12 2 — 2 Satibliochek deutſcher, Prhe und franzöſiſcher Literatur Ednuard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und —— beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: here A4 Bi Bücher: auf 1 Monat: 2 Wer— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.. 1 5 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern⸗ ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zicſen hühn Erſatz des Ganzen verp flichtet. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen E der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſt ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— olhelan. 00000000000000 Ein hiſtoriſcher Roman⸗ von Galt, Verfaſſer der Erden, des Gewiſſens, der wahrfagerin des Dampfſchiffes u. a. 3 Aus dem Engliſchen von Friedrich Ludwig Rhode. Erſter Band. Frankkurtaea. 2* Verlag von Wilh. Schaefer's Buchhandlung. —ñm 1827. Es führen Manche Turpins Chronik an,. Und Geoffrey's, um uns was aufzuheften. 4 Lord Byvon. Druck von Wirh. Ludw. Weſche in Srankkurr a. M. 828 Kothelan. Erſter Theil. eeeeesee Erſtes Kapitel. Das Buch. Dieß heil'ge Buch, von einer vaterloſen Sybille ward's geſchrieben, von dem ird'ſchen Geſchlechte Pyrrha's ſie die Aelteſte. Von Drachenhaut, in ſtygiſche Gewäſſer Getaucht, ſind ſeine Blätter; ſtatt der Dinte Nahm ſie das Blut des gotterſchlagenen Python. Aus jenes fluchbeladnen Vogels Schwinge, Der an Prometheus Leben-hagte, rupfte Die myſtiſche Verfaß'rin ſich die Feder. Die Prophetin. Unter den mannigfalti en, uͤber alle Ver⸗ . gfaltig gleichung gehenden, wunderbar⸗praͤchtigen I. Bändchen. 1 Miſſalien und Manuſcripten, welche un⸗ laͤngſt noch die Zierde der herrlichen Ein⸗ ſiedelei von Fonthill bildeten, wurde das Buch von der Schoͤnheit weder jemand gezeigt, noch zum Verkauf ausgeboten. Wir koͤnnten die geheime Urſache hiervon vielleicht erklaͤren, wenn wir uns gegenwaͤrtig nicht auf die Vollendung des Werks ſelbſt zu be⸗ ſchraͤnken haͤtten, von deſſen literariſchem Verdienſte man ſich leicht einen Begriff machen kann, wenn man das magere Ge⸗ rippe unſeres Auszugs mit der phantaſierei⸗ chen und ausdrucksvollen Schoͤnheit des Ori⸗ ginals vergleichen will. Btt IIds Die aͤußere Ausſchmuͤckung dieſes Buchs iſt in Allem ſeines köſtlichen Inhalts wür⸗ dig, denn auch der Einband iſt berechnet, um ſowohl die Neugierde zu erwecken, als Bewunderung einzufloͤhßen. Der Ruͤcken beſteht aus einer koſtbaren orientaliſchen Subſtanz, die dem Opal an vielfaͤltigem Farbenſchimmer gleichend, den⸗ noch ungleich glaͤnzender, in eine ausneh⸗ mend ſchoͤne Purpurfarbe hinuͤber ſchillert. Die Decken ſind aus zwei unvergleichlichen Lapis⸗Lazuliplatten gebildet, welche in de⸗ mantnen Baͤndern, mit unſichtbaren Ge⸗ lenken, haͤngen, und jede der neun Klappen ſtellt eine der neun Muſen vor, alle Meiſter⸗ ſtuͤcke der Kunſt, von demſelben Golde, welches, nach Sir John Sinclairs Geſchichte der Staatseinkuͤnfte, Raymund Lully dem Koͤnig Eduard dem Dritten ſo leicht wie Papiergeld machte, um die Schatzkammer dieſes Koͤnigs waͤhrend jener ſchweren Krie⸗ ge zu fuͤllen, die in dem Werke mit ſol⸗ cher Ausfuͤhrlichkeit beſchrieben ſind. Allein warum ſollen wir uns bei der geringen, und in Vergleich ſeines koͤſtlichen innern Gehalts, ſo werthloſen aͤuſſern Huͤlle aufhalten? Kein Prachtdruck vermoͤchte es mit der zierlichen Federſchrift aufzunehmen; jedes Pergamentblatt uͤbertrifft an ſchmuck⸗ voller Schoͤnheit den zarteſten Seidenſtoff und das zierliche Elfenbein. Die Farbenſchattirungen und die Zier⸗ rathen um die Hauptbuchſtaben ſind uͤber allen Vergleich;— ſo, daß das Werk wirk⸗ lich Alles erſchoͤpft, was die Kunſt der Fe⸗ der hervorzubringen vermag; und haͤtten wir, der Natur ſeines Inhalts nach, nicht fuͤrchten muͤſſen, beargwoͤhnt zu werden, als haͤtten wir in irgend einer alten Kiſte eine ganze Sammlung alter Manuſcripte aufgeſtoͤbert, ſo wuͤrden wir ſo viel nicht daruͤber geſagt haben. Es wird ſich jedoch, nach Beibringung dieſer Beweiſe, niemand herausnehmen wollen zu behaupten, als haͤtten wir zu dem aͤchten fonthilliſchen Bande keinen Zutritt gehabt; denn obgleich viele, mit der Geſchichte von Dudley Neville in Verbindung ſtehende, merkwuͤrdige Begeben⸗ heiten in den Jahrbuͤchern der Nation zu finden ſind, ſo iſt es doch auch gewiß, daß ſie nirgendswo umſtaͤndlicher erzaͤhlt ſtehen.. Es wird unnoͤthig ſeyn, uͤber den hoͤheren Schmuck einer phantaſiereichen Beredſam⸗ keit, welcher dem ganzen Inhalte des Buches von der Schoͤnheir zu ſo aus⸗ nehmender Zierde dient, auch nur ein Wort zu ſagen. Die folgenden Blaͤtter werden zahlreiche Beweiſe unſers Strebens liefern, ſowohl die Ideen unſers Autors wieder zu geben, als den Geiſt jener heroiſchen Pe⸗ riode darzuſtellen, welche unter ſo mannig⸗ fachen anderen herrlichen Thaten, auch die Begebenheiten unſers Helden umfaßt. Es wird hier an dem ſchicklichen Orte ſeyn, zu bemerken, daß wir bei der Um⸗ ſchreibung des Buchs nicht genau dem Fa⸗ den der Erzaͤhlung unſers Autors folgen. So wie andere aͤltere Geſchichtſchreiber, fuͤhrt er eine Menge, nicht zur Sache ge⸗ hoͤrigen, Dinge an, und man kann mit Recht behaupten, daß es die Thaten Koͤnig Eduards des Dritten, und des ſchwarzen Prinzen ſind, um welche ſich hauptſaͤchlich ſeine Geſchichte dreht, waͤhrend es in die⸗ ſer kurzen und eilfertigen Skizze blos un⸗ ſere Abſicht war, die Aufmerkſamkeit haupt⸗ ſaͤchlich auf die Schickſale des Dudley Ne⸗ — 6— ville zu lenken. Nebenbei werden wir, ſo⸗ bald wir es, ohne der epiſchen Einheit unſrer Erzaͤhlung all zu ſehr Abbruch zu thun, koͤnnen, kein Bedenken tragen, ſie da um einige Seiten zu erweitern, wo der Inhalt ſich uͤber die Verdienſte oder den Charakter derjenigen verbreitet, die ſo viel Ehre fuͤr ſich einaͤrnteten und einen ſo unausloͤſchlichen Ruhm uͤber ihr Vaterland brachten. Wir ſind mit einem Worte Willens, gleichſam im Auszuge dennoch Vieles von dem Originale beizubehalten, in ſo ferne die Moderniſtrung noch Original genannt werden darf; und dieſes hauptſaͤchlich bei den Dialogen und wo wir Perſonen redend einfuͤhren. Um jedoch den Autor kein Un⸗ recht dulden zu laſſen, faſſen wir das Ganze in unſern eigenen Rahmen. Hierdurch ſetzen wir uns in den Stand, eine zuſam⸗ menhaͤngende Erzaͤhlung herzuſtellen, in wel⸗ cher wir, in gewiſſer Hinſicht, der dramati⸗ ſchen Entwickelung der Begebenheiten folgen, waͤhrend es uns Gelegenheit verſchaffen wird, den Leſer zu erinnern, daß er es mit der wahrhaften Geſchichte der beruͤhmteſten Schauſpieler auf einer der groͤßten Welt⸗ buͤhnen zu thun hat, deren die Jahrbuͤcher irgend einer Nation erwaͤhnen. 000000000000 05900095000002900000060090000090000 —, Zweites Kapitel. Die Wittwe. Die Weiber ſind wahrlich Zu ſchwach um zu fechten; g'icht weiblich, beharrlich Gleich Männern zu rechten. Das ſchwarzbraune Maädchen. Unter den engliſchen Baronen, welche in dem, waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit Eduards des Dritten, mit Schottland gefuͤhrten Kriege fielen, war Edmund de Crosby, Lord von Rothelan. Dieſer Edelmann hatte, wie es aus dem beſagten Buche erhellt, wenige Jahre vorher, auf einem Ausfluge nach Italien, 85 eine Florentinerin aus einem der beruͤhm⸗ teſten adelichen Geſchlechter geheirathet, und ſie mit nach England gebracht. Damals, —,— — 9— als er zur Armee nach Schottland reiſte, ließ er ſie mit ihrem einzigen Kinde, einem kleinen Knaben, unter der Obhut ſeines Bruders, des Sir Amias de Crosby, in Crosby⸗Houſe, ihrer Wohnung in London zuruͤck. So lange ſein Bruder lebte, behandelte Sir Amias die ungluͤckliche italieniſche Dame mit der ausgezeichnetſten Ehrerbietung. Er ließ ſte, von Seiten ſeiner Frau, als deren Schwaͤgerin behandeln, und es entſchluͤpfte ihm nichts, was nur entfernt darauf haͤtte hindeuten koͤnnen, als hege er irgend einen Zweifel uͤber ihre wirkliche Vermaͤhlung mit ſeinem Bruder. Allein die Nachricht jener ungluͤcklichen Schlacht, in welcher Lord Ed⸗ mund fiel, war nicht ſobald in London an⸗ gelangt, als Sir Amias ſein Betragen ge⸗ gen ſie aͤnderte, die legitime Abkunft ſeines Neffen in Abrede ſtellte, und von der Wuͤrde und den Lehen eines Lords von Rothelan, als ſein rechtmaͤßiges Erbe Beſitz nahm. I. Bändchen. 1* — 10— Bei der Gewandtheit, die Sir Amias beſaß, ſeinen Handlungen einen Anſtrich des Rechtlichen zu geben, ging er jedoch, wie die Geſchichte ſagt, mit einer ſolchen Umſicht zu Werke, daß niemand an ſeinem Verfahren einen Anſtoß nehmen konnte. Er behandelte die ungluͤckliche Lady Alber⸗ tine, wie er ſie von dieſer Zeit an nannte, mit aller, ihrer hohen Geburt gebuͤhrenden Achtung, und beklagte im Kreiſe ſeiner Freunde die Haͤrte ihres Schickſals, indem er offen geſtand, wie er wiſſe, daß es ſei⸗ nes Bruders Abſicht geweſen waͤre, ſich mit ihr zu vermaͤhlen, wenn ihm der Himmel vergoͤnnt haͤtte, aus Schottland zuruͤck zu kehren.— Nur um den Rechten ſeiner Toch⸗ ter und anderer Mitglieder ſeiner Familie nicht zu nahe zu treten, habe er ſich, in Ermangelung rechtmaͤßiger Anſpruͤche von ihrer Seite, genoͤthiget geſehen, ſeinen Neffen fuͤr ein uneheliges Kind zu erklaͤren, daß er ſich jedoch ehrenhalber und aus Liebe zu ſeinem Bruder verbunden fuͤhle, der — 11— Lady ſo viele Achtung zu erweiſen, als ob ſie Lord Edmunds unbeanſtandete Wittwe waͤre. 31 196 Unwiſſend, was gegen ſie beſchloſſen wak, blieb die verlaſſene freundloſe Fremde uͤber den Verluſt ihres Gemahls lange Zeit untroͤſtlich, da ſie ihn inniglich liebte. Sie widmete dem, was mehrere Tage um ſte vorginig, gar keine Aufmerkſamkeit; noch fiel etwas vor, das ſie in dem Grame, dem ſie ſich hingab, haͤtte ſtoͤren können. Sir Amias, deſſen Betragen gegen ſie immer freundlich und höflich geweſen war, ſchien daſſelbe ſelbſt in die zaͤrtlichſte Sorgfalt gegen ſie umgewandelt zu haben; auch die Lady, ſo vergnuͤgt ſie uͤber die vortheilhaf⸗ ten Ausſichten war, welche ſich nunmehr ihrer eigenen Familie darboten, fuͤhlte ſich in ihrer Gutmuͤthigkeit, und fremd wie ihr der Betrug war, zum aufrichtigſten Mit⸗ gefuͤhl gegen ſie hingezogen. Da ſie dafür hielt, daß die Umſtaͤnde der Angabe gemaͤß ſeyen, ſo ſchrieb ſie den uͤbermaͤßigen Gram — 2— der Wittwe zum Theil jenem unerſetzlichen Nachtheile zu, den ihr guter Ruf dadurch erlitt, und fuhr, der gegentheiligen Befehle des Sir Amias ohnerachtet, fort, von dem jungen Waiſen in Gegenwart ſeiner Mutter nicht anders, als unter dem Namen des jungen Lords von Rothelan zu ſprechen. Durch dieſe Hoͤflichkeit, die aus weiblichem Mitleiden entſprang, blieb die ungluͤckliche Lady mit dem ihr drohenden Mißgeſchicke noch lange nachher unbekannt, nachdem die von Sir Amias erfundene und verbreitete Erzaͤhlung allgemein bekannt war, und ſein vermeintliches großmuͤthiges Benehmen ſo viel Beifall eingeaͤrntet hatte, als es haͤtte erhalten koͤnnen, wenn er rechtlich verdiens geweſen waͤre. teicbihanl n Nachdem es ihm, wie uns der Geſchicht⸗ ſchreiber erzaͤhlt, alſo gelungen war, die Welt zu hintergehen, und durch ſein ſchlaues Benehmen gegen die Wittwe, ſie ebenfalls, dem Scheine nach wenigſtens, gleichſam zur ſtillſchweigenden Billigung ſeines Ver⸗ — — 43— fahrens zu verleiten, fing er an, ſeinen wahren Charakter zu entfalten. Ihre und ſeines Neffen Gegenwart ward ihm, des an ihnen begangenen Unrechts wegen, laͤſtig und er wuͤnſchte ſie aus Crosby⸗ Houſe zu entfernen; allein mit trauernder liebevoller Anhaͤnglichkeit hing ſie an dem Orte, wo ſo viele Gegenſtaͤnde ſi ſie an ihren Lord erinnerten, und der die Scene ihrer Gluͤckſeligkeit geweſen war. Sie widerſtand daher ſeinem zudringlichen Anliegen, wo⸗ mit er ſie, in anſcheinender Beſorglichkeit fuͤr ihre Geſundheit, zu bereden ſuchte, ſich mit ihrem Sohne in eine geſuͤndere Woh⸗ nung zuruͤckzuziehen, welche er ihnen df dem Lande ausgemacht hatte. 3 „Ich weiß nicht,“ ſagte ſi ſie eines Tages zu ſeiner Lady,„warum Sir Amias ſo in mich dringt, daß ich dieſes Haus ver⸗ laſſen ſoll, welches doch der einzige Platz in der Welt iſt, wo ich die Dinge um mich habe, welche auf die Verringerung meines Grams einigen Einfluß uͤben. Hier finde — 14— ich theure Gegenſtaͤnde, deren Entziehung mich ſeinen Stachel herber fuͤhlen laſſen wuͤrde. In ihrer Gegenwart fuͤhl' ich ihn minder, als wenn ſie nicht da waͤren.— Ich erſuche Euch, liebe Schweſter, zu machen, daß er davon abſteht; denn bisweilen duͤnkt mir, daß er verdrießlich! wird, wenn ich auf meinem Entſchluſſe beharre, den Reſt mei⸗ ner Tage hier zu verleben, ja er ſchmaͤhlt mich bisweilen, als ob ſein gewohntes Wohiwollen gegen mich nachgelaſſen haͤtte.“¹ Die Lady de Crosby wußte nicht recht⸗ welche Antwort ſie ihr geben ſollte; ſie war ſchon oͤfter in Sir⸗„Amias gedrungen, der Lady Albertine zu⸗ erklaͤren, daß ſie ſich nicht laͤnger als die Beſitzerin des Hauſes, noch ihren Sohn als den Erben ſeines Va⸗ ters anzuſehen habe, und konnte den Be⸗ weggrund nicht errathen⸗ aus welchem er immer einen Widerwillen dafuͤr bezeigte; denn ſie beurtheilte ihn blos nach ihrem eigenen Gefuͤhle, das⸗ ihr zwar ſelbſt einen Zwang auflegte, bildete ſich aber nicht ein, — 15— daß es nicht Zahrtgefuͤhl war, was ihn von Erfuͤllung einer Pflicht abhielt, die von Tag zu Tag unvermeidlicher ward. Da ihr jedoch auf dieſe Weiſe zugeſetzt ward, erwiederte ſie mit Sanftmuth: „Es thut mir leid, hoͤren zu muͤſſen, daß Ihr glaubt, Sir Amias bruͤderliche Liebe gegen Euch habe nachgelaſſen; ich habe viel⸗ mehr bemerkt, daß er ſeit Kurzem mehr von Euern ungluͤcklichen Umſtaͤnden ſpricht, als er ſonſt zu thun pflegte. Ich habe ihn in der That ſagen hoͤren, daß er von mehren ſeiner Freunde wegen ſeines Betragens ge⸗ gen Euch getadelt worden ſey. „Getadelt?“ rief die ungläliche Lapy, „der guͤtigſte Bruder haͤtte mir nicht mehr Liebe erzeigen koͤnnen, als Sir Amias mir erwieſen hat; wer kann ihn tadeln, wenn mein Herz ſo ganz befriedigt iſt. „Leider iſt es dieſer Guͤte wegen, daß ſie ihm Vorwuͤrfe machen,“ erwiederte die Lady de Crosby,„denn ſie fuͤrchten, daß Euer Sohn, wenn man Euch hier zu — 16— bleiben erlaube, Ideen faſſen koͤnnte, die wir alle zu bereuen haͤtten.“ „Mir erlauben!— und mein Sohn ſollte Ideen faſſen koͤnnen, die Ihr zu be⸗ reuen haͤttet! Was verſteht Ihr hierunter, Lady de Crosby! Ich bin freilich eine Fremde in dieſem Lande, und habe hier keinen Ver⸗ wandten, den ich in ſchwierigen Faͤllen zu Rathe ziehen kann; ich kenne Eure Geſetze nicht, und weiß nicht bis zu welchem Grade ſte das Loos einer ungluͤcklichen Wittwe vielleicht noch troſtloſer machen, als es in unſerm Lande der Fall iſt. Allein ich haͤtte mir es bis dieſen Augenblick nicht traͤumen laffen, daß ich blos aus Gefaͤlligkeit in die⸗ fem Hauſe ſeyn„noch daß das Kind eines Edelmannes bei ſeiner Mutter, einer Edel⸗ dame von unbeflecktem Rufe in irgend einer Gefäͤhrlichkeit ſchweben ſoll. Es hat gewiß nichts in meinem Benehmen gelegen, das jemand auf den Gedanken haͤtte bringen können, als ſey ich nicht von Grund meiner Seele eine wahrhafte Wittwe. 2 -—— Der Lady de Crosby verurſachte dieſer ſchmerzliche Ausruf vielen Kummer, und ſie erwiederte: „Gewiß wird auch niemand Euern ho⸗ hen Werth in dieſer Hinſicht herabſetzen wollen; allein“— hier bedachte ſie ſich noch, etwas Weiteres hinzuzufuͤgen. „Allein, was?“ rief die Wittwe ſtolz, indem ſie die Wuͤrde ihres Charakters zu⸗ ſammennahm und ſich ihrer hohen Ge⸗ burt erinnerte;„allein was?— Liegt etwas in meinen Umſtaͤnden, das nicht frei her⸗ aus geſagt werden darf? Was iſt an mei⸗ ner Lage weiter, als daß ich eine verthei⸗ digungsloſe Wittwe in einem fremden Lande bin, um mich zum Gegenſtande des Mit⸗ leidens zu machen?— Mein eigener Rang und die Ehre, die ich dem Andenken mei⸗ nes Lords ſchuldig bin, erlauben mir nicht, Lady de Crosby, hieruͤber laͤnger in der Ungewißheit zu ſchweben. Sagt mir alſo, was mir, als der Wittwe einee engliſchen Barons zukommt! Was mir als ſolcher ge⸗ — 18— buͤhrt, will ich erwarten, und was mir ver⸗ ſagt wird, fordern. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich in dieſem Hauſe blieb, weil ich mich fuͤr deſſen geſetzmaͤßige Beſitzerin hielt, und daß ich innig dankbar fuͤr das zartſinnige Beileid war, das mir zu Theil wurde; allein, Lady de Crosby, wenn ich hier nicht Herrin bin, ſo werde ich mich ohne Aufſchub von hier wegbegeben, und wenn ich das dem Mitleiden zu verdanken habe, was ich dem Wohlwollen zuſchrieb, ſo habe ich mich nur zu lange als Eure Schweſter betrachtet.“ Lady de Crosby war von der Ent⸗ ſchloſſenheit, womit dieſe Worte ausgeſpro⸗ chen worden waren, lebhaft ergriffen; ſie fuhr vor Lady Albertinens durchdringend⸗ forſchendem Blicke, wie von unerklaͤrlichen Befuͤrchtungen uͤberwaͤltigt, zuſammen. Ein inneres Gefuͤhl von Etwas, das ihr gleich⸗ ſam einen Vorſchmack von Schuld und Ge⸗ fahr gab, war es, das ſie aͤngſtigte.„Ich kann meine theure Lady Albertine nicht be⸗ — 19— leidigt haben,“ fing ſie an; allein die Wittwe rief: „Ich bemerke, daß Ihr mich ſeit eini⸗ ger Zeit nur bei meinem eigenen Namen nennt, und entſinne mich, daß, ſeirdem ich jene fatale Nachricht von dem Tode meines Lords erhielt, Sir Amias mich nie mehr als Lady von Rothelan angeredet hat; auch habe ich bemerkt, daß mehre Diener in ihrem Betragen an ſchuldiger Ehrerbietung gegen mich nachgelaſſen haben. Von Zeit zu Zeit hat mich eine beſondere Furcht an⸗ gewandelt; und jetzt ſprecht Ihr mit mir, als ob ich und der junge Lord, mein Sohn, von einer Erlaubniß abhaͤngig ſeyen, und das von einer Erlaubniß, welche man zu⸗ zugeſtehen nicht gemeint ſey.“ „Sprecht nicht ſo,— zprecht nicht ſo,“ rief die Lady de Crosby weinend;„mein Herz bricht bei dem Gedanken, daß ich in meiner Unvorſichtigkeit zuviel geſagt habe.“ Die Lady Albertine ſah ſie eine Weile ſchweigend, aber mit feierlichem Ernſte an, 2 . — 20— und fuͤgte dann nachdruͤcklich, aber mit furcht⸗ barer Gelaſſenheit, die ihre Worte, gleich dem Laͤuten einer Todtenglocke, an dem Her⸗ zen anklingen ließ, hinzu:„Waltet uͤber mein Recht etwa ein Zweifel ob?— Zwei⸗ felt man an den Rechten meines Sohns?— Hegt man verbrecheriſche Abſichten gegen 4 unſre Anſpruͤche, Lady de Crosby?— Ihr weint und gebt mir keine Antwort. Barm⸗ herziger Himmel! dieß heißt eine Wittwe ſeyn! Ja, die Erbſchaft meines Waiſen iſt freilich der Muͤhe werth, um darnach luͤſtern zu werden; und er ſteht Eurer Toch⸗ ter im Wege,— verzeiht mir, gute Lady,— ich wollte ſagen, der Tochter des Sir Ami⸗ as;— er ſteht zwiſchen ihr und einer rei⸗ chen Erbſchaft. Doch, mir ſchwindelt, tau⸗ ſend Dinge, die mich bisher befremdet, und ich weiß ſelbſt nicht warum, ſo geaͤngſtigt haben, nehmen jetzt eine Geſtalt und einen Charakter an, die ich nicht länger verken⸗ nen kann.“ — 21— Sie wuͤrde noch mehr hinzugefuͤgt haben, allein die Heftigkeit der ſie uͤberwaͤltigen⸗ den Gefuͤhle benahm ihr die Sprache, und ſie winkte der Lady de Crosby wild aufge⸗ brachten Blickes mit beiden Haͤnden, daß ſie allein zu ſeyn wuͤnſche. 0000000680 55000005000000 500000030330005855559850 4 Drittes Kapitel. — Mann und Weib. So, wenn der Wahrheit Boden Menſchen flieh'n, Die Grenzen alles Rechtes überſchreitend; 2 Wenn ungebunden ſie den graden Weg, Der ſie zu ihrem Ziele führt, verlaſſen, Um das zu ſuchen, was nicht ihnen iſt; Dann ſind in ihrem Troſte ſie zerrüttet, und ihrer Freiheit Reichthum iſt verwirkt;. Entwürdigt ihre Menſchheit; die Behauſung 3 Des froſt'gen Gei Sorgen angenagt, Und was ſie zierke, Witz und Tapferkeit, Gelehrtheit und Vernunft, ſind für ſie fruchtlos. . Der Herzog von Byron. Der Geſchichtſchreiber faͤhrt ſodann fort, die Beſtuͤrzung und den uͤbermaͤßigen . Schmerz der Italienerin zu ſchildern, wo⸗ mit ſie ihre huͤlfloſe Lage bejammerte, und mit der zarteſten Theilnahme, worin wir A ihm umſonſt nachzuahmen verſuchen wuͤr⸗ — 23— den, erzaͤhlt er, wie ſie trauernd uͤber ihrem Kinde hing, und ihm unter Liebkoſen und Thraͤnen den Namen einer Waiſe beilegte; wir wollen daher uͤber dieſe Jammer⸗Scene den Schleier ziehen, und der mitleidigen Lady de Crosby zu Sir Amias folgen. Sie fand ihn unter einer Menge alter Dokumente und Belehnungsbriefen in ſei⸗ nem Zimmer ſitzend. Als ſie eintrat, blickte er uͤber den Rand einer breiten Pergament⸗ rolle, die er eben durchlas; da er jedoch ſah, daß es blos ſeine Frau war, ſo fuhr er im Leſen fort, als ob niemand da waͤre, waͤhrend ſie unſchluͤfſig auf ihn zuging und ſich, jedoch in einiger Entfernung vom Tiſche, ihm gegenuͤber, auf einen Stuhl niederließ. Nachdem ſie einige Zeit ſchweigend, und dem Anſcheine nach unbemerkt, da ge⸗ ſeſſen hatte, fingen ihre Thraͤnen an, von Neuem zu fließen, und ihr Buſen hob ſich unter ſchweren Seufzern. Sir Amias fuhr indeſſen noch immer fort, das Dokument zu — 24— leſen, nur daß er dann und wann einen fluͤchtigen Blick auf ſie warf, ein⸗ oder zwei⸗ mal die Farbe wechſelte, und ihm die Hand zitterte. Nachdem er endlich das Ganze übärle⸗ ſen hatte, legte er die Rolle hin, und ſagte mit ſichtbarer Verlegenheit, als ob er von dem Vorgefallenen unterrichtet geweſenn waͤre: „Was ſagt ſie?“ 161— „Ich konnte ihr nicht ſagen, was wir wiſſen,“ erwiederte die Lady, ihre Thraͤnen vom Auge wiſchend und aufblickend;„allein ſie wird nie geſtehen, daß ſie weniger iſt, als Lord Edmunds Wittwe.“ „Spricht ſie ſo?“ „Ich hatte das Herz nicht, offen zu ſprechen.— Gewiß iſt es, wie Ihr geſagt habt, daß ſie nicht verheirathet waren. Al⸗ lein—“ „Was?“ rief Sir Amias heftig, mit einem gleichſam beſorgnißvollen Tone, und ſetzte dann hinzu:„Es iſt leicht zu erwarten, daß ſie ſich nicht, ſowohl ihret⸗ als ihres — 25.— Sohnes halber alle Muͤhe geben wird, fuͤr meines Bruders Wittwe angeſehen zu wer⸗ den. Ich habe mich gefaßt darauf gemacht.“ „Wiel! Sir Amias,“ ſagte ſeine Lady verzagt,„warum habt Ihr Euch gefaßt dar⸗ auf gemacht, daß ſie Euch Eure gerechten Anſpruͤche ſtreitig machen wuͤrde? Sie hat mir immer ſo beſonders hochſinnig geſchie⸗ nen, als daß es ihr gleichſehen ſollte, auf irgend ein Vorrecht Verzicht zu lei⸗ ſten, worauf ſie einen gerechten Anſpruch hat.“ „Allein ihr ſagt mir, daß ſie darauf beſteht, ſich Lord Edmunds Wittwe zu nen⸗ nen.“ „Und wenn ſie ſeine Wittwe iſt,“ er⸗ wiederte Lady de Crosby,„ſo wird ſie es auch nicht anders thun.“ „ Ich hielt ſie fuͤr nachgiebig und ge⸗ duldig,“ ſagte der Ritter, kaum wiſſend was ihm unbedachtſamer Weiſe entſchluͤpft war. 1. Vändchen. 2 — 26— „Wollte Gott, Sir Amias, daß Ihr auf ihre Nachgiebigkeit und Geduld nicht gebaut habt,“ ſagte die beaͤngſtigte Lady, indem ſie, waͤhrend er ebenfalls aufſtand, von ihrem Sitze aufſprang. „Ihr habt mich doch etwa nicht im Ver⸗ dacht, daß ich ihr etwas Unrechtes thue?“ ſagte er, indem er dabei auf die Seite blickte.„Ich habe ihr dieſen Morgen noch ein Auskommen angewieſen, wie ſie es ſchwerlich freigebiger von einem Bruder haͤtte erwarten koͤnnen.“ Die Lady de Crosby wußte nicht, was ſie darauf erwiedern ſollte; d er augenblick⸗ liche Argwohn, der in ihrer Seele aufge⸗ ſtiegen war, erloſch eben ſo ſchnell wieder, und ſie nahm, beinahe unwiſſend was ſie that, ihren Sitz wieder ein. Sir Amias ging zwei⸗ oder dreimal im Zimmer auf und ab, endlich am Tiſche ſtille ſtehend, legte er ſeine Hand auf die Pergamentrolle, welche er. geleſen hatte, und ſagte: „Dieſes iſt die Akte; ich hoffe ſie wird ſich nicht dagegen ſtraͤuben ſie zu unterzeich⸗ nen, und ſich dann aus dem Hauſe begeben.“ „Ihr muͤßt ſelbſt mit ihr ſprechen,“ erwiederte die Lady;„ich wage es nicht mehr, ihre ungluͤckliche Lage in Anregung zu bringen. Ich fuͤrchte mich es zu thun, denn ſie ſprudelt auf wie Oel, das man ins Feuer gießt, wenn ſie fuͤrchtet, es ge⸗ ſchaͤhe ihr Unrecht. Wenn ſie wirklich Euers Bruders Weib nicht war, ſo erklaͤrt Euch ihr, daß Ihr darum wißt. War ſie es——“ Die ungluͤckliche Lady konnte mehr nicht hervorbringen. Sie kaͤmpfte mit ſich ſelbſt und ſah ihren Mann mit traurig bittenden Blicken an, welche zeigten, wie viel ſie fuͤrchtete, jedoch aus Liebe zu ihrem Manne nicht auszuſprechen wagte. „Sie thaͤte beſſer daran, ſich aleich darein zu geben,“ fuhr Sir Amias fort,— „denn ich laſſe nicht mit mir ſpaßen.“ „Wenn das, was Ihr verlangt, gerecht iſt, ſo zweifle ich nicht, daß ſie gerne nach⸗ 8 — 28— gibt,“ ſagte die Lady, und fuͤgte dann ruhig hinzu:„Ich freute mich unſrer lie⸗ ben Tochter halber, als Ihr mir erzaͤhltet, daß Euer Neffe ſeines Vaters Titel und Beſitzungen nicht erben koͤnne; allein fuͤr alle Titel und Reichthuͤmer Englands wuͤnſchte ich nicht, daß das, was Ihr da⸗ mals erzaͤhltet, keine Wahrheit geweſen waͤre.“ Sir Amias gab keine Antwort, ſon⸗ dern drehte ſich vom Tiſche um und ſchritt das Zimmer hinab. Seine Lady ſtand auf, ſtuͤrzte ſich hinter ihm drein, und rief, in⸗ dem ſie ihn beim Arme faßte: „Sir Amias, Ihr ſeyd mein Gemahl. Ich habe an Allem meinen Antheil zu neh⸗ men, was Eure Ehre und Euer Gluͤck be⸗ trifft; ich beſchwoͤre Euch bei Allem was ge⸗ recht und heilig, wahr und ehrbar iſt, die Rechtſchaffenheit der Lady Albertine nicht in Zweifel zu ziehen.“ Ihre Stimme verſagte ihr, es erfolgte eine augenblickliche Pauſe, worauf er verſetzte: — 20— „Warum ſollte ich ſie nicht in Zweifel ziehen? glaubt Ihr etwa, ſie ſey minder dem Unrechtthun unterworfen, wie ich?“ Mit feierlichem Ernſte erwiederte ihm hierauf die bekuͤmmerte Lady:„Ja,“ und eilte in Thraͤnen ausbrechend weg. Sir Amias ſtand wie vom Donner ge⸗ ruͤhrt; er folgte ihr mit den Augen, ohne den Kopf noch irgend eine Muskel oder ein Glied zu bewegen; ſeine Farbe wurde bleichgelb, er fletſchte die Zaͤhne ſcheußlich wie ein Beinhaus⸗Gerippe, und ſtarrte mit den Augen. Kurz, ſein ganzes Weſen zeigte, wie tief das Wort der Tugend durch ſeine Seele geklungen war, und den Daͤmon, der ihn zur Schuld anreizte, in ihm aufgeregt hatte. Zwei bis drei Minuten lang wurde die Stille im Zimmer nur vom Rauſchen des Vorhangs unterbrochen, hinter welchen ſich die bekuͤmmerte Lady zitternd und weinend zuruͤckgezogen hatte, waͤhrend Sir Amias wie eine Bildſaͤule auf dem Flecke ſtehen — 30— blieb, an den ihn ihr fuͤrchterlicher einſil⸗ biger Ausruf wie angeheftet hatte. Seine Verwirrung dauerte indeſſen nicht lange; ihr folgte ein unmittelbarer Aus⸗ bruch von Wuth; er ſah einen Augenblick um ſich; eine fuͤrchterliche Entſchließung blickte aus ſeinem Weſen, und mit furcht⸗ baren Schritten ſchritt er nach dem Platze, wohin ſich ſeine Lady zuruͤckgezogen hatte. Noch einmal blickte er dann trotzig um ſich, faßte ſie feſt beim Arme, und zog ſie hinter dem Vorhange hervor. 3 „Gertrude,“ ſagte er mit einem hei⸗ ſeren Fluͤſtern, das ihren Ohren furchtbar wie der Donner klang.— Sie ſah ihn mit hohlen von Schrecken ſtarrenden Blicken an. Er wurde in ſeinem Innerſten bewegt, ſeinen Vorſatz ploͤtzlich aͤndernd, ließ er ihren Arm fahren und ſagte, indem er ſich muͤh ruhig und ge⸗ ſammelt zu ſcheinen: 3 „Wenn das arme Weib meines Bru⸗ ders Wittwe iſt, ſo wird ſie es ohne Zwei⸗ „ fel beweiſen koͤnnen; allein es wuͤrde Schwaͤche von mir ſeyn, wenn ich die Erb⸗ rechte der Meinigen der bloßen Anmaßung von irgend jemand opfern wollte. Mein Wille iſt indeſſen nicht, hart gegen ſie zu verfahren; und ich erwarte, daß Ihr Euch nicht ohne meine Bewilligung fernerhin in dieſe Angelegenheit miſcht. Ich weiß nicht wie es kommt, daß wir beide uͤber eine ſo gewoͤhnliche Vorfallenheit uns ſo bewegt ge⸗ funden haben.