Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. 4 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„—„ 3„=„—„ 6 Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung „der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— = Das Gewiſſen oder 4 die Beimkehr ins Daterhaus. 4 Ein Familiengemaͤlde von 1 Galt. Nach dem Engliſchen bearbeitet von 6 C. v. S. Erſter Theil. — Leipzig, 3 Rein'ſche Buchhandlung. 3 2 S 1 8 2 4. 3 Vorwort des Ueberſetzers. Abermals übergebe ich der deutſchen Leſe⸗ welt ein Werk des jetzt in England ſo ſehr⸗ beliebten Schriftſtellers, Herrn Galt, mit dem Wunſch, daß daſſelbe eben ſo viel Bei⸗ fall ſinden möge, als die von mir ver⸗ deutſchten Erben, ein Roman des näm⸗ lichen Verfaſſers. 44 Wer in Herrn Galts Romanen tloß Liebeshändel ſucht, wird ſich getäuſcht fin⸗ den. Demjenigen aber, welcher Sitten⸗ gemälde und Charakterſchilderungen jenen gewöhnlichen Roman⸗Ingredienzien vor⸗ zieht, wird ſich reichlicher Genuß und Stoff zum Nachdenken darl bieten. . Thl. 1 — 11— Ein geſchätztes Engliſches kritiſches Blatt, „die literariſche Chronik,“ drückt ſich fol⸗ gendermaßen über Herrn Galts Werke aus: *„n den Romanen dieſes Schriftſtel⸗ lers findet man eine ſo getreue Schilderung der menſchlichen Natur und des wirklichen Lebens, daß wir geneigt ſind, ſeine Helden 4 und Heldinnen mehr als Mitglieder unſrler eigenen Familie oder doch als genaue Be⸗ kannte zu betrachten„ als uns idealiſirte Charaktere, was ſie doch in der That iin, unter ihnen vorzuſtellen.“ Möge meine Verdeutſchung dieſes in⸗ tereſſanten Werks nun auch mit dem Beifall meiner Landsleute beglückt werden! H... im Jenner 18241. C. v. S. 4 ——— ** 3 Erſtes Kapitel.* Claudius Walkinſhaw war der einzige noch lebende Sproͤßling des Geſchlechts der Wal⸗ kinſhaws von Kittleſtonheugh. Verfuͤhrt von den goldnen Traͤumen, von denen ſich ſo manche der Schottiſchen Edelleute der dama⸗ ligen Zeit bethoͤren ließen, wagte der letzte Laird*) des Stammes, der Großvater unſeres Claudius, ſein ganzes Vermoͤgen an eine kaufmänniſche Unternehmung, die eben nach dem ſuͤdlichen Amerika ausgeruͤſtet wurde, aber gaͤnzlich mißgluͤckte, und ſendete uͤberdies ſeinen einzigen Sohn, auf einem der abſe⸗ gelnden Schiffe, nach der Landenge von Panama, wo man das Eldorado zu finden glaubte. Da es aber nicht unſere Abſicht iſt, *) Der Titel Laird wurde jedem Beſitzer eines be⸗ traͤchtlichen Landguts beigelegt, vorzugsweiſe aber den aus alten Geſchlechtern ſtammenden. OD. Ueberſ. 1* — 4— den Leſer mit einer umſtaͤndlichen Erzaͤhlung des Zuſtandes der Familie des Lairds zu er⸗ muͤden, ſo wollen wir kurz uͤber die haͤusliche Geſchichte der Kinderjahre des jungen Clau⸗ dius hinwegeilen. Als ſein Vater hinweg⸗ ſegelte, war er kaum ein Jahr alt. Seine Mutter ſtarb vor Gram, als ſie die Nach⸗ richt erhielt, ihr Gatte ſei in den Suͤmpfen der Mosquitokuͤſte, ſo wie viele ſeiner Ge⸗ faͤhrten, im groͤßten Elend geſtorben. Bald darauf wurde das Gut Kittleſtonheugh ver⸗ kauft, und der alte Laird zog ſich, mit ſelnem Enkel, nach Glasgow zuruͤck, wo er ſich in das obere Stockwerk eines Hinterhauſes ein⸗ miethete. Die einzige Bedienung, welche er in ſeinem herabgeſunkenen Zuſtand beibehal⸗ ten, oder vielmehr wegen ihres Alters und ihrer Kranklichkeit nicht entfernen konnte, war Magdalene Dobbie, welche in ihrer Ju⸗ gend die Waͤrterin ſeines Sohnes geweſen war, nunmehr länger als vierzig Jahre in der Familie diente, und den kleinen C Claudius eben ſo ſehr liebte, als fe deſſen Fnter ge⸗ liebt hatte. — f 4 — +4 Selbſt in ihrer Jugend beſaß Magdalene keine andern Reize; als die eines warmen, anhaͤnglichen Gefuͤhls, und jetzt hatte die Laſt der Jahre ſie faſt zu einem Reif gebo⸗ gen. Aber ſo alt und haͤßlich ſie war, beſaß ſie dennoch Eigenſchaften, welche ihr die Liebe eines ſo großmuͤthigen Knaben, als ihr jetziger Pflegling war, wuͤrden gewonnen haben. Ihr Vater war Schulmeiſter im Dorfe Kittleſton geweſen, und ehe ſie, wie man zu ſagen pflegt, ihr Brot unter fremden Leuten ſuchen mußte, hatte ſie, unter ſeiner Leitung, einige Kenntniſſe erworben, welche in jenen Zeiten bei weiblichen Dienſtboten ſelten oder nie zu finden waren. Daher war ſie faͤhig, den verwaiſten Knaben nicht nur im Leſen und Schreiben zu unterrichten, ſondern ihm auch ſogar die erſten Elemente der Rechenkunſt, vorzuͤglich das Aoͤdiren und Multipliciren, beizubringen. Auch beſaß ſie einen großen Schatz von Maͤhrchen, Geiſtergeſchichten und Heldenſagen, durch welche ſte ſchon dem Va⸗ ter des kleinen Claudius den Geſchmack an Abenteuern eingefloͤßt hatte, der ihn in der Folge verleitete, jene ungluͤckliche Seefahrt zu unternehmen. Aber der weniger ſangui⸗ niſche Sohn ließ ſich nicht ſo leicht von ſchi⸗ maͤriſchen Hoffnungen hinreißen, ſondern zog die Erzaͤhlung von Whittington und ſeiner Katze der Sage von den Heldenthaten des Sir William Wallace bei weitem vor, und das Liedchen:„Wickle Dich in Deinen alten Flausrock,“ war ihm tauſendmal lieber, als die Ballade von der Schlacht bei Chevy⸗Chace. Der einſiedleriſche alte Laird hatte noch nicht lange in ſeiner ärmlichen Stadtwohnung gelebt, als man eine große Veraͤnderung, ſo⸗ wohl in ſeinem Aeußeren, als auch in ſeinem Betragen, an ihm verſpuͤrte. Ehedem war er thaͤtig, ruͤſtig und geſellig, aber ſeit der Nachricht von dem Tode ſeines Sohnes und dem Verluſte ſeines Vermoͤgens wurde er ſtill und tiefſinnig, vermied alle neue Be⸗ kanntſchaften und entzog ſich der Geſellſchaft ſeiner aͤlteren Freunde. Zuweilen ſaß er ganze Tage hindurch, ohne ein Wort zu ſprechen, und ſogar ohne auf die Bockſprünge ſeines Enkels zu achten. Zu andern Zeiten lieb⸗ — 7— koſ'te er jedoch das Kind mit mehr als groß⸗ vaͤterlicher Zaͤrtlichleit, ſtieß es dann aber plotzlich von ſich und eilte mit kurzen, ſchnel⸗ len Schritten aus dem Hauſe. Sein anſehn⸗ licher Bauch verſchwand, ſeine Kleider hingen locker um ihn her, die Roͤthe ſeiner Wangen verwandelte ſich in Blaͤſſe, ſein Antlitz ver⸗ längerte ſich, und ſeine Beine wukden zu ei⸗ nem Paar Spindeln. Ehe ein Jahr p eging, war er nicht mehr im Stande, ſich von ſei⸗ nem alten Lehnſtuhle, in welchem er vom Morgen bis zum Abend, mit bis auf die Bruſt geſenktem Haupte, ſaß, ohne Huͤlfe zu erheben; und eines Abends, als Magdalene ihn auskleiden wollte, fand ſie, daß er ſchon einige Zeit aufgehört hatte zu leben. Kurz nach dem Begraͤbniß bezogen Magda⸗ lene und der arme Waiſenknabe ein Dach⸗ ſtuͤbchen auf dem Salzmarkt, wo ſich die gute Alte beſtrebte, fuͤr ihren Pflegling und ſich ſelbſt das zu ihrem Lebensunterhalt nothwen⸗ dige Mehl und Salz durch Strumpfſtricken zu erwerben; denn ihre Geſtalt und Kraͤnk⸗ lichkeit verhinderten ſie, das einträglichere — s— Gewerbe des Spinnens zu betreiben. In dieſem Zuſtande verlebte ſie einige Zeit, zwar in der bitterſten Armußh“ doch ihr hartes Schickſal mit der groͤßten Geduld ertragend, und ſtets ein Kußeres reinliches Auslehn be⸗ hauptend. 1 Nur im Gonterß an ſchönen Sonntags⸗ zabenden, erlaubte ſie ſich den Genuß eines Spazierganges in's freie Feld. Gewöhnlich pflegte ſie alsdann, mit Claudchen an ihrer Hand, auf den Gipfel des weißen Berges zu ſchleichen, den ſte wahrſcheinlich deßhalb andern Spaziergaͤngen vorzog, weil ſie von ihm aus einen entfernten Anblick des Schau⸗ platzes ihrer gluͤcklicheren Tage genoß. Dann zeigte ſie dem Knaben die Huͤgel und Laͤnde⸗ reien ſeiner Vorfahren, ermahnte ihn, ſich unablaͤfſig zu beſtreben, dieſe einſt wo moͤg⸗ lich wieder einzuloͤſen, und ſchloß ihre Er⸗ mahnung gewoͤhnlich mit einer Schilderung des hohen Anſehens und der Wichtigkeit ſeis ner Vorfahren. Als nun die gute Alte eines Abends auf. dieſe Weiſe mit dem Kleinen plauderte, be⸗ gegneten ihnen der Richter Gorbal und ſeim Garnm Der Richter war ein wohlhabender Mann, der ſich ſo eben mit ſeiner Frau nach einem ſchicklichen Platz umſah, auf welchen er ein Landhaus zu bauen gedachte. Es war ein wohlbeleibtes Paar, deſſen anſehnlicher Um⸗ fang dem Amte des Gatten alle Ehre machte. Frau Gorbal prunkte in einem reichen, ſteifen, gelben Brokatkleide, mit präͤchtigen Blumen geſtickt, von denen die kleinſte eine Paͤonie war. Aber die ungeheure Groͤße und Fuͤlle ihrer Manſchetten und Falbeln, die Pracht ihrer Spitzenſchuͤrze, den thurmähn⸗ lichen Kopfputz von Draht und Flor, und ihren mit Hermelin gefutterten, blauen atlaßnen Mantel— alle dieſe Herrlichkeiten vermag nur eine geſchicktere Feder, als die meinige, zu ſchildern. Das Aeußere des Richters entſprach voll⸗ kommen ſeiner Wuͤrde und der prachtvollen Kleidung ſeiner Gattin. Es war in der That ſo gravitaͤtiſch und wuͤrdevoll, daß, haͤtte er auch nicht die ſeinem Stand zukommende — 10— goldne Kette getragen, man ihn dennoch ohne Schwierigkeit fuͤr eine Magiſtratsperſon er⸗ kannt haben wuͤrde. Ueber ſeiner Amtstracht von ſchwarzem Sammet trug er einen fun⸗ kelneuen Scharlachmantel, und mit ſeinem wohlgenaͤhrten Bauche prangens, und ſein goldbeſchlagenes ſpaniſches Rohr bei jedem Schritt hin und her ſchwingend; ſtolzirte er mit der Gravitaͤt eines Mandarins einher. Claudius wurde von Erſtaunen und Ehr⸗ furcht ergriffen ob dieſem glaͤnzenden An⸗ blick von Glasgower Pracht und Herrlichkeit, aber Magdalene verwies ihm alsbald den Ausbruch ſeiner kindiſchen Bewunderung. „ Die ſind nicht werth, daß man ſie an⸗ ſieht,“ ſagte ſie.„Haͤtteſt Du nur die letzte Leddy*) Kittleſtonheugh, Deine eigne ſehr reſpektable Großmama geſehen, und ihre bei⸗ den Schweſtern, wie die mit ihren großen 1*) Die Frau eines Lairds wurde Leddy genannt, und ich glaubte dieſe Venennung beibehalten zu muͤſ⸗ ſen, ſo wie man auch den Titel Lady im Deut⸗ ſchen gebraucht. — 11— Reifröcken und mit ihren großen Faͤchern prangten, die, wenn ſie in einer Reihe gin⸗ gen, die ganze breite Trongaſſe einnahmen: da haͤtteſt Du doch etwas geſehen! Das wa⸗ ren keine von den neugebacknen Leddies, ſon⸗ dern die hatten ihren aͤchten, wirklichen Stammbaum. Das haͤtte muͤſſen ein recht arger Platzregen ſeyn, der ſie unter das Dach eines ſo gemeinen Menſchen, als'n Glasgo⸗ wer Richter gegen ſie war, getrieben haͤtte. Nee, nee, Claudchen, mein Schaͤfchen, Du kannſt Deine Aeuglein uͤber das Buͤrgerpack in der Stadt erheben und Dich erinnern, daß die Huͤgel, die Dir gehoͤren ſollten, noch immer auf dem alten Flecke ſtehen. Und das koͤnnen ſie noch immer wieder werden, wenn Du den Kleiderſtolz bezwingen und kein Leckermaul werden willſt, und nach et⸗ was Aechterem trachteſt, als nach der Pracht eines ſolchen Salomon in aller ſeine Herr⸗ lichkeit, wie dieſer Richter Gorbal einer iſt.— Ach, Herr Jemine, was das dort fuͤr ſtolze Bäͤuche ſind! und doch ſollte es mich nicht Wunder nehmen, wenn ich morgen hoͤrte, — 12— der Nebukadnezar haͤtte Bankrott eehiae und müßte die e Schmeihe hüten a 31 3 H et 8. Kapiitel. Machdem Richter Gorbal und ſeine Gat⸗ ein einigemal auf dem Huͤgel hin und her gewandelt waren, naͤherten ſie ſich der Stelle, auf welcher Magdalene und der Knabe ſaßen. Die Alte, welche in Frau Gorbal eine fruͤhere Bekannte der Familie von Kittleſtonheugh er⸗ kannte, ſtand alsbald ehrerbietig auf. Mag⸗ dalenens Geſtalt war ſo merkwuͤrdig, daß, wenn man ſie einmal geſehen hatte, man ſie nie wieder vergeſſen konnte; daher ſagte die wür⸗ dige Frau alsbald zu dem Richter:„Gotts Wunder! liebes Maͤnnchen, das iſt ja wohl gar die alte krumme Kindermagd von Kittleſton⸗ heugh! Es ſoll mich doch Wunder nehmen, was aus dem armen alten Laird geworden iſt, ſeitdem er durch die indianiſche Speku⸗ lationsgeſchichte ruinirt wurde. Ach, und was fuͤr ein harter Schlag war das für die Frau Walkinſhaw, ſeine Schnur! Sie war ein huͤbſches, friſches Weibchen, aber ſeit den — 13— ſchlimmen Nachrichten kuͤmmerte ſie ſich ab, und ihr Leben ging aus wie eine Lichtſchnuppe. He! Madlene Dobbie, komm' mal hlerher ich will mit Dir ſprechen.“ 2 Auf dieſes Kommandowort naͤherte ſich Mas. vörne ſogleich, mit Claudchen an ihrer Hand. Die Dame fragte:„Dienſt Du noch immer bei Kittleſtonheugh, und was wurde aus ihm ſeitdem er Bankrott ſpielte?“ 1 Magdalene antwortete ehrerbietig und mit naſſen Augen, der Laird ſei geſtorben. „Gar todt!“ rief Frau Gorbal,„das iſt doch ſeltſam! Ich glaube wohl, daß es ihm zuletzt ſchlimm genug ging. Wo ſant der arme Mann?“ „Wir waren gezwungen,“ erwiederte Mag⸗ dalene, die ſich durch den mitleidigen Ton der Frau Gorbal etwas getroͤſtet fand,„nach Glasgow zu ziehen, wo er in eine Auszehrung verfiel. Und,“ fuͤgte ſie mit Schluchzen hinzu, „gewiß und wahrhaftig, er ſtarb in großer Armuth, und ließ mir das huͤlfloſe Mürſch, chen da auf dem Halſe.