Leihbibliothek deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 3 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mrr. 50 Pf. 2 Mr. Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dieſe Hauptſtadt einer der kleinern engliſchen Graf⸗ ſchaften zählte höchſtens viertauſend Einwohner; es iſt daher die Thatſache, daß Mr. Wilkins der geſchickteſte Rechtsanwalt von Hamley war, nur von relativer Bedeu⸗ deutung, und um ſo mehr müſſen wir die Bemerkung hinzufügen, daß er die Rechtsgeſchäfte des geſammten Landadels auf zwanzig engliſchen Meilen im Umkreiſe be⸗ ſorgte. Schon ſein Großvater hatte dieſe Geſchäftsverbindungen angeknüpft, ſein Vater dieſelben befeſtigt und ausgedehnt. Durch ſeine ehrenhafte Handlungsweiſe wie durch ſeine amtliche Geſchicklichkeit hatte ſich dieſer die Stellung eines vertrauten Freundes in vielen vornehmen Familien erwor⸗ ben. Noch nie hatte ſich ein Notax rühmen können, auf einem ſo vertrauten Fuße mit nu ſtehen. Nicht ſel⸗ ten wurde er von ihnen zu Tiſche geladen, jeboch, wohl bemerkt, er allein, nicht in Begleitung ſeiner Frau, welche Gaskell, Die That einer Nacht. 1 — dieſer Ehre nie theilhaftig wurde. Zuweilen traf er wie von ungefähr auf der Fuchsjagd mit dieſem oder jenem Grundherrn zuſammen und pflegte mindeſtens ebenſo gut als irgend einer von ihnen beritten zu ſein. Manchmal ließ er ſich nach einigem Zögern und Vorſchützen amtlicher Geſchäfte auf der Schreibſtube bewegen, ein Stückchen mit ſeinen Clienten zu reiten. Bisweilen geſchah es ſogar, daß er, ſeine gewöhnliche Vorſicht vergeſſend, zuerſt bei dem todtgehetzten Thiere anlangte und den Fuchsſchwanz im Triumph davontrug. Allein dies waren Ausnahmefälle; meiſt blieb er ſich ſeiner untergeordneten Stellung in der ariſtokratiſchen Grafſchaft bewußt, war jedoch nichts we⸗ niger als ein Schmeichler oder Schmarotzer, wovor ihn vor allem ſein Selbſtgefühl bewahrte. Er nahm ſogar nicht den geringſten Anſtand, den Leuten die unangenehmſten Wahr⸗ heiten ins Geſicht zu ſagen. Dem Verſchwender machte er die Nothwendigkeit einer ſparſamen Lebensweiſe begreiflich; er wußte durch ſeine Ueberredung ſogar die Vereinigung liebender Herzen zu bewirken, welche durch Familienſtolz getrennt worden waren, und ſcheute ſich nicht, den größten Unwillen gegen ſich zu erregen, indem er ſchon vor dier zig Jahren es wagte, die Partei eines unterdrückten Bauers zu nehmen. Alle dieſe Verhandlungen führte er mit ſo viel Takt und Geſchicklichkeit, daß ſie meiſt durch den Erfolg gekrönt wurden.. Die Freude und der Stolz ſeines Lebens war ſein ein⸗ ziger Sohn Edward, nicht geringe Ueberwindung koſtete es ihm, ſo wenig perſönlichen Ehrgeiz er auch haben mochte, ſeinem Lieblinge die Beziehung der Univerſität und die Laufbahn eines Rechtsanwaltes im großen Stile zu ver⸗ —— ſagen. Allein er konnte ſich der Ueberzeugung nicht ver⸗ ſchließen, daß ſein Geſchäft ein zu vortheilhaftes und daher ſein Einkommen ein zu bedeutendes ſei, um ſie ſo leichten Kaufes Fremden zu überlaſſen. Dieſer Entſchluß reifte in ihm, während Edward noch auf der öffentlichen Schule zu Eton war. Dort hatte letzterer vielleicht das bedeutendſte Taſchengeld unter allen ſeinen Kameraden gehabt, und es war nie ein Zweifel in ihm darüber aufgeſtiegen, daß er ſpäter mit den jungen Adligen, den Söhnen der Clienten ſeines Vaters, die Univerſität Oxford beſuchen werde. Er empfand es daher als eine um ſo größere Demüthigung, als er von ſeiner veränderten Laufbahn Kenntniß bekam, und nach Hamley zurückkehren mußte, um ſeines Vaters Schreiber zu werden und von nun an jene anererbte, unter⸗ geordnete Stellung ſeinen frühern Kameraden gegenüber einzunehmen, welche ſeine Ueberlegenheit in allen körper⸗ lichen Uebungen wie auch im Lernen bisher nie beſtritten hatten. Sein Vater bemühte ſich allerdings, ihn durch jede An⸗ nehmlichkeit, welche für Geld zu haben war, für dieſe Ent⸗ täuſchung zu entſchädigen. Edward's Pferde übertrafen die ſeines Vaters noch an Schönheit; er erhielt die Er⸗ laubniß, ſich eine umfangreiche Bibliothek anzulegen, und alle Mittel ſtanden ihm zu Gebote, um ſeine geiſtigen und literariſchen Bedürfniſſe nicht nur zu befriedigen, ſondern auch zu vermehren. Zu dieſem Zwecke ließ Mr. Wilkins ein prächtiges Bibliothekzimmer an ſein ohnedies ſchon ſehr anſehnliches Haus in der Vorſtadt von Hamley anbauen. Nach Verlauf eines Jahres, als die vorgeſchriebenen Rechts⸗ ſtudien in London beendigt waren, bereiſte der junge Mann 1* 4 auf ſeines Vaters Wunſch den ganzen Continent. Nach den umfangreichen Kiſten zu urtheilen, welche aus den ver⸗ ſchiedenſten Ländern Europas in Hamley anlangten, mußte der junge Wilkins in Bezug auf Ausgaben ſo ziemlich freie Hand gehabt haben. Endlich kehrte er als Theilnehmer am Geſchäfte ſeines Vaters nach Hamley zurück und er⸗ füllte dieſen mit gerechtem Stolz auf einen ſo ſchönen, wohlerzogenen, feingebildeten Sohn. Edward gehörte nicht zu der Zahl derjenigen, welche durch günſtige äußere Umſtände nachtheilig beeinflußt wer⸗ den; und ſollte dennoch ſeine bisherige Erziehung ſchäd⸗ liche Folgen für ihn gehabt haben, ſo kamen ſie wenigſtens für den Augenblick noch nicht zum Vorſchein. Er hatte weder gemeine Gewohnheiten noch niedrige Laſter und war im Gegentheil eher zu fein gebildet für die Geſellſchaft, in welcher er ſich bewegen ſollte, ſelbſt wenn dieſe aus den höchſtgeſtellten Clienten ſeines Vaters beſtanden hätte. Nicht nur hatte er viel und mit Verſtand geleſen, ſondern er zeigte auch eine nicht gewöhnliche künſtleriſche Begabung. Sein Vater jedoch rühmte am meiſten an ihm, daß er das Herz auf dem rechten Flecke habe, und fügte ſich freudig. bei jeder Gelegenheit den Wünſchen und Anſichten des Sohnes, den er mit um ſo größerer Zärtlichkeit liebte, als dieſer ſchon früher die Mutter verloren hatte. Ob Edward beim Beſuche der ariſtokratiſchen geſelligen Zuſammenkünfte von Hamley ſeinem eigenen Ehrgeize oder vielmehr ſeines Vaters Wunſche folgte, vermögen wir nicht zu entſcheiden, glauben jedoch das Letztere annehmen zu dürfen, denn Edward ſelbſt hatte zu viel Geſchmack, als daß er in irgend welcher Geſellſchaft die Rolle eines Eindring⸗ — 5 lings hätte ſpielen mögen. Nach der Anſicht der ganzen Grafſchaft gab es überhaupt keine gewähltere Geſellſchaft als diejenige, welche ſich alle Monate in den auf gemein⸗ ſame Koſten im erſten Gaſthofe der Stadt erbauten Caſino⸗ ſälen von Hamley zu verſammeln pflegte. Nie erhielt ein bürgerlicher Städter die Erlaubniß, dieſe heiligen, geheimnißvollen Hallen zu betreten, kein Geſchäftsmann durfte dort erſcheinen, ſelbſt dem Infante⸗ rieoffizier war es verſagt, das Innere jener Ball⸗ und Spielſäle zu erblicken. Gern hätten die Stifter dieſer Zu⸗ ſammenkünfte die Ahnenprobe von Jedem verlangt, der um die Erlaubniß bat, der jeweiligen Ballkönigin ſeine Huldigungen darbringen zu dürfen, doch die Zahl der ur⸗ ſprünglichen Mitglieder hatte ſich bereits merklich ver⸗ ringert, mit ihnen waren die Menuetts verſchwunden und hatten den Quadrillen weichen müſſen. Gerade als Edward Wilkins jenen ſchlüpfrigen, gefährlichen Boden zum erſten Male betrat, faßten einige Magnaten der Grafſchaft den kühnen Entſchluß, ſogar den Walzer einzuführen, welchen ſie in London zur Zeit des Beſuchs der alliirten Fürſten geſehen hatten. Edward war auf dem Continente in viele glänzende Geſellſchaften eingeführt worden, und dennoch erſchien ihm jetzt der kleine, altmodiſche Ballſaal im Gaſthofe zum Georg in ſeiner Vaterſtadt großartiger als die elegan⸗ teſten Salons, welche er in Paris und Rom beſucht hatte. Er war ſich dieſer Täuſchung vollkommen bewußt, ver⸗ mochte ſie jedoch nicht zu überwinden. Eines Tages wurde er im Hauſe eines der kleinern Grundbeſitzer mit ſeinem Vater zu Tiſche geladen. Der Hausherr, welcher nicht nur 6 acht erwachſene Töchter beſaß, ſondern auch dem alten Wilkins zu beſonderem Danke verpflichtet war, konnte dem klar ausgeſprochenen Wunſche des alten Herrn, ſein Sohn möge in die Caſinogeſellſchaft von Hamley aufgenommen werden, keinerlei ariſtokratiſche Schwierigkeiten in den Weg legen. Jedoch rümpfte mancher Junker die Naſe über die Einführung von Wilkins,„des Notars Sohn“, in dieſe gewählten Kreiſe, und ohne Zweifel hätte der junge Mann mehr Demüthigung als Vergnügen dort empfunden, wenn am Abend ſeines erſten Auftretens nicht ein beſonderes Ereigniß vorgefallen wäre. Der Statthalter der Provinz pflegte gewöhnlich einmal im Jahre in zahlreicher Geſell⸗ ſchaft das Caſino von Hamley zu beſuchen; am heutigen Abend wurde er in Begleitung einer Herzogin und ihrer Töchter erwartet, allein die Zeit verſtrich und es erſchien Niemand. Endlich machte ſich eine ungewöhnliche Bewe⸗ gung bemerkbar und die vornehmen Gäſte rauſchten herein. Einige Minuten lang wurde mit dem Tanzen innegehalten, der Graf führte die Herzogin zu einem Sopha, einige ihrer Bekannten näherten ſich ihnen, um ſie zu begrüßen, dann wurde die Quadrille ziemlich langweilig zu Ende getanzt. Eine zweite kam, an der ſich Niemand von des Statthal⸗ ters Geſellſchaft betheiligte; dann folgte eine Berathung, eine Bitte, ein Auftrag an das Orcheſter, welches plötzlich einen Walzer zu ſpielen begann. Die jungen Herzoginnen flogen bei deſſen Klängen dahin; einige andere junge Mäd⸗ chen ſchienen bereit, ihrem Beiſpiele zu folgen, allein leider fehlte es an Herren, welche den neumodiſchen Tanz kann⸗ ten. Da erinnerte ſich einer der Ballordner an den jungen Wilkins, der ſo eben erſt vom Continente zurückgekehrt ſei. — Edward war ein vortrefflicher Tänzer und führte den Wal⸗ zer zur allgemeinen Bewunderung aus. Bei der nächſten Tour beehrte ihn ſogar eine der jungen Herzoginnen, deren Frau Mama, vollkommen unbekannt mit den geſelligen Verhältniſſen und Rangklaſſen der Grafſchaft, keinen Grund einſah, warum ihre ſchöne Tochter, Lady Sophie, nicht einen guten Tänzer haben ſollte, ſelbſt wenn ſein Stammbaum mangelhaft wäre. Sie bat daher den Ball⸗ ordner, ihr den jungen Mr. Wilkins vorzuſtellen. Von nun an war ſein Glück bei den jungen Damen gemacht; bei den Müttern war er nicht eben unbeliebt, die alten Herren aber ſahen ihn noch immer über die Schultern an, und die hoffnungsvollen Sprößlinge, welche er auf der Schule zu Eton geprügelt hatte, nannten ihn hinter ſei⸗ nem Rücken den Emporkömmling. Zweites Kapitel. Edward befand ſich in keiner beneidenswerthen Lage. Seine ſorgfältige Erziehung hatte ihn weit über ſeine eigent⸗ liche geſellſchaftliche Stellung erhoben; der Umgang mit den Honoratioren des Ortes, mit dem Chirurgen oder dem Braumeiſter von Hamley vermochte ihm weder Genuß noch Belehrung zu bieten. Der Pfarrer war alt und taub und der Vicar ein unfertiger junger Menſch, der ſich gleichſam vom Klange ſeiner eigenen Stimme einſchüchtern ließ. In Bezug auf weibliche Geſellſchaft ging es ihm noch ſchlechter; denn es ſchien ihm eine reine Unmöglichkeit, eins der jungen Mädchen von Hamley in das ſchöne große Haus als Herrin heimzuführen, welches den Gebildeten durch ſo viele Annehmlichkeiten anſprechen, für ein linkiſches Mädchen aber eine ſehr unbequeme Wohnſtätte ſein mußte. Uebrigens beſchäftigte ſich weder Edward noch der alte Herr mit ernſtlichen Heirathsgedanken. Der junge Mann war ſich wohl bewußt, wenn auch ſein Vater in dieſer Be⸗ ziehung weniger Scharfſinn zeigen mochte, daß jede der jungen Damen, welchen er als Tänzer auf den Caſinobällen ganz willkommmen war, ſich durch einen Heirathsantrag von einem Notar, deſſen Vater und Großvater Notare ge⸗ weſen waren, höchlichſt beleidigt gefühlt hätte. Edward mochte im Verlauf dieſer Jahre manche Zurückſetzung und manche Demüthigung ſchmerzlich, wenn auch ohne Klage empfunden haben, und ohne Einfluß auf ſein ſpäteres Leben konnten dieſelben nicht bleiben. Schon jetzt machte ſich deren Wirkung bemerkbar, wenn er auch nicht auf Wiedervergeltung ſann, wie manche andere junge Leute an ſeiner Stelle gethan hätten. Er freute ſich des Anſehens, welches ihm ſeines Vaters Reich⸗ thum verlieh; ohne langes Beſinnen kaufte er theure Pferde, um welche einer der Junker vielleicht drei Wochen lang gefeilſcht haben würde. Seine Hunde waren von der edelſten Raſſe, ſeine Ge⸗ wehre nach der neueſten, vollkommenſten Weiſe verfertigt, ohne Rückſicht auf den Preis. Um alle dieſe Dinge wurde er von dem ärmern Adel beneidet; denn dafür hatten ſie mehr Verſtändniß als für die Kunſtſchätze, mit welchen das Haus von Mr. Wilkins angefüllt war. Mit der Zeit ſollte Edward eine Ehe ſchließen, welche ſich, ſo weit dies bei Heirathen überhaupt möglich iſt, der allgemeinen Billigung zu erfreuen hatte. Er verliebte ſich in Miß Lamotte und ſein Entzücken kannte keine Grenzen, als ſie ſich entſchloß, die Seine zu werden. Der Vater nahm den herzlichſten Antheil an dem Glücke des Sohnes und verweilte gern bei dem Gedanken, daß die Mutter von Miß Lamotte die jüngſte Schweſter von Sir Frank Holſter geweſen ſei. Allerdings war dieſe Heirath von der Familie Holſter als unebenbürtig nie anerkannt worden; allein ebenſo wenig konnte der Name der jungen Dame aus dem Adelsregiſter geſtrichen werden, wo Läticia, jüngſte Tochter von Sir Mark Holſter, geboren 1772, verehelicht 1799 mit H. Lamotte richtig verzeichnet war. Sie hatte zwei Kinder hinterlaſſen, einen Knaben und ein Mädchen, deren Vormundſchaft Sir Frank als Onkel übernahm, da H. Lamotte, der Vater, des Landes verwieſen und ſchlimmer als todt war. Er hatte ſich irgend ein ſchweres Vergehen zu Schulden kommen laſſen, und nie wurde ſein Name er⸗ wähnt. Mark Lamotte, der Sohn, war in der Armee, Laeticia aber lebte im Hauſe ihres Onkels. Ihre Stellung daſelbſt wurde zwar nicht abſichtlich zu einer abhängigen gemacht, allein auf die Dauer mußte ſie einem zartfühlen⸗ den, durch ſtete Erinnerung an die Schmach des Vaters doppelt verletzbaren Mädchen doch recht drückend erſcheinen. Obwohl Sir Frank, wie Mr. Wilkins genau wußte, ſich in ziemlich mißlichen Vermögensverhältniſſen befand, ſo ging er dennoch nur mit ſehr gemiſchten Gefühlen auf den Antrag ein, welcher ſeiner blutarmen Nichte eine behag⸗ liche, vielleicht ſogar glänzende Stellung im Leben ſichern und ihr überdies einen ſchönen, gebildeten, jungen Mann zum Gatten geben ſollte. Er warf nach ſeiner ſchlechten Gewohnheit einige bittere, unverſchämte Bemerkungen hin und gab widerſtrebend ſeine Einwilligung zu der Verbin⸗ dung, beleidigte auch in der Folge ſeinen Neffen noch öfters durch höhnende Anſpielungen auf deſſen niedrige Geburt und gemeinen Beruf. Er ſchien augenſcheinlich vergeſſen zu haben, daß ſein eigener Schwager, falls er es wagen ſollte, ſein Vaterland wieder zu betreten, jede Stunde vor Gericht geſtellt werden könnte. Dieſes Verhältniß mochte für Edward läſtig und ärger⸗ lich ſein, Läticia aber, die mit inniger Liebe an ihrem Gatten hing, fühlte ſich dadurch tief gekränkt. Sie war ſich der geiſtigen Ueberlegenheit deſſelben über ihre Vettern, die jungen Holſter, vollkommen klar; ſie bemerkte wohl, daß letztere die Pferde ihres Mannes ritten, ſeine Weine tranken, aber nichtsdeſtoweniger ihres Vaters Beiſpiel folgend, über Edward's Beruf als Notar ſpotteten. Lae⸗ ticia wünſchte ihren Mann ganz fern von der adligen Ge⸗ ſellſchaft der Grafſchaft zu halten, und hoffte, er werde mit der Zeit nur bei ihr, im häuslichen Kreiſe, in ihrer pracht⸗ vollen Bibliothek oder in ihren reizenden, mit Bildern und Statuen geſchmückten Salon Erholung ſuchen und finden. Vielleicht wäre dieſe Anforderung allen Männern gegenüber eine zu große geweſen, von Edward aber, der ſich ſeiner geſelligen Begabung wohl bewußt war und überhaupt Geſelligkeit liebte, war es offenbar zu viel ver⸗ langt. Geſelligkeit und Bewirthung waren für Edward gleichbedeutend; obwohl er kein Freund vom Weine war, ihn jedoch trinken mußte, liebte er es doch, für einen Wein⸗ kenner zu gelten. Ungefähr um dieſe Zeit ſtarb ſein Vater als glücklicher Greis. Er hinterließ ſeine Geſchäfte im beſten Zuſtande und ſchied, geliebt von ſeinen ärmern und geachtet von ſeinen reichern Nachbarn, mit ruhigem Ge⸗ wiſſen und zufriednem Herzen von Sohn und Schwieger⸗ tochter, welche mit innigſter Liebe an ihm gehangen hatten. Läticia's Wunſch wäre geweſen, von nun an ganz nur ihrem Manne und ihren Kindern zu leben; aber Edward bedurfte täglich der geſelligen Anregung mehr und mehr. Wie er von Leuten Einladungen annehmen mochte, die ihn als den Notar Wilkins,„einen ganz gemüthlichen Menſchen“, gelegentlich den Fremden vorſtellten, war ihr unbegreiflich; dieſe Menſchen waren ja gar nicht im Stande, die Talente und die künſtleriſchen Anſchauungen zu würdigen, welche ſie ſo hoch an ihrem Manne ſchätzte. Sie überſah, daß Edward bei dieſen Gelegenheiten nicht nur mit hochgeſtellten, ſondern auch mit geiſtig bedeutenden Männern verkehrte, daß ſeine Gabe als glänzender Tiſch⸗ redner zur Geltung kam, ſobald er nach einigen Gläſern das Gefühl ſeiner untergeordneten Stellung verloren hatte; ſie vergaß, daß ſelbſt reiſende Staatsmänner aus London, bedeutende Schriftſteller und Leute, deren Lebensaufgabe es iſt, bei Tiſche witzig und geiſtreich zu ſein, ihrem Manne mit Bewunderung zuhörten, wenn ſie während ihres Be⸗ ſuches auf den Landſitzen der Grafſchaft mit ihm zuſammen⸗ trafen. So ſtolz ſie auf dieſe Erfolge war, ſo hätte ſie ihn doch gern vor Genüſſen gewarnt, welche ihn zu unüber⸗ legter Verſchwendung verleiteten. Schon hatte er begon⸗ nen, nicht nur für geiſtige Genüſſe, obgleich dies auch nicht zu rechtfertigen geweſen wäre, ſondern auch für rein mate⸗ rielle Dinge große, ſeine Mittel überſteigende Summen auszugeben. Seine Weine, ſeine Tafel ſollten Alles über⸗ treffen, was die Nachbarſchaft zu bieten vermochte; ſeine ſeltenen aber ausgeſuchten Diners, von einem italieniſchen Koche bereitet, ſollten ſelbſt von Londoner Kennern bewun⸗ dert werden. Laeticia mußte ſich ſeinem Wunſche gemäß in die ſchönſten Stoffe kleiden, die feinſten Spitzen tragen. Schmuck, meinte er, überſteige ſeine Mittel; allein um ſo größer waren die Summen, welche Laeticig's Spitzen koſteten. Der ſchönen Frau, welche zuvorkommendes Be⸗ nehmen und guten Geſchmack von ihrem Vater in hohem 13 Grade geerbt hatte, ſtanden dieſe Koſtbarkeiten trefflich zu Geſichte. Durch die unbeſchreibliche Anmuth ihrer Be⸗ wegungen und ihrer Haltung ſchien ſie für den Verkehr mit der großen Welt, auf deren Beifall ſie jedoch gar wenig Werth legte und welcher ſie ſo früh entriſſen werden ſollte, wie geſchaffen. Edward verließ ſie, als er eines Morgens auf ſeine Schreibſtube ging, wohl und munter; um die Mittags⸗ ſtunde rief ihn ein Bote, vor Eile zitternd, plötzlich nach Hauſe. Dort angekommen, fand er ſeine Frau ſchon keines Wortes mehr mächtig, nur ihre Blicke ſprachen noch die leidenſchaftlichſte Sehnſucht nach ihm aus, den ſie ja über Alles geliebt hatte; ſprachlos kniete er neben ihrem Lager nieder. Als ſie ihr Leben in den letzten Athemzügen aus⸗ gehaucht hatte, lag er noch immer regungslos vor ihr. Sein älteſtes Töchterchen Ellinor wurde herbeigeholt, in der Erwartung, der Anblick des Kindes werde ihn aus ſei⸗ ner Erſtarrung reißen; doch ſchrecklich war der Eindruck, welchen die blaſſe, regungsloſe Mutter auf das Kinderge⸗ müth hervorbrachte. „Mama, Mama!“ rief die Kleine in unbeſchreiblicher Angſt; doch als die Mutter ſich nicht rührte und der Vater das Haupt noch tiefer in die Decken barg, um einen wilden Schrei zu unterdrücken, ſo riß ſich das Kind ungeſtüm von der Wärterin los, ſtürzte auf das Bett zu, küßte die eiſig kalten, unbeweglichen Lippen, ſtreichelte die rabenſchwarzen, glänzenden Haare und rief die Mutter mit den zärtlichſten Namen. Das Herz des Kindes brach faſt unter der Wucht des Schmerzes, welchem man es unbedacht ausgeſetzt hatte. Da erhob ſich Edward leiſe, nahm die Kleine ſanft in die Arme und trug ſie in ſein Studierzimmer; was dort zwi⸗ ſchen Beiden vorfiel, hat nie jemand erfahren. An vielen glücklichen Abenden hatten ſich Mann und Frau dorthin zurückgezogen und den Kaffee dort zu ſich genommen. Sie pflegten dann wohl durch die Glasthüre in's Freie zu tre⸗ ten, den Garten und die anſtoßenden Felder zu durchſtrei⸗ fen und ſich ruhig dem Genuß der ſtillen, ſchönen Natur zu überlaſſen. Jetzt waren dieſe Stunden auf immer dahin. Die ſchmerz⸗ liche Erinnerung an vergangenes Glück mochte jetzt den langen ſchweren Tag ausgefüllt haben; denn erſt ſpät am Abend verlangte Edward des Kindes Abendbrod, und der eintretende Diener bemerkte, daß Ellinor noch immer re⸗ gungslos in ihres Vaters Armen lag. Edward aber gab ſeinem ſechsjährigen Töchterchen mit derſelben Sorgfalt zu eſſen, als ob es ein halbjähriges Kind geweſen wäre. Drittes Kapitel. Von dieſer Zeit an ſchlang ſich ein immer engeres, zärtlicheres Band um Vater und Tochter. Ellinor theilte ihre Liebe zwiſchen ihrem Vater und ihrem Schweſterchen, er aber kümmerte ſich wenig um kleine Kinder; während die ältere ſein ganzes Herz erfüllte, hatte er nur allge⸗ mein menſchliche Zuneigung für ſein nachgebornes Kind. Ellinor mußte, ſo oft Mr. Wilkins ſein ſpätes Diner zu Hauſe einnahm, ihm gegenüber den Platz ihrer Mutter ausfüllen, obgleich ſie viel früher zu Mittag und wohl auch ſchon zu Nacht gegeſſen hatte. Es machte einen halb ſchmerzlichen, halb komiſchen Eindruck, das ernſte, über⸗ legte Benehmen des kleinen Mädchens zu beobachten. Es gab ſich ſo viele Mühe, der Geſellſchafterin ſeines Va⸗ ters würdig zu reden und zu handeln, bis ſich manchmal das Köpfchen mitten in einer klugen, halb geſtammelten Redensart zum Schlummer neigte. Die Wärterinnen nannten das kleine Mädchen altklug und prophezeiten ihm daher ein nur kurzes Leben. Statt daß dieſe Vor⸗ ausſage ſich erfüllt hätte, bekam aber eines Tages der ge⸗ ſunde, lebenskräftige Säugling heftige Krampfanfälle — 16 und ſtarb noch an demſelben Tage. Ellinor's Kummer, den ſie mit ſcheinbarer Ruhe ſorgfältig zu verbergen ſuchte, erſchreckte ihre Umgebung auf's Aeußerſte. Sie wartete, bis ſie ſich bei Nacht allein wähnte, um in leidenſchaftliches Weinen und Schluchzen auszubrechen.„Schweſterchen, Schweſterchen komm zurück, komm wieder zu mir“ rief ſie dann aus. Jedermann fürchtete, daß dieſer doppelte Schlag zu viel für das zart organiſirte, gefühlvolle Kind ſei und daß ſeine Geſundheit darunter leiden müſſe. Der Vater legte Geſchäfte und geſellige Vergnügen bei Seite um ſeinem Liebling dieſen Kummer zu erleichtern; ohne ſeine Sorgfalt wäre Ellinor gewiß aus Gram ge⸗ ſtorben, mit ſeiner Hülfe jedoch überwand ſie denſelben langſam und allmälig, gleichſam als fürchtete ſie ſich ir⸗ gend Jemand wieder zu lieben, damit nicht abermals ein ſchneller Tod den Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit dahinraffe. Endlich durchbrach ihre Liebe alle Schranken und Dämme und man möchte faſt ſagen, überflutend wandte ſie die⸗ ſelbe ihrem Vater zu, welcher darin reichliche Belohnung für die Sorgfalt fand, mit welcher er ſein Töchterchen ſo lange gepflegt hatte. Inniges Vergnügen gewährte es ihm, als er die Anſtrengungen bemerkte, durch welche ihn die Kleine zu überzeugen ſuchte, daß auf dieſer Welt nur Er ihr Ein und Alles ſei. Durch die Erzählung der Wär⸗ terin erfuhr er, daß Ellinor des Abends ſchon eine halbe Stunde eher, als er gewöhnlich zu Hauſe erwartet wurde, den Puppenkram weglege und ſich ruhig niederſetze, um mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit dem Geräuſche ſeiner Schritte zu lauſchen. Einſt habe die Wärterin ihre Ver⸗ wunderung darüber ausgeſprochen, daß Ellinor ihres Va⸗ — — 17 ters Fußtritte in ſo großen Entfernungen zu erkennen ver⸗ möge, und habe hinzugefügt, daß ſie ſelbſt trotz aller Auf⸗ merkſamkeit nicht im Stande geweſen ſei, einen Laut zu vernehmen. Darauf habe Ellinor geantwortet:„Das iſt ganz natürlich, daß Du ihn nicht kommen hörſt; es iſt ja nicht Dein Papa.“ Nachdem ſich Mr. Wilkins des Morgens mit einem Kuſſe von Ellinor getrennt hatte, pflegte ſie an ein be⸗ ſtimmtes Fenſter zu eilen, aus welchem ſie ihn mit ihren Blicken verfolgen konnte, bis er, bald hinter den Hecken verborgen, bald ins Freie hervortretend, endlich an einer alten, großen Buche ankam, wo ſie ihn noch einen kurzen Augenblick deutlich ſehen konnte. Dann wandte ſie ſich häufig mit einem tiefen Seufzer ab und ſuchte ihre geheime Furcht mit den Worten zu beſchwichtigen:„Er wird ja heute Abend wiederkommen.“ Das Bewußtſein daß Ellinor nur von ihm und durch ihn alle ihre Freuden empfange, war Mr. Wilkins äußerſt wohlthuend; ſchien er doch beinahe eiferſüchtig, wenn ohne ſeine Vermittelung irgend Jemand dem Mädchen Ver⸗ gnügen bereitete oder ihm ein Geſchenk machte. Nach einiger Zeit überzeugte er ſich von der Noth⸗ wendigkeit, Ellinor müſſe einen umfaſſendern Unterricht empfangen, als ihn die gute, alte Wärterin zu ertheilen fähig war. Selbſt das Amt des Lehrers übernehmen wollte er nicht, denn er ſah voraus, daß es ihn doch zu ge⸗ legentlichem Tadel nöthigen würde, und er hätte um keinen Preis der faſt abgöttiſchen Liebe ſeines Töchterchens auch nur den geringſten Abbruch thun mögen. Er bat daher Lady Holſter, unter ihren vielen Sihützlingen Jemand Gaskell, Die That einer Nacht. 18 auszuwählen, der zur Erzieherin für ſeine Tochter geeignet wäre. Lady Holſter, welche aus Liebhaberei eine Art von Dienſtvermittelungsanſtalt für die ganze Grafſchaft hielt, unterzog ſich mit der größten Bereitwilligkeit dieſem Auf⸗ trage, erkundigte ſich etwas näher nach den Eigenſchaften, welche die gewünſchte Perſönlichkeit haben ſolle, erhielt aber von Mr. Wilkins nur die Antwort: „Sie wiſſen ſelbſt am Beſten wie die Erziehung einer jungen Dame beſchaffen ſein muß und werden eine viel paſſendere Wahl als ich treffen können, wenn es ſich um eine Gouvernante für Ellinor handelt. Nur möchten Sie, bitt' ich, eine Dame, welche weder den Verſuch mich zu hei⸗ rathen machen, noch Ellinor verbieten will, für mich den Thee zu bereiten, und welche im Ganzen dem Kinde ſeinen Willen läßt. Ellinor iſt ein ſo gutes Mädchen, daß man ſie nicht nicht noch beſſer zu machen braucht, ſie ſoll nur lernen, was ſich für eine Dame ſchickt.“ Die Wahl fiel auf Miß Monro, eine vierzigjährige, äußerſt ruhige, verſtändige und anſpruchsloſe Dame. Sowohl die Erzieherin als der Vater gaben ſich Mühe, ſich gegenſeitig nicht im Wege zu ſtehen und ſtellten in Be⸗ zug auf Ellinor ſo ziemlich das Bild des Mannes und der Frau im Wetterglas dar. Wenn nämlich der eine herein⸗ trat, ging die andere hinaus. Miß Monro war un⸗ ſanft genug in der Welt umhergeſtoßen worden und hatte ſich genug plagen müſſen, um die Annehmlichkeit, ihre Abende ungeſtört im behaglichen Lehrzimmer zubringen zu dürfen, vollſtändig zu würdigen; dort trank ſie ruhig ihren Thee und nahm hernach ihr Buch oder ihre Brief⸗ mappe zur Hand. Selbſt an Abenden, welche Ellinor 19 nicht in Geſellſchaft ihres Vaters zubrachte, miſchte ſich Miß Monro in Folge ihres gegenſeitigen Ueberein⸗ kommens nicht in die Beſchäftigungen des jungen Mäd⸗ chens. Mit der Zeit, als der tiefe Kummer zu weichen begann, welcher nach den plötzlichen Todesfällen auf der Familie gelaſtet hatte, gehörten ſolche Abende nicht mehr zu den Ausnahmen. Mr. Wilkins war, wie wir ſchon früher bemerkt ha⸗ ben, ein beliebter und geſuchter Geſellſchafter bei allen Diners der Geſellſchaft; denn Leute von ſeiner Bildung und ſeinem Geiſte waren dort ſelten zu finden. Wenn es auch eines größeren Quantums Wein als früher be⸗ durfte, um ſeine Rednertalente zur vollen Geltung zu bringen, ſo war dies kein großer Nachtheil; denn der Wein wurde bei ſolchen Gelegenheiten nicht geſpart. Wenn er eine Geſchäftsreiſe nach London zu unternehmen hatte, ſo kehrte er nie, ſo eilig er auch ſein mochte, ohne irgend ein neues Spielwerk von dort zurück, damit, wie er zu ſagen pflegte, ſein kleines Mädchen gern zu Hauſe ſei. Er liebte es, ſowohl in künſtleriſcher, als in literari⸗ ſcher Beziehung immer im Gleiſe zu bleiben und pflegte umfaſſende Beſtellungen auf diejenigen Bücher und Kunſt⸗ gegenſtände zu machen, welche ihn während ſeinos Londo⸗ ner Aufenthaltes beſonders angezogen hatten. Das Oeffnen dieſer Sendungen, welche ihm gewöhnlich bald nach Ham⸗ ley nachfolgten, brachte in Ellinors eben ſo einförmiges wie glückliches Leben ſtets eine angenehme Abwechſelung. Der einzige Mann ſeines Standes, mit welchem Mr. Wilkins in Hamley Umgang pflegte, war der neue Pfar⸗ rer, ein Junggeſelle von etwa gleichem Alter, der ein ge⸗ 2* 20 lehrter Mann, Mitglied einer Geſellſchaft in Oxrford war und zuerſt Mr. Wilkins' Aufmerkſamkeit durch den Um⸗ ſtand erregte, daß er mit einem Reiſeſtipendium der Uni⸗ verſität Oxford ungefähr um dieſelbe Zeit wie Mr. Wil⸗ kins den Continent bereiſt hatte. Obgleich ſie in der Fremde nie zuſammengetroffen waren, knüpften ſich doch viele gemeinſame Erinnerungen an jene Lebensperiode, im Ganzen doch die glücklichſte und hoffnungsreichſte, auf welche Mr. Wilkins zurückblicken konnte. Mr. Neß, ſo hieß der Geiſtliche, hatte von Zeit zu Zeit einen Zögling. Er gab ſich zwar nicht die geringſte Mühe Schüler zu erlangen, lehnte jedoch die Bitten nicht ab, welche öfters an ihn gerichtet wurden, junge Männer für die Univerſität vorzubereiten, dieſelben in ſeinem Hauſe aufzunehmen und deren Studium zu leiten. Die Zöglinge von Mr. Neß erlangten meiſt gute Zeugniſſe auf der Univerſität, denn ihr Lehrer ſetzte einen gewiſſen Stolz darein, pünktlich und redlich einmal übernommene Pflich⸗ ten zu erfüllen. 4 Als Ellinor in ihrem vierzehnten Jahre ſtand, kam ein jnnger Mr. Corbet als Zögling zu Mr. Neß. Wilkins pflegte ſtets die jungen Leute, welche unter der Leitung des Geiſtlichen ſtudirten, durch einen Beſuch willkommen zu heißen und zu ſich einzuladen. Mr. Corbet gehörte einer ſehr guten Familie in einer entfernten Grafſchaft an. Den Jahren nach war er kaum mehr als ein Knabe, denn er zählte kaum achtzehn Jahre, als er bei Mr. Neß eintrat, allein vielen jungen Män⸗ nern von fünfundzwanzig Jahren war Mr. Corbet an ruhigen, ernſten Betrachtungen überlegen. Er hatte jetzt 21 1 ſchon ſeinen Lebensplan überdacht und beinahe feſtgeſtellt, war ſich über die Dinge klar geworden, welche er in der für gar viele in ſeinem Alter noch ſo nebelhaften Zukunft zu erreichen wünſchte, und hatte die Mittel und Wege bei ſich überlegt, wie dieſe Dinge am Sicherſten zu erlangen wären. Familienverbindungen und Intereſſen beſtimmten ihn, den jüngern Sohn, für die gerichtliche Laufbahn, welche überdies auch ſeinem perſönlichen Geſchmack und ſeinen Talenten entſprach. Sein Vater ſtellte keine andre Anforderung an ihn, als daß er ſich ein für einen Edel⸗ mann genügendes Einkommen erwerbe; denn der nicht be⸗ trächtliche Ehrgeiz des alten Herrn beſchränkte ſich auf ſeinen älteſten Sohn. Ralph Corbet faßte ſelbſtändig den Entſchluß, ein ausgezeichneter Juriſt zu werden. Bei dieſem Berufe ſchwebte ihm weniger die Erlangung eines Platzes auf den Wollſäcken des Oberhauſes vor, wenn gleich dieſes Traumbild die Einbildungskraft der meiſten jungen engliſchen Advokaten erfüllt, ſondern er fühlte ſich mehr durch die große geiſtige Kraftanſtrengung und die daraus entſpringende Macht über ſeine Mitmenſchen an⸗ gezogen, welche berühmten Rechtsgelehrten jeder Zeit zu Gebote ſteht. Ralph Corbet wünſchte vielmehr einen Sitz im Unterhauſe zu erlangen und durch denſelben den Einfluß eines Staatsmannes und all die großen Ziele zu erreichen, welche die parlamentariſche Laufbahn einem mächtigen Geiſte eröffnet. Hierzu mußte nothwendig der erſte Schritt Auszeichnung auf der Univerſität ſein. Ralph hatte, um dieſelbe mit Gewißheit erwarten zu können, ſeinem Vater die Nothwendigkeit begreiflich gemacht die ſehr bedeutende Summe zu bezahlen, welche Mr. Neß 22 von ſeinen Schülern verlangte. Der gutmüthige alte Herr hatte zwar im Augenblick keinen Ueberfluß an baarem Gelde, allein lieber als ſein Mittagsſchläfchen entbehren und ein langes Argument anhören zu müſſen, gab er zu Allem ſeine Einwilligung. Damit begnügte ſich Ralph jedoch keineswegs. Der ſchwache Wille des Vaters ſollte ſich nicht nur dem ſeinigen fügen, ſondern deſſen Vernunft ſollte auch das Wünſchenswerthe dieſes Schrittes einſehn. Der alte Edelmann hörte zu, ſah höchſt weiſe drein, ſeufzte, klagte über Edward's, ſeines älteſten Sohnes, Verſchwendung, über die großen Ausgaben der Schweſtern, wurde immer ſchläfriger und ſagte endlich: „Sehr wahr; dagegen läßt ſich Nichts einwenden“, ſchielte nach der Thür und dachte darüber nach, wie lange ſein Sohn wohl noch dableiben und zu reden fortfahren werde. Zuletzt ſchrieb er, ohne ſelbſt zu wiſſen, wie er dazu gekommen war, den gewünſchten Brief an Mr. Neß, gab ſeine Einwilligung zu Allem und nahm alle Bedingungen an. Mr. Corbet, wie Ralph in Hamley ſtets genannt wurde, nahm es mit ſeiner geiſtigen Ausbildung ſehr ernſt und leiſtete ſogar mehr als ſein Lehrer von ihm ver⸗ langte. Er war auch außerhalb der eigentlichen Lehr⸗ ſtunden von wahrem Wiſſensdurſt erfüllt. Mr. Neß, ſtets mittheilſam, liebte ganz beſonders die logiſch ſcharfen Abhandlungen über ethiſche und metaphyſiſche Fragen, zu welchen Mr. Corbet ihn ſo gerne veranlaßte. Die beiden Männer lebten alſo auf einem ſehr angenehmen, gleichen Fuße und begegneten ſich in dieſer Geiſtesrichtung, ſo grundverſchieden ſie auch in andrer Beziehung ſein moch⸗ ten. Mr. Neß war eine guthmüthige, wenig berechnende Natur, zeigte viel Nachgiebigkeit gegen ſich ſelbſt und eine gewiſſe Gleichgültigkeit gegen Dinge und Menſchen, wäh⸗ rend Ralph, einzig und allein von ſeinem Intereſſe geleitet, dennoch einen für ſein Alter ungewöhnlichen Grad von Selbſtverläugnung zu üben im Stande war, wenn es ſich um die Erreichung eines beſtimmten Zweckes handelte. Lehrer und Schüler holten ſich öfters willkommne gei⸗ ſtige Belehrung in Mr. Wilkins⸗ Geſellſchaft. Mr. Neß pflegte nach ſechsſtündigem, angeſtrengtem Studium auf die Kanzlei zu Mr. Wilkins zu gehen, um ſich nach deſſen Plänen zu erkundigen; während der Zeit blieb der Schü⸗ ler noch unter ſeinen Büchern begraben. Hatte Mr. Wilkins nichts Beſſeres zu thun, ſo wurde er entweder zu Tiſch auf den Pfarrhof gebeten oder er lud die beiden An⸗ dern ein, ſein Mahl zu theileu. Ellinor pflegte den vier⸗ ten Platz einzunehmen, obgleich ſie ſchon früher mit Miß Monro zu Mittag geſpeiſt hatte. Da Ellinor klein und ſchmächtig war, ſchien ihr Vater gar nicht zu bemer⸗ ken, daß ſie aus den Kinderjahren langſam heraustrat. Ellinor mochte die Naivetät des Kindes wohl noch in hohem Grade beſitzen, aber ihr Weſen trug keine Spur von mäd⸗ chenhafter Wandelbarkeit und Sorgloſigkeit, ja die Charak⸗ terſtärke, die Willenskraft und das liebende Gemüth des Weibes prägten ſich ſchon darin aus. Ralph und Ellinor theilten faſt zu frühzeitig die Geſellſchaft der älteren. Mr. Corbet betheiligte ſich ebenſo lebbaft als die beiden andern Herrn am Geſpräch und ergriff bald dieſe, bald jene Seite einer Frage, grade als wolle er ſich im Kampfe gegen vorgefaßte Meinungen üben. Ellinor redete ſelten; 24 doch zeugte der Blitz ihrer dunkeln Augen von lebhaftem Intereſſe, manchmal auch von tiefer Entrüſtung, wenn Mr. Corbet, der mit Jedermann Lanzen brach, es wagte, ihren Vater anzugreifen. Ihre Aufregung über ſein Be⸗ nehmen entging ihm nicht; aber er beharrte umſomehr da⸗ bei, als er ſich einbildete, daß er ſeine Bedeutung erhöhe. Eine andere Annäherung zwiſchen Ellinor und Mr. Corbet ergab ſich auf folgende Weiſe. Mr. Neß und Mr. Wilkins hielten die Times gemeinſchaftlich und Ellinor mußte dafür ſorgen, daß die Zeitung regelmäßig auf den Pfarrhof geſchickt würde; ihr Vater pflegte die Zeitung langſam zu leſen und früher war es Mr. Neß auch ziem⸗ lich gleichgültig geweſen, um welche Zeit er das Blatt erhielt. Allein Mr. Corbet nahm an allen öffentlichen Ereigniſſen und deren Beurtheilung den lebhafteſten An⸗ theil und wenn die Times zu ſpät kam und er ungedul⸗ dig wurde, ſo machte er ſich manchmal ſelbſt auf den Weg, um ſie zu holen. Da begegnete er dann öfters Ellinor faſt außer Athem und voller Reue über die eingetretene Ver⸗ ſpätung. Ihre Entſchuldigung, daß Papa grade erſt mit dem Leſen fertig geworden ſei und daß es ihr außerordent⸗ lich leid thue, hörte er anfangs ziemlich ungnädig an; aber nach einiger Zeit ließ er ſich zu der Erwiderung herbei, daß die Verſpätung nichts zu bedeuten habe, und beglei⸗ tete ſie manchmal nach Hauſe zurück, um ihr wegen des Gartens undder verſchiedenen Pflanzen ſeinen Rathzu geben. Während dieſer ganzen Zeit ſchlug weder das Herz des Mädchens ſchneller, noch errötheten ſeine Wangen, wenn der junge Mann ſich nahte. Ellinor gewöhnte ſich daran von Mr. Corbet guten Rath, zuweilen auch einige — 2 Theilnahme und ſtets freundliche Aufmerkſamkeit zu er⸗ warten. Er hatte mehr als alle andern Leute zuſammen⸗ genommen an ihr auszuſetzen und zu tadeln, und dennoch war ſie ihm eher dankbar dafür; er aber gefiel ſich in der überlegenen Stellung die ſie ihm bereitwillig einräumte. Die beiden waren gute Freunde aber nichts mehr. Bisher haben wir uns mit Mr. Wilkins nur in ſeiner Eigenſchaft als Vater beſchäftigt, wir müſſen ihn aber auch noch von andern Seiten kennen lernen. Nach dem Tode ſeiner Frau hatte er ſich durch mehrere Jahre von aller Geſelligkeit zurückgezogen und während dieſes Stilllebens die Gefühle ſeines Töchterchens in einer Weiſe an ſich gekettet, welche auf ihr ganzes ſpäteres Leben zurück⸗ wirkte. Als er wieder die Geſellſchaft zu beſuchen begann, hätte es Jedermann auffallen können, wie ſehr der Einfluß ſeines Vaters und noch mehr ſeiner Frau dazu beigetragen hatten, ihn auf dem richtigen Wege zu erhalten und vor Schwankungen zu bewahren. Weit entfernt, ſich einem un⸗ moraliſchen Lebenswandel zu ergeben, gönnte er ſich doch allerlei Vergnügungen; während er früher nur manchmal auf die Jagd gegangen war, wurde ihm dieſe nun zur ſtän⸗ digen Gewohnheit. Er bildete ſich ein, daß die friſche Ge⸗ birgsluft für Ellinor wohlthätig ſein würde und pachtete ſich daher in Gemeinſchaft mit einem der Herrn Holſter eine Moorſtrecke in Schottland. Aber ſchon im nächſten Jahre nahm er wieder ein andres Revier in Pacht und ließ ſich als Theilnehmer ſogar einen Fremden gefallen. Auf dieſem Moorland fand ſich kein geeignetes Haus um Kind und Dienerſchaft unterzubringen; daher mußte er 26 häufig hin und herreiſen, was aber viel Geld koſtete und ihn gerade dann vom Hauſe fern hielt, wenn wichtige Ge⸗ ſchäfte ſeine Anweſenheit erfordert hätten. Man fing ſchon zu munkeln an, daß ſich in Hamley ein neuer Notar, von einigen der einflußreichern adligen Familien unter⸗ ſtützt, niederlaſſen werde. Sir Frank Holſter theilte dieſes Gerücht ſeinem Verwandten ſogleich mit und machte ihm über die Thorheit ſeiner Lebensweiſe ziemlich ernſte Vor⸗ ſtellungen. Mr. Wilkins ſah wohl ein, wie begründet dieſe Vorwürfe ſeien; als ſich aber Sir Frank immer mehr ereiferte und ihm ſogar ſagte, es ſei vermeſſen, ſich an allen Jagden zu betheiligen und die Lebensweiſe und Zeitvertreibe des begüterten Adels nachzuäffen, da verlor Edward alle Geduld. Wußte er doch wie ungünſtig Sir Frank's eigne Vermögensverhältniſſe waren, und als er ſich dagegen der ſchönen Summe erinnerte, die er von ſeinem Vater ererbt hatte, da warf er Sir Frank einige unangenehme Wahrheiten hin, welche der Letztere nie mehr vergab. Von nun an hörte jede Beziehung zwiſchen Schloß Holſter und Ford Bank, wie Edward gleich nach ſeiner Rückkehr vom Continente das väterliche Haus getauft hatte, gänzlich auf. Dieſe Unterredung hatte außer dem daraus entſtandenen Streite noch zweierlei Folgen. Mr. Wilkins ließ nämlich ſogleich eine Anzeige in die Zeitung rücken, worin er einen zuverläſſigen Gehilfen ſuchte, der das Geſchäft unter ſeiner Oberaufſicht zu leiten im Stande wäre. Ferner ſchrieb er an das Wappenamt und ſtellte die Anfrage, ob er nicht zu der Familie gleichen Namens in Südwales gehöre, welche ſeither ihr altes Prädicat„De Winton“ wieder angenommen habe? 27 Auf beide Anfragen erfolgte eine bejahende Antwort. Ein geſchickter, erfahrner Gehilfe in mittlern Jahren wurde ihm durch eine der erſten gerichtlichen Firmen in London empfohlen, den Mr. Wilkins trotz ſeiner ziemlich hochgeſtellten Bedingungen ſogleich nach Hamley kommen ließ. Da er ſich hierbei auf die fortwährende Verantwort⸗ lichkeit ſeines großen Geſchäfts berief, zu deren Erleich⸗ terung keine Summe zu groß ſei, ſo fehlte es nicht an Leuten, welche ſich die Bemerkung erlaubten, daß dieſe Verantwortlichkeit denn doch nicht ſo ſchwer auf ihm ge⸗ laſtet haben müſſe, da er noch immer Zeit zu ſeinem Auf⸗ enthalt in Schottland und zu ſeinen vielen geſelligen Ver⸗ bindungen finden könne. Zu ſeines Vaters Zeiten, meinten die Leute, ſei das wohl Alles anders geweſen. Das Wappenamt hielt es für möglich die Verbindung mit der Familie in Südwales nachzuweiſen, doch würden die dazu erforderlichen Beweismittel viel Zeit und Geld in Anſpruch nehmen. Es mag manche Orte geben, wo man es für natürlich und erlaubt findet, ſich zu dieſer oder jener Familie zu zählen, oder ſelbſt ihr Wappen zu führen. Anders verhielt es ſich in unſerer Grafſchaft, wo Je⸗ dermann ſich mit Genealogie und Wappenkunde beſchäf⸗ tigte und wo es geradezu für eine ſchwere Sünde galt, ſich einen andern Namen und Stammbaum anzueignen; ja es gab ſogar Leute dort, welche nicht ein Mal die Ent⸗ ſcheidung des Wappenamtes anerkennen wollten. Mr. Wilkins wünſchte demungeachtet den Ausſpruch des Wap⸗ penamtes für ſich zu haben und obwohl er einſah, daß die hierzu nothwendigen Nachforſchungen viel Geld erfordern würden, ſäumte er doch nicht, dieſelben anzuſtellen. 