22 269 ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme! eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Pinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 54 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2——. Ir u7— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9, ————ͤͤ⅓ ————— qꝓd.—e———— Das Gewiſfſen oder die eimkehr ins Daterhaus. Ein Familiengemaͤlde . von Galt. Nach dem Engliſchen bearbeitet von Zweilter T h — Leibz ig, Rein'ſche Buchhandlung. 1824. ⅛⅓ Erſtes Kapitel. Waͤhrend ihres Aufenthalts in Edinburg hat⸗ ten Georg und Pitwinnoch in aller Stille ein Reſtript vom oberſten Gerichtshof ausgewirkt, durch welches der Landrichter Sheriff der Graf⸗ ſchaft beauftragt wurde, zu unterſuchen, ob Walthers Mangel an geſunder Vernunft in der That ſo groß ſei, als vorgegeben wurde. Die beiden Rechtsgelehrten begaben ſich mit⸗ hin, wie ſchon erwaͤhnt, nach Grippy, nicht nur in der Abſicht, fernere Verabredungen mit Georg zu treffen, ſondern auch, um ſich der Zeugen zu verſichern, welche ſie zu ihrem Rechts⸗ handel bedurften. Alles dieſes wurde, dem An⸗ ſcheine nach, mit dem größten Zartgefuͤhl und mit möͤglichſter Schonung des ungluͤcklichen Bloͤdſinnigen verhandelt. Waͤhrend die beiden Sachwalter auf das Haus zuſchritten, ſagte Herr Gabriel zu ſei⸗ II. Thl. 1 ☛‿ nem Kollegen, welcher mit niedergeſchlagenen die, wie man ſagt, keine mehr gebaͤren wird.“ ſichern, daß nichts als die gebieteriſcheſte Noth⸗ wendigkeit Herrn Georg Walkinſhaw dahin bringen konnte, dieſen Schritt zu thun. Er Augen einherwandelte:„Ich kann Sie ver⸗ iſt ein hoͤchſt achtungswerther Mann, und ich weiß von guter Hand, daß man ihn laͤngſt und oft vergeblich antrieb, ſeinen Bruder fuͤr „blödſinnig erklaͤren zu laſſen. Doch blieb er unerbittlich, bis das Betragen des Thoren ſo unertraͤglich wurde, daß ſelbſt ſeine Mutter keine Geduld mehr mit ihm haben konnte.“ 3„Iſt Herr Georg in guten Vermoͤgensum⸗ ſtänden?“ fragte der Advokat trocken. „Er iſt nur ein Anfänger. Doch iſt das Haus, deſſen Compagnon er iſt, eins der bluͤhendſten in Glasgow,“ war die Antwort. „Er hat vermuthlich eine ſtarke Familie?“ „O nein! nur eine Tochter und eine Frau, „Doch kann ſie noch Soͤhne zur Welt brin⸗ gen, lieber Herr Pitwinnoch,“ entgegnete der Anwald witzig.„Aber Sie ſagen, die Mut⸗ 4—„— — — 3— ter habe Herrn Walkinſhaw hauptſaͤchlich zu dieſem Verfahren aufgereizt?“ „So ſagte er,“ erwiederte Pitwinnoch. „Ihr Zeugniß wird von der groͤßten Wich⸗ tigkeit ſein. Denn es iſt nicht natuͤrlich, daß eine Mutter einen Rechtshandel dieſer Art ohne ſehr gute Gruͤnde anfangen werde, wenn ſie nicht etwa eigennuͤtzige Abſichten dabei hat. Koͤnnte dieſes nicht hier der Fall ſein?, „Ich ſollte es nicht glauben,“ ſagte Gabriel. „Glauben Sie, daß die Summe, welche der Gerichtshof zum Unterhalt des Blödſin⸗ nigen ausſetzen wird, einigen Einfluß auf ſie haben duͤrfte?“ forſchte Herr Threeper, ohne von dem Boden aufzublicken. „Wie ich nicht anders weiß,“ erwiederte Pitwinnoch,„ſo genießt ſie nicht allein ein anſehnliches Witthum, ſondern beſitzt auch noch ziemlich betraͤchtliche Kapitalien, welche ihr Va⸗ ter, der alte Plealands, ihr hinterließ.“ „Ah! ſie iſt alſo die Tochter des alten Plealands, fuͤr den ich meinen erſten Prozeß fuͤhrte? Wahrlich, der Mann beſaß den Geiſt der Streitſucht in einem hohen Grade!“ 1* langer der heiligen Juſtiz auf ihrem Wege nach Grippy, wo Georg bald näiß ihnen gleichfalls eintraf. le Unterdeſſen eilte Walther, angeſpornt von einer ihm unerklaͤrbaren Ahndung von drohen⸗ der Gefahr, mit ſchnellen Schritten zu Herrn Keelevin, den er an leinem Gchreibenulte ſitzend fand. „Nun, Herr Walther rief ihm der ehr⸗ liche Sachwalter zu,„was bringen Sie guts Neues, und was fuͤhrte Sie von Stibhy hierher?“ Sich auf den Fußſpitzen naͤhernd, üſferte ihm Walther hoͤrbar in’s Ohr:„Ich will Ih⸗ nen etwas ſagen, Herr Keelevin. Da ſind zwei Gerichtsraubvoͤgel bei uns niedergefallen, und Sie wiſſen's ja aus eigener Erfahrung, daß die nicht umſonſt in's Feld fliegen.“ „Unmoͤglich!“ rief Herr Keelevin, der ſo⸗ gleich die Urſache dieſes Beſuches errieth.„Es iſt abſcheulich!“ fuhr er fort.„Aber wiſſen Sie, was die Leute wollen?“ „Nein! aber Bella Fatherlans befahl mir, Auf dieſe Weiſe plauderten die beiden Hand⸗ 1 hierher zu gehen und es Ihnen zu ſagen. Sie glaubte, ich bedüͤrfe Ihres Rathes.“ „Sie erzeigte Ihnen einen wahren Freund⸗ ſchaftodienſt⸗ und es iſt mir lieb, um ſie und ihre Kinder, daß Sie hierher gekommen ſind,“ erwiederte der Rechtsfreund.„Ich hoffe, daß wir alle ihre Kniffe und Raͤnke zu Schanden machen werden. Aber Ihnen, Herr Walther, rathe ich, den Gerichtsraubvöͤgeln, wie Sie ſie nennen, fein aus dem Wege zu gehen.“ „Haben Sie keinen Schrank oder eine große Kiſte, Herr Keelevin, in die man ſich ver⸗ ſtecken koͤnnt', bis ſie fort ſind?“ rief Wal⸗ ther, zaghaft und aͤngſtlich im Zimmer umher blickend. „Sie ſollten nicht ſo unttages Zeug ſchwatzen, Herr Walther, ſondern ſich mehr wie ein ge⸗ ſetzter Mann betragen,“ ſagte ſein Rechts⸗ freund mit Schmerz.„Und da ich ſicher glaube, daß die Herren in der Abſicht gekom⸗ men ſind, um Ihr Betragen auszukundſchaf⸗ ten und ihren Obern Bericht davon abzuſtat⸗ ten, ſo rathe ich Ihnen, ſo wenig als moͤg⸗ lich zu ſprechen.“ „Ich will kein Wöͤrtchen ſprecher.= ich will ſtumm ſein wie ein Fiſch,— ich will ſo ſtill ſitzen, wie die großen Figuren vor Rich⸗ ter Glasfords Hauſe. Der metallene Koͤnig Wilhelm, der auf dem Markt zu Pferde rei⸗ tet, ſoll gegen mich ein Volksredner ſein.“ Ueber die einfäͤltige Aufrichtigkeit, mit welcher dieſes geſprochen wurde, mußte der gutmuͤthige Gachbalter zugleich lichein und ſeufzen. „Ich hoffe nicht, daß Sie ſch viel Zwang werden auflegen muſſen, Herr Walther,“ ſagte er.„Ich rathe Ihnen nur als Freund, ſich mit Niemand, den Sie nicht genau ken⸗ nen, in ein Geſpräch einzulaſſen, ſich ſauber und ordentlich anzukleiden, ſich vor allen Din⸗ gen zu barbiren, und ſich in allen Stuͤcken ſo zu betragen, wie es einem Laird von Kittle⸗ ſtonheugh und dem Repraͤſentanten einer al⸗ ten und geachteten Familie zukommt.“ „O! das kann ich leicht,“ erwiederte der Simplex.„Ich will meines Vaters ſpaniſches Rohr mit dem elfenbeinernen Knopf, der mit Gold eingelegt iſt und ſilberne Ringelchen — 2— für's Stockband hat, hinter dem Schreibtiſche hervornehmen, wo es ſeit Papa's Tode ſteckte; und dann will ich's in die Hand mehmen, und ſo gravitätiſch; vor dem Hauſe hin und wie⸗ der ſtolziren, wie eine Siazgawir Magzſtrars⸗ perſon.“— inUm e eigels ilen. her Walthet, be⸗ gehen Sie keine ſolche Thorheit!“ rief der Rechtsfreund.„So etwas ites ja gerade, was ſie haben wollen.... r. Troſtlos eywiederte Walther;:„Auf welche andere Weiſe kann ich mich denn wie ein vornehmer Herr und Gebieter des Landes ge⸗ berden, der von ſo uralter Abkunft iſt, wie ſeine Vorfahren von Kittleſtonheugh? Mitleidig erwiederte Herr Keelevin:„Es ſchmerzt mich, ſagen zu muͤſſen, daß Ihnen⸗ wie ich fuͤrchte, weder zu rathen, noch zu helfen iſt.“ a 3„Wahrlich!“ rigf Walther in voßer. Ver⸗ zweiflung,„der Schoͤpfer muß gar nicht gu⸗ tes Humors geweſen ſein⸗ wie er die Rechts⸗ gelehrten ſchuf. Der Teufel iſt gegen ſie nur ein Lehrjunge. Ich weiß nicht, was ich an⸗ zn fangen ſoll, Herr Keelevin,— ich wollt', ich wär' todt und geſtörben! Aber es ſcheint mir nicht, als ſollt“ ich ſterben, wie Jenny in ihrem Klageliede uͤber ihres Vaters Nah und den alten Robin Grey ſingt.“*).. 32 Nach einigem Nachdenken ſagte ſein reund „Gehen Sie einſtweilen zu Ihrer wurdigen Großmutter. Ich will nach Grippy, um der Sache auf den Grund zu kommen. Erfahren wir erſt, was dieſer Beſuch zu bedeuten hat: ſo werden wir auch ausfindig machen, auf welche Weiſe wir den Feind bekaͤmpfen muͤſſen.“ „Ich ſchlag' ſie zuſanmen wie Pfund⸗ leder!“ rief Walther ſtolz.„Ich verſteck mich hinter eine Mauer und bombardir' ſir ſo lange mit Steinen, bis ihnen die Seele aus dem Leibe faͤhrt.— Das will ich thun, wenn's Ihnen ſo recht iſt, Herr Keelevin.“ Aengſtlich und bekuͤmmert erwiederte die⸗ ſer:„Gut! gut! das wollen wir nach meiner Ruͤckkehr beſprechen. Aber es iſt doch eine ſchreckliche Sache, daß ein Menſch wegen der *) Eine alte und, irre 19 nicht, von Buͤrger uͤber⸗ fetzte Ballade. D. Ueb. — einzigen vernuͤnftigen Handlung, welche er in ſeinem Leben beging, fur mente captus ſoll erklaͤrtwerden. Doch will ich den Muth nicht ſinken laſſen, und ich ermahne Sie nochmals, ſich ordentlich und anſtändig anzukleiden.— Denn wahrlich, Herr Walther, indem Sie ſo wie ein Lump einhergehn, duͤrfen Sie ſich nicht verwundern, wenn man Sie veraͤchtlich anſteht. Kleiden Sie ſich mithin ſauber an, und treiben Sie kein tolles Zeug. 5— — Walther verſprach, ſeinen Rath in allen Stücken zu befolgen, und machte ſich alsbald auf den Weg zu ſeiner Großmutter. Herr Keelevin aber ritt ſogleich nach Grippy, wo⸗ ſelbſt er anlangte, als die beiden Advokaten und Georg, welche ſaͤmmtlich vergeblich auf Walthers Ruͤckkehr gehofft hatten, eben im Begriff waren, das Haus zu verlaſſen. 1424 Zweites Kapitel. Herrn Keelevins unvermuthetes Erſcheinen verſetzte das Triumvirat und die Leddy in keine geringe Verlegenheit. So eben hatten die Dienſtboten Herrn Threepers Fragen uͤber Walthers Bloͤdſinn, zu ſeiner und der uͤbrigen Intereſſenten vollkommenen Zufriedenheit, be⸗ antwortet, als Georg den uemuhibene Sach⸗ walton⸗ die Allee herauf reiten ſah. in um's Himmels willen!“ ſaͤgte er,„was kann der alte Süänder, der* Kerlevin, hier wollen? n „Keelevin!“ rief die Leddy,— das it mit ein wahres Wunderwert! Ich dent, meine ere 12. iat Herren, Sie thaͤten am tlügſten, ſich aus der Hinterthuͤr zu ſchleichen, denn ſte würden. ſich nur uͤber ſeine Faſeleien ätgern muͤſſen. Ich glaub⸗ zwar nicht, daß er viel von Rechts⸗ kniffen verſteht, ob er ſchon den armen Schelm geſcheidt machte, wie mein Bekter, der Malz⸗ haͤndler, gegen ihn auftrat. Ich denk', Herr Thr eeper, Sie gehen ihm aus dem Wege, denn er gefäͤllt Ihnen gewiß nicht.“ Herr Threeper durchſchaute jedoch das Innere der Leddy tiefer, als ſie vermuthete; und da Advokaten nicht gern eine Gelegen⸗ heit zum Streiten fahren laſſen, ſo ſagte er: „Herr Keelevin iſt alſo der Sachwalter, den —, —r — 41— man in der vorigen Verhandlung gebraucht Hatte?7 4 in gsu „Allerdings,“ erwiederte die Leddy,„und Sie welden einſehen, daß er füͤr dießmal Zicht mit dem Prozeſſe zu thun haben darf.“* Aber, Madame,“ entgegnete der Advokat, ner kann immer als Sachwalter fuͤr den Bloͤd⸗ ſinnigen auftreten. Es iſt daher ſehr noth⸗ wendig, daß wir uns vorher mit ihm ver⸗ ſtaͤndigen, Denn ſollten unſere Behauptungen beſtritten werden, ſo iſt es unmoͤglich voraus⸗ zuſehen, welche Hinderniſſe ſich in den Weg ſtellen koͤnnen; ob ich gleich, nach den Aus⸗ ſagen der Zeugen, nicht den mindeſten Zwei⸗ — fel hege, daß wir den Blödſinn ihres Sohnes vor Gericht beweifen können. Glauben Sie nicht, Herr Pitwinnoch, daß es gut ſein wird⸗ wenn wir uns mit Herrn Keelevin beſprechen?“ „Ganz gewiß,“ antwortete Gabriel.„Und da, durch das an den Landrichter erlaſſene Reſkript, der Laird zu einer Partei geworden iſt: ſo wird es, ſelbſt wenn Herr Keelevin nicht als Anwald fuͤr ihn auftritt, doch ſchick⸗ lich ſein, daß man ihn von der Sache unter⸗ richtet. Was ſagen Sie dazu, Hers. Wal⸗ ckinſhaw?“. 4 6 Georg wußte keine Anzwort zu gebes. erwisderte, aber, daß er aus vielen Gründen wünſche, die ganze Sache ſo geheim als moͤg⸗ lich betrieben zu ſehen.„Wenn es jedoch,“ fuhr er fort,„die Gerichtsformen unumgäng⸗ lich heiſchen, daß Walther'n ein Anwald ge⸗ ſtattet werde: ſo habe ich nichts dagegen. Doch glaube ich nicht, daß Herr Keelevin ſich dazu gner,h 1„Himmel und Holletn rief die Leddy. „Hier iſt nichts als Meinen und Hören, und Antworten und Gepappel, und der Lord Ober⸗ richter und die funfzehn Lolds von Edinburg verjagen unz gewiß noch von Haus und Hof. 39 weiß von meinem wütdigen Vater, was Prozeſſe koſten; Und ſo muͤſſen Sie anncs wir dem Keelevin und ſeinen Konſorts⸗ gefährten, die als Scheinanwalde auftreten, zu thun haben, ſondern die Sache mit dem Landrichter fein doncenht. und heimlah ab⸗ machen. 4ö, 11 K:*. — —r — 1413— Heer Threeper blickte ſeinen Kollegen und Georg an, rieb ſeine Doſe, laͤchelte und nahm ein Prischen, als man n Heern Keelevin in's Zimmer wies. „Herr Georg,“ ſagte letzterer,„ich komme nicht, um unnütze Fragen zu thun, ſondern als Bevollmäaͤchtigter Ihres Bruders. Es wird daher noͤthig ſein, daß Sie mir Ihre Abſich⸗ ten erklaͤren.“. Herr Threeper nahm abermals Zuſtucht zu ſeiner Doſe, und Gabriel blickte ſeinen Klienten forſchend an, der ſeine Verlegenheit kaum verbergen konnte. Aber die Leddy, welche mehr Geiſtesgegenwart beſaß, erwie⸗ derte:„Darf ich mich erkuͤhnen zu fragen, was Sie jetzt hieher fuͤhrt, Herr Keelevin?“ „Ich kam auf Herrn Walthers ausdruͤck⸗ liches Verlangen,“ lautete die Antwort. Zu⸗ gleich wendete er ſich zu dem Advokaten und fuhr fort:„Das ſteht eben nicht dem Bloͤd⸗ ſinne aͤhnlich?“ „Das kam nicht aus ſeinem dirnen Hirn. Sicher hat die Zwiſchentraͤgerin, die Bella Jatherlans, ihn hingeſchickt;— aber ich will dem Dinge ſchon auf den Grund kommen!“ rief die Leddy, und verließ das Zimmer, um ihre Schwiegertochter aufzuſuchen. 1 Waͤhrend ihrer Abweſenheit fuhr Herr⸗ Keelevin fort:„Es iſt nicht zu leugnen, Herr Threeper, daß der Laird manche ſonderbare Eigenheiten hat,— wir Alle haben unſere. Schwächen;— aber er erhielt eine gute Er⸗ ziehung, und ſein Schullehrer gab ihm, bei einer fruͤhern Gelegenheit, das Zeugniß, daß es ihm nicht an Verſtandeskräften mangle. Wollte man nun auch einwenden, daß er ſein Vermoͤgen nicht ſo vortheilhaft zu verwalten wiſſe, als er es thun ſollte: ſo kann ein ſolcher. Einwurf doch ſicher nicht gegen ihn geltend gemacht werden, da wir ja alle Tage ſehen, wie ſo viele unſerer Lairds und Lords und 3 Landedelleute, durch Unachtſamkeit oder Ver⸗ ſchwendung, zu Geunde gehen. Es moͤchte wohl ſchwer werden zu beweiſen, daß⸗Herr Walther nicht ſein Vermögen, mit dem Bei⸗ ſtande ſeiner Mutter, verwalten koͤnnte.“ „Ah, ſo! Herr Keelevin, mit dem Bei⸗ ſtande ſeiner Mutter!“ rief der ſcharfſinnigg Herr Threeper.„Er ſollte doch wahrlich nun⸗ mehr dem Gängelband entronnen ſein und ohne die Huͤlfe der Mutter handeln koͤnnen,— wenn er es jemals vermag.“ „Feuerroth vor Aerger kehrte die Leddy in dieſem Augenblick in's Zimmer zuruͤck.„Es iſt gerade ſo, wie ich glaubte,“ rief ſie.„Das iſt meiner Madame Schwiegertochter ſauberes Werk! Sie war es, die ihn abſchickte. Das war ein ſchwarzer Tag, als ſie in’s Haus kam!— Ach, wie viele ſchlafloſe Naͤchte machte mir ſeitdem mein armes, irregefuͤhr⸗ tes Kind! Denn laͤßt man ihm ſeinen freien Willen, ſo verthut er mein Bißchen Witthum und ſchickt mich auf die Landſtraße.“ Dieſe Worte machten einen ſtarken Ein⸗ druck auf die gegenwaͤrtigen Rechtsgelehrten. Herr Keelevin präͤgte ſie ſich in's Gedäͤchtniß und ſchwieg. Gabriel warf dem andern An⸗ wald einen Seitenblick zu, welcher ſich aber den Schein gab, die eigennuͤtzigen Abſichten der Leddy nicht bemerkt zu haben, ſondern ſich zu Herrn Keelevin wendete und Folgendes ſprach: — 456— „Mein Herr, die Sache muß, auf jeden Fall, durch ein Geſchwornengericht entſchieden werden. Denn wenn auch der Blioͤdſinnige fäͤhig ſein ſollte, jeder ihm vielleicht gegebenen Vorſchrift gemaͤß zu handeln,— welches ſelbſt bei einem hohen Grade von Bloͤdſinn moͤglich iſt:— ſo folgt doch nicht daraus, daß er auch urſpruͤnglich ſolche Aeußerungen von Geiſtes⸗ kraft zu entwickeln vermoͤge, welche das bil⸗ den, was man das geſetzliche Maß des Ver⸗ ſtandes nennen koͤnnte, deſſen Beſitz bei Herrn Walther der Gegenſtand unſerer vematigen Unterſuchung iſt.“ „Da die Sache ſo ſteht, meine Herken erwiederte Herr Keelevin, indem er aufſtand, „und ich die Fuͤhrung derſelben uͤbernommen habe: ſo iſt es uͤberfluͤſſig, ferner uͤber dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Ich werde meinen Klienten ſchon zu vertheidigen wiſſen.“ In der Hoffnung, ſeine Worte moͤchten vielleicht einigen Eindruck auf Georgen machen, verließ Herr Keelevin das Zimmer. Aber die Habſucht des jungen Kaufmannes, der Rath ſeiner Rechtsfreunde und die feindſeligen Auf⸗ — 17— hetzungen ſeiner Mutter ſchwaͤchten die Wir⸗ kung, welche jene Rede hätte hervorbringen koͤnnen. Dieſem zufolge wurde in ſo kurzer Zeit, als die Rechtsformen es geſtatteten, ein Geſchwornengericht angeordnet, welches, dem ausdruͤcklichen Befehle des oberſten Gerichts⸗ hofes gemaͤß, die Verſtandesfaͤhigkeiten des ar⸗ men Walthers pruͤfen ſollte. Dasjenige, was ſich bei dieſer unterwedung zutrug, ſoll unſern Leſern, im naͤchſten Ka⸗ pitel, kreulig berichtet werden. Drittes Kapitel. Die Gerichtsſitzung wurde von Herrn Three⸗ per mit einer mit metaphyſiſchen und ſophi⸗ ſtiſchen Saͤtzen durchſpickten, ſehr gelehrten Rede eroͤffnet.„Hierauf ſchritt man zum Zeu⸗ genverhoͤr. Zuerſt wurde aufgerufen die in Dienſten des Herrn Georg Walkinſhaw ſtehende Jenny Purdie, welche fruͤherhin mehrere Jahre bei ſeinem Vater gedient hatte und die nämliche war, die, wie unſern Leſern vielleicht noch er⸗ innerlich iſt, dem alten Herrn die halbe Krone II. Thl. 2 45= aus der Taſche zu locken wußte„ als ſie ihm die Botſchaft von der, Geburt der Swillings tüchter brachte. „Was iſt Eure Meinung von Herem Wal⸗ ther Walkinſhaw?“ fragte Herr Threeper. „Wahr und wahrhaftig, mein Herr,“ ant⸗ wortete Jenny,„ich halt' ihn eben fuͤr einen albernen Tropf,— und das war er ſein eas ben lang.“ „Was verſteht Ihr a unter einem utbetnes Tropf?“ „Ich ſollt glauben, die ganze Welt wuͤßt', was ein alberner Tropf iſt,“ erwiederte Jenny. „Er iſt einfältig und geckenhaft und kopflos, und waͤlzt ſich gern im Koth, wie, mit Ehren zu melden, eine Sau.“ „Aber wollt Ihr hiermit ſagen, daß er, Eures Wiſſens, ſein ganzes Leben hindurch albern war?“ unterbrach ſie der Anwald. „Ich kannt' ihn nie anders. 4 „Aber Ihr kanntet ihn nicht, ſo lange er lebt. Wie konntet Ihr alſo ſagen, daß er ſein ganzes Leben hindurch albern geweſen 1719— waͤre?— Er konnte ja fruͤherhin klug genug geweſen ſein.“ Ei- „Ich glaub's nicht,“ entgegnete Jenny.— „Ich glaub's nicht, daß jemals Klugheit in ihm ſteckte.— Es liegt nicht in ſeiner Na⸗ tur, klug zu ſein.“ „Was meint Ihr mit dem Worte Na⸗ tur?— Erklart Euch deutlicher.“ „Ich kann mich nicht deutlicher erkläͤren,/ war die Antwort.„Ich weiß nur, daß ein Hund keine Katze iſt, und es ſeiner Natur nach auch nicht ſein kann,— und ſo kann auch der Laird kein verſtaͤndiger. Menſch ſein.„ 5 „Wahrlich, ſehr geiſtreich!“ ſagte Herr Threeper.„Die Herren Geſchwornen muͤſſen, meiner Meinung nach, uͤberzeugt ſein, daß man ſich auf keine deutlicher beſtimmte Weiſe uͤber Herrn Walthers Mangel an Verſtand ausſprechen kann, als dieſes einfache Land⸗ maͤdchen ſo eben gethan hat.— Aber I Jenny, koͤnnt Ihr uns einige Thatſachen von ſeiner Albernheit erzaͤhlen?“ „Ich kann Ihnen nichts anders ſagen, als was Jedermann in's Auge fäͤllt.“ 2*¾ — 20— „Koͤnnt Ihr Euch auf nichts beſinnen, was er an einem oder dem andern Tage that?— „O ja, das kann ich wohl. An dem naͤm⸗ lichen Tage, an welchem ich von Gripph zu Herrn Georg wanderte, war Schafſchur; und Herr Walther ſagte, es waͤr eine Schande, daß man die armen Thiere ſo nackend machte, und nahm einen flannelnen Unterrock von ſei⸗ ner Mutter, und macht' der alten Schafmut⸗ ter Mall eine Schuͤrze d'raus,— der Ehrbars keit wegen, wie er ſagte.“ anns Herr Queerie, der geſchickte Advokat, wel⸗ chen Herr Keelevin zu Walthers Vertheidiger erwaͤhlt hatte, legte Jenny eine Menge Kreuz⸗ fragen vor; ſie aber wich nicht ein Haar breit von ihrer erſten Ausſage ab, auch ſchien es nicht, daß ihr Herr ſie vorbereitet habe. Ehe ſie die Schranken verließ, ſagte der Rich⸗ ter ſcherzend: 5* 5 „Nach Eurer Ausſage, Jenny, bin ich überzeugt, daß Ihr Herrn Walkinſhaw nicht zum Gatten nehmen wuͤrdet.“ „‚Das laͤßt ſich nicht gut behauptem,“ er⸗ wiederte Jenny.„Kittleſtonheugh iſt eine — 21— ſchoͤne Beſitzung, und manche Vornehmere als ich griff' gern nach Haus und Feld, wenn auch der Verſtand fehlte.“ Jennys kluge und raſche Antworten er⸗ hielten ſo viel Beifall, daß ſie die Eroberung eines wohlhabenden Freiſaſſen machte, der ſich unter der Zahl der Geſchwornen befand, und ſich kurz darauf mit ihr trauen ließ. Der naͤchſte Zeuge war Herr Mordechai Saxheere, der Stifter und Praͤſident des Zwirn⸗ Klubs in Glasgow. Er war ein aͤltlicher Mann, mit der Miene eines Quakers, trug eine ungeheure Zopfperuͤcke von Pferdehaaren auf ſeinem Haupte, und ſtellte uͤbrigens das wahre Bild des guten Eſſens und Trinkens und des Eigenduͤnkels, aber auch der Ehrlich⸗ keit dar. Er gehoͤrte unter die Zahl derjeni⸗ gen Herren, welche der weit in die Zukunft blickende Georg haͤufig nach Grippy fuͤhrte, um ſich ihrer dereinſt als Zeugen bedienen zu koͤnnen. „Nun, mein Herr Sarheere,“ ſagte der Edinburger Advokat,„was haben Sie hinſicht⸗ ——— — 22— lich Herrn Walther Walkinſhabos Zuſtand zu ſagen?“ Selbſtgefaͤllig mit der Zunge ſchmatzend⸗ eine Gewohnheit, welche er vom fleißigen Zu⸗ trinken angenommen hatte, erwiederte Herr. Saxheere:„Mein Herr, ich hatte keine naͤhere Bekanntſchaft mit Herrn Walkinſhaw von Grippy, als daß ich ihn zuweilen beſuchte; und bei dieſer Gelegenheit fand ich ſein Betragen mehr beluſtigend fuͤr Andere, als verſtändig und geſetzt.“ „Sie ſind, wie ich glaube, ein Kaufmann, Herr Sarheere, und halten Ihren Laden in 3 der hohen Straße, nahe beim Kreuz. An Markttagen haben Sie eine Flaſche Whisky und ein Glas auf dem Zahlbrette ſtehen, pfle⸗ gen dann Ihren Kunden einzuſchenken, vor⸗ her aber das Getraͤnk zu beriechen, davon zu nippen und es dann den Kaͤufern zu reichen. Nun frage ich Sie, wenn Herr Walkinſhaw an einem Markttage zu Ihrem Laden kommen ſollte, wuͤrden Sie mit ihm handeln? Sagen Sie bei ihrem Eide, wuͤrden Sie das Glas beriechen und es ihm uͤber das Zahlbrett rei⸗ chen, damit er es austrinke?“ Durch dieſe ſonderbaren Fragen wollte der Advokat zeigen, wie genau er, ein Edinburger, die Sitten und Gebräuche der Glasgower kenne. „Mein Herr,“ erwiederte Herr Saxherre, mit vorausgeſchicktem beifaͤlligen Schmatzen, Vieles wuͤrde davon abhaͤngen, aus welcher Urſache er zu dem Laden kaäͤme. Würde er mir Zwirn zum Ankaufe anbieten, ſo wuͤrde ich ihm den feſtgeſetzten Preis zahlen; wollte er aber von mir kaufen, ſo wuͤrde mich ben denken.“ „Der zweifelhafte Kredit eines kluͤgern Mannes duͤrfte die naͤmliche Wirkung hervor⸗ bringen,“ ſagte der Anwald ſchlau. „Allerdings. Aber der Laird von Grippy gehoͤrt nicht unter dieſe Zahl. Bei ihm wuͤrde ich bloß ſeinen geſunden Verſtand in Zweifel ziehen.“ „Sie wuͤrden ihn alſo ungern zum Kun⸗ den haben wollen?“ fragte der Richter, dem das unaufhoͤrliche Schmatzen ekelte, um der Sache ein Ende zu machen. „Genau ſo, mein Herr,“ erwiederte Mor⸗ dechai.„Denn, koͤnnte ich auch Vortheil von ihm ziehen, ſo wuͤrde es doch meinem Charak⸗ ter nachtheilig ſein, wenn ich mich mit ün einlaſſen wollte.“ Man hielt es fuͤr uͤberfluͤſſig, dieſem z gen Kreuzfragen vorzulegen. Nunmehr wurde ein anderer aufgerufen, welcher Profeſſor der Matheſis an der Univerſitaͤt von Glasgow war. Die wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe und das abſtrakte Genie dieſes ausgezeichneten Mannes waren allgemein anerkannt, aber auch die Simplicitaͤt ſeines Charakters und ſein auffallend zerſtreutes Weſen. Georg hatte ihn wahrſcheinlich oft deßhalb nach Grippy gefuͤhrt, damit er, als die dazu am meiſten geeignete Perſon, Walthers gaͤnzlichen Mangel an Zahlenſinn bezeugen koͤnnte; auch war der Profeſſor vollkommen uͤberzeugt, dieſes mit gutem Gewiſſen thun zu koͤnnen. Doch trug ſich, bei ſeinem letzten Beſuche in Grippy, ein Umſtand zu, welcher den gelehrten Mathe⸗ matiker ſehr ſchwankend in ſeiner Meinung⸗ machte. 3 — 25— „Man ſagt mir, Herr Profeſſor, daß Sie mit Herrn Walther Walkinſhaw bekannt ſeien,“ ſprach der Anwald.„Wollen Sie die Guͤte haben, dem Gerichtshofe Ihre Meinung uͤber dieſen Herrn mitzutheilen?“ „Meiner Meinung nach iſt er ein außer⸗ ordentlicher Menſch. Denn als ich ihn zuletzt ſah, legte er mir eine Frage vor, welche ich bis jetzt noch nicht beantworten konnte.“ In der Meinung, der Profeſſor ſpreche dieſes ironiſch, fragte der Advokat laͤchelnd: „Worin beſtand die wichtige Frage?“ „Ich wollte verſuchen, ob er im Stande ſei, die Theile eines Pfundes zu berechnen; und da fragte er mich, ob ich ihm ſagen koͤnnte, warum nur vierundzwanzig Halfpente einen Schilling ausmachten?“ „Sie koͤnnen ſich zuruͤckziehen,“ ſagte der außer Faſſung geſetzte Anwald, und da Wal⸗ thers Vertheidiger es fuͤr unnütz hielt, Kreuz⸗ fragen zu thun, ſo verließ der Profeſſor augen⸗ blicklich den Gerichtsſäaal. „Der naͤchſte Zeuge, welchen ich vor die Schranken fordern werde,“ fuhr Herr Three⸗ 4 — 26— per fort,„iſt einer, den ich nur mit dem groͤßten Widerwillen aufrufe. Jeder gefuͤhl⸗ volle Menſch muß mit den Empfindungen einer Mutter, bei einer ſolchen Gelegenheit wie dieſe, ſympathiſtren. Auch wird man einſehen, daß ich die Fragen, welche meine Pflicht gebietet, an Frau Walkinſhaw zu rich⸗ ten, aus Ehrfurcht fuͤr die muͤtterlichen Ge⸗ fuͤhle, ſo ſchonend als moͤglich ſtellen muß.“ Die Leddy wurde hierauf vorgefordert. Der Advokat redete ſie in feierlichem Tone, und mit langgedehnter, trauriger und mitleidiger Stimme, folgendermaßen an: „Madame! weder der Gerichtshof, noch die Geſchwornen erwarten von Ihnen eine genaue Schilderung des traurigen Zuſtandes Ihres Sohnes. Sie verlangen nur zu wiſſen, ob Sie glauben, daß er faͤhig ſei, ſeine Ange⸗ legenheiten ſo zu betreiben, wie andere Men⸗ ſchen die ihrigen.“— 9 „Er faͤhig!“ rief die Leddy.„Er iſt nicht fähig guten Rath anzunehmen.“ 1 Sie wuͤrde noch weiter geſchwatzt haben, aber Herr Threeper fiel ihr in die Rede, indem — 27— er ſagte:„Madame, wir wollen Sie nicht ferner betruͤben. Der Gerichtshof und die Geſchwornen muͤſſen befriedigt ſein.“ Dieß war aber Herr Keelevin keineswe⸗ ges, vielmehr gab er Walthers Vertheidiger, Herrn Queerie, einen Wink, welcher ſogleich aufſtand. 1 „Ich wuͤnſchte,“ ſagte er,„der Zeugin nur Eine Frage vorzulegen.— Seit wie langer Zeit iſt Ihr Sohn unfaͤhig, für ſich ſelbſt zu handeln?“. 3 „Ich kann Ihnen weder Datum noch Jahr⸗ zahl ſagen,“ erwiederte die Leddy;„aber ſeit dem Tode ſeiner Tochter war er vöͤllig ſtupid.“ „In der That!“ ſagte Herr Queerie.„Alſo war er nicht immer in dieſem Zuſtande?“ „O nein!“ rief die Leddy.„Er war ſtets eine lenkſame Kreatur und— der folgſamſte Sohn,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu.„Aber ſeit der Zeit war nicht mit ihm auszukommen, und er drohte mir, ſeiner Mutter, die ihn unter ihrem Herzen trug, er wollte mich in die weite Welt ſchicken; und verlangte, ich ſollt' mein rechtmaͤßiges Witthum in ſein — Haus ſtecken, und behandelte mich auf die abf ſcheulichſte Weiſe, und verſchwendete ſein Ver⸗ moͤgen auf die hirnloſeſte Art.“ Herr Threeper fluͤſterte ſeinem Zt⸗unde Gabriel etwas in's Ohr, und warf gelege lich mitleidige Blicke auf die Leddy. Herr Queerie fuhr fort:„Ihre Lage war, wie ich bemerke, ſeit einiger Zeit ſehr ungluͤck⸗ lich. Doch ſollte ich glauben, daß, wenn Herr Walther Ihnen einen billigen Erſatz fuͤr die Bemuͤhungen, welche Sie mit der Fuͤhrung ſeines Haushalts haben, leiſten wollte, Sie auch ni gdanrzene einwenden wuͤrden, laͤn⸗ ger bei ihm zu ha O. ganz gccher!“ ſagte die Leddy.„Nur muͤßt: es etwas ſein, das der Muͤhe werth waͤrs, und meine Schnur und ihre Kinder muͤßten aus dem Hauſe.“ „Was Sie da ſagen, Madame, iſt ſehr billig und gerecht,“ erwiederte Herr Queerie. „Auch wird der Gerichtshof ohne Zweifel be⸗ merkt haben, wie ein großer Theil ihres Kum⸗ mers, über den Bloͤdſinn ihres Sohnes, ſich — 29— wrin gründek, daß er das fragliche Frauen, „zimmer und ihre Kinder in's Haus brachte.“ * „Davon kommt ja eben alles Ungluͤck her!“ rief die Leddy uͤbereilt.„Denn außer ſeinem Benehmen gegen mich, wovon ſie einzig und allein Schuld ſind, hat s mit ſeinem Bloͤd⸗ ſinn nicht viel zu ſagen.“ „Vielleicht nicht mehr als ehedem?“ Eiin Blick, welchen Georg ihr zuwarf, brachte ſie zur Beſinnung, daher antwortete ſie ſchnell, als wolle Sie das zuvor Geſagte berichtigen:„In der That, mein Herr, es wär' unrecht, wenn man ihm die Verwaltung des Vermoͤgens laͤnge wüberlaſſen wollte; denn Niemand kann ſagen, n s er thun wird.“ Herr Queerie, der ihre Liſt durchſchaute, ſetzte ſich nieder, und Herr Threeper rief nun⸗ mehr den ehrwuͤrdigen Doktor Denholm auf, welcher die an ihn gerichteten Bewöhnlichen Fragen alſo beantwortete: „Ich bekenne, daß ich Herrn Walkinſhaw nicht fuͤr einen vollkommen verſtaͤndigen Mann halte. Doch hat er zuweilen einen Schimmer von geſunder Vernunft, der mich ſehr zwei⸗ A³ — 30— felhaft macht, ob ich auch gerichtlich beſchwoö⸗ ren kann, daß er nicht hinlaͤngliche Geiſtes⸗ kraͤfte beſitze.“ „Aber,“ ſagte der Anwald,„haben Sie nicht ſelbſt Herrn Georg Walkinſhaw zu die⸗ ſem gerichtlichen Verfahren gerathen?“ „Das will ich keinesweges leugnen,“ er⸗ wiederte der Doktor.„Aber Herr Walther erfuͤllte ſeitdem eine ſo menſchliche und heilige Pflicht gegen die Wittwe und die huͤlfloſen Waiſen ſeines Bruders, daß ich, nach meinem Gewiſſen, nicht laͤnger die Meinung von ihm hegen kann, welche ich fruͤherhin hegte.“ Nunmehr beriethen ſich die Geſchwornen, und nach einer kurzen Unterredung fragte der aͤlteſte von ihnen, ob Herr Walther gegen⸗ waͤrtig ſei. Da man ihm verneinend antwor⸗ tete, ſo vertagte der Richter die Sitzung auf den andern Tag, damit auch der Beſchul⸗ digte erſcheinen koͤnne. Viertes Kapitel. Walther, welcher unterdeſſen die gegen ihn gerichtete Verhandlung erfahren hatte, ſagte zu ſeiner Mutter, als dieſe zuruͤckkam:„So Mama, Sie wollten mich alſo rein toll ma⸗ chen? Aber ich bin noch immer ſo geſcheidt als ſonſt.“ Die Leddy hegte große Beſorgniſſe wegen des Ausgangs des Prozeſſes, indem ſie fuͤrch⸗ tete, die Geſchwornen moͤchten ein allzu großes Gewicht auf Doktor Denholms Zeugniß legen; daher antwortete ſie bloß:„Du biſt dazu be⸗ ſtimmt, Schimpf und Schande uͤber die ganze Familie zu bringen!“ „Ich bin ſo wenig Schuld daran, als ein neugebornes Kindlein,“ erwiederte Walther. „Haͤtten Sie ſich nicht um mich bekuͤmmert, ſo haͤtt' ich nun und nimmermehr mit Herrn Keelevin geſprochen, um Sie zu aͤrgern. Aber ich vermuth', daß weder Sie, noch der ſchlaue Pfiffikus, der Juͤrgen, etwas mit Ihren fal⸗ ſchen Zeugen ausgerichtet haben.“ „Halt Dein dummes Maul und ſchimpfire mich nicht!“ rief die Leddy, voll Wuth uͤber die Reden des armen Tropfs, der jedoch in keinem Tone des Vorwurfs zu ihr ſprach. „Aber,“ fuͤgte ſie hinzu,„morgen ſollſt Du. — 32— ſchon gewahr werden, was es heißt, mit feuer⸗ rothem Kopf vor dem Richter zu ſtehen.“”“ „Ich geh' nicht hin!“ erwiederte Walther. „Ich hab' nichts mit Richtern und Prozeſſen zuͦ thun.“ „Du ſollſt gehen, wenn noch Athem i in Dir iſt./.* „Ich thu' nichts ohne Herrn Keelevins Rath.“ 82 „Herr Keelevin,“ rief die Leddy,„muͤßt!; dafuͤr aus der Stadt getrommelt werden, daß er ein ſolches Truͤbſal uͤber meine Familie brachte!— Wie kann er ſich unterſtehen, dem Geſetz und der Gerechtigkeit ſo in's Auge zu ſchlagen, wie er es heute that?“ Während ſie dieſes ſprach, traten Georg und Petn Pitwinnoch ein. „He, Juͤrgen!“ ſagte Walther.„Ich glaub', daß, anſtatt mich dumm zu machen, Du die arme Mama rein toll gemacht haſt; denn ſie kam nach Hauſe und hat eine Zunge wie ein zweiſchneidiges Schwert.“ „Waͤrſt Du nicht ſo, wie Du biſt, ſo wuͤrdeſt Du Mitleiden mit dem 2ehite un⸗ ſerss guten Mutter haben.“ 8416 12„Ich hatt' immer Mitleiden mit ihr,“ erwiederte Walther.„Aber warum wollt' ſie mich dumm machen? Das iſt ein ſchmutziger Vogel, der ſein eigen Neſt beſudelt. Aufrich⸗ tig geſagt, Juͤrgen, ſo glaub' ich, daß ihr alle beide unklug handeltet, einen prozeß uͤber meinen Verſtand anzüfangen.“ Gabriel Pitwinnoch, welcher einiges Miß⸗ trauen in die Wirkung der Zeugenausſagen ſetzte, gerieth in keine geringe Verlegenheit 3 uͤber dieſe Bemerkung. Denn er glaubte, wenn Walther ſich eben ſo richtig und gut vor dem Gerichtshofe qusdrückte, ſo duͤrfte ihr Unter nehmen ſcheitern. Georg hingegen, war, vor Aerger über Doktor Denholms Ausſage, kaum ſeiner ſelbſt machtig; doch ſagte er ziemlich gelaſſen;:„Du ſollſt morgen vor Gericht ſtehen. Was wirſt Du zu Deiner Nechtfertiaung zu ſagen haben?“ „Ich bin zu beſcheiden, um mein eigen Lob auszupoſaunen,“ erwiederte Walther.„Ich II. Thl. 3 werde nichts ſagen, als was Par Kazlebin mir beſiehlt.)“ e eue Kun aant Gabriel warf Georgen einen aufmunkernden Blick zu. Dieſer ſagte:„O Du wirſt wohl thun⸗ dasjenige zu bedenken, waß Du ſagſt.“ „Wenn das der Fall iſt, ſo halt⸗ ichs Maul ganz und gar!“ rief Walther. „Aber Du mußt jede Frage beantworten.“ „Stehen ſie in dem kleinen oder in dem großen Katechismus?“ fragte Walther. Die kenn' ich alle inwendig und auswendig.“ „Das iſt hinläͤnglich und mehr, als man von Ihnen verlangen wird,“ erwiederte Gabtiel. Aber die Freude, welche die Gegenwärti⸗ gen üͤber die albernen Antworten des Geiſtes⸗ ſchwachen hatten, wurde durch den Eintritt des Herrn Keelevin mäͤchtig geſtoͤrt. „Es freut mich, meine Herren,“ ſprach er,„Sie ſaͤmmtlich hier zu finden. Ich ſollte glauben, Sie muͤßten nunmehr uͤberzeugt ſein, daß die Unterſuchung nicht weiter fortgeſetzt werden muͤſſe. Herr Walther wird, ſicher und gewiß, nicht nur ſeine Mutter reichlich fuͤr die muͤhſame Fuͤhrung ſeines Hausweſens be⸗ lohnen, ſondern auch ſogar einen Theil ſeiner Einkuͤnfte an Herrn Georg abtreten. Neh⸗ men Sie guten Rath an,— laſſen Sie uns die Sache auf dieſe Weiſe abmachen.“ Pitwinnoch winkte ſeinem Klienten. Aber Walther ſagte:„Wozu ſollt' ich meiner Mama mehr geben? Hat ſie nicht Koſt und Logis und Wäͤſche und ihr Wittwengehalt obendrein? und George kann geſetzmäͤßig nichts von mir verlangen. Nein, Herr Keelevin, das wuͤrd' Verſchwendung ſein, wenn ich's thaͤt';— dann erſt koͤnnten ſie mich mit Dieche zum Dumm⸗ kopf machen.“— „Doch wuͤrde es weit vortheilhafter und anſtändiger fuͤr alle Parteien ſein, wenn ſte ſich auf dieſe Weiſe auseinander ſetzen woll⸗ ten,“ entgegnete Herr Keelevin.„Sind Sie nicht auch der Meinung, Frau Walkinſhaw, daß dieſes ſchicklicher waͤre, als Ihren eigenen Sohn zum Einfaltspinſel machen zu wollen?“ „Ich bin kein Einfaltspinſel, Herr Kee⸗ levin!“ rief Walther,„ob ich gleich glaubs, daß ſo was der Art in der Familie ſteckt; ſonſt wuͤrden Mama und Juͤrgen nicht ſo ei⸗ 3* nen Mordſpektakel uͤber meine Fäͤhigkeit, mein Eigenthum zu verwalten, anfangen. Hielt ich nicht noch am letzten Markttage die Kuͤhe ab, in's Korn zu laufen, als der Hirt in die Stadt gegangen war, um ſein Glůck im Wuͤr⸗ feln zu verſuchen?“ Derr ehrliche Herr Keelevin rang ne gina üͤber dieſes Geſchwaͤtz. „Sicher, mein Herr, miſſen Sie ſelbſt ein⸗ ſehen, daß die Geſchwornen uͤber dieſen Ge⸗ genſtand entſcheiden muͤſſen,“ ſagte Georg in ſeinem gewoͤhnlichen ſchleichenden Tone. „Das will mir keinesweges einleuchten⸗ Herr Georg,“ entgegnete der Sachwalter zor⸗ nig.„Ihr Bruder iſt noch immer der naͤm⸗ liche, der er war, als Ihr Vater das ver⸗ wuͤnſchte Fideicommiß errichtete, oder als er ihm des Lairds von Kilmarkeckle Tochter freite.“ „Nee, Herr Keelevin, darin irren Sie ſich,“ erwiederte Walther.„Ich ließ mir ſeitdem zwei Zähne ausreißen und wurd⸗ taub auf’m linken Ohr.“ „Sagte ich Ihnen nicht, daß Sie den — 3)— Mund nicht oͤffnen ſollten?“ rief der wuͤr⸗ dige Mann aͤrgerlich. „Wahrlich, Herr Keelevin, mich wundert's, wie Sie ſo ſchwatzen koͤnnen,“ erwiederte der alberne Menſch.„Der Mund iſt ja der ein⸗ zige Eingang in den Magen.“ „Gut, ſchon gut! rief ſein Freund. „Laſſen Sie ſich aber rathen, und laſſen Sie uns einen billigen Vergleich ſchließen.“ u2„Ich glaub', Herr Keelevin, daß Sie es nicht wiſſen, daß ich ein Paktum und Ver⸗ gleich mit mir ſelbſt geſchloſſen hab', keine Rechtöſchreibereien mehr zu unterſchreiben, um meiner Betty Bodle keinen Tort zu thun.“ „Betty Bodle?“ ſiel Gabriel eifrig in die Rede.„Sie iſt ja ſchon läͤngſt todt.“ Ach, mit nichten!“ rief Walther.„Sie lebt und befindet ſich kerngeſund.“ Herr Keelevin erſchrak uͤber dieſe unſin⸗ nige Behauptung, erwiederte jedoch keine Silbe. Auch Gabriel ſchwieg, blickte aber ſeinen Klien⸗ ten bedeutend an, welcher dem Geſpraͤch da⸗ durch ein Ende machte, daß er ſagte:„Nach⸗ dem wir ſo weit gegangen ſind, ſo kann ich — 38— aus Achtung fuͤr mich ſelbſt nicht zugeben, daß den fernern gerichtlichen Verhandlungen Einhalt geſchehe. Jeder weitere Streit uͤber dieſen Gegenſtand iſt mithin uͤberfluͤſſig.“ Herr Keelevin ließ dieſes unbeantwortet, ſagte aber, da er ſeinem Klienten Einiges mitzutheilen habe, ſo wolle er ihn für dieſe Nacht mit nach Glasgow nehmen. Dagegen war nichts einzuwenden, und auch Walther willigte ein, mit ſeinem Rechtsfreunde zu gehen, doch unter der ausdruͤcklichen Bedingung, daß man ihn nicht noͤthige, Dokumente zu unterſchreiben. 5*“b Fuͤnftes Kapitel. Als der Gerichtshof am andern Tage aber⸗ mals verſammelt war, ſaß Walther, ſauber und ordentlich gekleidet, an der Seite ſeines Anwalds. Aller Augen waren auf ihn ge⸗ richtet. Der Ausdruck eines bangen Stau⸗ nens, uͤber die ihn umgebende Szene, verlieh ſeinen in der That ſchoͤnen Zuͤgen ſo viel Geiſt, daß er eine beinahe allgemeine Theil⸗ nahme erregte. Selbſt Herr Threeper wurde = 39— verlegen, als er ſah, wie Walther zur rech⸗ ten Zeit aufſtand, ſich dem Ende der Tafel naͤherte und erſt dem Richter, dann den Ge⸗ ſchwornen eine tiefe Verbeugung machte. „Sie ſind, wie ich glaube, Herr Wal⸗ kinſhaw?“ ſagte Herr Threeper. 1 „Ich glaube, daß ich's bin,“ erwiederte Walther zaghaft. „Was ſind Sie, Herr Walkinſhaw?“ „Ein Menſch, mein Herr.— Meine Mutter und mein Bruder wollen einen Un⸗ klugen aus mir machen.“ „Warum halten Sie dieſelben einer ſol⸗ chen Abſicht faͤhig?“ „Weil ich mich hier befinde,— ohne die⸗ ſes waͤr' ich nicht hier.“ Das Geſicht des ehrlichen Keelevin klaͤrte ſich merklich auf, waͤhrend Georg finſter und verlegen auf die Erde ſah. „Alſo halten Sie ſich nicht fuͤr einen blödſinnigen Menſchen?“ ſagte der Advokat. „Kein Menſch hält ſich für blödſinnig. Ich glaub', daß Sie ſich fuͤr eben ſo klug halten, als ich es von mir denke.“ 8 8— 40— Ein lautes Gelaͤchter erſchallte durch den ganzen Gerichtshof. Herr Threeper erroͤthete und wurde verlegen, doch ſagne e er bald dar⸗ auf trocken: „Ich muß geſtehn, Herr Waltinſhaw, daß Sie keine uͤble Meinung von ſich ſelbſt haben; ich wuͤnſchte zu wiſſen, aus welchem Grunde.“ 3.22 „Das iſt eine naͤrriſche Frage,“ erwiederte Walther.„Ein Papagaienvogel, der doch nur eine gefiederte Kreatur iſt und nicht den Verſtand eines Menſchen mit zwei Haͤn⸗ den hat, hegt eine gute Meinung von ſich 4 ſelbſt.“ Herr Keelevin zitterte und erblaßte. Der Advokat fuhr fort: „Alſo glauben Sie, Herr Walkinſhaw, daß zwei Haͤnde den Unterſchied zwiſchen einem Menſchen und einem Papagai ausmachen?“ „Rein, nein,“ entgegnete Walther,„das glaub' ich nicht, denn Sie wiſſen, daß das Beeſt Federn hat.“ „Und warum haben die Menſchen nicht auch Federn?“ —- 4-=— „Das iſt keine richtige Frage, mein Herr, die Sie da an ein ſchwaches menſchliches Ge⸗ ſchoͤpf thun, wie ich eims bin. Da ſollten Sie lieber den Schoͤpfer fragen,“ rwiederde Mhalthen mit vielem Ernſt. Der Advokat war abermals aus dem Felde geſchlagen. Pitwinnoch traute ſeinen Ohren nicht, und Georg bebte uͤber und uͤber. Ein zufriedenes Gemurmel lief dunch die ganze Verſammlung. „Nun, wir wollen uns nicht weiter mit dergleichen Myſterien abgeben,“ ſagte Herr Threeper in einem ſcherzhaften Tone.„Ich vermuthe, daß Sie ſich fuͤr einen ſehr klugen Menſchen halten?“ „In einigen Dingen,“ erwiederte Wal⸗ ther beſcheiden.„Aber Eigenlob ſtinkt!“ „Welches Geſchaͤft betreiben Sie, Ihrer Meinung nach, am beſten, Herr Walkinſhaw?“ „Herr! wenn Sie ſehen koͤnnten, wie ich geronnene Milch mit Rahm eſſen kann,— darin kommt mir Keiner im Hauſe gleich!“ Die Aufrichtigkeit und Begeiſterung, mit welcher Walther diefes ſprach, brachte ein 8— 22— 8 wieherndes Gelaͤchter in der ganzen Verſamm⸗ lung hervor und machte den Anwald auf’s Nele verlegen; doch erholte er ſch bald wie⸗ der und fuhr fort: 3 „Ich zweifle keinesweges an Ihrer Geſchick⸗ lichkeit in dieſem Punkte, und ich moͤchte ſo⸗ gar behaupten, daß Sie auch Meſſer und Gabel dabei trefflich zu handhaben verſtehn.“ „Doch beſſer noch den Loͤffel,“ erwiederte Walther lachend. „Nun, ich muß geſtehn, daß Sie ein ſehr kluger Kopf ſind.“ „Mehr, als Sie es glaubten, mein Herr.— Da Sie mir aber ſchon ſo viele Fragen vorlegten, ſo werden Sie mir auch eine beantworten.“ „Dagegen habe ich nichts einzuwenden, Herr Walkinſhaw.“ „Sagen Sie mir alſo, wie viel Ihnen mein Bruder fuͤr das Stuͤckchen Arbeit zahlt.“ Die Verſammlung brach auf's Neue in lautes Gelaͤchter aus, und der Anwald wurde abermals außer Faſſung geſetzt. „Freund Threeper,“ ſagte der Richter, — 43— „ich fuͤrchte, daß Sie auf Irrwage getathen ſind.“ 4 „Bald glaube ich es ſelbſt,“ erwiederte der Advokat lachend. Sich abermals zu Wal⸗ zhetn wendend, fragte er: „Sie waren verheiratet, Herr Walkinſhaw? 2% „Ja, der alte Doktor Denholm verheira⸗ tete mich mit Betty Bodle.“ „Und wo iſt dieſe?“— „Wie der Leichenſtein ſpricht, ſo beegt ihre ſterbliche Huͤlle auf dem Kirchhofe.“ Herr Keelevin erblaßte abermals. Georg und Pitwinnoch warfen einander Alüstwin.. ſchende Blicke zu, Die Geſchwornen, welche eifrig aufhorch⸗ ten, anblickend fuhr der Anwald fort: „Sie hatten eine Tochter?“ „So hatt' ich,“ ſagte Walther, indem er ſeinen Üütternden Rechtsfreund aͤngſtlich anblickte. „llnd was wurde aus dieſer Tochter?“ Walther gab keine Antwort, ließ den Kopf hängen, ſeufzte tief und ſah Herrn Keelevin nochmals aͤngſtlich an. Beinahe alle Gegenwärtigen nahmen Theil an ſaidar Gemuͤthsbewegung. 5: „Sch frage noch einmal, was wurde aus dieſer Tochter?+— „Ich kann dieſe Frage nicht teantworten. 4 „Iſt ſie todt?“ ttaste der behaetlich Herr Threeper. „Die Leute ſagen ſo, und was Jeder⸗ mann ſagt, muß wahr ſein.“ „Sie wiſſen alſo das Faktum nicht aus eigner Erkenntniß?“. „Ehe ich dieſes beantworte, moͤcht' ich gern vorher wiſſen, was ein Faktum fuͤr'n Ding iſt.“ 1 Ohne hierauf Acht zu haben⸗ veränderte der Rechtsgelehrte den Angriff und ſagte: „Ich vernahm, Herr Walkinſhaw, daß Sie noch ein Kind haben, welches Sie Ihre Betty Bodle nennen.“ „Was geht das Sie an?“ erwjederke der beleidigte Walther.„So eine Unverſchaͤmt⸗ heit kam mir im Leben noch nicht vor.“ „Ich wollte Sie nicht beleidigen, Herr. Walkinſhaw. Ich wunſchte nur, der Gerech⸗ — — — 45— tigkeit wegen, zu wiſſen, ob Sie das Kind, welches Sie Betty Bodle nennen, öeie Ihre leibliche Tochter halten..⸗ n „Ich glaub', daß die Grrechtigkeir ſich weit beſſer dabei beſinden wuͤrde, wenn Sie mit Ihren Waages ſchwiegen 6 anenkoahnes⸗ Waſther. ah Sn u„Es iſt ſeltſam, das 8 nur ausweichende Antworken von Ihnen erhalten kann, Herr Walkinſhaw. Als Vater muͤſſen Sie doch gewiß wiſſen, ob es ThrRindnst oder nicht? rief der Advokat müͤrriſch. „Waͤr' ich ſeine MMuer, ſo wuße os ganz gewiß.“ Herr Threeper nihm wahr, daß er noc keinen Eindruck auf die i Geſthnornen gemaißt und berieth ſich eine kurze Zeit mit enun Pitwinnoch. Hierauf nahm er ſeine gewohnte Stellung wieder an und ſagte: „Ich wuͤnſche nicht Ihre Gefuͤhle zu kraͤnken, Herr Walkinſhaw, aber ich bin nicht mit der Antwort zufrieden, welche Sie. mir hinſchtlich Ihres Kindes gaben; und ich bitte Gie, ein wenig ausfuͤhrlicher zu re⸗ den.— Iſt das kleine Maͤdchen, welches bei Ihnen lebt, Ihre leibliche Tochter?" —„Hierauf mag ich nicht antworten, denn Herr. Keelevin ſagte, Sie wuͤrden mich kon⸗ ſus machen, wenn ich's thäͤt'.“ „Aha! habe ich Sie endlich gefangen?“ Ar dief der triumphirende Advokat. „Ein mißbilligendes Gemurmel lief durch die ganze Verſammlung.— Walther blickte ſchen und furchtſam um ſich. „Alſo hat Herr Keelevin Ihnen Lektion gegeben? Nicht wahr, er hat Sie unterrich⸗ tet, was Sie ſprechen ſollten?“ „Nein,“ antwortete der arme Simpli⸗ ciſſimus.„Er lagte mir, ich ſollte gar nicht reden.“ „Wie konnte er denn wiſen, daß ich Sie konfus machen wuͤrde?“ „Das weiß ich nicht, fragen Sie ihn ſelbſt, dort ſitzt er.“ „Rein, mein Herr, ich frage Sie!“ rief der Advokat mit großem Nachdruck. — 4— , Ich bin muͤde, Herr Keelevin,“ ſagte Walther, indem er voll Sehnſucht nach Huͤlfe auf ſeinen troſtloſen Anwald blickte. 3nann ich nicht fortgehn?“ 8 a Der ehrliche Sachwalter ſeufzte nef, u und alle Zuhoͤrer deßgleichen. „Fuͤrchten Sie ſich nicht, Herr Walkin⸗ ſhaw, wir Alle wollen Ihnen wohl,“ ſprach der Richter.„Aber es iſt der Geſchwornen wegen nothwendig, daß Sie uns erzaͤhlen, was Sie von dem Kinde halten, welche⸗ bei Ihnen lebt.. Walther läͤchelte und erwiederte:„36 will gern mit einem ſo höflichen Herrn, wie Sie einer ſind, zu thun haben. Aber den belfernden, dachsbeinigen Burſchen dort, mit der großen Peruͤcke, den kann ich nicht auß⸗ ſtehen. 6 „Gut alſo,“ fuhr der Richeer fort.„Iſ das kleine Maͤdchen Ihre leibliche Tochter?“ „Wahrlich, ſie iſe mein leibliches du3e terchen. 4 „Wie iſt das mglich, da doch, wie Sie — 48— felbſt verſichern,„Perai ſast,. daß Ihre Tochter todt ſei 2 0. Aat ni 402. „Sehen Sie ⸗ mein Her, das muß ich wohl am beſten wiſſen. Mein Kind und Töchtexlein war lange ein ſchwaͤchliches Din⸗ gelchen und bloͤkte in eins weg, wie ein Laͤmm chen, das ſeine Mutter verloren hat. Und dann zegrte ſ ſie ab, und achzte und wurde im⸗ mer ſchlafriger und ſchläfriger, bis ſie end⸗ lich ihre huͤbſchen, kleinen Aeuglein ſchloß und mauschenſtill lag. Da ſaß ich nun drei — Tage und drei Naͤchte bei ihr, und ſtarrte ihr in eins weg in's Geſichtchen, das ſo huͤbſch war, wie ein Gaͤnſeblümchen an einem ſchͤ⸗ nen Maimdegen. Aber ich weiß nicht, wie⸗ zuging— wie ich ſo gauf ſie kuckte, glaubt ich, daß ſte ſ ſich verändere; und aus dein Bett⸗ chen kam ſo ein gakſtiger Grabgetuch, daß ich dachte, die Natur wollt' haben, ich ſollte weggehen; und da ſägte mir mein Herzgefuͤhl, meines Bruders kleines Mariechen waͤr' zu meiner kleinen Betty Bodle geworden; und da ging ich fort und trug ſie auf meinen Armen heim, und die iſt jetzt mein Töchter⸗ — o— chen. Aber Mama tobte ſeitdem wie'ne wilde Katze und will haben, daß ich mein eigen Kind von mir thun ſoll, was ich nun und nimmermehr thue.— Rein, Herr, bei der halt' ich und bewahre und bewache ſie, wenn auch funfzig Muͤtter und funfzigmal funfzig Bruͤdet Juͤrgen vom furge bis in die ie Nacht mit mir zankten! 12 Jetzt ſiel einer der Geſchwornen in die Rede und that verſchiedene Fragen uͤber die Art und Weiſe, auf welche Walther ſein Ver⸗ moͤgen verwalte. Die darauf ertheilten Ant⸗ worten bewieſen, daß er ſich nicht nur nie darum bekümmert hatte, ſondern auch gaͤnz⸗ lich unwiſſend in jedem dahin einſchlagenden Geſchaͤfte, ja ſelbſt mit dem allergewoͤhnlich⸗ ſten Geldverkehr ganz unbekannt war. Die Geſchwornen entfernten ſich hierauf, um ſich mit einander zu berathen; die an der Tafel ſitzenden Rechtsgelehrten ſtritten unter⸗ einander, und Walther ſchwebte ſichtlich in großer Angſt uͤber dieſes Treiben.— Nach drei bis vier Minuten kehrte der aͤlteſte Ge⸗ II. Thl, 4 ſchworne zuruͤck,—— Walther wurde fuͤr blödſinnig erklaͤrt! r Bnn 88 Der arme Laird ſchauderte über umd Iber, blickte den Richter an und fragte, mit einer Einfalt, welche jedes Herz ruͤhrte:„Fand man mich ſchuldig?— O gewiß, mein Herr, Sie werden mich doch nicht aufhaͤngen laſſen, denn ich kann 44 nichts dafuͤr!“ „Sechſtes Kapitel. Nach geendigtem Verhoͤre ſtellte das Wohn⸗ zimmer der Familie Grippy einen feierlichen und traurigen Schauplatz dar.— In allein Pomp des Kummers ſaß die Leddy neben dem Kaminfeuer in dem großen Seſſel, trock⸗ nete ſich die Augen und ſtieß dann und wann tiefe, ſchwermüthige Seufzer aus. Frau Karl, uͤber deren Schooß ſich ihr Knabe lehnte, blickte nachſinnend und aͤngſt⸗ lich vor ſich hin. Georg und Herr Pitwin⸗ noch ſaßen an einem Tiſch, und machten ein Verzeichniß von den im Schreibtiſche be⸗ findlichen Schriften. Walther aber ſpielte ganz unbefangen mit ſeiner Pflegetochter auf * dem Raſenplatz vor dem Hauſe, als Frau Milrookit und ihr Gatte, der Laird von Dirdumwhamle, in's Zimmer traten, theils um ihr Beileid zu bezeigen, theils um ne⸗ benbei zu hoͤren, welchen Vortheil die Ent⸗ ſcheidung des Gerichts ſahnen ſtlbſt ekenge hringan werde. ae ahe enKomm, liebe Schret ung Aae di6 neßen mich,“ ſagte die Leddy.„Der Richter hat Deinen armen Bruder Walther auf ſeiner⸗„Wage gewogen und ihn zu leicht ge⸗ funden, und ich mag wohl mit den Worten der heiligen Schrift ſagen, daß man ſeine goldenen und ſilbernen Gefäͤße in die Gefan⸗ genſchaft fuͤhrt. Ich hoͤre, daß Georg nicht zu ihrem rechtmaͤhigen Beſitz gelangt, wie ich's erwartete, ſondern ſie nur ſo lange in Verwahrung kriegt, bis Walther wieder klug wird, dann kriegt ſie dieſer zuruͤck.— Ach, Grethel! dieß iſt ein trauriger Tag fuͤr uns Alle,— und fuͤr Niemand mehr, als füͤr Deine betruͤbte Schwägerin dort und ihre zwei armen Kinder. Sie muß nun wieder zu meiner Mutter, zishen, die jetzt im drei⸗ 4* undneunzigſten Jahre ſteht und mithin ni lättas, mehr leben wird.“ Cnn oettits eund was wird aus vhnena tautei Miltohkit. Z rc a8: n 16„Ot ich bleib' hier und etieg allimenten gelder fuͤr den armen Walther. Achg Hert Jemine! wer haͤtt' das denken ſollen„udaßi ſo ein prächtiges Buͤrſchchen, wie er einſt war, und den ſein ehrlicher Vater fuͤr den Ge⸗ ſchickteſten hielt, die Guͤter zu verwalten, daß der noch, von Gerichts wegen, zum gebornen Siiplex ſollt' erklärt werden! in uGn Mitleidig auf ihre Schwaͤgerin blickend, unterbrach Frau Mitrookit:„Da aber keine große Veraͤnderung im Hausweſen vorgehen foll, ſo ſollte ich glauben,„Bella und ihtt Kinder köoͤnnten hier bleiben;— denn meinet Großmutter Einkuͤnfte ſind kaum hinreichend fuͤr ihre Beduͤrfniſſe, zumal da ſie jetzt He wiſſermaßen bettlaͤgrig iſt.“ 1151219 „Du haſt gut ſchwatzen, Grethel, erwie⸗ derte die Leddy.„Wuͤßteſt Du aber, wwie wie ſchwer ſie mir auf dem Ruͤcken lagen, ſe wuͤrdeſt Du mehr Mitleiden mit Deiner Mut⸗ — 33— ter haben. Es iſt ſchon hart genug fuͤr mich, daß ich den herzbrechenden Kummer erdulden muß, einen ſtupiden Burſchen vor Augen zu haben, der ſo lange der Troſt meiner Wittwen⸗ ſchaft war. Aber es iſt der Wille des Heryn, und ich muß mich in tiefer Demuth ergeben.