“ Als der Richter, welcher ſich mittletmeile — 44— nach einer Stelle umgeſehen hatte, auf welche er ſein Landhaus bauen wollte, dieſes hoͤrte, wendete er ſich um, ſteckte die Hand in die Taſche und ſagte:„Und das iſt alſo Kittleſton⸗ heugs Enkel? Wahrlich, das iſt recht mitlei⸗ dig und barmherzig von Euch, daß Ihr Euch des armen Waiſenknaben ſo erbarmt. Pier, mein Kind, da hann ein Jauges Serhzpenss ſce Sechspence, liebes Minnchen?“ rief die Frau Richterin.„Du wirſt Dich doch ſchäͤ⸗ men, einem Kittleſtonheugh, denn ſo muͤſſen wir ihn doch nennen, ſo armſelig der junge Laird auch jetzt iſt, ein lumpiges Sechspence⸗ ſtuͤck zu bieten. Armer Junge, Du thuſt mir leid! Du weißt, Gorbal, daß ſeine Mutter, von des Vaters Seite her, mit mir ver⸗ wandt iſt.“ Dem Richter, welchem es nicht an einer Art von Großmuth mangelte, gefiel die gut⸗ muthige Aufwallung ſeiner Gattin um ſo mehr, da er vernahm, Claudius ſei mit ihr verwandt; er ſagte daher in zärtlichem Tone: „Es war wirklich unüberlegt von mir, liebes ———— Lieschen. Aber Du weißt ja, daß ich mich wenig um die Leute bekuͤmmere, wenn ich nichts von ihnen hoͤre; doch kann Niemand groͤßeres Mitleiden mit verarmten Vornehmen haben, als eben ich.“ Ohne hierauf zu antworten, da ſie die Richtigkeit der Aeußerung ihres Gatten aus Erfahrung kannte, fragte Frau Gorbal Mag⸗ dalenen weiter:„Wo wohnſt Du? Wagudn lehſt Du? zanr 1 „Ich lebe von der Gnade Gottes und wohne in einer Dachkammer in John Sin⸗ clairs Gaͤßchen, und verdiene mir mein Brot mit Strumpfſtricken,“ erwiederte die ehrliche Magd demuͤthig.„Aber Claudchen iſt ein munterer Burſche und verlangt mehr, als ich ihm geben kann. Ein junger Magen iſt nicht gut fuͤr einen armen Wicht!“ Der Richter und ſeine Hausehre warfen einander mitleidige Blicke zu, und letztere ſagte: „Maͤnnchen, wir koͤnnten wohl etwas fuͤr ſie thun. Unſere Speiſekammer wird d'rum nicht leer werden.“ Magdalene Ahialt dem zu Folge die Bei⸗ — 16— ſung, den kleinen Claudius, noch am naͤmlichen Abend, in das Haus des Richters zu bringen. „Ich ſollte meinen,“ fuͤgte Frau Gorbal hinzu, „unſeres Hugo alte Kleiderchen wuͤrden ihm gerade recht ſein, und Du, Masdalene, ſei Du nur gutes Muths, Du ſollſt keinen Man⸗ gel leiden. Mich wundert nur, daß Du nicht Mnaſ zu uns kamſt.“ 3 3 „Nee,“ entgegnete die Alte,„das haͤtte ich mein Lebtage nicht gethan. Da haͤtte es mir noch weit ſchlimmer gehen muͤſſen, bis ich die Familie, durch Berteln beſchimpfirt hätte⸗ Lenkt Gott Ihre Herzen zu einer Unter⸗ ſtuͤtzung, ſo nehm' ich's mit großem Dank an, aber ich hoffe nicht, daß er mich jemals zwingt betteln zu muͤſſen. Claudchen iſt m'r zwar jetzt eine ſchwere Laſt, kommt Haͤnoͤchen aber mit der Zeit'nmal in die Hoſen, ſo mag ſich's ſelbſt forthelfen.“ Der Richter und ſeine Gattin prieſen ihre großmuͤthigen Geſinnungen und verbeſ⸗ ſerten, vom heutigen Tage an, ihre Lage um ein Merkliches. Waͤre Herrn Gorbal ein laͤngeres Leben beſchieden geweſen, ſo wuͤrde er höchſt wahrſcheinlich unſern Claudius zu irgend einem Geſchaͤfte auferzogen haben; aber der gute Mann ſtabb plötzlich und zwar in weit weniger gläͤnzenden Umſtaͤnden, als die Welt geglaubt hatte, ſo daß ſeine Wittwe ſich gezwungen ſah, ihrer Wohlthaͤtigkeit enge Schranken zu ſetzen. Magdalene kaͤmpfte jedoch, ſo gut ſie es vermochte, gegen die Armuth, bis Claudius 3 ſein elftes Jahr erreicht hatte, und ſie, glaubte, er waͤre nunmehr faͤhig, fuͤr ſich ſelbſt ſorgen zu koͤnnen. Sie begab ſich dem zu Folge zu Frau Gorbal und bat ſie, ihr eine Guinee zu leihen, um dem Knaben ei⸗ nige kleine Waare dafuͤr einzukaufen, mit welcher er hauſtren gehen ſollte. Frau Gorbal war zwar ſehr bereitwillig, dieſe Bitte zu erfuͤllen, rieth aber, ſich vorher an Fraͤulein Chriſtiana Hermitage, eine Baſe des Knaben, zu wenden. „Sie iſt in guten Umſtäͤnden,“ ſagte Frau Gorbal,„denn ihr Vater, der alte Windywalls, hinterließ ihr wohl fünfhundert Pfund, und ihr Vetter, Lord Killycrankie, I. Thl. 2 einer von den Funfzehn*), der bei uns lo⸗ girte, wenn er die Gerichtstour machte, iſt der Fideicommißerbe ihres Vaters und laͤßt ſie in ſeinem Hauſe wohnen, ſo daß ſie viel fuͤr das Buͤrſchchen thun kann, wenn ſie gu⸗ ten Willen dazu hat.“ Dieſem Rathe gemaͤß, begab ſich Magda⸗ lene am andern Tage nach Windywalls. Allein wir muͤſſen unſere Schilderung von dem Wohnhauſe und deſſen Gebieterin zur Aus⸗ ſchmuͤckung unſeres naͤchſten Kapitels verſpa⸗ ren, denn Fraulein Chriſtiana hielt ſich ſelbſt fuͤr eine zu wichtige Perſon, als daß man ſie ſo obenhin behandeln duͤrfte. Drittes Kapitel. Vor laͤnger als funfzig Jahren, in den Sommer, in welchem wir, der Verfaſſer dieſes *) In Schottland beſteht ein Gerichtshof von einem Praͤſidenten und vierzehn Beiſitzern, welche ge⸗ woͤhnlich die funfzehn Lords genannt werden. Die Glieder deſſelben muͤſſen zu gewiſſen Zeiten das Land bereiſen, und entſcheiden alle Rechts⸗ Keitgkelte ds dem buͤrgerlichen Geſetzbuche. O. Ueberſe. — — * — 19— unſterblichen Werkes, anfingen uns mit der Grammatik bekannt zu machen, welche unſere erſte Leiterin zu den hoͤheren Wiſſenſchaften war, in denen wir uns in der Folge ſo preis⸗ wuͤrdig auszeichneten; in dieſer froͤhlichen Jugendzeit fuͤhrte uns unſere alte, laͤngſt verſtorbene Muhme, Lady Havers, in ihrer wackeligen Kutſche mit ſich, um dem Fräͤulein Chriſtiana Hermitage eine Staatsviſite abzu⸗ ſtarten. Noch immer ſchwebt unſerm Erin⸗ nerungsvermoͤgen das Bild des großen, un⸗ regelmaͤßigen, weiß angeſtrichenen, alterthuͤm⸗ lichen Gebaͤudes und ſeiner ehrwuͤrdigen Ge⸗ bieterin vor Augen. Man ſtieg zu dieſem alten Familienſitz vermittelſt einer hohen, mit. einem Schlagbaum verſehenen Treppe empor, und uͤber deſſen ſehr niedriger, gewoͤlbter Thuͤr erblickte man einen großen, in Stein ge⸗ hauenen Ankertau, deſſen beide Enden in Liebesknoten verſchlungen waren. Muͤndlichen Ueberlieferungen zufolge, hielt man dieſes Meiſterwerk fuͤr Piktiſche Bildhauerkunſt. Nachdem wir unter dieſem aͤcht gothiſchen Bogen einhergegangen und eine Wendeltreppe 2* * erſtiegen hatten, wies man uns in ein großes, hohes Zimmer, an deſſen drei Seiten ſich, in großen Vertiefungen, kleine ſchmale Fenſter befanden, deren Scheiben, von gelbem Glaſe, das Licht nicht mehr eindringen ließen, als waͤren ſie von Horn. Die Waͤnde waren mit Tapeten bekleidet, von denen, im Halb⸗ dunkel, fuͤrchterliche kriegeriſche Geſtalten dro⸗ hend. auf uns herabſchauten.. Aber von allen Umſtänden dieſes Beſuchs, den wir als einen Blick in ein Viſitenzimmer der alten Zeit betrachten muͤſſen, machte kei⸗ ner einen ſo tiefen und lebhaften Eindruck auf unſer Gedäͤchtniß, als die Erſcheinung und das Betragen des Fraͤuleins Chriſtiana ſelbſt. Vorlaͤuſig von Lady Havers Ankunft unter⸗ richtet, ſaß ſie in vollem Staat auf einem großen, mit altmodiſcher Stickerei verbraͤm⸗ ten Kanapee, zum Empfang ihres Beſuchs bereit. Beim Eintritt unſrer ehrwuͤrdigen Muhme erhob ſie ſich von ihrem Sitz, und nie wurde mir das Gluͤck wieder zu Theil⸗ einem ſo zeremonioͤſen Empfange beizuwohnen. Fraͤulein Chriſtiana war in ein purpur⸗ farbenes Hofkleid von genueſiſchem Sammet gekleidet, unter welchem ſich ein Reifrock, wenigſtens einer Armlänge auf jeder Seite, ausbreitete. Die mit Bleiſtuͤcken beladenen Manſchettenaͤrmel waren gleichzeitig mit der Vereinigung der beiden Koͤnigreiche, bei wel⸗ cher glorreichen Gelegenheit ihre Mutter ſie zuerſt getragen hatte. Aber wer kann, in der jetzigen frivolen Zeit, ſich eine Vorſtellung von dem babyloniſchen Thurmbau von Tou⸗ pets und Florlappen machen, welcher das Haupt des Fraͤuleins Chriſtiana ſchmuͤckte? Hoöͤchſt wahrſcheinlich war jedoch die Art, mit welcher ſie die arme Magdalene und Claudchen empfing, nicht ganz ſo feierlich, als die, mit welcher wir aufgenommen wur⸗ den; denn die reelle Wohlthat dieſes Beſuchs erſtreckte ſich nur auf die Darreichung einer halben Krone. Als Frau Gorbal dieſes ver⸗ nahm, entbrannte ſie in gerechtem Zorne uͤber das filzige Betragen des Fraͤuleins Chri⸗ ſtiana, veranſtaltete ſogleich eine Kollekte un⸗ ter ihren Bekannten, und hatte das Gllüͤck, ſo viel uſamemenzubringen. daß Magda⸗ ſeinen Vater gearbeitet hatte, ſchenkte ihm einen Riemen um den Kaſten zu tragen, in dem ſich Vorhangringe, Hemdenknoͤpfe, Steck⸗ und Naͤhnadeln, Fingerhuͤte, Schnurriemen und Strumpfbaͤnder befanden, nebſt einem Buͤndel Balladen und ſchöner in dieſem Jahre gedruckten Lieder. Auf dieſe Weiſe ausge⸗ ruͤſtet, wandelte Claudius Walkinſhaw hin⸗ weg, um ſein Gluͤck zu gruͤnden. Seine erſte Ausflucht beſchränkte ſich auf die benachbarten Doͤrfer, und da er ſchlau und geſchwaͤtzig war, gewann er bald die Gunſt der Paͤchterfrauen in ſo hohem Grade, daß in kurzer Zeit wenig Hauſirer im weſt⸗ lichen Theile des Landes beliebter waren, als er, obgleich Jedermann ſich beklagte, er ſei der theuerſte und filzigſte. Sein Gluͤck kam den ſanguiniſchen gof⸗ nungen Magdalenens gleich. Aber Fr Gorbal war der Meinung, er moͤchte ſich et⸗ was mehr, als er that, an die Guͤte und Sorgfalt der großmuͤthigen Alten erinnern, lene einen kleinen Hauſirkaſten fuͤr Claud⸗ chen ausruͤſten konnte. Ein Sattler, der fuͤr 1 die es ſich ſo ſauer hatte werden laſſen, ihm in ſeiner Hulfloſigkeit beizuſtehen. So oft jedoch dieſe mitleidige Frau ſich erkundigte, ob er Magdalenen einen Theil ſeines Gewinn⸗ ſtes zukommen laſſe, erhielt ſie von ihr zur Antwort:„Ich hoffe, der arme Burſche hat mehr Verſtand, als daß er an meines Glei⸗ chen denken ſollte. Beſtrebt er ſich nicht, die Ländereien ſeiner Vorfahren wieder zu er⸗ obern? Sie wiſſen, daß er aus vornehmem Gebluͤte ſtammt,— und ich bin ja nichts Seſeres als ſeine Magd.“ Aber, obzwar Magdalene dieſe großmir thige Sprache fuͤhrte, fuͤhlte ſie doch den Undank ihres Pfleglings um ſo ſchwerer, als ſie bettlaͤgerig wurde, und in ihrer einſamen Dachkammer keine andere Unterſtuͤtzung hatte, als die, welche Frau Gorbal ihr dann und wann zukommen ließ. In dieſer traurigen Lage konnte ſie dennoch zuweilen den Wunſch nicht unterdruͤcken, Claudius, der ſehr gute Geſchaͤfte auf der Grenze machte, möͤge dann und wann an ſie denken. Und dennoch war der Wunſch, ihn noch einmal vor ihrem * 2à— Lode zu ſehen, gärter bei ihr, als jedes an⸗ dere Gefuͤhl; und ſo oft eine Regung des Unwillens in ihr aufwachte, wendete ſten ſech gegen die Wand und ſlehte zu dem Geber alles Guten, er moͤge das ehrliche Beſtreben ihres Lieblings ſegnen, und deſſen Thaͤtigkeit nie durch den Gedauken an ein ſo unſela Geſchspf⸗ als ſie eins ſei, hemmen. Nachdem Magdalene ungefäͤhr wweigehte hingsſech hatte, ſchied ſie endlich von dieſer Welt. Claudius erwarb mittlerweile, auf ſeinem Herumſchweifen zwiſchen der Nith und der Tyne, ſo viel, als die maͤkelnden Frauen und vorwitzigen Maͤdchen geſtatten wollten. Auch war kein Hauſirer auf den Jahrmaͤrkten der Grenzſtaͤdte beſſer bekannt, als er, wie auch keiner, der ſchoͤnere Waare gehabt haͤtte. Manche glaubten, er habe, aus Achtung fuͤr ſeine Abkunft, eine ſo ent⸗ legene Gegend zu ſeinem Hauſirhandel ge⸗ waͤhlt. Aber als treuer Geſchichtſchreiber ſehen wir uns genoͤthigt, die Leſer zu erin⸗ nern, daß Claudius zu weltlich geſinnt war, um dergleichen romantiſchen Grillen nachzu⸗ ſ — 25 — haͤngen. Die Wahrheit iſt, daß, nachdem er ſein Gluͤck an manchen Orten des Landes verſucht hatte, er die Grenzſtaͤdte nicht nur am eintraͤglichſten, ſondern auch deren Ein⸗ mahhe am Dnfifteſſten fand. Gnn Ztehtns Kapitel. Un gefäßte ſwunhig Jahre nach Mragbale Athsrcadegkehetsn Claudius, mit fuͤnfhundert Pfund in ſeiner Taſche, nach Glasgow zuruͤck und ließ ſich daſelbſt als Tuchhaͤndler niedev. Der Entſchluß, welchen er ſchon in fruͤher Jugend gefaßt, die Guͤter ſeiner Vorfahren wieder an ſich zu bringen, und in welchem ihn ſeine guͤtige Pflegerin noch mehr beſtaͤrkt hatte, war nunmehr feſt in ſeinen Sinn ge⸗ wurzelt. Seine Thaͤtigkeit, ſein Geiz, ja ſelbſt ſeine Ehrlichkeit, hatten keinen andern Zweck als dieſen, der das leitende Prinzip ſeines ganzen Lebens wurde; ſo daß er, nach einigen in Glasgow verlebten Jahren, durch Sparſamkeit und Zuſammenſcharren, ſich in den Stand geſetzt ſah, das Landgut Grippy, — 2²6— welches ehedem ein Theil der Würer teine Voraͤltern war, an ſich zu bringen. Die Empfindungen d3 Oerahrers„der bei ſeiner Rückkehr die Gebirge ſeiner Hei⸗ math erblickt, und die eines Vaters, welcher, nach langer Abweſenheit, ſich mit Freude und Beſorgniß der Wohnung ſeiner Kinder naͤhert, ſind kalt gegen diejenigen zu nennen, mit denen der betriebſame Hauſirer die Erde und die Steine dieſes kalten, unfruchtbaren Theils der Güter ſeiner Vorfahren begrußte. Im naͤmlichen Augenblicke faßte er einen diefer Gefuhle ganz wuͤrdigen Entſchluß, welcher, bei einer weniger knickrigen Seele, haͤtte ein kugendhafter genannt werden koͤnnen. Er ent⸗ ſchloß ſich naͤmlich zu heirathen, Kinder zu zeugen und ſein Vermögen mit einem Fidei⸗ commiß zu belegen, damit keiner ſeiner Nach⸗ kömmlinge jemals die Thorheit begehen koͤnne, welche ſeinen Großvater in Armuth geſtuͤrzt und ihn ſelbſt in die Welt getrieben hatte. Und in derſelben Nacht, nachdem er alle Eheſtandskandidatinnen der Nachbarſchaft in Gedanken durchgemuſtert hätte, beſchloß — 2— er, der Jungfer Chriſtiana Hypel, der ein⸗ zigen Tochter des Malachias Hypel, Lairds von Plealands, ſeine Neigung zuzuwenden. Claudius war ein weitläuftiger Ver⸗ wandter ſeiner Auserwäͤhlten, und ein klei⸗ ner Vorfall, welcher ſich an dem Tage zu⸗ trug, an dem er das Gut kaufte, fuͤhrte ihn auf den Gedanken, ihr Heirathsvorſchlaͤge zu thun. Ihr Vater war zu jener Zeit in Glasgow, um dem jaͤhrlichen Gerichtstage beizuwohnen, bei welchem er unaufhoͤrlich Klagen gegen ſeine Nachbarn oder Paͤchter anzubringen hatte. Da er nun zufäͤllig von dem Gutskaufe hoͤrte, ſuchte er den Kaͤufer ſogleich auf, um ihm Glück zu der Wieder⸗ erlangung eines Theils ſeiner Jamilirngü zu wuͤnſchen. „Ich hoͤre, Vetter,“ ſagte der Laird, als er in den Laden trat und ſeine Hand uͤber das Zahlbrett ſtreckte,„daß Ihr einen guten Handel mit Grippy gemacht habt. Wahr iſt's, daß manche Aecker kalten Boden haben, laßt Euch das aber nicht verdrießen. Glas⸗ gow bluͤht immer mehr und mehr, und Ihr — 28— habt ein Paar Augen im Kopfe, die ſcharf genug ſind, Euren Vortheil wahrzunehmen. Aber da Ihr jetzt ein Haus habt, wo ſoll die Hausfrau herkommen? Ihr wuͤrdet nicht ſchlimm fahren, ſollte ich meinen, wenn Ihr einen Blick in unſer Haus werfen wollret. Meine Chriſtel iſt von Eurem eignen Fleiſch und Blut. Ich ſehe kein geiſtliches Hinder⸗ niß, daß ſie nicht auch, wie der Pfalmiſt ſagt, Bein von Deinem Bein' werden koͤnnte.