deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 4 8 4 Eduard Oltmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rücaäbe der Buücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ J 1 7 Uhr bis Abends 8 hr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe vinterleden, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 4 Nr do Pf. 2 Mk. ff. ¹ 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Gefahr ſelbſt zu ſorgen. iſſene, verlorene und Kupfern ꝛc.) muß der ſſene, beſchmutzte, ver⸗ 1 Werkes, ſo iſt 8 1 00000000000000 Ein hiſtoriſcher Roman von G d It, Verfaſſer der Erben, des Gewiſſens, der Wahrſagerin, des Dampfſchiffes u. a. Aus dem Engliſchen von — Friedrich Ludwig Rhode. Zweiter Band. Frankkurt a/M. 2 Verlag von Wilh. Schaefer's Buchhandlung. 1827. Es führen Manche Turpin's Chronik an. und Geoffrey's, um uns was aufzuheften. 5 Lord Byron. 2 4 / 1 X A 1 ₰ d— Druck von Wilh. Ludw. Weſchh in Prafhre a. M. eſchs ——— Rothelan. Zweiter Theil. eeeeeee Zehntes Kapit e l. Der Streifzug. Muſſelburgh war eine Stadt, Als Edinburgh war keine; Wenn Edinburgh geendet hat, Iſt Muſſelburgh noch eine. Eine alte Prophezeihung. Sehr paſſend bemerkt unſer Geſchictſchrei⸗ ber, daß es nicht um nichts wegen war, daß Koͤnig David der Zweite mit ſeinen muthigen Rittern einen Einfall in England machte; es ſcheint im Gegentheile, daß man in Schottland große Erwartungen von II. Bändchen. 1 den vielen Schaͤtzen hegte, die durch dieſes Unternehmen ins Land gebracht werden wuͤrden. Als demnach die Nachricht von der Pluͤnderung der reichen Stadt Dur⸗ ham in Edinburgh und den benachbarten Staͤdten anlangte, wurden Jung und Alt, Vornehme und Niedrige von einem allge⸗ meinen Schwindel ergriffen, der Armee nach⸗ zuziehen und an der Pluͤnderung von York Theil zu nehmen, da man nichts weniger erwartete, als daß dieſe bald Statt haben werde. Welche Zubereitungen hierzu an andern Orten gemacht wurden, wird nicht geſagt; allein der Patriotismus und der Eifer, der damals in Muſſelburgh herrſchte, wird allen Folgezeiten zum Muſter dienen koͤnnen. Einer der Magiſtratsbeamten, deſſen Titel wir Trotz aller Nachforſchungen in den Stadt⸗Archiven nicht ausfindig machen konnten, hatte die Buͤrgerſchaft zuſammen trommeln laſſen, und marſchirte mit ihr nach der Grenze, in der eingeſtandenen Ab⸗ + —ꝛ—-——-— 7 7. — ſicht, die in England ſo nuͤtlich beſchaͤftigte koͤnigliche Armee zu verſtaͤrken, eigentlich aber in der geheimen Erwartung, ſich die Beutel zu ſpicken. Von einem nicht minder lobenswerthen Eifer angeſpornt, beſchloſſen die Weiber den Ruhm und die Trophaͤen ihrer Maͤnner zu theilen. Sie verſahen ſich demnach mit Trag⸗ und Henkelkoͤrben, und großen weiten Schuͤrzen, wozu ſie wohl die Tuͤcher von den Betten verwendet haben mochten, wenn es in damaliger Zeit ſchon Betttuͤcher in Schottland gab. So mit al⸗ lem verſehen, was dazu dienen konnte, ganze Ladungen von Reichthuͤmern mit nach Hauſe zu bringen, zogen die betriebſamen Weiber von Muſſelburgh aus, um ihren kriegeriſchen Eheherrn mit ins Feld zu folgen. Ehe die Muſſelburgher jedoch den Tweed erreichten, langte die Nachricht von des Koͤnigs Ruͤckzug an. Dieſes war fuͤr ihren kuͤhnen Unternehmungsgeiſt eine ſchmerzliche Taͤuſchung; ſie entſchloſſen ſich alſo nach Hauſe zuruͤck zu kehren, und in Folge dieſer Entſchließung erreichten ſie die An⸗ hoͤhe von Carberry denſelben Abend, an welchem Gabriel de Glowr in ſeine an⸗ ſehnliche Veſte Falaſide einzuziehen ge⸗ dachte. Da die Muſſelburgher, wie unſer Autor ſagt, uͤber den erfolgloſen Ausgang ihres Zuges mißmuthig und ermuͤdet waren, ſo hatten ſie ſich an dem ſuͤdlichen Abhange der Anhoͤhe niedergelaſſen, theils um ſich von den Beſchwerlichkeiten des Tages zu erholen, theils wie er meint, um die Nacht anruͤcken zu laſſen, um in der Dunkelheit unbemerkt in die Stadt ſchluͤpfen, und ſo dem Gehoͤhne und dem Gelaͤchter ihrer Nach⸗ barn entgehen zu koͤnnen, unter denen ſich mehrere kaltbluͤtige und bedaͤchtige Leute befanden, die uͤber den Gemeingeiſt, von dem ſich ihre heldenmuͤthigen Seelen ſo lobenswuͤrdig hatten hinreiſſen laſſen, nur ſehr oberflaͤchliche und leichtfertige dnchein 3 faͤllten. Die Maͤnner brummten und ſchnurrten einander mit kurzen Worten an; die Wei⸗ ber ſchwiegen, aber in keiner gefaͤlligen Laune, und ſaßen mit ihren muͤden Ruͤcken gegen die leeren Koͤrben gelehnt, und ihre großen Schuͤrzen gleich Maͤnteln um die Schultern geſchlagen da, waͤhrend der hoch⸗ wuͤrdige Magiſtratsbeamte, der ſie zur Schlacht oder zum Einſammeln der Bro⸗ ſamen des Siegs gefuͤhrt hatte, in einiger Entfernung einſam gegen eine vom Blitz ge⸗ troffene Eſche gelehnt ſtand, und ſchmerz⸗ voll bewegt uͤber die Nichtigkeit der menſch⸗ lichen Wuͤnſche und Hoffnungen nachſann. In dieſem Zuſtande der Troſtloſigkeit geſchah es, daß einige von der Parthie in der Ferne Sir Gabriel de Glowr gewahrten, wie er ſchwerfaͤllig ſeinen Zug nach Falaſide fortſetzte. Bei dieſem Anblicke fuhren die Muſſel⸗ burgher ſammt und ſonders, ſowohl Maͤn⸗ ner als Weiber von ihren Sitzen auf, und machten ihrem Anfuͤhrer mit lautem Geſchrei den Vorſchlag, ſich fuͤr die bittere Taͤu⸗ — 6— ſchung, die ſie erlitten haͤtten, dadurch zu entſchaͤdigen, daß man die Streifzuͤgler von Falaſide angriffe und ihnen die Beute ab⸗ naͤhme, deren ſie ſich ſelbſt vermoͤge keines andern Rechtes oder Verdienſtes bemaͤchtigt haͤtten, als daß ſie zufaͤllig bei der koͤnig⸗ lichen Armee gegenwaͤrtig geweſen waͤren, als ihr gemeinſamer Beherrſcher und Herr ſich der Stadt Durham bemaͤchtigt habe. Ihr, ehrwuͤrdiger Vorgeſetzter willigte ſehr herablaſſend in dieſen geſcheidten Vor⸗ ſchlag ein, und unſer Autor erzaͤhlt, daß die Weiber ſofort ihre Koͤrbe ſtehen ließen, und ſich damit beſchaͤftigten, Steine in die Ecken ihrer Schuͤrzen zu binden, und daß ſie ihre Struͤmpfe auszogen, um Steine in die Fuͤße zu thun, und ſie ſo in gewaltig wirkſame Schwungwaffen umzuſchaffen. Wir finden jedoch Bedenken, dieſem Allem ſo ganz unbedingten Glauben beizumeſſen, da uns ruͤckſichtlich der Struͤmpfe einige hiſtoriſche Zweifel aufſtoßen. Als die Ama⸗ zonen von Muſſelburgh ſo ihren Entſchluß —— gefaßt, und ſich zum Streit bewaffnet hat⸗ ten, zogen ihre tapfern Ehehaͤlften vom Leder und die ganze Parthie ſetzte ſich mit entſchloſſener Miene gegen ihren gluͤcklicher geweſenen Nachbar in Bewegung; denn die Veſte Falaſide ſtand und ſteht noch auf der, die„ehrbare Stadt“ beherrſchenden Anhoͤhe, und der Magiſtrat und der Haͤuptling kann⸗ ten ſich recht gut und hatten ſich oft bei einander guͤtlich gethan. Als Gabriel de Glowrs Truppe einen ſo furchtbaren Zug auf ſich zu kommen ſah, hielt ſie auf der Haide ſtill, gerade nicht in Schrecken geſetzt, aber dennoch uͤber die Ge⸗ fahr beunruhigt, welche ſo ploͤtzlich ihrem gemachten Raube drohte. Ohne abzuſteigen hielt ihr Fuͤhrer einen Kriegsrath, deſſen Beſchluß, wie wir aus dem Folgenden ſehen werden, dahin ausfiel, daß man verſuchen wollte die Beute zu retten, ohne ſich mit einer ſo furchtbaren Uebermacht in einen Scharmuͤtzel einzulaſſen. Es wurde demnach das Rindvieh nebſt den Pferden, auf deren einem unſer kleiner Rothelan zwiſchen zwei Saͤcken mit gepluͤnderten Sachen ſaß, von zweien von Gabriel de Glowrs Leuten nach dem Schloſſe getrieben, waͤhrend er ſelbſt mit den fuͤnf andern tapfer auf die Muſſelburgher losging. Als Clinkſcales, denn ſo hieß die wuͤr⸗ dige Magiſtratsperſon, dieſe Vorkehrungen auf des Feindes Seite ſah, theilte er ſeine Macht in zwei Abtheilungen. Die Buͤrger zog er in eine Maſſe auf der Spitze des Huͤgels zuſammen, waͤhrend er die flinkeren Weiber links und rechts zwei Halbe monde bilden und als leichte Infanterie ſich anſchließen ließ. Im Geſchwindſchritte und ihre Waffen gleich Wurfſchleudern uͤber den Kopf ſchwingend, ſtuͤrzten dieſe auf das Rind⸗ 1 vieh und die Pferde los, welche ſie in einen Kreis einſchloſſen. Dieſes geſchickte und kuͤhne Manoͤvre entſchied das Schickſal des Tages ohne Blutvergießen; denn da Ga⸗ briel de Glowr alles, was ihm auf dem Schlachtfelde theuer war, ſo ploͤtzlich um⸗ — 9— zingelt ſah, gab er ſeinem Pferde die Spor⸗ nen, und ritt, eine Unterhandlung begeh⸗ rend, auf die Muſſelburgher zu. Da ihn Clinkſcales ſo allein und ohne Begleitung auf ſich zu reiten ſah, ging er ihm, den fuͤr ſolche Unterhandlungsfaͤlle feſtgeſetzten Kriegsgebraͤuchen gemaͤß, entgegen. „Behuͤt uns Gott, Clinkſcales!“ ſagte Gabriel de Glowr, ſein Pferd anhaltend, „was ſoll dieſer Aufzug bedeuten, und zu welchem Zwecke ſteht Ihr da hingepflanzt mit Euern Buͤrgern und Schergen, als ob ehrliche Leute Straßenraͤuber waͤren?“ „Wo habt Ihr jenes Vieh her, Sir Gabriel?“ erwiederte Clinkſcales ruhig, „und was iſt das fuͤr Geraͤthe, das Ihr in jenen Saͤcken bei Euch fuͤhrt?“ „Ich will Euch,“ antwortete ihm Sir Gabriel de Glowr,„gerade keinen Narren heißen, daß Ihr die Naſe in alles ſtecken wollt, kann aber dennoch nicht umhin, Euch bemerklich zu machen, daß es keineswegs beſcheiden von Euch iſt, Euch das Maul II. Bändchen. 1* 2 A — 410— an anderer Leute Suppe zu verbrennen. Das Vieh iſt mein, und das Geraͤthe iſt mein— beides iſt nach Kriegsrecht erobertes Gut, und damit Baſta! Ihr thaͤtet beſſer, nach Hauſe zu gehen und Euch um das Diebsgeſindel in Eurer eigenen Stadt zu bekuͤmmern.“ „Ich ſtehe hier im Namen des Koͤnigs und vermoͤge meines Amtes,“ erwiederte der wuͤrdige Stadtvorſtand trotzig,„und werde nie zulaſſen, daß man die Leute ſo ohne Verantwortlichkeit auspluͤndert. Ihr habt demnach zu beweiſen, daß Ihr auf rechtlichem Wege dazu gelangt ſeyd, oder Euch gefaßt zu machen, die Schwere meiner Streitaxt zu fuͤhlen.“ „Ihr ſeyd ſicher nicht bei Sinnen, Elink⸗ ſcales; was Ihr hier ſeht, iſt bloß mein An⸗ theil an der Beute, die ich bei der Pluͤnde⸗ rung von Durham davon getragen habe.“ „So ſagt Ihr,“ erwiederte Clinkſcales, „und ich will gerade nicht behaupten, daß ich meine Urſachen habe Mißtrauen in Euch zu ſetzen; allein wozu dient das viele Hin⸗ — 11— und Herreden, Ihr liefert mir die be⸗ ſtrittenen Sachen rein aus, um ſolche in Berwahrung zu nehmen, wenn etwa Klagen daruͤber einlaufen.“ „Klagen! wer zum Teufel ſoll daruͤber Klage fuͤhren? Glaubt Ihr, daß jemand jenſeits der Alnwick ſo albern ſeyn werde, uͤber die Grenze heruͤber zu kommen, um Falaſide zu verklagen?“ „Das mag Alles recht gut ſeyn, was Ihr da ſagt, Sir Gabriel, und ich gebe das gern zu; allein Ihr wißt, daß, wenn das Reich durch die Abweſenheit des Koͤnigs gleichſam ohne Vertheidigung gelaſſen iſt, die Behoͤrden und die, welche mit ihnen zu Rathe ſitzen, verbunden— gewiſſenhaft ver⸗ bunden ſind, darauf zu ſehen, daß den Un⸗ terthanen kein Schaden zugefuͤgt werde. Kurz, Sir Gabriel, Ihr werdet wohl thun, Euch hierin zu fuͤgen.“ Sir Gabriel ſchien jedoch hierzu nicht geneigt zu ſeyn; er blickte um ſich und ge⸗ wahrte, wie der Muth den Seinigen aus ihren — 12— finſteren Blicken flammte; dann ſah er wieder mit zornig rothem Geſicht nach den Buͤrgern von Muſſelburgh; allein Clinkſcales drehte ſich, ohne auf ſeinen ſteigenden Zorn zu achten, nach ſeinen Leuten um und rief: „Ihr Buͤrger von Muſſelburgh, vor⸗ waͤrts! und helft Euren Weibern das ent⸗ wendete Vieh nach der Stadt treiben.“ Er fuͤgte ſodann, ſich an Gabriel de Glowr wendend, die ſehr beruhigende Erklaͤrung hinzu:„Das Vieh, Sir Gabriel, ſoll be⸗ ſtens verſorgt werden, bis die Sache auf dem Wege Rechtens entſchieden iſt.“ „Donner und Teufel! auf dem Rechts⸗ wege? Clinkſcales, koͤnnt Ihr noch die Ver⸗ wegenheit haben, mir von den Rechten zu ſprechen? Ihr ſeyd ſicherlich nicht bei Sin⸗ nen. Der Teufel ſoll Dir das Licht hal⸗ ten!“ Hiermit zog Gabriel de Glowr ſein Schwert und wuͤrde den Magiſtratsbeamten bis auf das Kinn geſpalten haben; allein Clinkſcales ſprang plöͤtzlich auf die Seite —,= — 13— „Ihr Maͤnner von Muſſelburgh! Ihr Maͤnner von Muſſelburgh! kommt hierher und ergreift dieſen widerſpenſtigen Rebellen. Er ſoll dem Koͤnige Rede ſtehen, daß er meine Autoritaͤt nicht reſpectirt.“ Gabriel de Glowr ward jedoch durch Clinkſcales Entſchluß eher mehr aufgebracht, als erſchreckt; und ſeine Begleiter, da ſie die Gefahr ihres Anfuͤhrers ſahen, umring⸗ ten ihn muthig, waͤhrend ihre gerunzelten Stirnen und gezogenen Schwerter ihren Entſchuß zeigten, ihn mit ihrem Leben zu vertheidigen. „Halt, halt!“ rief der wuͤrdige Magi⸗ ſtratsbeamte, da er die Dinge ſo aufs Aeu⸗ ßerſte getrieben ſah,—„es ſchickt ſich nicht fuͤr Nachbarn wie wir ſind, ſo um uns zu ſchlagen. Es faͤllt mir ein Gedanke bei, den Ihr ſehr vernuͤnftig findet werdet. Wir wollen uns verſtaͤndigen: Ihr uͤberlie⸗ fert mir gutwillig die Haͤlfte von Allem, was Ihr— wir wollen zugeben, daß es wahr ſey, was Ihr ſagt— nach Kriegsrecht N — 44— erworben habt, und ich erlaube Euch ſo⸗ dann, die andere Haͤlfte in Gottes Namen mit nach Hauſe zu nehmen.“ Es wurde hierauf noch eine Weile un⸗ terhandelt und Vorſtellungen gemacht; da aber die Buͤrger im Vortheile ſtanden, ſo war Gabriel de Glowr endlich genoͤthigt, unter den vorgeſchlagenen Bedingungen zu capituliren, faßte jedoch ſeinen Entſchluß, die erlittene Kraͤnkung bei der erſten, be⸗ ſten Gelegenheit an der ehrbaren Stadt zu raͤchen. So entſtanden jene Fehden zwiſchen den Buͤrgern von Muſſelburgh und den Baronen von Falaſide, wovon wir vielleicht bei einer andern Gelegenheit weitlaͤuftiger reden werden. Wir muͤſſen indeſſen, un⸗ ſerm Originale folgend, hier den gefange⸗ nen Edelknaben in den Haͤnden des Sir Gabriel de Glowr laſſen, und den Verfolg anderwaͤrtiger Begebenheiten erzaͤhlen, die ſo weſentlich auf ſein zukuͤnftiges Gluͤck wie auf ſeine nachmalige Beruͤhmtheit ein⸗ wirkten. 90 0⁰0 2 90069 Eilftes Kapitel. Die Belagerung. Ich lag in tiefem Schlummer, da kam, So wie ich träumend es glaubte, Ein Greif, ein grimmiges Unthier, und nahm Die Krone mir vom Haupte; Zerzauſ'te meiner Haare Zier, Den Kragen, die goldene Weſte, Zerfleiſchend pickte ſein Schnabel an mir, Und wollt' er mich tragen zum Neſte. Sir Aldingar. Wie wir bereits erwaͤhnten, marſchirte die ſchottiſche Armee, nachdem Gabriel de Glowr ſie verlaſſen hatte, auf das Schloß Werk los, welches damals von der beruͤhmten Graͤfin von Salisbury, in Abweſenheit des Grafen, ihres Gemahls, vertheidigt ward. Dieſe, aus koͤniglichem Blute entſproſſene Dame und die groͤßte Schoͤnheit ihres Zeit⸗ alters, war, wie unſer romantiſcher Ge⸗ ſchichtſchreiber erzaͤhlt, nicht ſowohl we⸗ gen ihrer hohen Geburt und unvergleichli⸗ chen Schoͤnheit, als wegen der Hoheit ihrer Geſinnungen und der Groͤße ihrer Tugen⸗ gen uͤber alle Andere ihres Geſchlechts er⸗ haben... Gegen die Neige des Tages, als Stadt und Waͤlder ſich im Glanze der ſinkenden Sonne wiegten und die Stroͤme hier und dort noch in ihrem prallen Strahle funkel⸗ ten, gewahrte die Graͤfin, die ſich mit ihren Kammermaͤdchen auf dem Walle des Schloſ⸗ ſes erging, die Speere der im Anmarſch be⸗ griffenen Schotten, gleich den aufſchießen⸗ den Strahlen des Nordlichts uͤber den Wol⸗ ken, bald hier bald da, uͤber die nahen Ge⸗ hoͤlze hervorſchimmern. 1 Da ihr kein Gedanke kam, daß der Feind ſo nahe ſey, ob ſie gleich den Tag uͤber ge⸗ hoͤrt hatte, daß die Schottlaͤnder zuruͤckkehr⸗ ten, ſo war ſie anfaͤnglich uͤber die Erſchei⸗ nung einer ſo bedeutenden Macht ſehr be⸗ — 17— unruhigt; ihr muthvoller Charakter gewann jedoch bald wieder die Oberhand, und ſie befahl daher ihren Dienern und Soldaten im Schloſſe, zu den Waffen zu greifen und die Waͤlle zu bemannen, da ſie entſchloſſen war, ſich nicht zu ergeben, ehe ſie die Tapfer⸗ keit ihrer Beſatzung erprobt hatte. So ward der ſchottiſche Koͤnig in ſeiner Erwar⸗ tung getaͤuſcht, das Schloß zu uͤberrumpeln; denn wie er ſich den Mauern nahte, ſah er die Zinnen und Thuͤrme deſſelben dicht mit Mannſchaft beſetzt; man ſah die Graͤfin ſelbſt in einem weißen Kleide unter ihnen auf⸗ und abgehen, und ihren maͤnnlichen Muth mit aufgehobener Rechten durch ihre hegei⸗ ſternden Reden anfeuern. Entſchloſſen, dieſe feſte Burg wegzuneh⸗ men, ließ Koͤnig David ſie von allen Sei⸗ ten durch ſeine Leute berennen, und die Graͤfin durch einen Trompeter zur Ueber⸗ gabe auffordern. Sie gab dem Koͤnig von Schottland in⸗ deſſen in eigener Perſon von der Mauer herab eine trotzige, abſchlaͤgliche Antwort. „Dieß,“ ſagte ſie,„iſt die Wohnung eines Frauenzimmers, in welche man nicht ſo un⸗ hoͤflich eindringen darf.“ „Es thut mir leid,“ erwiederte der junge Koͤnig,„die Vergnuͤgungen eines Frauenzimmer⸗Aufenthalts ſtoͤren zu muͤſſenz allein es iſt Abend, und wir ſind heute weit marſchirt; wir moͤchten uns gern uͤber Nacht bei Euch einquartieren, und Ihr koͤnntet Euch die Unannehmlichkeit erſparen, eine derbere Sprache mit Euch fuͤhren zu muͤſſen, wenn Ihr uns einließet, um an einer gu⸗ ten Abendmahlzeit Theil zu nehmen. „Ich zweifle nicht,“ erwiederte die Graͤ⸗ fin mit einem Laͤcheln,„daß Ihr weit her gekommen ſeyd, und Euch geeilt habt; denn es geht das Geruͤcht, daß Koͤnig Eduard hinter Euch ſey.“ Der Koͤnig drehte ſich nach einigen Lords aus ſeinem Gefolge um und ſagte: „Es fehlt ihrer Mahlzeit wahrhaftig nicht am Salze.“ Er wendete ſich ſodann wieder an ſie und ſagte: „Die Nacht bricht jaͤhlings ein, ich bitte Euch deßhalb die Thore zu oͤffnen.“ „Ich bedaure ſehr, ſo ungaſtfreundlich erſcheinen zu muͤſſen; allein die Thore die⸗ ſes Schloſſes koͤnnen nicht von innen ge⸗ oͤffnet werden. Als mein Lord es verließ, drehte er den Schluͤſſel von außen um, und wenn Eure Majeſtaͤt die Schloͤſſer nicht auf⸗ bringen kann, ſo fuͤrchte ich, daß Ihr dieſe Nacht unter dem freien Himmel zubringen muͤßt.“ „Iſt das Euer Ernſt, Lady?“ „Mein voͤlliger Ernſt, mit Eurer Maje⸗ ſtaͤt Erlaubniß.“ „Sollen wir uns von dieſem Hausteu⸗ fel von Weibe foppen laſſen?“ rief der Koͤnig aufgebracht, ſich mit ſolcher Gelaſſen⸗ heit Trotz geboten zu ſehen; er drehte ſich deßhalb um, um die Soldaten zum Anruͤ⸗ cken zu beordern.“ In demſelben Augenblicke gab die Graͤ⸗ — 20— fin den Bogenſchuͤtzen, welche hinter der Bruſtwehre der Zinne ſtanden, wo die Un⸗ terredung vorfiel, ein Zeichen mit der Hand, worauf ſie ihre Bogen anlegten. Einige der ſchottiſchen Adelichen, welche nahe beim Koͤnige ſtanden und die Gefahr ſahen, in welche er ploͤtzlich gerathen war, warfen ſich zwiſchen ihn und das Schloß, und deckten ihn mit ihren Schilden, in dem⸗ ſelben Augenblicke, als eben die Schuͤtzen ihre Bogen ſpannten. Die Pfeile prallten ohne Schaden anzurichten von den Schilden zuruͤck und keiner verwundete. Die Graͤfin lachte und rief, um ihre Leute anzufeuern, die ſich durch ihr braves Be⸗ nehmen ermuthiget fanden, dem Koͤnige mit lauter Stimme zu: „Gaͤnſefluͤgel ſind ein ſchlechtes Abend⸗ eſſen, allein fuͤr Eure Majeſtaͤt iſt kein beſſeres Mahl in Werk bereitet.“ Die ſchottiſchen Bogenſchuͤtzen ließen ſie jedoch nicht lange in dieſem Triumph. Die Gefahr ſehend, in welcher ſich ihr Koͤnig “ — 21— befand, kamen ſie eilig hinzu, ſpannten ihre Bogen und legten auf ſie an, ſo daß ſie den Schuͤtzen der Graͤfin, welche auf der Mauer des Schloſſes der Gefahr ausgeſetzt war, ihrer Seits die Beſorgniß vor einer Er⸗ wiederung des Pfeilregens einfloͤßten, bls Seine Majeſtaͤt ſich außer Schußweite zuruͤck gezogen hatte. Dieß verurſachte jedoch nur einen kurzen Stillſtand, denn die Graͤfin be⸗ fahl ihren Leuten zu ſchießen und nicht fuͤr ſie zu fuͤrchten. Das Schloß erſchien hierauf, wie unſer Autor erzaͤhlt, theils durch den, von den anfliegenden Pfeilen aufgeregten Staub, theils durch den Hagelregen der zwiſchen den Schuͤtzen der Beſatzung und der Be⸗ lagerer gewechſelten Pfeile, wie in einen Nebel gehuͤllt. Auf beiden Seiten, fuͤgt er hinzu, wurde durch dieſe Verſchwendung von Geſchoſſen wenig Blut vergoſſen; al⸗ lein in der Zwiſchenzeit hatten mehrere ſchottiſche Soldaten einige dicke Baͤume ab⸗ gehauen, um ſolche als Mauerbrecher zu gebrauchen. Als die Graͤfin dieſes ſah, — 22— ließ ſie ein großes Feuer von Balken, Schei⸗ tern und Reiſig im Schloßhofe anzuͤnden, und ſo wie die Schotten ſich mit ihren Maſchinen unten am Thorwege zeigten, die brennenden Reiſigbuͤndel und lodernden Balken dermaßen auf ſie hinunter ſchleu⸗ dern, daß viele die ſchweren Baͤume hin⸗ warfen, um ſich zu retten, und dabei die Fuͤße und andere Gliedmaßen ihrer Kame⸗ raden ſo zerquetſchten, daß auf allen Sei⸗ ten ein fuͤrchterliches Geheul entſtand, und man das Schreien der Verwundeten und Verbrannten, mitten aus dem Getoͤſe und der Verwirrung des Gefechts vernahm. Die Dunkelheit, faͤhrt unſer Geſchichts⸗ erzaͤhler fort, vermehrte jetzt noch die Schre⸗ ceen eines wuͤthenden Kampfes. Die Flam⸗ men des im Schloßhofe angezuͤndeten gro⸗ ßen Feuers ſtiegen roth und hoch empor, einen ſchaurig wilden Glanz auf die Thuͤrme werfend, waͤhrend die Rauern von auſſen in der tiefſten Dunkelheit lagen. Da haͤttet Ihr die Streitenden ſehen ſollen! Die im Schloſſe, denen das Licht auf den Ruͤcken fiel, und deren Waffen gleich Fackeln um ihre Koͤpfe ſchimmerten, wenn ſie ſich vor⸗ beugten, um die Anſtuͤrmenden nieder zu ſchmettern, ſahen aus wie Mohren; die Schotten hingegen, mit ihren aufwaͤrts gekehrten und vom Lichte erhellten Geſich⸗ tern, ſahen dem Abgrunde der Hoͤlle ent⸗ ſteigenden Daͤmonen aͤhnlich. Die Graͤ— fin Salisbury ſtand an der Ecke eines Thurms, gleich einem lichten Feuerzeichen auf der Spitze eines vorſpringenden Felſen⸗ riffs uͤber dem Toſen und Rollen der ſich brechenden Wogen. Als der Koͤnig von Schottland ſah, daß das Schloß nicht ſo leicht wegzunehmen war, als er es erwartet hatte, ließ er, nach verſchiedenen vergeblichen Verſuchen, die Thore zu verbrennen, ſeine Leute fuͤr die Nacht abrufen, entſchloſſen am andern Morgen den Sturm zu erneuern; indem er glaubte, daß die Graͤfin bis dahin Gelegen⸗ heit haben werde, uͤber die Ueberlegenheit, — 24— mit welcher ſie zu kaͤmpfen hatte, nachzu⸗ denken, und geneigter werden wuͤrde mit ihm zu unterhandeln. Was er jedoch fuͤr die ſchwaͤchſte Seite der Feſtung hielt, ihr weiblicher Commandant naͤmlich, war ihre größte Staͤrke; denn ihr feſter Wille und ihre Großherzigkeit floͤßte der Beſatzung einen ſolchen hohen Muth ein, daß der ge⸗ ringſte Diener der Halle ſo muthvoll in ſeinen Entſchluͤſſen war, als der ſtolzeſte Lord, der mit dem Koͤnig zur Tafel ſaß. Ehe der Morgen jedoch anbrach, langte dir Nachricht an, daß die engliſche Armee in Eilmaͤrſchen heranruͤcke, und der ſchottiſche 1 Adel immer beſorgt, die in Durham ge⸗ machte Beute ſich zu erhalten, ſprach, an⸗ ſtatt eines zu erneuernden Gefechts, nur von der Ruͤckkehr nach Haus. Umſonſt er⸗ b 5 innerte ſie der jugendliche Sohn des helden⸗ muͤthigen Bruce an den Ruhm ihrer ta⸗ pfern Vaͤter, ihren eigenen Muth und die Unehre, durch Habſucht geleitet, ſo vor ihren alten Feinden zu fliehen; allein all' — 25— ihr Heldenmuth war ſo ſehr in dem Ge⸗ danken an ihren Gewinn abſorbirt, daß, als Koͤnig Eduard vor dem Schloße Werk anlangte, er keine andern Spuren der ſchot⸗ tiſchen Armee mehr vorfand, als die bei dem naͤchtlichen Sturme zerbrochenen Ge⸗ ſchoſſe, die Staͤmme der zu Mauerbrechern gefaͤllten Baͤume, und die Leichname eini⸗ ger Wenigen, die in dem Gefechte geblie⸗ ben waren. II. Bändchen. 2 0000 Zwoͤlftes Kapitel. Der Koͤnig und die Edelfrau. Die Liebe iſt, ſo wie der Dichter ſingt, Für ſanfte Herzen eine leichte Lehre. Das Ehrenwort. Der Koͤnig von England war, wie unſer Autor zu erzaͤhlen fortfaͤhrt, hoͤchlich ver⸗ gnuͤgt, als er das heldenmuͤthige Benehmen ſeiner ſchoͤnen Baſe vernahm. Er ließ ſeine Truppen auf dem Felde und der Anhoͤhe um Werk Halt machen, und ging von Lord Moybray und den andern Baronen beglei⸗ tet nach dem Schloſſe, um der Graͤfin von Salisbury ſeine Aufwartung zu machen, und ihr unter Lobeserhebungen ſeine Gluͤck⸗ wuͤnſche fuͤr den, einer königlichen Armee geleiſteten muthvollen Widerſtand darzu⸗ bringen. — 22— Der Koͤnig hatte ſie ſeit den Tagen ih⸗ rer Kindheit nicht geſehen, und er war von ihrer Schoͤnheit ſo entzuͤckt, daß er, wie der Geſchichtſchreiber ſagt, wie bezaubert und ſich wundernd daſtand, wie aus dem kleinen muthwilligen Geſchoͤpfe, mit dem er in den zarten Kinderjahren manche muthwillige Streiche veruͤbt hatte, ein ſo bezauberndes Weſen geworden ſeyn koͤnne. Nachdem er ihr in vielen artigen Ausdruͤcken ſein Ver⸗ gnuͤgen uͤber ihr Widerſehen geaͤußert hatte, faßte er ſie bei der Hand und fuͤhrte ſie, die eigentliche Abſicht ſeines Beſuchs gaͤnzlich vergeſſend, in das Schloß, denn ſie war ihm zum Empfange bis an das Schloßthor ent⸗ gegen gegangen. Lord Mowbray und die andern Barone, welche bei ihm zuruͤck geblie⸗ ben waren, ſahen einander eine Weile ver⸗ wundert an, was Seine Majeſtaͤt ploͤtzlich bezaubert haben koͤnne, und folgten dann ihm und der Graͤfin in die Halle, wo die Tafel mit einem, in der Eile bereireten Mahle gedeckt ſtand. Auf die Einladung der Lady ſetzte ſich der Köͤnig zum Eſſen nieder; allein es wurde bemerkt, daß er wenig genoß, und ſein Auge lieber an dem Anblick ſeiner ſchoͤnen Baſe weidete. Die Graͤfin ſelbſt gerieth anfangs durch dieſe huldigende Bewunderung in ſichtbare Berlegenheit, und erwiederte ſeine heißen Blicke und Erinnerungen an ihre jugendliche Bekanntſchaft einigermaßen mit furchtſamer Verwirrung. Es wurde jedoch von ihrer Umgebung bemerkt, daß ſie ſich bald wieder in Faſſung ſetzte, und durch ihr ruhiges, wuͤrdevolles Benehmen gewiſſer⸗ maßen die Inbrunſt bezaͤhmte, mit welcher ihr koͤniglicher Vetter ſie anſehen zu wollen ſchien. Wenn Seine Majeſtaͤt ſie an ihre kindi⸗ ſchen Spiele auf den ſonnigen Hoͤhen von Windſor erinnerte, ſo erzaͤhlte ſie ihm von ihren Kindern, und ruͤhmte von ihrem aͤl⸗ teſten Sohne, daß er ein verwegener Knabe ſey, und zu einem eben ſo⸗ tapfern Ritter heranwachſen werde, wie ſein Vater, dem — 29— er aber an maͤnnlichem Anſtande nie beikom⸗ men werde; und wenn der Koͤnig ſein Ver⸗ gnuͤgen ausdruͤckte, ſie in ſo ausgezeichneter Schoͤnheit zu erblicken, ſo erkundigte ſie ſich nach dem Wohlbefinden ihrer gnaͤdigen Baſe, der Koͤnigin Philippa, deren vielfache Ver⸗ dienſte ſie liebreich heraushob, und bedauerte die Abweſenheit ihres Lords, des Gra⸗ fen von Salisbury, die ſie noͤthige, ferne dem Hofe, allen Unanehmlichkeiten des Krie⸗ ges und ſeines wandelbaren Gluͤcks ausge⸗ ſetzt, ihr Leben zuzubringen.„Denn“ ſagte ſie,„obgleich der verlaſſene Zuſtand einer huͤlfloſen Frau unter dem Schutze der Ehr⸗ eines jeden Ritters von aͤchtem Schlage ſte hen ſollte, ſo giebt es doch viele unter ih⸗ nen, die fuͤr ein ſo heiliges Recht keine Achtung haben.“ Mit ſolchen beſcheiden hingeworfe⸗ nen Reden erinnerte ſie ihn von Zeit zu Zeit an die Achtung, die er ihr und ſich ſelbſt ſchuldig war, und bezaͤhmte die Aeußerungen der ſichtbaren Leidenſchaft, de⸗ — 30— ren Gluth ihre mit ſo vielem Zartgefuͤhle ausgedruͤckten Verweiſe, und die ruhige Wuͤrde, die aus thren heitern Augen, dem hellen Widerſcheine der Strahlen der himm⸗ liſchen Sterne aͤhnlich, glaͤnzte, jedoch nur immer mehr anfachte. Mitten in dieſer Unterhaltung erhob ſich jedoch am untern Ende der Halle das ſtoͤ⸗ rende Geraͤuſch eines Wortwechſels, und das klagende Geſchrei eines Menſchen, den man mißhandeln zu wollen ſchien; ſo, daß der Koͤnig hierauf aufmerkſam geworden, Schwei⸗ gen und Ruhe gebot. Statt ſeine Befehle jedoch befolgt zu ſehen, dauerte die Unord-⸗ nung fort, und einer von Mowbrays Be⸗ dienten kam, in einer Hand Rothelans vor⸗ maliges Kleid haltend, mit der andern den Juden Sheback, der ſich von ihm loszuwin⸗ den ſuchte, bei der Gurgel faſſend, und von einer Gruppe anderer Diener umgeben, auf die Tafel zu. Der Koͤnig, der an der Livree des Be⸗ dienten erkannte, welchem Herrn er dehörte — 31— bat Lord Mowbray in einem beißenden Tone, ſeinen unmanierlichen Reitknecht in Zucht zu halten. „Es iſt in der That ein befremdender Zufall und eine wunderliche Geſchichte, die ihn ſo unmanierlich machen,“ erwiederte Lord Mowbray, Rothelans geſticktes Kleid erkennend, aber mißvergnuͤgt, vom Koͤnig in Gegenwart ſo vieler Pairs einen Verweis zu erhalten. Er erhob ſich jedoch von der Tafel und begab ſich zu ſeinem mit dem Juden in ſo handgreiflichen Zwiſt gerathe⸗ nen Bedienten. Nachdem er beide vernom⸗ men hatte, kehrte er mit einem Stuͤcke von Rothelans Kleidung in der Hand nach der Tafel zuruͤck. Hier zeigte er es dem Konig und der Graͤfin, und erzaͤhlte ihnen die Ge⸗ ſchichte von Rothelan, wie ihm der Knabe durch Sir Amias de Crosby empfohlen wor⸗ den ſey, ſo wie ſein ſpaͤteres Verſchwinden zu York. Er pries ihnen die guten An⸗ lagen und koͤrperliche Schoͤnheit des Kna⸗ ben, und beklagte ihn, in die Haͤnde eines — 32.— ſo ſchmutzigen Schottlaͤnders gefallen zu ſeyn, als welchen Sir Gabriel ſich dadurch bewieſen, daß er die Kleidung deſſelben ei⸗ nem Juden verſchachert habe. So viel Mitleid die Graͤfin von Salis⸗ bury auch bei der Erzaͤhlung von dem Un⸗ gluͤcke des verwaiſ'ten Knaben theilneh⸗ mend fuͤhlte, ſo war ſie dennoch nicht unge⸗ halten uͤber dieſe Unterbrechung, wodurch ſie ſich der Zudringlichkeiten des Koͤnigs uͤberhoben ſah; ſie rieth dem Lord Mow⸗ bray, das Kleid in Werk zu laſſen, um un⸗ ter den Bauern der Nachbarſchaft, und durch dieſe unter den ſchottiſchen Grenzbe⸗ wohnern Nachforſchungen nach Gabriel de Glowr anſtellen laſſen zu koͤnnen, deſſen zufaͤllig vernommenen Namens ſich Shebak gluͤcklicher Weiſe noch erinnerte; denn der Geſchichtſchreiber bemerkt hier, daß der un⸗ verſoͤhnlichen Fehden ohnerachtet, welche von der Zeit des Einfalls in Schottland durch Koͤnig Eduard den Erſten, zwiſchen beiden Nationen wuͤtheten, dennoch ein gelegentlich 5 3 8 — 33— freundſchaftlicher Verkehr zwiſchen den Grenz⸗ nachbarn, vorzuͤglich in Hinſicht der Ueber⸗ nahme von Botſchaften und Vorſchlaͤgen zu Ausloͤſung derGefangenen und des geraubten Viehs Statt fand. Zur Ehre der ſchottiſchen berittnen Streifzuͤgler muß jedoch geſagt werden, daß ſie das, was ihnen die ſuͤdli⸗ chen Bewohner abnahmen, mehr nach der Tapferkeit ihrer Thaten, als nach der Be⸗ rechnung von Merks ſchaͤtzten; Spornen und Speere waren die Muͤnze, womit die Schott⸗ blaͤnder in jenen Zeiten gemeiniglich ihr Loͤ⸗ ſegeld bezahlten. Kehren wir jedoch zu un⸗ ſerer Geſchichte zuruͤck. Als Koͤnig Eduard den mitleidsvollen zarten Antheil ſah, den die Graͤfin von Salisbury an dem Schickſal des gefangenen Edelknaben nahm, gab er ſich die Miene uͤber das bedauernswuͤrdige Schickſal des Kindes ſehr geruͤhrt zu ſeyn, und aͤußerte ſich, um ihre Gunſt gegen ihn noch mehr zu gewinnen, einen Unterherold nach Schott⸗ land ſenden zu wollen, um den Knaben aus⸗ II. Bändchen. 