„—— 4—————x — Leihbibliothek deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 3 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 5 t93 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 4 8 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 ieler e auf 1 Monat: 1 Nr. Ff. 1 N 55 Ff. 2 Mk. Pf. — „ 3„„—„„— o„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſat des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— kothelan. 60000000000000 Ein hiſtoriſcher Roman von Galt, Verfaſſer der Erben, des Gewiſſens, der Wahrſagerin, des Dampfſchiffes u. a. Aus dem Engliſchen von Friedrich Ludwig Rhode. Dritter Band. Franktrurt a/M. Verlag von Wilh. Schaefer's Buchhandlung. 1827. Es führen Manche Turpin's Chronik an, und Geoffrey's, um uns was aufzuheften. Lord Byron.. — Druck von Wilh. Ludw. Weſche 5 in Frankfurt a. M. c — Kothelan. Fuͤnfter Theil. eeeeeee Erſtes Kapitel. Kippereien. Ein ſchmutzig⸗dummer Schurke, der Träumend und ſchleichend, dummpfiffig Euch betrügt. Altes Schauſpiel. Hinter Robert dem Springer auf dem Pferde ſitzend, war die Lady von Falaſide von der langen Reiſe und dem harten Trabe ihres Pferdes ſo zuſammengeruͤttelt in London angekommen, daß ſie mehrere Tage hin⸗ durch an allen Gliedern wie geradebrecht war. So wenig Anziehendes dieſer aͤcht III. Bändchen. 1 — 2— niederlaͤndiſche Zug in dem Gemaͤlde fuͤr unſere Leſer haben mag, und ſo ſchmerzlich er fuͤr die Lady ſelbſt geweſen ſeyn muß, ſo bewaͤhrt ſich an ihm doch unſers Verfaſ⸗ ſers tiefe Einſicht und Menſchenkenntniß, womit er die effektvollen Begebenheiten ſei⸗ ner Erzaͤhlung an geringfuͤgige Veranlaſ⸗ ſungen zu knuͤpfen weiß. Als die Lady, wie geſagt, zuſammengeruͤttelt und gelaͤhmt, an dem Gruße zu Aldersgate, einem damals beruͤhmten Gaſthofe, wo gewoͤhnlich die Nordlaͤnder ihr Abſteigquartier zu nehmen pflegten, abſtieg, verlangte ſie, daß man ihr ein Gemach mit einem Bette anweiſen moͤchte, welches ihr die Wirthin jedoch nicht einraͤumen konnte, da alle Zimmer ſchon beſetzt waren.„Indeſſen iſt,“ ſagte ſie, „eine fremde Lady und ein Jude hier, die geſtern Abend ſpaͤt hier eingetroffen ſind, und die, wie ich vernehme, morgen fruͤhe abreiſen wollen; vielleicht uͤberlaſſen dieſe Euch eins ihrer Zimmer.“ on Jud'!“ ſchrie die Lady von Falaſide. +, — „Behuͤt's Gott!'n Jud', der ſollte bei uns in Schottland nicht nach Athem ſchnappen duͤrfen. Koͤnnt' Ihr ſo Einen im Haus dulden?“ Die Wirthin gab ihr jedoch die Ver⸗ ſicherung, daß der Jude, allem Anſehen nach, ein ſehr ordentlicher Mann ſey, und freigebig wie ein Prinz bezahle. „Ich will das keineswegs in Abrede ſtellen; denn wer hat nicht von ihren Reich⸗ thuͤmern gehoͤrt? Im Zuſammenſcharren nehmen ſie es aber mit der Ehrlichkeit nicht ſehr genau. Es mag ihnen zwar nicht zu verdenken ſeyn, daß ſie aus dem Egypten— lande fortliefen, und ihren Nachbarn die Ohrringe mitnahmen: wenn man bedenkt, daß ſie ſo ſchwere Arbeit verrichten, und Lehmkuchen ohne Stroh nachen mußten, ohne einen Pfennig John zu bekommen. Allein es ſind doch Menſchen, auf welche man ſich nicht verlaſſen kann, wie am Bildniß der Rachel im gemahlten Fenſter der Lorettokirche zu Muſſelburgh zu ſehen iſt, die wie'ne Glucke auf dem Goͤtzen ihres Vaters ſitzt, und einer der winzigen gol⸗ denen Goͤtter, mit Hoͤrnern auf dem Kopf, ihr unter dem Rock hervorguckt;'s iſt'ne ſchoͤne Moral, wie mir's die Aebtiſſin ſelbſt 'nmal recht huͤbſch ausgelegt hat.“ Die Wirthin zum Gruß verſtand nicht“ recht, was die Lady wollte; ſie that indeſ⸗ ſen, als ob ſie es verſtaͤnde, was im Grunde auch eben ſo gut war. Die Lady, welche jener Geiſt der Zuvorkommenheit beſeelte, der alle Reiſende, aus welchem Lande, von welchem Beruf oder Geſchlecht ſie ſeyn moͤ⸗ gen, lehrt, daß man, ſich gegen Fremde, vorzuͤglich, wenn man einen Zweck zu er⸗ reichen ſucht, hoͤflich betragen muß, war dießmal uͤber ihte Gewohnheit artig und freundlich in Worten. und Mienen, ja ſelbſt uͤber die Maßen geſchwaͤtzig. Durch die beifaͤlligen Blicke der Wirthin er, ntert, fuhr ſie demnachgfort: ☛ 4„Ob ich gleich die Iſraeliten nicht lei⸗ den mag, Ie haͤtte ich doch nichts dawider, —————— ——— ihn zu ſehen, wenn's auch bloß der Neu⸗ gierde wegen waͤre;— wie ſieht er aus?“ Die Wirthin, die ſie nicht recht verſtanden hatte, fragte die Lady: ob ſie etwas zu ha⸗ ben wuͤnſche, in der Meinung, daß ſie eine Erfriſchung verlangt haͤtte, weil ſie eben erſt von einer weiten Reiſe kam. Ehe ihr die Lady aber etwas darauf erwiedern konnte, kam Adonijah mit der Lady Albertine, die verſchleiert war und an ſeinem Arme hing, aus dem Zimmer. Er ſchloß die Thuͤre ab und war eben im Begriffe, den Schluͤſſel in die Buſentaſche zu ſtecken, als ihn die Wirthin anredete: „Dieſe Dame hat eine weite Reiſe ge⸗ macht und iſt ſehr ermuͤdet; wolltet Ihr wohl die Gefaͤlligkeit haben, ihr eins Eu— rer Zimmer zum Gebrauche einzuraͤumen?“ „Bezahle ich nicht fuͤr meine Zimmer?“ erwiederte Adonijah.„Fuͤr was bin ich ihr Dank ſchuldig, daß ich ihr ſoll abtreten meine Zimmer? Ich uͤberlaſſe ihr keins. Ihr verlangt dieß bloß Eures eigenen Nu⸗ tens halber von mir, Ihr ſollt aber keinen Profit der Art an mir machen.“ „Das iſt ein krebsſcheeriger Wucherer,“ verſetzte die Lady von Falaſide; wie ſie ſich aber von ihm wegwendete, bemerkte er, daß ſie gelaͤhmt war, und ihr das Gehen ſehr ſchmerzlich fiel; er zog daher die Hand mit dem Schluͤſſel aus ſeinem Buſen zuruͤck, und ſagte: „Und Ihr habt eine weite Reiſe ge⸗ macht, Lady? Und Ihr habt Euch wund geritten? dies ſpricht das Mitleiden an.“ Die Lady von Falaſide, durch den ſanf⸗ ten mitleidigen Ton ſeiner Anrede einiger⸗ maßen beſaͤnftiget, erzaͤhlte ihm, daß ſie in der That einen weiten Weg zuruͤckgelegt habe, da ſie aus keiner geringeren Entfer⸗ nung denn Schottland komme. „Dieſe Lady,“ ſagte er,„indem er mit dem Schluͤſſel uͤber die Bruſt nach der Lady Albertine hindeutete,„dieſe Lady hat ei⸗ nem gefangenen Landsmann von Euch Schulden abzutragen, und wir gehen ihn loszukaufen.“ „Laßt ſie,“ verſetzte Lady Albertine, „unterdeſſen hier in meinem Zimmer aus⸗ ruhen.“ Der Jude beſann ſich jedoch und ſagte ihr bei Seite:„Unſer Gepaͤcke ſteht darin, und ſo viele andere Dinge von Werth; wie koͤnnte ich ruhig mit Sir Gabriel unter⸗ handeln, wenn ich alle meine Sachen in fremder Leute Haͤnden wuͤßte?“ „So geht dann allein zu ihm hin,“ er⸗ wiederte die Lady Albertine,„ich will in⸗ deſſen hier bei der Dame bleiben, die der Ruhe ſehr zu beduͤrfen ſcheint.“ „Ihr ſeyd voller Gefaͤlligkeiten, liebes Kind,“ ſagte Adonijah,„Ihr moͤgt hier bleiben, waͤhrend ich hingehe.“ Mit die⸗ ſen Worten ſchloß er die Zimmerthuͤre auf und noͤthigte die Lady, einzutreten; ihr folgte ſogleich die Lady Albertine, die ihren Schleier uͤber die Schulter warf. „Ich werde mich beeilen, was ich kann, ſagte Adonijah im Weggehen,„um bald wieder hier zu ſeyn; allein mit dem Sir Gabriel iſt boͤs handeln; das iſt der Mann, der beim Handel nicht weiß, wie koſtbar die Zeit iſt.“ „Was fuͤr'n Sir Gibrel meint der Ju⸗ denmenſch?— denn Ihr muͤßt wiſſen, daß ich ſelbſt des Sir Gibrels halber hierher bin kommen; das kann aber mein Mann nicht ſeyn, denn im ganzen Suͤden iſt kein ſeliger Menſch, der ſchwarz auf weiß, auch nur fuͤr'n rothen Pfennig in ſeinem Schuld⸗ buch ſteht.“ Die Lady Albertine erklaͤrte ihr jedoch, was Adonijah unter der Schuld meine, und erzaͤhlte ihr zugleich ſoviel von der Ge— ſchichte ihres Sohnes, daß der Lady kein Zweifel uͤbrig blieb, der erwaͤhnte Sir Ga⸗ briel ſey kein anderer als ihr Mann. „Das iſt eine wunderliche Geſchichte,“ ſagte die Lady von Falaſide, ohne ſich jedoch zu verrathen;„wahrhaftig ſehr ſonderbar! und es wundert mich jetzt nicht, daß Ihr — 9— dem Sir Gabriel ſo dankbar fuͤr die Muͤhe ſeyn wollt, die er gehabt hat, Euern Sohn zu unterrichten. Ihr koͤnnt fuͤrwahr nicht weniger fuͤr ihn thun, als das Loͤſegeld fuͤr ihn zu zahlen. Ich muß ſagen, daß der Jud'n ſehr ordentlicher Mann iſt; ich haͤtte nie geglaubt, daß'n Jud' ſo großmuͤthig gegen'nen Chriſten ſeyn koͤnne, um ſolch 'ne Verbindlichkeit'ne Schuld zu nennen.“ „Ich muß ſolches immer als eine Schuld anerkennen,“ erwiederte die Lady Albertine; „und ſchoͤſſe mein Freund Adonijah das Geld nicht vor, das ich ihm vielleicht nie wieder zuruͤck bezahlen kann, ſo wuͤrde ich den Schottlaͤnder freiwillig ausgeloͤſt a⸗ ben.“ „und iſt das der Jude nicht Sinnes?“ frug die Lady von Falaſide etwas vorlauter als es ſich mit ihrer gesihnlichen Gleich⸗ muth vertrug. „Nein,“ erwiederte die Andere, nicht ganz; wir wuͤnſchten meinen Sohn nur als einen ſchottiſchen Gefangenen betrachtet zu III. Bändchen. 1* — 410— wiſſen; daß man ihn nicht als einen Men⸗ ſchen anſaͤhe, der an ihrer Seite gefochten hat; bloß deßwegen moͤchten wir ein Loͤſe⸗ geld fuͤr ihn bezahlen; allein Adonijah fuͤrch⸗ tet, daß der Schotte von meines Sohnes Rang gehoͤrt haben koͤnne, und mehr for⸗ dern moͤchte, als er auftreiben kann.“ „Ah ſo,“ ſagte die Lady von Falaſide, „der Jude will alſo den Handel abſchlie⸗ ßen, ehe der Schottlaͤnder ausfindig macht, was er an dem Burſchen hat. Das ſieht inem Juden aͤhnlich; und wo mag denn dieſer Sir Gibrel ſeyn, mit dem er han⸗ deln will?“ Die Lady Albertine benachrichtigte ſie, daß er mit andern Gefangenen in das Klo⸗ ſter des heiligen Bartholomaͤus in Smith⸗ field gebracht worden waͤre. „Iſt das weit von hier?“ „Nein, nicht ſehr weit.“ Sobald die Lady von Falaſide dieſes hoͤrte, ſprang ſie, ihre Laͤhmung vergeſſend, vom Stuhle auf, und ſagte: 2 — 11— „Ich will Euch nicht beſchwerlich fallen, daß Ihr meinethalber hier bleiben ſollt, und ich bin Euch fuͤr die mir erwieſene Hoͤflich⸗ keit ſehr verbunden.“ Sich alſo eilig be⸗ urlaubend, verließ ſie das Zimmer, und ging zur Wirthin, die ſie erſuchte, jemand mit ihr zu ſchicken, der ihr den Weg nach dem St. Bartholomaͤus⸗Kloſter zeigen koͤnne. ur weites Kapitel. Das Zuſammentreffen. Die Mutter lief wohl hin zu ihr, Ach, daß ſich Gott erbarme: „Du trautes Kind, was iſt mit Dir?“ und ſchloß ſie in die Arme. Bürger. Sobald Sir Amias de Crosby den Biſchof von Wincheſter verlaſſen hatte, ließ dieſer Prälat, der ſich von der Wahrheit der ihm von dem Juden und der Lady gemachten Erzaͤhlung nunmehr uͤberzeugt hatte, Ado⸗ nijah zu ſich rufen, und erklaͤrte ihm, daß er ſeine Meinung voͤllig theile.„Allein,“ ſagte er,„wenn Sir Amias, wie ihn ſein Vergehen und ſeine Ehre faſt zu noͤthigen ſcheinen, im Laͤugnen beharrt, ſo ſehe ich nicht ein, welches Mittel wir anwenden 2 — 13,— wollen, ihn zu einem Geſtaͤndniſſe zu zwin⸗ gen. Es liegen keine Beweiſe der Heirath vor, und eben ſo wenig kann dargethan werden, daß der unter den Feinden ergrif⸗ fene junge Mann der Sohn der Lady iſt. Wenn Sir Amias ihn nicht dafuͤr aner⸗ kennen will, was habt Ihr ihm hierauf ein⸗ zuwenden?“ „Iſt er denn nicht bei ihm geweſen?“ rief Adonijah aufgebracht.„Hat er nicht verſucht, ihn mit freundlichen Worten in ſein Haus zu locken, und zwar unter ſo manchen geſtaͤndlichen Aeußerungen? Hat er ihn nicht als ſeinen Verwandten behan⸗ delt, ihn nicht, um ihn zu ſich zu nehmen, in meinem Hauſe aufgeſucht? War alles dieſes denn nur ein Traum, den man jetzt ablaͤugnen kann?“ „Obgleich das die reine Wahrheit iſt, was Ihr ſagt, ſo finde ich doch dieſes Al⸗ les noch nicht hinreichend. Ohne Beweiſe ſteht es weder in der Gewalt der Geſetze noch des Koͤnigs, die Lady und ihren — 14— Sohn wieder in ihre Rechte einzuſetzen, Sir Amias muͤßte denn freiwillig dazu ein⸗ willigen, eine Einwilligung, an welcher je⸗ doch zu zweifeln, obgleich der Saame des Guten und der Rechtſchaffenheit noch nicht ganz in ſeinen Buſen ausgerottet iſt. Was ich Euch indeſſen rathen wollte, waͤre das, fuͤr die Sicherheit des jungen Mannes zu ſorgen. Ihr ſagt mir, daß er zu der Be⸗ lagerungs⸗Armee nach Calais abgegangen iſt. Sir Amias koͤnnte dieſes in Erfah⸗ rung bringen, und nach dem, was er ge⸗ than hat, koͤnnt Ihr beurtheilen, weſſen er etwa noch faͤhig waͤre. Die Kriegsgeſetze bei dem ſtehenden Heere ſind ſtreng. Man wird die Umſtaͤnde ſo genau nicht unterſu⸗ chen, wenn man ihn im Lager anklagt, daß er, was er nicht laͤugnen kann, mit den Waffen in der Hand ergriffen worden iſt. Ich rathe Euch daher, durch alle er⸗ denkliche Mittel auf ſeine Sicherung be⸗ dacht zu ſeyn; ich will Euch Briefe an Freunde fuͤr ihn mitgeben, die ihm die⸗ — 15— nen koͤnnen, bis wir ſehen, was weiter an⸗ zufangen iſt.“ Der gethanen Zuſage gemaͤß, ſchrieb der Biſchof an einige der vornehmſten Regie⸗ rungsbeamten, die ſich im Gefolge des Koͤ⸗ nigs befanden, mehrere Briefe, worin er ihnen die Berhaͤltniſſe ſchilderte, in welchen ſich der junge Rothelan befand; und ſobald Andonijah ſolche in Empfang genommen hatte, eilte er nach Hauſe, um die Lady Albertine von dem Vorgefallenen zu unter⸗ richten. Die Furcht war ihr ſo zu eigen geworden, daß, als ſie hoͤrte, wie der Bi— ſchof ihres Sohnes Leben noch immer, ſelbſt an jenen Zufluchtsorte, gefaͤhrdet halte, ſie ſo ernſtlich darauf drang, ihm nach Ca⸗ lais zu folgen, um durch einen Fußfall vor dem Koͤnige die Gnade Seiner Majeſtaͤt anzuflehen, daß Andonijah ihren inſtaͤndi⸗ gen Bitten nicht widerſtehen konnte. Welche unmittelbare Folge der Eindruck der Taͤuſchung auf Sir Amias de Crosby machte, als er auf ſeinem Gange nach — 16— Adoniah's Hauſe vernahm, daß dieſer, man wiſſe nicht wohin, verreiſt ſey, dieß uͤbergeht unſer Autor, der hier den Baron eine geraume Zeit aus den Augen verliert, mit Stillſchweigen. So entſchloſſen er in den Augenblicken, wo ihn die Reue an⸗ wandelte, geweſen war, ſeine begangnes Unrecht wieder gut zu machen, ſo ſcheint doch, als er, ruhiger geworden, uͤber alle Umſtaͤnde der Sache reiflicher nachdachte, ſich ſein Verlangen hiernach ſehr gemin⸗ dert zu haben. Die ſanftmuͤthige Beatvic⸗ war inzwi⸗ en educh die fuͤrchterlichen Gewiſſens⸗ kaͤmpfe ihres Vaters, von denen ſie Zeuge geweſen war, innig erſchuͤttert worden, und der auf ſie gemachte Eindruck nagte immer tiefer und tiefer an ihrem Gemuͤthe. Sie konnte ihn nicht anblicken, ohne einen geheimen Schauer zu empfinden: die Erin⸗ nerung ſeines bleichen Geſichts, ſeiner ſchaͤumenden Lippen, ſeiner ſtarrenden Blicke und ſeines konvulſiviſchen Athemholens, — 17— bemaͤchtigte ſich ihrer ganzen Einbildungs⸗ kraft in ſo hohem Grade, daß ſie oft, wenn ſie an der Seite ihrer Mutter ſaß, auffuhr, die Haͤnde faltete und einen Angſtſchrei ausſtieß. Ihr Schlummer war unerquick⸗ lich, und im Traume ſchwebten ihr nur die beaͤngſtigenden Bilder vor, die ſie bei Tage erſchreckt hatten. Ihre ohnehin bleiche, dem ſanften Mondlichte vergleichbare Schoͤn⸗ heit, ſchien noch ſanftere Zuͤge anzunehmen, und der milde, geiſtreiche Ausdruck ihres Geſichts, das durch ihre leidensvollen Blicke das Herz noch maͤchtiger, als durch die Regelmaͤßigkeit der Zuͤge anzog, gewann das Anſehen einer duͤſtern Schwermuth, in die nur dann und wann eine Anwand⸗ lung von Geiſtesabweſenheit eine Zerſtreu⸗ ung brachte, die noch ruͤhrender als der Gram ſelbſt war, dem ſie ſich ſo unablaͤßig uͤberließ. Ihre zarten Haͤnde verloren ihre Milchweiße und wurden aſchfarbig bleich, und das feine blaue Geaͤder ihres Lilien⸗ nackens ſchwoll unfoͤrmlich und ſich in Farbe — 18— vertiefend an. Dieſe Symptome eines tief in ſeinem Innern verletzten Gemuͤths er⸗ fuͤllten Lady de Crosby mit Angſt und Be⸗ kuͤmmerniß, und benahmen ihr alles Inter⸗ eſſe an den Freuden und Leiden anderer lebender Weſen. Beatrice war lange Jahre der einzige Gegenſtand ihrer muͤtterlichen Sorgfalt, die Wonne ihrer einſamen Stunden; ſie war ihr das geweſen, was ein erquickender Weſtwind dem Halbgeneſenen iſt, wenn ſie in ihrer kraͤnkelnden Lage ſich tiefſinni⸗ gen Betrachtungen daruͤber hingab, daß ihr Gemahl den Pfad der Ehre verlaſſen hatte. Ob ihr gleich keine Arznei Linderung verſchaffen konnte, ſo veranlaßte ſie doch die Hoffnung, daß eine Veraͤnderung des Orts und der Luft wohlthaͤtig auf ſie ein⸗ wirken werde, dem Sir Amias den Vor⸗ ſchlag zu machen, ſich auf einige Zeit nach Windſor zu begeben, wo damals große Zu⸗ bereitungen getroffen wurden, um die in Frankreich erfochtenen Siege und des Koͤnigs Ruͤckkehr von Calais zu feiern. Der Verfaſſer liefert uns hier eine um⸗ ſtaͤndliche Beſchreibung der Bankete und Beluſtigungen, wobei wir den Namen Ro⸗ thelans zufaͤllig erwaͤhnt finden, der in der Eigenſchaft eines Squire des Lords Mowbray einem daſelbſt gehaltenen Tur⸗ niere beiwohnte: ein Umſtand, welcher ſchließen laͤßt, daß die Reiſe der Lady Albertine und Adonijah's nach Calais eini⸗ ger Maßen erfolglos geweſen war. Es ſcheint ebenfalls, daß vor der Hand auch in ihrer eigenen Angelegenheit nichts un⸗ ternommen wurde, da die Lady fortwaͤh⸗ rend in freundſchaftlichen Verhaͤltniſſen mit dem Juden blieb. Wie ſie die Lady von Falaſide bei ihrer Ankunft im Gruße zu Aldersgate treffen konnte, wird erklaͤrlich, wenn wir annehmen, daß ſie eben von Calais zuruͤckkehrten, da beilaͤufig um dieſe Zeit der Koͤnig nach England zuruͤck kam; und da Lord Mowbray zu gleicher Zeit — 20— heimkehrte, den jungen Rothelan alſo mit ſich brachte: ſo iſt es wahrſcheinlich, daß die Lady Albertine mit dem Juden nicht lange hinten nachblieb, wenn ſie nicht etwa vorauskamen. Dem ſey jedoch wie ihm wolle; ſo viel iſt gewiß, daß, als ſich die Familie de Crosby nach Windſor begab, um an den Feierlichkeiten daſelbſt Theil zu nehmen, ein ſonderbares Zuſammentreffen von Umſtaͤnden es fuͤgen mußte, daß ſich die Schauſpieler zuſammen fanden, von denen die fernere Entwickelung unſers Drama's abhaͤngt. Es bleibt ein unerklaͤrlicher Punkt unſrer Geſchichte, warum jene Gewiſſensbiſſe und Anwandlungen von Scham, die den Sir Amias ſo heftig ergriffen hatten, und welche damals die alsbaldige und gluͤckliche Been⸗ digung der Leiden der ungluͤcklichen Wittwe hoffen ließen, ſo ohne allen Erfolg blieben. Waͤre Ralph Hanslap ſeiner Dienſte ent⸗ laſſen worden, ſo haͤtten wir daraus ſchlie⸗ ßen moͤgen, daß der Ritter ernſtlich ent⸗ — 21— ſchloſſen war, das, was er begangen hatte, zu bereuen; allein wir ſehen dieſen ſeinen Vertrauten noch beſtaͤndig an ſeiner Seite, jeden ſeiner Tritte ſcharf beobachten und belauſchen, und ſich ſo benehmen, als wenn gar nichts vorgefallen geweſen waͤre. So her⸗ abwuͤrdigend die Beſchuldigung uͤbrigens auch fuͤr die menſchliche Natur ſeyn mag, ſo fuͤrchten wir doch, den Sir Amias als einen jener Menſchen anſehen zu muͤſſen, die, welche Gewiſſensangſt ihnen auch bis⸗ weilen ihre ungerechten Handlungen einfloͤ⸗ ßen, doch ſelten ihren Betrogenen aus ei⸗ genem Antriebe wieder Erſatz leiſten.⸗ e 6 6000000 0000000006900000000052399600 Dornit te s Kapitel. Liſt gegen Liſt. Unſer Verfaſſer ſcheint nicht von der Mei⸗ nung derjenigen zu ſeyn, welche behaupten, daß die zehn verlornen Staͤmme Israels von Weſten kamen, und Schottland bevoͤl⸗ kerten. Seine Nachrichten hieruͤber ſcheinen aber nicht ganz vollſtaͤndig zu ſeyn; denn ob er gleich Oſſian eben ſo gut gekannt zu haben ſcheint, als einer ſeiner Landsleute und Zeitgenoſſen, ſo iſt ihm doch der he⸗ braͤiſche Styl in ihren Dichtungen entgan⸗ gen: ein Umſtand, der, was man auch von den juͤdiſchen Zuͤgen im Charakter der ſchotti⸗ ſchen Niederlaͤnder, vorzuͤglich der Lairds, und der Bewohner der Burgflecken ſagen mag, unſrer Meinung nach ſehr fuͤr die abrahamitiſche Abſtammung der Celten — — ſpricht. Ohne uns jedoch jetzt in eine ſo wichtige und Aufmerkſamkeit verdienende Streitfrage einlaſſen zu wollen, glauben wir wenigſtens ſoviel als gewiß annehmen zu duͤrfen, daß, wenn der Baron von Fala⸗ ſide und ſeine Lady wirklich von israeliti⸗ ſchem Blute abſtammten, ſie keineswegs als aus der Art geſchlagen betrachtet werden konnten: nach der Weiſe naͤmlich zu urthei⸗ len, wie ſie mit Adonijah wegen des Loͤſe⸗ geldes fuͤr Rothelan unterhandelten. Sobald die Lady hinter das Geheimniß des Juden gekommen war, warum er mit dem Sir Gabriel einen baldigen Accord abzuſchließen wuͤnſchte, eilte ſie, nachdem ſie ſich einen Wegweiſer verſchafft hatte, nach der Abtei von St. Bartholomaͤus, wo der Baron eingeſperrt war, und er⸗ reichte ihrer Laͤhmung ungeachtet das Thor beinahe eben ſo bald wie Adonijah, welcher mit ſeinem Bruder Sheback, der ebenfalls hin beſtellt worden war, dort zuſammen traf. Obe es deshalb geſchah, daß er ſich — 24— nicht Mann genug fuͤhlte, um dem ſchotti⸗ ſchen Baron die Stirne zu bieten, oder ob er hierzu ſeine andern Urſachen hatte, dieſes iſt nicht beſonders angegeben; es wird blos des hiſtoriſchen Factums erwaͤhnt, was zwiſchen den vier ſtreitenden Partheien vorfiel. Sobald die Lady von Falaſide Einlaß ins Kloſter erhalten hatte, hinkte ſie eiligſt an den beiden Juden vorbei, und ward von einem Moͤnche ein oder zwei Minuten vor ihnen bei Sir Gabriel eingefuͤhrt. „So, Sir Gibrel,“ begruͤßte ſie ihn, „du haſt hier ein ſchoͤnes Quartier fuͤr dein Fechten kriegt!“ Der Baron, der, ſey es durch einen Brief oder durch einen Boten, bereits von ihrer Ankunft unterrichtet war, war uͤber ihr Mitleiden mit ſeinem Ungluͤcke keineswegs betruͤbt; er gab ihr keine Antwort, ſondern ſchoß einen jener ſcharf ſchielenden Blicke auf ſie, wegen deren er ſo beruͤchtigt war. „Wir haben aber, ſagte ſie,“ keine Zeit — 25— zum Condoliren; ich bin mit einer unbe⸗ ſchreiblichen Angſt hierher kommen, um Dich zu warnen, Dich ja beim Handel mit dem Juden vorzuſehen; der Englaͤn⸗ der iſt, was wir auch vermutheten, etwas Vornehmes, und du wuͤrd'ſt nicht geſcheidt ſeyn, wenn Du weniger von ihm naͤhm'ſt, als'n Loͤſegeld fuͤr'nen Lord.“ Sie fluͤſterte ihm dieſe Warnung noch ganz heiſer zu; und ehe Sir Gabriel die Zeit hatte, eine Bemerkung zu machen, nahte ſich ihnen Adonijah, der ſich an Sheback fuͤhrte. 46 Der Jude war nicht wenig erſtaunt, die Lady bereits hier zu finden; da er aber bald den Grad der Verwandtſchaft, in wel⸗ chem ſie zum Baron ſtand, merkte, ſo ſchrieb er ihr ploͤtzliches Erſcheinen Beſorgniſſen ihrer ehelichen Liebe zu. „Ah, Ihr habt ein ſehr gutes Weib, Sir Gabriel,“ ſagte Adonijah;„ſie war uͤber die Maßen ermuͤdet, und doch hat ihre Liebe ſie getrieben, hierher zu hinken, um III. Bändchen. 2 — 26— Euch Troſt in Eure Gefangenſchaft zu bringen.“ 2 „Habt Ihr das Geld mitgebracht?“ er⸗ wiederte der Baron. „Wo kein Oel iſt, da iſt boͤs Lichter anzuͤnden,“ verſetzte die Lady, in Anſpie⸗ lung auf den Gegenſtand. „Ich habe viel Ungluͤck gehabt,“ antwor⸗ tete Adonijah,„und mein Beutel iſt ſo leicht, daß der Wind durchweht.“ „Allein da ſteht ein reſpectabeler Mann neben Euch, den ich ſchon von fruͤheren Zeiten her kenne,“ ſagte der Baron;„ver⸗ muthlich hat der Roſenobel bei ſich, leichte und wichtige; er wird nicht anſtehen, einem Freunde zu dienen.“ „Sir Gibrel,“ fiel hier die Lady ins Wort, indem ſie ihm zugleich mit den Au⸗ gen winkte:„Sir Gibrel, Du mußt billig ſeyn; denn wenn dieſe beiden reſpectabeln Naͤnner hier Dich loskaufen, und uns noch etwas Reiſegeld auf den Weg geben, ſo — 27— werden ſie nicht ſagen koͤnnen, daß wir ſie uͤbernommen haͤtten.“ Adonijah, dem es kaum moͤglich ſchien, eine ſo ausſchweifende Forderung in ſo an⸗ ſpruchsloſen Ausdruͤcken thun zu koͤnnen, ſah ſeinen Bruder an; denn er hatte hoͤch⸗ ſtens einige Merks hingeben wollen, um ſich ein foͤrmliches Zeugniß zu verſchaffen, daß er Rothelan aus ſchottiſcher Gefangen⸗ ſchaft losgekauft habe, um damit zu bewei⸗ ſen, daß Letzter kein Verraͤther ſey. „Ihr ſollt in der That finden,“ erwie⸗ derte der Baron,„daß nicht ſchwer mit mir zu handeln iſt; denn obgleich der Menſch, wie ich gehoͤrt habe, der Sohn und Erbe eines Lords iſt, ſo will ich mich doch mit Wenigem fuͤr ihn abfinden laſſen. Mein Loͤſegeld und einige Dutzend Roſenoble iſt 'ne Forderung, gegen deren Billigkeit Nie⸗ mand etwas einwenden wird.“ „Der Mann und das Weib ſind vom Saamen Nabals,“ fluͤſterte Adonijah ſeinem Bruder zu.„Handle Du mit ihnen, denn ſie ſind geldgierig und kratzbuͤrſtig wie die Reibeiſen; ſo daß ich nicht mit ihnen aus⸗ kommen kann.“ Sheback wandte ſich hierauf laͤchelnd an Sir Gabriel, erinnerte ihn, daß er ſich nicht in der Freiheit eines Feldlagers befaͤnde, und ſagte ihm, daß, wenn er nicht annaͤhme was Adonijah ihm anbiete, er gar nichts erhalten wuͤrde. „Freilich,“ verſetzte die Lady,„ſteht es einem Jeden frei, ob er ſein Silber aus der Hand geben will oder nicht. Allein Ihr wißt, daß der junge Rothelan, den wir wie unſern eignen Sohn aufgezogen und zum Guten angefuͤhrt haben, allein darun⸗ ter leiden muß; denn ich bin gekommen, um Sir Gibrel ſelber loszukaufen, und wenn er frei iſt, und wir beide wieder zu Hauſe ſind, wo wollt Ihr Beweiſe herneh⸗ men, daß der junge Menſch kein Hochver⸗ raͤther an ſeinem Koͤnig und Vaterlande war, der er doch, wie wir wiſſen, gewe⸗ ſen iſt.“ „Fuͤrwahr,“ ſagte Sir Gabriel, der hier den Faden des Geſpraͤchs wieder aufnahm, „ich bekuͤmmere mich um Euer Erbieten wenig; Ihr koͤnnt es thun oder bleiben laſ⸗ ſen; denn weniger, als mein eigenes Loͤſe— geld, und ſoviel nebenbei, um mich nach Hauſe zu bringen, kann ich wohl billiger⸗ weiſe nicht verlangen.“ Der Ton und die Weiſe, womit Sir Gabriel dieſes vorbrachte, waren etwas ern⸗ ſter und pochender, wie die der Lady, und die ſo kalt und ruhig hingeworfene Beruͤh⸗ rung der Umſtaͤnde Rothelans brachten Ado⸗ nijah noch mehr außer Faſſung; er nahm daher ſeinen Bruder bei Seite und fluͤſterte ihm etwas ins Ohr;— der Baron und die Lady, die ſich ſchon ſchmeichelten, daß ih⸗ nen ihre Liſt gelungen waͤre, warfen ſich unterdeſſen einander laͤchelnde Blicke zu. „Mein Bruder,“ ſagte Sheback, die Unterhandlung wieder anknuͤpfend,„fuͤrch⸗ tet nichts fuͤr den Burſchen.“ „Burſche!“ rief der Baron, duͤrft Ihr ſo von dem Sohne eines Lords ſprechen, nein, von einen jungen Grafen, wie ich glaubwuͤrdig unterrichtet bin? Burſche,— ich mag das uͤbrige gar nicht ſagen.“ „Ihr ſagt die Wahrheit,“ erwiederte Sheback,„er iſt der Sohn eines Lords, aber ein Baſtard.“ Dieſe Bemerkung brach⸗ te den Sir Gabriel und ſeine Lady, die ihre triumphirenden Mienen verzogen, außer Faſſung. Die Umſtaͤnde, unter denen ſie die Lady Albertine im Gaſthofe geſehen hatte; die alleinige Verwendung des Juden zu Gunſten ihrer Angelegenheit; und daß niemand anderes von einigem Anſehen ſich zum Vermittler fuͤr Rothelan aufwarf; end⸗ lich die lange Zeit, waͤhrend welcher er, oh⸗ ne daß Nachfrage nach ihm geſchehen war, ſich bei ihnen ſich aufgehalten hatte: Alles dieſes beſtaͤtigte Shebacks Angabe im ſol— chem Grade, daß ſie betroffen wurden und nicht wußten, was ſie erwiedern ſollten. Obgleich Adonijah nichts gegen den Gebrauch einzuwenden hatte, den Sheback — 31— ſo geſchickt von der, dem jungen Rothelan aufgebuͤrdeten Beſchuldigung der unehelichen Abkunft machte, ſo wollte er ſie doch nicht wiederholen hoͤren; er ſtieß ihn daher mit dem Arme, um ihm einen Wink zu geben, nicht weiter zu gehen. Sheback ſah indeſ⸗ ſen, daß er ſich dadurch in Vortheil geſetzt hatte; und in Hoffung eines entſcheiden⸗ den Sieges fuhr er fort, auf ſeiner Weiſe zu beharren, indem er im Eifer hinzuſetz⸗ te:—„Obgleich ſein Vater Willens iſt, etwas fuͤr ſeine Ausloͤſung zu thun, ſo iſt ſeine Mutter doch eine Creatur, von der Ihr nichts erwarten duͤrft; kein Menſch weiß wo ſie umherzieht, noch wie es ihr geht.