlich. Darauf hieß auch die Haus⸗ frau die Fremde freundlich willkommen und reichte ihr einen Becher mit ſtaͤrken⸗ dem Weine. Der Alte nahm die kleine Lea auf den Schooß, und Euſebs Bru⸗ der ſpielte mit der Ziege und gab ihr Brot. Euſeb, der auf einen Augenblick hinaus gegangen war, kam mit dem Kreuze zuruͤck, das Celeſtine ihm bei ſeiner Abreiſe aus dem Kloſter gegeben hatte. Seht, ſprach er, ich habe es treulich bewahrt. Gewiß, Bruder Cele⸗ ſtin, ich moͤchte es nicht gegen ein Kreuz von Golde und Edelſteinen vertauſchen. Ich glaube, es aus Engelshaͤnden er⸗ halten zu haben. 44 O Gott! was ſagt Ihr? ſprach Ce⸗ leſtine ſchmerzlich. Ich bin nur ein armer Suͤnder. Euſeb laͤchelte, aber die Demuth des jungen Kloſterbruders ruͤhrte ſeine Seele. In dieſem Augenblicke brachten die Magd und ein alter Diener laues Waſ⸗ ſer zum Fußwaſchen fuͤr den Reiſenden. Bruder Celeſtin, hob Euſeb wieder an; ich muß jetzt gegen Euch die Pflicht der Gaſtfreundſchaft erfuͤllen, die Ihr mir vor einem Jahre ſo freundlich er⸗ wieſen habt. Celeſtine glaubte ſolche Herablaſſung nicht zu verdienen und wollte den Dienſt ablehnen, aber man loͤſete ihr die Schuhe und ſetzte ihre Fuͤße in ein großes ſilbernes Becken. — — —— 45 Euſeb und ſein kleiner Bruder knieten nieder, um ihr die Fuͤße abzutrocknen. Darauf entfernten ſich die Dienſtboten, und der Hausherr befahl ſeiner Frau und ſeinen Kindern, dem Gaſte ein be⸗ quemes Gemach zu bereiten. Als der Greis mit Celeſtinen allein war, richtete er an ſie einige Fragen. Wie kommt Ihr zu dem Kinde, das Ihr auf dem Arme tragt? Ach! antwortete ſie mit Thraͤnen, ich bin ſein Vater. Ihr, mein lieber Bruder? Ach, freilich! Aber lieber Himmel, Ihr koͤnnt ja hoͤchſtens ſiebzehn Jahre alt ſeyn. Wer hat Euch denn ſchon verfuͤhren koͤnnen? 46 Marie, die Tochter des Wirthes zu Nitria. Euch, Bruder Celeſtin, der ſo fromm war, ſo unſchuldig? Ach, ich habe es ſehr bereut und werde Buße thun, ſo lange ich lebe. Man hat Euch aus dem Kloſter ver⸗ bannt? Man hat mich mit Recht ſchon vor einem Jahre fortgejagt, und ich habe mich ſeitdem in einer Einſiedlergrotte in der Wuͤſte aufgehalten.— Celeſtine ſagte nichts mehr. Aus Demuth wollte ſie nichts von dem gluͤcklichen Traume, der ſie ſo gut geleitet hatte, erwaͤhnen; ſie glaubte der Gnade des Himmels zu . 47 wenig wuͤrdig zu ſein, als daß ſie es haͤtte wagen moͤgen, dieſes Geheimniß zu enthuͤllen. Lieber Bruder, fuhr der Alte fort, Gott wird Euch verzeihen um eurer Jugend, eurer Uuwiſſenheit und eurer Reue willen. Ihr muͤßt nicht aber laͤn⸗ ger in der Welt umher ziehen. Bleibt hier, ich biete Euch eine Zuflucht an. Ihr werdet hier ruhig mit meinen Soͤh⸗ nen leben und meine Frau wird die Er⸗ ziehung eures Kindes uͤbernehmen. Wenn ich nicht von meinem Kinde getrennt werden ſoll, antwortete Cele⸗ ſtine, ſo werde ich bei Euch gluͤcklich ſein, und auch gluͤcklich, wenn ich Euch dienen und gehorchen kann. 46 Als dies verabredet war, beſchloß der Greis, ſeinen Sohn nach Nitria zu ſenden, um genaue Erkundigung einzu⸗ ziehen, ob Bruder Celeſtin wirklich ein Jahr lang in einer Einſiedlerhuͤtte der Wuͤſte gelebt haͤtte. Euſeb war nicht wenig uͤberraſcht, als er vernahm, daß der junge Moͤnch Lea's Vater waͤre. Gewiß, lieber Vater, ſeine argloſe Un⸗ ſchuld allein hat ihn verfuͤhrt. Wie koͤnnte man ihn fuͤr ſtrafbar halten, wenn man ſeine himmliſche Geſtalt, ſeine großen blauen Augen ſieht, wor⸗ aus Sanftmuth und Unſchuld ſprechen. Ohne Zweifel, erwiederte der Greis. Und er iſt ſo reuevoll, er hat ſchon ſo viele Thraͤnen vergoſſen. „₰ 49 O lieber Vater, wir wollen ihn nicht verlaſſen! hob Euſeb wieder an. Ja, mein Sohn, er ſoll bei uns blei⸗ ben. Er iſt ungluͤcklich, er iſt ſo jung und ohne eine Stuͤtze. Die Vorſehung ſchickt ihn uns. Laß uns ihr dafuͤr danken. Iſt es nicht eine Wohlthat, wenn ſie uns einen Ungluͤcklichen ſendet, dem wir bei⸗ ſtehen koͤnnen? Nach dieſer Unterhaltung reiſete Enſeb ab, und Celeſtine blieb in dem Zufluchts⸗ orte, welchen ihr die Guͤte des verſtaͤn⸗ digen Alten ſo werth machte. Nach weni⸗ gen Tagen hatte ſie ſich bei Allen im Hauſe durch ihre Sanftmuth, ihre gefuͤhl⸗ volle Seele, ihre ruͤhrende Beſcheidenheit beliebt gemacht. Je mehr der Alte den D Gaſt beobachtete, je mehr er ihn kennen lernte, deſto weniger konnte er ſich vor⸗ ſtellen, daß Bruder Celeſtin des Verge⸗ hens ſchuldig waͤre. Seine Neugierde uͤberwand ſeine Beſcheidenheit, und er fragte den jungen Gaſt, auf welche Weiſe Marie ihn verführt haͤtte. Verfuͤhrung iſt gar nicht dabei gewe⸗ ſen, antwortete Celeſtine. Wie, Ihr habt ſie alſo nicht geliebt? hob der Greis wieder an. Ja doch, ich hielt ſie fuͤr ein gutes Kind, ſie gab mir ſo oft Koͤrbchen voll Obſt. Nun denn? fiel der Greis ein. Celeſtine erzaͤhlte nun ganz umſtaͤnd⸗ lich alles, was zwiſchen ihr und Marien 51 in der Nacht, die ſie im Wirthshauſe zus gebracht hatte, vorgefallen war. Sie vergoß Thraͤnen bei dieſer Erzaͤhlung und wiederhohlte immer: Ich wußte nicht, was fuͤr Folgen das haben wuͤrde. Der Greis war geruͤhrt, und ſchon uͤberzeugt von ihrer Unſchuld fragte er ſie, als ſie ausgeredet hatte: Und weiter iſt nichts zwiſchen Euch und dem Maͤdchen vorge⸗ fallen? O Ihr wißt ja, antwortete Celeſtine, das war mehr als genug, mich ins Ver⸗ derben zu bringen. Aber wie habt Ihr's denn erfahren, daß Ihr Vater des Kindes ſeid? Durch unwiderlegliche Beweiſe; Ma⸗ rie iſt ſchwanger geworden, ſie hat vor 2* Gerichte erklaͤrt, daß ich Vater des ar⸗ men Kindes bin, und unſer Obere hat mir geſagt, dies waͤre die Frucht meiner Vertraulichkeiten mit ihr. Und euer Obere hat Euch nicht ge⸗ nauer nach allen Umſtaͤnden gefragt? Nein, das war ja unnuͤtz, erwiederte Celeſtine. Das Verbrechen war ja erwie⸗ ſen und ich mußte mich fuͤr ſchuldig er⸗ kennen. Der Greis war nun voͤllig von der Unſchuld des Bruders Celeſtin uͤberzeugt ſowohl durch die treue Erzaͤhlung deſſel⸗ ben, als durch die unnachahmliche Unbe⸗ fangenheit und Aufrichtigkeit, die in den Worten und in dem Geſichte ſeines Gaſtes ſich ausdruͤckten. Er umarmte Celeſtinen — 53 mit vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit. Ihr ſollt mich nicht verlaſſen, ſprach er zu ihm, und allesswicd ein gutes Ende nehmen. Von dieß im Augenblicke an, bewies der wackere Greis ſeinem Gaſte die innig⸗ ſte Zuneigung, und er faßte den Ent⸗ ſchluß, nach der Ruͤckkehr ſeines Sohnes ſelbſt nach Nitria zu reiſen, um alles, was er vermoͤchte, aufzubieten, die Un⸗ ſchuld des Angeklagten an den Tag zu bringen. Celeſtinen aber wollte er im Irrthum laſſen, bis alles aufgeklaͤrt waͤre. Eines Tages, als die Sommerhitze druͤckte, machte der Greis ſeinem Gaſte den Vorſchlag, ſich mit ihm in einem nahen Fluſſe abzukuͤhlen. Celeſtine hatte ſich noch nie gebadet, und als ſie ſich ins Waſſer ſtuͤrzte, war ſie ſo erſchrocken, daß ſie ſogleich wieder heraus gehen wollte. In dieſem Augenblicke aber oͤff⸗ nete ſich ihr Hemd, den jungfraͤulichen Buſen enthuͤllend, und mit der lebhaf⸗ teſten Ueberraſchung ſah der Greis, daß ſein lieber Gaſtkreund ein Mädchen war. Da er wußte, daß Celeſtine ſeit ihrem zweiten Jahre im Kloſter als Knabe war erzogen worden, ſo machte er den Schluß, daß ſie mit ihrem Ge⸗ ſchlechte eben ſo wenig bekannt waͤre, als die Moͤnche es geahnet hatten, und er ward in dieſer Meinung noch mehr be⸗ ſtaͤrkt, als er ſah, daß Celeſtine in dieſem Augenblicke nur Schamhaftigkeit, aber nicht die mindeſte Verwirrung verrieth, obgleich er ſie mit feſtem Blicke anſah⸗ —— — 55 Nach der Heimkehr eroͤffnete der Greis die uͤberraſchende Entdeckung ſeiner Frau. Celeſtine ward noch einmal ge⸗ fragt. Sie erzaͤhlte, ihr Vater haͤtte ihr verſprochen, in ihrem ſechzehnten Jahre ihr ein großes Geheimniß zu ent⸗ hüͤllen, aber er waͤre vor jener Zeit ploͤtz⸗ lich geſtorben. Der Greis errieth leicht dieſes Geheimniß und war tief geruͤhrt uͤber das Schickſal der unſchuldigen ſanf⸗ ten Buͤßerin. Er uͤberließ es ſeiner Frau, der Gaſtfreundin das Geheimniß zu ent⸗ decken, das ihr Vater mit ins Grab ge⸗ nommen. Wer vermoͤchte Celeſtinens Er⸗ ſtaunen zu ſchildern! Sie konnte ſich indeß nicht uͤberzeugen, daß ſie dem Kinde, welches ſie ſo zaͤrtlich liebte, ganz fremd waͤre. Wenn's wahr iſt, daß ich ein 56 Maͤdchen bin, ſagte ſie, koͤnnte ich denn nicht ſeine Mutter ſein? Ja, ich will es behalten, ſetzte ſie hinzu: man hat's mir gegeben, und es wuͤrde ungerecht ſein, wenn man es mir wieder nehmen wollte, weil ich unſchuldig bin. Man verſprach ihr, Mittel zu finden, ihre Waͤnſche zu befriedigen, und ſie willigte ein, weibliche Kleider anzulegen. Sie vertauſchte die rauhe Moͤnchskutte mit einem blendend weißen Leinwand⸗ kleide, und legte einen duͤnnen Schleier um ihr Haupt. In dieſem neuen Anzuge war ſie ſo ſchon, und man gab ihr ſo ſchmeichelnde Lobſpruͤche, daß ſie zum erſten Mahle in ihrem Leben mit einer Regung von Neugierde, und vielleicht — —— 57 ſchon einer Anwandlung von Eitelkeit, in einen Spiegel blickte. Sie wußte nun ja, daß es eine Art von Schoͤnheit, un⸗ abhaͤngig von Tugend und Vorzuͤgen der Seele giebt, die Wohlwollen und Be⸗ wunderung zu erwecken vermag. Sie war noch immer die beſcheidenſte, die offenherzigſte aller Jungfrauen ihres Al⸗ ters, aber doch nicht mehr die demuͤthige Celeſtine in der Wuͤſte. Am folgenden Tage kam Euſeb von Nitria zuruͤck. Er nahm die innigſte Theilnahme an Bruder Celeſtin, und eilte freudig herbei, um ihm ſeine guten Rachrichten mitzutheilen. Celeſtine war in ihrem Gemache, als er ankam. Sein Vater entdeckte ihm nicht, was vorgefal⸗ len war, um ihm eine angenehme Ueber⸗ raſchung zu bereiten. Celeſtin iſt unſchul⸗ dig, rief Euſeb, er iſt nicht des Kindes Vater. Das habe ich wohl vermuthet, ant⸗ wortete laͤchelnd der Greis. Ja, lieber Vater, hob der Juͤngling wieder an, ECeleſtin iſt ſchuldlos und voͤllig gerechtfertigt. Nun, und wie? Marie hat ihn verlaͤumdet, erwiederte Euſeb. Der gute Celeſtin hat nie den mindeſten vertrauten Umgang mit ihr ge⸗ habt. Mariens Vater iſt geſtorben, ſie hat das reiche Vermoͤgen geerbt, und nun ihren Geliebten, einen Kriegsmann, zuruͤckgerufen. Er iſt des Kindes Vater. — Nun, und weiter? Sie hat vor Gerichte alles entdeckt. Sie und der Kriegsmann wollten ihr Kind wiederhaben; man ſuchte es vergebens in Celeſtin's Grotte und Marie war ſehr bekuͤmmert uͤber die Abreiſe des jungen Kloſterbruders. Waͤhrend dies vorging, kam ich nach Nitria. Biſt du im Kloſter geweſen? fiel der Vater ein. Ja, antwortete Euſeb. Man weiß es, daß Celeſtin gerechtfertigt iſt. Alle bedauern ihn und wuͤrden ihn mit offnen Armen empfangen. Aber laßt uns ihn hier behalten, lieber Vater, er wird bei uns gluͤcklicher leben. Wo iſt er denn? 60 Welche Freude werden ihm meine guten Nachrichten machen! Der Greis ſtand laͤchelnd auf, und entfernte ſich, um Celeſtinen zu ſuchen. Sie trat herein. Als ſie den Juͤngling erblickte, machte die Roͤthe, welche ihre Wangen uͤberflog, ſie noch einmal ſo ſchoͤn. Euſeb, außer ſich vor Ueberra⸗ ſchung und Bewunderung, ſtand unbe⸗ weglich, ſeine Blicke auf ſie heftend. Man erklaͤrte ihm mit wenigen Worten, welche wunderbare Abenteuer ſie beſtanden hatte und wie durch ihre Unwiſſenheit und ihre offenherzige Unbefangenheit ihr ganzes Ungluͤck war herbei gefuͤhrt worden. Sanfte Thraͤnen floſſen uͤber des Juͤng⸗ lings Wangen, als er die Erzaͤhlung 61 hoͤrte. Holde Jungfrau! rief er, un⸗ ſchuldige reine Seele, wer koͤnnte dich mit Gleichguͤltigkeit anſehn... Er ſchwieg, zu heftig bewegt, um mehr ſagen zu koͤnnen. 3 Seine wackern Aeltern faßten den ge⸗ heimen Sinn ſeiner Worte, Sie liebten die Jungfrau, und wenige Tage nachher, als ſie Celeſtinens Geſinnungen einſtimmig mit ihren Wuͤnſchen fanden, knuͤpften ſie den Bund, den der Juͤngling ſo innig verlangte. Celeſtine wollte ſich von Lea nicht trennen, und ſelbſt die Richter in Nitria entſchieden, das Kind ſollte, bis es erwachſen waͤre, unter ſo wuͤrdiger Pflege bleiben. Nach ihrer Hochzeit wuͤnſchte Celeſtine, noch einmal ihre An⸗ 1 62 dacht in der Wuͤſte zu verrichten und Eu⸗ ſeb begleitete ſie auf dieſer Wallfahrt. Sie kniete vor ihrer Grotte nieder und ſuͤße Thraͤnen des Dankes vergießend, betete ſie zu dem Beſchuͤtzer der Unſchuld, und verſprach ihm, ſich ihres Gluͤckes durch die Ausuͤbung aller Tugenden einer Gattin und einer Mutter werth zu machen. Immer war ſie dieſem, ihrem Herzen ſo theuren, Geluͤbde treu, und genoß bis ans Ende ihres langen Lebens, alles Gluͤck, das man auf Erden finden kann. — Die Hirtinnen von Midian oder Moſeh's Jugend von der Frau von Genlis. — ———— Er ſtes Buch. — Es war eine dunkle Nacht und der Sturmwind jagte die ſchwarzen Wolken am Himmel, als der junge Moſeh, der ſchoͤnſte der Hebraͤer, kaum dem Juͤng⸗ lingsalter entwachſen, einem fremden un⸗ wirthlichen Lande entfloh. Aber waͤhrend er einem blutduͤrſtigen Tyrannen auswich, floſſen ſeine Thraͤnen bei dem Gedanken A 2 4 an ſeine Aeltern und ſein gedruͤcktes Volk. Seine Haͤnde waren noch roth gefaͤrbt von dem Blute eines grauſamen Aegy⸗ pters, an welchem er Einen ſeiner ge⸗ kraͤnkten Bruͤder geraͤchet hatte, und er ſuchte Pharao's Zorne zu entrinnen. In's Land Midian wollte er wandern; aber von dichter Finſterniß umgeben, ohne Wegweiſer, verloren in traurige Gedan⸗ ken, verfehlte er des Weges. Als er ei⸗ nige Stunden raſch voran gegangen war, hielt das Geraͤuſch ſtuͤrmiſcher Wellen ihn auf. Der Tag graute. Moſeh ſtand am ufer eines Fluſſes, und rings umher blin⸗ kend ſah er nirgend einen Weg, nirgend einen gebahnten Pfad. Er wandte ſich endlich nach Morgen, ließ die Weiden von Raemſes hinter ſich, und als er nach 5 einem langen Umwege uͤber ſteile Felſen geklimmt war, ſah er bald die duͤrren Ebenen von Etham. Der Verbannte, der geaͤchtete Fluͤchtling, ſuchte einen Zu⸗ ſluchtsort und fand nur unbekannte wilde Gegenden, unwirthbare Laudſtriche. Er ſetzte die beſchwerliche Wanderung einige Tage fort, und ſeine Muͤdigkeit ward bei der Unruhe, die ihn quaͤlte, deſio druͤcken⸗ der; er ging nicht mehr einem Ziele ent⸗ gegen, er irrte: hoffnungslos umher. Aber der Mann, welcher zum Befreier der He⸗ braer und zum Dolmetſcher des Hoͤchſten auserſehn war, konnte nicht umkommen, noch in der ſchrecklichen Einoͤde unrettbar ſich verlieren. Auf den Pfaden, welche der Zufall ihn fuͤhrte, rief die Vorſehung fri⸗ ſche Quellen und fruchtbeladene Dattelbaͤu⸗ 6 me hervor. Er durchwanderte alle Ge⸗ genden, die er einſt durch glaͤnzende Wun⸗ der verherrlichen ſollte, er zog durch die lachenden Wieſen von Elim, wo drei Pal⸗ menreihen, wie eine dreifache Krone, den gruͤnen Teppich umgeben und zwoͤlf ſpie⸗ gelreine Quellen ewige Kuͤhlung hauchen. Er verlor ſich in den brennenden Sand⸗ wuͤſten von Raphidim, und ruhte auf dem Horeb, dem beruͤhmten Felſen, der in der Folgezeit auf einen Schlag ſeiner maͤchti⸗ gen Hand ſich oͤffnete, und Stroͤme heil⸗ ſamen Waſſers ergoß, welche die Kinder Iſrael erfriſchten. Er ſtreifte laͤngs der Ebene, wo der furchtbare Amalek beſiegt ward, und kam endlich in die Wuͤſte Sinai. „ 6 Die Nacht breitete ſchon ihren weiten dunkeln Schleier uͤber die Wuͤſte. Moſeh folgte dem Laufe eines ungeſtuͤmen Stroms⸗ welcher vom Gipfel einer maͤchtigen Fel⸗ ſenwand ſich herab ſiuͤrzte und in einem Abgrunde ſich verlor, der von zerſtreuten Felſentruͤmmern gebildet ward. Brauſend ſtuͤrmten die Wellen uͤber den Abhang⸗ bald uͤber Kieſel rollend, bald uͤber Baum⸗ ſtaͤmme und Steinhaufen ſich waͤlzend⸗ und waͤhrend ſie ſich ſchaͤumend herab ſtuͤrzten, riß die Fluth alles, was ſie guf ihrem Wege fand, mit ſich fort. Da er⸗ hob ſich ploͤtzlich ein heftiger Wind, und wuͤthete ſo furchtbar in der Wuͤſte, als ob er hier entſtanden waͤre. Wie der Don⸗ ner fuhr er bruͤllend durch die Wolken, brach heulend aus Hoͤhlen und Felſen⸗ 83 8 ſchluchten hervor, und ſchien die Erde, von welcher Sandwirbel ſich erhoben, in Auf⸗ ruhr bringen zu wollen. Der Strom ſchwoll brauſend uͤber ſeine Ufer. Mitten unter dieſer allgemeinen Verwuͤſtung wollte Moſeh, ermuͤdet und wankend, einen Baumſtamm umfaſſen und waͤhrend des Sturms ſich veſthalten, aber bei dieſer Bewegung entfiel ſeiner Hand der knotige Stock, den er aus Memphis mitgebracht, der Strom ergriff dieſe einzige Stuͤtze des Fluͤchtliugs und ſchnell verſchwand ſie in den räuſchenden Fluthen. Wie groß war der Schmerz des jungen Hebraͤers! Nach einer, den Iſracliten theuren, Ueberliefe⸗ rung ward dieſer Stab, einſt ein Zweig des alten Terpentinbaumes im Thale Mamre, von dem heiligen Erzvater abge⸗ 9 ſchnitten von dem Baume, unter deſſen Schatten er oft ruhte. Abraham nahm jenen Zweig von dem Baume, haͤrtete ihn im Feuer, ſchnitzte ihn, kruͤmmte eines von den Enden deſſelben und machte einen Hirtenſtab daraus. Iſaak brauchte den Stah auf gleiche Weiſe; Jakob erhielt ihn von dieſem und in ſeiner Hand ward er ein Wanderſtab, auf welchen der ehrwuͤrdige Vater der zwoͤlf Staͤmme ſich ſtuͤtzte, als er Bethlehem und das Land Kanaan ver⸗ laſſen hatte, und von kindlicher Liebe ge⸗ fuͤhrt, an Pharao's Hofe erſchien. In der Folgezeit kam dieſer immer verehrte, immer ſorgfaͤltig aufbewahrte Stab zum Stamme Levi; Kahath empfing ihn von ſeinem Vater, und ließ ihn ſeinem Sohne Amram, von welchem Moſeh ihn in dem 10 Augenblicke der Trennung erhielt. Moſeh, untroͤſtlich uͤber ſeinen Verluſt, vergoß bittre Thraͤnen, und hielt dieſes Mißgeſchick fuͤr die Vorbedeutung groͤßerer Ungluͤcksfaͤlle. Der Sturm ward indeß ruhiger, die Nacht minder dunkel. Moſeh entfernte ſich von dem ungluͤckſeligen Ufer, und ſank endlich, von Muͤdigkeit und Kummer er⸗ ſchoͤpft, am Fuße eines Palmbaumes nie⸗ der. Ich habe alſo das einzige Erbgut verloren, ſprach er, das Gott den unter⸗ druͤckten Hebraͤern in der Dienſtbarkeit ge⸗ laſſen hat! Mein Vater uͤbergab es, als er meine Jugend nicht mehr leiten konnte, meinen Haͤnden, als eine Stuͤtze, die mich bei jedem Schritte an den geliebten Fuͤh⸗ rer meiner Kindheit erimern ſollte. Theu⸗ 11 res Unterpfand der vaͤterlichen Zaͤrtlichkeit, du wirſt den ungluͤcklichen Fluͤchtling auf ſeinen Irrwegen nicht mehr unterſtuͤtzen. Aber ach! wozu koͤnnteſt du mirr jetzt noch nuͤtzlich ſyn! Ich muß einſam in dieſer Wuͤſte umkommen. O wenn ich doch, wie Jakob, mit der Hoffnung ſterben koͤnnte, neben meinen Vaͤtern in der doppelten Hoͤhle in dem Gefilde von Ephron, im Lande Ka⸗ naan, begraben zu werden! Der gluͤck⸗ liche freie Jakob wohnte freiwillig im fruchtbaren Lande Goſen, und doch wollte er in dem Grabe ruhen, wo Abraham und Sara, Iſaak und Rebekka ſchliefen. Und ich, fern von den Meinigen, werde ohne den Segen meines Vaters ſterben; ich werde ſterben, ohne daß ich ein Vaterland gehabt habe, und nach dem unwirthlichen 92 —;:;E————————— 12 Lande, wo wir in Knechtſchaft leben, mich zuruͤck ſehnen; ich werde unbegraben liegen und meine Aſche wird mit dem Sande der Wuͤſte von dem Winde verwehet werden. Nur Taͤuſchungen alſo waren die ſtolzen Entwuͤrfe„ die in der Knechtſchaft meinen Muth aufrecht erhielten! Wie oft, wenn ich gedankenpoll und einſam an den Ufern des Nils wandelte, habe ich der Hoffnung mich uͤberlaſſen, die Kinder Iſraels einſt zu befreien! O Gott Abrahams und Ja⸗ kobs, was koͤnnte mein Leben fuͤr das Glaͤck deines Volkes ſeyn! Du haͤtteſt dieſen ſchwachen Arm bewaffnen Und ſieg⸗ reich machen konnen!.. Um den Stolz unſerer uͤbermuͤthigen Unterdruͤcker zu beu⸗ gen, kounteſt Du den verfolgten Sklaven, der deinem Geſetze treu iſt, mit Kraft und 13 Macht ausruͤſten; aber gewiß haſt Du zu dieſem großen Werke Einen meiner Bruͤder auserwaͤhlt, der wuͤrdiger iſt, es auszu⸗ fuͤhren. Ja, Du wirſt dein Wort erfuͤl⸗ len, Du wirſt Iſraels Ketten zerbrechen. Du haſt es ja geſagt, ewige Weisheit, unwandelbar maͤchtiger Beſchuͤtzer, Du haſt es geſagt: unſer Geſchlecht wird ver⸗ mehrt werden, wie die Sterne am Him⸗ mel, wie der Sand am Meere, und unſre Nachkommen werden die Staͤdte ihrer Feinde beſitzen... Wie hart auch mein Schickſal ſey, ich kann in Frieden ſterben. Nach dieſen Worten lehnte Moſeh ſein Haupt an den Stamm des Palmbaumes und ſank in tiefen Schlaf. Da trat ein weiſſagender Traum vor ſeine Seele und 14 zeigte ihm ſeine kuͤnftige Groͤße.„Es ſenkte ſich vom Himmel eine helle Wolke, deren Glanz den Purpur von Tyrus und den Topas des Morgenlandes uͤberſtrahlte; ſie war durchſichtiger und leichter als der Ne⸗ belduft, den die Morgenroͤthe an den erſten ſchoͤnen Fruͤhlingstagen von feuchten Wie⸗ ſen empor zieht. Der leuchtende Bogen des Höchſten, das gluͤckverkuͤndende Zei⸗ chen der Erbarmung und des Friedens, bildete um dieſe Wolke einen ſtrahlenden Farbenkreis, und trug eine glaͤnzende durch⸗ ſichtige Geſtalt. So wuͤrde ein gefaͤrbtes Alabaſterbild durch die Strahlen der Sonne erſcheinen, wenn menſchliche Kunſt den Farbenglanz und die Schoͤnheit himmli⸗ ſcher Weſen nachbilden koͤnnte. Es war der Engel des Herrn, der einſt in die Einoͤden von Pharan und Berſaba geſandt ward, um Hagar zu troͤſten. Er entfal⸗ tete ſeine goldnen blauen Fluͤgel, und eu Moſeh tretend, uͤberreichte er ihm einen gruͤnen Zweig. Klage nicht mehr, ſprach er, um Abraham's Hirtenſtab, dieſe Pal⸗ me wird in deiner Hand der Schrecken der Tyrannen und ein Gegenſtand des Stau⸗ nens der Voͤlker werden. Er ſprach's, und ſich erhebend zu dem blauen Himmelsgewoͤlbe, ließ er einen Lichtſtreif hinter ſich, der mit den Farben des Opals ſpielte; es ſchien, als ob der Regenbogen dieſe glaͤnzende Bahn gebildet haͤtte. Da zeigte ſich ein neues Wunder den Blicken des jungen Iſraeliten. Er ſah einen leuchtenden Buſch. Flammen wall⸗ 16 ten aus allen Zweigen und erleuchteten Blaͤtter und Blumen, ohne ſie zu verzeh⸗ ren. Von heiligem Schauder ergriffen, enteilt Moſeh in ſtiller Flucht. Da ſteht er ſtill am Geſtade eines unruhigen Mee⸗ res; aber die Fluthen, die vor ſeinen Fuͤ⸗ ßen ſich brechen, weichen zuruͤck und ent⸗ bloͤßen einen glaͤnzenden leichten Sand; die Wogen trennen ſich, waͤlzen ſich uͤber einander und prachtvoll ſich erhebend bil⸗ den ſie auf beiden Seiten des wunderba⸗ ren Pfades unbewegliche Kriſtallmauern. Moſeh geht mitten durch den wunderbaren Pfad zwiſchen aufgehaͤuften veſten Wo⸗ gen... Er kam in eine wilde Einoͤde. Es leitete ihn eine Feuerſaͤule, die auf der Erde ruhte und hinauf zum Himmel reich⸗ te, den ſie zu tragen ſchien; die groͤßten 17 Waldbaͤume, die Kiefer, die Eiche, die Zeder, erſchienen neben der gewaltigen beweglichen Saͤule nur wie kleine Buͤſche. Endlich hatte Moſeh das Ziel der wun⸗ derbaren Reiſe erreicht, die Feuerſaͤule verſchwand. Da erhob ſich das Rollen des Donners und der Schall kriegeriſcher Trommeten; zuckende Blicke, raſch auf einander folgend, ſchienen die Gipfel des heiligen Berges zu entzuͤnden, und ver⸗ breiteten einen blendenden Glanz in der unermeßlichen Wuͤſte. Ploͤtzlich wurden himmliſche Stimmen laut und der Wie⸗ derhall ſprach uͤberall die heiligen Worte nach: Ich will dem Herrn ſingen, denn er hat eine herrliche That gethan... — Der Herr iſt der rechte Kriegsmann; Herr iſt ſein Nahme... Wer iſt Dir 8 B 18 gleich unter den Goͤttern? Wer iſt Dir gleich, der ſo maͤchtig, heilig, ſchrecklich, loͤblich und wunderthaͤtig ſey? Der Herx iſt meine Staͤrke und mein Lobgeſang, und iſt mein Heil...*) a Bei dem erſten Scheine des Tages erwachte Moſeh und warf ſich beſtuͤrzt zur Erde nieder. Als er zu dem Herrn gebetet hatte, erhob er ſich voll Vertrauen und Muth. Er ſah neben ſich auf dem Sande einen Palmenzweig liegen, und er⸗ griff ihn zitternd, mit frommen Entzuͤcken. Nein, ſprach er, dieſen Palmenzweig hat der Sturmwind nicht abgeriſſen; ich er⸗ 8 4 4 *) 2 Buch Moſeh, Kap. 15. 19 kenne ihn wieder, in dem gluͤcklichen, ent⸗ zuͤckenden Traum habe ich ihn geſehen. Der Engel, der Bote des Herrn, hielt ihn in ſeiner Hand; er iſt ein Geſchenk des Himmels, und dieſer Zweig, ſo ſchwach er erſcheint, ſoll fortan meine Kraft und Hoffnung ſeyn, er ſoll mich nicht verlaſ⸗ ſen, er ſoll Iſrael erloͤſen. Nach dieſen Worten wandte er ſich um, und ſah den Berg Sinai vor ſich. Er ſtand unbeweglich bei dieſem Anblicke. Der Geiſt Gottes erfuͤllte ſeine Seele mit heiligem Schauder, mit Staunen und Bewunderung; er ahnete die Wunder, wovon er eines Tages ein gluͤcklicher Zeuge ſeyn ſollte. Seine Seele konnte die Wun⸗ der nicht faſſen, die er vor ſich ſah; ſeine B 2 20 Gedanken geriethen in Verwirrung; uͤber⸗ all ſah er die Majeſtaͤt Gottes in der endloſen Wuͤſte und beugte ſich vor der Allmacht des Unendlichen. Nach einigen Augenblicken ſtummer Betrachtung konnte ſein ſterbliches Auge den wunderbaren Licht⸗ glanz nicht mehr ertragen, und ſein Ge⸗ ſicht verhuͤllend ſank er zur Erde. Rings umher am Himmelsrande wa⸗ ren große Wolkenmaſſen aufgehaͤuft, und nur auf der hoͤchſten Spitze des Him⸗ melsgewoͤlbes, die auf dem Sinai lag, war es licht und hell. Den Gipfel des furchtbaren Berges kroͤnte ein alter Oehl⸗ baum, deſſen ausgeſtreckte laubige Zweige die Wolken verdraͤngt zu haben ſchienen, um ſich frei bis zum Himmel zu erheben. 21 Wenn das Auge ſeine maͤchtige Hoͤhe er⸗ maß, ſo konnte man glauben, daß es ein Zweig von dieſem praͤchtigen Oehlbaume geweſen, den nach der Suͤndfluth die Taube in die Arche des Gerechten zuruͤck⸗ brachte, der mit den Seinigen den Un⸗ tergang des Menſchengeſchlechts uͤberlebt hatte. Nach langer Verzuͤckung fand Moſeh endlich Worte, um ſeine Stimme mit den himmliſchen Stimmen zu vereinigen, die er noch immer zu hoͤren glaubte. Er wiederholte begeiſtert die himmliſchen Ge⸗ ſaͤnge; darauf ſetzte er ſeinen Weg fort, und von dem Geiſte des Allmaͤchtigen geleitet, zog er durch die Ebene von 22 Pharan, ließ die Wuͤſte hinter ſich, und als er endlich den rechten Weg gefun⸗ den, kam er gluͤcklich ins Land Mi⸗ 1 dian. B uſch. Zweites Moſeh betrat nicht ohne Uuruhe eine Gegend, deren Bewohner die Hebraͤer haßten, wie ſehr auch die gluͤckliche Ah⸗ nung ſeiner hohen Beſtimmung die Seelo ihm erhoben. Beide Voͤlker waren von einem Stamme; aber der kriegeriſche Mi⸗ dian, Abraham's und Ketura Sohn, uͤber⸗ lieferte ſeinen Nachkommen den Haß des enterbten Kindes. Die Midianiten, aus⸗ geſchloſſen von dem goͤttlichen Bunde und dem glorreichen Erbtheile, das Sarg's Kindern verſprochen war, ſahen in den ———— — õö———————— 4—— Iſraeliten nur Feinde, nicht Bruͤder. Zwar waren ſie der Lehre von einem ein⸗ zigen Gotte treu geblieben, und hatten ihm zu Ehren Tempel in der Stadt Mi⸗ dian errichtet, aber der Gotzendienſt des Phegor hatte ſich unter ſie eingeſchlichen, ihre Sitten verderbt und ihr Gemuͤth furcht⸗ bar verwildert. Die heiligen Geſetze der Gaſtfreundſchaft mußten indeß den Fluͤcht⸗ ling beruhigen, der allein, bittend und un⸗ bewaffnet, ſie anſprach.. Die Morgenroͤthe hatte kaum den Schleier der Nacht aufgehoben, als Mo⸗ ſeh in eine Wuͤſte kam, die von ſchatti⸗ gen Huͤgeln umgeben war, nicht weit von der Stadt Madian. Er ſetzte ſich unter einen Maſtirbaum, etwa hundert Schritte . 27 von einem Brunnen, um welchen ſteinerne Rinnen und Traͤnken fuͤr die Kamehle und Heerden, die in der Naͤhe weideten, errich⸗ tet waren. Schon fingen die Voͤgel an, den jungen Tag mit ſchwachem oft unter⸗ brochenem Geſange zu begruͤßen; ſchon konnte der Blick in die Ferne ſchreiten, wo er tauſend neue Gegenſtaͤnde, Baum⸗ gaͤrten und Huͤtten entdeckte; und ſchon ſah man aus ihren laͤndlichen Huͤtten die Hir⸗ ten herbor kommen„ welche ſich kaum dem erquickenden Schlummer entwunden hat⸗ ten, und ſchon muͤde vor der Arbeit, ſchwerfaͤllig voran gingen. Von allen Sei⸗ ten nahm das Geraͤuſch mit dem heller anbrechenden Tageslichte zu; das Bloͤcken der Laͤmmer, das Gebruͤll der jungen Kuh ward von dem Wiederhalle wiederholt, aber 28 des Menſchen herrſchende Stimme ſchien auf Augenblicke den Thieren Schweigen aufzulegen und maͤchtig der ganzen Natur zu gebieten. Alles regte ſich in den Ge⸗ filden, alles erwachte zu neuem Leben. Da uͤberraſchte den jungen Iſraeliten ein anziehender Anblick. Sieben bluͤhende Hir⸗ tinnen weideten eine Schafherde auf dem Gipfel eines Huͤgels. Langſam ſtiegen ſie die Anhoͤhe hinab, und naͤherten ſich dem Fremdlinge. Zarte Blumen, von einer treu pflegenden Hand gegen Stuͤrme ge⸗ ſchuͤtzt! Ihre gleiche Tracht, ihr unglei⸗ cher Wuchs verriethen, daß ſie Schweſtern waren, und ihre blendend weiße Haut, ihre feinen Gewaͤnder, ihre ſchoͤne Heerde, ſchienen anzudeuten, daß ſie die Toͤchter eines Fuͤrſten, oder eines Maͤchtigen im G 29 Lande waren. Als ſie in die Ebene kamen, blieben ſie ſtehen, um einige Schafe zu er⸗ warten, die noch auf dem Huͤgel verweil⸗ ten. Moſeh bewunderte ihre jungfraͤuliche Anmuth, ihre friſchen Reize, und die Aehn⸗ lichkeit, wodurch ſie auffielen. Zipora aber, die Aelteſte, zeichnete ſich unter ihren Schweſtern durch Schoͤnheit und herrli⸗ chen Wuchs aus. Seit ihrer Geburt hatte der Fruͤhling ſiebzehn Mahl den Gipfel des Horeb mit neuem Gruͤn bekleidet. Ihre Schoͤnheit hatte ſchon die Vollendung er⸗ reicht, welche ihrer Schweſtern juͤngere Reize noch hoffen ließen. So traͤgt ein Roſenſtock in den erſten Sommertagen viele halb geoͤffnete Knospen, aber nur eine ganz aufgeſchloſſene Blume. 