“ „Sind Sie geſonnen, Herr Georg,“ ſagte der Laird von Dirdumwhamle,„das baare Geld unter uns zu theilen, welches vielleicht ſeit dem Tode Ihres Vaters erſpart wurde?“ „Ich vermuthe, daß dieſes kaum hinreichen duͤrfte, die Prozeßkoſten zu decken,“ erwiederte Georg.„Und ſollte ſich auch ein Ueberſchuß ergeben, ſo bedarf das Haus in der That ſo viele Reparaturen, daß kein Pfenndh uͤbrig bleiben wird.“ „Was er da ſpricht, iſt wahr und wahr⸗ haftig die pure blanke Wahrheit, Herr Mil⸗ rookit,“ ſagte die Leddy.„Das Haus iſt ſehr baufällig; denn Walther häͤtt⸗ ſich lieber alle Zaͤhne aus dem Maule reißen laſſen, als einen Pfennig dazu herzugeben.“ „Ich ſollte meinen,“ entgegnete der Laird von Dirdumwhamie,„da Sie, Herr Georg, ——. auf eine ſolche Art zum Beſitz des Gutes ge⸗ kommen ſind, und es nicht wahrſcheinlich iſt, daß man Sie darin ſtoͤren wird: ſo koͤnnten Sie auch den Ertrag deſſelben mit uns thei⸗ len, und die Reparaturen von den vorraͤthi⸗ gen Geldern bezahlen.“ „Wenn die Prozeßkoſten berichtigt ſind, wollen wir weiter davon reden,“ erwiederte Georg. 1unn 81 „Die werden ein ſchweres Geld ausmach Herr Milrookit,“ ſagte die Leddy.„Das kenn' ich von meinem ſeligen Vater her, was es heißt, Prozeßkoſten bezahlen zu muͤſſen. Solche Leute, wie Herr Pitwinnoch und Herr Keelevin, ſind ſchon billig in ihren Rechnun⸗ gen;— aber das ſchreckliche Edinburger Volk, mit den ſchwarzen Maͤnteln und großen Weis⸗ heitsperuͤcken, die ſind koſtbare Waare!— Da wir aber eben jetzt huͤbſch bei einander ſind, ſo⸗ wuͤrden wir wohl thun, wenn wir gleich feſt⸗ ſetzten, was ich, als der geſetzmaͤßige Kuratot des armen Waltherchens, haben ſoll; denn der Ratur und den Geſetzen nach muͤſſen die Ali⸗ mentengelder von heut' an bezahlt werden⸗ „.* * 1 en, — 55— „Das kann geſchehen,“ erwiederte Georg, „und es iſt mir lieb, daß Sie es in Anre⸗ gung brachten. Wie viel muͤßte man ihm wohl ausſetzen, Herr Milrookit? „Alles wohl erwogen,“ ſprach letzterer, welcher ſchon auf die kuͤnftigen Erſparniſſe ſeiner Schwiegermutter rechnete,„ſo kann man ihm nicht unter hundert Pfund ſaͤhr⸗ kic geben.“ Einhundert Pfund jäͤhrlich?0 rief die Ledoſ„Dafuͤr kann ich ihm kaum das Salz zum Brot kaufen. Ich erwarte wenigſtens die Haͤlfte der Einkuͤnfte zu bekommen, und die beliefen ſie ch im letzten Iabre auf vier⸗ hundert Pfund.“ 1 „Ich glaube,“ ſagte Georg zu Herrn Pit⸗ winnoch,„daß ich mich nicht vor dem Ge⸗ richtshofe wuͤrde rechtfertigen koͤnnen, wenn ich eine ſo große Summe verwilligte. Hal⸗ ten Sie aber dafür, daß ich ſo hoch gehen duͤrfte, ſo will ich gern den Wuͤnſchen meiner Mutter nachgeben.“ „O, Herr Walkinſhaw!“ erwiederte Ga⸗ briel,„Sie ſcheinen den Umfang Ihter Ver⸗ — 8 3. 2 — 56— antwortlichkeiten nicht zu kennen. Ihr Bru⸗ der wurde fuͤr bloͤdſinnig erklaͤrt, und daher ſind Sie ſchuldig, ihm nur die einfachſte Verſorgung zuzugeſtehen. Ich glaube nicht, daß Sie ſeiner Munie mehr als funfzig Pfund geben duͤrfen,— vielleicht nicht ein⸗ mal ſo viel.“ „Funfzig pfund? Funfzig Teufel!“ rif die erboßte Leddy.„Ich will Ihnen und dem Richter zeigen, daß ich mir mein Recht nicht ſo vor'm Maul wegnehmen laſſe. Weniger als hundertfunfzig nehm' ich nicht.“ 4„Iſt dieſes der Fall,“ entgegnete Gabriel, „ſo fuͤrchte ich, daß Herr Georg einen andern Verpfleger fuͤr den Blödſinnigen wird ſuchen muͤſſen.“ „Wenn Sie das glauben,“ unterbrach ihn Frau Milrookit, welche die traurige Lage ih⸗ rer Schwaͤgerin bemitleidete,„ſo erkuͤhne ich 6 mich zu behaupten, daß Frau Karl ihn um ein ſehr billiges Kaſcgel zu ſich nehmen wuͤrde.“ ru „Herr. meines Lebens!“ erief die Leddy. „Hab' ich darum die Katz' im 2 Sadi Wras 5 Iſt's moͤglich, daß man ihn von mir nehmen will, ohne mir irgend einen Erſatz zu leiſten? Gewiß, Herr Pitwinnoch, gewiß, Juͤrgen, dieß wird weder von Gott, noch von den eiManſchen gebilligt werden!“ da: 3 „Ich verſichere Sie, Frau Waltinſhavin erwiederte der Sachwalter,„daß funfzig Pfund des Jahres Alles iſt, wozu ich Herrn Georg rathen kann. Sie werden alſo wohl thun, ſich darein zu fuͤgen.“ „Das thu' ich im Leben nicht! Ich will ſelbſt nach Edinburg gehen, und die funfzehn Lords ſollen mir mein Recht anthun. Noch heut' Abend will ich Herrn Keelevin um Rath fragen, der iſt ein gerechter Mann, und iſt von einer richtigen parteiiſchen Partialität!“ „Ich hoffe, liebe Mutter,“ ſagte Georg, „daß wir uns nicht deßwegen uͤberwerfen ſollen. Um allem Streit ein Ende zu machen, ſo ſollen, wenn es Ihnen ſo gefäͤllig iſt, die Herren Pitwinnoch und Keelevin die Alimen⸗ tengelder gemeinſchaftlich beſtimmen.“ 3 „Nichts iſt billiger,“ bemerkte der Laird von Dirdumwhamle, in der Hoffnung, Herrn Keelevin dahin zu bringen, daß er von der Summe von hundert Pfund nicht abgehen Nach einigem Hin⸗ und Herſtreiten wiligee auch die Leddy brummend⸗ ein. „Wie waͤre es aber, unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden, moͤglich, daß meine Mutter auch das Haus und die Wirthſchaftsgebaͤude in gehoͤ⸗ riger Baulichkeit hälten k könnte?“ ſragted Frau Milrookit. Die Leddy wurde etwas beſtürzt uͤber dieſe Bemerkung, waͤhrend Georg antwortete: „ Ich habe dieſes ſelbſt bedacht, liebe Mar⸗ garethe, und bin⸗ ganz Deiner Meinung. Auch bin ich deßhalb geſonnen, meine Familie hier wohnen zu laſſen, zumal da die Landluft der Geſundheit meiner Frau ſehr zutraͤglich ſein wird. ⁰O G Die Leddy war wie vom Donner geruͤhrt, und unfaͤhig etwas zu erwiedern, aber ihre Augen ſpruͤhten Feuer. 2 „Am allerbeſten,“ fuhr Georg fort,„würds es fuͤr unſere gute Mutter ſein wenn ſie ſich entſchließen wollte, eine Wohnung in Glas⸗ gow zu miethen; und da ich geſonnen bin⸗ der Frau Karl ein Jahrgeld von funfzig Pfund auszuſetzen, ſo koͤnnten ſie recht gut einen gemeinſchaftlichen Haushalt fuͤhren.“ Alle Gegenwaͤrtigen, die Mutter ausge⸗ nommen, zollten Georgs Freigebigkeit großen Beifall. Ehe aber noch die junge Wittwe, welche ſich ſehr erleichtert fuͤhlte, ihren Dank abſtatten konnte, fuhr die alte Leddy von ih⸗ rem Sitze auf und ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden, daß das ganze Haus zitterte. Hierauf ſetzte ſie ſich wieder nieder, laͤchelte und ſchien ruhig zu ſein. Dieſe Ruhe war jedoch nur eine truͤgeriſche, denn der Sturm brach, nach einigen Sekunden, mit verdop⸗ pelter Wuth los; und unter Schluchzen und Stoßgebeten, Drohungen und Fauſtſchlaͤgen auf den Tiſch, und Stampfen mit den Fuͤßen, erklärte und verbreitete ſich die ungluͤckſelige Leddy uͤber die geheimen Ränke ihres Sohnes Georg, dem ſie die bitterſten Vorwuͤrfe machte. Aber alles dieſes fuͤhrte zu Nichts,— ihr Schickſal blieb unwiederruflich,— und lange vorher, ehe die Herren Pitwinnoch und Kee⸗ levin uͤber die Alimentengelder einig werden — 60— konnten, welche, nach langem Kampf des letzteren, auf fuͤnfundſiebzig Pfund feſtgeſetzt wurden, ſah ſie ſich in die traurige Noth⸗ wendigkeit verſetzt, mit dem Blödſinnigen eine kleine Wohnung in Glasgow zu beziehen. Siebentes Kapitel. Einige Zeit hindurch trug ſich nichts Wich⸗ . tiges in der Familie Grippy zu. Georg wußte ſein Gewiſſen zu beruhigen und erwarb den Beifall der Welt durch die Großmuth, welche er gegen ſeine Schwaͤgerin bewieſen hatte. Das Wohnhaus wurde vergrüßert und aus⸗ geſchmuͤckt, und das ganze Gut, welches jetzt den alten Namen Kittleſtonheugh fuͤhrte, wurde unter ſeiner Aufſicht weſentlich verbeſſert. Mittlerweile fand Frau Karl Walkinſhaw, welche nebſt ihren Kindern zu der alten Groß⸗ mutt zuruͤckgekehrt war, ihre Lage zwar weit erträglicher als zuvor; indeſſen konnte ſte, wegen des ſehr hohen Alters der Leddy von Plealands, nicht auf eine lange Dauer dieſes Gluckſterns bauen. Auch gi ing die alle — 61— Dame nicht lange nachher in die Ewigkeit hinuͤber, und Iſabelle ſah ſich, wie ſie laͤngſt fürchtete, auf ihr kärgliches Jahrgeld be⸗ ſchraͤnkt. Da ſie, unter ſolchen Umſtaͤnden, unmoͤglich laͤnger in Glasgow leben und ih⸗ kem Kindern die nothwendige Erziehung ge⸗ ben konnte: ſo zog ſie ſich in ein benachbar⸗ tes Dorf zuruͤck, woſelbſt ſie in der Famtlie des ehrwuͤrdigen Predigers Herrn Eadie einen Umgang genoß, welcher ihrer Bildung und heem Unglück angemeſſen wer. ien „Frau Eadie war eine Hochländerin und den muͤndlichen Ueberlieferungen ihrer Lands⸗ eute zufolge, von hoher Abkunft. Ohne den letzten verungluͤckten Verſuch, das koͤnigliche Geſchlecht der Stuarts wieder auf Großbri⸗ tanniens Thron zu bringen, wuͤrde ſie wahr⸗ ſcheinlich ein erhabeneres Loos gefunden ha⸗ ben, als das demuͤthige und beſchraͤnkte, die Gattin eines Landpredigers zu ſein; zumal da die Natur ſie, in ihrer Jugend, mit der Schoͤnheit und Grazie und dem wuͤrdevollen Annſtand ausgeſtattet hatte, welche zwar die Bewunderung der vornehmeren Welt erregen, — 62— aber wenig zu dem kleinen haͤuslichen Pflich⸗ ten der Gattin eines Landprieſters paſſen. „In dem Zeitpunkt, von welchem jetzt die Rede iſt, hatte ſie bereits ihr funfzigſtes Jahr überſchritten, aber ein leichter Anſtrich von Schwermuth gab ihr ein noch äͤlteres Anſehn, ob ſie gleich noch immer⸗ durch ihr ſanftes, gefaͤlliges und wuͤrdevolles. Betragen, allgemeine Ehrfurcht und Theilnahme ein⸗ glößte. Etwa ein Jahr zuvor hatten ſtegihre einzige Tochter verloren, und ihr damals ungefähr zehnjähriger Sohn ſchien die Krank⸗ heit, welche ſeine Schweſter dahin riß, von dieſer geerbt zu haben. Die ängſtlichen muͤt⸗ terlichen Beſorgniſſe der Frau Eadie veran: laßten zum Theil jenen Zug von Schwer⸗ muth, doch lag auch noch eine tite Urſache zum Grunde. 8 331 1nz Ehe ihr Vater ureßt ſeine heilnahms an der Empoͤrung Leben und Vermoͤgen ver⸗ lor, war ſie mit einem Juͤngling verſprochen⸗ welcher, nebſt vielen andern Tugenden die den Hochlaͤndern eigenthuͤmliche Galanterie und Begeiſterung in einem hohen Grade be⸗ * 4 = 63— ſaß. Man glaubte allgemein, daß er in der ungluͤcklichen Schlacht von Eulloden*), auf dem Felde der Eyre, geblieben ſei. Seine jungfraͤuliche Wittwe betrauerte ihn lange Zeity ließ ſich aber endlich durch die feinen Sitten und die ſanften Tugenden des Herrn Eadie gewinnen und verſprach, ihn mit ihrer Hand zu beglüͤcken, Ernwar zu jener Zeit Hauslehrer in der Familie eines ihrer Ver⸗ wandten, bei welchem ſie nach dem Tode ih⸗ res Vaters Schutz gefunden hatte. Sobald Herr Eadie die Predigerſtelle zu Camrachle erhalten, ließ ſie ſich mit ihm trauen. Die erſten ſieben Jahre dieſer Ehe ver⸗ floſſen in jener ruhigen und ungetruͤbten Zu⸗ friedenheit, welche dem wahren Glͤck nahe kommt; und waͤhrend dieſes Zeitraums wurde Frau Eadie Mutter von zwei Kindern, die beide geſund und kraͤftig ſchienen. Waͤhrend des Sommers im achten Jahre ») in welcher der Herzog von Cumberland, im Jahre 1745, den Prinzen Karl Eduard, Sohn des Praͤtendenten, auf's Haupt ſchlug. 57—.. D. Ueb. * 8 —— ihrer Ehe wurde Herr Eadie zu der allgemei⸗ nen Synode nach Edinburg berufen, wohin feine Gattin ihn begleitete, um daſelbſt eine kurze Zeit bei ihren Verwhandken zuzubringen, in deren Haͤuſern ſie verſchiedene junge Leute antraf, deren verbannte Aeltern größten theils nach Frankreich geſtüchtet waren. ai Ein junger Mann, deſſen Vater gleich⸗ falls unter die Zahl der Verbannten gehoͤrte, erregte einſt, in einer Abendgeſellſchaft, die Theilnahme der Frau Eadie ſo ſehr/ daß ſie ſeine naͤhere Bekanntſchaft ſuchte; und waͤh⸗ rend ihres Geſpraͤches mit ihm erfuhr ſie, daß er der Sohn ihres ehemaligen Geliebten, und daß ſein Vater noch am Leben und mit einer Franzoͤſin, der Mutter des jungen Mannes, verheiratet war. Die Gemuͤthsbe⸗ wegung, welche dieſe Entdeckung bei ihr her⸗ vorbrachte, war ſo heftig, daß ſie ſich ge⸗ nöthigt ſah, das Zimmer zu verlaſſen. Von dieſem Augenblick an begann ſie kräͤnklich zu werden, und ihre aüßelördentlihe Schoͤnheit verwelkte ſichtlich.. 1 Ihr Gatte, welchem ſie ihren Sunme — 65— entdeckte, bemuͤhte ſich zwar auf jede Weiſe ihren Schmerz zu lindern, fand dieſen jedoch ſo tief bei ihr eingewurzelt, daß er der ge⸗ woͤhnlichen Schwaͤche unſerer Natur nachgab, muͤrriſch wurde. und ihre Schwermuth ſo oft und mitunter ſo ſchonungslos tadelte, bis faſt alles haͤusliche Gluͤck von ihnen wich. un Dieſes war der Gemuͤthszuſtand, in wel⸗ chem Frau Karl Walkinſhaw die Gattin des Predigers bei ihret drſten Bekanntſchaft fand. Ihr beiderſeitiges⸗Mißgeſchick verband ſie bald naͤher, und die Vertraulichkeit, welche zwiſchen den Frauen herrſchte, brachte auch den Prediger dahin, ſeiner Gattin wieder liebevoller zu begegnen. Ueberdieß erheiſchte das ſichtliche Hinſchwinden ihres Sohnes die gemeinſchaftliche Pflege dieſes Unterpfandes ihrer fruͤheren Liebe, und dieſe ſchwere Buͤrde trug dazu bei, die gegenſeitige Neigung und das alte Vertrauen wieder herbeizufuͤhren. Aber eben in dieſem Zeitraume ſtarb der Knabe, und dieſer längſt vorausgeſehene Fall beugte zwar ſeine Aeltern tief danieder, ge⸗ reichte aber der jungen Wittwe entſchieden II. Thl. 5 zum Vortheil. Denn, theils um ſich zu zer⸗ ſtreuen, theils um ſich uͤber den Verluſt ſei⸗ ner Kinder zu troͤſten, übernahm der Predi⸗ ger die Erziehung des kleinen James und aus denſelben Grunden Frau⸗ Endie die der kleinen Marienn zalannnch, a iſa i gt Stlu 3 aai Hlanr ilonn 1 833p „Man atans nicht wiſſen,“ ſagte ſie zu Baues Walkinſhaw, melches Loos ihr der⸗ einſt zu Theil wird.„Wir wollen mithin trachten, ihr eine Bildung zu geben, ver⸗ moͤge welcher ſie ſich fuͤr eine hoͤhere Sphaͤre eignet, und dann ihr kuͤnftiges Schickſal den Haͤnden der Vorſehung uͤberlaſſen. Ihre jetzige demuͤthige und beſchränkte Lage darf uns nicht abhalten, ihre Talente und Faͤhig⸗ keiten ſo ſehr auszubilden, als es in unſern Kraͤften ſteht. Wie wenig war es, zu mei⸗ nes Vaters Lebzeiten, wahrſcheinlich, daß ich beſtimmt ſei, meine Tage in dieſer verglei⸗ chungsweiſe niedrigen Lage und in einem ab: gelegenen Dorfe zuzubringen, und wie trau⸗ rig wuͤrde mein Leben dahin fließen, waͤre ich nicht im Stande, durch meine fuͤr glaͤn⸗ — 6— zendere Ausſichten eneheſen Luente es zu⸗ weilen zu erheitern. 1 z 9 5* 66 ti 1o 4 Achtes SapeI. — welchen wir jetzt als den dritten Laird von Grippy betrachten muͤſſen, befand ſich in dieſer Zeit in den gluͤcklichſten Um⸗ ſſtaͤnden. Seine Laͤndereien ſtiegen im Werth, und ſeine kaufmaͤnniſchen Unternehmungen ge⸗ langen auf's Beſte; doch blieb ſeine Gattin kraͤnklich, und der Mangel eines maͤnnlichen Erben truͤbte ſeine Ausſichten. 5324 anf Dieſe Erwaͤgungen wurden noch trauriger durch den Gedanken, daß, wenn er, ohne ei⸗ nen Sohn zu haben, ſterben ſollte, die Guͤter auf James, den Sohn ſeines Bruders Karl, fallen mußten. Sein einziger Troſt war die Hoffnung, vielleicht eine Verbindung zwiſchen dieſem und ſeiner Tochter ſtiften zu koͤnnen. Angeſpornt von dieſer Idee erſchien er, nach einer Entfremdung von mehrern Jahren, ganz unvermuthet mit ſeiner Gattin und Toch⸗ ter, in ſeinem eigenen Wagen, vor der niedri⸗ gen Wohnung der Frau Karl. 5* — 68— Nachdem ſee ſich ammtlich in dem kleinen Beſuchzimmer der Wittwe niedergelaſſen hat⸗ ten, deſſen Fenſter von Je laͤnger je lieber und Jasmin eingefaßt waren, und deſſen Kamin die ſchoͤnſten Blumen ſchmuͤckten,— ſagte Georg: „Ich fuͤrchte, liebe Schwaͤgerin, wenn wir nicht unſern verwandtſchaftlichen Umgang erneuern, ſo duͤrften die Bande der Zuneigung, welche zwiſchen unſern Familien herrſchen ſollten, er⸗ ſchlaffen, und dieſes muͤſſen wir moͤglichſt zu veyhuͤten ſuchen. Frau Walkinſhaw und ich ſind deßhalb hierhergekommen, um Sie zu erſuchen, einige Tage, mit Ihren lieben Kin⸗ dern, bei uns in Kittleſtonheugh zuzubringen; und wenn Sie nichts dagegen einwenden, ſo werde ich auch unſere Mutter und den guten Walther dazu einladen. Sie werden ſich freuen, zu ſehen, wie ſehr der arme Menſch noch im⸗ mer an Ihrer Marie haͤngt, die er noͤch ſtets fuͤr ſeine Betty Bodle haͤlt, und ſich dabei bitter beklagt, daß er ſie nicht mehr haben duͤrfe⸗ nachdem ihn, wie er ſich ausdruͤckt, das Gericht fuͤr des Bloͤdſinnes ſchuldig erkannt hat.“ Dieſer Beſuch und die mit demſelben ver⸗ 4 knuͤpfte Einladung waren etwas ſo Unerwar⸗ tetes, daß ſelbſt die ſonſt ſo verdachtioſe Frau Karl vermuthete, es moͤchte eine verſteckte Ab⸗ ſicht im Hintergrunde liegen. Aber das Un⸗ gluͤck hatte ſie ſchon ſo lange niedergedruͤckt, daß ſie ſich nur noch fuͤr ein ſchwaches Rohr hielt, welches ſich nach jedem Winde beugen muͤſſe. Sie willigte daher ein, einige Tage bei ihrem Schwager zu verleben; und da auch die Kinder ein großes Verlangen bezeigten, ihren Oheim Walther, deſſen Gutmuͤthigkeit noch lebhaft in ihrer Erinnerung ſchwebte, einmal wieder zu ſehen: ſo wurde beſchloſſen, daß ein Wagen ſie ſaͤmmtlich, am naͤchſten Montag, abholen ſolle. Noch an dem naͤmlichen Abend, nach die⸗ ſem Vorfall, ging Frau Karl in's Pfarrhaus, um dem Prediger und ſeiner Gattin das, was ſich zugetragen hatte, zu erzaͤhlen. Die beiden Eheleute kannten nicht nur Iſabellens Geſchichte, ſondern zum Theil auch die des ſeltſamen und thörichten Fideicommiſſes. Gleich ihr glaubten ſie, ihre Kinder ſeien gaͤnzlich enterbt, und ſchaͤtzten Georgs Freigebigkeit eben — 710— ſo hoch, als ſie es ſelbſt that. Uebrigens ge⸗ noß Georg die Achtung aller ſeiner Bekann⸗ ten, und ſpielte in der damaligen vornehmen Kaufmannswelt eine der angeſehenſten Rollen. Aber die ſo ſchnelle Erneuerung eines ſo lange unterbrochenen freundſchaftlichen Umganges er⸗ regte dennoch einige Verwunderung, ſowohl bei dem Prediger, als bei deſſen Gattin, und gab ihnen Stoff zu mancherlei Vermuthungen. Die hochherzige Frau Eadie meinte, Georg hege die lauterſten Abſichten.„Ihr Schwa⸗ ger,“ ſagte ſie,„empfindet den wohlthaͤtigen Einfluß des Gluͤcks und fuͤhlt, daß es ihn, ſelbſt in den Augen der uͤbrigen Welt, er⸗ hoͤhen werde, wenn er die Freundſchaft gegen Sie, von welcher er Ihnen bereits Betheiſe gab, nunmehr verdoppelt.“ f i9 Doch der Prediger, deſſen niedrigere Ge⸗ burt ihn oft in den Stand geſetzt hatte, das Thun und Treiben der untern Stände zu beobachten, der auch, vermoͤge ſeines Amtes, oft in den Fall kam in die Tiefen des menſch⸗ lichen Herzens zu blicken, ſchien eine ganze verſchiedene Meinung zu hegen. 89 — 71— „Ich hoffe,“ ſagte er,„daß dieſes freund⸗ ſchaftliche Betragen aus einer ſo reinen Quelle entſpringen moͤge. Doch wuͤrde es mir lieber ſein, wenn es nicht, nach einer ſo langen Un⸗ terbrechung, ſo ploͤtzlich zum Vorſchein gekom⸗ men waͤre. Entweder iſt es das Reſultat von Betrachtungen uber laͤngſt vergangene Dinge, welche ihm jetzt in einem andern Licht erſchei⸗ nen als ehedem, oder es ruͤhrt von verſteck⸗ ten, gefaͤhrlichen Abſichten her; deßhalb, Frau Walkinſhaw„rathe ich Ihnen, wohl auf Ih⸗ rer Hut zu ſein.“ unterdeſſen war Georg, nebſt ſeiner Gat⸗ tin und Tochter, auch zu ſeiner Mutter ge⸗ fahten, um dieſe gleichfalls zu erſuchen, einige Tage mit Walther bei ihm zuzubringen. Georg hatte, nachdem ſeine Mutter in die Stadt gezogen war, haͤufigen und trauten Umgang mit ihr gepflogen. Denn ob ſie gleich in der erſten Hitze erklärte,„er habe ſie betrogen und den armen Walther ſeiner fuͤnf Sinne beraubt, und ſie werde nun und nimmermehr ein Wort mit ihm reden:“ ſo wußte er ſie dennoch, durch mancherlei Geſchenke und die tiefſte aͤußerliche Ehrerbietung, bald wieder zu beſaͤnftigen. Doch waren, bei alle dem, die Funken des Argwohns noch nicht in ihrem Herzen erloſchen, und da er ihr jetzt erzaͤhlte, wo er geweſen war und welchen Zweck ſein Beſuch bei Iſabellen gehabt hatte, konnte ſie ihre Merwunderung nicht verbergen. „Gott behüt⸗ und bewahr, uns, Jürgen 3 rief ſie.„Was iſt Dir auf einmal in die * Muͤtze gefahren, daß Du ſo in Deinem neuen Wagen fort galoppirſt, um die Bella Father⸗ lans und ihre Kinderchen iuch Geippy zu bitten„„, Gzeoxg, de der ihre weitern Bemerkungen nich zu hoͤren wuͤnſchte, unterbrach ſi ſie, indem er erwiederte:„Ich verwundere mich, liebe Mut⸗ ter, daß Sie den Ort noch immer Grippy nennen. Sie wiſſen ja, daß er jetzt eigent⸗ lich Kittleſtonheugh genannt wird.“ „Freilich,“ entgegnete ſie,„hat der Ort⸗ ſeit meiner und Deines wuͤrdigen Baters Zei⸗ ten, große veränderte Umwandlungen eeklitten, mit Deinen Speiſezimmern und Biſitenzim⸗ mern, und den bunten Dautbeinga und den Fluͤgeln. 7* rir Nan „Wie ſo, liebe Mutter? 39. habe ja 25 Einen Fluͤgel anbauen laſſen. „Und das iſt uͤber und uber gen ug, rief die Leddy.„Glaub' mir, Juͤrgen, es kann ſchon mit einem Flügel fortfliegen. Doch hab⸗ ich nichts gegen Deine Einladung ein⸗ zuwenden; denn ich wuͤnſche meine Enkel ein⸗ mal wiederzuſehen, was ein ganz narürlicher Wanſch iſt. Die ſind jetzt gewiß tuͤchtig in die Hoͤhe geſchoſſen, und ihre Mutter war auch ein huͤbſches Weibchen, obſchon gewiſſer⸗ maßen mehr zum Zierath, als zum Gebrauch. 2 Walther, welcher während dieſes Geſprä⸗ ches in ſeines Vaters großem Seſſel ſaß. auf dem er ſich vorwärts und ruͤckwaͤrts wiegte, und dann und wann einen Blick auf die Be⸗ ſuchenden warf, fragte endlich: „Wird mein’ Betty Bodle 1u kommen?“ Allerdings,„antwortete Georg, der froh war, den Bemerkungen ſeiner Mutter zu ent⸗ rinnen.„Du wirſt ganz entzuͤckt ſein, das — — 4— Kind wiederzuſehn. Sie iſt Angen beni groß fuͤr ihr Alter.“ „Das liebl ich nicht,“erwiederte Walcher „Sie ſollt' nicht groͤßer geworden ſein. Ich kann die großen Leute nicht leiden.“ „„Warum nicht?. „Weil, wie Du weißt, Jürgen, die Ge Pa⸗ nur für ſie gemacht ſind. Waͤren wir, Du und ich, noch ſo zwei kleine Buͤbchen⸗ die ſo auf dem Raſenplatze zuſammen ſpielten, wie wir beide ſonſt miteinander: ſo haͤtt'ſt Du nimmermehr die Teufelsklaue von Edin⸗ hurg hergebracht, die mich dumm machen mußt„ 5 „Ich verſichere Dich, Nleber Walther, ſagte Georg, bei welchem ſich das Gewiſſen ruͤhrte,„daß ich nicht anders handeln konnte. Ich war es der Welt und meiner Mutter ſchuldig. „Es kann wahr ſein,“ erwiederte Walther. „Da ich aber dumm bin, ſo verſteh' ich's vielleicht nicht.“— Hierauf nahm Psſehn Sehuinzune wieder vor. AndA „Nach noch einigen Geſpraͤchen czer den beabſichtigten Beſuch, kam man uͤberein, daß Gedrg ſeine Mutter und ſeinen Bruder am nächſten Montas abholen ſollte. Nuntes Ka pite l. Am Abend des Tages, an welchem Georg ſeine Schwaͤgerin in Camrachle uͤberraſcht hatte, und während letztere im Pfarrhauſe war, erhielt Frau Eadie ein Schreiben durch die Poſt. Es war von ihrem Vetter Fraſer, welcher, als maͤnnlicher Sproſſe der Fraſer von Glengael, der Familie ihres Vaters, ſein Nachfolger geworden ſein wuͤrde, wenn die Krone die Beſitzungen nicht in Beſchlag genommen haͤtte. Er ſchrieb ihr, daß, nebſt andern eingezogenen Guͤtern, auch Glengael an den Meiſtbietenden verkauft werden ſollte; und da ihm die billigen Geſinnungen ſeiner Landsleute gegen die ungluͤcklichen Anhaͤnger der Stuarts bekannt ſeien, ſo wuͤnſche er moͤglichſt auf die Mitbietenden zu wirken, damit dieſe ihn nicht zu hoch hinauftreiben moͤchten; er erſuche ſie daher, nach Edin⸗ burg zu kommen, um ihm in dieſem Ge⸗ *₰ — 76— ſchaͤft beizuſtehen, und wuͤnſche dieſes um ſo ſehnlicher, da einige ihrer gemeinſchaftlichen Freunde die Meinung hegten, als ob ſie ſelbſt vielleicht auf Mittel ſinne, die vaͤter⸗ lichen Guͤter fuͤr ſich zu erſtehen. Die Vorliebe, welche Frau Eadie fuͤr die verlornen Beſitzungen ihrer Familie hegte, haäͤtte ſie ohne Zweifel fruͤherhin beſtimmen konnen, ſich auf ein ſolches Unternehmen einzulaſſen, aber ſeit dem Tode ihrer Kinder war ſie gleichguͤltig gegen dieſe ſonſtige Lieb⸗ lingsidee geworden. Jetzt empfand ſie nur noch den Wunſch, daß ihres Vetters Vorha⸗ ben gelingen möge; und ihre vaterlaͤndiſchen Gefuͤhle machten es ihr zur Pflicht, dieſes nach Kraͤften zu unterſtuͤtzen. Sobald ſie alſo den Brief geleſen hatte, uͤbergab ſie denſel⸗ ben ihrem Gatten. „Es freut mich,“ ſagte ſe dabei,„duß ſich dieſes gerade zu einer Zeit ereignet, in welcher wir die Geſellſchaft der Frau Walkinſhaw ohnehin verlieren müͤſſen. Wir wollen gleichfalls unſere Reiſe am künftigen Montag antreten, und vielleicht können wir —— zu gleicher Zeit mit ihr wieder hier eintref⸗ fen. Denn ich fuͤhle, daß ihre Geſellſchaft weſentlich zu unſerm haͤuslichen Glück bei⸗ trãgt.“ Aäſt Ieln.eeni ae den Herr Eadie war ſo erſtaunt uͤber den ent⸗ ſcheidenden Ton, mit welchem ſeine Gattin dieſes ſprach, wie auch uͤber die Beſtimmtheit, mit welcher ſie ihren Entſchluß aͤußerte, nach Edinburg gehn zu wollen, ohne ihn vorher um ſeine Meinung gefragt zu haben, daß er, anſtatt den Brief zu leſen, ſte beſorgt an⸗ blickte und fragte:„Was iſt denn vorge⸗ fallen 79".13 1 n „Glengael ſoll verkauft werden,“ erwie⸗ derte ſie,„und mein Vetter Fraſer wuͤnſcht ſeinen ganzen Einſluß zu benutzen, damit Niemand ihn uͤberbieten moͤge. Nun haͤlt die Guͤte einiger unſerer gemeinſchaftlichen Freunde gegen mich dieſe ab, ihn in ſeinem Vorhaben zu unterſtützen; und daher wuͤnſcht er, daß ich ſelbſt nach Edinburg kommen moͤchte, um ihre Zweifel zu heben und ihm ſonſtige Huͤlfe zu leiſten.“ 1. „Das koͤnnte eben ſowohl ſchriftlich als — 78— perſönlich abgethan werden, denn wahrlich, in adleſem Jahre koͤnnen wir die Ausgabe nicht gut beſtreiten,“ entgegnete der Predi⸗ ger, indem er den Brief entfaltete. i „Die Ehre meines Bäͤterlichen Hauſes ge⸗ bietet es,“ erwiederte Frau Eadie mit ſtolzer Ruhe.„Keine anderweitige Ruͤckſicht darf eeine Tochter der Glengael abhalten, ſhe Bimilienflichten zu erfuͤllen.“ 1 Frau Walkinſhaw hatte, von dorer yſen Bekanntſchaft an, die erhabenen Geſinnungen der Frau Eadie bewundert; aber bis jetzt bot ſich ihr noch keine Gelegenheit dar, den ver⸗ ſteckten Stolz und den mäaͤnnlichen Geiſt ge⸗ hoͤrig kennen zu lernen, welche, bei aller ſon⸗ ſtigen Sanftmuth, in dem Herzen ihrer Freun⸗ din wohnten und in dieſem Ragentlias zum Ausbruch kamen. Nachdem der Prediger den Brief geleſen hakte, aͤußerte er abermals, es ſei unnoͤthig nach Edinburg zu reiſen. Doch, ohne auf ſeine Einwuͤrfe zu achten, ſagte ſeine Gattin: „Nach reiflicherer Ueberlegung ſcheint mir, als waͤre Deine Gegenwart dort uͤberfluͤſſig,— aber ich muß gehen. Mein Blutsverwandter ruft mich dazu auf, und ich darf ſeine Be⸗ wezgründe nicht unterſuchen, ſondern muß blinden Gehorſam leiſten. Das Haus meiner BVäͤter ſteht auf dem Spiele!“, in 42 Sza 1*46 Der Prediger läͤchelte uͤber ihre Beſtimmt⸗ deit und ſagte;,„Bald ſcheint es mir, als muͤſſe auch ich blinden Gehorſam leiſten. Ich entſinne mich, jedoch, nnicht, wer dieſer Better Fraſer iſt.— Zog er im Jahre 1745 mit Deinem Vater in's Seld?“ 4 Nein, er nicht, aber ſein Bath, der eben⸗ falls zu Carlisle hingerichtet wurde,“ erwie⸗ derte Frau Eadie.„Er ſtudirke dier Nechte und iſt jetzt Advokat in Edinburg“ Sich plötzlich zu Frau Walkinſhaw wendend, fuͤgte ſie hinzu:„In dieſer Sache liegt etwas Ge⸗ heimnißvolles.— Mir duͤnkt, eine unſtehtbare Kette verbinde das Schickſal unſerer beider⸗ ſeitigen Familien. Gleichſam als beginne eine neue Epoche fuͤr Sie, fuͤhrte das Schick⸗ ſal Ihren Schwager heute hieher, und mir ſandte es, durch dieſen Brief, eine guͤnſtige 80— Vorbedeutung, daß das Geſchlecht der Glen⸗ gael wieder aufbluͤhen werde.“ „Herr Eadie bemerkte laͤchelnd, einen ſal em Ausbruch von hochlaͤndiſcher Weisheit habe er ſeit langer Zeirnicht aus ihrem Munde gehört. 8 Frau Walkinſhaw wat⸗ jedoh ſo ſehr von det Feierlichkeit ergriffen, mit welcher ihte Freundin Obiges ſprach, daß ſie nur fagen konnte:„Ich hoffe zu Gett, daß es ſch fo verhalten moͤge!? 3 „Ich bin vollkommen davon uberzeugt,“ erwiederte Frau Eadie mit wuͤrdevollem Ernſte; und ihre Freundin bei der„Hand faſſend, fuhr ſie fort:„Dem Prediger mißfallen meine hochlaͤndiſchen Grillen, wie er ſie nennt, und er glaubt, daß ſie ſich auf finſtere Ueberbleibſel des Heidenthums gruͤnden. Aus dieſer Urſache enthalte ich mich von vielen Dingen zu reden, welche ich deutlich ſehe und empfinde,— als Ahnungen und Schatten kuͤnftiger Begeben⸗ heiten, die ſich meiner Phantaſie unwillkuͤrlich aufdringen. Aber mein Glaube an ſie laͤßt ſich nicht erſchuͤttern, denn der menſchliche — 81— Geiſt beſitzt mehr Eigenſchaften, als die ihm ſeine fuͤnf Sinne verleihen, ſo wie, zum Bei⸗ ſpiel, das Herz liebt und haßt, ohne ſich davon Rechenſchaft geben zu koͤnnen.— Merken Sie daher auf meine Worte, und bewahren Sie ſie wohl in Ihrem Gedächtniſſe auf.— Bon heute an paart ſich das Glüͤck des Hau⸗ ſes Glengael mit dem des Hauſes Walkin⸗ ſhaw!— Beider Gluͤcksſtern war lange unter⸗ gegangen,— aber die Zeit naht heran, in welcher er mit erneuertem Glanze ſcheinen wird ¹* 1u6 „Ich wuͤrde nicht länger unglaͤubig ſein,“ erwiederte der Prediger,„wenn Sie Ihren Schwager, Herrn Walkinſhaw, uͤberreden koͤnnten, dem guten Vetter Fraſer die S Summe vorzuſtrecken, welche er zum Antauf von Glen⸗ gael bedarf.“ Doch bemerkend, daß er einen zarten puukt zu hart antaſte, lenkte er das Geſpraͤch auf einen andern Gegenſtand, und es trug ſich an dieſem Abend nichts weiter zu. Veide Fami⸗ lien beſchaͤftigten nunmehr ſich bis zum Mon⸗ tag mit den kleinen Zubexeitungen. zu ihrer II. Thl. 6 — 82— Reiſe, indem Herr Eadie, trotz den vermehr⸗ ten Ausgaben, eingewilligt hatte, ſeine Gattin zu begleiten.* Mittlerweile hatte Georg, c aus Geünden, welche ihm ſelbſt am beſten bekannt waren, beſchloſſen, die Anweſenheit ſo vieler ſeiner Verwandten zu einem eigentlichen Familien⸗ feſte zu machen; denn außer den ſchon Erwaͤhn⸗ ten, lud er auch den Laird von Dirdumwhamle, nebſt Frau und Sohn, zu ſich ein. Aber eben dieſer Umſtand erregte den Verdacht in dem Herzen der alten Leddy, daß dieſer außer⸗ ordentlichen Guͤte wohl verſteckte Abſichten zum Grunde liegen moͤchten. Sie entſchloß ſich daher insgeheim, Herrn Keelevin um Rath zu fragen, wie ſie wohl am beſten auf ihrer Hut ſein koͤnne; denn, ſeit ſeinem Rin⸗ gen— wie ſie es nannte— mit Pitwinnoch, wegen Walthers Alimentengelder, war er ſehr in ihrer Gunſt geſtiegen. Ueberdieß hatte ſie noch einen andern Beweggrund, bald mit ihm zu ſprechen, naͤmlich die loͤbliche Abſicht, ihren letzten Willen von ihm aufſetzen zu laſſen. Dieſes war um ſo dringender, da der ehrliche Sachwalter, ſeit einiger Zeit, ſo ſehr kraͤnkelte, daß die Leddy, als ſie dieſes ver⸗ nahm, ſagte:„Die eiskalte Hand des Todes ruͤttle an der Wurzel ſeines Lebensbaums; ein Zeichen, daß diejenigen, welche noch Nutzen von ſeiner Weisheit ziehen wollten, es nicht wie die thoͤrichten Jungfrauen treiben duͤrften, die ihre Lampen erloͤſchen ließen und ſchliefen, als der Braͤutigam und die Spielleute kamen.“ Als aber die Leddy zu dem rechtſchaffenen Sachwalter kam, war dieſer ſchon außer Stande, ſich um weltliche Dinge zu bekuͤm⸗ mern,— ein Zufall, welchen ſie bitter be⸗ klagte, als ſie ihn ihrem Sohne Georg mit⸗ theilte, der jedoch weit entfernt war, die nämliche Theilnahme zu fuͤhlen, ſondern viel⸗ mehr eine geheime Freude daruͤber empfand. Denn es war ſein hoͤchſter Wunſch, daß die Welt fernerhin glauben moͤge, ſein aͤlterer Bruder ſei gaͤnzlich enterbt worden; und eben Herr Keelevin war der einzige Menſch, wel⸗ cher den eventuellen Erben Aufklaͤrung geben konnte — 84— 8ehntes Kapiitel. Die verſchiedenen Mitglieder der Familie Grippy verſammelten ſich an dem dazu be⸗ ſtimmten Tage in Kittleſtonhengh. Iſabelle und ihre Kinder waren die letzten, welche an⸗ kamen. Waͤhrend ihrer Fahrt von Camrachle erinnerten ſich James und Marie mancher kleinen Zuͤge von Walthers Gutmuͤthigkeit, und freuten ſich, wieder einmal einen langen Sommertag mit ihm, in Luſt und Webhlich⸗ keit, verleben zu koͤnnen. 2 Doch waren ſie ſeitdem einige Jahre aͤl⸗ ter geworden, und waͤhrend dieſer Zeit hat⸗ ten ſich, wie es zu gehen pflegt, auch ihre Gefühle, ohne daß ſie ſelbſt es gewahrten, merklich veräͤndert. Kaum aus dem Wagen geſtiegen, ſuchten ſie alsbald, mit leichten Schritten und freudigem Herzen, ihren guten Oheim auf, fanden ſich aber ſehr getaͤuſcht in ihrer Erwartung und hemmten ſogleich ihren Lauf, als ſie ihn allein im Garten ſitzen ſahen. Seine Geſtalt erkannten ſe i war alsbald wieder, aber ſie hatten von ſeinem Blödſinn — .— 85.— gehörk, und fahen ihn jetzt, vorwaͤrts geneigt, daſitzen, die Haͤnde mit dem Ausdruck der Gedankenloſigteits herabhangen zwiſchen den Knieen, das ganze Anſehn ſchwermuͤthig und von aller Hoffnung verlaſſen. ds „Oheim Waltherchen,“ ſagte James mit⸗ leidig,„warum ſitzeſt Du hier allein?”“ i. Walthey ſah auf, ſtarrte ihn einige Se⸗ Fkunden an und erwiederte:„Weil ſich Nie⸗ mand zu mir ſetzen will, denn ich bin ein dummer Menſch.“ Hierauf ließ er den Kopf wieder haͤngen und verſank in ſeine enrige träge Stellung. „Kennſt Du mich nir mebxats fengke Marie..aen aint an ehEr erhob abermals⸗ die Angen und ſah beide Kinder wechſelsweiſe mit durchdringenden, aber argwoͤhniſchen Blicken an. Marie ſchien aus ſeinem Gedächtniß entſchwunden, denn er wandte ſich von ihr ab; doch erinnerte er ſſich, nach einiger Zeit, des kleinen James, und mit Verwunderung und einem vergnügten Grinſen ſagte er:„James Walkinſhaw, wie viel Braten mußt Du gegeſſen haben, daß —— Ou ſo ein tuͤchtiger Burſche geworden biſt!“ Hiermit zog er den Knaben an ſich, wie er ehedem zu thun pflegte; naber dieſer entwand ſich ſeinen Handen, zog ſich einige Schritte zuruͤck und ſah ihn mit mitleidigen⸗Augen an, wobei er ſich jedoch eines geheimen Ab⸗ ſcheues nicht erwehren konnte. ni6 9 Der Blick des Knaben und ſein Loswin⸗ den ſchien Walthern aufzufallen. Er faltete ſeine Haͤnde auf's Neue, ließ ſie zwiſchen die Kniee fallen, hing den Kopf und ſprach vor ſich hin:„Ich bin ja dumm, kein Menſch be⸗ kuͤmmert ſich mehr um mich. Ich bin der Erde zur Laſt, und all meine eunhe Bodle's fnd mir genommen.“— Der Ton, in welchem dieſes geſprochen 3 worde⸗ erweichte das gute Herz der kleinen Marie. Sie ging auf ihn zu und ſagte: „Oheim, ich bin ja Deine kleine Betty Bodle. Warum willſt Du nicht mit mir reden?“ Seine Aufmerkſamkeit wurde auf's Kan erregt, er nahm ſie bei der Hand, ſtreichelte ihr Koͤpfchen und erwiederte:„Du biſt ein huͤbſches Bluͤmchen, ein Juͤngferchen wie ein — 87— Schneegloͤckchen, lieblich anzuſehen und dem Herzen wohlthuend;— aber mein’ klein' Betty Bodle biſt Du doch nicht.“ Ploͤtzlich tauchte jedoch eine Erinnerung an ihre fruͤhern, mehr kindiſchen Zuͤge in ihm ſo lebhaft auf, daß er ſie auf ſeine Arme nahm und auf denſel⸗ ben wiegen wollte. Doch geſchah dieſes Auf⸗ faſſen ſo raſch und heftig, daß Marie er⸗ ſchrak, laut aufſchrie, ſich von ihm losriß und davon lief. James folgte ſeiner Schwe⸗ ſter auf dem Fuße nach, und da die Aufmerk⸗ ſamkeit der Kinder ſich bald auf andere Ge⸗ genſtaͤnde richtete, ſo blieb der aume Walther, den ganzen Vormittag hindurch, von aller Welt verlaſſen. Beim Mittagseſſen wurde er in's Haus gefuͤhrt, und die beiden Kinder neben ihn ge⸗ ſetzt; aber er widmete ihnen keine Aufmerk⸗ ſamkeit. „Was iſt Dir, Walther?“ fragte ſeine Mutter.„Ich dacht', Du wuͤrdeſt vor Freude uͤber Deine Betty Bodle Bocksſpruͤnge machen, und Du ſiehſt ſie nicht einmal an.“ „ Weil ſie iſt wie all' die Uebrigen,“ — 88— ſagte er traurig.„Sie kann mich nicht lei⸗ den, weil ich dumm bin.— Die Dummheir iſt doch ein fuͤrchterlicher Ausſatz, dentees flieht mich jetzt Jedermann. Aber ichékann ja nicht dafuͤr.— Es iſt nicht meine Schuld, ſondern die meines Schoͤpfers, der mich nicht anders geſchaffen hat, und die der Richter, welche das Schuldigg uͤber mith ſprachen. Aber, Juͤrgen,“ fügte er hinzu,„wozu laͤßt Du mich länger auf der Welt ſebermi da⸗ aas doch zu nichts tauge? 25 Iſabelle, deren Herz bei dieſen tteinmi thigen Worten ſchmolz, verſuchte ihn zu troͤ⸗ ſten; aber er merkte nicht auf ſie, hingotrau⸗ rig den Kopf und achtete nicht auf das Zu⸗ reden der mitleidigen Kinder, welche ihn noͤ⸗ thigten Speiſe zu ſich zu nehmen „Nein,“ ſagte der.„Ich will gar nicht mehr eſſen.— So ein unbrauchbares Geſchoͤpf, wie ich eins bin, darf die Fruͤchte dieſer Erde nicht verzehren,— das iſt baare Verſchwen⸗ dung. Was ich zu erhalten koſte, würde der Bella Fatherlans recht wohl zu gut kommen, und mithin hoff' ich, Bruder Juͤrgen, daß — 89— Du es ihr giebſts denn wenn ich mach Hauſe komme, ſo lege ich mich nieder und ſallbe.n“ 63„Halt's Maul und erſchreck die Lüte nicht mit Deinem dummen Gewäͤſche!„rief ſeie Mutter.„Genieß’ Dein Eſſen, und geh dann auf den Shäfteanie und ſpiele mit den Kindern.“ IM 2dw teS6 nif Waͤr'wiche echen ein dummes Geſchöpf, ſo würdn mich Niemand mit den Kindeen ſpielen heißen,— und auch die Kinder wiſſeis und halten mich zum Rart'n,— und iich mag nicht Jedermanns Rarr ſein. Wie bas Ge⸗ richt mich ſchuldig fand, haͤtt es mir tohl einenmildere Strafe auflegen können. Grethel Wilkot, die dem Richter Murdoch den Treſſen⸗ hut ſtahl und dafür auf dem Markte lallsge⸗ peitſcht wurde, lockte Thranen in manches Auge; aber Jedermann verſpottet den dume men Laird von Aagehh und 2uvil 8 mit Fuͤßen treten.“ 0 627: MRein, Juͤrgen, bei meiner armen Seelelu rief die Leddy,„nimmermehr haͤtt' ich gegluubt, daß der Burſche wieder zu ſeinen fuͤnf Sinnen kaͤme.“ Lachend fuͤgte ſie hinzu:„Was wird — 90— nun aus allen Deinen klugen Anſtalten, und aus Deinem Saͤen und Pfluͤgen werden? Denn nun mußt Du Alles wieder trausgeben und mit den Zinſen bei Heller und dtenais an, die Gerichte zahlen⸗ hie 185 2 Gegorg war ſehr verlegen⸗ eine Antwort z fnben, aber gluͤcklicherweiſe fuͤr ihn ſtand Walther auf und verließ das Zimmer. Seine Mutter folgte nach, um ihm ſein thoͤrichtes Betragen zu verweiſenz aber weder ihre Er⸗ mahnungen, noch ihre Drohungen brachten die mindeſte Wirkung hervor. Der arme Bloͤdſinnige, welcher ſeinen herabgewuͤrdigten Zuſtand tief und lebhaft fuͤhlte, ließ ſich zu nichts bereden, und am ſchmerzlichſten empfand er, daß es ihm nicht vergoͤnnt war, ſeine Betty Bodle, ſo wie ehedem, zu liebkoſen. Kein Zureden, kein Verſprechen, konnte ihn dahinbringen, wieder in's Speiſezimmer zuruͤck⸗ zukehren, ſondern er beſtand ſo feſt und hart⸗ naͤckig darauf, wieder nach Glasgow zu gehen, daß ſeine Mutter ſich endlich genoͤthigt ſah⸗ ihm ſeinen Willen zu laſſen. Dem zufolge verließ er Grippy und legte ſich, ſobald er zu — — 91— Hauſe angekommen war, ſogleich zu Bett. Vom Hunger uberwaͤltigt begehrte er am andern Tage einige Speiſe, was dann mehrere Jahre hindurch raͤglich auf dieſelbe Weiſe geſchah. Außerdem ſchien ſeit dem letzten Beſuch in Grippy alle Willenskraft gänzlich im ihm erloſchen. Seine Geſichtszuͤgen ver⸗ aͤnderten ſich, er ſprach nie und ſchien Nie⸗ mand zu erkennen. Nach und nach verlor ſich jede Spur von Geiſteskraft und Wahrneh⸗ mung, ſo daß er nur noch aͤußere Zeichen des Lehens von ſich gab.— Aber die traurige Geſtalt, in welcher ſich die Natur bei dem Tode eines Blödſinnigen zeigt, gebietet uns, einen Schleier uͤber die letzten Augenblicke des armen Walther Kſallen zu läſſtm 1 Sd EIlftes Kapiter. In dem vorigen Kapitel verleitete uns unſere Vorliebe fuͤr den unſchuldigen und harmloſen Charakter des zweiten Lairds von Grippy, einen Zeitraum von einigen Jahren zu uͤberſpringen. Die Oronung der Geſchichte verlangt jedoch, daß wir wieder zu der Zeit — — 92— zuruͤckkehren, in welcher Walther die Geſell⸗ ſchaft verließ. Um aber nicht genoͤthigt zu ſein, die Vorfaͤlle des Tnges genau zu ſchil⸗ dern, wollen wir nur kurz mit den Worten der bklugen Leddy andeuten daß die Geſell⸗ ſchaft ſich untereinander eben ſo langweilte, wie man es meiſtentheils bei feierlichen Fami⸗ ienheltem zu thun pſtegtt. i m et Durch die Vermuthungen des Predigrtz Aon ofachl gewarnt, bemerkte Iſabelle bald, daß ihr Schwager eine ſichtliche Vor⸗ liebe fuͤr ihren Sohn aͤußerte, und ſich beſon⸗ dere Muͤhe gab, die Aufmerkſamkeit des Kna⸗ ben auf ſeine Tochter Robina zu lenten. Georgs Plan fiel in der That ſo ſehr im's Auge, daß ſelbſt die Leddy denſelben wahrnahm. „Mir duͤnkt,“ ſagte ſie,„als wuͤrd' heut' der Samen des Eheſtandes unter uns ausge⸗ ſtreut, denn Juͤrgen iſt ein fernſchauender Pnophet und beſitzt, gleich ſeinem Vater, die Weisheit der Chaldaͤer. Man muͤßt' blind ſein, wollt' man nicht ſehn, daß er James⸗ chen und Binchen fuͤr die Zukunft zuſammen⸗ ſchmieden will. Gluͤck auf zum Werk! denn ſeitdem der Geiſt des Enterbens unter uns regierte, hatten wir wahrlich wenig Freude; und es wuͤrd' ein wahres Heilpflaſter für unſere Wunden ſein, wenn die Kinderchen ſich einſt geſetzmaͤßig verheiraten ſollten.“ „Ich verſichere Sie, liebe Mutter,“ er⸗ wiederte der gehorſame Sohn,„daß dieſes mir die hoͤchſte Freude gewaͤhren wuͤrde, und ich hoffe, daß wir, durch haͤufige Erneuerung. dieſer traulichen und freundſchaftlichen Zuſam⸗ menkuͤnfte, die Sache zu einem erwünſchtem Ausgang bringen werden.“ Whisld „Aber,“ entgegnete die Leddy mit from⸗ mer Miene,„die Ehen werden im Himmel⸗ geſchloſſen; und wenn die Engelein dort oben ſie nicht in ihr Hauptbuch eingetragen haben, ſo können die ſchwachen Menſchen nichts da⸗ zu thun, ſelbſt dann nicht, wenn die Kinder zum dritten und letzten Male in der Kirche aufgeboten waͤren; denn auch das waͤr' nur wie ein Schlag in's Waſſer, oder wie ein leeres Schellengeklingel. Doch hilft bei alle dem das Gebet des Gerechten viel, und wir muͤſſen uns durch unſer Betragen und unſere Geſpraͤche beſtreben, ein ſolches Suͤhnopfer herbeizuführen. Von Dir, Bella Fatherlans, hoff' ich mithin, daß Du Dich zu dieſem gu⸗ ten Werke aufmachſt, und wacheſt und beteſt, wie die, welche auf dem Thurm von Siloah ſtehen und nach dem Libanon ausſchauen.“ „Mir duͤnkt jedoch,“ erwiederte Iſabelle laͤchelnd,„als ſchauten Sie ein wenig zu weit in die Ferne. Die Kinder ſind noch allzu jung, und manches Jahr muß noch uͤber ſie hinweggehen, ehe man nur an etwas der⸗ gleichen denken darf.“ „Es iſt nur zu bekannt, Bella,“ entgeg⸗ nete ihre Schwiegermutter,„daß Du an Weis⸗ heit und Vorausſchauen nie der Koͤnigin von Saba glichſt. Aber mein dahingegangener verſtorbener Freund, Dein wuͤrdiger Vater, Juͤrgen, pflegte oft zu ſagen, man muͤſſe das Reis biegen, dieweil es noch jung iſt; was ein ſchoͤner ſinnlicher Sinnſpeuch iſt, der uns lehrt, nach beſſern Dingen zu trachten, als nach den Schaͤtzen dieſer Erde, damit wir fäͤhig ſind, die Werke der Vorſehung bewerk⸗ ſtelligen zu koͤnnen.“ Aber in dem naͤmlichen Augenblicke, in welchem die Leddy dieſe feierliche Rede mit dem hoͤchſten Pathos hielt, erhob ſich ein ſchreckliches Geſchrei unter den vorausbeſtimm⸗ ten Eheleuten. Die Kinder hatten ſich ge⸗ zankt, und trotz allen Ermahnungen, fein ſaͤu⸗ berlich miteinander umzugehen, reichte Jungfer Robinchen dem kleinen James eine derbe Maulſchelle, welche dieſer ſo kraͤftig und nach⸗ druͤcklich zuruͤckzahlte, daß man beide, waͤhrend der ganzen Dauer des Wefucha⸗ nicht wieder zuſammen verſoͤhnen konnte. Ueberdieß trugen noch andere Ueſachen dazu bei, die in's Weite hinausſchauende Klug⸗ heit des Herrn Georg zu vereiteln. Herr und Frau Eadie waren in Edinburg bei ihrem Vetter Fraſer, dem Bewerber um Glengael, abgeſtiegen, und entſchloſſen ſich ſchon nach einigen Tagen, deſſen aͤlteſte Tochter Helene, die ungefaͤhr in gleichem Alter mit James war, an Kindesſtatt anzunehmen. Nachdem nun ihre Geſchaͤfte in der Hauptſtadt beendigt waren, fuͤhrten ſie die Kleine mit ſich nach Camrachle, und die kindiſche Freundſchaft, — 96— welche ſich bald zwiſchen Helenen und James entſpann, reifte nach und nach zu inniger Liebe. Zwar lud ⸗Georg ſeinen Neffen haͤufig ein, einige Tage bei ſeinem Baͤschen in Kitt⸗ leſtonheugh zuzubringen, und gab ſich, waͤh⸗ rend dieſer Beſuche, alle erſinnliche Muͤhe, den Kindern eine gegenſeitige Neigung einzu⸗ floͤßen; aber alles dieſes trug nur noch mehr dazu bei, den Widerwillen zu vermehren, wel⸗— chen beide gegeneinander hegten. Robina war ernſthaft, ſchlau, lauernd und böͤzartig. Helene. war im Gegentheil froh⸗ ſinnig⸗ gutmuͤthig und hochherzig: Eigenſchaf⸗ — ten, welche mehr zu James eigenen Neigun⸗ gen ſtimmten, als die ſeiner Baſe, ſo daß lange zuvor, ehe Heleneus Schoͤnheit ſeine Leidenſchaft fuͤr ſie erregte, ſte ihm eine weit liebere Spielgefaͤhrtin als Robina war. Auch trugen die Beluſtigungen zu Cam⸗ tachle weit mehr zu dem Wachsthume gegen⸗ ſeitiger Neigungen bei⸗ als die zu Kittleſton⸗ heugh, wo Alles nach ſtrenger ſyſtematiſcher Ordnung getrieben wurde, und wo ſelbſt, wenn man ſich den Ausdruck erlauben darf, der 9 4 — 97— nius des Abſichtlichen und Berechneten die Natur einzwäͤngte und zuruͤckdruͤckte. Der Raſenplatz wurde zu ſauber fuͤr die Freuden⸗ ſpruͤnge der Jugend gehalten, und die Spazier⸗ gaͤnge hatten zu viele Windungen fuͤr das Wertlaufen der frohſinnigen Kinder. In Cam⸗ rachle hingegen lagen die Felder frei und offen vor ihnen, und ihre Luſt kannte keine Schranken. James waͤhnte oft, die Sonne ſcheine hier glaͤnzender, und der Geſang der Vägel klinge ſchoͤner, als in Kittleſtonheugh, wo ihm Alles traurig und öde vorkan. Nichts traͤgt mehr dazu bei, Liebe und Zaͤrtlichkeit in der Bruſt der Jugend zu er⸗ wecken, als eine laͤndliche Gegend mit ſonnigen Huͤgeln und klarſtrömenden Baͤchen; und hierin uͤbertreffen wenige Landſchaften Schottlands die Umgebungen von Camrachle. Das Dorf liegt auf einer ſanft emporſteigenden Anhöhe, und beſteht aus einer einzigen Reihe zerſtreu⸗ ter, mit Stroh bedeckter Huͤtten, hinter wel⸗ chen ein ſtarker Bach dem Cart ſeinen Tribut zuſchickt. Am oͤſtlichen Ende ſteht die kleine Kirche in der Mitte des Gottesackers, und II. Thl. 3 dicht dabei die beſcheidene Wohnung des Pre⸗ digers. Das kleine Haus, welches Frau Wal⸗ kinſhaw bewohnte, war nicht weit entfernt. Ein Eingeborner des Dorfs, welcher ſich als Handwerker in Glasgow einiges Vermoͤgen er⸗ worben, hatte es erbauen laſſen, und es uͤbertraf ſowohl in aͤußerem Anſehen, als in innerer Be⸗ quemlichkeit alle aͤhnliche Gebäude bei weitem. Aber die Hauptzierde der Gegend voſt Camrachle iſt eine ausgedehnte, maleriſche, mit Stauden bewachſene Anhoͤhe, an deren Fuß der obenerwäͤhnte Bach voruͤberſtroͤmt. Von dieſer genießt man die herrlichſte Ausſicht uͤber die ganze flache Gegend der Grafſchaft Renfrew⸗ und war einer der Dorfler einige Zeit ab⸗ weſend, ſo war dieſe Stelle gewiß die erſte, welche er nach ſeiner Ruͤckkehr beſuchte. Auch der junge Walkinſhaw und Helene Fraſer zogen dieſen Erdenſleck allen andern vor, und erinner⸗ ten ſich noch nach langen Jahren, mit Entzuͤcken, der dort zuſammen genoſſenen kuͤhlen Fruͤh⸗ lingstage, des herrlichen Sonnenſcheins im Sommer und der goldenen Herbſtabende. 2 — 99— Zwoͤlftes Kapite l. Als James ſich ſeinem vierzehnten Jahre naͤherte, that ſein Oheim, welcher noch immer eine Verbindung zwiſchen ihm und Robina beabſichtigte, den Vorſchlag, ihn in ſein Handlungshaus als Lehrling aufzuneh⸗ men. Aber die fruͤhern Gewohnheiten und der Unterricht des Knaben eigneten ihn we⸗ nig zu kaufmaͤnniſchen Geſchaͤften. Stark, kraftvoll, kuͤhn und von ſchoͤner Geſtalt, liebte er freie Thaͤtigkeit; auch hatte der hochlaͤndiſche Geiſt der Frau Eadie ihm eine reichliche Do⸗ ſis ſchwaͤrmeriſcher und romantiſcher Ideen eingefloͤßt. Sein ganzes Benehmen, ſeine Phy⸗ ſiognomie, ſein ſchlanker Wuchs, und die Traͤume ſeiner Einbildungskraft,— alles dieſes deutete ſeinen entſchiedenen Hang an, ſich dem Kriegs⸗ ſtande widmen zu wollen. Aber der Ameri⸗ kaniſche Krieg war beendigt, und da Europa, ohne die ſich aufthuͤrmenden Stuͤrme zu ahnden, damals in tiefer Nuhe ſchlummerte, ſo nahm James, obgleich ungern, den Vorſchlag ſeines Oheims anä. Sein naruͤrlicher Abſcheu gegen eine ſitzende 2 7* 1 — 100— Lebensart und einfoͤrmige Geſchaͤfte floͤßte ihm jedoch, nach drei bis vier Jahren, einen un⸗ überwindlichen Ekel gegen ſeine bisherige Be⸗ ſchaͤftigung ein, wozu noch die niedrigen Ab⸗ ſichten ſeines Oheims, welche er bald entdeckte, das Ihrige beitrugen. Aber auch ſeine Baſe fand eben ſo wenig Gefallen an dem Plane ihres Vaters. Denn, ihre fruͤhere Antipathie gegen James abgerechnet, hatte ſie ſchon ihre Reigung auf einen andern Gegenſtand gewor⸗ fen. Mehr als einmal beklagte ſie ſich bei der alten Leddy uͤber die Tyrannei ihres Va⸗ ters, der ſie zu einer Verbindung zwingen wolle, durch welche ſie um ſo unglucklicher wer⸗ den müſſe, da ihres Vetters Neigung zu He⸗ lene Fraſer ſo offenbar am Tage liege. Doch die Leddy hatte ihren Kopf eben ſo ſehr auf dieſe Heirat geſetzt, als ihr Sohn, und nahm daher nicht den mindeſten Antheil an Robir na's Klagen. „Aerger’ Dich nicht,“ ſagte ſie eines Ta⸗ ges, als ihre Enkelin ſie um ihre Vermitt⸗ lung bat;„aͤrger' Dich nicht, lieb' Bin⸗ chen, uͤber die Affenliebe des James zu dem — 101— Gänschen. Sei Du ein gehorſames Kind, und handle hübſch nach meinen und Deines Vaters weiſen Lehren; denn wir waren lange eine getrennte Familie, und es iſt endlich Zeit, daß wir uns wieder herzlich miteinander ver⸗ ingen. „Wenn er aber auch keine fruͤhere Neigung haͤtte,“ erwiederte die troſtloſe Jungfrau,„ſo wuͤrde ich ihn dennoch nicht heiraten, denn ich kann ihn in der That nicht leiden.“ „und weßhalb kannſt Du ihn nicht lei⸗ den?“ rief die Leddy.„Das moͤcht' ich doch wiſſen. Um Dir aber die Wahrheit gerade rraus zu fagen, Binchen: ſo halt' ich's fuͤr eine Schande, daß ein wohlerzogenes Maͤdchen, wie Du eins biſt, und das zum Chriſtenthum angehalten wurde, vom Leiden oder Nichtlei⸗ den junger Burſche ſpricht. So was hoͤrte man zu meiner Lebenszeit nun und nimmer⸗ mehr. Aber das kommt von Eurem Laufen und Rennen nach dem Tempel des Satanas in der Dunlopſtraße, um die Douglas⸗Tra⸗ gödie zu ſehen, wo, wie mir ſehr glaub⸗ — 102— hafte Perſonen ſagten, die Komoͤdianten⸗ ſchauſpieler vor allen Leuten miteinander ſcharmiren.“ 81 1sr4R H „Ich bin überzeugt,“ erwiederte Robina, „daß auch Sie wahre Liebe kennen lernten, 3 und wiſſen, daß unſere Wuͤnſche und Reigun⸗ gen nicht von uns ſelbſt abhaͤngen.— Wie wuͤrde es Ihnen gefallen haben, wenn Ihr Vater Sie zu einer Heirat gezwungen haͤtte?“ 4 „Maͤdel, Maͤdel!“ rief die Leddy,„wenn Du einmal ſo wie ich Großmutter wirſt, dann erſt wirſt Du erkennen lernen, was recht⸗ maͤßige und vernunftige Liebe heißt. Aber ſo giebt's keine aufrichtige Aufrichtigkeit mehr, wie damals, als Dein rechtſchaffener Groß⸗ vater, der an meinem Buſen lag und jetzt in Abrahams Schooß ſitzt, um mich freite. Wir hielten kein Geſchnake und kein Parlamen⸗ tiren, wie Eure heutigen Romanenturteltaͤub⸗ chen, ſondern ſprachen huͤbſch vernuͤnftig von den Koſten und Sorgen einer Familie. Da kam was ganz Anderes bei»raus, lieb' Bin⸗ — 403— chen, als bei der Seifenſchaumliebe von ſo einer Klariſſe Harlot.“*) 3 „Aber Ihre Liebe war von Anfang an gegenſeitig.— Auch. liebten Sie f udal keinen Andern?