“ 1e er i22.. e e 4n4323 Claudius antwortete auf ſeine gewoͤhnliche ſpaßhafte Art:„Ree, nee, Laird, treibt nur keine Spaͤße mit mir. Ich ſollte mich Eurer Tochter gleich ſtellen? Nee, nee, an Plealands darf ich noch nicht denken, das hängt mir noch zu hoch. Aber um nicht mit einer ſo ernſten Sache zu ſpaßen, will ich nur ſo viel ſagen, daß es wahr iſt, daß, wenn mein Groß⸗ vater nicht ſo naͤrriſch geweſen waͤr', Kittle⸗ ſtonheugh in Spielwaaren zu verwandeln und nach Panama zu ſchicken, ich im Stande wär', meine Augen nach Jungfer Chriſtel zu erheben. Aber Ihr wißt, daß ich einen langen Faden — 29— ſpinnen mußte, bis ich die Frau dartuna er⸗ reichen konnte.“ 1 „Beim Kuckuk!“ rief der Laird,„ſeid Jr nicht unſer Vetter? Wenn Ihr kein blöder Schaͤfer ſeid, ſo iſt unſer Chriſtel Euer. Hoͤr, Mäaͤnnchen! leg' nur Deine Schenkel uͤber einen Pferderuͤcken und komm eines Sonn⸗ abends zu uns'raus, um ſie zu taxiren.“”“ Dieſer fein gegebene Wink leitete Grippy zuerſt darauf, an Jungfer Chriſtel zu denken. Da er aber bemerkte, daß man ihn fuͤr eine gute Partie hielt, und daß er das Mädchen haben koͤnnte, ſobald es ihm gefällig waͤre: verſchob er ſeinen Beſuch ſo lange, bis er ſich unter den Familien der benachbarten Lairds nach einem beſſeren, das heißt: reicheren Schaͤtzchen umgeſehen hatte. Ob er nun ſo viele abſchlaͤgliche Antworten erhielt, als er Anfragen that, oder ob ſeine eingezogenen Erkundigungen ihm nicht genuͤgten, iſt unge⸗ wiß. Kurz, wie geſagt, in der naͤmlichen Nacht, in welcher er Beſitz von ſeinem er⸗ kauften Gute nahm, beſchloß er, einen Beſuch in Plealands abzuſtatten; und damit er die Familie nicht überraſchte, benachrichtigte er zuvor den Laird von ſeiner baldigen Ankunft und bat um die Erlaubniß, eine Nacht in deſſen Hauſe zubringen zu duͤrfen. Der Laird antwortete, durch den zuruͤckkehrenden Boten, ſo guͤtig und herzlich, daß Claudius ſogleich nach Cornelius Lukas, dem Schneider, ſchickte, der einer der Stillen im Lande und lelteſter der Tronkirche in Glasgow i war.— „Kommt her Cornelchen,“ ſagte der Braͤu⸗ tigam in der Hoffnung.„Ich moͤcht' gern mit Euch uͤber das ſprechen, was mit der neuen Kirche auf dem gruͤnen Platze vorgeht.“ „Was vorgeht, Herr Walkinſhaw?— Das iſoen Werk, von dem unſere Kindeskinder das Ende nicht erleben werden. Das iſt eine boͤsartige und fleiſchliche Neuerung in dem Weſen unſerer alten Schottiſchen Kirche,“ erwiederte der Aelteſte.—„Die ſoll nach der Mode einer praͤlatiſchen Babel in London zu⸗ geſchnitten werden, und ſie haben ſie ſchon mit dem papiſtiſchen Ramen St. Andrew getauft. O, welch ein arger Schaden das iſt, Herr Walkinſhaw! Aber der Herr hat ſich dagegen — 31— erhoben und den Bauleuten die Zungen ver⸗ wirrt, ſo daß ſie, mit allem Gelde, ihre ab⸗ goͤttiſchen Abſichten nicht ausfuͤhren koͤnnen. Sein Name ſei geprieſen in alle Ewigkeit! Aber hat nicht Herr Kilfuddy, am letzten Gabbath, ſo ſchön über die Eitelkeiten dieſes Lebens gepredigt? Und glauben Sie nicht auch, daß, wie er von dem ſtebenten Wunder der Welt, vom Tempel der Diana, iſprach, und ſo auf die abgoͤttiſchen Epheſer losdonnerte, daß er damit die Bauberren dieſes gottloſen Gebaͤudes meinte 2 Herr Walkinſhaw, ich bin kein Prophet, wie Sie wiſſen, aber ich erlebe gewiß noch die Zeit, in welcher die Prediger des Evangeliums in Glasgow nach der Pfeife des Thieres mit den ſieben Hoͤrnern tanzen.“ Dieſe Prophezeiung wurde zwar in unſern Tagen zum Theil erfuͤllt, aber zu jener Zeit antwortete der ſchlaue Tuchhändler bioß darauf: Ja, ja, Cornelchen, die Welt gleicht jungen Fuchſen, die je aͤlter, je ſchlimmer werden. Aber es wird noch viel Waſſer den Berg hinunter fließen, bis es dazu kommt. Die Worte der Wahrheit und Heiligkeit machen jetzt nur noch ſchwachen Eindruck, daher laßt uns hoffen, daß ein Geiſt der Wiedergeburt uͤber die Erde ziehen und alle Menſchenkinder mit Stumpf und Stiel ausrotten werde!“⸗ „Ne, dafüͤr dank' ich,“ entgegnete Cor⸗ nelius, der Schneider.„Doch iſt mein Troſt, daß ſelbſt von denen, welche die letzten Zeiten erleben, noch ein Reſtchen uͤbrig bleiben wird.“ n„Das dient uns Allen zum Troſt, Meiſter Lukas,“ erwiederte Claudius.„Da wir aber eben von Reſtchen ſprechen, da habe ich ein Stückchen ſuperfeines blaues Tuch, das mir ſchon lange auf dem Halſe liegt und ſchon etwas von den Motten angefreſſen iſt. Koͤnnt Ihr mir wohl einen Rock deraus machen?“ Das Reſtchen wurde auf dem Zahlbrett vorgezeigt, und nachdem Meiſter Cornelius es ſorgfältig betrachtet hatte, erklärte er,„daß⸗ mit Huͤlfe einiger feinen Stiche, die man nicht bemerken ſollte, es wohl noch tauglich ſei.“ Das Tuch wurde ihm mithin uͤberlie⸗ fert, doch mit der ernſten Weiſung, der Rock müſſe am Freitag, bei guter Zeit, fertig ſein. Der Schneider verließ den Laden ſehr vergnuͤgt, „da, u wie er zu ſeiner Frau ſagte,„er in Hettn Waͤlkinſtzats einen: gortſeligen Mann erkaunt’ habe, der nach ohen trachte, und gewiß noch die Fruͤchte der Reue und Büße, Welche alle menſchliche Verüunft übetſtitgen, ni feltter Zeit einärnten: werde.“ 1 aeen Aa Sas erfüllt melne Seele mit Frelde aüttvoetete die gu e Flau.„Deun er iſt doch⸗ ein wahrer⸗ Nabal, ein volkk ommner: Geßß⸗ drache, den ich nie leiden möchte, ſeitdem er des armen alten Frann Gorbal, der Büttue des Richtels, die, wie man ſagt, ihm quf die Beine half, elende fuͤnf ꝓ fund verſagte, welche! ſte von ihm verlängte, um ihren Enkel damit üshuſtätcen, wie dieſer als Scheeibes Knch Virginien; dehen Wolte. Anan e Sei n04 Ata zn: 6 e. at. i anil. Nima Frün fit es Ka⸗ prtel is err Ad Claudius, durch de Kunſffertigkeit des Meiſters Corneliug Lukas, nach der da⸗ maligen neuſten Mode⸗ doch nur wie ſte. einen ſitenundvierzigeigen, wohlhabenden Tuch⸗ häͤndler kleidete, gehoͤrig ausſtafſirt war, ſen⸗ dete er ſeinen Ladenburſchen, Jock Gleg, zu I. Thl. 3 — 34 Robin Wallace, dem Pferdevermiether in der Galgengaſſe e, und ließ dieſem ſagen, er ſolle ſein Thier am andern Morgin Punkt ſeben Uhr, bereit halten. Reobin fuͤhrte, dieſem Befeht gemiß Schlag ſi eben Uhr ſeine Roſſingnte ſelbſt vor die Thur des Tuchhaͤndlers, und der hoffnungsvolle Freier trat, in ſeinem neuen Kleide und mit einer großen, mit Silber beſchlagenen Reit⸗ peitſche welche er von einem ſeiner Kunden geliehen hatte, in der Hand, aus dem Hauſe. Jock Gleg begleitete ihn mit einem Sahene zum Aufſteigen. „Ich ſollte meinen, Herr Battinttam 7 ſagte der pferdeverleiher,„Sporen würden Ihnen gut thun, waͤre es auch nur einer.“ „Und ich ſollte meinen, wir koͤnnten ohne dieſen Waarenartikel fertig werden,“ erwie⸗ derte Claudius, indem er verſuchte, auf zier⸗ liche Weiſe mit ſeiner Peitſche zu knallen, dabei eben ſo ungluͤcklich war, ſich einen argen Hieb uͤber ſeine dunkelblauen Kamaſchen zu verſetzen; denn er hielt es nicht fuͤr der Muͤhe werth, wegen einer ſo kurzen Reiſe, die oben⸗ — 35— drein nur eine noch unſichere Spekulation war, ſich ein Paar Stiefeln anzuſchaffen. Robin fuͤhrte das Pferd vor, und nachdem Jock den Schemel zurecht geſetzt hatte, ſteckte Claudius ſeinen rechten Fuß in den Steig⸗ bügel, woruͤber Robin und mehrere Zuſchauer in ein wieherndes Gelaͤchter ausbrachen. Aber man kann doch unmöglich von irgend einem Menſchem verlangen, daß der Inſtinkt ihn lehren ſolle, wie man ein Pferd beſteigen muß, und dieſes war das erſte Mal, daß Claudius den Ruͤcken eines vierfuͤßigen Thieres beſtieg. Nachdem er endlich den Sattel erklettert hatte, fuͤhrte Robin das„Roß in die Mitte der Straße, und das Thier ſchritt, aus eignem Antriebe, langſam die Trongaſſe hinab. Das Betragen des Pferdes war in der That einige Zeit hindurch hoͤchſt bedaͤchtig; und obſchon Claudius ſchwer auf deſſen Halſe hing und ſich ſo feſt als moͤglich mit den Knieen an⸗ klammerte, ging es dennoch uͤber die Bruͤcke und bei den jenſeitigen Haͤuſern voruͤber, ohne daß ſein Reiter die Bewunderung der Voruͤber⸗ gehenden auf ſich zog. Aber in einem unbe⸗ 3*† — 25— wachten Augenblick hielt der bethoͤrte Elau⸗ dins es für noͤthig, Gebrauch von ſeiner Peitſche zu machen, und das auf dieſe Art aufgeregte Thier verwandelte ſeinen Schritt in einen Trab.„Gerechter Himmel! nennt man das reiten?“ rief Claudius und biß ſich, während dieſes Ausrufes⸗ beinahe die Zunge ab. Als ſie aber nunmehr Cathcart erreichten, war es zum Verwundern, wie ſchön er in dem Sat⸗ tel ſaß und wie herrlich er, ungeachtet aller Stöße, ſein Gleichgewicht zu erhalten wußte. Sobald er ſich aber in dem Dorfe befand, fuhren alle Hunde, auf die fürchterlichſte Art, aus den Hutten hervor und verfolgten die trabende Roſſinante mit ſo ſchrecklichem Heu⸗ len und Bellen, daß das arme Thier ſich nicht anders vor ihnen zu retten wußte, als durch einen noch ſchäͤrferen Trab. Der Laͤrm der Hunde und die Erſcheinung eines Reiters lockten die Einwohner herbei, ſo daß man an jeder Thuͤr alte Weiber in flanellenen Schlaf⸗ hauben, Muͤtter mit Saͤuglingen auf den Armen und einen Schwarm von Kindern ſah. Die neuen Kleider unſeres Claudius und ſein — — 37— 1 ſlugartiges Reiten etdegten bei ſaͤmmtlichen Zuſchauern die Meinung, er koͤnnezkein Ge⸗ ringerer als der Lord Sharrächers eon Glas⸗ gow ſein. 216, 4 Aber unter dem Hatfen befenden nh ei⸗ nige ſchelmiſche Bauerburſche, welche, da ſie bald bemerkten, wie wenig das Sitzfleiſch des Reiters ſattelfeſt ſei, boshaft genug wa⸗ ren, die Hunde noch aͤrger auf das Pferd zu hetzen. Doch, trotz ihrer Tucke, behielt Herr Claudius ſeinen Sitz, bis alle Hunde, ein kleiner Teufel von Dachshund ausgenommen, von ihm abließen. Aber nichts kann der Wuth und Hartnaͤckigkeit gleich kommen, mit welcher der Koͤter das Pferd verfolgte und nach deſſen Ferſen ſchnappte. Claudius, der, um ſein Gleichgewicht zu erhalten, es nicht wagte ſich umzuſehen, verfluchte den Hund von ganzem Herzen und verſuchte ihn mit der Peitſche zu verjagen, aber die echoßte. Beſtie wollte nicht ablaſſen. Wie lange der Angriff und die Gegen⸗ wehr gedauert haben wuͤrden, iſt nicht zu beſtimmen, da ein erwuͤnſchter Gluͤcksfall dem — 38— Streite ein unvermuthetes Ende machte denn in einem von Claudius blinden Verſu⸗ chen ſchlang ſich die lange Peitſchenſchnur um den Hals des Köters; das Pferd ſetzte ſich in einen kurzen Galopp, und der Reiter zog den Hund an dem Ende der Peitſche hinter ſich her, wie oder Fiſcher einen Salm, den er nicht aus dem Waſſer bringen kann, an der Angelruthe zieht, bis ihm end⸗ lich John Drizen, der Kärrner von Aire, der nach Glasgow wollte) begegnete. aal „um's Himmelswillen, Herr Walkinſhaw!“ rief der Fuhrmann, indem er ſeinen Karren bei Seite lenkte,„ums Himmelswillen! wo⸗ hin wollen Sie, und was ſchleppen Sie da fuͤr'n Ding hinter ſich her?“ „Ach, um Gottes Barmherzigkeit wil⸗ len!“ erwiederte der zitternde, bleiche und von Schweiß triefende Tuchhäͤndler,„ach, ſeid ſo barmherzig und haltet das Leſende Beeſt auf!