“ Adonijah, der ſich bewußt war, daß die Lady ſiegeſehen hatte, wurde uͤber dieſe unbeſcheidenen Ausdruͤcke aͤußerſt aufge⸗ bracht, und ſchrie verdruͤßlich:„Du ſprichſt wie ein Narr, halt's Maul, Sheback;— ahl! Du trittſt mich ja!“ Die Lady von Fallaſide erholte ſich von —-— 32— ihrem Schrecken; und da ſie Sheback ſo wegwerfend von der Lady Albertine ſprechen hoͤrte, die ſie ſo eben erſt verlaſſen hatte, fing ſie an zu vermuthen, daß die vorgeb⸗ liche Baſtardſchaft nichts als eine Finte ſey, um die von ihnen gemachten Bedin⸗ gungen zu ermaͤßigen. „Ich ſehe,“ fing ſie mit ſpoͤttelnder Miene an,„daß Ihr mit der Lady gut bekannt ſeyd; ich kenne ſie auch; ſie hat ein wegwerfenden Blick, daß iſt ſicher.“ Hierauf drehte ſie ſich nach Adonijah um, und ſagte mit gefaͤlligem Laͤcheln: „Ich bin Euch fuͤr ihre Bekanntſchaft Dank ſchuldig.“ „um Euch die Wahrheit zu ſagen,“ er⸗ wiederte Adonijah,„ſo iſt die Mutter des jungen Menſchen eine heimathloſe Wittwe, die von mir und meinen Wohltaten ab- haͤngt.“ „Das arme Weib, wenn ſie von den Wohltaten eines Juden abhaͤngen ſoll,“ ſagte die Lady,„dann iſt ſie ja zu be⸗ dauern.“ „Das wuͤrde ſie nicht noͤthig gehabt haben, wenn ſie bei den Chriſten menſchen⸗ freundlichere Geſinnungen angetroffen haͤt⸗ te,“ entgegnete Adonijah. „Willſt Du Unglaͤubiger unſre heilige Religion laͤſtern?“ rief Sir Gabriel de Glowr;„wie kannſt Du Dich erfrechen ſo zu ſprechen; ich will Dir die Zunge mit einer gluͤhenden Zange aus dem Halſe rei⸗ ßen und dem Hunden zum Fruͤhſtuͤck vor⸗ werfen laſſen!“ Beide, Adonijah und Sheback, ſahen ſich aͤngſtlich um. In einem Kloſter der Laͤſterung der chriſtlichen Religion bezuͤchti⸗ get zu werden, war fuͤr einen Juden zu damaliger Zeit keine geringe Gefahr. Die Lady legte ſich aber ins Mittel, und brachte das Geſpraͤch wieder auf den Gegenſtand ihrer Zuſammenkunft zuruͤck.„Ihr werdet uns,“ ſagte ſie,„nie glauben machen wol⸗ len, daß eine Lady, wie jene, eine Bett⸗ III. Bändchen. 2* — 34— lerin iſt. Die Lady O'Seaten hat keine ſo dicken Perlen um den Hals, wie die ihri⸗ gen. Sie hat Euch'n goldiges Gehaͤnge in jedem Ohr, Sir Gibrel, wie'n Goldkaͤfer. Ich wuͤrde meine, mit ihrem Sohn gehabte Muͤhe mit ihren Ohrrenringen fuͤr uͤbertheuer bezahlt halten. Ich habe manche Tage mei⸗ ne ſchwere Laſt mit ihm gehabt, und das ſollte doch auch noch nebenher belohnt werden.““— Endlich, nach dem ſie ſich ſo eine Zeit⸗ lang gegenſeitig auf die Probe geſtellt hat⸗ ten, wurden ſie auf eine Weiſe einig, die den Baron und die Lady zufrieden ſtellte; und ſie wuͤrden hiernach nach Schottland zuruͤckgekehrt ſeyn, wenn Sir Gabriel nicht eine Botſchaft von Rothelan erhalten haͤtte, wodurch er ihn erſuchte, in London zu blei⸗ ben, indem es ſein Vortheil ſeyn wuͤrde. Es geſchah dies in Folge einiger von Lord Mowbray gethanen Schritte, das Be⸗ nehmen des Sir Amias vor dem Gehei⸗ menrathe in Unterſuchung ziehen zu laſſen. —— VBiertes Kapitel. Das Spiel auf dem Wurf. Wirf!— Soll ich?— nein, ich werfe nicht; und doch Seh ich das Glück mir lächeln; die Erwartung Trillt mich, der Metze nochmals zu vertrauen. Tönt dieſes unmelodiſche Gerappel nicht, Gleich dem Gelächter einer Hure, freudelos? Mein Alles ſitzt auf dieſem Wurf, wohlan! Verſuch ich es, den Einſatz zu gewinnen. Der Würfler. Das Schwankende in dem Benehmen des Sir Amias de Crosby bildet vielleicht ei⸗ nen der intereſſanteſten Gegenſtaͤnde dieſes Werkes. In ſeinem gewoͤhnlichen Geſchaͤfts⸗ leben war er, ohne Zweifel, was man ei⸗ nen auſſerordentlich guten Schlag Leute zu nennen pflegt. Sein aͤußerliches Betragen war in der That fehlerfrei; ein Jeder, der ihn aus der Ferne beobachtete, ſprach nur — 36— Gutes von ihm; und ſelbſt ſeine vertraute⸗ ren Freunde hatten vor dem Tode ſeines Bruders keinen Gedanken daran, daß ſeine ſcheinbaren guten Eigenſchaften nichts, als ein aͤußerer Anſtrich waren. Es wundert uns daher gar nicht, daß Ralph Hanslap, der ihn, wie es ſcheint, von Kindheit an ge⸗ kannt hatte, ihm ſo lange und ſo beſtaͤn⸗ dig anhaͤnglich blieb; waͤre es auch blo der Neugierde halber geweſen. Zu den Widerſpruͤchen in dem Charak⸗ ter des Ritters gab es nur Ein Schluͤſſel, womit Ralph Hanslap ſehr gut bekannt war. Lady de Crosby hatte ebenfalls eine Idee davon, was es war; allein ſein gan⸗ zes Benehmen bei den, der Lady Albertine fruͤherhin zugefuͤgten Kraͤnkungen ließ ihr— noch Zweifel uͤbrig, ob ſein Impuls eine folche Gewalt uͤber ihn gewonnen habe. Ihre eigene Seelenreinheit und Herzens⸗ guͤte erlaubten ihr nicht, einzuſehen, daß Sir Amias, jene Augenblicke ausgenom⸗ men, wo er von ſo unwiderſtehlichen An⸗ — 37— wandlungen der Reue heimgeſucht ward, und ihn die Vorwuͤrfe ſeines Gewiſſens uͤberwaͤltigten, nur um ſo mehr auf ſeiner Huth war, je mehr er eine Bloͤße zu geben fuͤrchten mußte. Rothelans unvorgeſehene und unerwar⸗ tete Ruͤckkehr hatte ihn mit Schrecken er⸗ fuͤllt; der Gedanke, daß ſeine Tochter ſo⸗ wohl wie ihre Mutter um ſeine Schuld wußten, peinigte ihn bis ins Innerſte, und die ernſten Ermahnungen des Biſchofs be⸗ wieſen ihm, daß man ihn durchſchaut hatte. Allein eine Aufforderung, vor dem Koͤnige zu erſcheinen, konnte ihm nicht anders vor⸗ kommen, als ob man ihm Alles zu entreiſ⸗ ſen drohe, was ihm bisher ſo lieb gewe⸗ ſen war: denſelben Mammon, fuͤr den er ſeine Ehre und den Frieden ſeiner Seele hingeopfert hatte. Als ihm Ralph Hanslap dieſe Ladung hinterbrachte, war er allein; ſtatt ſich aber, wie bei andern Gelegenheiten, durch ſeine inneren Gewiſſensbiſſe zu wilden Ausbruͤ⸗ — 38— chen ſeiner Leidenſchaft verleiten zu laſ⸗ ſen, that er, als ob ihn die Nachricht nicht beſonders betraͤfe. Er las das Papier, gab es als etwas ganz Unintereſſantes zuruͤck und, ohne ein Wort zu ſprechen, that er einige Schritte nach der Thuͤre zu. Der Squire, der auf der Stelle ſtehen blieb, folgte ihm ruhig und forſchend mit den Augen. Ploͤtzlich blieb auch Sir Amias ſtille ſtehen, als ob ihm Etwas beifiele, das er vergeſſen habe; er ſah ſich nach Ralph Hanslap um und hielt ihm das Perga⸗ mentblaͤttchen hin, welches die Ladung ent⸗ hielt. Dieſer nahm das Blatt, ohne eine Bemerkung zu machen. Sir Amias ſtand mehrere Minuten nachſinnend da; allein im Ausdruck ſeiner Mienen war nichts bemerk⸗ bar, das einem gewoͤhnlichen Beobachter haͤtte auffallen köͤnnen. Der Squire wickelte indeſſen, waͤhrend er ſeinen Herrn ſcharf ins Auge faßte, die Pergamentrolle um ſeinen Finger. imie. Es erfolgte eine andere kurze Pauſe, — 30— und Sir Amias, der einige Schritte vor⸗ waͤrts that, fing an, wie von einer gleich⸗ giltigen Sache zu ſprechen.„Habt Ahen es geleſen?“ „Ja,“ erwiederte Ralph Hanslape Sir Amias ſah ihm einige Augenblicke ins Geſicht, und drehte ſich, ſeinen Vor⸗ ſatz auszugehen augenfaͤllig aufgebend, mit den Worten um:„Was ſoll ich thun?“ „Das haͤngt von Euch ſelbſt ab,“ er⸗ wiederte der durch nichts aus der Faſſung zu bringende Squire. „Von mir?— es beibt mir keine Wahl uͤbrig.“ „Und dennoch—„rI95 „Ich kann nichts han als mich ver⸗ theidigen.“ „Ihr koͤnnt mehr thun.“ „Das weiß ich, Hanslap.“ „Ich glaubte, daß Ihr es wuͤßtet.“”“ Sir Amias ſchritt wiederum mehrere Male im Zimmer auf und ab, ließ aber aͤußerlich kein Zeichen einer innern Beun⸗ — 40— ruhigung ſehen. Er ſah entſchloßen, nur etwas nachdenklich aus, und warf zwei oder dreimal ſeine Blicke auf Hanslap, je nachdem ſeine Ideen ihre Richtung zu neh⸗ men ſchienen.„Wißt ihr nicht, wie dieſe Sache ihren Gang nehmen wird?“ fing er an. „Den Rechten gemaͤß,“ antwortete der Squire. „Werden ſie Zeugen ſtellen?“ „Ohne Zweifel.“. „Was werden ſie beweiſen koͤnnen?“ „Daß weiß ich nicht,“ ſagte Hanslap, das Pergamentblaͤttchen von dem Finger wickelnd und es durchſehend.„Ihr ſeyd auf Veranlaſſung des Koͤnigs, wegen einer Kronpupillenſchaft vor den Koͤnig, in den geheimen Rath geladen, um uͤber gewiſſe Lehen und bewegliche Guͤter aus der Hinterlaſſenſchaft des verſtorbenen Lords Edmund von Rothelan Rechenſchaft zu geben.“ „Welche Kronpupillenſchaft?“ — 41— „Habt Ihr denn die Ladung nicht ge⸗ leſen?“ ſagte Ralph Hanslap in einem Tone, der mehr Feuer verrieth, als er ſonſt bei den anziehendſten Veranlaſſungen zu haben pflegte, und fuͤgte mit einem for⸗ ſchen den Blicke auf den Ritter hinzu: „Der Name iſt Dudley Neville.“ „Und was damit?“ erwiederte Sir Amias. „Es iſt der Name, den Ihr Euerm Neffen beilegtet, als er dem alten Spitzbu⸗ ben Pigot uͤbergeben ward.“ „Ich erinnere mich jetzt,“ antwortete Sir Amias, mit wildem, zerſtoͤrten Blicke: „Dudley Neville— Dudley Neville! Es ſcheint mir, daß ſeine eheliche Geburt nicht dargethan werden kann. Sie hat noch keine Zeugen ihrer Vermaͤhlung beigebracht.“ „Habt Ihr deren dafuͤr, bͤß ſ ſie nicht verheirathet war?“ „Dieſe brauche ich nicht. Man wird nicht von mir verlangen wollen, daß ich die Negative beweiſen ſoll.“ „So wollt Ihr Euch alſo vertheidigen?“ „Mein Ruf und mein Vermoͤgen wuͤr⸗ den dahin ſeyn, wenn ich es nicht thaͤte.“ „Und Leib und Seele, wenn Ihr es thut,“ ſagte Ralph Hanslap in jenem be⸗ daͤchtigen, ſarkaſtiſchen Tone des Mephiſto⸗ pheles, der ſeinen Patron oͤfters verwirrt machte; mehr aus Muthloſigkeit, als aus Aerger, daß er ihn damit habe aufziehen wollen. „Hier gibt es vollauf zu thun,“ ver⸗ ſetzte Sir Amias ernſt;„alſo keinen Scherz. 77 „Den habe ich nicht.“ „Was rathet Ihr mir alſo?“ „Was haltet Ihr ſelbſt von der Sache, Sir Amias?“ „Ich muß mich wehren. Es wuͤrde auf jeden Fall ein Ruin fuͤr mich ſeyn, wollte ich bei weniger, als vollſtaͤndigen Beweiſen nachgeben.“ „Hattet Ihr nicht einmal im Sinne,“ frug Hanslap,„der Lady Albertine zu ge⸗ ſtehen, daß Ihr im Irrthume geweſen waͤ⸗ ret, und ihr Alles herausgeben wolltet, worauf ſie Anſpruͤche mache?“ „Es war ein uͤbereilter Gedanke, und ich beſann mich, als ich die Folgen bedachte, eines Beſſern, wie es einem Manne zu⸗ kommt.“ „Ich denke niche ſo,“ ſagte Ralph Hanslap. „Ihr glaubt alſo, daß ich es noch thun ſollte?“ „Ja, wenn Ihr einer ſtrengen Unter⸗ ſuchung in dieſer Sache entgehen wollt,“ erwiederte der Squire, mit dem Zeigefinger ſeiner rechten Hand auf das Pergament deutend, das er in der Linken hielt. „Allein was wollen ſie damit ausrich⸗ ten,“ entgegnete Sir Amias nach einer kurzen Pauſe,„daß ſie ſo ſchwach und toll ſind, ſich des Namens Dudley Neville zu bedienen?“ „Nennt Ihr das ſchwach und toll?“ „Ihr wißt, daß es ſein Name nicht -— 44— iſt; und daß ſie ihn zur Kronpupille machen wollen, das kann ich nicht ergruͤnden.“ „Ich auch nicht,“ erwiederte Ralph Hanslap. Eine andere Pauſe erfolgte, waͤhrend welcher Sir Amias mehrere Male, mit ge⸗ runzelter Stirne, verzogenem Munde und die Arme in die Seite geſtemmt, im Zim— mer umher ging. „Die Geſchichte beunruhigt mich, Hans⸗ lap.* 5 „Das glaube ich auch,“ erwiederte der Squire, kalt ſpoͤttelnd. „Ihr muͤßt mir in Erfahrung zu brin⸗ gen ſuchen, wie dieſer Prozeß eingeleitet worden iſt.“ 3 „Das kann ich Euch jetzt ſchon ſagen.“ „Wie?“ rief Sir Amias,„Ihr konn⸗ tet mich die ganze Zeit uͤber ſo in der Un⸗ ruhe laſſen, ohne mir fruͤher ein Wort zu ſagen?“ „Ihr fragtet ja nicht darum.“ „Wer haͤtte es denken ſollen, daß Ihr in einer Sache, deren Erfolg Euch ebenſo gut wie mich beruͤhrt, ſolche Umſtaͤnde mit mir machen wuͤrdet?“ „Nicht ganz ſo ſehr beruͤhrt ſie mich,“ erwiederte der Squire kaltbluͤtig;„allein das hat nichts auf ſich. Euers Bruders Sohn befindet ſich dermalen in Windſor bey dem Lord Mowbray. Er war dieſen Morgen beim Turniere der Squire des Lords.“ „War meine Tochter da?“ fragte Sir Amias haſtig.„Alles muß verkehrt mit mir gehen. Statt in den Park zu reiten, haͤtte ich ſie dorthin mitnehmen ſollen. Ich hoffe, daß es ſtatt meiner ihre Mutter gethan hat.“ „Das hat ſie gethan,“ entgegnete Ralph Hanslap.„Ich begleitete ſie, und wir ka⸗ men mit der Lady Albertine und dem Ju⸗ den Adonijah im Gedraͤnge zuſammen.“ „Ich begreife nicht,“ rief Sir Amias, „in welcher geheimen Verbindung ſie mit dieſem Hunde von Hebraͤer ſteht! Allein was — 46— trug ſich bei ihrer Zuſammenkunft zu? und ſprach Lady de Crosby mit der Wittwe?“ „Sie iſt alſo doch die Wittwe?— iſt ſie's nicht?“ fuͤgte Ralph Hanslap mit einer verſtellten Einfalt hinzu, die ihm tiefer ins Herz ſchnitt, als alle ſeine ſarkaſtiſchen Fra⸗ gen. „Ich frage Euch, was zwiſchen ihnen vorfiel?“ ſchrie Sir Amias aufgebracht; aber in dieſem Augenblicke wurden ſie von Beatrice und ihrer Mutter unterbrochen, die eben ins Zimmer traten. Ralph Hans⸗ lap begab ſich ſogleich weg, und Sir Amias folgte ihm bald darauf, um ſich genauer uͤber das Benehmen mit ihm zu berathen, welches er bei ſeiner Erſcheinung vor dem Geheimen Rathe zu beobachten habe. Sechstes Kapitel. Die welkende Blume. Es zieht des Glühwurms Leuchten nicht Von einem zärt'ren Stoff ſein Licht. Der Schäfer und ſein Mädchen. Von jenem Augenblicke an, wo der Lady de Crosby der Gedanke gekommen war, daß durch eine Verbindung Beatricens mit Ro⸗ thelan die Ehre ihres Gemahls gerettet, oder ihm doch wenigſtens die Schmach ei⸗ ner oͤffentlichen Bloßſtellung erſpart wer⸗ den koͤnnte, hatte ſie beinahe unaufhoͤrlich uͤber den Gegenſtand nachgedacht. Allein wie unſer Autor in Anſpielung auf denſel⸗ ben bemerkt, nehmen die Dinge in dieſer Welt nicht immer dieſelbe Wendung, welche wir ihnen zu geben wuͤnſchen. Die Zer⸗ knirſchung des Sir Amias nach ſeiner de⸗ — 48— muͤthigenden Zuſammenkunft mit dem Bi⸗ ſchofe von Wincheſter hatte ſie hoffen laſ⸗ ſen, daß er ſich ernſtlich damit beſchaͤftigen werde, ſein Vergehen wieder gut zu ma— chen; allein ſie nahm nur zu bald wahr, daß der Eindruck bei ihm immer ſchwaͤcher wurde. So wie ſein Eifer, Buße zu thun, nach und nach ſich verminderte, ſteckte er ſich hinter jenes zuruͤckhaltende und geheim— nißvolle Weſen, in welches ſich das Be⸗ wußtſeyn der Schuld ſo gern einhuͤllt. Aber eine neue Urſache zur Traurigkeit hatte ſich ihr in Beatrice aufgeworfen. Alle ihre uͤbrigen Sorgen und Herzeleid waren vergeſſen, wenn ſie die zarte Geſtalt dieſes engelreinen, trefflichen Geſchoͤpfes hin⸗ ſchwinden, und ſich mit dem Gedanken an jenes Gift abhaͤrmen ſah, welches an dem Herzen ihres Vaters nagte, und wogegen ihn eine eigenſinnige Fatalitaͤt abhielt das einzige Mittel zu brauchen, das ſeinen ge⸗ heimen Schmerz ſtillen oder mindern konnte. Sie ſah, daß das Gepraͤnge der koͤniglichen — — 949— Feſtlichkeiten keinen Eindruck auf ſie machte, daß das Gemuͤth der Kraͤnkelnden immer in ſich ſelbſt gekehrt war, und daß dieſe Siegs⸗ und Eroberungsfeier ſie weit min⸗ der ruͤhrte, als der Anblick eines fallendes Blattes, oder der untergehenden Sonne. Wenn bisweilen, da Beatricens Seele nicht immer eine duͤſtere Melancholie um⸗ woͤlkte, ein Strahl ihrer gewohnten Mun⸗ terkeit, gleich dem Silberlichte des Mondes durch den flockigen Rand des Gewöͤlkes durch ihren ſtillen Ernſt brach, dann kehrte Lady de Crosby zu der vorgefaßten Hoff⸗ nung ihres Projektes zuruͤck. So oft ſie es verſuchte, die Sache bei Sir Amias wieder in Anregung zu bringen, ſchalt er ſie, muͤrriſch daruͤber, daß ſie ſich in die Sache miſche. Er glaubte naͤmlich, daß, wenn er ein ſolches Verfahren beguͤnſtige, es ihm als eine ſtillſchweigende Anerken⸗ nung der Rechte Rothelans ausgelegt, und demnach ein Geſtaͤndniß ſeiner Schuld dar⸗ aus hergeleitet werden koͤnne: eine Art zu III. Bändchen. 3 — 50— fuͤhlen, die, wenn wir die Dringlichkeit der Umſtaͤnde in Erwaͤgung ziehen, welche die auſſerordentliche Niedergeſchlagenheit ſei⸗ ner Tochter herbeigefuͤhrt hatten, ſchwer zu erklaͤren iſt. Dem krankhaften Zuſtande, worin ſich ſein Gemuͤth befand, war es je⸗ doch ganz angemeſſen, mit ſeinem Gedaͤcht⸗ niße in Widerſpruch gerathen, und die klarſten Beweiſe, die ihn an das Geſche⸗ hene erinnerten, in Zweifel ziehen zu koͤn⸗ nen. Vielleicht war ſein Betragen in die⸗ ſer Hinſicht ſo ſonderbar nicht; denn oft pflegen die Menſchen ſich die Folgen ihrer Fehler und Irrthuͤmer zu verbergen, wie die dummen Straͤuße, die, wenn ſie ver⸗ folgt werden, die Augen zuſchließen, und ihre Koͤpfe in die Buͤſche ſtecken, in der Meinung, daß ſie dadurch vor der Gefahr geſichert ſeyen, der ſie entgehen wollen, weil ſie ſolche ſelbſt nicht ſehen moͤgen. Je mehr Sir Amias ſein betruͤgeriſches Verfahren fuͤr entdeckt hielt, deſto ſorgfaͤl⸗ tiger ward er, Alles zu vermeiden, was — 51— die Meinung gegen ihn einnehmen konnte; daher er es denn auch verſchmaͤhte, Etwas zu thun, das bei irgend Jemand den Ver⸗ dacht haͤtte erwecken koͤnnen, als habe er ſich aus Furcht dazu bewegen laſſen. Allein dennoch konnte ihm ſeine Geſchicklichkeit nicht helfen; denn wie wir im letzten Ka⸗ pitel erzaͤhlt haben, war die Gerechtigkeit bereits auf dem Wege, und trat mit einer Macht gegen ihn auf, welcher zu widerſte⸗ hen, er ſich nach Ralph Hanslaps Meinung nicht ganz in der Faſſung befand. Eine andere Urſache, von ganz verſchiede⸗ ner Art, ſtand den verſoͤhnlichen Wuͤnſchen der Lady de Crosby ebenfalls im Geheimen entgegen. Es ſcheint, daß nach dem, von dem Sauire erwaͤhnten Zuſammentreffen derſelben mit der Lady Albertine, bei dem Turnier, Rothelan und Beatrice zuſammen gebracht worden waren. Was bei ihrer Zuſammenkunft vorfiel, wird nicht erzaͤhlt; allein ehe ſie, wie im vorhergehenden Ka— pitel erwaͤhnt wird, zu Sir Amias kamen, 52— fand zwiſchen Mutter und Tochter eine Un⸗ terredung ſtatt, nach welcher, wie es ſcheint, ſich ihrer Vereinigung ein Hinderniß ent⸗ gegenſtellte, das die zartfuͤhlende und empfindſame Lady de Crosby dennoch weder vorhergeſehen, noch gehoͤrig erwogen hatte. „Was denkſt Du jetzt von unſerm jun⸗ gen Vetter, Beatrice?“ fragte die Mutter. Da Beatrice keine Antwort gab, ſo wie⸗ derholte Lady de Crosby die Bemerkung, indem ſie ſeine Geſtalt lobte und fragte, ob ſie noch dieſelbe vortheilhafte Meinung von ihm hege, als wie ſie ihn zum letzten Male geſehen habe. „Es war geſtern, daß ich ihn zum letzen Male ſah,“ erwiederte Beatrice nach⸗ denklich. „Geſtern!“ rief die Mutter haſtig,„wo und wie haſt Du ihn geſehen?“ „Geſtern, als ich ins Gedraͤnge kam und von den Pferden der Renner beinahe unter den Hufen zertreten worden waͤre. — 53— Da er mich in Gefahr ſah, warf er ſich zwiſchen mich und den Andrang.“ „Das iſt mir lieb,“ ſagte die Mutter, „fuͤr einen ſolchen Dienſt wirſt Du ihm nicht undankbar ſeyn koͤnnen; warum haſt Du mir das nicht geſagt? So erbittert ſeine Mutter auch gegen deinen Vater ſeyn mag, ſo war es doch Mangel an Höͤlich⸗ keit, Deinem Retter nicht zu danken.“ „Ich bin ihm ſehr dankbar,“ verſetzte Beatrice,„und billig haͤtte ſein braves Be⸗ nehmen anerkennt zu werden verdient; ich hatte aber das Herz nicht, davon zu ſpre⸗ chen.“ „Ich wuͤnſchte, daß Du es gethan haͤt⸗ teſt,“ rief die Lady laͤchelnd. „Und ich moͤchte beinahe wuͤnſchen, er haͤtte mich nicht gerettet; und dennoch fuͤhle ich mich gluͤcklich, daß er es war, der es that.“ „In dieſem frohen Gefuͤhle, liebes Kind,“ ſagte die Mutter zaͤrtlich,„erneuern ſich meine Hoffnungen. Welcher Furcht,— — 54— welcher bangen Furcht,— welcher Schande, und welches drohenden unſaͤglichen Elends koͤnnte es uns nicht entheben.“ „Weſſen koͤnnte uns dieſes Alles ent⸗ heben? Möge der barmherzige Himmel wollen, daß dieß moͤglich waͤre; denn es liegt eine toͤdtliche Schwere auf meinem Herzen, die mich bald in die Gruft nieder⸗ druͤcken wird.“ Die Mutter ward uͤber den leidenden Ton, mit welchem Beatrice die Klage vor⸗ brachte, aͤußerſt geruͤhrt und erwiederte: „Ich denke nicht, daß die Sache ſo ſchwierig ſey. Ein wenig Zuvorkommen⸗ heit von deiner Seite, Beatrice, iſt vielleicht Alles, was erforderlich iſt.“ „Von meiner Seite! Was kann ich dazu beitragen?“ „Gewiß kannſt Du das,“ antwortete die Mutter;„das einzige Hinderniß liegt nur in Eurer nahen Verwandſchaft; allein eine Diſpenſation von Rom wird nicht ſchwer zu verſchaffen ſeyn.“ — 55— „Wovon ſprecht Ihr, Mutter?“ „Von einer Verbindung zwiſchen Dir und deinem Vetter.“ Beatrice murmelte Etwas leiſe bei ſich ſelbſt, und ſagte, den Kopf auf die Seite wendend:„Nein, nein, nie kann das ge⸗ ſchehen.“ „Wie!“ rief die Mutter, die der Toch⸗ ter kleinmuͤthige Antwort beſtuͤrzte.„Wenn er anhielte, ſo waͤre gewiß keine Urſache vorhanden, ihm eine abſchlaͤgliche Antwort zu geben.“ „Wenn er anhielte!“ wiederholte Bea⸗ trice ſeufzend. „Das wuͤrde nicht fehlen,“ verſetzte die Mutter,„wenn er einige Ermuthigung er⸗ hielte.“— „Ich zweifle nicht,“ ſagte Beatrice, „daß dies ſehr annehmlich fuͤr meinen Va⸗ ter ſeyn muͤßte.“ „Kannſt Du Dich alſo bedenken?“ „Ich?“— Sie ſagte dieſes mit einem Blicke, welcher der Mutter durch das Herz ging. Sie ſah, wie ſehr ſie in dem von ihr entworfenen Plane, deſſen Ausfuͤhrung ſie ſo ſehr wuͤnſchte, jene Erhabenheit vergeſ⸗ ſen hatte, die ſie ihren Geſinnungen beizu⸗ bringen, ſelbſt ſo eifrig bemuͤht geweſen war, Geſinnungen, die von den zartfuͤh⸗ lendſten Elementen gebildet, einen ſolchen Geiſt moraliſcher Reinheit athmeten, daß ſie von Beatricen in ihrer fruͤhen Jugend öͤfter zu ſagen pflegte:„Die Natur, in⸗ dem ſie dieſes herrliche Weſen ſchuf, ver⸗ fiel in einen ſchoͤnen Irrthum, daß ſie ſol⸗ ches auf die Erde verpflanzte. Sie gleicht in der That einem jener holden Geſchoͤpfe, welche die daͤmmernden Regionen zwi⸗ ſchen dieſem Leben und dem Lichte bewoh⸗ nen.“ Beatrice, die den Eindruck bemerkte, den ſie auf ihre Mutter gemacht hatte, fuhr gelaſſen fort:„Koͤnnte ich das Vergehen meines Vaters mit Aufopferung meines Lebens wieder gut machen, gern wuͤrde ich es fuͤr ihn hingeben, ich wuͤrde dann eine Maͤrtyrerin der Tugend, kindlicher Pflicht und Liebe ſeyn; allein Etwas zu thun, das ihm den Fortgenuß der Fruͤchte ſeiner Ver⸗ gehungen ſicherte, waͤre ſoviel, als ihn den Gefahren ſeiner Schuld zu uͤberlaſſen.“ Lady de Crosby gab keine Antwort, ſondern ergriff die Hand ihrer Tochter und druͤckte ſie an ihr Herz. M. Bändchen. 3 Siebentes Kapitel. Das Verhoͤr. Es iſt die Wahrheit, was Ihr ſagt; und ich Geſteh' Euch Alles zu; jedoch bedenkt: Worin bin ich zu tadeln?— Kann der Menſch Nichts Gutes thun, daß ihn der Nachbar nicht Der böſen Abſicht zeihte?— Arge Welt! Anonymus. w1 Die Ladung des Sir Amias des Crosby vor den koͤniglichen Geheimenrath und die Geſchichte Rothelans fingen inzwiſchen an, von Munde zu Munde zu gehen, und den⸗ noch handelte der Ritter, von einer uner⸗ klaͤrlichen, unſeligen Eingebung geleitet, als ob die Sache weder Aufſehen, weder Neugierde noch Argwohn gegen ihn erreg haͤtte. Taͤglich ging er, um dem Turnieren und Lanzenbrechen der Ritter zuzuſchauen, — 59— und warf ſich dabei der Lady Albertine und Adonijah, der beſtaͤndig bei ihr war, und deſſen ſonderbare Freundſchaft fuͤr ſie zum Geſpraͤche des daruͤber verwunderten Hofes geworden war, oͤfters in den Weg; ſie aber drehte ſich mit abgewendetem Geſichte von ihm, indem ſie ihm durch eine hinwerfende Bewegung der Hand zu verſtehen gab, daß ſie nicht von ihm belaͤſtigt ſeyn wolle. Man bemerkte wohl bisweilen Rothelan, wie er ſich der Lady de Crosby und Beatricen auf ihren Spaziergaͤngen im Park naͤherte; wenn Sir Amias aber zufaͤllig bei ihnen war, ſo fuͤhrte er ſie mit einer ſo auffallend froſti⸗ gen Begegnung hinweg, daß der Neffe mehrmals empfindlich daruͤber ward. Auch war die Lady Albertine ſelbſt nicht weniger beſorgt, die Bekanntſchaft Rothelans mit Beatricen nicht in eine zu große Vertraulich⸗ keit ausarten zu laſſen. Sie glaubte die Abſichten zu durchſchauen, warum die Lady de Crosby das Entgegenkommen ihres Soh⸗ nes ermuthigte, und betrachtete die Verbin⸗ — 60— dung deſſelben mit ihrer Nichte, inſofern ſie vielleicht eine oͤffentliche Genugthuung fuͤr das ihr widerfahrene Unrecht beſeitigen wuͤrde, als ihrer Ehre nachtheilig, indem ſie dann den Makel, womit Sir Amias ih⸗ ren unbeſcholtenen Ruf befleckt hatte, fuͤr immer auf demſelben ſitzen laſſen mußte. Da ihr Sohn ihr wiedergegeben war, und er unter den Augen und dem Schutze des Königs zum kraͤftigen Leben gedieh, ſo hatte ſie weiter keine Sorge mehr, als den Wunſch, ſich in ihre Rechte wieder eingeſetzt zu ſehen; und keine menſchlichen Ruͤckſich⸗ ten haͤtten ſie bewegen koͤnnen, weniger als eine vollſtaͤndige und vollkommene Aner⸗ kennung ihrer Rechte anzunehmen. In dieſem einen Gefuͤhle hatte ſich alle Spann⸗ kraft ihrer Seele concentrirt, und ihre Em⸗ porung bei dem Gedanken, nicht als die Wittwe ihres Lords betrachtet zu werden, gewann durch die Verbindlichkeiten, die ſie dem Juden ſchuldig ward, und ihre beſtaͤn⸗ dige Unruhe uͤber die lange und unerklaͤr⸗ —-— 61— liche Vernachlaͤſſigung ihrer italieniſchen Frrunde immer neue Anregung. Eine neue, beſſere Zukunft ſchien ihr je⸗ doch aufdaͤmmern zu wollen. Es war ſeit jener Zeit, daß Lord Mowbray und der Biſchof von Wincheſter dem Koͤnige Rothe⸗ lans Geſchichte, und den Argwohn des, von Sir Amias de Crosby veruͤbten Betrugs mitgetheilt, und ihn von der edlen Stand⸗ haftigkeit, womit ſie alle Verſuche einer 1 Ausſoͤhnung unter ihrer Wuͤrde, als Lord Edmunds Gemahlin, nachtheiligen Be⸗ dingniſſen, zuruͤckgewieſen, unterrichtet hatten, beſchloſſen worden, durch die di⸗ rekte Vermittelung des koͤniglichen Reſi⸗ denten am roͤmiſchen Hofe ſolche Zeugniſſe herbeizuſchaffen, welche die Frage ihrer Ver⸗ maͤhlung entweder beſtimmt entſchieden, oder die Angaben des Sir Amias beſtaͤtigten. In Folge deſſen hatte man wirklich mehrere Perſonen, welche der Vermaͤhlung des Lords Edmund mit der Lady Albertine als Zeu⸗ gen beigewohnt hatten, ausfindig gemacht, —— — 62— und es wurden die noͤthigen Vorkehrungen getroffen, um ſie nach England uͤberzuſchif⸗ fen. Wer jene Zeugen waren, in welchem Range, oder Grade der Berwandtſchaft ſie etwa zu der Lady Albertine ſtanden, davon macht der Verfaſſer des ſchoͤnen Buches keine Erwaͤhnung; ſondern er fuͤhrt nur an, daß ein Schiff, das aus der Levante mit engli⸗ ſchen Pilgern kam, welche in Palaͤſtina ge⸗ weſen waren, im Hafen von Civitavecchia anlegte, und daß der engliſche Geſandte zu Rom dieſe armen ungluͤcklichen Florentiner uͤberredete, nach jenem Hafen zu gehen und ſich in beſagtes Fahrzeug nach London ein⸗ zuſchiffen. 