“ Die Lady hatte ſich, waͤhrend er ſprach, wieder geſammelt, und ſie erwiederte mit Feſtigkeit, aber dennoch niedergeſchlagen: „Wenn Eure eigne Ehre befriedigt iſt, ſo muß ich es wohl auch ſeyn, und wenn ich Euch in der Uebereilung durch eine un⸗ rechte Meinung oder ein beleidigendes Wort wehe gethan habe, ſo bitte ich um Verzei⸗ hung. dens uns nicht laͤnger in der Taͤuſchung leb unterrichtet die Lady Al⸗ bertine von ihrer Lage, und laßt ſie, wenn ſie es kann, ihre Verheirathung beweſſen. —-— 32— Euer Recht wird dadurch nicht gebeſſert, es bleibt vielmehr dem Tadel ausgeſetzt, wenn Ihr es im Schatten jenes Zweifels laſſet, der, ich geſtehe es offen, mein Herz bei⸗ 2. nahe erſtarren gemacht hat 4 „Es ſoll geſchehen, wie Ihr verlangt, Gertrude,“ erwiederte Sir Amias; einen ſanften Ton annehmend,„es ſtimmt mit meinen eigenen Wuͤnſchen und Neigungen uͤberein,, die ungluͤckliche Lady mit moͤlichſt bruͤderlicher Achtung zu behandeln. Wir ſind beide ihrethalber zu tadeln geweſen; und doch warug ſage ich tadeln, wenn der Antheil, den Ihr an ihrem Ungluͤck nehmt, Euerm Herzen ſo viel Ehre macht. Wenn ſie indeſſen ſo ſchwer von etwas zu uͤberre⸗ den iſt, was kann es mir nuͤtzen, mit ihr uͤber dieſe Angelegenheit zu ſprechen; Alles was ich wuͤnſche iſt, daß ſie dies Haus ver⸗ laſſen moͤge; es koͤnnte dann nichts daran liegen, ihr den unſchuldigen Troſt zu laſſen, ſi ferner des Namens Rothelan zu bebie⸗ —— .. 2 —— 4 —— — 4— „2, 8 — —— — 21 2 — — 22 4. 12* ., 42ʃ nen, und ihren Sohn zu nennen, wie es ihr gefiel.“ Auf dieſe Weiſe bemuͤhte ſich Sir Amias ſeine Gemahlin zu beruheen, und ihr ih⸗ ren Argwohn ruͤckſichtlich ſeiner Redlichkeit zu benehmen; allein ob es ihm gleich ge⸗ lang, ihre heftige Gemuͤthsbewegung zu ſtillen, ſo war ſie doh in ihrem Innerſten vom Mißtrauen angeſteckt worden, und ihre verloren. 3 4 . , „ 4 1. Bäͤndchen. 22L2 — —-— VBiertes Kapitel. Du mußt es aus Erfahrung wiſſen, daß Es Blicke gibt, und Ton und Mienen, die Den Weg ſich bahnen durch die rauhſte Bruſt; und in das Herz ſich prägen, wär's von Erz, Gefühlt und nie vergeſſen. . Die Italienerin. Zu dieſer Zeit, faͤhrt der Verfaſſer fort, unterhielt Sir Amias de Crosby in ſeinem Hauſe einen gewiſſen Ralph Hanslap, der von der Minderjaͤhrigkeit des Ritters ſein ſtaͤndiger Geſellſchafter geweſen war. In ſeinem Aeußern war er ruhig und anſtaͤn⸗ dig, und eine gewiſſe Unſtaͤtigkeit der Au⸗ gen ausgenommen, wenn man ihm ſtarr ins Geſicht ſah, von bluͤhendem gutmuͤthi⸗ gem Anſehen und munterem Betragen; er war weder ein Schwaͤtzer noch ein Prahler; 1 — 35— ſondern vielmehr zurückhaltend in der Un— terredung. Bei dieſem Allem jedoch lag Etwas in ſeiner Klugheit, welches ihm das Zutrauen, das gewoͤhnlich der Tugendhafte zu gewinnen pflegt, abwendig machte. Er hatte mit Sir Amias die Feldzuͤge in Schott⸗ land mitgemacht, und den Gefahren trotzig die Stirne geboten; da ſeine Tapferkeit mehr in der Hartnaͤckigkeit der Ausdauer, als in einem waglichen Unternehmungs⸗ geiſte beſtand; langſam wie er im Sprechen, ſchnell gefaßt in ſeinen Gedanken— vor⸗ ſichtig im Zielen, und behende in Ausfuͤh⸗ rung des Streiches war, hatte ſeine Ju⸗ gend hoͤhere Erwartungen von ihm erweckt, als er als Mann verwirklichte. Die Ver⸗ dienſte ſeines Charakters concentrirten ſich in dieſer Periode ſeines Lebens in einer ſpeichelleckeriſchen Anhaͤnglichkeit an ſeinen Herrn. Nachdem ſich die tugendhafte Lady de Crosby nach den Vorgaͤngen ihrer gehab⸗ ten Zuſammenkunft, von denen wir die Hauptmomente im vorhergehenden Kapitel ausgezogen haben, in ihr Zimmer zuruͤck begeben hatte, ſchickte der Ritter nach Ralph Hanslap, der beim Eintritt ins Zimmer gerade nach dem Tiſche zuging, an dem Sir Amias ſeinen Sitz wieder eingenom⸗ men hatte. Er hatte jedoch kaum drei oder vier Schritte gethan, als er mit einem Male ſtille ſtand und, dem Ritter einen ſcharfen Blick zuwerfend, mit verſtohlenen leiſen Schritten ungeheißen zuruͤck kehrte und ſorgfaͤ! die Thuͤre verriegelte. Sir Amias deutete ihm, mit der Hand auf den Stuhl hinweiſend, den die Lady eben verlaſſen hatte, daß er ſich ſetzen moͤge. „Ich habe Euch lange ſchon verſpro⸗ chen,“ fuhr Sir Amias fort, ohne die Au⸗ gen aufzurichten,„daß ich Eure Treue be⸗ lohnen wollte, ſobald es in meiner Macht ſtehen wuͤrde. Meines Bruders Tod ſetzt mich jetzt in den Stand, dieſes Verſprechen zu erfuͤllen.“ Indem er dieſes ſagte, 1 er Hanslap — 37— an, der ſich mit dem Kopfe verbeugte, ohne eine Antwort darauf zu geben. „Ich finde jedoch,“ fing der Ritter wie⸗ der an,„daß ich in meinen Mitteln be⸗ ſchraͤnkter bin, als ich erwartete. Lord Ed⸗ mund hat auf ſeiner Reiſe nach Italien, durch Aufnahme großer Summen, viele Schulden gemacht, und bedeutende Summen an Juwelen fuͤr dieſe Lady Albertine ver⸗ ſchwendet.— Ihr wißt daß ſie ſeine Fran nicht iſt.“ „So habe ich ſagen hoͤren,“ erwiederte Hanslap, und warf einen fluͤchtigen Blick auf Sir Amias, indem er wiederholte:„So habe ich ſagen hoͤren, ſeitdem er todt iſt.“ Der Ritter hielt einen Augenblick ein, und verſetzte dann mit ſeiner gewohnten Beſonnenheit, als ob er die Bemerkung nicht gehoͤrt haͤtte: „Ihre Juwelen ſind von großem Werthe. 54 „Sie iſt eine Lady von hoher Geburt in ihrem Lande,“ erwiederte Hanslap auf eine bedaͤchtige und gedankenvolle Weiſe. — 38.— „Ich bin davon uͤberzeugt,“ ſagte der Ritter,„und ich habe in Abfaſſung dieſes Dokuments alles wohl in Betrachtung ge⸗ zogen, was ihrem Range zukommt; da ſie aber meines Bruders Wittwe nicht iſt; ſo muͤſſen ihre Juwelen mir uͤberliefert wer⸗ den; ſie ſind von ſeltner Schoͤnheit.“ „Habt Ihr ſie in dieſem Dokumente als Wittwe des Lords von Rothelan titu⸗ lirt?“ „Wie kann ich das?⸗ ſagte Sir Amias, „es war bloß aus Hoͤflichkeit, daß ich ſie als ſein Weib anerkannte. Waͤrve er leben geblieben, ſo haͤtte er ſie vielleicht gehei⸗ rathet.“ .„Ich denke nicht,“ erwiederte Hans⸗ lap bedeutend. „Es liegt kein Beweis einer Heirath vor,“ fuhr der Ritter fort. „Nein, hier zu Lande nicht.“ Sir Amias war immer noch nichts we⸗ niger, als auſſer Faſſung gebracht, ſo offen ihm auch Hanslap zu verſtehen gab, daß — 39— er ſeine hinterliſtige Abſicht vollkommen merke. e „Ihr glaubt doch wohl nicht, daß wenn ich die Ueberzeugung haͤtte, daß ſie in der That die Wittwe des Lords Edmund waͤre, ich anſtehen wuͤrde, ſie als ſolche anzuer⸗ kennen; oder daß ich Beſitz von ſeinen Laͤn⸗ dereien genommen haben wuͤrde?“ „Ich habe Euch lange Jahre gedient,“ erwiederte Hanslap, indem er einen fluͤch⸗ tigen verſchmitzten Blick auf ihn ſchoß, der ſeinen Herrn ſichtbar auſſer Faſſung brachte; der Ritter unterdruͤckte ſeine Bewegung je⸗ doch bald und ſagte, als ob er ihn nicht verſtanden haͤtte: „Ja, Hanslap, Ihr habt mir lange und treu gedient. Es bedarf bei mir keiner Erinnerung an Eure Anhaͤnglichkeit, die ich freigebig zu belohnen beſchloſſen habe; allein es liegt nicht in meiner Macht alles zu thun, was ich wuͤnſche, denn Lord Ed⸗ mund hat, wie ich ſehe, ſeine Erbſchaft ſehr geſchmaͤlert. Koͤnnte Lady Albertine jedoch — 40— dazu beredet werden, das anzunehmen, was ich ihr und ihrem Sohne hierin zugedacht habe, und auf ihre Juwelen Verzicht zu leiſten“— „Weigert ſie ſich deſſen?“ unterbrach ihn Hanslap ploͤtzlich, als wenn ihn der Umſchweif ermuͤde, den er vielleicht bei ſich fuͤr uͤberfluͤſſig angewendet hielt. „Ich habe mich noch nicht an ſie ge⸗ wendet. Ich habe nach Euch geſchickt, um die Sache in ihre Haͤnde zu bringen. Ich moͤchte gern jedes Mißverſtaͤndniß mit ihr vermeiden, denn ich achte ihre Herkunft und bemitleide ſie wegen ihres Ungluͤcks.“ „Hanslap blickte beſchaͤmt nieder, als er den Ritter ſein eigenes Zartgefuͤhl und ſeine Schuͤchternheit ruͤhmen hoͤrte, verſetzte aber augenblicklich unverlegen darauf: „Was verlangt Ihr denn, daß ich thun ſoll?“ „Ihr ſollt ſie zu uͤberreden ſuchen, daß ſie das Anerbieten annimmt, welches ich ihr in dieſer Urkunde ausgeſetzt habe.“ — 41— „Iſt ſie unter dem Namen der Lady Albertine ausgefertigt?“ „Allerdings.“ Da Hanslap einige Zeit keine Aeuße⸗ rung von ſich gab, ſo ſetzte Sir Amias hinzu:„Ihr zweifelt, daß ſie es anneh⸗ men wird?“ „Ja, ich thue es.“ „Allein Ihr koͤnnt vielleicht die Juwe⸗ len fuͤr mich heraus bekommen?“ Die Stimme verſagte ihm; allein Hans⸗ lap ſtand auf und ſagte: „Euer Spiel iſt es unzweifelhaft, daß Ihr ſie zu bekommen ſucht; denn fuͤr den Werth ihres Juwelenkaͤſtchens kann ſie ſich Gerechtigkeit erkaufen.— Ja, ihrer Juwe⸗ len muͤſſen wir uns zu bemaͤchtigen ſuchen.“ Die Freimuͤthigkeit, womit er dieſes ſagte, ſchien Sir Amias, ſtatt ihn verlegen zu machen, von einer ziemlichen Laſt zu be⸗ freien, und er verſetzte, als ob alle fernere Zweideutigkeit zwiſchen ihnen unnoͤthig werde: — 42— „Es wuͤrde unſtreitig ſehr hart fuͤr mich ſeyn, meiner Erbſchaft beraubt zu werden; und es iſt auſſer Zweifel, daß es in der Macht dieſes Weibes liegt, mir Raͤnke zu ſpielen. Wollt Ihr unternehmen, mir die Juwelen zu verſchaffen?“ „Hat ſie eine Idee davon, daß Ihr Euch zu Lord Edmunds Erben aufgeworfen habt?“ „Ich glaube, daß ſie es jetzt argwoͤhnt,“ erwiederte der Ritter,„denn die Lady de Crosby hat mit ihr uͤber den Gegenſtand geſprochen.”“ „Das thut mir ſehr leid.“ „Warum?“ 1 „Weil es uns noͤthigen wird, die Ju⸗ welen ohne ihr Wiſſen zu nehmen.“ Auf einen Diebſtahl war Sir Amias nicht ganz vorbereitet. Er war wohl faͤhig, die Wittwe und ihren Sohn um ihre Titel und ihr Erbe zu betruͤgen, allein der Ge⸗ danke, ein Kaͤſtchen zu ſtehlen, kraͤnkte ſei⸗ nen Stolz, und er erwiederte kalt:„Ihr ſprecht leichtfertig. Warum ſollen wir unſre Zuflucht zu einem ſo unwuͤrdigen Mittel nehmen?“ „Wir muͤſſen bei ſolchen Bagatellen keinen Anſtand nehmen,“ erwiederte Hans⸗ lap entſchloſſen. 3 „Allein,“ ſagte Sir Amias,„der wie⸗ der in ſeinen gewohnten vertraulichen Ton fiel,„vielleicht iſt die Lady nicht ſo unnach⸗ giebig, als Ihr vorauszuſetzen ſcheint.“ „Sie wird,“ erwiederte Hanslap nach⸗ druͤcklich,„ſtandhaft ſeyn.“ „Ihr erſtaunt mich. Lady de Crosby ſcheint das Naͤmliche zu befuͤrchten. Ich habe ſie immer fuͤr eine biegſame, empfind⸗ ſame Kreatur gehalten.“ „Habt Ihr das?“ ſagte Hanslap for⸗ ſchend. „Ich habe,“ fuhr der Ritter fort,„bis heute keine Idee gehabt, daß ſie großen Widerſtand leiſten wuͤrde.“ „Wirklich?“ rief Hanslap,„und doch fuͤrchtet Ihr Euch ſo vor ihr?“ — 4— Sir Amias drehte ſich auf der Ferſe um, um den Verdruß zu verbergen, den er bei dieſer Bemerkung fuͤhlte, die mit einem Tone ausgeſprochen wurde, der ihn fuͤhlen ließ, daß er ſich ihm gleich ſchaͤtze. „In der That, Sir Amias,“ fuhr der andere fort,„wenn Ihr behalten wollt, was Ihr genommen habt, ſo muͤßt Ihr Euch nicht bedenken, noch ein Wenig mehr zu fſuͤndigen.“ Der Ritter drehte ſich gleichſam beſchaͤmt um, ſo angeredet zu werden. „Es muß ſo ſeyn,“ fuͤgte Hanslap mit feſter Stimme hinzu. „Was meint Ihr damit?“ rief Sir Amias mit aͤngſtlich zitternder Stimme. „Ich habe Euch lange und treu ge⸗ dient, wie Ihr ſelbſt eben bemerkt habt.“ Der Ritter athmete freier, und erwie⸗ verte augenblicklich: „Ich bitte um Eure Verzeihung, Hans⸗ lap, allein ich meine es aufrichtig mit dem, was ich geſagt habe. Ihr ſeyd bisher blos — 45— in meinen Dienſten geweſen; jetzt ſeyd Ihr mein Freund.“ Indem er dieſes ſagte, ſtreckte er ſeine Hand gegen ihn aus, die Hanslap fuͤr einen Augenblick leichthin ergriff; und es war bald zwiſchen ihnen ausgemacht, daß man, ſowohl um den Sir Amias zu befrie⸗ digen, der Geſchmack an ſolchen Spielereien fand, als auch um die vertheidigungsloſe Fremde des einzigen Mittels zu berauben, das ſie beſaß, den Umtrieben zu widerſtehen, die ſie in Armuth und Ehrloſigkeit zu ſtuͤr⸗ zen berechnet waren, ſich der Juwelen be⸗ maͤchtigen wolle. Fuͤnftes Kapitel. — Der Beichtvater. Siehſt du mich nicht hier verloren In der Menſchen wildem Drängen? Wie die ſturmgetrieb'ne Barke, Die vom Anker losgeriſſen— Oder wie ein Haaſ', der furchtſam, Aufgeſcheucht von graſ'gem Lager Durch die Hunde, durch der Hörner Wiederhall am Jägers⸗Morgen: Alſo muß ich freundlos ſtehen. 4 Der Fremde. Waͤhrend Ralph Hanslap und ſein wuͤrdi⸗ ger Patron ſich alſo mit einander unterhiel⸗ ten und verſchworen, hatte die Lady Alber⸗ tine, wie wir ſie nach der Gewohnheit un- ſers praͤchtigen Buches forthin nennen wer⸗ den, nach dem Pater Giovanni, einem ita⸗ lieniſchen Moͤnche geſchickt, der mit ihr nach England gekommen war. 3 Dieſer Moͤnch wird als ein einfacher redlicher Mann beſchrieben, ſanft in Ma⸗ nieren, zartfuͤhlend, weichherzig, von mil⸗ dem Temperamente und einer himmliſch⸗ heiligen Froͤmmigkeit. Er war uͤberdieß ein bejahrter Mann, von ſchmaler ſchlanker Statur und von dunkler Geſichtsfarbe; und obgleich die Zeit ſeinen langen Bart grau gebleicht hatte; ſo leuchtete doch eine ſo ſeelenvolle Milde und Ruhe aus ſeinen Au⸗ gen, daß man haͤtte glauben moͤgen, ſein ſanfter Geiſt blicke mit Mitleiden auf die Gebrechlichkeiten und Sorgen dieſes Lebens daraus hervor, und ſein Kopf war ſo an⸗ muthig vorwaͤrts gebogen, daß er es mehr einer angewohnten Herablaſſung, dem Schwachen beizuſtehen und den Betruͤbten zu troͤſten, als der Laſt ſo vieler Jahre zu verdanken zu haben ſchien. So wohlwollend und einnehmend in ſeinem Aeußern dieſer liebenswuͤrdige Geiſt⸗ liche jedoch war, und ſo rein und heilig er auch lebte, ſo erhellt doch aus dem Erfolge, daß es ihm einigermaßen an Entſchloſſen⸗ heit mangelte. Entweder legte er auf die Dinge dieſer Welt einen ſo geringen Werth, um ſie der Muͤhe, wegen ihrer Erlangung und Erhaltung zu ſtreiten, nicht werth zu halten, oder was wahrſcheinlicher iſt, es Jlag in ſeiner Sanftmuͤthigkeit eine gewiſſe Schwaͤche, die den Werth ihrer Tugend verringerte. Als er zu der Lady kam, fand er ſie bitterlich weinend, und Schmerz und Kum⸗ mer lag in ihren Thraͤnen. Sie war uͤber die ſie bedrohende Ungerechtigkeit und unwuͤr⸗ dige Behandlung empoͤrt; allein die Furcht⸗ ſamkeit weiblicher Schwaͤche, und ein Ge⸗ fuͤhl der Wahrheit, daß ſie ſich wehrlos in einem fremden Lande befaͤnde, ſchwaͤchten oft verderblich die edle Ermuthigung, die ſie befeuerte, ſich ihrem Unterdehae kuͤhn zu widerſetzen. Pater Giovanni ſaß eine Weile** 4 8 — 49— gend da; er ſah, daß ſich ihr Geiſt, in der Heftigkeit vom Anker der Hoffnung losge⸗ riſſen, mitten in der Dunkelheit und den Gefahren der Verzweiflung und Beangſti⸗ gungen tummelnd herumtrieb. Nachdem er jedoch ihren muthvollen Entſchließungen eine Zeitlang zugehoͤrt, und ihre geaͤuſſer⸗ ten Beſorgniſſe ſein Mitleid erregt hatten, bat er ſie, ſich zu erinnern, daß in dieſer Welt alles Taͤuſchung ſey, und daß ihre Vergnuͤgungen und was ſie Koͤſtliches in ſich faſſe, nicht mehr Beſtand haͤtten, als der Wiederſchein des Lichtes, den die Oberflaͤche des kalten Chryſolits zuruͤck⸗ ſtrahlt. „Ich beklage mich nicht uͤber erlittene Taͤuſchungen,“ ſagte ſie;„ich habe nicht gefunden, daß meine verlorne Gluͤckſeligkeit ein ſo armſeliges Ding war: Nein, dieſe Thraͤnen zeugen von dem Werthe, den ich hinein legte, und in meinem Herzen ſteht es geſchrieben, daß das, was ich genoſſen habe, eben ſo bleibend iſt, als ich ſelbſt. Ich 1. Bändchen. 3. — 50— weiß nicht, was Ihr immerwaͤhrend nennen wollt, wenn das, was ich als zu meiner Natur— die ich fuͤr unſterblich halte— gehoͤ⸗ rig fuͤhle, nicht unvergaͤnglich iſt? Sprecht mir darum nicht von Taͤuſchung. Erzaͤhlt mir nur die Dinge, die boͤſe Menſchen thun; oder vielmehr, die gute Menſchen thun ſollten. Es gebricht mir an Worten—; ſprecht mir doch von der Guͤte dieſer ſuͤßen, alles beſchoͤnigenden, zaͤrtlichen— ol o!— Freunde, Vetter, und Schwaͤger— und ſol⸗ cher Schwaͤger!“ 1 Der Beichtvater gab keine Antwort, er hatte eine disharmoniſche Seite beruͤhrt, und beſchloß weiſe ihren wehmuͤthigen Mitßton voruͤber gehen zu laſſen. „Wißt Ihr wer ich bin?“ fing die Lady an, nachdem ſie mehrere Male im Zimmer auf- und abgegangen war.„Gibt es einen rein Adel in ganz Italien, als der mei⸗ nes vaͤterlichen Hauſes? Gab es je unter irgend einem Volke eine vortrefflichere Dame aals meine Mutter war? Als ich in dieſes 4 — 51— Land kam, war ich ſelbſt ein Weſen von unbefleckter Tugend! Mein Gemahl war ein Mann von ſolcher Ehre, daß er nie ge⸗ litten haben wuͤrde, daß ſeine Rechtſchaffen⸗ heit auch nur mit einem Hauche angetaſtet worden waͤre; und dennoch, ohngeachtet des Adels meines Vaters, der Tugenden meiner Mutter, meiner eigenen Reinheit, und der ruͤhmlichen, treuen Redlichkeit des ſo hochverehrten Mannes, meines Gemahls Lord Edmund von Rothelan— will man meinen Sohn einen Baſtard nennen.— Mutter Gottes! nein, nie ſoll das geſche⸗ hen.“ Als der ehrwuͤrdige Pater ſie auf dieſe Weiſe ſprechen hoͤrte, wurde auch er er⸗ ſchuͤttert, und fragte ſie ernſt und beſorgt, was ſie damit meine; indem er ſie zugleich bat, ihre Bewegung zu unterdruͤcken. „Wir machen,“ ſagte er,„die Uebel unſers Lebens aͤrger, als ſie ſeyn wuͤrden; weil wir ſie nicht fuͤr das anſehen, was ſie wirklich ſind: die natuͤrlichen Folgen unſe⸗ — 52— rer Verhaͤltniſſe in der Welt. Die Pfeile des Mißgeſchicks ſind immer herbe und oft ſchmerzhaft; allein dadurch, daß wir uns unter der Verwundung kruͤmmen, bohrt ſich ihre Spitze immer tiefer und tiefer ins Le⸗ ben ein. Wenn in Eurer ungluͤcklichen Lage irgend etwas Gefaͤhrliches liegt, wel⸗ ches ein Freund Euch zu beſeitigen helfen kann, ſo bitte ich Euch, die Heftigkeit Eu⸗ rer Gefuͤhle durch Euer eifrigſtes Beſtre⸗ ben zu ermaͤßigen, und Euch mit mir zu berathen.“. Die Lady gab hierauf keine Antwort, ſondern fuhr fort im Zimmer auf⸗ und ab⸗ zugehen. Zu einer Zeit waren ihre Schritte gemeſſen und ſtattlich, und die Diele toͤnte unter ihrem entſchloſſen⸗ſtolzen Auftritte, zu einer andern kurz und trippelnd; dann und wann ſtand ſie ſtille, und fuhr ungeſtuͤm mit den Haͤnden aus; gleichſam als wolle ſie dem Himmel Vorwuͤrfe machen. Nach und nach nahm jedoch dieſer un⸗ 4 ruhige Zuſtand ab, ihre Schritte wurden — 53— abgemeſſener, und ihr bleiches, entſtelltes Geſicht bekam ſeine natuͤrliche Farbe wieder. Sie hielt ein, wie wahnſinnig zu Zeiten mit den Armen auszufahren und klaͤglich zu thun, und ſetzte ſich, ihre Haͤnde faltend, ohne daß es ihr eine Anſtrengung zu koſten ſchien ſich zu faſſen, ruhig nieder. Sie er⸗ zaͤhlte ihm dann, was zwiſchen ihr und der Lady de Crosby vorgefallen war, und be⸗ ſchrieb ihm manche Umſtaͤnde, die ſie in dem Betragen des Sir Amias bemerkt hatte, welche alle darauf hindeuteten, ſie fuͤrchten zu laſſen, daß gegen ihr und ihres Sohnes Recht irgend eine große Ungerechtigkeit be⸗ abſichtet werde. „Ich habe die ſtarke Ueberzeugung,“ ſagte ſie,„daß Sir Amias nicht allein be⸗ ſchloſſen hat, uns um unſer Vermoͤgen zu bringen; ſondern auch meine Ehre zu be⸗ flecken und mein Kind um ſeine Erbſchaft zu kuͤrzen; und was kann ich thun, um mich ihm zu widerſetzen?“ „Ihr koͤnnt Euch nur der Huͤlfe des * — 54— Himmels vertrauen,“ erwiederte der Beicht⸗ vater;„denn Sir Amias iſt ein vornehmer und maͤchtiger Mann, und in der oͤffentli⸗ chen Meinung ſieht ſein Charakter ſo hoch geachtet, daß—“ „Ha!“ rief die verlaſſene Wittwe, in⸗ dem ſie ſich abermals einem leidenſchaftlichen Grame uͤberließ,„daran liegt es. Dieß iſt es, was ſein Verbrechen gegen mich den Leuten unglaublich macht. Allein ich habe Euch nicht rufen laſſen, um Wehklagen von Euch anzuhoͤren, obgleich Ihr einige Nach⸗ ſicht mit meiner Schwaͤche haben muͤßt.“ „Bei mir bedarf es keiner Umſtaͤnde,“ verſetzte Pater Giovanni;„wenn ich Euch mit irgend Etwas dienen kann, ſo ſtehe ich in Allem zu Befehl.“ „Ich weiß nicht,“ fuhr die Lady etwas 1 beruhigter fort,„ob ich im Stande bin, meine Lage richtig zu beurtheilen; allein ſo viel ſehe ich ein, daß ich der Freunde be⸗ darf. Nie werde ich mich dem Sir Amias unterwerfen. Ich koͤnnte jedoch nicht mehr * lange leben, und wuͤnſchte meines Sohnes Rechte zu wahren.— Leider ſeyd Ihr alt, ehrwuͤrdiger Vater, und koͤnnt keine großen Strapatzen mehr ertragen.“ „Gott wird mir Kraͤfte zu jedem Dienſte verleihen, den ſeine Vorſehung von mir verlangt;“ erwiederte der Moͤnch, indem er ſich fromm bekreuzte. „Allein Florenz iſt weit von hier,“ ſſagte die Lady. „Ich wuͤrde bis ans Ende der Welt gehen, um Euch zu dienen.“ „In Euerm Alter darf ich nicht hoffen, daß Ihr die Beſchwerlichkeiten einer Reiſe nach Italien ertragen koͤnntet.“ „Auch iſt dieſes nicht nothwendig; Briefe koͤnnen Eure Familie von der Gefahr unterrichten, in welcher Ihr ſchwebt.“ .„Allein ich wuͤnſchte ſelbſt dorthin zu gehen, und meinen Sohn mit mir zu neh⸗ men. Ich wollte Sir Amias im ungeſtoͤrten Beſitze von Allem laſſen, was er uns ab⸗ zuliſten gedenkt, bis ich zuruͤckkehren, und — 56— wie ein Raͤcher, mit ſolchen Beweiſen un⸗ ſerer Rechte bewaffnet, uͤber ihn herfallen kann, daß weder ſeine Gewalt noch ſein Anſehen hinreichen wird, Widerſtand zu leiſten. Machte mir Euer Alter kein Be⸗ denken, ſo wuͤrde ich Euch erſuchen, mich auf der Reiſe zu begleiten; denn in dieſem unfreundlichen, fremden Lande habe ich kei⸗ nen andern Freund.“ „Der Himmel bedeckt Euch uͤberall,“ erwiederte der Moͤnch.„Iſt ſeine allum⸗ fangende Woͤlbung nicht das bildliche Zeug⸗ niß ſeiner allumfaſſenden Vorſehung?“ „Auch den Sir Amias bedeckt ſie und erlaubt ihm, mich zu kraͤnken. O, heiliger Vater, iſt die Vorſehung nicht fuͤr ihre Ge⸗ rechtigkeit verantwortlich?“ „Das ſind verwegene Reden, Lady Al⸗ bertine.“ „Ich heiße nicht Lady Albertine; ich bin die Wittwe des Lords Edmund von Ro⸗ thelan. Ich will bei keinem andern Namen genannt ſeyn.“ — * Der ſanftmuͤthige Pater bemitleidete die Aengſtlichkeit ihres gramerfuͤllten, auf⸗ gebrachten Gemuͤths; er unterdruͤckte den Tadel uͤber ihren leidenſchaftlichen Ausbruch, wozu ſie ein ſchmaͤhlicher Irrthum verleitet hatte, und ſagte ihr in den mildeſten und guͤtigſten Ausdruͤcken, daß er willig nach Italien mit ihr gehen wolle, ſo alt er auch ſey. „Allein,“ ſagte ſie,„ich weiß nicht wo ich das Geld zu der Reiſe hernehmen ſoll. Ich will eher Feuer in meinen Buſen le⸗ gen, als einen Merk* von Sir Amias annehmen. Ich habe aber Juwelen, die Ihr verkaufen koͤnnt.“ Mit dieſen Worten ging ſie und holte ein Kaͤſtchen, das ſie dem Moͤnch uͤbergab, der es alsbald, unter ſeinem Prieſterhabit verborgen, mit ſich fortnahm, um einen Kaͤufer dafuͤr zu finden. *) Eine alte Silbermünze, 13 ½ Schilling. 1. Bändchen. 3* eeeeoeeeee eee ee 000ee08 Sechstes Kapitel. Die Wohnung des Juden. Sieh zu, was für ein Fremdling Einlaß ſucht; Ein Fremdling iſt's; an ſeinem Pochen hör' ich's. Die neue Komödie. . Da es eine gleichſam ausgemachte Sache iſt, daß die Juden vor dem Ende der Welt zu dem Chriſtenthume bekehrt werden muͤſſen; ſo geben wir der Menſchheit zu bedenken, ob man ſich nicht alle Plaͤne und alle Vereine, welche die Bekehrung dieſes hartnaͤckigen Volkes zum Zwecke haben, als das Ende der Welt befoͤrdernd, verbitten ſollte? In wie ferne daſſelbe erwuͤnſcht ſeyn kann, mag ein jeder nach dem Zuſtande der Angelegen⸗ heiten ſeines eigenen Herzens ermeſſen. Damit wir jedoch, in der Meinung einiger Gelehrten und Logiker, nicht etwa beſchul⸗ —— — 59— digt werden, uns in nicht hierher gehoͤrige Umſchweife zu verlieren; ſo wollen wir uns uͤber dieſen wichtigen Gegenſtand nicht wei⸗ ter auslaſſen; ſondern nur beruͤhren, daß ſich uns dieſe Bemerkung bei dem Vergleiche des Erfolgs der Bemuͤhungen unſers, um das Seelenheil der Juden mit philantropi⸗ ſcher Aengſtlichkeit beſorgten Zeitalters, mit der Lage und dem Charakter eines Adoni⸗ jahs, eines Geldwechslers jener Zeit, wo⸗ von hier die Rede iſt, aufdraͤngte. Da dieſer Mann, wie das Buch erzaͤhlt, ehrlich war und ſich behandeln ließ, indem er, als ein Hebraͤer, nebſt dem gewoͤhnli⸗ chen Aufgeld und den geſetzmaͤßigen Zinſen, ſelten mehr, als das Doppelte ſeiner Vor⸗ ſchuͤſſe ſich verſchreiben ließ, ſo ward er haͤufig von den luſtigen Bruͤdern des Hofes heimgeſucht. Wenn wir bedenken, daß er in dem finſtern Zeitalter Eduard des Drit⸗ ten lebte, ſo ſcheint es wirklich ein freiſin⸗ niger, gewiſſenhafter Wucherer geweſen zu ſeyn; denn wir haben einen Freund, der in A — 60— den aufgeklaͤrten Zeiten Georgs von derſel⸗ ben Zahl, von mehr als einem ehrbaren Chriſten ſo uͤbernommen wurde, daß er oͤfters dreizehn Schillinge vom Pfund Ster⸗ ling zahlen mußte. Doch zur Geſchichte. Pater Giovanni entſchloß ſich, die Ju⸗ welen dieſem Adonijah anzubieten. Er hatte von ihm gehoͤrt, wie ein Dorffuͤſter von einem Weltatlas, und ſchloß hieraus, daß er wahrſcheinlich den beſten Preis fuͤr die Edelſteine zahlen wuͤrde; weil man ſeine Neichthuͤmer fuͤr unermeßlich hielt, und es ihm in der Einfalt ſeines Herzens nicht einfiel, daß es mit einem Kaufmanne deſto ſchwieriger zu handeln, je reicher er iſt. Die politiſche Oekonomie war jedoch damals noch nicht erfunden, ob es gleich ſeit dem Verkehr der Eva mit dem Nekaſh, der, im Vorbeigehen geſagt, nach einer neueren Entdeckung gewiſſer Gelehrten, keine Schlan⸗ ge, ſondern ein Affe war, als allgemeiner Grundſatz angenommen worden iſt, daß ihre Enkel verſucht werden muͤſſen, das zu kaufen, was ſie nicht beduͤrfen, beſonders wenn der angebotene Artikel in den Haͤn⸗ den von Leuten iſt, die verkaufen muͤſſen. Pater Giovanni wanderte demnach mit dem Kaͤſtchen unter dem Arme aus der Woh⸗ nung des de Crosby nach der Cornhillſtraße, wo er ſich bei einer ehrwuͤrdigen Dame, die er unter dem Wetterdache eines Hoͤkerla⸗ dens mit dem Spinnrocken in der Hand beſchaͤftiget fand, nach der Wohnung des Juden erkundigte. Damals waren an den Laͤden in London noch keine Glasfenſter, und die Stockwerke der Haͤuſer erhoben ſich in, mit wunderlichem Schnitzwerk verſehe⸗ nen, Ueberhaͤngen uͤber einander, ſo, daß die Vorderſeite eines jeden Hauſes dem Hinter⸗ theile unſerer jetzigen Kriegsſchiffe nicht un⸗ aͤhnlich ſah. Die alte Dame war das Weib eines Aldermans, und ihre angeſehene Ehe⸗ haͤlfte befand ſich gerade auf dem Rath⸗ hauſe bei der Munizipalitaͤts⸗Verwaltung. Sie hatten einen Lehrjungen, den ſie dem Moͤnche wuͤrde mitgegeben haben, allein —-— 62— auch er war ausgeſchickt worden, um den koͤniglichen Proviantmeiſter wiſſen zu laſſen, daß ſie— denn damals waren die Weiber die einzigen Handelsgeſellſchafter der Lond⸗ ner Kaufleute— ein Kiſtchen Confekt er⸗ halten haͤtten, welches ſie, ihrer Schuldigkeit gemaͤß, zuerſt Seiner Majeſtaͤt zum Gebrauch anbieten wollten, ehe ſie ſolchen oͤffentlich zum Verkaufe ausboͤten. Gluͤckliche Tage der harmloſen, biedern, ehemaligen Lond⸗ ner! Sie verſchloß die Ladenthuͤre hinter ſich, und den Spinnrocken unter dem Arme tragend, begleitete ſie den Moͤnch nach dem Hauſe Adonijah's. Nachdem Pater Giovanni an der Thuͤre gepocht hatte, wurde ſie von einem jungen Menſchen geoͤffnet, der ihn ſcharf ins Auge faßte, und auf ſeine Fragen erwiederte, daß er nicht gewiß wiſſe, ob Adonijah zu Hauſe ſey; denn ein Moͤnchshabit war keine Em⸗ pfehlung, um in das Heiligthum eines Ju⸗ den eingelaſſen zu werden. „Was iſt Euer Begehren?“ rief eine — 63— helle kreiſchende Stimme von innen, und in demſelben Augenblicke wurde die Zimmer⸗ thuͤre halb geoͤffnet, und das gelb⸗hagere Geſicht eines Weibes ſah heraus. „Ich wuͤnſchte mit Meiſter Adonijah zu ſprechen,“ erwiederte der Moͤnch,„ich habe ihm einige Kleinodien zu verkaufen oder zu verſetzen, wie wir des Handels mit einander einig werden.