—-.--—= =— ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„=„ 3„=„ 4„— ,„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Lebensbilder proſaiſche Schriften von Auguſt Gebauer. Erſter Band. Ulm, Verlag der Stettin'ſchen Buchhandlung. 182ö5. Was ſonſi zerſtreut umher geflogen, Das zeigt ſich hier verbunden nun; Hat's vormals manchen angezogen, Wie ſollt's nicht jetzt ein Glelches thun? Mag's denn zu Maͤnnern und zu Frauen, Zu jedem Stand und Alter gehn: Wird, wer ſich naͤhert mit Vertrauen, Nicht allenthalben gern geſehn? Ihrer Koͤniglichen Majeſtaͤt der Allerdurchlauchtigſten Frau Ear boö lin e Koͤnigin von Baiern in tiefſter Ehrfurcht und Unterthaͤnigkeit gewidmet von dem Verfaſſer. Dem Leſer. Da Verfaſſer der Lebensbilder— die das aͤußere Leben in inneres verwandelt darſtellen wollen— in einem Saͤchſiſchen Doͤrſchen, wo dunkle Haine und fruchtbare Saatfelder lieblich mit einander abwechſeln, erzogen, fand ſchon in der fruͤheſten Kindheit herzin⸗ niges Wohlgefallen an laͤndlicher Stille und Abgeſchie⸗ denheit. Sobald der Tag anbrach, eilte er in das, der vaͤterlichen Wohnung nahe gelegene Waͤldchen, den Geſaͤngen der Voͤgel, dem Wehen der Blaͤtter, dem Rieſeln des ſich durch Erlengebuͤſch hinſchlaͤngelnden, Baches, oder eigenen, in ihm aufdaͤmmernden, Ge⸗ fuͤhlen lauſchend. Was das Auge ſah, und das Ohr hoͤrte, beſchaͤftigte ſeinen jungen Sinn. Beſonders groß wurde ſeine Freude aber dann, wenn er den freyen, friſchgruͤnen, von tauſend Blumen durchwebten, Platz, der rings von Baͤumen umſchloſſen war, erreicht, und ſich unter eine der dort ſtehenden, alten Eichen geſetzt hatte, um durch den vielfach verſchlungenen Bau der Aeſte, und durch das kunſtreiche Bilderwerk der Blaͤt⸗ ter einzelne Streifen blauen Himmels, oder die fried⸗ VI lich dahin ziehenden Fruͤhlingswoͤllchen zu betrachten. Die Voͤgel, leicht und munter durch die gruͤnen Zweige ſchluͤpfend, waren ſeine Luſt, und er wuͤnſchte ſich tauſendmal, ihnen gleich, Fluͤgel zu haben, um eben ſo frey hin und her ſtreifen, und durch den ſchoͤnen, blauen Himmel ſchweben zu koͤnnen. Dann feſſelten ſeine Aufmerkſamkeit wieder die Blumen, welche in bunter Ver⸗ ſchiedenheit umher ſtanden, oder die Inſekten/ welche vor ihm, im goldenen Sonnenlicht ſpielend, ſich bewegten. Des Abends pflegte der Vater wol einen Spatzier⸗ gang mit ihm zu machen, und zu deuten und zu er⸗ klaͤren, was ihm unbegreiflich war, und er doch gern verſtanden haͤtte. Da wurden ihm in allem, was dem Auge entgegen trat, die Spuren der Liebe und Gnade Gottes gegen das Menſchengeſchlecht nachgewieſen, und das Herz empfaͤnglich gemacht fuͤr die Religion, der es bis auf den heutigen Tag ſeine reinſten und blei⸗ bendſten Genuͤſſe zu verdanken hat: denn nur der Glaube an das Ueberirdiſche kann dem Irdiſchen— Leben und Bedeutung bringen! Viele Jahre ſind ſeit jener ſchoͤnen Zeit dahin ge⸗ gangen! Von dem theuern Vaterhauſe, von dem Mut⸗ terlande fern ward ich bald mehr, bald weniger in das Geraͤuſch der Welt gezogen und oftmals wol in ihre VII Taͤuſchungen verwickelt; aber die Liebe zu Gott und Chriſto, dem jungen Herzen mit Waͤrme eingepraͤgt, und die Liebe zu der Natur iſt geblieben in alter Le⸗ bendigkeit, und wird nie erkalten, nie ab⸗, ſondern ſtets zunehmen, bis ſie einſt in Gott ſich vollendet. Die Verhaͤltniſſe, in denen ich eine laͤngere Reihe von Jahren hindurch ſtand, lehrten mich die Welt und das Leben vielfach kennen; ich hatte Gelegenheit mit den verſchiedenſten Staͤnden und Altern in naͤhere, oder entferntere Beruͤhrung zu kommen; aber als Freund der Natur und in Gegenden, wie die am Rhein und Neckar, war es mir am liebſten nach den Ge⸗ ſchaͤften des Tages und den Zerſtreuungen der Geſell⸗ ſchaft, in dem Schooße der freundlichſten aller Muͤtter mich ihrer Reize zu erfreuen, den Gefuͤhlen des Her⸗ zens, wie in vergangenen Zeiten, zu lauſchen und dem, was ich geſehen und gehoͤrt hatte, eine ſtillord⸗ nende Betrachtung zu widmen. Da klangen manche Toͤne aus der Kindheit her⸗ auf, und Erinnerungen traten gleich dem Thau⸗ und Duftgewoͤlke des Abends zu mir in alten grauen Klei⸗ dern. Und ich lebte und webte wieder, wie in dem Thale meiner Heimath, und uͤberließ mich gern den Eindruͤcken, die damals ſchon in mir hafteten, als VIII dem eigenthuͤmlichſten, was ich habe. Auch manches neue Bild reihte ſich an die alten in geſchwiſterlicher Eintracht, und ſo erweiterte und vergroͤßerte ſich das Gemaͤlde des Lebens von Tage zu Tage in neuen Farben und Bildungen. Aber eine gewiſſe Familien⸗ aͤhnlichkeit waltet uͤber allen, und muß es: denn die Religion, ſo mannichfaltig ſie auch in ihren Erſchei⸗ nungen ſeyn mag, gruͤndet ſich auf Einheit, die fre⸗ lich nicht auf irdiſche Weiſe beſtimmt werden dare, weil ſie etwas Unendliches und darum für den Ver⸗ ſtand Unerreichbares iſt. Der fromme Glaube erkennt ſie in ſtiller Einfalt, und freuet ſich ihrer, ſo oft und wo er ſie findet, herzinnig. Die Erzeugniſſe ſolcher ſtillen, einſam in dem Schooße der Natur verlebten, Stunden ſind es nun, welche ich dir, mein Theurer, als Lebensbilder, biete. Du wirſt allerley finden. Bald iſt es die Liebe, welche die Saiten des Herzens lyriſch, oder elegiſch bewegt; bald die Sehnſucht, nach unbekannten Gegenden hinausblickend und den Flug wagend; bald die in der Einſamkeit ſich ſo gern kund gebende Wehmuth uͤber die Vergaͤnglichkeit alles Irdiſchen, ſo dir begeg⸗ net; bald tritt der Tod zu dir, in der untergehenden Sonne die weißen Schwanenſtuͤgel ausgebreitet; bald 1 X die Erinnerung, ihre Schweſter, die Hoffnung, an der Hand; dann die Religion, in deren Lichte alles klar ſich zeigt, wie verworren es auch vorher gelegen, troͤ⸗ ſtend und beruhigend, erhebend, und Schmerz und Freude durch ſich verklaͤrend. Willkommen werden dir dieſe Bilder vielleicht ſeyn, wenn du ſie, entfernt von dem Geraͤuſche der Welt, in einer ſtillen Stunde, die du im Schatten eines Baumes, oder unter Blumen auf duftigem Ra⸗ ſen genießeſt, in die Hand nimmſt. Der Wind wehe dann leiſe, blau ſey der Himmel, und hoͤchſtens ziehe ein weißes Woͤlkchen gefluͤgelt hindurch. Aus der Ferne klingt wol das Treiben des Lebens; aber der Nachti⸗ gall ſeelenvoller Geſang laͤßt es dich nicht vernehmen. — Auch wenn du daheim ſitzeſt in ſtiller Kammer, ſey es nun des Morgens, wo friſche Lebensluſt dich anweht, oder des Abends, wo alles ſich zur Ruhe ſchickt, moͤchte dir mein Buͤchlein gern ein freundlicher Gaſt werden, und mittheilen, was es eben mitzuthei⸗ len weiß. Und ſo hat es denn in der That keinen andern, lieberen Wunſch, als den, daß es allenthalben, wo es erſcheint, die ſtillen Freuden des Herzens mehren und den Schmerz der Seele mildern, daß es in den X Blumen der Erde, wie vergänglich ſie auch ſind, die Saamenköorner, der im Himmel unvergaͤnglich bluͤhen⸗ den nachweiſen, mit einem Worte: Himmel und Erde in freundliche Beruͤhrung bringend, diejenige Verklaͤ⸗ V rung uͤber das Leben hauchen moͤchte, die hienieden freylich nur als Abendthau vor einer langen Nacht, V dort aber im Paradieſe als heller Morgenthau eines ewigen Tages glaͤnzen wird. Hofrath D. Auguſt Gebauer. Inhalts⸗Verzeichniß. Parabeln und Parabelartiges S. 1— I. Der Neujahrsmorgen— 3. II. Das Geſchenk der Feen— 10. III. Von den Blumen.— 15. IV. Die abfallenden Bluͤthen— 18. V. Erde und Luft.— 21. VI. Die Kornblumen„— 23. VII. Die Erde und das Leben— 26. VIII. Von den Roͤslein.— 29. IX. Der See..— 32. X. Vom Fruͤhlinge.— 39. Xl. Die Kaiſerkrone. 41. XII. Das irdiſche und das himmliſche Licht.— 43. XIII. Der Schmerz und die Freude— 45. XIV. Traum und Wirklichkeit XV. Freundesherz bey Freun⸗ desgluͤck..— 5 4½. 50. XII XVI. Der Sonnenaufgang XVII. Der Nebel.* XVIII. Der Abend in laͤndlicher Einſamkeit.. Bruchſtuͤcke aus einer Rede uͤber die Unſterblichkeit Aus Eulalia's Tagebuche Die letzten Tage eines Lie⸗ benden. Der Ritt zur Hochzeit* Bilder der Liebe.. Erinnerungen.. Der Sonntag auf dem Lande Traumbilder... Morgen und Abend. Blaͤtter und Bluͤthen aus dem Leben und fuͤr das Leben. S. — 60. 66, 73. 77— 91. 95— 166, 167— 178. 179— 19 1. 195— 242. 245— 296. 297— 528. 529—558. 539— 542. 343— 372. Druckfehler. S. 79. Z. 3. iſt. ſigtt abgeblicheten— abgemaͤheten zit leſen. Parabeln und Parabelartiges. — Lebensbilder⸗ J. Bd. J. Der Neujahrsmorgen. Der Saͤnger, ein Greis an Jahren, aber inwen⸗ dig noch friſch und lebenskraͤftig, gieng, wie es von Jugend auf ſeine Gewohnheit geweſen, am Neujahrs⸗ morgen hinaus in Gottes immerdar ſchoͤne, das Men⸗ ſchenherz ſtets zu Dank und Andacht weckende, Natur. Der Wind wehete ſcharf, denn Berg und Thal wa⸗ ren in Schnee gehuͤllt. Am Himmel erloſchen die Sterne allmaͤhlig; nur der Morgenſtern leuchtete noch in vollem Glanze. Endlich gieng auch er unter. Der Wind regte ſich ſtaͤrker und ſchuͤttelte den Schnee von den Baͤumen. Aus Staͤdten und Doͤrfern toͤnte das Morgengelaͤut. Der Strom, von Eiſe beengt, rauſchte gewaltig, als wolle er die druͤckenden Feſſeln von ſich werfen, um den erſten Morgen des Jahres frei be⸗ gruͤßen zu koͤnnen. Da brach die Aurora der neuen Zeit auf, und beſchenkte den Himmel reich mit Roſen, 4 und bekraͤnzte die Berge damit und die Menſchen, die ihrer Ankunft harreten. Der Saͤnger— Apdelbert war ſein Name— hatte eben eine Anhoͤhe erreicht. Hier blieb er ſtehen. Sein Geſicht flammte, ob von dem Wiederglanze des Himmels, ob von dem Hauche der Nordluft oder von innerer Gluth? Wohl von Allem zugleich! Die Haͤnde gefaltet, das Auge nach Oſten gerichtet, begann er alſo: „Wie hold der Morgen ſich zeigt! Jedes Woͤlk⸗ chen in Roſenſchimmer getaucht! In der Ferne duf⸗ tiges Blau! So wird der Menſch auch in ſeiner Kindheit begruͤßt, Himmel und Erde glaͤnzen in gol⸗ denem Lichte. Die Gegenwart ergoͤtzt, indem ſie frei⸗ gebig Geſchenke aller Art austheilt. In zauberiſchen Duft gehuͤllt, ſtehet die Zukunſt da— und wir ah⸗ nen das Schoͤnſte hinter ihrem Schleier. Die Zeit fliegt! Vieles zerfaͤrꝛtt, was farbig vor dem Auge ſtand. Die Zukunft, wird ſie zur Gegenwart, befrie⸗ digt nur wenige der alten und eben darum ſo theuern Wuͤnſche des Herzens; aber desohngeachtet laͤſſet der Menſch nie von der Hoffnung ab. Wie ein neuer Abſchnitt der Zeit beginnt, faſſet er friſchen Muth, eroͤffnen ſich ihm neue Ausſichten voll Glanz und naher Erfuͤllung. Und jedes neue Jahr begruͤßt ihn freund⸗ — —.j,.— ⸗ 5 lich, und wird von ihm herzlich willkommen geheißen: denn der Glaube an eine ſchoͤne Zukunft bluͤht unver⸗ gaͤnglich in ſeinem Herzen. O du holdes Morgenroth! was fuͤr Tage wirſt du herauffuͤhren am Horizonte des neuen Jahrs? Wirſt du die Kinder unter dir denn ſtets mit Roſen beſtreuen, oder wird ihnen nicht vielmehr ein groͤßeres Maas von Dornen blutige Wun⸗ den reißen?“ Da zerfloſſen die Purpurwoͤlkchen in helles Blau, und die Sonne ſendete einzelne Strahlen herauf, und zeigte ſich bald in ihrer ganzen Majeſtaͤt, feierlich groß, wie das Auge des Herrn. Die Glocken toͤnten heller, toͤnten uͤberall; von dem Thurme der nahen Stadt ſpielte ein altes Kirchenlied melodiſche Klaͤnge. Sie umfingen unſern Saͤnger ſanft, als wollten ſie ihn zum Eilande der Seligen tragen. Sein Herz, das die Erde und die Bruͤder darauf treu und innig liebte, wurde hinauf zu dem Throne Gottes geruͤckt; Gefuͤhl und Gedanke waren Gebet fuͤr Menſchenheil, fuͤr Erdengluͤck. „ du, der Jahre kommen und gehen heißt, hub er endlich an, was iſt das Kind der Zeit, der Menſch, vor dir! Was der Staub iſt, der im Sonnenlichte ſpielt, Staub! Aber dem Staube iſt dein Bild, die unvergängliche Seele, eingepraͤgt, die belebt ihn und 6 a ſetzt ihn mit dir in freie Gemeinſchaft. Da ſchwebt er nicht mehr, irr und unſtaͤt, jedem Luͤftchen zum Spiele, umher, ſondern beweget ſich frei aus eigener Kraft und mit Bewußtſeyn!“ Hier hielt er inne; nach einer Weile fuhr er be⸗ wegt und doch erhoben, wehmuͤthig, aber voll hoͤherer Freude alſo fort: „Tritt nur herein, du neues Jahr, in den Kreis der Zeit! Was du auch bringſt, ich heiße dich will⸗ kommen. Biſt du doch nichts, als ein Tropfen im Strome der Ewigkeit, unkenntlich verronnen bald nach deiner Geburt. Aber dennoch herrſcheſt du ſtark und gewaltig! Von dir geht Noth und Freude aus! Dem Saͤugling' oͤffneſt du das Auge— und wie Vielen wirſt du es ſchließen! Deine Hand fuͤhrt eiſern der Mutter das Kind, dem Braͤutigam die Braut, dem hilfloſen Greiſe die Stuͤtze des Alters, den ruͤſtigen Sohn, uͤber die Graͤnze des Lebens hinaus— und bennoch vertrauet der Greis dir ſeine Wuͤnſche, der Greis, der von der Erde nichts mehr zu hoffen hat, als— einen lezten Ruheort. Tritt herein, und erfuͤlle, die deine Bruͤder nicht gewaͤhrten, jene heiligen Hoffnungen der Menſchheit auf Veredlung und hoͤheres Gluͤck: denn der Ruͤckſchritte werden genug gethan, aber 7 vorwaͤrts ſtreben nur Wenige. Was ſollen Formen, die dem Geiſte ſchon gedient, wieder hervorgeſucht werden, um ſtlaviſch hinein zu zwaͤngen, was ſich darin nicht bewegen mag? Weide der Erwachſene das Auge an ſeinen Kinderſchuhen, und das Herz an den Erinnerungen, die ſich daran knuͤpfen; aber thoͤricht waͤre der Verſuch, den ſeitdem gewachſenen Fuß hin⸗ einzwaͤngen zu wollen! Jede Zeit hat eine eigene Form, in der ſich das belebende Prinzip derſelben, der Geiſt, darſtellt, und den der Vergangenheit, wie laut ihn auch tauſend Zungen preiſen und beſchwoͤren moͤgen, aus ſeinem Grabe ins Leben empor zu rufen, moͤchte wohl eben ſo ſchwer halten, als einen Todten ins Leben zuruͤckzufuͤhren. Dem Vorhandenen Ge⸗ ſtalt zu geben, iſt ein loͤbliches Benuͤh'n, und dazu kraͤftige das neue Jahr Jeden mit Ernſt und beharr⸗ lichem Willen. Noch ſtreitet Geiſt und Form ſich allenthalben; aber laſſe man jener nur walten, er wird ſchon diejenige waͤhlen, die ihmdie eigenthuͤmlichſte und darum auch die rechte iſt. Jo bin jung geweſen und alt worden, habe Voͤlker ſteien,— und ſinken ſeh'n, dieweil ſie den Sinn der Zeit nicht erkannten, und fuͤr bedeutend nahmen, was nur Nebenſache war. Darum breite ſich aus ein helles Licht, zu erleuchten die Geiſter, und zu verſcheuchen die truͤgeriſchen Ne⸗ belgeſtalten der Nacht, die, Eulen gleich, Ungluͤck von den Daͤchern kraͤchzen, und, um ihr Weſen ſo recht treiben zu koͤnnen, das Land mit Nacht bedecken moͤch⸗ ten. Loͤſe die vielen Diſſonanzen, die bis jezt unauf⸗ geloͤst blieben, in Harmonie auf! Was uneben, ſchroff und eckig iſt, ebne ſich gleichmaͤßig! Es ſind der Thraͤ⸗ nen genug gefloſſen, und Streit und Zwietracht hat es an allen Enden gegeben: werden die verweinten Augen nicht trocknen, und die Palmen des Friedeus keinen labenden Schatten werfen? Eine große Saat iſt mit blutiger Hand ausgeſtreuet; aber fehlt es an Aehren, wie mag man ſich Frucht verſprechen? Gieb Gedeihen, und laß in Halme ſchießen, was jetzt noch am Boden gruͤm, und bilde volle Aehren zu einer geſegneten Aerndte! Gieb Jedem Frieden und Freude, gieb Beydes der genzen Welt!“— Amen! ſagte der wuüͤrdige Pfarrer der Stadt, den der Weg von inem benachbarten Dorfe, wo er Fruͤhmetten gehalte hatte, uͤber dieſen Huͤgel fuͤhrte, auf Adelberts letzte Worte, die ihm nicht entgangen waren, indem er dan Greiſe die Hand reichte und. ſeinen Gluͤckwunſch darbrachte. Auf dem Wege nach der Stadt, wohin Beyde 9 miteinander giengen, erzaͤhlte der Pfarrer, wie er ſeiner Gemeinde heute einen Blick zuruͤck, und einen vorwaͤrts habe thun laſſen. Die Vergangenheit, ſagte er, fordert zu Dank und Freude; die Zukunft zu Vertrauen und Hoffnung auf. Zwiſchen beyden liegt die Gegenwart. Wer ſie weiſe benutzt und ge⸗ nießt, verſteht die rechte Lebenskunſt, und behaͤlt im⸗ mer, blicke er hinter, oder vor ſich, eine heitere Ausſicht! „Dieſer Meinung bin auch ich! verſezte Adelbert. Der ſchoͤnſte Theil meines Lebens liegt zwar hinter mir; aber ich ergehe mich oft in ſeinen Blumenſtuͤcken, und bemerke, daß der Dornen in der Erinnerung immer weniger werden. Die Tage, die mir noch be⸗ ſtimmt ſeyn moͤgen, werde ich mit Dank und Freude genießen, und dem Tode, der mir ſchon als Juͤngling in dem Lichte einer hoͤhern Welt erſchien, laͤchelnd und der Unſterblichkeit gewiß, die Hand bieten!“ So kamen ſie in der Stadt an, begruͤßt und be⸗ gluͤckwuͤnſcht von Allen, die ihnen begegneten: denn wegen ihrer Rechtſchaffenheit und ihres frommen Wan⸗ dels waren ſie bey Jung und Alt beliebt und geehrt. —-— II. . Das Geſchenk der Feen. Carlsruhe 1822. —— Zu der Wiege eines jungen Prinzen, der in der Folge, zwar nicht eins der groͤßten und maͤchtigſten, aber eins der anmuthigſten und von der Natur be⸗ ſonders reich ausgeſtatteten Laͤnder regieren ſollte, kamen, kurze Zeit nach der Geburt, drey wohlthaͤtige Feen. Die hohe Mutter blickte laͤchelnd und mit inniger Luſt, bald auf den Erſtgeborenen, bald nach den Feen, deren Erſcheinen, wie ſie ſich wohl noch aus den eige⸗ nen Kinderjahren zu erinnern wußte, ſtets auf Gluͤck und Segen deutet. Da that die Erſte der Feen, indem ſie ſich laͤ⸗ chelnd nach dem jungen Prinzen bog, ihre roſigen Lip⸗ pen auf, und ſagte:„Sey mein Liebling! Zum Zeug⸗ niß, daß ich dich dazu erwaͤhlt habe, ſchenke ich dir 1 11 den ſcharfſichtigen Blick des Adlers, dem nichts in ſeinem weiten Reiche, dem ſelbſt die kleinſte Muͤcke nicht entgehet.“— Und ſie bog ſich tiefer, und hauchte den leiſeſten Kuß auf die junge Lippe, und verſchwebte wie roſiger Duft. „Schoͤn iſt das Geſchenk meiner Schweſter, ſagte die Zweite. Der Prinz wird ein einſichtsvoller Fuͤrſt werden, und ſein Auge wird Alles durchdringen. Aber der Adler beſitzt nicht allein Scharfſichtigkeit, die kleinſten Muͤcken zu bemerken, er beſitzt auch eine edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen. Und dieſe nehme der Prinz von mir zum Geſchenke.“— Und ſie bog ſich laͤhelnd uͤber den Liebling, und beruͤhrete ſeine Lippen leiſe wie voruͤberſchwebender Roſenduft. „und ich, ſagte die Dritte, weihe meinen Lieb⸗ ling durch dieſen Eichenkranz zum Liebling ſeines Vol⸗ kes. Dem hohen Vater gleich, ſoll er ein Liebling der Buͤrger ſeyn, und das gute, treue Gemuͤth ſoll nicht nach dem blutigen Lorbeer der Schlachten verlan⸗ gen; ſondern ſtark und kraͤftig, wie der Eichbaum, ſoll der von mir Geſchmuͤckte dereinſt der Schirm und die Wonne eines begluͤckten Volkes ſeyn.“— Sanft war der Kuß, den ſie dem Schlummernden gab; aber ihr Ver⸗ ——————⸗Q———õõ ÿõõõ 12 ſchweben glich dem Rauſchen eines Eichenhains zur Morgenzeit. Da erwachte der junge Prinz mit heiterem Blick. Und herein in den Pallaſt traten die Buͤrger der Stadt, um den hohen Aeltern ihre Freude zu bezei⸗ gen und ihren Gluͤckwunſch darzubringen. Und es war Eine Freude in Aller Bruſt, und die Gaben der Feen lagen in Aller Herzen, als unausgeſprochene Wuͤnſche, ſtill verdorgen, 13 III. Von den Blumen. Frankfurt 1817. Florinde hatte die Blumen ſehr lieb, und ſagte oft zu ihren beyden Kindern, daß man viel daraus lernen koͤnne. Das begriffen die Kleinen aber in ihrem kindiſchen Sinne nicht, ob ſie gleich an den Blumen wegen ihrer bunten Farbe großes Gefallen fanden, und wohl weinen konnten, wenn ſie unver⸗ ſehens eine mit ihren kleinen Fuͤßen zertreten, oder in der Lebhaftigkeit des Spieles abgeriſſen hatten. Daher beredeten ſie ſich einmal miteinander, daß ſie die Mutter bey dem naͤchſten Spaziergange fragen wollten, was man eigentlich daraus lernen könne. Noch deſſelben Morgens nahm ſie die Mutter mit hinaus auf eine große Wieſe, wo viele Blumen bunt durcheinander ſtanden, und ihr Augenmerk auf ſich zogen. 14 Da ſagte der Aelteſte: Liebe Mutter, du haſt uns neulich einmal geſagt, man koͤnne viel aus den Blumen lernen, ſage uns doch was? und der Mutter giengen die Augen uͤber vor Freude, daß ihre Kinder ſo wißbegierig waren. Und ſie ſetzte ſich mit ihnen unter einen Baum, deſſen Zweige die Sonnenſtrahlen abwehrten, und fing ſo an: Nicht wahr, Kinder, das muß ein guter, lieber Vater ſeyn, der die Blumen alle Fruͤhjahre ſo herr⸗ lich aufwachſen laͤßt, und ihnen die ſchoͤnſten Farben von der Welt zum Schmucke verleiht? Der muß ſo gut ſeyn, wie unſer Vater, der ſchenkt uns auch immer was Huͤbſches, ſagte der Juͤngſte; aber wo iſt er denn? Ich habe ihn ja noch niemals Blumen pflanzen, oder machen ſehen, und doch ſtehen ihrer ſo viele hier? Leiblich, mein Kind, ſagte die Mutter, wie etwa den Vater, oder mich kannſt du ihn freilich nicht ſehen: denn er iſt unſichtbar, ein Geiſt, das heißt, ein Weſen, das man blos aus den 2 Dingen, die es gemacht hat, und regelmaͤßig erhaͤlt, ſo wie aus der heiligen Schrift kennen lernen kann. Ich habe euch ja oft von dem lieben Gott erzaͤhlt, wie er die Welt geſchaffen hat und alles, was darin iſt, die 15 Sonne, den Mond und die Sterne, die Menſchen, die Thiere, die Baͤume, die Blumen, kurz alles, was ihr uͤber, und um und unter euch ſehet im Him⸗ mel und auf Erden. Die Blumen alle miteinander? frugen Beyde verwundert. 3 La wohl! meine Kinder. Moͤchtet ihr dem lie⸗ ben Vater nicht danken, daß er die Wieſen ſo ſchoͤn damit geſchmuͤckt hat, und die Gaͤrten und jedes Plaͤtzchen umher, ob ihr ihn ſchon nicht ſehen koͤnnet mit euren Augen? Da falteten ſie ihre kleinen Haͤnde mit naſſen Augen, und ſagten ganz leiſe, daß es die Mutter kaum hoͤren konnte: Lieber, unſichtbarer Vater, wir danken fuͤr die ſchoͤnen Blumen. Seht, fuhr die Mutter fort, wenn ſich der liebe Gott ſo gnaͤdig an den Blumen bezeigt, und ſie aus der harten Erde herauswachſen laͤſſet an das milde Sonnenlicht, und ihnen ſo ſchoͤne, bunte Farben giebt, und Regen, wenn ſie durſtig ſind, und hernach wie⸗ der warwen Sonnenſchein: wie gut muß er ſich da erſt den Menſchen, die ſeine Kinder, ſeine Soͤhne und Töchter ſind, zeigen, und wie lieb muß er ſie moéen. Ach, Mutter, ſagte der Aelteſte, nun denke ich gewiß allemal bei den Blumen an den lieben Gott, und danke ihm, ſo oft ich eine ſtehen ſehe, daß er ſie ſo ſchoͤn gemacht hat, und wir ſo viel daraus ler⸗ nen koͤnnen von ſeiner Liebe. Das thue ich auch, ſagte der Juͤngſte darauf⸗ und bitte ihn, daß er mich ebenfalls ſo ſchoͤn werden laͤßt, wie eine Blume. Da haſt du einen guten Wunſch geaͤußert, fiel die Mutter ein. Die Blumen koͤnnen uns Menſchen wohl zu Muſtern dienen, und uns ermahnen, ihnen gleich zu werden am Leibe und vornehmlich an der Seele. Ihr zarter Kelch vertraͤgt nichts Unſauberes, und iſt ſuͤßer Honig und wuͤrziger Geruch die Fuͤlle darin. Am Leibe und an der Seele? Wie verſtehſt du das, liebe Mutter? frug der Aelteſte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Das meine ich ſo, mein Kind! Wenn dir ein neues, ſchoͤnes Kleid gekauft worden iſt, du dich ge⸗ reinigt und es angethan haſt: wuͤrde es nir wohl Freude und nicht vielmehr Kummer machen, wenn du einige Zeit nachher wieder vor mich traͤteſt, und dich oder dein Kleid befleckt haͤtteſt 2 Eben ſo verhaͤr es 17 es ſich mit der Seele. Die iſt einer Blume noch weit ähnlicher, als unſer Leib. Sie kann Boͤſes und Gutes in ſich aufnehmen. Jenes macht ſie kraͤnklich, verderbt ſie wohl gaͤnzlich, wie der Unflath der Erde die Blume kraͤnklich macht und verderbt, wenn er nicht zeitig genug davon gethan wird; dieſes aber haͤlt ſie friſch und geſund, macht ſie wohlgefaͤllig vor Gott und den Menſchen, laͤßt ſich, wenn es in Worten und Handlungen aus ihr hervorgehet, dem ſuͤßen Ho⸗ nige, dem mwuͤrzigen Dufte der Blumen, vergleichen. Jetzt haben wir dich ganz verſtanden, ſagten Beide mit freudeglanzendem Blicke, und wollen es dir immerdar in Wort und That beweiſen. Wenn ihr das thut, meine Kinder, ſo werdet ihr ſchoͤne Blumen in dem Garten Gottes ſeyn, und von ihm gepflegt werden mit der zaͤrtlichſten Sorgfalt, und allen, die euch ſehen, Liebe und Bewunderung einftoͤßen! Lebensbilder. IV. Die abfallenden Bluͤthen. Frankfurt 1817. — In den Tagen des Früͤhlings, wo die Baͤume bereits anfingen, ihre Bluthenblaͤtter in's Gras zu ſtreuen, gieng Sophia einſam in ihrer Aeltern Obſt⸗ garten auf und ab. Die Gegend, mit friſchem Gruͤn über und uͤber bekleidet; der heitere Abendhimmel; die fernen, von den letzten Sonnenſtrahlen noch etwas geroͤtheten Bergſpitzen; der Rhein, der in der Naͤhe vollwogend vorbeiſtroͤmte; die Geſänge der Voͤgel; das Abendgelaͤut aus benachbarten Doͤrfern; die heimkeh⸗ renden Menſchen und Heerden— alles, ja alles mußte Eindruck machen auf ihr gefuͤhlvolles Herz: denn ſie war nicht allein mit leiblicher Schoͤnheit be⸗ gabt, ſondern ihre Seele war auch makellos und voller Liebreiz. Freude und Trauer ſchienen ſich heute, was ſonſt 19 ſelten der Fall war, auf ihrem Geſicht zu begegnen, und einander wechſelsweis uͤberwaͤltigen zu wollen. Und wie ſollte es auch anders ſeyn? Stand die Natur nicht in voller Pracht vor ihrem jungen, lebensluſtigen Auge? Und die hellen Lerchenklänge— mußten ſie nicht unwillkuͤhrlich der Freude das Herz oͤffnen? Aber die verwelkenden Bluͤthen, und der Tag, der ſich zu Ende neigte, und das Stillleben, in das ſich nach und nach die ganze rege Landſchaft verwandelte, durften wohl auch ein Platzchen fordern fuͤr ſtille Trauer, und an die Vergaͤnglichkeit des Schoͤnen, an den unter⸗ gang der Lebensſonne und die darauf folgende Stille wehmuͤthig erinnern. „Noch blüͤhet, ſagte ſie, nachdem ſie eine Zeit lang in Gedanken umher gegangen war, noch bluͤhet mein Leib in der Jugend fröhlicher Farbe, und ich kenne keinen Kummer und keine Beſchwerde; aber wie lange wird es waͤhren, ſo fallen dieſe friſchen Bluͤthen, derenhalben vielleicht mancher mir gewoͤgen war, wie die des Baumes, traurig ab. Und wer daran allein Gefallen fand, der wendet ſich dann von mir, und läſſet mich einſam ſtehen. Was thue ich nun, daß man mir liebend zugethan bleibt, daß ich nicht Ur⸗ ſache zu trauern habe?“ 20 „Sieh da den Baum! Die Bluthe welkt, doch wie ſich die letzten Blaͤtter derſelben verlieren, ſtehet d Frucht ſchon in munterem Wachsthum da. Und Fruͤchte ſoll der Menſch ja auch zum Vorſcheine brin⸗ Pen, und nicht allein fuͤr den kurzen Augenblick, nein! fuͤr die lange Ewigkeit! So mag die Erde nehmen, was ihr eigen iſt! Die Zeit mag nagen an der Huͤlle, die ſie gab, bis daß die Frucht in mir, die Seele, reif geworden iſt, und von dem Gaͤrtner, der ſie nach ſei⸗ ner Weisheit in einen ſo vergaͤnglichen Boden pflanzte, und zum Gedeihen ihr Regen und Sonnenſchein gab, bis ſie von ihm geſammelt wird an dem Tage der ewi⸗ gen Aerndte!“ Sehet ihr noch Trauer auf Sophin's Angrſich und bittere Wehmuth uͤber die Vergaͤnglichkeit? Himm⸗ liſche Frende verklaͤrt es mild, und ihr Blick iſt ſelig nach dem eben aufgehenden Monde gerichtet. Und wie er durch leichte Woͤllchen von Thau und Blumenduft ſeinen Strahlen Bahn gemacht hat, daß ſie die Erde verſilbern: ſo auch hat die Freude aus Sophig's Seele durch Wehmuthsthraͤnen auf das bluͤhende Geſicht ihre Verklaͤrung gehaucht. —Y 21 V. Erde und Luft. Die gruͤne Erde betrachtete einmal die blaue Luft, und wurde faſt etwas neidiſch und eiferſuͤchtig uͤber die holde Farbe derſelben. Prahle nur, ſprach ſie, nicht ſo uͤbermuͤthig mit deiner Blaͤue, denn eben ſo ſchon⸗ als du, kann ich ſie zeigen. Betrachte einmal mein Ultramgrin, den Pfau, den S Sapphir, und vor allem die praͤchti⸗ gen Gentianellen: muͤſſen ſie dir, trotz deiner blauen Zier, nicht noch mehr, als du dir ſelbſt gefallen? Die Luft fand keinen Hohn in dieſen Worten; vielmehr ſchauete ſie vergnuͤgt und neidlos, ja mit be⸗ ſonderem Vohlgefallen auf die befreundete Erde hinab, und lispelte gleich dem leiſeſten Zephyr, der uͤber Blu⸗ men ſchwebt: Du liebe Schweſter, dein Schmuck ge⸗ waͤhrt mir ſo innige Luſt, warum betrachteſt du denn meinen nicht auf gleiche Weiſe? Sind wir nicht Beide ſchoͤn, Jede in ihrer Art? W Vozu des kleinlichen Nei⸗ 224 des? Und hat uns nicht Eine Hand das praͤchtige Kleid gewoben? In die Wette wollen wir uns von nun an ſchmuͤcken, Jede ſo ſchoͤn, als ſie vermag; damit der denkende Geiſt, das fuͤhl ende Herz in uns Beiden den Meiſter, der unſern Leib ſo ſtattlich geziert hat, froͤhlich ahne, dankbar verehre! — und du, o Menſch, der du deiner Schoͤnheit we⸗ gen dich brüſteſt; dich uͤber jene, denen ein minderer Grad davon gegeben ward, thoricht erhebſt; mit Andern dich um den Vorrang ſtreiteſt: hat dich und ſie nicht Eine Hand gebildet, und tragen wir nicht Alle das Ebenbild des Meiſters in unſerm Herzen, und vielleicht gerade deſto ſchoͤner und reiner, je unſcheinbarer und reizloſer die äußere Huͤlle iſt? 23 VI. Die Kornblumen. Zur Zeit, als die Aerndte nahe war, wandelte Walter mit ſeinen Kindern an einem Kornfelde voruͤber. Die Aehren voll gewichtiger Frucht bogen ſich, eine dicht an die andere gedraͤngt, tief zur Erde herab, und nur die holden, blauen Blumen darunter trugen ihre Haͤup⸗ ter aufrecht. Die Kinder hatten ſchon vieles gefragt, mancherlei beantwortet, als Wilhelm, der eine Zeit lang ſchweigend vor ſich hingegangen war, zum Vater mit den Worten trat: Es iſt doch ſonderbar und gewiß nicht ohne Be⸗ deutung, daß der liebe Gott dieſe Blumen hier unter die Aehren geſtellt hat; aber ohngeachtet alles Nachſin⸗ nens habe ich bis jetzt noch nicht auffinden moͤgen, warum? es wohl geſchehe. Und doch moͤchte es nicht ſonderlich ſchwer ſeyn! verſetzte der Vater; und als er bemerkte, daß der Knabe uber ſein Unvermoͤgen traurig ward, fuhr er alſo fort: Die Aehren da ſind, wie ihr wiſſet, aus geringen Koͤrnlein, die der Landmann zur Herbſtzeit in den Boden ſtreuete, hoch und luſtig, einem Walde vergleichbar, empor gewachſen⸗ und wenn ſie unter Schweiß und Muͤhe in die Scheuer gebracht worden ſind, ſo werden ſie zu unſerer Nahrung weiter verar⸗ beitet. Nun koͤnnte der Menſch, wenn er ſie ſo herr⸗ lich auf dem Gefilde prangen ſieht, leicht auf den Ge⸗ danken kommen, als ſey dieſes einzig und allein das Werk ſeines Fleißes, als habe es dabei gar keines An⸗ dern Zuthun bedurft. Dieß waͤre aber irrig, ja ſünd⸗ lich! Darum hat Gott, der uns gern durch tauſenderlei Zeichen und Merkmale an ſich, an ſeine Liebe und Guͤte erinnert, dieſe mit dem Gewande des blauen Himmels ſo ſchoͤn bekleideten Blumen unter die Aeh⸗ ren geſtellt, auf daß wir Menſchen dabei denken mö⸗ gen, wie aller Segen vom Himmel her, aus⸗ ſeiner vaͤ⸗ terlichen Hand, zu uns herabkomme! Wer dieſes Bild aufgefaßt hat, wird nie an einem Aehrenfelde voruͤber⸗ gehen, ohne ſich ſtill im Herzen zu ſagen: Ach, alles Menſchenwerk wuͤrde, ohne den Segen von Oben, nie zu einem vollendeten Werke! 25 So ſagte der Vater zu ſeinen Kindern; und ſie blickten froͤhlich von den ſchonen Kornblumen nach dem Himmel, und von dem vijnmel zuruͤck auf die Blumen, und pfluͤckten ihrer viele, um ſie der Mutter zu bringen und ihr das liebliche Bild zu wiederholen. 44 1. 88 Die Erde und das Leben. — Wie iſt die Erde ſo reich und das Leben auf ihr ſo ſchoͤn! Es woͤlbt der Himmel ſich daruͤber mit Sonne, Mond und Sternen, als ſchuͤtzende Halle. Blumen traͤgt ſie und Baͤume voll ſaftiger Frucht, Gras und Kraͤuter ohne Zahl! Aus ihrem Schooße ſprudeln Quellen, und bilden ſich, eine in die andere verſchlungen, zu großen Stroͤmen, die gehen durch Schluchten, an ufern voll goldener Trauben vorbei, und traͤnken ſanft mit ihrer Fuͤlle. An Bergen und Thaͤlern, Wieſen und Waͤldern, welch ein reicher Wechſel! Kein Raum ohne Leben! Der Geſchoͤpfe eine unſaͤgliche Zahl! Groß und Klein, der Adler in den Luͤften, wie der Wurm, der im Staube kreucht, die ſimſelnde Muͤcke und die melodiereiche Nachtigall— ſie freuen ſich Alle ihres Da⸗ ſeyns mit wechſelnder Luſt! Wie iſt die Erde ſo reich, und das Leben auf ihr ſo ſchoͤn! 27 und doch wie duͤrftig, wie einſam dem Menſchen, wenn der Bruder, die Schweſter ihm nicht beigegeben waͤre zu lieber Gemeinſchaft! O ihr Seelen, die ihr leidet und euch freuet gleich mir, mit euch die Gaben der Erde zu theilen, ihre Schoͤnheiten zu genießen, ih⸗ ren Wechſel zu bewundern: dieß erhoͤhet das Menſchen⸗ gluͤck! Und wir athmen die Wonne des Mai's in vollen Zuͤgen, und ſchmuͤcken uns mit Blumen. Der Morgen weckt zur Freude, und der Abend findet uns bei traulichem Geſpraͤch,! Da waͤhlt das Herz ſich ſeine Lieblinge— und die Erde wird reicher, und ſchoͤner das Leben auf ihr! 1SIns. Schoͤner und reicher? Und des Tod korunt⸗ und nimmt, die wir am meiſten liebten, mit denen wir Ein Herz und Eine Seele waren, nimmt und legt ſſe und uns in's finſtere Grab?!— Dennoch ſchoͤner und reicher! Das ſehnende Herz verlangt von hinnen nach kurzer Friſt. Seine Wuͤnſche und Ahnungen, ſeine Hoffnungen und ſeine Liebe weiſſagen ihm ein Va⸗ terland, das nicht hienieden iſt. Hat es die hoͤchſte Liebe uns nicht verheißen? Und die V Verheißungen der Liebe ſind wahrhaft und gewiß! Oft wehen Klaͤnge aus der Heimath heruber lieblich in's Ohr des Pilgers, und aus manchem Bilde der Zeit ſpricht ihn das Ewige in leuchtenden Züͤgen an. So wird die Erde zum Vor⸗ hofe des Himmels, und das vergaͤngliche Leben darauf zum Grundpfeiler der unſterblichkeit. Was hier im Kleinen ſich entfaltete, gewinnt dort ungeahnete Groͤße; was hier nur in fluͤchtigen umriſſen angedeutet ward, erweitert ſich dort zum vollſtaͤndigen Gemaͤlde: denn Eine Hand ſchuf Himmel und Erde, und wie ſie dieſe dem Menſchen zur Wiege und erſten Entwickelung ſei⸗ ner Kraͤfte gab: ſo oͤffnet ſie ihm jenen gern, wenn ſeine Wanderſchaft beſchloſſen iſt. Nun, Erde, biſt du erſt recht reich, und das Leben anſ d dir rbinht ſchöni im Mande des Himmels! VIII. Von den Roͤslein. Eines Tages, als Mutter Maria ihrem Tochter⸗ lein Roͤschen viele anmuthige Geſchichten erzaͤhlt hatte, in denen allerlei Maͤdchennamen, Emma, Laura, Ber⸗ tha und dergleichen weiter vorgekommen waren, frug dieſe ganz betruͤbt: Aber, liebe Mutter, warum haſt du mir denn keinen ſo ſchoͤnen gegeben? Der meinige klingt doch gar zu gewoͤhnlich, und haͤtte er mir auch fruͤher wo ich noch keine andern kannte, gefallen: ſo wuͤrde ich, doch von heute an ſicherlich keine Freude mehr daran haben. Die Mutter erwiederte aber, als Antwort, komm, liebes Kind, laß uns hinaus in den Garten gehen! Es iſt ein herrlicher Morgen, den durfen wir nicht in der Stube verſitzen! Da nahm Roͤschen ihr Strickkoͤrbchen geſchwind an den Arm, und bald ſtanden ſie draußen unter den tau⸗ ſendfaͤltig bluͤhenden Blumen. 30 Röschen konnte ſich kaum ſatt ſehen an dem bun⸗ 4 ten Farbengemiſch, und vergaß Mutter, Stricken und alles Andere um ſich herum vor lauter Freude: denn mit dem jungen Tage hatten ſich uͤberall friſche Knospen bluͤhend entfaltet. Eben ſtand ſie entzuͤckt vor einem Roſenſtocke, dem Einzigen im Garten, und rief der in einiger Entfernung ſtehenden Mutter zu: Nein, hieher mußt du kommen, liebe Mutter, wenn du etwas Schoͤnes ſehen willſt, zu den himmliſchen Roſenknoͤspchen.* Dieſe willfahrte gern der Bitte des Kindes, und freuete ſich ebenfalls des herrlichen Bluͤthengewaͤchſes im Herzen. Aber, mein Kind, frug ſie nach einer Weile, wie verwundert, ſollten dir denn die Roschen hier wirklich gefallen, da dir dein Name vorhin doch ſo widerlich vorkam? 4 Ach, liebe Mutter, erwiederte die Kleine, indem ihr Auge ſich mit Thraͤnen fuͤllte, ach, ich habe wol ſchon im Stillen bedacht, wie ſehr undankbar ich vorhin gewyſen bin, und ſchaͤme mich ordentlich vor den ſchöͤ⸗ nen Blumen, die ſich ihres Namens ſo zu freven ſcheinen. 51 Ja wol freuen ſie ſich! ſagte die Mutter. Blitzt ihnen die Freude nicht aus den Augen heraus? und auch du, mein Kind, ſollſt immer froh und heiter ſeyn, damit du den Blumen, die dir den ſchoͤnen Namen gegeben haben, gleicheſt, und allen, die dich ſehen, ein liebliches Bild werdeſt.— 1 73 16 NM. de wES e e. Mannheim 1822, — Vater und Sohn ſtanden miteinander am Ufer des See's. Er lag ruhig, wie ein ſchlummerndes Kind in der Wiege. Blumen und Baͤume ſpiegelten ſich in den Wogen, und der Himmel daruͤber gab ihm ſeine Blaͤue unverfaͤlſcht; Schwaͤne und andere Waſſer⸗ voͤgel ſchwammen darauf, und die Fiſche ſprangen aus der kaͤlteren Tiefe froͤhlich an's Sonnenlicht herauf. Wie ruhig, begann der Sohn, unſer See heute liegt! Kaum daß ein Luͤftchen ſeine Wellen kraͤuſelt! Und die Sonne ſtrahlet aus ihm zuruͤck, als ob er ihr Firmament waͤre. In ſeiner klaren Fluth zeigt die ganze Landſchaft ſich, als haͤtte ſie des groͤßten Malers Hand bis auf die kleinſten Zuͤge hineingezaubert; ja faſt will es mich beduͤnken, als erſcheine ſie ſo noch weit zarter, geruͤndeter und mehr in einander verfloſ⸗ ſen⸗ 33 ſen, als ſonſt. Gern möͤchte ich dieſes Bild einem an⸗ dern vergleichen; aber das Gleichniß will ſich nicht finden. Vielleicht, mein lieber Sohn, nahm der Vater das Wort, vielleicht brauchſt du gar ſo weit nicht dar⸗ nach zu ſuchen, vielleicht traͤgſt du es ſelbſt in deinem Innern. Laß mich den Verſuch machen, es dir zu geben. Als ſie ſich auf einer der dort angebrachten Raſen⸗ baͤnke niedergelaſſen hatten, begann der Vater alſo: Die Seele des Menſchen, der, gleich dir, gut, fromm und ſchuldlos iſt, nimmt Alles, was Himmel und Erde Schoͤnes und Herrliches haben, in ihren rei⸗ nen Spiegel auf. Keine Leidenſchaft bewegt und truͤbt ſie, und ſo wohnet eine Ruhe, eine Heiterkeit darin, die in jeder Hinſicht goͤttlich genannt werden darf, denn ſie iſt der Wiederglanz des Himmels im Menſchen⸗ leben. Wie dem See der S Schwan, ſo geſellet ſich ihr die Religion! Wie jener bei ſeinem V Verſcheiden in Me⸗ lodieen ausſtroͤmt, ſo umfaͤngt ſie uns in den hoͤchſten Lebensſtunden mit ihrer Toͤne zauberiſcher Gewalt, und wir zerfließen in ſelige Seufzer und fuͤße Thraͤnen. Freundſchaft, Liebe, und alle die ſchoͤneren Tugenden der Menſchheit leuchten dann in uns, wie die Stern⸗ Lebensbilder⸗ 5 34 bilder des Himmels, wie Sonne und Mond in dem ſtillen Gewaͤſſer; bald ſtrahlet die eine, bald die andere in begluͤckendem Glanze. So gleicht der See des reinen Menſchen Seele! Da faßte der Sohn die Haͤnde des Vaters mit Inbrunſt, und warf ſich ihm gluͤhend an's Herz, und umarmte ihn mit ſeligem Entzuͤcken. Und der Vater verſtand den Sinn der ſtummen Umarmung, und ſegnete das theure Kind mit ſeinem beſten Segen. Hierauf verließen ſie den Ort, um nach einem Dorfe in der Naͤhe, wo der Vater Verrichtungen hatte, zu gehen. Der Weg fuͤhrte abwechſelnd bald uͤber An⸗ hoͤhen, bald durch Saatfelder und Gebuͤſche. In Kur⸗ zem war man in dem Thale, worin das Dorf lag, an⸗ gekommen. Die Geſchaͤfte wurden ſchnell und gluͤcklich abgethan. Bei der Heimkehr fanden unſere Wanderer den Himmel, an dem man vorher kaum ein paar Woͤlk⸗ chen bemerkt hatte, faſt uͤber und uͤber mit Gewoͤlk umzogen. Das wird heut' ein gewaltiges Wetter geben! ſagte der Vater zum Sohne; laß uns eilen, damit wir die Heimath, ehe denn es ausbricht, noch er⸗ reichen! 35 Und der Himmel woͤlkte ſich immer ſchwaͤrzer und ſchwaͤrzer; die Sonne verbarg ihr Antlitz; die Heerden zogen heim; die Voͤgel fuhren ſchwirrend und ſchreiend durch die Luft, und der Sturm erhob ſich wirbelnd auf maͤchtigen Fluͤgeln. Blitze zuckten fuͤrchterlich durch die Wolkennacht, und der Donner brach ſich ſchmetternd an dem nahen Gebirge. So erreichten ſie den See. Welch eine Veraͤnderung hier! Wo vor wenigen Stunden noch die Ruhe wohnte, da war jetzt alles Auf⸗ ruhr und Bewegung; der Schwan nicht mehr zu ſehen; das klare Blau in die Farbe des Todes verwandelt! Eine Welle verſchlang die andere empoͤrt, und die Blitze fuhren, wie feurige Schlangen, durch die naͤchtliche Fluth! Laß uns, lieber Sohn, dort in die Fiſcherhuͤtte treten, ſagte der Vater, denn das Ungewitter wird ſo⸗ gleich vollends ausbrechen. Schon fielen einzelne ſchwere Tropfen herab, als ſie daſelbſt ankamen, und ſie freu⸗ ten ſich Beyde, Schutz gefunden zu haben vor dem ſchreck⸗ lichen Wetter.. Jetzt riß der Sturm ſich mit Rieſenkraft von allen Feſſeln los. Die Baͤume beugten ſich zitternd vor ſei⸗ ner Wuth, die Gras und Blumen mit ſich fortwirbelte. In Stroͤmen ſtob der Regen herunter; dazwiſchen blitzte und donnerte es gewaltig. Die kleine Huͤtte 36 zitterte; der See ſchwoll tobend uͤber die gewohnten Ufer, als muͤſſe er den Umarmungen der verheerenden Berggewaͤſſer, ſelbſt verheerend, entgegen ſtuͤrzen. Gleicht die Seele des Menſchen, wenn ſich ihrer die Leidenſchaft bemaͤchtigt, nicht dem ſturmbewegten See dort? frug der Vater. Ach! da entfliehet auch die alte Heiterkeit, die ſchoͤne Ruhe— und in dem furchtbaren Gedraͤnge iſt ſie ſich ihrer ſelbſt nicht mehr maͤchtig. Wie giftige Schlangen winden ſich daun boͤſe Gedanken in ihr empor! Unheilbringend bricht ſie aus ihren Schranken, und die Stimme der Religion dringt nicht zu ihr! O mein Sohn! mein theurer Sohn! bewahre der Himmel dich vor einem ſolchen Ausbruche: denn oft vernichtet er die Bluͤthen des Lebens fuͤr im⸗ mer, und wenn die Zeit der Aerndte zuletzt herbei kommt, ach! ſo weiß der Arme nichts zu ſammeln, als— bittere Thraͤnen! Das Wetter hatte ausgetobt; die Wolken fingen an, ſich allmaͤhlich zu theilen; in der Ferne ſtand der Bogen des Friedens, als Siegeszeichen in den Tem⸗ pelhallen der Natur aufgerichtet. Vater und Sohn waren auf dem Heimwege; Beide in ſich gekehrt; Jeder in eigenen Gedanken. Zuletzt brach der Vater das Schweigen, und begann alſo: 37 Dieſer plötzliche Wechſel von Ruhe und Sturm, ſcheint dich, mein Sohn, ergriffen zu haben, und das mit Recht; denn er deutet im Bilde ernſtmahnend, wie alles auf Erden keinen Beſtand hat. Aber der Himmel bleibt rein und klar, wie er iſt. Unter ihm ſammeln ſich wol die Duͤnſte der Erde zu Wolken, treiben Sturm und Wetter ihr furchtbares Spiel; doch ſeine Blaͤue, mit leuchtenden Welten angefuͤllet, ſteht und ſchimmert ohne Wank und Wandel, heute, wie vor Jahrtauſenden, in holder Eintracht. Wenn es dann hierunten ausgeſtuͤrmt und ausgewettert hat, ſo treten ſie glaͤnzend hervor, und der Vater des Frie⸗ dens droben pflanzet den farbigen Bogen dann verſoͤhnend zwiſchen Himmel und Erde auf. Wie er dort in ſei⸗ nen Farben ſo luſtig flammt! Iſt er nicht ein ſchoͤnes Bild erbarmender Gnade?— So ſpannt ſich wol auch im Menſchenherzen, wenn der Sturm der Leiden⸗ ſchaft ſich gelegt hat, ein ahnliches Friedenszeichen auf! Aber nur Wenige gewahren es, und wenn ſie es ge⸗ wahren, ſo iſt es ihnen von keiner Bedeutung. Statt daß ſie nun aufblicken ſollten zu dem, der den Aufruhr bedraͤuete, wenden ſie ſich vielmehr immer weiter ab von ihm, und werden dann bald auf's neue und gefaͤhrlicher⸗ als zuvor, erfaßt von den finſtern Gewalten. Darum, 33 Sohn, wenn es um dich, wenn es in dir ſtuͤrmt und wettert, Sohn! wende dein Auge dann alsbald nach Oben, und die alte Nuhe, der heitere Lebensſinn wird zuruͤckkehren, und als Sieger wirſt du den Kampf nach Kurzem beenden! Da kam ihnen die beſorgte Hausfrau mit den uͤbrigen Kindern entgegen. Bald waren ſie alle, froh und heiter, in dem wohlbehaltenen Hauſe beiſammen. Der Sohn aber behielt die Bilder des Tages in ſeinem Herzen; und da er oft an den See dachte: ſo war ſein Leben bei manchem Sturme von außen, bei man⸗ chem innern Kampfe doch ein fortwaͤhrender Sieg, bis daß es zuletzt zur Feier eines ewigen Triumphes ward! X. Vom Fruͤhlinge. Berlin 1815. Kind. Die Sonne ſcheint heute ſo warm und freundlich: nicht wahr, Vater, nun wird es bald Fruͤhling werden? 1 Vater. Ach, Kind! das will dir wol noch lange Zeit ha⸗ ben, bis dahin. Der Schnee bedeckt ja faſt allenthalben die Felder noch tief, und des Nachts iſt's kalt, gar kalt, und nur am Mittag zeigt die Sonne ſich wohlthaͤtig und erquicklich. Kind. Aber, lieber Vater, mich duͤnkt, ich hoͤre die Lerche ſingen, und da haſt du ja immer geſagt, wenn die einmal da iſt, ſo bleibt der Fruͤhling auch nicht lange mehr aus. Sieh! wie im Sonnenlichte ſie ſich ſo fröhlich wiegt, 40 und dabei ſo hell und lieblich ſingt: nun muß der liebe Fruͤhling ja bald kommen! 3 Vater. Du liebes Kind! ehe der geſtrenge Winter ſein Zepter ganz niederlegt, da muß ſie dir wol noch lange, lange ſingen. Kind. Wir haben aber doch nunmehr Hoffnung? Vater. Ja, die hat uns die Lerche in's Herz geſungen, Nun wollen wir auch durch ihre Geſaͤnge mit freudigen Ahnungen erfuͤllt, die letzten Stuͤrme des Winters leicht und froͤhlich tragen, damit der Fruͤhling uns in recht heiterer Stimmung treffe: denn er liebt nur Menſchen mit frohen Geſichtern. 