28 Noch vor Ende des Jahres beſtellte er ſich in London einen eleganten Stadtwagen, angeblich, damit Ellinor bei ſchlechtem Wetter ausfahren könne; da ſie aber das Fahren im geſchloſſenen Wagen nicht vertragen konnte, ſo benutzte ihn Mr. Wilkins hauptſächlich ſelbſt um damit zu Diners zu fahren. Mit dem Wappen der Witon ſchmückte Wilkins ſowohl Wagenſchlag als Pferdegeſchirr und bildete den Gegenſtand des Spottes der ganzen Grafſchaft. Früher hatte ſich Mr. Wilkins bei allen Gelegenheiten ſeines Jagdwagens, dem unmittelbaren Nachfolger von ſeines Vaters Einſpänner bedient. Mr. Dunſter, der neue Gehilfe, war ein anſtändiger junger Mann, von nicht eben vornehmen Manieren, doch ebenſowenig verdiente er den Vorwurf der Gemeinheit. Seine ziemlich unbeweglichen Geſichtszüge drückten ruhige Ueberlegung des vorliegenden Gegenſtands aus und hätten ebenſo gut für einen Arzt als für einen Juriſten gepaßt. Nur ſelten blitzte in ſeinen tiefliegenden Augen plötzliches Feuer, um dem gewöhnlichen, nachdenklichen Ausdrucke um ſo ſchneller wieder Platz zu machen. Kaum im Geſchäfte eingetreten, mußten ſämmtliche Acten geordnet und überhaupt größere Regelmäßigkeit ein⸗ gehalten werden, als ſeit des alten Wilkins Tod der Fall geweſen war. Erſchienen die Schreiber des Morgens eine halbe Stunde nach der beſtimmten Zeit auf der Kanzlei, ſo laſen ſie in Dunſter's Augen mißbilligendes Erſtaunen, ſeine Blicke aber brachten mehr Wirkung als andrer Leute Worte hervor. Sehr bald waren ſeine Untergebnen pünktlich fünf Minuten nach dem Beginn der Karzlei⸗ ſtunde auf ihren Plätzen, er ſelbſt aber war ſtets vor ihnen an Ort und Stelle. Mr. Willkins litt gewiſſermaßen unter ſeines neuen Gehilfen Orduungsliebe und Pünklichkeit. Offnen Tadel, dem entgegengetreten werden konnte, hätte er leichter er⸗ tragen, als das ſtumme Hinaufziehen der Augenbrauen und das Zuſammenpreſſen der Lippen, durch welche Mr. Dunſter ſein Befremden über irgend eine Unregelmäßigkeit der Gebahrung auszudrücken pflegte. Nach und nach ent⸗ wickelte ſich in ihm eine verborgene, aber um ſo tiefere Abneigung gegen Mr. Dunſter, deſſen gute Eigenſchaften er allerdings ſchätzend anerkannte, deſſen ganze Perſön⸗ lichkeit ihm aber zuwider war. Dunſter's Dialekt war für das feine Ohr ſeines Prin⸗ cipals qualvoll; ſein grüner Ueberrock war Mr. Wilkins ein Dorn im Auge, und mit wahrhaft kindiſcher Freude gewahrte er, daß das ſchäbige Ausſehen des verhaßten Kleidungsſtückes zunahm. Mit um ſo größerm Schrecken machte er daher die Wahrnehmung, daß Dunſter's ſämmt⸗ liche Sonn⸗ und Werktagsröcke von derſelben abſcheulichen Farbe waren und dieſer geringfügige Umſtand vermehrte ſeine innerliche Abneigung gegen den Mann. Dunſter's gediegene Eigenſchaften machten die Sache noch ſchlimmer; mit der Zeit verwandelte ſich der Widerwille des Princi⸗ pals in um ſo entſchiedenern Haß, als er ſich Dunſters Unentbehrlichkeit im Geſchäfte geſtehen mußte. Zwar nannte Mr. Wilkins ſeinen Gehülfen öffentlich eine wahre Perle, hörte es aber ſehr ungern, daß die Clienten ſeinen Ausſpruch beſtätigten und Dunſter als einen wahren Schatz, den Rettungsanker der Firma prieſen, ohne welchen Mr. 30 Wilkins gar nicht mehr beſtehen könne. Selbſt in des alten Wilkins Tagen waren ihrer Meinung nach die Ge⸗ ſchäfte nicht beſſer gegangen; Dunſter's genaue Kenntniß der Geſetze, ſein klarer Kopf waren den Clienten viel wich⸗ tiger als deſſen rauhe Stimme, unangenehme Ausſprache oder gar deſſen grüner Ueberrock. War er doch ſtets an Ort und Stelle, während des Principals Verſchwendung und Großthuerei ihnen höchſt lächerlich erſchien. Zum Glück wurde Ellinor durch die Urtheile der Welt über ihren Vater nicht beirrt. War er nicht ſanft, voll Kennt⸗ niſſe und feiner Bildung, mit einem Wort das höchſte, menſchliche Weſen? Ihrem glücklichen, heitern Gemüth er⸗ ſchienen alle Leute im roſigſten Lichte. Sie liebte nicht nur Miß Monro, ſondern die ganze Dienerſchaft, beſonders aber Dixon, den Kutſcher, der ihres Vaters Spielkamerad geweſen war. In gewiſſer Beziehung war ſelbſt jetzt die alte Kameradſchaft noch nicht verſchwunden, Dixon war ein ehrlicher, braver, alter Knabe und ſeinem Herrn ebenſo angenehm als Dunſter ihm zuwider war. Diyon durfte ſich daher manche Bemerkung erlauben, die aus dem Munde eines andern Dieners unverſchämt geklungen hätte. Er war Ellinor's Vertrauter in allen Angelegen⸗ heiten, mit welchen ſie Mr. Corbet nicht zu beläſtigen wagte. Ralph mißbilligte dieſes vertraute Verhältniß; öfters hatte er ſchon angedeutet, daß es ſich für ein junges* Mädchen nicht ſchicke, mit einem Diener, welcher einem ganz andern Stande angehöre, ſo vertraulich zu ſprechen. Ellinor aber verſtand ſich ſchlecht auf Andeutungen, alſo mußte Mr. Corbet endlich offen mit der Sprache her⸗ ausrücken. Bei dieſer Gelegenheit ſah er ſie denn zum 31 erſten Male empört und zornig, allein ſie konnte ihre Ge⸗ fühle noch nicht in Worte kleiden.„Schämen Sie ſich! Der gute, liebe Dixon, der ehrlicher und treuer iſt, als ein Edelmann! Ich habe ihn viel lieber als Sie, Mr. Corbet, und werde ſtets mit ihm reden!“ war Alles was das Mädchen ſagen konnte. Dann brach ſie in Thränen aus, lief davon und wollte nicht zurückkehren um Mr. Corbet Lebewohl zu ſagen, obgleich er Ellinor auf längere Zeit verlaſſen mußte, da er am folgenden Tage nach Hauſe zu⸗ rückkehren und dann nach Cambridge gehn ſollte. Ralph ärgerte ſich über dieſes Ergebniß ſeines guten Rathes, den er doch einem mutterloſen Mädchen ſeiner Meinung nach ſchuldig war. Ellinor war ja nicht in der glücklichen Lage ſeiner Schweſter und hatte Niemand, der ſie auf ſolche Verſtöße aufmerkſam gemacht hätte. Er verließ Hamley ungern und unzufrieden mit ſich ſelbſt. Als Ellinor am folgenden Tag erfuhr, daß er ohne Abſchied von Ford⸗Bank, ohne ihr Lebewohl zu ſagen, abgereiſt ſei, ſchloß ſie ſich in ihr Zimmer ein und weinte bitterlicher als je; denn zum Kummer über ſein Weggehn kamen ja noch die Vorwürfe über ihr eignes Benehmen. Da ihr Vater an jenem Tage zu Tiſche geladen war, ſo entging ſie allen Nachforſchungen über die Urſache ihres Schmerzes. Sie wußte ſich geſchickt mit dem Rücken gegen das Licht zu ſetzen, während der Thee im Lehrzimmer eingenommen wurde und ſchlich ſich, als Miß Monro ganz in das Studium der ſpaniſchen Sprache vertieft war, leiſe in den Garten hinab; dort hoffte ſie ſich ungeſtört ihrem Schmerze überlaſſen zu können. Doch wirkte der ſchöne, warme Auguſtabend und die ſtille Dämmerung ſo 32 beruhigend auf ſie, daß ſie bald alles Leid vergeſſen hatte. 8 An den Blumengarten grenzte ein Stück Land, ein von ſchönen Waldbäumen beſchatteter Raſen, der weder zum Park noch zum Küchengarten gehörte, welcher aber von jeher Ellinor's Lieblingsſpielplatz geweſen war. Zwiſchen den weitverzweigten Wurzeln der Bäume, wo wenig Gras wuchs aber im Frühjahre die erſten Schnee⸗ glöckchen blühten, hatte ſie ihr Puppenhaus hingezaubert. Dort lag die Küche, etwas weiter entfernt das Wohn⸗ zimmer und die übrigen Räumlichkeiten. Ralph behan⸗ delte ihre ganze Puppeneinrichtung ſo geringſchätzig, daß ſie ihn nur ſelten hierher führte; aber Dixon hatte eine um ſo größere Freude daran und wußte trotz ſeiner ſechs und vierzig Jahre ſtets neue Verbeſſerungen vorzuſchlagen. Heute eilte Ellinor an ihr Lieblingsplätzchen und ward durch die neue ganz beſonders elegante Einrichtung von Miß Dolly's Wohnzimmer höchlichſt überraſcht. Ellinor errieth ſogleich, daß die kunſtreichen, aus Tannenzapfen zuſammengefügten Möbel Dixon’s Werk ſeien und eilte davon um ihm zu danken. „Was iſt denn meinem Herzchen geſchehen?“ frug Dixon, ſobald ſie ihm nach der erſten freudigen Ueber⸗ raſchung und mit verweintem Geſichtchen ihren Dank ab⸗ geſtattet hatte. „O ich weiß es ſelbſt nicht, aber kümmre Dich nicht darum“, ſagte ſie erröthend. Dixon ſchwieg einen Augenblick ſtill, während ſie ſeine Aufmerkſamkeit auf andere Gegenſtände zu lenken ſuchte; dann fragte er wieder: 33 „Was gibts denn, kann ich denn gar nicht helfen?“ „O nein, es iſt nichts, gar nichts“, erwiderte ſie;„es thut mir nur leid, daß Mr. Corbet abgereiſt iſt, ohne mir Lebewohl geſagt zu haben, weiter nichts.“ Dabei ſah ſie grade aus, als ob ſie wieder zu weinen anfangen wollte. „Das war wohl ſehr unhöflich“, bemerkte Dixon mit Beſtimmtheit. „Ich bin aber ſelbſt Schuld daran“, entgegnete Ellinor wie zur Vertheidigung ihres Freundes, während Dixon unter ſeinen buſchigen Augenbrauen einen durchdringen⸗ den Blick auf ſie richtete.„Er hatte mich ausgezankt, weil ich mich nicht wie ſeine Schweſtern zu betragen wiſſe; da habe ich mich geärgert und bin davongelaufen.“ „Alſo das kleine Fräulein hat nicht Lebewohl ſagen wollen. Das war nicht höflich von ihr.“ „Ja Dixon, aber ich mag's nicht, wenn man mich aus⸗ zankt.“ „So arg wird's auch nicht geweſen ſein. Aber wahr⸗ ſcheinlich wird Mr. Corbet Recht gehabt haben; denn Ihr Vater iſt zu beſchäftigt und Miß Monro iſt ſo ſchreck⸗ lich gelehrt und die arme Mutter iſt ſchon lange todt, ſo daß Niemand meinem Herzchen lehrt, was junge Damen thun und laſſen ſollen. Jedermann ſagt, Mr. Corbet ſei aus ſehr guter Familie, ſein Vater habe das ſchönſte Ge⸗ ſtüt in der ganzen Grafſchaft und keine Ausgabe ſei ihm zu groß dafür. Alſo muß man wohl glauben, daß die jungen Damen, ſeine Schweſtern, auch gut erzogen werden und da wäre es wohl gut, wenn Sie ſich dieſelben zum Beiſpiel nähmen.“ Gaskell, Die That einer Nacht. 3 — ᷓ——— 34 „Mein lieber alter Dixon, Du weißt gar nicht, warum ich ausgezankt worden bin und ich werde es Dir auch nicht verrathen; es mag wohl ſein, daß Mr. Corbet in einer Beziehung Recht gehabt hat; aber in einer andern um ſo weniger.“ „Aber deßwegen dürfen Sie ſich nicht weiter grämen, Sie ſind ja ein vernünftiges Mädchen. Dem gnädigen Herrn würde es auch leid thun, wenn er Ihre ver⸗ weinten Aeuglein ſehen würde und er hat ohnehin Kum⸗ mer genug.“ „Kummer? Papa hat Kummer? O Dixon, was ſoll das heißen?“ rief Ellinor mit dem ängſtlichen Ausdruck eines beſorgten Weibes. „Nun nun, ich weiß von nichts“, antwortete Dixon ausweichend.„Nur gefällt mir der Menſch, der Dunſter nicht und ich meine immer, der gnädige Herr ärgert ſich über ihn und ſeine abgeſchmackte Weiſe.“ „So geht es mir auch, ich kann Mr. Dunſter nicht ausſtehen“, ſagte Ellinor heftig.„Kein Wort rede ich mit ihm, wenn er das nächſte Mal mit Papa zum Eſſen kömmt.“— „Das kleine Fräulein wird thun, was dem Papa Freude macht“, entgegnete Dixon ermahnend, und damit trennten ſich die beiden Freunde. Viertes Kapitel. Im nächſten Sommer kam Mr. Corbet wieder, um ſeine Studien bei Mr. Neß fortzuſetzen. Er ſelbſt hatte ſich im Laufe des letzten Jahres weniger verändert, um ſo mehr war er daher über die raſche Entwickelung von El⸗ linor Wilkins erſtaunt. Aus dem ſchmächtigen Kinde war eine ſchlanke, zarte Jungfrau geworden. Ellinors Geſicht hatte ſich früher nur durch die Größe und den Glanz ihrer Augen ausgezeichnet, jetzt aber verſprach es ſchon regel⸗ mäßige Schönheit. Ihre früher gelbliche Hautfarbe war jetzt klar und durchſichtig geworden, die zarten Wangen waren ſanft geröthet, die Zähne weiß und regelmäßig und ihr Lächeln rief die reizendſten Grübchen hervor. Sie kam ihrem frühern Freund und Lehrmeiſter mit ernſter Schüchternheit entgegen und war der Meinung, daß er ihr plötzliches Davonrennen weder vergeben noch vergeſſen haben werde, während er in Wirklichkeit gar nicht mehr daran dachte. Sie gab ſich viele Mühe, ihre wilde Knabenart abzulegen und ſuchte ihm zu zeigen, daß wenn ſie auch ihren lieben Freund Dixon für Niemand auf der 8 . 36 Welt aufgeben wolle, ſie doch beſtrebt ſei, Mr. Corbets Rath in andern, vernünftigen Dingen anzunehmen. Die Folge hiervon war, daß ihm Ellinor als eine wohlerzogene, junge Dame und nicht mehr als der frühere Wildfang er⸗ ſchien. Allein unter ihrem etwas ſteifen Weſen kam doch noch manchmal, das bemerkte er deutlich, ihr altes, leb⸗ haftes Naturell wieder zum Vorſchein. Dies ſuchte er nun, indem er ſie an ihre einſtigen Spiele erinnerte, wieder aufzuwecken und bemühte ſich augenſcheinlich, ihrem faſt zu ruhigen, gedämpften Benehmen die frühere Urſprüng⸗ lichkeit zurückzugeben. Dieſen Zweck erreichte er vollkommen; doch weder Mr. Wilkins noch Miß Monro oder Mr. Neß ſchienen den Einfluß zu ahnen, welchen er auf das junge Mädchen aus⸗ zuüben begann. Noch vor Ende des Sommers waren die beiden jungen Leute ſterblich in einander verliebt. Ellinor hatte ihm ihr ganzes liebebedürftiges Herz geſchenkt und er hing, ſo weit es ſeine leidenſchaftsloſe Natur erlaubte, auch an ihr; doch ſeine Gefühle wurden ſtets von ſeinem Verſtande beherrſcht. Die Blindheit von Ellinors Umgebung hatte verſchie⸗ dene Urſachen; von ihrem Vater, deſſen Freude und Lieb⸗ ling ſie war, wurde ſie noch immer als unmündiges Kind betrachtet. Miß Monro aber war zu ſehr mit ihrer eignen Ausbildung beſchäftigt und Mr. Neß gar durch eine neue Ausgabe des Horaz mit Anmerkungen, welche demnächſt im Druck erſcheinen ſollte, gänzlich in Anſpruch genommen. Vielleicht hätte Dixon noch den meiſten Scharfſinn entwickelt, wenn Ellinor nicht aus naheliegenden Gründen 37 das Zuſammentreffen von Mr. Corbet und Dixon ver⸗ hindert hätte. Aeußerlich ging in dieſem Jahre Alles ſeinen gewöhnten Gang, die große Veränderung hatte nur im Gemüthsleben der beiden jungen Leute ſtatt gefunden. Ellinor's einfache Lebensweiſe war ungefähr folgende. Die Zeit vor dem Frühſtück wurde durch einen Gang im Garten ausgefüllt; dann kochte ſie im Speiſezimmer den Thee für ihren Vater und Miß Monro und meiſt legte ſie ein friſch gepflücktes Sträußchen neben den Teller des erſtern. Nach dem Frühſtück, bei welchem nur gleichgültige, allge⸗ meine Geſpräche geführt wurden, zog ſich Mr. Wilkins in ſein Arbeitskabinet zurück, deſſen wir ſchon öfter Erwäh⸗ nung gethan haben. Man gelangte links von der Vorhalle in daſſelbe durch einen Gang, welcher das Speiſezimmer mit der Küche verband. Rechts war der Salon, von welchem aus eine Glasthüre in das Gewächshaus und von da in die Bibliothek führte. Der alte Herr Wilkins hatte dieſe durch einen halbkreisförmigen Anbau, der das Licht von oben erhielt, vergrößert; dort ſtanden die italie⸗ niſchen Statuen, welche Ellinor's Vater von Italien mit⸗ gebracht hatte. Die Bibliothek war weitaus das ſchönſte und behaglichſte Zimmer des ganzen Hauſes und wurde daher dem wenig benutzten Salon vorgezogen. Das Arbeitskabinet war auch erſt ſpäter, vor einigen Jahren entſtanden und bildete von Außen betrachtet einen unregel⸗ mäßigen Vorſprung. Man gelangte zu demſelben, wie oben bemerkt wurde, von der Eingangshalle durch einen kleinen, ſchmalen, dunkeln Gang. Das Gemach ſelbſt war ſechseckig; es befand ſich nur ein Fenſter und ein Kamin 38 darin, an den vier übrigen Wänden waren Thüren, von welchen wir ſchon zwei erwähnt haben; durch eine dritte gelangte man mittelſt einer kleinen Treppe hinauf nach Mr. Wilkins' Schlafgemach, grade oberhalb des Speiſe⸗ zimmers. Eine vierte öffnete ſich in's Freie hinaus auf einen Pfad, der durch den Garten zu dem Hof und den Stallungen und von dort grade nach der Stadt zu Mr. Wilkins' Kanzlei führte. Der Kürze halber wählte er meiſt dieſen Weg um auf ſeine Schreibſtube nach Hamley zu gehen und behauptete, daß ſich ſein Arbeitskabinet zu Hauſe ganz beſonders für ſolche Angelegenheiten eigne, welche er nicht vor allen Schreibern auf der Kanzlei er⸗ örtern könne. Auch liebte er es, zu jeder Stunde die Stallungen von da aus zu beſuchen, um ſich von der guten Pflege ſeiner Lieblingspferde zu überzeugen. Ellinor folgte ihrem Vater manchmal in ſein Cabinet, beſſerte dort ſeine Handſchuhe aus, half ihm beim Anziehn ſeines Ueberrockes, plauderte heiter und ſorglos mit ihm und be⸗ ſuchte dann an ſeiner Seite die Stallungen, um dort ſelbſt die ſcheuſten Pferde zu liebkoſen, während ihr Vater ſich mit Dixon beſprach; dann kehrte ſie in das Lehrzimmer zurück und machte einen meiſt unglücklichen Verſuch, ſich ernſtlich zu beſchäftigen. Hätte ihr Vater mehr Antheil an ihren Fortſchritten genommen, ſo würde ſie ſich mit größerer Liebe dem Studium ergeben haben; er fühlte je⸗ doch gar keinen Beruf zum Schulmeiſter in ſich und ihm genügte es vollkommen, wenn ſich ſein Töchterchen durch abwechſelnde, wenngleich unzuſammenhängende Lectüre eine ausreichende Bildung erwarb, um ſeine freien Stunden angenehm ausfüllen zu können. Um zwölf Uhr beeilte ſich Ellinor, die Bücher wegzu⸗ legen, Miß Monro zu küſſen und ſich bei ihr zu erkun⸗ digen, ob ein längrer Spaziergang gemacht werde. Miß Monro zog meiſt einen Gang durch den Garten vor, da ſie Ermüdung, Regen und kothige Wege ver⸗ abſcheute und Ellinor war mit ihrem Entſchluſſe ſtets einverſtanden. Im Garten machte ſie ſich in den Blumen⸗ beeten zu ſchaffen, ſuchte ihren Spielplatz unter den Wald⸗ bäumen auf, oder lockte Dixon zu ſich in den Blumengarten um mit ihm von Pferden und Hunden zu reden. In Folge eines der wenigen ſtrengen Gebote ihres Vaters ſollte ſie Hof und Stallungen nur in ſeiner Geſellſchaft beſuchen. Miß Monro ſetzte ſich während dieſer Zeit in der Nähe der Sonnenuhr nieder, dem Mittelpunkte der Blumenbeete, welche ſich unter den Fenſtern des Speiſe⸗ und Wohn⸗ zimmers ausbreiteten. Nach Tiſch ging Ellinor abermals im Freien umher, bis um drei Uhr die Lehrſtunden wieder begannen, welche bis fünf Uhr dauerten. Nun kleideten ſich die Damen um, nahmen ihren Thee im Lehrzimmer ein und Ellinor gab wohl vor, ſich noch auf die Lehrſtunden des kommen⸗ den Tages vorzubereiten, in Wirklichkeit aber erwartete ſie mit Ungeduld ihres Vaters Schritte, um ihre Bücher wegzuwerfen und ihm entgegenzueilen. Sein Hauptmahlzeit um ſieben Uhr pflegte er ſehr ſelten allein einzunehmen; wenn er nicht auswärts zu Tiſch geladen war, bat er irgend einen Gaſt zu ſich. Sehr oft kam Mr. Neß in Begleitung von Mr. Corbet, wenn dieſer in Hamley war, manchmal auch ein durchreiſen⸗ der Fremder oder irgend ein Client von Mr. Wilkins. 40 Höchſt ungern, und nur wenn die läſtige Pflicht gar nicht umgangen werden konnte, wurde Mr. Dunſter von ſeinem Principale geladen. Bei dieſen Gelegenheiten pflegten die beiden Herrn ſehr bald dem Töchterchen des Hauſes in die Bibliothek nachzufolgen, grade als ob ihnen der Unterhaltungsſtoff gänzlich fehlte, und doch liebte es Mr. Wilkins lange, ja mit jedem Jahre länger bei Tiſche zu verweilen. Der reichlich fließende Wein mochte wohl die Haupturſache des fortgeſetzten Tafelns ſein. Mr. Corbet verließ gewöhnlich viel früher die Herrn⸗ geſellſchaft und ſetzte ſich in die Bibliothek zu Miß Monro und Ellinor, welche dort mit Handarbeiten be⸗ ſchäftigt waren. Er ſchenkte Ellinor ſo⸗ ungetheilt ſeine volle Aufmerkſamkeit, daß das verletzte Schicklichkeitsgefühl der Erzieherin nur in Ellinor's Kindlichkeit Beſchwichti⸗ gung ſuchen mußte. Auch hoffte die gute Dame, daß Mr. Wilkins die nothwendigen Folgen eines ſo vertrauten Um⸗ ganges zwiſchen den jungen Leuten ſelbſt am Beſten zu be⸗ urtheilen verſtehen werde. Miß Monro bemerkte wohl, wie gern Mr. Corbet, der täglich um zwölf Uhr die Zeitung in Ford⸗Bank abzu⸗ holen pflegte, ihr frühes Mittagsmahl getheilt hätte; doch forderte ſie ihn nie dazu auf, und ohne Einladung konnte er ſich doch kaum dort zu bleiben erlauben. Er liebte es, Ellinor von ſeinen Eltern zu erzählen und ſchien als ganz ſelbſtverſtändlich vorauszuſetzen, daß Ellinor deren nähere Bekanntſchaft machen werde. Vor ſeiner Rückkehr nach Cambridge war er ſehr mit ſich in Zweifel, ob er nicht dem Mädchen ſeine Liebe be⸗ kennen und ihr Jawort entgegennehmen ſolle; doch war er 41 Mr. Wilkins gegenüber einer förmlichen Erklärung ab⸗ geneigt. Er erwartete zwar von Ellinor's Vater keinerlei Schwierigkeiten; war nicht die Billigung ſeines täglichen Umganges mit Ellinor ſchon eine Anerkennung des Ver⸗ hältniſſes? Deſto unumgänglich nothwendiger wäre eine Beſpre⸗ chung mit ſeinem eigenen Vater geworden, der von der ganzen Sache nichts wußte und ſie als eine vorübergehende, kindiſche Neigung betrachtet hätte.— Ralph aber war ſich bewußt, in ſeinem einundzwan⸗ zigſten Jahre zum Manne herangereift und im Stande zu ſein, ſowohl ſeine künftige Laufbahn klar überſehen, als ſich auch die höchſten Lebensgüter, Anſehen und Unabhän⸗ gigkeit, durch kluge Berechnung und eiſerne Willenskraft erwerben zu können. Er beſchloß daher in einigen Jahren erſt mit Mr. Wilkins zu reden, und ſorgfältig vermied er eine Erklärung mit Ellinor. Nicht daß er eine Veränderung ſeiner Gefühle für möglich gehalten hätte; aber er ſcheute ſich, dem Mädchen die Pflicht aufzulegen, ihren Vater in ihr Geheimniß ein⸗ zuweihen und dadurch die für ihn ſo unerwünſchten Er⸗ örterungen mit ſeinem eigenen Vater herbeizuführen. Andrerſeits war er von Ellinors Liebe ebenſo überzeugt, als wenn ſie ihm die feierlichſten Schwüre geleiſtet hätte die je über die Lippen eines Mädchens gekommen ſind; wußte er doch beſſer als ſie ſelbſt, wie vollkommen er ihr unſchuldiges Herz beherrſche; auch war er zu ſtolz, um irgend eine Untreue von ihrer Seite zu befürchten; über⸗ dies hatte Ellinor ſehr wenig geſellige Verbindungen; 42 denn vom benachbarten Adel wurde ſie eben ſo wie ihr Vater faſt mit Geringſchätzung behandelt, was in dieſem Falle für Ralph nur vortheilhaft ſein konnte. Jetzt ſchon freute er ſich auf die Zeit, wo er dieſen abgeſchmackten Vor⸗ urtheilen Hohn ſprechen und Ellinor zu ſeiner Frau machen werde. Nach ſeiner Anſicht war die Tochter eines wohl⸗ habenden Notars immerhin keine unpaſſende Partie für einen jüngern Sohn. Er war überzeugt, daß ſich Ellinor in einigen Jahren zu einem herrlichen Weibe, mit üppigem Wuchſe und ſchönen Gliedern, gerade wie ſein Vater die Frauen liebte, entfalten werde und ſah daher mit Zuver⸗ ſicht der Zukunft in's Auge. 3 Er verabſchiedete ſich auf das herzlichſte von Elli⸗ nor und wenn ſeine Worte auch eben ſo gut für Miß Monro gepaßt hätten und auf dem Marktplatz von Hamley öffentlich hätten ausgerufen werden können, ſo gelang es ihm doch nicht, ſeine innere Erregung gänzlich zu bemeiſtern. Mr. Wilkins, der halb und halb eine offene Erklärung von Ralph oder wenigſtens eine vertrauliche Mittheilung von Ellinor erwartet hatte, ſah ſich in ſeinen Voraus⸗ ſetzungen getäuſcht; denn das offene, unbefangene Weſen ſeiner Tochter bezeugte ihm, daß ſie nichts Außergewöhn⸗ liches auf dem Herzen habe, und er wäre faſt ärgerlich darüber geworden. Doch tröſtete er ſich bald mit dem Gedanken, daß Ellinor, trotz augenſcheinlicher Trauer mit ſich und der Welt im Frieden ſei und daß Ralph weiſe gehandelt habe, ihre keimenden Gefühle nicht zu frühzeitig und gewaltſam zum Bewußtſein zu bringen. Nur für einen aufmerkſamen Beobachter waren die Gewitterwolken ſichtbar, welche im Laufe der nächſten zwei 2 Jahre am Horizont von Vater und Tochter aufſtiegen. Mr. Wilkins, deſſen Genußſucht ſich mit jedem Jahre ſteigerte und, wie es die Natur der Dinge mit ſich bringt, nicht verfeinerte, verlor ſeinen Geſchmack an guten, ernſten Büchern, an plaſtiſcher Kunſt und Kupferſtichen und fühlte ſich höchſtens noch durch die Malerei angezogen. Für ſeine Pferde und ſeine Tafel gab er verſchwenderiſch große Summen aus, handelte darin allerdings in Uebereinſtim⸗ mung mit ſeinen Nachbarn, vergaß aber, daß alle dieſe Herren nebenbei noch wahre oder eingebildete Pflichten zu erfüllen hatten. Von Mr. Hetherington an, einem dermaßen leiden⸗ ſchaftlichen Jäger, daß er ſich mitten in der Nacht von der vorſchriftsmäßigen Verpflegung ſeiner Meute überzeugen ging, bis hinauf zu Sir Lionel Playfair, dem ehren⸗ haften, gerechten Richter, dem gewiſſenhaften, um⸗ ſichtigen Grundbeſitzer, ſtellte ſich ein Jeder eine ſeinen Gaben und ſeiner Einſicht entſprechende ernſtliche Lebens⸗ aufgabe. Selbſt Mr. Neß, deſſen Eifer als Seelſorger wohl Manches zu wünſchen übrig laſſen mochte, vertiefte ſich mit ſeinen Schülern umſomehr in das Studium eines alten Claſſikers. Mr. Wilkins allein, unzufrieden mit ſeiner Stellung, deren Pflichten er vernachläſſigte, ſehnte ſich nach unbeſchränkter Muße, welche ſeiner Meinung nach für ihn, den gebildeten, talentvollen Mann, mehr Werth als für die rohen, ungeſchlachten Junker hatte. Zugleich aber ſuchte er täglich ſeine Befriedigung mehr in materiellen als in geiſtigen Genüſſen. Wenn er ſpät auf ſeiner Kanzlei erſchien und Mr. Dunſter mit dem Bemerken, einige Clienten hätten ſchon lange auf Mr. Wilkins gewartet, einen vielſagenden Blick auf die Uhr warf, ſo ſteigerte ſich der Widerwille des Principals gegen den Gehülfen noch um ein Beträchtliches. „Warum haben Sie nicht ſelbſt mit den Leuten gere⸗ det?“ antwortete er dann wohl in höflichem Tone,„Sie hätten das Geſchäft ebenſo gut als ich abmachen können.“ Mr. Dunſter ermangelte nie in unterwürfiger Weiſe zu entgegnen: „O Herr, es wäre ihnen unangenehm geweſen, ihre Angelegenheiten mit einem Untergebenen zu verhandeln.“ So oft Dunſter dieſe oder eine ähnliche Bemerkung fallen ließ, ſtieg in ſeinem Pricnipal der Wunſch auf, den Schreiber zu ſeinem Aſſocié zu erheben und ihm alle wirk⸗ liche Arbeit und Verantwortlichkeit aufzubürden. An⸗ ſpruchsvolle Clienten, welche zu unbequemen Stunden Ver⸗ abredungen anberaumten, würden ſich dann, ohne ihrer Würde zu vergeben, mit dem Aſſocié beſprechen können. Allerdings flößte Dunſter's ganze Perſönlichkeit, ſein Weſen, ſeine Kleidung, ſeine Art zu ſprechen ſelbſt dem Principal ſo viel Widerwillen ein, daß er ihn nur ungern in ſeiner Nähe duldete. Ferner machte Mr. Wilkins die Bemerkung, daß Dunſter's ganze Handlungsweiſe, ja jedes ſeiner Worte, vorausberechnet ſei, um dem großen Ziele ſeines Lebens, der Erlangung von Selbſtändigkeit als Aſſocié, näher zu rücken, und dieſes Ziel in Ausſicht zu ſtellen, ohne die Erwartungen zu erfüllen, gewährte Mr. Wilkins eine gewiſſe Schadenfreude. Doch Dunſter's ausdauernder Fleiß ſollte endlich doch belohnt werden. Mr. Dunſter wußte es recht wohl, daß die letzte Urſache ſeiner Beförderung in einem äußern Umſtande zu ſuchen 45 ſei. Ein Verweis, oder die Drohung von Geſchäftsent⸗ ziehung, welche die Fahrläſſigkeit des Prinzipals ſich zu⸗ gezogen hatte, mochte die Veranlaſſung geweſen ſein. Genug, Mr. Wilkins machte ihm den Antrag, ſein Aſſo⸗ cis zu werden, in ſehr unhöflicher Weiſe, die jedoch keinen Einfluß auf die Hauptſache haben konnte und worüber ſich Mr. Dunſter mit um ſo mehr Hohn hinwegſetzte, als er die für ihn greifbareren Vortheile feſt im Auge be⸗ hielt. Mr. Corbet hatte die Univerſität verlaſſen und ſtu⸗ dirte jetzt mit allem Eifer und mit großer Ausſicht auf Er⸗ folg die Rechtspflege in London. Ellinor aber ſollte bei Gelegenheit der nächſten Geſellſchaft im Caſino von Ham⸗ ley förmlich in die Welt eingeführt werden. Ihr Geliebter konnte ſich der Befürchtung nicht entſchlagen, daß ſie durch ihre Schönheit und Geiſt Aufſehen erregen und er Neben⸗ buhler bekommen könnte; deßhalb beſchloß er, ſich ſeinen Sieg durch ein förmliches Verlöbniß zu ſichern. Hätte er nicht nur Ellinor's Schönheit und Verſtand, ſondern auch ihr Herz zu würdigen gewußt, ſo wären ähn⸗ liche Befürchtungen nie in ihm aufgeſtiegen. Ellinor hatte eine Liebeserklärung weder erwartet noch vermißt, ſie hatte ſich als ſeine Braut vor wie nach der wichtigen Frage betrachtet. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, Jemand anders zu heirathen, ſie war daher etwas betroffen von Ralph's entſchiedenen Worten: „Ellinor, mein liebes Mädchen, willſt Du, kannſt Du die Meine werden?“ „Ja, o ja! Ich habe nie etwas Andres erwartet!“ hauchte ſie kaum hörbar. 46 „Dann darf ich alſo mit Deinem Vater reden, Herz⸗ chen?“ „Iſt das nothwendig? Weiß er nicht von Allem? Er hat Dich ja ſo lieb! O, wie glücklich bin ich!“ „Vor meiner Abreiſe möchte ich mich aber doch mit ihm beſprechen; Du weißt, daß ich ſchon um vier Uhr in die Stadt zurückkehren muß.“ „Grade ehe Du kamſt, hörte ich noch ſeine Stimme im Hofe; laß mich nachſehen, ob er ſchon in die Kanzlei gegangen iſt.“ Mr. Wilkins ſaß wirklich noch am offenen Fenſter, las mit aller Gemüthlichkeit die Zeitung und rauchte ſeine Cigarre. Seit Dunſter das große Wort auf der Kanzlei führte, ging Mr. Wilkins mit vermehrten Widerwillen hin; der Menſch mit ſeiner Tadelſucht und Spürnaſe war ihm rein unerträglich geworden. Als Ralph eintrat, ſtand Mr. Wilkins auf, nahm ſeine Cigarre aus dem Munde und rückte einen Stuhl zurecht. „Kann ich das Vergnügen haben, Mr. Wilkins, einige Augenblicke mit Ihnen zu reden?“ begann Ralph ſeine ungewöhnlich förmliche Rede. „Gewiß, mein Lieber. Setzen Sie ſich; darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?“ „Nein, ich bin kein Raucher“, ſagte Ralph, das An⸗ erbieten ablehnend. „Ich kam um wegen Ellinor mit Ihnen zu reden. Ihre Tochter iſt überzeugt, daß unſere gegenſeitige Neigung Ihnen nicht unbekannt geblieben iſt.“ „Nun ja!“ ſagte Mr. Wilkins, ſeine Cigarre weiter 47 rauchend um ſeine Bewegung zu verbergen.„Leugnen will ich nicht, daß ich einige Ahnung davon gehabt habe; vor nicht ſehr langer Zeit war ich ja ſelbſt noch jung.“ Bei der Erinnerung an Läticia und ſeine eigene friſche, hoffnungsvolle Jugend ſeufzte er tief auf. „Darf ich hoffen, Mr. Wilkins, daß Sie Ihre Ein⸗ willigung zu unſerer Verbindung ertheilen werden, da Sie unſere Neigung bemerkt und nie Ihr Mißfallen darüber ausgeſprochen haben?“ 3 Ein Wort, ein Gedanke mehr und Mr. Wilkins wäre in Thränen ausgebrochen; denn jetzt fiel ihm die Trennung von ſeinem einzigen Kinde ſchwer auf das Herz. Plötzlich ſtand er auf, ergriff die Hand des bange harrenden Lieb⸗ habers und ſagte: „Ja! Gott ſegne Euch Beide. Ich werde ſie Ihnen einſt geben, nur jetzt noch nicht gleich. Und nun gehen Sie zu ihr zurück, denn das halte ich länger nicht aus.“ Corbet gehorchte freudig. Mr. Wilkins aber ſetzte ſich nieder und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Nach einiger Zeit ließ er ſich ein Pferd ſatteln und machte einen weiten Ritt querfeldein. Mr. Dunſter aber erwartete ihn umſonſt auf der Kanzlei, wo ein eigenſinniger, alter Grundherr ihn durchaus nicht als Aſſocié anerkennen wollte und ſtets nach Mr. Wil⸗ kins zur Berathung wichtiger Angelegenheiten verlangte. Fünftes Kapitel. Nach Verlauf einiger Tage beſchloß Mr. Wilkins eine Verſtändigung mit dem Bräutigam ſeiner Tochter in Betreff der Einwilligung der Familie Corbet zu der be⸗ vorſtehenden Heirath herbeizuführen. Er ſchrieb daher an Ralph, ſetzte voraus, daß dieſer ſein Verlöbniß ſeinem Vater angezeigt habe und fügte hinzu, daß ihm natürlich Mr. Corbet dem Namen nach wohl bekannt ſei, ſowie deſſen hervoragende Stellung in der Grafſchaft. Eine ähnliche bevorzugte Stellung könne er freilich nicht beanſpruchen, und die Möglichkeit liege daher nicht fern, daß Mr. Cor⸗ bet je ſeinen Namen auch nur gehört habe, obgleich dieſer ſeit Generationen in ſeiner Gegend geachtet ſei. Seine verſtorbene Frau ſtamme aus dem altadligen Geſchlecht der Holſter, er ſelbſt ſei ein Abkömmling der jüngern Linie der de Wintons oder Wilkins von Südwales. Ellinor, ſein einziges Kind, werde auch ſein einziger Erbe ſein; mittlerweile gedenke er ihr ein unabhängiges Einkommen zu ſichern, deſſen Betrag vor der Heirath feſt⸗ geſetzt werden müſſe. 49 Dieſer Brief entſprach ſeinem Zwecke, dem alten Mr. Corbet mitgetheilt zu werden, vollkommen. Es ſtand um ſo weniger zu erwarten, daß Ralph's Verbindung auf große Schwierigkeiten in der Familie ſtoßen würde, da der Standesunterſchied ja kein erheblicher war. Unglückſeliger Weiſe aber hatte ſich der älteſte Sohn und Erbe, Kapitän Corbet, ſoeben mit Lady Maria Brabant, der Tochter eines der ſtolzeſten Grafen unſerer Provinz verlobt. Von dieſem war Mr. Wilkins' Theilnahme an den Jagden von jeher als eine Beleidigung des geſammten Adels der Grafſchaft betrachtet und der Notar ſelbſt bei allen geſelligen Anläſſen ignorirt worden. Lady Maria war auf Beſuch bei ihren zukünftigen Schwiegereltern, als Ralph's Brief nebſt jenem von Mr. Wilkins anlangten. Von der Frau des Hauſes und ihren Töchtern nach der Familie Wilkins befragt, wußte ſie nur ihres Vaters Anſicht mitzutheilen und mochte trotz aller Gutmüthigkeit perſönlich auch nicht von der bevorſtehenden Schwägerſchaft„mit der Tochter eines reichgewordenen Notars, der keinen Zutritt in der guten Geſellſchaft habe und doch ſtets verſuche mit Vornehmern umzugehen“, ent⸗ zückt ſein. Daß die Wilkins gar die Verwandtſchaft der „de Winton vom Schloß X“ beanſpruchten, von welchen ſie nur verlacht würden, wußte Lady Maria in das ge⸗ hörige Licht zu ſetzen; und ſie ſchloß mit der Verſicherung, daß die Wilkins' keine Leute ſeien, mit denen ihr Papa, trotz der nahen Familienbeziehungen je einen nähern Um⸗ gang geſtatten würde. Dieſe Reden verfehlten ihre Wirkung keineswegs. Mrs. Corbet und deren Töchter widerſetzten ſich nit aller Macht Gaskell, Die That einer Nacht. — un —— einennHnHnAMMMME= 2 ——ęↄn—ʃ——— 50 dem Verhältniß, Verlöbniß wollten ſie es gar nicht nennen, in welches ſich Ralph eingelaſſen habe. Sie beſtürmten den alten Grundherrn ſo lange mit Vorſtellungen, Grün⸗ den und Bitten, daß der friedliebende Mann, der ſich ohne⸗ dies mehr von ſeiner unmittelbaren Umgebung als von Abweſenden beeinfluſſen ließ, an ſeinen klugen, berechnen⸗ den Sohn einen ſtrengen, ärgerlichen Brief folgenden In⸗ halts ſchrieb: Ralph ſei allerdings großjährig und habe das Recht, nach eigenem Gutdünken zu handeln. Doch entſpreche dieſe Verabredung weder ſeinen eigenen noch ſeiner Frau Erwartungen; ſie erblickten darin vielmehr die Herabwür⸗ digung einer Familie, welche im Begriffe ſtehe, ſich mit einem Pair aus Jakob I. Zeiten zu verbinden. Ralph könne natürlich nach ſeinem Gutdünken handeln; nur dürfe er nicht erwarten, daß dieſes Mädchen je von den Corbet in Corbet⸗Hall als Tochter anerkannt werde. Der alte Grund⸗ herr war von dieſem Schrifſtücke ſo befriedigt, daß er es ſeiner Frau mittheilte, welche folgende Nachſchrift zur Be⸗ kräftigung hinzufügte:. „Lieber Ralph! Du haſt zwar als zweiter Sohn nach meinem Tode Anſpruch auf Bromley. Ich kann jedoch bei meinen Leb⸗ zeiten noch viel zur Entwerthung des Gutes beitragen. Bis jetzt habe ich aus Liebe zu Dir weder die Waldungen abholzen laſſen noch ſonſtige Maßregeln ergriffen, welche das Vermögen Deiner Schweſter vergrößert hätten; doch werde ich mich genöthigt ſehen, zu dieſem Mittel meine Zuflucht zu nehmen, wenn Du auf dieſem albernen Ver⸗ 51 hältniß beſtehſt. Die Mißbilligung Deines Vaters iſt ein genügender Grund zum Bruche.“ Ralph verſchloß ärgerlich dieſe Briefe in ſeinem Pulte und ſagte ſpöttiſch lächelnd: „Wie ſich der arme alte Herr ereifert! Meine Mutter iſt ſonſt ſo vernünftig und wird, wenn ſie erſt einen wich⸗ tigen Begriff von Ellinor's Vermögen hat, ſchon ihre Mei⸗ nung ändern. Sie ſoll in Gottes Namen ihre Waldungen ſchlagen laſſen! Seit ich mich auf dem Schaukelpferde tummelte, droht ſie mir damit, ſeit zehn Jahren weiß ich, daß es ungeſetzlich wäre. Was Edward betrifft, ſo ſind mir ſeine Schulden wohl bekannt. Dieſe höchſt alltägliche, hochnäſige Lady Maria kann ſich nicht im entfernteſten meſſen mit meiner Ellinor und hat überdies keinen rothen Heller! Ich werde, ihr guten alten Eltern, meine Zeit abwarten.“ Er erachtete es nicht für nothwendig, dieſe Briefe ſogleich zu beantworten oder ihren Inhalt Ellinor auch nur anzudeuten. Da Mr. Wilkins mit ſeinem eigenen Briefe an Ralph ſehr zufrieden und der feſten Ueberzeugung war, er werde ſeinen Zweck erreichen, ſo fühlte er ſich durch die verzögerte Einwilligung der Familie Corbet keineswegs beunruhigt. Ellinor aber lebte nur in ihrem neuen Glücke. Die gütige Mutter Natur ſchien ihren Freudenbecher bis zum Rande zu füllen und ihr Glück zu theilen. Ihr Vater war wohl und heiter, Miß Monro war liebenswürdig, ſelbſt Dixon's Gliederſchmerzen hatten aufgehört. Nur Dunſter ſchlich im Hauſe umher, ſuchte unter dem Vorwande von Geſchäften ihren Vater auf und vergällte deſſen 4* 52² Mußeſtunden mit ſeinem aſchgrauen, pergamentartigen grämlichen Geſichte. Er brachte den einzigen Mißton in ihr ſonſt ſo ruhig dahinfließendes Leben. Ellinor erſchien von nun an regelmäßig in den Caſino⸗ geſellſchaften von Hamley, ohne jedoch, wie Vater und Bräutigam erwartet hatten, beſondres Aufſehen zu erre⸗ gen. Man würdigte ihre Anmuth und Schönheit, tadelte aber noch mehr ihre Zurückhaltung und linkiſche Schüch⸗ ternheit. Einige alte hochadlige Wittwen rümpften über Ellinor's Erſcheinen noch immer die Naſe. Lady Holſter war die Einzige, welche die Partei des jungen Mädchens ergriff; ihrer Anſicht nach hätte man vor Jahren gegen den Vater Einwendungen machen können, jetzt aber ſei kein Grund vorhanden, die Anweſenheit der Tochter zu miß⸗ billigen. „Meine Nelly war aber doch wieder das hübſcheſte Mädchen auf dem ganzen Balle; ich kenne Leute, welche dieſe Anſicht mit mir getheilt hätten“, pflegte Mr. Wilkins beim Nachhauſefahren ſeinem Töchterchen zuzuflüſtern. Dieſer Moment war für Ellinor eigentlich der glücklichſte des ganzen Abends; ſie drückte dann ihres Vaters Hand und dankte ihm erröthend für ſein Lob. „Auch Deine Perlen, Mädchen, gehörten zu den ſchön⸗ ſten ihm Saale; doch müſſen wir ſie neu faſſen laſſen. Dieſe Zweigchen ſind längſt aus der Mode. Morgen mußt Du ſie mir geben, damit ich ſie zum Juwelier ſchicken kann.“ „Lieber Papa, darf ich ſie nicht in ihrer jetzigen Faſſung, wie Mama ſie getragen hat, behalten?“ „Wie Du willſt, mein Herzchen; Gott ſegne Dich für dieſen Gedanken“, antwortete tief gerührt der Vater, be⸗ ſtellte aber einen neuen Saphirſchmuck für die nächſte Ge⸗ ſellſchaft. Uebrigens waren die Triumphe, welche Ellinor bei die⸗ ſen Gelegenheiten feierte, nicht ſo berauſchender Natur, um ſie für Vergnügungen dieſer Art zu begeiſtern. Gegen Ende des Balles, wenn ſich die Leute aus den umliegenden Herr⸗ ſchaftsſitzen genugſam gegenſeitig genoſſen hatten, pflegte Ellinor von drei Touren etwa eine zu tanzen, die übrige Zeit brachte ſie in Geſellſchaft einer alten Dame beim Kar⸗ tenſpiel oder lieber am Arme ihres Vaters zu, dem ſie durch ihr heiteres Geplauder gern eingeredet hätte, wie Ant ſie ſich unterhalte. Uebrigens war ihr tägliches Leben zu jener Zeit ſo heiter und glücklich, daß es ihr ſpäter nur von Wonne er⸗ füllt ſchien. Die Freude, Briefe von ihrem Bräutigam zu erhalten, die Seligkeit, ſie zu beantworten, obgleich ſtets mit einiger Bangigkeit verbunden, es könnte ihr nicht ge⸗ lingen, ihrer heißen Liebe einen genügenden und doch zu⸗ gleich mädchenhaft ſittſamen Ausdruck zu geben. Das Ge⸗ fühl, der Stolz und die Freude ihres Vaters zu ſein, dann die Ruhe des ganzen Hausweſens, ſchufen ſpäter in ihrer Erinnerung ein Bild, das dem Reiche der Träume anzu⸗ gehören ſchien. Von Zeit zu Zeit wurde ſie durch einen Beſuch ihres Bräutigams erfreut, der ſich bei Mr. Neß einzuquartiren, den größten Theil des Tages aber in Ford⸗Bank zuzu⸗ bringen pflegte. Uebrigens geſtattete ſich der ehrgeizige junge Mann nur ſelten dieſe Erholung; ganz in das Stu⸗ dium der Rechtskunde vertieft, las er mit der einzigen Aus⸗ 54 nahme von Ellinor's Briefen, welche immer geiſtig erfri⸗ ſchend auf ihn wirkten, faſt nur juriſtiſche Bücher. Die Bemühungen ſeiner Braut, von ihrer Liebe blos in ge⸗ dämpften Worten zu reden, konnten ihm nicht entgehen. Er war es zufrieden, daß ſich keine andern Bewerber um Ellinor's Gunſt meldeten; denn er wünſchte nicht, ſeine Rechte auf Ellinor's Hand ſchon jetzt durch entſcheidende Schritte geltend zu machen, fürchtete aber doch, daß er durch den unbedachten Schritt, ſich ſchon als Student verlobt zu haben, den Vorwurf der Unklugheit ſich zuziehen und ſeiner Laufbahn ſchaden könnte. Während dieſer Zeit beobachtete Ralph ſeiner Familie gegenüber eine ſehr würdige, ruhige Haltung. Er könnte nur bedauern, daß die Wahl ſeiner Braut von ſeinen An⸗ gehörigen mißbilligt werde; er ſei im jetzigen Augenblicke noch nicht in der Lage zu heirathen, und ehe die Zeit ſeiner Verbindung herangekommen ſein würde, hoffe er, daß ſeine Familie die Sache von einem billigern Geſichtspunkte auf⸗ faſſen und ſich entſchließen werde, ſeine Frau mit aller ihr gebührenden Achtung und Liebe aufzunehmen. So laute⸗ ten etwa ſeine Antworten auf die empörten Briefe ſeiner Eltern. Nach und nach jedoch verhallten die väterlichen Donnerſchläge immer mehr in der Ferne, ja nach einiger Zeit erfolgte ſogar die Anfrage, wie viel Vermögen denn Miß Willins beſitze, wie hoch ſich ihre Mitgift belaufe und wie viel ſie ſpäter noch zu erwarten habe? Ueber dieſe Punkte wünſchte auch Ralph Aufklärung zu erhalten. Zur Zeit ſeiner Verlobung hatte er ſich wenig um dieſe Frage bekümmert, denn damals war er zu jung und zu ſehr ver⸗ liebt geweſen; allein jetzt gelangte er zu der Anſicht, daß die einzige Tochter eines reichen Notars berechtigt ſei, be⸗ deutende Anſprüche zu machen. Ihr Vermögen müſſe von der Art ſein, um dem jungen Paare das anſtändige Leben in einem der vornehmern Stadttheile von London zu er⸗ möglichen, was ja für einen angehenden Advokaten die un⸗ erläßliche Bedingung zum Vorwärtskommen in ſeinem Berufe ſei. Ralph machte daher ſeinem Vater den klugen Vorſchlag, der alte Herr möge die in ſeinem letzten Schrei⸗ ben etwas unverblümt ausgeſprochenen Anfragen in ge⸗ fälligere Formen kleiden, damit ſein Schreiben zur Mit⸗ theilung für Mr. Wilkins geignet ſei. Der gewünſchte Brief langte an, doch mußte ſich Ralph begnügen, einige Stellen daraus zu citiren. Der Inhalt ſeines Schreibens an Mr. Wilkins war ungefähr folgen⸗ der. Er hoffe bald in der Lage zu ſein, Ellinor eine Hei⸗ math anbieten zu können, er rechne mit Sicherheit auf ein ſtetes Vorrücken in ſeinem Berufe und daher auch auf ein entſprechend zunehmendes Einkommen; wie ſein Vater es andeute, könnte er jedoch durch eintretende Umſtände gerade dann am Gelderwerbe verhindert werden, wenn derſelbe mehr als je zur Nothwendigkeit geworden ſei. Allerdings erwarte er nach dem Tode ſeiner Mutter das Erbe eines kleinen Landgutes anzutreten, deſſen Erträgniß auf die von Mr. Wilkins zu beſtimmende Weiſe für Ellinor gericht⸗ lich feſtgeſtellt werden müſſe; allein ſein Vater wünſche, wie der beiliegende Ausgang aus deſſen Briefe zeige, ſchon jetzt zu erfahren, ob Mr. Wilkins die Abſicht habe, Ellinor's Unabhängigkeit durch eine Mitgift zu ſichern und ihn, den Vater, von der Verpflichtung zu befreien, für die Erhaltung von ſeines Sohnes Wittwe und etwaige Kinder Sorge zu 56 tragen. Ralph fügte dann noch die zarte Anfrage bei, auf welche Summe in dieſem Falle ſich Ellinor's Mitgift be⸗ laufen würde. Dieſer Brief ſchreckte Mr. Wilkins plötzlich aus einem angenehmen Traume empor. Ralph Corbet und die ganze Verbindung entſprachen zwar ſeinen Wünſchen, in manchen Stunden gereichte es ihm auch zur Beruhigung, Ellinor auf alle Fälle verſorgt zu wiſſen; doch ſah er keinen Grund zur Eile ein. Er hatte nie daran gedacht, daß ſich Ellinor noch zu ſeinen Lebzeiten verheirathen werde; er konnte ſie ja nicht entbehren, und warum ſollten die jungen Leute eine Aenderung ihres bisherigen Verhältniſſes wün⸗ ſchen? Mit Ralph's Brief in der Hand trat er zum Früh⸗ ſtück ein, bemerkte an Ellinor’s Erröthen, daß auch ſie durch dieſelbe Poſt Nachricht von ihrem Bräutigam be⸗ kommen habe, und daß ihr der Inhalt ſeines Briefes an Mr. Wilkins bekannt ſei. Durch die zärtlichſten Lieb⸗ koſungen ſuchte ſie ihres Vaters Schmerz über die bevor⸗ ſtehende Trennung zu beſchwichtigen, Mr. Wilkins aber gab ſich alle Mühe, die ganze leidige Sache zu vergeſſen. Es war nicht allein Widerwillen gegen die Vorberei⸗ tungen zu Ellinor's Heirath, ſondern auch die Scheu, ſeine Vermögensverhältniſſe einer genauen Prüfung zu unter⸗ werfen, welche Mr. Wilkins zu dieſer Verzögerung be⸗ ſtimmten. Er hatte ſeine Einkünfte überſchritten, hatte keine regelmäßigen Rechnungen geführt, indem er, wie er ſich überredet hatte, auf ein beſtimmtes Erträgniß ſeines Geſchäfts und auf die Zinſen einer bedeutenden von ſei⸗ nem Vater ererbten Summe zählen dürfe, während er in der Nähe einer wohlfeilen Provinzialſtadt im eigenen Hauſe 56 lebe, und die Ausgaben für ſeine kleine Familie ſein Ein⸗ kommen unmöglich überſteigen könnten. Allein eine zahl⸗ reiche Dienerſchaft, ſchöne Pferde, ſeltene Weine, koſtſpielige Obſtpflanzungen, bedeutende Ankäufe von Büchern und Kupferſtichen verſchlangen große Summen. Vor einigen Jahren hatte Mr. Wilkins in Folge einer gewagten und dann fehlgeſchlagenen Speculation, bei welcher er einen Theil ſeines väterlichen Vermögens einbüßte, ein übertrie⸗ benes Spaarſyſtem befolgt, daſſelbe jedoch nach kaum ſechs⸗ wöchentlicher Dauer wieder verlaſſen und ſich mit dem Gedanken getröſtet, daß Ellinor den Sohn eines reichen Mannes heirathen werde. Obgleich Ralph nicht der älteſte war, mußten ihm doch die Beſitzungen ſeiner Mutter nach deren Tode anheimfallen. Mr. Wilkins war weit ent⸗ fernt, vorauszuſehen, daß aus der Unterſuchung ſeines Vermögens mehr als vorübergehende Schwierigkeiten er⸗ wachſen könnten. Er beſchloß daher, mit Ellinor von ihres Bräutigams Brief erſt nach der Ordnung dieſer Ange⸗ legenheiten zu reden. Während der folgenden Tage ſah Ellinor ihren Vater nur ſelten und auf kurze Zeit; er war augenſcheinlich bemüht, das Geſpräch auf allgemeine Gegenſtände zu beſchränken, ſtatt denjenigen zu berühren, welcher ihrem Herzen am nächſten lag. Ralph hatte in ſeinem Briefe mit den ſüßeſten Worten ſeine Geliebte angefleht, ihren Vater zur Erfüllung ſeiner Bitte zu bewegen. Es geſchehe ja ihm, ihrem Bräutigam, zu Liebe; er verzehre ſich in dem Menſchengewühl Londons in Sehnſucht nach ihr. Gewiß, er lege keinen Werth auf Geld als ſolches, ſondern betrachte es nur als Mittel, um ihre Heirath zu beſchleunigen. Er wollte ſich gern gedul⸗ 58 den, wenn überhaupt ein beſtimmtes, wenn auch noch ſo beſcheidenes Einkommen und der Zeitpunkt ihrer Verbin⸗ dung feſtgeſetzt würden. Er begehre weder Reichthum noch Ueberfluß; denn ſeine Gewohnheiten ſ eien einfach, wie Elli⸗ nor wiſſe. Später würden ſie theils durch den Beſitz von Bromley theils durch Ellinor's eigenes Vermögen über ein reichliches Einkommen verfügen können. Ellinor wollte vor der Beantwortung dieſes Briefes eine Unterredung mit ihrem Vater abwarten; da Mr. Wilkins derſelben jedoch ſorgfältig aus dem Wege ging, begann ſie den Muth zu verlieren und ſich Vorwürfe zu machen, daß ſie den Wunſch bei ſich hege, ihren Vater zu verlaſſen. Höchſt peinlich war ihr das Gefühl, daß Mr. Wilkins mit ihr allein zu ſein vermeide, und in kurzer Zeit nahmen ihre Züge einen ebenſo bekümmerten, traurigen Ausdruck als die ſeinen an. Es war der alltägliche Kampf zwiſchen Vater und Bräutigam um den Beſitz der Liebe, ſtatt daß die Eltern ſich freudig in die unabänderliche, natürliche Sach⸗ lage ſchicken. Auch hier mußte das arme Mädchen die ganze Bitterkeit des Schmerzes und die quälenden Selbſtvor⸗ würfe empfinden, daß ſie die Urſache dieſer Störung ſei. Ellinor hatte außer ihrem Vater und ihrem Bräuti⸗ gam keinen Vertrauten; waren die beiden uneins, ſo konnte ſie ſich gegen keinen von Beiden mit Offenheit ausſprechen, und verfiel in dumpfes Grübeln über Corbet's unbeant⸗ worteten Brief und ihres Vaters Schweigen. Oefters fühlte ſie ihres Vaters Blick bekümmert auf ihr haften; ſo⸗ bald ſie aber ſeinem Auge begegnete, begann er ein unbe⸗ fangen heiteres Geſpräch über die Tagesereigniſſe. 