“ Der äͤngſtliche Ton, in 1 welchem dieſer Zuruf hervorgebracht wurde, wirkte ſo ſehr auf den Käͤrrner, daß er, mit dem Eifer ei⸗ nes Philanthropen, auf Claudius zulief und den Zaum des Pferdes ergriff. Der Reiter warf in demſelben Moment die Peitſche mit dem erwuͤrgten Hunde von ſich, wollte aus dem Sattel ſpringen, ſiel aber ungluͤcklicher Weiſe in einen Kothhaufen, der den Glanz ſeines neuen Kleides gewaltig trübte; doch kam er bald wieder auf ſeine Beine zu ſtehen, die aber dergeſtalt unter ihm zitterten, daß er ſich kaum aufrecht erhalten konnte, denn er fuͤhlte alle Qual des heiligen Gebaſtian in ſeinem Sitzfleiſch. „Guter John,“ war das Erſte, was er hervorbrachte,„das iſt das rohſte, ſtoͤßigſte Beeſt, was jemals geſchaffen wurde! Zwei Waſchweiber mit ihren Bläueln häteen mich nicht aͤrger zurichten koͤnnen. Ich glaube nicht, daß ich jemals wieder ſitzen kann.“ Dieſem Geſpraͤche machte jedoch die Er⸗ ſcheinung eines bedeckten Karrens, in welchem ſich drei Prediger befanden, die von der Synode zu Glasgow nach ihren Kirchſpielen zuruͤckkehrten, ein baldiges Ende; denn zu jener Zeit kannte man weder Poſt noch Land⸗ ————— kutſchen in der Gogend von Slasgow. Einer dieſer Herren war der ehrwuͤrdige Herr Kil⸗ fuddy von Branhill, der am verwichenen Sonntage ſo erhaulich über den Tempel der Diana zu Epheſus gepredigt hatte; und da er unſern Claudius kannte, ſo befahl er dem Fuhrmanne zu halten und rief:„Beſter Herr Walkinſhaw! Sie haben einen argen Fall gethan. offnrüüh iſt auih kein Knochen laͤdirt?“ n„Rein,“ erwiederte Llandiu ein wenig 4 ſchelmiſch.„Nein, dem Himmel ſei Dank! die Knochen ſind hoffentlich alle ganz⸗ aber das Fleiſch hat unbeſchreiblich gelitten.“* Nach einigem weitern Hin⸗ und Herreden 4 wurde Claudius erſucht, einen Platz in dem Karren der Prediger einzunehmen, und ſein Roß, durch John Drizen, an Robin Wallace zuruͤckzuſenden; und auf dieſe Weiſe gelangte der unglückliche Reiter bis an das Thor von. Plealands, wo der Laird, welcher ſchon den ganzen Morgen nach ihm ausgeſchaut hatte, ihn auf's freundlichſte bewilllkommte. — — — 41— Sechſtes Kapitel. Das Wohnhaus von Plealands ſtand auf dem Gipfel eines dürren Huͤgels. Es war nicht alt, da der Vater des jetzigen Beſitzers es erbaut hatte; aber es ſtand auf der Stelle eines ehemaligen kleinen Befeſtigungswerkes, aus deſſen Truͤmmern man es errichtete; und da der Baumeiſter eben keine große Kunſt beſaß, die urſpruͤngliche Form der Vorſpruͤnge und ihrer Zierathen zu verändern, ſo ver⸗ liehen dieſe dem Hauſe das Anſehn eines ho⸗ hen Alterthums.. So ſehr die Wohnung ihren urſprung lichen Charakter verloren hatte, eben ſo ſehr hatte der Herr derſelben ſich moderniſirt. Allein in welchem Grade er auch von dem Heldenſinne ſeiner Vorfahren abgewichen ſein mochte: ſo bleibt es doch gewiß, daß er de⸗ ren Geiſt der Streitſucht und Rache in vol⸗ lem Maße erbte. Zwar hielt ihn der mil⸗ dere Zeitgeiſt ab, ſich in Stammfehden und Wegelagerungen einzulaſſen; aber die Regi⸗ ſter der Gerichtshoͤfe von Glasgow bewieſen klar, wie ſtandhaft er ſeine vermeinten Ge⸗ — 42— rechtſame behauptete, und wie eifrig er ge⸗ glaubtes Unrecht zu raͤchen fuchte. 25⁵ Sein Aeußeres machte wenig Anſprüche auf das galante und zierliche Betragen eines gebildeten Mannes der damaligen Zeit. Er war ein derber, friſcher, roh ausſehender Mann, auf deſſen kahlem Scheitel einige weiße Haare ſpaͤrlich umherlagen. Seine ſcharfblickenden kleinen Augen waren grau. ſprach ſchnell und mit dicker Zunge, und Worte richtig zuſammenhingen, ſo herrſchte dennoch eine unerklaͤrbare Unver⸗ ſtändlichkeit in ſeinen Reden. In ſeinem gewoͤhnlichen Anzuge war er hoͤchſt nachlaͤſſi ig und trug meiſtentheils eine weite, flach ge⸗ raͤnderte blaue Muͤtze; aber als er an das Thor kam, um ſeinen Gaſt zu empfangen, hatte er ſich in ſeinen Sonntagsſtaat gewor⸗ fen und einen Hut aufgeſetzt. Als er nach der erſten Begruͤßung allerlei Unrichtigkeiten im Gangwerke unſeres Clau⸗ dius bemerkte, fragte er:„Wo fehlt's Euch, Grippy, daß Ihr ſo lendenlahm einhergeht?“ „Ich hatte einen kleinen Unfall, erwie⸗ — 43— derte Claudius.„Robin Wallace, der Pfer⸗ devermiether, gab mir'ne ſolche teufliſche Mähre, wie wohl noch Niemand eine ritt. Ich wollte meinem aͤrgſten Feinde kein groͤ⸗ ßeres Ungluͤck wuͤnſchen, als eine Reiſe auf dem Ruͤcken dieſes Beeſts machen zu muͤſſen, beſonders wenn er ſo wenig an's Reiten ge⸗ woͤhnt iſt, als ich.“ Die letzten Worte murmelte er hedoch ſo leiſe, daß der Laird ſie nicht hoͤren konnte, denn dieſer wuͤrde außerdem nicht verfehlt haben, ſeinen derben Witz an ihm auszu⸗ laſfene Als ſie den gipfel, auf welchem das Hau ſtand, erreicht hatten, kam die Leddy,— wie die Huͤttenbewohner ſie nannten,— nebſt Jungfer Chriſtel, aus der Thuͤr, um die Bekanntſchaft ihres Verwandten zu machen. DOb die Leddy, eine blaſſe, tiefſinnige, zartgebaute Frau, von ihrem Gatten uͤber die Abſichten dieſes Beſuchs unterrichtet wor⸗ den war, wagen wir nicht mit Beſtimmtheit zu behaupten; doch empfing ſie ihn mit hoͤf⸗ licher und freundlicher Achtung. Jungfer — 44— Chriſtel war jedoch ſicherlich unbekannt mit dem ganzen Geſchaͤfte, und wurde daher we⸗ der von jungfräulichem Herzklopfen, noch von ſchamhaftem Erroͤthen befallen, ſondern begegnete, im Gegentheile, ihrem Gaſt mit Aneelnbefungenbeise, als aisne eini alten Freund des Hauſes. en 1AI22 Der Leſer wird leher muntnehr eine Schil⸗ derung der Reize und geiſtigen Vollkommen⸗ heiten der Jungfer Chriſtel erwarten. Wir müſſen aber frei bekennen, daß, trotz deren Vortrefflichkeit und der Wohlhabenheit ihres Baters, ſie dennoch das Mißgeſchick betroffen hatte, das uͤberreife Maͤdchenalter ungeſucht zu erreichen, und der Wahrheit die Ehre zu. geben, machte ſie auch jetzt keinen ſo zaͤrt⸗ lichen Eindruck auf das Herz des Tuchhaͤnd⸗ lers, als er es wohl ſelbſt gewuͤnſcht haͤtte. Warum aber ſollten wir uns weiter uͤber ſolche Dinge ausbreiten? Waͤhrend wir er⸗ zaͤhlen, was ſich zutrug, werden die Sitten und Tugenden der Familie zur Genüge fün ſch ſelbſt ſrachen 6 e4 1 ſhwdad 45 8— 1 —— —— — 45— nafl Siie bientes Kapitel, „Hoͤr', Chriſtel!* ſagte der Laird, als ſie in's Speiſezimmer traten,„hol' nmal ein Kiſſen aus Deinem Bett und leg's Herru Walkinſhaw unter, denn ſo kann er nicht auf unſeren harten Stuͤhlen ſitzen.“ nis 6 Jungfer Chriſtel lachte und ging, um den väterlichen Befehl zu befolgen; aber ihre Mutter fuhr fort, wie ſie gleich anfangs ge⸗ than hatte, den neuen Ankoͤmmling mit neu⸗ gierigen und erwas verdachtvollen Blicken, vom Kopf bis zu den Zehen, zu muſtern. Doch bald richtete ſich ihre Aufmerkſamkeit auf den großen runden Tiſch, welcher in der Mitte des Zimmers ſtand, und auf den eine Magd ſo eben eine große, zinnerne Terrine ſetzte. Da aber die Krieiker die Beſchreibung eines Gaſtmahls fuͤr unzart erklaͤren ſo wol⸗ len wir uns auch enthalten, die Reihefolge der nach Schottiſcher Weiſe zubereiteten und in ſpiegelblanken zinnernen Schuſſeln aufge⸗ tragenen Gerichte aufzuzaͤhlen. Wir m ſſſen es daher unſern Leſern uͤberlaſſen, ſich mit Huͤlfe ihrer Einbildungskraft eine Vorſtel⸗ — 46— lung von den mannigfaltigen Geſtalten zu machen, in welchen der Kopf und die Ein⸗ geweide des Hammels, der zu dieſem Feſte geſchlachtet wurde, aufgetiſcht ward; wie auch von dem in Butter ſchwimmenden, wohl mit Zwiebeln gewuͤrzten Lungenmuß, der fetten Henne und der geronnenen Milch, welche in einer großen erinehen Puvſc Mangeh an Deſfer erſeßee n oa Als nun die Tafel gehoͤrig belaſtet war, 1 kehrte auch Jungfer Chriſtel mit dem Kiſſen zuruͤck, welches ſie mit eignen Händen auf⸗ klopfte, auf einen Lehnſtuhl legte und dabei ſagte:„Kommen Sie her, Herr Walkinſhaw, das wird'n. huͤbſcher, weicher Sitz. Ich weiß nur zu gut, was es heißt, ſich ein Wöͤlfchen reiten. Wie ich damals hinter meinem Papa ſaß, um nach Aire zu reiten, wo wir den Dieb wollten henken ſeh'n: da war mir laͤnger als drei Tage nachher zu Muthe, als haͤtt' ich auf einer Sechtl g ge⸗ ſeſſen.“ Nachdem das iſchruch hinbbeggenommen — 4)— war, und die Frauen ſich zuruͤckgezogen hat⸗ ten, faßte der Laird den Vorſatz ſein Herz auszuſchütten, ſchuͤttelte ſeinem Gaſte herzlich die Hand und ſprach, wie folgt: 3 „Nun, Grippy, es iſt mir lieb, Euch hier zu ſehen, und irre ich nicht, ſo wird Chriſtel ſich gern freien laſſen. Iſt ſie nicht ein gutherziges Ding?—„Sie wird Euch eine kapitale Hausfrau⸗ machen!— Es giebt keine im ganzen Kirchſpiele, die's beſſer ver⸗ ſteht, ein Hausweſen in Ordnung zu hal⸗ ten.— Maͤnnchen!'s wuͤrde Dich bis in die Fußzehen krabbeln, wenn Du hoͤrteſt, wie ſie unter den Mägden rum vagirt und turnirt, den faulen Menſchern„die an nichts denken, als ſi ch den Bauch zu fuͤllen, ſollte der Herr auch Heu freſſen muͤſſen. Aber die Chriſtel verſteht ſchon das Haus zu fegen und das Spinnrad fleißig ſchnurren zu machen.“ „Das ſteht nicht zu bezweifeln,“ erwie⸗ derfe Slaudius,„und's iſt eine große Be⸗ quemlichkeit, ſo eine wirthſchaftliche Haus⸗ frau zu haben. Aber Ihr wißt, daß es heut zu Tagr nicht Mode iſt, nackend zuſammen — 48— zu kommen.— Die Frau muß eben ſo gut ekwas in den Topf zu ſtecken haben, als der Mann.— Und ob ich zwar ganz und gar nichts gegen Jungfer Chriſtel einzuwenden habe, ſo würd's doch ihr und dem Manne, der ſie freien will, ſehr angenehm ſein, wenn Ihr nur ſo einen kleinen Wink geben woll⸗ tet uber das, was ſie mitbringt.“ 22„Jſt ſt ſte nicht meine einzige Tochter? Ift das nicht Brief und Siegel genug, daß ihr einmal Alles zufaͤllt?— iemnand. raüche mehr zu wiſſen. Te „Sehr wahr, Laird,“ entgegnete der Freiersmann.„Aber der Tod ſitzt der Leddy auf der Zunge, und ſollte ſte d rauf geh,= Ihr ſeid noch ein ruͤſtiger Mann, u und wer weiß, wie viele Kinder in züheſtes Ehe koͤm⸗ men könnten? ein 38 „Das heißt weit ausgeſchaut!“ erwiederte der Laird und fuͤgte raſcher vinzu:„Meine Frau iſt allerdings ein gebrechliches Gefäß, kann's aber noch lange aushalten.“„ Auf dieſe feine und bedächtige Weiſe wurden die Heirathspräliminarien eroͤffnet. 51130 47 Um aber den Leſer nicht durch weitläuftige Erzaͤhlungen zu ermüden, wollen wir in der Kuͤrze berichten, daß wenige Wochen darauf Jungfer Chriſtel in die Leddy von Grippy berwandelt wurde, und zur gehoͤrigen Zeit ihren Gatten mit einem Sohne beſchenkte, dem man, in der heiligen Taufe, den Namen Karl beilegte. 1 Stat. e4 0112 Als dieſe frohe Begebenheit dem Laird mitgetheilt wurde, ritt er ſogleich nach Grippy, um ſeinem Schwiegerſohne Gluͤck zu wuͤnſchen. Waͤhrend ſie nun am Nachmittage, der Sitte des Zeitalters gemaͤß, bei einer Flaſche Kind⸗ taufenwein zuſammenſaßen, begann Claudius ſeinen Schwiegervater uͤber einen Gegenſtand, der ihm nahe am Herzen lag, liſtig auszu⸗ forſchen.— „Laird,“ ſagte er,„Ihr wißt, daß die Walkinſhaws von Kittleſtonheugh ein uraltes Geſchlecht ſind, und haͤtt⸗ mein Großvater nicht den näͤrriſchen Streich gemacht, meinen Vater nach Panama in April zu ſchicken, ſo ⸗ wäͤren alle die gruͤnen Huͤgel und ſchoͤnen 4 Aecker mein Eigenthum. Um nun die Nach⸗ I. Thl. 4 kommenſchaft zu verhindern, eben ſo dummes Zeug zu treiben, ſo will ich das Gut Geipoh zum Fideicommiß machen.“ „Das iſt ein guter Gedanke,“ erchiederre der Laird,„und auch ich war Willens, ein Gleiches mit Plealands zu thun.“ „So hörte ich Euch ſagen,“ antwortete 3 Claudius,„und da nun das Kindlein geboren und ein Knabe iſt, ſo können wir Hand an’'s Werk legen.“) erse „Von ganzem Herzen,“ erwiederte der Laird,„nichts kann erwuͤnſchter d Da ich aber meinen Familiennamen erhalten wünſche, da es in ganz Sle keinen reſpektablern giebt: ſo will ich feſtſetzen, daß, wenn Karlchen mir nachfolgt, er den Namen Hypel annehmen muß.“ „Ihr werdet ja nicht ſo unbilig ſein, Laird,“ entgegnete Grippy etwas eifrig.„Ihr könnt nimmermehr verlangen, daß der Burſche den Namen ſeines Vaters verlengne und gegen Hypel vertauſche!“ „Doch iſt's ſo mein Wille,“ ſfegte der Laird.„Denn da ich ſelbſt keiuen Sohn V b —;— habe, ſo iſtes ganz natuͤrlich, daß ich wuͤnſche, die Hypels möchten wieder in meiner Tochter mufleben. a ianue 6„Ich zweifle,“ erwieberte Claudius nach⸗ drucksvoll,„daß die Walkinſhaws jemals ein⸗ willigen werden, ſich ſo verdunkelt zu ſehen.“ anPlealands iſt doch etwas werth,“ ent⸗ gegnete der Laird. 2 n a„So ſagt man, ſonſt waͤre auch kein Wal⸗ kinſhaw Erbe dazu geworden,“ erwiederte EClaudius mit groͤßerer Hartnaͤckigkeit. aum,Gut, gut,“ ſagte der Laird, Maßt und nicht lange hin⸗ und herſtreiten. Belaſtet Euer Vermoͤgen wie's Euch gut duͤnkt, mein's ſoll auf den zweiten Sohn fallen. Dagegen könnt Ihr doch nichts einwenden? „ Auf den zweiten Sohn? Der erſte iſt janknum ſechs Tage alt! Wer weiß, ob ganz und gar ein zweiter kommt? Vermacht's lie⸗ ber gleich dem aͤlteſten, aber ſo, daß er Wal⸗ kinſhaw bleibt. 1¼4 t h he to Plealands gehürt mir,— ich will's we⸗ 3 der verſchenken, noch verkaufen,— und wer's einmal haben will, muß ſich Hypel nennen. 1 4 4* — 52— So ſtehen die Sachen, und weder Ihr, noch ich koͤnnen's ändern.