41 XI. Die Kaiſerkrone. Keine Blume iſt ohne Bedeutung; in jeder mag der Menſch ein Bild finden, wenn er es nur ſu⸗ chen will. * 4* Wie von einem hocherhabenen Throne blickt die Kaiſerkrone beſtaͤndig auf die Erde hernieder, die fruͤher ihre Wiege war, ſpaͤter ihr Grab wird: moͤch⸗ ten die Hohen der Erde von ihrer Höhe auch ſo herab blicken! Die Tropfen, die in dem krpſtallhellen Auge die⸗ ſer Blume ſtehen, die herab traͤufeln auf's Land: ſind es Thraͤnen der Freude, Thraͤnen des Schmer⸗ zes? Sie freut ſich ihrer Hoheit. Menſch! freue dich auch, wenn du hoch ſtehſt; aber danke Gott dafuͤr mit Thraͤnen! 3 42 Der bitterſuͤße Geruch, ſo aus der Kaiſerkrone quillt: was will er anders bedeuten, als daß auch der hoͤchſte Stand nicht ohne Bitterkeit ſey? und das Buͤſchel Gras auf den Kronenſpitzen?— Selbſt gekrönte Häͤupter deckt nach kurzer Zeit ein we⸗ nig Gras! 43 XII. Das irdiſche und das himmliſche Licht. Ein Wanderer, der zur Herbſtzeit in neblichter Nacht ſchon mehrere Stunden in einem Walde hin und her geirrt war und keinen Ausweg hatte finden koͤn⸗ nen, ſah auf einmal von weitem ein Licht ſchimmern. Erfreut gieng er darauf zu. Ueber Steine und Wur⸗ zeln fuͤhrte der Weg; aber er ward nicht ungeduldig und verdroſſen: denn er ſchien ja dem erwuͤnſchten Lichte immer naͤher zu kommen. Ploͤtzlich ſtand er bis uͤber die Knoͤchel im Sumpfe. Vorwaͤrts und zu beiden Seiten konnte er nicht weiter: nur der Ruͤckweg blieb ihm frei. Noch immer meinte er, das Licht ſchimmere ihm aus einer gaſtfreien Huͤtte entgegen, und waͤre faſt muͤrriſch geworden, daß ihn der Sumpf, welcher ſich vor und neben ihm ausbreitete, verhindere, dahin zu gelangen. 44 Aber wie groß war ſein Erſtaunen, als das Licht immer naͤher und naͤher kam, ja als es endlich, bald vor, bald hinter ihm, bald zur Seite ſchimmerte. Jetzt merkte er wol, daß es ein Irrlicht ſey, und daß ihn der Schein betrogen habe. Als er nun den Weg wieder einſchlagen wollte, den er gekommen, ſah er, daß der Nebel verflogen, und der blaue Himmel mit ſeinen Sternen ſichtbar ge⸗ worden war. Da rief er aus: Nun habe ich Licht, deſſen Schein nicht truͤgt: denn er kannte die Stellung der himmliſchen Zeichen wohl, und konnte daraus ab⸗ nehmen, welchen Weg er einſchlagen muͤſſe, um in ſeine Heimath zu kommen. Und ſiehe da, er war nicht ge⸗ taͤuſcht worden. Nach einigen Stunden, als eben der Morgen anbrach, hatte er gluͤcklich ſeine Huͤtte erreicht, und betrat ſie mit dem Vorſatze, kuͤnftig nur dem Lichte von oben zu folgen! 8— 45 XIII. Der Schmerz und die Freude. Am 7. Mai 16822. Der Schmerz und die Freude, dieſes faſt immer un⸗ zertrennliche Geſchwiſterpaar, giengen einmal zur Fruͤh⸗ lingszeit, als es eben zu tagen begann, miteinander in einen Blumengarten. Beide wollten ſich Blumen pfluͤkken. Das Maͤdchen waͤhlte Roſen, Myrten und andere Blumen froͤhlicher Bedeutung; der Knabe brach Cypreſfen, Rosmarin und Immergruͤn. Ehe die Sonne noch aufgegangen war, kehrten ſie, mit reichem Schmuck verſehen, zuruͤck. Die Morgenroͤthe faͤrbte die friſchen Wangen der Freude noch roſiger; ſelbſt dem Knaben Schmerz legte ſie ein leichtes Roth auf das blaſſe Geſicht. 3 Wem bringſt du deine Blumen nun? frug die Freude. 46 Sie gehoͤren, ſagte der Schmerz, einem jungen Dichter, dem der Tod die treuliebende Mutter vor Kur⸗ zem entriß. Er wird ihr Grab voll kindlicher Liebe da⸗ mit ſchmuͤcken.—. und dein froͤhlicher Kranz, wem denkeſt du ihn denn zu reichen?. Die Freude antwortete laͤchelnd: Die holde Braut des Dichters ſoll ihn haben. Wie feſtlich wird er pran⸗ gen in ihrem ſeidenen Haar! Wie lieb und reizend wird ſie, von meiner Hand geſchmückt, unter ihm her⸗ vorlaͤcheln!— Waͤre es aber nicht ſchoͤner, nahm der Schmerz das Wort, wenn du deine Blumen dem Dichter gleich⸗ falls braͤchteſt? In die Locken der Braut flicht Liebe ja allein den ſchoͤnſten, wohlgefaͤlligſten Kranz. Und der Dichter, deſſen Thun ein ſtetes Blumenpfluͤcken und Kraͤnzewinden iſt, wie geſchickt und zart wuͤrde er ſich da erſt zede Die Freude willigte gern ein: denn ſie fand den Warſhng gut. So kamen ſie bei dem Dichter an. Von Morgenroth umleuchtet, ſaß er da, vor ihm aufgeſchlagen das Buch der Buͤcher. Sein Auge fuͤllten Thraͤnen, daß er nicht 47 ſogleich wahrzunehmen vermochte, ob die Freude, ob der Schmerz ſich ihm naͤhere. Da bring' ich Blumen, ſagte der Schmerz; pflanze ſie auf an dem Grabe der guten Mutter, die der Tod dir nahm. Und der Dichter ſeufzete und ſprach: Ach! die Staͤtte iſt fern, wo ihr Gebein zu Staube wird! Ich vernahm das letzte ſegnende Wort nicht, das ſie uͤber mich ausſprach, und konnte ſie nicht begleiten auf dem letzten Gange, und ihr nicht im Kreiſe der Meinen den Thraͤnenzoll des Dankes und kindlicher Liebe bringen: wie ſoll ich den Huͤgel ihrer Ruhe mit deinen Blumen bepflanzen? Die Morgenroͤthe war indeß erloſchen; eben fiel der erſte Strahl der Sonne flammend herein, und das blaſſe Geſicht des Knaben faͤrbte ſich hochroth. Der Dichter blickte ihn ſcharf an, und ſagte nach einer Weile: Habe Dank, o Knabe, fuͤr dein Geſchenk. Ich nehme die Blumen gern aus deiner Hand, und haͤnge ſie hier, als Zeichen deiner Naͤhe, auf. Du biſt mir nicht furchtbar geweſen, ſondern eine milde Er⸗ ſcheinung: denn der Strahl des himmliſchen Lichts brach ſich roſig auf deiner Wange. Die Blumen jenſeits um⸗ *weht ewiger Mai, und die Engel Gottes flechten den 48 Ueberwindern unvergaͤngliche Kronen daraus! Da zer⸗ floß der Schmerz, wie Thaugeduͤft vor der ſteigenden Sonne. Nun trat die Freude herbei: auf ihrem Antlitz ſuͤßes Laͤcheln, in der Hand den bunten, froͤhlichen Kranz. Nimm ihn, ſprach ſie, und ſchmuͤcke deine Liebe damit! Hold ſchlingt die Roſe ſich durch dunkles Lockenhaar; das friſche Gruͤn der Myrte erhoͤht den Reiz, und der Lorbeer— iſt er nicht der ſchoͤnſte Zweig um die Stirn der ſinnigen Dichterbraut? 3 und der Dichter ſeufzete und ſprach: O wie braͤcht⸗ ich der Lieblichen ſo gern Lorbeer, Roſen und Myrten, und was die Blumenwelt ſonſt Herrliches bietet, dar⸗ aber... Da verſtummte ſein Mund, und die Thraͤ⸗ nen, die ihm in's Auge traten, ſprachen deutlicher⸗ als Worte es vermocht haͤtten, und die Freude wagte nicht, ihn anzublicken, noch das Schweigen zu brechen. Und der Dichter laͤchelte darauf und ſprach: Mache dich auf, und bringe ihr, die meine Seele geliebt hat und liebt, wie Niemand auf Erden ſie liebt, den koͤſtlichen Schmuck, und ſchlinge ihr ihn durch das braͤutliche Haar und um die ſchoͤne Stirn. Und truͤbten Thraͤnen ihr klares Auge, ſo wehe ſie flugs heraus und ſtatt derſelben den heitern, labenden Morgenthau von deinen Blumen binein, 49 hinein, auf daß ſie hell ſchaue in die neue Fruͤhlingswelt voll ſingender Zweige und Blumenduft. Leicht ſchwebte die Freude dahin, und der Dichter aaͤchelte ihr nach. Bald war ſie ihm aus dem Geſicht, und er ſeufzete unwillkuͤhrlich von neuem, und ſagte leiſe vor ſich hin: Bleibe du nur um Sie, o Freude! Ich will dich ja gern miſſen und— doch laͤcheln. Da kehrte der Schmerz zuruͤck, und er ward fortan der Geſpiele des Dichters; aber die Freude erſchien auch von Zeit zu Zeit, und brachte Botſchaft von der Verlo⸗ renen Gluͤck! Lebensbilder. 4 1 XIVV. Traum und Wirklichkeit. 1 8 4 2. Eine finſtere Geſtalt— ich hoͤrte ſie von Voruͤber⸗ gehenden Schickſal nennen— hatte mich, taub fuͤr meine Bitten, aus dem ſchoͤnen, von der Hand des Fruͤhlings aͤußerſt zauberiſch geſchmuͤckten Thale, worin ich einige Zeit froh und gluͤcklich geweſen war, fortgetrieben, und verfolgte mich nun unablaͤßlich mit ſchmerzlichen Schlaͤgen durch Dornen und veroͤdete, mit Sand weit und breit bedeckte, Gegenden.— Oft wendete das Auge ſich in die Ferne, ob es da wohl eine gruͤne Staͤtte, einen ſchattigen Baum, ein blumiges Thal gewahren moͤchte; aber nirgends fand es ein Hoffnungsbild, ſo daß dem Herzen Angſt und Bangen ankam. Der Himmel nar truͤbe, mit Gewoͤlk ganz umzogen, und die Sonne warf nirgends 51 8 einen Stral hindurch. Selten begegnete mir noch ein Menſch, und kam ja einer des Weges, ſo erwiederte er den Gruß nicht, den ich ihm bot, ſondern eilte ſtumm und abgewandten Blicks an mir voruͤber. In den Luͤften ſchwirrten Nachtvoͤgel; oft ſtreiften ſie ſo nahe an mir voruͤber, als wollten ihre Fittige mich zu Boden ſchlagen. Der Wind wehete kalt, und immer kaͤlter und eiſiger; aber von meiner Stirn flelen bren⸗ nende Schweißtropfen herab. Es fing an zu daͤmmern; endlich brach die Nacht ein. Nah und fern heulten Eulen furchtbar; tanzten Irrlichter, wunderlich geſtal⸗ tet, bald mit Todtenlarven, bald dem holden Angeſichte der Geliebten im Thale gleich. Mir vergiengen die Sinne.— Als ich wieder zu mir gekommen war, ſtarrte die Gegend rings von Eis und Froſt. Ich ſchauerte an allen Gliedern. Durch Nebeldunſt trieb mich's ei⸗ nen hohen, hohen Berg hinan. Oft hielt der Schnee, noch oͤfterer hielten Dornen den Fuß des Fliehenden. Der Athem wollte mir ausgehen, als ich oben auf dem Gipfel ſtand. Ich blickte hinab in das Thal vor mir; aber weit und breit bedeckte es N kebel, ſo daß kein Bild deutlich vor's Auge trat, und Furcht und Hoffnung wechſel sweiſe die Bruſt durchzogen.— Ich blickte zu⸗ 5² rück. Ach! da ſah ich das liebe Thal weit, weit ab von mir im Glanze der Morgenſonne liegen; ſah ich das friſche Gruͤn ſeiner Wieſen, den ſilbernen Strom ent⸗ lang, und die trauliche Huͤtte mit den Pappeln, und da⸗ vor das reizende Bild meiner Sehnſucht und Liebe mit einer fremden, ach! und mir doch bekannten Geſtalt. Aus den Bluͤthenzweigen ſang eine Nachtigall ſo hell, daß ihre Toͤne bis in mein Ohr drangen; und dazwi⸗ ſchen vernahm ich Gelaͤut, wie von Brautglocken; und ein Altar war aufgerichtet und davor ſtand— Der Traum zerfloß; aber die Wirklichkeit glich den Bildern deſſelben nur allzuſehr! Wol ſtand der Mai in ſeiner ganzen Fuͤlle von Pracht und Schoͤnheit da! Berg und Thal bluͤhte vor ſeinem Laͤcheln, wie die Braut vor dem ihres Geliebten; aber mir ſchien alles oͤde und zu einem Todtenacker erſtarrt. Wurde die Hutte, die ich zu bauen begann, nicht, kaum zur Haͤlfte fertig, in tauſend Truͤmmer zerſchlagen? Und die Pappeln, unter denen ein gluͤckliches Paar ſich froh ergehen ſollte, ſtehen ſie nicht ihres Blaͤtter⸗ ſchmuckes beraubt? Wo iſt die Holde, deren Herz mich, die ich mir erkohr? Voruͤber, Gedanken, voruͤber! Der Ozean nicht, aber der Altar trennt auf ewig! 53 Fort drum, den Berg, den hohen Berg hinauf! Droben will ich ausruhen, und noch einmal zurück⸗ ſchauen mit all meinem Kummer, mit all meiner Liebe in das ferne und doch ſo nahe Thal, nach der verſchwebenden und auch im Verſchweben noch ſo lie⸗ ben Geſtalt darin— und dann?— Vorwaͤrts! Vorwaͤrts!— Achl! da iſt eitel Nacht und Winter! Bricht nie die Morgenroͤthe wieder auf? Kommt keine Nachtigall, aus bluͤhendem Gezweig Fruͤhlings⸗ lieder zu ſingen, Fruͤhlingsſinn zu erwecken? Und wen das Schickſal aus einem Paradieſe trieb: kann es den nicht auch wieder und eben ſo leicht in ein Paradies fuͤhren? XV. Freundesherz bei Freundesgluͤck. Carlsruhe 1822. „Traͤume ſind Schaͤume!“ Ja! Aber, Freund, ein Traum, wie ich ihn hatte, der iſt wahrlich kein Schaum! Ich will ihn erzaͤhlen. Iſt ja doch das ganze menſchliche Leben wenig mehr als Traum, und es waͤre weniger, wenn die Liebe nicht kaͤme mit ihren Sonnen und Monden und Sternen, und in die dunkle Nacht einen hellen, Alles, ſelbſt den Traum, verklaͤrenden Schein wuͤrfe! Aber hoͤre! Der Fuͤnfte des Chriſtmonds war gekommen, dein Ehrentag! O ich freuete mich ſehr, freuete mich unbeſchreiblich mit dir im Geiſte! Ich ermaß deine Wonne im Vorgefuͤhl der eigenen! Mein Auge gewahrte dich an der Seite der Holden, die dich durch ein langes, ſchoͤnes Leben fuͤhren, die dir Roſen ſtreuen ſoll und will mit zarter Hand. Euer Beider Angeſichter glaͤnzten in der Sonne eines unvergeßli⸗ 55 chen Tages. Die Stunde kam herbei, die Euch zum Altare des Herrn rief, und die Wangen faͤrbte ein hoͤheres, jenes hellleuchtende Roth, womit wahre Liebe allein ihre Geweihten ſchmuͤckt: denn es ſoll nicht nur einen freudigen, langen Erdentag verkuͤndigen, ſondern es deutet zugleich noch die Ewigkeit des Seelenbun⸗ des an. So ſah ich Sie, ſo ſah ich Dich— ein gluͤckli⸗ ches Paar! Und mein Herz ſchlug hoͤher und froher: denn ich habe Dich geliebt in dem Thale, durch welches der Neckar ſeine Wogen treibt, in einer ſchoͤnen Zeit, und werde Dich lieben immerdar mit den Gefuͤhlen der dort geſchlungenen Freundſchaft. Gern haͤtt' ich feſthalten moͤgen, was das Herz ſprach an dieſem Tage; aber ich konnt' es nicht, weil ich zu voll, zu bewegt war. Da kam der Schlaf, und mit ihm der Traum. Mancherlei Bilder ſtiegen auf. Noch ſchweben ſie friſch, wie Morgenroth, vor meiner Seele, und ich gebe ſie Dir als meine beſten Wuͤnſche, als mein Eigenſtes zu Deiner Feier, mit treuem Herzen. Siehe! die Vergangenheit hatte ſich mit neuem Leben geſchmuͤckt. Sie war wieder Gegenwart. Wir 56 wandelten den Neckar hinauf, dem reizenden Gemuͤnd entgegen. Du warſt Liebe. Dein Herz ſchwankte zwiſchen Furcht und Hoffnung, zwiſchen Gewaͤhrung und Verzichten. Du ſogſt den Troſt, den ich Dir bot, mit gieriger Lippe in Deine Bruſt, und die Zukunft lachte Dich an in roſenfarbenen Bildern. Wir ſchie⸗ den. Du giengſt vorwaͤrts mit dem Herzen voll Liebe, und brachſt das auferlegte Schweigen ſelbſt vor der nicht, in deren Gemuͤth Du all Deine Luſt und all Dein Leid haͤtteſt ausſchuͤtten moͤgen. Als ich darauf wieder mit Dir wandelte, fuͤhrte ein Genius Dich fort von meiner Seite, weit, weit weg. Ach! da haͤtt' ich Thraͤnen vergießen moͤgen; aber ich durfte es nicht, denn in mir ſprach eine Stimme, er wandelt dem ſchoͤnſten Gluͤck entgegen. Aber wo iſt Gluͤck ohne Liebe? War Dein Mund ja noch ſprachlos geblieben, und Dein Loos gar nicht ge⸗ macht, das harte Schweigen ſchon freudig brechen zu koͤnnen. Und ich trauerte mit Dir, trauerte noch, als der Ruf Dein froͤhliches Gluͤck mir verkuͤndete. Da wurde die Trauer ſchnell verwandelt in Freude, und ich rief aus: Siehe! der Tag der Gewaͤhrung iſt meinem Freunde herbeigekommen, und aus dem Winter ſelbſt muß ihm der Fruͤhling nun bluͤhen! 57 Wie ich ſo daſtand, hoͤrte ich Gelaͤut, das klang feſtlich wie von Brautglocken. Und ich ſah Dich daher wandeln am Arme der Theuerſten, Freude im Ant⸗ litz und das Auge voll uͤberſchwaͤnglicher Wonne; Sie, jungfraͤulich ſchuͤchtern neben Dir, ein Bild der An⸗ muth und des Entzuͤckens, hold wie ein aufbrechender Maitag, und ſchoͤn gleich der ſich entfaltenden Roſe. In Deine Hand legte der Segen die Ihrige dann, und Ihr zittertet Beide vor Wonne, und die Augen richteten dankend ſich gen Himmel, und die Herzen waren nicht mehr getheilt, ſondern Eins geworden in Treu' und Liebe. Koͤnnet Ihr ſagen die Seligkeit, die Euch um⸗ fing? Iſt ſie nicht ein Meer, das unendlich in die Ewigkeit hineinreicht mit immer hoͤher ſchwellender Fluth?— Auch meine Lippe ſchweigt! Es war Nacht geworden. Ich ſah Dich neben Ihr, um Euch die froͤhlichen Aeltern und lauter hei⸗ tere Bekannte. Es trieb mich, zu ſagen, was die Seele fuͤllte— und ich ſang eine bluͤhende Zukunft vor meinem Auge: 3 Wer es fand, Sich mit ihm verband, 58 Wer es fand das treue Herz, Das er zwiſchen Luſt und Schmerz Raſtlos ſuchte, bis er's fand; Zwiſchen Bangen und Verlangen Eine lange Zeit gegangen, Ueber ſchmerzliches Entſagen Froh den Sieg davon getragen— und zuletzt die Braut fuͤhrt zum Altar: O der iſt begluͤckt auf immerdar! Er ſteht feſt! Wenn ihn galles laͤßt, Liebe wird treu an ihm hangen, Er ihr einziges Verlangen, Sie ſein einz'ges Gut. Lieber Leib und Blut In den Tod dahin gegeben, Als von Liebe laſſen! Denn noch uͤber dieſem Leben Wird ſie treulich in die Arm' uns faſſen! Liebe fuͤhret Dich! Sie und Du ein Herz: Was iſt da noch Schmerz? 59 Reicher muß die Freude ſich, Wenn zwei Herzen ſie genießen, Offenbaren— Und noch in den ſpaͤt'ſten Jahren, Wo dem Einſamen nur Dornen ſprießen, Muß am haͤuslichen Altar Euch der Freuden Schaar, Wie ein Chor von Engeln licht umringen Und Euch friſche, volle Roſen bringen!. Alſo ſang ich. Enkel umdraͤngten Euch. Bald an Deinem Halſe, bald hingen ſie an dem Halſe Dei⸗ ner Gefaͤhrtin. Und Ihr ſchienet mir alt und doch jung, Beides zugleich: denn zu denen die Liebe ſich niederlaͤßt, bei denen ſie treulich verharrt, deren Leben iſt ewiger Sonnenſchein, ewige Jugend. Und ich erwachte— und ſagte zu mir: Traͤume ſind nicht Schaͤume! Und die Wünſche der Freund⸗ ſchaft, auf den Altar der Liebe gelegt, ſteigen als wohlgefaͤlliges Opfer zu der gern gewaͤhrenden Gott⸗ heit empor. 6⁰ XVI. Der Sonnenaufgang. — Wie Vater Walter ſeinen Kindern Abends ver⸗ ſprochen hatte, ſo that er am andern Morgen: er weckte ſie auf, als eben der Morgenſtern in ſeinem Glanze aufgebrochen war. Raſch kleideten ſie ſich an. Nach Kurzem ſtanden ſie draußen auf einer, nicht weit von ihrer Wohnung entfernten Anhoͤhe, um dort zum eerſtenmal in ihrem Leben die Sonne aufgehen zu ſehn. Es war ein herrlicher Maimorgen; Berg und Thal dampften vor Freude daruͤber, und der Fluß rauſchte gewaltig untenhin, als ob er, da jedes Voͤg⸗ lein ſang und jedes Blatt vor Entzuͤcken zitterte, ebenfalls nicht ſtumm vor dem Angeſichte des Schö⸗ pfers dahin gehen wollte. Wie kommt es doch aber, lieber Vater, frug Wilhelm, der Aelteſte der Knaben, daß Morgens ein 61 ganz anderer Geiſt in der Natur zu wehen ſcheint, als Abends?.. Das magſt du dir ſelbſt erklaͤren, mein Kind, antwortete der Vater. Wenn dich mit einbrechender Daͤmmerung Schlaf und Muͤdigkeit befallen, nicht wahr, dann wirſt du auch allmaͤhlig ſtill und immer ſtiller, bis daß dir der Schlaf in deinem Bett die Augen vollends zuſchließet, und kein Laut mehr von dir gehet. Siehe! eben ſo verhaͤlt es ſich mit der Natur. Sie hat ſich geregt mit den Tauſenden ihrer Kinder den ganzen Tag hindurch, und Freud' und Leid, Regen und Sonnenſchein, dahin genommen aus der Hand ihres Gottes. Nun iſt ſie freilich, wenn die Nacht kommt, auch muͤde geworden, und begiebt ſich, wie ein Kindlein, ſtill zur Ruhe. Oben am Him⸗ mel ziehen indeß Mond und Sterne, als treue Waͤch⸗ ter, wechſelnd auf und ab, und ſorgen, daß ihr kein Schaden geſchehe, und ſie nichts ſtoͤre in ihrem Schlum⸗ mer. Da ſchlaͤft ſie denn recht ſuͤß und erquicklich, und gewinnet dadurch ſo viel Kraft und Staͤrke, daß ſie, ſobald die Nacht verſchwindet, ihre Glieder zu re⸗ gen und ſich voll neuen jugendlichen Lebens aufzurich⸗ ten beginnt von ihrer Lagerſtatt mit den Tauſenden ihrer Kinder. 4 6²2 Steht ſie denn mit all ihren Kindern, auch mit den kleinen und kleinſten, ſo fruͤh auf? frug Fritz⸗ indem er ſich den Schlaf, der noch in ſeinen Augen hing, vollends herausrieb. Mit Allen ohne Ausnahme! antwortete der Vater. Und manches, z. B. die Nachtigall, bedarf nur eines gar kurzen, fluͤchtigen Schlummers. Dieſes holdeſte Kind der Natur, auf deſſen Ankunft wir uns im Winter ſo ſehr freuen, laͤſſet ja ſeine bezaubernden Toͤne faſt die ganze Nacht hindurch erſchallen, als ſaͤnge es ſeinen ſchlummernden Geſchwiſtern Wiegenlieder. Horch einmal, wie der Geſang aus dem Thale ſo ſee⸗ lenvoll zu uns herauf dringt! Wie er immer bruͤn⸗ ſtiger ſchwillt, und in Toͤnen, wie an einer Leiter, reizend auf und nieder ſteigt! 9! das iſt ja ein herrliches, ruͤhriges Voͤglein, .. und recht zu unſerer Luſt in die Buͤſche geſetzt! rief Wilhelm froͤhlich aus. Das ſoll mich noch manche Nacht und manchen lieben Tag ergoͤtzen, und wenn ich Abends einſchlafen moͤchte, und doch wach blei⸗ ben ſoll, will ich zu mir ſagen: Draußen ſingt die achtigall ja ſo ruͤhrende Weiſen, warum ſollteſt du nicht auch noch ein Stuͤndlein oder ein paar auf⸗ dauern koͤnnen? 4 63 Indeß die Dreie ſo geſprochen hatten, war der volle Anbruch des Tages immer naͤher herbeigekommen. Schon ruͤhrte der Wind ſich ſtaͤrker in den Zweigen der Baͤume; ſchon zog rothes Gewoͤlk, im Fluſſe praͤch⸗ tig wiederſtrahlend, am Horizonte herauf, und breitete ſich aus durch den ganzen Himmel in wunderſchoͤnen Geſtaltungen. Moͤchte ich doch wiſſen, was der Wind iſt, und was man ſich unter den ſchoͤnen, rothen Woͤlkchen vor⸗ zuſtellen hat? frug Wilhelm auf's neue den Vater, zu dem er naͤher hingetreten war. Von dem Winde, erniederte dieſer, heißt es in der heiligen Schrift:„Er blaͤſet, wo er will, und du hoͤreſt ſein Sauſen wol; aber du weißeſt nicht, von wannen er kommt und wohin er faͤhrt.“ Uund der Morgenroͤthe werden, um ihre Geſchwindigkeit anzudeuten, Fluͤgel zuge⸗ ſchrieben von einem heiligen Saͤnger der Vorzeit, von David. Dadurch tritt uns nun ein herrliches Bild vor die Seele, das ich euch ſogleich mittheilen will. Vielleicht hat's der fromme Saͤnger auch vor ſich ge⸗ habt— und gefallen wird es euch ſicherlich. O ſo ſtelle es auf, lieber Vater, xecht ge⸗ ſchwind, daß wir es haben, ehe denn die Morgenroͤ⸗ 64 the davon geflogen iſt! baten die beiden Knaben ein⸗ ſtimmig. 3 und er hob alſo an: Die Sonne ſtellet man ſich wegen ihrer Pracht, Herrlichkeit und Majeſtaͤt, auch weil ſo vieler Segen von ihr ausgehet, meiſt und gern unter dem ſchoͤnen Bilde einer Koͤnigin vor. dun wiſſet ihr ja, wie es war, als neulich unſere Fuͤrſtin daher zog. Wie viele Boten flogen voraus, ihre Ankunft, ihre Naͤhe zu melden! Eine ſolche Botſchaft von der Sonne bringt auch die gefluͤgelte Morgenroͤthe, indem ſie in wenigen Augenblicken viele, viele Millionen Meilen zuruͤcklegt, und mit rothwehen⸗ der Fahne aller Welt das lang erwartete Zeichen giebr. Siehe! da kommt ſie die Koͤnigin! Faltet die Haͤnde, und betet an den Schoͤpfer, der ſie ſo ſchoͤn gemacht und ihr ſolche Kraft zu ſegnen ertheilt hat. und Vater und Kinder ſanken geruͤhrt auf's Knie, und dankten Gott, der Licht und Waͤrme giebt, waͤhrend ſie das Meiſterſtuͤck aus ſeiner Werkſtatt glaͤn⸗ zend hervorgehen ſahen. Den Kindern hingen Thraͤnen in den Augen, als ſie wieder aufſtanden. Schön, ſagten ſie, haben wir uns den Anblick gedacht; aber ſo ſchoͤn, ſo groß, ſo maͤjeſtaͤtiſch und feierlich nicht. Wir haͤtten uns nicht auf 65 auf den Fuͤßen erhalten koͤnnen; vor Erſtaunen, vor Verwunderung war uns alle Kraft daraus verſchwun⸗ den, und wir mußten niederfallen auf unſere Kniee, und haͤtten uns gern die Augen verhuͤllt, waͤren wir dadurch nicht um den einzigen Anblick gekommen. So wirkt die Erſcheinung des Schoͤnen, Großen, Majeſtaͤtiſchen und Erhabenen ſtets auf das menſch⸗ liche Gemuͤth, bemerkte der Vater mit feierlichem Ernſt, damit wir fuͤhlen, wie wenig wir ſind in der großen Weſenkette, die ſich um Gott ſchlingt, und ſtill, fromm und demuͤthig vor ihm, der Alles, hervor⸗ gebracht hat, was die Sinne, das Gemuͤth und den Geiſt ruͤhrt, bewegt und erhebt, einherwandeln. Wol⸗ let ihr das um eures irdiſchen und ewigen Heils wil⸗ len, ſo unterlaſſet nie, meine Kinder, die zwei großen Lehrbuͤcher der Gottesoffenbarungen, Boͤbel und Na⸗ tur, aufzuſchlagen, und mit Ernſt und Liebe einfaͤl⸗ tiglich darin zu forſchen. Die Knaben umarmten den Vater herzlich und verſprachen dieſer Stunde und ſeiner Worte lebens⸗ laͤnglich eingedenk zu bleiben. Lebensbilder. 5 XVII. Der Nebel. Mannheim 1822. Nebel hatte das Land ſchon mehrere Tage lang bedeckt. Kaum einige Schritte weit konnte man vor ſich ſehen. Baͤume, Blumen und Kraͤuter, der ſchoͤne Strom, die ganze reizende, von Bergen maleriſch be⸗ graͤnzte, Landſchaft, Alles lag unkenntlich in ſeinen truͤben Schleier gehuͤllt. Ein widriger Geruch erfuͤllte die Luft, und wen die Geſchaͤfte nicht hinaustrieben, der blieb daheim. So waren die Menſchen verſtoͤrt; ja ſelbſt die Voͤgel unter dem Himmel, die ſonſt vom Morgen an ihre heitern Lieder ertoͤnen ließen, ſchwie⸗ gen, wie das Grab. Wilhelm, der muntere Knabe, dem ſchon ein Tag, den er in der Stube zubringen mußte, zur Ewigkeit ward, war, da ihm ſein Vater unterſagt 67 hatte, hinaus zu gehen, aͤußerſt betruͤbt, und wußte, ungeachtet er vielfach beſchaͤftigt war, nicht, wie er die Zeit hinbringen ſollte. Am dritten Morgen, als der Nebel noch immer ſchwer uͤber der Erde hing, und die Sonne nicht er⸗ ſcheinen wollte, mit ihrem Lichte die alte Froͤhlichkeit und Lebensluſt wieder zu erwecken, ſagte Wilhelm, in⸗ dem er zu ſeinem am Fenſter ſtehenden Vater hin⸗ trat: Ja, ſchaue nur hinaus! Der Nebel, dieſer garſtige, neidiſche Geſell, hat ja die liebe Gottesnatur ſo in Beſchlag genommen, daß man nicht ein Einzi⸗ ges ihrer lieblichen Bilder in's Auge zu faſſen vermag. Nicht einmal unſer Garten, geſchweige denn der Strom und das ſchoͤne Gebirg dahinter iſt ſichtbar— und der blaue Himmel, ach! wenn ich den doch bald wie⸗ der ſaͤhe! Denn ſo duͤnkt es mich lauter Nacht, ſcheint mir Alles oͤde und abgeſtorben. Haſt du wol heute das Schwarzkoͤpfchen gehoͤrt, das ſonſt alle Morgen im Baume vor unſerm Fenſter ſein Loblied anſtimmt? 3 Iſt denn der liebe Gott der Erde ſo abhold geworden, daß er ihr den Anblick ſeines Himmels nicht mehr goͤnnen; daß er uns Menſchen, weder hier unten, noch dort oben eine erheiternde Ausſicht laſſen will? Oder was ſoll der haͤßliche Nebel ſonſt bedeuten? — 68 Ein Bild ſoll er uns ſeyn, mein Kind! verſetzte der Vater, und es moͤge dich zu deiner Freude und Zufriedenheit durch das ganze Leben begleiten. Wie du wol weißt, iſt der Nebel nichts anders, als aus der Erde emporgeſtiegener, emporſteigender und wieder herabfallender, oder in der Luft ſich allmaͤhlig vertheilender Dunſt. Daß er, weder der Geſundheit der Menſchen, noch den Thieren zutraͤglich iſt, daß er den Gewaͤchſen der Erde oͤfters, zumal wenn er ſo lange, wie der dießmalige, uber denſelben liegt, ſchäͤd⸗ lich wird, iſt bekannt. Man darf alſo annehmen, daß es boͤſe Duͤnſte ſind, aus denen er ſich bildet. Dieſe verhuͤllen uns nun den Anblick alles deſſen, was un⸗ ſer Auge ergoͤtzt, das Herz erfreut, und ſuͤßen Duft ausathmet. Das Firmament mit ſeiner Blaͤue und den leuchtenden Welten daran; die Erde mit dem bunten Zuge ihrer Erzeugniſſe, den Baͤumen, Blu⸗ men, Graͤſern und Kraͤutern, mit ihren Bergen, Thaͤ⸗ lern, Stroͤmen und Waldungen— das Alles iſt uns ge⸗ raubt, und wer die Natur des Nebels nicht kennte, wuͤrde meinen, es ſey nun auf ewig fuͤr ihn verloren und dahin. Aber, lieber Vater, frug Wilhelm, du ſagteſt ja⸗ der Nebel ſolle den Menſchen ein Bild ſeyn; wie meinſt du es damit? 69 Das ſollſt du gleich hoͤren, mein Sohn! erwiederte jener mit ernſter Freundlichkeit, indem er alſo fortfuhr: In dem Schooße der Erde liegt mancherlei, Boͤſes und Gutes, verborgen. Aus ihm ſteigt Thau und Nebel auf. Jener erfriſcht nach ſchwuͤlen Tagen das ermattete Ge⸗ waͤchs; dieſer wehret ihm den Wachsthum und Gedei⸗ hen bringenden Sonnenſchein; ſo daß es zuletzt verkuͤm⸗ mert zu Grunde geht. Wie im Erdͤboden, ſo liegt auch im Menſchenherzen Boͤſes und Gutes wunderbar neben einander. Aber dem Menſchen ward aus Gottes Hand die Kraft, jenes, bei genug Willensfeſtigkeit, un⸗ terdruͤcken, ja zuletzt gar ausrotten; dieſes, wie eine ſchone Blume, zu aller Welt Freude groß ziehen und ſich bluͤhend entfalten ſehen zu koͤnnen. Oft iſt der Wille jedoch ſchwach; die Kraft nicht ſtark und aus⸗ dauernd genug: da tritt das Boͤſe in ſeiner nebelhaften Geſtalt, Himmel und Erde verhuͤllend, hervor; ja das Leben manches Menſchen, den Leidenſchaften und Vor⸗ urtheile beherrſchen, iſt ein beſtaͤndiger Nebeltag, und das Auge der Vorſehung bleibt ihm verhuͤllt, indem ſich vor und hinter ihm Nacht ausbreitet, und nur einige Schritte um ihn her ſpaͤrlich von einer Art Licht be⸗ ſtreut ſind. Was den Guten erfreut, das findet der Zlick eines ſolchen nicht: denn er ſiehet nur ſich und 70 den beſchraͤnkten Kreis, der ſich um ihn herziehet. Am Morgen des Lebens leuchtete die Sonne wol; aber bald ſtieg der verhuͤllende Dunſt auf, ach! und nun ſiehet der Arme ſie vielleicht nie, oder erſt, wenn der Tag ſich zu Ende neigt, beim Sinken wieder. Moͤge dir, mein Kind! ein beſſeres Loos fallen! Noch bluͤhen nur lieb⸗ liche Blumen in deiner Seele; aus unbewoͤlktem Him⸗ mel laͤchelt die Sonne dir; und die Erde liegt rein und unbefleckt, wie ein Garten Gottes, vor deinem Auge. Aber es wird eine Zeit kommen, wo truͤbe Ne⸗ bel aufſteigen, wo Vorurtheile dich einengen, Unglaube oder Aberglaube ſich deiner bemaͤchtigen, Leidenſchaften dir die klare, heitere Lebensanſicht rauben wollen: dann, mein Sohn, dann laß die Sonne deines Geiſtes, den Verſtand, leuchten— und der Nebel wird vor dieſer ſiegenden Gewalt„verſchwinden, wie er draußen in der Natur jetzt vor dem maͤchtigwirkenden Sonnen⸗ lichte dahin fleugt. Wie froͤhlich ward Wilhelm. Schon zeigten am Himmel ſich einzelne blaue Stellen. Gleich einem ge⸗ ſchlagenen Heere ſtob der Nebel uͤber den Garten, den Strom, die fernen Fluren, fort nach dem Gebirge. Im Triumph ſtieg die Sonne empor aus dem Dunſt, der unter ihr zerfloß, und brach ſich vielfarbig in den Tro⸗ 7¹ pfen, die perlengleich an Blumen, Graͤſern und Blät⸗ tern hingen. Allmaͤhlig warf das Gebirg' auch ſeinen Schleier von ſich, und nun ſtand der goldenſte Tag vor dem erheiterten Auge. Vater und Sohn waren indeß in den Garten ge⸗ gangen. Sie weideten ſich beide an der lang entbehr⸗ ten Ausſicht, an dem herrlichen Himmelsblau, an dem friſchen Gruͤn der Erde mit ſtummem Entzuͤcken. Wil⸗ helm durchſtreifte den ganzen Garten; jede ſeiner Lieb⸗ lingsblumen und Pflanzen wurde beſucht. Nur hin und wieder, ſagte er, zum Vater tretend, hat etwas gelitten, und das wird ſich nun ſchon bei dem ſchoͤnen Wetter bald wieder erholen. Mogeſt du es, verſetzte der Vater ernſt, aber freundlichmild, auch dann ſo finden, wenn ein Nebel⸗ tag in deinem Leben voruͤber iſt, und moͤge das goͤtt⸗ liche Sonnenlicht dann mit verdoppelter Kraft dich um⸗ fangen, um der verletzten Pflanze wieder aufzuhelfen, damit keine Bluͤthe der andern nachſtehe, und jede der⸗ einſt die erwartete Frucht trage! 272 XVIII. Der Abend in laͤndlicher Einſamkeit. 7 Der Abend hatte ſich eben in ſuͤßer Vertraulichkeit um die Berge und uͤber die Thaͤler gelegt, als ich, vom milden Duft der Weinbluͤthe in's Freie gelockt, meine ſtille Klauſe verließ, und mich mitten in den Fruͤhling und ſeine, im letzten Strahle des Tages ſingenden und ſpielenden, Kinder hinausſetzte. Die Lerchen wirbelten noch ihre erquicklichen Toͤne durch die Luft, und ſchie⸗ nen die, im Thalgrund inbruͤnſtig ſchlagenden, Nachti⸗ gallen an Wohllaut uͤbertreffen zu wollen. Und die Bienen ſummten mit den andern Inſekten um die Wette. Mir war wohl um's Herz, und ich fuͤhlte mich frei und aller Feſſeln entbunden, welche das raſtlos treibende Stadtleben um mich gelegt hatte. 1 Ach! wie ſchoͤn iſt es in deiner wunderreichen Schoͤpfung, unendlicher Vater! ſagte ich laut, und fal⸗ tete unwillkuͤhrlich die Haͤnde zum Gebet fuͤr ſolche — 73 Füͤlle von Segen und Seligkeit. Der Menſch iſt wahr⸗ lich, fuhr ich weiter fort, niemals einſam, wenn er in dir und deiner Natur ſo recht kindlich lebt, ob auch kein Einziger ſeiner Gefaͤhrten Theil naͤhme an ſeinen Ge⸗ füͤhlen und Empfindungen: denn du biſt ihm ja deſto naͤher, und offenbareſt dich ihm in deſto glaͤnzenderen Erſcheinungen. Aber das wilde Draͤngen nach außen, wo man dich und ſich nur zu leicht in fluͤchtigen Schat⸗ ten verliert, und nimmer etwas Feſtes und Haltbares hat, das iſt die langweiligſte Einſamkeit von der Welt, ſo eine kurzweilige Geſellſchaft es auch auf den erſten Anblick ſcheinen mag. Was bleibt deinem Herzen, wenn das Geraͤuſch zerſtoben iſt, und die mannichfach durcheinander laufenden Reden und Begebenheiten ver⸗ klungen ſind? Ueberſaͤttigung, Eckel und eine quaͤlende Sehnſucht nach etwas in Daͤmmerung ungewiß ſich ver⸗ lierendem bringet dein Herz mit ſich nach Hauſe und weiter nichts— und ſelbſt im Traume noch verfolgen dich alsdann die fruchtloſen Bilder in ihrer Leerheit. So dachte ich mancherlei, und fand in dem Verkehr mit meinen Gefuͤhlen und Gedanken Luſt und Frieden. Aber wie der Abend ſich immer mehr und mehr in Nacht verlor, und es ſtiller und dunkler wurde: da loste ſich alles auf in wehmuthig ſuͤße Melodie, und 74 Gefuͤhl und Gedanke waren Ein Strom geworden, der keine Graͤnzen mehr kannte, und vollwogend in's Gebiet der Unendlichkeit ſich ergoß. Vergangenheit und Zu⸗ kunft ſtanden als Gegenwart vor mir in liebender Um⸗ armung, ſo daß ich bald die morgenrothen Hoͤhen der Kindheit erblickte, bald in dem Lande hinterm Grabe aus klarem Quelle mir Lebenswaſſer ſchoͤpfte. Iſt ſolch eine Vermiſchung nicht lieblich und herzerfreuend? Und doch geben ſich ihr wenige mit ganzem Herzen hin! Die meiſten laſſen dahin ſeyn, was einmal dahin iſt, und ſehen dem Kommenden mit Furcht, oder mit Gleichguͤltigkeit entgegen. Daher fehlt ihnen denn freilich der aͤchte Genuß mitten in ihrer Gluͤckſeligkeit, und ſie gehen leer aus, und finden am Leben nichts, als die farbige Vergaͤnglichkeit, die weder Luſt, noch Frieden giebt der liebedurſtigen Seele. Ach! daß ſie doch einmal ſich ſammelten und losriſſen von allem dem, was nur den Sinnen wohlgefaͤllt, und dann hinaus vor das flammende Altarblatt der Natur, den Sternen⸗ himmel, traͤten, der heute mich ſo vielſprechend an⸗ blickt: gewiß! ihr Herz muͤßte ſich erweitern, und dem Erhabenen, das hienieden ſchon im Keime ſchlaͤft, ge⸗ öffnet werden. Die Nichtigkeit ihres Strebens wuͤrde ſich ihnen kund geben, und ihre Armuth ſich aufdecken 75 in aller Bloße, und ſie wuͤrden den ſuchen, der ſeine Liebe auf einem ſo glaͤnzenden Schilde ausgeſtellt hat fuͤr Jedermann zur Schau, und an ihm hangen fuͤr und fuͤr. und die Sterne funkelten hell durch einander, und lichte Woͤlkchen zogen, von dem untergegangenen Tage noch ein wenig gefarbt, darunter hin in lieblicher Ruhe. Ach! dachte ich, ſo ſtill und friedlich kann der Menſch auch unter dem Auge der Vorſehung hingehen, wenn er ſich nicht treiben laͤßt von dem Sturmwinde irdiſcher Leidenſchaſten! Und ich gieng in meine ſtille Klauſe zuruͤck, und ſchlief auf meinem Lager froh und ruhig ein. Bruchſtuͤck e 45 aus einer Rede uͤber die Unſterblichkeit. —— Berlin 13815. Nur die Wünſche und Bitten manches befreundeten Gemuͤthes koͤnnen mich vermoͤgen, dieſe fruͤher im Freimuͤthigen und in den Bildern aus der Gemuͤthswelt mitgetheilten Bruchſtuͤcke hier wieder abdrucken zu laſſen. Das Manuſeript iſt bei den mannichſaltigen Schwingungen, die mein Leben ſeither nahm, nebſt andern Arbeiten der Art verloren gegangen. Zu einer neuen Bearbeitung des Gegen⸗ ſtandes hat es mir bis jetzt an Zeit geſehlt; vielleicht geſchieht es bei ruhigern Verhaͤltniſſen in Zukunft einmal deſio gruͤndlicher und aus⸗ fuͤhrlicher. Uebrigens waren und ſind meine Beweisgruͤnde fuͤr die Unſterblichkeit ſtets dieſelben geweſen und werden es bis an's Ende meiner Tage bleiben: Die Natur verſinnbildlicht; das Herz wuͤnſcht, hofft und glaubt; die Vernunft for⸗ dert; die heilige Schrift verheißt ſie. Vergangenheit und Zukunft, das ſind die beiden Sternbilder, nach welchen das irdiſche Auge, bald mit Lächeln, bald mit Thraͤnen blickt; ſo daß der Menſch faſt immerdar zwiſchen Hoffnung und Erinnerung ſehn⸗ ſuͤchtig einhergeht. Die Vergangenheit liegt, wie ein Garten, in zarter Morgendaͤmmerung ausgebreitet hin⸗ ter ihm, und wenn ſeine Blicke dahin ſchweifen in traͤu⸗ meriſchem Sinnen, da laͤcheln ihn wol die abgebluͤheten Freuden, die verbluͤhten, kindlichen Hoffnungen und Traͤume, die verdorrten Wuͤnſche und Ahnungen in ihrer alten, froͤhlichen Lebendigkeit treu und befreundet an; da fuͤhlt er ſich entruͤckt der Gegenwart, die nur wenige jener Bluͤthen erſt zur Reife brachte, und ge⸗ nießt in der Erinnerung die Hoffnungen fruͤherer Jahre mit wehmuͤthigfuͤßer Freude. Ernſt aber, unuͤberſehbar, raͤthſelhaft ſteht die ge⸗ heimnißvolle Zukunft da! Ein weiter, undurchſichtiger Schleier verbirgt dir, o Menſch, die Looſe, welche, noch unentwickelt, in ihr ruhen, und dein Auge wird weiter nichts Feſtes gewahr, als die einfache Geſtalt 8⁰ des Todes. Und das neugierige Herz, zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankend, thut mancherlei Fragen; aber die Schweigende loͤſet ſie nicht auf in befriedigen⸗ der Antwort; die Sehnſucht trachtet umſonſt das Ver⸗ borgene, was erſt im Laufe der Zeit ſich offenbaren ſoll, zu enthuͤllen, und endet nur jenſeits, wo der Glaube zu freudigem Schauen wird! Liegt denn aber nichts, als Nacht und Ungewißheit vor uns? Sind die hoͤchſten Angelegenheiten der Menſchheit in raͤthſelhaftes Dunkel gehuͤllt? Muß der forſchende, nach Gewißheit ſtrebende Geiſt immer⸗ dar umher tappen in Finſterniß, ohne von einem freundlichen Geſtirn geleitet zu werden? Zerſchneidet der Tod die Faͤden des Lebens auf ewig? Bricht uͤber dem Grabe kein Morgenroth auf? Zeigt ſich hinter dem kleinen Huͤgel, der unſer Gebein aufnimmt in ſeinen Schooß, kein Land mit Wohnungen fuͤr un⸗ ſere Seelen? 1 O das ware ein trauriges Loos! Da zoͤge der Menſch ja beſtimmungslos auf Erden herum, und ver⸗ ließe die Welt eben ſo bewußtlos, als er ſie betreten hat! Weinend muͤßte er ſich in die Arme des Schlafs werfen, und koͤnnte der neuaufgehenden Sonne, die ihn zu friſcher Thatigkeit weckt, nicht mit Freuden in's 81 in's Antlitz ſchauen: denn alles, was er thaͤte, waͤre ja eitel, eine fluͤchtige Erſcheinung in der fluchtig vor⸗ uͤber rollenden Zeit und nichts weiter. Seine Hoffnun⸗ gen, Wuͤnſche und Ahnungen erſchienen nur, als das Spiel vergaͤnglich erregter Saͤfte und Leidenſchaften. Die Freude, die das Herz ſo wunderſam bewegt, wie der Schmerz, der ſich deſſelben auf ſo mannichfaltige Weiſe bemaͤchtiget, alles, ja alles hinge von einem blinden Ohngefaͤhr ab. Die Zeit waͤre ein Gedanke des Wahns; das Leben ein Schatten ohne Licht; der Menſch ein Traum ohne Bedeutung und Wahrheit. Rechtmaͤßig duͤrfte der Unglaube dann mit herzloſer Spoͤtterei Triumph⸗ lieder anſtimmen uͤber die Gehaltloſigkeit des Glau⸗ bens; das Laſter ſich ſiegreich erheben uͤber die Tu⸗ gend: denn wenn die Welt, der Menſch und das Le⸗ ben nichts, als Erzeugniſſe des Zufalls, wenn die Na⸗ men Gott und unſterblichkeit leere Klaͤnge waͤren: welch ein Unterſchied moͤchte da ſeyn zwiſchen dem Gu⸗ ten und Boͤſen? Aber nein! meine Lieben! Der Menſch iſt zu etwas Beſſerem geboren! Sein Geiſt, der ſich in Kunſt und Wiſſenſchaft gleich groß und herrlich er⸗ weist, der den verſchlungenen Lauf der Sterne mißt, die Fluthen des Meeres befaͤhrt, der uͤber Land und Lebensbilder. 3 6 4 8² Waſſer herrſcht, und jegliche Kreatur ſich unterthaͤnig macht, der mit der Gewalt ſeiner Gedanken Hohes und Niedriges, Fernes und Nahes freundlich zu ver⸗ binden, kraͤftig zu umfaſſen verſteht: ſein Geiſt ſollte, gleich dem irdiſchen Leibe, der Vergaͤnglichkeit unter⸗ worfen, ſein Gemuͤth, das einen Fruͤhling von Ahnun⸗ gen und Hoffnungen in ſich traͤgt und naͤhrt und ent⸗ faltet, das ſollte preisgegeben ſeyn der Sterblichkeit? Nein, Seele! du biſt der lebendige Odem Got⸗ tes, der den hinfaͤlligen Koͤrper beſeelt, du biſt die Burgin fuͤr eine Fortdauer ohne Aufhoͤren, ein Buͤnd⸗ niß mit der Geiſterwelt, das Pfand goͤttlicher Gnade und Barmherzigkeit, du biſt unſterblich, wie es die ewige Liebe iſt, die dich geſchaffen hat! *†* * Schon faͤngt die Erde an, ſich ihrer Fuͤlle von Erzeugniſſen zu entledigen, und allenthalben zu ver⸗ theilen die Segnungen, welche ſie von ihrem Schoͤpfer, den Menſchen zu Nutz, empfangen hatte. Bald wer⸗ den die mit Aehren und andern Fruͤchten reich gekroͤn⸗ ten Fluren leer daſtehen; der Schmuck der Auen und Wieſen, woran das Auge mit Wohlgefallen hing, wird verſchwinden, und nichts, als ein todtes, trauriges Gelb wahrzunehmen ſeyn; die Waͤlder, jetzt prangend 85 in friſchem, erquicklichem Gruͤn, werden alsdann ihr Laub, von Sturm und Regen zerſchmettert, verlieren, und wohin man blickt, nur Spuren der Vergaͤnglich⸗ keit, Zeichen der Zerſtoͤrung, Bilder des Todes zu fin⸗ den ſeyn. Gleich der Natur, ſo neigſt du, o Menſch, dich ebenfalls dem Grabe, dem Tode zu. Deine Ju⸗ gend bluͤhet eben ſo luſtig und farbenreich, als der Fruͤhling, wo Keime ſich an Keime, Knospen an Knospen ſich draͤngen, wo jegliche Bluͤthe Frucht für den ſpaͤteren Herbſt verheißt. Schnell eilt die ſchoͤne Zeit vorüber. Der Sommer kommt. Gewitter thuͤrmen ſich drohend auf. Es blitzt und donnert, be⸗ fruchtet und zerſtoͤrt. Wohl dir, wenn du nach ſchwuͤ⸗ len Mittagsſtunden unverſehrt einen heitern Abend genießen und im Herbſte der Fruͤchte deiner Jugend⸗ bluͤthen, der Aerndte deiner Saaten dich von ganzem Heerzen erfreuen darfſt. Dann ſieheſt du mit frohem Sinne der nach allen Seiten hin ſichtbar werdenden Zerſtoͤrung, der alles uͤberwaͤltigenden Vergaͤnglichkeit zu, und biſt nicht betruͤbt, noch voll Kummers wegen des bald eintretenden Winters: denn in dir lebt ja der freudige Glaube an einen Frühlins von ewiger Dauer. 