8 Als der Hund, der treue Heerdenhuͤ⸗ ter, durch der Hirtinnen ſanfte Stimme gereitzt, ſchnell um den Huͤgel gelaufen war und alle Schafe verſammelt hatte, legte er ſich keuchend zu den Fuͤßen der Ge⸗ bieterinn, als haͤtte er ſeinen Lohn begeh⸗ ren wollen. Zipora liebkoſete ihn laͤchelnd und zog darauf mit ihren Schweſtern wei⸗ ter. Sie wanderten in der Ebene voran, aber langſamen Schritts, um die Heerde weiden zu laſſen auf dem gruͤnen Teppich, der noch vom Morgenthaue glaͤnzte. Zi⸗ pora hielt eine Spindel, und ſpann eine Wolle, die weißer war, als die ſchaͤumen⸗ den Wogen des Seir, und die aͤlteſten ih⸗ rer Schweſtern trugen leichte Eimer von koͤſtlichem Setimholze. So naͤherten ſie ſich dem Brunnen, dem Ziele ihrer Wan⸗ derung, immer mit Geſpraͤchen ſich unter⸗ haltend, und oft redeten alle auf einmahl mit der unſchuldigen Froͤhlichkeit der Ju⸗ gend. Da erblickten ſie ploͤtzlich den jun⸗ gen Hebraͤer, der zwanzig Schritte von ihnen ſaß. Das unbefangene Gelaͤchter hoͤrte auf, ihre Stimmen waren nicht mehr laͤrmend, man hoͤrte nur einige leiſe und ſchuͤchtern ausgeſprochene Worte. Zipora legte ihre Spindel auf einen Stein und nahm aus Therſa's Haͤnden einen Eimer, den ſie an das Seil des Brunnens beve⸗ ſtigte. Der leere Eimer, leicht wie ein Weidenkorb, fuhr laͤrmend hinab und ſchlug ſchwankend an die innere Stein⸗ wand des Brunnens. Aber als er ſich angefuͤllt hatte, konnte Zipora nicht ohne Anſtrengung ihn hinauf ziehen. Ihre zar⸗ ten Haͤnde umfaßten veſt das Seil, ihr ſchlanker Leib, geſchmeidiger als Binſen, die der Wind bewegt, folgte anmuthig den wechſelnden Bewegungen der Arme; wie ein Schilfrohr am Ufer eines hellen Ba⸗ ches ſauft dem Hauche eines launiſchen Zephirs nachgibt und bald ſich demuͤthig auf das Waſſer herab neigt, bald ſtolz ſich wieder erhebt, ſo ſtand auch Zipora bald aufrecht, die Arme uͤber ihr Haupt erhe⸗ bend, und bald beugte ſie ſich uͤber den Rand des Brunnens. Dann goß ſie das Waſſer in die Rinne, die ſchon von ihrer Heerde umringt war. In dieſem Augenblicke erblickte ein Hau⸗ fen roher Hirten von dem Gipſel eines nahen Berges die Jungfrauen am Brun⸗ nen. 33 nen. Der wilde rauhe Ithamar, ein Feind des Gottes Iſrael, ein Anbeter Phegor's, war an ihrer Spitze, und reizte ſeine wilden Gefaͤhrten, in die Ebene herab zu ſteigen. Da ſind die Toͤchter des ſtoͤr⸗ riſchen Jethro, ſprach er, der dem Gotte, welcher unſre Vaͤter verſtieß, als Prieſter dient. Wir koͤnnen uns raͤchen fuͤr dieſe ſtolze Verſchmaͤhung; die Gelegenheit iſt guͤnſtig; wir wollen uͤber ſie herfallen. Nach dieſen Worten verließ er die Heerde, und flog mit den Hirten in die Ebene hinab, wie hungrige Geier ploͤtzlich auf zarte Tauben herabſchießen, die an den Ufern des Merom, oder in den Ebe⸗ nen von Hasmona ſpielen. Die kuͤhne Schaar eilte mit Blitzesſchnelle den Berg G 34 hinab, und war bald mitten unter den erſchrockenen Hirtinnen. Vergebens woll⸗ ten die Maͤdchen entfliehen, die kraͤftigen Arme der Maͤnner umſchloſſen ſie, wie unuͤberſteigliche Schranken. Ithamar um⸗ faßte die zitternde Zipora. Das Angſtge⸗ ſchrei der Hirtinn ſchallte weit umher durch das Thal. Schon wollte Ithamar ſeine Beute entfuͤhren, als eine gewaltige Hand ihn ploͤtzlich aufhielt, die Hirtinn losmachte und ihn zu Boden warf. Es war Moſeh, immer bereit, dem ſchwachen Bedraͤngten Beiſtand zu bringen. Die Hirtinnen flohen, aber ſo erſchrocken Zi⸗ pora war, ſie hielt ihre Schweſtern auf, als ſie ſich hundert Schritte weit entfernt hatten; ſie glaubte ihren Befreier der Ge⸗ walt ſeiner Feinde Preis zu geben, wenn 8 35 ſie in dieſem Augenblicke die Ebene ver⸗ laſſen wollten. Auf Therſa, ihre geliebte Schweſter, ſich ſtuͤtzend, blieb ſie ſtehen, und betete mit Inbrunſt fuͤr den edelmuͤ⸗ thigen Fremdling. Wuͤthend hatte Itha⸗ mar ſich wieder aufgerichtet, und reizte die Hirten, den kuͤhnen Juͤngling anzu⸗ greifen. Moſeh ſtellte ſich dicht an den Brunnen, um ſich gegen einen Angriff von hinten zu ſichern. Seine drohende Stellung machte die Hirten furchtſam; aber endlich wagte es Einer von ihnen, mit einer Keule bewaffnet, ſich ihm zu naͤhern. Moſeh ergriff ihn, entriß ihm die Keule und mit einer Hand ihn aufhe⸗ bend, hielt er ihn uͤber den Brunnen. Elender! ſprach er, ich koͤnnte Dich hinab ſtuͤrzen, aber ich verſchmaͤhe einen ſo leich⸗ C 2 36 ten Sieg. Gehe hin zu deinen Gefaͤhr⸗ ten; ich fodre Euch Alle heraus, und dieſe Keule bewahre ich auf als ein Zeugniß eurer Schwaͤche und eurer Feigheit. Ich will ſie nicht brauchen, denn der Palm⸗ zweig, den ich in der Hand halte, iſt al⸗ lein genug, Euch zu erſchrecken. Kommt, wenn Ihr Muth habt; den Erſten, der ſo kuͤhn war, mich anzugreifen, habe ich geſchont, aber alle Uebrigen will ich auf⸗ opfern. Kommt, dieſer Brunnen, wo Ihr die Unſchuld beleidigt habt, ſoll euer Grab werden. Nach dieſen Worten ließ er den Hir⸗ ten los, dem er die Keule geraubt hatte. Von gleichem Schrecken ergriffen ſtuͤrzten Alle uͤber einander her, um eilig zu ent⸗ fliehen, und riefen laut, es waͤre eine Zaubergewalt in dem gruͤnen Zweige, den der Fremdling in der Hand hielt. Itha⸗ mar folgte ihnen; aber er hatte eine Schleuder und ſann auf Rache. Als er funfzig Schritte weit war, nahm er aus ſeinem Guͤrtel einen ſcharfen Kieſel, den er ſtets bei ſich trug, und ſchleuderte ihn auf Moſeh. Da erhob ſich ein lauter Schrei. Es war Zipora, die ihren Schmerz ausdruͤck⸗ te, als ſie den Stein aus der Schleuder fliegen ſah, welcher, von einem zitternden Arme geworfen, neben Moſeh niederfiel und ihn nur leicht am Fuße verwundete. Moſeh hob den Kieſel auf, und ſchickte mit ſolcher Kraft ihn zuruͤck, daß der „ 38 Wurf Ithamars Schulter zerſchmetterte. Der Verwundete ſtuͤrzte nieder, aber die Hirten trugen ihn hinweg und verſchwan⸗ den im nahen Walde. Zipora dankte dem Himmel und lebte wieder auf. Die Hir⸗ tinnen riefen ihren Hund und ihre Schafe, und kehrten mit der ganzen Heerde zu ih⸗ rem Vater ziruͤck, deſſen Wohnung nicht weit entfernt war. Der ehrwuͤrdige Jethro ward beſtuͤrzt, als er ſie bleich und angſtvoll, fruͤher als gewoͤhnlich, zuruͤck kommen ſah, und fragte ſie unruhig. Zipora gab ihren Schweſtern einen Wink, zu ſchweigen; ſie wollte alles erzaͤhlen. Wer haͤtte auch beſſer, als ſie, die wunderbaren Thaten des jungen Fremd⸗ 39 lings ſchildern koͤmnen! Sie hatte ihm mit ſo lebhafter Theilnahme zugeſehn. Warum habt Ihr den Fremdling nicht hierher gefuͤhrt? ſprach Jethro, als ſie er⸗ zaͤhlt hatte. Geht ſchnell und holt ihn. Die Hirtinnen kehrten darauf eilig ins Thal zuruͤck. Zipora lief voran. Therſa und Janae folgten ihr, aber die andern Schweſtern, juͤnger und minder geuͤbt im Laufe, blieben weit hinter ihnen zuruͤck. Als Zipora ſich dem Brunnen naͤherte, hielt Moſeh auf ſeinem Schooße ein Lamm, das im Getuͤmmel des Kampfes war getreten worden und die Heerde nicht wieder hatte einholen köͤnnen. Geruͤhrt nahm Zipora das verwundete Laͤmmchen in die Arme, 1 40 druͤckte es zaͤrtlich an ihre Bruſt, und lud den Fremdling ein, die Huͤtte ihres Vaters zu beſuchen, des Prieſters im Lande Mi⸗ dian. Moſeh folgte mit Freude. Jethro kam ihm entgegen, und geleitete ſelber in ſeine Huͤtte den Fremdling, welchen er fuͤr einen Aegypter hielt, weil des Juͤng⸗ lings Tracht und Sprache verriethen, daß er in Memphis geboren war. Der Prieſter aber wollte keine Frage an den Gaſt richten, ehe alle Pflichten der Gaſtfreundſchaft gegen ihn erfuͤllt waren. Zipora und Therſa goſſen Waſſer in ein großes ſilbernes Becken, das ſie vor Mo⸗ ſeh's Fuͤßen niederſetzten, und als Zipora ihm die Schuhriemen aufloͤſete, ſah ſie, daß ſein Fuß blutig und verwundet war. 41 Um ihretwillen hatte er den Schleuderwurf erhalten! Sie rief die junge Zelpha her⸗ bei, ließ ſich Milch bringen, um die Wun⸗ de zu waſchen, und als ſie das Blut ſanft abtrocknete, fielen ihre Thraͤnen auf die Wunde. Aza, Zethlis und Kozbi bereiteten in⸗ deß einen Tiſch von glaͤnzendem Oehlbaum⸗ holze, waͤhrend Jange zwei Maß Mehl mit Honig von Segor und dem reinſten Oehle mengte, und einen Teig daraus knetete, den ſie unter heißer Aſche buk. Der Tiſch war bald bedeckt mit Kuchen, Milch und Obſte. Jethro aber fuͤllte ſei⸗ nen goldnen Becher mit dem koͤſtlichen Wei⸗ ne, der auf den Huͤgeln von Engaddi ge⸗ wachſen war, reichte ihn dem Gaſte mit 3 4 42 3 der Einladung, ſich zum Mahle zu ſetzen. Waͤhrend ſie ſich labten, ſprachen ſie nur von Moſeh's Kampfe mit den Hirten. Ich kenne den finſtern Ithamar, hob Jethro an. Er iſt der Sohn eines Fuͤrſten in Midian, der maͤchtig durch Reichthum und zahlloſe Diener und Heerden iſt. Den Altar des Gottes Abrahams, des Gottes, dem ich diene, hat er verlaſſen und bringt ſeine Opfer im Tempel der Goͤtzen. Er haſſet mich ſchon lange, aber es gibt in Midian noch treue Anbeter des einigen Gottes, und ſelbſt das ganze Volk nimmt Theil an un⸗ ſerm feierlichen Gottesdienſte, deſſen Pracht und Unſchuld ihm gefallen, waͤhrend die Anbeter des Phegor ihre finſtern Gebraͤuche im Schatten der Nacht vollziehen. Dieſe unheiligen Opfer, die oft mit Menſchen⸗ 43 blut befleckt werden, haben keine andern Zeugen, als Menſchen, die ſeit ihrer fruͤ⸗ hen Jugend in dieſe abſcheulichen Geheim⸗ niſſe eingeweiht ſind. So unterhielt ſich Jethro, der Prieſter, mit Moſeh, der ihm mit beſcheidenem Schweigen zuhoͤrte. Nach dem Mahle fragte Jethro endlich ſeinen Gaſt, was ihn nach Midian gefuͤhrt, und warum er, ſo jung noch, ſein Vaterland Aegypten verlaſſen haͤtte. Ich bin in Memphis geboren, antwor⸗ tete Moſeh, aber die Aegypter ſind fuͤr mein Volk und fuͤr mich nur unbarmher⸗ zige Gebieter. Ich komme, hier eine Zuflucht zu ſuchen. Ich bete den Gott 4 44* an, dem du dieneſt, ich bin ein He⸗ braͤer. Staunen mahlte ſich in Jethro's Zuͤ⸗ gen, als er dieſe Worte vernahm. Ewige Vorſehung! rief er aus, ein Kind Sara's will Zuflucht ſuchen bei einem von Hagar's Kindern! Ja, Du ſiehſt in mir ei⸗ nen Abkoͤmmling Ismaels, der mit ſeiner Mutter durch Abrahams erſtes Weib aus dem vaͤterlichen Zelte vertrieben ward, des ungluͤcklichen Ismael, der keine Heimath, als die Wuͤſte, keine Guͤter, als Bogen und Pfeile hatte, und doch, wie Gott ver⸗ heißen, das Haupt eines großen Volkes ward. Aber ſey unbeſorgt, Sohn Iſraels, ich will die Hoffnung eines Fluͤchtlings und eines Flehenden nicht taͤuſchen. Wenn Du 45 auch nicht der Retter meiner Toͤchter woͤ⸗ reſt, ſo wuͤrde ich in Dir nur den Abkoͤmm⸗ ling unſers gemeinſchaftlichen Vaters er⸗ blicken. Bleibe bei uns, ich will Dir Va⸗ ter ſeyn. Ich muß Dich gegen Ithamar's Rache ſchuͤtzen; ſein Haß wird ſteigen, wenn dein Urſprung ihm bekannt wird, aber ich habe die Gunſt des Volks und ich will die heiligen Rechte der Gaſtfreundſchaft fuͤr Dich geltend machen. Moſeh vernahm mit bewegtem Herzen die Worte des ehrwuͤrdigen Mannes, und mit ſtiller Freude empfing er das Verſpre⸗ chen, daß Zipora's Vater auch ihm Vater ſeyn wollte. Gegen Abend fuͤhrte Jethro den Gaſt in den Garten, den er mit eige⸗ nen Haͤnden pflegte. Als ſie ringsum ge⸗ 7 35 46 gangen waren, ſetzte ſich Jethro mit ſeinen Toͤchtern auf eine runde Bank unter ein Laubdach. Zipora und ihre Schweſtern nahmen ihre Spindeln und ſpannen. Mo⸗ ſeh ſetzte ſich ihnen gegenuͤber auf eine Moosbank unter dem Schatten eines Maulbeerfeigenbaumes, und als Jethro ihn bat, ſeine Geſchichte zu erzaͤhlen, war er bereit, den Wunſch des freundlichen Wirthes zu erfuͤllen. Gluͤcklich ein Volk, das ein maͤchtiger großherziger Fuͤrſt, ein Freund der Geſetze und der Menſchen, beherrſcht, ein Fuͤrſt, furchtbar in den Schlachten und großmü⸗ thig nach dem Siege, und maͤchtig ge⸗ nug, um der Beſchuͤtzer und der Vater der uͤberwundenen Voͤlker zu werden! Aber es iſt hart, einem harten Gebieter zu ge⸗ horchen, der den wahren Ruhm nicht kennt, der die Kraft nur zum Drucke, die Macht nur zum Zerſtoren braucht, der auf Truͤmmern ſich erhebt und ſtolz wird / D 4 50 auf ſeine falſche Groͤße, wenn er ſich ver⸗ gleicht mit den elenden Sklaven, die ihm dienen, mit den beſiegten, wehrloſen Fein⸗ den, die er unterdruͤckt und demuͤthigt. So iſt Pharao, der Koͤnig von Aegypten. O wer koͤnnte jetzt in den herabgewuͤrdig⸗ ten Hebraͤern die Abkoͤmmlinge des einſt ſo bluͤhenden Geſchlechts erkennen, das in dem gluͤcklichen Lande Goſen ſich nieder⸗ ließ, und mit Ruhme umgeben, und von einem dankbaren Koͤnige mit Ehre belohnt ward. Jakobs und Joſephs Kinder, mit harter Arbeit belaſtet, erheben jetzt verge⸗ bens zu dem Gott Abrahams ihre Haͤnde, welche im Skllavendienſte ermattet ſind. Der Herr iſt taub gegen ſein Volk, deſſen lautes Murren, deſſen Undankbarkeit er gerecht beſtraft. 51 Aber wunderbar fuͤgt es die Vorſe⸗ hung, daß die Tyrannen, die alles unter⸗ jochen wollen, eine zu große Anzahl von Sklaven fuͤrchten muͤſſen. Als Pharao das Geſchlecht der Kinder Jakobs mit je⸗ dem Tage wachſen ſah, ſprach er zu den Erſten ſeines Volkes: Unterdruͤckt ſie mit Liſt, daß ihrer nicht zu viele werden; denn wenn ein Krieg entſtaͤnde, moͤchten ſie ſich zu unſern Feinden ſchlagen, wider uns ſtreiten und dann aus dem Lande ziehn. Und dieſer Koͤnig, dem Liſt ſo viel als Unterdruͤckung heißt, hat Aufſeher der Arbeiten angeordnet, welche die Hebraͤer mit unertraͤglichen Beſchwerden belaſten. Aber Gott, der ſein Volk nur zuͤchtigen, nicht ausrotten wollte, vermehrte es bei aller Unterdruͤckung und Knechtſchaft, die 9 4 D 2 52² es erdulden mußte, ſichtbar auf wunder⸗ bare Weiſe. Pharao's bange Beſorgniſſe ſtiegen nun auf's hoͤchſte, und ſeine Schreckniſſe er⸗ weckten einen furchtbaren Zerſtoͤrungsge⸗ danken. Um den Stamm eines ungluͤck⸗ lichen Geſchlechts zu vertilgen, wollte er ihn an der Wurzel angreifen und alle Sproͤßlinge abſchneiden; die Hoffnung dem Mutterherzen entreiſſend, und einen Traner⸗ flor uͤber die Wiegen der Kinder Abra⸗ hams breitend, ſuchte er ſeine Opfer ſelbſt im muͤtterlichen Schooße, und waͤhrend er die Zelte Iſraels durch ruchloſe Verletzung der heiligſten Naturgeſetze mit Schrecken erfuͤllte, ſtoͤrte er das Freudengefuͤhl der gluͤcklich entbundenen Muͤtter durch Mord 8 N N8 53 und Trauer. Das erſte Lebenszeichen ſollte das Zeichen des Todes ſeyn, und dem erſten Schrei der Unſchuld ſchnell der letzte Seufzer des Todeskampfes folgen. Dieſe granſamen Befehle wurden nicht vollzogen; die Wehmuͤtter in Memphis, welche ſie erhielten, fanden in frommer Gottesfurcht Mittel, Pharao zu taͤuſchen und die Kinder zu retten. Da befahl der grauſame Koͤnig, die ungluͤcklichen Kinder in den Nil zu werfen. Von ſeinem thoͤ⸗ richten Stolze und ſeiner Wuth verblen⸗ det, vergaß er ſelbſt ſein Mißtrauen, und glaubte, uͤberall Gehorſam gefunden zu haben. In jenen ungluͤckſeligen Tagen ward ich geborep. Mein Vater, der weiſe Am⸗ 54 ram, der Sohn Kahath's, vom Stamme Lebi, hatte ſchon zwei Kinder. Mit Ein⸗ ſtimmung ſeines Weibes Jochebed verbarg er mich einige Zeit; als er aber vernahm, daß verhaßte Soͤldlinge bald ſtrenge Nach⸗ forſchungen bei allen Hebraͤern machen ſollten, faßten meine Aeltern den Ent⸗ ſchluß, mich auf den Nil auszuſetzen. So hoch war die Noth geſtiegen, daß dieſe grauſame Aufopferung der einzige Beweis und die letzte Aeußerung des Muthes der muͤtterlichen Liebe war. Die kummervolle Mutter machte einen Binſenkorb, den ſie mit Pech uͤberzog, zu meiner Wiege, bedeckte mich mit einem weißen Schleier, und von meiner Schwe⸗ ſter Mirjam, ihrem aͤlteſten Kinde, be⸗ N X 55 gleitet, trug ſie mich vor Tagesanbruche ans Ufer des Nils. Als ſie den Fluß er⸗ reichte, erwachten die erſten Strahlen der Morgenroͤthe. Da blickte ſie durch ihre Thraͤuen auf die Wellen des Stroms, die der Sturm ſo oft empoͤrt, ſetzte den Korb in das dichte Schilfrohr, deſſen Wurzeln die Fluth beſpuͤlte, und niederknieend er⸗ hob ſie Haͤnde und Augen gen Himmel. Gott Abrahams! ſprach ſie, Nichter der Menſchen! Du ſiehſt, wie elend mich der Wuͤtherich macht, der uns unterdruͤckt. O Beſchuͤtzer der Unſchuld, laß das Schmerz⸗ geſchrei einer troſtloſen Mutter zu Dir dringen! Ich bitte Dich nicht, mich zu raͤchen. Nein, Haß und Fluch ſollen mein reines Gebet nicht entweihen. Nur das Gebet eines liebenden Herzens will ich an 1 b 56 Dich richten; die Engel des Friedens und die flammenden Seraphim werden es zu deinem Throne bringen und Du wirſt es erhoͤren. Rette mein Kind! Sende ihm einen mitleidigen Wandeier, laß eine ret⸗ tende Hand es aufnehmen an dieſem Ufer! Vater der Menſchen, rette mein Kind! Ich ſtelle es unter deine Obhut, dann iſt es nicht verlaſſen. Nach dieſen Worten hob Jochebed den Schleier, der mich deckte, und als ſie mit ſchmerzlich bewegtem Herzen einen zaͤrtli⸗ chen Kuß mir aufgedruͤckt hatte, entfernte ſie ſich ſchuell. Meine Schweſter Mirjan aber mußte am Ufer zuruͤck bleiben„, um den Erfolg abzuwarten, denn eine gehei⸗ me Ahnung ſagte dem Mutterherzen, daß K X X X m es Gnade gefunden vor dem Herrn und daß ich gerettet werden ſollte. Noch nicht lange hatte meine Mutter ſich entfernt, da erſchien eine dunkelrothe Wolke am Himmel, breitete bald ſich aus, wie der Schein einer Feuersbrunſt, und die ſchoͤne Blaͤue des Himmels ver⸗ ſchwand in der Flammengluth, deren Wie⸗ derſchein den Fluß in einen Blutſtrom zu verwandeln ſchien. Es erhob ſich ein hef⸗ tiger Wind, und ein Handelsſchiff, das Kauflente aus Midian befrachtet hatten, ward ſo ſchnell von den Wellen fortgeriſe ſen, daß es dem Sturme nicht zu wider⸗ 4 ſtehen vermochte. Es ſcheiterte am Ge⸗ ſtade, wie man am folgenden Tage er⸗ fuhr. Ich ſchlief waͤhrend des Sturmes 8 — ruhig in meiner zerbrechlichen Wiege. Die ſchuͤtzende Hand des Allmaͤchtigen hatte das ſchwache Nohr, das mich umgab, ge⸗ gen die Wuth des Sturmes und der Winde veſt gemacht, und waͤhrend ein ſtarkes Schiff unterging, wiegte ein ſauf⸗ ter Wind das Koͤrbchen, worin ich ruhete, und hielt mich in ſanftem veſten Schlafe. Die Wolken zerſtreuten ſich endlich, der Wind hoͤrte ploͤtzlich auf, und der Him⸗ mel ward wieder heiter. Da ſtiegen aus der ſtillen Fluth ſchoͤne Lotusblumen her⸗ vor, die ſich am Ufer ſammelten, und wie weiße Roſen ſich zierlich um meine Wiege wanden. Pharao's Tochter, die ſchoͤne Thermu⸗ this, war am Ufer, in dem Augenblicke, N X 0 59 wo der Sturm wuͤthete. Als es wieder ſtill war, ſtieg ſie vom Wagen herab, und wandelte laͤngs dem Strome. Zwei Ibiſſe von purpurfarbigem Gefieder, die ſich auf die Handhabe meines Wiegenkorbes geſetzt hatten, flogen auf, von dem Geraͤuſche des Wagens aufgeſchreckt. Die Koͤnigs⸗ tochter wandte ihr Auge nach der Stelle, wo das Schilfrohr, von leiſem Winde be⸗ wegt, das umkraͤnzte Koͤrbchen bald ver⸗ barg und bald entbloͤßte. Sie blieb ſte⸗ hen, und befahl Einigen aus ihrem Ge⸗ folge, ihr den Korb zu holen. Es ge⸗ ſchah. Sie hob den Schleier auf, der mich deckte, und betrachtete mich mit Ruͤhrung. Ach! gewiß das Kind eines ungluͤcklichen Hebraͤers! ſprach ſie. Dieß 5„ 60 wenigſtens ſoll gerettet werden; ich will fuͤr den Knaben ſorgen. Als die Koͤnigstochter dieſe Worte ge⸗ ſprochen hatte, trat meine Schweſter Mir⸗ jam hervor. Soll ich eine Hebraͤerinn ho⸗ len, die des Kindes Amme werden kann? ſprach ſie. Geh hin! antwortete Thermu⸗ this. Mirjam eilte fort. Bald nachher kam ſie mit Jochebed zuruͤck, die dem Himmel dankend herbei eilte. Nimm die⸗ ſen Knaben und ſaͤuge ihn, ſprach die Koͤ⸗ nigstochter, ich will Dich dafuͤr belohnen. Mit freudigem Entzuͤcken brachte meine Mutter mich wieder in die vaͤterliche Woh⸗ nung, und waͤhrend ſie mich naͤhrte, ließ ſie Pharao's Tochter bei dem Glauben, N X 61 daß ſie ſich eines unbekannten Kindes an⸗ genommen haͤtte. Thermuthis ließ mich von Zeit zu Zeit in ihr Schloß bringen, und die mildthaͤtige Tochter des grauſamen Koͤ⸗ nigs gewann mit jedem Tage den Knaben lieber, den ſie gerettet hatte, und nannte mich Moſeh, weil ich aus dem Waſſer war gezogen worden. 4 So erreichte ich das Alter, wo ich zwar nicht die unerſetzliche Sorgfalt einer Mut⸗ ter, aber doch die Pflege einer Amme ent⸗ behren konnte. Eines Tages hatte Joche⸗ bed mich ins Schloß gebracht. Thermu⸗ this ſagte ihr, ſie wollte mich als ihr Kind erziehen und ich ſollte fortan bei ihr im Schloſſe bleiben. Jochibed zerfloß in Thraͤ⸗ nen. Bedenke„Fuͤrſtinn, ſprach ſie, diee 62 ſes Kind, welches auf den Nil ausgeſetzt ward, um es einem harten Schickſal zu entziehen, ſtammt von Hebraͤern ab und muß den Gott ſeiner Vaͤter verehren lernen. Ja, erwiederte die Koͤnigstochter, und ich ſelber verehre dieſen Gott, der die Un⸗ gluͤcklichen troͤſtet, und ihnen das Joch der Knechtſchaft ertraͤglich macht. Du ſollſt hier immer freien Zutritt haben, und das Kind lehren, deinem Gotte zu dienen. Dieſe Worte gaben der traurigen Joche⸗ bed ein wenig Troſt, aber mit ſchmerzli⸗ chem Gefuͤhle ließ ſie mich zuruͤck in des Koͤnigs Burg, wo man ſtets nur die fal⸗ ſchen Goͤtter verehrt hatte. Es ward ihr von nun an immer erlaubt, mich zu beſu⸗ N 8 93 chen, aber ſie mußte ohne Begleitung kom⸗ men und die Koͤnigstochter ließ mich nie mit ihr allein. So lange ich im Schloſſe war, konnte ich weder meinen Vater, noch meinen Bruder Aaron und Mirjam, meine Schweſter, ſehen. Die Koͤnigstochter erzog mich ſorgfaͤl⸗ tig, und ließ mich in allen Wiſſenſchaften unterrichten, worin die Aegypter ſich aus⸗ zeichnen. Meine Mutter lehrte mich den Gott Abrahams kennen und nur ihn allein betete ich an. Das Geheimniß meiner Geburt aber blieb mir verborgen. Ich wußte nichts, als daß ich vor meiner Ge⸗ burt ſchon dem Tode geweiht geweſen und in der Knechtſchaft unter den Zelten der Hebraͤer gehoren war; aber um mir ſchmerz⸗ 64 liche Nachforſchungen und fruchtloſe Kla⸗ gen zu erſparen, hatte Thermuthis, ohne Zweifel auch von geheimer Eiferſucht ge⸗ trieben, mich uͤberredet, daß meine Ael⸗ tern nicht mehr lebten. Jochebed war oft Zeuginn dieſer Verſicherung, und als ſie ſah, daß die Koͤnigstochter auf dieſen Kunſt⸗ griff Wichtigkeit legte, ſo unterdruͤckte ſie ihre Thraͤnen und brach das Schweigen nicht. Ich fuͤhlte den Werth der Wohl⸗ thaten, die Thermuthis mir erwies, ich weihte ihr die innigſte Dankbarkeit, die zaͤrtlichſte Zuneigung, aber mit gleicher Liebe hing ich an Jochebed, und es wuͤrde meinem Herzen, das zwiſchen beiden ge⸗ theilt war, ſchwer geworden ſeyn, einer den Vorzug zu geben. Als indeß mein Geiſt ſich entwickelte, regte ſich mein Mitleid mit dem Schickſale der Hebraͤer immer lauter, und es war nicht ſchwer, die theilnehmende Seele der Koͤnigstochter fuͤr ſie zu gewinnen. Deine Guͤte, ſprach ich zu ihr, hat mir deine muͤtterliche Theilnahme verſchafft; aber ich wuͤrde nicht verdienen, was Du an mir ge⸗ than haſt, wenn ich vergaͤße, daß dieſe Ungluͤcklichen meine Bruͤder ſind! Sie ſind meine Bruͤder, und waͤhrend ich in einem Schloſſe unter den Freuden des Hofes lebe, muͤſſen ſie die haͤrteſte Sklaverei ertragen. Dieß Volk iſt mein Volk und ich ſehe es in Erniedrigung.— Thermuthis billigte dieſe ſo natuͤrlichen Regungen und benutzte ihren Einfluß auf den Koͤnig um das Schickſal der Kinder Iſrael zu erleichtern. 3 E —— 66 Ich entwuchs der Kindheit. Schon hatten die Fluthen des Nils funfzehnmal die gluͤcklichen Ufer befeuchtet, ſeit ich in Pharav's Schloſſe wohnte. Die zaͤrtliche Sorgfalt der Koͤnigstochter kam allen mei⸗ nen Wuͤnſchen zuvor, ich ward mit Ge⸗ ſchenken uͤberhaͤuft, der Koͤnig ſelbſt gab mir, aus Zuneigung gegen ſeine Tochter, viele Beweiſe ſeiner Guͤte. Aber ich war doch nicht gluͤcklich. Je aͤlter ich ward, deſto ſchmerzlicher bewegte mich der Ge⸗ danke an mein Volk, das nicht allein ge⸗ fallen, ſondern ſelbſt entwuͤrdigt war. Ich rief mir Abrahams, Iſaaks und Jakobs Geſchichte zuruͤck, das Gluͤck und den Ruhm Joſephs, des Wohlthaͤters von Ae⸗ gypten, das prachtvolle Begraͤbniß Jakobs, dem viele Reiter und Wagen Flstan und X 67 um welchen ganz Aegypten ſieben Tage Trauer trug; aber tiefer Unwille bewegte meine Seele, wenn ich meine Blicke anf dieſes Volk warf, das jetzt in Elend ver⸗ ſunken, ſelbſt von ſeinen harten Unter⸗ druͤckern verachtet ward.— Jochebed war ſo gluͤcklich, durch die Vermittlung der Koͤnigstochter einer gewiſ⸗ ſen Anzahl von hebraͤiſchen Familien die Erlaubniß zu verſchaffen, im Nahmen des ganzen Volkes dem Herrn ein Opfer in der Wuͤſte darzubringen. Von dem lebhaften Wunſche beſeelt, dieſer Feierlichkeit beizu⸗ wohnen, bat ich meine Wohlthaͤterinn ſo dringend, mir dieſe Gunſt zu gewaͤhren, daß ſie endlich, aber nicht ohne ſehmerz⸗ liche Ueberwindung, ihre Einwilligung gab. E 2 68 Ich ward der Aufſicht der treuen Jochebed anvertraut, welche, wie Thermuthis wußte, mit dem weiſen Amram in die Wuͤſte ge⸗ hen wollte. Gegen Abend eilte ich, ohne Begleitung, mit Jochabed aus dem Schloſ⸗ ſe. Meine Mutter, außer ſich vor Freu⸗ de, zog mich raſch fort. Aber ſie brach das Schweigen nicht, ſchon gluͤcklich ge⸗ ung, daß ſie endlich mit mir allein war; ohne Vorwiſſen meines Vaters wagte ſie's nicht, ſich mir zu entdecken. Ich fuͤhlte, wie ihre Hand in der meinigen zitterte; ihre Bewegung ging in meine Seele uͤber, und ich ahnete, daß ein wichtiges Geheimniß mir enthuͤllt werden ſollte. Wir kamen bald zu Amram's ſtiller Wohnung, wo wir nur meine Schweſter Mirjam fanden, die eben eine Lampe angeäiuder hatte. 69 Mein Alter und Jochebeds Bewegung ver⸗ riethen ihr, wer ich war. Ein lauter Aus⸗ ruf verkuͤndigte ihre Ueberraſchung. Meine Mutter gab ihr ein Zeichen, und Mirjam blieb unbeweglich, waͤhrend ſie auf mich einen Blick heftete, worin ſich lebhafte Bewunderung ausdruͤckte, denn. ſie betrach⸗ tete mit Wohlgefallen meinen reichen An⸗ zug. Ich warf mein Auge rings umher, und verrieth eine ſchmerzliche Ueberraſchung, als ich uͤberall. das Bild der aͤußerſten Ar⸗ muth erblickte. Wir haͤtten freilich reich werden konnen durch die Geſchenke, die wir von der Tochter des Koͤnigs und von dir erhalten haben, ſprach Jochebed zu mir, aber wie haͤtten wir im Ueberfluſſe leben koͤnnen, waͤhrend alle unſre Bruͤder im Elende ſchmachteten. Wir haben ih⸗ — 70 nen alles gegeben, was wir erhielten, denn wir wollten ihr Schickſal, das wir nicht aͤndern konnten, wenigſtens theilen. Dieſe Antwort war fuͤr mich ein grauſamer Vor⸗ wurf. Ich ſchwieg und weinte. In die⸗ ſem Augenblicke kam mein Vater mit mei⸗ nem Bruder Aaron nach vollbrachtem har⸗ ten Tagewerke heim. Jochebed eilte ihnen entgegen, und als ſie leiſe einige Worte zu meinem Vater geſprochen hatte, kam die⸗ ſer mit Aaron auf mich zu. Sein Ernſt, ſeine ehrwuͤrdige Geſtalt, machten auf mich einen tiefen Eindruck. Aaron ſah mich mit verachtendem Blicke an. Ich ſah, daß er nicht, wie Mirjam, meine praͤchtigen Kleider bewunderte; er war unwillig, daß ein Hebraͤer es wagte, in dem aͤrmlichen Zelte ſolchen Prachtaufwand au zeigen, er ¹ Bet Et 2 B tes e⸗ 71 hielt dieß fuͤr eine Verſpottung ihres Elends. Dieſer Gedanke ſetzte mich in ſchmerzliche Verwirrung. Jaͤngling, ſprach Amram zu mir, in welcher Abſicht kommſt Du zu uns? Um Ench in die Wuͤſte zu begleiten, wo Ihr unſerm Gotte Opfer bringen wollt, gab ich zur Antwort. Und in dieſem Hofkleide? ſiel Aaron mit bitterem, ſpoͤttiſchen Tone ein. Nein, erwiederte ich lebhaft, und M warf meinen zweimahl gefaͤrbten Schar⸗ lachmantel auf die Erde, nein, ich will gekleidet ſeyn wie Ihr. O moͤchten meine 72 Aeltern noch nicht zu unſern Vaͤtern ge⸗ gangen ſeyn, moͤchten ſie noch leben, nie wuͤrde ich dieſen eitlen Putz wieder anlegen, und das rauhe traurige Sklavenkleid, wo⸗ rein ſie ſich huͤllen muͤßten, wuͤrde ich aus eigener Wahl tragen. Hoͤrt Ihr ihn! rief Jochebed mit dem Tone der muͤtterlichen Freude, der mein ganzes Herz bewegte. Iſt das deine wahre Meinung? hob Amram wieder an. Ja, erwiederte ich, die Haͤnde zum Himmel hebend, ich ſchwoͤre es bei dem Gotte, den wir anbeten. 8 X .ü“ͤͤ 73 Der Allmaͤchtige ſey gelobt, der uns dieſe Freude bereitete, der uns das Gluͤck dieſes Tages bewahrt hat! rief Amram.— Waͤhrend er dem Himmel dankte, uniſchloſ⸗ ſen mich Jochebed, Aaron und Mirjam, und enthuͤllten mir vollends das Geheimniß meiner Herkunft. Ich warf mich zu Am⸗ rams Fuͤßen. Segne mich, mein Vater, rief ich aus, ſegne deinen Sohn, der Dich nicht verlaſſen wird. Ja ich ſegne Dich, mein Sohn, ſprach Amram. Der Herr wird verleihen, daß die Feinde, welche ſich gegen Dich erhe⸗ ben, vor deinen Blicken fallen. Der Herr wird ſeinen Segen uͤber deine Arbeiten aus⸗ gießen, er wird Dich ſegnen in dem Lan⸗ b de, das Du von ihm erhalten wirſt. Im 74 Anfange und am Ende deiner Handlungen wirſt Du geſegnet werden. Das war der Segeu meines Vaters. Ich aber verſprach feierlich, dem Prunke des Hofes und die Gunſt des Fuͤrſten zu entſagen, unter den Meinigen zu leben und ihr Schickſal und ihre Arbeiten zu theilen. Meine Mutter wollte dieſen Entſchluß be⸗ kaͤmpfen, weil ſie den Schmerz der Kö⸗ nigstochter fuͤrchtete, aber mein Vater ge⸗ bot ihr Schweigen. Jochebed, ſprach er, alle große Gedanken kommen von Gott; zu allen edelmuͤthigen Aufopferungen regt goͤttliche Eingebung die Seele auf; wer die Ausfuͤhrung ſolcher Entſchluͤſſe zu hindern ſucht, kaͤmpft gegen den Willen des Hoͤch⸗ ſten. Haſt Du aus Furcht Ahruchen 75 Sei unbeſorgt, Gott ſchuͤtzet Denjenigen, den er begeiſtert. Iſt es Eitelkeit, was Dir ſo furchtſame Geſinnungen eiufloͤßt? Erwaͤge, daß Moſeh, wenn er der Dienſt⸗ barkeit und harten Arbeiten ſich weihet, um mit ſeinen Angehoͤrigen zu leben und ſie zu troͤſten, weit groͤßer ſeyn wird, als er es unter dem Purpur und in den Bur⸗ gen der Koͤnige ſeyn koͤnnte. Ja mein Sohn, Du wirſt dieß armſelige Sklaven⸗ kleid veredeln, wenn Du es vertauſcheſt gegen jenes praͤchtige Gewand, und fortan werden dein Vater und dein Bruder es nicht nur ohne Scham, ſondern ſelbſt mit ſtolzem Gefuͤhle tragen. Dieſe Worte erfuͤllten mein Herz mit Freude, aber meine Freude ward durch 26 den Gedanken an die Koͤnigstochter„ und durch die Gewißheit, daß dieſes Ereig⸗ niß ſie in den tiefſten Sahmtass verſeßen merdt⸗ geſtoͤrt. — 24 An dem ſelbigen Abende legte ich die, von Golde und Purpur glaͤnzenden, Klei⸗ der ab; ich dachte dabei an Thermuthis, und betete fuͤr ſie zu dem Gotte Abra⸗ hams. Aber die Unruhe, die mich be⸗ wegte, ward durch die Liebkoſungen mei⸗ ner Aeltern und meines Bruders gelindert. Ich legte mich zum erſten Mahle auf ein Lager von Laub, das neben Aarons Schlaf⸗ ſtaͤtte eilig bereitet ward; ich ſchlief nicht, aber ſuͤßer hatte ich nie geruht. Bei dem Scheine einer kleinen Lampe betrachtete 80 ich unſte verfallene Wohnung, und war ſtolz au, eine Armuth, welche ich aus kindlicher Liebe dem herrlichſten Gluͤcke vorzog; ich dachte mit Entzuͤcken daran, daß ich, wenn ich die Arbeiten meines Vaters theilte, die Schmach ſeines Elends, die Schande ſeiner Knechtſchaft tilgen wuͤrde. Mein Volk glaubte ich an dem grauſamen Pharao raͤchen zu koͤnnen, wenn ich des Koͤnigs Burg verließe und ſeine Geſchenke verſchmaͤhte, um mich mit den ungluͤcklichen Opfern ſeiner Wuth zu ver⸗ einigen. Ich erwartete ungeduldig den Morgen, um meine Aeltern zu ſehen, mit ihnen zu ſprechen, mit ihnen zum Opfer in die Wuͤſte zu gehen; ich wagte zu hof⸗ fen, daß der Allmaͤchtige endlich unſre Ge⸗ 4 1 3 81 Gebete, unſre Wuͤnſche fuͤr das Heil Iſraels erhoͤren werde. Als die erſten Strahlen der Sonne glaͤnzten, weckte ich meinen Bruder und ſtand auf. Es erſchienen bald alle He⸗ braͤer, welche mit uns in die Wuͤſte zie⸗ hen ſollten. Mein Vater ſtellte ſich au ihre Spitze, und befahl mir, zu ſeiner Rechten zu gehn; meine Mutter fuͤhrte die Frauen und Maͤdchen. Ich trug mein goldnes Siſtrum und eine ſilberne Drom⸗ mete*) von meiner eigenen Erfindung, das Einzige, was ich aus des Koͤnigs Burg mitgebracht hatte. Ich war in al⸗ len Kuͤnſten, beſonders in der Tonkunſt geuͤbt; aber wir zogen in der Stille aus Memphis, ohne es zu wagen, unſere F 82 Stimmen zum Lobe des Hoͤchſten zu er⸗ heben, wir zogen ſchweigend voran, wie zitternde Fluͤchlinge, welche Verfolgung fuͤrchtend entweichen; denn Gunſtbezeigun⸗ gen, die ein Tyrann bewilligt, genießt man nie ohne Beſorgniß, weil ein launiſcher Einfall ſie wieder aufheben kann. Mit unbeſchreiblicher Freude erblickten wir die Wuͤſte, die oͤde Wildniß, wo Gott allein herrſchte. Wir glaubten nicht mehr Sklaven zu ſeyn, als wir dieſen unwirth⸗ baren freien Boden betraten, wir glaub⸗ ten Pharao's Joch abgeworfen zu haben. Da gab kein harter Herrſcher Geſetze, da erſchien keine Macht, als die Macht des Weltgebieters und des Vaters der Men⸗ ſchen. Wie ſchoͤn ſind dieſe ſtillen Zu⸗ 83 fluchtsoͤrter des Friedens und der Unab⸗ haͤngigkeit! Wie gern drang ich in jene ausgedehnten Waͤlder, wo die Natur al⸗ lein waltet, und irrte durch jene Ebenen, jene Thaͤler, wo menſchliche Betriebſam⸗ keit nie etwas umgewandelt, nie etwas zerſtört hat. Mit welchem Entzuͤcken hef⸗ ttete ich meine Blicke auf die herrlichen Landſchaften, wo man noch die urſpruͤng⸗ lichen Umriſſe wiederfindet, die des Schoͤ⸗ pfers goͤttliche Hand gezeichnet hat! Mit welcher Ruͤhrung erblickte ich alle die Reichthuͤmer, alle die Schaͤtze, welche Gottes Guͤte dort verſammelt hatte, fuͤr verfolgte Menſchen, die ihres Gleichen fliehen muͤſſen! Jene Oehlbaͤume, jene fruchtbeladenen Dattelbaͤume, jene reichen Quellen, jene tiefen Hoͤhlen, welche zu — 52 Zufluchtsoͤrtern des verfolgten Fluͤchtlings gemacht zu ſeyn ſcheinen. Ich ward nicht muͤde, dieſes bezaubernde Schauſpiel zu betrachten. Ich fand in meinem Innern ſo viel Muth, Kraft und Hoffnung, ich fuͤhlte mich ſo frei von laſtendem Drucke, daß ich zum erſten Mahle frei zu athmen unnd zu denken glaubte. Ein Gefangener, der lauge in einem finſtern Kerker geſchmach⸗ tet hat und ploͤtzlich wieder das Tages⸗ licht erblickt und das Gluͤck der Freiheit genießt, kann nicht von einem ſo entzuͤ⸗ ckenden reinen Gefuͤhle belebt werden. Meine Schweſter Mirjam und alle junge Maͤdchen, mit Pauken und Pfal⸗ tern in der Hand, bildeten endlich Taͤnze und Choͤre. Von Zeit zu Zeit hielten wir 2 6 35 ftill„ um ſchweigend zu beten. Nach die⸗ ſen ruhigen Augenblicken ſpielte ich das Siſtrum, oder ſtieß in die Kriegsdrom⸗ mete, und rief den Gott der Heerſchaaren an, den Gott unſerer Vaͤter, der mit ei⸗ nem Hauche alle Maͤchte der Erde vernich⸗ ten, mit einem einzigen Worte die Kette des niedrigſten Sklaven zerbrechen, ihn aus dem Staube heben, mit Kraft und hohem Geiſte ihn ausruͤſten, mit Ruhm ihn um⸗ geben kann.