“ Claudius machte noch einige Verſuche, den Laird auf andere Geſinnungen zu bringen, fand ihn aber unerbittlich. Da er ſelbſt jedoch feſt entſchloſſen blieb, ſeinen Nachfolgern die Haͤnde zu binden, ſo legte er ein foͤrmliches Doku⸗ ment bei den Gerichten nieder, in welchent Karl zum Fideicommißerben des Gutes Grippr erklaͤrt wurde. Dieſes beſtärkte den Laird noch mehr in ſeinem Vorſatze, kein Teſtament zu Karl's Gunſten zu machen, ſondern ſeine Guͤter dem zu hoffenden zweiten Sohne zuzuwenden, ſo wenig ſich auch eine Ausſicht zeigte, daß ein ſolcher erſcheinen werde. in Doch etwa drei Jahre nach Karl's Geburt gab Claudius dem Laird die Kunde, Frau Walkinſhaw ſei, gegen alle Erwartung und auf eine unerklaͤrbare Weiſe, auf dem Wege aber⸗ mals Mutter zu werden, und fuͤgte hinzu: „Nun, Laird, werdet Ihr ja Euren Willen haben.“ Als nun Walther, der zweite Sohn, geboren und getauft war, wurde er foͤrmlich zum kuͤnftigen Erben des Gutes Plealands er⸗ — 53— 8 3 klaͤrt, doch unter der unerläͤßlichen vedinaung vem Namen Sapet n fuͤhren.. ao teg Kbte 1. ee Mehrere Jahre nach Walther's Geburt här ſich keine merkwuͤrdige Begebenheit in der Familie zu. Claudius fuhr fort mit der Kargheit zu leben, welche ſein Glück gegruͤn⸗ det hatte. Seine mittlerweile nicht weniger thätige und ſparſame Gattin beſchenkte ihn mit einer Tochter und noch einem Sohne, und zog eine ſo große Menge Kälber und Schweine auf, daß der Gewinn, den ſie aus ihnen zog, nach ihrem Ausdrucke, das Salz und Schmalz der Familie war. Durch ihre vereinigten Bemuͤhungen wurde Grippy einer der wohlhabendſten Maͤnner in Glasgow. Aber ob ſich ihm gleich mehrere erwuͤnſchte . Gelegenheiten darboten, ſein Geld ſicher un⸗ terzubringen, ſo ſchloß⸗ er es dennoch lieber in ſeinen Kaſten, damit er ſtets bereit ſein konne, gelegentlich einen Theil der Guͤter ſei⸗ ner Ahnen damit an ſich zu bringen.— Das Vergnuͤgen, welches er an ſeinem 2 — 3534— angehäͤuften Mammon fand, blieb jedoch, ſo wie alle menſchliche Glückſeligkeit, nicht unge⸗ truͤbt. In der Urkunde, vermoͤge welcher ſein Schwiegervater Plealands zum Fideicom⸗ miß erkläͤrte, hatte dieſer, ſich die Macht des Widerrufs in zwei Fällen ausdruͤcklich vorbe⸗ halten; erſtens, wenn ſeine Gattin vor ihm mit Tode abgehen ſollte; und zweitens, wenn Walther und George, die beiden juͤngern. Soͤhne Grippy. s, entweder minderjaͤhrig ſterben wuͤr⸗ den, oder ſich weigerten den Namen Hypel: zu fuͤhren. Beides war, unter dieſen Umſtaͤnden und an und fuͤr ſich ſelhſte nicht mehr als billig, gber, fuͤr Clandius eben deßhalb deſto verdrieß⸗ icersas Denn bit ſagſtu zu tinn Gutein, t2r Sepgge die inens Rlauſein in ſein Te⸗ ſtament zu ſetzen⸗ Es ſollte mich nicht wun⸗ dern, wenn die fatalen Dinger uns um die ganze Beſcherung braͤchten. Denn ſieh' nur! wenn Deine Mutter ſterben ſollte.— und die arme Frau war ja ſchen laͤngſt auf dem Wege — 55— zum Gottesacker,— ſo heiratet Dein Vater ganz ſicher wieder, und wird dann eben ſo ſicher noch Kinder zeugen. Was ſoll dann aus unſern armen Bäͤlgen werden?“. dos Hierauf pflegte die wuͤrdige Leddy eben ſo gefuͤhlvoll zu antworten:„Ich glaube, liebes Männchen, daß Du Dir die Sache nicht ſo ſehr zu Herzen nehmen ſollteſt. Denn obſchon meine Mutter, ſeit Menſchengedenken, in ei⸗ nem leidenden Zuſtande war, ſo haͤlt ſie's doch noch ein Weilchen aus. Es geht ihr mit ih⸗ rer Kraͤnklichkeit wie dem Leder, das man ins Waſſer ſteckt: ihr Leben wird nur zäher davon. Ich vertraue mehr auf ihre Dauer, als auf die meines Vaters, und ſo brauchen wir und wahrlich nicht den Kopf zu⸗ zerbrechen, welche Folge der Tod des einen oder des andern hn⸗ ben wird. h...14 Qtl „Aber Du gergißt, Hahwiederke Claudius, „die andere Klauſel wegen Waltherchen und Juͤrgelchen. Geſetzt, ſie waͤren beide todt und geſtorben, was, wenn wir die zarte Blumen⸗ kohlnatur der Kinder bedenken, gar nichts Un⸗ moͤgliches in den Haͤnden des Schoͤpfers iſt: — 56— wuͤrde es wadn nicht das haͤrteſte Ding von der Welt ſein, wenn Karlchen keinen Kraut⸗ kopf von ſeiner Mutter erben ſollte? Geſtele es aber auch dem Himmel, Waltherchen zu eerhalten, ſo iſt's doch ein betruͤbtes Ding, daß ein ſo ſchoͤnes Gut, als Plealands, an einen Burſchen kommen ſollte, den ſein Bruder Juͤrgen gewiß dereinſt vor Gericht fuͤr eiaen totalen Simplex erklären wird.“) „Es wundert mich, Maͤnnchen,“ rief d die Lrdoh„daß Dir Waltherchen ſo gar arg miß⸗ faͤllt. Ich bin ganz ſicher, daß er eben ſo gut Dein eigen Kind iſt, als alle die andern. Und iſt er nicht ein gutmuͤthiges Juͤngelchen? Singt er nicht den ganzen Tag vor der Thüͤr wie'n Dompfaffe? waͤhrend Karlchen den hellen, langen Tag rumläuft, die Kleider zerreißt, Vogelneſter ſucht und die Katzen plagt." n „Das nennſt Du ſingen?“ erwiederte der Vater.„Er kriegt ja nichts'raus, als lal, lal, lal rückwaͤrts und vorwaͤrts. Der Kuckuk hat doch zwei Töne in der Rchle der Bucſch gar keinen.“ 3.. „Es iſt doch ein uichabie Plaiſir, das —— er ſich da macht, und ich wuͤnſche, ſeine Bruͤ⸗ der moͤchten nichts Schlimmeres thun. Aber Du kannſt ihn einmal nicht leiden, weil mein Vater ihm Plealands zuſchrieb, und deßhalb ſagſt Du der ganzen Welt, mein Walther⸗ chen waͤr'n Simplex.“ „Du magſt ſelbſt ein Simpler ſein, liebe Frau. Sprechen wir nicht hier vernuͤnftig üͤber unſere Familienangelegenheiten? Das wäre traurig, wenn ich glauben muͤßte, Wal⸗ cherchen oder irgend eins meiner Kinder wäre nicht wie die übrige Welt. Aber Du weißt, daß es verſchiedene Grade von Verſtandesfaͤhig⸗ keiten giebt, und unter uns geſagt, Walther⸗ chen erhielt nur ein geringes Maß." „Nun ſo etwas hoͤrte ich doch mein Leb⸗ tage noch nicht! Wenn unſer Herrgott unſerer Familie das Gehirn bouteillen⸗ und ſchoppen⸗ weiſe zumaß, ſo kriegte Waltherchen gewiß einen ganzen Eimet voll; denn er iſt weiter als Karlchen und kann die ganzen zehn Gebote nach der Reihe herſagen, da dieſer nicht ein⸗ mal weiß, was die Erbſuͤnde iſt.⸗ „Eben das verdrießt mich,“ erwiederte der — 58— Vater.„Denn der Burſche lernt Alles aus⸗ wendig, aber es liegt kodt in ihm, wie in einem Buche, und er wird nicht geſcheidter dayon⸗ Doch iſt's mir ein kleiner Troſt, daß⸗ weil Dein Vater ſo halsſtarrig iſt, Karlchen zu uͤbergehen, daß'r dadurch geſtraft wird⸗ einen Dummkopf zum Erben zu haben.“ „Gott behuͤte und bewahre uns! Iſt nicht der Dummkopf Dein eigen Fleiſch und Blut? ½ xief die erzuͤrnte Mutter.„Du mußt ſelbſt rappeln, um ſo deſpektirlich von Deinem eignen Eingeweide zu ſprechen, als waͤr's nicht beſſer als'n Haubenſtock.— Du ſollſt meinem Kinde kein Unrecht thun, ſo lang ich noch Aehen habe, und ſo huͤte Dich nur!“ ein „Chriſtel, Du haſt einen n Kopſe und usan hat ein Nagel auch.“ An. n en a„Mann, Du haſt eine auusen und 1 be eine Glocke auch.“ „Na, na! was ich ſagte, war zum Mabahß unſever Familie,“ erwiederte Claudius. nlud nach allem unſerem Zuſammenſparen wäͤr's doch ein Jammer, wenn, durch unſere Fahr⸗ läſſigkeit, der Karren in den Koth fiel'nn — 49— en,Du ſchwatzeſt nur von der Familie,“ enkgegnete die Leddy,„aber nichts von den einzelnen Kindern,— das kann ich nicht be⸗ greifen; denn ſind nicht Karlchen, Walther⸗ chen, Juͤrgelchen und Grethelchen unſere Fa⸗ milie?“. „Meine Familie,“ ſagte Claudius mit ſtolzer Wuͤrde,„waren die Walkinſhaws von Kittleſtonheugh! Aber laß Dir ſagen, Chri⸗ ſtiana Hypel, waͤr's nicht um ihretwillen geſchehen, ſo waͤr' jetzt kein Karlchen und kein Walcherchen in der Wet, um die wir uns zankten.“ .„Ich habe nichts gegen Deine Sippſchaft,“ entgegnete die Frau.„Aber ich kann nicht begreifen, warum Du Stiefkinder aus Deinen eignen Kindern machen willſt, und das bloß Deinen alten Patriarchen zu Gefallen, die ſchon lange verfault waren, ehe Ahnaham den Tlass zeugte.“ „Weib, halt's Maull E Dein Ge eht n iſt wie ein Schlag in's Waſſer und wie das Toͤnen einer erznen Schelle, Geh' in die Kuͤche und ſieh nach dem Abendbrote!"“ — 60— Eiin ſolches Kommandowort endigte mei⸗ ſtentheils das Zwiegeſpraͤch des zaͤrtlichen Ehe⸗ paars. Die Leddy begab ſich in die Kuͤche und vergaß, uͤber die Geſchafte des Haus⸗ weſens, bald allen Groll. 1 d bent R e unte s Kiapiit el. Mittlerweile lebten die Familien Grippy und Pleglands ſo einig, als es von deren Charaktern und Sitten zu erwarten ſtand. Doch, kurz nach dem Geſpraͤch, welches wir in unſerem vorigen Kapitel erzäͤhlten, trug es ſich zu, daß Malachias, als er von Glasgow, wo er einen Prozeß verloren hatte, nach Hauſe titt, auf der Heide von einem heftigen, kal⸗ ten Regenſchauer uͤberfallen wurde, und ſich dergeſtalt erkaͤltete, daß er, fuͤnf Tage nachher, nicht mehr unter den Lebenden wandelte. 40 Als man, nach dem Leichenbegaͤngniſſe, die Papiere des Lairds unterſuchte, entdeckte Herr * Keelevin, der bei dieſer Gelegenheit gegen⸗ wartige Rechtsfreund, daß die Urkunde, welche der Verſtorbene zu Gunſten Walthers, des zweiten Sohnes von Claudius, ausgeſtellt — — 61— hatte, in einigen weſentlichen Punkten, nicht als ein eigentliches Fideicommiß betrachtet werden koͤnnte, doch in jeder anderen Hinſicht, als Teſtament, ihre volle Guͤltigkeit habe. Man zog daher, wie es in allen dergleichen Fällen gebraͤuchlich iſt, die Meinung mehrerer Rechtsgelehrten zu Rathe, welche einmuͤthig den Anſichten des Herrn Keelevin beiſtimmten. Walther wurde demnach als Erbe des Gutes anerkannt, doch ohne genoͤthigt zu ſein, den Namen ſeines Großvaters anzunehmen:— gerade der weſentlichſte Punkt, auf welchem der alte Herr am hartnäͤckigſten beſtanden hatte. Wir muͤſſen es den Rechtsgeleheren, welche dergleichen Fehler begehen, zu n den uͤberlaſſen, wie es ſich zutrug, daß die Klauſel, welche einen ſo wichtigen Punkt be⸗ traf, ſo undeutlich und unbeſtimmt ausgedruͤckt war. Die Entdeckung dieſes Fehlers bewog unſern Claudius, ſich alsbald zu dem jetzt ver⸗ ſtorbenen Gilbert Omit zu begeben und dieſen zu bitten, das Dokument, in welchem Grippy zum Fideicommiß erklaͤrt worden war, und wel⸗ ches er ſelbſt aufgeſetzt hatte, nochmals zu un⸗ terſuchen. Nachdem dieſes nun gehörig ge⸗ ſchehen war, fand Herr Omit, auch dieſe Ur⸗ kunde ſei mangelhaft und leicht umzuſtoßen. Wahrlich, bedenkt man, wie oft manche Rechis⸗ freunde Nutzen aus ihren eignen g ziehen: ſo wird man verſucht zu glauben, ſie entweder zu Gunſten ihrer Nachfolger, oder gar fuͤr ihren eigenen Vortheil arbeiten. Doch ſtiftete die Entdeckung teſtamentariſcher Irr⸗ thuͤmer oft größeres Unheil, als in dieſem Falle. Denn anſtatt daß dieſer Schnitzer dem alten Herrn unangenehm geweſen waͤre, be⸗ zeigte er vielmehr die hoͤchſte Zufriedenheit, Rechtsfreund ihm ſeine Frage: ob es noch in ſeiner Macht ſtehe, ſeinen Erſtgebor⸗ nen gänzlich zu enterben bajahende Heants wortete. Wir waren naunas„ als wohibeſtalten Schreiber, bei der Sitzung gegenwäͤptig, und noch immer tont der Eifer und die Haſt in unſeren Ohren, mit welchen er fragte, ob es nicht thulich wäre, ſeinen Sohn Walther dahin zu beſtimmen, daß er ſeins⸗ Erbſchaft Plealands mit Grippy iffen — 63— beiden ein ſo anſehnliches Gut entſtehe, als Kittleſtonheugh ehedem geweſen war. „Sie wiſſen, Herr Omit,“ ſagte er ferner, „wie mich mein Großvater eigentlich, ſo zu ſagen, um mein Erbtheil betrog. Da es nun die Vorſehung ſeitdem in meine Gewalt gab, durch die Vereinigung Plealands mit Grippy, das Anſehen der Familie wieder her⸗ zuſtellen: ſo moͤchte ich gern deßhalb eine Uebexeinkunft mit Waltherchen treffen.“ Mit jener kaltbluͤtigen Ruhe, welche alte gediegene Rechtsfreunde gewoͤhnlich erlangen, antwortete Herr Omit:„So lange Walther minderjährig iſt, kann hierin nichts unter⸗ nommen werden. Erlangt er aber dereinſt die Volljäͤhrigkeit, und iſt alsdann Willens auf die Sache einzugehen: ſo ſteht kein geſetz⸗ maͤßiges Hinderniß mehr im Wege. Doch ſollte man die Sache vorher wohl und be⸗ daͤchtig erwaͤgen; denn es iſt doch hoͤchſt ſelt⸗ ſam, daß ein Vater ſeinen Er ſtgebornen, ohne allen gegabenen Anlaß, bloß deßhalb enterben will, damit das Eigenthum des zweiten Soh⸗ nes vergroͤßert werde.“ — 64— „Welchen Eindruck dieſe Ermahnung auf Claudius machte, laͤßt ſich nicht mit Gewiß⸗ heit ſagen. In tiefes Nachdenken verſunken, ſammelte er ſeine Schriften und ging nach Grippy zuruͤck, wo er Herrn und Frau Kilfuddy fand, welche der Leddy eine Kondolenzviſi abſtatten wollten. Zehntes Kapitel.— Der ehrwürdige Herr Kilfuddy war ein klei⸗ nes unterſetztes Männchen, mit einer rothen Naſe, weiß gepuderten Perücke und großem, aufgeſtutzten Hute; doch voll Feuer und Le⸗ bendigkeit. Seine Gattin war eine wohlbe⸗ leibte, ernſte und feierliche Matrone, welche in allen ihren Geberden ausdruͤckte, wie ſehr ſte ſich ihres hohen Ranges als Gattin eines Landgeiſtlichen bewußt war. e et Rach der Schottiſchen Etikette der dama⸗ ligen Zeit war ſie, bei dieſer Gelegenheit, in Trauer gekleidet. Da aber der Tag kalt war, hatte ſte ihren mit Kaninchenfellen gefutterten Wintermantel von gruͤnem Atlaß uͤbergezogen, durch deſſen Aermelloͤcher ſie ihre Hände in einen großen ſchwarzſeidenen Muff ſteckte, den ſie felbſt, vor etwa dreißig Jahren, mit herr⸗ licher Blumenſtickerei geziert hatte, ſo daß ſte kein uͤbles Bild des Dezembermonats dar⸗ ſtollte. n e ang mniee ncpäen Nachdem der Prediger ſich pathetiſch und mit gehoͤriger Theilnahme nach dem Befinden der Leidtragenden erkundigt hatte, bemerkte er, mit frommer Mienr, nichts ſei ſo un⸗ gewiß, als der Lauf der Welt.