34 Sollte der Menſch auch wol ein ſchoͤneres, an⸗ ſprechenderes Gleichniß, eine treffendere Verſinnbildung ſeiner Auferſtehung, ſeiner unſterblichkeit auffinden koͤnnen, als das Gemaͤlde des irdiſchen, die todten, winterlichen Auen auf's reichſte befruchtenden und in tauſend Bluͤthen ſich offenbarenden Fruͤhlings? Das Draͤngen und Schwellen, welches wir nach dem Winter im Reiche der Natur wahrnehmen; der Geiſt des Lebens, welcher ſich in tauſend neuen Her⸗ vorbringungen verkuͤndigt, der das duͤrre Land mit fri⸗ ſchem Gruͤn uͤberzieht, und dem Walde ſeine Blaͤtter wiederbringt, der die kalte Luft lind macht, und alle Geſchoͤpfe an die warmen Strahlen der Sonne hervor⸗ lockt— wahrlich, es wird euch ſchwer werden, viel⸗ deutigere Zeichen einer Wiedergeburt aufzufinden! Und der Menſch, das Meiſterſtuͤck der Schoͤpfung, der Ko⸗ nig der Erde, er ſollte, der Vernichtung preisgegeben, in ewigen Schlummer fallen? nicht, gleich der Na⸗ tur, nach ſeiner Winternacht den Anbruch eines reich⸗ haltigen Fruͤhlings feiern duͤrfen? Ja, Menſch! den Fruͤhling laͤßt dein Vater in der Hoͤhe mit ſeinem, Leben und Freude bringenden, Rufe über die Erde ziehen, daß er ein Bild ſey deiner dereinſtigen? Verjuͤngung, deiner Auferſtehung nach dem 4 85 Schlummer im Grabe. Darum erhalte dir auch die Gefühle, die er anregt, recht lebendig in deinem Her⸗ zen, und laß ſie ſich regen und dich ſtaͤrken und kraͤfti⸗ gen, bis das alte Leben vergangen und das neue an⸗ gebrochen iſt in unvergaͤnglichem Glanze. Oder ſoll ich euch ein anderes Gleichniß geben? Sehet an die Sonne, wie ſie des Abends, wenn ihre Bahn vollendet iſt, vor euern Augen verſinkt und ſchlafen und ausruhen will von ihrem Tagewerk. Wol mag es euch dann wehmuͤthig werden um's Herz, und eine Thraͤne ſtill aus euren Augen fallen; und wenn die Daͤmmerung dann ſich ausbreitet uͤber euch und um euch, und alles ſo ſtill, ſo geheimnißvoll und ſchaurig wird: da mag wol das Bild des Todes vor euere, in ſich verſunkene Seele treten, und wunderſame Gefuͤhle und Ahnungen reg machen; da mag ſich euer wol eine ſtille Trauer bemaͤchtigen, und an euer eige⸗ nes Abtreten von dem irdiſchen Schauplatze wehmü⸗ thig erinnern; da moͤgen ſich vielleicht gar— oft noch truͤbere Gedanken aufdraͤngen; aber ſchauet hin⸗ ter euch nach Oſten, da bricht der Morgen ſchon neu⸗ kraͤftig auf, aus aller Kreaturen Augen den Schlum⸗ mer verſcheuchend. Singend ſchwingt der Vogel ſich in die Luft, das Thier geht aus nach Nahrung, pracht⸗ 86 voll ſteigt am Himmel die Sonne empor, auf's neue beginnt der Menſch ſein Tagewerk— und das Bild der Auferſtehung, der Weltverjuͤngung liegt vollendet in glaͤnzenden Zuͤgen vor dem Wiedergeborenen, und die ſchwarzen Gedanken vom Abend her, ſich einſtens vielleicht in Nichts verlieren, auf ewig untergehen zu muͤſſen im Strome der Zeit, ſind verſchwunden, und das frohe Gefuͤhl des erneueten Lebens iſt an ihre Stelle getreten. Das Erwachen am Morgen, iſt es nicht eben ſo wohl ein ſinnreiches Zeichen unſerer Auferſtehung von den Todten, als der Schlaf ein Bild iſt unſers der⸗ einſtigen Schlummers im Grabe? Legen wir nicht, gleich der Raupe, die, zum Schmetterlinge verklaͤrt, ihrer alten morſchen Huͤlle ſich freudig entſchwingt, die Huͤlle unſers Koͤrpers ab, um geiſtiger und verklaͤrter aufzufliegen, und ein freieres, ſchoͤneres Daſeyn zu genießen? Darum gehet, wenn euer Herz voll Trauerns iſt, und das Auge der ungewiſſen Zukunft halber ſchmerz⸗ liche Thraͤnen vergießt, gehet hinaus in die freie, ſich taͤglich aus Tod zu Leben erneuernde Gotteswelt und laſſet euch da von all euren Sinnen das große, beru⸗ higende Wort der Unſterblichkeit predigen. Und wenn . I 87 1 das zermalmende Gefuͤhl nun wieder weggenommen iſt aus euerer Bruſt, und die Traurigkeit in Freude, die ungewißheit in Gewißheit, die endliche Zeit verwandelt worden iſt in endloſe Ewigkeit: ach, dann fallet ihr wol, erfuͤllt von Dank und freudiger Nuͤhrung, an den Altarſtufen der Natur, die der Schoͤpfer gegruͤn⸗ det hat zur Anbetung fuͤr die Soͤhne des Staubes⸗ demuͤthig nieder, und ſchuͤttet euer volles Herz, wenn die Zunge ihren Dienſt euch verſagt, vor ihm in dan⸗ kenden Thraͤnen aus. Mit einer Fuͤlle von Beruhigung und Seligkeit werdet ihr nun zuruͤckkehren zu den Beſchaͤf⸗ tigungen des Lebens in eure Huͤtten, und wirken nach dem Maaß eurer Kraͤfte, ſo lange es Tag iſt. Kommt dann der Tod, ſo ſehet ihr ihn als Schnitter an, von dem Herrn geſendet, die Aehre zur großen Aerndte zu maͤhen, und neiget euch freudig ſeiner Senſe: denn ihr werder ja geſammelt von der Erde hinweg in die himmliſche Scheuer. ** * Doch nicht allein die ſtumme, ſprachloſe Natur iſt es, welche nach ihrer Weiſe in Zeichen und Bil⸗ dern von der Unſterblichkeit redet; ſondern auch unſer eigenes Herz giebt davon lautes, ſicheres Zeugniß, in⸗ 88 dem es dieſelbe eben ſo ſehnlich wuͤnſcht, als lebendig hofft und glaubt. Was ware alles Gluͤck, was alle Luſt und Freude des Lebens, was waͤren ſelbſt die gluͤcklichen, von tau⸗ ſend Zungen hochgeprieſenen Stunden, welche Lieb' und Freundſchaft uns durchleben laſſen, wenn wir unſerer dereinſtigen Fortdauer ungewiß waͤren? Durcheinan⸗ der geworfen in formloſen Maſſen, ohne Einheit und Feſtigkeit laͤge das Leben, wie alles Beſtimmungsloſe, und der Menſch darin muͤßte ſich betrachten, als ver⸗ gaͤngliches Spielzeug des Zufalls. Das menſchliche Herz hat wol tauſend und aber⸗ tauſend Wuͤnſche; aber der innigſte, der heiligſte iſt und bleibt der: unſterblich zu ſeyn. Die Hoffnung der Unſterblichkeit, die lebendige Tochter unſerer heiligſten Wuͤnſche und Ahnungen, iſt ein koſtbares Kleinod, theurer, als Gold, glaͤnzender, als Edelgeſteine. Was moͤchte die Welt ohne ſie An⸗ genehmes bieten, was dem Auge bedeutungsvoll erſchei⸗ nen koͤnnen? Vor Schmerz und innerem Kummer wurde die Freude nie recht auffommen, und immer und ewig eine kraͤnkliche Pflanze bleiben! Aus Wunſch und Hoffnung gehet der Glaube bluͤhend hervor; das Schauen iſt die lebendige Frucht deſſelben. — 39 Der Geiſt, der Funke der Gottheit iſt es, der den Glauben an das Goͤttliche und Unendliche in uns naͤhrt und unterhaͤlt. Warm und begeiſtert ſtehet er neben ſeinem kalten, nuͤchternen Gegner, dem alles be⸗ greifenwollenden Verſtande; aber der Glaube iſt ſtaͤr⸗ ker und maͤchtiger: denn mit ſeiner Kraft zerſprengt er die Pforten des Todes. Das Korn wird vor unſern Augen in den Acker geworfen und geſaͤet: nun fraget allen Verſtand darum, was iſt das Korn im Winter, ſo in den Acker geſaet iſt? Iſt es nicht ein erſtorben, vermodert und ver⸗ faulet Ding, mit Froſt und Schnee zugedeckt? Den⸗ noch wachſt zu ſeiner Zeit aus demſelbigen erſtorbenen, vermoderten und verfaulten Korn ein feiner, ſchoͤner, gruͤner Halm, welcher daher bluͤhet, wie ein Wald, und gewinnet eine volle dicke Aehre, da zwanzig, dreißig, ſechszig Koͤrner inne ſind, und findet ſich da Leben, wo zuvor eitel Tod war. So nun Gott das jäͤhrlich thut mit dem Korn auf dem Felde, da er rufet dem, das nichts iſt, daß es ſey, und thut ſolches wider allen Verſtand: ſollte er denn nicht auch thun koͤnnen, was zur Herrlichkeit der Kinder Gottes dienet, ob es ſchon uͤber allen Verſtand erhaben iſt, und bloß auf dem Glauben beruht? ** 9⁰ Durch die Verheißungen der heiligen Schrift ver⸗ ſtehen wir erſt die Bilder der Natur: denn ohne ſie, was waͤren ſie anders fuͤr uns, als todte, unverſtaͤnd⸗ liche Zeichen? Nun aber ſind ſie geworden zu einer lebendigen Schrift, von dem Finger Gottes geſchrieben fuͤr jeden, der da kindlichen, das Wundervolle ahnen⸗ den und glaubenden Sinn ſich erhalten hat in den mannichfaltigen Schwingungen des Lebens; durch ſie verſtehen wir erſt die geheimen Wuͤnſche, die heiligen Hoffnungen, den kuͤhnen Glauben unſerer Bruſt; und der Gedanke verliert ſich nicht mehr in das Ungewiſſe: ſondern glaͤnzend ſiehet er vor ſich prangen die hohen Pforten der unvergaͤnglichen Stadt Gottes, durch welche der Tod ihn fuͤhren wird zu ewigem Leben. un wiſſen wir, ſo unſer irdiſches Haus dieſer Huͤlle zerbrochen iſt, daß wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Haͤnden gemacht, das ewig iſt, im Himmel. Dahin ſehnen wir uns aus unſrer Behauſung; der uns aber zu demſelbigen bereitet, das iſt Gott, der uns das Pfand, den Geiſt, gegeben hat. Nun hat unſere Sehnſucht einen feſten Punkt gefunden; nun haben wir vielmehr Luſt, außer dem Leibe zu wallen, um daheim zu ſeyn bei dem Herrn. Nun kann uns nichts mehr irre machen in 9¹ unſerm Glauben: denn wie ein Fels iſt er feſt gewor⸗ den, und raget hinein bis in den Himmel. Nun iſt das Leben erſt zum Leben geworden, und der Tod zum Engel, der, Thraͤnen trocknend, auf des Lebens letzter Höhe ſteht! Aus + — — — — — — — * ☛ — — — — 35 Bonn 1313. Sie ſah ruhig, wie eine ewige Sonne, auf den Herbſt ihres Korpers herab; ja, je mehr Sand aus ihrer Lebens⸗Sanduhr her⸗ ausgefallen war, deſto heller ſah ſie durch das leere Glas hindurch. Gleichwohl war ihr die Erde ein geliebter Ort, eine ſchoͤne Wieſe zu unſern erſten Kinderſpielen, und ſie hing dieſer Mutter unſeres erſten Lebens noch mit der Liebe an, womit die Braut den Abend voll kindlicher Erinnerungen an der Bruſt der geliebten Mutter zubringt. ehe ſie am Morgen dem Braͤutigam entgegenzieht. Jean Paul. J. Sey mir gegruͤßt, du milde Einſamkeit, nach den Tagen voll Unruh' in dem Gewirre der Welt! Wie bin ich froh, daß hinter mir liegt das wilde Draͤngen und Treiben der Stadt! Wie oft verlor ſich dort das Herz aus ſeinem ſchoͤnſten Leben, auf verderbliche Ab⸗ wege gerathend, ohne daß es davon wußte, und wenn es endlich die Einoͤde erkannte, in die es wider Wil⸗ len gerathen war, ohne daß es ſich aus den verſtrik⸗ kenden Dornen ſogleich wieder haͤtte losreißen und in ſein Heiligthum zuruͤckziehen koͤnnen. 1 Aber nun iſt es gerettet! Hier die fluͤſternden Baͤume wollen den Schmerz, den es über ſo viele Taͤuſchungen mitbringt, beſpre⸗ chen, und die Blumen laͤcheln aus ihren Kinderaugen, als wollten ſie ſagen:„Komm, ſey unſere Mutter, pflege und warte der Bedurftigen mit milder Liebe, wir wollen dir durch treues Anſchmiegen und inniges Hingeben deine Bemuͤhungen vergelten.“ 96 Ja! hier tritt alles von dem Groͤßten bis zum Kleinſten mir befreundet nahe! Da iſt nichts, was das Auge nicht erquickte, das Ohr nicht erfreute, was nicht in milden Worten zu dem Herzen ſpraͤche! Von dem blauen Himmel, bis herab zu der gruͤnen Erde ſteht alles in harmoniſchem Bunde, einfach, aber voll Bedeutung. Die Quellen, die ſich leicht durch's fri⸗ ſche Gras winden, ſcheinen zwar mit ihrem Gemur⸗ mel, gleichwie in dem Gebuͤſch' und in den Luͤften die Geſaͤnge der Voͤgel, ſie ſcheinen die Stille meiner laͤndlichen Einſamkeit zu unterbrechen; aber es iſt bloßer Schein: ſie gehoͤren ſo ganz dazu, daß meinem Aufenthalte ohne ſie etwas Weſentliches fehlen wuͤrde. So ſey mir denn alles gegruͤßt, was ich umher ſehe und vernehme, von dem Himmel bis zu der Erde herab, von der Nachtigall bis auf die kleine, ſimſelnde Muͤcke! Werde ich nicht von allen Seiten wieder ge⸗ gruͤßt auf ſo trauliche, natuͤrliche Weiſe? Nun iſt der Grund zu inniger Befreundung gelegt, und ſie wird mit jedem Tage laͤngerer Bekanntſchaft erweitert werden, bis aus ihr jenes unzerreißliche Verhaͤltniß hervorgeht, das, uͤber die armſeligen Verwickelungen der Zeit erhaben, in ſich ein ſchäns, heiteres Leben unterhaͤlt. „N 97 „Mit dieſen Gefuͤhlen betrat Frau von Wey⸗ den ihr, in einer der anmuthigſten Gegenden Deutſchlands gelegenes, Erbgut. Sie hatte in ihrer Jugend eine ſorgfaͤltige Erziehung genoſſen; acber, verheirathet an einen Mann, der ſeines Standes wegen in der Reſidenz zu leben genoͤ⸗ thigt war, hatte ſie doch, ungeachtet des beſten Willens, der Gewalt, die das verfuͤhreriſche Stadt⸗ leben uͤber das Menſchenherz ausuͤbt, nicht ganz entgehen moͤgen; ſo daß ſie wol zuweilen in die Taͤuſchungen ihrer Zeit verwickelt worden war. Jetzt, nachdem ihr Gemahl geſtorben, ſiegte ihr beſſerer Sinn, den zweckloſe Zerſtreuungen um vieles gelaͤutert hatten. Sie beſchloß, an dem Orte, wo ſie das Licht des Lebens erblickt hatte, daſſelbe auch allmaͤhlig wieder verloͤſchen zu ſehen. Ihr Herz war rein geblieben. Ein lebendiger Glaube an das Hoͤhere, warme Liebe fuͤr die Natur, für ihre Mitmenſchen beſeelte ſie. Da⸗ her nahm ihr innres Leben mit jedem Tage an neuen, ſchoͤneren Bluͤthen zu; ſo daß ſie die des aͤußern mit Ruhe und Gleichmuth, ja, indem ſich dafuͤr ein ſo reicher Erſatz darbot, mit einer ge⸗ wiſſen Freudigkeit abfallen ſehen konnte. Von Lebensbilder. 7 4 jenen Bluͤthen, deren ihr Hausbuch eine große Anzahl enthaͤlt, gedenken wir nun, in der Hoff⸗ nung, daß ihr Duft vielleicht hin und wieder ein Gemuͤth freundlich beruͤhren konnte, in dieſen Blaͤttern nach und nach verſchiedene mitzutheilen.“ 1 II. Der erſte Abend, den ich nach vielen Jahren wie⸗ der mir ſelbſt lebe! Wie ſtill iſt es umher, und wie beſeliget mich dieſe Stille! Die Sonne gieng ſchon lange hinter den Bergen zur Ruhe; aber noch immer zeigen ſich Spuren ihrer lichten Bahn! Daß mein Andenken den Menſchen auch ſo geſegnet bliebe, und man, wenn ich im Grabe liege, ſagen moͤchte: ſie hat zwar geendet, aber manches Saamenkorn, von ihr geſaͤet, traͤgt jetzt belohnende Fruͤchte. Darum gilt es zu wirken in dem Kreiſe, der mir angewieſen ward! Zwar iſt er klein; aber bei gutem Willen und dem ſegnenden Beyſtande von Oben laͤßt ſich ſchon manches thun. Und da wir das Leben ſelbſt als heitere Gabe des Hoͤchſten genießen; warum ſoll⸗ ten wir Andern, die weniger empfingen, als wir, nicht gern mittheilen von unſerer Habe? O, Wohl⸗ thun iſt ein ſuͤßes Gefuͤhl! und Thraͤnen zu wiſchen von dem Geſichte des Elends ein himmliſches Ge⸗ ſchaͤft! Finde mich darum, wenn du auf und wenn 100 du niedergehſt, o Sonne, du ſchoͤnſtes Bild der Wohl⸗ thaͤtigkeit, finde mich ſtets mit vollen Haͤnden, und ſieh mich Thraͤnen trocknen und Leiden mildern durch Wort und That: dann gleicht mein Ende deinem untergange! „Und ſo iſt ſie mildthaͤtig geweſen, bis an ihren Tod, gegen jeden Beduͤrftigen, und hat keinen Armen, der ſie anſprach um eine Gabe, von ſich gewieſen; Wittwen getroͤſtet und erquickt; Kranke und Alte gepflegt; Waiſen zu ſich genommen und Mutterſtelle an ihnen vertreten. Das hat ſie aber ſo ſtill getrieben, daß es, außer dem Auge des Allgegenwaͤrtigen, nur Wenige bemerkten, und ſich darauf auch nie etwas zu Gute gethan; ſon⸗ dern immer gemeint, es ſey ihre Pflicht ſo, und trage in ſich den ſuͤßeſten Lohn.“ „Als ſie aus der Welt gieng, gab es daher ein großes Weinen und Wehklagen unter den Gebrechlichen der Umgegend, wie unter Allen, die ſie kannten. Die Waiſen, die ſie aufgezogen hatte in Gottesfurcht und jungfraͤulicher Zucht, ſtanden tiefbetruͤbt an ihrem Sarge, und beſu⸗ chen die Staͤtte, wo ihre W Wohlthaͤterin ruht, noch oft, und preiſen Gott, der ihnen in der Seligen 101 eine ſo liebevolle Mutter und Wegweiſerin nach dem Himmel gab. Blumen ſchmuͤcken ihr Grab mit dem erſten Fruͤhlinge in großer Menge. Doch außer den Thraͤnen, die ihr da geweinet, außer den Lobpreiſungen, die ihr da gebracht wer⸗ den, hat ſie ſich kein Denkmal ſetzen laſſen. Sie ruhe ſanft: denn ſie verdient es!“ 102 III. Hier das Pläͤtzchen unter den Linden war mir ſchon als Kind ſo lieb. Man hat eine weite, erfreu⸗ liche Ausſicht uͤber Felder, Gaͤrten und den ſchoͤnen Strom. Ueber den Baͤnmen des Waldes ragen ferne Gebirge in lockender Bläue. Hier ſaß ich ſo oft ſpie⸗ lend auf dem Schooße der ſeligen Mutter, oder ließ mir etwas von ihr erzaͤhlen. Sie war immer ſo liebreich und lebte ganz in uns Kindern. Große Ge⸗ ſellſchaften beſuchte ſie ſelten: ſie blieb lieber bei uns in ihrem gewohnten Kreiſe, beſchaͤftigte das eine auf dieſe, das andere auf jene Weiſe, ſo daß wir alle hei⸗ ter und zufrieden waren und ſie unbeſchreiblich lieb hatten. In unſern Zeiten hat ſich das freilich in den hoͤ⸗ hern Staͤnden ſehr geaͤndert, und ſchon damals war es nicht mehr recht Sitte. So iſt man nirgends we⸗ niger zu Haus, als zu Hauſe, und findet es ſogar langweilig und gegen allen Anſtand, ſich des Haus⸗ weſens anzunehmen. Und doch liegt ſo viel Beſeli⸗ 103 gendes darin! Wer ſollte nicht gern der kleinen Welt weiblicher Wirkſamkeit vorſtehen, und da ſchalten und walten, ordnen und leiten nach ſeiner Weiſe? In dieſem Weben liegen der Freuden ſo unendlich viele, und ſie ſind ſo rein, ſo belohnend fuͤr das Herz, daß es einem in der That Wunder nehmen muß, wie man ſich derſelben jetzt ſo leichtſinnig entſchlagen kann. Da hoͤrt man wol hin und wieder von Beſchraͤnkt⸗ heit ſprechen; aber gerade die Beſchraͤnktheit des weib⸗ lichen Lebens ſcheint mir ſo gefaͤllig. Ueberdieß kann man es auch, wenn man ſonſt reich genug in ſich iſt, ſo weit ausdehnen und vergroͤßern, daß ſich mitten in der großen Welt hier eine kleine bildet. Hier gedei⸗ hen die ſchoͤnſten Geſinnungen, die edelſten Gefuͤhle, und ich möchte wol ſagen, daß fuͤr ein einfaches Ge⸗ muͤth, wie es das weibliche ja immer ſeyn ſoll, hier eine unverſiegliche Quelle von Poeſie ſtroöme, und daß hier, oder nirgends, das innere Leben des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung ſich in den lieblichſten Bluͤthen entfalten muͤſſe. Dafuͤr ſind unſere heutigen Maͤdchen aber auch groͤßtentheils ſo arm, ſo leer in ſich: denn was ihnen von außen an⸗ und eingebildet worden iſt, haben ſie ſich, eben weil ihnen bei den vielen aͤußern Zerſtreuun⸗ 10 4 gen die ſtillen Stunden zur Verarbeitung und Ver⸗ ſchmelzung mit ihrem Weſen fehlen, nicht zu eigen gemacht. Geiſtreich moͤgen ſie vielleicht genannt werden duͤrfen; aber gemuͤthlich ſind ſie nicht! Und nun vererbt ſich das Uebel, wenn ihm nicht bald durch ein Wunder Einhalt gethan wird, von Mutter auf Tochter, bis zuletzt der ſchoͤne Gegenſatz der Geſchlech⸗ ter verwiſcht iſt, und eins an dem andern das, was es haben ſollte, nicht hat. An dem Vorbilde, die Begebenheiten des Lebens, die gehoͤrten Reden ſtill im Herzen zu bewegen, fehlt es uns Frauen keineswegs. Wir duͤrfen nur auf die fromme Mutter des Heilands, die heilige Jungfrau Maria, hinblicken. Wo hat ſich das Weſen reiner, tiefer Weiblichkeit je reicher, zarter und ſchoͤner aus⸗ geſprochen, als in ihr? Jedes ihrer Worte iſt Ein⸗ falt, Demuth und Unſchuld; ſtille, aber um deſto maͤchtiger ergreifende Poeſie. Leider iſt es jedoch nicht mehr Sitte, die heili⸗ gen bibliſchen Frauen zu Muſtern zu waͤhlen. Dafuͤr haben unſere Romandichter beſſer geſorgt. Hier giebt es ſchimmernden Prunk und Ziererei; dort farbloſe Demuth und Natur. Verblendet folgen die jungen Thoͤrinnen nun dem Scheine, in dieſer, ſonſt auch 105 keiner Hinſicht, wahre Kinder, und vergeſſen, in un⸗ naturlicher Tracht ſich bewegend, Jungfraͤulichkeit und alles, was unſer Geſchlecht ziert und ehrt. Mit den Frauen verhaͤlt es ſich nicht beſſer. Groͤßtentheils mit den Thorheiten der Zeit aufgewach⸗ ſen, oder ſich, weil ſie eben als ein beſonderer Grad von Bildung galten, eigenwillig in dieſelben hinein⸗ ſtuͤrzend, leben ſie ein wildes, von dem wahren Ziele, wo Demuth und Liebe wandeln, abgekommenes Leben, und finden fuͤr die ſchoͤnen, vollen Bluͤthen, welche ſie leichtſinnig ausriſſen und von ſich warfen, nur taube, als kuͤmmerlichen Erſatz! Wie anders trittſt du mir entgegen, ſelige Mut⸗ ter, unter dieſen, am Tage deiner Geburt gepflanzten, und nun ſo herrlich aufgewachſenen, Linden, wo du mich ſo manchesmal, als ich zur Jungfrau aufgebluͤht war, in meinen ſtillen Traͤumen beſchlichſt, und in die Arme ſchloſſeſt! Wie gern gedenke ich noch jetzt der Geſpraͤche, die du damals mit mir pflogeſt uͤber das Weſen unſers Geſchlechts, das du in deinem eigenen Leben ſo treu und erfreulich darſtellteſt! Ich hoͤre im Geiſte noch die Rede deines Mundes, und ſehe nun vor mir entfaltet das Leben, das du in einzelnen Zuͤ⸗ gen mir beſchriebſt. Deine Ermahnungen und Bitten 106 ſind nicht fruchtlos geblieben! Ich habe mir erhalten die Krone, auf welche du ſo mildreich hinwieſeſt, als auf den ſchoͤnſten Beſitz, und du wirſt ſie ſehen in meinen Haͤnden, auf meinem Haupte, an jenem Tage, wo zwiſchen uns die Scheidewand niederfaͤllt, und wirſt dich meiner erfreuen! Noch oft werde ich bis dahin dein Andenken erneuen, und die Stunden ſegnen, die mir unter ſolchen lieben Betrachtungen ſo ſtill und leicht vergehen: denn ſie ſind das ſuͤße Band der Ge⸗ meinſchaft zwiſchen dir und mir! „Nicht ohne Betruͤbniß und innern Schmerz muͤſſen wir hinzufuͤgen, daß bis zur Zeit noch immer die meiſten Frauen und Maͤdchen jenen oben geſchilderten gleichen, und ihre ſchone Be⸗ ſtimmung nicht erkennen wollen; daß die glaͤn⸗ zende Oberflaͤche nichts, als eine unſaͤgliche Ge⸗ muͤthsarmuth verdeckt. Dem Uebel koͤnnte jedoch leicht abgeholfen werden, wenn man ſich auf dem alten, herrlichen Gebiete der Haͤuslichkeit nur wieder der Religion zuwenden wollte, und die Muͤtter zuerſt das Herz, und ſodann die uͤbrigen Anlagen ihrer Toͤchter auszubilden verſuchten. Das wird aber ſchwer halten! Noch vor einigen Tagen lernte der Herausgeber dieſer Blaͤtter in 107 ſeinem jetzigen Aufenthaltsorte eine Familie, die mit vielen Kindern geſegnet iſt, kennen. Die meiſten davon, Maͤdchen, ſchon ziemlich erwach⸗ ſen, wußten ſich gut zu drehen und zu wenden, aber von Religion hatte keins einen Begriff. Da trat der Tanzmeiſter herein— doch er ſchweigt. Solche verkehrte Zeitanſichten koͤnnen nicht mehr von langer Dauer ſeyn, oder die Welt geht in Leerheit unter. Aber zu beklagen ſind die armen Kinder, da man ihnen, bei gewiß unverkennbarem Verlangen nach etwas Beſſerem, ſo ſchlechte Nahrung giebt, und alſo alles geiſtige Wachsthum und Sichentfalten zu lieblichen Bluͤ⸗ then hindert; und anzuklagen, auf das peinlichſte anzuklagen ſind die Muͤtter, die ihre Kinder alſo verwahrloſen und ihnen barbariſch das Herz aus dem Leben ſchneiden. Ihr Lohn bleibt gewiß nicht aus! Statt der wohlthuenden, hingebenden Liebe begegnet ihnen ſpaͤterhin Gleichguͤltigkeit, wo nicht Verachtung. Wer Ohren hat zu hoͤren, der hoͤre bei Zeiten! In der Folge kann das Bewußtverſaͤumte nicht nachgeholt, das Niederge⸗ tretene nicht wieder in die Hoͤhe gerichtet werden!“ —xãèxx; IV. Immer behaͤlt doch die Gegend, wo man geboren und erzogen worden iſt, vor allen andern einen eigen⸗ thuͤmlichen Reiz. Man fuͦhit ſich anderwaͤrts gewiß auch wohl; aber ganz anders fuͤhlt man ſich doch in ſeiner Heimath! Dort ergoͤtzen vielleicht neue Anſich⸗ ten; wunderbar in einander verſchlungene, gezackte, romantiſche Maſſen bildende, Gebirge; Stroͤme, durch beſonders reiche Landſchaften gehend; verſchiedene, mit einander vermiſchte, Baumarten, und was ſonſt noch unſer Auge erfreut: hier aber iſt einem alles ſchon bekannt und eben deswegen auch ſo nahe, ſo lieb. Dort muß man erſt Lieblingsgegenſtaͤnde finden: hier hat man ſie ſchon. Dort traͤgt man ſich in die Gegend hinein: hier ſucht man ſich aus ihr heraus, wie man in ſeinen Kinderjahren, Jungfrauentagen, als Braut, und in allerlei Verhaͤltniſſen war. Da iſt keine Stelle, die nicht irgend eine liebe Erinnerung belebte, kein Buſch, kein Baum, unter dem, oder in deſſen Naͤhe man nicht eine frohe Stunde genoſſen — 100 haͤtte. Baͤche und Quellen, Felder und Wieſen, Gaͤr⸗ ten und Haine, alles hat ſeinen eigenen, ſonſt nirgends aufzufindenden, Reiz! So erinnere ich mich der Sommernachmittage, die wir Kinder mit der Mutter an jenem Berge, wo der Fluß unten ſchaͤumend ſich hinſchlingt, Erdbeeren pfluͤckend, zubrachten, mit innigem Vergnuͤgen. Dort am Rande des Haines, an der kleinen Anhoͤhe, bluͤh⸗ ten gewoͤhnlich die erſten Veilchen. Sobald es im Fruͤhjahr einige heitere Tage gegeben hatte, giengen wir dahin, zu ſehen, ob die Lieblingsblumen der Mut⸗ ter hervorgekommen waͤren. Dieſe Gaͤnge ſetzten wir, gewoͤhnlich jedes insgeheim, um der Mutter die erſte Freude zu machen, ſo lange fort, bis eins, oder das andere ſeinen Zweck erreicht, und der Mutter ein dank⸗ bares Laͤcheln abgewonnen hatte. In dem Gaͤrtchen dort reiften die erſten Kirſchen— und ſo ließen ſich noch hundert andere ſolcher Kleinigkeiten aufzaͤhlen, die mir die Gegend ſo lieb machen. Darum mag uns wol auch der Gedanke an un⸗ ſern Weggang von der Erde ſo betruͤben. Man iſt einheimiſch geworden auf ihr. Viele Denkſteine gluͤck licher Tage ſtehen umher. Manches Weſen haͤlt uns befreundet feſt. Um das Grab her iſt es vielen, de⸗ 110 nen das Licht des Evangelii gar nicht, oder nicht hell genug leuchtet, ſo dunkel und fuͤrchterlich. Aber hier iſt es uns doch nicht vergoͤnnt, ewige Huͤtten zu bauen: ſie wuͤrden zu bald baufaͤllig werden und zuſammen⸗ ſtuͤrzen. Darum laſſet ſie uns lieber dort aufrichten, wo ſich uns hilfreiche Freundeshaͤnde ſchon entgegen⸗ ſtrecken! Viele, die uns die Erde angenehm machen halfen, finden wir dort, andere kommen fruͤher oder ſpaͤter nach. An und fuͤr ſich hat alſo die Erde keinen blei⸗ benden Reiz; aber durch verwandte Gemuͤther wird ſie uns lieb. Wem daher viele, ja alle ſeine treueſten Freunde geſtorben ſind, dem wird ſie, ungeachtet ihrer Fruͤhlinge und Sommerabende, bald zur Einoͤde, und er ſehnet ſich ihnen nach, bis daß im Feuer der Sehn⸗ ſucht die irdiſche Huͤlle zur Aſche wird und der Geiſt aus ihr, als Phoͤnix, in die reinen Luͤfte des neuen Lebens aufſteigt! 111 V. Es giebt zweierlei Arten, wie wir Menſchen Gott nahe gebracht werden: einmal, wie in den aͤlteſten Zeiten, durch die Natur; dann durch ſeine Selbſt⸗ offenbarung in der heiligen Schrift. Die erſtere Art iſt keinesweges zu verwerfen; nur muß durch die zweite bald ein feſter Grund gelegt werden; ſonſt moͤchte die Religion leicht in feinern oder groͤbern Naturdienſt ausarten. Die heilige Schrift koͤnnte mehr theoretiſch, die Natur dagegen praktiſcher ge⸗ nannt werden. Dort wird von der Liebe Gottes ge⸗ ſprochen, man ſieht ſie ſich hinter einer dichten Wand von Jahrhunderten taͤglich erweiſen; hier aber giebt ſie ſich vor unſern Augen in tauſenderlei Verſchieden⸗ heiten kund. Zu der Natur gehoͤrt auch die Stimme in unſe⸗ rer Bruſt, ſo da Zeugniß ablegt von dem Ewigen. Am ſchoͤnſten iſt es auf jeden Fall, wenn Natur und Bibel den Menſchen gemeinſchaftlich bei der Hand nehmen, und ihm die Aufſchluͤſſe geben, nach denen 112 ſein Herz verlangt. Das Leben iſt alsdann wahrhaft freudenreich, und in allen Begebenheiten deſſelben zei⸗ gen ſich die Spuren einer hoͤhern, alles mit Weisheit und Liebe ordnenden, Macht. Dieſer vertraut man— und aus dieſem Vertrauen geht unverzuͤglich jene Ruhe hervor, welche, bei voͤlliger Willensloſigkeit, am ſicher⸗ ſten handelt, und ſich ſters gleich bleibt! Zwei Buͤcher ſind dir aufgethan⸗ Die Liebe Gottes zu zeigen an; Sie heißen: Bibel und Natur! In beiden erkennſt du Seine Spur, In Wort und Werk, mit Geiſt und Sinn: So geh' und lies recht fleißig drin! 1 113 Es giebt gewiſſe ſtille, mehr nach innen, als nach außen gerichtete Naturen, welche von Jugend auf, bis in das ſpaͤteſte Alter in treuer Abgeſchloſſenheit, ein⸗ zig dem Dienſte des Herrn leben. Der Gang ihrer Schickſale mag ſeyn, welcher er wolle, ſie laͤcheln, und laſſen ſich durch nichts um den Frieden ihrer Seele bringen. Auf ihrem Antlitz ſchwebt, ſelbſt in dem hoͤchſten Alter, eine fruͤhlingsartige Heiterkeit, und der Grundzug ihres ganzen Weſens und Handelns iſt Liebe. Die Leiden, welche ſie treffen, thun ihnen wol auch wehe; aber als goͤttliche Schickung werden ſie in Geduld ertragen, und laſſen gewoͤhnlich eine ſchoͤne Verklaͤrung zuruͤck, die ſich zuletzt bei dem Tode in einen wahrhaften Heiligenſchein aufloͤſet. „Wir weiſen hier auf Johannes, Jakob Boͤhme und mehrere fromme Myſtiker. Auch er⸗ innert ſich vielleicht mancher Leſer aus ſeinem ei⸗ genen Leben ſolcher Verklaͤrten in Leiden und im Tode. Sie tragen das ſichere Zeichen einer be⸗ ſondern inneren Heiligung auf ihrem Geſichte.“ Lebensbilder. 3 VII. Fruͤhe ſchon ſchlug das Chriſtenthum Wurzel in mir; aber erſt ſpaͤter, im Jungfrauenalter, ward mir das Myſterium der Verſöhnung voͤllig klar. Vor die⸗ ſem himmliſchen Lichte verſchwand alles Dunkel. Meine eigene Gebrechlichkeit und Suͤndhaftigkeit war mir aufgedeckt. Ich haͤtte vergehen muͤſſen vor Angſt und 3 unruhe, haͤtte ich den Friedenſprecher, den Erloͤſer nicht gehabt. Ich wußte nun, an wen ich mich in meiner Schwachheit halten muͤſſe, und habe es ſtets gethan, und werde auch nie davon ablaſſen: denn bei Ihm iſt Gnade die Fuͤlle. „Die Verfaſſerin hat ganz Recht. Eher kann der arme, bedurftige Menſch nicht zur Ruhe in ſich kommen, als bis er in dem Tode Chriſti die Verſoͤhnung gefunden hat. Ohne ſie iſt alles Chriſtenthum auf den Schein gebaut, und kann nimmer von Beſtand ſeyn, und Frucht und Le⸗ ben bringend genannt werden. Nur aus dem Tode des Erlöſers blitzt uns Leben entgegen! 8 115 Wenn wir ihn, am Kreuze hangend und fuͤr die Suͤnden der Welt dahinſterbend, betrachten: rich⸗ tet ſich der inwendige Menſch auf, und ſtaͤrkt und kraͤftigt ſich an dem Anblicke! Wer dieſen Augenblick in ſeinem Leben noch vergeblich ſucht, geht dahin in ſeinen Suͤnden, und der neue Menſch hat in ihm den alten noch nicht uͤber⸗ waͤltiget. Wirſt du deſſen nun inne, mein Lie⸗ ber, der du gern hienieden ſchon, und auch jen⸗ ſeits ſelig waͤreſt: ſo mache dich alsbald auf nach 3 dem Kreuze. Da bricht Fruͤhlingsſonnenſchein uͤber dich herein, und aus der Puppe fleugt der Schmetterling in ſchoͤner Freiheit!“ — VIII. Jeder Menſch ſehnt ſich von Jugend auf nach etwas. Wie oft habe ich, wenn ich hier unter den wehenden Linden ſaß, ſchon als Kind, nach den Ce⸗ dern und Palmen des Morgenlandes, unter denen der Herr, als er noch auf Erden wandelte, ſo oft gegan⸗ gen ſeyn mag, verlangt! Heute ruhrt ſich der Wind wieder ſo kraͤftig in den Zweigen, und mir kommt die alte Sehnſucht. Aber die Gewaͤhrung liegt zu fern! Bald werden ein⸗ ſame Graͤſer, und vielleicht hin und wieder eine Blume uͤber meinen alten, muͤden Gebeinen wehen! So begruͤße ich euch, Cedern und Palmen des Morgenlandes, hienieden wol nicht! Aber giebt es in Seinem Reiche auch der Baͤume: ſo werdet ihr, die ihr Ihm bei Seinem feierlichen Einzuge zu Jeruſa⸗ lem auf den Weg geſtreut wurdet, gewiß nicht feh⸗ len! Wie oft moͤgt ihr Ihm auch an ſtillen Abenden bei Gethſemane, und auf ſeinen vielfachen Wanderun⸗ gen im gelobten Lande, und bei ſeinem Aufenthalte 117 in dem Fleckeu, wo die beiden Schweſtern mit dem frommen Bruder wohnten, bei ſeinen liebſten Mitthei⸗ lungen, in der Fuͤlle ſeiner goͤttlichen Liebe fuͤr die Welt, gerauſcht haben! O es thut mir im Herzen wohl, wieder einmal in Gedanken bei euch geweilt zu haben: denn ihr ſeyd mir, von dem Herrn geweiht, ſchon von Jugend auf ſo theuer! 118 IX. Es hat mir allemal leid gethan, wenn ich das Oſterfeſt zu Hauſe habe feiern muͤſſen, und keinen Gang in das friſche Gruͤn hinaus habe thun koͤnnen. Aber warum? Laͤßt ſich ja doch uͤberall Oſtern hal⸗ ten! Das iſt wol wahr; aber mir gehoͤrt nun ein⸗ mal, wenn ich die Oſtern recht feſtlich begehen ſoll, ein Gang in's Gruͤne dazu. Das mag, wie vieles Andere, aus fruͤhern Jahren herruͤhren. Am Oſtertage ſtanden wir Kinder ſchon ſehr fruͤh auf. Die Glocken klangen uns da immer heller, wie gewoͤhnlich, und wir haͤtten um keinen Preis das herrliche Morgenlaͤuten verſchlafen moͤgen. Dann ſa⸗ hen wir aus offenem Fenſter in unſern Garten, uͤber die neubegruͤnte Flur, hoͤrten die Lerchen ſingen, und das Glockengelaͤute aus unſerm und vielen andern Doͤrfern in einander toͤnen. Keins ſprach ein Wort. Wir freuten uns ein Jedes im Stillen; aber gewiß recht herzlich. Indeſſen gieng die Sonne auf. Waren die Toͤne endlich verklungen, ſo begaben wir uns alle⸗ 119 ſammt zur Mutter, die wol auch ein Gleiches gethan haben mochte. Nach einem kurzen Gebet, das ſie mit uns hielt, wurde von der Feier des ſchoͤnen Tages ge⸗ ſprochen. So kam die Zeit bald heran, wo wir zur Kirche giengen. Auf dem Wege klangen uns die Glocken wieder entgegen. In der Faſtenzeit waren Kanzel und Altar mit ſchwarzem Tuch behangen geweſen; jetzt ſchmuͤckte beides, wie es an hohen Feſttagen Ge⸗ brauch war, ein helles, rothſeidenes, mit weißen Fran⸗ zen beſetztes Gewand; die Orgel, die am ſtillen Frei⸗ tage geſchwiegen, rauſchte auf's neue volltoͤnig, die Kirchgaͤnger, in der Faſten ſchwarz gekleidet, erſchienen wieder in bunter Tracht, und aus allen Kehlen drang das ſchoͤne Lied: Erſchienen iſt der herrliche Tag, das eine ſo helle, freudenreiche, triumphirende Melodie hat. Die Kinder genoſſen an dieſem Tage ge⸗ woͤhnlich zum Erſtenmale das heilige Abendmahl: kurz, Alles erhoͤhte die Feier des Feſtes. Mittags war der Paſtor bei uns zu Tiſche, und erquickte durch ſeine frommen, aus dem reinſten Her⸗ zen liebevoll quellenden, Geſpraͤche, die aus ſeinem Munde (denn er war ein Greis und hatte ein wahres Johan⸗ nesgeſicht) einen ganz beſondern Eindruck machten. 120 Nachmittags aber begleitete uns die Mutter, wenn es das Wetter nur irgend erlaubte, in's Freie, und erzaͤhlte uns dann, was ſie ſo gerne, und auf eine ſo ganz eigene, unbeſchreiblich liebliche Weiſe that, aus der bibliſchen Geſchichte von den Juͤngern, die nach Emmaus giengen, und wie ihnen der Herr be⸗ gegnete. Wie anſchaulich wußte ſie unſern kindiſchen Gemuͤthern zu machen, daß Er auch uns jetzt begleite, und welche Freude hatten wir daruͤber. Seit jener Zeit iſt mir nun immer dieſe alte Sitte geblieben, und ich moͤchte ſie nur in der aͤußer⸗ ſten Noth, etwa wenn ich krank waͤre, aufgeben, und dann wuͤrde es mich noch genug ſchmerzen! So iſt mir heute, gerade wie damals. Ich weiß, ich fuͤhle es, der Heiland begleitet mich, und der Geiſt meiner Mutter iſt mir nicht ferne. Ich ſehe ſie auf das Gruͤn hinweiſen, das in friſchem Wuchſe aus der Erde bricht, und mag dieſes liebliche Sinnbild der unſterblichkeit gern eine Zeit lang in meinem Herzen bewegen. Und der Herr oͤffnet mir auch das Ver⸗ ſtaͤndniß der heiligen Schrift immer mehr und mehr⸗ und zeigt mir, wie Alles auf ihn, den Einzigen, hin⸗ deutet, was zu den Vaͤtern und durch die Propheten geredet worden iſt. 121 So will ich denn, ſo oft das Feſt der Oſtern kmmt, der alten Weiſe ſolgen! Die Menſchheit feiert da ihren Triumph uber den Tod, und die Natur klei⸗ det ſich auch in ein neues Gewand. Aus der Ver⸗ weſung bluͤht uͤberall Leben! In dem eigenen Herzen reget die Freude ſich zwiefach. Steht nicht eine lange Reihe blauer Tage vor der Thuͤr? Wird die ver⸗ juͤngte Erde dem Auge nicht bald tauſend Reize bie⸗ ten? Bluͤht in dem Lande hinter'm Grabe nicht ein Fruͤhling auf, der alle die irdiſchen uͤberbietet an Dauer und Schoͤnheit? Was nun auch komme, uberall iſt des Genuſſes viel! Und wo die Woge Zeit ſich in das Meer der Ewigkeit ergießet, da daͤmmert ein gruͤ⸗ nes, friedliches Eiland, wo wir mit Ihm die Oſtern halten. X. Von einem Feſte fuͤhrt der Herr zum andern! Die Himmelfahrt iſt da, wo er das Letztemal mit ſei⸗ nen Juͤngern zu Tiſche ſaß, und ihren Unglauben, und ihres Herzens Haͤrtigkeit ſchalt! Ach! ſaͤßeſt du heute ſichtbarlich mit mir zu Tiſche: wie ſehr wuͤrdeſt du da auch zu ſchelten haben! Mein Glaube ver⸗ wandelt ſich noch haͤufig, was nicht loͤblich iſt, in Un⸗ glauben, und das Herz verſchließet ſich oft hart, wo es offen ſtehen und dich einnehmen ſollte. Aber ſchilt nur, du thuſt es doch aus Liebe, und ſollſt es nicht fruchtlos gethan haben! XI. Siehe! ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!— verhießeſt du ſcheidend, mein Heiland, und du haſt Wort gehalten! Wer dich nur bei ſich haben will, der findet dich bald. Ja, du koͤmmſt einem Jeden wol taͤglich Mehreremale frei willig entgegen, und fragſt an, ob man dich haben wolle, lob man deiner beduͤrfe. Aber die meiſten vernehmen deine Stimme nicht vor dem Geraͤuſche, das um ſie iſt, oder wenn ſie dieſelbe ja hoͤren, fol⸗ gen ſie lieber der Weltluſt, die goldene Schaͤtze ver⸗ ſpricht. Und ſo geheſt du noch immer, wie ehemals, verachtet umher, und es ſind nur Wenige, Muͤhſelige und Beladene, die ſich bei dir erquicken. Gern bin ich in ihrer Mitten, und laſſe mich ſpeiſen von dir mit Worten des ewigen Lebens, die außer dir Nie⸗ mand hat. XII. 1 Die Zeit vergeht. Ein Tag reiht ſich dem an⸗ dern an— und ſo ſind Wochen, Monate und Jahre, ehe wir es vermeinen, dahin. Der Gluͤckliche mißt das Leben nach ſeinen Freuden. Der ungluͤckliche harrt Fruͤh und Abends auf Hilfe, oftmals vergebens, aber zuletzt erſcheinet ſie doch. Der Ausgang der Lei⸗ denszeit zeigt neue, ſchoͤne Hoffnungen, und er beginnt die Laufbahn wieder muthig. Mag er wol auch den Zehrpfennig, den die truͤbe Zeit ihm gab, mitgenom⸗ men haben? Wohl ihm, wenn er es that! Dann kommt er ſicher au's Ziel, und bricht ſich die ewige Palme, welche der Gluͤckliche, zu lange und einzig mit ſeinen Freuden beſchaͤftigt, vielleicht nicht mehr findet. XIII. Wir haben hier keine bleibende Staͤtte, ſondern die zukuͤnftige ſuchen wir— das hoͤren wir von Jugend auf ſprechen, ſagen es wol auch ſelbſt, und wurzeln deſſenungeachtet ſo feſt in den Boden der Erde, daß es uns ſchwer ankoͤmmt, wenn wir am Ende uns daraus losreißen ſollen. Aber es moͤchte doch wol keines langen Erwaͤgens und Beden⸗ kens beduͤrfen! Der Vergleich, den wir zwiſchen die⸗ ſer und jener Welt anſtellen, kann nur zu Gunſten der letztern ausfallen! Brechen nicht taͤglich einige, oder wol gar mehrere der Gebaͤude, die wir mit ſo vieler Sorgfalt auffuͤhrten, zuſammen? Traͤgt nicht Alles, was uns hienieden entgegen tritt, die Zeichen des Wechſels, die Spuren der Hinfaͤlligkeit in und an ſich? Selbſt in der ſchoͤnſten Bluͤthe, welche das Le⸗ ben uns bietet, ſitzt der Wurm des Todes verborgen, und, nach wenigen Augenblicken des Wohlgefallens, ſehen wir ſie ſich entfaͤrben, und werfen ſie verwelkt in den nimmer ſtillſtehenden Strom der Zeit. Die neuen, welche wir brechen, theilen das gleiche Schickſal. 126 So uͤberzeugen wir uns, wenn der Leichtſinn nicht jeden ernſten Gedanken unterdruͤckt, durch Bei⸗ ſpiele aller Art von der Unbeſtaͤndigkeit und Fluͤchtig⸗ keit des Irdiſchen immer mehr und mehr. Da wird die Sehnſucht nach bleibendem Beſitz wach: und ſie ſchweift hinaus uͤber die Hoͤhen der Zeit, wo der Tod als Graͤnzwaͤchter ſteht, ob ſie dort vielleicht etwas von Beſtand finden moͤge. Und es kann nicht fehlen, daß ſie, wenn die Religion ihre Begleiterin iſt, mancherlei wahrnimmt, das die Gewißheit eines unendlichen Da⸗ ſeyns in ſich traͤgt. Dann kehrt ſie zuruͤck auf die verlaſſene Erde, und pflanzt die Blumen, dort gebro⸗ chen, in ihren Boden, ſie treulich pflegend Tag und Nacht. Oftmals wagt ſie den Flug auf's Neue, und nie kömmt ſie ohne Gewinnſt zuruͤck. Aber die Blumen von dort wollen hier nicht recht gedeihen. Sie wenden ihre Haͤupter unverwandt nach dem heimiſchen Sonnenlichte. Da koͤmmt endlich in des Menſchen Herz der Wunſch, das Verlangen, ſich da eine Huͤtte zu bauen, wo kein Sturm ſie niederreißt, und keine Klage ſie umtoͤnt; ſondern wo der Geiſt des Frie⸗ dens, ſelige Gefuͤhle wehend, ſeine Wohnung aufſchlaͤgt. Die Huͤtte des Leibes iſt indeſſen auch alt und morſch geworden, und ſo ruͤckt der Augenblick immer 427 naͤher herbei, der die bleibende Staͤtte zeigen ſoll. Nach viel Noth und Truͤbſal iſt er endlich da! Der Graͤnzwaͤchter ſchließt die dunklen Pforten auf, und als⸗ bald ſehen wir ausgebreitet vor uns liegen in wun⸗ derbarer Herrlichkeit das gelobte Land, das Land der Verheißung, und betreten es, bebend vor Freude, und finden, was kein Auge geſehen, kein Ohr gehoͤrt hat, was in keines Menſchen Herz gekommen iſt, eine un⸗ endliche Fuͤlle von Seligkeit uns bereitet. Wenn die Sonne geſunken, das Abendroth vergluͤht iſt, und die Daͤmmerung ihr faltiges Gewand erſt in den Thaͤlern ausbreitet, dann auch die Berge damit bedeckt, bis daß Alles darunter ſich ruhig dem Schlummer uͤberlaͤßt: ſitze ich noch immer und zwar am liebſten unter meinen Linden, und blicke hinaus in die von Mondenlicht wun⸗ derbar beleuchtete Ferne. Alles zeigt ſich anders, als am Tage. Die Maſ⸗ ſen ſcheinen einander nahe geruͤckt, wie die Menſchen am Lebensende auf den Friedenshoͤfen; die Ruhe, welche allenthalben, in Feldern und Waͤldern, in der Luft und auf der Erde herrſcht, ergreift das Herz tief, zumal, wenn es ſelbſt ruhig iſt, und Innenwelt und Außenwelt nun gewiſſermaßen in Harmonie ſtehen. So, und noch tauſendmal wohler und ſuͤßer, mag es dem Frommen nach dem Tode ſeyn! Da iſt auch alles in Eintracht und Harmonie aufgelöst. Der Kampf iſt Sieg geworden, und mit dem Siege, wenn er vollſtaͤndig iſt, kehrt ja der Friede ſtets zuruͤck! —— XV. XV. Wie in den Tagen der Vergangenheit, habe ich auch heute die letzten Stunden des Jahres in dem Kreiſe weniger, aber mir innigbefreundeter Menſchen ſtill und heiter zugebracht. Die rauſchenden Freuden haben mir nimmer genuͤgt: beim Jahreswechſel ſind ſie mir ſogar jedesmal zuwider geweſen und haben mich tief betruͤbt. Und doch wollten es die Verhaͤltniſſe, denen ich mich laͤngere Zeit zu fuͤgen genoͤthigt war, daß ich Antheil nahm an den rauſchenden Feſten, die man zerſtreut dem ſcheidenden Jahre veranſtaltete. Armes Herz, wie beengt wareſt du da! Wie fuͤhlteſt du dich ſo fremd und unheimlich unter der jauchzenden Geſellſchaft, die den Sinn der Zeit ſo gar nicht ver⸗ ſtand, ja nicht einmal ahnete! Wie gluͤcklich biſt du dagegen jetzt mit den ttilt heitern Gemuͤthern geweſen, und wie haſt du dich im Umtauſch der Gefuͤhle und Gedanken ſo hoch erfreuet! Da ſind Freuden und Leiden, wie ſie einem Jeden zu Theil geworden, noch einmal in der Erinnerung Lebensbilder. 9 130 vor uns getreten; aber dieſen, wie jenen, waren die Zuͤge goͤttlicher Liebe und Barmherzigkeit aufgedruͤckt. Und ſo ſoll, ſo muß es ſeyn! Was uns begegnet im wechſelvollen Leben, iſt eine Schickung des Herrn! Der Glaube an einen blinden Zufall konnte ſich wol eines Volkes, dem Gott ſich nur auf natuͤrliche Weiſe offenbarte, bemaͤchtigen; aber in des Chriſten Herz kann er nimmermehr kommen! So lege dich denn, du muͤdes Jahr, lege dich ſchlafen in den Schoos der Ewigkeit! Du haſt Großes gethan, eine Begebenheit draͤngte die andere, truͤbe und blaue Tage waren in deinem Gefolge: aber die Hand des Ewigen war es, die dich ſegnend und ſtra⸗ fend, gewaͤhrend und verſagend, durch die Zeitlichkeit fuͤhrete! Lege dich ſchlafen! Du haſt auch viele zur Ruhe gebracht, das ſpielende Kind und den thaten⸗ durſtigen Juͤngling; den Mann, ehe er ſein Tagewerk noch vollendete, und den Greis, der da flehete: Herr! laß deinen Diener nun in Frieden fahren! die Jung⸗ frau im bluͤhenden Myrthenkranze und die ſorgſam waltende Hausfrau, alle die haſt du zur Ruhe gebracht: lege dich auch ſchlafen! Aber wir, die wir noch wachen, wir haben das Gebot zu beten. Darum erhebe dich, Seele, zu dem 131 Herrn, der deine Zuflucht iſt fuͤr und fuͤr; der, ehe denn die Berge geworden, und die Erde und die V Welt geſchaffen wurden, war von Ewigkeit zu Ewig⸗ keit. Er laͤſſet die Menſchen ſterben, und ſpricht: Kommt wieder, Menſchenkinder! Vor Ihm ſind tau⸗ ſend Jahre, wie der Tag, der geſtern vergangen iſt, und wie eine Nachtwache. Aber unſer Leben waͤhret ſiebenzig Jahr, und wenn es hochkommt, ſo ſind es achtzig, und wenn es köͤſtlich geweſen iſt, ſo iſt es Muͤhe und Arbeit geweſen: denn es faͤhret ſchnell da⸗ hin, als floͤgen wir davon. Lehre uns, o Herr, be⸗ denken, daß wir ſterben muͤſſen, auf daß wir klug werden. Fulle uns fruͤhe mit deiner Gnade: ſo wol⸗ len wir ruͤhmen und froͤhlich ſeyn unſer lebelang. Und der Herr, unſer Gott, ſey uns freundlich, und fördere das Werk unſerer Haͤnde bei uns, ja das Werk unſerer Haͤnde wolle Er foͤrdern! XVI. Derjenige iſt in der That nicht gluͤcklich zu prei⸗ ſen, der in beſtaͤndiger Zerſtreuung lebt, ſey es nun, daß uberhaͤufte Geſchaͤfte ihn dazu noͤthigen, oder daß er es aus freiem Antriebe thut. Gluͤcklicher iſt be⸗ ſtimmt der, welcher, nachdem er des Tages Laſt und Hitze getragen hat, in dem Kreiſe ſeiner Familie, in dem Umgange mit ſtillen, befreundeten Menſchen, oder in der Einſamkeit diejenige Ruhe ſucht und ge⸗ nießt, durch welche das Leben erſt voll und gemuͤth⸗ lich wird. 3 Große Geſellſchaften, wo es des Wechſels viel⸗ der Zerſtreuungen mancherlei giebt, moͤgen zwar fuͤr die Mehrzahl entſchiedenen Reiz haben; aber es fragt ſich immer noch, ob dieſer nicht blos augenblicklich, und alſo fruchtlos geweſen iſt. Wird das innere Le⸗ ben durch den Umgang mit andern nicht gefordert, hat es weder zu geben, noch zu nehmen: ſo muß ſich des Herzens nothwendig ein, zu nichts frommender, vielmehr Gefahr dräͤuender, Leichtſinn bemaͤchtigen, deſ⸗ 133 ſen man, um ruhig und vergnugt in ſich zu bleiben, beſſer entbehrt. Darum weihe ich dir, ſuͤße Einſamkeit, gern die Stunden, wo kein Geſchaͤft mich draͤngt, um den Be⸗ durfniſſen meines Geiſtes nachzuſpuͤren, und ihnen, wo moͤglich, abzuhelfen. Die Erde mit ihren Forde⸗ rungen iſt zuruͤckgetreten, und der Himmel neigt ſich herab mit heiligen Anſpruͤchen. Gern gebe ich ihnen Gehoͤr: denn ſie betreffen ja mein ewiges Heil. Dann laͤßt es ſich ſo ſuͤß und ohne Sorgen ruhen, dann ſchaͤgt man froh am Morgen die Augen wieder auf, und geht mit friſchgeſtaͤrkter Hand an's Werk, wozu uns Pflicht, wozu uns innere Neigung treibt! XVII. Nur der Chriſt kann und darf die Erde lieben: denn er allein ſiehet ſie im Lichte, erkennet ſie als Werk Gottes. Denen, die außer Chriſto ihr Heil ſu⸗ chen, und leider nicht finden, muß ſie allerdings, fruͤher oder ſpaͤter, in truͤber Farbe und trauriger Geſtalt, ohne das Zeugniß eines hoͤhern, ſie belebenden Geiſtes, vor's Auge treten. Was ſie thaten und dach⸗ ten, iſt ja ohne Spur kraftlos zu Grabe gegangen unter den Blumen der Erde, eben weil es kein Leben empfangen hatte von dem Ewigwaltenden, ohne wel⸗ ches nothwendig Alles zerfahren muß. Was der Chriſt dagegen thut, das thut er nicht in ſeinen und der Welt, ſondern in Gottes Namen; nicht ſeinem eigenen Willen, ſondern dem Treiben des goͤttlichen Geiſtes folgt er. Darum iſt ſein Werk auch ein ganz anderes, als das der Kinder der Welt. Es ſtehet feſt und ſicher bei alle den es bedraͤuenden Sturmwettern, und wirft einen herrlichen Glanz auf die Erde, dem Platze, worauf es gedieh, zuruͤck! Es 155 kommt der Vollendung immer naͤher, ungeachtet der mancherlei Unterbrechungen, denen wol auch er nicht gaͤnzlich ausweichen konnte, bis zur Stunde, wo der fleißige Arbeiter abgerufen wird, damit er ſeinen Lohn empfahe. Aber jene haben ihren Lohn dahin! Die Zeit⸗ lichkeit hat ihnen denſelben ausgezahlt in ſchlechter, ſchnell durch die Hand laufender, Muͤnze. und ſie le⸗ gen ſich zu Grabe, und koͤnnen nichts mitnehmen, was ihnen Troſt braͤchte und Freude, und wenn ſie wieder erwachen, ſtehen ſie da mit leeren Haͤnden. O Gott! wirſt du ſie ihnen dann nicht aus uͤber⸗ ſchwaͤnglicher Gnade füͤllen, und ihnen die hölliſche . Angſt und den brennenden Kummer benehmen, daß ſie ſo ganz leer vor dich getreten ſind? XVIII. Je naͤher man dem Ziele kommt, deſto deutlicher ſieht man hinter ſich die vielen Abwege, die man ge⸗ macht hat, die vielen Irrgaͤnge, in welche man gera⸗ then iſt. Ach wie Vieles wuͤnſcht man da anders! Wie gern moͤchte man das Verfehlte aus der Erinne⸗ rung loſchen! Aber die zuruͤckgelegte Bahn iſt zuruͤck⸗ gelegt, einmal und fuͤr immer! Muthig vorwaͤrts und mit mehr Bedacht! Die Reue möge bleiben. So lange ſie im Herzen wohnt, bleibt das Auge of⸗ fen, ſtrauchelt der Fuß nicht. Zwar iſt ſie eine bittre Gefaͤhrtin; aber ſie meint es gut. Je aufrichtiger du ihrer Stimme Gehoͤr giebſt, je wahrer dir ihre Rede duͤnkt, und je ſchmerzlicher du von ihr geruͤhrt wirſt, um ſo eher wird ſie von dir laſſen, und um ſo lieber dir den Frieden geben, der dich einer, himmliſches Sonnenlicht ſaugenden, Blume aͤhnlich macht. Dein Wandel wird dann ſtill und kaum bemerkbar ſeyn⸗ ja Vielen wird es ſcheinen, als kaͤmeſt du nicht von der Stelle. Sie werden aber ihres Irrthums gewahr 1357 werden, wenn du am Ziele ſtehſt und laͤchelnd dein Haupt niederlegſt, um nach einer kurzen Ruhe voll lichter Traͤume, mit Palmen geſchmuͤckt, froͤhlich zu erwachen— und ſie werden weiter nichts ſagen koͤn⸗ nen und wollen, als: ruhe und traͤume nur recht ſanft und ſuß, du liebe, muͤde, ſtille Seele! XIX. In der menſchlichen Seele liegen, wie in Saiten⸗ inſtrumenten, mancherlei, oft nur zur Haͤlfte, haͤufig genug gar nicht geahnete Toͤne. Soll ſich daraus eine volle, reine Harmonie entwickeln: ſo muͤſſen die Fin⸗ ger der Liebe die Saiten leiſe beruͤhren. Geſchieht dieß nicht, ſo verlieren ſich ſelbſt die in der Jugend ange⸗ klungenen Grundtoͤne allmaͤhlig, bis das ganze Inſtru⸗ ment ſo in den Grund hinein verdorben iſt, daß nur rauhe, ſich widerſtreitende Toͤne daraus hervorgehen, und es zuletzt mit einer unaufloͤslichen Diſſonanz aus⸗ einander ſpringt. 