— 3 As wir wieder voran zogen, began⸗ nen die Jungfrauen Ifraels von Neuem ihre Geſaͤnge und gottesdienſtlichen Taͤnze. So kamen wir tiefer in die Wuͤſte, und hielten endlich ſtill bei einer Quelle, die aus einem Felſen ſprang, und von zwei praͤchtigen wilden Oehlbaͤumen beſchattet 86 ward. Amram und Einige der Aelteſten aus dem Volke Gottes nahmen zwoͤlf Steine, nach der Zahl der Kinder Iſrael, und errichteten aus dieſen Steinen einen Altar ³) im Nahmen des Herrn. Als dieß Werk geendigt war, fuͤllten die I Jung⸗ frauen die irdenen Gefaͤße, welche ſie mit⸗ gebracht hatten, mit Waſſer, darauf lie⸗ ßeu ſie ihre Schleier fallen, und naͤherten ſich barfuß mit langſamen Schritten dem Altare. Sie goſſen ſeufzend die Gefaͤße aus, und das ausſtroͤmende Waſſer, des Schmerzes und der Thraͤnen Sinnbild, uͤberſchwemmte den Altar, der ſeitdem der Steinhaufen der Flehenden ³) genannt wurde. Es naͤherten ſich darauf die jun⸗ gen Woͤchnerinnen und jede trug, nach al⸗ ter Sitte, an der Bruſt zwei Turteltau⸗ 87 ben, welche dem Herrn geopfert werden ſollten.*) Aaron legte die heiligen Brote) auf den Altar, und ſprach: Hetrr! deine Kinder, in Knechtſchaft und in Duͤrftig⸗ keit verſunken, unterjocht und beraubt, koͤn⸗ nen deinen Altar nicht mehr mit den Erſt⸗ lingen des Feldes und mit goldnen Gar⸗ ben, den reichen Gaben der Erde, ſchmuͤ⸗ cken; wir koͤnnen Dir nur die wilden Pflanzen der Wuͤſte darbringen, und die⸗ ſes Brot, die traurige Frucht einer hoff⸗ nungsloſen Arbeit, dieſes Brot, das wir in der Knechtſchaft erworben und mit un⸗ ſern Thraͤnen benetzt haben. O Gott Abrahams! hoͤre den Ruf des Schmerzes, der hier frei ſich ergießen kann! Ach! unſre Bruͤder, die uns nicht in die Wuͤſte begleiten konnten, muͤſſen ihre Thraͤnen unterdruͤcken ihre Seufzer in die bewegte Bruſt zuruͤck draͤngen; aber ſie leiden, wie wir, und dein ganzes Volk ruft zu Dir durch meinen Mund. 3 Kaum hatte er die ſes Gebet geendigt, da fiel plötzlich ein ſanfter Thau vom Himmel auf den Altar, erſt als leichter Regen und dann ſenkte er ſich in Tropfen herab, glaͤnzend wie morgenlaͤndiſche Per⸗ len. Wir fielen auf unſre Kniee nieder. Ja, rief ich, von einer unwiderſtehlichen Bewegung ergriffen, der Herr wird unſer. Flehen erhoͤren, er wird ſeine Macht und Herrlichkeit durch eure gluͤckliche und ſchnelle Erloͤſung offenbaren. Nein, zweifelt nicht! ſiel mein Vater — 89 ein, der Herr hat einen gnaͤdigen Blick auf unſer Opfer geworfen; er hat Weis⸗ heit und Wahrheit in den Mund dieſes Knaben gelegt. Der Augenblick der Er⸗ aiius iſt nahe.— Dieſe Worte erhoͤhten Hoffnung und Freude in allen Herzen. Alle umarmten ſich weinend, und riefen mit Entzuͤcken: Wir werden erldſet, wir werden erloͤſet ſeyn!— Und von allen Seiten rief der Wiederhall in der Wuͤſte die teiſtenden Worte nach. Aber bald folgten Niedergeſchlagenheit und Traurigkeit der lauten Freude. Wir mußten nach Memphis zuruͤck kehren. Als wir die Wuͤſte verließen, als wir 90 nicht mehr die belebende reine Luft der Frei⸗ heit athmeten, verſank ich in ſchmerzliche Traͤumerei, und ward noch tiefer bewegt, als wir in der Ferne die hohen Zinnen und Obeliske von Memphis erblickten. So wuͤrde in finſtere Gedanken der Meuſch ver⸗ ſinken, welcher, im kraͤftigen Mannesal⸗ ter durch ehrgeizige große Entwuͤrfe an das Leben gebunden, zum erſten Mahle ploͤtz⸗ lich das Grab erblickte, das einſt ſeine Gebeine verſchließen ſollte. Bei einem ſol⸗ chen Aublicke verſchwinden alle kuͤhne weit umfaſſende Entwuͤrfe, die einer langen Zu⸗ kunſt aufbewahrt waren, und die Ungewiß⸗ heit, die dem ſtolzen Selbſtvertrauen folgt, loͤſcht, oder daͤmpft ploͤtzlich die lodernde Gluth der Einbildungskraft. Dieß war es, was in meinem Innern vorging, als ich 91 Memphis und ſeine ſtolzen Denkmaͤhler er⸗ blickte, aber mich erwarteten 8 ſſchmerz⸗ lhen Geſäßles. 8 Achrkonte es nicht unterlaſſen, die Kö⸗ nigstochter zu beſuchen, und ſelber ihr an⸗ zukaͤndigen, daß ich entſchloſſen war, ſie fuͤr immer zu verlaſſen. Anfangs hatte ich nur an das Gluͤck gedacht, meinen Ael⸗ tern ein glaͤnzendes Opfer bringen zu koͤn⸗ nen, nun aber dachte ich auch an die Ue⸗ berraſchung, an den Kummer, an den toͤdtlichen Schmerz der Koͤnigstochter. Wel⸗ cher Lohn fuͤr ſo viele Wohlthaten, fuͤr ſo edelmuͤthige Zaͤrtlichkeit! Ich ſah ihre Thraͤnen fließen, ich hoͤrte ihre Vorwuͤrfe, nichts vermochte zwar meinen Entſchluß zu erſchuͤttern, aber mein Herz war gebro⸗ 92 chen, und ich beklagte ſchmerzlich, daß mein Schickſal mir nicht erlaubte, eine heilige Pflicht zu erfuͤllen, ohne gegen die⸗ jenige, welche ich mehr als mein Leben liebte, Undankbarkeit und Haͤrte zu zeigen. Mit veſtem Entſchluſſe ging ich ſogleich zu der Burg des Koͤnigs in dem Sklavenkleide, das ich nicht mehr ablegen durfte. In die⸗ ſer verachteten Tracht erkannte man mich anfangs nicht, aber nachher glaubte man, ich haͤtte die Gunſt der Konigstochter voͤlli verloren, und Menſchen, die wenige Tage vorher ſich tief vor mir gebuͤckt hatten, ſtießen mich nun mit Haͤrte zuruͤck. Trau⸗ riges Loos der geſitteten Menſchen! Der Baum, dem der Froſt ſeine Ninde und ſeine Blaͤtter geraubt hat, wird nicht ver⸗ achtet, ſo lange er mit ſeinen Wurzeln noch veſt in der Erde ſteht, und doch gehoͤrte der verlorene Schmuck ihm eigen; der Menſch aber iſt herabgewuͤrdigt in den Augen ſei⸗ ner Bruͤder, wenn er die eiteln Zierden verloren hat, die ihm fremd ſind. 1 Sklaven der Gunſt! rief ich ihnen zu, fragt die Tochter des Koͤnigs, ob der Zu⸗ tritt zu der Burg mir verſagt iſt. Dieſe Worte machten ſie ſchuͤchtern; die Speere, welche drohend gegen mich gerichtet wa⸗ ren, ſenkten ſich vor mir und ich trat her⸗ ein. Als ich durch die Gaͤnge der Burg ging, begegneten mir mehre Großen des Hofes, aber alle wichen uͤberraſcht bei mei⸗ nem Anblicke zuruͤck, und keiner wagte es, ſich mir zu naͤhern, oder mit mir zu reden. Ich trat in die Gemaͤcher der Koͤnigstoch⸗ ter. Zum erſten Mahle uͤberraſchte mich 94 blickte; ich verglich dieſe Wohnung mit den armſeligen Huͤtten der Hebraͤer und meine Seele ward von doppelten Vorwuͤrfen ge⸗ quaͤlt. Nie hatte ich tiefer empfunden, was ich der großmuͤthigen Koͤnigstochter verdankte, die mich aus der Erniedrigung erhoben und zu ihrem Sohne angenommen hatte, und ich erröthete, daß ich ſo lange in Pracht und Ueppigkeit gelebt, waͤhrend meine ungluͤcklichen Angehoͤrigen in der Knecctſchaft und im Elende ſeufzten. Ich fand mich entartet in meinem vergangenen Leben und undankbar in meiner gegenwaͤr⸗ tigen Lage. Als ich zu dem Gemache der Koͤnigstochter kam, öffnete ich eine verbor⸗ gene Thuͤre und ſtand pld huich vor ihren Angen. Sie war allein, und ſich um⸗ der Glanz und die Pracht, welche ich er⸗ —.,— —,—— 93 wendend, erbebte ſie bei meinem Anblicke. Wie! mein Sohn in dieſer veraͤchtlichen gemeinen Tracht! rief ſie beſtuͤrzt. Es iſt die Tracht meines Volkes, er⸗ wiederte ich, die Tracht meines Vaters und ich haͤtte nie eine andre tragen ſollen. Was ſagſt Du? hob Thermuthis wie⸗ der an. Deines Vaters? K . Bei dieſer Frage fiel ich zu ihren Fuͤ⸗ ßen und entdeckte ihr das Geheimniß mei⸗ ner Geburt und meinen unwiderruflichen Entſchluß. Sie hoͤrte mich an, ohne mich zu unterbrechen, ohne eine Thraͤne zu ver⸗ gießen, aber unbeweglich vor Beſtuͤrzung⸗ Als ich meine Erzaͤhlung geendigt hatte, 96 brach ſie das Schweigen: Du entſagſt mir alſo?— Sie erblaßte bei dieſen Wor⸗ ten, und mein Herz war ſchmerzlich ge⸗ preßt. Du willſt vergeſſen, fuhr ſie fort, daß dein Leben mir angehoͤrt, weil ich es gerettet habe, und Du willſt mich verlaſ⸗ ſen um derjenigen willen, die Dich den Wellen des Nils preis gab? Sie hat es gethau, erwiederte ich, aber die Ungluͤckliche entſchloß ſich zu dieſem ent⸗ ſetzlichen Opfer nur, um ſich den Schmerz zu erſparen, mich in ihren Armen erwuͤrgt zu ſehn. Ich opfre mich auf, wenn ich Dich verlaſſe. Bedenke, daß ich nicht verdienen wuͤrde, was Du fuͤr mich ge⸗ than haſt, wenn ich laͤnger in der Burg der Verfolger meines Volks und meiner Ange⸗ 9² Angehoͤrigen bleiben wollte, wenn ich ſo niedertraͤchtig waͤre, die Gunſt des grau⸗ ſamen Koͤnigs zu genießen, deſſen blut⸗ duͤrſtige Gebote meiner Mutter das Herz zerriſſen haben. Schweige! fiel Thermuthis ein, kannſt Du vergeſſen, daß Pharao mein Va⸗ ter iſt? Nein, ich vergeſſe es nicht, gab ich zur Antwort, denn ich beklage mich, ohne ihm zu fluchen, und ich wuͤrde mein Le⸗ ben fuͤr ihn wagen; aber von nun an wuͤrden ſeine Wohlthaten eine Schande fuͤr mich ſeyn; ich muß ſie verwerfen. Und was ſoll aus mir werden, wenn G 98 Du mich verlaſſen haſt? ſprach Thermu⸗ this, in Thraͤnen ſchwimmend. Du wirſt deine Sorgfalt belohnt ſe⸗ hen, deines Werks Dich freuen, antwor⸗ tete ich. Ja, ich will zeigen, daß ich deiner Zuneigung wuͤrdig geweſen bin, ich will den Nahmen, den Dn mir gegeben/ beruͤhmt machen. Und was koͤnnteſt Du beginnen in die⸗ ſem Zuſtande der Einidriumg fragte Thermuthis. Mein Volk befreien, ſprach ich, aus der Knechtſchaft es erloſen. Wie! Du willſt das Land in Aufruhr 99 und Verwirrung ſetzen? fuhr die it Aoͤnigs⸗ tochter fort. Nein, ich denke nicht daran, Iſrael zu raͤchen, ich will es nur befreien und aus Aegypten fuͤhren. Es gibt Wuͤſten, wo wir eine Zuflucht finden werden. Wir wollen nicht die wandelbare Gunſt der Koͤnige ſuchen, nicht vergaͤngliche Reich⸗ thuͤmer, nicht die Reize weibiſcher Ruhe; aber wir werden den wuͤrdigſten Lohn des Muthes und langer Arbeit, eine edle Un⸗ abhaͤngigkeit und die Bewunderung unſerer Feinde, zu erkaͤmpfen wiſſen. Aber welche Huͤlfsmittel ſtehen Dir zu Gebote? unterbrach mich Thermuthis. G 2 102 Gott, der mich begeiſtert, wird ſie mir verleihen, war meine Antwort. Deine Flucht aus dem Schloſſe wird den König aufbringen, ſagte ſie. Du wirſt ihn beſaͤnftigen, erwiederte ich. Aber ſoll ich ſehen, wie Du das Schickſal der Sklaven theilen mußt? fuhr die Koͤnigstochter fort. Sage deinem Vater, daß cch, um meine Pflicht zu erfuͤllen, alles aufgeopfert habe, was gemeine Seelen verfuͤhrt, ant⸗ wortete ich. Wenn Du mich liebſt, wird dieſer Gedanke Dich gluͤcklich machen. 101 Niemand wird an dieſe Seelengroͤße glauben, hob ſie wieder an, alle werden ſagen, daß ich Dich ſchmaͤhlich aus der Burg verjagt habe. Was liegt mir daran, ſagte ich, Du weißt ja die Wahrheit. Aber beruhige Dich, der Ruhm folgt immer heldenmuͤ⸗ thigen und wuͤrdigen Handlungen; wie der Duft unzertrennlich iſt von der Blume, die ihn hervorbringt, ſo begleitet er ſtets den edlen Mann, den nur die Tugend zu Thaten treibt. Die krummen Pfade des Boͤſen ſind immer mit Finſterniß bedeckt, der Weg des Gerechten glaͤnzt vom Lichte, und derjenige, der nie davon abweicht, laͤßt hinter ſich eine herrlich leuchtende Spur. O Gott Abrahams! fuhr ich fort, 102 erhebe zu Dir die große Seele meiner edlen Wohlthaͤterinn! Sie iſt wuͤrdig die Wahrheit zu kennen. Erhoͤre, Gott! die Bitte des Dankbaren, und laß dieß mei⸗ nen Dank fuͤr ihre Wohlthaten ſeyn! Ja, ich ſehe es, die ewige Weisheit begeiſtert Dich und redet durch deinen Mund, ſprach Thermuthis. Du zerreiſ⸗ ſeſt mein Herz, aber Du nimmſt die Ver⸗ blendung von meinen Augen. Ich will den falſchen Goͤttern abſchwoͤren, welchen ich bis jetzt gedient habe, dein Gott ſey auch mein Gott. Er leitet Dich, er ſchüͤtzet Dich; ihn werde ich mit Vertrauen anrufen, wenn Gefahren Dich umringen, und er ſoll fortan meine Hoffnung und mein Troſt ſeyn. 103 Bei dieſen Worten, die mit Freude mich erfuͤllten, reichte die Koͤnigstochter mir die Hand. Wir knieten beide nieder und ihre geliebte Stimme vereinte ſich mit der meinigen im Gebete zu dem Ewigen. Suͤße Thraͤnen vergießend, hoͤrte ich ſie mit Entzuͤcken an; ich entriß dem Irr⸗ thum und der Abgoͤtterei meine Wohlthaͤ⸗ terimn, meine andre Mutter. Dieß war mein erſter Sieg uͤber Aegypten und ich ſah darin die Vorbedeutung anderer Siege. Ich verabredete mit der Koͤnigstochter, daß ich an jedem Abende auf geheimen Zu⸗ gaͤngen in die Burg kommen ſollte, um mit ihr zu beten, und ich erfuͤllte treu⸗ lich dieſe theure Zuſage bis zu dem Au⸗ genblicke meiner Abreiſe. IS⸗ Ungeachtet der Einwendungen und Bit⸗ ten meiner Wohlthaͤterinn, ungeachtet ih⸗ res immer wieder erwachenden Kummers, theilte ich jeden Tag die Arbeiten meines Baters und nahm ihm wenigſtens die Haͤlfte ſeines ſchweren Tagewerks ab. Als ich die harten Anſtrengungen, welche unſre Bedruͤcker von den ungluͤcklichen Hebraͤern forderten, genauer kennen lernte„ ward ich noch veſter in meinem Entſchluſſe, alles zu wagen, alles aufzubieten, um ſie aus die⸗ ſer Dienſtbarkeit zu erlöſen; denn ſelbſt Greiſe und Kinder waren zu Arbeiten ver⸗ urtheilt, welche die kraͤftige Jugend kaum ertragen konnte, und oft unterlagen ſie er⸗ ſchoͤpſt vor unſern Augen. Ich bat Ther⸗ muthis um ihre Fuͤrbitte. Sie ſchauderte bei meinen Erzaͤhlungen und brachte unſre ——— —— 103 Klagen vor ihren Vater, aber ſie konnte uns nichts als geringe Erleichterungen aus⸗ wirken. Mein Herz ward nnablaͤſſig zer⸗ riffen durch den empoͤrenden Aublick ſo vie⸗ ler Leiden, ſo vieler Grauſamkeit. So lebhaften Antheil ich ſtets an dem Schick⸗ fale der Hebraͤer genommen hatte, ich wußte nicht, wie innig und kraͤftig das Mitleid die Seele ruͤhren kann, ſo lange ich an Pharao's Hofe in Pracht und Uep⸗ pigkeit lebte. Nur wer ſelber gelitten hat, weiß Uugluͤckliche zu lieben und innig zu beklagen. Gott hielt mich aufrecht bei meinen Lei⸗ den. Ich konnte mich zwar uͤber die Zu⸗ friedenheit meiner Aeltern frenen, ich ward ſo herzlich empfangen, wenn ich Abends zu * 106 unſrer Huͤtte heimkehrte, und die Seg⸗ nungen meines Vaters, ein ſanfter Blick meiner Mutter, meines Bruders Freund⸗ ſchaft und die zaͤrtlichen Liebkoſungen mei⸗ ner Schweſter ließen mich alle meine Leiden vergeſſen; aber nur Undank fand ich bei den Hebraͤern. Wir waren ſo ſorgfaͤltig bemuͤht, ihr Elend zu lindern durch Ver⸗ theilung aller Geſchenke der Koͤnigstochter, wobei die Duͤrftigſten den Vorzug erhielten, und doch weckte dieſe Billigkeit unter den Uebrigen nur Murren, Mißvergnuͤgen und allgemeinen Neid gegen diejenigen, welche wir der Wohlthaten am wuͤrdigſten fan⸗ den. Man beneidete mich um mein ver⸗ gangenes Gluͤck und ſelbſt um das Opfer, welches ich gebracht hatte, und wollte das Verdienſtliche dieſes Opfers ſogar verklei⸗ nern. Man konnte nicht bezweifeln, daß die Koͤnigstochter noch immer eine innige Zuneigung gegen mich hegte, aber man breitete aus, ich haͤtte den Hof nicht frei⸗ willig verlaſſen, ſondern waͤre von dem Koͤ⸗ nige vertrieben worden. Die Einſichten und die Geſchicklichkeiten, die ich einer ſorg⸗ faͤltigen Erziehung verdankte, erweckten noch mehr Haß und Erbitterung gegen mich. Man ſchrieb mir einen Stolz zu, den man unablaͤſſig zu demuͤthigen ſuchte. Wenn ich einen Rath zu geben wagte, ſo ſchien man zu glauben, ich wollte Befehle ertheilen und wies mich unfreundlich zu⸗ ruͤck; wenn ich freudig eine neue Gunſt an⸗ kuͤndigte, welche die Bitten der Koͤnigs⸗ 20 tochter uns ausgewirkt hatten, ſo hoͤrte man mich mit erkuͤnſtelter Kaͤlte an, und 8 108 um des Dankes ſich zu entbinden, gab man mir zu verſtehen, man haͤtte ganz andre Dinge erwartet und ich haͤtte etwas Beſ⸗ ſeres fordern ſollen. Man konnte keinen Vorwand finden, mir ſelber Verachtung zu zeigen, aber bei jeder Gelegenheit machte man mir meine Jugend zum Vorwurfe. Ich beklagte mich zuweilen bei meinem Vater uͤber dieſe empoͤrende Ungerechtig⸗ keit. Mein Sohn, antwortete der weiſe Amram, dieſes Volk iſt undankbar und leichtſinnig, aber wenn wir Fremden, wenn wir allen Menſchen Beiſtand ſchuldig ſind, wie viel mehr koͤnnen nicht unſere Lands⸗ leute von uns verlangen. Laß uns nach⸗ ſichtig ſeyn gegen die Ungerechtigkeit eines Volkes, das ſelbſt durch die Vergehungen, u die des Himmels Zorn ihm zugezogen ha⸗ G 109 ben, erbittert worden iſt. Wir haben kein Vaterland mehr, als dieſe Zelte auf frem⸗ dem Boden; laß uns hier wenigſtens den Frieden ſchuͤtzen, und ihn, wenn es ſeyn muß, durch Geduld und Bezwingung un⸗ ſeres Unmuths erkaufen. Und was kuͤm⸗ mert's Dich, ob die Hebraͤer undankbar ſind, wenn des Herrn Auge auf Dir ruhet und Du wuͤrdig vor ihm wandelſt! Iſt der Beifall des Hoͤchſten nicht mehr werth als der Menſchen Dank? So wußte mein weiſer Vater mein reiz⸗ bares Gefuͤhl zu maͤßigen und meinen ge⸗ heimen Mißmurh zu zerſtreuen. Als ich ihn angehoͤrt hatte, wunderte ich mich ſel⸗ ber, daß ich uͤber die ungluͤcklichen Hebraͤer unwillig geworden war, und ich fand ſo⸗ 110 1 gar etwas Suͤßes darin, ihr Murren zu ertragen. Die erſten freien Augenblicke, die mir zu Theil wurden, brachte ich allein am Ufer des Nils zu. Ich heftete gern meine Blicke auf die ſtuͤrmiſchen Wellen, wel⸗ chen die muͤtterliche Liebe einſt meine zer⸗ brechliche Wiege anvertraut hatte. Es er⸗ wachten in meinem Geiſte tauſend unbe⸗ ſtimmte Gedanken„ die alle auf die Be⸗ freiung der Hebraͤer gerichtet waren. Meine Seele, von Leiden bewegt, faͤßte Entwuͤr⸗ fe, die uͤber mein Alter waren, denn mein Gemuͤth iſt ſanft und friedlich geſtimmt. So wie waͤhrend der Windſtille die Segel eines Schiffes in leichten Falten wehen, „ und nur wenig Raum einnehmen, aber bei den ungeſtuͤmen Hauche des Windes ſich ausdehnen und mit maͤchtiger Kraft wir⸗ ken; ſo erhob meine geſpannte Einbildungs⸗ kraft alle meine Gedanken. Ich verlor mich mit Entzuͤcken in dieſen langen Traͤn⸗ mereien. Ach! es waren nur Taͤuſchun⸗ gen!. Eines Tages, als ich am Ufer des Stromes wandelte und dieſen gluͤcklichen Hoffnungen mich uͤberließ, erblickte ich von fern einen Aegypter, der einen hebraͤiſchen Knaben mißhandelte. Empoͤrt eilte ich dem Kinde zu Huͤlfe, das von den Strei⸗ chen des Grauſamen niedergeworfen ward, und rief ihm zu, den Knaben los zu laſ⸗ ſen. Der Aegypter wandte ſich um, und mit drohendem Blicke mich anſehend, hielt 111 „ 112 er den zerſchlagenen Knaben in der einen Hand und zog mit der andern aus dem Guͤrtel ſeinen Dolch, den er gegen ihn zuckte. Ich ſchauderte uͤber die Gefahr des Kindes, da den Aegyptern gegen die Hebraͤer alles erlaubt war, oder doch al⸗ les ungeſtraft blieb; und meine Schleu⸗ der einrichtend, warf ich geſchickt, wie alle Hebraͤer es verſtehen, ⁶) meinen Stein, und der Aegypter ſtuͤrzte nieder. Der Knabe erhob ſich, aber erſchrocken von dem toͤdtlichen Wurfe, der ihn gerettet hatte, nahm er die Flucht und ich verlor ihn aus den Augen. Ich ging zu dem Aegypter, der ohne Bewegung am Ufer lag, aber vergebens ſuchte ich ihn wieder ins Leben zu rufen. Da vergaß ich die That, wozu ſein hartes Gemuͤth ihn ver⸗ leitet 1 leitet hatte, und beweinte meinen un⸗ gluͤcklichen Sieg und ſeinen Tod. Ich dachte an die Gefahr, die mir drohte, und entfernte mich eilig, als ich den Erſchlagenen in den Sand begraben hatte. 6 Am folgenden Tage begegnete ich zwei Hebraͤern, die ſich mit einander zankten, und ich ſprach zu dem Beleidi⸗ ger: Warum ſchlaͤgſt Du deinen Bru⸗ der? Da antwortete mir der Mann: Wer hat Dich zum Obern oder Rich⸗ ter uͤber uns geſetzt? Willſt Du mich auch toͤdten, wie Du den Aegypter ge⸗ ſtern getoͤdtet haſt?— So machte ein Hebraͤer die gefahrvolle That, wozu Au⸗ haͤnglichkeit an meine Bruͤder mich ver⸗ H 4 44 leitet hat, mir zum Vorwurfe,) Aber ich erkannte in ſeinen Worten die ge⸗ heime Erbitterung, die der Neid erweckte, den man immer gegen mich hegte. Ich konnte nicht zweifeln, daß der gerettete Knabe den ungluͤcklichen Vorfall erzaͤhlt hatte; aber ſo wenig ich mir die Gefah⸗ ren meiner Lage verbarg, ich zoͤgerte dennoch, die Flucht zu ergreifen. Es war mir zu ſchmerzlich, von meinen An⸗ gehoͤrigen, von meinem Volke zu ſchei⸗ den, und ſie in der Knechtſchaft zuruͤck zu laſſen, zu ſchmerzlich der Gedanke, Thermuthis nicht wiederzuſehn. Eine Botſchaft aber, welche die Koͤnigstochter mir ſandte, beveſtigte endlich meinen Ent⸗ ſchluß. Sie beſchwor mich bei dem Hei⸗ ligſten und bei ihrer muͤtterlichen Zaͤrt⸗ 145 lichkeit, ohne Aufſchub zu fliehen. Ich gehorchte. Alle Entwuͤrfe, die ich gefaßt, alle Gedanken, die mich ſo oft begeiſtert hatten, erſchienen mir nun als Taͤuſchun⸗ gen, und wenn ich ſeitdem, als ungluͤck⸗ licher Fluͤchtling, wieder neue Hoffuun⸗ gen gefaßt habe, wenn ich ſelbſt jetzt noch gern bei dem Gedanken verweile, einſt Iſraels Retter zu werden, ſo iſt es vielleicht auch Taͤuſchung, was mich ver⸗ fuͤhrt. Ach! das Leben gleicht einem wil⸗ den tiefen Strome, deſſen ſilberne Wellen alles abſpiegeln, was ſie umgibt und uͤber ſie ſich erhebt, Blumen, Baͤume, praͤchtige Denkmaͤler am Ufer, das Blau des Himmels, die Sterne, die wandeln⸗ den Wolken; aber alle dieſe wechſelnden glaͤnzenden Bilder ſind nur fliehende Schat⸗ H 2 116 ten. Die Welle wird ſie nicht mitneh⸗ men in den tiefen Schooß des Meeres, denn nichts iſt wirklich in ihr, als ihre unaufhaltſame Schnelle und die Stuͤrme, welche ſie aufwuͤhlen und bewegen. 8 — F uͤ n f t e 8 4 119 —— aee, as än. d 11 20I Kphitt in Au Moſeh ſchwieg und Zipora trocknete ſeuf⸗ zend die ſuͤßen Thraͤnen, die ihr Auge be⸗ netzten. Oft hatte ſie waͤhrend der Er⸗ zaͤhlung des jungen Hebraͤers ihre Arbeit ruhen laſſen, um ihn deſto aufmerkſamer anzuhdren, und oft wuͤrde ſie nicht be⸗ merkt haben, daß ihre herabgefallene Spiundel zu ihren Fuͤßen rollte, wenn ihre Schweſtern ſie nicht aufgehoben haͤtten. Iunig geruͤhrt von dem Ungluͤcke und dem verſtaͤndigen Ernſte des Gaſtes, nahm 120 Jethro endlich das Wort. Junger Mann, ſprach er, ich zweifle nicht, der Himmel hat Dich zu großen Dingen berufen. Du magſt indeß hier der Ruhe Dich freuen, bis die Zeit deines Ruhmes erſcheint. Du wirſt nie deine tugendhaften Aeltern und die edelmuͤthige Thermuthis vergeſſen, aber betrachte die, Zufluzcht, welche ich Dir anbiete, nicht als eil bloßes Ge⸗ ſchenk der Gaſtfreundſchaft. Nein„ wenn ich einen fluͤchtigen Sohn Abrahams auf⸗ nehme, empfaͤngt ihn ein Vaterhaus und ich umfaſſe ihn als einen Sohn. Aber da ich jetzt die Abſichten des wilden Itha⸗ mar kenne, ſo ſollen meine Toͤchter nicht mehr ins Feld und auf die Berge gehn, Du ſollſt fortan meine Heerden beſorgen. Morgen wird Zipora ſie Dir ͤbergeben. *† 121 Miit dieſen Worten erhob ſich Jethro. Moſeh ſchwieg; er wollte nicht in Zipo⸗ ra's Gegenwart reden, aber er folgte dem Vater, der die jungen Hirtinnen verließ. Als Beide ſich entfernt hatten, blickte Je⸗ thro den Juͤngling an, und fragte ihn: Was willſt Du von mir, mein Sohn? O mein Vater, antwortete Moſch, Willſt Du mich wirklich fuͤr deinen Sohn erkennen, ſo gib mir Zipora zum Weibe. Ja, das will ich, ſprach Jethro, wenn ſie einwilligt. Kehrſt Du morgen mit der Heerde heim, ſo wollen wir mit ihr reden. Glaubſt Du, mein Vater, daß ſie ein⸗ willigen werde? ſuhr Moſeh fort. Ja, Du haſt ihre Ehre gerettet) er⸗ wiederte Jethroy Du biſt der erſte Mann, auf welchem ſie ihr Auge zu richten ge⸗ wagt hat. Seh ruhig, mein Sohn, i vm lh Dein Weib werden. i aEiatss 3 Aſeßegen emma aus, aber waͤhrend des Abends ließ er die Freude ſeines Herzens vor Zipora nicht laut wer⸗ den, denn er achtete Jethro's Willen, der beſchloſſen hatte, daß ſie erſt am folgen⸗ den Tase etwas f erfahten ſänie 3 43e 6 Zipora erwachte am naͤchſten Morgen feuͤher als ihre Schweſtern, obgleich ſie wenig geſchlafen hatte. Sie erhob ſich ſtil und ſchlich ſich heimlich fort, denn zum erſten Mahle wollte ſie ſich von ih⸗ 123 ren Schweſtern nicht begleiten laſſen, weil es ihrem Herzen Beduͤrfniß war, allein zu ſeyn. Auf ihren Armen lag das ge⸗ liebte Laͤmmchen, welches Moſeh gerettet hatte, und ſie ſah mit Freude, daß es faſt ganz geheilt war. Zipora ging in den Garten und ſetzte ſich auf die runde Bank, dem Baume gegenuͤber, unter wel⸗ chem Moſeh am vorigen Abende geſeſſen hatte. Sie legte ihre Spindel auf die Bank, nahm das Lamm auf ihren Schooß, und ihre Blicke auf den Feigenbaum hef⸗ tend, verſank ſie in tiefe Traͤumereien, Mit ſchmerzlichem Gefuͤhle dachte ſie da⸗ ran, daß Moſeh nichts geantwortet hatte, als Jethro ihm vaͤterlichen Schutz aubot und ihm die Obhut uͤber ſeine Heerde an⸗ vertraute. Er hat gewiß nicht den Wil⸗ 124 len, hier zu bleiben, ſprach ſie zu ſich ſel⸗ ber, vielleicht will er nur wenige Tage bei uns verweilen. Wie hald wird er uns vielleicht ein ewiges Lebewohl ſagen! Moͤchte er in einem andern Lande gluͤck⸗ lich ſeyn! Gutes Laͤmmchen, Du biſt mir ſo lieb, aber wenn er uns verlaͤßt, will ich Dich im Tempel opfern, und den Herrn bitten, daß Moſeh den Ruhm gewinne, den ſeine Seele begehrt, und daß ich die verlorene Ruhe wiederfinde. Aber wenn Mo⸗ ſeh bei uns bliebe, dann, liebes Laͤmmchen, Pelllteſt Du fuͤr mich das Unterpfand ſeiner Freundſchaft werden und mich nie verlaſ⸗ ſen. Ich wuͤrde von meinem Pater den ſchoͤnſten Widder ſeiner Heerde erbitten, und ihn mit zwei blauen Turteltauben vom 123 Ufer des Jordans zu dem Aldant des Herrn bringen. 