9 Die Depeſchen, welche die Nachricht von der Einſchiffung dieſer Zeugen uͤberbrachten, ließen ihre baldige Ankunft erwarten; und Sir Amias hatte es einigermaßen dieſem Umſtande zu verdanken, daß er ſo unerwar⸗ tet eine Ladung erhielt, vor dem koͤniglichen Geheimenrathe zu erſcheinen. Man hatte dieſen Weg aus Achtung fuͤr ſeinen Cha⸗ — — 63— rakter gegen ihn eingeſchlagen, weil er mehrere Freunde im Geheimenrathe hatte, die einem ſeiner Redlichkeit nachtheiligen Geruͤchte keinen Glauben beimeſſen wollten, und welche eine vorlaͤufige Unterſuchung eingeleitet zu ſehen wuͤnſchten, um ihm da⸗ durch die Gelegenheit zu verſchaffen, den Eindruck jener Beſchuldigungen zu verwi⸗ ſchen, den die ſonderbaren Erzaͤhlungen des Biſchofs von Wincheſter und des Lords Mowbray hervorgebracht hatten. „Hierin,“ ſagt unſer Verfaſſer,„moͤgen wir die unerforſchlichen Wege kennen ler⸗ nen, welche die Vorſehung einzuſchlagen pflegt, um ihre Abſichten in Erfuͤllung brin⸗ gen zu ſehen. Hier im Heiligthume der Geſetze, im Rathe eines großen Koͤnigs fan⸗ den ſich ehrwuͤrdige, durch ihre Weisheit beruͤhmte Maͤnner, die ſich durch ihre Pri⸗ vatneigungen zur Partheilichkeit verleiten ließen; nicht, daß ſie ſich hergegeben haͤt⸗ ten, ungerechte Abſichten in Schutz zu neh⸗ men; ſondern weil ſie insgeheim dem, ſo — 64— großer Vergehungen bezuͤchtigten Manne die Gelegenheit zu verſchaffen wuͤnſchten, der Strafe fuͤr ſeine begangenen ſchlechten Streiche zu entgehen. Sie ſtanden naͤmlich in der Meinung, daß Sir Amias, wenn er ſich wirklich ſolcher Vergehungen ſchuldig fuͤhle, wie man ihn deren anklage, aus Furcht vor der bevorſtehenden Unterſuchung ſich bewegen laſſen wuͤrde, das unrechtlich Erworbene wieder herauszugeben, und ſich ſo die Schande zu erſparen.“ Es ſcheint jedoch, daß er hierin ſeine Freunde taͤuſchte, als er vor dem Geheimen⸗ rathe, wobei der Koͤnig perſoͤnlich gegen⸗ waͤrtig war, erſchien; denn er geſtand mit ſolcher verſtellter Offenherzigkeit, daß ſie das ganze Auditorium fuͤr ihn einnahm, daß er den, unter dem Namen Dudley Ne⸗ ville bekannten jungen Menſchen, fuͤr den naͤmlichen halte, den man ſchon als Kind fuͤr den Sohn ſeines Bruders gehalten habe. „Gern,“ ſetzte er hinzu,„wuͤrde ich ihn auch als ſeinen Erben anerkennen, waͤren ——— — — 65— uͤber die Rechtmaͤßigkeit ſeiner Anſpruͤche weitere Beweiſe vorhanden, als die Anga⸗ ben ſeiner Mutter, die, ihrer Drohungen ungeachtet, noch nicht im Stande geweſen iſt, den Beweis ihrer Vermaͤhlung beizu⸗ bringen, oder Zeugen zu ſtellen. Als er uͤber die Umſtaͤnde befragt wur⸗ de, unter denen Rothelan als ein Kind ſeiner Mutter geſtohlen, und Pierce Pigot anvertraut worden war, bekannte er, daß es wirklich ein Umſtand ſey, der Argwohn gegen ihn erregen koͤnne.„Allein, ich will aufrichtig gegen Eure Majeſtaͤt ſeyn,“ ſagte er;„ich glaube, daß einer meiner Diener, oder vielmehr ein alter treuer Freund von mir, Namens Hanslap, aus Aushaͤnglichkeit zu mir, und weil er ſah, wie die ungluͤckliche Lady durch ihre An⸗ ſpruͤche den Frieden meiner Familie ſtör⸗ te, auf dieſes Mittel verfiel, und ich weiß nicht, auf welche Art er mir damit einen Dienſt zu erweiſen gedachte. Verdammt ſey er fuͤr den mir geſpielten Streich, wel⸗ — 66— 1 cher mir jetzt zu meinem Nachtheile ausge⸗ legt wird.“ Der ganze verſammelte Rath, den Bi⸗ ſchof von Wincheſter und Lord Mowbray ausgenommen, ſchenkte der Aufrichtigkeit des Sir Amias ſeinen Beifall, und der Koͤ⸗ nig verſetzte:„Ich zweifle nicht, Lord Mow⸗ bray, daß ſich die Begebenheit Euers Edel⸗ knaben zu York eben ſo leicht erklaͤren laͤßt.“ „Nein,“ erwiederte Sir Amias,„hier⸗ unter ſteckt ein Geheimniß, das ich nicht zu entraͤthſeln vermag. Wenn aber Eure Majeſtaͤt die ſonderbare Vertraulichkeit in Betrachtung ziehen will, in welcher die Mutter mit dem Juden lebt; wie ſie ſeinen Aufenthalt in Schottland wußten, und auf ſeine Ankunft mit den uͤbrigen Gefangenen in London gefaßt waren; wenn ferner der wohl bekannte unerſaͤttliche Geiz des Juden erwogen wird, und welche Hoffnungen man ihm vorgeſpiegelt haben mag, um den Bei⸗ ſtand ſeiner Boͤrſe in Anſpruch nehmen zu —,—— ——V— 4— —.,—— — 67— koͤnnen; ſo liegt klar am Tage, daß in der Geſchichte noch weit mehr Stoff zur Ver⸗ wunderung liegt, als der Antheil, den ich daran habe. „Von jenem Vorfalle zu York weiß ich nichts, und kann keine andere Erklaͤrung daruͤber geben, als daß ich in Hinſicht deſ⸗ ſelben voͤllig unſchuldig bin; und wenn mir dieſer Zufall von denen, welche mich anhoͤren, zu meinem Nachtheile ausgelegt wird, ſo kann ich es nur als ein Ungluͤck bedauern. Nur muß ich geſtehen, daß ich in letzter Zeit ſelbſt zu argwoͤhnen angefan⸗ gen habe, daß vielleicht der naͤmliche Menſch, ich meine Ralph Hanslap, einen Antheil an der Geſchichte hatte. „Allein erſt bei der Ruͤckkehr meines Nef⸗ fen aus Schottland habe ich von dieſem Allem Etwas gehoͤrt. Ich beſchwoͤre Eure Majeſtaͤt daher, mich in dieſer Sache gnaͤ⸗ digſt zu richten, da ich bekennen muß, daß der Schein gegen mich iſt.“ „Iſt Ralph Hanslap nicht noch in — 68— Euern Dienſten?“ fragte der Biſof von Wincheſter.. „Ich muß es, einigermaßen zu meiner Schande, geſtehen, daß er es noch iſt,“ er⸗ wiederte Sir Amias;„allein er wurde gleich⸗ ſam mit mir auferzogen, und ich glaube wirklich, daß er das Uebel, das er began⸗ gen hat, nur in der Meinung that, daß es zu meinem Beſten gereiche; wie ſhaͤtte ich mich da entſchließen koͤnnen, ihn zu ent⸗ laſſen?“ Die Raͤthe ſahen einander an, und der Koͤnig ſagte: „Ich ſehe in der That nicht, Mylords, wie wir die Sache weiter treiben koͤnnen. Es kann dieſem trefflichen Manne, nach meiner Beurtheilung, nichts zur Laſt gelegt werden, und es bleibt uns weiter nichts uͤbrig, als die Sache zu verſchieben, bis naͤ⸗ here Erkundigungen daruͤber eingezogen werden koͤnnen.“ Der Koͤnig erhob ſich hierauf und der Geheimerath vertagte die Sitzung. —,— Die Tafelrunde. Es ſaßen zur fröhlichen Stunde In König Arthurs Saal, Die Ritter der Tafelrunde, Gereiht zum fröhlichen Mahl; Sie waren, ſo ſagt uns die Kunde Ihrer neunmal neun an der Zahl. Bedient von Knappen und Knaben War jeder der neunmal neun; Es füllten die Tafel die Gaben Des Mahles, es perlte der Wein; Sie ſaßen beim Trinken und Laben, Bis tief in die Nacht hinein. Die Geſchichte Rothelans hatte dem Kö⸗ nige die Begebenheiten ſeines nordiſchen Feldzuges, und vorzuͤglich die Vorfallen⸗ heiten zwiſchen ihm und ſeiner edlen Baſe, der Graͤfin von Salisbury, im Schloſſe zu Werk ins Gedaͤchtniß zuruͤckgerufen. Er erinnerte ſich des dort gethanen Geluͤbdes, und beſchloß mitten unter den Feſtlichkei⸗ ten, welche Alles, was das Koͤnigreich Schoͤ⸗ nes und Ruhmvolles aufweiſen konnte, in Windſor verſammelt hatten, den Ritteror⸗ den des Hoſenbandes zu ſtiften, der an Glanz und Ehre ſeines Gleichen in der Welt nicht haben ſollte.„Nachdem alſo,““ erzaͤhlt unſer Geſchichtſchreiber, indem er zur Schilderung der Zeremonien bei Errich⸗ tung des Hoſenbandordens uͤbergeht, deſſen Inſignien von jenem Vorfalle hergenom⸗ men wurden, welcher der Graͤfin von Sa⸗ lisbury bei jener merkwuͤrdigen Gelegen⸗ heit begegnete, als ſie durch ihre hohe Tu— g gend den Koͤnig zu einem wahren Hel⸗ denmuthe anfeuerte:„nachdem alſo,“ ſagt er,„Sir Amias de Crosby ſich aus dem koͤniglichen Rathe wegbegeben hatte, ging 1. der Koͤnig nach einem hierzu auf das pracht⸗ vollſte ausgeſchmuͤckten Saale, um dort an einer runden Tafel Platz zu nehmen, die — 71— jener beruͤhmten Tafel nachgeahmt war, an welcher in fruͤheren Zeiten Koͤnig Ar⸗ thur ſeinen ritterlichen Adel bewirthete. Es hatten ſich hier bereits das edle Kapitel ſeiner Waffengefaͤhrten, und andere hoch⸗ beruͤhmte Maͤnner daran niedergeſeſſen, und nachdem der Koͤnig ebenfalls ſeinen Sitz eingenommen hatte, ließ er ſich alſo ver⸗ nehmen: „Dieſes unſer ſchoͤnes Koͤnigreich Eng⸗ land erhebt ſich gleich einem ſchiedsrich⸗ terlichen Throne mitten aus den Wogen der See. Die ſie umgebenden Laͤnder ſtre⸗ ſcken, ſeine Oberherrſchaft anerkennend, ihre Vorgebuͤrge, gleichſam wie flehende Arme nach ihm aus, um es um die Entſcheidung ihrer Zwiſte anzuflehen. Daher geſchah es in neueren Zeiten, wie Ihr, meine treuen Waffengefaͤhrten, alle wißt, daß Koͤnige und Staaten vom erſten Range ſich an uns, als ein hohes Tribunal, wendeten, um un⸗ ſere Huͤlfe gegen jene, ihnen von Nachbar⸗ voͤlkern zugefuͤgten Unbilden und Bedruͤ⸗ — 72— ckungen nachzuſuchen, die ſie durch eigene Mittel zu raͤchen ſich zu ſchmach fuͤhlten. Da alſo anerkannter Maßen die Wage der Gerechtigkeit, um zwiſchen Nationen und Nationen zu richten, in die Haͤnde unſeres geliebten Englands gelegt iſt, ſo geziemt es ihm, wuͤrdige Beamte durch die geſammte Chriſtenheit zu haben, um ſeine Dekrete zu vollziehen und das Recht nach ſeinen unpar⸗ theiiſchen Ausſpruͤchen gehandhabt zu ſehen. In dieſer Abſicht haben wir gewiſſe Ehren⸗ zeichen erſehen, die ſich ein Jeder, der aus edlem Blute entſproſſen, ſich zum chriſtli⸗ chen Glauben bekennt, und furchtlos fuͤr eine gerechte Sache kaͤmpft, erwerben kann. Der Orden des heiligen Georgs, den wir hiermit zu ſtiften gedenken, ſoll dem⸗ nach nicht allein ein Ehrenpreis fuͤr alle jene ſeyn, die kuͤnftighin die Sache Eng⸗ lands verfechten; ſondern auch eine Beloh⸗ nung fuͤr diejenigen, welche das allgemeine Wohl der Chriſtenheit befoͤrdern.“ Er befahl hierauf die Ordenszierrathen —— auf die Tafel zu legen, und ließ ſich uͤber den geheimen Sinn und die hieroglyphi⸗ ſche Meinung der Inſignien weitlaͤufig aus, indem er mit beſonderem Nachdrucke bei der Tugendkraft des Hoſenbandes verweilte, das er zum Denkzeichen an die Gebote des Ordens erſehen hatte. Ein gewiſſer hoher Geiſtlicher, deſſen Geſicht, obgleich ein lange anhaltendes Studieren, wie an ſeinem Caplan zu ſehen war, ſonſt gewoͤhnlich eine bleiche Farbe zu geben pflegt, durch dieſelben Muͤhen ein kupferfarbenes Anſehen gewonnen hatte, nahm, als der Koͤnig auf ſolche beredte Weiſe die geheime Wirkung ſolcher bildli⸗ cher Denkzeichen aus einander geſetzt hatte und ſchwieg, den Faden ſeiner Rede wieder auf und fuͤgte aus der Vorrathskammer ſeiner großen Gelehrſamkeit noch weiter hinzu: „Die Ordensverzierung des Hoſenban⸗ des, Mylords, iſt jedoch keine neue Erſin⸗ dung; die Zeit, welche oft geringfuͤgigen III. Bändchen. 4 — à— Dingen ihre Weihe gibt, hat auch ſie ge⸗ heiligt; denn ſo neu als die Idee einigen unter uns auch erſcheinen mag, ſo iſt ſie doch im grauen Alterthume ſchon in Ehren gehalten worden, und iſt dieſe feierliche Wiederherſtellung des Ordens nur als die glorreiche Wiederauflebung einer tugend⸗ reichen Koͤrperſchaft aus dem Staube des Alterthums anzuſehen. Wirklich wurde die blaue Binde ehedem bei allen fuͤr heilig gehalten, welche ihr Heil auf der See ver⸗ ſuchen wollten. Die alten Dichter erzaͤhlen, daß damals, als die Argonauten nach dem Helleſpont ſegelten, die ſamothraciſchen Prieſter, die ſeit unerdenklichen Menſchen⸗ altern den Kabiren, oder der dreifachen Gottheit, Namens Axiorus, Axiocerſa und Ariocerſus dienten, ihre Koͤnige und andere beruͤhmte Maͤnner mit der blauen Binde zu bekleiden pflegten. Um Wogen und Stuͤrme zu verſoͤhnen, wurden Achilles, Aga⸗ memnon und Ulyſſes durch dieſe Prieſter damit geſchmuͤckt; und es verdient von — 75— Euch wohl bemerkt zu werden, daß Ulyſſes, weil er dieſe Einweihung nicht beachtete und ſich einer weißen Binde bediente— und ſonderbar genug, daß dieſes gerade die Farbe von Frankreich iſt— dafuͤr geſtraft wurde, indem er fuͤrchterliche Abentheuer zur See zu beſtehen hatte, weil die Goͤtter allen Neuerungen abhold ſind. Erſt nach⸗ dem— dem Zeugniſſe Homers zu Folge— Leukothea und Palemon den vielerdulden⸗ den Helden wieder mit der blauen Binde bekleidet hatten, wurden die furchtbaren Kabiren ausgeſoͤhnt. Ich koͤnnte hier noch manches uͤber den gluͤcklichen Einfluß die⸗ ſes Ehrenzeichens auf die Schickſale derer erwaͤhnen, die in alten Zeiten von den ſa⸗ mothraciſchen Prieſtern eingeweiht wurden, wenn ich es nicht unter der Wuͤrde des Gegenſtandes hielte, Beiſpiele aus der al⸗ ten Fabelzeit dafuͤr anzufuͤhren; ich halte es daher fuͤr angemeſſener, dieſe Dichtungen alten Wortklaubern zu uͤberlaſſen, und zur unbezweifelten Geſchichte unſers beruͤhmten — 76— Schutzheiligen, des ſeligen Maͤrtyrers St. Georg uͤberzugehen, von deſſen Maͤrtyrer⸗ tode ich Euch die Beſchreibung aus einem altſaͤchſiſchen Buche vorleſen werde, das ich hier bei der Hand habe.“ Der rothnaͤſige Geiſtliche zog hierauf ein altes, auf Pergament geſchriebenes angelſaͤchſiſches Buch unter ſeinem Habit hervor, und begann folgendes in engli⸗ ſcher Sprache abzuleſen: „„Und St. Georg betete zu dem Herrn und ſagte: Herr Jeſu Chriſt, nimm meine Seele auf! Ich bitte Dich, allen Betrug, Gefahr, Hunger und Krankheit von dem Hauſe deſſen abzuwenden, der meiner auf Erden gedenken wird, und daß du dem gnaͤ⸗ dig ſeyn wolleſt, der zur See oder zu Land in Gefahren ſchwebt und meinen Namen anruft.%—„Doch iſt das nicht alles,“ fuhr der gelehrte Geiſtliche fort,„hier iſt ein anderes Buch, in welchem der Maͤrty⸗ rertod dieſes Heiligen noch weit umſtaͤnd⸗ licher beſchrieben iſt: ein Umſtand, welcher — 71— die Wahrhaftigkeit der folgenden Legende beweißt: Er ſunk ufs Knie und ſtreckte baß Die Hände nach der Höhen, und rief:„Herr Jeſus Chriſtus laß „Mich nur das Eine ſehen. „Vergunne mir, iſt es Dein Will', „Daß dießes kunnt geſchehen, „Wer meinen Tag im Aperill „Wird mir zu Lieb begehen, „Schütz uf der See ihn vor Gefahr, „Und überall vor Sorgen, „und laß ſein Haus das ganze Jahr „Vor Krankheit ſeyn geborgen.“ Und eine Stimm' vom Himmel klung: „Gewährt ſeys meinem Sohne; „Komm her, Du biſt mein lieber Jung.“ Huſch! flog der Kopf davone. „Ihr koͤnnt alſo hieraus entnehmen,“ ſagte der gelehrte Kleriker, als er dieſe ruͤh⸗ rende Legende geleſen hatte und das Buch zuſchlug,„welche Sicherung es gewaͤhrt, unter der Obhut des heiligen Georg zu ſtehen, wie der beruͤhmte Koͤnig Richard Löwenherz zu ſeinem großen Vortheile er⸗ fuhr, als er vor der Stadt Acre lag, wel⸗ -— ℳ— che damals durch die Unglaͤubigen tapfer vertheidiget wurde. Von der Langwierig⸗ keit der Belagerung dieſer Stadt ermuͤdet, war es die unmittelbare Eingebung St. Georgs, die ihn wieder ermuthigte, indem er ihm befahl, mehrere ſeiner Waffenge⸗ faͤhrten Baͤnder um das linke Bein anle⸗ gen zu laſſen, um ſie zu erinnern, welchen Ruhm ſie durch die Beſiegung ihrer Feinde erwerben wuͤrden. Es war dies eine Nach⸗ ahmung der kriegeriſchen Roͤmer, die zu Ehren derjenigen, welche ſich um ihr Va⸗ terland wohl verdient machten, unterſchied⸗ liche Kronen erfanden. „Ich koͤnnte hier die Namen einiger je⸗ ner Ritter hernennen, welche bei dieſer Veranlaſſung von Koͤnig Richard ſo ge⸗ ſchmuͤckt wurden; allein es ſey das hier Angeführte genng, um Euch alle zu über⸗ zeugen, daß St. Georg, der zu damaliger Zeit den berühmten Koͤnig Richard Löwen⸗ herz ermuthigte, auch ſeinem wuͤrdigen und heldenmuͤthigen Nachfolger die Erfindung — — 79— dieſer glorreichen Auszeichnung ritterlicher Verdienſte eingab.“ Nachdem der große Geiſtliche Euneh ge⸗ lehrten Commentar alſo geendigt hatte, ſagte Koͤnig Eduard zu den uͤbrigen Rit⸗ tern der Tafelrunde:„Es kommt uns un⸗ gelehrten Soldaten nicht zu, dieſe anzie⸗ hende Erzaͤhlung unſers gelehrten Regi⸗ ſtrators pruͤfen zu wollen, und wir nehmen ſie daher als eine nicht zu bezweifelnde Wahr⸗ heit an; allein was wir noch hinzuzufuͤgen haben, iſt, daß das Alterthum unbezweifelt auch einen Theil des Adels ausmacht, in⸗ ſofern man denſelben als eine ererbte Nei⸗ gung zu hohen Thaten betrachtet. Indem wir alſo die Mitglieder dieſes neuen Or⸗ dens erwaͤhlen, ſehen wir nicht auf das Verdienſt der Maͤnner allein, ſondern ſi⸗ chern uns auch durch ihre Stammbaͤume, daß das Große ihrer Handlungen nicht von der Leidenſchaft, ſondern vielmehr aus ei⸗ ner, ihrem Blute anhaͤngenden Tugend ausgehe; denn diejenigen, welche in den — 80— zufaͤlligen Schickungen und Begebenheiten der Welt, ſich der Abſtammung von einer langen Reihe glorwuͤrdiger Vorfahren zu ruͤhmen haben, empfangen damit ſchon die Anlagen jener Tugenden, die ihre Vaͤter auf den Gipfel des Ruhms erhoben, waͤh⸗ rend andere Geſchlechter, wenn ſie auch nicht minder ausgezeichnete Maͤnner in ih⸗ ren Reihen zaͤhlten, in dem Strome des Buͤrgerlebens untergingen.“ Um alſo ſein gethanes Geluͤbde zu er⸗ fuͤllen, ſtiftete Koͤnig Eduard den Hoſen⸗ bandorden; und am Abende deſſelben Ta⸗ ges fand im Schloſſe eine Maskerade und ein ſolches Feſtmahl ſtatt, desgleichen man in England noch nicht geſehen hatte, an dem aber Rothelan, wie es ihm in ſeiner Eigenſchaft als Squire des Lords Mow⸗ bray zugekommen waͤre, aus Urſachen kei⸗ nen Theil nahm, von welchen wir ſogleich Rechenſchaft geben wollen. ——V——— 968000000 Neuntes Kapitel. Neue Beſorgniſſe. Neue Hoffnung, neues Bangen Halten, zweifelnd, mich befangen. — Unter der Menge von Baronen und Schoͤn⸗ heiten, welche in Windſor zuſammenge⸗ ſtroͤmt waren, befand ſich auch die Lady Blanka, die Tochter und Erbin des Grafen von Lincoln.. „Vergebens wuͤrde man verſuchen wol⸗ len,“ ſagt der Geſchichtſchreiber von Letzte⸗ rer,„eine ſolche Schoͤnheit in den froſtigen Formen einer kalten Proſa zu ſchildern; denn ſie war von ſolcher Alles uͤbertreffen⸗ den Auserleſenheit, daß nur poetiſche Bil⸗ der eine Idee davon zu entwerfen vermö⸗ gen. Sie war in der That eine ſichtbare MI. BVändchen. 4* — 82— Muſik, und ihrer Stimme ſuͤße Beredtſam⸗ keit war dem Ohre wohlthuender, als dem Auge die Herrlichkeit der ſtrahlenden Mor⸗ genroͤthe iſt. Dennoch war ihre Schoͤnheit nicht von ſo aͤtheriſch glaͤnzender Art, als die der zartfuͤhlenden Beatrice, aus deren milden blauen Augen jene heilige Sanft⸗ muth ſtrahlte, die auf das Herz fiel, wie das Mondlicht kalt und ſchoͤn auf die Ge⸗ birge, in den Einklang der Ruhe und des Schweigens der Nacht faͤllt.“ Obgleich Rothelan um ſeine ſanftmuͤ⸗ thige, niedergeſchlagene Verwandte zaͤrtlich beſorgt war, ſo fachten die Blicke der Lady Blanka doch eine regere Gluth in ſeinem jugendlichen Buſen an.„Aber obſchon ihn der kleine Cupido,“ ſagt unſer witziges Ori⸗ ginal,„nicht minder ſeine Tuͤcke fuͤhlen ließ⸗ ſo verurſachte ihm die Liebe doch keinen Schmerz, wie die Dichter der Fabelzeit und Minneſaͤnger in ihren Liedern, um die Ein⸗ falt zu bethoͤren, vorgeben, indem ſie die ſuͤße Leidenſchaft der Liebe zum bangen — 83— Kummer umſchaffen, nur gemacht, Seufzen und bittere Thraͤnen zu erwecken. Bei ihm war ſie vielmehr ein neues, freudiges Ge⸗ fuͤhl, das ſich an der Schoͤnheit mehr ergoͤtzt, als die kalte Bewunderung zu thun vermag. Statt die einſamen Buͤſche, die gruͤnenden Anger des Wieſenthals, oder die abgelegenen Gaͤnge des Parks zu beſuchen, um dort einem verliebten Gram nachzuhaͤngen, oder ſeine Phantaſie zur poetiſchen Schwaͤrmerei zu ſtimmen, zog er es vor, ſich im Strahl ih⸗ rer Augen zu ſonnen, und ihre Gunſt durch ſein maͤnnliches Benehmen zu Pferde zu gewinnen, wenn er curbettirend an ihr vor⸗ uͤber ritt. Er ſcheint aber dennoch ſeinen perſoͤn⸗ lichen Vorzuͤgen nicht recht getraut, ſondern vielmehr, nach der Sitte jenes Zeitalters, eine ruͤhrendere Schmeichelei verſucht zu haben, um ſich eine zaͤrtere Theilnahme zu verſchaffen, als es der Zauber der edeln Reitkunſt zu thun vermochte. Gleich den uͤbrigen jungen Hofleuten, die um die Stunde der Mitternacht ihre Serenaden vor den — 84— Zimmerfenſtern ihrer Geliebten ertoͤnen lie⸗ ßen, beſchloß auch er die heißen Gefuͤhle ſeiner Leidenſchaft in einem Gedichte zu er⸗ gießen. Da die Muſe ſein bruͤnſtiges Fle⸗ hen durch Eingebung eines Liedes erhoͤrt hatte, von dem wir in den folgenden Stro⸗ phen eine ſchwache Nachbildung zu geben verſuchen, begab er ſich in der thauigen Zwiſchenzeit, wenn Nachtigall und Lerche ihr Lied ertoͤnen laſſen, in den innern Hof des Schloſſes und ſang unter den Fenſtern der Lady Blanka das nachfolgende Staͤnd⸗ chen ab. Staäaͤndchen. Eh' noch auf ſeinen Roſenſchwingen Der junge Tag im Oſt erſchien, Eilt' ich zu der Geliebten hin, um ihr Erwachen zu beſingen, Daß, wenn ſie ſich aus Träumen hebt, Mein Lied ſie wonniglich umſchwebt. Von einem Flammenmeer umfloſſen, Erliſcht des Morgenſternes Licht, Doch ſeh' ich die Geliebte nicht. Hält Schlummer noch ihr Aug' verſchloſſen? Der Tag erwacht, die Nacht entflieht, Wach' auf, und höre auf mein Lied. — — 5— Des Thaues funkelndes Geſchmeide, Der Schmuck der neu verjüngten Au⸗ Verliert ſich in des Aethers Blau, Als leichter Nebel in die Weite. Im Buſch, vom Sonnenlicht erglüht, Tönt wirbelnd ſchon des Sängers Lied. Was weilſt Du noch in ſüßen Träumen?— Lockt nicht der Blumen ſüßer Duft, Der Hauch der friſchen Morgenluft Hinaus?— Wie lange willſt Du ſäumen?— Der Morgen eilt, o zögre nicht, Zeig mir Dein holdes Angeſicht. Was man auch uͤber das Feuer ſeiner Beredtſamkeit, als Liebhaber, urtheilen mag, ſo verdient ſein Dichtergenie doch keine be⸗ ſondere Anpreiſung, wie wir ſehen; und wenn Lady Blanka, aus den ſuͤßen Traͤu⸗ men ihres Morgenſchlummers geweckt, ihm auch mit Vergnuͤgen zugehoͤrt haͤtte, ſo war ein ſolches doch nicht ganz nach dem Ge⸗ ſchmacke des Grafen, ihres Vaters. Edel⸗ leute ſind inzwiſchen nicht immer gute Kri⸗ b tiker von Poeſien, welche Juͤnglinge von zweifelhafter Herkunft an ihre Toͤchter rich⸗ ten, und der Graf von Lincoln war in die⸗ — 36— ſer Hinſicht beſonders kitzlich. Er hoͤrte das Singen und konnte ſeinen Augen kaum trauen, als er vom Fenſter herab nach dem Saͤnger ſah und Rothelan erblickte. Wir wollen hier indeſſen die Ausbruͤche ſeines Unwillens nicht anfuͤhren, noch uns in eine Erzaͤhlung jener Maaßregeln einlaſſen, die er am folgenden Tage ergriff, um die Wie⸗ derholung einer ſolchen Verwegenheit zu verhindern, vorzuͤglich, da uns einige Zwei⸗ fel uͤber die Wahrhaftigkeit der deßfallſigen Angaben aufſtoßen, wenn wir ſolche mit der wahrhaften Erzaͤhlung von ſieben Da⸗ men von untadelhaftem Rufe vergleichen, welche die Sache ſehr gruͤndlich unterſuch⸗ ten. So viel iſt gewiß, daß Graf Lincoln, der ein ſehr aufbrauſender und harter Mann war, bei dieſer Veranlaſſung in einen ſol— chen Zorn gerieth, daß er von ſeinem Ver⸗ wandten, dem Lord Moybray, nicht weni⸗ ger als die augenblickliche und foͤrmliche Entlaſſung unſers jungen Helden aus ſei⸗ nen Dienſten verlangte. Dieſer edle Baron — 87— gab jedoch einem ſolchen heftigen Geſuche nicht ganz nachz er mißbilligte aber die Anmaßungen ſeines Squire in ſofern, daß er ihm verbot, dem Feſtmahle an demſelben Abende beizuwohnen. Da es nun Rothelan hierdurch frei uͤberlaſſen blieb, welches an⸗ dere Vergnuͤgen er ſich als Erſatz machen wollte, ſo ging er gegen Sonnenuntergang allein in den Park, wo er der Lady de Crosby mit Beatricen am Arme begegnete, die oben auf der Anhoͤhe die friſche Abend⸗ luft zu genießen gekommen waren. Waͤhrend ſie, ſich mit gleichgiltigen Dingen unterhaltend, beiſammen ſtanden, ſah man Sir Amias, der aus der Raths⸗ ſitzung vom Verhoͤr kam, unten mit dem Grafen von Lincoln vorbeigehen. Der Ge⸗ ſtikulation ſeiner Haͤnde nach zu urtheilen, wobei er von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, um ſeinen Vorſchlaͤgen gleichſam mehr Gewicht zu geben, ſchien er wegen Etwas ſehr in ihn zu dringen. Nach einer Weile kehrte der Graf, der — 383— ſich ſeines Anliegens nun wahrſcheinlich entledigt hatte, nach dem Schloſſe zuruͤck. Rothelan bemerkte aber in der Art, wie ſie ſich von einander trennten, Etwas, welches das Anſehen einer zwiſchen ihnen ſtattge⸗ fundenen Verabredung hatte. Nachdem ſie ſich einander die Haͤnde ge⸗ ſchuͤttelt hatten und jeder ſeinen Weg ei⸗ nige Schritte weiter gegangen war, drehte ſich der Graf ploͤtzlich um, rief den Ritter beim Namen zu ſich, und raunte ihm etwas ins Ohr, wobei er ihm mit dem Zeigefinger der gehobenen rechten Hand noch eine ſchwei⸗ gende Warnung gab, ja vorſichtig zu Werke zu gehen. Die Begebenheit i in der Fruͤhe, die Dro⸗ hungen, die der Graf gegen ihn ausgeſto⸗ ßen hatte, und ſeine Furcht vor den Um⸗ trieben des Sir Amias, Alles vereinigte ſich, Rothelan den Argwohn einzufloͤßen, daß er der Gegenſtand ihrer Unterhaltung geweſen ſey; auch ward er nicht lange daruͤber in der Ungewißheit gelaſſen. Mehr als er je —— — 89— vordem gethan hatte, nahm der Ritter, in⸗ dem er auf den Ort zuging, wo ſie beiſam⸗ men ſtanden, eine uͤbermuͤthige Miene an, ſo ſehr er auch ſchon bei andern Gelegen⸗ heiten ſeinen Neffen durch ſein froſtiges, zuruͤckhaltendes Benehmen gekraͤnkt hatte. „Ich war Willens,“ ſagte Sir Amias, indem er Beatricen ſanft am Arme nahm, „ich war Willens, Euch durch mein Anſe⸗ hen, ſoviel in meinen Kraͤften ſtand, zu unterſtuͤtzen, um den Makel auszuwaſchen, der auf Eurer Geburt haftet.“ „Auf meiner Geburt haftet kein Ma⸗ kel!“ ſchrie Rothelan, durch den kalten Uebermuth ſeines Oheims empoͤrt.„Meine Mutter hat nur die Beweiſe noch nicht bei⸗ gebracht, die Ihr nie haͤttet verlangen ſol⸗ len.“ Sir Amias, den der Erfolg ſeiner ge⸗ ſchickten Vertheidigung vor dem geheimen Rath aufgeblaͤht hatte, und der in der fe⸗ ſten Meinung ſtand, daß ſein Betragen und ſein Charakter nie mehr in Unterſu⸗ — 90— chung wuͤrden gezogen werden, erwiederte in bitter ſpoͤttelndem Tone, indem er ſeine Lady und Tochter wegfuͤhrte: „Es mag Euerm Ehrgeize damit ge⸗ dient ſeyn, junger Mann, daß Ihr Eure ehrenruͤhrigen Behauptungen zu erhalten ſucht; allein der Graf von Lincoln laͤßt ſich nicht durch Maͤhrchen hinhalten, ſo wahrſcheinlich man ſie auch aufſtutzen mag. Es iſt wahrhaftig ein keckes Wagſtuͤckchen, ſich an die Tochter eines ſo ſtolzen Lords zu machen, zumal von ſo einer Kronpu⸗ pille,— ſo einem Dudley Neville. Weiß das Weib, welches Ihr Eure Mutter nennt, auch gewiß, daß Ihr ihr Sohn ſeyd?“ Er hatte dieſe Worte kaum ausgeſpro⸗ chen, als er fuͤhlte, daß er weiter gegan⸗ gen war, als ern ſchicklicher Weiſe haͤtte ge⸗ hen ſollen. Er hatte ſich bisher durch ſein liebreiches, leutſeliges Benehmen in einem Zeitalter ausgezeichnet, das fuͤr eins der hoͤflichſten galt; allein in der Trunkenheit ſeines augenblicklichan Triumphs ließ er * ₰ — 91— ſich gegen ſeine gewohnte Behutſamkeit zu ſo unſchicklichen Ausbruͤchen verleiten, daß ſie ſeine geheimen Geſinnungen verriethen. Lady de Crosby neilte wegzukommen, und Beatrice hing beinahe bewegungslos an ſeinem Arme. Rothelan erblaßte einen Augenblick, ſeine Augen funkelten und ſeine Lippen ſchaͤumten. Sir Amias, der ſeine Farbe ändortes wurde dfelbſ heftig bewegt. u 2 „Wenn die Anſprüche meiner edeln Mutter erwieſen ſind,“ rief Rothelan hei⸗ ſer, ſich muͤhend, ſeinen Zorn zu maͤßigen, „ſo wird es nicht an Beweiſen fehlen, auch meine Rechte geltend zu machen. Die ih⸗ rigen werden nicht lange mehr einem Zwei⸗ fel unterworfen ſeyn, da bereits Zeugen unter Weges zur See ſind, die bald hier ſeyn und Euch widerlegen werden.“ Wie vom Blitze getroffen hielt Sir Amias ein, und rief mit wilden, wirren Blicken:„Zeugen zur See!“n 186 „Ja,“ erwiederte Rothelan;„habe Ir mich verſtanden?