“ Das alte Weib ging weg, ſah, nach einer Weile wiederkehrend, abermals zur Thuͤre hinaus, und lud den Moͤnch ein, herein zu kommen, indem ſie zu gleicher Zeit ihrem Sohne, Namens Josbekaſhah, befahl, die Thuͤre zu zu machen und zu ver⸗ riegeln.. Das Zimmer, in welches Pater Gio⸗ vanni trat, war finſter und armſelig. Ein Vorhang, der an einem Seile herabhing, theilte es in zwei Haͤlften, und das ganze Moͤbelwerk der aͤußern beſtand bloß in einem, vor einem Fenſter ſtehenden Tiſche und zwei Stuͤhlen. Auf dem Tiſche lagen mehrere — 64— kleine Papier⸗ und Pergament⸗Stuͤckchen, dem Scheine nach Abſchnitzel vom Rande ſchriftlicher Urkunden; dabei ſtand ein me⸗ tallnes Dintenfaß mit einer Feder, die, der daran klebenden Dinte nach, eben nieder⸗ gelegt worden zu ſeyn ſchien. Josbekaſhah holte einen der beiden lehnloſen Stuͤhle aus der Ecke, wo er ſtand, und nachdem ſeine Mutter ihn mit ihrem Rocke abgeſtaͤubt hatte, bat ſie den Pater ſich darauf nieder zu laſſen; ſie ging dann hinter den Vorhang und kurz darauf hoͤrte man eine Thuͤre aufgehen, und einige Worte leiſe wiſpern; Adonijah trat dann ſelbſt, indem er den Vorhang auf die Seite ſchob, ſich buͤckend hinter demſelben hervor. Er war ein ſchon ziemlich in Jahren vorgeruͤckter Mann, jedoch augenſcheinlich juͤnger, als ſein Weib. Er war von kor⸗ pulenter ſchwerer Statur, ſeine Geſichtsbil⸗ dung verrieth eine Neigung fuͤr die Schwel⸗ gereien der Tafel, und obgleich ſeine Zuͤge grob und gemein waren, ſo lag doch im — 65— Allgemeinen in ſeinem Geſichte etwas Gut⸗ muͤthiges, ja ſelbſt Herzliches, und ſein in⸗ nerer Verſtand leuchtete mit ſolcher beſaͤnf⸗ tigenden Reinheit aus ſeinem Auge, daß, wer einen einzigen ſeiner Blicke geſehen hatte, nicht laͤnger an die Merkmale ſeiner ſinnlicheren Natur denken konnte, die ſich im faltenreichen Gewande ſeiner Wangen auszudruͤcken ſchien; es war mit Einem Worte ein, durch Wohlſtand freigebig ge⸗ wordener, vorzuͤglich ſchlauer, aber in ſei⸗ nen natuͤrlichen Anlagen gerade Rankender Charakter, der viele, ſeines großen Vermoͤ⸗ gens nicht unwuͤrdige, treffliche Eigenſchaf⸗ ten beſaß. Er ſetzte ſich auf einen andern Stuhl, winkte ſeinem Weibe und ſeinem Sohne mit der Hand, ſich zu entfernen, und wen⸗ dete ſich, den Ellenbogen auf den Tiſch ge⸗ ſtemmt, an den Moͤnch. Siebentes Kapitel. Der Jud e. Wie bin ich Euch verpflichtet? Zwiſchen uns Iſt kein Vertrag, noch auch Verwandtſchaft, was Euch Auf meine Hülfe einen Anſpruch giebt. . Der Beſchwörer. „Und welen wollt Ihr mir verkaufen,“ ſagte Adonijah,—„wozu brauche ich Ju⸗ welen? Hier iſt kein Ort wo man traͤgt Juwelen;— mein Weib iſt eine Frau fuͤr die Haushaltung, aber keine vornehme Dame. Juwelen koſten Geld, und ich bin ein armer Mann.“ Waͤhrend er ſo ſprach, zog er das Kaͤſt⸗ chen allmaͤhlig und gleichſam unwillkuͤrlich nach ſich hin, druͤckte an der Feder, womit der Deckel verſchloßen war, und oͤffnete es. Pater Giovanni ſaß ſchweigend da. Er hoͤrte bedenklich der Verleugnung ſeines Reich⸗ thums zu, und warf dann und wann einen Blick in dem aͤrmlichen Zimmer umher, das in jeder Beziehung die Wahrheit von ſeines Herrn vorgeſchuͤtzter Armuth zu beſtaͤtigen ſchien. Adonijah, der jetzt das Kaͤſtchenge⸗ oͤffnet hatte, fingerte mit ziemlicher Gleich⸗ guͤltigkeit auf den Juwelen herum; und nur wie zufaͤllig erlaubte er ſich dann einen fluͤchtigen Blick auf ſie zu werfen; erſt nach einer abermaligen kurzen Pauſe fing er an⸗ ſie immer ernſter zu betrachten, indem er die Kleinodien, eins nach dem andern, her⸗ aus nahm und ſie naͤher beaugenſcheinigte. Nachdem er ſeine Neugierde auf dieſe Weiſe befriedigt hatte, drehte er ſich nach dem Pater Giovanni um, welcher der unterſu⸗ chung mit aͤngſtlicher Aufmerkſamkeit zuge⸗ ſehen hatte, und aͤußerte ſich hierauf ſehr nachdrucksvoll.⸗ „Guter Freund, als ich noch nicht hatte einen Bart, war ich ein Juwelier, und ich — 68— habe geſehn Juwelen;— ich habe geſehn die Juwelen vom Koͤnig von Navarra;— ich habe geſehn die Juwelen vom Grafen von Hainault, ich habe geſehen die Juwe⸗ len vom franzoͤſiſchen Koͤnig— und habe geſehen die Juwelen von manchem großen Herrn. Das waren Juwelen, um einen jungen Mann zu lehren, was Juwelen ſind. Allein lieber Freund, Ihr muͤßt mir nicht ſagen, daß ihr gekommen ſeyd, um zu ver⸗ kaufen Juwelen; wenn dieſes die Juwelen ſind, die Ihr gekommen ſeyd zu verkaufen. Sie ſind nichts werth;— das iſt ein Stuͤck⸗ chen gruͤnes Glas, und Ihr nennt es einen Rubin? Die Welt iſt leider voller Schur⸗ ken. Beim Segen Jakobs, iſt es doch nur ein Kunſtſtuͤck der Alchymie; und dieſe Schnur von Perlen; wahrhaftig, ich will nicht ſa⸗ gen, daß ſie nicht ſind Perlen; allein idas will ich ſagen und das iſt die Wahrheit, daß ſie all blau ſind, und keine iſt orienta⸗ liſch; und was ſeh ich? Ihr werdet doch das nicht nennen wollen Gold?— Eure Ihr ſolche Dinge ſchoͤn?— Ich bin ſchoͤn; — 609— Juwelen ſind alle Troͤdel. Ich will ſie nicht kaufen fuͤr Juwelen.“ Der gutmuͤthige Geiſtliche war durch die veraͤchtliche Weiſe, in welcher Adonijah von den Edelſteinen ſprach und das Schmuck⸗ kaͤſtchen von ſich ſtieß, nicht wenig auſſer Faſſung gebracht. „Man hat ſie alle fuͤr aͤchte Steine von großem Werthe gehalten,“ ſagte er,„was ſollen wir jetzt machen?“ „Ich ſoll Euch ſagen, was Ihr thun ſollt?“ erwiederte Adonijah.„Iſt doch kein Menſch in der ganzen Stadt London, der wird kaufen wollen dieſe Juwelen: mein guter Freund, das ſind keine Juwelen.“ Pater Giovanni zog das Schmuckkaͤſt⸗ chen naͤher zu ſich hin, oͤffnete den Deckel, und blickte es eine Zeit lang ſehr ernſthaft an.„Sie koͤnnen falſch ſeyn,“ ſagte er ſeufzend,„allein ſie ſind doch ſehr blank und ſchoͤn. 77 „Schoͤn?“ rief der Hebrier,„nennt — 70— Ihr ſeyd ſchoͤn; dieß iſt ein ſchoͤnes Haus. Was nennt Ihr ſchoͤn? und—“ hier faßte er noch einmal das offene Schmuckkaͤſtchen. „Seht nur her, ich will Euch weiſen.“ „Ich verſtehe mich auf dergleichen Dinge nicht,“ unterbrach ihn der Moͤnch;„und Eure Meinung von ihnen mag ganz die richtige ſeyn.““ „Ich bin ein ehrlicher Mann,“ ſagte Adonijah, indem er die Haͤnde ausſtreckend zuruͤck trat, und dem Pater Giovanni dabei ins Geſicht ſah; er ſetzte ſich jedoch bald wieder in eine geſchaͤftsmaͤßigere Faſſung und fuͤgte hinzu.„Ich verlange nicht zu kaufen Eure Juwelen; denn ich habe kein Geld, um zu kaufen Juwelen; wenn Ihr aber Geld dafuͤr haben muͤßt——“ „Fuͤrwahr,“ ſagte der Moͤnch,„die Lady, die ſie gerne verkaufen moͤchte, kann nicht ohne Geld ſeyn, dieſer Krieg!“ ſagte der Jude mitléidig,—„die Leute ſchlagen ſich und werden gefangen, da muß „Ja, dieſer Krieg,— dieſer Krieg,“ denn ein Loͤſegeld dafuͤr bezahlt werden. Haͤtte ich hundertmal mehr Geld, als meine ganze Nation zuſammen hat, ſo waͤren zu verkaufen Juwelen, fuͤrs Loͤſegeld. Seht dieſen Brief hier.“ Bei dieſen Worten zog er einen Brief aus der Buſentaſche ſeines Flausrocks. „Der iſt von meinem Bruder, der in Gent iſt. Er ſagt es ſeyen in Gent ſolche Juwelen!— Pah! die Eurigen ſind nur Kieſelſteine von der Seekuͤſte gegen die Ju⸗ welen, die zu verkaufen ſind in Gent; und um gar kein Geld. Ich brauche Eure Ju⸗ welen nicht;— Wenn ich Geld haͤtte, ſo wuͤr⸗ de ich es ſenden meinem Bruder in Gent.“ Pater Giovanni fand hierauf nichts zu er⸗ wiedern, er nahm das Kaͤſtchen, verbarg es unter ſeinem Habit, und ſtand troſtlos auf, um ſich wegzubegeben; Adonijah ſtand eben⸗ falls auf. „Wenn ihr das Geld haben wollt,“ ſagte der Jude,„ſo habe ich einen Freund, der ein ſehr ehrlicher Mann iſt. Geht zu — 72— ihm, und ſagt ihm, daß ich kein Geld haͤtte zu kaufen Juwelen. Nein, halt! ich will Euch dieſen Gefallen thun und zu ihm ſchicken meinen Sohn Josbekaſhah; er wohnt gleich hier neben; er wird gleich hier ſeyn, und vielleicht gibt er Euch Geld fuͤr Eure Juwelen aus Mitleiden; denn er iſt ein ſehr ehrlicher Mann.“ Pater Giovanni war, als er dieſes hoͤrte, einigermaßen getroͤſtet, und nahm ſeinen Sitz wieder ein, waͤhrend Ado⸗ nijah dreimal mit den Haͤnden klatſchte, worauf Josbekaſhah hinter dem Vorhang hervortrat.“ „Geh,“ ſagte ſein Vater,„zu Deinem Onkel Sheback, und ſag' ihm, daß er ſoll hierher kommen, und Geld im Beutel mit⸗ bringen, um zu kaufen Juwelen, weil ich dieſem Manne, der welche zum Verkaufe gebracht hat, gerne verbindlich ſeyn, und ihn nicht weggehen laſſen moͤchte ohne Geld.“ Josbekaſhah that, wie ihm ſein Vater 1 — 73— befohlen hatte, und Adonijah nahm ſeinen Sitz wieder ein, indem er vom Krieg zu ſprechen anfing. „Dieſe Welt,“ ſagte er,„iſt voll jener verruchten Menſchen, die die Kriege veran⸗ laſſen, und die Muͤtter und die kleinen Kinder ins Elend ſtuͤrzen. Allein Ihr ſeyd verdruͤßlich und niedergeſchlagen, ſeyd Ihr weit her gekommen mit Euern Juwelen?“ „Nicht ſehr weit,“ erwiederte der arg⸗ loſe Prieſter,„ich komme bloß aus der Biſhopsgateſtraße.“ „Halt,“ ſagte der Jude, ſich nachdenk⸗ lich vor die Stirne ſchlagend;„lebte nicht einer der im Kriege getoͤdteten Lords in dieſer Straße?“ „Ja,“ antwortete der Moͤnch,„Lord Edmund von Rothelan.“ „ Dann braucht auch fuͤr ihn kein Loͤſe⸗ geld gezahlt zu werden, das iſt ſehr gut fuͤr ſeine Familie— ſehr gut,“ ſagte Ado⸗ nijah. 8 „ Demungeachtet,“ entgegnete der Moͤnch T. Bändchen. 4 — 14— ſehr bekuͤmmert,„iſt es ein unerſetzlicher Verluſt fuͤr ſeine Lady. Es war um ihr die Mittel zu verſchaffen, nach Italien rei⸗ ſen zu können, daß ich die Juwelen hierher brachte.“ „Iſt ſie denn ſo arm? Es iſt ein gro⸗ ßes Verbrechen zu ſeyn arm in der Welt; allein ich ſelbſt bin ein armer Mann, und Ihr ſeht, wie es ſo armſelig in meinem Hauſe ausſieht. Allein, warum will ſie gehn nach Italien? Sie wird verthun all' ihr Geld unterwegs, wenn ſie geht nach Italien.“ „Ihr wißt vielleicht nicht, daß ſie aus dieſem Lande iſt. Sie iſt Willens zu ihrer Familie zuruͤck zu kehren,“ ſagte der Moͤnch, „um...“ Der unbefangene Geiſtliche merkte, daß er ſich mit einem Fremden wei⸗ ter eingelaſſen hatte, als klug war, und hielt demnach ploͤtzlich inne. Awonijah hatte jedoch an ſeinem Be⸗ nehmen bemerkt, daß ihn etwas beunru⸗ 4 higte, und ſeine Weltkenntniß ſagte ihm, — o— daß eine beſondere Urſache vorhanden ſeyn muͤßte, um die Lady eines ſo angeſehenen Barons wie Lord Rothelan, zum Verkauf ihrer Juwelen zu bewegen; dieſes veran⸗ laßte ihn daher, im mitleidigen Tone die ſchlau⸗forſchende Bemerkung hinzuwerfen: „Ach, die arme Ladyl ſie hat alſo durch den Tod ihres Lords all' ihre guten Freunde verloren?“ Pater Giovannis Herz ward durch des Juden unerwartetes Mitleiden geruͤhrt und er vergaß, wie er ſchon waͤhrend der ganzen Unterredung gethan hatte, daß Adonijah nichts weniger, als ein gefuͤhlvoller Menſch war.. „Ja,“ ſagte er,„Eure Bemerkung iſt ganz richtig; ſie iſt von Sir Amias nicht ſehr freundſchaftlich behandelt worden.“ „Ah!“ rief Adonijah, ihn unterbre⸗ chend,„ich kenne den Sir Amias,— er iſt nicht ſchlimm genug fuͤr einen Chriſten⸗ menſchen!“ was erſtaunt. Adonijah, der ſich nur einen Augen⸗ blick vergeſſen hatte, lenkte ſogleich wieder ein; Pater Giovanni bemerkte aber nach⸗ denklich, daß er fuͤrchte, Sir Amias ſey nicht der gutmuͤthige Mann, wie ſein ein⸗ nehmendes Weſen Fremde erwarten ließe. Waͤhrend ſie ſich ſo uͤberhin mit einan⸗ der unterhielten, hoͤrte man an der Thuͤre pochen, und der Jude, der ſein Weib hin⸗ ter dem Vorhang hervor rief, bat ſie zu ſehen, wer da waͤre; zu gleicher Zeit nahm er das Schmuckkaͤſtchen und uͤbergab es mit einem bedeutungsvollen Blicke dem Moͤnche, der es haſtig unter ſeinen Habit verbarg. Es war vielleicht ein Gluͤck, daß er es that, denn die Perſon, die an der Thuͤre gepocht hatte, war niemand anders,. als Sir Ralph Hanslap. „Was ſagt Ihr?“ rief der Mönch et⸗ 00099090 90580 90 250⁸ο 95900 Achtes Kapitel. Der Handel. Hat ein Jude nicht Augen? Hat ein Jude nicht Hände, Organe, Geſtaltung, Sinne, Neigungen, Leidenſchaften? Wird er nicht von derſelben Speiſe genährt, von denſel⸗ ben Waffen verwundet? von denſelben Krankheiten heimgeſucht und mit denſelben Mitteln kurirt; erwärmt oder erkältet von demſelben Sommer oder Winter, wie ein Chriſt auch? Der Kaufmann von Venedig. 2 ⸗ Das Buch von der Schoͤnheit enthaͤlt eine Menge Beohachtungen und Lebensregeln, und der Verfaſſer macht, bei Gelegenheit dieſer Wendung der Geſchichte, einige Be⸗ rachtungen uͤber die offenbare Ungeſchickt⸗ heit des Moͤnchs zu Ausfuͤhrung des von = 756— ihm uͤbernommenen Auftrags, ehe er zur Erzaͤhlung der Abſicht des von Ralph Hans⸗ lap dem Juden abgeſtatteten Beſuches uͤber⸗ geht, indem er bemerkt, daß es nur große oder ſeltſame Menſchen ſind, die im Be⸗ wußtſeyn ihrer Ungeſchicklichkeit zu dem Ge⸗ ſchaͤfte, die Uebernehmung von Auftraͤgen ablehnen. Dieſer Lehrſatz mag, wie wir dafuͤr halten, an ſich richtig ſeyn; allein die Regel, die er davon weiter ableitet, um die Tauglichkeit der Menſchen, ruͤckſicht⸗ lich ihrer Verhaͤltniſſe zu beſtimmen, iſt vielleicht mehr ſeltſam, als begruͤndet. Er ſagt naͤmlich: Man kann vorher ſagen, ob die Gluͤcksumſtaͤnde eines Menſchen zu wachſen oder abzunehmen beſtimmt ſind, man muß ſich nur wohl merken, in wie weit er an ſeiner geeigneten Stelle ſteht, und ſein Geſchaͤft ſeinen Naturanlagen an⸗ gemeſſen ſcheint. Wenn Ihr, indem Ihr Euer Urtheil uͤber ihn befragt, das an ei⸗ nem Manne findet, was Euch von ihm ſa⸗ gen laͤßt, daß er auf einer niedrigern oder d hoͤheren Stufe ſtehe, als wozu ihn ſeine Sitten, Naturanlagen und uͤbrigen Eigen⸗ ſchaften berechtigen, dann vermoͤgt Ihr mit Gewißheit zu beſtimmen, ob es ein guter oder boͤſer Planet iſt, der uͤber ihn aufgeht. Man muß es indeſſen mit der Anwendung dieſer Regel nicht all zu genau nehmen; denn das Gluͤck kann nicht immer nach dem Zuſtroͤmen von Reichthuͤmern, noch das Mißgeſchick nach deren Abnahme bemeſſen werden; ſondern vielmehr nach dem, was mit eines Menſchen Anlagen und Gewohn⸗ heiten uͤbereinſtimmend iſt. Es gibt ſo viele Wehre und Graͤben in der Welt, um den natuͤrlichen Strom der Reichthuͤmer aufzuhalten oder kuͤnſtlich abzuleiten, daß ein Menſch in ſeinem Innern mit ſeinen Gluͤcksumſtaͤnden ſich uͤberaus gluͤcklich fuͤh⸗ len kann, ob er gleich, ſeinen aͤuſſern Um⸗ ſtaͤnden nach beurtheilt, ſich in einer be⸗ daurenswuͤrdigen, niedrigen Lage befindet. Nach einigen weiteren Bemerkungen dieſer Art, faͤhrt er in ſeiner Erzaͤhlung — 80— damit fort, daß Pater Giovanni, ſobald er die Stimme des Ralph Hanslap an der Thuͤre vernommen habe, ſichtbar in Bewe⸗ gung und Unruhe gerathen ſey, ſo daß Adonijah, als er ſolches bemerkt, ihn er⸗ ſucht habe, ſich hinter den Vorhang zu be⸗ geben, was er denn auch that, ehe der an⸗ dere eintrat.— Als Ralph ins Zimmer kam, war Ado⸗ nijah dem Anſcheine nach damit beſchaͤftigt, mit der Feder Figuren auf ein Stuͤckchen Papier zu zeichnen, das auf dem Tiſche vor ihm lag. Es war jedoch nichts weiter, als die Jahrzahl, und obgleich ein Hebraͤer, ſo ſcheint es doch, daß er von der chriſtlichen Zeitrechnung an datirte, denn„das Buch“ ſagt, daß die Figuren, welche er niederſchrieb, folgende waren: 1: . „Sir Amias verlangt Euch zu ſprechen, Adonijah,“ ſagte Ralph. Der Jude ſah auf und erwiederte: „Ahl wie befindet ſich mein guter Freund, b —&— Sir Amias?— ich werde gleich zu ihm kommen— allein ich habe hier etwas zu rechnen,— geht und ſagt ihm, daß ich kommen will.“ „Ihr muͤßt mit mir gehen,“ ſagte Ralph,„ich habe Befehl, Güch gleich mit zu bringen.“ „Wie iſt das moͤglich? Ich kann nicht gehen. Ihr ſeht meine Rechnung,— ich kann nicht gehen.“ „Ich will warten bis Ihr fertig ſeyd,“ antwortete Ralph, indem er den vom Moͤnch verlaſſenen Stuhl einnahm. „Lieber, guter Freund,“ ſagte Adonijah nach einer kurzen Pauſe,—„mein ſehr lie⸗ ber Freund, geht zu dem Sir Amias und ſagt ihm, daß ich auf meinen Bruder She⸗ bak warten muß.“ „Er iſt gegenwaͤrtig bei dem Ritter,“ erwiederte Ralph;„er hat Juwelen zu ver⸗ kaufen, und Sir Amias braucht Geld.“ „ Allein wo habe ich Geld?“ entgegnete der Jude. Um jedoch nicht alles hier zu I. Bändchen. 4* — 82— erzahlen, was zwiſchen ihnen vorftel, da es kein beſonderes Intereſſe darbietet, muͤſ⸗ ſen wir zur Erlaͤuterung anfuͤhren, daß Shebak, als Josbekaſhah ihm den Auftrag hinterbrachte, auf den natuͤrlichen Gedanken gerieth, daß Sir Amias, der, wie er gehoͤrt hatte, kuͤrzlich erſt die Guͤter und Domai⸗ nen ſeines Bruders ererbt hatte, vielleicht geneigt ſeyn moͤchte, ſeine Kleinodien zu vermehren, da er wußte, daß der Ritter ein Juwelen⸗Liebhaber war; denn ſelbſt zu damaliger Zeit gab es ſchon aͤltliche Her⸗ ren, die an dem Beſitze ſolcher Spielereien und Flitterſchmuck ihr Bergnuͤgen fanden. Allein dem Sir Amias erging es, wie bei⸗ nahe allen Liebhabern von Seltenheiten, er hatte ſelten Geld vorraͤthig liegen; und wuͤnſchte demnach, ehe er dem Shebak eine Antwort gab, zu wiſſen, ob ihm Adonijah mit einer Anleihe aushelfen köͤnne. Ado⸗ nijah war aber damals aus begreiflichen Urſachen hierzu nicht geneigt; vielleicht muthmaßte er, daß die Juwelen, welche ſein Bruder dem Ritter zum Verkauf an⸗ geboten hatte, dieſelben Steine waͤren, die ſich noch ungekauft in den Haͤnden des Moͤnchs befanden; und ſo war es auch; denn die beiden hebraͤiſchen Bruͤder verſtan⸗ den ſich gegenſeitig in ihren Haͤndeln. She⸗ bak war beſorgt, wo er gleich einen Abneh⸗ mer finden ſollte, ehe er ſich in einen Kauf einließe, und Adonijah war der Meinung, daß Sir Amias, ſo kaufluſtig er auch ſeyn moͤchte, nicht ganz die geeignete Perſon ſey, welcher man den Schmuck, wenig⸗- ſtens in der naͤmlichen Faſſung, zum Ver⸗ kauf anbieten koͤnne. Er war demnach in ſeiner Weigerung, den Ralph Hanslap zu begleiten, und in den Betheuerungen ſeiner Armuth ſo entſchieden, daß Ralph, nachdem er ihm einige Zeit vergebliche Vorſtellun- gen gemacht hatte, am Ende allein weg⸗ ging, und der Moͤnch wieder hinter dem Vorhang hervor trat. „Die Leute glauben alle, ich beſchaͤftigte mich mit nichts anderem, als Geld zu ma⸗ 4 5 —— chen,“ ſagte Adonijah zu ihm; und ſetzte dann, auf das hindeutend, was mit dem Ab⸗ geſchickten des Ritters vorgefallen, und wie er wohl einſah, von dem Pater uͤberhoͤrt worden war, noch weiter hinzu:„Allein wie kommt es, daß die Lady ihre Juwelen dem Sir Amias nicht verkaufen will? Er wuͤrde ihr ein Bedeutendes mehr dafuͤr geben, als ein Kaufmann oder ein Juwelier. Er weiß es nicht anders, als daß dieſe Steine, die von ſeiner Familie herkommen, aͤcht ſind.“ „Um die Wahrheit zu geſtehen,“ er⸗ wiederte der Moͤnch,„ſo hat ſie ſich das Geld ohne Vorwiſſen des Sir Amias ver⸗ ſchaffen wollen, der ſie in der letzten Bat grauſam behandelt hat.“ „Wie verſteht Ihr das? es kann un⸗ moͤglich ſo ſeyn, wie Ihr ſagt; allein, es iſt ein Mann wie Glas, ſo glatt, ſo glatt, und ſich immer gleichbleibend. Solche Men⸗ ſchen veruͤben Gewaltthaten, als wenn ſie waͤren Gunſtbezeigungen.“ Adonijahs Stimme ging am Ende ſeiner Rede in Sanftmuth uͤber, und er ſtand eine Zeitlang gedankenvoll da; ploͤtz⸗ lich klatſchte er dreimal in die Haͤnde, wor⸗ auf Leah, ſein Weib, den Vorhang auf die Seite ſchob und den Kopf heraus ſtreckte, um zu ſehen was er begehre. „Bring die Becher und eine Flaſche Wein,“ ſagte er,„dieſer Mann iſt ein Fremder, und er ſoll trinken von meinem Weine.“. Pater Giovanni wollte dieſe Bewir⸗ thung ablehnen; allein der Jude winkte ihm, ohne Etwas zu ſprechen, ruhig mit der Hand, nichts einzuwenden; und beide ſaßen ſtumm da, bis Leah eine Korbflaſche und zwei kleine Becher von Ahorn hereinbrachte und auf den Tiſch ſtellte. „Ich habe geſehn die Lady, die die Juwelen zu verkaufen hat,“ ſagte Adonijah, wie er den Wein einſchenkte,„war ſie doch lauter Lieblichkeit, und ich ſagte: Gott hat ſich gegeben viele Muͤhe, um zu machen eine — 86— ſolche herrliche Geſtalt; allein ich ward trau⸗ rig, als ich ſah, daß ſie war ſo jung, und wie eine Lilie ſo zart und zerbrechlich; denn die Haͤnde von der Welt ſind rauh, wie die Haͤnde von einem Selaven, der im Wein⸗ berg arbeitet, und wenn ſie ſie hart angrei⸗ fen, ſo kommt ſie um. Es betruͤbt mich ſehr, daß ihr ſolche Gewalt geſchehen iſt.“ Der gutmuͤthige Moͤnch erfreut, den Juden mit ſo vielem Wohlwollen und ſo vieler Theilnahme ſprechen zu hoͤren, ſing an, die Tugenden und die guten Eigen⸗ ſchaften, welche den Charakter der Lady Albertine zierten, herzuerzaͤhlen, und ſchloß mit der Bemerkung, daß die Hoheit ihres Geiſtes ihrer ausnehmenden Schoͤnheit wuͤr⸗ dig ſey. Nach einiger Unterredung endlich, waͤhrend welcher Adonijah dem arglos gut⸗ herzigen Moͤnche die Hauptthatſachen in der ungluͤcklichen Geſchichte der freundloſen Wittwe entlockte, lenkte er das Geſpraͤch abermals auf das Schmuckkaͤſtchen; und nachdem er den Werth der Juwelen aber⸗ — 87— mals ſehr herabgeſetzt hatte, ſagte er end lich, daß er nur das wenige Geld, das er im Haus habe, dafuͤr geben wolle; welches, ob es gleich nur den zehnten Theil ihres Werthes ausmachte, doch, nach dem was Adonijah ihm uͤber dieſelben geaͤuſſert hatte, ſo weit uͤber die Erwartung des Paters ging, daß er die angebotene Summe bereit⸗ willig annahm. — eoeeeeeeneeceeeeeee 2 e98003 Neuntes Kapitel. Die Schatzkammer. Merket Alle, wollt Ihr hören, Wie den Sohn der Vater lehrt; Daß Ihr ſeine weiſen Lehren Tief Euch einprägt und verehrt. Manuſcript aus Harlei's Bibliothek, Nr. 197. Nachdem der Moͤnch ſich mit dem Gelde wegbegeben hatte, nahm Adonijah das Schmuckkaͤſtchen, und ging hinter den Vor⸗ hang, wo Leah ſein Weib ſaß; hier oͤffnete er einen Kleiderſchrank, druͤckte von innen an einer geheimen Feder, und nachdem er die Hinterwand des Schrankes ſamt ihren Zapfen und den daran hangenden Kleidern eingeſtoßen hatte, ging er durch die ge⸗ machte Oeffnung in ein ſchoͤnes, praͤchtig — 89— moͤblirtes Zimmer, deſſen Fenſter muſſiviſch aus gefaͤrbtem Glaſe zuſammen geſetzt wa⸗ ren, um zu verhuͤten, von Auſſen her in das Innere ſehen zu koͤnnen. In ſolche Schlupfwinkel war es, wohin die verfolgten Iſraeliten damaliger Zeit ſich zuruͤck zu ziehen genoͤthiget waren, wenn ſie ſich ge⸗ legenheitlich ihrer Reichthuͤmer erfreuen wollten. Heutiges Tages banketiren ſie Staatsminiſter, Geſandten und ſelbſt Fuͤr⸗ ſten auf Servicen von Gold. Der Boden dieſes Zimmers war mit einem bunten morgenlaͤndiſchen Teppiche belegt; ob es aber einer derjenigen war, die man perſiſche nennt, oder ein tuͤrkiſcher, dieſes wollen wir den Alterthumskundigen auszumachen uͤberlaſſen, und nehmen davon hier bloß, als von einem auslaͤndiſchen Lurusartikel der haͤuslichen Einrichtung eines Juden Notiz, deſſen Verwandtſchaft und Briefwechſel ſich bis nach Conſtantino⸗ pel erſtreckte, welches damals noch im Be⸗ ſitze der griechiſchen Kaiſer war. Adonijah * — 90— hob einen Zipfel des Teppichs in die Hohe, und trat auf eine gewiſſe Stelle des getaͤ felten Fußbodens, wodurch eine Fall⸗ thuͤre aufſprang, durch welche er in das Gewoͤlbe hinab ſtieg, worin verſchiedene koſtbare Artikel theils in Faͤchern ſtanden, theils zerſtreut auf dem Boden umher lagen. Dieſes Gewoͤlbe war der Vorplatz zu Adoni⸗ jahs Schatzkammer. Mitten im Boden be⸗ fand ſich eine andere geheime Thuͤre, die auf dieſelbe Art wie die obige, ſich oͤffnete; und hierin lagen ſeine Reichthuͤmer in Maſſe aufgeſpeichert. Hier lag Geſägtem Holz, zum Brande fertig, gleich Das Silber hoch in Säcken aufgeſchichtet; Unwürdig ſich dem Golde zu geſellen, Beſchämt in Ecken.——— Nachdem Adonijah das Kaͤſtchen in ſeine Schatzkammer getragen hatte, kehrte er nach ſorgfaͤltigem Verſchluß der verſchiedenen Thuͤren in das aͤuſſere Zimmer zuruͤck, wo ſein Weib ſaß, und er Shebak und ſeinen Sohn fand, die auf ihn warteten. — 91— „Ich habe gekauft die Juwelen,“ ſagte Adonijah,„allein es ſind keine gute Ju⸗ welen. Der arme Mann brauchte das Geld ſo nothwendig fuͤr die Lady, die ſie verkau⸗ fen wollte, daß ich Leüüthist war, zu kau⸗ fen die Juwelen“ „Ja,“ ſagte Shebak, ein vlechgelber hagerer Schurke, mit einem Eulenſchnabel und Falkenaugen,„Ihr laßt Euch immer zur Barmherzigkeit hinreißen, und noch da⸗ zu gegen Chriſten! Iſt das nicht unklug? Werden ſie ſeyn barmherzig gegen Euch, wenn all' Euer Geld fort iſt?“ Adonijah ſtampfte mit dem Fuß, um Shebak zum Schweigen zu Brinen, und verſetzte aͤrgerlich: „Willſt Du mich etwa⸗ meiſtern! Habs ich dich nicht, gleichſam mit der Zange, unter jenen traurigen Geſchoͤpfen hervorge⸗ zogen, die an den Orten der Verwuͤſtung leben? Hab' ich Dich nicht gereinigt mit Iſop und Myrrhen; und Dich gelehrt Geld zu verdienen, Du kriechendes Ungeziefer? 1 — 92— Bin ich ein Mann und ein Bruder der ge⸗ ſchmaͤht zu werden verdient— und von Dir? Doch warum erzuͤrne ich mich uͤber das, worauf ich bloß ſpucken ſollte?““ Shebak wagte nicht etwas Weiteres zu erwiedern, ſondern bloß die Danerkung zu machen: „Es ſey wie Ihr ſagt, das Geld war Euer, und wie Ihr habt gekauft, ſo wird Euer Profit ſeyn, wenn Ihr verkauft. Da ich aber gefunden habe einen Kunden an dem Sir Amias de Crosby; ſo wird er kaufen, wenn Ihr ihm Geld leiht; hat er doch eine große Erbſchaft gethan.“ „Ich will ihm kein Geld leihen,“ er⸗ wiederte Adonijah ernſthaft,„denn er hat keine Erbſchaft gethan. Er iſt ein Mann voller Trug, und ich will ihn in Ungele⸗ genheit und Strafe bringen; denn er hoͤhnt meiner mit glatten Worten, wenn ich meine Schuldforderungen von ihm verlange.“ Er erzaͤhlte ihm ſodann, was er von Pater Giovanni vernommen hatte, indem — 93— er ihm, ſeiner eigenen natuͤrlichen Einſicht nach, das wahrſcheinliche Verhaͤltniß der Sache auseinander ſetzte, daß naͤmlich Sir Amias, auf die Schwierigkeiten bauend, welche ſich dem Beweiſe der Vereheligung ſeines Bruders mit der italieniſchen Lady entgegen ſetzten, beſchloſſen habe, beide, ſie und ihr Kind, ihrer natuͤrlichen Rechte zu berauben. „Siehſt Du jetzt nicht ein, Bruder Shebak,“ ſagte er,„wie man dieſe Gele⸗ genheit zu Geld machen kann? Dieſe arme Lady hat keine Freunde; man will ſie um ihre Rechte bringen;— ich will aber ihr Freund ſeyn.“ Ghebak, der nicht wohl einſah, wie die Befreundung einer armen Wittwe zu Geld verhelfen ſollte, ſchwieg, um die Er⸗ klaͤrung ſeines Bruders uͤber dieſe neue Art von Goldmacherkunſt abzuwarten. Allein Adonijah brach hier uͤber den Gegenſtand, durch Fragen uͤber andere Geſchaͤfte, die ſie in Gemeinſchaft mit einander hatten, ab; — 94— und Shebak fuͤgte, nachdem er ihm Aus⸗ kunft gegeben hatte, hinzu: „Sind die Juwelen in der That nicht mehr werth, als Ihr dafuͤr gegeben habt?“ Adonijah ſtand ſodann auf und ging in das innere Zimmer, ſtieg ins Gewoͤlbe, aber nicht bis zu ſeinem geheimen Schatze, und brachte ein anderes Kaͤſtchen mit gu⸗ ten Steinen, deren Werth jedoch weit un⸗ ter jenen ſtand, die er vom Pater Giovanni erhalten hatte. Dieſe zeigte er Shebak und ſagte ihm den angeblich dafuͤr gegebenen Preis. Shebak ſah ſie mit genau ſorſchen⸗ dem Auge an. „Sie ſind ſehr theuer,“ ſagte er, na9. dem er ſeine ſcheelſuͤchtige Unterſuchung be⸗ endigt hatte;„allein es iſt Geld dafuͤr zu machen. Ich will ſie bem Sir Amias bringen.