“ „Gott behuͤt' und bewhahr', Vinchen Wal⸗ einſhaw! liebſt Du denn einen Andern?— Damon und Phyllis, die Verſteckens mit ihren Schafen ſpielten, waren gegen Dich die Beſcheidenheit ſelbſt! Maͤdel! es ſoll mir kein Gras unter den Fuͤßen wachſen, bis ich Dei⸗ nem Vater Macheichrut von der Winkelliebe gebe.“ 1 58 ⸗ „uUnmoͤglich!“ rief Robina„Sie werden mich doch nicht verrathen wollen?,"‚), „Sag', an wen haſt Du Dich gehangen?— Aber wozu lange fragen? Gewiß iſt's ſo ein Komoͤdiantenſchauſpieler, oder ein Soldaten⸗ offizier, oder ſonſt ein heimlicher Poet.“ Jungfer Robina beſaß mehr Scharfſinn, als ihre Großmutter glaubte, und die Wen⸗ *) Die gute Leddy verwandelte den Namen Harlow in Harlot, welches Wort eben keine ehrbare Be⸗ deutung hat. D. Ueb. — 104— dung des Geſpraͤchs wahrnehmend, ſuchte ſie wieder einzulenken und ſagte mit verſtelltem Lachen:„Woher glauben Sie, daß ich eine unſchickliche Reigung hege? Ich wuͤnſchte bloß, daß Sie meinem Vater vorſtellen moͤchten, wie ich niemals Krüetirh mit meinem Vetter werden kann.“ 465 14 1ln „Wie kann ich ihm ſo dummes Zeug vor⸗ ſtellen?— Und wie kannſt Du glauben, daß ich's thun wuͤrde, wenn's auch in meiner Ge⸗ walt ſtuͤnde, da Du weißt, wie ſehr wir Alle wuͤnſchen, eine ſo kluge Heirat zu Stande zu bringen?— Nee nee, Binchen, Du biſt ein Werkzeug in den Händen der Vorſehung, um großen Segen in Deine Familie zu bringen, und ich waͤr' ſo dumm wie Dein Oheim Wal⸗ ther, wie er die Fliegen mit der Flinte todl⸗· ſchießen wollt',— und ſo magſt Du Dich nur fein fuͤgen. Du haſt wahrlich Gluͤck genug⸗ daß Du ſchon in Deinen gruͤnen Jahren zu einem Manne kommſt,— ich war uͤber die dreißig hinaus, ehe man meinen Werth er⸗ kannte.“ „Aber Sie vergeſſen,“ ſagt⸗ Robina, daß — 105— James ſelbſt noch nicht eingewilligt hatt— Ich weiß gewiß, daß er Helene Froſe liebe und nie einwilligen wird.“ „MNee, ſo was hoͤrt' ich im Leben nichbe Was habt ihr beide mit Einwilligen oder Nichteinwilligen zu ſchaffen?— Iſt's nicht der Aeltern Wille, daß Ihr Euch heiraten ſollt, und wollt ihr ungehorſame Kinder ſein? Binchen Walkinſhaw, hätt' ich mich unter⸗ ſtanden, ſo mit meinem Vater, der ein über⸗ weiſer Mann war, zu ſprechen,— ich weiß wohl, was ich gekriegt haͤtt'. Nur einmal in meinem Leben widerſprach ich ihm, und da ſagte er, wenn ich ſo gut ein Junge wär', wie ein Maͤdel, ſo wollt' er mich am Hofen⸗ bunde packen und zum Fenſter'naus werfen. Aber das Ende der Welt iſt im Anmarſch⸗ und das Boͤſe wächſt uns uͤber die Köpfe! Alle Schamhaftigkeit und Jungfräulichkeit iſt von den Weibern gewichen, und die Söhne der Menſchen ſind die Werkzeuge des Böſen, die Prieſter des Baals und alleſammt Sünder. Alſo, Mamſell, alles was ich Dir zu ſagen hab', ſind Worte der Weisheit,— und, Bin⸗ — 106— chen, hörſt Du, folge busſch dem vierten Gebot!“ Die weiſen Eemahnungen der— machten jedoch nicht den mindeſten Eindruck auf Robina. Sie beſchloß im Gegentheil, feſt auf ihrem eigenen Willen zu beſtehen; ein Grundſatz, welchen wir allen jungen Damen empfehlen, da er in Liebeshaͤndeln ſtets die erſprießlichſten Folgen hervorbringt. Kaum hatte aber Robina das Haus verlaſſen, als auch die alte Leddy beſchloß„ ihrem Sohne einen Wink zu geben, auf das Betragen ſei⸗ ner Tochter wachſam zu ſeinz und zu gleicher Zeit faßte ſie den Vorſatz, zu erforſchen, in wie fern James Neigung zu Helene Fraſer gegruͤndet ſei. In dieſer Abſicht ließ ſie ihren Enkel zu ſich entbieten,— aber was ſich zwie ſchen ihm und ihr zutrug, wird uns Sroff u zu einem neuen Kapitel liefern. Dreizehntes Kapitel. Als der junge Walkinſhaw eintrat, ſaß die Leddy, mit einem Anſehen von Wichtig⸗ keit, an ihrem Theetiſche. 3 — 107— „Komm naͤher, James,“ rief ſie,„nimm einen Stuhl und ſetz' Dich nieder. Sag aber erſt der Magd, ſie ſollt’ die Theekanne rreinbringen. Sobald dieies geſchehen war, begann ſie den Angriff. 2 „James,“ ſagte ſie,„Dam Oheim Juͤr⸗ gen haͤlt große Stuͤcke auf Dich, und that viel fuͤr Deine Mutter, wodurch ſie Dich und Deine Schweſter mit großer Reputation er⸗ ziehen konnt'. Ich hoffe daher, daß Du Dis auch fein dankbar bezeigen wirſt. Ann u James verſicherte ſie, daß er eines Oheims Güce ſehr gut erkenne, und ihm Alles zu Ge⸗ fallen thun werde. Doch ſei Glasgow ihm taͤglich mehr zuwider, und er wolle lieber ſein Gluͤck außer Landes ſuchen, als laͤnger an den Rechentiſch gefeſſelt bleiben.. „In dem, was Du ſagſt, iſt Vernunft und Betruͤbniß,“ erwiederte die Leddy.„Aber was willſt Du auswaͤrts ſchaffen, da Du hier ſo huͤbſch warm ſitzeſt? Du weißt, daß, der Natur nach, Dein Oheim ſterben muß, und alsdann ſeine einzige Tochter Binchen das ſchoͤne Vermoͤgen Deines Großvaters erbt,— — 466— welches, wenn die Geſetze ſich nicht geirrt und der Tod uns nicht überfallen haͤtt', wie ein gewappneter Mann, Dein rechtmaͤßiges Eigenthum geworden waͤr’, Mlthin gab die Vorſehung Dir einen Finzarzei⸗ aaihs Du Wi ſehen heiraten ſollſta“ James war weniger überraſcht, als die alte Leddy es vermuthete, und antwortete mit einer Kaͤlte, auf welche ſie nicht vorbereitet war:„Ich darf behaupten, daß dieſes meinem Oheim nicht unangenehm ſein wuͤrde, indem er mir dieſen Wunſch mehrere Male zu ver⸗ han zab, aber— ich kann ihn nie befolgen.”) „Uns weßhalb nicht? Ich bin uberzeugt, daß Binchens Vermögen ein beſſeker Handel iſt, als Du irgendwo einen ſindeſt.,... „Wahr, aber ich werde nie 38 Geh heiraten.“ „Nach was ſonſt?“ rief die Leddy.„Trau meiner Erfahrungt— ein warmes Neſt iſt 1 in der Ehe beſſer, als alle Liebſchaften. Denk; nur einmal, was fuͤr ſchönes Zeug bei Deiner Aeltern Schäferſpielliebſchaft'raus kam. Aber, James, warum willſt Du Binchen nicht neh⸗ — 409— men?— Du mußt doch eine Urſache u ſo einer Unnatuͤrlichkeit haben?“ Binn „Weil,“ erwiederte er lachend,„ich noch Zeit genug habe, an's Heiraten zu denken.“: „Das iſt keine Antwort auf meine Frage. Aber eins muß ich Dir ſagen, daß, wenn Du Binchen nicht heirateſt, Du auch nicht laͤnger auf den Schutz Deines Obeins rech⸗ nen darfſt.“ „Wenn,“ entgegnete James zornig,„„feine Guͤte nur auf einer ſolchen Bedingung be⸗ ruht, ſo will ich keine Stunde laͤnger davon Gebrauch machen.“— „Da haben wir den Tollkopf! Jetzt weiß ich, wo der Haſ' im Pfeffer liegt,“ rief die Leddy.„Pack' Dich nur zu Deiner Mutter nach Camrachle, und ſcharmir' in den Hecken mit der langbeinigen, duͤrrleibigen Nell Fra⸗ ſer.— Sie iſt Schuld an Deiner widerſpen⸗ ſtigen Rebellion. Du ſollteſt Dich in Dein Herz hinein ſchaͤmen, James, uͤber das, was ich von ihr und Dir hoͤren mußt'.“ „Was haben Sie gehört?“ die er, von Zern entbrannt. 1 — 140— „Dem Burſchen muß es rappeln, daß et mich ſo anglotzt, als waͤren ſeine Augen ein Paar Piſtolen. Wie darf der Herr ſich das unterſtehen?— Aber es iſt nicht der Muͤhe werth, daß ich mich uͤber einen Burſchen aͤrgere, der die Ehrfurcht gegen ſeine alte Großmutter außer Augen ſetzt. Doch ich will aufrichtig mit Dir reden. Machſt Du der Schaͤfer⸗ komöoͤdie mit dem langbeinigen hochländiſchen Reiher nicht bald ein Ende, und fuͤgſt Du Dich nicht in die Wuͤnſche Deines Oheims und Wohlthäters Juͤrgen: ſo ſollſt Du bald etwas erfahren, was Dir nicht lieb ſein wird.“ „Sie ſetzen wahrlich das Betragen meines Oheims gegen mich in ein ſeltſames Licht, und vergeſſen, daß Robina vielleicht eben ſo viel gegen dieſe Verbindung tinuihenden hat 4 als ich.“ „So wollt' ſie mir auch allerlei naͤrriſches Zeug und tiefſinnige Heimlichkeiten vorgak⸗ kern,“ erwiederte die Leddy.„Aber das arme Ding weiß, daß Du Dich mit der hochlaͤndi⸗ ſchen Mamſell verplempert haſt, und dahet mag's kommen. Doch wenn Du fein um⸗ — 111— keheſt und dem Pfarrhauſe in Camrachle den Rücken zudrehſt, ſo wird Binchen, die ein frommes Kind iſt, ſich bald in meine und ihres Vaters Wuͤnſche fuͤgen.“ „Ich muß frei herausſagen, daß Sie die Liebe fuͤr etwas ſehr Geſchmeidiges halten,“ entgegnete James.„Auch kann ich nicht be⸗ greifen, warum Sie ſich ſo bittere Ausfälle gegen Jungfer Fraſer erlauben, die, in jeder Ruͤckſicht, weit uͤber Robina ſteht.“ 6 „Weit uͤber ihr ſteht?“ rief die Leddy. „Aber die Liebe iſt blind und toll, ſonſt wuͤr⸗ ddeſt Du nicht ein Turteltaͤubchen uͤber einen Goldklumpen ſetzen wollen. Hoͤr', Burſche, Du haſt einen ſchlechten Geſchmack, und ich kann mit dem alten Liede ſagen, willſt Du das Roͤschen mit dem Gänſebluͤmchen ver⸗ gleichen?— Ich ruͤhrt' ſie nicht mit der Zange an.“ „Aber Sie wiſſen,“ ſagte Walkinſhaw, welcher uͤber die Ausfälle ſeiner Großmutter lachen mußte,„daß der Geſchmack verſchie⸗ den iſt.“. „Die Kraͤhe haͤlt ihr Junges fuͤr den weißeſten Vogel, und doch iſt es ſo ſchwarz als die Nacht,“ erwiederte die Leddy.„Und deßhalb glaub' mir, daß Nell Fraſer die haͤß⸗ lichſte Kreatur iſt, die aus den Händen des Schoͤpfers kam. Ich lebte fuͤnfundſechzig Jahre in dieſer ſchnoͤden Welt, und muß wahrlich nunmehr wiſſen, was ſchoͤn und was huh⸗ lich iſt.“ Wie weit die Leddy noch in ihren Be⸗ hauptungen fortgegangen waͤre, iſt unmoͤglich zu ſagen, denn ihr Enkel unterbrach ihre Be⸗ redſamkeit durch ein unmäͤßiges Geläͤchter⸗ Nach einigen Minuten erneuerte ſie jedoch ihren Angriff, doch mit eben ſo ſchlechtem Er⸗ folg; und Walkinſhaw verließ ſie, halb ent⸗ ſchloſſen, mit ſeinem Oheim zu einer Erklaͤrung uͤber dieſen Gegenſtand zu kommen. Da aber der naͤchſte Tag ein Sonntag und das Wet⸗ ter ungewoͤhnlich ſchoͤn war, ſo ſtand er fruͤh⸗ zeitig auf und ging, anſtatt nach Kittleſton⸗ heugh, geradesweges nach Camrachle, woſelbſt er noch vor dem Fruͤhſtuͤck ankam, und nach⸗ —— her ſeine Mutter und Schweſter zut Kirche begleitete. Die Unterredung, welche er mit der alten Leddy gehabt hatte, klang noch in ſeinen Ohren, und ihre Aeußerungen uͤber Helenens Geſtalt und Schoͤnheit ſchienen iihm ſo laͤcher⸗ lich, als er ſie zum Kirchſtuhl des Predigers gehen ſah, daß es ihm ſchwer wurde, die dem Orte ſchuldige Ehrfurcht beizubehalten. Helene, welche ſeine unterdruͤckte Lachluſt bemerkte, befragte ihn deßhalb bei ihrem gemeinſchaft⸗ lichen Abendſpaziergang, und er ergriff dieſe 1. Gelegenheit, ihr nicht nur den Plan ſeines Oheims kund zu thun, ſondern ihr auch die Werſicherung zu geben, daß er nie auf denſel⸗ ben eingehen werde. Was er Helenen weiter uber dieſen Gegenſtand ſagte, us ſicherlich mehr Vergnugen, als unſern Leſern 4 eine Wiederholung deſſelben gewähren wuͤrde. Vierzehntes Kapitel. Unmoͤglich konnte die Leddy die Unterredung mit ihren beiden Enkeln auf dem Herzen be⸗ halten. Sie ließ daher am naͤchſten Montag ihren Sohn zu ſich entbieten, und ohne ihm das Vorgegangene zu offenbaren, aͤußerte ſie II. Thl. 8 -— ſchlau, wie ſehr ſie daran zweifle, daß jemals eine Verbindung zwiſchen James und Robina 3 Statt finden werde. Zu gleicher Zeit gab ſie ihm den Rath, ſeinen Plan aufzugeben, und lieber zu verſuchen, ob er nicht eine Heirat zwiſchen ſeiner Tochter und ihrem andern Vetter, dem Sohne des Lairds von Dirdum⸗ whamle, zu Stande bringen koͤnne, durch welche, wie ſie bemerkte, die Moneten doch in der Familie bleiben wuͤrden. a Georg hatte jedoch Manches gegen dieſe Verbindung einzuwenden, denn nicht nur das Fideicommiß ſtand ihm im Wege, ſondern au der Umſtand, daß Dirdumwhamle ſechs Soͤhne aus der erſten Ehe und vier aus der zweiten hatte, welche ſaͤmmtlich fruͤhere Anſpruͤche auf die liegenden Gruͤnde ihres Vaters hatten, als Georgs Neffe. Es iſt deßhalb uͤberfluͤſſig zu ſagen, daß er einen ſtärkern Widerwillen gegen dieſen Vorſchlag ſeiner Mutter zeigte/ als haͤtte ſie ihm einen ganz Fremden zum Schwiegerſohn vorgeſchlagen. n „Aber,“ ſagte er,„welche Gruͤnde haben Sie, daran zu zweifeln, daß James und Ro⸗ ————;— — 4415— bina ſich nach unſern Wuͤnſchen fuͤgen werden? Er iſt ein geſitteter Juͤngling, und ob er gleich wenig Neigung zum Kaufmannsſtand zeigt, ſo beſtrebt er ſich doch, ſeine Schuldig⸗ keit zu thun, und wird wohl, mit der Zeit, noch Geſchmack an den Geſchaͤften finden „Was mir den Handel verdaͤchtig macht, laͤßt ſich nicht ſo leicht ſagen,“ erwiederte die Leddy.„Aber Du weißt, daß, wenn die Beiden nicht die rechte, aͤchte, wahre Liebe fuͤr einander haben Mes ſchwer ſein wird, ſie in der Ehe gluͤcklich zu machen. Aufrichtig ge⸗ ſagt, Juͤrgen, ich vermuth' beinah', daß ſich ſo etwas zwiſchen James und einer hochlaͤnd⸗ ſchen Mamſell, Nell Fraſel oder Fraſer, die ſich bei dem neumodiſchen Pfarrer in Cam⸗ rachle aufhaͤlt, angeſponnen hat.“ 3 Der Laird hatten Helenen einigemal bei ſeiner Schwägerin geſehen und ſie ausnehmend ſchoͤn gefunden; doch kam es ihm nie in den Sinn, daß eine Neigung zwiſchen ihr und ſeinem Neffen Statt finde. Sobald aber die Leddy ihren Namen nannte„ fand, er die Sache ſehr wahrſcheinlicht 37C ſeAmee 8* — 446— Glauben Sie in der That, daß ſich et⸗ was dergleichen zwiſchen den jungen Leuten unſpinneae fragte er beſorgPt. 42 „Nach Allem, was ich davon hoͤrte un erfuhr und verſtehe un erwiederte die Leddy⸗ „ſo iſt's wohl nicht wahrſcheinlich, aber ich fuͤrcht' doch, daß es wahr ſein koͤnnt’. Denn wenn er zu ſeiner Mutter geht, ſo läuft er, als wollt' er das neue Jeruſalem erſtuͤrmen. Ich weiß von ſicherer Hand, daß die Beiden michts thun, als zuſammen in den gruͤnen hälten wandern und ſingen: Ach, liebſtes Schaͤtzel mein, was ſo ſicher auf Liebſchaft 7 deutet, als es anzeigt, daß die Henne ein Ei gelegt hat, wenn ſie gackert. 2, laſmn „Wenn er erſt einſieht, wie ſehr es ſein Vortheil iſt, Robina vorzuziehen, ſo füuchi ic wenig,“ ſagte der Laird. „Das iſt wohl wahr, Juͤrgen. Aber ich hab'nſoneine Ahndung, als waͤr' es eben ſo wenig richtig mit ihr, als mit ihm. Dazu kommtenoch, daß wir bedenken muͤſſen, wie ſehr ſich die heutigen uͤberweiſen Mamſellchen dem Leſen der Romane ergeben haben, in denen — 217— ſte nichks Gutes lernen, und wie ſte in Thom⸗ ſons Jahreszeiten ſtudiren; und dann duͤrfen wir uns nicht verwundern, wenn dieiſuper⸗ feine Jungfrau ſo halsſtarrig iſt Wien die ſchoͤne Lavinia, von der Daine Schweſter Gre⸗ thel in der Koſtſchule recitiren lernte“ u„Doch iſt es mir nicht wahrſcheinlich,¹ entgegnete der Laird,„daß ſie ihr Herz bereits verſchenkt haben ſollte. Will James ihr nur einige Aufmerkſamkeit widmen, ſo wird er das Vorurtheil, welches ſie gegen ihn zu hegen ſcheint, leicht Leſeitigen konnen. Jetzt, da Sie mich daran erinnern, entſinne ich mich, wie ich mehr als einmalk bemerkte, daß ſie eine Art von Widerwillen gegen ihn aͤußerte.“ ne ii Das uͤberzeugt mich immer mehr,“ rief die alte Leddy,„daß ſie ſich mit einem Andern venplempert hat, und daß es klug ſein wird, ſie ſcharf zu beobachten. Aber vor allen Din⸗ gen mußt Du des James zartliche Leiden⸗ ſchaft— das iſt der neumsdiſche Name fuͤr Affenliebe— zu ergründen ſuchen, und liegt's im Reich der Moͤglichkeiten, ſo mußt Du ſie mit dem Beſen ausfegen, ſonſt bringt ſie und — 118— ſo viel Herzeleid, als ſeines Baters Dintel heirae Deinem wuͤrdigen Vater brachte.”"” Dieſe Ermahnung ſiel nicht auf unfrucht⸗ Bares Eedkeich, denn Georg beſchloß ſogleich zu unterſuchen, ob der Verdacht ſeiner Mutz ter gegründet ſei. Zur dieſem Endzweck kehrte er auf ſein Komptoir zuruͤck, und erſuchte James, auf den Abend nach Kittleſtonheugh zu kommen, indem er ihm etwas von Wichtig⸗ keit zu ſagen habe. Der Blick und Ton, mit welchem dieſes geſagt wurde, uͤberzeugten den jungen Mann, daß dieſe Auffoderung in Ver⸗; bindung mit dem zwiſchen ihm und ſeiner Großmutter zutetzt gehaltenen Geſpraͤche ſtehen duͤrfte; ein Gedanke, welcher ihm um ſo ange⸗ nehmer war, da er hoffte, nunmehr Aufklaͤrung uͤber die Zweifel zu erhalten, welche er hin⸗ ſichtlich der Parteilichkeit ſeines Oheims hegte.. Denn ſchon nach ſeiner letzten Trennung von Helenen hatte er, auf dem Ruͤckweg zur Stadt, den feſten Entſchluß gefaßt, ſeine Stelle zu verlaſſen, wenn die Gunſt ſeines Oheims ſich bloß in der Hoffnung einer Berbindung ⸗ mit Robina gruͤnden ſollte. — 119— James beſchaͤftigte ſich daher, auf ſeinem Wege nach Kittleſtonheugh, unaufhoͤrlich mit Planen für die Zukunft, welche er, nach Art der Jugend, ſaͤmmtlich fuͤr leicht auszufuͤhren hielt. Daß er Glasgow verlaſſen wolle, war ſein feſter Entſchluß, wohin er aber gehen und was er unternehmen wollte, blieb unentſchie⸗ den; auch ſtellte ſich Helene, im vollen Glanze ihrer Schoͤnheit, oft zwißcen Phn und ſeie Projekte. 54 Selbſt die äußere Natur trug dazu bei, ſeinen Zweifeln und Beſorgniſſen und ſeiner Liebe, welche wechſelsweiſe in ſeiner Bruſt um die Oberhand kämpften, eine beſondere Kraft zu verleihen. Der Himmel war bewoͤlkt, aber nicht trübe; doch ſchien ein ſtarker Sturm in einiger Entfernung zu herrſchen. James ſtand zuweilen ſtill und blickte auf die ungeheuren finſtern Wolken zuruͤck, welche ſich an dem ganzen noͤrdlichen Horizont, von Ben Lomond bis nach den Ochilgebirgen, herzogen, als waͤren ſie der aufſteigende Rauch von einer unter ihnen in Flammen ſtehenden Welt; waͤhrend ein langer, glänzender Lichtſtreif die — 120— rauhen Gipfel des Dunebucks umſtralte, ſein goldnes Licht uͤber die Heide von Dumbarton verbreitete, die Stirn des Dungoin vergoldete und die herrliche Ausſicht auf die finſtern und entfernten Grampianhuͤgel erleuchtete, welche nh zwiſchen ihnen eroͤffnetet. „Selbſt der Anblick der Stadt war im Ein⸗ Aangs mit der allgemein herrſchenden Erhaben⸗ heit der Natur. Zwar war ſie faſt ganz in Rauch verhuͤllt, und ein aus dem Fluſſe auf⸗ ſteigender Nebel umzingelte die Vorſtädte und zerſtreut liegenden Häͤuſerz aber hier und da ragte ein hohes Gebäude ſtolz hervor, und die Spitzen der Thuͤrme Bliüen. gleich Lad e ſpitzen, durch das Dunkel. 4 3 Eine ſo wilde und doch 3 ruhige Shene wuͤrde den jungen Walkinſhaw zu jeder Zeit begeiſtert haben, aber ſeine jetzigen Gefuͤhle machten ihn doppelt empfaͤnglich fuͤr die Ab⸗ wechſelungen des Lichts und der Finſterniß⸗ Die Ungewißheit, welche in ſeinen Ausſichten auf die Zukunft herrſchte, fand ein geheimniß⸗ volles Gleichniß in dem Zuge der finſtern Wolken, welche ein nicht fuͤhlbarer Wind an — 1221— dem entfernten Horizont hertrieb. Doch die ruhig feſtſtehenden Gegenſtände um ihn her, die beſchüͤtzte Stadt und die ewigen Ge⸗ birge ſchienen ihm die Verſicherung zu ge⸗ wuͤhren, daß, ungeachtet der gegenwärtigen Ver⸗ finſterung ſeiner Ausſichten, doch etwas in ihm ſei, was keinem Wechſel unterliegt und un⸗ abhaͤngig iſt vom vorüͤbergehenden Haß eines Andern. Dieſes feſte Vertrauen auf ſich ſelbſt, welches er an dieſem Abend vielleicht zum erſten Male empfand, verlieh ihm einen ſo hohen Grad von Geiſtesſtaͤrke und Beſtimmt⸗ heit, feſt auf ſeinem Entſchluß zu beharren, daß er die Vorhalle ſeines Oheims mit ern⸗ fen umännlichen Schritt betrat. 1 7 Nunf e hn es wapitet. Jumes fand ſeinen Oheim allein, welcher, nach einigen unwichtigen Fragen uͤber die Ge⸗ ſchaͤfte, alſo zu ihm ſprach: 3 eenIch wuͤnſchte Dich bei mir zu ſehen, weil ich im Begriff bin, einige Familienein⸗ richtungen zu treffen; und ob ich gleich nicht fuͤrchte, daß Du mir Einwuͤrfe machen wirſt⸗ — 122— da meine Anordnungen Dir ſehr zum Vor⸗ theil gereichen, ſo hielt ich es dennoch für zweckmäßig, mich vorher mit Dir zu verſtän⸗ digen. Es waͤre uͤberfluͤſſig, Dir zu ſagen, daß ich durch die Enterbung Deines Vaters zu dem Beſitz des Familienguts gelangte, wel⸗ ches außerdem, den Rechten der Natur nach, Dein Eigenthum geworden waͤre. Auch iſt Dir eben ſo gut bekannt, daß, von der Zeit an, wo es nothwendig war, Deinen andern Oheim fur bloͤdſinnig erklären zu laſſen, ich mehr fuͤr Deine Mutter und ihre Kinder gethan habe, als man von mir rverlangen u und erwarten konnte.“ 115 „Alles dieſes iſt mir zur Genüge zebunnt, erwiederte James.„Auch will ich gern jedes Gebot erfuͤllen, was Sie mit Viligteit mir auferlegen werden.“— 36 Der Oheim ſchien niche ganz zufeieden mit dieſer Antwort. Die Feſtigkeit, mit wel⸗ cher ſie geſprochen wurde, und die gewiſſerma⸗ ßen in ihr liegende Bedingung ſchienen ſei⸗ nen Wuͤnſchen nnicht günßis Doch fuhr er fort: — 123— „Du wirſt, wie ganz natürlich iſt, in kur⸗ zer Zeit von mir erwarten, daß ich Dich in irgend einem Geſchaͤft etablire; und fuͤhrſt Du Dich ferner ſo gut auf wie bisher, ſo iſt es auch nicht mehr als billig, daß ich etwas fuͤr Dich thue; doch wird dasjenige, was ich zu thun gedenke, groͤßtentheils von Deiner Ueber⸗ einſtimmung mit meinem Plane abhäͤngen. Ich habe nur ein einziges Kind, und da meine Umſtaͤnde mir geſtatten, die Führung der Han⸗ delsgeſchaͤfte größtentheils aufzugeben, ſo kann ich Dir einen ſehr betraͤchtlichen Theil der⸗ felben abtreten,— auch wuͤnſche ich dieſes in einigen Jahren zu thun, wenn— Hier hielt er inne und blickte ſeinem Neffen feſt in’s Auge. in Jeud e Gi ruen „Ich bin uͤberzeugt,“ ſagte James,„daß Ihre Guͤte keine Bedingung machen wird, welche mich verhindern muͤßte, Gebrauch von Ihrer Großmuth zu machen.“ 1 Den Oheim ſchlug dieſe Bemerkung noch mehr nieder, als die vorige. Muͤrriſch erwie⸗ derte er:„Junger Menſch, wenn Du Deine duͤrftige Lage erwaͤgſt, ſo koͤnnteſt Du wohl — 124— ein wenig dankbarer fuͤr meine Freundſchaft ſein. Die Vermuthung, daß ich Dir eine un⸗ angenehme Verpflichtung aufbuͤrden koͤnnte, be⸗ weiſt einen geringen Grad von Dankgefuͤhl.“ Dem armen James, den der Vorwurf ſei⸗ ner Duͤrftigkeit bitter kraͤnkte, und der recht gut verſtand, worauf ſein Oheim zielte, ſtieg das Blut gewaltig zu Kopf. Ohne unhöͤflich zu werden, aber in einem nacrichadhen Ton, entgegnete er: e „Ich hielt ſtets Ihre Hreanalchntte für uneigennützig, und empfand daher von jeher das reinſte Dankgefuͤhl. Doch muß ich offen⸗ herzig geſtehen, wenn ich Urſache haͤtte zu glauben, ich koͤnnte mich getäuſcht haben, ſo wuͤrde ich dieſes Gelühi nicht lünges hegen koͤnnen.4 9 „um aller Welt wiken!“ tief der Tesſtaunge und beſorgte Oheim,„welche Gruͤnde gab ich Dir zu vermuthen, daß ich aus andern Ur⸗ ſachen, als weil Du mein Neffe biſt, ſo gan Dich handelte?“ „Ich hatte nie einen glelchen Verduche auch wollte ich dieſes nicht ſagen,“ erwiederte / — 425— James.„Sie ſcheinen aber ſelbſt zu vermuthen, daß irgend ein Vorſchlag von Ihreenc Seite mir nicht angenehm ſein werde.“ „Der Vorſchlag, welchen ich Dir zu thun gebenke⸗ iſt der ſtaͤrkſte Beweis meiner Liebe zu Dir,“ ſagte der Oheim.„Er beſteht in nichts Geringerem, als in der Hoffnung, daß Du Dich ſo betragen wirſt, daß ich das Ver⸗ gnuͤgen haben kann, Dich zur gehoͤrigen Zeit bei einem theureren Nmen⸗ als dem eines Reßenh zu nennen’”"“ 4 Ungeachtet James ſich vorbereitet hatte, den Vorſchlag ſeines Oheims mit Feſtigkeit anzuhoͤren, ſo uͤberraſchte er ihn dennoch ſo ſehr, daß er unfähig war zu antworten.. „Du erwiederſt nichts,“ ſagte ſein Oheim. „Haſt Du Urſache zu Widerwillen gegen Robina?— Ich glaube Dir, als einein ver⸗ nuͤnftigen jungen Manne, ſagen zu duͤrfen, daß keine thorichte Leidenſchaft ſich dem Vor⸗ theile einer Verbindung mit Deiner Baſe entgegenſtemmen darf.— Schon die Gelegen⸗ heit, das Eigenthum, welches Dein Vater ſo unkluger Weiſe verſcherzte, wieder ſo leicht an — 4226— Dich bringen zu koͤnnen, muß Dich dazu be⸗ ſtimmen. Ueberdieß iſt es mein feſter Wille, Dir an dem Tage, an welchem Du Robina Deine Hand reichſt, den groͤßten Theil meiner Geſchaͤfte zu uͤbergeben, wodurch Du auf ein⸗ mal in Wohlſtand geſetzt wirſt.“ 1 Waͤhrend er dieſes mit großem Ernſ ſprach, erlangte James ſeine Faſſung wieder. Aber abgeneigt, eine unangenehme Antwort zu geben, begnugte er ſich zu ſagen, daß er den vollen Werth der dargebotenen Vortheile er⸗ kenne.„Doch,“ fuͤgte er hinzu, habem Sie auch mit Robina geſprochen?“ 36 „Nein,“ erwiederte ſein Oheim mit ver⸗ gnügtem Lächeln, da er dieſe Frage fuͤr eine halbe Einwilligung hielt;„nein, das uͤber⸗ laſſe ich Dir. Du biſt nunmehr von meinen Wuünſchen unterrichtet, und ich bin uͤberzeugt, daß Du einſehen wirſt, welchen großen Nutzen Dir die Erfuͤllung derſelben gewaͤhrt.“ James begriff die Schwierigkeit ſeiner Lage. Er konnte nicht länger ausweichen. Unmöglich durfte er ſagen, daß er mit Ro⸗ bina ſprechen wolle, ohne falſch gegen ſeinen — — —- 427— Oheim zu handeln. Ueberdieß fuͤhlte er, daß es die Reinheit ſeiner Liebe zu Helenen be⸗ flecken wuͤrde, wenn er ſich geſtatten wollte, Robina zu einer Weigerung zu noͤthigen, ſo gewiß er auch war, daß dieſe erfolgen werde. Die Verlegenheit ſeines Neffen bemerkend, ſagte der Oheim:„Dieſer Vorſchlag ſcheint Dir nicht angenehm zu ſein, aber ich will aufrichtig mit Dir reden. Ich hege nicht allein den Verdacht, ſondern ich habe auch gute Gruͤnde, davon uͤberzeugt zu ſein, daß Du eine thorichte Neigung zu der jungen Freundin der Frau Eadie gefaßt haſt. Ohne mich auf weitere Bemerkungen einzulaſſen, will ich bloß ſagen, daß, obſchon Miß Fraſer ein ſehr huͤbſches Maͤdchen und von ſehr gu⸗ ter Herkunft iſt, dennoch kein vernuͤnftiger Menſch einen Vergleich zwiſchen ihr und Dei⸗ ner Baſe anſtellen wird., James hegte gleiche Geſinnungen, dens ſeiner Meinung zufolge wuͤrde der vernuͤnftige Menſch gewiß Helenen den Vorzug geben. „Doch,“ fuhr ſein Oheim fort,„will ich fuͤr jetzt nicht weiter in Dich dringen. Ich offenbarte Dir meine Gedanken, und bezweifle keinesweges, daß Du bald einſehen wirſt, wel. chen Vortheil es Dir gewaͤhren muß, wenn Du meinen Wuͤnſchen nachkommſt.“ James glaubte unwuͤrdig zu handeln, wenn er ſeinen Oheim hoffen laſſe, daß er in deſſen Wuͤnſche einwilligen werde. Deßhalb ſagte er, zwar mit einiger Gemuͤthsbewegung, doch mit gehoͤriger Feſtigkeit:„Ihren Nachrichten hinſichtlich der Miß Fraſer will ich keines⸗ weges widerſprechen. Unſere gegenſeitige Rei⸗ gung macht es gaͤnzlich unmöglich, daß ich Sie einen Augenblick laͤnger duͤrfte erwarten laſſen, Robina wuͤrde mir jemals mehr wer⸗ den, als meine Baſe.“ „Gut, ſchon gut, James,“ uneerßrath ihn ſein Oheim.„Ich weiß das Alles und erwartete noch mehr zu hoͤren. Nimm Dir aber Zeit, meinen Vorſchlag zu uͤberlegen, Doch jetzt komm, und laß uns mit Deiner Tante und Robina Thee krinken.“ 19 „Unmoͤglich!— Niemals!“ erwiederte James, indem er aufſtand.„Ich kann Sie unmöglich laͤnger einer ſo trugeriſchen Hoff —— nung uͤberlaſſen. Ich faßte meinen Entſchluß⸗ ehe ich hieher kam, und alle Schätze dieſer Erde wuͤrden mich nicht verleiten, eine Liebe aus meinem Herzen zu verbannen, welche mit mir aufwuchs und ſich taͤglich verſtaͤrkt.“ Der Oheim lachte, rieb ſich die Häͤnde, ſchien ſich über dieſe Rhapſodie zu beluſtigen, und erwiederte mit Käͤlte:„Ich will Deiner Flamme keine Nahrung geben. Du biſt noch ein unbaͤrtiger Juͤngling, und daher iſt es ſehr nafuͤrlich, daß Du liebesſtech werden muß⸗ teſt. Alles, was ich Die fuͤr jetzt noch ſagen will, beſteht darin:— nimm Dir Zeit,— überlege,— denke an das Gluͤck, welches Dir bevorſteht, und vergleiche es mit der Duͤrftig⸗ keit und Abhängigkeit, welcher Deine Aeltern ſich dadurch ausſetzten, daß ſie ſich ihrer un⸗ überlegten Reigung uͤberließen.“ „Oheim!“ rief James, im nachdrucksvoll⸗ ſten Ton;„ich war auf Ihren Vorſchlag vorbereitet, und mein Entſchluß war gefaßt, ehe ich hierher kam.“ „Wahrlich?“ ſagte der Oheim kalt.„Und worin beſteht er, wenn man fragen darf?“ II. Thl. 9 — 130— „Glasgow zu verlaſſen, und allen Vor⸗ theilen zu entſagen, welche meine Verbindung mit Ihnen mir bisher gewährten, wenn— hier hielt er inne und blickte ſeinem Oheim ſtreng in's Auge,—„wenn,“ fuhr er fort, „Ihre Guͤte bloß aus der Abſicht urſotang mir dieſen Vorſchlag zu thun.“ Ein kurzes Stillſchweigen erfolgte, wähtend deſſen James ſein Auge kuͤhn auf das ſeines Oheims heftete. Aber der Laird war zu ſehr Weltmann, um dieſen Forſcherblick nicht er⸗ tragen zu koͤnnen. „Du biſt ein ſonderbarer Burſche,“ fage er endlich mit einem Laͤcheln, welches ver⸗ ſöhnend ſcheinen ſollte. Aber ich war ſchon auf einige Liebeselegien vorbereitet, die ich Dir gern ver rzeihen will.“ ————— „Verzeihen!“ rief der hitzkoͤpfige Jüngling „Wodurch verdiente ich eine ſolche Beleidi⸗ gung? Ich glaubte, Ihre Guͤte heiſche meine 5 Dankbarkeit. Ich erkenne Sie fuͤr meinen groͤßten Wohlthaͤter. Doch jetzt ſcheint es mir beinahe, als haͤtte Ihre Güte bloß eigen⸗ nuͤtzige Abſichten zum Grunde gehabt. Warum 11 — ſoll ich zu Ihrem Werkzeuge dienen? Warum ſoll ich meine Reigungen Ihrem Eigennutz opfern?“ James fuͤhlte jedoch, daß ſeine Hitze ihn u unvernuͤnftigen Ausſchwoifungen verleitete. Er bedeckte das Geſicht mit ſeinen Haͤnden und brach in Thraͤnen aus. 8* „‚Dieß iſt Narrheit, lieber James,“ ſagte ſein Oheim, in gemaͤßigtem Tone. „Es iſt nicht Narrheit,“ erwiederte der noch immer aufgebrachte Neffe.„Meine Worte koͤnnen thöricht ſein, aber meine Ge⸗ fuͤhle ſind es nicht. Nicht gegen ein hundert⸗ mal groͤßeres Vermoͤgen, als das Ihrige iſt, wuͤrde ich mein Herz vertauſchen. Ich gebe zu, daß ich undankbar binz da ich aber uͤber dieſen Gegenſtand nie anders denken werde, ſo entlaſſen Sie mich, als einen Menſchen, der ſich Ihrer Gunſt unwuͤrdig zeigte;— doch werde ich mich eines beſſern Schickſals wuͤrdig zu machen wiſſen.“ 17 53. „Junger Menſch, morgen wirſt Du hof⸗ fentlich vernünftiger ſein,“ erwiederte ſein Oheim veräͤchtlich, unde verließ das Zimmer. 9* — 132— ⸗ James ergriff ſogleich ſeinen Hut und eilte aus dem Hauſe; als er ſich aber um eine Ecke wandte, ſtieß er auf Robina, welche vor dem Fenſter geſtanden und ſein Geſpraͤch mit ihrem Vater belauſcht hatte.— Sechszeyhntes Kapitel. Die Gemuͤthsbewegung, in welcher James ſich befand, als er Robinen begegnete, war ſo mäͤchtig, daß er das Auffallende ſeines ſpäe ten Zuſammentreffens mit ihr gar nicht be⸗ merkte, und noch wenigen die Urſache davon. errieth. Die Jungfrau war kaltblütiger und beſonnener, als junge Maͤdchen ihres Alters es bei ſolchen Gelegenheiten zu ſein pflegen „Wohin ſo ſchnell?“ redete ſie ihn an.„Ich glaubte, Sie wuͤrden Thee mit uns trinken. Wollen Sie nicht mit zuruͤckgehen? Meine Mutter erwartet Sie.“ 5 „Aber nicht Ihr Vater,“ erwiederte In mes trocken.„Ich wünſchte, ich hätte nie meinen Fuß uͤber ſeine Schwelle geſett.“ „Herr, mein Gott!“ rief Robina, als woiſſe ſie von gar nichts.„Was iſt vorge⸗ fallen? Ich hoffe nicht, daß ein Streit zwi⸗ ſchen Ihnen entſtand. Bedenken Sie nur, wie wenig Vortheil es Ihnen bringen wuͤrde, wenn Sie mit meinem Bater zanken wollten.“ „Berflucht ſei das immer und ewige Wort Vortheil!“ war die wenig höͤfliche Ant⸗ wort.„Ihr Vater ſcheint zu glauben, daß dem Menſchen nichts anders am Herzen lie⸗ gen koͤnne, als ſein Vortheil; daß das Herz ein Contobuch halte und Alles nach Pfund Sterling berechne. Die feinſten Gefuͤhle, die theuerſten Neigungen gelten bei ihm nur fuͤr ſchlechte Waare, die in der Wagſchale der Pflichten keinen Ausſchlag geben.“ „Halt!“ ſagte Robina,„ſein Sie nicht ſo ſtuͤrmiſch, ſondern erzaͤhlen Sie mir or⸗ dentlich und vernuͤnftig, was die feinen Ge⸗ fuͤhle und die theuern Neigungen mit Ihrem Waarenlager zu ſchaffen haben. Ich glaubte, Sie ſpräͤchen nie von etwas Anderm mitein⸗ ander, als von Ihren Rumfaͤſſern und Zuk⸗ kerladungen.“. „Er iſt unfaͤhig, den Werth von enas zu erkennen, was nicht fuͤhlbar oder verkaͤuf⸗ — 434— lich iſt!“ rief ihr Vetter.—„Aber ich habe nichts mehr mit ihm und mit*Jönem bu ſchaffen! 1 3 115G 3 c „Mit mir?“ rief Robina im Tone un⸗ ſchuldiger Verwunderung.„Mit mir?— Was habe ich mit Ihren Hoffnungen und Ihren Neigungen und Ihren fuͤhlbaren und verkaͤuflichen Sachen zu thun?“ 1 68*„Ich bitte um Verzeihung, liebe Baſe; ich wollte Sie nicht beleidigen, aber meine Gefuͤhle riſſen mich fort; und wenn Sie wuͤß⸗ ten, was vorgegangen iſt, ſo wuͤrden Sie mit mir ſympathiſiren.“ 3 „Da ich dieſes aber nicht weiß,“ erwie⸗ derte die Jungfrau kaltbluͤtig,„ſo muͤſſen Sie mir erlauben zu ſagen, daß mir Ihr Betra⸗ gen hoͤchſt ſeltſam vorkommt. Gewiß iſt nichts zwiſchen Ihnen und meinem Vater vorge⸗ fallen, das ich nicht wiſſen duͤrfte.“ Dieſes wurde in einem Tone geſprochen, welcher den jungen Mann augenblicklich zur Beſinnung brachte. Der liſtige und verſteckte Charakter ſeiner Baſe war ihm wohl bekannt, daher entdeckte er auch jetzt in dieſer ſchein⸗ — 135— baren Theilnahme ihre Heuchelei und ihren Mangel an Aufrichtigkeit;— doch glaubte er nicht, daß ſie ſihe zum Horchun eniedrigt habe. 836„Rein,“ Ufagtens ter ruhig,„es hul nants zwiſchen Ihrem Vater und mir vor, das Sie nicht wiſſen duͤrften, aber Sie werden es am beſten aus ſeinem Munde erfahren; denn es betrifft Sie und iſt von der Art, daß ich keinen Antheil daran nehmen kann.“ „Mich? Mich betrifft es?“ rief die Schau⸗ ſpielerin.„Erwas, das mich betrifft, konnte unmoͤglich ein Mißverſtuͤndniß zwiſchen Ihnen und ihm herbeifuͤhren.“ „ Und doch war dieſes der Fall,“ entgeg⸗ nete James.„Da Sie vorgeben, unbekannt mit den Planen Ihres Vaters zu ſein: ſo muß ich Ihnen ſagen, daß er mir gerade heraus ſeinen Wanſch erklaͤrte, uns verheirur tet zu ſehen.“ „Darin ſehe ich kein Ungluͤck,“ antwor⸗ tete ſie trocken;„vorausgeſetzt, daß es nicht miteinander iſt.“ „Eben das,“ erwiederte James uͤbereilt. 5 — 136— Aber Robina, welche ihn durchſchaute, ſuchte alsbald, mit der ihrem Geſchlechte ezgenen Liſte⸗ Vortheil aus ſeiner Antwort zu ziehen, und ſagte mit verſtellter Schuͤchternheit:„Ich ſehe nicht ein, warum das Sie. jelr bee truͤbt.* fit Sus a. 80,19: n„Nein!“ erwiederte er.,„Aber 83 Bun nie etwas draus werden, und es iſt uͤberfluͤſſig davon zu reden;— alſo gute Nacht! ſima „Warten Sie!“ rief Robina.„Was Sie mir da ſagten, verdient in Erwäͤgung gezo⸗ gen zu werden. Ich gab Ihnen ſicherlich keine Urſache zu vermuthen, daß ich mich nicht 1 in die Wuͤnſche meines Baters fuͤgen würde.“ „Gerechter Gott!“ rief James, die ebali ten Haͤnde gen Himmel hebend. 815 „Warum ſind Sie ſo heſuiga taue Robina.. „Weil,“ erwiederte te en feierlich,„in un⸗ ſerer Familie nichts als Eigennutz herrſcht. Aus Eigennutz wurde mein Vater enterbt,— aus Eigennutz ließ mein Oheim Walther meine Mutter in Duͤrftigkeit,— aus Eigennutz wurde der arme, unglückliche Bußer fur blodſinnig — 137=— erklaͤrt,— aus Eigennutz verlangt man, daß ich das Koſtbarſte, was das Leben bietet, auf⸗ opfern ſoll,— und aus Eigennutz will man mich zum Schlechteſten unſerer niederträchti⸗ gen Sippſchaft machen!“ S. „Das heißt mit andern Worten, daß Sie mich zu ſehr haſſen um zu unſerer beiderſei⸗ tigen Gluͤckſeligkeit den Wuͤnſchen meines Va⸗ ters nachzukommen.“ I9: „Ich weigerte mich, um unſer bederſeiti⸗ ges Ungluͤck zu verhuͤten,“ war die kurze Antwort.„Haͤtten Sie nicht einen Grund, den ich nicht weiß und nicht zu wiſſen be⸗ gehre, um ſich den Schein zu geben, als ob Sie anderer Meinung waͤren: ſo wuͤrden Sie ſich dem Handel— denn Heirat kann ich es nicht nennen— eben ſo ſtandhaft widerſetzen, als ich ſelbſt.“ Robina fuͤhlte die Wahrheit dieſer Be⸗ merkung, und bei aller ihrer Schlauheit gab ſie dennoch Bloͤße, indem ſie erwiederte: „Waxum halten Sie mich fur ſo unempfind⸗ lich? Mein Vater mag Plane ſchmieden, ſo lange es ihm beliebt, aber meine Einwilligung — 138— gehört auch dazu.“— Sie hatte dieß jedoch kaum ausgeſprochen, als ſie auch emerkte, daß ſie zu viel Bloͤße gegeben hattez daher wendete ſie ſich raſch um und fuͤgte hinzut „Warum ſollten wir aber hieruͤber ſtreiten?— Wir haben Zeit genug, die Sache ruhig zu uͤberlegen,— mein Vater wird ja zichkäſt ſehr auf die ſchnells Wollhiehung unſerer Hei⸗ rat dringen.“ 3 61 iRobina, Sie ſind Ihres Varets wuͤr⸗ dige Tochter und die Erbin ſeines Charak⸗ ters, wie ſeines Vermögens. Nein, nie kann eine Verbindung zwiſchen uns Statt ſin⸗ den,— auch wüuͤnſchen Sie dieſe ſo wenig als ich. Doch ich gehe zu weit. Es iſt hin⸗ läͤnglich, wenn ich Ihnen erklaͤre, daß meine Reigung unwiderruflich feſt gegruͤndet iſt⸗ und daß ich nie wieder einem Vorſchlage Ge⸗ hoͤr leihen werde, wie dem, welcher mich heute Abend halb raſend machte. Ich habe Ihren Vater verlaſſen,— nach meiner Ab⸗ ſicht auf ewig,— ich werde nie auf ſein Komptoir zuruͤckkehren. Jede Hoffnung, welche ich auf meine Verbindung mit ihm ſetzte, iſt 2 „ — 4139— verſchwunden,— vielleicht ging mit Ihnen auch mein Gluͤck zu Grunde;— aber das kuͤmmert mich nicht,— ich kann mich in einen ſolchen Handel nicht einlaſſen. Ich danke der Vorſehung, daß ſie mir Freunde ſchenkte, welche mit edlere Geſinnungen ein⸗ gefloßt haben. Doch ich vergeude meinen Athem vergebens. Mein Entſchluß ſteht fel⸗ ſenfeſt!— Alſo, gute Nacht auf ewig!“ Mit dieſen Worten eilte er weg. Robina kehrte in's Haus zuruͤck und betrat das Zim⸗ mer ihrer Mutter, in welchem ſich ihr Va⸗ ter befand, ſo unbefangen, als habe ſie we⸗ der gelauſcht, noch mit lhram Wekters ge⸗ ſprochen. Iah inm Bei ihrem Eintritt bemerkte ſie ſogleich, daß ihr Vater ſeiner Gattin etwas von dem zwiſchen ihm und James vorgefallenen Ge⸗ ſpräch mitgetheilt hatte; aber ihr Vortheil erheiſchte, daß ſie ſich unwiſſend uͤber Man⸗ ches ſtellte, und jeden Beruͤhrungspunkt mit ihrem Vater moͤglichſt zu vermeiden ſuchte, damit er ihrer wahren Neigung nicht auf die Spur geriethe. Denn ſie hatte ſchon oft be⸗ — 440— merkt, daß er das ſtaͤrkſte Vorurtheil gegen den Auserwäͤhlten ihres Herzens hegte, wel⸗ cher jedoch weder im Aeußiern, noch in ſei⸗ nem Beckagen ihrem Vetter nachſtand. Die Beweggruͤnde zu dieſem Vorurtheile unter⸗ ſuchte ſie jedoch nicht, ſondern hielt es fuͤr eine ungerechte und unerklaͤrbare Antipathie, und war nur darum bekuͤmmert, jede Urſache aus dem Wege zu räumen, welche ſich ihren Wuͤnſchen entgegenſtemmte. Erfreut, die Ge⸗ fuͤhle ihres Vetters ergruͤndet zu haben, glaubte ſie nunmehr durch kluges Betragen das vaͤ⸗ terliche Vorurtheil beſiegen zu koͤnnen. Wie liſtig und gewandt ſie dieſes anzuſtellen wußte, ſeu im folgenden Kapitel berichtet werden. Seszehntgs Kapitel. „8ch glaubte,“ ſagte ſie, als ſie ſich an den Theetiſch ſetzte,„mein Vetter wuͤrde heute Nacht hier bleiben, hore aber, daß er fort iſt.“ „Haͤtteſt Du ihn gebeten, ſo waͤre, er vielleicht geblieben,“ erwiederte ihr Vater. „Mir zu Gefallen ſchwerlich,“ lautete die Antwort,„Es ſchien ihm nie ſehr zu ge⸗ — 441— fallen, wenn ich mich in ſeine Angelegenhei⸗ ten miſchen wollte.“ „Alſo verſuchteſt Du zuweilen Dich in dieſe zu miſchen?“ ſagte ihr Vater, welchen ihre Bemerkung in einige Verlegenheit ſetzte, da er nicht glauben konnte, daß ſie ſein forgfältig bewahrtes Geheimniß belauſcht habe.„Ssn. tas Robina bemerkte, daß ſie ſich uͤbereilt hatte, und ſagte, mit geheucheltem Seufzen: „Ich wollte bloß damit ſagen, daß er eben nicht nachgiebig ſei, was mir leid iſt.“ „Warum thut es Dir ſo beſonders leid?" forſchte ihr Vater, dem der ſonderbare Ton aufſiel, in welchem ſie Obiges ſagte. „Das weiß ich nicht zu ſagen,“ war ihre liſtige Antwort. Munterer fügte ſie hinzu: „Aber was geht er mich auch eigentlich an?“ Ihr Vater blieb einige Zeit die Antwort ſchuldig, ruͤckte vom Theetiſche an's Kamin, ſtuͤtzte den Ellbogen auf's Geſimſe und uͤber⸗ ließ ſich einem tiefen Nachdenken. Mittler⸗ weile unterhielt Frau Walkinſhaw das Ge⸗ ſpraͤch mit ihrer Tochter, und bemerkte unter — 142— Anderm, wie auch ſie den Vetter fuͤr einen Starrkopf halte; denn er habe noch heute Abend ſich ſo gegen ſeinen Oheim betragen,⸗ daß dieſer ganz erſtaunt daruͤber geweſen waͤre und ſich weidlich geaͤrgert haͤtte.„Doch,“ ſagte ſie, ner iſt ja noch ein bloßer Knabe, und ich hoffe, daß er dasjenige, was ſein Oheim ihm heute ſagte, in Zukunft beſſer beherzigen wird. Mit erkuͤnſtelter Theilnahme erwiederte Robina:„Ich beklage es in der That recht ſehr, daß eine Mißhelligkeit zwiſchen ihm und meinem Vater entſtand. Jedermann ſpricht zu ſeinem Lobe. Auch iſt die Sache vermuthlich nicht von Wichtigkeit. „Sie iſt allerdings von der groͤßten Wich⸗ tigkeit,“ unterbrach ihr Vater, nund zwar mehr fuͤr Dich, als fuͤr jeden Andern.“ „Fuͤr mich, lieber Vater? Wie waͤre das moͤglich?— Was habe ich mit ihm zu ſchaf⸗ fen, oder er mit mir? Außer einem Man⸗ gel an gewoͤhnlicher Hoͤflichkeit, bemerkte ich nichts Auffallendes in ſeinem Verragen ge⸗ gen mich.“ 1 611 — 143— „Ich weiß es, ich weiß es!“ rief ihr Vater.„Eben darin liegt die Quelle aller meiner Beſorgniſſe!“ „„Ich verſtehe Sie nicht reiht 2 ſagte das liſtige Maͤdchen. „Das wuͤnſche ich auch eben nicht. Aber mein Herz haͤngt ſo ſehr an dieſem Geſchaͤft, daß ich glaube, wenn Du meine Bemuͤhun⸗ gen unterſtuͤtzen wollteſt, ſo wuͤrde mein Plan gelingen.“) „Plan?— Welcher Plon d erwiederte Robina mit ſcheinbarer Unwiſſenheit. „Kurz, mein Kind,“ ſagte ihr Vater, „wie wuͤrde James Dir als Gatte gefallen?“ „Wie kann ich das wiſſen? Er gab mir nie Urſache, hieruͤber nachzudenken.“ „Du mußt doch ſchon laͤngſt bemerkt ha⸗ ben, daß dieß von jeher meine Lieblingsidee war.“ „Ich geſtehe es, und vielleicht,“ erwiederte ſie mit abermaligem Seufzen,„habe ich ſelbſt mehr daran gedacht, als ich haͤtte thun ſol⸗ len. Doch gab er mir nie einige Aufmun⸗ kerung. 77 —-— 4144— „Wie ungluͤcklich bin ich!“ ſagté ihr Va⸗ ter zu ſich ſelbſt.„Das arme Ding iſt ſo geneigt zu der Heirat, als ich es nur wün⸗ ſchen kann.— Mit einiger Liſt und Beharr⸗ lichkeit laͤßt ſich der ſchwarmeriſche Knabe doch wohl noch zur Vernunft bringen.“ Laut ſprechend fuhr er fort:„Liebe Robina, Du warſt der Gegenſtand meiner heutigen Unter⸗ redung mit James; aber es ſchmerzt mich, ſagen zu muͤſſen, daß ſeine Gefuͤhle weder Deinen, noch meinen Wuͤnſchen entſprechen.— Er ſcheint bezaubert von dem jungen Baͤschen der Frau Eadie, und ſprach ſo viel unkluges Zeug uͤber den Gegenſtand, daß wir uns bei⸗ nahe zankten.“ „Ich werde mich nie mit einem getheil⸗ ten Herzen begnuͤgen,“ erwiederte Robina kleinmuͤthig.„Ich bitte Sie, lieber Vater, keinen weitern Schritt in der Sache zu thun, denn ſo lange ich mich erinnern kann, be⸗ trachtete er mich jederzeit mit Widerwillen. Vermuthlich war er, die ganze Zeit hindurch, Helenen Fraſers Spielgefaͤhrte und vielleicht gar ihr Liebhaber. Ich bitte Sie daher — 443— nochmals, den Gedanken an eine Verbindung zwiſchen ihm und mir aufzugeben. Er koͤnnte dieſe nur aus eigennuͤtzigen Abſichten einge⸗ hen wollen, und ich koͤnnte nicht einwilligen, ohne glauben zu muͤſſen, man betrachte mich wie einen Ballen Waare.“ Ihr Vater horchte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit auf ihre Worte, welche vernuͤnf⸗ tig und hochherzig klangen. Doch ſchien ihm etwas in denſelben zu liegen, das ihn uicht ſo recht befriedigte. Auf ſeiner Hut bleibend, erwiederte er: —„uuf jeden Fall werde ich nie von Dir ver⸗ langen, daß Du einem Manne Deine Hand reichſt, der nicht auch Dein Herz beſitzt. Aber hieraus folgt noch nicht, daß der hals⸗ ſtarrige Knabe, weil er jetzt von Miß Fraſer eingenommen iſt, auch ſtets die näͤmlichen Geſinnungen hegen ſollte. Wollteſt Du, Ro⸗ bina, Dich einiger Kunſtgriffe bedienen: ſo bin ich uͤberzeugt, daß er ſeine ungluͤckliche Neigung bald aufgeben wuͤrde.“ „Welches Weib,“ entgegnete ſie mit wuͤr⸗ devollem Stolz„„wuͤrde ſich ſo tief erniedri⸗ II. Thl. 10 2 — 4146— gen, ein bereits verſchenktes Herz an ſich reißen zu wollen! Rein, lieber Vater, ich kann und darf dieſes nicht thun, und, ver⸗ zeihen Sie mir den Ausdruck, will es auch nicht! Haͤtte mein Verter geſucht, ſich bei mir beliebt zu machen, dann waͤre es viel⸗ leicht ein Anderes geweſenz aber⸗ bei ſo be⸗ wandten Umſtaͤnden wuͤrde ich mich herab⸗ wuͤrdigen, wenn ich Sie erwarten ließ, daß ich jemals meine Geſinnungen aͤndern koͤnnte.“ Um den Eindruck, welchen ſie beabſich⸗ tigte, zu verſtaͤrken, verließ Robina bei den letzten Worten das Zimmer. Auch ihr Vater ſtand von ſeinem Sitze auf, ging einigemal im Zimmer umher und begab ſich alsdann in ſein eigenes Gemach. „Ich bin der unglücklichſte Menſch auf Erden, und auch meine arme Robina ſieht ſich in ihren Hoffnungen getauſcht!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Doch kann ich den Kna⸗ ben nicht fuͤr ſo unklug halten, daß er das⸗ jenige, was ich ihm ſagte, nicht in Ueber⸗ legung ziehen ſollte. Ich muß ihm Zeit laſ⸗ ſen. Auf jungen Schultern wachſen keine — — 147— alten Koͤpfe.— Aber ich bemerkte nie, daß Robina Neigung zu ihm gehabt haͤtte, ſon⸗ dern glaubte im Gegentheil, ſie hege mehr Widerwillen gegen ihn, als er gegen ſte. Doch es iſt unnüͤtz, mich laͤnger mit dieſem Gegenſtande zu plagen. Mein nunmehriges Beſteeben muß dahin gehen, James von dem Maͤdchen, der Fraſer, abwendig zu machen. Bei ſeiner Schwaͤrmerei wird dieß jedoch hart halten, auch beſitzt ſie unglucklicherweiſe hinlaͤngliche Reize, um einen zungen MMaun u feſſeln.“ Er ſprang von ſeinem Sise auf und e unrußfg im Zimmer umher. „Warum bin ich zu dieſem fratdegſen Schickſal verdammt?“ rief er laut aus. „Waͤre Robina ein Knabe, ſo haͤtte meine Sorge ein Ende; aber mit ihr erliſcht mein Intereſſe an den Guͤtern meiner Vorfahren. Doch kann ihre Mutter noch immer—“ er hielt inne.—„Es iſt Schwaͤche, derglei⸗ chen Hoffnungen zu hegen,“ fuͤgte er nach einer Pauſe hinzu.„Meine Aufgabe liegt deutlich vor mir. Statt auf Hoffnungen und 10*† — 148— Zufälle zu rechnen, muß ich ernſtlich dem Ziele nachſtreben, und nichts unverſucht laſ⸗ ſen, bis ich des Erfolgs ſicher bin.“ mes Mit dieſen Gedanken beruhigte er ſein Gemüuth fuͤr den uͤbrigen Theil des Abends, und als er wieder mit ſeiner Gattin und Tochter zuſammenkam, unterhielt er aſbe Ven gleichgultigen Dingen. eEeasbe 1 Totzehntes Kapite l. be Als James Walkinſhaw wieder in Glas⸗ gow angelangt war, vermied er feſt das Koſthaus, in welchem ſein Oheim fuͤr ihn zahlte, und begab ſich zu ſeiner Großmutter, theils um bei ihr zu uͤbernachten, theils um ſie zur Rede zu ſtellen, weßhalb ſie von ſei⸗ ner Liebe zu Helenen mit ſeinem Oheim ge⸗ ſprochen habe; denn nur durch ſie konnte er davon in Kenntniß geſetzt worden ſein. Als er in ihr Wohnzimmer trat, fand er die Matrone allein am Kamine ſitzend. Ein kleiner Tiſch, mit einem duͤnnen Lichte darauf, ſtand neben ihr. Sie haſpelte Zwirn ab, und zaͤhlte ſorgfaͤltig die Faͤden. Als ——— — 149— ſee die Thuͤr oͤffnen hoͤrte, wendete ſie ſich um, und James erkennend, ſagte ſie:„Biſt Du es, James Walkinſhaw?— Sechsund⸗ dreißig.— Wo kommſt Du her?— Sie⸗ benunddreißig.— So ſpaͤt in der Nacht.— Achtunddreißig.— Setz' Dich.— Neunund⸗ dreißig.— Putz' das Licht.— Vierzig.“ „Ich will warten, bis Sie fertig ſind, denn ich habe Ihnen etwas mitzutheilen,“ ſagte er.„Ich war in Kittleſtonheugh, wo ich einen Streit mit meinem Oheim hatte.“ „‚MNicht moͤglich!— Reunundvierzig—“ erwiederte die Leddy.„Was hatteſt Du vor?— Funfzig.“ „Er ſcheint zu glauben, ich haͤtte weder 1 eigenen Willen, noch Gefihlo weder Kopf, noch Herz.“ „Ich hoffe, daß Du beides haſt.— Zinf⸗ undfunfzig.— Aber warſt Du ungehorſam?— Siebenund— Der Kuckuk hol' den Burſchen, da hab' ich mich verrechnet und muß wieder zurückhaſpeln, wenn ich die Zahl richtig ha⸗ ben will. Was ſagteſt Du, James, von einem Streite mit Deinem Oheim?“ „Er behandelte mich ſehr uͤbel, warf mir meine Armuth vor, und erinnerte mich an die Verbindlichkeiten, welche ih ihm ſchun dig ſei.“ „Iſt's denn etwa nicht wahr, 3 dn ihm Dank ſchuldig biſt, und daß ohne ihn Du nackt unb bloß waͤreſt?“ „Es kann wahr ſein. Aber wenn man er⸗ waͤgt, daß er das Familiengut durch allerlei Kniffe in die Hände bekam: ſo konnte er wahrlich kaum weniger für die ungluͤckliche Familie meines Vaters thun. Doch koͤnnte ich ihm alles dieſes gern verzeihen, haͤtte er nicht meine Gefuͤhle durch die Zumuthung beleidigt, daß ich mit Helene Fraſer brechen und mich ſeiner Robina anbieten ſollte.“ „Das iſt gewiß das Allergeſcheidteſte, was Du haͤtteſt thun koͤnnen,“ erwiederte die Leddy. „Mein Entſchluß iſt jedoch gefaßte 2 ſagt⸗ er.„Morgen fruͤh gehe ich nach Camrachle und ſage meiner Mutter, daß ich entſchloſſen bin, Glasgow zu verlaſſen.— Ich ſetze nie wieder meinen Fuß in ſein Komptoir.“ m — — 151— , Haſt Du etwa zu viel getrunken, James, daß Du ſo hitzig biſt, gleich nach Camrachle laufen zu wollen? Laſſ' ein vernuͤnftig Wort mit Dir ſprechen, und ſchlaf hier aus.“ „lauben Sie nicht, daß ich in den Tag hineinſchwatze; mein Entſchluß ſteht felſen⸗ feſt. Ich will meinem Oheim, der mich zum blinden Werkzeuge ſeiner Abſichten zu ge⸗ brauchen gedenkt, nicht laͤnger Dank ſchul⸗ dig ſein.“ „Ei, ei! Du biſt wahrlich uͤberklug, mein Buͤrſchchen,“ rief die Leddy.„Weil Dein Oheim haben will, daß Du ſeine Tochter neh⸗ men ſollſt, und er Dir, wenn Du fein Ja ſagſt, ein ſchoͤnes Gut und einen tuͤchtigen Haufen Geld mitgeben will: ſo glaubſt Du, er wolle Dich bei der Naſe'rumfuͤhren.“ „‚Nein, nicht deßhalb, ſondern weil er mich fuͤr ſo niedertraͤchtig hielt, daß er glaubte, ich wuͤrde meine Gefuͤhle und meine Grund⸗ ſätze gegen Geld vertauſchen.“ „Das meinte er gewiß nicht,“ erwiederte die Leddy.„Wenn er aber verlangte, daß Du von der hochläͤndiſchen Nymphenmamſell . teea be — 152— laſſen ſollteſt und dafuͤr Deine Baſe Binchen nehmen, die eines Koͤnigs werth iſt: ſo ge⸗ ſchah es, um Dich zu ehren und zu erhoͤhen.“ „Laſſen wir den Gegenſtand fallen,“ ſagte er.„Wollen Sie die Guüte haben, mich dieſe Nacht hier ſchlafen zu laſſen? Denn, wie ich Ihnen ſagte, ich will den Verbindlichkeiten, welche mich ſo ſehr erniedr igren, ckeine neuen zufuͤgen.“ 4 „Wahr und wahrhaftig, mein Sohn, wenn Du fortfährſt ſo irre zu reden, ſo will ich Dir nicht nur ein Bett geben, ſondern auch nach Doktor und Chirurgus ſchicken; die ſollen Dir den Kopf ſcheren, und Dir zur Ader laſſen, und Dich auspurgiren, damit Du wie⸗ der zur Vernunft kommſt.— Geh' heim zur Frau Spruils, denn das Leinen ſoll noch ge⸗ ſponnen werden und die Wolle noch gekratzt, die Du zu Decken und Laken bei mir finden ſollſt,— darauf haſt Du mein Wort.“ „In dem Falle gehe ich gleich nach Cam⸗ rachle. Die Nacht iſt ſchoͤn, und der Mond ſcheint hell.“ ————— ———— — 153— „So pack' Dich fort! und um zu zeigen, wie eklha Du biſt, ſo ſing fein unterpegea 4 Schottlaͤnder hier! Schottlaͤnder dort! Wie kommt der arme Schotte doch fort? Schick' ihn nach Oſt, ſchick' ihn nach Weſt, Schick' ihn in's alte Kraͤhenneſt.“ James mußte, ungeachtet ſeines Kummers, dennoch uͤber die ausſchweifende Laune ſeiner Großmutter lachen und erwiederte munter: „Ein wenig Abendbrot wuͤrde mir vor dem Marſche wohlthun. Ich hoffe, daß Sie mir dieſes nicht auch verweigern werden.„/ In der Meinung, ihn, wie ſie ſagte, wie⸗ der zur Vernunft gebracht zu haben, willigte die Matrone freudig ein; fand ſich aber nicht wenig getaͤuſcht, als er, nach einiger leichten Unterhaltung, nochmals darauf beſtand, ent⸗ weder in ihrem Hauſe zu ſchlafen, oder zu ſeiner Mutter zu gehen. Sie ſah ſich mit⸗ hin genoͤthigt, ihm eine Schlafſtaͤtte zuberei⸗ ten zu laſſen; fuhr jedoch fort, die Hoffnung zu aͤußern, daß er moegeit nachgiebiger ſein werde. „Ich hoffe,“ ſagte ſie,„daß, waͤhrend des — 154— Traͤumens und Wachens dieſer Nacht, der Geiſt des Gehorſams Deinen halsſtarrigen Nacken beugen wird, denn ſonſt wuͤrde ich Deine Rebellion nicht unterſtücen. 