“ Sir Amias gab keine Antwortz; allein ein Schauder fuhr ihm rie⸗ ſelnd durch alle Glieder. Beatrice ließ ſei⸗ nen Arm fahren und ging auf die Seite ihrer Mutter, die ſie an ſich zog, als ſie eben zur Erde ſinken wollte. „Ich beruͤckſichtige dieſe ungluͤcklichen Damen,“ ſagte Rothelan mit ſanfter Stimme, drehte ſich um und entfernte ſich eilig von ihnen, waͤhrend ſie langſam und ſchwei⸗ gend ihren Weg nach der Stadt einſchlu⸗ gen, und Sir Amias ſich dann und wann mit aͤngſtlich verwirrten Blicken nach ihm umdrehte. 2 0009 5020005 0000000(099050 Zehunt e 8 K a poi ke k. Der Zauberbann. Es hält ein Zauber mich gebannt, Sein Kommen unwillkürlich zu erwarten, Sey's für mein Wohl, ſey's für mein Weh. Anonymus. Sobald Sir Amias ſeine Wohnung erreicht hatte, verließ er die beiden Ladys und zog ſich in ſein eignes Gemach zuruͤck, worin er Ralph Hanslap in verdruͤßlicher Laune ſitzend fand. „Das iſt gluͤcklich voruͤber,“ ſagte der Squire, indem er beim Eintritt des Rit⸗ ters aufſtand,„und jetzt will ich gehen, um England zu verlaſſen.“ „So habt Ihr alſo auch gehoͤrt, daß ſie ſich endlich Zeugen verſchafft hat?“ erwie⸗ derte Sir Amias. — 44— „So iſt es.“ „Was habt Ihr denn gehoͤrt?“ fragte der Ritter nach einer kurzen Pauſe. „Was ich gehoͤrt habe?“ antwortete Ralph Hanslap mit einem Accente, durchdringen⸗ der, als womit er ſonſt nur ſein hoͤchſtes Erſtaunen anzudeuten pflegte.„Es wird,“ ſetzte er dann auf ſeine gewohnte kaltbluͤ⸗ tige und bedaͤchtliche Weiſe hinzu:„es wird vergeblich ſeyn, noch laͤnger gegen ſo viele Widerwaͤrtigkeiten ankaͤmpfen zu wollen.“ „Der Beweis ihrer Vermaͤhlung,“ ent⸗ gegnete der Ritter,„macht ihn noch lange nicht zu ihrem Sohne.“ „Sprecht Ihr ſo?“ rief Hanslap, als wenn er ein lebhaftes inneres Vergnuͤgen daruͤber empfaͤnde. „Es iſt moͤglich, daß es ein vom Juden angeſtellter Betruͤger iſt, um durch dieſes Mittel Geld zu erpreſſen,“ erwiederte Sir Amias. Ralph Hanslap fixirte den Ritter mit unverwandtem Blicke beinahe eine Minute — 95— lang, und verſetzte dann nachdrucksvoll, je⸗ doch mit ſinkender, faſt unhoͤrbarer Stimme: „Das iſt mehr als ich erwartete.“ Sir Amias zitterte tief bewegt, ging einige Male im Zimmer auf und ab, und rief im Tone des bitterſten Grams:„All' meine Sinne ſind bethoͤrt. Ich thue und ſage Dinge, die ich vor mir ſelber verber⸗ gen ſollte. Eine unwiderſtehliche, geheime Gewalt hat ſich meiner Seele bemaͤchtigt, und ſcheint mich einem ſchrecklichen Ziele zufuͤhren zu wollen.“ „Warum ſchuͤttelt Ihr ſie nicht von Euch?“ ſagte Ralph Hanslap, zu einer Art von Mitleiden gegen einen Mann be⸗ wegt, in deſſen Dienſte er ſeine Lebenszeit hingebracht hatte;„ich ſelbſt habe, ſeitdem wir uns in dieſe Geſchichte eingelaſſen ha⸗ ben, keine Ruhe gefunden, ſondern bin vielmehr von nagenden Sorgen gequaͤlt worden.“ „Es iſt ein Vorgeſchmack der Hoͤlle, — 96— Hanslap!“ rief Sir Amias mit aufgeregter Stimme. „Nun, ihr Feuer iſt zu loͤſchen.“ „Wie! auf Koſten der Ehre, mit Hint⸗ anſetzung aller Ruͤckſichten? Nein, nein! Hanslap, laßt ſie den Beweis ihrer Ver⸗ maͤhlung fuͤhren, ich verlange vernuͤnftiger Weiſe nichts, als Ueberzeugung.“ „Ich muß mich wundern,“ entgegnete Ralph Hanslap,„wie ihr dieſes Hoͤllenfeuer in Euerem Buſen dulden moͤgt, wenn Ihr ſeiner ſo leicht loswerden koͤnntet.“ „Waͤre dieſe Geſchichte der Welt nicht zu Ohren gekommen, dann wuͤrde ich gern laͤngſt Alles herausgegeben haben; allein jetzt kann ich anders nicht handeln; ſtaͤr⸗ kere denn Diamantketten binden mich, daß ich den Ausgang der Beweisfuͤhrung ab⸗ warten muß.“ „Iſt es denn,“ bemerkte Ralph Hans⸗ lap gelaſſen, waͤhrend der Ritter im Zim⸗ mer auf⸗ und abging,„ſo etwas Sel⸗ tenes, daß diejenigen, die im Beſitze einer —- 97— Sache ſind, den Beweis der Rechtstitel ver⸗ langen, bevor ſie den Beſitz abtreten, daß Euch das unerwartete Geruͤcht, daß Zeugen von Florenz unterwegs ſind, ſo beunruhi⸗ gen kann? Wie Ihr ſagt, ſeyd Ihr Willens, nach Beibringung des Beweiſes der Hei⸗ rath auf Alles zu verzichten.“ „Ich habe mich ſo verfangen, daß ich nicht mehr heraus kann!“ ſchrie Sir Amias mit einer Heftigkeit, welche Hanslap in Zweifel ſetzte, ob er bei geſunden Sinnen ſey.„Ich werde von Vergehen zu Verge⸗ hen hingeriſſen; glaubt Ihr, Hanslap,“ rief er, indem er auf ihn zurannte, und ihn verwirrt bei der Hand faßte:„glaubt Ihr, daß ich dem Grafen von Lincoln er⸗ zaͤhlt habe, daß ich daran zweifelte, daß Dudley Neville wirklich der Sohn der Lady Albertine ſey?“ „Er kann ein vom Juden angeſtifteter Betruͤger ſeyn, um Geld durch ihn zu er⸗ preſſen,“ ſagte Ralph Hanslap ganz lang⸗ III. Bändchen. 5 — 982— ſam und mit einer Pauſe zwiſchen jedem Worte.„Was wird zunaͤchſt die Folge ſeyn?“ „Blut, Hanslap, Blut! Blut! der Teu⸗ fel hat mir eine Kette angelegt, und ich fuͤhle, wie er mich mit ſich fortreißt.“ „Allein Ihr koͤnnt dieſem Allem entge⸗ hen; wofuͤr habt Ihr noͤthig neue Zweifel aufzuwerfen? Wenn die Lady den Beweis ihrer Verheirathung fuͤhrt, laßt ſie dann ihre Brut nennen wen ſie will, was geht das Euch an?“ „Wenn ich es dem Grafen von Lincoln nicht erzaͤhlt haͤtte;— ich weiß ſelbſt nicht wer mir den Gedanken eingab, als ich es ihm ſagte.“ „Gut, Sir Amias; aber laßt es hierbei bewendenz ruͤhrt die Sache nicht weiter auf; wartet die Ankunft der Zeugen ab, und wenn die ihre Geſchichte vorgebracht haben, ſo gebt alles hin und tauſcht den Prieden Eurer Seele dafuͤr ein.“ „O, dieſes iſt ferner nicht mehr möglich,“ erwiederte der unentſchloſſene ungluͤckliche — 99— Mann;„Mein Gedaͤchtniß wird mich nie wieder Ruhe finden laſſen, ich werde nie vergeſſen koͤnnen, was ich gethan habe.“ „Was habt Ihr denn gethan?“ fragte Hanslap. Sir Amias faltete die Haͤnde zu⸗ ſammen, und ſtand eine Weile in betender Stellung, ſeine Beaͤngſtigung war aufs hoͤchſte geſtiegen. Die Anwandlung ging aber voruͤber; er entfaltete die Haͤnde und ſagte in ſeinem gewoͤhnlichen kaltbluͤtigen Tone:„Dieſes iſt Thorheit, Hanslap. Wenn das Weib und ihr Sohn ſind, wofuͤr ſie ſich ausgeben, ſo mögen ſie meinetwegen ihr Recht erlangen; allein nicht ohne daß ſie den Beweis fuͤhren.“ „Wenn aber ihre Verheirathung erwie⸗ ſen wird, beſteht Ihr darauf, in Abrede zu ſtellen, daß Lord Mowbray's Squire ihr Sohn iſt?“ „Ich will nichts in Abrede ſtellen, ich werde bloß von ihm verlangen, zu zei⸗ gen, daß er in der That derſelbe iſt, der aus dem Hauſe geſtohlen ward. So viel — 100— bin ich dem Grafen von Lincoln zu thun ſchuldig.“ „Was geht das den Grafen an?“ „Er wuͤnſcht ſeine Tochter mit dem Gra⸗ fen von Suffolk zu vermaͤhlen.“ „Noch verſteh' ich Euch nicht.“ „Der Betruͤger unterſteht ſich, ihr den Hof zu machen.“ „Betruͤger!“ wiederholte Ralph Hans⸗ lap;„und,“ ſetzte er hinzu,„er hat auch noch keinen Pardon dafuͤr erhalten, daß er unter den Schotten gefangen wurde.“ Sir Amias fuhr zuſammen, und fiel in dieſelbe Anwandlung zuruͤck, von der er ſich eben erholt hatte. „Ich habe daran gedacht,“ fing er in einem tief bewegten Tone an. „Allein habt Ihr mit dem Grafen da⸗ von geſprochen?“ Sir Amias blickte unwillkuͤrlich um ſich, um zu ſehen, ob kein Zeuge gegen⸗ waͤrtig ſey. Ralph Hanslap ſchien ſich uͤber ſeine Furcht zu freuen und verſetzte ganz trocken, mit jener hoͤhniſchen Bitterkeit, wo⸗ —— — 101— mit er Andere ſo gern zu vernichten ſuchte: „Den Tod eines Verraͤthers kann man kei⸗ nen Mord nennen.“ „Koͤnnt Ihr mir Einen Ausweg zeigen, um aus dieſem fuͤrchterlichen Labyrinthe zu kommen?“ rief Sir Amias, in ſeinem In⸗ nerſten von der graͤßlichen Idee erſchuͤttert, die Hanslap in ſeiner Spottrede angedeu⸗ tet hatte. Aber ohne auf ſeine Bewegung zu ach⸗ ten, fuhr Hanslap in ſeiner kalt berechne⸗ ten Weiſe fort:„Das wuͤrde eine Menge Unruhe erſparen.“ „Was meint Ihr?“ ſchrie Sir Amias heftig. „Was Ihr im Sinne hattet, als Ihr dem Grafen von Lincoln erzaͤhltet, daß Euer Neffe noch keinen eigentlichen Patdon erhalten haͤtte.“ „Ich habe nicht geſagt, daß es mein Neffe waͤre. Wie weiß ich, daß es mein Neffe iſt?“ „Wenn es Euer Sohn waͤre, konntet — 402— Ihr Euch nicht mehr um ihn abaͤngſtigen,“ verſetzte der Squire mit einem Laͤcheln, und. fuhr fort:„allein Ihr koͤnnt ihn ja dem Grafen von Lincoln uͤberlaſſen.“ „Der Graf von Lincoln,“ erwiederte Sir Amias,„iſt ein Edelmann, deſſen Ehre von der Bosheit noch nicht befleckt worden iſt.“ „Noch nicht,“ ſagte Ralph Hanslap mit Nachdruck. „Auch iſt es ſeine Meinung und ſein Rath,“ fuhr Sir Amias fort,„daß ich un⸗ ter den ganz beſonderen Umſtaͤnden, in de⸗ nen ich mich befinde, Dudley Neville nicht anſehen ſolle, als ob er Anſpruͤche an mich zu machen habe.“ „Weil er wuͤnſcht, daß ſeine Tochter den Grafen von Suffolk vorziehen moͤge. Er wird Euer Freund ſeyn, wenn Ihr ihm hierzu behuͤlflich ſeyd. Allein ſeyd Ihr mit ihm uͤberein gekommen, den jungen Men⸗ ſchen wegen ſeiner vorgeblichen Verraͤtherei verfolgen zu laſſen?— Jetzt weiß ich, was Ihr mit Euerm Blut ſagen wolltet.“ -9— — 103— „Hanslap, Ihr werdet unbeſcheiden; rohe Ausdruͤcke erzeugen ſchlechte Gedan⸗ ken,“ ſagte Sir Amias etwas ſtolz. „und ſchlechte Gedanken erfordern grobe Ausdruͤcke,“ entgegnete der unerſchuͤtterliche Hausfreund.„Nein, Sir Amias, Ihr muͤßt mir in dieſer Geſchichte keine Spiegelfech⸗ terei vormachen wollen, da ich ſo hinein verwickelt bin, als ob ich ein Theil Eurer ſelbſt waͤre— wie Euer Gewiſſen; aber ich gehe noch weiter.“ „Was wollt Ihr?“ „Blut!“ „Wenn er kein Verraͤther iſt, ſo wird er als ſolcher nicht beſtraft werden.“ „Und wenn er verurtheilt wird, ſo wird ihn der Koͤnig vermuthlich begnadigenz al⸗ lein dann werden ſeine Guͤter confiscirt werden.“ te „Guͤter!— welche Guͤter?“ 81„Alles, was von Rechtswegen ſein iſt,— Alles, was Ihr von ihm im Beſitze habt.““ — 191— „Ich verſtehe Euch nicht,“ rief Sir Amias beſtuͤrzt.„ 39 „„Ja,“erwiederte Ralph Hanslap,„wenn er als ein Verxraͤther verurtheilt wird, ſo werden, deſſen koͤnnt Ihr verſichert ſeyn, die Kronbeamten nicht ermangeln, dem ihm rechtlich zuſtehenden Eigenthume nachzu⸗ ſpuͤren.“ „Allein ſie werden nicht beweiſen koͤn⸗ nen, daß Etwas von dem Meinigen ihm angehoͤrt. Sie werden ſelbſt nicht einmal beweiſen koͤnnen, daß er der Sohn der Ita⸗ lienerin iſt.“ „Wahr,“ unterbrach ihn Ralph Hans⸗ lap,„es kann ein von dem Juden angeſtell⸗ ter Betruͤger ſeyn.“ „Warum immer dieſe alte Leyer?“ „Ich wuͤnſchte nur, daß ich das Ende von dieſem Allem, und mich ſelbſt gluͤck⸗ lich herausgewickelt ſaͤhe,“ erwiederte der Squire. „Das koͤnnt Ihr, ſobald Ihr wollt,“ ver⸗ ſetzte Sir Amias kaltbluͤtig. — 105— „Nein, Sir Amias, das kann ich nicht. Mir bleibt keine Wahl. Unſer Schickſal iſt in einander verflochten, und kann nicht von einander getrennt werden. Ich will abwarten, was daraus werden wird; allein ſchon wird es dunkel und ich muß Euch fuͤr heute gute Nacht ſagen.“ III. Bändchen. 6% frg⸗ 1A 4 K. ap iit edl. Umwege. Ich bin kein Schurke; ein verdienter Mann; Und was ich von dem König bitte, ſollte Er mir ſchon meinethalber zugeſtehen.— Was kümmert's ihn, ſuch' ich das Eigenthum Des Fremdlings durch mein Zeugniß anzutaſten? Um meiner ſelbſt, um der Gefahren willen, Die mir mein Alles zu verſchlingen drohen, „Verwend' ich mich.——— 4 Pritchards Hofmann. Der Graf von Lincoln war, nachdem er ſich von Sir Amias de Crosby im Parke zu Windſor getrennt hatte, inzwiſchen nach bem Schloſſe gegangen, wo er noch den⸗ ſelben Abend in einer Zwiſchenpauſe des Feſtmahls“ Veranlaſſung nahm, mit dem Koͤnige uͤber die vielbeſprochenen Schickſale „Rothelans zu reden. Er war in jener Ge⸗ heimenraths⸗Verſammlung zugegen gewe⸗ — — 407— ſen, vor welcher der Ritter, der an ihn er⸗ gangenen Einladung gemaͤß, erſchienen war, und fing damit an, dem Koͤnig in Bezug auf dieſen Vorgang zu bemerken, wie unwahrſcheinlich es ſey, daß ein Edel⸗ mann in ſolchen bluͤhenden Umſtaͤnden, wie Sir Amias de Crosby, ſich verbreche⸗ riſcher Mittel bedient haben ſollte, die Wittwe ſeines Bruders um ihre Rechte und ihren Rang, und ſeinen Reffen um deſſen Erbſchaft und die mit dieſer wereinigten Pairs⸗Wuͤrde zu bringen. i 4 „Sir Amias,“ ſagte der Graf,„treibt ſeine Nachſicht in einem Stuͤcke nur zu weit, daß er dem Vorgeben des Juden und des Weibes, daß der junge Menſch ihr Sohn ſey, zu leichten Glauben beimißt.““ „Waltet hieruͤber noch ein Sabifeh dn fragte der Koͤnig. 1 „Dieß iſt eine Frage, die wohli in Zwe fel gezogen werden kann. Viele Jahre—“ „Aber,“ unterbrach ihn Seine Majeſtät, „Mowbray hat mir ſelbſt erzaͤhlt, daß Dud⸗ — 108— ley Reville ganz ſicher derſelbe Edelknabe ſey, der zu York verſchwand.“ „Dieß wird nicht bezweifelt,“ entgeg⸗ nete der Graf;„allein es iſt noch nicht er⸗ wieſen, daß der Edelknabe daſſelbe Kind war, das bei dem Ausbruche des Feuers im Hauſe des Sir Amias de Crosby, geſtohlen wurde.C mn „Wirklich!— Sir Amias gab doch zu, daß es daſſelbe ſey; und wenn ich den Bi⸗ ſchof von Wincheſter recht verſtanden habe, ſo ſagt die Lady, daß es das naͤmliche iſt, und der Jude ſagt es ebenfalls.“ Ohne dem Koͤnige eine Gegenbemerkung zu machen, kam der Graf wieder auf die Rede zuruͤck, in welcher Seine Majeſtaͤt ihn unterbrochen hatte:„Viele Jahre— zehn oder zwoͤlfe wenigſtens— hob er an, „ſind ſeit jener Zeit, wo das Kind aus de Crosby's Wohnung geſtohlen wurde, bis dahin verfloſſen, wo es wieder zum Vor⸗ ſchein kam. Der hierbei⸗ obwaltende Zwei⸗ fel liegt in dieſer Zwiſchenzeit. Wenn auch 2 — 109— die Trauung der Lady erwieſen wird, ſo muß nothwendig noch dargethan werden, daß das Kind der Edelknabe und dieſer Abentheurer Mebile veins und daſſelbe ſind.““ 1DG. n79t „Abentheurer nennt Ihr ihn!“ erwie⸗ derte der Koͤnig, im Tone der Verwunde⸗ derung;„Lincoln, Ihr ſcheint gegen ihn eingenommen worden zu ſeyn.“ „Ich nenne ihn, mit Eurer Majeſtaͤt Verguͤnſtigung, ſo, wie hch ihn afunden habe.“ 1 „Ihr, Mylord? wie kommte Ihr mit ſeinen Abentheuern in Beruͤhrung? 1 „Er hat von mir keinen beſſern Titel verdient; denn, ſeiner zweideutigen Her⸗ kunft ungeachtet, hat er ſich unterſtanden, ſich um meine Tochter zu bewerben.“ is⸗ „Da lobe ich ſeinen Geſchmack,“ ant⸗ wortete der Koͤnig laͤchelnd, ſetzte aber in einem ernſteren Tone hinzu:—„Ich ſehs wie dieſes iſt; Ihr moͤchtet ſeiner Bewerd bung gern ein Ende machen;— allein kann — 110— ihm dieſes denn nicht unterſagt werden, Mylord, ohne daß Ihr in der Frage uͤber ſeine eheliche Geburt Euch zur Parthei ge⸗ gen ihn aufwerft?“ „Wenn auch dieſe Frage entſchieden waͤre,“ ſagte der Graf,„ſo darf ich doch nicht vergeſſen, daß er wegen ſeines Hoch⸗ verraths noch keinen Pardon erhalten hat.“ „Iſt das noch nicht geſchehen?— Gut, ſo werde ich mich der Sache ſelbſt anneh⸗ men. Es iſt dies ein ſehr verzeihliches Ver⸗ gehen von ſeiner Seite und haͤtte keiner Erwaͤhnung verdient. Mowbray haͤtte mich daran erinnern ſollen,“ entgegnete der Koͤnig, etwas verſtimmt, als wenn er ſich ſelbſt einer Nachlaͤſſigkeit ſchuldig gefuͤhlt haͤtte. „Bei der Ungewißheit der Umſtaͤnde, und bei dem offenen und redlichen Verfah⸗ ren des Sir Amias de Crosby, war es viel⸗ Pae nur vorſichtig von Lord Mowbray gehandelt, wenn er nicht auf den Pardon — 0111— brangz denn bis abisſe Eenche nsgemaczt iſt, n do IA „Nein, nein,“ unterbench ihn der Koͤ⸗ nig im verweiſenden Tone:„die vermeint⸗ liche Verraͤtherei und die Geſchichte mit dem Sir Amias ſind zwei Dinge, welche keine Gemeinſchaft mit einander haben; daß er als Edelknabe, und faſt noch als ein Kind, nach Schottland gebracht, und unter den rohen Dienſtleuten eines kleinen Haͤuptlings auferzogen wurde, daß er, ſich Englands kaum mehr erinnernd, an ihren Fehden und Raubzuͤgen Theil nahm: dieſes ſind Um⸗ ſtaͤnde, die ihn dafuͤr entſchuldigen können, mit den Waffen in der Hand ergriffen wor⸗ den zu ſeyn; er ſoll ſeinen Pardon erhat⸗ ten.“— „Wie es Eurer Majeſtaͤt gefaͤllt,“ er⸗ wiederte der Graf, in tiefer Unterwuͤrfig⸗ keit;„allein der Pardon kann ſeine Ge⸗ ſinnung nicht umaͤndern und wird hi n deſto dreiſter machen.“ ſſthn aun ,Ihr laßt Euch von Eurer Htgeawete — 112— hinreißen, Lincoln, als ſich mit der ſtren⸗ gen Gerechtigkeit vertraͤgt. Der Abentheu⸗ rer, wie Ihr ihn nennt, hat Euch beleidigt, weil er ſich unterfangen hat, ein Auge auf Eure Tochter zu werfen; nein, nicht ſowohl auf Eure Tochter, als auf die ſchoͤnſte Zierde Englands. Ich kann hierin keine Beleidi⸗ gung, ſondern nur das kuͤhne Streben ei⸗ nes edlen jugendlichen Herzens finden, das noch nicht zu unterſcheiden gelernt hat, in welchem Widerſpruche die höfiſche Sitte mit der Bewunderung ſteht, welche die Schon⸗ heit einfloͤßt. Ich will ihm den Pardon des⸗ halb nicht verſagen, weil er die Lady Blanka bewundert. Häaͤtte er es nicht gethan, ſo würde ich Zweifel in ſeinen Muth und je⸗ nen hohen Geiſt in ſeinen Geſinnungen geſetzt haben, der ihn ſo ritterlich antreibt, ſeine Spornen zu verdienen.“ „Wie aber, wenn er an dem Complott 4 Juden, um deſſen habſuͤchtige Abſich⸗ zu befördern, aus eigenem Intereſſe Theil genommen haͤtte?“ ſagte der Graf. *₰ „Nein, nein, Mylord!“ rief der Koͤnig, „es iſt nicht ſchoͤn, den Menſchen ſogleich boͤſe Abſichten beimeſſen zu wollen, vorzuͤg⸗ lich einem ſo jungen Manne, der ſich nach dem Zeugniſſe Aller ſo wuͤrdig betraͤgt.“ „Eure Majeſtaͤt iſt geneigt, den jungen Menſchen ſehr zu beguͤnſtigen,“ ſagte der Graf ernſthaft. 4 „Ich bins,“ eepiderke den Köͤnig ge⸗ laſſen;„allein bloß ſeiner Berdienſte we⸗ gen. Ihr habt mir nichts angefuͤhrt, das ihn in ſeiner Eigenſchaft als Edelmann, der ſich durch ſeine Jugend, ſeine Koͤrper⸗ ſchoͤnheit, und ein beſonderes axtiges Be⸗ tragen empfiehlt, herabſetzen koͤnnte, Es iſt ganz natuͤrlich, daß Ihr ſeinen anmaß⸗ lichen Bewerbungen um Eure Tochter ent⸗ gegen ſeyn muͤßt; allein dieſes iſt kein Ver⸗ gehen von ſeiner Seite, Mylord; im Ge⸗ gentheile iſt es ein Tribut der Bewunde⸗ rung, den die Jugend einer ſolchen, mit ſoviel vortrefflichen Eigenſchaften begabten Schönheit wohl bringen darft andh innn — 114— „Ich will die Verdienſte des jungen Mannes nicht in Abrede ſtellen,“ entgeg⸗ nete der Graf;„allein Sir Amias de Crosby verdient doch auch einige Ruͤckſicht, da Eure Majeſtaͤt keinen beſſern Unterthanen hat, als er iſt; er iſt ein Mann, den alle Men⸗ ſchen ehren.“ „Er wuͤrde mir vielleicht beſſer gefallen haben,“ verſetzte der Koͤnig,„wenn mir ſeine Freunde ſeine Tugenden weniger an⸗ geprieſen haͤtten; aber, Mylord, wir wollen die Unterſuchung ihren Gang nehmen laſ⸗ ſen; die Zeugen von Florenz werden bald hier ſeyn.“ „Sie koͤnnen nur die Vermaͤhlung der Lady Albertine mit Lord Edmund von Ro⸗ thelan beſtaͤtigen,“ ſagte der Graf. „Ihr ſcheint entſchloſſen zu ſeyn, Lin⸗ coln, mich zwingen zu wollen, mich des jungen Mannes noch nachdruͤcklicher als Freund anzunehmen, als es ſich mit der Unpartheilichkeit meiner Pflichten vertraͤgt⸗ Ich werde mit meinem Wiſſen nicht zuge⸗ — 115— ben, daß man ihn zeiſoloe erwiederken der Koͤnig. unun „Noch wird Eure Maieſtäͤt Gegegnete der Graf demuͤthig,„einen ſo guten und untadelhaften Mann, wie Sir Amias de Crosby, unter den boshaften Raͤnken eines Juden und einer Italienerin erliegen laſſen wollen, von der niemand glaubwürdige Aus⸗ kunft geben kann.“ „Ihr ſeyd entſchloſſen, Mylord, mich in dieſer ſonderbaren Geſchichte zur Parthei⸗ nahme zu noͤthigen,“ antwortete der Koͤnig mit gerade ſo vieler Höoͤflichkeit, als noͤthig war, ſeinen Verweis in Etwas zu mildern. „Ich mag dieſes aber nicht, Mylord; und was den Hochverrath anbelangt, indem der junge Mann betroffen worden iſt, ſo iſt es mir Leid, daß ſein Pardon noch nicht aus⸗ gefertigt wurde.““ „Allein meint Eure Majeſtät, daß er hier bei Lord Maſbhrar am Huft leiben koͤnne? en 4 „Was ich meine Mytord, geziemt Gnch nicht zu fragen,“ verſetzte der Koͤnig mit Strenge; fuhr aber in einem heiterern Tone fort:„Die Lady Blanka ſteht jedoch unter Eurer eigenen Aufſicht, und ich zweifle nicht, daß Ihr Eure eigenen haͤuslichen Ange⸗ legenheiten ohne des Koͤnigs Hilfe ſchlich⸗ ten koͤnnt.“ Hier wurden ſie in ihrer Unterhaltung durch den Eintritt der beruͤhmten Graͤfin von Salisbury unterbrochen, welche durch ihr edles Benehmen im Schloſſe Werk dem Koͤnige zuerſt die Idee eingegeben hatte, welche zunaͤchſt die Veranlaſſung zu den Feſtlichkeiten gab, die damals begangen wurden. Mit ſeiner gewohnten Genauigkeit macht uns hier der Verfaſſer eine lange, ins Kleinliche gehende Beſchreibung ihres Anzugs, und faͤhrt fort, uns zu erzaͤhlen, daß der Koͤnig, als er ſie erblickte, ſich um⸗ drehte und auf ſie zuging. Er ließ ſich hierauf zum groͤßten Verdruß der Koͤnigin Philippa in eine vertrauliche Unterredung mit ihr ein, welchen Anblick letztere ertrug — 147— bis es nicht mehr in ihrer weiblichen Ge⸗ walt ſtand, laͤnger auszuharren. Mit dem Vorgeben, daß ihr die Luft in der Halle zu ſchwuͤl ſey, zog ſie ſich ploͤtzlich in ein anderes Gemach zuruͤck, von ihren Lady's und dem Biſchof von Wincheſter begleitet, welcher ihr ihre immer ſteigende Unruhe, die ſie nicht unterdruͤcken konnte, an den Augen angeſehen hatte. Der Biſchof bedeutete dem Ladys ſchwei⸗ gend, ſich zuruͤckzuziehen, und fragte, indem er ſich der Koͤnigin nahte, ſie in dem ſanft⸗ muͤthigſten Tone, ob ſie ſich unpaͤßlich fuͤhle. „Es iſt mir nicht wohl,“ erwiederte die Koͤnigin,„ich bin in der That unpaͤßlich. Das Herz ſchmerzt mich mehr, als der Kopf. Ich moͤchte weinen; allein, was wuͤrden mir meine Thraͤnen nuͤtzen? Ich wuͤnſchte die Halle nicht verlaſſen zu haben; laßt uns zuruͤckkehren.— Sollen wir zuruͤckkehren? Der Koͤnig iſt heute Abend froͤhlich und mein thoͤrichtes Weggehen mag ihn in ſei⸗ nem Vergnuͤgen geſtoͤrt haben. Allein die — 148— Hitze ſtieg mir ploͤtzlich in den Kopf. Ich bin wegen meiner Schwaͤche wirklich zu ta⸗ deln.— Habt Ihr die Graſim: von Salis⸗ bury nicht bemerkt?“ „O ja,“ erwiederte der Biſchof bedaͤch⸗ tig,„ſie iſt immer noch eine Zierde Eng⸗ lands.“ „Wirklich!“ ſagte die e Königin.„Ich halte ſie fuͤr ſchon ſehr verbluͤht; es ſind viele Lady's im Zimmer, mit denen ſie ſich nicht vergleichen kann. Sie nimmt ſchnell v, Mylord; allein das iſt der Lauf der Natur, ihr Sommer iſt voruͤber, und ſie iſt ſich deſſen wohl bewußt. Habt Ihr bemerkt wie ſie uͤber und uͤber mit Juwelen beladen iſt, als ob der Schimmer ihrer Steine den verlornen Glanz ihrer Augen wieder erſe⸗ tzen ſollte?“ „Aber alle ihre edleren Reize,“ entgeg⸗ nete der Praͤlat,„ſind noch unveraͤndert dieſelben, die unvergaͤngliche Schoͤnheit ih⸗ res Geiſtes ſteht noch immer in ihrer jung⸗ fraͤulichen Bluͤthe.“ „Ich habe nie bezweifelt,“ ſagte die Koͤnigin,„daß ſie ein ſehr gutes Weib iſt. Ich habe ſie in der That wegen ihrer Wohl⸗ thaͤtigkeit gegen die Armen ſehr ruͤhmen hoͤren; und ich moͤchte ſagen, der Kirchthurm kann nicht puͤnktlicher im Anzeigen der Vesper ſeyn, wie ſie in ihren Gebeten. Allein, Mylord, in dieſem Allem ſehe ich nichts Vorzuͤgliches.“ „Aber wenige Damen ſind ſo gut aus Herzensguͤte, und ſo heilig aus Froͤmmigkeit, wie dieſe treffliche Graͤfin von Salisbury.“ „Ich ſehe, Mylord, daß ſie die Kunſt beſitzt, ſich die Gunſt der Maͤnner— er⸗ werben.“ „Sie beſitzt das Verdienſt, Eure Maje⸗ ſtaͤt, ſie zu verdienen.“ „Ich will ihre Verdienſte nicht harab⸗ ſetzen, Mylord.“ „Allein Eure Majeſtaͤt ſcheint ſie zu fuͤrchten.“ „Mylord, argwoͤhnt Ihr etwa, ich auf ſie eiferſuͤchtig? Sprecht mir nicht wei⸗ — 120— ter davon. Es hieße meinem Gemahle einen Vorwurf machen, der ſeiner unwuͤr⸗ dig iſt, und nebenbei geſtehen, daß ich ſeine Liebe verloren haͤtte.— Indeſſen, Mylord, warum ſpreche ich dieſes, da meine Thraͤnen an mir zu Verraͤthern werden, daß ich mir die traurige Wahrheit nicht verbergen kann?“ „Daß Seine Majeſtaͤt,“ ſagte der Bi⸗ ſchof, nachdem er den Thraͤnen der Koͤnigin eine Zeitlang freien Lauf gelaſſen hatte, „mit Vernachlaͤſſigung ſeiner ehelichen Treue gegen Eure Majeſtaͤt, um die Liebe der Graͤfin von Salisbury geworben habe, iſt ein altes Maͤrchen, das die Verlaͤumdung ſelbſt muͤde geworden iſt zu wiederholen. Alle jedoch, die Ihn ſeit vielen Jahren her beobachteten, haben wahrnehmen muͤſſen, daß Seine Leidenſchaft, von welcher Art ſolche auch fruͤherhin geweſen ſeyn mag, jetzt nichts mehr, als eine ihr mit Recht gebuͤhrende und lautere Bewunderung ihrer Vorzuͤge iſt, die ihr Vergnuͤgen bloß darin ſucht, ihren Tugenden zu huldigen.“ — 121— Die Königin ſchwieg eine Zeitlang und legte, ſich eine Thraͤne vom Auge wiſchend, ihre Hand dem Biſchof auf den Arm.„Ich habe mich,“ hob ſie endlich an,„von der Schwachheit der Eiferſucht zu weit hinrei⸗ ßen laſſen. Ich bin aͤrgerlich uͤber mich ſelbſt, und werde, um ein ſo kleinliches Be⸗ nehmen zu buͤßen, der wuͤrdigen Graͤfin von Salisbury eine ſolche Huldigung darbrin⸗ gen, daß mir ſelbſt der Koͤnig einen Theil jener reinen Hochachtung zuwenden ſoll, die er ihr, nach Eurer Aeußerung, zollt.“ An dieſer Art, die weibiſche Eiferſucht der Koͤnigin Philippa zu zuͤgeln und zu beſtrafen, moͤgen wir das erhabene Beneh⸗ men jenes großen Mannes kennen lernen, der damals England und die Meinung der großen Menge daſelbſt beherrſchte. Es iſt jedoch Zeit, von dieſer Abſchweifung zuruͤckzukehren, und uns nach den Haupt⸗ ſonen unſerer Geſchichte umzuſehen. [—ã III. Bändchen. 6 Zwoͤlftes Kapitel. — Das Schiff. Die Sonne ſank am Horizont Mit tauſendfachem Flimmer; Die glatte Woge lag beſonnt In ihrem letzten Schimmer. Und an dem fernen Rand der See Stieg etwas Dunkles in die Höh': Ein Boot ſchien's zu verkünden, Getrieben von den Winden. und weiter kam durch das Gewog Jetzt die Geſtalt, und weiter; und ſieh, auf ſchwarzem Rappen flog Vorüber ſchnell ein Reiter, Hinſchwebend über See und Land; 3 Ein Stundenglas trug ſeine Hand, Statt eines Speers die Hippe, Er ſelbſt war ein Gerippe. Der Todtenkranz. Obgleich die Lady Albertine, ſeitdem ſie die Nachricht erhalten hatte, daß Zeugen — 123— ihrer Vermaͤhlung in Florenz ausfindig ge⸗ macht und nach England eingeſchifft wor⸗ den waren, endlich Licht in das finſtere Labyrinth einbrechen ſah, in dem ſie ſo lange gewandelt hatte, ſo konnte ſie doch eine gewiſſe Furcht und gewiſſe traurige Vorahnungen, die in ihrer Seele aufſtie⸗ gen, nicht beſchwichtigen. Sie zaͤhlte die Stunden, als wenn ihre Beſorgniß den Weg der Reiſe abkuͤrzen konne. Jedes Um⸗ ſpringen des Windes machte ſie beſorgt, und ſie beobachtete die Bewegung der Zweige, und den Zug des Kaminrauches, wie das Weib eines Seemannes, deren ganze Gluͤck⸗ ſeligkeit auf dem Meere ſchwebt. as konigliche Feſt zu Windſor war be⸗ endigt; der Hof kehrte nach Weſtminſter, und die koͤniglichen Gaͤſte nebſt den andern Fremden in ihre Heimath zuruͤck; allein noch immer hoͤrte man nichts von jenem unſeligen Schiffe. Adonijah, der, kaum weniger beſorgt als ſeine Adoptivtochter, der Ankunft des — 124— Schiffes entgegen ſah, ſuchte ſie immer zu troͤſten und ihre Zweifel zu ſtillen.