4 So ſprach Zipora und ſtreichelte wei⸗ nend ihr Laͤmmchen, deſſen weißes Vließ bald mit Thraͤnen„rein wie Morgenthau, benetzt war. Da hoͤrte ſie plotzlich Fuß⸗ tritte, und glaubte, es waͤre Moſeh, der ſie zu ſuchen kaͤme, um ſie zu bitten, ihn zu der Heerde zu fuͤhren. Sie wendete aufbebend ſich um, und nahm ihre Spin⸗ del in die Hand, weil ſie ſich nicht in Unthaͤ⸗ tigkeit uͤberraſchen laſſen wollte. Aber ver⸗ gebens durchlief ihr Blick den Garten; Mo⸗ ſeh war nirgend zu ſehn. Sie dachte nicht daran, daß Moſeh erſt eine Stunde nach Tagesanbruche kommen konnte, und der 126 erſte Schein der Morgenroͤthe hatte kaum die Schatten der Nacht zerſtreut. Zipora ſeufzte und die Spindel noch einmahl nie⸗ derlegend, verſank ſie wieder in ſchmach⸗ tende Sehnſucht. So ſitzt ein ſchuͤchter⸗ nes Voͤgelein, die ſchweren, mit Regen⸗ tropfen beladenen, Fluͤgel ſenkend, auf ei⸗ nem Zweige, und erwartet den Strahl der Sonne, um wieder aufzufliegen und ſei⸗ nen lieblichen Geſang von neuem anzu⸗ fangen... ut e Gtte. Endlich kam Moſeh und weckte ſie aus ihrer langen Traͤumerei. Die junge Hir⸗ tinn erhob ſich erroͤthend, und ſetzte ihr Laͤmmchen auf die Erde. Es iſt geheilt, ſprach ſie, aber ich will's noch nicht wie⸗ der zu der Heerde gehen laſſen, ich will's 122 bei mir behalten, ſo lngi D bei uns aäihes 3uen D n wirſ Du es immer erabes Dir be⸗ halten, antwortete Moſeh Bei dieſen Worten verſchwanden Zi⸗ pora's Beſorgniſſe; ſie ſenkte das freude⸗ glaͤnzende Auge, aber ein ſanftes Laͤcheln und die lebhafte Roͤthe ihrer Wangen ver⸗ riethen deutlich des Herzens geheime Re⸗ gungen. Wie die ſanfte Purpurgluth, wo⸗ mit die Strahlen der Soune, von einem duͤnnen Wolkenſchleier verhuͤllt, den Him⸗ mel faͤrben, ſo erſchien Zipora's ſchoͤnes Geſicht vor Moſeh's bezauberten Blicken. Da ward Zipora's Nahmen im Garten ge⸗ rufen. Es waren ihre Schweſtern⸗ welche 128 ſie aufſuchten. Die froͤhlichen Maͤdchen ſammelten ſich bald um ſie, und waͤhrend die jungen Hirtinnen bei dem Morgengruße ihre Schweſter umarmten, liebkoſete Mo⸗ ſeh Zipora's Laͤmmchen. Froͤhlich nahmen Alle den Weg zu der Schaͤferei und als Moſeh die Heerde uͤbernommen hatte, trennte er ſich von den Hirtinnen und fuͤhrte die Schafe auf die Weide. Er eilte, ſie bald wieder heim zu fuͤhren, denn nach ſeiner Ruͤckkehr wollte Jethro mit Zipora reden. Der Prieſter hielt Wort, und fragte Zipora in Moſeh's Ge⸗ genwart. Die Hirtinn, uͤberraſcht und bewegt, antwortete unverſtellt und ohne Ruͤckhalt, und Moſeh pries in dieſem Au⸗ genblicke ſeine Verbannung und ſein Loos. Jethro verſprach den beiden Liebenden, ſie nach 129 dem Feſte der Erſtlingsgarbe zu vermaͤh⸗ len; aber es ward zugleich verabredet, daß ein treuer Bote heimlich nach Mem⸗ phis geſandt werden ſollte, um Moſeh's Aeltern und der aͤgyptiſchen Koͤnigstochter die gluͤckliche Nachricht zu bringen und ihre Einwilligung zu hohlen. Moſeh und Zipora genoſſen indeß gluͤckliche Tage. Jeden Morgen, wenn Moſeh mit der Heerde heimkehrte, fuͤhrte Jethro ihn mit ſeinen Kindern in den Tempel und Mo⸗ ſeh half den hohen Prieſter bei den got⸗ tesdienſtlichen Verrichtungen. Die ver⸗ ſchleierten Maͤdchen ſchmuͤckten das Innere des Tempels mit Blumen und ſangen Loblieder dem Herrn. Mit welcher Ruͤh⸗ rung hoͤrte Zipora die harmoniſchen Toͤne, die Moſeh dem Siſtrum entlockte, und J die Gebete, welche ihr Vater ſprach! Mit welcher Wolluſt athmete ſie den Duft der Wohlgeruͤche, welche von den gelieb⸗ ten Haͤnden dargebracht und angezuͤndet wurden! Der Herr koͤnnte, ſchien es ihr, nicht wuͤrdiger, als durch Jethro's und Moſeh's Anbetung, verehrt werden. Wenn ſie mit dieſen Gebeten ihre frommen Ge⸗ danken vereinte, ſo hoffte ſie gewiſſe Er⸗ hoͤrung, und wenn ſie die theuren Maͤn⸗ ner vor dem Altare knien ſah, erwartete ſie alles von dem Schutze des Himmels, und ihr Herz, von ſtillem Vertrauen und heiliger Liebe erfuͤllt, freute ſich zum vor⸗ aus der Segnungen des Himmels. Nach der Ruͤckkehr aus dem Tempel eilte man in die Wohnung zuruͤck, wo man immer Freude und Gluͤck zu finden gewiß war. 131 Dann ſetzte man ſich zu einem maͤßigen Mahle, wo Jethro und Moſeh abwech⸗ ſelnd die Aufmerkſamkeit der Jungfrauen feſſelten, und ſie bald durch fromme Er⸗ mahnungen, bald durch anziehende Erzaͤh⸗ lungen entzuͤckten. Jetzt unterhielt Moſeh ſie von den Wundern, von der Herrlich⸗ keit, Macht und Barmherzigkeit des Herrn, jetzt ſchilderte er ihnen Gottes furchtbare Gerechtigkeit. Er erinnerte ſie an das ſchreckliche Ereigniß, das den Zorn des Himmels verkuͤndigt hatte; er zeigte ih⸗ nen den erzuͤrnten Herrn, wie er ſeinen Arm uͤber das Weltall ausſtreckte. Sein Weort, ſprach er, konnte in einem Augen⸗ blicke die Schoͤpfung vernichten„aber er begnuͤgte ſich, das herrliche Gemaͤhlde der⸗ ſelben zu verhuͤllen, indem er es unter G 2 132 den Waſſerfluthen begrub, und vier Jah⸗ reszeiten hindurch erleuchtete das ſchoͤne Geſtirn, das Waͤrme, Licht und Leben verbreitet, nicht mehr das große Grab des Menſchengeſchlechts. Endlich hob ſich die gereinigte, aber veroͤdete, Erde wie⸗ der empor aus den Waſſerfluthen, und der gerettete Gerechte erhielt die Herr⸗ ſchaft uͤber dieſelbe; ein einziger Menſch herrſchte uͤber die Welt, und alle ihre Be⸗ wohner, ein einziges Geſchlecht, waren unter einem Zelte vereinigt. Oft aber ſchilderte Moſeh in ſanften Gemaͤhlden, die Zipora's Herz anſprachen, Iſaak's und Rebecka's, oder Jakob's und Rahel's keu⸗ ſche Liebe. So verfloſſen die Abende. Waͤhrend⸗ einiger Stunden des Tages ſuchte Moſeh, von Zipora getrennt, die 133 Einſamkeit, und fuͤhrte ſeine Heerde uͤber die einſamen Weideplaͤtze. Danuͤberließ er ſich erhabenen Betrachtungen, und ſeine Seele, von der Erde ſich erhebend, ſchwang ſich zu dem Ewigen auf, und ward mit der himmliſchen Weisheit erfuͤllt, welche eines Tages die Hebraͤer und die Welt erleuchten ſollte. Fuch 111 1190 Waͤhrend Moſeh von dem Geiſte des Herrn erfuͤllt ward, ſannen Haß und Rachſucht auf ſein Verderben. Der er⸗ bitterte Ithamar, von ſeiner Wunde ge⸗ heilt, faßte gegen ihn verraͤtheriſche Ent⸗ wuͤrfe; er verſammelte diejenigen aus ſei⸗ nem Volke, welche dem Baal opferten, und ſchilderte ihnen Moſeh als den na⸗ tuͤrlichen Feind der Midianiten. Der 134 Fremdling, ſprach er, gehoͤrt zu dem gee demuͤthigten geaͤchteten Volke„ das Gott ſelber verworfen und des Erbtheils be⸗ raubt hat, welches es einſt unſern Vaͤ⸗ tern ungerecht entriß. Die herabgewuͤr⸗ digten Hebraͤer haben kein anderes Va⸗ terland, als den Boden, wo ſie in der Knechtſchaft geboren werden, keine andern Wohnungen, als Gefaͤngniſſe, keine Ge⸗ ſetze, als den Willen ihrer Gebieter. Laßt uns dieſen Auswuͤrfling des Menſchenge⸗ ſchlechts nicht unter uns dulden, dieſen fluͤchtigen Sklaven, der keinen Anſpruch auf Gaſtfreundſchaft hat, weil er nicht ſein eigener Herr iſt. Wir koͤnnten ihn greifen, um ihn ſeinem Gebieter zu uͤber⸗ liefern, aber wir wollen uns begnuͤgen, ihn zu verjagen. Und wer weiß, ob die⸗ 135 ſer Sklave nicht ein Kundſchafter ſey? Ob er ſich nicht heimlich mit dem Oberprieſter, dem Feinde der Anbeter Baals, gegen uns verſchworen habe? Wir wollen die Altaͤre nicht umſtuͤrzen, die der Prieſter ſeinem Gotte erbaut, aber er ſoll auch unſre Al⸗ taͤre achten. e Dieſe Worte machten den Eindruck, den Ithamar erwartet hatte. Das Volk rief, der feindliche Sklave muͤßte verbannt werden, und verlangte, daß man ihm den⸗ ſelben ſogleich ausliefern ſollte. Ithamar zog an der Spitze der Aufruͤhrer gegen Je⸗ thro's Wohnung. Moſeh war mit der Heerde noch nicht heimgekehrt, aber die Unruhe war darum nicht minder lebhaft in des Oberprieſters Wohnung. Das Volk, von Ithamar aufgereizt, forderte mit lau⸗ tem Geſchrei die Auslieferung des Hebraͤers, und immer mehr, waͤhrend es ungeſtuͤm ſchrie, ſich erhitzend, ward es bald wuͤ⸗ thend, und drohte, das Haus zu ſtuͤr⸗ men. Die erſchrockene Zipora war aͤngſt⸗ lich beklemmt waͤhrend dieſes wilden Auf⸗ ſtandes. Sie fuͤrchtete eben ſo ſehr fuͤr ihren Vater, als fuͤr Moſeh, und ſchau⸗ derte bei dem Gedanken, daß der theure Gaſt bei der Ruͤckkehr von der Weide in die Haͤnde Jer Wuͤthenden fallen koͤnnte. Zitternd umfaßte ſie die Knie ihres Vaters, der mit den Aufruͤhrern reden wollte, und beſchwor ihn, die Wohnung nicht zu ver⸗ laſſen; Jethro aber ſtieß ſie zuruͤck und oͤffnete die Thuͤre. Die ungluͤckliche Zi⸗ pora ſank ohnmaͤchtig ihren Schweſtern in 137 die Arme. Wie die blendend weiße Lilie im Thale, die uͤber andre Pflanzen ſich erhebt, der Gewalt eines heftigen Stur⸗ mes nicht widerſtehen kann, und wenn ein Windſtoß ihren ſchlanken Staͤngel zerknickt hat, ihr weißes Haupt neigt und auf die kleineren Blumen ſinken laͤßt, welche der Sturm nicht ganz gebeugt hat: ſo lag Zi⸗ pora in den Armen ihrer Schweſtern, die noch zu jnng waren, um fuͤr ſo heftige Medungen epſäaslihas du ſehn Sn Sechro) trat pübggih mitten unter die Aucfährer Seine ehrwuͤrdige Geſtalt, ſein ruhiges heiteres Weſen, und ſein edles Ge⸗ muͤth, das ihm allgemeine Achtung erwor⸗ ben hatte, floͤßten unwillkuͤhrliche Ehr⸗ furcht zin. Er gab ein Zeichen, daß er 138 reden wollte; man murrte, aber man hoͤrte ihn an.„Was verlangt Ihr? ſprach er. Einen jungen Fremdling, der um Schutz fleht? Warum? Ihr wollet ihn ſchimpf⸗ lich verjagen. Hat er Unordnung unter Euch geſtiſtet? Hat er eure Geſetze ver⸗ achtet? Nein, er lebt ruhig und abge⸗ ſchieden, er achtet unſer Volk und hat es dadurch bewieſen, daß er Schutz bei uns ſucht. Jeder Menſch, der in der Fremde ſich niederlaͤßt, ehret das Land, das er zu ſeinem Aufenthalte erwaͤhlt, denn er glaubt da Menſchlichkeit, edelmuͤthige Gaſt⸗ freundſchaft und gute Geſetze zu finden. Rechtfertigt dieſe gute Meinung, die er von Euch hat; weiſet ſie ab die gehaͤſſi⸗ gen Verlaͤumdungen, deren Beweggruͤnde zu unwuͤrdig ſind, als daß ich ſie Euch ent⸗ 139 huͤllen mag. Entfernt Euch! Achtet das ehrende Vertrauen eines Ungluͤcklichen! Bei dieſen Worten war das Volk, das ſich immer leicht zur Beſonnenheit zuruͤck fuͤhren laͤßt, wenn es die Stimme der Vernunft hoͤrt, nahe daran, der maͤchti⸗ gen Einwirkung der Weisheit und der Tu⸗ gend ſich hinzugeben. Vergebens erhob Ithamar, ſchmaͤhlich in ſeinen Erwartun⸗ gen betrogen, ſeine Stimme, um die ge⸗ daͤmpfte Wuth der Aufruͤhrer wieder an⸗ zufachen, da ward ploͤtzlich in der Ferne ein Geraͤuſch verwirrter Stimmen laut, das ſchnell naͤher kam, und bald hoͤrte man, wie Moſeh's Nahme tauſendmahl wieder⸗ holt wurde mit einem Tone, der eher Wuth, als eine andere Regung„auszu⸗ 140 druͤcken ſchien. Der ehrwuͤrdige Jethro er⸗ blaßte, er zweifelte nicht mehr„daß Mo⸗ ſeh von einem andern aufruͤhreriſchen Hau⸗ fen waͤre ereilt und ergriffen worden, und von tiefem Schmerze bewegt, zerriß er ſeine Kleider) mit dem Aufrufe: Es iſt vorbei! Er iſt verloren!l 7. 3 A 1414 Dieſer Gedanke ergriff Ithamar und ſeine Begleiter und erweckte ubn neuem ihre Verwegenheit. Mit verdoppelter Wuth er⸗ hob ſich das Geſchrei der Empoͤrer. Der edelmuͤthige Jethro war eutſchloſſen, ſeinen bis auf's Aeußerſte zu 14 16t 2 ungluͤcklichen Freund 207) Der Gebrauch die Kleider zum Zeichen der Trauer zu zerreiſſen, war allgemein im Morgenlande und iſt noch uͤblich. 141 vertheidigen, und wollte ihm zum Bei⸗ ſtande herbei eilen. Er draͤngte ſich unge⸗ ſtuͤm durch den Haufen, der ihm nachzog. Welcher Anblick uͤberraſchte die Maͤnner! Es war ein Siegesaufzug ſtatt eines Auf⸗ laufes. Moſeh ward auf geflochtenen Baumzweigen getragen; ſeine Heerde zog vor ihm her, und rings um ihn her draͤng⸗ ten ſich Weiber, Kinder und Hirten. Ein Greis, der neben ihm ſaß, erhob auf ei⸗ nem Speere das blutige Haupt eines Ld⸗ wen. Man hoͤrte nun deutlich die Se⸗ genswuͤnſche, womit das Volk den jungen Hebraͤer begruͤßte, und errieth, daß Mo⸗ ſeh einen Löwen getoͤdtet hatte. Der quf⸗ ruͤhriſche Haufen blieb ſtehn und alle wa⸗ ren von Neugier und Ueberraſchung gefeſ⸗ ſelt. Jethro eilte auf Moſeh zu, der ſich 142 aus den Armen der Hirten losriß, um dem Rufe des Gaſtfreundes zu folgen. Da prieſen tauſend Stimmen ihn als den Ret⸗ ter eines ganzen Dorfes. Entzuͤckt ergriff Jethro Moſeh's Hand und zeigte ihn den verſammelten Hirten. Habt Ihr's gehoͤrt? ſprach er. Wohlan, hier iſt der Fremd⸗ ling, den Ihr verlangt, hier iſt er! Er ſoll leben! Er ſoll bei uns bleiben! rief es von allen Seiten. Dieſer freudige Zuruf war redlich ge⸗ meint; denn das Volk iſt immer aufrich⸗ tig, ſelbſt bei den ſchnellſten Uebergaͤngen von Liebe zu Haß, von Wuth zur Begei⸗ ſterung; es zeigt ſich zwar oft wild und un⸗ beſtaͤndig, aber nie falſch. Moſeh's Ju⸗ 143 gend, ſein Muth und ſeine Staͤrke, die durch ſo viele Zeugen beſtaͤtigt wurden, ſeine hinreiſſende Schoͤnheit, ſeine Sauft⸗ muth, ſeine edle Haltung, weckten Be⸗ wunderung, ſelbſt bei denjenigen, welche wenige Augenblicke vorher ihm den Unter⸗ gang geſchworen hatten. Ithamar, zur Verſtellung gezwungen, ſchien ſeine Erbit⸗ terung aufzuopfern, und fuͤhlte die ſchreck⸗ lichſte Quaal eines neidiſchen Herzens, als er ſich genoͤthigt ſah, in den Jubel einzu⸗ ſtimmen, der ſeinen verhaßten Feind pries. Er entfernte ſich mit Wuth im Herzen. Die Nacht begann ihren dunkeln Schleier uͤber die Erde zu breiten, als Jethro die Hirten entließ. Die beiden Haufen, wel⸗ che ſich waͤhrend des frohen Jubels verei⸗ * . eia 144 nigt hatten, trennten ſich wieden, und Je⸗ thro fuͤhrte ſeinen ſiegreichen Gaſt in die Wohnung zuruͤck. Die gluͤckliche Zipora erwachte wieder zum Leben. Sie betrach⸗ tete zwar nicht ohne Schrecken, aber mit ſtolzem Gefuͤhle das blutige Loͤwenhaupt, das furchtbare Siegesdenkmahl, das Jez thro zum Andenken an Moſeh’s Tapferkeit aufbewahren wollte. Zipora wuͤnſchte alle Umſtaͤnde des ſchrecklichen Kampfes mit dem wilden Thiere zu erfahren, und Mo⸗ ſeh, von Allen umringt, hob alſo an zu erzaͤhlen: „Ich fuͤhrte die Heerde von dem ein⸗ ſamen Weideplatz, als ich, am Rande des Waldes hinziehend, ein durchdringen⸗ des Geſchrei hoͤrte. Alsbald ſtuͤrzte ich in den 145 den Wald, und erblickte in geringer Entfer⸗ nung einen ungeheuren Loͤwen, der ſich mit dem Schweife die Seiten peitſchte und mit offenem Rachen eine junge Frau verfolgte, die ein Kind auf den Armen trug. Schon hatte er ſie erreicht, da traf ihn ein Stein aus meiner Schleuder. Er kehrte um, aber ohne einen Augenblick zu verlieren, ſchleu⸗ derte ich noch einmahl ſchnell nach einander zwei ſcharfe Kieſel, welche ihm beide Augen zerſchmetterten. Das wuͤthende Thier wollte auf mich los ſtuͤrzen, aber es rannte an ei⸗ unen knotigen Baumſtamm. Der heftige Stoß erſchuͤtterte den Loͤwen, ſeine Beine bogen ſich und den blutigen Rachen aufſper⸗ rend, ſtieß er ein furchtbares Gebruͤll aus. Ich benutzte den Augenblick und ſtieß ihm das ſcharfe Eiſen meiner Schleuder in den K 146 Rachen. Er ſank nieder. Ich trat einen Schritt zuruͤck und ergriff ein großes Felſen⸗ ſtuͤck, das ich ihm auf den Kopf warf. Durch das Geſchrei der jungen Frau gelockt, liefen von allen Seiten Hirten herbei, und als ſie das furchtbare Thier erblickten, deſ⸗ ſen Kopf noch halb unter dem Felſenblocke lag, ward ihre Freude laut. Man um⸗ ringte mich, man beſtuͤrmte mich mit Fra⸗ gen und wuͤnſchte mir Gluͤck zu dem Siege. Die gerettete Frau kam zuruͤck, von ihrem Vater, einem ehrwuͤrdigen Greiſe begleitet, und legte das Kind in meine Arme mit den Worten: Dir verdankt es ſein Leben! Das Kind laͤchelte mir zu und ſtreckte liebkoſend ſeine Haͤndchen nach mir aus. Die gluͤck⸗ liche Mutter warf ſich vor mir nieder, der Greis ſegnete mich und ich konnte nur durch 147 Thraͤnen antworten. Man ſchnitt dem Loͤ⸗ wen das Haupt ab und der Greis ſteckte es auf ſeinen Speer. Die Hirten hatten indeß in der Eile aus einigen Baumzweigen eine Tragbahre geflochten. Ich mußte mich da⸗ rauf ſetzen, und ſo kam ich zu eurer Woh⸗ nung, gluͤcklicher, als ein ſtolzer Sieger, der ein Heer von Feinden vernichtet hat.“ Als Moſeh ſeine Erzaͤhlung geendigt hatte, beſtuͤrmte man ihn mit neuen Fra⸗ gen, die ihn nöthigten zu wiederholen, was er ſchon einmahl erzaͤhlt hatte. Man ward nicht muͤde ihn anzuhdren, Siporg war ent⸗ zuͤckt bei dem Gedanken, daß dieſe glaͤnzende That dem Gaſte das Wohlwollen und den Schutz des Volkes ſicherte, und daß der ohnmaͤchtige, in ſeinen Erwartungen betro⸗ gene, Haß es fortan nicht mehr wagen K 2 148 duͤrfte, neue vergebliche Entwuͤrfe gegen ihn zu machen. Jethro aber, der die Menſchen beſſer kannte, wollte ſich d·eſer Hoffnung nicht uͤberlaſſen; denn er wußte, daß der Neid nie den Muth verliert und daß der de⸗ muͤthigende Zwang, ſich zu verberg gen, ſeine Wuth nur reizer. Bei dem Mißgeſchicke des Beneideten ſcheint die unwuͤrdige Re⸗ gung zu verſchwinden, aber ein neuer Sieg deſſelben erweckt ſogleich die ſchlummernde Erbitterung: ſo werden Schlaugen, die waͤhrend der ſchlechten Jahreszeit betaͤubt im Schlamme liegen„ von den erſten war⸗ men Sonnenſtrahlen wieder belebt und es wird die Kraft ihres zerſtoͤrenden Giftes wie⸗ der erweckt. Beforgter als je„ nahm Je⸗ thro ſich vor, Ithamar's Schritte zu bewa⸗ chen, und ſorgfaͤltig bedacht zu ſeyn„ die geheimen Entwuͤrfe des feigen Feindes zu zerſtoͤren. . — — 5 5 Seeſch ſt es 151 —————— . 2 t 1 Die Erntezeit war gekommen. Jethro ging mit Moſeh und ſeinen Kindern auf ſeine Aecker, um das Getreide zu maͤhen, und die Erſtlingsgarbe zu binden, welche er am folgenden Tage dem Herrn dar⸗ bringen wollte. Ein zahlreicher Haufen treuer Anbeter des Herrn folgte dem Prie⸗ ſter. Man fragte dreimahl mit lauter Stimme, ob die Sonne aufgegangen waͤ⸗ re, und als die Frage dreimahl war be⸗ jaht worden, begannen drei Maͤnner mit verſchiedenen Sicheln die reifen Halme ab⸗ 15² zuſchneiden.*) Darauf band man eine ungeheure Garbe, welche ſogleich in den Tempel getragen ward, den Jethro dem Herrn erbaut hatte. Gold und koͤſtliche Hoͤlzer ſchmuͤckten nicht dieſen einfachen Tempel. Er beſtand aus einer doppelten Reihe von Palmen und Oehlbaͤumen, die durch Laubgehaͤnge verbunden und mit ei⸗ ner ſtarken Dornhecke umzaͤunt waren. In ¹) Die benachbarten Staͤdte ſandten am Vorabende Abgeordnete zu dieſem Feſte. Dieſe fragten dreimahl, ob die Sonne untergegangen waͤre, und dreimahl ward die Frage bejaht. Die Maͤnner maͤheten mit drei verſchiedenen Sicheln, und ban⸗ den eine ungeheure Garbe, die man in den Tempel trug, wo ſie ausgedroſchen und das Korn geworfelt ward. Am fol⸗ genden Tage ward dem Herrn ein Opfer davon gebracht. 153 der Mitte deſſelben ſtand ein Altar von Steinen, auf welchem ſich die ſchoͤnen Worte zeigten: Lehre und Wahrheit, Licht und Vollkommenheit.*) Eine vollſtaͤndige, einfach erhabene Erklaͤ⸗ rung der Offenbarung der Lunihe Glau⸗ bensgeſehet Am folgenden Tage, wo das Feſt ge⸗ feiert ward, ſtwoͤmten mit dem glaͤubigen Volke viele Goͤtzendiener unter den Midia⸗ niten und Fremde aus nahen und fernen Laͤndern zu dem Tempel, um der Feier⸗ 4 ²) Der hohe Prieſter trug ein Bruſtſchild, worauf die Worte Urim und Tumim ſtan⸗ den, d. i. Lehre und Wahrheit, oder nach Andern: Licht und Vollkom⸗ menheit..e 26; memmts 154 lichkeit beizuwohnen. Die Bewohner des praͤchtigen Ekbatana, ⁵) der beruͤhmten Stadt, die ſieben Mauern von ungleicher Hoͤhe, von verſchiedenen Farben mit ver⸗ ſilberten und vergoldeten Zinnen geziert, umfaſſen; die Amoriter von den Felſen und Stroͤmen von Zared und Arnon, kraͤftige Maͤnner, gewandt im Laufe und von krie⸗ geriſchem wilden Anſehn; die Kinder Am⸗ mon, geſchickte Bogenſchuͤtzen, mit langen Koͤchern auf den Schultern; viele Aegypter aus den Staͤdten Tanis und Peluſium, und die Toͤchter von Moab, ſchoͤn ge⸗ ſchmuͤckt und nicht verhuͤllt in ihre ſchwar⸗ ³) Ekbatana, eine Stadt in Medien, war der Sommeraufenthalt der Koͤnige von Perſien. 438 155 zen, mit Peilen und Cbelſtnen eliatn Schlaſe Oert 1 14◻* 1 Man offnete die Domenhecke und alle betraten den Tempel. Die Fremden ſtell⸗ ten ſi ch in den Gang, den die Palmen und Oehlbaäume rings um den Tempel bildeten„ und der von dem Inneren nur durch das Weinlaubgewinde getrennt war, welches, mit rothen Trauben beladen, ſi ch um die Bäume ſchlang. Der Tempel war mit Blumen ge⸗ ſchmuͤckt. Der Prieſter, mit Roſen be⸗ kraͤnzt, hielt in der Hand eine goldene Schale und zuͤndete vor dem Altare koͤſt⸗ 3 liches Harz von Galaad und Weihrauch 156 von Saba an.*) Zipora, ihre Schwe⸗ ſtern und zwoͤlf andre Jungfrauen brach⸗ ten darauf die Erſtlingsgarbe, und legten ſie auf den Altar, den eine duftende Rauchwolke einhuͤllte. Der Prieſter legte auf die Garbe feines Mehl mit Oehl ge⸗ mengt, und opferte ein fleckenloſes Lamm, waͤhrend die Chöre der Jungfrauen und der Kuaben wechſelnd Geſaͤnge anſtimm⸗ ten. Die Feierlichkeit ward durch den Segen beſchloſſen, den der Prieſter dem Volke gab.„Geſegnet wirſt Du ſeyn, „ſprach er, wenn Du eingeheſt, geſeg⸗ „net, wenn Du ausgeheſt... Und der „Herr wird Dir ſeinen guten Schatz auf⸗ **) Das Harz von Galaad war das koſtlichſte⸗ der Weihrauch von Saba der beßte. 157 „ihun, den Himmel, daß er deinem Lande „Regen gebe zu ſeiner Zeit, daß er ſegne „alle Werke deiner Haͤnde. Und Du wirſt „ vielen Mbkan leihen, 4 du aber wirſt von „niemand borgen.*).. Der Herr laſſe „ſein Angeſicht le. in uͤber Dir und ſey „Dir gnaͤdig! Der Herr hebe ſein An⸗ „geſicht uͤber Dich und aDihe Dir Frie⸗ P deles Ss) or 141 Der Bote, den man nach Memphis geſandt hatte, kam erſt ſechs Tage nach dem Feſte zuruͤck, und brachte die Ein⸗ willigung von Moſeh's Aeltern und von der Koͤnigstochter. Thermuthis ſandte der ) a) 5 Buch Moſ. Kap. as. 4 **) 4 Buch Moſ. Kap. b6.. 158 Braut ihres Pfleglings goldne Ohrgehaͤn⸗ ge, einen halben Sekel ſchwer, Armringe, die zehn Sekel wogen, und koͤſtliche Klei⸗ der. Dem Prieſter aber brachte der Bote von der Koͤnigstochter ein praͤchtiges gold⸗ nes Gefaͤß und mehre Geſchenke fuͤr Zi⸗ pora's Schweſtern.*) Das Gefaͤß, wel⸗ ches Thermuthis ſchon lange fuͤr Moſeh hatte machen laſſen, war mit herrlicher halb erhobener Arbeit geziert. Auf der einen Seite ſah man Phargo auf ſeinem Throne, wie er Joſeph uͤber Aegypten „ ³) Dieß waren die Geſchenke, die Abraham durch ſeinen Diener an Rebekka ſandte. Er gab ihr goldne Ohrgehaͤnge, einen halben Sekel ſchwer, und Armringe an ihre Haͤnde, zehn Sekel Goldes ſchwer. (1 Buch Moſ. Kap. 24.) 159 ſetzte, ihm ſeinen koͤniglichen Ring an den Finger ſteckte und ihm ein goldnes Hals⸗ band umhaͤngts.*) Auf der andern Seite umarnte Joſeph geruͤhrt ſeine Bruͤder und bewilligte ihnen großmuͤthig ſeine Verzei⸗ hung; und auf der dritten ſtellte er ſeinen ¾ Vater dem Koͤnige Pharao vor, und der ehrwuͤrdige Patriarch ſchien dem Koͤnige, der ihn nach ſeinem Alter fragte, zu ant⸗ ) Die Worte der alten Urkunde(2 Buch Moſ. Kap. 41, V. 41 und 42) ſind: Pharao ſprach weiter zu Joſeph: Sieh ich habe Dich uͤber ganz Aegyptenland geſetzt. Und er that ſeinen Ring von ſeiner Hand, gab ihn Joſeph an ſeine Hand, kleidete ihn mit weißer Seide und hing ihm eine goldne Kette um den Hals. 160 worten: Die Zeit meiner Wallfahrt iſt hundert und dreißig Jahre.*) Jethro beſchloß, die Verbindung zwi⸗ ſchen Moſeh und Zipora gleich nach dem Ende der Ernte zu feiern, und den na⸗ hen erſehnten Tag erwartend, uͤberließ ſich 4 das junge Paar den ſuͤßen Huffuungen gluͤcklicher Liebe. Waͤhrend Freude und Gluͤck unter Je⸗ thro's friedlichem Dache wohnten, faßte der finſtre wilde Ithamar, der von heim⸗ licher Liebe gegen Zipora und von unver⸗ ſoͤhnl ſchem Haſſe gegen Moſeh entbrannte, den ³) 1 Buch Moſ. Kap. 47. 161 den Entſchluß, einen beruͤhmten Wahrſa⸗ ger, der damahl in Midian war, um Rath zu fragen. Es war Bileam, der Sohn Beors, der gewoͤhnlich an den ſtei⸗ len Ufern des Fluſſes im Lande der Kin⸗ der Ammon wohnte. In einer finſtern Nacht begab er ſich mit Ithamar in dem Tempel Baal's. Er warf ſich vor dem unreinen Altare nieder, der oft durch Menſchenblut befleckt ward; er rief nur ein Goͤtzenbild an und aus dem Abgrunde antworteten verworfene Geiſter ſeinem Rufe. Zitternd erhob er ſich. Es war nicht die Begeiſterung eines Sehers, was ihn erfuͤllte; er ſchauderte, ein kalter Schweiß bedeckte ſeine Stirne. Da naͤ⸗ herte er ſich mit unſichern Schritten dem Altare, uͤber welchem eine eherne Lampe L .* 4 1 auan 162 hing. Er zuͤndete ſeine Fackel an, die er vor das Goͤtzenbild hinſtellte, und blieb einen Augenblick unbeweglich. Die Zu⸗ kunft enthuͤllte ſich ſeinem Blicke. Er glaubte ſein Verdammungsurtheil darin zu leſen und hob endlich mit gepreßter und bebender Stimme an:„Was ſeh⸗ ich!.. 1 Moſeh immer ſiegreich!.. Wehe mir! Wehe uͤber Midian! Gott laͤßt ihn ans Aegypten ziehn. Sie werden die Voͤlker verzehren, die ihre Feinde ſind; ſie wer: den die Gebeine derſelben zerbrechen und mit ihren Pfeilen durchbohren. Und es wird fortan kein Prophet in Iſrael auf⸗ ſtehn, wie Moſeh, den der Herr erkannt haͤtte von Angeſicht zu Angeſicht, und der mit ſo maͤchtiger Hand ſo große Zeichen 8 und Wunder thaͤte, als Moſeh ſie thun 1 b 163 wird vor den Augen des ganzen Iſ⸗ rael.“*) ²) Ich habe hier in Balaam Mund gelegt, was das bibliſche Buch( Buch Moſ. (Kap. 34) von Moſeh ſagt:„und es ſtand hinfort kein Prophet in Iſrael auf, wie Moſeh, den der Herr erkannt haͤtte von Angeſicht zu Angeſicht, zu allerlek Zeichen und Wundern, dazu ihn der Herr ſandte, daß er ſie thaͤte in Aegy⸗ ptenland, an Pharao und an allen ſei⸗ nen Knechten und an allem ſeinem Lande; und zu aller dieſer maͤchtigen Hand und großen Geſichten, die Moſeh that vor den Augen des ganzen Iſrgel.“ 1 Bileam war ein Wahrſager, den der 4 Koͤnig der Moabiter kommen ließ, um * Iſrael verwuͤnſchen zu laſſen, aber Gott 1 nothigte ihn, ſagt die Schrift, Segens⸗ wuͤnſche, ſtatt der Fluͤche, auszuſprechen. Im Terte iſt dieſer Umſtand alſo nicht erfunden worden, ſondern die Abweichung Q 2 163 Bei dieſen Worten, die Ithamar's Seele mit Schrecken erfuͤllten, erloſchen Lampe und Fackel; Bileam und Ithamar, von dichter Finſterniß umgeben, blieben lange ſtumm und gelaͤhmt von Schmerz und Entſetzen. Die erſten Strahlen der Sonne weckten ſie aus dieſer Betaͤubung. Komm! ſprach Bileam, laß uns auf den Bergen opfern. Ja, Sohn Beor's, antwortete Itha⸗ mar, komm und verfluche unſern gemein⸗ ſchaftlichen Feind, denn wir wiſſen, daß deine Verwuͤnſchungen immer Verderben und Unheil herbei rufen. von der alten Urkunde(4 Buch Moſ. Kap. 23 und 24) betrifft bloß die Zeit⸗ ordnung. 165 Za bis jetzt, hob Bileam wieder an; aber dieſen Fluͤchtling ſchuͤtzt ein Gott, der ſtaͤrker iſt, als alle deine Goͤtter. Doch ſei's, ich will ihn berſuchan Folge mir! Beide gingen darauf aus dem Tem⸗ pel, zogen durch ein oͤdes Gefilde und erſtiegen einen hohen Berg, auf deſſen Gipfel der Wahrſager ſchnell einen Altar erbaute. Als er aber den Mund oͤffnen wollte, erblaßte er, und ſeine erſtarrte Zunge konnte die Verwuͤnſchungen nicht ausſprechen, die ſeine Seele erfonnen hat⸗ te. Der Geiſt des Herrn kam auf ihn. Es war nicht goͤttliche Begeiſterung, was ſeine Seele erfuͤllte, mit unwiderſtehlicher Gewalt ergriff ihn eine hoͤhere raͤchende 166 Macht. Im Grunde ſeines verdorbenen Herzens blieb die alte Verkehrtheit, aber es waren ihm alle Mittel genommen, ſie zu offenbaren. Die Wahrheit zeigte ſich ihm in ihrem Glanze; er konnte ſie we⸗ der erkennen, noch lieben, und ihr mildes Licht war fuͤr ihn das verzehrende Feuer eines raſchen blendenden Blitzes. Er muß die Wahrheit verkuͤndigen, ohne ihr zu huldigen, ſeine Bewunderung iſt nur eine Regung des Entſetzens und der Ton der Worte, die er unwillkuͤhrlich ausſprechen muß, ſchallt wie das Geraͤuſch des Don⸗ ners in ſeinen Ohren.„Es ſagt Bileam, „der Sohn Beors, hob er an, es ſagt „der Mann, dem die Augen geffnet „ſind... Wie fein ſind deine Huͤtten, „Jakob! und deine Wohnungen, Iſrael! 167 „Wie ſich die Baͤche ausbreiten, wie die „Gaͤrten an den Waſſern, wie die Huͤt⸗ „ten, die der Herr pflanzt, wie die Ze⸗ „dern an den Waſſern.. Es wird „ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein „Zepter aus Iſrael aufkommen, und wird „zerſchmettern die Fuͤrſten der Moabiter „und zerſtdren alle Kinder Seths.“ ³) Als Bileam dieſe weiſſagenden Worte geſprochen hatte, erhob ſich ploͤtzlich ein heftiger Wind, der den unheiligen Altar umſtuͤrzte. Ithamar und Bileam fielen 8) Es wird ein Mann aus Jakob aufgehen . u. ſ. w. Dieſe prophetiſchen Segnungen wurden wirklich von Bileam ausgeſpro⸗ chen, dem die Augen geoͤffnet wa⸗ ren.(4 Buch Moſ. Kap. 24.) 168 mit dem Augeſichte nieder zur Erde. Aber bald erhob ſich Ithamar wuͤthend und ſprach zu Bileam: Unſeliger Wahrſager, wahnſinniger Greis, was haſt Du ge⸗ than! Statt unſern Feind zu verwuͤn⸗ ſchen, haſt Du ihn mit Segenswuͤnſchen auͤberhaͤuft, ihn und ſeinen Stamm. Ich kann ihn nicht verfluchen, aut⸗ wortete Bileam. Aber dieſe furchtbaren Wunder ſind doch nur Drohungen, und es iſt vielleicht moͤglich, die Erfuͤllung der⸗ ſelben zu hindern. Moſeh's Untergang allein kann unſer Verderben abwenden⸗ Wohlan, wir wollen alle Anbeter Baals gegen ihn bewaffnen, nicht um deines Zwiſtes willen, aber wegen der Ehre des Gottes, den ſie anbeten. Ich will ihren Eifer entzuͤnden, ihre Wuth reizen, ich will an ihrer Spitze ſtehen, ich will ſel⸗ ber ſie in die Wuͤſte fuͤhren. Da huͤtet Moſeh jeden Tag ſeine Heerde, wir wer⸗ den ihn allein finden und er wird uns nicht entrinnen koͤnnen.* Ithamar gab freudig dieſem Entwurfe ſeinen Beifall. Es ward verabredet, die Ausfuͤhrung zu beſchleunigen, und am fol⸗ genden Tage wollten Beide mit einem zahlreichen wohl bewaffneten Haufen in die Wuͤſte ziehen, um Moſeh zu ermor⸗ den. Die uͤbrigen Stunden des Tages wurden mit geheimen Vorbereitungen zu dem feigen grauſamen Anſchlage zuge⸗ bracht. 470 Bei Tagesanbruche zog Moſeh, wie gewoͤhnlich, mit ſeiner Heerde auf die einſame Weide. Er war unbewaffnet und hatte nichts bei ſich, als ſeine Harfe, die er immer ſpielte, ehe er ſich dem Nach⸗ denken uͤberließ. Auf einem Felſen ſich lagernd, ſang er das Lob des Herrn zu ſeiner Harfe, und als er darauf ſeine Blicke auf das Himmelsgewoͤlbe heftete, vernahm er ſchweigend die goͤttliche Stim⸗ me, die zu ſeiner Seele redete. Nie hatte die hoͤchſte Weisheit ſeinen Geiſt mit ſo hellem Lichte erleuchtet, nie die goͤtt⸗ liche Liebe ſeine Seele mit ſo reiner Gluth entzuͤndet. Von dem hoͤchſten Entzuͤcken durchdrungen warf er ſich auf die Knie nieder, und kreuzte die Arme auf ſeiner Bruſt. Der Geiſt des Herrn erhob ſeine 1 4 2— Seele auf die glaͤnzenden Purpurwolken, die des frommen Sehers entzuͤcktes Auge betrachtete, ſie ſah den Glanz der goͤttli⸗ chen Herrlichkeit und ohne davon geblendet zu werden, kniete ſie vor des Ewigen Throne. In dieſem Augenblicke zogen Ithamar und Bileam mit ihren mordluſtigen Be⸗ gleitern durch die Wuͤſte heran. Moſeh war ſo tief verſunken in erhabenen Ge⸗ danken, daß er ſie nicht gewahr wurde, bis ſie ihm nahe waren. Ithamar und Bileam, mit Dolchen bewaffnet„ ſtanden hinter ihm, und lehnten ſich ſchon an den Felſen, um den Mordanſchlag zu voll⸗ bringen. Da wandte Moſeh ploͤttzlich ſich um, und ſein Anblick allein erfuͤllte ſeine Feinde mit Erſtaunen und Entſetzen. Er war von wunderbarem Lichte umſtrahlt und ſein Angeſicht glaͤnzte, wie des Blitzes leuchtendes Feuer. ⁹) Ithamar und der Wahrſager bebten erſchrocken zuruͤck; die Dolche entſanken ihren ermattenden Haͤn⸗ den, ihre Augen ſchloſſen ſich vor dem Glanze des gottlichen Lichtes und beſin⸗ nungslos fielen beide vor Moſeh nieder. Ihre beſtuͤrzten Begleiter entrannen in ver⸗ wirrter Flarhe So ward Moſeh wunderbar vor der Wuth ſeiner Feinde gerettet. Von dieſem 5) Auch dieſer Zug iſt bloß mit Abweichung von der Zeitordnung aus der bibliſchen urkunde(2 Buch Moſ. Kap. 34 V. 29—35) entlehnt. Tage an wagte es niemand mehr, ſich ge⸗ gen ihn zu verſchworen. Ithamar floh aus dem Lande Midian, um in der Fremde ſeine Schande zu verbergen, und Bileam, von finſtern Ahnungen verfolgt, kehrte in ſeine Einſamkeit zuruͤck. Der ſiegreiche Moſeh empfing die Hand der ſchoͤnen Zi⸗ pora, und im Genuſſe des ſuͤßeſten Gluͤ⸗ ckes fuhr er fort ſeine Seele zu heiligen und ſich ſeiner hohen Beſtimmung wuͤrdig zu machen durch die Ausuͤbung der ſtillen Tugenden, welche der Menſchheit theuer ſind und wohlgefaͤllig vor Gottes Augen. 174 Anmerkungen, welche zu den vier erſten Buͤchern des Textes gehoͤren. Zum erſten Buche. **) Dieſe Abſtammung des Hirtenſtabes der Patriarchen Abraham nnd Jakob iſt eine Er⸗ dichtung, die mit den alterthuͤmlichen Sitten ubereinſtimmt und ſie treulich ſchildeck In jenen Zeiten war die hoͤlzerne Lanze, die Schleuder, die Keule, der Hirtenſtab, der Spaten, welche der Haͤuptling eines acker⸗ bauenden Volks, oder ein Kriegsanfuͤhrer mit eigenen Haͤnden verfertigt hatte, ein theures Erbſtuͤck ſeines Geſchlechts; das man * Iſt Seite 10 Zeile 1 nach den Tertesworten: „Moſeh, untroſtlich uͤber ſeinen Verluſt, vergoß bittre Thraͤnen, und hielt dieſes Mißgeſchick fuͤr die Vorbedeutung groͤßerer Unglucksfalle“ zu leſen. zuweilen einem geliebten Gaſte als Unter⸗ pfand gaſtfreundlicher Zuneigung anbot. * ²) Eine Anſpielung auf 1 Buch Moſeh, Kap. 9.