5X. Glockentoͤne regen in der Menſchenbruſt mancher⸗ lei Gefuͤhle und Empfindungen auf, verſetzen dieſelbe in Stimmungen, die eben ſo ſehr von einander ver⸗ ſchieden ſind, als die mannichfaltigen Zeiten des Jah⸗ res und des Tages. So wirſt du z. B. des Mor⸗ gens, wenn Glocken durch die reine, blaue Luft klin⸗ gen, gewiſſermaßen mit Freudigkeit erfuͤllt, und hin⸗ ausgetrieben aus den engen Mauern der Stadt oder deines Wohnſitzes in die weite Gotteswelt, und dein Geiſt ſchweift umher, bald im Himmel, bald auf den neu belebten Gefilden der Erde. Stehet dagegen die Mittagsſonne uͤber dir, und du vernimmſt ſolche Klaͤnge: ſo ſtreiten ſich zweierlei Gefuͤhle in deinem Herzen. Das Eine raͤth dir an zu bleiben, und zu raſten auf dem duftigen Raſen, der vor dir aufſchwillt; das Andere dagegen treibt dich den friſchgruͤnen, in einiger Entfernung liegenden Waͤldern zu. Aber am Abende, wenn du die Herberge erreicht haſt, oder zu Hauſe ſitzeſt, oder den Segen auf deinen Fluren, in 140 deinem Garten betrachteſt— und du hoͤrſt das Ge⸗ laͤute der Glocken, das den Tag und das Treiben des Tages zur Ruhe bringt: dann mochteſt du wol auch ruhen, und du laͤſſeſt dich nieder, und in dein Herz kommt Wehmuth, und du denkſt an die Vergaͤnglich⸗ keit alles Irdiſchen, und daran: daß auch du einſt ſcheiden ſollſt von der Erde, wie die Sonne jetzt von ihr geſchieden iſt— und du ſieheſt vor dir Daͤmme⸗ rung, vielleicht gar Nacht, und nur einzelne Strahlen der Hoffnung fallen hindurch, wie das Mondlicht vom abendlichen Huͤgel her. Und die Glocken klingen im⸗ mer voller, aus Staͤdten und Doͤrfern ſteigen ihre Toͤne in den rothen Abendhimmel, und die Wehmuth in dir zerſchmilzt in ſuͤße Traͤune und Ahnungen; der Himmel laͤſſet ſich auf die Erde herab, und die Hand der Liebe ſtrecket ſich dir entgegen, und ziehet dich an ihre unendliche Bruſt, indem ſie dir troͤſtlich zuliſpelt: Traure, traure nicht! An meinem Herzen findeſt du Alles, was du verloren haſt: Liebe in reichem Maaße und alle die Seelen, die danieden dir zugethan waren in Treue und Freundſchaft! Und die Glocken klingen noch immer fort; aber es iſt dir, als kaͤmen ihre Klaͤnge aus weiter Ferne her, und als hoͤrteſt du ein ganz anderes Glockenklin⸗ 14 1 gen in helleren, volleren Toͤnen. Und ſo iſt es auch! Die Stadt Jeruſalem, der deine Seele nahe iſt, die neue himmliſche Gottesſtadt ſendet dir ihre Glocken⸗ klänge entgegen, und du ſollſt unter ihnen daſelbſt dei⸗ nen Einzug halten, und wirſt ihn halten dereinſt in nie empfundener Seligkeit! XXI. „Ach! wenn der Menſch ſchon in dem bluͤhenden Fruͤhlinge der Jugend ſo ſchwarzes Gewoͤlk aufſteigen, und uͤber ſein Haupt daherziehen, und ſeine Blumen⸗ ſtuͤcke unter Blitz und Donner von gewaltigen Guͤſſen ſo uͤberſchwemmen und zerreißen ſieht: wie ſoll es dann erſt in der ſchwuͤlen Sommerzeit werden, wo je⸗ der Tag von draͤuenden Gewitterwolken ſchwer umla⸗ gert iſt? Und wie viele Fruͤchte wird der Herbſt dann zu zeitigen uͤbrig haben fuͤr die langen Winterabende des Alters?“ So habe ich oftmals faſt kleinmuͤthig in meiner Jugend zu mir geſprochen; aber, Gott Lob! manche Bluͤthe iſt zur erquickenden Frucht geworden! 145 XXII. Zu jedem guten Menſchen, den ich in meinem Alter kennen lerne, moͤchte ich ſagen: Du Lieber! warum haben wir uns denn nicht ſchon fruͤher gefun⸗ den, um eine groͤßere Strecke Weges miteinander zu gehen, und erſt ſo ſpaͤt, nachdem alle Hoffnungen, bis auf die Eine, große, letzte, unſterbliche untergegangen ſind, und einer dem andern nichts, als die Ruinen derſelben: immer mehr und mehr verfallende Erinne⸗ rungen aufzuweiſen hat— du Lieber! warum haben wir uns denn jetzt erſt gefunden?! XXIII. Es iſt eine ſchoͤne Sitte in der Bruͤdergemeinde, die Todestage befreundeter Menſchen zu feiern. It der Todestag fuͤr ſie nicht daſſelbe geweſen, was ihnen der Geburtstag fruͤher war: der erſte Blick in's Le⸗ ben? und wie wir dieſen ſo gern feſtlich und froͤh⸗ lich mit ihnen begiengen, ob er gleich mehr Leiden und Unruhe, als Freuden und friedliche Tage uͤber ſie gebracht hatte, um wie viel froher und lieber koͤn⸗ nen wir, ungeachtet unſers ſchmerzlichen Verluſtes, jenen erſt feiern, der ſie in das gelobte Land des Friedens und der Freude, wohin ſie uns fruͤher oder ſpaͤter nach ſich ziehen, zu himmliſchem Schauen ge⸗ fuͤhrt hat! XXIVV. Wie immer, ſo iſt auch in unſern Tagen die Reli⸗ gion noch die verkannte Himmelstochter. Der Schleier, der ihr Antlitz leicht umfließt, macht ſie den meiſten ſo fremd und geheimnißvoll, daß ſie ſich ihr nicht naͤ⸗ hern moͤgen, ja ſie ſogar als verlockend und Geiſt ver⸗ wirrend fliehen. Aber, ihr armen Sterblichen! ihr ſelbſt, nicht ſie taͤuſchet euch! Von ihr iſt jeder Trug fern, und die Wahrheit iſt ihre Glorie. Naͤhertet ihr euch ihr nur, ihr wuͤrdet ſie bald lieb gewinnen, denn ſie iſt himmliſchfreundlich und offenbaret denen, die ſich ihr hingeben in Liebe und Treue, ihr ganzes Herz, und ſchlägt den Schleier bald von ihrem Angeſichte, und laͤſſet ſich ihnen ſehen in der hohen Schoͤnheit, die ihr eigen iſt. Lebensbilder. 10 XXV. Es moͤchte einen die Erfahrung wol manchmal traurig machen, daß ſo vieles als unnuͤtz und frucht⸗ los verworfen wird, weil es gerade nicht in den Kram des andern paßt, und, ohne innere Gleichklaͤnge zu er⸗ wecken, fluͤchtig und eindruckslos an ihm voruͤber geht. Aber ſo ſoll es nicht ſeyn! Geduldig muß man den Zeit⸗ punkt erwarten, wo ihm das Licht aufgeht, und die Ver⸗ wandtſchaft von dieſer oder jener Linie aus kund wird. Dann giebt es ein freundliches Haͤndebieten, und ein freudiges Herzausſchuͤtten, und ein herzliches Lobſingen demjenigen, der uͤber die trennende Kluft liebend eine Bruͤcke zog, worauf ſich Beide als Bruͤder erkennen und in die Arme ſinken konnten. 147 XXVI. Es iſt wol auch ein ſchoͤner Anblick, die Erde mit allem, was ſie hat, in Schnee gehuͤllt zu ſehen; ein ſchoͤnerer iſt es, wenn Wald und Flur in friſchem Gruͤn ſteht; aber der ſchoͤnſte iſt und bleibt doch der, Blumen und Bluͤthen aus jungen Halmen und Blaͤttern ſchim⸗ mern und laͤcheln zu ſehen. Da iſt es, als habe die Erde ihr Brautkleid an, und lade Jedermann zur Hochzeit ein. Und wer Augen hat zu ſehen, der folgt ihrem Laͤcheln, und wer Ohren hat zu hoͤren, der lau⸗ ſchet den Toͤnen, die ihm von allen Seiten entgegen quellen, oder flieget dahin in froͤhlichem Tanze. XXVII. Der Menſch moͤchte gern mitziehen mit den ſon⸗ nigen Tagen und dem fliegenden Sommer, und ſich anſiedeln mit den Lerchen in waͤrmerer Gegend; aber der Boden, worauf er ſeine Wohnung einmal aufgeſchlagen, die Kreiſe, in denen ſein Leben ſich einmal herumdreht, und noch hundert andere Beziehungen machen es, daß er, gleich dem Vogel im Kaͤfig, mit einem Herzen voll Sehnſucht ſitzen bleiben muß, und nichts thun kann, als die Fluͤgel regen und den begluͤcktern Wan⸗ derern nachrufen:„Ziehet nur hin in eine mildere Gegend, in die gruͤnen Saaten einer verjuͤngten Welt, und ſinget und regt euch in goldenem Sonnenſchein; meine Wanderzeit wird ja auch kommen und mein Fruͤhling!“ 4 149 XXyII. Blumen⸗, Frucht⸗ und Dornenſtuͤcke wechſeln mit⸗ einander im Garten des Lebens, und die Dornenſtuͤcke ſcheinen haͤufiger vorzukommen, weil auch die Roſen gewoͤhnlich nicht ohne Dornen gefunden und gepfluͤckt werden. Aber es ſcheint nur ſo! Denn woher ſollte der Menſch wol Balſam nehmen fuͤr alle empfangenen Stiche und Wunden? Wie ſollte er Roſen brechen moͤgen, wenn er vor den Dornen ſich immer und im⸗ mer fuͤrchten muͤßte? 1 XXIX. Was iſt es, daß der beſſere Menſch ſich bald hier⸗ hin, bald dorthin ſehnt, und keinen Winkel der Erde finden kann, der all ſeine Wuͤnſche befriedigte? Was zieht uns nach Oſten und nach Weſten, nach Mittag und Mitternacht, auf dem Strome der Toͤne, und in der Stille des Abends? Will der Geiſt aus den Banden des Leibes zu entfeſſelten Bruͤdern? Der Gefangenſchaft Joch iſt hart, und ſuͤß und maͤchtig klingt die Stimme der Freiheit! Daher die Sehn⸗ ſucht unſerer Bruſt, der Drang aus der Fremde in die Heimath! Und haben wir denn hienieden ſchon die bleibende Staͤtte? Oder muͤſſen wir die zukuͤnftige nicht vielmehr erſt ſuchen? XXX. Vollendet ſollte der Menſch ſchon hienieden ſeyn? Da haͤtte ihm ſeine Stunde geſchlagen und er waͤr' eingegangen in's Land der Vollendung. Aber vollen⸗ det ſoll er werden, wie ſein Meiſter. Nur glaube man nicht, daß die Vollendung ſchon geſchehen ſey! Das iſt eitler Selbſtbetrug— und eine Suͤnde wi⸗ der den heiligen Geiſt, deſſen Kraft dann unnuͤtz wuͤrde. Am Kreuze ſprach der Herr: Es iſt vollbracht! in der bittern Stunde des Todes und fruͤher nicht. Will der Diener mehr ſeyn, als ſein Herr? Freilich ſollen wir zunehmen mit jedem Tage und wachſen an allerlei geiſtiger Erkenntniß, und dem Fleiſche immer mehr und mehr abſterben: aber ſind wir deßhalb ſchon vollendet?— Das glaube ich nicht! Denn wo Vollendung iſt, da iſt die Fuͤlle aller Seligkeit. Und wo findet man ſie in der Geſtalt des Fleiſches? Darum laſſet uns nicht waͤhnen, wir haͤtten das Ziel ſchon errungen, ſondern nur die Ueberzeugung feſt halten, daß wir es 152 dereinſt erringen werden unter dem Beiſtande des Gei⸗ ſtes, der von oben kommt, und zu dem Wollen das Vollbringen ſchafft. Und wenn wir die Haͤnde falten zum Letztenmale, wenn das Auge der Erde den letzten Blick zuwirft, und wir verlaſſen, die uns liebten, und wir verlaſſen werden von ihnen auf kurze Zeit: dann moͤge das Herz, bevor es Amen ſagt, die Worte des Heilands: Es iſt vollbracht! froͤhlich ausrufen: denn die Stunde der Erloͤſung iſt da, und die Krone der Ge⸗ rechtigkeit, die der Schlußſtein aller Vollendung iſt, winkt uns aus deſſen Hand entgegen, der dem Tode die Macht nahm, und die Hoͤlle uͤberwand in freudi⸗ gem Siege! XXXI. Was ſuch' ich außer mir, was allein in mir iſt? Wer deſſen Bild, nach dem er gemacht iſt, nicht in ſich kraͤgt, wie ſoll er es in der Außenwelt finden, die nur der inneren Stimme Red' und Antwort giebt, und jedem Laute der Sinne ſtumm bleibt? Der Buchſtabe toͤdtet, aber der Geiſt macht lebendig: denn er bringt Kraft. In ſeinem Lichte werden die Hiero⸗ glyphen der Natur erkennbar, ihre Zeichen verſtaͤnd⸗ lich, ja er iſt der Schluͤſſel zu jeglichem Geheimniſſe: warum bedienſt du dich ſeiner nicht, und wagſt aller⸗ lei Verſuche deines Selbſtduͤnkels? XXXII. Gott hat ſich an keinem Menſchen noch unbe⸗ zeugt gelaſſen; mir hat er ſich nach der heiligen Schrift am ſichtbarlichſten in der Natur offenbart. Die Gaͤnge, die ich Morgens oder Abends im Freien mache, waren ſtets Stunden der Weihe und Andacht fuͤr mich. Durch ſie ward ich allemal zu höherer Erkennt⸗ niß gefoͤrdert, und ſtark gemacht in der Liebe zu Gott und zu allem dem, was uns als ſchoͤn, wahr und gut verkuͤndigt worden iſt durch den Mund der Propheten, und zuletzt durch Jeſum Chriſtum ſelbſt und durch ſeine heiligen Apoſtel. Bei ſolcher Gelegenheit gieng mir oft der Sinn uͤber eine dunkle Schriftſtelle, wie durch hoͤheres Zuthun, ploͤtzlich auf, und es war mir manchmal, wie es vor Zeiten dem heiligen Paulus geweſen ſeyn mag, als ob Schuppen von den Augen fielen, und eine neue, wunderbare Herrlichkeit ſich vor mir ausbreitete. In ſolchen innern Entfaltungen liegt die Gewißheit einer zweiten Welt. Der Schlaf wird verſchwinden, uͤber die Berge heraufleuchten die Sonne eines neuen Fruͤhlings, und es wird alles Traum und Wachen, beides zugleich, ſeyn. — XXXIII. Wo bin ich? Fuͤhrt der Weg nach Abend oder Morgen? Sonne und Mond ſtehen am Himmel; Beide leuchten: aber welches der Geſtirne iſt im Auf⸗ gange, und welches neigt ſich zu Ende? Da ſinket der Mond uͤber den Bergen der Vergangenheit, wie eine welke Lilie, hinab, und die Sonne ſteigt gluͤhend her⸗ auf uͤber den Hoͤhen der Zukunft. Muthig vorwaͤrts! Licht erfuͤlet den Weg zum Ziele! Hin und wieder bieten dem Auge ſich gruͤne Ruheplaͤtze dar. Nur nicht zu lange geſaͤumt, ſondern den Blick immer vor⸗ waͤrts nach den Pforten des Aufgangs gerichtet. Und ſcheinet die Sonne zu ſinken— ſie ſinket nicht! Swig feſt ſteht ſie auf ihrem Platze; nur die Scholle unter deinen Fuͤßen bewygt ſich und will dich taͤuſchen. Laß es Abend werden, und die Schauer der Nacht wehen: was gehet es dich an? Der Schlaf nimmt dich kurze Zeit in den Arm; aber er hat nicht ewige Gewalt an dir. Wie der Morgen uͤber den Bergen brennt, thun die Augen ſich von neuem auf, und der 156 4 kurzen Nacht ſolgt ein langer, ewiger Morgen mit Juniusfreuden: denn die Sonne ſtehet noch immer feſt, wo ſie geſtanden, und nur die Scholle unter dir hat ſich bewegt und dich von ſich geworfen! XXXIVV. Ich habe auch geſchlafen eine lange Zeit, aber ich bin wach worden. Der Waͤchter ſtieß in's Horn; da floh der Schlaf, die Morgentraͤume ſchwanden, die Finſterniß ward Licht, der Tag mit ſeiner Sonne ſtand vor mir.. und ich ſprach: Die Nacht hat mich kalt ge⸗ macht, ich zittere vor Froſt, willſt du, o Sonne, mich nicht erwaͤrmen mit deinem Lichte? Da giengen Strahlen uͤber mich aus in tauſendfachen Brechungen, und ich ſah, wie alles um mich her ſo wuͤſt und leer war. Waſſer bedeckte alles: denn das feſte Land war noch nicht hervor getreten. Aber der Geiſt Got⸗ tes ſchwebete darauf, wie bei der Schoͤpfung. Da ſprach ich in den Tiefen meiner Seele das ſtille Gebet: Ewiger Vater! ſprich, daß feſtes Land werde, damit ich nicht verſinke!— Und ſiehe da! mein Wunſch blieb nicht unerhoͤrt! Es bildete ſich eine feſte Maſſe um mich herum, und das Gewaͤſſer verſchwand. Aber in mir fing eine Quelle zu ſpru⸗ deln an, die lebendiges Waſſer hatte, und ſich ausdeh⸗ nete, bis ſie ein weiter, großer Strom ward, und mit ihren Wellen an den Himmel ſchlug. Die beweget der Geiſt des Herrn taͤglich, und das inwendige Leben waͤchſt immer reicher auf: denn es hat Saft, und breitet ſich mit aus vielfachen Halmen, bis daß es weiß geworden ſeyn wird zur Aerndte. Schicke den Schnitter dann, du ewige Liebe, dem die Aehre ſich entgegen neigt, und laß ſie wuchern in deinem Reiche tauſendfaͤltig.. 159 XXXV. Jeder Menſch hat ſeine Lehrjahre zu beſtehen; aber Viele bringen es nimmermehr zu einem gewiſſen Grade von Meiſterſchaft. Das Leben vergehet ſchnell; aber Vielen kommt ſeine Bedeutung nie in den Sinn, oder zu ſpaͤt, wenn es bereits zu Ende geht. Da ſuchen ſie wol einzu⸗ bringen das Verlorene; aber die Vergangenheit laͤßt ſich nicht zuruͤck rufen! Selig, wem in ſeinen jungen Tagen ein treuer Leiter gegeben ward, und wer ihn in der Hitze ſeiner Jugend nicht leidenſchaftlich von ſich ſtieß. Zu oft iſt er dann gaͤnzlich ausgeblieben, und hat den Armen mit verbundenem Geſicht irr gehen laſſen, bis daß der Tod ihm die Binde von den Augen nahm. Was dann geſchehen? Ich will es nicht ſa⸗ gen. Die heilige Schrift hat es vor Jahrhunder⸗ ten ſchon geſagt und ſagt es noch taͤglich: Gehet hin und leſet! 160 Und eben ſie iſt es, die allen, die ſie lie⸗ ben und ſich richten nach ihren Geboten, den Weg des Lebens zeigt, und den Geiſt, ob auch wun⸗ derbar, doch treu und ſicher, in ſeine rechte Hei⸗ math fuͤhrt. 161 XXXVI. Meine Wege ſind nicht eure Wege, ſpricht der Herr faſt taͤglich zu uns Menſchenkindern, und dennoch nehmen wir Anſtand, unſre eitlen Plaͤne und Anſchlaͤge aufzugeben, uns den wunderbaren Fuͤh⸗ rungen Gottes ganz zu uͤberlaſſen. Trauer und Be⸗ truͤbniß bemaͤchtigen ſich unſer, wenn die oder jene ſuͤß gehegte Hoffnung vereitelt, unſer Wille gebrochen, oder dem Seinigen untergeordnet wird. Aber wozu kann das fuͤhren? Wiſſen wir denn bei unſerer Kurzſichtigkeit, was uns nuͤtzt und frommt, was zu unſerm Heil, zu unſerm Frieden dient? Darum vertraue ein Jeder dem Herrn! Er wird's wohl machen. Er nimmt all' unſere Sorgen auf ſich, wenn wir nur kind⸗ lich genug ſind, ſie auf ihn zu werfen. Aber da fehlt's! VWir meinen alles mit unſerer Kraft durchſetzen, alles nach unſerer Weisheit lenken und leiten zu koͤnnen, und das iſt dem Herrn, deſſen Augen ſolches ſehen, ein Graͤuel und Aergerniß. Darum kommt er in ſeiner Macht, wenn wir einen Nath beſchloſſen haben, und Lebensbilder. 1 1 162 1 4 ſpricht: Es werde nichts daraus. Dann ſtehen wir da, und wiſſen weder Weg noch Steg, und tap⸗ pen im Finſtern umher, und werden immer irrer— und kaͤmen nimmermehr wieder auf den rechten Weg, wenn der Herr nicht gnaͤdig und barmherzig genug waͤre, und ſein Licht uͤber uns und in uns aufge⸗ hen ließe. 1 Dann ſind uns die Augen plͤtzlich geoͤffnet, und wir ſehen ein, daß ſeine Wege nicht unſere Wege ſind, und ſein Rathſchluß, ſo wunderbar er auch immer ſcheinen moͤge, dennoch alles zu ſeiner und zu unſerer Ehre in ihm hinauszufuͤhren wiſſe. XXXVII. ͤ Die Gedanken Gottes ſind Ewigkeit. Aber das Kind der Zeit, der Menſch, mißt nach Augenblicken, und denkt in der Stunde, die uͤber ſeinem Haupte zerrinnt. Und ein Jahr ſcheinet ihm lang, wie ſchnell 6 es auch verfließe: denn ſein Stundenglas haͤlt wenig Sand. Ehe er ſich es verſieht, iſt es ausgelaufen, und ſein Leben ſtehet am Ende. Wonach wird er nun zͤhlen? Frage die Ewigkeit, die Zeit loͤst keine Frage, die außer ihr liegt, in befriedigender Ant⸗ wort auf. b XXXVIII. Es giebt Augenblicke im Leben, wo alles Truͤbe und Schmerzliche ſich herbeidraͤngt und zuſammenhaͤuft, um das Maaß der Leiden voll zu machen. Die lieb⸗ ſten Wünſche, die wir hegten, ſcheinen ſich vereiteln, und die holdeſten Hoffnungen im Erbluͤhen ſchon zu Grunde gehen zu wollen. Und es wird und iſt ei⸗ nem, als waͤren die Gefuͤhle, in den Grundwurzeln angegriffen, dem Verdorren nahe. Farblos und ohne Reiz liegt die Erde, liegt das ganze Leben da, und nur die Seußzer, welche ſich aus dem geaͤngſtigten Bu⸗ ſen zahllos hervordraͤngen, unterbrechen das druͤckende Schweigen! 165 XXXIX. Der Waͤchter ruft, ſein Horn erklingt, die Mit⸗ ternacht iſt da, und die Menſchen liegen im Schlafe. Hort ihr vielleicht den Waͤchter aus der Stadt Gottes, da der irdiſche euer Ohr nicht mehr erreicht? Ich hoͤre ſeine Stimme von droben herunter klingen und hoͤre die Stimme des Waͤchters unſerer Stadt. Aber welcher von Beiden mag mehr taube Ohren finden? Einſt wann der himmliſche die Poſaune des Gerichts in ſeine Hand nimmt und hineinſtoͤßt, da wird alles aufwachen nach kurzem Schlafe, der mit Zittern, jener voll Freude. Herr! ſchaffe, daß ich alsdann nicht ſchlafe, es ſey denn den letzten Schlummer, ſondern daß ich wache und bete. Und wenn der Tod mich ein⸗ geſungen haͤtte, ſo ſey mein Erwachen ſuͤß, und das Auge, in welches ich ſchaue, ein Auge der Liebe und der Gnade, deſſen der arme Menſch ſo ſehr bedarf! XL. O ihr lieblichen Bi der der Jugend, wie tretet ihr heute noch ſo friſch aus eurer Daͤmmerung hervor an meine Seele. Ihr fuͤllet das Herz, wie alles Ent⸗ fernte, mit ſuͤßer Ruͤhrung, und loͤſet es auf in milde Poeſie. Euer ſtilles Reich blieb verſchont vor dem gewaltigen Einbruche der Wirklichkeit, und traͤgt im⸗ mer noch treu die alten, lieben Geſtalten und die läͤ⸗ chelnden Freuden und Wuͤnſche in ſeinem Gebiete. Wie feſt und friſch iſt Alles geblieben; aber wie ver⸗ aͤndert hat ſich der Menſch! Anſtatt, wie damals, vorwaͤrts zu ſtreben, und ſeine Hoffnungen in ferne Zeiten zu ſetzen, moͤchte das Herz jetzt zuruͤck in die magiſche Daͤmmerung, um die ſchoͤnen Traͤume und Hoffnungen in der Erinnerung noch einmal zu traͤu⸗ men, zu hoffen, und dann aus dem Todtenmeer an die Bruſt der unendlichen Liebe auftauchen und beſe⸗ ligt daran ausruhen in langen Evigkeiten. Die letzten Tage eines Liebenden. 1 Bonn 1813. Lieb' iſt ſolch ein geſährlich Gift, Wenn ſie recht in das Herze trifft, Daß ſie brennt durch Mark und Vein⸗ Wie der Donner durch Stahl und Stein, Bis ſie erlange, was ſie erwählt, Oder ſich ſelbſt zu Tode quaͤlt. Wilhelms Braut war geſtorben. Er hatte ſie eben ſo innig geliebt, als ſie ihn. Sie waren, wie es rechte Brautleute jeder Zeit ſeyn ſollen, ein Herz und eine Seele geweſen. Da kam der Tod, und druͤckte auf ihre warmen, lebensrothen Lippen den kalten Kuß. Sie gieng zu den Seligen, denen man ſie wol ſchon hie⸗ nieden in ihrer Seelenreinheit beizaͤhlen durfte. Als ſie verſchied, hatte Wilhelm ihre Hand in der ſeini⸗ gen. Sie konnte nichts ſagen, als:„Lebe und liebe!“ Wilhelms Schmerz war groß, als die Augen, die ihn immer ſo hold und mildſelig angelaͤchelt, ſich ſchloſ⸗ ſen; aber keine Thraͤne kam in ſein Auge. Er behielt ihre Hand in ſeiner, bis man ſie zu Grabe trug. Da gieng er hinter dem Sarge her, ohne zu weinen; aber voll unſaͤglichen Schmerzes. Und wie ſie nun, die theure Braut, wie ſie nun eingeſenkt ward in die oͤde Gruft: da haͤtte er vergehen moͤgen vor Wehe und Herzeleid. Und wie die erſten Erdſchollen dumpf⸗ rollend auf den Sarg fielen, ſo eilte er von dannen, 170 wie ein Wahnſinniger, und verſchloß ſich mehrere Tage lang in einſamer Kaͤmmer, als wolle er dem Leben, da es ſein Liebſtes verſchmaͤht, gaͤnzlich entſagen. Oft ſprach er mit ſich ſelbſt; aber weinen konnte er noch nicht. Und auch ſeine Geſpraͤche waren nur abgeriſſene Worte und Wehklagen.„O närum mußteſt du mir das thun!“ hoͤrte man ihn oft ſagen,„ich war ſo ſelig, hatte Frieden, und nun iſt ſolche Unruhe uͤber mich gekommen!“ So trieb er es mehrere Tage und Wochen. Seine Geſtalt verfiel ganz: denn der Schmerz zehrt mehr, wenn er ſtill und in ſich verſchloſſen bleibt, als wenn er ſich aͤußert und befreundeten Gemuͤthern kund giebt. Die Freunde ermahnten ihn zwar ſehr, ſein zu ſchonen; allein ihre Worte waren in den Wind ge⸗ redet, und er hat ſicherlich auch, blos mit der Seligen beſchaͤftiget, nicht viel davon vernommen. Eines Morgens weinte er ſehr, und man hoffte, der Schmerz wuͤrde ſich nun gebrochen haben, und die Ruhe auf's neue in ſein Herz zuruͤckkehren. Er ließ bald darauf mehrere Freunde vor ſich kommen, und dieſe bemerkten eine unbeſchreibliche Verklaͤrung auf . 171 ſeinem Antlitz. Er lächelte durch Thraͤnen und wen⸗ dete ſeine Blicke oft nach dem Himmel mit einer Hei⸗ terkeit, die ſagen zu wollen ſchien: Gott Lob! nun bin ich bald droben bei Ihr! In ſeinen Geſpraͤchen lag eine tiefe Feierlichkeit. Am meiſten unterhielt er ſich von der Verſtorbenen und der Heiligkeit, in wel⸗ cher ſie durch das Leben gegangen, und wie ſie nun von dem Vater eine ſo ſchoͤne und herrliche Krone empfangen haben moͤge. Dabei vergoß er viele Thraͤ⸗ nen. Bei dem Abſchiede von den Freunden ſagte er: „Wir ſind alle ſelig in Liebe, und ich liege der Unendlichen bald im Schooße!“ Den Nachmittag verbrachte Wilhelm wieder in der Einſamkeit. Er ſchrieb mehreres, unter andern folgendes, nieder: „Die Sehnſucht nach Liebe iſt eine Flamme des Herrn. Sie brennt, bis man das theure Bild der Treue gefunden hat, bald ſchwaͤcher, bald ſtaͤrker; aber alsdann wird ſie gewaltig und ſetzet alles in heiligen Brand. Gluͤcklich, wer ſeine Braut immer in den Armen behaͤlt, und mit ihr an einem Tage die Welt verlaͤßt! Reißet 172 ſie aber der Tod feindſelig daraus und laͤſſet den armen Braͤutigam einſam zuruͤck: da nimmt ſie eine kuͤhne Richtung nach dem Himmel, wohin die geliebte Seele gezogen iſt, und verſengt alles, was der Erde angehoͤrt, ſo daß es unſcheinbar wird. Das iſt nun mit mir der Fall geweſen. Ich ſehe nichts, als Aſche und Todtenſtaub um mich und an mir. Die Staͤtte, wo ſonſt die Freude ſaß und Kraͤnze wand, iſt ausgebrannt, und ſtatt der Blumen liegen Kohlen daſelbſt. Was ſoll ich laͤnger hier? Soll ich weinend an dem Grabe ſitzen, wo, außer den modernden Ge⸗ beinen, doch nichts von Ihr iſt? Oben bei Gott iſt Ihr Geiſt, und blicket von den Hoͤhen herun⸗ ter zu mir, der ich noch im Staube wandle, mit einem Auge voll Verlangen. Ich komme bald! Deine Sehnſucht ſoll geſtillt werden, die meine ſoll es! Du haſt mich ja ſchon vorbereitet auf die Dinge, ſo da kommen ſollen, in den ſtil⸗ len, ſuͤßen Stunden, da du bei mir wareſt in deiner Verklaͤrung.“ einem andern Blatte ſtand geſchrieben: „Wir haben uns beide ſo treu, innig und unendlich geliebt, daß ja eins ohne das andre, Au — 175 weder im Himmel, noch auf Erden gluͤcklich ſeyn kann! Lebten wir nicht in völliger Gemeinſchaſt, das eine in der Liebe des andern? Und nun ſollte ſie aufgehoben ſeyn? Nur die Erinnerung und Hoffnung Erſatz dafuͤr bieten? Nein! das duͤrfen ſie nicht, ob ſie es auch koͤnnten! Und ſtiegeſt du alle Naͤchte von dem Himmel herab, und ſetzteſt dich an mein Lager und wehteſt mir Traͤume der Liebe zu: ſo wuͤrde doch meine Seele nicht eher Frieden haben, als bis ich dich immer um mich ſaͤhe! So reiche mir denn deine treue, liebe Hand aus den Abendwolken, die da⸗ her kommen, und ziehe mich hinauf zu dir in das Reich der Liebe. Ach, hieunten iſt es ſo kalt Abge noch tern. und einſam, und der Nebel liegt ſchwer auf den Blumen und druͤckt ſie zu Boden. Droben bei dir iſt Sonnenſchein! Ziehe mich hinauf, du Theure!“ 1 3 riſſene Gedanken, Gleichniſſe und Bilder ſtanden auf verſchiedenen, zerſtreut umher liegenden, Blaͤt⸗ Wir theilen nur die Worte des einen mit: „Nun iſt es mir zur Gewißheit geworden: aus dem Abende daͤmmert der Morgen!— Wenn der junge Tag neues Licht über die Erde 174 gießt, ſind mir die Schwingen zum Fluge nach dem Himmel gewachſen!— Die Sonne wird aufgehen; aber meine Augen ſind gebrochen. Der Geiſt feiert den Sonnenaufgang im Thale der Liebe.— Freunde, ich ſcheide! Sparet die Thraͤnen und freuet euch mit mir der Stunde des Wiederſehens.— Ich werde ſelig ſeyn: denn ich bin es ſchon in dieſem Augenblicke.“ ————— Als es Abend geworden war, machte er ſich auf⸗ und gieng in den Thalgrund, der in der Naͤhe ſeiner Wohnung ſich eroͤfnet. Dort ſteht unter hohen Eichen eine Bank. Nach Abend zu breitet eine fruchtbare, mit Hainen durchzogene Ebene ſich aus. Gegen Mit⸗ tag und Mitternacht ſtreifen zwei Bergaͤſte. Nach 2 Morgen hin ragt ein romantiſches Gebirge. An dem Fuße deſſelben bricht ſich ein voller Strom und gehet ſodann durch eine reiche Landſchaft. Hier hatte Wil⸗ helm ſchon als Kind mit ſeinen und den Aeltern ſei⸗ ner Braut oftmals geſeſſen. Hieher giengen die bei⸗ den Liebenden, als ſie einander verlobt waren, an man⸗ chem heiteren Fruͤhlingsabende und uͤberließen ſich da 5 175 den Gefuͤhlen ihres Herzens, oder pflogen ſuͤßer Ge⸗ ſpraͤche. „Hier auf dem Denkſteine ſeiner gluͤcklichſten Zei⸗ ten ließ Wilhelm ſich jetzt nieder, an der Eiche alten Stamm gelehnt, wehmuthig vor ſich zu Boden, oder nach dem fernen Gebirge blickend. Manches Bild der Erinnerung trat vor ſeine Seele, und er laͤchelte und weinte, beides durcheinander. In den Gebuſchen eines benachbarten Quells klagten Nachtigallen einander ihre Liebesleiden, oder ſangen ſie ſo elegiſch von den hoͤch⸗ ſten Freuden des Lebens, weil ſie eben ſo ſchoͤn, als vergaͤnglich ſind? Die Daͤmmerung legte ſich immer dichter und dichter in das Thal, und huͤllte ſelbſt die Berghoͤhen in ihren ſchlummerbringenden Schleier. und wie es umher allmaͤhlig immer ſtiller ge⸗ worden war: ſo hatte ſich auch in Wilhelms Seele ein ſuͤßer Frieden geſenkt, der den Streit der verſchie⸗ denartigſten Gefuhle ſchlichtete und voͤllig aufhob. Aber was konnte ſein Herz anders fuͤllen, als Liebe? Sie war ja der Grundton ſeines Gemuͤthes von Jugend auf geweſen, und ſeit er in dem Herzen ſeiner Noſa lebte, hatte ſie alle Kraͤfte in Eine aufgeloͤst und durch ſich verklaͤrt. Wie ein lebendiger Quell, woran Tau⸗ ſende von Blumen wachſen, ergoß ſie ſich in ihm, und 176 ſtroͤmte dann erfriſchend in das weite Land. Aber jetzt that ſie es nicht mehr. In ſich verſchloſſen, rich⸗ tete ſich ihr Lauf einzig nach dem Himmel: denn dort fand ſie ein Meer, worein ſie ſich gern ergoß. So blieben die Blumen der Erde ungetraͤnkt und verdorre⸗ ten bald; ſchoͤnere zeigten ſich indeſſen bei ihrem hoͤhern Ausfluſſe und ſpiegelten ſich mild in ihrer klaren Fluth. „ Da koͤmmt Sie daher in rothlichweißem Ge⸗ wande!“ rief er frohbewegt; aber es waren die Strah⸗ len des eben aufgehenden Mondes, die ſich in dem Thau⸗ und Blumenduſtgewoͤlle, das uͤber dem Thale ſchwebte, ſo wunderbar brachen. Beide Arme ausge⸗ breitet, ſtand er da, als harre er des Augenblickes, wo ſie ihm an's Herz floͤge zu inniger Umarmung. Doch unbeweglich feſt blieb das Gewoͤlk ſtehen, und bald nachher, erkannte er ſeinen Irrthum, oder meinte er, ſie koͤnne und duͤrſe ſich dem Sterblichen nicht naͤhern, bald nachher ließ er ſeine Haͤnde langſam nie⸗ derſinken, faltete ſie, wie zum Gebet, und nahm ſei⸗ nen alten Sitz wehmuͤthig wieder ein. In der heimlichen Stunde der Mitternacht, wo die Geiſter unſichtbar umherſchleichen, und ſelbſt die Nachtigallen, ihre Naͤhe witternd, aus Furcht keinen Laut von ſich geben, kam ein ſanfter Schlummer uͤber ihn, 177 ihn, aus dei er erſt mit der anbrechenden Dämme: rung erwachte. „Du ſollſt getroͤſtet werden, du Weinender! Lis⸗ pelte ſie mir das nicht in's Ohr?“ ſagte er bei dem Erwachen leiſe vor ſich hin.„Ja! das hat ſie troͤ⸗ ſtend zu mir geſprochen! Und was über die Lippen der Liebe geht, und die Stimme des eigenen Herzens bekraͤftiget, iſt immerdar wahrhaftig und gewiß. Ich fuͤhle es, das Leben neigt ſich zu Ende: denn die in⸗ nere Flamme hat alles zu Aſche gebrannt, und muß ja nun, da ſie keinen Heerd mehr hat, eine andre Staͤtte ſuchen, wo ſie lodern kann. Die iſt droben im Himmel mir bereitet von treuen Haͤnden.“ Schon zogen die Morgenwolken ſich, bluͤhenden Roſenguirlanden aͤhnlich, leuchtend am Horizonte hin⸗ da flog eine hohe Roͤthe, die letzte laͤchelnde Hora des Lebens, oder vielmehr die erſte, die ewige des Himmels, uͤber ſein bleiches Geſicht, und er ſchauerte zuſammen vor Freude, und, unverwandt nach Oſten blickend, lispelte er ſanft, wie ein Seliger:„Sie kommt!“ und nach einer kleinen Weile noch ſanf⸗ ter:„Sie iſt da!“ Hernach ſank er, gleich ei⸗ nem, der ſich, entzuͤckt von ſchoͤnen Traͤumen, laͤchelnd im Bett aufrichtete und laͤchelnd wieder niederlegt, Lebensbilder. 12 178 mit verſchloſſenen Augen an den Eichenſtamm zuruͤck. Als der Himmel uͤber und uͤber mit Morgenroth be⸗ deckt war, ſchlug er die Augen noch einmal langſam auf, und dann ſchloſſen ſie ſich fuͤr immer. Die Haͤnde fromm gefaltet, eine ſelige Verklaͤ⸗ rung im Geſichte, fanden ihn die Freunde kurz nach Sonnenaufgang— und als ſie ihn ſo ſahen, ſagte der eine, der ihn am meiſten geliebt hatte, zu den an⸗ dern:„Wir ſind alle ſelig in Liebe, und er liegt der Unendlichen nun im Schooße!“ Mannheim 1321. 4 — — — ‿ — —η — — — — — — Iſi Liebe Traum? Iſt Liebe Wachen? Vereint ſich Beides in ihr mild? Sie iſt aus Traͤumen, Seufzern, Lachen Ein wunderſames Himmelsbild! 3 An einem ſchoͤnen Maimorgen ritt Wallau, Forſtmeiſter zu H... im Weſterwalde, aus, um noch ſelbigen Abend in einer Stadt am Rheine, wo er am andern Tage mit einem der ſchoͤnſten Maͤdchen vermaͤhlt werden ſollte, fruͤhe genug einzutreffen. Der Weg, ſteinig und gefahrvoll, wie er im Weſterwalde iſt, er⸗ laubte ihm nicht, ſein Pferd beſonders anzuſtrengen; auch hatte er, einzig mit der gluͤcklichen Zukunft be⸗ ſchaͤftigt, anfangs wenig Acht auf den Lauf des Thie⸗ res. So kam es, daß bis Mittag kaum die Haͤlfte des Weges zuruͤckgelegt war. Der Himmel, fruͤher klar und heiter, wie er nur immer im Mai ſeyn mag, hatte ſich waͤhrend der Zeit mit den ſchwaͤrzeſten Ge⸗ witterwolken drohend belegt, und Wallau war froh, bei dem eben ausbrechenden Wétter ein Gaſthaus ge⸗ funden zu haben, wo er ſich und ſeinem Noſſe einige Erholung goͤnnen konnte.. Das Gewitter, eines der erſten im Jahre, wuü⸗ thete uͤber die Maaßen ſtark. Glaubte man einmal, es wuͤrde ſich nun theilen und verziehen, ſo brach es 3 bald mit neuem Ungeſtuͤm, furchtbarer als zuvor, los, Eine Stunde nach der andern vergieng; Sturm und Regen, Blitz und Donner tobten fort; kein Streif⸗ chen Blau zeigte ſich, weder fern, noch nah am Him⸗ mel. Wallau's Lage war uͤber alle Beſchreibung pein⸗ lich. Die Wirthsleute, alte Bekannte, troͤſteten ihn, wie ſie wußten und konnten: allein der Himmel ſchien es darauf angelegt zu haben, unſerm Freunde den ſe⸗ ligſten der Genuͤſſe, das Wiederſehen der geliebten Braut, um einen Tag hinauszuſchieben. Endlich, da aller Anſchein, daß das Wetter eine guͤnſtigere Wendung nehmen werde verſchwand, befahl Wallau, ſein Pferd zu ſatteln. Man bat ihn, einen Ent⸗ ſchluß, deſſen Ausfuͤhrung bei der Schluͤpfrigkeit des Weges, dem Austreten der Bergwaſſer und den an⸗ haltend fortdauernden Regenguͤſſen mit ſo mannichfal⸗ tigen Gefahren verbunden ſey, aufzugeben: allein es fruchtete nichts; er ritt fort. Nach Kurzem war er uͤber und uͤber durchnaͤßt; das Pferd ſtolperte unzaͤhlige Male⸗ bis es zuletzt mit ihm zuſammenſtuͤrzte. Roß und Reiter blieben zwar unbeſchaͤdigt; doch bemaͤchtigte ſich unſers Freundes eine Aengſtlichkeit, die er fruͤher nicht an ſich gekannt hatte. Das ſtuͤrmiſche Wetter waͤhrte fort. Statt ſich zu 183 vermindern, ſchien es mit jedem Angenblicke heftiger zu werden. So brach der Abend ein. Er kam an die Ufer der Lahn. Dieſe war von den ihr zuſtuͤrzen⸗ den Bergwaſſern ſo ſtark angeſchwollen, daß er nicht hinuͤber zu kommen wußte. Sie brauste ſchrecklich. Das Brechen der Wogen an den Felsſtuͤcken klang, wie furchtbares Todesgeheul der Niren. Endlich meinte er, durch die Daͤmmerung hin, am jenſeitigen Ufer eine Faͤhre zu entdecken. Er rief zu wiederholten Malen aus allen Leibeskraͤften, daß er hinuͤber wolle. Und ſiehe da! die Faͤhre ward vom ufer losge⸗ bunden, bewegte ſich, und kam immer naͤher und naͤ⸗ her. Als Wallau die Geſtalt des Faͤhrmanns erblickte, machte ſie einen ganz eigenen, man darf wol ſagen, grauſigen Eindruck auf ihn, ob er gleich wegen der Daͤmmerung die einzelnen Zuͤge derſelben nicht recht erkennen und unterſcheiden konnte. Wohin ſo ſpaͤt und bei ſo furchtbarem Wetter? frug der Faͤhrmann mit einem Tone, der halb wie Gelaͤchter, halb wie gellendes Pfeifen klang. Zur Hoch⸗ zeit! antwortete Wallau, beſchaͤftigt, ſein Pferd in die Fähre zu bringen. Dieſes gelang ihm nur mit großer Muͤhe, denn ſo ſanft und geduldig das Thier ſonſt war, ſo wild ſcheute und baͤumte es jetzt, als verſpuͤr' 184 A es etwas Unheimliches in der Naͤhe. Die Faͤhre ward von den Wogen beſtaͤndig hin und her getrieben; der Faͤhrmann ſprach kein Wort, ſondern arbeitete raſtlos der Flut entgegen. Nur dann und wann pfiff er ein paar ſchneidende Toͤne. Als ſie ohngefaͤhr in der Mitte des Fluſſes waren, fuhr ein Blitz in tauſend⸗ fachen Zuckungen durch die Luft, mit grellem, ſchwe⸗ felgelbem Lichte die ganze Gegend uͤberſtreifend. War es dem Forſtmeiſter vorher unheimlich geweſen, ſo ward es ihm jetzt noch weit grauſiger und furchtbarer. Denke man ſich einmal den Faͤhrmann, wie Wallau ihn ſah, einen Greis mit langem weißen, fliegenden Haar, zahnlos, mit ſpoͤttiſch verzogener Lippe, mit Augen, die bald funkelten, bald im Todeskampfe bre⸗ chen zu wollen ſchienen, lang, aber uͤber die Maaßen hager, im aſchfarbenen Ueberrock, auf dem Wirbel des Kopfes ein ſchwarzes, mit blutrothen Federn be⸗ ſetztes, Kaͤppchen, das der Wind jeden Augenblick her⸗ abzureißen drohte— denke man ſich den Alten ein⸗ mal ſo, und man wird es gewiß nicht auffallend fin⸗ den, daß unſer Freund bald an den Charon, bald an den Chriſtopherus denken mußte. 3 Endlich war das jenſeitige Ufer gluͤcklich erreicht. Wallau ſchwang ſich auf ſein Roß, dem Faͤhrmann 185 ein Stuͤck Geld darreichend. Dieſer wies es aber mit den Worten: Nach der Hochzeit! zuruͤck. Da ſchmet⸗ terte, waͤhrend der ganze Himmel eine Glut war, ein heftiger Donnerſchlag den Faͤhrmann mitſammt ſeiner Faͤhre, vor des Forſtmeiſters Augen, in den Abgrund hinab, und die Fluten tobten, furchtbar brauſend, darüber hin. Geblendet von der ſchrecklichen Glut der Blitze, betaͤubt von dem gewaltigen Donnerſchlage, der die Fähre in den ſchaͤumenden Abgrund ſchleuderte, noch immer das wunderliche Bild des Faͤhrmanns vor Au⸗ gen, waͤhrte es eine ziemliche Weile, ehe Wallau ſei⸗ nen Weg fortzuſetzen im Stande war. Es kam ihm vor, als hoͤre er gellendes Pfeifen aus der Flut, als ſtrecke der Alte ſein Geſicht verzerrt daraus empor, als ſchreite er winkend auf ihn los. Endlich gieng's vorwaͤrts. Die Waldbaͤume, zwi⸗ ſchen denen er hinritt, ſtreiften ihn oft mit ihren Zweigen; die Eulen heulten fuͤrchterlich; aufgeſchreckte Raubvoͤgel ſchwirrten ſchaurig um ihn her. Der Re⸗ gen hatte jedoch etwas nachgelaſſen; die Blitze wurden ſeltner; der Donner verhallte dumpfdroͤhnend in der Ferne. Unſer Freund fuͤhlte ſich innerlich vielfach be⸗ 186 klommen und beaͤngſtigt. War ihm nicht ſchon ſo viel Schauerliches entgegen getreten? Und wie ferne lag die Heimath der Liebe noch! Er ſuchte ſich zwar durch Gedanken an das Wiederſehen der Geliebten, durch Bilder ſeines kuͤnftigen Gluͤcks zu zerſtreuen und aufzuheitern; aber es gelang ihm nicht. Er ahnete noch groͤßeres Mißgeſchick; und beſchuͤtzen ihn die gu⸗ ten Geiſter des Himmels nicht: ſo gehet ſein bluͤhen⸗ des Leben noch heut zu Grunde! Denn vom Wege abgekommen, reitet er eben einen Berg hinan, an deſſen Ende ſich ein ungeheurer Abgrund gaͤhnend auf⸗ thut. Daß doch ein Blitzſtrahl warnend durch die Luft fuͤhre! Nur wenige Schritte noch, ſo iſt der Arme ein ſicheres Opfer des Todes. Da zuckt es leuchtend auf, und Wallau— den bodenloſen Abgrund gewahrend, ſein Roß mit gewandter Jugendkraft kühn ſeitwaͤrts reißend— Wallau iſt— gerettet! Jetzt ſehen wir unſern vielfach befaͤhrdeten Freund von ſeinem Roſſe abſteigen, und ſich durch das Ge⸗ buſch einen Weg nach der Straße bahnen. Der Him⸗ mel ſcheint ihm wieder gnaͤdig werden zu wollen. Die Wolken theilen ſich allmaͤhlig; ſchon blinken einzelne 187 Sterne; bald zeigt der Vollmond ſich mit erwuͤnſchtem Lichte und endlich auch die kaum ſo nahe geglaubte Straße. Sie fuͤhrt ihn eine Anhöhe hinauf. Als Wallau den letzten Punkt erreicht hat, ſieht er im ſchoͤnſten Glanze des Mondlichts die Wogen des Rhein⸗ ſtroms in der Ferne ſchimmern. Welch eine Schau für ſeine liebedurſtige Seele! Raſch ſchwingt er ſich auf’s Roß, um der harrenden Braut die Sorge um ihn deſto eher zu benehmen, um ſie, die Heißerſehnte, noch heute warm und auf ewig in ſeine Arme, an ſein Herz zu ſchließen. Heute?!— und ſchon roͤnt von dem Kirchthurme eines benachbarten Dorfs ihm die Geiſterſtunde, ſeine Hoffnung mit Einem Male vernichtend, in's Ohr!— Und da ſich ihm bereits ein Unfall nach dem andern in den Weg warf, duͤrfen wir wol mit beſorgter Theilnahme fragen: Wird ihm kein neuer, ein vielleicht noch ſchrecklicherer, zuſtoßen?— So fraͤgt ſich der Forſtmeiſter jetzt ſelbſt.„Des Men⸗ ſchen Schickſal liegt in Gottes Hand!“ iſt ſeine Ant⸗ wort; und wer von uns ſollte wol in aͤhnlicher Lage eine beſſere in Bereitſchaft haben? Von Zeit zu Zeit ſieht er durch Thalſchluchten den Rhein, dem er immer naͤher kommt. Sein Herz iſt abwechſelnd ruhig und unruhig. Bald umſchweben „ 188 ſeinen Geiſt die Schreckniſſe des Tages, bald thut die Zukunft mit ihren Noſenlauben und Blumenſtuͤcken lachend vor ihm ſich auf. Er malt ſich zuletzt nur heitere Bilder, denkt an den nahen Empfang im Hauſe der Geliebten, und die ſchaurige Mitternacht verwandelt ſich ihm in den lieblichſten Maimorgen. Da ſtuͤrmt es durch's Gebuͤſch raſchelnd auf ihn los; bald erblickt er mehrere Geſtalten, die, vermummt, auf ihn zuſchreiten; raſch will er fortſprengen; aber das Pferd ſteht wie bezaubert; er greift nach den Piſtolen; vom Regen durchnaͤßt, verſagen ſie. Ehe er den Degen aus der Scheide bringt, iſt er ergriffen, vom Pferde herabgeriſſen, und wird nun, vor Schrecken ſprachlos, in den Wald geſchleppt. Seine Lage laßt mich nicht ſchildern; ſie graͤnzte an Verzweiflung. Tief unter der Erde, in einer Felſenhoͤhle, ge⸗ feſſelt, erblicken wir ihn wieder. Mehr als tauſend Lich⸗ ter flackern an den von Waſſertropfen glitzernd benetzten Felswaͤnden; inmitten der Hoͤhle flammt ein gewalti⸗ ger Kronleuchter, und unter ihm ragt furchtbar em⸗ por ein ſchwarzbehangenes Geruſt, an deſſen Fuße zwei Saͤrge ſtehen, der eine offen, der andere zugedeckt. Die Vermummten laufen geſchaͤftig durcheinander. Was ſie zuſammen reden, verſteht Wallau nicht. Ihr ofteres Hindeuten und Horchen an der großen, mit Eiſen ſchwer beſchlagenen Thuͤr, ſcheint ihm jedoch zu ſagen, daß Jemand erwartet werde. Wie durch geheimen Zauber thun ſich die Fluͤ⸗ gel derſelben nach Kurzem blitzſchnell auf, und herein tritt, geharniſcht und wunderbar angethan, eine Ge⸗ ſtalt, in der er, als ſie ſich enthuͤllt, den furchtbaren Raubſchuͤtzen ſeiner Gemarkung erkennt, deſſen er nie habhaft werden konnte, dem er oft Verderben und Untergang ſchwur, wenn er ihn in ſeine Gewalt be⸗ käme— und nun iſt Wallau in der ſeinigen. „So hab' ich dich endlich, Verfolger!“ rief jener, auf ihn zuſtuͤrzend, mit gluͤhender Wuth.„Meine Rache ſoll furchtbar ſeyn, furchtbarer, als dein 8 ſes Drohen!“ Der Forſtmeiſter konnte nicht antworten und wollte es nicht: denn ſein Herz warf ihm kein Un⸗ recht gegen den Frevler vor; er hatte nur gethan, was ihm Pflicht war. Da ward unſer ungluͤcklicher Freund von einem der Vermummten, der ein blankes Richtſchwerdt her⸗ vorzog, beim Arme ergriffen und zu den Saͤrgen hinge⸗ fuͤhrt. Man oͤffnete den, der zugedeckt war, und darin lag, einen blutigen Dolch in der ſchoͤnen Bruſt, die Braut des Erſtarrenden und ohnmaͤchtig zu Boden Sinkenden, blaß wie eine Lllie. Aus der Betaͤubung empor geruͤttelt, verſuchte man den Zerſchlagenen das Geruͤſt hinauf zu fuͤhren; aber umſonſt. Er wollte am Sarge der Geliebten ein Leben, das ihm haͤrter, als der Tod, war, verlieren, und ſchien, ſeinen Vorſatz auszufuͤhren, Rieſenkraͤfte bekommen zu haben. Da zuckte der Vermummte das vereinigende Schwerdt— und— Laſſet mich einen Schleier uͤber die ſchauervolle Scene werfen. Daß ſich dieß, ohne der Wahrheit Abbruch zu thun, bewerkſtelligen laͤßt, werdet Ihr ſo⸗ gleich hoͤren. Von den weichſten Armen umſchlungen, von den friſcheſten, fuͤßeſten Lippen gekuͤßt, in die klarſten, ſe⸗ ligſten Augen ſchauend— erwachte unſer Freund aus dem ſchrecklichen— Traume. Er war den Abend vor dem Hochzeittage gluͤcklich am Rhein angekommen; hatte im Kreiſe der Familie, an ſeiner Geliebten Seite, bei munterm Becherklang, froͤhlich bis tief in die Nacht geſeſſen. Der furchtbare Traum war nichts anders, als das Produkt ſeines vielfach eraltirten Geiſtes⸗ 19¹ . Die Sonne des Hochzeittages ſtand ſchon lange am Himmel; der Braͤutigam kam noch immer nicht aus ſeinem Gemache. Da machte die beſorgte Braut ſich mit ihrer Mutter auf, ihn zu wecken. Große Tropfen Schweißes ſtanden auf ſeiner Stirn; er ſchien in furchtbarer Angſt und Unruhe zu ſeyn. Daß ihn ein ſchwerer Traum beunruhige, meinten Beide— und ſo kuͤßte und laͤchelte ihn die holdſelige Braut ſchnell hinweg. Welch ein Erwachen fuͤr Wallau! Beſchreiben laͤßt es ſich nicht: gefuͤhlvolle Seelen nur vermoͤgen es nachzuempfinden. Aber wuͤnſchen moͤchten wir, daß jeder ſchwere Traum ein ſo froͤhliches Ende naͤhme! Und wem ein Tag, ein Monat, ein Jahr, ja das ganze Leben ein aͤngſtigender Traum iſt, oder zu ſeyn ſcheint, den wecke der Kuß der Liebe zu einer ſeligen Wirklichkeit! Bilder der Liebe. —— Koͤlln am Rhein 1817. Lebensbilder. 