59 Endlich wurde Mr. Corbet ungeduldig und wandte ſich abermals an Mr. Wilkins, um ihm einen neuen Vorſchlag ſeines Vaters mitzutheilen, welcher ungefähr folgendermaßen lautete: Mr. Wilkins möge eine beſtimmte Summe auszahlen, welche unter gerichtlicher Ueber⸗ wachung zur Verbeſſerung des Gutes Bromley verwendet werden ſolle. Es ſtehe dann mit Sicherheit zu erwarten, daß deſſen erhöhtes Erträgniß dem jungen Paare ſchon jetzt ein genügendes Einkommen ſichern und das Gut ſelbſt, welches Ellinor verſchrieben werden ſolle, bedeutend an Werth gewinnen werde. Die Bedingungen, unter welchen dieſes Anlehen von Mr. Wilkins verlangt wurde, waren ſo günſtig, daß er um ſo bereitwilliger auf dieſen Vorſchlag einging, als ihm Ellinor's Appetitloſigkeit und blaſſe Wangen ſchon Gewiſſensbiſſe verurſacht hatten. Er ſuchte daher dieſelben durch das Opfer einer nicht unbeträcht⸗ lichen Baarauslage zu beſchwichtigen, machte in der Ge⸗ ſchwindigkeit auf einem Blatte Papier einige Berechnungen, ohne ſie jedoch durch die Schriften und Urkunden, welche auf der Kanzlei lagen, prüfen zu können, und kam endlich zu dem Schluſſe, daß er die verlangte Summe zahlen könne. Er ſchrieb demgemäß einen Brief an Ralph, in welchem er auf deſſen Antrag einging, und rief Ellinor in ſein Studierzimmer, um auch ihre Meinung über das Ge⸗ ſagte einzuholen. Plötzlich ſchoß das Blut in ihre bleichen Wangen, ihre Lippen zitterten, und ehe ſie noch den Brief zu Ende geleſen hatte, ſtürzte ſie in des Vater's Arme, küßte ihn und drückte ihren Dank beredter durch Liebkoſungen als durch Worte aus. „Nun, nun!“ ſagte er ſchmerzlich lächelnd, jetzt iſt’s — 60— genug. Ich glaube wahrhaftig, Du haſt mich für einen hartherzigen Vater gehalten. Haſt Du docch ſeit acht Tagen ſo kummervoll wie Ophelia ausgeſehen. Ueber ſo bedeutende Summen wie dieſe muß man ſich doch länger als einen Tag beſinnen, mein Mädchen. Du hätteſt Dei⸗ nem alten Vater Zeit dazu laſſen ſollen.“ „O lieber Vater, ich fürchte ja nur, daß Du ungehalten ſeiſt!“ „Ich war allerdings in einiger Verlegenheit und Dein krankes Ausſehen hat mich nicht ruhiger gemacht. Uebri⸗ gens will der alte Corbet einen guten Handel für ſeinen Sohn abſchließen, ſo viel darf ich ſchon ſagen. Es iſt ein Glück für mich, daß ich mein Geld nie vergeudet habe.“ „Aber, Papa, ſo viel brauchen wir ja nicht.“ „Doch, mein Kind. Du mußt als wohlhabendes Mäd⸗ chen in dieſe Familie eintreten, wenn Du auch keine Lady Maria biſt. Doch zerbrich Dir jetzt nicht länger mehr das Köpfchen darüber, gib mir noch einen Kuß, dann wollen wir die Pferde ſatteln laſſen und einen hübſchen Ritt zuſammen machen. Heute verdiene ich ja doch einen Feiertag; nicht wahr, Nelly?“ Einige Landleute am Wege hielten in ihrer Arbeit inne, um das frohe, glückliche Ausſehen von Vater und Tochter zu bewundern; Schönheit ſei von jeher in der Fa⸗ milie Wilkins erblich geweſen, bemerkte einer der Männer. Schon der alte Mr. Wilkins habe in ſeinen grauen Knie⸗ hoſen gar ſtattlich ausgeſehen. Ein anderer Taglöhner meinte: ſchön zu ſein, ſei für reiche Leute nicht eben ſchwer. Speiſe und Trank hätten ſie im Ueberfluß und wenn ſie das Gehen ſatt hätten, könnten ſie fahren. Auch verhin⸗ dern ſie nie die Sorge um den kommenden Morgen am Schlafe. Damit erklärte ſich ein Jeder einverſtanden und kehrte trübſelig zu ſeiner Arbeit zurück. Dies ſollte Ellinor's letzter Ritt mit ihrem Vater ſein, obgleich ſie an jenem Nachmittage beſchloſſen, denſelben recht bald zu wiederholen, um eine alte Schloßruine zu beſuchen, welche ſie dieſes Mal nur von der luftigen Haide aus zu betrachten Zeit hatten. Bald darauf trat jedoch regneriſches, zum Ausreiten ungünſtiges Wetter ein, und Mr. Wilkins ſchien überhaupt weniger Bedürfniß nach Bewegung in freier Luft zu empfinden, ſondern ſuchte ſeine Lebensgeiſter, was Ellinor zum Glück nicht bemerkte, eher durch den Genuß von Wein und ſtarken Getränken aufzu⸗ friſchen. Es ſchien ſich ſeiner eine trübe Stimmung zu be⸗ mächtigen, und wäre er früher nicht ein ſo nachſichtiger, freigebiger Herr geweſen, der die Liebe ſeiner Dienerſchaft in hohem Grade beſaß, ſo hätte ſie mit Grund jetzt über ihn klagen können; denn der geringfügigſte Verſtoß machte ihn unwillig. „Fräulein, Sie ſollten den gnädigen Herrn beſtimmen, mit Ihnen auszureiten; er ſieht nicht wohl aus und ar⸗ beitet zu viel auf der Kanzlei“ ſagte Dixon eines Tages zu Ellinor, während er ſie auf ſein Pferd hob. Als aber Elli⸗ nor ihrem Vater dieſen Vorſchlag machte, antwortete er etwas barſch, daß Frauen allerdings nach ihrem Belieben ausreiten könnten, daß aber Männer anderweitig beſchäf⸗ tigt ſeien. Dunſter halte ſich über ſein Nichterſcheinen in der Kanzlei auf, ſetzte Mr. Wilkins, Ellinors erſtaunte, betroffene Miene bemerkend, hinzu. Ueberhaupt habe ſich Dunſter Vieles in ſo unangenehmer Weiſe angemaßt, 62 daß er feſt entſchloſſen ſei, die Kanzlei regelmäßiger zu beſuchen, um Dunſter zu zeigen, wer eigentlich als älterer Aſſocié und Chef des Hauſes zu befehlen habe. Ellinor ſeufzte ein wenig über ihre enttäuſchten Hoffnungen, ver⸗ gaß aber ihren Kummer vor Aerger über Mr. Dunſter, der ihr ein Dorn im Auge war und der ſeinen Einfluß auf ihren Vater ſeit einiger Zeit auf eine Weiſe geltend machte, welche Ellinor für einen geweſenen Schreiber höchſt unpaſſend fand. Es herrſchte neuerdings eine recht ge⸗ drückte Stimmung in Ford Bank. Mr. Wilkins war ſehr verändert; man vermißte ſeine frühere wohlthuende Theil⸗ nahme ſelbſt an jenen Tagen, an welchen er nicht beſonders gereizt und unzufrieden ſchien. Das Frühjahr ließ lange auf ſich warten; ſtatt daß man ſich auf den Spaziergang gefreut hätte, war er durch Regen und Schnee zur unan⸗ genehmen Pflicht geworden. Die Freuden des Winters, Geſellſchaften und Diners, hatten längſt aufgehört und doch war der Sommer noch weit entfernt. Ellinor trug zwar fortwährenden Sonnenſchein im Herzen. Ralph liebte ſie und hing mit ganzer Seele an ihm. Vielleicht ſchon im nächſten Herbſte, jedenfalls im kommenden Früh⸗ jahr ſollte er ſie heimführen. Doch ſchien ihr ein Auf⸗ ſchub der Heirath eher wünſchenswerth, da ſie ja alle Wochen einen Brief von ihrem Bräutigam erhielt und er auch öfters nach Hamley auf Beſuch zu Mr. Neß kam. Sechstes Kapitel. Als die ganze Natur noch recht öde und reizlos war, zur Oſterzeit die in dieſem Jahre früh eintrat, kam Mr. Corbet zu Beſuch. Wenn auch Mr. Wilkins zu ſehr in Anſpruch genommen ſchien, um häufig mit ihm zu ver⸗ kehren, blieben die Beziehungen Beider doch ebenſo freund⸗ ſchaftlich als früher. Für Ellinor war dies eine Zeit des reinſten Glücks; bis jetzt hatte ſie ſich nie von einer ge⸗ wiſſen Bangigkeit befreien können; nun aber waren Ralph's Anſichten milder, ſein Weſen weicher geworden; er liebte ſie augenſcheinlich ſo zärtlich, daß ſich das junge Mädchen ganz neuen Wonnegefühlen überließ. Einige Male be⸗ rührten die Beiden ihr zukünftiges Leben in London, und Ellinor bemerkte, jedoch nicht ohne Befremden, daß die Liebe ſeinen Ehrgeiz nicht gänzlich verdrängt habe. Um⸗ ſonſt verſuchte Ralph Ellinors Intereſſe an ſeinem Ein⸗ fluß und ſeiner Stellung wachzurufen. An ihn geſchmiegt, flüſterte ſie, daß ſie keinen Werth darauf lege, dereinſt den Lord Kanzler zum Mann zu haben; ſämmtliche Wollſäcke der edeln Lords im Oberhauſe ſeien ihr gleichgültig und 64 nur wenn er Sehnſucht darnach empfinde, wünſche auch ſie, daß er einen Sitz dort erlangen möge. Während der beiden letzten Tage von Ralph's Anwe⸗ ſenheit äuderte ſich das Wetter. Selbſt in einem engliſchen Frühjahr gibt es hin und wieder heiße Stunden. Unter dem blauen wolkenloſen Himmel breitete ſich der zarte, grüne Anflug, Vorbote der Knospen und Blätter, faſt ſichtbar über die graubraunen Büſche und Bäume aus. Mr. Wilkins hatte frühe von der Kanzlei nach Hauſe zu kommen verſprochen um mit den jungen Leuten auszurei⸗ ten; doch da er ſich verſpätete mußte das Vorhaben unter⸗ bleiben. Als Entſchädigung dafür wünſchte Ellinor den Thee im Freien, dort wo ſie als Kind zwiſchen den Baum⸗ wurzeln geſpielt hatte, zu trinken. Mr. Corbet brachte alle Einwendungen von Miß Monro, welche ſich dem unvernünftigen Gedanken widerſetzte, ſchon ſo früh im Garten zu ſpeiſen, zum Schweigen und half eigenhändig bei den Vorbereitungen. Ellinor ließ einen Platz für ihren Vater frei; als dieſer, von den Stallungen kommend, durch den Garten in ſein Arbeitskabinet gehen wollte, hielt ſie ihn mit zärtlichen Vorwürfen auf, behauptete er ſei ihr Entſchädigung für den verlorenen Spazierritt ſchuldig und nöthigte ihn einen Platz an ihrem Tiſche einzunehmen. Mr. Wilkins war gedrückt, faſt traurig, ſo daß ſeine Ge⸗ genwart niederſchlagend auf die Geſellſchaft wirkte. Er war zwar mit Allem einverſtanden, vermochte es aber nicht, ſich über irgend etwas zu freuen und nur von Zeit zu Zeit glitt ein gezwungenes Lächeln, durch Ellinor's Aausgelaſſenheit hervorgerufen, über ſeine Züge. Das Mädchen wurde ſtiller und ſtiller als es des Vaters Ver⸗ ſtimmung bemerkte und beobachtete ihn ängſtlich. Endlich ſagte er ſich ſchüttelnd: „Ellinor! heute iſt es zu kühl, um den Thee im Freien zu trinken. In meinem Leben habe ich noch nicht ſo gefro⸗ ren; ich zittere am ganzen Körper und muß trotz Deines Thees, liebes Kind, von hier weg, ich halte es nicht mehr aus.“ „O Väterchen, das thut mir leid; ſieh nur, wie warm die Sonne hierherſcheint; ich glaubte ein ſo gutes Plätzchen gewählt zu haben.“ Mr. Wilkins, welcher nur ungern das kindliche Ver⸗ gnügen Ellinor's ſtörte, ging nur auf dem Kieswege in ihrer Nähe auf und ab und ſuchte ſie, indem er das Ge⸗ ſpräch mit ihr fortſetzte, zu erheitern. „Frierſt Du noch immer, lieber Papa?“ fragte ſie. „Nein, jetzt iſt mir wieder ganz wohl; nur der Platz dort war ſo feucht und kalt.“ Am nächſten Morgen reiſte Corbet ab, das ver⸗ frühte, ſchöne Wetter änderte ſich ebenfalls und Alles nahm wieder den gewöhnlichen melancholiſchen Charak⸗ ter an; doch Ellinor war zu glücklich um ſich darum zu kümmern. Gehörte Ralphs Liebe nicht ganz allein ihr an? Mit feſter Zuverſicht hoffte ſie auf kommende beſſere Tage. Da Ellinor ſehr zurückgezogen lebte, wußte mit Aus⸗ nahme von Mr. Neß Niemand in Hamley von ihrer Verlobung. Höchſt ſelten nur begleitete Ellinor ihren Vater zu Diners; einmal jedoch im Hauſe der alten Dame, unter deren Schutze ſie die Caſinogeſellſchaften von Hamley beſuchte, wurde ſie von einem jungen Geiſtlichen Gaskell, Die That einer Nacht. 66 zu Tiſche geführt, der ſo eben eine kleine Pfarre in der Nachbarſchaft erhalten hatte und dies natürlich als ein ſehr glückliches Ereigniß in ſeinem Leben betrachtete. Es war ein guter, unſchuldiger, faſt knabenhaft ausſehender junger Mann. Ellinor plauderte glücklich und unbefangen mit dieſem Mr. Livingſtone über verſchiedene Dinge, für welche ſie ſich beide intereſſirten. Kirchenmuſik, die Schwierigkeit einen mehrſtimmigen Geſang einzuführen, das Münſter von Salisbury, gothiſche Baukunſt und Kunſtgeſchichte im Allgemeinen bildeten den Gegenſtand ihrer lebhaften Unterhaltung. Als nach Tiſche auch die Herren den Speiſeſaal verlaſſen hatten, bemerkte Ellinor zu ihrem Entſetzen, daß ihr Vater zu viel Wein getrunken habe. Noch nie war ihr dieſe Gewohnheit, welcher er ſich im Stillen immer mehr ergab, aufgefallen; denn er hatte unter ſolchen Umſtänden ſtets die Vorſicht gebraucht, ſich ruhig auf ſein Zimmer zurückzuziehen. Um ſo ſchrecklicher war jetzt die Entdeckung für das arme Mädchen, deſſen Wangen vor Schamröthe erglühten. Ellinor war überzeugt, daß Jedermann ihres Vaters verändertes Weſen bemerken müſſe; nach einer furchtbar peinlichen Pauſe, während welcher ſie kein Wort hervorbrachte, knüpfte ſie mit Mr. Livingſtone ihr voriges Geſpräch über Schulen wieder an und ſuchte mit möglichſter Lebendigkeit die verſchiedenſten Gegenſtände darin zu verflechten, nur um die Aufmerk⸗ ſamkeit eines Theils der Geſellſchaft von dem für ſie ſo ſchmerzlichen Anblicke ihres Vaters abzulenken. Ellinor's Bemühungen ſollten einen größern und glänzendern Erfolg erreichen, als ſie beabſichtigte. Wenn Mr. Livingſtone ſie ſchon bei Tiſche hübſch und liebens⸗ 67 würdig gefunden hatte, ſo erſchien ſie ihm nachher ſo ent⸗ zückend nnd bezaubernd, daß er die ganze Nacht von ihr träumte und am andern Morgen berechnete, ob das Ein⸗ kommen ſeiner Pfarre den Beſitz einer Frau, des höchſten Gutes auf Erden, geſtatten würde. Während mehrerer Tage beſchäftigte er ſich mit dieſen Gedanken und ſtellte ſeufzend abermalige Berechnungen an. Ellinor's Bild ſtand fortwährend vor ſeiner Seele, wie ſie ſeinen Predigten mit Bewunderung lauſchte, dann wieder an ſeiner Seite die Hütten der Armen aufſuchte oder mit ihrer melo⸗ diſchen Stimme in ſeiner Schule Unterricht ertheilte; das Alles gefiel ihm ſo wohl. In dieſer Gemüthsſtimmung ſetzte er ſich nieder und ſchrieb einen Heirathsantrag, deſſen Abfaſſung ihm bei weitem mehr Mühe als eine Predigt koſtete. Es war eine offene Liebeserklärung, welcher eine Auseinanderſetzung ſeiner gegenwärtigen Stellung und zukünftigen Erwartun⸗ gen folgte und die mit der Anfrage ſchloß, ob er am kom⸗ menden Morgen ſeinen Beſuch machen und mit Mr. Wil⸗ kins den Gegenſtand ſeines Briefes beſprechen dürfe. Elli⸗ nor erhielt dieſen Brief, als ſie Abends mit Miß Monro im Bibliothekzimmer ſaß. Mr. Wilkins werde nicht zu Tiſche nach Hauſe kommen, hatte er ſagen laſſen. Ellinor ſetzte voraus, daß er unerwartet zu einer Herrengeſellſchaft geladen worden ſei; ſie betrachtete den Brief von allen Seiten, ohne an einem äußern Zeichen den Schreiber des⸗ ſelben errathen zu können; doch wurde ihr die Bedeutung des Schreibens durch die Unterſchrift: Herbert Livingſtone plötzlich klar. Unter heftigem Erröthen legte ſie den Brief ungeleſen weg, fand aber bald einen Vorwand um auf ihr 58 » 68 Zimmer zu gehen, wo ſie des jungen Mannes innige Worte nicht ohne Selbſtvorwürfe durchflog. Wie mußte ſie, die Braut eines Andern, ſich betragen haben, wenn etwas Aehnliches nach einem einzigen Abend geſchehen konnte? Schweren Herzens kehrte ſie zu Miß Monro zurück, um ihr Studium von Dante fortzuſetzen. In Wirk⸗ lichkeit aber überdachte ſie bei ſich, wie ſie dieſer Ver⸗ legenheit ein Ende machen könne, und beſchloß, ihren Vater zu bitten, Mr. Livingſtone am nächſten Morgen die ganze Sachlage zu erklären. Da ſie ihren Brief nochmals leſen und ruhig überdenken wollte, wünſchte ſie Miß Monro frühzeitig gute Nacht und zog ſich in ihr Schlaf⸗ zimmer über dem Salon zurück, von wo aus ſie ihren Va⸗ ter erſpähen konnte, ſobald er von den Stallungen durch den Garten heimkehren würde. Sie durchlas mehrere Male den Brief und ſuchte ſich jede ihrer Handlungen und Reden an jenem für ſie ſo unglücklichen, peinlichen Abend zurückzurufen. Ihr Kopf ſchmerzte ſie heftig; ſie löſchte daher das Licht aus, ſetzte ſich auf die Fenſter⸗ bank, blickte hinaus auf den im Mondlichte ruhig dalie⸗ genden Garten und erwartete ſehnſüchtig ihren Vater. Durch das geöffnete Fenſter hörte ſie nach einiger Zeit das Geräuſch der Thüre, welche von dem Hofe in den Garten führte, und bald erkannte ſie hinter dem Gebüſch die Geſtalt ihres Vaters; doch war er nicht allein. Dun⸗ ſter begleitete ihn und beide ſchienen ein eifriges, ſogar lei⸗ denſchaftliches Geſpräch zu führen, deſſen einzelne Worte jedoch nicht bis zu Ellinor's Ohr drangen. „Sie haben irgendwo zuſammen gegeſſen“ ſagte Elli⸗ 69 nor zu ſich ſelbſt,„wahrſcheinlich bei Mr. Hanbury, dem Brauer von Hamley. Aber wie ärgerlich, daß er gerade heute Papa nach Hauſe begleiten mußte!“ Dunſter pflegte hin und wieder Wilkins aufzuſuchen; doch Ellinor hatte die Urſache davon weder errathen noch bemerkt, daß dies ſtets an den Tagen ſtattfand, an welchen ihr Vater nicht auf der Kanzlei geweſen war. Mr. Wilkins beklagte ſich immer über dieſe ſpäten Stö⸗ rungen, und Ellinor, die ihrem Vater von Herzen beiſtimmte, war über Dunſter's Taktloſigkeit wo möglich noch ärger⸗ licher als Mr. Wilkins ſelbſt. Eine unglücklichere Wahl zu einer vertraulichen Beſprechung als gerade den heutigen Abend konnte nun Dunſter nach Ellinor's Anſicht über⸗ haupt nicht treffen. Sie war jedoch bald entſchloſſen, das Weggehen des läſtigen Gaſtes abzuwarten und dann noch ihr Herz ihrem Vater auszuſchütten und ihn zu bitten, Mr. Livingſtone am kommenden Morgen zu empfangen und ſeinen Antrag auf möglichſt ſchonende Weiſe abzuleh⸗ nen. Sie blieb von zukünftigem Glücke träumend auf der Fenſterbank ſitzen. Nach einiger Zeit fühlte ſie die Abend⸗ kühle und hüllte ſich in ein warmes Tuch ein. Sie dachte, es müſſe ſchon ſehr ſpät ſein; das Mondlicht erleuchtete den Garten immer heller und die Schatten nahmen an Tiefe und Undurchdringlichkeit zu. Wäre es möglich, daß Dunſter in aller Stille im Schatten davongeſchlichen ſei, ohne daß ſie ihn bemerkt hatte? Nein, plötzlich drangen Stimmen, heftige Stimmen aus ihres Vaters Arbeits⸗ cabinet an ihr Ohr; ſie ahnte daß ihr Vater gereizt werde, und theilte ſeinen Unwillen auch ohne deſſen Grund zu wiſſen. Auf einmal hörte ſie Lärm, wie von heftig gerück⸗ 70 ten Stühlen, dann ein eigenthümliches, unerklärliches Ge⸗ räuſch, wieder das Rücken von Stühlen. Endlich entſtand lautloſe Stille. Ellinor horchte mit geſpannteſter Auf⸗ merkſamkeit, von geheimnißvoller Bangigkeit erfüllt; doch kein Laut, kein Lärm drang zu ihr herauf. Sie hörte nichts als das Pochen ihrer Pulſe und fühlte das Wallen ihres Blutes in ihren Adern, wußte aber nicht, wie lange das gedauert haben mochte. Nach einiger Zeit vernahm ſie ihres Vaters raſche Schritte in ſeinem Schlafzimmer nebenan; als ſie aber hineilte, um ihn zu fragen, ob etwas geſchehen ſei, ob ſie ihm jetzt Mr. Livingſtone's Brief mittheilen könne, entdeckte ſie, daß er ſchon wieder in ſein Arbeitscabinet zurückgekehrt ſei. In demſelben Augenblick hörte ſie das Oeffnen der kleinen Thüre, die aus dem Zimmer ins Freie führte; Jemand trat hinaus und eilte den Pfad entlang durch den Garten. Ellinor glaubte na⸗ türlich, daß Mr. Dunſter das Haus verlaſſe, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihren Brief zu holen. Als ſie ihn gefunden hatte, ging ſie leiſen Schrittes, um Miß Monro nicht zu ſtören und um jeder Möglichkeit vorzu⸗ beugen, morgen früh darüber Rechenſchaft ablegen zu müſſen, durch ihres Vaters Schlafzimmer auf der kleinen Treppe hinunter in das Arbeitscabinet. Als ſie das Ge⸗ mach betrat, blendete ſie das Kerzenlicht dergeſtalt, daß ſie einige Secunden lang nichts unterſcheiden konnte. In dem kalten Luftzuge, der durch die offene Thüre hereinſtrich, flackerte das Kerzenlicht wild auf. Das Zimmer ſchien leer zu ſein; doch auf ein Mal erblickte ſie zu ihrem un⸗ ausſprechlichen Schrecken die ausgeſtreckten Beine eines Mannes hinter dem Tiſche auf dem Fußteppich liegen. 71 Von unwiderſtehlicher Neugierde ergriffen und dennoch von Angſt erfüllt, näherte ſie ſich, um zu erfahren, wer denn ſo ruhig und bewegunslos daliegen könne, ohne ihren Eintritt bemerkt zu haben. Es war Mr. Dunſter, der mit offenen, ſtarren Augen, das Haupt auf das Sopha⸗ kiſſen geſtützt, auf dem Boden lag. Ein ſtarker Geruch von Branntwein und Hirſchhorngeiſt erfüllte trotz des offenen Fenſters das Zimmer. Ellinor hätte keine Rechenſchaft darüber geben können, ob ſie während dieſer ganzen gräß⸗ lichen Nacht mehr ihrem Inſtinkte oder ihrer Vernunft gefolgt ſei. Später, während der langen, kummervollen Jahre, welche dieſe Erinnerung wie ein dunkler Schatten erfüllte, kam ſie zu dem Glauben, der ſtarke Branntwein⸗ geruch müſſe ſie betäubt haben; jedenfalls zeigte ſie damals Muth und Geiſtesgegenwart, wie nie zuvor in ihrem Le ben. Sie riß ſich von dem Anblicke des todten Mannes los, ging auf die Treppenthüre, durch welche ſie eingetreten war, zu und ſchloß ſie vorſichtig. Dann kehrte ſie zurück, warf einen abermaligen Blick auf ihn, kniete nieder und verſuchte, ihm Branntwein einzuflößen; doch ohne Erfolg. Dann benetzte ſie ihr Taſchentuch mit demſelben, um wenigſtens die Lippen des Mannes anzufeuchten; allein er war und blieb ſtarr und regungslos; denn plötzlicher Tod war in Folge eines geſprungenen Blutgefäßes eingetreten. Alle ſowohl von Ellinor, als zuvor ſchon von ihrem Va⸗ ter angewandten Mittel mußten erfolglos bleiben. Das arme Mädchen konnte den Blick dieſer offenen Augen nicht ertragen und ſchloß ſie mit zarter, liebender Hand. Un⸗ bewußt erfüllte ſie auf dieſe Weiſe die letzte Liebespflicht. Sie ſaß noch am Boden neben dem todten Körper, als ſie 72 eilige, vorſichtige Fußtritte vom Garten her ſich nahen hörte. Ihr Vater trat ein und erſchrak ſo heftig über ihren Anblick, daß er im Zurückprallen beinahe eine hinter ihm ſtehende menſchliche Geſtalt, die mit ihm gekommen war, umgeworfen hätte. „Mein Gott, Ellinor! Wie kommſt Du hierher?“ ſagte er in rauhem Tone. Sie antwortete wie im Traume. „Ich weiß es nicht. Iſt er todt?“ „Still, ſtill Kind, das iſt nicht mehr zu ändern.“ Ihre Augen fielen auf das von Schrecken und Mitleid erfüllte ernſte Geſicht Dixon's, welcher hinter ihrem Vater ſtand. „Iſt er todt?“ wandte ſie ſich nun an ihn. Der Mann trat, ſeinen Herrn achtungsvoll bei Seite ſchiebend, vor. Er beugte ſich zu der Leiche nieder, be⸗ trachtete ſie, horchte und eine Kerze auf dem Tiſche ergrei⸗ fend, gab er Mr. Wilkins durch ein Zeichen zu ver⸗ ſtehen, die Thüre zu ſchließen. Letzterer gehorchte und beobachtete das Experiment mit athemloſer Geſpanntheit, jedoch mit gänzlicher Hoffnungsloſigkeit. Die Flamme blieb ſelbſt in nächſter Nähe von Mund und Naſe bewe⸗ gungslos und ruhig. Mit kräftigem Arme unterſtützte Dixon den Körper, während er mit dem andern die Kerze hielt. Ellinor glaubte ein leiſes Zittern deſſelben zu be⸗ merken und faßte ſein Handgelenk krampfhaft, um ihm die nöthige Feſtigkeit zu ertheilen. Es war Alles umſonſt. Der treue Diener legte das Haupt des Todten auf das Kiſſen zurück und nahte ſich ſeinem Herrn, den Ent⸗ 73 ſeelten, welchen Niemand von ihnen im Leben geliebt hatte, mit traurigen Blicken betrachtend. Ellinor blieb ruhig, wie bewußtlos ſitzen. „Wie iſt es zugegangen Vater?“ fragte ſie endlich. Gern hätte er ihr Alles verſchwiegen, doch antwortete er, jedes Wort mit krampfhafter Anſtrengung hervor⸗ ſtoßend: „Er verhöhnte, reizte mich mit unerträglicher Unver⸗ ſchämtheit. Ich verlor alle Geduld und ſchlug ihn. Wie es zuging, weiß ich nicht. Er muß den Kopf im Fallen aufgeſchlagen haben. O mein Gott! Noch vor einer kleinen Stunde hatte ich das Blut dieſes Mannes nicht auf dem Gewiſſen!“ Er bedeckte das Geſicht mit den Händen. Ellinor er⸗ griff abermals die Kerze und verſuchte, neben dem Körper niederkniend, von Neuem das nutzloſe Experiment. „Könnte denn ein Arzt nicht noch helfen?“ fragte ſie Dixon in leiſem, verzweifelndem Tone. „Nein!“ entgegnete dieſer, indem er ſeinen Herrn, der bei dem bloßen Gedanken an einen Arzt zu erbeben ſchien, kopfſchüttelnd von der Seite betrachtete.„Ich fürchte, hier kann kein Doctor etwas thun, höchſtens einen Aderlaß verſuchen, was ich ſo gut als ein Anderer verſtehe. Hätte ich nur meine Lanzette bei mir!“ Nach einigem Suchen fand er ſie in ſeiner Taſche und probirte ſie an ſeinem Finger. Ellinor verſuchte Dunſter's Arm zu entblößen, mußte aber halb ohnmächtig ihren Vorſatz aufgeben. Ihr Vater ſtürzte herbei und verrichtete das Nothwendige mit zittern⸗ der, eilender Hand. In einem ruhigern Augenblick hätten 74 beide die Folgen einer von unwiſſenden Händen ausge⸗ führten Operation mehr gefürchtet; doch hier war kein Un⸗ terſchied mehr zwiſchen der Arterie und den übrigen Adern. Kein Blut, nur einige Tropfen wäſſſeriger Flüſſigkeit ent⸗ quollen dem Einſchnitte. Nachdem ſie den Körper zurückgelegt hatten, ergriff Dixon das Wort: Mr. Ned!“ ſagte er, denn er hatte ja ſeinen Herrn ſchon in deſſen ſorgloſen, wilden Knabenjahren gekannt und fühlte ſich durch die Verantwortlichkeit dieſer ſchrecklichen Nacht unwillkürlich in jene längſt vergangene Zeiten zu⸗ rück verſetzt:„Mr. Ned, es muß irgend etwas geſchehen.“ Niemand antwortete; was konnte und ſollte denn ge⸗ ſchehen? „Hat ihn irgend Jemand hier eintreten ſehen?“ fragte Dixon nach einer abermaligen Pauſe. Ellinor erwartete geſpannt ihres Vaters Antwort. Plötzlich ſtieg die Hoff⸗ nung, daß die unheilvollen Ereigniſſe dieſer Nacht ver⸗ borgen werden könnten, in ihr auf. Sie berechnete nicht die Folgen einer ſolchen Handlung und klammerte ſich nur an die Möglichkeit, ihrem Vater den Schrecken, die Schande und die Strafe zu erſparen, welche ſeiner bei der Ent⸗ deckung harrten. „Noch vor einer Stunde, einer kurzen Stunde, war das Blut dieſes Mannes nicht auf meinem Gewiſſen“ ſtöhnte Mr. Wilkins. Dixon füllte ein auf dem Tiſche ſtehendes Trinkglas zur Hälfte mit Branntwein. „Trinken Sie dies, Mr. Ned“, ſagte er, indem er das Glas an ſeines Herrn Lippen führte. N 75 „Fürchten Sie nichts, Miß“, wandte er ſich dann zu Ellinor,„es wird ihm nichts ſchaden und ihn nur wie⸗ der zur Beſinnung bringen, die der arme Herr ganz ver⸗ loren hat. Wir werden Alle unſer bischen Verſtand noth⸗ wendig haben. Wollen Sie alſo, Herr, die Güte haben, meine Frage zu beantworten. Iſt Dunſter von Jemand geſehen worden, als er hierher kam?“ „Ich weiß es nicht“, ſagte Mr. Wilkins mit wieder⸗ kehrender Selbſtbeherrſchung.„Es verſchwimmt mir Alles im Nebel. Er bot ſich an, mich nach Hauſe zu begleiten; mir war es unangenehm, ich war faſt grob gegen ihn um ihn davon abzubringen. Ich wollte gar nicht von Geſchäften reden, denn ich hatte zu viel getrunken und mein Kopf war nicht mehr klar. Er hatte einige Unordnungen auf der Kanzlei entdeckt. Wenn irgend Jemand unſer Geſpräch gehört hat, muß er bezeugen, daß ich ihn durchaus nicht mit nach Hauſe nehmen wollte. O warum iſt er doch mitgegangen? Er war ſo eigenſinnig, hatte ſeinen Kopf darauf geſetzt und es iſt ſein Tod geweſen!“ „Gnädiger Herr, Geſchehenes läßt ſich nicht mehr än⸗ dern. Wenn wir könnten, wir würden ihn ja gern wie⸗ der in's Leben zurück rufen, obgleich er von jeher ein wider⸗ wärtiger Patron war. Aber wenn er hier gefunden würde, Herr, könnten Ihnen Unannehmlichkeiten daraus entſtehen. Man kann das nie voraus wiſſen. Glauben Sie nicht, Miß, daß wir ihn vor Tagesanbruch begraben könnten? Keine Seele kümmert ſich um ihn und wird nach ihm fragen. Ich wünſchte, wir könnten ihn im Friedhofe be⸗ ſtatten; da dies aber unmöglich iſt, ſo wollen wir ihm ſo ſchnell als möglich hier ein Grab bereiten, es wird für 76 uns Alle das Beſte ſein, und wir haben noch vier volle Stunden vor Tagesanbruch. Ich kenne eine Stelle, wo ich leicht ein wenig Raſen wegnehmen kann, ohne daß es irgend Jemand bemerken wird. Wenn der gnädige Herr helfen will, ſo können wir den Mann zur Ruhe bringen, ohne daß irgend Jemand eine Ahnung davon hat.“ Ungefähr eine Minute lang ſchwiegen alle ſtill, dann antwortete Mr. Wilkins: „Wenn mein Vater das erlebt hätte! Man wird mich als einen Verbrecher verurtheilen; und was ſoll denn aus Dir werden, Ellinor? Du haſt Recht, Dixon. Entweder wir verbergen das Geſchehene, oder ich erſchieße mich, denn die Schande ertrüge ich nicht. Ein einziger leidenſchaft⸗ licher Augenblick hat mein ganzes Leben zerſtört!“ „Kommen Sie, Herr, wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren“, ſagte Dixon. Sie gingen hinaus, um Werkzeuge zu holen. Ellinor, vor Kälte zitternd, begleitete ſie und bat flehentlich, bei ihnen bleiben zu dürfen, um die Nacht nicht allein in dem Studierzimmer zubringen zu müſſen. Sie weigerte ſich ihr Zimmer aufzuſuchen, denn ſie ſcheute Einſamkeit und Nachdenken. So ging ſie ab und zu, ſchleppte ſchwere Körbe voll Raſen herbei, holte leiſen, raſchen Schrittes das Noth⸗ wendige und ſtrengte ihre Kräfte bis zum Uebermaß an. Einmal, als ſie in der Nähe der offenen Thüre des Studierzimmers vorüber ging, glaubte ſie innen eine rau⸗ ſchende Bewegung zu vernehmen. Ein Hoffnungsſtrahl blitzte in ihr auf; ſie trat in's Zimmer, doch überzeugte ſie ein einziger Blick von ihrer Täuſchung. Es mußte das nächtliche Säuſeln der Blätter geweſen ſein. — — 77 Sie arbeiteten mit der äußerſten Anſtrengung, um der Reue und Erinnerung zu entfliehen. Von Zeit zu Zeit verlangte Mr. Wilkins Branntwein, welchen Ellinor ihm ohne ein Wort der Widerrede brachte. Auf ihres Vaters Geheiß holte ſie auch Nahrungsmittel aus dem Eßzimmer für Dixon herbei. Als zur Verſenkung der Leiche Alles bereit war, befahl Mr. Wilkins ſeiner Tochter, hinauf in ihr eigenes Zim⸗ mer zu gehen. Was jetzt noch zu geſchehen hatte, müſſe ohne Ellinor's Beihülfe von den Männern allein voll⸗ bracht werden. Sie fühlte die Richtigkeit dieſer Anſicht, auch fingen ihre Kräfte zu ſchwinden an. Sie wollte ihren Vater küſſen, der müde und erſchöpft neben dem offe⸗ nen Grabe ſaß und ausruhte, während Dixon die zur Fort⸗ ſchaffung des Leichnams aus dem Zimmer nothwendigen Vorkehrungen traf. Er ſchob ſeine Tochter ſanft aber entſchieden zurück. „Nein, Nelly, Du darfſt mich von nun an nicht mehr küſſen. Ich bin ja ein Mörder.“ „Aber ich will und muß, mein Herzensväterchen“ rief Ellinor mit einer leidenſchaftlichen Umarmung aus, ſein Antlitz mit Küſſen bedeckend.„Ich liebe Dich; was küm⸗ mert mich was Du gethan haſt? Wärſt Du zwanzig Mal ein Mörder, ich müßte Dich küſſen. Gewiß, es war nur ein verhängnißvoller Zufall.“ „Geh mein Kind und verſuche Dich zur Ruhe zu bege⸗ ben. Wir müſſen uns beeilen, mit unſerer Arbeit fertig zu werden, denn der Mond iſt ſchon untergegangen und es wird bald tagen. Geh, Nelly!“ Sie gehorchte, raffte ihre letzten Kräfte zuſammen, um lautlos mit abgewandtem Geſicht durch das Zimmer zu gehen, das ſie mit Schaudern erfüllte. Sobald ſie ihr Zimmer erreicht hatte, ſchob ſie den Riegel von innen vor, ſtahl ſich an's Fenſter und blieb wie gebannt dort ſtehen, um die Verrichtungen unten zu beobachten. Doch ihre ſchmerzenden Augen waren außer Stande, die Dunkel⸗ heit, welche der Dämmerung vorangeht, zu durchdringen. Die Gipfel der ſich dunkel gegen den Himmel abhebenden Bäume vermochte ſie zu unterſcheiden; ſie erkannte ſogar denjenigen, unter welchen ſie vor Kurzem ſo heiter mit Ralph Thee getrunken hatte, er ſtand in nächſter Nähe des Gra⸗ bes und jetzt erinnerte ſie ſich, daß der Ort damals ihrem Vater ſchaurig kalt vorgekommen ſei, als ob er ſchon eine Ahnung von dem kommenden Unglück gehabt hätte. Unten verrichteten die Männer ruhig und ſtill ihr Geſchäft. Allein ſelbſt das geringſte Geräuſch flößte Ellinor Schrecken ein. Die Vöglein begannen den kommenden Tag freudig zu begrüßen, ehe das Werk beendigt war. Dann hörte man das Zuſchließen von Thüren, weiter nichts. Ellinor warf ſich angekleidet auf ihr Lager; ſie war dankbar für den wüthenden phyſiſchen Schmerz, der ſich ihrer bemächtigte und welcher die Qual ihrer Gedanken zu betäuben begann. Manchmal glaubte ſie ſich von Wahn⸗ ſinn bedroht. Von der Morgenkühle gezwungen, verfiel ſie nach einiger Zeit in einen todtenartigen, ſchweren Schlaf. Hiebentes Kapitel. Ellinor wurde durch das Pochen des Kammermädchens an ihrer Thüre aufgeweckt. Die volle Beſinnung kehrte augenblicklich zurück; denn mit dem klaren Vorſatz war ſie eingeſchlafen, ihren Vater mit äußerſter Anſtrengung aller ihrer geiſtigen und phyſiſchen Kräfte vor jedem Verdacht zu behüten. Alle übrigen Gedanken und Bedenken waren verſchwunden. Sie antwortete daher dem Mädchen:„Laß mich noch eine halbe Stunde ruhen und ſage Miß Monro, ich laſſe ſie bitten, nicht mit dem Frühſtück auf mich zu warten, denn ich habe heftigen Kopfſchmerz. Bring mir aber in einer halben Stunde eine Taſſe ſtarken Thee.“ Das Mädchen entfernte ſich; Ellinor ſprang auf um ſich zu entkleiden und legte ſich dann wieder nieder, ſo daß alle Spuren einer außergewöhnlichen Nacht verſchwunden waren, ehe das Mädchen mit dem Frühſtück wieder eintrat. „Wie ſchlecht Sie ausſehen, Miß!“ ſagte das Mäd⸗ chen.„Es wäre viel beſſer, wenn Sie noch ein Stündchen liegen blieben.“ Ellinor hätte gar zu gern gefragt, ob ihr Vater noch 80 in ſeinem Schlafzimmer ſei. Allein dieſe ſonſt natürliche Frage ſchien ihr unter den jetzigen Verhältniſſen ſo wenig rathſam, daß ſie dieſelbe nicht über die Lippen brachte. Jedenfalls, das fühlte ſie, mußte ſie aufzuſtehen verſuchen, um den Tag auf gewöhnliche Weiſe zu verbringen. Sie gab zu, daß ſie ſich unwohl fühle, ging aber leicht mit einigen gleichgültigen Bemerkungen darüber weg. Doch war ſie über ihr eigenes Benehmen in Zweifel; früher war es immer ebenſo einfach und kunſtlos als ihr Leben geweſen. Ehe ſie noch vollſtändig angekleidet war, ließ ſich Mr. Livingſtone anmelden. Mr. Livingſtone! Er gehörte einer andern Welt, dem frühern Leben an. Erſt nach einigem Nachdenken er⸗ innerte ſie ſich, wer er ſei und warum er komme. Sie ſchickte ihr Mädchen hinunter, um ſich zu erkundigen, nach wem Mr. Livingſtone gefragt habe. Zuerſt habe er den gnädigen Herrn zu ſprechen ver⸗ langt. Da jedoch Mr. Wilkins noch nicht um heißes Waſſer geſchellt hätte, ſo habe Johann erwidert, daß ſein Herr noch nicht aufgeſtanden ſei. Mr. Livingſtone habe ſodann nach einigem Bedenken gefragt, ob er Miß Wil⸗ kins ſprechen könne, und hinzugefügt, er werde warten, falls ſie beſchäftigt oder noch nicht ſichtbar ſei. Johann habe ihn aufgefordert, in das Empfangzimmer einzutreten, bis das gnädige Fräulein von ſeinem Beſuche benachrich⸗ tigt ſei. So lautete die Antwort des Mädchens. „Ich muß hinuntergehen“, dachte Ellinor.„Ich werde ihn bald abfertigen. Wie kann er heute, gerade heute, mit Heirathsgedanken in dieſes Haus kommen!“ Sie ging ſchnell hinab, in harter, unnachſichtiger 81 Stimmung. Die Neigung dieſes Mannes erſchien ihr wie ein über Nacht aufgeſchoſſener Pilz oder eine knabenhafte thörichte Laune. An ihre eigene Erſcheinung hatte ſie gar nicht gedacht:; ſie hatte ſich angekleidet, ohne auch nur einen Blick in den Spiegel zu werfen. Mädchenhafte Schüchternheit, Scheu und Verlegenheit waren überwunden; ſie trat muthig ein. Er ſtand, als ſie die Thüre öffnete, am Kamin, ging ihr einige Schritte entgegen, blieb aber wie verſteinert bei dem Anblicke ihres todtenblaſſen Geſichtes ſtehen. „Miß Wilkins, ich fürchte, Sie ſind unwohl, ich bin gewiß zu früh gekommen. Da ich aber Hamley in einer halben Stunde verlaſſen muß, dachte ich— O Miß Wilkins, was habe ich gethan?“ Ellinor war, an ſeine Gegenwart kaum denkend, von in⸗ nerer Bewegung übermannt, auf den erſten beſten Stuhl niedergeſunken. Er trat einige Schritte näher, um ſie in ſeinen Armen aufzufangen und zu bernhigen; doch raffte ſie ſich auf, erhob ſich und ging unter großer Anſtrengung dem Kamine zu, wo ſie ſeine Anrede zu erwarten ſchien. Er aber war von ihrem kranken Ausſehen ſo erſchüttert, daß er ſeine eigenen Wünſche, ja ſogar ſeinen Antrag ver⸗ gaß. Ellinor mußte zuerſt das Wort ergreifen. „Ich habe geſtern Ihren Brief erhalten, Mr. Living⸗ ſtone. Es lag mir viel daran, Sie heute zu ſprechen, um ſie zu verhindern, ſich an meinen Vater zu wenden. Ich will nicht von der Neigung reden, welche Sie für mich, die Sie kaum einmal geſehen haben, empfinden können; allein je eher wir beide vergeſſen werden, was ich Thorheit nennen muß, deſto beſſer wird es für Sie und mich ſein.“ Gaskell, Die That einer Nacht. 6 82 Dem jungen Manne mußten dieſe Worte hochfahrend erſcheinen, und doch entſprangen ſie nur der gänzlich zer⸗ rütteten Stimmung von Ellinor's Gemüth. „Sie irren ſich“, entgegnete Mr. Livingſtone mit mehr Würde als nach dem Vorausgegangenen zu erwarten ſtand.„Ich kann nicht zugeben, daß Sie als Thorheit bezeichnen, was vielleicht kühn und voreilig von meiner Seite geweſen ſein mag, aber gewiß aufrichtig und wahr gemeint iſt. Möglich iſt es immerhin, wenn auch nicht gewöhnlich, daß ein Mann ſchon bei der erſten Begegnung ſich ſo von den Eigenſchaften und Reizen eines Mädchens angezogen fühlt, daß er zu der Ueberzeugung gelangt, ſie und nur ſie allein könne ihn je glücklich machen. Meine Thor⸗ heit beſtand in dem Wahne, daß ſie meine Gefühle theilen könnten, nachdem Sie mich ja nur ein einziges Mal geſehen haben. Ich fühle mich tief beſchämt und kann mein Be⸗ dauern nicht genug ausſprechen, beſonders da ich ſehe, welches Opfer Sie mir brachten, in Ihrem leidenden Zu⸗ ſtande mit mir zu reden.“ Ellinor wankte einem Stuhle zu. Er wollte klingeln. „Nein, bitte, thun Sie es nicht“, ſagte ſie.„Haben Sie nur einen Augenblick Geduld.“ Sein inniger Blick erfüllte ſie mit ſolcher Wehmuth, daß ſie faſt in Thränen ausgebrochen wäre. Mit größter Anſtrengung erhob ſie ſich wieder. „Ich will mich entfernen“, ſagte er.„Darf ich Ihnen ſchreiben und meinen heutigen Antrag zuſammenhängender wiederholen?“ „Nein!“ antwortete ſie.„Schreiben Sie nicht. Wir ſind und bleiben uns fremd. Ich bin verlobt, bin die 83 Braut eines Andern. Wenn Sie nicht ſo gütig und theilnehmend wären, hätte ich es Ihnen nicht geſagt. Doch jetzt verlaſſen Sie mich!“ Der arme junge Mann erblaßte, ergriff nach einigem Bedenken ihre Hand und ſagte: „Gott ſegne Sie und ihn, wer er auch ſei. Wenn Sie aber je einen Freund bedürfen, ſo erinnern Sie ſich meiner. Dann werde ich Ihnen zu beweiſen ſuchen, daß meine Liebesworte einen tiefern und edlern Sinn hatten, als ich ſoeben auszudrücken vermochte.“ Damit küßte er ihre widerſtandsloſe Hand und ver⸗ ließ ſie. Ellinor vermochte die Einſamkeit nicht zu ertragen und kehrte auf ihr Zimmer zurück, um ſich durch eine Doſis Riechſalz zu erfriſchen. Während der Zeit rief ihr Miß Monro zu: „Wer war denn der Herr, liebes Kind, mit welchem Sie ſo lange im Empfangszimmer allein waren?“ Ohne Ellinor's Antwort abzuwarten, fuhr ſie fort: „Soeben iſt Dunſter's Hausfrau hier geweſen, um ſich nach ihm zu erkundigen, da er geſtern nicht nach Hauſe gekommen ſei. Da Sie gerade Ihre Unterredung mit dem Herrn— wie heißt er gleich?— Livingſtone hatten und Ihr Papa noch nicht aufgeſtanden war, ſagte ich zu Mrs. Jackſon, ich wollte gerne zu Mr. Wilkins ſchicken und ihn nach Mr. Dunſter fragen laſſen; doch ſei es nutzlos, da ich ihr mit Beſtimmtheit ſagen könne, daß Mr. Dunſter nicht hier im Hauſe ſei. Nichtsdeſtoweniger mußte ich Ihren Papa aufwecken und ihn fragen laſſen, ob er nichts von Mr. Dunſter wiſſe.“ 6* 84 „Und was ſagte Papa?“ fragte Ellinor heiſer; ſie fühlte, daß eine Antwort von ihr erwartet werde. „Daß er nichts von ihm wiſſe, natürlicher Weiſe. Ich ſagte gleich zu Mrs. Jackſon, Mr. Wilkins bekümmere ſich wenig darum, wie und wo Mr. Dunſter ſeine Abende zu⸗ bringe; denn die beiden Herren bewegten ſich nicht in den⸗ ſelben Kreiſen. Mrs. Jackſon entſchuldigte ſich und meinte, die beiden Herren hätten geſtern in Hamley, ſo viel ſie wiſſe, zuſammen geſpeiſt. Da ſei ihr der Gedanke gekommen, Mr. Dunſter könne auf dem Heimwege in den Kanal ge⸗ ſtürzt ſein. Nun wollte ſie ſich nur erkundigen, ob Mr. Wilkins zu Wagen nach Hauſe gekommen ſei oder in Begleitung von Mr. Dunſter Hamley zu Fuß verlaſſen habe. Da mußte ich denn ſelbſt hinauf zu Ihrem Papa, dem es mitten im Ankleiden recht unangenehm war, meine Fragen zu beantworten. Ich mußte durch die Ezüte hineinrufen, und er verſtand mich nicht immer.“ „So; was ſagte er denn?“ „Er habe einen Theil des Weges in Dunſter's Ge⸗ ſellſchaft gemacht und habe dann, ſo verſtand ich ihn we⸗ nigſtens, den Fußpfad querfeldein eingeſchlagen. Er ſchien über das Vorgefallene ſehr betroffen, ließ Mrs. Jackſon ſagen, er werde gleich nach dem Frühſtück auf die Kanzlei gehen und zweifle keinen Augenblick, daß ſich Alles auf⸗ klären werde. Mrs. Jackſon aber möge ſogleich nach Hauſe gehen, Dunſter werde wahrſcheinlich ſchon dort ſein. Ach, da geht ja ſchon Ihr Papa! Er muß ſich heute ſehr mit ſeinem Frühſtück beeilt haben.“— Ellinor nahm das Tageblatt von Hamley zur Hand 85 welches auf dem Tiſche lag, um ihr Geſicht zu verbergen; da fiel ihr Blick zufällig auf eine Ankündigung. „Major Macdonald verkauft ſeine Orchideen und ſämmtliche Gewächshauspflanzen in Hartwell“, rief ſie aus.„Die Verſteigerung wird drei Tage dauern; zu der muß ich Jakob hinſchicken!“ „Wird man ihn denn ſo lange entbehren können?“ „Warum nicht? Er ſoll dort in dem kleinen Wirths⸗ hauſe abſteigen, um gleich an Ort und Stelle zu ſein.“ Mit dieſen Worten eilte Ellinor zum Gärtner hinaus, der eben das neugemähte Gras unter den Fenſtern zu⸗ ſammenrechte, und gab ihm haſtig einige Aufträge mit un⸗ beſchränkter Vollmacht; denn es war ihr nur darum zu thun, den Gärtner in das entfernte Dorf und aus dem Wege zu ſchicken. Als dies vollbracht war, ſchienen Ellinor's Kräfte zu ſchwinden. Ihre Verſicherung, daß ihr nichts fehle, konnte die zärtliche Erzieherin nicht täuſchen. Miß Monro nöthigte Ellinor ſich auf das Sopha zu legen, deckte ihre Füße warm zu, ließ die Rouleaux herab und entfernte ſich in der Hoffnung, Ellinor werde in einen leichten Schlummer verfallen. Doch kaum hatte Miß Monro das Zimmer verlaſſen, ſo ſprang das junge Mädchen wieder auf und ſchritt in höchſter Aufregung im Gemach auf und nieder. Bald kehrte Miß Monao mit einem kühlenden Tranke zurück, den Ellinor ohne ein Wort der Wider⸗ rede verſchluckte und ſich dann ruhig verhalten mußte, da Miß Monro mit dem Vorſatze, ihre Patientin nicht zu verlaſſen, ein Buch zur Hand nahm. Ellinor ſchlief ein und erwachte erſt ſpät am Nach⸗ 86 mittage. Ihr Vater ſtand neben ihr und hörte eben Miß Monro's Krankheitsbericht an. Von ſeinen veränderten Geſichtszügen ſchmerzlich ergriffen, verbarg Ellinor das Haupt in die Kiſſen; doch aus Furcht einer Mißdeutung wendete ſie ſich ihm plötzlich wieder zu, umſchlang ihn zärtlich und bedeckte ſein kaltes, leidendes Geſicht mit Küſſen. Ihre Blicke jedoch begegneten ſich nicht, denn ein Grauen vor der Erinnerung erfaßte ſie beide. „Nun, liebes Kind“, ſagte Miß Monro,„müſſen Sie ruhig liegen bleiben, bis ich Ihnen ein wenig Suppe bringen werde. Sie fühlen ſich etwas beſſer, nicht wahr?