2 Reunzehntes Kapitek James Walkinſhaw brachte eine hoͤchſt un⸗ ruhige Nacht zu. Zuweilen uͤberlegte er den Vorſchlag ſeines Oheims mit kaltem Blute, konnte jedoch zu keinem Entſchluß gelangen, und war dann wieder weit entfernt, in das Begehren des Lairds eingehen zu wollen. In den ruhigern und daher auch kluͤgern Momenten ſeiner Betrachtung erſchien ihm Robina als ein huͤbſches, verſtaͤndiges, ſchlaues Maͤdchen. Mit ihr wuͤrde er Wohlhabenheit und Unabhaͤngigkeit erwerben, und, was ihn am meiſten reizte, ſeine Mutter und Schwe⸗ ſter in eine Lage verſetzen können, welche ih⸗ rer Herkunft und ihren fruͤhern Erwartungen angemeſſen war. Dieß war ein angenehmer und hochherziger Gedanke, und es ſchien ihm unmaͤnnlich und eigenſuchtig, wenn er ſich wei⸗ gern wollte, der Ansführung deſſelben ſeine perſoͤnlichen Gefuͤhle zu opfern. Dann aber erinnerte er ſich, in welchem hohen, entſchloſ⸗ ſenen Ton er gegen ſeinen Oheim ſeine treue Beſtaͤndigkeit geruͤhmt, wie veraͤchtlich er von den Lockungen des Reichthums geſprochen, und in welchen Ausdruͤcken er Robina ſelbſt geſagt hatte, daß ſie nichts von ihm zu hoffen habe. Er konnte ſich daher unmoͤglich ſo tief er⸗ niedrigen, reuevoll vor dieſen Beiden zu er⸗ ſcheinen. Aber auch ſchon der bloße Gedanke, daß er ſich habe geſtatten koͤnnen, nur einen Augenblick uͤber den Vorſchlag ſeines Oheims nachzudenken, kräͤnkte ihn bitterer als alles An⸗ dere; und er kam ſich ſelbſt verächtlich vor, indem er erwog, wie tief Helene auf ihn her⸗ abſehen wuͤrde, wenn ſie wuͤßte, daß er ſich nur einen Moment zu der Idee haͤtte herabwuͤr⸗ digen koͤnnen, ſeine Baſe des niedrigen Mam⸗ mons wegen zu heiraten. Doch was warnzu thun? Sollte er, nach ſeiner muthigen Erklaͤrung, auf's Komptoir zuruͤckkehren, und ſich wieder an den verhaß⸗ ten Rechentiſch feffeln laſſen? Dieß wuͤrde faſt noch niedriger geweſen ſein, als haͤtte er 1— 156— den Vorſchlaͤgen ſeinss Oheims Gehärs ge⸗ geben. Glasgow ſabala als möͤglich zu eeclaffe ſchien ihm das Beſte. Aber wie?— wohin gehen?— woher die Mittel dazu nehmen? Dieſes waren peinliche Fragen, welche er ſich nicht beantworten konnte. Wollte er Robina heiraten, ſo mußte er Helenen aufgeben; ver⸗ ließ er das Land, ſo fuͤhrte dieſes die naͤmli⸗ chen Folgen herbei. Ueberdieß vermehrte er durch dieſen Schritt den Kummer ſeiner fanf⸗ ten, liebevollen Mutter, welche neue Hoffnun⸗ gen auf ſein Fortkommen unter der Leitung ſeines Oheims gegruͤndet hatte, und mit Be⸗ gierde der Zeit entgegenblickte, in welcher er faͤhig ſein wuͤrde, ſeine Schweſter in eine ih⸗ rer Geburt wuͤrdigere Lage zu verſetzen. Denn der erbliche Stolz ſeines Geſchlechts miſchte ſich in ſeine feinern Gefuͤhle, und ſelbſt He⸗ lene Fraſer verdankte vielleicht den Vorzug, welchen er ihr vor Robina gab, zum Theil den Erzaͤhlungen der Frau Eadie von ihrem uralten Stammbaum und ihren glorreichen Ahnen. liu 18 1 — 457— Während ſeine Gedanken, auf dieſe Weiſe, truͤbe und gegeneinander kaͤmpfend hin und her wogten, entſann er ſich zufaͤllig, daß ein alter Schulfreund ſeines Vaters, ein Kauf⸗ mann in Glasgow, welcher ſich ſtets mit mehr als gewoͤhnlicher Theilnahme nach ſeiner Mut⸗ ter und Schweſter erkundigt hatte, im Be⸗ griff war, ein Schiff nach Neuyork zu befrach⸗ ten, und daher eines Schreibers bedurfte. Eine ſolche Stelle, dachte er, wuͤrde vielleicht ſeinen Wuͤnſchen angemeſſen ſein. Dieſer Ge⸗ danke beruhigte den Sturm, welcher in ſeinem Innern tobte. Neue Hoffnungen wiegten ihn in einen ſanften Schlaf und gaukelten ihm gluͤckliche Traͤume vor. Aber ſein Schlummer war nicht von langer Dauer; denn er erwachte vor der Sonne, und um den zaͤnkiſchen Vor⸗ ſtellungen ſeiner Großmutter zu entgehen⸗ ſtand er mit dem Vorſatze auf, ſogleich nach Camrachle zu gehen, um ſich, wie er ſelbſt waͤhnte, bei ſeiner Mutter Raths zu erho⸗ len; wiewohl im Grunde ſein Entſchluß ſchon feſt ſtand und ihr nur bekannt ge⸗ macht werden ſollte. Doch dieſe Art von — 158— Selbſttaͤuſchung iſt dem un dſigenes Alter uuna angemeſſen. Als James die Stadt verließ, war die Motgenlufe rauh und kalt. Die Hecken hin⸗ gen voll wunderlich geſtalteter kleiner Eis⸗ zapfens der Weg war zwar nicht kothig, aber deſto ſchluͤpfriger und ermuͤdend fuͤr den Wan⸗ derer. Der aus den laͤndlichen Hütten auf⸗ ſteigende Rauch walzte ſich traͤge uͤber die Strohdaͤcher, und verduͤnnte ſich in einen blaͤu⸗ lichen Nebel, welcher zwiſchen den Umzäͤu⸗ nungen der Höfe niederſank. Die Kuͤhe, an⸗ ſtatt, ihrer Gewohnheit nach, mit bedäͤchtigen Schritten nach ihrem Weideplatze zu wandeln, ſtanden an den Fußpfaden, ſahen ſich um und bruͤllten einander an. Die von Zweig zu Zweig huͤpfenden Vöͤgel zwitſcherten miß⸗ muthig. Die Enten watſchelten ſchweigend zu ihren gewohnten Pfützen. Die Huühner ver⸗ krochen ſich unter die Buͤſche und klagten ein⸗ ander ihr Leid. Selbſt der Kamm ihres Sul⸗ tans war blaſſer als gewoͤhnlich, und ſein Muth ſo geſunken, daß er ſeine Stimme nur Einmal hoͤren ließ. Die ganze Natur ſchien — 459— ſich in ein Trauergewand gehuͤllt zu haben. Der Hirtenknabe zog die Decke, welche ihm ſtatt des Mantels diente, feſter um ſich, und ſchlug erzuͤrnt auf die Kaͤlber los, als er mur⸗ rend die Herde hinaustriet. 923 Unter allen dieſen aͤußern Eindruͤcken wurde Walkinſhaws Herz, ehe er Camrachle erreichte, ſo ſchwer, daß ſeine Beine ſich er⸗ müdet fuͤhlten. Seine Mutter, welche ihn unter dem Fenſter hergehen ſah, fand ſich ſehr von ſeiner Erſcheinung uͤberraſcht, und er⸗ ſſchrak nicht wenig uͤber ſein trübes Auge und die ſichtbare Niedergeſchlagenheit, welche ſich auf ſeinem Geſicht ſpiegelte. ia „Was fuͤhrt Dich hieher?“ rief ſie ihm entgegen,„und was iſt vorgefallen?“ — Aber anſtatt zu antworten, trat er in’ss Zimmer, ſetzte ſich an's Kamin und klagte uͤber die unfreundliche Witterung und die ſchlechten Wege. Da ſeine Schweſter, welche das Fruͤhſtuͤck bereitete, nicht im Zimmer war, wiederholte ſeine Mutter ihre ſorglichen Fragen in einem nachdruͤcklichern Tone. „Ich fuͤrchte,“ ſagte Walkinſhaw,„daß ich Sie betruͤben werde.“ Hierauf erzäͤhlte er, mit kurzen Worten, was zwiſchen ihm und ſeinem Oheim, hinſichtlich deſſen Toch⸗ ter, vorgefallen war. Doch bewog ihn die Zaͤrtlichkeit fuͤr ſeine Mutter, ihr ſeine vor⸗ habende Entfernung von Glasgow vor der Hand zu verſchweigen. 1 418 Frau Wallkinſhaw hatte ſchon lingſt n die Plane ihres Schwagers durchſchaut, daher uberraſchte ſie James Erzaͤhlung nicht im Mindeſten. Auch war ihr die Neigung ihres Sohnes fuͤr Helene Fraſer ſchon zu bekannt, als daß es ihr nicht haͤtte einleuchten ſollen, wie dieſe die Haupturſache ſeines Widerwil⸗ lens gegen eine andere Verbindung war. Das Nachdenken uͤber dieſe Angelegenheit legte ihr einige Zeit Stillſchweigen auf. Als aber James, welcher glaubte, ſie lege wenig Ruͤckſicht auf ſeine Einwendungen gegen die projektirte Heirat, mit groͤßerem Eifer fort⸗ fuhr, ſeine Geſinnungen an den Tag zu legen, und ihr ſeinen Entſchluß kund that, ſich in's Ausland zu begeben: da erwachte ihre muͤt⸗ terliche Angſt und ſtuͤrzte ſie in den tiefſten — 161— Kummer; doch berührte ſie, waͤhrend des Fruͤhſtuͤcks, den Gegenſtand nicht im Minde⸗ ſten. Ungluͤck und getäuſchte Erwartungen hatten, in der That, ihren ſanften Geiſt ſchon laͤngſt ſo niedergebeugt, daß ſie ſelten nur ſeufzte, ſelbſt dann, wenn ihre Seele von den zarteſten Gefuͤhlen erſchuͤttert wurde. Aber ihre blaſſen Wangen, ihre demuͤthig ergebene Miene und ihr zum Himmel empor gerichtetes Auge, ſchienen zu ſagen:„Ach! bin ich denn zu noch mehrern Leiden verur⸗ theilt?“ Dieſer Blick war ihren Kindern ſtets unwiderſtehlich geweſen, und hatte ſie, ſchon in ihrer fruͤhſten Jugend, wieder an den Buſen ihrer Mutter zuruͤckgefuͤhrt.— Auch James Herz fand ſich jetzt ſo ergriffen, daß er ſie bei der Hand faßte und in Thraͤ⸗ nen autsbrach. 1 12 S wanzig ſtes Kapitel. Gewiß iſt der Kampf zwiſchen Pflicht und Neigung fuͤr ein edeldenkendes Herz der ſchwerſte unter allen. In dieſer Lage befand ſich der junge Walkinſhaw, und in dem Moment, in II. Thl. 11 — 162— welchem er die Hand ſeiner Mutter ergriff⸗ hatten, ohne Zweifel, ſeine kindlichen Pflichten die Oberhand uͤber ſeine Liebe gewonnen. „Liebe Mutter,“ ſagte er,„verfuͤgen Sie uͤber mich nach Gefallen. Als ich mich uͤber die ſchlechte Meinung erzuͤrnte, welche mein Oheim von mir zu hegen ſchien, da vergaß ich Ihrer und dachte nur an mich. Jetzt aber fuͤhle ich, daß meine erſte Pflicht der Welt gehoͤrt, und die allererſte meiner Fami⸗ lie.— Ach, häͤtte ich Helene Fraſer nie ge⸗ kannt!“ „Dein Wunſch, lieber Sohn, lehrt mich was ich zu thun habe.— Rein, James, ich kann weder verlangen, noch erwarten, daß meine Kinder ſich fuͤr mich aufopfern ſollen;— denn ich halte es fuͤr das groͤßte Opfer, wenn das Herz ſich gegen den Gegenſtand empoͤrt, mit dem es ſich verbinden ſoll. Aber mein Leben war ſeit langer Zeit ein kummervolles, daher iſt es begreiflich, daß ich bei der An⸗ näherung einer neuen, noch finſterern Wolte bebe. Ich verlange jedoch nicht, daß Du bei Deinem Oheim bleiben ſollſt, und widerſetze jetzt ſo ſehr niederſchlaͤgt.“ mich eben ſo wenig Deinem Vorſatz, in's Aus⸗ land zu gehen;— doch erſuche ich Dich, nichts zu uͤbereilen. Erwaͤge den Schmerz, die Sor⸗ gen und die Demuͤthigungen, welche ich und Dein Vater erduldeten, und bedenke, waͤreſt Du mit Helenen verbunden,— vorausgeſetzt, ihr Vater willigte in eine ſo uͤbereilte Hei⸗ rat,— welches Loos ſie befallen würde, wenn Du, gleich Deinem Vater, fruͤh dahingerafft werden ſollteſt. Der Gedanke an das, was ich ſelbſt mit Euch und für Euch, Kinder, gelitten habe, iſt es, was meine Lebensgeiſter „Wuͤnſchen Sie, daß ich nach Glasgow zurückkehre?“ fragte Walkinſhaw, mit aͤngſt⸗ lich bewegter Stimme. „Nein, nicht eher, bis Du ſelbſt fuͤhlſt, daß es ohne Herabwürdigung geſchehen koͤnne. Denn ſo bitter auch mein Kelch war, lieber James, und ſo wenig ich mich ſtark genug fuͤhle, gegen den Sturm zu kaͤmpfen: ſo werde ich doch nie meinem Sohne rathen, einen Schritt zu thun, welcher ihn in ſeiner eigenen Meinung herabſetzt. Der Himmel weiß, daß 11* — 164— wir demuͤthigende Kraͤnkungen in Fuͤlle in die⸗ ſer Welt erdulden muͤſſen, daher duͤrfen wir uns keine ſelbſt ſchaffen. Kannſt Du Deinem Oheim nicht mit aufrichtigem Blick und un⸗ befangenem Herzen in's Auge ſchanen⸗ 5 kehre nicht zuruͤck.“ „Dann bin ich ſicher, daß es nie geſchieht“ erwiederte Walkinſhaw.„Dadurch, daß er es wagte, ſo niedrig von mir zu denken, fühle ich meinen Charakter beſchimpft; und det rechtliche Mann verzeiht leichter eine Belti digung, als eine ſchlechte Meinang, die man von ihm hegt.“ „Wenn Du aber nicht zu ihm zuruͤckte ren willſt, ſo wird es Dir vielleicht nich ſchwer werden, eine Stelle bei einem andern Komptoir zu finden?“* „Kehre ich nicht auf das ſeinige uris ſo verlaſſe ich den Ort lieber ganz. Glasgot geſiel mir nie, und jetzt noch weit wenigen als ſonſt. Kurz, mein Vorſatz iſt, wo nig lich nach Amerika zu gehen.“ 3 „Gehe, wohin Du willſt, lieber Sehn 1 — 165— Mein Segen und meine Thraͤnen ſind Alles, was ich Dir geben kann. 6O: 12 „Sie billigen alſo meinen Wunſch, nach Amerika zu gehen?“ „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, lieber James.— Es iſt eine ſchwere Auf⸗ gabe füͤr eine Mutter, wenn man ihr zumuthet zu ſagen, ſie billige es, daß ihr Kind ſich in Gefahren ſtuͤrzt.“ 2 „Was wuͤrden Sie dazu Sann ſ wenn ein Krieg wuͤthete, und ich eine Stelle in dem Heere erlangt haͤtte?“ „Das Nämliche, was ich jetzt ſage. Auch wuͤrde es mir nicht ſchmerzlicher ſein, Dich in's Feld ziehen zu ſehen, als Dich den Ge⸗ fahren der Welt ausgeſetzt zu wiſſen. Ich moͤchte ſogar behaupten, daß ich das Erſtere noch weniger fuͤrchten wuͤrde; denn bei allen ſeinen Gefahren, verleiht der Stand eines Kriegers einem jungen Manne eine gewiſſe Selbſtſtaͤndigkeit, welche, wenn er am Leben bleibt, ihn zu einem Ehrenmanne macht.“ „Ach, waͤre es nur Krieg!“ rief Walkin⸗ — 166— ſhaw mit ſo großem Eifer, daß jelbſ sne Mutter laͤcheln mußte. ect Frau Eadie, welche eben in's Zimmer trat, unterbrach die Unterredung. Die kluge Frau bemerkte ſogleich, daß etwas Ungewöͤhnliches die Ruhe ihrer Freundin geſtort hatte, und ſirirte den jungen Mann einige Augenblicke mit ſtrengem und imponirendem Ernſt. Seine Mutter gewahrte dieſen Blick und hielt s daher fuͤr gut, ſi ie in's Geheimniß zu diehen. Frau Eadie horchte, mit einer Art von richterlicher Wuͤrde und Heiterkeit, auf die Erzaͤhlung vom Vorſchlage ſeines Oheims, und auf den Entſchluß des jungen Mannes, ſein Vaterland verlaſſen zu wollen. Als Frau Walkinſhaw geendet hatte, ſagte ſie: „Wir ſahen alles dieſes zum Voraus, und ich verwundere mich nur daruͤber, daß Sie ſic jetzt, da die Sache zur Wirklichkeit gediehen iſt, ſo ſehr betruͤben können. Mir traͤumte in der verwichenen Nacht, Sie, Frau Wal⸗ kinſhaw, waͤren geſtorben und laͤgen in ihr Leichentuch gehuͤllt. Mir duͤnkte, ich ſaͤße ne⸗ ben dem Leichnam und ſei, obgleich traurig dennoch auf eine ſeltſame Weiſe vergnuͤgt. In dieſem Augenblick trat mein Vetter Glen⸗ gael in's Zimmer, ein großes altes Buch mit meſſingnen Klammern unter dem Arme tra⸗ gend. Dieſes Buch reichte er Helenen Fraſer, welche, wie ich ſah, gleichfalls gegenwaͤrtig war. Sie oͤffnete es und deutete ihrem Vater eine beſondere Stelle an, welche er laut vorlas; und als er inne hielt, ſah' ich, daß Sie ſich von ihrem Lager erhoben, ihr Leichentuch von ſich warfen, reichgekleidet erſchienen, ein froͤh⸗ liches Anſehen hatten und Hochzeitshandſchuhe an den Haͤnden trugen. Bloß um Ihnen dieſen Traum von guͤnſtiger Vorbedeutung zu erzaͤhlen, kam ich ſo fruͤh hierher; denn ich zweifle nicht im Mindeſten, daß durch Glen⸗ gaels Beiſtand Ihr Schickſal eine gluͤckliche Wendung nehmen wird. Betruͤben Sie ſich deßhalb nicht zu ſehr uͤber James Mißhellig⸗ keiten mit ſeinem Oheim, denn Sie duͤrfen üͤberzeugt ſein, daß gerade dieſe das Gluͤck Ihrer Familie befoͤrdern werden;— gewiß iſt's aber, daß vorher ein Todesfall eintreten wird.“ — 168— Obſchon der junge Mann hinlaͤnglich be⸗ kannt war mit den ſibylliniſchen Weiſſagun⸗ gen der Frau Eadie, welche er ſtets mit Ach⸗ tung behandelte: ſo konnte er ſich dennoch des Lachelns uͤber den Ernſt, mit welchem ſie die⸗ ſelben ausſprach, nicht enthalten und ſagte: „Bei alle dem ſehe ich nicht ein, was Ihr Traum mit mir zu ſchaffen hat.“) „Das koͤnnen weder Sie, noch ich ſelbſt einſehen,“ erwiederte Frau Eadie mit feier⸗ lichem Ernſt.„Aber daraus folgt noch nicht, 4 daß keine Verbindung zwiſchen Ihnen und dem Traume Statt ſinden ſollte. Lieber James,⸗ die Raͤder des Weltſyſtems arbeiten im Ver⸗ borgenen, und es erfordert die Gabe des Sehers, um entdecken zu koͤnnen, was vorgehen wird⸗ obgleich jedes Auge die Anzeichen deutlich er⸗ blickt. Doch,“ ſprach ſie zu Frau Walkin⸗ ſhaw,„mir faͤllt ſo eben ein, daß ich, bei Ihrer gegenwaͤrtigen Lage, an meinen Vetter ſchreiben ſollte. Der Beſitz von Glengael verſchaffte ihm einigen Einfluß auf die Regie⸗ rung, und durch dieſen koͤnnte er aleißt Ihrem Sohne nuͤtzlich werden.“ — 169— Dieſes guͤtige Anerbieten floͤßte dem jun⸗ gen Wgllinſhaw neue Hoffnungen ein, und erleichterte ͤcuagkalls einigermaßen das Herz ſeiner Mutter. Beize druͤckten ihre Dank⸗ barkeit aus, und James ſagte freudig, er ſei nunmehr uͤberzeugt, daß ihr Traum bald in Erfuͤllung gehen werde. Sie aber erwiederte feierlich:„Nein! obſchon Glengael fähig iſt, Ihnen, durch ſeinen Einfluß, nuͤtzlich zu werdent ſo kann doch nur die Hand des Todes das Traumgeſicht erfüllen. Doch wollen wir, fuͤr jetzt, nicht weiter uͤber dieſen Gegenſtand reden. Ich werde noch heute an Herrn Fraſer ſchreiben und ihn fragen, auf welche Art er am beſten unſere Wünſche erfuͤllen kann.“ Miittlerweile hatte die alte Leddy Walkin⸗ ſhaws frühes Weggehen durch ihre Magd er⸗ fahren, und fand ſich daher bewogen, auf das Komptoir ihres Sohnes ſagen zu laſſen, man möge den Laird, ſobald er zur Stadt komme, zu ihr ſenden. Dieß war jedoch uͤberfluͤſſig, denn ihr Sohn, welcher eine eben ſo unruhige Nacht zugebracht hatte, als ſein Neffe, war ſchon mit Robina, die den Tag bei einer — 170— Freundin zubringen wollte, in ihrem Zimmer, ehe der nach ihm geſchickte Bote zuruͤckkehrte. Warum Robina einen ſo unfreundlichen Tag zu ihrem Beſuch wählte, muͤſſen wir der Scharfſicht unſerer Leſer zu errathen uͤberlaſſenz aber ſie ſchien verlegen und außer Faſſung zu ſein, als ihre Großmutter ihr ſagte: ſie er⸗ warte den Laird von Dirdumwhamle und deſſen Gattin zum Mittagseſſen, und hinzuſetzte: „Du, liebes Binchen, koͤnnteſt wohl auch hier bleiben, denn Walky,— ſo nannte ſie Wal⸗ kinſhaw, den Sohn des Ehepaars,— wird vermuthlich mit ſeinen Aeltern kommen; und wenn Du den einen Better nicht kriegen kannſt, ſo kannſt Du nach dem andern angeln.“ „Dazu iſt ſie hoffentlich zu vernuͤnftig,“ rief der Laird.„Walkinſhaw Milrookit hat kein Vermoͤgen.“ „Und was hat James Walkinſhaw?“ e ent⸗ gegnete die Leddy.„Wahr und wahrhaftig⸗ Juͤrgen, ob ich ſchon geſtehen muß, daß Du ſchlau und liſtig biſt: ſo kann man doch nicht⸗ leugnen, daß Dir nicht auch Deines Vaters Hummel uͤher Vorfahren und Ahnengeſchlech⸗ =— 171— ter im Kopf herumſchwaͤrmen; und bei der⸗ gleichen Thorheiten kommt nichts Geſcheidtes 'raus. Lieb' Binchen, aͤrger' Dich nur nicht uͤber Deines Vaters Mucken; und kannſt Du Walkys Herz mit Deinen Aeuglein herbeihä⸗ keln, ſo will ich Dir gern huͤlfreiche Bune leihen.“ „Mutter!“ rief Georg heftig, 7, er⸗ ſtaune, daß Sie auf eine ſo leichtſinnige Art mit dem Maͤdchen reden koͤnnen. Ich habe meine guten Gruͤnde, mich ganz entſchieden einer ſolchen Verbindung zu widerſetzen. Und ob ich gleich fühle, daß James mich übel be⸗ handelte, und ſein halsſtarriges Betragen mein ſtrengſtes Mißfallen verdient: ſo halte ich es dennoch fuͤr Pflicht, mir alle Muͤhe zu geben, die Heirat zwiſchen ihm und Robina zu Stande zu bringen. Waͤre ihr Herz gäͤnzlich frei ge⸗ weſen, ſo wuͤrde ich mich der Sache vielleicht mit weniger Waͤrme angenommen haben. Da ich aber jetzt weiß, daß nur ſeine Kälte ſie verhinderte, Neigung fuͤr ihn zu fuͤhlen: ſo wuͤrde ich meinen väͤterlichen Pflichten ent⸗ gegen handeln, wenn ich nicht jedes Mittel verſuchen wollte das Gtüge meines Kindes hi befurdern. Waͤhrend dieſer Rede ſchien Robina zwar verlegen, doch blickte auch ein gewiſſes inneres Wohlbehagen hindurch. Die Großmutter ſtemmte aber die Hande in ihre Seiten, blickte ihre Enkelin mit forſchenden Augen an und ſprach, wie folgt: „hoͤr' mal, Binchen Wakenſhan uugſe wär's moͤglich, daß Du Deinen Vater und mich, mit Deiner Maſkerade, ſo lang' an der Naſe haͤtteſt'rumfuͤhren koͤnnen? Wenn ich aber noch ein Paar geſunde Augen im Kopfe hab', ſo iſt's ſo wahr, wie daß der Teufel in der Stadt Dublin umhergeht, daß ich laͤngſt Deinen Abſchen gegen James Walkinſhaw entdeckte. Laß' Du Deinen Vater nur glau⸗ ben, was ihm beliebt,— ich verſteh' das Ding beſſer. Doch, Juͤrgen, was ſollen wir mit dem Springinsfeld anfangen, der zu ſeiner Mut⸗ ter gelaufen iſt? Die arme Frau kann ihm ja nicht einmal einen Mehlbrei vorfetzen. Et⸗ was muß doch geſchehen, wegen Deiner Flir⸗ ren, ein neues Reiß auf den Stammbaum der — 173— Walkinſhaws von Kittleſtonheugh pfropfen zu wollen, von dem mir ſchon ſeit vierzig Jah⸗ ren die Ohren weh' thun, ſo daß ich mit dem Pfalmiſten ſagen kann: Dein Geſchlecht be⸗ truͤbt meine Seele. Du kannſt nichts Geſcheidte⸗ res thun, als auf der Stelle nach Camrachle fahren, den Burſchen am Ohre zuruͤckfuͤhren und mit der Naſe an das Pult nageln.“— Dem Laird leuchtete dieſer weiſe Rath ein, und nach noch einigen Bemerkungen begab er ſich wirklich auf den Weg nach Camrachle, mit dem feſten Vorſatze, alles Erſinnliche zu verſuchen, um die Liebe und Dankharkeit ſei⸗ nes N ſſen auf's Neue zu gewinnen. Ernuns wanstgftes Kapitel. 4 SSabals der Wagen abgefahren war, naht. die Leddy das Geſpraͤch mit Whres Enkelin wieder auf. „ Jetzt, Binchen Walkinſhaw,“ ſagte ſe, „muß ich Dich doch etwas ſcharf in's Gebet nehmen. Nach der Unterredung, welche wir letzthin miteinander hatten, wirſt Du mir doch nicht weiß machen wollen, daß Du nicht Sand — 114— in Deines Vaters Augen geſtreut haͤtteſt? Deßhalb verlange ich jetzt von Dir, daß Du mir geſtehen ſollſt, was aller der Schwarz⸗ kuͤnſtelei und Hexerei, die Du getrieben haſt, zum Grunde liegt. Mit was fuͤr einem Gal⸗ genſtrick hat die Mamſell ſcharmirt, daß ſie uns blind machen will?— Wer iſt's?— Ich will's wiſſen!— Denn mich wirſt Du nicht glauben machen, daß nichts hinter Dei⸗ ner Spiegelfechterei ſtecken ſollt'.“ „Sie ſagten,“ antwortete Robina erroͤ⸗ thend und laͤchelnd,„Sie wollten mir huͤlf⸗ reiche Hand leihen, um Walkinſhaw Milroo⸗ kit zu fangen.“ „Potztauſend Kuckuk! da geht mir ein dicht auf!“ rief die Leddy, warf ſich in ihren Stuhl zuruͤck und erhob, voll Verwunderung, ihre Hände und Augen.„Aber, Binchen Walkinſhaw, Du biſt eine ſchlaue Hexe! Dein Vater war alſo die ganze Zeit uͤber ſo blind und einfältig, wie der dumme Teufel, dem ſein Weib weiß macht', ihres Galans Pferd waͤr' eine Milchkuh, die ihr's Muͤtterchen ge⸗ ſchickt haͤtt'; und waͤhrend er in eins fort ſpintiſirte und auspunktirte, wie er Dich, oder vielmehr ſeinen Mammon, mit Vetter James zuſammen ſchmieden koͤnnt': ſtecktſt Du im Winkel und ſcharmirteſt mit Walky Mil⸗ rookit? In was fuͤr einem Romanhiſtorien⸗ buch lernte die Mamſell die Lektion? So alt ich bin, moͤcht' ich's ſelbſt noch gern leſen. Doch, Binchen, da mir ein Enkel ſo lieb iſt als der andere, ſo will ich mein Wort halten; und wenn Dirdumwhamle und Dein Tantchen heut' mit Deinem Herzblaͤttchen hier ſind, ſo wollen wir unſere weiſen Koͤpfe zuſammen⸗ ſtecken, von wegen der Heirat. Dann mag Dein Vater ſeinen Blaſebalg in Bewegung tzen, ſo viel er will, und mit dem Beſen den Takt ſchlagen zu irgend einem Kriegsgeſang ſeiner alten papiſtiſchen, paternoſteriſchen, lang' rfaulten Vorfahren, die,— Gott behuͤt: uns!— ſo viel ich davon weiß, ſchon Schwefel⸗ ſuppe mit dem Teufel fraßen, ehe Adam und Eva auf die Welt kamen. Methuſalem war gewiß ſo eine Art von Geſchwiſterkind von dem neunhundert und neunundneunzigſten Wal⸗ kinſhaw von Kittleſtonheugh.— Aber, Bin⸗ chen, Du biſt doch eine kleine dumme, falſche Wetterhexe, daß Du mich ſo im Finſtern tap⸗ pen ließt, da ich Dir ſo viele ſchoͤne Gelegen⸗ heit haͤtt' ſchaffen koͤnnen, mit Walky zu ſcharmiren. Doch ſollſt Du Gnade vor mei⸗ nen Augen finden, und ich will wie eine guͤ⸗ tige, liebevolle Großmutter, wie ich gegen alle meine Enkel war, an Dir handeln. Nur dacht' ich nie, daß ich mich noch in ſo eine Clariſi) Harlot Mariage miſchen müßtz. „Was würde aber dann werden, wenn 65 b meinem Vater gelingen ſollte, den Vettet James fuͤr ſeine Wuͤnſche zu ſtimmen? Mein Lage wuͤrde alsdann die ungluͤcklichſte ſein ſagte Robina. 5 „Ja, wenn ſich das ſo fuͤgen ſollt',“ e wiederte die Leddy,„dann wuͤßts ich nicht z helfen. Denn Du weißt, daß ich mich dann auf Deines Vaters Seite ſchlagen muͤßt'. Und da mir, wie ich ſchon ſagte, James ſo lieb iſt wie Walky: ſo müͤßt’ ich Dir ſchon zu je⸗ nem helfen, was auch nicht ſchwer halten wir,⸗ da Du Deinem Vater weiß machteſt, Du mit Dir ſprechen, und will nicht hitzköpſig werden. Aber was ich ſagen koͤnnt, laͤßt ſich in Deinem Strickſtrumpfe ſo geſchwind als haͤtteſt den James bis zum Freſſen lieb, und da mußt Du Dich ſchon fuͤgen lernen./) Da Robina die Verachtung bemerkte, mit welcher ihre Großmutter ihre Neigung behan⸗ delte, erſchrak ſie nicht wenig, ſchlug die Haͤnde zuſammen und rief:„Der Himmel ſei mein Schutz! Ich bin ein ungluͤckſeliges, zu Grunde gerichtetes Geſchoͤpf!“ „Ja⸗ wenn da der Hund begraben liegt, Binchen, dann bleibt mir nichts weiter zu thun uͤbrig, als Dir die gefallenen Maſchen moͤglich wieder aufnehmen zu helfen.“ „Was meinen Sie damit? Auf was ſpie⸗ len Sie an?“ rief die beſtuͤrzte Jungfrau. „Binchen Walkinſhaw, ich will ganz ruhig nicht mit Worten ausſprechen, Du jeruſale tiſches Kebsweib, daß Du ſo eine ſchrei Suͤnde uͤber die Familie bringſt! O Weib!— aber Du biſt eine einfältige Nymph. und das ſchwarze Duutachen iſt noch zu gut fuͤr Dichl, II. Thl, 12 — 18— Robina war ſo entſetzt uͤber die Beſchul⸗ digungen und Schmaͤhreden der alten Ma⸗ trone, daß ſie kaum zu athmen vermochte. „Da aber nunmehr nicht zu helfen ſteht,“ fuhr die Großmutter fort:„ſo muß ich's Deinem Vater beibringen, ſo gut ich kann; und wenn wir Nachmittags zuſammen ſind, den Pfarrer holen laſſen und eine unregel⸗ maͤßige Mariage deklariren,— ein Ungluͤck, das ſich noch nie in meiner Familie zutrug.“ Unfaͤhig, ihre Gemuͤthsbewegung laͤnger zu bekaͤmpfen, fuhr Robina von ihrem Sitze auf und rief:„Hoͤren Sie mich um's Himmels willen an! eeſchonen Sie mich mit ſo ab⸗ ſcheulichem—"²4) 2 „Verſchonen!“ unterbrach die Ledd) im zornigſten Tone.„Waͤrſt Du meine Tochter, wie Du nur meine Enkelin biſt, ſo wollt' ich zich ſchoͤn verſchonen, Du iſraelitiſche Stra⸗ ymphe oder babyloniſche Dirne! Aber der hmuth verlaͤßt ſeinen Herrn nie ohne Ge⸗ ſtank. Deinem Vater geſchieht ſchon recht,— warum wollt' er, bei Deiner Erziehung, nie meinem Rath folgen. Anſtatt Dich in eine 179 eine Gouvernante von Mancheſter, in Eng⸗ land, fuͤr die Mamſell geholt werden, die den Kopf voll gemachter Blumen trug, die Bak⸗ ken ſchminkte, wie die Koͤnigin Jeſabel, und das Maul ſo voll Hochengliſch nahm, daß man eher das Gewaͤlſche vom habyloniſchen Thurm verſtehen konnt', als ſte. ni. 14 21„Gerechter Himmel! wie ſind Sie in die⸗ ſen Irrthum verfallen?“ ſagte Robina, welche ihre Faſſung wieder ſo weit erhalten hatte, daß ſie ſich kaum des Lachens enthalten konnte. e„Binchen, Binchen! Du magſt es einen Irrthum nennen, aber bei mir iſt's Suͤnde und Schande. Ach, daß noch in meinem Al⸗ ter mein Wappenſchild ſo befleckt werden mußti! Und was wird Deine arme, ſchwaͤch⸗ liche Mutter zu Deiner Schandthat ſagen? Lange, lange ſaß ſie ſchon am Rande des Grabes, und dieſer harte Schlag änzt ſte gewiß hinein!“ Robina, welche nunmehr ihre ganze Faſ⸗ ſung wieder gewonnen hatte, rief endlich mit vollem Ernſt:„Wie war es moͤglich, daß 13* 1 — 480— Sie dem, was ich ſagte, eine ſo haͤßliche Deu⸗ tung geben konnten?“ a Die Leddy war jetzt in eine Thränenflut muegeſsochen⸗ und ſuchte ihr Taſchentuch, um die Augen zu trocknen. Aber uͤberraſcht von der Feſtigkeit, mit welcher ihre Enkelin ſprach, beugte ſie ſich vorwaͤrts, blickte auf, behielt die eine Hand in der Taſche und ſtemmte ſich mit der andern auf den Arm ihres Seſſels. „Ja,“ fuhr Robina fort,„Sie ſind in einen großen Irrthum verfallen, und ob ich mich gleich ſchmerzlich gekraͤnkt fuͤhle, daß Sie, auch nur fuͤr einen Augenblick, eine ſo niedrige Meinung von mir hegen konnten: ſo kann ich mich doch kaum des Lachens enthalten.“ Doch obſchon die Leddy ohne Zweifel ſeht vergnügt daruͤber war, nunmehr gewiß zu ſein, daß ihr Jammer ohne Grund war: ſo häͤtte ſie, um nicht Unrecht zu behalten und ihrer Wuͤrde nichts zu vergeben, vielleicht dennoch gewuͤnſcht, es moͤchte wenigſtens etwas Wah⸗ res an der Sache ſein, denn ſie ſagte: „Es freut mich, Dich ſo reden zu hoͤren, Binchen. Aber mein Irrthum war ein ſeht — 181* nakürlicher; denn wer kann in dieſen Roma⸗ nen⸗ und Komoͤdiantenſchauſpieler Zeiten fuͤr etwas ſtehen? Doch iſt's mir lieb, daß es nicht ſchlimmer iſt; aber das mußt Du doch geſtehen, daß Dein heimliches Gemunkele, mit Walky Milrookit, Anlaß zu Verdacht geben mußt'; und ich halt' es mithin fuͤr's Beſte, daß ihr Euch, ſobald als moͤglich, zuſammen thut, ohne Deinen Vater lange vorher damit zu aͤrgern; denn wenn ſein Stampfen und Toben einmal voruͤber iſt, ſo kommt er wieder zu ſich ſelbſt und macht uns Alle vergnuͤgt.“ Die Unterredung wurde auf dieſe Weiſe fortgeſetzt, bis Frau Milrookit mit ihrem Gatten und Sohn ankam. Wir gaben bereits dem Leſer einen Wink, daß der junge Milrookit ſeinem Vetter James, in Geſtalt und aͤußerem Betragen, wenig nach⸗ ſtand; aber ob er gleich Robina aufrichtig liebte, ſo hatte er doch zu viel von ſeines Va⸗ ters Sauerteig geerbt, als daß nicht die Aus⸗ ſicht, dereinſt durch ſie zum Beſitz von Kittle⸗ ſtonheugh zu gelangen, ſeine Leidenſchaft haͤtte vermehren ſollen. — 182— Auch ſein Vater wünſchte, aus gleicher Urſache, eine Verbindung zwiſchen ihm und Robinen ſo ſehnlich, als der Vater der letztern dieſe zwiſchen ihr und James herbeizufuͤhren ſuchte; und aus eben dieſem Grunde erzog et ſeinen Sohn zur Landwirthſchaft, damit er Kittleſtonheugh dereinſt deſto beſſer verwalten koͤnnte. Es iſt deßhalb uͤberfluͤſſig zu erwaͤhnen, daß, als die Großmutter ſagte,„Robina und ihr Geliebter moͤchten ſich in einem andern Zimmer ein Plaiſir machen,“ und dieſe den Wink freudig befolgten, Dirdumwhamle mit Eifer auf den Plan einging, die beiden ver⸗ liebten Dinger— wie er ſich ausdruͤckte— glüͤcklich zu machen. Doch was ſich weitet zutrug, verdient ein neues Kapitel. Zweiundzwanzigſtes Kapitel „Wahrlich, Schwiegermama,“ ſagte der Laird von Dirdumwhamle, als dieſe ihm er⸗ zaͤhlte, auf welche Weiſe ſie Robinens Lieb⸗ ſchaft mit ſeinem Sohn entdeckt hatte: „wahrlich, Art laͤßt doch nicht von Art. Auch ich dacht' immer, daß hinter der Bet⸗ — 183— terſchaft was ſteckte. Da ich aber oft von der großen Affaire hoͤrte, daß mein Schwa⸗ ger ſie mit James zuſammenkuppeln wollt': ſo wollt⸗ ich ihm nicht in den Handel fallen. Wenn's aber ſo ordinirt iſt, daß ſie den Walky vorziehen muß: ſo halt' ich's fuͤr keine Suͤnde, wenn wir die jungen Dinger ſo ein Bißchen in's Brautbett ſchieben helfen.“ „Meiner Meinung nach,“ fiel ſeine Gat⸗ tin ein,„waͤre es kluͤger und freundſchaftlicher, wenn man zuvor abwartete, wie weit Robinens Vater mit James kommt. Denn giebt dieſer auch nach, ſo iſt dadurch die Heirat noch immer nicht geſchloſſen, und es bleibt ihr noch unverwehrt, ihre Neigung fuͤr Walky zu ge⸗ ſtehen.“ „Grethel,“ erwiederte die Leddy,„Du ſchwatzeſt wie eine der thoͤrichten Jung⸗ frauen,— Du verſtehſt's nicht. Dein Bru⸗ der Juͤrgen iſt gerade wie ſein Vater, und nichts in der Welt kann ihn von ſeinem Borhaben abbringen. Hat er es einmal da⸗ hin gebracht, daß James nachgiebt, ſo wird er Robina bald zu baͤndigen wiſſen, und was — 4814— wird dann aus Deinem Walky?— Nee, nee, Dirdumwhamle, kehrt Euch nicht an ſie, ſie hat keine Gruͤtze im Kopf. Ihr und ich muͤſſen das Schifflein in dieſem Sturme ſteuern.. Ihr habt Erfahrung in Eheſtandsaffairen, da Ihr ſchon drei Weiber nahmt; und ich bin eine alte Frau, die nicht ſechsundſiebenzig Jahre auf dieſer ſchnoͤden Welt wandelte, ohne den Trinkſpruch zu hoͤren: Vivat Liebe und Ge⸗ legenheit! Nun, die Liebe iſt parat, und die Gelegenheit wollen wir ſchon machen. Waͤr' etwas geweſen, was ich heut' argwohnte, ſo will ich nicht ſagen, was ich gethan haͤtt'. Es war mein Vorſatz, einen Pfarrer oder eine Magiſtratsperſon rufen zu laſſen, und eine unregelmäͤßige Heirat zu deklariren, ob⸗ ſchon unſere Herzen dabei geblutet und unſere Angeſichter ſchamroth geworden waͤren. Num Laird, Ihr ſeid ein weiſer Mann, und denkt Ihr nicht auch, daß, ob wir ſchon dieſe Schande nicht erlebten, wir dennoch die Sache auf dieſem Wege in Ordnung bringen koͤnnten? Grethel, ich ſag' Dir, daß das keine Suͤnde ſein kann; denn gebietet uns nicht die Schrift: — 485— ſeid fruchtbar und mehret euch? und was wir herbeizufuͤhren gedenken, iſt ja eine Hei⸗ rat, welche der natuͤrliche Weg iſt, die Erde mit Menſchenkindern zu fuͤllen.“ So eifrig auch der Laird dieſe Verbindung wuͤnſchte, ſo fuͤrchtete er dennoch die Folgen eines ſo uͤbereilten Verfahrens. Anſtatt alſo ſogleich in den Vorſchlag ſeiner Schwieger⸗ muttter einzuwilligen, ſagte er ſcherzend: „Sachte, ſachte, Mutterchen! Den armen jungen Dingern, dem Walky und der Robina, koͤnnt' es ſchon gut zu Geſicht ſtehen, wenn ſie ſo eine Winkelmariage machten; aber Sie und ich duͤrfen nicht die Hand dabei im Spiele haben. Wahr iſt's, daß ich nichts gegen die Heirat hab' und ihnen gern auf eine ruhige Art dazu helfen möcht', aber zu ſo etwas iſt die Sache noch nicht reif genug.“ „Es freut mich, Dich ſo reden zu hoͤren,“ fiel Frau Milrookit ein.„Denn wahrlich, meine Mutter ſcheint ganz närriſch auf dieſe Heirat verſeſſen; und wird die Sache ſo raſch angefangen, ſo kann nichts Gutes dabei her⸗ auskommen. Mein Bruder wuͤrde große Ur⸗ — 186— ſache haben, ſich zu beklagen, wenn mein Mann Antheil an einer ſolchen Verſchwoͤrung naͤhme.“. Der Leddy geftel es nie, ibre Meinung in in Zweifel gezogen zu ſehen, und am wenigſten von einer Perſon, deren Verſtand ſie dem ahrigen ſo untergeordnet glaubte. „Wahr und wahrhaftig, Grethel,“ ant⸗ wortete ſie,„Du biſt ein unverſchaͤmtes Ding, daß Du Dich unterſtehſt, Dein Maul ſo ge⸗ gen Deine Mutter, die Dich unter ihrem Herzen trug, aufzureißen. Sollt' ich, die bald die Achtzig auf dem Ruͤcken hat, nicht Recht von Unrecht zu unterſcheiden wiſſen, daß Du mir vorwerfen darfſt: ich haͤtt' mei⸗ nen Verſtand verloren, weil ich in dem Wein⸗ berge Deiner Familie arbeiten will? Dirdum⸗ whamle, Euer Weib iſt meine Tochter, und es iſt mir leid, ſagen zu muͤſſen, was Iht ſchon aus Erfahrung wißt, daß ſie bei aller ihrer Haͤuslichkeit, die auch nicht weit her iſt doch ein dummes Geſchoͤpf iſt. Wozu ſollen alſo wir beide mit ihr, die die albernſte Gans iſt, welche je aus den Händen des Schoͤpfers — 187— kam, zu Rathe ſitzen? Naͤrriſch, ſagte ſie d Das iſt ein ſchoͤnes Wort, um es der alten Mutter in den Bart zu werfen. Doch, ſie verdient nicht, daß ich mich laͤnger uͤber ſie aͤrgere. Aber, Grethel Walkinſhaw, oder Frau Milrookit, ob Du ſchon hier vor Deinem Eheherrn ſtehſt, ſo ſag' ich Dir doch, daß, wenn Du Dich noch einmal unterſtehſt, mei⸗ nen Verſtand anzugreifen, ſo will ich Dir zeigen, was es heißt, ſeine Mutter zu blasphe⸗ miren;— huͤt' Dich alſo! Um nun wieder auf unſern Diskurs zu kommen, ſo iſt's meine Meinung, Dirdumwhamle, daß wir uns einer Winkelmariage nicht entgegenſetzen ſollen. Wollt Ihr den Pfarrer nicht durch Euren Sohn beſtellen laſſen, ſo thu' ich's ſelbſt; und je eher es geſchieht, je fruͤher werden wir mit Binchens Vater fertig.“ Der Laird war zwar uͤber den Eifer der Leddy entzuͤckt, entgegnete jedoch:„Thun Sie, was Ihnen beliebt, Mutterchen, aber ich will mir die Finger nicht verbrennen. Sie muͤſſen die ganze Schuld auf ſich nehmen.“ „Doch werdet weder Ihr, noch das un⸗ — 188— ehrerbietige, naſeweiſe Ding da, Euer Weib, Euch weigern, bei der Trauung gegenwärtis zu ſein?“ „Wahrlich, Mutterchen, ganz ſchlag ichs nicht ab, doch ſchwank' ich noch,“ erwiederte Dirdumwhamle. „Wenn ſie heute und in dieſem Hauſe ge⸗ ſchieht, lieber Mann, ſo wuͤrde es uns uͤbel ausgelegt werden, wenn wir nicht gegenwaͤr⸗ tig ſein wollten,“ ſagte Frau Milrookit. „ Nun, das iſt doch noch ein geſcheidtes Wort, Grethel,“ rief ihre Mutter trium⸗ phirend.„Das heißt doch noch wie eine vernuͤnftige, chriſtliche Mutter geſprochen. Das waͤr' ja auch wie das Heidenvolk gehandelt, wenn die Aeltern des Braͤutigams im Hauſe waͤren, wuͤßten was vorgeht, ſaͤhen es gern, und ſetzten ſich dann in eine andere Stube und ſchnitten truͤbe Geſichter. Hinweg mit ſo einer weltlichen Heuchelei, Dirdumwhamle! Laßt uns aber die Zeit nicht verplaudern, denn Euer Schwager wird bald von Camrachle zuruͤck⸗ kommen, und ich moͤcht' gern, daß vorher Alles vorbei wär', He, Leutchen! das giebt — 189— einen wahren Spaß, daß er bei einem Hoch⸗ zeitmahle ſitzt und weiß es nicht. Nun will ich gleich die Magd zum Doktor Deilfear ſchicken, denn Ihr wißt, wie viel daran ge⸗ legen iſt, daß ein orthodoxer Athem Segen uber das Brautpaar haucht; und dann will ich Binchen und Walty ſagen, daß ſie ſich ein Bißchen dazu praͤpariren ſollen.“ 8 124 „Aber wenn ſie nun berheiratet ſi ſind⸗ was ſoll dann aus ihnen werden?— Wo ſollen ſie wohnen?— Wovon ſollen ſie leben?“ fragte Frau Milrookit aͤngſtlich. h „Grethel, zerbrich Dir) den Kopf nicht mit ſolchen Kleinigkeiten,“ entgegnete ihre Mutter.„Sie koͤnnen bis nach der Verſöͤh⸗ nung bei mir bleiben, und dann wird ihnen Robinchens Vater gewiß was recht Ordent⸗ liches ausſetzen; laßt uns alſo nicht fuͤr den andern Morgen ſorgen. Aber Ihr hab't ſchöne Gaͤnſe und alle Arten von Federvieh in Dirdumwhamle, und damit auch wir was haben, das Leib und Seele zuſammenhaͤlt, ſo köͤnnt Ihr uns wohl was ſchicken. Es wird uns auch nicht verdrießen, wenn Ihr uns ſo 4 — 190— ein Spanferkelchen zukommen laßt, oder wenn Ihr einen Hammel ſchlachtet, ſo einen tuͤch⸗ tigen Braten,— und mit Brot, Butter und Eiern langt man weit im Haushalte.“ nf Als die Leddy dieſe Rede geendet hatte, ſtand ſie von ihrem Sitze auf, warf den Kopf freudig empor und rauſchte triumphirend aus dem Zimmer.. 1d asbaeh 7 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Waͤhrend dieſes vorging, kam Kittleſton⸗ heugh— wie wir den Squire Walkinſham nach ſchottiſcher Sitte nennen muͤſſen— in Camrachle an, als Frau Eadie eben im Be⸗ griff war, nach Hauſe zu gehen, um an ihren Vetter Fraſer zu ſchreiben. Frau Karl, welche den Wagen herankommen ſah, bat ſie zu blei⸗ ben; aber nach einiger Ueberlegung hielten beide Freundinnen es doch fuͤr zweckmaͤßiger, daß Frau Endie ſich entfernen und zzugleich mit ihrem Briefe ſo lange warten ſolle, bis man wiſſe, was Herrn Walkinſhaws Begehren ſei. Frau Eadie ſtand demzufolge an der Thur des Hauſes, als der Laird ausſtieg, wele „ — 491— cher, da er ſie nur wenig kannte, ſich bloß ſchweigend gegen ſie verbeugte und voruͤber gehen wollte. Aber durch einen ihrer eigen⸗ khuͤmlichen, unwiderſtehlichen Blicke bannte ſie ihn auf der Stelle feſt. i⸗ n„Herr Waltinſhaw, ſagte ſie, nnchsem ſie ihn einige Sekunden forſchend angeblickt hatte,„ich wuͤnſchte ein paar Worte mit Ihnen 95 Kedahß ehe Sie ezu Ihrer Schsgenis gehen. enictfene 5. 1 Der Lrird usepehge ſeine Einwilligung durch eine Verbeugung, ſie aber ging mit langſamen Schritten und wuͤrdevoller Haltung auf das Pfarrhaus zu;— Walkinſhaw folgte ſchweigend. Doch als ſie kaum drei bis vier Schritte gethan hatte, wendete ſie ſich um, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte: „Wir wollen lieber den Pfarrer nicht ſtoͤren, ſondern auf den Gottesacker gehen und dort miteinander reden. Die Abgeſchiedenen ſollen Zeugen von dem ſein, was 6 Ihnen laigen werde. 1 3 9 In der eerhabenen, wuͤrdevollen Geſtalt, in der ſchwermuͤthigen Phyſiognomie und der — 1492— tragiſchen Stimme der Frau Eadie lag et⸗ was ſo Gebieteriſches, daß Kittleſtonheugh, trotz ſeinem Weltſinne, ſich von Ehrfurcht durchdrungen fuͤhlte, und ſeine Einwilligung abermals nur durch eine tiefe Verbeugung kund thun konnte. Hierauf ſchritt ſie mit ihrer gewohnten Wuͤrde auf den Kirchhof zu, und begab ſich auf die Suͤdſeite der Kirche Die Sonne hatte jetzt ſchon die Morgennebel beſiegt; und beſchien das ehrwuͤrdige Gebaͤude, und die umliegenden Graͤber und vergaͤnglichen Denkmaͤler hell und klar. tO hnte r Vor dem ſuͤdlichen Thos angeiongt ſtand ſie ſtill und ſprach:„L Laſſen Sie uns hier bleiben. Hier ſcheint die Sonne warm, und die Kirche ſchuͤtzt uns vor dem Nordoſt. Ich freue mich, Herr Walkinſhaw, daß ich Ihnen begegnete, ehe Sie jenes ungluͤckliche Haus betraten. Seine Bewohner ſind zu ſchwach um gegen das Mißgeſchick kaͤmpfen zu koͤnnen. Ihre Schwaͤgerin liebt ihre Kinder zu ſehr/ als daß ſie nicht wuͤnſchen ſollte, ihr Sohn moͤchte die großen Vortheile erlangen, welche Sie ihm darboten; und auch er iſt zu gut⸗ — 1193—— muͤthig und hochherzig geſinnt, um ſich nicht ſeiner Mutter aufzuopfern. Es ſteht daher lediglich in Ihrer Gewalt, eine Familie, welche bisher vom Ungluͤck verfolgt wurde, entweder elend oder gluͤcklich zu machen.“ „Ich hoffe nicht, Madam,“ antwortete er, „daß man glauben koͤnnte, es ſei nicht mein eifrigſter Wunſch, ſie gluͤcklich zu machen. Da Sie mit dem Vorgefallenen bekannt ſind, ſo werden Sie mir zugeben, daß ich nichts Groͤßeres thun konnte, um meine Liebe zu meinem Neffen und meine Achtung fuͤr ſeine Mutter zu beweiſen, als daß ich ihm mein einziges Kind zur Gattin antrug, und ihm uͤberdieß eine ſo reichliche Ausſteuer zuſagte, als er, in ſeiner Lage, nie eine erwarten konnte.“ 1 1 Frau Eadie antwortete nicht ſogleich, ſon⸗ dern heftete ihre klaren, durchdringenden Augen, einige Sekunden hindurch, ſo feſt auf die ſei⸗ nigen, daß er ſich von deren unwiderſtehlichen Stralen abwenden mußte. Endlich ſprach ſie: „Was Sie da ſagen, mein Herr, klingt recht gut. Wenn Sie aber, eben durch dieſe II. Thl. 13 — 194— Wohlthat, das Lebensgluͤck desjenigen zertruͤm⸗ mern, welchem Sie ſie zu erzeigen gedenken; und wenn Sie bereits zum Voraus wiſſen, daß dieſes die Folge ſein wuͤrde: ſo muß et⸗ was Anderes, als Liebe zu Ihrem Neffen und Achtung fuͤr ſeine Mutter die Triebfeder ſein, welche Sie zu dieſer Beharrlichkeit anſpornt.“ So ſtandhaft und entſchloſſen Kittleſton⸗ heugh auch war, ſo lag dennoch etwas in dem Ton und dem Gehalt dieſer Rede, das n durch und durch erſchuͤtterte. „Welchen andern Beweggrund als meine Neigung koͤnnte ich haben?“ fragte er. 3 „Eigennutz!“ erwiederte Frau Eadie, mit einem Blick, welcher in das Innerſte ſeines Herzens drang.„Nichts als Eigennutz konnte einen Mann bewegen, diejenigen unglück⸗ lich machen zu wollen, ajs che er vorgiebt M lieben.“ „Mabam, ich beklage, aag Sie eine ſo uͤble Meinung von mir hegen,“ antwortate 4 er mit kaltem Stolz. 1— „Ich wuͤnſchte nicht, mich mit Ihnen in einen Streit einzulaſſen, ſondern ich wollte — 195— Sie bloß erſuchen, Ihre Wünſche fuͤr dieſe Verbindung nicht zu eifrig zu betreiben, in⸗ dem ich fuͤrchte, daß Ihr Neffe, aus Liebe und Achtung fuͤr ſeine Mutter, dahin ge⸗ bracht werden kate, 15 in dieletenzn fügen.“ n „Sie fuͤrchten das, Maam: Ich derfe Sie nicht.4 n Der Blick, weſthen Sran Eadie ihm zu⸗ warf, uͤberzeugte ihn, daß ſie ihn durchſchaute. „Herr Walkinſhaw,“ ſagte ſie, nach einer langen Pauſe und einer ſcharfen, argwoͤhni⸗ ſchen Pruͤfung ſeiner Zuͤge, nes iſt allgemein 4 bekannt, daß einigen Perſonen aus dem Ge⸗ ſchlecht meiner Mutter die Sehergabe ver⸗ liehen ward; und als ich Sie aus Ihrem Wagen ſteigen ſah, da fuͤhlte ich deutlich, wie die Kraft meiner Ahnen auf mich herab⸗ ſank. Es iſt dieſes eine heilige Erbſchaft, deren geheimnißvolle Begeiſterung mir ver⸗ bietet, meine Gefuͤhle 7 verhehlen. Sie kamen heute hierher, um— „In der That, Madam,“ unterbrach ſie der Laird muͤrriſch,„kam ich zu einem beſſern 13* — 496— Endzwecke hierher, als auf Ihre hochlͤndiſchen Maͤhrchen von Ahnungen und Weiſſagungen zu horchen. Ich muß mich Iynen empfählen.“ R Indem er dieſes ſagte, wollte er ſich hinweg⸗ begeben; aber die Dame warf ihren Shaul zuruͤck, erhob ihre Hand mit Würde eeenf ſeinen Arm und ſagte: ne nr „Bleiben Sie, Herr Wrteintbaw Dieß Ort iſt dazu geeignet, die Wahrheit zu ver⸗ nehmen.— Der Tod und das Grab hegen keine Taͤuſchung.— Das Leben und die Le⸗ benden koͤnnen uns hintergehen, aber hiet ſtehen wir unter den Aufrichtigen,— den Todten. Ihr Herz, mein Herr, fühlt die Wahrheit meiner Worte,— weder Liebe zu Ihrem Neffen, noch Achtung fuͤr ſeine Mut⸗ ter ſind die Beweggruͤnde zu der ſcheinbaten Guͤte, mit welcher Sie— ich muß aufrichtig reden— deren Untergang ſuchen!“ Die leidenſchaftlichen Geberden und die Energie, mit welcher ſie dieſes ſprach, ver⸗ liehen ihren an ſich einfachen Ausdruͤcken eine ſo furchtbare und myſtiſche Kraft, daß der entſetzte Weltmann ſie einige Zeit muü * — 497— einem Gemiſch von Ehrfurcht und Berwune derung anſtaunte. Endlich erwiederte er mit hoͤhniſchem Laͤcheln: 1 1 8i2 „Auf mein Wort, Frau Eadie, ſelbſt Ihr Gatte haͤtte nicht mit groͤßerer Beredſamkeit predigen koͤnnen. Seit langer Zeit wurde mir die Moral nicht ſo geleſen. Doch wuͤnſchte ich zu wiſſen, was Sie dazu berechtigt.“ Der ſpoͤttiſche Ton, in welchem dieſes ge⸗ ſagt wurde, empoͤrte den Stolz und das hoch⸗ ländiſche Blut der Dame. Mit majeſtaͤtiſcher Geberde hob ſie ihren rechten Arm uͤber ſein Haupt und ſprac„h ne8 „Es bleibt mir nichts weiter zu ſagen uͤbrig, als daß das Blut der Glengael mit dem Schickſale der Frau Karl. Walkinſhaw innigſt verbunden iſt. Sie aber werden, in der Stunde Ihres Todes, ſich deſſen entſinnen, vweas ich Ihnen ſagte, und mit Zittern an die⸗ ſen Ort denken, an dieſe Graͤber, welche die Pforten ſind, die zum Gerichte fuͤhren, und an dieſe Sonne, welche das Auge iſt, mit dem der Allherrſcher die Sterblichen beobachter!“ Hierauf ließ ſie ihren Arm ſinken, und — 198— ſchritt langſam an ihm voruͤber. Mit erſtaun⸗ ten und beſorgten Blicken ſah der Laird ihr bis zur Thuͤr des Pfarrhauſes nach. Doch wußte er bald ſo weit Herr uͤber ſeine Gefuͤhle zu werden, daß er ſich das aͤußere Anſehn gab, als verachte er ihre Reden; deſto mehr aber erbebte ſein Inneres vor ihren geheimnißvollen Drohungen, ſo daß er auf dem Wege zu ſei⸗ ner Schwaͤgerin in Zerſtreuung und diſe Gedanken gerieth. 12 Tn Mderunbzugeuzigſtes Fapiter 4 Frau Karl Walkinſhaw erſtaunte nicht wenig uͤber die Art, wie Frau Eadie ihren Schwager empfangen hatte. Ihr Sohn, der ſeinen Oheim vermeiden wollte, war aus dem Hauſe entflohen; und da er ſah, daß dieſer ſich mit Frau Eadie nach dem Gottesacker begab, nahm er ſeine Zuflucht in's Pfarrhaus, o er Helenen zu finden hoffte. Was ſich hiet zutrug, gehoͤrt jedoch nicht zu unſerer Ge⸗ ſchichte. Wir haben mithin fuͤr jetzt bloß z berichten, daß Frau Karl, voll Verwunderung und Erwartung; zu ihrer Tochter, einem ſanf⸗ — 199— ten, beſcheidenen Maͤdchen, ſagte: es ſcheine ihr, als haͤnge Frau Eadie, mehr als jemals, ihren aberglaͤubiſchen, hochlaͤndiſchen Phan⸗ taſten nach.„Sie beſindet ſich,“ fuhr ſie fort,„ſeit einiger Zeit unpaͤßlich, und ihre Nerven ſcheinen in einem ſehr gereizten Zu⸗ ſtande zu ſein. Dieß iſt um ſo mehr zu be⸗ klagen, da wir jetzt ihres Raths ſo ſehr be⸗ duͤrfen.“ Marie erwiederte, auch ſie habe mit Schmerz eine große Veraͤnderung an ihrer Freundin wahrgenommen, und fuͤgte hinzu:„Helene ſagt, ſie gehe oft in der Nacht auf den Gottes⸗ acker, ſetze ſich auf die Graͤber ihrer Kinder und wehklage. Da dieſe ſchon lange todt ſind, ſo iſt es ſeltſam, daß ihr Kummer jetzt mit ſolcher erneuerten Staͤrke losbricht. Auch ſcheint mir, als ſei der Prediger ſehr unruhig, denn er ſieht blaſſer und niedergeſchlagener Kns, als ſonſt.“ Während dieſes Geſpraͤchs trat Herr Wal⸗ woſhum emn„und ehe er ſich noch niederſetzte, fragte er haſtig:„Iſt Frau Eadie wohl recht bei Verſtand? Es ſcheint mir, als ſpuke es in ihrem Kopfe. Kaum konnte ich mich des Lachens uͤber ihre hantaſtiſchen Reden ent⸗ halten.“ Aus Achtung fuͤr ihre Sreundin blieb Frau Karl die Antwort ſchuldig, ſo daß ihr Schwager genoͤthigt war, von dem Geſchaͤfte zu reden, welches ihn nach Camrachle geführt hatte. „Ich glaubte, James ſei hier,“ ſagte er, wo iſt er hin?“ „Er iſt ſo eben ausgegangen.— Ich glaube, daß er nicht auf Ihren Beſuch vor⸗ bereitet war.“ „Er iſt ein Brauſekopf,“ erwiederte der Oheim.„Wir hatten geſtern Abend eine un⸗ angenehme Unterredung miteinander. Ich hoffe, er wird die Sache nunmehr beſſer uͤber⸗ legt und aus einem andern Geſchespunkts be⸗ trachtet haben.“ „Ich beklage,“ entgegnete Fran Karl⸗ uñ zend,„daß ſich irgend Etwas den Ausſichten, welche Ihre Guͤte ihm eroͤffnete, entgegen ſtemmt. Aber junge Leute ſind oft ſtarrſin⸗ nig, und vonn laͤuft ihr Verſan mit ihren Gefuͤhlen davon.“ „Doch kann ich ihm verzeihen,“ ſagte der Laird.„Thorheit iſt die Bluͤte der Jugend, uͤberfluͤſſig an ſich ſelbſt; darum faͤllt ſie ab, ſo wie die Frucht ſich bildet. Ich hoffe, daß er nicht auf ſeinem Vorſatze, Glasgow zu ver⸗ laſſen, beharrt.“ 3 „Noch ſcheint er ganz dazu entſchloſſen,“ erwiederte ſeine Mutter mit einem tiefen Seufzer. 22 „Vielleicht iſt es am geſen,2 ſagte der Oheim,„wenn man ihn, einige Tage hin⸗ durch, ſich ſelbſt uͤberlaͤßt, und ich unterdeſſen nicht weiter mit iim uͤber den Gegenſtand rede.“ Zaghaft, als füͤrchte ſie zu beleidigen, er⸗ wiederte Frau Karl:„Ich glaube, daß es jetzt zwecklos zſein wuͤrde, mit ihm von Robina zu ſprechen. Es muß ihm Zeit zum Nach⸗ denken bleiben.“ Ihr Schwager, welcher ſi ſich geiviſſermußen durch die Art, mit der ſie Obiges ſprach, er⸗ leichtert fuͤhlte, ſagte:„Ich hoffe doch, daß — 202— der Burſche nicht ſo thoͤricht ſein wird, vom Komptoir wegzubleiben?“ „„Er ſpricht davon, außer Landes gehen zu wollen.“ 1 „Unmoͤglich! Dazu fehlen ihm die Mittel.“ Die Wittwe erzaͤhlte ihm hierauf, wie ihr Sohn gedenke, mit dem Schiffe eines alten Freundes ſeines Vaters nach Amerika zu gehen. „Wenn dieſes der Fall iſt, ſo muß ich ihn ausſtatten,“ ſagte ſein Oheim mit einer Frei⸗ muͤthigkeit, welche beinahe Großmuth ſchien⸗ „Es wird iym wohlthun, wenn er die Welt ein wenig kennen lernt, und in ein Paar Jahren wird er klüge und beſſer zuruͤck⸗ kehren.“ 3 „Ihre Guͤte iſt preizwürdig, und es wuͤrde mich ſehr gluͤcklich machen, wenn man ihn uͤberreden koͤnnte, davon Gebrauch zu machen. Aber ſein Sinn ſtrebt nach einer Stelle in der Armee, und koͤnnte er als Kadett in In⸗ dien angeſtellt werden, ſo wurde er dieſesrje⸗ der andern Ausſicht vorziehen. 2 „Eine Kadettenſtelle in Indien?“ rief der Kaunte Oheim.„Welcher Gluͤcksfall oder — 293— welche Beguͤnſtigung koͤnnte ihm zu einer ſolchen Anſtellung verhelfen?“ 6 „ Frau Eadie's Vetter, welcher ihres Va⸗ ters Gut gekauft hat, beſitzt, wie ſie verſichert⸗ einige Goͤnner im Parlament; und ſie gedenkt ihn fuͤr James zu intereſſiren.“ Der Laird war wie vom Donner geruͤhrt. Dieſe Wendung der Sache hatte er ſich nie moͤglich gedacht.„Glauben Sie,“ ſagte er, „daß er, bei ſeiner geſtrigen Unverſchaͤmtheit gegen mich, dieſes bereits im Sinne hatte? In einem ſolchen Falle wuͤrde ich meine Hand ganz von ihm abziehen.“ In dieſem Augenblick trat der peaise in's Zimmer. Nach den uͤblichen Boklihkeitsbenegungen ſagte der wuͤrdige Mann:„Herr Walkinſhaw, der ungluͤckſelige Streit, zwiſchen Ihnen und Ihrem Neffen, ſchmerzt mich außeröxdentlich. Doch hoffe ich, daß der junge Mann ſich noch eines Beſſern bedenken werde.“ Der Laird hielt Herrn Eadie fuͤr einen ſehr verſtaͤndigen Mann, und druͤckte daher ſeine Hoffnung aus, daß, wenn der Juͤngling — 2⁰4— einſehen lerne, wie ſehr alle ſeine beſten Freunde ſein Betragen tadelten, er ſeine Uebereilung bereuen werde.