13 Liebe iſt ſtark, wie der Tod; und Eifer iſt ſeſt, wie die Hoͤlle. Ihre Glut iſt feurig und eine Flamme des Herrn, daß auch viele Waſſer nicht moͤgen die Liebe ausloͤſchen, noch die Stroͤme ſie erſaͤu⸗ fen. Wenn einer alles Gut in ſeinem Hauſe um die Liebe geben wollte, ſo gaͤlte es alles nichts. Salomo im hohen Liede. ———ꝛ——— An Maria. Dieſe Bilder konnen und wollen Niemanden anders angehoͤren, als Dir, theuerſte Maria, denn Du haſt die meiſten davon in's Daſeyn gerufen; ſie ſind mein ei⸗ genthümlichſtes Leben. In fruhern Jahren ſchon, ehe ich Dich noch geſehen hatte mit den Augen meines Leibes, wie Du biſt und jetzt vor mir ſteheſt, ſchon damals ſchwebte, ob auch in ungewiſſen Zuͤgen nur, Dein Bildniß meiner Seele beſeligend vor, und lud ſie oft zu ſuͤßen Traͤumereien und allerlei anmuthigen Spielen ein. Daher gehoret Dir auch jene Zeit der Sehnſucht, wo die Arme verlangend ſich nach Dir aus⸗ ſtreckten, mit allem, was ſie hervorgebracht in geiſtiger Beziehung, vor jedem andern an. Nimm deßhalb dieſe anſpruchloſe Gabe mit eben der Liebe an, als ich ſie Dir bringe. Freilich iſt ſie— ich weiß es— gering und ohne ſonderliche Bedeutung; aber ein Gemuͤth, wie das Deinige, erfreuet ſich auch 196 des Veilchens, wenn es ihm nur von treuer Hand gebrochen ward. Und Treue iſt das Grundweſen mei⸗ ner Natur, Liebe der beſeelende Hauch, und Du giebſt Hoffnung und Sonnenlicht zum freudigen Wachsthum jeder Kraft! So wolle denn der Himmel, deſſen ſegnende Hand ſeither uͤber unſerer Liebe gewaltet und manche duftende Roſe hineingewunden hat, auch fuͤrder ſegnend daruͤber ruhen; ſo wollen wir, wie jetzt, durch gegenſeitiges Nehmen und Geben eins das Weſen des andern zu ergaͤnzen, zu erfriſchen und zu vervollkommnen ſuchen; ſo wollen wir die Erde zum Himmel, die fluͤchtige Zeit zu beſtaͤndiger Ewigkeit machen— und was wir fruͤher verloren, entbehrten, eins ohne das andere nicht fin⸗ den, nicht genießen konnten, das alles wollen wir auf's neue entſtehen, und zu unſerer Luſt an's froͤhliche Licht des Tages treten laſſen, ohne Trauer um das Vergangene, ohne Sorge fuͤr das, was ſeyn wird, blos ſelig vor dem Herrn und in Liebe der Gegenwart lebend. Koͤlln, am Nikolaiabend 1817. . 8 4 —— 197 Dem Leſer. Dieſe Bilder, die nichts Gemachtes, ſondern freie Ausſtroͤmungen eines von Liebe bewegten Gemuͤthes ſind, wuͤnſchen auch in dieſer mannichfach veraͤn⸗ derten Ausſtellung die Theilnahme und Liebe zu fin⸗ den, deren ſie ſich bei den fruͤhern auf eine kaum er⸗ wartete Art zu erfreuen hatten. Das Gemaͤlde, dem ſie entnommen ſind, iſt zwar von der unſichtbaren Hand, die alles fuͤgt und ordnet im Menſchenleben, den Hauptzuͤgen nach angelegt; aber hin und wieder zeigen ſich noch Luͤcken, deren Ausfuͤllung einer ſpaͤteren Zeit aufbehalten iſt. Und ſo nehmet ſie denn, fragmentariſch, wie ſie eben ſind, abermals hin, Ihr ſchoͤnen Seelen, die Ihr Euch gern an dem inwendigen Fruͤhlinge der Liebe ergoͤtzen moͤget, in der angenehmen Zeit des Jahres, wo jedes Lied zum Hochzeitsliede wird, und die Na⸗ tur, Blumen vor der Bruſt und Bluͤthen im Haar, 198 mit dem gruͤnen Gewande der Hoffnung angethan, ihr ſchoͤnſtes Feſt, den Brauttag der Liebe feiert; nehmet ſie hin mit eben ſo herzlicher Liebe, als ſie Euch geboten werden, und findet, wenn es ſeyn kann, indem Ihr ſie betrachtet, einen Genuß, dem aͤhnlich, welcher dem Geber derſelben ward, als die Wirklich⸗ keit ſie ihm zufuͤhrte, dann als er ſie ſeſthielt zu Zei⸗ chen der Erinnerung, und als er ihm ſtets wird, ſo oft er ihrer gedenkt in der Stille ſeines Gemuͤthes. Liebe mit uns Allen! Liebe hier, Liebe dort! 1. Von dem Himmel, von der Erde Nimmt der Dichter, was er will, In ſein Weſen treu und ſtill, Und dann ſpricht er laut: Es werde! Sieh! da treten tauſend Bilder Lebensvoll in's Leben ein; Dieſes feurig, jenes milder, Jegliches im Heil'genſchein. Aber vor den Bildern allen Pranget Eins in Herrlichkeit: Einen Engel in der Zeit, Läßt er ſeine Liebe wallen! II. Mancherlei Geſtalten kommen uns, Blumen und Kraͤnze bietend, auf dem Wege durch's Leben entge⸗ gen; aber nur Zweie ſind es, welche den Menſchen beſonders ſegnen und begluͤcken, welche ihm Vorgenuͤſſe des Himmels zu koſten geben: Freundſchaft und Liebe. Jene begegnet uns fruͤhe, und hilft die Raͤthſel, welche die Zeit ernſt vorlegt, weislich loͤſen und glatt machen, was eckig war, und arbeitſam ebnen das Un⸗ ebne; ſie zeigt die Wunden, die wir uns auf dornen⸗ reichem, felſigen Pfade ſchlugen; aber ihre Hand laͤßt heilendes Oel hineinfließen,„ ihr Mund beſpricht die Schmerzen. Dieſe uͤberſchuͤttet mit unvergaͤnglichen Bluͤthen die irdiſche Laufbahn, und fuͤhret uns zum Urauell alles Wahren, Schoͤnen und Guten, von dem ſie ausgieng, zu Gott, und heiligt uns und was wir be⸗ ginnen im fluůchtigen Leben, und begeiſtert fuͤr Zeit und Ewigkeit. Und wir ſaͤen und pflanzen in Glau⸗ ben und froͤhlicher Hoffuung, dereinſt ſegensvoll zu aͤrndten die Fruͤchte unſerer Saaten. 201 III. Liebe iſt die Poeſie des Lebens: denn wo ſie ein Gemuͤth mit ihrem Weſen ſo recht tief und innig er⸗ fuͤllt hat, da ſprießen Bluͤthen aus Blüͤthen hervor, da woͤlbt der Himmel ſich blau und durchſichtig über einer neuen, verjuͤngten Erde. Aber ſie iſt nicht von dieſer Welt, ſondern der Abglanz eines ewigen Fruͤh⸗ lings, der ſich in dieſer Zeitlichkeit offenbaren will. Daßer darf der Dichter mit vollem Rechte ſingen: Von Ewigkeit zu Ewigkeit MNuß treue Liebe waͤhren! Sie will in Bluͤthen dieſer Zeit Sich ja nicht irdiſch naͤhren. Ihr Trank iſt Himmelsſeligkeit, Die Speiſ' ein heilig Sehnen: Soll ſie ſich uͤber Raum und Zeit Drum nicht erhaben wähnen? IV. 9 Liebe! wann naheſt du dich mit deinen Won⸗ nen mir? Siehe! das Herz zittert dir ſchon lang entgegen, und ſehnet ſich nach dir in ſeiner Einſam⸗ 202 keit. Oft meine ich dich daher ſchweben zu ſehen in deiner himmliſchen Geſtalt, und breite die Arme dir froh entgegen, und will dich umfaſſen und an mich ziehen— ach! und umſonſt! und ſo verſtreicht ein Tag nach dem andern ohne Gewaͤhrung; aber die Sehnſucht bleibt, und die Hoffnung begruͤßt mich mit jedem werdenden Tage. V. Freilich ruͤckt der Fruͤhling immer naͤher herbei; alle Vorboten ſeiner baldigen Ankunft ſind da; nach wenigen Wochen wird er vor unſerer Thuͤr ſtehen: aber was frommen mir die blauen, ſonnigen Tage, die ſingenden Voͤgel, das friſche Gruͤn; was frommt mir all dieſe Wonne, all dieſes Leben, wenn dem Her⸗ zen ſein Fruͤhling, die Liebe, fehlt? VI. Was iſt ſchoͤner und ruͤhrender anzuſehen, als wenn ſich ein Paar liebende Herzen, von des Fruh⸗ lings Pracht und Schoͤnheit uͤberwaͤltiget, unter dem 2⁰5 blauen Himmel ihre Liebe geſtehen? Die Blaͤtter im Walde rauſchen dazu, wie unſichtbarer Geiſter Harfen⸗ toͤne; und die Blumen um ſie herum duften, wie Weihrauch an heiligen Staͤtten; und die Voͤgel in der Luft ſingen Brautlieder; und die Strahlen der Sonne ſpielen mild um ihre Geſichter, wie das Laͤcheln des Ewigen. VI I. Wenn der Morgenſtern aufgehet, iſt der Tag nahe; Schneegloͤckchen verküͤndigen des Fruͤhlings bal⸗ dige Ankunſt: aber Sehnſucht und Ahnung ſind die Vorboten der werdenden Liebe. VIII. Wenn die unbekannte Geliebte das Herz ſchon mit ſolcher Sehnſucht erfuͤllt, und der Gedanke an ſie demſelben ſo uͤberſchwaͤngliche Wonne gewaͤhrt: ſo laͤßt ſich ja das Entzucken gar nicht mit Worten ſchildern, das in die Seele deſſen kommt, der ſie endlich gefunden hat, und nun im Schmucke jungfraͤulicher Unſchuld vor ſich ſtehen ſieht! O dann fehlen, wie in allen hö⸗ 1 204 hern Lebensſtunden der Lippe die Worte, und muͤſſen ihr fehlen— und ein leiſer Haͤndedruck und ein ſeli⸗ ges Laͤcheln ſind der einzige Ausdruck des vollen, Liebe labegtoß hchana 2 INX. Liebe! ſchmilz das Wintereis meines Herzens vollends hinweg mit deinem milden Laͤcheln, und hoͤre nicht auf, mir Fruͤhlingslieder zu ſingen: denn um das aufgeregte, ſo mannichfach bewegte, in allen Pul⸗ ſen fieberhaft ſich herumtreibende Blut in Ruhe zu bringen, bedarf es deines ſuͤßen, ſuͤßen Wiegengeſangs! X. Du waͤrſt zum Himmel zuruͤckgekehrt, goldene Zeit? Nein! in dir lebt jede Seele, die ſich der Liebe erſchließt, heilige Stunden und Tage. Dann feiert die Unſchuld ihr ſchoͤnſtes Feſt, und die Engel Gottes freuen ſich deſſen, und pflanzen Himmelsblumen auf die Erde, daß ſie ſich wieder zum Paradieſe verſchoͤnt. zuſammen ugrſ da muͤſſen ſie alsbald ihre Ver⸗ wandtſchaft erkennen, und ihre Herzen frei und zwang⸗ los vor einander ausſchuͤtten in verſchmelzender Har⸗ monie. Minuten ſchlingen ſich dann an Minuten, eine Stunde nach der andern verſtreicht, vhne daß man es bemerkt. Wie ſollte die Liebe auch ihr Leben nach den durftigen Abſchnitten der Zeit meſſen, da ſie, über dieſelben erhoben, ihren Grund und ihre Dauer in der Ewigkeit hat? Wie ſollte nicht die aͤußere Welt, entweder ganz vor ihr verſchwinden, oder, durch ſie verklaͤrt, eine höhere Bedeutung, einen himmliſchen Sinn gewinnen? XII. Was ſind alle Freuden des Lebens und alle Ge⸗ nuͤſſe, welche die Natur uns bietet, wenn wir der Seele, die ſich miterfreuet, und des Auges, das un⸗ ſer Entzuͤcken theilt, ermangeln? Ach! dann fuͤhlen wir uns mitten in der Freude ſo arm, ſo beduͤrftig, 20⁰6 irren wir, von Sehnſucht getrieben, raſtlos umher, bis ſich die Liebe naht, und den Springbrunnen der Freude uns oͤffnet. Siehe, da guellen volle Wogen, und wir ſchoͤpfen mit froͤhlichem Sinn, und gewahren entzuͤckt, wie ewige Geſtirne ſich im Grunde ſpiegeln. ar: XIII. Das weibliche Gemuͤth iſt mit zarten Saiten beſpannt, und es liegt eine Fuͤlle himmliſcher Toͤne darin verborgen; aber ſie erklingen nur, von der Liebe beruͤhrt, in voller Harmonie, und geben auf jede Frage, die der Geliebte thut, ergaͤnzende Antwort, und daͤmpfen ſeine Leiden, und wiederholen die Freu⸗ den, die ihm werden, in den mannichfaltigſten und ſchoͤnſten Weiſen. 3 XIV. Wie ich Dich ſah, du Holde, gehörte mein Herz Dir, da gab es weder Ueberlegung, noch allmaͤhliches Werden— und ſo gilt die alte Sage von der aus Meeresſchaum geborenen Liebe noch bis auf den heu⸗ tigen Tag. XV.. Wie im Maͤrz das erſte Veilchen, ſo ſuͤß hat Deine Geſtalt mich angeſprochen, und als Du die Lippen oͤffneteſt zum Geſange, ward es mir, wie es mir iſt, wenn nach den truͤben Tagen des Winters die erſte Lerche ſich endlich hoͤren laͤßt. So gleicheſt Du aͤußerlich dem holden Veilchen, und Deine Seele ſchwebt auf den Fluͤgeln des Geſanges der Früählan verkuͤndenden Lerche gleich. XVI. Siehſt Du, Maria, wie die Roſen ſich ſchon al⸗ lenthalben entblaͤttern? Roſenzeit— ſchoͤne Zeit— kurze Zeit! Iſt alles Schoͤne von ſo kurzer Dauer und ſo leicht verwelklich? Wohl! Was aus der Erde Saft und Schoͤnheit zieht, das theilt der Erde Loos, das iſt vergaͤnglich! Doch Unvergaͤngliches? Es kommt von oben, woher alles Gute und Vollkom⸗ mene kommt. Das laß uns halten! Und die Roſen auf dem Gefilde, und die holderen auf der Wange, ſie moͤgen verbluͤhen— inwendig ſtrahlt die Roſen⸗ ewigkeit! — 2⁰8 XVII. Wol ſind die Ahnungen der Liebe ſuͤß und er⸗ Juicklich fuͤr das Herz; aber, wenn ſie, die Himmliſche, endlich bei uns eingezogen iſt mit all ihrer Herrlich⸗ keit, und wir ſie, ihrer gewiß, nun ſo farbig gruͤnen und blühen ſeh'n: dann bekennen wir gern und mit froͤhlichem Herzen, daß die fruͤhere Zeit ſich zu der gegenwaͤrtigen wie ein milder Sonnenſtrahl im Win⸗ ter zu der Wonne und dem Genuſſe des vollen Fruͤh⸗ lings verhaͤlt. XVIII. Ich ſehe hin, ich ſehe her, Und weiß nicht, was ich ſehe! Das Herz iſt mir ſo voll, ſo ſchwer Vor Wonne, wie vor Wehe. Es draͤngt mich in mich ſelbſt zurück⸗ Es zieht mich fort in's Weit- Und liegt doch ein ſo eignes Gluͤck In dieſem Widerſtreite! Aht 2⁰9 IX. Die Deviſen in den Bonbons geben mannichfa⸗ chen Anlaß zu Ergoͤtlichkeiten. So fand die Geliebte neulich eine, die lautete:„Mit der ſuͤßen Hoffnung falſchem Schimmer taͤuſcht ſich nur zu oft, wer zaͤrt⸗ lich liebt,“ und es wurde dadurch nicht nur ein ver⸗ 1 traulicheres Geſpraͤch eingeleitet, ſondern auch zu glei⸗ cher Zeit die Gelegenheit dargeboten, den Spruch ſchriftlich zu widerlegen. Dieß geſchah, und nicht ohne Erfolg. Und ſo giebt auch hier, wie im ganzen menſch⸗ lichen Leben eine Kleinigkeit oft den erſten Anlaß, un⸗ ſere Wuͤnſche der Gewaͤhrung, unſere Hoffnungen der Erfuͤllung naͤher zu bringen. O wie wohl thun die Stunden der Mittheilung dem Herzen!, Welch ein erfriſchender Lebensreiz liegt in ihnen! Wenn Seele zu Seele redet, offen und natuͤrlich, frei und ohne jene kleinliche Ruͤcſicht des zu viel, oder zu wenig; wenn das Nehmen und Ge⸗ ben gegenſeitig iſt, und der vorhandene Reichthum ſich durch neue Erwerbungen taͤglich vermehrt: o dann Lebensbilder. 14 210 fuͤhlt man ſich gluͤcklich geſichert vor den Bedraͤngniſſen der Außenwelt, dann ſteigt das Leben im Preiſe, und ſelbſt der einzelne Augenblick iſt von Gewicht. XXI. Wo die Geliebte iſt, da wird einem alles lieb! Woran man ſonſt wenig Luſt und Gefallen fand, das bekommt durch ſie einen eigenen Reiz, das ſieht man jetzt von einer Seite, die einem vorher unbekannt ge⸗ blieben war. So mochte ich ehedem wol gern Paar an Paar im Tanze an mir voruͤber fliegen ſeh'n: aber mich ſelbſt unter die leicht bewegliche Schaar zu miſchen: dafuͤr hatte ich keinen Sinn, keine Neigung. Und jetzt? O wie gluͤcklich fuͤhle und preiſe ich mich, mit Ihr den Saal zu durchfliegen! Sie in meinen Armen, ich in den Ihrigen, welche Wonne! Gewiß hat Liebe den Tanz erfunden— und eigentlich ſollten auch Liebende nur tanzen. 211 XXII. Roſen, Myrthen und Lorbeer— das wa⸗ ren die Blumen Ihres Kranzes, und den empfing ich aus Ihrer Hand, als der froͤhliche Tag zu Ende war. Sollte hierin nicht das Zeichen einer guten Bedeutung liegen? Roſen und Myrthen ſind die Blumen der Liebe, und der Lorbeer ſoll am fernen Ziele die Schlaͤfe des Dichters ſchmuͤcken. O gewiß, wenn Liebe ihn begleitet, iſt ihm kein Ziel zu fern, kein Kranz zu hoch: denn Muth, Kraft und Ausdauer koͤnnen ja dann niemals fehlen. XXIII. Jedes, auch ein unbedeutendes, Lied, von gelieb⸗ ten Lippen geſungen, ergoͤtzt, laͤſſet Toͤne in dem Ge⸗ muͤthe zuruͤck, die in der Zeit der Trennung, als ſchoͤne Erinnerungen, uns hold umſpielen und in aller⸗ lei anmuthige Traͤume wiegen. So gehoͤrt Koͤrner's Lied„Von den drei Sternen“ und die Melodie darauf keineswegs zu den vortrefflichen, und doch ſpricht es mich, ſeit die Geliebte es ſang, mehr, als manches anerkannte Meiſterſtuͤck, an. ———— 212 XXIV. Auch durch die Ferne werden verſchwiſterte Ge⸗ muͤther nicht getrennt! Ihre Gemeinſchaft beſtehet fort, treu und ununterbrochen. Geſluͤgelte Boten tra⸗ gen die Gruͤße des Einen dann dem Andern zu, und ſchlingen das Band der Freundſchaft feſter, und win⸗ den friſchere Blumen, Roſen und Lilien in den Kranz der Liebe, bis daß die Stunde kommt, wo der Raum ſein Recht und die Trennung ihre Macht verliert. 8 XXV. Wenn Freund und Freundinnen ſich Abends zu⸗ ſammen bei Mondenſchein ergehen, und die Her⸗ zen ſich noch tauſenderlei ſagen moͤchten vor der Stunde der Trennung, und alles um ſie herum ſo heimlich und ſtill iſt, und ein Woͤlkchen friedſam neben dem andern geht, bis ſie, vom Hauche der Nachtluft weit auseinander getrieben, ſich nicht mehr ſehen koͤnnen, ſo daß es ſcheint, als wollten ſie ſagen mit ihrem bilderreichen Spiele:„Sehet⸗ das iſt das Leben der Menſchen und ihr Schickſal! So ſeyd auch ihr eine Zeit lang nebeneinander und 213 miteinander gegangen und habt euch gefreut, geliebt und geachtet; aber nun werdet ihr auseinander getrie⸗ ben, und ſehet euch ſelten, ja vielleicht nie wieder in eurem Leben, und koͤnnet euch nur eins nach dem an⸗ dern ſehnen, und die Haͤnde verlangend nacheinander ausſtrecken, und euch 8 Stunden erinnern, die ſo ſüß waren, und ſie zuruͤck wuͤnſchen in die verwandelte Gegenwart“— o Gott! warum muß gerade da, in ſo heiligen Augenblicken, ein Weſen feindſelig dazwi⸗ ſchen kommen, das nichts verſteht von ſo innigen Ge⸗ fuͤhlen, und kalt nebenher geht mit leichtem Witz, alſo, daß die Herzen, verſchloſſen, ſich nicht begegnen und voreinander noch einmal ausſchuͤtten duͤrfen mit all ihrer Achtung, Freundſchaft und Liebe: o Gott! warum muß das gerade da geſchehen? XXVI. Nun bin ich ganz allein! Nur die Erinnerung ſtehet noch troͤſtend bei mir, und die Hoffnung ſteigt leuchtend herauf aus dunkler, ferner Zukunft. Bleibet bei mir, ihr Freundlichen, und nehmet mich in eure Arme wech ſelsweis, damit ich nicht vergehe vor Sehnſucht und 214 Liebe. Aber ſeyd— ich bitte— o ſeyd auch mit denen, die in treuer Freundſchaft einander ſchweſterlich zugethan ſind, auf daß wir alleſammt gedenken der ſchoͤnen Vergangenheit, und eine noch ſchoͤnere Zukunft traͤumen! XXVII. Nacht, tiefe Nacht iſt es um mich, und kein Stern ſteht am weiten Himmel, und kein lichtes Wölkchen kommt vom Morgen her!— Nacht, tiefe Nacht iſt es in mir, und die Wehmuth hat ſchwarze Wolken uͤber meine Seele gelegt, und die Hoffnung ſteht verhuͤllt, wie draußen die Sonne unter der Erde, und die Erinnerung mag ihre Mondſtrahlen nicht mehr hin⸗ durch werfen, alſo, daß es ganz finſter, oͤde und einſam iſt! Wird kein Morgen aufbrechen aus der Nacht mit einer leuchtenden Aurora? Vertraue dem Vater der Liebe, mein Herz, der Sonne, Mond und Sterne zu ſeiner Zeit durch Wolken funkeln heißt, und den truͤben Horizont klar macht, und mit ſchoͤnem Blau auslegt: Er wird auch dir geben Hoffnung und Erinnerung, und deiner Sehnſucht nach Liebe 215 Gewaͤhrung finden laſſen zu ſeiner Zeit— du kannſt es nicht— harre des Morgens! XXVIII. Warum ſcheideſt Du doch mitten in der Nacht, unter Sturm und Regen; ohne Mond und Sternenlicht? Haͤtteſt du nicht weilen koͤnnen, bis Aurora aus den Wolken brach, und die Sonne die Thraͤnen des Ab⸗ ſchiedes von Deinen Wimpern küßte? Aber auch die Nacht ſieht Deine Thraͤnen— und der Herr, der ſeine Engel ausſendet mit Thautropfen, laͤſſet ſie ſam⸗ meln, und, als ſchoͤne Morgengabe, in die Blumen⸗ auen des Paradieſes tragen. XXIX. Haſt Du auch mir eine Thraͤne geweint?— O moͤgeſt Du es nicht gethan haben! Denn ich mag Dich nur laͤcheln und froͤhlich ſehen; und wenn je eine Thraͤne in Dein Auge kommen ſollte: ſo ſey es eine Thraͤne der Freude. 216 Siehe, Maria! die Wolken verfliegen, und ein blauer, ſchoͤner Tag bricht uͤber Deiner Reiſe auf, und die Strahlen der Sonne umfangen Dich warm, und linde Luͤfte heben Dein ſeidenes Haar ſpielend. Moͤge Dein ganzes Leben ſo ſeyn, und nie ein anhaltender Regentag darin, und immer Sonnenſchein und ſanfte Kühlung dazwiſchen! XXXI. Fuͤhret das Leben Dich, wie Dein Weg, gleich immer vorwaͤrts, und nimmt das Auge ſchon allerlei Gegen⸗ ſtaͤnde wahr: ſo haftet das Herz doch, bleibend, nur an wenigen; aber dieſe haͤlt es feſt, und denket und ſeh⸗ net ſich manchmal zuruͤck nach ihnen. XXXII. Da iſt ſie fortgezogen, die Theure, ohne daß ich ihr habe ſagen koͤnnen, wie ſehr ich ſie liebe. Engel Gottes! begleitet ſie auf allen ihren Wegen, und 2 217 ſtreuet ſtets Roſen ohne Dornen aus, wo ſie wandelt, und woͤlbt blauen Himmel uͤber ſie, und laſſet kein Woͤlkchen darin erſcheinen, und nur ſingende Lerchen und erquickende Blumenduͤfte darin auf⸗ und nieder⸗ ziehen, damit ihr Leben ſo ſanft und heiter ſey, als ihre ſchöne Seele. XXXIII. Ob ſie mich liebe, wie ich ſie liebe? fraget das Herz oft; aber die Antwort iſt ihm ſtets ausgeblieben— und doch läſſet es nicht ab zu fragen. Du Gute! willſt Du Dich ſein wol erbarmen, und es ihm ſagen, da es außer Dir doch Niemand kann? Laß Dich's nicht wundern, daß ich oft ſo verſchloſ⸗ ſen gegen Dich war, und ſo offen gegen unſere Freun⸗ din; die Nachtigall ſingt erſt im Mai; aber uͤber Feldern voll Schnee und Eis ſchwebt ſingend ſchon die Lerche. 218 XXXV. In der Tiefe der Seele, in der Stille der Nacht, wo keine Stimme rege war, und der Schlaf in Dei⸗ nen Armen lag, oder Du in den ſeinigen: da habe ich zu Dir geſprochen, und fuͤr Dich gewuͤnſcht— und Du haſt vielleicht nur im Traum verſchwebende Toͤne davon vernommen, die Du am Morgen nicht mehr wußteſt; oder vielleicht auch— gar nichts. XXXVI. Wann wird doch der Tag ſeyn, wo uͤber Deine Lippen ein leiſes Ja auf meine Wunſche zittert? Ich weiß es nicht; aber das weiß ich: daß alsdann nur Ein Ton in meinem Herzen klingen, und die Melodie ſeyn wird, nach der ich alle meine Lieder ſinge. XXXVII. Abends, ehe der Schlaf kommt, habe ich Dich le⸗ bendiger, als den ganzen Tag uͤber vor meinem Sinn, und ich ſchließe die Augen zu, damit ich nichts ſehe, 21¹9 als Deine liebe Geſtalt, und ich huͤlle mich tief in mein Bett, damit ich nichts hoͤre, als Deine ſuͤße Stimme. Und wenn ich Dich ſo gegenwaͤrtig habe, und nichts denke, als Dich, und nichts liebe, als Dich: ſo fuͤhret der Traum mich in ſeine laͤchelnden Gefilde, wo Du wiederum als Königin und Herrin ſtehſt, alſo, daß Du immerdar um mich biſt. 1 XXXVIII. Ob Du meiner gedenkeſt? koͤnnte ich fragen; aber ich will's nicht; denn ich weiß es, obgleich Deine Lippe mir noch nicht geſagt hat, daß Du mich liebeſt, und meiner nie vergiſſeſt: die Augen haben es mir verrgthen. XXXIX. Siehe! ich habe Dich immer im Herzen getragen von dem erſten Augenblicke an, da ich Dich ſah, vis auf den heutigen Tag, und werde Dich nie vergeſſen, ob Du auch mich vergaͤßeſt, und den Wuͤnſchen mei⸗ nes Herzens kein Gehör gaͤbeſt: denn Du biſt die Einzige, die mir erſchienen iſt im irdiſchen Leben, 220 wuͤrdig, zu gehen an meiner Hand, und meine Seele zu erheben durch den Zauber Deiner Anmuth und Tugend. O perkenne mich nicht und die Seele, die ſich ganz Dir hingiebt, und nichts ohne Dich haben kann und will, die in Dir alles ſucht und finden wird, wonach ſie von Jugend auf getrachtet mit heißer Sehn⸗ ſucht: o fliehe mich nicht, Du Holde, ſondern liebe mich, wie ich Dich liebe! XL. Aber Du gute Seele! werde ich Dich denn auch ſo gluͤcklich machen koͤunen, als Du es verdienſt, und als ich es wuͤnſche? XLI. Wie ſchleicht die Zeit ſo langſam, ſeit Sie mich verlaſſen! Will die Ewigkeit voll werden, ehe ſie zu mir redet aus der Ferne? Ein Tag vergeht zwar nach dem andern; aber die Tage ſind Jahre und die Stunden ſind Monden geworden, ja die Zeit ſteht ſtill in ihrem Laufe! Wehe ſie an mit deinem Hauch⸗ 221 ol Liebe, daß ſie ſich drehe von neuem in raſcher Schwungkraft, bis heran gekommen dein rother Mor⸗ gen, und die Nacht der Zweifel poͤllig zerſtreut iſt! XIII. Gute Seele! darf ich noch zweifeln an Deiner Liebe, ohne ungerecht zu ſeyn? Haſt Du nicht alles gethan, was Du verſprochen, und eher noch, als ich es dachte? Habe Dank fuͤr Deine lieben Zeilen, und fuͤr jedes liebe Wort darin herzlichen Dank! Und auch ich werde erfuͤllen, was ich verſprach, nach deutſcher Art: das ſollſt Du nicht umſonſt geſagt und gehofft haben! Ich werde kommen, Dich zu ſehen in Deiner Heimath, und Dir zu ſagen, was meine Seele fuͤhlt; auf daß wir, eins dem andern immer inniger befreun⸗ det, ein ſchoͤnes Gewaͤchs im Garten der Liebe werden. XLIII. Welche Guͤte, Liebe und Reinheit ſpricht aus Dir! Biſt Du eine der Himmliſchen, mir erſchienen im irdiſchen Leben zu treuer Gefaͤhrtſchaft? Willſt Du mir die Erde bauen und zu einem Garten Gottes verherrlichen helfen? Ja, das willſt Du, das wirſt Du; denn Dein Geiſt traͤgt reiche Gaben in ſich, und in Deinem Gemuͤthe liegt die Ausſaat zu lauter froͤhlichen Blumen. Die Gegenwart ſchmuͤcken Deine Geſchenke ſchon ſo bunt, und manche Knospe ſeh' ich aufbrechen zu vollem Leben. Und die Zukunft, wie uͤberſchwaͤnglich reich an Blumen, eine aus der an⸗ dern erwachſend, eine die andere uͤberbietend an Rei⸗ zen, voller Duft und Anmuth liegt ſie ausgebreitet vor meinen Augen! O ſey mir geſegnet, guͤtige Ge⸗ berin, und willkommen an meiner Seite! Was ich habe, ſoll Dein ſeyn: denn ohne Dich, was haͤtte ich Bleibendes und das Gemuͤth Erfuͤllendes? Neben Deinen Blumen ſtehen die meinigen nun in wachſen⸗ dem Glanze, und verſchlingen und verweben ſich gegen⸗ ſeitig von Tage zu Tage inniger— und der Geiſt der Liebe gehet darinnen auf und ab, und druͤcket einen Stengel an den andern zu ſuͤßem Kuſſe. —— 225 XLIV. Was giebt mir Fluͤgel? Was ziehet mich ſo hinaus in die Ferne, uͤber Stroͤme, durch Waͤlder und breite Wieſen? Was iſt es, das vom Morgen bis in die Nacht, und ſelbſt im Traume unaufhoͤrlich zu mir ſpricht!„Auf, greif' zum Wanderſtabe, verlaß das dumpfe Haus, und die engen Mauern der Stadt, und ziehe hin, wo friſche Luͤfte wehen.“ Das iſt der Geiſt der Liebe, die Stimme der Sehnſucht, die nach der Geliebten mich treiben, die hinausgezogen iſt in ihre Heimath. Was ſaͤume ich laͤnger noch in der Fremde, wo es ſo einſam und traurig iſt? Wo Sie athmet, da iſt auch meine Heimath und ſonſt nirgends! Auf denn! Wann die Finſterniſſe der Nacht wieder ver⸗ ſchwunden ſind, und die Sonne wieder die Berge roͤ⸗ thet; da will ich den Weg gehen, den ſie gegangen i*ſt, und ihr Bildniß vor Augen haben, bis daß ich ſie ſehe, wie ſie iſt, und mit ihr reden aus voller Bruſt, wie ich ehedem mit ihr geredet, und mich ihrer er⸗ freuen in langer Wonne: denn die Zeit des Regens iſt voruͤber, und der Sturm hat ſich gelegt, alſo, daß es ein froͤhliches Wandern giebt! — 224 7 XLV. Woͤlbe dich blauer, o Himmel; wehe ſanfter, Herbſtluft; leuchte mild, wie in den Tagen des Fruͤh⸗ lings, goldene Sonne: denn heute will ich mich auf⸗ machen, die zu ſehen, die meine Seele liebt! Und die Wolken, ſo in der Luft gelagert waren, zerſtreuen ſich, eine hierhin, die andere dorthin, bis keine mehr zu ſehen iſt; und die Sonne tritt mild, wie ein frommes Maͤdchen laͤchelnd, hervor; und die Luft wehet weich über die herbſtliche Flur voll Zeitloſen; aber es iſt ſtill, und kein Vogel hebt ſich ſingend in die Luft. Deſto mehr klingt es in meinem Herzen! Ein ganzer Strom von Geſaͤngen und Klaͤngen woget darin auf und ab, und ſchlaͤgt jubelnde Wellen, und hebt und traͤgt mich— nach den Inſeln der Seli⸗ gen? Ja wol der Seligen: denn wo ſie iſt, da iſt Seligkeit die Fuͤlle und eitel Wonne! XLVI. Iſt's Liebe, die den fliegenden Sommer treibt, und die gefiederten Schaaren uͤber Meere und Wuͤſte⸗ . 2 neien 225 neien in ſonnige Felder wandern heißt? Liebe iſt ſtaͤr⸗ ker, als der Tod! Sie flieget raſtlos fort durch das Leben, und uͤber das Leben hinaus durch den Tod, bis ſie erreicht hat ihre Heimath. Da gilt's kein Saͤu⸗ men, noch Raſten, immer beweglich und nie zu ermu⸗ den, ziehet ſie kundig ihres Wegs: denn Sehnſucht iſt die Magnetnadel, die ihr die rechte Gegend zeigt— und nimmer hat ſie getaͤuſcht, wurde das Ziel auch erſt im Schooß der ewigen Liebe gefunden. XLVII. Da ſeh' ich dich, umkraͤnzt von Weiden, du liebes Dorf, wo Sie an das Herz der theuren Mutter ſank, und, vor der Wonne des Wiederſehens ſtumm, kein Woͤrtlein ſagen konnte lange Zeit.— Auch ich bin ſtumm vor Wonne! Was ſoll ich ſagen zu den Weiden, die ſich nur unter ſich verſteh'n? Ich fuͤhle bloß, und will nicht ſprechen, bis Sie mir gegenuͤber ſteht! Dann aber reiß dich, Zunge, los aus den gewohnten Feſſeln; dann brich, o Herz, die dich ſeither gehemmt, die Banden, und ſchuͤtte alles in dem Strom der Rede Lebensbilder. 15 226 aus, was dich bewegt von Kindheit auf in Liebe, und ſicher geht es wiederum zu Herzen! XLVIII. Und wie ich naͤher Ihrer Naͤhe komme, ſo wird es mir wohler um's Herz! Der Abend ſinkt, und ſiehe da, der erſte Stern der Nacht bluͤht hell aus Thaugewoͤlken. Biſt du das Bild der Liebe nicht, magſt du nun Morgens oder Abends leuchten? Ja, als ich auszog aus der Fremde, giengſt du im Mor⸗ gentracht mit mir, und da ich naͤher nun der Heimath bin, erſcheinſt du freundlich mir im Abendkleide. So zog auch Sie vom Morgen meines Lebens, das ſchoͤnſte Sternbild, liebend mir zur Seite; ſo wird Sie mir am ſpaͤten Abend auch noch laͤcheln! XLIX. O Daͤmmerung, wie ſuͤß biſt du dem Liebenden! Kein Gegenſtand von außen tritt mehr ſtoͤrend zwiſchen Sie und mich; der Himmel nur liegt ausgebreitet uͤber uns mit tauſend hellen Augen, aus denen ſuͤße Hoff⸗ 227 nung laͤchelt, und auf Erden iſt es ſtill, damit die Seele deſto lauter ſpreche. Und iſt die Liebe nicht auch Daͤmmerung? Zwar nicht der Nacht Botin; des vol⸗ len Tages Verkuͤndigerin vielmehr! Wo ſie erſcheint entfleucht die Finſterniß; die Morgenroͤthe gluͤht; die Lebensſonne lodert feurig auf, und Hoffnung weiſet freudig Weg und Bahn. 7 L. Nun haͤlt Eine Mauer mit Ihr mich umſchloſſen— und dennoch darf ich Sie nicht ſehen? Ihr nicht den Gruß des Wiederſehens bieten? Himmel, wie grauſam! Nimm mich darum in deine Arme, milderer Schlaf! Engel, die ihr Traͤume der Liebe webt, tretet um mein Lager, und fuͤhret Sie, den Engel, zu mir an eurer Hand; auf daß die Nacht pfeilſchnell voruͤber fliege⸗ und der Tag, wo vor ihr Antlitz ich trete, begluͤckend erſcheine. — LI. 's iſt Sonntag heute— und Glockenklaͤnge wo⸗ gen durch die Luft, zu verkuͤndigen die Liebe des Hoͤch⸗ 228 ſten. Aufmachen will ſich auch mich in ſein Haus, und ihm danken fuͤr tauſend Gaben, und ihn bitten um Segen für meine Liebe: denn nur was von ihm kommt und zu ihm fuͤhrt, iſt rein und von Beſtand. LII. Spricht Alles nur von Liebe? Ja, Gott iſt die Liebe: klang es von des Prieſters Lippe; und in mir klang es nach: Gott iſt die Liebe! So war, ſo iſt, ſo wird es ſeyn in Zeit und Ewigkeit: denn ewig und unendlich wie Gott ſelbſt, ſo iſt die Liebe! Laſſet uns ihrer pflegen, als einer Gabe des Herrn, die nicht mit Gold erkauft mag werden. 1III. 8 Wonne des Wiederſehens, wenn du nicht eine Minnte des Himmels biſt: wie ſoll ich dich ſonſt nen⸗ nen? Das ganze Geruͤſt des Lebens ſtuͤrzt zuſam⸗ men, und die Seele ſchwebet im Aether der Empfin⸗ 229 dung, und ſchwebet und ſchwindelt, und hat keine Worte, und ſpricht durch Thraͤnen, und laͤchelt und weinet in ſuͤßem Wechſel ihr ſchoͤnſtes Feſt! LIV. Wiederſehen— und Liebe, ewige Liebe! Maria, ſtammelte Deine Lippe mir das holde Geſtäͤndniß nicht? Wuchs ſo die Wonne des Wiederſehens nicht zur vol⸗ len Seligkeit? Nun zerſtiebt, ihr Wuͤnſche; Hoffnun⸗ gen legt euere Fittige ab! Die alten, lieben Ahnun⸗ gen ſind Wahrheit geworden. Ich habe alles, was ich gewuͤnſcht, geſucht und gehofft, den Schatz des Her⸗ zens, das Kleinod des Lebens, meine ſuͤße Liebe! LV. Ihr alten gluͤcklichen Tage der Liebe, wie verſchoͤ⸗ nert ſeyd ihr zuruͤckgekehrt! Wie ganz anders ſließet die Rede jetzt, und wie weit mannichfaltiger ſind ihre Windungen nun! Was dem Auge ſich zeigt, empfaͤngt 1 230 ſeine Weihe, und der Schatz des inneren Lebens zieht taͤglich neuen, koͤſtlichern Gewinnſt aus der umgeben⸗ den Welt. LVI. „Deine ſuͤßeſte Pflicht wird es ſeyn, meine Zukunft ſo froh und heiter zu ma⸗ chen, als in Deinen Kraͤften ſteht?“ O wie gern glaube ich Dir das, und wie gluͤcklich macht mich der Gedanke an unſer Zuſammenleben! Moͤchteſt Du nicht gern alle Menſchen gluͤcklich wiſſen? Um wie viel mehr mich, den Du erwaͤhlt haſt vor Allen zu Deinem Getreuen! LVII. Nur ſo eine Mutter konnte ſo eine Tochter er⸗ ziehen! Iſt ihr Weſen nicht lauter Guͤte, Liebe und Anmuth? Ihre Seele nicht heiter, wie ein Maitag? und der hoͤhere, gute Geiſt hat Frieden und Gleich⸗ muth gebracht, und das zufriedene Laͤcheln und das 231 kindlichfrohe Vertrauen bei den mannichfaltigen Ein⸗ wirkungen und Bedraͤngniſſen der Außenwelt treu und rein erhalten. Ein ſolches Vorbild wirkt, und es hat gewirkt: der Engel iſt gebildet! LVIII. Wenn man im Kreiſe theurer Freunde eine Zeit lang gelebt, und ſich gluͤcklich und heimiſch gefuͤhlt hat, wird einem der Abſchied ſchon ſchwer: geſchweige denn, wenn man aus den Armen der Liebe, der ſchön⸗ ſten Heimath, ſich losreißen, und in eine ferne Gegend, wo nur Erinnerungen begluͤckter Tage zu finden ſind, aufbrechen ſoll. Das Herz meint aus den Wurzeln ge⸗ riſſen zu werden und freudelos verkuͤmmern zu muͤſſen! LIX. Zieht die Lerch' im Herbſte fort, Singt ſie leiſ': Ade! Willſt Du auch von mir ein Wort, Eh' ich von Dir geh'? 232 Hier die Thraͤne, ſo Dir zuoll, Hore, was ſie ſpricht: Lieder hat die Lerche wol, Thraͤnen hat ſie nicht: LX. Gluͤcklicher Menſch! daß es dir vergoͤnnt iſt, zwi⸗ ſchen zwei Paradieſen— der Vergangenheit und Zu⸗ kunft— entzuͤckt zu ſtehen. Bald holeſt du aus die⸗ ſer, bald aus jener dir duftige Blumen, und pflanzeſt ſie mit liebender Hand in den Garten der Gegenwart, und weideſt dein Auge an ihrem Farbenſchimmer, bis das Paradies der Zukunft, von deſſen Pforten kein Cherub mit flammendem Schwerdte dich zuruͤckweiſet, mit Blumen und Bluͤthen, reich und zauberiſch, im Sonnenglanze vor dir liegt, und wie es dein Fuß be⸗ tritt, als Gegenwart mit tauſendfacher Wonne dich umſchlingt. LXI. Wenn die Baͤume Saͤfte faſſen, Nach dem langen Winterſchlafe, 293 Tritt in meines Lebens Wurzeln Auch der Saft der ſuͤßen Hoffnung: Denn ſobald die Felder gruͤnen, Und die Baͤume Blaͤtter treiben, und die Nachtigallen ſchlagen: Kommt das Maͤdchen meiner Liebe, Mit Geſang und Liebe wieder! LXII. Was hat zu Dir mich hingetrieben, Maria? Wahrlich von Staube nichts! Aber in Dir hab' ich erblickt alles, was mir vorgeſchwebt von den Traͤumen fruͤher Jugend, bis auf die hellere Stunde von heute. Dein Geiſt hat geſprochen zu meinem Geiſte, noch ehe ich Dich ſah, und ich war begierig, Dich zu ſehen, wie Du biſt; und ich ſah Dich, und liebte Dich aus allen „Kraͤften des Gemuͤthes, und werde Dich lieben, ſo lange der Odem der ewigen Liebe weht. Zwar moͤchte gern der Neid uns trennen, und Laſterzungen reden viel in unſern Bund, von dem ſie nichts verſteh'n. Aber was hilft, was ſchadet es? Sage die Welt, was ſie wolle; ſie iſt Welt, und verſtehet nichts von der ſeligen Gemeinſchaft der Geiſter. Sie mißt alles 234 nach ihrem Maaße; aber das Gewicht taͤuſcht und die Rechnung iſt nimmer richtig. Wer ſoll uns trennen? Kennſt Du eine Gewalt, die da maͤchtig genug waͤre, zu ſagen, jetzt loͤſen ſich die Bande, die euch umſchlan⸗ gen? Sind wir doch Beide feſt, und unbekuͤmmert um das, was geſchaͤftige Zungen vergeblich ſchwaͤtzen. Aber Eine Stimme gilt: das iſt das Wort von oben, und das hat nicht geredet gegen unſern Bund. Wir haben vernommen ſein Ja in unſern Herzen. Was will die irdiſche Lippe ſich vergeblich gegen uns erei⸗ fern? Der Wind wehet hin und her; wir hoͤren ſein Sauſen, und wiſſen nicht, woher es kommt, noch wo⸗ hin es gehet? Aber das Wort von oben iſt Wahr⸗ heit, und die Wahrheit iſt Gnade, und die Gnade iſt Liebe, und die Liebe iſt ewig! LXIII. Warum muß ich neben Dir noch immer ver⸗ ſchloſſen mit einem Herzen voll Liebe gehen? Warum darf ich Dir jetzt nicht ſagen, was meine Seele be⸗ wegt? Das iſt das eiſerne Band der Nothwendigkeit, beſſen kein Kind der Zeit ledig wird hienieden. Aber 235 wir verſtehen uns doch ohne die ſinnliche Sprache. Der Geiſt der Liebe traͤgt Gruͤße von dem einen zum andern, und die Blicke des Auges werden zu Worten, und die Gefuͤhle des Herzens zeichnen ſich ab in den laͤchelnden Zuͤgen des Geſichtes, alſo, daß wir hoͤrbarer Zeichen nicht beduͤrfen. Einſt, vielleicht bald, wird die Zeit kommen, wo wir nicht mehr achten der Lauſcher, wo das Wort gefluͤgelt von Herzen zu Herzen geht, wo Geiſt und Lippe einerlei Sprache reden, und voͤllige Frei⸗ heit herrſcht. LXIV.— Ich darf Dir weihen, was allein Dir angehoͤrt? So iſt es recht! Wem anders haͤtte ich dieſe Bilder zur Gabe bringen ſollen, als der, durch deren Huld und Liebe ſie erſt zu Theil mir wurden? LXV. Siehe! mein Herz habe ich Dir gegeben, Maria! mein ganzes Leben in Deine Hand gelegt; was ich gedacht und gefuͤhlt habe von jeher, was je in mein Gemuͤth kommen kann— Alles iſt Dein Eigenthum! 236 Sey und bleibe Du nur auch mein, Du Anmuthreiche! Oder ſoll ich vergehen vor ewigem Weh? Nein! Du haͤltſt mich in Deinem Herzen, wie das meinige Dich umfaßt mit allem, was Dir eigenthuͤmlich iſt. LXVI. Irdiſche und himmliſche Liebe. Das war die helle Stunde, nach der ich mich ge⸗ ſehnt von Jugend auf! Die Liebe trat gruͤßend her⸗ ein in mein ſtilles, dunkles Haus, Blumen im blon⸗ den Haar und ein gruͤnes Gewand, durchwebt mit Sternenglanz, um ihre Schultern. Da ſprangen blitzende Funken um mich herum, und die Waͤnde be⸗ legten ſich mit unendlich verſchiedenartigen Farben und Geſtalten. Alles war mir alt und neu, beides zu⸗ gleich: denn die Liebe iſt geweſen vom Anfang her, und offenbaret ſich doch taͤglich auf andere Weiſe. Wer entraͤthſelte je ihr Weſen ganz, oder wer kann ſagen: ſo iſt ſie? Sie bluͤht farbiger, als der 257 Fruͤhling, und hat mehr Zuͤge, als der Himmel Sterne hat. Darum giebt ſie ſich auch ſtets anders zu erken⸗ nen, und ſpiegelt ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht in eigonthuͤmlicher Geſtaltung. Aber was liſt das Hoͤchſte der Liebe? Der Un⸗ glaube erfaſſet es nicht: denn er iſt gebunden an die Scholle Erde, von welcher ſie nicht iſt, und will es nicht erfaſſen, dieweil ſein Sinn die Hoͤhen nicht erflie⸗ gen mag, wo ihre Wiege ſteht. Der Glaube allein hat es erkannt mit ſeinen Augen, und die Statte er⸗ forſcht, wo ſie geboren ward, und die Hand geſehen, die ſie groß zog mit treuer Sorgfalt. Wer bin ich, daß ich mich vermeſſe zu reden von ihrem Weſen? Meine Mutter hat mich in Sunden empfangen; aber die Liebe waͤſcht ab alle Flecken, die an mir ſind, und hat ihre Hand ausgeſtreckt nach mir, daß ich ſie ergreifen konnte und feſthalten auf ewig. Und hat dieſelbe Hand zum Manne nicht die Maͤnnin gebracht? War es das Auge der Liebe nicht, das in meinem Herzen die Sehnſucht ſah, und das verzehrende Feuer nach Gegenliebe? Da wurde mir geboten Bei⸗ des: irdiſche Liebe und himmliſche zugleich. Aber die irdiſche iſt nicht mehr irdiſch, ſeit ſie geweihet worden durch die ausgeſtreckte Hand von oben. 238 Nun iſt ihr Name eingetragen in das Buch des Lebens, und ihre Natur himmliſch worden, weil es nicht eitle Erdenluſt war, die mich nach ihr trieb, ſon⸗ dern das heiße Verlangen nach Geiſtesgemeinſchaft, das hierunten keine Ruhe hat. Wer ſoll ſtoͤren den Bund, oder ihn brechen, woruͤber die ewige Liebe den Segen geſprochen? Wer Zwietracht ſaͤen in's Feld, wo nur der Eintracht und des Friedens hohe Blumen ſprießen? So halt' ich feſt i in beiden Armen die Liebe! Der Staub mag keine Feſſeln mehr an mich legen; ſie ſind geſprengt einmal und auf ewig! Auf Erden ſuch' ich nichts: was ſollte ich finden? Aber nach oben, nach oben trage ich alles, was mir lieb iſt, in den Schooß der reinſten Liebe! Iſt das die hoͤchſte Liebe nicht, wo hwir, vom Arme der Liebe umſchlungen, in deſſen Schooße ruh'n⸗ der alle Welt umfaßt mit Liebe, und Zeit und Ewigkeit zum Liebesfeſt verbindet? Nur in der Liebe des Him⸗ mels wird die Erdenliebe rein und heilig! Halte darum, du ewige Liebe, Braut und Braͤutigam feſt in deinem Arme: damit wir ewig lieben und geliebt werden, wie unſere Herzen es verlangen! —x 239 Schlußwort. So ſchließe ſich denn fuͤr jetzt die Reihe von Bil⸗ dern der Liebe.— Und wenn die Liebe, die hier ge⸗ ſchildert worden, nicht ein Bild iſt aus dem großen Gemaͤlde deſſen, der ſich uns allenthalben nahe thut voll Liebe: ſo iſt ſie nichts geweſen, und vergaͤnglicher, als der Schatten, den unter der Sonne hinziehende Wolken werfen, fluͤchtiger, als der, bald hier, bald dort, wehende Wind. Aber ſo, hoffe ich, ſoll ſie nicht ſeyn; ſondern von Beſtand: denn ſie iſt nicht aus dem Fleiſche ge⸗ boren, ſondern aus Gott, der Leben und Wahrheit iſt. Daher gedenket auch Schreiber dieſes noch manchmal mit Liebe zu Euch zu reden von der Liebe. Sie hat ihn beſeliget von Jugend auf, ehe ſie noch Geſtalt ward; ſie wuͤrde aber auch ſeine hoͤchſte Wonne aus⸗ 249 8. machen, wenn ſie die Geſtalt, die er nie geachtet, wiederum verloͤre, und ſich in ihr Grundweſen auf⸗ loͤſete. Sagt einmal, welch eine Wechſelwirkung ließe ſich wol zwiſchen Gott und der Menſchheit denken, wenn es die Liebe nicht waͤre? Freilich giebt es der Wege viele, die ſie nimmt zu gegenſeitigem Zuſammenfuͤhren, und der Formen, unter denen ſie erſcheint, eine Menge. Iſt es jedoch in der Natur anders? Wer hat die Weiſen ſchon gezaͤhlt, die Geſchlechter zuſammenfuͤhren? Schauet an die Pflanzenwelt— und erſtaunet: denn die goͤttliche Oekonomie iſt nicht zu erfaſſen mit un⸗ ſerm Sinne, noch zu begreifen die Art, wie alles ein⸗ ander nahe gebracht wird, mit unſerm Verſtande. Aber das faſſet zu Herzen, daß Gott die Liebe iſt! Da verwandelt ſich die Finſterniß in Klarheit; das Auge ſieht, was es zuvor nicht ſah; das Herz wird voll, und darf nicht mehr ſehnſuͤchtig nach dem Ver⸗ borgenen ſchmachten: denn dieſes hat ſich ihm kund gethan, und die Wand zwiſchen Zeit und Ewigkeit iſt niedergeriſſen. So ſag' ich Euch auch mit freudiger Demuth, daß die Schranken vor mir gefallen ſind, und daß ich mich nicht mehr beengt fuͤhle von der Zeitlichkeit, deren Joch 241 Joch hart iſt; ſondern daß der Geiſt, frei geworden, in der Unendlichkeit lebt, und die Unendlichkeit in ihm. Der aber die Feſſeln zerbrochen hat, das iſt der Geiſt der Liebe, der Dich, theuerſte Maria, mir zufuͤhrte in den letzten Zeiten. Zwar geheſt Du noch, wie ich, in dem Kleide aus Staub; aber unſere Geiſter haben das Ziel gefunden. Der Schein iſt vergangen, die Wahrheit unſer geworden, und mit ihr das Leben im Lichte des Herrn! Laß uns gehen auf dieſem Wege! Die Magnetnadel der Liebe fuͤhrt ſicher, und wir koͤn⸗ nen nicht irren; feſt und unverruͤckt deutet ſie nach Mitternacht; und aus der Mitternacht— ſiehe die glimmenden Wolken— kommt ja der ewige Morgen! Darum faſſ' ich Dich innig, und immer inniger in mein Gemuͤth, und werfe heraus alles, was mein nicht ewig bleiben kann. Was ſollen Schaͤtze, die ich laſſen muß, ſobald die Morgenröthe kommt? Du aber bleibſt ein ewiges Gut— und naͤhme ſelbſt die Zeit Dich mir: ſo bringet doch die Ewigkeit fuͤr Ewigkeiten Dich mir wieder! Dir aber, Lieber, der du einen Weg mit mir gehſt, oder gehen willſt, Dir biete ich gern, wo du auch weilen magſt, zum Gruße, zum Drucke die Hand. Es iſt Ein Ziel, das uns vor Augen ſchwebt; Ein Weg, der Lebensbilder. 