„Ihr macht Euch,“ pflegte er oͤfter zu ſagen, 3 „Fenſterlaͤden aus Eurer Furcht, wodurch Ihr Euch dem eindringenden Lichte ver⸗ ſchließt. Geht die Sonne nicht mit heite⸗ rer Stirne fuͤr Euch auf? Umgeben Euch nicht uͤberall lachende Gegenſtaͤnde, ſchoͤner als der funkelnde Thau, oder das ſuͤße Ge⸗ zwitſcher der Voͤgel?— Ihr gleicht dem finſtern Eſchenbaume, der ſich dem melodie⸗ und blaͤtterreichen Fruͤhlinge nur ungern hinzugeben ſcheint. Habt Ihr nicht um Euch Euern Sohn, der empor gewachſen iſt, wie eine Ceder in der Fuͤlle der Jugend⸗ ſchoͤnheit und Staͤrke?— Laßt Euch, mein liebes Kind, die Ungeduld uͤber die Erwar⸗ tung dieſes langſamen Schiffes nicht zu ſolchem Mißmuthe hinreißen.“ „Wenn es aber nicht kommt,“ erwie⸗ derte die Lady,„wuͤrde ich es da nicht er⸗ leben, daß mein Sohn noch uͤber die Schande ſeiner Mutter erroͤthen muͤßte?“ ö — 125— „Es gibt Winde am Himmel,“ ſagte Adonijah,„und Wogen auf der See, und das Schiff kann an einer Steinklippe zer⸗ ſchellen; allein was iſt nicht vergaͤnglich?— Das Schiff wird ſicher landen! es kann nicht anders als gluͤcklich einlaufen, meine Toch⸗ ter; denn die Vorſehung hat es ſelbſt mit einem Schatze befrachtet, den ſie zu Erfuͤl⸗ lung ihrer Abſichten braucht; ſie wird es nicht in der See verſinken laſſen.“ „So habe ich oft gedacht,“ ſagte die Lady Albertine,„und habe Troſt in dem Gedanken gefunden; allein dennoch wan⸗ delt mich zu Zeiten eine ſonderbare Furcht an.“ „Ihr macht Euch Traͤume und Viſionen, liebes Kind,“ bemerkte Adonijah,„die dunkel an Eurer Phantaſie voruͤber eilen, wie die Schatten der Gewoͤlke uͤber die Waſſer.“ „Leider,“ erwiederte die traurige Lady; „allein es ſind immer Wolken, welche dieſe Schatten werfen.“ — 126— Endlich erfuhr Adonijah, daß das Schiff in der Themſe erſchienen ſey; und da die Geſchichte Rothelans zum allgemeinen Bier⸗ hausgeſpraͤche geworden war, ſo erregte dieſe Nachricht eine allgemeine Bewegung in der Stadt. Ein jeder, der von der Lady und ihrer Standhaftigkeit, ſo wie von der Freundſchaft des Juden gegen ſie ge⸗ hoͤrt hatte, wuͤnſchte den Ausgang der Sache zu wiſſen, gleich dem Kinde, das neugie⸗ rig auf die Entwickelung einer tragiſchen Erzaͤhlung iſt. Allein es hatte ſich damals ein großer Hang zum Wunderbaren unter dem Bolke geoffenbaret, welchen die Aſtro⸗ logen damaliger Zeit dem Einfluſſe einer verderblichen Conſtellation der Geſtirne zu⸗ ſchrieben; es geſchahen Zeichen und Wun⸗ der, welche taglich als ſichtbaren Beweis die Glaubwuͤrdigkeit gewiſſer trauriger Pro⸗ phezeihungen von Peſtilenz und anderem Ungluͤcke beſtaͤtigten, womit, wie man ſich unter dem Volke trug, die ganze Chriſten⸗ heit bedroht ſeyn ſollte. Die Baͤume fin⸗ — 4127— gen an, unzeitig frühe Knospen zu treiben, und trugen unbekannte und ungenießbare Fruͤchte; der Epheu riß ſich von den Mauern, die er umrankt hatte, los, und ſchoß in Ranken aus, welche ſonderbare Blaͤtter trugen; man hoͤrte naͤchtlicher Weile große Fiſche in der See bruͤllen, und es regnete Wuͤrmer. Einen ganzen Monat hindurch ſah man den Mond nicht, und die Naͤchte waren ſo finſter, daß man fuͤrchtete, er ſey aus ſeiner Bahn gewichen. Ein gewiſſer Heiliger hatte ſieben Mal eine Hand mit einem Sandglas zwiſchen ſich und der un⸗ tergehenden Sonne deutlich ausgeſtreckt ge⸗ ſehen, was ein Jeder als ein Zeichen von dem nahen Ende der Welt anſah. Selbſt die Sonne truͤbte ſich und verlor ihre Kraft; ſie verſchloß, ſich verfinſternd, gleichſam ihr Augenlied, und man ſchrie, daß ihr Licht erlöͤſchen werde. Ein Stern mit einem feu⸗ rigen Schweife ließ ſich im Sternbilde des Orions ſehen, und man hielt ihn fuͤr den Engel des Gerichts, welcher komme, um — 128— mit ſeiner Fackel die Erde anzuzuͤnden. Die Erde bebte; geſpenſtige Geſtalten zogen am Himmel voruͤber; und uͤberdies ward ein weibliches Kind mit zwei Zungen geboren. Alle Geſchichtſchreiber ſtimmen in der That uͤberein, uns dieſe Epoche ſo reich an Vordeutungen und Wundern zu ſchildern, daß viele Menſchen zu fuͤrchten anfingen, der Lauf der Natur habe eine andere Wen⸗ dung genommen. Die Gemuͤther waren deshalb in einer ſolchen Spannung, und ſo in Erwartung wunderbarer Dinge, daß jeder neuen Erſcheinung, welche Theilnahme erweckte oder die Neugierde auf ſich zog, eine myſtiſche Deutung untergelegt ward. So wurde denn auch die Nachricht von der Ankunft des Schiffs mit den Florentinern, obgleich ſcheinbar ein unbedeutender Zufall, von dem Volke mit ſolcher Theilnahme auf⸗ genommen, als ob Englands Schickſal von dieſer Begebenheit abhinge. Tauſende von Menſchen eilten nach dem Fluſſe, um das — 129— Schiff landen zu ſehen; Boote kamen ihm entgegen, als wenn es mit den groͤßten Gluͤcksguͤtern fuͤr ſie befrachtet geweſen waͤre. Die Lady Albertine, mit Rothelan und Adonijah, waren natuͤrlich nicht von den Letz⸗ ten, die ſich beeilten, ſeine Ankunft zu erwar⸗ ten. Sie ſtanden beiſammen an einem nach der Themſe zu gehenden Fenſter, um es nach dem Ankerplatze an der Londonbruͤcke ſteuern zu ſehen. „Sonderbar, und was hat das zu be⸗ deuten,“ ſagte die Lady,„daß kein Boot an demſelben anlegt; ſondern alle mit Ru⸗ dern einhalten, wie ſie ihm naͤher kom⸗ nen?“ „Es muß eine beſchwerliche Reiſe ge⸗ habt haben,“ verſetzte Rothelan;„ſeht nur wie das Takelwerk zerriſſen iſt. An den Maſten haͤngen einige Segel zerſetzt herab, und andere haben, wie ich ſehe, moosgruͤne Streifen, als wenn ſie ſehr lange nicht ge⸗ handhabt worden waͤren.“ 1 iſ Adonijah, der unverwandt nach dem III. Bändchen. 6* — 130— Schiffe ſah, ſchien gedankenvoll und von Sorgen ergriffen.„Das Schiff,“ ſagte er, „hat eine weite Reiſe gemacht— ſie war gleich dem Wege aus dem Egyptenlande—; allein zuletzt kommt es aus Italien, und hat ſeinen Weg in heitern Sommertagen und bei guͤnſtigen Winden zuruͤckgelegt; und doch hat es das Anſehen wie eine Arche aus der Vorzeit; denn dieſe Zeichen der Zerſtoͤrung, die man an ihm erblickt, ſehen aus, als wenn an ſeinem Bord Alles ver⸗ geſſen und vernachlaͤſſigt worden waͤre; we⸗ der Winde noch Wellen koͤnnen hieran Schuld ſeyn.“ „So wie es vorbei faͤhrt, wird da? Volk am Ufer ruhig,“ ſetzte die Lady hinzu. mEs ſind viele Menſchen auf dem Ver⸗ deck/“ ſagte Rothelan. „Ja,“ erwiederte Adonijah,„aber nur der Mann am Steuerruder bewegt ſich bis⸗ weilen; die andern ſitzen muͤßig und ſtille da. Ein kalter Schauer rieſelt mir durch die Glieder, ſo viel Menſchen, und alle ſtarr wie die Bildſaͤulen daſitzen zu ſehen.“ —j = —j — 131— „Einige unter ihnen, die zur Seite her⸗ abblicken,“ ſagte Rothelan, der jetzt den Schrecken des Juden zu theilen anfing, „laſſen den Kopf auf die Bruſt haͤngen, und bekuͤmmern ſich um nichts. Seht nur aufs Verdeck, wie ſie verſtimmt daſitzen, auf die Arme gelehnt, als waͤren ſie Grab⸗ ſaͤulen.““. „Barmherziger Himmel!“ ſchrie die Lady Albertine,„welche neue Schrecken bringt uns dieſes Schiff?“ Alle Boote, die ſich um das Schiff ge⸗ ſammelt hatten, eilten jetzt ploͤtzlich dem Ufer zu, mehrere Schiffer warteten ſelbſt das Anlanden nicht ab, ſondern ſprangen in's Waſſer; es erhob ſich ein allgemeines Ge⸗ ſchrei, und das Volk zerſtreute ſich nach allen Richtungen. Rothelan war nach dem Orte geeilt, auf den das Schiff, ſtatt ſich nach dem gewoͤhnlichen Ankerplatze zu be⸗ geben, zuſteuerte. Auf dem Wege dahin begegnete er ſeinen alten Bekannten, dem Sir Gabriel de Glowr und deſſen Lady, die — 132— auf ſein Erſuchen noch in London geblie⸗ ben waren. Sie waren auch unter den Zu⸗ ſchauern geweſen, und flohen mit den uͤbri⸗ gen von der Schreckensſcene. Die Lady hatte athemlos vor Furcht und Eile ihren Mantel in dem Gedraͤnge zerriſſen, und in der Flucht einen Schuh verloren. Ehe noch Rothelan um die Urſache dieſes ſonderba⸗ ren Schreckens fragen konnte, ſah ihn der Baron von Falaſide mit wildzerſtoͤrten Bli⸗ cken an, ſchuͤttelte den Kopf und zog ſeine Lady am Arme mit ſich fort. „Haltet!“ rief Rothelan,„und erzaͤhlt mir, was dieſes zu bedeuten hat!“ Sie woll⸗ ten ſich indeſſen nicht aufhalten laſſen. Er wandte ſich an andere, wo es ihm aber nicht beſſer ging.„Zuruͤck, zuruͤck!“ rief ihm ein Jeder der gegen ihn anſtroͤmenden Menge zu.— Als er weiter kam, ließ das Draͤngen und Wogen des Volkes etwas nach, und er befand ſich in kurzer Entfernung von dem Platze, wo das Schiff gelandet war, — —— — 133— ganz allein. Hier blieb er einen Augen⸗ blick ſtehen, da er noch immer nichts ent⸗ deckt hatte, was ihn beunruhigen konnte. Er ſah bloß den Mann, der am Ruder ge⸗ weſen war, ſo wie das Schiff anfuhr, ans Land ſpringen und auf ihn zu kommen. Rothelan ging ihm entgegen, um ihn zu fragen, wie es kaͤme, daß alle Leute an Bord ſo bewegungslos da ſaͤßen; er hatte aber kaum zehn Schritte weiter gethan, als er vor ſich hinblickte und ſah, daß Alle, die auf der Seite des Schiffes und auf dem Verdecke ſaßen, Leichname waren, von de⸗ ren graͤßlichen Skeletten ſich Haut und Fleiſch abgeloͤſ't hatte. Sie waren ſaͤmmt⸗ lich an der Peſt geſtorben. Dreizehntes Kapitel. Die Zeugen. Ich wollte zu Liebchen Ins Bettchen ſo warm 1 Und faßt; ein'n Leichnam Erſtarrt in den Arm. Palmers Klage. „Das erſte Gefuͤhl eines Menſchen,“ ſagt un⸗ ſer Autor,„daß der beſſere Theil ſeiner Tage voruͤber iſt, und der Herbſt ſeines Lebens an⸗ ruͤckt, draͤngt ſich ihm in dem Augenblicke auf, wo er ſich bewußt wird, daß er nichts mehr zu hoffen habe. Er mag immer freudigen Antheil an allen Vergnuͤgungen nehmen, woran er ſich bisher zu ergotzen pflegte, und in Geſellſchaften froͤhlich und guter Dinge ſeyn; allein ein inneres druͤckendes Gefuͤhl, welches kein Entſchluß beſeitigen kann, ſagt ihm, daß die Federkraft ſeines Lenzes nachgelaſſen habe, und daß er nicht mehr mit demſelben Muthe, den Sorgen und Widerwaͤrtigkeiten die Stirne bieten koͤnne, wie ehedem.“ In den Tagen Eduards des dritten mag es eben ſo geweſen ſeyn; allein in unſern gluͤcklichen Zeiten zeigt ſich die Wir⸗ kung dieſes Gefuͤhles, daß ſeine Hoffnun⸗ gen dahin ſind, bei einem Manne darin, daß er ſich auf ſein Leben verſichert. Es draͤngt ſich uns hier unwillkuͤrlich die Be⸗ trachtung auf, was die Folge geweſen ſeyn wuͤrde, wenn damals, als die Peſt nach London kam, Lebens⸗Verſicherungen beſtan⸗ den haͤtten. Vielleicht aber verdankt ihnen die Stadt ihren jetzigen geſunden Zuſtand; da, wenn auch einer Familie der Tod eines Menſchen zum offenbaren Vortheil gereicht, doch die Verſicherer ſowohl, als er ſelbſt auf ſeine Erhaltung bedacht ſeyn muͤſſen. Ge⸗ wiß wuͤrde die Peſt, die durch dieſes zö⸗ = 36— gernde, verhaͤngnißvolle Schiff mit den tod⸗ ten Zeugen damals nach England gebracht wurde, in ihren Wirkungen nicht ſo ver⸗ heerend geweſen ſeyn, wenn man damals wie jetzt gedacht haͤtte, und ſolche Einrich⸗ tungen getroffen geweſen waͤren. Die erſte Folge, welche unſer Geſchicht⸗ ſchreiber von der Ankunft des unſeligen Schiffes anfuͤhrt, iſt der Eindruck, den die Nachricht auf den Sir Amias de Crosby machte, als ihm ſolche durch Ralph Hans⸗ lap hinterbracht wurde. „Iſt es in der That angelangt?“ fragte der ehrbare Ritter,„und ſind die Zeugen alle mit gekommen?“ „Wieviel ihrer ſind, und ob alle da ſind, die kommen ſollten, weiß ich nicht; ich ſah aber eine Menge auf dem Verdecke,“ antwortete der kaltbluͤtige, beſonnene Haus⸗ freund. Sir Amias, den Ralph Hanslap, als er ihm die Nachricht hinterbrachte, im Zim⸗ mer ſtehend fand, ſetzte ſich, ohne eine —,j— — 137— Antwort zu geben, nieder. Er ſchien eine Zeitlang in tiefe Gedanken verſunken zu ſeyn; an ſeinem ſchwerfaͤlligen Athmen ſah man, daß er litt. „Sollen wir nach Frankreich gehen, Hanslap?“ „Nein,“ war die kurze Antwort, die einer jener finſtern, durchdringenden Blicke be⸗ gleitete, welche dieſem ungeſelligen, ge⸗ heimnißvollen Menſchen ſo eigen waren. „Ihr befremdet mich, Hanslap,“ ſagte der Ritter;„Ihr wißt doch, daß dieſe Zeugen den Ruin uͤber mich bringen.“ „Dann war die Lady Albertine alſo in der That Lord Edmunds Weib?“ „Was wollt Ihr damit, Hanslap?— Wißt Ihr nicht alles was, und ſo gut ich es ſelbſt weiß?“ antwortete Sir Amias. „Wirklich?“ ſagte Ralph Hanslap, und ſetzte dann in einem freieren Tone hinzu: „aber Ihr habt von den Flotentinern nichts zu fuͤrchten.“ „Wie ſo? Was habt Ihr von iynen. — 138— gehoͤrt? habt Ihr etwa mit ihnen geſpro⸗ chen?“ fragte der Ritter haſtig. „Nein,“ war die nachdrucksvolle Ant⸗ wort. „Wie habe ich denn nichts von ihnen zu fuͤrchten?“ „Sie ſind alle todt.“ „Todt!— Hanslap, erklaͤrt Euch deut⸗ licher, wie todt?“ „Sie lagen alle todt im Schiffe. Sie ſtarben auf der Reiſe.“ Die triumphirende Schuld roͤthete einen Augenblick des Sir Amias Wange; aber ein kalter Schauer folgte augenblicklich, als Ralph Hanslap in tiefem Grabestone hin⸗ zufuͤgte:„Ich ſah drei von ihnen.“ „Sagtet Ihr nicht, daß ſie alle todt waͤren?“⸗ „Es waren wirklich drei von den Zeu⸗ gen, die ich von der Seite des Schiffs her⸗ unter ſchauen ſah.“ „Treibt Euern Scherz nicht mit mir, Hanslap.“ 130 —— — 130— „Wirklich ſah ich ſie; ſie hatten nicht mehr Fleiſch an den Geſichtsknochen, als die Schaͤdel der Verbrecher uͤber dem Thore des Towers.“ „Das iſt ſchrecklich!“ rief Sir Amias; „erzaͤhlt weiter.“ „Sie ſtarben an der Peſt; das iſt alles, was ich uͤber ſie vernommen habe.“ Sir Amias ſtand haſtig auf und ging mehrmals im Zimmer auf und ab, wobei er die Lippen heftig bewegte, als ob er etwas Schaͤdliches verſchluckt haͤtte, und gern den widrigen Geſchmack wieder los ſeyn wollte. „Sicher wird man,“ verſetzte er endlich, „einem ſolchen angeſteckten Schiffe nicht er⸗ laubt haben, das Schiffsvolk ans Land zu ſetzen.“ „Ich denke nicht,“ erwiederte der Squire ruhig,„daß dieſe todten Leute eine Erklaͤ⸗ rung von ſich gegeben haben, da ſie der Tod ſo ploͤtzlich uͤberraſcht zu haben ſcheint.“ „Ich denke nicht an ihr Zeugniß!“ rief Sir Amias beinahe unwillig.„Ich bin — 140— bloß der Stadt wegen beſorgt. Was wird das tolle Weib und diejenigen, die ſie auf⸗ gehetzt haben, dazu ſagen, wenn durch ſie die Peſt nach London gebracht wird.“ „Sie werden ſagen, daß Eure Handlun⸗ gen die Veranlaſſung dazu geweſen ſind,“ antwortete Ralph Hanslap. Dieſe Worte trafen den Sir Amias gleich einem Donnerſchlage. Seine Bewegung ſtockte, er entfaͤrbte ſich, und der Kopf wankte ihm, als wenn ihn ein Schlagfluß getroffen haͤtte. Er ſah ſo aͤngſtlich, ſo ge⸗ demuͤthigt aus, als Schrecken und Gewiſ⸗ ſensbiſſe nur immer einen Mann herabzu⸗ wuͤrdigen vermoͤgen, der ſich ſonſt ein nicht gewoͤhnliches wuͤrdevolles Anſehen gab. „Jetzt werdet Ihr im ungeſtoͤrten Ge⸗ nuſſe Eurer Guͤter bleiben,“ fuhr der un⸗ barmherzige Quaͤler fort;„die Lady Alber⸗ tine wird jetzt nie mehr weder ihre Ver⸗ maͤhlung, noch die eheliche Geburt ihres Sohnes beweiſen koͤnnen.“ Sir Amias ſah ihn mit einem, an Ent⸗ — —„— — 141— ſetzen grenzenden Erſtaunen an, und rief: „Was, beim Himmel, ſeyd Ihr?“ „Ein Menſch,“ erwiederte Ralph Hans⸗ lap,„und das ein ziemlich ehrlicher.“ „Iſt es denn nicht moͤglich,“ rief der Ritter, wieder etwas zu ſich ſelbſt kommend, „das fuͤrchterliche Schiff zu zwingen, daß es wieder in See ſticht? Ich will Alles hergeben, was ich beſitze, um es von hier wegzubringen, denn es grauet mir vor dem Jammer, den es hier verbreiten kann.“ „Es iſt zerſtoͤrt,“ ſagte Hanslap, in ſeiner gewoͤhnlichen ruhigen Weiſe;„es war kaum angefahren, als ich und Euer Neffe— die einzigen Menſchen, welche in der Naͤhe des Schiffs geblieben waren— Feuerbraͤnde ergriffen, und ſolche an Bord warfen; es verbrannte ſammt ſeiner La⸗ dung.“ „Aber die Leute an Bord?“ Ralph Hanslap beantwortete ſeine Frage nicht ſogleich; ſondern ſah dem Ritter ernſt ins Geſicht, und fing dann langſam an: — 142— „Sie wurden mit verbranntv; ich ſah, wie die Flamme die Kleider an den Ske⸗ letten verzehrte; ſie ſtanden in den Flam⸗ men wie die Seelen im Fegfeuer. Ich boͤrte ihre brennenden Gebeine knittern.“ Sir Amias bedeckte ſein Geſicht mit bei⸗ den Haͤnden und rief: „Was werde ich nicht alles zu verant⸗ worten haben! verbranntet Ihr auch die Lebendigen mit den Todten?“ „Es war kein Lebendiger mehr im Schiffe.— Ein einziger Mann hatte es ge⸗ fuͤhrt, und dieſer war ans Land ge⸗ ſprungen.“ „Wo iſt er? Hoffentlich iſt alle Verbin⸗ dung mit ihm unterſagt worden?“ „Er iſt entflohen, kein Menſch weiß, wo er hingekommen iſt.“— „Man haͤtte ihn auf der Stelle umbrin⸗ gen ſollen.“ „Es ſind der Morde bereits genug ge⸗ ſchehen.“ „Teufel, ſchone meiner!“ rief Sir Amias, — 143.— in dem Tone bitterer Verzweiflung und des Jammers. In dieſem Augenblicke hoͤrte man auf der Straße einen Tumult; das Volk rannte und ſchrie, und Sir Amias, der unwillkuͤr⸗ lich zu dem geoͤffneten Fenſter hinaus ſah, nahm einen Matroſen wahr, der mitten un⸗ ter einem Steinregen die Straße herauf geſprungen kam. Vergeblich flehte er an mehreren Thuͤren um Einlaß, und da ihm dieſer verweigert ward, eilte er dem Thore von de Crosby's Wohnung zu.„Laßt ihn nicht ein! Laßt ihn nicht ein! Toͤdtet ihn!“ war das allgemeine Geſchrei. Der Pfoͤrtner machte das Thor vor ihm zu, und er ſank dem Fenſter gegen uͤber, an dem Sir Amias und Ralph Hanslap ſtanden, beinahe in demſelben Augenblicke unter einem Hagel von Steinen und Erdſchollen begraben nieder. Kothelan. Sechster Theil. eeeeeee Eir ſtes Kapitel. Die Peſt. Sie zogen ſieben in einer Reih', Nebſt Vater und Mutter fünf Kinder dabei. Sie deckte ein einziges Grab, o weh! Es war ein Grab im tiefen Schnee. Und unaufhörlich wehte der Nord und Schneegeſtöber trieb fort und fort. Der Todtenkranz. Nachdem der Verfaſſer unſers ſchönen Bu⸗ ches alſo die Art und Weiſe erzaͤhlt hat, auf welche unter der Regierung Eduards — 145— des Dritten die Peſt nach London gebracht wurde, faͤhrt er fort, uns die fuͤrchterlichen Verheerungen zu ſchildern, welche dieſe Seuche anrichtete. „Sie war,“ ſagt er,„ſo boͤsartig, daß alle uͤbrigen Krankheiten gegen ſie nicht in Anſchlag gebracht werden konnten, und daß ſie der Bemuͤhungen der Aerzte ſpot⸗ tete. Unerbittlich wie der Tod ſelbſt, hatte ſie ſich mit all ſeinen Schreckniſſen bewaff⸗ net, und in ihr gingen alle ſonſtigen Ue⸗ bel der Sterblichen unter. Die Beruͤhrung, ja ſelbſt oft der Anblick der damit Behaf⸗ teten war toͤdtlich; und die Symptome der Krankheit zeigten ſich ſo ploͤtzlich daß Fa⸗ milien froͤhlich beim Mahle ſaßen, die Peſt⸗ beulen ſich roͤthen ſahen, und ſich in wilder Flucht vor einander ſelbſt fuͤr immer zer⸗ ſtreuten. Alle geſelligen Bande waren auf⸗ geloͤßt, und die Muͤtter warfen mit Entſe⸗ tzen die Saͤuglinge von ihrem Buſen, wenn ſie die Anſteckung an ihnen gewahrten. In Wildniſſen ſuchte man Schutz, und viele III. Bändchen. 7 — 146— begaben ſich zu Schiffe, und legten ſich ferne dem Ufer vor Anker. Allein der Wuͤrgengel, der ſeinen Kelch uͤber die Men⸗ ſchen ausgoß, ſtand mit einem Fuße ſo gut auf der See, als auf dem trocknen Lande. Keine Einoͤde war ſo wild, welche die Seuche nicht heimſuchte, und kein Ort ſo geheim, den dieſe ſcharfſichtige Peſtilenz nicht aus⸗ ſpaͤhte; ihr entfloh niemand, den ſie nicht einholte. „Man haͤtte glauben ſollen, daß der Himmel bereut habe, das Menſchengeſchlecht erſchaffen zu haben, und ſie nun alle ins Grab ſchaufeln wolle. Die Handhabung der Gerecheigkeit gerieth in Vergeſſenheit, und die Gerichtshoͤfe ſtanden leer. Erſchro⸗ cken flohen die Kerkermeiſter vor den ge⸗ feſſelten Verbrechern; und Unſchuldige und Strafbare geſellten ſich zuſammen und weil⸗ ten der Sicherheit wegen in den Gefaͤng⸗ niſſen. Das Gras wuchs auf den Markt⸗ plaͤtzen, und das Vieh lief bruͤllend im Felde umher, und verwundert, was aus den Huͤ⸗ — 4147— tern geworden ſeyn muͤſſe. Kraͤhen und Raben kamen nach der Stadt und bauten ihre Neſter in die verſtummten Glocken⸗ thuͤrme;— es herrſchte eine allgemeine Stille, ausgenommen, daß hier oder dort ein un⸗ gluͤcklicher Angeſteckter aus dem Fenſter ſchrie. „Aller Handel war eine Zeit hindurch bloß auf Saͤrge und Leichentuͤcher beſchraͤnkt, aber auch dieſes nahm ein Ende. Es wurde keine Beichte gehalten; die Kirchen und Kapellen ſtanden zwar offen, allein weder Prieſter noch Buͤßer betraten ſie; ſie kamen alle ins Beinhaus. Der Kuͤſter und der Arzt wurden in ein weites Grab geworfen, und der Erblaſſer ſammt ſeinen Erben und dem Teſtamensvollſtrecker von einem Karrn in daſſelbe Loch gerollt. Die Feuer erlo⸗ ſchen, als wenn dieſes Element ganz aus⸗ gegangen waͤre, und die Sonne ſchien durch die Fugen der unbemannten Schiffe. Ob⸗ gleich die Thuͤren offen ſtanden, und nie⸗ mand Koffer und Kiſten bewachte, ſo wurde — 148— doch nichts geſtohlen. Alle Verbrechen hoͤr⸗ ten auf, und man vernahm von keinem Elende unter den Menſchen mehr, als von der allgemeinen Plage, der Peſt. Die Brun⸗ nen liefen uͤber und die Kanaͤle waren ver— ſchwemmt. Die herrenloſen Hunde ſtreiften truppenweiſe heulend durch das Land, und die Pferde krepirten vor Hunger in den Staͤllen. Alte Freunde ſahen einander bloß von fern, wenn ſie ſich begegneten. Die Glaͤubiger machten keine Forderungen mehr an ihre Schuldner, und die Hoͤflinge keine leeren Verſprechungen. Kleine Kinder ſah man verlaſſen umher wandeln, oder todt in allen Ecken liegen. Auch war es England nicht allein, wo dieſe Peſt ſo wuͤthete; ſie erſtreckte ſich uͤber den dritten Theil des Erdballs, wie der Schatten einer Finſterniß, als ob durch das Dazwiſchentreten irgend eines grauenvollen Weſens, dieſer Welt die Lichtquelle des Lebens abgeſchnitten ge⸗ weſen waͤre.“ Die gutmuͤthige Lady de Crosby ſtarb, — —— ins Haus zuruͤck; die Schweine, von ihrem — 149— die ſanfte Beatrice ſtarb, und Sir Amias, in einiger Entfernung von Ralph Hanslap begleitet, ging murrend umher und ſuchte von der Seuche ſich anſtecken zu laſſen; al⸗ lein er konnte nicht ſterben. Laut bekannte er jedem, der ihm begegnete, das Unrecht, deſſen er ſich an der Wittwe und der Waiſe ſchuldig gemacht hatte; aber niemand ſchenkte ſeiner Erzaͤhlung Aufmerkſamkeit, weil alle nur, keiner wußte wohin, vor der Peſt zu entfliehen trachteten. Er rannte nach dem Hauſe des Juden Adonijah, um wo moglich Erſatz zu lei⸗ ſten. Die Thuͤre war offen, als er eintratz aber ein Schwarm haͤßlicher Fliegen, das Zeichen vorhandener Verweſung, flogen ihm ſummend ins Geſicht, und im innern Dunkeln hoͤrte er Schweine grunzen. Er kehrte langſam um, und da er Ralph Hanslap auf der Straße ſtehen ſah, winkte er ihm zu ſich hin; aber Ralph weigerte ſich deſſen. In ſeinem Wahnſinne fuhr er — 150— Fraße verjagt, ſchrieen laut, und zwei, von Farbe ganz ſchwarz, ſtuͤrzten aus der Thuͤre. Zu dieſer Epoche war es, daß eine Weile eine Stille eintrat, und die Men⸗ ſchen auf der Straße ſtehen blieben; Lon⸗ don glich damals einem ſtillen Gottesacker. Man hatte den Ton einer Glocke vernom⸗ men. Man hoͤrte ſie abermals laͤuten, und die fluͤchtige Menge blieb, von dem Tone beruͤhrt, in ſchweigender Erwartung ſtehen. Beim dritten Male erhob ſich ein Jubelge⸗ ſchrei, als ob ein Herold einen großen Sieg verkuͤndiget haͤtte, und es erfolgte eine abermalige Stille. Alles Volk ſank auf die Kniee, und ihre Freude uͤber den Ton dieſer traurigen Glocke ergoß ſich in Hymnen des Dankes; denn es war ein Zeichen, daß die Peſt ſo nachgelaſſen habe, daß Menſchen wieder um ihre Freunde trauern, und deren ſterbliche Ueberreſte feierlich zur Erde beſtatten laſſen koͤnnten. — — — 151— Sir Amias de Crosby, der ſeine Nach⸗ ſuchungen beendigt und das Glockengelaͤute nebſt dem Freudengeſchrei des Volkes ge⸗ hoͤrt hatte, trat in dieſem Augenblicke aus dem Hauſe. „Gott ſey Dank, Hanslap,“ ſagte er, „hier iſt niemand von ihnen; nur drei Leichname liegen da; es iſt der alte Sheback, eine Weibsperſon und ein anderer Menſch, den ich fuͤr Adonijah's Sohn halte; die Uebrigen ſind vielleicht todt.“ „O Herr, wollt Ihr mir, um der Barmherzigkeit Willen, nicht eine hilfreiche Hand leiſten?“ rief in dieſem Augenblicke eine alte Matrone, die ſich abmuͤhte, eine große Kiſte aus der Thuͤre eines benach⸗ barten Hauſes zu ſchleifen, dem Squire zu. „Was habt Ihr da? Laßt das ſtehen!“ rief Ralph Hanslap, der in dieſem Auge⸗n blicke die Lady des Sir Gabriel de Glowr erkannte, mit dem er vor Ausbruch der Peſt einige Bekanntſchaft gemacht hatte. — 152— „Es iſt eine Suͤnde,“ fuhr er fort,„in dieſem Augenblick an ſo etwas zu denken. — Wo iſt Sir Gabriel?“ „Er iſt nach einem harten Kampfe heim⸗ gegangen,“ antwortete die Lady. „Und warum ſeyd Ihr nicht mitgegan⸗ gen?“ „Der Himmel wollte das nicht, meine Zeit war noch nicht aus, und es war'ne Barmherzigkeit, daß ich verſchont blieb, um ſeiner zu warten und zu pflegen; denn leider! hatte er arge Schmerzen und war ſehr unruhig, als es zum Sterben kam. Ich bitte alſo, Meiſter Hanslap, helft mir.“— „Was ſoll ich Euch helfen?“ „Ihn unter die Erde zu bringen!“ rief die Lady in Thraͤnen ausbrechend.„Wenn er auch ſeine Fehler hatte,“ ſetzte ſie etwas beruhigter hinzu,„ſo war er doch immer mein Freund.“ Sie fing hierauf an, hef⸗ tiger zu weinen, und ſetzte ſich unter Schluchzen auf die Kiſte nieder.„Ihm iſt 2 — 153— wohl,“ ſagte ſie,„aber mir iſt wehe. Er empfaͤngt ſeinen Lohn; moͤg' es ihm wohl ergehn in Abrahams Schooß; ich aber muß verlaſſen meinen Pfad im fremden Lande wandern.“ „Aber wo iſt denn Euer Diener Robert hingekommen?“ rief Hanslap, von wirkli⸗ chem Mitleiden uͤber ihre verlaſſene Lage ergriffen. „Er iſt ebenfalls todt,“ verſetzte ſie; „allein der konnte abkommen.“ Indem ſie ſo mit einander ſprachen, ſahen ſie einen jener Wagen, auf welchen man die Todten nach den großen oͤffentli⸗ chen Gruben brachte, auf ſie zugefahren kommen, und zwei Kerle, die voraus gin⸗ gen, ſchrieen:„Bringt die Todten heraus!“ „Dieſe Leute werden Euch helfen, den Leichnam heraus zu bringen,“ ſagte Hans⸗ lap im Begriffe ſich zu entfernen, als der Todtenwagen naͤher kam. „Wollt Ihr, daß ich meinem Mann dieſen da geben ſoll?“ rief die Lady von III. Bändchen. 7* — 154— Schrecken bei dem Gedanken ergriffen, daß ſie Sir Gabriels Ueberreſte mit dem ge⸗ meinen Haufen verſcharren laſſen ſollte. „Wollt Ihr, daß'n Glied der Familie von Falaſide, wie'n Miſſethaͤter begraben werde? Nein, nein, ich bin vierzig Jahre ſein Weib geweſen, und werde ſo etwas nicht zugeben. Ich habe ihm mit der Feuer⸗ ſchaufel ein Grab auf dem naͤchſten Kirch⸗ hofe gegraben, und ob ich gleich keinen Sarg bekommen konnte, ſo mag dieſe Kiſte in ſolcher Noth gut genug ſeyn.“ „Dieſe Kiſte?“ rief Ralph Hanslap er⸗ ſtaunt. „ Ja, ja, ich habe ihn mit meinen ei⸗ genen Haͤnden krumm gebogen hinein ge⸗ ſteckt; denn wer haͤtte mir helfen ſollen?— und habe den Deckel verſchloſſen, um nicht mehr geoͤffnet zu werden bis zum juͤngſten Tage. O, Meiſter Hanslap, wenn Ihr mir nur helfen wolltet, ſie aus dem Hauſe zu bringen, ich will ſie dann ſelbſt nach dem Grabe ſchleifen.“ — 155— „Ich will ſie Euch auch tragen helfen,“ rief Sir Amias, ihr zu Hilfe eilend;„denn die Peſtilenz hat keine Gewalt uͤber mich.