2* — 34— findig zu machen, und wenn er ihn gefun⸗ den habe, wegen ſeiner Ausloͤſung zu un⸗ terhandeln. In der Zpviſchenzeit wolle er zu Werk bleiben, beſonders da es nach dem Vorſprung, den Koͤnig David vor Ankunft der Englaͤnder gewonnen hatte, außer Zwei⸗ fel war, daß die Schotten ſo nahe Jedburg erreicht haben mußten, daß ein ferneres Nachſetzen an demſelben Tage hierdurch alſo nutzlos wurde. Es lag uͤberdieß ein Wald zwiſchen beiden Armeen, in welchen es un⸗ vorſichtig und verwegen geweſen waͤre, hin⸗ ein zu marſchiren, ehe man von dem Feinde ſichere Kundſchaft eingezogen hatte. Es war alſo, daß er die Vorſicht fuͤr die Si⸗ cherheit ſeiner Armee zum Vorwande nahm, um die Beweggruͤnde darunter zu verſtecken, die ihn einen Verſchub zu Befriedigung ſei⸗ ner eigenen Wuͤnſche ſuchen ließen. 4. Dreizehntes Kapitel. Die Katze im Sprichwort. Ich hoff' einen Mann Noch aufzutreiben, Der leſen und ſchreiben Und Verſ' machen kann. Arden von Feversham. Die Liebe liegt So nah' mir und dicht Am Herzen hierin, Als die Naſ' an dem Auge, Die Hoſen am Bauche, Und die Haut an dem Kinn. Locrine, ein Trauerſpiel, revidirt von Shakſpeare. So wie er der Graͤfin von Salisbury verſprochen hatte, ſchickte Koͤnig Eduard noch im Laufe deſſelben Nachmittags einen Staatsboten mit Briefen an den Koͤnig von — 36— Schottland ab, worin er ihn erſuchte, eine Nachforſchung nach Lord Mowbrays Edel⸗ knaben veranſtalten zu laſſen. Dieſe Art gegenſeitiger Erweiſung von Höoflichkeiten war in damaligen Zeiten zwiſchen, mit ein⸗ ander im Kriege begriffenen, Potentaten nichts ungewoͤhnliches; allein uͤber dem, daß es die damalige Sitte ſo mit ſich brachte, walteten auch noch verwandtſchaftliche Ver⸗ haͤltniſſe zwiſchen den beiden Monarchen ob; da David Bruce mit einer Schweſter von Eduard Plantagenet vermaͤhlt war. Dieſe Vermaͤhlung war zu Beſeitigung der un⸗ ter beiden Nationen obwaltenden Erbitte⸗ rungen veranſtaltet worden; es erhellt aber aus dem bereits erzaͤhlten ſattſam, daß die⸗ ſelbe keineswegs die gewuͤnſchte Wirkung hatte. Allein in koͤniglichen Familien fallen Mißhelligkeiten, wie unſer Autor eben ſo originell, als klug bemerkt, ſo gut wie in andern Familien, vor, wenn auch die beſte Ordnung und Einrichtung beiihnen herrſcht. Aufrichtig geſtanden war jedoch der zwiſchen —— — 37— Schottland und England damals wuͤthende Krieg aus keinem perſoͤnlichen Zwiſt der beiden Koͤnige entſtanden. Er war ſo ge⸗ recht und nothwendig als Dinge dieſer Art gewoͤhnlich ſind; denn er war von beiden Seiten, auf den Rath ihrer beiderſeitigen Miniſter; er war zum Wohle ihrer Unter⸗ thanen, in den weiſeſten Abſichten, und nach Erwaͤgung aller jener Ruͤckſichten fuͤr das allgemeine Beſte unternommen worden, welche von Zeit zu Zeit die Weltregierer veranlaſſen, den Bauer und Hirtenknaben in Uniform zu ſtecken, um ſie dem Ziele des Ruhms ſpornenſtreichs entgegen zu ſchicken. Welche Verantwortlichkeit die da⸗ maligen engliſchen Miniſter auch wegen der Folgen des angefangenen Kriegs hatten; ſo war das Benehmen ihres Herrn auf dem Schloſſe zu Werk doch ganz ſeine eigene Sache. Die Geſchichtſchreiber weichen in ihrer Erzaͤhlung ſeines Betragens gegen die Graͤfin von einander ab, und Froiſſart, deſſen Glaubwuͤrdigkeit uͤbrigens nicht in — 38— Zweifel gezogen werden kann, nimmt ſich heraus Alles, was zwiſchen ihnen vorge⸗ fallen ſeyn ſoll, ſo umſtaͤndlich zu erzaͤhlen, als ob er Lord Kammerherr geweſen waͤre und hinter der Tapete gelauſcht haͤtte; allein ohngeachtet aller anſcheinenden Treue ſeiner Erzaͤhlung iſt doch die unſers Autors die wahrſcheinlichere; denn er beruͤhrt meh⸗ rere Vorfaͤlle und Vermuthungen, welche zum Beweiſe der vorzuͤglicheren Quelle die⸗ nen koͤnnen, aus welcher er ſeine Nachrich⸗ ten ſchoͤpfte. So erzaͤhlt er zum Beiſpiel, was Froiſſart nicht gewußt zu haben ſcheint, daß am Abend, als der Koͤnig ſich in das Zimmer begab, in welchem ſein Nachtlager bereitet war, er ſich niederſetzte und, ohne ein Wort zu ſprechen, ſeinen Dienern einen Wink ertheilte, ſich zu entfernen. Hier blieb er, den rechten Arm auf den Tiſch geſtuͤtzt und mit der linken Hand auf dem Griffe ſeines Schwertes ruhend, das er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, zwiſchen die Beine genom⸗ men hatte, in Gedanken verloren ſitzen, bis 4 * —— — 39— die Lichter anfingen duͤſter zu brennen. Der Reiz und die Anmuth der ſchönen Graͤ⸗ fin hatten ſein Herz eingenommen; allein die Erinnerung ihres wuͤrdevollen Beneh⸗ mens daͤmpfte die geheime Regung der in⸗ nern leidenſchaftlichen Gluth, wie der Bal⸗ ſam der Egypter den Wirkungen der Ver⸗ weſung Einhalt thut, und ſelbſt die Todten in immerwaͤhrender Schoͤnheit erhaͤlt.„In ihrer Gegenwart,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „werde ich ſchuͤchtern; der Vorwurf ihres frommen, keuſchen Blickes laͤßt mich mehr fuͤhlen, als ein Anbeter, ein Liebhaber fuͤh⸗ len kann.— Liebhaber!— Dieß iſt ein Ausdruck, deſſen ſich kein Anderer, als der gluͤckliche Salisbury bedienen darf; gluͤck⸗ lich wahrhaftig, der von dieſen Lippen den Rectar ſaugen darf, der koͤſtlicher iſt wie jener, den die Dichter dem Jupiter durch Hebe kredenzen laſſen. Jedoch warum haͤng' ich ſolchen unreinen Wuͤnſchen zu dieſer Stunde der Nacht nach, wo alle gute Men⸗ ſchen zu Bette ſind, und die Unſchuld in — 40— Traͤumen laͤchelnd, ſich inniger an den Buſen des pflegenden Schlafes ſchmiegt? Heiliger Georg, ſcheuche den Verſucher von mir, der ſo geſchaftig iſt, mich mit Unehre zu beflecken. Dann fuhr er von ſeinem Sitze auf, warf ſein Schwert auf den Tiſch, und ging, den Kopf zuweilen bis auf den Bruſtharniſch geſenkt, zuweilen in die Hoͤhe gerichtet, mit langen Schritten und in ſicht⸗ barer Unruhe mehrere Male im Zimmer auf und ab. Nachdem er eine Zeitlang ſo mit ſich ſelbſt gekaͤmpft hatte, kehrte er an den Tiſch zuruͤck, ſchob das Schwert auf die Seite, ruͤckte eins der Lichter naͤher, und ſetzte ſich hin, als ob er zu ſchreiben vorhabe. Er drehte ſich dann ploͤtzlich wieder um, und ſchlug in ſichtbarer Unentſchloſſenheit die Haͤnde in einander; zum zweitenmale ſtand er auf und wandelte ungleichen Schrittes wieder hin und her; ſeine Gedanken flat⸗ terten gleich den unbeſtaͤndigen Wolken um⸗ her, welche zerriſſen auf den Fluͤgeln ſtuͤr⸗ mender Winde ſchweben. Noch einmal kehrte er an den Tiſch zuruͤck und war eben im Begriffe ſeinen Stuhl wieder einzu⸗ nehmen, als er, wie von einem ploͤtzlichen Gedanken ergriffen, einhielt und laͤchelte. Er rief alsdann aus ſeinem Vorzimmer einen jungen Menſchen, der ſich hier unter dem andern Gefolge befand, einen gewiſſen Chaucer, wahrſcheinlich der nachmalige große Dichter dieſes Namens. „Bringe,“ ſagte der Koͤnig,„Papier, Feder und Dinte hierher, Du ſollſt mir ein Madrigal ſchreiben, und damit es ſei⸗ nes Gegenſtandes wuͤrdig wird, will ich irgend eine holde Muſe anrufen, Deine Feder mit ſolch einem Zauber zu begaben, daß, wenn es in Seufzer niedergeſchrieben waͤre, die Beredheit dieſer Seufzer von dem Leſer gefuͤhlt wuͤrde, und wenn es von Liebe ſpraͤche, es in ſolchen Bildern und Ausdruͤcken geſchaͤhe, die das ſteinerne Herz eines Saracenen zur Menſchlichkeit um⸗ wandelten.“ Der Dichter⸗Juͤngling, ſagt unſer Ge⸗ ſchichtſchreiber, aus deſſen Werk wir dieſes N.. — 42— Geſpraͤch woͤrtlich aufnehmen, war, wie es ſcheint, eine ſo ſchlichte treuherzige Men⸗ ſchennatur wie ein Hirtenknabe, welcher ſeiner Phillis noch die erſte Binſenkrone zu winden hat; er langte ſein Schreibzeug hervor, und ſah, nachdem er Platz am Tiſche genommen hatte, den Koͤnig fragend an, an wen er ſeine Dichtung richten ſolle. „Richte ſie,“ erwiederte der Konig,„an Eine, die der Inbegriff aller Grazien und Tugenden iſt. Fange nur an. Du kannſt nicht ſchmeicheln; denn alle Ausdruͤcke der Bewunderung werden nicht hinreichen, den zehnten Theil ihrer Vortrefflichkeit aus⸗ zudruͤcken. Schreibe, ich werde nachdenken waͤhrend Du ſchreibſt.““ „An wen,“ frug der Juͤngling,„an wen ſoll ich ſchreiben?“ „Sagte ich Dir nicht, daß Du von der Schoͤnheit ſprechen, und die Herzgeliebte beſingen ſollteſt? Geh, geh, Schalk,“ ſagte der Koͤnig laͤchelnd, aber dennoch mit gemeintem Ernſte. „Ich moͤchte doch wiſſen, von welchem — 435— Stande die Lady iſt,“ antwortete der junge Menſch mit gefaͤlliger Treuherzigkeit. „Von einem ſolchen Stande,“ rief Koͤnig Eduard,„daß ſie auf einem Throne ſitzt und ich nur ihr Fußſchemel bin! Warum ſchreibſt Du nicht? Allein Du kannſt wahr⸗ haftig das nicht ausdruͤcken, was ich in Verſe gebracht haben moͤchte. Du haſt nur die Gabe der Dichtung. Du wirſt mir von Nachtigallen, ergluͤhenden Roſen, vom Mond und anderem Zeug vorſchwatzen wollen, das in Euern Liedern vorkommt. Ich will keine laͤppiſche Ideen von Cupido und derglei⸗ chen; in ihnen muß die ſtarke Leidenſchaft wehen, die ſich in einem flammenden Ge⸗ wande kruͤmmt, das ſie nicht von ſich zu ſtreifen vermag.“ Sich uͤber des Koͤnigs Worte wundernd, blickte der Poet mit der Feder in der Hand, zu ihm auf, waͤhrend der Koͤnig fortfuhr laut mit ſich ſelbſt zu ſprechen, als wenn er nichts von der Gegenwart eines Zeugen wiſſe. „Der Soldat kann allein vom Kriege — a4— ſprechen, wie der Gefangene vom Kerker, und der Sieche von der Todesangſt. Der Hungrige kennt die Erquickung eines Mahls, und der Frierende die Wohlthat des Feuers; ſo jeder Schmerz ſeinen gluͤcklichen Gegen⸗ ſatz, und wer anders, als der Liebhaber ver⸗ mag die Gluͤckſeligkeit oder die Beſorgniſſe ſeiner Leidenſchaft zu fuͤhlen??“?— Mit dieſen Worten ging er auf Chaucer zu, riß ihm die Feder aus der Hand und ſagte:„Geh, verlaß mich, ich will mein eigener Poet ſeyn.“ Ehe aber der Juͤng⸗ ling noch voͤllig das Zimmer verlaſſen hatte, warf. er die Feder weg, und ſagte nach ei⸗ niger; uzbetlegung:„Dieß wuͤrde, ſelbſt von dieſem Juͤngling, eine laͤcherliche Schwach⸗ heit ſeyn.* Er rief hierauf ſeine Bedienten, die kihm den Harniſch abſchnallten, und legte ſich bald darauf zu Bette; allein kein Schlummer lohnte ſeine Verſuche ſich ein⸗ zuſchlaͤfern. 2* Vierzehntes Kapitel. Das Strumpfband. Weit beſſer iſt's berühmt und keuſch zu ſterben, Als lebend Schmach und Schande zu ererben: Was ſagte wohl der Ruf der Welt von mir, Hielt ich, mein Liebchen laſſend, mich zu Dir? Locrinre. Die Graͤfin von Salisbury war dieſe 6 in ihren, obgleich ganz verſchiedenen trachtungen, nicht gluͤcklicher als Der önds Ihr Schlaf war furchtſam und ihre Traͤume ſchrecklich, ihre Ideen umſchwebten ihren im fernen Dienſt ſeines Koͤnigs abweſenden Gemahl, ſie dachte an Urias, an die Spitze der Schlachtlinie geſtellt, und von hinten durchbohrt und verwundet fallend, waͤhrend er dem Feinde tapfer die Stirne bot. Bis⸗ 4 weilen glaubte ſie dem Koͤnig durch ihre Beſorgniſſe zu viel zu thun, und verſuchte, ſich unter dem Schutze der heiligen Jung⸗ frau der Ruhe zu uͤberlaſſen. Allein ſo oft der Schlaf uͤber ihrem Kiſſen ſchwebend, ſeine Schwingen entfaltete, um ſich auf ihre ermuͤdeten Augenlieder nieder zu laſſen, ſtand ihr die Furcht zur Seite und ſcheuchte den ſchweigenden Engel von ihrem Lager hin⸗ weg. Sobald ſie den Tag durch die Fen⸗ ſterſcheiben brechen ſah, ſtand ſie auf und ſtieg hinab, um ſich in den Luſtgaͤngen des Schloſſes zu erwandeln, in der Hoffnung, in der Kuͤhle der Morgenluft einige Lin⸗ derung fuͤr die Beaͤngſtigung ihres fieber⸗ haft bewegten Gemuͤthes zu ſchoͤpfen; allein ſie hatte nur wenige Schritte hinter einer Tarxushecke hervor gethan, die wie eine gruͤne Wand den Garten in zwei Haͤlften theilte, als ſie den Koͤnig mit unterſchlagenen Ar⸗ men, und geſenktem Blicke auf ſie zukom⸗ men ſah. Sie war anfaͤnglich entſchloſſen umzu⸗ 41 4 -— 47— kehren und ſich auf ihr Zimmer zuruͤck zu begeben, entfernte jedoch in demſelben Au⸗ genblick dieſen Gedanken, als ſchwach und ihrer unwuͤrdig, und ging mit heiterer Miene entſchloſſen dem Koͤnige entgegen. „Ich bedaure Eure Majeſtaͤt,“ ſagte ſie, „ſo fruͤh und ſo in Gedanken vertieft im Freien zu finden, es weiſſagt wenig Gutes fuͤr die Bewirthung in Werk.“ Er ſah ſie eine Minute lang an, und erwiederte dann zoͤgernd: „Ich habe ein großes Unrecht erlitten, Lody, ſeit ich hier im Schloſſe bin.“ „Behuͤte der Himmel!— von wem? und wie?“ Sie wuͤrde noch etwas Weiteres hin⸗ zugefuͤgt haben; allein ſein feuriger Blick brachte ſie auſſer Faſſung, jedoch nur au⸗ genblicklich, denn ſie fuhr mit Ernſt fort: „Sagt mir, wer Euch ein Leid zugefuͤgt hat, damit ich Euch Genugthuung verſchaffen und dem Uebel abhelfen kann.“ „und wie weit ſoll ſich dieſe Abhuͤlfe erſtrecken, liebe Baſe?“ fragte der Koͤnig, ſie bei der Hand faſſend. „Auf ſo weit, als es in der Macht ei⸗ ner Frau liegt, ſie zu geben.“ „Dann iſt das Uebel bald wieder gut gemacht. Allein ſeyd Ihr in der That ſo bereitwillig?“ „Kann Eure Majeſtaͤt an der Aufrich⸗ tigkeit meiner Worte zweifeln?“ erwiederte die Lady, mit einiger Verlegenheit in ih⸗ rer Miene, und mit etwas zitternder Stim⸗ me, die Augen auf den Boden heftend. „Sprecht denn aus, daß Ihr es thun wollt,“ rief der Koͤnig,„ſchwoͤrt mir, daß Ihr es wollt.“ Sie warf ihm einen Augenblick einen ſolchen Blick zu, daß er ihre Hand fahren ließ, die ſie ſogleich feierlich gen Himmel hob und ſagte:„Ich ſchwoͤre.“ Nach einer kurzen Pauſe ſah ſie der Koͤnig zweifelhaft an und fuͤgte mit einem voruͤbergehenden Laͤcheln bei: „Ich bete Euch an, und Ihr koͤnnt — 19— mich gluͤckſelig machen; das Unrecht, wel⸗ ches ich erduldet habe, iſt die Ruhe, die Ihr mir ſelbſt geſtohlen habt; Eure Liebe allein kann mir vergelten.“ Bei dieſer Erklaͤrung ſank er auf die Kniee und wollte ihre Hand ergreifen, al⸗ lein ſie zog ſie zuruͤck und ſagte: „Alle Liebe, die ich zu geben vermag, iſt Eurer Majeſtaͤt freiwillig und ehrerbie⸗ tig gewidmet; ſtellt die Wahrheit meiner Rede auf die Probe.“ „Ich liebe Euch zum Sterben,“ er⸗ wiederte der Koͤnig, ſich erhebend. „Liebt Ihr mich meiner Schoͤnheit we⸗ gen,“ ſagte die Lady mit ſanfter Stimme, „ſo nehmt ſie mir, wenn Ihr koͤnnt; ob⸗ gleich ſie die Bluͤthe meines Lebensſommers iſt. Eben ſo leicht moͤgt Ihr der Roſe ihre Gluͤhfarbe und der Lilie ihren Silberſchein nehmen, als ich mich ihrer begeben kann.“ Hier hielt ſie inne und fuhr dann ernſter fort:„Iſt es wegen irgend einer Tugend, in deren Beſitz Ihr mich glaubt, ſo nehmt ſie II. Bändchen. 3 — 56— ebenfalls; denn die Tugend mehrt ſich wie das Oelkruͤglein der Wittwe, jemehr man davon an Andere ſpendet.“ Der Koͤnig wurde verlegen und wußte nicht was er antworten ſollte; endlich nahm er eine vertraulichere Miene an, und ſagte laut lachend: „Nein, ich will Euch Eurer Schoͤnheit nicht berauben, ich moͤchte ſie nur geliehen haben. Ich verlange wirklich nicht mehr von Euch, als Ihr freiwillig geben koͤnnt; und habt Ihr mir nicht geſchworen zu ge— ben, was ich wuͤnſche?“ „Ja, und ich ſchwur es mit aller Auf⸗ richtigkeit; allein ehe ich geben kann, muß ich etwas zu vergeben haben.“ „Ich bitte hiervon zu ſchweigen, Lady. Ich fordere nichts, ich will nur Liebe um Liebe tauſchen.“ Da er abermals vor ihr niederknieete, trat die Graͤfin einen Schritt zuruͤck und verſetzte, ihn mit mitleidig⸗traurigem Blicke anſehend: — „Eure Majeſtaͤt bietet mir an, was nicht Euer eigen iſt, und waͤren dieſe Lip⸗ pen, welche dieſe Worte ausſprachen, nicht geheiligt, dann moͤchte ich ſagen, ſie haͤtten den Namen Liebe entweiht. Was Ihr mir geben wollt, gehoͤrt mit Recht der Koͤnigin. Welch ein Wunder doch die geheime Schuld bewirkt! Ihn, vor dem alle Andere die Kniee beugen muͤſſen, ſo vor mir liegen zu ſehen! Steht auf, Mylord, dieſe entehrende Bewer⸗ bung vertraͤgt ſich nicht gut mit Euerm fuͤrſt⸗ lichen Charakter. Derjenige, der Eure Muͤn⸗ zen nachſchlaͤgt, wird zum Tode verdammt, und dennoch wollt Ihr Treubruch an dem Eide begehen, den Ihr geleiſtet habt, und dem Gehorſame, welchen Ihr Gott ſchuldig ſeyd, und ſein Bildniß auf verbotenes Me⸗ tall praͤgen. Ich bin das Weib des Gra⸗ fen von Salisbury, und ſicherlich wollt Ihr mich nur pruͤfen.“ Bei dieſen Worten traten ihr die Thraͤ⸗ nen in die Augen, und ſie ſchwieg eine Minute lang, waͤhrend welcher der Koͤnig ihre Hand ergriff und ſie an ſeine Lippen druͤckte; worauf ſie verſetzte: „Wohlan, ich gebe Euern Wunſchen nach; allein unter einer Bedingung.“ „Nennt mir ſie!“ rief der Koͤnig, ent⸗ zuͤckt zu vernehmen, daß f ſie endlich einwil⸗ lige. „Der Tod meines Gemahls und der Koͤnigin; ſo lange dieſe am Leben ſind, iſt keines von uns beiden frei, um eine an⸗ dere Liebe anknuͤpfen zu koͤnnen.“ Sie ſagte dieſes ſo feierlich ernſt, daß der Koͤnig einigermaßen erſchrack; er erwie⸗ derte jedoch mit erheuchelter Jovialitaͤt: „Eure Bedingung iſt allen Geſetzen zu⸗ wider.“ „Eben ſo finde ich Eure Wünſche.“ 1 „Nun, nun!“ rief der Koͤnig, ſie mit Inbrunſt in ſeine Arme ſchließend,„Eure Schoͤnheit iſt die Urſache ihres Verbrechens, und ſie ſollen ſterben.“ 8 „Ich wuͤrde nach Huͤlfe rufen,“ erwie⸗ wiederte die Graͤfin;„allein in des Koͤnigs . „. . Gegenwart iſt der geringſte ſeiner Untertha⸗ nen vor Beleidigungen geſichert.“ Der Koͤnig ließ ſie aus ſeiner unſanften Umarmung los, und zog ſich mit den Wor⸗ ten von ihr zuruͤck: „Ihr ſeyd ſicher, Lady,— edles Weib! der raſche Thor, der durch die Schwaͤche ſei⸗ ner Natur verfuͤhrt ward, Euch mit ſeiner geſetzwidrigen Leidenſchaft zu kraͤnken, war der Koͤnig nicht. Der Koͤnig wird eine Genugthuung von ihm fordern, welche Euch wegen ſeines an Euch veruͤbten Unrechts zufrieden ſtellen ſoll. Koͤnig Eduard wird dem verliebten und bezauberten Plantagenet eine Strafe auflegen, die ſein Vergehen reichlich wieder gutmachen ſoll,— beſtimmt ihm die Strafe ſelbſt. Die Graͤfin war bei dieſen Worten ge⸗ ruͤhrt, und erwiederte, ohne jedoch im ge⸗ ringſten die ernſte Ruhe zu verlieren, die ſie angenommen hatte, um ihrer hochherzigen Standhaftigkeit einen groͤßern Nachdruck zu geben: — 54— „Die Welt, Mylord, ſteht in Erwar⸗ tung, daß Ihr in dieſem Kriege Thaten voll⸗ bringen werdet, welche zum unvergaͤnglichen Ruhme Englands gereichen. Eure An⸗ ſpruͤche auf die Krone Frankreichs ſind ein Ruf vom Kriegsgotte, die Hoffnungen Eu⸗ res Zeitalters zu erfuͤllen. Gehorcht dieſem Rufe und erfuͤllt die Erwartungen, welche alle Menſchen von dieſer Eurer Beſtimmung haben.“ Des Koͤnigs natuͤrlicher Stolz war durch dieſe Anfeuerung zu ritterlicher That auf. geregt, und er rief: „Ja, ſo ſey es, ich will dasjenige, was Ihr mir zur Buße auflegt, vollziehen, und das, was mich an mein Geluͤbde erinnern ſoll, ſoll als ein Pfand heldenmuͤthiger Wuͤrdigkeit ſo beruͤhmt werden, daß die maͤchtigſten Koͤnige ſtolz ſeyn werden, es zum Zeichen und Lohn ihrer groͤßten Tri⸗ umphe zu erhalten.“ Don neuem mit Geſinnungen der Ehr⸗ erbietung und Bewunderung erfuͤllt, knieete * —— — 55— er bei dieſen Worten abermals vor ihr nie⸗ der, und kuͤßte ihre Hand. In dieſem Au⸗ genblicke gewahrte er, daß ſie ihr Strumpf⸗ band verloren hatte, und raffte es in der Abſicht auf, es ihr zu uͤberreichen; allein die Lords Mowbray und Warwick waren mit noch einigen Baronen eingetreten, und da ſie den Koͤnig in dieſer Stellung ſahen, blieben ſie ſtehen. Als ſie das Strumpfband in ſeiner Hand erblickten, ſahen ſie einander an, und fingen an zu laͤcheln. Seine Ma⸗ jeſtaͤt war indeſſen aufgeſtanden, und da er errieth, was in ihrem Innern vorging, und das mit der hoͤhern Stimmung ſeiner eige⸗ nen Gefuͤhle ſo wenig im Einklange ſtand, rief er ihnen zu: „O, pfui Mylords!— honni soit qui mal y pense! Erroͤthet nicht uͤber dieſen Zufall, Graͤfin, dieſes hier ſoll meine Erin⸗ nerung ſeyn. Ich will dieſe Urſache ihrer leichtfertigen Gedanken ſo verehrt machen, wie es die Reliquien des heiligen Georg ſind.“ Bei dieſen Worten fuͤhrte er die — 56— Lady in das Schloß zuruͤck, und dieſer Zu⸗ fall ward, nach unſerm Autor, die Veranlaſ⸗ ſung der Stiftung des hohen St. Georg⸗ Ordens in England; allein von der foͤrmli⸗ chen Inſtallirung dieſes Ordens wird in der Folge noch eine beſondere Nachricht ge⸗ geben, welcher wir um ſo weniger vorgrei⸗ fen wollen, als wir ohnehin, mit unſerm Autor, dem Koͤnige Eduard auf ſeinem Be⸗ ſuche nach dem Schloſſe Werk folgend, den Hauptgegenſtand unſerer Erzaͤhlung laͤnger aus dem Auge verloren haben, als es mit dem Zuſammenhange und unſerer Conſe⸗ quenz, wegen welcher wir ſo beruͤhmt zu ſeyn glauben, vertraͤglich ſcheint. e ⸗ —— — 9000 0000 Fuͤnfzehntes Kapitel. — Der Willkommen. An ehernen Thoren und Mauern fand Schwert und Kanone Widerſtand; Noch Niemand aber iſt's gelungen, Zu widerſtehn den Weiberzungen. Das ſchöne neue Lied. Gabriel de Glowr war inzwiſchen mit Ro⸗ thelan und dem Ueberreſte ſeiner in Dur⸗ ham gemachten Beute auf ſeinem Schloſſe Falaſide, einem duͤſteren Steingerippe mit Zinnen auf den Mauern, runden Eckthuͤrm⸗ chen und Schießſcharten ſtatt der Fenſter, kurz mit Allem verſehen, was zum finſtern Aeuſſern der Behauſung eines verwegenen und ungebundenen Landjunkers gehoͤrt, der von den Produkten des Feldes— naͤmlich des Feldes der Ehre— lebt, angekommen. II. Bändchen. 3* 58.— Wir wuͤrden hier einen Auszug der um⸗ ſtaͤndlichen Beſchreibung des Verfaſſers von dieſem Gebaͤude liefern, da ſeine Schilde⸗ rungen, voll der maleriſchſten Anſichten und Eigenheiten, eben ſo ſchwierig wiederzuge⸗ ben als verſtaͤndlich zu machen ſind, waͤre in den letzten Jahren nicht zuviel uͤber dieſe Dinge geſagt worden. Wir haben uͤberdieß keinen Geſchmack an dergleichen Sachen; wir ziehen die Beſchreibung eines wunder⸗ lichen alten Weibes oder irgend eines ſelt⸗ ſamen und drolligen Charakters, all' dieſen ſchauerlichen Schloͤſſern und Thuͤrmen der ganzen Chriſtenheit vorz der geneigte Leſer wird uns deshalb verzeihen, wenn wir uns in keine weitere Schilderung der Veſte Fa⸗ laſide einlaſſen, als daß wir uns zu be⸗ merken erlauben, daß es ein, ſeines Be⸗ ſitzers wuͤrdiger Wohnſitz in einem Zeital⸗ ter war, wo man von Friedensgerichten, wenigſtens in Schottland, noch nichts wußte. Wir werden uns jedoch etwas mehr Freiheit ruͤckſichtlich der Dame des Hauſes — 59— nehmen, da wir in ihrem Aeußern und ihren Eigenheiten einen weit anziehenderen Stoff finden. 1 Die Lady von Falaſide war, wie un⸗ ſer Geſchichtſchreiber erzaͤhlt, dem Anſehen nach eine geſetzte, bedaͤchtige Matrone, de⸗ ren Stimme ſanſt und helltoͤnend und de⸗ ren Worte einſchmeichelnd waren. Dieſem ohngeachtet hatte ſie in ihrem Geſichte et⸗ was Zuruͤckſtoßendes; und in ihrem unſtaͤ⸗ ten ſpaͤhenden Blicke lag etwas barſches, welches den gaͤnzlichen Mangel an Ge⸗ muͤthlichkeit bei ihr anzeigte; ſo oͤlglatt ſie auch ihre Zunge geſchmeidigt hatte. Sie war an Jahren ſchon uͤber die Fuͤnfzig hinaus, und eher unter die Hageren ihres Geſchlechts zu zaͤhlen; obſchon nie uͤbereilt, war ſie dennoch in beſtaͤndiger Bewegung, ihre Die⸗ ner und Maͤgde mit ſcherzhaften Stiche⸗ leien aufziehend. Als ſie durch den Schloß⸗ verwalter von der Ankunft ihres Gemahls benachrichtigt wurde, ging ſie dieſem bis ans Thor entgegen, um ihn zur frohen Heimkehr zu bewillkommen. Ehe er ihr — 60— aber ſo nahe kam, daß ſie ihn umarmen konnte, bemerkte ſie an ihm, wie er vom Pferde abſtieg, daß er erhitzt und zornig ausſah, was eine Folge ſeines Zuſammen⸗ treffens mit den Buͤrgern der ehrbaren Stadt war; ſie ſtimmte daher ihre Empfangs⸗ weiſe, als ein treues liebendes Weib nach ſeiner Laune um, wie ſie die Veranlaſſung mit ſich brachte. „Danke dem Himmel,“ ſagte ſie,„daß Du wieder in Deiner Heimath biſt; wenn's Euerm Credit auch ein Bißchen Schaden thut, und wenn ihr auch nur eine hung⸗ rige Ausbeute mit gebracht hat, ſo iſt es doch ſchon Etwas, daß Du ſelbſt wieder da biſt. Es waͤre weit ſchlimmer wenn Du zu Deiner uͤblen Laune, auch noch einen zerbrochenen Arm oder ein zerbrochenes Bein mitgebracht haͤtteſt. Ich bin jeden⸗ falls zufrieden.“ „Zufrieden!“ brummte der Baron von Falaſide, indem er ſeine Blicke auf ſie ſchoß, als wenn er ſie durchbohren wolle. * — 61— „Die Stadt zuͤnd' ich ihnen fuͤr den Tort an, den ſie mir heute gethan haben.“ „Wer hat Dir einen Tort angethan, Lieber?“ ſagte die Lady im ſanſteſten⸗ be⸗ ſchwichtigenden Tone. „Ich hatte,“ erwiederte Gabriel de Glowr aufgebracht,„eine ſolche Beute zu⸗ ſammen geleſen, wie noch niemand mei⸗ nes Standes vor mir; allein die Muſſel⸗ burgher und ihre Weiber fielen uͤber uns her, und trieben die Haͤlfte des Viehes weg Der Teufel brate ſie daher auf dem Roſte.“ „Du wirſt doch ſo ſchwach nicht gewe⸗ ſen ſeyn, Gabriel!“ rief die Lady,„Dich von den alten Weibern von Muſſelburgh pluͤndern zu laſſen?“ „Weiber!“ ſchrie der Baron;„wer ſagt das, alte Weiber?“ „Das waͤre doch einfaͤltig von Euch geweſen,“ erwiederte beileidsvoll ſeine Gat⸗ tin, ehe er Zeit hatte ſich ihr zu erklaͤren. — 62—. „Allein was iſt das fuͤr ein Affe, den Du da mitgebracht haſt?“ 2 Gabriel ſah ſich ſchnell nach Rothelan um, der eben vom Pferde geſtiegen war, und in die Unterhoſen des Majors von Durham, wie wir oben beſchrieben haben, gekleidet daſtand; ſich dann wieder nach der Lady umdrehend, ſagte er lachelnd: „Das iſt ein Adler in Huͤhnerfedern. Pflege ihn wohl, und behandle ihn artig; denn das ahnſt Du gar nicht, was uns der Junge einbringen kann. Er iſt entweder ein Page vom Koͤnig Eduard, oder ein klein' Prinzchen ſelbſt. Du haͤtteſt erſt die Kleider ſehen ſollen, die er an hatte, als er mir in die Haͤnde fiel.“ „und was haſt Du damit angefangen?“ „Sie waren von ſcharlachfarbenem Sam⸗ met und mit Gold uͤberzogen; jeder Knopf war wie'ne gelbe Horniſſe. Ich erhielt drei und dreißig Roſenobel dafuͤr,“ ſagte der Baron, wider den Beutel klopfend, den er aus dem Buſen zog. — 68— „Drei und dreißig! und doch moͤchte ich faſt ſagen, daß dieſes nicht die Haͤlfte von dem iſt, was es werth war; allein ich muß zufrieden ſeyn, Gabriel, denn ein Weib muß ſich nicht uͤber den Verſtand ihres Mannes aufhalten, ob er gewitzigt iſt; Du haſt wahrſcheinlich nach Deiner Meinung Dein Beſtes gethan, und mehr kann man von einem Manne nicht verlangen. Allein wenn ſo'n Bißchen Kleidungsſtuͤcke drei und dreißig Roſenobel im Ripps Rapps und im Wirrwarr eines Lagers galten, da haͤtte ich ſehen moͤgen, was wir auf dem Markte in Edinburgh oder zu Johnstown dafuͤr ge⸗ löͤſt haben wuͤrden; allein das iſt nun ein⸗ mal nicht anders und wir muͤſſen uns dar⸗ ein ſchicken. Was die Weiber von Muſſel⸗ burgh anbelangt, ſo zweifle ich daran.“ „Alle Teufel, Weib! kannſt Du auch noch zweifeln, wenn ich Dir ſage, es wa⸗ ren nicht allein die Weiber, ſondern Maͤn⸗ ner und Weiber zuſammen, und Clinkſcales an der Spitze.“ „Und das Schmerzlichſte von der Sache,“ rief die Lady,„iſt der Gedanke, daß ein Baron von Falaſide gezwungen worden waͤre, ſich vor einem Magiſtrats⸗Beamten von Muſſelburgh zu demuͤthigen.“ Gabriel ſchoß einen der grimmigſten je⸗ ner Blicke auf ſie, die ihm ſeinen Beina⸗ men erworben hatten, und ging nach dem Schloſſe zu. Die Lady wandte ſich hierauf an einen der Leute, die mit im Felde ge⸗ weſen waren, Robert der Springer genannt, um uͤber die Geſchichte mit den Muſſel⸗ burghern eine naͤhere Auskunft zu erhalten; allein Roberts Zorn war nicht geringer als die Entruͤſtung ſeines Herrn, und ſie erhielt ſo wenig Aufſchluß, daß ſie gezwungen war ſich an Rothelan zu wenden. Sey es nun, daß jugendliche Ausge⸗ laſſenheit oder Bosheit dem Knaben die Antwort eingab, oder daß er, ſo jung er auch war, die geheimen Triebfedern ihres Charakters erſpaͤht hatte, und ſeine Empfind⸗ lichkeit daruͤber, ſich von Gabrieln ſeines ſchoͤnen Anzuges beraubt zu ſehen, ihn an⸗ trieb, ſich an ihm zu raͤchen, dieſes wollen wir nicht unterſuchen; es ſcheint aber, daß ſolche nicht berechnet war, dem Baron den Willkommen zu verſuͤßen. „Ja,“ ſagte er,„wir wurden von einem ganzen Troſſe Weiber angefallen. Sie moch⸗ ten wohl ihre eigenen Urſachen haben, daß ſie ſich dem Baron in den Weg lagerten; ich ſah aber keine Kinder dabei;— ſie hat⸗ ten dieſe zu Hauſe gelaſſen. Ich glaube nicht, daß der Saracenen⸗Koͤnig mehr Wei⸗ ber hat, und Ihr glaubt nicht wie huͤbſch einige waren.