“ „Warum ſollten Sie ſich bemühen, Miß Monro? als ob Fletcher nicht die Suppe bringen könnte?“ ſagte Mr. Wilkins, die Klingel ergreifend. Er wollte das Allein⸗ ſein mit ſeiner Tochter vermeiden, welches auch Ellinor fürchten mußte. Des Vaters unnatürliche, heiſere Stimme, ſein tiefes Seelenleiden ſchnitt der Tochter durch das Herz, und doch ſchien es ihr faſt eine Unmöglichkeit, überhaupt am Leben bleiben zu können, ohne Aſche auf ihr Haupt zu ſtreuen und ihre Kleider zu zerreißen. Nachdem Mr. Wilkins über Ellinor's Zuſtand beruhigt war, wünſchte er das Zimmer zu verlaſſen, wußte jedoch nicht, wie er es zu bewerkſtelligen habe. Jede Kleinigkeit koſtete ihm Ueberlegung. Ellinor fühlte das Alles ſo deutlich mit, daß Vater und Tochter das Zuſammenſein als eine drückende Laſt empfanden und ihnen Miß Mon⸗ ro's Gegenwart, obwohl ſie die unbefangenen Reden Letz⸗ terer ſchmerzlich berührten, Erleichterung brachten. „ſt Mr. Dunſter wirklich heute nicht nach Hauſe gekommen, Mr. Wilkins?“ 87 Es dauerte eine Weile, bis der unglückliche Mann die Worte hervorſtoßen konnte: „Ich weiß wahrhaftig nicht, weil ich in Geſchäftsan⸗ gelegenheiten über Land gefahren bin. Hätten Sie vielleicht die Güte, zu Mrs. Jackſon zu ſchicken, um nachfragen zu laſſen?“ Dieſe Worte machten auf Ellinor den peinlichſten Ein⸗ druck. Selbſt die ſchreckliche That, die Urſache des jähen Todes hatte ihr nicht ſo viel Abſcheu als dieſe wenigen unwahren Worte eingeflößt. Als ſie in der erſten fieber⸗ haften Aufregung der vergangenen Nacht ihre Hoffnungen auf die Verbergung des Leichnams geſetzt hatte, war ſie ſich über die Folgen dieſes einen falſchen Schrittes nicht klar geworden, hatte die vielen, geringfügigen Lügen nicht bedacht, welche er nach ſich ziehen müſſe. Doch bemäch⸗ tigte ſich ihrer ein verzehrender Schmerz, als ſie ihres Vaters troſtlos umherirrenden Blick bemerkte. Seine ein⸗ geſunkenen Augen ſchienen leblos, ſeine geſunde Farbe war verſchwunden und die Wangen wie im hohen Alter einge⸗ fallen. Selbſt ſeine Haare ſchienen in der einen Nacht grauer geworden zu ſein. Als Mr. Wilkins dem mit der Suppe eintretenden Diener den Auftrag ertheilte:„er möge zu Mrs. Jackſon gehen und ſich erkundigen ob Mr. Dunſter zurückgekehrt ſei, da er mit ihm zu reden wünſche“, ſchwankte Ellinor zwiſchen den tiefſten Mitleiden und der wegwerfendſten Verachtung für ihres Vaters und ihre eigene Lage. Mit ihm wollte ihr Vater reden, den ſie da unten verſcharrt hatten! Voll Verzweiflung warf ſie ſich in 88 die Kiſſen zurück; wenn ſie nur ſterben könnte, um dieſem unſeligen Wirrſal zu entrinnen! Einige Augenblicke ſpäter verließen Mr. Wilkins und Miß Monro vorſichtig das Zimmer. Ellinor ſprang vom Sopha auf und kniete nieder:„O Gott!“ betete ſie, „Dir ſind alle Dinge offenbar, nur allein bei Dir iſt Hülfe; o hilf mir!“ Nach einer Stunde fand ſie Miß Monro bewußtlos neben dem Sopha liegen. In einem Zuſtande von Betäubung, welcher möglicherweiſe in Wahnſinn über⸗ gehen konnte, wurde Ellinor zu Bette gebracht. Ihr Vater ſchickte zu den berühmteſten Aerzten, ohne Rückſicht auf die Summen, welche dieſe für ihre Behandlung bean⸗ ſpruchten. Mr. Wilkins wurde allgemein bedauert. Kaum habe ſich dieſer Schuft von Dunſter zum größten Nachtheile der Firma aus dem Staube gemacht, ſo ſei ſein eigenes Kind ſchwer erkrankt, ſagte man. Er ſchien vollkommen von Kummer darniedergedrückt, als ob er es nach ſolchen Er⸗ fahrungen nicht mehr wage, der Ungewißheit der Zukunft die Stirne zu bieten. Arme und Reiche nahmen Antheil an dieſen ſchweren Prüfungen; Sir Frank Holſter und deſſen Gemahlin ver⸗ gaßen ſogar die alten Familienzwiſtigkeiten, um ſich nach Ellinor zu erkundigen und ihr Obſt und Blumen aus ihren Gewächshäuſern zu ſenden. Mr. Corbet betrug ſich in allen Stücken, wie es einem zärtlichem Bräutigam ziemt. Er bat Miß Monro täg⸗ lich um ausführliche Berichte, ſchickte von London Alles, was dortige Aerzte für wohlthätig oder nützlich erachteten, 89 und ſobald er die entfernteſte Hoffnung hatte, Ellinor ſehen zu dürfen, reiſte er nach Hamley. Doch Ellinor, von ſeinen Liebesworten und Liebkoſungen verwirrt und über⸗ wältigt, ſchien ſeiner Gegenwart nicht klar bewußt zu ſein. Am Abend vor Mr. Corbet's Beſuch, als Fenſter und Thüren wegen der heißen Juliluft offen ſtanden, kam eins der Dienſtmädchen leiſe an Ellinor's Thüre ge⸗ ſchlichen und ſagte zu Miß Monro, der treuen, ſorgſamen Pflegerin: „Ein Herr wünſcht Sie zu ſprechen.“ Miß Monro ging vorſichtig die Treppe hinunter in das Empfangszimmer, wo ſie Mr. Livingſtone fand, der ihr mit den Worten entgegentrat: „Ich habe gehört, daß ſie krank, daß ſie ſterbend ſei! Darf ich ſie noch einmal ſehen? Ich werde kein Wort reden, kaum athmen, wenn ich ihr nur noch ein einziges Mal in die Augen blicken darf!“ „Ich bitte tauſend Mal um Entſchuldigung, mein Herr, aber ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen. Wenn Sie jedoch unter ‚ihr“ Miß Wilkins verſtehen, ſo glaube ich mit Beſtimmtheit ſagen zu können, daß ſie zwar geſtern äußerſt gefährlich krank war, auch heute noch in be⸗ denklichem Zuſtande ſich befindet, aber nicht zum Sterben iſt. Sie iſt in Folge einer wohlthuenden Medicin in ſanften Schlummer verfallen und ich hoffe—“ Zu Miß Monro's unglaublichem Erſtaunen wurde in dieſem Moment ihre Hand ergriffen und geküßt, ehe ſie Zeit hatte, das unpaſſende dieſer Handlungsweiſe zu rügen. „Gott ſegne Sie für dieſe gute Nachricht. Wenn ſie aber ſchläft, dürfte ich ſie nicht ſehen? Ich werde vor⸗ 90 ſichtig wie auf Eierſchalen gehen; es kann ja Niemandem etwas ſchaden, wenn ich ihr liebliches Geſicht anblicke. Ich bin gar weit hergekommen, und ich werde gewiß nicht un⸗ beſcheiden ſein und keine weitere Bitte mehr an Sie ſtellen.“ Glücklich über Miß Monro's Erfüllung ſeines Wun⸗ ſches folgte ihr der junge Mann die Treppe hinan. Trotz ſeines leiſen Auftretens warf ſie ihm einen vor⸗ wurfsvollen Blick zu, als eine Nachtigall ihre Stimme er⸗ hob und ein Eulenſchrei die Nacht durchdrang. Als ſie an Mr. Wilkins' Schlafgemach vorüber kamen, bemerkte ſie traurig: „Dies iſt ihres Vaters Zimmer. Er hat ſeit ſechs Nächten kein Auge zugethan. Bitte, machen Sie keinen Lärm, um ihn nicht aufzuwecken.“ Dann traten ſie in die ſtille, düſtere Krankenſtube, wo ſich nur ein einziger Lichtſtreifen quer durch das Zimmer ſtahl, wo die Wärterin leiſe athmend neben dem Bette ſaß und Ellinor's dunkles Haupt unbeweglich auf den weißen Kiſſen lag. Es war ganz ruhig; man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Nach einiger Zeit machte er eine Bewegung, um ſich zurückzuziehen; Miß Monro gelei⸗ tete ihn in das Empfangszimmer zurück. Sie ſah beim Scheine der flackernden Kerze Thränen auf ſeinen Wangen glänzen und„der junge Mann erbarmte ſie“, wie ſie ſich ſpäter ausdrückte. Doch trieb ſie ihn zum eiligen Fort⸗ gehen an, da ſie fürchtete, ſie könnte am Krankenlager vermißt werden. „Haben Sie tauſend Dank!“ ſagte Mr. Livingſtone. „Wie verändert das arme Mädchen ausſieht, faſt wie 91 todt! Wollen Sie mir ſchreiben? Meine Adreſſe iſt: Her⸗ bert Livingſtone, Pfarrhaus zu Langham in Yorkſhire. Ich beſchwöre Sie, mir zu ſchreiben. Wenn ich nur irgend etwas für die arme Kranke thun könnte! Aber heiße Gebete werde ich für ſie zum Himmel ſenden. O Gott! Ich ſoll kein Recht haben dürfen, in ihrer Nähe zu bleiben? O mein Liebchen, mein Alles!“ „Seien Sie ſtark, faſſen Sie ſich“, bat Miß Monxro inſtändig; ſie fürchtete, er könnte, von ſeinen Ge⸗ fühlen übermannt, Lärm verurſachen.„Ich verſpreche Ihnen gewiß zu ſchreiben“, ſagte ſie ihn zur Thüre hinaus⸗ ſchiebend und dieſelbe zuriegelnd. Doch ſchon im nächſten Augenblick ertönte wieder leiſes Klopfen. Miß Monro öffnete abermals die Thüre, im Mondſchein ſtand der junge Mann todtenblaß vor ihr und bat: „Sagen Sie ihr ja nicht, daß ich mich nach ihr er⸗ kundigt habe; es könnte ihr vielleicht unlieb ſein!“ „Nein, nein, verlaſſen Sie ſich darauf; die Arme wird ſich noch lange Zeit um nichts bekümmern können; ſelbſt Mr. Corbet's Name hat ſie geſtern noch ganz gleichgültig gelaſſen!“ „Mr. Corbet iſt alſo der Glückliche!“ ſagte Mr. Li⸗ vingſtone leiſe und wandte ſich zum Fortgehen. Ellinor ſchritt langſam der Geneſung entgegen; ihr Körper ſchien den Sieg über ihren Willen davongetragen zu haben. Wie gern hätte ſie nicht ihre Augen auf immer geſchloſſen und im Grabe Ruhe geſucht! Meiſtens lag ſie ruhig, anſcheinend ſchlummernd da. Doch in ihrem Innern tobte und wühlte es; umſonſt rang ſie mit der ganzen Kraft ihrer Seele nach innerem Frieden. 92 Jetzt ſah ſie deutlich ein, daß, wenn ſie damals in jener grauenvollen Nacht den Entſchluß gefaßt hätten, ohne Scheu vor der Zukunft einen Fehler, einen ſchrecklichen Zufall, ein unſägliches, unwiderrufliches Unglück offen einzugeſtehen, dann ſich ihr Leben zwar ſchmerzlich und kummervoll, aber doch wahr und aufrichtig hätte geſtalten müſſen. Jetzt war es nicht an ihr, des Vaters Schwächen und Verirrungen zu enthüllen. Allein vor Gottes Antlitz gelobte ſie feierlichſt, daß ſie ſich in ihren eigenen Hand⸗ lungen und Angelegenheiten die Wahrheitsliebe zur Pflicht machen werde. Sie wollte der Vorſehung die ſchrecklichen Folgen anheimſtellen, welche die Zukunft für ſie noch bergen könnte, und flehte nur, Gott möge das Leben eines Unglück⸗ lichen, das von nun an von einer Lüge abhängen müſſe, in ſeinen Schutz und ſeine Obhut nehmen. Ellinor ſuchte Troſt und Entſchuldigung in dem Gedanken, daß die Lüge nicht ihretwegen begangen worden, daß Geſchehenes nicht mehr abzuändern ſei. Jetzt ſchon begann ſich die Verhehlung bitter zu rächen. Mr. Wilkins war ſich der Urſachen bewußt, welche den Leiden ſeiner Tochter zu Grunde lagen und ihr junges Leben bedroht hatten. Dennoch konnte und durfte er ſich nicht ſeinem Schmerze überlaſ en; er mußte die mögliche Deutung jedes Wortes, jeder Handlung berechnen und glaubte ſich ſtets von argwöhniſchen Augen beobachtet, ob⸗ gleich Niemand im Entfernteſten daran dachte, Mißtrauen gegen ihn zu hegen. Es hält ſehr ſchwer, die vorgefaßte Meinung des Publikums abzuändern. Wenn daher Mr. Wil⸗ kins auch auf offener Straße von Hamley ausgerufen hätte, daß das Verbrechen des Todſchlags auf ihm laſte, ja wenn * 93 er ſelbſt alle Einzelheiten von Mr. Dunſter's ſchrecklichem Ende erzählt hätte, ſo würden dennoch die Leute ausge⸗ rufen haben: „Der arme Mann iſt gänzlich von Sinnen; die Ent⸗ deckung, daß er von dem Menſchen, dem er ſein ganzes Vertrauen geſchenkt hatte, ſo ſchändlich hintergangen wor⸗ den iſt, muß ihn um den Verſtand gebracht haben. Es iſt auch kein Wunder, denn es war ja eine unerhörte Gau⸗ nerei, ſeinen Aſſocié in ſolchem Maaße zu übervortheilen und ſich dann nach Amerika zu flüchten!“ Viele geringfügige Umſtände, welche wir hier über⸗ gehen, hatten zuſammengewirkt, um obiger Anſicht bei dem Publikum Eingang zu verſchaffen. Mr. Wilkins, der von früher Jugend auf Jedermann in Hamley als Ehrenmann bekannt war, erhielt um ſo auffälligere Beweiſe der Achtung und des Mitleids ſeiner Mitbürger, als er ja vor der Zeit und ihrer Anſicht nach durch die Schuld eines herge⸗ laufenen Fremden aus London alt, grau und hinfällig geworden war. Mr. Wilkins war bei ſeiner eigenen Dienerſchaft ſehr beliebt; ſie hatten in ihm zwar einen heftigen, aber frei⸗ gebigen, ja ſogar verſchwenderiſchen Herrn. Die Verſuchungen, welchen er unterlag, waren ihnen ſehr verſtändlich; es wunderte ſich daher keiner ſeiner Diener, daß er ſich in den langen einſamen Stunden mehr und mehr dem Trunke ergab, denn er hatte ja durch die Unredlichkeit ſeines Aſſocié ſo große Verluſte erlitten, die er zu vergeſſen trachten mußte. An Einladungen und Auf⸗ forderungen fehlte es ihm zwar keineswegs, vielleicht war ſogar ſeine Geſellſchaft ſeit ſeines Vaters Tode nie ſo ge⸗ * 94 ſucht geweſen; allein er pflegte zu antworten, daß, ſo lange ſeine Tochter ſo ſchwer krank danieder liege, er nicht im Stande ſei, ſich an geſelligen Freuden zu betheiligen. Ein aufmerkſamer Beobachter ſeines Benehmens zu Hauſe hätte jedoch die Wahrnehmung machen müſſen, daß er trotz ſeiner zärtlichen Sorge um Ellinor doch die Geſell⸗ ſchaft ſeiner Tochter eher vermeide als aufſuche. Seit ihr das Bewußtſein und Denkvermögen zurückgekehrt waren, ſehnte auch ſie ſich nicht nach ihrem Vater. Das Zu⸗ ſammenſein war ihnen gegenſeitig peinlich geworden. So kam es, daß dieſe eine ſchaurige Mainacht die Bewohner von Ford Bank monatelang mit bitterer Reue und ſchwerem Kummer erfüllte. — Achtes Kapitel. Der Tag kam heran, an welchem Ellinor ihr Zimmer verlaſſen durfte. Miß Monro hätte ſie gern zur feſt⸗ lichen Feier ihrer Wiedergeneſung in das ſo lange unbe⸗ nützt gebliebene Empfangzimmer geführt; doch bat Ellinor inſtändig, ſich im Bibliothek⸗ oder Lehrzimmer nieder⸗ laſſen zu dürfen, nur um die Nähe des Blumengartens zu fliehen, welche ſie während ihrer Krankheit als ſchrecklichen Druck empfunden hatte. Als Ellinor's Wiederherſtellung noch weiter vorgerückt und ſie im Stande war, den Rollſtuhl zu benützen, welchen ihr eine gutmüthige alte Dame von Hamley geſchickt hatte, ließ ſie ſich immer auf der entgegengeſetzten Seite des Hauſes auf dem in der Richtung nach Hamley gelege⸗ nen Raſenplatze umherfahren. Eines Tages hätte ſie faſt einen lauten Schrei ausge⸗ ſtoßen, als ſie Dixon bemerkte, der ſie umherſchieben wollte. Allein ſie unterdrückte jede Gefühlsäußerung, obgleich ſie ihn jetzt zum erſten Mal ſeit jener gräßlichen Nacht er⸗ blickte. Er ſah ernſt und krank aus; auch ſchien er ſchlech⸗ 96 ter Laune zu ſein, was ſie früher nie an ihm ihm bemerkt hatte. Sobald ſie von den Fenſtern aus nicht mehr beobachtet werden konnten, bat ſie ihn, ſtille zu ſtehen und zwang ſich, mit ihm zu reden. „Dixon, Du ſiehſt recht unwohl aus“, ſagte ſie am ganzen Körper zitternd. „Ja!“ antwortete er.„Damals nahmen wir uns die Sache nicht ſo ſehr zu Herzen; nicht wahr, Miß Nelly? Sie wird aber noch unſer Aller Tod ſein. Mich hat ſie zum alten Manne gemacht. Die vorhergegangenen fünfzig Jahre waren ein Kinderſpiel im Vergleich zu der einen Nacht. Der Herr, von dem ich doch viel ertragen könnte, der gnädige Herr, geht jetzt durch Hof und Stall, ohne mich auch nur anzuſehen, als ob ich ein giftiges Thier wäre. Das iſt das Aergſte, Miß Nelly!“ Der ehrliche Alte wiſchte ſich eine Thräne mit ſeiner runzeligen Hand aus den Augen. Ellinor fing, tief er⸗ griffen, laut zu weinen und wie ein Kind zu ſchluchzen an, als ſie ihm ihre weiße, magere Hand zum Drucke reichte. Sobald er ihre Rührung bemerkte, erfaßte ihn heftige Reue. „Seien Sie ruhig, weinen Sie nicht!“ war Alles, was er hervorbrachte. „Dixon“, ſagte ſie endlich,„Du mußt Dir das nicht ſo ſehr zu Herzen nehmen. Ich ſehe, daß mein Vater es auch nicht liebt, durch meinen Anblick an jene Nacht er⸗ innert zu werden. Er will nicht mehr mit mir allein ſein; guter alter Dixon, das nagt auch an meinem Leben, denn ich fürchte, daß er mich nicht mehr liebt.“ ₰. — —,— gerade wie ich. Aber weh thut mirs, wenn er mich mit 94 Sie ſchluchzte, als ob ihr Herz brechen wollte, ſo daß Dixon jetzt den Tröſter abgeben mußte. „Ach, liebe Miß, er liebt Sie weit mehr als die ganze Welt, nur kann er unſern Anblick nicht ertragen, was ganz natürlich iſt. Wenn er auch nicht gern mit Ihnen allein bleibt, ſo gibt es dafür andere Leute, welche nicht ſeiner Meinung ſind. Das muß Ihnen ein Troſt ſein. Laſſen Sie ſich durch das vorhin Geſagte nicht betrüben; ich war ärgerlich, weil mich der gnädige Herr heute früh faſt aus dem Wege geſtoßen hätte, ohne auch nur ein Wort zu ſagen. Ich bin ein alter Eſel, Ihnen vorzujammern. Darüber hätte ich faſt vergeſſen, warum ich Sie heute umherführen wollte. Der Gärtner wundert ſich, daß Sie ſich gar nicht um die Blumen und Pflanzen bekümmern, welche Ihnen im vergangenen Mai ſo ſehr am Herzen lagen. Ich dachte, ich wollte mit Ihnen darüber reden, und wenn Sie nichts dawider haben, gehen wir zuſammen in den Blumengarten, damit Sie doch ſagen können, Sie ſeien dort geweſen und hätten Alles nach Ihrem Wunſche ge⸗ funden. Sie brauchen ja nur die Blumenbeete anzuſehen, liebe Miß; früher oder ſpäter muß es doch geſchehen. Alſo kommen Sie jetzt!“ Er ſchlug den Weg zum Blumengarten ein. Ellinor aber unterdrückte mit äußerſter Anſtrengung einen Schrei des Abſcheus. Dixon ſagte, als er die Thüre öffnete: „Es iſt gewiß nicht Gleichgültigkeit von mir; ich habe auch gewartet, bis es Ihnen beſſer gehe, jetzt aber muß es ſein, um den Mund der Leute zu ſtopfen. Sie haben ein muthiges Herz und halten Ihrem Vater zu Liebe viel aus, Gaskell Die That einer Nacht. 98 der Hand von ſich weiſt, da ich doch mit ihm ſprechen mußte, weil der Braune krank geworden iſt. Auch habe ich ſchon manchen Tag auf den Guten Morgen gewartet, den mir Ihr Vater von ſeinen Knabenjahren an immer geboten hat.— Nun, jetzt haben Sie die Beete geſehen, können den Gärtner loben und ihm ſagen, es ſei Alles nach Ihrem Wunſche geweſen. Jetzt gehen wir aber, um friſchere Luft einzuathmen, als hier herrſcht, wo einem von dem Blu⸗ menduft ganz übel wird. Da finde ich den Stallgeruch viel angenehmer, daß muß ich ſagen.“ Alſo plaudernd gab der gute alte Mann theils Ellinor Zeit, ſich zu erholen, theils vergaß er darüber ſeinen eige⸗ nen Kummer, welcher ihm ſchwer auf dem Herzen lag. Ellinor's Dank und Händedruck, als ſie an der Eingangs⸗ thüre ausſtieg, gewährten ihm reichliche Belohnung für ſeine Anſtrengung. Die einzige Unterbrechung in Ellinor's traurig öden Tagen beſtand in den Briefen, welche ſie häufig und regel⸗ mäßig von ihrem Bräutigam erhielt. Aber auch hier lag ein verborgener Stachel. Sein Erſtaunen und ſeine Ent⸗ rüſtung über Dunſter's Verſchwinden und Flucht nach Amerika kannten keine Grenzen. Seit Ellinor's Geneſung hatte er ſich einigemal ſchon mit großer Neugierde nach den Einzelheiten des Vorfalls erkundigt; denn er bezwei⸗ felte keinen Augenblick, daß ſie von Allem unterrichtet ſei⸗ Obgleich zu zartfühlend, um die Frage, welche ihm am meiſten am Herzen lag, nämlich inwiefern Mr. Wilkins' Vermögensverhältniſſe davon berührt worden ſeien, zu ſtellen, fühlte er ſich doch durch die Nachrichten, welche von Hamley nach London gedrungen waren, ſehr beun⸗ b b 99 4 ruhigt. Man ſagte nämlich, Mr. Dunſter ſei mit einer bedeutenden Summe anvertrauter Gelder, für welche na⸗ türlich Mr. Wilkins haften müſſe, durchgegangen. Ralph Corbet hätte am liebſten bei Mr. Neß oder bei Mr. Wilkins ſelbſt über dieſen Punkt Erkundigungen eingezogen, allein da er im Auguſt nach Hamley zu reiſen beabſichtigte, ſo ſuchte er ſeine Neugierde bis dahin zu be⸗ ſchwichtigen. Vor Ende der Ferien hatte er Ellinor heim⸗ zuführen gehofft, denn ſo war es im Frühjahre vor ihrer Krankheit und all dieſen Unglücksfällen beſtimmt geweſen allein jetzt ſchrieb er ſeinem Vater: es könne noch nichts mit Beſtimmtheit feſtgeſetzt werden, bis er ſich in Hamley perſönlich von Allem unterrichtet habe. Eines Sonnabends alſo, im Auguſt, kam er in Ford⸗ Bank an, denn dieſes Mal war er bei Ellinor und nicht wie früher, bei Mr. Neß zu Gaſte. Das Haus lag ruhig in der Mittagsſonne da, als Mr. Corbet vorfuhr. Alle Gardinen waren geſchloſſen, die Hausthüre ſtand weit offen, in der Eingangshalle blühten Roſen und Geranien; allein trotz der herrſchenden Stille ſchien ſeine Ankunft nicht bemerkt zu werden. Es däuchte ihm ſonderbar, daß er nicht erwartet werde, daß Ellinor ihm nicht entgegen⸗ komme und daß Fletcher, der Diener, ſein Gepäck wie das eines jeden andern Gaſtes übernehmen und ihn in das Bibliothekzimmer führe. Ralph nahm unwillkürlich eine ſteifere Haltung an, welche jedoch bei Ellinor's Anblick augenblicklich verſchwand. Das Mädchen ſtand an den Tiſch gelehnt und ſeiner in athemloſer Erwartung harrend vor ihm. Ihre Lippen und ihr früher ſo holdes Geſicht waren todtenblaß, während ihre dunkeln Augen unnatür⸗ 7* 100 lich groß ſchienen. Ihre Haare waren kurz abgeſchnitten worden, und heute hatte ſie ausnahmsweiſe ein Häubchen aufgeſetzt, welches ſtatt ſie vortheilhaft zu kleiden, wie ſie im Stillen gehofft hatte, ihr das Ausſehen einer vierzig⸗ jährigen Matrone gab. Doch ſobald er eingetreten war, übergoß eine zarte Röthe ihre blaſſen Wangen und ſie konnte ſich kaum enthalten, in Thränen auszubrechen, ob⸗ gleich ſie wohl wußte, wie unangenehm ihn jede gewalt⸗ ſame Gefühlsäußerung berühre. „O“, flüſterte ſie,„wie froh bin ich, Dich hier zu ha⸗ ben, es gibt mir ſo viel Troſt und Beruhigung!“ Unter ähnlichen zärtlichen Worten ſtreichelte ſie ſein Haar mit ihren magern Fingern. Er aber wandte die Augen ab, um zu verbergen, wie verändert er ſie gefunden habe. Als ſie ſorgfältig gekleidet zu Tiſche herabkam, erſchien ſie ihm in weit vortheilhafterem Lichte. Ihre kurzen, brau⸗ nen Haare bildeten eine Wellenlinie und die ſchwarzen Spitzen, mit welchen ſie geſchmückt waren, nahmen ſich ſehr gut aus. Ellinor trug ein ſchönes, großes, ſchwarzes Spitzentuch, ein Erbſtück von ihrer Mutter, auf einem zarten Mouſſelinekleid, ihre Wangen waren fein geröthet, wie die Heckenröschen, nur die Lippen waren blaß und er⸗ bebten oft u willkürlich. Während die Beiden Hand in Hand am Fenſter ſtanden, bemerkte er, wie krampfhaft ſie bei dem geringſten Lärm zuſammenzuckte, obgleich ſie mit anſcheinender Ruhe den Blick über den grünen, friſchge⸗ mähten Raſen hinſchweifen ließ, der ſich bis zu dem luſtig murmelnden Bächlein ausdehnte. Plötzlich fühlte er ein noch heftigeres Zucken, obgleich 101 ſein weniger ſcharfes Ohr kein Geräuſch zu vernehmen vermochte; nach einigen Minuten trat Mr. Wilkins ein. Er hieß Ralph mit herzlicher Wärme willkommen, welche theils natürlich, theils erkünſtelt ſein mochte, und ſchien in äußerſt geſprächiger Stimmung zu ſein. Ellinor be⸗ achtete er wenig oder gar nicht, ſo daß ſie ſich bald zu Miß Monro auf das Sopha zurückzog. Ralph Cor⸗ bet fand Mr. Wilkins gealtert; allein Dunſter's Betrug und Flucht, Ellinor's Krankheit und die mannigfachen Sorgen, die auf ihrem Vater laſten mußten, ſchienen ihm mehr als genügende Gründe für dieſe Veränderung zu ſein. Gern hätte ſich Ralph bei Tiſche mehr mit ſeiner Braut unterhalten, allein Mr. Wilkins leitete das ganze Geſpräch und nahm Ralph's ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch. Zudem waren die Gegenſtände der Art, daß ſich die Damen nicht daran betheiligen konnten. Mr. Corbet bemerkte die zarte Abſicht ſeines Wirths, Ellinor jegliche vermeidbare Anſtrengung zu erſparen, denn ſie hatte kaum Kraft genug, ihre Rolle als Wirthin gehörig auszu⸗ füllen. Des Vaters Geſprächigkeit wirkte niederdrückend auf Ellinor, ein Umſtand, welcher Ralph's feiner Beob⸗ achtungsgabe zwar nicht entgehen konnte, den er jedoch be⸗ greiflich fand, als er bemerkte, wie oft Mr. Wilkins ſein Glas leerte und wie raſch es Fletcher ohne irgend ein Wort oder Zeichen ſeines Herrn abzuwarten, wieder füllte. „Sechs Gläſer Sherry noch vor dem Deſſert“, dachte Corbet bei ſich,„das iſt eine ſchlechte Gewohnheit; kein Wunder, daß Ellinor ſo ernſt ausſieht.“ Als die Damen das Speiſezimmer verlaſſen hatten, bediente ſich Mr. Wilkins ſogar noch häufiger, ohne daß 102 die Klarheit ſeiner Gedanken oder die richtige Ausdrucks⸗ weiſe derſelben darunter im geringſten gelitten hätten. Da Mr. Wilkins von jeher ein ſehr gewandter Tiſch⸗ redner geweſen war, glaubte Ralph, ſein zukünftiger Schwiegervater habe ſich durch dieſes Talent zum über⸗ mäßigen Trinken verleiten laſſen. Trotzdem beneidete er Mr. Wilkins um ſeine Rednergabe, welche ihm in ſeiner Laufbahn als Advokat hätte ſo werthvoll ſein können. Mr. Corbet bemerkte jedoch bei ſeinem Wirthe nach einiger Zeit eine zunehmende Verwirrung der Gedanken und einen un⸗ natürlichen Grad von Heiterkeit, ſo daß ſich ſeine Be⸗ wunderung plötzlich in Ekel verwandelte und er aufſtand, um Ellinor und Miß Monro in dem Bibliothekzimmer aufzuſuchen. Mr. Wilkins begleitete ihn unter lautem Sprechen und Lachen. War Ellinor mit ihres Vaters Zuſtande bekannt? Ralph konnte keine Gewißheit darüber erlangen. Sie warf wohl einen ernſten, traurigen Blick auf die Eingetretenen, allein Ueberraſchung, Beſchämung oder Aerger drückten ſich nicht in ihren Zügen aus, und dennoch ſchien ihr Anblick ihren Vater ſogleich zu ernüch⸗ tern, denn er ſetzte ſich, ohne ein Wort zu reden, an das offene Fenſter und ſtieß nur von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer aus. Miß Monro nahm ein Buch zur Hand um das Pärchen nicht zu ſtören, und nach wenigen leiſe geſprochenen Worten ging Ellinor weg, um ſich zu einem Spaziergang über die Wieſen anzukleiden. Sie wanderten eine Zeit lang an dem köſtlichen, warmen Sommerabende umher, ſetzten ſich hie und da auf eine Raſenbank nieder und betrachteten die großen Schiffe, die mit ihren gerötheten Segeln träge den Fluß hinab⸗ 103 glitten, lange Spuren auf der grünen Waſſerfläche zurück⸗ laſſend. Sie ſprachen nicht viel, da Ellinor der An⸗ ſtrengung nicht fähig ſchien und ihr Bräutigam mit Erſtaunen und Widerwillen über das Benehmen von Mr. Wilkins nachdachte. Ermüdet und verſtimmt kehrten ſie nach Hauſe zurück, ohne ſich ihre Abſpannung durch den eben nicht langen Spaziergang erklären zu können. Miß Monro quälte Ellinor ſo ſehr mit Fragen über die Urſachen ihrer Er⸗ ſchöpfung, daß ſie ſich früh zurückzog. Mr. Wilkins war verſchwunden, Ralph und Miß Monro mußten daher eine Stunde zuſammen allein zubringen. Der junge Mann ſchrieb Ellinor's Mattigkeit dem Schmerze über ihres Vaters Zuſtand nach Tiſche zu und ging, da er verſchiedene Einzelnheiten von einer möglichſt unparteiiſchen dritten Perſon zu erfahren wünſchte, von Ellinor's Geſundheits⸗ zuſtand zu Erkundigungen in Betreff von Dunſter's räthſel⸗ haftem Verſchwinden über. Mit Ausnahme von Ellinor's Krankheit war Dunſter's geheimnißvolle Flucht das Lieb⸗ lingsthema von Miß Monro. Kein Menſch, erzählte die redſelige Dame, habe Mr. Dunſter geliebt, denn er habe Niemanden gerade in's Geſicht blicken können; noch am letzten Abend vor ſeinem Verſchwinden habe er eine bedeutende Summe auf der ſtädtiſchen Bank erhoben, wahrſcheinlich um ſeine Flucht zu ermöglichen. Mr. Wilkins habe dann in Erfahrung gebracht, daß wenige Tage nach Dunſter's Flucht ein ihm ganz ähnlich ſehender Mann im Hafen von Liverpool bemerkt worden ſei. Die Geſchäfte auf der Kanzlei habe er in größter Unordnung zurückgelaſſen, da er Mr. Wilkins' Vertrauen auf das * 104 ſchändlichſte gemißbraucht und ſich dann aus dem Staube gemacht habe. „Hat Dunſter denn keine Verwandten, welche Rechen⸗ ſchaft über ihn geben und das fehlende Geld erſetzen könnten?“ fragte Ralph. „Keine, gar keine. Mr. Wilkins hat nach allen Seiten hin Erkundigungen eingezogen. Er bekam einen Brief von einem Kaufmann in der City, einem Vetter von Mr. Dunſter, ſo viel ich weiß, welcher jedoch auch keine Aus⸗ kunft zu geben im Stande war. Nur erinnerte er ſich, daß Mr. Dunſter ſchon vor zehn Jahren große Luſt zur Auswanderung nach Amerika gezeigt und viele Bücher darüber geleſen habe, was man zu thun pflegt, wenn man eine Reiſe in ein unbekanntes Land beabſichtigt.“ „Zehn Jahre iſt freilich eine ſehr lange Zeit“, bemerkte Ralph lächelnd,„und beweiſt allerdings den Vorſatz zur böſen That.“ Dann ſetzte er ernſter hinzu:„Hat er viele Schulden in Hamley zurückgelaſſen?“ „Davon iſt mir nichts bekannt“, entgegnete Miß Monro zögernd. Sie betrachtete es nämlich der Familie Wilkins gegenüber als ihre Schuldigkeit, Mr. Dunſter ſo laſterhaft als möglich darzuſtellen. „Das iſt eine höchſt eigenthümliche Geſchichte“, ſagte der junge Mann nachdenklich. „Eigenthümlich keineswegs“, antwortete ſie raſch. „Ich bin überzeugt, wenn Sie den Mann mit ſeiner Glatze und den darüber gekämmten, ſpärlichen Haaren nebſt ſei⸗ nem falſchen Blick geſehen und bemerkt hätten, wie er in unbeobachteten Momenten ſich gerirte, gewiß, Sie würden die Geſchichte nicht ſonderbar finden.“ Mr. Corbet fuhr lächelnd fort: „ Ich meinte nur, daß er keinen verſchwenderiſchen, laſterhaften Gewohnheiten gefröhnt zu haben ſcheint, welche das Unterſchlagen von ſo großen Summen erklärlich machen könnten. Geld iſt freilich an und für ſich ſchon eine Ver⸗ ſuchung; als Aſſocié jedoch hätte er ſich ja Geld genug auf redliche Weiſe erwerben können. Hat Mr. Wilkins ſchon irgend welche Maßregeln ergriffen, um ihn in Amerika feſtnehmen zu laſſen? Das wäre ja ſehr leicht.“ „Wo denken Sie hin, lieber Mr. Ralph? Dazu iſt Mr. Willkins viel zu gut. Er erträgt lieber all den Kum⸗ mer, den Verluſt und die Sorgen, als daß er ſich an Dunſter rächen ſollte.“ „Als ob es ſich hier um Rache handelte! Es iſt ja nur von der einfachſten Gerechtigkeit gegen ſich ſelbſt und gegen Andere die Rede. Verbrechen müſſen beſtraft wer⸗ den, um Andere davon abzuhalten. Uebrigens bezweifle ich keinen Augenblick, daß Mr. Wilkins ſchon die nöthigen Schritte gethan haben wird. Er iſt nicht der Mann, um ſo einen Verluſt ruhig hinzunehmen.“ „Nein, gewiß nicht. Er ließ eine Ankündigung in die Times und die Provinzialblätter rücken und bot demjeni⸗ gen zwanzig Pfund Sterling, der ihm Nachrichten über Dunſter verſchaffte.“ „Zwanzig Pfund waren zu wenig.“ „Das war auch meine Anſicht. Ich ſagte zu Ellinor, daß ich ſogar gern zwanzig Pfund ausgeben würde, um Dunſter eingebracht zu ſehen. Das arme Kind antwor⸗ tete zitternd:»Ich würde Alles, mein Leben dafür hin⸗ geben.« Dann ſchluchzte ſie ſo heftig und ſchien ſo 106 ſchmerzlich bewegt, daß ich ihr verſprechen mußte, die Sache nie wieder zu berühren.“ „Armes, armes Kind! Sie bedarf dringend der Luft⸗ veränderung, denn ihre Nerven ſind noch ſehr angegriffen.“ Der nächſte Tag war ein Sonntag. Ellinor ſollte zum erſten Male ſeit ihrer Krankheit die Kirche beſuchen; ihr Vater hatte es gewünſcht. Sie ſelbſt wäre lieber zu Hauſe geblieben, ohne ſich den Grund einzugeſtehen. Es ſchien ihr, als ob ſie das Wort des allgegenwärtigen Gottes nicht ertragen könnte. Sie trat, auf den Arm ihres Bräutigams geſtützt, frühzeitig den Weg zur Kirche an und ſuchte an ſeiner Seite alle Erinnerung an die Vergangenheit zu verſcheu⸗ chen. Sie gingen langſam durch die goldenen, wogenden Saatfelder dahin. Ralph pflückte ihr ein Sträußchen Feldblumen, welche ſie trübe lächelnd an ihren Gürtel be⸗ feſtigte. Die Pfarrkirche von Hamley war größer und ſchöner, als die Kirchen von Landſtädtchen meiſt zu ſein pflegen. Der Kirchenſtuhl der Familie Wilkins befand ſich im Schiffe, der ihrer Dienerſchaft aber oben auf der Empor⸗ kirche, gerade über den Plätzen der Herrſchaft. Ellinor verſuchte ihre Ohren gegen Alles zu verſchließen, was die kaum zugeheilte Wunde wieder von neuem aufreißen konnte. Plötzlich fiel ihr Blick auf Dixon über ihr. Er ſah traurig, gealtert und mißmuthig aus, hing aber mit ſolcher Andacht an den Lippen des Geiſtlichen, als ob ihm die feierlichen Worte, welche von der Kanzel herab ertön⸗ ten, allein Kraft und Hülfe bieten könnten, ſo daß ſich Ellinor ganz beſchämt und gedemüthigt fühlte. 107 Sie verließ die Kirche in ſehr aufgeregtem Gemüths⸗ zuſtande; denn ſo entſchloſſen ſie war, ihre Pflicht zu er⸗ füllen, konnte ſie doch nicht klar werden, worin dieſelbe beſtehe. Wer war mehr im Stande, ihr mit Rath und Erfahrung zu Hülfe zu kommen, als der Mann, welchem ſie in Zukunft angehören ſollte? Allein die ganze Sachlage mußte ihm erſt ganz objectiv dargeſtellt werden; denn ſelbſt ihr Gatte durfte durch ſie nichts Nachtheiliges über ihren Vater erfahren. Ellinor war ſo ohne alle Hintergedanken, daß ſie ſich keinen Begriff von der Leichtigkeit machte, mit welcher viele Menſchen anderer Leute Abſichten durch⸗ ſchauen. Als ſie langſam mit Ralph über die Wieſen heim⸗ wärts ging, begann ſie: „Stelle Dir einmal eine Braut vor, Ralph—“ „Die kann ich mir leicht denken, wenn ich Dich an meiner Seite habe“, fiel er ein. „Nein, es iſt aber gar nicht von mir die Rede“, ent⸗ gegnete ſie heftig erröthend.„Nehmen wir an, daß dieſes Mädchen Kenntniß von einer ſchlechten Handlung erlangt hat, welche von einem ihrer Angehörigen, ihrem Bruder zum Beiſpiel, begangen worden iſt; eine Handlung, welche an und für ſich vielleicht nicht ſo verwerflich iſt, als ſie in den Augen der Welt erſcheinen muß. Iſt es in dieſem Falle die Pflicht des Mädchens, das Verhältniß zu ihrem Bräu⸗ tigam zu löſen, damit er keinen Antheil an der über der Familie ſchwebenden Schande habe?“ „Gewiß nicht, ohne ihm ihre Beweggründe wenigſtens mitzutheilen.“ „Aber geſetzt den Fall, ſie dürfte das nicht, ſie dürfte überhaupt nicht auf Einzelnheiten eingehen?“ 108 „Solche blos angenommene Fälle kann ich gar nicht beurtheilen. Um mir eine Anſicht zu bilden, müſſen mir die Thatſachen bekannt ſein, ſofern es ſich hier überhaupt um Thatſachen handelt. An wen denkſt Du denn eigentlich, Ellinor?“ fragte er in etwas verdrießlichem Tone. „Ach an gar Niemand“, antwortete ſie ängſtlich.„An wen ſollte ich denn denken? Du weißt ja wohl, wie oft ich mir vorzuſtellen ſuche, wie ich in dieſem oder jenem Falle handeln würde. So beſchäftigte mich früher öfters der Gedanke, ob ich bei einer Feuersgefahr wohl Muth und Geiſtesgegenwart zeigen würde.“ „Alſo biſt doch Du die Braut, deren mißrathener Bruder ins Unglück kommt?“ „Ja, das muß ich zugeben“, ſagte ſie einigermaßen ärgerlich, ſich trotz aller Vorſicht verrathen zu haben. Er ſchwieg nachdenklich. „Iſt da etwas Unrechtes dabei?“ fragte ſie ſchüchtern. „Ich glaube, Liebchen, es wäre beſſer, mir zu ſagen, was Du auf dem Herzen haſt“, entgegnete er milder. „Es muß etwas geſchehen ſein, was Dich bewegt, dieſe Fragen an mich zu richten. Bildeſt Du Dir ein, Du ſeiſt an der Stelle von einer dritten Perſon, von welcher Du gehört haſt? Als kleines Mädchen hatteſt Du dieſe Ge⸗ wohnheit.“ „Nein, das Ganze war ein recht alberner Einfall von mir. Ich hätte dieſe Fragen gar nicht ſtellen ſollen. Sieh, da kommt uns ja Mr. Neß entgegen!“ In Begleitung des Geiſtlichen, der herangekommen war, ſchritten ſie auf dem breiten Wege am Ufer des Fluſſes entlang, und bald nahm das Geſpräch zu Ellinor's Beruhigung einen allgemeinern Charakter an. Sie hatte ihr Geheimniß theilweiſe verrathen und ihren Zweck doch nicht erreicht, Ralph aber durch ihr Benehmen mehr noch als durch ihre Worte befremdet. Dem jungen Manne flößte Dunſter's Verſchwinden einen Verdacht ganz eigener Art ein; er war daher froh, durch die Gegenwart von Mr. Neß Zeit zum Nachdenken und Ueberlegen zu gewinnen, und er machte deshalb am nächſten Tage einen Spaziergang nach Hamley. Dort zog er auf kluge Weiſe über Dunſter's Charakter und Gewohnheiten, wie über die Vermögens⸗ verhältniſſe von Mr. Wilkins Erkundigungen ein. Die mißliche Lage derſelben wurde allgemein Dunſter's Ver⸗ untreuungen zugeſchrieben. Corbet, welcher den Hand⸗ lungen ſeiner Nebenmenſchen meiſt niedrige Beweggründe unterſchob, war in Bezug auf dieſen Punkt anderer An⸗ ſicht. Er nahm an, daß Dunſter von Mr. Wilkins gut bezahlt worden ſei, um ſich aus dem Staube zu machen, in der Vorausſetzung, daß deſſen eigene zerrüttete Geld⸗ angelegenheiten die einfachſte und natürlichſte Erklärung dadurch finden würden. Am Montag Nachmittag ſagte er zu Ellinor: „Mr. Neß hat uns geſtern in einem ſehr intereſſanten Geſpräch unterbrochen. Erinnerſt Du Dich daran, Lieb⸗ chen?“ Ellinor vertiefte ſich erröthend in eine Skizze, an wel⸗ cher ſie eben arbeitete, und ſagte: „Ja, ich erinnere mich.“ „Ich habe mir die Sache überlegt und bleibe bei mei⸗ ner Anſicht, daß das Mädchen ihren Bräutigam von der Schande in Kenntniß ſetzen ſollte, welche über ihm, das 110 heißt, über der Familie ſchwebt, in welche er eintritt. Ihre Offenheit würde ihn nur feſter an ſie ketten.“ „Aber Ralph, es wäre ja möglich, daß es ſich um etwas handelte, das ſie nicht mittheilen darf.“ „Es gibt natürlich noch vielerlei Möglichkeiten, die ich nicht alle zu beurtheilen vermag, ſo lange ſie mir unbe⸗ kannt ſind“, ſagte Ralph in etwas froſtigem Tone, welcher ſeinen Zweck vollkommen erreichte; denn Ellinor legte ihren Pinſel nieder, bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, wandte ſich nach einer kleinen Weile zu ihm und ſagte: „Ich will Dir etwas anvertrauen, unter der Bedin⸗ gung, daß Du keine weitern Fragen an mich ſtellſt. Ich bin das Mädchen, Du biſt der Bräutigam und möglicher⸗ weiſe ſteht meinem Vater Schmach und Schande bevor, wenn ein ſchreckliches Ereigniß, das ihm jedoch nicht aus⸗ ſchließlich zur Laſt gelegt werden kann, je entdeckt wird.“ Bei dieſen letzten Worten erbleichte ſie plötzlich. Ralph hatte ſo etwas erwartet, war gewiſſermaßen auf eine derartige Mittheilung vorbereitet geweſen, und dennoch fühlte er ſich dadurch jetzt ſo beſtürzt, daß er einen Augenblick das flehende Geſicht vergaß, das ſich an ihn ſchmiegte. Sobald er jedoch wieder ſeine Geiſtesgegenwart erlangte, ſchloß er ſeine Braut in ſeine Arme und ver⸗ ſicherte ſie unter zärtlichen Küſſen ſeiner Theilnahme und gelobte ihr noch innigere Liebe als bisher an. Dennoch war es ihm eine Erleichterung, als die Glocke zum Ankleiden läutete und er ungeſtört in ſeinem Zimmer über das ſo eben Gehörte nachdenken konnte. Neuntes Kapitel. Für Ralph Corbet war es eine ſchwere Aufgabe, ſeine Neugierde in den nächſten Tagen zu zügeln. Es war ihm höchſt unbehaglich, durch Ellinor's Geheimniß gleichſam von ihr getrennt zu ſein, und doch hatte er ihr verſprochen, keine weitern Fragen an ſie zu ſtellen. Auch glaubte er, mit der Zeit vergangenen Dingen auf die Spur kommen zu können, und verſuchte es zu dieſem Zwecke, Mr. Wilkins in ihren ziemlich freien, unbefangenen Geſprächen nach Tiſche auszuforſchen. Sobald jedoch der Name Dunſter erwähnt wurde, verlor Mr. Wilkins alsbald ſeine fröhliche Laune und beobachtete vorſichtiges Schweigen, indem er von Zeit zu Zeit ſeinen Gaſt mit mißtrauiſchen Blicken maß. Ellinor aber war nicht auszuforſchen und machte jeden Verſuch ihres Bräutigams zu nichte, das Geſpräch auf den gefürchteten Gegenſtand zurückzuleiten. Sie hatte ihrer Ueberzeugung nach ihre Pflicht erfüllt, und fühlte ſich in Ralph's Verſicherungen, an welche ſie ſich mit feſtem Glauben klammerte, vollkommen glücklich; ſeiner Liebe glaubte ſie ja jetzt auf alle Fälle ſicher zu ſein. Doch nahm Corbet's Verſtimmung mit jedem Tage zu, die übri⸗ 112 gens mit Ausnahme von Ellinor von Niemand bemerkt wurde, da er zu keiner Zeit heiter zu ſein pflegte und ſtets ſolche Geſpräche zu vermeiden wußte, welche ihn oder An⸗ dere zu einer Offenbarung tieferer Gefühle veranlaßt hätten. Eines Tages kündigte er ſeines Bruders bevorſtehende Heirath an, welche durch irgend ein Ereigniß in der gräf⸗ lichen Familie beſchleunigt werden ſollte. Man hatte ihm von zu Hauſe geſchrieben, daß ſeine Anweſenheit in Sto⸗ kely⸗Caſtle wünſchenswerth ſei, und daß er ſich beeilen möge heimzukehren, um einige gerichtliche Papiere durch⸗ zuſehen, welche ſeine Beiſtimmung erheiſchten. Obgleich Niemand die Nothwenigkeit ſeiner unerwar⸗ teten Abreiſe bezweifelte, gab er doch viele Gründe dafür an; denn eigentlich fühlte er ſich ſeit Ellinor's Mitthei⸗ lung ſehr unbehaglich in Ford⸗Bank. So lange ſeine Liebe zu Ellinor durch ihre Gegenwart ſtets neue Nahrung er⸗ hielt, konnte er die Zweckmäßigkeit ſeiner Entſchlüſſe nicht beurtheilen; daher glaubte er in der Entfernung unbe⸗ fangnere Anſchauungen gewinnen zu können. Ralph's ernſtes und beobachtendes Weſen hatte Mr. Wilkins höchſt unangenehm berührt. Ellinor war nach ſeiner Meinung noch zu leidend und angegriffen, um ſich verhei⸗ rathen zu können; auch hätte er die verſprochene Mitgift jetzt nicht aufzutreiben vermocht. Es war ihm daher im höchſten Grade unangenehm, einen unbeſchäftigten Men⸗ ſchen im Hauſe zu haben, der fortwährend im Blumen⸗ garten umherſpazierte und ſich das Recht anmaßte, uner⸗ wartete Fragen zu ſtellen. Ellinor allein war glücklich über Ralph's Gegenwart, als ob ſie eine Ahnung von der Zukunft gehabt hätte. Kaum war er in den Wagen ge⸗ ſtiegen, ſo flog ſie an ein Fenſter, von wo aus ſie ihm mit den Augen bis nach Hamley folgen konnte. Dann ſtieg ſie langſam hinab und ſammelte alle von ihm berührten Gegenſtände, wie Heiligthümer: die Feder, welche er ge⸗ ſchnitten, die Blume, mit welcher er geſpielt, und verſchloß alles in das Käſtchen, wo ſie von ihrer zarteſten Kindheit an ihre Schätze und Kleinodien aufzubewahren pflegte. Es war ein Beweis von Miß Monro's Menſchen⸗ kenntniß, daß ſie die Ueberſetzung einer ſchwierigen Stelle aus Dante Ellinor als Zerſtreuung vorſchlug. Das Mäd⸗ chen unterzog ſich folgſam wenn auch widerſtrebend dieſer Aufgabe, und fühlte doch nach einiger Zeit den wohlthätigen Einfluß dieſer Anſtrengung. Ralph's Familie machte alsbald die Entdeckung, daß in Ford⸗Bank nicht Alles nach Wunſch gegangen ſei; denn ſein Ausſehen und ſein ganzes Weſen ſchienen verändert. Allein weder die Schmeicheleien ſeiner Mutter noch die Liebkoſungen der Schweſtern vermochten ihm ein Wort oder einen Wink über das Vorgefallene zu entlocken. Ein⸗ mal ſagte ſein Vater nach Tiſche in ſeiner derben, offenen Weiſe, er hoffe, Ralph werde geſcheidt genug ſein, um nicht dieſem verdammten ſpitzfindigen Notar von Hamley in die Falle zu gehen. Ralph erſuchte ihn, darauf ſeine Meinung paſſender auszudrücken, da er außer Stande ſei, dieſelbe in dieſer Faſſung zu verſtehen. Nach vielem Zögern und Nachdenken ſprach endlich der alte Edelmann den Wunſch aus, ſein Sohn möge das leidige Verhältniß mit Miß Wilkins abbrechen. Ralph aber entgegnete mit größter Ruhe: ſein Vater 8 Gaskell, Die That einer Nacht. 