„Die bittere Arzenei,“ ſagte er,„welche Ihnen, Frau Wal⸗ kinſhaw und den lieben⸗ Ihrigen zugetheilt wurde, iſt ein Zeichen deſſen, was wir Alle in dieſer Welt zu erwarten haben. Aber wir muͤſſen uns nicht davon niederbeugen laſſen, ſondern auf die Ewigkeit vertrauen; denn die Leiden, welche unſerer gebrechlichen Menſch⸗ heit zu Theil werden, dienen zum Unterpfande kuͤnftiger Gluͤckſeligkeit. Ich hoffe daher mit Gewißheit, daß Sie ſich bald von dieſem har⸗ ten Schlage erholen, und in den Sorgen fuͤr Ihre lieben Kleinen eine angenehme Schad⸗ loshaltung fuͤr den Verluſt ihres wuͤrdigen Vaters finden werden, der, wie ich mit I. Thl. 5 Vergnuͤgen hoͤrke, in beſſeren Umſtaͤnden ſtarb, als bei ſeinen haͤufigen Rechtshändeln zu er⸗ warten ſtand. Man ſagt, er habe nicht nut das Gut ſchuldenfrei, ſondern auch eine be⸗ traͤchtliche Summe baaren Geldes hinterlaſſen. „Mein Vater, Herr Kilfuddy,“ erwiederte die Leddy,„war, wie Sie recht gut wiſſen, von einem ſehr reſpektabeln Charakter, und ich will gerade nicht ſagen, daß r nicht ein Ei im Neſt hinterlaſſen haben ſollte. Dem Himmel Kei Dank! wir duͤrfen mit dem zu⸗ frieden ſein, was er uns zum Heil unſerer armen Seelen ſchenkte. Aber das Begrauͤbniß koſtet meinem Maͤnnchen ein gewaltiges Geld! Denn da mein Vater das Haupt der Familie war, ſo mußten wir das Geſinde, hier und in Plealands, in tiefe Trauer ſtecken; und dann müͤſſen wir, wie Sie kuͤnftigen Sabbath ſehen werden, die ganze halbe Kirche mit ſchoͤnem ſchwarzen Tuche behaͤngen laſſen, das wohl zwanzig Pence die Elle koſtet, und noch dazu aus der erſten Hand, aus Maͤnnchens Laden. Aber weniger koͤnnen wir doch nicht thun.“ „Und ich ſehe,“ ſprach die Pfarrfrau da⸗ —-— 67— 7 zwiſchen,„daß Sie einen ſuperfeinen Bom⸗ baſſin anhaben. Der iſt wohl auch aus Herde Walkinſhaws Laden?“ „Ach, Madame!“ erwiederte die Leidtra⸗ gende,„Sie wiſſen nicht, welch ein Ungluͤck ich hatte. Wie mein Vater Abſchied von die⸗ ſer ſchnoͤden Welt nahm, war ich, wie Sie wiſſen, eben in Pealands, und ſchickte wegen der Trauer nach Glasgow und naturlich zu Männchen, hatte auch die Schneiderin ſchon im Hauſe. Aber es war gerade an einem Tage, wo's regnete wie bei der Suͤndflut, ſo daß Alles, Krepp und Bombaſſin, windelnaß und breiweich wurde. Es war in der That ein betruͤbter Anblick, und da mußt' ich noch ei⸗ nen Boten nach Kilmarnock fuͤr die theuern Sachen, die ich da anhabe, ſchicken. Aber, Herr Kilfuddy, Alles in dieſer wuͤſten, argen Welt muß zum Beſten dienen; und wenn auch mein Maͤnnchen fuͤr zwei Traueranzuͤge bezahlen mußte, ſo kann er doch, wenn er Papas Spar⸗ buͤchſe ſtuͤrzt, zufrieden ſein, daß es nicht ſchlim⸗ mer war.“ „Was Sie da ſagen, Frau Walkinſhaw, 5 8 — 68— iſt ſehr vernuͤnftig,“ erwiederte der Prediger. „Denn man ſagte bei dem Begraͤbniſſe, Ihr Vater haͤtte wohl an die dreitauſend Pfund baaren Geldes hinterlaſſen.“ e „Ree, Herr Kilfuddy, ſo viel iſt's wohl gerade nicht. Aber unter zweitauſend iſt's doch auch nicht. 2aef n „Ein ſchoͤnes, rundes Suͤmmchen,“ ſagte der geiſtliche Troſtſpender. Aber ſeine wei⸗ teren frommen Betrachtungen wurden durch Waltherchen gehemmt, der in's Zimmer ge⸗ ſtürmt kam und aus Leibeskräften ſchrie: „Mama, Mama, da die garſtige, alte Marthelieſe will m'r nicht'n Biſſen von Großpapas Leichenkuchen geben, und Du haſt doch drei ganze Stuͤcke, mit Konfekt d'rauf, mitgebracht und zwei Stuͤcke ſo groß wie mein Kopf, mit geſtreutem Zucker!”“ Ddie Gravität des geiſtlichen Ehepaars wurde maͤchtig durch dieſen unartigen Laͤrm geſtoͤrt, doch beruhigte es ſich wieder, als Frau Walkinſhaw befahl, Kuchen und Wein herbei⸗ zubringen, wovon auch Waltherchen ſein Theil erhielt. Das Ehepaar blickte ſich hierauf be⸗ 5 * — 69— deutend an, Frau Kilfuddy ſteckte die Haͤnde in ihren Muff, erhob ſieh und ſagte:„Nun, Frau Walkinſhaw, ich hoffe, daß, wenn Sie die Leddy, Ihre Mutter, in Plealands beſuchen, Sie auch im Pfarrhauſe einſprechen und den jungen Laird mitbringen werden, denn er iſt ein geiſtreiches Kind, das muß Jedermann eingeſtehen.* annEr iſt, wie er aus den Hinden ſeines Schoͤpfers kam,“ erwiederte die zärtliche Mut⸗ ter, indem ſie den Prediger fromm anblickte. „Es iſt mir ein großer Troſt, daß mein Va⸗ ter ſo gut fuͤr ihn ſorgte.“ ülſo iſt's wahr,“ fragte Herr Kilfuddy, „daß ganz Plealands ſein Eigenthum iſt?“ „So iſt's, mein Herr, und es wird ein hübſcher Brocken ſein, wenn er einmal zu Ver⸗ ſtand kommt.“ „Das wird noch gute Weil⸗ haben,“ ſagte der Prediger etwas ſpottiſchs denn Walthers Mangel an Verſtand ſiel mehr in die Augen, als ſeine Mutter glaubte. Doch bemerkte ſie Herrn Kilfuddy's ſpitzige Rede um ſo⸗ weniger, da ihr Gatte im naͤmlichen Augenblicke ein⸗ — 70— trat, und zwar ſichtlich in großer Verwirrung, und die Schriften, welche er bei Herrn Qmit mitnahm, noch in der Hand haltend. Elftes Kapitel. So wie die meiſten Ehefrauen, wußte auch Frau Walkinſhaw aus Erfahrung, daß, wenn der Eheherr uͤbler Laune iſt, ſie am vernunf⸗ tigſten handeln, wenn ſie ihn allein laſſen, damit er, wie man zu ſagen pflegt, wieder zu ſich ſelbſt komme. Anſtatt ihn alſo mit vie⸗ len Fragen uͤber die Urſache ſeiner Mißlaune zu plagen, zog ſie Frau Kilfuddy bei Seite, begab ſich mit ihr in ein anderes Zimmer und überließ ihr Maͤnnchen dem wuürdigen Manne Gottes, der auf ihn zuging und Fol⸗ gendes zu ihm ſprach: ee „Es freut mich unendlich, bemerkt zu haben, beherzigen wollten. Denn mit allen ſeinen Feh⸗ lern,— und wer iſt ohne dieſe?— war Herr — 271— Plealands nicht ohne manche gute Eigenſchaf⸗ ten, obſchon der arme Mann arg genug mit ſeinen widerſpenſtigen Lehnskeuten geplagt war. Aber er hat gekaͤmpft und geſiegt und befin⸗ det ſich dermalen, wie wir ſaͤmmtlich hoffen, in jenem Freudenthale, wo die Boͤſen nicht ſcha⸗ den koͤnnen und die Muden in Frieden ruhen. Doch muß es ohne Zweifel Ihnen, Herr Wal⸗ kinſhaw, ſehr unangenehm geweſen ſein, daß er Ihren zweiten Sohn zum Erben einſetzte. Aber es iſt ein Ungluͤck, das wohl noch zu ändern ſteht; laſſen Sie es ſich daher nicht ſo ſehr zu Herzen gehen.“— „Dem Himmel ſei Dank! noch laͤßt's ſich wohl aͤndern, wie Gilbert Omit mir ſagte,“ erwiederte Claudius.„Aber ich bin um die Mittel verlegen, denn mein aͤlteſter Sohn Karl iſt ein feiner Burſche, und ich moͤcht ihn nicht gern enterben. Ach, Herr Kilfuddy! warum geſiel's dem Schoͤpfer nicht, Walther⸗ Lun ſo zu ſchaffen wie ihn?“ Der Prediger, welchem dieſe Rede un⸗ gerſiindlich blieb, ſagte:„Wenn wir die Sache gehoͤrig erwägen, Herr Walkinſhaw, — 2— ſo wuͤrde es wohl das Beſte fein, dem Geſetze ſeinen Lauf zu laſſen. Denn wenn Sie Ihre Guter gleich nicht alle zuſammen haben koͤn⸗ nen, wie Sie wohl wuͤnſchen moͤgen, ſo blei⸗ ben ſie doch in Ihrer Familie.“ , Dagegen wende ich nichts ein,“ ent⸗ gegnete Claudius.„Aber ich mochte gern das Ganze zuſammen haben, denn alsdann koͤnnte ich Plealands gegen Divethill und Kittleſton austauſchen, die beiden Pachtguͤter, welche, nebſt Grippy, das Erbe meiner Vaͤter waren. Herr Auchinelaß, der gegenwärtige Beſitzer, ſtammt aus der Grafſchaft Aire, und ich hatte ſchon ſo einen Wink, daß er gern tauſchte, wenn's das Geſetz zugäbe.“ „Ich kann nicht ſagen,“ erwiederte der ehrwuͤrdige Herr Kilfuddy,„daß ich viele Kenntniſſe von den Geſetzen der Menſchen haͤtte. Doch halte ich die Sache nicht fuͤr unmoͤglich. Aber Sie muͤßten, auf jeden Fall, eine vortheilhafte Bedingung fuͤr Ihren Sohn Walther, als den Erben ſeines Großuntert, feſtſetzen.“ t. „Das iſt ja Gen die Fatalität von der ganzen Geſchichte, Herr Kilfuddy, denn eine getheilte Erbſchaft mag ich nicht, und das Schlimmſte iſt, daß⸗ obſchon Waltherchen ein Dummkopf iſt, man ihn doch nicht fuͤr rein toll erklaͤren kann. Und geſetzt auch, er waͤr's, ſo erbte doch, nach den Geſetzen und dem Laufe der Natur, Juͤrgelchen und nicht Karl⸗ chen die Plealandsguͤter. Kurz, Herr Kil⸗ fuddy, ich ſehe keinen andern Ausweg, als eine Urkunde auszuſtellen, durch welche Grippy mit Plealands zuſammen verbunden wird; und ich wuͤrde das auch auf der Stelle thun, wenn nicht das arme Karlchen d'runter leiden muͤßte.— Glauben Sie, daß es große Suͤnde waͤr', wenn ein Vater ſeinen Erſtgebornen auf die Seite ſchoͤbe? Sie wiſſen, daß dem Jakob der Segen ſeines Vaters und die Erſtgeburt vor ſeinem Bruder Eſau, zugeſtanden wurde.“ Obzwar Herr Kilfuddy einige weltliche Ge⸗ ſinnungen hegte, ſo war er deſſenungeachtet ein frommer, rechtſchaffener, presbyterianiſcher Prediger, und ſein Feuereifer erwachte augen⸗ blicklich, um die kaltherzigen Spekulationen des ſchmutzig geizigen Vaters gehoͤrig zu beſtrafen. — 4— „Herr Walkinſhaw,“ ſagte er mit Strenge, „ich kann keinen paſſenden Vergleich zwiſchen dem Falle mit Ihren beiden Söhnen und der Geſchichte von Jakob und Eſau finden. Was noch mehr iſt, ſo beweiſen gerade die Zweifel, welche Sie hegen, daß Ihre Abſichten ſuͤnd⸗ haft ſind. Denn, o mein Herr! was wir nicht vor uns ſelbſt entſchuldigen koͤnnen, das iſt gewiß ein böſer Vorſatz. Um Sie aber wenigſtens in Einem Punkte eines Beſſern zu belehren, und damit Sie Ihr unnatuͤrliches Vorhaben, Ihren Erſtgebornen zu enterben, um in Ihrem hochmuͤthigen Duͤnkel ein gro⸗ ßes Gut zu hinterlaſſen, nicht mit der heili⸗ gen Schrift entſchuldigen können: ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ein Geheimniß unſerer hei⸗ ligen Religion in Jakobs Linſengericht ver⸗ borgen liegt, und daß es ein gottloſes Unter⸗ fangen iſt, ſich mit demjenigen zu befaſſen, was dem Herrn gehoͤrt. Denn was er thut und was er zugiebt, uͤberſteigt den menſchli⸗ chen Verſtand, und wehe denen, welche ſich ſeinen weiſen Abſichten widerſetzen! Zum Bei⸗ ſpiel: er nimmt den Athem des Lebens nach — 75— Gefallen hinweg, aber hat er nicht befohlen, Du ſollſt nicht tödten? Herr Walkinſyaw, ich rathe Ihnen gegen dieſe fleiſchliche Begierde zu kaͤmpfen, mit dem Satanas zu ringen und ihn wohl auf die Huͤfte zu ſchlagen, damit er von Ihnen laſſe, und Sie von einer ſo ab⸗ ſcheulichen Suͤnde befreit werden mögen! Ach, wie ſind Sie verblendet, daß Sie ein ſolches Uebel begehen mögen! Wahrlich, eine erfreu⸗ liche Ausſicht, wenn dereinſt auf ihrem Sterbe⸗ bette Beelzebub auf Ihrer Bruſt ſitzt, und mit. ſeinen gluͤhenden Hoͤrnern in Ihr ſchuldbelaſte⸗ tes Gewiſſen und in ihre arme Seele bohrt!“ Claudius ſchauderte ob dieſem Gemaͤlde, ergriff die Hand des Strafpredigers und ſagte: „Wir koͤnnen die gottloſen Gedanken, welche zuweilen in uns aufſteigen, ohne daß wir wiſſen wooher, nicht verbannen.“ „Nicht wiſſen woher?— Ich ſage Ihnen: ſchnurſtracks aus der Hoͤlle! Dergleichen Ge⸗ danken ſind die ſchwarzen Raben, welche auf den Bäumen in Satans Obſtgarten ſitzen, und die Seelen der Verdammten ſind die Aeſer, von denen ſie ihren Fraß halten!“ „um's Himmelswillen, Herr Kilfuddyl“ rief der uͤber und uͤber bebende Claudius, „ſprechen Sie nicht auf dieſe Weiſe, meine Haare ſtraͤuben ſich ja empor!“ 15an „Haar! O Mann! es wuͤrde zu Deinem Heile dienen, ſtrebte Deine koſtbare Seele em⸗ por, oder richtiger geſagt, beugte ſie ſich in den Staub. Dann würdeſt Du Dich in einen Winkel verkriechen, und den Ausſatz einer ſolchen graͤulichen Suͤnde mit den Scherben des Evangeliums ſo lange ſchaben, bis die Reue Dich ergriffen haͤtte!“ 15 Dieſe geiſtlichen Verweiſe klingen vielleicht etwas hart in den zarten und verfeinerten Ohren der jetzigen Welt. Aber ſcharfe Drohun⸗ gen mit der Ewigkeit der Höllenſtrafen waren zu jener Zeit wirkſamer, als alle ſanftmuͤthige Ueberredungskuͤnſte. Daher nahmen die geiſt⸗ lichen Hirten des Volks keinen Anſtand, ihre Strafpredigten mit den gräͤßlichſten Bildern zu ſchmuͤcken. Und dennoch war die Macht einer ſo kraͤftigen Beredſamkeit oft nicht hin⸗ reichend, die Suͤnder zur Buße zu bewegen, ſo wie auch in dieſem Falle die Energie des Herrn Kilfuddy wahrſcheinlich keine andere Wirkung auf Claudius machte, als daß er eine Weile hin und her ſchwankte. Doch be⸗ zeigte er beim Abſchiede eine große Reue daruͤber, daß er, wie er ſich ausdruͤckte, in die Verſuchung gerathen war zu glauben, er koͤnne, nach Gutdunken, ſein Vermigeme hin⸗ terlafſen, Wes er wolle. 