“ Die Lady konnte keine Antwort auf dieſe Bemerkungen geben, auch ſcheint ſie fuͤr des Knaben vermeintliche Belehrung nicht ſehr erkenntlich geweſen zu ſeyn; denn ſie gab ihm einen Streich auf den Backen und drehte ſich verdruͤßlich um, um in die Halle zuruͤck zu eilen, wofuͤr ihr der Knabe mit einem Schrei dankte, den er nach und nach in ein Gelaͤchter ummodulirte, bis Robert — 66— der Springer und ſeine Kameraden im lau⸗ ten Chorus mit einſtimmten. Der Geſchichtſchreiber erzaͤhlt hier noch mehrere Umſtaͤnde der Ruͤckkehr Gabriels de Glowr in ſeine Burg, und der Aufnahme, welche unſer Held in dem Schloſſe Falaſide fand, und ſchließt endlich das Kapitel mit mehreren moraliſchen Betrachtungen uͤber die unehrerbietige Weiſe, womit die Ju⸗ gend die Schwachheiten des Alters anſieht, indem er aus dieſem unbedeutenden Auf⸗ tritte manche herrliche Lehre und Denk⸗ ſpruͤche herleitet, die auf die Verbeſſerung der kuͤnftigen Generation und auf die Un⸗ terdruͤckung jenes frivolen Geiſtes der Ju⸗ gend abzwecken, den die Guten und Weiſen ſo nachdruͤcklich verdammen, da ſie den Suͤ⸗ ßigkeiten der Knabenſtreiche keinen Ge⸗ ſchmack mehr abgewinnen koͤnnen. —————yy— 0000000 00000000000000000009000000003600690 0000 Sechszehntes Kapitel. Der Brand von Muſſelburgh. Dreihundert Berge ſchleuderte auf Zeus Briareos, der Hundertarmige, Der ungeheure Rieſe Monichus Warf den Olymp an Mavors Schild, und cchoß Die dickſten Cedern auf Minerva ab. Locrine. Rachdem unſer Autor die Ankunft und den Empfang Rothelans zu Falaſide be⸗ ſchrieben hat, verliert er ihn abermals aus den Augen, und ſeine Erzaͤhlung iſt weder ſo klar noch ſo zuſammenhaͤngend, als wir wohl gewuͤnſcht haͤtten. Ein großer Fehler des Buchs iſt wirklich eine gewiſſe Sorg⸗ loſigkeit in dieſer Hinſicht, welche einiger⸗ maßen der Weiſe der alten engliſchen Schau⸗ ſpieldichter gleicht, die eminente Charaktere — 68— auf die Buͤhne bringen, welche die Erwar⸗ tung ſpannen, und ſie dann wieder abtre⸗ ten laſſen, ohne ihnen eine Rolle in der Intrigue des Stuͤcks anzuweiſen. Wir er⸗ fahren daraus aber gleichſam zufaͤllig, daß der Staatsbote, den Koͤnig Eduard auf die Fuͤrſprache der Graͤfin von Salisbury noch Schottland ſandte, am Abend deſſelben Ta⸗ ges Edinburg erreichte, an welchem der ſchottiſche Monarch in den Palaſt von Ho⸗ lyrood zuruͤckgekehrt war, und daß ihm, nachdem er ſich uͤber den Zweck ſeiner Sen⸗ dung ausgewieſen hatte, ein Offlzier mit⸗ gegeben ward, der ihn nach dem Wohnort des Sir Gabriel begleiten ſollte. Dieſer Offizier war, wie es ſcheint, mit dem beruͤhmten Clinkſcales bekannt, und auf ihrer Reiſe durch Muſſelburgh uͤberre⸗ dete er den Staatsboten, bei jenem einzukeh⸗ ren, und ſich zu deſſen guter Mittagstafel einzuladen. Clinkſcales wurde daher von dem Werthe unterrichtet, den man auf Ro⸗ thelan ſetzte, und da ſich ihm hierdurch die Ausſicht auf glaͤnzende Vortheile eroͤffnete, die er ſich ſelbſt aneignen zu koͤnnen hoffte, ob es ihm gleich noch nicht klar einleuch⸗ tete, wie? ſo verſicherte er ſeine Gaͤſte, daß Gabriel de Glowr ein Mann ſey, der ſo leicht nicht wieder herausgebe, was er ein⸗ mal in Haͤnden habe; und wenn ſie beide zuſammen nach ſeiner Wohnung gingen, um die Auslieferung des Knaben zu ver⸗ langen, er auf die eine oder die andere Weiſe Mittel finden werdeg ſ ſie hinter das Licht zu fuͤhren. „Wenn Ihr Euch von mir rathen laſſes wollt,“ ſagte er zu dem Staatsboten,„ſo 3 bedarf es einiger Umſicht, um Euer An⸗E liegen durchzuſetzen; und je behutſamer Ihr 3 zu Werke geht, deſto ſicherer werdet Ihr zu Eurem Ziele gelangen. Mein Freund hier kann zu ſeinen Geſchaͤften nach Hofe zu⸗ rüͤckkehren, und Euch hier bei mir laſſen, wo wir dann ferner uͤberlegen wollen, was am Beſten zu thun iſt.“ „Allein,“ erwiederte der engliſche Staats⸗ bote,„wir haben die Ermaͤchtigung des Koͤnigs, und unmoͤglich kann ſich uns Sir Gabriel de Glowr widerſetzen wollen.“ „Moͤglich und auch nicht moͤglich,“ ent⸗ gegnete Clinkſcales,„ich kann nicht gerade⸗ zu behaupten, daß er ſich widerſetzen wird, allein auch den Hals eines koͤniglichen Be⸗ amten wuͤrde ich fuͤr gefaͤhrdet halten, wenn er, ohne vorher Erlaubniß erhalten zu ha⸗ ben, nach Falaſide kaͤme. Laßt Euch darum anrathen, lieber Freund, vor der Hand nichts Weiteres in der Sache zu unterneh⸗ men, ſondern bleibt uͤber Nacht bei mir, morgen wollen wir dann ſehen, was anzu⸗ fangen iſt.“ Durch Aeußerungen dieſer Art uͤberre⸗ dete Clinkſcales den Staatsboten, nach Edin⸗ burgh zuruͤckzukehren. k Inzwiſchen hatte bei dem Baron von Falaſide der Durſt nach Rache fuͤr die Weiſe, auf welche er um ſeine Beute geprellt wor— den war, keineswegs nachgelaſſen; im Gegen⸗ theile ergluͤhte er von Stunde zu Stunde — 7— immer heftiger, wozu ſeine Lady durch die bittern Bemerkungen, mit welchen ſie ihn in ihrem Umgange beſtaͤndig aufzog, nicht wenig beitrug; ſo, daß damals, wo die er⸗ waͤhnte Unterredung mit Clinkſcales vorfiel, er bereits damit umging, die Stadt anzu⸗ greifen, nicht allein um ſeine Rache zu be⸗ friedigen, ſondern auch, um ſich fuͤr den Verluſt zu encſezadigen, den er erlittem hatte. Auf welche Art er ſeine Rache ausuͤben wollte, dieſes wird nicht erzaͤhlt; allein die Zubereitungen hierzu machten den neugie⸗ rigen Kindern der Dienerſchaft in der Halle viel zu ſchaffen, und Rothelan, der einen angebornen Hang zu Abentheuern hatte, war ſeines Grolls gegen den Baron un⸗ geachtet ſo entzuͤckt, daß er bei dem An⸗ griffe auf Muſſelburgh ihr Anfuͤhrer zu werden verſprach. Der ſinnreiche Einfall, mit welchem er ſeinen Vorſchlag begleitete, war auch ſeines jugendlichen Heldenmuthes nicht unwuͤrdig. — 72— Er hatte naͤmlich wahrgenommen, daß die Haͤuſer der Stadt mit Stroh gedeckt waren, und ſo fiel ihm natuͤrlich bei, daß es eine große und ruhmwuͤrdige That ſeyn wuͤrde, ſie anzuzuͤnden. Dieſes war jedoch nicht leicht zu bewerkſtelligen, da man den Haͤuſern, die zu weit innerhalb der Ring⸗ mauern lagen, als daß man ſie mit Man⸗ neskraft haͤtte erreichen koͤnnen, mit ge⸗ ſchleuderten Braͤnden oder Fackeln nicht bei⸗ kommen konnte. Er ſchlug daher ſeinen Spielkameraden vor, ſo viele Sperlinge als moͤglich einzufangen, und ihnen Lun⸗ ten an die Beine zu befeſtigen. Ehe dem⸗ nach Sir Gabriel ſich geruͤſtet hatte, mit ſeiner Bande auf dieſe Expedition auszu⸗ gehen, hatten ſich die jungen Krieger mit einer Menge ſolcher Brandmaſchinen ver⸗ ſehen, womit ſie, nebſt einem Lichte in ei⸗ nem alten Helm(die gewoͤhnliche Blend⸗ laterne damaliger Zeit), dem Hauptcorps der Raubbande von Falaſide nachfolgten. Dieß fiel in der erſten Stunde der Nacht — 33— Dies fiel in der erſten Stunde der Nacht vor und man ſah nur noch Streifen des Daͤmmerlichtes auf dem Gewoͤlke des weſt⸗ lichen Horizonts weilen. Der Wind blies heftig aus Norden. Aus der Ferne vernahm man das Rauſchen der Bergwaſſer, die eher empoͤrt, als laut in ihren Ufern roll⸗ ten. Die Sterne ſtanden wohl am Himmel, allein ſie blickten truͤbe und traurig herab, und die Wege waren kothig und beſchwer⸗ lich zu gehen, obgleich kein Regen gefallen war. Die Nacht war eher unfreundlich als ſtille, in welcher Gabriel de Glowr mit ſei⸗ nen Leuten auf einem Umwege zwiſchen den Berghoͤhen von Inveresk und den dgran ſtoßenden Feldern von Falaſide auf die Stadt zukam. In dieſer hatte man keine Ahnung eines Angriffs. Es war dort Alles wie es um dieſe Stunde zu ſeyn pflegt. Man ſah noch Lichter durch die Spalten der Fenſter⸗ laͤden ſchimmern, und hier und dort ein verliebtes Paar bei halboffener Thuͤre ſich fluͤſternd mit einander unterhalten, waͤhrend II. Bändchen. 4 — 74—* ein altes Weib, das begierigen Ohrs ihr Geſpraͤch zu erlauſchen ſuchte, den langen Hals aus einem benachbarten Fenſter ſtreckte. Auch waren die Straßen noch nicht leer. Ein eben angekommener Fuhrmann, der ſeine Pferde an der Thuͤre ſeines Gaſthofes ausſpannte, bewies, daß alle Tagsgeſchaͤfte noch nicht beendigt waren, waͤhrend die Stimme eines abſteigenden Reiſenden, der nach dem Wirthe ſich erkundigte, anzeigte, vaß die Stunde der Ruhe eingetreten war; allein als eine noch weit ſicherere Anzeige ſäh man das Leuchten einer, von einem Knaben getragenen Laterne, hinter welcher man die ſtattliche Figur eines Munizipal⸗ beamten gewahrte, der an dem Arme ſeiner theuern Ehehaͤlfte nach Hauſe wankte. Wei⸗ ter hinten in der Dunkelheit hoͤrte man das grunzende Geſtoͤhne einer dickleibigen Ge⸗ ſtalt, der man auf die Beine zu helfen ſuchte und die man muͤhſelig fortſchleppte, wahr⸗ ſcheinlich ein anderer, nicht minder anſehnli⸗ 3 cher Senator der Stadt, der, ſo viel man in der — 55— ſie umhuͤllenden Finſterniß entdecken konnte, ſchwerfaͤllig am Arme ſeines nuͤchternen Nachbars hing. Die Muſſelburgher, die zu dieſer ſpaͤten naͤchtlichen Stunde noch auf der Straße waren, ſahen eine Erſcheinung gleich feu⸗ rigen Pfeilen hinter der Stadt aufſteigen, und ſich mit einem piepſenden, ſchmerzvollen Geſchrei auf die Daͤcher mehrerer Haͤuſer niederlaſſen. Im Anfange konnten ſie ſich nur uͤber dieſe Erſcheinung wundern; allein ſie bemerkten bald darauf, daß, wo dieſe feurigen Dinge ſich niedergelaſſen hatten, Rauch aufſtieg, den der Wind zu Flammen anfachte. Es verbreitete ſich hierauf eine allgemeine Beſtuͤrzung und die Menſchen liefen wie toll unter einander. Mitten un⸗ ter dieſem ſchrecklichen Gewirre ließen ſich jubelnde Knabenſtimmen in der Entfernung hoͤren. Hauptſaͤchlich hinter Clinkſcales Haus war es, wo ſich ein wuͤthender Laͤrm erhob: denn auf ſeinem Dache hatten ſich die feu⸗ — 76— rigen Voͤgel in der groͤßten Anzahl nieder⸗ gelaſſen. Den ferneren Verlauf dieſer Nacht, noch in wie weit es dem rachſuͤchtigen Baron von Falaſide gelang, ſich durch die beab⸗ ſichtigte Pluͤnderung zu entſchaͤdigen, erzaͤhlt unſer Geſchichtſchreiber nicht; ſo ſehr ſich unter dieſen Umſtaͤnden auch annehmen laͤßt, daß er nicht viele Hinderniſſe werde gefun- den haben, ſich den Weg in die Stadt zu bahnen. Er nimmt hier vielmehr den Fa⸗ den jener Begebenheit wieder auf, in welche ſich König Eduard, dem von ihm gethanen ritterlichen Geluͤbde zu Folge, ſeine Geburts⸗ rechte auf die Krone Frankreichs geltend I zu machen, verwickelt ſah, und ſchildert mit allen der Dichtung zu Gebote ſtehenden Mitteln, alle jene Vorfaͤlle, welche ſich in Frankreich, bis die Schlacht von Creſſy ge⸗ wonnen war, ereigneten, und die Englaͤn⸗ der die ewig denkwuͤrdige Belagerung von Calais begannen. Er verſetzt den Leſer hierauf nach England zuruͤck und erzaͤhlt —— uns mit nicht minderer Geſchicklichkeit, wie die Koͤnigin Philippa zu Hauſe ihr Koͤnig⸗ reich regierte, und den Koͤnig von Schott⸗ land und viele ſeiner Edeln in der Schlacht von Nevil's Croß gefangen nehmen ließ. Allein alle dieſe glaͤnzenden Thaten, ſo reich ſie an einzelnen Beiſpielen des Heroismus ſind, gehoͤren dennoch nicht zu unſerer Ge⸗ ſchichte, und laſſen uns nur den Mangel einer ferneren Benachrichtigung bedauern, wie der junge Rothelan ſich in den Fehden des Barons von Falaſide mit den Muſſel burghern in der Kriegskunſt uͤbte. Es ſcheint nur aus dem Verfolge der Geſchichte her⸗ vor zu gehen, daß die Sendung des eng⸗ liſchen Staatsboten erfolglos blieb; die Ur⸗ ſache, ob er vielleicht bei dem Brande der Stadt umkam oder fortlief, wird nicht an⸗ gegeben; allein ſoviel iſt gewiß, daß Ro⸗ thelan in Schottland unter den Auſpicien von Gabriel de Glowr zu reiferen Jahren heranwuchs, und daß er hier jenen unter⸗ nehmenden Geiſt erlangte, wegen deſſen er — 78— in der Folge ſo beruͤhmt ward. Nachdem wir nun eine hinlaͤngliche Ueberſicht des Inhalts der beiden erſten Theile des Buches von der Schoͤnheit gegeben ha⸗ ben, wollen wir zum dritten uͤbergehen, und uns ausſchließlich auf die jetzt raſcher fortſchreitende Erzaͤhlung der Geſchichte Ro⸗ thelans beſchraͤnken, der nunmehr im reife⸗ ren Juͤnglingsalter auf die Buͤhne tritt. Kothelan. — Dritter Theil. 0000082 Erſtes Kapitel. Der Feſttag. Wie ſtrömet London ſeine Bürger aus! In Ordnung, gleich den Senatoren Roms, Ziehn der Lord Mayor nebſt Collegen hin, Mit Schwärmen von Plebejern auf den Ferſen, Den ſiegbekrönten Cäſar heimzuführen. Shakſpeare. Eine abermalige Luͤcke unſeres Autors in Erzaͤhlung der Begebenheiten Rothelans, noͤthiget uns, die Einbildungskraft unſrer geneigten Leſer nochmals in Anſpruch zu nehmen, und ſie zu bitten, ſich ſechs Jahre — 30— verfloſſen zu denken, waͤhrend welcher Koͤnig Eduard mehrere hartnaͤckige Gefechte in Frank⸗ reich zu beſtehen, ſein Sohn, der ſchwarze Prinz, die Schlacht von Creſſy gewonnen, und der Koͤnig von Frankreich, um die Eng⸗ laͤnder von der Belagerung von Calais weg⸗ zuziehen, den Koͤnig David von Schottland angereizt hatte, in England einzufallen. Aus dem kleinen muthwilligen Edel⸗ knaben war indeſſen, durch die vielen un⸗ ternommenen Grenzſtreifereien unter dem gefuͤrchteten Sir Gabriel de Glowr, ein an Kriegsſtrapatzen gewoͤhnter kuͤhner Juͤng⸗ ling geworden. Da uns jedoch unſre Quelle nichts Naͤheres uͤber ſeine kriegeriſche Erzie⸗ hung liefert, ſo muͤſſen wir es, wie geſagt, dem Leſer uͤberlaſſen, ſich dieſen Mangel naͤherer Nachrichten ſelbſt zu erſetzen, und ſich den Eindruck vorzuſtellen, den ſolch ein Streifzuͤgler⸗Leben mit ſeinen Freuden des Umherſchweifens und Beutemachens, auf ei⸗ nen achtzehnjaͤhrigen, ehrgeizigen und ruhm⸗ begierigen Juͤngling haben mußte. — 81— Es ſcheint, daß, als der Koͤnig von Schottland, auf Anſtiften ſeines franzoͤſiſchen Alliirten, zum zweitenmale in England einfiel, Sir Gabriel de Glowr, vermuthlich eingedenk ſeines, in einem fruͤheren Feld⸗ zuge gehabten Gluͤcks, zu der koͤniglichen Armee ſtieß und Rothelan mit ſich nahm. Wie dieſes veranſtaltet ward, und durch weſſen Ueberredung unſer junger Krieger, der ſeine engliſche Herkunft nie vergaß, verleitet wurde, die Waffen gegen ſein Va⸗ terland zu tragen, iſt nicht recht klar. Die Thatſache ſelbſt leidet jedoch keinen Wider⸗ ſpruch, da es außer allem Zweifel iſt, daß er mit ſeinem Herrn bei der Schlacht von Nevil's Croß zugegen war, dieſelbe Schlacht in welcher Koͤnig David II. nebſt vielen Rittern und Edelleuten gefangen genommen wurde, und die Erzaͤhlung, welche unſer Geſchichtſchreiber von der Ruͤckkehr der Sie⸗ ger macht, dient ihm als Einleitung, ihn wieder auf die Buͤhne zu bringen. So wie ſie auf ihrem Marſche ſuͤdlich II. Bändchen. 3 4* A — 82— vorruͤckten, kam ihnen, wie berichtet wird, die ganze Bevoͤlkerung der nahen Gegend entgegen; und als die Nachricht von der Ankunft der Armee zu St. Albans in Lon⸗ don bekannt wurde, beſchloſſen die Buͤrger einmuͤthig, ſie mit den Ehren eines roͤmi⸗ ſchen Triumphzugs zu empfangen. Der Mayor mit den Aldermaͤnnern, die Stadt⸗ ſoldaten mit Streitaͤrten bewaffnet und mit fliegenden Fahnen, die Geiſtlichkeit und die Moͤnche, mit ihren Krummſtaͤben und Raͤu⸗ cherfaͤſſern und allem kirchlichen Pomp und Schaugepraͤnge, bereiteten ſich, ſie außerhalb der Stadtmauer im Freien zu empfangen. So wie am Morgen die Stadtthore geoͤffnet wurden, ſtroͤmte die große Menge der Ein⸗ wohner, in Feſtkleidern und die Kopfbede⸗ ckung mit Eichenlaub geſchmuͤckt, in unun⸗ terbrochener Reihe aus dem Biſchofsthore nach Barnet zu. Die Vorderſeiten der Haͤu⸗ ſer laͤngs der Straße waren mit Blumen⸗ kraͤnzen und gruͤnen Zweigen behangen. Aus jeder Fenſteroͤffnung ſah man eine Menge ſchoͤner und bluͤhender Geſichter ſchauen, nicht mit Unrecht den Roſenſtraͤu⸗ chen vergleichbar. Alles begruͤßte ſich in freudigem Stolze. Das große Herz von England hatte in der That Urſache, ſtolz und aufgeblaſen zu ſeyn; denn bei der er⸗ ſten Nachricht von dem Einfalle der Schott⸗ laͤnder, hatten ſich die Londoner maͤnnlich zuſammen gerottet, und waren die Erſten, die ins Feld zogen, ein Umſtand, der nebſt dem außerordentlichen Kriegsgluͤcke und den Palden fſen, die ſeine Vettern oder guten Freunde vollbracht hatten, einen jeden Buͤr⸗ gersſohn ſo begeiſterten, daß er in ſei⸗ nem triumphirenden Stolz keine Verglei⸗ chung zwiſchen ſich und dem aufgeblaͤhteſten Adelichen irgend eines Reiches der Erde ge⸗ duldet haben wuͤrde. Auch trugen die einzelnen Zuͤge dieſes großen Feſtes nicht weniger das Gepraͤge der Nation, von welcher es begangen wurde, als das allgemeine tumultuoͤſe Treiben und ungebundene Weſen der Menge; denn um = à4= zufuͤllen, uͤberließ ſich jeder ſeinem Vergnuͤ⸗ gen, nach ſeinem Geſchmack. Die Wirths⸗ und Bierhaͤuſer hallten von Jubel und froͤh⸗ lichen Geſaͤngen wider. An allen Orten ſah man Buden aufgeſchlagen, die zum Schilde das Bruſtbild irgend eines volks⸗ thuͤmlichen Helden trugen, deren Aehnlich⸗ keit durch die beigefuͤgten Namen nicht we⸗ nig erhoͤht wurde. Hochgehaͤuft waren darin die Leckerbiſſen aller Art zur Schau ausge⸗ ſtellt, um die luſtigſte Klaſſe vo ndſchaft anzulocken. Wohlbeleibte Wirthe mit ihren munterern Weibern, vorlaute Zapfjungen und flinke Aufwaͤrter trieben ſich hier in ihren Feiertagskleidern umher; jedoch be⸗ merkte man, daß ſie gegen die Gaͤſte etwas genauer und uͤbermuͤthiger waren, als man von ihrer gewohnten Artigkeit haͤtte erwar⸗ ten ſollen. Dieß war indeſſen nur dem au⸗ ßerordentlichen Geſchaͤftsdrange zuzuſchrei⸗ ben, der ihnen keine Zeit ließ, ſich mit Complimenten abzugeben;— ein wichtiges die Zeit bis zur Ankunft der Armee aus⸗ — 85— Factum, das wir abſichtlich hier anfuͤhren, weil die braven Weinſchenken und Speiſe⸗ wirthe Englands zu allen Zeiten unter ſei⸗ nen patriotiſchen Soͤhnen immer die Vor⸗ derſten waren, wo ein Triumph bei den Wahlverſammlungen oder ein Sieg zur See oder zu Land zu feiern war. Waͤhrend die Traͤgeren mit bleichen, mageren Geſichtern, finſteren, ſcharfen und unſtaͤten Augen Kegel ſchoben, das Kugel⸗ ſpiel ſpielten, oder gierigen Blicks uͤber den Wuͤrfeltiſchen hingen, ſchwangen ſchmuck⸗ gekleidete Handlungslehrlinge, und luſtige Handwerksburſche ihre Liebchen beim Spiele einer Trommel und Pfeiffen im Tanze. In den Lauben der Bierſchenken ſaßen be⸗ daͤchtig die wohlhabenden Kraͤmer und die gewerbthaͤtigen Handwerksleute mit ihren Weibern und Kindern um eine Kanne friſches Bier, oder um die duftende Ahorn⸗ ſchale mit ſchaͤumendem Hollunder⸗Wein, und thaten ſich guͤtlich; und hier und dort ſah man im Schatten einer laubigen Ulme 3 — 86— einige Lombarden und Brabanter, damals die erſten Banquiers und Kaufleute Lon⸗ dons, mit ihren Weibern auf morgenlaͤn⸗ diſchen Teppichen ſitzen, die von ihren Bu⸗ ben— wie man zu jener Zeit die Lackeien nannte— mit Honigkuchen und Confekt, und bisweilen mit einem Becher kuͤhlen Gewuͤrzwein, Malvaſier oder Muskateller bedient wurden. Vom Adel waren jedoch wenige da; denn die Bluͤthe des Koͤnig⸗ reichs war entweder mit der koͤniglichen Armee nach Frankreich gezogen, oder befand ſich unter den ſiegreichen Kriegern, welche zu bewillkommen ſich jetzt ſo viele Tauſende jeder andern Klaſſe von Süntebürgern verſammelt hatten. Allein dieſe froͤhliche Stimmung herrſchte dennoch nicht durchaus. Man konnte wohl die Verwandten und Freunde derjenigen unterſcheiden, die in den Krieg gezogen waren, indem man ſie in aͤngſtlicher Un⸗ ruhe auf und ab wandeln ſah. So man⸗ cher bejahrte Greis ſaß mit ſeiner alten — Ehehaͤlfte auf einen Stab gelehnt an der Seite der Landſtraße; und manches artige Maͤdchen ſtand von ihren ſchaͤckernden Ge⸗ ſpielinnen getrennt, und blickte, ſich die Locken vom Ohre ſtreichend, um die Trom⸗ peten des anruͤckenden Triumphzugs beſſer hoͤren zu koͤnnen, mit ſehnſuchtsvoller Neu⸗ gierde gegen Norden; waͤhrend man in ei⸗ niger Entfernung von dem geraͤuſchvollen Zuge der voruͤberwandelnden Menge, auf einer Anhoͤhe mitten unter ihren Kleinen ein Weib ſtehen, und in der Vorahnung des verlaſſenen Zuſtandes einer Wittwe, troſtlos weinen ſah. So oft ſich die Mut⸗ ter mit dem Saume ihres Mantels die un⸗ gluͤcksſchwangere Thraͤne von dem Auge wiſchte, draͤngten ſich die Kinder erſchro⸗ cken um ſie, und fragten ſie verwundert um die Urſache, warum ſie ſo weine, in einem Augenblicke, wo alles um ſie her jubele und ſich der Freude uͤberlaſſe. Unter An⸗ dern, welche die Aufmerkſamkeit der Menge auf ſich zogen, war auch ein kleiner, ſchon bejahrter Mann mit grauen Haaren, der ein ausgezeichnet froͤhliches Geſicht hatte, und in einer beſtaͤndigen Bewegung war. Wenn er zwei oder drei Freunde ſich mit einander unterhalten ſah, lief er zu ihnen und ſtreckte, um ihnen zuzuhoͤren, den Kopf zwiſchen ſie, ſo oft er auch fortgejagt wurde. Er geberdete ſich uͤberhaupt ſo aus⸗ nehmend naͤrriſch und auffallend luſtig, daß ſeine Ausgelaſſenheit das unaufhoͤrli⸗ che Gelaͤchter der Menge, und laute Aus⸗ bruͤche des Frohſinns erregte, denn er ſchlug den Leuten beſtaͤndig Schnippchen, machte die drolligſten Spruͤnge, und warf dabei ſeine Kappe in die Luft. Waͤhrend eines jener lauten Ausbruͤche war es, daß ein Mann von aͤltlichem Anſehen, zu Pferde, der zur Hausdienerſchaft irgend eines Gro⸗ ßen zu gehoͤren ſchien, ſeine Aufmerkſam⸗ keit auf ihn lenkte. Wie Andere, hatte auch ihn anfaͤnglich bloß die Neugierde herbei⸗ gezogen; allein augenfaͤllig nahm er bald ein beſonderes Intereſſe an ihm, wozu er — — 89— ſeine Urſachen haben mochte; denn man bemerkte, daß er den froͤhlichen Alten be⸗ ſtaͤndig im Auge behielt, und ihm, ſo zu ſagen, auf allen Tritten nachfolgte, bis er eine Gelegenheit erſpaͤhte, ihn ohne Zeu⸗ gen ſprechen zu koͤnnen. „Sind es die guten Nachrichten, oder das gute Bier, was Euch ſo luſtig macht, und Euch veranlaßt ſolche Capriolen zu ſchnei⸗ den, alter Graubart?“ fragte ihn der Mann zu Pferde, ſich muͤhend ſeine Anrede etwas jovialiſcher zu ſtimmen, als er ſelbſt aus⸗ ſah;„aber, ſo wahr ich lebe,“ fuͤgte er, wie von einer ploͤtzlichen Erinnerung ergrif⸗ fen, hinzu,„iſt das nicht der alte ehr⸗ liche Pigot?“ „Das weiß Gott und ſein Gewiſſen, daß er ehrlich iſt, und das iſt mehr als beide von Dir wiſſen,“ erwiederte Pierce luſtig; allein in demſelben Augenblicke faßte er den Fremden beſſer ins Auge. Seine Miene wurde ernſt, und er drehte ſich um, um ihm auszuweichen. „Kennt' Ihr mich nicht mehr?“ fragte der Reiter, indem er ihm folgte. Pigot ſah noch einmal ſchiclend nach ihm auf und erwiederte: „Ich habe Euer Geſicht wohl ſchon geſe⸗ hen, erinnere mich aber ſeiner gerade nicht mehr, weder ſeiner Schoͤnheit wegen, noch daß ſonſt etwas Gutes daran iſt.“ Er ſagte das Letzte in die Zaͤhne brummend, jedoch laut genug um gehört werden zu koͤnnen. „Wie kommt das, Pierce? wir pflegten ja ſonſt gute Freunde zuſammen zu ſeyn, warum denn nicht jetzt?“ „Iſt es nothwendig, daß Du mich hierum fragſt?“ b „Ich wuͤßte nicht warum ichs nicht ſollte.“ „Das wuͤßt Ihr doch,“ ſagte Nigor, ſte⸗ hen bleibend und ihm frei ins Geſicht ſe⸗ hend.„Die Reihe kommt auch an Euch, Ralph Hanslap.“ „Nun, nun, Pigot; was iſt aus dem Baſtard geworden?“ 1 „Baſtard! Pfeift Ihr noch immer aus dem Tone? Baſtard!“ „Lebt er noch?“ „Ja wohl, und aus dem Lamm iſt ein Löwe geworden, der den Sir Amias uͤber lang oder kurz bei der Gurgel faſſen wird.“ „Wir haben gehoͤrt, er ſey todt.“ „Wir? wer ſind dieſe wir?— Todt! Habt Ihr es geglaubt? Hat Sir Amias es geglaubt? und ſonſt jemand in ſeiner Halle? Nein, er iſt nicht todt, die Gerechtigkeit des Himmels ließ ihn nicht ſterben. Nein, Gott ſey Dank, er lebt und wird ſein Recht geltend machen, und zwar mit der Spitze des Degens, Ralph Hanslap.“ In dieſem Augenblicke vernahm man aus der Ferne Trompeten⸗Stoͤße. Ein all⸗ gemeines Jubelgeſchrei und das Stroͤmen der Menge verkuͤndete die Annaͤherung des Vortrabs der Armee. Der alte Mann ent⸗ eilte ſogleich durch das dickſte Gedraͤnge, = 92— und wußte ſich ſo flink durchzuhelfen, daß er ſich ſeinem alten Bekannten bald aus dem Geſichte verlor, welcher unſchluͤſſig ſchien, ob er ihm folgen oder bleiben ſollte, bis ihn der Strom der Menge von allen Sei⸗ ten ſo einengte, daß ſein Pferd unbaͤndig ward, und er umhergeſtoßen wurde, wie ein Boot auf einem Seeſtrudel. So wie er ſich aber Weg bahnen konnte, gab er ſeinem Pferde die Spornen, ſich wenig um die dringlichen und neugierigen Fragen der Zuſchauer bekuͤmmernd, die gruppenweiſe laͤngs der Straße und in den Luͤcken der Gartenhecken ſtanden; ſondern galoppirte nach der Stadt. ———ꝛ—x—x—˖—ꝛ—ꝛ—P—P———— Zweites Kapitel. Familien⸗Geheimniſſe. In Mitte zweier Welten ſchwebt, ein Traum, Des Menſchen Leben hier auf Erden, Wie zwiſchen Nacht und Hellung, an dem Saum Des Horizonts ein Stern; wir wiſſen kaum Das, was wir ſind, noch wen'ger was wir werden. Hin rollt der Zeiten Strom; nichts bleibt, Der Hoffnung Blaſen führt auf ſeinen Wellen Er mit ſich fort; wie dieſe ſich zerſchellen Entſtehen andre, die der Schaum der⸗Jahre treibt, Und wie die Wogen ſchwellen und vergehen Sieht man der Völker Gräber ſich erhöhen. Byron. 2 Es gibt Augenblicke im Menſchenleben, ſagt unſer Autor, in denen unſer inneres Auge, das Gefuͤhl, ahnend in die Geheim⸗ niſſe der Welt uͤber uns eindringt, und die Gegenwart mit der Zukunft in Beruͤh⸗ rung tritt. Dieſe offenbaret ſich gewoͤhnlich dem bekuͤmmerten Gruͤbler, wenn er ein⸗ ſam, mit einem aufgeſchlagenen Buche, deſſen Zauber fuͤr ihn reizlos geworden ſind, um ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln, bei ei⸗ ner duͤſter brennenden Lampe ſitzt. Dann reiht ſich die Zukunft an die Ver⸗ gangenheit, und die Erinnerung, die aus der Pforte ihrer bilderreichen Wohnung tritt, enthuͤllt dann ihre Weiſſagungen, und belehrt den Traurenden, daß die Zukunft ſeiner Schickſale ſo ſeyn wird, wie die Ver⸗ gangenheit. Der Strom des Lebens, ſo veraͤnderlich er auch in ſeinem Laufe iſt, treibt immer dieſelben Waſſer. Mit ſolch duͤſteren Betrachtungen, erzaͤhlt unſer Geſchichtſchreiber, unterhielt Lady de Crosby ſich oͤfters mit ihrer Tochter, die in der Periode, wovon wir ſprechen, das ſieben⸗ zehnte Jahr erreicht hatte. Die Fuͤlle der Reize, welche letztere ſchmuͤckte, war doch vielleicht eher den Lilien als den Roſen ver⸗ 2 — 95— gleichbar. Allein von jener Zeit an, daß die eben ſo tugendhafte als edle Lady de Crosby an der Redlichkeit ihres Gemahls zu zweifeln angefangen hatte, war ihr Ge⸗ muͤth von Sorgen angenagt; bleich und entſtellt ſchwand ſie in leidenſchaftsloſer Ab⸗ ſpannung hin, die ihr mehr das Anſehen eines Weſens der anderen Welt gab, als es irgend eine toͤdtliche Krankheit zu thun vermocht haͤtte. Beatrice ſtand an dem La⸗ ger ihrer Mutter und verſuchte ſie mit allen Kuͤnſten der Ueberredung hinaus ins Freie zu locken, um den triumphirenden Einzug der Armee zu ſehen, indem ſie glaubte, daß der Anblick des froͤhlichen Getuͤmmels ſie von ihrem truͤbſeligen gewohnten Nach⸗ denken zuruͤckbringen wuͤrde; ihre Bemuͤ⸗ hungen waren aber fruchtlos. „Liebes Kind,“ ſagte ſie,„wenn Du den Aufzug mit anſehen willſt, da Deine 3 Neugierde durch Deine Jahre entſchuldigt wird, ſo kann Dein Vater mit Dir gehen; ich bin jedoch aller Dinge uͤberdruͤſſig und * — 96— der Anblick wuͤrde meine Traurigkeit nur vermehren. Mir, liebe Beatrice, erſcheint all' dieſes Gepraͤnge nur wie ein Leichen⸗ zug. Sie alle ſind nur auf dem Weg⸗ nach ihrem Grabe.“ „Es muß Etwas vorgegangen ſeyn, das meinen Vater beunruhigt; Ralph Hanslap ging dieſen Morgen aus, der Armee ent⸗ gegen, kehrte aber in großer Eile zuruͤck, und der Vater ſcheint, ſeitdem er bei ihm war, nicht wohl, und ſonderbar verſtoͤrt zu ſeyn.“ Die Lady de Crosby richtete ſich bei die⸗ ſen Worten auf ihren Elnbogen auf, und rief haſtig, indem ſie ſich nach ihrer Toch⸗ ter umdrehte: „Nur Eins iſt es, das ihn zu jetziger Zeit beunruhigen kann; wollte Gott es waͤee dieſes.”“ „Aus welcher Urſache koͤnnt Ihr ihm dieſe Unruhe wuͤnſchen?“ erwiederte Bea⸗ trice, ſich uͤber die ungewöoͤhnliche Heftigkeit V — ————.—ee— — 9,— und Ereifernng ihrer Mutter und deren ſon⸗ derbare und liebloſe Kaͤlte wundernd. „Setze Dich, liebes Kind,“ ſagte die Lady,„die Zeit iſt gekommen, wo ich Dir die Quelle meiner langen Niedergeſchlagen⸗ heit entdecken kann.“ Sie erzaͤhlte ihr hier⸗ auf die Geſchichte der Lady Albertine, bis zu dem Zeitpunkte ihrer ploͤtzlichen Flucht aus Crosby⸗Houſe; ſie ließ ſich jedoch keine Sylbe entſchluͤpfen, die ihre, uͤber Sir Amias gefaßte Meinung verrathen haͤtte, da ſie die kindliche Liebe und Ehrfurcht ihrer Tochter gegen den Vater nicht ſchwaͤchen wollte. „Es iſt eine betruͤbte Geſchichte,“ ſagte Beatrice nachdenkend, als die Mutter ihre Erzaͤhlung geendigt hatte.„Allein was iſt ſeitdem aus der Lady Albertine geworden, und hat man nichts wieder von dem Kinde gehoͤrt?“ „Man glaubte ſie ſey in ihr Vaterland zuruͤckgekehrt,“ erwiederte die Lady de Crosby;z„allein vor ungefaͤhr ſechs Jahren, als der Krieg mit Schottland begann, und II. Bändchen. 5 98— der König nach dem Norden abging, ward ſie in London in dem Hauſe eines gewiſſen Adonijah, eines Juden, geſehen. Dieſer Jude brachte zu Deinem Vater einen Kna⸗ ben, deſſen Schoͤnheit und praͤchtige Klei⸗ dung viel Gerede unter unſern Bedienten veranlaßte. „Und war es der Sohn der Laͤdyun Alber⸗ tine?“ „Man hielt ihn damals nicht dafuͤr; allein von dem Juden uͤberredet, ſorgte Dein Vater dafuͤr, daß ihn Lord Mowbray als Edelknaben mit ſich in den Krieg nahm.“ „Und was iſt ſpaͤter aus dem Knaben geworden?“ „Ach! hierin liegt gerade die Urſache meiner Bekuͤmmerniß. Als der Koͤnig nach Weſtminſter zuruͤck gekehrt war, kam Lord Mowbray hierher, Deinen Vater des Kna⸗ ben wegen zu ſprechen; allein er war mit Nalph Hanslap im Auslande. Sie gingen uͤbereilt weg und blieben mehrere Jahre I -——.,— —, 99— aus;— aus welcher Urſache, habe ich nie in Erfahrung gebracht.“ „Es liegt Etwas in der Geſchichte,“ ſagte Beatrice ſeufzend,„das ich nicht ein⸗ zuſehen vermag; allein was war mit dem Knaben vorgefallen?“ „Als Lord Mowbray hoͤrte, daß Dein Vater uͤber den Kanal gegangen waͤre, ver⸗ langte er mich zu ſprechen, und nach eini⸗ gen Fragen, aus denen er wahrnahm, daß ich in Betreff des Knaben nicht unterrich⸗ tet war, erzaͤhlte er mir, daß derſelbe zu ſeinem großen Verdruſſe zu York verſchwun⸗ den, es aber durch einen beſondern Zufall entdeckt worden waͤre, daß er ſich in der Gefangenſchaft eines Schottlaͤnders befaͤnde. Err fuͤgte noch ferner hinzu, daß der Koͤnig Willens geweſen waͤre, ihn loszukaufen, und zu dieſem Ende, jedoch ohne Erfolg, einen Staatsboten nach Schottland abge⸗ ſendet habe. Und gerade zu jener Zeit, als ſich dieſe Begebenheit mit dem Knaben — 100— 5₰ zutrug, war es, daß Dein Vater und Ralph Hanslap England verließen.“ „Ach!