„Meinen Bogen habe ich geſetzt in die Wolken, der ſoll das Zeichen ſeyn des Bundes zwiſchen mir und der Erde. Und wenn es kommt, daß ich Wolken uber die Erde fuͤhre, ſo ſoll man meinen Bogen ſehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwiſchen mir und euch, und an allem lebendigen Thier in allerlei Fleiſch, daß nicht mehr hinfort eine Suͤndfluth kom⸗ me, die alles Fleiſch verderbe.”“ ** ³) In dieſem Traume wird auf Moſeh's be⸗ ruͤhmten Wunderſtab gedeutet. Die Rabbi⸗ nen ſagen, Gott haͤtte dieſen Stab zuerſt fuͤr Adam geſchaffen, darauf waͤre derſelbe auf .* S. 14 Z. 3 nach den derte bten:„Der 1 leuchtende Bogen des Hoͤchſten“ zu leſen. ** S. 15 8. 2 /c, nach den Textesworten:„Er entfaltete ſeine goldnen blauen Fluͤgel, und zu Moſeh tretend, uͤbetreichte er ihm einen gruͤnen Zweig,“ zu leſen. 176 * ee Nie Abraham und endlich auf die aͤgyptiſchen Koͤ⸗ nige gekommen, welchen Jethro, als er ſich von dem Hofe derſelben entfernte, ihn abge⸗ nommen. Der Nahme Gottes war auf den Stab geſchrieben. Jethro erzaͤhlt die rabbi⸗ niſche Sage weiter, pflanzte ihn in ſeinen Garten, wo er ſogleich tiefe Wurzeln ſchlug. Der Prieſter verſprach ſeine Tochter demjeni⸗ gen, der denſelben ausreiſſen konnte, was Moſeh allein vermochte. 4) Als Moſeh Gott in dem flammenden Buſche ſah, verhuͤllte er ſein Ange⸗ ſicht, denn er fuͤrchtete ſich Gott an⸗ zuſchauen. Bei dem erſten Wunder, das er mit ſeinem Stabe(der ſich in eine Schlange verwandelte) verrichtete, floh er beſtuͤrzt. 2 Buch Moſ. Kap. 4. ⁵) In dieſem erſten Buche ſind alle Beſchrei⸗ bungen der Gegenden, welche Moſeh auf ſei⸗ — S. 18 3. ꝛc. nach den Textesworten: „warf ſich beſtuͤrzt zur Erde nieder“ zu „ leſen. S. 20 Z. 13 ꝛc. nach den Textesworten: „den Gipfel des furchtbaren Verges kroͤnte ein alter Dehlbaum“ zu leſen. ner Flucht beruͤhrte, mit den Angaben der veiligen Schrift uͤbereinſtimmend. Man fin⸗ det in Niebuhrs Neiſen eine Beſchreibung des Berges Sinai, woraus ich einige Zuͤge mittheile. Der Berg liegt in einem Thale, das noch jetzt von den Arabern das Thal Pharan genannt wird. Wenn man dritte⸗ halb Meilen vom Fuße des Berges hinan ge⸗ ſtiegen iſt, kommt man zu dem Katharinen⸗ Kloſter, das auf einem Abhange liegt. Die⸗ ſes von Steinen erbaute Kloſter hat nur eine einzige Pforte, welche immer zugemauert iſt, wenn der Biſchof ſich nicht darin aufhaͤlt. Le⸗ bensmittel und ſelbſt Menſchen werden als⸗ dann in Koͤrben hinan gezogen. Vor dem Kloſter iſt ein großer Garten, mit vielen Dattelbaͤumen und andern ſchoͤnen Fruchtbaͤu⸗ men. In der umliegenden Gegend gibt es mehre helle reine Quellen geſunden Waſſers. Das Kloſter wird von griechiſchen Moͤnchen bewohnt, welche von den Arabern oft beun⸗ ruhigt werden. Die Moͤnche bezahlen den Arabern fuͤr jeden Gaſt, den ſie aufnehmen⸗ eine beſtimmte Summe. Aber nur wenn der Biſchof anweſend iſt, werden Fremde aufge⸗ nommen. Die Pforte wird alsdann geoffnet, und die Moͤnche muͤſſen alle Araber, welche bei ſolchen Gelegenheiten haͤnfig ſich einfinden, — M 178 bewirthen. Dieß iſt ſehr druͤckend fuͤr die armen Einſiedler, welche nur von Almoſen und den Fruͤchten ihres Gartens leben und deren Lebensmittel, die ſie von Kahira zie⸗ hen, unterwegs oft gepluͤndert werden. Die⸗ Araber bemaͤchtigen ſich ſogar nicht ſelten der Moͤnche, die ſie außerhalb des Kloſters fin⸗ den, und laſſen ſie nicht Inders. als gegen ein hohes. Löſegeld los. um den Berg zugaͤnglich zu machen, ha⸗ ben die Griechen Stufen in den Felſen ge⸗ hauen. Hat man 500 Stufen erſtiegen, ſo findet man einen ſchoͤnen Brunnen, und 1000 Stufen hoͤher eine der heiligen Jungfrau ge⸗ weihte Kapelle. Zwei andre Kapellen liegen 500 Stufen uͤber derſelben auf einer ſchoͤnen Bergebene. Nach Pococke hat man noch 1000 Stufen zu erſteigen, ehe man den Gipfel des Berges erreicht. Niebuhr ſagt, daß man in der Wuͤſte, je mehr man ſich dem Berge Sinai naͤhert, große Granitmaſſen findet. * ½) Das Land der Midianiten, die von Mi⸗ S. 22 3. 3 ꝛc. uach den Tertesworten:„ins Land Midian“ zu leſen. 8 129 dian abſtammten, las öſtlich vom rothen Meere und ſuͤdlich vom Lande Moab. Die Toͤchter der Midianiten verleiteten die Iſrae⸗ liten zur Anbetung des Baal, daher wurde das Land Midian von Moſeh ange tiſſen 3 8 Zum zweiten Buche. „ ¹) Man weiß nicht genau, was fuͤr eine Holzart das Holz Setim war, welches im Alterthume ſehr hoch geachtet ward. Salomo erhielt ſolches zum Tempelhaue vom Koͤnige Hiram.(Wahrſcheinlich war es Tannenholz, (wie auch Luther uͤberſetzt.) * ²) Das 2 B. Moſ. Kap. 2. erzaͤhlt dieſes Ereigniß folgendermaßen. Moſeh floh vor Pharao und hielt ſich auf im Lande Midian „ S. 30 Z. 16 ꝛc. nech den Textesworten: Einer von koͤſtlichem Setimholze, zu eſen ** S. 39 Z. 3 ꝛc. nach den Terkesworten:„Wa⸗ rum habt Ihr den Fremdling nicht hierher gefuͤhrt?—— Geht t ghnell und holt ihn.“ zu leſen. 180 1 und wohnte bei dennen Brunnen. Der Prie⸗ ſter aber in Midian dnnaie ſieben Toͤchter, wel⸗ dche Waſſer zu ſchoͤpfen kamen, und die Rin⸗ nen fuͤllten, damit ſie ihres Vaters Schafe trankten. Da kamen die Hirten und ſtießen ſie daran. Moſeh aber machte ſich auf, half ihnen und traͤnkte ihre Schafe. Als ſie wie⸗ der zu ihrem Vater kamen, ſprach dieſer: Warum ſeyd ihr heute ſo bald gekommen? .Sie antworteten: Ein aͤgyptiſcher Mann er⸗ rettete uns von den Hirten, ſchoͤpfte uns „Waſſer und traͤnkte die Schafe. Er ſprach zu ſeinen Toͤchtern: Wo iſt er? Warum ludet Ihr ihn nicht ein, mit uns zu eſſen? Moſeh bewilligte bei dem Manne zu bleiben, und dieſer gab ihm ſeine Tochter Zipora.— Itha⸗ mar, der Anfuͤhrer der Hirten, iſt daher Er⸗ findun. ,* 3 3) Die Schrif ft ſagt nichts von Fethrors Ab⸗ Kammung den ich zu einem Abkoͤmmling von Iſmael gemacht habe. Er wird als ein ver⸗ d 0 3. 3 c. nach den Tertesworten:„des 8 Satheſ ters im Lande Midian“ zu leſen. 4— 4 181 ſtaͤndiger und gerechter Mann geſchildert. „Nach der Befreiung der Iſraeliten beſuchte er „Noſeh in der Wuͤſte und gab ihm weiſen Rath. 1 1 AI 6. * ³⁴) Im Alterthume hielt man es fuͤr eine Verletzung der Gaſtfreundſchaft, den Gaſt nach Nahmen und Heimath zu fragen, bevor man ihm allen Beiſtand geleiſtet hatte, deſſen er bedurfte. 2, aGseain Nan ⁵) Iſmael, der Sohn Abrahams von ſeiner Sklavinn Hagav, ward zuerſt in die Wuͤſte Berſaba gefuͤhrt, und ſpaͤterhin wohnte er in der Wuͤſte Pharan. Er ward ein guter Bo⸗ „genſchuͤtze, und heirathete eine Aegypterinn, die ihm zwolf Soͤhne gebar, von welchen die zwolf Staͤmme der Araber abſtammten⸗ * s S. 40 3. 10 ꝛc. nach den Tertesworten: „ Der Prieſter aber wollte keine Frage an den Gaſt wagen, ehe alle Pflichten der Gaſtfreundſchaft gegen ihn erfullt waren,“ zu leſen. ** S. 44 3. 11 nach den Tertesworten:„Ils mael, der keine Heimath ꝛc.“ zu leſen. 8 182 ⁵) Die Gaͤrten der Alten waren nicht von großem Umfange. Die in der Odyſſee be⸗ ſchriebenen Gaͤrten des Alkinous waren ſehr klein. So lange die Haͤuptlinge ihre Gaͤrten ſelber beſorgten, war dieß nothwendig. Nichts fuͤhrt ſo leicht zur Traͤgheit, als die Ausſicht auf eine unermeßliche Arbeit, welcher unſre Kraͤfte nicht gewachſen ſind, und ſtatt uns ei⸗ nen Theil der Arbeit vorzubehalten, geben wir gern das Ganze auf. Zum dritten Buche. ⁵) Die Morgenlaͤnder ſchreiben Joſeph ei⸗ nige wichtige Erfindungen zu, unter andern die Erfindung der Brunnen, der oöͤffentlichen Kornſpeicher, der Obelisken und Pyramiden. Sie glauben, er haͤtte auf ſeiner Schulter ei⸗ * S. 45 3. I von unten ꝛc. nach den Tex⸗ tesworten:„Als ſie ringsum gegangen wa⸗ ren“ zu leſen. ** S. 30 Z. I1 ꝛc. nach den Textesworten: „dankbaren Könige mit Ehre belohnt ꝛc.“ zu leſen. 183 nen leuchtenden Punkt, einem Sterne gleich, gehabt, welcher das unausloͤſchliche Zeichen der Weiſſagungsgabe und die Vorbedeutung ſeiner kuͤnftigen Groͤhe geweſen. Kap. 1 V. 9— 22. * ⸗) Dieſe Umſtnde erzählt das 2 Buch Moſ „ ³) Diodor von Sicilien und andre alte Schriftſteller vergleichen die Lotusblume mit weißen Roſen. 4 4) Es gibt Ibiſſe von verſchiedenen Farben⸗ Die feuerfarbigen ſind die ſchoͤnſten. Die Ae⸗ gypter verehrten dieſe Vögel ſo hoch, daß es ein Hauptverhrechen war, einen derſelben, ſelbſt unvorſichtiger Weiſe, zu todten. Kam⸗ * 84. * S. 53 3. 11 nach den Tertesworten:„in den Nil zu werfen“ zu leſen. 12 nach den Terxtesworten: ⸗ S. 58 3. „ſchoͤne Lotusblumen“ zu leſen. der S., 59 3. 3 ꝛc. nach den Textesworten: Lrliſe von purpurfarbigem Gefieder”“ zu leſen. 4* 184 byſes benutzte dieſen Aberglauben. Als er Damiat belagerte, ließ er ſeine Soldaten IJbiſſe in den Haͤnden halten, und die Aegy⸗ pter, die aus Furcht dieſe Voͤgel zu toͤdten, die Krieger nicht angriffen, ließen die Stadt hinweg nehmen. Wenn ein Ibis ſtarb, ſo wurde er einbalſamirt und feierlich begraben. 5 Moſeh ward(wie Klemens von Vleran⸗ drien ſagt) von den beßten Meiſtern Aegy⸗ ptens in der Mathematik, Muſit und Arznei⸗ kuͤnſt unte rrichtet, und in die geheime Weis⸗ heit, welche mittels der Hieroglyphen gelehrt ward, eingeweiht.— Der juͤdiſche Geſchicht⸗ ſchreiber Joſephus hat Moſeh's Geſchichte ſehr verſchoͤnert und wahrſcheinlich war dasjenige, was er davon erzaͤhlt, Sage unter den Ju⸗ den. Der Koͤnig, ſagte er unter andern, ſetzte einſt. ſeine Krone dem Knaben Moſeh⸗ auf, dieſer aber warf dieſelbe auf die Erde und trat ſie mit Fußen. Als die Aegypter mit den Aethtopiern in Krieg geriethen, ſoll S. 63 Z. 8 ꝛc. nach den Tertesworten: 7 allen Wiſenſchaſten Anteruichken, zu eſen. — 185 Moſeh das aͤgyptiſche Heer angeführt haben und in Aethiopien eingedrungen ſeyn, wo er die Stadt Saba(ſpaͤter Meroe genannt) be⸗ lagorte. Thvrbis, die Tochter des aͤthiopi⸗ ſchen Koͤnigs, ſah Moſeh von der Zinne eines Thurmes und ward von Liebe gegen ihn ent⸗ zundet. Sie bot ihm heimlich ihre Hand an, und er kam ihrem Antrage unter der Bedin⸗ Zung entgegen, daß ſie ihm die Stadt uber⸗ lieferte. Moſeh nahm die Stadt ein, heira⸗ thete die Koͤnigstochter und kehrte ſiegreich nach Aegypten zuruͤck. Pharao aber ward ei⸗ ferſüchtig auf den gluͤcklichen Heerfuͤhrer, und verfolgte ihn ſo ſehr, daß Moſeh gendthigt war, ins Land Midian zu ſliehen. So Jo⸗ fepbues. *) Die Iſraeliten erhielten waͤhrend der Zeit ihrer Dienſtbarkeit in Aegypten wirklich zuweilen die Erlaubniß, in der Wuͤſte zu opfern.- e eS 1 * S. 67 34 11 ꝛc. nach den Textesworten: nn dem Herr ein Opfer in der Wuſte darzu⸗ bringen“ zu leſen. † 26 186 *) Der Werth, den die Menſchen auf den vaͤterlichen Segen legten, ſtand zu allen Zei⸗ ten in Verhaͤltniß mit der Reinheit ihrer Sit⸗ ten. Den Patriarchen war dieſer Segen das erſte aller Erdenguͤter. Auch unſre Voraͤltern 3 legten noch hohen Werth darauf. In der Folgezeit blieb nur die Furcht vor dem Vater⸗ fluche, aber dieſe Furcht kann nur dann wahr⸗ haft heilſam ſeyn, wenn ſie auf Liebe gegruͤn⸗ det iſt. Zum vierten Buche.* ¹) Die alten Hebraͤer hatten(nach Calmet's Dictionnaire historique de la bible) viele Neigung zur Muſik. Sie brauchten dieſelbe bei ihren gottesdienſtlichen Feierlichkeiten, bei ihren oͤffentlichen Beluſtigungen und Begraͤb⸗ * S. 73 8. 3 nach den Textesworten:„Segne 5 mich, mein Vater,“ zu leſen. ar Zu dieſem vierten Buche iſt im Terte durch Ziffern angezeigt, zu welchen Tertesworten die folgenden Anmerkungen gehoren. 187 niſſen. Wir finden in den bibliſchen Buͤchern Freudenlieder, Dankgeſaͤnge, Loblieder, Hoch⸗ zeitgedichte(wie das hohe Lied und der fuͤnf und vierzigſte Pſalm) Trauergeſaͤnge, wie Davids Geſaͤnge auf den Tod Saul's und Ab⸗ ners, Siegeslieder, wie der Geſang Moſeh's nach dem Zuge durch das rothe Meer, der Ge⸗ ſang Debora's. Die Inſtrumental⸗Muſik war ſehr alt. Moſeh erzaͤhlt, daß von Jubal, der vor Noah lebte, diejenigen abſrammten, wel⸗ che das Kinnor und das Hugab ſpielten,(die Geiger und Pfeifer nach Luthers Ueber⸗ ſetzung 1 B. Moſ. Kap. 4 V. 21). Das erſte Inſtrument war vermuthlich eine Art von Leier, das andre ein Floͤteninſtrument, das aus verſchiedenen Pfeifen von ungleicher Groͤße beſtand. Laban beklagt ſich, daß ſein Schwie⸗ gerſohn ihn verlaſſen haͤtte, ohne es ihm vor⸗ her zu ſagen, weil er ihn ſonſt mit Singen, Pauken und Harfen begleitet haben wuͤrde. Nach dem Zuge durch das rothe Meer ſang Moſeh, waͤhrend ſeine Schweſter Mirjam an der Spitze der Iſraelittinnen tanzend ſang und eine Pauke(Handtrommel) ruͤhrte. Mo⸗ ſeh ließ auch ſilberne Trompeten machen, die im Kriege und beim Gottesdienſte gebraucht wurden.— Aſaph, Heman und Idithun waren die Anfuͤhrer der muſikaliſchen Chdre bei der Bundeslade unter David und im Tem⸗ pel unter Salomon. Aſaph hatte vier Soͤhne, Heman ſechs und Idithun vierzehn. Dieſe vier und zwanzig Leviten ſtanden an der Spitze von eben ſo vielen zahlreich beſetzten Choͤren, die abwechſelnd im Tempel dienten. Die Koͤ⸗ nige haͤtten auch ihre beſondere Muſik. Im Tempel und bei hei igen Feſten waren auch Tonkuͤuſtlerinnen, gewoͤhnlich Levitentoͤchter⸗ zugegen.— Eſra nennt in der Aufzaͤhlung der aus der Gefangenſchaft heimfehrenden Juden auch Saͤnger. Die Inſtrumente der Iſraeliten waren theils Saiteninſtrumente, theils Blasinſtrumente, theils ſolche, die ge⸗ ſchlagen wurden. Unter die erſten gehoͤrte das Nable und das Pfalterion, welches Aehnlich⸗ keit mit der Harſe hatte, die Cyther, die alte Leier, die Symphoniee u. ſ. w. Unter die letzten das Tympanum, das Zalzelim. Die Eymbeln waren von Kupfer, das Sy⸗ ſtrum von Metall und wurde mit Staͤbchen von Erz geſchlagen. Die Wirkung der he⸗ braͤtſchen Muſik ſcheint ſehr ergreifend geweſen zu ſeyn. Es iſt bekannt, wie David durch die Toͤne ſeiner Harfe Saul's verſtimmte Seele beruhigte. Der Prophet Eliſa ließ ſich von einem Harſner vorſpielen, um ſich fuͤr goͤttliche Eingebungen empfaͤnglich zu machen, und als 3 189 der Mann zu. ſeiner Harfe ſang, kam der Geiſt des Herrn uͤber Eliſa und er weiſſagte. ²) Solche einfache Altaͤre, von Steinen errich⸗ tet, werden oft in den bibliſchen Buchern er⸗ waͤhnt. Sie beſtanden gewoͤhnlich aus zwoͤlf Steinen, nach der Zahl der zwoͤlf Staͤmme. ³) Man goß ein Gefaͤß mit Waſſer vor dem Al⸗ tare aus zum Zeichen des Schmerzes.„ Ver⸗ ſammelt das ganze Iſrael gen Mizpa, daß ich fuͤr euch bitte zum Herrn. Und ſie kamen zuſammen gen Mizpa, ſchopften Waßeer, gof⸗ ſen es aus vor dem Herrn, faſteten deuſelben Tag, und ſprachen daſelbſt:„Wir haben dem Herrn geſundigt.“(1 B. Sam. Kap. 7). 4 ³) Im 3 B. Moſ. Kap. 12 wird verordnet, daß de Kindbetterlnn, wenn die Zeit ihrer Rei⸗ nigung geendigt iſt, fuͤr ihr Kind ein jaͤhriges Lamm zum Brandopfer bringen ſoll, und eine junge Taube zum Sundopfer fur den Prieſter. Konnte ſie ein Lamm nicht bringen, ſo ſoll ſie zwei Turteltauben, oder zwei junge Tauben,⸗ eine zum Brandopfer, die andre zum Suͤnd⸗ opfer, geben. 190 ⁵) Bekanntlich wurden auf dem Altare Brote dargebracht, Opfer von dem Ertrage des Bo⸗ dens, als den Reichthuͤmern, welche die Vor⸗ ſehung geſchenkt hatte, und von dem Arbeits⸗ fleiße des Menſchen. *⁶) Bei der Belagerung von Gibea waren ſieben hundert Maͤnner auserleſen, die mit der Schleuder, wie die alte Erzaͤhlung ſich aus⸗ druͤckt, ein Haar treffen konnten, ohne zu fehlen.(Buch der Richter Kap. 20 V. 16). *) Wer hat Dich zum Oberſten oder Richter uͤber uns geſetzt? Willſt Du mich auch erwuͤrgen, wie Du geſtern den Aegypter erwuͤrget haſt? Die eigenen Worte der alten Urkunde.(2 B. Moſ. Kap. 2). Wie kraͤftig mahlt dieſer Zug den Neid und die Undankbarkeit derjenigen, für welche Moſeh ſich unbedenklich in Gefahr geſetzt hatte. —— —y-y Das Grab der ſchoͤnen Ameſtris. Eine perſiſche Geſchichte. von Frau von Genlis. 0--e 2 ⁴0 4- 24 0 00 2- 32 7 Darius hatte die ſchoͤne Ameſtris ver⸗ ſoren. Seine Trauer um die Geliebte 1 war ſo ſchmerzlich, daß man fuͤr ſein Leben fuͤrchtete. Aber er haͤtte einen eben ſo ſeltenen als kraͤftigen Troſt ge⸗ nießen koͤnnen, denn er hatte einen. Freund, den treuen Megabyzus, der in ſeinem, Koͤnige nur den Menſchen A 2 —— liebte. Der Guͤnſtling erſchrak uͤber den Zuſtand ſeines königlichen Freun⸗ des, und auf Mittel ſinnend ihn auf⸗ zuheitern, erinnerte er ſich, von ei⸗ nem Weiſen gehoͤrt zu haben, der wunderbare Geheimniſſe beſitzen ſoll⸗ te, leibliche Krankheiten zu heilen und ſelbſt die Qualen einer trauernden See⸗ le zu lindern. Der Weiſe lebte mit⸗ ten in einem Walde. Man hohlte ihn aus ſeiner Einſamkeit, und Megabyzus fuͤhrte ihn zu dem Koͤnige, dem er ei⸗ ne hohe Meinung von Mirza's Weis⸗ heit gegeben hatte. Ach! was koͤnn⸗ teſt Du fuͤr mich thun? ſprach Darius zu ihm; ich habe Alles verloren, was mich an das Leben band, und Deine 5 — Kunſt wird meine Ameſtris nicht aus dem Grabe rufen koͤnnen. Warum nicht, Duat antwortete Mirza. Gott, was ſagſt Du! rief Da⸗ rius uͤberraſcht. Ja, mein Koͤnig, hob Mirja wie⸗ der an, nichts iſt den Magiern un⸗ moͤglich, welche in Zoroaſters goͤttliche Wiſſenſchaft eingeweiht ſind. O rede! rede! Suche mir in Deinem geoßen Rei⸗ che drei Menſchen im kraͤftigen Man⸗ nesalter, die mit ihrem Looſe vollkom⸗ men zufrieden ſind, oder nie uͤber Un⸗ gluͤck ſich beklagt haben; ich ſchreibe ihre Nahmen auf das Grab der Gelieb⸗ 1 6 ten, die Du betrauerſt, und wenn ich dann einen Zauberkreis um das Grab⸗ mahl ziehe, wirſt Du Deine Ameſtris wiederſehen.. Niieeand iſt leichtglaͤubiger, als Liebende und Ungluͤckliche. Der Koͤnig zweifelte nicht, daß Mirza die Macht beſaͤße, ein Wunder zu thun, deſſen Bedingungen ſo leicht zu ſeyn ſchie⸗ nen, und er meinte, ein Betrüger wuͤr⸗ de ſo ſeltſame erſonnen haben, daß man an die Erfuͤllung nicht haͤtte den⸗ ken koͤnnen. Ich brauche nicht erſt in meinem Reiche zu ſuchen, antwortete er, ſchon an meinem Hofe finden wir ohne Muͤhe, was Du verlangſt. Da iſt gleich Megabyzus, der allein die —— beiden Bedingungen erfuͤllet; er hat nie Ungluͤck erfahren, und ich ſtehe da⸗ fuͤr, er iſt mit ſeinem jetzigen Looſe zu⸗ frieden. So viel verlange ich nicht ein⸗ mahl, hob Mirza wieder an. Es iſt genug, daß er mit ſeiner jetzigen Lage zufrieden ſey, oder nie wahren Kum⸗ mer empfunden habe. b Rede, Megabyzus, ſprach der Kö⸗ nig. Megabyzus ſchlug die Augen nieder und ſeufzte tief. Als der Koͤnig in ihn drang, ſich zu erklaͤren, fuhr er fort: Ach! mein Koͤnig, ich bin nicht gluͤcklich. Wie, antwortete der Koͤnig mit 8 — ſchmerzlichem Ausdrucke, Du, den ich mit Ehren uͤberhaͤuft habe, Du, mein Unterthan, den ich Koͤnigen vorzog, die um die Hand meiner Schweſter Pa⸗ riſatis warben, Du, mein Freund, biſt nicht gluͤcklich? Du biſ aüſa undank⸗ bar? e e en Nein, Herr, unehhorkefe. e Whiegar⸗ zus, mein Ehrgeiz iſt voͤllig befriedigt, und Du haſt keinen ſo dankbaren, ſo treuen Unterthan, als mich, aber ein geheimer Kummer quaͤlt mich ſeit fuͤnf Jahren. Warum haſt Du mir ihn verhehlt? fragte Darius. Du konnteſt ihn nicht lindern, und bei Deiner Guͤte gegen mich wuͤrde 9 — Dir dieſe traurige Entdeckung zu ſchmerzlich geweſen ſeyn. Aber laß Anephis kommen, den man mit Recht den Gluͤcklichen nennt. Seinen Nahmen kannſt Du auf das Sruümaht ſchreiben. Wo iſt dieſer uueaen fragte der König. 3Ad d. Jetzt macht er eine, eßſen aber ch. will Eilboten nach ihm ſenden, und in wenigen Tagen ſoll er Deinen Befehlen oigen. dt* Warum ſollen wir ihn erwarten, wenn wir in wenigen Stunden die drei Nahmen finden koͤnnen? 1 Herr, fiel Mirza ein, um den Zau⸗ berkreis zu beſchreiben, muß der Mond 10 im Abnehmen ſeyn, wir haben alfs Wohlan, ſo mag man Anephis ſu⸗ chen, ſprach der Koͤnig. Morgen aber will ich Omaxis, Erimenes und Nel⸗ por rufen laſſen, und ich glaube, wir werden an ihnen gerade genug haben. Nach dieſer Unterhaltung entfernte ſich Mirza. Als Darius mit ſeinem Freunde allein war, bat er ihn drin⸗ gend, ſeinen geheimen Kummer zu ent⸗ decken. Mein Ungluͤck iſt eine Folge Deiner Guͤte, hob Megabyzus an; denn meine Verbindung mit Deiner Schweſter hat mich ungluͤcklich gemacht. Um Dir mein ſeltſames Schickſal recht deutlich zu machen, muß ich meine Er⸗ 2 —— zaͤhlung von einem fruͤhern Zeitpunkte beginnen. Ich wuͤrde es nie gewagt haben, meine Blicke zu der Schweſter meines Koͤnigs zu erheben, wenn nicht ſie ſelber durch Beweiſe der innigſten Theilnahme mich aufgemuntert haͤtte. Lange aber ſah ich in ihrer Guͤte gegen mich nur das Wohlwollen, welches ſie, wie ich glaubte, dem Manne, den Du mit Deinem Vervtrauen beehrt haſt, be⸗ weiſen wollte, und ich mußte alle Kraft meines Gemuͤths aufbieten, um mein Herz gegen eine zaͤrtlichere Regung, als Dank⸗ barkeit, zu ſchuͤtzen. Nicht lange nach Deiner Thronbeſteigung ward ich gefaͤhr⸗ lich krank. Einſt hielt man mich eine ganze Nacht hindurch fuͤr todt, und 12 — Pariſatis fiel in Ohnmacht, gals ſie die falſche Botſchaft erhielt. Ich wuß⸗ te nichts von dieſen Umſtaͤnden; als ich aber ſpaͤterhin ſie beſuchte, ſah ich in ihrem ſchoͤnen Geſichte den Ausdruck der lebhafteſten Bewegung, und nach einer kurzen Unterhaltung geſtand ſie mir ein Gefuͤhl, das ich, von meiner Pflicht durchdrungen, fuͤr ein großes Ungluͤck hielt. Verwirrt und unruhig verließ ich ſie, ohne ein einziges Wort hervor zu bringen. Seitdem mied ich ihre Gegenwart auf das ſorgfaͤltigſte, und trieb Dich, Einen von den Koͤni⸗ gen, welche um die Hand Deiner Schweſter warben, zu beguͤnſtigen. Eines Tages erfuhr ich heim Erwachen, 15 daß man ein großes Feſt vorbereitete, und den Tempel des Mithra*) praͤch⸗ tig ausgeſchmuͤckt haͤtte. Ueberraſcht, die Veranlaſſung dieſer Feierlichkeit nicht zu kennen, begab ich mich in Deine Burg, wo ich Dich von Deinem gan⸗ zen Hofe umgeben fand. Alle wußten eben ſo wenig, als ich, etwas von dem Feſte. Endlich zogeſt Du mich auf die Seite, und ſagteſt zu mir die unvergeß⸗ lichen Worte: Megabyzus, ich habe ſchon lange das Geheimniß meiner Schweſter errathen; ſie liebt Dich. h Dein Betragen habe ich beobach⸗ * Bei den alten erſern der Gott der Sonne. tet; Du haſt Dich als einen treuen, ehrerbietigen Unterthan gezeigt, und Dein Freund will Dich dafuͤr belohnen. Pariſatis iſt Dein. Sie geht auf mei⸗ nen Befehl in den Tempel, aber ſie weiß nicht, daß ſie Dir ihre Hand ge⸗ ben ſoll. Erſt am Opferaltare ſoll ſie's erfahren.— Von Freude und Dankbarkeit bewegt, wollte ich zu Dei⸗ nen Fuͤßen fallen, aber Du entfernteſt Dich ſchnell, und wir folgten Dir in den Tempel. Du ließeſt Deine Schwe⸗ ſter zu dem Altare treten, und als ich auf Deinen Befehl mich ihr genaͤhert hatte, gabſt Du mir die theure Hand, und der Oberprieſter ſegnete unſern Bund. Pariſatis erroͤthete und er⸗ 15 — blaßte wechſelnd, ſie ſchwankte, und ich mußte ſie in meinen Armen halten. Ich verließ den Tempel als der gluͤck⸗ lichſte Sterbliche, aber das Gluͤck der Menſchen iſt nur ein fluͤchtiger Traum. Mein Gluͤck war bald unrettbar ver⸗ lohren. Pariſatis wurde mit einem zahlreichen Gefolge von Sklaven in meinen Pallaſt gefuͤhrt. Als ich mit ihr allein war, warf ich mich vor ihr nieder. Nichts fehlt meinem Gluͤcke, ſprach ich, als daß Dein Mund es be⸗ kraͤftigt.— Mit Verachtung ſtieß Pa⸗ niſatis mich zuruͤck. Erwarte nicht, daß ich mich ſo herabwuͤrdige, antwor⸗ tete ſie. Es iſt wahr, ich habe Dich geliebt, habe es Dir geſtanden, ich war nicht geſchuͤtzt gegen eine Anwandlung von Schwaͤche. Aber nie wuͤrde die Liebe vermocht haben, meine Geburts⸗ rechte aufzugeben. Meine Hand konn⸗ te ich mit freier Einwilligung nur dem⸗ jenigen ſchenken, der mir einen Thron anzubieten hatte.— Du kannſt denken, wie ſchmerzlich ich uͤberraſcht ward, als diejenige, die ich liebte, und deren Liebe ich zu beſitzen glaubte, dieſe Worte ſprach. Vergebens ſuchte ich dieſes ſtolze Gemuͤth, dieſe ehrgeizige Seele zu ruͤhren, und wenn ſie zuweilen fuͤr meine Liebe empfaͤnglich zu ſeyn ſchien, ſo machte ſie ſich bald Vorwuͤrfe dar⸗ uͤber, als ob ſie ſich herabgewuͤrdigt haͤtte, und ſtrafte mich durch neue Stren⸗ 27 —— Strenge. Ich will Dir nur einen Zug mittheilen, der Dir ihren Ehrgeiz beſſer ſchildern wird, als alles, was ich Dir ſagen koͤnnte. Sie iſt eine gute Mut⸗ ter, und wenn die Geſundheit ihrer Kinder leidet, widmet ſie ihnen die ruͤhrendſte Sorgfalt. Neulich ward Eines von ihnen gefaͤhrlich krank, und ich verrieth meine Bekuͤmmerniß. Wo⸗ zu dieſe Unruhe? ſprach ſie eines Ta⸗ ges zu mir, kannſt Du ihm einen Thron dun Erbe geben? Megabzzus ſchwieg. Wohlan, mein Fteund„hob der Koͤnig an, um Deine Ruhe zu ſichern, werde ich es uͤber mich gewinnen, mich von Dir zu trennen. Es iſt mir nicht ſchwer, Dich auf einen B 18 —.,— Thron zu ſetzen, um den Ehrgeitz mei⸗ ner Schweſter zu befriedigen. Nein, mein Koͤnig, antwortete Me⸗ gabyzus, die Trennung von Dir wuͤrde das groͤßte Ungluͤck fuͤr mich ſeyn. Ich will Dich nie verlaſſen, und ich be⸗ ſchwoͤre Dich, gib mir Dein heiliges Wort, einen ſolchen Woeſchlag⸗ nie zu wiederhohlen. Tief Paigenr durch dieſe Worte, druͤckte der Koͤnig dem Freunde die Hand. Dieſer Augenblick gab ihm den ſuͤßeſten Troſt. Wenn Mirza mir nicht neue Hoffnung gegeben haͤtte, ſprach er, ſo wuͤrde ich fuͤhlen, daß ein Freund wie Du mich wieder an das Le⸗ ben knuͤpfen muͤßte. Am folgenden Morgen erſchien Mirza wieder vor dem Koͤnige, welcher Omaxis, Einen der Großen ſeines Ho⸗ fes, erwartete, einen Mann, den er fuͤr vollkommen gluͤcklich hielt. Ich habe ihm, ſprach Darius, erſt vor Kur⸗ zem zwei Gunſtbezeugungen bewilligt, um welche er mich bat, mit der Ver⸗ ſicherung, daß ich ihn durch die Ge⸗ waͤhrung ſeiner Wuͤnſche zum gluͤcklich⸗ ſten Sterblichen machen wuͤrde. Mir⸗ za bat um die Erlaubniß, den Gluͤck⸗ lichen Omaxis unter vier Augen auszu⸗ fragen, waͤhrend der Koͤnig und Mega⸗ byzus, in einem anſtoßenden Gemache verborgen, die Unterhaltung behorchen ſollten. Darius bewilligte es. Oma⸗ B 2 ris trat herein. Der Koͤnig, ſprach Mirza zu ihm, hat mir die Sorge fuͤr ſeine Geſundheit anvertraut. Auf mei⸗ nen Nath zieht er ſich auf einige Tage von allen Geſchaͤften und allen Anſtren⸗ gungen zuruͤck. Er hat niemand bei ſich, als den Gemahl ſeiner Schweſter, der ihn Tag und Nacht nicht verlaͤßt. Das glaube ich gern, fiel Omaxis mit bittern Laͤcheln ein, und der ehr⸗ geizige Megabyzus wird ſchon ſeinen Nutzen davon zu ziehen wiſſen. Der Koͤnig, fuhr Mirza fort, fin⸗ det bei dem Schmerze, der ihn nieder⸗ beugt, nur Troſt in dem Gedanken, das Gluͤck Aller, die er mit ſeiner Freund⸗ ſchaft beehrt, feſt zu gruͤnden. Er 4 will nur Gluͤckliche zuruͤcklaſſen, wenn Gott ſeine Tage abkuͤrzen ſollte. Ich ſoll in ſeinem Nahmen Alle fragen und mit Dir den Anfang machen. Biſt Dü vollkommen mit Deinem Schickſale zu⸗ frieden? Rede offenherziuiug. 336 Onaxis, der Verſicherung ſich er, innernd, welche er dem Koͤnige gege⸗ ben, beſann ſich einige Augenblicke auf die Antwort. Sagt dem Koͤnige, hob er endlich an, es ſey mein einziger Ehr⸗ geiz, ihm treu zu dienen, und blos aus dieſem Beweggrunde wünſche ich den Oberbefehl i in Sardes 5 hihäl ten. 4. 2 8 Und ſonſt ſeyd ihr anens fuhr Müza fort. —— Gluͤcklicha. Kann man denn gluͤcklich ſeyn, wenn man ſeinen Koͤnig liebt, und doch ſehen muß, wie er ei⸗ nem Andern allein den Vorzug giebt? Ich beneide den Gemahl der Schweſter des Koͤnigs nicht um ſeine Reichthuͤmer, um ſeine Ehrenſtellen, aber dieſe Ver⸗ traulichkeit, dieſe innige Freundſchaft — dieß iſt es, was jedem treuen und ergebenen Unterthan das Herz durch⸗ bohren muß. ur l Mirza brach die Unterhaltung ab. Omaix entfernte ſich, und Darius mußte geſtehen, daß der Nahme dieſes Man⸗ nes nicht auf das Grabmahl der Ge⸗ liebten geſchrieben werden koͤnnte. An dem ſelbigen Tage wurden Eri⸗ —— menes und Nelpor nach einander ge⸗ fragt, und verriethen nicht minder, als jener, ihren Neid gegen den Guͤnſtling, ihren regen Ehrgeiz. An den folgen⸗ den Tagen mußten andre Hoͤflinge glei⸗ che Pruͤfungen beſtehen, und alle hat⸗ ten faſt gleichen Erfolg. Endlich er⸗ ſchien der gluͤckliche Anephis am Hofe. Der Koͤnig wollte ihn in des Guͤnſt⸗ lings Gegenwart ſelber fragen. Schon zwanzig Abende hatte der Koͤnig mit Fragen und fruchtloſen Aus⸗ forſchungen zugebracht. Bei dem An⸗ blicke des neuen Ankommlings glaubte er, wenigſtens einen Nahmen gefun⸗ den zu haben, der wuͤrdig waͤre, auf dem Grabe ſeiner geliebten Ameſtris zu ſtehen. Anephis war jung und ſchon, von einndymender Bildung. Nach einer kurzen Einleitung that der Koͤnig die gewoͤhnliche Frage, um zu erfahren, ob Anephis vollkommen gluͤck⸗ lich waͤre. Herr, antwortete Anephis, mein Schickſal iſt ſo ſeltſam, meine Gemuͤths⸗ art ſo wunderlich, daß ich ſelber nicht recht weiß, was ich bin. Wenn Du mich anhoͤren willſt, ſo wirſt du dar⸗ uͤber urtheilen koͤnnen. Meine Aben⸗ theuer ſind ſo ſonderbar, meine Ge⸗ ſchichte iſt ſo abwechſelnd an traurigen, luſtigen und wunderbaren Ereigniſſen, daß meine Erzaͤhlung Dich vielleicht an⸗ genehm unterhalten wird. —— und ſeinen Günſtling neugierig. Ane⸗ phis erhielt Befehl, ſeine Geſchichte bu erzaͤhlen, und er hob alſo an: „Ich bin der Sohn eines reichen Kaufmanns in Sardes. Meine Ael⸗ tern verlohr ich in meiner fruͤheſten Kindheit. Der tugendhafte Nazel, der Bruder meines Vaters, ward mein Vormund, und ſorgte eifrig fuͤr meine Erziehung. Als ich muͤndig geworden war, uͤbergab er mir ein anſehnliches Vermoͤgen, das er durch gluͤckliche Handelsunternehmungen bedeutend ver⸗ mehrt hatte. Anephis, ſprach er zu mir, Du haſt alles, was Du brauchſt, um der gluͤcklichſte Menſch in Perſien 3 Dieſe Worte machten den Koͤnig zu werden. Dein Vermoͤgen iſt ganz ſchuldenfrei. Du biſt in der Bluͤthe der Jugend, Du haſt eine angenehme Geſtalt, eine kraͤftige Geſundheit, ein reines Gewiſſen, Dein Herz iſt gut, Deine Geſinnungen ſind redlich, Deine Neigungen gemaͤßigt. Der gute Ruf Deines verſtorbenen Vaters, und die Achtung, worin Deine Familie ſteht, erwecken ein ſo guͤnſtiges Vorurtheil fuͤr Dich, daß man Dich bei Deinem Eintritte in die Welt uͤberall mit Wohl⸗ wollen empfangen wird. Bei allen dieſen gluͤcklichen Ausſichten kann ich mich dennoch einer lebhaften Unruhe uͤber Dein Schickſal nicht erwehren; ich fuͤrchte, Du wirſt nicht gluͤcklich —— 27 —— ſeyn, denn Du haſt Fehler, die dem Lebensgluͤcke hinderlich ſind, Du biſt traͤge und unentſchloſſen. Dieſe leidi⸗ gen Fehler werden fuͤr Dich doppelt nachtheilig ſeyn, weil Du eine lebhaf⸗ te, leicht entzuͤndbare Einbildungskraft haſt, die aber doch nicht feurig genug iſt, um Dir Kraft zum Handeln und Beharrlichkeit zu verleihen. In Dei⸗ nem Alter vermag man noch Alles uͤber ſich ſelber. Erwaͤge wohl, wenn Du Dich nicht beſſerſt, ſo wirſt Du waͤh⸗ rend Deines ganzen Lebens eitle Ent⸗ wuͤrfe machen, ohne ſie ſtandhaft zu verfolgen, immer auf ein Ziel hinſtre⸗ ben, ohne es zu erreichen, immer ſchwanken, weil Du nicht verſtaͤndig uͤberlegen kannſt, und oft aus Laune) aus Traͤgheit Entſchluͤſſe faſſen, aber darum unbeſonnene Entſchluͤſſe.