„Doch muͤſſen wir ihm,“ fuhr er fort,„Zeit zur Ueberlegung laſſen. Seine Mutter ſagte mir, daß er nach Amerika gehen wolle; und ich werde alles, was in mei⸗ nen Kraͤften ſteht, anwenden, um ſeinen Wunſch zu erfuͤllen.“ „Ehe er dieſen Schritt thut,“ erwiederte der Prediger,„will er zuvor den Erfolg eines Briefes abwarten, welchen meine Gattin eben an einen Verwandten ſchreibt;— denn er zieht eine Stelle in der Armee zedet andern Ausſicht vor.“ „Nach Allem, was ih höͤre,“ ſagte der Laird,„wird Ihr Verter, Herr Fraſer, ſeinen Einfluß gern benutzen, um ihm eine Anſtel⸗ lung in Indien zu verſchaffen, und dieſes um ſo eifriger betreiben, da er gewiß den blut⸗ armen Menſchen von ſeiner Tochter zu ent⸗ fernen wuͤnſcht.“ en Hierin lag etwas, welches das Zerj der Mutter ſchmerzte und die Geflalen des a hre digers verwundete.“ — 205— „Nein,“ ſagte der letztere,„die Liebe, welche Glengael fuͤr ſeine Tochter hegt, wuͤrde ihn, ganz im Gegentheil, dazu antreiben, jedes Hinderniß aus dem Wege zu raͤumen, daß ſich ihrem Gluͤck entgegenſetzen könnte. Wollte Frau Eadie ihm ſagen,— was ſte aus vielen Gründen noch nicht will,— daß ſie glaube, ihr junger Freund liebe Helenen; ſo bin ich uͤberzeugt, Herr Fraſer wuͤrde Alles anwenden, um ſein Glück zu befördern.4— „Dang würde er nicht mehr thun, als ich that,“ erwiederte der Laird mit, ſelbſtgefaͤlli⸗ gem Lächeln Sich Sa ſeiner Schungeemn Gute ſeines Obeims von ſich toßenn und. die Gunſt eines Fremden benuten, um deſſen Tochter zu erlangen?“ „ Die betruͤbte Mutter hatte zwax⸗ eine Ant⸗ wort in Bereitſchaft, aber die lange Abhaͤngig⸗ keit von ihrem kaltherzigen, liſtigen Schwager, und ihre natuͤrliche Sanftmuth waren Schuld, daß ſie ihre Meinung nicht außerte. Doch der Prediger, welcher keine Ruͤckſichten zu — 206— nehmen hatte und mehr Muth Leſaßen ant⸗ wortete an ihrer Stelle. „Herr Walkinſhaw,“ ſagte er,„die beiden Fäͤlle ſind einander nicht ähnlich. Die Liebe zwiſchen Helenen und Ihrem Neffen iſt gegen⸗ ſeitig, aber Ihre Gunſt trachtet dahin, ihn zu einer Verbindung zu kereden, Beiche er verabſcheut.” 26 31 43„Verabſcheut? Sie bedienen ſich in der That eines ſeltſamen Ausdrucks.“ 8 „ Ich bitte deßhalb um Verzeihung, Herr Walkinſhaw. Bloß meine große Theilnahme an der unglücklichen Lage Ihres Neffen, den ſem wenig hoͤflichen Ausdrucke verleiten.“ „Gut, ſchon gut,“ rief der Laird mürriſch „Ich will fuͤr jetzt der Sache ihren Lauf laſſen⸗ Zwar bin ich noch ſtets bereit ihm zu dienen, aber bei ſeiner jetzigen Laune wuͤrde es zu nichts Gutem fuͤhren, wenn ich mich jetzt in ſeine Angelegenheiten miſchen wollte. Ich will daher nach Glasgow zuruͤckkehren, und ſobald Frau Eadie Antwort erhaͤlt, wird ſeine ich ſtets als Sohn liebte, konnte mich zu die⸗ — 207— Mutter die Guͤte haben, mich davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen.“ z8 Mit dieſen Worten nahm er durgen Ab⸗ ſchied und eilte zu ſeinem Wagen. „Sein Betragen iſt höͤchſt ſeltſam,“ ſagte der Prediger, als der Laird hinweg war.„In allem dieſen liegt mehr, als die Liebe und Sorgfalt eines Oheims, zumal, da er weiß, daß auch ſeine Tochter einen entſchiedenen Widerwillen gegen dieſe Verbindung hegt. Ich kann nicht klug daraus werden.— Aber, Frau Walkinſhaw, kommen Sie mit mir in's Pfarrhaus. James ſpeiſt mit uns zu Mittag, und wir ſind am beſten ſämmtlich beieinander, denn Frau Eadie ſcheint ſehr niedergeſchlagen und kraͤnklich. Marie, holen Sie Ihren Hut und kommen Sie auch mit.“ So endeten ſich die Vorfaͤlle in Camrachle. Jetzt aber muͤſſen wir den geneigten Leſer erſuchen, mit uns nach Glasgow zuruckzukehren, wo wir die alte Leddy in großem Triumph, und im Begriff nach Doktor Deilfear zu ſen⸗ den, verließen. — 208— Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. Ehe Kittleſtonheugh nach Glasgow zurück⸗ kam, war der unaufloͤsliche Knoten zwiſchen ſeiner Tochter und Walkinſhaw Milrookit be⸗ reits geknuͤpft. So ſehr der Laird von Dir⸗ dumwhamle ſich insgeheim uͤber die Sache freute, welche ſeinem Sohn wahrſcheinlich der⸗ einſt ein ſchoͤnes Gut und ein beträchtliches Vermoͤgen zuſicherte: ſo konnte er ſich den⸗ noch zuweilen einer Art von Bangigkeit nicht erwehren. Seine Gattin, welche den Zorn und die Vorwuͤrfe ihres Bruders fuͤrchtete, war noch aͤngſtlicher, und wuͤnſchte daher mit ihrem Manne heimzufahren, ehe Georg von Camrachle zuruͤckkomme. Aber ihre tr iumphi⸗ rende Mutter beſtand feſt darauf, daß ſie zum Mittagseſſen bleiben ſollten. 3 „Ihr bleibt, wo Ihr ſeid,“ ſagte ſie. „Wenn Ihr gleich keine hochzeitlichen Ge⸗ waͤnder anhabt, ſo waͤr' es doch närriſch, wenn Ihr nicht zum Hochzeitmahle bleiben wollet, nachdem ich mir's eine dHammelskeule⸗ einen fetten jungen Truthahn und eine Paſtete koſten ließ: Leckerbiſſen, welche nie in mein Haus — 209— kamen, ſeitdem Juͤrgen dem armen Walther ſeine fuͤnf Sinne geſtohlen hat. Aber jetzt mach ich's ihm quitt, und er darf mir kein Woͤrtchen uͤber die Winkelmariage ſagen, da⸗ fuͤr ſteh; ich. Denn er kennt das Huͤhnchen, das er mit mir, wegen des concos mentes, zu pfluͤcken hat, da mir, nach allem Rechte, die Haͤlfte der Einnahme haͤtt⸗ werden muͤſſen, was auch Euer Rutzen geworden wäͤr'; denn ich haͤtt; mein Licht nicht unter den Scheffel geſteckt, ſondern mein Erſpartes bei Robin Carrick wuchern laſſen. Doch Du, Grethel, ſollſt einmal in der huͤbſchen Brieftaſche, die Du fuͤr Deinen Vater naͤhteſt, einen Beweis ſinden, was es heißt, eine ſorgſame Mutter gehabt zu haben. Aber, hoͤrt Leutchen! An einem Hochzeitstage darf man nicht melancho⸗ liſch moraliſiren; und mithin wollen wir nicht von Todesſterbfäͤllen reden, ſondern uns fein luſtig ſtimmen, ehe der alte Herr kommt; denn ſo muͤſſen wir ihn jetzt der Natur nach nennen, ſeitdem Doktor Deilfears Segen ihn auf den Weg bracht', bald ein Vorfahre zu werden. Freilich waͤr' er es lieber von einem II. Thl. 14 — 210— ſeiner eigenen Walkinſhaws von Kittleſton⸗ heugh geworden, aber wenn man keinen Wein hat, muß man Kofent trinken.“ n Waͤhrend die Leddy ihre Weisheit aus⸗ kramte, hielt Georgs Wagen vor der Thüt. Trotz ſeiner innern Zufriedenheit, wechſelte Dirdumwhamle dennoch die Farbe. Frau Mil⸗ rookit fluͤchtete in das Zimmer, in welches ſich das gluͤckliche Paͤrchen begeben hatte, um ungeſtoͤrt zu bleiben, und ſelbſt die Leddy war einigermaßen beſtuͤrzt. Doch war ſie die 1 erſte, welche wieder Faſſung gewann; und ehe Herr Walkinſhaw noch eintrat, ſaß ſie bereits in ihrem Seſſel, mit einer Brille auf der Naſe und einer großen Hauspoſtille in der Hand, als habe ſie andaͤchtig geleſen. Di⸗ dumwhamle ſaß ihr gegenuͤber und ſtellte ſi ſi als ſei er in einen tiefen Schlaf verſunken. Als ihr Sohn vor ihr ſtand, nahm dir die Leddy die Brille ab, ſchloß das Buch und fragte:„Nun, Juͤrgen, was iſt aus Jamei geworden? Haſt Du den Tragoͤdienkomöͤdiat⸗ tenſpieler nicht mitgebracht?“ „Er mag zum Teufel gehen!“ war die lakoniſche Antwort. „Das iſt kein guter Wunſch, Juͤrgen. Alſo haſt Du einen Metzgergang gemacht? Aber wie geht's in Camrachle, und was will der naͤrriſche Burſche anfangen? Was ſagt das tolle Fuͤllen? Haͤtt' ſeine Mutter ihm den Kappzaum beſſer angelegt, ſo wuͤrd' er nicht ſo hinten und vorn ausſchlagen. Aber ſetz Dich, Juͤrgen, und erzaͤhl' mir Alles.— Erſt aber ruͤttle»mal den Schlaͤfer da aus ſeinen Traͤumen. Warum der Mann zu die⸗ ſer Tageszeit ſchnarcht, wie die Poſaunen von Jericho, kann ich nicht begreifen.“ Doch Dirdumwhamle bedurfte keines Ruͤt⸗ telns; denn er ſing an zu gaͤhnen, ſtreckte die Arme aus und ſtand völlig erwacht vor ſei⸗ nem Schwager. „Es iſt mir in der That ſehr leid, liebe Mutter, ſagen zu muͤſſen, daß meine Ausflucht nach Camrachle vergeblich war,“ antwortete Kittleſtonheugh.„Die Predigerfrau, welche, im Vorbeigehen geſagt, nicht recht bei Sin⸗ nen iſt, hat bereits an ihren Vetter Glen⸗ 14* — 212— gael geſchrieben und ihn gebeten, ſeinen Ein⸗ fluß zu benutzen, um James eine Kadetten⸗ ſtelle in Indien zu verſchaffen; und ich will den Burſchen laufen laſſen, bis ſie eine Ant⸗ wort erhalten hat.“ „Recht, ſehr recht, Juͤrgen! Du handelſt wie der weiſe Salomon,“ erwiederte ſeine Mutter.„Da er aber einmal fort will, ſo laſſ ihn ziehen, und denk' nur d'rauf, Bin⸗ chen mit Walky zu verheiraten, der ein fei⸗ ner, ſittſamer Burſche iſt, und keine ſo tolle Fliege, als wie der James.“ 8 Dirdumwhamle haͤtte gern Amen dazu ge⸗ ſagt, aber das Wort blieb ihm in der Kehle ſtecken. Auch vermochte er nichts auf die ent⸗ ſchiedene Art zu erwiedern, mit welcher ſein Schwager erklaͤrte, er wolle ſeine Tochter lie⸗ ber im Grabe ſehen, als in dieſe Heiral willigen. „Gut, ſchon gut, Juͤrgen, ſchone nur Deine Lunge,“ rief die Leddy. Dem Vater des Braͤutigams zuwinkend, fuhr ſie fort: „„Noch heut' hoͤrt ich den Burſchen ſagen, man könnt' ſich keine Heirat ſo toll denken, die ſich — 213— nicht doch zutragen koͤnnts.— Aber, Juͤrgen, das moͤcht' ich doch wiſſen, warum Du ſo hart gegen Walky biſt? Er iſt doch ein huͤbſcher Burſche, von guter Herkunft, und unſer Aller Verwandter; und wenn Du keine Erben zu Kittleſtonheugh haſt, ſo kriegt er es. Doch da ich ſehe, daß Du Feuer fängſt, ſo will ich Dich nicht damit aͤrgern, möcht' aber gern, nur des Spaßes wegen, wiſſen, wie es Dir gefallen wuͤrd', wenn Binchen, nach all' dem Wirrwarr, in finſterer Nacht aus dem Fenſter ſtiegs, und mit ſo einem armen Soldaten⸗ offizier, oder einem verſoffenen Komoͤdianten⸗ ſchauſpieler fortlief. Was wollteſt Du dann anfangen, Juͤrgen? dergleichen Ungluͤcksfäͤlle ſind heut' zu Tag nicht rar.“ Unerachtet ſeines Aergers mußte ihr Sohn dennoch laͤcheln und entgegnete:„Ich hege in der That eine beſſere Meinung von Binchens Geſchmack und Verſtand, als daß ich einen ſolchen Fall fuͤr moͤglich halten ſollte.“ „ Auch ich,“ erwiederte die Leddy.„Aber Du weißt, daß wenn ihre Reputation einmal ſo ein Loch gekriegt haͤtt', ſo muͤßteſt Du ſie in's 8 — 214— Haus nehmen, und ihr eine Verſorgung aus⸗ ſetzen, wie es ſich fuͤr Deine einzige Tochter geziemt.“ G „In einem ſolchen Falle koͤnnte ſie wohl keine Anſpruͤche auf eine reichliche Verſorgung machen,“ entgegnete Georg. „Dazu wollt' ich Dir auch nicht rathen, Juͤrgen. Aber wenn wir auch nichts von Soldatenoffizieren, oder Komoͤdienſpielern zu befuͤrchten haben: ſo waͤr' es doch moͤglich, daß ſie ſich mit einem jungen Burſchen von guter Auffuͤhrung und Herkunft einlaſſen koͤnnte, der Dir nicht anſtaͤnde; und was wuͤr⸗ deſt Du da thun, Juͤrgen? Du muͤßteſt ſie doch verſorgen, oder Du waͤr'ſt ein Raben⸗ vater.“. „Mein Vater enterbte meinen Bruder Karl wegen eines ſolchen Vergehens,“ ſagte Georg mit hohem Ernſt.— Dieſe Worte drangen ſeinem Schwager durch Mark und Bein. e „Sehr wahr, Juͤrgen,“ ſiel die Leddy ein. „Aber es war eine harte Sache fuͤr uns Ale und geſchah wegen des ſchnellen Todes Deines — 215— Vaters. Aber Du weißt, daß das Gut Fidei⸗ commiß iſt, und daß, wenn es dem Himmel gefällt, Dich zu ſich zu nehmen, Binchen die Erbin iſt.“ Seinem Schwager einen ſcherzhaften Blick zuwerfend, erwiederte Georg:„Das iſt noch nicht ganz ſicher. Meine Frau kraͤnkelt ſeit einiger Zeit mehr als jemals, und wenn ich wieder heiraren aund maͤnnliche Erben erzielen ſollte, ſo—“ „Zum Kuckuk mit Deinen männlichen Erben! Die Dinger vergiften mir das Leben! Die Welt waͤr' beſſer ohne ſie,“ rief die Leddy.„Doch, was bekummern wir uns um ungelegte Eier? Binchen iſt ein ſittſames Maͤdchen und wird eine kluge Hausfrau machen, und ſo hab' ich weiter nichts zu ſagen, als daß Du mit uns ſpeiſen ſollſt. Es thut mir ohnehin leid, Juͤrgen, daß Du nicht ſo recht munter biſt. Da wir aber einmal recht froͤh⸗ lich miteinander ſein wollen, ſo bleib bei uns und hilf mir den Truthahn zerlegen, der, wie Dein wuͤrdiger Vater oft ſagte, ein Beeſt iſt, das die Kunſt eines Doktors, die Staͤrke eines — 26— Metzgers und die kunſtfertige Hand einer Magiſtratsperſon verlangt, wenn es gehoͤrig trauchirt werden ſoll.“ Die Beſchreibung des Hochzeltinahlz o ver⸗ dient jedoch ein neues Kapitel. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Unterredung, welche die Leddy, wenn man ihren Charakter und ihre eigenthuͤmliche Laune erwaͤgt, ſo geſchickt mit dem Vater der Braut zu fuͤhren wußte, brachte jedoch nicht die gluͤcklichſten Gefuͤhle bei den ſchuld⸗ bewußten Hochzeitgaͤſten hervor. Sowohl der Laird von Dirdumwhamle, als ſeine Gattin waren unruhig, und das gluͤckliche Paͤrchen war ſo aͤngſtlich, als ein heimliches Liebes⸗ paar, welches ſeine Wuͤnſche erfuͤllt ſteht, moͤg⸗ licherweiſe ſein kann. Aber die ehrwuͤrdige Großmutter war weder furchtſam, noch be⸗ ſorgt, ſondern genoß ihren Triumph in vollem Maße, und war eifrig darauf bedacht, ihr einmal ſo geſchickt begonnenes Werk völlig zu Stande zu bringen. Das Mittagseſſen wurde nunmehr mit einer ſo ungewoͤhnlichen — 217— Pracht aufgetragen, daß Georg davon uͤber⸗ raſcht wurde; und obgleich die außerordent⸗ liche Munterkeit der Matrone, waͤhrend des Vorlegens, ihn oft dräͤngte, ſich nach der Ur⸗ ſache von allen dieſen ſeltenen Erſcheinungen zu erkundigen: ſo ſchwieg er dennoch. Sie aber, welche das Geheimniß erſt ſpaͤter zu entdecken wuͤnſchte, fuhr fort mit moͤglichſt guter Laune zu ſcherzen, die Gerichte zu lo⸗ ben und ihre Gäſte zu noͤthigen. „ Es wundert mich, Binchen,“ ſagte ſie zu der Braut,„daß Du da ſitzeſt, als waͤr' Dir die Butter vom Brot gefallen, da wir doch Alle froͤhlich ſein wollen. Und Du, Walky, was ſitzeſt Du da, wie der ſteinerne Mann am Brunnen? Da, Deine Mutter, meine Grethel, die war immer ſo ein Sauer⸗ topf, von der wundert's mich nicht, wenn ſte hypochondrialiſch iſt. Daß aber auch Dein wuͤrdiger Vater, der doch Alles in Huͤlle und Fuͤlle hat, das Maul ſo haͤngen laͤßt, begreif' ich nicht. Dein Oheim Juͤrgen, der auch da ſitzt wie ein Murrkater, iſt gegen ihn ein ſchoͤner Abſalon. Doch, um die Grillen zu ver⸗ — 218— ſcheuchen und uns ſidel zu machen, will ich Euch eine Geſundheit ausbringen, und die muͤßt Ihr Alle mittrinken. Juͤrgen, mein Sohn und liebes Kind, Du weißt, ſo gut als ich, wie glücklich Deine Schweſter mit Dirdumwhamle verheiratet iſt,— und Euch, Dirdumwhamle, brauch' ich nicht zu ſagen, daß Ihr eine huͤlfreiche Gefäͤhrtin in ihr ge⸗ funden habt; und Du, Grethel, hatteſt immer einen liebreichen Ehemann an ihm. Alſo, Herr und Frau Milrookit ſollen hoch leben und dieſen gluͤcklichen Tag noch oft wieder⸗ kehren ſehen!“ Die Geſundheit wurde mit großer Fröh⸗ lichkeit getrunken. Doch wollen wir nicht die innern Gefuhle der Geſellſchaft ſchildern, ſon⸗ dern uns begnuͤgen zu ſagen, daß die Matrone dem Brautpaar einen bedeutenden Wink gab, waͤhrend Kittleſtonheugh uͤber die ſpaßhafte Laune ſeiner Mutter unmäßig lachte. „Nun, lieber Juͤrgen,“ fuhr die Leddy fort,„da ich ſeh', daß Du ſo fidel biſt, und da ich weiß, was wir Alle wiſſen, daß das Leben nur ein Weberſchifflein iſt und die — 249— Zeit ein Weber, der fuͤr den Tod und die Ewigkeit arbeitet, und fuͤr die Compagnie, die ſich fuͤr jetzt in recht guten Umſtaͤnden befindet: ſo weiß ich doch auch von guter Hand, daß ſie einmal bankrott machen muͤſ⸗ ſen.— Doch das geht uns jetzt nichts anz- aber, Juͤrgen, ich moͤcht' Dir gern eine Ge⸗ ſchichte erzaͤhlen.“ „Wahrlich,“ erwiederte er lachend,„Sie ſchienen mir nie ſo aufgelegt, eine Geſchichte gut zu erzaͤhlen, als eben jetzt. Was iſt's?“ Die Leddy antwortete nicht ſogleich, ſon⸗ dern blickte bedeutungsvoll um ſich her und ſagte nach einer kurzen Pauſe: „Wißt Ihr wohl, daß, ſeitdem Adam und Eva die verbotene Frucht aßen, das menſch⸗ liche Leben immer kuͤrzer und kuͤrzer wurde? Mir, die jetzt die Sechsundſiebenzig auf dem Ruͤcken hat, vergehen die Monate wie ein Lichtſtral an der Wand, und die Sommer wie der Klang einer Cymbel, und die Herbſte und Winter wie der Schatten des Todes; welches eine Warnung iſt, daß ich nicht trauern, ſondern mich und Andere glüͤcklich — 220— machen ſoll mit dem, was ich habe.— Alſo, Juͤrgen, und Ihr Uebrigen, fuͤllt die Glaͤſer.“ Die Glaͤſer wurden gefüllt, und die ſaͤmmt⸗ lichen Gaͤſte, Georg ausgenommen, welcher ſich an dem Frohſinn und Muthwillen ſeiner Mut⸗ ter ergoͤtzte, ſaßen mit erwartungsvollen Ge⸗ ſichtern.. „Nun, Juͤrgen,“ fuhr ſie fort,„da das Leben nur ein Hauch iſt, wie der Dunſt aus dem Theekeſſel der Zeit: ſo wollen wir froh „Georg ſtieß ſeinen Stuhl zurüͤck, blickte ſtolz und grimmig um ſch her, gab aber und froͤhlich ſein miteinander; und da es nicht wahrſcheinlich iſt, daß James ſich jemals mit Binchen vermariagiren wird: ſo hoff' ich, daß Du ſie und Walky mit Deinem Segen und einer guten Verſorgung begluͤcken wirſt.“ keine Antwort. „Na,“ ſagte die Leddy,„wenn das Ding ſo ausſieht, ſo magſt Du es kriegen, wie Du es haben willſt. Es ſteht nicht mehr in Dei⸗ ner Macht, ſie ungluͤcklich zu machen.“ „Mutter, was wollen Sie damit ſagen?“ rief er. — 221— „Ich weiß, was ich damit ſagen will. Wenn Du Dich aber nicht beruhigſt, ſo er⸗ faͤhrſt Du es heut' nicht;— und wahr und wahrhaftig, wenn Du Deiner alten Mutter, die Dich unter ihrem Herzen trug, nicht mit mehr Ehrfurcht begegneſt, und ihre grauen Haare mit Kummer in’s Grab bringſt: ſ erfaͤhrſt Du es gar nicht.“ „Dies iſt unerklaͤrbar,“ rief ihr Sohn. „Um's Himmels willen, worauf ſpielen Sie an?— Woruͤber beklagen Sie ſich?“ „Ueber Vieles, uͤber ſehr Vieles beklag' ich mich,“ antwortete die Matrone mit Pa⸗ thos.„Waͤr' Dein wuͤrdiger Vater noch auf den Beinen, ſo wuͤrdeſt Du nicht ſo deſpek⸗ tirlich mit mir reden duͤrfen. Aber was hab' ich noch in dieſer ſchnoͤden Welt zu erwarten? Dein Betragen, Juͤrgen, iſt dazu gemacht, daß jeder Eſel, in meinen alten Tagen, nach mir ausſchlaͤgt.“ „Um Gottes willen,“ rief er,„was habe ich gethan?“ „Was Du gethan haſt?“ rief ſeine Mut⸗ ter.—„Hing nicht mein Herz an einer Hei⸗ m — 222— rat zwiſchen Binchen und dem Walky da, die meine Enkel und einander werth ſind? Und haſt Du nicht einen dreifachen Eid ge⸗ ſchworen, Du wollteſt Deine Lünwinitung nicht geben?“ „Und wenn ich es that, ſo iſt ſie meine Tochter, und ich habe meine guten Gruͤnde dazu,“ erwiederte er mit großem Ernſt. „Gruͤnde hin, Gruͤnde her,“ ſagte ſeine Muttter.„Ich hab' gute Gruͤnde zu wiſſen, daß Du es nicht verhindern kannſt.— Alons, Binchen und Walky, marſch, nieder auf Eure Kniee, und geſteht huͤbſch, daß Ihr heut' mit⸗ einander kopulirt worden ſeid, und fleht Eu⸗ res Vaters Pardon an, der heut' bei Eurem Hochzeitfeſt ſo luſtig war, daß es eine Schande waͤr', wenn er Euch nicht verzeihen und deu verſorgen wollts.“ 1 Das Paͤrchen that, wie ihm geboten wurde.— Georg ſtarrte es eine Weile an und war unfaͤhig zu reden. Dann warf er einen wilden, grimmigen Blick ringsumher und ſprang von ſeinem Sitze auf. Mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit ſagte die — 223— Leddy:„Kinder, kehrt Euch nicht weiter an ihn, er wird bald wieder zur Raiſon kommen. Steht auf und ſetzt Euch wieder.“ „Nie wird er wieder zu ſich ſelbſt kom⸗ men!— Er iſt vernichtet!— Sein Leben iſt vergiftet, und ſein Gluͤck liegt in Truͤm⸗ mern!“ Dis waren die erſten Worte, welche über die Lippen des empoͤrten Vaters floſſen. „Doch, es kann nicht wahr ſein— es iſt un⸗ moͤglich!— Mutter, ſcherzen Sie mit mir?— Nobina, konnteſt Du dieſes an mir thun?“ „Wahr und wahrhaftig, Juͤrgen, es iſt die pure blanke Wahrheit, und der Sache ſteht nicht mehr abzuhelfen,“ erwiederte ſeine Mutter. „ Aber ich kann ſie beſtrafen!“ rief er wuͤthend.—„Ich will nie wieder mit Einem von Euch reden!— Mich um meine liebſten Plane zu betruͤgen,— meine theuerſten Hoff⸗ nungen zu vernichten!— O, Ihr machtet mich in der That elend!“ „Trink' noch ein Glaͤschen, lieber Juͤrgen. Trink' nur, da wird Dir beſſer werden; und fuͤhr' Dich huͤbſch auf, wie ein geſetzter, ver⸗ — 24 nuͤnftiger Mann, wovon Du die Beputtion haſt. 44 3 Er ergriff das Glas und warf es mit ei⸗ ner ſolchen Heftigkeit auf den Tiſch, daß es in tauſend Stuͤcke brach. Alle waren aufge⸗ ſtanden, ausgenommen die Leddy, welche ruhig und mit kaltem Blute ſitzen blietbt. „Dem Menſchen rappelt's, u ſagte ſt ſte mit dem groͤßten Phlegma.„Da hat er meinen ſchoͤnen Mahagonytiſch ſo beſudelt, daß weder Wachs, noch Armſchmalz die Flecken wieder zraus kriegen werden. Aber ſetzt Euch, Ihr Leutchen;— ich dacht' mir's noch toller,— ich erwartete nicht, ihn ſo ruhig und vernuͤnf⸗ tig zu ſehen. Wahr und wahrhaftig, Juͤrgen, es iſt ein Balſam fuͤr meinen Kummer, daß ich Dich ſo chriſtlich ergeben ſehe.“ Der Blick, mit welchem er dieſes bemdt⸗/ wortete, war jedoch ſo finſter und grimmig⸗ daß ſelbſt ſeine Mutter ſich vor ihm entſetzte und ſogleich ihren vergeblichen Verſuch auf⸗ gab, den Sturm ſeiner Leidenſchaften durch Spott beſchwichtigen zu wollen. Erſchrocken — 225— warf ſte ſich auf ihrem Stuhl zurück, er aber lehrte ſich elutlichuum und verließ das Haus. 3 700 429 86 1211117 13. 52 49„Siebenundaonaigäss Kapitele anrAls Frau Walkinſhaw von Kittleſtonhengh die ubereilte Heirat ihrer Tochrer erfuhr, und denn Jammer dihres Gatten darüber: wirkte dieſe Rachricht mächtig auf ihren zar⸗ ten Koͤrperhain und ſteigerte die Krankheit, welche ſchon ſo lange ihr Leben untergraben hatte, ſo ſehr, daß ſich in der folgenden Naacht ſchon die beunruhigendſten Symptome zeigten, und am naͤchſten Morgen die„Aerzte ihre Jurcht eines nahen kruſe em ennsondn nicht mehr verhehlten.. eMittlerweile that die alte derdeales 3 was in ihren Kraͤften ſtand, um das junge Paar zu erheitern, und ſtellte ihm auf ihre Weiſe vor, daß ihr Sohn reichlich fuͤr ſie ſorgen werde; ſobald er nur wieder zu Ver⸗ ſtand komme. Doch verfloß ein Tag nach dem andern, und noch immer ließen ſich keine Anzeichen einer baldigen Verſoͤhnung 4 blicken; ſo daß Robina nicht nur ihre Aeber⸗ II. Thl. 15 — 226— eilung bereute, ſondern auch tief betruͤbt uber die Wirkung war, welchen dieſelbe auf ihre Mutter hervorgebracht hatte. 5 Aber Niemand litr niehs/ als der Laird von Dirdumwhamlean Auch hatte Frau Walkinſhaws gefährliche Krankheit erfahrem und da er ſeines Schwagers eifrigen Wunſch maͤnnliche Erben zu haben, kannte, ſo konnte er ſich nicht verhehlen, daß dieſer vermuth⸗ lich wieder heiraten, und ſeinem Sohne alie⸗ dann die Erbſchaft wahrſcheinlich eentgeben werden A en 25 811 In Camrachle verbreitete die Nachricht von⸗Robina's Heirat mit Walkinſhaw Mil. rookit ein deſto groͤßeres Vergnuͤgen. Frau Karl Walkinſhaw freute ſich„daß ihr Sohn dadurch einer Verbindung entging, welche ſein Leben verbittert haben wuͤrde, und hoffte, ihr Schwager werde nunmehr fort⸗ fahren, ſich guͤtig gegen ihn zu bezeigen. James war noch freudiger uͤber dieſe Be⸗ gebenheit, als ſeine Mutter. Er lachte uͤber die Geſchicklichkeit, mit welcher ſeine Groß⸗ mutter die Sache zu Stande gebracht hatte, 12 — 227— und rief im Gefuͤhle ſeiner nunmehrigen Freiheit:„Jetzt wollen wir ſehen, ob mein Oheim, in der That aus Liebe zu mir ſo handelte, oder ob ein uns noch verborgener Grund ihn dazu antrieb.“) e. 2 Der Prediger, welcher gegenwaͤrtig war, ſagte wenig, doch ſtimmte er mit den An⸗ ſichten ſeines jungen Freundes uͤberein.„Ich kann mir nicht erklaͤren,“ fuhr er fort, „warum wir ſaͤmmtlich den Verſicherungen ihres Oheims ſo wenig Glauben beimeſſen, und uns, gegen die offenbarſten Beweiſe⸗ füͤr uͤberzeugt halten, ſeine Abſichten ſeien nicht die reinſten und wohlwollendſten.“ 3„Eben dieſer unerklaͤrbare Verdacht,“ ſagte Frau Eadie geheimnißvoll,„dient mir um Beweiſe, daß ſeine Verſicherungen nicht ſo aufrichtig ſind, als die Welt glaubt. Aber davon kann ich mir keine Rechenſchaft geben, daß ich in dieſer Heirat und in dem ploͤtzli⸗ chen gefahrlichen Zuſtande ſeiner Gattin eine Vorbedeutung finde, welche unſern Freunden großes Glück verkuͤndet.“ Die Heirat kann uns allerdings Freude 15* — 228— machen„“ erwiederte der Prediger.„Aber die Krankheit der Frau Walkinſhaw ſcheint uns nichts Erfreuliches zu prophezeien⸗ denn ich glaube, daß der Witkwer ſich bald ein zajne ges Weib ſuchen wuͤrde. 829 „Sagte ich Ihnen nicht;“ ſrach Frau Eadie, zu Frau Karl,„daß ein Todesfal eintreten muͤßte, bevor Sie und die Ihrigen das Gute aͤrnten koͤnnten, welches Ihnen durch Glengael zukommen wird? Fräu Wal⸗ kinſhaws von Kittleſtonheug Tod erfolgt ſicher bald, und dann muͤſſen wir erwarten, was die Zeit gebaren wird.“.. „Du vertiefſt Dich taͤglich mehr in die Myſtik,“ ſagte ihr Gatte nachdenklich.„Ezs iſt mir ſehr leid, ſehen zu müſſen, wie ſeht Du aberglaͤubigen Ahnungen aachgtebſ. 2 ſollteſt dagegen kaͤmpfen.“ Siet „Ich vermag es nicht,“ erwiederte 7 Dame feierlich.—„Die ſtetbliche Huͤlle mei⸗ nes Geiſtes iſt erſchuͤttert, und die Lichtſtra⸗ len der Zukunft drängen ſich mir auf. Dieß war von jeher dem Geſchlechte meiner Mut⸗ ter eigen. Dieſe Sehergabe iſt ein altes — 229— Erbtheil unſerer Familie, doch erhalten wir ſie nicht eher, bis die irdiſchen Dinge an⸗ fangen, ſich von unſern Neigungen zu tren⸗ nen. Dieſes Gefuͤhl dient mir zur Ueber⸗ zeugung, daß das Schifflein meines Lebens bald am Port iſt. Bald werde ich das Vor⸗ gebirge umſegelt haben, hinter welchem der unermeßliche Ozean liegt, von deſſen Eilan⸗ den noch Keiner zuruͤckkehrte.“ 3 „Herr Eadie ſeufzte, und alle Gegenwaͤr⸗ tige ſahen ſie mit mitleidigen Augen an; denn ihr ſanftes Antlitz war außerordentlich blaß, ihre hellen Augen leuchteten mit uͤber⸗ natürlichem Glanze, und in ihrem Blick lag wilde Schwäͤrmerei.* 1 Herrn Fraſers Antwortſchreiben auf Frau Eadie's Geſuch, welches eben in's Zimmer gebracht wurde, unterbrach die ſchmerzliche Unterredung⸗ Der Inhalt dieſes Schreibens war ausnehmend befriedigend. Herr Fraſer verſprach nicht nur ſeinen Einfluß anzuwen⸗ den, ſondern verſicherte auch: er hoffe dem jungen Manne um ſo leichter zu einer Ka⸗ dettenſtelle verhelfen zu koͤnnen, da die Fort⸗ 3 ſchritte der franzoͤſiſchen Revolution die R⸗ gierung bald zu einer Vermehrung der Armee noͤthigen wuͤrden, und in dieſem Fall koönne man vielleicht ſogar dem jungen Walkinſhaw eine Offtzierſtelle verſchaffen. Uebrigens be⸗ dauerte er die Unpäßlichkeit ſeiner Baſe, und bat ſie, ihn in Glengael zu beſuchen, wo er den Sommer mit ſeiner Familie zubringen wolle, und woſelbſt die vaterlaͤndiſche Luft gewiß einen heilſamen Einfluß auf dte Ge lundhen häben werde. A „Ja„ hgee bte nachdem ſte den rief laut vorgeleſen und James Gläck zu ſeinen guͤnſtigen Ausſichten gewuͤnſcht hatte; nig, ich will Glengael beſuchen. Dort ſchweben die Geiſter meiner Ahnen uͤber den Gebirgen und wohnen in der einſamen Heide. Eine innere Stimme ſagte mir ſchon lange, dort ſei meine Heimat, und ſeitdem ich ſie ver⸗ ließ, war ich eine Verbannte.“ Liebſte Gertrud,“ ſagte Herr Eadie, Dr betruͤbſt mich heute ausnehmend. Mein Hetz blutet uͤber Deine Worte. Sie ſcheinen mir 8 — 231— anzudeuten, daß Du niaht ua ih mit mir vzufe „Ich war gläcklich mit Dir,“ erwiederte he unt Nachdruck.„Ich war gluͤcklich,— aber da waͤhnte ich, die Hoffnungen meiner Iugend ſeien vernichtet.— Jene ſchmerzliche Entdeckung, welche wie ein Geſpenſt vor mir aufſtieg, ſchlug meine Lebensgeiſter danieder, und der Tod meiner Kinder raubte mir alle Freude am Leben. Doch ſo lange meine ſterbliche Huͤlle noch einigermaßen geſund blieb, empfand ich nicht, was ich jetzt em⸗ pfinde; aber nunmehr iſt die Pforte zu mei⸗ ner Abreiſe geoffnet. Ich fuͤhle den Hauch der Geiſter jener Welt, und wenn ich um mich blicke, mein Haus zu beſtellen, ſo zeigt ſich mir mein vergangenes Leben in tauſend Bildern, unter welchen mir die ſonnigen Tage meiner Jugend am kebhafteſtent und glaͤnzendſten erſcheinen.“ Heerr Eadie ſah ein, daß es vergeblich ſein wuͤrde, wenn er ſeiner Gattin laͤnger zureden wollte. Frau Karl und ihre Tochter ſympathiſirten mit dem Zartgefuͤhle, welches 232— ihm dieſe Schonung gebot, und James lenkte das Geſpraͤch dadurch auf einen andern Ge⸗ genſtand, daß er Helenen und ſeiner Schwe⸗ ſter vorſchlug, ihn am andern Tage nach Glasgow zu begleiten, um dem jungen Ehe⸗ paare Gluͤck zu wuͤnſchen. AA Obſchon, ohne Zweifel, ein wenig Schel⸗ merei hinter dieſem Vorſchlage verſteckt lag, ſo hatte er doch auch eine ernſtere Abſicht zum Grunde.— James wuͤnſchte näͤmlich zu erforſchen, welche Wirkung Robina's Heirat, hinſichtlich ſeiner ſelbſt, auf ſeinen Oheim gemacht habe, und dieſen durch ſeine Großmutter wiſſen zu laſſen, welche günſti⸗ gen Ausſichten Glengael ihm eroͤffnet hatte⸗ Denn er hoffte, wenn die Vorliebe, mit welcher ſein Oheim ihm ſtets ſchmeichelte, aufrichtig ſei, ſo werde dieſer ihn auch in ſeinen Abſichten unterſtuͤtzen. Der Spazier⸗ gang wurde demnach verabredet; da aber am andern Morgen der Weg zu ſchluͤpfrig und kothig fuͤr die jungen Damen war, ſo blie⸗ ben ſie zu Hauſe. Ob nun gleich dieſer Querſtrich unſerm jungen Freunde ſehr un⸗ — 233— angenehm war, ſo war er ſeiner Großmutter deſto willkommener, welche, vom Tage der Hochzeit an, der Sorgen und Muͤhen uͤber⸗ genug hatte, ohne das Ziel derſeſben voraus⸗ ſehen zu koͤnnen. . kotunbzwanigſtes Kapitel. 8 „Wahrlich,“ ſagte die Leddy, Abehdem James ihr erzählt hatte, daß nur der ſchlechte Weg Helenen und ſeine Schweſter verhin⸗ dert haͤtte, mit ihm zu kommen;—„wahr⸗ lich, James, wenn ich Dir die Wahrheit ſagen ſoll, ſo waͤr' mir's zwar recht lieb ge⸗ weſen, Mariechen und das huͤbſche Dingelchen, Dein Schaͤtzchen, Nell Friſel, hier zu ſehn: aber es iſt mir doch lieber, daß ſte nicht ge⸗ kommen ſind. Denn wenn ich nicht bald Sukkurs kriege, ſo treiben mich die zwei leicht⸗ fertigen Dinger, die Binchen und der Walky, noch von Haus und Hof. Daß die in ihren Jahren auch ſchon eine Winkelmariage ma⸗ chen mußten! Die bringen das Heiraten noch ganz aus der Mode.“— „Ich glaubte,“ erwiederte James, den ihre — 234— Laune beluſtigte, dieſe Heirat ſei einzig und allein Ihr Werk.,“ n 034 „Mein Werk, Jamesr Wer unterſteht ſich das zu ſagen? Ich bin ſo unſchuldig, als ein ungebornes Kind! Wahr iſt's, daß ſie hier kopulirt wurden, aber das war nicht meine Schuld. Ich konnt' doch meine Enkel nicht auf hellem Markt trauen laſſen! Aber waren nicht ſeine Aeltern gegenwärtig, und iſt das nicht ein Beweis, ſo klar als das Evangelium, daß ich nur eine unſchuldige Zuſchauerin war?— Ree, nee, James, wenn Du hoͤrſt⸗ daß Jemand ſagt, ich haͤtt' mich hineinge⸗ miſcht: ſo ſprich, es waͤr' nicht wahr, und leid' nicht, daß man meinen guten Ruf be⸗ ſudele. Ich bin ſchon genug fuͤr den un⸗ ſchuldigen Spaß dadurch beſtraff⸗ daß ich fr jetzt fuͤttern muß.“ „Haͤtten Sie aber ihre Heirat icht ges billigt und befoͤrdert, ſo wuͤrden ſie nie daran Taht haben, bei Ihnen leben zu wollen.“ f „Da haſt Du nicht ganz Unrecht, James. 30 leugne nicht, daß ich meine Einwilligung gab, und die haͤtt' ich Dir auch gegeben⸗ — 235— waͤrſt du ſo geſcheidt geweſen, Binchen zu heiraten, wodurch der ganze Spektakel ver⸗ hindert worden wär'. Aber es iſt ein himmel⸗ weiter Unterſchied zwiſchen einwilligen, und zwei Eheleuten Koſt und Logis und Waͤſche und Betten geben. Und ob man zwar ge⸗ wiſſermaßen ſagen kann, daß ich einen Fin⸗ ger in der Paſtete hatte: ſo weiß doch ein Jeder, der mich kennt, daß ich mich nie in die Rebellion gemiſcht haͤtts, wenn ich haͤtt' wiſſen koͤnnen, welch ein Kreuz ich mir da⸗ durch aufladen wuͤrde. Kurz, James, ich bin die einzige Kreuzrraͤgerin! Dem Dirdumwhamle hat's nichts gekoſtet, als eine alte tuͤrkiſche Ente, die keine Eier mehr legte. Vorgeſtern wurd' ſie mit Zwiebeln geſchmort, war aber ſo zaͤh, als waͤr' ſie die Urgroßmutter des Hahns, der vor dem heiligen Petrus kraͤhte.“ James gab ſich das Anſehn, als beklage er ſie, und erwiederte:„Wenn mein Oheim ausgetobt hat, wird er das Paͤrchen gebis reichlich verſorgen. 44 1n„Thut er's nicht, was ſoll dann aus mir werden?— Ach, James! Dein Oheim iſt — 236— kein Mann wie Dein wuͤrdiger Großvater! Das war noch ein wahrer Chriſt! Wie Dein Vater ſich gegen unſern Willen verheiratet hatte, ſtampfte er nicht mit den Füßen, daß das Haus bis in's Fundament bebte; ſondern nahm mich am Tage des Herrn am Arm ud ach, er war eine gutmuͤthige Seele!— und wir gingen zuſammen und gratulirten Deinen Aeltern, mit hundert Pfund in den Haͤnden.— Das hieß vaͤterlich gehandelt!4,. „uUnd doch enterbte er, trotz aller dieſer Guͤte, meinen Vater, und ich muß noch dar⸗ unter leiden,“ erwiederte James ernſthaft. „Lieber James, auch die beſten Menſchen ſind nicht vollkommen, und Dein Großvater war doch gewiß ein Menſch. Doch lag in der Enterbung etwas, das ich nie recht ver⸗ ſtehen konnt', ob ich gleich viel vom Rechte von meinem Vater proſitirte; und haͤtt' Dein Großvpater laͤnger gelebt, ſo haͤtt' er's geaͤn⸗ dert. Aber leider rief ihn der Herr in der, naͤmlichen Stunde zu ſich, als Herr Keelevin, unſer lieber Rechtsfreund, vor ihm auf! den Knieen lag und einen neuen letzten Teſtaments⸗ willen vorläas. Ach, lieber James, das war ein trauriger Anblick! Eh’ ich noch eine Fe⸗ der kriegen konnt, um ſie Deinem ſterbenden Großvater in die Hand zu ſtecken, damit er das Papier unterſchreiben ſollt’: ging er in ine beſſere Welt über, in der es, wie uns die Schrift dehren keine Advokaten und kein Recht giebt.. n9i Setet mlt ushurd „Was wöllen⸗ Sie aber anfangen, wenn mein Oheim ſeine Tochter nicht tzesſorhen wne fragte James lachend..e „Halt's Maul, und erſchreck' mich nicht 1 mit dergleichen Unmoglichkeiten!““ rief die Leddy.—„Der arme Mann hat jetzt mehr im Kopf. Steht nicht Deine Tante vor den Pforten des Todes? Wie kanm er da jetzt an Mitgift und Hochzeitgaſtereien denten? Du biſt ein herzloſer Burſche, James.— Aber die Armer ſchickt ſich am beſten fuͤr ſo hart⸗ herzige Tyrannen. Wirſt Du jetzt bald an⸗ fangen, und alle Tage noch einmal ſo viel ausgeben als Du Loͤhnung kriegſt? und muß Nell Friſel Dir den Schnappſack tragen? Ich hiele ſie immer fuͤr ſo einen Sturmlaufer, = 28 und es ſollt; mich nicht wundern, wenn ſie einen Stein in einen Strumpf ſteckt, und damit auf die Franzmaͤnner oder die Jankie Dudels.*) lospaukt, wie die Soldatenweiber in der Bataille thun müͤſſen.“ Saiuen Sas James, den die Plauderſucht ſeiner Groß⸗ anutden ſehr kehuſhat huͤtete ſich ſie zu unter⸗ brechen. Um jedoch ihren Ideen eine andere Richtung zu geben, ſagte erzm„Wenn ich aber nun eine Stelle in der Armee erhalte, ſo hoffe ich, daß Sie mir etwas ſchenken werden, um ein Schwert kaufen zu koͤnnen, weiches die wahre Braut eines Kriegers iſt.“ nund die ihm eine armſelige Mitgift zu⸗ bringko erwiederte die Leddy.—„Wunden und Beulen und Geſchwuͤre, und am Ende den Bettelſtab.— Eine Guinee ſchente ich Dir doch wohl.⸗. 3 „Die wird mir nicht biel vefen. 3c hoffe, daß Sie bei Ihrem Freunde, Robin 7 ) Der Spottname, mit pelchem man die Ameri kaner 1 Secleden pflegt. d D. u eb. = 239=— Carrick, einſprechen werden. Thun Kieas nicht, ſo werde ich boͤſe.’ r, nnn Na,„höͤrt' man wohl. Weignszignn gan⸗ zen Leben!“ rief die Matrone. n Haͤtt, ichs mir deuken koͤnnen, wenn ich den unver⸗ ſchamten Burſchen mit meinen armſeligen erſparten paar Pfunden zzur Bank ſchickte; daß er ſte mir am Endennoch wie ein Stra⸗ henraͤuber ſtehlen wollt? 4, nn e nainDoch hoͤrte ich Sie ſtets ſagen, esemuͤß⸗ ten keine Stiefkinder in der Familie ſein⸗ Da Siennun ſo guͤtig gegen Robina und Walky ſind, ſo werden Sie doch Ihren Mammon nicht vor mir verſchließen wollen.“ 4„Du, biſt ein Schmeichelkäͤtzchen, James, erwiederte die Leddy.„Ich will auch gegen Dich generoͤs ſein, wenn ⸗mir das neue Ehe⸗ zhuhen anicht Alles wegfrißt. Aber etwas ill ich doch fuͤr Dich thun, was, beſſer iſt, 2 den Robin Carrick Striche in ſein Haupt⸗ buch machen zu laſſen. Ich will nach Kitt⸗ leſtonheugh gehn und mich nach Deiner Tante erkundigen, und obſchon Dein Oheim, wie ein Ochſe von Baſan, ſagte, er wolle nicht — 240— mehr mit mir ſprechen: ſo ſoll er doch die Mutterzunge anhoͤren muſſen, und vielleicht perſuadir' ich ihn, daß er Dir ein Schwert und Piſtolen und anderes Kriegsgeräthe kauft. Die Wahrheit zu ſagen, moͤcht' ich gern ein⸗ mal mit ihm von der Leber weg reden, und ihm ſeine Barbarei gegen ſein einziges Kind vorhalten, und, was noch weit aͤrger iſt, die Suͤnde und Schande, daß er mir, ſeiner al⸗ ten Mutter, die ihn unter ihren Herzen trug, zumuthet, zwei junge, unuͤberlegte Dinger zu ernähren, die ſich nicht d'rum bekuͤmmern, woes herkommt.“ niſ Utit acp Ehe jedoch die Leddy ihren loͤblichen Vor⸗ ſatz ausführen konnte, war ihre Schwieger⸗ tochter⸗ zu Dirdumwhamle's großer Beſtür⸗ zung, bereits in eine beſſere Welt überge⸗ gangen; und geraume Zeit nach dieſem Trauer⸗ falle zeigte ſich keine Gelegenheit fur die alte Matrone, ihrem Aerger Luft machen ſu kön⸗ nen, und eben ſo wenig eine zu einer Vetſöt⸗ nung. Doch ſah die junge Frau Milrookit ihre Mutter heimlich, und empſing bern letzten Segen. — 241— Reununbzwangigſtes Kapitel. Frau Karl wurde, den Tag nach dem Begräbniſſe ihrer Schwaͤgerin, durch den Beſuch ihres Schwagers uͤberraſcht. „Ich komme zu Ihnen,“ ſagte er,„theils um mich in etwas zu zerſtreuen, theils um mich uͤber James ungerechte Beſchuldigun⸗ gen zu rechtfertigen. Er ſoll ſehen, daß meine Abſichten nicht ſo niedrig waren, als er es auf eine unerklaͤrbare Weiſe waͤhnte, und daß ich geſonnen bin, noch eben ſo wohl⸗ wollend gegen ihn zu handeln, als ehedem. Welchen Erfolg hatte das Geſuch der Frau Eadie bei ihrem Freunde? Kann ich ihm da⸗ bei von Nutzen ſein?“ Dieſes wurde zwar in einem hoͤflichen und ſcheinbar aufrichtigen Tone geſprochen, doch ſchien es dem zartfuͤhlenden Herzen der Mutter nicht ganz zu genuͤgen. „Ich weiß nicht, mit welchen Worten ich Ihnen meinen Dank ausdruͤcken ſoll,“ antwortete ſie ſchuͤchtern und mißtrauiſch. II. Thl, 15 — 22— „Da James jetzt eine Stelle in der Koͤniglichen Armee erhalten hat, ſo wird es mir freilich ſihwer werden⸗ ihn auszu⸗ ruͤſten.“ „In der Koͤniglichen Ahhe. Ich glaubte, er wolle nach Indien gehen,“ rief ihr ſicht⸗ lich unangenehm uͤberraſchter Schwager. „Auch war dieſes ſeine erſte Abſſcht/“ e er⸗ wiederte die Mutter.„Aber Herr Fraſer glaubte, daß, bei der jetzigen Lage Europa's, es vortheilhafter fuͤr ihn ſein werde, in der regulären Armee zu dienen, und verſchaffte ihm daher eine Offizierſtelle in einem neu⸗ errichteten Regiment Bergſchotten. Herr Fra⸗ ſer bewies ſich in der That als ein hoͤchſt ſchaͤtzbarer Freund, denn da die Errichtung des Regiments in den Hochlanden geſchehen muß, ſo lud er James ein, zu ihm nach Glengael zu kommen, und hofft ihn durch den Einfluß, welchen er auf ſeinen Clan hat, ſo in ſeinem Geſchaft zu unterſtuͤtzen, daß James, wäͤhrend des Laufs des Sommers eine volle Kompagnie zuſammenbringen koͤnnte, — 243— deren Hauptmannsſtelle ihm dann nicht ent⸗ gehen werde, und alsdann— 4* Der Glasgower Kaufmann konnte dieſes außerordentliche Wohlwollen nicht recht be⸗ greifen, und dachte bei ſich: die Bergſchotten haben doch ſeltene Ideen uber Freundſchaft und Verwandtſchaft, aber wenn es auf das Geld ankommt, ſind ſie gerade wie andere Leute.„Aber,“ ſagte er laut,„was glau⸗ ben. Sie, daß Statt finden wuͤrde, wenn James eine Kompagnie erhaͤlt?“ d,Ich vermuthe,“ erwiederte die ſanfte ) um deutſchen Leſern die ſchnelle Beförderung des dier zungen Walkinſhaw weniger auffallend: zu ma⸗ chen, iſt es noͤthig, zu ſagen, daß, obwohl die alte Clanverfaſſung der Bergſchotten laͤngſt von der Brittiſchen Regierung aufgehoben wurde, dennoch die Offiziere der Bergſchotten⸗Regimen⸗ ter, welche faſt ſaͤmmtlich zu dieſem Theile der Nation gehoͤren, ihre Werbungen in den Clans, von welchen ſie abſtammen, veranſtalten. Hat nun ein Offizier eines neuerrichteten Regiments eine gewiſſe, beſtimmte Anzahl Rekruten zuſam⸗ mengebracht, ſo wird ihm der Oberbefehl uͤber dieſe ertheilt.— Wenigſtens fand dieſer Gebrauch noch vor einiger Zeit Statt. 4 3 — D. Ueb. 16*† —— 8 Wittwe mit einer Zaghaftigkeit, von welcher ſie ſich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben wußte,„daß Herr Fraſer ſich alsdann einer Verbindung meines Sohnes mit ſeiner Toch⸗ ter nicht entgegenſetzen wird.“ is ian „Mir duͤnkt,“ erwiederte ihr Schwager, „er haͤtte lieber nach Indien gehen ſollen. Will er dieſes noch thun, ſo Keh ihm meint Kaſſe zu Dienſten.“ 4 3 „Dort kann er nicht auf x eine 3 Tonel Befoͤrderung hoffen, als er ſie hier, durch Glengaels Einfluß, vermuthlich erlangen wird,“ entgegnete Frau Karl mit ſo vieler Feſtigkeit, daß der Laird verlegen wurde; doch behielt er ſeine aͤußere Faſſu ſung und ſagte;„Er mag gehen, wohin es ihm be⸗ liebt, ich werde ihm meinen Beiſtand nie verſagen.— Wo iſt er Jeub? Frau Karl erwiederte: ihr Sohn ſei zur Stadt gegangen, um bei dem alten Freunde ſeines Vaters, dem naͤmlichen, welcher ein Schiff nach Neuyork befrachte, ein Darlehn zu ſuchen. Ihr Schwager biß ſich in die Aihne — As über dieſe Nachricht. Die Unterſtutzung, welche er der ungluͤcklichen Familie ſeines Bruders gewaͤhrte, hatte ihn in der Meinung ſeiner Freunde hoch geſtellt; und diejenigen unter ihnen, welche ſeinen Wunſch kannten, eine Verbindung zwiſchen James und ſeiner Tochter zu Stande zu bringen, bedauerten ihn, daß ſein Plan fehlgeſchlagen ſei. Doch ſchmerzte ihn etwas, das ſich nicht erklären laßt, als er Obiges vernahm. „Mir duͤnkt,“ ſagte er,„James gehe zu weit in ſeinem Verdruß. Ich fuͤgte ihm wahr⸗ lich kein Unrecht zu. Warum wendete er ſich nicht lieber an mich, als an einen Fremden?“ „James hegt ſonderbare Grillen,“ erwie⸗ derte die Wittwe.„Vielleicht verdroß ihn die Weiſe, in welcher Sie zu ihm ſprachen, mehr als die Sache ſelbſt.“”“ „Laſſen Sie uns nicht auf dieſen Gegen⸗ ſtand zuruͤckkommen; die Erinnerung an den⸗ ſelben iſt kraͤnkend, und die Sache laͤßt ſich nicht abaͤndern. Glauben Sie aber, daß Herr Fraſer ſeiner Tochter geſtatten wird, Ihren — 246— Sohn zu heiraten? Sie iſt eine ausnehmend ſchoͤne Perſon, die, in Betracht ihrer Fami⸗ lienverbindungen, eine weit vortheilhufter Partie treffen koͤnnte.“ So obenhin dieſes auch geſagt wurde, lag dennoch etwas darin, welches das Zartgefuhl der Mutter ſo ſehr verwundete, daß ſie um eine Antwort verlegen war. Doch faßte ſie ſich wieder und ſagte:„Sobald wir die noth⸗ wendigen Anſtalten getroffen haben, gedenkt James nach der Burg Glengael abzureiſen, in deren Naͤhe ſich viele alte Offiziere auf⸗ halten, bei denen er ſich, wegen der beſte Art, ſeine Werbung zu betreiben, Raths er⸗ holen kann. Auch wuͤnſcht Herr Fraſer, daß er dieſe von ſeiner Burg aus beginnen möͤge.“ „Vermuthlich wird Miß Fraſer ihn be⸗ gleiten,“ erwiederte der Wittwer trocken. „Nein, ſie geht mit Frau Eadie, welche den Sommer in Glengael zubringen will. 7 „Das freut mich. Ihre Gegen unte ihn an der Erfüllung ſeiner Pflichten hindern“ — 247— „Wen meinen Sie? weſſen Gegenwart?“ fragte Frau Karl, welcher dieſe Bemerkung ſeltſam duͤnkte. Laͤchelnd fuͤgte ſie hinzu: „Gewiß dachten Sie an Helenen, ſchwerlich aber daran, daß wir ſaͤmmtlich der Meinung ſind, ſie und Frau Eadie koͤnnten ihm dort von großem Nutzen ſein. Frau Eadie iſt ſo ſehr davon uͤberzeugt, daß ſie verſichert, wenn die Soͤhne des Clans ihres Vaters wuͤßten, James Heirat haͤnge bloß davon ab, daß er eine Kompagnie zuſammenbringe, ſo wuͤrden ſie ihm ſchaarenweiſe zulaufen. Der Laird, welcher nicht recht wußte, was er antworten ſollte, erwiederte:„Man muß es ſehr beklagen, daß eine in jeder Hinſicht ſo wuͤrdige Frau den Verſtand verloren zu haben ſcheint. Doch,“ fuhr er fort,„dulden Sie nicht, daß James ſich an einen Fremden wende. Ich will ihm ſo viel vorſtrecken, als er bedarf; und da es einmal beſchloſſen iſt, daß er Herrn Fraſers Einladung befolgen ſoll, ſo laſſen Sie ihn ſo bald als moͤglich nach Glengael gehen.“ Lächelnd fügte er hinzu:„Dieß mag der Miß Fraſer und ihm zum Beweiſe dienen, daß ich — 248— nicht ſo ſehr ihr Feind bin, als ſie es zvieleicht glauben.“ Mit dieſen erneuerten Freundſchaftsver⸗ ſicherungen nahm der Laird ſeinen Abſchied. Dreißigſtes Kapitel. Herr Walkinſhaw hatte Camrachle noch nicht lange verlaſſen, als auch ſein Reffe er⸗ ſchien. James war zwar bereits von Glas⸗ gow zuruͤckgekehrt, waͤhrend ſein Oheim ſich noch im Hauſe befand; da er aber deſſen Wagen vor dey Thuͤr ſah, ging er ihm ge⸗ fliſſentlich aus dem Wege. Seine Bemühungen waren fruchtlos aus⸗ gefallen. Der alte Freund ſeines Vaters überhäͤufte ihn zwar mit Erkundigungen nach dem Wohlbefinden der Familie, und zollte ihm vollen Beifall über die Abſicht, ſein Gluͤck im Auslande ſuchen zu wollen; als James aber ſeiner Anſtellung bei der Armee gedachte, da erkaltete das Herz des Kaufmanns⸗ und nachdem er ſich weitlaͤuftig uͤber die Ge⸗ fahren des Krieges und die unſittlichteit der Krieger ausgelaſſen hatte, gab er dem jungen N — 249— Manne den Rath, ſich lieber an ſeinen Oheim zu wenden. Ein Dritter, welcher eben ein⸗ trat, unterbrach das Geſpraͤch. James Herz war, auf ſeinem Ruͤckwege nach Camrachle, wechſelsweiſe niedergebeugt und trotzig, demuͤthig und ſtolz. Er konnte nicht begreifen, wie er ſich be⸗ thoͤren laſſen konnte, Freundſchaft von dieſem Manne zu erwarten. Er fuͤhlte, daß er wie ein Schulknabe gehandelt, und aͤrgerte ſich uͤber die Leichtglaͤubigkeit, gewöhnliche Hoͤflich⸗ keiten fuͤr Freundſchaftsverſicherungen gehal⸗ ten zu haben. „Am meiſten verdrießt mich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„daß er mir, nach allen lang⸗ weiligen Reden, noch obendrein den Rath gab, mich an meinen Oheim zu wenden. Ich begehrte ja nicht ſeinen Rath,— ich verlangte ja nur einen kleinen Freundſchafts⸗ dienſt. Wenn eine Bitte abgeſchlagen wird, ſo iſt es doppelt kraͤnkend, an einen Andern verwieſen zu werden, und noch dazu allerlei ſuperkluge Ermahnungen hoͤren zu muͤſſen.— Der Kuckuk ſoll den holen, der um etwas — 250— bittet, wenn es nicht in der aͤußerſten Noth iſt!“ Dieſe kecke Stimmung dauerte etwa eine Viertelſtunde, während welcher der junge Krieger raſch vorwaͤrts ſchritt, luſtige Kriegs⸗ lieder pfiff, ſeinen Stock wie ein Schwert handhabte und damit die Hecken und Diſteln koͤpfte, als waͤren es Pariſer Carmagnolen, gegen welche die Loyalitaͤt der Britten ſich damals eifrig empoͤrte. Doch in der folgenden Viertelſtunde war James weniger muthvoll, ja ſogar mitunter zaghaft, obſchon zuweilen jugendlicher Hel⸗ denmuth in ſeinem Sinn auftauchte. Einige⸗ mal ſtand er ſtill, blickte nach Glasgow zu⸗ ruͤck und ſann nach, ob ihm, in dieſer gro⸗ ßen Stadt, nicht ein Anderer die benoͤthig⸗ ten hundert Pfund leihen wuͤrde. Ach, wohl Keiner!“ ſagte er ſeufzend. Doch einen Augenblick nachher rief er:„Wer zum Henker fragt danach? Soldaten duͤrfen ſich nicht mit Denken abgeben, ſie muͤſſen ſich nur um ihre Pflicht bekuͤmmern. Ich will auf dem Pfade, den ich eingeſchlagen habe, fortſchreiten und der Gluͤcksgoͤttin ver⸗ trauen!“ Ein kriegeriſcher Marſch wurde auf's Neue gepfiffen, und die Hecken und Diſteln fuͤhlten abermals das Gewicht ſeines Stockes. 555 Doch je naͤher er Camrachle kam, deſto tiefer ſank ſein Muth. Der begeiſternde hoch⸗ ländiſche Marſch ging nach und nach in eine traurige Melodie uͤber, und als er nun vol⸗ lends den Wagen vor der Thuͤr ſeiner Mut⸗ ter halten ſah, da verwandelte ſein Hochſinn ſich dermaßen in knabenhafte Schuchternheit, daß er ſich, wie bereits erwaͤhnt, verbarg und ſich nicht eher in's Haus wagte, bis ſein Oheim daſſelbe verlaſſen hatte. Bei ſeinem Eintritt gewaͤhrten ihm je⸗ doch die unerwarteten vergnuͤgten Blicke ſei⸗ ner Mutter und Schweſter einige Beruhi⸗ gung, ſo daß er hinlaͤngliche Faſſung bekam, um ihnen, mit ziemlicher Gleichguͤltigkeit, den ſchlechten Erfolg ſeines Geſuchs zu er⸗ zaͤhlen. Seine Mutter benachrichtigte ihn hierauf von demjenigen, was zwiſchen ihr und ſeinem Oheim vorgegangen war. — 252— Dieſe Nachricht ſetzte den jungen Mann in einige Verwirrung. Sie widerſprach der Meinung, welche er bisher von ſeinem Oheim gehegt, und die er ſo oft und mit ſo vieler Hitze geaͤußert hatte. Doch erregte dieſe un⸗ erwartete Guͤte einige Zweifel in ſeiner Bruſt, welche die Vorwuͤrfe, die er ſich machte, milderten. „Sei dem, wie ihm wolle!“ rief er mit leichtem, freudigem Herzen.„Ich will we⸗ der ihm, noch mir ſelbſt länger zur Laſt fallen. Doch ſcheint mir, als habe er in dieſem Falle uneigennuͤtzig gehandelt; daher will ich ſeine Wohlthat mit Dank annehmen. Ich will ſie als ein Unterpfand der Fortuna anſehen, durch welches ſie mir kuͤnftiges rd⸗ ßeres Gluͤck zuſichert.“ Doch welche Gefuͤhle wuͤrden ſich ſeiner bemeiſtert haben, wenn er im Stande gewe⸗ ſen waͤre, die wahren Abſichten ſeines Oheims zu durchſchauen! Aber wie konnte er auch nur vermuthen, daß der Beweggrund zu dieſer ſcheinbaren Großmuth kein anderer ſei, als ihn ſo ſchnell als moͤglich von Hele⸗ ſchaffen haben?“ — 253— nen zu entfernen, um ihn bei ihr auszu⸗ ſtechen? James, der nichts Arges ahnte, blieb nicht lange bei ſeiner Mutter, ſondern eilte zu Helenen, um dieſer die frohe Kunde mitzutheilen. un Helene ſtand auf dem Raſenplatz vor dem Pfarrhauſe, als ſie ihn mit vollen Spruͤn⸗ gen, und ſeinen Hut triumphirend ſchwen⸗ kend, auf ſich zu kommen ſah. Augenblick⸗ lich nahm ſie eine ernſthafte und ſo ab⸗ ſchreckende Miene an, daß er plotzlich ſtill ſtand und fragte:„Was iſt vorgefallen?“ „Es iſt lächerlich, ſich ſo abgeſchmackt zu betragen,“ antwortete ſie kalt und ernſt. „Aber ich bringe herrliche Nachrichten! Mein Oheim zeigt ſich von der beſten Seite! Alles iſt zum Gefecht bereit!“ 129. In der Meinung, ſie wolle ihn, ihrer Gewohnheit nach, nur ein wenig necken, rief er Obiges ſo freudig aus, daß er glaubte, ihren Ernſt dadurch zu beſtegen; ſie aber er⸗ wiederte mit Kaͤlte:„Ich dachte, Sie woll⸗ ten nie wieder etwas mit Ihrem Oheim zu . — 254— Wallkinſhaw fuͤhlte dieſen Vorwurf ſchmerz⸗ licher, als es ihre Abſicht war. Erroͤthend und verlegen ſagte er:„Wahr! aber ich that ihm Unrecht. Wäre er nicht einer der beſten Menſchen, ſo wuͤrde er mich nicht ferner guͤtig behandelt hahen, denn ich war in der That unartig gegen ihn.“ rin „Es gereicht wenig zu Ihrem Vortheile, daß, nachdem ſie ſeine Wohlthaten ſo lange genoſſen, Sie ſich unartig gegen ihn betru⸗ gen, und jetzt geſtehen muͤſſen, dihm bhnnechf gethan zu haben.“ Sord Lun Walkinſhaw ließ den Kaue hängen⸗ He⸗ lenens Bemerkungen) enthielten nur zu viel Wahres, doch hielt er ſie fuͤr zu ſtrenge, da er nur um ihretwillen ſo gehandelt hatte. Da aber Helene bemerkte, daß ſie ihren Scherz ein wenig zu weit getrieben, lenkte ſie wieder ein und ſagte mit reizendem Lä⸗ cheln:„Da ich Sie nunmehr, durch meine Neckereien, wieder zur Vernunft gebracht, ſo laſſen Sie hoͤren, was Sie zu ſagen ha⸗ ben. Wenn die Maͤnner uͤbermaͤßig froh⸗ locken, darf man ſie nicht anhoͤren. Erin⸗ nern Sie ſich der Lektion, wenn Sie zu Ih⸗ rem Regiment kommen..,.