“ ſagte Beatrice ſeufzend, indem ſie ihre Mutter zugleich zweifelhaft anſah, „Ihr fuͤrchtet alſo, daß in dieſen Zufaͤllen ein verborgener Zuſammenhang liege, der die Ehre meines Vaters beruͤhre? Aber,“ fuhr ſie fort,„ich habe den Hanslap nie leiden moͤgen; er hat meinen Vater zu ſehr in ſeiner Gewalt.“ Die Lady ergriff die Hand ihrer Toch⸗ ter und druͤckte ſie mit den Worten an ihre Lippen: „Liebe Beatrice, es ziemt Dir, als Tochter, Deinen Vater fuͤr ſchuldfrei zu halten, und ich habe das Vertrauen zu Dir,“ ſetzte ſie mit erſterbender Stimme hinzu,„daß Du ihn uͤberreden wirſt, wie⸗ der gut zu machen, was er etwa Bereuens⸗ werthes gethan haben ſoillte.“ „Allein Ihr ſagtet mir ja, Lady Alber⸗ tine ſey nicht mit meinem Oheim vermaͤhlt geweſen?““ fuhr Beatrice fort. —— —, — 101— „Das ſagte mir Dein Vater.“ „Glaubt Ihr denn, daß des Lord Mon⸗ brays Edelknabe mein Vetter geweſen ſey?“ „Ich kann mir es nicht anders den⸗ ken.“ „Konnte denn der Jude keine Auskunft geben?— Habt Ihr ihn nie darum be⸗ fragt? Hat mein Vater ihn befragt?“ „Sey ruhig, liebes Kind, ich will auf⸗ richtiger gegen Dich ſeyn; auch wuͤnſche ich, daß Du Deinen Vater inſtaͤndig baͤteſt, ſeine Ehre zu retten und das große Un⸗ recht wieder gut zu machen, das er, wie ich fuͤrchte, der Wittwe und der Waiſe zu⸗ gefuͤgt hat.“ „Ihr haltet Euch alſo davon uͤberzeugt, daß die Lady Albertine in der That das Weib meines Oheims war?“ „Ja.“. Beatrice ſaß zwei bis drei Minuten in Staunen verloren da; dann brach ſie in Thraͤnen aus und ſagte: 6⁴ — 102— „Wo iſ die ungluͤckliche Lady? ich will ſie zu meinem Vater bringen.“ „Du biſt zu eilfertig, Beatrice. Der gute Ruf Deines Vaters iſt noch unbeſcholten; willſt Du ihn in Unehre bringen? Du darfſt ihn nicht durch Beibringung von Zeugen zu uͤberfuͤhren ſuchen; allein wenn Du es vermagſt, ſuche ihn dahin zu uͤber⸗ reden, daß er freiwillig der Raͤcher ſeiner eigenen Ehre wird. Ich habe die Lady Albertine unlaͤngſt geſehen. Sie fand an dem Juden Adonijah einen Freund in ih⸗ rer hoͤchſten Noth; durch ſeine Hilfe hat ſie von ihrem Sohne Nachricht erhalten. Er befindet ſich unter den gefangenen Schot⸗ ten, und wird ohne Zweifel mit der Ar⸗ mee nach London kommen.“ „Iſt mein Vater von dieſem Allen un⸗ terrichtet?“ fragte Beatrice. „Nach dem, was Du mir geſagt haſt, * 8 —ÿ—ͦ—ͦ—ÿ—x zweifle ich nicht, daß Ralph Hanslap etwas erfahren und ihn davon unterrichtet hat.“ 7 ——OQ—.4,ͤ— — 103— „Habt Ihr mit ihm uͤber meinen Vetter geſprochen? „Nie; ſeitdem die Lady Albertine das Haus verließ, habe ich weder ihrer noch ih⸗ res Sohnes Erwaͤhnung gethan.“ „Es ſcheint aber dennoch, daß Ihr Be⸗ kanntſchaft mit ihr unterhaltet.“ „Der Zufall fuͤhrte uns neulich in der St. Helenen⸗Kirche zuſammen. Ich fand ſie ſo veraͤndert, daß ich ſie kaum erkannte; allein nach einer ſo langen Trennung um⸗ armten wir uns als Schweſtern, wie wir es einander immer geweſen waren. Seit⸗ dem haben wir uns taͤglich dort getroffen. Sie erzaͤhlte mir die ganze Geſchichte des ſo vaͤterlich an ihr handelnden Adonijah. Ich bebe wegen der Schande, die ihr Sohn uͤber Deinen Vater bringen kann, wenn er zuruͤckkommt.“ „Und dennoch wollt Ihr ihn nicht war⸗ nen! Iſt das liebevoll von Euch ge⸗ daht e“ — 104— „So lange ich noch keine Urſache hatte, an meinem Einfluſſe bei Deinem Vater zu zweifeln, that ich, was in meinen Kraͤften ſtand, um ihn von der Gefahr, die er lief, zuruͤckzuhalten; allein die Suͤnde hatte eine groͤßere Gewalt uͤber ihn, als meine Liebe, und wir haben uns ſeitdem ſchmerz⸗ lich entfremdet. Allein Du, Beatrice, ver⸗ magſt ihn vielleicht noch zu retten; und ich bitte Dich, nur Sanftmuth anzuwen⸗ den.“ Waͤhrend ſie ſo mit einander ſprachen, erhob ſich ein tumultvolles Freudegeſchrei, das den Anmarſch des Heeres verkuͤndigte, und der Laͤrm nahm ſo zu, daß das Jubeln der Menge alles andere uͤbertaͤubte. Lady de Crosby, die ohnehin einen zarten Glie⸗ derbau hatte, ward hierdurch ſehr ange⸗ griffen, ſo daß ſie ſich auf ihr Ruhebett hinſtreckte; Beatrice aber begab ſich in ein anderes Zimmer, welches die Ausſicht nach der Straße hatte. Hier fand ſie ihren Va⸗ ter an einem offnen Fenſter ſtehen, und 4 —.,— —.,.— — 105— dem Zug mit einer Art von Zerſtoͤrtheit und Bangigkeit zuſehen, die ſich in allen ſeinen Zuͤgen malten, und die mit der all⸗ gemeinherrſchenden Freude ſo wenig im Einklange ſtanden. II. Bändchen. 5* nee 0 e0000000 Drittes Kapitel. Die Tochter. Mein armer Vater, er leidet ſehr, Denn eine Krankheit befiel ihn ſchwer. Da ſitzt er traurig, und was man ſpricht, Wohl thut er, als vernähm' er's nicht. Wenn man ihn fragt, ſo ſeufzt er drein; Was mag wohl meinem Vater ſeyn? Peter M'Glashan. Ohngeachtet der geiſtigen Ausbildung der Alten und ihres Kunſtgeſchmacks, waren ſie gewiß nur ein Geſchlecht grob ſinnlicher Menſchen. Unter ihren mythologiſchen Bil⸗ dern, und ihren mannichfaltigen Goͤttern, hatten ſie keine Vorſtellung der reineren Liebe, dieſes eigenen Gefuͤhls, das wir als das unterſcheidende Prinzip des Modernen — ———, — — 107— von dem Antiken anſehen. Durch welches Bild ſie eigentlich vorgeſtellt werden ſollte, koͤnnen wir fuͤglich den Herrn Akademikern uͤberlaſſen. Wir ſind zu dieſen Bemerkun⸗ gen bloß durch einen artigen kleinen Cu⸗ pido verleitet worden, der ſich in dem illu⸗ minirten Kopfe des Kapitels befindet, von dem wir ſo eben einen Auszug liefern wol⸗ len, und der uns deswegen auffiel, daß ihm die Schwingen gebunden ſind, und er auf ſeiner„unſchuldigen Naſe“ eine Brille traͤgt; und wir vermuthen, daß er hier ſo vorgeſtellt ward, um als Sinnbild der Ver⸗ wandtenliebe zu dienen, die ohne Beimi⸗ ſchung von Leidenſchaft, aus den zarten Gefuͤhlen des Wohlwollens und der Zaͤrt⸗ lichkeit zuſammengeſetzt iſt. Unſer Autor faͤngt naͤmlich die Erzaͤhlung von dem, was zwiſchen Sir Amias und ſeiner Tochter vor⸗ fiel, damit an, daß er anfuͤhrt, wie Beatrice die Untugenden ihres Vaters nicht einge⸗ ſehen habe; ſondern ihre kindliche Liebe ſo⸗ groß geweſen ſey, daß ihr ſeine hoͤfiſchen Ma⸗ 7 — 108— nieren wie die ſchoͤnſten und ausgezeichnet— ſten Tugenden erſchienen. Sie ſtanden eine Zeitlang am Fenſter bei einander, ohne ein Wort zu ſprechen. Waͤhrend der Ritter mit neugierig forſchen⸗ dem Blicke auf dem langen Zuge der unten an dem Hauſe vorbeikommenden Krieger und Gefangenen weilte, wandte ſie die ih⸗ rigen oft aͤngſtlich nach ihm hin; denn ſie nahm an ſeinem Haͤnderingen und tiefem Athemſchoͤpfen von Zeit zu Zeit wahr, wie es in ſeinem Innern ſtuͤrmte, und ſeine Seele gegen einen, ſie zu uͤberwaͤltigen dro⸗ henden, Kummer rang.. Endlich bemerkte ſie, daß er mit einem⸗ male ruhig ward— wenn eine in ſeiner Bewegung eingetretene Pauſe ſo bezeichnet werden darf— und daß er ſich mit ernſter Miene vorwaͤrts bog. Sie folgte der Rich⸗ tung ſeiner Augen und ſah Ralph Hans⸗ lap auf der Straße in der Naͤhe eines be⸗ jahrten Juden, der ein Frauenzimmer in — 109— einem Tuchſchleier am Arme fuͤhrte. Es war Adonijah und die Lady Albertine. Die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer war auf den Zug gefeſſelt geweſen; allein ſie wurde bald in einem hoͤheren Grade auf einen fernen Gegenſtand hingezogen, den man vom Fenſter aus nicht ſehen konnte. Beatrice wurde heftig bewegt, und da ſie in die Ferne blickte, wo ſie ihres Vaters Blicke ſo ſcharf hingerichtet ſah, erkannte ſie einen Haufen Knaben, die unter lautem Gelaͤchter den alten Pierce Pigot in ihrer Mitte fuͤhrend, herankamen, welcher letztere allerlei poſſierliche Spruͤnge machte, und in ausgelaſſener Freude ſeine Kappe in der Luft ſchwang. Dicht hinter ihm kam ein ſchottiſcher Gefangener zu Pferd mit einem ſcharfen durchdringenden Auge, der ſeinen Kopf in Verwunderung und Erſtaunen uͤber die ihm vorkommenden neuen Gegenſtaͤnde, beſtaͤndig vorwaͤrts bog. Es war dieſes Sir Gabriel de Glowr von Falaſide; anziehen⸗ der war ihr jedoch ein ſtattlicher Juͤngling, — 110— welcher unmittelbar auf denſelben folgte. 1 Sie hatte ihn indeſſen kaum wahrgenom⸗ men, als der alte Pigot ploͤtlich ſtille ſtand und nach dem Fenſter hindeutend, an wel— chem ſie mit ihrem Vater ſtand, den jun⸗ gen Krieger auf ſie aufmerkſam machte. Dem Sir Amias entfuhr in dieſem Augen⸗ blicke ein tiefer hohler Seufzer, und gleich als ob ihn ein Schlag getroffen haͤtte, wankte er zuruͤck und warf ſich, das Ge⸗ ſicht mit den Haͤnden verhuͤllend, in einen Lehnſtuhl. Beatrice verlangte keine Erlaͤuterung uͤber dieſe ſonderbare Beaͤngſtigung, ſie er⸗ rieth, daß der Juͤngling ihr Vetter ſeyn muͤſſe, und nachdem ſie ſich einen Augen⸗ blick nach ihrem Vater gewendet hatte, kehrte ſie an das Fenſter zuruͤck, allein Ro⸗ thelan war ſchon voruͤber. „Beatrice,“ ſagte Sir Amias mit ſchwa⸗ cher Stimme,„leihe mir Deinen Arm und fuͤhre mich auf mein Zimmer.“ Der kleinmuͤthige Ton, womit er dieſes „ — 111— ſagte, rief ihre zerſtreute Beſinnung zu⸗ ruͤck und erinnerte ſie an den ihr von ih⸗ rer Mutter gegebenen Auftrag. „Ihr befindet Euch uͤbel,“ rief ſie, in⸗ dem ſie auf ſeine Seite trat,„es hat Euch Etwas ploͤtzlich angegriffen.“ „Nein, nicht ploͤtzlich,“ ſagte er mit trauriger niedergeſchlagener Stimme,„nicht ploͤtzlich. Ich leide ſchon lange daran. Es iſt eine Krankheit, liebes Kind, gegen welche, wie ich fuͤrchte, keine Arznei hilft.“ „Ach ſprecht doch nicht ſo; woher kommt ſie?“ Der Ton, womit ſie dieſes fragte, war ſanft und mitleidig; allein ſie begleitete ihre Frage mit einem ſo bedeutſamen Blicke, daß ihn Sir Amias in ſeinem Innerſten fuͤhlte. Er erwiederte jedoch, indem er in der Abſicht ſich wegzubegeben aufſtand:„Es iſt eine Seelenkrankheit. Das Gemuͤth des Menſchen hat ſeine Krankheiten und Uebel ſo gut wie der Koͤrper, und ich fuͤhle ſchon — 112— lange, daß es mit dem meinigen nicht zum Beſten ſteht.“ EEin Gegenſtand auf der Straße hat Euch ſo in Unruhe geſetzt?“ Ein Schauer fuhr Sir Amias durch die Glieder, er warf ihr ſekundenlang einen ernſten zweifelhaften Blick zu und fuͤgte ſodann auf gewohnte Weiſe hinzu: „Was war es, das mich haͤtte in Un⸗ ruhe ſetzen ſollen?“ „Ich meinte,“ erwiederte Beatrice furcht⸗ ſam,„es habe Etwas beim Anblick einer Lady, die mit einem Juden in der Naͤhe von Ralph Hanslap ſtand, Eure Aufmerk⸗ ſamkeit beſonders auf ſich gezogen.“ „Welche Lady? Wo weißt Du etwas von dieſer Lady? ſie iſt eine Fremde;— was geht ſie mich an?“ Die ungeduldige Schnelle, womit er dieſe Fragen ausſtieß, brachte Beatrice auſſer Faſſung, und ſie wurde etwas verwirrt: in demſelben Augenblicke ergriff ihr Vater ihre Hand, und ſetzte fluͤſternd hinzu: — 113— „Ja, Du haſt Recht, die Lady war mei⸗ nes Bruders Wittwe.“ „Wittwe!“ rief Beatrice. Sir Amias ließ ihre Hand fahren, ſchlug die ſeinigen in einander und ſchritt haſtig im Zimmer auf und ab. Er ward jedoch ſeiner Bewegung bald wieder Herr und kehrte gefaßt und beruhigt wieder zu ihr zuruͤck, indem er ſagtte: „Sie hat immer darauf beſtanden ſeine Wittwe ſeyn zu wollen, eine Anmaßung, die ich nie zugeben kann. 1 Beatrice ſeufzte, ſah ihn mit aͤngſt⸗ lichbittenden Blicken an, und antwortete dann mit dem Ausdrucke der zaͤrtlichſten Be⸗ kuͤmmerniß: „Und warum wollt Ihr es nie zugeben, daß ſie Lord Edmunds Wittwe iſt? Meine Mutter hat mir ihre Geſchichte erzaͤhlt, und das edle Benehmen, womit ſie das Ungluͤck Eurer Weigerung, ſie anzuerken⸗ nen, trug, uͤberzeugt mich, daß ihr gro⸗ Bes Unrecht geſchehen iſt. Wenn Euch Eure 2 *— 114— eigne Ehre lieb iſt, lieber Bater, ſo bitte ich Euch, dieſe Sache zu pruͤfen, und ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen.“ „Du willſt alſo, daß ich der Welt das Geſtaͤndniß ablegen ſoll, daß ich, eine ſo lange Reihe von Jahren hindurch, mir die Rechte ihres Sohnes angemaßt habe?““ „Ja, da es doch nicht lnger verhehlt werden kann.“ „Verhehlt?“ Was meinſt Du bannr, Beatrice?* Sie bemerkte jetzt, daß ihn d die Furcht uͤberwaͤltigt hatte, und er zitterte. Sie fing an zu weinen und bog ſich uͤber ſeine Schul⸗ ter, indem ſie ausrief: „O vergebt, daß ich es wage offenher⸗ zig mit Euch zu ſprechen; allein es kann verrathen ſeyd!“’“. Er fuhr bei dieſen Worten zuſammem) ſtieß ſie ſanft von ſich und rief:„durch wen, durch wen?“ Beatrice faltete ihre Haͤnde und erhob ihre Augen zum Himmel. 4 nicht laͤnger verborgen bleiben, daß Ihr — 115— „Der Verraͤther,“ ſagte ſie,„ſeyd Ihr ſelbſt. Eure Gemuͤthskrankheit iſt der Zeuge des Unrechts, welches Lady Albertine er⸗ litten hat, und Ihr habt ihren Raͤcher in dem jungen Menſchen geſehen, der nach den Fenſtern herauf blickte, als er vorbei kam. Schickt nach ihm, und ſetzt ihn wie⸗ der in ſein Recht ein.“ „Was weißt Du von ihm?“ ſchrie Sir Amias, mit irrem zerſtoͤrtem Blicke.„Er iſt jahrelang in Schottland geweſen; un Du kannſt ihn vorher nicht geſehen haben, wenigſtens um Dich ſeiner zu erinnern.“ „Ihr habt ihn jedoch auch ſeit ſeiner Kindheit nicht geſehen und dennoch er⸗ kanntet Ihr ihn auf der Stelle.“ „Ich hatte meine Gruͤnde ihn zu er⸗ warten.“ „Ich weiß es, daß Ihr dieſe hattet, und gerade ſie machten mich ſo verwegen, Euch dringend zu erſuchen, ſein erduldetes Un⸗ recht wieder gut zu machen. Nach dem was ich geſehen habe, wuͤrdet Ihr mich umſonſt uͤberreden wollen, Ihr hieltet Euch nicht uͤberzeugt, daß die Lady Albertine, wie Ihr es ſelbſt geſagt habt, Lord Edmunds Wittwe ſey.“ In dieſem entſcheidenden Augenblicke ihrer Unterhaltung, oͤffnete Ralph Hans⸗ lap die Thuͤre und blickte zum Zimmer hin⸗ ein; da er aber Beatrice gewahr ward, zog er ſich augenblicklich zuruͤck, ließ jedoch die Thuͤre halb geoͤffnet, um dem Sir Amias ein Zeichen zu geben, daß er ihm folgen moͤchte. „Geht nicht mit ihm,“ rief Beatrice, als ſie ſah, daß ſich ihr Vater wegbegeben wollte,„er fuͤhrt Boͤſes im Schilde. Das iſt Euer Fehler, daß Ihr Euch ſo leicht habt verfuͤhren und zu ſeinem Werkzeuge machen laſſen.“ Sie wollte ihren Vater am Schooße ſeines Rockes zuruͤckziehen; al. lein er entwand ihn ihrer Hand und ver⸗ ließ eilig das Zimmer. — 0000 0000000 6900 — Viertes Kapitel. Mutter und Kind. Noch denk' ich jener unſchuldsvollen Liebe, Womit das Kind, das ſchmeichelnd lächelnde, An ſeiner Mutter Buſen hing. Doch mehr Gedenk' ich jener größern Liebe, die Für ſüßes Koſen nicht Vergeltung ſucht; 4 Die ſelbſt den Irrthum heget und beſtärkt; Die unbegrenzte einer Mutterbruſt. Heuley's Mirope. Der Koͤnig von Schottland war inzwiſchen nach dem Tower abgefuͤhrt, die uͤbrigen Gefangenen aber in die Kloͤſter vertheilt worden. Sir Gabriel de Glowr ward mit Rothelan und einer Menge anderer in die Abtei St. Bartholomaͤus in Smithfield ge⸗ bracht, worin der Pater Giovanni, Beicht⸗ vater der Lady Albertine, noch immer lebte. Dieſer ſanftmuͤthige Geiſtliche war jetzt ſehr . 118— ſchwach und alt geworden; allein die Be⸗ gebenheiten des Tages hatten ihn, wie die uͤbrigen Kloſterbruͤder, herausgetrieben, und„ er ſtand auf dem Kreuzgange, als die Ge⸗ fangenen eingebracht wurden. Die Jugend und die heitere freie Miene Rothelans, hatten ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezo⸗ gen, und etwas Bekanntes, das in ſeinen Blicken und Geſichtszuͤgen lag, ſeine Neu⸗ gierde dermaßen rege gemacht, daß er auf ihn zuging, und ihn fragte, ob er in der That ein Schottlaͤnder waͤre? „Nein,“ erwiederte der Juͤngling,„ich bin von Geburt ein Englaͤnder, weiß aber von meinem Herkommen wenig mehrz“ denn wirklich blieben ihm nur ſchwache Er⸗ innerungen aus ſeinem fruͤhern Knabenal⸗ ter uͤbrig. Sir Gabriel fiel hier in die Rede.„Es iſt'n Englaͤnder in der That, und ſtammt, oder ich muͤßte mich ſehr irren, von'ner gute' Familie ab. Wir wuͤrden es als'ne große Gefaͤlligkeit betrachten, wenn Ihr — 119— uns ſeine Verwandten ausfindig zu machen helfen koͤnntet; denn ich zweiſle nicht, daß ſie uns gegen einander auslöſen werden.“ „Nein,“ erwiederte Rothelan lachend, und mit einem voͤllig ſchottiſchen Accente, nnein, jetzt ſind wir quitt mit einander, Sir Gabriel; ich bin Euch nun kein Loͤſe⸗ geld mehr ſchuldig, und werde mich fuͤr meine Kleider bezahlt machen, wie ich Euch immer geſagt habe.“ Waͤhrend ſie ſo mit einander ſprachen, und Pater Giovanni die ihm an Rothelan aufgefallene Aehnlichkeit aus ſeinem Ge⸗ daͤchtniſſe zu entraͤthſeln bemuͤht war, wurde die Pforte des Kloſters, die man, um das Zuſtromen der Menge abzuhalten, verſchloſ⸗ ſen hatte, geoͤffnet und dem Juden Sheback, Adonijah's Bruder, der Einlaß geſtattet. So lange Zeit auch verſtrichen war, ſeitdem der Jude das Kleid des Knaben erhandelt hatte, ſo erkannte er den Baron von Fa⸗ laſide doch auf der Stelle. Wirklich war die ſonderbare und ganz eigene unſtete Art, —- 120— wie Sir Gabriel de Glowr die Augen bald rechts und bald links, unter den buſchigten Braunen hervor, auf die Gegenſtaͤnde um⸗ her warf, zu bemerkbar, um je vergeſſen zu werden, beſonders wenn man ihn, wie es bei Sheback der Fall war, in gereiztem Zu⸗ ſtande geſehen hatte. Dieſer Umſtand fuͤhrte Shebacken das, was damals zwiſchen ihnen vorgefallen war, wieder ſo lebhaft vor das Gedaͤchtniß, daß er daruͤber die ſeit jener Zeit verfloſſene lange Reihe von Jahren vergaß, und als wenn der Handel erſt un⸗ laͤngſt abgeſchloſſen worden waͤre, frug:„Was habt Ihr mit dem Kinde angefangen?“ Dieſe Frage und die Figur des kleinen al⸗ ten Juden, ſchienen Rothelan und Sir Ga⸗ briel anfaͤnglich zu uͤberraſchen. Der Moͤnch war von einer heftigeren Bewegung ergrif⸗ fen worden; er wankte zuruͤck und lehnte ſich an einen der Pfeiler des Kreuzganges. Nach einer kurzen Pauſe, waͤhrend wel⸗ cher Rothelan den Juden forſchend anblickte, gleichſam als ob eine dunkle Erinnerung — 121— ſeiner in ihm auflebe, fing Sir Gabriel de Glowr, der ihn inzwiſchen erkannt hatte, an laut aufzulachen und zu kichern. „Nee!“ begann er,„iſt das nicht drollig? Iſt es moͤglich, daß Ihr der naͤmliche Gau⸗ dieb von Jud' ſeyd, der mich fuͤr'ne Ba⸗ gatell' um den Putz des Knaben betrog?“ Dieſe Darſtellung ihres mit einander ge⸗ habten Handels war ſicher nicht hiſtoriſch richtig; der Baron von Falaſide war jedoch flicht der einzige Mann ſeiner Zeit, der ſich fuͤr uͤbervortheilt hielt, wenn ihn ſein ge⸗ ſchicktes oder ungeſchicktes Benehmen einen Handel zu bald hatte beendigen laſſen; wir glauben vielmehr, daß ſo ziemlich alle Men⸗ ſchen und zu allen Zeiten die Gefuͤhle des Barons in demſelben Augenblicke, theilen. Es liegt uns indeſſen nicht ob, bei einem ſolchen gehaͤſſigen Thema wie das der Feh⸗ ler und Schwaͤchen unſerer Nebenmenſchen, dem wir aus philanthropiſchen Grundſaͤtzen laͤngſt entſagt haben, zu verweilen, da wir glauben, daß ein Jeder im Eifer ſeiner II. Bändchen. 6 — 122— Selbſtverehrung alles ſo thut, wie er es fuͤr am weiſeſten, rechtlichſten und beſten gethan haͤlt. In dem Geſchaͤftswoͤrterbuch ſind dieſe Ausdruͤcke gleich bedeutend. Doch zu unſerer Geſchichte. Nach einiger Unterredung zwiſchen den im Kloſter zu St. Bartholomaͤus verſam⸗ melten Parthieen, wurde Rothelan erkannt, und durch Pater Giovanni von ſeiner Ge⸗ burt und ſeiner Familie unterrichtet. Er wandte ſich hierauf an den Prior, um ſich die Erlaubniß zu erwirken, mit Sheback zu ſeiner Mutter gehen zu duͤrfen. Um unſere geneigten Leſer jedoch nicht mit der lang⸗ weiligen Erzaͤhlung von Kleinigkeiten zu ermuͤden, uͤbergehen wir die umſtaͤndlichere Beſchreibung unſers Hiſtoriographen, und fahren mit der Geſchichte ihrer Zuſammen⸗ kunft fort. Es ſcheint, daß, nachdem die Lady und Adonijah von Pierce Pigot unterrichtet wa⸗ ren, in welches Kloſter man Rothelan ge⸗ fuͤhrt hatte, Sheback von ſeinem Bruder ab⸗ ——— 2 — 123— geſchickt worden war, ſeine Befreiung fuͤr jedes Loſegeld zu erwirken; und ſie ſtanden noch in aͤngſtlicher Erwartung des Erfolges ſeiner Sendung, als er mit dem jungen Krieger zu ihnen zuruͤckkehrte. Ehe unſer Autor jedoch fortfaͤhrt zu erzaͤhlen, was hier erfolgte, uͤberlaͤßt er ſich dem Strome jener Betrachtungen, die von groͤßerer moraliſcher Wirkſamkeit ſind, als die Lehren ſelbſt, welche man aus dem Verfolge der Bege⸗ benheiten ziehen koͤnnte. „Das menſchliche Herz,“ bemerkt er, „erhaͤlt ſich, wenn Eigennutz und Welt⸗ intereſſe es ſchon befangen halten, aus der Erinnerung fruͤher Jugendtage noch man⸗ ches koͤſtliche Gefuͤhl, wie die verwelkte Roſe den Wohlgeruch aus den Tagen ihrer bluͤ⸗ henden Schoͤne. Unter allen zaͤrteren Af⸗ fekten der Humanitaͤt iſt jedoch keiner von Dauer und anhaltender Friſche, keiner von ſolcher Reinheit und Vortrefflichkeit, wie die milde Tugend der alterlichen Liebe. Sie i*ſt die Pulsader, welche der Seele des Men⸗ — 8 — 124— ſchen ſanftere Gefuͤhle zuſtroͤmt und Alles, was die heiligen Namen der Barmherzig⸗ keit und Mildthaͤtigkeit traͤgt, zieht ſeine Nahrung von ihr. Allein es iſt eine wun⸗ derbare geheime Kraft in ihrer Stroͤmung, die beides Verwunderung und Sorgen er⸗ regt. Denn oft iſt ſie die Quelle von Kum⸗ mer und Angſt, und dennoch ſcheint ſie de⸗ nen, welchen ſie ſolchen Kummer verurſacht, nur ein deſto groͤßeres Entzuͤcken zu gewaͤh⸗ ren; ſie laͤßt ſie an ihren Kindern hangen, wenn ſie ſchon lange keiner Sorge mehr be⸗ duͤrfen, ſie lehrt ſie Demuͤthigungen fuͤr ſie zu ertragen, und ſie auch dann noch zu lieb⸗ koſen, wenn ſie von der Schmach des Ver⸗ brechens gebrandmarkt worden; als ob durch die Abnahme der Achtung ihre Liebe ge⸗ gen ſie zunaͤhme.“ Gluͤcklicher Weiſe hatte die Lady Alber⸗ tine, ſo tief und leidend auch ihre muͤtter⸗ lichen Gefuͤhle waren, eine ſolche aͤußerſte Pruͤfung nicht zu beſtehen; allein ein ſon⸗ derbar aͤngſtliches Gefuͤhl von Schmerz und ** — 125— Täͤuſchung bemaͤchtigte ſich ihres Buſens auf einen Augenblick, als ſie ſtatt des mun⸗ tern bluͤhenden Knaben— des laͤchelnden, frohen, wilden kleinen Springers, mit Gruͤb⸗ chen in den Wangen— der unſchuldigen Bluͤthe des Lebens— des kleinen huͤlf⸗ und ſorgloſen Weſens, das zu bedecken und zu beſchirmen ſie Fluͤgel haͤtte haben moͤgen,— jetzt einen ſtattlichen Juͤngling, im Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Kraft und anmaßend, ſich zum Beſchuͤtzer anderer aufzuwerfen, mit ritter⸗ lichem Anſtande und wiederhallendem Tritte ins Zimmer treten ſah. Sie blickte uͤberraſcht nach ihm auf, als er ihr entgegen trat; denn ſie ſah in ihm nicht mehr ihr lange verlornes Kind; es war ihr als haͤtte man ihre muͤtterliche Liebe kaltherzig taͤuſchen wollen; ſie fuhr zuruͤck, als er ſie umarmen wollte, und rief im er⸗ ſten Ausbruche ihrer Bewegung: „Nein! das iſt Er nicht! dieſer junge Menſch iſt nicht mein kleiner ſchoͤner Ro⸗ thelan!“ — 126— Einen Augenblick hatte ihn ihre Ver⸗ laͤugnung wie erfaßt, bald verbreitete ſich jedoch ein Laͤcheln uͤber ſein Geſicht, und er verſicherte ſie ſo lebhaft, daß er kein an⸗ derer, als jenes muntere und muthwillige Geſchoͤpf ſey, deſſen bluͤhendes Bildniß ſo lange ihre einzige Wonne geweſen war, daß ſie von ihrem Sitze auffuhr, ſich in ſeine Arme ſtuͤrzte, und ihn an ihr Herz druͤckte. Fuͤnftes Kapitel. Schon hat der Lenz im grünenden Gewande Mit Blüthenkränzen jeden Baum geſchmückt. Im Saatenſchmucke prangend ſtehn die Lande, Von ſeinem milden Schöpferhauch erquickt. Er beut zu künft'gem Seegensunterpfande Die Hoffnung, die aus vollen Knospen blickt. 3 Doch— wie die Blüthen herrlich ſich entfalten, Wird auch die Zukunft ſo die Frucht geſtalten? Neues Schaufpie. b Was wird der Erfolg ſeyn? Waͤhrend Mutter und Sohn ſich alſo ge— genſeitig bewillkommten, war Adonijah, von dem beſeligenden Bewußtſeyn belohnt, eine ſolche Gluͤckſeligkeit vorbereitet zu haben, ein ſchweigender Zuſchauer geblieben, bis die Lady von ſeiner ſo einzigen Freund⸗, ſchaft und ſeinen vortrefflichen Eigenſchaften zu erzaͤhlen anfing. Er unterbrach ſie aber mit den Worten: — 128— „Nun, nun, hab' ich nicht auch meinen Lohn und manchen Nutzen davon?“ Sheback, der an der Thuͤre ſtand, war ſo auſſerordentlich erfreut, ſeinen Bruder ſo ſprechen zu hoͤren, daß er dicht zu ihm trat; denn bisher war ihm Adonijah's Freund⸗ ſchaft gegen die Lady wenig beſſer, als eine offenbare Verraͤtherei an ſeinem Volke vorgekommen; ob er gleich nie den Muth hatte, ſeine Meinung, ſelbſt in Form eines Rathes, gegen ihn auszuſprechen; ſonſt wohl das geeignetſte Mittel, um Vorſtellungen Eingang zu verſchaffen. „Ja, ja,“ fuhr Adonijah fort, indem er Sheback von der Seite anblickte,„jetzt werde ich auch meinen Nutzen davon haben, und werde nicht einen Pfennig an dem reichen Gewinnſte nachlaſſen, den mir mein Mit⸗ leiden fuͤr dieſe Lady einbringt.“ Er faltete hierauf mit einem Blicke zum Himmel ſchweigend ſeine Haͤnde, und rief dann nach einigen Augenblicken:„Richter — 129— Iſraels, baͤndige den Zorn, den du gegen meinen Bruder in mir angefacht haſt!“ Der erſtaunte Sheback wich zuruͤck und verließ das Zimmer, waͤhrend Rothelan und die Lady Albertine den empoͤrten Alten mit einem gemiſchten Gefuͤhle von Hochachtung und Verwunderung anblickten. „Ja,“ rief Adonijah⸗„ich bin geweſen wie die allverſchlingende See: durch Stuͤrme und Schiffbruͤche habe ich mir Reichthuͤmer geſammelt. Ich habe Juwelen und Gold⸗ barren, das Brod der Waiſen in meinem ge⸗ heimen Verborge zuſammen geſcharrt. Bin ich denn nicht ein Jude? und muß ich nicht meinen Profit haben? Als Ihr in Ver⸗ zweiflung waret, Lady! war ich da nicht Euer Troſt? Wollt Ihr mich nicht dafuͤr bezahlen? Ich bin doch ein Jude und will ſeyn bezahlt. Junger Mann, fragt Eure Nutter, was ich fuͤr ſie und fuͤr Euch ge⸗ than habe. Was wollt Ihr mir nun geben fuͤr all' das, was ich gethan habe und was ich noch fuͤr Euch thun will; denn Ihr ſollt II. Bändchen. 6* — 130— werden der Eigenthuͤmer von Euerm Erbe, und ſollt geehrt werden von Euerm Koͤnig.“ Adonijah hatte ſich durch ſeine Lebhaf⸗ tigkeit erſchoͤpft, ſeine Stimme wurde wie gewoͤhnlich ſanft und wohltoͤnend, und er fuhr mit dem Tone zaͤrtlicher Theilnahme und des Bedauerns fort: „Das iſt mein Schickſal; meine Freuden beſtehen bloß in Erinnerungen. Noch hat mir der Himmel den Genuß keiner Freude vergoͤnnt, als nur mitten in ſolchen Schrek⸗ ken und Aengſten, daß ich alsdann nicht wußte, ob ich etwas Gutes oder Boͤſes dar⸗ aus machen ſollte. Als ich Euch gluͤcklich ſah, ward ich ſtolz; denn mein Herz ſagte mir: dieſe Gluͤckſeligkeit iſt dein Werk; allein Belhaſſar ward mitten in der Herr⸗ lichkeit ſeines Bankett's beſtraft. Doch war⸗ um klage ich? Kann der Ungeſtaltete im Stolze ſeiner Maͤnnlichkeit ſo aufrecht ſtehn wie Du mein Sohn? Es iſt nicht ſein Feh: ler, ſondern ſein Schickſalsloos, welches Sheback zur Eiterbeule in den Lenden — 131— Iſraels gemacht hat; und ich ſuͤndige, ſo aufgebracht gegen ihn zu ſeyn. Allein Lady, wir haben keine Zeit mit eiteln Geſpraͤchen zu verlieren. Wie wir den Sir Amias aus ſeinen fruͤheren liſtigen Anſchlaͤgen kennen, wird es nicht lange dauern, daß er von Euers Sohnes Wiederkehr Wind bekommt. Laßt uns demnach zum Biſchof von Win⸗ cheſter eilen, und ihm ins Gedaͤchtniß zuruͤck rufen, was wir ihm bei einer fruͤhern Gele⸗ genheit erzaͤhlt haben. Obgleich er damals ſehr langſam und zoͤgernd in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe war, ſo nimmt er ſich der Sache jetzt vielleicht thaͤtiger an, wenn er ſieht—“ Den Juden unterbrach ploͤtzlich ein lau⸗ tes Pochen an der Thuͤre, das, ehe er ſich noch beſinnen konnte, was zu thun ſey, noch einmal heftiger wiederholt ward. Eine ſo dringende Aufforderung zum Oeffnen der Hausthuͤre war, in damaliger Zeit, den Soͤhnen Iſraels keinesweges etwas Ange⸗ nehmes. Die Lady Albertine, welcher Be⸗ fuͤrchtungen zur Gewohnheit geworden wa⸗ — 132— ren, war noch zerſtoͤrter als Adonijah; in ihrer erſten Angſt umklammerte ſie ihren Sohn, um ihn ins innere Gemach zu ziehen. „Laßt uns ſehen was es iſt,“ ſagte Ro⸗ thelan, der allein ſeine Faſſung beibehalten hatte, indem er nach der Thuͤre ging;“ ſoll ich aufmachen?“ Allein ehe er noch zwei Schritte gethan hatte, wurde zum drittenmale gepocht, und einen Augenblick darauf trat Sheback bleich und erſchrocken ins Zimmer und brachte ihnen die Nachricht, daß Sir Amias mit Ralph Hanslap an der t Thüͤns ſey und Einlaß begehre. „Laßt ſie kommen,“ verſetzte Rothelan, „was haben wir dieſe zu fuͤrchten?“ Sheback ging ſogleich, um die Thuͤre zu oͤffnen, waͤhrend Adonijah erwiederte: „Er hat Euch unrecht zugefuͤgt; iſt das nicht Urſache genug, um ihn zu fuͤrchten? „Allein wir wollen ſeiner Liſt, Liſt entgegen ſetzen; er kommt ſelbſt, er ſcheint ſich alſo geben zu wollen das Anſehen eines Freundes, —B —— — 133— laßt uns ihm alſo nicht den Groll zeigen, den wir im Herzen gegen ihn hegen.“ „Soll ich das Gefuͤhl des Unrechts unter⸗ druͤcken, das er meiner Mutter zugefuͤgt hat?“ rief Rothelan ungeduldig. „Sachte, ſachte, junger Mann, ich bitte Euch, laßt Euch rathen; noch ſchweben wir in Gefahr;“ bemerkte Adonijah, Rothelan auf die Schulter klopfend. „Ich werde hoͤren, was er zu ſagen hat; allein er darf nicht erwarten, daß ich ihm anders, als mit Verachtung begegnen werde.“ „BVielleicht,“ verſetzte die Lady,“ weiß er nicht, was ſich ereignet hat, oder daß ich hier bin. Es iſt moͤglich, daß ihn bloß Ge⸗ ſchaͤfte hierher fuͤhren, die er mit Euch hat. Waͤre es nicht beſſer fuͤr uns, abzutreten und Euch mit ihm allein zu laſſen? „Dieſer Rath iſt ſehr klug,“ erwiederte Adonijah, indem er mit ungewoͤhnlicher Eil⸗ fertigkeit die Thuͤre des innern Gemachs oͤff⸗ nete, ſie hinein ſchob und leiſe hinter ihnen — 134— zuſchloß; hierauf eilte er nach einem Stuhle vor einem Tiſche, worauf ſich ein Schreibzeug befand. Kaum hatte er ſich hier niedergelaſſen und eine Feder ergriffen, als Sheback ein⸗ trat, dem der Ritter und ſein ehrbarer Squire folgten. „Ha!“ rief Adonijah, wie aus tiefen Gedanken erweckt, auffahrend,„das iſt ja mein lieber Freund, Sir Amias; Ihr er⸗ zeigt meinem Hauſe eine große, unerwartete Ehre.