— Dieſe Worte machten auf mich nur we⸗ nig Eindruck. Waͤhrend mein Oheim ſprach, war ich blos mit dem Gedan⸗ ken beſchaͤftigt, daß ich endlich eine vollkommene Unabhaͤngigkeit gewinnen und das ſuͤße Vergnuͤgen genießen ſoll⸗ te, alles zu vergeſſen, was man mich gelehrt hatte, und daß ich mich unge⸗ ſtoͤrt meiner angebohrnen Traͤgheit uͤber⸗ laſſen koͤnnte. Ich fuͤhrte in den erſten drei Monaten meiner Freiheit ein blo⸗ ßes Genußleben, und wunderte mich nicht wenig, daß ich in dieſer Lebens⸗ weiſe nichts als unertraͤgliche Lang⸗ weile fand. Ich hatte einen armen Verwandten meines Alters, Nahmens Moldar, den ich zu mir in meine Woh⸗ nung nahm, und bald mußte ich mitten im Genuſſe des Reichthums das Schick⸗ ſal meines Freundes beneiden. Er war geiſtreich, arbeitſam, kenntnißvoll, immer thaͤtig, und hatte nie Langweile. Die Liebe riß mich endlich aus dieſer Dumpfheit. Ich ſah die reizende Zo⸗ belis, und fuͤhlte, daß ſie das Gluͤck meines Lebens ſichern koͤnnte. Sie war die einzige Tochter eines reichen Juwe⸗ liers, der ſie zaͤrtlich liebte und ihr vollige Freiheit bei der Wahl eines Gatten ließ. Ich warb um ihre Hand; Zobe⸗ lis ſchien meine Bewerbungen zu be⸗ guͤnſtigen, und bald geſtand ſie mir ih⸗ re Neigung, aber ſie erklaͤrte mir zu⸗ gleich, daß ſie feſt entſchloſſen waͤre, nie einen Mann zu heirathen, den ſie nicht vollkommen kennen gelernt haͤtte. Ich mußte alſo warten. Um den Schmerz, welchen ich uͤber dieſen Auf⸗ ſchub empfand, zu lindern, erlaubte ſie mir, ſie taͤglich zu einer beſtimmten Stunde zu beſuchen, aber wenn ich die⸗ ſe Zeit verſaͤumte, wollte ſie mich nicht mehr vor ſich laſſen. Ich verſprach puͤnktlich zu ſeyn, und ſchon am folgen⸗ den Tage ward ich meinem Verſprechen untreu. Gewohnt, mir auf keine Wei⸗ ſe einen Zwang aufzulegen, und noch weniger gewohnt, mich zur Eile anzu⸗ —— 3² treiben, fand ich es unertraͤglich, mich an eine beſtimmte Stunde zu binden. Es war mir unmöglich, der vorgeſchrie⸗ benen Bedingung mich zu unterwerfen; meine Langſamkeit, mein zerſtreutes Weſen, tauſend Kleinigkeiten, ſelbſt wahre Albernheiten, waren Schuld, daß ich unaufhoͤrlich die leidige Stunde verfehlte. Ich war dabei ziemlich un⸗ bekuͤmmert, weil Zobelis nie unmuthig daruͤber ward und mich immer gut auf⸗ nahm. Mein Freund Moldar, der zu andern Stunden Zutritt zu ihr hatte, mußte oft zu ihr gehn, um ihr meine Entſchuldigungen zu bringen. Er mel⸗ dete mir, ſie waͤre weder zornig noch empfindlich uͤber meine Verſaͤumniſſe, und ich pries mich gluͤcklich, eine ſo nachgiebige Frau gefunden zu haben. Der lange Aufſchub, den ich mir ge⸗ fallen laſſen mußte, hatte mich zwar nicht abgeſchreckt, aber meine Einbil⸗ dungskraft ſehr abgekuͤhlt, und doch liebte ich ſie aufrichtig, und hatte nie eine andre, als ſie, geliebt. Endlich war die beſtimmte Pruͤfungszeit zu Ende, und ich bat ſie dringend, durch die lange erſehnte Verbindung mich gluͤcklich zu machen. Wie, antwortete ſie, glaubſt Du im Ernſte, daß ich Dich heirathen werde? Biſt Du denn gar keiner verſtaͤndigen Ueberlegung faͤhig? nan rim „Was 53 —— „Was ſagſt Du? af 6 uͤber⸗ raſchtt... „Habe ich Dir nicht geſagt) daß ich den Mann, der mein Gebieter wer⸗ den ſollte, genau kennen lernen muͤßte?e⸗ „Nun, Du meinſt... e „Ich meine, antwortete Zobelis, daß ich Dich viel zu wenig geſehen ha⸗ be, um Dich beurtheilen zu koͤnnen. Ich habe nichts, als Deine ungemeine Lauigkeit, Deine unbegreifliche Nach⸗ laͤſſigkeit kennen gelernt, und das iſt genug, um mich zu dem Entſchluſſe zu beſtimmen, Dir meine Hand nicht zu geben. Moldar habe ich genauer ken⸗ nen gelernt, ich habe ihn oͤfter geſehn, als Dich, und ihn will ich heirathen.“ C 6,Moldar, danenäicheds Mif 1c aͤberraſcht.“ 24 364 „Das iſt or nicht, erviederte e. Er hat ſich immer als einen treuen Freund gezeigt, immer nur von Dir geſprochen. Was ich beſchloſſen habe, iſt ihm noch unbekannt; ich habe gegen ihn nur Achtung, und Dich liebte ich, aber Dein kaltſinniges Betragen hat mich gaͤnzlich geheilt. Moldar wird gewiß eine gefuͤhlvolle und tugendhafte Frau gluͤcklich machen koͤnnen, und ich ſage es Dir noch einmal, ihn will ich heirathen.“ „Zabelis ſprach 8 taltblütig,„ daß ch wohl ſah, ihr Entſchluß waͤre un⸗ widerruflich gefaßt. Es wuͤrde mich 35⁵ — zu ſehr aus meiner ruhigen Faſſung gebracht haben, wenn ich ihr Vorwuͤrfe haͤtte machen wollen. Ich fuͤhlte zwar, daß ich mein ganzes Lebensgluͤck verlor, aber ich entfernte mich, ohne mich zu beklagen. Zobelis heirathete Moldar. Ich hatte bei meiner Bewerbung ſo wenig Eifer gezeigt, daß jedermann glaubte, die Heirath waͤre durch mich geſtiftet worden. Dieſes Abentheuer konnte mich alſo nicht um den Beinah⸗ men des Gluͤcklichen bringen, den man mir gegeben hatte. So urtheilt die Welt! Unruhig, mißmuͤthig, mir ſelber zur Laſt, entſchloß ich mich, zu reiſen. Ueberall begleitete mich eine unbeſtimmte Sehnſucht, uͤberall die C 2 36 — Langweile, die mich quaͤlte. Ich ſetzte meine Wanderungen fort, hielt mich auf, wenn ich muͤde war, ſah alles, was zu ſehen war, ohne Neugierde, und mit zerſtreueter Seele, und machte mich wieder auf den Weg, bloß um meinen Aufenthaltsort zu veraͤndern. Eines Tages wanderte ich traurig am Ufer des perſiſchen Meerbuſens, als ploͤtzlich die Erde ſich unter meinen Fuͤ⸗ ßen oͤffnete. Ich verſank in einen Ab⸗ grund. Die Erſchuͤtterung war ſo hef⸗ tig, daß ich die Beſinnung verlor.“ Anephis mußte hier ſeine Erzaͤhlung abbrechen, weil wichtige Staatsge⸗ ſchaͤfte den Koͤnig noͤthigten, ihn zu entlaſſen. Darius aber war ſo neu⸗ 37 —— gierig, den Verfolg der Geſchichte zu kennen, daß er ihm beim Abſchiede be⸗ fahl, am folgenden Tage zu der ſelbi⸗ gen Stunde wiederzukommen. Anephis gehorchte des Koͤnigs Ge⸗ bot, und nahm den abgeriſſenen Faden der Erzaͤhlung alſo wieder auf: „Du wirſt Dich erinnern, Herr, daß ich meine Geſchichte bei dem wun⸗ 1 derbaren Abentheuer abgebrochen habe, wo ich beſinnungslos in den geoͤffneten Abgrund verſank. Aber wie groß war meine Ueberraſchung, als ich, beim Er⸗ wachen aus der Ohnmacht, mich in ei⸗ ner glaͤnzenden Grotte fand, die alle 38 —.— Reichthuͤmer des Meeres ſchmuͤckten. Sie war bekleidet mit ſchimmernden Muſcheln; vierzig Lampen von Perl⸗ mutter hingen an langen Perlenſchnu⸗ ren an der Decke, und verbreiteten ei⸗ nen milden Lichtglanz. Ich wußte ſchon lange, daß es Magier⸗Familien giebt, welche von Zoroaſters erſten Schuͤlern abſtammen, und, in Zauber⸗ kuͤnſten erfahren, die erſtaunlichſten Wunder hervorbringen koͤnnen. Ich zweifelte nicht/ daß ich in dem unter⸗ irdiſchen Palaſte eines Genius oder ei⸗ ner Zauberin mich befaͤnde, und wirk⸗ lich gehoͤrte dieſe Grotte der beruͤhmten Morgeline. Als ich mich ein wenig von meinem Erſtaunen erhohlt hatte, —— ſah ich mich in der Grotte um, und er⸗ blickte ein praͤchtiges Bett, mit Koral⸗ len und Ambra geſchmuͤckt, und mit einem großen Schleier von Silberflor bedeckt. Ich trat hinzu. Eine weib⸗ liche Geſtalt lag unter dem Schleier, und eine liebliche Stimme redete mich an: Fremdling, wer Du auch ſeyſt, Du kannſt mein Befreier werden. Eine grauſame Bezauberung haͤlt mich ſeit langer Zeit hier gebunden, und es haͤngt nur von Dir 85„den Zauber zu zerſtoͤren.*B 1i 5035 „Was muß ich hun tief ich aus, entzuͤckt von der reizenden Stimme. Mein Arm, mein Leben gehoͤrt Dir, ich bin bereit, alles zu wagen.“ „Wenn Du Dein Leben in Gefahr ſetzen muͤßteſt, antwortete die Stimme, ſo wuͤrde ich Deinen Beiſtand nicht anrufen. Du branchſt nur Beharrlich⸗ keit und Mitleid zu zeigen, um mich zu befreien. Wenn es mir gelingt, Dich ein Jahr lang in dieſer Grotte an meiner Seite feſt zu halten, ſo wird der Zauber geloͤſet ſeyn. Aber Du mußt Dich begnuͤgen, meine Stimme zu hoͤren, Du darfſt den Schleier, der mich deckt, nicht aufheben, denn ich wuͤrde Deinen Blicken nicht unter mei⸗ ner wahren Geſtalt erſcheinen, die ich erſt in dem Augenblicke meiner Befrei⸗ ung wiedererhalte.“ „Haſt Du denn die Geſtalt ei⸗ 4¹ — nes Ungeheuers? fragte ich ein wenig bewegt.ä. „ Nein, antwortete ſie; die grau⸗ ſame Morgeline nahm mir zwar meine Reize, aber ſie ließ mir eine Geſtalt, die weder ſeltſam, noch graͤßlich iſt; ſie gab mir nur haͤßliche Zuͤge. Ach! was konnte ſie Schlimmeres thun! O ſteh mich nicht an! Ich wuͤrde Dich zwar nicht erſchrecken, aber, weit un⸗ gluͤcklicher fuͤr mich, Dir mißfallen.“ .MNein, nein! rief ich, dieſen Schleier kann ich nicht dulden. Ich will Dich ſehen, wenn Du kein Unge⸗ heuer biſt. Gewiß werde ich diejenige liebenswuͤrdig finden, die ſo anziehend ſich auszudruͤcken weiß, und deren Stimme tief ins Herz dringt. Bei dieſen Worten hob ich den Schleier) und erblickte eine Geſtalt, die kein Scheuſal, aber deſto widriger war, da ſie mit den groͤbſten Zuͤgen, und den unedelſten Formen, ein jugendliches Anſehen und eine uͤppige Geſundheits⸗ fuͤlle vereinte. Haͤtte ich ein Haupt, mit Schlangen umwunden, und Kral⸗ kenfuͤße erblickt, ſo wuͤrde ich nur die Wirkung einer grauſamen Bezauberung geſehen haben, aber dieſe dicke Geſtalt, mit feurigen ſtrotzenden Wangen, dieſe dummen und doch muntern Geſichts⸗ zuͤge, konnten kein Mitleid einfloͤßen, ſondern nur Widerwillen erwecken. Sie war mit Ketten von großen Perlen 43 auf ein Bett von weißem Atlas gebun⸗ den, und an ihrer Seite lag eine gol⸗ dene Leier. Ich konnte vor Erſtaunen kein Wort hervorbringen. Die Unbe⸗ kannte nahm ihre Leier, und entlockte den Saiten ſo himmliſche Toͤne, daß ich meine Augen ſchloß, um ihre Ge⸗ ſtalt nicht mehr zu ſehen, und ihrer entzuͤckenden Kunſt mich ungeſtoͤrt zu erfreuen. Sie ſang ein ruͤhrendes Lied. Meine Thraͤnen floſſen. Aber ungluͤck⸗ licher Weiſe warf ich mich in einer An⸗ wandlung von Begeiſterung vor ihr nieder, und als ich ihr widriges albern laͤchelndes Geſicht erblickte, war meine Ruͤhrung ploͤtzlich verſchwunden, und es uͤberlief mich eiskalt. Ich verſuchte 44 — es, die Perlenketten zu zerbrechen, wo⸗ mit ſie umwunden war, aber vergebens, dieſe Feſſeln waren ſtaͤrker und feſter, als Eiſenketten. Die Unbekannte ver⸗ huͤllte ſich wieder mit ihrem Schleier, und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. O ich bitte Dich um Alles, ſprach ſie, ſuche dieſe unſelige Geſtalt zu vergeſſen, oder erinnere Dich wenigſtens, daß es nicht meine eigene iſt. Hoͤre meine Ge⸗ ſchichte; ſie wird vielleicht Deine Theil⸗ nahme anſprechen.“ „Als ſie dieſe Worte geſprochen hat te, ſetzte ich mich neben ihr Lager, und ſie hob alſo an zu erzaͤhlen. Ich bin die Koͤniginn des Blumen⸗Eilanos. Roſelis iſt mein Nahme. Mein Vater 45 — war ein Zauberer, aber meine Macht iſt beſchraͤnkt und weit geringer, als die Gewalt der treuloſen Morgeline. Ach! bis zu der Zeit meines Ungluͤcks glaubte ich, Verſtand und lebhafte Einbil⸗ dungskraft waͤren eben ſo viel werth, als Zaubermacht. Ich war gluͤcklich. Die Natur hatte mir eine reizende Ge⸗ ſtalt gegeben, ich beſaß ein liebliches Eiland, wo nie des Winters Strenge waltet, ich ward von meinen Untertha⸗ nen geliebt, und wußte, was meiner Zauberkunſt gebrach, durch meine Gei⸗ ſtesgegenwart und die unerſchoͤpflichen Huͤlfsmittel meiner Einbildungskraft zu erſetzen. Morgeline, die Tochter des naͤchtigſten Genius, hatte von ihrem A46 —— Vater die Herrſchaft uͤber den perſiſchen Meerbuſen und einen furchtbaren Ta⸗ lisman erhalten, der ihr Gewalt uͤber die ganze Natur gibt. Aber fuͤr ſie iſt die Zauberkunſt nur ein Erbtheil, und nicht eine Frucht der Anſtrengung und natuͤrlicher Anlagen. Sie weiß oft ihre Macht nicht verſtaͤndig zu benutzen, ſie bietet die kraͤftigſten Huͤlfsmittel auf, um ſehr kleine Dinge zu verrichten, ſie verſchwendet ihre Macht und wendet ſie nie ſinnreich an. Mir war ſie abhold, weil viele Genien mein Eiland Morge⸗ linens glaͤnzender Grotte vorzogen. Sie wollte uns ein Feſt geben, um ſich uns in ihrer vollen Pracht zu zeigen. Sie vereinte in ihrem unterirdiſchen Pallaſte alle Schaͤtze des perſiſchen Meerbuſens, und leitete Stroͤme hinein, welche brei⸗ te Waſſerfaͤlle und hohe Springbrun⸗ nen bildeten; ſie ließ uns in langen Gaͤngen luſtwandeln, wo in großen Kaͤ⸗ ſten von Perlmutter Korallenſtaͤmme, hoeh wie Eichen ſtanden. Ein Genius, dem Morgeline vor allen zu gefallen wuͤnſchte, ſprach leiſe zu mir: Dein Blumen⸗Eiland gefaͤllt mir mehr, als alle dieſe geſchmackloſen Wunder!— Morgeline hoͤrte es, und von dieſem Augenblicke an ſchwur ſie mir unver⸗ ſoͤhnlichen Haß. Alle Gaͤſte hatten Langweile. Ich gab bald nachher auch ein Feſt, und Morgeline konnte meine Einladung nicht ablehnen. Ich war 43 — nicht die Beherrſcherinn eines beruͤhm⸗ ten Meerbuſens, aber ich hatte einen kleinen Bach; den ich an dem feſtlichen Tage auch beruͤhmt machte. Meine In⸗ ſel heißt das Eiland der Wohlge⸗ ruͤche, weil ſie die lieblichſten Duͤfte weit hinaus ins Meer verbreitet. Bei der Landung am Ufer kommt man in ei⸗ nen Gang von Roſenbuͤſchen. Ein kla⸗ rer Bach rinnt uͤber bunte Steine und Goldſand, und fließt zwiſchen gruͤnen Ufern, die mit Maiblumen, Veilchen, Reſeda und nie welkenden Hiazinthen beſaͤet ſind. Die Roſen meiner Inſel bleiben immer friſch, und wenn ſie ſich entblaͤttern, bieten ſie dem Auge noch immer die Reize des Fruͤhlings dar. Im —— 1 V 49 Im Herbſte bedecken ihre Blumenblaͤt⸗ ter die Erde, und ſelbſt unter den Fuß⸗ tritten des Wanderers verlieren ſie nicht ihre lebhaften Farben. Nach ei⸗ nigen Tagen nimmt ein ſanfter Wind die Blaͤtter auf, und zerſtreuet ſie in der Luft; der Morgenthau erhaͤlt ſie lange friſch, und zu gleicher Zeit bre⸗ chen an allen Roſenſtoͤcken Knospen hervor, aus welchen bald neue Blumen aufbluͤhen. Ich hatte an das Ufer meines Baches einen jungen Hirten mit einem Mirthenkranze geſtellt, der zu den Toͤnen der Harfe didſe Worte ſang: d ae. Gern verweit' ich hier am Bache, Der beſchirmt vom grünen Dache, D 6 —— Durſh die Blumenufer eiltt.. t. Sanft umweht vom Duft der Büſcht, Arhme ich der Wellen Frilche, G Hier, worteue Liebe weilt. und es iebt, wie wir, im Frieden,⸗ Wem das ſchöne Glück beſchieden, Nur Dich, heller Bach, zu ſehn. Nie wird hier, auf ſtillen Wellen, unſer leichter Kahn zerſchellen, Noch im Sturme untergehn. Alle gaben dem Geſange des Hir⸗ ten Beifall, nur Morgeline nicht, wel⸗ che darin eine Spoͤtterei gegen ihren Meerbuſen finden wollte. Ich fuͤhrte die Genien in einen Palaſt, der die — Geſtalt eines ungeheuren Blumenkor; bes hat. Der Tiſch, an welchem ich meine Gaͤſte bewirthen wollte, lief rings um einen bluͤhenden Pomeranzenbaum, der ſich hoch in die Wolken erhob. Auf den Gipfel des Baums hatte ich ein großes Neſt von Moos geſtellt, das mit holden Kindern, wie Liebesgoͤtter geſtaltet, angefuͤllt war; ſie ließen an langen Blumenketten zierliche Koͤrbchen von Elfenbein zu uns herab, die mit den koͤſtlichſten Fruͤchten beladen waren. Man ſang, man plauderte, man ſcherz⸗ te froͤhlich, und niemand, als Mor⸗ geline, verrieth Unmuth und Miß⸗ laune.“ „Seit dieſem Tage war Morgeline 8 2 meine erklaͤrte Feindinn. Sie ſagte mir mit ſpoͤttiſchem Tone, meine Blu⸗ men muͤßten begoſſen werden, und ſie wollte ſchon dafuͤr ſorgen. Ich errieth, daß ſie die Abſicht hatte, mein Eiland zu uͤberſchwemmen. Ich bot ſogleich alle Huͤlfsmittel meiner Kunſt auf, um dem Boden meines großen Eilands ei⸗ ne ſanfte Abdachung zu geben, die ſich bis zu einem Abgrunde neigte, der ei⸗ nen Umfang von einigen Meilen hatte. Kaum war ich mit der Zauberarbeit fertig, da ſah ich in der Luft ein Heer boͤſer Geiſter, auf Wolken ſchwebend, die ungeheure Gießkannen trugen, wel⸗ che ploͤtzlich auf meine Inſel ergoſſen wurden. Aber dieſe Waſſerfluth ſtroͤm⸗ 53 —— te ſogleich in den Schlund hinab, und ein praͤchtiger See verſchoͤnerte mein Eiland. Ein Schlag des Zauberſtabes trocknete und belebte meine Blumen ſerſpiegel Morgelinens See, und ließ an ſeinem Ufer eine Alabaſterſaͤule errichten, auf welcher mit Buchſtaben von Rubinen die Inſchrift ſtand: um ihren Aerger zu vergnügen, Winl Morgeline von ihrem Thron „Mit Haß und Rache mir drohn, Und meint ſp leicht mich zu beſiegen; Doch ſagt ihr nun der ſchöne See⸗ Wie ſchlecht mit Zaubermacht es ſteh“, Sey ſie auch weit verbreitet, Wenn nicht Verſtand ſe leitet. wieder. Ich nannte den ſchoͤnen Waſ Dieſer Spott reizte ihre Wuth aufs heftigſte, aber der Rathſchluß der Ge⸗ nien verbot ihr, fortan eine feindliche Unternehmung gegen meine Inſel zu wagen, und ich hatte nichts von ihr zu fuͤrchten, wenn ich mein Reich nicht verließ. Ich blieb lange ruhig in mei⸗ nem reizenden Aufenthalte, aber end⸗ lich, als ich glaubte, meine Feindinn haͤtte mich vergeſſen, verließ ich meine Inſel. Eines Tages kam ich in einen Wald, da ſah ich ploͤtzlich durch die Wipfel der Baͤume die furchtbare Mor⸗ geline, auf einer ungeheuren Fleder⸗ maus, durch die Luͤfte ziehen. Stolze Roſelis, ſprach ſie zu mir, Du ſollſt mir nicht entrinnen. Ich will alle 55 —— Baͤume dieſes Waldes in Kriegsleute verwandeln, um Dich in meine Grotte bringen zu laſſen.“ „Nach dieſen Worten beruͤhrte ſie die Baͤume mit ihrem Zauberſtabe und das Wunder, das ſie angekuͤn⸗ digt hatte, geſchah vor meinen Au⸗ gen. Morgeline verſchwand in den Luͤften. Nicht vergebens ſollte ſie mit ihre Rache vorher angekuͤndigt haben. Ich hatte zwar nicht die Macht, meine Geſtalt zu verwandeln, aber ich konnte ſie verſtellen, und in einem Augenblicke war ich gekleidet, wie die Krieger, wel⸗ che Morgelinens Zauberkunſt geſchaffen hatte. Ich miſchte mich unter den Hau⸗ fen, und rief mit den Uebrigen: Laßt 56 —— uns Roſelis ſuchen! So irrten wir den gaußen Tag umher. Gegen Abend hielt der ermuͤdete Heerhaufen ſtill und ver⸗ weilte in einer Ebene, wo alle Krieger ſich dem Schlummer uͤberließen. Ich entfloh unter dem Schutze der Dunkel⸗ heit, und als ich die ganze Nacht umher gewandert war, ruhte ich, von Muͤ⸗ digkeit erſchoͤpft, bei Tagesanbruche, auf einem Berge aus. Nach einigen Stunden hoͤrte ich den kriegeriſchen Laͤrm des Heerhaufens, der mich ver⸗ verfolgte; Morgeline war an der Spi⸗ tze ihrer Krieger. Meine Verkleidung, oder jede andre Verhuͤllung, konnte mich nun nicht retten, da Morgeline mein Geſicht kannte. Mein Muth ſank nicht. Ich eilte von dem Berge herab, und kam in einen Hohlweg, der auf beiden Seiten viele Hoͤhlen hatte, wel⸗ che in die Felſenwaͤnde liefen. Es ſchien eine thoͤrigte Hoffnung zu ſeyn, mich in einer dieſer Hoͤhlen vor Morgelinens Nachſtellungen zu verbergen, da ihre Kriegsvoͤlker ſo zahlreich waren, daß ſie alle auf einmahl durchſuchen laſſen konnte; aber bekannt mit Morgelinens beſchraͤnktem Geiſte, erſann ich eine Liſt, die mir gluͤcklich gelang. Ich ging in die Hoͤhle, welche die engſte Oeffnung hatte, und als ich mit Muͤhe hineingedrungen war, uͤberzog ich den Eingang mit einem großen Spinnen⸗ gewebe. Einige Augenblicke nachher e trak Morgeline mit ihren Kriegern in den Hohlweg, und ließ die Hoͤhlen un⸗ terſuchen. Einige von ihnen kamen ſo⸗ gar vor die Grotte, die mich ver⸗ barg, aber zu meiner großen Freude rief Morgeline ſie zuruͤck mit den Wor⸗ ten: Ihr Pinſel, ſeht ihr denn nicht das Spinnengewebe? Hier kann ſie ja nicht verborgen ſeyn!— Nach fruchtloſen Nachforſchungen entfernte ſie ſich ſchnell mit ihrem bewaffne⸗ ten Gefolge. Ich kehrte auf den Berg zuruͤck, wo ich einen freund⸗ lichen Genius fand, welcher, von meiner Gefahr unterrichtet, mir Bei⸗ ſtand brachte. Er nahm mich auf ſeinen Wagen, und ſtiegreich erſchien 59 —— ich wieder auf meinem gluͤcklichen Ei⸗ lande.“ 1 Morgeline nahm zur Verſtellung ihre Zuflucht. Sie ſchien geneigt zu ſeyn, ſich mit mir zu verſoͤhnen, und zum Unglüͤcke iſt nichts leichter, als mein Herz zu taͤuſchen, das unfaͤhig iſt, Verraͤtherei zu ahnen. Ich ver⸗ ſoͤhnte mich aufrichtig, und war ſo arg⸗ los, daß ich Morgelinens Einladung an⸗ nahm, und ihre Grotte beſuchte. Aber kaum hatte ich mich ohne Mißtrauen in die Gewalt meiner treuloſen Fein⸗ din hingegeben, da erkannte ich zu ſpaͤt, daß es unvorſichtig iſt, gegen die Bö⸗ ſen Seelengroͤße und Edelmuth zu zei⸗ gen. Die Verraͤtherinn ſpottete meiner Leichtglaͤubigkeit, und freute ſich ihrer ſchaͤndlichen Tuͤcke, als eines geiſtrei⸗ chen Einfalls. Sie raubte mir meine Reize, ſie feſſelte mich auf dieſes Bett, und erklaͤrte mir, daß ich in dieſem Zu⸗ ſtande bleiben ſollte, bis ein Fremdling, geruͤhrt durch meine Lage, ungeachtet meiner widrigen Haͤßlichkeit, ſo viel Antheil an meinem Schickſale nehmen wuͤrde, daß er ſich entſchließen koͤnnte, ein ganzes Jahr lang unzertrennlich an meiner Seite zu bleiben, obgleich es ihm voͤllig frei ſtehen ſollte, den Palaſt zu verlaſſen. Sie ſetzte hinzu, es wuͤr⸗ de nicht an Beſuchern fehlen, weil alle Wanderennnwelche am Ufer des perſi⸗ ſchen Meerbuſens einen gewiſſen Stein 61 —— beruͤhrten, in dieſe Grotte hinabgezogen werden follten. Du biſt ſo geiſtreich, fuhr ſie ſpoͤttiſch fort, daß es Dir ge⸗ wiß ſehr leicht ſeyn wird, den erſten Fremdling, der hinabfaͤllt, zu feſſeln. Man kann die Schoͤnbeit leicht entbeh⸗ ren, wenn man ſonſt ſo verfuͤhreriſche Reize hat.— Das iſt meine traurige Lage, ſchloß Roſolis ihre Erzaͤhlung. Kann ich hoffen, großmuͤthiger Fremd⸗ ling, daß Du noch eneigt biſt mich zu befreien?⸗⸗ 61 8 Daran weiſle nicht! af ich ent⸗ zuͤckt.“ „Aber ich muß Dir ſagen, hob Ro⸗ ſelis wieder an, es werden die Nym⸗ phen dieſer Grotte zweimahl an jedem Tage Dir Erfriſchungen bringen, und durch die Zaubergewalt ihrer Reize Dich verleiten wollen, mich zu verlaſſen.“ „Sind ſie ſchoͤn? fragte ich.⸗ „Allerdings, wie es Nymphen im⸗ mer ſind.. 3 „Wenn ſie hier find, ſiebenswuͤrdie ge Roſelis, ſo ſpiele deine Leier, oder ſprich mit mir, und ich werde he nicht anhoͤren.”“ „Ich ſage es Dir noch einmahl, wenn Du mein Befreier werden willſt, ſo iſt es nicht noͤthig, daß Du Liebe ge⸗ gen mich empfindeſt, aber Du darfſt nie von meiner Seite weichen, als um einige Stunden des Nachts in einer be⸗ nachbarten Grotte zu ſchlafen. „Ich will Dich nicht verlaſſen, be⸗ theuerte ich, und Dich erloͤſen, Mor⸗ gelinen und allen ihren Nouphen. zum Proare 42. „Als Roſelis ihre Erzaͤhlung geen⸗ digt hatte, fuhr Anephis in ſeiner Ge⸗ ſchichte fort, fragte ich ſie, ob ſchon Beſuche gekommen waͤren, Sie ant⸗ wortete mir, bis zu meiner Ankunft waͤre niemand, als ein armer Fiſcher und ein tauber Greis herabgefallen, die ſich aber nach einer Stunde wieder ent⸗ fernt haͤtten.“ „Gegen Abend erſchienen die Nym⸗ phen der Grotte. Ich fand ſie ſehr ſehr reizend. Sie trugen gruͤne Ge⸗ waͤnder von zarten durchſichtigen Ge⸗ webe. Kronen von roſenrothen Meerpflanzen ſchmuͤckten ihre ſchoͤnen ſchwarzen Haare, Guͤrtel und Armbaͤn⸗ der von Korallen und Perlen erhoͤhten ihren Putz. Sie uͤberreichten mir koͤſt⸗ liche Fruͤchte in Koͤrbchen von Schilf⸗ rohre und luden mich ein, ſie in den Garten der Zauberinn zu begleiten. In dieſem Augenblicke ruͤhrte Roſelis die Leier, aber ich hoͤrte ihr dießmahl nicht ohne Zerſtreuung zu, weil die Nymphen ſich anfaßten und nach den Toͤnen der Leier ſich in anmuthigen Taͤn⸗ zen bewegten. Nichts iſt fuͤr mich ſo verfuͤhreriſch, als eine reizende kunſtrei⸗ che che Taͤnzerin. Ich war ſo innig be⸗ wegt, daß ich die Augen ſchließen muß⸗ te, um der Gewalt des zauberiſchen Reizes zu widerſtehn. Die Nymphen verſchwanden, und bald näͤchhes ent⸗ fernte ich mich, um in einer nahen Grot⸗ te, die man fuͤr mich bereitet hatte, ein nige Stunden auszuruhen. „Drei Monate ging alles gut. Die Leier der kunſtvollen Roſelis, ihr Ge⸗ ſang und ihre Unterhaltung entzuͤckten mich immer. Die liebenswuͤrdige Prin⸗ zeſſtn wußte mich durch ihren gebildeten Geiſt unausſprechlich anzuziehen. Wer ſie anhoͤrte, konnte unmoglich Langwei⸗ le haben, und wenn ich mir einbildete, E 66 —.— daß ſie mit dieſer bezaubernden Anmuth, mit allen ihren Kunſtfertigkeiten, Schoͤn⸗ heit vereinte, ſo glaubte ich, es koͤnnte mich kein Opfer koſten, ihr zu gefallen, und das Werk ihrer Erloͤſung zu voll⸗ bringen. Eines Tages geſtand ſie mir, ich haͤtte einen tiefen Eindruck auf ihr Herz gemacht, und ſie verſprach mir feierlich ihre Hand und den Thron der wohlriechenden Inſel, wenn ich mich dieſer Gunſtbezeigungen durch Beharr⸗ lichkeit wuͤrdig machte. Ich warf mich zu ihren Fuͤſſen, und erneuerte den Schwur, ihr mein Leben zu weihen. Meine Betheurungen waren aufrichtig gemeint, aber die einfoͤrmige Lebens⸗ weiſe, wozu ich verurtheilt war, fing 67 —— an, mir ſehr laͤſtig zu werden. Ich ſah die verwandelte Koͤniginn nicht mehr an, aber unwillkuͤhrlich trat ihr Bild vor meine Seele, und ich mochte mir ſo oft ich wollte ſagen, daß dieſe laͤcherliche Geſtalt nicht ihre eigene waͤ⸗ re, ich konnte die verwuͤnſchte Erinne⸗ rung nicht los werden, die immer der freundliche Zauber ihrer Stimme und ihrer Unterhaltung ſtoͤrte.⸗ „Eines Abends, als ich mit ihr im Geſpraͤche war, oͤffnete ſich die Decke der Grotte, und ein beſtuͤrzter Reiſen⸗ der fiel vor mir nieder. O da kommt ja ein Nebenbuhler aus den Wolken herab! rief ich aus.— Es war ein E 2 68 —— ſchoͤner, reich gekleideter Juͤngling, dem der Fall ſo ſehr die Beſinnung geraubt hatte, daß er erſt nach einer Viertel⸗ ſtunde ein Wort hervor bringen konn⸗ te. Endlich blickte er umher. Eine gräͤchtige Wohnung, hob er an, aber man wird auf eine ziemlich ſonderbare Weiſe hierhen verſetzt. Ohne Zweifel biſt Du der Gebieter dieſer glaͤnzenden Wohnung, und es freut mich⸗ daß Du mir den Zutritt zu Deinem Palaſte ge⸗ gebem haſt, wenn Du auch Deine Gaſt⸗ freundſchaft ein wenig ungeſtuͤm auf⸗ dringſt. 11de 93 „Ich unterbrach den Fremdling, um ihn aus dem Irrthume zu ziehen, und ſagte mit wenigen Worteni, es kaͤ⸗ me bloß darauf an, eine Peinzeſſin zu befreien, welche eine feindſelige Zau⸗ bergewalt in der unterirdiſchen Woh⸗ nung gefangen hielte. Aber ich werde nicht leiden, fuͤgte ich hinzu, daß Du Dich mit dieſer Angelegenheit befaſſeſt, ich bin drei Monate var Dir angekom⸗ men, und habe allein das Recht, die⸗ ſes Unternehmen zu vollbringen. „Wohlan, erwiederte der Fremd⸗ ling, wenn's die Prinzeſſin werth iſt/ ſo ſchlagen wir uns.“ „Recht gern, hob ich wieder an, wir ſind ja beide bewaffnet/ und die Waffen moͤgen heute noch twiſchen uns entſcheiden.“ „Nein, Fremdling! fiel Roſelis ein, ihren Schleier hebend, kaͤmpfe nicht Lgegen Anephis. Sieh mich an, und frage Dich, ob Du, wie er, dieſe Ge⸗ ſtalt lieben koͤnnteſt.“ „Der Reiſende wendete ſich um, und als er ſeine Blicke auf Roſelis warf, brach er in ein ſchallendes Ge⸗ laͤchter aus.“ „Ich ſagte ihm, dieſe Geſtalt waͤre nur eine Taͤuſchung, welche Morgeli⸗ nens Bezauberung hervorgebracht haͤtte, und ich wiederhohlte ihm, daß Roſolis, „ —— die Koͤniginn der Blumeninſel, ihres Reiches und ihres Nahmens wuͤrdig waͤre. Roſelis aber unterbrach mich, und verſicherte den Fremden, daß ich ihn taͤuſchte, daß ich, beſchaͤmt uͤber meine Neigung gegen ſie, eine Fabel erſonnen haͤtte, um meine Liebe zu rechtfertigen. Waͤhrend dieſes Strei⸗ tes heftete der Fremde ſeine Blicke im⸗ mer auf Roſelis, und konnte ſein Ge⸗ laͤchter gar nicht maͤßigen. Ich foderte Roſelis auf, zu ihrer Leier zu ſingen. Sie that es, aber entſchloſſen, den Fremden abzuſchrecken, ſpielte und ſang ſie ſo abſcheulich, daß er ſich die Ohren zu hielt. Ich muß ge⸗ ſtehen, ſprach er zu mir, Du verſtehſt Dich eben ſo gut auf Vatiſtan als ahf Veiderſchengegt „In disſan Augenblicke kamen Morgelinens Nymphen herein. Der Reiſende war entzuͤckt. Er machte ei⸗ nem halben Dutzend auf einmahl ſeine Liebeserklaͤrung, tanzte und ſang mit ihnen, und ließ ſich nicht zweimahl ein⸗ laden, ſie zu begleiten. Zwei Stunden nach feiner Ankunft waren wir ihn los. Dieſes Abentheuer bewies mir, daß Roſelis mir allein ihre Erloͤſung ver⸗ danken wollte, und ich fuͤhlte mich nun noch feſter an ſie gebunden. Freilich zaͤhlte ich Tage und Stunden, weil ich gar nicht verliebt war; nichts hielt 75 ——— mich aufrecht, als die Hoffunng, es einſt zu werden, wenn ich Roſelis in ihrer wahren Geſtalt erblicken ſollte, nichts als die Ehre, welche mir gebot, die gute Prinzeſſinn nicht zu verlaſſen, da ſie ihr Schickſal in meine Haͤnde ge⸗ legt hatte. Ich war ohnehin zur Traͤg⸗ heit geneigt, und hatte nichts zu thun, aber die Langweile; welche die Unthaͤ⸗ tigkeit immer hervor bringt, machte mir das einfoͤrmige Leben bald ganz uner⸗ traͤglich. Abwechſelung war mir Be⸗ duͤrfniß, und vergebens ſuchte ich eine Unruhe zu unterdruͤcken, die mit jedem Tage zu ſteigen ſchien. Eines Mor⸗ gens, als ich mich eben angekleidet hat⸗ te, um zu Roſelis zu gehn, hoͤrte ich a 745 —-— ein leiſes Geraͤuſch. Ich blickte auf, und ſah die reizendſte aller Nymphen des perſiſchen Meerbuſens; denn wie eine Nymphe war ſie gekleidet, aber ich hatte ſie noch nie geſehen. Der blü⸗ hendſte Jugendreiz, die holdeſte An⸗ muth waren uͤber die entzuͤckende Ge⸗ ſtalt ausgegoſſen; ein bezauberndes Laͤcheln, ein zarter Ausdruck von Sanftmuth, Beſcheidenheit und war⸗ men Gefuͤhl erhoͤheten den Eindruck, welchen ihre Reize machten. Außer mir vor Entzuͤcken, kniete ich vor ihr nieder. O wer biſt Du? rief ich. Warum haſt Du Dich bis jetzt vor mei⸗ nen Blicken verborgen?— Anephis, antwortete ſie, ich wollte mich nicht unter den Nymphenſchwarm verlieren. Ich habe Dich geſehn, ohne daß Du mich bemerkt haſt. Ich bin frei, ich liebe Dich, ich bin Dein, wenn Du mir folgen willſt.