114 ſcheine ſich nicht klar zu ſein, daß er in dieſem Falle jeden Anſpruch auf den Charakter eines Edelmanns verlieren und gewärtig ſein müſſe, gerichtlich wegen Nichteinhaltung ſeines Verſprechens belangt zu werden. Demungeachtet aber beſchäftigte ſich Ralph fortwäh⸗ rend mit dieſem Gedanken. Kurze Zeit darauf begab ſich die ganze Familie Corbet nach Stokely⸗Caſtle zum bevorſtehenden Hochzeitsfeſte. Hier verkehrte Ralph auf die vertraulichſte Weiſe mit den Großen der Grafſchaft, meiſt Kunden von Ellinor's Vater, welche dieſen kurzweg„Wilkins“ nannten, gerade wie ſie den Kammerdiener mit ſeinem Familiennamen„Simmons“ zu rufen pflegten. Die Urtheile, welche Ralph hier über ſeinen künftigen Schwiegervater hörte, waren gewiß nicht von kleinſtädtiſchem Klatſche beeinflußt, aber lauteten ebenſo wenig günſtig für Mr. Wilkins. Die Herren ſagten,„der arme Wilkins“ ſei für einen Mann in ſeiner Stellung viel zu verſchwenderiſch; er lebe, als ob er im Beſitze eines un⸗ abhängigen Vermögens wäre, was gar nicht der Fall ſei. Mitleid und Tadel ſprach ſich zugleich in dieſen Anſichten aus; auch verdachte man Mr. Wilkins die Verluſte, welche er durch die Veruntreuungen und die Flucht ſeines frühe⸗ ren Schreibers erlitten hatte. Man ſagte, die Pflicht eines Geſchäftsmannes erheiſche, daß er ſich um ſeine Angelegen⸗ heiten kümmere, ſtatt den Cavalier ſpielen zu wollen. Die Hochzeit nahm den bei dieſen Gelegenheiten gewöhn⸗ lichen Verlauf. Ein Cabinetsminiſter erhöhte ſogar durch ſeine Anweſenheit den Glanz des Feſtes. Da er mit der Familie Brabant weitläufig verwandt war, brachte er ſo⸗ gar noch einige Tage nach der Hochzeit in Stokely⸗Caſtle 115 zu. Er trat während dieſer Zeit in engere Beziehungen zu Ralph Corbet, der den lebhafteſten Antheil an politi⸗ ſchen Fragen nahm und gerade diejenigen Eigenſchaften bewunderte, auf welche ſich der Miniſter das Meiſte zu gute that. Der große Mann ſuchte immer begabte junge Leute, welche durch Rede oder Schrift ſeine Parteiinter⸗ eſſen fördern konnten. Ralph legte ſo viele Talente und politiſche Fähigkeiten an den Tag, daß der Miniſter keine Mühe ſparte, ihn an ſich zu feſſeln und beim Abſchiede die Hoffnung eines baldigen, häufigern Wiederſehens in London ausſprach. Die Ferien, welche ſich Ralph geſtattet hatte, waren bald zu Ende, doch wollte er, ehe er zu ſeinem Studium und ſeiner anſtrengenden Beſchäftigung zurückkehrte, noch einige Tage bei Ellinor zubringen und beſchloß, ſich un⸗ mittelbar vom gräflichen Schloſſe nach Ford⸗Bank zu be⸗ geben. Gleich nach dem Frühſtücke verließ er den elegan⸗ ten Landſitz der gräflichen Familie und kam noch ziemlich früh am Tage in Ford⸗Bank an. Der dortige Diener er⸗ ſchien, da er ſeine Hausarbeit noch nicht beendigt hatte, im Gegenſatz zu den feinen Lakaien in ſeinem Vaterhauſe in einer geſtreiften, ziemlich ſchmutzigen Jacke und mit zuſammengerollter Schürze an der Thüre. Da Ellinor ſich noch nicht kräftig genug fühlte, um ſelbſt für Alles Sorge tragen zu können, ſo war nicht Alles ſo ſchön und nett wie ſonſt; ſo ſtanden noch die Blumen vom vergange⸗ nen Tage gelb und verwelkt im Empfangszimmer. Ralph wurde durch dieſe unbequemen Kleinigkeiten umſo unan⸗ genehmer berührt, als er ſoeben ein bis auf das Kleinſte herab untadelhaft geordnetes Haus verlaſſen hatte. Selbſt 8* Ellinor's reizende Geſichtszüge und anmuthige Geſtalt erſchienen ihm nicht in vortheilhaftem Lichte, da ihre Fri⸗ ſur und der Schnitt ihres Kleides den neuſten Anforde⸗ rungen der Mode nicht entſprachen. Ihr etwas bürgerlich einfaches Hauskleid konnte lange nicht jenes elegante Aus⸗ ſehen beanſpruchen, an welches ſich Ralph durch den täg⸗ lichen Verkehr mit den ariſtokratiſchen jungen Damen in Stokely⸗Caſtle gewöhnt hatte. Ralph hatte ſich zwar ſtets vorgenommen, mit Gering⸗ ſchätzung auf alle unweſentlichen Dinge im Leben herab⸗ zublicken und mußte ſich über die nothwendigen Folgen beſchränkter Verhältniſſe vollkommen klar ſein; nichts⸗ deſtoweniger erſchien ihm eine Ehe unter dieſen Umſtänden täglich reizloſer. Auch trug der Umgang mit Lord Bol⸗ ton, dem Cabinetsminiſter, nicht dazu bei, ihn mit einer frühzeitigen Ehe zu verſöhnen. Als er nach London zurückgekehrt war, beſuchte Ralph häufig Lord Bolton's Haus und fand dort nicht nur eine V gewählte, geiſtig bedeutende Geſellſchaft, ſondern auch jene angenehme Einrichtung des ganzen Haushalts, welche zum ungeſtörten Genuß von Geiſt und Witz nothwendig iſt. Bei ſeinen eigenen Freunden hingegen, welche dieſelbe geſellſchaftliche Stellung wie er einnahmen und ſich zu frühzeitigem Heirathen hatten hinreißen laſſen, verurſach⸗ ten ihm die Mängel ihrer Häuslichkeit nicht geringes Un⸗ behagen. Ferner verfolgte ihn die Furcht vor der Schande, die vielleicht der Familie ſeiner Braut bevorſtand, wie ein Geſpenſt, beſonders nach durcharbeiteten oder durchſchwärm⸗ ten Nächten. Daß er das Weihnachtsfeſt in ſeiner eigenen Familie 2— 117 feiern müſſe, gab er ſeiner Braut als unabänderliche Noth⸗ wendigkeit an. Nur den Thorheiten und dem Unverſtande, welche ihm den Beſuch in ſeiner eigenen Familie ver⸗ gällten, war es zuzuſchreiben, daß er nicht ohne Verlangen und Freude den kommenden Oſterferien in Ford⸗Bank ent⸗ gegenſah. Ellinor hatte mit dem feinen Takte der Liebe ſchon bei ſeinem zweiten Beſuche erkannt, wie peinlich er durch die verſchiedenen Mängel ihres Haushaltes berührt worden ſei, und richtete ihr Beſtreben darauf, dieſelben vor ſeiner Wiederkehr abzuſtellen. Doch jetzt empfand ſie zum erſten Male in ihrem Leben Mangel an baarem Gelde. Kaum konnte ſie den Lohn der Dienerſchaft erſchwingen, und die unbezahlten Rechnungen über die Frühjahrsſämereien lagen ihr um ſo ſchwerer auf dem Gewiſſen, als ſie von Miß Monro große Pünktlichkeit in Geldſachen gelernt hatte. Auch die Launen und übeln Stimmungen ihres Vaters wurden immer ſchlimmer. Stets vermied er es, mit ihr allein zu ſein. Das Gefühl der Entfremdung, noch mehr aber das ſchreckliche Geheimniß, welches dieſelbe verur⸗ ſachte, beraubte Ellinor ihrer blühenden Jugendfriſche, deren Verluſt die Welt natürlich ihrer Krankheit zuſchrieb. Allein die Jugend macht ihre Rechte geltend, und be⸗ weiſt das durch eine gewiſſe geiſtige wie körperliche Spann⸗ kraft. Ellinor konnte manchmal jene gräßliche Nacht ſtundenlang vergeſſen. Selbſt wenn ihres Vaters abgewandtes Auge dieſelbe erneut in ihr Gedächtniß zurückrief, wußte ſie Entſchuldi⸗ gungsgründe und mildernde Umſtände anzuführen, und verſuchte Dunſter's Tod blos als die Folge eines unglück⸗ lichen Zufalls zu betrachten. Sie gab ſich alle Mühe, die fürchterliche Erinnerung ganz bei Seite zu ſchieben, nur von heute auf morgen zu leben und bei allen Vorkehrungen die Reizbarkeit ihres Vaters ſchonend zu berückſichtigen. Gern hätte Ellinor den Gegenſtand berührt, welcher ihr beiderſeitiges Zuſammenleben verbitterte; denn das ge⸗ ſprochene Wort vermochte vielleicht das Geſpenſt zu bannen, oder wenigſtens die Furcht vor demſelben zu verringern; doch ihr Vater zeigte eine ſo unabänderliche Entſchloſſen⸗ heit, auf kein Geſpräch dieſer Art einzugehen, daß das arme Mädchen ſich nur mit dem Schatten ihres frühern vertraulichen Verhältniſſes zu ihrem Vater begnügen mußte. Er hatte ſich ihr gegenüber noch nie vom Zorne hin⸗ reißen laſſen, allein öfters auf eine Weiſe geſprochen, die ſie mit Angſt und Schrecken erfüllte. Manchmal mitten in einem ſolchen aufgeregten Zuſtande fiel ſein Auge auf ihre zitternde, niedergebeugte Geſtalt; dann pflegte er wohl ſeine Aufregung mit ſo großer Anſtrengung zu dämpfen, daß er in Thränen ausbrach. Ellinor hatte keine Ahnung von der wirklichen Urſache dieſes Zuſtandes; ſie ſchrieb ihn dem allzubelaſteten Gewiſſen ihres Vaters zu, während er ſeinen eigentlichen Grund in deſſen ſtets zunehmender Trunkſucht hatte. Ellinor gab ſich alle erdenkliche Mühe, jeden Anſtoß zu vermeiden, jede Schwierigkeit zu ebnen; allein die Folge dieſer innerlichen Kämpfe mußte noth⸗ wendig eine kummervolle, trübe Stimmung ſein. Ihr ein⸗ ziger Troſt war Miß Monro, welche nicht gerade ſcharf⸗ ſinnig war und nur den Schein zu beurtheilen verſtand, an den kleinen täglichen Sorgen aber den regſten Antheil nahm, —— 1 ſo daß Ellinor keinen tiefern Einblick dieſer Dame in die Urſachen ihres Kummers zu befürchten hatte und dennoch ſich nie vergeblich um Theilnahme an ſie wandte. Zwiſchen Ellinor und Dixon beſtand noch immer das alte feſte Freundſchaftsband, obgleich ſie gewöhnlich nur über die alltäglichſten, gleichgültigſten Dinge ſprachen. Dieſem Stillſchweigen lagen jedoch vollkommen verſchie⸗ dene Gefühle von denen zu Grunde, die Ellinor von ihrem Vater trennten. Ellinor und Dixon konnten ſich nicht offen ausſprechen, weil ihre Herzen von Mitleid erfüllt waren für einen Mann, der gefehlt hatte, den ſie aber doch beide ſo innig liebten und dem ſie gern alle Achtung gezollt hätten. In dieſem Zuſtande fand Ralph Corbet das Haus, als er zu Oſtern daſelbſt eintraf. Er hätte ſich damals bereits einen Ruf als ein glänzender Geſellſchafter bei den Londoner Diners gegründet haben können; allein er wollte ſeinen Geiſt nicht mit Dingen beſchäftigen, durch die er wohl glänzen konnte, aber weiter nichts erreichte, gleichwie auch ein Feuerwerk nur Glanz gibt. Er berechnete ſeine Kräfte, concentrirte ſeine Fähigkeiten ſo viel als möglich, und beſuchte nur ſolche Häuſer, wo er Leute zu finden hoffte, welche ihm in ſeiner Laufbahn nützlich ſein konnten. Für dieſe Oſterferien war er auf einen Landſitz eingeladen geweſen, wo er manchen getroffen haben würde, der für ſein Avancement von Einfluß werden konnte; aber er lehnte die Einladung ab, um Ellinor ſein Wort zu halten und kam nach Ford⸗Bank. Unwillkürlich betrachtete er ſich jedoch als einen Märtyrer der Pflicht, und bei dieſer Anſicht über ſeine Verdienſte erbitterte ihn das gereizte Weſen ſeines Schwiegervaters, das ſogar ihm gegenüber jetzt zu Tage kam. Er fing an, ſeine frühe Verlobung zu bereuen, und da er den Gedanken nicht zurückdrängte, als er zum erſten Male aufſtieg, kehrte derſelbe immer und immer wieder und gewann ſchließlich die Oberhand. Was — ſo überlegte er bei ſich— ſollte damit erreicht werden, wenn er Ellinor wirklich treu blieb? Er würde eine kränk⸗ liche Frau bekommen und dadurch noch außergewöhnliche Ausgaben in ſeinem Hausſtande zu tragen haben. Er würde ein Schwiegerſohn eines Mannes werden, deſſen Namen im beſten Falle nur in der Provinz einen guten Klang hatte, und der obendrein täglich durch ſeine herab⸗ würdigenden Gewohnheiten an öffentlicher Achtung ein⸗ büßte. Dazu bezweifelte er, bei dem offenbaren Umſchlag in den Geldverhältniſſen der Familie, ob Ellinor ihr am Tage der Heirath zahlbares Vermögen auch wirklich er⸗ halten würde. Ueber und um dieſe Bedenken lagerte ſich noch der Schatten eines verhehlten Unrechtes, das eines Tages ans Licht kommen und auch ihn mit Schande be⸗ decken konnte. Er glaubte dieſer möglichen Schmach genau auf die Spur gekommen zu ſein, und war überzeugt, ſie beſtände darin, daß Dunſter's Verſchwinden nach Amerika ein mit Mr. Wilkins ausgemachter Plan geweſen ſei. Obwohl Ralph Corbet fähig war, ſeinen Schwiegervater eines ſo niedrigen Verbrechens zu beſchuldigen, ſo war doch eben die Art dieſes Verbrechens ihm ganz beſonders widerlich; denn er ſah voraus, daß jeder Name, der, wenn auch nur zufällig, in Verbindung mit dieſer Schelmerei gebracht würde, dadurch für immer einen Makel davon⸗ trüge. Nachts wälzte er ſich ſchlaflos im Bette und über⸗ 121 legte ſich das Alles. Von dieſen Gedanken gepeinigt, be⸗ dauerte er bitterlich die ganze Vergangenheit, die ihn mit Ellinor in Verbindung gebracht, von der Zeit an, da er ſeine Studien bei Mr. Neß begann bis zum heutigen Tage. Aber wenn er morgens herunter kam und die ver⸗ blühte Ellinor bei ſeinem Eintritte in das Speiſezimmer wieder zu vorübergehender Schönheit erglühte; wenn ſie ſich ihm erröthend näherte, um ihm eine für ihn gepflückte Blume ins Knopfloch zu ſtecken, da fühlte er wohl ſein beſſeres Ich über die Verſuchung Herr werden, und be⸗ mühte ſich als ehrenhafter Mann, ſeine aus Ehrgeiz her⸗ vorgehenden Wünſche zu beſiegen. Im Laufe des Tages wurde aber die Verſuchung wie⸗ der ſtärker. Mr. Wilkins erſchien, und ſo lange er an⸗ weſend war, ſchien Ellinor ſtets ganz in ihm aufzugehen, obwohl dieſer ſo gut als gar nicht auf ihre Aufmerkſam⸗ keiten achtete, ſondern ſtets nur über das Eſſen zu klagen pflegte, das nicht für den kranken Gaumen eines Mannes paßte, der Abends zuvor ſtark getrunken hatte. Zuweilen dehnten ſich die Klagen auch auf Dienſtboten aus, deren Mängel und Unfähigkeit auf dieſe Weiſe ſtets vor Ralph's Augen gebracht wurden. Dieſer hätte mit Freuden auf jedes Frühſtück verzichtet oder hätte ſich mit trockenem Brode begnügt, wenn er dadurch ein geiſtig anregendes Geſpräch erkauft hätte, anſtatt die feinſten Leckerbiſſen zu genießen und die Schwierigkeit von deren Zubereitung be⸗ ſtändig in nicht feiner Weiſe vor ſich erörtert zu hören. Am Schluſſe eines ſolchen Frühſtücks ſah Ellinor immer um zehn Jahr älter aus und ihre Friſche war für den Tag dahin. —-—-— 8 Ralph fand es auch mit der Zeit ſchwierig, ſeinen Geiſt zu ihren kleinen häuslichen Intereſſen herabzuſtim⸗ men; außerdem hatte ſie ihm nicht viel zu ſagen, da er alle ihre Fragen über ihn und ſeine Lebensweiſe kurz be⸗ antwortete und es müde war, eine Liebe zu betheuern, die er nicht mehr empfand. Sie hatte nur alte claſſiſche Werke in letzter Zeit geleſen, deren Werth zu ſehr anerkannt war, als daß ſich darüber viel ſtreiten ließ; die Armen, an denen ſie Antheil nahm, waren ganz brave Leute, und wäre ihr Schickſal als Beleg für irgend eine ſociale Theorie beſprochen worden, ſo hätte der Gegenſtand Intereſſe für ihn gehabt, ſo aber war es ihm lang⸗ weilig, täglich von Betty Palmer's Rheumatismus und von den Unpäßlichkeiten des kleinen Kay hören zu müſſen. Ueber Politik konnte man auch nicht mit Ellinor reden, denn ſie war darin ſo unwiſſend, daß ſie zu Allem nichts weiter als Ja ſagte. So kam es, daß ihm das zweite Frühſtück in Miß Monro's Geſellſchaft als angenehme Abwechſelung nach ſeinem einförmigen téte-A-téte mit Ellinor erſchien. Dann kam der Spaziergang, deſſen Ziel gewöhnlich die Stadt war, wo man Mr. Wilkins auf ſeinem Bureau abholte. Einige Male war es ziemlich augenſcheinlich, womit Letz⸗ terer ſeine Zeit hingebracht hatte. Beſonders eines Tages war beim Nachhauſegehen ſein Gang ſo unſicher, ſeine Zunge ſo ſchwer, daß Ralph ſich nicht genug über Ellinor's Blindheit wundern konnte, die von Allem nichts merkte und nur wegen des Kopfwehs, über das ihr Vater klagte, beſorgt war. Eben an jenem Nachmittage wollte es das Unglück, daß der Herzog von Hinton und ein anderer Be⸗ —— 123— kannter Ralph's in dem Augenblicke vorüberritten und ihn erkannten, wo Letzterer den Betrunkenen mit ſo ſicht⸗ licher Theilnahme führte, daß die Herren daraus auf die genaue Bekanntſchaft ſchließen mußten. Corbet ſchäumte innerlich vor Wuth auf dem ganzen Heimwege nach dieſer unglücklichen Begegnung, und war gründlich verſtimmt, als man Ford⸗Bank erreichte; allein er beſaß zu viel Selbſtbeherrſchung, um ſeinen Aerger deutlich zu zeigen. Er bog nach den Baumgärten ab und überließ es Ellinor, ihren Vater in ſein ſtilles Zimmer zu bringen, wo er ſein Kopfweh los werden ſollte. Ralph ging weiter und überlegte in düſterer Stimmung, was zu thun ſei, und wie er ſich von dieſem unſeligen Ver⸗ hältniß losmachen könnte. Ehe er ſichs verſah, fühlte er, wie eine kleine Hand ſich zwiſchen ſeine übergeſchlagenen Arme ſchob und Ellinor's ſanfte traurige Augen zu ihm aufblickten. „Ich habe Papa gebeten, ſich eine Stunde niederzu⸗ legen, um vor dem Eſſen auszuruhen“, ſagte ſie.„Sein Kopfweh ſcheint heute ſehr ſchlimm zu ſein.“ Ralph blieb ſtill und theilnahmlos; am liebſten hätte er ihr ſeinen Aerger entgelten laſſen, konnte aber ihrem ſanften vertrauensvollen Geſicht gegenüber kein hartes Wort über die Lippen bringen. „Erinnerſt Du Dich unſers Geſprächs von vorigem Herbſte, Ellinor?“ ſagte er endlich. Sie ſenkte den Kopf und ſetzte ſich ſtill auf eine Gartenbank in der Nähe.„Es war die Rede von einer möglichen Schande, die auf Euch fallen könnte. Iſt dem noch immer ſo?“ r. „Ja!“ flüſterte ſie mit einem tiefen Seufzer. ——ℳ 124 „Und Dein Vater weiß natürlich davon?“ Ein„Ja!“ erklang in demſelben Tone. „Ich glaube, dies Bewußtſein drückt ihn“, ſagte Ralph endlich beſtimmt. „Ich fürchte es auch“, erwiderte ſie leiſe, ohne ihn an⸗ ſehen zu können. „Ich wollte, Du ſagteſt mir, worum es ſich eigentlich handelt“, ſagte er etwas ungeduldig.„Ich könnte Euch vielleicht helfen. „Nein, das könnteſt Du nicht“, ſagte Ellinor.„Ich war in den Tod betrübt, Dir nur ſo viel geſagt zu haben. Hülfe brauche ich nicht. Alles das iſt vorüber. Allein ich wünſchte Deine Anſicht zu erfahren, ob Du meinſt, daß ein Mädchen in meiner Lage gerechtfertigt iſt, ſich mit Jemandem zu verheirathen, der nicht weiß, was möglicher⸗ weiſe geſchehen kann, was aber hoffentlich nicht geſchehen wird.“ „Aber wenn ich nicht weiß, wovon Du ſo geheimniß⸗ voll redeſt, dann bin ich ja in der Lage des nicht wiſſen⸗ den Mannes, von dem Du ſagteſt, Du fändeſt es unrecht, ihn zu heirathen. Warum ſagſt Du mir nicht friſchweg, worum ſichs handelt?“ Unwillkürlich verrieth ſich ſeine Gereiztheit in ſeinem Ton und Weſen. Sie lehnte ſich etwas vorwärts und blickte ihm gerade ins Geſicht, als wollte ſie den tiefſten Grund ſeines Herzens erforſchen. Dann ſagte ſie im ruhigſten Tone:. „Du willſt unſere Verlobung abbrechen.“ Er erröthete und war augenblicklich empört.„Unſinn; weil ich eine Frage ſtelle und eine Bemerkung mache? Ich — — — —,— — — 125 glaube, Deine Krankheit hat Dich etwas phantaſtiſch ge⸗ macht, Ellinor. Was ich ſagte, verdient doch gewiß nicht eine ſolche Auslegung. Habe ich nicht im Gegentheile die Tiefe und Aufrichtigkeit meiner Neigung bewieſen, indem ich feſt zu Dir hielt, trotz— trotz aller Hinderniſſe?“ Er wollte ſagen:„trotz des ermüdenden Widerſtrebens meiner Familie“, allein er hielt inne; denn er wußte wohl, daß eben die Abneigung ſeiner Mutter ihn in ſeinem eige⸗ nen Willen beſtärkt hatte, und auch jetzt noch ſcheute er ſich, ihr zu ſagen, wie ſehr alle ſeine Freunde dieſe unkluge Verbindung mißbilligten. Ellinor blickte ſchweigend über die Gefilde hinweg in die Ferne hinaus; dann legte ſie ihre Hand in die ſeinige mit den Worten:„Ich vertraue Dir feſt, Ralph. Es war unrecht von mir, an Dir zu zweifeln. Du haſt recht, ich bin phantaſtiſch und einfältig geworden.“ Er wußte nicht recht, was er antworten ſollte; denn ſie hatte genau ſeine Gedanken errathen, als ſie ſo for⸗ ſchend in ſein Geſicht blickte. Allein er liebkoſte und be⸗ ruhigte ſie mit unzuſammenhängenden Worten, wie Liebende in ſolchen Fällen pflegen. Bald begaben ſie ſich nach Hauſe. Als ſie das Haus erreichten, verließ ihn Ellinor, um nach ihrem Vater zu ſehen. In ſeinem Zimmer angelangt, ärgerte ſich Ralph ſowohl über das, was er geſagt, als über das, was er nicht geſagt hatte. Weder er noch Mr. Wilkins waren guter Laune bei Tiſche, und in ſolcher Stimmung bedarf es nur eines ge⸗ ringfügigen Anlaſſes, um dem drohenden Sturm eine be⸗ ſtimmte Richtung zu geben. So lange Ellinor und Miß —õõꝛ—Q—ẽõ Monro im Speiſezimmer waren, blieb der Frieden unge⸗ ſtört; die Damen plauderten unaufhörlich über die klei⸗ nen Ereigniſſe ihres täglichen Lebens mit einer gewiſſen Ahnung, daß die Herren ſich etwas Unangenehmes ſagen könnten, falls eine Pauſe im Geſpräche einträte. Sobald Ralph die Thüre hinter den Damen zugemacht hatte, begab ſich Mr. Wilkins an das Buffet und nahm eine Flaſche heraus, die zuvor nicht auf den Tiſch geſetzt worden war. „Nehmen Sie ein wenig Cognac?“ fragte er mit ſchein⸗ barer Sorgloſigkeit, indem er ein Weinglas vollgoß.„Es iſt ein vortreffliches Mittel gegen Kopfweh, und dieſes häßliche ſchwüle Wetter hat mir einen quälenden Kopf⸗ ſchmerz verurſacht.“ „Das thut mir leid“, ſagte Ralph,„denn ich hatte dringend über Geſchäfte mit Ihnen zu ſprechen,— bezüg⸗ lich unſerer Heirath nämlich.“ „Nun! Sprechen Sie immer zu, ich bin vollſtändig bei klaren Sinnen, wenn Sie das meinen.“ Ralph verbeugte ſich etwas verächtlich. „Was ich zu ſagen wünſchte, iſt, daß mir viel daran liegt, Alles zu meiner Heirath im Auguſt in Bereitſchaft zu haben. Ellinor iſt wieder ganz hergeſtellt, und wir können überzeugt ſein, daß ihr das Londoner Leben nicht mehr ſchaden wird.“ Mr. Wilkins ſah ihn eine Weile ſtarr an, ohne zu ſprechen.„Ich kann aber natürlich den Contract aufſetzen laſſen, worin Sie ſich verpflichten, eine beſtimmte Summe von Ellinor's Vermögen zu den im Contracte genannten Zwecken vorzuſchießen, wie wir es voriges Jahr aus⸗ machten, als ich hoffen durfte, bereits im verfloſſenen Auguſt heirathen zu können.“ Ein Gedanke durchſchoß jetzt das verwirrte Gehirn von Mr. Wilkins, nämlich der, daß er die verlangte Summe nicht bezahlen konnte, ohne ſeine Zuflucht zu Geldverleihern zu nehmen, welche bereits Schwierigkeiten machten und ihm für ſein letztes Anleihen Wucherzinſen angerechnet hatten. Er war unklug genug, die verlangte Summe herabſetzen zu wollen. Es war unklug, weil er Ralph zu genau kannte, um zu glauben, dieſer würde in eine Verringerung der Summe willigen, ohne daß ihm ein guter Grund dafür angegeben oder das gegenwärtige Opfer durch Verſprechungen erſetzt würde. Allein durch den Wein abgeſtumpft, dachte er vielleicht, er habe einen ge⸗ nügenden Grund in Händen, denn er ſagte: „Sie müſſen mich nicht drängen, Ralph. Dieſes Verſprechen gab ich, ehe ich genau wußte, wie es mit mei⸗ nem Vermögen ſtand.“ „Sie meinen wohl, ehe Dunſter verſchwand?“ ſagte Corbet, indem er ſeinen feſten durchdringenden Blick auf Mr. Wilkins richtete. „Ja, genau ſo— ehe Dunſter—“ murmelte Wilkins, wurde roth und verwirrt und endigte ſeinen Satz nicht. „Beiläufig geſagt“, ſprach Ralph, in der Hoffnung, durch anſcheinende Gleichgültigkeit etwas über jenes Ge⸗ heimniß beim gegenwärtigen Zuſtande ſeines Schwieger⸗ vaters zu erfahren und dann vielleicht die Gefahr von ſich und Andern abzuwenden,„beiläufig geſagt, haben Sie jemals etwas gehört von jenem Dunſter, ſeitdem er ſich davon machte— nach Amerika war es ja wohl?“ 123 Die augenblickliche Veränderung, welche dieſe Frage in Mr. Wilkins hervorbrachte, raubte auch Ralph die Selbſtbeherrſchung. Beide fuhren in die Höhe; Wilkins blaß, zitternd und einzelne Worte ſtammelnd, ohne jedoch einen hörbaren Satz herauszubringen. „Guter Gott! Sir, was gibt es?“ ſagte Ralph, durch dieſe Anzeichen körperlichen Leidens geängſtigt. Wilkins ſetzte ſich, und wies ſeine Annäherung zurück, ohne zu ſprechen.. „Es iſt nichts; nur dieſer Kopfſchmerz, der mich zu Zeiten quält. Sehen Sie mich nicht ſo ſonderbar an, Sir! Es iſt ſehr unangenehm, anderer Leute Augen ſo beſtändig auf ſich gerichtet zu ſehen!“ „Ich bitte um Entſchuldigung“, ſagte Ralph kalt, und ſeine an ſich nicht große auf dieſe Weiſe zurückgewieſene Theilnahme verwandelte ſich wieder in Neugierde. Allein er wartete einige Minuten, ehe er es wagte, das Geſpräch wieder aufzunehmen. Während er noch zögerte, ſchob Mr. Wilkins die Branntweinflaſche neben ſich, füllte abermals ſein Glas und goß das Getränk hinab wie Waſſer. Dann ſuchte er Corbet mit einem möglichſt durchdringenden Blick gerade ins Geſicht zu ſchauen, allein dieſer Blick war ſehr verſchieden von dem klugen beobachtenden Auge Ralph's, das ihm bis in die Seele zu dringen ſuchte. „Worüber ſprachen wir doch eben?“ fragte Ralph end⸗ lich, ſo natürlich, als hätte er wirklich die Sache ganz ver⸗ geſſen. „Ueber etwas, worüber Sie Ihre verdammte Zunge am beſten im Zaume halten“, brummte Wilkins mit grober Stimme. 129 „Sir!“ ſagte Ralph, und fuhr diesmal in wirklicher Leidenſchaftlichkeit empört auf. „Ja“, fuhr Wilkins fort,„ich werde meine eigenen Angelegenheiten ſelbſt ordnen und keine Einmiſchung und keine Frage dulden. So ſagte ich bereits einmal früher, man hörte mich damals nicht an und es hat Unheil ge⸗ geben; und nun ſage ich es abermals. Wenn Sie aber nur hierherkommen, um unverſchämte Fragen zu ſtellen und mich halbe Stunden lang anzuſtarren, ſo gehen Sie je eher je lieber!“ Ralph wandte ſich bereits, um ihn beim Worte zu nehmen und ſofort wegzugehen; dann aber wollte er um Ellinor willen noch eine letzte Gelegenheit zur Verſtändigung geben. Nicht ſehr verſöhnlich ſagte er: „Sie haben zu viel von dem Zeug da getrunken, Sir. Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen. Wäre dem nicht ſo, ich würde Ihr Haus ſofort verlaſſen, um niemals mehr zu⸗ rückzukehren.“ „So, glauben Sie das?“ ſagte Mr. Wilkins, indem er den Verſuch machte, aufzuſtehen und nüchtern und würde⸗ voll auszuſehen.„Ich ſage Ihnen, Sir, wenn Sie jemals wieder wagen, ſo zu reden und mich ſo anzuſehen wie heute Abend, nun, Sir, dann werde ich die Klingel ziehen und Sie durch meine Dienſtboten hinausweiſen laſſen. Laſſen Sie ſich das geſagt ſein, mein feiner Burſche!“ Er ſetzte ſich und lachte trunken und albern vor ſich hin. Den nächſten Augenblick ward ſein Arm feſt aber ſanft von Ralph erfaßt. „Hören Sie mich an, Mr. Wilkins“, ſagte dieſer mit leiſer heiſerer Stimme.„Sie werden mir niemals wieder 9 Gaskell, Die That einer Nacht. ſagen, was Sie mir heute Abend geſagt haben. Von nun an ſind wir geſchiedene Leute. Was Ellinor betrifft“— hier wurde ſeine Stimme weicher und er ſeufzte unwill⸗ kürlich—„ſo glaube ich nicht, daß wir zuſammen glücklich geweſen wären. Ich glaube, wir haben uns zu früh ver⸗ lobt, um uns ſelbſt zu kennen; allein ich hätte meine Pflicht gethan und ihr mein Wort gehalten. Sie, Sir, haben jedoch unſere Verbindung durch Ihre Unverſchämtheit heute Abend unmöglich gemacht. Ich ſoll von Ihren Leu⸗ ten zum Hauſe hinaus gewieſen werden? Ich, ein Corbet von Weſtley, der ſich ſolche Drohungen von keinem Pair des Reichs gefallen ließe, und wenn er noch ſo betrunken wäre?“ Er hatte das Zimmer und das Haus verlaſſen, ehe ſeine Worte verklungen waren. Mr. Wilkins blieb ſitzen, erſt wüthend und ergrimmt, dann erſtaunt und zuletzt bis zur Nüchternheit entſetzt. „Corbet! Corbet! Ralph!“ rief er umſonſt; dann ſtand er auf, ging an die Thüre, öffnete ſie und blickte in den hellerleuchteten Flur. Hier war Alles ſo ruhig, daß er die ſanften Frauenſtimmen aus dem Wohnzimmer ver⸗ nahm. Er dachte einen Augenblick nach, ging zum Hut⸗ geſtell und vermißte Ralph's Strohhut. Dann ſetzte er ſich aufs neue ins Speiſezimmer und ſuchte ſich die Ereigniſſe des Abends zu vergegenwärtigen; allein er konnte nicht glauben, daß es wirklich Corbets letzter Entſchluß geweſen ſei, ſeine Verbindung mit Ellinor abzubrechen, und hatte ſich beinahe wieder in ſeine frühere Entrüſtung über deſſen Unverſchämtheit hineingearbeitet, als Ellinor blaß, eilig und ängſtlich an der Thüre erſchien. — — 131 „Papa, was ſoll das bedeuten?“ ſagte ſie, indem ſie ein offenes Billet in ſeine Hand legte. Er ſetzte ſein Glas hin, aber ſeine Hand zitterte ſo ſehr, daß er das Geſchrie⸗ bene kaum leſen konnte. Das Briefchen kam aus dem Pfarrhauſe und war an Ellinor gerichtet. Es beſtand nur aus drei Zeilen, welche der Bediente von Mr. Neß beim Abholen von Ralph's Gepäck abgegeben hatte. Der Brief lautete alſo: „Liebe Ellinor! Zwiſchen Deinem Vater und mir ſind Worte gefallen, welche mich genöthigt haben, Euer Haus zu verlaſſen, um, wie ich fürchte, niemals dahin zu⸗ rückzukehren. Ich werde morgen das Nähere ſchreiben. Aber gräme Dich nicht allzuſehr, denn ich bin und war Deiner nicht würdig. Gott ſegne Dich! meine liebſte Nelly, ob⸗ wohl ich Dich zum letzten Male ſo nenne. R. C.“ „Papa, was iſt das?“ ſchrie Ellinor, die Hände rin⸗ gend, während ihr Vater ſtill daſaß und abweſend ins Feuer ſtarrte, nachdem er den Brief geleſen hatte. 3 „Ich weiß es nicht!“ ſagte er, indem er mitleidig zu ihr aufblickte.„So iſt die Welt. Alles iſt verkehrt ge⸗ gangen, bei mir und den Meinigen; aber es ging ſchon verkehrt vor jener Nacht: das kann es alſo nicht allein ſein; wie meinſt Du, Ellinor?“ „O Papa!“ ſagte ſie, kniete neben ihm nieder und ver⸗ barg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt. Er ſchlang den Arm um ſie.„Früher, wo ich als Knabe in Eton war, las ich von Oreſt und den Furien, und dachte, es ſei Alles Erfindung. O Du armes, mutterloſes Mäd⸗ chen!“ ſagte er und legte die andere Hand auf ihr Haupt, mit der liebkoſenden Bewegung, mit der er ſie als kleines 9* Kind zu berühren pflegte.„Haſt Du ihn denn ſo ſehr lieb gehabt, Nelly?“ flüſterte er, ſeine Wange an der ihrigen. „Du warſt zu gut für ihn. Er hat irgendwie gemerkt, daß etwas nicht richtig iſt, und war ſehr neugierig; ja, ich kann wohl ſagen, er ſuchte mich auszuforſchen.“ „O Papa, ich fürchte, daran bin ich ſchuld. Ich ſagte früher einmal etwas von einer möglichen Schande.“ Er ſtieß ſie weg, ſtand auf, blickte ſie mit weit offenen Augen an, halb aus Furcht, halb aus Wuth, wie ein ge⸗ hetzter Hirſch, der ſich zum Kampfe ſtellt. Er achtete nicht darauf, daß ſeine heftige Bewegung ſie faſt zu Boden ge⸗ worfen hätte. „Du, Ellinor, Du, Du—“ O lieber, lieber Vater, höre mich an!“ ſagte ſie, indem ſie ſich an ihn ſchmiegte und ſeine Knie umfaßte: „Ich ſprach davon, wie von einem möglichen Falle, der andere betreffen könnte; allein er wendete es gleich auf mich an, und fragte, ob die Schande mich bedrohe; ich vergaß Deine Worte, und was konnte ich ſagen?“ „Irgend etwas, um ihn von der Spur abzubringen. Gott ſtehe mir bei, ich bin verloren— mein eigenes Kind verräth mich!?! Ellinor ließ ſeine Knie los und bedeckte ihr Geſicht. Heute zielte Alles nach ihrem armen Herzen. Bald dar⸗ auf ſprach ihr Vater: „Ich weiß nicht, was ich ſage— das geſchieht mir jetzt oft. Ellinor, Du mußt mir vergeben, mein Kind!“ Er beugte ſich nieder und hob ſie auf, ſetzte ſich aufs neue und nahm ſie auf ſeine Knie, indem er ihr die Haare aus der heißen Stirne ſtrich.„Bedenke Kind, wie elend ich bin, und habe Du Mitleid mit mir. Er verzieh mir nicht, und doch muß er gemerkt haben, daß ich getrunken hatte.“ „Getrunken, Papa!“ ſagte Ellinor, indem ſie mit trau⸗ rigem Erſtaunen zu ihm aufblickte. „Ja, jetzt trinke ich oft und ſuche darin Vergeſſenheit“, ſagte er verlegen und erröthend. „O wie elend ſind wir!“ rief Ellinor und brach in Thränen aus.„Wie ſehr elend! Iſt es doch, als hätte Gott uns ganz verlaſſen.“ „Still, ſtill!“ rief er.„Deine Mutter erzählte mir einmal, daß ſie Gott täglich darum bitte, Du möchteſt fromm werden. Du mußt nun auch fromm ſein, Kind, denn ſie betete fort und fort darum!— Arme Läticia, wie froh bin ich, daß Du todt biſt!“ Er fing an zu weinen wie ein Kind. Ellinor tröſtete ihn mehr mit Liebkoſungen als mit Worten. Nach einer Weile ſtieß er ſie weg und fragte in ſcharfem Tone: „Was weiß er? Ich muß das wiſſen. Wie viel haſt Du ihm geſagt, Ellinor?“ „Nichts, gewiß nichts, Papa, als was ich Dir ſoeben geſagt habe!“ „Sage es mir noch einmal, und zwar wörtlich!“ „Gern, ſo gut ich's kann; es war aber ſchon im vori⸗ gen Auguſt. Ich ſagte nur: Hat ein Mädchen das Recht, ſich zu verheirathen, wenn ſie weiß, daß eine Schande ſie erwartet, von der der Bräutigam nichts ahnt 25 „War das Alles, gewiß?“ „Ja; er wendete den Fall unmittelbar auf mich— auf uns an.“. 134 „Und verlangte er nicht zu wiſſen, worin dieſe Schande beſtehe?“ „Ja doch.“ „Sagteſt Du ſie ihm?“ „Nein, kein Wort mehr. Er kehrte heute im Garten zu dem Gegenſtande zurück, allein ich ſagte ihm nichts weiter. Du glaubſt mir doch, Papa, nicht wahr?“ Er preßte ſie an ſich, ohne zu ſprechen. Dann nahm er den Brief wieder auf und las ihn ſo ſorgfältig, als ſein Zuſtand es ihm erlaubte. „Nelly“, ſagte er endlich:„Er ſagt die Wahrheit; er iſt nicht gut genug für Dich. Er fürchtet ſich vor der Schande. Du mußt allein ſtehen und die Sünden Deines Vaters tragen.“ Er bebte ſo ſehr bei dieſen Worten, daß Ellinor ihre eigenen Schmerzen vergaß und nur daran dachte, daß ſie ihren Vater zu Bette bringen müſſe. Sie blieb bei ihm ſitzen, bis er einſchlief; dann erſt konnte ſie ihn verlaſſen, um in ihrem eigenen Zimmer Ruhe und Vergeſſen zu ſuchen. Zehntes Kapitel. ᷓ́ꝙꝶ Ralph Corbet war für die zwei alten Dienſtboten im Pfarrhauſe ein ſo wohlbekannter Gaſt, daß ſie trotz der ſpäten Stunde und der Abweſenheit des Hausherrn, wel⸗ cher verreiſt war, ſofort das leere Gaſtzimmer zu ſeiner Aufnahme bereit machten. Während man daſſelbe herrichtete, ſchickte Ralph nach Ford⸗Bank, um ſein Gepäck abholen zu laſſen, und gab dem Boten ſeinen Brief an Ellinor mit. Der eigentliche Abſagebrief mußte jedoch noch abgefaßt werden, und er brachte beinahe die ganze Nacht darüber zu, indem er ſich darin wohl genügend ausſprechen, aber nicht zu viel ſagen wollte. Sein Brief lautete alſo: Theuerſte Ellinor! Du biſt mir theuer und werth und wirſt es auch ſtets bleiben. Mein Verſtand zwingt mich aber zu einem Schritte, der mich mit unendlichem Schmerze erfüllt, viel mehr, als Du Dir es nur denken kannſt. Ich habe die volle Ueberzeugung erlangt, daß wir uns trennen müſſen; 136 denn es ſind ſeit unſerer Verlobung Verhältniſſe einge⸗ treten, deren Natur ich zwar nicht kenne, die aber ſchwer auf Dir laſten und die das Benehmen Deines Vaters gegen mich ſtark beeinflußt haben. Ja! nach dem heutigen Abend kann ich ſogar ſagen, ſie haben ſeine Gefühle für mich gänzlich verändert. Worin dieſe Verhältniſſe be⸗ ſtehen, weiß ich nicht; nur ſo viel iſt mir bekannt, daß ſie zu einer künftigen Schande führen können. Es mag ein Fehler oder eine Charaktereigenthümlichkeit von mir ſein, aber ich ſehe einen fleckenloſen Namen für das höchſte Gut auf Erden an und ſtrebe vor allen Dingen danach, einen ſolchen zu bewahren. Du magſt mich ob meiner Schwachheit tadeln, allein es iſt nun einmal ſo; ich werde nie etwas dulden, was ſich zwiſchen mich und dieſes mein Lebensziel eindrängt. Die bloße Furcht vor einem ſolchen Hinderniß würde meine Kraft lähmen; ich würde reizbar werden, und trotz meiner innigen Liebe zu Dir könnte ich Dir unter dieſen Umſtänden kein friedliches, glückliches Leben verſprechen. Ich würde fortwährend von dem Ge⸗ danken an das, was mir bevorſteht, verfolgt werden. Da⸗ von bin ich umſo mehr überzeugt, ſeitdem ich die Verän⸗ derung in dem Weſen Deines Vaters wahrgenommen habe, eine Veränderung, welche ich zurückverfolgen kann bis zu der Zeit, wo meiner Vermuthung nach jene geheim⸗ nißvollen Ereigniſſe vorgefallen ſind, auf welche Du an⸗ ſpielteſt. Kurz, meine liebe Ellinor, um Deinetwillen noch mehr, als um meinetwillen, ſehe ich mich genöthigt, den Worten Deines Vaters Folge zu leiſten und ſein Haus für immer zu verlaſſen. Gott ſegne Dich, meine liebe Ellinor, zum letzten Male, meine Ellinor. Suche ſobald 13 als möglich das unglückſelige Band zu vergeſſen, das Dich einige Zeit lang an Jemand feſſelte, der ſo wenig geeignet, oder ich ſollte wohl ſagen, ſo wenig würdig war, der Dei⸗ nige zu heißen, wie Ralph Corbet.“ Ellinor war eben mit dem Zubereiten des Frühſtücks beſchäftigt, als man ihr dieſen Brief übergab. Der Diener fragte, ob er eine Antwort bekomme. Ellinor ging ans Fenſter, um denſelben zu leſen, während der Diener an der Thüre wartete. Sie ging an den Schreibtiſch und ſchrieb: „Es iſt recht ſo— ganz recht. Ich hätte ſchon vorigen Auguſt daran denken müſſen. Ich glaube nicht, daß Du mich leicht vergeſſen wirſt— mache Dir in Zukunft nie⸗ mals Vorwürfe, darum flehe ich Dich. Ich hoffe, Du wirſt glücklich ſein und in der Welt weit kommen. Ich werde Dir wohl nie mehr ſchreiben dürfen, aber ich werde Dich nie vergeſſen. Papa bedauerte geſtern Abend, ſo heftig gegen Dich geweſen zu ſein. Du mußt ihm ver⸗ zeihen.— Wir bedürfen alle der Verzeihung in dieſer Welt. Ellinor.“ Sie ſchrieb langſam einen Satz nach dem andern nie⸗ der, um dieſe letzte Freude wenigſtens zu verlängern. Dann ſetzte ſie ſich und wartete auf Miß Monro, welche des Abends zuvor zu Bette gegangen war, ohne Ellinor's Rückkehr aus dem Speiſezimmer abzuwarten. „Ich komme ſpät, liebes Kind“, ſagte Miß Monro, „allein ich habe ſtarkes Kopfweh und wußte Sie in guter Geſellſchaft.“ Dann blickte ſie umher und bemerkte Ralph's Ab⸗ weſenheit. „Iſt Mr. Corbet noch nicht heruntergekommen?“ rief ſie. Und nun mußte ihr Ellinor die Begebenheiten, welche doch bald bekannt werden mußten, kurz erzählen, daß Corbet und ſie übereingekommen ſeien, ihre Verbindung abzu⸗ brechen; daß Corbet deshalb ins Pfarrhaus gegangen ſei, und daß ſie ihn nicht mehr in Ford⸗Bank erwarte. Miß Monro war zum Tode überraſcht; fort und fort rief ſie ſich alle kleinen Begebenheiten, welche ſie während die⸗ ſes letzten Beſuchs bemerkt hatte, ins Gedächtniß zurück und konnte nicht begreifen, daß die Beiden, welche ſich offen⸗ bar ſo innig liebten, nun für immer getrennt und entfrem⸗ det ſein ſollten. Ellinor fühlte ſich wahrhaft gemartert durch dieſes Geſpräch; doch war es ihr, als träumte ſie und als müßte das Erwachen Erleichterung bringen. Aber ſie ſollte noch mehr zu ertragen haben. Ihr Vater war in der Nacht an einem Schlaganfall ſchwer erkrankt und die Aerzte konnten die Folgen davon wohl ermeſſen. Ueber dem Jammer und Elende dieſes Tages vergaß ſie beinahe den Gedanken an Ralph, und erſt bei dem Abendbeſuch des Arztes erfuhr ſie deſſen Abreiſe nach London. Doctor Moore erwähnte Ralph's Name abſichtlich, um dem zarten Mädchen einen tröſtlichen Gedanken während ihrer Nacht⸗ wache am Bette des Vaters einzuflößen. Miß Monro begleitete ihn jedoch bis zur Thür, bat ihn, von nun an dieſen Gegenſtand zu vermeiden und weinte bitterlich über die verlaſſene Lage ihres Lieblings, obwohl ſie den Doctor zu überzeugen ſuchte, daß die Löſung des Verhältniſſes allein von Ellinor herrühre; es ſei das Beſte und Klügſte geweſen, da Corbet ihrer nicht würdig und ſeine Stellung als armer Advocat auch für Ellinor's Zukunft ungenügend 139 ſei. Sie verfiel damit in den Fehler vieler gutmüthigen Leute, die die Tragweite des Geſagten nicht zu berechnen vermögen. Doctor Moore kannte Ellinor aber zu genau, als daß er Miß Monro's Worten Glauben geſchenkt oder Ellinor eigennützige Motive zugetraut hätte; er wußte, daß ſie im Gegentheile gewiß einem Manne um ſo treuer an⸗ hängen würde, je ungünſtiger deſſen Lebensſtellung wäre. Wahrſcheinlich hatte ſich das Brautpaar gezankt, und dieſer Zwiſt hätte zu keiner unglücklichern Zeit vorfallen können. Ehe die Juniroſen noch ganz aufgeblüht waren, ſtarb Mr. Wilkins. Er hatte ſeine Tochter in einem frühern Teſtamente unter die Vormundſchaft von Mr. Neß geſtellt; allein Mr. Neß war zu Oſtern während einer Ferienreiſe an einem rheumatiſchen Uebel erkrankt und konnte nicht aus dem kleinen Wirthshauſe in Wales, in welchem er lag, nach Hauſe gebracht werden. Nach jenem Schlag⸗ anfall waren die geiſtigen Kräfte von Mr. Wilkins im höchſten Grade angegriffen geweſen; manchmal ſprach er in ſeltſam aufgeregter Weiſe, zuweilen aber hatte er auch kurze Lichtblicke bei vollem Bewußtſein. In einem ſolchen Momente mochte es geweſen ſein, daß er es verſuchte, mit dem Bleiſtift einen Brief zu ſchreiben, welchen man an⸗ gefangen nach ſeinem Tode unter ſeinem Kopfkiſſen fand und denſelben Ellinor übergab. Mit thränenden Augen las ſie die ſchwachen zitternden Buchſtaben. „Ich bin ſehr krank. Zuweilen iſt mir, als würde ich nie wieder geſund werden. Deshalb möchte ich Sie um Verzeihung deſſen bitten, was ich an jenem Abend, ehe ich krank wurde, zu Ihnen geſagt habe. Ich fürchte, mein —ÿÿõ— 140 Zorn hat Ellinor und Sie auseinander gebracht; allein Sie verzeihen gewiß einem ſterbenden Manne. Wenn Sie zurückkommen und Alles beim Alten laſſen wollen, ſo will ich Ihnen jede Genugthuung geben, die Sie verlangen. Wenn ich todt bin, ſteht Ellinor ganz allein, und ich habe Sie ſtets als deren Beſchützer angeſehen, vom erſten Tage unſerer“— Dann folgten unzuſammenhängende unleſerliche Schrift⸗ züge, welche folgendermaßen endigten: „Auf meinem Sterbebette flehe ich Sie an, ſeien Sie ihr Freund; ich will auf den Knien um Verzeihung bitten, für Alles was—“ Hier hatte die Kraft ihn verlaſſen; Papier und Bei⸗ ſtift waren bei Seite gelegt worden, um ſpäter bei hellerem Kopfe und mit feſterer Hand wieder aufgenommen zu wer⸗ den. Ellinor küßte den Brief, faltete ihn ehrfurchtsvoll zuſammen und legte ihn in ihr Schreibpult zu ihren hei⸗ ligſten Andenken, zu der halbbeendigten Näharbeit ihrer Mutter und einer Locke vom Haupte ihrer kleinen Schweſter. Mr. Johnſon, welcher den Heirathscontract von Elli⸗ nor's Eltern mit unterſchrieben hatte und der ein geachteter Advocat in der Hauptſtadt der Grafſchaft war, trat nun mit Mr. Neß das Amt eines Teſtamentsvollſtreckers und Vormundes für Ellinor an. Das Teſtament war einige Jahre zuvor aufgeſetzt worden, als Mr. Wilkins ſich noch im Beſitze eines ſchönen Vermögens glaubte, welches er der Hauptſache nach ſeiner Tochter vermachte. Außerdem waren einige Legate für die Vollſtrecker des Teſtaments und eine kleine Jahresrente für Miß Monro ausgeſetzt, und war die Hoffnung ausgeſprochen, daß letztere bis zu 141 Ellinor's Heirath bei dieſer bleiben würde. Sämmtliche Dienſtboten und hauptſächlich Dixon waren reichlich be⸗ dacht worden. Was war von dem ſchönen Vermögen des Erblaſſers noch vorhanden? Die beiden Volſſtrecker ſtellten ſich dieſe Frage umſonſt, es war faſt nichts mehr vorhanden. Es war auch kaum zu ermitteln, was aus dem Gelde geworden ſei; denn ſämmtliche Rechnungen befanden ſich in größter Verwirrung. Mit Mühe bezwang Mr. Johnſon ſeinen Unwillen, aus Mitleid für die Waiſe. Mr. Neß aber rüttelte ſich aus ſeiner gewöhnlichen gelehrten Zerſtreut⸗ heit auf, um Bücher, Documente und Papiere aller Art in Ellinor's Intereſſe durchzuſehen. Indeſſen blieb Ellinor in Ford⸗Bank, ohne eine Ahnung von dieſen Verhältniſſen zu haben. Eine dumpfe, ſchmerz⸗ liche Melancholie hatte ſie erfaßt und veränderte ihr Aus⸗ ſehen und ihre Stimme in einer Weiſe, daß Miß Monro darüber erſchrak. Dieſe gute Dame ſah wohl ein, daß Ellinor allen Grund zum Kummer habe; ihr Vater war todt, ihr Bräutigam hatte ſie verlaſſen; allein ſie konnte die äußern Folgen dieſes Schmerzes nicht geduldig er⸗ tragen. Es kam jedoch auch eine Zeit des Handelns für Miß Monro, und damit ſchwand jede Spur ihrer frühern Reiz⸗ barkeit. Als alle Hoffnung, daß Ellinor mehr als den Ertrag der Grundſtücke und des Hauſes von Ford⸗Bank bekommen würde, aufgegeben werden mußte, als ſich herausſtellte, daß keins der Legate ausgezahlt werden könnte, als es ſogar fraglich wurde, inwiefern die ſchönen Bilder und 142 ſonſtigen Kunſtgegenſtände nicht Eigenthum der Gläubiger ſeien, da theilte Mr. Neß ſo ſchonungsvoll als möglich Ellinor die Sachlage mit. Sie ſaß über ihre Arbeit gebeugt, hielt wohl mit Nähen inne, um Mr. Neß zuzuhören, ſprach jedoch kein Wort, als er ſeine Auseinanderſetzung beendet hatte, ſo daß er vor Verlegenheit über ihr Schweigen hinzufügte: „Gewiß iſt an alledem nur der Schuft Dunſter ſchuld.“ Zu ſeinem Erſtaunen erhob ſie ihr bleiches marmor⸗ ruhiges Geſicht, und ſagte langſam und leiſe mit faſt feier⸗ licher Ruhe: „Mr. Neß! Sie dürfen Dunſter hiervon nimmer⸗ mehr die Schuld zumeſſen.“ „Aber, liebe Ellinor, hierüber kann ja gar kein Zweifel ſein. Ihr Vater ſprach ja ſelbſt öfter von den Verluſten, die er durch Dunſter's Verſchwinden erlitten habe.“ Ellinor bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und ſagte: „Gott vergebe uns Allen!“ Dann fiel ſie in ihr früheres peinliches Schweigen zurück. Mr. Neß hatte die Pflicht auf ſich genommen, ihr künftiges Leben mit ihr zu beſprechen, und fuhr daher mit Anſtrengung fort, weil die Rührung faſt ſeine Stimme erſtickte: „Mein liebes Kind, ich habe Sie von Ihrer frühſten Kindheit her gekannt— ſuchen wir auf einen Augenblick unſere Gefühle zu bemeiſtern, um fernere Maßregeln zu treffen.— Die Miethe dieſes Hauſes wird Ihnen als Einkommen zufallen; es iſt uns bereits ein ſehr vortheil⸗ haftes Anerbieten dafür gemacht worden; es hat ſich ein 143 Liebhaber gefunden, der auf ſieben Jahre miethen will und hundert und zwanzig Pfund jährlich bietet.“ „Dieſes Haus vermiethe ich nicht“, ſagte ſie, indem ſie ſich plötzlich erhob, als wollte ſie mit einem Male Wi⸗ derſtand leiſten. „Ford⸗Bank nicht vermiethen? Ich verſtehe Sie nicht. Habe ich mich denn nicht deutlich genug ausgedrückt— Ellinor, dieſe Miethe iſt Ihr ganzer Lebensunterhalt.“ „Sch kann nichts dafür— ich kann dieſes Haus nicht verlaſſen.“ „Mein liebes Kind, Sie ſollen zu Allem Zeit haben. Ich weiß, wie hart Sie von dieſen Ereigniſſen betroffen werden, und ich wünſchte von ganzem Herzen, daß ich Cor⸗ bet nie im Leben geſehen hätte.“ Letzteres ſagte er nur leiſe wie zu ſich ſelbſt, aber Ellinor hatte ihn gehört und bebte am ganzen Körper. „Dieſes Haus müſſen Sie jedoch verlaſſen, die Miethe allein kann Ihnen Ihren Lebensunterhalt verſchaffen. Bleiben Sie bei mir im Pfarrhauſe, ſo lange es Ihnen beliebt; allein die Unterhandlungen mit Mr. Osbaldiſtone, der das Haus miethen will, ſind beinahe abgeſchloſſen—“ „Das iſt mein Haus!“ ſagte Ellinor leidenſchaftlich. „Ich weiß, es iſt mir hinterlaſſen.“ „Nein, mein Kind, Sir Frank Holſter und Mr. John⸗ ſon haben die Garantie übernommen, daß Sie den Ertrag deſſelben erhalten ſollen.“ Er ſprach ſehr ſanft, denn er zweifelte einen Augen⸗ blick an ihrem Verſtande. „Sie wiſſen, daß Sie noch nicht volljährig ſind, und Mr. Johnſon und ich haben hierüber allein zu entſcheiden.