“ Ohne ſeinen Gruß zu erwiedern, blickte der Ritter im Zimmer umher, ſichtbar ge⸗ taͤuſcht, niemand weiter als Adonijah zu ſinden. „Ich habe vernommen,“ fing Sir Amias mit ſeiner gewohnten, verſtellten Sanft⸗ muth an;„daß eine Lady in Euerm Hauſe ſey, die ich laͤngſt gern wieder geſehen haͤtte. Iſt dieſem nicht ſo?“ „Es iſt hier eine Lady, die Lady Alber⸗ tine, welche Euers Bruders Frau genannt 3 —,— — 135— wurde. Ja, dieſe iſt in meinem Hauſe; ſie hat Geld von mir geborgt. Mein guter Sir Amias de Crosby wird ihr beiſtehen, daß ſie mich wieder bezahlen kann; denn ich bin ein armer Mann und muß leben von meinem Gelde.“ „Wo iſt ſie? Ich moͤchte ſie ſehen— moͤchte mit ihr ſprechen.“ „Ich will ſie her zu Euch bringen,“ ſagte Adonijah, den Ritter ſcharf ins Auge faſſend;„ſie iſt dermalen ſehr vergnügt mit ihrem Sohne.“ Das Geſicht des Sir Amias veraͤnderte ſich;— es war keine Roͤthe, die es uͤber⸗ flog, noch der Ausdruck der Verwirrung oder der Ueberraſchung, ſondern ein ploͤtz⸗ liches Zuſammenziehen der Geſichtsmuskeln, wie man es bisweilen bemerkt, wenn die Seele unertraͤglich aͤngſtlicher Gefuͤhle Herr werden will. Ralph Hanslap, der an der Seite ſeines Herrn ſtand, behielt in ſeinen Zuͤgen den Ausdruck jener vollkommer Gelaſſenheit und Ruhe bei, wegen welche — 136— er ſo merkwuͤrdig war. Als aber erwaͤhnt wurde, daß Rothelan bei ſeiner Mutter ſey, zupfte er den Ritter am Rockſchooße, und ſagte, den Juden anblickend: „Ihr Sohn!— Wo iſt er geweſen?- Wo iſt er hergekommen?“ Ohne eine Antwort hierauf zu geben, wandte ſich Adonijah abermals an den Rit⸗ ter:„Er iſt,“ ſagte er,„ein zweiter Abſo⸗ lon an Schoͤnheit; Ihr werdet ſtolz ſeyn, einen ſolchen Better zu haben: und iſt er Euch nicht was Joſeph ſeinen Bruͤdern in Egypten war?“”“ „Wo iſt er?“ rief Sir Amias;„ich tam nicht hierher, um mit Euch zu plau⸗ dern.“ Adonijah, der wahrnahm, daß dieſes Geſpraͤch, wenn er es fortſetzte, ihm Ge⸗ fahr bringen koͤnnte, legte, anſtatt ſich we⸗ gen der Bemerkung, die den Ritter ſo auf⸗ brachte, daß er den Anſtand vergaß, den er ſelbſt einem Juden in ſeinem eignen Hauſe ſchuldig war, zu entſchuldigen, die — — 137— Hand demuͤthig auf ſeine Bruſt. Er öͤff⸗ nete ſodann die Thuͤre des Zimmers, in welches die Lady und Ihr Sohn ſich zu⸗ ruͤckgezogen hatten, trat in daſſelbe ein und blieb darin, waͤhrend dieſe ſelbſt zu ihrem Verwandten herauskamen. Sechstes Kapitel. Eroͤffnungen.* Sieht er nicht kriechend wie ein Zöllner aus? 1 Shakſpeare. Die Erfahrung macht Narren geſcheidt— leicht moͤglich. Unſer Autor bemerkt jedoch, daß ſie dieſelben bloß lehrt, Liſt bei ihrer Thorheit zu gebrauchen. Wirklich macht uns unſere Bekanntſchaft mit der ehrwuͤr⸗ wuͤrdigen Dame ſehr geneigt, ſeiner Mei⸗ nung beizupflichten, weil wir nicht ohne Gruͤnde vermuthen, daß ſie, was Welt⸗ und Menſchenkenntniß betrifft, die Lehr⸗ meiſterin der Scheelſucht iſt.„Die Erfah⸗ rung,“ ſagt unſer Geſchichtſchreiber,„iſt von einem ſtrengen und heftigen Tempera⸗ mente, und ſie nimmt auf die Hoffnung — 139—. und Wuͤnſche, mit denen ſich die Jugend einwiegt, wenig oder gar keine Ruͤckſichten. Sie entwindet dieſer die Freuden, die ſie zu erfaſſen glaubt, wie die ſcheelſuͤchtige, hagere Schulmeiſterin dem kleinen Schul⸗ knaben die Bluͤthen und Knospen entreißet, die er ſich pfeiffend und ſpringend an ei⸗ nem ſonnigen Fruͤhlingsmorgen, auf dem Wege zur Schule, gepfluͤckt hat, und die ihn ausſchmaͤhet und mit der Ruthe zuͤchtigt, daß er ſo muthwillig war, Blumen abzu⸗ pfluͤcken, welche ſo bald verwelken.“ Von allen Warnungen, gegen die Groß⸗ muth der Menſchen auf unſerer Hut zu ſeyn, nehmen wir keine mit größerem Wi⸗ 3 derwillen an, als jene, welche uns lehrt, wie gern ſich die Schurkerei zu einem leut⸗ ſeligen Weſen geſellt. Daher kam es, daß der junge Rothelan der anſcheinenden Hoͤf⸗ lichkeit ſeines Oheims ein willfaͤhrigeres Gehoͤr ſchenkte, als ſeine Mutter. So wie ſie ins Zimmer traten, ging ihnen Sir Amias, bis in die Mitte des — 140— Gemachs, gefaßt und mit hoͤflicher Verbeu⸗ gung entgegen. Er nahte ſich der Lady Albertine, die etwas vor ihm zuruͤckwich, drehte ſich aber, ohne ſie anzureden, ploͤtzlich um, und ſagte zu Rothelan: „Ohne Zweifel habt Ihr von den un⸗ gluͤcklichen Umſtaͤnden gehoͤrt, unter welchen Eure Mutter aus meinem Hauſe ging?“ Rothelan, der ſeine Stirne gerunzelt und ſich vorgenommen hatte, bis zum Trotze ernſthaft zu bleiben, warf Sir Amias einen finſtern Blick zu, und gab keine Antwort. Der Ritter fuhr fort: „Nur durch einen ſehr ſonderbaren Zu⸗ fall habe ich heute von Euch und ihr re⸗ den hoͤren. Man ſagt, daß Ihr in ſchot⸗ tiſchen Dienſten gefangen genommen wor⸗ den ſeyd; allein ich werde meinen ganzen Einfluß aufbieten, um Euch Pardon zu er⸗ wirken. Ich will Euch beiſtehen, obgleich Eure Mutter mir nie erlauben wollte, ihr Freund zu ſeyn. Inzwiſchen iſt es dennoch — 141— Hochverrath, daß Ihr die Waffen gegen Euern rechtmaͤßigen Koͤnig getragen habt.“ Er wurde hier durch einen hellen und furchtbaren Schrei der Lady Albertine un⸗ terbrochen, die bisher in einem Zuſtande von Erſtarrung geſtanden hatte, ſo, daß ſie kaum ein Augenlied bewegte. Ihr Ton lautete ſo tief ausgeholt und klaͤglich, daß ſelbſt Ralph Hanslap, der neben ſeinem Herrn ſtand, zuſammenfuhr. „Ich ſoll ihn alſo wieder gefunden ha⸗ ben, um ihn auf ewig zu verlieren,“ fuͤgte ſie im Tone der aͤuſſerſten Beaͤngſtigung hinzu; ſie raffte ſich aber ploͤtzlich wieder zuſammen und warf einen durchbohrenden Blick auf Sir Amias.„Wer,“ rief ſie, „wer hat ihn zu den Schottlaͤndern ge⸗ ſchickt?— Wer war der Verraͤther?“ Ihre Heftigkeit erſtickte jedoch ihre Stimme, ſie konnte nicht weiter reden; ihr Buſen wallte von unausſprechlicher Empoͤrung uͤbey, und in der Verzweiflung ballte ſie ihre Haͤnde. — 142— „Wie lange wollt Ihr mir Unrecht thun, Lady?“ ſagte Sir Amias. „Das iſt nicht wahr;“ rief ſie heftig, „ich thue Euch nicht Unrecht; ich klage Euch keines einzigen Vergehens an, deſſen Euch Euer eignes Geniſſen nicht beſchuldigt. Findet Ihr keine Urſache in Eurer Habſucht, ſein Verderben zu wuͤnſchen? Warum ſeyd Ihr hier? Wir haben Eure Huͤlfe nicht verlangt, wir verachten ſie; Euer Haß iſt uns nur erwuͤnſcht, und den haben wir be⸗ reits auf uns geladen; ja, Sir Amias, das wißt Ihr, wir beſitzen ihn in dem Grade, wie ihn das aͤuſſerſte Schuldgefuͤhl, das ſich vor der Strafe fuͤrchtet, nur immer zu erwecken vermag.“ Mit ruhiger, faſt mitleidiger, an ein Laͤcheln grenzender Miene, hörte Sir Amias all' dieſe bitteren Vorwuͤrfe an, und waͤh⸗ rend ſie dem Ausbruche ihres Unwillens Luft machte, ſah er ſeinen Neffen mehrere Male gleichſam fragend an: ob es moͤglich *— — 143— ſey, daß er ihr ſo mit ibm zu verfahren erlauben koͤnne? Nachdem ſie ſich eine Zeitlang ihrer lei⸗ denſchaftlichen Stimmung uͤberlaſſen hatte, hielt ſie inne, legte ihre Hand auf ihres Sohnes Schulter und fing mit geſenktem Haupte an zu weinen. „Ich kann gegen mein Schickſal⸗ nicht laͤnger ringen,“ ſagte ſie.„Thut was Euch gefaͤllt, Sir Amias. Ich habe weder die Hoffnung noch den Muth dazu, gegen Eure Hinterliſt zu kaͤmpfen.“ „Ich aber,“ rief Rothelan, ſich mit ſanf⸗ ter Gewalt von ſeiner Mutter loswindend, und mit entſchloſſener Miene auf ſeinen Oheim zugehend, den er folgender Maßen anredete:. 1 „Ich bin kaum noch von den Kraͤnkun⸗ gen unterrichtet, die meiner Mutter durch Euch widerfahren ſind, und von dem Un⸗ recht, das ich ſelbſt erlitten habe.“ „Ich bitte,“ rief Sir Amias, ihn un⸗ terbrechend,„hoͤrt zu, was ich Euch ſagen — 144— will: Es iſt moͤglich, daß Eure Mutter, wie ſie behaupten will, wirklich meines Bru⸗ ders Wittwe iſt, und Ihr ſein rechtmaͤßiger Erbe ſeyd; allein uͤberlegt nur, wie viele Jahre ſeit ſeinem Tode verſtrichen ſind, waͤhrend welcher langen Zeit ſie auch nicht Einen Beweis beigebracht hat, ihre Aus⸗ ſage zu beſtaͤtigen. Gewiß haͤtte ſie in die⸗ ſer geraumen Zeit die Wahrheit ihrer An⸗ gaben durch Zeugniſſe darthun koͤnnen. Allein anſtatt Beweiſe beizubringen, macht ſie mir nur Vorwuͤrfe. Um jedoch nicht laͤnger daruͤber in Zwiſt zu liegen, und um Euch zu zeigen, wie ſehr ich in Wahrheit der Freund gegen ſi ſie bin, als den ich mich immer gegen ſie bekannt habe— ſo wie nicht weniger gegen Euch—, ſo bringt nur einen Zeugen, der bei der Verheirathung Eures Vaters mit dieſer Lady gegenwaͤrtig war, und ich trete Alles ab, was ich be⸗ ſitze, und was ſie als Euer Eigenthum in Anſpruch nimmt.“ Er ſprach dieſes mit einer ſo aufrichtig 4 — 145— ehrlichen Miene und mit einer ſo einneh⸗ menden Stimme, daß Rothelan ſich mit veraͤndertem, gleichſam beſchaͤmtem Blicke gegen ſie wandte; ſie aber ſchuͤttelte bedenk⸗ lich und untroͤſtlich den Kopf. „Kann ich mehr thun?“ fuhr Sir Amias fort,„koͤnnt Ihr mit Grund mehr von mir erwarten? Die Ehre und das Erbe eines edlen Hauſes ſind in meinem Beſitze, und ich darf ſie, ohne meiner Rechtſchaffenheit Abbruch zu thun, nicht an jemand anders abtreten, der ſeine Anſpruͤche nicht beſſer darthut. Allein warum ſollen wir ſo viele Worte mit unnuͤtzen Betheuerungen verlie⸗ ren, und die Hauptabſicht meines Beſuchs vergeſſen, naͤmlich die, Euch in mein Haus einzuladen.“. „Du darfſt nicht gehen,“ rief die Lady Albertine, ihren Sohn beim Rock faſſend, „er ſchuͤttet Dir Gift in den Trunk.“ Sir Amias erbleichte und warf einen fluͤhigen Blick anf Ralph Hanslap, der etwas hinter ihm ſtand, und die Augen II. Bändchen.- 7 — 146— ſenkte, als er die Anklage hoͤrte, ſonſt aber kein Zeichen einer Ruͤhrung von ſich gab. „Ihr ſcherzet, Lady,“ ſagte der Ritter nach einer kurzen Pauſe, waͤhrend der er ſeine natuͤrliche Geſichtsfarbe wieder bekam, „und das Mitleiden ſichert Euch Verzeihung fuͤr dieſe Aeußerungen zu; allein Euer Sohn wird mir hoffentlich mehr Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, als ſolchen Anſchuldigun⸗ gen Glauben beizumeſſen.“. „Dann wuͤrde er ſeine gekraͤnkte Mutter beſchimpfen,“ rief die Lady,„dann iſt er mein Sohn nicht, wenn er nicht fuͤhlt, wie ich fuͤhle, nicht meine Beleidigung als die ſeinige anſieht.“ „Noch einmal biete ich ihm die Verwen⸗ dung meines ganzen Einfluſſes zu ſeinem Schutze an.“ „Gott wird ihn ſchuͤtzen, wie er mich be⸗ ſchuͤtzt hat; von Euch wollen wir keine Wohlthaten empfangen, von Eus), dem Verlaͤumder meiner Ehre, dem Raubee mei⸗ ner Rechte.“ . — 147— „Nein, wenn Ihr fortfahrt, mich ſo zu verunglimpfen, ſo kann ich, ohne auf meine Ehre zu verzichten, Euch laͤnger nicht an⸗ hoͤren; ich kam als ein Freund.“ „Nein, ſagt das nicht, Ihr kamt nur, um mich zu taͤuſchen und zu truͤgen.“ Rothelan war in der aͤußerſten Verle⸗ genheit. Die ruhige Gelaſſenheit ſeines Oheims ſtand mit dem heftigen Benehmen ſeiner Mutter in ſo grellem Widerſpruche, daß ſeine jugendliche Unerfahrenheit ſich weder einen Begriff von der Verſtellung des Einen bilden konnte, noch ihm die Er⸗ eiferung ſeiner Mutter als gerechtfertigt er⸗ ſchien. Ohne die Wahrheit ſeiner Geſchichte, ſo wie ſie ihm mitgetheilt worden war, nur im geringſten in Zweifel ziehen zu wollen, fuͤhlte er ſich unwiderſtehlich zu dem Glau⸗ ben hingezogen, daß Sir Amias in ſeinem Benehmen redlich, ja ſogar großmuͤthig ge⸗ gen ſie ſey. Als demnach der Ritter bei dem letzten Ausbruche von Vorwuͤrfen, wo⸗ mit ihn die Lady uͤberhaͤufte, ſich wegbegab 448— und in Hanslaps Begleitung aus dem Zim⸗ mer ging, folgte er ihnen bis an die Haus⸗ thuͤr, und wuͤrde ſelbſt ſeines Oheims ihm dargereichte Hand ergriffen haben, wenn die Mutter nicht in demſelben Augenblicke auf ihn zugeſtuͤrzt waͤre, und ihn von ihm weggeriſſen haͤtte, indem ſie die Thuͤr zu⸗ ſchlug, gleichſam als wenn ſie befuͤrchtet haͤtte, daß er angeſteckt werde. — — Siebentes Kapitel. Ein gebrenntes Kind ſcheut das Feuer. Ich kenn' ihn aus Geſtändniſſen;— ich ſah Die falſche Rolle, die er ſpielte— trank Den bittern Kelch, den er mit Honig miſchte; Und dieſem Manne ſoll ich wieder trauen? Die Stiefmutter. So wie Adonijah vernommen hatte, daß Sir Amias de Crosby weggegangen war, kam er ſchnell aus dem Verſtecke hervor, wo er alles mit angehoͤrt hatte, was vorge⸗ fallen war. Seine Geſichtsfarbe war bleich, ſeine Lippen waren blaß, und in ſeinen Blicken lag etwas Aengſtliches. Mit aus⸗ geſtreckten Armen und geſpreizten Haͤnden ſuͤrzte er hervor, und die Furcht ſprach ſich in ſeinem ganzen Benehmen aus. Große Schritte machend, aber leiſe auftretend, ſah — 150— er ſich nach allen Seiten um, als wenn er fuͤrchtete verrathen zu werden; ſelbſt ſeine Stimme, obgleich ernſt und nachdrucksvoll war zu einem aͤngſtlichen Fluͤſtern herab⸗ geſtimmt. „Flieht, eilt Euch, daß Ihr hier weg⸗ kommt,“ rief er, Rothelan beim Kleid faſ⸗ ſend.„Es iſt Gefahr in jedem Augenblicke, den Ihr hier verweilt. Ich bitte Euch geht. Hier nehmt dieſes Geld, Ihr werdet damit ausreichen, bis Ihr in Sicherheit ſeyd. Viele Menſchen, die brave Krieger ſind, eilen jetzt zu Koͤnig Eduard ins Feld. Es iſt Eis, gefaͤhrliches Glatteis, was er Euch in ſeinen Verſprechungen gezeigt hat. Ihr ſeyd verloren, wenn Ihr ihm traut. Eure Mutter iſt dann abermals dem Elende uͤber⸗ laſſen, und der arme Jude wird zum Lohn fuͤr ſeine Guͤte, die er bloß zu ſeinem eig⸗ nen Vergnuͤgen uͤbte, von den Menſchen mit Schmach und Hohn beladen werden. Obgleich Adonijah's Beredſamkeit eini⸗ gen Eindruck auf Rothelan gemacht hatte, —-— — 151— und er durch die bangen und lauten Be⸗ ſorgniſſe ſeiner Mutter geruͤhrt war; ſo hatte ihn dennoch das urbane Betragen ſei⸗ nes Oheims ſo fuͤr denſelben eingenommen, daß er ihre Furcht und Angſt nur entfernt zu theilen vermochte.„Ich kann,“ ſagte er,„keine Urſachen entdecken, die einen ſolchen Argwohn rechtfertigen. Was Sir Amias de Crosby ſagt, iſt nicht mehr als billig und ehrlich geſprochen. Der Fehler liegt an uns, wenn wir ihm keine Beweiſe bringen, die ihn zufrieden ſtellen. Wie kommt es, liebe Mutter, daß Ihr ſo viele Jahre verſtreichen ließet, ohne Euch das ſo leichte Zeugniß von Florenz zu verſchaffen, das er als hinreichend anzunehmen ſo be⸗ reitwillig iſt?“ Die Lady Albertine gab keine Antwort; ſondern wankte nach einem Stuhl, auf wel⸗ chen ſie ſich niederſetzte, das Geſicht mit den Haͤnden verhuͤllte, und bitterlich zu weinen anfing. Adonijah war in der Zwiſchenzeit etwas — 152— ruhiger geworden, und, obgleich immer noch ſehr bewegt, hatte er doch ſo viel Gewalt uͤber ſich gewonnen, um ihm antworten zu koͤnnen. „Es wuͤrde der Guͤte menſchlichen Na⸗ tur zum Vorwurf gereichen, koͤnnte ein ſo braver junger Mann, nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft, Argwohn ſetzen in die Freund⸗ ſchaftsbezeugungen eines ſo unlautern und gefaͤhrlichen Mannes, wie Sir Amias de Crosby iſt. Daß Ihr nicht bemerkt habt ſeine Falſchheit, ehrt Euch; es iſt eine ſchoͤne Bluͤthe am gruͤnen Zweig. Es wuͤrde mich bis zu Thraͤnen bekuͤmmert haben, wenn ich Euch bei einer ſo reichen Ausſtat⸗ tung von guten Eigenſchaften, ſo engher⸗ zig haͤtte gefunden, um ihm nicht zu ſchen⸗ ken das volle Zutranen, das ſeine glatten Worte verdienten.“ „Allein,“ ſagte die Lady Albertine, die Adonijah's Rede gehoͤrt hatte,„muß er den Worten dieſes falſchen, tuͤckiſchen Mannes auch noch ſolchen Glauben bei⸗ — — 153— meſſen, um ſie gegen das Zeugniß ſeiner Mutter in Anſchlag zu bringen? Junge! es iſt eine Schande fuͤr Deine Mutter, daß Du denken konnteſt, ſie ſey die Betruͤgerin, wenn ſchon ſeine ſuͤßen Worte, ſeine hoͤfiſche Kriecherei, ſein ganzes aus Trug und Glatt⸗ zuͤngigkeit zuſammengeſetztes Weſen zu Ver⸗ raͤthern an ihm werden.““ Der leidenſchaftliche Gram der Lady uͤberſtieg ſoweit jeden Kummer der Art, wovon Rothelan je Zeuge geweſen war, daß er beſchaͤmt daſtand, und unfaͤhig war, zu antworten. Adonijah aber, der ſeine Ge⸗ muͤthsbewegung bemerkt hatte, und zum Theil die Urſache davon errieth, verſetzte: „Wir wollen hier nicht mit einander rechten, dazu iſt jetzt keine Zeit. Steckt das Geld ein und eilt nach der Themſe; dort liegen viele Schiffe, welche aufnehmen brave „Soldaten, die nach Frankreich gehen wollen. Geht mit dahin nach dem koͤniglichen Lager, wo ſich gegenwaͤrtig befindet Lord Mowbray. Erzaͤhlt ihm, daß Ihr ſeyd ſein geweſener II. Bändchen.* — 154— Edelknabe, der Sohn des Kaufmannsz; ſagt ihm Alles, was Ihr gehoͤrt habt. Nein, zaudert nicht, um hier Einwendungen zu machen; ein Schwert in unſichtbarer Humd verfolgt Euch.“ Bei dieſen Worten faßte er Rothelan, und zog ihn, die Thuͤre hinter ſich zuma⸗ chend, aus dem Zimmer, ſo daß er die Lady Albertine allein ließ. „Allein,“ rief Rothelan, waͤhrend ſie noch im Hauſe waren,„ich ſehe nicht ein, daß es Noth thut, ſich ſo zu uͤbereilen. Vor meinem Oheim fuͤrchte ich mich nicht, und wenn ich meine Mutter verlaſſe, wie iſt ſie damit gebeſſert? Nein, ich will lieber hier bleiben.“ 1 „Ihr ſprecht wie es Eurer Unerfahren⸗ heit geziemt,“ rief Adonijah nachdrucksvoll. „Haben wir denn nicht geſehen, welcher boshaften Streiche Sir Amias faͤhig iſt? Er wird gegen Euch ſeyn liebreich; er wird Euch ſchmeicheln und Euch ehren, wenn Ihr Euch nur gefallen laßt, Euch von ihm fuͤhle? Glaubt Ihr denn, er hat dieſe — 155— machen zu laſſen zum Baſtard: O, welchen guten Freund neet ghe⸗ nicht an Sit Amias finden in e e .„Und ich ſehe immer noch nicht ein, warum ich mich ſo uͤbereilen ſoll, 4 lagte Rothelan.„Ich bin aber erſt ein Sohn geworden, und habe mich glücklich gefüͤhlt eine NMutter umarmen zu können, die ſo langes Ungluͤck erduldet hat. Ich kann mich ſo nicht von ihr trennen, und noch uͤberdies als ein Fluͤchtling. Alles was ich gehoͤrt habe, Alles was Ihr mir geſagt habt, be⸗ ſtäͤrkt mich nur in der Ueberzeugung, daß ich hier bleiben ſollte, um die Ehre meiner Mutter wieder herzuſtellen, und meine eige⸗ nen Rechte wieder zu erlangen, die, wie Ihr ſagt, mir ſo unrechtmaͤßig vorenthal⸗ tzn werden.“ Mar. 3 3,Surucg denm Sir Amias, 4. rief Ado⸗ nijah aufgebracht,„nicht von Mitleiden, das er fuͤr Euch als einen Hochverraͤther — 15617— Worte unabſichtlich geſprochen? Kommt, kommt, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Rothelan ſchien ſich indeſſen noch im⸗ mer zu bedenken; allein Adonijah's Unge⸗ duld brach jetzt in Zorn aus, und er rief mit lauter und heftiger Stimme Sheback herbei, der in dem Hauſe war. „Bruder,“ ſagte er zu ihm,„nimm dieſen jungen Menſchen mit Dir an die Themſe, und ſiehe zu, daß er ſich ein⸗ ſchifft;— bekuͤmmere Dich um alle ſeine Einwendungen nichts, und wenn er nicht gehen will, ſage allen Leuten, er ſey ver⸗ ruͤckt. Er hat zu erben Ehrentitel zund Guͤter, und zu uͤben ein großes Ver⸗ geltungsrecht, und doch ſetzt er dieſes Al⸗ les aufs Spiel, weil Sir Amias ein glatt⸗ zuͤngiger Menſch iſt.“ 9 Ohne weder ſeinem Bruder Sheback noch Rothelan zu erlauben, Einwendungen da⸗ gegen zu machen, ſchob er ſie mit ſeinen Armen vor ſich her, und zwang ſie ſo, das Haus zu verlaſſen. d anli 8.e — 157— imJetzt,“ ſagte er, indem er zu der Lady zuruͤckkehrte,„jetzt laßt uns eilig zum Bi⸗ ſchof von Wincheſter gehen. Dort wollen wir ihm erzaͤhlen, daß Euer Sohn wieder gefunden iſt, und alle Wunderdinge, die ſich an dem heutigen Tage zugetragen ha⸗ ben. Ein Verraͤther! wer hat gemacht den jungen Menſchen zum Verraͤther?““ Die Wichtigkeit, welche Adonijah der Anſpielung des Sir Amias beilegte, daß er mit den Waffen in der Hand ergriffen worden waͤre, hatte aufs neue die Furcht und Angſt ſeiner Mutter rege gemacht. Auch waren die Beſorgniſſe des Juden nicht ohne Grund; denn der anſcheinenden Gleichgiltigkeit ohngeachtet, womit der Ritter die Vorwuͤrfe der Lady angehoͤrt, hatte er ſie doch bis in ſein Innerſtes ge⸗ fuͤhlt, und dem zu Folge Ralph Hanslap, . ſobald er das Haus verlaſſen, nach Weſt⸗ minſter geſchickt, um Rothelans Feſtneh⸗ mung von daher zu erwirken. Kaum aber hatte er dieſes neue Verbrechen begangen, . — 4158— als er auch aufs Neue von allen Qualen ſeines Gewiſſens gefoltert ward. Es er⸗ neute ſich ihm die Scene von demſelben Morgen, und Scham und Angſt kehrten zehnfaͤltig vermehrt bei ihm zuruͤck. Die unerwartete Ruͤckkehr ſeines Neffen hatte alle vorherigen boshaften Anſchlaͤge zu⸗ Nichte gemacht, und ihre Erfolgloſigkeit ihn mit Schrecken erfuͤllt. Die Vorſehung ſchien ſich offenbar gegen ihn zu erklaͤren; er kehrte daher von Gewiſſensbiſſen gefoltert, unentſchloſſen und von dem ſchwankenden Wunſche beſeelt in ſeine Wohnung zuüruͤck, die Erinnerung des Vergangenen in ei⸗ ner Seele tilgen, und der Wittwe und ih⸗ rem Sohne ihr Recht angedeihen laſſen zu koͤnnen, wenn es ihm moͤglich geweſen waͤre, ſolches zu thun, ohne das ehrloſe Betragen, deſſen er ſich ſchuldig gemacht — yntte, ben Welt kund⸗ zu cenn⸗ 6153 Achtes Kapitel. Die erſten Eindruͤcke. Du fragſt mich was er ſagte?— braucht die eiebe Sich auszuſprechen Worte?— andere Lippen Als wie die Augenlieder ihres Blicks? Der Geliebte und ſein Mädchen. Beatrice hatte ihrer Mutter indeſſen eine Schilderung jener Regungen des Gewiſſens gemacht, deren Zeuge ſie bei ihrem Vater geweſen war und ihr unter Thraͤnen ge⸗ klagt, daß er ſich, wie ſie in ihrer kindli⸗ chen Unbefangenheit meinte, der Leitung und dem Einfluſſe Ralph Hanslaps ſo unbedingt uͤberlaſſe. Lady de Crosby hoͤrte ſie an, ohne etwas zu ſprechen. Sie blieb, als ihre Tochter ihre Erzaͤhlung geendigt hatte, mit uͤber der Bruſt zuſammengefal⸗ teten Haͤnden und verſchloſſenen Augen, ſichtbar in traurigen Gedanken vertieft, auf — 160— ihrem Ruhebette liegen. Beatrice, die ihre Geiſtesabweſenheit bemerkte, blieb mit banger Sorgſamkeit uͤber ihre Zuͤge wa⸗ chend, an ihrer Seite ſtehen.. „Biſt Du noch da, mein Kind?“ fragte die Lady nach einiger Zeit, ihre Blicke auf Beatrice werfend, deren Hand ſie ergriff. „Ich habe,“ fuͤgte ſie hinzu,„uͤber das, was Du mir geſagt haſt, nachgedacht, und finde, daß uns die Vorſehung noch einen Ausweg offen gelaſſen hat, das Vergehen Deines Vaters, ohne Entehrung fuͤr uns, wieder gut zu machen.“ Beatrice gab keine Antwort, ſondern wartete, in der Hoff⸗ nung, daß ihre Mutter ihre Meinung naͤs her erklaͤren werde; allein Lady de Crosby vertiefte ſich abermals in Gedanken und ſchwieg eine geraume Weile. Endlich ſagte ſie, gleichſam mit ſich ſelbſt ſprechend: „Wenn er einige Aehnlichkeit mit ſeinem verſtorbenen Vater hat, ſo verzweifle ich nicht;“ hierauf wendete ſie ſich an ihre — 161— Tochter mit der Frage:„Haſt Du ihn ge⸗ nau betrachtet?“ 2 „Von wem redet Ihr?“ entgegnete Bea⸗ trice, ſich neugierig ſtellend, als ob ſie nicht wiſſe, was ſie doch recht gut merkte. Ohne auf ihre Frage zu achten fuhr ihre Mutter fort: „Lord Edmund war ſeiner Zeit der Aus⸗ ſtich des engliſchen Adels.“ Auf dieſe Worte folgte abermals eine Pauſe, welche die Lady zuerſt wieder un⸗ terbrach: „Ich will dich mit der Lady Albertine bekannt machen. Heilige Mutter Gottes, lenke ihr Herz, daß wir in unſern Gedan⸗ ken uͤbereinſtimmen.“ „Zweifelt Ihr,“ erwiederte Beatrice, die den Ausruf ihrer Mutter unrecht verſtan⸗ den hatte, mit zaͤrtlicher Hingebung,„daß ich gaͤnzlich mit Euch uͤbereinſtimme? Ich verlange ſie kennen zu lernen,“ ſetzte ſi ſie hinzu,„und werde ſchmerzlich die Stun⸗ — 162— den zaͤhlen, bis Ihr mich mit ihr zuſam⸗ men bringt.“ Die Lady de Crosby ſah ihre Tochter mit dem Ausdrucke einer innigerern Zu⸗ friedenheit an, als gewoͤhnlich aus ihren truͤben Blicken hervor zu leuchten pflegte. „Du kannſt mit mir nach der St. Helenen⸗ Kirche zur Vesper gehen,“ ſagte ſie,„dort treffe ich die ungluͤckliche Lady Albertine oͤfter an. Sagteſt Du mir indeſſen nicht, daß Du ihren Sohn vorbeikommen ſahſt?“ „Ich weiß nicht ob es Ihr Sohn war,“ verſetzte Beatrice ſchlechthin,„ich glaubte ſo; er hatte ein fuͤrſtliches Anſehen.“ „So ſah ſein Vater aus, wenn er zu Pferde ſaß. Gott gebe ſein Gedeihen zu ei⸗ nem Werke, das mit ſo guter Vorbedeu⸗ tung beginnt! Du haſt ihn alſo beobachtet, Beatrice?““ Eine fluͤchtige Roͤthe— weßhalb iſt ſchwer zu ſagen— uͤberzog in dem Augen⸗ blicke ihr Geſicht, waͤhrend ſie erwiederte: „Ich hatte keine Zeit ihn genau zu be⸗ — 163— trachten; denn in demſelben Augenblicke war es, daß mein Vater, von ſeiner Beaͤngſti⸗ gung befallen, ſich von dem Fenſter zu⸗ ruͤckzog.“. „Der Glaube, keine Zeit gehabt zu ha⸗ ben,“ ſagte die Mutter,„ihn naͤher zu be⸗ trachten, und doch ſeine Haltung ſo genau beobachtet zu haben, beweiſet mir gerade, daß Du mehr Dich in Gedanken mit ihm beſchaͤftiget, als ihn mit Augen geſehen haſt.“ Sie faßte ſie ſodann abermals bei der Hand, und fuͤgte mit einer, ſonſt bei ihr ungewoͤhnlichen, und darum deſto auf⸗ fallenderen Heiterkeit in Ton und Stim⸗ mung hinzu:„So wie die Seele ſich im Augenblick von der Erde zum Himmel er⸗ heben, und die Vergangenheit uͤberblicken kann; ſo ſteht ihr oft in gewiſſen Augen⸗ blicken die Gewalt zu Gebot, mehr zu be⸗ greifen, als durch langer Jahre Studium erlernt werden mag. Ob du Deinen Vet⸗ ter gleich nur im Blicke geſehen haſt, ſo zweifle ich doch nicht, daß Du in Deiner — 164— Meinung uͤber ihn ſo einig biſt, als ob Du ihn ſeit Jahren gekannt haͤtteſt.“ Beatrice pflichtete ihr bei, und die Mutter, die ſich waͤhrend dieſes Geſpraͤches aus ihrer liegenden Stellung aufgerichtet hatte, druͤckte ihr zaͤrtlich die Hand. „Ich weiß nicht“, ſagte ſie,„warum ich noch laͤnger einen gleichſam nur verbor⸗ genen Umgang mit der Lady Albertine pfle⸗ gen ſoll. Ein ſolcher iſt der Achtung un⸗ wuͤrdig, die ihre Tugenden erheiſchen, und vertraͤgt ſich nicht mit meinen Geſinnungen. Obgleich ich des Gehens ungewohnt bin, ſo will ich ſie doch beſuchen, und Du kannſt mit mir gehen; ſie lebt in dem Hauſe Ado⸗ nijah's, des Juden,— wir wollen kuͤnftig⸗ hin als Freunde und Verwandte zuſam⸗ men leben.“ In dieſem Augenblicke trat Sir Amias. in das Zimmer. Er war eben von ſeiner erfolgloſen Zuſammenkunft mit der Lady Albertine zuruͤck gekehrt, ſeine Miene war finſter, und ſein ganzes Benehmen verrieth — 165— eine innere Bangigkeit und den Schmerz erlittener Taͤuſchung. Zu jeder andern Zeit wuͤrde ſein Zuſtand unbemerkt geblieben ſeyn, da er oͤfters eine ſolche Zerſtreutheit und zerſtoͤrtes Weſen an ſich blicken ließ. Die Begebenheiten des Tags hatten jedoch die Theilnahme ſeiner Tochter auf eine un⸗ gewoͤhnliche Weiſe in Anſpruch genommen. Sie kannte jetzt die Urſache, warum er ſo ſichtbar ergriffen worden war. Statt ihm alſo mit jener natuͤrlichen Offenheit entge⸗ gen zu kommen, womit ſie jonſt ſeine graͤm⸗ liche Laune zu verſcheuchen pflegte, fuhr ſie bei ſeinem Anblicke erſchrocken zuſammen, und ſah ihn mit ſo ſichtbarer Verlegenheit und Mißtrauen an, daß es ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit nicht entgehen konnte. Anfaͤnglich war er daruͤber verwundert und haͤtte gern nach der Urſache fragen moͤgen; wenn ihm nicht ploͤtzlich die Vor⸗ gaͤnge desſelben Morgens, bei Erblickung Rothelans, eingefallen waͤre, was ihn ver⸗ wirrt machte und ihn einen Augenblick in — 166— Gegenwart ſeines Kindes demuͤthigte. Es war jedoch nur fuͤr einen Augenblickz denn der boͤſe Geiſt erwachte aufs neue in ſeinem Buſen, und er drehte ſich ernſten Blickes nach ſeiner Lady um, als ob er ihr Vor⸗ wuͤrfe machen wolle, daß ſie die Liebe ſei⸗ ner Tochter gegen ihn erkaltet habe. Er war jedoch erſtaunt, ſtatt des kalten zuruͤck⸗ ſtoßenden Blickes, womit ſie ihn Jahre lang angeſehen hatte, Freude aus ihren Augen leuchten zu ſehen, und in der Art, wie ſie ihm winkte, ſich neben ihr auf dem Lager niederzulaſſen, ein Zeichen ihres verſoͤhnli⸗ chen Wohlwollens zu gewahren. Dieſe Veraͤnderung, welche er in dem Betragen der Lady bemerkte, war ihm noch weit mehr, als Beatricens verlegenes We⸗ ſen aufgefallen. Unſchluͤſſig zu fragen, was vorgefallen ſey, ſah er bald die Eine bald die Andere an. 49 „Ich moͤchte mit Deinem Vater allein ſprechen,“ ſagte Lady de Crosby, und Bea⸗ trice verließ alsbald das Zimmer. Sir Amias — 167— folgte ihr mit den Augen, bis die Thuͤre hinter ihr zuging, und ohne ſich von der Stelle zu bewegen, worauf er ſtand, blickte er ihre Mutter mit einer Miſchung von Verwunderung und Neugierde an; da er ſich nicht denken konnte, was ſie ihm mög⸗ licher Weiſe vorzutragen haben mochte, das ſie ihm nicht eben ſo gut in Gegenwart ihrer Tochter haͤtte ſagen koͤnnen. Neuntes Kapitel. Der Fuchs in der Falle. Ich weiß es nicht wie weit Dein Eifer geht, Ein treuer Unterthan zu ſcheinen. Chapman. Gleichſam mechaniſch bewegte ſich endlich Sir Amias de Crosby nach dem Ruhebette ſeiner Gemahlin und ſetzte ſich neben ſie. Beide blieben mehrere Minuten lang ſtumm einander gegenuͤber; denn ſie waren ſich lange ſchon ſo fremd geworden, daß ſie, ſo ſehr ſie auch ihm ihren ausgedachten Plan mit Rothelan und ihrer Tochter mitzuthei⸗ len wuͤnſchte, ſich dennoch in Verlegenheit befand, auf welche Weiſe ſie ihm denſelben beibringen ſollte; um ſo mehr, als ſie den Verdacht auf ſich zu laden ſcheute, ſich heim⸗ — 160— lich gegen ihn verſchworen zu haben, wenn ſie ihn wiſſen ließe, daß ſie von der Ruͤck⸗ kehr ihres Neffen unterrichtet ſey. Sie hatte in der That die Bemerkung gemacht, daß er ſie von jener Zeit an, wo die Lady Albertine das Haus verlaſſen hatte, mit einer Art von Mißtrauen behandelt, und ungeachtet er nichts erwaͤhnt, doch oͤfter ſo drein geſehen hatte, als ob er ſich bewußt waͤre, ihre Liebe verwirkt zu haben. „Beatrice erzaͤhlt mir,“ fing ſie endlich mit einiger Schuͤchternheit an,„daß Ihr vorrhin nicht wohl geworden waͤret, und daß Etwas vorgefallen ſey.“ Sir Amias ſah ſie mit forſchenden Blicken an, und ſchien einen Augenblick ihr ſchnell Schweigen auflegen zu wollen; allein ſie fuhr in einem Tone, der augenblicklich die Aeußerung ſeines Un⸗ willens unterdruckte, weiter fort: „Es kann Euch, ſo viel ich weiß, nur Ein Ding ſo ergriffen haben, Sir Amias.“ „und dieſes waͤre?“ 8 II. Bändchen. — 170— „Die Wiedererſcheinung der Wittwe Euers Bruders und ihres Sohnes.