16 242 8 42 1 dazu fuͤhrt; Ein Geiſt iſt's auch, der Kraft verleiht zum Wandern und nimmer mude werden laͤßt. Darum liebe ich Dich als Bruder, als Schweſter liebe ich Dich! Verſaget mir auch Eure Liebe nicht: denn unſer Weg und unſere Heimath iſt die Liebe! — —η½ — 8 ₰ — η — — — — — Koͤlln am Rhein 18168. Die Erinnerung iſt das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrſeen werden koͤnnen. Jean Paul. In der Einſamkeit beſchaͤftigen uns gern Zukunft und Vergangenheit; doch ſo, daß ſich daraus eine mehr oder minder erfreuliche Gegenwart bildet. Bald laſſen wir Bilder aus der Kindheit und aus den Ta⸗ gen, wo wir zuerſt in die Welt ſahen und uns an ihren mannichfaltigen Farben ergoͤtzten, das erſte Laͤcheln der Liebe und ihre Seligkeit vor uns treten; bald ſtehen wir wieder auf den Hoͤhen der Zukunft, und blicken von da in ein gelobtes Land. Am liebſten iſt uns aber das, was der Vergan⸗ genheit angehoͤrt, und ob es gleich dahin iſt: ſo mei⸗ nen wir es dennoch in unſern Händen zu haben, und betrachten es als ſicheres Kleinod. Was noch kommen ſoll, iſt zu ungewiß, als daß wir dauerhaftes Wohl⸗ gefallen daran finden ſollten: denn oft reißt ja der naͤchſte Augenblick nieder, was der eben verſchwundene in ſo hoher Pracht aufbauete. Hoffnungen ſchimmern freilich hell, ſie reißen das Herz faſt gewaltſam aus ſich heraus und mit ſich fort; aber ſuͤßer, inniger ſind doch Erinnerungen. Sie habeu etwas ſo Ruͤhrendes, 246 ſo Wohlthuendes, Eindringliches, wofuͤr ſich nicht leicht der rechte Ausdruck finden laͤßt. Jeder Menſch hat ihrer: der eine mehr, der andere weniger. Gluͤcklich, wem ſie ſich zu einem reichen Kranze wanden! Greife er noch ſo oft hinein: es entſteht keine Luͦͤcke, es iſt vielmehr, als ob ſich die daraus gebrochenen Blumen verdoppelten. In den ſtillen Stunden meiner einſamen Abende habe ich deren mehrere zuſammengereiht, und biete ſie dir, Freundlicher, dar, ob ſie dich vielleicht auch in deiner Einſamkeit erfreuen moͤchten. Du mußt ſie jedoch hinnehmen, wie ſie gegeben werden, ohne große Anſpruͤche, etwa, wie Feldblumen, die ein ſpielendes Kind dir reicht. 247 Fruͤhe Sehnſucht. — Wie jeder Menſch von Jugend auf etwas hat, wonach er mit ganzem Herzen verlangt, ſey es nun ein Land, der Beſitz irgend eines Gutes, oder etwas dem Aehnliches: ſo hatte ich ſchon von der fruͤheſten Kindheit an eine tiefe Sehnſucht nach dem Rheine, der mir ſo oft als der Fuͤrſt aller deutſchen Fluͤſſe ge⸗ nannt worden war. Wo ſich nur eine Gelegenheit darbot, von ſeinen reizenden Gefilden, weinreichen Bergen, romantiſchen Burgen erzaͤhlen zu hoͤren: da war ich ganz Ohr, und meinte in meinem kindiſchen Sinne, daß dort alles, was ſchoͤn und herrlich iſt, an⸗ zutreffen ſeyn muͤſſe. Dieſe Liebe, dieſe Sehnſucht wuchs mit jedem Tage, beſonders maͤchtig wurde ſie aber in meinen Schuljahren, als die deutſche Geſchichte ſo manches hohe Bild an den Ufern des Rheins vor meine Seele treten ließ, als Klopſtock, Stolberg, Claudius, Voß, Hoͤlty und Matthiſſon auf den Flugeln ihres Geſanges mich in die bunte Herrlichkeit hinuͤber⸗ trugen. Da ſehnete ſich mein Herz an manchem hellen Morgen, oder mondlichten Abende aus dem Elb⸗ thale, ſo reizend es auch vor mir ausgebreitet lag, nach dem fernen Strome; denn meine Phantaſie hatte alle Farben aufgeboten, ſeine Ufer ſo romantiſch, als moͤglich, zu machen. Der Himmel hatte dort ein lie⸗ beres Blau; die Erde hellere Blumen, friſchere Kraͤu⸗ ter; die Winzer und Winzerinnen ſtellten ſich mir in arkadiſchen Verhaͤltniſſen dar, ſingend bei ihrer Arbeit, und des Abends verſammelt zu Tanz und Spiele; ja es war uber die ganze Gegend ein Duft gehaucht, den man wol atheriſche Verklaͤrung nennen duͤrfte. Und meinet ihr wol, daß das herrliche Thal mit den Weinhuͤgeln, mit den freundlichweißen Landhäu⸗ ſern, den alten und neuen Ritterſitzen, durch welches die Elbe friedlichlangſam von Dresden bis unter Meißen zieht, meinet ihr wol, daß es mir, als die Schulzeit, wo ich nur aus dumpfen Mauern und klei⸗ nen Dachfenſtern hineinſchauen mochte, endlich voruͤber war, bei einer mehrtaͤgigen Reiſe genuͤgt, oder daß mich uͤber Dresden nach Boͤhmen zu die wildſchönen⸗ 2 249 maleriſch uͤbereinander gethuͤrmten, bald kahlen, bald wieder mit allerlei friſchem Laubholz beſetzten, die wunderbarſten Gruppen bildenden Sandſteinfelſen, wie ſie es wol koͤnnen, befriediget haͤtten? . Ihr irret! Schoͤn fand ich zwar alles, fuͤhlte mich angeſprochen, tauſend neue Ideen und Gefuͤhle wurden aufgeregt; aber es gab dennoch Steigerungen fuͤr mich! Noch weit ſchoͤner muß es am Rheine ſeyn, fluͤſterte eine unbekannte Stimme mitten in den herrlichſten Genuͤſſen; ja ſie trieb es noch weiter, und liſpelte ſo recht uͤberredend: Dort iſt es am allerſchoͤn⸗ ſten! Da hat der Himmel ſich ſichtbarlich auf die Erde herabgelaſſen! 3 So erinnere ich mich aus jener Zeit des Mor⸗ gens, wo in Geſellſchaft einiger gleichgeſinnter Freunde der Lilienſtein erſtiegen wurde, um von da die Sonne einmal recht glaͤnzend aufgehen zu ſehen, noch ſehr lebhaft. In der That ein uͤberraſcheudes Schauſpiel⸗ als die erſten Strahlen der Morgenroͤthe lebensvoll heraufblitzten am fernen Horizonte, den ganzen Luft⸗ kreis durchleuchtend, und ſich bald darauf die hohe Fuͤrſtin des Tages, die Sonne ſelbſt, voll Pracht und Majeſtaͤt zeigte! Friſches junges Leben gluͤhte in un⸗ ſerer Bruſt! Saaten, Blumen und Baͤume ſtanden 25⁰ erfriſcht! Der Morgenwind wehete, gleich dem Odem vom Munde des Ewigen, um die heiße Schlaͤfe, und auf ſeinen Fluͤgeln ſchickte ein jeder Gruͤße nach den Gegenden aus, wo es fuͤr ihn etwas Liebes und in⸗ nerlich Befreundetes gab. Der meinige galt dem koͤ⸗ niglichen Rhein. Im Drange der Sehnſucht bildeten ſich folgende Strophen: Wie ſehn' ich mich ſo ſehr von hier, Du lieber, grüner Rhein nach dir! Nach deinen Bergen ſteht mein Sinn Wol Tag und Nacht verlangend hin. An deinen Ufern voller Wein, Welch friſches, luſtiges Gedeih'n! Da wohnet Freude, wohnt Geſang In reichem Segensuͤberſchwang. Und aus den Burgen, kuͤhn gebaut, Der hohe Geiſt der Vorzeit ſchaut, Und Jung' und Alte gruͤßen ihn, Wenn ſie daran voruͤberzieh'n. 251 O mocht' ich unter ihnen gehn! Die alten Burgen vor mir ſeh'n! Da braͤcht' ich ſelber ihm den Gruß, Den ſo der Wind ihm bringen muß! Leipzig. Flache Gegenden, noch ſo reich angebaut und durch Kunſt gehoben, mögen ein Gemuth, das zwiſchen Bergen die erſte Lebensluft geſogen, kaum anſprechen, vielweniger befriedigend ausfuͤllen. An Mannichfaltig⸗ keit gewoͤhnt wird dem Auge das ewige Einerlei bald zum Ekel. Deſto eifriger arbeitet dann die Phantaſie, ein Bild zu ſchaffen, das genuͤgt. Alles wird zuſam⸗ men genommen, was die Erfahrung Schoͤnes und Herrliches aufzuweiſen hat; Neues, durch allerlei Zu⸗ ſammenſtellungen hervorgebracht, hinzugethan, bis end⸗ lich ein Gemaͤlde vor der Seele ſteht, an deſſen hoͤch⸗ ſter Vollendung unaufhoͤrlich gearbeitet wird. So war es mit mir in Leipzig der Fall. Die uͤppigen Gefilde um die Stadt; die ſchoͤnen Landſitze der Kaufleute, welche Pappeln, Linden oder Obſtbäume umgruͤnen; das Roſenthal mit den vielfaͤl⸗ tigen Schattengaͤngen: die friſchen, von dem verſchie⸗ 1 253 denartigſten Laubgehoͤlz, nur faſt zu regelmaͤßig, ein⸗ geſchloſſenen Wieſen voller Blumenduft; die Doͤrfer mit den artigen Gaͤrten: wer ſollte ſich nicht davon angezogen fuͤhlen, wer nicht manche gluͤckliche Stunde daſelbſt genießen? Aber auf Augenblicke befriedigt, wird das Auge doch bald aus der ſuͤßen Ruhe des Anſchauens, ſey es nun durch das truͤbe, ſchleichende, faſt ſtillſtehende Waſſer der Leipzig benetzenden Fluͤßchen, oder durch die weite Ebene, in welcher es keinen Halt ſindet, in Unruhe verſetzt, ſo daß es hinausſchweift in eine, wenn auch nur durch die Einbildungskraft, verſchoͤnerte Ferne. Ueberhaupt iſt es wol jugendlichen Gemuͤthern, zumal wenn ſie der heilige Geiſt der Poeſie bewegt, eigen, ſich die Welt anders zu denken und zu geſtal⸗ ten, als ſie in der Wirklichkeit daſteht. Die hoͤchſte Vollendung ſoll allenthalben herrſchen: denn in ihnen ſelbſt iſt ja das Streben, das Hoͤchſte zu erringen, und aus ſich herauszubilden, in reger Lebendigkeit vor⸗ handen! und Jünglinge dieſer Art hatten wir uns auf der S Schule ſchon mehrere zuſammengethan und unſern Bund in den neuen demhälniſſe auf ewige Zeiten erneuert. 25¾ Hier war es denn auch, wo die Geſchichte und die in romantiſchen Dichtungen enthaltenen Sagen von der Kraft und dem Edelmuthe des Mittelalters und der ihm vorangegangenen Heldenzeit in ihrer vol⸗ len Bedeutſamkeit zu uns ſprachen, und eine Welt vor und in uns eroͤffneten, die reich war an großen Geſtalten und wunderſamen Zuͤgen, und uns in der allgemeinen Noth, worin wir das theure Vaterland ſchmachten ſahen, als himmliſche Troͤſtung und Kraͤf⸗ tigung beſonders zu Statten kam. Und war es nicht der Rhein, der damals in den ſchmaͤhlichen Feſſeln des Franzoſenthums gefangen lir⸗ gende, an deſſen Ufern, oder doch wenigſtens in deſſen Naͤhe die meiſten jener großen Thaten geſchehen, wo ſich ſo viel Wunderſames ereignet, wo die Burgen und Muͤnſter noch ſtanden, als redende Beweiſe hohen Heldenmuthes, herrlicher Kunſt und tiefer Froͤm⸗ migkeit? Unvergeßlich ſind mir daher die Abende, an wel⸗ chen wir zuſammenkamen, das reindeutſche, fuͤr uns eben die Bedeutung, als fuͤr die Griechen der Homer habende, Nibelungenlied, das Leben und die Sagen von Karl dem Großen gemeinſchaftlich zu leſen: da ſtrahlte eine Zeit auf uns ein, die ſelbſt, nachdem ſie untergegangen, gewiſſermaßen aus dem Grabe her, noch maͤchtig genug iſt, das friſcheſte Leben zu erwecken und eine Begeiſterung fuͤr Freiheit und alles, was gottlich genannt mag werden im Leben, wie in Kunſt und Wiſſenſchaft hervorzurufen, die, uͤber die Gegenwart erhebend, nothwendig einen freien, friſchen Sinn er⸗ zeugen muß. K Freilich waren unſre Umgebungen, wo wir zu allgemeiner Unterdruͤckung die kraͤftigſten Anſtalten des boͤſen Feindes treffen ſahen, eben nicht geeignet, die Trauer, welche damals wol jedes gutdeutſche Gemuth mehr oder weniger befiel, ganz von uns abzuwehren; aber ſie hatte doch keinen kleinmuͤthigen Charakter: denn von den Bergen der Zukunft ſahen wir ſchon im Geiſte die Flammen, welche ſich einige Zeit ſpaͤter zu allgemeiner Freude wirklich entzundeten, in neuer Le⸗ bensglut brechen. * Endlich giengen die Tage der Noth und des Elen⸗ des voruͤber. Viele von uns ſtanden mit ihren Fah⸗ nen an den Ufern des Rheines, überſchritten ihn ſo⸗ gar in freudigen Siegen. Andere, die daheim geblie⸗ ben waren, ſuchten auf andere Weiſe, wie es ihr⸗ 256. Kraͤfte vermochten, bei der Geſtaltung der neuen Zeit ſich theilnehmend zu beweiſen. Der geliebte Strom, ohne welchen man ſich Deutſchland, und das mit Recht, nun einmal nicht, als Deutſchland denken kann, ſey es nun, weil dort der klaſſiſche Boden unſers Vaterlandes iſt, oder aus irgend einem andern, vielleicht tiefer liegenden Grunde, der geliebte Strom trug ſeine Wogen wieder durch freie Laͤnder, von ſeinem dreifachen Urſprunge an, bis dahin, wo er ſich in mehreren Muͤndungen der Nordſee in den Schooß wirft. 2 Hatte ſich vorher dann und wann der truͤbe Ge⸗ danke, daß am Rhein ſo kummervolle Knechtſchaft ſey⸗ ſo ein gebeugtes und gedruͤcktes Volk wohne, in die Freudenfeſte gemiſcht, die meine Phantaſie mir da⸗ ſelbſt gab: ſo waren ſie jetzt ohne allen truͤbenden Zu⸗ ſatz, klar, wie der Himmel daruͤber. Daher war es kein Wunder, daß mein Verlan⸗ gen, einmal dahin zu kommen, mit jedem Tage un⸗ widerſtehlicher ward: aber wie ſollte ich es ſtillen? Keine Ausſicht wollte ſich zeigen— und ſo mußte denn auch die Erfuͤllung dieſer Hoffnung, wie ſo man⸗ cher andern, einer guͤtigeren Zukunſt anheimgeſtellt werden.—y Ent⸗ Entſchluſ. Die Univerſitaͤtsjahre waren beſchloſſen. Ein Win⸗ ter, im aͤlterlichen Hauſe verlebt, hatte mich, unerach⸗ tet manches vortheilhaften Anerbietens im Mutter⸗ lande, beſtimmt, meinen kuͤnftigen Aufenthalt in der Hauptſtadt eines benachbarten Staates, der mich lange ſchon in mehrfacher Hinſicht angezogen hatte, zu waͤhlen. Sachſen war uͤberhaupt damals, ſeines Koͤnigs beraubt, und unter Ruſſiſcher, eben nicht großes Heil verſprechender Verwaltung ſtehend, voller Noth und nicht geeignet, das Bild der neugebornen Zeit in dem Juͤnglingsherzen liebend ausbilden zu helfen; eben weil man im Allgemeinen wegen getaͤuſchter Hoffnun⸗ gen das Große und Herrliche derſelben, entweder nicht ſehen konnte oder wollte. Genug, mir gefielen die An⸗ und Ausſichten der⸗ jenigen, die mich umgaben, oder mit denen ich auf meinen Wanderungen durch verſchiedene Gegenden Lebensbilder. 17 Sachſens in Beruͤhrung kam, nicht im mindeſten, und ſo war bei meiner angebornen Neigung, Fremdartiges und Neues zu ſehen, der Entſchluß, nach Berlin zu gehen, bald gefaßt. Vorher beſuchte ich noch alle die Oerter, wo ich ein mir befreundetes Weſen, oder ſonſt etwas Schöͤ⸗ nes und Sehenswerthes zu finden vermeinte. Viele Erinnerungen ſind mir lebendig geblieben; aber hier zu wenig an ihrem Platze, ſollen ſie im Laufe der Zeit in einer eigenen Schrift, die meine in Sachſen verlebten Jahre ſchildert, mitgetheilt werden. 259 Heimath und Fremde. Iſt es ſchon ein eigenes Gefuͤhl, wenn man aus dem aͤlterlichen Hauſe auf die kaum meilenweite Schule zieht: ſo iſt es noch weit eigener, wenn man, nun ſelbſt fuͤr ſein Fortkommen zu ſorgen genoͤthigt, einzig auf ſich und ſeine innere Kraft verwieſen, den gelieb⸗ ten Aeltern, Geſchwiſtern und Freunden Lebewohl ſagt, und einige Tage ſpaͤter endlich an der Graͤnze zweier Länder, des wohlbekannten, vielfach durchwan⸗ derten— und des fremden, in welches man eben ſei⸗ nen Fuß ſetzen will, einige Augenblicke ſinnend ſtill ſteht. Die ganze Vergangenheit tritt uns nahe. Was ſie gebracht hat, Freuden und Leiden, empfindet das Herz noch einmal. Und da jene bedeutenderer Zahl ſind, als dieſe, wird es einem in der That ſchwer, das Land, auf deſſen Boden ſie wuchſen, ob auch nicht fuͤr immer, ſo doch auf eine laͤngere Zeit, zu verlaſſen. Aber bald thut die Zukunft ſich auf. Was 260 mag ſie bergen in ihren Gefilden? Sind es helle oder truͤbe Tage, die ſie herauffuͤhren wird uͤber uns? So zittert Furcht und Hoffnung wechſelweis in der Bruſt. Aber die letztere traͤgt den Sieg davon, denn die Kraft, welche den Juͤngling durchſtroͤmt, iſt gewaltig, und die Luſt, ſein Daſeyn mit Thaten zu bezeichnen, wird hohe Begeiſterung, vor der alles Klein⸗ liche, Angſt und Sorge, wie vor dem Sonnenlichte der Nebel, zuruͤckflieht. Ueberhaupt iſt die Jugend wol eher geneigt, die Zukunft in helle, als in truͤbe Farben zu kleiden. We⸗ nigſtens iſt dieſes bei mir bis jetzt immer der Fall geweſen. Und hieße es nicht, ſich ſelbſt Kummer ſchaf⸗ fen, wenn man dem, was groͤßtentheils noch geſtaltlos vor uns liegt, hoͤchſtens in fluͤchtigen Umriſſen von der Vergangenheit und Gegenwart angedeutet wird, wenn man dem ſchon eine beſtimmte Form, welche die Zeit tauſendmal umaͤndern kann, und noch dazu eine dem Auge unerfreuliche, abſtoßende geben wollte? Thue es, wer da will! Mir mag eine ſolche Vorqual fern bleiben! Lieber trage ich das Beſté, was mir eigen iſt⸗ wie unausgebildet es auch zur Zeit noch ſeyn moͤge, zuſammen, und ſuche daraus ein Bild zu geſtalten, 261 wie es das innere Streben verlangt, farbig, meinem Weſen treu, lebendig in jedem Zuge und einſtmaliger Vollendung nicht widerſtrebend. Dabei gilt es auch ein kraͤftiges Vorwaͤrtsſchreiten, und die Unthaͤtigkeit, in welche der ſeiner Zukunft halber Beſorgte ſo leicht verſinkt, koͤmmt nicht zum Vorſchein. Mit dieſen Gedanken betrat ich die Preußiſchen Lande. Der Boden, ſandig, wie er in den Marken iſt, bedeckt mit Haiden und magern Waldungen, iu denen die Baumwipfel oft des Lebens entbehren, die kleinen Dorfer mit den duͤrftigen Huͤtten, die unanſehnlichen Kirchen, die Landleute, wie es bei der Unfruchtbarkeit ihrer Beſitzungen nicht wol anders ſeyn kann, meiſt ſchlecht gekleidet, die meilenlange, kaum von einigen Höuͤgelchen unterbrochene Flaͤche— ich muß es auf⸗ richtig geſtehen, das alles machte einen faſt widerlichen Eindruck auf mich. Bedachte ich dagegen wieder, wie, deſſen unge⸗ achtet, ſich hier, allen Voͤlkern zum Muſter, eine Kraft, eine Empfaͤnglichkeit fuͤr Ideen, ein frei⸗ thaͤtiges Selbſtgefuͤhl gezeigt, wie das neue Leben die Herzen aller Staͤnde ſchöpferiſch durchdrungen, und wie man jetzt beſchäftiget ſey, dieſe allgemeine 7 262 Regſamkeit zu erhalten, und ihr eine immer freudi⸗ gere Lebendigkeit zu geben: ſo ſah ich, gehoben uͤber die mich umgebende Armuth, einen Reichthum, von welchem ſich alljaͤhrlich die bedeutendſten Zinſen ver⸗ ſprechen ließen. 35 265 I Potsdam. In Potsdam fand ich ein mir ſchon von Witten⸗ berg aus innig befreunderes, theures Weſen, welches mir die an und fuͤr ſich ſchon ſo liebliche Stadt noch lieb⸗ licher machte. 4 Ehe aber etwas anderes erwaͤhnt wird, moͤgen ei⸗ nige Worte dem freundlichen Leſer die Stimmung ſchildern, in welcher ich nach Potsdam kam. Die Sonne war geſunken; die Daͤmmerung an⸗ gebrochen; die Straße, mitten durch einen dichten Wald laufend, wurde von den Strahlen des Mondes, die, da er, eben aufgegangen, noch tief am Horizonte ſtand, ſpaͤrlich durch das Baumgezweige fielen, nur ein wenig beleuchtet. Alles war ſtill, todtenſtill. Kein Menſch begegnete mir. Wann ich die Stadt erreichen wuͤrde, galt mir gleichviel: denn ich war weder ermuͤ⸗ det, noch ſchlich ſich eine Sorge in den freundlichen Kreis meiner Gedanken ein. Der Wald oͤffnete ſich 26. jedoch bald. Taͤuſchte das Auge nicht, ſo erhoben ſich rechts und links kleine, von Palliſaden eingefaßte Berge, auch ſchien die Ferne ein im Mondlicht glitzerndes Gewaͤſſer deutlich zu zeigen Da ſchlang der Weg ſich durch regelmaͤßig ge⸗ pflanzte Baͤume ploͤtzlich einen Berg hinab, und aus dem maleriſch vor mir ſich ausbreitenden, mildbeleuch⸗ teten Thale ſpielten die Glocken ein ſanftes Abendlied uͤber die ſchlummernde Gegend. Das iſt Potsdam! rief ich freudig aus: denn in meiner Jugend ſchon hatte ich viel von dem Glocken⸗ ſpiele daſelbſt erzaͤhlen hoͤren, und mir dieſen Genuß manchmal gewuͤnſcht. So erfuͤllet ſich nach und nach alles. Wer weiß, wie bald du auch an den Ufern des Rheins die alten Burgen ſiehſt, und von dem Safte ſeiner Reben trinkſt! ſagte ich zu mir, und ſchritt unter den Toͤnen einer Floͤte, die, ich weiß nicht von wannen? verſchwebend zu mir kamen, mit einem Herzen voll ſuͤßer Traͤume froͤhlich vorwaͤrts. Die Straße, durch die ich jetzt kam, war noch ziemlich lebhaft. Vor vielen Haͤuſern ſaßen, eine alte, ſchoͤne Sitte, Junge und Alte traulich koſend beiein⸗ ander, die wohlthuende Kuͤhle der Abendluft genießend. 265 Mit vieler Artigkeit wies man mir das Haus, wd ich zu ͤbernachten gedachte. 2 Zch klopfte. uUnd wer oͤffnete mir die Thuͤr? Meine, mir innig verwandte Lina, die ich ſeit mehre⸗ ren Jahren nicht geſehen, von der ich nur dann und wann ein paar herzliche Worte geleſen hatte. Ihre Freude, den alten Bekannten wieder zu ſe⸗ hen, war groß, die meinige nicht minder. Bis weit nach Mitternacht faßen wir beiſammen, und erzaͤhlten einander, was uns, ſeit dem Tage der Trennung, Liebes und Leides widerfahren war. In ſolchen Stun⸗ den giebt die Seele Freudenfeſte; Alles, ſelbſt das ehe⸗ mals Truͤbe und Schmerzliche, nimmt eine anftere Geſtalt an, und das, was froh an uns voruͤbergieng, wird in der Erinnerung zu einem himmliſchen Bilde. Frei und offen geht da alles uͤber die Lippe, was vor⸗ her tief im Innern verſchloſſen lag: denn es iſt ja ein verwandtes Gemüth, dem es ſich hingiebt, und, der Theilnahme im Voraus gewiß, faͤllt alles aͤngſt⸗ liche Abwaͤgen des zu viel, oder zu wenig weg. Man bringt ſich gewiſſermaßen gegenſeitig zur Schau, und findet eben ſo vieles Vergnuͤgen ſo recht tief in fremde Eigenthuͤmlichkeit zu blicken, als in die ſeine freie Blicke thun zu laſſen. Denn nur daraus, durch ge⸗ 266 genſeitiges Beieinandereinkehren, durch wechſelweiſes Geben und Nehmen geht ja die Freundſchaft hervor, welche, uͤber die Zeitlichkeit erhaben, ein unendliches Leben gewaͤhrt und erhält. 9n Ie I re *ℳ* 3 Hoch ſtand die Sonne am Himmel, als ich des andern Tages erwachte. Zwei dichtbelaubte, vor dem Fenſter ſich vieläͤſtig ausdehnende Kaſtanienbaͤume, ver⸗ breiteten nicht nur liebliche Daͤmmerung, ſondern auch erquickliche Kuͤhle. Draußen gab es, da die Aerndte⸗ zeit bereits ihren Anfang genommen, druͤckende Hitze. Bald war ich wieder in der Geſellſchaft meiner Freundin. Die Geſpraͤche von geſtern wurden in ei⸗ nem groͤßern Maaßſtabe fortgeſetzt. Das Fragmenta⸗ riſche, fuͤr die erſten Augenblicke zwar zureichend, be⸗ durfte bei laͤngerem Beiſammenſeyn wol der Ausfuͤl⸗ lung und Vereinigung zu einem geordneten Ganzen. Die ſchoͤne, weite Ausſicht, die wir dabei uͤber die Havel auf verſchiedene Gaͤrten, Baumgruppen, Sommerhaͤuſer, ja die freundliche Stadt ſelbſt genoſ⸗ ſen; das Glockenſpiel, das uns von Viertelſtunde zu Viertelſtunde in die Rede fiel— dieß alles gab un⸗ ſerm Geſpraͤche auch mehr Ausdehnung, und eine Art 267 von Bequemlichkeit, der man ſich bei freundſchaftlichen Mittheilungen ſo gern uberlaͤßt. Die letzten Jahre, reich an Ereigniſſen aller Art, hart und bedruͤckend in mancherlei Hinſicht; aber auch die Quelle troͤſtlicher Hoffnungen auf eine beſſere Zukunft; die Beziehungen, in denen wir zu dieſer Zeit, oder ſie zu uns geſtanden; unſer eigenes innres Leben; die Wuͤnſche, die das Herz gehegt und noch hegte— dieß mochte etwa der Stoff ſeyn, der von dieſer oder jener Seite verarbeitet wurde. Daß die Zeit Fluͤgel habe, ſagen Viele. Wir bemerkten es auch; denn ehe wir daran gedachten, warf die Sonne ihre abendliche Vergoldung auf das Bett der Havel, und mahnete, den Spaziergang, den wir auf einen nahen Berg fuͤr die Abendſtunde verab⸗ redet hatten, ſchleunig anzutreten. Wenn man dieſen Berg, auf den ein anmuthi⸗ ger Pfad durch Gaͤrten und gruͤne Plaͤtze fuͤhrt, erſtie⸗ gen und ſich am Belvedere hingeſtellt, oder auf einer der dortſtehenden Baͤnke niedergelaſſen hat: ſo genießt man eine reichabwechſelnde Ausſicht. Potsdam, auf einer wol 4 Meilen im umfange haltenden Inſel, welche die Havel, einige Seen und ein Kanal bilden, Potsdam mit ſeinen prachtvollen 268 Schlöſſern, glaͤnzenden Gebaͤuden und Gaͤrten zeigt ſich dem Auge in bewunderungswerthem Reize. Beſonders herrlich iſt der Anblick wol aber Abends, wenn die un⸗ tergehende Sonne und das aufbrechende Abendroth die helle Waſſerflaͤche mit rothſchillerndem Glanze belegen, ſo daß ſie, vom Abendwinde ſanft bewegt, in tauſend Flammen aufzulodern ſcheinet. Kaͤhne kreuzen noch hin und her, und manches Schiff mit weißem Segel und farbiger Flagge ſchwebt leicht vor dem Auge da⸗ hin. Die Windmuͤhlen, die auf dem Berge uͤber Sans souci ihre Fluͤgel langſam drehen, ſcheinen die Stadt gleich Waͤchtern zu huͤten. Aus der Ferne blauen friedliche Hoͤhen, und aus dem Thale herauf ſteigt weißes Thaugeduͤft in die heitere Luft. Dazwi⸗ ſchen ſpielen die Glocken von Zeit zu Zeit, und das Abendgelaͤute toͤnt von benachbarten Doͤrfern her. Dann iſt es wieder ſtill. Die Daͤmmrung breitet ihr falten⸗ reiches Gewand langſam erſt in den Thaͤlern aus, dann bedecket ſie auch die Berge damit, und alles dar⸗ unter uͤberlaͤßt ſich ruhig dem Schlummer. Dahin war es auch jetzt gekommen; aber wir blieben noch an dem Orte, wo wir bereits ſo viel Zauberiſches geſehen hatten, um den Aufgang des Mondes zu erwarten. 269 Iſt es nicht herrlich, ſagte meine Freundin, die Sonne haben wir vor unſern Augen zur Ruhe gehen ſehen, und nun ſoll die Nacht uns auch ihren mild⸗ leuchtenden Herold begruͤßen laſſen? So erſcheinen uns wol auch im wechſelvollen Leben, von der lieben⸗ den Gottheit geſendet, Hoffnung und Erinnerung. Moͤgen ſie, erwiederte ich, immer gleichzeitig um uns ſeyn, oder, wenn das zu viel verlangt waͤre, we⸗ nigſtens die eine zu uns treten, oder bei uns bleiben, wenn die andere uns verlaͤßt! Waͤhrend wir noch ſo ſprachen, gieng der Mond auf, und unten im Thale nahm ein Waldhornconzert ſeinen Anfang. Stille Sommerabende machen an und fuͤr ſich ſchon einen ſuͤßen Eindruck auf das Herz, aber noch weit ſuͤßer, zauberiſcher wird er, wenn in mondlicher Daͤmmerung unter tiefblauem Himmel die aufloͤſen⸗ den, das Herz in eine wundervolle Ferne und wieder in ſich zuruͤckziehenden Klaͤnge der Waldhoͤrner don lauen Weſten zu uns getragen werden. Da koͤmmt ein Frieden auf uns herab, der ſich wol dem ſeligen Verlieren in jener Welt vergleichen ließe— und wir wiſſen in der genußvollen Ruhe nichts von uns, als daß wir ſelig ſind. 270 Faͤllt dann ein Menſch dem andern in die Arme, ſo iſt das nicht irdiſche Liebe; ſondern der geheime Zug der goͤttlichen Natur in uns, die nicht vereinſamen mag, und ſich dem Geiſte, deſſen Gleichheit ſie einmal erkannt hat, in ſanfter Beruͤhrung gern hingiebt mit allem, was ihr eigen iſt. Denn die Erde iſt dann ganz in Schatten zuruͤckgetreten, und eine neue, hei⸗ lige Welt, wo Ruhe wohnt und wo man gern bei ſich ſelbſt einkehrt, hat ihren Platz eingenommen. Die Zeit hat ihre Bedeutung verloren, und wir leben in der Ewigkeit, bis daß wir erwachen. Und dann?! Dann ſind wir reicher geworden um ein himmliſches Bild, das ſeine lebendig friſchen Strahlen in mancher, der Freude, oder dem Schmerze geweihten Stunde, ſeg ensvoll uͤber uns ausſchuttet. Wie und wann wir den Berg herabgekommen, weiß ich nicht; aber das weiß ich, fuͤhle ich bis auf den heutigen Tag, daß eine unendliche Seligkeit bei mir eingekehrt, und alles umher von dem Lichte der Liebe verklaͤrt war. Und ſo iſt es gewiß keine Taͤu⸗ ſchung, wenn wir von Engeln gefuͤhrt zu werden glau⸗ ben: denn jedes, uns durch lebendig treuen Sinn fuͤr das Goͤttliche verſchwiſterte, Gemuͤth, traͤgt unter dem Staubgewande lichte Engelsfluͤgel. * 4* 27¹ Die andern Tage, die ich in Potsdam zubrachte, waren groͤßtentheils Wanderungen in den Gaͤrten und der umliegenden Gegend gewidmet. Meine Freundin begleitete mich. In ihrer Naͤhe ward alles bedeu⸗ tungsvoller; ſelbſt das, was an und fuͤr ſich wenig Geſtalt haben mochte, nahm eine beſtimmte Form an. Auch hatte mich damals der Geiſt der Poeſie, in dem ſich ja, wenn er, wie er es ſeyn ſoll, ein hei⸗ liger iſt, alles Schoͤne und Goͤttliche zuſammendraͤngt, von neuem maͤchtiger, als je ergriffen. Dem geoͤffne⸗ ten Auge zeigten ſich, was dem Blinden zuvor verbor⸗ gen geblieben, Steine, Blumen und Sterne in ihrer Weſenhaftigkeit, und es war nichts in dem weiten Gebiete der Schoͤpfung, was nicht auf eine neue, ei⸗ genthuͤmliche, wunderbare, aber doch dabei hoͤchſt ver⸗ ſtaͤndliche Weiſe zu mir geredet haͤtte. und das iſt der Liebe, wenn ſie des Menſchen Herz ganz ausfuͤllt, eigen; daß ſie alles in einem hel⸗ leren, der Gottheit naͤheren Lichte zeigt, und nichts Geſtaltloſes vor ſich beſtehen laͤßt, ſondern alles in ein klares Bild verwandelt, ob ſie gleich ſelber in ihrer unendlichen Fuͤlle, dem beſchraͤnkten Blicke geſtaltlos ſcheinen mag. 222 1 Aber ſollte ſie es? Sie, die den Menſchen erſt zum Menſchen macht, d. h. alle Krifte in ihm, die bisher mehr oder weniger thaͤtig geweſen, vielleicht gar noch in bewußtloſem Schlummer gelegen, und nur manchmal in Ahnungen, gleich Traͤumen, ſis ue wegt haben, harmoniſch in eine, ohgleich in verſchie⸗ dene Richtungen, ſo doch nach Einem Ziele ſtrebende Ur⸗ und Grundkraft aufloͤſet und lebendig erhaͤlt? Niein! ſie hat eine beſtimmte, freilich große, un⸗ endliche, dem irdiſchen Sinne unmeßbare Geſtalt! Dieß beweiſet ſchon der Umſtand, daß ſie ſich nur in ſolchen Weſen niederlaͤßt und wirkſam bezeiget, die, hoher Ausbildung faͤhig, Himmel und Erde in ihr Gemuͤth faſſen, und beſchaͤftiget ſind, ſey es nun blos in ſich, fuͤr die alleinige Anſchauung und Mittheilung an Wenige; oder aus ſich heraus in Geiſteswerken fuͤr alle, eine neue Welt zu geſtalten und zu heiligen. Feſt und beſtimmt muß ſie aber auch deßhalb ſeyn, weil ſie die Schweſter, den Bruder, wo ſie auch immer auftreten, ſogleich erkennt, und ihnen in die Arme faͤllt. Aber ihre hoͤchſte, auf Erden erreichbare/ Vollendung gewinnt ſie dann, ja ſie feiert, in der ſchoͤnſten Bedentung des Wortes, ihr Verklaͤrungsfeſt⸗ wenn ſie, das Zeitliche geſegnend, mit dem Swigen 11 273 in beſtändiger Beruhrung bleibt; ſo daß Er in ihr und ſie in ihm freie Wohnung hat. Wer dieß ermißt und ermeſſen hat, ſtehet auf ſonniger Hoͤhe, und ſiehet das ewig gruͤne Thal mit der Huͤtte des Friedens vor ſich liegen! * 82 * Sollte man nicht in Italien, dem Lande, wo die Citronen bluͤh'n, zu ſeyn meinen, wenn man, wie hier, mitten darunter ſteht, und, die Bildſaͤulen altroͤ⸗ miſcher Gottheiten erblickend, ſich auch in dieſer Hin⸗ ſicht dahin verſetzt waͤhnt? ſagte meine Freundin, als wir in der Orangerie zu Sans souci, wo der große Friedrich ſich ſo gern aufhielt, hochentzuͤckt ſtill ſtanden. Und ſie hatte Recht! Denn außerdem war die Luft ſo lau, die Baͤume trugen ſo hellgruͤne Blaͤtter, die Pflanzen und Blumen umher gruͤnten ſo uͤppig, als man ſie ſich wol in Italien zu denken pflegt. Hier empfinde ich, fuhr ſie fort, ganz dieſelbe Sehnſucht nach dem milden, anmuthigen Lande, die Goethe ſeine Mignon ausſprechen, oder vielmehr ſingen laͤßt, und moͤchte mit dir, mein Geliebter, dahin ziehen! Ueberhaupt, verſetzte ich, traͤumt ſich die Liebe ſo gern in ein reiches, ſonniges Land, gleichſam als wolle Lebensbilder. 18 274 ſie ſiche da ſie ein ewiger Fruͤhling iſt, aller winterli⸗ chen Gedanken und Empfindungen enthoben wiſſen. Und warum ſollte ſie das nicht auch? unterbrach mich die Freundin. Denkt man doch niemals mehr und inniger an den Fruͤhling und die ſchoͤnen Tage, die er bringen wird, als gerade im Winter, wenn es recht neblicht, truͤb' und kalt iſt! Warum ſollte es nicht auch die Liebe in ihrer Winterzeit auf Erden? Freilich iſt und bleibt es immer etwas Eigenes, daß ſie, die mit einer ſo belebenden Waͤrme den gan⸗ zen Menſchen durchdringt, Bluͤthen des Himmels pfluͤckt, und uͤberhaupt, wenn ſie das rechte Leben hat, allen, nur denkbaren, Zauber in ſich vereiniget und uͤber die vor ſie tretenden Gegenſtaͤnde ausbreitet, daß ſie ſo gern unter ſuͤdlichem Himmel ihre Huͤtte mitten in Blumen an ſanftrieſelnder Quelle aufſchlagen moͤchte. Und die Baͤume, mein Lieber, ſetzte ſie hinzu, duͤrfen auch nicht fehlen. An dem ſanften Blaͤtter⸗ ſpiele ergoͤtzet das Auge ſich hoͤchlich, und in ihrem Schatten daͤmmern die zu freundlichem Beſprechen und Berathen recht geeigneten Stunden; ſo daß es mir, ohne dieſelben, faſt unmoͤglich ſcheint, mich Tage, wol gar Jahre lang, mit einem Zweiten gemuͤthlich, frei und offen, wie ich es ſo ſehr liebe, zu beſprechen. 275 Auch mögen uns wol die Blaͤtter, wenn ſie, vom Winde bewegt, miteinander zu fluͤſtern ſcheinen, recht befreundet und theilnehmend vorkommen, ja mancherlei Troſt zuſprechen in beduͤrftigen Stunden. Die eben aufgeſtellte Anſicht, liebe Freundin, duͤrfte ſich wol von uns Beiden am wahrhaftigſten be⸗ ſtaͤtigen laſſen. Die Wohnungen unſrer Aeltern um⸗ ſchatten friedlichwehende Baͤume. Du haſt unter Lin⸗ den, ich habe unter Obſtbaͤumen meine fruͤhſte Kind⸗ heit verſpielt. Vielleicht waͤren ſie uns ſchon deßhalb ſo lieb, wenn uns auch kein, ich moͤchte faſt ſagen, angeborner Trieb, zu ſtiller Betrachtung und Ruhe unter ihre ſchattigen Zweige fuͤhrte. 8 Am liebſten haͤngt man aber wol, ſetzte ſie die Rede fort, bei ihrem luftigen Wehen der Erinnerung vergangener Zeiten nach; meint, wenn ihre Blaͤtter ſo ſanft fluͤſtern, darin Gruͤße entfernter Lieben zu ver⸗ nehmen, und moͤchte gern dem luftigen Winde die ſeinigen an ſie vertrauen, damit er ſie auch vor ihren Wohnungen den dienſtwilligen Blaͤttern zur Mitthei⸗ lung uͤberbraͤchte. 5 Sehr anſprechend; aber, Liebe, wir ſind ganz von dem Schluſſe unſers Geſpraͤchs abgekommen, der die endliche Beſtimmung: warum die Liebe ſo gern 276 in milder Gegend wohnen moͤchte, angeben ſollte. Es iſt bereits mancherlei, aber meines Ermeſſens noch nichts ganz Befriedigendes von uns Beiden vorge⸗ bracht worden. Wie waͤre es nun, wenn wir ſie, als eine Pflanze des Himmels voll ewiger Sehnſucht nach dem heimathlichen Boden darſtellten, und ſie aus die⸗ ſem Grunde diejenigen Gegenden der Erde aufſuchen ließen, welche mit jenem in irgend einer Hinſicht ei⸗ nige Aehnlichkeit wirklich haͤtten, oder einer gluͤcklichen Phantaſie doch wenigſtens zu haben ſchienen?— unter dieſen Geſpraͤchen waren wir zufaͤlliger Weiſe in ein aus Eichen, Linden und anderm deut⸗ ſchen Laubholz gebildetes Waͤldchen gekommen. War es uns unter den die Luft mit dem Hauche ihrer Bluͤthen ſuͤßwuͤrzenden Citronenbaͤumen wohl ge⸗ weſen: ſo fuͤhlten wir uns hier nicht minder angeſpro⸗ chen, ja feſtgehalten. Die Linden bluͤheten noch, und die Eiche ſtreut Fruͤh und Abends beſonders kraͤftigen Geruch aus. Doort mochten wir uns, wenigſtens ſcheint dieß die da reggewordene Sehnſucht nach Italien zu bewei⸗ ſen, doch nicht ganz heimiſch gefuͤhlt haben; hier dage⸗ gen ſtanden wir auf deutſchem Grund und Boden, und fanden unbeſchreibliche Freude an den mannichfach 277 geſtalteten und mit ihren Aeſten in den verſchiedenſten Richtungen durcheinander laufenden Staͤmmen. Fin⸗ ken und andere Voͤgel ſchluͤpften lebensfroh, Nahrung ſuchend, ſingend, oder beides zugleich, durch die leicht⸗ beweglichen Blaͤtter. Zwiſchendurch ſah man hin und wieder einzelne Streifen blauen Himmels. Wie der Menſch ſich zu gewiſſen Zeiten gern mit dem, was ihm zunaͤchſt liegt, beſchaͤftiget, und um keinen Preis heraustreten moͤchte aus dem freundlich umſchließenden Kreiſe: ſo waren unſre Gedanken jetzt auch auf das Naͤchſte gerichtet, und fanden in der That ein eben ſo abwechſelndes als freies Spiel darin. Beſonders zog die Eiche unſre Aufmerkſamkeit auf ſich. Man moͤchte ſie das Genie unter den Baͤu⸗ men nennen, wenigſtens hat ſie mir unverkennbare Aehnlichkeit mit vielen der groͤßten Geiſter des Erd⸗ bodens, oder umgekehrt ſie mit ihr, wie man will. Sel⸗ ten werden wir ſie, ihre erſten Blaͤtter friſch und ge⸗ ſund behalten ſehen. Schadet ihnen der Froſt nicht, ſo zerfreſſen ſie die Kaͤfer. Aber dafuͤr ragt ſie nach⸗ mals auch, wenn ſie neuen Schmuck gewonnen hat, uͤber alle Schweſtern und Bruͤder im Walde mit maͤch⸗ tigem Wipfel und ſtarken Aeſten, beugt ihre Kraft vor Niemanden, es ſey denn, daß ein Blitz aus der 278 —„. Hoͤhe ſie zerſchmetterte, oder die Art ihre Wurzeln zerhaue. Selbſt den Stuͤrmen des Herbſtes und Winters trotzt ihr Laub, und erſt ſpaͤt, wenn der junge Fruͤhling wieder friſche Knospen treibt, wirft ſie es herab: denn es iſt ihr reicher Erſatz geboten. Das aus dem Schlummer hervortretende Leben bedarf nun fürder keiner Zeichen ſeines vorigen Daſeyns: es hat die alte Stelle wieder eingenommen, und ſo gruͤnet es friſch in neuer Fuͤlle fort. Der Vergleich laͤßt ſich leicht machen! An den Birken und Linden fand die mir zur Seite gehende Jungfrau ungemein viel Jungfraͤuliches, Zartes und Naives. Die weiße Rinde des Erſteren bedeutete nach ihrer Meinung die Reinheit und un⸗ ſchuld, und die runden, wenig oder nicht genarbten Blaͤtter das Ganze, Inſichzufriedene, mehr in ſich zu⸗ ruck, als aus ſich heraus Gehende weiblicher Seelen. Auch wollte ſie noch den Duft, welchen die Birken vor allen andern Baͤumen des Waldes von ſich gaͤben, womit ſie gewiſſermaaßen die gruͤne Geſellſchaft erſt wuͤrzten und lieblich machten, mit dem Aufbluͤhen und Auftreten der Jungfrauen im Kreiſe der Maͤn⸗ ner vergleichen. Traͤte der Wind, der flatterhafte Geſell, zu der Birke, ſo wiſſe ſie ſehr naiv und artig 279 mit dem Koͤpfchen zu ſchuͤtteln und allen ſeinen ver⸗ faͤnglichen Fragen mit Feinheit, und ohne daß es ihr Schaden bringe, auszuweichen. Von der Linde ſagte ſie ebenfalls viel Schänes, und pries beſonders die Milde, mit der ſie an Som⸗ mertagen, wie wir heute mehrmals ſelbſt erfahren haͤtten, erhitzte Wanderer zu ſich einlade, und ihnen dann mit der groͤßten Freigebigkeit Schatten und Ruhe anbiete; auch ſey ſie den Liebenden gar geneigt, und habe in den alten Zeiten, wo ſie ſich zumeiſt an Quel⸗ len und Baͤchen aufgehalten, manchem Herzensbuͤndniſſe ihren Segen zugelispelt, und manchem Zweikampfe durch guͤtiges Zureden ein Ende gemacht. Mit dem Einbruche der Nacht ſtanden wir wie⸗ der unter unſern Kaſtanienbaͤumen. Nun, was wirſt du dieſen da fuͤr eine Lobrede halten? frug ich. Als ob das nicht Lobes genug vecdente, und ſich ſchon durch ſich ſelbſt lobte, daß ſie uns heute Mit⸗ tag, wo es draußen ſo druͤckend ſchwuͤl war, mit ihren Blaͤttern ſolche erquickliche Kuͤhle zuwehten, daß wir von der Sonnengluth wenig oder nichts empfanden! und das haben ſie heute eben ſo wenig zum erſten⸗ als letztenmale gethan. Der Großvater unſrer freund⸗ 28⁰ lichen Wirthin hat ſie ſchon gepflanzt, und das juͤngſte, noch in der Wiege liegende ihrer Kinder, freuet ſich ihrer ſicherlich auch noch an manchem ſchwuͤlen Som⸗ mertage. Gern ſtimme ich in dein Lob mit dankbarem Herzen ein: denn auch mir ſind ſie heute Morgen, wie ich erwachte, recht heimiſch erſchienen und deßhalb lieb geworden. Komm, laß uns noch ein Stuͤndchen unter ihnen koſen, da der Abend ſo mild und ſternen⸗ klar iſt, wir auch vielleicht nicht ſobald wieder bei ei⸗ ner ſo ſchoͤnen Jahreszeit zuſammenkommen. Zu den Naͤumen, wo die Sterne, als lichte Punkte, ausgeſtreut ſind, blickt des Menſchen Auge, wenn das Herz nicht ganz erſtorben iſt in Welt⸗ luſt, wol manchmal voll Thraͤnen der Freude, voll Thraͤnen des Schmerzes, als ſuche es da einen Troͤ⸗ ſter in der Noth, oder einen, der ſich mitfreue der füßen Thraͤnen, die es fulen. 1 Von dieſem Grundgedanken aus giengen wir zu verſchiedenen andern uͤber. Eines zeigte dem andern ſeine Lieblinge unter den Kindern der Nacht, und gab die Gruͤnde an, die ſie dazu erhoben hatten. Ihr gefiel vorzüͤglich das Siebengeſtirn, weil es an dem Abende des Tages, wo wir uns kennen lern⸗ 281 ten, nicht von dem Gewoͤlt, das die andern alle um⸗ zogen, verhuͤllt worden, ſondern, hellfunkelnd und ſchön, mitten in demſelben ſtehen geblieben ſey. Ich pries den Morgen⸗ und Abendſtern. Dieſen, weil er nach des Tages Laſt und Arbeit, die Nacht, die Mutter lieblicher Traͤume und ſtaͤrkender Ruhe, herauffuͤhre; jenen, weil er als Vorbote der Sonne neue Lebensluſt anfache, und beide zugleich ſchon deß⸗ halb, weil ſie als eine und dieſelbe Perſon ſich doch taͤglich an zwei ſo verſchiedenen Himmelsgegenden zeigten, beſonders aber darum, weil mir der eine des Morgens, wenn ich zu ihr den Weg angetreten, der andere aber des Abends bei der Ruͤckkehr manch⸗ inzl recht freundlich geſchimmert habe. und wenn wir, fuhr ich weiter fort, wie es bald geſchehen wird, nun wieder, eins von dem andern ge⸗ ſchieden, ſtille Naͤchte feiern: ſo laß uns, eins die Lieblinge des andern betrachtend, denjenigen, der ſie allnaͤchtlich leuchten heißt, um innern Frieden bitten und um Beſtand der Liebe, die uns ſeither ſo hoch begluͤckt hat, und die ja wol unſere Herzen auch fuͤrder ſuͤß erfuͤllen und bewegen wird. Wir verſprachen es uns gegenſeitig, und giengen, da uns der Mond zu lange auf ſeine Ankunft warten 282 ließ, ohne ihn begruͤßt zu haben, in den Kreis der Familie zuruͤck.. * Der letzte Tag, den man an einem Orte, ſey es ſelbſt ein fremder, zum erſtenmal fuͤr eine Zeit be⸗ ſuchter, verlebt, hat, wenn man nur eine Seele da⸗ ſelbſt gefunden, mit der man ſich in ſeinen Ideen und Anſichten einigermaaßen verſtaͤndigen konnte: er hat etwas Elegiſches, Ruͤhrendes an ſich, deſſen das Herz ſich um keinen Preis entſchlagen moͤchte. In meinen Verhaͤltniſſen, die wol zu den ſchoͤn⸗ ſten gehoͤren, mußte dieſes Charakteriſtiſche nun ganz beſonders hervortreten. So war es auch! Mich von Ihr, die mich ſo innig verſtand, Ein geiſtiges Leben gemeinſchaftlich mit mir lebte, und dem Bilde ſchoͤner Weiblichkeit in Wort und That treu blieb, mich von Ihr nach einigen, ſo pfeilſchnell verflogenen Tagen ſchon wieder trennen zu muͤſſen, kam mir allerdings hart, ſehr hart an; doch es mußte geſchieden ſeyn! Und ſo ſchien mir jenes bange Ver⸗ kuͤmmern der letzten Stunden, das man ſo haͤufig wahr⸗ nimmt, nicht nur Verluſt bringend, ſondern ſogar un⸗ maͤnnlich zu ſeyn. V 283 Zwar mochte ich dem Tage ſeinen Charakter nicht im mindeſten verwiſchen; aber das Elegiſche darin ſollte nur nicht weichlich und nebelhaft zerfließen, ſon⸗ dern durch Thraͤnen eine ſchoͤne Zukunft ahnen laſſen. Trauer, je tiefer und herzlicher ſie iſt, ehret, und laͤſſeet nicht Schwaͤche zuruͤck, ſondern erzeugt vielmehr Kraft und Staͤrke. Heute nahmen wir das Fruͤhſtuͤck im Garten. Natuͤrlicherweiſe mußte das Geſpraͤch auf die Blumen kommen, die, von Lina's Hand anmuthig geordnet und in verſchiedene, bald groͤßere, bald kleinere Grup⸗ pen ſinnig vertheilt, ihr aͤhnlich an Liebreiz und bluͤ⸗ hender Farbe, wie Schaaren von Schweſtern einzeln um ſie herumſtanden. Und wo faͤnde ſich auch irgend etwas, das ſich Jungfrauen anmuthiger vergleichen ließe, und ihren Tugenden ſchoͤnere Sinnbilder aufſtellte, als die Blu⸗ menwelt? Was Frauen am meiſten ziert, Unſchuld des Her⸗ zens, Einfalt und Demuth, iſt in der Lilie, in dem Veilchen abgebildet. Die Schoͤnheit, ohne Geiſt und Gemuͤth, die fuͤr den Augenblick vielleicht anzieht, aber nie fuͤr die Dauer zu feſſeln vermag, bedeutet die duftloſe, vielfarbige Tulpe. Und ſo kann man 284 nach Belieben noch eine Menge ſprechender Zuͤge aus dieſem reichen Gebiete entlehnen, die entweder Nach⸗ ahmung verdienen, oder zu zeigen bexpeit ſind, wie kei⸗ nesweges die ſchöne Form an und für ſich, ſondern einzig die ſchöne Seele, die ſie belebt, der Liebe Be⸗ ſtaͤndigkeit zu geben vermoͤgend ſey. Wenn wir uͤbrigens die Blumen mit E hrenberg fuͤr das Laͤcheln im Geſichte der Natur erkennen, ſo muß uns die ſo ſchon theure Mutter noch lieber werden, und unfre Blicke, oft auf ihre freundlich heitre Ge⸗ ſichtsbildung, die ja der Ausdruck alles Schoͤnen und uns innig Befreundeten iſt, hinziehen. Ja man koͤnnte noch weiter gehen und ſagen, die Blumen ſeyen die Engel in der Pflanzenwelt. Wie die meiſten Menſchen eine, oder einige un⸗ ter den Blumen haben, von denen ſie vor allen an⸗ gezogen werden, in deren Naͤhe ſie mit innigem Wohl⸗ gefallen verweilen: ſo hatte auch ein jedes Glied unſerer Geſellſchaft ſeine beſenderen Lieblinge. Der Eine erhob die Roſe, der Andere die Lilie. Lina pries die Reſeda, welche noch in voller Bluͤ⸗ the ſtand, mit der ihr eigenen⸗ Innigkeit, als das zar⸗ teſte Sinnbild haͤuslicher Frauen, die, ohne vieles Ge⸗ raͤuſch, blos ihren ſchoͤnen Pflichten lebend, bei ſteter 285 innerer Froͤhlichkeit, nur die Liebe derjenigen genoͤſſen, die durch Zufall, oder aus freiem Entſchluſſe ſich dem friedlichen Kreiſe ihrer ſtillen Beſchaͤftigungen einmal genaͤhert und Wohlgefallen daran gefunden haͤtten. Die Roſe, fuhr ſie fort, iſt wol auch eine ſchoͤne Blume, ja vor allen die ſchoͤnſte, ſie herrſcht durch aͤußere und innere Schoͤnheit uͤber die Schweſtern, als Koͤnigin; aus ihrem Auge blitzt Heiterkeit und Lebensluſt, und die Dornen ſind ihr, als Wehr, ge⸗ gen jeden ſchamloſen Angriff beigegeben, aber nicht alle werden zu Koͤniginnen geboren! Eine Gruppe Lilien feſſelte jetzt das Auge. Dieſe Blumen habe ich von Jugend auf, ſo oft ich ihrer anſich⸗ tig geworden, mit unbeſchreiblicher Liebe und Ruͤhrung betrachtet, und zwar darum, weil der Heiland, wie er von den aͤngſtlichen Sorgen der Menſchen um das Irdiſche redet, mit den herrlichen Worten auf ſie hin⸗ weiſet:„Schauet die Lilien auf dem Felde, wie ſie wachſen; ſie arbeiten nicht, auch ſpinnen ſie nicht, ich ſage euch, daß auch Salomo in aller ſeiner Herrlich⸗ keit nicht bekleidet geweſen iſt, wie derſelben eine.