“ 144 Troſtlos ſetzte Ellinor ſich nieder. „Verlaſſen Sie mich“, bat ſie zuletzt.„Sie ſind ſehr freundlich, aber Sie wiſſen nicht Alles. Ich kann jetzt nicht mehr ſprechen“, fügte ſie leiſe hinzu. Mr. Neß beugte ſich über ſie, küßte ſie auf die Stirne und verließ ſie ſchweigend. Dann begab er ſich zu Miß Monro. „Nun, wie finden Sie ſie?“ war ihre erſte Frage.„Ich rede ihr zu und halte ihr vor, daß ſie alle ihre Pflichten vernachläſſigt, allein es hilft Alles nichts.“ „Sie hat heute einen neuen Schlag erdulden müſſen“, ſagte Mr. Neß.„Ich habe einen ſehr ſchmerzlichen Auf⸗ trag von Mr. Johnſon und mir ſelbſt bei ihr ſowohl, als bei Ihnen auszurichten. Mr. Wilkins iſt als bankerotter Mann geſtorben. Ich bedaure, auch Ihnen ſagen zu müſſen, daß Sie keine Ausſicht haben, je etwas von der Ihnen ausgeſetzten Rente zu erhalten.“ Miß Monro ſah ſehr niedergeſchlagen aus, denn es entflog gar manches geträumte Glück mit dieſen Worten. Bald aber ſetzte ſie ſich und ſagte: „Jetzt bin ich erſt vierzig Jahre alt und kann Gott ſei Dank noch arbeiten. Bankerott! Wollen Sie damit ſagen, daß er kein Geld hinterlaſſen hat?“ „Keinen Heller. Die Gläubiger können froh ſein, wenn ſie ganz bezahlt werden.“ „Und Ellinor?“ „Ellinor wird den Ertrag dieſes Hauſes haben, um davon zu leben.“ „Wie viel iſt das?“ „Hundert und zwanzig Pfund.“ 145 Miß Monro's Lippen zogen ſich zuſammen; Mr. Neß fuhr fort: „Bis jetzt iſt ſie durchaus nicht geneigt, dieſes Haus zu verlaſſen. Das arme Kind! Es iſt auch natürlich; doch hat ſie darüber nicht zu entſcheiden, auch wenn ihr andere Hülfsmittel offen ſtünden. Von mir kann ich nur ſagen, daß ich mich glücklich und geehrt fühlen werde, ſo lange Sie und Ellinor das Pfarrhaus zu Ihrem Aufent⸗ halte wählen wollen.“ „Wo iſt Mr. Corbet?“ ſagte Miß Monro. „Ich weiß es nicht. Nachdem er ſeine Verbindung hier gelöſt hatte, ſchrieb er mir einen langen Brief, um die Sache zu erklären, wie er ſagte; zu entſchuldigen wäre richtiger geweſen. Ich ſchrieb ihm in kurzen Worten zu⸗ rück, daß ich ſehr bedauerte, einen Umgang, den ich ſtets ſehr angenehm gefunden, abbrechen zu müſſen; er werde jedoch einſehen, daß ich bei meiner langjährigen Freund⸗ ſchaft mit der Familie zu Ford⸗Bank unmöglich auf dem frühern Fuße mit ihm ſtehen könne.— Wer iſt hier vor dem Fenſter? Was, Ellinor zu Pferde?“ Miß Monro ging ans Fenſter. „Ja, es freut mich, ſie wieder zu Pferde zu ſehen. Erſt heute morgen gab ich ihr dieſen Rath.“ „Der arme Dixon! Auch er wird unter den Verhält⸗ niſſen leiden, denn ſein Legat wird eben ſo wenig ausbe⸗ zahlt werden, als die der andern Dienſtboten, und es wird ſich nicht leicht wieder eine junge Dame entſchließen, ſich mit einem ſo altväteriſchen Reitknecht zu begnügen.“— Miß Monpo ſchrieb ſogleich an einige Freunde nach dem Biſchofsſitze Eaſt⸗Cheſter, wo ſie früher einige glück⸗ 10 Gaskell, Die That einer Nacht. ————;—;——————— 146 liche Jahre zugebracht hatte. Es war dies der Wohnſitz ihres Vaters geweſen, nach deſſen Tode erſt ihre Sorgen um das tägliche Brod begonnen hatten. Der Ort war ihr in freundlichem Andenken geblieben, und ihr Entſchluß ſtand längſt ſchon feſt, nach Ellinor's Vermählung dahin zurückzukehren, um dort Unterricht zu geben, wobei ihr eben jene Freunde behülflich zu ſein verſprochen hatten. Sie gedachte nun mit Ellinor dahin zu gehen und hoffte mit deren kleinem Einkommen und dem Ertrage der Unter⸗ richtsſtunden gut auskommen zu können. Ellinor hatte ſofort geklingelt, als Mr. Neß ſie ver⸗ laſſen hatte, und ſetzte den Diener durch ihren plötzlichen entſchiedenen Befehl in Erſtaunen, die Pferde raſch zu ſatteln und Dixon zu benachrichtigen, daß ſie mit ihm aus⸗ reiten wollte. Sie wollte mit ihm ſprechen und hoffte dies in der offenen freien Luft am unbemerkteſten thun zu können. Seit langer Zeit war ſie nicht mehr mit ihm ausgeritten, ſo daß dieſer Befehl in der Küche wie in den Stallungen die größte Verwunderung erregte. Nur Dixon verrichtete ſeine Arbeit in der Stille und ſagte nichts. Sie ritten ziemlich ſchnell bis zu einem Punkte, der ſechs oder ſieben Meilen von Hamley entfernt war, die Mönchshaide genannt. Ellinor hatte im voraus beſchloſſen, an dieſer Stelle den Vorſchlag von Mr. Neß mit Dixon zu beſprechen, und er verſtand ihre Abſicht, ohne daß ſie ein Wort mit ihm gewechſelt hätte. Als ſie anhielt, ritt er zu ihr heran und blickte ihr theilnehmend in das trau⸗ rige Geſicht. —HH——————— —⏑—O--—— 147 „Dixon“, ſagte ſie,„man verlangt, ich ſoll Ford⸗Bank verlaſſen.“ „Das habe ich gefürchtet, nach allem, was ich in der Stadt ſeit des Herrn Tode hörte.“ „Alſo habt Ihr gehört— Ihr wißt, daß Papa faſt kein Geld hinterlaſſen hat? Mein guter, armer Dixon, auch Ihr werdet Euern Antheil nicht bekommen; daran hatte ich noch gar nicht gedacht.“ „Das thut nichts, gar nichts“, ſagte er eifrig.„Ich hätte das Geld nicht angerührt, wenn es dageweſen wäre, es hätte mir geſchienen, wie—“ „Blutgeld“, hätte er beinahe geſagt, hielt jedoch inne. Sie errieth ſeine Gedanken. „O nein“, ſagte ſie,„das Teſtament war lange Jahre zuvor aufgeſetzt. Aber Dixon, was ſoll ich thun? Ich muß fort aus Ford⸗Bank, das ſehe ich. Meine Vormünder haben das Haus bereits halb und halb vermiethet.“ „Sie werden Ihnen doch die Miethe geben, hoffe ich“, fragte er ängſtlich.„Ich habe es hundertmal gehört, daß das Haus der verſtorbenen Frau und nach deren Tode Ihnen gehören ſollte.“ „O ja; darum handelt ſichs auch nicht; aber Ihr wißt, die Stelle dort unter dem Birkenbaum—“ „Ja“, erwiderte er ſchwermüthig,„ich denke oft genug daran und es vergeht kaum eine Nacht, wo ich nicht davon träume.“ „Aber wie kann ich das Haus nur verlaſſen?“ rief Ellinor.„Sie können alles Mögliche hier anfangen, können das Gebüſch umgraben. O Diyxon! es iſt mir, als müßte es herauskommen. Dixon! ich kann es nicht 10* ———— 148 zugeben, daß meines Vaters Name noch mehr angetaſtet wird. Es würde mich tödten, wenn das Schrecklichſte be⸗ kannt würde.“ Dixon's Antlitz nahm den ſchmerzlichen Ausdruck an, der ihm in letzter Zeit eigen war. „Den Todten ſoll man niemals Uebles nachreden“, ſagte er.„Die Familie Wilkins iſt in Hamley geachtet geweſen, ſo lange ich auf der Welt bin, wie auch ſchon zu Lebzeiten meines Vaters. Miß, es gibt gewiſſe Mittel und Wege, um die Miether daran zu verhindern, irgend welche Veränderungen hier vorzunehmen. An Ihrer Stelle würde ich meine Vormünder bitten, ſich ausdrücklich gegen jede Aenderung im Hauſe oder Garten, im Feld und in dem Stalle zu verwahren. Vielleicht würde man mich ruhig auf meiner Stelle als Stallknecht laſſen, wenn Sie ein Wörtchen darüber fallen ließen; dann wäre ich im Stande, hier alles zu überwachen. Der Tag des Gerichts wird ja ſchließlich kommen, an dem alle unſere Geheimniſſe offenbar werden, ohne daß wir die Mühe oder die Schande hätten, ſelbſt darüber zu reden. Ich habe dieſe Welt herz⸗ lich ſatt, Miß Ellinor.“ „Sprecht nicht ſo, ſagte Ellinor zärtlich.„Ich weiß ja, was Ihr zu leiden habt; aber bedenkt nur, was ſollte aus mir werden, ohne Eure Freundſchaft und Euern guten Rath? Ihr ſeid nicht krank, Dixon, nicht wahr?“ fragte ſie ängſtlich. O nein! ich bin vollkommen geſund und ich werde auch nicht ſobald ſterben. Mein Vater war achtzig Jahre alt und meine Mutter nicht viel jünger, als ſie ſtarben. Aber das Herz iſt mir gar ſo ſchwer, und gewiß iſt das —— 8 149 Ihrige auch nicht leichter. Es iſt für uns Beide ein Troſt, wenn wir dem Todten durch irgend etwas noch dienen können. Er war ein ſo heiterer ſchöner Mann mit einem ſo lieben Geſicht; Schmach und Schande hätten ihm fern bleiben müſſen.“ Nach dieſen Worten ſchlugen ſie den Heimweg ein; Ellinor machte Pläne für Dixon, und letzterer, der nicht gern an die Zukunft dachte, verſank in alte Erinnerungen. Er verſetzte ſich in die Zeiten zurück, da er in die Dienſte des alten Wilkins getreten und die hübſche Molly, das Milchmädchen, noch ſeine tägliche Freude geweſen war. Die hübſche Molly ſchlief längſt auf dem Kirchhofe und außer Dixon wußte wohl Keiner mehr ihr Grab zu finden. —O⏑O⏑O˖B—:BK—n:4.— * troffen zu ſein. Die meiſten der dortigen Stiftsherren Elftes Kapitel. Nach einigen Tagen erhielt Miß Monro eine ſehr be⸗ friedigende Antwort auf ihre Anfrage, ob eine Lehrerin Ausſicht hätte, in Eaſt⸗Cheſter Beſchäftigung zu finden. Dieſe Erkundigung ſchien gerade zu rechter Zeit einge⸗ waren verheirathet und hatten kleine Kilder; mit Freuden begrüßten ſie deshalb die Ausſicht auf Miß Monro's Unterricht für dieſelben. Damit war ein großer Schritt gethan. Miß Monro, die Tochter des Vorſängers an der dortigen Domkirche, hätte nur ungern in den reichen Kauf⸗ mannsfamilien jenes Ortes Unterricht gegeben; ſie freute ſich daher, in die Familien der Stiftsherrn eingeführt zu werden, wenn auch nur als Lehrerin. Außerdem war das Domkapitel in der Lage, ihr manche kleine Vergünſtigungen zu gewähren; ſo wurde ihr ſofort ein an dem Domgarten gelegenes kleines Haus, das gerade leer ſtand, gegen eine bloße Scheinmiethe zur Verfügung geſtellt. Ellinor war wieder in ihren frühern gedrückten Zu⸗ ſtand zurückverfallen. Mr. Neß und Miß Monro mußten Alles für ſie beſorgen; der alte Diener Dixon ſchien ihr — ¹51. allein Intereſſe einzuflößen, und ihre größte Freude be⸗ ſtand darin, ihn zu ſehen und mit ihm über vergangene Zeiten zu reden. Umſonſt ſuchte Ellinor es einzurichten, daß ſie Dixon mit nach Eaſt⸗Cheſter nehmen könnten; es war unmöglich, da Miß Monro in Zukunft nur eine Dienerin zu halten beabſichtigte, und Dixon, ſo geſchickt und in jeder Beziehung brauchbar er auch war, dieſe Diene⸗ rin nicht erſetzen konnte. Man kündigte ihm ſeinen Dienſt; als er Ellinor's großen Kummer über dieſe Trennung be⸗ merkte, ſuchte er ſie auf jede Weiſe zu tröſten, indem er ſie auf das zartfühlendſte erinnerte, wie nöthig es ſei, daß er in Mr. Osbaldiſtone's Dienſten bliebe, um durch ſeinen ſchwachen Einfluß jede Umänderung des Gartens zu hinter⸗ treiben. Er blieb bei ſeiner Anſicht, obwohl ihm Ellinor mit Beharrlichkeit wiederholte, daß Mr. Johnſon bei der Aufſetzung des Miethcontractes ſich gegen jede Aenderung im Haus oder Garten beſtimmt verwahrt habe. Ellinor's Bereitwilligkeit, die ganze Einrichtung von 4 Ford⸗Bank zu verkaufen, erregte allgemeines Erſtaunen. Sogar Miß Monro war durch dieſe Gefühlloſigkeit unan⸗ genehm berührt, obſchon ſie ſich nicht darüber ausſprach; ja ſie ſuchte dieſen Schritt zu rechtfertigen, indem ſie Jeder⸗ mann erzählte, Ellinor handle ſehr klug, da die großen ſchönen Tiſche und Stühle doch nicht in die kleinen wink⸗ ligen Stuben ihrer neuen Heimat im Domgarten zu Eaſt⸗ Cheſter paſſen würden. Niemand ahnte, daß Ellinor einzig von dem Trieb der Selbſterhaltung dazu getrieben wurde, undd daß ihr eine gänzlich veränderte Umgebung ohne alle ſchreckliche Erinnerung durchaus zur Nothwendigkeit ge⸗ worden war. Manchmal war ihr, als könnte ſie ihrer 152 Sinne nicht ſo lange mächtig bleiben, bis Alles vorüber ſein würde; allein ſie ſprach mit Niemand über ihre Ge⸗ fühle; ſie wußte nur, daß ſie an der Grenze des Wahn⸗ ſinns ſtehe, daß es aber dazu nicht kommen dürfe, damit ſie ihren Vater nicht verrathe. Dabei weinte ſie niemals, ſondern blieb ſich äußerlich in ihrer ſtillen, theilnahmloſen Weiſe gleich. Es waren wohlthuende Thränen, die ſie endlich vergießen konnte, als ihr Miß Monro vom Poſt⸗ wagenfenſter aus weinend die Kirchthurmſpitze zum letzten Male zeigte. An einem Octoberabende ſah Ellinor zum erſten Male den Domhof von Eaſt⸗Cheſter, wo ſie von nun an leben ſollte. Miß Monro war inzwiſchen öfter von Hamley nach Eaſt⸗Cheſter gefahren, um alle Vorbereitungen zu treffen, während Ellinor ruhig zu Hauſe geblieben war und jetzt erſt in die neue Heimat eingeführt werden ſollte. „Sehen Sie“, rief Miß Monro,„wir müſſen zwar außen herum fahren wegen unſers Gepäcks, aber hinter dieſen hohen Mauern ſind die Gärten der Domherren. Jenes hochgieblige Dach gehört dem Canonicus Wilſon, deſſen vier kleine Mädchen ich zu unterrichten habe. Horch, die große Domuhr ſchlägt. Wie ſtolz macht mich ihr tiefer Klang! Als Kind fand ich alle andern Uhren der Stadt im Vergleich mit dieſer ganz ſchrill und armſelig und ich betrachtete ſie als mein ſpecielles Eigenthum. Eben fliegen die Krähen zu ihren Neſtern in den Ulmen des Domgar⸗ tens. Ob es wohl dieſelben Krähen noch ſind, die ich als Kind ſchon ſah? Man ſagt, ſie hätten ein langes Leben. Du magſt lächeln, Ellinor; aber jetzt erſt verſtehe ich den Dichter Gray, wenn er ſagt: — ¹53 Die Lüfte, wehend her von Dir, Sie bringen Deinen Segen mir Und neuen Frühlingshauch. Jetzt meine Liebe, mußt Du ausſteigen. Dieſer gepflaſterte Weg führt zu unſerer Hausthüre. Die Zimmer nach hin⸗ ten, welche die hübſcheren ſind, haben die Ausſicht auf den Domhof, den Don ſelbſt, die Lindenallee, die Dechanten⸗ wohnung und den Krähenhorſt.“ Das Haus war ſehr ſchmal und klein. Dicht neben der Eingangsthüre lag glücklicherweiſe die Küche, ſo daß die Ausſicht in die Gärten für das kleine Eßzimmer blieb, das auch mit denſelben in Verbindung geſetzt war. Im obern Stockwerk lag ein Schlafzimmer nach vorn, welches Miß Monro für ſich genommen hatte, während Ellinor's Zimmer ſich oberhalb des kleinen Empfangszimmers be⸗ fand und die Ausſicht auf den friedlichen Domhof und die große feierliche Kirche genoß. Der Dom von Eaſt⸗Cheſter iſt im normanniſchen Stile erbaut und beſteht aus einem niedern maſſiven Thurme, einem majeſtätiſchen Schiffe und einem Chore voll alter hiſtoriſcher Monumente. Die ganze Stadt iſt ſo ſtill und anſtändig, daß man die immerwährenden Pſalmen und Hymnen aus dem Dome leicht über alle Dächer hinhört. Ellinor fing bald an, dem täglichen Morgen⸗ und Abend⸗ gottesdienſt regelmäßig beizuwohnen. Das Gefühl der An⸗ dacht beruhigte ihr müdes, trauendes Herz und bald ver⸗ mochte ſie es über ſich, pünktlich zur Kirchenzeit fertig zu ſein, eine Anſtrengung, der ſie ſonſt nicht gewachſen war. Miß Monro machte nach und nach allerlei Bekannt⸗ ſchaften; theils fand ſie alte Freunde wieder, theils wurde — ſie von deren Kindern aufgeſucht. Die ernſten wohlwollen⸗ den Domherren, deren Kinder ſie unterrichtete, beſuchten ſie mit ihren Frauen, und beim Weggehen ſprachen dieſe wohl über ihre ſtille, zart ausſehende Freundin Miß Wil⸗ kins und ſannen wohl auch über irgend ein kleines Geſchenk aus dem Obſtgarten oder der Vorrathskammer nach, um Miß Monro's Tiſch für Ellinor verlockender zu machen. Mit der Zeit gewann ſich auch Ellinor ſelbſt die Zunei⸗ gung der geiſtlichen Familien, nicht durch Worte oder Thaten, ſondern durch ihr beſcheidenes Weſen, ihr ſanftes Ausſehen und ihren regelmäßigen Kirchenbeſuch, und als man von ihren beharrlichen Beſuchen in der Gemeinde⸗ ſchule und ihren heimlichen Gaben in den Hütten der Armen hörte, da fing man an, ſie inſtändig zu bitten, Miß Monro des Abends doch zu begleiten, wenn dieſe zum Thee bei ihren Freunden geladen war. Der Dechant, ein from⸗ mer gebildeter alter Herr, war bald mit Ellinor befreundet. Er pflegte am Fenſter ſeines großen gewölbten Bibliothek⸗ zimmmers zu warten, bis Ellinor aus ihrem Garten in den Domhof eintrat; dann öffnete er die Thür und ſchloß ſich ihr beim Spaziergange an. Nach ſeinem Abgang von Caſt⸗Cheſter fühlte Ellinor eine große Leere in ihrem Leben; doch konnte ſie ſich nicht entſchließen, die Einla⸗ dungen nach des Dechanten Landſitze jemals anzunehmen, weil ſie ſich fürchtete, den friedlichen Domgarten wieder zu verlaſſen, nachdem ſie hier einmal Ruhe gefunden hatte. Auch die Einladungen von Mr. Neß zu einem Beſuche im Pfarrhauſe von Hamley wurden abgeſchlagen, obwohl er ſelbſt bei ſeinem jährlichen Beſuche auf das freundlichſte in Miß Monro's Haus begrüßt wurde. Sie feierten dann ihm zu Ehren jährlich ein Feſt, indem ſie die gerade an⸗ weſenden Herren vom Domkapitel zum Thee baten. Sämmtliche Freunde von Miß Monro wußten auch, daß dieſelbe zu keiner Zeit ſo dankbar für kleine Aufmerkſam⸗ keiten war, als während des Beſuchs von Mr. Neß; deshalb thaten auch Alle, vom Dechanten an, der einen Korb voll auserleſener Früchte aus Oxton⸗Park ſchickte, bis zum Pfarrvicar, der ein leidenſchaftlicher Angler war, was nur in ihren Kräften ſtand, um den einzigen Freund der beiden Frauen willkommen zu heißen. Letztere empfingen übri⸗ gens zuweilen noch einen andern Beſuch, deſſen aber gegen Niemand erwähnt wurde. Dies war Dixon, wel⸗ cher ſo oft in Eaſt⸗Cheſter erſchien, als ſein Herr ihm Urlaub zur Reiſe gab. Ellinor hatte ihn gänzlich zu über⸗ zeugen gewußt, daß er ihr keine größere Freude machen könne, als wenn er das Geld zu einer Reiſe von und nach Eaſt⸗Cheſter von ihr annähme. Bei ſeinen Beſuchen brachte er meiſt den größten Theil des Tages mit ihr zu, manchmal ging ſie auch mit ihm aus, um ihm alle Merk⸗ würdigkeiten des Ortes zu zeigen; ſie ſprach jedoch nie⸗ mals viel mit ihm. Miß Monro hatte ihm gewöhnlich viel mehr mitzutheilen. Sie fragte ihn aus, ſobald Ellinor das Zimmer verlaſſen hatte, und erfuhr, daß Ford⸗Bank auf das prächtigſte eingerichtet ſei, daß kein Geld am Gar⸗ ten geſpart würde; daß die älteſte Miß Hanbury verhei⸗ rathet und daß Brown Mr. Johnſon's Nachfolger im Ge⸗ ſchäft ſei. Dann hielt ſie wohl einen Augenblick inne, ehe ſie weiter fragte: „Mr. Corbet kommt wohl nie ins Pfarrhaus jetzt?“ „O nein, nie. Ich glaube nicht, daß Mr. Neß ihn bei 156 ſich ſehen möchte, obwohl die Herren ſich ab und zu noch ſchreiben. Der alte Job— Sie erinnern ſich doch des alten Job, Miß, des Gärtners von Mr. Neß, der bei Tiſche aufwartete, wenn Gäſte da waren— der alte Job ſagt, er hätte eines Tages von Mr. Corbet ſprechen hören; er ſei jetzt ein vornehmer Richter geworden, einer von denen, die bei den Schwurgerichten herum reiſen und eine Perücke tragen.“ „Ihr meint wohl einen Advocaten?“ ſagte Miß Monro. „Ja, aber er iſt noch mehr als das, ich weiß aber nicht mehr genau was.“ Ellinor hätte ihnen darüber die beſte Auskunft geben können. Sie hatte immer in der Times unter den An⸗ zeigen der Gerichtshöfe nach Ralph's Namen geſucht; an⸗ fangs fand ſie nur ſelten den Namen, nach dem ſie ſuchte und auf dem ihr Auge haften blieb, als wollte ſie jeden Buch⸗ ſtaben ſtudiren. Ein oder zwei Jahre ſpäter erſchien ſein Name öfter und wurde gewöhnlich zuerſt genannt; noch ſpäter wurden ſeine Reden als die wichtigſten wörtlich ge⸗ druckt, und ſchließlich fand ſie ſeine Ernennung zum Staats⸗ anwalt angezeigt. Mehr ſah oder hörte ſie nicht von ihm und ſein Name kam niemals über ihre Lippen. Ellinor hatte damals, als ſie ihr Verhältniß mit Corbet löſte, nicht geahnt, daß die Trennung eine ſo vollſtändige ſein würde; es war ja ſo Manches noch unvollendet und un⸗ aufgeklärt zwiſchen ihnen geblieben. Anfangs wurde es ihr ſchwer, ſich die unabläſſige Erinnerung an ihn abzuge⸗ wöhnen, und noch manches Jahr gab ſie ſich der Hoffnung hin, daß eine glückliche Fügung ſie wieder mit ihm zu⸗ ſammenführen und daß die traurige Entfremdung und 157 alles folgende Herzeleid dann nur noch wie ein ſchwerer, häßlicher Traum in ihrer Erinnerung fortleben würde. Obwohl der Domdechant, wenn ſchon bejahrt, doch lange nicht der älteſte Mann im Domſtift war, ſo war er doch der erſte, welcher vom Tode ereilt ward. Ellinor blickte mit thränenden Augen jeden Morgen und jeden Abend nach der verödeten Dechanei. Es geht jedoch mit den Kirchenfürſten wie mit andern hohen Häuptern:„Der Dechant iſt todt— es lebe der Dechant!“ heißt es. Ein Geiſtlicher aus einer entfernten Grafſchaft ward an die Stelle des Verſtorbenen ernannt. Das ganze Ka⸗ pitel war im höchſten Grade geſpannt, etwas Näheres über ihn zu erfahren. Glücklicherweiſe ſtand ſein Name in der Liſte der Pairs unter den Angehörigen einer adligen Familie; ſomit konnte ſein ganzer künftiger Kreis mit Sicherheit erfahren, daß er verheirathet ſei, acht Töchter und einen Sohn habe und er zwei und vierzig Jahre alt ſei. Früher war die Dechanei nur allein von dem ruhigen alten Herrn bewohnt geweſen; bald aber ſollte das Haus von Lärm und Luſtigkeit erſchallen. Es wurden an einigen Fenſtern des obern Stockwerks eiſerne Gitter befeſtigt; wahrſcheinlich ſollte hier die Kinderſtube eingerichtet wer⸗ den. Der Lärm und das Hämmern der beſchäftigten Handwerker erſcholl über den ganzen Domhof hin; bald darauf trafen die Möbelwagen ein, und zuletzt kamen auch die Bewohner angefahren. Miß Monro und Ellinor fühlten ſich nicht berechtigt, den Ankömmlingen einen Be⸗ ſuch zu machen; allein ſie waren über die Lebensweiſe der Familie ſo genau unterrichtet, als lebten ſie in täglichem Verkehr mit ihr. Sie wußten, daß die älteſte Miß Beau⸗ 158 champ ſiebzehn Jahre alt und ſehr hübſch ſei und kannten alle ihre Eigenſchaften; daß die zweite Schweſter ſehr ge⸗ ſcheidt ſei und ſchon Alles wiſſe, was eine Lehrerin ihr bei⸗ bringen könnte, und daß ihr Vater ihr im Lateiniſchen und Griechiſchen Unterricht gebe; und ſo herab bis zu dem kleinſten Mädchen, das noch nicht laufen konnte. Nicht lange darnach erſchien eine ſehr ſchöne, vornehme junge Dame im Domhofe. Es hieß, ſie ſei deſſen Nichte, die verwaiſte Tochter ſeines Bruders, des Generals Beau⸗ champ, welche nach Eaſt⸗Cheſter gekommen ſei, um einige Zeit bei ihrem Onkel zuzubringen, ehe ſie von dieſem im Münſter getraut würde. Die ſchöne Braut blieb jedoch für alle Beſucher der Dechanei unſichtbar, und über ihre Heirath verlautete auch nichts Näheres. Ellinor und Miß Monro ſaßen eines Nachmittags in ihrem Wohnzimmer, etwas verdeckt von den leichten Fenſter⸗ vorhängen, und beobachteten die emſigen Vorbereitungen, welche in der Dechanei für die morgen ſtattfindende Hoch⸗ zeit gemacht wurden. Körbe voll Blumen und Früchten, Kiſten, Burſchen und Lohndiener waren den ganzen Vor⸗ mittag hindurch im Domhof in Bewegung geweſen. Gegen Mittag trat einige Ruhe ein, ſo daß Miß Monro voraus⸗ ſetzte, die Braut werde jetzt wohl mit dem Packen ihrer Ausſtattung, die Dienerſchaft aber mit der Zubereitung des Mahls beſchäftigt ſein. Sie beſprach jede Möglich⸗ keit und jede Einzelheit mit einem Intereſſe, als ſei ſie eine der Hauptperſonen bei der Sache, und nicht eine un⸗ bekannte, ferne Zuſchauerin. Ellinor war müde und be⸗ ſchäftigte ſich mit ihrer Näharbeit, als ein Ausruf von Miß Monro ſie aus ihrer Ruhe aufſchreckte: 159 „Sieh da! Hier kommen zwei Herren durch die Linden⸗ allee. Da iſt gewiß der Bräutigam dabei.“ Als Ellinor ſich etwas neugierig und theilnehmend zum Fenſter hinausneigte, da fiel ihr Blick gerade auf Ralph Corbet, der in Begleitung eines andern Herrn aus dem Schatten der Bäume auf das ſonnige Pflaſter des Hofes vortrat. Ralph ſah verändert, gealtert aus, ob⸗ wohl ſein Geſicht noch immer ſchön und geiſtvoll war. Er ſprach eifrig mit ſeinem jüngern Begleiter. „Der Fremde iſt wohl der Bräutigam“, dachte Ellinor, obwohl ihr prophetiſches Herz ſie Lügen ſtrafte. Die ſchöne Braut erſchien nun an einem der hohen gothiſchen Fenſter der Dechanei, und warf lächelnd und erröthend den Herren Kußhändchen zu, eine Geberde, die Ralph Corbet ſofort erwiederte, während der andere Herr nur höflich den Hut abnahm, als ſähe er die Dame zum erſten Male in ſeinem Leben. Unverwandten Blicks folgte Ellinor den Bewegungen Ralph's, bis dieſer in der Thüre der Dechanei verſchwunden war, ohne daß ſie auf Miß Monro's unzuſammenhängende Worte geachtet hätte, die bald flehte, bald ſich entſchuldigte, bald ſchalt und tröſtete. Endlich hob Ellinor ihren ſchmerzlichen Blick langſam zu Miß Monro empor, bewegte ihre Lippen, ohne jedoch einen Laut hervorbringen zu können, und fiel beſinnungslos zu Boden. Als ſie ſich nach einer langen Ohnmacht wieder erholte, war eine eigenthümliche Veränderung an ihr be⸗ merkbar; möglicherweiſe war dieſe jedoch nur eine Wirkung des eingetretenen Fiebers. Sie legte einen ihrer ſanften Natur ganz entgegengeſetzten Eigenwillen, ja Starrſinn während der folgenden vierundzwanzig Stunden an den Tag und beſchloß, bei Ralph's Trauung anweſend zu ſein, ohne die geringſte Rückſicht auf die Thränen und Bitten von Miß Monro zu nehmen; Niemand werde ſie in der Menge beachten, meinte ſie, und gab keinen weitern Grund für ihren Entſchluß an; man mußte ſie gewähren laſſen. Miß Monro's düſtere Ahnungen über die Auftritte, die in der Kirche ſtattfinden könnten, beſtätigten ſich nicht, ſondern es ging Alles in größter Ruhe und unter der innigſten Theilnahme der verſammelten Menſchenmenge vor ſich. Niemand ahnte, daß jene verhüllte und ver⸗ ſchleierte Geſtalt einſt gehofft hatte, mit demſelben Bräu⸗ tigam am Altare zu ſtehen, welcher jetzt zärtliche Blicke auf ſeine ſchöne Braut warf, deren Schleier weiß und feenhaft ſie umgab, während Ellinor, einen ſchwarzen Nonnenſchleier über dem Geſicht, nicht weit davon ſaß. Corbet's Ruf als ausgezeichneter Advocat war bereits in der ganzen Umgegend bekannt; weit und breit ſprach man von ſeinen Reden und ſeinen Anſichten, und die in ſei⸗ nem Fache bewandert waren, hielten es für eine ausgemachte Sache, daß ihm die nächſte vacante Richterſtelle angeboten werden würde. So kam es, daß er, der früh ergraute ernſte Mann, beinahe die öffentliche Aufmerkſamkeit von ſeiner ſchönen Braut und deren jugendlichen Brautführe⸗ rinnen abgezogen hätte. Miß Monro's Befürchtungen wegen Ellinor waren unnöthig, ſie ſah und hörte Alles und befand ſich in einer Art Traumzuſtand; die ganze Sache erſchien ihr als etwas, was ſie durchmachen müſſe, um nachher wieder zu der friſchen Heiterkeit ihrer Jugend zu erwachen. Dabei ſaß ſie ganz bewegungslos und ſtill neben Miß Monro, die ſie mit der feſten Entſchloſſenheit eines Irrenwärters bewachte und ſich vorgenommen hatte, jedweden Gefühlsausbruch im Nothfalle durch Anwendung von Gewalt zu verhindern. Als aber nun Alles vorüber und die Hauptperſonen in die Sacriſtei gegangen waren, als die neugierige Menge ſich ſo ſchnell, als es die Heiligkeit des Ortes zuließ, ent⸗ fernt hatte, als die Orgel in gewaltigen Tönen die Melo⸗ die des Hochzeitsmarſches anſtimmte und die Glocken er⸗ klangen— da legte Ellinor ihre Hand in die Miß Monro's und ſagte leiſe:„Führen Sie mich nach Hauſe.“ Miß Monro geleitete ſie nach Hauſe wie ein kleines Kind. Gaskell, Die That einer Nacht. Zwölftes Kapitel. A Manchen Menſchen iſt das Glück beſchieden, faſt un⸗ merkbar von einer Altersſtufe in die andere gleiten zu dürfen. Andere hingegen werden durch die Erſchütterung eines herben Seelenſchmerzes wie durch einen Ruck ihrer Jugendzeit entrückt und mitten in das ruhige Alter hinein⸗ geſchleudert, wo das Daſein einem weiten, ſtillen Oceane gleicht, deſſen ebene Fläche durch keinerlei Gemüthsbewe⸗ gung mehr getrübt wird. Letzteres ſchien Ellinor's Loos zu ſein. Eine einzige Nacht hatte ihr die Jugend geraubt, und ſie erſchien fünf⸗ zehn Jahre älter, wie eine Frau in mittleren Jahren, von ruhigem, faſt gedrücktem Ausſehen; doch blieb ſie ſanft und freundlich in Worten und Lächeln, wie in ihren glück⸗ lichſten Tagen. Sie wurde von allen jungen Leuten ihrer Bekanntſchaft innig geliebt und verehrt, trotz ihres förm⸗ lichen, zurückhaltenden Weſens, das den nähern Verkehr anfangs erſchwerte. Kleine Kinder und alte Leute aber hingen mit beſonderer Liebe an ihr, denn ſie fanden bei ihr in Freud und Leid eine ſtets rege Theilnahme. 163 Nachdem Ellinor die erſte Gemüthserſchütterung über Ralph Corbet's Heirath überwunden hatte, kam ein ge⸗ wiſſer Seelenfrieden über ſie, wie ſie ihn ſeit Jahren nicht empfunden; ſie hatte nun dem letzten Hoffnungsſchimmer auf irdiſches Glück und damit jedem ſelbſtſüchtigen Zweck im Leben entſagt. Ihr ganzes Daſein floß wo möglich noch unſchuldiger und reiner dahin als zuvor. Einer der Stifsherren pflegte ſie wegen ihrer regelmäßigen Kirch⸗ gänge und ihrer großen Wohlthätigkeit zu necken und nannte ſie ſtets nur die hochwürdige Schweſter. In der That glich ſie einer ſolchen. Ellinor lächelte ruhig über dieſen geiſtlichen Scherz, während Miß Monro ſich darüber ärgerte, ſowie ſie auch Ellinor's düſtere und ſtrenge Geſchmacksrichtung in Bezug auf ihren Anzug tadelte. „Du kannſt ſo tugendhaft ſein als Du willſt, liebe Ellinor, aber Du könnteſt deſſenungeachtet kleidſamere Farben tragen, als dieſes ewige Grau und Schwarz. Ich wäre dann auch nicht genöthigt, fortwährend die Leute zu verſichern, Du ſeiſt erſt 34 Jahre alt; ſie glauben mirs doch nicht, ſo ſehr ich es ihnen auch verſichere. Könnteſt Du Dich nicht wenigſtens zu einer anſtändigen Hutfagon entſchließen, anſtatt dieſer entſetzlichen Form, die man trug, als Du ſiebzehn Jahre alt warſt.“ Der alte Stiftsherr ſtarb, und ein anderer ſollte an ſeine Stelle treten. Die Beſetzung dieſer geiſtlichen Aem⸗ ter bildete das hauptſächlichſte Lebensintereſſe für die Be⸗ wohner des Domhofes. Endlich wurde höhern Orts ein Entſchluß gefaßt und derſelbe zur Kenntniß gebracht. Ein Mr. Livingſtone, ein energiſcher, ſehr eifriger und thätiger 11* —————— 164 Geiſtlicher aus einer entfernten Pfarrei des Bisthums, ſollte nun die Würde eines Domherrn bekleiden. Der Name kam Miß Monro bekannt vor, und nach und nach erinnerte ſie ſich des jungen Pfarrverweſers, der im Jahre 1829 ſo angelegentlich nach Ellinor gefragt hatte, während dieſe ſchwer krank darniederlag. Ellinor ahnte nichts von jenem Beſuche, ſo wenig als Miß Monro die Begebenheiten kannte, welche zwiſchen den Beiden nach jener entſetzlichen Nacht vorgefallen waren. Ellinor hoffte, es möchte nicht derſelbe Livingſtone ſein, wegen der viel⸗ fachen Beziehungen, in die ſie dann nothwendig mit ihm treten müßte. Er würde alle Erinnerungen an jene Schreckenszeit, mit welcher er ſo nahe verbunden war, wieder wach rufen, während es ihr einziges Beſtreben war, dieſelben auf jede Weiſe zu verbannen. Miß Monro be⸗ ſchäftigte ſich hingegen ſehr eingehend damit, einen Roman für ihre Schülerin auszuſinnen; ſie gedachte des leiden⸗ ſchaftlichen Intereſſes, welches der ſchöne junge Geiſtliche damals für Ellinor an den Tag gelegt hatte; ſie hielt die Treue bei einem Manne, wenigſtens in Ausnahmefällen, für möglich, und hoffte nun in dem neuen Stiftsherrn einen ſolchen Phönix zu finden, falls dieſer und ihr Mr. Livingſtone wirklich eine und dieſelbe Perſon wären. Der Stiftsherr erſchien, und es war wirklich der alte Bekannte. Etwas ſtärker und etwas älter war er wohl geworden, allein noch hatte er völlig das Ausſehen eines jungen Mannes. Sein glattes Geſicht war nicht vom Kummer berührt worden, und ſeine blauen Augen ſchauten ſo friedlich in die Welt, daß Miß Monro zweifelhaft wurde, ob es auch dieſelben Augen ſeien, welche ſie einſt * 165 voll Thränen geſehen hatte. Der Ausdruck wahrer Frömmigkeit veredelte und hob das ſonſt ſo anſpruchsloſe und ruhige Weſen des Mannes und verlieh ihm jenen Ausdruck heiliger Unſchuld, welche einige Romanſchreiber das hoheprieſterliche Antlitz genannt haben. Sein Be⸗ ruf ſchien ſeine ganze Seele zu erfüllen, und nichts ſchien unwahrſcheinlicher, als daß er in der Rolle eines Roman⸗ helden oder der des treuen Liebhabers auftreten würde. Miß Monro war jedoch nicht entmuthigt, ſondern erinnerte ſich des leidenſchaftlichen Gefühlsausbruchs, den ſie einſt mit angeſehen hatte; eine Wiederholung des einmal Ge⸗ ſchehenen war ja nicht unmöglich, ſagte ſie ſich zu ihrem Troſte. Während Aller Augen auf den neuen Canonicus ge⸗ richtet waren, mußte dieſer erſt nach und nach in Erfah⸗ rung bringen, wem dieſe Augen eigentlich gehörten. Es verſtrich jedoch eine längere Zeit, ehe eine Ahnung in ihm aufſtieg, daß er in der ſchwarzgekleideten Dame, welche ſo beſtändig dem Gottesdienſte beiwohnte und ſo regelmäßig die Schule beſuchte, das holde Ideal ſeiner Jugendzeit vor ſich ſehe. Er erkannte ſie eines Tages in der Schule an ihrem ſüßen Lächeln und ihrer Freude über ein fleißiges Kind. Der neue Stiftsherr verließ ſofort das Schulhaus nach dieſer Entdeckung, ging nach Hauſe und machte als⸗ dann einen Beſuch bei einer Frau Randall, welche gewöhn⸗ lich auf das genauſte mit den Verhältniſſen ihrer Nach⸗ barn vertraut war. Tags darauf beſuchte er Ellinor. Sie hätte es ihm gedankt, wenn er ſie vergeſſen gehabt hätte; denn ſein An⸗ blick rief ſo ſchmerzliche Erinnerungen in ihr wach, daß ſie nur ſchweren Herzens den Entſchluß faſſen konnte, ſich in das Wohnzimmer zu begeben, wo Miß Monro ihn bereits auf das wärmſte willkommen geheißen hatte. Außer einer etwas gefurchten Stirn, feſt zuſammengepreßten Lippen und auffallender Bläſſe war an Ellinor nichts zu bemer⸗ ken. Sie wandte ſich zum Domherrn, deſſen Wange ſich wirklich dunkler gefärbt hatte, als er Ellinor mit ausge⸗ ſtreckter Hand entgegen ging. Darauf baute Miß Monro nun gar manche Luftſchlöſſer, welche aber alle der Reihe nach einſtürzten. Sie gab Ellinor allein die Schuld davon, weil dieſe in ihrer unerſchütterlichen Ruhe gar leicht für gefühllos und kalt gelten konnte und weil ſie niemals zu⸗ geben wollte, daß Miß Monro den Canonicus Livingſtone zu ihren kleinen Abendgeſellſchaften einlade. Doch ſetzte dieſer darum ſeine Beſuche nicht aus. Er kam ungefähr alle vierzehn Tage auf eine Stunde zu den Damen und ging ſchließlich nur mit Widerſtreben von ihnen fort. Nicht immer war Ellinor bei dieſen Beſuchen zugegen, und dann glaubte Miß Monro eine gewiſſe Traurigkeit, ein ängſt⸗ liches Beobachten der Thüre bei jedem Geräuſch an Mr. Livingſtone wahrzunehmen. Er vermied jedoch jede An⸗ ſpielung auf die frühere Zeit in Hamley, was Miß Monro für ein ſehr ſchlimmes Zeichen hielt. Nach dieſer langen Reihe von Jahren, in der ſich außer Corbet's Heirath nichts zugetragen hatte, was Ellinor per⸗ ſönlich berührt hätte, trat plötzlich ein Ereigniß ein, das ihr ſehr nahe ging. Mr. Neß ſtarb unerwartet in ſeinem Pfarrhauſe. Ellinor erfuhr es zuerſt durch Mr. Brown, einen Geiſtlichen aus der Nachbarſchaft von Hamley, den die Dienſtboten von Mr. Neß herbeirufen ließen, als ſie entdeckten, daß ihr Herr nicht ſchlafe, ſondern todt ſei. Mr. Brown war Teſtamentsvollſtrecker und ſchrieb an Ellinor, daß ſie eine lebenslängliche Rente aus der be⸗ ſcheidenen Hinterlaſſenſchaft ihres Freundes beziehen ſolle, wenn die verſchiedenen kleinen Vermächtniſſe ausbezahlt ſein würden; es werde aber nöthig ſein, daß ſie deshalb in das Pfarrhaus käme, um einzelne Anordnungen in Bezug auf Bücher und Einrichtung ſelbſt zu treffen. Ellinor bangte vor dieſer Reiſe, welche doch die Pflicht gegen den verſtorbenen Freund erheiſchte. Obwohl ſie ihre Empfindungen niemals offenbarte, wußte Miß Monro dennoch in ihrem Schweigen zu leſen und ſchilderte Elli⸗ noys Gefühle ſehr richtig, als eines Nachmittags Cano⸗ nicus Livingſtone bei ihr vorſprach. Sie liebte es, mit ihm über Ellinor zu reden, und glaubte auch einen willigen Zu⸗ hörer an ihm zu haben. Allein heute ärgerte ſie ſich über die Art und Weiſe, wie er Ellinor Troſt einzuſprechen ſuchte. Es ſei ja nicht gefährlicher in der Eiſenbahn zu reiſen, als mit der Poſt, meinte er; etwas mehr Aufmerk⸗ ſamkeit und Vorſicht ſeien zwar nöthig, allein es verunglück⸗ ten nicht mehr Leute mit der Eiſenbahn, als früher durch die Eilwagen. Wohl ſei es ſehr ſchmerzlich, nach den ver⸗ laſſenen Stätten der Jugend zurückzukehren. Dann fragte er, ob Miß Wilkins auch daran gedacht habe, ſich eine Stellvertreterin zu ſuchen, die für ſie den Schulbeſuch übernähme; ſie hätte ja wohl die Woche. Miß Monro gerieth außer ſich über dieſe Gemüths⸗ ruhe und Kühle des Verſtandes. Sie ſöhnte ſich jedoch im Laufe des Tages wieder mit ihm aus, als ſie von ihrer 168 Freundin, einer Mrs. Forbes, deren Kinder ſie unterrichtete, einen Brief erhielt, worin dieſelbe ihr mittheilte, Canoni⸗ cus Livingſtone habe ihr geſagt, Ellinor ſei im Begriff, eine traurige Reiſe zu unternehmen. Sie ſei überzeugt, Miß Monro's Begleitung ſei dabei ſehr wünſchenswerth, und ſie bitte Miß Monro, den Unterricht nicht als Hinder⸗ niß zu betrachten, ſie werde während deren Abweſenheit mit ihren Kindern auf einen Monat an die See gehen. Die Ferien ſeien jetzt ohnehin für die Geſundheit nur wünſchenswerth. War dieſer ſofortige Beſuch bei Mrs. Forbes nur die Handlung eines rückſichtsvollen Mannes oder die eines Liebhabers geweſen? fragte ſich Miß Monro. Zehn Meilen von Hamley vertauſchten ſie die Eiſen⸗ bahn mit der Poſt, und Dixon empfing ſie im Gaſthofe, wo der Wagen hielt. Der alte Mann war faſt in Thränen, als er ſeine frühere Herrin wieder an dem alten bekannten Orte ſah. Er hatte ihr zu Ehren ſeine Sonntagskleider angelegt, und um ſeine Aufregung zu verbergen, beſchäftigte er ſich angelegentlichſt mit dem Gepäck. Er beſtand darauf, die⸗ ſes ſelbſt nach dem Pfarrhauſe zu fahren, obwohl ihm einige Male unterwegs die Kräfte verſagten und er ausruhen mußte, während die Damen neben ihm warteten, und ſich nach verſchiedenen Veränderungen erkundigten, um ihm Zeit zur Erholung zu geben. Im Pfarrhauſe hatten die tieftrauernden ehrerbietigen Dienſtboten Alles zu ihrem Empfange vorbereitet und kündigten Mr. Brown's Be⸗ ſuch für den folgenden Morgen an. Einige geſetzliche Förmlichkeiten waren vorzunehmen. 169 Ellinor mußte diejenigen Bücher und Möbelſtücke aus⸗ ſuchen, welche ſie zu behalten wünſchte; alles Uebrige ſollte ſo ſchnell als möglich verkauft werden. Einige Tage lang beſchäftigte ſich Ellinor faſt nur im Hauſe. Sie nahm auch nur wenige der vielen Beſuche an, welche ſich bei ihr melden ließen. Jeden Abend nach beendigter Arbeit erſchien Dixon im Pfarrhauſe, angeblich, um beim Einpacken der Bücher behülflich zu ſein, in Wahrheit aber, weil er und Ellinor gern beiſammen waren. Sie waren übereinge⸗ kommen, daß Ellinor vor ihrer Abreiſe einmal ihr altes Haus Ford⸗Bank beſuchen ſollte. Das Haus ſelbſt wollte ſie nicht betreten, obwohl Mr. und Mrs. Osbaldiſtone ſie gebeten hatten, nur die Zeit ihres Beſuchs zu be⸗ ſtimmen, damit ſie ſich ungeſtört darin umſehen könne; ſie wünſchte nur einmal durch die Gärten und Anlagen zu wandern und da eine traurige feierliche Stunde zuzu⸗ bringen. Dixon ſprach eines Abends mit ihr, während ſie an der alten niedrigen Bibliothek ſaß und an einem Bücher⸗ kataloge ſchrieb. Die Fenſter waren nach dem Garten hin geöffnet und der Mairegen hatte den Duft des wilden Roſenſtockes neu erfriſcht. Man ſah von dem hochgelegenen Pfarrhauſe weit in die Felder, wo Leute mit Hacken und Schaufeln thätig waren. Ellinor hielt in ihrer Arbeit inne und fragte Dixon, was man dort mache. „Es ſind die Arbeiter, welche die neue Eiſenbahn bauen“, ſagte er.„Die Leute in Hamley waren nicht eher zufrieden, bis ſie auch eine Eiſenbahn hatten; Eil⸗ wagen ſind nicht mehr gut genug heut zu Tage.“ Er ſprach im Tone höchſter Entrüſtung. 170 Ellinor lenkte das Geſpräch auf einen andern Gegen⸗ ſtand, den ſie mit Dixon ſchon wiederholt beſprochen hatte; ſie bat ihn nämlich, nach Eaſt⸗Cheſter zu ziehen und in ihrem Haushalte eine Stelle zu übernehmen. Er war alt geworden, und ſie hätte ihm gern den Reſt ſeiner Tage recht glücklich und behaglich gemacht, wenn er ſich ihrer Sorge anvertraut hätte. Das Vermächtniß von Mr. Neß machte ihr nicht nur dieſes möglich, ſondern befreite Miß Monro auch von nun an von der Nothwendigkeit, Unter⸗ richt zu geben, was ihr in ihrem jetzigen Lebensalter ohne⸗ hin ſchwer zu werden anfing. Als ſie Dixon den Vorſchlag machte, nach Eaſt⸗Cheſter überzuſiedeln, ſchüttelte er den Kopf und ſagte: „Ich danke Ihnen wirklich von Herzen, aber ich bin zu alt, um noch viel Wechſel und Veränderung zu ertragen.“ „Aber es wäre ja keine Veränderung, wenn Ihr zu mir zurückkämt, Dixon“, ſagte Ellinor. „O doch! Ich bin in Hamley geboren, und möchte auch gern hier ſterben.“ Sie drang noch mehr in ihn, allein er geſtand, daß er nicht gern die Stelle verlaſſe, wo der todte Mann begraben liege; es möchte ſonſt Alles an den Tag kommen. „Ich weiß nicht, wie es iſt, liebe Miß, manchmal iſt es mir, als müßte ich Alles noch ans Tageslicht bringen, wäre mirs nicht um Sie zu thun. Manchmal träume ich, oder auch, wenn ich wach im Bette liege, kommt es mir vor, als hörte ich Jemand graben oder den Baum um⸗ hauen; dann ſtehe ich ſachte auf und ſchaue aus dem Fenſter; Sie wiſſen ja jenes Fenſter über dem Stalle, das ganz grün bewachſen iſt? Es war ſchon meine Stube, -—— als ich noch Stalljunge war; Mr. Osbaldiſtone wollte mir längſt eine wärmere Stube geben, allein ich zog ſtets die alte vor. Ich bin ſchon fünf oder ſechs Mal in einer Nacht aufgeſtanden, um zu ſehen, ob Niemand an jenem Baume nachgrabe.“ Ellinor bebte; er hielt inne, trotzdem ihm die Mitthei⸗ lung ſeiner abergläubiſchen Befürchtungen große Erleich⸗ terung gewährte. „Sehen Sie, liebe Miß, ich hätte des Nachts keine Ruhe, wenn ich nicht mehr gewiß wäre, daß ich das Ge⸗ heimniß in Händen habe. Nein! meine kleine Miß, er⸗ kauben Sie mir, Sie wie bisher von Zeit zu Zeit zu be⸗ ſuchen, und ich weiß, ich kann Sie ſtets um Alles bitten, deſſen ich bedarf, und ſie werden mich nicht Mangel leiden laſſen. Ich könnte Hamley nicht verlaſſen. Und ſeiner Zeit kommen Sie, mich zu meinem Grabe zu geleiten.“ „Sprecht doch nicht ſo, Dixon“, ſagte ſie. „Ach, es wird eine Gnade ſein, wenn ich mich nieder⸗ legen darf, um in Frieden einzuſchlafen, obwohl ich oft glaube, daß ich auch dann noch keinen Frieden haben werde.“ Er ging dabei zum Zimmer hinaus und ſprach weiter zu ſich ſelbſt:„Blut will ans Tageslicht, ſagt man, und wäre mirs nicht um Miß Nelly, ich würde mir vor mei⸗ nem Tode noch Alles vom Halſe ſchaffen.“ Sie hörte ſeine Worte nicht mehr, denn ſie las eben einen Brief, der eine augenblickliche Antwort erforderte. Die Zeilen waren von Mr. Brown und enthielten einen offenen Brief, deſſen Handſchrift ihr eigenthümlich be⸗ kannt war; es bedurfte nicht der Unterſchrift„Ralph Corbet“, um ihr den Schreiber zu bezeichnen. Sie konnte kaum nach mehreren Secunden die Worte unterſcheiden. Eine einfache Bitte an den Verſteigerer der ziemlich werth⸗ vollen Bibliothek von Mr. Neß war darin enthalten; Mr. Corbet ſchrieb ihm, daß er nicht im Stande ſein würde, bei der angezeigten Auction anweſend zu ſein; er wünſche jedoch ein gewiſſes Folioexemplar des Virgilius mit italie⸗ niſchen Anmerkungen um jeden Preis zu kaufen. Die Be⸗ ſchreibung des Buches folgte. Ellinor verſtand kein Latein, allein ſie kannte das Buch ganz gut und hätte es augen⸗ blicklich finden können. Der Verſteigerungscommiſſar hatte den Brief an Mr. Brown geſchickt, und dieſer bat um Ellinor's Einwilligung. Sie begriff, daß Mr. Corbet wohl nicht wiſſe, wem die Bücher jetzt gehörten, ſuchte den Band und packte ihn mit zitternden Händen ein. Er konnte möglicherweiſe den Knoten daran löſen. Es war ihr eigen⸗ thümlich zu Muthe, nach ſo langen ſchweren Jahren plötz⸗ lich wieder in ſo unmittelbare Verbindung mit ihm zu kommen. Sie ſchrieb Mr. Brown einen kurzen Brief, worin ſie ihn bat, den Virgil Mr. Corbet als Erinnerung an ſeinen verſtorbenen Freund anzubieten, ihres Namens jedoch dabei auf keine Weiſe zu erwähnen. Dann klingelte ſie und gab Brief und Packet an den Diener ab. Sie war wieder allein mit Corbet's offenem Briefe vor ſich auf dem Tiſche; ſie nahm ihn auf und betrachtete ihn, bis die Buchſtaben vor ihren Augen flimmerten. In die⸗ ſem Augenblicke lebte ihre ganze Mädchenzeit wieder vor ihr auf. Endlich raffte ſie ſich auf; anſtatt jedoch den Brief zu verbrennen oder an den Schreiber zurückzuſchicken, wie ſie mit deſſen Liebesbriefen gethan hatte, ſchloß ſie ihren — 162 kleinen Schreibkaſten auf und legte denſelben ſorgfältig neben jene Zeilen ihres Vaters und andere Kleinodien aus ihrer Vergangenheit. Der alte kleine Schreibkaſten war vor vielen Jahren ein Geſchenk ihres Vaters geweſen, von dem ſie ſich ſeit⸗ dem nie getrennt hatte. Und wäre ſie bis ans Ende der Welt gereiſt, der Anblick des kleinen Kaſtens hätte ihr des Morgens beim Erwachen ein heimatliches Gefühl gegeben. Sie verſchloß ihn ſorgfältig wieder und fühlte ſich unend⸗ lich bereichert. Einige Tage ſpäter verließ ſie Hamley. Ehe ſie ab⸗ reiſte, zwang ſie ſich, noch einmal durch den Garten von Ford⸗Bank zu gehen. Sie hatte Mr. Osbaldiſtone zu ver⸗ ſtehen gegeben, daß es ihr ſchmerzlich ſei, das Haus zu be⸗ treten; allein er begleitete ſie durch den Garten. „Sie ſehen, wie buchſtäblich wir Ihren im Contract ausgeſprochenen Wunſch befolgt haben; keine Aenderungen ſind vorgenommen worden“, ſagte er lächelnd.