“ Mit ſeiner Beihilfe wurde die Kiſte weg und nach dem Kirchhofe gebracht. Ralph Hanslap folgte in einiger Entfernung. Als ſie die Beerdigung beendigt hatten, ſetzte die Lady ſich auf einen Grabſtein nie⸗ der und fing an zu weinen und zu klagen. Indem ſie den traurigen Unterſchied zwi⸗ ſchen dieſer Zeremonie und den Feſtlichkei⸗ ten ihres Hochzeittages verglich, fing ſie an: „Ahl da mar er luſtiger und konnte Euch unſere Liedchen herunter ſingen, wie'ne Lerch'. Ich erinnere mich noch, wie er ſang: „„Frau, iſt Eure Tochter fertig? Kommt geſchwind heraus mit ihr; Liebchen, ihrer ſchon gewärtig, Harrt mit Sehnſucht an der Thür.““ „Verzeih' mir Gott, ich ſinge bei mei⸗ nes Mann's Begraͤbniß.“ Es war jedoch der letzte Geſang der ar⸗ men Lady; denn ſie war von der Peſt an⸗ — 156— geſteckt und fing an irre zu reden. In we⸗ nig mehr denn einer Stunde ſtarb ſie auf dem Kirchhofe. Sir Amias grub den fri⸗ ſchen Grund von dem neugemachten Grabe wieder auf, und legte ſie an die Seite ihres Mannes, den ſie ſo liebreich zur Erde be⸗ ſtattet hatte. „Dies war der letzte traurige Vorgang,“ ſagt unſer Autor,„der damals Statt fand. So wie die Glocken ſich wieder im Lande hoͤren ließen, kamen die Menſchen nach und nach zu ihrer alten gewohnten Lebensweiſe zuruͤck; Stolz und Ehrgeiz regten ſich, und der Wetteifer trat wieder in den Gewerben ein, wie fruͤher.“ 0 6 0 Zweites Kapit e l. Die Ueberlebenden. Iſt es der Alte?— ihn hielt ich für todt. Wie ging es ihm?— ich will ihn ſprechen. Das Jahr der Wunder und der Peſtilenz, wie es unſer Geſchichtſchreiber nennt, war abgelaufen, und die Geſchaͤfte wieder in ihr altes Geleiſe zuruͤckgetreten, als bei dem Biſchofe von Wincheſter eines Tages, da er in ſeinem Zimmer ſaß, der Jude Adonijah angemeldet ward, der um Gehoͤr bat. Der Name dieſes nunmehr ſehr alt gewordenen Mannes erinnerte ihn an Rothelans Ge⸗ ſchichte, die bei den ihn naͤher beruͤhren⸗ den Sorgen des großen allgemeinen Elen⸗ des, da er ſo lange nichts davon gehoͤrt hatte, ihm in Vergeſſenheit gerathen war. — 158— Neugierig zu erfahren, wie dieſe verwirrte Sache ſich in der Folge noch entwickelt habe, wenn es je geſchehen ſey, ließ er Adoni⸗ jah vor ſich kommen. „Ich komme,“ ſagte der Jude, als er auf ſeinen Stab gelehnt ſich beim Eintritte uͤber und uͤber buͤckte und mit den Fuͤßen ſcharrte:„ich komme, Euch vielen Dank fuͤr die Menſchenfreundlichkeit darzubrin⸗ gen, die Ihr einer ungluͤcklichen Lady er⸗ wieſen habt, und Euch zu ſagen, daß je⸗ nes koſtbare Kaͤſtchen mit Juwelen, wel⸗ ches ich bei Euch hinterlegte, um den We⸗ gen der Vorſehung entgegen zu kommen, wenn es ihr Wille geweſen waͤre, die Wahr⸗ heit ans Licht zu bringen, nunmehr Euer Eigenthum geworden iſt.“ „Sagtet Ihr mir nicht, daß die Juwe⸗ len der Lady gehoͤrten?“ entgegnete der Biſchof. „Und hierin habe ich Euch die Wahr⸗ heit erzaͤhlt, und nichts als die Wahrheit.“ „Wie kann ich denn ein ſolches Geſchenk — 459— ohne ihre Einwilligung von Euch anneh⸗ men?“ „Sie bedarf der Juwelen nicht mehe erwiederte Adonijah ſeufzend. „Iſt ſie etwa todt? Hat ſie die Peſtilenz ebenfalls hingerafft?“ „Nein, ſie lebt, und ihr Sohn lebt; allein ihr unbeſcholtener Name, welcher ihr groͤßtes Kleinod war, iſt in der Seuche dahin geſtorben.“ „Was meint Ihr damit?“ fragte der Biſchof voll Mitleiden; denn der traurig⸗ ruͤhrende Ton, womit Adonijah dies ge⸗ ſagt hatte, hatte ihn weich gemacht. „Alle ſind geſtorben, deren Zeugniß ſie von dem Makel rein machen konnte, womit Sir Amias de Crosby ſie befleckt hat; ſie ſind alle mit einander todt. Ich habe Viele aufſuchen laſſen, allein: todt iſt die Ant⸗ wort, die ich uͤberall erhalte. Ich habe ſelbſt Gold auf Nachforſchung ausgeſandt; aber wie Noah's Raben hat es uͤberall nichts als Leichname gefunden.“ — 460— Der menſchenfreundliche Praͤlat ward von Adonijah's ernſter und eigenthuͤmlicher Beredtſamkeit tief geruͤhrt; er ſank uͤber die traurigen Umſtaͤnde, auf welche der alte Mann ſo nachdruͤcklich und eindringlich an⸗ ſpielte, in tiefes Nachdenken. Endlich fragte er:„Hat Sir Amias de Crosby die Peſt uͤberlebt?“ „Ja,“ erwiederte Adonijah,„er blieb verſchont; es iſt das Werk einer wunder⸗ voll waltenden Gerechtigkeit, die ihn ver⸗ ſchont hat.“ „So hat er alſo ſeinem Neffen deſſen Ei⸗ genthum zuruͤckgegeben, und den Anſpruͤ⸗ chen der Lady Gerechtigkeit widerfahren laſſen?“ Adonijah prallte bei dieſen Worten zu⸗ ruͤck.„Sprecht von ſolchen Wundern nicht,“ rief er:„dann waͤre das Ende der Welt nahe.“ „Setzt Euch nieder und erzaͤhlt mir Eure Geſchichte,“ ſagte der Biſchof.„Ihr glaubt, daß die Erhaltung des Sir Amias ein ——ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ÿ——ꝛ—ꝛB:˖:AB˖n:— — 461— Werk der wundervoll waltenden Gerechtig⸗ 1 keit ſey— was habt Ihr hiarhnter verſte⸗ hen wollen?— „Die Secſesnnnt erwiederte der alte Manm indem er die Haͤnde faltete und an⸗ daͤchtig zum Himmel blickte:„die Vorſe⸗ hung mag ihre weiſen Abſichten dabei ge⸗ habt haben, und die Vorſehung iſt die Ge⸗ rechtigkeit; allein fuͤr die arme Lady iſt alle 1 menſchliche Hilfe vernichtet, und darum kam ich, dieſe Juwelen zu Euerm Eigen⸗ thum zu machen, und Euch zu ſagen, daß G wir von keiner menſchlichen Gerechtigkeit mehr Hilfe erwarten. Der Himmel hat dieſe Sache vor die Schranken ſeines eige⸗ ——V—V—V—ꝛ———— nen Gerichts beſchieden, wir muͤſſen har⸗ ren, bis unſer Prozeß dort ausgemacht wird.“ „Ihr ſeht das Unrecht, welches Sir . Amias de Crosby begangen hat, von einer ernſteren Seite an, als die Umſtaͤnde noth⸗ wendig machen.“ „Thue ich das wirklich?“ rief Adoni⸗ — 162— jah, gleichſam als ob er dem Biſchofe Vor⸗ wuͤrfe machen wolle; er beſann ſich aber, daß es ein maͤchtiger, obgleich leutſeliger Diener der Kirche war, vor dem er ſtand; er buͤckte ſich demnach und verſetzte im un- terwuͤrfigſten Tone und in demuͤthiger Stel⸗ lung:„Iſt dieſe Geſchichte nicht gleichſam zur Achſe geworden, auf welcher die fuͤrch⸗ terlichſten Dinge nach England uͤbergefuͤhrt worden ſind?“ Dann ſetzte er etwas auf⸗ gerichteter hinzu:„Kann in dem ſichtbaren Gange der Natur wohl eine Aenderung eintreten, ohne die Einwirkung einer hoͤ⸗ heren moraliſchen Gewalt? oder koͤnnte ihr Einfluß wohl beſeitigt werden, ohne daß es in ſeinen Folgen ſich ſichtbar aͤußerte? Aber ich will nicht in Raͤthſeln ſprechen: mir liegt es klar vor, daß die Lady fuͤr all' ihr erduldetes Unrecht an dieſem Sir Amias geraͤcht werden wird, wenn auch alle Zeugen, welche die Wahrheit ans Licht zie⸗ hen koͤnnten, in der Vergeſſenheit der Graͤ⸗ ber liegen.“ — — 163— „Allein vielleicht wuͤrde er jetzt Erſatz leiſten,“ erwiederte der Biſchof,„wenn er darum angegangen wuͤrde.“ 2 „Er widerſtand der beredten Vermitte⸗ lung der Peſt, und bekennt dennoch nicht,“ ſagte Adonijah. „Was hat er zu bekennen?“ verſetzte der Biſchof, dem dieſer Ausdruck auffiel. „Er iſt bisher blos beſchuldigt worden, der Lady ihr Recht zu verſagen; er hat es ſelbſt geaͤußert, daß er nur Beweiſe, nur glaubhafte Beweiſe verlangt, um Alles her⸗ auszugeben.“ Adonijah ſah den Biſchof mit ernſtem Blicke an; da er aber bemerkte, daß dies den Praͤlaten erſtaunte, hielt er an ſich und verſetzte: „Ich bin kein Mann, in deſſen Buſen keine Menſchenliebe wohnt. Ich denke nicht immer Boͤſes von Menſchen, die mir Un⸗ recht gethan haben; allein das tiefe Dun⸗ kel, in welches Sir Amias ſich einhuͤllt, laͤßt mich nur zu ſehr fuͤrchten, daß er Be⸗ kenntniſſe abzulegen hat. Hierin iſt es, daß ſich ſeine große Hartnaͤckigkeit erweißt. „Es wird ihm jetzt von vielen Menſchen nachgeſagt, daß er waͤhrend der Peſt um⸗ herlief, und ſich laut ſeiner Miſſethaten anſchuldigte. Die Peſt hat jedoch aufge⸗ hoͤrt, die Wunderzeichen ſind verſchwunden, und jetzt zeigt er ſich wieder in demſelben gleißneriſchen Lichte wie zuvor, gleich der Flur im Schmucke ihrer Blumen, wenn der Winter voruͤber iſt.“ „Wenn ich Euch recht verſtehe,“ erwie⸗ derte der Biſchof,„ſo weigert er ſich alſo noch immer, zu bekennen, daß er der Lady Unrecht gethan hat?“ „Es iſt ein willfaͤhriger, ein gefaͤlliger Mann,“ ſagte der Jude,„er wird alle An⸗ ſpruͤche fahren laſſen, wenn die Lady nur beweiſen kann, daß ſie ſeines Bruders Weib iſt.“ „Koͤnnen hieruͤber denn keine Belege mehr beigebracht werden?“ „Nein, ſelbſt nicht einmal der Beweis, 1 b —,— — — 165— daß ihr Sohn ihr eigenes Kind iſt; denn ich bin ja nur ein Jude, deſſen Zeugniß ungiltig iſt, und, wie ſie behaupten, mit im Complotte.“ „Was iſt aus Lord Mowbray gewor⸗ den?“ rief der Biſchof, den dieſe neue Beſchuldigung, die dem ſo lange bewieſe⸗ nen menſchenfreundlichen Charakter Adoni⸗ jah's aufgebuͤrdet werden wollte, ugig machte. „Auch er iſt todt,“ war die Antwort. „Und ſeine Bedienten?“ „Sind alle todt.“ „und diejenigen, die ſich in der umge⸗ bung des Koͤnigs im Schloße zu Werk be⸗ fanden, als Euer Bruder das Kleid des Edelknaben zum Verkaufe dahin brachte?“ „Todt.“ „Iſt die Graͤfin von Salisbury tobn „Todt.“ „Und Euer Bruder?“ „Sie ſind alle todt!“ rief Adonijah mit dem Ausdrucke des Schmerzes;—„doch —Q— — 166— nein,“ ſetzte er ſchnell hierzu,„Sir Amias iſt noch nicht todt, und es wohnt ein Zeuge in ſeinem Innern.“ „Allein es iſt offenbar, mein lieber Al⸗ ter, daß er nicht bekennen will. Sind alle ſeine Diener ebenfalls todt?“ „Halt, halt!“ rief Adonijah, als wenn er ſich beſaͤnne,„ich entſinne mich eines Menſchen, eines gewiſſen Ralph Hanslaps — ein finſterer, muͤrriſcher Mann— der wenigſtens an jenem Tage noch lebte, wo die Glocke jedermann zur Freude einlud, daß die Peſt im Abnehmen ſey. Wenn er noch lebte, ſo koͤnnte er Zeugniß ablegen.“ „Iſt das nicht der Name des Mannes, der bei dem Ausbruche des Feuers in de Crosby's Wohnung der Lady das Kind ſtahl?“. „Er ließ es ſtehlen,“ antwortete der Jude. „Es wird der Gerechtigkeit von weni⸗ gem Nutzen ſein,“ ſagte der Viſchof,„ob er lebt oder todt iſt; er war ſeinem Herrn V — 167— ſehr anhaͤnglich, und dieß ohne Zweifel nicht ohne ſein Intereſſe.“ „Er iſt kein Menſch, der auf das Inte⸗ reſſe ſieht,“ erwiederte Adonijah,„ich kenne ihn ſchon von langen Zeiten her;— er iſt nicht geldgierig, noch liebt er den Sir Amias.“ „Wie verſteht Ihr das?“ „Staunen und Wunder halten ihn an denſelben gefeſſelt, vielleicht auch eine beime liche Rache.“ „Erklaͤrt Euch naͤher, Alter, ich verſtehe Euch nicht, was Ihr mit Euerm Staunen und Wunder ſagen wollt. Ich habe ge⸗ hoͤrt, daß er ſehr lange im Dienſte des Sir Amias geweſen iſt, und erinnere mich jetzt, daß der Ritter ſelbſt vor dem Koͤnige und dem Geheimenrathe erklaͤrte, daß er mehr ſein Freund, als ſein Diener ſey.“ „Er kennt ihn nicht. Hab' ich nicht Blick und Sprache dieſes Menſchen beob⸗ achtet? Habe ich nicht geſehen, mit welcher Verachtung er auf ihn ſah? Habe ich nicht 8* — 4168— den bittern Spott vernommen, mit dem er ſich uͤber ihn ausließ? ſcheinbar, als ob es ſo ſeine Art ſeyz allein ich habe bemerkt, daß er einen Gedanken im Ruͤckhalt hatte, der ihn zur Neugierde antrieb;— ſeine Stichelreden waren mehr darauf gerichtet, ihn auszuforſchen, als zu verwunden;— ſo beleidigten ſie nie.“ „Ihr gebt der ganzen Geſchichte ein ſchreckhafteres Anſehen; was nur ein grau⸗ ſamer Betrug zu ſeyn ſchien, erſcheint nun durch Eure Darſtellung der Sache wie ein fuͤrchterliches Verbrechen. Warum habt Ihr Euch aber dieſes Ralph Hanslap zuvor nicht erinnert?“ fragte der Biſchof mit einiger Selbſtzufriedenheit, die Bemerkung gennacht zu haben. „Es war Zulaſſung der Vorſehung,“ erwinderte Adonijah gedankenvoll;„wie wuͤrde ich, und die Lady ebenfalls, dieſen Mann haben vergeſſen koͤnnen. Es war der Wille des Himmels, daß wir ihn ver⸗ geſſen ſollten; und wenn er noch lebt, ſo — 169— muß er zu anderweitigen Zwecken aufge⸗ ſpart worden ſeyn; ich zittere vor den Vor⸗ bedeutungen der annahenden Gerechtigkeit.“ „Ihr werdet wohl thun, lieber Mann,“ ſagte der Biſchof,„hieruͤber Erkundigun⸗ gen einzuziehen, und mir deren Erfolg mit⸗ zutheilen. Lebt dieſer Mann noch, ſo werde ich ihn hierher beſcheiden laſſen, um ihn ſelbſt ausfragen zu koͤnnen.“ Bei dieſen Worten ſtand Adonijah von ſeinem Sitze auf und verabſchiedete ſich ehr⸗ erbietig von dem Praͤlaten, indem er im Weggehen die Haͤnde uͤber der Burſt faltete. III. Bändchen, 8 85020000000600253058908560 Orittes Kapitel. Ein Lied. Gibt's nicht Momente, wo's an Worten fehlt, Um das zu ſchildern, was die Bruſt beſeelt? Dann ſpricht in ſüßen Tönen ſich das Herz Erleichternd aus, zu ſtillen ſeinen Schmerz. Pritchard's Hofmann. Lady Albertine und Rothelan hatten, wie es aus dem Inhalte unſers Buchs erhellt, waͤhrend der Peſtzeit ihren Aufenthalt auf dem Lande genommen, wo aber, iſt nicht genau bemerkt. Nach der Beſchreibung der im vorhergehenden Kapitel erwaͤhnten Zu⸗ ſammenkunft des Juden mit dem Biſchofe, erzaͤhlt der Autor, daß waͤhrend Adonijah's Anweſenheit in London, bei dieſer Veran⸗ laſſung, die Lady und ihr Sohn, auf einer — 171— Bank in der ſchoͤnen Umgebung ihres Land⸗ hauſes ſitzend, ſich uͤber ihre Schickſale un⸗ terhielten. „Es war,“ ſagt er,„in jener Jahrs⸗ zeit, wo die geſegnete Natur ihr breites Gewand mit den koͤſtlichſten Gaben des Himmels angefuͤllt zeigt, und die Baͤume dem Gaͤrtner willig ihre Haͤnde entgegen ſtrecken, um ihm zur Belohnung ſeiner Muͤ⸗ hen, alle Arten der koͤſtlichſten Fruͤchte dar⸗ zubieten;— in jener bleichen Abendſtunde, wo die Sonne ſich eben hinter die bunten Gehoͤlze verloren hat, und der froͤhliche Bauernjunge, der auf ſeinem Wagen ſitzend, eben nach Hauſe faͤhrt, dem Klingklang der Feierglocke von dem Thurme der Abtei nach⸗ ſpottet;— wo das Großmuͤtterchen den Spinnrocken bei Seite legt, und mit dem Milchtopf nach der benachbarten Meierei wandert, und die roſenwangige aufgeputzte Dirne dann und wann verſtohlen aus der Hausthuͤr ſchaut, als ob ſie jemanden er⸗ warte;— wo ſich die greiſen Dorfpolitiker im Bierhauſe verſammeln, und die aus dem Bache heimkehrenden geſchwaͤtzigen Enten faſt noch weiſer uͤber ihre Angelegenheiten zu gackern pflegen.“ Als es anfing zu thauen, zog ſich die Laby Albertine ins Haus zuruͤck und ließ Rothelan allein. Wie ſich die Schatten zu vertiefen anfingen, verlor er ſich in trauri⸗ ges Nachſinnen. Die Ungewißheit ſeiner Hoffnungen; die Hinderniſſe, die ihm ſein Schickſal durch den Zweifel an die Recht⸗ maͤßigkeit ſeiner Geburt, in den Weg legte, um zu dem Beſitze der Lady Blanka gelan⸗ gen zu koͤnnen; die Niedergeſchlagenheit ſeiner Mutter, und die wenige Ausſicht, die ſich ihm damals eroͤffnete, ſeinen Ehrgeiz durch Kriegsthaten zu befriedigen: dieſes Alles vereinigte ſich, ihm die Vergangen⸗ heit vorzufuͤhren, und ihn bedauern zu laſ⸗ ſen, je ſoviel von ſeiner eigenen Geſchichte erfahren zu haben. In dieſen Traͤumereien draͤngte ſich ihm mit ſanfter Ruͤhrung die Erinnerung der Scenen auf, wo er ſeine .4* — 173— jugendlichen Jahre verlebt hatte, und bei⸗ nahe unvillkuͤrlich machte er ſeinen Em⸗ pfindungen durch den nachfolgenden Ge⸗ ſang Luft:. Noch blüh'n mir in ſüßer Erinn'rung die Matten, Wo einſt mir die Jugend ſo fröhlich verſchwand; Die grünenden Hügel, die dämmernden Schatten, Die heiteren Ströme, der ſonnige Strand: Wie ſchön war das Leben, erledigt der Sorgen; Wie ſchien die Natur mir ſo herrlich und hehr! O Tage des Lenzes, ein heiterer Morgen! Ihr Roſen des Lebens! erblüht mir nicht mehr.*) Er war eben im Begriff, die Melodie zu wiederholen, als das Gefluͤſter zweier Menſchen auf der Auſſenſeite des Garten⸗ zauns ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog; beſonders auffallend war ihm der deutliche Ausruf:„Da iſt er!“ Der Eindruck, den ſeines Oheims Be⸗ tragen auf ihn gemacht hatte; der Zuſtand ſeines Gemuͤths, und ſeine aufgeregten Gefuͤhle, gaben dieſen kurzen Worten in *) Man ſehe das Muſitblatt am Ende, Nr. I. dieſem Augenblicke eine beſondere Deutung; ehe er jedoch Zeit gewann, um Hilfe zu rufen oder ſein Schwert zu ziehen, ward ein großes Tuch uͤber ihn geworfen, er ſelbſt von Mehreren angepackt und vor einen Menſchen auf ein Pferd gehoben, mit wel⸗ chem dieſer ſogleich weg ritt. Rothelan fuͤhlte wohl, daß jeder Ver⸗ ſuch, mit ſeinem Begleiter zu ſprechen, um die Urſache dieſer Behandlung zu erfahren, vergeblich ſeyn wuͤrde; er ſchwieg daher, in der Hoffnung, aus den Geſpraͤchen ſeiner Umgebung vielleicht etwas erfahren zu koͤn⸗ nen; denn er bemerkte bald, daß es ihrer mehrere waren; allein ſie zogen ſchweigend ihres Weges, bis ſie endlich an einen Strom kamen. Als er das Plaͤtſchern des Waſſers hoͤrte, glaubte er, daß er beſtimmt ſey, hineingeworfen zu werden. In dieſer Hin⸗ ſicht wurde er aber bald beruhigt, da er ein Boot nahen hoͤrte, in welchem man ihn ſogleich auf die andere Seite uͤberfuhr, * wo andere berittene Leute ſchon in Bereit⸗ ſchaft ſtanden, um ihn in Empfang zu nehmen. Ohne daß die uͤber ihn geworfene Decke von ihm abgezogen wurde, band man ihm die Arme auf den Seiten feſt, und in dieſem Zuſtande ward er wieder aufs Pferd geſetzt. Mehrere Meilen hatten ſie ſo geritten, als er an den Huftritten der Pferde wahr⸗ nahm, daß es uͤber eine Zugbruͤcke durch ein Thorgewoͤlbe ging, und einen Augen⸗ blick hernach, daß ſie in den Bering eines großen Hofes einritten. Hier hielten ſie ſtille; er ward vom Sattel gehoben, und in ein Zimmer gebracht, wo man ihm die Arme wieder los band, und das Tuch, welches ihn eingehuͤllt hatte, weg⸗ nahm. „Seyd nur getroſt, es geſchieht Euch nicht Leides,“ ſagte ihm ein robuſter, fin⸗ ſter blickender Menſch, der nebſt mehreren andern ebenſo finſter ausſehenden, neben ihm ſtand, waͤhrend ein anderer in Be⸗ — 176— dientenkleidung ein Licht auf den Liſch ſtellte. „Wo bin ich, und aus was fuͤr Urſa⸗ chen bringt man mich hierher?“ fragte Ro⸗ thelan mit kaltbluͤtig entſchloſſener Miene. „Ich ſehe wohl daß Ihr mir nicht nach dem Leben ſtrebt; allein warum nimmt man mich gefangen?“ „Wir haben bloß unſere Befehle vollzo⸗ gen,“ ſagte der Soldat, der zuerſt mit ihm geſprochen hatte, indem er ſich nach ſeinen Kameraden umdrehte, die ſich hierauf ſo⸗ gleich wegbegaben. „Ich verlange noch einmal, daß man ſich gegen mich erklaͤrt!“ rief der Gefan⸗ gene. „Von uns habt Ihr keine Erklaͤrung zu erwarten,“ entgegnete der Soldat muͤr⸗ riſch;„wir haben bloß unſre Schuldigkeit gethan.“ „Auf weſſen Befehl?“ „Dieß brauchen wir Euch nicht zu ſa— gen,“ war die Antwort, und damit verließ — — — 177— er das Zimmer, aus dem die Andern ſich bereits wegbegeben hatten, und ſchlug die nach Auſſen ſich oͤffnende Thuͤre zu, die er mit einer eiſernen Vorlegſtange und Kette verſchloß. III. Bändchen. 8* Biertes Kapitel. — Das Blatt wendet ſich. Dreimal, wie einer Schuld bewußt, Schritt er den Saal entlang, Und holte tief aus ſeiner Bruſt Die Seufzer, ſchwer und bang. Doch keinem Beichtiger geſtand Er, was er heimlich litt; Und lebte einſam und verbannt, Als wie ein Eremit. Sir Everard. Ralph Hanslap hatte inzwiſchen die La⸗ dung erhalten, vor dem Biſchofe von Win⸗ cheſter zu erſcheinen. Sie kam ihm und ſeinem Herrn um ſo unerwarteter, als beide in der Ueberzeugung ſtanden, daß die Lady mit ihrem Sohne, ebenſo wie die Zeugen, an der Peſt geſtorben ſeyen; ſie machte je⸗ *— —— *— — 179— doch auf beide einen ganz verſchiedenen Eindruck. Der Ritter fuhr erſchrocken zuſammen; er hatte angefangen ſich zu beruhigen, und in Erwartung einer ruhigen und ehrenvol⸗ len Zukunft ſich in ſeinem Hausweſen ein⸗ zurichten; er gab ſich ſelbſt die niederge⸗ ſchlagene Miene eines Trauernden, der mit allen moͤglichen Lobeserhebungen um ſeine verſchiedene Gattin und ſeine liebenswuͤr⸗ dige Tochter, die zarte Beatrice, klagte. Wahr iſt es indeſſen, daß wenn ihn Freunde an ſeine, ihm unter den Schreckniſſen der Peſt, durch Angſt und Gewiſſensbiſſe ent⸗ riſſenen lauten Bekenntniſſe erinnerten, er den Ton der Reue in den der Bekuͤmmer⸗ niß umwandelte, daß die Lady und ihr Sohn ebenfalls todt ſeyen, es alſo auſſer ſeiner Macht laͤge, ihnen die ungeſchwaͤchte Aufrichtigkeit ſeiner achtungs⸗ und freund⸗ ſchaftsvollen Geſinnungen zu beweiſen. Hanslap, dem es an einem beſtimmten Ziele ſeines Strebens fehlte, war dagegen — 480— mißmuthig geworden; er hatte nichts, das ſeine Theilnahme erweckte; er ging wie ein gedankenloſer Automate umher, und ſeine Handlungen ſchienen eher die Eingebung des augenblicklichen Ohngefaͤhrs, als der Erfolg innerer Beweggruͤnde zu ſeyn. Deſ⸗ ſen ungeachtet blieb er noch immer bei Sir Amias. In der Lage und in dem Betra⸗ gen des Ritters fand er noch immer hin— reichenden Stoff fuͤr ſeine Neugierde. Er wuͤnſchte den Ausgang einer Sache zu ſe⸗ hen, die fuͤr ihn Geheimnißvolles und Un⸗ ſicheres genug hatte, um ihm ſeine Anhaͤng⸗ lichkeit und Treue unveraͤndert zu erhalten. Allein die Aufforderung des Biſchofs brachte wieder neues Leben in ihn; ſie wirkte wie ein Wunder auf ihn. Seine Augen funkelten und er zog die Stirne wieder ge⸗ dankenvoll zuſammen; auch der ſcharfe, tiefliegende Blick, womit er gleichſam das Herz derer durchbohrte, mit denen er ſprach, vorzuͤglich wenn es mit Sir Amias war, ſchien ſich aus ſeiner langen Schlaffſucht — 181— zu erholen, und ſelbſt durchdringender ge⸗ worden zu ſeyn. Offenbar hatte ſie ein in⸗ nerliches Vergnuͤgen bei ihm erweckt. „Ich bin froh daruͤber,“ ſagte er zum Ritter, als er ihm davon Erwaͤhnung that. „Froh, Hanslap? Ihr haͤttet Euch eher daruͤber wundern ſollen, was es zu bedeu⸗ ten haben mag: Glaubt Ihr, daß noch je⸗ mand von ihnen am Leben iſt?“ „Von wem?“ „Von dieſen Harpien meines Lebens. Braucht Ihr auch noch zu fragen?— Ich bin verdammt, ewig verfolgt zu werden!“ „Vielleicht ſeyd Ihr es ſchon,“ war Hanslaps bedaͤchtig kalte und vernichtende Antwort auf den, dem Ritter von den Qua⸗ len des Gewiſſens eingegebenen und von der Angſt erpreßten, Ausruf. Sir Amias, der ſich umdrehte, eilte mit ſchnellen, kurzen Schritten von ihm. Hans⸗ lap ſah ihm nach und freute ſich offenbar ſeiner Beaͤngſtigung. „Ihr wollt alſo der Vorladung entſpre⸗ — 182— chen, Hanslap,“ fing der Ritter nach eini⸗ gem von beiden Theilen beobachteten Schwei⸗ gen an. „O ja,“ gab er kurz zur Antwort, ſetzte aber faſt in Einem Athem mit etwas nach⸗ laſſender Stimme hinzu:„Kann ich es denn abſchlagen? Wie ſollte ich es abſchlagen?“ „Und was gedenkt Ihr zu ſagen?“ „Ich! Was ſoll ich ſagen?“ „Er wird Euch meinethalber ausfra⸗ gen.“ „Deß bin ich faſt erwartend.“ „Ihr ſolltet Euch vorbereiten, ihm ant⸗ worten zu koͤnnen.“ „Das wuͤrde ich thun, wenn ich wuͤßte, welche Fragen er mir vorlegte.“ „Hoffentlich werdet Ihr mich nicht im Stiche laſſen, Hanslap. Wir ſind alte Freunde zuſammen geweſen, und mit ein⸗ ander gealtert. Ich denke, daß wir Freunde bleiben werden.“ „Noch weiß ich nichts Gegentheiliges — 183— hieruͤber zu ſagen,“ war Ralph Hanslaps entſchloſſene, buͤndige Antwort. „Ihr verrathet mich alſo nicht?“ „Verrathen!— Worin kann ich Euch verrathen?— Ihr habt behauptet, die Italienerin ſey Euers Bruders Weib nicht, und es iſt gewiß, daß ſie Eure Angabe nicht widerlegen konnte.“ „Ihr ſeyd in der ganzen Geſchichte treu wie Gold gegen mich geweſen, Hanslap. Ich zaͤhle auf Euch und Eure Rechtſchaf⸗ fenheit.“ „Ich wuͤnſche, daß Ihr einen beſſern Ruͤckhalt finden moͤchtet, als ich Euch ge⸗ waͤhren kann,“ gab er ihm, mit einem ſo durchbohrenden Blicke zur Antwort, daß Sir Amias ihn nicht aushalten konnte, ſondern ſſich umdrehte⸗„Allein,“ fuͤgte Hanslap hinzu,„es iſt jetzt Zeit, daß ich zum Biſchof gehe.“ „Ich will Euch begleiten.“ „Wollt Ihr das in der That?“ ſagte der Andere, in einem Tone, deſſen Lebhaf⸗ tigkeit ſein Vergnuͤgen daruͤber ankuͤndigte, indem er ſich nach der Thuͤre zu wendete. — Sir Amias blieb jedoch ſtehen. „Wenn ich es naͤher uͤberlege, Hans⸗ lap,“ verſetzte er,„ſo koͤnnte das ausſehen, als ob ich mich aufdringen wollte. Er kann Etwas mit Euch abzumachen haben, das mich nichts angeht. „Moͤglich iſt es, aber ich glaube es nicht.“ „So rathet Ihr mir alſo, Euch zu be⸗ gleiten?“ „Ich rathe es Euch nicht; allein freuen wuͤrde es mich, wenn Ihr es thaͤtet. Es iſt ſonderbar, wie lange dieſe Geſchichte dauert!“ „Welche Geſchichte, Hanslap?“ „Die Geſchichte mit der ungluͤcklichen fremden Lady.“ „Ungluͤcklich?— Wenn ſie es iſt, ſo iſt es ihr eigner Fehler; ich bin an ihrem Un⸗ gluͤcke nicht Schuld. Wenn ſie ſich von mir haͤtte lenken laſſen, ſo wuͤrde ſie keins be⸗ — 185— troffen haben. Allein Ihr kennt ihren Starrſinn.“ „Den kenne ich.“ „Köoͤnnt Ihr alſo ſagen, daß ich zu ta⸗ deln bin?“ „Dieß haͤngt von der Entſcheidung ab, ob ſie die Wahrheit geſprochen hat.“ „Iſt es moͤglich, Hanslap, daß Ihr dem Biſchofe vorſchwatzen wollt, ihr glaubtet, ſie habe die Wahrheit geſprochen; daß ihr demnach eher zu glauben ſey, als mir 2% „Ich ſchwatze nichts— davon habt Ihr Euch ſeit beinahe zwanzig Jahren uͤberzeu⸗ gen koͤnnen.“ „Wie ſo, ſeit zwanzig Jahren? Kennen wir uns doch nun ſchon ſeit laͤnger als vier⸗ zig Jahren.“ „Allein ſeit dem Tode des Lords Edmund war ich ſtumm wie Wachs; habe mit kei⸗ nem Menſchen ohne Noth geſprochen, noch auf eine Frage, ſelbſt auf die Furigen nicht mehr geantwortet, als gerade noͤthig war.“ — 186— „Wollt Ihr etwa damit zu verſtehen ge⸗ ben, daß Ihr Eure Urſachen dazu hattet?“ „Gibt es keine, Sir Amias?“ Hiermit warf er dem Ritter einen ſolchen finſtern Blick zu, daß ſich deſſen Geſichtszuͤge uͤber und uͤber entfaͤrbten. Sir Amias war betroffen und blickte ihn mehrere Sekunden lang mit nicht min⸗ der vorwurfsvollen Blicken an. Der Arg⸗ wohn, der ſich in ihnen malte, nahm je⸗ doch bald den Ausdruck banger Beſorg⸗ niſſe an. „Habe ich,“ rief er,„mein Gluͤck einem faulen Schiffe anvertraut?“ „Sir Amias, wollt Ihr mir auf eine Frage antworten?“ „Warum nicht? Ihr wißt ja Alles was ich thue; vor Euch habe ich keine Geheim⸗ niſſe.“ „Iſt das wirklich der Fall, Sir Amias?“ „Sagt mir, was wollt Ihr von mir wiſſen?“ —* —x— — 18)— „Ich habe Euch gefragt und keine Ant⸗ wort erhalten.“ 4 „Ihr treibt Euern Scherz mit mir. Ihr ſolltet das nicht thun, Hanslap. Was wollt Ihr von mir wiſſen?“ „Ihr ſaget mir ſo eben, Sir Amias, daß Ihr keine Geheimniſſe vor mir haͤttet.“ „Nun ja!“ „Und ich fragte, mit Eurer Erlaubniß nur, ob dieß wirklich der Fall ſey. Hier⸗ auf habt Ihr mir keine Antwort gegeben.“ „Das iſt wahrhaftig zu viel, Hanslap. Ich kann viel vertragen; allein Ihr bringt mich aufs Aeußerſte.“ „Ich bitte um Verzeihung, Sir Amias; allein Ihr habt mir auf die wiederholt an Euch gethane kleine Frage noch nicht geantwortet.“ „Ihr Glaubt alſo, daß ich Geheimniſſe habe, die ich vor Euch verborgen gehalten haͤtte?“ Er ſagte dieß mit einer Art von Ver⸗ wirrung, die durch den ernſten, faſt drohen⸗ — 188— den Blick, den Ralph Hanslap auf ihn warf, noch vermehrt wurde, als dieſer mit dem kaltſinnigſten Tone, der ſeiner Rede das moͤglichſte Gewicht gab, erwiederte: „Allein Ihr antwortet nicht auf meine Frage. „Hat nicht jedermann etwas auf ſeinem Herzen, das er auch ſeinem beſten Freunde nicht mittheilt?