“ Auch hier kamen mir die herrlichen Worte wie⸗ der in den Siun, die ich mir als Kind ſo oft von dem Vater hatte vorſagen laſſen, wenn wir im Gar⸗ 286 ten der Blumen pflegten. Viele mir liebe Erinnerun⸗ gen knuͤpfen ſich uͤberhaupt an dieſe Blume. War eine Lilie nicht das erſte Geſchenk, das die Freundin meines Herzens von mir erhielt? Sagte ſie mir nicht bald nachher, wie unbeſchreibliche Freude es ihr gemacht, und wie ſie es ſtets aufbewahren werde, als Zeichen einer begluͤckten Stunde? und ſtand ſie nicht jetzt ſelbſt, jener Stunde gedenkend, mir zur Seite, voll Unſchuld und Seelenreinheit, der Lilie gleich? War die Rede ihres Mundes, der ſie die tiefen Ge⸗ fuͤhle ihres Innern anvertraute, nicht ſuͤßer, als der Duft der Lilie es iſt? Nehme der Himmel alles, was der Zeit angehoͤrt; das Andenken ſolcher Augen⸗ blicke muß er laſſen: denn ſie ſind geheiligt, und die lichten Punkte, nach denen der Geiſt ſein Leben miſſet. Haͤusliche Geſchaͤfte riefen die Freundin jetzt ab. Eine Laube, uͤber der ſich zwei friſchblaͤttrige Linden die Haͤnde reichten, bot Schutz vor den immer druͤk⸗ kender werdenden Sonnenſtrahlen. Nach alter Ge⸗ wohnheit ſchrieb ich, was mich eben bewegte, in die Schreibtafel. Einiges davon ſteht hier vielleicht nicht am unrechten Orte. Doͤrt am Roſenbeete verglich ich Sie eben der Roſe, Unter den Lilien hier prangt Sie als Lilie mit. 2. Blumen, wie reich an Duft, wie reich an Farben erſcheint ihr; Aber vor Ihr ſteht Duft, ſtehen die Farben zuruͤck! 3. Was im Einzelnen ihr, holdſelige Blumen, mir zeiget, Fand ich im Ganzen bei Ihr, eine unendliche Welt. 4. Bald iſt, der euch ſo reizend umgiebt, der gefaͤllige Schmuck hin; Aber der Zeit ſelbſt Trotz bietet ein reiches Gemuͤth! 5. Sanft, wie Blum' an Blume der Weſt druͤckt, fuͤhrte der Liebe Genius Dich, Jungfrau, ſanft zu dem Juͤng⸗ linge hin. 23b und nun halten wir uns in zaͤrtlicher Neigung um⸗ fangen⸗.8 Sind ſich die Blick' auch fern, ſind ſich die Hereen doch nah! * * Den Nachmittag und Abend verlebten wir in der Geſellſchaft unſrer gutmuͤthigen Wirthin und ihrer artigen Kinder. Als Schweſter der Mutter meiner Freundin waren ihr ſchon aus fruͤheren Zeiten her die Beziehungen, in denen wir junge Leute zu einander ſtanden, nicht unbekannt, und ſie freuete ſich, wie es ſchien, unſrer gegenſeitigen Liebe und Anhaͤnglichkeit herzlich. Was ſie zur Verannehmlichung meines Auf⸗ enthaltes thun konnte, that ſie. So fand ich wie⸗ 1 derum Gelegenheit die Bemerkung zu machen: daß man bei weiblichen Verwandten in der Regel beſſer aufgehoben iſt, als bei maͤnnlichen. n Ueberhaupt zeigen die Frauen ſich, wo es der eiebe gilt, beſonders geſchaͤftig, und ich moͤchte dieſe Theilnahme, wer mir auch widerſpreche, fuͤr einen ij⸗ r rer ſchoͤnſten und edelſten Zuͤge nehmen. 3 „Wir Maͤnner, oft zu ſehr nach Außen, gerichtet, Fierzehen haͤufig das Feinere, Gemuͤthliche, man koͤnnte 49 könnte wol auch ſagen, haͤuslich Poetiſche im Leben⸗ was dem zarteren Blicke der Frauen weit ſeltener entgehen mag. Dann pflegen ſie ſorgſam mit treuer, liebender Hand, und wollen nicht eher ruhen, als bis das angefangene Werk gluͤcklich vollendet worden iſt. Wir dagegen, nicht, wie jene, langſam bildend, meinen oft mit einem Worte, eine That ausfuͤhren zu koͤn⸗ nen, wozu es der Zeit und eines bedachtſamen Welterbil⸗ dens bedarf, und zerſtoͤren auf dieſe Weiſe die Bluͤ⸗ the, ohne je der lohnenden Frucht theilhaftig zu werden. Auch die Kinder waren uns, da wir ihnen, ſo oft es ſeyn wollte, Maͤhrchen und allerlei, ihrem Al⸗ ter angemeſſene, Geſchichten erzaͤhlten, ſehr gewogen, und weinten bei meinem Abſchiede am andern Mor⸗ gen ſchmerzlich. Auf keine Weiſe ſind wol auch ju⸗ gendliche Seelen leichter zu gewinnen, als dadurch, daß man, in ihre Kreiſe tretend, gewiſſermaßen ſelbſt wie⸗ der zum Kinde wird, mit ihren Augen ſieht, mit ih⸗ ren Ohren hoͤrt, in ihrer Art denkt und empfindet⸗ und ihnen das, was man geſehen, gehoͤrt, gedacht und empfunden hat, ſodann auf eine gemuͤthliche Weiſe er⸗ zählt. Mit der Welt, die ſie taͤglich um ſich ſehen, ſind ſie jedoch keinesweges zufrieden geſtellt; ſie wollen mehr, als dieſe giebt, Buntfarbiges, Zauberiſches, Lebensbilder. 19 290 aus fernen Laͤndern Hergeholtes, mit einem Worte dasjenige, was ihrer Phantaſie am meiſten Nahrung giebt, den weiteſten, freieſten Spielraum bietet, was ihnen in neuen, fremdartigen Bildern an's Gemuth tritt— das iſt ihnen das Liebſte und Erfreulichſte 8 42 e X. Gerade wenn der Menſch ſein Herz gern noch einmal ganz ausſchuͤtten, wenn er ſo recht innig dan⸗ ken moͤchte fuͤr treue Liebe und Freundſchaft; wenn er wuͤnſcht, daß jedes Wort ein lebendiger Abdruck ſeines Innern ſeyn moͤchte— gerade dann verſagt die ſonſt ſo beredte Zunge ihm ihren Dienſt, und die Hand kann nur durch ihren Druck, das Auge durch ſeine Thraͤnen ſagen, wie innig er noch danken, was er noch alles wuͤnſchen und bitten moͤchte, wie er es aber nicht koͤnne in der Fuͤlle ſeiner Gefuͤhle. Dann ſpuͤren wir wol, daß einſt, wenn die Banden des Lei⸗ bes abgethan ſind, alles anders ſeyn, und daß dann keine ſtoͤrende Hemmung mehr eintreten, ſondern Herz in Herz ſich frei ergießen wird. Aber hienieden will das nicht ſeyn! Davon waren wir insgeſammt uͤberzeugt, und hielten es darum fuͤr beſſer, beim Abſchiede außer dem einfachen, aber vielbedeutenden„Lebewohl“ 291. und„auf froͤhliches Wiederſehen“ kein Wort uͤber die Lippe gehen zu laſſen. Denn daß dieſer Augenblick ein heiliger ſey, und je einfacher, deſto ſchoͤner gefeiert werde, das fuͤhlten wir im tiefſten Herzen, und haben uns ſein Andenken nachdem oft⸗ mals erneuert! 4 292 Von Potsdam nach Berlin. Die Straße, die von Potsdam nach Berlin führt, bietet mehrere erfreuliche Ausſichten dar. Die erſte genießt man uͤber der Havelbruͤcke auf der Anhoͤhe. Da ſtellt ſich einem die ganze Stadt noch einmal in ihrer Herrlichkeit dar. Mein Auge verweilte mit Wohlgefallen darauf, und konnte ſich lange nicht von dem feſſelnden Anblicke losreißen. Ich hatte ja viele recht gluͤckliche Tage darin genoſſen, und die Worte „Lebewohl“ und„auf froͤhliches Wiederfe⸗ hen“ toͤnten noch immer, wie eine ferne Muſik, im Herzen. Endlich hieß das Glockenſpiel, deſſen Tert der ſchnelle Flug der Zeit iſt, mich meine Wandet⸗* ſcaft mahnend antreten. 8 Der Tag war heiß; aber die Pappeln und das andre Gehölz an beiden Seiten der Straße wehten küͤhlen Schatten. Die ſchoͤnen, naͤchſtverfloſſenen Tage wurden noch einmal durchgelebt, und in ein feſtes Bäid zuſammengefaßt, damit der Erinnerung kein Zug davon verloren gehe. So war ich unbemerkt bis an den ſchönen See, der in der Mitte zwiſchen Ber⸗ 7 293 lin und Potsdam liegt, gekommen, wo das Auge auf ſtundenweiter, dunkelblauer Waſſerflaͤche zur Feſte Spandau getragen wird, und zu gleicher Zeit mehrere artige Doͤrfer und Baumgruppen erblickt. Dieſe Landſchaft hatte einen ganz neuen Reiz fuͤr mich, hat ihn noch. Die weißen Sandhuͤgel, das dunkle Nadel⸗ holz, Kaͤhne und Schwaͤne auf den Wogen, das friſche Gras am ufer, das heitere Anſehen der fernen Stadt, und daruͤber der blaue, nur von einzelnen krauſen Woͤlkchen, ſchwanenhaft durchzogene Himmel, gaben ein ganz eigenes Bild von Heiterkeit, und verſetzten in eine Stimmung, fuͤr die mir bis jetzt der rechte Name fehlt. Dieſen Anblick theilte bald ein junger, mit Sinn fuͤr Naturſchoͤnheiten reichbegabter Mann, der ebenfalls nach der Reſidenz wollte, mit mir. Er gedachte dort der edeln Malerkunſt, die er fruͤher in Muͤnchen, ſpaͤ⸗ ter in Dresden geuͤbt hatte, zu leben. Seine Geſell⸗ ſchaft war intereſſant. Was ſein Auge ſah, wußte er eigenthuͤmlich aufzufaſſen und mit gutem Humor dar⸗ zuſtellen; auch beſaß er Feinheit und Weltkenntniß genug, um jedem Geſpraͤche einen gefaͤlligen Anſtrich und artige Wendungen zu geben. Wir fuͤhlten uns bald gegenſeitig angezogen, und verſprachen, ſo Gott 294 es wolle, gute Freundſchaft miteinander zu halten, und manchen ſchoͤnen Morgen und Abend gemeinſchaft⸗ lich zu genießen. Wie Jüͤnglinge zu thun pflegen, malten wir unſer kuͤnftiges Leben mit den hellſten Farben aus, und ließen nur dann und wann über den um uns herum gethuͤrmten Bergen ein Gewitter aufſteigen, das aber weniger zerſtorte, als befruchtete, und oft ein bloßes, die Luft abkuͤhlendes, Wetterleuch⸗ ten nach ſchwuͤlen Tagen war. O ich ſehe ſchon die Roſen, ſagte Wilibald, die friſch und duftig um un⸗ ſer Fenſter bluͤhen und uns duften ſollen. Die Dor⸗ nen brechen des Nachts die lieben Engel weg und ſo hat der Teufel keinen Augenblick Zeit, ſeine uͤberfluͤſſi⸗ gen Giftblumen darunter zu miſchen. Freilich wetzt der Neid die Zaͤhne, und moͤchte gern an unſerm Gluͤcke nagen; aber die kraͤftigen Faͤuſte, die wir ihm zeigen, ſollen ihn ſchon zittern machen. Und ſiehſt du dort die lange Reihe von Thürmen aus lauter Palä⸗ ſten hervorragen? Das iſt die langerſehnte Koͤnigs⸗ ſtadt, oder ich bin nicht werth, daß ich ſie je ſehe. Ein unbeſchreiblichfrohes Gefuͤhl ergriff mich bei dem Anblicke. Es war mir, als ſtieg eine neue Welt aus dem Staube, und als ſolle ich niederfallen und rreiſen⸗ daß ſie vor mir ſtand in ſolchem Glanze. erleſene Geſellſchaft, als da ſind G 295 Hier, rief ich begeiſtert aus, hier geht auch uns ein neues Leben auf: denn die, ſo darin wohnen, ſind ein freies, fröhliches Volk, und betreiben Kunſt und Wiſſenſchaft mit lebendigem Eifer. Da iſt das Todte verſchwunden und das kraͤftige Licht des Lebens er⸗ ſchienen. Da faͤngt der Saame, von den Vaͤtern ei⸗ ner innigeren Zeit ausgeſtreut, froͤhlich zu wachſen an, hat ſich bereits in einzelnen Bluͤthen herrlich entfaltet, und wird ihrer immer mehrere treiben, bis daß rings eine gruͤnende, bluͤhende Flur iſt. Da wohnet die Goͤttin des Friedens und daneben die Freiheit unter alten, hohen Palmen. Hier muß gut wohnen ſeyn: auf, laß uns Huͤtten bauen! 8 Und in der Huͤtte, fuhr Wilibald fort, wie tein und beſchraͤnkt ſie auch ſey, nur immer eine aut niise .c, Liebe und Hoffnung. Da giebt's ein wohees Götterleben, und ein Tag reiht ſich dem andeu leicht und gefäͤlig an, ſo daß wir oft ſeunend ſprechen: iſt es denn wahr, hat die Zeit ſo gar ſchnelle Fluͤgel? Dann treibt un⸗ ſer Beider Kunſt eine Menge farbiger, herrlicher Blüthen, deren ſich Jung und Alt, Hoch und Gerins bexzinnig erfreuet. Der erſte Freudenrauſch war vorüber. Das Auge 296 fing nun an, von dem Ganzen in's Einzelne zu gehen, 3 und weidete ſich hoͤchlich an den friſchgruͤnen Baͤumen, den artigen Gaͤrten und Doͤrfern in der Naͤhe. Hoͤrt man im Auslande von Berlin ſprechen, ſo wird die. Stadt an und für ſich mit ihren Luſtbarkeiten und ihrer heitern Lebensweiſe zwar hochgeprieſen; die Um⸗ gebungen aber werden leer und ſehr traurig geſchildert, gemeiniglich mit dem Namen Sandſteppen belegt. Aber jeder Ort hat ein Paradies, wo der Menſch ſich gluͤcklich fuͤhlen, ſich der Segnungen der milden Natur 2 erfreuen kann. Und verſagte ſie ihm, was ein ande⸗ rer faſt verſchwenderiſch empfing, ſo iſt dafuͤr gewiß ein Erſatz geboten, ſo ſtreuet der Geiſt die fehlendeu niithenkrinze darüber aus, bietet das reiche Gemuͤth 4 enere Gaben. So gehet auch hier der Natur⸗ nrund keinesmres loer aus, ſondern findet, wenn er zufrieden in ſich um genugſam iſt, hin und wieder eine Stelle, die ſeinem Karzen die Erde lieb macht, wo er gern ausruht von ſeinen Gefaͤften in ſtillen, freien Augenblicen. Denn die Erde iſt uͤberall der ſichtbare Wohnplatz des Herrn, und ſchön, wenn das menſchliche Herz nur auch ein Tempel Gottes und ſchoͤn iſt. Sonntag auf dem Lande. — Der Bonn 1819. Jeder Menſch hat Tage, deren er gern gedenkt, die er befreundeten Gemuͤthern in der Erinnerung mit Liebe mahlt. Dem Einen liegen ſie in dem daͤmmern⸗ den Gebiete der Kindheit; der Andere findet ſie unter den gruͤnen Baͤumen ſeines Jugendalters am Quell der Liebe; ein Dritter holet ſie von dem reichen Fruchtfelde maͤnnlicher Kraft. Wo ſie aber auch ver⸗ gangen ſeyn moͤgen, wie weit oder nahe hergeholt; ſo tragen ſie insgeſammt einen Reiz in ſich, den man wol ſtaͤrkend und erquickend nennen darf: denn er iſt der verſchwebende Duft uͤber dem Menſchenleben. So will ich denn auch einen, der mir vor vielen andern lieb iſt, ſchildern, und zwar einen, auf dem Lande verlebten, Sonntag. Alle uͤberfluͤſſigen Farben ver⸗ ſchmaͤhend, ſoll er rein und lauter, wie er war, vor Euch treten, und, wenn es ſeyn kann, anſprechen durch natuͤrliche Einfalt. — 30o 19. Auf der Schule ſchließt man in der Regel die feteſten Freundſchaften. Gluͤcklich, wer in den univerſi⸗ taͤtsjahren diejenigen, mit denen er ſich ſchon fruͤher voll d Liebe fuͤr Kunſt und Wiſenſchaft treuinnig ver⸗ band, wieder um ſich verſammelt ſieht. M ir ward das ſeltene Gluͤck zu Theil. Die meiſten, die auf der Schule gemeinſchaftliches Streben, Verwandtſchaft in Dent⸗ und Sinnesart zuſammengeführt hatte, fanden und thaten ſich in W. auf's neue zuſammen, die fru⸗ her geknuͤpften Verhaͤltniſſe im Feuer jugendlicher Be⸗ geiſterung und aufſtrebender Kraft noch eiumal tur zeit und Ewigkeit ſchließend. Einer meiner liebſten Freunde war nur einige Meilen weit von der Stadt zu Hanſe. Schon lange hatte ich Sonntags einmal mit ihm in ſeine Heimath reiſen, Aeltern und Geſchwiſter, an denen er mit der zärtlichſten Liebe hing, kennen lernen ſo lien und wollen; allein es war, ungeachtet ich es ſehr leb⸗ haft wunſchte, laͤngere Zeit unterblieben. Endlich wurde in einer heitern Woche der naͤchſte Sonntag dazu beſtimmt, Kein Hinderniß kam dazwiſchen, und das Wetter blieb beſtaͤndig. 8 Fruͤh um vier uhr, ehe die Sonne noch Ine gangen war, durchſchritten wir das finſtere Stadtthor, 361 und traten entzuͤckt hinaus in die von Morgenroth hellbeleuchtete Natur. Froͤhlicher Vogelgeſang begruͤßte uns von allen Seiten, ſtimmte unſre, ohnedies ſchon jugendlichheitern, Herzen noch heiterer. Das Fruͤhge⸗ laͤute, das uns bald darauf von den Thuͤrmen mehre⸗ rer Doͤrfer entgegen klang, wehete eine Stille und Feierlichkeit in das Herz, welche man das Sonntags⸗ kleid des innern Menſchen nennen moͤchte, wenn der Ausdruck nicht zu geſucht ſchiene. Einer theilte dem Andern ſeine Gefuͤhle mit, die theils der Milde der Gegenwart, theils den Erin⸗ nerungen der Vergangenheit, theils aber auch den Hoff⸗ nungen der Zukunft ihr Entſtehen zu verdanken hatten. Mancher klare Sonntagsmorgen der Kindheit gewann da neues Leben auf der Lippe des dankbaren Erzaͤhlers, und mancher zukuͤnftige wurde mit hellen Farben hoch⸗ zeitlich ausgeſchmuͤckt. Hatten wir uns nicht Beide dem geiſtlichen Stande beſtimmt? Und fuͤr den rech⸗ 8 ten Geiſtlichen kann es, wenn er geweihet iſt, kaum ſchoͤnere Stunden geben, als die ſonntaͤglichen, wo er in eigenem Schmucke vor der ganzen Gemeinde, als Diener des Hoͤchſten, auftritt, und Worte des Le⸗ bens verkuͤndigt. Dieſes ſollte ja auch— ſo hatte es die innere Liebe geſprochen— unſer zukuͤnftiger 5⁰2 Beruf ſeyn, und darum konnte es nicht fehlen, daß wir unſre Gedanken gern auf die hohe Zeit, wie fern ſie uns auch noch lag, hinrichteten. Wie freueten wir uns im Geiſte ſchon auf die erſte Predigt, die wir halten wuͤrden, wie wollten wir da unſer ganzes Herz aus⸗ ſchuͤtten, um den Herrn recht zu verklaͤren, und ſeine CEhre zu verbreiten unter den Menſchen. unter ſolchen Geſpraͤchen waren wir dem erwuͤnſthe ten Doͤrſchen bald naͤher gekommen. Schon ſahen wir den Thurm der Kirche aus Lindenwipfeln ragen und das rothe Dach der Paſtorwohnung freundlich durch gruͤne Obſtbaͤume ſchimmern. Wir verdoppelten un⸗ ſere Schritte, und erreichten es eben, als das defe zunt mnurrajenſ delzärtt ward. — Hehs Es iſt ein ſchoͤner Gebrauch, daß man die Gottesn haͤuſer und Wohnungen der Geiſtlichen gewoͤhnlich in dir Mitte der Dorfer, und, wenn es ſeyn mag, auf eine leine Anhöhe baut: denn ſie ſind ja in der Wahrheit fuͤr Alle, die das Beduͤrfniß nach etwas Höherem lebendig in ſich ſpuͤren, und, von den vergaͤnglichen Guͤtern der Welt unbefriedigt gelaſſen, nach dem Ewigen Verlau gen tragen, der Mittelpunkt, wo ein Glied der Ge⸗ 30⁰5 meinde ſich mit dem andern glaͤubig in Chriſto verei⸗ nigen kann und ſoll. Und wie das Herz, in der Mitte des Leibes liegend, durch die Adern in alle Glieder Lebenskrafte ausſtrömt, und alles mit ihm, ſoll kein ſieberhafter Zuſtand eintreten, in treuer Wech⸗ ſelwirkung ſtehen muß: ſo und nicht anders iſt Chri ſtus und ſeine Kirche alles Lebens Mittelpunkt, und die Geiſtlichen ſind die Adern, die vermittelnd das dort auellende Lebensblut in die Herzen der Beduͤrfti⸗ gen fuͤhren und ſie auf dieſe Meſß mit ihm in Wech⸗ fueuna ſien intmireſ Stot Hes 4 NMat Die— der Geiſllchen und immerefeien lih: aber eine beſondere Ruhe herrſcht doch Sonntags darin. So fanden wir es auch hier. Die Diener⸗ ſchaft, zur Kirche angekleidet, ſaß vor der Hausthur unter den Linden, und las im Geſangbuche. Der ehrwuͤrdige Vater meines Freundes, ein Greis an Jahren, inwendig aber friſch und jugendlich, ſtand im langen Talar in der Gartenſtube, ſeinem Lieblingsauf⸗ enthalte, und um ihn herum war ſeine Familie ver⸗ ſammelt, mit welcher er ſich, wie es Sonntags fruͤh, ehe die Kirche angieng, ſeine Sitte war, ausſchließlich uͤher religiöſe Gegenſtͤnde unterhielt. F⸗ Wir wurden von Allen herzlich willkommen ge⸗ heißen, und nahmen mit Freuden Antheil an den er⸗ baulichen Geſpraͤchen, in denen man begriffen war. Auf dieſe Weiſe ſiel es mir leicht, mich in den erſten Augenblicken ſchon mit den Gliedern des Hanſes ſo innig zu befreunden, als es einem ſonſt oft erſt nach wiederholten Beſuchen gelingt. Gemuͤthlichkeit und kla⸗ ren Geiſt, Liebe fuͤr Gott und Natur, die mir mei⸗ nen Freund ſo werth machten, entdeckte ich ſogleich auch in ſeinen Angehoͤrigen, und bereuete ſchmerzlich, daß ich, durch ſo langen Aufſchub eines Beſuchs, ih⸗ ren erquickenden Umgang nicht fruͤher genoſſen hatte; beſchloß aber feſt bei mir, das Verſaͤumte 8 Bu⸗ kunft treulich nachzuholen. Wir waren noch in dem beſten Geſpeäch, da en hnte das volle Glockengelaͤut. Wir brachen, ohne zu Ende gekommen zu ſeyn, ab, und machten uns alle⸗ ſammt auf den Weg nach der Aiasze naßime eine ſten⸗ Lindenallee fuͤhrte. Wer da gewohnt iſt, beim Eintritt in's Gottes⸗ haus durch wunderbare Bauart, Bilder und Muſik, welcherlei Dinge viele unſerer neuen Romane, als zur An 305 Andacht weſentlich gehorig ſchildern, angeſprochen zu werden, moͤchte hier ſchwerlich gefunden haben, was ſein Herz begehrte: denn von allem dem war, weder das Eine, noch das Andere zu ſehen und zu hören. Deßohnge⸗ achtet umfing mich hier in dieſer einfachen Dorfkirche, durch die der Orgel Toͤne ſchwach nur klangen, wo aber der Geſang deſto voller aus fromm bewegten Ge⸗ muͤtheru quoll, ohne einen Hochaltar mit ſchoͤnen Bil⸗ dern und brennenden Kerzen zu ſehen, ohne das Alles umfing mich der Geiſt der Andacht hier eben ſo innig⸗ und wol noch inniger, als einige Jahre darauf in dem hohen Dome zu Coͤlln, wo das Auge zwar von den bunten Glasſcheiben, die der aufſteigende Weihrauch⸗ duft noch daͤmmriger macht, bis herab zu dem Altar⸗ blatte und den Wandverzierungen eine Fuͤlle von Se⸗ heuswuͤrdigkeiten findet, das Herz jedoch nicht ein⸗ mal zur Genuͤge erfuͤllt, vielweniger wahrhaft erbaut wird. R8A dan „Wach auf, mein Herz, und ſinge Dem Schoͤpfer aller Dinge“ war das erſte Lied, das geſungen wurde. Und ich muß geſtehen, es war feierlich, wie die Toͤne immer voller und voller quollen, und jedes Herz mit einer ſo tiefen Gewalt ergriffen und mit ſich fortriſſen zu Dem, Sobensbilder. 20 306 von welchem wir Alles haben. Dann las der ehrwür⸗ dige Greis vor dem Altare das ſchoͤne Evangelium, wo unſer Heiland von der Fruchtloſigkeit irdiſcher Sorgen redet, auf die Voͤgel unter dem Himmel, die nicht ſaͤen, nicht aͤrndten, auch nicht in die Scheu⸗ ern ſammeln, und von unſerm himmliſchen Vater doch ernaͤhret werden, wo er an die Lilien auf dem Felde verweiſet, und ſagt, daß auch Salomo in aller ſeiner Herrlichkeit nicht bekleidet geweſen ſey, wie der⸗ ſelbigen eine, und zulezt den herrlichen, troſtreichen Schluß daraus ziehet, daß, da Gott ſolches an dem Gras auf dem Felde thue, das doch bald welk wird, er es um ſo mehr an den Menſchen thun werde. Darum ſey auch alle Sorge fruchtlos, und man habe am erſten nach dem Reiche Gottes und nach ſeiner Gerechtigkeit zu trachten: ſo werde einem das andre alles von ſelbſt zufallen.. Dann erhoben ſich die Klaͤnge der Orgel aufs neue zu einem paſſenden Vorſpiele, und bald ſtimmte die Gemeinde in das herrliche, der tiefſten Empfin⸗ dung entquollene, Lied Sollt' ich meinem Gott nicht ſingen, Sollt' ich ihm nicht dankbar ſeyn aus Herzensgrunde, faſt, wie triumphirend, ein. 3⁰⁷ Du frommer Paul Gerhard! welch einen koͤſtlichen Schatz des Troſtes und der Erhebung haſt du uns in den Erguͤſſen deines mannichfach bewegten, aber in dem Vertrauen auf Gott nie wankend gewor⸗ denen Herzens hinterlaſſen! Wir theilen alle Leiden, die du getragen, alle die Freuden, die du genoſſen haſt, ſchmerzlich, frohlich mit dir, und fuͤhlen durch den Schwung deiner Geſaͤnge die erſten vermindert, die letztern vermehrt. Laß mich deinen Juͤnger ſeyn, und ruhe auf mir mit deinem Geiſte; damit es den Er⸗ güſſen meines Herzens— ſeyen ſie nun das Erzeug⸗ niß einer herben, oder einer frohen Stunde— weder an Kraft, noch Troſt, weder an Geiſt, noch Leben gebreche; damit ſie Gefuͤhle, wie ſie die Welt nicht giebt, hervorzurufen und zu veredeln im Stande ſeyen! Die Orgel ſchwieg; der ehrwuͤrdige Greis ſtand freudeverklaͤrt, wie ein ſeliger Geiſt, auf der Kanzel, und das Auge mit ſichtbarer Ruͤhrung gen Himmel gewendet, hub er an:„Sollt' ich meinem Gott nicht ſingen, ſollt' ich ihm nicht dankbar ſeyn?“ Sein Gebet war ein Hymnus voll unend⸗ licher Kraft und Einfalt, den Tiefen des Herzens le⸗ bendig entquollen, und deßhalb wiederum an alle Her⸗ 50⁰3 zen dringend und ſie bewegend zu Dank und Freude. Die Thraͤnen der Zuhoͤrer floſſen reichlich. Er fuͤh⸗ rete ſie hinaus in die Natur, ließ ſie da ſehen, ho⸗ ren und fühlen; fuͤhrete das ganze Leben an ihnen voruͤber, die lichte Jugend und das truͤbere Alter; zeigte, wie Gott es uͤberall und jederzeit ſo gut meine, wie ſein Weſen nichts als lauter Liebe ſey, und wie er den Menſchen, ſeinen Kindern, das Liebſte, was er hatte, ſeinen eingebohrenen Sohn gegeben habe und noch taͤglich gebe— alles in Bildern; aber in Bil⸗ dern, die jedermann anſchaulich und bei Landleuten von ungemeiner Wirkung ſind. „So laſſet uns denn, rief er am Säluſe ſeines „Vortrags mit erhoͤhter Empfindung aus, um „Vertrauen zu unſerem lieben Vater im Him⸗ „mel zu faſſen, und daſſelbe ſtets lebendig zu en„erhalten, laſſet uns hinausgehen in die wun⸗ „dervolle, von ihm aus Nichts hervorgerufene „Schoͤpfung, und ſchauen, wie er alles darin, „von dem kleinſten Wuͤrmchen bis zur groͤßten „Chierart, von dem unſcheinbaren Grashaͤlmchen „ bis zu dem gewaltigen Eichbaume hinauf, wie n„er die Erde, unſern Wohnplatz, und die Mil⸗ „lionen leuchtender Welten, welche das Auge 309 „Nachts am Himmel gewahrt, wie er das Alles liebend erhaͤlt und mit treuer Sorgfalt umfaßt; „laſſet uns ferner das eigene Leben, von der „Kindheit an bis herab auf die gegenwaͤrtige „Stunde, aufmerkſam durchlaufen, alle Vorfaͤlle „ und Begebenheiten, groͤßere und kleinere, die „wichtigſten und die minder wichtigen ſcharf in's „Auge faſſen, laſſet uns das in der Geſchwindig⸗ „keit noch einmal thun, und dann die Frage „aufwerfen: ob nicht die Fuͤhrungen Gottes in „ihrer ganzen Weisheit und Liebesfuͤlle ſichtbar „werden, ob nicht jeder Tag, ja jede Stunde „ſeiner Liebesſorgfalt vollguͤltiges Zeugniß ablegt, „und zu fernerem Vertrauen dankbar auffordert? „Aber wir koͤnnen, wir muͤſſen noch weiter, noch „hoͤher hinauf gehen! Laſſet uns das Buch aller „Buͤcher, die heilige Schrift, aufſchlagen, und „da das Leben der Patriarchen und anderer from⸗ „mer Maͤnner und Frauen im Lichte des Herrn er werblicken, laſſet uns den Wandel des Heiligen mwin Menſcheugeſtalt Schritt fuͤr Schritt verfol⸗ „gen, ſeine Juͤnger auf ihren mannichfaltigen Lund gefahrvollen Wanderungen begleiten— und dun„das Vertrauen auf Gott wird geweckt, genaͤhrt „und unterhalten werden. Nun, du liebe Ge⸗ „meinde! ſollten wir unſerem Gott nicht ſingen, „ſollten wir ihm nicht dankbar ſeyn?— Jal! „heute und immerdar! Amen.“ Ehe wir uns zu Tiſche ſetzten, giengen wir noch ein wenig in den Garten, der dicht an's Haus ſtoͤßt, und eben ſo haushaltlich, als geſchmackvoll angelegt war. Kuͤchengewaͤchſe und Blumen wechſelten in der ſchoͤnſten Ordnung miteinander ab. Hier bluͤhete es noch, dort ſchimmerten ſchon reife Fruͤchte. „In dieſem Gaͤrtchen, nahm der wuͤrdige Pfar⸗ rer das Wort, hier bringe ich die Stunden, welche mir von meinen Amtsgeſchaͤften frei bleiben, gern zu, ſae, pflanze, begieße, reute das verderbliche Unkraut aus, ſammle dann im Herbſte die Fruͤchte mit froͤh⸗ lichem Herzen ein. Die eine Haͤlfte der Pflege, die der Blumen, haben meine beiden Toͤchter uüber ſich, die Kuͤchengewaͤchſe ſind meiner Sorgfalt anheim ge⸗ ſtellt. So verbindet ſich das Nuftzliche dem Schoͤnen angenehm, und wir finden in dieſer harmloſen Be⸗ ſchaͤftigung eine unverſiegbare Quelle von Genuß und —— „ 311 — Freude. Ueberhaupt wuͤßte ich, fuhr er weiter fort, fuͤr den Geiſtlichen, dem das Saͤen, Jaͤten, Pflanzen und Begießen in geiſtlicher Hinſicht ſo recht eigentlich Beruf iſt, keine beſſere Erholung von ſeinen, nicht ſelten ermuͤdenden, und ſcheinbar oft keine, oder doch nur geringe Frucht verſprechenden, Geſchaͤften, als eben die Gaͤrtnerey und Beſorgung der Feldwirthſchaft. Der Geiſtliche auf dem Lande wird noch beſonders da⸗ zu aufgefordert, da er ſeiner Gemeinde dadurch ein gutes Beiſpiel geben, und zur Erhoͤhung und Ver⸗ beſſerung ihres irdiſchen Gluͤcks, das ihm naͤchſt dem Heil ihrer Seelen wol auch am Herzen liegen ſoll,“ beitragen kann. Daher moͤchte ich jedem jungen Theo⸗ logen rathen, wenn es ſeyn koͤnnte, neben ſeinem Hauptſtudio ſich auch Kenntniſſe von der Landwirth⸗ ſchaft zuzueignen. An Zeit und Gelegenheit fehlt es ſelten einem.“ Von der Wahrheit dieſer Bemerkungen voͤllig uͤber⸗ zeugt, gaben wir Juͤnglinge dem Wohlmeinenden ſo⸗ gleich das Verſprechen, ſeinen guten Rath auf das Beſte zu benutzen. Unſeren Dank dafuͤr wußten wir ihm nicht uüberzeugender auszudruͤcken, als daß wir ihn baten, das lehrreiche Geſpraͤch weiter fortzuſetzen. Er that es nicht ungern, und wir hoͤrten, als man 512. ung zu Kiſche rief, mit Freuden aus ſeinem Munde, daß er glaube, wir wuͤrden dereinſt fuͤr das zwiefache Wohl unſerer Mitmenſchen nach Aräzſten wirken. enge dem daͤndlicheinfachen Mittagsmahle vuet der patriarchaliſche Hausvater die Unterhaltung unper⸗ merkt, gleichſam als muͤſſe es ſo ſeyn, auf den Ge⸗ genſtand ſeiner heutigen Predigt zu lenken. 94 Von Jugend auf mit einer brennenden Liebe fuͤr die E Erkenntniß menſchlicher und goͤttlicher Dinge er⸗ fuͤlt, aber von armen Aeltern gebohren, ohne Aus⸗ ſi cht, den Drang ſeines Herzens jemals befriedigen zu konnen, hatte es ſich doch nachher, wie durch ein Wun⸗ der, ſo gefüͤgt, daß er Schule und Uniyerſitaͤt zu be⸗ ziehen, Geiſt und Herz nach Wunſche auszubilden im 3 Stande geweſen war. Bei ſeiner rein religioſen Er⸗ ziehung mußte dies Gluͤck nothwendig einen tiefen, bleibenden Eindruck in ſeinem Gemuͤthe zuruͤcklaſſen. Mit jedem Tage gewann das Vertrauen auf Gott mehr Umfang. Manchexrlei, bald frohe, bald ſchmerzliche Ereigniſſe ſeines Lebens; ploͤtzliche Hilfe in der Noth bei anhaltendem Gebet und poͤlliger Hingabe an die 513 Gnade des himmliſchen Fuͤhrers; die Heiterkeit und Zufriedenheit der Seele, deren er ſich in allen Lagen zu erfreuen hatte— mußte dieß Alles zuſammen ge⸗ nommen ſein Vertrauen nicht felſengroß und uner⸗ ſchuͤtterlich machen? 8 Auf den Reiſen, die er ſpaͤter mit einem jungen Edelmanne durch Deutſchland, Italien und Frankreich machte, lernte er die Welt, wie ſie iſt, durch eigene Erfahrung kennen, und bildete die Ueberzeugung, daß nur derjenige frei und gluͤck ich lebe, welcher ſich un⸗ ter dem Schirme des Allmaͤchtigen geſichert wiſſe, im⸗ mer feſter und herrlicher in ſich aus. Seine im Dienſte des Herrn verlebten Jahre waren auch nicht ohne Belehrung fuͤr ihn geblieben. 4 Er hatte den Wandel manches Mitgliedes ſeiner zahl⸗ reichen Gemeinde beobachtet, hatte gewarnt und auf⸗ gemuntert, Heil und Verderben am Ende der Lauf⸗ bahn gewieſen, hatte dieſen in der letzten Stunde laͤ⸗ cheln, jenen mit Furcht und Zittern der kommenden Dinge warten ſehn. So durch das Leben, wie den Tod in ſeiner Anſicht unwiderleglich befeſtigt, nahm er nun alles, was uber ihn beſchloſſen war, ruhig und heiter aus der Hand ſeines Gottes dahin, und murrte und klagte nie, ſondern war zufrieden mit jeder, ihm 34 4 auf den erſten Anblick klar werdenden, oder unbegreif⸗ lich bleibenden Fuͤhrnng des Himmels. Dieſes leben⸗ dige Vertrauen, dieſer innige Glaube, dieſe uberall ſichtbar hervortretende Liebe, hatte ſich allen Gliedern der Familie in reichem Maaße mitgetheilt, bei dem einen ſo, bei dem andern wieder auf eine andere eigenthuͤmliche Weiſe ſchattirt. Und nun darf wol nicht erſt erinnert werden, daß eine Geſellſchaft, wo dieſes Allles, das innere und aͤußere Leben zur Sprache kam, wo bald dieſer, bald jener dem Strome ſeiner Empfin⸗ dungen freien Lauf ließ, wo die offenſten Bekenntniſſe, ohne Furcht mißverſtanden zu werden, gethan wurden, wo eins die Erzaͤhlungen des andern ergaͤnzte, durch aͤhnliche vermehrte, wo jedes Herz bewegt ward von den Fuͤhrungen des Befreundeten, daß eine ſolche Ge⸗ ſellſchaft die Seele mild erquickt, und ihr einen Vor⸗ geſchmack von dem ſchoͤnen Beiſammenſeyn der Seli⸗ gen gewaͤhrt habe! Fuͤr den Nachmittag wurde ein Spaziergang zu einem Geiſtlichen, der in der Nachbarſchaft wohnte, verabredet, um die aͤlteſte Tochter des Hauſes, welche dort auf Beſuch war, abzuholen. ˖Q˖-¶·˖—— 345 Indeſſen fuͤhrte mein Freund mich an die im⸗ mergruͤnen Oaſen der Kindheit, an ſeine Lieblings⸗ plätze, und erzaͤhlte mir unterwegs mancherlei aus ſeinen fruͤhſten Lebensjahren. Es macht einem in der That herzliche Freude, die Stellen, wo ein von uns geliebtes Weſen frohe Tage genoß, mit eigenen Augen zu ſehn. Jeder, auch der unbedeutendſte Gegenſtand wird zu etwas, wird uns lieb, nimmt einen Platz in unſerm Herzen eein; ja es iſt, als wuͤrde man dem Freunde dadurch noch inniger befreundet, als gehoͤre er einem nun ganz, mit ſeiner Vergangenheit und Gegenwart, an. Auch waren wir in dem Sonntagskleide, das unſere Seelen angelegt hatten, recht zu einem ſolchen Gange und Schauen geeignet: denn die Jugend ſoll immer⸗ dar, wie ein Paradies mit ungetruͤbtem, heitern Auge betrachtet werden! Sehnſucht und Liebe ſollen uns auf ihren leichten Fittigen dahin tragen, ldamit wir nie gaͤnzlich daraus getrieben werden. Nun will ich dich, ſagte mein Freund, als wir ſchon Verſchiedenes miteinander in Augenſchein genom⸗ men hatten, in den Tempel meiner Kinderjahre, in mein Allerheiligſtes, in das Paradies meiner kleinen Welt fuͤhren. Dort in dem Waͤldchen, von welchem 316 her der Bach ſich durch die Wieſenblumen ſchlaͤngelt/ dor giekt es ein gar ſchoͤnes, trauliches Plätzchen. Wenn wir uns durch das dicke Geſtraͤuch unter den Eichen hingewunden haben, gelangen wir auf eine An⸗ höhe, die ſich jetzt ſchon deutlich bemerken laͤßt. Bald ſtanden wir darauf. Unten an dem Fels⸗ geſteine rauſcht der Bach, eine Art von Waſſerfall bildend, voruͤber; durch das hohe Laubdach bricht blauer Himmel, ſendet die S Sonne einzelne Strahlen— und ſingender Waldvoͤglein halten ſich in dem kleinen Be⸗ zirk ganze Schaaren auf. Die Ausſicht vereinigt Man⸗ nichfaltigkeit und Anmuth. Vor ſich hat man das in Obſtbaͤume faſt verhullte Dorf, die Kirche mit den Linden, das freundliche Pfarrhaus; nach beiden Sei⸗ ten hin bilden ſich anmuthige, mit kleinen Hainen hin und wieder geſchmuͤckte, Thaͤler, dehnen ſich Flu⸗ ren mit Doͤrfern wie beſaͤet fruchtbar gus; die Ferne degtanzen blaudaͤmmernde Waldberge, 1 Hier ſetzten wir uns auf einer der von meinem Freunde angebrachten, und, ſeit er abweſend war, von ſeinen Geſchwiſtern ſorgfaͤltig erhaltenen Naſen⸗ baͤnke zuſammen nieder, und ließen, an die alten Staͤmme dahinter gelehnt, dem Spiele unſrer Ge⸗ fuhle und Empfindungen freien Raum. Aus der 317 Ferne her hoͤrten wir wol den Gang einiger Muͤhlen, das Gelaͤut der Glocken zum Nachmittagsgottesdienſt⸗ unter uns das Rauſchen des Baches, oben in den Zweigen die ſingenden Voͤglein— ſonſt aber war kein Laut rege, ja kaum vermochte der Wind die Bläͤtter zu einem leiſen Gefluͤſter. Sah man Menſchen, ſo waren ſie ſonntaͤglich geſchmuckt, und ſchon an ihrem Gange ließ es ſich abnehmen, daß heut der Tag des Herrn, der Tag der Ruhe ſey. O Sonntagsluſt! Du biſt die einzige rechte Nren⸗ ſchenluſt! Es raſtet alles von ſeinem Betriebe aus. Der Menſch iſt heute vorzugsweiſe im Dienſte des Herrn begriffen, und wie er aͤußerlich beſſere Kleidung angethan hat: ſo moͤchte er ſich auch innerlich ſchoͤner kleiden, um vor dem Auge ſeines Gottes rein und, ohne Flecken zu erſcheinen! So ohngefaͤhr hatte ich in mir geſprochen, als mein Freund das Wort ergriff, und alle die ſtillen, ſeligen Stunden, die ihm hier verſtrichen waren, im Lichte der Erinnerung, neube⸗ lebt, auftreten ließ. Er erzaͤhlte, wie es immer ſeine groͤßte Luſt geweſen ſey, Sonntags hierher zu gehen, um dem Gelaͤute der Glocken zu lauſchen. Er habe dann immer gedacht, wie ſich der liebe Gott uͤber ſeine Menſchen, die heute ſo fromm und gut waͤren, zu 318 ihm giengen, ihm ihre Noth klagten, und ihm dank⸗ ten fuͤr all ihre Luſt, ſo ſehr freuen muͤſſe! Und dann habe er ſich ſelbſt, ſobald das volle Glockengelaͤut ſeines Dorfes erklungen fey, ſchnell auf den Weg nach der Kirche gemacht, um dem lieben Gott ebenfalls zu gefallen und ihm zu danken. Auch habe er an keinem Orte lieber, und mit mehr Andacht in der heiligen Schrift geleſen, als hier, ja zuverſichtlich geglaubt, es ruhe ein beſonderer Gottesſegen auf der Einſam⸗ keit. Waͤhrend deſſen klang das Glockengelaͤut einladend von dem Thurme zu uns heruͤber. Komm, laß uns gehen, ſagte mein Freund, das giebt wieder einmal einen Kirchgang, wie in den Kinderjahren. In derſelbigen Gegend iſt es Gebrauch, daß der Geiſtliche Sonntagsnachmittags mit der Gemeinde einen Abſchnitr aus der Bibel durchgeht. Fuͤr dießmal war der 25ſte Pſalm, der wol unter die herrlichſten, die David geſungen hat, gezaͤhlt werden darf, der Ge⸗ genſtand der religioͤſen Unterhaltung. Die Deutung auf Chriſtum, die man ſchon in den aͤlteſten Zeiten 519 darin fand, diente zur Einleitung, und dann wurde der Heiland ganz nach morgenlaͤndiſcher Weiſe, als Hirt, der ſeiner Heerde nichts mangeln laͤßt, der ſie auf einer gruͤnen Aue weidet, und ſie zum friſchen Waſſer fuͤhret, mit treffenden Zuͤgen geſchildert, ſo daß jede Seele erquickt und ermuthigt ward, ſelbſt im finſtern Thal kein Ungluͤck zu fuͤrchten. Nach der Kirche wurde der verabredete Spazier⸗ gang ſogleich angetreten. Wir kamen abwechſelnd durch Baumgaͤrten, Wieſen, Felder und Gehoͤlz, an einzeln liegende Muͤhlen, Wirthſchaften und Doͤrfer. Ueberall trafen wir Landleute, die den Segen Gottes auf ihren Fluren mit Wohlgefallen betrachteten, uns grußten, die Fruchtbarkeit des Jahres prieſen, und mancherlei zu fragen und zu beantworten hatten. Dabei wurde mir geſagt, wie vor etwa fuͤnf und zwanzig Jahren das alles hier ganz anders ausgeſehen, wie Aecker und Gaͤrten um die Haͤlfte weniger ergiebig geweſen, als jetzt. Hier zeigt, ſprach der edle Greis, die Erfah⸗ rung einmal recht anſchaulich, wie viel der Geiſtliche mit Gottes Huͤlfe zur Befoͤrderung der irdiſchen Wohl⸗ 3520 fahrt ſeiner Gemeinde beizutragen vermag: denn als ich hierher kam, ſah man nur hin und wieder einzelne Baͤume, halb verdorrt vor Alter, kruͤpplich und ohne Gedeihen traurig ſtehn. Das erſte, was ich in der Wirthſchaft that, war, daß ich neben meinem Hauſe einen Baumgarten anlegte, der, wie der Augenſchein zeigt, unter die beſten im Dorfe gehoͤrt. Sogleich fand mein Beiſpiel die beabſichtigte Nacheiferung frei⸗ lich nicht. Es wurde mir immer geſagt, der hieſige Boden eigne ſich nicht zum Anbau der Obſtbaͤume; die Winter waͤren in der Regel zu hart, als daß der Froſt keinen Schaden thun und die jungen Staͤmm⸗ chen aufkommen laſſen ſollte. In der Folge der Zeit wuͤrde ich ſehen, daß dieſe Bemerkungen nur allzu wahr waͤren, und nicht laͤnger auf Verſuchen beharren, wobei man nur Zeit und Muͤhe bedauern müſſe. In⸗ deſſen bewirkte ich doch ſo viel, daß jeder in ſeinem Garten ein Plaͤtzchen fuͤr eine Baumſchule beſtimmte. Saamen von guten Obſtarten wurde aus verſchiedenen Gegenden herbeigeſchafft. Man ſaͤete und ſah ihn auf⸗ gehen. Das gute Gedeihen der Stämmchen ließ all⸗ maͤhlig Geſchmack an der Sache finden. Jung und Alt lernte propfen, okuliren, und was ſonſt bei der Baumzucht zu wiſſen nöthig iſt. Nach etwa zehn Jahren 521 Zahren waren die meiſten Gaͤrten ſchon mit jungen Obſtbaͤumen bepflanzt, die bald darauf zu blühen und Fruͤchte zu tragen anfingen. Von dem froͤhlichen Ge⸗ deihen derſelben, von der Pflege, die man allaͤhrlich darauf verwendet, und von den Vortheilen, die dar⸗ aus fließen, kann ſich Jedermann mit eigenen Augen uͤberzeugen.“ „Dabei moͤchte jedoch, fuhr er nach einer Weile weiter fort, eine Bemerkung nicht uͤberfluͤſſig ſeyn, naͤmlich die: daß Vorurtheile nie, oder doch nur aͤu⸗ ßerſt ſelten durch bloße Worte ausgerottet werden koͤn⸗ nen, That und Erfahrung thun das Beſte dabei. Was half's, daß ich aus alten Papieren auf das un⸗ beſtreitlichſte nachwies, wie viel Obſt man ſonſt in der hieſigen Gegend gewonnen, daß ich die Ueberbleib⸗ ſel aus jener Zeit, die alten Baͤume, als noch lebende Zeugen auffuͤhrte? Es fehlte an Einwendungen kei⸗ nerlei Art, und meine Abſicht waͤre ſicherlich ohne au⸗ genſcheinliches Beiſpiel nicht erreicht worden.. Mutter und Dochter, die an den Geſpraͤchen ebenfalls lebhaften Antheil nahmen, entwickelten, ohne daß ſie es wollten und wußten, eine Menge wirth⸗ ſchaftlicher Kenntniſſe, und reiche, in allen Lebens⸗ verhaͤltniſſen einen ſchoͤnen Bezug auf das Hoͤhere Lebenobilder. 21 322 findende Gemuther. Ueberhaupt iſt es den Frauen eigen, daß ſie uͤberall Bedeutung finden, daß ſie ihre Umgebungen mit himmliſchen Bluͤthen ausſchmuͤcken, und dem Kleinſten und Geringfuͤgigſten ſelbſt einen gewiſſen Reiz, einen Anſtrich von Anmuth zu ver⸗ leihen, oder abzugewinnen wiſſen. Beſonders wurde von ihnen das laͤndliche Leben im Verhaͤltniß zu dem Staͤdtiſchen geprieſen— und es ließe ſich wol ohne Uebertreibung ſagen, daß ihre Lobſpruͤche die herrlichſte Poeſie, daß das Geſpraͤch eine Idylle im hoͤchſten Sinne des Wortes geweſen ſey: denn jeder Zug trug die Farbe der Wahrheit an ſich, war friſch aus dem Le⸗ ben gegriffen, treu in's Herz aufgenommen, und nun, vergeiſtigt, in das ſchoͤne Gemaͤhlde gewoben. Und wie der ſinnige Mahler die Sonne uͤber ſeine Land: ſchaft zu unſerer Luſt hinſtellt, und ſie mit ihren Strahlen Alles verklaͤren laͤßt: ſo ſah man hier das Auge der Vorſehung aus dem blau und wolkenlos daruͤber ruhenden Himmel freundlich herabblicken und diejenige Verklaͤrung laͤcheln, welche die Erde dem Himmel aͤhnlich macht. —— 325 Wir hatten das Ziel unſrer Wanderung erreicht. Die Predigerfamilie, eben im Garten ihre Blumen muſternd, bemerkte uns nicht ſogleich; aber die lieb⸗ liche Schweſter meines Freundes, die wol oft nach dem Wege, den ihre Aeltern kommen mußten, ge⸗ blickt haben mochte, ward uns bald gewahr, und flog leicht, wie ein vom Winde befluͤgeltes Roſenblatt, in unſre Mitte. Es war eine Luſt, ſie den Aeltern ihre kindliche Dankbarkeit fuͤr das treue Worthalten bezei⸗ gen zu ſehn! Der Bruder, die Schweſter wurden ebenfalls auf das herzlichſte begruͤßt, und mir hatte in meinem ganzen Leben noch kein Bewillkommnungs⸗ gruß ſo freundlich und ſinnig geklungen, als der Ihrige. Bald waren wir bei der Familie. Gegenſeitige Freundſchaft und Achtung verſchoͤnten den heitern Kreis. Anfaͤnglich war das Geſpraͤch allgemein, bald in dem Beſitze des einen, bald des andern, wie das in den erſten Augenblicken freundſchaftlicher Zuſammenkuͤnfte gewoͤhnlich der Fall iſt, und gewiſſermaaßen auch zu gegenſeitiger Zufriedenheit ſeyn muß. Nachher beſpra⸗ chen ſich die Maͤnner, die Frauen einzeln. Wir jun⸗ gen Leute ſchickten uns zu einem Spaziergange nach dem ſchoͤnen Waͤldchen, das nicht weit davon ablag, an, und freuten uns, einander bald befreundet, eins 324 an den Mittheilungen des andern. Poeſie und Na⸗ tur, denen jugendliche Gemuͤther ſo gern huldigen, ga⸗ ben uns Stoff die Fuͤlle. Bilder und Bemerkungen aus unſerm Leben ließen ſich ſchicklich dabei anbringen, ja ſie mußten ſogar hinzugefuͤgt werden, um ſich ge⸗ genſeitig zu verſtaͤndigen, zu befreunden. Lina, die aͤltere Schweſter meines Freundes ſprach ſich eben ſo ſchön, als offen gegen mich aus. An ihrer Seite wandelnd ward es mir zum erſten⸗ male klar, wie unendlichreich das weibliche Gemuͤth ſey, und wie Alles, was es in ſich aufgenommen, verherrlicht daraus zuruͤckſtrahle. Sie mochte einen Gegenſtand, welchen ſie wollte, noch ſo fluͤchtig be⸗ ruͤhren, er verſchoͤnerte ſich auf ihren Lippen, erſchien von einer neuen, gefaͤlligen Seite. Ihre Gefuͤhle und Anſichten trugen insgeſammt das Gepraͤge einer ſchoͤ⸗ nen Eigenthuͤmlichkeit, einer Bildung der geſammten Seelenkraͤfte, wie man ſie nur aͤußerſt ſelten findet, waren zart und aͤchtweiblich. Was uͤber die Schran⸗ ken der Haͤuslichkeit hinauslag, und nicht, ohne Auf⸗ opferung der Weiblichkeit, in den ſtillen Kreis ihres Lebens und Wirkens herein gezogen werden konnte, mochte ſie nicht erfreuen, das ſah ſie als eine ver⸗ botene Frucht an, deren Genuß dem Frieden, der Ein⸗ 525 falt und Reinheit des Herzens Verderben drohe, und fruͤher, oder ſpaͤter nothwendig bringen muͤſſe. Dabei verſpuͤrte man jedoch nicht die mindeſte Duͤrftigkeit und Beſchraͤnktheit, es zeigte ſich vielmehr ein Reich⸗ thum, von dem es ſich mit Beſtimmtheit vorausſagen ließ, daß er in Zukunft ſich eher vergroͤßern, als ver⸗ mindern werde. So verhaͤlt es ſich denn auch in der That! Je weniger man den Kreis, fuͤr welchen man beſtimmt iſt, zu uͤberſchreiten; je mehr man ihn, alles Fremd⸗ artige daraus verbannend, und, dem ihm weſentlich Zugehoͤrigen, einen ſichern Platz darin anweiſend, aus⸗ zufuͤllen und in ſeiner Reinheit darzuſtellen Luſt hat: um ſo mehr erweitert er ſich, eine deſto anziehendere Mannichfaltigkeit, eine um ſo erfreulichere Eigenthuͤm⸗ lichkeit gewinnt er. Daher ſind die am wenigſten weiblichen Frauen immer die aͤrmſten und beſchraͤnk⸗ teſten. Mitten in jenem Waͤldchen liegt eine maͤßige An⸗ hoͤhe, von allen Seiten mit Gebüſch umwachſen. Un⸗ ter zween darauf prangenden Fichten gruͤnt eine Ra⸗ ſenbank, von welcher man nach Abend und Morgen 326 durch gelichtetes Gezweig eine gar anmuthige, man⸗ nichfach abwechſelnde Ausſicht hat. Hier kamen wir, eben als die Sonne ſich zu neigen begann, an, und genoſſen nun ein Schauſpiel, welches, man ſehe es noch ſo oft, ſtets neue Freude gewaͤhrt, ſtets einen leben⸗ digen Eindruck auf das Herz macht. Wie herrlich prangte die ſanftbewegte Saat im ſinkenden Sonnen⸗ lichte! Wie lagen Doͤrfer, Gewaͤſſer, Wald, Berg und Thal ſo golden vor dem ſcheidenden Auge des Tages! Aus den Buͤſchen, aus der Luft und von den Feldern herauf und heruͤber toͤnten frohe Abend⸗ lieder. Menſchen und Heerden, alles zog der Hei⸗ math langſamer, eiliger zu. Und wie der Himmel ſich uͤber und uͤber mit gluͤhendem Gewoͤlk bedeckte, faͤrbten die jugendlichen Wangen ſich roͤther und roͤther von innerer Freude, und einſtimmig begannen wir, als waͤre es verabredet worden, den ſchoͤnen Geſang: „Sonne du ſinkſt!“ Wie immer, ſo war auch unſre Geſellſchaft durch den gemeinſchaftlichen Naturgenuß einander naͤher ge⸗ bracht, traulicher unter ſich geworden. Bei voͤlliger Daͤmmerung, als ſchon einzelne Sterne am Himmel blinkten, traten wir in's Pfarrhaus. Man hatte auf uns gewartet. Das Abendeſſen ſtand bereits auf dem * 327 Tiſche. Scherz und Heiterkeit, die beſte Wurze, fehl⸗ ten nicht— und ſo genoſſen wir denn mit froͤhlichem Herzen. Erſt ſpaͤt trennte man ſich. Die knadt war aͤußerſt ſchoͤn. Am Himmel der Mond; Blumengeruch um uns; ganze Choͤre von Nachtigallen im Wettſtreit; Lina, das ſanfte, gute Maͤdchen an meinem Arme— das Alles, und nun ihr liebevolles Geſpraͤch!