„Wir leben wie in einem Walde. Ich geſtehe, daß ich manches Ge⸗ büſch gern umhauen ließe; allein wir nehmen auch nicht das Nöthigſte vor, ohne Mr. Johnſon's Erlaubniß. Ihr alter Freund Dixon iſt außerdem eiferſüchtig auf jede Bohnenſtange, die der Gärtner abſchneidet. Er iſt der treuſte Menſch, den ich in meinem Leben geſehen habe. Er iſt auch ein guter Dienſtbote auf ſeine Weiſe; aber etwas zu altväteriſch für meine Frau und Töchter, die ſich beklagen, er ſei zuweilen mürriſch.“ „Sie wollen ihn doch nicht entlaſſen?“ fragte Ellinor. „O nein! Wir Beide ſtehen ganz gut zuſammen, und auch meine Frau würde ſich nie von ihm trennen. Allein ———— 174 die meiſten Frauen lieben etwas mehr Dienſtfertigkeit, als unſer Freund Dixon an den Tag legt.“ Ellinor antwortete nicht. Sie betraten eben den über⸗ tünchten Blumengarten, der die ſchreckliche Erinnerung barg. Sie konnte nicht ſprechen. Es war ihr, als könnte ſie ſich trotz aller Anſtrengung nicht von der Stelle be⸗ wegen, aber ſie war bereits an der Stelle vorüber, als der Schrecken ſeinen Höhepunkt erreichte. Als ſie ſich wieder 4 erholte, ſprach Mr. Osbaldiſtone noch immer weiter. „Wir ernten jetzt eine Belohnung, daß wir Ihren Wünſchen gefolgt ſind, Miß; denn wenn die Eiſenbahn künftig durch jenes Feld gehen wird, wären wir beſtändig durch den Anblick der Züge geſtört worden. Der Lärm wird jetzt durch das dichte Gebüſch ſehr gedämpft werden. Wollen Sie nicht mit eintreten, Miß? Meine Frau trug mir auf, Ihnen zu ſagen, wie ſehr ſie ſich freuen würde— ach ja, ich kann ſolche Gefühle verſtehen— ah, Dixon!“ fuhr er fort,„auf der Wache, bis Miß Ellinor kommt, von der wir ſo viel zu hören bekommen. Dieſer alte Mann iſt nie mit der Haltung unſerer jungen Damen auf dem Pferde zufrieden und vergleicht immer ihre Art zu reiten, mit einer gewiſſen kleinen Miß—“ „Ich kann nichts dafür, Sir— ſie haben keine rechte Haltung und ſitzen ſo ſchwerfällig darauf. Da, Miß Ellinor hier—“ „Still, Dixon!“ ſagte ſie, und ſah auf einmal, warum Dixon bei ſeiner Herrin nicht beliebt ſein konnte. „Darf ich mir Dixon's Geſellſchaft noch auf eine Stunde ausbitten? ich habe noch etwas mit ihm zu reden, ehe ich abreiſe.“ 175 Nach erhaltener Erlaubniß gingen die Beiden, wie zu⸗ vor ausgemacht war, nach dem Kirchhofe, wo Dixon ihr die Stelle zeigte, wo er begraben zu ſein wünſchte. Er ſchritt gerade auf ein kleines unbenütztes Stückchen Land zu, dicht neben dem Grabe von Mary, dem hübſchen Stall⸗ mädchen. „Dieſen Stein, der ihr Grab ziert, habe ich ihr von meinen erſten Erſparniſſen errichten laſſen“, ſagte er, in⸗ dem er ſein Meſſer herauszog, um die Buchſtaben zu rei⸗ nigen. Es wird mir ein Troſt ſein, wenn Sie bei meinem Begräbniß anweſend ſein wollen. Es wird wohl Niemand unvernünftig genug ſein, ſich vorher gerade dieſe Stelle auszuſuchen.“ Ellinor freute ſich, ihm die einzige Freude zu machen, welche ihr Geld ihm verſchaffen konnte, und verſprach ihm, die Stelle ſofort für ihn anzukaufen. Es war dies offen⸗ bar das Ziel ſeiner Wünſche ſeit langer Zeit geweſen, und er ſagte in Einem fort:„Ich bin Ihnen ſehr dankbar, Miß Ellinor, ſehr dankbar.“ Und als er ſich am nächſten Tage am Eilwagen von ihr verabſchiedete, waren ſeine letzten Worte:„Ich kann es nicht ausſprechen, wie ſehr ich Ihnen für meine Grabesſtelle danke.“ Es war jetzt leicht für Ellinor, Miß Monro's Leben behaglicher einzurichten. Dieſe war noch immer heiter wie früher, und beſchäftigte ſich auch noch in ihrer freien Zeit mit der Erlernung fremder Sprachen; allein ſie geſtand, daß ſie das ewige Stundengeben, das nun ſeit dreißig Jahren ihre Zeit ausfüllte, herzlich ſatt habe. Ellinor war nun im Stande, ſie von dieſer Nothwendigkeit zu befreien, und die alte Freundin nahm dieſe Erleichterung mit der⸗ ——— —— 176 ſelben einfachen Dankbarkeit an, die eine Mutter ihrem Kinde gegenüber empfinden würde. „Wäre Ellinor nur erſt Livingſtone's Frau, dann könnte ich zum erſten Male wieder glücklich ſein, wie ich es vor dem Tode meines Vaters war“, pflegte ſie in der Stille ihres Schlafgemachs laut zu ſich zu ſagen, denn ſie hatte es ſich ſchon früh angewöhnt, laut zu ſprechen.„Und doch, was würde aus mir werden ohne ſie? Es iſt ein Glück, daß ich das nicht zu beſtimmen habe; ich weiß nicht, was ich für Unglück ſtiften würde.“ Obgleich Miß Monro es als Glück empfand, in der Sache nichts thun zu können, bat ſie doch Ellinor auf jede Weiſe, den Stiftsherrn zu ihren kleinen geſelligen Thees einladen zu dürfen, ohne jedoch jemals dieſe Erlaubniß zu erhalten. „Welcher Mann wird ſo etwas nicht überdrüſſig, wenn er auch gar kein Entgegenkommen bemerkt“, klagte ſie bei ſich ſelbſt mit trauriger Stimme; denn es hatte ſich indeß das Gerücht verbreitet, der unverheirathete Stiftsherr er⸗ weiſe der älteſten Miß Forbes Aufmerkſamkeiten. Die Familie Forbes gehörte zu den liebſten Bekannten, welche Ellinor und Miß Monro in Eaſt⸗Cheſter hatten. Mrs. Forbes war eine vermögende Wittwe, von einer zahlreichen Töchterſchaar umgeben. Sie gehörte einer vornehmen Familie der Grafſchaft N. an, und nach dem Tode ihres Mannes ließ ſie ſich in Eaſt⸗Cheſter nieder, wo ihre Töchter zuerſt Schülerinnen, dann Freundinnen von Miß Monro wurden. Mrs. Forbes ſelbſt hatte ſich ſtets zu Ellinor hingezogen gefühlt; allein es dauerte lange, ehe ſie deren ſcheue Zurückhaltung vertragen konnte. 177 Mrs. Forbes galt für etwas zu ängſtlich in Beziehung auf die Geſundheit ihrer Familie, allein es war leicht zu begreifen, da ihr mehrere Schweſtern an der Schwind⸗ ſucht geſtorben waren; Miß Monro war oöft ungehalten geweſen über die zuweilen ungerechtfertigte Unregelmäßig⸗ keit ihrer Schülerinnen. Allein Niemand war jetzt ängſt⸗ licher als ſie, als Mrs. Forbes ſie auf Ellinors zunehmen⸗ des kränkliches Ausſehen und ihren kurzen Athem auf⸗ merkſam machte. Von der Zeit an quälte ſie Ellinor mit Reſpiratoren und Vorſichtsmaßregeln aller Art. Ellinor unterwarf ſich allen Wünſchen ihrer Freundin lieber, als daß ſie jene geängſtigt hätte, und blieb den ganzen Monat November hindurch zu Hauſe. Nun aber hatte Miß Monro Grund zu einer andern Sorge. Ellinor's Appetit und heitere Stimmung ſchwanden völlig, was nach dieſem langen Eingeſperrtſein nicht eben zu verwundern war. Eines Morgens im December wurde ein Project geſchmie⸗ det, das außer bei Ellinor allſeitigen Anklang fand; doch war ſie zu müde und matt, um kräftigen Widerſtand zu leiſten. Mrs. Forbes und ihre Töchter begaben ſich nämlich auf drei bis vier Monate nach Rom, um die Frühjahrs⸗ oſtwinde in England zu vermeiden; warum ſollte Ellinor nicht mit ihnen reiſen? Mr. Forbes ſowohl als Miß Monro drangen darauf, und ſchließlich gab Ellinor ihre Zuſtimmung, beſonders da der Arzt erklärt hatte, die Reiſe dahin ſei für ſie im höchſten Grade wünſchenswerth, wo nicht durchaus nothwendig. Der Gedanke, daß ſie nur lebenslängliche Renten bezog, trat zum erſten Male vor ihre Seele; bis dahin hatte er nichts Störendes für ſie Gaskell, Die That einer Nacht. 12 ——— 178 gehabt, da ſie ſtets vorausgeſetzt hatte, daß ſie Dixon und Miß Monro überleben würde. Ehe Ellinor England verließ, traf ſie alle nöthigen Vorkehrungen für den Fall ihres Todes. Sie hatte einen langen Brief an Dixon geſchrieben und einen kürzern an den alten Mann übergab ſie Mr. Livingſtone; denn mit Miß Monro wagte ſie nicht von der Möglichkeit ihres Todes zu ſprechen. Als ſie zum Bahnhofe von Kings Croß in London hin⸗ ausfuhren, begegnete ſie einem eben einfahrenden herr⸗ ſchaftlichen Wagen. Ellinor ſah eine ſchöne elegante Dame, eine Kinderfrau mit einem kleinen Kinde und einen Herrn darin ſitzen, deſſen Geſicht ihr ewig unvergeßlich blieb. Es war Corbet, der Frau und Kind nach der Bahn brachte. Sie gingen über Weihnachten nach Eaſt⸗Cheſter. Er lehnte ſich zurück im Wagen, ohne die Vorüberfahren⸗ den zu bemerken oder ſich mit den Seinigen zu beſchäftigen; er mochte wohl über einen juriſtiſchen Fall nachdenken. Wer war ſtolzer als Miß Monro, wenn ein auslän⸗ diſcher Brief eintraf! Ihre Correſpondentin war weder deutlich in den Beſchreibungen noch war ſie ſich ihrer eige⸗ nen Eindrücke ſehr bewußt; auch war ſie zu zurückhaltend, um dieſe ſelbſt ihrer alten Freundin mitzutheilen. Allein ſie war doch ſo entzückt von den Briefen, daß ſie ſie gern dem ver ſammelten Domkapitel vorgeleſen hätte. In ihrem Kreiſe, der aus wenig gereiſten aber ſehr wißbegierigen Damen beſtand, galten Ellinor's Briefe für höchſt inter⸗ eſſant. Es gab damals noch keine Eiſenbahn zwiſchen Lyon und Marſeille, ſomit war die Reiſe ziemlich langwierig und der briefliche Verkehr etwas unſicher. Allein es ſchien 179 Alles gut zu gehen. Ellinor berichtete von Fortſchritten in ihrer Geſundheit, und Mr. Livingſtone, der ſeit Ellinor's Abreiſe auf ſehr vertrautem Fuße mit Miß Monro lebte und auch zuweilen Thee bei ihr trank, beſtätigte dieſe Nachricht aus einem Briefe, den er von Mrs. Forbes er⸗ halten hatte. Welch eine Qual für Miß Monro war dieſer Brief! Was konnten die Beiden ſich möglicherweiſe zu ſchreiben haben! Es war ſehr auffallend, obwohl Mrs. Forbes und Livingſtone entfernte Verwandte waren. Ent⸗ weder hatte er Euphania wirklich einen Antrag gemacht und die Mutter antwortete jetzt darauf; oder gar die Tochter ſelbſt? Es war zu bedauern, daß Miß Monro ihn nicht geradezu fragte; ſie hätte dann erfahren, daß ſich der ganze Brief auf einige Wohlthätigkeitsangelegen⸗ heiten bezog, an welche Mrs. Forbes in der Eile der Ab⸗ reiſe nicht gedacht hatte. So aber gab Miß Monro ihre Hoffnung in Verzweiflung auf, als der Canonicus ihr ſeine Abſicht mittheilte, auch nach Rom zu gehen, ſobald er Eaſt⸗ Cheſter verlaſſen könnte.. Indeſſen empfand Ellinor die wohlthuende Erholung, welche eine gänzliche Veränderung der Umgebung hervor⸗ zubringen pflegte. Seit Jahren hatte ſie ihr vergangenes Leben nicht ſo zu vergeſſen vermocht, wie jetzt; der Auf⸗ enthalt in Rom wirkte wie eine Erneuerung ihrer Jugend. Wenn ſie jetzt in ihrem kleinen Zimmer erwachte und alle die fremdartigen hübſchen Dinge um ſich her ſtehen ſah, da verlor ſich ihr Geiſt in angenehmen Träumereien; Er⸗ innerungen von geſtern und Hoffnungen auf den nächſten Tag erfüllten ſie. Tief in Ellinor's Innerem lebte das rege Kunſtgefühl ihres Vaters. Alles Neue war ein Ge⸗ 12* 180 nuß für ſie, jede Gruppe auf der Straße, ein römiſcher Facchino mit ſeinem Mantel über die Schultern, oder ein Mädchen, das ein Gefäß auf dem Kopfe trug: kurz jedes Geſchöpf, das ſie wahrnahm, erfreute ihren künſtleriſchen Sinn. Sie vergaß ihre Trauer; ihre Kränklichkeit ver⸗ ſchwand wie durch Zauberkraft, und die Miſſes Forbes, welche die zarte Kranke mehr aus Rückſicht und Freund⸗ lichkeit mitgenommen hatten, fanden ſich reichlich belohnt, als ſie Ellinor's friſche Geſundheit, ihre rege Freude an Allem und ihre originelle halb naive Aeußerung derſelben wahrnahmen. So kam der März heran; die Faſtenzeit fiel ſpät in dieſem Jahre. Große Veilchen⸗ und Camelienſträuße wurden an der Ecke von Condotti verkauft und die Feſt⸗ theilnehmer konnten ſich nicht viel ſeltnere Blumen für die Schönen auf dem Corſo verſchaffen. Sämmtliche Ge⸗ ſandtſchaften hatten Balcons gemiethet; die Attaché's warfen ihre lieblichen Geſchenke auf alle hübſchen Mädchen oder wenigſtens auf jede Geſtalt herab, die im weißen Domino hübſch ausſah, zu Wagen ſaß und ſich durch ihre Drathmaske vor dem Confettiregen zu ſchützen ſuchte. Mrs. Forbes hatte auch einen Balcon gemiethet, wie es ſich für eine reiche, reſpectable Engländerin ſchickte. Die Mädchen hatten einen großen Korb voll Blumen, mit welchen ſie ihre unten vorbeiwogenden Bekannten bewar⸗ fen; ein Vorrath von Kerzen lag hinter ihnen auf dem Tiſche aufgeſtapelt, denn es war der letzte Tag des Carne⸗ vals. Die Menge unten tobte in wildem Jubel; die Reihen ſtattlicher Contadini ſaßen allein regungslos, wie einſt ihre Ahnen, die Senatoren, als ſie Brennus und ſeine Gallier empfingen. Masken, weiße Domino's, fremde Herren, der Pöbel der Stadt, langſam fahrende Wagen, Blumenregen, allgemeines Schreien und Drängen, kurz eine Aufregung, die leicht zur höchſten Wuth ſich ge⸗ ſtalten konnte. Die Miſſes Forbes hatten ihrer Mutter und Ellinor am Fenſter Platz gemacht, welche halb ergetzt, halb er⸗ ſchreckt auf die mannichfaltige Bewegung unten ſchauten, als ein bekanntes Geſicht mit einem Lächeln des Wieder⸗ erkennens nach oben, blickte, und:„Wie kann ich zu Ihnen gelangen?“ ſagte auf Engliſch die wohlbekannte Stimme von Livingſtone. Es dauerte noch eine Weile, bis er ſich zu ihrem Zimmer hinauf arbeiten konnte; als er aber endlich erſchien, wurde er faſt von Bewillkommnungen erdrückt, ſo ſehr freuten ſich Alle über einen Bekannten aus Eaſt⸗Cheſter. Alle ſtürmten in ihn mit Fragen nach ſeiner Ankunft, ſeiner Reiſe und wie es in Eaſt⸗Cheſter gehe. Er beantwortete mit ruhigem Lächeln nach und nach alle Fragen. Er ſei erſt den Abend zuvor angekommen, habe ſie heute den ganzen Tag geſucht, aber nicht genau erfahren können, wo ſie eigentlich ſeien, beſonders da der Stiftsherr nicht eben ſehr mit dem Italieniſchen vertraut war. Er ſei froh, jetzt erſt gekommen zu ſein, denn er ſei bereits halb blind und taub von dem Tumult. Er wohne im Hotel d'Angleterre. Eaſt⸗Cheſter habe er vor acht Tagen verlaſſen, und habe Briefe für Alle, habe ſie aber nicht mitgebracht, weil er gefürchtet, er könnte ſie in dem Gewühl verlieren. Miß Monro ſei ganz geſund, allein etwas unruhig wegen Ellinor's langem Schweigen. 182 Dann folgte wohlverdienter Tadel der römiſchen Poſten und des Leichtſinns italieniſcher Dienſtboten in Bezug auf Briefe. Alle dieſe Antworten waren ganz befriedigend; allein Mrs. Forbes glaubte eine verſteckte Unruhe, ein ge⸗ wiſſes Zögern an ihm zu bemerken, ehe er Ellinor's Fragen beantwortete. Bei der zunehmenden Dunkelheit konnte ſie jedoch bald nichts mehr erkennen; auch kamen Unter⸗ brechungen ohne Ende, Schreien, Wehen mit den Taſchen⸗ tüchern, Windſtöße oder Lichtauslöſcher an langen Stöcken aus allen Ecken und löſchten ein Licht nach dem andern aus, ſowie es wieder angezündet wurde. „Sie kommen doch nach Hauſe mit uns?“ ſagte Mrs. Forbes.„Ich kann Ihnen nur Thee und etwas Kaltes zu eſſen anbieten, da unſere Köchin an dem Feſte auch ausge⸗ gangen iſt; allein wir können einen alten Freund nicht weggehen laſſen, trotz der ſehr mangelhaften Beſchaffen⸗ heit unſerer Küche.“ „Ich werde mit Vergnügen erſcheinen; hätten Sie mich nicht eingeladen, ſo wäre ich von ſelbſt gekommen.“ Als ſie alle in der Wohnung am Babuino angekommen waren und der Domherr die Briefe geholt hatte, wurde Mrs. Forbes in ihrem Verdachte beſtärkt, daß er Ellinor etwas Ungewöhnliches und Unangenehmes mitzutheilen habe. Er war zerſtreut, bis ſie ins Zimmer trat; dann brach er ein Geſpräch mit Mrs. Forbes ab und führte Ellinor an das entfernteſte Fenſter, ehe er ihr die Briefe gab. „Nach dem, was Sie mir vorhin ſagten, fürchte ich, daß Sie Ihre Briefe von zu Hauſe nicht ſehr regelmäßig empfangen haben?“ „Nein!“ ſagte ſie, und bebte ſchon, ohne zu wiſſen, warum. „Miß Monro hatte auch keine Nachrichten von Ihnen, ſo wenig als Ihr Geſchäftsführer— ich habe ſeinen Na⸗ men vergeſſen—“ „Mein Geſchäftsführer! Es iſt etwas vorgefallen, Mr. Livingſtone. Sagen Sie es mir, ich muß es wiſſen. Ich habe es erwartet, aber ſagen Sie mir Alles!“ Sie ſetzte ſich plötzlich todtenblaß nieder. „Liebe Miß, es iſt gewiß ſchmerzlich— aber Sie ma⸗ len es ſich ſchrecklicher aus. Ihre Freunde ſind ſämmtlich wohl; allein ein alter Diener—“ „Nun?“ fragte ſie und faßte ſeinen Arm, als er zögerte. „— iſt des Mordes oder Todſchlags beſchuldigt wor⸗ den— o Mrs. Forbes, kommen ſie ſchnell!“ Ellinor war ohnmächtig zuſammengeſunken. Als ſie zu ſich kam, befand ſie ſich halb entkleidet auf ihrem Bette; man flöſte ihr Thee in kleinen Portionen ein. „Ich muß aufſtehen“, ſtöhnte ſie,„ich muß nach Hauſe!“ „Sie müſſen ruhig liegen bleiben“, ſagte Mrs. Forbes feſt. „Sie wiſſen nichts— ich muß nach Hauſe“, wieder⸗ holte ſie, ſuchte ſich aufzurichten und fiel hülflos wieder um. Sie ſagte nichts, ſondern dachte nach. Wollen Sie mir ein wenig Fleiſch und Wein bringen?“ flüſterte ſie. Man brachte Beides; ſie aß, obwohl ſie kaum einen Biſſen genießen konnte.„Jetzt bringen Sie mir meine Briefe und laſſen Sie mich allein. Nachher möchte ich Mr. Livingſtone ſprechen. Laſſen Sie ihn nicht weggehen, 184 bitte. Ich werde in einer halben Stunde bereit ſein. Nur laſſen Sie mich allein.“ Es war etwas fieberhaft Haſtiges in ihrem Tone, was Mrs. Forbes ſehr beängſtigte; allein ſie erfüllte Ellinor's Wünſche. Die Briefe wurden gebracht und die Lichter ſo geſtellt, daß ſie dieſelben in ihrem Bette leſen konnte; dann ließ man ſie allein. Sie erhob ſich, ſtellte ſich aufrecht mit über dem Kopfe gefalteten Händen und weit offenen Augen hin, als ſtarrte ſie auf etwas Schreckliches. Nach wenigen Minuten jedoch ſetzte ſie ſich plötzlich und fing an zu leſen. Es fehlten offenbar mehrere Briefe. Einige waren durch eine Privat⸗Gelegenheit befördert worden und waren noch nicht in Rom angelangt; andere waren mit der Poſt ge⸗ ſchickt worden, allein das ſchlechte Wetter und der unge⸗ wöhnliche Schnee hatten auch die Poſt unſicher gemacht. So wurde manche Nachricht, welche Miß Monro als be⸗ kannt vorausſetzte, von Ellinor nur errathen nach dem, was in den heutigen Briefen ſtand. Der eine war von Mr. Johnſon, der andere von Mr Brown, der dritte von Miß Monro. Dieſen las ſie zuerſt. Miß Monro ſprach von dem Entſetzen, welches die Entdeckung von Dunſter's Leichnam hervorgebracht habe. Derſelbe ſei in dem Einſchnitte, welchen die neue Eiſen⸗ bahn mache, gefunden worden. Der Leichnam ſchiene vor langer Zeit haſtig begraben worden zu ſein; an ſeinen Kleidern habe man ihn erkannt und die Identität ſeiner Perſon ſei noch beſtätigt worden durch ſeine Uhr und das Siegel, welches man bei ihm gefunden habe. Ferner ſprach ſie von Jedermanns Schrecken und beſonders dem der Fa⸗ milie Osbaldiſtone, als eine Pferdelanzette mit Abraham Dixon's Namen darauf bei dem Leichnam gefunden worden ſei. Dixon ſei kurz vorher von ſeinem Herrn zu einem Pferdemarkt nach Irland geſchickt worden, habe dort den Fuß gebrochen und habe kaum wieder gehen können, als ihn die Gerichtsbeamten zu Tralee verhaftet hätten. Hier ſchrie Ellinor mit gellender Stimme:„O Dixon, Dixon! Und ich ging hier meinem Vergnügen nach!“ Man hörte ihre Stimme, kam an die Thüre, allein ſie war verſchloſſen. „Bitte, geht weg“, ſagte Ellinor.„Ich will ganz ruhig ſein, aber geht, ich bitte Euch!“ Sie las jetzt Mr. Johnſon's Brief; dieſer war vierzehn Tage früher datirt. Mr. Johnſon wunderte ſich, daß ſie ihm nicht antworte, und drückte ſeine volle Billigung über die Schritte ihrer Vormünder aus; die Eiſenbahngeſell⸗ ſchaft habe das Stück Land ſehr hoch bezahlt; Mr. Os⸗ baldiſtone habe— ſie konnte nicht weiter leſen. Das Schickſal verfolgte ſie. Der Brief von Mr. Brown war gerade, wie er gewöhn⸗ lich ſchrieb. Auch dieſem hatte Miß Monro einige Zeilen beigelegt. Ellinor war eben im Begriffe, ihn ganz auf die Seite zu legen, als ihr Auge auf den Namen Corbet fiel: „Es wird Sie gewiß intereſſiren, zu erfahren, daß jener frühere Schüler unſeres verſtorbenen Freundes, welcher ſich ſolche Mühe gab, um den Virgil in Folio zu erlangen, jetzt an Jenkin's Stelle zum Richter ernannt wurde. We⸗ nigſtens denke ich, daß der Name Mr. Ralph Corbet— Queens College— der des Virgilliebhabers iſt.“ „Ja“, ſagte Ellinor bitter, hätte nicht gepaßt.“ Dies war der erſte Vorwurf, den ſie in dieſen vielen Jahren gegen ihn ausſprach. Dann las ſie Miß Monro's Brief zu Ende. Dieſe vortreffliche Freundin hatte ganz in Ellinor's Sinne gehandelt. Sie hatte ſogleich an Mr. Johnſon geſchrieben und ihn gebeten, Alles zu Dixon's Ver⸗ theidigung aufzubieten und keine Koſten zu ſcheuen. Sie war im Begriff, den alten Mann im Gefängniß zu be⸗ ſuchen; allein Ellinor bemerkte wohl, daß Miß Monro nur ihr zu Liebe dieſe Anſtrengungen mache, aber nicht an Dixon's Unſchuld glaube. Ellinor ſchloß ihre Briefe in ihrem Schreibkaſten ein; dann ging ſie in das Wohn⸗ zimmer, ſah aber einer Todten ähnlicher als einer Le⸗ benden. „Kann ich Sie einen Augenblick allein ſprechen?“ ſagte ſie tonlos zu Mr. Livingſtone. Er folgte ihr in das kleine Speiſezimmer.„Wollen Sie mir jetzt Alles ſagen, was Sie wiſſen, Alles, was Sie gehört haben über meinen — Sie wiſſen ja, was ich meine!“ „Miß Monro ſagte mir zuerſt von der Sache; dann aber ſtand Alles in der Times, den Tag ehe ich abreiſte. Miß Monro meint, falls der alte Diener wirklich ſchuldig ſei, könne er die That nur in einem Augenblick des Zorns begangen haben; ſie habe nie einen zuverläſſigern Menſchen gekannt, und ſchien große Abneigung gegen Mr. Dunſter zu hegen, der Ihren Vater ſtets unnöthigen Aerger bereitet habe. Sie gab zu verſtehen, daß ſein Verſchwinden da⸗ mals die Urſache von manchem pecuniären Verluſte für Mr. Wilkins geweſen ſei.“ „Er hatte Recht— es 187 „Nein!“ ſagte Ellinor eifrig, um dem Todten gerecht zu werden; dann hielt ſie inne, aus Furcht, ihre Mitwiſſer⸗ ſchaft zu verrathen.„Ich wollte ſagen“, fuhr ſie fort,„daß Mr. Dunſter uns Allen ſehr unangenehm war; weder Papa, noch wir Andern mochten ihn gern leiden, aber er war durchaus ehrenhaft. Erinnern Sie ſich nur daran.“ Der Stiftsherr verneigte ſich und wartete auf ihre weitern Worte. „Miß Monro ſagt, ſie wolle Dixon im Gefängniß— o Mr. Livingſtone, ich kann's nicht ertragen.“ Er ließ den Gegenſtand fallen und ſah ſie nur mit⸗ leidig an, als ſie mit den Händen nach Faſſung ringend vor ihm ſaß. Sie blickte auf zu ihm und verſuchte ein mit⸗ leidiges Lächeln. „Es iſt ſo ſchrecklich, den guten alten Mann im Ge⸗ fängniß zu wiſſen.“ „Alſo halten Sie ihn nicht für ſchuldig?“ ſagte Cano⸗ nicus Livingſtone erſtaunt.„Ich fürchte, es iſt ganz außer allem Zweifel, daß er den Mann erſchlug, nach Allem was ich hörte und ſah; allein ich hoffe, daß er die That in einem Moment der Aufregung beging, nicht mit vorbedachter Abſicht.“ Ellinor ſchüttelte den Kopf. „Wie bald kann iih in England ſeins 2“ fragte ſie.„Ich muß ſogleich abreiſen.“ „Es geht kein Schiff vor Donnerſtag nach Marſeille ab. 771 Aber ich muß früher fort!“ ſagte Ellinor auf⸗ ſtehend. Ich muß fort! Bitte, helfen Sie mir. Er könnte ja verurtheilt werden, ehe ich hinkomme.“ „Ach, ich fürchte, Sie werden auch bei der größten Eile nicht früher hingelangen können. Die Unterſuchung ſoll vor den Aſſiſen in Hellingford ſtattfinden. Wir haben heute den 27. Februar. Am 6. März fangen die Schwur⸗ gerichtsſitzungen an.“ „Ich will morgen früh nach Civita fahren, vielleicht treffe ich dort noch ein Schiff. Jedenfalls bin ich doch unterwegs. Wenn er ſtirbt, muß ich auch ſterben. O ich weiß nicht mehr, was ich ſage! Es wäre das Beſte, Sie ließen mich allein, und ließen Niemand zu mir herein. Mrs. Forbes iſt ja ſo gütig— ſie wird mir ſchon ver⸗ geben. Ich will Ihnen Allen morgen früh Lebewohl ſagen, jetzt aber muß ich mich ſammeln.“ Einen Augenblick ſah er ſie an, als hätte er ihr gern einige Worte des Troſtes geſagt. Allein er beſann ſich und verließ ſtill das Zimmer. Lange Zeit blieb Ellinor ruhig im Zimmer ſitzen, bis⸗ weilen eine Stelle aus Miß Monro's Brief durchleſend. Dann fiel ihr ein, der Stiftsherr könne möglicherweiſe das Exemplar der Times bei ſich haben, welches Dixon's Verhör enthielt; ſie ſchickte einen Dienſtboten hinüber und ließ ihn darum bitten. Doctor Livingſtone hatte allerdings die Zeitung in der Taſche, hatte ihr das Blatt jedoch nicht gegeben, weil die Beweiſe von Dixon's Schuld ſich ſo ſchlagend darin enthüllten, daß er fürchtete, dadurch nur Ellinor's Schmerz zu vergrößern. Er hatte eben Mrs. Forbes und ihren Töchtern den Zeitungsbericht vorgeleſen, als Ellinor's Bote gemeldet wurde. Sie waren Alle einer Meinung; es ſchien nicht der leiſeſte Zweifel obzuwalten, daß Dixon Mr. Dunſter 189 umgebracht habe; die einzige Hoffnung beruhte darauf, daß Ellinor ſich vielleicht einiger mildernder Umſtände erinnerte und ſolche vor dem Schwurgerichte vorzubringen wünſchte. Aber mochte dem ſein, wie ihm wollte— auf keinen Fall konnten nach ihrer feſten Ueberzeugung dieſe Angaben das Urtheil der Richter weſentlich ändern. Dreizehntes Kapitel. Nachdem Ellinor den Zeitungsbericht über Dixon's Verhör geleſen hatte, badete ſie Stirn und Augen in kaltem Waſſer, um ihre Gedanken für die Erwägung des Zeugen⸗ verhörs zu ſammeln. Jede Zeile ſprach für Dixon's Schuld. Einige Zeugen ſprachen von Dixon's verhehltem Widerwillen gegen Dunſter; die Pferdelanzette wurde als ihm zugehörig an⸗ erkannt, und ein Mann, welcher damals Stalljunge bei Mr. Wilkins geweſen war, ſagte aus, daß an dem Tage, an welchem Dunſter vermißt worden und die ganze Stadt darüber in Aufregung geweſen war, ein Aderlaß bei einem der Pferde von Mr. Wilkins vorgenommen werden ſollte, und daß Dixon ihn zum Hufſchmied geſchickt habe, um eine Lanzette zu holen. Der Auftrag ſei ihm damals aufge⸗ fallen, weil ja Dixon ſelbſt eine ſolche beſeſſen habe. Mr. Osbaldiſtone wurde vernommen. Er unterbrach ſeine Ausſage fortwährend, um ſein Erſtaunen auszu⸗ drücken, daß ein ſo geſetzter, durchaus braver Menſch wie Dixon ein ſolches Verbrechen habe begehen können; er gab Dixon äußerſt bereitwillig das beſte Zeugniß über ſein — ¹⁹ Verhalten während der langen Jahre, die er in ſeinem Dienſte geweſen ſei; allein er ſchien von der Schuld des Angeklagten vollkommen überzeugt zu ſein und verſtärkte die Anklage noch bedeutend durch die Angabe des Umſtandes, daß der alte Mann ſtets einen ſtörriſchen Widerſtand ge⸗ zeigt habe, wenn man irgendwie jenes Fleckchen Erde anzu⸗ bauen verſucht habe. Ellinor überlief es kalt. Vor ihren Augen ſtieg hier in Rom in ihrem Schlafzimmer jene wohlbekannte, ver⸗ hängnißvolle rechteckige Stelle mit dem wenigen Moos und vereinzelten Grasfleckchen auf, welche den Boden unter dem alten Baume bedeckten. O wäre ſie nur in England geweſen, ſie hätte gewiß um keinen Preis das Stück Land hergegeben; allein es war jetzt zu ſpät, ſie durfte nicht mehr an das denken, was möglich geweſen wäre, ſondern mußte ſich zwingen, bei den Nachrichten der Zeitung zu verweilen. Es war nicht mehr viel geſagt; der Angeklagte ward aufgefordert, ſeine Gegenbeweiſe vorzubringen und ſodann gewarnt, nichts zu ſagen, was ihm Schaden bringen könnte. Dann folgte die Perſonalbeſchreibung des armen alten Mannes. „Mein armer, armer Dixon“, ſagte Ellinor, bezwang jedoch ihre Thränen, um den Bericht zu Ende zu leſen. Er lautete weiter:„Einmal ſchien der Angeklagte etwas zu ſeiner Vertheidigung vorbringen zu wollen; allein er beſann ſich anders und antwortete Mr. Gordon, dem Ma⸗ giſtrate, nur mit den Worten:»Sie haben da eine recht ſtarke Anklage gegen mich zuſammengebracht, Gentlemen, und es ſcheint Sie auch recht zu freuen; da will ich denn lieber Ihre Gemüthsruhe nicht durch meine Reden mehr ſtören.« Demzufolge iſt Dixon jetzt bei dem nächſten Schwurgerichte in Hellingford des Mordes angeklagt. Die Sitzungen nehmen ihren Anfang am 6. März unter dem Vorſitze von Baron Ruſhton und Mr. Richter Corbet.“ „Richter Corbet!“ Dieſe Worte durchfuhren Ellinor wie mit einem Dolchſtich; ſie ſtand ganz ſtarr da. Der junge Mann, der Jugendgeliebte; der alte Mann, der ſie damals faſt beſtändig umgab, und die Beiden, welche ſo lange in vertrauter, wo nicht freundſchaftlicher Beziehung geſtanden hatten, ſollten ſich alſo jetzt als Richter und An⸗ geklagter gegenüber ſtehen! Sie wußte nicht, was Corbet damals vermuthet haben mochte, als ſie ihm die halbe Er⸗ öffnung von einer möglichen Schande gemacht hatte. Sie konnte ſich heute keines Wortes von damals mehr erin⸗ nern, aber vielleicht war der Richter Corbet nicht Ralph Corbet. Während ſie alle dieſe Dinge in ihrem müden Kopfe überdachte, hörte ſie leiſe Schritte und flüſternde Stimmen an ihrer Stubenthüre vorüber gehen. Andere glücklichere Leute gingen jetzt zu Bette. Es wurde leiſe an Ellinor's Thüre geklopft. Sie preßte ihre Hände an ihre heißen Schläfe, ehe ſie öffnete. Mrs. Forbes ſtand in ihrem Abendkleide vor ihr und hielt eine brennende Lampe in der Hand. „Kann ich hereinkommen, meine Liebe?“ fragte ſie. Ellinor gab ein Zeichen der Einwilligung, da ſie Worte nicht über ihre trockenen Lippen brachte. „Ich bin ſo betrübt über dieſe ſchlimmen Nachrichten, die der Domherr bringt. Ich kann mir wohl denken, was 193 für ein Schlag dies für Sie iſt. Soeben ſagte ich, es iſt gerade, als wenn unſer guter alter Donald, der die vielen Jahre bei uns iſt, plötzlich als verkappter Mörder entlarvt würde; ich hätte eben ſo gut unſern Donald in dieſem Verdacht haben können, als jenen ehrlichen Graukopf, der Sie in Eaſt⸗Cheſter öfter beſuchte.“ Ellinor fühlte, daß ſie etwas ſagen müſſe. „Es iſt ein ſchwerer Schlag. Der arme alte Mann! Und kein Freund iſt bei ihm, ſogar Osbaldiſtone ſagt gegen ihn aus. Ach, warum bin ich jemals nach Rom ge⸗ kommen?“ „Aber, meine Liebe, Sie müſſen auch die Sache nicht übertreiben. Es geſchieht leider oft in der Welt, daß man getäuſcht wird, wenn auch nicht in ſo ſchrecklicher Weiſe, wie Sie. Und was nun Ihre Reiſe nach England betrifft, wie ſollte dieſe irgend wie—“ Mrs. Forbes lächelte beinahe bei dieſem Gedanken, allein Ellinor unterbrach ſie raſch: „Mrs. Forbes, hat er— hat der Domherr Ihnen ge⸗ ſagt, daß ich morgen abreiſen muß? Ich muß ſo ſchnell als möglich nach England reiſen, um für Dixon zu thun, was ich kann.“ „Ja, er ſagte uns, Sie dächten daran. Und es war dies eben, was mich bewog, heute Abend noch zu Ihnen zu kommen. Ich glaube wirklich, liebes Herz, daß Sie im Irrthum ſind, wenn Sie glauben, mehr thun zu müſſen, als was Miß Monro bereits gethan hat. Sie hat den beſten geſetzlichen Beiſtand berufen und keine Ausgabe ge⸗ ſpart. Was könnten Sie denn mehr thun, ſogar wenn Sie an Ort und Stelle wären? Wahrſcheinlich iie das Urtheil Gaskell, Die That einer Nacht. 194 geſprochen, noch ehe Sie nach Hauſe gelangen. Was können Sie dann thun? Entweder iſt er freigeſprochen, dann hat er die Sympathien des ganzen Publikums, das ſtets auf Seiten des unſchuldig Angeklagten iſt, für ſich. War er aber ſchuldig, liebe Ellinor, dann iſt es viel beſſer für Sie, wenn die weite Entfernung Ihnen das ſchreckliche Ende eines Mannes mildert, den Sie Ihr ganzes Leben geachtet haben.“ Allein Ellinor ſprach abermals mit gereizter Beſtimmt⸗ heit, welche für ſie ſehr ungewöhnlich war: „Bitte, laſſen Sie mich dieſes eine Mal ſelbſt urtheilen. Ich bin bei Gott nicht ſo undankbar, daß ich Sie, die Sie ſo freundlich gegen mich ſind, unnöthig ärgern möchte, liebe Mrs. Forbes, allein ich muß gehen, und jedes Wort, das Sie ſprechen, macht mich nur noch entſchiedener. Ich werde morgen nach Civita fahren. Ich bin dann unterwegs; hier kann ich nicht bleiben.“ Mrs. Forbes ſah ſie in ernſtem Schweigen an. Ellinor konnte die Starrheit des Blickes nicht ertragen, und unter⸗ brach ihr Nachdenken: „Sie waren ſtets liebevoll und gütig gegen mich, ſeien Sie es auch jetzt, ich bitte Sie darum. Laſſen Sie mich nun allein, liebe Mrs. Forbes, denn ich kann es nicht er⸗ tragen, viel darüber zu ſprechen, und helfen Sie mir, daß ich morgen fortkomme; Gott wird es Ihnen lohnen.“ Solches Flehen war unwiderſtehlich. Mrs. Forbes küßte ſie zärtlich und begab ſich zu ihren Töchtern, welche alle im Schlafzimmer der Mutter auf deren Rückkehr warteten. 4 „Nun, Mama, wie geht es ihr? Was ſagt ſie?“ 195 „Sie iſt ſehr aufgeregt, die Aermſte, und hat ſich feſt in den Kopf geſetzt, daß es ihre Pflicht ſei, nach England zurückzukehren, um für den unglückſeligen alten Mann Alles zu thun, was in ihrer Macht ſteht, daß wir nichts dagegen ſagen können. Sie wird wirklich am Donnerſtag abreiſen.“ Obwohl Mrs. Forbes ihr eine Kammerjungfer für die Reiſe mitgab, beſtand doch Doctor Livingſtone darauf, Ellinor nach England zurückzubegleiten, und ſie hatte in jenem Augenblicke nicht die nöthige Energie, um ſeinem feſten Entſchluß entgegen zu treten. Sie wäre lieber allein mit dem Mädchen gereiſt und hielt ſeine Hülfe für gar nicht nöthig; allein ſie war völlig gebrochen, ihr ganzes Intereſſe drehte ſich um Dixon und die Art und Weiſe, wie ſie ihre Pflicht für ihn erfüllen könne. Spät an jenem Abend ſchifften ſie ſich in der langſamen Santa Lucia ein und Ellinor begab ſich unmittelbar darauf in ihre Cajüte. Sie war ſeekrank, und dies half ihr etwas über die geiſtigen Leiden jener Nacht hinweg. Mit Tages⸗ anbruch kleidete ſie ſich an und begab ſich auf das Verdeck; das Schiff fuhr eben an der felſigen Küſte von Elba vor⸗ über; der Himmel war von roſigem Lichte übergoſſen und die fernen Schatten auf der Inſel waren tief violet. Die See wogte noch vom geſtrigen Sturme, allein die Bewe⸗ gung machte das dunkelblaue Waſſer mit dem glitzernden weißen Schaume nur noch ſchöner. Die Luft war herrlich nach der Nacht in der dumpfen, engen Cajüte, und Ellinor wunderte ſich nur, daß nicht Alle heraufkamen. Doctor Livingſtone erſchien ziemlich bald; allein er ſchien ſich's zur Pflicht gemacht zu haben, ſich Ellinor nie zu nähern, 13* —-——õÿ— außer wenn er ihr irgend nützlich ſein konnte. Nach einigen gewöhnlichen Morgenbegrüßungen ging er auf dem Ver⸗ deck auf und nieder, während Ellinor ruhig ſitzen blieb und nach der ſanft verſchwindenden Inſel hinſchaute. Plötzlich ertönte ein Knall, und ein Stoß durchfuhr das ganze Schiff. Es ſtand ſtill und ein eigenthümliches Zittern ward an demſelben bemerkbar. Das Halbdeck ward von Dampfwolken erfüllt und verfinſtert; die ſeekranken Rei⸗ ſenden ſtürzten aus den Cajüten in ihren Negligé's hervor. Die Zwiſchendeckpaſſagiere, eine Anzahl maleriſch aus⸗ ſehender Leute in fremdartigen Trachten, nahmen ihre Zu⸗ flucht auf das Hinterdeck, indem ſie in allen italieniſchen und franzöſiſchen Mundarten ſich laut beſprachen. Ellinor ſaß in ſtillem erwartungsvollem Entſetzen. Sollte die Santa Lucia untergehen und Dixon ohne Hülfe bleiben? Doctor Livingſtone war im nächſten Augenblicke ihr zur Seite. Sie konnte ihn weder ſehen noch hören wegen des Dampfes. „Laſſen Sie ſich nicht unnöthig erſchrecken“, wider⸗ holte er lauter.„Es iſt irgend etwas an der Maſchine paſſirt. Ich will mich gleich erkundigen, und ſofort zu ihnen zurückkehren. Vertrauen Sie mir.“ Er kam zurück an die Stelle, wo ſie zitternd ſaß. „Die Maſchine iſt zerſprungen durch die Nachläſſigkeit des neapolitaniſchen Maſchiniſten; man ſagte mir, wir müßten in den nächſten Hafen einlaufen, mit andern Wor⸗ ten nach Civita zurückkehren.“ Aber Elba iſt ſo viel näher“, ſagte ſie;„wäre der Dampf nicht, da ſähe man die Inſel noch.“ „Wenn wir dort landeten, müßten wir ſehr lange Zeit 197 dort bleiben; kein Dampfer legt dort an. Allein wenn wir nach Civita zurückkehren, ſo werden wir für das Sonntags⸗ boot noch rechtzeitig eintreffen.“ „O Gott, o Gott!“ ſeufzte Ellinor.„Heute iſt der zweite, Sonntag iſt der vierte, die Schwurgerichtsſitzungen fangen am ſiebenten an; es trifft ſich ſchrecklich unglücklich!“ „Ja“, ſagte er,„und ſolche Zufälle ſind doppelt ſchlimm, wenn ſie uns daran hindern, Andern nützlich zu ſein. Allein es folgt noch nicht daraus, daß Dixon's Sache zuerſt vor⸗ genommen wird. Wir können noch immer bis Montag Abend Marſeille erreichen; wenn wir mit dem Eilwagen gleich nach Lyon reiſen, wird es freilich Donnerſtag wer⸗ den, ehe wir nach Paris kommen— Donnerſtag den achten. Ich ſetze voraus, Sie wiſſen irgend einen Entlaſtungsbeweis, der noch beigebracht werden muß.“ Er hatte dieſe letzte Frage ungern hinzugefügt, denn er ſah wohl, wie ſehr Ellinor das Geheimniß ihrer Ueber⸗ zeugung von Dixon's Unſchuld bewahrte, allein er dachte, ſie, die ſanfte ſchüchterne Frau, werde wohl irgend eine Hülfe wiſſen, und er hätte ihr ſo gern beigeſtanden, beſon⸗ ders da durch dieſen unglücklichen Zufall die Zeit zum Handeln noch abgekürzt worden war. Aber Ellinor antwortete ihm kaum auf ſeine Frage. Sie gab allen ſeinen Vorſchlägen nach, allein ſie ſchenkte ihm ihr Vertrauen nicht und er mußte ſich dieſes Zurück⸗ weiſen ſeiner Theilnahme gefallen laſſen. Da waren ſie abermals in dem öden Warteſaal mit der glänzend gemalten Decke, dem kalten ſchmutzigen Fuß⸗ boden und den unzähligen Fenſtern und Thüren. Ellinor war aus lauter Herzeleid ſtill und ergeben. Ihre Zofe — 198 machte zehnmal mehr Aufhebens von der Unannehmlichkeit, obwohl ſie keinen Grund zur Eile hatte. Endlich verſtrich die Zeit; ſie ſegelten wieder an Elba vorüber und langten in Marſeille an. Jetzt erſt empfand Ellinor den ganzen Werth eines ſolchen Begleiters, wie ſie an Doctor Livingſtone hatte. Vierzehntes Kapitel. „Wohin nun?“ ſagte der Domherr, als ſie in den Bahnhof von London Bridge einfuhren. „Nach der Great⸗Weſtern Bahn“, ſagte ſie.„Helling⸗ ford liegt an jener Linie. Aber jetzt müſſen wir uns trennen.“ „Darf ich nicht mit Ihnen nach Hellingford gehen? Jedenfalls werden Sie mir erlauben, Sie an die Bahn zu begleiten, um Ihnen meinen letzten Dienſt zu leiſten, Ihnen das Billet zu löſen und Sie an den Wagen zu bringen.“ Sie begaben ſich an jenen Bahnhof und erfuhren, daß der nächſte Zug erſt in zwei Stunden abgehe. Es blieb nichts Anderes übrig, als nach dem nächſten Hotel zu gehen und die Zeit ſo gut als möglich zu verbringen. Ellinor ließ ſich die Rechnungen von ihrer Zofe geben und entließ dieſelbe. Einige Erfriſchungen, welche der Domherr beſtellt hatte, wurden zum Theil verzehrt, das Uebrige abgeräumt. Er ſchritt mit gekreuzten Armen in der Stube auf und ab, die Blicke zu Boden gerichtet. Von Zeit zu Zeit ſah er nach der Uhr über dem Kamin. Eine Viertelſtunde vor der m————mͤmmm 200 Abfahrtszeit ging er auf Ellinor zu, welche den Kopf in die Hand geſtützt daſaß. „Miß Wilkins“, ſagte er, und ſein Ton war ſo eigen⸗ thümlich, daß Ellinor erſchrocken aufſah;„ich hoffe, Sie werden meine Hülfe auf jede mögliche Weiſe in Anſpruch nehmen, wenn ich Ihnen beiſtehen kann in dieſer traurigen Angelegenheit?“ „Ja gewiß, das werde ich“, ſagte ſie dankbar und reichte ihm die Hand zum Pfande. Er nahm die Hand und hielt ſie feſt. Sie ſagte ein wenig ſchneller:„Sie haben mir ja ſo freundlich verſprochen, gleich zu Miß Monro zu gehen, ihr Alles, was Sie wiſſen, zu erzählen und ihr zu ſagen, daß ich ihr ſchreiben werde, ſobald ich kann.“ „Darf ich nicht auch um eine Zeile bitten?“ fuhr er fort, ohne ihre Hand loszulaſſen. „Gewiß, Sie ſind mir ein ſo lieber Freund, daß Sie Alles erfahren ſollen, was ich ſagen kann, das heißt Alles, was mir zu ſagen geſtattet iſt.“ „Ein Freund— ja ich bin ein Freund und will jetzt keine andern Anſprüche geltend machen. Vielleicht—“ Ellinor konnte ſeine Anſicht nicht mißverſtehen, ſein ganzes Weſen ſagte noch mehr, als ſeine Worte. „Nein!“ ſagte ſie eifrig.„Wir ſind gute Freunde; laſſen wir es dabei. Ich hoffe, wir bleiben es auch, ob⸗ wohl ich Ihnen jetzt etwas ſagen werde: Es iſt ein ent⸗ ſetzliches Geheimniß, Gott ſtehe mir bei. Ich bin eben ſo ſchuldig, als der arme Dixon— aber er iſt unſchuldig— er iſt ganz gewiß unſchuldig!“ „Wenn er nicht mehr verbrochen hat als Sie, dann iſt er gewiß unſchuldig. Geſtatten Sie mir, mehr zu ſein, als ein bloßer Freund— Ellinor, ſagen Sie mir Alles— laſſen Sie mich Ihnen helfen und geben Sie mir das Recht, das ein Verlobter hat—“. „Nein, nein!“ ſagte ſie erſchreckt über das, was ſie verrathen hatte und über ſeinen flehenden, warmen Ton. „Das kann niemals ſein. Sie wiſſen nicht, welches Un⸗ heil über mir ſchwebt.“ „Wenn das Alles iſt— das nehme ich auf mich“, ſagte er.„Wenn Sie keinen andern Grund haben, als den, daß Sie denken, ich könnte vor einer Gefahr zurückweichen, die ich mit Ihnen theilen kann—“ „Es handelt ſich nicht um Gefahr, ſondern um Schimpf und Schande“, murmelte ſie. „Oder Schimpf und Schande, gleichviel; vielleicht könnte ich Sie davor ſchützen, wenn ich Alles wüßte.“ „Bitte, ſprechen Sie jetzt nicht mehr davon, ſonſt muß ich Nein ſagen.“ Sie bemerkte die verſteckte Hoffnung nicht, welche in dieſen Worten lag; allein er war wieder ruhiger geworden. Die Zeit war verſtrichen, er konnte ihr nur die letzten Auf⸗ merkſamkeiten erzeigen und die gewöhnlichſten Abſchieds⸗ worte mit ihr wechſeln. Er verließ jedoch leichten Herzens die Eiſenbahn, während ſie allein und unruhig dem letzten Orte der Entſcheidung zueilte und mit jeder Minute trau⸗ riger und niedergeſchlagener wurde. Elektriſche Telegraphen exiſtirten damals noch nicht. Ellinor ſteckte an jeder Station den Kopf zum Fenſter hin⸗ aus und fragte die Eiſenbahnbeamten, ob das Schwurge⸗ richt zu Hellingford ſchon zu Ende gekommen ſei in der 202 Sache des Mordes. Der Eine ſagte Ja, der Andere Nein; ſie konnte ſich auf keine Antwort verlaſſen. „Fahren Sie mich zu Mr. Johnſon, ſchnell, ſchnell. Ich gebe Ihnen das doppelte Fahrgeld, nur ſchnell“, ſagte ſie zum Kutſcher. Ihre Ausdauer und Geduld waren bis zum Brechen erſchöpft, und doch hatte ſie am Bahnhofe zu Hellinford nicht gewagt, Jemand zu fragen. Es war acht Uhr vor⸗ über. Viele Häuſer der Stadt waren ungewöhnlich hell erleuchtet; die Bewohner derſelben zeigten ihre Gaſtfreund⸗ ſchaft für die Fremden, welche zu den Gerichtsſitzungen gekommen waren, nun die Sache vorbei war. Die Richter hatten die Stadt am Nachmittag bereits verlaſſen. Mr. Johnſon hatte einige Advocaten zu Tiſche gebeten und man war beim Deſſert, als er abgerufen ward; es ſei eine Dame da, die ihn augenblicklich und durchaus ſprechen müſſe. Er begab ſich in ſein Studierzimmer, nicht gerade in der beſten Laune. Dort fand er ſeine Clientin, Miß Wilkins, weiß und geiſterbleich, die Augen nach der Thüre geheftet am Feuer ſtehend. „Sie ſind es, Miß Wilkins? Ich dachte Sie noch in Rom. Aber es freut mich—“ „Dixon!“ ſagte ſie. Es war Alles, was ſie heraus⸗ brachte. Mr. Johnſon ſchüttelte den Kopf.„Ach, das iſt eine traurige Geſchichte; ich fürchte, Sie haben Ihren Auf⸗ enthalt in Rom deshalb abgekürzt?“ „Iſt er—“ „Ja, ich fürchte, es iſt kein Zweifel über ſeine Schuld. Jedenfalls fanden die Geſchworenen ihn ſchuldig und—“ 203 „Und!“ ſagte ſie, ſich ſchnell niederſetzend, um die Worte beſſer hören zu können, die jetzt kommen mußten. „Er iſt zum Tode verurtheilt.“ „Wann?“ „Den zweiten Samſtag nach der Abreiſe des Richters. Es iſt ſo Brauch.“ „Wer leitete den Prozeß?“ „Der Richter Corbet; und ich muß ſagen, ich habe noch nie einen jungen Richter geſehen, der ſeine Sache ſo vortrefflich gemacht hätte. Ich konnte es kaum aushalten, als er das Todesurtheil ſprach. Dixon iſt ganz ohne allen Zweifel ſchuldig; er war gar zu verſtockt; ein wider⸗ wärtiger alter Mann, der ſich von Niemand helfen ließ. Ich habe gethan, was ich konnte, auf Miß Monro's Bitte und Ihnen zu Liebe. Aber er wollte mir keine Einzelheiten ſagen, keine Beweiſe angeben. Es war ſchwer, ihn davon abzuhalten, daß er Alles vor Zeugen eingeſtand, die dann gezwungen geweſen wären, es als Zeugniß gegen ihn zu gebrauchen. Ich hätte nie gedacht, daß ſein Antrag doch auf„Nichtſchuldig“ lauten würde. Es war wohl nur der Wunſch, ſich in den Augen ſeiner Bekannten in Hamley zu rechtfertigen.