“ „Meines Bruders Wittwe? Wittwe von wem? Von wem ſprecht Ihr?— Meint Ihr etwa das italieniſche Maͤdchen, das er mit nach Hauſe gebracht hat?“ 1 „Ich meine die Lady Albertine,“ er⸗ wiederte Lady de Crosby, ihn ruhig und heiter, aber mit einem ſo bittenden Blicke anſehend, daß er ihm nicht widerſtehen konnte. „Sir Amias,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihm die Hand freundlich auf die Schulter legte,„ich habe nun ſeit mehreren Jahren nicht mit Euch uͤber dieſe ungluͤckliche Dame geſprochen, noch eine Frage an Euch zu thun mir erlaubt, ob Ihr von ihr ſelbſt oder ihrem verlornen Kinde etwas vernom⸗ men haͤttet; dennoch bin ich uͤber das, was ſich in der Zwiſchenzeit mit ihnen zugetra⸗ gen hat, nicht ganz in Unwiſſenheit geblie⸗ ben. Sie befinden ſich dermalen beide in London.“ — 171— „und was geht das mich an, wenn ſie hier ſind? Ich war Willens, mich ihrer an⸗ zunehmen und ihnen zu beweiſen, wie gut ich es, als Vetter und Vormund, mit ihnen meinte; allein Ihr wißt, wie ſchon die er⸗ ſten Wohlthaten, die ich ihnen erweiſen wollte, aufgenommen wurden. Es iſt Euch aber noch unbekannt, mit welchen Schmaͤ⸗ hungen ſie ſeitdem noch weit groͤßere Er⸗ bietungen veraͤchtlich von ſich gewieſen hat.“ „ Ich will Euch,“ erwiederte die Lady mit einer Entſchloſſenheit, die er ihrem Cha⸗ rakter nicht zugetraut hatte,„mit Eroͤrte⸗ rungen uͤber das Vergangene nicht beſchwer⸗ lich fallen; ich wollte bloß wegen der Zu⸗ kunft mit Euch ſprechen, um die Befriedi⸗ gung Eurer Wuͤnſche ſowohl, als die Wie⸗ derherſtellung Eurer Ehre moͤglich machen zu koͤnnen.“ uan „Die Wiederherſtellung meiner Ehre! was wollt Ihr damit ſagen, Lady de Crosby! Wo habe ich dieſe verwirkt?“ „Wenigſtens ſchwebt ſie in großer Ge⸗ — 172— fahr,“ antwortete die Lady eben ſo gelaſſen als nachdruͤcklich, denn dieſe wahrhaft edle Dame fuͤhlte, daß, da ſie ihr Werk nun einmal begonnen habe, ſie ſich nunmehr entſchließen muͤſſe, ſolches mit Beharrlich⸗ keit durchzuſetzen. „Beatrice,“ fuhr ſie fort,„hat einen Menſchen geſehen, den ich fuͤr niemand An⸗ ders, als den Sohn der Lady Albertine halten kann, und nach der mir von ihr ent⸗ worfenen Schilderung, ſcheint ſie mir fuͤr denſelben ſehr eingenommen zu ſeyn.“ Sir Amias de Crosby ſah ſeine Frau mit einem leeren, nichtsſagenden Blicke an, kaum ſelbſt wiſſend, was er dachte;„und nun, wenn dieſes waͤre?“ erwiederte er. „Welche Schmach, welche Leiden, welche Gewiſſensangſt koͤnnten uns da nicht erſpart, welche herrliche Wendung nicht der Sache gegeben werden, wenn wir ihre Warbinbirng zu Stande bringen koͤnnten.“ Sir Amias ſchlug ſich mit der Fauſt vor die Stirne, indem er von ſeinem Sitze auf⸗ — 13— ſprang, und wie beſeſſen im Zimmer auf und ab rannte. „Warum,“ ſchrie er,„warum habe ich nicht eher daran gedacht?“ „Es iſt hierzu noch nicht zu ſpaͤt,“ rief die Lady nach einer kurzen Pauſe;„man muß ſie nur zuſammen bringen, und ihnen Zeit und Gelegenheit geben, daß ihre Nei⸗ gung ſich entwickeln kann.“ Statt ſeinen Ungeſtuͤm aber zu beſaͤnf⸗ tigen, dienten ihre Worte nur dazu, ihn noch mehr zu reitzen. Er rannte wie ver⸗ wirrt auf ſie zu und blickte ſie ſtarr an, in⸗ dem er die Haͤnde zuſammenſchlug und den Kopf ſchuͤttelte. Ein tief ausgeholter furcht⸗ barer Seufzer, der ihm entfuhr, ſprach das Entſetzen aus, von dem er ergriffen war. „Wie kann Euch,“ ſagte ſie,„der Vor⸗ ſchlag, den ich Euch that, in eine ſo fuͤrch⸗ terliche Bewegung ſetzen. Beruhigt Euch doch und laßt Euch von derjenigen rathen, welcher Eure Ehre und der gute Ruf vor * — 1 4— der Welt, zu ihrer eigenen Beruhigung von unſchaͤtzbarem Werthe ſind.“ „Er iſt ein Hochverraͤther,“ rief Sir Amias, mit einer fuͤrchterlichen Stimme. „Er iſt mit den Waffen in der Hand er⸗ griffen worden.“ „Seine Jugend,“ erwiederte die Lady, wird ſein Vergehen einigermaßen entſchul⸗ digen, und dieß um ſo mehr, da er als ein kleiner Knabe nach Schottland kam.“ Sir Amias gab keine Antwort, ſondern rang mit den den Haͤnden, haſtig im Zim⸗ mer auf und abgehend, und ſich innerliche Vorwuͤrfe machend. Umſonſt ſuchte er, ſich den Feſſeln eines Verhaͤngniſſes zu entrei⸗ ßen, das ihn aus einem Vergehen ins an⸗ dere geſtuͤrzt, und Dank ſeiner eigenen ver⸗ meſſenen Voreiligkeit, ihm den einzigen Ausweg verſperrt hatte, auf dem er allein hoffen durfte, der ihn erwartenden oͤffent⸗ lichen Beſchimpfung zu entgehen. Bald lief er nach der Thuͤr, um Ralph Hanslap Zuruͤckrufen zu laſſen; im zweiten Augen⸗ — — 175— blicke aber beſann er ſich wieder, daß es zu ſpaͤt ſey, und uͤberließ ſich dann allen Qua⸗ len ſeines Gewiſſens. Seiner Gefuͤhle in⸗ deſſen eben ſo geſchwind wieder Meiſter werdend, nahm er die Miene entſchloſſener Gelaſſenheit an, und ging auf die Lady zu, als ob er von ihr wiſſen wolle, wer ſie von Rothelans Geſchichte ſo gut unterrichtet habe, da er wohl wußte, daß ſie nie aus⸗ ging, als etwa in die Meſſe, und keine Beſuche bei ihr zugelaſſen wurden; allein er aͤnderte faſt in demſelben Momente wie⸗ der ſeine Geſinnung und ward kleinmuͤthig und verzagt, ſie anzureden. Er kehrte ſich darum von ihr ab und rannte in einem be⸗ mitleidenswerthen verlaſſenen Zuſtande wie⸗ der im Zimmer auf und ab.. Die Lady, welche von jener treuldſen Sendung nach Weſtminſter, womit er Ralph Hanslap beim Herausgehen aus Adonijah's Hauſe, ſo ubereilt beauftragt hatte, nichts wußte, ſaß verwundert da, ihn in furchtſamem Schweigen anblickend. — 176— Sie konnte ſich die Beweggruͤnde eines ſo ausſchweifenden Benehmens nicht entraͤth⸗ ſeln, das, wie ſie meinte, durch die Veran⸗ laſſung nicht geboten war, und in grellem Widerſpruche mit ſeinem ſonſtigen ſchickli⸗ chen Betragen und der gewohnten Beſon⸗ nenheit ſeines Charakters ſtand. Als end⸗ lich die Heftigkeit ſeiner Gefuͤhle nachzu⸗ laſſen begann, und ſich der Paroxiomus ſei⸗ ner ihn ſelbſt richtenden Gewiſſensbiſſe ei⸗ nigermaßen gelegt hatte, warf er ſich in einen Lehnſtuhl, ſeine Augen niedergeſchla⸗ gen auf den Boden heftend. Hier ſaß er einige Zeit in Nachdenken verſunken und verſetzte ſodann ohne ſie aufzuheben: „Ja, Euer Anſchlag mag gehen. Ich habe bei der Regierung einigen Einfluß. Der Graf von Northumberland, dem der König den, uͤber die Schotten erfochtenen Sieg hauptſaͤchlich verdankt, iſt ein beſon⸗ ders guter Freund von mir. Ich will ſeine Gunſt und Verwendynng fuͤr unſern jungen Vetter in Anſpruch nehmen; und obſchon — 177— ſeine Mutter meine Freundſchaft ſo veraͤcht⸗ lich zuruͤckgewieſen hat; ſo will ich ihn den⸗ noch hierher bringen, und ihn als nichts Geringeres denn meines Bruders Erben behandeln.“ Indem er dieſen Entſchluß ankuͤndigte, ward er ruhig, ſeine gewoͤhnlich umwoͤlkte Stirne heiterte ſich auf, und er fing an, die Klugheit ſeiner Gemahlin zu ruͤhmen, wobei er nur bedauerte, daß ihre Krankheit ſo lange Jahre ihr Gluͤck geſtoͤrt habe. Waͤh⸗ rend er ſich ſo im Voraus der Freude uͤber einen Vorſatz uͤberließ, durch welchen er ſeine lange verlorne Seelenruhe wieder zu erlangen hoffte, trat ein Diener in das Zimmer und kuͤndigte ihm an, daß Ralph Hanslap zuruͤckgekehrt ſey und äbn zu ſpre⸗ chen wuͤnſche. „Laß ihn hereinkommen,“ fagte Sir Amias; allein in demſelben Momente und ehe noch der Diener Zeit hatte, aus dem Zimmer zu kommen, ſtand er haſtig auf und ging nach der Thüre Da er hier II. Bändchen.. 8* — 178— Ralph Hanslap auf dem Gange gewahrte, ſo rief er ihm eilfertig zu: .„Nun, wie ſteht es? Was habt Ihr ausgerichtet?“ „Nichts,“ erwiederte Hanslap auf ſeine bedaͤchtig trockene Weiſe. „Dann danke ich dem Himmel!“ rief der Ritter,„ſo kann Alles noch gut ge⸗ hen; allein wie ging dies zu?“ „Er entwiſchte, ehe die Gerichtsbeamten das Haus des Juden erreichten.“ Lady de Crosby, welche dieſes hoͤrte, fuhr von ihrem Lager auf und eilte nach der Thuͤre, an welcher Sir Amias wie vom Donner geruͤhrt ſtand. „So iſt es,“ fuhr der ehrenwerthe Squire fort;„ob ich gleich keine Zeit verlor und die Gerichtsdiener alle moͤgliche Eile an⸗ wandten, ſo war er dennoch ſchon entflo⸗ hen, als wir hinkamen. Wir ſpuͤrten ihm nach bis ans eiſerne Gitterthor unter dem Tower, wo er ſich einſchiffte; ob er ſich aber uͤber die Themſe ſetzen ließ, oder an — 179— Bord eines der Schiffe gegangen iſt, die mit Truppen nach Frankreich geſegelt ſi ind, das wußte niemand zu ſagen.“ „Sprecht Ihr hier von Lord Edmunds Sohn?“ rief die Lady. „Ja wohl,“ erwiederte Ralph Hanslap; „er wurde an der Seite der Schottlaͤnder gefangen genommen, und war kaum in London, als er durch beſondere Mittel ſeine Freiheit wieder erlangte.“ „Allein Ihr ſpracht von Gerichtsbeam⸗ ten,“ ſagte ſie,„was haben dieſe mit ihm zu thun? und wie iſt es, daß Ihr ſagt, er ſey entwiſcht? Habt Ihr nicht von einem Verraͤther geſprochen, Sir Amias? Warum war Ralph Hanslap ſo flink, ſich Gerichts⸗ beamten zu ſeiner Feſtnehmung zu ver⸗ ſchaffen?“ Sie fuͤgte nichts weiter hinzu; ſondern ſah ihren Gemahl traurig, aber entſchloſ⸗ ſen an, waͤhrend ſie ihre Haͤnde mit einer leichten, aber feierlich ernſten Kopfbewe⸗ gung erhob, und aus ihrem Innerſten auf⸗ — 180— ſeufzte. So kehrte ſie nach dem Ruhebette zuruͤck, auf dem ſie geſeſſen hatte, und ſtuͤtzte ſich auf den Elnbogen; indeſſen Sir Amias mit ſeinem Vertrauten das Zimmer verließ. KRotbhelan. —— Vierter Theil. Erſtes Kapitel. Hauswirthſchaft. Wiranda, indem ſie rückwärts geht, Gehoben ſchwingt ſie den Rocken und dreht Den Anheit deutenden Faden. Die Schracht von Largs. Die Nachricht von der Riederlage der rſchot⸗ tiſchen Armee bei Neville's Croß, war in⸗ zwiſchen in Schottland angelangt, und un⸗ ſer Geſchichtſchreiber gibt eine Schilderung der allgemeinen Beſtuͤrzung, die ſie dort ver⸗ breitete.„Die Gemuͤther der Menſchen flat⸗ terten— wie er ſich ausdruͤckt— gleich in — 182— der Schlinge gefangenen Voͤgeln. Es ent⸗ ſtand ein allgemeines Jammern und Klage⸗ geſchrei und Durcheinanderrennen. Die Leute ſteckten auf den Straßen die Koͤpfe zuſammen und raunten ſich von verdaͤchtigen alten Weibern ins Ohr.“ Ob er ſich nun gleich in einem ſchoͤnen gedraͤngten Style weitlaͤufig uͤber die allgemeinen Nationalan⸗ gelegenheiten auslaͤßt, ſo muͤſſen wir uns doch, unſerm Entwurfe treu, auf die Sce⸗ nen im Schloſſe Falaſide beſchraͤnken, die dort bei Ankunft der Nachricht von Sir Ga⸗ briels und Rothelans Gefangennehumang mit dem Koͤnige vorfielen. Nach der damaligen Sitte der ſchottiſchen Damen von dem Range unſers Barons, war die Lady ſoeben mit ihren Maͤgden in ih⸗ rer gewoͤhnlichen Hausarbeit beſchaͤfrigt; waͤhrend die Letzteren die Wolle der von ih⸗ rem Herrn unlaͤngſt auf den Anhoͤhen von Cheviot geraubten Schafe kraͤmpelten, uͤbte ſie ſelbſt die feierlichern Myſterien des gro⸗ ßen Rades, Muckle Wheel genannt, aus, —— —— — 183— eine Maſchine von beſonderer Wirkung und majeſtaͤtiſchem Anſehen, welche nach Allem, was wir daruͤber zu leſen und zu hoͤren Ge⸗ legenheit hatten, unſerer Meinung nach, als die Urgroßmutter jener wohlhabenden, bluͤ⸗ henden und mannigfaltigen Familie ange⸗ ſehen werden kann, welche in Glasgow und Mancheſter unter dem Namen Jennies ſo beruͤhmt iſt. Iyre Spinnmethode war von ſo geheim wunderbarer Art, ſagt unſer Autor, daß es ihr in den Augen eines lateiniſchen Schuͤlers, wenn einer zugegen geweſen waͤre, das Anſehen von einer jener drei verhaͤngnißvollen Schweſtern haͤtte geben koͤnnen, welche die Faͤden des menſchlichen Schickſals ſpinnen, abhaspeln und ab⸗ ſchneiden. Erſtlich hielt ſie mit einer eigenen Ge⸗ ſchicklichkeit oder Kunſtfertigkeit eine Flacke gekraͤmpelter Wolle mit dem Daumen und dem Zeigefinger der linken Hand an die Spitze der Spindel, und indem ſie dem — 144— Rade mit ihrer rechten Hand einen leichten Schwung gab, rollte ſich ein Theil der Wolle auf die Spindel auf; hierauf gab ſie dem Rad noch einen zweiten, weit groͤ⸗ ßern Schwung, und trat dann, die linke Hand anmuthig in die Hoͤhe haltend und den Faden armslang ausziehend, einige Schritte ruͤcklings, indem ſie ein melodi⸗ ſches Liedchen dazu ſang, das Rad ſie be⸗ gleitend dazu ſchnurrte, und die Spindel wie eine gefraͤßige Schlange, die einen großen gefangenen Vogel wuͤrgt, die große Wollrolle verſchlang, und unter dem Ein⸗ ſchlingen in der Mitte immer dicker und dicker ward. Mitten in dieſem geſchaͤftigen Gewuͤhle der Hauswirthſchaft, dem taͤglichen Dienſte der Hausgoͤtter, war es, daß Robert der Springer, der waͤhrend der Abweſenheit ſeines Herrn als Schloßhuͤter zuruͤckgelaſſen worden war, zur Thuͤre hereinſah und rief: „Neuigkeiten, verzweifelte Neuigkeiten, Mylady!“ die Kardaͤtſchen aus den Haͤnden fallen und Ohne ſich von ihrer Arbeit abzuwenden, buͤckte ſich die Lady vorwaͤrts, der zehren⸗ den Spindel naͤher tretend, ſetzte dieſelbe, indem ſie das Rad abermals durch einen Schwung mit der Hand antrieb, aufs Neue in thaͤtige Bewegung, und fuͤtterte die Spindel mit einem neu ausgezogenen Fa⸗ den, den jene mit einer faſt ſelbſtgenuͤ⸗ gender Gierde zu verſchlingen ſchien. „Was ſind das fuͤr Neuigkeiten, Ro⸗ bert?“ fragte ſie dann, ohne ſich jedoch nach dem ſcheußlichen Geſichte des Mannes umzuſehen, das ſo bleich und ſchreckhaft ausſah, daß die Kraͤmplerinnen, wie er zur Thuͤre hereinguckte, erſchrocken ihre Ar⸗ beit fahren ließen. „Iſt nicht der Koͤnig gefangen?“ erwie⸗ derte Robert der Springer,„iſt nicht unſer Herr bei ihm und der Englaͤnder eben⸗ falls?“ Die erſchrockenen Mäͤgde ließen bei die⸗ ſen Worten die Wolle vom Schooße und — 4186— ſaßen wie verſteinert da. Die Lady ſagte nichts; ſondern buͤckte ſich nach einem vor ihr ſtehenden Korbe, um einen neuen Woll⸗ knaͤuel heraus zu nehmen, da der erſte ver⸗ ſponnen war; ſie hielt ihn an die Spindel, und dem Rade einen neuen Schwung ge⸗ bend, trat ſie abermals gravitatiſch zuruͤck und ſtimmte einen neuen Vers des zuvor geſungenen Liedchens an. Da ſie im Laufe dieſer Beſchaͤftigungen etwas weiter, als ge⸗ woͤhnlich, zuruͤck getreten war, und die Be⸗ ſtuͤrzung ihrer Maͤgde wahrnahm, hielt ſie einen Augenblick inne und ſagte: t „Wollt Ihr arbeiten, Ihr faulen Maͤd⸗ chen, ich leide das Tagdieben nicht.““ Bei dieſer, obwohl kurzen Unterbrechung hatte die ungeſtuͤm fortrollende Spindel den Faden abgeriſſen, ſo daß ſie das Rad gaͤnz⸗ lich ſtille ſtehen laſſen mußte, um das Ende des Fadens wieder aufzufinden, und es an die in der Hand Haleande Wolliidets anzu⸗ ſpinnen. 1 Waͤhrend ſie die abgeriſſenen Fäden wie⸗ — 187— der aneinander knuͤpfte, und die uͤberfluͤſſi⸗ gen Enden am Knoten abbiß, blickte ſie nach Robert dem Springer und fragte ihn: 2, Iſt das auch wahr, was Ihr da ſagt?“ „GSGewiß, die reine Wahrheit,“ war ſeine Antwort:„der Probſt von Gbinburgh hat einen Brief kriegt.“ „Nun ſo kann ich nichts dafuͤr,“ unter⸗ brach ihn ſeine Gebieterin, des Faktums verſichert;„jetzt koͤnnt Ihr nur deſto eifri⸗ ger zuſchaffen, ihr Maͤdchen, denn die Eng⸗ laͤnder werden ein fuͤrchterliches Loͤſegeld er⸗ preſſen. Ich rathe Dir jetzt, Robert, das Thor gut zu verwahren. 44 Bei dieſem Allen entwickelte die Pene⸗ lope von Falaſide eine eigentlich uͤber ihren Charakter gehende Seelenſtaͤrke. Ihr erſter Gedanke, als ſie vernahm, was ihrem Manne begegnet war, war das Loͤſegeld, welches fuͤr ihn gefordert werden wuͤrde, und deſſen Bezahlung, wie ſie wohl einſah, dasjenige ſehr vermindern mußte, was der Baron ſein Bißchen„zuſammen Geſpartes“ zu nen⸗ — 188— nen pflegte; nachher draͤngten ſich ihr noch andere Betrachtungen auf, die nicht ſehr von ehelicher Ratur waren; ſie hielt naͤm⸗ lich dafuͤr, daß es vortheilhafter fuͤr ſeine Familie geweſen ſeyn muͤſſe, wenn er auf eine ehrenvolle Weiſe, mit dem Schwert in der Hand auf dem Schlachtfelde geblie⸗ gen waͤre. Dieſer innere Kampf, den ſie zu beſtehen hatte, gas ihrem Benehmen waͤhrend mehrerer Tage daher, in den Au⸗ gen aller ſie Umgebenden, ein wuͤrdevolles Anſehen, da ſie ihren Gram oder doch we⸗ nigſtens Etwas dieſer Art, was niemand davon zu unterſcheiden vermochte, mit einem geziemenden Anſtand zu bekaͤmpfen ſchien. Man dachte wirklich von ihr, was unter aͤhnlichen Umſtaͤnden von andern Frauen ſſchon gedacht worden iſt, daß ſie ſich ſo nie⸗ dergeſchlagen zeigte, als vernuͤnftiger Weiſe von ihr erwartet werden k 4 Nachdem ſie mehrere Tage hindurch in * einem Zuſtande von ſchwankender Ungewiß⸗ heit und anſcheinender Bekuͤmmerniß hin⸗ 8 7 8 3 — 189— gebracht, und vernommen hatte, daß die Frauen mehrerer Anderer, welche mit dem Könige gefangen genommen worden waren, ſich anſchickten nach England zu gehen, um ihre Lords loszukaufen; ſo hielt ſie fuͤr ihre Schuldigkeit, ſich zur naͤmlichen Reiſe in Bereitſchaft zu ſetzen. Robert der Sprin⸗ ger ward demnach befehligt, die noͤthigen Vorbereitungen zu treffen, um ſie begleiten zu koͤnnen. Auf einem Sattelkiſſen hinter ihm reitend, und mit demſelben Beutel voll Roſenobel verſehen, welchen der Baron von dem Juden Sheback fuͤr Rothelans Kleider erhalten hatte, machte ſie ſich auf den Weg nach den Grenzlaͤndern, in der Erwartung, die Armee noch zu York einholen zu koͤn⸗ nen. Da ſie aber eine Blutsverwandte der Lady von Sir Alberick Redgauntlet war, ſo machte ſie, auf ihrer Reiſe nach dem Suͤ⸗ den, einen Abſtecher ſeitwaͤrts zu ihr, um derſelben ihr Beileid zu bezeigen; da ſie ſolche ſeit der ungluͤcklichen Begebenheit nicht geſehen hatte, die ſich einige Jahre vorher in ihrer Familie zutrug, und von welcher, wie wir in dem naͤchſten Kapitel zeigen werden, eine ſehr mangelhafte Er⸗ zaͤhlung unlaͤngſt in die Welt zeſchigt n wor⸗ den ziſ. 0 0000 Zweites Kapitel. 1 Redgauntlet. Mehr Dinge giebt's im Himmel und auf Erden, Als unſre Weisheit je ſich träumen läßt: Hamtet. 7 Unſre geneigten Leſer muͤſſen wohl bemerkt haben, daß wir uns auf eine exemplariſche Weiſe aller Andeutungen uͤber peſtrittene hiſtoriſche Thatſachen enthalten haben; da wir uns, in Hinſicht der von ihm gegebenen Nachrichten, auf die Zuverlaͤſſigkeit der An⸗ gaben unſers Autors glauben verlaſſen zu köͤnnen. In dem Bewußtſeyn, daß ſeine Verdienſte keiner Lobpreiſungen beduͤrfen, haben wir, bei Abkuͤrzung ſeiner Geſchichte, ſeine groͤßere Wahrhaftigkeit nie herauszu⸗ — 192— ſtreichen geſucht; ſie muß aber dennoch jenen gelehrten Geſchichtsforſchern einleuchten, de⸗ nen wir dieſes Werk ausſchließlich widmen. Wir koͤnnen es aber keineswegs fuͤr gera⸗ then halten, eine ſolche Enthaltſamkeit bei jeder Gelegenheit anzuwenden; es wuͤrde vielmehr die höͤchſte Ungerechtigkeit ſeyn, und unſrer gewiſſenhaften Beachtung der hiſtoriſchen Wahrheit Abbruch thun, wenn wir in einem Augenblicke ſchwiegen, wo wir eine ſo auffallende Abweichung von der Wahrheit, in den Schriften des großen Unbekannten, vor uns liegen ſehen. Wir meinen damit vorzuͤglich jene Stelle in Redgauntlet, worin er die, in jeder Beziehung hoͤchſt irrige Nachricht von dem Muttermahle eines Hufeiſens gibt, welches die heldenmuͤthigen Edeln der Familie dieſes Namens auf der Stirne trugen. „Was den Umſtand betrifft, daß Sir Alberick ſeinen vom Pferde geſtuͤrzten Sohn uͤberritt, und dadurch Schuld an ſeinem Tode ward, ſo ſcheint die Richtigkeit von — 193— Herries Angabe nicht in Zweifel gezogen werden zu koͤnnen. In jeder Hinſicht iſt jedoch das ſchwarze Buch von⸗ Abbotsfort, woraus dieſer Gentleman ſeine Nachrichten zog, durchaus unzuverlaͤſſig. Wir koͤnnen dieſes um ſo mehr behaupten, als unſere wirthſchaftliche Lady von Falaſide der Frau Margarethe Redgauntlet, Sir Albericks Gattin, leibliche Schweſter war, und alle Umſtaͤnde der Begebenheit genau kannte. Und wirklich war ſie die Quelle, aus wel⸗ cher der Verfaſſer unſers Prachtwerkes ſeine Verſton dieſer ruͤhrenden Erzaͤhlung ſchoͤpfte, und ihrer Angabe nach war dieſes Mutter⸗ mahl, in Form eines Hufeiſens, nicht die augenblickliche Folge der Einwirkung der ungluͤcklichen Nachricht auf die Mutter, ſon⸗ dern die geheime Wirkung eines langen gramvollen Nachbruͤtens daruͤber. Unſer Autor ſtimmt mit Herries ruͤck⸗ ſichtlich des Zuſtandes uͤberein, in welchem ſich Frau Margarethe bei Empfang der Nachricht befand, daß das Pferd ihres Man⸗ II. Bändchen. 9 — 194— nes ihrem Sohne mit dem Hufe das Ge⸗ hirn ausgetreten habe; allein er ſagt nicht, daß ſie vorzeitige Geburtswehen bekam und im Kindbette ſtarb, indem ſie das Kind, welchem ſie das Leben gegeben hatte,„mit dem deutlichen Zeichen eines kleinen Pferde⸗ hufs auf der Stirne“ hinterließ. Er be⸗ richtet uns im Gegentheile umſtaͤndlich, daß, weit entfernt von fruͤhzeitigen Wehen be⸗ fallen zu werden, ſie ihre Schwangerſchaft vollkommen aushielt, und erſt im fuͤnften Monate ging, als die ungluͤckliche Begeben⸗ heit ſich ereignete. Auf eine ruͤhrende Weiſe ſchildert er uns dann den erſchuͤtternden Eindruck, den die davon erhaltene Nachricht auf ſie machte, und wie ihr immer in Ge⸗ danken der furchtbare Tritt des Pferdes vorſchwebte, der dem Gegenſtande ihrer Liebe, ihrem theuren erſtgebornen Sohne, mit dem Hufe die Stirne zerſchmettert hatte. Es war nun, nach der Meinung der Heb⸗ amme, dem unaufhoͤrlichen Nachhaͤngen je⸗ ner ſchrecklichen Idee, dem die Lady die aß — 195— Entſtehung jenes furchtbaren Muttermahles zu verdanken hatte. Es wird in der That niemand, der den verborgenen Wirkungen der Sympathie je einige Aufmerkſamkeit geſchenkt hat, zugeben koͤnnen, daß dieſes wunderbar aͤhnliche Zeichen plötzlich, und wie Herries ernſtlich behaupten will, erſt im Augenblicke der Geburt entſtanden ſey; denn alle Erſcheinungen dieſer Art bewei⸗ ſen klar, daß ſie ſich in den fruͤheſten Pe⸗ rioden am Foͤtus bilden. Ohne Zweifel ſind die Aerzte hieruͤber verſchiedener Meinung. Einige nehmen an, es ſey unmoͤglich, daß die Gedanken der Mutter auf die Geſtalrung eines Kindes einen Einfluß haben koͤnnten, weil Anatomen entdeckt haben wollen, daß keine Nervenverbindung zwiſchen ihnen Statt finde. Es kann dieſes jedoch, nach der Mei⸗ nung unſers Autors, als kein giltiger Grund angeſehen werden, wenn nicht zu⸗ gleich bewieſen werden kann, daß die Ner⸗ ven die Leiter der Gedanken, und die Ge⸗ — 196— danken die Mittel ſind, wodurch ſolche Dinge gebildet werden; dies iſt aber noch zu be⸗ weiſen. Er ſcheint ſogar geneigt, das Fac⸗ tum laͤugnen zu wollen, als ſey der Fa⸗ milie der Redgauntlets dieſes Zeichen eines Pferdehufes auf der Stirne eigen geweſen, obgleich er eingeſteht, daß ihm die Lady von Falaſide erzaͤhlt habe, ſie ſelbſt habe es an dem Kinde geſehen; er fuͤgt jedoch die feine Bemerkung hinzu:„Es liegt hierin aber gar nichts Wunderbares, es iſt nichts, als ein leichtglaͤubiger Wahn, da man der⸗ gleichen auf der Stirne aller rathhunrigen Menſchen ſehen kann.“ Wir befinden uns benkalls noch in dem Falle, einen andern, nicht minder wichtigen Irrthum in Anregung bringen zu muͤſſen. Es ſcheint naͤmlich nicht, daß Sir Alberick in der Schlacht von Neville's Croß getoͤdtet ward, wie Herr Herries behaupten will. Im Gegentheile ſind wir berichtet, daß ihn die Lady von Falaſide an der Thuͤre einer Huͤtte ſitzen ſah, als ſie auf ihrem Wege — 197— nach London, auf einem Sattelkiſſen hinter Robert dem Springer, den Durhamfluß paſ⸗ ſirt hatte, und den Berg hinan ritt. Er war, an der Seite des Koͤnigs fechtend, in der Schlacht gefaͤhrlich verwundet, und fuͤr todt auf dem Schlachtfelde zuruͤck gelaſſen worden, wo ihn am naͤchſten Morgen ein mitleidiger Gutsbeſitzer fand, der ſich ſeiner huͤlfreich annahm und ihn nach Hauſe brachte. Unſer Autor ſagt, daß die Lady mit ihm ſprach, und ihn bedauerte. Er ſah, wie es ſein perwundeter Zuſtand nicht an⸗ ders erwarten ließ⸗ blaß und abgezehrt aus, war aber dennoch auf dem Wege der Ge⸗ neſung. Er waͤrmte ſich, als ſie ihn ſah, in der gelinden Waͤrme der untergehenden Sonne, deren letzte Strahlen die fernen Wet⸗ terfahnen und himmelanſtrebenden Thurm⸗ ſpitzen der benachbarten Cathedralkirche ſter⸗ nenaͤhnlich mit ihrem Scheine vergoldeten. Ein duͤnner Nebel verſchleierte die Gegend und Alles bot ringsum das Bild der Ruhe und der Stille dar. Ein junger Landmann, 8. — 198— der S Sohn des Gutsbeſitzers, beſchaͤftigte ſich damit, des Ritters Ruͤſtung zu putzen, die viele Scharten und Beulen erhalten hatte, und deren einzelne Theile zerſtreut im Gras umher lagen. Um jedoch den direkten Fa⸗ den unſerer Erzaͤhlung nicht durch dieſe Epiſode laͤnger zu unterbrechen, erwaͤhnen wir bloß noch, daß die Lady, ehe ſie ſchied, den verwundeten Ritter warnte, ſich nicht zu frei uͤber ſeinen Rang und ſeine Um⸗ ſtaͤnde zu aͤußern, damit er nicht ſeinen Feind dadurch anreize, ein mipiges L⸗ ſegeld von ihm zu erpreſſen. I 8436 Hierauf ſagte ſie ihm Lebewohl; ihr Squire gab ſeinem Pferde die Spornen und ſo eilten ſie im Trabe davon. Der Weg war indeſſen ſehr uneben, und ihr Pferd ein harter Traber; ſo daß, als ſie an der Schenke abſtiegen, wo ſie zu uͤbernachten gedachten, die Lady vom Reiten ſo arg zu⸗ ſammen geruͤttelt war, daß ſie am naͤchſten Morgen ihre Reiſe nicht fortſetzen konnte. Gegen Nachmittag ward es ihr aber etwas —r —,— = 1499— beſſer. Waͤhrend wir demnach dem Leſer. uͤberlaſſen, ihnen auf ihrer langen Reiſe in Gedanken zu folgen, kehren wir nach Lon⸗ don zuruͤck, um zu erzaͤhlen, was ſich, nach der ploͤtzlichen Abreiſe Rothelans nach Ca⸗ lais, dort in der Zwiſchenzeit zutrug. 5505920 50050099029903800000000 Drittes Kapitel. Ahnungen. Iſt dieſes Täuſchung? oder trägt Der Menſch von ſeiner künftigen Beſtimmung Im Innern das Bewußtſeyn? Joanna Baillie. Nachdem Adonijah den jungen Rothelan alſo zur Abreiſe angetrieben hatte, kehrte er mit vermehrter Ungeduld zur Lady Al⸗ bertine zuruͤck, in welche er heftig drang, eilig mit ihm zum Biſchof von Wincheſter zu gehen, der damals der erſte koͤnigliche Miniſter war. Ihre Zuſammenkunft mit dem Praͤlaten wird zwar nicht umſtaͤndlich beſchrieben; es erhellt jedoch ſoviel, daß ihn der Jude an ihren fruͤhern Beſuch vor mehreren Jahren, und an das Schmuckkaͤſt⸗ — V;˖— — 201— chen erinnerte, welches er damals in ſeinen Haͤnden ließ, um den Sir Amias damit auszuforſchen. Aus dem Verfolge geht uͤbri⸗ gens noch weiter hervor, daß ſie ihn ge⸗ nauer mit Rothelans Geſchichte bekannt machten, ſo wie mit den neuen Beſorgniſ⸗ ſen, die der Ritter durch das Gewicht in ihnen erweckt hatte, welches er auf den Um⸗ ſtand legte, daß der junge Kriegsheld mit den Waffen in der Hand, auf ſchottiſcher Seite ſtreitend, betroffen worden war. Der Biſchof handelte dieſes Mal mit groͤßerer Thaͤtigkeit als fruͤher, da ſie ihn beſuchten: vielleicht weil er eben weniger zu thun hatte; denn die Handlungen der Menſchen haͤngen in oͤffentlichen wie in Privatgeſchaͤften eben ſo oft von ihren Ver⸗ bindlichkeiten, als von ihrem guten Willen ab. Er beſchickte auf der Stelle den Sir Amias, der uͤber die Einladung einiger⸗ maßen beſtuͤrzt war, und ſie gern abge⸗ lehnt haben wuͤrde, weil ihm ein banges Borgefuͤhl ſagte, was dieſelbe zu bedeuten II. Bändchen. 9l* — 202— haben koͤnnte; allein Ralph Hanslap, der Zugegen war, als der Bote mit der Ein⸗ ladung kam, drang in ihn, ſogleich hinzu⸗ gehen. „Ihr habt hier keine Wahl, das Ge— ſchaͤft mag auch betreffen, was es will,“ ſagte der Squire,„und was habt Ihr auch zu fuͤrchten? Iſt es nicht die Wahrheit, daß Euer Neffe bei den Schotten gefangen genommen worden iſt? Hat er durch ſeine ungewoͤhnlich uͤbereilte Flucht nicht das Ge⸗ ſtaͤndniß abgelegt, daß er ſich ſeiner Schuld als Hochverraͤther bewußt iſt? Geht alſo, und laßt uns abwarten, was daraus ent⸗ ſtehen mag.“. „Es koͤnnte auch,“ erwiederte ſein Pa⸗ tron bedenklich,„wegen etwas Anderem ſeyn.“ „Moͤglich,“ antwortete Ralph Hanslap. „Allein,“ fuhr der Ritter fort,„wenn es dennoch dieſer ungluͤcklichen Geſchichte halber ſeyn ſollte?“ „Ich rathe Euch deßhalb hinzugehen.“ — 203— „Und doch kann ich nicht errathen, was er mit mir wollen mag.“ „Ich auch nicht,“ verſetzte Hanslap, „deswegen wird es am Beſten ſeyn, wenn Ihr zu ihm geht; ſo koͤnnt Ihr es er⸗ fahren.“ „Es iſt ſonderbar, daß gerade heute, wo uns ſo viele wunderbare Dinge wider⸗ fahren ſind, eine ſo unerklaͤrliche Vorla⸗ dung an mich kommen muß.“ „Ein Ungluͤck kommt niemals allein,“ ſagte der Squire, indem er bedenklich un⸗ ter der finſtern Augenbraune hervorſah; „je eher Ihr das Schlimmſte erfahrt,“ fuͤgte er nach einer kleinen Pauſe hinzu,„deſto beſſer. 8 „Das Schlimmſte ſagt Ihr, Hanslap? glaubt Ihr denn wirklich, daß Gefahr bei der Sache ſey?“ „„Ich fuͤrchte es allerdings; es iſt heute Alles ſo verkehrt gegangen, daß es faſt ſcheinen moͤchte, als ob uns die Vergel⸗ tung zur Rechenſchaft ziehen wollte.“ — 204— „Ja, ja, ſo iſt's, und ich bin ein Un⸗ gluͤcklicher.“ „Das glaube ich auch,“ erwiederte Ralph Hanslap nach ſeiner bitter ſpottenden Art; nallein was hilft es Euch, wenn Ihr hier bleibt? Wenn der Gegenſtand der Bot⸗ ſchaft Eure eigene Wohlfahrt betreffen ſollte, ſo iſt es immer ein Beweis freundlicher Sorgfalt von Seiten des Biſchofs, daß er Euch ſelbſt die Sache eroͤffnen will; ich wuͤrde Euch demnach anrathen, keine Zeit dabei zu verlieren.“ „Es iſt gewiß ſo, wie Ihr ſagt, denn ich wuͤßte nicht, warum ein Mitglied der Regierung mir nicht wohl gewogen ſeyn ſollte? Habe ich mich nicht ſeither in al⸗ len Kriegen als einen guten Unterthanen bewaͤhrt, ſowohl durch Geldvorſchuͤſſe, die ich der Regierung geleiſtet, als durch die Vaſallen, die ich zum Dienſt geſtellt haben Ich habe Dienſtgelder uͤber meine Verbind⸗ lichkeit nach Maßgabe meiner Laͤndereien 8— — — = — —— — 205— K bezahlt, und bs um ſo freiwilliger, ge⸗ rade deshalb— „Weshalb?