“.. Hierauf begaben ſich die Liebenden in den Pfarrgarten, wo James ſeiner Helene Alles, was mit ihm vorging, treulich berichtete, und ein paar Thraͤnchen in ihre ſchoͤnen Au⸗ gen lockte, als er ihr ſagte, daß er in eini⸗ 3 gen Tagen nach Glengael gehen werde. Einunddreißigſtes Kapitel. Am andern Tage begab ſich James nach Glasgow, um ſeinem Oheim fuͤr ſein Aner⸗ bieten zu danken, und ihm das unartige Betragen, welches er ſich gegen ihn erlaubt hatte, abzubitten. a Der Oheim empfing ihn uͤber Erwarten herzlich und freundlich, und das Geſchenk, welches er ſeinem Neffen machte, uͤberſtieg deſſen Beduͤrfniſſe bei weitem. Kuͤhn gewor⸗ den durch ſo viele Güte, wagte James, der ſich in der That fuͤr das junge Ehepaar in⸗ tereſſirte und die Laſt beklagte, welche ſeine Großmurter tragen mußte, eine Vorbitte fuͤr ſie einzulegen. — 256— Mit vieler Guͤte erwiederte ſein Oheim: „Es freut mich, lieber James, daß Du ſo großen Antheil an dem Schickſale der jungen Leute nimmſt. Beruhige Dich aber, denn ob ich gleich ſchaͤndlich behandelt wurde, ſo will ich doch meinen Zorn nicht zu weit treiben. Ich gebe Dir mithin den Auftrag, zu ihnen zu gehen, und ihnen zu ſagen: daß ich zwar nichts weiter mit Robina und ih⸗ rem Gatten zu ſchaffen haben will, aber deſſenungeachtet meinem Geſchaͤftsführer den Auftrag gegeben habe, Einleitung zu einer Verſorgung zu treffen, wie ſolche meine Tochter von mir erwarten kann.“ Als James dieſes hoͤrte, glaubte er ſich nicht fahig, die Charakterkraft ſeines Oheims gehörig zu wuͤrdigen, ſo hell und glaͤnzend erſchienen ihm jetzt deſſen Tugenden;— Tugenden, die er ihm, noch vor einem Mo⸗ nate, nicht zugetraut hatte. Man kann da⸗ her leicht denken, daß er mit ſchnellen Schrit⸗ ten zu ſeiner Großmutter eilte, um dieſer die frohe Kunde mitzutheilen. Als er aber ihre Thuͤr erreichte, trat die alte Matrone 1 eben aus dem Hauſe, und zwar, wie es ſchien, gaͤnzlich reiſefertig, denn ihre Magd folgte ihr mit einem kleinen Koffer unter dem Arm. Als die Alte ihren Enkel erblickte, machte ſie eine Bewegung, als wolle ſie zuruͤckkeh⸗ ren, beſann ſich aber ſchnell und ſagte:„Ja⸗ mes, ich habe jetzt keine Zeit, denn ich will zum ſchwarzen Ochſen, um mit dem Schnell⸗ wagen nach Greenock zu fahren, und Du kannſt mich begleiten.“ Erſtaunt fragte er:„Aber was iſt aus Robina geworden?“ Seine Großmutter zwickte ihn triumphi⸗ rend in den Arm und erwiederte:„Das will ich Dir ſagen. Das iſt ein herrlicher Spaß! Die muͤſſen fruͤh aufſtehn, die mich anfuͤh⸗ ren wollen. Die fraßen mich beinah bettel⸗ arm. Da kam ein Freund nach dem andern, und der Wein kam nicht vom Tiſche. Die Korkſtoͤpſel flogen vom Morgen bis in die Nacht in der Kuͤche umher. Das konnt' ich nicht laͤnger aushalten. Alſo geſtern, wie uns der alte Nabal, der Dirdumwhamle, ein Paar von ſeinen verhungerten Hühnern II. Thl. 17 — 258— geſchickt hatte: ſagt' ich dem Binchen und dem Walky, ſie muͤßten huͤbſch zu ihren Ael⸗ tern gehn, ſich fein bei ihnen bedanken, und ein paar Tage bei ihnen bleiben; und ſo wurd' ich ſie, Gott ſei gedankt, heut' Mor⸗ gen los. Jetzt aber bin ich auf dem Wege, meine Baſe, Jungfer Jenny Purdle in Greenock, zu beſuchen.“ „Himmel! und dieß geſchah, um die ar⸗ men jungen Leute aus dem Hauſe zu trei⸗ ben?.“ rief James. „Liebes Kind, Barmherzigkeit fängt bei ſich ſelbſt an. Dirdumwhamle, der Walkys rechtmäͤßiger Vater iſt, muß eher fuͤr ſe ſorgen als ich, und ſo moͤgen ſie auch bei ihm bleiben, bis ich ſie rufe.“ Obſchon James, ohne recht zu wiſſen warum, hieruͤber empört war, beluſtigte ihn dennoch die Liſt der alten Matrone ſo ſehr/ daß er in ein unmaͤßiges Gelaͤchter ausbrach, und ihr daher ſeine freudige Botſchaft nicht ſogleich mittheilen konnte. Als dieſes aber endlich geſchehen war, rief ſie: 8 — 159— „Na, wenn die Sachen ſo ſtehn, ſo will ich meinen Beſuch bei Jungfer Jenny noch aufſchieben. Laß uns alſo zuruͤckgehn. Denn wenn Binchen und Walky jetzt in ihr Koͤ⸗ nigreich eingehn, ſo werden ſie hoffentlich auch bedenken, welche Koſten und Auslagen ich die fuͤnf Wochen lang hatt'. Zeigen ſte ſich aber knickerig, ſo mach' ich ihnen die Nechnung,— fuͤr Koſt, Logis und Waͤſche, fuͤnfundzwanzig Schillinge die Woche; und das waͤr' ſehr billig und chriſtlich, ſagte mir die Wittwe Scrimpit. Und wenn ſie bezah⸗ len,— und bezahlen ſollen ſie, ſonſt verklag⸗ ich ſte,— ſo ſollſt Du die Haͤlfte haben, dafuͤr kannſt Du Dir einen tuͤchtigen Saͤbel kau⸗ fen. Aber mich wundert, mit großem Pläͤſir, wie dieſe Gnade uͤber Deinen Oheim kam. Denn von dem Augenblick an, in welchem er das Licht der Welt erblickte, verſchlang er Alles ſelbſt; aber jetzt hoff' ich, daß er auch etwas fuͤr Dich thun wird.“ James, deſſen Herz von Dankgefuͤhl uͤber⸗ floß, erzäͤhlte ihr hierauf mit jugendlichem SKeuer, nicht nur was ſein Oheim fuͤr ihn 12* — 260— gethan, ſondern wiederholte auch alle die ſchönen Dinge, die er ihm geſagt hatte. „Lieber James, ich kenne Deinen Oheim beſſer als Du, denn ich bin ſeine Mutter, die ihn unter ihrem Herzen trug. Es! iſt nicht um den Ruhm davon zu haben, daß er ſeine verſchimmelten Pfennige weggiebt,— glaub⸗ das, auf mein Wort.“ n „SSeine Guͤte gegen mich kann üm a nen Vortheil bringen.“ „Du haſt nicht Verſtand genug, um das zu begreifen. Häͤtteſt Du aber meine Seher⸗ gabe, ſo wuͤrdeſt Du eine giftige Schlange im Neſte ſinden, oder ich will kein Chriſten⸗ kind ſein, das Chriſtel getauft wurde.! Waͤhrend dieſes Geſpraͤches waren ſie ins Haus zurückgekehrt, und James folgte ſeinet Großmutter in's Wohnzimmer, um ſich fer⸗ ner an ihrer drolligen Laune zu ergoͤtzen. Aber anſtatt in ihrer Plauderſucht fortzu⸗ fahren, ſetzte ſie ſich nieder, ſeufzte tief und weinte bittere Thraͤnen. James, dem dieſes ſelt⸗ ſam dünkte, trug Mitleiden mit ihr und fragke cheilnehmend:„Was betruͤbt Sie ſo ſehr?u — 4 — 261— Die Matrone gab einige Zeit hindurch keine Antwort, endlich ſagte ſie:„Ach, Du gehſt dem Feinde entgegen, weit, weit von mir und Liebchen, wie das Liedchen ſagt. Ich bin ein altes Mütterchen und ſehe Dich ſchwerlich wieder. Es ſchmerzt mich, Dich ziehen zu laſſen; und ob Du gleich immer eine Teufelspflanze warſt, die nie die, rechte Ehrfurcht vor mir hatte: ſo lieb' ich Dich doch mehr, als meine uͤbrigen Enkel. Aber ich kann nicht ſo viel fuͤr Dich thun, als Dein Oheim that, obſchon Jedermann weiß, daß ich ein weit großmuͤthigeres Herz hab, als er;— und da moͤcht' ich Dir doch auch gern Etwas in den Schnappſack ſtecken. Wie der ſchlaue Schelm neulich von meinem Biß⸗ chen Armuth ſprach, das Robin Carrick fuͤr mich aufhebt: da dacht' ich nicht, daß es ſein Ernſt waͤr’,— aber Du ſollſt Dein Part haben. Ich will Dich nicht ohne baaren Segen ziehen laſſen,— alſo nimm den Schluͤſſel und hol' mir die Brieftaſche aus dem Schreibepult.“ James war wie verſteinert, that aber⸗ — 262— wie ihm geboten war. Er uͤberreichte ihr die Brieftaſche, und nachdem die Matrone mehrere von Robins Schuldſcheinen heraus⸗ genommen und durchgeſehen hatte, uͤbergab ſie ihm einen von funfzig Pfund. „Nun, James Wallkinſhaw,“ ſagte ſie, „wenn Du das Alles verthuſt, wie der ver⸗ lorne Sohn: ſo ſollſt Du ſehn, mit wem Duss zu thun kriegſt, wenn Du wiederkommſt. Ach! bis dahin werd' ich wohl Staub und Aſche ſein, und nichts mehr von Deinem Wohl oder Weh wiſſen!“ 19C2 nigen Dieſe außerordentliche und unerwartete Freigebigkeit, und die Gefuͤhle, welche ſeine Großmutter dabei aͤußerte, erſtaunten und ruͤhrten den jungen Mann ſo ſehr, daß er⸗ die Note in der Hand behaltend, unfaͤhig war ſeinen Dank auszudruͤcken. Mittlerweile durchſah die Matrone ihre ubrigen Bank⸗ noten und Verſchreibungen noch einmal, und eine Note von neunundvierzig Pfund er⸗ blickend, ſagte ſie:„Hoͤr' James, für einen, der ſeine Schulden mit der Trommel be⸗ zahlt, ſind neunundvierzig Pfund ſo gut — 263— als funfzig. Nimm die da, und gieb mir die andere zuruͤck.“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Fuͤr die ſämmtlichen mit James aufge⸗ wachſenen jungen Burſche von Camrachle war ſein Geſchäft von großer Wichtigkeit, und ſie bedauerten, daß er ſeinen Werbeplatz nicht lieber unter ihnen aufgeſchlagen hatte, als in den Hochlanden. Doch ihre Aeltern, vorzuͤglich die Muͤtter, prieſen den Hance daß er es anders gefuͤgt. Seine Mutter und Schweſter waren, mit Helenens Beiſtande, ſehr geſchaͤftig, um ſein Gepaͤck zu ordnen; und obſchon die Letztere ſiich beſtrebte, ihre Freundinnen durch heitere Geſpraͤche aufzumuntern, ſo ſtimmte doch auch ſie oft in die Seufzer der Mutter ein. Herr Eadie glaubte ſeinem Zöglinge nicht Ermahnungen genug auf den Weg mitgeben zu koͤnnen, und dieſem hatte dagegen ſein Mentor noch nie ſo langweilig geſchienen. Denn auf ihren langen Spaziergaͤngen redete der wuͤrdige Mann von nichts Anderem, als — 264— von den Lockungen der Welt zur Suͤnde, und von den Gefahren, mit welchen ein militaͤriſches Leben die Sittlichkeit bedrohe. Doch weder Mutter, noch Schweſter, noch Geliebte waren ſo gaͤnzlich mit dieſer Bege⸗ benheit beſchaͤftigt, als Frau Eadie, deren hoher Geiſt ſichtlich von einem furchtbaren und zugleich erhabenen Wahnſinn ergriffen wurde. Ihre Traͤume waren voll freudiger Ahnungen, obſchon ſtets mit Viſionen von Tod und Sterben gepaart; auch deutete ſie den Geſang der Voͤgel und das Schnattern der Elſtern, und bediente ſich dabei einer Sprache, welche konſequenter und mehr orientaliſch ſchwuͤlſtig war, als die, in der Macpherſon den alten Oſſtan reden laͤßt. An dem Tage, an welchem James nach Glasgow ging, war eine Mondveraͤnderung eingetreten, und Frau Eadie beobachtete die Erſcheinung des ſilbernen Halbkreiſes mit geheimnißvoller Unruhe. Als ſie nun am dritten Abend, nach Sonnenuntergang, mit ihrem Gatten auf einem Grabſtein des Got⸗ tesackers ſaß: machte ſie die Bemerkung, das — 265— Himmelslicht zeige ſich unter ſo guͤnſtigen Adſpekten, daß jedes bei ſeinem Wechſel un⸗ ternommene Geſchäft gelingen werde. „DJetzt,“ ſagte ſie,„erſcheint er mir wie ein mit dem alten Monde beladenez. 9ch e das bedeutet Sturm.“— ung „Aber wenn wird ſich dieſer etheben?⸗ fragte ihr Gatte, welcher ihrem atahs trauernd nachgabs. 69 „Noch iſt mir die Macht nirhe geilſehene dieſes genau zu beſtimmen,“ antwortete ſie feierlich.„Aber das Zeichen deutet, daß die Winde des Himmels einen furchtbaren Ein⸗ fluß auf alle unter dieſem Mondwechſel be⸗ gonnenen Geſchaͤfte haben werden. Haͤtte ſich der Mond zuerſt als einen Theil eines zer⸗ brochenen Ringes gezeigt, ſo wuͤrde ich mein Antlitz verhuͤllt und uͤber die Vorbedeutung gejammert haben. Jetzt aber erſcheint er in vollem Glanz, wie ein ſilbernes Boot, wel⸗ ches in der Azurblaͤue des Himmels ſegelt, und eine reiche Ladung guͤnſtiger Schickſale zu den Pforten der Sonne bringt.“ In dieſem Augenblick ſtreckte eine Kuh — 266— ihren Kopf uͤber die Mauer und bruͤllte ſo dicht an Herrn Eadie's Ohr, daß er lachend aufſprang. Seine Gattin ließ ſich jedoch nicht in ihren prophetiſchen Betrachtungen dadurch ſtören, ſchien aber von ſeinem Leicht⸗ ſinne beleidigt zu ſein. 863 Rach einigen Minuten ſtand auch ſie auf und ging, ohne ſeinen dargebotenen Arm anzunehmen, nach dem Thder des Kirch⸗ . hofs zu. „Ich beklage, Dein Mißfallen erregt zu haben,“ ſagte er,„aber wahrlich, das pathe⸗ tiſche Bruͤllen der Kuh war unwiderſtehlich.“ „Glaubſt Du,“ war ihre myſtiſche Ant⸗ wort,„daß ein Thier, welchem die weiſen Aegypter, nicht ganz mit Unrecht, göttliche Verehrung bezeigten, nur ein unartikulirtes Bruͤllen hervorbringen kann? Mir war es ein weiſſagender Gruß. An jenem Morgen, an welchem mein Vater Glengael verließ⸗ um ſich unter die Fahnen ſeines Königes zu degeben, vernahm ich den nämlichen Ton⸗ Eine alte Frau, die Amme meiner Mutter⸗ und zu ihrem Clan gehoͤrend, ſagte mir: — 267.— dieß ſei eine ungluͤckliche Vorbedeutung⸗ denn der Mond war damals im Abnehmen; wenn abet, ſprach ſte ferner, der Mond im erſten Viertel geſtanden haͤtte, alsdann haͤtte es entweder einen Siegesruf oder eine Hochzeit bedeutet.“ 308 „Es iſt ſeltſam,“ erwiederte der Prediger, welcher ſich hinreißen ließ, ihr Vernunft einreden zu wollen,„daß die Kenntniß dieſer Anzeigen beinahe ausſchließlich den Bewoh⸗ nern der Hochlande verliehen ſein follte.“* „Es iſt allerdings höchſt ſeltſam, aber Niemand kann die Urſache davon angeben,“ entgegnete ſies„das Nordlicht ſcheint nicht im Suͤden.“ 5 2. 9ni In dieſem Augenblick ergriff ſie ein Schauder, ſie faßte den Arm ihres Gatten mit einer Art von Wildheit, und ſchien ei⸗ nen voruͤberſchwebenden Gegenſtand mit den Augen zu verfolgen. R 8 „Was giebt's? was ſiehſt Du?“ rief er erſchrocken. „ch glaubte, es ſei Walkinſhaws Oheim,“ ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer, gleichſam — 258— als erhole ſich ihr Geiſt van. einer fubchizu⸗ ren Entzuͤckung. mne m 156 „Es war Niemand,“ nisere ded pe uber nachdenklich m⸗ 3 3 „Es war ſein zweitese Selb“, rief'Feun Eadie. nan Der Ton, in welchem ſie dieſes ſprach, drang ihrem Gatten durch die Seele, und er mußte mit Hamlet geſtehen, daß es⸗ Dinge im Himmel und auf Erden gebe, von deneit ſich unſere Philoſophie⸗ nichts traͤumen laͤßt⸗ 3„Es freut mich, daß Du wenigſtens ſo viel einräumſt,“ ſagte ſeine Gattin;„auch wirſt Du geſtehen muſſen, daß ich Dir ſeit einiger Zeit manche Beweiſe dazu lieferte. Sagte ich Dir nicht, als der Hahn auf dem Dache unſerer Freunde krähte, wir wuͤrden bald vernehmen, daß den Bewohnern des Hauſes ein Gluͤcksfall geworden ſeiz und er⸗ ſchien nicht James, den Tag darauf, mit der Kunde ſeiner frohen Trennung von ſeinem Oheim?— und eben ſo gut, als dieſe Vor⸗ bedeutung in Erfuͤllung ging, werden es die, welche ich mir heute Abend merkte.“ n 1 — 269— So traurig dieſer Irrſinn ſuͤr die Freunde der ſonſt ſo achtungswerthen Frau war ſo verſetzte er doch ſie ſelbſt in das groͤßte und erhabenſte Entzuͤcken. So lange ihre Begei⸗ ſterung dauerte, erſchien ſte Andern in Raͤth⸗ ſel verhuͤllt, wie die Stimme eines Orakels; ſie ſelbſt aber waͤhnte ſich in der Geſellſchaft hoͤherer Weſen zu beſinden, und in Geheim⸗ niſſe dringen zu können, welche jedem andern Sterblichen verborgen bleiben. na Der Prediger fuͤhrte ſeine Gattin zur Wohnung der Frau Walkinſhaw, welcher ſie ihre guͤnſtigen Beobachtungen mittheilen wollte. Doch war er zu betrubt uͤber das ſichtliche Zunehmen ihrer Krankheit, um mit ihr einzutreten; und nachdem er einige Zeit im Dorfe umhergewandelt war, beſchloß er, ihr den Rath zu geben, mit James nach Glen⸗ gael zu reiſen, indem er hoffte, ein Wechſel ihres Aufenthalts und der Anblick ihres Ju⸗ gendlandes moͤchten vielleicht einen guͤnſtigen Einfluß auf ihre Geſundheit haben. — 270— Dreiunddreißigſtes Kapitel. Herr Eadie machte, ſeinem Entſchluſſe zufolge, James den Vorſchlag, ſeine Reiſe noch einige Tage aufzuſchieben, bis Frau Eadie ihn begleiten koͤnne; ſie aber weigerte ſich auf die entſchiedenſte Art, ſeine Gluͤcks⸗ fluth, wie ſie ſich ausdruͤckte, durch ihre Ge⸗ genwart zu truͤben, indem ihr Leben ſtets voll Kummer und getäuſchter Hoffnungen ge⸗ weſen ſei. Aus welcher Quelle auch dieſes Gefuͤhl entſpringen mochte, ſo blieb es den⸗ noch immer ein großmuͤthiges; denn fuͤr ſie war es ein wahres, der Freundſchaft darge⸗ brachtes Opfer. Es wurde mithin beſchloſ⸗ ſen, daß Jameß zur feſtgeſetzten Zeit abrei⸗ ſen, und Frau Eadie, nebſt Helenen, ihm ſobald als möglich nachfolgen ſollte. Juüur die Liebenden war dieß allerdings eine erfreuliche Ausſicht, aber deſto weniger fuͤr den Laird von Kittleſtonheugh, der nicht berechnet hatte, daß Helene ſeinem Neffen nach Glengael folgen werde, und noch weni⸗ ger, daß die irrſinnige Frau des Predigers ſie dahin begleiten wuͤrde. 3 — 271— *Ein Umſtand ereignete ſich jedoch bald darauf, welcher ſeine Beſorgniſſe weſentlich verringerte. Eine Anzahl Glasgower Herren verabredete ſich, eine kleine Seereiſe in ei⸗ nem Lootſenſchiffchen zu machen, und forder⸗ ten den Laird auf, welchem ſie wegen des Verluſtes ſeiner Gattin eine Zerſtreuung zu verſchaffen wuͤnſchten, ſich ihnen anzuſchließen. Georg nahm die Einladung an, und an demſelben Tage, an welchem James mit der Landkutſche nach Edinburg abreiſ'te„ ſchiffte ſich ſein Oheim zu Greenock ein.. Mit welchen Vorraͤthen an Speiſe und Trank, mit wie vielen Koͤrben voll Zitronen, Faͤßchen Wein und Rum, Zuckerhuͤten, Schin⸗ ken, Kaͤſen und Zwiebacken, ſich dieſe Glas⸗ gower Argonauten verſahen,— muͤſſen wir einem umſtaändlicheren Geſchichtſchreiber zu berichten uͤberlaſſen. Fuͤr uns iſt es hin⸗ laͤnglich zu ſagen, daß ſieben der groͤßten Gutſchmecker ſich an Bord eines der beſtſe⸗ gelnden Schobners begaben, um die See⸗ zuft zu genießen, und ihren Apetit zu ſchar⸗ fen. Ob die Unpͤßlichkeit, welche die Rei⸗ — 22— ſenden nach ihrer Abfahrt uͤberftek, von der Seekrankheit oder von Ueberfuͤllung des Ma⸗ gens herruͤhrte, iſt ſchwer zu entſcheiden; kurz, ſie genaſen bald wieder und waren 6 und guter Dinge. Sie durchſchifften die maleriſche Mectenge 4 von Bute, fuhren an den Ufern von Can⸗ tyre her, beruͤhrten den ſchoͤnen Hafen von Campbelton, umſegelten das felſige Vor⸗ gebirge, ſtrichen bei Gigha voruͤber, ließen Isla zur Linken, ſchifften durch den Sund von Jura, hielten ſich kluͤglich an den ro⸗ mantiſchen Kuͤſten von Lorn und Appin, ſegelten durch den Sund von Mull, tranken Whisky zu Rum, und die Betten des gaſt⸗ lichen Sky fuͤrchtend, legten ſie ſich bei Gareloch vor Anker. Was ſie ferner unter⸗ nahmen, und wie ſie weiter an den ſtarren Kuͤſten und den zackigen Felſen der Hoch⸗ lande, welche die Wogen und unruhigen Gewſſer des Minch anſtarren, voruͤberſchiff⸗ ten, wollen wir hier nicht boſchreiben. Es genügt uns zu ſagen, daß ſie muthvoll ent⸗ ſchloſſen waren, das Vorgebirge Wrath zu — 23— umſegeln, ſich an der mitternaͤchtlichen Daͤm⸗ merung und dem Schein des Nordlichts zu erfreuen, und alsdann in Stromneß zu landen. Unſere Pflicht gebietet uns anjetzt, den Schrit⸗ ten des Neffen des ſchiffenden Lairds zu fol⸗ gen, und mithin nach Camrachle zuruͤckzukehren. Doch haben wir auch hieruͤber nicht viel mehr zu berichten, als daß unſerem James der Ab⸗ ſchied von Mutter und Schweſter ſehr durch den Gedanken erleichtert wurde, daß Helene Fraſer und Frau Eadie ihm bald nachfol⸗ gen wuͤrden. 8 1S Mei⸗ Vierunddreißigſtes Kapitel. Da man im Sommer des Jahres 1793 im noͤrdlichen Schottland eben ſo ſicher reiſ'te, als in den uͤbrigen Theilen Großbritanniens: ſo haben wir unſern Leſern bloß zu berichten, daß unſer junger Freund James, gluͤcklich und ohne Abenteuer, mit der Edinburger Landkutſche in Aberdeen antam. Nachdem er eine Nacht und einen halben Tag in dieſer Stadt ausgeruht hatte, miethete II. Thl. 18 — 24= er ein einſpaͤnniges Fuhrwerk, welches ihn bis Glengael bringen ſollte, und gelangte bald in eine Landſchaft, deren Anblick ihm gaͤnzlich neu und fremd war. Frau Eadie hatte ihn mit Empfehlungsſchreiben an ihre ſämmtliche Sippſchaft verſehen, denen zufolge er uͤberall wo er einkehrte, mit der groͤßten Guͤte und Gaſtfreundſchaft aufgenommen wurde. Selbſt diejenigen, welche Frau Eadie nur wenig kann⸗ ten, fanden ſich durch ihre Zuſchrift geſchmei⸗ chelt, indem die Abkömmlinge der tapfern Cland⸗ welche ihren Untergang in der Schlacht bei Culloden fanden, noch immer das Andenken eines ihrer ungluͤcklichen Haͤuptlinge in deſſen Tochter ehrten. James natuͤrlicher Frohſin nn und ſein ein⸗ nehmendes Aeußere machten ihn ſo beliebt in den Familien, bei welchen er auf ſeinem Wege nach Glengael einkehrte, daß ihm die Reiſe mehr Vergnuͤgen gewäͤhrte, als er er⸗ wartet hatte. Am neunten Tage nach ſeiner Abreiſe von Aberdeen gelangte er Nachmittags in ein wildes, romantiſches Thal, in welchem Herrn Fraſers Wohnung lag. — 275— „Den ganzen Morgen hindurch war er an dem Fuße der Gebirge hergefahren, wo er ſichtlicher minderten ſich die Spuren des menſch⸗ lichen Fleißes, und als er endlich die früher⸗ Lindereien erreichte, verſchwanden dieſe gaͤnz⸗ eines ausgerotteten Geſchlechts. Es waren die Gerippe von Huͤtten, welche die Soldaten des Herzogs von Cumberland, im Jahre 1745, geplündert und angezuͤndet hatten. 3648 138 In der Bruſt des jungen Kriegers erweck⸗ ten dieſe Denkmaͤler der Treue traurige Ge⸗ fuͤhle, und er wurde noch niedergeſchlagener, als er in die felſige Schluft kam, die nach Glengael fuͤhrte. Es ſchien ihm, als verlaſſe er die bewohnte Welt, und gelange in das Reich des Schweigens, der Schwermuth und der Unfruchtbarkeit. Spaͤrlich zwiſchen den Felſen wachſende Heide und Farrenkraut wa⸗ 18* — 276— ren die einzigen Zeichen, daß dieſer Erden⸗ fleck nicht das Thai des Todes ſer kss ni un Die üͤber den Weg herabhängenden Klip⸗ ben ließen glauben, daß ehedem große gebirg hier zerſplittert worden ſeien, deren Truͤmmer dieſe unfruchtbare, zde Wüſte bedeckten. Dir Natur ſtellte ſi ſich hier. unter der Geſtalt eines verhungerten Gerippes dar, welches unter Ar⸗ muth und Grauſen dahinſchmachtek. en Nachdem jedoch James einige Meilen durch dieſe mit Fluch belegte Kluft gefahren war, fingen die Felſen an zurückzuweichen; und als er ſich um eine weit hervorragende Klippe gewendet hatte, wurde ſein Ohr durch das Rauſchen eines kleinen Waſſerfalles erfreut, der ſich in hundert Kaſkaden uͤber eine von Birken und Haſelſtauden umringte Kluft hin⸗ abſtürzte. Von hier an zeigte ſich wieder gruͤner Raſen, und da der kleine Strom noch von andern Bergwaſſern vergroͤßert wurde, ſo ge⸗ waͤhrte das enge Thal nach und nach einen angenehmern Anblick. Heidekraut, Brombeer⸗ ſtaaͤuche, und der eben in ſchoͤnſter Vlun — 277— ſiehende rothe Fuchsſchwanz gaben den Felſen ein maleriſches Anſehen. Eine neue Wendung des Weges zeigte unſerem Reiſenden einen großen Landſee, und auf dem Gipfel eines hohen, felſigen Vorgebirges, welches ſich weit in den See erſtreckte, erblickte er die Mauern und Thuͤrmchen von Glengael.. Nach der Fahrt durch eine ſo oͤde und ſchaurige Gegend ſchien es unſerem jungen Freunde, als habe er nie eine ſo ſchoͤne, ro⸗ mantiſche Landſchaft geſehen. Die Berge wa⸗ ren, von ihrem Fuße an bis zu ihren Gipfeln, von dem lebhafteſten Gruͤn bedeckt, und ei⸗ nige Eichen und Tannen, welche die Burg umringten, bereicherten den maleriſchen Anblick des kleinen Vorgebirges, auf welchem das alte Gebaͤude ſtand. Die Sonne hatte ſich hinter die entfernt liegenden finſtern Huͤgel von Roß verſteckt, aber goldene Wolken zo⸗ gen in großen Maſſen herauf, und zeigten ſich in ſo verſchiedenen Geſtalten, daß unſer junger militäͤriſcher Schwaͤrmer waͤhnte, in ihnen die Thüͤrme und Zinnen einer in die Luft gebauten Veſte zu erblicken, deren Waͤlle — 28— mit feurigen Wagen und bepanzerten Krie⸗ gern beſetzt ſinnd. ahann Ms Dieſes poetiſche Entzuͤcken verſchwand je⸗ doch bald. Der Weg, welcher am Rande des Sees herfuͤhrte, war ſteil und felſig, und da, wo er ſich nach dem Vorgebirge zuwandte, zeigte ſich ein ſo graͤßlicher Abgrund, daß James, trotz ſeinem Muthe, einigemal im Begriff war, aus dem Wagen zu ſpringen. Die Truͤmmer einer alten Mauer bewieſen, daß dieſer gefaͤhrliche Weg einſt eingefriedigt war, und da, wo der Regen manche Stellen zu ſehr ausgeſpuͤlt hatte, waren auch neuerlich einige Pfaͤhle eingerammelt worden; doch ge⸗ waͤhrte das Ganze einen ſolchen Anblick von Verfall und Vernachlaͤſſigung, daß James ſich vorbereitete, die Burg in einem aͤhnlichen Zuſtande zu finden. Herr Fraſer hatte, ſeiner Geſchaͤfte wegen, ſelten hier gewohnt, auch wuͤnſchte er bald⸗ moͤglichſt die Summen abzutragen, welche er zum Ankauf dieſer Beſitzung hatte aufnehmen muͤſſen, und ſcheute ſich mithin, etwas auf Verſchoͤnerungen zu verwenden. Der Zuſtand und der Anblick des Gebaͤudes war alſo oͤde und traurig. Der Bogen des Thores lag in Truͤmmern. Manche Fenſter des Hauptgebaͤudes waren mit rohen Feldſteinen zugemauert. An vielen Orten waren die Schiefer von den Thuͤrmchen herabgefallen, und hier und da bewieſen neue Kalkflecken an dem Wohnhauſe, wie wenig der Eigenthuͤmer an Berbeſſerune gen wendete. ih So wie man durch das Thor war, zeigte ſich jedoch ein erfreulicherer Anblick, denn hier hatte Herr Fraſer einen ſchoͤnen Blumengar⸗ ten anlegen laſſen. Auch waren die Wohn⸗ zimmer der Familie recht artig eingerichtet, und obgleich aus Allem die groͤßte Sparſam⸗ keit hervorleuchtete, ſo verlieh dennoch das Ganze eine gute Meinung von dem Geſchmack der Bewohner des Gebäͤudes, welche unſern jun⸗ 5 Freund mit vieler Herzlichkeit aufnahmen⸗ Herr Fraſer, ein etwas aͤltlicher, aber noch kraftiger und ſcharfblickender Mann, empfing ſeinen Gaſt an der Thuͤr, bot ihm treuherzig die Hand und fuͤhrte ihn in das Wohnzim⸗ mer, in welchem ſich ſeine Gattin mit zwei — 280— 7 Toͤchtern befand. Die jungen Damen und ihre Mutter empfingen ihn mit noch mehr Frei⸗ muͤthigkeit als der Vater, und man konnte deutlich merken, daß ſein geſittetes Betragen ſie in der guten Meinung beſtärkte, welche ſie ſchon vor ſeiner Ankunft von ihm hegten. Doch, nachdem die erſte Begruͤßung voruͤber war, und als James der Familie von Frau Eadie's Kränklichkeit Kunde gab, lagerte ſich eine truͤbe Wolke auf ihre Stirnen, welche jedoch auf die Verſicherung, daß die wuͤrdige Frau naͤchſtens mit Helenen nachkommen werde, bald wieder verſchwand. Fünfundbreißigſtes Kapitel. Dda Herr Eadie ſein Kirchſpiel nicht füg⸗ lich verlaſſen konnte, und die Geſundheit ſeiner Gattin nur kleine Tagereiſen verſtat⸗ tete: ſo wurde nach James Abreiſe beſchloſ⸗ ſen, daß ſeine Schweſter den leeren Platz im Wagen einnaͤhme. Am Tage nach ſeiner Ankunft in Glengac trafen ſie Alle dort zu⸗ ſammen. Frau Eadie's Gefundheit hutte ach in⸗ — 281— deſſen nicht gebeſſert. Sie war im Gegen⸗ theile noch ſchwaͤrmeriſcher geworden, und das traurige Gefuͤhl, welches der Anblick ihrer durch die Zeit und den Krieg veroͤdeten fruͤ⸗ heren Heimat bei ihr erweckten, vermehrte ihre aberglaͤubigen Phantaſten. Jede Stelle in der Gegend erinnerte ſie an irgend eine Familienſage, und ſo oft ſie der Geiſterge⸗ ſchichten erwaͤhnte, mit denen jene Erzaͤhlun⸗ gen verwebt waren, gerieth ſie in ein erha⸗ benes, aber wildes, prophetiſches Entzuͤcken. Doch zuweilen hatte ſie lichtere Zwiſchen⸗ raͤume, in welchen ſie ſich einer ſanften Schwermuth überließ. In einer dieſer ruhi⸗ gen Stunden wanderte ſie einſt mit den jun⸗ gen Damen in den Umgebungen der Burg umher, ſtand aber plöͤtzlich ſtill, blickte um ſich und brach in Thraͤnen aus. „Hier war es,“ ſagte ſie,—„hier auf dieſer Stelle verſchwanden die Bluͤten mei⸗ ner fruͤhern Hoffnung auf ewig!“ In dieſem Augenblick ſah die Kranke ei⸗ nen in hochlaͤndiſche Tracht gekleideten Herrn, welcher etwa zehn bis zwoͤlf Jahre aͤlter zu — 222— ſein ſchien als James, auf die Burg zu⸗ ſchreiten, ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und ſank ohnmaͤchtig in die Arme ihrer Ge⸗ ſellſchafterinnen. Der Fremde, welcher den Schrei hoͤrte und ſtie niederſinken ſah, eilte ſogleich zu ihrem Beiſtande. Als Frau Eadie ſich wieder ſo weit er⸗ holt hatte, daß ſie im Stande war aufzu⸗ zublicken: ſtand der Fremde zufaͤlligerweiſe hinter Helenen, auf deren Schooß ihr Kopf ruhte; und da ſie ihn nicht ſah, rief ſie mit pathetiſcher Stimme:„O, Fraſer!“ „Ich ſah ihn, und mein Stuͤndlein wird bald ſchlagen!“ fuͤgte ſie hinzu. 15138 Doch in demſelben Moment veränderte der Fremde ſeine Stellung ſo, daß ſie ihn erblickte. Sie betrachtete ihn einige Zeit mit Furcht und Staunen, und ſagte dann in einem unbeſchreiblich traurigen Tone: „Ich taͤuſchte mich.“ Hierauf erhob ſier ſich, und der Fremde nannte ſeinen Namen. Er war der naͤmliche Herr, welchen Frau Eadie vor vierzehn Jahren als den Sohn ihres erſten Geliebten erkannte. Da ſie ſeiner auf der Stelle anſichtig wurde, auf welcher ſie ſich von ſeinem Vater getrennt hatte, und zwar in der nämlichen Tracht, in der ihr Geliebter damals erſchienen war: ſo glaubte ſie eine Erſcheinung zu ſehen. Dieſen und einige ahnliche Zufaͤlle abge⸗ rechnet, ſtaͤrkte ſich die Geſundheit der wuͤr⸗ digen Frau merklich in der Luft ihres Ge⸗ burtslandes; auch brachte ihre Gegenwart auf der Burg dem Werbegeſchäft ihres jun⸗ gen Freundes weſentliche Vortheile. Glengael, der indeſſen James und He⸗ lenens gegenſeitige Neigung erfahren hatte, ließ es ſich gleichfalls ſehr angelegen ſein, die Zwecke des Erſtern zu befoͤrdern. Da nun auch French Fraſer, wie man den Frem⸗ den nannte, ein Werbegeſchaͤft unternommen hatte, entſtand ſo viel Geraͤuſch und Laͤrm in der Burg, daß die zarten Nerven der Kranken darunter litten. Um dieſem zu ent⸗ gehen, und damit Frau Eadie die Seebaͤder brauchen koͤnne: ſchlug Glengael einen Aus⸗ flug! nach Caithneß und Sutherland vor, wo⸗ ſelbſt er uͤberdieß den beiden Offizieren ei⸗ — 284= nige nützliche Bekanntſchaften zu verſchaffen gedachte. Waͤhrend die Herren ihre Beſuche in der Nachbarſchaft abſtatteten, ſollten die Damen in dem Städtchen Wick bleiben. Das Wetter war einige Tage hindurch ſo heiter und ſchoͤn, daß die Reiſegeſellſchaft Wick ohne alle Unannehmlichkeiten erreichte. Kaum aber waren ſie im Gaſthofe angelangt, als ſich auch der Wind drehte, und der Him⸗ mel von Wolken bedeckt wurde. Drei Tage tobte der Sturm in einem fort, und der Regen fiel in Stroͤmen nieder, ſo daß, an⸗ ſtatt Beſuche abſtatten zu koͤnnen, die Herren ſich auf das Haus beſchraͤnkt ſahen. Am Ende des dritten Tages ließ der Sturm nach, und obgleich das Wetter noch unbeſeändig blieb, ſo gab es doch ziemlich heitere Zwi⸗ ſchenraͤume, welche ihnen geſtatteten, kleine Ausfluͤge in die Nachbarſchaft zu machen. Soowohl die Gegenſtände, welche ſie be⸗ ſuchten, als auch die Sagen und Erzaͤhlun⸗ gen der Eingebornen erregten die höchſte Theilnahme der Geſellſchaft, und es wurde daher beſchloſſen, ehe man Wick verließ, auch 8 — 285— die Damen zu mehrern der merkwuͤrdigſten Skellen zu fuͤhren;— vor Allem aber nach dem Schloſſe Girnigo, dem ehemaligen fuͤrſt⸗ lichen Wohnſitz der Grafen von Caithneß⸗ deſſen ſtolze Ueberbleibſel das Landvolk noch immer mit ehrfurchtvollem Schauder betrach⸗ tet, indem viele grauſenvolle Sagen von den Geſchichten, welche ſich hier ſollen zugetragen haben, unter demſelben in Umlauf ſi nd. Da dieſe Ruine nicht uber drei bis vier Meilen von Wick entfernt war, ſo beſchloß Frau Eadie, ſich der Geſellſchaft anzuſchlie⸗ ßen. Aber an dem Abend, welcher dem zu ihrem Ausfluge beſtimmten Tage vorherging, ſah ſie beim Untergang der Sonne— oder waͤhnte wenigſtens es zu ſehen— ein furcht⸗ bares Wunder, welches ſte von ihi Waa⸗ haben abmahnte. S„Ich erblickte,“ ſagte ſie, Wwiſczen mit und der untergehenden Sonne eine Hand, welche eine abgelaufene Sanduhr hielt; und als ich abermals emporblickte, ſah ich das leichenblaſſe Bild von Walkinſhaws Oheim voruͤberſchweben. Ich erblickte ſein zweites — 286— Selbſt nunmehr zum andern Male, und die⸗ ſes Zeichen deutet an, daß entweder ſein Ziel geſteckt ſei, oder daß wir moren ſatſen Neuigkeiten erfahren werden.“ 11 Es wuͤrde thoͤricht geweſen ſein, mit ihr hieruͤber vernuͤnfteln zu wollen; da man ſie aber nicht gern ſich ſelbſt uͤberließ, ſo ent⸗ ſchloſſen ſich Herr und Frau Fraſer in Wick zu bleiben, waͤhrend French Fraſer,— ſhaw und die jungen Damen die Ruinen von Girnigo und die Hoͤlen, Felſen und Abg:üne von Noßhead beſuchten. 1 Unter allen Stellen in der wilden, ides Grukſchafe Caithneß gewaͤhrt das Vorgebirge von Noßhead, ſowohl dem Schiffer als dem Wanderer, den furchtbarſten Anblick. Seit unendlichen Jahrhunderten ſtuͤrmten die Wogen des großen Weltmeeres gegen daſſelbe an. Ungeheure, von den Felſen abgeriſſene Klip⸗ pen liegen halb in dem Waſſer verborgen, gleichſam als lechzten ſie nach Schiffbruch und Vernichtung. Selbſt in den heiterſten Tagen tobt hier die fuͤrchterlichſte Brandung. Sogat die Seevoͤgel, welche ihre Neſter in die wilde⸗ — 287— ſten Klippen und Schluften dieſer oͤden Kuͤſte zu bauen pflegen, vermeiden Noßhead; denn hier raſt der Ocean in unaufhoͤrlichen Kata⸗ rakten empor, und ſowohl die Ebbe, als die Flut drehen ſich in ſteten Wirbeln, welche Alles zu verſchlingen drohen. Dem entfern⸗ ten Schiffer dient dieſes Vorgebirge zwar zu einem weit ausſchauenden Landzeichen, wird das Schiff aber gegen deſſen nördliche oder ſüdliche Klippen getrieben, ſo iſt ſein Unter⸗ gang unvermeidlich, und ſelbſt die elenden Anwohner der Kuͤſte aäͤrnten keine Beute; denn die graͤßlichen Wellen zerſtieben Alles in tauſend Truͤmmer, und geben nichts zuruͤck als Spaͤhne, oder die arrſticet a czednaben der Srtrunkenen. IMJA8 Gechsunddreißigſtes nagttet— 4 12 Herr Donald Gun, der ehrenwerthe Schul⸗ dhrn von Wick, welcher ſich der Geſellſchaft zum Fuͤhrer nach Girnigo angeboten hatte, war bald nach Sonnenaufgang vor der Thuͤr, und ermahnte unſere Reiſenden, ſi ſich marſch⸗ fertig zu halten. Denn nohſshan der Morgen — 288— ſchoͤn und heiter war, ſo hatte er doch am vorhergehenden Abend einige Zeichen bemerkt, welche ihn einen abermaligen Sturm befuͤrch⸗ ten ließen.„Der Wind,“ ſagte er zu Wal⸗ kinſhaw,„erhebt ſich in dieſer Jahreszeit oft gegen Mitrag, und alsdann prallen die Wogen mit ſo großer Gewalt gegen die Felſen, daß man die gefaͤhrlichſten, aber ſchoͤnſten Stellen nicht beſchauen kann, ohne Gefahr zu laufen den Hals zu brechen, oder durch die Brandung von den Klippen herabgeſpuͤlt zu werden.“ Wallkinſhaw rief ſogleich die Geſellſchaft zuſammen und begab ſich auf den Weg; der Schullehrer ſchritt voran und machte unter⸗ wegs auf die inäekeſſanteſtan Stelen auf⸗ merkſam. Waͤhrend ihres Ganges nach dem Dorfe Staxigo zeigte ſi ch das Wetter fortwaͤhrend günſtig; Herr Gun bemerkte jedoch, daß ein leichter Nordoſtwind— der ſtürmiſchſte an dieſen Kuͤſten— das bisher ſpiegelglatte Meer zu kraͤuſeln anfange: ein ſicheres Zeichen, daß ſich am Nachmittag ein heftiger Sturm er⸗ heben werde. Doch ſeine Gefaͤhrten, welchen — 289— die Wetterandeutungen dieſer gefaͤhrlichen Kuͤſte unbekannt waren, hoͤrten ſeine Bemerkungen ohne Beſorgniſſe an. 3 Nachdem die Wanderer in Staxigo ein Fruͤhſtuͤck von Milch, Schinken, Eiern, See⸗ krebſen und Schellfiſchen eingenommen hatten, gingen ſie nach den Ruinen von Girnigo. Der bisher ſchwache Wind erhob ſich immer. ſtärker, und die Wellen fingen an ſo heftig gegen die ſuͤdlichen rauhen Klippen und Land⸗ ſpitzen zu toben, daß, als die Geſellſchaft die Halbinſel erreichte, auf welcher die praͤchtigen Ruinen der Schloͤſſer Girnigo und Sinelair liegen, ſie verſchiedene Fiſcher von Wick dort antrafen, die bei Anbruch des Tages in die See gefahren waren, und jetzt ihre Boote eiligſt an's Ufer zogen. Die Wanderer er⸗ kundigten ſich nach der Urſache, und die Fiſcher machten ſie auf lange weiße Streifen am Horizont, die ſie Ziegenbaͤrte nannten, auf⸗ merkſam, wie auch darauf, daß die Seevoͤgdl ale landeinwärts flogen. Die Wogen thuͤrmten ſich jetzt immer mehr an den aͤußern Spitzen von Noßhead II. Thl. 19 — 290— empor, und das lange Gras auf den Wäͤllen der Ruinen flatterte hin und her. Die Sonne ſchien zwar hell, aber die weißen Streifen am Horizonte blieben drohend ſtehen. Doch lag in allen dieſen Anzeichen noch nichts, das Furcht erregen konnte; und ohne an die Schrecken eines plötzlichen Sturmes zu den⸗ ken, nahm die Geſellſchaft lebhaften Antheil an den Erzaͤhlungen ihres Fuͤhrers, welcher ihnen die traurigen Begebenheiten berichtete, die ſich in dieſen einſamen Schloͤſſern zuge⸗ tragen haben ſollten. Aber ob er gleich, mit b beſonderem Nachdruck, bei der Geſchichte des Biſchofs verweilte, welchen einer der Grafen von Caithneß, wegen deſſen Erpreſſungen, durch ſeine Vaſallen lebendig in einem Keſſel ſieden ließ: ſo nahmen die Wanderer dennoch groͤßeren Antheil an dem beklagenswerthen Schickſale des Junkers von Caithneß, der im Jahre 1572, als Opfer der Eiferſucht ſeines Vaters, einen ſchmaͤhlichen Tod litt. „Georg, der damalige Graf,“ ſagte der Schullehrer,„und ſein Sohn, der Junker von Caithneß, liebten Beide Euphemia, die einzige — 291— Tochter des Lord Reay. Die junge und ſchoͤne Dame zog, wie ſehr natuͤrlich, den Sohn dem Vater vor. Aber der Graf war ein ſtolzer, jaͤhzorniger Mann„ und um ſich an ſeinem Sohne zu rächen, wuͤnſchte er ihn aus dem Wege zu ſchaffen;— doch nicht durch den Dolch, wie es zu jenen unruhigen Zeiten haͤu⸗ fig uͤblich war. Als ſie nun einſt in der Halle unter jenem Bogenfenſter des zweiten Stockwerks beieinander ſaßen, ſchlug der zor⸗ nige, tuͤckiſche Graf dreimal in die Hände, und alsbald traten drei ſtarke, geharniſchte Manner ein, deren Geſichter ſchwarz gefaͤrbt waren, bemäaͤchtigten ſich des Junkers und ſchleppten ihn in jenen feuchten Kerker, deſſen furchtbaren Schlund Sie noch zwiſchen den beiden Hauptgebaͤuden ſehen koͤnnen.“ 19 „Bald nach der Einkerkerung des Sohnes war der Vater genoͤthigt, an den Hof des Koͤnigs zu reiſen, und uͤbertrug einem gewiſſen Murdow Mackean Roy die Obhut uͤber den Gefangenen. Dieſen uͤberredete der Junker, bald nach der Abreiſe des Vaters, ihn ent⸗ fliehen zu laſſen. Aber William, der zweite 19* 4 — 292— Sohn des Grafen, entdeckte das Geheimniß, und ließ den Murdow ſogleich hinrichten. Gleich darauf begab William ſich in den Ker⸗ ker und bedrohte ſeinen Bruder gleichfalls mit dem Tode, wenn er ſich noch einmal unter⸗ fange, die Waͤchter beſtechen zu wollen. Oh nun zwar der junge Edelmann mit ſchweren Feſſeln beladen war, ſo ſprang er doch auf Lord William zu und ſchlug ihn dermaßen, daß er bald darauf den Geiſt aufgab. Nunmeht wurden David und Inghram Sinclair zu Huͤtern des Gefangenen angeſtellt; dieſe mach⸗ ten ſich aber die Abweſenheit des Grafen und die durch Williams Tod entſtandene Verwir⸗ rung zu Nutz, bemaͤchtigten ſich aller im Schloſſe vorräthigen Schätze, entflohen heimlich und ließen den armen jungen Lord den Hunger⸗ tod leiden.“ „Der alte Graf, welcher ſeine Gräuelchat und ihre Folgen nunmehr bitter bereute, ver⸗ barg ſeinen Durſt nach Rache ſieben Jahre hindurch. Als er aber in Erfahrung brachte. daß Inghram Sinclair, welcher ſich mit ſei⸗ ner Beute in einen entfernten Theil des Lau⸗ — 293— des gefluͤchtet hatte, die Hochzeit ſeiner Toch⸗ ter durch ein großes Feſt feiern wollte: ſo beſchloß er, dieſes Feſt zum Schauplatz ſeiner Rache zu machen. Dieſem Entſchluß zufolge begab er ſich, unter dem Vorwande jagen zu wollen, in die Naͤhe von Sinclairs Wohnort, trat, den Sitten jener gaſtfreien Zeit gemäͤß, ohne Hinderniß in die Halle, in welcher das Feſt gefeiert wurde, und erſchlug den Verrä⸗ ther in der Mitte ſeiner Gaͤſte.“ Waäͤhrend die Geſellſchaft, auf der Wind⸗ 4 ſeite der Ruine, der Erzaͤhlung des Schulleh⸗ rers zuhoͤrte, erhob ſich der Sturm immer ſtärkerz die Wogen ſtrebten in maͤchtigen Waſ⸗ ſerſäulen an den ſüdlichen Landſpitzen empor und bedeckten ſie mit ihrem Schaum. Der Schullehrer deutete auf die entfern⸗ ten Ruinen der Burg Clyth, üͤber welche ſich die Wellen brachen, und ſagte:„Wir haben einen heftigen trockenen Sturm zu erwarten, denn Clyth hat ſich in ſein Leichentuch gehuͤllt. Seht, wie es da gleich einem Geiſt am Ufer ſteht! Dieſe Truͤmmer ſind ein verwuͤnſchtes, geſpenſterartiges Denkmal!“ — 294— „ Vor uralten Zeiten,“ fuhr der Schul⸗ lehrer fort,„ſchiffte der Laird von Clyth nach Daͤnemark und begab ſich an den Hof von Helſingoͤr. Hier gab er ſich fuͤr den reichſten Edelmann von Caithneß aus, und verfuͤhrt durch deſſen ſchoͤnes, einnehmendes Aeußere und ſeine Beredſamkeit, ließ ein Prinz von Kopenhagen ſich bewegen, ihm ſeine wunder⸗ ſchoͤne Tochter zur Ehe zu geben. Nach voll zogener Heirat kehrte der Laird nach Schott⸗ land zuruͤck, um Anſtalten zum Empfang ſei⸗ ner herrlichen Gattin zu treffen. Als er aber ſeinen rohen, faſt unaufhoͤrlich vom Schaum des Oceans bedeckten Thurm betrachtete, und dabei der goldenen Schlöſſer und prachtvolle Gaͤrten Daͤnemarks gedachte: da uͤberfiel ihn ein Grauſen bei dem Gedanken, daß eine ſo erhabene Fuͤrſtin einen ſo ſchauerlichen Aufent⸗ halt bewohnen ſollte; auch fuͤrchtete er den Zorn und die Rache ihrer Verwandten. Als nun das Daͤniſche Kriegsſchiff, an deſſen Bord ſich die hohe Dame befand, ſich der Kuͤſte naͤherte: befahl er, Feuerzeichen auf der Kuͤſte von Ulſter zu machen, durch welche die Steuer⸗ + –— — — 295— leute irre gemacht wurden, und das Schiff in tauſend Truͤmmer zerſtiebte. Die Prin⸗ zeſſin und ihre Ehrenfraͤulein, nebſt vielen Matroſen, ertranken. Aber der noch im Tode ſchoͤne Koͤrper der Erſtern, welchen man an ihrem Schmuck erkannte, wurde am Ufer ge⸗ funden und, ihrem hohen Range gemäß, in die Familiengruft gebracht, woſelbſt ſie unter den Vorfahren des Sir John Sinclair von Ulſter ruht. Seit dieſer Zeit blieb die Burg Clyth unbewohnt, und ſo oft der Wind aus Nordoſten blaͤſt, bedeckt ſie ſich mit einem Leichentuche, gleichſam als thue ſie Buße fuͤr den an der Daͤniſchen Jungfrau bagangenen Mord.“ Der ſchmuckloſe Ernſt, mit welchem der Schullehrer dieſes erzaͤhlte, erregte das Mit⸗ leiden ſeiner Zuhoͤrer, und einigen der jun⸗ gen Damen traten ſogar Thraͤnen in's Auge. Als die Herren dieſes bemerkten, und Wal⸗ kinſhaw ſeine Begleiterinnen zu zerſtreuen wuͤnſchte: ſchlug er vor, nach Noßhead zu gehen, um die fürchterliche Wuth der Bran⸗ dung zu beobachten. Als ſie aber noch eine — 296— halbe Meile von dem Vorgebirge entfernt waren, brach der Sturm mit einer ſolchen Heftigkeit los, daß ſte, unfaͤhig dem Winde und dem haͤufigen Staubregen der Brandung zu widerſtehen, ſich mehrere Male in die Kluͤfte der ee Seiſe verbergen mußten. Siebenunbbreißigſtes Kapitel. 8 Mittlerweile ſegelten die Glasgower See⸗ fahrer tapfer umher, und ſchmauſten nach Herzensluſt. Verführk von dem ſchoͤnen Wekter, welches auch unſere Freunde von Glengael zu ihrem Ausfluge nach Wick ver⸗ leitet hatte, waren ſie einen langen Strich in die See gefahren und bis zu dem ſoge⸗ nannten Feſtland von Shetland gelangt, woſelbſt ſie trefflichen Kabeljau ſpeiſten, und alsdann wieder die Anker lichteten, um durch den Seearm von Pentland zuruͤckzukehren. Da ſie jedoch von dem ſtuͤrmiſchen Wetter. überfallen wurden, welches Herrn Fraſer und ſeine Gaͤſte in den Gaſthof zu Wick bannte: ſegelten ſie nach der Bucht von Kirkwall, in welcher ſie ſich ſo lange aufhalten mußten, — 297— daß der Gedanke an die Verſaͤumniß ihrer Geſchaͤfte ihr Vergnuͤgen ſtoͤrte. Doch war dieſe Verzoͤgerung Keinem von der Geſellſchaft ſo verdrießlich, als Herrn Georg Walkinſhaw. Denn, die Sorgen fuͤr ſeine kaufmaͤnniſchen Geſchaͤfte abgerechnet, dachte er mit Sehnſucht an Helene Fraſer, indem er entſchloſſen war, gleich nach ſeiner Ruͤckkehr ihren Vater auszuforſchen, ob er geneigt ſei, ihm ſeine Tochter zur zweiten Frau zu geben. Wie ein ſchon etwas be⸗ jahrter Mann ſich um ein Maͤdchen bewerben konnte, welches, wie er wohl wußte, ſeinen Neffen liebte: muͤſſen wir denjenigen zu be⸗ urtheilen uͤberlaſſen, welche die Eiferſucht des Grafen von Caithneß gegen ſeinen Sohn zu erklaͤren im Stande ſind. Fuͤr uns iſt es hinreichend, daß wir, als treuer Geſchicht⸗ ſchreiber, die Thatſache und die aus dieſer entſpringenden Begebenheiten berichten. Herr Walkinſhaw, welcher auf dieſe Weiſe der Orkneys, und vielleicht auch der Munterkeit ſeiner Gefaͤhrten, herzlich uͤber⸗ druͤſſig war, beſchloß nunmehr, ſich der Un⸗ * — 298— beſtaͤndigkeit der Winde und Wellen nicht laͤnger auszuſetzen, ſondern den Schooner zu Kirkwall zu verlaſſen, nach Thurſo zu ſegeln, wohin eben ein Schiff zur Abfahrt bereit lag, und alsdann zu Lande nach Glasgow zuruͤckzukehren. Dieſem Entſchluſſe zufolge ſchiffte er ſich an dem naͤmlichen Morgen ein, an welchem die Geſellſchaft von Wick das Schloß Girnigo und die erhabenen Schre⸗ cken von Noßhend beſuchte. Gelinde Sommerwinde ſetzten die, Scha⸗ luppe, an deren Bord er ſich begeben hatte, in den Stand, Mullhead umſegeln zu koͤnnen. Aber ehe ſie die zackigen Klippen und klei⸗ nen Eilande von Copinſhaw durchfuhren, hielt der Schiffer fuͤr rathſam, ſich weiter in die See zu halten; denn der Wind wurde ſtaͤrker, und die Wellen ſtuͤrmten gegen Roſe⸗ neß und die felſige Kuͤſte von Barra. Ungeachtet der Erfahrung, welche der Reiſende bereits auf dem Schooner gemacht hatte, wirkte das heftigere Schwanken der Schaluppe dennoch ſo nachtheilig auf ihn, daß er unausſprechlich ſeekrank wurde, ſich .— 299— auf das Verdeck niederwarf und ſogar ein⸗ mal den Wunſch ausſtieß, das Meer moͤge ihn verſchlingen. Den Kajuͤtenjungen, wel⸗ cher neben ihm ſtand, überſiel ein ſolches Entſetzen uͤber dieſen gottloſen, bei ſtuͤrmi⸗ ſcher See und unguͤnſtigem Winde ausge⸗ ſprochenen Wanſch, daß er ihn auf der Steli verließ. Einige Zeit glaubte der Schiffer, es ſei nicht nothwendig, die Segel einzuziehen, ſondenn hielt ſich nur weit nach Suͤdoſt. Als aber die Sonne den Meridian erreichte, wurde der Wind ſo heftig, daß er ſich nicht allein genoͤthigt ſah, die Segel einzuraffen, ſondern ſie am Ende alle, bis auf das Vor⸗ 3 derſegel, einzuziehen. Da es jedoch nicht regnete, man auch weder Wolken ſah, noch Donner hoͤrte: ſo ahnte der ſeekranke Glas⸗ gower Kaufmann keine Gefahr. „Es kann ſein,“ ſagte der Kajuͤtenjunge, indem er bei dem Laird voruͤberging,„daß Euer haͤßlicher Wunſoh bald in Erfuͤllung geht.“ 3 Der ernſte und ruͤckſichtsloſe Ton, in 4 welchem der Knabe dieſes ſprach, brachte eine augenblickliche Geneſung hervor. Herr Walkinſyaw erhob ſich aus ſeiner demuͤthigen Lage, blickte um ſich und erſtaunte, die Se⸗ gel eingezogen zu ſehen. Als er nun auch ſeine Augen nach der Windſeite warf, ſah er mit Entſetzen das wüthende, fuͤrchterliche Kochen des Ozeans, und den Schaum deſſel⸗ ben wie aus einem Phenden Keſ el tnpos. ſteigen. „Iſt das nicht ein 4 furchtbarer Sturm? fragte er den Schiffer. 46 „So iſt's,“ antwortete t ieſer mit Nach⸗ druck. 8 nire „Droht uns Gafahrateg leßt der erſchrok⸗ kene Kaufmann, und warf ſich dicht unter den Backbordr. Der Schifer, der angſtlich nach dem Vor⸗ gebirge Duncasby blickte, an welchem ſich ungeheure Wäͤlle von ziſchendem Schaume 9 darſtellten, erwiederte:„Ich hoffe, da wir Noßhead umfahren koͤnnen.“ „Und koͤnnen wir es nicht,— was unnt⸗ 3 fragte Herr Walkinſhaw. — 301— „Dann ertrinkt Ihr!“ rief der Kajuͤten⸗ junge, welcher ſich auf ſeine Windſeite ge⸗ ſetzt hatte. Der bittere und vorwurfsvolle Ton, in welchem der Knabe dieſes ſagte, ging dem ſtolzen Kaufherrn durch die Seele, . doch erwiederte er nichts. Aber wie vergrößerte ſich ſeine Angf, 15 er gewahrte, daß die Schiffsmannſchaft aͤngſtlich und traurig nach den bruͤllenden Abgrunden von Caithneß blickte! Noch immer gehorchte das Schiff ſeinem Stenuerruder und hielt ſich, obwohl muhſam, vom Ufer ab; aber als es ſich nach und nach drehte, wurde deſſen Seite der See mehr ausgeſetzt und einigemal von den Welen uͤberſchwemmt. „Herr, das iſt ein ſchreckliches Dingae fagte Herr Walkinſhaw. „So iſt's,“ war die kurze Antwort. annen wir keinen Haken erreichen? „RKeinen.“ „Gerechter Himmel! lieber Herr, wenn Nühe bis zur Nacht dauert!“ Der Schiffer blickte ihn an und erwie⸗ — 302— derte ſchaudernd:„Haͤlt der Sturm an, ſo erleben wir die Nacht nicht.“ „Ihr ertrinkt!“ fuͤgte der kleine Kunbe hinzu und warf ihm einen grimmigen Blick zu. „Allmaͤchtiger Gott!— So groß wird die Gefahr doch nicht ſeidss rief der entſezte Kaufmann. „Schweigt!“ rief der Knabe. Herr Walkinſhaw war, als er dieß hoͤrte, fuͤr einen Augenblick wie verſteinert; denn das Gebot wurde nicht mit Unverſchämtheit, ſondern mit Feierlichkeit ausgeſprochen. 3 Im naͤmlichen Augenblicke erſchallte ein Ruf vom Vorderkaſteel:„Haltet feſt!“ und nach einem Moment brach ſich eine fuͤrchter⸗ liche Welle auf dem Verdeck. Der Schiffer, welcher das Steuerruder ſelbſt ergriffen hatte, wurde über Bord geſchwemmt, und die Ruder⸗ pinne brach. „Wir ſi fnd verloren!“ rief der Knabe, ſchuttelte das Waſſer von ſeiner Jacke, kroch bis zum Maſt und ſetzte ſich am Fuße deſſel⸗ ben nieder; denn nach dem Verluſt der Ru⸗ 4 — 303— derpinne und dem Schaden, welchen das Steuerruder erlitten hatte, ließ ſich das Schiff nicht mehr lenken und trieb nun vor dem Winde. „Bleibt in der That keine Hoffnung uͤbrig?“ fragte Herr Walkinſhaw einen Ma⸗ troſen, welcher ſich an den Wandtauen feſt⸗ hielt. „Ja, wenn wir Sinclairs Bucht erreichen, da iſt Sandboden,“ erwiederte der Matroſe. „Und wenn wir es nicht koͤnnen?“ rief der Paſſagier verzweiflungsvoll. „Dann ertrinken wir Alle!“ rief der Knabe, mit zornigem Blick. „Wir werden Sinclairs Bucht nicht er⸗ reichen, aber wir koͤnnen bei Noßhead voruͤber treiben,“ ſagte der Matroſe mit Feſtigkeit. „Glaubt Ihr das?“ fragte Herr Walkin⸗ ſſhaw, welchem der Muth des Seemannes wieder einige Hoffnung gab. Ein nochmaliges Rufen:„Haltet feſt!“ ließ ein abermaliges Ueberſchwemmen fuͤrchten. Er warf ſich auf's Verdeck nieder, faßte einen ſtarken Ring an und blieb in dieſer Lagez — 304— doch hob die Welle das Schiff empor. Unter⸗ deſſen ſah der muthige Matroſe ſich ruhig und beſonnen um, ging von der linken Schiff⸗ ſeite nach der rechten, befeſtigte einige Stricke an die Waͤnde und lehnte ſich gegen dieſe, während das Schiff mit Pfeileaſchnele auſ Noßhead zutrieeb. achtunddreißigſtes Kapitel. . Die Geſellſchaft von Glengael, welche. wie wir bereits erwaͤhnten, genoͤthigt war, ſich hinter den Felſen vor dem Sturmwinde zu ſchützen, betrachtete ſchweigend die grauſen⸗ volle Szene. Der Himmel war gänzlich wol⸗ kenleer, aber die Atmoſphaͤre war deſſenun⸗ geachtet voll Duͤnſte, durch welche das Son⸗ nenlicht nur matt und glanzlos durchdrang. Jeder Buſch und jeder Dornenſtrauch beugte ſich nicht nur vor dem Winde, ſondern man konnte buchſtaͤblich ſagen, daß deren Zweige im Sturme zerfloſſen. In der Naͤhe der Ge⸗ ſellſchaft ſtroͤmte ein reißender Waldbach nach der See zu, deſſen in Katarakten herabfallende Gewäſſer der Wind faßte, und ſie in einem —— 8 — 305— hohen Wirbel uͤber die Felſen zuruͤcktrieb. Ei⸗ nige Birken, die das enge Thal, durch welches der Strom floß, umringten, ſenkten ſich bis zur Erde; und der Sturm kehrte ihre Blaͤtter dergeſtalt um, daß es ſchien, als waͤren die Baͤume mit ſilbernem Reif bedeckt. Kein Bienchen ſchwaͤrmte auf der Heide, und die Seevoͤgel verkrochen ſich aͤngſtlich in die Spal⸗ ten der Klippen. Eine wilde Gans, welche hinter einem Granitfelſen hervorfliegen wollte, wurde von dem Wirbelwind ergriffen, und jaͤmmerlich ſchreiend mit ſolcher Gewalt gegen den Abgrund geſchleudert, in deſſen Nähe ſich die Geſellſchaft vor dem Sturme ſchuͤtzte, daß ſie auf der Stelle todt blieb. Die Landſchaft glänzte zwar in dem neblichten Sonnenſcheine, aber unfaͤhig, der trockenen Windsbraut zu widerſtehen, verbargen die Schafe ſich in die Vertiefungen des Bodens, und auf den Ge⸗ birgen herrſchte eine furchtbare Lebloſigkeit. Der Anblick des Meeres war im hoͤchſten Grade grauſenvoll. Die empoͤrten Wogen rollten in fuͤrchterlichen Maſſen naͤher, und ſtürmten, mit dem Bruͤllen und der Wuth II. Thl. 20 des Katarakts von Niagara, gegen die ſtar⸗ ren Felſen von Noßhead. Der ganze weite Ozean war in einen duͤnnen Rebel gehuͤllt, und wenn dieſer ſich dann und wann etwas aufklaͤrte, erblickte man ein Schiff. Anfangs glaubte man, es ſteuere nach der Bucht von Wick; doch gewahrte man bald, daß es auf s Gerathewohl nach Sinclairs Bucht zutrieb und nur, durch ein nicht zu erwartendes Drehen des Windes, den Ankerplatz, dem Schloß Kieß gegenuͤber, erreichen koͤnne. Heelene war die erſte, welche von dem unvermeidlichen Schickſale der Schaluppe ſprach.