3 95 ri: 27 Kapitelrl.. Als der Laird von Plealands ſtarb, be⸗ ſtand die Familie Grippy, wie bereits erwuͤhnt, aus drei Soͤhnen und einer Tochter. Karl, der aͤlteſte, war, wie ſein Vater zu Herrn Kilfuddy ſagte, ein ſchoͤner, hochherziger, auf⸗ richtiggeſinnter Knabe. Claudius liebte ihn ſo ſehr, als es in der Kaͤlte ſeines Charak⸗ ters lag, ein menſchliches Geſchoͤpf lieben zu koͤnnen. Aber, aus einer jener unerklaͤrbaren Antipathien, mit denen die Natur die Philo⸗ ſophie zuweilen in Verwirrung ſetzt, hegte Frau Walkinſhaw beinahe einen wahren Haß gegen ihren Erſtgebornen, und wendete ihre ganze mütterliche Zaͤrtlichkeit dem faſt blöd⸗ ſinnigen Walther zu. George, der dritte Sohn, war zu jener Zeit noch zu jung, als daß man ein Urtheil uͤber ihn lhaͤtte fällen koͤnnen. Als er aber heranreifte, zeigte ſich⸗ daß er unter dem Anſcheine eines trägen und . unfaͤhigen Geiſtes den berechnenden, hartnaͤcki⸗ gen Charakter ſeines Vaters in vollem Maße ererbt hatte. Da wir die Tochter, welche Mar⸗ garethe getauft wurde, deren Namen ihre Mut⸗ ter aber in das elegantere Wörtchen Grethel verwandelte, einige Zeit aus dem Geſichte ver⸗ lieren werden: ſo wollen wir dem Leſer hier nur einſtweilen eine kurze Schilderung ihres Charakters mittheilen. Auf Schoͤnheit konnte ſie nur geringe Anſprüche machen, und eben ſo wenig auf geiſtige Vollkommenheiten. Ihr Hauptverdienſt beſtand in ſparſamer Fuͤhrung des Hausweſens. Die wenige Bildung, welche ihr zu Theil wurde, verdankte ſie einer armen lahmen Frau, die ihr Unterricht im Leſen, Stricken und Nähen gab, wie auch in dem, was man zur Noth Schreiben nennen konnte. Als nun Jungfer Grethel, unter der Leitung dieſer Hofmeiſterin, das ſechzehnte Jahr er⸗ Zufriedenheit mit — 79— 2 reicht hatte, ſchloß ſich das Herz ihres Vaters inſofern auf, daß er, hinſichtlich der Morgen⸗ gabe, die er jetzt im Stande war ihr dereinſt mitzugeben, beſchloß, ſie auf drei Monate nach Edinburg zu ſenden, um daſelbſt, wie ihre Mutter ſich ausdruͤckte, ſich in einer Koſe ſchule zu perfektioniren.“ nid Um jedoch wieder auf Karl, den Eiſtge⸗ bornen, zuruͤckzukommen, auf deſſen Geſchichte wir anjetzt unſere vorzuͤglichſte Aufmerkſam keit richten muͤſſen: ſo ſind wir genoͤthigt zu ſa⸗ gen, daß, ungeachtet der verſteckten Neigung ſeines Vaters, ihn enterben zu wollen, dennoch der Fruͤhling ſeiner Jugend die günſtigſten Ausſichten verſprach. Dieſe verdankte er vor⸗ zͤglich ſeiner Großmutter, welche, wäͤhrend des Lebens ihres Gatten, beinahe von ihrem Trauungstage an, immerwaͤhrend gekraͤnkelt hatte, und ihre mannigfaltigen Leiden mit einer Ergebung trug, die zwar ruhig ſchien, aber mehr von T ne neſctagendel als von hrem Schickſale herruͤhrte. Sobald aber ihr ſtrenger Herr und Meiſter von der Welt Abſchied genommen hatte, be⸗ 4 — 80— feſtigte ſich nicht nur ihre Geſundheit, ſondern auch ihre innern Lebensgeiſter gewannen neuè Stärke, ſo daß ſie, nach etwa ſechs Monaten, zu Jedermanns Verwunderung⸗/ als eine mun⸗ tere alte Matrone erſchien, die Vergnügen am geſelligen Leben ſud und aſch demſelben hüngad 8; hrch Im naͤchſten Sommer zog g ſes nach Glas⸗ gerud nahm den damals zehnjaͤhrigen Karl zu ſich, damit er dort den gehoͤrigen Schul⸗ unterricht genießen koͤnnte. Erwaͤgt man die ungebildete Erziehung ſeines Vaters und den rohen unwiſſenden Charakter ſeiner Mutter, ſo muß man dieſes als einen wahren Gluͤcks⸗ fall betrachten; denn die alte Leddy war⸗ in ihrer Jugend zu einer weit hoͤheren Sphäaͤre beſtimmt, als die Haushäͤlterin des Lairds von Plealauat zu werden. in 82 Ihr Vater war nicht nur Garhwaltet in Edinburg geweſen, ſondern auch Mitglied der letzten Staͤndeverſammlung von Schottland. Daßer ſich aber, mit der außerſten Hartnäaͤk⸗ kigkeit, der Vereinigung beider Koͤnigreiche widerſetzte: ſo draͤngten ihn die damaligen — 8— Machthaber ſo ſehr auf die Seite, daß er, bei allen ſeinen vorzuͤglichen Faͤhigkeiten, wenig oder gar keine Geſchaͤfte aufgetragen bekam. Die Muße, zu welcher er ſich gezwungen ſah, widmete er jedoch der Bildung des Gei⸗ ſtes ſeiner Tochter, und kein Vater konnte jemals zärtlicher ſein, bis ungefahr um die Zeit, wo ſie ihr zwanzigſtes Jahr erreicht hatten Ihre Reize ſtanden damals in voller Bluͤthe und erregten die Bewunderung aller Maͤnner. Aber je mehr jedes Maͤnnerherz von der Grazie und dem Verſtande des ungluͤck⸗ lichen Maͤdchens entzuͤckt war, deſto eifriget war ihr Vater darauf bedacht, ſie verheiratet zu ſehen. Dieſe Idee wuchs endlich zu einer wahren Leidenſchaft und artete ſo ſehr aus, daß ſie beinahe an Geiſteskrankheit grenzte. Seine unaufhoͤrlichen Fragen, ob dieſer oder jener Herr es wohl ernſtlich meine, verbitter⸗ ten das Leben ſeiner Tochter und beraubten ſie des unſchuldigen Vergnuͤgens, welches das weibliche Herz, ſehr natuͤrlicherweiſe, an der findet. nin an 40. n 1. Thl.. 6 Aufmerkſamkeit des maͤnnlichen Geſchlechtes — 82— In dieſer Zeit befand ſich Malachias Hypel in Edinburg, um daſelbſt die Rechte zu ſtu⸗ diren, doch mehr noch in der Abſicht, mit ſeinen Kumpanen der Flaſche fleißig zuzu⸗ ſprechen. Er war ein wuſter, kecker und aus⸗ ſchweifend lebender Geſelle, deſſen Vermoͤgen und Verbindungen ihm zwar den Zutritt zu den beſten Geſellſchaften geſtatteten, die er aber gegen die rohſten und niedrigſten ver⸗ tauſchte, da dieſe ſeinen Sitten und Neigun⸗ gen angemeſſener waren, als jene. Unſeliger⸗ weiſe war er einer der lauteſten und waͤrm⸗ ſten Bewunderer der Unglücklichen, und eines Abends, von Claret und Branntwein berauſcht, ztrug er ihr, in Gegenwart ihres Vaters, ſeine Hand an. Der alte Mann ergriff das Anerbieten mit wahrer Gier, und obſchon das Herz des armen Maͤdchens vor dem Gedan⸗ ken, das Weib eines ſo rohen Menſchen wer⸗ den zu muͤſſen, beinahe brach, ließ ſie ſich dennoch üͤberreden, in Monatsfriſt, die Gattin des Lairds zu heißen. 1 Das Betragen ihres Vaters war dumal ganz unerklaͤrbar, aber nach ſeinem Tode, den das Elend ſeines geliebten Kindes beſchleunigte, kam das Geheimuiß an den Tag. Seine Umſtaͤnde befanden ſich in der verwickeltſten Lage. Sein kleines Erbtheil war gaͤnzlich dahin, und als er auf ſeinem Sterbebette ſeine Tochter um Verzeihung flehte„ geſtand er, der Gedanke, ſie in Armuth zu laſſen, habe ſeine Vernunft ſo ſehr uͤberwäͤltigt, daß er keinen andern Gedanken mehr gehegt, als den, ſie gegen die Schrecken des Mangels zu ſicheren. Ein ſo ſchmerzliches Geſtaͤndniß ſollte die rohe Natur ihres Gatten beſaͤnftigt haben, aber leider brachte es eine entgegen⸗ geſetzte Wirkung hervor. Er waͤhnte, gewiſſer⸗ maßen überliſtet worden zu ſein, und ob er zwar keinesweges aus Eigennutz geheiratet hatte, machte er ſeiner Gattin dennoch den Vorwurf, ſie ſei Theilnehmerin an den nied⸗ rigen Kunſtgriffen ihres Vaters geweſen. Dieſe unwuͤrdige Begegnung truͤbte ihr ganzes Leben, und ſtuͤrzte ſie in eine immerwaͤhrende Schwer⸗ muth, die ſie nicht eher verlor, als bis der Tod ihres Gatten ihre Feſſeln loͤſte. Die gange Zaͤrtlichkeit der Matrone ſiel 5* — 34— nunmehr auf ihren Enkel Karl, welcher, ohne gerade mit vorzuͤglichem Genie begabt zu ſein, mit der ganzen Fuͤlle und Gluth eines Dich⸗ ters zu fuͤhlen ſchien. Seine kindliche Liebe und die Aeußerungen derſelben fachten die längſt ſchlafenden liebevollen Empfindungen in dem Buſen ſeiner Großmutter auf's Neue an; und indem ſie dieſen vielleicht zu ſehr nach⸗ gab, lehrte ſie ihren Enkel, Liebe fuͤr das groͤßte Erdengluͤck zu halten. Oft ſagte ſie zu dem erſtaunten Knaben, der den Sinn ihrer Worte noch nicht begreifen konnte: „Liebe gleicht ihrem Sinnbilde, dem Feuer. Sie kommt, wie dieſes, vom Himmel, und erwaͤrmt ſie einmal zwei treue Herzen, ſo wächſt die Flamme immer ſtaͤrker, und ſteigt zu ihrer heiligen Urquelle empor.“— Dieſe romantiſchen Lehren waren jedoch uͤbel berech⸗ net, um den jungen Menſchen gegen die Tuͤcke des Schickſals, welches ihm bevorſtand, zu waffnen; indem ſein Vater noch unablaͤſſig auf deſſen Enterbung bedacht war, und nur auf eine ſchickliche Gelegenheit wartete, um ſeinen Vorſatz auszufuͤhren. — 853— nDreizehntes K a p it l. n Karl wurde zur gehoͤrigen Zeit auf die hohe Schule geſchickt, guf welcher er in innige Verbindung mit einem Junglinge von gleichem Alter mit ihm ſelbſt gerieth, der Colin Sa⸗ therlans hieß und der einzige Sohn des Herrn Fatherlans von Fatherlans war. Er befand ſich damals ungefaͤhr im achtzehnten Jahre, und der Einladung ſeines Freundes folgend, einige Wochen mit ihm in deſſen vaͤterlichem Hauſe zuzubringen, fand er dort bald Gele⸗ genheit, die Lehren ſeiner Großmutter, uber Liebe und Treue, in thaͤtige Ausuͤbung zu bringenn) G...„ Colin haͤtte nur eine einzige Schweſter, deren außerordentliche Schoͤnheit und unge⸗ meine Geiſtesgaben den empfindſamen Karl beim erſten Anblicke bezauberten. Iſabelle Fa⸗ therlans war von hoher und ſchlanker Geſtalt, aber dabei von ſo ſanftmuͤthigem und ſchuͤch⸗ ternem Anſehen, daß es ſchien, als beduͤrfe ſte ſtets eines Beſchuͤtzers; und dieſe ihre natuͤr⸗ liche Blödigkeit brachte bei ihrem Bewundrern 8 ein Gefuͤhl von Zartlichkeit hervor, welches — 86— ſich in Karl's leidenſchaftlicher Bruſt bald in ʒeihe Liebe verwandelte. Mehrere folgende Jahre vindurche genoß Karl das Gluͤck, einige Wochen in Iſabellens Geſellſchaft zuzubringen, und der zwiſchen ih⸗ nen herrſchende zwangloſe Umgang brachte bald eine gegenſeitige Liebeserklärung hervor. Zu jener Zeit truͤbte keine finſtere Wolke die helle Ausſicht auf ihre kuͤnftigen Tage. Alles ſchien ihnen, im Gegentheile, in roſenfarbenem Schim⸗ mer zu glänzen. Karl's Abkunft und Aus⸗ ſichten machten ihn fuͤr Iſabellens Aeltern zu einer wuͤnſchenswerthen Partie, ja ſelbſt ſein Vater fand in dieſer Verbindung ſeine Er⸗ wartung uͤbertroffen. Nur die Zeit ſchien der einzige Widerſacher ihrer Liebe, aber mit ihr trat leider das Schickſal in Bund;— ſo wie insgemein wahre Liebe ſelten ungetruͤbt bleibt. Iſabellens Vater gehörte zu der Zahl je⸗ ner ungluͤcklichen Lairds, welche ſich unaac in den Miſſiſipi⸗ Aktienhandel eingelaſſen hat⸗ ten, deren unvermeidliches Schickſal ſie in dem Augenblicke traf, als die Hoffnungen unſerer. Liebenden am ſchunſen bluͤhten. Fatherlans war zu Grunde gerichtet, und ſein Ruin eine hinlaͤngliche Urſache fuͤr Claudius, ſeinem Sohne zu befehlen, die Verbindung abzubrechen, welche er ſelbſt fruͤherhin fur die wünſchenswertheſte hielt. Aber eben Iſabellens veraͤnderte Gluͤcks⸗ umſtaͤnde machten ſie ihrem Liebhaber noch weit theurer als zuvor, und das Verbot ſei⸗ nes Vaters betrachtete er als einen unheili⸗ gen Eingriff in das Heiligthum ſeiner Liebe. „Stände es auch in meiner Macht,“ ſagte er,„das Opfer zu bringen, welches Sie ver⸗ langen, ſo wuͤrde es mir dennoch ſowohl die Ehre, als auch jedes andere großmuͤthige Ge⸗ fuͤhl verbieten. Nein, mein Vater! ich fuͤhle, daß Iſabelle und ich eins und daſſelbe ſind. Der Himmel beſtimmte uns dazu, und keine menſchliche Gewalt kann Seelen trennen, welche Gott und die Natur ſo innig verbunden haben. Eben die Urſache, wegen welcher Sie die Fort⸗ dauer meiner Neigung verbieten, iſt ein deſto ſtaͤrkerer Grund fuͤr mich, ſte mehr und inni⸗ ger in meiner Bruſt zu hegen. Sie ſagen, Iſabelle ſei arm und duͤrftig; hat ſie nicht gerade hierdurch eben ſo hohe Anſpruͤche auf — 83— mein Mitleiden, als auf meine Liebe? Sie ſagen, ihr Vater müͤſſe ſein Haus verlaſſen; ſollte ich Iſabellen verlaſſen? Selbſt ein ge⸗ fruͤher nie kannte, wuͤrde, befaͤnde er ſich in ſolcher Noth, zu dem Obdache, das ich ihm bieten koͤnnte, berechtigt ſein.— Und Iſabelle ſollte bei dem Sturme, der das Haus ihres Vaters niederriß, keine Anſpruͤche auf meinen Schutz machen koͤnnen, den ich ihr, unter tau⸗ ſend Eidſchwuͤren, ſoe zofr wif eßenszeiß zu⸗ ſicherte?“ a.. 48 „Na, na!“ erwiederte der alte Mann. „Lauf nur hin und nimm Deine Braut, und Du machſt. Aber gedenke meiner genn die Armuth in die Thuͤr tritt, p Liebe aus dem Fenſter.“ ot „Ich gebe zu,“ ſagte Karl etwas ruhiger, „daß wir nicht hoffen koͤnnen, in ſo guten Um⸗ ſtaͤnden zu leben, als ich Urſache hatte zu er⸗ warten. Aber Sie werden mir doch nicht ver⸗ ſagen, mich als Compagnon in Ihre Hand⸗ lung aufzunehmen, was ſie mir ſo oft waͤh⸗ gerechter Himmel! und in einer ſolchen Zeit woͤhnlicher Fremdling, ein Menſch, den ich —— —— — 89— rend der glücklichen Zeiten des Vaters meiner Geliebten verſprachen?“ „Da laͤßt ſich'n Woͤrtchen von prichema erwiederte der Vater.„Es iſt ein ganz an⸗ deres Ding, einen jungen, geſcheidten Burſchen zum Compagnon zu haben, und einen armen. Schelm, der noch'n Haͤufchen Kinder in die Welt ſetzen kann. Aber Karl, mein Wort will ich zuſtement nicht zurucknehmen, wenn Du verſprichſt, die einfaͤltige Liebesverbindung ein paar Jaͤhrchen gut ſein zu laſſen. Viel⸗ leicht beſinnſt Du Dich derweilen, auch kann man waͤhrend der Zeit vielleicht auf was Si⸗ cherem fußen. Du und die Belle Fatherlans ſeid noch jung Senugs um noch'n Weilahes zu warten.) 