“ „Das kannſt Du thun, Shebak; allein Geld bekommt er von mir keins mehr; denn wenn das wahr iſt, was ich gehoͤrt habez ſo iſt er ein diebiſcher Bettler, und wird — 95— nicht im Stande ſeyn zu bezahlen, was er mir bereits ſchuldig geworden iſt; wenn ich nicht vorſichtig mit ihm zu Werke gehe⸗ Bring' die Juwelen zu ihm hin, und er mag Geld leihen zu kaufen vom Bunni, vom Aſſad, vom Bigvai oder vom Anathoth, oder wer ihm leihen will, in der Meinung, er ſey ein Mann, der gethan haͤtte eine reiche Erbſchaft, und wenn er hat die Ju⸗ welen, dann wollen wir unſer Geld von ihm wieder holen.“ Shebak, wie die Verachtung, mit der ihn ſein Bruder behandelte, deutlich zeigt, war eine jener Sclavenſeelen, die die Vor⸗ ſehung dann und wann mit jener Verſchla⸗ genheit ausgeruͤſtet geboren werden laͤßt, die ſie zur klugen Ausfuͤhrung der Anſchlaͤge Anderer geſchickt macht. Er ſah zwar nicht ganz deutlich ein, auf welche Weiſe Ado⸗ nijah mit dem Ritter zu verfahren gedachte; da er aber das Vortheilhafte ſeines Beneh⸗ mens beim Handeln aus andern Gelegen⸗ heiten her kannte; ſo nahm er das Kaͤſtchen ohne weiteren Anſtand und trag es nach Crosby⸗Houſe; wo ſich, nach einigem Hin⸗ und Herhandeln, Sir Amias die Juwelen um einen annehmlichen Preis zu kaufen entſchloß; da es Shebak uͤber ſich nahm, das Geld unter billigen Bedingungen, bei einigen derjenigen zuſammen zu bringen, die ihm Adonijah genannt hatte, indem er den Sir Amias verſicherte, daß ſein Bru⸗ der ganz verarmt ſey, und kein Geld zu verleihen habe. Nachdem der Handel abgeſchloſſen, die Berſchreibungen ausgefertigt, das Geld be⸗ zahlt und die Juwelen uͤberliefert worden waren, kehrte Shebak zu Adonijah zuruͤck, um ihm vom Erfolge Nachricht zu geben. „Nun, Du haſt Deine Sache gut ge⸗ macht,“ war die Antwort,„und jetzt will ich ſeyn der Freund von der lieblichen Lady; und Du ſollſt ſehn, welch ein gutes Ding es iſt, zu erwerben Geld mit ſanfter, wohl⸗ thuender Hand; denn ich halte dafuͤr, daß es nicht weiſe von uns und unſern Bruͤdern b — 97— gehandelt iſt, die Wunde im Herzen immer offen zu halten, was ſeit der Sclaverei un⸗ ſerer Vaͤter in Egypten ſtets das Erbtheil von Iſrael geweſen iſt. Ich ſage Dir dies, Shebak, mein Bruder, vor meinem Sohne Josbekaſhah und Leah ſeiner Mutter, damit Ihr alle wißt, daß ich nicht bin wie die Schraubenpreſſe des Muͤnzers, die bloß da iſt, um Geld zu fertigen; noch wie der Schmelztiegel von Raymund Lulli, um Gold aus den Elementen zu bruͤten.“ „Ich will Dir nicht widerſprechen, Bru⸗ der Adonijah,“ erwiederte Shebak,„was Dir auch immer zu thun gefaͤllt, denn Du haſt gehabt ein wunderwuͤrdig gutes Gluͤck, in all' Deinem Thun.“ Adonijah ſah ihn eine Weile veraͤchtlich an, drehte ſich dann nach ſeinem Sohne um und ſagte: „Kehre Dich nicht an ſeine Worte. Er iſt aus dem Abwurf und dem Kehricht zu⸗ ſammengeſetzt, woraus Gott die niedrigen Menſchen macht. Du ſchmutzige Seele, I. Bändchen. 5 2 — 98— ſprichſt Du mit mir von gutem Gluͤck, als ob es dem Verdienſte Abbruch thaͤte. Iſt es nicht eine Eigenſchaft des Menſchen, die wie die Schoͤnheit des Geſichts und die Gabe einer ſchoͤnen klangreichen Stimme zu dem Charakter eines Menſchen ſelbſt ge⸗ hoͤrt? Josbekaſhah, mein Sohn, merke Dir wohl(allein die Macht dieſes zu-thun iſt ſelbſt eine Gabe) wenn Du aͤlter wirſt, ſo waͤhle Deine Freunde und Geſellſchafter immer unter denjenigen, denen der Him⸗ mel von Natur aus jenen zufaͤlligen Vor⸗ zug gewaͤhret hat, den man Gluͤck zu nen⸗ nen pflegt. Es iſt eine von Gott beſcheerte Schoͤnheit und Zierde des Menſchen, eben⸗ ſo wie eine roſige Wange oder ein ſchoͤnes Auge.“ 2⁸ 3 9000000 Z ehntes Kap. i t el. — Viel Weſens. Der Kaufmann hatte ein gutes Weib, Sie liebte ihn wie ihren Leib, Was er ihr ſagte hielt ſie drum Auch für ein Evangelium. Wie der Kaufmann ſeine Frau betrog. Der Beichtvater war indeſſen mit dem Gelde zur Lady zuruͤckgekehrt und von ihr beauftragt worden, ein Schiff auszumachen, mit welchem ſie nach Frankreich uͤberfah⸗ ren koͤnne. Da aber der Tag beinahe ver⸗ floſſen war, und er vor der Vesper in der Abtei von St. Bartholomaͤus, wo er ſich auf⸗ hielt, zuruͤck ſeyn mußte, ſo kamen ſie mit einander uͤberein, daß er denſelben Abend nicht wieder nach Crosby⸗Houſe zuruͤckkeh⸗ — 100— ren ſollte, wenn er nicht etwa ein Schiff faͤnde, das gerade auf der Abfahrt waͤre. Es war bei dieſem Uebereinkommen an keine Berheimlichung gedacht worden; es war bloß eine, den Umſtaͤnden und der Tagsordnung angemeſſene Vorkehrung ge⸗ weſen, und dennoch hatte der zweite Be⸗ ſuch des Moͤnchs die Aufmerkſamkeit der Hausbewohner auf ſich gezogen; und da es dem Sir Amias zufaͤllig erwaͤhnt worden war, ſo fuͤhrte ihn ſeine eigene Argliſt auf den Verdacht, daß Etwas vorgehen muͤſſe. Er ließ demnach Hans Ralph zu ſich rufen, und bat ihn, nachdem er ihm ſeine Be⸗ fuͤrchtungen zum Theile mitgetheilt hatte, den Moͤnch zu beobachten, und ſeinen ver⸗ meintlichen Schlichen nachzuſpuͤren. Nichts konnte der verworfenen Natur dieſes Schurken angemeſſener ſeyn, als ein Dienſt dieſer Art.— Die Ausfuͤhrung tuͤcki⸗ ſcher Streiche war fuͤr ihn Ergoͤtzen; und es gewaͤhrte ihm ein großes Vergnuͤgen, Etwas zu vollziehen, wozu es zweideutiger — 101— Raͤnke bedurfte, als den leichtern Weg ei⸗ nes offenherzigen und redlichen Verfahrens einzuſchlagen. Alſo beauftragt ging er dem Pater Giovanni, nachdem er das Haus verlaſſen hatte, auf dem Fuße nach, und folgte ihm nach der Themſe, an den Ort, an welchem die mit Frankreich und den Nie⸗ derlanden verkehrenden Schiffe gewoͤhnlich vor Anker lagen. Es ſchien indeſſen den Zwecken ſeiner Auskundſchafterei nicht ſehr angemeſſen, ſich damit zu uͤbereilen; wie er alſo wahrnahm, daß der Moͤnch ein Schiff ſuche, zog er ſich, ihn immer im Auge behaltend, auf einige Entfernung zu⸗ ruͤck, bis er ihn mit einem Antwerper Schif⸗ fer, der Wollballen und andere Waaren fuͤr Dieppe in der Normandie lud, unter⸗ handeln ſah. Nachdem der Moͤnch eine Weile mit dieſem Manne geſprochen hatte, nahm er ein kleines Geldſtuͤck aus der Taſche, ſpuckte auf ſelbiges und uͤbergab es dem Schiffer, woraus Ralph Hanslap ſchloß, daß der — 102— Handel zwiſchen ihnen abgeſchloſſen worden ſey; da die Einhaͤndigung des Geldes, und die, ſie begleitenden Umſtaͤnde, auf die Feſtigkeit des Vertrags hindeuteten, und als ein Zeichen von des Moͤnchs ausgeſpro⸗ chener Hoffnung angeſehen werden konnte, daß er fuͤr ſie beide zum Gluͤck ausſchlagen moͤge. Nach geſchloſſener Uebeeinkanft ließ Ralph den Moͤnch nach Hauſe gehen, er ſelbſt aber ging zum Schiffer und fragte ihn, wohin ſein Schiff zu ſegeln beſtimmt ſey. Als er hierauf Antwort erhalten hatte, that er als ob er ſelbſt Geſchaͤfte in der Normandie habe, und fragte weiter bis zu welcher Zeit das Schiff ſegelfertig ſeyn wuͤrde, und ob der Schiffer Reiſende mit⸗ zunehmen gedenke. „Ich kann deren nicht mehr mieneh⸗ men, als wofur ich bereits einig geworden bin,“ war die Antwort. „Ihr habt alſo eine Menge paſſa⸗ giere?“ — 103— „Nicht viel; ein Moͤnch war eben hier, und hat all' unſere Cajuͤtten gemiethet.“ „Sicherlich nicht fuͤr ſich ſelbſt.— Al⸗ lein wozu braucht er alle Cajuͤtten?“ „Nein, fuͤr ſich nicht, ſondern fuͤr eine Lady, ihre Magd und noch ein Kind. Sie wollen mit Fremden nicht belaͤſtigt ſeyn, und er bezahlt mich gut dafuͤr, das Schiff ganz zu ſeiner eigenen Verfuͤgung zu ha⸗ ben.“ Ralph Hanslap forſchte nicht weiter, ſondern kehrte, nachdem er einige Zeit um⸗ her geſchlendert war, als wenn er ſich nach einem andern Schiffe umſaͤhe, nach Hauſe zuruͤck, um ſeinen Herrn von dem, was er gehört hatte, in Kenntniß zu ſetzen. „Es iſt außer Zweifel,“ ſagte Sir Amias,„daß die Lady Albertine den Ent⸗ ſchluß gefaßt hat, das Koͤnigreich zu ver⸗ laſſen; allein ſoll ich ſie gehen laſſen, oder ihr erlauben ihren Sohn mitzunehmen 24 „Laßt ſie gehen,“ erwiederte Ralph nach einer kurzen Pauſe;„ſie mag allein gehen; — 194— denn wenn ſie ihren Sohn mitnimmt, laͤuft man da nicht Gefahr, daß er ſpaͤter wie⸗ derkommt?“ „Es waͤre beſſer,“ ſagte Sir Amias, „daß ſie beredet werden koͤnnte zu bleiben; ſie koͤnnte ſonſt unter ihren Freunden Zeug⸗ niſſe ihrer Vermaͤhlung mit Lord Edmund ſammeln.“ „Wenn ſie nach Florenz kommt, wird ſie hinreichende Zeugniſſe auftreiben,“ er⸗ wiederte Ralph mit bedeutendem Blicke. Sir Amias gab keine Antwort; allein er entfaͤrbte ſich und ging, ſich umwendend, nach dem andern Ende des Zimmers, worin ſie ſich alſo unterhielten. Das kurz zuvor von Shebak erkaufte Schmuckkaͤſtchen ſtand auf dem Tiſche, und ſein Anblick erinnerte Ralph an das, was mit den Juwelen der Lady vorgegangen war; er ſagte demnach: „Wo kann ſie aber das Geld zur Reiſe hergenommen haben?“ Die Bemerkung fiel Sir Amias auf, und in offenbarer Zerſtreuung rieb er ſich — 105— 3 eine Weile die Stirne mit der Hand, in⸗ dem er ſeine Schritre durch das Zimmer verdoppelte. „Ich denke,“ verſetzte Ralph Hanslap, „daß ihr Beichtvater ihr das Gelb ver⸗ ſchafft hat.“ „Aein wie? allein wie?“ rief Sir Amias bewegt;„Geld borgt man nicht ohne Sicherheit; was kann ſie geben?“ „Ihre Juwelen.“ „Das will ich bald erfahren,“ Hagte Sir Amias, und indem er nach dem Ti⸗ ſche ging, auf welchem Shebaks Kaͤſtchen ſtand, nahm er es und ging mit dem Er⸗ ſuchen an Ralph, ſeine Ruͤckkehr abzuwar⸗ ten, gerade nach dem Zimmer, wo Lady de Crosby ihren Abend hinzubringen pflegte. „Ich bringe Euch,“ ſagte er in ei⸗ nem munteren Tone beim Eintritte, nein Geſchenk von Steinen; ich glaube, daß ſie ſchoͤn ſind, und nicht leicht ihres Gleichen finden.? Die Lady war gerade nicht guter Laune, I. Bändchen. 5* — 106— ſolche Dinge anzuſehen; ſie war wegen der ungluͤcklichen Lady Albertine bekuͤmmert, und hegte einen ſchmerzlichen Argwohn in ihrem Buſen, daß es Sir Amias nicht ehr⸗ lich mit der wehrloſen Fremden meyne. Seine muntere Laune zog ſie aber aus ih⸗ ren Traͤumereien, und nach und nach ward ſie dahin gebracht, den Inhalt des Kaͤſt⸗ chens anzuſehen. „Glaubt Ihr nicht,““ ſagte Sir Amias, „daß dieſe Perlen und Rubinen hier ſchoͤ⸗ ner ſind wie jene der Lady Albertine?“ „Sie ſind nicht ſo groß,“ erwiederte die Lady,„und obgleich ſehr ſchoͤn, den⸗ noch meiner Wainung nach nicht ſo koſt⸗ bar.“ „Nein, Skh enicte und achtet mein Geſchenk nicht fuͤr ſo gering; denn ich wuͤrde ſie nicht gekauft haben, haͤtte ich ſie nicht fuͤr weit vorzuͤglicher gehalten, und Ihr werdet mir es eingeſtehen, daß ſie es ſind, man wird mich nicht von dem Ge⸗ gentheile uͤberreden wollen.— Es wuͤrde — 407— mich ſelbſt kraͤnken, wenn ſie nicht ſchoͤner ausfielen; ſeyd daher ſo gut, Euch von der Lady Albertine ihr Schmuckkaͤſtchen zu er⸗ bitten, damit wir ſolche mit einander ver⸗ gleichen koͤnnen.“ Die Lady de Crosby entfaͤrbte ſich und rief von Mitleid ergriffen: „Ich kann dieſes nicht am heutigen Abend noch thun; ich kann ſie nicht mit einer Sache behelligen, die mit ihrem Grame ſo wenig im Einklange ſteht.“ „Dieſes ſind koſtbare Steine,“ verſetzte der hinterliſtige Baron,„und Ihr koͤnnt ihr ſagen, ich ſtuͤnde wegen des Kaufes in Unterhandlung, und wuͤrde ihr daher fuͤr die Mittheilung der ihrigen zur Veralei⸗ . chung ſehr verbunden ſeyn.“ „Ich glaubte von Euch vernommen zu haben,“ erwiederte die Lady,„daß ſie be⸗ reits erkauft ſeyen?“ „Ich habe um ſie gehandelt, wenn ſe aber geringer ſind, ſo will ich ſie nicht ha⸗ ben; ich bitte Euch alſo mir den Gefallen — 108— zu erzeigen, Euch das Kaͤſtchen zur Einach von ihr zu erbitten.“ Gerne wuͤrde die ſanftmuͤthige Lady de Crosby dieſen Auftrag noch immer ab: gelehnt haben; allein ihr Gemahl drang ſo ernſthaft in ſie, daß ſie es ihm nicht laͤn— ger abſchlagen konnte. „Schlauheit, ſagt unſer Autor,„iſt der Weiber und Schwachen rechte Hand. Der großen Hochachtung ohngeachtet, wel⸗ che die Lady Albertine fuͤr die guten und liebenswuͤrdigen Eigenſchaften der Lady de Crosby hegte, hatte ſie ſich doch von dem Augenblicke an, wo ſie den Entſchluß faßte, nach Hauſe zuruͤckzukehren, vorgenommen, ſich nicht mehr jener ſchweſterlichen Vertrau⸗ lichkeit mit ihr hinzugeben, welche bisher zwiſchen ihnen Statt gefunden hatte, weil ihr dieſes unmoͤglich geweſen waͤre, ohne die Erbitterung ihres Herzens gegen Sir Amias laut werden zu laſſen, dem ihre Freundin, als treues Weib, wie ſie wußte, von Herzen ergeben war. Eine vermeint⸗ — 109— liche Aenderung in den Geſinnungen der Lady war ihr jedoch unerwartet. Als ſie demnach ihre ſichtbare Verlegenheit wahr⸗ nahm, die aus der Natur ihrer Bitte um die Darleihe des Kaͤſtchens entſprang, be⸗ maͤchtigten ſich ihrer Furcht und Mißtrauen dermaßen, daß ſie die, der Lady vom rein⸗ ſten Wohlwollen eingegebene Schuͤchtern⸗ heit dem Bewußtſeyn unredlicher Abſichten beimaß. Anſtatt ihr demnach eine beſtimmte Antwort zu geben, ſah ſie dieſelbe mit vor⸗ wurfsvollen Blicken an, und brach endlich in Thraͤnen aus. Lady de Crosby war dem Anſcheine nach nicht minder ergriffen, und begann ſich wegen der Unſchicklichkeit ihres Verlan⸗ gens zu einer ſolchen Stunde, zu entſchul⸗ digen, indem ſie ſe mit aller ihr eigen⸗ thuͤmlichen Leutſeligkeit und Bedauern ver⸗ ſicherte, daß ſie nur durch die dringlichen Bitten ihres Gemahls ſich dazu habe bewe⸗ gen laſſen koͤnnen. „Ich weiß das wohl,“ erwiederte Lady — 110— Albertine;„ich weiß, daß Euch Euer Herz an ſolchen Kraͤnkungen nie wuͤrde haben Antheil nehmen laſſen—.“ Jedoch plötzlich innehaltend, trocknete ſie ihre Augen, und ging in ihr Kabinet, wo gewoͤhnlich das Schmuckkaͤſtchen ſtand, und that, als ob ſie ſich darnach umſaͤhe.—„Es iſt nicht hier,“ ſagte ſie nach einigem Suchen;„der Kopf iſt mir aufs Letzte ſo toll geworden; — kommt morgen, ich werde alsdann ge⸗ ſammelter ſeyn.“ Gluͤcklich eines, wie ſie wohl fuͤhlte, ebenſo unangenehmen, als ungroßmuͤthigen Auftrages diesmal uͤberhoben zu ſeyn, wil⸗ ligte Lady de Crosby gern in den Aufſchub bis zu einer ſchicklicheren Zeit ein, und kehrte nach dem Zimmer zuruͤck, wo ſie den Sir Amias verlaſſen hatte, und wo ſie ihn bat, die Vergleichung der Juwelen Nacß eine Weile zu verſchieben. — —— 171 * m Eilftes Ka pitel. Set Schurken. 119 1 hahr Meiſer. geichtfuß heißt Meiſter Faſchenſauger einen Schurken; und Meiſter Flaſchenſauger . nennt Euch einen Schurken, und ich für e mein Theil glaube, daß Ihr beide Schurken Frn ſeyd; denn warum? keiner von Euch beiden handelt ehrlich. Der Berfau von Ppoetra⸗ die 1219 den Mantel nach dem Winde 45 hängen von unprivilegirten 1 Druckern— Buchhändler Pil⸗ h 13 ſen— von umhertrabenden Zeitungsträgern— und aus⸗ ſchreienden Hökerinnen. Unſer Gelchicſchree gahtee nachdem er den Eindruck beſchrieben hat, den die Nach⸗ richt der Lady de Crosby auf den Sir Amigs machte, ins Moraliſiren uͤber, und laͤßt ſich — 112— in eine lange Eroͤrterung uͤber den Unter⸗ ſchied zwiſchen Schurkerei und Verbrechen ein. Es wuͤrde dem Geſchmacke unſerer Leſer, vorzuͤglich unſerer jungen Schoͤnen nicht zuſagen, wenn wir alles erzaͤhlen ſoll— ten, was er ſo artig uͤber dieſe Gegenſtaͤnde ſagt. Wir wuͤrden aber ſeiner, mit ſo ſicht⸗ barem Scharfſinn begabten Perſon keine Gerechtigkeit widerfahren laſſen, wenn wir daruͤber ganz hinweg gleiten wollten. Verbrechen, bemerkt er, ſind die Fol⸗ gen einer ausſchweifenden Leidenſchaft, und ruͤhren von unſerm animaliſchen Inſtinkt und unſern Neigungen her; Schurkerei aber iſt ein ganz intellektuelles Laſter, wel⸗ ches ſeine Quelle im uͤbertriebenen Eigen⸗ duͤnkel hat. Der Verbrecher iſt ein Wol⸗ luͤſtting, der ſich nach Luſt ſehnt, ſie ſucht und, ohne Ruͤckſicht auf die Folgen, die Schranken durchbricht, welche Religion und Sitten zum Schutze der geſelligen Rechte aufgerichtet haben.— Der eigent⸗ liche Schurke beachtet aber ſolche Schranken — 113— ſehr; und ſo kommt es denn, daß, ob wir gleich oft und vielmals die beſondern Ei⸗ genſchaften eines Schurken und eines Ver⸗ brechers in Einem Buſen vereinigt finden, es dennoch nichts Seltenes iſt, daß man Menſchen antrifft, die bei wenig Leiden⸗ ſchaft und ruhiger Gemuͤthsart, im Ange⸗ ſicht der Welt ſich einen bewunderungswuͤr⸗ digen Tugendſchein zu geben wiſſen, waͤh⸗ rend das ganze Gewebe ihrer Handlungen, und die Weiſe, wie ſie andere uͤbervorthei⸗ len, kaum eine ſo beſcheidene Benennung wie ehrlich iſt, verdienen. Kurz, der La⸗ ſterhafte jagt dem Vergnuͤgen nach; denn die Quelle aller Schurkerei liegt in der ge⸗ heimen Ueberredung, daß die andern Men⸗ ſchen minder klug ſind als Er, der zu ih⸗ ren Kniffen ſeine Zuflucht nimmt. Fruͤher oder ſpaͤter jedoch fehlt es ſich nicht, daß ihm die Welt beweiſ't, daß er ein Narr war, und wuͤrdigt ihn herab, wenn ſie ihn auch ungeſtraft laͤßt.. Nach dieſer Abhandlung faͤhrt der Au⸗ — 114— 3 tor fort, uns zu erzaͤhlen, was ohne Zwei— fel der Leſer ſchon zum Theil errathen ha⸗ ben wird, daß naͤmlich Sir Amias, als ein Schurke, bei der Entdeckung, daß Trotz ſei⸗ nes gefaͤlligen Weſens und anſcheinenden Wohlwollens, womit er die Lady Albertine behandelte, ſie ſeine Schlauheit durchſchaut, und ſich ſelbſt in Bereitſchaft geſetzt hatte, ſeine Plaͤne zu vereiteln, nicht wenig auſſer Faſſung gerieth; denn ſeine eigene Gewandt⸗ heit in liſtigen Streichen lehrte ihn, daß die Entſchuldigung das Kaͤſtchen nicht fin⸗ den zu koͤnnen, nichts als eine leere Aus⸗ flucht ſeyn koͤnne. Es war in der That auch ſehr unwahrſcheinlich, daß ein Object von ſolchem Werthe ſollte verſtellt ſeyn koͤn⸗ nen; er theilte jedoch von dem, was er dachte, ſeiner Lady nichts mit; ſondern kehrte zu Hanslap zuruͤck. „Es iſt gewiß, daß Gie ihre Juwelen veraͤußert hat,“ rief er, als er ins Zimmer trat,„und ſie wird bald auſſer unſerem Bereich ſeyn.“ .— u15— „Ich habe gedacht,“ erwiederte Ralph, „daß Ihr ſie gehen laſſen ſolltet; allein das Kind muͤſſen wir zuruͤck behalten. Wenn Ihr Gefahr lauft, ſo iſt es nicht von ihrer, ſondern von ſeiner Seite. Ihr Sohn muß nie kennen lernen, wer er iſt.““ „Wird ſie aber auch ohne ihren Sohn weggehen?“ „Wenn ſie geht, ſo muß es vns den⸗ ſelben ſeyn.“ „Und wie?“ „Spracht Ihr nicht vorhin davon, ihr die Juwelen zu ſtehlen?“ Der Baron erroͤthete, vielleicht nnehr noch uͤber die Vertraulichkeit, womit er von einem ſo ſchaͤndlichen Worte Gebrauch machte, als vor Scham, einen ſolchen Ge⸗ danken geaͤußert zu haben; Ralph fuhr aber fort:„Es iſt aben ſo leicht, das Kind weg zu nehmen, als es war, das Kaͤſtchen bei Seite zu ſchaffen, und ich habe mir ausge⸗ dacht, wie dieſes geſchehen kann.“— „Wirklich?“ rief Sir Amias haſtig. — 116—. „Wie Ihr hoͤren ſollt. Es lebt der⸗ malen ein Mann von Rocheſter mit ſeinem Weibe in London, der ſeines Gewerbes ein Schneider iſt. Ich kenne ſie gut; beide ſind liebreiche, gutherzige Menſchen, die das Kind wie ihr eigenes behandeln werden.“ „Ich wuͤrde auch ſonſt in den Plan nicht einwilligen,“ verſetzte Sir Amias, als wolle er damit gleichſam die Vorwuͤrfe ſeines ſich in ſeinem Innern regenden und immer lauter werdenden Gewiſſens be⸗ ſchwichtigen, das ihn vor der Naͤhe der ſich eroͤffnenden Pforten der Hoͤlle warnte. „Nun,“ verſetzte Ralph,„kann ich ih⸗ nen das Kind nicht bringen, und es ihnen als die Waiſe des, im ſchottiſchen Kriege mit Lord Edmund ſeinem Herrn getoͤdteten, Hu⸗ bert Neville anvertrauen?— Ihr ſeht, mein Vorſchlag iſt ganz einfach.“ Sir Amias geſtand ein, daß er es al⸗ lerdings ſey, aͤußerte aber doch uͤber die Art, denſelben in Ausfuͤhrung zu bringen, einige Bedenklichkeiten, indem er ſagte: — 117— „Allein wie ſoll das Kind weggebracht werden? Es iſt unmoͤglich es aus dem Hauſe zu bringen, ohne mich den lauten Beſchuldigungen der Mutter auszuſetzen.“ „Das Schiff,“ erwiederte Ralph,„das der Möͤnch fuͤr ihre Ueberfahrt gemiethet hat, wird vor zwei Tagen nicht ſegelfertig ſeyn; in der Zwiſchenzeit will ich die Ge⸗ legenheit ablauern.“ Es erfolgte hierauf eine weitere Unter⸗ redung, in welcher ſie uͤbereinkamen, daß Ralph Hanslap ſich unverweilt zu Pierce Pigot und ſein Weib begeben ſollte, um die noͤthigen Verabredungen mit ihnen zu treffen. Ralph verließ demnach das Zimmer und ging in die Straße hinab. Es war um dieſe Zeit ſchon ganz dun⸗ kel geworden; nur hier und da warfen die Feuereſſen der Huf⸗ und Waffenſchmiede ihren roͤthlichen Schimmer ſtreifenweiſe uͤber den Dammweg, ſo daß jeder Vorbeigehende, obgleich nur fuͤr Momente, hell und kennt⸗ lich beleuchtet ward, und man einen jeden — 118— in betraͤchtlicher Entfernung leicht erkennen konnte; und ſo geſchah es denn, daß Ralph, indem er aus dem Thore von de Crosby's Wohnung trat, Adonijah auf der Straße erkannte, wie er nach dem Hauſe hinging, was ihn um ſo mehr in Verwunderung ſetzte, als die Juden in jenem Zeitalter ſelten bei Nacht auszugehen wagten; ſo ſehr waren ſie damals den Beſchimpfungen und einer unduldſamen Behandlung von Perſonen aus allen Staͤnden ausgeſetzt. Er glaubte jedoch, daß Adonijah, in Folge des dieſen Tag ihm ſelbſt uͤberbrachten Auf⸗ trags, vermuthlich das, ihm von Sir Amias verlangte Geld zuſammen gebracht habe, und ihn davon zu unterrichten kaͤme. Seine Verwunderung verwandelte ſich jedoch in Neugierde, als der Jude, ſtatt nach dem Baron zu fragen, die Lady Albertine zu ſehen wuͤnſchte.„Er iſt es,“ ſagte Ralph zu ſich ſelbſt,„dem ſie ihre Juwelen ver⸗ kauft hat, und ohne Zweifel iſt er gekom⸗ men, ihr das Geld dafuͤr zu uͤberbringen.“ — 119— Einen Augenblick ſtieg die Idee in ihm auf, daß er ſeinem Herrn vielleicht einen weſentlichen Dienſt leiſten und ſeine Abſich⸗ ten befoͤrdern koͤnnte, wenn er das Geld auffinge; allein ein kurzes Nachdenken be⸗ lehrte ihn, daß der Verſuch zu gewagt ſey, ihn ſo unvorbereitet ſchnell unternehmen zu koͤnnen; er antwortete demnach Adoni⸗ jah hoͤflich und rief dem Thuͤrſteher, dem er ihn empfahl, waͤhrend er ſelbſt ausging, um ſeinen Auftrag zu vollziehen. 3 w oͤlf tes Kapitel. Ein Menſch. Wahr iſt es, Gold vermag ſehr viel; Doch Schönheit mehr.— Maſſinger. Die Lady Albertine war, wie es ſcheint, ſehr erſtaunt, als man ihr hinterbrachte, daß der Jude ſie zu ſprechen verlange; ſo⸗ wohl der Sonderbarkeit des Beſuchs, als der unſchicklichen Stunde wegen, worin er gemacht wurde. Da ſie in dieſem Augen⸗ blicke mit ihren Maͤgden muͤtterlich beſchaͤf⸗ tiget war, ihren kleinen verwaiſ'ten Sohn in den Schlaf zu lullen, ſo befahl ſie dem Diener, der den Adonijah bei ihr anmel⸗ dete, ihn zu erſuchen, den andern Morgen wieder zuzuſprechen; ihre Neugierde wurde E* — 121— jedoch ploͤtzlich durch eins ihrer Maͤdchen gereizt, die ihre Verwunderung zu erken⸗ nen gab, was derſelbe wohl zu einer ſol⸗ chen ſpaͤten Stunde verlangen koͤnne. Sie verließ alſo das Gemach, worin ſie ſich be⸗ fand, und ging in ein Vorzimmer, in welches ſie ihn einzufuͤhren befahl. Adonijah kam demuͤthig geſchlichen, Kratzfuͤße und Buͤcklinge machend, als er eintrat. Die Lady, die ihn nie geſehen hatte, ward, ſey es daß ſeine Geſichtsbildung oder die kriechende Unterthaͤnigkeit, mit welcher er ſich ihr nahte, einen uͤblen Eindruck bei ihr machte, ſehr gegen ihn eingenommen. „Was iſt Euch gefaͤllig?“ fragte ſie, als er ſich ihr auf dieſe Weiſe bis auf zwei oder drei Schritte genaͤhert hatte. „Ich moͤchte ein Wort mit Euch ſelbſt ſprechen,“ erwiederte Adonijah, einen Blick nach der Thuͤre werfend, die in das innere Gemach fuͤhrte und noch offen ſtand. Ddie Lady drehte ſich um, machte die 1. Bändchen. 6 — 122— Thuͤre zu und bat ihn, ſich niederzulaſſen, indem ſie ſelbſt einen Sitz einnahm. Statt deſſen aber legte Adonijah die Hand auf die Bruſt, und buͤckte ſich demuͤ⸗ thigſt dankbar fuͤr die ihm widerfahrene Hoͤflichkeits⸗ Erweiſung. Anſtatt nach einem Stuhle zu gehen, ſah er ſich vorſichtig um, und dann das Kaͤſtchen Witer ſeinem Man⸗ tel hervorlangend, das ihm ihr Beichtva⸗ ter verkauft hatte, trat er ganz nahe zu ihr hin, und ſagte ihr leiſe: „Gnaͤdige Frau, ein ehrlicher Mann, ein Geiſtlicher, hat mir dieſes gebracht zum kaufen, und er hat mix geſagt, daß dieſe Juwelen waͤren Eure Juwelen; iſt dem alſo?“ Lady Albertine erkannte ihr Kaͤſtchen beim erſten Blicke, und ward, ſowohl durch dieſen Umſtand, als durch die luͤſternen Blicke, welche der Jude auf ſie warf, waͤh⸗ rend er daſſelbe in ſeiner Linken hielt und unter der Rede mit der Rechten auf dem Deckel fingerte, auſſer Faſſung gebracht. — 123— „Ja, dieſe Juwelen waren mein,“ war ihre Antwort;„ich vertraute ſie einem Or⸗ densgeiſtlichen zum Verkaufe an, und er hat mir das dafuͤr empfangene Geld uͤber⸗ bracht.“ „Ich habe ihm gegeben zu viel Geld, die Juwelen ſind ſchlecht,— ſehr unwerth, — es ſind Steine aus der Bach, ſehr ge⸗ ring und kein Geld werth.“ Die Lady ſchloß natuͤrlich hieraus, daß der Jude, mit dem Kauf unzufrieden, ge⸗ kommen ſey, um ſein Geld wieder zu for⸗ dern, und ſah ſich hierdurch nicht allein ge⸗ taͤuſcht, ſondern auch in Verlegenheit geſetzt. „Es thut mir leid,“ ſagte ſie,„daß 1 ſie ſo gering ausgefallen ſind; allein ich brauche das Geld und kann nicht Alles wiedergeben.“ „Ich will nicht haben die Juwelen,“ erwiederte Adonijah,„Ihr ſollt ſie wieder nehmen, und mir geben Eure Verſchrei⸗ bung fuͤr das Geld.“ Die Lady ſah ihn eine Zeilans an, — 124— ohne eine Antwort zu geben. Sie ſchien nicht recht verſtanden zu haben, was er geſagt hatte. „Ihr ſollt,“ verſetzte Adonijah, indem er ihr das Kaͤſtchen hinhielt,“ Eure Juwe⸗ len wieder nehmen und behalten, oder je⸗ mand anderem verkaufen; ich will aber ſie nicht nehmen fuͤr mein Geld, ſondern bloß eine Verſchreibung von Euch haben.“ „Allein,“ erwiederte die Lady, indem ſie ihm das Kaͤſtchen abnahm und ihm ins Geſicht ſah,„ich kann Euch keine Sicher⸗ heit dafuͤr geben.“ „Wird Sir Amias nicht ſoviel thun, Euch dieſe Freundſchaft zu erweiſen?“ ſagte der Jude, indem er ihr forſchend ins Auge ſah;„er iſt ein guter Mann und alle Menſchen ſprechen Gutes von Sir Amias de Crosby; er hat an ſuͤßen Redensarten ſeines Gleichen in England unter den Chri⸗ ſten nicht; er wird auch einer ſo artigen Dame eine ſo kleine Gefaͤlligkeit gern er⸗ zeigen wollen.“. — 125— Die Lady ſeufzte; ſie ſchlug einige Mo⸗ mente die Augen nieder, und verſetzte hier⸗ auf wieder aufblickend, mit entſchloſſener Stimme: 3 3„Ich mag den Sir Amias nicht darum anſprechen, allein ich will Euch die Haͤlfte des Geldes wiedergeben,— das Kaͤſtchen iſt gewiß die andere werth, und Ihr koͤnnt es verkaufen.“ „Ich ſage Euch,“ erwiederte Adonijah, indem er eine aufrechte Stellung annahm und frei heraus ſprach,„daß ich Eure Ju⸗ welen nicht haben will,— die Juwelen ſind Euer, und ich will bloß eine Ver⸗ ſchreibung fuͤr mein Geld.“ Die Lady ſchwieg eine Weile, und auf ihre Wange troͤpfelte eine Thraͤne, die ſie wegwiſchte.. „Ich bin eine freundloſe Fremde in dieſem Lande,“ ſagte ſie,„und kann Eu⸗ erm Verlangen nicht entſprechen.“ „Bin ich nicht Euer Freund, Lady, wenn ich Eure Handſchrift fuͤr mein Geld — 126— annehmen, und Euch die Juwelen wieder zuruͤckgeben will, damit Ihr ſie abermals verkaufen koͤnnt? Ich nehme Eure eigene Handſchrift dafuͤr an, Lady.“ Er ſprach dieſes in einem ſo ſanften, beſaͤnftigenden Tone, daß Lady Albertine ihn mit Verwunderung anſah und von ih⸗ rem Stuhle aufſtehend ſagte:„Wie kommt es, daß ich einem mir fremden Menſchen ſolche Verbindlichkeiten zu verdanken haben ſoll 2% „Weil in Euerem Geſicht iſt die Lieb⸗ lichkeit,“ erwiederte Adonijah,„und ich gaͤbe viel Geld darum, um es zu machen froͤhlich.