*A „Bei dieſen Worten reichte ſie mir ihre Hand. Ich war außer mir, ich vergaß alles, von gluͤhender Liebe hin⸗ geriſſen. Die Nymphe zog mich raſch voran, und ich war bald in einem eher⸗ nen Gange, der mit Sternen von Dia⸗ manten beſaͤet war. Morgeline ſaß hier, von ihren Nymphen umgeben, auf einem Throne, den zwei Delphine von Topaſen und Saphiren trugen. Ich naͤherte mich ihr, aber als ich in 9b —— dieſem Augenblicke mich nach meiner holden Verfuͤhrerin umſah, fand ich nicht mehr die himmliſche Geſtalt. Be⸗ ſtuͤrzt ſuchte ich ſie vergebens uͤberall mit meinen Blicken, und meine Ver⸗ wirrung ward noch erhoͤht, als von al⸗ len Seiten ein lautes Gelaͤchter erſcholl. Morgeline gebot endlich dem laͤrmen⸗ den Haufen Stille, und ſprach zu mir: Anephis, meine Nymphen ſind ein we⸗ nig empfindlich daruͤber, daß es ihnen nicht gelungen iſt, Dich hierher zu fuͤh⸗ ren. Du kannſt ihnen die kleine Rache nicht uͤbel nehmen, wenn ſie Dich jetzt ein wenig auslachen, denn ein Trug⸗ bild, das meine Zauberkunſt geſchaffen, hat Dich verfuͤhrt. Aber troͤſte Dich, und laß Dir dieß zur Warnung dienen, kuͤnftig nicht wieder in Abentheuer Dich einzulaſſen, die Seelenſtaͤrke und Be⸗ harrlichkeit fodern. Du ſollſt ſogleich wieder am ufer des perſiſchen Meer⸗ buſens ſeyn. Aber nimm von mir ein Zeichen meines Wohlwollens, dieſe Per⸗ lenſchnur, ſie mag Dich immer erin⸗ nern, daß Morgeline zwar Rache ausuͤbt, aber doch nicht ungroßmuͤ⸗ thig iſt.— Bei dieſen Worten haͤng⸗ te ſie eine Schnur von großen un⸗ vergleichlich ſchoͤnen Perlen mir um dem Hals. Darauf beruͤhrte ſie mich mik ihrem Zauberſtabe, und alsbald ſtand ich am Ufer des perſiſchen Meer⸗ buſens.“ 1 eem 738 —— „Fodre nicht von mir, o Koͤnig, daß ich Dir ſchildre, was meine Seele in jenem Augenblicke fuͤhlte. Ich hatte meinen Schwur gebrochen, die liebens⸗ wuͤrdige Roſelis verlaſſen, eine Krone um eines leeren Trugbildes willen ver⸗ loren, und um mein Ungluͤck zu vollen⸗ den, mußten die bezaubernde Geſtalt des Trugbilds, und die Erinnerung an die gluͤcklichen Augenblicke, welche Ro⸗ ſelis mir durch ihre Unterhaltung und ihr himmliſches Spiel gegeben hatte, unablaͤſſig vor meiner Seele ſtehen. Der Kummer warf mich auf das Kran⸗ kenlager. Als ich mich nach einigen Monaten erhohlt hatte, kehrte ich in meine Heimath zuruͤck. Ich wollte Morgelinens ſchoͤnes Geſchenk nicht behalten, und uͤberreichte Deiner Mut⸗ ter die koͤſtlichen Perlen. Sie verlieh mir zum Danke die Wuͤrde eines Emirs, und alle Welt pries mein Gluͤck. Um dieſe Zeit ſtarb mein Oheim Nazel. Ich war der Erbe ſeines großen Ver⸗ moͤgens. Man nannte mich den gluͤck⸗ lichſten Sterblichen, und doch konnte ich das Bild der reizenden Truggeſtalt nicht aus meiner Seele verbannen, und mich nicht troͤſten, daß ich Roſelis ver⸗ laſſen hatte. Mein Gram ließ mir keine Ruhe. Ich entſchloß mich, eine neue Reiſe zu unternehmen; ich durch⸗ wanderte die unbekannteſten Gegenden Indiens, und ſchiffte uͤber entlegene 8⁰ —-— Meere. Einſt ward ich mitten in ei⸗ ner finſtern Nacht von einem heftigen Sturm uͤberfallen, mein Schiff ſchei⸗ terte an einer Klippe, und ward von den Wogen verſchlungen. Ich ergriff ein Brer, das ich feſt umklammerte, und ſchwamm einige Stunden in der Dunkelheit durch die ſtuͤrmende Fluth. Da ward ich auf einmahl von einem lieblichen Dufte angeweht, und die Wo⸗ gen trugen mich gluͤcklich an das Ufer eines Eilands. Die Sonne ging auf. Ich ſah uͤberall Blumen und koͤſtliche Fruͤchte, und ich ahnete bald, das mein gutes Gluͤck mich in das anmu⸗ thige Reich der Blumenkoͤniginn ge⸗ bracht hatte. War Roſelis, die ich vor gor zwei Jahren verlaſſen hatte, auf ihre Inſel zuruͤckgekehrt? Hatte ein Anderer den Ruhm erworben, das Werk ihrer Befreiung zu vollbringen? Dieſe Gedanken preßten mir ſchmerzliche Thränen aus. Da naheten ſich feſt⸗ lich geſchmuͤckte Hirten, um dem Schiff⸗ bruͤchigen Beiſtand zu bringen. Ich konnte ſie nicht fragen, weil ihre Spra⸗ che mir fremd war. Als ich einige Au⸗ genblicke ausgeruht hatte, gaben ſie mir durch Zeichen zu verſtehen, ihnen zu fol⸗ gen. Ich gehorchte. Eine Stunde wanderten wir unter Lauben von Mir⸗ then und Roſen, ehe wir zu dem Pa⸗ laſte kamen, der die Geſtalt eines Blu⸗ menkorbes hatte. Ich war faſt uͤber⸗ 5 waͤltigt von den Empfindungen, die mein Herz beſtuͤrmten, aber meine Neu⸗ gierde ſiegte, und ich ließ mich von meinen Fuͤhrern fortziehen. Jeder Widerſtand ſchien mir fruchtlos zu ſeyn, und ich glaubte, es waͤre Landesſitte, jeden Fremdling gleich nach ſeiner An⸗ kunft zu der Koͤniginn zu fuͤhren. Als wir durch eine Vorhalle gegangen wa⸗ ren, deren Saͤulen von Karneol, Ge⸗ winde von Jasmin und kilien ſchmuͤck⸗ ten, uͤbergaben meine Fuͤhrer mich ei⸗ ner Schaar reizender Nymphen, die weiße Gewaͤnder und Blumenkraͤnze trugen. Sie gedeten in meiner Mut⸗ terſprache mich an, und verſicherten mich des Schutzes ihrer Gebieterinn. —— 83 —— Ich wollte reden, aber die Worte er⸗ ſtarben mir auf meinen zitternden Lip⸗ pen. Die Nymphen fuͤhrten mich in einen Saal von Jaspis, der mit Ama⸗ ranthen und weißen Roſen geziert war. Im Hintergrunde ſtand eine edle weib⸗ liche Geſtalt, die ich nur von hinten erblickte. Ihr blondes Haar wallte in großen Locken auf ihre Schultern her⸗ ab. Ein leichter ſchimmernder Silber⸗ flor, ein Purpurmantel, auf der Seite durch einen Strauß von Lilien und Ro⸗ ſen aufgeſchuͤrzt, umfaßten die zarten Glieder, und ein Kranz von Sinapflan⸗ zen und Veilchen wand ſich um ihr Haupt. Da iſt Roſelis, unſre Gebie⸗ erinn! ſprachen die Nymphen, auf F 2 die himmliſche Geſtalt deutend. Ich ſchwankte, faſt beſinnungslos, und lehnte mich an eine Saͤule. Aber wie ward mir, als die Koͤniginn ſich um⸗ wendete! Ich erblickte die Zuͤge des sreizenden Trugbildes, dem es gelungen war, mich zu verfuͤhren. Morgeline hatte dem Schattenbilde die Geſtalt ih⸗ rer Feindinn gegeben, von welcher ſie mich trennen wollte. Es war die erſte ſinnreiche Bosheit, die ihr je eingefal⸗ len war. Ich warf mich vor der Koͤ⸗ niginn nieder. Strafe den ungluͤckli⸗ zchen Anephis! rief ich. Aber bedenke, daß es nur einer Geſtalt, die Deine himmliſchen Zuͤge hatte, gelingen konn⸗ te, mich von Deiner Seite zu reißen. —— Dein Bild allein vermochte mich zu be⸗ ſiegen.le „„Jch weiß es, antwottete die K5, niginn. Meine Eigenliebe konnte Dei⸗ ne Untreue entſchuldigen, aber mein Heerz kann ſie nicht verzeihen. Deine Reue iſt nun vergeblich. Ein Anderer iſt mein Befreier geworden. Ein Ande⸗ rer hat mir bewieſen, daß keine Ver⸗. fuͤhrung ihn verleiten konnte, die Hoff⸗ nung einer Ungluͤcklichen zu taͤuſchen. Er hat meine Schwuͤre empfängen, in einer Stunde gebe ich i ihm meine Hand. So weit war Anephis in ſeiner Er⸗ zaͤhlung gekommen, als Megabyzus den 36 —— Koͤnig erinnerte, daß der Tag ſchon an⸗ gebrochen waͤre. Der Erzaͤhler ward entlaſſen, mit dem Befehle, am folgen⸗ den Tage zu derſelbigen Stunde wieder zu erſcheinen. „Ich koͤnnte Dir die ſchmerzlichen Empfindungen nicht ſchildern, welche die Erklaͤrung der holden Blumenkoͤni⸗ ginn in meinem Herzen erweckte, fuhr Anephis am naͤchſten Tage in ſeiner Er⸗ zaͤhlung fort. Ich verlor durch eigene Schuld eine Krone und einen herrlichen Ruhm, ich verlor das Gluͤck, eine ed⸗ le, reizende Gemahlinn zu gewinnen, — . deren gebildeter Geiſt mir Bewunde⸗ rung eingefloͤßt, deren bezaubernde Ge⸗ ſtalt mir den Kopf verdreht hatte. Ich ſtand wie verſteinert, und konnte lange nur durch Thraͤnen antworten, die ich unwillkuͤhrlich vergoß. Aber der Nuͤh⸗ rung folgten bald Zorn und Unmuth. Nein, nein! rief ich aus, wenn Du mich geliebt haſt, ſo wirſt Du den Feh⸗ ler entſchuldigen, wozu Deine Schoͤn⸗ heit allein mich verleitet hat. Ich habe den Reizen der Nymphen Deiner Feindinn ohne Muͤhe widerſtanden; nur Deine Reize haben mich be⸗ ſiegt. Du willſt mich ſtrafen, weil Du Deine Geſinnungen geaͤndert haſt. Deine Untreue allein macht mein 88 Ungluͤck; Du liebſt meinen Nebenbuh⸗ ler.* „Nein, Anephis, antwortete Ro⸗ ſelis geruͤhrt, ich folge nur der Pflicht, aber ich folge ihr mit Seufzen. Der Prinz von Phaſis, mein Befreier, hat von der Natur eine feltene Schoͤnheit empfangen, aber er iſt weder ſo geiſt⸗ reich, noch ſo gefuͤhlvoll, als Du. Ich geſtehe es Dir unverhohlen, ſeine tro⸗ ckene und leere Unterhaltung hat mir das Pruͤfungsjahr ſehr lang gemacht, ich habe ſogar etwas Rauhes und Hef⸗ tiges an ihm bemerkt, das er mir ver⸗ gebens verbergen wollte, und beunru⸗ higende Vermuthungen uͤber ſeine Ge⸗ 89 —— muͤthsart daraus gezogen. Aber die Pflicht der Dankbarkeit bindet mich. Er hat das Werk meiner Befreiung nur unter der Bedingung uͤbernommen, daß er meine Hand erhielte, und er verlang⸗ te von mir zum Unterpfande meines Verſprechens einen Rubinving, auf wel⸗ chen ich mit einen Demant meinen Nah⸗ men graben mußte. Ich bin unauflos⸗ lich gebunden.“ Was kuͤmmert's mich! hob ich wie⸗ der an, um dieſes verhaßte Band zu zerreiſſen, werde ich allem trotzen, ſelbſt Deinem Zorn. Der Prinz von Phaſis ſoll nicht eher der Deinige werden, bis er mir das Leben genommen hat;“ 9 — „Kaum hatte ich dieſe Worte ge⸗ ſprochen, da erſchienen die Nymphen, von den erſten Bewohnern der Inſel begleitet, um ihre Gebieterinn in das Gebuͤſch zu fuͤhren, wo ſie den Bund mit ihrem Befreier ſchließen ſollte. Die Koͤniginn, aus deren Zuͤgen tiefer Kum⸗ mer ſprach, ließ ſich hinweg fuͤhren, und befahl mir, mich zu entfernen und dem Willen des Schickſals mich zu fuͤ⸗ gen. Entſchloſſen, meinen Nebenbuhler zu bekaͤmpfen, gab ich keine Antwort und verlor mich unter dem Haufen. Wir kamen in eine große Sommerlaube, die mit Kraͤnzen von Hagedornzweigen ge⸗ ſchmuͤckt war. Die Koͤniginn ſetzte ſich auf einen Blumenthron, den vier 91 —— Schwaͤne vom reinſten Alabaſter trugen. Ueber dem Haupte der Koͤniginn ſah man einen praͤchtigen Himmel, ein Werk der Peris,“*) von glaͤnzenden Gold⸗ faͤden gewebt, und an den vier Enden mit Roſenketten an praͤchtige Palm⸗ baͤume befeſtigt. Auf dieſem Throne ſaß Roſelis, wie die himmliſche Koͤni⸗ ginn der Liebe. Als ich mein trunke⸗ nes Auge auf ſie heftete, wuchſen mein Schmerz, meine Liebe, meine Kuͤhnheit. Da erſchien ploͤtzlich mit zahlreichem Gefolge der Koͤnig der Genien, zur Hochzeit eingeladen, und bald darauf ) Die Feen der Perſer. 92 —-= fuͤhrte Morgeline den Prinzen von Pha⸗ ſis herein. Sie hatte ſich mit der Blu⸗ menkoͤniginn, ſobald dieſe befreit war, zum zweiten Male verſoͤhnt, und den Prinzen mit Gunſtbeweiſen und praͤch⸗ tigen Geſchenken uͤberhaͤnft. Er war waͤhrend des Aufſchubs, den Roſelis verlangte, in Morgelinens Grotte ge⸗ blieben, und dieſe hatte es uͤbernommen, ihn an dem beſtimmten Tage auf die Blumeninſel zu bringen. Ich verbarg mich hinter einem Baume, entſchloſſen, meinen Nebenbuhler in dem Augen⸗ blicke, wo die Koͤniginn vom Throne herab ſteigen wollte, zum Kampfe her⸗ aus zu fordern. Der Koͤnig der Ge⸗ nien ſetzte ſich neben Roſelis. Morge⸗ —— line naͤhevte ſich mit dem Prinzen von Phaſis, und blieb vor dem Throne ſte⸗ hen. Roſelis, ſprach ſie, an dieſem feſtlichen Tage ſollſt Du alles erfahren, was Du mir verdankſt. Ich habe Dir den Gemahl erwaͤhlt, welchem Du Dich verbinden willſt; eine ſo geiſtvolle und ſinnreiche Koͤniginn, glaubte ich, muͤßte einen großen Mann zu ihrem Befrier erhalten. Ich habe ihn Dir in Aegyp⸗ ten geſucht, und ſelber ihn an das Ufer meines Meerbuſens gefuͤhrt; mir allein verdankſt Du dieſe giorreiche Verbin⸗ dung.“. „Roſelis ward beſtuͤrzt, denn der Ton fiel ihr auf, womit Morgeline dieſe 94 Worte ſprach. Sie wußte, daß ihre 9 maͤchtige Feindinn immer den Ton des Spottes brauchte, wenn ſie eine Bos⸗ heit erſann oder ausfuͤhrte, und, wie alle boshaften Schwachkoͤpfe, dadurch recht viel Verſtand zu zeigen glaubte. Was willſt Du damit ſagen? fragte Roſelis.“ „Das ſollſt Du bald erfahren, ant⸗ wortete Morgeline mit ſchrecklichem Laͤcheln. Aber vor allen Dingen mußt Du wiſſen, daß Du unaufloͤslich gebun⸗ den biſt. Hier iſt der Ring, den Dein Befreier von Dir erhalten hat. Du haſt Deinen Nahmen in den Rubin ge⸗ graben, ich aber habe den Ring auf dem 35— Altare des Schickſals zu einem Talis⸗ man geweiht, und Kraft dieſer Weihe wird diejenige, deren Nahme auf dem Ringe ſteht, fuͤr immer abhaͤngig, als Gaktinn oder auch als Sklavinn, von dem Empfaͤnger des Geſchenkes. Die Genien, die mich hoͤren, werden wiſſen, daß ein Talisman, den ich mit meinem Zauberſtabe auf dem Altare des Schick⸗ ſals geweiht habe, unzerſtoͤrbar iſt, und ſeine Wirkung nichts vertilgen kann.“ „Das iſt wahr, ſprach der Koͤnig der Genien, aber Deine Worte, Morgeline, ſcheinen wieder einen tuͤckiſchen Entwurf anzukuͤndigen. Sollte die liebenswuͤr⸗ dige Roſelis noch einmal das Opfer ih⸗ res edelmuͤthigen Vertrauens werden?“ 96 „Nicht doch! ſiel Morgeline ein. Ihr Geiſt iſt ja ſo reich an Huͤlfsmit⸗ teln, daß ſie ſich aus jeder Verlegenheit⸗ worein ich ſie etwa bringen moͤchte, zu ihrem Ruhme und zu eurer Zufrieden⸗ heit ziehen wird/ denn ich weiß es wohl, aiͤhr allein hat man Theilnahme und gute Waͤnſche geweiht. Man haßt mich, aber man ſoll mich wenigſtens auch fuͤrchten lernen.— Nach dieſen Wor⸗ ten wendete ſie ſich zu dem Befreier der Köͤniginn, und ſprach zu ihm: Du, Aegyptens und Afrika's Schrecken, Sohn der Nacht, maͤchtiger Rieſe, furchtbarer Typhon, erſcheine in Deiner wahren Geſtalbltemn 2se „„Kaum 8— 8184„Kaum hatte ſie ausgeſprschen⸗ da verſchwand die Geſtalt des Prinzen vovn Phaſis, und ſtatt ihrer zeigte ſich ein fürchtbares Ungeheuer von tieſenhafter Größe. Sein ſcheußliches Geſicht leucht tete wie eine Glutkohle, ſeine Angen ſpruͤheten Funken, und aus dem gaͤh⸗ nenden Rachen ragten zwei Zaͤhne, ſchwarz wie Ebenholz, dreimahl ſo lang, wie Elephantenzaͤhne, hervorln Das ſchreckliche Haupt, das ſich ſchnell auf den breiten Schultern umdrehete, war voon hundert graͤßlichen Schlangenkoͤpfen umgeben, die verſchiedene furchtbare Stimmen, wie Schlangengeziſch, Wolfs⸗ geheul, Rabengekraͤchze und Eulenge⸗ ſchrei, hoͤren leßen. Das Ungeheuer G — hattereherne Peine und vier Arme, von welchen drei mit maͤchtigen Keulen be⸗ waffnet warenz der vierte aber, wie die uͤbrigen,mitlangen Krallen verſehem, war frein um die zarto Hand der und gluͤcklichen Roſelis zu empfangen. Bei dzelem Anblicke cſtuͤrzte ich mit meinem Schwerdteauf dos Ungeheuer log, abex 6G hob ſeine drei Keulen gegen mich auf⸗ und wuͤrde mich zerſchmettent hat hen, wenn nicht Roſelis ihren Roſen⸗ zweig, der ihr zum Zepter diente, zwiz ſchen uns ausgeſtreckt haͤtte. Wir wur⸗ den beide unbeweglich und ſtumm. Ros ſelis, hob Morgeline wieder an, dieß iſt das letzte Wunder, das Du thun kannſt. Deine Zaubermachtn an 99 —— ſich ſchon beſchraͤnkt, wird fuͤr im⸗ mer vernichtet ſeyn, Du magſt nun 3 Vyyhonee. Gemahlinn oder ſeine Skla⸗ di un weideit. In ſeinem Rähileit fodre ich dich zuf, ſteige herab von Beinem Throhe⸗ und dieb ihm Deine Halid vor dem Altare. Du weigerſt Dichn⸗ aen Nein“ nttöörtete Reftlls, aber vothes beſchwöre ich Euch, ihr Ges ten, ſctztt Anephis ehen Thshont Wüch 3eikr 1½ 20 An Joil n tadc 2 7315739 A 63 ßn 5738 ah koͤnnten gir. d. eben ſ8 eicy geg'n Jaß funchtbare Shichſal ſchuͤtzen, das Dir droht! riefen die Genien. Sei unbekuͤmmert um Anephis, ſo zoft das Ungeheuer ihm drohet, ſo oft es ſich ihm G 2 4 —.— naͤhern will, ſoll es einige Ninutena un⸗ beweglich werden.“ 1 „Und 16, xyphons Beſgützerinn, hiel Morgeline ein, ich lege gleichen Zauher auf Anephis, ſo oft er 8 wagen will, auf, Typhon loszugehn.“ „Roſelis, zog ihren Roſenzwelg zu⸗ rüͤck, als es mir und meinem Feinde unmoͤglich gemacht war, uns anzugrei⸗ fen. Typhon ließ einige graͤßliche Laute der Wuth hoͤren, und ich ſank, verzweif⸗ zungsvoll auf eine Naſenbank nieder, Ich ſaß einige Augenblicke in ſchmerze liche Empfindungen verloren, und nichts vermochte mich zu troͤſten, als der Ge⸗ danke, daß ich die entſetzliche Verbin⸗ 191 dung nicht uͤberleben wuͤrde.— Auf! auf! rief Typhon mit donnernder Stim⸗ me der Koͤniginn zu, gehe mit mir zum Altare, oder ich greife Dich/ und fuͤhre Dich hinweg.”“ „Noch einen Augenblick! antworkete Röſelis. Erſt will ich ſehen, ob der Ning, der zum Talismann geweiht wor⸗ den, auch derſelbige Edelſtein ſey, den 3 von mir empfangen haſt.⸗ „Necht gern, ſorach Morgeline. Wie Ennen den Ningi in Deine Haͤnde legen, ohne etwas dabei zu wagen. Wenn Du ihn auch nicht zuruͤck geben, ſelbſt wenn Du ihn in des Meeres Ab⸗ grund werfen wollteſt, wuͤrde der Talis⸗ an dennoch feine Kraͤft Richt verſe⸗ er aich fage Dir üdch däitnal, er 45 unzerſtotbaͤr. 66 a vnz unigins X 126⸗2 Mit dieſen Wosten Whanik ſr der Koͤniginn den verhangiißollen Ning. Bleich und zitterud, nahm Ro⸗ ſeſis ihn hin, gber kaum hatte ſſe ihn beruͤhrt, da faͤrbte wieder ein paymes. Noth ihxe Wangen.) 1 J0 hoh ſ ſie an⸗ ig ertenne die bahe Fraft difles Falis⸗ mans, der diejenige, deren Nahmen er traͤgt/ zu Typhons Geiahlin vder Sklavinn weiht. S maͤchtiger Koͤnig der Genien! fuhr ſie fört,„nenne kaut den vnglücklchen Nahmen, dnd das Opfet wird bereit ſeyn, feinem Schick⸗ fale ſich zu unterwerfen.⸗ mirden Lnnne 5, Deri Gemus adh den Ring, ſah iff den Edelſtein, und rief mit freüdi⸗ gein Tolte: Morgelinen— Morgelinens Rahme neſchsebetenene 17 88 non. 9 1 19 .G36 ſagſt du⸗ has veue ſchaudfend..„i z e G⸗ 430(G. afn 19 „Nicht anderß! fil eſens, ein, Die weiſe Morgeline vergißt immer et⸗ was bei ihren Jauberkünſten. Die Goͤt⸗ ter haben es gluͤcklich gefuͤgt) daß Du zwar den Talisman unzeiſtorlich, aber meinen Nahmen nicht unausloͤſchlich ge⸗ macht haſt. Meine Kunſt, ſo beſchraͤnkt ſie iſt/ hat ihn ausgeloͤſcht, und den Dei vigen an die Stelle geſetzt.“ a„Und ich, hal. der ee Krig. der Ge⸗ nien ein, ich mache den Nahmen der treuloſen Morgeline auf dieſem Steine unauslaͤſchlich:“ tAt. T butsiil dhr „Nein, ſprach die großmuͤthige Ro⸗ elis) ich wollte ſie nun erſchrecken. Ich beſchwoͤre Dich, loͤſche ihten Nah⸗ men wieder aus, und ſey der Bewah⸗ ter des dethängſtgvole Rngs. 83 8 30 vnilon 38,E4 in zu ſpaͤt antwortete der Ge⸗ nius„die unwiederruflichen Worte ſind ausgeſprochen. Morgeline iſt in die Schlingen gefallen, die ſie Dir gelegt hatten und fuͤr immer die Sklauinn des Ungeheuers, dem ſie Dich opfern woll⸗ te. Die Wirkung ihrer Zauberkunſt, die ſie durch ſchändlichs Bosheit, eut weiht hat, iſt ihr ſelber verderblich ge⸗ b auud⸗ ühre— .619226 unumire nachilddap 278 mnil „Alle Genien riefen dieſen Worten lauten Beifall zu. Moxgeline erhlaßten und mit zitternden Lippen ſtieß ſie noch Drohungen aus, aber uͤberwaͤltigt von ühren Empfindungen, mußte ſie ſich an einen Baum lehnen. Freudetrunken vergoß ich ſuͤße Thraͤnen, und konnte die liebenswuͤrdige ſinnxeiche Roſelis nur anſehen, im Stillen ſie aubeten⸗ und dem Himmel danken. Nach einer Pauſe hob der Koͤuig der Genien wieder an: Toyphon, nimm Deine wuͤrdige 1068 — Gemahlinn, und entferne Dich mit ihr. Das Unheheuer, unzufrieden mit dem Tauſche, ſchuͤttelte das furchtbare Häupt, und alle Schlangen, die es umringten, ließen ihre graͤßlichen Stimmen hoͤren. Endlich trat yphon zu Mörgelinen, und mit ſeinen bier Armen die Ohumäͤch⸗ tige umfaffend, hob er ſich mit ihr em zus. zuieſ Vicek Nebel ahant bi 6*ℳ Plha naen nauc 8 mnnce ne — Pnn annng aain ei Jagns wine Teuuts 55 äber e Mbee nens gerechte Zuͤchtigung. Roſelis als lein war geruͤhrt, und beklagte aufrich⸗ tig das Schickſal ihrer unverſoͤhnlichen Feindinn. Da ſprach der Koͤnig der Geien zi ihe Rüihin) DeiRe Gei rastgen beit und der Schutz dar Batz tet haben Sich vor groſtem Uigluͦcke be5 währt. Seit langer Zeit ſchon verehe ren Dich alle Geniein, aber Du haäſt ihre Wuͤnſche nicht erzören wollen. Wit konnten Dich nicht befreienlh Weit Moörgelinens maͤchtige Kunſt uns ge⸗ täuſchty und uns Deine Bezauberuüig wie Deinen Aufenthaltsort, verborgeit halten Wohlan, Du wärſt einmahl entfchloſſen, einen Gemahl zu wehmen: das Hochzoitfeſt iſt angesrdnet, und wir dürfen hoffen, daß Du inen ünter uns waͤhlen werdeſt.⸗) nv6nzinn znin :6, 10h wr, Ich ſchauderte, als ich Wieſe Worte vernahm, welche die neu erwachte Hoffe nung in meinem Herzen niederſchlugen: Roſelis ſenkte erroͤthend die Augent und gab keine Antwort. Wiſſe Roſelis, hob der Koͤnig wieder an, wir werden es nicht dulden, daß du Deinen Gemahl außer dem Kreiſe der Kinder des gro⸗ ßen Zoroaſters waͤhleſt. Nur zu Gun⸗ ſten Deines Befreiers konnten wir Dir eine ſolche Wahl geſtatten; aber ſonſt keinem Andern iſt das Gluͤck und der Ruhm beſchieden, uͤber die Blumeninſel zu herrſchen. Unter allen Reichen der Welt iſt dieſes bezaubernde Eiland, um ſeiner reizenden Gebieterinn willen, das ſchoͤuſte.“⸗ eIch trat kuͤhn hervor, entſchloſſen 469 —— das Herß und die Hand der Blumens Föniginn allen Maͤchten der Erde ſtreis tig zu machen, aber Roſelis, meine Abſſcht ahnend, machte mich noch ein⸗ maht unbetdeglich und ſtumm. Maͤch⸗ tige Genien, ſprach ſie darauf zu der Verfatumlung, ich will Euch freimus this antworten. Ihr glaubt; daß ich Anephis liebe, und Ihr irret Euch nicht, 2s htene onem Amens ha, us nichts ſoll aus meinem Herzen ein Ge⸗ fühl reiſſen, das mir theuter iſt, als mäne Ruuſt und mein Leben.“ an nz sin didehnle ncd1 12e rin alg 85 hemangenennes Meteennteism die Koͤniginn. Ich hoͤrte ihre kuͤhrende Crklaͤrung, aber durch unbezwinglichen ———— Z2. Zauber gebunden konnterich mich nicht zu ihren Fuͤßen werfen um meine Freude undemeine Dankbarkeit ihr aus⸗ zudruͤcken./ Sien betheuerte mir ihre Lie⸗ ben und zchn mußte gefuͤhllos ſcheinen Die Geniens aͤußerten, ihren Unmuth durch Drohongen, die gegen mich ge⸗ sichtut warene Und ich mußte es dul⸗ deme ohne ihnen antwortene ohncihnen Srotz bieken zu konnen 1i in dcd bl 870 nin nre menzem dun 12 Aia Si PeruhigeEuhud aren michan fuhr die Koͤniginn fort. Wollet Ihr alle mir verſprechen, Anephis nie zu perfolgen, und ihn ſogay zubeſchuͤtzn, wenn ich enern Seiſtand fuͤr ihn anrm fe; ſo will ich miche feierlich, verpflich⸗ 1221 —— tan mich mie mit ihm zu erhinden ihn heute ugch aus meinem Eilande zu verhannon, und mich nie wieder ſei — 55 ilnseh 8,6 n3 V un, Wir ſchwoken est tufen de Ge⸗ — ater diefer Sednigang⸗ ſoj b V Aagphig die kreuſten Beſähäger i in uns Ruden uanſdar an ahing aſn m 11519 191: aum H s enn „Darauf that Noſeis wais den Schmur der mir fuͤr immer jede gluͤckz liche Hoffnung raubte. Waͤhrend, die⸗ V ſes Auftritts bedeckte ein kalter Schweiß b meine Stirne, mein Herz ſchlug unge⸗ uͤm und meine Qual wurde erhoͤht urch den Gedanken, daß ich die Könit ginn vielleicht wuͤrde hindern koͤnnen, 212 — den unglücklichen Entſchluß zu faſſen, wenn es mir moͤglich wäͤre, ihr ein Wort zu fagen. Als von beiden Sei⸗ ten die feierlichen Eide geſchworen wa⸗ pen, hob die traurige Roſelis an: und ich lege, jett den neuen Schwur ab, nie einen Gemahl zu wihle. 35 Ihr habe ten, dem ich entſagen mußte, jerſreut, ich habe eurer Eiferfucht Genüüge ge⸗ than, aber ich will frei bleiben und Anephis ſtu keinen Aadentuhlers desei den. Slhl ni⸗ 11. 142 22is 40 die Genien waren beſtuͤrzt, als ſe dieſe Worte vernahmen. Verge⸗ bens Haaue Walrlete und Klagen; ſie nah⸗ 213 —— nahmen Abſchied von der Koͤniginn und verſchwanden. Die Koͤniginn zog ih⸗ ren Roſenzweig zuruͤck, und ich konnte meinen Schmerz ansſprechen. Roſelis antwortete mir, ich wuͤrde das Opfer der erbitterten Genien geworden ſeyn, wenn ſie nicht den Entſchluß gefaßt haͤt⸗ te, ihrer Liebe zu entſagen, um mich u retten. Anephis, fuͤgte ſ e hinzu, wirſt Du auch eines ſo reinen Gefühles faͤhig ſeyn, und mir treu bleiben koͤnnen, oh⸗ ne mich zu ſehn? Du ſollſt Roſelis nicht verlieren; ihre Seele mit Dir allein be⸗ ſchaͤftigt, wird immer mit der Deini⸗ gen verbunden ſeyn. Meine Liebe wird mich erfinderiſch machen, und ich wer⸗ de noch gluͤcklich ſeyn, wenn ich ſie Dir 2 auf mancherlei Art beweiſen kann. Und werden auch Dich, Anephis, dieſe Be⸗ weiſe einer warmen reinen Liebe Mluu lich mathet Konnen es⸗ 7 8„Zweife nicht daran rief ich, und meine Thraͤnen ſtroͤmten. Ich ſchwͤre ju Deinen Fuͤßen, Dich allein zu lie⸗ ben, nie eine andere Verbindung zu knͤpfen und Deinem Audenken die Treue zu weihen, die dem heiligen Bunde der Ehe gebuͤhrt.“ 2 „Es iſt genug, ſprach Roſelis mit naſſem Auge. Meine Seele iſt Dein fuͤr immer. Aber glaube nicht, fuhr ſte fort, daß ich unſichtbar Dich beglei⸗ ten werde. So weit geht nicht meine —— Macht, und ich bedaure es nicht. Ein ſchoͤneres reineres Band ſoll uns verei⸗ nigen. Meine Seele alletn ſoll uͤber I Dich wachen, und von irdiſchen Ban⸗ den frei, wird ſie alle Raͤume uͤber⸗ ſchreiten, um Dir nahe zu ſeyn. Aber nur zwei Stunden an jedem Tage kann ſie Dir weihen. Erwarte ſie, ſobald Du den erſten Schimmer der Morgen⸗ roͤthe erblickſt, wenn anders nicht eine heilige Pflicht, oder irgend eine men⸗ ſchenfreundliche Handlung waͤhrend die⸗ ſer Stunden ſie abhalten, dir ein Zei⸗ chen ihrer Naͤhe zu geben. Aber wenn ſie ſich Dir nicht offenbaret, ſo beruhi⸗ ge Dich mit dem Gedanken, daß ſie ſich in einem ſolchen Augenblicke durch .§2 116 — irgend eine gute That neue Rechte auf Deine Liebe erwirbt. Lebe wohl, theu⸗ rer Anephis. Sage mir, an welchen Ort willſt Du Dich verſetzt ſehen?“ „Es iſt mir gleichguͤltig, antwortete ich mit gepreßtem Herzen. Bringe mich an das Ufer des Euphrat, ſetzte ich nach einer Pauſe hinzu. Aber vergdn⸗ ne mir noch einen Augenblick. O laß mich noch einmahl dieſe himmliſche Ge⸗ ſtalt betrachten, die ich nie wiederſehen ſoll! O koͤnnte ich zu Deinen Fuͤßen ſterben, vor Kummer und Schmerz!— Als ich dieſe Worte ſprach, beruͤhrte die Koͤniginn mich mit ihrem Roſen⸗ zweige, und alsbald ward ich durch eine glaͤnzende mit Golde beſaͤumte Purpur⸗ wolke von ihr getrennt. Vergebens breitete ich meine Arme aus, vergebens V rief ich den geliebten Nahmen mit kla⸗ b gender Stimme, ich umfaßte nur die thauige Wolke. So zerrinnt das Gluͤck der Sterblichen, wie ein taͤuſchendes Wolkengebilde, in dem Augenblicke, wo ſie es zu ergreifen waͤhnen.. Mei⸗ ne thraͤnenvollen Augen ſchloſſen ſich, meine Beſinnung ſchwand. Ich er⸗ wachte am Ufer des Euphrat, als der Tag ſich ſchon neigte. Ich lag bewe⸗ gungslos bis gegen Mitternacht am b Ufer, und der Gedanke: Ich werde Ro⸗ ſelis nie wiederſehn! war der einzige, deſſen meine gebeugte Seele faͤhig war. —— Endlich, erinnerte ich mich mit Entzu⸗ cken, daß die Seele meiner geliebten Blumenkoͤniginn bald in meiner Naͤhe am Ufer ſchweben ſollte. Wie unge⸗ duldig erwartete ich den Tag! Ploͤtzlich ſah ich mit klopfendem Herzen den er⸗ ſten Strahl der Morgenröthe am Him⸗ melsrande leuchten. Freudig pochte mein Herz, und alsbald erſchien eine glaͤnzende Wolke, ganz aͤhnlich derjeni⸗ gen, welche mich von Roſelis getrennt hatte. Das leichte Nebelgebilde naͤher⸗ te ſich, von einem ſanften Winde ge⸗ tragen, und waͤhrend es mir gegenuͤber verweilte, verbreitete ſich ein lieblicher 1 Wohlgeruch am Ufer des Stromes. Ich ſank auf meine Knie nieder, die Arme erhebend, meine Seele ſchien ſich auf⸗ zuſchwingen von der Erde um ſich in den himmliſchen Raͤumen mit der Seele der Geliebten zu vereinen. Mit Ent⸗ zuͤcken heftete ich meine Blicke auf die Wolke, und ich ſuchte mir nicht ein⸗ mahl die reizende Geſtalt der Blumen⸗ koniginn zuruͤckzurufen; ich wuͤrde die⸗ ſe geheimnißvolle Seelenvereinigung, dieſe Offenbarung einer reinen Liebe zu entweihen gefuͤrchtet haben, wenn ich einen irdiſchen Gedanken damit haͤtte verbinden wollen. Das Bild der hol⸗ den Geſtalt hatte uͤberdieß auch nicht mehr ſo viel Herrſchaft uͤber meine Ein⸗ bildungskraft, ſeit ich wußte, daß die Seele ſich von ihr trennen konnte. Als 120 —— die beſtimmte Zeit, die mir wie ein fluͤchtiger bezaubernder Traum ents ſchwand, verfloſſen war, ſchwebte die Wolke laͤngs dem Ufer hin/ und ließ ei⸗ nen duftenden Thau fallen, der ſogleich zahlloſe Blumen und Fruchtbaͤume aller Art aus dem Boden hervor lockte. Ich ſah mich in einem bezauberten Garten, aber die Bezauberung war geloͤſet und aus den Himmel fiel ich auf die Erde, als die Wolke in den Luͤften zerronnen war. O„Roſelis! rief ich, meine See⸗ le hat die Deinige begleitet. Sie iſt nicht mehr an dieſem Orte, den Du verſchoͤ⸗ nert haſt, ſie iſt da, wo Du wohnſt. Weinend folge ich deiner himmliſchen Spur, und ſie betrachtend, denke ich 122 —.— an Deine Wohlthaten. Ich bewundre die Geſchenke, die Du mir gegeben haſt,⸗ aber ich vermag mich ihrer nicht mehr V zu freuen; Du haſt mein Gluͤck mit V Dir hinweg genommen, und der trau⸗ rende Anephis iſt nur ein irrender Schatten, den erſt die neuen Strahlen des Morgens wieder ins Leben rufen koͤnnen. O ich haſſe das glaͤnzende Geſtirn, das der ſanften Morgenroͤthe folgt! Wie weit iſt die Bahn, die es durchlaufen ſoll! Mit welcher Freude werde ich den Schleier der Nacht ſich ausbreiten ſehen! Dann darf ich doch hoffen, daß waͤhrend meines Schlum⸗ mers ein wohlthaͤtiger Traum mir eini⸗ ge Augenblicke fruͤher das reine Licht 122 —— zeigen werde, das allein meine Seele beleben kann.— Meine Thraͤnen floſſen, als ich ſo zu mir ſelber ſprach, und ich verſank in tiefe Schwer⸗ muth. Aber dieſer Zuſtand hatte fuͤr mich unendliche Reize; er war nicht die Folge einer gemeinen Leidenſchaft; ich konnte ſtolz auf meine Liebe ſeyn.““ „Bei Sonnenuntergang naͤherte ich mich dem Ufer des Euphrat, und ſah mit Ueberraſchung am Geſtade einen lee⸗ ren Kahn, der meine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit anzog. Er war von Ebenholz, mit Golde eingelegt, mit einem ſchwar⸗ zen Flore behangen, und trug einen Aſchenkrug, welchen zwei kreuzweiſe ge⸗ legte Cypreſſenzweige beſchatteten. Der 125 —— Anblick ruͤhrte mich. Ich glaubte, der Aſchenkrug enthielte geliebte Ueberreſte, die zu einem Begraͤbnißorte gebracht werden ſollten. Ich ſtieg in den Kahn, um eine Inſchrift, die auf der Urne zu ſtehen ſchien, genauer zu betrachten; aber kaum hatte ich das Fahrzeug betre⸗ ten, da ward es ploͤtzlich vom Ufer los⸗ geriſſen, und ſchnell trug es mich mit⸗ ten in den Strom. Vergebens wollte ich herausſpringen, um ſchwimmend das Ufer wieder zu erreichen, ich ward feſt gehalten durch eine unſichtbare Gewalt, und erkannte zu ſpaͤt meine ungluͤckliche Unbedachtſamkeit. Von den Wellen raſch fortgeriſſen, kam ich bei Anbruche der Nacht ins offene Meer. Der Him⸗ 194 —— mel bedeckte ſich mit ſchwarzen Wolken, und in finſtrer Nacht fing der Trauer⸗ flor des Kahnes an zu leuchten. Ich 6 betrachtete ihn aufmerkſam. Da ſchrieb 6 eine unſichtbare grauſame Hand mit flammenden Zuͤgen die Worte darauf: Schrecken und Rache! Einige Augenblicke nachher verſchwanden die Zuͤge, und bald las ich die Worte: In drei Stunden wirſt Du auf der Inſel des Schreckens, in Typhons Reiche, landen. Ich ahnete, welches Schickſal mir bereitet war. Aber der Tag begann zu grauen, und ich hoffte auf den Beiſtand der Blumenkoͤniginn. Vergebliche Hoff⸗ nung! Roſelis wußte nicht, welche Gefahr mir drohete, und ward in dem ungluͤcklichen Augenblicke von heiligen Pflichten feſt gehalten. Mit angſtvol⸗ lem Herzen ſah ich die zwei Stunden, die ſie mir weihen konnte, verfließen, und bald nachher entdeckte ich mitten in dem ſtuͤrmiſchen Meere die Inſel des Schreckens, von Klippen und furchtba⸗ 1 ren Felſen umſchloſſen. n Anephis ſchwieg, tief bewegt. Nach einer Pauſe hob er wieder an:„Ich komme zu einem Zeitpunkte meines Le⸗ b bens, deſſen ich mich nicht ohne Schau⸗ der erinnern kann. Erlaube mir, Herr, auf die ſchrecklichen Dinge, die ich zu erzaͤhlen habe, mich vorzubereiten, und 126 —— erſt morgen meine Geſchichte fortzu⸗ ſetzen.