— Aber, Miß Wilkins, was iſt Ihnen? Sie werden ohnmächtig!“ Er klingelte heftig. „Hierher Eſther, Jerry, wer's auch ſei, kommt ſchnell! Miß Wilkins iſt in Ohnmacht gefallen! Waſſer! Wein! Sagt meiner Frau, ſie möchte ſchnell kommen!“ Mrs. Johnſon, eine freundliche mütterliche Dame, welche vom Diner der Gentlemen ausgeſchloſſen worden war und ſich begnügt hatte, die Zubereitung deſſelben zu über⸗ 204 wachen, kam zu Hülfe und fand Ellinor bewußtlos und bleich in den Stuhl geſunken.„Beſſy, Miß Willkins iſt in Ohnmacht gefallen; ſie hat eine lange Reiſe gemacht und iſt in Sorgen um Dixon, der Mann, der zum Tode verurtheilt wurde wegen jenes Mordes, Du weißt ja— Ich kann nicht länger hier blieben, ſondern muß zurück zu den Herren. Bringe ſie zu ſich und ſchaffe ſie dann zu Bette; das blaue Zimmer iſt leer, ſeit Horner fort iſt. Sei recht ſorgſam für ſie und erleichtere ihr Gemüth ſo viel Du kannſt, ihre Unruhe kann ihr nichts helfen!“ Er überließ Ellinor ihrer Obhut und kehrte zu ſeinen Freunden zurück. Ellinor kam bald wieder zu ſich. „Es war recht einfältig von mir, allein ich konnte nichts dafür“, ſagte ſie. „Nein, gewiß nicht, meine Liebe. Hier trinken Sie das; es iſt von Johnſon's beſtem Portwein; er hat ihn ſpeeciell für Sie heruntergeſchickt. Oder möchten Sie lieber etwas Suppe haben? oder ſonſt etwas? Wir haben heute Alles da, Sie brauchen nur etwas zu befehlen. Und dann müſſen Sie zu Bette gehen, meine Liebe; es iſt ein Zimmer für Sie bereit. „Ich muß Mr. Johnſon noch einmal ſehen, bitte.“ „Das kann nicht ſein. Sie müſſen ihren armen Kopf jetzt nicht mit Geſchäften plagen. Nein, gehen Sie zu Bette, ſchlafen Sie aus, dann werden Sie ganz friſch und munter wieder aufſtehen und von Geſchäften reden können.“ „Ich kann nicht ſchlafen, ehe ich an Mr. Johnſon eine oder zwei Fragen geſtellt habe— ich kann wirklich nicht!“ bat Ellinor. 205 Mrs. Johnſon kannte ihren Mann und wußte, daß ſie einen Zwiſt heraufbeſchwor, wenn ſie ſeinen Befehlen zuwider handelte. Allein Ellinor ſah ſo flehend und traurig aus, daß ſie ihr nichts abſchlagen konnte. Ein glücklicher Gedanke ſtieg in ihr auf. „Hier iſt Tinte und Papier, meine Liebe. Könnten Sie nicht die Fragen aufſchreiben? Er würde ihnen die Antworten auf daſſelbe Papier ſchnell beantworten. Ich werde es durch Jerry hineinſchicken. Er hat nämlich einige Freunde zu Tiſche.“ Ellinor gab nach. Ihr müder Kopf ruhte auf ihrer Hand und ſuchte die Fragen zu finden. Endlich ſchrieb ſie: „Wann kann ich Sie morgen früh ſprechen? Wollen Sie die nöthigen Schritte thun, daß ich Dixon ſo ſchnell wie möglich ſehen darf? Könnte ich ihn heute Abend noch ſehen?“ Die Antworten lauteten: „Acht Uhr— Ja— Nein.“ „Er muß es am beſten wiſſen“, ſagte Ellinor ſeufzend; aber es kommt mir Unrecht vor, daß ich zu Bette gehe, wenn er ſo in der Nähe iſt— im Gefängniß!“ Als ſie ſich erhob, fühlte ſie den frühern Schwindel wiederkehren, und das ſöhnte ſie mit dem Gedanken an Ruhe aus. Sie mußte recht klar und geſammelt ſein, jetzt, da ſie Alles wußte und am Orte war. Mrs. Johnſon brachte ihr Wein ſtatt des Thees, um den ſie gebeten hatte, und wahrſcheinlich ſchlief ſie deshalb ſo feſt in dieſer Nacht. Fünßzhntes Kapitel. Als Ellinor erwachte, ſchien das helle Dämmerlicht in ihr Zimmer. Sie konnte ſich nicht erinnern, wo ſie war; ſeit vielen Morgen war ſie an fremden Orten aufge⸗ wacht, und ſie brauchte mehrere Minuten, ehe ſie wußte, wohin dieſe ſchweren blauen Damaſtvorhänge, das Bild des Lordlieutenants der Grafſchaft und die ſchönen ſchwer⸗ fälligen Mahagonymöbel gehörten. Sobald jedoch die volle Erinnerung zurückkehrte, fuhr ſie auf und ging auch nicht wieder zu Bette, als ſie an der Uhr ſah, daß es noch nicht ſechs Uhr ſei, ſondern kleidete ſich mit ihrer gewöhn⸗ lichen Sorgfalt an; dann nahm ſie Hut und Shawl um, begab ſich hinab und zur Thür hinaus in die friſche Luft. Sie ſuchte den Weg durch die Hauptſtraße nach dem Schloſſe von Hellingford, das Gebäude, in welchem das Schwur⸗ gericht abgehalten wurde, und zugleich das Gefängniß, in welchem Dixon war. Sie wußte wohl, daß ſie ihn nicht ſehen dürfte; allein es war ihr wie eine Sühne ihrer ruhigen Nacht, wenn ſie doch den Verſuch machte. Sie ging zur Portierwohnung und fragte das kleine Mädchen, welches den Vorplatz ausfegte, ob ſie Abraham 207 Dixon ſehen dürfe. Das Kind ſtarrte ſie an, rannte in die Stube hinein und holte ihren Vater, einen großen unge⸗ ſchliffenen Mann, der, ohne Rock und Weſte, die Morgen⸗ luft noch etwas ſcharf fand. Ellinor wiederholte ihre Frage. „Sie meinen den, der Samſtag über acht Tage gehängt werden ſoll? Ja, Madame, damit habe ich nichts zu thun. Sie können zum Gouverneur gehen und fragen, aber es wird vergebliche Mühe ſein. Man muß immer eine Er⸗ laubniß vom Sherif haben, um einen Verurtheilten zu ſehen. Sie können ja nachfragen beim Gouverneur, man wird Ihnen aber genau daſſelbe ſagen. Dort ſteht das Haus des Gouverneurs.“ Ellinor glaubte dem Manne, und doch ging ſie zu dem bezeichneten Hauſe, als hoffe ſie, es könne für ſie eine Aus⸗ nahme ſtattfinden. Allein ſie erhielt dort ganz dieſelbe Antwort, nur wurde ſie noch kürzer abgefertigt, als müßte jeder Menſch von der Geburt an mit dieſer Regel bekannt ſein. Sie kam wieder an dem nun völlig angekleideten Por⸗ tier vorüber. Er bedauerte ihre Enttäuſchung, konnte ſich jedoch nicht erwehren, ihr zuzurufen:„Sehen Sie, daß ich Recht hatte?“ Sie wanderte rings um das Schloß und ſuchte zu ent⸗ decken, in welchem Theile deſſelben wohl Dixon gefangen ſitzen mochte. Dann ging ſie auf den daranſtoßenden Kirchhof, ſetzte ſich auf einen Grabſtein und ſchaute müßig hinab auf die Ausſicht zu ihren Füßen. Allein ſie ſah nichts, als die Dunkelheit jener verhängnißvollen Nacht: die eilige Arbeit, die ſchimmernden Laternen. Sie hörte 208 nur den ſchweren Athem der in ungewohnter Anſtrengung begriffenen Männer, die heiſern, leiſen Worte, die Zweige, die ſich hin⸗ und herbewegten. Mit einem Male ſchlug die Thurmuhr acht Uhr über ihrem Haupte und dann läutete die Glocke, damit die Tagelöhner einen Augen⸗ blick in ihrer Arbeit innehalten ſollten. Es war dies eine alte Sitte des Ortes. Ellinor ſtand auf und ging zurück nach Mr. Johnſon's Haus in der Hauptſtraße. Das Zimmer, in welchem ſie ihn erwartete, war dumpf und ſchwül. Mr. Johnſon ſchickte eine Entſchuldigung herab, er hätte es verſchlafen; allein zuletzt erſchien er halb wach und ſehr eilig, noch in Folge ſeiner geſtrigen Feſtlichkeit. „Es thut mir ſehr leid, Ihnen geſtern Abend ſo viele Mühe gemacht zu haben“, ſagte Ellinor.„Ich war ſo müde und von den ſchlimmen Nachrichten überwältigt.“ „Es war gar keine Mühe, weder meine Frau noch ich empfanden die geringſte Unannehmlichkeit. Manche Damen können ſolche Dinge nicht ertragen, das weiß ich wohl, obgleich es Frauenzimmer gibt, die gefaßter bleiben, als jeder Mann, wenn der Richter ſeine ſchwarze Mütze auf⸗ ſetzt; wenigſtens habe ich einige geſehen, die nicht im ge⸗ ringſten ergriffen waren von Richter Corbet's Rede.“ „Aber nun zu Dixon, er darf nicht ſterben, Mr. Johnſon!“ „Nun, es iſt möglich, daß es nicht geſchieht“, ſagte Johnſon, als ſpräche er mit einem Kinde.„Der Richter Corbet ſagte etwas über die Möglichkeit einer Begnadi⸗ gung; die Geſchworenen haben ihn zwar nicht der Gnade empfohlen. Sein Ausſehen ſprach gegen ihn, die Beweiſe 209 waren ſo überzeugend und ſozuſagen gar keine Vertheidi⸗ gung möglich, denn er that keine Ausſagen, auf welche man eine Vertheidigung hätte begründen können. Allein der Richter gab einige Hoffnung, obwohl Andere nicht mei⸗ ner Meinung ſind.“ „Ich ſage Ihnen, Mr. Johnſon, er darf und ſoll nicht ſterben. Zu wem muß ich gehen?“ „Was? Haben Sie nachträgliche Zeugenausſage ab⸗ zulegen?“ „Laſſen Sie das nur gut ſein“, antwortete Ellinor. „Sagen Sie mir nur, in weſſen Händen liegt jetzt die Macht über Leben und Tod?“ „In denen des Miniſters des Innern, Sir Philipp Homes; allein Sie können ihn nicht ſehen in dieſer Ange⸗ legenheit. Der Richter, welcher den Fall behandelt hat, muß um den Befehl zum Aufſchube einkommen, und das iſt Richter Corbet.“ „Richter Corbet?“ „Ja. Er ſchien die ganze Sache eher nachſichtig auf⸗ zufaſſen. Ich ſah es an ſeiner Anklage. Ihn müſſen Sie aufſuchen. Sie wollen mir nicht Ihr Vertrauen ſchenken, ſonſt könnte ich Ihnen aufſchreiben oder zurecht⸗ machen, was Sie ſagen müſſen.“ „Nein. Was ich zu ſagen habe, kann ich nur dem Schiedsrichter ſelbſt mittheilen. Ich habe wohl ungeduldig mit Ihnen geſprochen. Sie müſſen mir vergeben; wenn Sie Alles wüßten, thäten Sie es gern.“ „Sagen Sie nichts weiter, theure Lady. Ich will vor⸗ ausſetzen, Sie haben eine Ausſage zu machen, die bei der Sitzung nicht vorkam; gut, dann müſſen Sie nun Richter Gaskell Die That einer Nacht. 210 gehen und ihm Alles mittheilen. Er wird ohne Zweifel Ihre Ausſage mit ſeinen Notizen über den Fall vergleichen und ſehen, ob Beide übereinſtimmen. Natürlich müſſen Sie irgend welche Beweiſe haben; der Richter wird Ihre Ausſagen prüfen müſſen. „Wie merkwürdig, daß er der Richter iſt“, ſagte Ellinor leiſe, wie zu ſich ſelbſt. „Ja, ja, er iſt ein junger Richter. Sie kannten ihn wohl in Hamley? Ich erinnere mich noch, wie er bei Mr. Neß ſtudirte.“ „Ja, aber über jene Zeit wollen wir nicht weiter reden. Wann kann ich Dixon ſehen? Ich war bereits im Schloſſe, allein man ſagte mir, ich müſſe den Befehl des Sherifs haben.“ „Verſteht ſich. Ich bat meine Frau geſtern Abend, Ihnen dies zu ſagen. Der alte Ormerod, der Secretär des Magiſtrats, aß hier und ich theilte ihm Ihren Wunſch mit. Er verſprach, zu Sir Henry Croper zu gehen und Ihnen die Erlaubniß vor zehn Uhr heute zu ſchicken. Aber meine Frau erwartet uns längſt beim Frühſtück. Erlauben Sie mir, daß ich Sie ins Speiſezimmer führe.“ Ellinor fand es ſehr ſchwierig, jetzt als Gaſt aufzu⸗ treten und über Privatangelegenheiten mit ihrem Wirth und ſeiner Frau zu reden. Allein ſie wollte ihre unhöfliche Rede von vorhin wieder gut machen und hörte alle Einzeln⸗ heiten über die Herrichtung der Kirche und über die Schwie⸗ rigkeit, einen guten Muſiklehrer für ihre drei kleinen Mädchen zu finden, von Mr. und Mrs. Johnſon mit Ge⸗ duld an, obwohl Herz und Kopf nur von Dixon erfüllt waren. Nach einiger Zeit wurde Mr. Johnſon aus dem Zimmer gerufen, um Mr. Ormerod zu ſprechen und die beſprochene Erlaubniß in Empfang zu nehmen. Ellinor faltete ihre Hände krampfhaft, während ſie mit anſcheinen⸗ der Ruhe Mrs. Johnſon's endloſes Lob über ein neues Notenſyſtem anhörte. Allein als er zurückkam, unterbrach ſie die Rede und ſagte: „Alſo jetzt kann ich gehen?“ Ja, die Erlaubniß war da, daß ſie gehen konnte. Mr. Johnſon wollte ſie begleiten, damit man ihr keine Schwie⸗ rigkeiten in den Weg lege. Unterwegs ſagte er ihr, daß ein Gefangenwärter bei der Unterredung anweſend ſein würde, dies ſei Geſetz bei den verurtheilten Gefangenen; allein wenn dieſer„gefällig“ ſein wollte, ſo könnte er außer Gehörweite bleiben. Mr. Johnſon ſorgte dafür, daß der Schließer, welcher mit Elli⸗ nor ging, ſich als gefällig erwies. Der Mann führte ſie durch hochummauerte Höfe, ſteinerne Gänge und durch manche verſchloſſene Thüre, ehe ſie zu den Zellen der Verurtheilten kamen. „Ich habe einmal drei zuſammen hier gehabt“, ſagte er, indem er die letzte Thüre aufſchloß,„nachdem Richter Morton hier geweſen war. Wir nannten ihn nur den Galgenrichter. Allein er ſtarb ſchon vor fünf Jahren und jetzt iſt niemals mehr als einer auf einmal hier.“ Der ſteinerne Gang, in welchen die Zellen mündeten, war gewiſſenhaft reinlich gehalten. Ueber jeder Thüre be⸗ fand ſich ein kleines vergittertes Fenſter, ein zweites befand ſich hoch oben in der Zelle ſelbſt, welche jetzt geöffnet ward. 14* 212 Der alte Abraham Dixon ſaß neben ſeinem Bette; ſein Haupt war geſenkt, ſeine Geſtalt gebrochen, und es ſchien ihm gleichgültig zu ſein, wer bei ihm eintrete. Ellinor ſuchte ihr Schluchzen zurückzuhalten, während der Schließer auf ihn zuging und ihn leicht ſchüttelnd zu ihm ſagte:. „Hier kommt ein Beſuch zu Ihnen, Dixon.“ Dann ſagte er zu Ellinor: „Manche werden ſo zu ſagen ſtumpf, Andere ſind wie ein wildes Thier im Käfig, wenn ſie verurtheilt ſind.“ Dann zog er ſich in den Gang zurück, ließ die Thüre offen, um Alles zu ſehen, falls er etwas ſehen wollte aber er wandte die Augen gefliſſentlich ab und pfiff vor ſich hin, um nicht zu hören, was geſagt wurde. Dixon blickte nach Ellinor hin, aber dann blickte er wieder zu Boden; nur das Zittern ſeiner Geſtalt zeigte an, daß er ſie erkannt habe. Sie ſetzte ſich neben ihm nieder, nahm ſeine harte Hand in die ihrige, ſtreichelte ſeine knöchernen runzligen Finger, und ihre heißen Thränen tropften fort und fort darauf. „Weinen Sie nicht“, ſagte er endlich mit hohler Stimme. „Grämen Sie ſich nicht; es iſt am beſten ſo, liebe Miß.“ „Nein, Dixon, es iſt nicht ſo am beſten. Es ſoll nicht ſein. Ihr wißt, es darf nicht— es kann nicht ſein.“ „Ich habe das Leben ſatt. Es war für mich nur Mühe und Anſtrengung. Ich möchte lieber mit Gott als den Menſchen ſein. Und ſehen Sie, ich habe ihn geliebt, wo er noch ein kleiner Junge war und mir einſt erzählte, wie ſchlecht es ihm in der Schule ginge, gerade als wäre ich ſein Bruder. Ich liebte ihn faſt ſo ſehr, als Molly Greaves. —— Ach, und dieſe werde ich auch wieder ſehen am Samſtag über acht Tage. Sie werden gewiß Gutes von mir denken jenſeits, obwohl ich vielleicht hienieden nicht Alles that, was ich hätte thun ſollen.“ „Aber Dixon, Ihr wißt ja, wer dieſen, dieſen— be⸗ gangen hat.“ „»Des Mordes ſchuldig«, ſo nannten ſie es. Mord, und das war es nicht, wer es auch gethan hat.“ „Mein armer, armer Vater hat es gethan. Ich gehe heute Mittag nach London, um den Richter Corbet zu ſprechen und ihm Alles zu ſagen.“ „Erniedrigen Sie ſich nicht, indem Sie zu dem Men⸗ ſchen gehen, liebe Miß. Er hat Sie damals ſitzen laſſen, als Schimpf und Sorgen zuerſt Ihnen drohten.“ Jetzt ſah er ſie zum erſten Male an, allein ſie that, als bemerkte ſie nicht ſeinen traurigen Blick. „O ja, ich werde gehen. Ich weiß, wer der Richter iſt, und bin dazu entſchloſſen. Er hilft uns vielleicht mehr, als wenn es ein ganz fremder wäre, und ich werde gewiß mich an nichts Anderes erinnern, wenn ich an Euch denke, Ihr guter, treuer Freund.“ „Er ſieht ganz alt und zuſammengeſchrumpft aus in ſeiner Perrücke. Ich hätte ihn kaum erkannt und ſandte ihm nur einen Blick zu, um ihm zu ſagen: Von Euch, mein Lord Richter, könnte ich auch Geſchichten erzählen; aber ich weiß nicht, ob er darauf acht gab. Ich glaube, es iſt wegen der alten Bekanntſchaft, daß er ſagte, er wolle mich der Gnade der Königin empfehlen. Aber ich möchte viel lieber ſterben, als begnadigt werden. Der Mann da draußen : ſagt, Gnade ſei ſo viel als Deportation nach Auſtralien. Das hieße mich ſtückweiſe tödten. Ja, ja, viel lieber möchte ich geraden Wegs zum Himmel fahren, als unter den Schwarzen leben.“ Er fing wieder an zu zittern. Der Gedanke an Auſtralien war ihm ſchrecklicher als der Tod. Er wieder⸗ holte flehentlich:„Liebe Miß, laſſen Sie mich ja nicht fort⸗ ſchicken. Ich könnte es nicht ertragen.“ „Nein, nein“, ſagte ſie.„Ihr ſollt aus dieſem Ge⸗ fängniß heraus und zu mir nach Eaſt⸗Cheſter kommen. Das verſpreche ich Euch. Noch weiß ich nicht, wie, aber es ſoll geſchehen. Grämt Euch nicht über Auſtralien. Wenn Ihr hingeht, ſo gehe ich mit, aber dahin ſollt Ihr gewiß nicht. Habt Ihr dadurch, daß Ihr die That jener Nacht geheim hieltet, irgendwie gegen die Geſetze gehan⸗ delt, ſo bin ich eben ſo ſchuldig und werde dieſelbe Strafe erleiden. Allein es wird ſich ſicherlich noch Alles zum Beſten wenden, ſo weit dies überhaupt für uns, die wir mit jenen Erinnerungen zu kämpfen haben, noch möglich iſt. Dieſe letzten Worte ſagte ſie leiſe vor ſich hin; darauf ſaßen Beide einige Minuten lang ganz ſtille. „Ich habe mirs gedacht, daß Sie kommen würden. Ich wußte zwar, daß Sie in der Fremde ſeien; aber ich habe zu Gott gebetet. Lieber Herr Gott, pflegte ich zu ſagen, laß mich ſie noch einmal ſehen! Dem Kaplan ſagte ich, wenn ich erſt genug um Ihre Rückkehr gebetet hätte, dann würde ich auch um ein bußfertiges Gemüth flehen; meine Kraft reichte aber nur zu den wenigen Worten. Auch dachte ich, der liebe Gott wiſſe doch am beſten, was in meinem Herzen vorgehe, auch ohne daß ichs ihm ſagte. Meine Sünden bereue ich alle von Herzen, wie von jeher, wenn ich eine begangen hatte; aber nach Ihnen ſehnte ich mich unbeſchreiblich.“ Abermals ſchwiegen Beide. Ellinor wäre gern weg⸗ gegangen, um für ihn zu handeln und ſeine Befreiung zu erwirken, wagte jedoch nicht, ihn zu verlaſſen, da ſie wußte, wie koſtbar ihm ihre Gegenwart war. Er ſprach nur mühſam mit gebrochener Stimme und verfiel immer wieder in ſeinen frühern träumeriſchen Zuſtand; nur hielt er ihre Hand feſt, als fürchte er, ſie möchte weggehen. Die Stunde verſtrich ohne weiteres Sprechen; Elli⸗ nor weinte ſtill vor ſich hin, ohne genau zu wiſſen, wa⸗ rum. Endlich kam der Schließer, um zu ſagen, daß die für den Beſuch beſtimmte Zeit verfloſſen ſei. Ellinor erhob ſich ſchweigend, küßte die Stirn des alten Mannes und ſagte: „Morgen komme ich wieder. Gott beſchütze und be⸗ wahre Eüch.“ Auch der alte Mann erhob ſich mit zitternden Gliedern und legte zum Abſchiede die Hand in gewohnter ehrfurchts⸗ voller Weiſe an die Mütze. Sie verließ ihn, eilte nach Mr. Johnſon's Hauſe zurück, wo ſie dieſem in größter Schnelligkeit und Kürze ihren Plan auseinanderſetzte. Sie ſtellte nur einige nothwendige Fragen an ihn und theilte ihm mit, daß ſie nach London und geraden Wegs zu Richter Corbet fahren wolle. Als der Eiſenbahnzug ſich in Bewegung ſetzte, reichte ſie Mr. Johnſon noch einmal die Hand mit den Worten: „Morgen werde ich Ihnen für Alles danken, heute kann ich es nicht.“ Sie erreichte London gegen Abend und fand unter⸗ wegs die nöthige Zeit, ſich ihre Schritte zu überlegen; leider hatte ſie jedoch vergeſſen, Mr. Johnſon nach Cor⸗ bet's Adreſſe zu fragen. Wahrſcheinlich hätte er ihr deſſen Geſchäftsbureau angeben können, während ſie im Adreß⸗ buch des Hotels, nur ſeine Privatwohnung, Hyde⸗Park Gardens 128 verzeichnet fand. Sie klingelte. „Kann ich einen Boten nach Hyde⸗Park Gardens ſchicken?“ fragte ſie eilig. Ich möchte wiſſen, ob Richter Corbet zu Hauſe iſt, denn in dieſem Fall muß ich ihn ſprechen.“ Der Kellner ſchien erſtaunt und bat um Ellinor's Karte, um die Anfrage zu motiviren; ſie wünſchte jedoch den Richter unvorbereitet zu treffen und ſofort den Haupt⸗ gegenſtand zu berühren. Während ſie noch unruhig im Zimmer auf⸗ und ab⸗ ging und ſich auf die Unterredung vorbereitete, kehrte der Kellner ſchon mit der Antwort zurück. „Der Bote war in Hyde⸗Park Gardens, Madame; der Richter und Lady Corbet ſind zu Tiſche geladen.“ Lady Corbet! Sie wußte ja nur zu wohl, daß er ver⸗ heirathet ſei; hatte ſie nicht der Trauung im Dome von Eaſt⸗Cheſter beigewohnt? Alllein die letzten Ereigniſſe hatten ſie ſo ſehr in die Vergangenheit zurückverſetzt, daß die beiden engverbundenen Namen, Richter und Lady Corbet, ſie aus einem Traume zu erwecken ſchienen. „Es iſt gut“, ſagte ſie;„laſſen Sie mich morgen früh um ſieben Uhr wecken und beſorgen Sie mir um acht Uhr einen Fiaker, um nach Hyde⸗Park Gardens zu fahren.“ Sie brachte die Nacht ſchlaflos zu, denn die Erinne⸗ 211 rung an die glücklichen Tage ihrer Jugend und an die eine entſetzliche Nacht ſtand zu lebhaft vor ihrer Seele. Es war ihr, als hörte ſie den Schritt ihres Vaters, ſeinen Athem und das Knittern der Zeitung in ſeiner Hand. Endlich holte ſie ihren kleinen Schreibkaſten, ſuchte ſich die Andenken ihrer geliebten Verſtorbenen daraus hervor und beſah ſich jeden einzelnen Gegenſtand lange Zeit. „Ob dieſer Brief mir nicht nützlich ſein könnte?“ fragte ſie ſich, als ſie den Brief ihres Vaters wieder in ſeinen Behälter zurücklegen wollte. Sie las die letzten Worte wieder durch:„Von meinem Sterbebett beſchwöre ich Sie, ſeien Sie Ellinor's Freund; ich will Ihnen auf den Knien Alles abbitten—“ „Ich will den Brief mitnehmen“, dachte ſie. Vielleicht brauche ich ihn nicht vorzuzeigen; ich habe ja ſo Wichtiges mitzutheilen. Da aber Alles ſo verändert, ſo gänzlich aus⸗ gelöſcht iſt zwiſchen uns Beiden, ſo habe ich mich des In⸗ halts nicht zu ſchämen. Vielleicht denkt er doch in Zukunft beſſer von dem lieben armen Vater, wenn er deſſen tiefe Zerknirſchung erkennt, obgleich er einſt im Zorne von ihm ſchied.“ Ellinor nahm nach einiger Ueberlegung den Brief mit nach der Wohnung Corbet's. Ihre Nerven waren ſo überreizt, daß ſie hätte laut auf⸗ ſchreien mögen, als der Kutſcher in Hyde⸗Park Gardens hielt und mit Geräuſch an die Hausthüre klopfte. Sie ſtieg ſchnell aus, noch ehe dieſelbe geöffnet worden war, und blieb zitternd vor dem Hauſe ſtehen. Sechzehntes Kapitel. „Iſt Richter Corbet zu Hauſe? Kann ich ihn ſprechen?“ fragte ſie den Diener, der endlich die Thüre öffnete. Dieſer blickte ihr neugierig und beinahe unhöflich ins Geſicht, ehe er antwortete: „Nun ja! Um dieſe Zeit iſt er natürlich zu Hauſe; aber ob er Sie ſprechen wird, das iſt eine andere Frage.“ „Wollen Sie ihn fragen, bitte. Es iſt ein dringendes Geſchäft.“ „Können Sie mir nicht Ihre Karte geben? Vielleicht genügt auch Ihr Name, wenn Sie keine Karte haben. Simmons!“ rief er einer Kammerjungfer zu,„iſt der Herr ſchon auf?“ „O ja! Er iſt ſchon ſeit einer halben Stunde in ſei⸗ nem Ankleidezimmer. Mylady wird gleich herunterkom⸗ men. Es iſt eben Frühſtückszeit.“ „Können Sie Ihr Geſchäft nicht verſchieben und etwas ſpäter kommen?“ ſagte er, indem er ſich wieder an die bleiche zitternde Ellinor wendete. „Nein! Bitte, laſſen Sie mich eintreten, ich kann warten. Richter Corbet wird gewiß zu ſprechen ſein, wenn 219 Sie ihm ſagen, ich ſei da, Miß Wilkins. Er wird den Namen ſchon kennen.“ „Nun gut! Aber Sie müſſen hier warten, bis ich das Frühſtück hineingetragen habe“, ſagte der Diener, indem er ſie in den Flur einließ und auf eine daſelbſt befindliche Bank zeigte. Er hielt ſie ihrer Kleidung nach für eine Kammerjungfer oder Gouvernante, oder höchſtens für eine Krämerstochter, und ſchien ſich in ſeinen Vorbereitungen zum Frühſtück verſpätet zu haben. Sie trat ein und ſetzte ſich. „Sie werden mich doch gewiß melden; nicht wahr?“ ſagte Ellinor leiſe. „O ja, gewiß, ich werde hinaufſchicken; aber vor dem Frühſtück wird er Sie ſchwerlich ſprechen.“ Er beauftragte einen andern Diener mit der Meldung und dieſer rannte die Treppe hinauf, klopfte an ſeines Herrn Thüre und ſagte, eine Miß Jenkins wünſche den Richter zu ſprechen. „Wer?“ rief der Richter. „Miß Jenkins; ſie ſagte, ihr Name ſei Ihnen be⸗ kannt, Sir.“ „Durchaus nicht. Sagen Sie ihr, ſie möchte warten.“ Ellinor wartete. Bald darauf kam die ſchöne Lady Corbet langſam und würdevoll in rauſchender Seide und faltenreichen Gewändern die Treppe herab. Sie trug ihren kleinen Sohn auf dem Arme, und eine große Amme folgte dicht hinter ihr. Es war ihr unangenehm, wenn irgend Jemand ihren Mann zu Hauſe in Anſpruch nahm, wäh⸗ srend der Zeit, die er ſeiner Familie widmen konnte, und in ihrer ſtolzen rückſichtsloſen Art erwies ſie der beſcheide⸗ nen Dame, die müde und ſchweren Herzens in ihrem Flure ſaß, keine Höflichkeit. Im Gegentheil betrachtete ſie dieſelbe ſo lange von oben herab, bis Ellinor ſcheu ſich vor dem feſten Blicke der großen ſchwarzen Augen zurückzog. Dann verſchwand Lady Corbet mit ihrem Kinde und der Amme in das große Speiſezimmer, in welchem bereits alle Vor⸗ bereitungen zum Frühſtücken getroffen worden waren. Jetzt kam der Richter. Ellinor ließ inſtinktmäßig ihren Schleier fallen, denn ſie hörte ſeinen raſchen wohlbekannten Schritt. Er warf einen klugen ſcharfen Blick nach der Geſtalt, die im Flur auf ihn wartete, und ſein geübtes Auge erkannte die Dame auch im ſchlichten Reiſeanzuge. „Bitte, wollen Sie in dieſes Zimmer treten“, ſagte er, indem er ſeine Arbeitsſtube öffnete, welche nach der Straße hinausging; das Speiſezimmer lag nach hinten, und beide waren durch Flügelthüren verbunden. Der ſchlaue Advo⸗ cat ſtellte ſich mit dem Rücken gegen das Fenſter, um auf dieſe Weiſe das Geſicht ſeines Beſuchs in vollem Lichte zu ſehen. Ellinor ſchlug ihren Schleier zurück, den ſie nur herabgelaſſen hatte, um eine Erkennung im Flur zu ver⸗ meiden. Das Geſicht des Richters veränderte ſich mehr als das ihrige, denn er war nicht, wie ſie, auf dieſe Unter⸗ redung vorbereitet geweſen. „Ellinor! Miß Wilkins! Sind Sie es?“ ſagte er, indem er auf ſie zutrat, ihr die Hand auf das herzlichſte ſchüttelte und ſeine Verlegenheit ſorgfältig zu verbergen ſuchte. Sie konnte nicht gleich die rechten Worte finden. „Der einfältige Heinrich meldete mir eine Miß Jen⸗ kins. Ich bitte ſehr um Entſchuldigung. Wie konnte man“ Sie im Flure warten laſſen! Sie müſſen hereinkommen 221 und mit uns frühſtücken. Lady Corbet wird ſich gewiß un⸗ endlich freuen, Sie zu ſehen.“ Er ſprach haſtig, denn er empfand mit einem Male die Schwierigkeit ſeiner Stellung zwiſchen den beiden Frauen. Ellinor's folgende Worte waren ihm eine große Erleichte⸗ rung und ihre ſanfte weiche Stimme berührte ihn wie wohlthuender Balſam. „Ich danke Ihnen. Sie müſſen mich entſchuldigen. Ich bin nur in Geſchäften gekommen, ſonſt hätte ich Sie kaum zu dieſer frühen Morgenſtunde aufgeſucht. Ich komme wegen des armen Dixon.“ „Ahl das dachte ich mir!“ ſagte der Richter, indem er ihr einen Stuhl anbot und ſich ſelbſt ſetzte. Er ſuchte ſich ganz für die Geſchäftsſache zu ſammeln; allein trotz ſeiner Charakterſtärke und trotz aller Anſtrengungen konnte er die Erinnerung an frühere Zeiten nicht verſcheuchen. Er fragte ſich, ob er wohl im Ausſehen ebenſo verändert ſei, als ſie ihm auf den erſten Blick geſchienen hatte. Seitdem ver⸗ mied er es, ſie anzuſehen. „Ich dachte mir gleich, welch ein Schlag dieſe Nachricht für Sie ſein würde. Man ſagte mir in Hellingford, Sie ſeien auf Reiſen in Rom, wo ich nicht irre. Aber ängſtigen Sie ſich nicht unnöthig; das Urtheil wird ſicherlich in Transportation oder ſo etwas verwandelt werden. Ich ſprach noch geſtern Abend mit dem Miniſter des Innern darüber. Die Sache iſt vor ſo langer Zeit geſchehen und ſeine Aufführung war viel zu tadellos ſeitdem, als daß man an Todesſtrafe auch nur denken könnte.“ Während der ganzen Zeit hatte er andere Gedanken im Innerſten, und empfand theils Neugierde, theils 222 Reue und Bedauern, theils eine gewiſſe Spannung, wie das Zuſammentreffen zwiſchen Ellinor und Lady Corbet wohl ablaufen würde; allein er ſprach ganz klar über den vorliegenden Gegenſtand und gab keine äußern Anzeichen der Zerſtreutheit. Ellinor antwortete: „Ich kam, um Ihnen eine Thatſache mitzutheilen, die, ſo viel ich weiß, jedem Richter in Vertrauen und unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mitgetheilt werden kann, näm⸗ lich, daß Abraham Dixon nicht der Mörder iſt.“ Sie hielt inne und ſchluchzte ein wenig. Der Richter blickte ſie ſcharf an. „Alſo Sie wiſſen, wer der Mörder war?“ ſagte er. „Ja“, erwiderte ſie mit leiſer ruhiger Stimme und ſah ihm gerade ins Geſicht mit traurigem, feierlichem Aus⸗ druck. Die Wahrheit ward ihm plötzlich klar. Er bedeckte ſeine Augen und ſprach einige Minuten kein Wort; dann ſagte er, ohne aufzublicken, mit heiſerer Stimme: „Alſo dieſes war die Schande, von der Sie mir vor Jahren ſagten?“ „Ja“, ſagte ſie. Beide ſaßen völlig bewegungslos und ruhig. In dieſer Stille drang eine helle ſcharfe Stimme durch die Flügel⸗ thür bis zu ihnen. „Nehmen Sie den Fiſch herunter und ſagen Sie dem Koch, er ſolle ihn für den Herrn warm ſtellen. Es iſt zu ärgerlich, daß die Leute ihn auch hier ſtören müſſen, als hätte er nicht ſeine beſtimmten Geſchäftsſtunden in ſeiner Amtsſtube.“ Er ſtand eilig auf und ging in das Speiſezimmer, hatte 223 jedoch einige Schwierigkeit, die gereizte Stimmung ſeiner Frau zu beſchwichtigen. Als er zurückkam, ſagte Ellinor: „Ich fürchte, ich hätte nicht hierher kommen ſollen!“ „O, bitte recht ſehr! Sie thaten vollkommen Recht daran, hierher zu kommen“, erwiderte er in ärgerlichem Tone, ſetzte ſich wieder auf ſeinen frühern Platz und be⸗ deckte abermals das Geſicht mit der Hand. „Dixon wußte wohl davon? Ich bin genöthigt, mich deutlich auszudrücken— Ihr Vater war alſo der Schul⸗ dige? Er hat Dunſter ermordet?“ „Ja, wenn Sie es einen Mord nennen wollen. Es war ein Schlag, der in der Hitze geſchah; Niemand weiß, wie ſehr Dunſter Papa ſtets ärgerte“, ſagte Ellinor müde und ſchwerfällig; dann ſeufzte ſie. „Woher wiſſen Sie es?“ Es lag eine gewiſſe zärtliche Zurückhaltung in der Stimme des Richters, als er dieſe Fragen ſtellte. Ellinor hatte ſich zuvor klar gemacht, daß ſolche Fragen an ſie ge⸗ richtet werden würden und daß ſie dieſelben beantworten müſſe, allein ſie ſprach wie im Traume. „Ich kam in Papa's Zimmer, gerade nachdem der Schlag auf Dunſter gefallen war. Dieſer lag auf dem Boden ausgeſtreckt— wir dachten, er ſei betäubt, allein er war todt!“ „Was hatte Dixon damit zu thun? Er muß davon gewußt haben. Und was bedeutet die Pferdelanzette, die man bei dem Todten fand und die ſeinen Namen trug?“ „Papa ging, um Dixon zu wecken, der ſeine Lanzette mitbrachte, wahrſcheinlich um Dunſter zur Ader zu laſſen. ich will jede Frage beantworten, aus welcher Dixon's Unſchuld bewieſen werden kann.“ Der Richter hatte ſich Alles aufgeſchrieben. Jetzt ſaß er eine Weile ſchweigend da und gab keine Antwort. Dann ſchrieb er raſch, indem er ſeine frühern Notizen von Zeit zu Zeit nachſah. Nach fünf Minuten ungefähr las er die von Ellinor angegebenen Thatſachen in ihrem jetzigen juriſti⸗ M ſchen Zuſammenhange für ſich durch, ſtellte noch einige gewöhnliche Fragen, las ihr dann den Inhalt vor und bat ſie, das Papier zu unterſchreiben. Sie nahm die Feder auf und hielt ſie zögernd in der Hand. „ Dies wird nicht veröffentlicht werden?“ ſagte ſie. „Nein! Ich werde Sorge tragen, daß Niemand außer dem Miniſter davon Kenntniß nimmt.“ „Ich danke Ihnen. Ich konnte nicht anders handeln, ſo wie es jetzt ſtand.“ 1„Wenige hätten an Dixon's Stelle ſo gehandelt!“ ſagte Richter Corbet vor ſich hin, als er das Papier zu⸗ ſiegelte. „Ja, er iſt der treuſte Menſch, den ich kenne“, verſetzte 1 Ellinor. Beide waren von dieſer unwillkürlichen Beziehung auf einen weniger treuen Charakter betroffen, welche dieſe Aeußerung zu enthalten ſchien, und ſahen ſich unwillkür⸗ lich an. „Ellinor!“ ſagte der Richter nach einer kleinen Pauſe. 1„Nicht wahr, wir ſind noch immer Freunde?“ 1„Gewiß“, ſagte ſie ruhig. Dieſe Antwort betrübte ihn, ohne daß er eigentlich b Haheh noch nicht genug geſagt? Ich bin ganz verwirrt, 6 — 225 wußte, warum. Er fragte weiter, um ſein Gefühl zu ver⸗ bergen:.. „Wo wohnen Sie jetzt?“ „In Eaſt⸗Cheſter.“ „Aber Sie kommen doch zuweilen nach London; nicht wahr? Laſſen Sie es uns wiſſen, jedesmal, wenn Sie hier ſind; und Lady Corbet wird Sie beſuchen. Ich wollte, Sie erlaubten mir, Sie heute nach Hauſe zu bringen.“ „Ich danke Ihnen. Ich muß gerades Wegs nach Hellingford zurück, das heißt, ſobald Sie mir Dixon's Begnadigung verſchaffen können.“ Ueber ihre Unerfahrenheit lächelnd, erwiderte er: „Die Begnadigung muß an den Sheriff geſchickt wer⸗ den, der den Hinrichtungsbefehl in Händen hat. Aber Sie können verſichert ſein, daß der Gegenbefehl ſo bald als möglich abgeſchickt wird. Es iſt ſo gut, als hälten Sie denſelben bereits in den Händen.“ „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!“ ſagte Ellinor, indem ſie ſich erhob. „Bitte, gehen Sie nicht ohne Frühſtück weg. Wenn Sie Lady Corbet jetzt lieber nicht ſehen wollen, ſo kann es hier herein gebracht werden, falls Sie nicht bereits gefrüh⸗ ſtückt haben.“ „Nein, ich danke Ihnen. Sie ſind ſehr freundlich, und ich freue mich, Sie einmal wieder geſehen zu haben. Nur noch eins habe ich zu ſagen“, fügte ſie erröthend und zögernd hinzu.„Dieſer Brief hier wurde nach meines Vaters Tode unter ſeinem Kopfkiſſen gefunden. Einiges daraus bezieht ſich auf vergangene Dinge. Allein ich möchte gern, Gaskell, Die That einer Nacht. 15 — daß Sie meinem armen Vater ein gutes Andenken bewahr⸗ ten, und wenn Sie vielleicht leſen wollen—“ Er nahm den Brief und las ihn nicht ohne Rührung durch. Dann legte er ihn auf den Tiſch und ſagte: „Der arme Mann! Wie muß er um jene That ge⸗ litten haben! Und Sie, Ellinor, haben auch gelitten.“ Ja, ſie hatte gelitten; und er, der da ſprach, war einer der Haupturheber ihrer Leiden geweſen. Sie ſchüttelte mit dem Kopfe als Antwort, dann blickte ſie zu ihm auf, erhob ſich mit ihm und ſagte: „Ich werde jetzt wohl glücklicher ſein; ich war ſtets davon überzeugt, daß die Sache herauskommen würde. Noch einmal, leben Sie wohl, und herzlichſten Dank. Den Brief darf ich wohl mitnehmen?“ ſagte ſie, einen liebenden Blick auf den unbeachteten Brief ihres Vaters werfend. „O gewiß, gewiß!“ ſagte er, und dann ergriff er ihre Hand und hielt ſie feſt, während er in ihr Geſicht blickte. Im erſten Augenblick hatte er ſie verändert gefunden, jetzt aber ſchien ſie ihm ganz die Alte wieder. Es waren die⸗ ſelben ſanften ſchüchternen Augen, das Grübchen im Kinn war auch geblieben, und jetzt überzog eine leichte fieberhafte Röthe ihr gewöhnlich ſo blaſſes Geſicht. Er war zwar ein wohlbeſtellter und verheiratheter Richter, aber faſt wollte es ihm ſcheinen, als käme ihm Ellinor in ihrem Kummer und ihrer Aermlichkeit reizender vor, als die ſchöne ſtatt⸗ liche Frau im Nebenzimmer, die nicht allzulieblich ausſah, als er ſie vor wenigen Minuten verlaſſen hatte; bei Elli⸗ nor's Weggehen konnte er deshalb einen ſchmerzlichen Seufzer nicht unterdrücken. Sein Lebensziel war jetzt er⸗ reicht, er hatte ſich die erſehnte Stellung errungen; nun — — 227 aber wünſchte er das Weſen, das er ſeinem Ehrgeiz ge⸗ opfert hatte, umſonſt wieder beleben zu können. Der Fiſch wurde dampfend wieder aus der Küche ge⸗ bracht; er ließ ihn jedoch unberührt, und obwohl er ſchein⸗ bar die Times las, konnte er doch keinen Buchſtaben genau erkennen. Seine Frau fuhr indeſſen mit ihren Klagen über den unzeitigen Beſuch fort, deren wirklichen Namen er ihr verſchwiegen hatte, um eine mögliche ſpätere Wieder⸗ erkennung zu vermeiden. Als Ellinor an jenem Nachmittage in Mr. Johnſon's Haus in Hellingford eintrat, traf ſie Miß Monro daſelbſt und erfuhr, daß dieſe ihr beinahe nach London gefolgt wäre. Die alte Dame küßte und liebkoſte ihren wieder⸗ gewonnenen Liebling eine Weile, ehe ſie deutlich genug reden konnte, um ihr zu ſagen, der Canonicus Livingſtone ſei unmittelbar nach ſeiner Rückkehr in Eaſt⸗Cheſter bei ihr geweſen und habe ſie zu der Reiſe nach Hellingford ver⸗ anlaßt. Sie geſtand anfangs nicht, daß er ſie hierher be⸗ gleitet habe; denn Sie fürchtete ſich etwas vor Ellinor's Unwillen. Allein Ellinor hatte ſich in jeder Beziehung verändert. 5 „Wie blaß Du ausſiehſt, Nelly!“ ſagte Miß Monro. „Du biſt gewiß zu ſchnell und zu viel gexeiſt, liebes Kind.“ „Ich habe Kopfweh!“ ſagte Ellinox matt.„Aber ich muß noch ins Schloß, um meinem armen Dixon zu ſagen, daß er begnadigt iſt. Ich bin gar zu müde. Bitten Sie doch Mr. Johnſon, daß er mir die Erlaubniß verſchafft, Dixon zu ſehen. Er weiß ſchon, was ich meine.“ Sie ſelbſt warf ſich auf das Bett mit den ſchweren blauen Vorhängen. Miß Monro erfüllte ihre Bitte; 15* allein es war ſchon ſpät am Tage, und Mr. Johnſon ſagte, es ſei ihm unmöglich, die Erlaubniß noch für dieſen Abend auszuwirken. „Außerdem“, ſagte er höflich,„weiß man kaum, ob Miß Wilkins nicht dem armen Manne falſche Hoffnungen machen würde, ob ſie ſelbſt nicht zu falſchen Hoffnungen veranlaßt worden iſt; es könnte eine grauſame Freund⸗ lichkeit gegen den armen Alten ſein, wenn ſie ihn ſpräche, ohne geſetzliche Sicherheit für ihre Behauptung zu haben. Morgen früh, wenn ich Sie recht verſtanden habe—“ „Sie iſt ſo entſetzlich müde, die Aermſte!“ ſagte Miß Monro, die es nicht ertragen konnte, wenn man Ellinor nicht für das beſte Weſen in allen Lebenslagen hielt. Mr. Johnſon fuhr nach einer entſchuldigenden Ver⸗ beugung fort: „Nun gut, ſie kann nichts Beſſeres thun, als aus⸗ ruhen. Ueberreden Sie Miß Wilkins, heute auszuruhen. Bis morgen früh werde ich die Erlaubniß vom Sheriff erhalten und bis dahin können Nachrichten aus London eingetroffen ſein.“ „Das iſt das Beſte, und ich danke Ihnen.“ „Es iſt ſogar das einzig Mögliche!“ ſagte er. Ellinor lag in einem ſchweren fieberhaften Schlafe, als Miß Monro in das Schlafzimmer zurückkehrte, und ſchien ſo unwohl, daß dieſe nicht zögerte, ſie zu wecken. Allein Ellinor ſchien ihre eigene Bitte ganz vergeſſen zu haben und verſtand offenbar dichis von der ihr über⸗ brachten Antwort. Die Reiſe nach England, der Kummer, die Aufregun⸗ gen aller Art äußerten nun ihre Wirkung. Der nächſte 229 — 2292 Morgen kam und brachte volle Begnadigung für Abraham Dixon. Die Erlaubniß des Sheriffs lag auf ihrem Tiſche, ₰ allein ſie wußte von Allem nichts. Tage, ja Wochen lang kämpfte ſie zwiſchen Leben und Tod. Wie einſt vor Jahren, ſo pflegte Miß Monro ſie auch jetzt unter dem Beiſtande der ſtets hülfreichen Mrs. Johnſon. Eines Abends zu Anfang Juni erwachte Ellinor zu vollem Bewußtſein. Miß Monro, die an ihrem Bette ſaß, vernahm ihre ſchwache Stimme. „Wo iſt Dixon?“ fragte ſie. „Im Hauſe des Domherrn zu Bromham.“ 6 Dies war der Name von Doctor Livingſtone's Land⸗ „ pfarrei.— 3„Warum?“ „Wir hielten es für beſſer, ihn ſogleich aufs Land und in eine neue Umgebung zu bringen.“ „Wie geht es ihm?“ „Viel beſſer. Werde nur wieder geſund, dann beſucht er Dich.“ „Iſt Alles auch gewiß in Richtigkeit?“ fragte Ellinor. „Gewiß, meine Liebe, Alles iſt in Ordnung.“ Nun ſchlief Ellinor aus Schwäche und Mattigkeit aber⸗ 8 mals ein. Von der Zeit an erholte ſie ſich jedoch ziemlich . raſch. Sie wünſchte ſehnlichſt, ſobald als möglich nach Eaſt⸗Cheſter zurückzukehren. Die Erinnerungen an Kum⸗ mer, Angſt und Krankheit, die mit Hellingford zuſammen⸗ hingen, flößten ihr doppelte Sehnſucht nach dem ſonnigen, ruhigen, feierlichen Domhofe von Eaſt⸗Cheſter ein. Canonicus Livingſtone kam herüber, um Miß Monro und die Kranke während der Reiſe zu unterſtützen. Allein er verhielt ſich ſo zurückhaltend gegen Ellinor, wie auf der Rückreiſe aus Italien. Den Morgen nach der Heimkehr ſagte Miß Monro: „Biſt Du kräftig genug, um Dixon ſehen zu können?“ „Ja; iſt er hier?“ „Er iſt beim Stiftsherrn. Er ließ ihn aus Brom⸗ ham holen, damit Du ihn ſehen könnteſt, ſobald Du es wünſchteſt.“ „Bitte, laſſen Sie ihn ſogleich holen“, ſagte Ellinor zitternd. Sie ging dem zitternden alten Mann bis an die Thüre entgegen, führte ihn an einen Lehnſtuhl, den ſie ihm ſelbſt brachte, kniete vor ihn hin und legte ſeine Hände auf ihren Kopf, während er vor Erregung bebte. „Vergebt mir all die Schande und das Elend, Dixon! Sprecht, daß Ihr mir vergebt, und gebt mir Euern Segen. Und dann laßt uns niemals mehr von der entſetzlichen Vergangenheit reden.“ „Ich habe Ihnen nichts zu vergeben. Sie haben ja niemals etwas gethan—“ „Aber ſagt, daß Ihr mir vergebt, es erleichtert mein Gemüth.“ „Ich vergebe Ihnen!“ ſagte er. Dann ſtand er mit Mühe auf und ſegnete ſie feierlich. Hierauf ſetzte er ſich wieder dicht neben Ellinor, die ihn liebevoll anblickte. „Mr. Livingſtone iſt ein guter Mann, Miß!“ ſagte er endlich, indem er ſeine Augen langſam aufrichtete.„Er iſt beſſer, als der Andere jemals war.“ 231 „Ja, er iſt gut“, erwiderte Ellinor. Der Gegenſtand wurde nicht weiter berührt. Den an⸗ dern Tag erſchien der Canonicus Livingſtone abermals zu einem Beſuch. Ellinor hätte gern Miß Monro im Zimmer zurückgehalten, allein die würdige Dame zog ſich alsbald zurück, und ſie redete gezwungen und über gleichgültige Dinge mit ihrem Beſuche weiter. Endlich konnte er nicht länger ſchweigen; er war aufgeſtanden und lehnte ſich an das Kamin, als wollte er die Verzierungen an demſelben ſtudiren.„Miß Wilkins!“ waren ſeine Worte,„habe ich irgend welche Hoffnung, eine günſtige Antwort jetzt von Ihnen zu erhalten? Sie wiſſen, was ich meine, was wir bereits früher beſprachen—“ Ellinor ſenkte den Kopf. „Wiſſen Sie, daß ich früher einmal verlobt war?“ „Ja, ich weiß es, mit Mr. Corbet, dem Richter. Sie glauben doch nicht, daß dies meine Gefühle verändern könnte? Iſt das Alles? Ich habe Sie geliebt und nur Sie geliebt, ſeitdem ich Sie vor achtzehn Jahren zum erſten Male ſah. Miß Wilkins— Ellinor— reißen Sie mich aus dieſer Spannung.“ „Ja, das will ich!“ ſagte ſie, indem ſie unter Thränen der Dankbarkeit ihm ihre magere weiße Hand zum Kuſſe reichte. Seine Leidenſchaftlichkeit erſchreckte ſie jedoch und ſie ſuchte ihr Einhalt zu gebieten. „Halten Sie ein, Sie haben noch nicht Alles gehört— mein armer, armer Vater war es, der Dunſter in einem Anfall von Zorn tödtete. Dixon und ich erfuhren die That gerade nachdem ſie begangen war— wir waren behülflich, dieſelbe zu verheimlichen— wir bewahrten das Geheimniß 232 — mein armer Vater ſtarb vor Kummer und Reue. Jetzt wiſſen Sie Alles— können Sie mich noch immer lieben? Es iſt mir, als ſei ich die Mitſchuldige bei einer entſetzlichen That.“ „Arme, arme Ellinor!“ ſagte er, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß.„Hätte ich das nur vor Jahren erfahren, ich hätte ſo Vieles von Dir abwenden können!“ Diejenigen, welche durch das Dorf Bromham kommen und ſich dort aufhalten, können an warmen Sommer⸗ tagen oft einen ſteinalten Mann in einem Rollſtuhle draußen auf dem Raſen ſitzen ſehen. Er lehnt ſich ge⸗ wöhnlich auf ſeinen Stock und hebt nur ſelten den Kopf in die Höhe. Allein ſeine Blicke folgen ſtets zwei kleinen lieblichen Kindern, die mit allen ihren kleinen Sorgen und Freuden zu ihm kommen und die ſeinen Namen zugleich mit dem von Vater und Mutter lallen gelernt haben. Auch Miß Monowo iſt meiſtens hier zu ſehen, und ob⸗ wohl ſie es vorzieht, ihr eigenes kleines Haus am Dom⸗ hofe als Winterquartier beizubehalten, ſo geht ſie doch allabendlich hinüber in das Haus des Canonicus Living— ſtone. Ende. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Hart Geld. Roman von Charles Reade, Verfaſſer von„It is never too lade to mend“. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. Geheftet, Preis 4 Thlr. Brley-Farm. Roman von Anthony Trollope. Aus dem Engliſchen von Clara Marggraff. 6 Bände. Geheftet, Preis 4 Thlr. Der Schatten von Aſhlydyat. Roman von Frau Henry Wood, Verfaſſerin von„Eaſt Lynne“,„Die Channings“ ꝛc. Aus dem Engliſchen A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. Geheftet, Preis 4 Thlr. — 4 Sylvia's Freier. Roman von Eliſabeth C. Gaskell, Verfaſſerin von„Mary Barton“ ec. Aus dem Engliſchen. Autoriſtrte Ausgabe. 4 Bände. Geheftet, Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ——— Eleanor’'s Sieg. 3 Roman von M. E. Braddon, Verfaſſerin von„Lady Audley's Geheimniß“,„Aurora Floyd“. Aus dem Engliſchen von 2 Marie Scott. Autoriſtrte Ausgabe. 4 Bände. Geheftet, Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Perloren und Gerxettet. Roman von Caroline Eliſabeth Sarah Norton. Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Rutoriſtrte Ausgabe. 4 Bände. Geheftet, Preis 2 Thlr. 20 Ngr. 3 Bie Frau in M von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. Zweite Auflage. 4 Bände. Geheftet, Preis 3 Thlr. John Halifax, Gentleman. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſtrte Ausgabe. 2 Bände. Geheftet, Preis 2 Thlr. 20 Ngr.