“ Das vaͤterliche Wohlwollen, das in ſei⸗ nem Ausdrucke lag, klang der Lady ſo wohlthuend, daß ſie uͤber die Gutherzigkeit ſeiner Erklaͤrung laͤcheln mußte, waͤhrend ſie zugleich fuͤhlte, daß die Großmuth des Juden ihr kaum weniger Erſtaunen haͤtte einfloͤßen koͤnnen, wenn ihr ſelbige auch von einem Chriſten geworden waͤre. 3 — 127— „Der ehrliche Mann,“ fuhr Adonijah fort,„der mit Euern Juwelen zu mir kam, hat mir Eure Geſchichte erzaͤhlt, und daß Ihr Euer Kind von ſeinem Erbe entfernen wollt. Daran thut Ihr nicht klug, Lady; bleibt mit ihm im Lande;— bin ich nicht Euer Freund?“ „Allein Sir Amias iſt ſowohl der Feind von mir, als von meinem ungluͤck⸗ lichen Kinde.“ „Sir Amias iſt ein großer Mann,“ fuhr der Jude gedankenvoll fort,„und Adonijah ein ſo geringer Menſch, daß ihn die Hunde anknurren— ja auch beißen, ohne daß jemand ein menſchliches Mitlei⸗ den fuͤr ihn fuͤhlt; allein, liebe Lady, fuͤrchtet Euch nicht, Sir Amias iſt Geld ſchuldig, und muß ſich deßhalb ſchmiegen. Ich will meine Verſchreibungen an Chriſten verkaufen; denn das Geſetz giebt ihnen Rechte zu Dingen, die weder mir noch ei⸗ nem meines Volkes zu thun erlaubt ſind.“ Die Lady fuhr noch eine Weile fort, — 128— ihn mit verwunderten, aber mißtrauiſchen Blicken anzuſehen; endlich ſagte ſie zu ihm: „Euer Beſuch hat mich in Verlegen⸗ heit geſetzt— Euer Benehmen erſtaunt mich noch mehr, und ich bin unfaͤhig die Be⸗ weggruͤnde zu errathen, die Euch antrei⸗ ben, mir ein ſo unverhofftes Wohlwollen zu erzeigen.“ „Ich habe ſo mein Bergnugen daran,“ erwiederte Adonijah liebreich, aber den⸗ noch mit dem Ausdrucke der tiefſten Ehrer⸗ bietung in ſeinem ganzen Benehmen. „Ihr ſeyd ſchoͤn und anmuthig, und gleicht der Tochter von Jeruſalem, einſam im fremden Lande.“ „Allein was bin ich Euch? und wie kommt es, daß Ihr einen ſo großen An⸗ theil an den widrigen Schickſalen einer Fremden nehmt?“ „Wenn Ihr ſeht die Roſe aus der Knospe gucken,“ erwiederte der Jude, „macht Euch das kein Vergnuͤgen? Wenn Ihr hoͤret die Geſaͤnge des Morgens, ma⸗ — 120— chen ſie Euch nicht froh? Wenn Ihr ſeht die Waſſer flimmern in der Sonne, macht Euch das nicht froͤhlich? Iſt nicht der Wohlgeruch der Pflanzen am Abend, wie der Gedanke an Eden und die Granataͤpfel⸗ Gaͤrten Salomos? Strahlen die Sterne Euerem Geiſte nicht noch eine hoͤhere Hei⸗ ligkeit zu, wie ihr Licht? Und wenn der Mond hervorkommt in ſtiller Pracht, iſt da die Seele nicht zum Ueberſtroͤmen mit un⸗ ausſprechlichem Entzuͤcken erfuͤllt? Allein weder die Roſe, noch die Geſaͤnge des Morgens, noch der Wohlgeruch des Abends, noch die Heiligkeit der Sterne, noch die Pracht des Mondes, geben mir eine ſolche Fuͤlle von Zufriedenheit, als die Gluͤckſe⸗ ligkeit, die ich verbreite mit meiner eige⸗ nen Hand. Ihr wundert Euch, Lady, mich ſo ſprechen zu hoͤren; allein ob ich gleich ein Jude bin— ein verachteter Jude, und faſt ein Greis; ſo hat es doch Gott ge⸗ fallen, mir zu geben ein wohlwollendes Herz, und in dieſes Herz ein Auge, das 1. Bändchen. 6* — 130— ſich ergoͤtzt an der Vorzuͤglichkeit, ſie be⸗ ſtehe in aͤußerer Lieblichkeit oder in der in⸗ nern Harmonie guter Gedanken.“ 8 Der Waͤrme ohngeachtet, womit Ado⸗ nijah dieſes ſprach, lag doch in ſeinen Ma⸗ nieren der Ausdruck einer ſo vaͤterlich rei⸗ nen Geſinnung, daß die Lady Zutrauen zu ihm faßte, und in aller Unſchuld zu ihm ſagte: „Es iſt mir nicht erinnerlich, je eine Gelegenheit oder Beranlaſſung gehabt zu haben, Euch zu beweiſen, daß ich einen An⸗ ſpruch auf Eure Achtung zu machen habe.“ „Allein ich habe Euch oft geſehen, und der Anblick des ſchoͤnen Geiſtes, der aus Euerm Geſichte leuchtete, war mir wie Sonnenſchein. O, Lady! es wuͤrde mir mehr Vergnuͤgen machen, denn alles Geld, koͤnnte ich die Widerwaͤrtigkeiten beſeitigen, die ihren froſtigen Schatten ſo duͤſter auf ein ſolches ſchoͤnes Weſen fallen laſſen. Ich— lebe nicht des Geldes wegen; ich bin nicht gemacht, um mein Herz ans Gold zu haͤn⸗ — 131— gen; denn ich bin ein aufrichtiger Mann, und wuͤnſche die Armuth verbannen zu koͤn⸗ nen; Ihr aber denkt, ich ſey hungrig nach Gewinnſt. Ach! liebe Lady, iſt es meine Schuld, als Jude geboren worden zu ſeyn?“ Nach einigen weiteren lebhaften Be⸗ theuerungen ſeiner vaͤterlichen Theilnahme an ihrer Lage, gelang es Adonijah endlich, das Verſprechen von der Lady zu erhalten, daß ſie England nicht verlaſſen wolle, bis ſie wieder von ihm gehoͤrt habe. „Allein,“ ſagte er,“ dieſes Haus eig⸗ net ſich nicht laͤnger zu einer Wohnung fuͤr Euch und Euern Sohn zugleich mit Sir Amias. Ihr ſchwebt hier in Gefahr, und muͤßt den Fallſtricken entgehen, muͤßt dem Vogelſteller entwiſchen. Ich werde Euch daher ausmachen eine Wohnung an einem ſchoͤnen Orte, wohin Ihr Euch zuruͤckziehen köoͤnnt: und wenn ſie in Bereitſchaft iſt, werdet Ihr kommen mit mir, denn bin ich nicht Euer Freund?“ Dies war eine zu den Vorfallenheiten des Tages ſo triftige Schlußfolge, daß die ungluͤckliche Lady, durch die unerwartete. Freundſchaft beruhiget, die ſich ihr in die⸗ ſer verzweifelten Lage ihrer Gluͤcksumſtaͤnde zu ihrem Troſte darbot, ſehr gern in den Vorſchlag einwilligte. Als Adonijah end⸗ lich Bewegung machte, ſich weg zu bege⸗ ben, hielt ſie ihm ihre Hand hin, welcher er einige Minuten lang ſanft ſeine Wange aufdruͤckte, und ihr zu gleicher Zeit einen Ring von bedeutendem Werthe an den Fin⸗ ger ſteckte. Dreizehntes Kapitel. Das Complott. Wenn ihr Verdienſt nicht ſo viel ſich erzielt, Daß ſie ſich nicht unglücklich fühlt; und ſo unglücklich, als wenn bar der Ehr' Sie die Verworfenſte von ihren Schweſtern wär': Wie leicht wär' dann ihr Thun, vom Himmel abgewogen, Fänd' ſie, ſo flecklos, ſich in ihrem Ziel betrogen. Die Sorgen und Leiden der Königin von Böhmen. Ralph Hanslap war zuruͤckgekehrt, noch ehe der Jude Crosby⸗Hauſe verließ, und hatte ſich mit ſeinem Herrn eingeſchloſ⸗ ſen. Was zwiſchen ihnen vorging, ſcheint unſer Autor nicht erfahren zu haben, da er⸗ bloß erwaͤhnt, daß ſie in geheimer Bera⸗ thung zuſammen blieben, lange nachdem — 134— die ganze Familie ſich ſchon zur Ruhe be⸗ geben hatte, und daß, als ſie ſich trennten, es ſo ſtill im Hauſe war, daß man das Rieſeln des Sandes in den Stundenglaͤſern uͤber dem Kamin haͤtte vernehmen koͤnnen. Das einzige Geraͤuſch im Hauſe kam von den Zimmern der Lady Albertine; denn ihr Kind war wach, und nachdem Adonijah weggegangen war, verſuchte ſie noch immer mit ihrer Amme es zu beſchwichtigen. Ihre vernehmbaren Fußtritte und das Schreien ihres unruhigen Kleinen, der ſie in ihren Bemuͤhungen, ihn zum Schweigen zu bringen, unaufhoͤrlich unterbrach, hielt Ralph, nachdem er den Sir Amias verlaſ⸗ ſen hatte, noch immer auf dem Hausgange zuruͤck. Er hatte ein Wachslicht in der Hand und nahm beim Heraustreten aus dem Zimmer des Ritters das Gefaͤß ſeines Schwerdtes unter den Arm. Als er ſich der Thuͤre zu dem Gemache der Lady naͤ⸗ herte, ſchlich er ſachte und horchte; er blick⸗ — — te ſodann verſtohlen umher und ſah bleich und aͤngſtlich aus; er faßte ſich jedoch bald wieder und ſchritt mit vielleicht noch be⸗ herzterer Miene der Stiege zu, als zu ſei⸗ nem Vorhaben noͤthig war. Anſtatt jedoch auf ſein Zimmer hinauf zu gehen, ſtellte er den Wachsſtock auf die Treppe und ging hinab in den Hof. Waͤhrend ſeiner Abweſenheit kam die Amme ebenfalls, mit einem Licht in der Hand, auf den Gang, und ging nach der Treppe zu, um eine von den Maͤgden der Lady Albertine herabzurufen, ihrer Ge⸗ bieterin beizuſtehen, da das ungeſtuͤme Schreien des Kindes ſie beide ermuͤdet hat⸗ te. Die Alte hatte jedoch kaum die, zur Treppe fuͤhrende Thuͤr erreicht, welche von Ralph Hanslap offen gelaſſen worden war, als ſie ſich ſchnen umdrehte und zur Lady zuruͤck eilte. „Was giebts,“ fragte die Laby Alber⸗ tine,„Ihr ſcheint beaͤngſtigt.“ „O nichts,“ erwiederte die Amme, 14 — 136— ihre Kleider in Ordnung bringend;„es ſind noch mehrere Bedienten auf. Ich ſah zwei von ihnen auf der Treppe ſtehen und konnte mich ihnen nicht in bieſem Anzuge zeigen.“ Waͤhrend ſie alſo mit einander ſpra⸗ chen, erweckte ein Brandgeruch die Aufmerk⸗ ſamkeit der Lady, und ſie bemerkte es der Amme mit einiger Beſorgniß. „Es hat jemand,“ erwiederte dieſe, nein Licht auf der Stiege ſtehn gelaſſen.“ „Seht zu, daß es keinen Schaden thut,“ rief die Lady; allein ehe noch die alte Amme die Treppenthuͤre wieder er⸗ reichte, brachte Ralph Hanslaps Stimme, der mit einem Male Feuer ſchrie, das ganze Haus in Aufruhr. Die Lady ſtuͤrzte nach der Wiege, raffte ihr Kind auf, und eilte damit auf den Gang und die Treppe hinab, wo das Licht noch immer harmlos brannte. Ihr folgte die Amme mit einem in der Eile zuſam⸗ men gerafften Buͤndel Kleider. — 137— 1 Als ſie auf den Hof kam, ſah ſie die Flamme aus einem der Fenſter hervorbre⸗ chen, und mehrere der Hausdienerſchaft, halb nackt, mit Waſſereimern und Kuͤbeln auf und ab rennen. Das große Hofthor nach der Straße ward geoͤffnet, und eine Menge von Leuten draͤngten ſich, durch den Feuerlaͤrm herbeigezogen, hinein. Lady Albertine ſtand mit ihrem Kind im Arme eine Zeitlang im Hofe. „Aenſtiget Euch nicht,“ ſagte ein Un⸗ bekannter zu ihr;„das Feuer iſt von keiner Bedeutung und wird gleich geloͤſcht ſeyn; allein die Nacht iſt kalt; nehmt meinen Mantel an.“ Ihre Beaͤngſtigung erlaubte ihr nicht eine Antwort zu geben. „Ich will das Kind halten, Lady,“ ſagte ein anderer Unbekannter zu ihr,„bis Ihr den Mantel angezogen habt,“ und mit dieſen Worten nahm er ihr das Kind vom Arme. Der Erſtere, der ihr den Mantel ange⸗ boten hatte, warf ihn ihr dann ſo uͤber, — 138— daß er ihr den Kopf verhuͤllte.— Haſtig oͤff⸗ nete ſie ihn von der Seite und drehte ſich um, um ihr Kind wieder zu nehmen; allein die beiden Unbekannten waren verſchwunden. Wir wuͤrden uns vergeblich bemuͤhen, die Beſtuͤrzung der troſtloſen Mutter zu ſchildern, als ſie ſich plöͤtzlich ihres Kindes beraubt ſah, und mit welcher unausſprech⸗ lichen Angſt ſie, ihre Haͤnde ringend, in dem Gedraͤnge umherlief, ihren verwaiſ'ten Knaben zuruͤck zu verlangen. Unſer Autor eilet hier uͤber dieſe ſo tra⸗ giſche Begebenheit etwas ſchnell hinweg, und faͤhrt fort zu erzaͤhlen, daß das Feuer bald hierauf geloͤſcht, und die Lady in ei⸗ nem Zuſtande der Bewußtloſigkeit in ihr Zimmer zuruͤck gebracht wurde, waͤhrend Sir Amias auf und ab ging, und die Diener bald beauftragte, die ganze Stadt nach dem Kinde auszuſuchen, bald ſeine Befehle wieder zuruͤck nahm. „Ich bin ungluͤcklich,“ ſagte er zu ſei⸗ nem Weibe;„mein guter Name iſt auf im⸗ 7 — 1309— mer dahin. Die Mutter wird jetzt oͤffent⸗ lich ausſchreien, daß ſie verehliget geweſen ſey; ſie wird behaupten, daß ich ihr ihren Sohn habe ſtehlen laſſen, und Alle, die ihre tollen Beſchuldigungen gegen mich hoͤren, werden mir die Schuld davon beimeſſen.“ Lady de Crosby gab ihm aber keine Antwort hierauf; ſie horchte auf das, was er ſagte; ſie ſah ihn ernſt und bedeutenden Blicks an, und brach, indem ſie ihr kleines Maͤdchen, das auf ihrem Schooße lag, lieb⸗ koſ'te, endlich in Thraͤnen aus, die auf den Buſen des Kindes fielen. Noch einige Zeit blieb die Lady Alber⸗ tine nach den Schreckniſſen jener traurigen Nacht in einem ſolchen Zuſtande von Gei⸗ ſtes⸗Abweſenheit und Tiefſinn, daß zu fuͤrchten ſtand, ſie werde den Gebrauch ih⸗ rer Vernunft nie wieder erlangen. Sie faßte ſich jedoch endlich mehr und mehr und war nach Verlauf einiger Monate wieder im Stande, die Beſuche ihres Beichtvaters wieder anzunehmen und ſeinen frommen 4 — 140— Troͤſtungen Gehoͤr zu geben. Sir Amias ließ ſie mehrere Male ſeiner Freundſchaft und ſeiner unveraͤnderten Hochachtung ver⸗ ſichern und verlangte oͤfters ſie zu ſprechen; ſie beſtand aber auf ihrer Weigerung, ihn zu ſehen. Ebenſo war ihr der Umgang mit Lady de Crosby, jedoch wie es ſcheint aus einer ganz verſchiedenen Urſache, zu⸗ wider; denn wenn ſie ihr begegnete, druͤckte ſie ihr liebreich die Hand und erwaͤhnte ge⸗ gen ſie nie ihres erlittenen Verluſtes. Als ihre, durch ihre Schwermuth ge⸗ ſchwaͤcht geweſene Geſundheit ſo weit wieder hergeſtellt war, um im Garten ſpazieren ge⸗ hen zu koͤnnen, ſchickte ſie nach Adonijah, um ihm fuͤr ſeine haͤufigen Nachfragen am Thore nach ihrem Befinden, waͤhrend ihrer Un⸗ paͤßlichkeit, zu danken. Sein ſo beſonders herzliches Betragen gegen ſie, hatte in der That einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht, und ſie gedachte ſeiner oͤfrers, als eines Freundes, zu dem ſie in der Noth ihre Zu⸗ flucht nehmen koͤnne. Auch ſchien er ihr, — 141— als ſie genas, am geeignetſten zu ſeyn, um die Nachforſchungen zu betreiben, die ſie nach ihrem Kind anſtellen zu laſſen ent⸗ ſchloſſen war. In der erſten Heftigkeit ih⸗ res Kummers hatte ſie ſich den traurigſten, aͤrgſten Befuͤrchtungen und der nagenden Idee uͤberlaſſen, daß ſie ſelbſt eine Ermor⸗ dung zu befuͤrchten habe; denn der Glaube, daß ihr Sohn heimlich umgebracht worden ſey, hing duͤſter uͤber ihrem Geiſte, gleich dem, uͤber einem Sarge haͤngenden Leichen⸗ tuche, das deshalb ein noch finſtereres An⸗ ſehen zu gewinnen ſcheint, weil es das grauenvolle Weſen einer Leiche birgt. Wie aber ihr Kleinmuth ſchwand und das Gefuͤhl der wiederkehrenden Geſundheit in ihr auf⸗ lebte, ſo verließen ſie dieſe Gebilde einer furchtſamen Einbildungskraft, und am Ende ward ſie eben ſo zutrauensvoll, daß ihr Sohn noch am Leben ſey, als ſie ſich fruͤher in ihrer Verzweiflung uͤberredet hatte, daß er das Opfer des Geizes ſeines fal⸗ ſchen und treuloſen Oheims geworden waͤre. Vierzehntes Kapitel. Ein Freund. Es iſt ein Jeglicher der Leidenſchaften Spiel; Für mich ward die Ehre, der Ruhm das höchſte 4 Ziel.* Und Ihr(denn die Bande der Liebe ſind Euch ſüß) Tragt willig die Feſſeln von Mademoiſelle de Guiſe. Der Staatsmann. Die Art, mit welcher Adonijah bei ihrer zweiten Zuſammenkunft auf die Lady Al⸗ bertine zukam, ſcheint ſehr entfernt von der demuͤthigen Schuͤchternheit ſeines erſten Be⸗ ſuchs geweſen zu ſeyn. Sie ſaß, als er eintrat— ſagt unſer Geſchichtſchreiber mit ſeiner ihm eig enen Aufmerkſamkeit auf die geringſten Kleinigkeiten— und unterhielt ſich mit zweien ihrer Maͤgde, welche bei ihr ſtanden, uͤber eine haͤusliche Beſchaͤftigung die ſie ihnen auftrug. — 143— Bei ſeinem Eintritt ins Zimmer ſtutzte er, als er die Maͤdchen gewahr ward, und die Lady, die ſeine Unſchluͤſſigkeit wahr⸗ nahm, befahl ihnen, ſich wegzubegeben. Er kam hierauf ungeheißen, und mit freier, . etwas vertraulicher Miene auf ſie zu, wie man ſie an Leuten zu bemerken pflegt, die ſich einer gewiſſen Ueberlegenheit uͤber An⸗ dere, ſey es durch erlangten Einfluß oder durch die Gewalt, Gunſtbezeigungen er⸗ theilen zu koͤnnen, bewußt ſind. „Es macht mir ein großes Vergnuͤgen, Lady,“ hob Adonijah an,„daß ich Euch wiederſehe, ſo glaͤnzend blicken aus der Schwermuthswolke, die Euch umgab. Ich war oͤfters am Thor, um zu erfragen wie Ihr Euch befaͤndet; denn mein Geiſt war, wie der Geiſt von dem chaldaͤiſchen Schaͤ⸗ fer, der den Mond ſieht, verfinſtert, und fuͤrchtet, daß der Schatten, der verhuͤllt ſeine Lieblichkeit, nicht voruͤberziehe; al⸗ lein“— hier trat er haſtig auf ſie zu, und faßte ſie bei der Hand—„iich will nicht mehr —- 144— 4 reden umſtaͤndlich mit Euch; denn Ihr ſollt ſeyn mein Kind und ich will ſeyn Euer Vater.“ Die Lady war uͤber die Freiheit, die er ſich nahm, beſtuͤrzt, und ſtand von ih⸗ rem Sitze auf, indeß er ſie noch immer bei der Hand gefaßt hielt. 3 „Ja, Lady,“ fuhr er fort,„laßt das ſeyn, wie es will; Ihr habt keinen Freund in dieſem Lande, Ihr ſeyd uͤberdieß arm; ich aber habe viel Geld, und wenn Ihr ſeyn wollt wie mein Kind, ſo ſoll alles Geld, was ich habe, ſeyn Euer, und Ihr ſollt mir nur ſeyn freundſchaftlich und ge⸗ faͤllig.“ „Ich verſtehe Euch nicht recht, Adoni⸗ jah,“ erwiederte die Lady, indem ſie ihre Hand zuruͤckzog;„es iſt wohl wahr, daß ich freundlos in England daſtehe; allein das iſt es nicht, woruͤber ich jetzt mit Euch ſprechen wollte. Es muß Euch zu Ohren gekommen ſeyn, was mir geſchehen iſt, ſeitdem ich Euch zum letztenmale ſah; es ge⸗ — 145— ſchah in derſelben Nacht. Ich bin uͤber⸗ zeugt, daß mein Kind durch einen boͤſen Anſchlag ſeines Oheims bei Seite gebracht worden iſt.“ „Stille, Lady,“ fluͤſterte ihr der Jude zu,„ſagt ja nicht, wer es gethan hat; freut Euch indeſſen, denn Euer Sohn iſt nicht verloren.“ „So lebt er alſo wirklich noch! wo iſt er?“ rief die entzuͤckte Mutter. „Stille, ſtille!“ rief Adonijah aͤngſt⸗ lich;„waͤhrend Ihr unpaͤßlich waret, und ſich unmenſchlicher Weiſe niemand um Euer Kind bekuͤmmerte, forſchte ich nach und fand wo es, wie in einer Grube in der Wuͤſte, verborgen iſt. Allein ſeyd ruhig, Lady, und hoͤrt mir zu, denn wir muͤſſen mit einander zu Rathe gehen: Sir Amias moͤchte ihn ſonſt an die Ismaeliten verkau⸗ fen, daß er nimmer wiederkehrte; Ihr muͤßt mit mir gehen, muͤßt Euer Kind vor Zeugen anerkennen, und dann wollen wir ſchon Merkmale an ihm finden, woran Ihr I. Bändchen. 7 ihn einſt als den naͤmlichen Knaben wie⸗ der erkennen koͤnnt, der Euer Sohn war und aus dieſem Hauſe geſtohlen wurde.“ „Und was hernach?“ fragt die Lady, kaum begreifend, worauf Adonijahs Rath⸗ ſchlaͤge hinausliefen. Statt aber auf jihre Frage zu antworten, fuhr er fort, als ob er nicht unterbrochen worden waͤre: „Josbekaſhah, mein Sohn, ſoll reiſen zur See nach Florenzz; dort ſoll er erzaͤhlen Euern Verwandten und Euerm elterlichen Hauſe, in was fuͤr Drangſale Ihr gekom⸗ men ſeyd, mit Euerm Sohn, durch die Geldbegierde des Sir Amias; Eure Ver⸗ wandten werden ſich dann eilen, mit der Geſchwindigkeit arabiſcher Pferde, Euch Beweiſe zu uͤberbringen; dann wird mein Heerz triumphiren, und wird Urſache haben Zu großer Freude, daß ich gegen Euch bin geweſen wie ein Vater.“. Ueber den Ton, womit der Jude den verſetzte die Lady: Schluß ſeiner Rede heraushob, erſtaunt, — 147— „Ich bin uͤber das, was Ihr mir ſagt, ſo erſtaunt, daß ich die guten Nachrichten, ddie Ihr mir gebracht habt, nicht ſo fuͤhle, wie ich ſollte. Fuͤhrt mich indeſſen zu mei⸗ nem Kinde, und laßt uns ſogleich gehen. Ich ſehne mich unter dieſem verraͤtheriſchen Datha⸗ wegzukommen.“ Avdonijah fuͤhlte ſich jedoch ermuthigter, und ohne auf ihren Ernſt zu Achten, ver⸗ ſette er ſtolz: .„Sir Amias iſt ein mäͤchtiger Mann vor dem Geſetz, Ihr ſeyd eine ſchwache Wittwe, und ich ein Jude— ein verſtoße⸗ ner Jude; allein zerſchmetterte nicht ein 8 Knabe die Stirne des anmaßlichen Phili⸗ ſters mit einem Kieſelſteine aus dem Bache?“ „Hat Euch Sir Amias etwas zu Leide gethan?“ unterbrach ihn die Lady. Adonijah ſah ſie eine Weile an, und verſetzte dann: „Der Himmel gab mir ein Her, wel⸗ ches das Unrecht haßt und ein Widerſa⸗ cher jeder unterdrückung iſt, ſey ſie gegen — 148— mich ſelbſt, meines Vaters Haus oder meine huͤlfloſen Nebenmenſchen gerichtet. Hierin beſteht die eigentliche Weſenheit meiner Seele, Lady, welche eine Gabe von der⸗ ſelben Hand iſt, die den Muſiker ſo ge⸗ ſtaltet, daß er die Geheimniſſe ſuͤßer Me⸗ lodien erforſcht, und dem Kriegsmanne die Ausdauer zum Kampfe gibt. Er, der den Liſtigen Schlauheit lehrt und die Ueberre⸗ dung in den Mund beredter Redner legt, und Flammen bindet an die Geiſtesſchwin⸗ gen ergoͤtzlicher Dichter, hat auch Adonijah die Tugend⸗ eidgeftößen i die ungerechtigkeit zu verabſcheuent Bin 69 Die Lady, obgleich durch des Juden feierliche Weiſe ſehr ergriffen, warf den⸗ noch einen fluͤchtigen Blick auf den groben Kittel des Juden, und es ſtieg ihr der Gedanke an ſeinen Wucher und den Han⸗ del auf, welcher zuerſt ihre Bekanntſchaft mit einander veranlaßt hatte. Er nahm jedoch ihre Verwunderung wahr, und blickte ſie einen Augenblick mit — 149— einer Art mitleidiger Wuͤrde an, deren Vorwurf ſie zu fuͤhlen ſchien; denn ſie ſuchte ihm ihr Vertrauen in ſein ſonderbares Wohlwollen zu betheuern; allein Adonijah unterbrach ſie mit den Worten:— „ Ich wundere mich keineswegs, Lndy, daß Ihr uͤber meine Rechtſchaffenheit in Euerm Herzen Zweifel hegt; allein was ich ſage iſt Wahrheit. Habe ich Euch nicht die koſtbaren Juwelen, die ich von Euerm Geiſtlichen kaufte, zuruͤckgegeben fuͤr nichts, nicht einmal gegen Eure Handſchrift, und Euch all' das Geld gelaſſen?— Steckte ich nicht an Euern Finger jenen koſtbaren Ring? und wer hielt Nachforſchung nach Euerm kleinen Sohn, um Euch zu verurſachen eine große Freude, als ich, Adonijah, der Jude,— der habgierige Jude, wie mich die Verſchwender nennen? In der That, ich nehme Geld von den Verſchwendern, und ſchmiege mich demuͤthig, wenn ſie mich hoͤhnen und ſchlagen, die grauſamen Chri⸗ ſtenmenſchen. Allein das koͤſtliche Quell⸗ — 150— waſſer, ſpringt es nicht aus den Felſen hervor?“ Er hielt einen Angenblic inne, und eine Thraͤne trat ihm ins Auge⸗ indem er fortfuhr: „Leider, Lady, ging das Schwert des Maccabaͤus verloren, als die Soͤhne Jeru⸗ ſalems zerſtreut wurden, und die Zeit ih⸗ res Raͤchers iſt noch nicht gekommen. Al⸗ lein ich ſpreche zu viel von mir ſelbſt, laßt mich von Euerm Kleinen reden.ℳ. Die Lady fuhr bei dieſen Worten ha⸗ ſtig mit den Haͤnden empor; allein Adoni⸗ jah gab ihr einen fluͤchtigen Wink mit der ſeinigen, ſich ruhig und ſtill zu vechaltei indem er ihr zufluͤſterte: „Dieſes Haus iſt kein Ort, um dom Dienſterweiſungen zunſprechen: ſeyd froh, denn Euer Sohn befindet ſich ſehr wohl, und bei einem rechtſchaffenen Mannez al⸗ lein dieſer rechtſchaffene Mann weiß⸗ nicht, daß es Euer Sohn iſt/ und ſoll es auch nicht wiſſen, bis wir Beweiſe von Euern 1 — 151— Verwandten beigebracht haben, die boshaf⸗ ten Anſchlaͤge ſeines Oheims zu Nichte ma⸗ chen zu koͤnnen.“ „Ich ſehne mich indeſſen meine Waiſe zu ſehen. Wo iſt er, daß ich zu ihm ge⸗ hen kann?“ „Der Mann und das Weib, ſeine Frau, ſind beide ſehr brave Leute; ſie hal⸗ ten das Kind fuͤr den Sohn von Hubert Neville, der mit Euerm Lord ins Feld zog;z ſie heißen ihn Dudley Neville, denn das iſt ſein Name, wie Ralph Hanslap ih⸗ nen erzaͤhlt hat.“ „Ralph Hanslap!“ ſchrie die Lady. „Stille! es iſt klug in dieſer Sache zu ſchweigen. Macht Euch aber auf eine lange Reiſe gefaßt, ſo wie darauf, nie wieder in dieſes Haus zuruͤckzukehren, bis Ihr die anerkannte Lady von Rothelan ſeyd.“ „Womit ſoll ich je ſolche beiſpielloſe Guͤte vergelten?“ „Meine Vergeltung habe ich hier,“ erwiederte Adonijah, die Hand auf ſeinen — 152— Buſen legend.„Wir haben aber keine Zeit zum plaudern, meine Geſchaͤfte rufen mich nach dem Palaſt von Weſtmuͤnſter; um,“ fuͤgte er laͤchelnd hinzu,„Geld dort einzunehmen, denn ich bin ein Wucher⸗ jude. Allein, macht Euch fertig, um, wenn ich wiederkomme, tief mit mir ins Land hineingehen zu koͤnnen; und laßt den Sir Amias nicht wiſſen, wohin wir zu gehen gedenken.“ Mit dieſen Worten ging er eilig weg. 1 Fuͤnfzehntes Kapitel. Der Strom. ————— Des Himmels Augen ſchliefen. Es lag die Welt gewiegt in Höhlestiefen. Kein Windeshauch, den man vernahm; Kein Murmeln von der Woge kam. Heinrich der Dritte von Frankreich. So wie Adonijah aus dem Hauſe gegan⸗ gen war, ließ die Lady Albertine ihren Beichtvater rufen, und erzaͤhlte ihm, was vorgefallen warz allein Pater Giovanni war ruͤckſichtlich der vielen guten Eigen⸗ ſchaften, die ſie ihm an dem Juden ruͤhmte, ſehr unglaubig, und wuͤrde ihr gern abge⸗ rathen haben, ſich mit ihm einzulaſſen, in⸗ dem er ſeine Warnung mit mancher ſchreck⸗ lichen Geſchichte von geheimen Gebraͤuchen t. Bändchen. 7* . 154 oooe der Juden begleitete, deren man ſie allge⸗ mein beſchuldigte; da aber ihr Zwiegeſpraͤch, bei dieſer Gelegenheit, eher ſonderbar als merkwuͤrdig iſt, ſo fuͤhren wir nur deſſen Erfolg an. Nach den noͤthigen Vorlereteungen ging die Lady, der mit Adonijah genommenen Abſprache gemaͤß, in der Daͤmmerung des folgenden Abends nach einem freien Platze an dem Ufer der Themſe, zwiſchen Billings⸗ gate und dem Tower, wo ein Boot zu ih⸗ rer Aufnahme bereit lag. Der Ort, wo ſie einſtiegen, wird nicht genau erwaͤhnt; allein aller Wahrſcheinlichkeit nach, war es nahe oder auf derſelben Stelle, wo jetzt der oͤſt⸗ liche Fluͤgel des Zollhauſes ſteht. Einige Alterthumsforſcher, die wir kennen, und die wir wegen ihres Scharfſinns und ihrer Gelehrſamkeit ehren, ſind hieruͤber nicht ganz einig, was im Ganzen genommen auch nicht von beſonderer Wichtigkeit iſt, da die Hauptthatſachen unbezweifelt ſind, nämlich: die Einſchiffung der Lady, des Juden und —— — 155— des Moͤnchs, und daß ſolche an einem ſtil⸗ len hellen Sommerabende, in dem Augen⸗ blicke ſtatt fand, als eben der Mond hinter einer dichten und dunkeln Wolkenmaſſe her⸗ vorbrach, die ſich laͤngs dem oͤſtlichen Ho⸗ rizonte gleich einem Walle hinzog. Wenig Zerſtreuungen, ſagt unſer geiſt⸗ reicher Schriftſteller, ſind fuͤr ein verwun⸗ detes Gemuͤth wohlthuender, als eine ru⸗ hige Fahrt zu dieſer koͤſtlichen Jahrszeit auf den buſigen Waſſern des fuͤllereichen Themſefluſſes, an einem ſolchen Abende, wenn das Geraͤuſch der geſchaͤftigen Menge, wenn die heiſeren Stimmen des ungeſtuͤ⸗ men weltlichen Treibens durch den milden Einfluß der feierlichen Abendſtille beſchwich⸗ tigt ſind, und das harmoniſche Rauſchen der fluthenden Wogen wieder vernommen wird. Toͤne des Frohſinns erheben ſi ſich dann laͤngs dem Ufer, und die Geſaͤnge froͤhlicher Herzen, Ergießungen der gluͤcklichen Ruhe⸗ ſtunden, werden da nur von dem ermun⸗ ternden Rufe zur ſchnellen Heimkehr unter⸗ — 156— brochen, waͤhrend die erleuchteten Fenſter, gleich den muntern Augen der im Innern um den Heerd verſammelten Kinder, fun⸗ kelnd, dem Herzen noch etwas Koͤſtlicheres als ihr Licht zuſtroͤmen. Die ſuͤße Arzenei, die der Geiſt von ſelbſt aus dieſen milden und anmuthigen Umgebungen einſaugt, ſtillten die Bangigkeit der kummervollen Lady; und wie die Ruder das Boot, um die Woge zu uͤberfluͤgeln, trieben, ſo war ihr der Gedanke, bald wieder im Beſitze ih⸗ res Kindes zu ſeyn, entzuͤckend wie das Gefuͤhl der Geſundheit. Da die Schiffer ruͤſtige und geſchickte Leute waren, und ein friſcher Wind die Segel ſchwellte, ſo landeten ſie vor Mitter⸗ nacht zu Graveſand. Hier warteten ihrer von Adonijah beſtellte Reitſaͤnften, um ſie nach Rocheſter uͤber zu fuͤhren, wo Piercee Pigot wohnte, dem Ralph Hanslap das Kind anvertraut hatte. Es bedarf wehl nicht der Erzaͤhlung, mit welchem Entzuͤcken die Mutter ihr wie⸗ — 157— dergefundenes Kind liebkoſ'te, noch wie Ado⸗ nijah kluge und beſcheidene Leute zu Zeu⸗ gen nahm, und mit welcher wahren Zaͤrtlich⸗ keit ſie es als ihren verlornen Sohn aner⸗ kannte; auch wollen wir hier nicht den Schrecken und die Beſtuͤrzung ſchildern, welche Pierce Pigot und ſeine Frau ergrif⸗ fen, als ſie vernahmen, daß es der Erbe von Rothelan ſey, und wie ſie beſchwichti⸗ get und dann uͤberredet wurden, mit der Lady und dem Moͤnche ein eine entle⸗ gene Provinz des Landes zu gehen, bis die Beweiſe ihrer Vermaͤhlung aus Italien herbei geſchafft werden koͤnnten. Da der Leſer ſich dieſe Dinge leicht vorſtellen, und demnach leicht errathen kann, wie ſehr die betreffenden Perſonen von der Macht und Treuloſigkeit des Sir Amias in Furcht ge⸗ weſen ſeyn muͤſſen, wenn ſie es fuͤr noth⸗ wendig hielten, ſich einen Zufluchtsort im Verborgenen zu ſuchen; ſo fahren wir fort zu erwaͤhnen, daß die Flucht der Lady un⸗ terdeſſen entdeckt worden war, und daß der — 158— Ritter, durch die bei einer fruͤheren Veran⸗ laſſung von Ralph Hanslap eingezogenen Erkundigungen, ruͤckſichtlich eines nach der Normandie ſegelfertigen Schiffes, getaͤuſcht, die Meinung hegte, daß ſie das Konigreich verlaſſen habe. Ob er eine Nachforſchung unſtellen ließ, um ſich von dem Grunde oder Un⸗ grunde ſeiner Muthmaßung zu uͤberzeugen, wird nicht geſagt. Er war vielleicht nur zu ergnuͤ gt, auf eine ſo ruhige Weiſe von ihrer Gegenwart befreit worden zu ſeyn, um es der Muͤhe werth zu achten, ſich fer⸗ ner darum zu bekuͤmmern. Wir geben uns gern dieſer Meinung hin; denn diejenigen, welche zum unredlichen Erwerb eines Gu⸗ tes gelangen, ſind, wie unſer Autor hier treffend bemerkt, meiſtens ſo ſehr mit dem Genuſſe beſchaͤftiget, daß ſie ſelten die noͤ⸗ thige Vorſicht anwenden, ſich in dem Be⸗ ſitze davon zu erhalten. Allein in dieſem Zeitabſchnitte unſerer Geſchichte iſt das Buch von der Schoͤnheit — — 159— nicht ganz ſo befriedigend, als wir es wuͤn⸗ ſchen möͤchten; denn es laͤßt uns uͤber das Schickſal der Lady waͤhrend mehrerer Jahre in völliger Ungewißheit. Wirklich iſt des Verfaſſers Aufmerkſamkeit uͤber hundert Seiten hindurch mit den oͤffentlichen Ange⸗ legenheiten beſchaͤftigt und auf die Bege⸗ benheiten hingerichtet, welche damals ihrer Entwickelung entgegen reiften; wobei er die Geſchichte Rothelans gaͤnzlich aus den Augen verliert. Dieſes iſt ohne Zweifel eine weſentliche Lücke; wir müſſen es jedoch unſerm Autor einigermaßen als eine Noth⸗ wendigkeit zu gut halten, wenn er hier von der Geſchichte ablenkt, da die Schick⸗ ſale des jungen Lords zu ſehr in die all⸗ gemeine Nationalangelegenheiten verfloch⸗ ten ſind, als daß er in ſeiner Erzaͤhlung haͤtte fortfahren koͤnnen, ohne letztere mit darin aufzunehmen. Ob wir es gleich nicht fuͤr nothwendig erachten, uns genau an unſer Original zu halten, ſo fuͤhlen wir dennoch, daß unſere Erzaͤhlung nur unvoll⸗ — 160— ſtaͤndig ſeyn wuͤrde, wenn wir in ihrem Verfolge nicht auch die Skizze der geſchicht⸗ lichen Begebenheiten auffaſſen wollten, eben ſo wie ein Strom die Bilder, Staͤdte und Thuͤrme aufnimmt, die an ſeinem Ufer dun⸗ keln oder ſchimmern. Wir uͤberlaſſen es demnach unſern Le⸗ ſern, dieſe Luͤcke unſers Autors nach ihrem eigenen Gutfinden zu ergaͤnzen, und fahren damit fort, einen Auszug ſeiner Erzaͤhlung deſſen zu liefern, was ſich im Rathe des Koͤnigs Eduard zutrug; denn obgleich die Sache in keinem direkten Zuſammenhange mit unſerer Geſchichte ſteht, ſo bilden doch mehrere Hauptereigniſſe der ſich in der Folge entſponnenen Kriege, nothwendige Glieder in der Verkettung der Schickſale Rothelans. Zweiter Theil. 