— Der Koͤnig bewilligte dieß, ſo ſehr die Inſel des Schreckens ſeine Neugierde gereizt hatte, und Anephis nahm Abſchied. „Der Abend daͤmmerte, als der Zauberkahn mich an das Ufer der Inſel des Schreckens brachte, hob der Erzaͤh⸗ ler am folgenden Tage wieder an. Als⸗ bald umringte mich ein Haufen elender Sklaven, mit finſtern wilden Blicken; ich ward ergriffen, und mit Ketten be⸗ laden. Darauf ſchleppte man mich hin⸗ weg, und drohte mir, an einen Ort mich zu bringen, wo ich meine Strafe fin⸗ den ſollte. Als wir eine duͤrre Ebene, das Thalder Daͤmonen genannt, durch⸗ wandert hatten, traten wir in einen Gang von verkruͤpelten und verdorrten Baͤumen, die nie Laub und Fruͤchte getragen hatten. Nur lichtſcheue Nachtvögel ſuchten ihre Zuflucht in dieſen nackten Baumſtaͤmmen, und man hoͤrte hier nur ihr klaͤgliches Gehenl und das dumpfe Brauſen eines ſtets emporten Meeres. Ein erſticken⸗ der Dampf von Schwefel und Harz wehte mich ploͤtzlich an; ein dicker Rauch V ſtieg wirbelnd auf, und vermiſchte ſich mit den ſchwarzen Wolken, die immer uͤber der ungluͤcklichen Inſel hingen. Endlich fuͤhrte man mich an den Rand .„ eines Abgrunds, woraus Flammen her⸗ vor loderten, welche eine ſchwuͤle Glut weit umher verbreiteten. Die Sklaven banden mich an einen Pfahl, und mich umringend riefen alle auf einmahl: Du follſt ſogleich in dieſen Abgrund geſtuͤrzt werden!— Ich ergab mich ruhig in mein Schickſal, und die Sklaven keiner Antwort wuͤrdigend, beobachtete ich ein tiefes Schweigen. Von Muͤdigkeit er⸗ ſchoͤpft, ſchloß ich von Zeit zu Zeit meine Augen, aber die Sklaven ſchlu⸗ gen mit ihren Lanzen auf ihre ehernen Schilde, und ſtoͤrten mich aus dem Schlummer durch den wiederhohlten Ansruf: Du ſollſt ſogleich in dieſen Ab⸗ grund geſtuͤrzt werden.— So ward mein — mein Tod nur aufgeſchoben, um mich ſeine Schreckniſſe noch grauſamer fuͤh⸗ len zu laſſen. Die Nacht war ſchon ſeit einer Stunde angebrochen, als die Sklaven auf dem Rande des Abgrundes, mir gegenuͤber, einen eiſernen Thron errichteten. Einige Augenblicke nachher erſchien der furchtbare Dyphon. Er ließ alle Sklaven abtreten, beſtieg ſeinen Thron, und wir waren allein, nur durch den Flammenſchlund getrennt. Endlich kann ich Rache nehmen fuͤr Deinen Frevel. Sieh dieſen eiſernen Zauberſtab! Ich habe ihn Morgelinen abgenoͤthigt; von allem, was ſie beſaß, war er das Einzige, was ich begehete; denn nur dem Haſſe und der Rache kann ₰ 150 —— der furchtbare Stab dienen. Mit ihm habe ich dieſen Schlund hervor gerufen, der Dich verſchlingen wird. Und hier ſoll auch Roſelis, hier ſollen alle meine Feinde ihr Grab finden! Daͤmonen, die ihr meiner Gewalt gehorcht, fuhr er fort, ſteiget hervor aus dem Abgrunde, und zeiget meinem Nebenbuhler mein letztes Opfer, ein thoͤrigtes Maͤdchen, das meine Gunſt zu verſchmaͤhen wagte.“ „Nach dieſen Worten erhoben ſich graͤßliche Geſtalten aus dem Flammen⸗ ſchlunde, mit einem blutigen Leichnam. Ich verſchloß meine Augen vor dem ent ſetzlichen Anblicke. Typhon nahm wie⸗ der das Wort, um mir ein gleiches Schickſal zu drohen, ſchuͤttelte ſein furchtbares Haupt, und alle Schlangen, die es umgaben) ließen ihre ſchrecklichen Stimmen erſchallen. Als ich endlich die Augen oͤffnete, erhoben ſich nach und nach neue Schreckbilder aus dem Ab⸗ grunde. Die Stunden der Nacht ver⸗ ſoſſen, und ich fing an zu hoffen, daß die Grauſamkeit des Ungeheuers, dem die Verlaͤngerung meiner Qualen Freude machte, meine Rettung herbeifuͤhren koͤnnte. Durch dieſe Hoffnung erhoben, verrieth ich das lebhafteſte Entſetzen bei dem Anblicke der Schreckensgeſtal⸗ ten, welche Typhon mir zeigen ließ, und V beklagte mich uͤber brennenden Durſt ◻☛ ₰ 2 132 —— der mich wirklich quaͤlte. Das Unge⸗ heuer, meiner Leiden ſich freuend, konnte ſich noch nicht entſchließen, mir den Tod zu geben. Es fuhr fort, meiner Qualen zu ſpotten, als ich meine Blicke zum Himmel erhob, und einen ſchwa⸗ chen Lichtglanz zu erblicken glaubte. Ich rief Mithra und die Gottheit der Liebe an. Es ward immer heller am Morgenhimmel, und deutlich ſah ich in der Ferne die goldbeſaͤumte Purpur⸗ wolke. Zu neuem Leben erweckt, bot ich allen Maͤchten der Hoͤlle Trotz. Da erſchien ploͤtzlich in den Luͤften ein blen⸗ dend weißer Schwan, mit einem praͤch⸗ tigen Roſenzweige im Schnabel, den ich mit Entzuͤcken wieder erkannte. Schnell ſenkte der Schwan ſich herab, und als er mit einem ſeiner Fittige das Ungeheuer im Fluge beruͤhrte, fiel der furchtbare Typhon in tiefe Betaͤubung. Dann ſchwebte der rettende Schwan uͤber meinem Haupte hin, ſchuͤttelte leiſe den Roſenzweig, und auf meine bren⸗ nenden Lippen ſanken einige Tropfen eines himmliſchen Thaues die mich er⸗ quickten und ſtaͤrkten. In dieſem Au⸗ genblicke entſank der Zauberſtab der Hand des ſchlafenden Rieſen; der Schwan ergriff den Stab, hob ihn, wie einen Strohhalm, empor, und warf ihn hinab in den Flammenſchlund. Das Ungeheuer erwachte mit furchtbarem Geheule. Da erhob ſich ein lauter 134 —— Donner, ein Blitzſtrahl fuhr aus den Wolken auf das Haupt des Rieſen, und ſtuͤrzte ihn in den Abgrund.*. Der Rand des Schlunds ſtieg auf allen Sei⸗ ten empor, die Oeffnung verengte ſich, und es bildete ſich ein maͤchtiger Berg⸗ mit Schwefel und Feuer angefuͤllt, aus deſſen offnem Gipfel immer Rauch und Flammen aufwirbeln. In dieſem bren⸗ nenden Abgrunde liegt Typhon begra⸗ ben, und muß zu ſeiner Qual leben. Seine fruchtloſen Anſtrengungen, aus *) Nach der Fabel ward Typhon von Ju⸗ piter's Blitze getroffen, und mit andern Rieſen unter dem Aetna begraben, wo ihre Anſtrengungen, ſich zu befreien, die Erdbehen hervorbrachten. dieſem Verbannungsorte hervor zu ſtei⸗ gen, erſchuͤttern oft die Inſel, uͤber welche er ſich die Herrſchaft angemaßt I hatte, und ſeiner Zuͤchtigung ungeach⸗ tet, herrſcht der Furchtbare hier noch immer durch Schrecken. Meine Bande löſeten ſich, und der Pfahl, woran ich gefeſſelt war, verwandelte ſich in eine weiße Marmorſaͤule, auf welche der wohlthaͤtige Schwan ſich ſetzte, der noch immer den Roſenzweig im Schna⸗ bel hielt. Ich kniete vor der Saͤule nieder, und ſuͤße Thraͤnen des Dankes und der Liebe rannen uͤber meine Wan⸗ gen, Da erſchien ploͤtzlich in goldnen Zuͤgen eine Inſchrift auf der Saͤule, und ich las die Worte:„Roſelis hat 236 —— „durch ihre Macht den Rieſen in betaͤu⸗ „benden Schlaf verſenkt, aber der ge⸗ „rechte Zorn der Goͤtter hat ihn durch „einen Blitzſtrahl in den Abgrund ge⸗ „„ſtuͤrzt, und zum ewigen Gedaͤchtniſſe „dieſer Rache den Berg Aetna gebildet. „Roſelis will dieſes oͤde Eiland verſcho⸗ „nern, wo ihre Zaͤrtlichkeit den Gelieb⸗ „ken gerettet hat. Sie kann ihren „Thron nicht mit Anephis theilen, aber „ſie ſchenkt ihm ihren Roſenzweig, in „welchem ein großer Theil ihrer Macht „wohnt. Theurer Anephis, ſo lange „Du miritreu biſt, wird dieſe Roſe ihre „Friſche behalten, und in Deiner Hand „bleiben. Auf! folge dem Schwane, „der Dich leiten wird. A Ziehe durch „das Thal der Daͤmonen, welches „von nun an das Thal Demona*) „heißen ſoll. Wenn Du an das Ufer „des Meeres kommſt, ſo wirf die Roſe „»in die Flut, aber du wirſt ſie wieder „finden, und dahin kommen, wo Du zu „ſeyn wuͤnſcheſt. Lebe wohl, theurer „Anephis, und vergiß nicht, daß Ro⸗ „zſelis nur fuͤr Dich lebt.“ „Kaum hatte ich die Innſchrift ge⸗ leſen, da ließ der Schwan von der Marmorſaͤule den Roſenzweig herab 5) Val Demona, ſo heißt einer der drei Theile, woraus die Sübe Sieilien be⸗ ſteht. fallen, den ich mit Entzuͤcken aufnahm. Dieſe himmliſche Roſe hatte keine Dor⸗ nen; nur ein zartes, glaͤnzend gruͤnes Moos bedeckte ihren Kelch. Ihr Duft drang tief in die Seele, und gab ihr ſuͤße Ruhe und inniges Entzuͤcken. Ich druͤckte die liebliche Roſe an mein Herz, und ſprach lebbaft: Da ſollſt Du ewig bleiben!— Der Schwan erhob ſich. Ich folgte ihm. Waͤhrend ich voran ging, ſah ich uͤberall die Baͤume ſich empor ſtrecken, und in jungem Laube gruͤnen. Der Fruͤhling, der in friſchem Bluͤtenſchmucke alle ſeine Reichthuͤmer vor meinen Blicken enthuͤllte, ſchien den Weg mir vorzuzeichnen, und gruͤne Tep⸗ piche, mit duftenden Blumen beſaͤet, 139 —-— wurden vor meinen Fuͤßen gleichſan aufgerollt. Ich betrachtete mit Ent⸗ zuͤcken dieſe Wunder, welche Macht mit Guͤte im Bunde hervorbrachte. Ein ſchoͤner Bund, den das Weſen der Goͤt ter bildet, und auf der Erde die Koͤnige den Unſterblichen aͤhnlich macht!* „Am ufer des Meeres ſtand ich ſtill. Der Schwan erhob ſich in die Luͤfte, und bald war er meinen Blicken ent⸗ ſchwunden. Ich erinnerte mich nun, daß ich meine Roſe ins Meer werfen ſollte. Nur mit Muͤhe konnte ich es uͤber mich gewinnen ſo feſt ich uͤber⸗ zeugt war, ſie wieder zu erhalten, weil Roſelis es mir verſprochen hatte; kaum aber beruͤhrte die Roſe den Wellenſpie⸗ gel, da breitete ſie ſich aus, ward groͤ⸗ ßer, und wuchs immer an, bis ſie die Geſtalt eines Kahnes angenommen. Sie behielt ihren lieblichen Duft und ihre doppelten Blumenblaͤtter, welche das Innere und die Naͤnder des wohl⸗ riechenden Kahnes bedeckten. Ein ſanf⸗ ter Wind trieb ihn an's Ufer. Ich zoͤ⸗ gerte keinen Augenblick, dem lieblichen Fahrzeuge mich anzuvertrauen, legte mich auf die weichen Roſenblaͤtter, und begann die anmuthige Fahrt. Der Kahn tanzte leicht uͤber die Flut, und vor ihm ebneten ſich die Wogen. Ich wuͤnſchte, in meine Heimath verſetzt zu werden, und in einigen Stunden war 141 —— mein Wunſch erhoͤrt. Als ich gelan⸗ det war, erhielt mein Fahrzeug ſeine urſpruͤngliche Geſtalt wieder, und ich trennte mich nicht mehr von dem theu⸗ ren Roſenzweige. Ich ward geliebt, ich liebte leidenſchaftlich zum erſtenmale. An jedem Tage war ich zwei Stunden lang der gluͤcklichſte Menſch, aber die uͤbrige Zeit meines Lebens mußte ich in ſchmerzlicher Erwartung oder in dumpfer Langweile hinbringen. Die Erinnerung an das Gluͤck, das ich haͤtte genießen koͤnnen, naͤhrte in meiner Seele eine ſchmerzliche Sehnſucht, die Zeit und Nachdenken immer quaͤlender machten. Oft aber, wenn ich den er⸗ quickenden Duft meiner Roſe einſog, 242 ward dieſe aͤngſtliche Unruhe gelindert. Roeoſelis war mir dann nur ein uͤber⸗ irdiſches Weſen, der Gegenſtand der reinſten Verehrung; keuſche Empfin⸗ dungen, zart wie ihre Liebe, und Ge⸗ danken, edel wie ihre Seele, erhoben mich uͤber mich ſelber, aber oft verſank ich wieder deſto tiefer in nbeiwingüüche Sihwermutha⸗ 4* 99 zis „Um mich zu zerſtreuen, fiel ich auf den Gedanken, mich in die Geheimniſſe des Mithra einweihen zu laſſen. Ich beſtand alle Pruͤfungen mit Muth, und ward endlich, um die letzte Probe aus⸗ zuhalten, in die Einoͤde geſandt, wo ich ſechzig Tage lang allein bleiben ſollte. 143 — Ich wor da weit gluͤcklicher, als jemals V vor mir ein Neuling hatte ſeyn koͤnnen. Die erfinderiſche Zaͤrtlichkeit der Biumen⸗ koͤniginn verſchoͤnerte dieſe Einoͤde durch anmuthige Bezauberungen; ich fand uͤber⸗ all die ſeltenſten, koͤſtlichſten Fruͤchte, jes den Abend ſproßte ein bluͤhendes Gebuͤſch auf, wo ich die Nacht zubrachte, ich entſchlief bei dem leiſen Geplaͤtſcher von Waſſerfaͤllen und klaren Springbrun⸗ nen, und ward erweckt von dem bezau⸗ bernden Dufte, den die goldbeſaͤumte Purpurwolke ergoß. Mein Leben war in dieſer Einſamkeit nur eine lange Schwaͤrmerei, ein Traum hoffnungs⸗ loſer Liebe, aber dieſe gluͤhende Em⸗ pfindung war ſo rein, daß ſie nur eine 244 —— unbeſtimmte Sehnſucht, und eine ſuͤße wolluͤſtige Schwermuth in meiner Bal⸗ erweckte.“ „„In einer ſchoͤnen Sommernacht, die einem heißen Tage gefolgt war, er⸗ hob ich mich, weil ich nicht ſchlafen konnte, von meinem Lager, um die Einoͤde zu durchwandern. Die Prie⸗ ſter des Mithra hatten mir empfohlen, nicht uͤber eine gewiſſe beſtimmte Graͤnze hinaus zu gehen, aber ich vergaß in meiner Zerſtreuung dieſe Vorſchrift, und nach einigen Stunden kam ich in einen großen Wald. Ich ging noch eine Stunde weiter, bis ich ploͤtzlich am Ufer eines ſchmalen, aber reißenden Stro⸗ mes ſtand, der mitten durch den Wald floß. Ich nahm meinen Weg zu einer Bruͤcke, welche erleuchtet zu ſeyn ſchien. Als ich zu dem Eingange der Bruͤcke kam, ſah ich am andern Ende derſel⸗ ben einen furchtbaren Drachen, der zwiſchen zwei Zwergen ſtand, die bren⸗ nende Fackeln in den Haͤnden hielten. Zuruͤck, Verwegener ¹ rief Einer der Zwerge mir zu. Wir ſind die Waͤch⸗ ter der ſchoͤnen Lazunie, und wenn Du es wageſt, die Bruͤcke zu uͤber⸗ ſchreiten, ſo wirſt Du ein Raub des Drachen, der den Uebergang verwehrt. — Seit langer Zeit an gefaͤhrliche Abenthener gewohnt, ließ ich mich durch dieſe Worte nicht ⸗rſchrecken. Mit K 3 9— 246 —— dem Schwerdte in der Hand, ging ich naͤher. Der Drache kruͤmmte ſeinen Krokodilſchwanz, ohne von der Stelle zu weichen, zeigte mir ſeine Krallen und oͤffnete den graͤßlichen Rachen. Ich war nur noch zehn Schritte von ihm entfernt, als einige Blaͤtter von meiner Roſe ſich abloͤſeten, und ſich ſchnell in drei roſenfarbige Schmettere linge verwandelten, welche ſich auf die Koͤpfe des Drachen und der Zwerge ſetzten. Alle drei ſtanden alsbald un⸗ beweglich in ihrer drohenden Stellung. Ich ging ungehindert voran. Nach ei⸗ ner Viertelſtunde ſah ich viele Lichter vor mir, bei deren Scheine ich zahlrei⸗ che geruͤſtete Krieger erblickte. Laßt — fen! riefen ſie, ſobald ſie mich entdeck⸗ ten. Er will die ſchoͤne Lazunie erod⸗ bern.— Ich hielt mich fuͤr verloren, aber ſchon war der Tag angebrochen, und die Wolke der Blumenkoͤniginn, die mich umhuͤllte, verbarg mich vor den Blicken der wuͤthenden Krieger. Eine wolluͤſtige Empfindung durchbeb⸗ te mich, als ich von dieſer Liebeswolke umgeben war, in welcher die Seele meiner geliebten Beſchuͤtzerin ſchwebte, die ſich durch dieſe himmliſche Gunſt⸗ bezeugung reiner Geiſter auf das in⸗ nigſte mit mir zu vereinen ſchien. So lange der himmliſche Duft mich um⸗ wehte, erhob ſich meine Seele ſo ſehr K 2 uns den Ueberwinder des Drachen grei, b —— uͤber alle irdiſchen Gedanken, daß ich mich der Augenblicke, die ich in dieſer ſeligen Entzuͤckung zubrachte, kaum deutlich erinnern kann. Nach zwei Stunden verlor ſich die Wolke in den Luͤften. Ich blieb lange, faſt außer mir, auf dem Raſen liegen. Endlich, als ich aufſtand, ſah ich ein Gitter⸗ werk vor mir, das leicht zu erklim⸗ men war. Eine Inſchrift auf dem Gitter lautete alſo: Wer bis hier⸗ her kommen kann, hat nur noch einen Schritt zu thun, um die ſchoͤne Lazunie zu be⸗ freien.— Ich glaubte nicht zoͤgern zu duͤrfen, wo wie es ſchien, eine wa⸗ ckere That zu vollbringen war, aber —— ich will es nicht laͤugnen, eine lebhafte Neugier trieb mich nicht weniger, als jene Regung von Großmuth. Ich uͤber⸗ ſtieg das Gitterwerk, und als ich wei⸗ ter voran durch einen Irrgarten von Zedern und breitlaubigen Platanen ging, kam ich in ein gruͤres Schattenzelt, das von bluͤhenden Baͤumen gebildet ward. Aber ein Gegenſtand, gefaͤhrlicher als alle Drachen und alle Gebilde der Zau⸗ berkunſt, feſſelte bald meine Blicke, meine ganze Seele. In der Mitte des gruͤnen Doms erhob ſich eine praͤchtige Saͤule von Bergkriſtall, in deren wei⸗ ter Hoͤhlung auf einem glaͤnzenden Thro⸗ ne von Cdelſteinen eine ſechzehnjaͤhrige Jungfrau ſaß, deren Schoͤaheit Worte —— zu ſchildern nicht vermoͤgen. Ein Di⸗ adem von Tuͤrkiſſen ſchlang ſich um ihr ſchoͤnes braunes Lockenhaar, ein Kar⸗ funkel ſchloß den Guͤrtel, der ihr Ge⸗ wand von Goldſtoff zuſammen hielt, aber die blendenden Reize ihrer Ge⸗ ſtalt verdunkelten die glaͤnzende Pracht ihres Putzes, ihres Thrones und der Kriſtallſaͤule. Ueberraſcht und bewun⸗ dernd, ſtand ich einige Augenblicke un⸗ beweweglich. Endlich naͤherte ich mich, aber ich war zu bewegt, als das ich eine Frage an die gefangene Lazunie haͤtte richten koͤnnen. Sie nahm ſelber das Wort. Fremdling, ſprach ſie mit ſanfter ruͤhrender Stimme, willſt Du mich befreien?“ 131 —— „Rede! rief ich enzuͤckt, rede, muß ich dieſe Saͤule zerbrechen?“ V „Das wauͤrde Dir nicht gelingen, gab ſie zur Antwort. Dieſe Saͤule iſt feſter und haͤrter, als Erz.“ „Und was muß ich thun? hob ich wieder an.“. „Ach! Du mußt mich lieben, ers wiederte ſie ſanft, Du mußt es mir ſa⸗ gen und mir Treue ſchwoͤren.“ „Als ich dieſe Worte vernahm, ſah ich nur die reizende Geſtalt, verlor je⸗ de andere Erinnerung und verſprach alles. Die Saͤule verſchwand, Lazu⸗ nie war frei. In dieſem Augenblicke b erwachte in meinem Innern, zu ſpaͤt, die Stimme des Vorwurfs, ich blickte auf meine Roſe, und ſchaudernd ſah ich, daß ſie mit Thraͤnen bedeckt war. Alsbald entblaͤtterte ſie ſich voͤllig, der Wind hob ſie auf, und als die zerſtreu⸗ ten Blaͤtter ſich wieder vereinigt hat⸗ ten, wurden ſie durch die Luͤfte fortge⸗ tragen. Ich ſtand unbeweglich, wie gelaͤhmt; ich ſah den fliehenden Roſen⸗ blaͤttern nach, und erblickte in weiter Ferne, zum letzten Mahle, die gold⸗ geſaͤumte Purpurwolke. Alle Blaͤtter der Roſe verloren ſich in der Wolke, deren glaͤnzendes Farbenſpiel ein ſchwar⸗ zer Flor zu bedecken ſchien. Endlich verſchwand alles; meine Seele war mir entfuͤhrt, mit der glaͤnzenden Purpur⸗ wolke ſchwanden mir alle ſuͤße Taͤu⸗ ſchungen des Lebens. Ich hielt den Roſenſtaͤngel noch in der Hand, aber er verdorrte und zerfiel in Staub. La⸗ zunie trat zu mir; ich ſchwankte und ſank beſinnungslos zu ihren Fuͤßen nieder.“ Als Anephis ſo weit in ſeiner Ge⸗ ſchichte gekommen war, wurde der Koͤ⸗ nig durch wichtige Geſchaͤfte abgeru⸗ fen, und beſchied den Srzähler auf den folgenden Tag. Ich weiß nicht, wie lange ich ohn⸗ maͤchtig zu den Fuͤßen der ſchoͤnen La⸗ zunie lag, fuhr Anephis in ſeiner Er⸗ zaͤhlung fort. Als ich erwachte, ſaß ſie ruhig neben mir auf einem Baum⸗ ſtamme. Sie war noch ſchoͤner, noch reizender, als ſie mir durch die reine Kriſtallſaͤule erſchienen war. Ich be⸗ trachtete mit ſtummer Bewunderung ihre unvergleichliche Schoͤnheit, aber ich konnte mich nicht erwehren, ihre Ru⸗ he, ihre Kaͤlte gegen ihren Befreier ein wenig ſonderbar zu finden. Endlich nahm ſie das Wort, und fragte mich, wie ich mich befaͤnde. Ich war uͤber⸗ raſcht uͤber dieſe Frage, und uͤber den eiskalten Ton, womit ſie ausgeſprochen ward, daß ich nicht antworten konnte.— Nach einer Pauſe hob ſie wieder an: Aber wo wollen wir denn eſſen? Dieſe ſehr verſtaͤndige Frage machte mich ganz verlegen. Ich wußte nicht, wie wir aus der Einoͤde kommen ſollten, da mir von nun an der Beiſtand meiner Beſchutzerinn fehlte. Ich ſah mich um, und als ich einige wilde Fruͤchte fand, brachte ich ſie meiner ſchoͤnen Gefaͤhr⸗ tinn. Darauf bat ich ſie, mir ihre Ge⸗ ſchichte zu erzaͤhlen. Sie war gern be⸗ reit dazu, denn ſie iſt eben ſo gutmuͤthig, als unempfindlich und offenherzig. Aus dem verworrenem Berichte, den ſie mir gab, konnte ich nichts anders nehmen, als daß eine Zauberinn, ihre Neben⸗ 156 —— buhlerinn, ſie verurtheilt hatte, in der Kriſtallſaͤule zu bleiben, bis ein Juͤng⸗ ling, von leidenſchaftlicher Liebe gegen eine Andere entzuͤndet, herbei kommen wuͤrde, und nach dem Siege uͤber den Drachen und uͤber eine Kriegsmacht ſie erloͤſete, indem er ihr ſeine Treue ver⸗ ſpraͤche. Dieſe Erzaͤhlung warf mich in die tiefſte Traurigkeit, denn ich brauchte die reizende Lazunie nicht drei Viertelſtunden nach einander reden zu hoͤren, um mich voͤllig zu uͤberzeugen, daß ſie eben ſo einfaͤltig, als ſchoͤn war. In der That, ihre Unſchuld, ihre Einfalt ſind uͤber alle Beſchreibung, aber ungeachtet ihre jugendlichen Reize iſt ihre Unſchuld ohne herzgewinnende 157 —— Anmuth, weil ſie bloß aus gaͤnzlichem Mangel geiſtiger Bildung, und aus voͤlliger Gefuͤhlloſigkeit hervorgeht. Sie iſt eine blendend ſchoͤne Blume, die nicht einmahl die Faͤhigkeit hat, auf ihre Reize ſtolz zu ſeyn, da ſie nichts bemerkt, nichts ſieht, und immer ge⸗. dankenlos dahin lebt. Ich fragte ſie, ob es ihr unangenehm waͤre, daß mich das Schickſal zu ihrem Befreier auser⸗ waͤhlt haͤte. ⸗ „»Keineswegs, antwortete ſie. Es iſt mir eben ſo lieb, daß Du es biſt, als wenn's ein Anderer geweſen waͤre.” „Sehr guͤtig! hob ich wieder an. —õ— 158 —— Aber nicht wahr, Du haſt nicht viel Luſt, mich zu heirathen?“ „Wenn ich's nicht thaͤte, wuͤrde ich wieder in die Gewalt der Zauberinn fallen.“ „Und wenn ich Dich nicht heirathe⸗ te, was wuͤrde dann geſchehen? „Dann wuͤrde ich ſehr ungluͤcklich ſeyn, ſagte ſie! und Du wuͤrdeſt Dei⸗ ne Schwuͦre brechen.“ „Dieſe Antwort ruͤhrte mich. Sey unbekuͤmmert, Lazunie, ſprach ig, und glaube mir, mein Wort iſt mir heilig. Aber darf ich die Hoffnung hegen, daß Du mich einſt lieben werdeſt?“ 1 1 1 259 —— „Ich liebe jedermann, erwiederte ſee, nur nicht die Zauberinn, die mich ausgeſcholten, und mir Boͤſes gethan hat.“* „Sch werde Dich nicht ausſchelten, hob ich wieder an, ich werde nichts vernachlaͤſſigen, um Dich zu begluͤcken, und Du wuͤrdeſt mich gluͤcklich machen können, wenn Du Gefühl fur meine Liebe haͤtteſt.“ „Ich bin Dir ſehr verbunden, er⸗ wiederte ſie.— Damit hatte die Unterhaltung ein Ende, und ich war gar nicht geneigt, ſie laͤnger fortzuſe⸗ tzen. Ich machte Lazunien den Vor⸗ ſchlag, ein wenig im Walde zu luſt⸗ . wandeln. Wir brachen auf. Nach ei⸗ nigen Augenblicken ſah ich ein praͤchti⸗ ges Schloß am Ende eines langen Baumganges. Wir gingen ſchneller darauf zu, und fanden das Thor of⸗ fen. Ich fuͤhrte meine Begleiterinn herein; aber kaum waren wir in einen großen Saal getreten, da druͤckte mir Lazunie den Arm, und rief mit Entſe⸗ tzen: Ich bin verloren! Wir ſind in dem Schloſſe meiner Feindinn Mor⸗ geline.“ Sie hatte recht. Ich erkannte die Zauberinn wieder. Wie, ſprach ich zu ihr, auch nachdem der Zauberſtab des Haſſes und der Rache in den Schlund — des des Aetna gefallen iſt 3 hoͤrſt Du nicht auf, Boͤſes zu thun?- „Lazunie ward in die Kriſtallſaͤule verſchloſſen, ehe mein Ungluͤck begann, antwortete Morgeline, aber ich hatte auch nach dem Verluſte meines Zauber⸗ ſtabes noch Macht genug, den ſchwa⸗ chen Anephis in die Falle zu locken. Ich habe Dich in den bezauberten Wald gefuͤhrt, und die Berge und Schluchten geebnet, die ihn von der Einoͤde trenn⸗ ten. Ich hoffte der Anbeter der Blu⸗ menkoͤniginn ſollte ein Raub des Dra⸗ chen werden, oder durch meine Krieger getoͤdtet werden. Die unbedachtſame Roſelis hat Dir das Leben gerettet, 9 162 —— aber ſie iſt dafuͤr geſtraft worden, und die Reize der einfaͤltigen Lazunie haben ihr den angebeteten Geliebten geraubt. Ich bin an ihr und an Dir geraͤchet, Du ſollſt mein Schloß nicht eher ver⸗ laſſen, bis Du Lazunien Deine Hand gegeben haſt.“ „Ich verachte Deine Drohungen, antwortete ich. Gewalt ſoll nichts uͤber mich vermögen.“ „Wohlan, ſprach Morgeline wuͤ⸗ thend, Du bleibſt mein Gefangener.“ 4₰ „Sende mich mit Lazunien in mei⸗ ne Heimath, hob ich wieder an, und —— ich werde meine Verpflichtungen halten, aber noch einmahl, ich laſſe mich nicht zwingen.“ „Nein, nein! rief Morgeline, der Geliebte der Blumenkoͤniginn ſoll vor meinen Augen ſogleich Lazunien ſeine Hand geben; ich will meine Feindinn geſtraft ſehn und mich zugleich von der Nebenbuhlerinn befreien, die den Ge⸗ nius, welchen ich liebe, auf einen Au⸗ genblick mir untreu machte.“ „Wie, Morgeline! ſprach ich, Du liebſt und kannſt Boſes thun?“ „Ja, ich liebe raſend, antwortete ſie.“ — 3 9 2 „Raſend! das laͤßt ſich denken, hob ich wieder an. So liebt man bei Dei⸗ ner Gemuͤthsart. Die Liebe iſt in ei⸗ nem Herzen, wie das Deinige, nur eine heftige Aufwallung, oder ein niedri⸗ ger Rauſch.“ „Und dock liebte mich Zolfar der ſchoͤnte der Genien, fiel Morgeline ein. Die Reize dieſer ſchoͤnen Bild⸗ ſaͤule konnten ihn nur auf Augenblicke verfuͤhren, aber ſobald er ſie reden hoͤr⸗ te, kam er zu mir zuruͤck. Er wollte ſich mit mir verbinden, als er die Be⸗ zauberung in der Kriſtallſaͤule erfuhr; dieß entzweite uns wieder, und nachher ward ich durch ein ungluͤckliches Ver⸗ —, - —,— 265 —— haͤngniß Typhons Gemahlinn. Jetzt, da ich Wittwe geworden bin, und La⸗ zunien ihre Freiheit und einen Gemahl obendrein gebe, wird es mir nicht ſchwer ſeyn, meine alte Gewalt uͤber Zolfar's Herz wieder zu gewinnen, und meinen Freunden zum Trotze gluͤcklich zu werden. Doch wozu ſo viel unnuͤ⸗ tzes Geſchwaͤtz! Sprich, willſt Du La⸗ zunien heirathen?““ „Hier nie, gab ich zur Antwort.“ „Legt ihm Ketten an, und fuͤhrt ihn auf den Scheiterhaufen! rief Morge⸗ line.— Man gehorchte, und fuͤhrte mich auf einen großen Hof, wo ein Holzſtoß brannte. Morgeline ſtand auf dem Soͤller ihres Schloſſes, und rief mir zu: Du ſollſt Deinen Tod in den Flammen finden, wenn Du bei Deinem Trotze beharreſt.— Lazunie ſtand wei⸗ nend hinter ihr. Sie war ſo ſchoͤn in ihren Thraͤnen, daß ich innig geruͤhrt war uͤber dieſen erſten Beweis von theil⸗ nehmender Empfindung. Mit feſtem Muthe aber gab ich zur Antwort, daß ich nie durch eine feige Nachgiebigkeit ein Leben erkaufen wuͤrde, daß fuͤr mich keinen Werth mehr haͤtte. In dieſem Augenblicke erhoben ſich rings umher eine Menge von Springbrunnen, welche den Scheiterhaufen ausloͤſchten. Als⸗ bald flogen die ehernen Pforten des Ho⸗ ————— 167 ——— fes mit Gerauſch auf, und es erſchien auf einem, mit Lowen beſpannten Wa⸗ gen der ſchoͤne Genius Zolfar. Grau⸗ ſame Zauberinn! rief er Morgelinen zu, der Rathſchluß der Genien hat Dich zu der Bezauberung verurtheilt, die Du aͤber die unſchuldige Lazunie verhaͤngt harteſt. Du ſollſt mitten in der Einoͤde in eine Kriſtallſaͤule verſchloſſen werden, und darin bleiden, bis ein Juͤngling⸗ leidenſchaftlich verliebt in eine Andre, nach dem Siege uͤber den Drachen und ein Heer, Dich befreiet und Dir Treue ſchwoͤrt. Und da Dein Anblick allein ſchon den kuͤhnſten Helden zuruͤckſchrecken wird, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß Du bis an's Ende der Welt in der Kriſtall 168 —— ſaͤule bleiben wirſt. Aber bevor Du dieſe gerechte Zuͤchtigung empfaͤngſt, ſollſt Du wiſſen, ich habe ſtets nur ei⸗ nen heimlichen Widerwillen gegen Dich empfunden, und ſelbſt ehe ich Deine Grauſamkeit kannte, hat mich allein Ehrgeiz verleitet, den Aeußerungen Deiner ungeſtuͤmen Leidenſchaft entge⸗ gen zu kommen. Anephis, wandte ſich darauf der Genius zu mir, Du biſt frei. Du verdankſt Deine Rettung der groß⸗ muͤthigen Roſelis, die unſern Beiſtand fuͤr Dich angerufen hat. Wohlan, was willſt Du thun? Rede offenher⸗ zig.“ „„Ich will Lazunien heirathen, ant⸗ —— wortete ich ſeufzend, ich bin bereit, ihr— meine Hand zu geben weil ich es ver⸗ ſprochen habe.“ „Der Genius fuͤhrte uns zu dem Opferaltare, den Morgeline bereitet hatte. Die Zauberinn aber ward durch den Drachen der Wuͤſte entfuͤhrt, um in der Kriſtallſaͤule zu buͤßen. Als La⸗ zunie meinen feierlichen Schwur em⸗ pfangen hatte, oͤffnete der Genius uns den Pallaſt. Er zeigte mir eine lange Reihe von Dienergefolge, und hundert Kameele, mit reichen Schaͤtzen beladen, die ich der Freigebigkeit der Genien verdankte. Ich aͤußerte den Wunſch, in meine Heimath zuruͤck zu kehren. Er 170 — antwortete mir, das Kameel, das ich f⸗ wuͤrde mich dahin bringen. darauf ſchied ich von dem Genius, aber meine Seele war zu ſehr in Traurigkeit verſunken, als daß ich Worte haͤtte fin⸗ den koͤnnen, ihm zu danken. Wir zogen durch einen Theil der Einoͤde. Als wir bei der Zauberbruͤcke vorbeikamen, er⸗ blickten wir in der Ferne die Zwerge und den Drachen, aber die Zwerge ſpra⸗ chen richt mehr von der ſchoͤnen Lazunie, ſondern riefen uns zu: Wanderer, geht nicht uͤber dieſe Bruͤcke, wir ſind die Huͤter der haͤßlichen und boshaften Mor⸗ geline!— Dieſe Worte mußten mehr, als Drohungen, die Zuͤchtigung der Zauberinn verewigen.“ —— „Ich kam zuruͤck in meine Heimath mit unermeßlichen Reichthuͤmern, mit dem ſchoͤnſten Weibe. Jederman pries das herrliche Loos des gluͤckli⸗ chen Anephis. Aber eben zu jener Zeit war ich wahrhaft ungluͤcküch. Es verzehrte mich eine unbezwingliche Lei denſchaft; ich fuͤhlte, daß ich mein Un⸗ gluͤck ſelber verſchuldet hatte; ich mußte an der Seite einer Gattinn leben, die nichts, als eine ſchoͤne Bildſaͤule war. Langweile, ſchmerzliche Sehuſucht und vergebliche Vorwuͤrfe quaͤlten mich, und das Leben war mir deſto mehr zur Laſt, da ich die reinſten ſuͤßeſten Freuden des Herzens und der Einbildungskraft ge⸗ nooſſen hatte. Uurnhig erwachte ich ſtets bei dem erſten Schimmer der orgenroͤthe, und mein Thraͤnenvol⸗ — ſuchte vergebens die begluͤ⸗ ckende Wolke. Ach! die leichten Win⸗ de, die ſie hinweg getragen hatten, ſollten ſie nie wieder bringen! Die himmliſche Seele der Geliebten war fuͤr immer von der meinigen getrennt, zu ewigem Schweigen verurtheilt, konnte ich ſie nicht mehr hoͤren, und hatte nichts mehr zu ſagen. Der bloße An⸗ blick einer Roſe erweckte in mir eine unbeſchreibliche Unruhe. In dieſem traurigen Zuſtande lebte ich fuͤnf Jah⸗ re, da brachten holde Kinder mir ſanf⸗ te Troͤſtungen. Oft wenn ich ſie lieb⸗ koſe, und mein ſchoͤnes Weib anſehe, ———— 8 173 glaube ich gluͤcklich zu ſeyn, aber die unvergaͤngliche Erinnerung an ſtoͤrt bald, und vernichtet zuweilen Gluͤck dieſer Augenblicke. In dieſer ſeltſamen Lage weiß ich's ſelber nicht ges nau, ob ich mich fuͤr gluͤcklich halten, oder ob ich mich beklagen ſoll.. So endigte Anephis ſeine Geſchichte, und Darius geſtand, daß der viel ge⸗ pruͤfte Mann, ſeines Beinahmes unge⸗ achtet, nie gluͤcklich geweſen waͤre, und es auch nie werden koͤnnte. Megabyzus verſprach dem Koͤnige, um ihn zu troͤ⸗ ſten, im ganzen Reiche einen gluͤcklichern Mann zu ſuchen, und in dieſer Abſicht die ſorgfaͤltigſten Nachforſchungen anzuſtel 174 9 len. Darius aber fuͤhlte ſchon, daß man in verzweiflungsvollen Tagen Huͤl⸗ xee alles gefunden hat, wenn man Zeit gewonnen, und daß man Mißge⸗ ſchick mit Muth und Ergebung ertra⸗ gen muß, weil Ungluͤck und Kummer das Leben aller Menſchen ſtoͤren. 4 2 * 1 ———————— ———