“ ſagte der Ritter zu ſich ſelbſt kommend.„Es iſt leicht moͤglich, daß es Dinge gibt, woruͤber ich wahrſchein⸗ lich nicht mit Euch zu Rathe gegangen bin.“ „Ich weiß das ſehr gut, Sir Amias, auch das, daß es Dinge gibt, welche ein Menſch gern vor ſich ſelber verbergen moͤchte.“ „Ich ergruͤnde Euch nicht, Hanslap. Ihr waret ſonſt nicht ſo geheimnißvoll.“ „Nein nicht immer; allein, Sir Amias, Ihr haltet Euer Vadeha nicht, Ihr habt noch auf meine Frage nicht geantwor⸗ ſet.* „Ich finde Euch ſehr halsſtarrig mit — 189— Eurer Frage. Glaubt Ihr, daß ich Euch etwas Wichtiges, das Ihr zu wiſſen ver⸗ langt, verhehle?“ „Allerdings.“ „Wenn Ihr es wißt, warum fragt Ihr mmich denn?“ „Ich weiß es nicht.“ „Argwoͤhnt Ihr Etwas?— Was arg⸗ voͤhnt Ihr?“ 8„Ich kann nicht begreifen, warum Ihr immer den Wunſch ausdruͤckt, der Lady Albertine Gerechtigkeit widerfahren laſſen zu können, und Euch doch weigert, ſo oft man Euch auf die Probe ſtellt. Dieß muß ſeine Urſache haben, Sir Amias; eben ſo, nie die voruͤbergehenden Anwandlungen— wie ſoll ich ſie doch, ohne Euch zu beleidi⸗ gen 1, die ſich von Zeit zu Zeit Euers Verſtandes bemaͤchtigen. Ich habe Euch ſchon lange beobachtet, Sir Amias, und mir die Zeit bemerkt, wann dieſe Aenderung begann.“ — 190— „Und wann hat ſie begonnen, Hans⸗ lap?“ fragte der Ritter in ſichtbarer Angſt. „Mit dem Tode des Lords Edmund. Von jenem Tage an waret Ihr mir uner⸗ gruͤndlich.“ „Habe ich denn einen Spion um mich gehabt?— Aber was brauche ich mich vor Beobachtungen zu fuͤrchten?“ „Das muͤßt Ihr am Beſten wiſſen,“ erwiederte Ralph Hanslap gleichgiltig, und eilte weg, um der erhaltenen Ladung Folge zu leiſten. Beim Weggehen folgte ihm Sir Amias bis an die Thuͤr; anſtatt aber mit ihm aus⸗ zugehen, machte er ſie eilig zu und verrie⸗ gelte ſie, um Niemand einzulaſſen. Er warf ſich in einen Stuhl und blieb eine geraume Zeit in einem dumpfen Hinbruͤten verſunken ſitzen; er ruͤhrte Per Muskel; allein er athmete aus tiefer Bruſt und der Schweiß ſtand ihm auf der Stirn. Endlich erhob er ſich und zog ſein Schwert halb aus der Scheide, das er jedoch, ſich eines an⸗ — 191— dern beſinnend, wieder einſteckte und, ſich den Schweiß von der Stirne trocknend, drei bis viermal durch das Zimmer lief. Noch ein⸗ mal legte er ſeine Hand ans Schwert; allein in demſelben Augenblicke verkuͤndigte ihm Ralph Hanslap an der Thuͤr, daß der Graf von Lincoln ihn zu ſprechen gekommen ſey. Fanftes Kapite l. Die Todten werden lebendig. Hab' ich mich mit verwandtem Blut befleckt; Darum der Seele Frieden hingemordet; Den ſüßen Schlaf vom Kiſſen weggeſcheucht— — Wenn er nicht mit dem wilden Heer der Hölle, Schreckbarer noch wie das Erwachen kam— um ſo mein ſchönes Ziel verfehlt zu ſehen? In dem Augenblicke, als der Ritter zu dem Grafen von Lincoln heraus auf die Gallerie trat, ging dieſer eilfertig auf ihn zu, und rief haſtig:„Ich bringe Euch ſonderbare Neuigkeiten, Le Amias; ein gewiſſer Hu⸗ bert Neville— „Was iſt mit ihm? was iſt mit ihm?“ fragte der Ritter erſchrocken. Der Graf hielt inne, und Ralph Hans⸗ lap, der im Begriffe ſtand, ſich zum Biſchof — 193— von Wincheſter zu begeben, blieb ſtehen und ſah nach ihm zuruͤck. Der Graf fuhr fort: „Dieſer Hubert Neville iſt der Vater des jungen Menſchen, der ſich erdreiſtet hat, uns ſo viele Unruhe zu machen.“ „Lebt er noch?“ fragte Ralph Hanslap auf den Grafen zukommend, indem er zu⸗ gleich dem Sir Amias, welcher wie eine Espe zitternd da ſtand, einen ſeiner durch⸗ bohrendſten Blicke zuwarf. „Er iſt, wie ich unterrichtet bin, nach Windſor gekommen,“ erwiederte der Graf. „Gekommen!“ wiederholte Sir Amias. Ralph Hanslap ſah ihn noch einmal an, und wendete ſich wieder an den Grafen: „Lebt ſein Herr, Lord Edmund, etwa auch noch?“ „So heißt es. Sie ſind beide ſeit die⸗ ſen achtzehn Jahren auf einem einſamen Inſelchen an einem entlegenen und wilden Theile der Kuͤſte Schottlands gefangen ge⸗ halten worden.“ III. Bändchen. 9 . 8 494— „Habt Ihr es nicht gewußt?“ fragte Ralph Hanslap bedeutſam ſeinen Herrn. „Das ſind Gerichte der Vorſehung!“ rief der Ritter, die Haͤnde zuſammen ſchla⸗ gend. „So wußtet Ihr es alſo?“ fuhr der Graf, bei der ſichtbaren Wirkung, welche die Nach⸗ richt auf Sir Amias hervor gebracht hatte, wie vom Blitze geruͤhrt fort:„So iſt denn alles falſch, was Ihr mir in Betreff der italieniſchen Lady und ihres Sohnes geſagt habt?“ „Ja,“ erwiederte Ralph Hanslap,„ich werde dieß Alles jetzt bezeugen; dieſes iſt die Angelegenheit,“ fuhr er in dem beiſſend⸗ ſten Tone gegen den Ritter gewendet fort, „wegen welcher der Biſchof von Wincheſter mich zu ſprechen verlangt hat.“ Mit die⸗ ſen Worten eilte er weg. 4 „Wie habt Ihr es wagen koͤnnen, Sir Amias,“ verſetzte der Graf zornig,„mich zum Werkzeuge Eurer Raͤnke zu machen 2 Der drohende Ton des Grafen weckte 2 — 4195— die erſtarrten Lebensgeiſter des Sir Amias wieder auf. Es lag zugleich eine Beleidi⸗ gung fuͤr ihn darin, und die Macht der Gewohnheit uͤberwaͤltigte einen Augenblick ſeine von Gewiſſensbiſſen erzeugte Beſtuͤr⸗ zung.„Wagen?“ rief er; und fuͤgte in einem veraͤchtlichen Tone hinzu:„Weil Ihr meiner Hilfe zu Erreichung Eurer eigenen Zwecke bedurftet, Mylord. Ihr wuͤnſchtet Eure Tochter mit dem Grafen von Suffolk zu vermaͤhlen, und— „Stille!“ rief der Graf, indem er mit dem Fuße auf die Erde ſtampfte, daß das Haus zitterte;„Euer Betrug iſt entdeckt, Eure Falſchheit liegt zu offen am Tage. Elender!“ Des Ritters fluͤchtiger Muth war vor⸗ uͤber gegangen, und das Bewußtſeyn ſeiner Schuld bemaͤchtigte ſich eines n jeden andern ſeiner Gefuͤhle. „Haben die Lady und ihr Sohn die Peſt uͤberlebt?“ fuhr der Graf nach einer kurzen Pauſe fort. Sir Amias gab keine — 196— Antwort; ſondern ſah ihn erblaßten Ange⸗ ſichts, mit unſteten Blicken und bebenden Lippen an. „Ich will wiſſen, ob ſie noch leben?“ ſagte der Graf ernſt. „Ich weiß nicht,“ antwortete Sir Amias in einem faſt albernen Tone, den Grafen noch immer mit hohlen Augen anſtarrend. In dieſem Augenblicke kehrte Ralph Hans⸗ lap athemlos und erſchrocken, von mehreren Polizeibeamten begleitet zuruͤck. Beim Eintritte dieſer Leute, von denen der Ritter ſogleich ahnete, daß ſie ſeinet⸗ halber gekommen ſeyen, fuhr er auf, und legte die Hand an den Griff ſeines Schwer⸗ tes, um ſich zu vertheidigen; allein der Graf von Lincoln faßte ihn beim Arm und hielt ihn, bis ihm die Andern das Schwert ab⸗ genommen hatten. „Die Lady Albertine, und der Jude Adonijah,“ ſchrie Ralph Hanslap,„ſind mit einem Haufen Volkes unten am Thore. Sie thut wie naͤrriſch und behauptet, daß — 197— ihr Sohn in der vergangenen Nacht er⸗ mordet worden, und Sir Amias daran Schuld ſey.“ „Hieran,“ erwiederte der Ritter mit Gelaſſenheit,„iſt er unſchuldig; ich wußte,“ ſetzte er hinzu,„bis dieſen Augenblick nicht, daß ſie noch am Leben waren.“ „Dies iſt der Tag des Gerichts,“ be⸗ merkte Ralph Hanslap.„Die Graͤber ge⸗ ben ihre Todten zuruͤck.“ „Ich habe Euch fuͤr aufrichtig gegen mich gehalten,“ erwiederte Sir Amias mit einer Stimme, die das bitterſte Gefuͤhl. ſei⸗ ner Hilfloſigkeit ausdruͤckte. „Ihr habt mich immer treu und ver⸗ ſchwiegen in Allem gefunden, was Ihr mir anvertrautet; und haͤttet Ihr mir anver⸗ traut, daß Lord Edmund nicht todt, ſondern nur gefangen ſey, ſo wuͤrde ich vielleicht meine Seele daran gewagt haben, um Euch auch hierin zu dienen.“ „Habt Ihr denn die ganze Zeit uͤber — 198— gewußt, daß Lord Edmund noch am Leben war?“ fragte der Graf mit ernſter Miene. „Ich habe noch Etwas weit Schlimme⸗ res geargwoͤhnt,“ erwiederte Ralph Hans⸗ lap mit einem ſo fuͤrchterlichen Blicke, daß er Sir Amias in dem Innerſten ſeiner Seele erſchuͤtterte. „Verraͤtheriſcher Schurke!“ rief der Rit⸗ ter,„Du haſt mir das Eiſen zu der Kette geſchmiedet, die mich umſchlingt; Du haſt mich hierzu gebracht! Aber an dem Morde bin ich unſchuldig.“ In dieſem Augenblicke entſtand ein gro⸗ ßer Laͤrm im Hauſe, und andere Polizei⸗ beamten traten ein. „Sir Amias,“ ſchrie einer von ihnen, „iſt nicht die Perſon, die wir ſuchen; es iſt entdeckt worden, daß einige von des Grafen von Lincoln Bedienten damit zu thun haben.“ Die Polizeibea ten nahmen den Grafen, als verdaͤchtig, ſeine Bedien⸗ ten dazu verleitet zu haben, hierauf ſogleich in Verhaft und entließen den Sir Amias. Ralph Hanslap, der jetzt wieder ſeine ——— 7 ——— 7 — 199— gewohnte Kaltbluͤtigkeit angenommen hatte, ſtand da und ſah bald ſeinen Herrn bald den Grafen an, zweifelhaft, wer von beiden in der groͤßten Beſtuͤrzung war. „Sir Amias de Crosby,“ ſagte der Graf, indem er ſein Schwert den Polizeibeamten uͤberlieferte:„Ihr habt eine ſchwere Ver⸗ antwortung auf Euch. Ihr habt mir glaub⸗ wuͤrdige Gruͤnde, und alle Umſtaͤnde und Daten, unter der Gewaͤhrleiſtung Euers bis jetzt unbeſcholtenen Charakters, genau angegeben, daß der junge Menſch nichts als ein Abentheurer, und der Sohn des Hubert Neville waͤre, deſſen Erſcheinung jetzt wie ein ſchreckhaftes Geſpenſt fuͤr Euch iſt; und es iſt moͤglich, daß meine Bedien⸗ ten, die es wußten, wie ſehr mich ſeine verwegenen Bewerbungen um meine Toch⸗ ter aufgebracht hatten, ihn in einem ra⸗ ſchen Anfalle getoͤdtet haben. So, meine Herren, wird ſich die Sache ausweiſen, wenn ſie naͤher unterſucht wird; unterdeſſen bleibe ich Euer Gefangener.“ — 200— „Gebt mir mein Schwert wieder,“ ſagte Sir Amias zu dem Polizeibeamten, der daſſelbe in der Hand hielt; Ralph Hans⸗ lap aber riß es weg, waͤhrend der Graf ſich mit den Anderen entfernte.„Dieſes Gewehr ſollt Ihr jetzt nicht haben,“ rief er. Der Polizeibeamte folgte ſeinen Colle⸗ gen und Hanslap fuhr fort:„Ich habe lange mit Euch gelebt, Sir Amias, und glaubte Euer Vertrauen zu beſitzen, bis ich entdeckte, daß Ihr Hubert Neville zu einer Handlung beſtochen hattet, die ich weit beſ⸗ ſer haͤtte verrichten koͤnnen. Ich befand mich an jenem Morgen, als Lord Ed⸗ mund nach Schottland auszog, gerade in dem Garten unter Euerm Fenſter. Die Fluͤgel waren geöͤffnet und ich uͤberhoͤrte Euer Geſpraͤch mit Hubert Neville. Al⸗ lein“— hier hielt er inne, und ſah Sir. Amias ſtarr an—„ich glaubte nicht, daß Lord Edmund die Schlacht uͤberlebt habe.“ „Und wie kommt es,“ rief Sir Amias heiſer, als wenn ihm die Zunge vor Durſt . V — 201— am Gaumen klebe:„wie kommt es, daß Ihr mir doch ſo lange Jahre ſolche Be⸗ weiſe einer unverbruͤchlichen Treue gegehen habt? Ihr habt mich ins Verderben brin⸗ gen helfen, Hanslap; Ihr habt mein Ver⸗ gehen befoͤrdert.“ „Meine Anhaͤnglichkeit, Sir Amias, war die eines Hundes; warum entzoget Ihr mir Euer Vertrauen, um es Hubert Neville, einem Kerl zu ſchenken, der nicht den zehnten Theil ſo ehrlich iſt, als ich? den zehnten, ſage ich?— Machte er nicht den Verraͤther an ſeinem Herrn? und den⸗ noch zoget Ihr ihn mir vor.“ „Ich glaubte damals,“ erwiederte Sir Amias ſeufzend,„daß Ihr mir nicht gegen meinen Bruder zu Dienſten ſeyn wuͤrdet.“ „Meiner Ehrlichkeit halber wurde ich alſo verworfen. Habe ich Euch ſeitdem nicht bewieſen, habe ich Euch nicht im In⸗ nerſten Euers Herzens davon uͤberzeugt, daß ich fuͤr Euern Zweck ein tauglicherer Menſch war, als Hubert Neville?“ III. Bändchen. 9* —.202— „Furchtbarer Himmel!“ rief Sir Amias beſtuͤrzt aus,„ſo haben denn alle treuen Dienſte, die Ihr mir ſo lange geleiſtet habt, ihr Entſtehen einem rachſuͤchtigen Gefuͤhle zu verdanken?“ „Ja,“ antwortete Ralph barſch,„doch jetzt hat's ein Ende; jetzt will ich die Fruͤchte meiner Rache einaͤrnten.““ Mit dieſen Worten verließ Ralph Hans⸗ lap den Sir Amias im Zuſtande eines un⸗ gluͤcklichen Verlornen, der in den Klauen des Erbfeindes ſteckt, welcher ſeine Beute nie fahren laͤßt. — 000000 Sechstes Kapitel. Der Reumuͤthige. Wenn ſo der Menſch, der Böſes that, Reumüthig auf der Tugend Pfad Zurückkehrt, dann erläßt, voll Huld, Ihm Mitleid die beweinte Schuld. 1 11 Bars Welkanſichten. Die Natur bleibt ſich in ihrer Einfachkeit immer ſo ganz ſelbſt gleich, daß ſie ſich ohne moraliſchen Einfluß in ihren phyſi⸗ ſchen Wirkungen nicht aͤndern kann; noch auch ihr moraliſches Verfahren ohne die Einwirkung phyſiſcher Gewalt. Dieſer Satz auf den Menſchen angewendet, heißt ſo viel, als daß derſelbe fuͤr die Zukunft ſei⸗ nes Lebens immer der naͤmliche bleiben wird, der er auch fruͤher war, er muͤßte denn wieder geboren werden. Die Wahr⸗ heit hiervon zeigte ſich deutlich in dem Be⸗ 5— 204— tragen des Sir Amias de Crosby, den Ralph Hanslap nicht ſo bald verlaſſen hatte, und er von ſeiner erſten Beſtuͤrzung zuruͤckgekehrt war, als er zu uͤberlegen anfing, welches Benehmen er gegen ſeinen Bruder einſchlagen wolle. Mitten in die⸗ ſen Betrachtungen ward Hubert Neville bei ihm angemeldet. Beide waren Anfangs bei ihrer Zuſam⸗ menkunft etwas verlegen; allein nach eini⸗ gen kurzen Fragen und unbefriedigten Antworten, ward ihr Geſpraͤch ernſter, indem Neville anfing:„So wie ich Euch mein Verſprechen gegeben hatte, Sir Amias, wurde Lord Edmund verwundet.“ „Ihr braucht mir das jetzt nicht zu er⸗ zaͤhlen,“ unterbrach ihn der Ritter. „Nun, ſo uͤbergehen wir dieß. Die Wunde, die er erhalten hatte, war aber nicht toͤdtlich.“ Sir Amias rieb ſich die Stirne und rang ungeduldig mit den Haͤnden, indem er rief:„Ich will hiervon nichts hoͤren!“ — 5————;˖— — -———— — 2205— „Ihr muͤßt, Sir Amias,“ erwiederte der andere feierlich.„Ich bin jetzt der Mann nicht mehr, der ich vorher war; ich war an der Peſt krank. Das Boͤſe, das an mir war, iſt an den garſtigen Beulen dieſer ſchrecklichen Krankheit ausgeſchworen, und jetzt bin ich neuer Menſch geworden, der verabſcheut, was ihm ſonſt lieb war. Euers Bruders Wunde war, wie ich Euch geſagt habe, nicht toͤdtlich.“ „Zerſchmetternde Gerechtigkeit des Him⸗ mels, komme nicht unverſehends uͤber mich! Zermalme mich nicht ſo ploͤtzlich mit deiner Rache!“ rief Sir Amias, den Hubert Ne⸗ ville unterbrechend, der ihn mitleidig an⸗ blickte und dann ruhig verſetzte:„Ein Gluͤck fuͤr uns beide, Sir Amias, daß ich nicht das Herz hatte, Euern Auftrag zu vollziehen.“ Sir Amias war dem Wahnſinne nahe. Er fiel auf die Kniee und erhob verzwei⸗ felnd die Haͤnde; fuhr jedoch einen Augen⸗ blick hernach wieder auf und ging, oder — 206— rannte vielmehr im Zimmer auf und ab. „Nein, nein!“ ſchrie er„ich kann Euch keinen Dank dafuͤr wiſſen. Fuͤr mich war die That ſo gut wie geſchehen.“ Er hielt hierauf inne, und fragte etwas gefaßter:„ob es war ſey, daß Lord Ed⸗ mund noch lebe?“ A Hubert Neville ſah ihn mit mitleidiger Bekuͤmmerniß an. „Nein, Sir Amias, des Himmels Wille vollzog das aus freien Stuͤcken, was zu thun Ihr und die Hölle mich verſuchtet. Seine Wunde war nicht toͤdtlich; allein er fiel in die Haͤnde der Hochlaͤnder. Ich wurde mit ihm gefangen und uͤber die Gebirge nach einer Inſel unter ein Volk gebracht, deſſen Sprache wir, und ſie die unſerige nicht verſtehen konnten. Dort war es, wo Lord Edmund ſtarb.“ 1 „So iſt er alſo todt?“ fragte Sir Amias, als wenn er ſich deſſen noch ein⸗ mal verſichern wolle. Hubert Neville ant⸗ wortete nicht ſogleich; ſondern hob die —— —— — 207— Hand auf und ſchuͤttelte traurig den Kopf; der Ritter achtete nicht auf ihn und fuhr fort:„Wie geſchah es, daß ich in langen Jahren keine Sylbe von Euch hoͤrte?“ „Haͤtte ich fruͤher entwiſchen koͤnnen, ſo wuͤrde ich vielleicht laͤngſt ſchon gekommen ſeyn, ven bedungenen Sold zu fordern, welchen einzuziehen mir nicht vergoͤnnt war.“ „Ralph Hanslap,“ ſagte der Ritter, „hat meinen Dienſt verlaſſen; Ihr koͤnnt den ſeinigen einnehmen, Neville; Ihr koͤnnt mir noch weſentliche Dienſte leiſten.“ „Sir Amias de Crosby,“ erwiederte der Reumuͤthige,„Ihr ſeyd nicht peſtkrank geweſen.“ 1 „Ich bin wie bethoͤrt,“ ſchrie der Rit⸗ ter;„unwillkuͤrlich ſteigen mir Gedanken auf, und meine Zunge ſpricht von Dingen, die mich nur ins Berderben ſtuͤrzen kön⸗ nen.“ In einem demuͤthigen und troſtloſen Tone fuhr er dann fort:„Ich bin in Eurer — 208— Gewalt, Neville; und,“ ſetzte er mit einem Schrei hinzu,„in Ralph Hanslaps.“ Hubert Neville ſtieß ihn ſanft an den Arm, und verſetzte:„Beruhigt Euch, Sir Amias, noch ſeyd Ihr in Euer eigenen Gewalt; allein habt Ihr Euer Vorhaben ausgefuͤhrt, habt Ihr die Verzerrathung von Lord Edmunds Wittwe in Abrede ge⸗ ſtellt, habt Ihr ihren Sohn zum Baſtard gemacht?“ „Das habe ich; das habe ich.“ „So erkennt ihre Rechte an und bereuet, was Ihr gethan habt.“ „Der Himmel hat es aus meiner Ge⸗ walt gelegt. Laͤngſt, laͤngſt wuͤrde ich es gethan haben; es fehlten mir nur die hin⸗ laͤnglichen Beweiſe, mich vor der Welt zu rechtfertigen, ohne mich ſelbſt ins Verder⸗ ben zu ſtuͤrzen.“ „Der Welt?— AOchtet Ihr die Meinung der Welt hoͤher, als die Gottesfurcht?— Bekennt Eure begangene Schuld;— macht ein oͤffentliches Geſtaͤndniß des Verbrechens, —— —— — 2⁰09— wozu Ihr mich beſtochen habt;— ich fuͤr mein Theil will aller Welt eingeſtehen, welchen Antheil ich an der Ausfuͤhrung deſſelben genommen habe.“ Sir Amias ſtand eine Weile erſtarrt da;„nein, nein,“ ſagte er,„das kann ich nicht; allein ich will meinem Neffen Alles uͤbergeben.— Ha!— ich habe vergeſ⸗ ſen, daß auch er todt iſt, und das durch meine Veranlaſſung.“ Neville ſchauderte und wurde bleich vor Schrecken. „Ich bin jedoch nicht ſchuldig an ſei⸗ nem Blute,“ ſetzte der Ritter hinzu.„Dank dem Himmel, ſein Tod war nicht von mir beabſichtigt worden.“ „So koͤnnt Ihr auch ihm keine Genug⸗ thuung mehr geben; aber deſto groͤßer ſind die Anſpruͤche von Jemand anderem dar⸗ auf, den Ihr mehr beleidigt habt.“ „Sie will nichts von mir annehmen; ſie ſucht mich zu vermeiden, und hat mich im ganzen Koͤnigreiche verlaͤumdet.“ „BVerlaͤumdet! Sir Amias de Crosby, verlaͤumdet!— Pfui, daß Ihr Euch ſolcher Worte gegen ſie bedienen koͤnnt! Allein die Lady von Rothelan war es nicht, wovon ich ſprechen wollte.“ „Von wem dann?— ich habe ſonſt nie⸗ mand wehe gethan.“ „Doch, Sir Amias, doch!— es gibt noch ein anderer, ein gefuͤrchteter An⸗ derer.“ „Ich will irgend eine geheime Buße thun.“ „Wenn Ihr der raͤchenden Gerechtigkeit nicht ſelbſt Genuͤge leiſten wollt, ſo muß ich es thun.“ „Was wollt Ihr thun?“ „Ich will Alles bekannt machen, was ich weiß; welche Uebereinkunft wir mitein⸗ ander getroffen hatten.“ „und was wird Euch dieſes nuͤtzen, un⸗ verſchäͤmter? denkt Ihr, daß man Euch eher Glauben beimeſſe, wie mir?— Mein Entſchluß, Neville, iſt gefaßt. Ich bin —-— 2411— Willens, Alles herauszugeben; allein meine Ehre darf darunter nicht leiden;— dieſe werde ich aufrecht zu erhalten ſuchen, es gehe wie es will.“ „Sir Amias de Crosby,“ erwiederte Ne⸗ ville mit Entſchloſſenheit,„jetzt bin ich mit Euch fertig; ich habe mein Geluͤbde erfuͤllt, das ich, damals als ich an der Peſt krank lag, that; und da ich Euch nicht zur reu⸗ muͤthigen Buße bringen kann, ſo will ich wenigſtens Eure Beſtrafung zu erwirken ſuchen.“ „Ich habe Euch geſagt,“ verſetzte Sir Amias, durch den Ernſt des Buͤßenden ei⸗ nigermaßen erſchreckt,„daß ich bereue, was ich gethan habe, und Alles mit Unrecht Er⸗ worbene, wie ich bekenne, zuruͤck erſtatten will; allein ich muß hierzu doch irgend einen, in den Augen der Welt giltigen Vorwand haben.“ 1 Neville ſchuͤttelte den Kopf und antwor⸗ tete:„Ich finde in dieſem Allem noch keine Reue bei Euch, Sir Amias; Ihr fuͤrchtet — 212— Euch bloß vor der Entdeckung, und entdeckt ſollt Ihr werden.“ „Thut das Schlimmſte denn, was 8 Ihr koͤnnt, ich bin gefaßt.“ „Ihr habt das Weib Euers Bruders um ihre Ehre gebracht, und ihren Sohn zum Baſtard gemacht.“ „Laßt ſie das Gegentheil beweiſen.“ „Ihr Sohn kann das nicht,— er iſt todt; er iſt wie Ihr ſelbſt bekannt habt, durch Eure eigene Veranlaſſung ermordet worden;— allein die Lady—“ „Ich will nichts weiter hoͤren.“ „Aber Ihr ſollt, Sir Amias.“ „Unverſchaͤmter! packt Euch aus dem Hauſe, und thut, wenn Ihr wollt, das Aergſte!“ ſchrie Sir Amias aufgebracht. „Das habe ich bereits gethan; ich habe Euch nur erzaͤhlen wollen, daß ich ein Zeuge ihrer Heirath war, und daß ich Dokumente von Euers Bruders eigener Hand bei mir fuͤhre, welche beweiſen, daß ſie ſein Weib war; ich habe ſie mir aus dem ſuͤndhaften — 213— Vorſatze angeeignet, um Euch zu meinem Sklaven zu machen; ich mußte ſie bewah⸗ ren, um ein Raͤcher der ewigen Gerechtig⸗ keit zu werden.“ Mit dieſen Worten be⸗ gab ſich Hubert Neville weg. Siebentes Kapitel. Die beiden Liebenden. Die Lieb' entſteht, wie ihr Symbol, das Feuer, Von ſelbſt; wenn in zwei Herzen angefacht Vereinigt ſie zu Einer Flamme ſich, Die, wie ſie lodernd auf zum Himmel ſteigt, Hinweißt, woher ſie ihren urſprung nahm. Das Ehrenwort. Wir brauchen dem Leſer wohl nicht erſt anzufuͤhren, daß das Geruͤcht von Rothe⸗ lans Ermordung durch die Art ſeiner Ent⸗ fuͤhrung veranlaßt worden war. Wir hal⸗ ten es jedoch hier fuͤr zweckmaͤßig, den Zu⸗ ſammenhang von Umſtaͤnden zu erklaͤren, welche zwar an ſich unbedeutend ſind, die aber weſentlich zur fernern Entwickelung der Geſchichte beitrugen. Als Rothelan am folgenden Morgen — 215— aus dem Fenſter des Zimmers ſah, in wel⸗ chem er gefangen gehalten wurde, gewahrte er, daß er ſich im Schloſſe zu Windſor, und zwar in einem ſeiner gegen Norden liegenden Thuͤrme befand, welche die Aus⸗ ſicht nach dem Fluſſe hin haben; und muth⸗ maßte hieraus, daß er ſeines ehemaligen Bergehens halber ergriffen worden ſey, in den Reihen der Feinde gefochten zu haben. Er konnte ſich jedoch den Umſtand nicht wohl erklaͤren, daß man ihn in den Pal⸗ laſt gebracht hatte, anſtatt ihn ins gewoͤhn⸗ liche Gefaͤngniß zu ſtecken. Wir muͤſſen die Urſache ſeiner Verwunderung indeſſen in den Zufaͤllen ſuchen, die ſich in Folge der Peſt ereigneten. Die Bedienten des Grafen von Lincoln naͤmlich, unterrichtet, wie ſehr Rothelans verwegene, der Lady Blanka, ſeiner Toch⸗ ter, dargebrachte Huldigungen, ihren Herrn gegen ihn aufgebracht hatten, hatten zu⸗ faͤlig in Erfahrung gebracht, daß er der Peſt entgangen war; ſie verabredeten ſich — 216— daher, ihn in heimliche Verwahrung zu bringen, bis die vorhabende Vermaͤhlung zwiſchen dem Grafen von Suffolk und ih⸗ rer jungen Lady vollzogen waͤre: eine Un⸗ ternehmung, zu welcher ſie ohne Zweifel nur der Zuſtand ermuthigen konnte, in welchen das Land durch die Peſt verſetzt worden war. Es war nach der Erzaͤhlung unſers Ge⸗ ſchichtſchreibers damals Alles in Verwir⸗ rung. Manche Duͤmmlinge hatten ſich mit dem herrnloſen Eigenthume derer berei⸗ chert, welche umgekommen waren. Zuͤgel⸗ loſe Menſchen zogen in Saus und Braus lebend von Haus zu Hauſe. Die Leiden⸗ ſchaften des Haſſes und der Rachgierde feierten losgebunden einen Carneval, und mancher rechtſchaffene Mann wurde ver⸗ mißt, der nicht an der Peſt, ſondern durch die Dolche der Meuchelmoͤrder ſtarb; ſo daß viele das letztere Gericht des Wuͤrgengels ſelbſt noch fuͤr ſchrecklicher, wie das erſtere hielten, und aͤngſtliche Gemuͤther von der — 217— Furcht ergriffen wurden, daß das Chaos wiederkehre, und eine ſo gaͤnzliche Aufloͤ⸗ ſung aller geſelligen Bande vorhanden ſey, daß ihre Wiedervereinigung nie mehr zu erwarten ſtehe. Auf dieſe Weiſe geſchah es, daß die Hausbedienten des Grafen von Lin⸗ coln, mit Auſſerachtſetzung alles Rechts und der richterlichen Gewalt, ihren Gefangenen nach Windſor brachten, und mit Hilfe meh⸗ rerer ihrer Zechbruͤder von der koͤniglichen Dienerſchaft, zum traurigen Beweiſe der allgemeinen Geſetzloſigkeit, ihn im koͤnigli⸗ chen Schloſſe ſelbſt zu einer Zeit gefangen hielten, wo der Koͤnig mit denjenigen ſei⸗ nes Hofes, welche dem Tode entronnen wa⸗ ren, die Verwuͤſtung ſeines einſt ſo bluͤhen⸗ den und wohl regierten Koͤnigreichs be⸗ jammerte. Rothelan, der ſich der fruͤheren, durch die Bosheit ſeines Oheims wieder in An⸗ regung gebrachten Beſchuldigung halber im Schloſſe zu Windſor eingeſperrt glaubte, iing an, ſich zu graͤmen, und ſich uͤber ſein 1II. Bändchen. 10 — 218— hartes Schickſal und die Leiden zu bekla⸗ gen, welche ohne Vergehen von ihrer Seite, ſo lange uͤber ſeine Mutter verhaͤngt wa⸗ ren. Das jugendliche Herz entledigte ſich der Sorgen jedoch bald. So wie der Mor⸗ gen anbrach, und die herrliche Ausſicht der von Gehoͤlzen durchſchnittenen weiten Ge⸗ filde bei aufſteigender Sonne ſich vor ihm aufthat, legte ſich die leidenſchaftliche Stim⸗ mung ſeines Gemuͤths, und er faßte die ruhige Entſchließung, ſein Schickſal muthig, wie einem Soldaten gezieme, zu ertragen. Im Verlaufe des Tages uͤberließ er ſich ſelbſt zaͤrteren Empfindungen; die Erin⸗ nerung der waͤhrend der Feſtlichkeiten ge⸗ hegten Hoffnungen und Wuͤnſche draͤngte ſich ſeiner Seele auf, und wie gewoͤhnlich, wenn er in dieſe ſanfte, weiche Stimmung verfiel, ging ſeine Ruͤhrung in Toͤnen uͤber, und ergoß ſich in nachfolgendem Liede: Wie die Roſe der Sonne erquickendem Strahl Sich eröffnet, erſchloß ich, der Jugendgeſpiele, Mich früh ſchon der Liebe ſo wonniger Qual, Ihr weihend die Erſtlinge meiner Gefühle. — 249— Wie ſchien mir durch ſie erſt verſchönt die Natur; Wie Thau auf den Blumen die Thräne im Blicke; Die Einbildung wiegte auf Blüthen ſich nur, Und gab die Geſänge den Hainen zurücke.*) Waͤhrend er alſo ſingend ſich heiteren Betrachtungen uͤberließ, hoͤrte er ploͤtzlich ein Zimmerfenſter oberhalb des ſeinigen aufgehen, und vernahm bald darauf die Stimme der Lady Blanka, die ihn bei ſei⸗ nem Namen rief. Unterhaltungen von Lie⸗ benden durchs Fenſter ſind jedoch ſeit jener von Romeo und Julie verbraucht; wir wol⸗ len daher von der unſers Autors, einen ſo leidenſchaftlichen Flug ſie auch nahm, und ſich durch Zuͤge einer gemuͤthlichen Froͤhlichkeit auszeichnete, keinen Auszug liefern, und uͤbergehen die Bewillkommungen der bei⸗ den Liebenden nach uͤberſtandener Peſt, in⸗ dem ſie faſt in Einem Athem ſich ihre Lei⸗ den mit der Aeuſſerung des Wunſches klag⸗ ten, lieber geſtorben zu ſeyn, da das Schick⸗ ſal ſich ihrer Liebe widerſetze. *) Man ſehe das Muſikblatt am Ende, Nr. II. So ſehr ſich Lady Blanka indeſſen freute, ihren Geliebten im Wohlſeyn wiedergefun⸗ den zu haben, ſo wurde ihr dies Vergnuͤ⸗ gen doch einigermaßen durch die Umſtaͤnde verbittert, unter denen er ihr wiedergege⸗ ben par. Mit weiblichem Scharfſinne ent⸗ deckte ſie jedoch bald, woran er nicht gedacht, daß die geheimnißvolle Art, womit man ihn nach Windſor gebracht hatte, nicht ſehr ei⸗ ner Verhaftung wegen Hochverraths aͤhnlich ſaͤhe, und fuͤgte zu ſeinem Troſte hinzu, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach die Hand ihres Vaters oder des Grafen von Suffolk mit im Spiele ſey.„Allein,“ ſagte ſie,„ich will den Koͤnig, der ſehr beſorgt um Euch geweſen iſt, von Euerm Hierſeyn in Kennt⸗ niß ſetzen; denn es iſt ein alter Diener Euers Vaters, von dem man glaubte, daß er in der Schlacht mit dieſem geblieben ſey, geſtern aus Schottland angelangt, und nach London gegangen, um ſich nach Euerm Schickſale zu erkundigen.