000e0e Erſtes Kapitel. Der Kabinets⸗Rath. Geharniſcht ſitzt auf ſeinem Throne Mars Voll Bluts bis an die Ohren. Shakſpeare. Robert, Graf von Artois, der ſich mit Koͤ⸗ nig Philipp von Frankreich entzweit hatte, kam hinuͤber nach England, wo er von dem Koͤnige gaſtfrei aufgenommen, und mit ge⸗ ceelliger Vertraulichkeit behandelt wurde. In den Stunden der Erholung, die er mit Seeinner Majeſtaͤt zubrachte, nahm er oͤfters — 162— Veranlaſſung, von den Urſachen und Mit⸗ teln zu ſprechen, durch welche Philipp zum Throne gelangt warz ſo daß Eduard ſich endlich uͤberredete, daß er, der Anordnun⸗ gen des ſaliſchen Geſetzes ohngeachtet, ſelbſt Koͤnig von Frankreich haͤtte ſeyn ſollen. Es ward demnach ein Kabinetsrath feier⸗ lich zuſammen berufen, um dieſe bedeuten⸗ den Anſpruͤche in Erwaͤgung zu zziehen, und Graf von Artois, welcher gegenwaͤrtig war, aufgefordert, dasjenige zu wiederho⸗ len, was er Seiner Majeſtaͤt ruͤckſichtlich der koͤniglichen Erbſchaft von Frankreich vertraulich mitgetheilt hatte. Dieſer Artois war ein ſchlauer durch⸗ triebener Kopf, von vieler Menſchenkennt⸗ niß, der uͤberdies eine ſolche Gewandtheit der Rede beſaß, daß wenn er etwas vor⸗ trug, die Ueberredung faſt immer auf ſei⸗ ner Lippe ſchwebte. „Mein gnaͤdigſter Souverain und ge⸗ bieter,“ ſagte er,„ich fuͤhle mich verpflich⸗ tet Euch bei dieſem Titel anzureden, und — 463— Euch hier jene Ehrerbietung zu bezeigen, die Euch von mir, als Unterthan und Va⸗ ſall, zukommt; denn obgleich vermoͤge des ſaliſchen Geſetzes die Krone von Frankreich nie auf einen weiblichen Nachkommen ver⸗ erben kann, ſo ſind doch die Erben weib⸗ licher Sprößlinge nicht von der Thronfolge ausgeſchloſſen, und in dieſer Ausnahme liegt Euer Recht. Als der letzte Koͤnig ſtarb, war Eure Mutter, ſeine Schweſter, die naͤchſte königliche Blutsverwandte, und uͤbertrug Euch daher das Vorzugsrecht zur Erbſchaft vor Eurem Vetter Philipp von Valois. Allein damals empoͤrten ſich die Herzen aller wahren Franzoſen bei dem Gedanken, daß Frankreich, welches nie eine fremde Herrſchaft anerkannt hatte, eine von England abhaͤngige Provinz werden ſolltez um alſo eine ſolche Erniedrigung von ih⸗ rem Lande abzuwenden, beriefen ſie Phi⸗ lipp zum Throne. Viele unter uns haben jedoch dieſen Verrath ſeitdem ernſtlich be⸗ reut, und wuͤnſchen in dieſer Welt nichts — 164— ſehnlicher mehr, als den Uſurpator einer, bisher nicht mit Ehren aufrecht erhaltenen Wuͤrde wieder beraubt, und Eure Majeſtaͤt mit den Rechten Eurer koͤniglichen Borſahe ren bekleidet zu ſehen.“ Eine Zeit lang gab niemand im Ra⸗ the eine Antwort; allein endlich ſah der Graf von Norfolk den Grafen an und ſagte: „Philipp iiſt ſo lange Koͤnig geweſen, daß ſich Eure Landsleute im Allgemeinen ſeiner Regierung ruhig zu unterwerfen ſcheinen; iſt aber das Geſetz ſo zu verſte⸗ hen, wie Ihr angebt, ſo bleibt die Frage immer eine franzoͤſiſche, und ich ſehe nicht wohl ein, warum wir hier, in England, uns hinein miſchen ſollen. Mit Einem Worte, und offen und rund heraus geſpro⸗ chen, Herr Graf, wenn Ihr und andere aufruͤhriſche franzoͤſiſche Edelleute, gegen Geſetz und Recht, an den rechtlichen An⸗ ſpruͤchen des wahren Erben der Monarchie zu Verraͤthern geworden ſeyd;z was haben — 165— wir denn mit Euern treuloſen Anſchlaͤgen zn ſchaffen?“ Der Herzog von Norfolk war ſehr hef⸗ ig und hatte ein haͤßliches, uneinnehmen⸗ des Anſehen; da er nun dieſes auf eine ſo derbe Weiſe herausplumpte, ſo wurde der Graf dadurch nicht wenig ereifert und auſſer Faſſung geſetzt; allein der Graf von Suffolk rief uͤber die Rathstafel hinuͤber: „Mylord von Norfolk! wenn Seiner Majeſtaͤt Anſpruͤche auf die Krone Frank⸗ reichs ſo gerecht und wohl begruͤndet ſind, ſind wir dann nicht, als ſeine Vaſallen, in Ehrerbietung verpflichtet, ihm in Be⸗ hanpendg derſelben beizuſtehen?“ Hiier unterbrach ihn der Erzbiſchof von 4 Santerbury: „ Ich ſehe dieſes,“ ſagte er,„nicht von derſelben Seite an. Iſt es nicht Suͤnde ſtille zu ſitzen und das Unrecht geſchehen zu laſſen? Iſt dieſe Verletzung der Geſetze von Seiten des Koͤnigreichs Frankreich und der Franzoſen in Geſammtheit, nicht ein Ver⸗ — 166— brechen gegen die allgemein guͤltigen Voͤlker⸗ rechte und Gebraͤuche, ebenſo wie gegen die durch das Chriſtenthum geheiligten Erb⸗ rechte? Wenn wir die Uſurpation im ru⸗ higen Beſitze deſſen laſſen, was ſie unrecht⸗ maͤßiger Weiſe an ſich gebracht hat, reißen wir da nicht jede Schutzmauer des Eigen⸗ thums nieder, um jedem boͤſen Menſchen, der verwegen genug dazu iſt, zu erlauben, ſich der hoͤchſten Wuͤrden und des hoͤchſten Anſehens im Staate mit Gewalt zu bemaͤch⸗ tigen, ſobald es ihm einfaͤllt? Ich wuͤnſchte, Mylords, daß Ihr dieſe Sache nicht bloß von jener Seite betrachten moͤchtet, in ſo ferne ſie Seine Majeſtaͤt betrifft; ſondern als ein Verbrechen, deſſen ſich Frankreich gegen das alte und natuͤrliche Geſetz der Erbfolge ſchuldig macht, und welches un⸗ abſehbares Unheil uͤber ſaͤmmtliche Voͤlker bringen muß. Privatleute geben ihre Rechte nicht ohne Vertheidigung auf; ſollen alſo gekroͤnte Haͤupter ſich ungeahndet um die ihrigen bringen laſſen?’"“?“ ass — 167— Der Graf von Norfolk runzelte die Stirne und ſah waͤhrend der Rede des Erz⸗ biſchofs finſter unter den buſchig zuſammen⸗ gezogenen Augenbraunen hervor; endlich verſetzte er ganz trocken: „Ein Diener des Friedens ſtimmt fuͤr den Krieg?“ 1 Deer Biſchof von London nahm jedoch fuͤr den Erzbiſchof das Wort, indem er ſich an den Grafen wendete: „Seine Hochwuͤrden,“ ſagte er,„raͤth nur, das Recht gegen die Beeintraͤchtigun⸗ gen des Unrechts zu ſchuͤtzen. Wenn uns boshafte Menſchen in unſerm Eigenthume oder andern Verhaͤltniſſen kraͤnken, bewaff⸗ nen wir da nicht die Diener der Gerechtig⸗ keit gegen ſie? Bekleiden wir nicht ſelbſt die Tribunale und die Geſchwornen⸗Ge⸗ richte des Landes mit der Gewalt, am Le⸗ ben zu ſtrafen, und warum? weil die Aufrechthaltung von Recht und Gerech⸗ tigkeit, zum Wohle der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft von weſentlicherem Belange iſt, als — 168— das Leben von Privatperſonen. Warum nennen wir diejenigen Verbrecher, die ſich unſeres Eigenthums ohne unſre Erlaubniß bemaͤchtigen? Warum meiden wir ſie, als waͤren ſie von der Seuche angeſteckt? gewiß nur deßhalb, weil wir wiſſen, daß ihre Grundſaͤtze verkehrt und ihre Sitten ver⸗ dorben ſind. Es geſchieht alſo nicht um Krieg zu haben, deſſen Thaten und deſſen Gepraͤnge den Stolz des Soldaten aufblaͤ⸗ hen, daß die Miniſter des Friedens Seine Majeſtaͤt bereden moͤchten, das Unrecht zu raͤchen, welches der Welt durch Frankreich zugefuͤgt wird; ſondern um jene Uebel in der Geburt zu erſticken, welche daraus ent⸗ ſtehen muͤſſen, wenn die geſetzliche Ordnung ohne Furcht vor der Wiedervergeltung ſo umgekehrt werden darf. Es iſt mit den Na⸗ tionen wie mit den einzelnen Menſchen; beide gehoͤren einer Geſammtheit an, und ſo wie der Menſch, welcher Unrecht handelt, von ſeinen Mitmenſchen beſtraft wird, eben ſo ſollten auch ſchuldige Voͤlkerſchaften fuͤr — 169— ihre Vergehungen leiden. Braucht es noch eines anderen Beweiſes des Uebels, das dieſe franzoͤſiſche Uſurpation erzeugt, als dieſe Streitreden ſelbſt, welche ſie hier un⸗ ter uns veranlaßt, und die ſo leicht in Zwiſtigkeiten und bitteren Groll ausarten können. Als Diener derjenigen Religion, welche das Recht gegen alle Beeintraͤchti⸗ gungen zu vertheidigen gebietet, kann ich daher, meinem geringen Verſtande nach, in dieſer Sache nur der Meinung beipflich⸗ ten, es ſey beſſer Krieg zu haben, als das Unrecht gedeihen zu laſſen.“ Der Graf von Warwick, ſehr zofrie⸗ den, durch dieſe ehrwuͤrdigen Praͤlaten den heroiſchen Zeitvertreib des Kriegs, in des Koͤnigs Angelegenheiten, als eine Pflicht herausſtreichen zu hoͤren, warf Seiner Ma⸗ jeſtaͤt, die, wie es aus der illuminirten Seichnung erhellt, mit allen Attributen der königlichen Wuͤrde bekleidet, gegenwaͤrtig war, einen beifaͤlligen Blick zu, indem er ſich an die Biſchoͤfe mit den Worten wendete: I. Bändchen. 8 — 170— „Es iſt Eurer Weisheit und Froͤmmig⸗ keit wuͤrdig, die Gefahren zu erwaͤgen, welche aus dieſem Treiben der Franzoſen entſpringen moͤgen. Uns aber, die wir nur rauhe, ungelehrige Soldaten ſind, kommt es nicht zu, uns auf die Unterſu⸗ chung von Dingen einzulaſſen, welche weit uͤber unſern Verſtand gehen. Ich und meine Bruͤder hier unterwerfen uns dem, was Ihr gutheißet. Wenn Ihr ſagt, daß wir alle unſere Kraͤfte anwenden muͤſſen, um dieſer Ungerechtigkeit zu ſteuern, ſo ſind wir bereit zu gehorchen; denn wir ſind als die Haͤnde, ſo wie Ihr als die Koͤpfe, die eigentlichen Denkorgane des Koͤnigreichs⸗ 6 zu betrachten, und werden uns uach Eu⸗ rem Willen richten.”“ Hierauf wendete er ſich an iden König. „Eure Majeſtaͤt,“ ſagte er,„hat ge⸗ hört, was die Meinung dieſer heiligen und guten Maͤnner iſt. Ihr koͤnnt in dieſer Sache keine weiſeren Rathgeber finden, wie. fie; und ich erkuͤhne mich zu ſagen, daß, — 171— was ſie Euch auch anrathen moͤgen, zu thun, es den Baronen Englands nicht an Muth gebricht, Euch die Sache wohl ausfuͤhren zu helfen. Bringt ſie mit ihnen aufs Reine, und dann werdet Shr uns be⸗ reit finden.“ Der Koͤnig laͤchelte beifallig, indem es ihn freute, den Grafen von Warwick ſo den Wuͤnſchen ſeines Herzens gemaͤß ſpre⸗ chen zu hoͤren; er ſetzte ſich jedoch in die der feierlichen Veranlaſſung angemeſſene Faſſung und fuhr fort: „Wenn dem ſo iſt, wie unſer Better, der Graf hier, angefuͤhrt hat, daß die Soͤhne weiblicher Abkoͤmmlinge nach dem ſaliſchen Geſetze erbfaͤhig ſind, ſo kann uͤber meine Anſpruͤche auf die Krone Frankreichs kein Zweifel obwalten; noch auch, daß es die Pflicht aller rechtlichen Menſchen iſt, mir zur Wiedererlangung einer ſo wichtigen, mir mit Unrecht vorenthaltenen Erbſchaft verhelfen. Allein man gebe uns eine naͤhere Erlaͤuterung jenes Geſetzes, was — 172— die Rechtfertigung dieſer Anſpruͤche be⸗ trifft; da wir in der Sache nichts verfuͤgen möchten, was nicht durch die Klugheit ge⸗ boten und das Anſehen der Gerechtigkeit ſanctionirt waͤre. Euch Mylords, Erzbiſchof und Biſchof von London, deren Auge in dieſer Sache dem Sonnenlichte gleicht, uͤber⸗ tragen wir das wichtige Geſchaͤft, die Wahr⸗ heit der Frage zu ſichten. Faͤllt dieſe Un⸗ terſuchung zu unſern Gunſten aus, dann, Mylords, ſollt Ihr uns nicht ſaumſelig finden, Unſer Recht durch die klare Ent⸗ wickelung der uns zur Seite ſtehenden Anſpruͤche vor der Welt geltend zu ma⸗ chen.“ Ob die Biſchoͤfe nun wirklich eine Un⸗ terſuchung veranſtalteten, und des Koͤnigs Anſpruͤche und Erbrechte auf die Krone Frankreichs vermoͤge ſeiner Abſtammung gegruͤndet fanden, dieſes ſagt unſer Ge⸗ ſchichtſchreiber nicht; allein er erzaͤhlt uns am Schluſſe des Kapitels, worin er dieſer Kabinetsberathung Erwaͤhnung thut, daß — 473— ſich Seine Majeſtaͤt mit dem, bei einer ſolchen Ceremonie uͤblichen Gepraͤnge zum Koͤnige von Frankreich und England aus⸗ rufen, und die Lilien in die rechte Seite ſeines Wappenſchildes aufnehmen ließ. — —— 000 80000002992002 Z weites Kapitel. Der Edelknabe. —————— is Des Himmels zögernde Gerechtigkeit Mit ſeinem Blut läßt den Tyrannen büßen. Die engliſche Prinzeſſin. Nachdem uns unſer Hiſtoriograph den, bei den Verhandlungen der erwaͤhnten Kabi⸗ netsberathung vorgewalteten Geiſt geſchil⸗ dert hat, entwirft er uns in einer zwar fluͤhhtig, aber in einem glaͤnzenden Style hingeworfenen Skizze, ein Gemaͤlde aller je⸗ ner Waffenthaten, wozu die Anſpruͤche des Koͤnigs auf die franzoͤſiſche Krone zunaͤchſt Veranlaſſung geben. Er beſchraͤnkt ſich je⸗ doch auch lediglich auf die Erzaͤhlung der hierher gehoͤrigen Kriegsbegebenheiten, bis — 175— er endlich Veranlaſſung nimmt, von der Pluͤnderung und dem Brande von Dur⸗ ham, bei Gelegenheit des Einfalls des Koͤ⸗ nigs David des zweiten von Schottland, zu ſprechen, wo die Familie von Rothelan wieder auf die Buͤhne gebracht wird. Der damalige Einfall der Schotten in England, war die Folge eines zwiſchen ihrem jungen Koͤnige und dem Koͤnige Philipp von Frank⸗ reich abgeſchloſſenen Buͤndniſſes, welches Koͤnig Eduard um ſo mehr in Verlegenheit ſetzte, als er zu einer Zeit geſchah, wo die Schatzkammer ſo erſchoͤpft war, daß er zu allerlei Mitteln ſeine Zuflucht nehmen mußte, um das hierzu noͤthige Geld herbeizuſchaffen. Unter mehreren andern, an welche ſich der Lord Schatzmeiſter wegen eines Anle⸗ hens wandte, war auch Sir Amias de Crosby; allein obgleich im Beſitze vieler Juwelen, beſaß Sir Amias doch wenig baa⸗ res Geld. Da es indeſſen ſehr in feinem Intereſſe lag, ſich Freunde bei Hofe zu ma⸗ ceen, ſo entſchloß er ſich, eines ſeiner koſt⸗ — — — 176— barſten Schmuckkaͤſtchen zu veraͤußern, und ſchickte in dieſer Abſicht zu Adonijah. Der Jude erkannte das ihm von Sir Amias zum Verkauf angebotene Schmuck⸗ kaͤſtchen ſogleich fuͤr dasjenige, welches er von dem Geiſtlichen erhandelt, der Lady Albertine aber ſpaͤter wieder zuruͤckge⸗ geben hatte. Wie es in die Haͤnde des Sir Amias gekommen war, ſchien ihm un⸗ erklaͤrlich;z denn er hatte es bis dieſen Au⸗ genblick noch in dem Beſitze der Lady Al⸗ bertine geglaubt. Er unterdruͤckte jedoch die Aeußerung ſeines Erſtaunens und ſagte, als er das Kaͤſtchen öͤffnete, in ſei⸗ nem gewohnten demuͤthigen Tone: „Die Juwelen ſind wleklich ſehr ſchoͤn, einige davon habe ich ſchon vorher geſehen. Ich kaufte dieſe Perlenſchnur fuͤr die ſchoͤne Lady, die gehalten wurde fuͤr das Weib Euers Bruders.“ Sir Amias ſtutzte bei dieſer Bemes kung, faßte ſich jedoch bald wieder und v ver⸗ ſ ſPtes 1 — 177— „Ich glaube nicht, daß dieſes der Fall iſt; denn Lord Edmund erhandelte ſie in Florenz, und kaufte nach ſeiner Ruͤckkehr in England keine Juwelen mehr fuͤr die Lady Albertine.“ „Ich kenne aber dieſe Perlen ſo gut wie die Sterne des Wagengeſtirns, die all⸗ naͤchtlich am Himmel ſtehn, und ich koͤnnt' erhaͤrten es durch einen Eid, daß die ſchoͤne Lady ſie aus meinen eignen Haͤn⸗ den empfing.“ en— Er ſagte dieſes in einem ſo feſten Tone, und mit einem ſo durchdringenden Blicke, daß Sir Amias in Verlegenheit geſetzt, welche Antworr er geben ſollte, in noch groͤßerer Verwirrung erwiederte: „Moͤglich, daß ſie Lord Edmund ge⸗ kauft hat, ohne daß ich Etwas davon er⸗ fuhr, denn er fragte mich nicht immer um Nath. 45 „Ja,“ ſagte Adonijah, die Steine wieder anblickend,„ſie war ein junges, liebenswuͤrdiges Frauenzimmer; es machte I. Bändchen. 8*³ — 178— mir viel Vergnugen, als ich ihr brachte dieſe Juwelen.— Wo befindet ſie ſich ge⸗ genwaͤrtig, Six Amias, denn ich habe ſeit langen Jahren nichts mehr von ihr ge⸗ hoͤrt?“ „Sie iſt zu ihren Verwandten nach Italien zuruͤckgekehrt.“ „Und ihr kleines Kind, hat. ſie es mitgenommen?— Doch mein Gedaͤchtniß wird ſchwach; ward es nicht geſtohlen? Ein ſonderbarer Vorfall, wahrhaftig, ein Kind zu ſtehlen.“ „Ich hoffe,“ ſagte Sir Amias erbit⸗ tert,„daß Ihr mir die Juwelen gut be⸗ zahlen werdet, da Ihr ihren Werth ſo⸗ gut kennt.“ Adonijah nahm jedoch, ohne auf ſeine Bemerkung zu achten, ſeinen demuͤthigen Ton wieder an, und verſetzte: d „Sind die Wege des Herrn doch ſehr wunderbar, und er hat gemacht Joſeph, der verkauft ward in die Sklaverei, zum Herrſcher uͤber das ganze Land Egypten, —— 1 V — 179— und hat ihm unterwuͤrfig gemacht ſeine Bruͤder, wie es ihin vörgetdnitem war im Traum.“ „Was wollt Ihr damit ſagen,“ rief Sir Amias,„daß Ihr mir dies erwaͤhnt?““ „Weil ich Euch den Troſt geben wollte, daß das Kind wiederkommen kann.“ „Das geht Euch nichts an; ich habe Euch bloß beſchickt, um wegen der Juwelen mit Euch zu ſprechen. Ich brauche das Geld, zum Beſten des Koͤnigs.“ „Dieſe Kriege,“ fuhr Adonijah fort, „ſind leider theure Vergnuͤgen fuͤr den Koͤ⸗ nig; allein, Sir Amias, wenn Ihr mir erzeigen wollt einen Gefallen, ſo will ich Euch abkaufen Eure Juwelen, und Euch viel Geld dafuͤr geben.“ „Worin beſteht dieſer?“ „Ihr werdet geben das Geld dem Koͤ⸗ nig, und werdet dann Gnade finden in ſeinen Augen. Nun habe ich einen jungen Menſchen, welcher der Sohn eines Kauf⸗ manns in Briſtol iſt. Der Junge iſt huͤbſch J — 180— und fuͤr ſeine Jahre ſtattlich gebaut. Sein Vater wuͤnſcht aus ihm zu machen einen vornehmen Mann; wenn ich Gelegenheit finden koͤnnte, den jungen Menſchen als Edelknaben in das Haus eines Biſchofs oder eines Kapitaͤns des Koͤnigs zu brin⸗ gen. Koͤnnte mir Sir Amias hierzu be⸗ huͤlflich ſeyn, ſo wuͤrde ich mehr Geld fuͤr die Juwelen geben, als ſie werth ſind.“ Ein ſo billiger und vortheilhafter Vor⸗ ſchlag wurde gern angenommen, und der Jude folglich abermaliger Kaͤufer des Kaͤſt⸗ chens. Sir Amias brachte im Laufe des Tages das Geld nach dem Palaſte, und als er gegen Abend zuruͤck nach Hauſe kam, beſchickte er Adonijah, um ihn zu unter⸗ richten, daß Lord Mowbray den Knaben nehmen wolle, wenn ſein Aeußeres der von ihm gemachten Schilderung entſpraͤche. Der Jude druͤckte ſein Vergnuͤgen beim Empfang dieſer Nachricht ſo unverholen aus, daß ihn Sir Amias mit dem großen Nutzen aufzog, den er aus der Ueberein⸗ — 154=— kunft zu ziehen ſchiene. Der Knabe war jedoch kein anderer, als der junge Lord von Rothelan, den unſer Autor, wir wiſ⸗ ſen ſelbſt nicht warum, das ganze Buch hindurch Dudley Neville nennt, von dem wir aber fernerhin unter dem Namen Ro⸗ thelan ſprechen werden, obgleich er, als ihn der Jude zu Sir Amias brachte, um ihn durch denſelben ſeinem Herrn vorſtel⸗ len zu laſſen, unter einem andern Namen bei ihm eingefuͤhrt ward. Man haͤtte nach den Gefuͤhlen, welche Adonijah beſeelten, erwarten ſollen, daß ſich irgend eine intereſſante Scene aus ih⸗ rer Unterhaltung entſpinnen wuͤrde, als der junge Rothelan zu ſeinem Oheim ge⸗ bracht wurde; es ſcheint aber nicht der Fall geweſen zu ſeyn. Es wird blos erzaͤhlt, daß der Ritter mit der dreiſten Miene und dem munteren Benehmen des Kuaben ſehr zufrieden geweſen ſey, und ſich auſſeror⸗ dentlich uͤber ſeinen koſtbaren Anzug ge⸗ wundert habe, der in der That ſo ausneh⸗ — 182— mend ſchoͤn war, daß ſelbſt Lord Mowbray, als Sir Amias ihn zu ihm hinbrachte, aͤu⸗ ßerte, er ſehe mehr dem Sohne eines Kai⸗ ſers, als eines bürgerlichen Hundelünan, nes gleich. „Du wirſt deines Baters Geiſt Luͤgen ſtrafen, Burſche“, ſagte der Baron, indem er ihm auf die Schulter klopfte,„wenn Du Deine Spornen nicht ehrlich verdienſt. Was iſt es fuͤr ein Mann, daß er Dich ſo fuͤrſtlich ausgeſtattet hat? Er haͤtte Dich ſelbſt zu mir bringen ſollen.“ „Er iſt todt,“ erwiederte Rothelan; „er wurde in einem der vorhenigen etien Slbdtetoh t nannighnz ¹ „Getoͤdtet?“ fragte Lord owbra, den Sir Amias verwundernd anblickend,„hab Ihr mir nicht erzaͤhlt, er ſey der Sohn ei⸗ nes Kaufmanns aus Briſtol?“”“ 3 ,So bin ich unterrichtet worden,“ er⸗ wiederte der Ritter, etwas erſtaunk und ſelbſt, ohne zu wiſſen warum, etwas betroſ⸗ fen, als er dies hoͤrtedn.mmghnet „Dein Vater,“ fuhr der Baron, ſich an den Knaben wendend, fort,„muß Dir große Reichthuͤmer hinterlaſſen haben.“ „Er hat mir die Mutter hinterlaſſen,“ ſagte der Edelknabe. „Und wer iſt dieſe?“ fagte Eir Amias hitzig. „Sie war meines Vaters Weib.“ „Das bezweifeln wir nicht,“ ſiel Lord Mowbray laͤchelnd ein;„allein wie kommſt Du dazu, uns das zu erzaͤhlen?“ „Ich habe ſie es gar oft, unter Kum⸗ mer und Thraͤnen, dem alten Wigot i wie⸗ derholen hoͤren.“ „Pigot!“ ſchrie Sir nine 8 Was wiſſñ Dn mit dem?“ „Schon gut, ſchon gut, unterbrachd ihn der Baron, uͤber die ſichtbare Beſtuͤr⸗ zung des Ritters einigermaßen verwundert, „wir wollen das ein andermal hoͤren; allein offenbar, Sir Amias, ſteckt hier ein Ge⸗ heimniß dahinter; es iſt klar, daß der — 184— Vater des ſchoͤnen Knaben hier kein briſto⸗ ler Kaufmann war.“ „Er war ein Ritter und Kriegsmanm⸗ verſetzte der junge Rothelan ſtolz. „Darauf wollte ich ſchwoͤren,“ erwie⸗ derte der Baron, uͤber den muntern Geiſt des Knaben hoͤchlich ergoͤtzt,„und ich hoffe zu erleben, daß Du einſt nichts Geringeres wirſt, was er auch immer geweſen iſt.“ So vergnuͤgt Lord Mowbray indeſſen mit dem Anzuge und dem maͤnnlichen Be⸗ tragen ſeines neuen Edelknaben war; ſo hatte im Gegentheile der Name Pigot Skor⸗ pione im Buſen des Sir Amias erzeugt. Es uͤberlief ſein Herz wie ein ſengendes Feuer, und ein vernichtendes Gefuͤhl, eine Vorahnung obſchwebender Gefahr und Ent⸗ eehrung bemaͤchtigte ſich ſeiner, und erfuͤll⸗ ten ihn mit banger Verwirrung. Verſchie⸗ dene Verſuche, die er machte, an dem Ge⸗ ſpraͤche wieder Theil zu nehmen, ſchlugen fehl; denn ſeine Zunge verſagte ihm, und er konnte ſeine Ideen weder zu einer Frage — 185— noch zu ſonſt einer Bemerkung ordnen. Es ſcheint eine wunderbar auffallende Rache der Vorſehung geweſen zu ſeyn, daß ſie ihn ſelbſt zum Werkzeug erſah, dieſes Kind unter den Schutz eines, durch ſeinen Rang eben ſo erhabenen, als ſeinen edlen Cha⸗ rakter ausgezeichneten Mannes zu ſtellen, wie Lord Mowbray war. Er eilte ſchnell hinweg und kehrte nach Hauſe zuruͤck, um Ralph Hanslap die von ihm gemachte Ent⸗ deckung und ſeinen Schrecken mitzuthei⸗ len; denn ſein Gewiſſen ſagte ihm, daß dieſer Knabe die naͤmliche Waiſe ſey, die er um ihr Vermögen betrogen hatte. — 187— verhandlungen, die wir ſorgfaͤltig zu Rathe gezogen haben, daß er ſich ſo wenig um ihn bekuͤmmerte, als wenn gar keine Ver⸗ wandtſchaft, noch irgend ein Verhaͤltniß zwiſchen ihnen beiden obgewaltet, welches die Gluͤcksumſtaͤnde des Einen von dem Andern abhaͤngig gemacht haͤtte. Uns ſind die Prinzipien und Beweggruͤnde ziemlich einleuchtend, die ihn einer Neugierde ſich enthalten ließen, welche in Bezug auf die mit ſeinem veruͤbten Betruge verknuͤpften Um⸗ ſtaͤnde ſo natuͤrlich, und wir moͤchten faſt ſagen, ſo unvermeidlich haͤtte ſcheinen ſollen. Ebenſo begreifen wir es leicht, welche aͤngſt⸗ liche Beſorgniſſe ſich bei jeder Gelegenheit ſeinen Betrachtungen aufdraͤngen mußten, wenn ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſe Vor⸗ fallenheiten hingelenkt wurde; und dieß ge⸗ ſchah wahrſcheinlich taͤglich, weil jedes Moͤ⸗ bel des ſo unrechtlich an ſich gebrachten Hauſes, worauf ſeine Blicke fielen, ihn ſtillſchweigend daran erinnern mußte. Sein geſchmeidiger und kalter Charakter macht 9 80 0200000220 922000 Drittes Kapitel. 4 Entdeckungen. Und nach neun Jahren wagt er wieder zu erſcheinen. 