“ fragte Hanslap, als der Ritter einhielt, der kaum wußte wie er ſeine Rede endigen ſollte. Wenn Ralph Hanslap Etwas beſaß, das man eine Leidenſchaft haͤtte nennen oͤnnen, ſo war es die Neugierde, und es war nichts in der Welt, das anziehender fuͤr ihn haͤtte ſeyn koͤnnen, als der eigen⸗ thumliche, unredliche Charakter ſeines Herrn; das Gefuͤhl, welches ſie in ihm er— weckte, beherrſchte ihn beſtaͤndig ſo ſehr, daß unſer Autor ſie als die Quelle, ja als die Seele ſeiner Treue und Anhaͤnglichkeit fuͤr ihn ſchildert. In dem gegenwaͤrtigen, wie in manchen andern Faͤllen— und hierin liegt gerade das Leidenſchaftliche— trieb er ſeine Neugierde ſelbſt bis zu dem Grade, daß er diejenigen, die er zum Ge⸗ genſtand derſelben machte, durch ſeine Be⸗ merkungen und Fragen tief verwundete, indem er ſelbſt aus dem Schmerz und der — 206— Pein, die er ihnen dadurch zufuͤgte, ein eigenes, gallſuͤchtiges Vergnuͤgen zog. „Weswegen habt Ihr Dienſtgelder uͤber Eure Verbindlichkeit bezahlt?“ ſagte er; „wenn dies bemerkt worden iſt, ſo kann der Biſchof, als Kanzler, die Urſache da⸗ von wiſſen wollen,— vielleicht iſt es des⸗ halb, daß er Euch zu ſprechen verlangt; Ihr wuͤrdet alſo beſſer thun, zu ihm zu gehen,— ich rathe Euch dazu.“ „Nein,“ erwiederte Sir Amias, hier⸗ uͤber wird er mich wohl nicht fragen; und wenn er es thaͤte, habe ich nicht in meiner Loyalitaͤt eine prompte Ausrede, in⸗ dem er ſehen wird, daß ich den kraͤftigen Koͤrperbau nicht habe, den diejenigen haben muͤſſen, welche den Känig perſönlich ins Feld begleiten?“ „Allein wegen Eurer ſcwäclichen Ge⸗ ſundheit geſchah es doch nicht, daß ihr ſo Vieles freiwillig beigeſteuert habt. Ich habe Euch nie erwaͤhnen hoͤren, wofuͤr es war. Weswegen, ſagt Ihr, war es?“ — — — 207— Sir Amias gab keine Antwort; ſondern wendete ſich halb aͤrgerlich daruͤber, ſo zu Rede geſtellt zu werden, von ihm weg; ein ſtaͤrkerer Beweggrund aber, den er hatte, Hanslap zu ſchonen, ließ ihn ſeine Aufwallung unterdruͤcken. Nachdem er ſich mehrere Minuten lang beſonnen hatte, verſetzte er: „Ich will gehen, ob ich gleich eine Vor⸗ ahnung habe, daß es zu nichts Gutem ſeyn wird.“ „So denke ich auch.“ „Warum dringt Ihr denn ſo in mich, daß ich gehen ſoll?“ „Weil ich nicht einſehe, wozu Euch Eure Weigerung helfen wuͤrde; dieſe Vorladung gehoͤrt mit zu den Schickſalen des heutigen Tages, und ohne etwas von der Aſtrologie zu verſtehen, kann man leicht einſehen, daß uns heute die Sterne nicht guͤnſtig ſind.“ 1p Dieſe Bemerkung beſtuͤrzte den Ritter, 4 1 — 208— und eine augenblickliche Blaͤſſe uͤberzog ſein Geſicht. Eure Prophezeihung iſt aberglaͤubiſch, Hanslap, was kommt Euch an?“ Bei die⸗ ſer Bemerkung verſuchte er zu laͤcheln; al⸗ lein ohne ſeine ernſte Miene zu verziehheme erwiederte der Squire: „Ich wollte, daß dieſer Tag gluͤcklich voruͤber waͤre.“ „Warum das?“ „Ich wollte, der Tag waͤre gluͤcklich zu Ende.“ „Und wenn er es waͤre,“ verſetzte Sir Amias,„was denn hernach?“ „Dann wuͤrden wir wiſſen, welches Ge⸗ ſchaͤft der Kanzler mit Euch abzumachen hat, das Eure Gegenwart ſo dringend er⸗ heiſcht. 77 1 11 „War denn die Einladung ſo diingend Glaubt Ihr, daß er etwas von der Ge⸗ ſchichte gehoͤrt hat?“ „Welche Geſchichte meint Ihr damit?“ „Hm!“ brummte der Ritter verdrießlich. 1 3 — 209— „Ihr ſcherzt; aber meine Unentſchluͤſſig⸗ keit gibt Euch Veranlaſſung dazu. Ich werde gehen, was er auch mit mir wollen mag; denn ich kann nicht anders. Waͤren wir beide nur in Frankreich geweſen, als dieſe Ladung kam. Heute iſt Alles gegen uns.“ „Wie ich geſagt habe,“ erwiederte Ralph Hanslap mit einer ihm eigenthuͤmlich ſauern Miene. „Sir Amias, dem die beſtaͤndige Be⸗ ruͤhrung dieſer einen Saite ſehr unange⸗ nehm war, haͤtte ihm ſolches gern verwie⸗ ſen; allein er unterdruͤckte ſeine Gefuͤhle, und ſchritt nach der Thuͤre des Zimmers, in welchem dieſe Unterhaltung vorfiel, um ſich, in Folge der erhaltenen Einladung, geradezu nach dem biſchoͤflichen Palaſte zu begeben; allein indem rief ihn Ralph Hans⸗ lap, ohne ſich von der Stelle zu bewegen, mit ernſter Stimme:„Sir Amias!“ „Und!“ rief der Ritter, ſich nach ihm — 210— umdrehend,„was habt Ihr mir zu ſa⸗ gen?“ „Nichts,“ erwiedet⸗ Ralph, ſich beden⸗ kend;„wenn Euch ungefaͤhr etwas Unange⸗ nehmes begegnen ſollte, ſo koͤnnt Ihr mich vielleicht durch ein Zeichen warnen laſſen, daß ich mich bei Seite machen kann; es iſt vielleicht der beſte Dienſt, den ich Euch jetzt erweiſen kann, wenn ich mich entferne. Ich werde ſo dumm nicht ſeyn, um die Mei⸗ nung von irgend ein Paar Zeilen mißzu⸗ verſtehen, die Ihr mir etwa ſchreiben koͤnntet. „Nein, ſo weit find wir noch nicht,“ erwiederte Sir Amias ganz trocken; im In⸗ nern war er jedoch ſehr erſchuͤttert, denn es ward ihm bei dieſer Bemerkung ſeines al⸗ ten Vertrauten, als ob ſeine beſte Stuͤtze ihm entſaͤnke; indeſſen fuͤgte er hinzu:„Wenn Ihr ſo bange ſeyd, Hanslap, ſo macht Euch lieber ſogleich in Sicherheit; kommt das Aergſte, ſo iſt es bloß ein Beweis, den ich laͤngſt gewuͤnſcht habe,— ich meine,“ ſagte — 211— er mit einem Seufzer,„den Beweis von der Vermaͤhlung der Lady. Mit Freuden wuͤrde ich auf Alles verzichten, wenn das im Rei⸗ nen waͤre. Wir verlieren jedoch mit dieſem Geſchwaͤtze nur unſre Zeit.“ Hiermit ver⸗ ließ er das Zimmer und den Squire, ſei⸗ nes entſchloſſenen Anſehens und ſeines Gleichmuths ungeachtet, in einem verwirr⸗ ten, zwiſchen Furcht und Neugierde ſchwan⸗ kenden Zuſtande, nicht wiſſend, ob er ſich aus London entfernen oder bleiben ſolle, um den Ausgang eines Drama's zu ſehen, worin er ſo lange eine Hauptrolle geſpielt hatte.. 1115 11411 1. 1 95000005 2890060050 VBiertes Keapitel. Vorbedeutungen. l Dunkelheit umhüllt den Himmel; und die Winde haben furchtſam In die Höhlen ſich verkrochen; Nicht ein Blättchen regt ſich; ſchweigend Liegt die Welt in tiefer Stille; Vöglein hören auf zu ſingen;z. Tn Es begrüßt des Baches Welle Hinast Nicht mit Murmeln mehr das ufer: Alles ſcheint vom Himmel bange Ein Orakel zu erwarten. —„Caper. In den wechſelnden Verhaͤngniſſen ei⸗ nes Menſchen gibt es Zeiten und Stun⸗ den, in denen er eine myſtiſche Aehnlichkeit zwiſchen den aͤußern Naturerſcheinungen und den Geſtaltungen ſeines eigenen Schick⸗ ſals zu erblicken glaubt. d — 213— Unſer Autor beginnt ſein hierher gehoͤ⸗ riges Kapitel mit ſonderbaren Betrachtun⸗ gen uͤber dieſe weiſſagenden Andeutungen der Natur, und bemerkt, daß ſolche ſchwei⸗ gende prophetiſche Warnungen, in Bezie⸗ hung unſrer ſelbſt, uns meiſt im Fruͤhlinge und im Herbſt zukommen, wo dann in der feierlichen Stille der Abenddaͤmmerung oder des Morgenzwielichts ihre Anregungen ſym⸗ pathetiſch auf uns einwirken. „Man hat uͤberdieß noch oͤfter bemerkt,“ ſagt er,„daß eine wunderbare Ueberein⸗ ſtimmung zwiſchen der Natur jener Vor⸗ ahnungen und den Umſtaͤnden Statt findet, unter denen ſie ſich unſerm Herzen mitthei⸗ len, und es gibt Menſchen, die der Zeit nach, in welcher ſie dergleichen wahrnehmen, zu beurtheilen wiſſen, wie lange die Zu⸗ kunft fuͤr ſie truͤbe oder glaͤnzend ſeyn werde.““ 1129 „Vraͤgt es ſich zu,“ ſagt er in ſeiner eigenthuͤmlichen Sprache, welcher wir nur neuere Ausdruͤcke unterzulegen uns erlau⸗ — 214— ben,„daß einem Menſchen dergleichen pro⸗ phetiſche Viſionen draußen auf dem Lande in jener ergoͤtzlichen Jahrszeit anwandeln, in welcher die Maien bluͤhen und der Ha⸗ gedorn ſich mit der duftenden Silberlocke ſchmuͤckt; dann wird ſich ihm die Ausſicht froher Hoffnungen, gleich dem Anblicke ei⸗ ner fuͤllereichen und praͤchtigen Meierei aus der Ferne, durch eine Luͤcke eines nahen Ge⸗ hoͤlzes, eroͤffnen, und eben ſo, wenn ſie ihn auf der Neige eines Tages anwandeln, an dem mit ſchon zerzaußtem, duͤrr gelbem Ge⸗ wande der Hagedorn frierend daſteht und in ſeiner hagern Hand die herben Beeren hinhaͤlt, von denen zu freſſen nur der Hun⸗ ger die Voͤgel noͤthigen kann; dann darf er nur kummervoll umwoͤlkten Tagen, und Widerwaͤrtigkeiten, die ihn ſchnell u uͤbereilen werden, entgegen ſehen.“ Allein nicht immer draͤngen ſich jene Vorboten der Zukunft bloß im Felde auf; wenigſtens ſcheint es mit Sir Amias de Crosby ganz anders der Fall geweſen zu — — — 2415— ſeyn, da er auf ſeinem Wege nach der Wohnung des Biſchofs von Wincheſter eine ſonderbare Erfahrung dieſer Art machte, zu welcher die angedeuteten Betrachtungen, in deutlicher Beziehung auf dieſen Vorfall, unſerm Autor zur Einleitung dienen. Sein im vorhergehenden Kapitel be⸗ ſchriebenes, zu keinem Reſultate fuͤhrendes Geſpraͤch mit Hanslap, hatte bis nahe an den Abend gedauert. Die Sonne war be⸗ reits untergegangen, als er aus ſeinem Hauſe ging, um ſich nach der nicht ſehr fernen biſchoͤflichen Reſidenz zu begeben; denn in der damaligen Zeit wohnte der Biſchof von Wincheſter in der Altſtadt Lon⸗ don. Sey es nun, um ſich auf jene Zu⸗ ſammenkunft, von der er ſo viel befuͤrchtete, und ſo wenig errathen konnte, vorzuberei⸗ ten, genug, ſtatt den kuͤrzeſten Weg einzu⸗ ſchlagen, ging er, als er die Straße er⸗ reichte, zum Biſchofsthore hinaus und uͤber das Feld außerhalb der Stadtmauer nach einem kleinen Hinterpfoͤrtchen, welches nach⸗ „ — 216— mals vergroͤßert und verſchoͤnert, und als der Eingang in Moorfields beruͤhmt ward. Auf dieſem kurzen Wege kam er an mehreren Gruppen von Lehrburſchen und andern Buͤrgersſoͤhnen vorbei, die ſich mit allerlei Spielen, in denen Zufall oder Ge⸗ wandtheit den Vortheil verſchafft, unter⸗ hielten, wobei ſie ſich balgten oder zankten, je nachdem Einer oder der Andere ſeinen Wurf oder Einſatz gewann oder verlor. Links zog ſich die lange finſtere Stadtmauer, hier und dort auch nicht ohne maleriſchen Effekt hin, beſonders wo das gelbliche Licht der Abendſonne auf die Ecken der Thuͤrme fiel, oder durch die Schießſcharten der Thurm⸗ zimmer einſtroͤmte. Oben auf der Mauer ah man Gruppen von Frauenzimmern in⸗ ſah nerhalb der Bruͤſtung ſpazieren gehen, und aus den Guckloͤchern der Thuͤrme Stangen herausſtehen, auf welchen Waͤſche zum Trocknen aufgehaͤngt war. Die Lanze des Thorwaͤchters oberhalb Aldersgate flammte wie eine Fackel, wenn er ſich im Auf⸗ und — — 217— Abgehen umdrehte, oder bei Veranlaſſun⸗ gen bisweilen auf die, durch das Thor wandelnden Leute hinabblickte. Der Abend war heiter und ſtille; nur dem durch den Widerſtreit guter und boͤſer Wuͤnſche nichr beunruhigten Gemuͤthe war jenes leiſe und erſterbende Getoͤſe der Stadtgewerbe noch vernehmbar, das dem ſorgemuͤden Geiſte oft noch beruhigender ertoͤnt, als das Ge⸗ laͤute der Abendglocken auf dem Lande, in welches das Bruͤllen der heimkehrenden Viehheerden, das ferne Geſumme von plau⸗ dernden Baͤuerinnen oder das Geſchaͤcker der braunrothen Milchmagd mit dem ruͤſtigen Knechte, der ihr bei der Ruͤckkehr vom Mel⸗ ken den Milcheimer traͤgt, einſtimmt. Die Vorfallenheiten des Tages hatten indeſſen den Sir Amias zu ſehr verſtimmt, als daß er an der allgemeinen Freude der Vergnuͤ⸗ gungen des Abends haͤtke Antheil nehmen koͤnnen. Seine Stirne war in duͤſtere Fal⸗ ten gezogen, ſeine Blicke waren auf den Boden geheftet und ſeine Ideen verwirrt. II. Bändchen. 10 8TXAX — — — — 218— Er hatte nur Ohren fuͤr die ſchreienden Stimmen der zaͤnkiſchen Spieler, und hoͤrte und ſah nichts in den Scenen um ſich her⸗ um, als Zank und Streit, die drohenden Faͤuſte und die ergrimmten Blicke der er⸗ tappten Falſchſpieler. Er war jedoch zu ſehr in ſeine eigenen truͤben Gedanken verſunken, als daß dieſe Dinge einen beſondern Eindruck auf ihn haͤtten machen koͤnnen, bis er beinahe das Thor erreicht hatte, durch welches er nach der Stadt zuruͤckzukehren gedachte. Eben war er an einer Gruppe ſchmutziger Hand⸗ werker vorbei gegangen, als ſich dicht hin⸗ ter ihm eine halblaute auffallende Stimme hoͤren ließ:„Geht nicht weiter, Ihr ſeyd verrathen.“ Bei dieſen Worten fuhr er zu⸗ ſammen, und als er ſich umſah, gewahrte er einen ſchlampigen junden Menſchen, blaß von Angeſicht, aber von einem ſcharfen Blicke, deſſen Kleidung mehr durch Raufe⸗ reien gelitten zu haben, als durch langes Tragen abgenußt ſchien. Er ſprach mit einem Andern, der etwas juͤnger war, und minder luͤderlich im Geſichte, auch etwas weniger ſchmutzig und nachlaͤſſig in ſeinem Anzuge ausſah. Sie hatten in Geſellfchaft mit Andern gewuͤrfelt und mit einander ver⸗ loren. Es war freilich nur ein unbedeuten⸗ der Zufall, daß dieſes geſchah; allein dieſe Aeußerung ſchien auf eine ominoͤſe Weiſe auf die augenblicklichen Betrachtungen des Riitters anzuſpielen. Auch lag in den Blik⸗ ken des Aelteſten der beiden Gauner Etwas, das ihn an Hans Ralphs bedaͤchtige, und nicht aus der Faſſung zu bringende Kalt⸗ bluͤtigkeit erinnerte, ein Umſtand, der einen um ſo tieferen Eindruck auf ihn machte, als dieſer ihm bisher ſo treu gebliebene Anhaͤnger, auf eine ſo unerwartete Weiſe, Miene gemacht hatte, ihn im Stiche laſſen zu wollen.— Sir Amias, noch immer vertieft in Ge⸗ danken uͤber die vernommene Warnung, die er auf ſich ſelbſt zu beziehen unwiderſtehlich verſucht ward, hatte kaum einige Schritte — 220— weiter nach dem Thore gethan, als er aufs Neue in ſeinem Wege durch einen zerlump⸗ ten Knaben aufgehalten ward, den ein wuͤ⸗ thend erboßtes Weib mit einem Stocke in der Hand verfolgte. Der Knabe ſuchte ſich, um Schutz zu finden, hinter ihm zu ver⸗ bergen, und Sir Amias hob den Arm auf und warf ſich zwiſchen ſie beide, um das Weib zu verhindern den Knaben zu ſchlagen. „Euch treffe der Fluch der Wittwe,“ ſchrie die erboßte Furie,„daß Ihr den Dieb beſchuͤtzen wollt, welcher armen Waiſen das Brot ſtiehlt.“ Bei dieſem Fluche ſprang Sir Amias auf die Seite, als ob er auf eine Natter getreten haͤtte. Er zitterte am ganzen Leibe ſo ſehr, daß er mit den Zaͤhnen klapperte, und der innere Kampf, der ſein ganzes Weſen krampfhaft erſchuͤtterte, war deſto fuͤrchterlicher, jemehr er ſich muͤhte, ſeine Angſt zu uͤberwaͤltigen. Ohne das Weib und den Gegenſtand ihrer Wuth nur noch einmal anzublicken, eilte er weiter und kam — 221— unter den Thorweg; allein hier ward er abermals durch einen Zuſammenfluß von Menſchen aufgehalten, die den Leichnam eines Mannes trugen, und ſich hierzu einer ausgehobenen Thuͤre anſtatt einer Tragbahre bedienten. Er war mit einem weißen Tuche bedeckt, welches aber hier und dort Blut⸗ flecken hatte. Das Geſicht und der Hals des Leichnams, wie man ſolche undeutlich unter dem Tuche wahrnehmen konnte, ge⸗ waͤhrten einen nur deſto grauſenerregenderen Anblick. „Er hat ſich die Kehle ſelbſt abgeſchnit⸗ ten,“ bemerkte Einer der Umſtehenden zu Sir Amias, als er wahrnahm mit welcher ausnehmend bangen Theilnahme bieſer den Leichnam angeblickt hatte. „Aus was fuͤr einer Urſache? warum hat er es gethan?“ fragte ein anderer Zu⸗ ſchauer. „Es war fuͤr ihn das Beſte, was er thun konnte,“ erwiederte der Andere;„ſie — 222— gehen, um ihn an einem Kreuzwege auſſer⸗ halb der Stadt zu begraben.“ „Seht hier,“ ſagte ein Dritter zu Sir Amias, ihm das Meſſer zeigend, womit er die That begangen hatte.„Wie gefiel es Euch, wenn man Euch deſſen Schneide an die Kehle ſetzte?“ Mit Abſcheu und Entſetzen fuhr der Rit⸗ ter vor dem gemeinen Menſchen zuruͤck, der ihn auf dieſe rohe Weiſe anredete. Eiligen Schritts draͤngte er ſich durch die Menge, nach dem Palaſte des Biſchofs, beinahe ſelbſt nicht wiſſend, welchen Weg er einſchlug, und langte am Thore des Gebaͤudes an, ohne ſich nur einmal umgeſehen zu haben. 9000 0000000009000005000 560626 Fuͤnftes Kapitel. Die Blaͤtter fallen ab. So ringt eine Seele, die das Gewiſſen quält, untauglich für die Erde, zum Himmel nicht erwählt. Von oben waltet Dunkel, von Flammen rings umloht Herrſcht unten Verzweiflung, und drinnen iſt der Tod. Byron's Giaour. Der Biſchof ſaß eben am Fenſter am obern Ende der Halle, als ihm die Ankunft des Sir Amias gemeldet ward. Vor ihm auf dem Tiſche lagen mehrere Meßbuͤcher, in de⸗ nen er blaͤtterte, und unter ihnen ſtand das mehrerwaͤhnte Geſchmeidekaͤſtchen. Als er von der Ankunft des Ritters benachrich⸗ tigt ward, bedeckte er den Deckel des Kaͤſt⸗ chens mit einem dieſer Buͤcher, und legte die andern in anſcheinender Unordnung drum herum, um es den Blicken zu ver⸗ — 6 h — — 224— bergen, und befahl zu gleicher Zeit dem Diener, der ihn anmeldete, Lichter auf den Tiſch zu ſtellen. „Ich muß Euch,“ ſagte der ſchlaue und behutſame Praͤlat, als er dem Sir Amias de Crosby zum Empfang entgegen kam; „ich muß Euch um Verzeihung bitten, Sir Amias, Euch zu mir bemuͤht zu haben; allein bloß in dieſen Abendſtunden habe ich einige Zeit zu eruͤbrigen, und was ich Euch zu ſagen habe, iſt nicht von ſolcher Wich⸗ tigkeit, um die, ernſteren Tagsgeſchaͤften gewidmete Zeit dafuͤr in Anſpruch zu nehmen. Sir Amias war Weltmann genug, um ſich durch den leutſeligen Empfang des Biſchofs irre machen zu laſſen; er gab aber keine Antwort, ſondern machte bloß eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, indem er nach dem Stuhle ging, den ihm der Biſchof auf der andern Seite des Tiſches anwies, waͤh⸗ rend er ſelbſt ſich ihm gegenuͤber ſetzte. „Bei Durchgehung der Akten eines ſchon — 225— ſeit laͤngerer Zeit bei der Kanzlei anhaͤn⸗ gigen Prozeſſes,“ fing der Biſchof an, „habe ich gefunden, daß Euer Bruder Lord Edmund von Rothelan, deſſen Guͤter und Mobilien Ihr bei ſeinem Tode ererbtet, ge⸗ wiſſe aktenmaͤßige Verbindlichkeiten mit ei⸗ nem italieniſchen Frauenzimmer einging, und da der Punkt eine Ehrenſache Eurer Familie betrifft, ſo habe ich mich bei Euch ſelbſt uͤber die genaueren Umſtaͤnde erkun⸗ digen wollen.“ 8 Der dunkeln Unbeſtimmtheit ungeach⸗ tet, die in den Worten der ſchlauen An⸗ rede lag, war darin doch Etwas, das dem Sir Amias nicht behagte; er antwortete dem Praͤlaten indeſſen mit moͤglichſter Auf⸗ richtigkeit, daß er von erwaͤhnter Angele⸗ genheit wirklich nichts wiſſe. „Es iſt in der That,“ ſagte er,„ein ita⸗ lieniſches Frauenzimmer vorhanden, wel⸗ cher mein Bruder ſehr zugethan war; er wuͤrde ſie auch, wie ich glaube, zu ſeiner Frau gemacht haben, wenn es ihm vergoͤnnt U. Bändchen. 40* — 226— geweſen waͤre, aus dem Kriege zuruͤckzu⸗ kehren, in welchen er auszog.“ „Die bemeldete Sache mag ſie dann wohl betreffen,“ erwiederte der Biſchof. „Weiß man, wo die Lady ſich gegenwaͤrtig aufhaͤlt?“ „Sie iſt dermalen in London,“ ſagte der Ritter, einigermaßen verwirrt gemacht, und fuͤgte, gleichſam von einem geheimen Drange dazu vermocht, hinzu:„Ich habe ſie erſt heute geſehen; allein ſie iſt von ei⸗ nem ſonderbaren Widerwillen gegen mich eingenommen.“. „Ich beabſichtige nicht,“ verſetzte der Bi⸗ ſchof ganz gelaſſen, und mit einiger Zu⸗ ruͤckhaltung,„Euch uͤber Eure haͤuslichen Angelegenheiten auszufragen; ich wollte mich nur verſichern, ob die Lady, von wel⸗ cher Ihr ſprecht, dieſelbe Perſon ſey, die ich meine. Wie war ihr Name?“ „Albertine; ſie iſt aus der Familie der Ferragio's; es gibt, wie ich vernommen habe, wenig edlere in Florenz.“ 4 — 227— „Ja, der Name iſt richtig“, ſagte der Biſchof,„es muß daſſelbe Frauenzimmer ſeyn. Wie kommt es aber, daß ſie ſich in England aufhaͤlt, und nicht zu ihrer Fa⸗ milie zuruͤckkehrt? Ich erinnere mich jetzt, vor einigen Jahren gehoͤrt zu haben, daß Ihr bei Lord Edmunds Tod mit beiſpiello⸗ ſer Großmuth gegen ſeine Geliebte verfuhrt. War dieſe nicht daſſelbe italieniſche Frauen⸗ zimmer?“ „Ich wuͤrde noch mehr gethan haben,“ erwiederte der Ritter mit einem Buͤcklinge, etwas erleichtert, den Praͤlaten in ſolchen ruͤhmlichen Ausdruͤcken von ſeine„Betra⸗ gen ſprechen zu hoͤren;„ſie wollte ſich aber nicht mit Wenigerem begnuͤgen, als daß ich ihren Sohn als legitimen Erben mei⸗ nes Bruders anerkennen ſollte.“ „Ihren Sohn! ſie war nicht verheirathet und hat einen Sohn! Wenn ſie eine Per⸗ ſon dieſer Art iſt, Sir Amias, dann wer⸗ det Ihr ohne Zweifel wenig Dank fuͤr Euern guten Willen eingeerntet haben.“ — 228— „Waͤre ſie,“ ſagte der Ritter, den die anſcheinend zutraulichen und theilnehmen⸗ den Aeußerungen des Biſchofs vergeſſen ließen, auf ſeiner Hut zu ſeyn,„waͤre ſie wirklich ſein Weib geweſen, dann haͤtte ſie ohne Zweifel laͤngſt die Beweiſe ihrer Ver⸗ heirathung von Florenz herbeiſchaffen koͤn⸗ nen.“ „Daß ſie es nicht gethan hat,“ verſetzte der Biſchof,„gibt ſicher einer ſtarken Ver⸗ muthung zu ihrem Nachtheile Raum, und wenn ihre Familie ſie ſo lange in England laſſen konnte, ohne ſich ihrer anzunehmen, ſo muß fie, denk' ich, ihre Urſachen zu die⸗ ſer Vernachlaͤſſigung gehabt haben.“ Dieſe Bemerkungen goſſen linderndes Oel in den ſtuͤrmiſch bewegten Buſen des Ritters; ſie ſtillten die Beſorgniſſe, welche die Botſchaft bei ihm erweckt hatte, und beſaͤnftigen ſeine beaͤngſtigten Gedanken, daß er vollkommen beruhigt ward und die Unterhaltung mit munterer Laune und in⸗ nerer Selbſtzufriedenheit fortſetzte. — 229— „Allein,“ fing der Biſchof wieder an, „was iſt aus dem Kinde geworden? Mich duͤnkt, Ihr ſagtet mir, daß es ein Sohn geweſen ſey.“ „Ich habe ſeit vielen Jahren nur we⸗ nig von ihm gehoͤrt,“ erwiederte Sir Amias. „In dem Tumulte eines in meinem Hauſe ausgebrochenen Feuers, wurde der Knabe, wahrſcheinlich um ihn in Sicherheit zu bringen, von jemand fortgetragen. Bis er wiedergefunden ward, beſchuldigte mich ſeine Mutter, daß ich ihn haͤtte bei Seite ſchaffen laſſen. Was nachmals mit ihnen vorſiel, wie ſie ſeit jener Zeit, wo ſie meine Wohnung verließen, gelebt haben, daruͤber kann ich bloß Vermuthungen hegen.“ In dieſem Augenblicke nahm der Biſchof, wie unwillkuͤrlich, das Meßbuch von dem Deckel des Kaͤſtchens weg, und legte die Hand darauf, indem er den Zeigefinger zwiſchen die Blaͤtter ſteckte. „Allein Ihr habt,“ ſagte er,„die Lady —— — — — ⸗D — 8— 230— nach Verlauf ſo vieler Jahre heute wieder geſehen; wie kam dieſes?“ Sir Amias gab keine Antwort, denn ſeine Augen waren vom Anblicke des Kaͤſt⸗ chens wie verblendet; er hatte an dem Wap⸗ pen auf dem Deckel erkannt, daß es daſſelbe war, welches der Lady entwendet worden war, und das er ſpaͤter ſelbſt an Adonijah verkauft hatte. „Kennt Ihr dieſes Kaͤſtchen?“ fragte der Praͤlat.„Dem Wappen nach muß es, oder ich muͤßte mich ſehr irren, Euerm Bruder gehoͤrt haben. Es kam auf eine ſonderbare Weiſe in meine Haͤnde.“ Sir Amias blickte einen Augenblick ſtumm nach dem Biſchofe; unfaͤhig zu ſpre⸗ chen, war es ihm als ob ihn die Blitze des Himmels umflammten, und die Erde unter ihm bebte. 1329 Ohne auf ſeine Erſchuͤtterung zu mer⸗ ken, fuhr der Praͤlat in einem feſten, faſt ernſten Tone fort:„Dieſes Kaͤſtchen wurde mir vor ſieben Jahren, als der Koͤnig nach 8— 231— dem Norden ging, um die Schotten nach der Pluͤnderung von Durham zuruͤckzutrei⸗ ben, von einem Juden zugeſtellt. Ihr wer⸗ det Euch ohne Zweifel noch jener Zeit er⸗ innern, Sir Amias; denn an demſelben Tage, an welchem Adonijah, den Ihr wohl kennt, mir dieſe Juwelen in einer Abſicht, die Ihr leicht errathen werdet, zur Ver⸗ wahrung uͤberlieferte, brachtet Ihr dem Lord Mowbray einen ſchoͤnen wohlgeſtalte⸗ ten Knaben, um denſelben als Edelknaben bei ihm unterzubringen. Derſelbe Knabe war Euers Bruders Sohn.“ „Es geſchah auf Bitten des Juden,“ erwiederte Sir Amias, der ſich von ſeinem Schrecken zu erholen anfing,„daß ich das Kind zu Lord Mowbray brachte; ich wußte aber damals nicht, daß es der Sohn der Lady Albertine war.“ „Daß Ihr es damals nicht wußtet, Sir Amias,“ ſagte der Biſchof,„das glaube ich Euch gern; allein es ſtand nicht ſehr— lange an, daß Ihr die Wahrheit auf ande⸗ — 232— rem Wege entdecktet. Ich frage Euch da⸗ her: was nachmals aus dem Knaben gewor⸗ den iſt?“ „Ich bin nicht bei ihm geweſen,“ verſetzte der Ritter prompt;„Lord Mowbray wird die beſte Auskunft geben können, wo er hingekommen iſt.“² Da der Biſchof ſah, daß Sir Amias ſich in die Faſſung ſetzte, die Sache mit frecher Stirne durchzufechten, ſah er ihn mit einer mit Mitleiden gemiſchten Gelaſſenheit an, und ſagte in einem ſanften aber feſten Tone: „Es iſt mir von Euern Geheimniſſen mehr bekannt, Sir Amias, als Ihr fürch⸗ tet, daß ich entdeckt haben koͤnnte. Als Ritter und Edelmann, auf deſſen unbefleck⸗ ter Ehre noch nicht der Tadel haftet, zu unwuͤrdigen Mitteln ſeine Zuflucht genom⸗ men zu haben, habe ich Euch eine oͤffent⸗ liche Beſchimpfung erſparen wollen. Es ſteht in Eurer Macht, Euch von dieſem Flecken zu reinigen. Ich habe Euch zu mir — 233— einladen laſſen, um Euch dies zu wiſſen zu thun, und Euch zu rathen und zu warnen, daß wenn Ihr nicht ſchnell wieder gut macht was Ihr verbrochen habt, ich die grauſamen Verfolgungen, deren Ihr Euch ſchuldig ge⸗ macht habt, unfehlbar dem Koͤnige anzeigen werde. Euer zweideutiges Betragen hat mich hinlaͤnglich uͤberzeugt, daß Ihr nicht zweifelt, daß die ungluͤckliche Lady Euers Bruders Weib war, und ihr Sohn der le⸗ gitime Erbe ſeiner Titel und Guͤter iſt. Ich rathe Euch daher, ſie ſobald als moͤglich wieder in den Beſitz ihres Eigenthums zu ſetzen, als ich ſicherlich weder Anſehen noch Gewalt, weder die ſtrengſte Unterſuchung noch Muͤhe ſparen werde, um der von Euch ſo arg gemißhandelten Gerechtigkeit Genug⸗ thuung zu verſchaffen.“ Die hohe, demuͤthigende Sprache des Praͤlaten hatte den Sir Amias jedoch mehr aufgebracht, als kleinmuͤthig gemacht, und er erwiederte erbittert: — 234— „Was man Euch auch hinterbracht ha⸗ ben mag, der Baſtard iſt unter den Schott⸗ laͤndern mit den Wacfen in der Hand ge⸗ fangen, und dieſer Tage mit den andern Gefangenen nach London gebracht worden.“ „Ich habe Euch jetzt nichts weiter zu ſagen, Sir Amias,“ fuhr der Biſchof fort, nals daß Ihr verrathen ſeyd.“ Dieſe Worte waren Toͤne des Donners fuͤr ſein Gewiſſen. Es waren dieſelben Un⸗ gluͤck weiſſagenden Worte des Falſchſpielers. Dennoch wuͤrde er dieſe beiſſende Bemer⸗ kung verſchluckt, vielleicht ſelbſt fuͤr eine Be⸗ leidigung aufgenommen haben, haͤtte der gerechte und tugendhafte Praͤlat nicht hinzu gefuͤgt:„Der fuͤrchterliche Fluch einer Wittwe ward immer im Himmel vernommen, und das den Waiſen entzogene Brot hat noch keinen unrechtlichen Beſitzer ernaͤhrt.“ Bei dieſen Worten verlor das Geſicht des Sir Amias ſeine Farbe, die Lippen wurden bleich und ſeine Augen ſtarrten ſeelenlos vor ſich hin; er wollte ſprechen, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen, und er ſank von Scham und Geviſſens⸗ biſſen uͤberwaͤltigt, und von aberglaͤubiſcher Furcht erſchreckt auf den Stuhl zuruͤck. Der Biſchof, der ſeine innere Bewegung zum Theil fuͤr Zorn hielt, ſah ihn einige Augenblicke mit gerechtem Unwillen und Abſcheu an; allein ſein zerknirſchtes und von Schrecken ergriffenes Gewiſſen kruͤmmte ſich ſo ſichtbar, daß ſich ſeine Gefuͤhle bald in Mitleiden fuͤr ihn umwandelten. Mit einer leichten und feierlichen Bewegung der Hand, und zum Himmel gerichteten Bli⸗ cken, zog er ſich in ſein Kabinet zuruͤck und befahl im Vorbeigehen den Bedienten, den Baron ſicher nach Hauſe zu begleiten. * Sechstes Kapitel. Das Feldlager. Die Sonne glüht, es glüht der Stahl Von Tauſenden, gereiht zuſammen, Die Helme funkeln in dem Strahl, Die hellen Speere ſprühen Flammen. Die Banner wehenz den Reih'n entlang Ertönt, zum Sturme, der Schlachtgeſang. König Saukl. ——— Rothelan hatte ſich inzwiſchen in eins jener Fahrzeuge eingeſchifft, welche der koͤnigli⸗ chen Armee, die damals vor Calais lag, Verſtaͤrkungen zufuͤhrten, und langte am folgenden Morgen im Lager an. Was er bisher geſehen, hatte ihm den Krieg in ſeiner roheſten Geſtalt gezeigt. Selbſt die Schlacht bei Neville's Croß, ſo wichtig ſie an — 237— und fuͤr ſich ſelbſt war, da ſie uͤber das Schickſal und die Freiheit, ſowohl des Koͤ⸗ nigs von Schottland, als ſeines Reichs ent⸗ ſchied, war beiderſeitig mit in der Eile zu⸗ ſammengerafften Truppen geſchlagen wor⸗ den; und ob es gleich nicht an Muth und Herzhaftigkeit, noch an Staͤrke der Arme fehlte, ſo zeigte ihr Aufzug doch wenig von jenem aͤußern Prunke, der den Ehrgeiz an⸗ zufachen vermoͤgend iſt. Mit Ausnahme jener Schlacht, kann man wohl ſagen, daß Rothelan noch nie Etwas von einem ruhmwuͤrdigen Kriege geſehn hatte; denn ſeine Streifzuͤge, die er mit Sir Gabriel de Glowr nach den eng⸗ liſchen Marſchlanden unternahm, konnten, obgleich ſie nicht weniger verwegene Tapfer⸗ keit erforderten, als wenn ſie unter dem Panier des Koͤnigs unternommen worden waͤren, dennoch nur als das Buchſtaben⸗ lernen eines Kindes angeſehen werden; es war an dieſen Unternehmungen nichts ritter⸗ liches; ſie waren wie einzelne Worte ohne Zuſammenhang, ohne belehrenden Sinn. Man muß in der That ſagen, daß es bei dieſen feindlichen Ueberfaͤllen und Streife⸗ reien nicht an harten Conſonanten fehlte, die ſich fuͤr ſolche Ausdruͤcke, wie Stahl und Schwert, Kampf und Streiche, in der groß⸗ ſprecheriſchen Aufzaͤhlung der Thaten dieſer, auf ihre veruͤbten Grauſamkeiten ſtolzen, Freibeuter ſchickten; allein eigentlich war das Geluͤſte nach Beute doch noch eine weit maͤchtigere Triebfeder ihres Heldenmuths, als der Ruhm. In dem engliſchen Lager vor Calais hingegen waren die Sieger von Creſſy verſammelt; die Heiligen des Him⸗ mels beguͤnſtigten das Werk der Zerſtoͤrung, und Ehrenzeichen, die ihrem Empfaͤnger Ruhm einbrachten, belohnten es. Der Bu⸗ ſen des jungen Helden mußte hier alſo von einem neuen Feuergeiſte beſeelt werden, der ihn zu Thaten antrieb, deren Gewinn nach der Menge gluͤcklich davon getragener Wun⸗ den berechnet werden ſollte. Sobald er ausgeſchifft war, eilte er nach F — 239— dem koͤniglichen Zelte, das an ſeiner uͤber⸗ legenen Groͤße und einer mit den engliſchen und franzoͤſiſchen vereinten Wappen verſehe⸗ nen Fahne, welche von einem leichten Mor⸗ genwinde bewegt ward, vor den uͤbrigen kenntlich war. Der Anblick ſo vieler neuer feſſelnder Gegenſtaͤnde, des militaͤriſchen Prunks, die ſeine Aufmerkſamkeit von allen Seiten in Anſpruch nahmen, hemmten bald ſeine Schritte, und er war noch nicht halb Weges von dem Landungsplatze der Kuͤſte bis zum Lager gekommen, als er ſtille ſtand, und mit Verwunderung und Entzuͤcken um ſich ſchaute. Die flatterneen Standarten, die Faͤhn⸗ lein, welche die Abtheilung der Regimenter in der Linie bezeichneten; die Pyramiden der Lanzen und Speere in der Fronte, die langen Reihen ſchoͤner Zelter, die in Form eines halben Mondes die Stadt umgaben; Schwadronen von Reiterei, welche manoͤv⸗ rirten; Herren und Reitknechte, welche junge Pferde auſſerhalb der Lagerlinie abrichteten;z — 240— Haufen von Panzern, die bei den Werkſtaͤt⸗ ten der Waffenſchmiede aufgeſchichtet waren; Trommeln, die auf dem Boden umher la⸗ gen, waͤhrend die dazu gehoͤrigen Trommel⸗ ſchlaͤger ſich mit Spielen beluſtigten; die uͤberall umher lagernden, zum Theil nur zur Haͤlfte angekleideten, zum Theil voͤllig fuͤr den Kampf ausgeruͤſteten Soldaten; die Thuͤrme und Waͤlle der Stadt Calais endlich, ſtrotzend von Speeren und Ruͤſtun⸗ gen, die man in der Morgenſonne blinken ſah: dieſes Alles bot ein ſo lebendiges und grandioſes Schauſpiel dar, daß er von einem ſolchen vorher gar keinen deutlichen Begriff gehabt hatte. Waͤh⸗gand ſeine Blicke fluͤchtig von einem Gegenſtande zum andern umherſchweiften, gewahrte er, wie die Stuͤr⸗ menden ploͤtzlich einhielten, und die Mauer⸗ brecher, welche die Mauern ſichtbar beſchaͤ⸗ digt hatten, zuruͤckgezogen und einzelnen Schildwachen anvertraut wurden. Indem er ſo umher ſchaute, ſah er in einiger Entfernung einen Ritter auf ſich — 241— zukommen, deſſen Geſtalt ihn ſogleich an⸗ zog. Geſicht und Miene dieſes Ritters ſchienen ihm bekannt zu ſeyn; denn ſein Viſier war geoͤffnet; gleichwohl konnte er ſich nicht erinnern, wo er ihn fruͤher geſe⸗ hen hatte; daß ſie ſich aber unter merkwuͤr⸗ digen Umſtaͤnden ſchon getroffen hatten, das war ſicher; denn es knuͤpften ſich ihm an ſeine Geſtalt Erinnerungen von Auf⸗ ruhr und kriegeriſchem Getuͤmmel— von auf⸗ und zuſchwebenden Lichtern;— dun⸗ kele Bilder von Geſehenem und Gehoͤrtem ſtiegen in ſeiner Seele auf, von denen er ſich, obgleich ſie in ſeinem Gedaͤchtniſſe be⸗ graben lagen, dennoch keine deutliche Vor⸗ ſtellung mehr machen konnte. Das Vergnuͤgen, welches Rothelan em⸗ pfand, jemanden zu ſehen, zu dem er ſich durch ein dunkles Gefuͤhl einer fruͤheren Bekanntſchaft hingezogen fuͤhlte, machte ihn ſo kuͤhn, auf den Ritter zuzugehen, und einige Fragen in Betreff des, in den Be⸗ lagerungs⸗Anſtalten eingetretenen Still⸗ II. Bändchen. 