„Es iſt ſchrecklich,“ ſagte ſie,„daß wir hier, gleich den Zuſchauern eines Trauer⸗ ſpiels, ſtehen ſollen, und ruhig zuſehen, wie jenes ungluͤckliche Fahrzeug der Zerſtoͤrung entgegeneilt. Laßt uns verſuchen, ob wir die Bucht erreichen koͤnnen. Das Schiff kann an die Kuͤſte geſchleudert werden, und wir koͤnnen vielleicht den armen Leuten, wenn welche entrinnen ſollten, huͤlfreiche Hand leiſten.“ 1ID Dieſer Aufmunterung zufolge bemuͤhte ſich die Geſellſchaft, an den Strand zu kom⸗ men. Aber ehe ſie noch, gegen den Wind kaͤmpfend, an dieſen gelangen konnten, ſahen ſie, daß das Schiff Sinclairs Bucht nicht erreichen, und ſeine Rettung nur dadurch finden koͤnne, wenn es Noßhead umſegelte, gegen welches es pfeilſchnell zutrieb. Auch ſie nahmen deßhalb einen andern Weg, und gingen nach dem Vorgebirge zu. Als ſie aber deſſen Hoͤhe erreicht hatten, ſahen ſie, daß es unmoͤglich ſei, hier Huͤlfe leiſten zu koͤnnen, und ſuchten daher Schutz unter ei⸗ nem überhaͤngenden Felsſtuͤck, von wo aus ſie ſehen konnten, ob das Schiff die furcht⸗ bare Landſpitze umſegeln werde. G Der Ort, an welchem ſie Obdach ſuchten, lag auf der Windſeite des Flugwaſſers, wel⸗ ches, gleich einem wuͤthenden Katarakt, ge⸗ gen das Vorgebirge raſ'te, und in hohen Schaumſaͤulen das Land, bis uͤber Schloß Girnigo hinaus, uͤberſchwemmte. Zufälliger⸗ weiſe hatte Helene ein kleines Fernrohr zu ſich geſteckt, und bewaffnete, ſobald ſie ſich unter Schutz befand, ihr Auge mit demſelben. 20* — 308— „Es ſcheint,“ ſagte ſie,„als haͤtten die Matroſen ſich der Verzweiflung uͤberlaſſen.— Zwei von ihnen ſehe ich auf dem Verdeck liegen.— Einer ſteht in den Wandtauen, als hoffe er, wenn das Schiff ſcheitert, auf die Felſen ſpringen zu können. Der Hund ſteht am Ende des Bugſpriets,— ich kann nicht laͤnger hinſehen.“ Sie reichte hierauf Marien das Feraroſt zog ſich etwas zuruͤck, ſetzte ſich auf einen Stein, bedeckte das Geſicht mit ihrem Taſchen⸗ tuche und weinte. Das Schiff trieb indeſſen, mit der breiten Seite gegen die Wellen, im⸗ mer mehr auf den Felſen zu.— 1 „Mir dünkt,“ ſagte Marie,„es muͤſſe ſein Steuerruder verloren haben, denn ich ſehe Riemand an demſelben.— Hier iſt keine Hof⸗ nung.— Einer von den Maͤnnern, welche auf dem Verdeck lagen, iſt aufgeſtanden. Er befeſtigt ſich an die Wandtaue.— Am Fuße des Maſtes ſitzt ein Knabe, der den Kopf mit beiden Händen haͤlt, ganz zuſammengekruͤmmt.“ Walkinſhaw nahm, ohne zu reden, ſeiner Schweſter das Fernrohr ab, und ſie ſetzte ſich — — 309— ſchweigend neben Helenen. Jetzt aber trieb das Schiff ſo nahe, daß man jeden Gegenſtand auf ſeinem Verdeck mit unbewaffnetem Auge erkennen konnte. Nachdem Walkinſhaw eine Minute durch das Fernrohr geſehen hatte, ſagte er:„Der Mann auf dem Verdeck iſt kein Matroſe,— er traͤgt lange Kleider und hat das Anſehen eines Mannes von Stande,— wahrſcheinlich iſt es ein Paſſagier.— Der arme Knabe!— Sichtlich bedeckt er ſeine Ohren, um ſich taub gegen das Bruͤllen des ihm nahenden Todes zu machen.— Aber welch ein tapferer, edler Burſche iſt der in den Wandtauen!— Koͤn⸗ nen Muth und Kaltbluͤtigkeit retten, ſo iſt er geborgen.“ In dieſem Augenblick ſtieß Marie ein Angſtgeſchrei aus, und lief mit Helenen der Stelle zu, auf welcher James Walkinſhaw ſtand. Eine fuͤrchterliche Woge hatte das Schiff bedeckt und es gleichſam in ein Leichen⸗ tuch von Schaum gehuͤllt, und ehe dieſer ſich verzog, befand es ſich ſchon in der Brandung, welche gegen die Landſpitze wuͤthete. „Sie ſind verloren! Laßt uns dieſen Schau⸗ platz des Schreckens verlaſſen!“ rief Walkin⸗ ſhaw, indem er Helenen und ſeine Schweſter bei der Hand faßte. Beide zitterten aber ſo ſehr, daß ſie unfaͤhig waren, ſich von der Stelle zu bewegen; und Helene wurde ſo ſchwach, daß ſie ſich niederſetzen mußte, waͤh⸗ rend ihr Liebhaber hinwegeilte, um etwas Waſ⸗ ſer zu ſuchen, mit dem er ſie erquicken koͤnne. Doch kaum hatte er ſich eine Minute ent⸗ fernt, als ein abermaliger Angſtruf ſeiner Schweſter ihn zuruͤckrief; und als er wieder⸗ kehrte, ſah er einen großen, ganz durchnaͤßten Hund, welcher ſich jammernd und winſelnd zu den Fuͤßen der Damen niedergeſtreckt hatte, und ſie mit dem klaͤglichſten Ausdruck anblickte, Es war derſelbe Hund, welchen ſie auf dem Bugſpriet des Schiffes geſehen hatten, deſen Schickſal ſie nunmehr vollendet glaubten; doch alsbald rollten drei ungeheure Wogen mit aller Kraft, welche die Nordſee in dieſen Ge⸗ genden uͤbt, hintereinander in die Bucht. Das furchtbare Getoͤſe, mit welchem ſie ſich an den „Klippen brachen, zog Walkinſhaw's Aufmerk⸗ ſamkeit ſelbſt von Helenen ab; und zu ſeinem Erſtaunen ſah er, daß die Wellen das Schiff in die Bucht geſchleudert hatten, welches, wenn es nicht vorher zertruͤmmert wurde, nun⸗ mehr in einer ſehr geringen Entfernung bet ihnen vorüber treiben mußte. Sein Bug⸗ ſpriet war bereits verloren;— ein Beweis, wie nahe es ſchon ſeinem Untergange petge⸗ ſen war. Aufgeregt von dieſem neuen Vorfall, naͤher⸗ ten ſich Walkinſhaw und die Damen, ſo viel als moͤglich, der Klippe, bis an welche die wuͤthenden Wogen ihre ſchaumgekroͤnten Haͤup⸗ ter emporhoben, ſo wie ſie ſich majeſtaͤtiſch von der Landſpitze in die Bucht waͤlzten. Abermals ſtieg eine fuͤrchterliche Woge in ei⸗ niger Entfernung in die Hoͤhe und verſchlang, ſo wie ſie naͤher kam, jede kleinere; und als ſie das Schiff faßte, trieb ſie es ſo dicht an die Felſen, daß Walkinſhaw unwillkuͤrlich laut aaufſchrie, und der Hund bellend an den Rand des Abgrundes lief.— Alle am Bord ſchienen neuen Muth zu ſchoͤpfen, auch der Knabe er⸗ hob ſich; und als der Matroſe in den Wand⸗ — 312— kauen die Geſellſchaft erblickte, rief er:„Noch ſinken wir nicht!“ Aber die Aufmerkſamkeit der ihn bewundernden Zuſchauer lenkte ſich ploͤtzlich von ihm auf den Paſſagier, denn Helene rief:„Gerechter Gott, es iſt Ihr Oheim!“ Und ſo war es. Als Georg Walkinſhaw ſeine Augen erhob und auch ſie erkannte, da ſprang er wild vom Verdeck auf und hob ſeine Haͤnde, mit allen Zeichen des fuͤrchter⸗ lichſten Schreckens, empor. Dieſe Szene dauerte jedoch nur einen Augenblick; denn die Woge, welche das Schiff trug, ſchlug es gegen einen hervorragenden Felſen und ſchleuderte daſſelbe eine große Strecke zuruͤck. Der Matroſe behauptete ſtandhaft ſeinen Platz. Eine zweite noch ſchrecklichere Woge, als die erſte, trieb das Schiff abermals gegen die Klippen. Der Hund, gleichſam ahnend, was ſich zutragen werde, lief gegen die Stelle, wo es wahrſcheinlich ſtranden mußte. Die Brandung hatte die Schaluppe bis beinahe zu der Hoͤhe des Felſens gehoben,— der Matroſe ſprang von den Wandtauen und faßte ein hervorragendes Felſenſtuͤkk,— der Hund ergriff ihn bei der Jacke, um ihm Huͤlfe zu leiſten,— aber das gierige Meer wollte ſeine Beute nicht fahren laſſen.— In demſelben Augenblick brach ſich die Woge, das Schiff wurde abermals vom Felſen los⸗ geriſſen, und ein fuͤrchterlicher Schlag der Brandung riß den Matroſen und den treuen. Hund in den Abgrund;— ein abermaliger Stoß endete das Schickſal des Schiffes. Als dieſe letzte Woge bruͤllend herankam, faßte ſie die Schaluppe bei der breiten Seite, und zertruͤmmerte ſie in zehntanſend Splitter an einem ausſpringenden Winkel des Vorgebir⸗ ges, welcher kaum einige hundert Schritte voon der Stelle entfernt war, auf der die entſetzten Zuſchauer ſtanden. Waͤre das Schiff von Glas geweſen, ſo haͤtte deſſen Zerſtoͤrung nicht groͤßer ſein koͤnnen. Seine Truͤmmer . ſchwammen wie Spreu auf dem Waſſer, und einige Sekunden hindurch bemerkte man Blutflecken auf dem Schaum. — 314— Neununddreißigſtes Kapitel.. Der nämliche Sturm, welcher ſo großes Ungluͤck auf der Kuſte von Caithneß anrich⸗ tete, fuͤhrte die Glasgower Geſeliſhafe ſchnen nach Hauſe. 1 3 Schon vor ihrer Ankunft hatte ſich das Geruͤcht von Herrn Walkinſhaws Tode in der Stadt verbreitet. Diedumwhamle, als Vollſtrecker des Teſtaments, und ſein Sohn, als Erbe, ſetzten ſich daher ſchnell in den Beſitz der Hinterlaſſenſchaft des Ertrunkenen, welche, außer dem Gute Kittleſtonheugh, ſo betraͤchtlich ausſtel, daß ſie ihre lebhafteſten Hoffnungen uͤberſtieg. Doch geriethen ſie in keine geringe Verlegenheit, als ſie ſich an Herrn Pitwinnoch, den Sachwalter, wende⸗ ten, um in den Beſitz des Guts geſetzt zu werden, und dieſer ihnen, nachdem er die Fideicommiß⸗Urkunde durchgeleſen hatte, er⸗ klärte: Robina habe keine Anſpruͤche auf dir vormaligen Beſitzungen ihres Großvaters, ſondern unſer junger Freund Walkinſhaw ſei der geſetzmaͤßige Erbe. Da aber ſowohl ſie, als die ganze uͤbrige — 315— Welt glaubten, der alte Grippy habe ſeinen aͤlteſten Sohn enterbt: ſo beſchloſſen ſie, die wichtige Entdeckung zu verheimlichen. Walky und Robina nahmen demzufolge, in gehoͤri⸗ ger Rechtsform, Beſitz von dem Hanſe und dem Landgute des Verblichenen, und empfin⸗ gen die Kondolenzbeſuche ihrer Freunde mit dem groͤßten Anſtande. Robina muß man jedoch die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ihre Thraͤnen wirklich von Herzen kamen. Denn, ungeachtet ſeiner Habſucht, beſaß ihr Vater dennoch manche ſchaͤtzbare haͤusliche Tugend, und die Welt hielt ihn fuͤr einen Biedermann. Auch iſt man ſchuldig zu ſa⸗ gen, daß weder ihr Schwiegervater, noch ihr Gatte ſte von der Aufklaͤrung des Irrthums unterrichteten, in welchem ſie Alle in An⸗ ſehung der Erbfolge des Fideicommiſſes ge⸗ ſchwebt hatten, ſo daß wenigſtens ſie voͤllig unſchuldig an dem offenbaren Betruge war. Fuͤr die Mutter des jungen Walkinſhaw war jedoch der Verluſt ihres Schwagers ein hoͤchſt empfindlicher Schlag, denn mit ihnr hoͤrte der Jahrgehalt von funfzig Pfund — 316— auf; doch hoffte ſie, Robina werde dieſe fer⸗ ner fortzahlen. Aber das Bewußtſein, das Gut unrechtmaͤßiger Weiſe zu beſitzen, brachte eine ſo verkehrte Wirkung auf Milrookits Gemüuͤth hervor, daß er ſich ploͤtzlich in den aͤrgſten Geizhals verwandelte. Jede noth⸗ wendige Ausgabe wurde mit dem groͤßten Widerwillen geleiſtet, und trotz dem ihm zu⸗ gebrachten großen Vermoͤgen, konnte ſeine Gattin nicht uͤber eine Guinee verfuͤgen. Kurz,(von dem Augenblick an, in welchem Pitwinnoch ihm darthat, daß er kein Recht” auf das Gut habe, wurde er, auf eine ſelt⸗ ſame Weiſe, die Beute der habſuͤchtigſten und niedrigſten Leidenſchaften und Sorgen. Die alte Leddy beklagte den ploͤtzlichen Tod ihres Sohnes aufrichtiger, als es ſich von ihrem Charakter erwarten ließ. Sie lud Frau Karl ein, einige Wochen bei ihr zuzu⸗ bringen, und naturlicherweiſe fiel, waͤhrend dieſes Beſuchs, das Geſpraͤch oft auf den Verluſt des Jahrgehaltes und auf Vermu⸗- thungen, ob man ihr daſſelbe fortzahlen werde oder nicht. „Ich glaube ſicher,“ pflegte die Leddy zu ſagen,„daß Binchen das Jahrgeld gern fort⸗ zahlen wuͤrde; aber der Walky iſt ein ſolcher Nabal, daß ſie es pfifſig anfangen muß, um ihn dahin zu bringen. Sind ſie aber erſt eingerichtet, ſo haͤng; ich mir kein Schloß vor den Mund. Auf meine Parol! er hat einen guten Kauf an ihr gethan, und mir iſt's herzlich leid, daß Dein James das Gluͤck nicht hatte, der ein luſtiger Kumpan iſt⸗ gerade wie ſein Großvater, dem er gleicht wie das Kaͤtzchen ſeiner Mutter; nur daß James ein wenig mehr haſelirt und umher⸗ tollt.“ Kurz darauf fand die Leddy Gelegenheit, mit ihren Enkeln über dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Denn als Letztere ſie eines Tages beſuchten, erinnerte ſie dieſelben an die Guͤte, welche ſie zur Zeit ihrer Heirat fuͤr ſie ge⸗ habt haͤtte, aus der, ohne ihr Zuthun, nim⸗ mermehr etwas geworden waͤre. „Nun,“ fuhr ſie fort,„moͤcht' ich auch gern uͤber eine gewiſſe Sache mit Euch ſpre⸗ chen, ob ich gleich hoffte, Ihr wuͤrdet mir — 318— die Mühe dadurch erſparen, daß Ihr mir ein recht ordentliches Praͤſent fuͤr meine Koſten, Auslagen und Strapazen machtet. Das kommt aber ſo langſam, wie die Raͤder an Pharaonis Wagen, und deßhalb will ich nicht langer blod' gegen Euch ſein. Doch hoͤrt, Walky und Binchen! Ich hab' ein Projekt im Kopf, deſſen Weisheit Ihr Euch überlegen ſollt; auch iſt's eine Art von ge⸗ richtlicher Uebereinkunft. Wenn Ihr der Bell Fatherlans ihre jährlichen funfzig Pfund des Jahres fortgeben wollt, ſo ſtreich' ich Euer Conto fuͤr Koſt, Waͤſche und Logis in meinen Buͤchern aus; und ein tuͤchtiges Conto iſt’s.“ „Wo ſollten wir funfzig Pfund des Jah⸗ res hernehmen?“ rief Milrookit. aut Pfund jaͤhrlich!“ 3 „Aus dem naͤmlichen Gluͤckstopf, Walky, in dem Du das Gut Kittleſtonheugh und die dreiundzwanzig tauſend Pfund baarer Mone⸗ ten fandeſt, die Binchens ſchoͤnes Vermoͤgen ausmachen,“ erwiederte die Leddy.„Und ich halt' Dich fuͤr einen ſehr engherzigen Bur⸗ — 319— ſchen, obſchon Du nicht Habakuk getauft wurdeſt, daß Du mir eine ſo bſtänate Ant⸗ wort giebſt.“ d „Ich verſichere Sie, liebe Großmutter,“ entgegnete er,„daß, ſtaͤnde es in meiner Macht, ich mich nicht wuͤrde erinnern laſſen, freigebig gegen meine Tante zu ſein. Aber unſere Familie wird ſich bald vermehren, und es iſt nothwendig, ja pflichtmaͤßig, zuerſt fuͤr ſich und die Seinigen zu ſorgen.“ „Und was ſoll aus ihr und ihrer Tochter werden? Gott behuͤt' und bewahr' uns! Will der Knicker ſie in's Armenhaus gehn laſ⸗ ſen?— denn ich kann ihr nicht helfen.“ „Alles, was ich fuͤr jetzt ſagen kann, iſt, daß wir keine funfzig Pfund des Jahres miſſen können.“ „So ſag' ich Dir hiermit, Walky, daß ich noch heut' Euer Conto mache; und jeden Heller, den ich von Dir, elendem Geizdrachen, erpreſſen kann, ſollſt Du an ſie zahlen, da⸗ mit Deine Filzigkeit Dir das Herz abſtoße.“ „Wenn Sie geſetzmaͤßige Forderungen an mich haben, ſo muß ich freilich zahlen.“ „Ob ich geſetzmaͤßige Forderungen habe? Du betruͤgeriſcher Goliath!— Ob ich ge⸗ ſetzmaͤßige Forderungen habe?— Aber Mund, ſchweig!— Ich werd' Euch ſchon das Conto machen,— und kein Geſetz in der Chriſten: heit verbietet mir, ſo viel zu fordern, als mir beliebt. So wahr ich's Leben hab', meine Gans ſoll mir goldene Eier legen!— Du Einhorn der Unterdrückung, Du willſt mit mir, die ſo gut gegen Dich war, von geſetz⸗ mäßig ſprechen?— Ja, Du ſollſt uͤberſatt vom Geſetz werden, der Niehtet ſoll Dius ſchon lehren!“ 3 „Wenn Sie ſich fuͤr Ihre leinen Bant thaten wollen bezahlen laſſen, ſo kann Sie Niemand daran hindern; aber ich zahle nicht mehr, als recht und billig iſt.“ 1 Die Leddy gab keine Ancwort, aber ihre Blicke waren deſto beredſamer; und nachdem ſie einige Zeit mißlauuiſch geſchwiegen hatte, wendete ſie ſich zu Robina und ſagte mit geruͤhrter Stimme: Armes Binchen! Du fuhrteſt Deine Schaͤfchen auf einen ſchlechten Markt! Der „ — 321— ſchofle Burſche, der mir von geſetzmaͤßiger Schuld ſpricht! Aber der Krokodill oder Kro⸗ kodillenteufel ſoll haben, was ihm gebuͤhrt.— Herr Milrookit von Kittleſtonheugh, da es nicht gebraͤuchlich iſt, wenn Leute zuſammen prozeſſiren, daß ſie Komplimente gegen ein⸗ ander ſchneiden: ſo erſuche ich Sie, ſich einen angenehmern Ort zu ſuchen, als dieſes Zim⸗ mer, und ſich ſogleich aus meinem Hauſe zu bemuͤhen. Ich werde mir die Freiheit neh⸗ men, Ihnen, durch einen Rechtsfreund, ſo ein kleines Conto fuͤr Koſt, Waͤſche und Logis zu ſchicken, das Sie mir von der Zeit an ſchuldig blieben, als Sie, mein Herr Milroo⸗ kit, keinen Heller in der Ficke hatten, um ſich und Ihre Gattin vom Hunger zu retten.— Alſo, marſch aus meinem Hauſe, und befleck⸗ meine Gegenwart nicht laͤnger, Du raubſuͤch⸗ tiger Mammon der Ungerechtigkeit!“ Nach dieſem hoͤflichen Wink, wie ihn die Leddy in der Folge zu nennen beliebte, ge⸗ horchten Milrookit und Robina ſchnell ihren Befehlen und kehrten zu ihrem Wagen zuruͤck. Doch ehe ſie nach Hauſe fuhren, hielt Erſterer II. Thl.. 21 — 322— es fuͤr nothwendig, Herrn Pitwinnoch, wegen der Drohungen ſeiner Großmutter, um Rath zu fragen. Da ihn aber einige kleine Ge⸗ ſchäfte verhinderten, ſogleich nach deſſen Woh⸗ nung zu fahren, und die Leddy nie Gras unter ihren Fuͤßen wachſen ließ: ſo traf ſie fruͤher bei dem Sachwalter ein, als er.. . Wiersiotes 3rsr n „Herr Pitwinnoch,“ ſagte die Leday, nach⸗ dem man ſie in ſeine Schreibſtube gefuͤhrt hatte,„Sie werden ſich wundern, mich hier zu ſehn, und denken, es müſſe mich etwas ſehr Wichtiges aus dem Hauſe getrieben haben denn ſeit einer Woche plagt mich der Rheu⸗ matismus ſo arg, daß ich ein wahres Schmer⸗ zeuskindlein bin. Aber ich will Ihnen nur zu wiſſen thun, daß ich mein Gluͤck in dem Gluͤckshafen eines Prozeſſes verſuchen will.“ „Wahrlich!“ ſagte der Sachwalter. aas iſt vorgefallen?“ „Ja, Herr Pitwinnoch, das duͤrfen ei wohl fragen. Meine zwei undankbaren Enkel, fuͤr die ich ſo viel bei ihrer Heirat that, be⸗ — 3233— handelten mich ſo abſcheulich, als waͤr' ich ein papiſtiſcher Jude aus Jericho. Ich gab ihnen ſo eben, auf meine hoͤfliche und beſcheidene Weiſe, ſo ein memento mori wegen deſſen, was ſte mir fuͤr Koſt und Waͤſche und Logis ſchuldig ſind. Da flog der Milrookit auf, als wollt' er durch's Fenſter fliegen, und leug⸗ nete, daß er mir den zehnten Theil eines Hellers ſchuldig waͤr', und ſagte, er wolle mich, wie ein kananitiſches Weib, vor Gericht ziehen. Halten Sie das nun nicht fuͤr einen delikaren Rechtspunkt, wie mein wuͤrdiger Vater zu ſagen pflegte, der wahre Muſik fuͤr die Ohren der funſächn Sdinburge Lords Feim wird?“. „Herr Milrookit kann ſch nicht weigern, eine ſo gerechte Forderung zu erfuͤllen,“ ſagte der Sachwalter.„Wie viel verlangen Sie?“ „Aber vor allen Dingen muß ich Ihnen das Faktotum erzaͤhlen,“ erwiederte die Leddy. „Sie muͤſſen wiſſen, Herr Pitwinnoch, daß ich auch etwas vom Rechte verſteh'; denn mein Vater kannte die Geſetze ganz perfekt, und es iſt jetzt gut für mich, daß ich weiß, 2r* — 324— was ich weiß. Denn nachdem Milrookit, wie ich ſchon ſagte, ſich partout weigerte, dir jährlichen funfzig Pfund des Jahres zu zah⸗ len, welche Ihr Klient— das iſt ein rechts⸗ kraͤftiges Wort, Herr Pitwinnoch,— füt meine Schwiegertochter ausgeſetzt hatte: ſo ſagt ich ihm, wenn er dieſes nicht thue, ſo wollt' ich ihn anhalten, mich fuͤr Koſt und Waͤſche und Logis zu bezahlen. Und was denken Sie, daß er mir antwortete?— Wenn ges eine geſetzmäßige Forderung waͤr'.— Aber ich will ihm das Geſetzmaͤßige ſchon anſtrei⸗ chen! Haͤtt' er ſich huͤbſch ruhig und fein hof⸗ lich betragen, ſo haͤtt' ich mit zehn Pfun fuͤrlieb genommen. Da ich aber ſehe, welch ein bruͤllender Loͤwe er iſt: ſo laß ich keinen Heller von tauſend Pfund nach, von denen ich, zu fuͤnf Prozent, den Jahrgehalt bezahlen kann; und die ſollen Sie mir, ſobald wir ſie kriegen, auf ſichere Hypothek ausleihen.“ r „So viel koͤnnen Sie unmoͤglich verlau⸗ gen. Denn, wenn ich nicht ſehr irre, ſo wa⸗ ren Herr und Frau Milrookit nur ſechs Wo chen bei Ihnen,“ entgegnete der Sachwalter — 325— „Die Zeit macht keinen Unterſchied beim Geſetz, wie mein Vater oft ſagte,“ erwiederte die Leddy.„Gelten die Geſetze noch, und ſind ſie nicht aus dem Lande verbannt: ſo darf ich mein Haus, meine Dienſtleiſtungen und meine Ausgaben ſo hoch anſchlagen, als es mir nur beliebt; und das iſt das Hauptfun⸗ damentum von dem Caſus. Deßhalb will ich dem Herrn Milrookit von Kittleſtonheugh ei⸗ Buen Brief ſchreiben, und ihm zu wiſſen thun, daß er mir, nach allen Rechten, tauſend Pfund ſchuldig ſei, ohne mich jetzt auf etwas Anderes einzulaſſen, da ich noch immer die Prozeßkoſten fordern kann, wenn die Hauptſumme bezahlt iſt; was wahr und wahrhaftig ſehr billig und gerecht von mir iſt.“ Herr Pitwinnoch konnte nur mit vieler Muͤhe ſeinen Ernſt beibehalten, doch ſagte er: „Frau Walkinſhaw, Sie haben zwar gute Grunde zu einem Prozeß, vielleicht koͤnnte ich aber die Sache noch auf eine freundſchaft⸗ liche Weiſe beſeitigen, wenn Sie dieſelbe ei⸗ nem ſchiedsrichterlichen Ausſpruch anheimſtellen wollen.“ n — 326— „Schiedsrichter, Herr Pitwinnoch!“ rief die Leddy.„Mit ſo etwas kommen Sie mir nicht! Mein Vater ſagte oft, ein Schieds⸗ richter waͤr' der groͤßte Todtſchlaͤger der Pro⸗ zeſſe, ſeitdem man die Gerechtigkeit zu Amalſt entdeckt haͤtt'. Nee, nee,— da hab' ich zu viel Verſtand, als daß ich mich einem Schieds⸗ richter unterwerfen ſollt'. Da nun das Recht meine einzige Zuflucht iſt, ſo hoff' ich, daß Sie jeden Stein umwenden werden, bis Herrn Milrookits Naſe auf dem Schleifſtein liegt; und um Ihnen dazu zu helfen, bracht' ich eint Fuͤnf⸗Pfund Note mit, als Schmiergeld zum guten Fahren, da dieſes der erſte Prozeß iſt, den ich ſelbſt fuͤhre; denn in Waltherchens Concos— mentos-Prozeß diente ich nur alz Zeuge, wie Sie wiſſen, aber ſo etwas iſt dießmal nicht noͤthig.“ S Nachdem nun die Leddy den Sachwulfe auf die obige deutliche und gelehrte Weiſe unterrichtet hatte, verließ ſie deſſen Schreib⸗ ſtube, in welche, kurz nach ihr, Milrookit ein⸗ trat, und den Vorfall auf eine andere Art erzaͤhlte, die vielleicht der Wahrheit um Viele naͤher kam. Doch war er nicht wenig betrof⸗ fen, als er hoͤrte, wie ſeine Gegnerin ſchon vor ihm hier war und verlangt hatte, daß Herr Pitwinnoch die Sache anhaͤngig machen ſollte. Was ihn aber in die groͤßte Beſtuͤr⸗ zung verſetzte, war die Aeußerung des Sach⸗ walters, er ſollte ſich lieber zu vergleichen ſuchen. „Folgen Sie meinem Rath,„Herr Mil⸗ rookit,“ ſagte dieſer,„und machen Sie die Sache lieber friedlich ab. Man kann nicht wiſſen, wozu ein Prozeß fuͤhrt. Erwaͤgen Sie die Umſtaͤnde, unter welchen Sie das Gut erlangten, und huͤten Sie ſich, den ſchla⸗ fenden Lowen zu wecken. Wir wollen ſehen, ob die alte Leddy ſich mit zwei bis dreidun⸗ dert Pfund abſpeiſen laͤßt.“ „Zwei bis dreihundert Pfund fuͤr ſechs Wochen Hungerleiden! Das Ding iñ. lͤcher⸗ lih Herr Pitwinnoch.“ „Wahr, mein Herr,“ erwiederte der Sach⸗ Luüter,„Bedenken Sie aber die Beſtimmungen des Fideicommiſſes. Sein Sie froh, wenn ſe ſich mit einigen Hunderten begnuͤgt.“ — 328— „Wenn Sie mir ernſtlich dazu rathen: ſo bleibt mir nichts anders eig, als 6 Ih ren Rath zu befolgen.“ „Daran werden Sie klug thun,“ ſages Pitwinnoch, und nach einigem Hin⸗ und Herreden ſtellte Milrookit eine Anweiſung auf zweihundert Pfund aus, und begab ſich brummend zuruͤck. Der Sachwalter, veſcher ſich feeuté, die Sache ſo ſchnell und gluͤcklich beendigt zu haben, eilte ſogleich triumphirend zur Leddy. „Zweihundert Pfund?“ rief ſie,— das iſt ja nur der fuͤnfte Theil von meinen tau⸗ ſend!— Tragen Sie das Ding gleich zu Herrn Milrookit zuruͤck, und ſagen Sie ihm: ich ließ keinen Heller von meiner gerechten Forderung ab, und was noch mehr iſt, wenn er mir nicht das Ganze auf einmal bezaßle ſo werd' ich gleich klagbar.“ „Ich verſichere Sie,“ ſagte der ‚achwal⸗ ter,„daß Sie keine günſtige Entſcheidung erwarten koͤnnen;— auch ſollten Sie kein Wort weiter daruͤber verlieren, indem Sie ſelbſt fuͤhlen muͤſſen, daß er Ihnen keine — 329— ſolche Summe ſchuldig iſt. Sie ſagten ja ſelbſt, Sie wuͤrden ſi 5 mit üaeßn Pfaud 8en gnuͤgt haben.“ 2 „Und das haͤtt' ich gethan,— aber das war vor dem Prozeß!“ rief die Leddy.„Da ich aber jetzt ſehe, daß ich ein Recht zur Klage habe: ſo verlange ich meine tauſend Pfund, und ſollt' ich ſie ihm aus dem Felle ſchinden. Koͤnnt' ich wohl einen beſſern Be⸗ weis von der Rechtmaͤßigkeit meiner billigen Forderung haben, als den, daß er mir vor Schrecken zweihundert Pfund ſchickt? Ich weiß, daß mein Vater manchmal ſieben Jahre prozeſſirte; und wenn er gewann, ſo mußt' er noch herausgeben, und da waͤr' ich doch aͤrger als toll, wenn ich, nachdem Sie ſo eine herrliche Viktoria gewonnen haben, nicht aushalten wollt. Gehn Sie ſchnur⸗ ſtracks zu ihm, und kommen Sie mir nicht ohne die tauſend Pfund zuruͤck, und Ihre Rechnung muß et auch bezahlen. Thun Sie das nicht, ſo wende ich mich an einen an⸗ dern Rechtsfreund, der das Ding beſſer an⸗ packt; denn in ſo einer Noth, wie ein Pro⸗ — 230— zeß iſt, hat alle Freundſchaft ein Enbe⸗. Waͤr' Herr Keelevin noch auf den Beinen, ſo waͤr' ich geborgen, aber der ehrliche Mann iſt todt. Doch, da iſt noch ein gewiſſer Thomas Whitteret; der war damals Schrei⸗ ber bei ihm, wie mein verſtorbener, abge⸗ ſchiedener Freund die Fideicommiß⸗Urkunde ausfertigen ließ, und der ſoll nicht unge⸗ ſchickt ſein. Wenn Sie mir alſo die tauſend Pfund nicht noch heut' Nachmittag in's Haus bringen, ſo nehm' ich den zu meinem Anwald.“— Ohne ein Wort zu entgegnen, lief Herr Pitwinnoch ſpornſtreichs zum ſchwarzen Och⸗ ſen, beſtellte eine Poſichaiſe und kam, bei⸗ nahe zu gleicher Zeit mit ſeinem Klienten, in Kittleſtonheugh an. Eine kurze Unter⸗ redung endete das Geſchäft. Der bloße Name Thomas Whitteret, welcher höchſt wahrſchein⸗ lich die ganze Sache kannte, floͤßte den Herren einen ſolchen Schrecken ein, daß ſie ſich wohl mit fuͤnftauſend Pfund wuͤrden losge⸗ kauft haben; und demzufolge erhielt die Leddy, in kuͤrzerer Zeit als ſie erwartete, ihre volle — 331— tauſend Pfund ausgezahlt. Aber anſtatt ei⸗ niges Vergnuͤgen daruͤber zu bezeigen, be⸗ dauerte ſie, daß ſie keine groͤßere Forderung gemacht hatte, indem ſie uͤberzeugt war, daß, wenn ſie klagbar geworden waͤre, die Gerichte är das Dopyelte wuͤrden zugeſprochen baben⸗ ginundvierzigſtes Kapitel. Herr Pitwinnoch erhielt den Auftrag, das Geld zu fuͤnf vom Hundert unterzubringen, um den Jahrgehalt der Frau Karl davon zu bezahlen. Ein Schreiber deſſelben erwaͤhnte dieſen Umſtand gegen einen ſeiner Kamera⸗ den, welcher in Herrn Whitterets Schreib⸗ ſtube angeſtellt warz, und Letzterer begehrte die Summe fuͤr einen benachbarten reichen Gutsbeſitzer, der ſein Snus zu Weicrößeen winſchtee Da nun an der geleiſteten Sicherbeit nichts auszuſetzen war, ſo kam die Sache bald in Ordnung, und eine hypothekariſche Schuldverſchreibung wurde alshald aufgeſetzt. Der Herr, welcher das Kapital aufnahm, wohnte in einiger Entfernung von der Stadt, weßhalb Herr Whitteret einen ſeiner jungen Leute, der Unterſchrift wegen, zu ihm ſchickte, der ſie, nachdem dieſes geſchehen, alsdann der Leddy zuſtellen ſollte. Zufaͤlligerweiſe kannte der junge Menſch die Leddy ein we⸗ nig, und da er wuͤnſchte, ſich an ihrer wun⸗ derlichen Laune zu ergoͤtzen, ſo blieb er laͤn⸗ ger als gewoͤhnlich bei ihr, und lenkte das Geſpräch auf James Walkinſhaw, der auch zu ſeinen Bekannten gehoͤrte. „Seine Mutter ſoll ihm ſchreiben, welch eine Viktoria ich gewonnen hab',“ ſagte die Leddy.„Denn Sie muͤſſen wiſſen, Willy Keckle, daß ich die Thronen und Herrlichkei⸗ ten in dieſem Kampf beſtegte. Wer kriegte jemals, wie ich, tauſend Pfund fuͤr ſechs⸗ woͤchentliche Koſt und Waͤſche und Logis? Aber das war eine gerechte Strafe fuͤr den Nabal Milrookit, mit dem ich in dieſer Welt kein Wort mehr ſprechen will, und, wie ich glaub', auch in jener nicht, es ſei denn, daß er ſich bekehrte. Er weigerte ſich partoutement, James Mutter ihren jäͤhrlichen Jahrgehalt auszuzahlen, weßhalb ich ihn — 333— verklagte, daß er mir fuͤr ſechswoͤchentliche Koſt und Wäſche und Logis tauſend Pfund ſchuldig waͤr'. Das war der Kaſus,— und Sie, Willy, der jetzt auch lernt, wie man das Recht rechts und links machen kann, Sie werden einſehn, daß es ein abſolutes Faktotum war, und daß er mir, durch einen Richterſpruch, das Geld bezahlen mußt'.“ 1 Den jungen Schreiber beluſtigte ihre Er⸗ zaͤhlung von der ſchnellen Juſtiz, welche, wie ſie angab, ſie bloß dadurch erhalten hätte, daß ſie Herrn Pitwinnoch„von dem kitzlichen Punktum und dem ſtarken Beweisgrund“ ſelbſt belehrt habe, ſo ſehr, daß er ſeinem Herrn die ganze Geſchichte mittheilte. Auch Herr Whitteret fand den Vorfall hoͤchſt ſpaßhaft, doch ſchien es ihm unerklaͤr⸗ bar, daß Milrookit eine ſo ungeheure Forde⸗ rung ſo bereitwillig ſollte gezahlt haben, wenn nicht ganz beſondere Umſtaͤnde ihn dazu be⸗ wogen haͤtten. Am folgenden Morgen war er genoͤthigt nach Edinburg zu reiſen, wo er, nebſt Herrn Fraſer, welchen ſeine Amtsge⸗ ſchaͤfte gleichfalls dahin gefuͤhrt hatten, und — 334— mehrern andern Rechtsgelehrten, bei einem Freunde ſpeiſte, und da ihm, waͤhrend der Mahtzeit, die Geſchichte der alten Leddy ein⸗ fiel, ſie zur Beluſtigung der Geſlhaſt er zaͤhlte.*⸗ Aus Theilnahme an ſeinem jungen Freunde Walkinſhaw, welcher auf Burg Glengael zu⸗ ruͤckgeblieben war, erkundigte ſich Herr Fraſer genau nach der Geſchichte der Familie von Kittleſtonheugh, und bezeigte, ſo wie die uͤbrige Geſellſchaft, ſeine Verwunderung, daß ein Mann von Milrookits Charakter ſich dazu habe verſtehen koͤnnen, eine ſo unverſchämte Forderung auf der Stelle zu befriedigen; weß⸗ halb man auf den Gedanken gerieth, daß vielleicht geheime Prdeghenoe daßei obge⸗ waltet haͤtten. 34 Eine Meinung fuͤhrte die andere herbei, und Herr Whitteret erinnerte ſich halb und halb der Schrift, welche damals ausgefertigt wurde, als er noch in Herrn Keelevins Schreibſtube war, wie auch des Umſtandes, daß der alte Grippy vor der Unterſchrift ſtarb⸗ Hierauf wurde der Inhalt dieſer Schrift be⸗ — 335— ſprochen, und da es Herrn Fraſer ſchien, als habe ſie in Verbindung mit dem Fideicom⸗ miß geſtanden: ſo erkundigte er ſich genauer nach den Umſtänden dieſer ſeltſamen Urkunde, wobei er ſeine Verwunderung bezeigte, daß dieſe nicht eine Klauſel enthalten haben ſollte, welche dem Mann, der die Erbin heiratete, die Pflicht auferlegte, den Namen Walkin⸗ ſhaw zu fuͤhren, auf den doch der Erblaſſer einen ſo hohen Werth geſetzt hatte. Je mehr man die Sache erwog, deſto dunkler und ge⸗ heimnißvoller ſchien ſie; und der ſcharfſichtige Fraſer uͤberzeugte ſich immer mehr und mehr, daß Milrookit ſtarke Gruͤnde gehabt haben müſſe, den unmaͤßigen Forderungen der Ma⸗ rrone ſo ruhig nachzugeben. Seine augenblickliche Meinung war: Na⸗ binas Vater habe ein Teſtament hinterlaſſen, in welchem er ſeine Schwaͤgerin und ihre Kinder freigebig bedacht haͤtte, und Milroo⸗ kit wollte nunmehr verhuͤten, daß ſeine Ver⸗ wandten den wahren Stand der Sache nicht u genau unterſuchen moͤchten. Doch, ohne ſeine Gedanken laut werden zu laſſen, ſuchte er bloß dem Geſpraͤch eine ſolche Wendung zu geben, daß er die verſchiedenen Meinungen ſeiner Kollegen erforſchen konnte. Einige derſelben ſtimmten mit ſeiner Anſicht uͤberein. Aber ein alter ſchlauer Notar, welcher zu Allem ſchwieg, horchte mit ſo großer Auf⸗ merkſamkeit auf das Geſpraͤch, daß es Herrn Seſer aufſtell. „Herr Pilledge— ſo hieß der Notar— Pater ſich nicht nur ein betraͤchtliches Ver⸗ mögen, ſondern auch einen großen Ruf durch ſeine Geſchicklichkeit erworben, ſchlafende Ge⸗ rechtſame und geſetzmaͤßige Erben zu ent⸗ decken. Da nun Herr Fraſer bemerkte, mit welchem ungewöhnlichen Eifer der alte No⸗ tar auf die Geſchichte des Lairds von Grippy horchte: ſo vermuthete er, Herr Pilledge wuͤrde bald einige Schritte thun, um die wahren Gruͤnde zu erforſchen, welche Milrookit be⸗ wogen haͤtten, ſo ſehr gegen ſeinen bekannten Charakter zu handeln. Aber es war ihm auch bekannt, daß der alte Sachwalter ſich oft in einen vorkäufigen Handel mit den Klienten einzulaſſen pflegte, ehe er deren ſchlafende — 337— Gerechtſame zu verfechten unternahm, und eben dadurch ſein Vermoͤgen erworben hatte, indem ſeine ſonſtigen Geſchäͤfte ziemlich unbe⸗ deutend waren. Herr Fraſer beſchloß daher, ihn, zum Beſten ſeines jungen Freundes, ge⸗ nau zu beobachten.. Die Meinung, welche er von Pilledge hegte, war nicht ungegruͤndet. Denn als die Geſell⸗ ſchaft ſich trennte, begleitete dieſer Herrn Whitteret zu ſeinem Gaſthofe, und erneuerte unterweges das Geſpraͤch uͤber das ſeltſame Fideicommiß des alten Grippy. Der Glas⸗ gower Sachwalter war⸗ zwar ſchlau genug, um zu merken, daß eine ſo ungewoͤhnliche Theilnahme an einer fremden Sache nicht aus bloßer Neugierde, wie der Notar vorgab, entſtehe; da ihm jedoch der Ruf, in welchem Pilledge ſtand, unbekannt war: ſo ſetzte er deſſen Fragen und Vermuthungen auf Rech⸗ nung des Intereſſe, welches eine ſo merkwuͤr⸗ dige Sache fuͤr einen Mann ſeines Standeg haben mußte. Am andern Tage trug es ſi 99 jedoch nn, duß Herr Whitteret mit Herrn Fraſer zu II. Thl. 22 = einer gemeinſchaftlichen Berathung zuſammen⸗ kam; und bei dieſer Gelegenheit erneuerten ſte das Geſpräch über den Gegenſtand, wel⸗ cher ſie am vorigen Tage ſo ſehr intereſſirt hätte, wobei der Letztere dem Erſtern den Rath gab, auf ſeiner Hut gegen Pilledge zu ſein, und ihn zu gleicher Zeit verſicherte, wenn es ihm gelinge, die geheimen Triebfedern zu ent⸗ decken, welche den Beſitzer von Kittleſtonheugh bewogen haͤtten, ſo ſonderbar zu handeln: ſo ſolle es ihm zum großen Vortheil gereichen. „Es wuͤrde Ihnen nicht viel Muͤhe ma⸗ chen,“ fuͤgte Herr Fraſer hinzu,„wenn Sie in das Regiſtraturbuͤreau gehen und das Oti⸗ ginal der Fideicommißurkunde prufen wollten. Denn obſchon, wie ich ſtets hoͤrte, der alteſt Sohn gänzlich eneerbt wurde, ſo kann es doch hinſichtlich der Erbfolge der Tochter dieleic noch irgend einen Haken haben.“ Dieſer Rath ging nicht verloren. Sebald die Berathſchlagung zu Ende war, begab ſc Whitteret in das Regiſtraturbuͤreau, wd ek, zu ſeinem Erſtaunen, und ganz wie Fraſer vermuthet hatte, den alten Rorit mit Dutt⸗— leſung der fraglichen Urkunde beſchaͤftigt fand. Nach einer kurzen Unterredung erkläͤrte Whit⸗ teret, er ſei in der nämlichen Abſicht hierher getomineen.Y „Dann,“ ſagte Pilledge,„wollen wir ge⸗ meinſchaftlich handeln. Denn mir ſcheint es, daß die weiblichen Nachkommen der Söhne den Erben der Töchter, ihr Geſchlecht ſei wel⸗ ches es wolle, nicht nachſtehen; alſo Milroo⸗ kits Recht auf das Gut gegruͤndeter ſein wuͤrde, als das ſeiner Gattin, wenn naͤmlich der aͤl⸗ teſte Sohn keinen maͤnnlichen Erben hinter⸗ tiſen ate“ e une zus 64„Aber der aͤlteſte Sohn hinterließ einen maͤnnlichen Erben, 2 erwiem erte Whitteret.. „Sſt das der Fall,“ Pilledge,„ſo konnen wir einen einträglichen Handel mit ihm machen. Ich will ihm vorſchlagen, ge⸗ gen die Häͤlfte der Renten, im Fall des Ge⸗ lingens, ſeine Anſpruͤche geltend zu machen, und wir gehen dann Halbpart.“ „Die Muhe können Sie ſich erſparen,“ erwiederte Whitteret trocken;„denn ich werde mit del naͤchſten Poſt an ihn ſchreiben. Herr 22* — 340— Fraſer bevollmaͤchtigte mich einſtweilen, fuͤr ihn zu handeln.“ 8 8 „Fraſer! Wie kann dieſer Sie bevollmaͤch⸗ tigen?“ entgegnete Pilledge verdrießlich. „Das muß er ſelbſt am beſten wiſen Aber die Anſpruͤche des maͤnnlichen Erben des aͤlteſten Sohnes liegen ſo klar am Tage, daß kein anderes Verfahren noͤthig iſt.“ d „Hierin irren Sie,“ erwiederte pilkag eifrig.„Ich ſah noch nie eine Urkunde, in die ich nicht einen Riß machen konnte; und ich glaube nicht, daß Milrookit ſo ein Thot ſein wird, das Gut ohne Kampf fahren zu laſſen. Sagten Sie nicht, er ſei reich und unabhaͤngig von der fraglichen Erbſchaft?“ Herr Wyittenet brach dieſe gewiſſenhafte Unterredung ſchnell ab, eilte zu Herrn Fraſer und theilte dieſem die wichtige Entdeckung mit, daß Walkinſhaw der unbezweifelte Erbe des Fideicommiſſes ſei. Auch ließ er ſich ubet* dasjenige aus, was zwiſchen ihm und Pilledge vorgegangen war, und aͤußerte ſeine Beſorg⸗ niſſe, daß Pitwinnoch, der Anwald Milroolits, in Gemeinſchaft mit dem alten Notar, den — kechtmäßigen Erben in große Koſten bringen könne. Herr Fraſer kannte die Gerichtshoͤfe zu gut, um nicht zu wiſſen, daß, wenn das Recht auch noch ſo klar am Tage liegt, es dennoch moͤglich bleibt, daſſelbe zu verdrehen, oder weenigſtens die Sache in's Weite zu ziehen. Er gab daher den Rath, einen Verſuch zu machen, ob man nicht Milrookit bewegen könne, daß er freiwilligen Verzicht auf das Gut leiſte. Aber während beide Hetren die Sache aͤberlegten, war Pilledge bereits auf dem Wege nach Glasgow, um Milrodkit von der Gefahr, welche ihm drohte, zu unterrichten, und khm tapfere Be theidiang dnzurathen. 4 Zweiundvierzigſtes Kapitert Der Aufwaͤrter in dem Gaſthofe, in wel⸗ cem Pilledge bei ſeiner Ankunft abſtieg, glaubte, Millrookit wohne noch bei ſeiner Großmutter, und fuͤhrte den Sachwalter deßhalb zu der Wohnung der alten Leddy. Als Pilledge den Ramen der Frau Walkinſyaw auf einer meſ⸗ ſingnen Platte an der Thuͤr ſah, beſchloß er — 342— bei ihr einzutreten; denn nach dem, was er von ihrem ſeltſamen Charakter gehoͤrt hatte, hoffte er, daß ſie ihm bei dem vorhabenden Rechtshandel vielleicht von Nutzen ſein werde. Demzufolge klopfte er an die Thuͤr, und man führte ihn in das Zimmer, in welchem die Matrone ſich allein befand und an ihrem Spinnrade ſaß.— 11 15 „Sie ſind,“ fagten er,„wie 9 venuthß die Wittwe des verſtorbenen, allgemein ge⸗ ſchätzten Herrn Claudius Walkinſhaw, den man gewohnlich Grippy nannte?“ 89 „So nannte man ihn, aus Mangel au einem beſſern Namen,“ erwiederte die Leddy, hielt ihr Spinnrad inne, blickte ihn an und fragte:„Aber wer ſind Sie,: und was iſt Ihr Begehren?“ (Ich heiße Pilledge. Ich bin Zöniglcher Notar und kam hierher, um mit Herru 1 Miltookit von Kittleſtonheugh uͤber eine wich⸗ tige Angelegenheit zu ſprechen.“— Hierauf ſetzte er ſich ungeheißen nieder. Als die Leddy dieſes hoͤrte, ſpitzte ſie die Ohren. Denn ſch vie auf ihre Rechtskenntniſſe einhildend⸗ — 33— vermoͤge welcher ſie noch unläͤngſt, einen ſo glänzenden Sieg davon getragen zu haben glaubte, war ſie begierig zu erfahren, was fuͤr eine withrige A gelchaihit es wohl ſein könne. 1 8 „Ohne Zweifel,“ erwiederte ſte,„wetrift es den Prozeß, den man wegen des Beſitzes ſeines Vermoͤgens gegen ihn anhaͤngig machte?“ Milrookit war in keinen Prozeß von ir⸗ gend einer Art verwickelt, aber dieß war der Weg, auf welchem die Matrone den Notar auszuforſchen trachtete; deßhalb fuͤgte ſie hinzu:„Was wird wohl aus der Sache wer⸗ den? Hat man Ausſicht, daß der Lord Ober⸗ richter die Petition des Klaͤgers ſangfhmen wird?“ Dem Notar ſchen die Hrage der. gleen Matrone ſo ganz in der Sprache der Gerichtz; hoͤfe zu ſein, daß er in die Falle ging; und da er das Fideicommiß im Sinne hatte, ſo bildete er ſich ein, ſie ſpiele auf etwas an, welches Beziehung darauf habe, daher ſagte er:„Ich ſollte glauben, Madam, daß Ihr Zeugniß in dieſer Sache von großem Gewicht — 34— ſein wuͤrde, und ich kam bloß deßhalb von b Edinburg hieher, um ihn zu belehren, auf Helche Weiſe er ſich vertheidigen wüſſe „Mein Herr,“ ſagte ſie,„, 5 knnie allerdings ein Zeugniß ablegen und Beleh⸗ rung uͤber die Eigenſchaften und die Richtig⸗ keit der Klage geben. Aber noch mangelt es mir an einer richtigen Kenntniß deſſen, was der Gegner in ſeiner reklamirenden Einrede angiebt. Sie werden mich daher ſehr ver⸗ binden, wenn Sie mir das kitzliche Punktum erklaͤren wollen, damit t ch richtig urtheilen kann 9 ue, Der Notar te nie richtiger uͤber eine Rechtsſache reden hoͤren, und erwiederte: „Madam, die Sache laͤßt ſich ganz in's Kurze faſſen. Es ſcheint zwar, als ob die maͤnnlichen Nachkommen Ihres aͤlteſten Soh⸗ nes die rechtmaͤßigen Erben des Fideicommiſe ſes ſeien; doch findet man ſo manche dunkle Stelle in der Urkunde, daß es mich nicht uͤberraſchen wuͤrde, wenn der Gerichtshof das Dokument ganz verwerfen ſollte, in welchem — 34— Falle Frau Milrookit, als Erbin ihres Va⸗ ters, das Gut behalten muͤßte.“ Bu. Wir uͤberlaſſen dem Leſer, die Gefüͤhle der Leddy zu beurtheilen. Aber ſo neu und wunderbar ihr die Sache auch ſchien, behielt ſie dennoch ihre richterliche Amtomiene be und ſagte: „Was Sie da ſagen, mein Herrs uſ ganz der Wahrheit gemaͤß, naͤmlich, daß der maͤnnliche Erbe meines aͤlteſten Sohnes,— ein Sohn iſt.— Dieſen Rechtspunkt begreife ich leicht.— Können Sie mir aber ſagen, wie es kommt, daß eine Tochter, Frau Mil⸗ rookit nämlich, die geſetzmaͤßige Erbin ihres Vaters wurde, da es doch meines heimge⸗ gangenen, verſtorbenen Freundes Wille war, bloß fuͤr die maͤnnlichen Erben zu ſorgen, an denen das Herz des armen Mannes nur allzuſehr hing? Ich daͤchte, das muͤßte ſchon bei den vorlaͤufigen Berhandhndgeneh in Er⸗ waͤgung kommen.“ „Ganz gewiß, Madam,“ erwiederte de Notar.„Nichts iſt klarer, als daß es der Wille Ihres Gatten war, daß die maͤnn⸗ = 340— lichen Erben ſeiner Söhne allen uͤbrigen Nachkommen im Beſitz des Gutes vorangehn ſollten. Zuerſt ſollte es auf die von Walther, dem zweiten Sohne, fallen; dann, in Er⸗ mangelung dieſer, auf die von Georg, dem dritten Sohne; und ſollten auch deren keine vorhanden ſein, auf die maͤnnlichen Erben Karls, des aͤlteſten Sohneß; und ſollte auch dieſer keine hinterlaſſen, alsdann auf die Erben Ihrer Tochter Margarethe, ohne Un⸗ terſchied des Geſchlechtes. Es liegt daher klar am Tage, daß, weil Frau Milrookit eine Tochter iſt, wie Sie richtig bemerkten, das Gut, nach dem Buchſtaben der Urkunde, nicht ihr zukommt, ſondern dem Fyhhe le res aͤlteſten Sohnes.“ 1 „Das verſteh' ich recht gut,“ fugte die Leddy.„Das iſt ſo klar, als das Tageslicht, daß mein Enkel James, der Soldatenoffiziere⸗ der rechtmaͤßige Erbe iſt; und ich ſeh nicht ein, wie Walky Milrookit oder ſein Weih Binchen, die dem Geſetze nach Robina heißt, durch einen Richterſpruch dem armen Schelm ſein Eigenchum vorenthalten koͤnnen.“ s iſt ſehr natuͤrlich, Madam, daß Sie ſo ſprechen. Aber der Fall hat anzere Sei⸗ ten, beſonders da der, Fideicommißerbe in der Armee dient. Ich werde Herrn. neisco⸗ kit Puehen⸗ auf keinen Jal adeh 7 rathen werden,“ ſiel die sdoy ein, bene ſich innerlich uͤber die gemachte Entdeckung freute und ſehr wünſchte, ihren Beſuch los zu werden, damit ſie auf der Stelle handeln koͤnne.„Wollen Sie meinem Rathe folgen,“ fuͤgte ſie hinzu,„ſo verbrennen Sie ſich die Zunge nicht an anderer Leute Suppe. Herr Pitwinnoch iſt ein eben ſo arges Satanskind bei einem Prozeſſe, als irgend ein Koͤnig⸗ licher Notarius in Edinburg; und da Sie mir ſagten, was Sie chun wollen, ſo iſt's recht und billig, daß ich Ihnen ſage, waß ich geſonnen bin zu thun. Bis jetzt fuͤhrt⸗ 9 nur edidhene und den gewann ich, 4 hald krieg; ich noch einen; deum wenn Wuit ookit Kittleſtonheugh nicht morgen am Tage — 348— vrausgiebt, ſo ſoll er erfahren, was es heißt, mit einer Frau von meinen Einſichten und Erfahrungen prozeſſiren zu wollen.“ Pilledge war wie verſteinert. Er ſah deutlich, daß die Leddy ihn uͤberliſtet hatte. Da er aber dennoch entſchloſſen war, wo ir⸗ gend möglich, Vortheil von ſeiner Reiſe zu aͤrnten: ſo empfahl er ſich, kehrte zu ſeinem Gaſthofe zuruͤck, beſtellte eine Poſtchaiſe und fuyr ſogleich nach Kittleſtonheugh. u5 Kaum war er von dannen, als auch die Leddh ſ ſich aufmachte und ſich, da ſie noch an rheumatiſchen Schmerzen litt, von ihrer Wna. zu Herrn Pittwinnoch fuͤhren ließ. Dieſer hatte jedoch in ihrem großen Koſt⸗ und Logis⸗Prozeß, wie ſie ihn nannte, nicht ganz zu ihrer Zufriedenheit gehandelt, indem ſie glaubte, wenn er ſie beſſer berathen hätte, ſo wuͤrde ſie weit mehr als tauſend Pfund erhalten haben. Deßhalb war ſie entſchloſ⸗ ſen, wenn er ſich im Mindeſten weigere, ih⸗ ren Vorſchriften gemaͤß zu handeln, ſogleich zu Herrn Whitteret zu gehen, und dieſen zu ihrem Anwald zu waͤhlen. Warum fie 3 349— waͤhnte, das Recht zu haben, einen Prozeß gegen Milrookit wegen Zuruͤckgabe des Guts anzufangen, wird durch die Erzaͤhlung deſſen, was ſich bei der Berathſchlagung zutrug, klar werden. 19151 2 H 4 Dretundiergioſtes Kapiter. „Das war ein wahres Gluͤck für mich, Herr Pitwinnoch,“ ſagte die Leddy, nachdem ſie Platz genommen hatte,„daß ich einen Vater hatt', und ſo einen Vater, wie der war. Der kannte die Rechte und die Geſetze durch und durch, ſo daß ich ſagen kann, ich ſaß zu Gamaliels Füßen. Aber der Koſt⸗ und Logis⸗ Prozeß, den Sie ſo wenig aͤſti⸗ mirten, und wo Sie mich durch einen ſchied⸗ richterlichen Spruch aufopfern wollten, wax wahres Kinderſpiel gegen den, welchen ich jetzt anfangen will. Sie muͤſſen alſo wiſſen, daß ich in meinem Kopf argwohnte, Milroo⸗ kit— der Teufel hol⸗ ihn fuͤr das, was ex an mir that— habe kein Recht, meines lieben Mannes Eigenthum und Gut Kittle⸗ ſonbeugh mit Unrecht an ſich zu behalten. = 350— Sie moͤgen mich Rur anglotzen, Herr pit⸗ winnoch, aber ich bin intentionirt, daß er es, nach dem Stande der Geſetze, rausgeben ſoll. Er ſoll ſehn, was es heißt, mit einet Frau von meinen Rechtskenntniſſen zu thun zu haben. Kurz, Herr Pitwinnoch, ich will ihm zeigen, daß ich ſo gut bin, als eine Parlamentsakte; denn,“ wie ich ſchon ſagte, die kauſend Pfund waren nur ein Vorge⸗ ſchmack, daß ich das Prozeſſiren aus dem Fun⸗ dament verſteh'“ „Sie ſehen mich in Erſtaunen, Madam,— ich verſtehe nicht, was Sie meinen„u erwie⸗ derte der verwunderte Sachwalter. „Ihr Erſtaunen und Iht Nichtverſtehn, Herr Pitwinnoch, ſind mir ein Beweis, daß Sie nicht geſchickt ſind, meine Sache zu führen. Ehe ich aͤber zu Thomas Whitteret gehn wollt, der, wie mit glaubhafte Leute verſicherten, ein ſehr geſchickter Mann iſt, dachke ich, es wuͤrde doch gut ſein, wenn ich vorher die Tiefe Ihrer Beurtheitungsträft. und Kenntniß der Geſetze ein wenig pruͤfte; ünd hätr' ich Sie geſchickt gefunden, ſv hätt — 351— ich Ihnen den Vorzug gegeben, weil Sie mein Anwald im letzten Prozeß waren.“ „Aber, Madam,“ ſagte der erſtaunte Sachwalter,„wie koͤnnen Sie mͤglicher Weiſe auf den Gedanken gerathen, Herr Milrookit ſei nicht, vermoͤge ſeiner Gattin, zu dem Beſitz des Guts berechtigt?“ „Weil ſie kein maͤnnlicher Erbe iſt,— wie's in der Urkunde ſteht,— ſondern ein Weib. Was ſagen Sie dazu? Iſt das nicht das kitzliche Punktum und ein guter Grund zur Klage? Na, ſehn Sie nur nicht ſo kon⸗ ſtipirt aus, Herr Pitwinnoch, denn die Er⸗ ben der Margarethe, der Tochter, ohne Ge⸗ ſchlechtsunterſchied, haben ein naͤheres Recht, als die geſetzmaͤßige Erbin Georgs, des drit⸗ ten Sohnes, die eine weibliche iſt.“ „Um Gorteswillen, Madam, woher nahmen Sie alle das Zeug?“ „Zeug! Herr Pitwinkoch? Iſt das eint Art, von meinen Rechtskenntniſſen zu ſprechen? Well Sie aber ſo vernagelt vor der Stirn ſind, ſo will ich auch Kuftichtig mit Ihnen ——— — —— — — — 352— ſprechen.— Zeug!— Ich glaub', Herr Whit⸗ teret iſt mein Mann.“ „Ich bitte um Verzeihung, Frau Walkin⸗ ſhaw. Doch wuͤnſchte ich, Sie wollten ſich 4 deutlicher erklaͤren und zur Sache kommen. „Kam ich nicht ſchon zur Sache, hinſicht⸗ lich der maͤnnlichen Erben?“ „Wahr, Madame,“ ſagte der Sachwalter. 4 „Aber wollte ich auch einraͤumen, daß Alles, was Sie ſagten, vollkommen wichtig ſei: ſo haͤtte dennoch Herr Milrookit das Recht auf ſeiner Seite; denn Sie wiſſen, daß er der maͤnnliche Erbe ſeiner Mutter iſt, daher das Eigenthum nicht auf ſie, ſondern auf iun fallen wuͤrde.“ „Das brauchen Sie mir nicht zu ſagen. Denken Sie, ich wuͤßte nicht, daß er der Erbe ſeiner Mutter iſt, da er ihr einziges Kind iſt? Sie halten mich fuͤr ſehr dumm, Herr Pit⸗ winnoch.— Liegt's aber nicht klar am Tage, daß ſeine Frau, da ſie kein maͤnnlicher Erbe iſt, nicht erben kann, und da er ein Erbe ohne Geſchlechtsunterſchied iſt, er, ſo wie die Sache dermalen ſteht, auch kein Recht zur 1 Erbfolge hat? Das kann doch nicht wohl be⸗ ſtritten werden? Ich behaupte alſo, daß er, nach allen Rechten, verpflichtet iſt, auf den Beſitz des Guts Verzicht zu leiſten; und das ſoll er morgen des Tages, wenn es noch einen Beamten in Glasgow giebt.“ „Aber Sie, Madam, koͤnnen doch unmoͤg⸗ lich Anſpruͤche darauf machen?“ rief der ver⸗ wirrte Sachwalter. „Ich!— Bin ich alte Frau und Shoß⸗ mutter denn ein maͤnnlicher Erbe? Wahr und wahrhaftig, Herr Pitwinnoch, Sie muͤſſen eine ſchlechte Erziehung gehabt haben, daß Sie ſo wenig von den Geſetzen der Natur und der Nationen wiſſen. Nein, der maͤnn⸗ liche Erbe iſt ein junger Mann, meines aͤlte⸗ ſten Sohnes einziger Sohn.“ Der Sachwalter zitterte fuͤr ſeinen Klien⸗ ten, als die Leddy fortfuhr: „Denn Sie wiſſen, daß das Fideicommiß zuerſt auf Walther, den zweiten Sohn, ſiel; und wenn dieſer keine Erben hinterließ, auf Georg und deſſen maͤnnliche Erben; und wenn dieſe fehlten, dann ſollte es zuruͤck auf Karl, II. Thl. 23 — 354— den aͤlteſten Sohn, und deſſen maͤnnliche Erben fallen. Wenn nun die Geſetze noch im Lande gelten, ſo muß ſein einziger Sohn ein maͤnn⸗ licher Erbe ſein und Milrookits Frau, die nur eine einzige Tochter iſt, vorgehn.“ „Hat Herr Whitteret Ihnen das in den Kopf geſetzt? Er ſtand bei Keelevin, der die Urkunde aufſetzte, in der Lehre,“ ſagte der Sachwalter ernſthaft, den die genaue Kennt⸗ niß, welche die Leddy von der ganzen Sache hatte, in Erſtaunen ſetzte. n „Ich brauche weder den Herrn Whitteret, noch ſeines Gleichen, um die Rechte zu lernen; denn ich lernte bereits genug von meinem wuͤrdigen Vater, der ſelbſt auf den Advokaten ſtudirte und, als er ſtarb, mehr Prozeſſe auf dem Leibe hatt', als drei andere Lairds in der Grafſchaft;— doch, Eigenlob ſtinkt! Sie aber, Herr Pitwinnoch, werden fein höf⸗ lich— merken Sie das ja— an Milroolit ſchreiben, und ihm in dem Briefe zu wiſſen thun: ich wuͤrde es mit großem Dant erkennen, wenn er das Haus und die Laͤndereien von Kittleſtonheugh dem maͤnnlichen Erben, James Walkinſhaw, ſeinem lieben Vetter, uͤbergeben wollt'. Thaͤt er es nicht, ſo haͤtt' ich Ihnen den Auftrag gegeben, zu klagen; und dann koͤnnen Sie ihm noch ſo in eine Ecke eine Nota bene ſchreiben, wie von ſich ſelbſt: Sie gaͤben ihm den Rath, er ſolle fein nachgeben, weil Sie gewiß wuͤßten, daß ich ihn mit der Gerechtigkeit meines Zornes verfolgen wollt'.“ „Iſt Ihr Enkel von dieſem ſeltſamen Ge⸗ ſchaͤfte unterrichtet?“ fragte Pitwinnoch. Doch die Leddy wich der Frage aus, indem ſie ſagte: „Das gehoͤrt fuͤr jetzt nicht zur Sache. Aber glauben Sie nicht, daß ich gerechte Gründe zu dieſer Klage habe?“ „Die Wahrheit zu ſagen, Madam, beinahe glaube ich es ſelbſt. Doch iſt es nicht noͤthig, ſo ſchnell zu verfahren,— das Geſchaͤft laͤßt ſich eben ſo gut durch einen freundſchaftlichen Vergleich abmachen.