8 Arthur. Einer der merkwuͤrdigſten Zuͤge dieſer wun⸗ derbaren Geſchichte iſt die unerklaͤrliche Nachlaͤſſigkeit, mit welcher der Oheim und Ralph Hanslap den Erben von Rothelan behandelten, nachdem ſie denſelben den Pi⸗ gots anvertraut hatten. Wenn wir beden⸗ ken, wie ſehr dem Sir Amias daran gele⸗ gen ſeyn mußte, ihn, ſey's lebend oder todt, im Auge zu behalten, dann haͤtte man erwarten ſollen, daß er ſtets wachſam auf ihn geweſen waͤre. Es erhellt jedoch im Ge⸗ gentheile, ſowohl aus dem Manuſcripte, als aus der Sammlung der Staats⸗Rechts⸗ — 188— uns indeſſen allein jenen kaltbluͤtigen Gleich⸗ muth erklaͤrlich, den er in allen Lagen bei⸗ behielt, und welchen wir in Ermangelung eines paſſenderen Ausdrucks mit dem Na⸗ men Selbſtverlaͤugnung belegen moͤchten, eine Benennung, die man bisher nur der enthaltſamen Staͤrke der Tugend verlieh. Ralph Hanslaps Benehmen muß einem oberflaͤchlichen Beobachter der Menſchen noch unerklaͤrlicher vorkommen. Im Beſitze von ſeines Herrn Geheimniß wuͤrde er, ihrer Meinung nach, das Kind als einen Talis⸗ man betrachtet haben, der ihn zum Ge⸗ bieter uͤber das Vermoͤgen des Sir Amias machte; und es mag ihnen vielleicht un⸗ wahrſcheinlich vorkommen, daß er ſich eines ſolchen Zwang⸗Mittels ſo ſorglos begeben haben ſollte. Niedere und gemeine Crea⸗ turen haben jedoch nur zwei Schluͤſſel zur menſchlichen Natur, naͤmlich jenen der Sinn⸗ lichkeit und den des Goldes. Sie nehmen wohl wahr, daß die Welt im Allgemeinen, gleich ihnen, ſich durch den Reiz der Sinne — 189— oder die Selbſtſucht gaͤngeln laͤßt; ſie be⸗ merken aber nicht, daß alles Auſſerordentliche im Leben, was eine Ausnahme von der Allgemeinheit macht, Alles was jene Cha⸗ raktere beſeelt und zu jenen kuͤhnen Un⸗ ternehmungen antreibt, die den Stoff un⸗ ſerer Romane und Dichtungen bilden, nur Modifikationen unſerer Affekte und unſers Temperaments ſind, uͤber welche das Eine keine Gewalt, und das Andere nur einen geringen Einfluß hat. Ralph Hanslaps Charakter war nicht ſchmutziger Art: ſeine beſcheidenen Wuͤnſche ſtanden nicht allein im Einklange mit der Gelaſſenheit ſeines Weſens, ſondern waren ſelbſt das Ergebniß einer natuͤrlichen An⸗ lage zur Maͤßigung. Ein langer, mit dem Knabenalter beginnender Umgang mit Sir Amias, hatte ſie beide zu Freunden gemacht. In Ralphs Anhaͤnglichkeit miſchte ſich jedoch noch ein ganz eigenes ſonderbares Gefuͤhl, welches hauptſaͤchlich aus dem Be⸗ wußtſeyn ſeiner untergeordneten Geiſtesfaͤ⸗ higkeiten entſprang; nicht als ob ſein Genie durch die Ueberlegenheit des Ritters ent⸗ muthiget worden waͤre; denn im Gegen⸗ theile ſpielte er oft den Meiſter; allein die krummen Wege, welche Sir Amias immer einſchlug, um zu ſeinem Ziele zu gelangen, wenn er Etwas unternahm, hielten ſeine Aufmerkſamkeit auf den Erfolg mit theil⸗ nehmender Bewunderung immer aufs hoͤchſte geſpannt. So kam es denn, daß dieſer treu anhaͤngliche Diener, der ſein Betragen in allen Dingen nach dem ſeines Herrn modelte, da er die gefliſſentliche Vergeſſen⸗ heit ſah, worin dieſer ſeinen Neffen gera⸗ then ließ, auch ſeiner Seits geduldig ab⸗ wartete, was daraus entſtehen wuͤrde. Waͤhrend Sir Amias jedoch mit dem zungen Rothelan ſich zu Lord Mowbray be⸗ geben hatte, geſchah es zufaͤllig, daß er dem Pierce Pigot auf der Straße begegnete. Der Alte kam raſch gegangen; allein ſo wie er Ralph bemerkte, in deſſen Mienen, wie es bei ungewoͤhnlichen Menſchen immer der =— 14— Fall iſt, etwas beſonders Ausgezeichnetes lag, das man, einmal geſehen, ſelten ver⸗ gißt, erkannte er ihn, der langen Zeit un⸗ geachtet, in welcher er ihn nicht geſehen hatte, ſogleich wieder, und blieb, um ihm auszu⸗ weichen, halb auf die Seite gewendet ſte⸗ hen. Er aͤnderte jedoch ſeinen Entſchluß und ging, vor ſich hinblickend, gerade zu, in der Abſicht an Ralph voruͤber zu gehen, als ob er ihn nicht kenne. Durch das Auf⸗ fallende, was in ſeinen Bewegungen lag, noch mehr aber durch Pigots gezwungenen Gangnund das Schlenkern ſeiner Arme, war Hanslap auf ihn aufmerkſam geworden, und auch er erkannte in ihm einen alten guten Bekannten, und muthmaßte ſogleich, daß ein ſo befremdendes, ſeinem uͤbrigen Charakter ſo wenig entſprechendes verſtell⸗ tes Weſen, auf irgend eine Weiſe mit dem ihm anvertraut geweſenen vaterloſen Kna⸗ ben in Verbindung ſtehen muͤſſe. Anfaͤnglich beſchloß er, ihn im Vor⸗ beigehen anzuhalten, um ſich nach dem — =— 102=— Knaben zu erkundigen; allein bei weiterem Nachdenken ließ ihn des alten Mannes Benehmen fuͤrchten, daß er ſeinen Fragen entweder ausweichen oder ihn in ſeinen Antworten irre zu fuͤhren ſuchen wuͤrde er beſchloß alſo, ſich die Miene zu geben, als ob er ihn nicht ſaͤhe, ihm aber, ſobald er voruͤber ſeyn wuͤrde, nach ſeiner Woh⸗ nung zu folgen. Der alte Pigot ward alſo auf ſeinem Wege nicht aufgehalten, und Ralph Hanslap ſchlich ihm in einiger Ent⸗ fernung bis zum Hauſe des Adonijah nach, in welches er ihn ſo ſchnell einlaſſen ſah, daß es ihm klar ward, er muͤſſe mit den Be⸗ wohnern auf einem bekannten Fuße ſtehen. Voll Verwunderung uͤber das Geheim⸗ niß, welches ihm dahinter zu ſtecken ſchien, blieb er unſchluͤſſig, wie er es anfangen ſollte, etwas weiteres in Erfahrung zu bringen, dem Hauſe gegenuͤber ſtehen, und indem er noch daruͤber nachſann, und, ſich in Muthmaßungen erſchoͤpfend, ohne ſich einen befriedigenden Aufſchluß geben — 193— zu koͤnnen, vor dem Hauſe in der Straße auf⸗ und abwandelte, ſah er die Hausthuͤre abermals aufgehen, und ein verſchleiertes Frauenzimmer in Pigots Begleitung her⸗ auskommen. Es war die Lady Albertine, die er aber, verhuͤllt wie ſie war und bei der Veraͤnderung, die ihre Zuͤge waͤhrend der langen Zeit, daß er ſie nicht geſehen, erlitten hatten, nicht erkannt haben wuͤrde, wenn ſie der alte Mann nicht beim Ermel gezupft und ſie auffallend nach ihm hinge⸗ ſehen haͤtte, hierauf aber ploͤtzlich ins Haus zuruͤckgekehrt waͤre. Daß ſich die Lady in Pigots Geſell⸗ ſchaft befand, daß ſie ihm beide ſo aͤngſt⸗ lich auszuweichen ſuchten, waren Umſtaͤnde, die ihm keinen Zweifel zu hegen erlaubten, daß ſie ihren Sohn wieder gefunden habe. Allein ſie waren in Adonijah's Hauſe— Adonijah war es, der Sir Amias den an Lord Mowbray empfohlenen Knaben ge⸗ bracht hatte— und dieſer ſo praͤchtig ge⸗ kleidete Knabe war in dem naͤmlichen Al⸗ I. Bändchen. 4 9 — 194— ter, welches der Erbe von Rothelan, falls er noch lebte, eben erreicht haben mußte!— Die Vereinigung aller dieſer Umſtaͤnde konnte nur die Wirkung einer und derſel⸗ ben Urſache ſeyn, und nach Hanslaps Mei⸗ nung auf eine und dieſelbe Schlußfolge hinleiten; er hatte ſich demnach, noch ehe ſein Herr den Lord Mowbray verließ, ge⸗ faßt gemacht, ihm dieſelbe Entdeckung mit⸗ zutheilen, die Sir Amias bereits mit Huͤlfe ſeines Gewiſſens und anderer nicht minder triftigen Beweisgruͤnde gemacht hatte. Biertes Kapitel. Beſorgniſſe. Meine Ohrringe waren von Perlen und fein. Sie gab mir mein Liebchen, es nie zu vergeſſen, Daß den Mund er mir küßte, wie Perlen ſo rein, um Anderer Rede mein Ohr nicht zu leihn, Mit Ihnen zu ſcherzen mich nie zu vermeſſen. 3 Lockharts ſpaniſche Balladen. Als die Lady Albertine nach Hauſe zuruͤck⸗ kehrte und Adonijah erzaͤhlte, daß Ralph Hanslap auf der Straße ſtehe, daß er Pi⸗ got im Voruͤbergehen erkannt, und ihn bis an die Thuͤre verfolgt haben muͤſſe; aͤußerte der Jude große Beſorgniſſe. „Liebes Kind,“ ſagte er,„bin ich nicht ein armer Jude, und wird Sir Amias ſich nicht an mir raͤchen, daß ich geweſen bin Euer Freund? O, wahrhaftig, es iſt eine —. 196— Schande fuͤr die Menſchheit, daß wir keine Zeugniſſe von Florenz erhalten koͤnnen. Euer Vater iſt todt,— der kann nicht kommen,— Euer Bruder iſt todt,— der kann nicht kommen,— Eure Schweſter iſt eine Nonne,— ſie kann nicht kommen!“ Die Lady, die an Adonijah bis dahin nur Entſchloſſenheit und Vorſicht wahrge⸗ nommen hatte, war nicht wenig erſtaunt, ihn auf dieſe Weiſe ſprechen zu hoͤren und wollte verſuchen, ſeine Beſorgniſſe zu be⸗ ſchwichtigen; allein er kam ihr mit den Worten zuvor:. „Sind die Juden keine Hunde in den Augen der Chriſten? Wird Sir Amias keine Luͤgen ſagen, die man fuͤr Wahrhei⸗ ten annehmen wird? Wird man Adonijah nicht mit gluͤhenden Eiſen brennen, und werden die Erpreſſungen nicht den Ruin uͤber ſein Haus bringen? Und Ihr, liebes Kind, werdet Ihr nicht unterdruͤckt und verfolgt wie ein Jude ſelbſt? Hat Sir Amjas Euern Namen nicht mit Schande — 197— gebrandmarkt? Und wo ſind die Beweiſe, die ihn bringen zur Beſchaͤmung? Sind wir nicht von den Geſetzen verkauft und verrathen? Der Druck hat unſere Haͤnde ſo ſchwer gefeſſelt, das wir ſolche nicht er⸗ heben koͤnnen. Ich weiß, daß Euer Un⸗ terdruͤcker von heute an mein Feind ſeyn wird, und wohin, um ſeinem Haſſe zu entgehen, der ſo lange dauern wird, bis ich nichts mehr zu geben habe?“ „Leider!“ rief die Lady, durch die Wahrſcheinlichkeit ſeiner Beſorgniſſe ſehr erſchuͤttert:„Leider! Und ſoll Euer Ruin die Belohnung des mir erzeigten Wohl⸗ wollens ſeyn? Gerechter Himmel, verzeihe dem Murren eines gebrochenen Herzens! ich kann mich nur nach dem Ende meines Daſeyns ſehnen, welches ohne Hoffnung fuͤr mich zu ſeyn ſcheint.“ Hier nahm ſie den alten Mann bei der Hand, ihm fuͤr Alles dasjenige zu danken, was er zur Milderung ihres Schickſals gethan habe; allein ſie war unfaͤhig zu ſprechen. — 198— Aponijah wurde weich, und er ſagte mit ſchmelzender Stimme: „Ich ſpreche manche unnuͤtze Worte, und es iſt kein Verſtand in meiner Rede.“ „Nein, nein,“ rief die Lady,“ Eure Beſorgniſſe ſind nur zu begruͤndet. Das was ich erduldet habe, kann uns zur War⸗ nung dienen, was Ihr zu erwarten habt.“ Adonijah ſann eine Weile nach, und verſetzte hierauf:„Ich bin lange Euer VBa⸗ ter geweſen; ſollten mich aber grauſame Verfolgungen treiben aus dieſem Lande, wird dann nicht ein anderer Freund fuͤr Euch aufſtehen? Ich bin alt, Lady, und habe manche Erfahrungen gemacht; allein ſoviel ich bemerkt habe, wiederholen ſich die Zufaͤlle unſers Lebens. Das Verhaͤng⸗ niß will es, liebes Kind, daß Euch die Menſchen gern haben ſollen, und ſo wird es ſeyn, wenn ich auch nicht mehr bin; dann wird Euch ein neuer Freund erſtehen, wie ein Morgenlicht, wenn Ihr in der . — 199—. fernſten Irre geht, und Euch die finſtere Verzweiflung umringt.“ „Es iſt leider nur zu wahr,“ rief die Lady mit einer Troſtloſigkeit, welche ruͤhren⸗ der wie der lebhafteſte Schmerz ſelbſt war; „nur zu wahr, was Ihr da ſagt; mein Loos iſt ſo lange eine Wiederholung von Ungluͤcksfaͤllen geweſen, daß ich fuͤrchten muß, dazu verdammt zu ſeyn, die Beſtaͤn⸗ digkeit der Leiden an mir zu erproben.“ Waͤhrend ſie dieſes ſagte, wurde Ado⸗ nijah gedankenvoll; ſein ſonſt ſtets ſeelen⸗ volles Auge ward von einer Thraͤne getruͤbt, die aus der Wimper hervorquoll, und die Haͤnde auf den Ruͤcken gelegr, ſchritt er im Zimmer auf und ab. Seine Ver⸗ ſunkenheit wahrnehmend, hielt ſie in ihrer Rede ein und folgte ihm mit den Augen, bis er ſtille ſtand und, ohne auf ſie zu bli⸗ cken, laut zu ſich ſelber ſprach: „Die Teufel haben keine Gemeinſchaft unter ſich, nie ſchleichen zwei ſich in Ein Herz ein, weder Belial noch Moloch, noch — 200— Satan haben Gewalt uͤber Sir Amias. Selbſt ſein Stolz hat die Eigenſchaft einer Tugend, denn er ſteht mit ſeinen boͤſen Neigungen im Widerſpruch. Dies iſt der Schutzengel, der mit Mammon im Streite liegt. Es iſt Mammon der ihn eingenom⸗ men hat; und habe ich nicht die Opfer, die Mammon nimmt, um mir damit zu er⸗ kaufen den Frieden?“ Bei dieſen Worten, deren Sinn er die Lady errathen ließ, ging er in ſein gehei- mes Gemach, und kehrte mit dem oͤfters erwaͤhnten Schmuckkaͤſtchen in den Haͤnden zuruͤck, das er erſt vor Kurzem von Sir Amias erkauft hatte. „Dieſes,“ ſagte er,„will ich dem Sir Amias bringen, ich will ihm Abbitte thun und ihm ſagen, daß ich mich in Betreff Euers Sohnes getaͤuſcht gehabt haͤtte, und er wird froh ſeyn wieder zu bekommen dieſe Juwelen, und mich vielleicht in Frieden laſſen, wenn er ſieht,— wie er einſehen muß,— daß ich hinter ſeine Schliche ge⸗ kommen bin, wegen des Knabens.“ — 201— „Allein wird er ihn nicht ferner mit ſeinem Haſſe verfolgen?“ erwiederte die Lady:„wird er nicht zittern zu verneh⸗ men, daß mein Sohn noch am Leben und aufgefunden worden iſt? Wird er nicht duͤrſten— ach! daß ich es ſagen muß— gefuͤhllos duͤrſten nach ſeinem Blute? Ha, Adonijah, was habt Ihr hier? Wo habt Ihr das Kaͤſtchen her? Wie iſt es in Eure Haͤnde gekommen? denn es wurde mir ge⸗ ſtohlen.“ Der Jude ſchien Anfangs bei ihrem Aus⸗ rufe nur ein wenig uͤberraſcht; allein ſeine Ueberraſchung wuchs zum hoͤchſten Erſtaunen. Er blickte die Lady und dann wieder das 3 Juwelenkaͤſtchen an. Sein ganzes Weſen war erſchuͤttert, und Thraͤnen traten ihm in die Augen. Mit dem langſam tiefen Tone gottesfuͤrchtiger Ehrerbietung und feierlicher Erhebung des Kopfs und der Haͤnde ſagte er: „Der Herr iſt ein Wunderköͤnig. 77, Er ging ſodann, die Hinde mit dem I. Bänd chen. 9* — 202— Kaͤſtchen ausſtreckend, haſtig auf die ded) Albertine zu und ſagte: „Sir Amias, ſagt Ihr, hat Euch dies genommen? dieſes ſelbe Kaͤſtchen?“ Ehe ſie jedoch antworten konnte, ſtieß er ei⸗ nen Freudeſchrei aus, und klopfte trium⸗ phirend auf den Deckel:„Israel hat ſeine Bundeslade wieder gefunden,“ rief er, „hier iſt unſere Sicherheit. Wir wollen es dem Sir William von Wyckham brin⸗ gen, dem Biſchof von Wincheſter; er hat den Schluͤſſel zu dem Gewiſſen des Koͤnigs und iſt uͤberdies ein gerechter Mann. Wir wollen ihm die Juwelen uͤbergeben; er wird den Sir Amias rufen laſſen und ihm in Betreff ihrer und Eurer Fragen vorlegen, und der Herr wird den Geiſt des Sir Amias vor dieſem gerechten Manne verwirren. Dann wird einbrechen die Morgenröͤthe uͤber uns und unſere gerechte Sache.“ Der Lady war es eigentlich nicht recht klar, auf welche Weiſe Adonijahs Vor⸗ ſchlag ihnen zum Vortheile gereichen ſollte. f — 203— Sie war im Gegentheil durch den Gedan ken beunruhigt, daß ein ſolcher entſcheiden⸗ der Schritt den Sir Amias nur noch mehr zu Feindſeligkeiten reizen, und ihres Soh⸗ nes Verhaͤngniß beſchleunigen muͤſſe. „Sir Amias,“ ſagte ſie,„wird es wohl in Abrede ſtellen, vaß die Juwelen mein waren. Hat er nicht verbreitet, daß ich Lord Edmunds Weib nicht geweſen ſey? Mißt man nicht Allem, was er gegen mich ſagt, Glauben bei? Steht hier nicht das Wappen von Rothelan auf dem Kaͤſt⸗ chen, und hat ſich Sir Amias nicht alles Eigenthums ſeines Bruders bemaͤchtigt? Wird er nicht behaupten, daß auch ſie ge⸗ ſetzmaͤßig in ſeine Haͤnde kamen? Nein, Adonijah, es liegt eine offenbare Gefahr in Euerm Vorſchlag. Erinnert Euch was aus Euch ſelbſt werden wird, wenn man von Euch denken ſollte, daß Ihr einen ſo vorneh⸗ men— ja einen ſo guten Mann— eines ſol⸗ chen Vergehens faͤlſchlich angeklagt haͤttet.“ „Dies hat nichts zu ſagen,“ erwiederte — 204— der Jude entſchloſſen;„hier iſt ein Gebiß fuͤr ſeinen Mund, wenn er zornig wird. Dieſe Juwelen waren Euer. Schicktet Ihr nicht Euern Beichtvater mit ihnen zu mir, um Geld dafuͤr zu erhalten? Habe ich nicht mein eigenes Geld fuͤr die Juwelen ge⸗ zahlt? Gab ich Euch die Juwelen nicht mit meinen eigenen Haͤnden zuruͤck? Sind ſie hierdurch nicht Euer Eigenthum geworden? Wie kam denn Sir Amias dazu, mir ſie verkaufen zu koͤnnen; denn Ihr ſagtet ja, daß ſie Euch geſtohlen worden waͤren? Wahrhaftig, das nie ſchlummernde Auge des Gottes Jakobs hat uͤber dieſes Kaͤſtchen gewacht, und es iſt zweimal in meine Haͤnde gekommen, wie der Becher und das Geld in Benjamins Reiſeſack. Die Lei⸗ densjahre Eurer Schickſale ſind nun vor⸗ uͤber, theure Lady, und wir werden hin⸗ fort gedeihen und ſtark werden. Durch die Huͤlfe der Gerechtigkeit werden wir die Ge⸗ fangenſchaft ſelbſt uͤberwinden und Seſän⸗ gen nehmen.“ .— 205— So ermuthigt und vertrauend, berei⸗ tete ſich der Jude ſogleich, mit der Lady nach der Wohnung des beruͤhmten William von Wyckham zu gehen. In der Zwiſchen⸗ zeit hatte ſich jedoch Ralph Hanslap zu Sir Amias verfuͤgt, und den Schrecken, den ſie beide fuͤhlten, als ſie ſich ihre gegenſeiti⸗ gen Entdeckungen einander mittheilten, trieb ſie an, die ſchnellſten Mittel zu er⸗ greifen, die Gefahr zu beſchwoͤren, welche die Wiedererſcheinung des Erben von Ro⸗ thelan offenbar fuͤr ſie beide haben mußte. Es trafen jedoch noch an dem naͤmlichen Tage Boten aus dem Norden mit der Nach⸗ richt ein, daß die koͤniglich ſchottiſche Ar⸗ mee die Marſchlande paſſirt habe, in Folge deſſen der Koͤnig an der Spitze ſeiner in York verſammelten Barone aufbrach. Un⸗ ter andern Edelleuten begleitete ihn auch der Lord Mowbray mit einem glaͤnzenden Gefolge, von welchem unſer junger Held die munterſte Zugabe bildete. 82 81 α 90 280 Fuͤnftes Kapitel. Der Staatsmann. Neindähkeit im Geſicht,— Wohlwollen im Her⸗ zen,— Hoffnung in ſeinen Worten,— kurz, ein Mann von der auserleſenſten Rechtſchaffen heit; doch hat er einen Fehler; eine Schatten⸗ ſeite ſo vieler Tugenden,— ſeine Zauderei, die entweder aus einer Charakterſchwäche o aus einer unordentlichen Dienſtführung ent⸗ ſteht, und weiche den Partheien vieles Leid und ſchweren Verluſt zuzieht. Der Stadt⸗Magiſtrat. Die Schilderung, die unſer Geſchichtſchrei⸗ ber von der Abreiſe des Koͤnigs von Weſt⸗ muͤnſter entwirft, iſt ſo lebendig, geiſtreich und geſchmuͤckt, daß wir ſelbſt nicht einmal verſuchen wollen, ſolche im Umriß wiederzu⸗ geben. Umſonſt verſuchten wir mit unſerm ungeuͤbten Pinſel, dieſe Scenen ritterlichen — 20— Aufwandes und das Gepraͤnge des Krieges zu malen. Die Farben unſerer Pallette bie⸗ ten uns nur die Elemente zur Schilderung der Eigenſchaften des Herzens dar, und man muß das Verdienſt der Gegenſtaͤnde unſrer Gemaͤlde in etwas Anderem ſuchen, das einen bleibenderen Werth fuͤr die Menſch⸗ heit hat, als die Faltenwuͤrfe der Gewaͤn⸗ der oder die architektoniſchen Verzierun⸗ gen des Hintergrundes. Sollten wir in der Nachahmung von Dingen wetteifern, die wir nur als untergeordnet betrachten koͤn⸗ nen, wenn andere trefflichere Gegenſtaͤnde, die eine ſchwierigere Behandlung erfordern, unſeren Strebungen ein weit edleres Ziel vorſtecken? Statt alſo zu erwaͤhnen, was uns von der bedaͤchtigen Wuͤrde erzaͤhlt wird, womit die Ritter auszogen, und in ihrer ſtattlichen Haltung zu erkennen gaben, wie Erfahrung ſie uͤber die Veraͤnderlichkeit des Kriegsgluͤcks belehrt habe,— oder die Curbetten der Squires zu beſchreiben, die gern fuͤr tapferer gehalten ſeyn wollten, — 208— als ſie waren,— oder die wichtigen Mienen, welche die jungen Edelknaben machten, und die ſtolz waren, ſich bei einer ſo feierlichen Veranlaſſung zeigen zu koͤnnen,— oder die Bierhausgeſichter der Stallknechte, und die rohen Scherze, womit ſie von ihren Kameraden unter den Zuſchauern Abſchied nahmen;— ſtatt ihnen dieſe Dinge zu beſchreiben, oder das muthige Jauchzen der Soldaten und des Volks,— oder das Wo⸗ gen der Federbuͤſche, das Schimmern der Bruſtharniſche,— oder das Geſchmetter der Trompeten,— die Weiber, wie ſie ſich an ihre Maͤnner anklammerten, und dieſe ſich zoͤgernd von ihnen losriſſen,— oder die verliebten Maͤdchen, die von ferne ſtan⸗ den und ſeufzten, daß die Ehrbarkeit ihnen verbot, nicht ebenſo diejenigen umſchlingen zu koͤnnen, die ſi ſie liebten,— oder die be⸗ jahrten Vaͤter, die braven munteren Soͤhnen die Haͤnde ſchuͤttelten; ſtatt ähnen eine Erzaͤhlung von allen dieſen Dingen zu lie⸗ fern, muͤſſen wir unſere geneigten Leſer bitten, ſich ſelbſt die Vorſtellung davon zu machen, wie eine ſo unvergleichlich gewandte Feder dieſes Alles ſchilderte, und uns hier⸗ auf mit Adonijah und der Lady nach dem Wincheſter⸗Palaſte zu folgen. Es war an einem Abende, einige Stun⸗ den nach der Abreiſe des Koͤnigs, daß ſie bei dem Biſchofe eingefuͤhrt wurden, an dem ſie, wie unſer Autor erzaͤhlt, einen ſchoͤnen Mann fanden, deſſen Geſichtsfarbe weder braun noch bleich genannt werden konnte, ob ſie ſich gleich etwas mehr nach der letztern Farbe hinneigte, ſo ſehr man auch, ſeinem breiten und kraͤftigen Koͤrper⸗ bau nach, gerade das Gegeneheit hütts ver⸗ muthen ſollen. Da er jedoch ſehr emſig ſeinen Studien oblag und maͤßig lebte; da er in Ruhe den fruchtbaren Ideen ſeiner Betrachtungen nach⸗ hing und ſich keine Nachſicht gegen ſich ſelbſt erlaubte; ſo gab ihm dieſes bei einem ruͤſti⸗ gen Koͤrperbau, ohne kraͤnklich zu ſeyn, das ſchwaͤchliche Anſehen eines Menſchen, der — 240— nicht ganz geſund iſt. Seine Stimme war einnehmend und wohlklingend, nur dann und wann etwas ſcharf im Tone, zum Seichen, daß, ſo munter ſeine Laune auch in ſeiner Jugend geweſen war, doch die ſtaͤndige Uebung von Werken der Wohlthaͤ⸗ tigkeit, die allzugroße Lebhaftigkeit bei ihm, wo nicht gaͤnzlich unterdruͤckt, doch gemaͤßi⸗ get hatte. Dieſer uͤber ſich gewonnene Sieg war ſo ſichtbar, daß es ſeiner Urbanitaͤt die Anmuth einer wohlwollenden Theiſ⸗ nahme lieh. Geſchaͤfte in koͤniglichen Angelegenhei⸗ ten hatten ihn genoͤthigt, die Lady und den Juden eine Zeitlang auf dem Gange ſtehen zu laſſen, und ſie fanden ihn ſitzend, als ſie vorgefuͤhrt wurden. Er entſchuldigte ſich bei ihrem Eintritte ſehr herablaſſend, bis er die Lady gewahrte und, durch ihr ehrfurchtgebietendes Anſehen eben ſo uͤber⸗ raſcht, als geruͤhrt durch ihre ſchon ge⸗ reifte Schoͤnheit, aufſtand und ſie nach einem Stuhle fuͤhrte. — 211— „Wie ich hoͤre,“ ſagte er,„verlangt Ihr mich allein zu ſprechen, und noch die⸗ ſen Abend. Die ploͤtzliche Abreiſe des Koͤ⸗ nigs hat mir heute eine Menge Geſchaͤfte zugefuͤhrt; wenn aber Euer Anliegen ſo dringend iſt, daß daſſelbe nicht verſchoben werden kann, ſo bin ich bereit ihm alle moͤgliche Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Ado⸗ nijah, dem man keinen Sitz angeboten hatte, ſtand in einiger Entfernung. Als er den Biſchof ſo ſprechen hoͤrte, trat er hinzu, oͤffnete das unter dem Arme hervor⸗ gelangte Kaͤſtchen, und es dem Biſchofe darreichend, erzaͤhlte er ihm, wie er ſolches zum erſtenmale gekauft habe. Der Biſchof, der waͤhrend dieſer Erzaͤhlung den Inhalt des Kaͤſtchens unterſuchte, ſchien dem, was ihm geſagt wurde, wohl zuzuhoͤren, aber nicht darauf zu merken. Als aber Adonijah fortfuhr, von dem ungluͤcklichen Schickſal der Lady und dem Antheile zu ſprechen, den er an ihrer Lage genommen hatte, ſtellte der wohlwollende Praͤlat das — 212— Schmuckkaͤſtchen auf den Tiſch, und horchte, die Haͤnde uͤber den Schooß gefaltet, mit dem Ausdrucke geſpannter Aufmerkſamkeit zu. Nachdem ihm der Jude umſtaͤndlich die Geſchichte der Lady und ihres Sohnes, wie ſolche unſern Leſern bereits bekannt iſt erzaͤhlt, und ihm ſowohl die Beſorgniſſe, die er ruͤckſichtlich der feindſeligen Geſinnungen des Sir Amias hegte, als die Beweggruͤnde mitgetheilt hatte, welche ihn veranlaßt hat⸗ ten, mit der Lady die ihm ſo willig ge⸗ waͤhrte Audienz nachzuſuchen, hielt er, in Erwartung einer Antwort von demſelben, ein. Der Biſchof ſchwieg aber mehrere Mi⸗ nuten lang ſtille, und Adonijah, der mit etwas gehobener Linken neugierig vorwaͤrts gebogen da ſtand, ſchien die Gedanken le⸗ ſen zu wollen, die ihm durch den Kopf gingen, waͤhrend die Lady ihren, beim Ein⸗ tritt ins Zimmer zuruͤckgeworfenen Schleier wieder uͤber das Geſicht zog. „Edle Frau,“ ſagte endlich der Biſchof, einen Augenblick durch Adonijahs plötzliches — 213— Geberdenſpiel unterbrochen, der in ſichtba⸗ rem Triumph in die Haͤnde klatſchte,— „Edle Frau, dieß iſt eine ſonderbare Ge⸗ ſchichte. Sie iſt ganz dazu geeignet, Ver⸗ dacht gegen den Sir Amias zu erregen; und wenn die Dinge, die Ihr mir hier er⸗ zaͤhlt habt, wahr ſind, ſo zweifele ich kei⸗ neswegs an der Guͤltigkeit Eurer Rechte; allein ich bin eben ſo gewiß, daß dieſes aller, von dieſem achtbaren Manne darge⸗ legten Wahrſcheinlichkeit ungeachtet, nicht hinreichen wird, um den Koͤnig in den Stand zu ſetzen, Euch zu Euerm Rechte zu verhelfen. Ich will jedoch, da es ſicherlich mir nicht gut anſtehen wuͤrde, mich allzu⸗ ſehr an die gerichtlichen Formeln in einer ſo ſonderbaren Sache zu ſtoßen, worin ein Jude bereits ſo Vieles gethan hat, das thun und, wie mir derſelbe angedeutet hat, den Sir Amias de Crosby zu einer Pri⸗ vatunterredung zu mir einladen laſſen, wo ich ihn dann uͤber den Gegenſtand ausfor⸗ ſchen will. Ich werde den Juden indeſſen — 214— unter meinen beſondern Schutz nehmenz und was Euern Sohn betrifft, ſo habt Ihr, ſo lange er ſich bei Lord Mowbray befindet, der einer der edelſten Maͤnner in ganz Eng⸗ land iſt, nichts fuͤr denſelben zu fuͤrchten. Ich kann mich jedoch heute nicht mehr mit dem Geſchaͤfte befaſſen; morgen will ich aber zu dem Ritter ſchicken, und Ihr koͤnnt mor⸗ gen um dieſe Stunde wieder zu mir kom⸗ men.“ So beruhiget und getroͤſtet ſchied Ado⸗ nijah und die Lady; allein am naͤchſten Tage fielen dem Biſchofe in oͤffentlichen Angele⸗ genheiten ſo dringende Geſchaͤfte vor, daß er keine Zeit fand ſein Verſprechen zu er⸗ fuͤllen. Ralph Hanslap und ſein Patron gewannen alſo Zeit, ihre Anſchlaͤge ins Werk zu ſetzen. — Sechstes Kapitel. Der Aufbruch. Zur Schlacht gereiht ſtand Mann und Pferd, und jeder Reiter zog ſein Schwerdt; Bei Hörnerklang und Hufgeſtampf, und ſchnaubend flogen ſie zum Kampf. Die Schlacht bei Hohenlinden. Waͤhrend der drei erſten Tage des Mar⸗ ſches des Koͤnigs trug ſich nichts beſonderes zu; als aber der koͤnigliche Reiterzug Ne⸗ wark am Trentfluß erreichte, wurde einer von Lord Mowbrays Reitknechten in einen Streit mit zwei Fremden verwickelt, die, ob ſie gleich ſpaͤter eingetroffen waren, mit Gemalt ſich einen Stall anmaßen wollten, wovon Erſterer bereits Beſitz genommen hatte. Der Streit war zwar bald beigelegt; * — 216— allein das anmaßende Benehmen der Frem⸗ den hatte Trotz dem, daß ſie nur das An⸗ ſehen ſimpler Neomans hatten, etwas ſo Auffallendes an ſich, daß ſie allgemein be⸗ merkt wurden. Selbſt von Seiten des Ge⸗ folges des Grafen von, Mowbray wurden ſie mit einem gewiſſen Mißtrauen angeſehen; denn obgleich ihre Manieren mit ihrem Aeußeren uͤbereinſtimmten, ſo war ihr Be⸗ ſo uͤbermuͤthig roh und un- geſchliffene, Halz es augenſcheinlich Bedien⸗ ten eines Herri waren, anzdem ihre Ro⸗ heit einen Ruͤckhalt fand. . Diſa emdlinge miſchten ſich des Mor⸗ gens unkeyehas konigliche Gefolge, und ga⸗ ben ſich auf dem weiteren Marſche das An⸗ ſehen zu demſelben zu gehoͤren; es fiel je⸗ doch an ihnen auf, daß ſie jedermann un- bekannt waren, und daß ſie ſich zu ſcheuen ſchienen, ſich mit den uͤbrigen Knechten in 3 irgend eine Kameradſchaft einzulaſſen. Lord Mowbrays Leute waren beſonders aufge⸗ bracht, und außerten unter ſich laut ihre — 217— Unzufriedenheit uͤber den beharrlichen Eigen⸗ ſinn der Fremdlinge, durchaus mit ihrer Truppe reiten zu wollen, indem ſie ſie ſcheel anſahen, wenn immer ſie mit ihnen zuſam⸗ men trafen, und ihre hoͤflichſten Fragen nur kurz und brummig beantworteten. Als ſie Pontefract erreichten, trafen Boten mit der Nachricht bei dem Koͤnige ein, daß Durham gepxluͤndert und abgebrannt wor⸗ den ſey, und da Seine Majeſtaͤt dieſen Fre⸗ vel ſchnell zu raͤchen wuͤnſchte, befahl er Lord Mowbray voraus nach York zu eilen, um dort die Armee ſogleich aufbrechen zu laſſen. Lord Mowbray begab ſich alſoen von einem kleinen Gefolge begleitet, unter welchem ſi ſich auch Rothelan befand, den er waͤhrend der Reiſe ſehr liebgewonnen hatte, noch denſel⸗ ben Abend auf den Weg. Er war jedoch noch nicht uͤber drei bis vier Meilen von den Tho⸗ ren von Pontrefract gekommen, als ein allge⸗ meines lautes Murren, das unter den Die⸗ naern ausbrach, ihr Mißvergnuͤgen uͤber die Zudringlichkeit verkuͤndete, womit ſie ſich, wie 1. Bändchen. 10 3 — 218— ſie ſich ausdruͤckten, von den beiden uͤber⸗ laͤſtigen Fremden verfolgt ſahen. Da ſie aber alle in derſelben Richtung die hohe Straße zogen, ſo konnte es ihnen nicht verwehrt werden, mitzureiten, ſo lange ſie dazu entſchloſſen waren. Mowbrays Leute wurden hieruͤber aͤrgerlich, und einige von ihnen ritten nicht allein mehrere Male ge⸗ gegen die Pferde der Fremden an, ſondern beſchuldigten ſie auch haͤndelſuͤchtig, ſie ge⸗ ſtoßen zu haben, obgleich das Verſehen, deſſen man ſie beſchuldigte, offenbar auf ihrer Seite und aus abſichtlicher Bosheit von ihnen ſelbſt begangen worden war. So unverſchaͤmt ſich die beiden Burſche auch im Anfange betragen hatten, ſo war es doch jetzt klar, daß ſie Haͤndel zu ver⸗ meiden ſuchten; und ihren ſtreitſuͤchtigen Charakter in Erwaͤgung gezogen, konnte wohl nichts beſſer, als dieſer Zwang, den ſie ſich auflegten, beweiſen, daß ſie irgend etwas Wichtiges im Schilde fuͤhrten. Ob⸗ gleich ihnen auf erwaͤhnte Art öͤfters ſtark — 2419— zugeſetzt wurde, um ſie zu Thaͤtlichkeiten zu reitzen, ſo blieben ſie doch hartnaͤckig da⸗ bei, dem Lord Mowbray nach York zu fol⸗ gen, wo ſie nicht ſobald angelangt waren, als des Koͤnigs Befehl bei der Armee be⸗ kannt gemacht wurde.— Das Schauſpiel, welches hier erfolgte, war wohl darauf berechnet, der Seele des jungen Edelknaben einen hoͤhern Schwung mitzutheilen. 