11 = 242— ſtandes, an ihn zu richten. Der Fremde, dem das dreiſt⸗muthige Benehmen eines noch ſo jungen Menſchen ſehr wohl gefiel, antwortete ihm mit ermuthigender Hoͤflich⸗ keit, und erzaͤhlte ihm, daß der Koͤnig dieſe Maaßregel angeordnet habe, um die Stadt zu ſchonen, die Einwohner aber auszuhun⸗ gern.„Der Koͤnig,“ fuͤgte er hinzu,„uͤber⸗ laͤßt ſich hierin etwas zu ſehr ſeiner Leiden⸗ ſchaft, daß er die Einwohner von Calais als widerſpenſtige Rebellen betrachtet, da ſie doch ſeine Anſpruͤche, ihr Koͤnig ſeyn zu wollen, nie anerkannt hatten, ſo ſehr uͤbrigens auch dieſe Anſpruͤche den Rechten nach begruͤndet und mit bewaffneter Hand geltend gemacht ſeyn moͤgen. Sie ſind in der That wackere Leute, die ſich ſeinen Drohungen kuͤhn widerſetzen."/ 1 „„Ich glaube,“ ſagte Rothelan,„daß der Koͤnig ſehr klug daran thut, die Stadt zu ſchonen. Es ſcheint ein ſchoͤner Platz zu ſeyn, und ohne Zweifel ſind darin wohl⸗ geſpickte Koffer und Kiſten.“ 11 8439: —-— 24— „Wie!“ rief der Ritter,„Ihr, die Ihr nach Euerm Bart zu urtheilen, bei Eurer ſtolzen Miene doch nur ein Neuling im Kriege ſeyd, wer ſeyd Ihr, daß Ihr ſo. ſchmutzig von dem Ruhme ſprechen koͤnnt, Calais zu erobern? Bei unſrer heiligen Jungfrau! junger Mann, die Natur hat mehr fuͤr Deine Koͤrperbildung, als fuͤr die Veredlung Deiner Seele gethan. Sie hat Dir die Auſſenhuͤlle eines Edelmanns ge⸗ geben, allein in der Schaale ſteckt ein ge⸗ meiner Buͤrger. Ich ſetze meine Ritterehre zum Pfande, daß es in der Stadt, aus wel⸗ cher Du her biſt, noch viele alte Maͤnner gibt, die Deinem jugendlichen Anſehen zum Trotze, aus edlerem Stoffe gebildet ſind, als Du.“ Rothelan war nicht wenig betroffen, ſich von Seiten eines Mannes von ſo edlem Anſehen, ſo tief herabgewurdigt zu finden; allein die Erziehung, die er in den ſchotti⸗ ſchen Grenzprovinzen genoſſen, hatte ihn nicht ſo genau unterſcheiden gelehrt, was — 244— es hieße, fuͤr den Ruhm oder aus bloßem Hange zur Raubſucht zu fechten. 29 Waͤhrend ſie noch, ſich alſo mit einan⸗ der unterhaltend, beiſammen ſtanden, ſah man in einiger Entfernung die Menge dem koͤniglichen Zelte zuſtroͤmen. Bald darauf erſchien ein Officier oben auf der Stadt⸗ mauer, und der Koͤnig kam in Begleitung vieler hoher Adelicher aus dem Zelte und nahte ſich der Veſte, um zu parlamentiren. Auch der fremde Ritter machte ſich von Ro⸗ thelan begleitet auf den Weg, um der Un⸗ terhandlung zuzuhoͤren. A an. „Die Buͤrger dieſer Stadt,“ ſagte der Officier, indem er ſich von der Stadtmauer herab an den Koͤnig wendete,„wollen Eu⸗ rer Majeſtaͤt Stadt und Veſte uͤbergeben, wenn die koͤnigliche Gnade ihnen die Er⸗ haltung ihres Lebens und ihres Eigen⸗ thums zuſichern will.“ 9 „Wollen ſie das wirklich?“ rief der Koͤnig;„ſie glauben alſo vorſchlagen und verfuͤgen zu koͤnnen, was und wie es ihnen — 245— gut duͤnkt! Nein, Herr Ritter, ſagt ihnen, daß ihnen meine Gnade auch jetzt nicht mehr werden ſoll, nachdem ſie ſolche von ſich gewieſen haben, als ich ſie ihnen anbot. Wir nehmen keine weiteren Vorſchlaͤge an⸗ als ihre unbedingte und demuͤthige Erge⸗ gebung. Geht zuruͤck und ſagt ihnen, daß ſie fernerhin nicht mit mir, ſondern mit dem Hunger zu kaͤmpfen haben werden. Sie moͤgen es verſuchen, ob er eine ſchaͤrfere Schneide fuͤr ſie hat, als unſie Schwerter.“ Statt ſich auf dieſen abſchlaͤglichen har⸗ ten Beſcheid zuruͤck zu begeben, blieb der Officier auf der Mauer ſtehen, und machte dem Koͤnige gegen deſſen unbarmherzigen Entſchluß Vorſtellungen. „Ich bitte Eure Majeſtaͤt, zu bedenken,“ ſagte er,„daß wir Unterthanen des Koͤnigs von Frankreich ſind, und auf Befehl unſers Herrn gethan haben, was in unſern Kraͤf⸗ ten ſtand, um dieſe Mauern zu vertheidi⸗ gen. Es wuͤrde hart fuͤr uns ſeyn, wenn — 246— uns unſere Treue, die ſich von den erhabe⸗ nen Geſinnungen eines ſo maͤchtigen Mo⸗ narchen einer milderen Beurtheilung haͤtte zu verſprechen haben ſollen, uns als ein Vergehen angerechnet werden ſollte. Da Eure Majeſtaͤt aber nur eine entehrende, unbedingte Unterwerfung zufrieden ſtellen kann, ſo ſind wir entſchloſſen, noch ferner auszuharren, und der Letzte von uns, ja der letzte Knabe aus Calais, wird eher mit den Waffen in der Hand umkommen, als ſich erniedrigenden Bedingungen unter⸗ werfen.“ 18721 fur bh In dem edlem Trotze dieſer Antwort lag etwas Erhabenes, das Rothelans Herz mit bisher unbekannten Gefuͤhlen durch⸗ gluͤhte. Wie ſich rohe Metalle durch die Alchymie in Gold verwandeln, eben ſo ver⸗ wandelte ſich ſeine Bewunderung der rohen Stäͤrke, die er bei ſeinen ſchottiſchen An⸗ grenzern geſehen hatte, in Ehrfurcht vor den köoͤſtlichern Eigenſchaften der Tapferkeit und des heroiſchen Edelmuthes. 9 — 247— „Kann mir Jemand den Namen jenes Ritters aus Calais nennen?“ fragte der Koͤnig, nach ſeinen Officieren umblickend; „bei meiner Ehre, er ſpricht wie ein Mann, der das Herz auf dem rechten Flecke hat.“ „Eo iſt Jean de Vienne,“ erwiederten einige. „Ich habe Vieles von ſeiner Tapferkeit und ſeinem ritterlichen Muthe vernommen,“ bemerkte der Koͤnig, der zwei Schritte vor⸗ waͤrts ging und Jean de Vienne laut zurief: „Euertwegen, Herr Ritter, wollen wir minder ſtreng ſeyn, als wir es uns vorge⸗ nommen hatten: ſagt den Buͤrgern von Calais, daß wenn ſie ſechs der Vornehm⸗ ſten aus ihrer Mitte mit Stricken um den Hals herausſenden wollen, mit denen wir verfahren koͤnnen, wie uns beliebt, ſo ſollen die Uebrigen verſchont, und ihre Unterwer⸗ fung zu den vorgeſchlagenen Bedingungen gngenammen werden.“ Mit dieſen Worten zog ſich der Koͤnig zurüͤck und begab ſich in ſein Zelt; der Offi⸗ — 248— cier aber ſtieg von der Mauer in die Stadt hinab. Nachdem die Unterhandlung auf dieſe Weiſe beendigt war, wendete ſich Rothelan zweifelhaft an den Ritter, dem er bis da⸗ hin zur Seite geblieben war:„Ich wuͤnſchte Dienſte bei Euch zu nehmen,“ fing er an, „um die Kriegskunſt ritterlich zu erlernen.“ „Berdammt will ich ſeyn,“ rief der Fremde,„wenn er nicht einem jungen Adler gleicht. Wer ſeyd Ihr? Euerm Accente nach ſollte ich Euch fuͤr einen Schottlaͤnder halten; allein in Eurer Art Euch auszu⸗ druͤcken, liegt eben ſo wenig Schottiſches, wie in Euerm Geſichte.“. „Wer ich auch ſeyn mag,“ verſetzte Ro⸗ thelan, mit beſcheidener Entſchloſſenheit, „mein Schwert mag mich erproben; meine Geſchichte,“ ſetzte er mit ehrerbietiger Schuͤchternheit hinzu,„erfordert einige Zeit, wenn ich ſie erzaͤhlen ſoll, und eine laͤngere Bekanntſchaft, um mir das Vertrauen zu ſchenken, ſolche zu glauben. Ich ſtehe — 240— freundlos da, ja ich laufe ſelbſt Gefahr, ungerechter Weiſe des Hochverraths ange⸗ klagt zu werden, von welcher Beſchuldigung ich mich zwar nicht ganz losſprechen kann, aber dennoch kuͤhn behaupten darf, daß ich kein Verraͤther bin, und daß Ihr mich der Gewogenheit, um welche ich anſuche, nicht unwuͤrdig finden werdet.“ „Ihr ſprecht ſehr raͤthſelhaft,“ erwie⸗ derte der Baron;„wie kommt es, daß Ihr allein hier ſeyd?“ „Ich kam, um Lord Mowbray aufzu⸗ ſuchen und Dienſte und Schutz bei ihm zu finden; ich wuͤrde aber ſehr erfreut ſeyn, wenn Ihr mich in die Eurigen nehmen wolltet.“ „ Da wuͤrdet Ihr ſicher Euern Wunſch erfuͤllt ſehen. Wußtet Ihr nicht, daß ich Mowbray ſelbſt bin?“ „ Beinahe vermuthete ich es,“ rief Ro⸗ thelan innig vergnuͤgt. Hierauf kam es zu einer Erklaͤrung zwiſchen ihnen, und Lord Mowbray, nicht wenig erfreut, auf dieſe II. Bändchen. 11* — 250— Weiſe ſeinen ehemaligen muthwilligen, ver⸗ wegenen Edelknaben, deſſen Verluſt er ſo lange bedauert hatte, jetzt in einer ganz andern Geſtalt wieder zu finden, fuͤhrte ihn in ſein Zelt, und ruhte nicht eher, als bis er ihm alle ſeine Schickſale erzaͤhlt hatte. Siebentes Kapitel. Die Lehre. Die Menge drängt ſich, man hört ſie nicht; Der Platz, die Gaſſen Können ſie nicht faſſen. Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht. Wie ſie mich binden und packen! Zum Blutſtuhl bin ich ſchon entrückt. Schon zückt nach jedem Nacken Die Schärfe, die nach meinem zückt. Fauſt. Als Rothelan die Erzaͤhlung ſeiner Aben⸗ theuer beendigt hatte, verſprach ihm Lord Mowbray, ihn alsbald zum Koͤnige zu fuͤh⸗ ren, von deſſen fruͤherer Theilnahme an ſeinem Schickſale er ihm einige Nachrichten mittheilte, indem er ihm von den Vorfaͤllen im Schloſſe zu Werk und dem Antheile — 252— der Graͤfin Salisbury erzaͤhlte; wie auf ihre Veranlaſſung der Koͤnig einen Herold nach Schottland abgeſchickt habe, um ſeine Aus⸗ loͤſung zu erwirken.— Jean de Vienne hatte inzwiſchen den Buͤrgern von Calais die Bedingungen hin⸗ terbracht, unter denen Koͤnig Eduard der Stadt eine Capitulation zugeſtehen wollte, und dieſe hatten dort großen Schrecken und Beſtuͤrzung verbreitet, da ſich im Anfange niemand fand, der ſich ſeinen Mitbuͤrgern zum Beſten opfern wollte. Endlich erhob ſich Euſtace de St. Pierre, einer der reich⸗ ſten und wohlhabenſten Buͤrger und Schoͤffen der Stadt, und ſprach zu dem uͤbrigen Ma⸗ giſtrat, der verſammelt war, um die Ant⸗ wort des Koͤnigs von England abzuwarten: „Es wuͤrde ſicherlich eine große Grauſam⸗ keit ſeyn, ſo viele Chriſten in der Stadt durch das Schwert oder den Hunger um⸗ kommen zu laſſen, wenn es noch ein Mittel gibt, ſie zu retten. Ich lebe der Ueberzeu⸗ gung, daß ſich derjenige um den Himmel — 253.— verdient macht, der ein ſolches Ungluͤck ver⸗ huͤtet. Ich fuͤr mein Theil ſetze ſo viel Ver⸗ trauen in die Guͤte Gottes, daß er mir ſeine ewige Gnade angedeihen laſſen wird, wenn ich meine Mitbuͤrger vom Verhungern rette; und ſo will ich denn der Erſte ſeyn, der dem grauſamen Koͤnige von England ſei⸗ nen Nacken darbietet, und ſich fuͤr ſein ge⸗ liebtes Vaterland aufopfert.“ Dieſer heroiſche Entſchluß ruͤhrte alle, die gegenwaͤrtig waren. Unfaͤhig, den En⸗ thuſiasmus zuruͤckzuhalten, den ihnen Dank⸗ barkeit und Bewunderung einfloͤßte, fielen einige vor ihm auf die Kniee, andere um⸗ armten den ehrwuͤrdigen Mann. Hiernach ſtand ein anderer rechtſchaffener Buͤrger, mit Namen Jean d'Ayre, auf und ſagte:„In dieſem ehrenvollen Wagniß will ich meinem Freunde Geſellſchaft leiſten.“ Jacques de Wiſſart, den man fuͤr einen der wohlha⸗ bendſten Buͤrger der Stadt hielt, erklaͤrte hierauf, daß er ihr Schickſal zu theilen Willens ſey; daſſelbe that ein Bruder von — 254— ihm, und der Wetteifer, den ihre erhabene Selbſtverlaͤugnung bei allen Anweſenden erweckte, war ſo groß, daß es ſchwer hielt, diejenigen unter den ſich dazu Erbietenden auszuwaͤhlen, welchen vergoͤnnt werden ſollte, an der Unſterblichkeit einer ſo bei⸗ ſpielloſen Maͤrtyreraufopferung Theil zu nehmen. Nachdem dieſer edle Wettſtreit beendigt war und die ſechs Buͤrger, die ſich zu frei⸗ willigen Schlachtopfern erboten, ſich in den Zuſtand geſetzt hatten, auf die ihnen vom Koͤnige vorgeſchriebene demuͤthige Weiſe vor ihm zu erſcheinen, kamen ſie mit ent⸗ bloͤßten Haͤuptern, in bloßen Hemden und mit Stricken um den Hals, bereit, ſich ih⸗ ren Henkern zu uͤberliefern, zum Thore heraus. Ihnen folgte unter dem Gelaͤute aller Glocken und Anſtimmung eines Re⸗ quiems, heulend und wehklagend die ganze Stadt. Die Weiber liefen, ihre Haͤnde ringend, auf und ab, und die Kinder ſtan⸗ den erſtaunt da und gafften. Allein heite⸗ — 3 — 255— ren Blicks und mit ſtolzem Herzen ſchritten die Buͤrger ihres Weges weiter. Das Jam⸗ mergeſchrei der Buͤrger ward, wie das Ge⸗ laͤute der Glocken, im Lager vernommen, und von allen Seiten ertoͤnte die Nachricht, daß die Einwohner von Calais ſechs ihrer vornehmſten Buͤrger aus der Stadt ſchick⸗ ten, um ihren dem Koͤnige geleiſteten hart⸗ naͤckigen Widerſtand zu buͤßen. Die Sol⸗ daten liefen haufenweiſe dem Thore zu, als ſich ploͤtzlich die Trompeten hoͤren lie⸗ ßen, die ſie zu den Waffen riefen; kurz Angſt und Beſtuͤrzung herrſchten uͤberall. Selbſt der Koͤnig, der eine ſo großmuͤthige Hingebung, eine ſolche demuͤthige Unter⸗ werfung unter ſeine Befehle nicht erwartet hatte, gerieth in ſichtbare Unruhe, waͤhrend die Edeln ſeiner Umgebung, die nicht min⸗ der erſtaunt waren, als er, verſtummt da ſtanden, und ihm nicht zu rathen mußten. Rothelan eilte mit Lord Mowbray in die Naͤhe des koͤniglichen Zeltes, nach welchem ſich der Zug aus der Stadt, unter dem — 256— ſchauerlichen Gelaͤute der Todtenglocken und unter dem Jammergeſchrei der betruͤbten Zuſchauer, welche die Stadtmauern und Waͤlle anfuͤllten, feierlich langſam fortbe⸗ wegte. Nachdem ſie ihren Stand auf einer Anhoͤhe genommen hatten, von wo aus ſie Alles uͤberſehen konnten, was vorging, ſa⸗ hen ſie Jean de Vienne, der in einem vor Kurzem geſchehenen Ausfalle, durch eine im Schenkel erhaltene Wunde gelaͤhmt wor⸗ den war, auf einem kleinen magern Pferd⸗ chen daher reiten. Hinter ihm kamen die * ſechs heldenmuͤthigſten von Calais muth⸗ vollen Buͤrgern. Als Jean de Vienne bei dem Koͤnig angekommen war, uͤberreichte er ihm ſein Schwert nebſt den Schluͤſſeln der Stabt, und ſtellte ihm Euſtgee de St. Pierre mit 4 ſeinen muthvollen Freunden vor. 15— Der König, der ſich in dieſem Augen⸗ blicke der ſo⸗ einzigen Standhaſtigkeit, mit der ihm die Buͤ rger von Cula is Widerſtand geleiſtet hatten; des Schadens, wilcher ſee⸗ — 257— nen Schiffen von ihrem Hafen aus zuge⸗ fuͤgt worden war, wie nicht weniger ihrer Widerſetzlichkeit gegen ſeine Anſpruͤche auf die Krone Frankreichs erinnerte, rief: 3„Das iſt ohne Zweifel Betruͤgerei⸗ Dieſe Leute ſind nicht das, wofuͤr Ihr ſie aus⸗ gebt, ſondern gemeine Stallknechte oder Uebelthaͤter; ſo moͤgen ſie denn auch für ihre veruͤbte Tuͤcke buͤßen.“ Mit ernſter Miene betheuerte Euſtac⸗ de St. Pierre, daß ſie keine Andere ſeyen, als wofuͤr ſie ſich ausgegeben haͤtten. „ Wenn es denn ſo iſt,“ rief der Kö⸗ nig, der durch dieſe Erwiederung nur noch aufgebrachter wurde,„ſo mag die Capitu⸗ lation gelten. Wir nehmen in Ruh' und Frieden Beſitz von der Stadt, und verſcho⸗ nen Loben und Eigenthum der Einwohner; Ihr aber empfangt Euern verdienten Lohn: Ihr Soldaten ſorgt dafuͤr, daß meine Be⸗ kehle vollzogen werden.“ Wirklich nahte ſich ihnen ein Trupp jener Leute, die mit den Hinrichtungen im — 258.— Lager beauftragt waren, um ſie abzufuh⸗ ren, als ſich mit einem Male hinter der ſie umgebenden Menge ein Freudengefchrei erhob; die Maſſe gerieth in große Bewe⸗ gung, und theilte ſi ſich in zwei Neihen, um einer Dame latz zu machen, die mit koͤ⸗ niglicher Erhabenheit und Anſtande ein⸗ herſchritt. Es war die Koͤnigin Philippa von England, dis nach Einbringung der ſchottiſchen Gefehgenen in London⸗ nach Calais abgereiſet war, um ſich zum Köoͤnige zu verfuͤgen. Sie war eben ausgeſchifft worden, als ſich der Trauerzug aus der Stadt in Bewegung geſetzt hatte; und da ſie auf ihrem Wege nach dem koͤniglichen Zelte S4 eaurids Lüii eunihnes das 3 a henaeid, zu neie „Athemlos vor Schrecken und Eile, ſie e dem Koͤnige zu Fuͤßen, und ergriff ſeine Hand, die ſie mit Thraͤnen benetzte, indem ſie ihm in abgebrochenen Worten und un⸗ — 259— ter den beredetſten Seufzern bat, ſeine ge⸗ gebenen Beſehle zuruͤckzunehmen.— amsi „Was muß ich hoͤren?“ ief ſie heftig. „O, erlaubt mir, wenn ich Euch nicht be⸗ ſchwerlich falle, fuͤr das Leben dieſer braven Leute zu bitten. Sien ſind, wie mir erzaͤhlt wurde, nur einfache Buͤrgersleute doch nein, Maͤrtyrer ſind esn deren Tugend auf ewige Zeiten in den Anmulen der Welthe⸗ gebenh eiten über Alpe⸗dasjenige erhoͤht glaͤnzem ſollte, wase Griechelllands und Roms Geſchichte Großes aufzuweiſen hat. Mögermein Koͤnig in dieſ er wichtigen An⸗ gelegenheit ſeinen edelmuͤthigen Charakter nicht verlaͤugnen, und dieſe ehrlichen Kauf⸗ leute wie brave Soldaten behandeln, die ihren, beinahen fuͤr unhaltban etachteten Ha⸗ fen heldenmuͤthig v ertheidigt haben. Glaubt Ihr, die Ruhmbegierde habe ſie in Erfuͤl⸗ lung dieſer heiligen Pflicht nicht mit einer eben ſo reinen und heiligen Gluth ent⸗ flammt, als ſolche in Euerm eigenen Buſen gluͤht? Ich bitte Eure Majeſtaͤt, ihre ſchlichte zun aa 3b l3nsuh ene 160 Aa He 33 812 1 — 260— Redlichkeit zu ehren. Seht nicht auf ihr Gewand, und denkt nicht an ihren niedri⸗ gen Stand; ſondern beachtet ſie, ihren Ver⸗ dienſten gemaͤß. Wenn Ihr dieſes thut, dann wird Euch ihre unkriegeriſche, buͤr⸗ gerliche Kleidung eben ſo achtungswuͤrdig vorkommen, wie die Ruͤſtung der beruͤhm⸗ teſten Ritter, und Ihr werdet ſie dann, zur Vermehrung Euers bisher noch nicht ver⸗ dunkelten Ruhms, vielleicht ſo ehren lernen wie brave Maͤnner es verdienen. eg Alle Umſtehenden, die ihre Fuͤrbitte ver⸗ nommen hatten, brachen in lauten Beifall und Bewunderung aus, und der Koͤnig ward durch die Beredtheit ihrer Fuͤrſprache und ihren flehenden Blick ſo geruͤhrt, daß er ſie aufhob und, waͤhrend er die Koͤnigin mit der einen Hand umſchlang, den Leu⸗ ten, welche die Gefangenen wegzufuͤhren im Begriff ſtanden, mit der andern hatsintae ſtehen zu bleiben. „Ich haͤtte wuͤnſchen moͤgen, meine ee Uebe Gemahlin,“ ſagte der Koͤnig geruͤhrt,„daß Ihr in dieſem Augenblicke wo anders ge⸗ — 261— weſen waͤret, denn Ihr habt mich ſo weich gemacht, daß ich Eure Bitte unmoͤglich ab⸗ ſchlagen kann. Ich uͤbergebe dieſe Buͤrger daher Euern Haͤnden, um nach Euerm Gut⸗ duͤnken mit ihnen zu verfahren.“ Die Koͤnigin ließ ihnen hierauf ſogleich die Stricke vom Halſe nehmen und ſie auf eine ehrenvolle Weiſe in Freiheit ſetzen. Damals war es, daß Rothelan die golde⸗ nen Lehren, und die edleren ritterlichen Geſinnungen dieſes Standes ſich aneignete. Er war mit all jenem Muthe geboren wor⸗ den, der einem Manne und Soldaten ziemt; er hatte von Natur einen Hang zur Hoͤflichkeit, und war uͤberdies beſcheiden und maͤßig; allein ohne das Beiſpiel, das ihm Auftritte dieſer Art von erhabenen Ge⸗ ſinnungen lieferten, wuͤrde er gleich dem ungeſchliffenen Edelſteine geblieben ſeyn, der zwar in ſeiner rohen Huͤlle nicht min⸗ der koͤſtlich als der geſchliffene Diamant iſt, insgemein aber doch nur ſehr wenig bedſo⸗ tet und geſchaͤtzt wird. 9000900600000 00006 in 39 24 180 nn iC S0 ee 2 chtes Ka pi — 8 I Der entſcheidende Augenblick. Glender Zuſtand! Todesnacht im Bufen). 142 O feigg Seels, die, nach Freiheit ringend, Nur mehr ſich ei fctl Helft, ihr Engel, helft. Ihr feen le eraarn eh. tA. Jör ſteifen Kniee beugt Euch! Herzensſebern Von Stahl geſchaffen, Werdet mild und weich,.. Des neugebernen Kindes Sehnen gleichz i. Dann, dann geht alles trefflich.. 149 2 CItG. Ianis 1ne 2 Hamet. Sie Amias de Eros nachdem er vofk⸗ſeiner Unterred ung mit dem Biſchoffe von Wincheſter nach Hauſe zittuͤtk⸗ gekehrt war, nach den eigenen Ausdruͤcken unſers Autors, ſo vom Widerſacher einneh⸗ men laſſer daß er ſich eine Zeitlang, einem Beſeſſenen aͤhnlich, wie ein aller Vernunft beraubter Menſch geberdete, und ſich den Itr „I Crosby hutte ſich indeſſen, — 263— ausſchweifendſten und verworfenſten Ein⸗ fluͤſterungen ſeiner Seele hingab. Jenes * Aaußerliche Urbane Weſen, wodurch, er ſich ſonſt auszuzeichnen pflagte, war gaͤnßlich von ihm gewichen. Des Biſchofs mahnende Rede hatte einen blutigen Stachel in ſeiner Seele zuruͤck gelaſſen, und das Bewußtſeyn, daß der Schleier der Ehkbarkeit, den er ſo lange getragen hatte, von ihm geriſfen und er in ſeiner natuͤrlichen WMßseſtätt dem Abſcheu bloß gegeben war hatte ihn gegen . alle Menſchen erbittert. 1 Er gedachte feines Weibes, wie ſie ihm ihre Liebe entzogen, er erinnerte ſich eines jeden kleinen Umſtandes jener Unterredung, in welcher ſie ihm zuerſt ihren Verdacht uͤber die Unredlichkeit⸗ ſeines eines Benehmens geaͤuſſert hatte, und jede dieſer Erinnerun⸗ gen war ein giftiger Pfeil, der auf fein Herz abgedruͤckt wurde, und ihn zur Wuth gegen ſie entflammte. Mitten im Sturme ſeiner aufgeregeen Leidenſchaft ſihuehte ihm das Bild ſeiner — 264— Tochter, gleich einem Stern zwiſchen zerriſ⸗ ſenen Wolken vor; aber nicht als eine friedliche Vorbedeutung. So ſchoͤn und herr⸗ lich ſie auch in dem Lichte ihrer Lieblichkeit daſtand, ſo war ihm dieſes Licht doch nur ein ſengendes Feuer, und er muͤhte ſich, ihre ſanftmuͤthigen Vorſtellungen zu vergeſſen; gleich dem boͤſen Geiſte der Finſterniß, der, mit grimmig ſchielendem Blicke, vor der erwachenden Morgenroͤthe flieht, fliehend fuͤrchtet und daruͤber ergrimmt, daß er ſich fuͤrchten muß. Er dachte an Ralph Hanslap nicht als ein Werkzeug, deſſen er ſich nur bedient hatte, ſondern als einen Verſucher, der ihn an den Rand des Verderbens gefuͤhrt hatte. Seinem Gewiſſen ſchien er ſagen zu wollen: „Waͤre dieſer Menſch nicht geweſen, nie wuͤrde ich gefallen ſeyn;“ allein empoͤrt wies dieſes ſeinen Vorwurf, als eine offen⸗ bare Luͤge, zuruͤck. Heiſer von den lauten Ausbruͤchen, die ihm der Zorn erpreßte, rannte er mit ge⸗ — 265— ballten Faͤuſten im Zimmer auf und ab, als ob er den ſtrengen Biſchof unter den Waͤnden habe und ihn erdroſſeln wolle. Kein Mittel ſchien ihm ſchnell und wirk⸗ ſam genug, die Lady Albertine zu vernichten. Er haͤtte ſie von den Flammen eines Gluͤh⸗ ofens verzehrt, oder von irgend einem er⸗ denklichen Mittel der Vernichtung uͤberge⸗ ben ſehen moͤgen. Allein der Jude, der geheimnißvolle Jude, und Rothelan, der ihm als Raͤcher erſchien; das Geſchrei der Welt und die Furcht ihrer Verſpottung bei ſeiner Entlarvung: dieſes Alles machte ihn ſo wuͤthend, daß er in der Verzweiflung einen Anlauf nahm, um ſich das Hirn an der Wand zu zerſchmettern, als ihn ein lauter fuͤrchterlicher Schrei wie mit einem Zauber ploͤtzlich aufhielt. Er kam von ſeiner ungluͤcklichen Tochter. Sie war im Zimmer geweſen, als er her⸗ eingetreten war; allein die Dunkelheit ſo⸗ wohl, wie ſeine eigene Verwirrung hatte ihn gehindert, ſie zu bemerken. Auch ſie II Bändchen. 12 — 266— hatte die furchtbaren Aeußerungen, welche er bei ſeinem Eintritte ins Zimmer in ab⸗ gebrochenen Worten ausſtieß, ſo erſchreckt, daß ſie unfaͤhig war, ihn anzureden. Sie vernahm die Ausbruͤche ſeiner immer hoͤ⸗ her ſteigenden Wuth; ſie horchte auf bei den Drohungen und Verwuͤnſchungen, in die er ausbrach, und die ihrem Ohre wie das Ge⸗ roll eines Erdbebens ertoͤnten, bis endlich auf die Fluͤche, die er gegen ſich ſelbſt aus⸗ ſtieß, ſie hervorſprang, um ihn von ſeinem Vorſatze abzuhalten, Hand an ſich ſelbſt zu legen. Ihr furchtbarer Schrei war im ganzen Haus vernommen worden, und ehe Sir Amias noch entdecken konnte, wer Zeuge des fuͤrchterlichen Ausbruchs ſeiner Leiden⸗ ſchaft geweſen war, ward die Thuͤre geoͤff⸗ net, und Lady de Crosby trat von Bedien⸗ ten mit Lichtern begleitet ins Zimmer. 3 Beatrice ſtand mit gefalteten Haͤnden bleich und erſchrocken bei ihrem Vater. Ihre Mutter hatte keiner weiteren Erklaͤ⸗ — 267— rung bedurft, auch hielt ſie nicht fuͤr noth⸗ wendig, nach der Urſache ihres Schreckens zu forſchen. Er hatte im Wahnſinne ſich Buſenkrauſe und Weſte abgeriſſen. Sein Angeſicht war bleich und entſtellt; das Haar vom Schweiße benetzt; die Augen blickten ſtarr vor ſich hin; die Augenhoͤhlen waren leichenartig eingefallen mit ſchwarzgelben Ringeln bezeichnet und vor ſeinen Lippen ſtand der Schaum, ſchwach von Blut ge⸗ faͤrbt. Er athmete ſchwerfaͤllig, als ob er ſich muͤde gelaufen haͤtte, und dicke Schweiß⸗ tropfen glaͤnzten ihm auf der Stirne. So ſtand er da, mit unterwaͤrts ausgeſtreckten Armen und geſpreizten Fingern, als ob ein uͤrchterlicher Krampf ſie ihm ausgeſpannt haͤtte. Die Lady war unfaͤhig, ein Wort zu ſprechen; allein ſie nahm einem ihrer Be⸗ dienten das Licht ab und ſchloß, indem ſie ihnen mit der Hand einen Wink gab, ſich zu entfernen, die Thuͤre eilig hinter ihnen zu. — 268— Faſt in demſelben Augenblicke riß ihr Sir Amias, der wohl wußte, daß er ſich nicht in einer Stellung befand, in welcher er ſich ſehen laſſen durfte, das Licht aus der Hand, warf es auf die Erde und ſtampfte es mit einem Fußtritte aus. „Dunkelheit will ich,“ rief er mit einem fuͤrchterlichen Gebruͤlle,„Tod, Tod!“ Beatrice war beim Anblicke ihrer Mut⸗ ter auf ſie zugeeilt, und ſank bei dieſen Worten in ihre Arme. Es blieb einige Minuten lang ſo ſtille, daß man keinen Athemzug vernahm; man hoͤrte nur et⸗ was ſchwerfaͤlliges langſam auf den Boden ſinken. 1 Der Erſte, welcher das Schweigen brach, war Sir Amias; er fuͤhlte den Kopf ſei⸗ ner Tochter leblos auf ſeinen Fuß fallen. Er ſtreckte ſeine Hand auf ſie herab, und befuͤhlte ihr Geſicht. In demſelben Au⸗ genblicke ließ die Lady ihren Kopf auf ſeine Schultern ſinken, und fing an laut zu ſchluchzen. — 269— „Iſt ſie todt?“ rief er mit fuͤrchterlich hohler Stimme, indem er mit den Fingern leiſe uͤber ihr Geſicht fuhr. In dieſem Au⸗ genblick kehrten alle beſſern Gefuͤhle bei ihm zuruͤck, und die vaͤterliche Zaͤrtlichkeit erwachte mit allen ihren Beſorgniſſen. Da Beatrice ſich jetzt wieder zu erholen begann, rief er:„Luft, Luft!“ und ſprang nach dem Fenſter, das er aufriß. Ein ſanfter Weſt⸗ wind drang erfriſchend ein, und ſein wohl⸗ thaͤtiger Hauch brachte ſie bald gaͤnzlich wie⸗ der zu ſich ſelbſt. Sir Amias hob ſeine Tochter auf, und trug ſie ans Fenſter. Waͤhrend ſie an ſeinem Arme hing, ſah er in die friſche Luft hinaus. Der Himmel war ſtill und heiter, in milder Schoͤnheit blinkten die ſchlafloſen Sterne herab. Vor wenigen Minuten noch wuͤrde er vor ihrem funkelnden Lichte zuruͤck gebebt ſeyn, er haͤtte in ihnen die wachen Augen der Ne⸗ meſis, um die verborgenen Frevel der Erde auszuſpaͤhen, erblickt; allein das wiederkeh⸗ rende Gefuͤhl fuͤr das ſchuldlos liebevolle Weſen, das an ſeinem Buſen weinte, war ihm wie der ſchoͤpferiſche Hauch des Fruͤh⸗ lings, der die Gefilde und die Waͤlder neu belebt. Mit Thraͤnen der Zerknirſchung, — 270— und in einem wehmuͤthigen, gedemuͤthigten Tone bekannte er ſeine begangene Unge⸗ rechtigkeiten, und empfahl ſich der Barm⸗ herzigkeit des Himmels; ſo wie er, durch ſein Beſtreben, ſolche wieder gut zu machen, die Verzeihung der Wittwe und ihres Soh⸗ nes zu erlangen hoffte. Um ſeinen guten Vorſatz ſogleich auszu⸗ fuͤhren, ſtand er auf, uͤbergab Beatrice der Sorgfalt ihrer Mutter und verließ das Zimmer, um ſich nach dem Hauſe des Ju⸗ den Adonijah zu begeben und die Lady Albertine, welcher er ihre vollen Rechte ein⸗ raͤumen wollte, nach Crosby Houſe zuruͤck zu bringen. Er fand jedoch, als er an die Thuͤre kam, ſolche verſchloſſen, und es ließ ſich weder ein Einwohner noch ein Licht im Hauſe ſehen. Er pochte mehrmals an, er⸗ hielt aber keine Antwort. Endlich vernahm ein Nachbar den Laͤrmen. Er ſah zum Fenſter heraus und erzaͤhlte ihm, daß der Jude an demſelben Abend, kein Menſch wiſſe wohin, verreiſt ſey, und ſeine Familie auswaͤrtige Verwandte zu beſuchen, gegan⸗ gen waͤre. Ende des zweiten Bandes. 0000066 660000000000000066260 Inhalt des zweiten Bandes. Zweiter Theil. Zehntes Kapitel. Der Streifzug. Eilftes Kapitel. Die Belagerung. Zwölftes Kapitel. Der König und die — Edelfrau. Dreizehntes Kapitel. Die Katze im Sprichwort. Vierzehntes Kapitel. Das Strumpfband. Fünfzehntes Kapitel. Der Willkommen. Sechszehntes Kapitel. Der Brand von Muſſelburgh. 1 Dritter Theil⸗ Erſtes Kapitel. Der Feſttag. Zweites Kapitel. Familien⸗Geheimniſſe. Drittes Kapitel. Die Tochter. Viertes Kapitel. Mutter und Kind. 3 Fünftes Kapitel. Was wird der Erfolg ſeyn? 8 Sechstes Kapitel. Eröffnungen. Siebentes Kapitel. Ein gebrenntes Kind ſcheut das Feuer. Achtes Kapitel. Die erſten Eindrücke. Neuntes Kapitel. Der Fuchs in der Falle. 117 127 138 149 139 — 272— Vierter Theil. Erſtes Kapitel. Hauswirthſchaft. Zweites Kapitel. Redgauntlet. Drittes Kapitel. Ahnungen. Viertes Kapitel. Vorbedeutungen. Fünftes Kapitel. Die Blätter fallen ab. Sechstes Kapitel. Das Feldlager. a Siebentes Kapitel. Die Lehre. Achtes Kapitel. Der entſcheidende Augenblick. 181 191 200 212 223 236 251 26*1