“ „Wozu ein freundſchaftlicher Vergleich? Das Recht muß immer oben ſchwimmen. Wegen eines freundſchaftlichen Vergleichs geh⸗ ich nicht zum Advokaten. Nee, Herr Pit⸗ winnoch, Sie ſehen ſelbſt ein, daß ich das 23* — 356— kitzlige Punktum traf; und deßhalb ſparen Sie Ihren Athem, um Ihre Suppe damit kuͤhl zu blaſen. Mein Wille und Begehren iſt, daß Walkinſhaw Milrookit morgen fruͤh, auf rechtskräftige Weiſe, dem maͤnnlichen Er⸗ ben des verſtorbenen Claudius Walkinſhaw von Kittleſtonheugh, in der Grafſchaft o⸗ Lannark und der Synode von Glasgow und Aire,— alle vorherbeſagten Häuſer und Laͤn⸗ dereien uͤberliefere; ganz den Statuten unſe⸗ res Allergnaͤdigſten Monarchen und Koͤnigs gemaͤß. Wo nach ſich zu achten.— Sie ſehen, Herr Pitwinnoch, daß ich keine Kraͤhe mit geborgten Federn bin, und daß ich mich nicht von ſo einem Pack, wie die Milrookits ſind, werde beißen und umherzerren laſſen.“ Nachdem die Leddy ihren Sachwalter auf dieſe Weiſe unterrichtet hatte, verließ ſie ihn und ließ ſich, innerlich vergnuͤgt, nach Hauſe fuͤhren, indem ſie vollkommen uͤber⸗ zeugt war, auch dieſen ihren zweiten Prozeß⸗ wie ſie ihn nannte, zu gewinnen. Vierundvierzigſtes Kapitel. Der Schiffbruch des dritten Lairds hatte einen ſchrecklichen Eindruck auf die Geſellſchaft von Glengael gemacht, welche, gleich nach dieſem Ungluͤck, nach der Burg zuruͤckkehrte. Frau Eadie war nunmehr völlig uͤberzeugt, daß die Sehergabe ihres muͤtterlichen Ge⸗ ſchlechts auf ihr ruhe; auch ſtellten ſich ihre Traͤume und Biſionen immer haͤufiger ein, und ihre Reden wurden ſtets m fids er und bilderreicher. 29 „Der Tod,“ ſagte ſie,„hat ſeine wuuf gabe geloͤſt. Die Winde des Himmels und die Wellen des Meeres gehorchten dem Ge⸗ bote, und der Mond beglaubigte ſeinen Ein⸗ fluß auf die Schickſale der Menſchen. Doch⸗ noch wurde das Buch mit den metallnen Klammern nicht geuͤffnet,— noch wurde die Weisheit verſchwundener Jahrhunderte nicht entfaltet.— Noch ruhen das Alterthum und die Gelahrtheit ſchweigend in ihren Winkeln, und noch iſt ihr Antlitz verhuͤllt.“ Selbſt in ihren ruhigſten Stunden ſtellte man ihr vergeblich vor, wie gefaͤhrlich es ſei, —— 2 — dergleichen Traͤumereien nachzuhaͤngen. Ihre Freunde horchten mit mitleidigen Gefuͤhlen auf ihre Reden, und konnten nur hoffen, daß ihre Geſundheit ſich im Laufe des Sommers beſſern, und alsdann die Reizbarkeit ihrer Ner⸗ ven nachlaſſen werde. Man beſchloß daher, daß, waͤhrend Herr Fraſer ſich ſeiner Geſchäfte wegen nach Edinburg begeben mußte, die uͤbrige Familie dennoch, der Freundin zu Liebe, bis ſpaͤt in's Jahr in Glengnel K blei⸗ ben ſollte.. Unterdeſſen fuhren Walkinſhaw uneRrac Fraſer in ihrem Werbegeſchaͤft fort, und die ganze Geſellſchaft nahm bald wahr, daß der Letztere eine Zuneigung fuͤr Marien gefaßt hatte. War gleich Frau Eadie nicht die Erſte, welche dieſe Bemerkung machte, ſo war ſie doch diejenige, welche zuerſt davon ſprach. Aber anſtatt ſich der Redensarten zu bedienen, welche Damen von einem gewiſſen Alter bei dergleichen Gelegenheiten fuͤhren, prophezeite ſie, in den erhabenſten poetiſchen Ausdruͤcken, baldige Hochzeitfeſte. Walkinſhaws und He⸗ lenens Schickſal verſthwand uͤber dieſen neuen — 359— Stoff ſo lange vor ihren Blicken, bis Herrn Fraſers Schreiben anlangte, in welchem er Nachricht von der wichtigen Entdeckung gab, und ſeinen jungen Freund aufforderte, ſogleich nach Edinburg zu kommen. Da rief Frau Eadie:„Das verſchloſſene Buch des Alterthums liegt jetzt offen! Wer kann die Orakel des Schickſals beſtreiten?“ Doch bei aller ihrer Sehergabe war ſie nicht im Stande, dasjenige zu ſehen, was an demſelben Nachmittage, an welchem jenes Schreiben in Glengael anlangte⸗ in Kittle⸗ ſtonheugh vorging. Man wird ſich entſinnen, daß Herr Pilege, gleich nach ſeinem Geſpraͤche mit der Leddy⸗ zu Milrookit fuhr; und da er nichts weniger als bloͤde und zuruͤckhaltend war, ſo erkläͤrte er alsbald den Zweck ſeiner Beſtimmung.— Walky's Beſtuͤrzung laͤßt ſich leichter denken, als ſchildern. Doch ſchoͤpfte er wieder eini⸗ gen Muth, als Pilledge ihm ſagte, er hoffe entweder, das Teſtament ganz umſtoßen zu können, oder wenigſtens die Sache ſo ſehr — 360— in's Weite zu ſpielen, daß es ihm weniger als die Haͤlfte der Einkuͤnfte koſten ſollte. Waͤhrend ſie dieſen Gegenſtand beſprachen, und Milrookit ſo ſehr in die Anſichten des Notars einging, als die Kuͤrze der Zeit es er⸗ laubte: wurde Herr Pitwinnoch gemeldet. Der Geſchaͤftsinſtinkt hatte ihn ſchon fruͤher mit Pilledge zuſammengebracht, ſo daß wenige Worte genuͤgten, das drumnbirat zu verei⸗ nigen. „Aber ich habe den Auftrag,“ ſagte pit⸗ winnoch in Folge des Geſprächs, 7 die Rechte des Fideicommißerben ſogl⸗ich geltend zu machen.“ „Deſto beſſer,“ erwiederte Pilledge.„Das Geſchaͤft konnte in keine beſſern Hande fallen. Sie koͤnnen fuͤr Ihren Klienten auf die be⸗ friedigendſte Weiſe handeln; und da Herr Mil⸗ rookit mich bevollmaͤchtigen wird, ſeine Sache zu fuͤhren: ſo muͤßte es hart hergehen, wenn wir nicht die Seſahihe in's Weite ihen koͤnnten.“ Herr pitwinnoch t war gleicher Meinung und beluſtigte ſeine Geſellſchafter mit einer komiſchen Erzaͤhlung von dem Auftrage, wel⸗ chen die Leddy ihm gegeben hatte, daß das Gut gleich am andern Tage herausgegeben werden ſollte. Pilledge erzaͤhlte gleichfalls, in ſeiner trocknen und ſchlauen Manier, ſeine unterredung mit der naͤmlichen geiſtreichen und furchtbaren Matrone; und um den Froh⸗ ſinn der Geſellſchaft noch mehr zu beleben⸗ ließ Milrookit Wein herbeibringen. Als man nun eben in großter Froͤhlichkeit zuſam⸗ men ſaß, wurde ein Schreiben von Herrn Whitteret in's Zimmer gebracht, in welchem dieſer mit wenigen Worten meldete, man habe Schritte zu Gunſten des wahren Fidei⸗ commißerben gethan, und den Rath ertheilte, aus Ruͤckſicht auf die Verwandtſchaftsver⸗ haͤltniſſe beider Papteien, durch ſchleunige Anerkennung ſeiner Anſpruͤche, allem weitern Verfahren und der Unannehmlichkeit gericht⸗ licher Unterſuchungen, wegen begangenen Betrugs, zuvorzukommen. 5 Milrookit zitterte, als er dieſes las. Pitwinnoch ſtarrte erſchrocken vor ſich hin⸗ indem er fuͤrchtete, ſein eigenes Betragen — 362— moͤge waͤhrend des Prozeſſes an den Tag kommen. Pilledge, welcher vorausſah, daß hier nichts fuͤr ihn zu fiſchen war, ergriff ganz ruhig ſeinen Hut, ſtahl ſich hinweg und uberließ die beiden Andern ihren Be⸗ trachtungen. „Das iſt ein ſchreckliches Unglädt“ nieß Milrookit nach einer Pauſe. „Das iſt eine hoͤchſt unglücklich Ent⸗ deckung!“ rief Pitwinnoch. n „Und die Drohung, die Sache zffentlich bekannt zu machen!“ erwiederte ſein Klient. „uUnd die Gefahr, welche meinem guten Ruf droht!“ rief der Sachwalter. „Haͤtten Sie mir keinen ſo uͤbereilten Rath gegeben, ſo wuͤrde ich nie daran ge⸗ dacht haben, mich in den Beſitz des Gutes zu ſetzen,“ ſagte Milrookit. „Sie, mein Herr, und Ihr Vater glaub⸗ ten ja, wenn es geſchehen konne, ſo muͤſſe es auch geſchehen,“ entgegnete der Advokat. „Ich erfuͤllte bloß meine Pflicht als Ihr b Anwald, indem ich Ihnen dasjenige empfahl⸗ was Sie ſo eifrig wuͤnſchten.“ — 363— „Das iſt nicht wahr, mein Herr,“ ent⸗ gegnete Milrookit bitter. Nunmehr wurde das Geſpraͤch ſo heftig, und ſowohl der Sach⸗ walter, als ſein Klient erboßten ſich der⸗ maßen, daß ſie, gleich einem Paar Bullen⸗ beißer, aufeinander losfuhren. In dieſem gefährlichen Moment oͤffnete ſich jedoch die Thuͤr; die alte Leddy ſteckte den Kopf in's Zimmer und rief:„Schuͤtteln Sie ihn nur tuͤchtig zuſammen, Herr Pitwinnoch, wenn er ſich nicht ergeben will. Ich zath⸗ ihm, nachzugeben.“ Die Wuth der Streitenden lege ſich augenblicklich.— Verlegen, blaß und zit⸗ ternd ſtanden ſie einander gegenuͤber. Der Zufall wollte, daß, als die Leddy von Pitwinnoch zuruͤckkam, Robina eben bei ihr vorgefahren war, um, auf Anſtiften ihres Gatten, ſich wo möglich mit der Groß⸗ mutter auszuſoͤhnen; und da ſie ſich einbil⸗ dete, eine Verſoͤhnung zu Stande gebracht zu haben, nahm ſie die Matrone mit nach Kittleſtonheugh. Die Leddy, welche ſich je⸗ doch eine eben ſo geſchickte Diplomatin, als — 364— Rechtsgelehrte duͤnkte, gab ſich den Schein, als haͤtte ſie alle Beleidigungen vergeſſen. „Du weißt, liebes Binchen,“ ſagte ſie, „daß ich eine alte Perſon bin, und nur noch kurze Zeit in dieſer ſchnöden Welt zu leben habe. Daher iſt's ſehr natuͤrlich, daß ich mich mit meinen Enkeln auszuſoͤhnen wünſche, die, wie ich hoffe, einander zum Troſt leben werden,— ſo daß jedem ſein Recht ge⸗ ſchieht. Denn ein Prozeß iſt eine ſchlimme Geſchichte, und ich kenne Leute in meiner Familie, die das Ding aus dem Fundament verſtehn. Es freut mich alſo herzlich, Dich zu ſehn, liebes Binchen, und wenn Du mich in Deinem Wagen mitnehmen und Abends wieder nach Hauſe ſchicken willſt, ſo geh' ich mit Dir zu Deinem Maͤnnchen, den ich ſehr aͤſtimir’, ob er ſchon in Hinſicht meiner bil⸗ ligen, maͤßigen Forderung fuͤr Koſt und Waͤſche und Logis ſehr knickerig gegen mich handelte.“ Die Wahrheit war jedoch, daß von dem Augenblick an, in welchem Robina in'’s Zim⸗ mer trat, die Leddy neugierig war zu ſehen⸗ wie Milrookit die Aufforderung aufnehmen werde, und ſich daher obiger Liſt bediente, um auf den Schauplatz des Kampfes zu ge⸗ langen. Fuͤnfundvierzigſtes Kapitel. Durch dieſe Unterbrechung wieder zur Beſinnung gebracht, ſahen Milrookit und ſein Sachwalter ein, daß eine öͤffentliche Be⸗ kanntmachung ihrer unrechtlichen Umtriebe ihren guten Ruf gaͤnzlich vernichten werde. Pitwinnoch war der Erſte, welcher wieder ei⸗ nige Geiſtesgegenwart erlangte; daher wen⸗ dete er ſich mit großer Hoͤflichkeit zu der Leddy und ſagte:„Ob wir gleich einen klei⸗ nen Wortwechſel hatten, ſo ſieht Herr Mil⸗ rookit dennoch ein, daß er auch nicht einen Schatten von Recht hat, das Gut dem recht⸗ maͤßigen Erben vorzuenthalten. Er will es in demſelben Augenblick aufgeben, in wel⸗ chem man es von ihm begehrt.“ „So begehre ich es in dieſem Augenblick,“ rief die Leddy.„Hinweg aus dieſem Hauſe! das mein Eigenthum war, und aus dem ich — 366— nicht weiche, bis der rechtmaͤßige maͤnnliche Erbe, James Walkinſhaw, Beſitz davon nimmt. Das war ein juͤdiſches und unrepu⸗ tirliches Verfahren von Dir, Walky Mil⸗ rookit, daß Du die ſchoͤne Beſitzung, wegen eines Rechtspunktums, an Dich zogſt; und ich ſeh' nicht ein, wie Du Dich rein waſchen willſt, daß Du eine weibliche Erbin zu ei⸗ nem maͤnnlichen Erben machen wollteſt.,) Milrookit, welcher ſeine Gattin eintre⸗ ten ſah und das Geſchäft ſobald als moͤglich geendigt wuͤnſchte, bat Herrn Pitwinnoch, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen;„ Frauen blieben demnach allein. „Binchen,“ ſagte die Leddy mit ſelbſtge⸗ faͤlliger Gleichmuth,„ich hoffe, daß Du Dich vorbereiteſt, die ſchlimmen Neuigkeiten, die ich Dir mitzutheilen habe, mit chriſtlicher Faſſung anzuhoͤren. Ja, gutes Binchen, ehrlich wäͤhrt am laͤngſten! und Dein Maͤnn⸗ chen empfaͤngt ſeinen verdienten Lohn; denn die Rechte und die Rechtsgelehrten verdienen meines Wiſſens ſammt und ſonders den Galgen. Doch Deinetwegen, Binchen, wol⸗ — 367— len wir die Sache vertuſchen. Ich rath' Dir alſo, Deine ſieben Sachen zuſammen zu packen und das Feld eiligſt zu raͤumen; denn man weiß doch nicht, was ſo ein ravagiren⸗ der Soldatenofſizier, der die Leute todtſchla⸗ gen muß, ſagen oder thun wird, wenn der James auf s Schlachtfeld kommt, auf dem ich eine ſo glorreiche Viktoria gewonnen hab'.“ Frau Milrookit, welche von gar nichts wußte, erſchrak und erſtaunte uͤber dieſe Aeußerungen ihrer Großmutter; und da ſie wahrnahm, daß die Leddy mit dem Gegen⸗ ſtande des heftigen Wortwechſels zwiſchen ihrem Gatten und Pitwinnoch, deren Stim⸗ men ſie ſchon vor der Thuͤr vernommen hatte, bekannt war: ſo rief ſie voll Beſorg⸗ niß:„Um Gotteswillen, was iſt vorge⸗ fallen?“ „Nur eine Entdeckung, welche die Advo⸗ katen⸗Fakultaͤt machte, daß eine Tochter kein maͤnnlicher Erbe iſt. Da Du nun nur Georgs, des dritten Sohnes, weibliche Erbin biſt, ſo geht, dem Laufe der Natur nach, — 368— die Beſitzung auf den Sohn des äͤlteſten Sohnes Karl zuruͤck, der, den Worten der Urkunde nach, ein maͤnnlicher Erbe iſt; und da Dein Mann, Walkinſhaw Milrookit, nur ein Erbe von Margarethe, der Tochter, ohne Geſchlechtsunterſchied iſt: ſo iſt er gar kein Erbe, und Dein Vetter James kriegt das Gut mit Stumpf und Stiel, ſo daß Du und Milrookit Euch ein ander Neſt ſuchen muͤßt, was mir ſehr leid thut. Mit ſchwerem Her⸗ zen und mitleidigem Auge kann ich nicht ſchoͤn auf den Bergen leuchten, ſondern muß Dir die traurige Nachricht mittheilen.“ 18 Mit einer Ruhe, welche die Leddy in Er⸗ ſtaunen ſetzte, erwiederte Robina:„Alſo kam es an den Tag, daß meines Oheims Karl Familie nicht gänzlich enterbt wurde, mithin James das Gut erhalten muß? Ich beklage nur, dieſes nicht erfahren zu haben, ehe wir unſern Aufenthalt hier nahmen.4 „Binchen, es iſt ein altes, aber wahres Wort, das ich aus Erfahrung kenne, daß das Recht immer oben ſchwimmt; und ſo darf es Dich auch nicht wundern, zumal wenn Du 1 — 369— die kurze Zeit ſeit Deines Vaters Tode be⸗ denkſt, daß die Sache nicht fruͤher vor Gericht kam. Waͤr' ich nicht ſo klug und geſchaͤftig dabei geweſen, und haͤtt' ich den Pitwinnoch nicht ſo recht ordentlich inſtruirt: wer weiß, wie lang' die Hiſtorie vor dem Gerithtszpfe geſchwebe haͤtt'.“ Waäͤhrend die Leddy ihre dunkeln Rechta⸗ ſentenzien, wie ſie dieſelben nannte, auskramte, kehrten Pitwinnoch und Milrookit in's Zim⸗ mer zuruͤck. Erſterer ſagte zu der Leddy: „Madam, ich ſchaͤtze mich gluͤcklich, Ihnen ſagen zu koͤnnen, daß Herr Milrookit auf die rechtſchaffenſte Weiſe handelt. Er iſt nunmehr vollkommen uͤberzeugt, daß ſein Vetter, Herr Walkinſhaw, der rechtmaͤßige Erbe des Fidei⸗ commiſſes iſt, und will ihm her das Gut gern abtreten-⸗"“— „Bewies ich Ihnen nicht klar und deutlich, Herr Pitwinnoch,“ erwiederte die Leddy trium⸗ phirend,„daß er kein Recht dazu haͤtt??— Ader Sie zweifelten an meinen weiſen Ein⸗ ſichten.“ „Doch,“ fuhr der Sachwalter fort, nin II. Thl.. 24 — 370— Erwaͤgung ſeiner ehrenvollen Nachgiebigkeit, machte ich mich anheiſchig, Sie dazu zu be⸗ wegen, daß Sie ihm die tauſend Pfund zu⸗ ruͤckzahlen, welche, wie Sie ſelbſt finden müſſen, eine ungereimte Forderung füͤr einen ſechs⸗ woͤchentlichen Aufenthalt in Ihrem Hauſe waren.“ 8 erentt ah. d „Da haben Sie n icht ganz unse Herr Pitwinnoch. Es war allerdings ungereimt; denn häͤtt' ich feſt d'rauf beſtanden, ſo haͤtt ich zweitauſend Pfund und wohl noch mehr kriegen koͤnnen. Aber ich verſteh⸗ nicht, wie Sie glauhen koͤnnen, daß ich mein redemißi exworbenes Gut wieder rausgeben ſolltel. Was kuͤmmert mich die Ruͤckgabe des Gu an den maͤnnlichen Erben? Ich gewinn ke⸗ nen Heller dabeie wenn mir James nicht etyg — ein kleines Praͤſentchen als Honorarium macht für die Muͤhe, die ich batt, Sie zu inſtrui⸗ xen.— Nee, nee, 6 laſſe keinen⸗ Hls fahren⸗ 44 „Alsdann, Madam, in c5 meins pie Herrn Milro vokit zu rathen, die geleiſtete Zah⸗ lung als auf einen Irrthum beruhend zu „ 1 — — 371— reklamiren, und die Sache der Entſcheidung des Gerichtshofes zu uͤberlaſſen.“) „Thun Sie das nur. Machen Sie ſcc den Spaß. Sie koͤnnen mir keinen groͤßern Gefallen thun.— Aber ich daͤcht, Sie und Milrookit ſollten wiſſen, was es heißt, mit mir, wegen Koſt und Waͤſche und Logis und maͤnnlicher Erben, prozeſſiren zu wollen.“ Der Sachwalter und ſein Klient blickten teinander bedenklich an. Die Leddy fuhr fort: „Ich bin ganz ſicher, Herr Pitwinnoch, daß kein Irrthum bei dem Geſchaͤft vorging. Denn Sie werden ſich erinnern, daß Sie mir zweihundert Pfund anboten, die ich aus⸗ ſchlug, und daß Sie mir alsdann meine ge⸗ rechte, maͤßige Forderung brachten. Das macht das Rechtspunktum aus, glauben Sie mir.“ „Ich fuͤrchte,“ ſagte Pitwinnoch zu ſei⸗ nem betruͤbten Klienten,„baß hier nichts wei⸗ Ter zu thun iſt.“ „Nein, wahrlich nicht, Herr Pitwintnoch ſtel die Leddy ein.„Weder Klaͤger, noch Be⸗ klagter können mir etwas anhaben. Schuͤt⸗ teln Sie alſo Ihr Fell und kuſchen Sie. 24* — 372— All Ihr Gebelfer wuͤrd' beim Gerichtshofe zu Wind werden, denn Geld iſt ein erblicher Ppfandbrief, und der iſt in meinen Häͤnden; das iſt der ſtarke Grund vom Kaſus,— rühr' ihn an, wer ſich's unterſteht!“ Pitwinnoch konnte nur mit Muͤhe ſeinen Ernſt behalten. Der arme Milrookit, wel⸗ cher ſich ſo uͤberliſtet ſah, ſagte:„Nun gut; wenn Sie aber Ihr Teſtament machen, ſo hoffe ich, Sie werden dabei erwägen, wie be⸗ reitwillig ich Ihnen das Geld zahlte.“ „Meinen letzten Teſtamentswillen machen! — Das iſt eine delikate Zumuthung fuͤr eine alte Frau. Das werd'’ ich Dir nicht ver⸗ geſſen;— und was Deine Bereitwilligkeit angeht, mir meine billige Forderung fuͤr Koſt und Waͤſche und Logis zu zahlen:— mußt ich Dir die nicht erſt durch Recht und Ge⸗ rechtigkeit aus den Zaͤhnen reißen?“ „Madam,“ ſagte Pitwinnoch,„wir ſind Alle Freunde, und mithin duͤrfen wir auch aufrichtig miteinander reden. Ich gab Herrn Milrookit den Rath, lieber das Geld zu zah⸗ len, als Gefahr zu laufen, daß Sie Ihre — 373— Aufmerkſamkeit auf die Punkte der Fideicom⸗ mißurkunde richten moͤchten. Da ſich jedoch nunmehr Alles friedlich geendet hat, ſo wer⸗ den Sie ſelbſt einſehen, daß er ſchon genug durch die Herausgabe des Gutes verlor, und ihm das Geld wiedergeben.“. Die Leddy dachte einige Minuten nach, dann erhob ſie die Augen und ſagte zu Pit⸗ winnoch:„Ich kann eben ſo ſcharf durch ei⸗ nen Muͤhlſtein kucken, als Sie durch ein tan⸗ nenes Brett; und es kann mir leicht in den Kopf kommen, Sie wegen Schadenerſatz zu verklagen, weil Sie ſo klar und deutlich ge⸗ gen den hohen Gerichtshof konſpirirten, und da nehm' ich nicht weniger als tauſend Pfund. Laſſen Sie alſo das Prozeſſiren mit mir gut ſein, denn wir ſind ohnedieß miteinander fer⸗ tig; und ſobald Herr Whitteret zurückkommt, werd' ich ihn inſtruiren, daß Sie eine Kon⸗ ſpiration wegen der tauſend Pfund gegen mich machten, und da ſoll er die e Klade vor Ge⸗ richt bringen.“ 1 1 Selbſt Milrookit untzte über die Beſtür⸗ zung des Sachwalters lachen, welcher zwar = 4— die Drohungen ungereimt fand, aber fuͤrch tete, ſein guter Ruf moͤge dabei ſcheitern, und ſich daher ſchnell aus dem Staube machte. 1 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Die Leddy, welche ihren zweiten Prozeß ſo ſiegreich gewonnen hatte und bereits mit einem dritten drohte, glaubte, ihr Triumph wuͤrde nicht vollkommen ſein, wenn ſie nicht auch den Beifall der Welt erhalte. Die erſte Perſon, von der ſie Lob einzuarnten hoffte, war natuͤrlicherweiſe Walkinſhaws Mutter. Sobald Pitwinnoch das Haus verlaſſen hatte, erſuchte ſie ihren Enkel Milrookit, die Frau Karl in ſeinem Wagen abholen zu laſſen, und dem Kutſcher ſtreng zu verbieten, daß er nichts von dem Vorgefallenen ſage⸗ indem ſie ſich das Vergnuͤgen machen wollte, die frohe Kunde ſelbſt mitzutheilen. Milroo⸗ kit bewilligte ihr Geſuch gern; denn unge⸗ achtet ſeines Aergers uͤber den erlittenen Verluſt, fuͤhlte er ſich doch in der That durch die Art, mit welcher ſeine Unredlichkeit — 375— entdeckt wurde, ziem ich erleichtert. Vielleicht hoffte er auch, durch ſeine Bereitwilligkeit die tauiſend Pfund wieder zu erhuſchen. Frau Karl wurde nicht wenig durch die Potſchaft, ſogleich nach Kittleſtonheugb zu kommen, überraſcht; und da ſie von dem Kutſcher hoͤrte, die alte Leddy beſinde ſich dort, ſo fuͤrchtete ſie, daß ihrem Sohn et⸗ was Unangenehmes widerfahren ſei. Ungluͤck ahnend, ſeufzte ſie, daß ihre Leiden noch nicht zu Ende wären. Man war jetzt im Monat Sptember, und obſchon die Luft klar war, ſo ſtimmten doch die Finſterniß des Weges und die rings⸗ umher herrſchende Stille die gute Frau zu bangen Beſorgniſſen. Doch flöͤßte die Pracht des geſtirnten Himmels ihr auch wieder Muth ein, und es ſchien ihr, als wache die Vor⸗ ſehung mit unzaͤhlbaren Millionen Augen uͤber ihr. Hüten wir uns Inach, die e Hangen Ge⸗ fuhle der ſchwachen, demüthigen. und ſchon Rrige durch das unglac gebeugten Wittwe — 376— zu tadeln. Doch die Nacht ihres truͤben Schickſals war nunmehr verſchwunden, und ein glaͤnzender Morgen ſollte vor ihr auf⸗ tagen, obſchon unſere Freundin, die alte Leddy, ihr jene gluͤckliche Veraͤnderung nicht ſo ſchnell mittheilte, als wir es gewünſcht haͤtten. Als der Wagen zuruͤckkehrte, ſaß die Matrone allein im Beſuchzimmer und em⸗ pfing die zitternde Mutter mit dem betruͤbte⸗ ſten Geſicht, welches ſie nur erheucheln konnte. „Setz' Dich nieder, Bell Fatherlans, ſagte ſie.„Setz' Dich nur. O, dieß iſt eine Welt voll Ungewißheit!— Nichts iſt in ihr von Dauer!— Die Winde blaſen,— das Waſſer rinnt,— das Gras wächſt,— der Schnee faͤllt,— der Tag flieht und verkriecht ſich in das Meer, und die Nacht verſteckt ihr Haupt in die Morgenroͤthe— und ver⸗ ſchwindet auf immer! Manche warnende Lektion bekommen wir, unſere Gedanken nach oben zu richten, aber wir ſinken, ſinken, ſinken ſo tief, wie die Funken aufwarts fliegen.— Bella! Bella! Wir find wie die Dornen, welche unter dem Gunpentopf praſſeln!“ „Was iſt vorgefallen?“ rief Frau Karl. „Ich bitte Sie, es mir kurz zu ſagen.“ „Und das will ich, ſobald Du Dein Ge⸗ muͤth ſo religioͤs geſtimmt haſt, um mich mit chriſtlicher Faſſung anhoͤren zu koͤnnen; denn was ich Dir zu ſagen hab', ob ich es ſchon ſelbſt ſage, iſt etwas von großer Wich⸗ tigkeit.“ „Ich bitte Sie um Gottes willen, nur fortzufahren.— Wo iſt Hert Milrookit?— Wo Robina?“— „Du wirſt heut' Abend nicht viel von ihnen ſehn. Die armen Leutchen haben die Haͤnde voll Sorgen. O, Bella! Bella!— wenn ich das bedenke!— Das iſt ein Ge⸗ richt, das den menſchlichen Verſtand uͤber⸗ ſteigt! Wahr und wahrhaftig, wenn ich be⸗ denke, wie das durch meine hohen Einſichten und meine Weisheit herbeigefuͤhrt wurde: ſo uͤberſteigt's alle Begriffe! Was wuͤrd' mein wuͤrdiger Vater geſagt haben, wenn er es erlebt haͤtt', daß ſeine Tochter durch ihre = 5 Klugheit ein ſo ſchönes Gut gewann?— Und was hätt' Dein Se chwiegervater geſagt⸗ der ſich immer rühmte, das Kittleſtonheugh ſeiner Vorfahren wieder erobert zu haben, wozu er ſein ganzes Leben brauchte? Wenn er nun geſehn hätt', daß ich, nur mit einem Bißchen Liſt und Rechtskenntniſſe, die naͤm⸗ liche Eroberung, in weniger als zwei Stun⸗ den, fuͤr Deinen Sohn, James Wialtedſbaun nashke ze „Sie ſetzen mich in Erſtaunen und Wer. wirrung! Worauf ſpielen Ste an?“ a4nftagte Fran Karl. 9 40 „„Das wunderk mich ganz und gar r nicht,” erwiederte die Leddy.„Wer konnt' auch glaus ben, daß ich alte, ungelehrte Frau einen Koͤ⸗ niglichen Notarium überliſten, und den Grund zu einem Prozeß gegen die falſche Kröte, den Pitwinnoch, wegen Schadenerſatz ausſindig ma⸗ chen koͤnnt', weil er gegen die Statuten des Krone handelte? Hätt' ich gewußt, was ich jetzt weiß, ſo wäͤt' Dein Schwager Walther geblieben/ und haͤtt ſeine funf Sinne behal⸗ zen. Denn ob ich ſthon nur eine Frau bin; — 379— ſo waͤr' ich doch mein eigener Anwald, Rath⸗ geber und Exequirer in der Concos-mentase Hiſtorie geweſen, durch die ich in meinen rechtmaͤßigen Erwartungen betrogen wurde. Aber Pitwinnoch ſoll bald das Gewicht der Löwentatze fuͤhlen, welche ſeint. Doglicität in mir erweckte. 4. aniet „Frau Karl, die ſich ſchon früher an dem Tenumnets ergoͤtzt hatte, mit welchem die Leddy. ihr den großen Koſt⸗ und Logis⸗Prozeß er⸗ zaͤhlte, fing an zu vermuthen, daß die Matrone abermals einen aͤhnlichen Sieg davongetragen habe; und da ſie ſich jetzt ziemlich beruhigt fuͤhlte, ſo forſchte 6 e nochmals, was vorge⸗ gangen ſei. 2 „Ich will Dir ſügen,“ antwortete die Leddy,„und es iſt nicht mehr als recht und billig, daß die Mutter es wiſſen muß: daß ich das Werkzeug war, durch welches entdeckt wurde, Dein Sohn waͤr' dem Geſegr nach ein maͤnnlicher Erbe.“. „zUnmoͤglich!“ rief die entpickte Mutter, welcher die Wahrheit jetzt auf einmal in die Augen leuchtetetee.. mn zi — 380— „Ja, ich konnt's nicht beſſer erwarten,“ ſagte die beleidigte Leddy, welche den Ausruf falſch auslegte.„Ein Prophet gilt nie in ſeinem Vaterlande, und der ganze Dank fuͤr meine Muͤhe heißt: Unmoͤglich! Aber es iſt eine wahre Moͤglichkeit, und Milrookit willigt ein, das Gut'rauszugeben;— und da ſiehſt Du, wie Du durch mich zu Stolz und Reichthum kommſt. Erſtens verſchafft ich Dir, durch den Koſt⸗ und Logis⸗Prozeß⸗ Deinen Jahrgehalt wieder, und zweitens be⸗ wies ich durch die Urkunde, daß Binchen eine Tochter und mithin eine weibliche Erbin iſt, und den Rechten nach das Gue aaszee ben mußt.“ 4 „Das iſt in der That eine hoͤchſt erfrenen liche Neuigkeit, nachdem ich meine armen Kinder ſo ganz verlaſſen glaubte,“ rief Frau Karl, deren Wuſen eine ehrinenſut eleich⸗ terte. „Aber, Bell Iuterlone 4, fuhr die gedoy fort,„ich nehme Deine Thränen zu Zeugen, daß Du und James erkennen muͤßt, daß ohne meine Weisheit dieſe große Sache nie 7 — 38— zu Stande gekommen waͤr'. Ich hoffe, Ihr beſprecht Euch uͤber den Verluſt, den ich durch Walthers Prozeß erlitt, und erſetzt mir ihn honett aus den Renten, die, wie ich ſicher weiß, ſich per Anno Domini, daß heißt des Jahres, auf funfzehnhundert Pfund be⸗ laufen. Ein Wernges wird mir reichlig genuͤgen.“ „James iſt Jynen in der That vielen Dank ſchuldig, und die Großmuth, mit wel⸗ cher Sie ihn bei ſeiner Abreiſe beſchenkten, machte einen tiefen Eindruck auf ſein Herz.“ „Er war immer ein huͤbſcher, guter Burſche,“ rief die Leddy, indem ſie ſich die Augen trocknete, als ſtänden wirklich Thrä⸗ nen in denſelben,„und bin ich einmal todt und von dannen, ſo ſoll er auch nicht ſchlimm dabei fahren. Hoͤr'! ich will Dir ein Ge⸗ heimniß anvertrauen.— Es iſt mein feſter Vorſatz, den Milrookit, wegen ſeiner mi⸗ ſerablen Knickerei in dem Koſt⸗ und Logis⸗ Prozeß, in meinem letzten Teſtamentswillen ganz zu enterben. Na, was das anbelangt, da Du nun ohne Jahrgehalt zurecht kommen kannſt: ſo bin ich Willens, damit meine Tochter Grethel mich nicht etwa andern Sinnes macht, Deiner Marie die tauſend Pfund zur Ausſteuer zu geben. Iſt das nicht recht huͤbſch von mir? Ich zweifle, daß es noch eine Familie in der Welt giebt, die ſo eine Großmutter zum Vorfahren hat.“ Das Geſpraͤch ſpann ſich noch einige Zeit auf obige Weiſe fort, und die Bereitwillig⸗ keit, mit welcher Milrookit James Rechte anerkannte, minderte ſeine früheren unge⸗ rrechten Anmaßungen in den Augen der Frau Karl um ein Großes, welche, trotz den triumphirenden Reden und juriſtiſchen Floskeln der Leddy, den wahren Stand der ſane nurchſchaute. 14 e AA Aea nrn iebehunbpterzioſtes Kapitel, 4 1 Nach der Meinung der einſichtövollſen Kritik chließt ſich die Iliade mit Hektors Tode. D da jedoch Homer die Trauer der Trojaner und die Leichenfeier des Helden beſang, ſo koͤnnen wir nichts Beſſeres thun, als ſeinem Beiſpiele folgen. Denn od es — ſchon dem Leſer einleuchten muß, daß der Triumph, welchen die Leddy uͤber alle Raͤnke und Rechtskniffe des Herrn Pitwinnoch da⸗ vontrug, die Geſchichte des Fideicommiſſes ſchließt,— ein Werk, welches ohne Zweifel die Iliade uberleben wird:— ſo bleibt unz dennoch Manches von den unmittelbar dar⸗ 34 folgenden Ereigniſſen zu berichten übrig. Sohald Walkinſhaw Herrn Fraſers Schrei⸗ gen erhielt, in welchem er ihm Kunde von der gluͤcklichen Entdeckung gab;: kehrte er nach Edinburg zurüͤck, woſelbſt eer drei Tage ſpäter anlangte, als ſein Freund durch Whit⸗ teret erfahren hatte, daß Milrookit das Gut ohne weitere Einwendungen zuruͤckgegeben, Dieſer frohen Nachricht zufolge hielt er ſo⸗ gleich um Helenens Hand an. Ihr Vter willigte freudig ein und beſtimmte, daß die Hochzeit, ſobald die nothwendigen Borberei⸗ tungen getroffen ſein würden/ in Glengas gefeiert werde. Auch auf French Fraſer Beßre das Glug feines Kameraden einen gunſtigen Einfluß. Denn Waltinſhaws Verſicherung, daß er ſe bald als moͤglich ſeine Mutter und Schweſter reichlich bedenken werde, ſetzte ihn in den Stand, nunmehr das Ziel ſeiner Wuͤnſche zu erreichen. In dem erſten Briefe, welchen Walkinſhaw an ſeine Mutter ſchrieb, und in dem er ſeiner eigenen Heirat gedachte, bat er ſie auch, in Mariens Berbinwung mit Frafer zu willigen. fk Auf Frau Eadie brachte die Erfuͤllung ih⸗ rer Geſichte und Vorausſagungen, wie ſie es nannte, eine klaͤgliche Wirkung hervor. Ihre Seele wurde ganz mit ſchwaͤrmeriſchen und myſtiſchen Ideen angefuͤllt, und es war bald ſichtbar, daß eines der edelſten Gemuͤther un⸗ wiederbringlich zu Grunde ging. Wir wollen daher einen Schleier uͤber ihre letzten Tage fallen laſſen und nur ſagen, daß ſie nie nach Camrachle zuruͤckkehrte, ſondern bei ihren Ah⸗ nen beſtattet wurde. Ihr Gatte, jetzt ein ehr⸗ wuͤrdiger Greis, lebt noch immer ruhig in ſei⸗ nem Kirchſpiele fort; doch bewog ihn ſein hohes Alter, einen Amtsgehuͤlfen anzunehmen. Was das Schickſal der beſten und treuſten Freunde der enterbten Familie betrifft, glau⸗ ben wir unſere Aufgabe hiermit gelöͤſt zu haben. Indeſſen bleibt uns noch zu berichten, daß die Leddy, nachdem ſie es fuͤr uͤberſtͤſſig hielt, laͤnger in Kittleſtonheugh zu verweilen, nach ihrer⸗Wohnung und zu ihrem Spinnrade zu⸗ rückkehrte, und den Entſchluß faßte, den Pro⸗ zeß gegen Pitwinnoch nicht eher anhaͤngig zu mnachen, bis ihr Enkel, den man taͤglich er⸗ wartete, eingetroffen ſein wuͤrde. „Denn mir dinkt,“ ſagte ſi ſe in efue Muttet, nachdem ſie ſich mit Herrn Whitte⸗ ret berathen hatte⸗„„ daß die Sache nicht ſo gut iſt, als mein großet Koſt⸗ und Logis⸗ Prozeß. Herr Whitteret, der ein ſehr ge⸗ ſcheidter Mann iſt, war ſeiner Sache noch ungewiß, ob es mir oder dem James zuſtehe, den Pitwinnoch vor Gericht zu ziehen, und bemerkte, ſehr kluger Weiſe, wie es ſehr hart fuͤr eine Frau von meinem Alter ſein würde, die nur ein geringes Witthum beſitzt, wenn ſie einen Prozeß anfangen wollt“, der ſich in die Laͤnge ziehen werde, zumal da ihr Enkel d 1I. Thl. 25 — 286— die Ansgaben weit beſſer beſtreiten könnt⸗ Und deßhalb will ich mein Urtheil einſtweilen bei mir behalten, da meine einzige Urſache zum Prozeſſiren darin beſteht, brav Geld da⸗ durch zu gewingen. Wenn Duaber den James dazu bereden kannſt, mir ſeinen Scha⸗ denerſatz zu uͤberlaſſen, den ich Willens bin auf tauſend Pfund anzuſchlagen: ſo will ich Herrn Whitteret⸗ gleich zur Klage bevoll⸗ macheigen 4 ,3. darf kühn hehendffgee weehere Frau Karl,„daß James Ihnen ſeine An⸗ ſprüche gern überlaſſen wird. Da aber Herr Pitwinnoch ſeinen Irrthum wieden gut machte, ſo ſollten wir vergeben und vergeſſen.“ 4 „Jch will dir was ſagen, Belk Father⸗ lans. Ich brauch⸗ meine köͤſtlichen Perlen nicht den Schweinen vorzuwerfen, indem ich meine Weisheit an Dich verſchwende. Es iſt wahr und wahrhaftig eine ſchreckliche Hiſtsrie wenn ich daran denke, wie Du wie Bild auf einem Grabmale da ſaßeſt, ie — 287— Hände gefaltet und memento mori auf Dein Gewand geſchrieben, ſtatt daß Du Dich häͤt⸗ teſt rͤhren ſollen, damit Deine Kinder von jenen Kain und Abel, den zwei betrügeriſchen Mülroskits, nicht um das Ihrige gebracht wuͤrden. Denn haͤtt; ich nichts gethan, ſo vürſt; Du Dein eaashas Kruüͤbſat nuf No⸗ nen blafen konnen. 7 hl Ihre dne etottes grſamn ein,„vaß ſi und die Ihrigen ihr allerdings die groͤß⸗ ten Verbindlichkeiten ſchuldig ſeien und ohne ihre glückliche Entdeckung der Abſichten, welche den Notar nach Glasgow fuͤhrten, noch nicht zu ihrem Rechte gelangt ſein wuͤrden. Unter dergleichen Geſprächen verſtrich die Zeit in Giasgow, waͤhrend in Glengael die Zübereitungen zu Walkinſhaws und Helenens Hochzeitfeier mit möglichſter Elle betrieben wurden. Gleich nach vollzogener Trauung kehrte das gluͤckliche Paar nach Edinburg zurück, woſelbſt man Mariens Verbindung nie Seench Fraſer zu ſeiern gedachte, zu — 388— welcher Frau Karl und die alten dedeh Wia, ans ingeltcem waren. aise an Ooch düffen, wir den, Leſer nicht in dem Watne laſſen, daß die Leddy die Hauptſtazt bloß aus Liebe zu ihren Enkeln beſuchte, Nein, ſie hatte einen höheren Gegenſtand zum Zweck, welcher ganz dem Geiſte ange⸗ meſſen war, mit dem ſie ihre Rechtsſtreitig⸗ keiten ſo ſiegend verfochten hatte. Sie wollte naͤmlich die oͤffentlichen Gerichtshoͤfe beſuchen, um in denſelben einige Kenntniſſe des Kri⸗ minalrechts zu erlangen, damit ſie ihre deſto beſſer uͤberfuͤhren und verurtheilen 6 koͤnne. 8 Da unſer Freund Walkinſhaw i Phe ver⸗ ſprochen hatte, Herrn Pitwinnoch ſtatt ihrer gerichtlich zu verfolgen: ſo ſtieg er ſo ſehr in ihrer Gunſt, indem ſie jenes Verſprechen fuͤr eine Anerkenntniß ihrer hohen Einſichten hielt, daß ſie ihn zu ihrem Begleiter in die Gerichtshoͤfe waͤhlte. Doch, durch ein uner⸗ klärbares Mißverſtaͤndniß, fuͤhrte er ſie einſt, Mäͤgde, im Fall kleiner Veruntreuungen, — 389— anſtatt in die Parlamentsſitzung, in den Schandpfuhl des Schauſpielhauſes, wo man eben den Othello auffuͤhrte; und nachdem ſie dieſem Trauerſpiele beigewohnt hatte„ er⸗ klaͤrte ſie, ſie glaube nunmehr hinlaͤngliche Kenntniſſe der Kriminalgeſetze erlangt zu haben, indem man klar bewieſen haͤtte, daß eine Magd, die ein Schnupftuch geſtohlen, mit der groͤßten Strenge der Geſetze verfolgt werden muͤſſe. Doch wurden die Rechtsſtu⸗ dien der Matrone durch die Hochzeitfeier⸗ lichkeiten unterbrochen, und als ſie nach Elasgow zuruͤckkam, konnte ſie dieſelben lei⸗ der nicht lange mehr fortſetzen; denn das Zuſammenwirken verſchiedener Ereigniſſe raubte nur allzuſchnell, wie wir im naͤchſten Kapitel mit aufrichtiger Betrubniß berichten werden, unſere unvergleichliche Heldin der Erde. :EidInwn dc monn⸗ 4 Actundpierzigſtes Kspitet, AS we Prezbiſerſchenten ſind, wie die⸗ Leddy⸗ zu defgen Fſehie aͤlter ats Leichenbegängniſſe. Auch denjenigen, mit welchen man Walkin⸗ ſhaws und ſeinst Schweſter Verbindungen beging, mangelte zes nicht an der gehbrigen Pracht, und die Gaſtmahle, welche man ih⸗ nen zu Ehren in Edinburg gab, waren ſaäͤmmtlich geſchmackvol und luxuriös; boch zog die Matrone die, welche der neue Laird, nach ſeiner Ruͤckkehr, auf dem Sitz ſeiner Borfahren Nelüſt gete zenen ben wei⸗ tem vor. 3 1 Den Simnmei ſei gedankt, 44 ſagte ſe, 1us ſte einſt von einem ſolchen Schmauſe zus rückkehrte, njetzt ſah ich doch in meiner Fa⸗ milie etwas, das einer Hochzeit aͤhnlich ſieht. Karls und Bell Fatherlans ihre ſchmeckte nach Hunger und Kummer. Waltherchen ſeine war nichts als ein dummes, tolles Treiben. Die des Juͤrgen war wie ein Lei⸗ chenbegaͤngniß. Dirdumwhamle, der die — 391— Grethel zu ſeiner dritten Frau machte, tiſchte auch nur magere Suppen auf; und wie's bei Binchens und Walty's Winkelmariage zuging, weiß ich am beſten. Aber der Spaß lohnt noch der Muͤhe. Die Edinburger waren artig genug, das muß man ihnen nach⸗ fagen; aber ich glaub' nicht, daß ihr Wein was taugt, denn ſie verſuchen aus ſo vielen Bouteillen. Da lob' ich mir unſer Land! Da giebt's fette Kaͤlber und ſchmauſende Bel⸗ ſazare! Da muͤſſen die Edinburger, mit ihren Zeremonien und ſieben magern Köhen Pha⸗ rannis d dchſtehen 1 Doch nur gar zu aft alge rnueigkhis der Freudigkeit auf dem Fuße nach! An dem⸗ ſelben Abend, an welchem die Leddy ſo froh geſtimmt war, fuͤhlte ſie die Folgen einer Er⸗ kaͤltung, welche ſie ſich durch zu langes Ver⸗ weilen in der Zugluft zugezogen hatte, und war am andern Morgen ſo krank, daß man den Arzt rufen ließ, der wenig Daſtaung zur Geneſung Moſte n e 6 8 — 392— Ibre Tochter, die Leddy von Dirdum⸗ whamle, eilte ſogleich herbei und zollte ihr jede Aufmerkſamkeit. Auf Anſtiften ihres Gat⸗ ten verſuchte ſie jedoch einigemal, ihre Mut⸗ ter auszuforſchen, ob ſie ein Teſtament ge⸗ macht habe; aber die Leddy brachte ſie bald zum Schweigen, indem ſie ſagte:„Was geht das Dich an, Grethel? Ich bin ja noch nicht todt und geſtorben, daß Du ſchon nach mei⸗ nem Bißchen Armuth fiſchen willſt..,.— Dirdumwhamle ritt ſelbſt taͤglich nach Glas⸗ gow, um ſich pflichtmaͤßig nach dem Beſin⸗ den der Kranken zu erkundigen; und ſeine Be⸗ trübniß über ihre gefährliche Lage war deſto größer, da ſeine Gattin ihm keine genügende Auskunft über die Vermöͤgensumſtände ihrer Mutter geben konnte. 4 Einſt, als er am Bette der Matrone ſaß, ſagte er im zaͤrtlichſten und theilnehmendſten Tone:„Ich wuͤnſche Sie recht bald wieder geſund zu ſehen; ſollte die Vorſehung es je⸗ doch anders beſchloſſen haben, ſo hoffe ich⸗ 1 — 396— daß Sie Ihrer Tochter, außer demjenigen, was Sie ihr in Ihrem letzten Willen ver⸗ machten, noch ein kleines Andenken Sinkes laſſen werden.“ ran 6s Sich auf ihre Kiſſen ſtuͤtzend un ſchwer athmend erwiederte die Leddy:„Das werd ich wahrlich nicht vergeſſen,— denn Sie können ſich d'rauf verlaſſen,— daß, wenn ich ſterben will, meine eignen Hände die Prskutoren ſenn ſollen. 24 „Ja, ja,e ſagte der aahs Laird, „ich dachte immer, daß Sie in Ihren letzten T ga eltas handeln wuͤrden.“ Die Leddy gab hierauf keine Antwort, huſtete ihm aber zufällig ein wenig zu feucht in's Geſicht, worauf er ſich zuruͤckzog. Noch hatte er ſich nicht lange beurlaubt, als Milrookit und Robina eintraten, ſich liebevoll nach dem Beſinden ihrer Großmut⸗ ter erkundigten, und nach einer Reihe der zaͤrtlichſten Fragen die Hoffnung aͤußerten, — 394— daß ſie auf den möglichen Fall ihres Hin⸗ tritts Alles gehoͤrig angeordnet haben werde, damit kein Streit zwiſchen den Verwandten entſtehe. tien naſd „Wir werden Sit ſthr vetmiſſen,“ ſagte Robina,„und es würde mir große Freude machen, wenn ich noch ein kleines Andenken aus Ihren eignen Haͤnden erhielte, wäre es auch nur die ſilberne Theekanne..... „Die kannſt Du nicht kreegen, liebes Binchen, denn ich muß dem Laird und der Relly Fraſel einen großen Theeſchmaus ge⸗ ben, ſobald ich wieder auf den Beinen bin.— Bin ich aber einmal todt und geſtorben,— denn wir ſind alleſammt ſterblich,— ſo ſollſt Du ſehn, daß ich eine Grpßmüttar war.“ „Es freur mich recht ſehr,/ ſagte Mil⸗ rookit,„daß Sie ſo gute Hoffnungen hegen. Doch werden Sie mir hoffentlich verzeihen⸗ wenn ich den Wunſch äͤußere, ein Andenken von meinem Großvater zu beſitzen. Er führte die altmodiſche goldne Uhr lange dei ſich⸗ — 395. und die vſlten Sie mit aus nitdjem 5 Willen ſchentemein s Walt Aischbtn. 5 —„Ei, Walky, mich wundert's, daß Du mich nicht lieber haben willſ, denn mich fuͤhrte er noch weit länger bei ſich. Kinderchen! Kin⸗ derchen! ich hoff meinen letzten Teſtaments⸗ willen noch lang⸗ zu überleben; alſo rath⸗ ich Such, hübſch ruhig lu bleiben.“ 1n4las 8 Dieß hielten ſte füͤr eine Art von Geſind⸗ niß, daß die Großmutter ſie in ihrem Teſta⸗ ment bedacht habe; und obgleich in ihren au⸗ genblicklichen Erwartungen getaͤuſcht, zogen ſie ſich doch Muftieden 4 von dem Sterhebett zurück. 54 95 2 Auf ſie folgte Walkinſhaws Mutter..— „Komm, Bell Fatherlans, ſetz; Dich zu mir,“ ſagte die Leddy, ſie liebevoll bei der Hand nehmend.„Die alten und jungen Milrookits waren hier, und zeigten ſich gefraͤ⸗ ßiger als die Wuͤrmer des Grabes, denn die freſſen nur den todten Leichnam; aber die gierigen Raupen wollen mich meiner Blät⸗ — 396.— ter und Bluͤten vor der Zeit berauben. Der Dirdumwhamle ſchmachtete nach etwas mehr, als nach dem, was Grethel, im Teſtaments⸗ willen ausgeſetzt iſt Dann kam Binchen, die auch, ihres Gelichters iſt, und wollt' mir den ſi lbexnen Theetopf abſchmeichein; und ihres lieben Mannchens Sinn ſtand gar nach der alten goldenen Uhr. Aber ich will ſie ſchmei⸗ cheln lehren!— Da, nimm meine Schluͤſſel und geh' über den Schreibtiſch, da find'ſt Du eine kubſche BDrisktalche, die bring; mir.“; Frau Karl that, wfe i ihr geboten wurde. Die alte Leddy oͤffnete die Brieftaſche, nahm eine von ihren Robin Carrides, wie ſie die Banknoten nannte, heraus und ſagte: „ Reich' mir eine Feder zum Schreiben. Ich will die hundert Pfundchen da auf Dich anweiſen, Bella, und wenn Du ſie haſt, ſo geh' hin und ruf' mir den James und Ma⸗ riechen. Er ſoll die alte goldene Uhr haben, und ſie den ſilbernen Theepott, um die fal⸗ ſchen Schmeichelkatzen, die Milrookits, recht —— — 397— zu argern. Denn unter uns geſagt, liebe Velia⸗ ich blei aicht lange mehr bei Euch. wn an meinen 1 Fihen Wenn ich nun meine weltlichen Angelegenheiten erſt in Ordnung gebxacht babe, ſo laß den Doktor Deilfear rufen; denn ich moͤcht; nicht gern ohne Hüͤlfe eines Orthodoxen den Triumphwagen der Herrlichkeit beſteigen.4 3 Alle Wünſche der Leddy ꝛwurden pflcht⸗ maͤßig erfuͤllt. Sie ſchmachtete noch einige Tage und ſchloß dann ihre Augen auf ewig. Die Slasgowex Zeitung meldete ihren Tod mit dem Beiſat ſie ſei zum groͤßten Leid⸗ weſen aller ihrer Verwandten aus dieſer Wiſs Seſäſtder. Si ehs den — ASe i Minn mir eununppjerzigſet Favitet. 7 28211 eeadie bektäten 8 ſcon oft. daß fs Mah. Würdige Meiſthen ſich die Muͤhe geben, Te⸗ ſtamen nte zui errichten, ja fog gar Koſten darauf verwenden, ohne doch die Freude zu genießen, 5 der Er ffnung derſelben beizums ohnen, und das⸗ jenige beobachten zu köͤnnen, was bei der Vorleſung vorgeht. So oft uns verg gzͤumt war, bet⸗ dergleichen rührenden Szenen ge⸗ genwärtig zu ſein, bemerkten wir jedesmak, daß der Schmerz ſich ſtets nach der Groͤße 4 4 der Vermaͤchtniſſe tichtete, und veßgieichen die Zabt der vetgoſſenen Thräten. 1440 eun n 2 271 1 11 Doch nie uͤberzeugten wir uns mehr von der Richtigkeit dieſer Bemerkung, als damals, als Dirdumwhamle, nach dem Leichenbegäͤng, niß der Leddy, uns erſuchte, ihn in's Ster⸗ behaus zu der Eroͤffnung des Teſtamentes z3u begleiten. 1— Dieſer Aufforderung zufolge gingen wir Arm in Arm mit ihm von dem Gottesacker 4 zum Trauerhauſe; und da wir herm ch — 399— theil an ſeinem Kummer nahmen, ſo ſuchten wir alle erſinnlichen Troſtgruͤnde hervor zum keiner Dhnesd* lindems in ſeine⸗ Bewo⸗ dehen wieberhallte, Abenanue der Kummer unſere Standhaftigkeit ſo ſehr, da 41 um unfere Gefüßle wieder t 18 Gleich⸗ Jewicht zu tringen, Dirdumw hamle befahl, Wein u und Kuchen Herbetzuholen. Seinem Befehle gemaͤß wurden e hge cihm geordnet und der Wein eingeſchenkt, und alle Gegenwaͤrtige ſeufzten ſchweigend, gleichſam als nſäee m 8 Kegnnſeiig alles Gute. 18 51 Hierauf folgte ei eine trautige e pauß welche der junge Milrookit endlich durch den Vor⸗ ſchlag unterbrach, man moͤchte den Schrejb⸗ tiſch der Leddy oͤffnen und deſſen Inhalt un⸗ Frſuchen. Keiner der Leidtragenden hatte etwas da⸗ gegen einzuwenden, ſondern ſie wuͤnſchten — 8— ——— — 400— ſämmtlich, das Geſchaͤft auf eine ſchickliche und ordnungsmäaͤßige Weiſe zu vollziehen. „Es iſt nicht mehr als ſchicklich,“ ſagte Dirdumwhamle,„„daß wir unſere Achtung für die Verewigte durch die Unkerſuchung des Zuſtandes ihrer Hinterlaffenſchaft zu be⸗ weiſen ſuchen. Zwar habe 19 kein beſondere Intereſſe dabei, aber in Betracht ihrex nahen Verwandeſchaft mit meiner Famitie muß ich darauf beſtehen, daß ihre letzte Ver⸗ fuͤgung den fämmtlichen Verwandten bekannt gemacht werde.— Ach, wie ſehr wuͤrde es allen denen, die ihren Werth kannten, zum Troſt gereicht haben, waͤre ſie laͤnger in unſerer Mitte geblieben! Doch der Lauf der Natur ſetzte ihrem Leben ein Ziel, und Nie⸗ mand darf ſich erkühnen, gegen die Gebote der Vorſehung zu murten.— Frau, haſt da den Schlüſſe zum Schreibtiſch? 2u . Frau Milroolit, welche waͤhrend heiſg traurig pathetiſchen Rede ihr Taſchentuch vor die Augen hielt, ſteckte die Hand in die Taſche, zog einen Bund Schlüſſel hervor, — 401— ſuchte den rechten⸗ heraus, reichte ihn ihrem SGatten und ſagte ſeufzend:„Das iſt er.“ Er nahm ihn, naͤherte ſich dem Schreib⸗ tiſche und fand dieſen zu ſeinem Erſtaunen verſß cgelt. 4 „Was bedeutet, das? 2 rief Dirdumvhamle, in einem Tone, welcher wenig zu der allge⸗ meinen traurigen Scimmung paßte. „Ich fand ganz der Ordnung gemäß, erwiederte Walkinſhaw,„daß der Schreib⸗ tiſch und die Schraͤnke verſtegelt wurden, als meine Großmutter ſtarb, bis wir ſaͤmmt⸗ lich zuſammenkommen konnten, aus Furcht—“ „Was fuͤrchten Sie?“ wollte Dirdum whumle ſagen, unterdruͤckte jedoch ſeine Frage und erwiederte in ſeinem vorigen traurigen Tons:„Gang recht, Herr Laird. Wenn Alles in der gehoͤrigen Ordnung geſchieht, darf ſich Niemand beklagen.“ Dirdumwhamle loͤſte hierauf die Siegel, — oͤffnete den Schreibtiſch und fand, unter an⸗ dern Dingen, die unſern Leſern wohlbekannte II. Thl. 26 — — 4⁰2— geſtickte Brieftaſche, bei deren Anblick ſeine Gattin in Thraͤnen zerſloß, welche noch reichlicher ſtromten, als man entdeckte, daß die Hundert⸗ Pfund⸗Rote fehlte, deren Eri⸗ ſtenz ihr nicht nur bekannt war, ſondern welche ſie und ihr Gatte auch, bei ihrer letzten liebevollen Unterredung mit der Ver⸗ ſtorbenen, zu erhaſchen gedachten. Wie die⸗ ſes ihnen gelang, iſt dem Leſer bereits be⸗ kannt. Hierauf ſuchte man die hppothekariſche Schuldverſchreibung über tauſend Pfund. Aber Frau Karl Walkinſhaw ſetzte die ſämmt⸗ liche Verſammlung in das großte Erſtaunen, indem ſie eröffnete, daß ihre Tochter die fragliche Schuldverſchreibung zum Moulßäns erhalten haͤtte. Nachdem man nun ein genaues Verzeich niß von dem Inhalte des Schreibtiſches, der Schraͤnke, Kiſten und Kaſten gemacht, ja ſogar die Taſchen unterſucht hatte, welche die Leddy zuletzt trug: wollten ſich jedoch weder die ſilberne Theekanne, noch die alte — 403— goldne Uhr finden. Frau Karl Walkinſhaw mußte daher abermals die noͤthige Auskunft geben, welche den tiefen Schmerz der Mil⸗ rookits um Wieles milderte. Doch Wonht⸗ man G noch inmer kein Te⸗ ſtament finden, und Dirdumwhamle war ſchon im Begriff zu erklaͤren, daß ſeine Gat⸗ tin, die Tochter der Verewigten, als Inte⸗ ſtaterbin, die ganze Hinterlaſſenſchaft erhal⸗ ten muͤſſe; aber waͤhrend er ſprach, warf 4 die junge Frau Milrookit zufäͤllig ihre Augen 4 auf den Aufſatz des Schreibtiſches und ent⸗ deckte eine mit rothem Band umwickelte Schrift, welche den letzten Willen der Leddy enthielt. Wir wollen nicht behaupten, daß Dirdumwhamle das Packet ſchon vorher be⸗— 1 merkt habe; doch ſchien er hoͤchlich erſtaunt, daß es ihm fruͤher entgangen, indem es ſei⸗ nen Augen ſo nahe lag. Wir geben daher unſern Leſern den wohlgemeinten Rath, ih⸗ ren letzten Willen ſtets mit einem rothen Bande zu umwickeln, damit keiner ihrer Er⸗ ben oder Teſtamentsvollſtrecker ihn uͤberſehe 26*† und vielleicht gar, wenn er ſich allein beſtn⸗ det, aus Irrthum erssißu ⸗ oder in's Deuer werfen mächte A hue 1e 7 e eeee Fanizief en Aapiter 8 Das auf der Decke des a Schreibtiſches ge⸗ fundenee Teſtament beſagte, daß die Leddy, mit Ausnahme einiger unbetraͤchtlichen Legate an den uͤbrigen Theil ihrer Familie und ei⸗ nes kleinen Andenkens fuͤr unſern Freund Walkinſhaw, ihre Tochter zur alleinigen Ev⸗ bin eingeſetzt habe, woruͤber dieſe in bittere Thraͤnen ausbrach, und auch ihr Gatte ſo ſehr von Schmerz ergriffen wurde, daß er beinahe unfaͤhig war, die ruͤhrende Schrift weiter vorzuleſen. Aber nachdem er endlich Herr uͤber ſeine Gefuͤhle geworden war, be⸗ zeigte er der Frau Karl Walkinſhaw ſein herzliches Beileid uͤber ihre getäuſchten Er⸗ wartungen, fuͤgte jedoch als Troſtgrund hin⸗ zur dieß habe ſich nicht anders erwarten laſ⸗ ſen, indem es ſehr natuͤrlich ſei, daß die lie⸗ bevolle Mutter ihre eigne Tochter als die — 494— nächſte und theuerſien Verwandte A6ie bea machten⸗ muͤſſen. eAinn Walkinſhaw fragte hierauf den Laisd vom Deruümmnthawhle mit einem uns Allen unbe⸗ 3 greiflichen Laͤcheln, uach dem Datuuh de, zehamnaae Se Netne Es zeigte ſich, daß dieſes ghehrere gahter hrgor. und zwar bald nach dem Ableben des uumem Walthers⸗ geprichtet worden war. ⸗ „Das iſt in der That ein wichtiger Alm⸗ ſtandes ſagte Walkinſhaw, mit ſchlauem Lächeln,„denn zufaͤllig habe ich ein anderes Teſtament in meiner Taſche, welches, waͤhrend⸗ die Leddy der Hochzeit meiner Schweſter bei⸗ wohnte, in Edinburg niedergeſchrieben wurde, und deſſen Inhalt etwas von dem aͤltern abweicht.“ 1 Die Thraͤnen der Leddy von Diwduiuphcnſe verſiegten alsbald, und ſelbſt der empfindſame. Laird ſchien hoͤchlich erſtaunt, als er, mit zitternder Stimme, die Vorleſung dielss n neuen ketten Willens begehrte. „Wallkinſhaw war jedoch leider! ſo wenig gerihen, daß er ſich ſelbſt waͤhrend des Vor⸗ — 40⁰6— leſen 3 des Lachens kaum enthalten konnten Vermuthlich entſtand dieſer Muthwille aus der geringen Urſache, welche er zur Betrübniß hatten indem die Leddy ihm nur fuͤnf Guineen zu einem Trauerring vermachte. S Dieſes zweite Teſtament war, obſchon klar und deutlich aufgeſetzt, ſichtlich von der Leddy ſelbſt diktirt worden. Denn es begann mit der Erklaͤrung, daß, nachdem ſie Alles mit Herrn Fraſer gehörig erwogen, ſie ſich ent⸗ ſchloſſen habe, ihren letzten Willen kund zu thunz und nach einigen aͤhnlichen Formeln, vernlachte ſie ihren verſchiedenen Enkeln einige Legate. Zuerſt, wie bereits erwaͤhnt, fuͤnf Guineen an Walkinſhaw, als ein beſonderes Zeichen ihrer Liebe, da er nicht nur keinen weitern Zuwachs zu ſeinem Vermoͤgen be⸗ düͤrfe, ſondern uͤberdieß ihrer Klugheit den Beſitz deſſelben verdanken Dann folgte ein Verzeichniß von einigen Kleinodien und ver⸗ ſchiedenen Banknoten, welche ſeiner Schweſter Marie eingehaͤndigt werden ſollten. Hierauf folgte eine Verfuͤgung, daß ihre Tochter Margarethe, die Gattin des Lairds von Dir⸗ — 407— dumwhamle, den Haupttheil des hinterlaſſenen Vermögens als Leibrente genießen, doch die Renten nicht fruͤher beziehen duͤrfe, als bis ihr Gatte dieſe Welt verlaſſen habe; und im Fall die Erbin fruͤher als dieſer ſterben ſollte, ſo ſolle das Vermögen auf ihre Schwieger⸗ tochter, die Frau Karl Walkinſhaw, fallen. „Was nun meine beiden dankbaren Enkel, Walkinſhaw Milrookit und Robina, deſſen Gattin, betrifft, fuhr der Seiſt der Leddy in ihrem Teſtamente fort,„ſo vermache ich ihnen und ihren Erben die große Summe Geldes, welche ſie mir noch fuͤr Koſt und Waͤſche und Logis ſchuldig ſind, fuͤr welche Schuld ſie mir nur die Kleinigkeit von tau⸗ ſend Pfund abſchlaͤglich bezahlten./... Dieſe Klauſel abgerechnet, war das Teſta⸗ ment uͤbrigens in jeder Hinſicht vollkommen und rechtskraͤftig und brachte die Wirkung hervor, daß der junge Milrookit und ſeine Gattin alsbald aufſtanden und das Zimmer ſchweigend verließen. Unfaͤhig, einige weitere Be⸗ merkungen zu machen, folgten Dirdumwhamle und ſeine Gattin ihnen auf dem Fuße nach. — 20s— Auf dieſe Weiſe ſchließt ſich unſere Ge⸗ ſchichte. Doch wird der Leſer vermuthlich erwarten, daß wir ihm noch Einiges von Wal⸗ kinſhaws⸗ fernern Begebenheiten mittheilen, zumal da ſeine Gattin ihm neun Soͤhne gebarz „lauter maͤnnliche Erben,“ wie Dirdumwhamle oft ſeufzend ſagt, wenn er bedenkt, daß ſeine . Tochter die Bevoͤlkerung des Koͤnigreichs nur mit Maͤdchen vermehrt. Walkinſhaws erſte Felozuͤge waren nicht glaͤnzend, bis endlich, trotz manchen Ungluͤcksfällen, welche den Hel⸗ denmuth der Britten nie daͤmpften, er und ſeine Waffengefaͤhrten ihr altes Uebergewicht uͤber Frankreich ſiegreich behaupteten. Nach dem Frieden ließ er ſich in Kittleſtonheugh nieder, wo er unter ſeinen Mitbuͤrgern und den Bewohnern der Stadt Glasgow die ver⸗ diente Achtung genoß. — 8 4