2 Als ſie von der Thorwache eingelaſſen wurden, war es ſtille in der Stadt, und lange Reihen von Gepaͤckwagen verſperrten die Straßen; hier und dort brannte noch ein Licht in einem Dachfenſter, und dann und wann ließ ſich, indem der Zug, worin er ſich befand, nach dem Schloſſe voruͤberzog, aus den engen und dunkeln Nebengaͤßchen der ſchreiende Ruf eines Nachtwaͤchters, der die Stunden der Nacht verkuͤndigte, oder das Pochen ausgeſperrter Reiter vernehmen. Allein ſobald als Lord Mowbray dem Gou⸗ verneur Sir Dick Danour die Befehle Seiner — 220— Majeſtaͤt mitgetheilt hatte, verdrängte der Laͤrm der Trompeten die Stille der Nacht, und als ob ihr gellender Ton die Lichter aus der Dunkelheit der Nacht geſchlagen haͤtte, ſo entzuͤndeten ſich von allen Seiten ploͤtzlich ein ſolches Lichtergefunkel und Fackelflammen, daß der junge Rothelan, bei dem Anblicke deſſelben vom Schloßwalle, daruͤber in laute Verwunderung ausbrach. Wo der Knabe hinſah war es, als wenn ein Sternenregen auf die Stadt gefallen waͤre. Alles war in Bewegung. Man vernahm das Getrabe der Pferde, das Schreien der Wei⸗ ber, und die rauhen Stimmen der, von der allgemeinen Verwirrung uͤbereilten Maͤnner, ſo wie das Knarren der Raͤder ſchwer belade- ner Wagenz und mitten unter den geraͤuſch⸗ vollen Mißtönen dieſer Anarchie, erſcholl von der Glocke der Hauptkirche, gleich der Stimme einer Schildwache im Sturme, die Stunde der Mitternacht. So wie ſie ausgeſchlagen hatte, ſetzten ſich die Solda⸗ — 221— ten, welche inzwiſchen auf dem Gottesacker und den Straßen gemuſtert worden waren, mit einem allgemeinen Hurrahruf in Marſch. Der Morgen war jedoch weit vorgeruͤckt, ehe die ganze Armee die Thore paſſirt hatte. Mittlerweile hatte ſich Lord Mowbray und ſein Gefolge zur Ruhe begeben, um dem Heere bei Zeit folgen zu koͤnnen. Als er aufwachte und nach ſeinem Edelknaben fragte, ſagte man ihm, daß der Knabe fruͤh⸗ zeitig aufgeſtanden und zum Schloßthore hinausgegangen waͤre. Dieß wunderte ihn nicht ſehr. Er ſah der jugendlichen Neu— gierde gern etwas nach, und ohne weiter darauf zu achten, bereitete er ſich in der Erwartung, daß Rothelan zuruͤckkehren wuͤrde ehe die Pferde fertig ſeyen, der Ar⸗ mee zu folgen. Hierin taͤuſchte er ſich je— doch, und ſchickte demnach, nachdem er einige Zeit gewartet hatte und ungeduldig wurde, Boten aus, um den Streicher auf⸗ zuſuchen; ihre Nachforſchungen waren je⸗ doch vergebens. Alles was ſie von ihm — 222— hoͤrten, belief ſich auf unſichere und unbefrie⸗ digende Angaben, daß man den Knaben auf der Straße geſehen haben wollte. Der Verluſt eines ſo verſchmitzten und ſchoͤnen Edelknaben wuͤrde den Lord Mow⸗ bray zu jeder Stunde geſchmerzt haben; allein ſein ſo unerklaͤrliches Verſchwinden im Zuſammenhange mit der anſcheinend myſterioͤſen Abkunft deſſelben, erfuͤllten ihn, der Sorgen unbeſchadet, die ihm ſeine oͤffent⸗ lichen Verpflichtungen auferlegten, mit mehr als gewoͤhnlicher Unruhe. Seine Diener glaubten uͤberzeugt zu ſeyn, daß die beiden daͤmiſchen Fremdlinge eine Hand in der Geſchichte haben muͤßten, und hierin war ihr Argwohn nicht unbegruͤndet, denn durch ſie war Rothelan entfuͤhrt worden, wozu ſie durch die Beſtechung Ralph Hanslaps verleitet worden waren. 00002002000000 395 0 0030805002550 Siebentes Kapitel. — Altes Ritterthum. Und längs der Gränze zog das Heer; Dorr fegten wir nach Lüſten In jeder Stadt die Koffer leer, Und plünderten die Kiſten. Der Kranz von Lochmaben. Bei dieſem Abſchnitte unſerer Geſchichte findet ſich abermals eine Luͤcke in unſerm Manuſcripte; wir finden uns aber im Stande, durch eine kluge Zuſammenſtellung der ſich in der Folge entwickelnden Um⸗ ſtaͤnde einen Theil des Fehlenden zu er⸗ gaͤnzen. Es erhellt hiernach, daß Sir Amias de Crosby zu ſelbiger Zeit nicht vor den Biſchof William von Wyckham kam; denn als Letzterer Muße fand, nach der Wohnung 8 — 224— des Sir Amias zu ſchicken, um ſich ſeinen Beſuch zu erbitten, kehrte der Abgeſchickte mit der unbefriedigenden Antwort zuruͤck, daß der Ritter und ſein Squire im Laufe des vorhergehenden Tages ſich uͤber den Kanal nach Bretagne begeben haͤtten. Daß ihre, zu einer ſolchen Zeit geſche⸗ hene Abreiſe mit irgend einer Begebenheit in den Schickſalen Rothelans in Verbin⸗ dung ſtand, mag mit ziemlicher Gewißheit angenommen werden; allein es geſchieht keine Erwaͤhnung der naͤhern Umſtaͤnde ih⸗ res Zuſammenhangs, noch werden wir wei⸗ ter davon unterrichtet, was aus Adonijah und der Lady Albertine fuͤr eine geraume Zeit wurde, als daß man ſie, wie es ſcheint, ruhig und unbelaͤſtigt in London leben ließ. Der Autor widmet ſeine Feder ſo ganz der Geſchichte des koͤniglichen Feld⸗ zuges, daß er Alles, was einzelne Privat⸗ perſonen betrifft, bei Seite ſetzt. Zu bekla⸗ gen iſt es gewiß, daß eine ſolche zierliche Schreibart an ſolche gemeine Gegenſtaͤnde verſchwendet iſt; allein der geneigte Leſer wird unſerm Geſchmack und unſrer Ein⸗ ſicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß wir daruͤber hinweg eilen, um zur Ge⸗ ſchichte unſers Helden zu kommen. Die beiden Schurken hatten an dem Schloßthore auf der Lauer geſtanden, als Rothelan, durch kindiſche Reugierde ge⸗ lockt, an dem Morgen hinausging, um die Armee abmarſchiren zu ſehen. Sich die Verwirrung zu Nutze machend, die in der Stadt herrſchte, zogen ſie ihn unter irgend einem Vorwande, deſſen naͤhere Umſtaͤnde nicht erwaͤhnt ſind, in ein Haus, wo ſie ihn ſo lange feſt hielten, bis Lord Mow⸗ bray die Stadt ſchon laͤngſt verlaſſen hatte. Sie fuͤhrten ihn ſodann in ſchnellen Tag⸗ reiſen, und auf, von der Heerſtraße, welche die Armee zog, entfernt liegen⸗ den Nebenwegen ins ſchottiſche Lager zu Durham, wo ſie Gelegenheit fanden, ihn an einen alten Hauptmann, Namens Gabriel de Glowr von Falaſide, als einen I. Bändchen. 10* .— 226— Gefangenen zu verkaufen, fuͤr den er wahr⸗ ſcheinlich ein gutes Loͤſegeld erhalten werde. Hier muͤſſen wir bemerken, daß das Ori⸗ ginal an dieſer Stelle eine Note enthaͤlt, die von tiefer Gelehrſamkeit zeugt, und durch welche es den Anſchein gewinnt, daß Gabriel de Glowr nicht der eigentliche Name dieſes alten Haudegens, ſondern vielmehr eine verbeſſerte Ueberſetzung des Sprachidioms ſeiner Landsleute iſt, da der wahre Name Glowring Gibby iſt. Ga⸗ briel de Glowr klingt indeſſen huͤbſcher und romantiſcher, und ſo werden wir ihn um ſo mehr beibehalten, als wir eigentlich nicht fuͤrs Publikum, ſondern fuͤr die in ihrer Meinung uͤberaus artigen Recenſenten der Tagblaͤtter ſchreiben. Kehren wir jedoch zu Gabriel de Glowr zuruͤck. Wie mehrere andere Kriegsleute, die ſich damals im ſchottiſchen Lager befanden, war dieſer alte Lehnstraͤger ſeinem jungen Koͤnige, dem Sohne des beruͤhmten Bruce mit ins Feld gefolgt, um dem Einfall in — 227— „England beizuwohnen, nicht um Lorbee⸗ ren, ſondern um Beute zu ſammeln, und war hoͤchlich erfreut uͤber den Fang, den er an dem ſchoͤn gekleideten Knaben gemacht hatte; ſo daß er, indem er den beſtuͤrzten Knaben einigen ſeiner Landsleute zeigte, ihnen aͤußerte, daß die beiden Burſchen, welche den Jungen eingebracht hatten, ob ſie gleich dem Anſehen und der Sprache nach aus dem Suͤden zu ſeyn ſchienen, nicht ſehr vernuͤnftig gehandelt haͤtten, ſich ſeiner zu begeben. Warum haͤtten ſie es indeſſen nicht thun ſollen?— zogen ſie nicht ihren Vortheil aus ihrem Uebereinkommen mit Hanslap?— was ſie von Falaſide erhielten, war bloß ein Uebriges. Als die Nachricht vom Anruͤcken der engliſchen Armee ins Lager kam, beredeten die ſchottiſchen Haͤuptlinge ihren jungen Koͤnig, zum Ruͤckzug blaſen zu laſſen, um, wie der Geſchichtſchreiber ſagt, die Beute in Sicherheit zu bringen, die ſie auf ihrem Zuge gemacht hatten. Dieſes iſt jedoch eine — 228— offenbare Satyre auf ihre Ritterſchaft, die wir uns die Muͤhe nicht nehmen wollen, ausfuͤhrlich aus einander zu ſetzen und zu widerlegen; wir fahren vielmehr fort, zu erwaͤhnen, daß es damals die Gewohnheit der Juden und ihrer Kundſchafter, faſt auf dieſelbe Weiſe wie es in neuern Zeiten der Fall mit den Agenten mancher achtbarer Handlungshaͤuſer iſt, war, gleich den Raben und Geiern den Armeen nachzuziehen, um gepluͤnderte Sachen zu erkaufen, oder Lie⸗ ferungen zu machen. Unter Andern, die nach dem ſchottiſchen Lager gelockt wurden, befand ſich auch Shebak, der Bruder von Adonijah. Daß er, als Jude, dem ſchottiſchen La⸗ ger nachzog, moͤchte Manchem wohl un⸗ wahrſcheinlich vorkommen, da es erſt ſeit einigen Jahren her iſt, daß Juden im Stande waren, ein Unterkommen in Edin⸗ burgh zu finden. Er zaͤhlte vielleicht darauf, daß die Schottlaͤnder unter ihrer, den Eng⸗ aͤndern abgenommenen Beute, manche — 229— Dinge finden wuͤrden, von denen ſie weder den Gebrauch noch den Werth kannten, und ſie darum wohlfeil verkaufen wuͤrden. „Dem ſey aber wie ihm wolle; genug, She⸗ back war da, und waͤhrend die Soldaten einpackten, um nach Hauſe zuruͤck zu keh⸗ ren, fuͤgte es ſich, daß er im Umherwandeln zu dem Zelte des ſchlauen Sir Gabriel de Glowr kam.— Obgleich Sheback einigermaßen mit dem großmuͤthigen Antheile bekannt war, den Adonijah an dem ungluͤcklichen Schickſale der Lady Albertine genommen hatte, ſo beſaß er doch ſeines Bruders Vertrauen ſo wenig, daß er ihren Sohn nie zu ſehen bekommen hatte. Allein wenn er ihn auch, und zwar oͤfter, geſehen haͤtte, ſo wuͤrde er ihn ſchwerlich in dem Aufzuge erkannt ha⸗ ben, den Rothelan damals machte; denn Gabriel de Glowr hatte aus Furcht, daß ſein ſchoͤner Anzug durch die Unfaͤlle des Ruͤckzugs uͤber die Niederungen und Sumpfe des Kuͤſtenlandes verdorben gehen moͤge, — 230— den kleinen Kriegsmann ausgezogen, und ihm ein Paar Hoſen angethan, die aus der Pluͤnderung des Hauſes des Majors von Durham herruͤhrten; und da der Ma⸗ jor ein ſchwerer dickbeleibter Mann war, ſo war das Hoſenband ſo weit, daß es dem Kinde mit einer Schnur um den Hals ge⸗ bunden werden mußte, und fuͤr die Arme wurden Schlitze durch die Taſchen geſchnit⸗ ten. In dieſer Vermummung ſtand er, etwas unzufrieden uͤber die mit ihm vor⸗ gegangene Metamorphoſe, am Eingange des Zeltes von Gabriel de Glowr, als, wie wir erwaͤhnt haben, Shebak in ſeinem Be⸗ rufe vorbei kam, und im Vorbeigehen bei dem Alten anfragte, ob er nichts zu ver⸗ kaufen habe. 3 Kein Beſuch haͤtte ihm gelegener kom⸗ men koͤnnen; denn Gabriel de Glowr war eben damit beſchaͤftigt, das geſtickte Kleid des Kleinen zuſammen zu falten, und ließ ſich gern in einen Vorſchlag ein, den ihm Shebak machte, es ihm abzuhandeln. Al⸗ — 231— lein das, was zwiſchen ihnen vorfiel, lie— fert uns Stoff zu einem andern Kapitel. Hier muͤſſen mir jedoch anfuͤhren, daß die ganze Verhandlung eine getreue Abſchrift des Originals iſt. Wir ſind demnach fuͤr die welſchen Ausdruͤcke und veralteten Re⸗ densarten, die darin vorkommen, nicht ver⸗ antwortlich. Vielleicht waͤre dieſe Entſchul⸗ digung unnoͤthig geweſen, da es wohl be⸗ kannt iſt, welchen beſondern und hartnaͤcki⸗ gen Widerwillen wir gegen dieſe Sonder⸗ barkeiten des Styls haben. Sie moͤgen ausdrucksvoll, und wir zweifeln nicht, auch charakteriſtiſch ſeyn; allein dann ſind ſie dem Geſchmacke jener oben angezogenen, auserwaͤhlten Wenigen nicht zuſagend, fuͤr welche wir eigentlich ſchreiben, und von denen wir ſo großmuͤthig beguͤnſtigt werden. 00 00 8 000000000 0000 „ Achtes Kapitel. Ein Schottlaͤnder und ein Jude. Sie ſind, ſprach er, zu theuer, Ihr überfordert mich. Das alte Lied. Als der Jude, ſagt das Manuſeript, den Sir Gabriel de Glowr das geſtickte Kleid des Knaben, des beſſeren Transports hal⸗ ber, zuſammen falten ſah, waͤhrend dieſer, auf erwaͤhnte Weiſe in die Beinkleider des Majors gehuͤllt, die ihm, wie kein leben⸗ diger Menſch mehr anzugeben weiß, ent⸗ weder vom Leibe gezogen, oder aus ſeiner Garderobe geholt worden waren, mit be⸗ truͤbter Miene daneben ſtand, bot er ihm Geld dafuͤr an, ein Gebot, das dem gieri⸗ gen Gabriel de Glowr ſo wohlklingend er⸗ toͤnte, wie der Klang des Goldes einem — 233— habſuͤchtigen Wucherer; er drehte ſich alſo, ſeiner Gewohnheit nach, mit gierigen Bli⸗ cken um, und als er den Juden mit einem Sacke auf der Schulter ſtehen ſah, fing er ſogleich an, wegen eines moͤglichſt vortheil⸗ haften Verkaufes des Anzuges mit ihm zu ſchachern. „Was gibſt Du mir fuͤr dieſe Klei⸗ dungsſtuͤcke?“ fragte Gabriel de Glowr in Antwort auf die Anrede des Juden. „Sie ſind nit viel werth: ich geb' Euch on Roſenobel dafuͤr.“ „n Nobel?'n Teufel!“ rief Gabriel de Glowr,„das Kleid iſt ſeine dreihundert Mark werth, oder kein'n Pfennig. Pack' Dich Spitzbub'!'n Roſenobel! Ich mag nichts weiter von Dir hoͤren.“ „Nus, laßt mich doch noch'mal an⸗ ſchaun das Kleid.“ „Hier ſchau Dich ſatt. Haſt Du des Gleichen je geſehen? Alles pur' Gold. Es iſt mehr Gold an dem einen Knopfloch, als an'nem ganzen Roſenobel.“ — 234— „Ich will nit ſage,“ erwiederte She⸗ bak, nachdem er das Kleid von oben bis unten durchgemuſtert hatte,„daß das Kleid nit ſey mehr werth, als'n Roſenobel.—“ „Ja, ja, das wußt' ich wohl,“ rief Gabriel de Glowr.„Ihr lugſt'm Schott⸗ laͤnder keinen Ring aus den Ohrlappen, wie Ihr die einfaͤltigen Egypter in alten Zeiten beſchummelt habt.“ Da Shebak ſah, daß ſein aufrichtiges Geſtaͤndniß, in Betreff des groͤßern Wer⸗ thes des Anzugs, ihm einiges Zutrauen von Seiten unſers Kriegsmannes gewon⸗ nen hatte, ſo fuhr er fort:„Nu, ich will Euch gebe' fuͤnf Roſenobel, das is'n ſchwe⸗ rer Preiß; und koͤnnt ich doch nit ſoviel dafuͤr gebe', wenn die Englaͤnder nit waͤr'n in der Naͤh'; und,“ fuͤgte er bedeutſam hinzu,„es kann doch komme zur Schlacht.“ „Ahi, Schlacht! davon verſtehſt Du nichts; ſieh den Kerl dort mit dem Keſſel auf dem Buckel, und den dort mit'ner Feuerzangel der macht ſich zwei gute Schwer⸗ ter draus. Daß wir Narr'n ſind'ne Schlacht zu liefern. Schau Dich nur um im Lager, welche Menge von Beute wir aus der Pluͤn⸗ derung der Stadt Durham mitgebracht. Seit der Schlacht von Bannockburn iſt von den Schotten kein Alölcher Fang gemacht worden.“ „Ja,“ erwiederte Sheback,„es war 'ne große Schlacht, und die Schotte ſchluge ſich tapfer um die Beute, die ſie mitbrach⸗ ten!“ Sir Gabriels gereitzter Nationalſtolz ließ ihn einige Augenblicke ſich ſelbſt ver⸗ geſſen; er beſann ſich jedoch wieder und verſetzte, indem er Sheback mit ſchlauem Laͤcheln einen verſchmitzten Blick zuwarf: „Du biſt'n ſchlauer Spitzbub, Ihr Juden ſeyd aller Kniffe voll.“ Er ſtieß hiermit dem Sheback aus Scherz, aber ſo derb in in die Seite, daß der Jude einen hellen Schrei ausſtieß und ſich kruͤmmte, als ob ihm der Stoß ſchmerzlich wehe gethan haͤtte. „Nu',“ ſagte Shebak, wieder auf ihr — 236— Geſpraͤch einlenkend,„was wollt Ihr fuͤr die Kleider?“ „Netto fuͤnf und zwanzig Roſenobel, und da geht kein Pfennig ab.“ 4 „Fuͤnf und zwanzig Roſenobel?“ rief Sheback zum Himmel blickend und die Haͤnde entſetzt uͤber dem Kopfe zuſammen⸗ ſchlagend. „Fuͤnf und zwanzig,“ erwiederte Sir Gabriel de Glowr,„und dieſe muͤſſen all' vollwichtig ſeyn.“ 3 3 „Ich will Euch gebe' ſechs. Nit'ne einzige mehr geb' ich Euch. 4 „Ich kenne das ſehr wohl,“ ſagte Ga⸗ briel de Glowr,„Du gibſt mir nicht eine mehr, ſondern zehn und neun, das macht neunzehn, und die ſechs dazu, das macht gerade fuͤnf und zwanzig.“ „Nu', nu', ich will Euch gebe' mehr,“ ſagte der Jude, indem er einen Beutel aus der Buſentaſche zog. „Se ſind ſehr ſchoͤn,“ ſagte Shebak, ihm die Roſenobel auf die flache Hand zaͤh⸗ — 237— lend, in der Hoffnung den Schottlaͤnder durch ihren Anblick zu verblenden; all' voll⸗ wichtig ſind ſe; ſind doch noch keine ſchoͤnere Roſenobel aus der Muͤnz' komme! Seht! ich geb' Euch hier zehn Stuͤck; Ihr ſeht, daß ich mehr nit habe in mei'm Beutel. All' die ſchoͤne, gute Roſenobel! ich bin'n rui⸗ nirter Mann, wenn ich Euch gebe ſoll ſo viel, beim Sege' Abrahams.“ „Fuͤnf und zwanzig, dabei bleibt's,“ erwiederte Sir Gabriel de Glowr;„ſuch: in der Ficke, ob Du nicht noch ſo'n klei⸗ nen Beutel finden kannſt.“ Nach einigem Hin⸗ und Herhandeln und Betheuerungen deſſelben Inhalts, ſteckte Sheback die Hand in den Buſen, und zog eine andere Geldboͤrſe hervor, in welcher er noch ſieben Goldſtuͤcke hatte; al⸗ lein Gabriel de Glowr beſtand noch immer hartnaͤckig darauf, keinen Pfennig nachlaſ⸗ ſen zu wollen. Der Jude ging hierauf fort und der Kriegsmann legte das Kleid — 238— bei Seite. Shebak kehrte jedoch nach eini- gen Minuten wieder zuruͤck. „Ich hoͤre,“ ſagte er,„daß die Eng⸗ laͤnder bald werde hier ſeyn, und daß es wird komme zur Schlacht.“* „Pah!“ ſagte der Kriegsmann.„Hat Deine Boͤrſe keine junge Roſenobel ge⸗ heckt?— Fuͤnf und zwanzig muͤſſen es ſeyn.“ „Es hat mir'n Freund noch eine ge⸗ liehe; ein und zwanzig Roſenobel fuͤr ein Kleid von'm kleine Junge!“ „So geh' huͤbſch zu Deinem guten Freund, und hol' Dir die andern, dann wollen wir weiter mit einander ſprechen.“ Sheback ging wieder weg, und kehrte bald mit fuͤnf und zwanzig Goldſtuͤcken zu⸗ ruͤck, die er dem Sir Gabriel de Glowr in die Hand zu zaͤhlen anſing; bei dem vier und zwanzigſten hielt er ein, indem er das fuͤnf und zwanzigſte mit dem Daumen in der hohlen Hand barg. „Ich bin aufgeſchlagen mit dem Preis,“ — 239— ſagte Sir Gabriel ganz kaltbluͤtig,„ich fordere nicht weniger als dreißig.“ Sheback that einen hellen Schrei, raffte ſein Gold zuſammen nnd eilte weg. „Kehr' um, Jude!“ rief ihm der Kriegs⸗ mann nach,„kehre um, oder ich ſteigere Dir den Preis noch hoͤher.“ Sheback ſah ſich um und beſann ſi ſich; hierauf fing er an, in ſeinen Buſentaſchen zu ſuchen und zog nach einer Weile die Hand wieder heraus; er trat dann wieder zum Zelte und ſagte: „Laßt mich doch noch'nmal ſehen die Stickerei.“. Gabriel de Glowr that dieſes, als She⸗ back mit einem Male die Kleidungsſtuͤcke unter den Arm packte, die dreißig Gold⸗ ſtuͤcee mit der andern Hand auf den Tiſch warf und davon lief; allein Gabriel de Glowr ließ ſich durch die Ueberraſchung nicht auſſer Faſſung bringen. Er lief dem Juden nach, faßte ihn beim Nock agen und zog ihn zuruͤck. * — 240— „Heraus mit Deiner Goldwag', Jude! und wieg' mir das Gold vor, oder ich laſſe n Paar von meinen Leuten kommen, die Dir die Taſche fegen ſollen. Zoͤgernd gehorchte Sheback, zog eine Goldwage aus der Taſche und wog die Goldſtuͤcke; da ſich aber drei leichte dabei befanden, ſo wurde er genöͤthigt, ſie gegen drei andere auszutauſchen. „Nun,“ ſagte Gabriel de Glowr, als das Geſchaͤft zu Ende war:„Du weißt doch, daß Ihr zwei Wagen habt, eine, wo Ihr das Gold mit ausgebt, und eine, wo Ihr es mit einnehmt. Ich will Deinen Spitz⸗ buͤbereien indeſſen fuͤr dießmal nicht weiter zuſetzen. Du gibſt mir ruhig noch die drei leichten Stuͤcke, zur Ergaͤnzung deſſen, was an den andern fehlt, und dann laß ich Dich mit heiler Haut davon kommen. Thuſt Du das nicht, ſo ſtecke ich Deinen Kopf zwiſchen die Beine und haͤmmere Dir einen Zahn nach dem andern ein, bis Du mich befriedigt haſt.“ — — Der Jude blickte zum Himmel auf, da er aber ſah, daß ſeinetwegen kein Wunder geſchah; ſo gab er die drei leichten Gold⸗ ſtuͤcke ebenfalls noch hin und eilte, ſich ſchaudernd, weg. In dieſem Augenbicke blies die Trompete zum Aufbruche und bald war das ganze Lager in Bewegung. 1. Bändchen. 11 ——— Neun t e 53 Kaa p iitne l. Der Ruͤckzug. Hinab den Pfad, der jähe Sich windet von der Höhe, Zieht jetzt das Heer in Reih'n; Hell blinken die Geſchoſſe, Es wiehern laut die Roſſe, Es ſpielen Hoboe und Fagot, und Trommeln wirbeln drein. Die Verſuchungen des heiligen Antonius. Jener Philoſoph verdient gewiß unſterblich zu ſeyn, der einem ſeiner Freunde rieth, ein ihm angebotenes Geſchenk oder eine Gunſtbezeigung nie auszuſchlagen, ſo ge⸗ ring ſie auch ſeyen, und ſo unwerth und nutzlos auch ein geſchenktes Ding fuͤr den Augenblick zu ſeyn ſcheine, da ſich eine Ge⸗ legenheit ergeben koͤnne, wo ſie beide von Nutzen ſeyn koͤnnten. Von demſelben Grund⸗ — 243— ſatze ausgehend moͤchten wir behaupten, daß ein Mann keinen Zufall bedauern ſoll, der ihm begegnet; denn wahrſcheinlich wird er am Ende finden, daß, ſo unangenehm er ihm auch im Anfange war, ihm dennoch die Eindruͤcke, die er hinterließ, in man⸗ chen Dingen einen ſichern und entſchiedenen Vortheil gewaͤhren. So wuͤrden wir bei Durchleſung des Manuſcripts, um einen gedraͤngten Auszug aus des Verfaſſers Beſchreibung des Ruͤckzuges der ſchottiſchen Armee von Durham zu liefern, eine Menge 1 von Umſtaͤnden nicht verſtanden haben, wenn wir nicht in den Tagen des jugendlichen Leichtſinns die ſteilen Hoͤhen des Haͤmus mitten im ſtuͤrmenden Schneegeſtoͤber beſtie⸗ gen, nicht den anarchiſchen Hof eines Ve⸗ zirs geſehen, und die Hoͤflichkeiten der mit den Ottomannen ſich im Kriege beſindenden Ruſſen entgegen genommen haͤtten. Wir erinnern uns, in welcher bangen Lage wir uns damals befanden, als wir die Wolken vor uns aufſteigen, und zwi⸗ — 244—. ſchen uns und der unter uns ſich befinden⸗ den Welt hintreiben ſahen, wie ſie von Winden gepeitſcht in die hoͤheren Regionen aufwirbelten, ſo wie man von der Anhoͤhe eines Vorgebirgs den Schaum der fluthen⸗ den Wogen aufſpritzen ſieht; wie in dieſer bedenklichen Criſe, als uns der Tod in Ge⸗ ſtalt eines tobenden Schneegeſtoͤbers rings umgab und uns mit ſeinem Leichengewande, das er im Winde flatternd vor uns aus⸗ breitete, umhuͤllen zu wollen drohte, Mann und Pferd mit Haͤnden und Fuͤßen muthig empor arbeiteten. Im Grolle unſers Her⸗ zens murrten wir damals daruͤber, uns einer ſolchen Gefahr ſo unnuͤtzer Weiſe ausgeſetzt zu haben, wenig daran denkend, daß jene Scenen des Schreckens und der Verzweiflung, die damals ſo wild auf uns einſtuͤrmten, unſere Muſe ſpaͤter mit ſo vielen Bildern bereichern wuͤrden. Es iſt jedoch hier der Ort nicht, perſoͤnlich er⸗ ſtandene Abentheuer anzufuͤhren; es war bloß unſere Abſicht, ſoviel damit zu ſagen, — 245— daß uns aus unſerer eben erwaͤhnten Reiſe mancher Umſtand in der Beſchreibung des Ruͤckzugs des beutebeladenen Gabriels de Glowr erklaͤrlicher wird, wornach wir die unvollſtaͤndige Erzaͤhlung unſers Autors ergaͤnzen und ausſchmuͤcken koͤnnten, wenn wir uns die Freiheit nehmen wollten; denn wir glauben, daß es um die Kriegszucht einer ſchottiſchen Kriegsrotte im vierzehn⸗ ten Jahrhundert nicht beſſer ausſah, wie mit der tuͤrkiſchen im neunzehnten. Die Treue, womit wir uns jedoch von Anfang an, an den Inhalt des Werks gehalten haben, haͤlt uns ab, unſere eigenen Bemer⸗ kungen und Erfahrungen einzuſtreuen. Wir begnuͤgen uns demnach hier anzufuͤhren, daß wenige ſchottiſche Krieger bei dieſem Einfalle in England gluͤcklicher geweſen zu ſeyn ſcheinen, Beute und Trophaͤen zu ſammeln, als Gabriel de Glowr, und daß ſeine auf dieſe Art erworbenen Reichthuͤ⸗ mer uns den Schluͤſſel zu den Beweggrun⸗ den geben, die ihn veranlaßten, auf das ge⸗ I. Bändchen.. 11* — 240— gebene Signal zur Retirade, ſich eiligſt auf den Weg nach Hauſe zu machen. Als ſich demnach Koͤnig David Bruce, auf ſeinem Ruͤckzuge von Durham, zum Sturme des Schloſſes Werk anſchickte, wel⸗ ches damals von der beruͤhmten Johanna Plantaginet, der ewig denkwuͤrdigen Graͤ⸗ fin von Salisbury ertheidigt ward, von de⸗ ren Verdienſten und Seelenerhabenheit wir ſpaͤter bei des Autors Erzaͤhlung von dem Urſprunge und der Stiftung des be⸗ ruͤhmten Hoſenband⸗Ordens zu ſprechen Ge⸗ legenheit haben werden, trennte ſich Ga⸗ briel de Glowr von der koͤniglichen Armee und zog mit ſeiner Truppe, beladen mit den im Feldzuge geſammelten Trophaͤen, naͤmlich mit Geweben aller Art, Waffenge⸗ raͤthe und Kuͤchengeſchirr, die Roſenobel und ungefaͤhr zehn Stuͤcke northumberlaͤn⸗ diſchen Rindviehs nicht zu vergeſſen, uͤber den Tweedfluß, unſern jungen Helden mit ſich nach Schottland fuͤhrend. Wo er den Strom durchwadete wird nicht erwaͤhnt; 8 — 247— unſer Geſchichtſchreiber erzaͤhlt nur, daß Gabriel de Glowr, nachdem er uͤber den Fluß geſetzt hatte, mit ſeinen Leuten ſei⸗ nen Weg nordweſtwaͤrts uͤber das Gebirge einſchlug, waͤhrend der Koͤnig auf das Schloß Werk losging. Es war ſchon ſpaͤt am Nachmittage, die Sonne ſtand niedrig, und ſo wie die Armee in Schlangenwindungen ihren Zug uͤber Hoͤhen und Niederungen fortſetzte, hielt Gabriel de Glowr dann und wann ſtill, und ſagte, indem er ſich umſchaute, zu ſeinen Leuten:„Is das nicht'ne ſchoͤne Ausſicht?“. Aus der beweglichen graulichen Maſſe der Soldaten funkelten die ſchimmernden Ruͤſtungen bald einzeln und ploͤtzlich ſchwin⸗ dend, gleich den ſtiebenden Funken eines Amboſes unter dem Hammer; bald ſtand die ganze Linie in Flammen, und ſtellte ſich der jugendlichen Einbildungskraft Ro⸗ thelans als einen herrlichen Feuerwall dar; bisweilen waren auch nur Theile der lan⸗ — 248— gen Reihe ſichtbar, weil dazwiſchen liegende Huͤgel und Anhoͤhen dem Auge das Ganze verbargen; und hier und da ſah man, gleich auf das Feld hingeſtreuten Lichtfun⸗ ken, umherſtreifende Nachzuͤgler, deren Bruſt⸗ harniſche im Strahle der untergehenden Sonne flimmerten. Von Zeit zu Zeit ließ ſich das Wirbeln der Trommeln oder das gellende Schmettern einer Trompete hoͤren, und dann unterbrach die Stille des Abends ein Klirren, gleich dem Getoͤſe eines rau⸗ ſchenden Stroms oder eines Windſtoßes in dem duͤrren gebraͤunten Laubwerke der Ge⸗ hoͤlze. In welchem Aufzug und mit wie vieler Mannſchaft Gabriel de Glowr ſeine eigene BVeſte verließ, als er zum Einfall nach Eng⸗ land zog, daruͤber liegen keine naͤheren An⸗ gaben vor; allein der Trupp, womit er bei ſeiner Ruͤckkehr uͤber den Tweed zuruͤckging, beſtand nebſt dem Knaben, aus noch ſieben ungeſchlachten zottigen Freibeutern, die vier oder fuͤnf mit Hausgeraͤthe und andern — 249— bereits erwaͤhnten Dingen beladene kleine Pferde, und ungefaͤhr zehn Stuͤck northum⸗ berlaͤndiſches Rindvieh vor ſich her trieben. Er ſelbſt war beritten und mit einem Schwerte und Speere bewaffnet. Rothelan, zu jung und zart, um die Ermuͤdung eines ſo weiten Marſches mit dieſen Leuten aus⸗ halten zu koͤnnen, wurde oͤfters von ihnen auf eins der Laſtthiere geſetzt, und es ſchien ſeinem muntern Ausſehen nach, wenn er ſo zwiſchen den mit Beute gefuͤllten Saͤcken da ſaß, daß, wenn er ſich gleich als einen Gefangenen betrachtete, ſein Geiſt doch keineswegs durch den ihn betroffenen Un⸗ fall niedergeſchlagen war. Im Gegentheile gewann er ſich die Gunſt dieſer rauhen Schotten, indem er ſich ruͤhmte, daß er ſie eines Tages zwingen wuͤrde, den Werth ſeiner verkauften Kleidung mit Wucher wieder heraus zugeben. 3 „Er is vom Teufel beſeſſe',“ ſagte Gabriel de Glowr;„ich wuͤnſche nur, daß er uns mit heilen Knochen nach Hauſ' — 250— komme⸗ laͤßt;“ ein Wunſch, der wirklich wenige Minuten zweifelhaft ſchien; denn da die Truppe eben einen ſteilen Abhang hinab zu ſteigen hatte, um uͤber einen Bach zu ſetzen, kam Gabriels Hengſt dem Pferde nahe worauf Rothelan ſaß, und da ihn der muthwillige Knabe mit einem Stocke in die Seite ſtachelte, ſo baͤumte(ich das Pferd ſo ploͤtlich, daß der Reiter abgeworfen wurde, und uͤber Hals und Kopf, mit Ge⸗ fahr ſeines Lebens und zum großen Nach⸗ theile ſeiner Kleider die Anhoͤhe hinab ſtuͤrzte. Als er ſo kopfunterwaͤrts da lag und ſich an dem Buſchwerk, das den Rand des Baches ſaͤumte, zu erfaſſen ſtrebte, blickte er mit feurigem Geſichte nach dem lachenden Knaben in die Hoͤhe, uͤber deſſen Muthwillen er fluchte, aber dennoch nicht zornig war. Ende des erſten Bandes. Inhalt des erſten Bandes. Erſter Theil. Erſtes Kapitel. Das Buch. Zweites Kapitel. Die Wittwe. Drittes Kapitel. Mann und Weib. Viertes Kapitel. Der Herr und der Diener. Fünftes Kapitel. Der Beichtvater. Sechstes Kapitel. Die Wohnung des Juden. Siebentes Kapitel. Der Jude. Achtes Kapitel. Der⸗ Handel.. Neuntes Kapitel. Die Schatkammer. Zehntes Kapitel. Viel Weſens. Eilftes Kapitel. Zwei Schurken. Zwölftes Kapitel. Ein Menſch. Dreizehntes Kapitel. Das Complott. Vierzehntes Kapitel. Ein Freund. Lünfzeyntes Kapitel. Der Strom. Zweiter Theil. Erſtes Kapitel. Der Kabinetsrath. Zweites Kapitel. Der Edelknabe. Drittes Kapitel. Entdeckungen. Biertes Kapitel. Beſorgniſſe. Fünftes Kapitel. Der Staatsmann. Sechstes Kapitel. Der Aufbruch. 215 Siebentes Kapitel. Altes Ritterthum. 22 Achtes Kapitel. Ein Schottländer und ein Jude 232 Neuntes Kapitel. Der Rückzug. 242 8 Drr uckfehler. eeite 1 in der achten Zeile des Motto's s zeſe man Leder ſtatt Leben. „ 15 3. 1 1. Zartgefühl. „ 22 in der neunten Zeile des Motto's leſe man * Heiſt, e ſtatt Geiſt.* „ 114 3. 4 v. u. l. ſie ſtatt Sie. 57, 120 l. Zwölftes Kapitel. 7 139 3. 1 v. u. fällt wieder weg. 1