— mußte ſich mir die Erde da nicht in den Himmel verwandeln? Stroͤme von Luſt bewegten und hoben mein Herz, und die Inſeln der Seligen waren fuͤr mich keine Mythe mehr. In ſolchen Augenblicken gehet der Seele das Licht auf; alte Ahnungen und Hoffnungen werden wach; man hat gefunden, wonach man ungewiß trachtete, und ſtaunet, und freut ſich uͤber den ſchoͤnen Beſitz. Die Fragen, die das Herz thut, kommen nicht mehr un⸗ beantwortet zuruͤck, Wunſch und Gewaͤhrung ſind eins! Das iſt die werdende Liebe, oder vielmehr die durch einen Zauberſchlag ploͤtzlich in's volle Leben gerufene Liebe: denn da iſt von keinem Werden, ſondern von einem bloßen Seyn die Rede. Ein Druck der Hand, ein Blick des Auges verkuͤndigen eben ſo klar das holde Gluͤck, als das beſeeltere W Wort. 528 Zu Hauſe lag ſchon alles in tiefer Ruhe. Wir ſagten uns auch bald gute Nacht. Mein Freund und ich giengen auf unſer gemeinſchaftliches Zimmer. Oben aber konnte ich mich nicht enthalten, ihn entzuͤckt in meine Arme zu ſchließen. Welch einen Schatz bewahrt dein vaͤterliches Haus! rief ich. Wie gut und edel ſind deine Aeltern! Wie lieb und hold deine Ge⸗ ſchwiſter! Das iſt ein Sonntag geweſen, wie mir noch Keiner ward! 3 Der Freund verſtand, was ich ſagen wollte, er⸗ wiederte meine Umarmung bruͤderlichherzlich, hielt meine Hand ſchweigend, aber bewegt lang in der ſei⸗ nigen, und ſagte zuletzt: Du Lieber! koͤnnte und ſollte denn nicht unſer ganzes Leben ein ſolcher langer, ſchoͤner Juniusſonn⸗ tag ſeyn?“ Ja wol! war meine Antwort,— und mir iſt es von nun an dazu geworden! Traumbilder. Frankfurt am Mayn. 1817, Es iſt dir, freundlicher Leſer, in deinem Leben gewiß manchmal vorgekommen, daß Traͤume deine Bruſt wunderſam bewegt, daß ſie Bilder in dir auf⸗ geregt haben, die du lange mit dir herumgetragen, und von allen Seiten betrachtet haſt. Halb möͤgen ſie dir vielleicht wahr erſchienen ſeyn, und aus dem Kreiſe deiner Erfahrung genommen, halb truͤgeriſch und ungewiß, wie Stuͤcke aus alten Maͤhrchen. Aber erfreut haſt du dich ſonder Zweifel allemal uͤber die wunderbaren Geſtalten und Bildungen, und ihrer um keinen Preis entbehren moͤgen in deinen Naͤchten; die⸗ weil ſie dir eine Erfriſchung geſchienen haben fuͤr dein ſchweres Tagewerk— und vielleicht noch etwas mehr. Mögen auch die Bilder, die ich jetzt vor deine Seele fuͤhren will, freundlich anſprechen. Ob ſie es werden? 550 weiß ich freilich nicht; aber ich wuͤnſche und hoff es aus mehreren Gruͤnden. Ich ſtand mitten in der Nacht. Vor mir rich⸗ tete ſich eine kleine hagere Figur auf. Die Haare ſtraͤubten ſich; der Angſtſchweiß trat mir auf die Stirn. Es war alles ſtill. Nur eine Thurmuhr unterbrach mit jhrem gewoͤhnlichen Gange das druͤckende Schwei⸗ gen. Neben mir ſtand eine Laube aus Roſen und Myr⸗ then. In dieſe winkte mich die grauerliche Geſtalt. Ich trat hinein, und ſah, daß ſie um ein Grab ge⸗ zogen war, und recht luſtig bluͤhte und duftete. Darunter ſchlaͤft deine Geliebte, liſpelte mir eine Stimme leis ins Ohr— und ich ſchauerte vor Freu⸗ den zuſammen: denn ich hatte niemals erfahren koͤn⸗ nen, wo ſie begraben lag; aber daß ſie todt war, wußte ich wol. 1 Ich heiße Mortifer, unterbrach die wunderliche Figur das eingetretene Stillſchweigen; du haſt mich gewiß lange ſchon um meinen Namen fragen wollen, es aber aus Furcht nicht gewagt. Mir iſt gegeben, um die letzten Lebenstage eines jeden Menſchen zu 331 ſeyn, und Bilder daraus in meinem Gedaͤchtniſſe auf⸗ zubewahren. Vielleicht kann ich dir einiges erzaͤhlen, was du gern wiſſen moͤchteſt. Ich wußte anfangs nicht, ob ich ja, oder nein ſagen ſollte, weil mir die Figur zu unheimlich und ſiiderlich vorkam, um das Angenehmſte, was es füͤr mich gab, aus ihrem verzerrten Munde zu erfahren. Aber ich ſagte mit Freuden zu, als ich meinen Irr⸗ thum bemerkte, und den holdſeligſten Juͤngling mir Jur Seite ſtehen ſah, Palmen in der Hand und aller⸗ lei liebliche Blumen. Ach! du ſchoͤner Bote aus der Geiſterwelt, der du herabkommſt auf die Erde, die Menſchen in ihren letzten Tagen vorzubereiten auf die Dinge, ſo da kom⸗ men ſollen, der du Lieder des ewigen Lebens in die daͤmmernde Nacht des jetzigen weheſt, damit der ploͤtz⸗ liche Wechſel das Herz nicht zu ſehr erſchuͤttere, oder die Wonne es zerdruͤcke, o wende dein mildreiches Angeſicht nicht von mir, dieweil ich dich verkannt und mir gegraut habe vor deiner Naͤhe! Nein! erzaͤhle alles, was du weißt, von der geliebten Seele, die mir vorangegangen iſt in die Ewigkeit, erzaͤhl' es mir in recht freundlichen Bildern. Deine Roſa, begann der holde Juͤngling, und 55² regte dabei ſeine ſchwanenweißen Fluͤgel, deine Roſa hatte eben einen Brief von dir bekommen voller Leben und Liebe, und ſich daruͤber erfreut von ganzem Her⸗ zen, als ich geſendet ward, ihr Leben mit den Toͤnen meiner Harfe zu verfluͤchtigen und aufzuloͤſen. Es war in den letzten Wintertagen. Die Lerchen ſangen bereits Fruͤhlingslieder. Sie ſagte zu ihrer Herzens⸗ freundin: „Es iſt, als fielen Toͤne aus einer andern Welt in mein Ohr, wenn ich die erſte Lerche ſingen hoͤre, und die Erde noch hin und wieder mit Schnee bedeckt iſt, und die Sonne, aus ſchwar⸗ zen Wolken tretend, durch den blaͤtterleeren Wald zu ſcheinen anfaͤngt, und alles mit ihrem Lichte ſegnet und erquicket, und nur der Gedanke an den Fruͤhling ſuͤß die Bruſt bewegt. So mag es wohl Sterbenden ſeyn, wenn Chorſchuͤler un⸗ ten vor der Hausthuͤr ein Lied vom Himmel und von der kommenden Seligkeit anſtimmen!“ Wie ſie das geſagt hatte, iſt ihr roſiges Antlitz einer Lilie aͤhnlich geworden. Die Freundin hat die Aeltern ſchnell herbeigerufen, und die Aerzte; aber alle Mittel, ihr Leben zu friſten, waren vergeblich: denn meine Klaͤnge weheten zu voll in ihre Bruſt— und ſie ward 535 blaͤßſer, und immer blaͤſſer, bis ſie zuletzt gar keine Farbe mehr hatte. Aber ſie war ſelig, und nur be⸗ ſorgt um dich und ihre Aeltern, daß ihr euch zu ſehr um ſie graͤmen, und ihr vielleicht vor der Zeit nach⸗ ſterben wuͤrdet. Ehe ſie verſchied, hat ſie den Him⸗ mel ſchon offen geſehen, und die heilige Dreifaltigkeit auf ihrem Throne, und die himmliſchen Heerſchaaren alle darum verſammelt in freudiger Andacht. Und noch zuletzt hat ſie gebeten, ihr moͤchtet euch ja nicht betruͤben, ſondern all eure Sorge auf den Herrn wer⸗ fen, in deſſen Reich ſie jetzt gehe. Ihr wuͤrdet ihr dereinſt ja auch nachfolgen, und dann nimmermehr von ihr getrennt werden. Da entſchlief ſie ſanft und ſelig. Ihre irdiſche Huͤlle liegt dir zu Fuͤßen; ihr Geiſt iſt oben bei Gott, wo er von Kindesbeinen an geweſen. Mir giengen die Augen uͤber; aber mein Schmerz war nicht bitter, ſondern ſuͤß. Ich haͤtte Fluͤgel ha⸗ ben, und zu ihr fliegen, und mit ihr ſelig ſeyn moͤ⸗ gen, ſo weit war mein Herz herausgegangen aus den Banden ſeines Leibes. und wie ich den Erzaͤhler bitten wollte, weiter fortzufahren, war mir Niemand mehr zur Seite; auch die Laube mit den friſchbluͤhenden Roſen und den gruͤ⸗ — —) nen Myrthen war verſchwunden, und ich ſtand mitten in einem unuͤberſehbaren Saatfelde, worin der Wind, wie ein Geiſt auf und niedergieng, und eine Aehre an die andere druͤckte, daß es klang, als redeten ſie miteinander, und erzaͤhlten ſich Geſchichten von der nahen Aerndte und den Freuden, die es dabei geben wuͤrde. Die Sternbilder funkelten hell daruͤber, und es fielen von Zeit zu Zeit Schnuppen herunter; aber ſie verloſchen bald, und thaten keinen Schaden, Nach einer Weile— eine ferne Thurmuhr ſchlug eben die Geiſterſtunde an— kam ich aus einem feuch⸗ ten Erlengrunde, worin Irrlichter hin und her gau⸗ kelten, auf eine große, freie Wieſe. Die Blumen ſchliefen alle, bloß die Nachtviole hatte ihre Augen auf, und wie es ſchien, nach dem Monde, der an einem fernen Berge hingieng, gerichtet. Die Gegend war mir fremd, und ich haͤtte nicht gewußt, wohin ich gehen ſollte, wenn mein Auge nicht einen Mann, der in der Naͤhe Blumen pfluͤckte, entdeckt haͤtte. Ich gieng auf ihn zu. Er richtete ſich auf— und wer wars? Mein alter Jugendfreund Felix⸗ „Was machſt du in der ſpaͤten Nacht hier?“ 535 Siehſt du denn nicht die Blumen in meinen Haͤnden? Aber ich muß noch lange, lange pfluͤcken, ehe ich ihrer genug habe! „Du denkſt alſo immer noch, wie ehemals, Wun⸗ dertraͤnke zu erfinden?“ Das nun wohl nicht! Aber wuͤßte ich den Baum des Lebens— und maͤre er viele hundert Meilen von hier entfernt— ich machte mich den Augenblick auf, und holte mir einen Zweig davon. Doch das ſind vergebliche Gedanken! Wen einmal der Lebensgeiſt verlaſſen hat, zu dem kommt er nimmer wieder. Mein Toͤchterlein ſchlaͤft feſten, feſten Schlaf— der Tod hat ihr das Wiegenlied geſungen,— ich kann ſie nicht erwecken. Es wird aber ein Morgen kom⸗ men, ein großer heller Morgen, da ſchlaͤft ſie nicht mehr— und ich bin auch erwacht von dem langen Schlafe, der mir bevorſteht. Jetzt will ich nur Blu⸗ men pfluͤcken, und das arme, ſtille Kind darauf legen, und damit zudecken. Es hatte ſie immer im Leben ſo lieb, und ſpielte ſo gern damit. Vielleicht hat's ſuͤßere Ruhe. Da hatte er ſich ſchon wieder gebuͤckt, Blumen zu pfluͤcken, und ſprach kein einziges Wort dabei, und pfluͤckte und pfluͤckte nur. Im Mondenſcheine ſah ich 356 wohl immer große Tropfen niederfallen; aber ich wußte nicht, ob ſie aus ſeinen Augen kamen, oder ob es der Thau war von den Blumen. Nach einer Weile richtete er ſich wieder auf, und brach in die Worte aus:„Was der Menſch doch fuͤr ein Thor iſt, und wie bemuͤht da Hilfe zu ſuchen, von woher ſie ihm niemals werden kann. Der Lebens⸗ baum iſt gewiß keine leere Sage. Er hat ehemals im Paradieſe geſtanden, und vor allen andern Baͤu⸗ men ſchoͤn gegruͤnt, und mit ſeinen Aeſten bis hinein in den Himmel gereicht: aber ſeit das Paradies wie⸗ der von der Erde in die Hoͤhe gezogen worden iſt, und wir ihm nachziehen ſollen dereinſt vor das Ange⸗ ſicht Gottes, da iſt freilich der Baum hierunten nir⸗ gends mehr zu finden! Nur von Oben kommt noch Hilfe! Aber ſie kommt und bleibt ſicherlich nicht aus. Einſt als das ganze Menſchengeſchlecht in Noth und Aengſten war, und umher tappte in Finſterniß, und kein Licht hatte: ſondern bloß Sehnſucht danach und Hoffnung dazu, offenbarte es ſich ihm in himmliſchem Glanze, und machte das Leben hell, und die Pfor⸗ ten, durch welche der Tod fuͤhrt, ſo daß der Baum des Lebens, der im Himmelsgarten ſeine Aeſte ewig gruͤn ausbreitet, geſehen werden kann, von Sonnen⸗ licht 337 licht umleuchtet, voll unvergaͤnglicher Fruͤchte. Dahin muß ſein Gebet nun richten, wer Hilfe begehrt, in frommem Glauben und kindlicher Zuverſicht, und ſie wird kommen, wenn auch anders als das thoͤrichte Herz dachte: denn Gottes Wege ſind nicht unſre Wege. Da erwachte ich— und in mein wundes Herz war Troſt gekommen, und es fuͤhlte ſich erquickt und geſtaͤrkt, wie draußen auf der Flur die Blumen, in welche die milde Hand der Nacht kuͤhle Thautropfen geweht hatte. Die Schmerzen und Qualen, die mich lange verzehrend umher getrieben hatten in wildem Feuer, waren weggenommen aus meiner Bruſt, und Frieden und Hoffnung dafuͤr erſchienen mit heilen⸗ dem Balſam. Und ich gieng hinaus in die friſch⸗ dampfende Welt, wo das Leben in tauſendfaͤltigen Erſcheinungen ſich regte, und ſiehe da, in mir ent⸗ zundete ſich wiederum die alte Luſt und Liebe zum Leben, die ſo lange fern geweſen; aber eine Verklaͤ⸗ rung, ein Duft hatte ſich daruͤber ausgebreitet, der nicht das Erzeugniß der Erde, ſondern vielmehr ein GSnadengeſchenk des Himmels war, wohin mein Geiſt aufs neue ſich gerichtet hatte. Denn ſeit der Tod die Geliebte meines Herzens von demſelben geriſſen, und in das einſame Lager von Staub gebettet hatte, wa⸗ Lebensbilder. 22 338 ren all meine Gedanken nur an die Statte geheftet, wo der vergaͤngliche Erdenleib zerfiel, und hatten ſich nicht— alſo zerſtoͤrt war ich— nachzuſchwingen ver⸗ mocht dem im neuen Gewande des aͤtheriſchen Leibes ſich frei und ewig ſelig bewegenden Geiſte. Jetzt aber hatte der Himmel ſich auf die Erde herabgelaſſen, oder dieſe zu ſich hinaufgezogen; die Scheidewand, welche der Tod geſetzt, war zerfallen, und das erſte und zweite Leben ſtanden einander ſo nahe, daß keine Abſtufung mehr zu bemerken war. Auf den Auen des Paradieſes ſah ich Sie, die meine Seele liebt, mit Engeln ſpielen, und ihr laͤchelndes Antlitz oft nach mir wenden, und mir winken mit der Hand, daß ich zu ihr kaͤme. Nun geh' ich den nur kurzen Weg leicht und froͤhlich: wenn Braut und Braͤutigam ſich erblicken, liegen ſie einander dann nicht bald am Herzen? 1 2is 1. Morgen und Abend. An Suschen Hartung zu Mayen. Wenn wir zur Zeit, wo die Morgenwolken neues Leben uͤber die Erde thauen; wo die Lerche ſich ſin⸗ gend aufſchwingt in das goldene Meer des Lichts aus ihrer daͤmmrigen Wiege, der gruͤnen Furche; wo Berg⸗ Meer und Thautropfen im Sonnenfeuer gluͤhen und lodern; wo Alles, von neuzugeſtroͤmter Wonne trun⸗ ken, die Augen ſingend und jubelnd aufſchlaͤgt zu noch groͤßerer Wonne— wenn wir dann, in mitten dieſer Herrlichkeiten, ſehen und fuͤhlen, hoͤren und einath⸗ men die um uns her ausgegoſſenen Stroͤme von Luſt: ſo ſchmiegen wir uns erfriſcht mit liebendem Herzen innig und inniger an unſere Erde, und ſie, gleich⸗ liebend, druͤckt uns in tauſend Umarmungen feſt und immer feſter an ihr volles, warmes, klopfendes Herz⸗ 340 als wolle ſie uns, als wollten wir ſie niemals wieder loslaſſen. Und wir gehen froh an unſer Tagewerk: denn die Hoffnung iſt unſre Gefaͤhrtin, und die vor⸗ handene Kraft buͤrgt fuͤr ein gluͤckliches Gelingen. Wenn aber, nachdem die Schwuͤle des Mittags große Tropfen Schweißes aus unſrer Stirn gepreßt, Gewitter, die ſich drohend aufthuͤrmten, blitzend und donnernd uͤber uns dahin gezogen, die rege Kraft un⸗ ter gewaltigen Anſtrengungen endlich faſt erſchoͤpft worden— und die Luͤfte des Abends nun anfangen kühl zu wehen, die Sonne hinter den Gebirgshohn einſinkt, aus dem Thale herauf die nach Haus ru⸗ fende Abendglocke toͤnt; die Daͤmmerung aus den Waͤl⸗ dern und Kluften, worin ſie ſich den Tag uͤber ver⸗ borgen hielt, hervorſchreitet, und die weinenden Blu⸗ men und die zitternde Saat vor den Schauern der Nacht mit den Falten ihres weiten Mantels bedeckt, und Traum und Schlaf, die ſanfteſten Troͤſter der Menſchheit, uͤber unſere Erde wandeln— wenn wir dann ſo allein unter den Baͤumen vor unſrer Huͤtte ausruhn, und ſehen, wie die Erde ſich immer mehr und mehr in Schatten huͤllt, wie das, was dem Auge vorher, vielfach geſtaltet, entgegen trat, nun einfach, ohne die bunten Reize der Anmuth, die es uns ſo wohlgefaͤl⸗ 54 1 lig machten, da ſteht, bis es zulezt unſcheinbar wird und verſchwimmt: ach! dann regt ſich ein ganz eige⸗ nes Gefuͤhl in unſerm Herzen, dann fuͤhlt man ſich verlaſſen und einſam, und denkt das Leben hinab an die ſtillernſte Stunde des Todes!„Wie jetzt die Ge⸗ genſtaͤnde des Tages um dich her verſchwunden ſind, ſpricht eine Stimme wehmuͤthig aus dem Herzen her⸗ auf, ſo zerflattern auch die Bilder der Zeit dereinſt am letzten Huͤgel vor dir, und du ſinkeſt hinein mit deinen Erinnerungen, geſchloſſenen Auges, ge⸗ brochenen Herzens, ach! und vielleicht ohne Hoffnung!“ Doch ſiehe, Freundin! Schlaf und Traum und Nacht liegen nur hierunten auf der Erdel Droben am Himmel leuchten die Sterne zu Tauſenden, wie offene Augen!— Und Du wendeſt Deine Blicke hinauf, und ein ſuͤßer Troſt, und mit ihm Friede kommt herab in Deine Seele, und Du ſprichſt gerührt:„Wir haben hier keine blei⸗ bende Staͤtte, ſondern die zukuͤnftige ſuchen wir!“— und noch geruͤhrter, geruͤhrt von Dank und Freude: „Aber ich weiß, wo ſie zu ſuchen iſt, und kenne Den⸗ der gegangen iſt, uns Wohnungen zu bereiten, droben bey ſeinem Vater, bey unſerm Vater, bey dem le⸗ bendigen Gott!“— Und ſo wechsle Tag und Nacht, 942 Arbeit und Nuhe die kurze Spanne Zeit hindurch! Wenn der Tag kuͤhl geworden, die ſtille Nacht her⸗ beygekommen und der Sand des Stundenglaſes aus⸗ gelaufen iſt, breche Herz und Auge im letzten Kam⸗ pfe: der Sieg iſt unſer, ob auch erſt jenſeits, und die aufſteigende Morgenroͤthe der neuen Welt fuͤhrt eine ewige Sonne herauf, und uns einem lie⸗ benden Vater au's Herz! E ——————⏑—— ————— ———C—;—;—;—;—;—;—:xx::ęęOę́-⏑§ℳ—— Blaͤtter und Bluͤthen aus dem Leben und füͤr das Leben. An L. M. Fouqus. GI Es ließe ſich wol mancherley uͤber dieſe Blaͤtter und Bluͤthen ſagen; doch ſollen nur einige Worte dem werthen Leſer ihr Entſtehen andeuten. Schon ſeit laͤngerer Zeit hab' ich den Gebrauch, in der beſten Stimmung eines jeden Tages etwas in mein Tage⸗ buch nieder zu ſchreiben, theils weil ich ziemlich ein⸗ ſam lebe, nur mit ſehr wenigen Menſchen in Ver⸗ kehr ſtehe, theils aber auch, weil ich es fuͤr gut hal⸗ te, jeden Tag mit einem guten Gedanken, oder einem herzlichen Gefuͤhle zu bezeichnen. Dadurch bringe ich mich Dir, ferner, unbekannter Leſer, nun gar nahe, und Du kannſt frey und offen in mein Herz blicken, und ſchauen, was darin iſt, und wie ich manches Ding in der Natur und im Menſchenleben nehme. und wenn Dir meine Anſichten und Gefuͤhle gefallen, und Du in Deinem Herzen einen gleichklingenden Ton finzeſt: ſo biſt Du mir ein recht lieber Freund und gar ſo fern und unbekannt nicht, als es auf den er⸗ ſten Anblick ſcheinen möchte, und wir druͤcken uns ge⸗ wiß noch einmal die Hand, wenn nicht hienieden in 346 einer guten Stunde, ſo doch ſicherlich unter den Pal⸗ men und Blumen des ewigen Lebens. Bis dahin moͤgeſt Du das Wehen der erſtern, und den Duft der letztern, wach und im Traume, an manchem ſtill⸗ friedlichen Abende im Kreiſe Deiner Lieben, in der Einſamkeit Deiner Kammer, oder unter dem leuch⸗ tenden Sternenhimmel hoͤren und genießen, und mit Freuden der Zeit gedenken, wo Alles, wonach Deine Sehnſucht ſteht, in ſeliger Gewaͤhrung vor Dir rau⸗ ſchen, bluͤhen und duften wird. Lebe wohl, und laß Dir dieſe Bilder nicht unwillkommen ſeyn. b —½1 —₰— — J. O Schickſal! warum ſchlaͤgſt du doch grauſam dem Menſchen in ſeinen ſchoͤnſten, in ſeinen bluͤhenden Tagen ſchon ſo tiefe Wunden, die das ganze weite Leben hindurch blutig offen ſtehn, und, wenn ſie auch einmal ſich ſchloſſen, doch immer wieder von neuem und gefaͤhrlicher, als zuvor, aufbrechen— o warum thuſt du es nicht lieber in der zweiten Haͤlfte des Le⸗ bens, wenn wir den Traum der Liebe ausgetraͤumt und einen reichen Schatz unvergaͤnglicher Erinnerungen zuſammen gebracht haben? Dann wuͤßten wir ja, daß es nicht mehr lange hin waͤre, bis zu der Zeit, wo erbarmend der letzte Wundarzt ſich unſer annimmt. und uns von allen Schmerzen liebend befreit; dann nuͤrden uns der Freuden weit weniger geraubt, als jett, wo bey jeder, die wir brechen wollen, die offene Wunde ſchmerzt, ſo daß wir die duftende Blume nur unter heſtigen Stichen gewinnen, oder, dieſe fuͤrch⸗ tend, die Hand nicht einmal danach ausſtrecken moͤ⸗ gen— o Schickſal! warum thueſt du uns das? 348 II. Wenn der Fruͤhling kommt, und die alte Erde wieder Feſte giebt, da ſollte der Menſch billig auch der Freude die heiligſten Opfer bringen, und lieben, und alte theure Freunde beſuchen, und neue Buͤndniſſe ſchließen, damit ihm in ſpaͤteren Jahren die ſchoͤne Zeit wenigſtens ſchoͤne Erinnerungen mitbraͤchte. III. O daß mir alle Farben, Toͤne und Worte zu Gebote ſtuͤnden, damit ich den Fruͤhling in ſeiner ganzen Herrlichkeit darſtellen koͤnnte. Aber die Worte ſind zu arm, die Farben zu matt, die Toͤne zu ir⸗ diſch, als daß ich den Weltgeiſt in ſeiner glaͤnzendſten Offenbarung erfaſſen moͤchte. Die Knie beugen ſich wohl demuͤthig vor ſeiner Hoheit, aber das Herz kann ſich durch nichts Luft machen, und moͤchte brechen in ſtillen Gebeten, IV. Es iſt wol ein koͤſtliches Ding um das liebe Fruͤh⸗ jahr, und loͤblich, da wo die Natur gleichſam ganz lyriſch iſt, und lauter Oden, Hymnen, Freudenlieder und Dithyramben dichtet, der Freude ebenfalls das —— — 349 Herz zu oͤffnen, damit ſie darin Wohnung nehme, und etwas von der kuͤhnen Lyrik, ſo draußen weht, hineinzaubere. und wenn das Herz nun uͤberſchwillt von ſeligen Gefuͤhlen, und es ſich ergießen moͤchte in die Natur, um eins mit ihr zu werden: ſo lege ihr hoher Genius, um ſein Werk auf's ſchoͤnſte zu vollen⸗ den, ein zweites, gleich begeiſtertes, andaͤchtiges und liebendes daran, und die feurigſten Oden werden ſein unſichtbares Walten preiſen. V. unſere Briefe ſind ſelten das, was ſie eigentlich ſeyn ſollen, naͤmlich ein Erſatz fuͤr muͤndliches Ge⸗ ſpraͤch. Wir quaͤlen und aͤngſtigen uns oft, ein Glied an's andere zu ſchlingen; aber wozu? und warum? Ein Bild, ein Gedanke, ein Gefuͤhl, wie es der Au⸗ genblick giebt, iſt ja eben ſo eigenthuͤmlich und viel⸗ leicht weit eigenthuͤmlicher, als eine ganze logiſch zu⸗ ſammenhaͤngende Rede. VI. Kaum ſollte man noch Luſt behalten, in neue Verhäͤltniſſe zu treten, wenn man ſieht, wie wenige davon dauerhaft ſind. mal befragt, wie ihm unſer Benehmen gefalle? VIII. Verliere dich ſelbſt nur nicht; dann bleibſt du bey jedem Verluſte reich genug. IX. Wie wird der Menſch doch ſo wunderlich her⸗ umgetrieben. Den ſuͤßeſten Gewohnheiten muß er entſagen lernen, unleidlichen Geſchaͤften oft die ſchoͤn⸗ ſten Stunden widmen. Menſchen und Gegenden wech⸗ ſeln um ihn— und gluͤcklich hat er ſich zu preiſen, wenn er am Ende doch der Alte geblieben, und nichts verloren hat, als— Irrthuͤmer. .. Wer Leben in ſich hat, dem wird es auch auſſ⸗ ſer ihm erſcheinen, und zwar allemal nach dem Maaße des in ihm vorhandenen. XI. Welche Gegend die ſchoͤnſte ſey? Freund! jeder Winkel der Erde iſt ſchön, wenn du nur ein ſchoͤnes Wir klagen oft das Schickſal an, daß es ſo hart mit uns verfahre; aber haben wir es wol ſchon ein⸗ 351 Herz dahin mitbringſt, und wenn dir die Liebe daſelbſt laͤchelnd in's Auge ſchaut, und die Zufriedenheit deine Tage wuͤrzt: denn ohne paradieſiſchen Sinn giebt und kann es ſelbſt kein Paradies geben. XII. Wie der Wein ſich, wenn die Reben bluͤhen, im Faſſe regt, ſo kommt auch in die Menſchenbruſt ein beſonderes Regen und Lebendigwerden, wenn die ſchoͤne Jahreszeit wiederkehrt, wo ſie ihre gluͤcklichſten Tage genoß, wo ſie Freunde gewann, und das Echo ihrer Freuden und Leiden, die Geliebte, fand. XIII. Was der Menſch einmal iſt, das bleibt er. Wegſchleifen mag die Welt allerdings viele Ecken, manche Veraͤnderung in und an uns bewirken; wir moͤgen uns ſelbſt wol oft die Alten nicht mehr zu ſeyn ſcheinen; aber ploͤtzlich ſind wir es wieder und ſo ganz! ſo ganz! u lVW. Wie in's Gotteshaus, ſo ſollte man in den Ehe ſtand treten; aber jezt, wo alles weltlich hergeht, tritt man eben ſo leichtſinnig hinein, als in's Comoͤdien⸗ 35²2 haus. Da kann's freylich an tragiſchen und komiſchen Auftritten nicht fehlen. XV. Nichts macht uns in Geſellſchaften mehr Qual, als eine Frau, die Empfindung affektirt. Das Na⸗ tüͤrlichſte verwandelt ſich vor ihr in Unnatur; uͤberhaupt iſt alles, was eine ſolche vorbringt, geſtaltlos, dieweil es nicht reiner Herzensabdruck iſt. XV. Ach! ihr guten, guten Maͤdchen, wie jammert ihr mich, wenn Maͤnner euch die Hand bieten, deren Leben voller Flecken und Irrthuͤmer, deren Herz leer, oder verſtimmt iſt, von denen ihr weder Freuden empfangen koͤnnt, noch denen ihr welche zu geben ver⸗ moͤgt, ach! wie ſehr, wie ſehr jammert ihr mich! Eure ſchoͤnſten Jahre gehen oͤde dahin; euer Herz, das ſeine Gefuͤhle, Anſichten, Wuͤnſche, Hoffnungen und Ahnungen ſo gern mittheilte, bleibt, fuͤhret das Gluͤck ihm nicht zur Entſchaͤdigung eine Freundin zu, es bleibt verſchloſſen, ſtirbt inmitten des Lebens ab, und behaͤlt viel, wenn der Glaube an eine beſſere Seit ihm noch als ſuͤße Troͤſtung bleibt. Wie 353 XVII. Wie ſchwer wird es der Jugend, an die abneh⸗ menden Tage des Alters zu denken, vielleicht gar daran zu glauben. Und doch kommen ſie, nach einem kurzen Sommer, pfeilſchnell herbey, und machen einen peinlichen Eindruck auf das Herz, wenn man ſich nicht an mancher, indeß gereiften, Frucht ſtaͤrken kann. XVIII. Warum iſt nur das Entfernte, moͤge es der Vergangenheit, oder der Zukunft angehoͤren, ſo ſchoͤn — und die Gegenwart meiſt weniger reizend und far⸗ big? Darum, weil uns dann, indem wir genießen, die Zeit der Reflerion fehlt, und man ſichh leichter von Vor⸗ und Nachgefuͤhlen, als von dem augen⸗ blicklichen Vollgefuͤhl, in das der ganze Menſch zu⸗ ſammenſchmilzt, Rechenſchaft ablegen kann und darf. XIX. Meide jede, ſelbſt die kleinſte Freude, wenn du fuͤrchten mußt, daß ſie bey'm Genuſſe nicht rein blei⸗ ben koͤnne. Beſſer in Unſchuld gedarbt, als thoͤricht genoſſen! Lebensbilder. 25 XX. Selbſtgenuß mag es allerdings gewaͤhren, ſein ganzes Leben einer einzigen Wiſſenſchaft zu weihn; aber allgemeine Bildung bringt uns und andern dop⸗ pelten Genuß. XXI. Das Sterben iſt ſchön, wenn es in Gemeinſchaft geſchieht. Darum hat der Tod auf dem Schlachtfelde ſo viel Reizendes. Am Morgen bluͤhet das Leben noch in gluͤhenden Farben; Abends liegt es gebrochen auf zertre⸗ tenen Blumen, gebrochen fuͤr ein hohes Ziel, unter gewal⸗ tiger Kraftanſtrengung. Aber wer ſein Lebenslicht nach lan⸗ gen und ſchweren Leiden daheim allmaͤhlig verloͤſchen ſieht, der fuͤhlt und muß ſich einſam fuͤhlen, ſelbſt wenn ihn ein zahlreicher Kreis befreundeter Menſchen umſchloͤſſe, und, iſt er ein Juͤngling, betruͤbt ausrufen:„O du holdes Licht! warum verſchmaͤheſt du ſo fruͤhe ſchon alle Nah⸗ rung? Warum willſt du, ohne deine Strahlen weit ausgebreitet und damit erfreut zu haben, ſchon jezt ausgehen in lange Nacht?“ XXII. O fliehe die Menſchen nicht feindlich; ſie lieben und leiden, laͤcheln und weinen ja gleich dir, und du und ſie, wir Alle ſind Kinder Eines liebenden Vaters, und Glieder Einer großen, ewigen Gemeinde! XXIII. Aufklaͤren kann der Verſtand wol; aber ver⸗ klaͤren kann nur der Glaube. XXIV. Es iſt nicht ſchwer, den rechten Weg zum Ziele auszuforſchen; aber nie davon abzukommen, das iſt ſchwer, ſehr ſchwer! XXV. 4. In der Jugend meint man alle Berge leicht uͤberfliegen zu koͤnnen— und im Alter hat man kaum einige muͤhſam erſtiegen. XXVI. Daß der Menſch des Lebens ſo ſelten froh wird, iſt meiſt ſeine eigene Schuld. Warum blickt er denn nicht von den Bergen, die er zu uͤberſteigen hat, in die anmuthigen Thaͤler hinab, aus denen er kommt — und aus dieſen ſtets nach den Bergen? XXVII. Wogt nichtin Allem, was da lebet und webet 356 zur Fruͤhlingszeit das Blut der Freude? Iſt ſie es nicht, die in den Thraͤnen des Weinſtocks erſcheint, und in erfriſchenden Troͤpſchen an den Kelchen der Blu⸗ men haͤngt? O Freude! des Morgens und des Abends und ſelbſt die ſtille Nacht hindurch biſt du geſchaͤftig in Liebeserweiſungen. Aber am ſchoͤnſten ſegneſt du doch den Menſchen mit dem fuͤhlenden Herzen. Das Laͤcheln, welches auf ſeinem Angeſichte ſuͤß, als ein von innen bluͤhend hervorgebrochener Fruͤhling, ſchwebt: verraͤth es nicht einen Himmel von Selig⸗ keit? XXVIII. O Gott! kann man denn ſeine Liebe ſo ganz allein fuͤr ſich behalten? Sucht, und muß man den Freund nicht ſuchen, um ſein volles gluͤckliches Herz vor ihm auszuſchuͤtten, einen Theilnehmer ſeiner Freude an ihm zu finden? Aber nichts iſt auch ſchmerzhaf⸗ ter, als wenn uns dieſer betruͤgt, und wir dadurch au einer geliebten Seele ſchuldlos zum Verraͤther werden? XXIX. Ach! wie manches, manches theure Bild traͤgt man in ſeinem Herzen, ſich mit jedem Tage mehr und 557 mehr daran gewoͤhnend, um es endlich doch verlieren, entbehren zu muͤſſen! XXX. Das Leben iſt an und fuͤr ſich gar nicht viel werth; es iſt eine zerfließende Nachtwolke; viel Schwarz und Grau darin: aber die Liebe macht es zu einem holden Maitage voll duftiger Blumenauen, voll ſingen⸗ der Waͤlder, ſchmuͤckt es— dem Auge, dem Herzen zur Wonne— mit dem mannichfaltigſten Farben⸗ zauber, und die Seele giebt und empfaͤngt Himmels⸗ wiederſchein. XXXlI. Die Welt nicht allein, auch wir ſelbſt legen uns ſchwere Feſſeln an, und merken oft nicht eher, daß ſie druͤcken, als bis wir blutige, unheilbare Wun⸗ den davon bekommen haben. XXXII. „Was iſt das Leben der Menſchen? Ein fluͤchti⸗ ger Blick in eine. Wuͤſte, in ein Paradies! Ein kur⸗ zer Gang unter bewoͤlktem Himmel, ein kuͤrzerer noch bey Sonnenſchein? Wir begruͤßen die Erde ſelten mit einem Laͤcheln, haͤufiger mit Thraͤnen— und wan⸗ 558 deln dann an Dornenſtuͤcken poruͤber, aus denen we⸗ nige Roſen hervorſchimmern, und ritzen uns, indem wir dieſe brechen, an jenen zu oft nur die danach ausgeſtreckte Hand blutig. In der ſchoͤnen Zeit des Lebens, in der fröhlichen Jugend ſcheint uns wol jede Hecke, jeder Strauch, woran unſer Weg voruͤber fuͤhrt, mit Roſen, mit Bluͤthen bedeckt, da tragen wir noch das ſanfte Veilchen der Kindheit an der Bruſt, ſcheint Alles Wohlgeruch zu athmen, ertoͤnt die Erde rings von Brautgeſaͤngen und das Herz fuͤhlt ſich froͤh⸗ lich, und wird gehoben pon einer Fuͤlle von Selig⸗ keit— und wir blicken begeiſtert hinaus nach den Fernen der Zukunft, und genießen, was die Gegen⸗ wart beut, mit heiterem Sinn. O das iſt eine gar ſuͤße, ſchoͤne Zeit! Juͤngling und Jungfrau reichen ſich da gern die Haͤnde, und wollen nun miteinander gehen durch das geſegnete Land, das vor ihnen ſich ausbreitet. Berauſcht von Liebe, fallen ſie ſich ent⸗ zuͤkkt in die Arme, und trinken des Lebens ſuͤßeſte Koſt von der roſigen Lippe. Aber oft ſchon da tritt aus dem bluͤhenden Gezweig jene dunkle Geſtalt ihnen entgegen, die Andern erſt ſpaͤter, wenn der Herbſt die Baͤume bereits entblaͤttert hat, erſcheint, tritt ih⸗ nen entgegen, und reißt die gluhende Jungfrau von 559 des Jünglings Bruſt, oder bricht dieſem das Herz⸗ worin die Liebe traͤumte, fuͤhret den Geiſt hinweg, deſſen Entwuͤrfe die Zukunſt verherrlichen wollten. Da erwacht der Verlaſſene aus dem ſeligen Traume; die Roſen ſind dahin und die hochzeitlichen Klaͤnge ver⸗ weht; das Paradies iſt fortgezogen mit dem befreun⸗ deten Geiſte— und die Thraͤnen der Trennung flie⸗ ßen ſchmerzlich, und das Auge bewoͤlkt ſchweigende Nacht, und das Herz ſeufzt troſtlos Jammertoͤne, und moͤchte brechen vor Leid und Weh zu neuer, zu ewi⸗ ger Luſt!⸗⸗ 8 Dieſe Bilder ſtellten ſich in oder vor mir auf, als mich der fruͤhe, unerwartete Tod eines ſehr lieben, mit dem Leben, mit Kunſt und Viſſenſchaft gleich innig vertrauten Freundes, des Dr. Chriſtian Speidel, an dem nicht nur ſein Vaterland, Wuͤr⸗ temberg, ſondern ganz Deutſchland einen eben ſo treff⸗ lichen Menſchen, als gruͤndlichen Gelehrten voll großer, tiefeingreifender literariſcher Entwuͤrfe verloren hat, zu nachfolgenden, ganz aus dem Herzen gekommenen und darum wol auch wieder Herzen findenden Stro⸗ phen veranlaßte. Da ſie ſo innig zu dem eben Mit⸗ getheilten gehoͤren, glaube ich, wird es keiner der ge⸗ neigten Leſer mir veruͤbeln, wenn ich ihnen hier in der Sammlung meiner proſaiſchen Schriften, wohin ſie ſonſt eigentlich nicht gehoͤrten, eine Stelle an⸗ weiſe. Darf und ſoll man denn der Freundſchaft nicht üͤberall, wo es nur ſeyn mag, einen Altar errichten, da ſie hienieden ſich, gleich der Liebe, nur ſelten, meiſt wie im Norden unſers Vaterlandes die Nachti⸗ gall, nur als durchziehende Saͤngerin ſehen und hoͤren laäßt— darf und ſoll man es nicht?— Man darf es nicht nur, ſondern jedes gutgeartete, reingeſtimmte Gemuͤth, das den Tempel der Freundſchaft gern be⸗ ſucht, und geweihte Kraͤnze darin mit Luſt aufhaͤngt, oder ach! gleich mir mit Trauer, das ſagt im Stillen leiſe vor ſich hin:„Ach! man darf es ja nicht nur, ſondern man ſoll es ſogar auch, ob mit Laͤcheln, ob mit Thraͤnen, nur immer mit ganzem Herzen!“— So trage ich denn kein Bedenken— und ich weihe ſie Dir, die Blume, Dir, Du arme verlaſſene Braut, die Du das Leben des Heimgegangenen mit ganz an⸗ deren, mit ſuͤßduftenden Himmelsblumen geſchmuͤckt haſt, und es noch ſchoͤner und reicher geſchmuͤckt haben wuͤrdeſt, wenn die unergruͤndliche Gottheit Dir das ſuͤße Geſchaͤft fuͤrder gegoͤnnt haͤtte; ich weihe ſie Dir dieſe Blume, daß ihr Duft Dich, wenn es ſeyn moͤchte, uͤber die Tiefe Deines Schmerzes dahin er⸗ 361 huͤbe, wo ewiger Fruͤhling gruͤnt, und die Liebe un⸗ ter Roſen das ſuͤße Feſt des Wiederſehens, deſſen Tag kein Ende hat, in hüehſter Seligkeit rein und unge⸗ ſtoͤrt feyert. „Warum ſo fruͤhe, fruͤhe ſcheiden? Warum des Todes Bitterkeit Bey vollen Kraͤften ſchon erleiden, Im Mai der ſuͤßen Jugendzeit? Es lachte ja mit frohen Blicken Das Leben Dich ſo braͤutlich an: Was kehrſt Du ihm denn ſchon den Ruͤcken? Was hat es Leides Dir gethan?“ „Wie? Standen nicht der Freunde Viele Zur Seite Dir unwandelbar? Ihr Streben, Dein's nach Einem Ziele Voll Muth und Kraft gerichtet war. Wie magſt, wie magſt Du ſie verlaſſen? Von ihnen ohne Abſchied geh'n? O haͤtten ſie Dich duͤrfen faſſen, Die Trennung waͤre nicht geſcheh'n!“ „Der Lieb' auch Lebewohl zu ſagen, Die Dich mit ihrer Suͤßigkeit In vielen, vielen ſchoͤnen Tagen, Die Geiſt und Herz Dir hat erfreut? 362 O haſt Du denn nicht an die Schmerzen, Die tiefen Schmerzen nicht gedacht, Die Du durch's Scheiden haſt dem Herzen Der liebevollſten Braut gebracht?“ „Umſonſt! Umſonſt! Du biſt geſchieden! Es ruft Dich nicht der Freunde Blick, Es ruft Dich nicht aus Deinem Frieden Der Liebe Klageton zuruͤck! Die Auen, wohin Du gezogen, Sie liegen fern von uns, ſo fern, Ach! unter ander'm Himmelsbogen, Ach! unter einem andern Stern!“ „Umſonſt! Umſonſt! Du kehrſt nicht wieder! Uns blieb die blaſſe Huͤlle nur, Aus der auf glaͤnzendem Gefieder Der Geiſt empor zur Heimath fuhr. Doch Deine Heimath— welche Wonne!— Wird einſt ja unſre Heimath auch: Dann lacht uns wieder Eine Sonne, Hebt wieder uns Ein Lebenshauch!“ „Bis dahin bleibſt Du uns im Bilde, Dein Sinn und Geiſt entſchwebt uns nicht! Dein Sinn voll Liebe, Treu' und Milde, Dein Geiſt voll Muth und Kraft und Licht, 565 Voll Regſamkeit in allem Streben, In Wandel, Kunſt und Wiſſenſchaft: Du bleibſt in unſern Herzen leben, Wie ſonſt, ſo ſtets, in Jugendkraft!“ XXXIII. Wir thoͤrichten Menſchen verkuͤmmern uns den Mai durch Gedanken an den Winter, und das ſchwarze Gewoͤlk beſaͤumen wir nicht mit Sonnenlicht, obgleich es uns die Natur haͤufig genug vorbildet. Wir werfen von uns, was wir ewig feſthalten ſollten — und werden den uuerſetzlichen Verluſt zu ſpaͤt, erſt dann gewahr, wenn wir das verlorene Gut weit, weit von uns im Strome der Zeit dahin treiben ſehn. Dann ſetzen wir uns bitterlich weinend au's Ufer, und vergeſſen daruͤber neue Erwerbungen zu machen. Der Strom wogt fort und fort; wir laufen zuletzt im Ha⸗ fen des Todes ein, und finden, wenn wir nun die zuruͤckgelegte Fahrt noch einmal uͤberdenken, daß wir der Genuͤſſe weit mehrere haͤtten haben koͤnnen, wenn wir der Stimme, den Mahnungen des Herzens mehr und williger Gehorſam geleiſtet haͤtten, als den Ein⸗ fluͤſterungen der Außenwelt! Dann mag wol mancher wehmuͤthig ausrufen:„O Gott! mein Leben haͤtte ſo ſchöͤn, ſo heiter und gluͤcklich ſeyn koͤnnen; aber jetzt iſt es ein truͤbes Nebelſtuͤck, nicht beleuchtet von der Sonne der Liebe, von dem Monde der Poeſie, ohne die Inſeln haͤuslicher Freude; baum⸗ und blumenlos liegt es hinter mir, wie ein ausgebrannter Vulkan oͤde— und in den Abend meines Alters klingen keine Morgenglockentoͤne aus dem Thale der Jugend, blicken keine Erinnerungen herauf, und es wird ſtill und im⸗ mer ſtiller und ſliller— und keine liebende und keine geliebte Seele iſt bey mir— und keine hab' ich jen⸗ ſeits zu finden: denn ich verſchmaͤhete ja die Hand, die mich fuͤhren, verſtieß die Seele, die ſich mit mir verbinden wollte in Treue und Liebe immerdar! Ach! du guter Gott! wirſt du mir denn druͤben in deinem Reiche geben, was ich hienieden nicht fand, nicht fin⸗ den wollte, ein ſchoͤnes, heiteres, gluͤckliches Leben und Liebe und Blumen und Fruͤchte— wirſt Du es? Oder ſoll ich auch dort einſam bleiben und freudelos 2 O dann vernichte mich lieber!“— So mag mancher an der Graͤnze, wo der Tod als Waͤchter ſteht, wei⸗ nend ſprechen— o Freundin! meine Freundin! moͤgen wir dort froͤhlicher und reicher angelangen, Beyde zu Einer Stunde, noch ſo voll Liebe fuͤr einander, wie in den Brauttagen, und wenn wir nach dem letz⸗ 365 ten Erdenhaͤndedruck hinuͤber zittern in's Paradies mit brechender Stimme liſpeln:„O Gott! das Leben war ſchoͤn, ſehr ſchoͤn!“ XXXIV. Wo der Wille vollkommen ausgebildet er⸗ ſcheint, iſt Charakter. XXXV. Wen die Liebe nicht aufrecht haͤlt, wem ſie, war er fruͤher geſunken, nicht wieder in die Hoͤhe hilft und zum Guten begeiſtert, der iſt fuͤr ewig verloren. XXXVI. Was mir Novalis Schriften ſo lieb und werth macht, iſt die Sehnſucht, die rein, wie ein geiſtiger Hauch, durch dieſelben weht, und lyriſch hinaus uͤber die blauen Berge nach unbekannten, aber herrlichen Gegenden zieht. Wenn ſie dem Auge Thraͤnen ent⸗ lockt, ſo ſind dieſe nicht bitter, ermattend, peinlich; ſondern ſchmerzlichſuͤß, kraͤftigend, freudig. Es iſt die reine, aͤchtpoetiſche Sehnſucht des Chriſten, wohl⸗ thuend und erquicklich fuͤr jedes fuͤhlende Herz, der Vorzug des chriſtlichen Dichters vor dem heidniſchen. 366 XXXVII. Glockentoͤne rufen uns bey'm Eintritt in das irdiſche Leben bald in das himmliſche Reich. Die Tauſglocke weiht den jungen Erdenpilger zum Him⸗ melsbuͤrger. Glockentoͤne verſammeln uns am Tage des Herrn und an den hohen Feſten in der Gemeinde der Glaͤubigen, welche der ſichtbare Abdruck der un⸗ ſichtbaren Welt iſt. Glockentoͤne fuͤhren uns an den Altar, wenn wir unſere Hand in die Hand der Liebe legen zu hoͤherer Weihe durch den Vater der Liebe; ſie begleiten uns endlich auf dem letzten Gange, fuͤr die Hinterlaſſenen ein trauriges, fuͤr uns ein feſtli⸗ ches Gelaͤut. Aber wo und wann wir ſie vernehmen, ſo mahnen ſie an die Fluͤchtigkeit der Zeit, an die Vergaͤnglichkeit der Welt. Sie klingen hoch, wie aus dem Himmel herab, und wollen uns ihm zufuͤhren aus dem Unbeſtande. Das haſt auch Du, mein theurer Strauß, mit Deinen Glockentoͤnen gewollt, uns an das Unvergaͤngliche gemahnt, das wir ergreifen ſollen. Und wir haben ihnen gelauſcht mit großer Wonne, und uns ſeyerlich erhoben gefuͤhlt durch ſie, und wer⸗ den es Dir nie vergeſſen. Im fernen Lande klangen ſie mir, und ich liebte Dich von Herzen um ihretwil⸗ len, und freuete mich ſehr, als der Himmel Dir mich 367 naͤher fuͤhrete. Am Feſt der Pfingſten riefen ſie mich in's Haus des Herrn, und ich ſah Dich, den Gottesprie⸗ ſter, und hoͤrte Himmelstoͤne aus Deinem Munde! XXXVIII. Der Menſch entſchuldigt ſeine Schwachheiten mit nichts lieber, als mit der Schwachheit der menſchlichen Natur; uͤber die Anderer urtheilt er freylich ganz anders.— XXXIX. Es giebt mancherley Wunden; viele heilt die Zeit; aber e ine kann ſie nie, oder doch nur aͤußerſt ſelten heilen. Das iſt die, welche die Liebe geſchlagen hat. Sie vernarbt zwar von Zeit zu Zeit, aber ſie bricht immer wieder, wie alte Schaden, von neuem und jedesmal gefaͤhrlicher auf. XXXX. Es iſt allerdings ſchwer, einem Wunſche, den man von Jugend auf genaͤhrt und gepflegt hat, auf einmal zu entſagen; aber man wird ſich dazu entſchlie⸗ ßen, wenn man es uͤber ſich bringen kann, einznge⸗ ſtehen, daß er thoͤrigt ſey, und ſeine Erfuͤllung durch⸗ aus im Gebiete der Unmoglichkeit liege. 366 XXXXI. Die Begebenheiten des Lebens gehen ſo bunt durcheinander, daß ſchon ein geuͤbtes Auge dazu ge⸗ hoͤrt, den Finger Gottes uberall darin zu gewahren. XXXXII. Es iſt nichts leichter, als die Schattenſeiten An⸗ derer aufzufinden; aber ſeine eigenen zu entdecken, das iſt eine Kunſt, die lang und ſtreng geuͤbt ſeyn will. XXXXIII. Die meiſten Menſchen verlangen von ſich weit weniger, als ſie von Andern verlangen, und werden eben deßhalb ſo unertraͤglich und untauglich fuͤr die Geſellſchaft. XXXXIV. Das Weſen der Liebe iſt und bleibt unerforſch⸗ lich. Zwar giebt es Augenblicke, wo wir meinen, daſſelbe in ſeinem ganzen Umfange erfaßt zu haben; aber bald muͤſſen wir bekennen, daß wir zwar eine neue Seite deſſelben, jedoch keineswegs die ganze terra incognita kennen gelernt haben. XXXXV. Wer uͤber die Schnelligkeit, mit welcher das Le⸗ ben 369 ben dahin eilt, klagt, und immer Anſtalten zu leben macht, aber niemals zu leben anfaͤngt, der iſt ein Thor, oder ein Schwaͤchling. XXXXVI. Der Herbſt laͤßt ſich fuͤglich in drey Abſchnitte theilen. Der Erſte beginnt dann, wenn alles gezeitigt und gereift iſt, und in ſeiner Fuͤlle nur die Hand des Sammlers erwartet. Das iſt eine ſchoͤne Zeit, und ſtimmet das menſchliche Herz zur Dankbarkeit und zur Freude an dem Gegebenen. Das Auge uͤberſieht einen großen Reichthum, und wenn man ſich fragt: wie? iſt das alles geworden, und durch wen? ſo muß man nach dem Himmel blicken und ſeine Ohnmacht beken⸗ nen. Aber kein trauriges, niederſchlagendes Gefuͤhl bemaͤchtigt ſich unſer dabey, ſondern vielmehr ein freu⸗ diges und erhebendes: denn Guͤte und Liebe, woher ſie auch kommen, richten das Herz ſtets auf. Dann kommt die Zeit des Sammelns herbey. Nach allen Seiten hin giebt es Thaͤtigkeit, und man ſiehet keine Hand, die ſich nicht regte, und kein Auge, in dem ſich die Strahlen der Freude nicht braͤ⸗ chen. Und Geſaͤnge ſteigen in die Luft des Morgens und Abends, und man genießt mit froͤhlichem Herzen Lebensbilder. 2 4 1 37⁰ die Gaben, die geboten werden, und achtet den Schweiß gering, der dabey vergoſſen ward und wird: denn die Arbeit hat eine gute Frucht getragen. Feſſelte uns in den beyden genannten Abſchnitten vornehmlich die Gegenwart, und die Vergangenheit, inſofern ſie die Mutter der erſtern iſt: ſo theilt ſich der Dritte in die Gegenwart und Zukunft, doch ſo, daß die letztere unſre beſondere Aufmerkſamkeit auf ſich zieht. Die Fruͤchte ſind allenthalben eingeſammelt, die Felder ſtehen leer, die Wieſen entfaͤrben ſich, die Baͤume verlieren ihr Laub, die V zoͤgel mit den ſonni⸗ gen Tagen ruͤſten ſich zum Abzug. Neue Saaten zu kuͤnftigen Aerndten muͤſſen der Erde anvertraut wer⸗ den; was jetzt ſeine Farbe verliert, wird ſie einſt wie⸗ der bekommen; was uns Lebewohl ſagt, werden wir wieder freundlich willkommen heißen.„So ziehet denn hin, ihr gluͤcklichen Wanderer, ſpricht dann wol der Menſch, wenn Kraniche und Lerchen die Luft uber ihm durchſchneiden in leichtem Fluge, ziehet hin in die Gegenden, nach denen ein innerer Trieb euch lockt, ihr werdet friſche Felder und Baͤume finden, und eine mildere Luft; ich bleibe dahier, des Winters und ſei⸗ ner Stuͤrme nicht achtend, bis daß ich dereinſt auch meine Wanderſchaft antrete! Und wenn der Fruͤhling 371 wieder auf unſern Gefilden bluͤht, und alle die Wonne athmet, die ihm eigen iſt, da kommet ihr wieder und wohnet von neuem unter uns. Wenn ich aber dahin ziehe in das Land meiner Sehnſucht, nach den lich⸗ ten Auen der Verheißung, in die gruͤne Daͤmmerung meines Fruͤhlings: da kehre ich nicht zuruͤck! und wen ich hier verlaſſe, der blickt mir ſchmerzlich nach, folgt aber uͤber kurz, oder lang zu ewiger Gemeinſchaft. Jetzt will ich mich indeſſen deiner, du liebe Erde, mir an⸗ gewieſen von Gott zum Wohnplatz, noch erfreuen, und die letzten ſonnigen Tage des Jahrs, und die letzten Blumen und das letzte Gruͤn in Gaͤrten, Wieſen und Waͤldern genießen in ſtiller, heiliger Freude: denn es werden Tage, Wochen und Monate vergehen, ehe das alles wieder kommt, und ich werde mich oftmals, wenn Schnee vom Himmel herabfaͤllt, truͤbe Wolken in der Luft hangen und ſtuͤrmiſchkalte Winde wehen: o dann werde ich mich oftmals nach dem friſchen Gruͤn und der erfreulichen Himmelsbläue ſehnen und mich klarer Tage erinnern, und ſchmerzlich auf ihre Wieder⸗ kehr harren. Aber die Sehnſucht und die Hoffnung, beyde ſind ſuͤß, und taͤuſchen nicht, und ehe man es ſich verſieht, zeigen die ſprießenden Keime des neuen Lebens ſich, und die Klaͤnge des Fruͤhlings fallen in das lau⸗ 372 ſchende Ohr, und erwecken in dem Herzen den ſchlum⸗ mernden Fruͤhling mit ſeinen Bluͤthen und Tonen!“ XXXXVII. Wenn gute Menſchen auf dem Wege durch's Leben ſich begegnen, ſo geben und druͤcken ſie einan⸗ der die Haͤnde, und ſagen:„Ach, du lieber Bru⸗ der, du liebe Schweſter, warum habe ich dich denn nicht lange ſchon gekannt, und in meine Ar⸗ me geſchloſſen, und ſchließen können?“ Und wie viele, die ſich ſo innig verwandt ſind, und ſo ſelig mit⸗ einander leben wuͤrden, wie viele finden ſich hienieden gar nicht, und koͤnnen einander ihre Wuͤnſche und Hoffnungen, ihre Leiden und Freuden in dieſer Zeit gar nicht mittheilen! Aber die Zeit wird vergehen mit ihren Schranken, und einander nahe gebracht werden, was ſich liebt, zu ewigtreuer Gemeinſchaft. Der Schein iſt dann weggefallen, und die Wahrheit offenbar wor⸗ den, und das Leben ſelig ohne Ende.