“ Auf dieſe Weiſe ward Rothelan von — 221— Hubert Neville's Ruͤckkehr an dem Morgen deſſelben Tages unterrichtet, wo Letzter den Sir Amias ſo raͤchend heimſuchte, von deſ⸗ ſen Raͤnken wir unſern Leſern den Erfolg ſogleich mittheilen wollen. Achtes Kapitel. Das Suͤhnopfer. Es langweilt mit der Sonne Licht; O, daß das Reich der Welt jetzt unterginge. Macbeth. Als Hubert Neville den Ritter in der Be⸗ ſtuͤrzung verlaſſen hatte, welche ſeine Er⸗ klaͤrung hervorzubringen ſo wohl berech⸗ net war, begab er ſich, wie es erhellt, von de Crosby's Wohnung auf den Weg nach der Guildhalle, dem Stadt⸗Rathhauſe, um dort das Bekenntniß des Complotts abzu⸗ legen, in welches er ſich gegen ſeinen Herrn eingelaſſen hatte. Unterwegs traf er Ralph Hanslap, den man bei ſeiner Ankunft in der Wohnung des Biſchofs benachrichtiget hatte, daß derſelbe auf Specialbefehl des Königs nach Windſor gegangen waͤre.— Wir uͤbergehen die umſtaͤndliche Erzaͤh⸗ lung ihres Zuſammentreffens und ihres ge⸗ genſeitigen Empfangs. Viele Fragen und Antworten wurden hin und wieder gewech⸗ ſelt, wenig zuſammenhaͤngend zwar mit unſerer Geſchichte, keine jedoch ganz unab⸗ ſichtlich, wenigſtens von Seiten unſerer Buß⸗ fertigen. Hubert Neville glich dem Fuchſe in der Fabel, der ſeinen eigenen Schwanz verloren hatte, und nun andere zu bereden ſuchte, auch den ihrigen abzuſchneiden. Es geſchieht nicht, um die Aufrichtigkeit ſeiner Buße in Zweifel zu ziehen, daß wir eine ſo leichtfertige, gefuͤhlloſe Bemerkung, wie ſie manche ſtrenge Caſuiſten vielleicht in ihrer chriſtlichen Naͤchſtenliebe nennen moͤch⸗ ten, hinwerfen; ſondern wir wollten damit bloß andeuten, daß ein Menſch, werde er der Tugend oder dem Laſter untreu, wenn er in ſeiner Abtruͤnnigkeit auch noch ſo ver⸗ ſtockt iſt, ſich doch in den Augen ſeiner Umgebung immer gern zu beſchoͤnigen ſucht. Zufaͤllig fand Hubert Neville den Ralph — 224— Hanslap in einer, fuͤr die Eindruͤcke ſei⸗ ner Ermahnungen ſehr empfaͤnglichen Stim⸗ mung. Ralph hatte den Saamen ſeiner Rachſucht im Buſen genaͤhrt, bis er zur Saat aufſchoß, und über ſeine Erwartung Fruͤchte trug.— Jetzt, wo ſie zur Reife ge⸗ diehen und abgefallen waren, draͤngte ſich ihm bei ihrer Zuſammenkunft das Gefuͤhl auf, daß er das Seinige in der Welt ge⸗ than habe; und es war daher auch nie⸗ mand geeigneter, ein Heiliger zu werden, als er, in dem Zuſtande worin er ſich be⸗ fand. Seine ſuͤndigen Luͤſte hatte er be⸗ friedigt, und noch warm, noch gluͤhend vor innerem Vergnuͤgen, welches ihm der Triumph ſeiner Rache gewaͤhrt hatte, haͤtte ſich der Mann, welcher der Hoͤlle io wohl gedient hatte, nicht fuͤr berechtigt. halten ſollen, auch nach den Freuden des Him⸗ mels zu ſtreben? erd ee en n Nachdem ſie ſich alſo als alte Freunde begruͤßt hatten, und ihm Neville erzaͤhlte, welche Aenderung die Peſt in ſeinem Her⸗ — 225— zen hervorgebracht, und wie beharrlich er den Sir Amias in ſeinem ſuͤndhaften We⸗ ſen gefunden habe, ſo beſchloſſen ſie, mit einander zuruͤckzukehren, um den Erfolg ihrer gemeinſchaftlichen Vorſtellungen zu verſuchen. Wir muͤſſen Ralph die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er hierin noch einen Grad mitleidiger Theilnahme zeigte, daß er, trotz der Hartnaͤckigkeit, womit er ſein Ziel verfolgt und ſein Vorhaben ausgefuͤhrt hatte, indem er ſich zu den hinterliſtigen Raͤnken ſeines Patrons mit ſolcher Bereit⸗ willigkeit hergegeben hatte, ihm dennoch die Schande einer öͤffentlichen Beſtrafung erſparen wollte. So kam es denn, daß, wie wir erzaͤhlt haben, die beiden alten Suͤnder und jungen Heiligen, wo nicht unſchuldig Hand in Hand, doch Arm in Arm nach de Crosby's Wohnung zuruͤck wanderten. Da der Thuͤrſteher zufaͤllig ſeinen Poſten verlaſſen hatte, ſtiegen ſie die Treppe hin⸗ nII. Bändchen. 10* — 226— auf nach der Halle, und begaben ſich von da nach der Gallerie, wo Hubert Neville den Sir Amias ſtehen gelaſſen hatte. Sie fanden aber weder ihn noch jemand ande⸗ ren dort. Hier ſtanden ſie ſtille, um ſich daruͤber zu berathen, ob es ſchicklich ſey, daß Ralph Hanslap zuerſt in das Zimmer gehe, welches auf die Gallerie ſtieß, und deſſen Thuͤre nur beigeklemmt war. „Sie kamen uͤberein, daß Ralph Hans⸗ lap hineingehen ſollte; und mit dieſem Vorhaben ſchritt er auf das Zimmer zu. Der Thuͤre auf zwei bis drei Schritte nahe ge⸗ kommen, ſing er an zu ſchleichen und blieb horchend ſtehen.„Er iſt nicht drin,“ ſagte er,„wir muͤſſen warten bis er kommt.“ „Ich will die Bedienten fragen, ob er etwa ausgegangen iſt,“ erwiederte Hubert Neville.„Ich kann es indeſſen nicht glau⸗ ben, da ich ihn in einem Zuſtande verließ, der eher geeignet war, ſich der Beobachtung annderer Menſchen zu entziehen, als ſich ihr bloßzuſtellen.“ en —-— 227— „Ein ſchwaches Geraͤuſch, das ſich in dieſem Augenblick in dem Zimmer hoͤren ließ, dem ein tiefes langſames Gemurmel folgte, und ſich mit einem Seufzer endigte, uͤberzeugte ſie, daß der Stille ungeachtet, Sir Amias dennoch im Zimmer war. Ralph Hanslap ſah ſeinen Begleiter an, und einen Schritt von der Thuͤre zu⸗ ruͤcktretend, fluͤſterte er ihm zu:„Laßt uns warten, er ſinnt uͤber Eure Worte nach. Nie habe ich ihn noch einen ſo klaͤglichen Ton von ſich geben hoͤren.“ „Fuͤrchtet Ihr Euch?“ erwiederte der Bußfertige ernſt und entſchloſſen.„Wenn das iſt, ſo will ich keine Gemeinſchaft mit Euch haben, Ihr ſeyd dann nicht beſſer als er.“ Mit dieſen Worten drehte er ſich um, um weg zu gehen; allein Hanslap, wel⸗ cher ſehr bewegt war, faßte ihn beim Arme und ſagte:„Laßt uns ſanft mit ihm ver⸗ fahren; ich habe fuͤrchterliche Ausbruͤche der Angſt bei ihm geſehen; allein nie hoͤrte ich — 228— ihn ſeine Zerknirſchung in ſo ſchmerzlichen Toͤnen kundgeben. Es hat mir das Blut gerinnen gemacht.““ n,Geht hinein und ſeht nach ihm,“ ant⸗ wortete ihm der unbarmherzige Proſelite der Froͤmmelei;„geht hinein, und ſagt ihm, daß wir lindernden Balſam fuͤr ſeine Seele bringen.“ Ralph Hanslap ſah nach der Zimmer⸗ thuͤre hin und ſchien einen Augenblick ent⸗ ſchloſſen, hineinzugehen, zog ſich aber wie⸗ der zuruͤck und ſagte: „1„Nein, Neville, geht zuerſt; Ihr habt ihm bereits Eure Meinung geſagt. Mir faͤlltnimmer die Zeit ein, wo wir beide Jugendgeſpielen waren; dieß hat mich er⸗ griffen und ſo weich gemacht.“ Hubert Neville gab keine Antwort; mit großen Schritten und mit finſterem Geſicht eilte er auf die Thuͤre zu, die er aufſtieß, und blickte im Einbreten zornig auf kadxh 2Haletae zuͤruͤck. ⸗ ⁵„Was iſt das d ſchrie der andere auf die Thuͤre ſtuͤrzend. Der Bußfertige fuhr bei ſeinem wilden Schrei zuruͤck, und ſah einen Blutſtrom zur Thuͤre heraus fließen. Ralph Hanslap aber rannte ins Zimmer, aus dem er jedoch todtenbleich und ſich die Schlaͤfe haltondag wieder duns Dewantt kam. 98 „Wir kommen zu epity ſagte Hubex Neville, nach einer kleinen Paufe. Sſt dem nicht ſo?“ „Ihr habt die Folter zu hart geſpannt, rief Hanslap ſeufzend.„Ich fuͤrchtete bis⸗ weilen, daß es dahin kommen muͤſſe; allein ſeine Unentſchloſſenheit beruhigte mich, daß er keine uͤbereilte Handlung begehen wuͤrde. Uns beiden iſt er entgangen.“ pandguß „Er iſt hingegangen, ſeinen Lohn zu empfangen; und die Art ſeines Todes be⸗ weiſ't die Groͤße ſeines Verbrechens,“ ver⸗ ſetzte der rachſuͤchtige Buͤßende.„Allein 5 er auch wirklich todt?“ dil „Geht hinein und ſehtz ich wangſtegs glaube es. Ich koͤnnte einen ſolchen An⸗ - 230— blick von einem Manne, den ich lange ge⸗ kannt, und ihm ſo lange gedient habe, nicht wieder aushalten.“ Hubert Neville ging ins Zimmer und kehrte hierauf mit dem Schwerte des Sir Amias in der Hand zuruͤck. „Es iſt mit ihm voruͤber,“ ſagte er; „mit dieſem hier hat er ſich ums Leben gebracht.“ Ralph Hanslap nahm das Schwert, und beſah das Blut, welches von der Klinge auf den Todten tropfte; aller Groll und alle Mißgunſt, die er ſo lange in ſeinem Buſen hatte bruͤten laſſen, waren in dieſem Au⸗ genblicke vergeſſen, und ob er gleich von zu verhaͤrteter Natur war, um Thraͤnen vergie⸗ ßen zu koͤnnen, ſo holte er doch aus ſeinem Buſen einen ſo tiefen und ſchmerzlichen Seufzer, daß man es ein Angſtgeſtoͤhn haͤtte nennen moͤgen. Waͤhrend er noch ſo da ſtand, mit dem Schwert in der Hand, kam einer der Be⸗ dienten auf die Gallerie. Man wußte ſchon ——— —— —— — 231.— im Hauſe, daß ihr Herr ſich mit Hanslap entzweit hatte, und das aus der Thuͤr ge⸗ drungene Blut hatte ſich weit uͤber den Gang verbreitet. Bei dieſem Anblicke, und dem des Schwertes in der Hand des zer⸗ ſtreuten Squire, machte er Laͤrm, und ehe die beiden Bußfertigen ſich zu rechtfertigen vermochten, wurden ſie als Moͤrder er⸗ griffen. RNeuntes Kapitel. — Die Entwickelung. Hat man genug geſagt, Dann iſt es weiſe, aufzuhören. Der Graf von Lincoln, der, wie der Ge ſchichtſchreiber bemerkt, kein armer Schelm war, hatte dem Mayor von London inzwi⸗ 4 ſchen ſolche Verſicherungen ertheilt, an der vermeintlichen Ermordung des Sohnes der Lady Albertine unſchuldig zu ſeyn, daß dieſer ehrwuͤrdige Magiſtratsbeamte auf ſein bloßes Verſprechen, ſich zur Verant⸗ wortung zu ſtellen, ihn in Freiheit ſetzen ließ; denn, anders wie dermalen, wurde in jenen Tagen dem Adel von den Pri⸗ maten der Stadt die groͤßte Ehrfurcht be⸗ zeigt, da es ſich letztere zur ausgezeichne⸗ ——— ten Ehre anrechneten, auch den Geringſten unter ihnen mit einem oft groͤßern Auf⸗ wande, als ihnen ihr Handel das ganze Jahr hindurch Linbrachte betzirchan zu koͤnnen. Dieſe urbane Beruͤckſichtigung der graͤf⸗ lichen Wuͤrde war inzwiſchen wenig geeig⸗ net, die Lady Albertine und Adonijah zu⸗ frieden zu ſtellen, welche Letzteren nicht ſo bald vernahmen, auf welche Weiſe der Graf ſeiner Haft entlaſſen worden war, als ſie nach dem koͤniglichen Gerichtshof, der Kings Bench, eilten, und dringend um Gerech⸗ tigkeit nachſuchten. Sie befanden ſich dem⸗ nach gerade in dem Gerichtshofe, als die Diener des Sir Amias de Crosby Hubert Neville und Ralph Hanslap einbrachten, die, da man ſie der Ausſage nach auf der That, und mit der verbrecheriſchen, noch vom Blute triefenden Waffe in der Hand ertappt hatte, ſogleich ins Perhör gengm⸗ men wurden. „Ein Haufe Volks hatte ſi 65 unterwegs zu ihnen geſellt und war ihnen bis zur Gerichtshalle gefolgt. In dei Wogen der Menge wurden die Lady und der Jude ſo weit ans Ende der Zuſchauer zuruͤckgedraͤngt, daß es ihnen unmoͤglich wurde, zu ſehen und zu hoͤren was vorging. Der Name des Sir Amias de Crosby, der von Munde zu Munde durch die Menge lief, verſchwi⸗ ſtert mit der Erwaͤhnung eines Meuchel⸗ mords, veranlaßte Adonijah ſowohl als die Wittwe, zu dem Glauben, daß der Rit⸗ ter anſtatt des Grafen als der eigentliche Urheber des an ihrem Sohne veruͤbten Mords entdeckt worden waͤre⸗ ast Dieſes machte einen ſolchen Eindruck auf beide, vorzuͤglich auf die troſtloſe Mut⸗ ter, daß ſie bald das Mitleiden der ſie um⸗ gebenden Menge erregte, und es eben ſo geſchwind bekannt wurde, daß ſie dieſelbe ungluͤckliche Lady ſey, von deren erduldeten Ungerechtigkeiten ſo viel geſprochen worden war. Es wurde ihr und Adonijah hierauf ſogleich freiwillig Platz gemacht, um in den —-— 235— Gerichtsſaal gelangen zu koͤnnen, den ſie eben erreichten, als die Bedienten ihr Zeug⸗ niß abgelegt hatten, nach welchem kein anderer Ausſpruch zu erwarten war, als: ſchuldig. Allein die Schilderung deſſen, was ſich zutrug, als die trauernde Lady und der bejahrte Jude vor dem Oberrichter erſchie⸗ nen, wuͤrde eher den Pinſel eines Malers, als eine Feder erfordern; denn als ſie Hu⸗ bert Neville ſah und einen der Zeugen ih⸗ rer Vermaͤhlung in ihm erkannte, eilte ſie mit ausgeſtreckten Armen auf ihn zu, und ſtieß einen durchdringenden, ſchmerzlichen Schrei aus, indem ſie im Namen des Him⸗ mels und um der Gerechtigkeit Willen den Gerichtshof in ſeinem Verfahren einzuhal⸗ ten bat. Unter großem Geraͤuſche draͤngte ſich die Menge in der Gerichtshalle vor; die Richter und Geſchwornen fuhren von ihren Sitzen auf, Ralph Hanslap, der ſie in der Peſt umgekommen glaubte, ſtand erſtarrt da; waͤhrend Hubert Neville die Zeugniſſe und Erklaͤrungen ihres verbliche⸗ — 236— nen Lords aus ſeiner Buſentaſche hervor⸗ langte. Adonijah brach in lauten Jubel aus, und der Befehl der Gerichtsbeamten, welche zu ſchweigen geboten, verlor ſſich — im Beifallruf der Menge, wovon die Halle ertoͤnte. Als endlich der Tumult geſtillt war, und die Gefangenen zu ihrer Vertheidi⸗ gung gelaſſen wurden, erklaͤrte ſich Hubert Neville uͤber die Abſicht, in welcher er den Sir Amias zu beſuchen gekommen war, und die in ſeiner Hand befindlichen Zeug⸗ niſſez die Geſchichte der Lady ſelbſt, deren Umſtaͤnde wohl bekannt waren, und endlich die Ausſagen derſelben mit dem Betragen des Sir Amias zuſammen gehalten, uͤber⸗ zeugten die Geſchwornen hinlaͤnglich, daß ſich Sir Amias ſein Schickſal ſelbſt zuge⸗ zogen hatte, und von ſeiner eigenen Hand geſtorben war. coLady Blanka, die ſich in Windſor im Gefolge der Konigin befand, verlor, ſo⸗ bald letztere an dem Tage Aufwartung an⸗ — 237— nahm, keine Zeit, derſelben ihre Entde⸗ ckung der heimlichen Gefangennehmung Ro⸗ thelans, von ſolchen Muthmaßungen dar⸗ uͤber begleitet mitzutheilen, daß bei der Koͤnigin kein Zweifel uͤbrig blieb, der Graf von Lincoln und Sir Amias de Crosby muͤßten die Haupttriebfedern dieſer Gewalt⸗ that geweſen ſeyn. Der Koͤnig wurde hierdurch mit der ganzen Geſchichte bekannt gemacht, und der Gefangene nach einer kurzen Unterſuchung in Freiheit geſetzt. Das Auſſergewoͤhnliche einer ſolchen Be⸗ gebenheit zu damaliger Zeit, und der Rang und das Anſehen, in welchem die in der Geſchichte vorgeblich verwickelten Perſonen ſtanden, veranlaßten den Koͤnig zu dem Entſchluß, die Klage der Lady Albertine ſogleich wieder aufnehmen zu laſſen. Es ward demnach ein Expreſſer nach London geſchickt, der dem Biſchofe von Wincheſter den Befehl uͤberbrachte, ohne Verſchub nach Windſor zu kommen, um durch ſeine Er⸗ innerungen uͤber die Sache, den Gang der Unterſuchung foͤrdern zu koͤnnen. Wir wol⸗ len unſere Leſer jedoch nicht mit Fortſpin⸗ nung langweiliger Nebenumſtaͤnde der Ge⸗ ſchichte aufhalten, da es ihnen nicht ent⸗ gehen kann, daß ſie zum Schluſſe eilt, und uns uͤber die Schickſale Rothelans wenig hinzuzufuͤgen bleibt; denn in Folge des Antheils, den der Koͤnig ſelbſt an der Un⸗ terſuchung nahm, wurden die ehelichen Rechte der Lady Albertine voͤllig anerkannt, und ihr Sohn in den Beſitz der Titel und Guͤter ſeines Vaters, wie des ſaͤmmtlichen Vermoͤgens ſeines Oheims geſetzt. Die Wirkung, welche alle dieſe Vor⸗ gaͤnge auf den Grafen von Lincoln mach⸗ ten, war ſehr verſoͤhnlicher Art. Seine Augen wurden jetzt der Scharfſicht geoffnet, womit ſeine Tochter des jungen Rothelans treffliche Eigenſchaften erkennt, und ihn dem an Jahren ſchon ziemlich vorgeruͤckten Grafen von Suffolk vorgezogen hatte. So⸗ bald die noͤthigen Vorbereitungen getrof⸗ fen waren, wurde ihre Vermaͤhlung mit — 239— allem geziemenden Aufwande froͤhlich ge⸗ feiert. Hier ſollten wir eigentlich unſers Ver⸗ faſſers umſtaͤndliche Beſchreibung der Hoch⸗ zeitsfeſtlichkeiten liefern, wenn wir uns nicht erinnerten, daß die Kuͤrze eine Haupt⸗ tugend in der Entwickelung einer Erzaͤh⸗ lung iſt. Ohne die Geduld unſerer Leſer daher laͤnger auf die Probe zu ſtellen, ei⸗ len wir, ſie mit demjenigen bekannt zu ma⸗ chen, was uns ruͤckſichtlich des Schickſals der uͤbrigen Perſonen noch zu erzaͤblen uͤbrig bleibt. 84b& 2 —— ———— Zehntes Kapitel. Beſchluß. Mein Ende naht. Reich mir die Hand, jett Erweckt mir die Berührung das Gefühl, Das hier entflammte, das mein Weh erzeugt. Anonymus. Obgleich Rothelans Gluͤcksumſtaͤnde wieder hergeſtellt waren, ſo war doch Etwas bei der Sache, das man nicht verſtehen konnte. Man bot Adonijah fuͤr ſeine ſonderbare freigebige Aufopferung große Summen zum Erſatz an, allein er nahm nichts; er hegte nur den einzigen Wunſch, ſeine alten Tage mit der Lady Albertine in derſelben Woh⸗ nung verleben zu duͤrfen, die er ihr zur Zeit ihrer ungluͤcktichen Verhaͤltniſſe ge⸗ kauft hatte, und in welcher nach der Ver⸗ — 241— maͤhlung ihres Sohnes ſie fortwaͤhrend woh⸗ nen blieb. „Meine ganze Blutsverwandtſchaft,“ ſagte er,„kam in der Peſtilenz um, und jetzt, wo ich alt geworden bin, wuͤnſchte ich, daß meine Adoptivtochter mir mit ſanfter Hand die Augen zudruͤckte, wenn ich ſterbe, und ſie ſoll all' meine Schaͤtze erben.“ „Deshalb nicht,“ erwiederte die Lady, „ſondern des beſtaͤndigen Wohlwollens hal⸗ ber, womit Ihr Euch meiner annahmt, moͤgt Ihr Alles in Anſpruch nehmen, was ich zu geben habe.“ Adonijah blieb alſo bei der Lady woh⸗ nen, die ihn bei zunehmender Schyaͤchlich⸗ keit mit der Zaͤrtlichkeit einer Tochter ver⸗ pflegte, bis ihn das hohe Alter aufs Kran⸗ kenlager warf, und er das Herannahen des Todes fuͤhlte. Nachdem er alle andern An⸗ weſenden erſucht hatte, ſich zu entfernen, bat er ſie, ſich an ſeiner Seite niederzulaſ⸗ ſen, und begann folgender Weiſe: „Der Sitte unſers Volkes gemaͤß waͤhlte III. Bändchen. 11 3 3 — 242— mir mein Vater, als ich noch ein junger b Aufſchoͤßling war, mein Weib. Er war ein in Jahren ſchon ziemlich vorgeruͤckter Mann und hatte die Untugend des Geizes an ſich Er verſchaffte mir daher Leah, die dem Alter nach meine Mutter haͤtte ſeyn koͤnnen; ſie beſaß aber große Reichthuͤmer, welches—iin den Augen meines Vaters die liebenswuͤr⸗ digſten Eigenſchaften erſetzte. Unſere Her⸗ zen fanden ſich nie. Mein Geiſt erblindete gleichſam, und ich trieb umher ohne Rich⸗ tung, wie ein Schiff ohne Ruder auf nebe⸗ liger See. So fing ich an, gleich meinen Bruͤdern anzuhaͤngen dem Golde; ihren Göͤtzen anzubeten, und auf ſeinen Altar zu legen die Schuldverſchreibungen, die benetzt waren mit den Thraͤnen der Freund⸗ und Hilfloſen; ich vergaß hieruͤber die Schoͤn⸗ heit des Morgens, den Anblick der Sonne und der klaren Gewaͤſſer; kurz Alles, was Gluͤckſeligkeit gewaͤhrt. Als ich aber die Euch betroffenen Widerwaͤrtigkeiten ver⸗ nahm, öffnete ſich mein inneres Auge, und — 243— mein Herz weinte vor Freude, daß es dem guͤtigen Himmel gefallen hatte, mir den Weg zu zeigen, um zu ſchmecken die Seg⸗ nungen der Liebe. Ja, Lady, Liebe,— o wie heiß liebte ich Euch nicht? Doch jetzt iſt alles voruͤber. Ich bin nun nur noch ein hinfaͤlliges Weſen— meine Fuͤße er⸗ kalten ſchon, und es iſt jetzt keine Leiden⸗ ſchaft mehr in dem Drucke dieſer kalten und ſchwachen Hand.“ Die Lady ſaß, uͤber ſeine pathetiſche Zaͤrtlichkeit beinahe bis zu Thraͤnen geruͤhrt da. Nach einer kurzen Pauſe fuhr Adonijah in einem minder leidenſchaftlichen Tone fort: „Ja, Lady, ich habe Euch geliebt, und um ſo zaͤrtlicher, da meine Liebe ohne Hoff⸗ nung war. Ihr glaubtet, daß ich mich bloß aus Mitleiden fuͤr Euch zu Euerm Vater aufwarf; nie fuͤhlte ein Mann ein ſolches Mitleiden fuͤr ein Weib. O!l es war eine entzuͤckende Belohnung meiner hoffnungs⸗ loſen Liebe, daß Ihr mich nur fuͤr Euern — 244— Freund hieltet. Als ich Euch zuerſt ſah, wandelte ſich mein ganzes Weſen um, und meine Seele ergluͤhte von dem Lichte Eurer Schoͤnheit; allein ſelbſt in der Freude, die es mir einfloͤßte, lag eine gewiſſe Traurig⸗ keit; denn damals ſah ich Euch an dem Arme eines ſchoͤnen Juͤnglings; es war Euer Gatte, und ich um Vieles aͤlter,— ein verachteter, widriger Jud'.“ Indem er dieſes ſagte, erinnerte ſich die Lady Albertine unzaͤhliger Beiſpiele von, ihr in ſeinem Benehmen gegen ſie aufge⸗ fallenen, kleinen Aufwallungen von Leiden⸗ ſchaft, ſowohl bei ſeinem erſten Beſuche in Crosbyhouſe, als ſpaͤter bei mancherlei Ge⸗ legenheiten. Es iſt wahr, daß ſie ſich in dem Augenblicke uͤberraſcht fuͤhlte; allein Regungen des Mitleids wandelten die Er⸗ innerungen hieran bald in Gefuͤhle der Hochachtung und Dankbarkeit um. Adonijah hielt inne und ſchwieg eine Zeit lang, als wenn er eine Antwort von ihr erwarte; allein ſein Bekenntniß der — 245— Beweggruͤnde ſeines wohlwollenden Beneh⸗ mens gegen ſie, wirkte von ſo verſchiedenen Seiten auf ſie, daß ſie nicht zu ſprechen vermochte. Er zog ihre Hand, die auf ſei⸗ nem Kopfkiſſen ruhte, an ſich und druͤckte ſie an ſeine Lippen; ein Seufzer, der ihm entfuhr, und ein convulſiviſcher Druck ſei⸗ ner Hand, machte ſie in demſelben Augen⸗ blicke auf ihn aufmerkſam, und als ſie nach ihm ſah, war er todt. So ſtarb dieſer liebende alte Mann, deſſen Freundſchaft fuͤr die ungluͤckliche Lady die Verwunderung aller Menſchen gewor⸗ den war; denn bis dahin, wo er ſelbſt die geheimen Beweggruͤnde jener reinen Liebe offenbart hatte, die ihn bewogen, ſich zu ihrem Vater aufzuwerfen, hatte er ſie ſo ſorgfaͤltig verhehlt, daß niemand die bei⸗ ſpielloſe Beſtaͤndigkeit ſeines Wohlwollens fuͤr etwas anders, als einen Impuls der zartſinnigſten Menſchenliebe halten konnte. Obgleich hier unſere Geſchichte ſich ſchließt, und wir diejenigen, welche von III. Bändchen 11* — 246— Rothelans Thaten ein Mehreres wiſſen wol⸗ len, auf die Quelle, woraus wir unſere Erzaͤhlung ſelbſt ſchoͤpften, ſo wie auf die Geſchichtſchreiber jener Zeit verweiſen muͤſ⸗ ſen, ſo glauben wir hier doch in der Kuͤrze be⸗ ruͤhren zu muͤſſen, daß Rothelan in dem zwei⸗ ten franzoͤſiſchen Kriege, als Koͤnig Johann, Philipps Sohn, zur Krone gelangte, und Koͤ⸗ nig Eduard ſeine eigenen Anſpruͤche auf die Erbſchaft von neuem geltend zu machen be⸗ ſchloß, dem ſchwarzen Prinzen nach Bor⸗ deauxr folgte, und den folgenden Feldzuͤgen, ſowohl in Frankreich als in Arragonien, bei⸗ wohnte, und daß bekanntlich er es war, der dem franzoͤſiſchen Monarchen vom Pferde ſteigen half, als er, in der Schlacht von Poictier gefangen, dem Prinzen ſein Schwert uͤberreichte. Es bleibt uns ruͤckſichtlich der Lady Alber⸗ tine, Ralph Hanslaps und Hubert Neville's wenig zu ſagen uͤbrig, da unſer Geſchicht⸗ ſchreiber daruͤber nur eine wenig befriedigende Auskunft gibt; nur ſoviel erhellt, daß die —— — — 247— Lady Albertine, als einziges Beiſpiel einer Romanenheldin, Urgroßmutter ward, in welcher Hinſicht ſie fuͤr ein Original gelten kann.„Als ſie ſtarb,“ ſagt er,„wurde ihr Geiſt, gleich dem Dufte der Roſe auf den Schwingen der Sommerluͤfte, ſanft in das Paradies hinuͤber getragen.“ Ralph Hanslaps ferneres Schickſal iſt in ziemliches Dunkel gehuͤllt; denn es ſcheint zweifelhaft, ob er als Buͤßer eine Pilger⸗ fahrt nach dem heiligen Grabe antrat und dort ſtarb, oder ob er zur Armee nach Frankreich ging und dort erſchlagen ward. Man ſah ihn zuletzt im Daͤmmerlichte des Abends bei dem von Prieſterhand nicht eingeſegneten Grabe des Sir Amias ſtehen. Er hatte einen Stab in der Hand und eine Pilgertaſche umhaͤngen, wie Einer, der eine weite Pilgerreiſe zu machen geſon⸗ nen iſt. Der Neumond ſtand am Himmel, er gab aber nur ein bleiches daͤmmerndes Licht von ſich. Wanderer gingen nach allen vier Richtungen an ihm voruͤber; allein in — 248— ſich ſelbſt verſunken, bekuͤmmerte er ſich nicht um ſie; ſondern blickte ſtarr nach einem Haufen von Steinen, welche Kinder auf dem Platze zuſammengeworfen hatten; Einige wollen ihn im Voruͤbergehen leiſe bei ſich wimmern gehoͤrt haben. Was Hubert Neville betrifft, ſo iſt es allgemein bekannt, daß er ein Moͤnch in der Abtei zu St. Peter in Weſtminſter wurde, wo er ein exemplariſch ſtrenges Leben fuͤhrte. Sein Grabſtein befindet ſich, der Meinung nach, noch in den Kreuzgaͤngen des Klo⸗ ſters, aber ohne Zierrath und Inſchrift, welche ausgetreten ſind, was er jedoch nur ſich ſelbſt und ſeiner ausnehmenden Buße und Froͤmmigkeit zu verdanken hatte; denn im Gefuͤhle ſeiner eigenen Unwuͤrdigkeit verlangte er, daß man ſeine Gebeine unter der Kirchenthuͤrſchwelle auf den Kreuzgang begrabe, damit man ihn beſtaͤndig unter die Fuͤße treten moͤge, welcher chriſtlichen Demuth man willfahrte. Aus beſonderer Gunſt gegen den Abgeſchiedenen ließ der — 249— damalige Abt dem Publikum einen Durch⸗ gang von der ſogenannten Poeten⸗Ecke her eröffnen, damit das Grab eines ſo großen Sunders und ausgezeichneten Heiligen tuͤch⸗ tig unter die Fuͤße getrampelt wer⸗ den moͤge. So haben denn muͤßige Kna⸗ ben und andere ausgelaſſene Menſchen, die ſich dieſes Durchgangs bedienten, Ge⸗ legenheit gefunden, das Monument zu zer⸗ ſoͤren: ein auffallendes Beiſpiel der Gefahr, welche bisweilen auch dabei iſt, die demuͤ⸗ thigſten Wuͤnſche heiliger Maͤnner zu er⸗ fuͤllen. Wir hoffen jedoch, der naͤchtlichen Ruhe des Dechants und des Kapitels hal⸗ ber, daß nichts Wahres an dem Geruͤcht iſt, nach welchem ſie vorhaͤtten, dem Pu⸗ blikum den Durchgang zu verſperren; da man im Vertrauen behaupten will, daß die Geiſter mancher Heiligen ſehr rachſuͤch⸗ tig ſind. Sollte dieß etwa der Fall mit Hubert Neville ſeyn, ſo geben wir ihnen zu bedenken, was daraus entſtehen koͤnnte, wenn er aus ſeinem Grabe wieder auf⸗ — 250— ſtaͤnde und ſeine, ſeit undenklichen Zeiten her verjaͤhrten, Rechte und Privilegien wie⸗ der in Anſpruch naͤhme. Weit beſſer und ihrem Intereſſe angemeſſener wuͤrde es ſeyn, wenn ſie die Gebeine ausgruͤben und dem Publikum neben ihren anderen Reliquien fuͤr einen halben Schilling zur Schau auss ſtellten; Dir aber lieber Leſer ſagen wir fuͤr jetzt gute Nacht. Ende des dritten und letzten Bandes. Inhalt des dritten Bandes. Fünfter T h. e. J. Erſtes Kapitel. Kippereien. Zweites Kapitel. Das Zuſammentreffen. Drittes Kapitel. Liſt gegen Liſt. Viertes Kapitel. Das Spiel auf dem Wurf. Sechstes Kapitel. Die welkende Blume. Siebentes Kapitel. Das Verhör. Achtes Kapitel. Die Tafelrunde. Neuntes Kapitel. Neue Beſorgniſſe. Zehntes Kapitel. Der Zauberbann. Eilftes Kapitel. Umwege. Zwölftes Kapitel. Das Schiff. Dreizehntes Kapitel. Die Zeugen. Sechster Theil. Erſtes Kapitel. Die Peſt. Zweites Kapitel. Die Ueberlebenden. — 252— Drittes Kapitel. Ein Lied. Viertes Kapitel. Das Blatt wendet ſich. Fünftes Kapitel. Die Todten werden le⸗ bendig. Sechstes Kapitel. Der Reumüthige. Siebentes Kapitel. Die beiden Liebenden. Achtes Kapitel. Das Sühnopfer. Neuntes Kapitel. Die Entwickelung. Zehntes Kapitel. Beſchluß. 4 Bemerkung. 170 178 192 203 214 222 232 240 Im engliſchen Originale ſind im fünften Theile die Kapitel nach dem vierten unrichtig bezählt wor⸗ den, ſo daß das ſechſte eigentlich das fünfte u. ſ. f. wäre; welches Verſehen auch in unſere Ueberſetzung übergegangen iſt. ——y— e 27 Enioue? 77 e Nuhhn mr in suüs- ser EIr inn rureg 2 Aar. Le B eunst mar die —* Ju- gend so fröh dch ver schwand' dio ½. 8 4 5——— 5 Hu gel, die e. mernden ¼—— 8—— —— —— 3 H Fohatten, dio hei te ren Strdò- me, der +◻ 8 digt See e wie Sohuon die Va- A S 4 1 2₰ ☛½ 1 Ai we, de, Duas wen ve, 0 ——r Rosen es Le bens enblunt mir niont mehr. Hothelan I. Bindohen. MV4 eeee, a. Aig geond, 2 Wio dio Ho- æ der Som=ne er —— qai- endomShed uhle gy. A net, oer 1* 174 1 sehloss zchcler 5 uu⸗ en Dnunh, 5 muach %* 4 ⁸ 8 ₰ — E 1 4 4 X 1at u schon dor Lne- be 90 won- ni== ger 4½ — A —— ö. 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