4 Der alte Mann außzerte dieſes auf eime 3 ruhige und beſonnene Art, und nach einigem Hin⸗ und Herreden willigte Karlein, ſeine Hei⸗ rat noch einige Zeit aufzuſchieben, doch unter der Bedingung, ſogleich als Compagnon aufge⸗ nommen zu werden, und daß es ihm, waͤre er anders noch dazu geneigt, frei ſtehen muͤſſe, nach Iahresfeſ ſeine Verbindung zu vollziehen. Beide Theile rechneten, bei dieſer lleber⸗ einkunft, ohne den Wirth. Der Vater waͤhnte, daß die geſunkenen Gluͤcksumſtaͤnde Iſabellens den Eifer ihres Liebhabers, im Verlaufe ei⸗ nes Jahres, abkuͤhlen wuͤrden; und der Sohn baute zu ſehr auf den Erfolg ſeiner Selbſt⸗ verleugnung, indem er vermuthete, daß, ob⸗ ſchon der Fall des Fatherlans bekannt war, dennoch, wie meiſt in dergleichen Fällen, ein Jahr verſtreichen wuͤrde, ohne daß deſſen Gut von den Glaͤubigern in Beſchlag genommen und an den Meiſtbietenden verkauft werde. Doch von dem Augenblicke an, in welchem der Ruin der Aktiengeſellſchaft klar am Tage lag, beſchloß Herr Fatherlans, ſeine Tochter vor moͤglichem Mangel zu ſchuͤtzen. Er fuͤhrte ſie daher nach Glasgow, und ehe er noch in Clau⸗ dinus Laden anſprach, ſicherte er ihr einen Zu⸗ fluchtsort bei Jungfer Molly Trimmings, ei⸗ ner zu jener Zeit ſehr berühmten Putzmacherin. Als er nachher bei dem unerbittlichen Hauſirer vorſprach und ihm erzählte, was er eben ge⸗ than hatte, lobte dieſer die Klugheit ſeiner Maßregeln mit ungeheuchelter Freude. Denn — 91— Claudius waͤhnte, der Stolz ſeines Sohnes wuͤrde ſich vor dem Gedanken empoͤren, ſich nunmehr zu Iſabellen herabzulaſſen. Die Ge⸗ fuͤhle des Liebhabers, bei Anhoͤrung dieſer Nach⸗ richt, wollen wir uns enthalten zu ſchildern, und eben ſo wenig verſuchen, den Schleier zu luͤften, welcher den Kummer der jungen Liebe verbarg. Doch wollen wir uns erlauben zu ſagen, daß, als die Liebenden ſich trennten, ſie Geſin⸗ nungen aͤußerten, welche der Reinheit ihrer Liebe gemaͤß waren, und daß beide uͤbereinkamen, das Pruͤfungsjahr in Geduld abzuwarten. Vierzehntes Kapitel. Als Karl ſich von Iſabellen trennte, kehrte er, in Gedanken verſunken, nach Grippy zu⸗ ruͤck. Dieſes Gut lag an der Suͤdſeite der Clyde, am Fuße der Huͤgel von Cathkin, und ſein Weg fuͤhrte durch eine der fruchtbarſten und angenehmſten Gegenden. Das Jahr naͤherte ſich ſeinem Herbſte, und die Sonne ging eben, mit der ihr in dieſer Jahreszeit eignen Pracht, hinter den entfern⸗ ten Gebirgen von Dumbarton und Argyle un⸗ — 92— ter. Ein duͤnner Nebel ſtieg uͤber dem Fluſſe auf und verbreitete eine ſaufte Daämmerung uͤber die nahern Gegenſtände, während die ent⸗ ferntern im goldenen Schimmer des weſtlichen Horizontes prangten. Zur Linken ſchimmer⸗ ten die Fenſter der Stadt, als waͤren ſte von innen glanzvoll erleuchtet. Baͤume und Hecken fingen an ihre Farben zu verwandeln, und hier und da verkuͤndeten gelbe Blaͤtter und geſammelte Kornhaufen die baldige Ankunft des Herbſtes. Iai Enn anen amee Die Ruhe, welche uͤber der ganzen Land⸗ ſchaft herrſchte, und die zahlreichen Zeichen des Ueberfluß ſes, eigneten ſich den Geiſt zu beruhigen, ſanfte Gefuͤhle zu erwecken und zangenehme Erinnerungen zuruͤckzufuͤhren.„Es iſt ja nur eine kurze Zeit,“ ſagte Karl zu ſich ſelbſt.„Es ſind ja nur einige Monate, die zwiſchen uns und dem Gluͤcke liegen, daß uns um ſo ſchaͤtzbarer werden wird, weil wir es durch dieſes der Klugheit und Pflicht dar⸗ gebrachte Opfer errungen haben.“ Aber Karl und Iſabelle hatten ihre Gei⸗ ſtesſtaͤrke zu hoch in Anſchlag gebracht. Beide — 93— kannten die Welt zu wenig, und Iſabellens zartfuͤhlender Sinn war bald unfahig, die Demuͤthigungen und Pruͤfungen zu ertragen, denen ſie ſich taͤglich ausgeſetzt ſah. Ein Theil ihres Geſchäftes beſtand darin, die Kleider und den uͤbrigen Putz zu Jungfer Molly's Kunden zu tragen. Ob nun gleich die damaligen Glasgower Damen vielleicht eben ſo wenig, als die in unſern Tagen, mit ihrem Putze zufrieden zu ſtellen waren: ſo be⸗ fanden ſich dennoch einige unter ihnen, die ſich weit weniger mit Iſabellens erniedrigter Lage mitleidig bezeigten, als es unſere ſchoͤ⸗ nen Zeitgenoſſinnen ohne Zweifel gethan ha⸗ ben wuͤrden. Das ungluͤckliche Maͤdchen war daher oft Tadel und Kränkungen ausgeſetzt, welche, ob ſie gleich eigentlich gegen den Ge⸗ ſchmack oder die Nachläſſigkeit der Gebie⸗ terin gerichtet waren, dennoch ihr zartes Ge⸗ fuͤhl ſchmerzlich verwundeten. Zwar kaͤmpfte Iſabelle mit aller Macht gegen dieſe bittern Empfindungen, aber das allmaͤlige Verſchwin⸗ den ihrer Schoͤnheit bewies, daß ihre Em⸗ pfindlichkeit ſtaͤrker war, als ihr Muth. — — — — 94— An den Abenden, an welchen ſie gewoͤhn⸗ lich ihre unangenehmen Auftraͤge auszurichten pflegte, war Karl ihr ſteter Begleiter, trug ihre Schachteln, zaͤhlte freudig, wie viele Tage ihrer Pruͤfungszeit bereits verfloſſen waͤren, und ermunterte ſie mit der Verſiche⸗ rung, daß ihr Ungluͤck ſie ihm nur noch theurer und werther gemacht habe. Es trug ſich jedoch zu, daß, als er ſich einſt etwas zu ſpäͤt einſtellte, Iſabelle ſchon vor ſeiner Ankunft hinweggegangen war, um der Frau Jarvie, der Gattin des beruͤchtigten Richters Nikolaus Jarvie, ein neues Kleid zu bringen. Dieſe Frau Jarvie war die naͤmliche Ma⸗ thilde, welche dem wuͤrdigen Beamten nach dem Gefängniſſe leuchtete, als dieſer, der Sohn eines Dechanten, ſeinen Vetter, Robin den Rothen, daſelbſt fand. †) Mathilde war jetzt eine voll aufgebluͤhte, ſtattliche Dame. Das einſache, beſcheidene, *) S. Robin den Rothen, von Walter Scott, in Lindau's trefflicher Ueberſetzung. Zweiter Theil, Seite 150 u. ſ. w. D. Ueberſ. barfuͤßige Maͤdchen hatte ſich in eine pur⸗ purrothe, prunkende, hocheinherſchreitende Madam verwandelt, die, vermoͤge des Ge⸗ wichts der Borſe des Richters, einen um ſo hoͤhern Werth auf ihre Perſon ſetzte, da ſie ſich nur zu oft an ihre ehemalige niedrige Lage erinnern mußte. Das fuͤr ſie verfer⸗ tigte Kleid beſtand nicht nur aus einem Stoffe, reicher als Jungfer Molly jemals einen unter Handen gehabt, ſondern war überdieß ſo prachtvoll mit großen Manſchet⸗ ten und Falbeln ausſtaffirt, daß man wohl nie wieder ein aͤhnliches in⸗ Glasgow ſah. Auch war dieſer Anzug zu keiner gewoͤhnli⸗ chen Gelegenheit beſtimmt, ſondern ſollte ein ſeierliches Gaſtgebot zieren helfen, welches der Oberrichter Anderſon und ſeine Gattin den Magiſtratsperſonen und ihren Frauen zur achtjaͤhrigen Feier ſeines Amtes geben wollten. Es war daher keinesweges zu ver⸗ wundern, daß Frau Jarvie ein beſonderes Intereſſe fuͤr dieſes Kleid zeigte. Aber in demſelben Augenblicke, in welchem ſie es an⸗ paßte, entdeckte die arme Iſabelle, daß es — 96— um Vieles zu enge ſei, und ſtand zitternd und bebend, waͤhrend die geſtrenge Frau Richterin, mit der roſenfarbenſten Laune, den Schnitt der Spitzenmanſchetten und die Falten der Falbeln pries. Nachdem ſie nun auch einige gravitaͤtiſche Schritte gethan, und hinter ſich geblickt hatte, wie praͤchtig die überlange Schleppe hinter ihr her ſchleife: faßte ſte die beiden Bruſtſtuͤcke und fand, 39 dieſe bei Weitem zu enge waren. Mit klopfendem Herzen und Firkernder Hand naͤherte ſich die arme Iſabelle, um das widerſpenſtige Zeug zu dehnen, aber leider vergebens. Frau Jarvie blieb, gleich Lots neugierigem Weibe, wie auf der Stalle an⸗ gewurzelt. „O, Herr Jemine!“ war das gerſt Wort, das die ehemalige Mathilde hervorbringen konnte.„O, Herr Jemine! iſt das nicht zum Erbarmen? Die dumme Gans, Deine Herrſchaft, muͤßte mit Nadeln zu Tode ge⸗ prickelt werden. Das Kleid iſt geruinirt— 1 mein ſchoͤner Stoff iſt hin! Geh' aus dem Wege, Du Balg, und fingere nicht lang an mir'rum! So was kann die Auserwaͤhlten zum Fluchen bringen! So wahr ich's Leben habe!— und das iſt bei mir ein hohes Wort,— will ich die alte Wetterhexe vor Gericht ziehen. Die erſte Auslage kam mir höher, als fünfundzwaazig Guineen. Wenn's noch Gerechtigkeit im Lande giebt, ſo muß ſie’s bezahlen, oder ich ſchind's ihr aus der Haut! Hieher, Maͤdchen, und helfzmir dervon! Nimm's mit Dir, und ſcher⸗ Dich gleich aus dem Haufe. Wie durfteſt Du Dich unterſtehn, mir ſo einen Skandal an⸗ zuthun? Doch, laſſe'mal ſehn; waͤr's nicht moͤglich, noch Zwickel hineinzuſetzen?“ „Ich will es mit nach Hauſe nehmen und den Verſuch machen,“ ſagte Iſabelle, indem ſie das Kleid zaghaft zuſammenlegte. „Verſuch machen?“ rief die Frau Richte⸗ rin, in neue Wuth zuruͤckfallend.„Schoͤne Geſchichte, daß man's wagen will, einen Ver⸗ ſuch mit ſo einem Kleide zu machen! Aber wie konnte Jungfer Molly mir auch ſo n dummes Ding, wie Du biſt, uͤber'n Hals ſchicken! Gleich im Augenblicke leg's Kleid I. Thl. 4 7 — 98— hin, pack' Dich nach Hauſe und ſag' ihr, ſie ſoll auf der Stelle zu mir kommen, aber ic was ich von ihr haben will.“”“ Das zitternde und erſchrockene Deiechen dieß das ungluͤckliche Kleid fallen, verließ wei⸗ nend das Zimmer, und begegnete, als ſie aus dem Hauſe floh, ihrem Liebhaber, der ihr nachgegangen war, auf der Straße. Eine ſchnelle annd bewegliche Erklaͤrung ihrer Ge⸗ fühle folgte, und Karl beſchloß⸗ es moͤge auch daraus entſtehen was da wolle, Iſabellen lieber ſogleich ſeine Hand vor dem Altare zu reichen, als ſie neuen Kraͤnkungen ausgeſetzt zu ſehen, 3 Die Liebenden kamen mithin uͤberein, ſich am naͤchſten Montage trauen zu laſſen; und als dieſes geſchehen, fuͤhrte Karl ſeine junge Gat⸗ tin in eine Wohnung, welche er fuͤr fer ge⸗ miethet h tte. 3 At RSFunfze* n t e s Kapi t 831.. 5 Den Morgen nach ſeiner Heirat war Karl voll Angſt, Zweifel und Verlegenheit. Sein erſter Gedanke war, zu ſeinem Vater zu gehen, dieſem Alles zu beichten, und ihn zu 1 43 bitten, ihm einen Schritt zu verzeihen, welchen man freilich uͤbereilt nonnen koͤnnte, deſſen Beweggruͤnde abet eher zu loben, als zu tadeln wären. Doch fuͤrchtere er, der alte Herr würde die Gache nicht in gleichem Lichte betrachten, und beſchloß, lieber einen Vermittler aufzufordern. n Schon laͤngſt hatte er bemerkt, daß die alte Leddy, ſeine Gboßmutter, durch ihr wuͤrde⸗ volles Betragen, viel uͤber ſeinen Vater ver⸗ mochte, und glaubte daher, ihre Verwendung koͤnne nicht fehlſchlagen. Verblendet von die⸗ ſem Gedanken, und nachdem er ſeine ſonder⸗ bare Lage hin und her erwogen hatte, faßte er den Vorſatz, ihre Vermittlung zu ſuchen; und anſtatt ſeiner erſten Abſicht zufolge nach Grippy zu gehen, begab er ſich zu der alten Dame, welche er zu Hauſe und allein fand. u Als er in ihr Zimmer trat, bemerkte ſie ſogleich, daß ihm erwas ſchwer auf dem Her⸗ zen lag.„Was fehlt Dir, lieber Karl?“ rief ſie ihm entgegen.„War Dein Bater, wegen eines kleinen Fehlers, zu ſtrenge gegen Dich; oder haſt Du etwas begangen, das Du Dich ſcheuſt zu geſtehen?“ 2. — 2* — 100— „„Ich beging nichts Boͤſes,“ erwiederte er, nwuͤßte auch nicht, warum ich dasjenige, was ich that, nicht geſtehen ſollte, da jeder Recht:— lichgeſinnte es billigen muß. r neifen Cinn Was iſt’s? fragte die Leddy nachdenk⸗ lich.„Iſt's etwas Gutes, ſo will ich mich mit Dir freuen. Iſt's etwas Boͤſes, ſo geſteh⸗ es, damit man ſo ſchnell als möglich ein Mit⸗ tel dagegen finde.“ m„Bella Fatherlans,„nantwortete er, konnte aber nur ihren Namen ſtammeln. nn „Armes Maͤdchen!“ rief die ehrwuͤrdige Matrone.„Ihr Loos iſt hart, und es ſchmerzt mich für Dich und ſie, daß Dein Vater ſich Eurer Verbindung ſo hartnaͤckig widerſetzt. Aber iſt er nicht ein Handelsmann? Ach! die Welt iſt voll Handelsleute, und ein treulie⸗ bendes Herz iſt kein gangbarer Artikel in dem allgemeinen Traffick zwiſchen Mann und Weib. Die arme ſanfte Bella! Ich wuͤnſchte, es laͤge in meiner Gewalt, ihr Loos zu mildernz denn ich fuͤrchte, ſie wird die Nadelſtiche der jaͤh⸗ zornigen Jungfer Molly Trimmings nicht lange ertragen koͤnnen, und noch weniger die — 101— unvernuͤnftigen Schmähreden der 4 Kunden.“ nnn. 1 e „Sie konnte fe niche länger ertragen, auch wollte ich es nicht länger dulden,“ er⸗ wiederte der junge Ehemann, den die Worte ſeiner Großmutter aufmunterten, ihr den ganzen Umfang ſeiner tlebereilung zu geſtehen. Frau Hypel antwortete nicht ſogleich, ſondern ſaß ein Weilchen in trauriges Nach⸗ denken verſunken; endlich ſagte ſie:„Du ſoll⸗ teſt mir nichts ſagen, lieber Karl, denn ich kann Dir nicht helfen, ſo ſehr ich es auch wuͤnſche. Geh' zu Deinem Vater und geſtehe ihm Alles, und will er ſich nicht fuͤgen, ſo vertraue auf die Vorſehung, die, trotz den Abſichten der Menſchen, jedem treuen Herzen eingiebt, wie es handeln ſoll.“ „Dann muß ich geſtehen,“ erwiederte Karl,„daß dieſes bereits geſchah, denn Bella und ich wurden geſtern getraut. Ich konnte es nicht laͤnger dulden, daß jedes geldſtolze Weib, das mit einem neuen Kleide prunken wollte, ſie unter die Fuͤße trat.“ „Getraut, lieber Karl?“ rief die alte Dame — 102— voll Erſtaunen und Kummer.„Getraut! Nun, der Schritt kann nicht zuruͤckgethan werden, und Deine Unruhe beweiſt mir hinläͤnglich, daß Du die Folgen einehſta⸗— Aber was ei nun zu thun? „Nichts, liebe Großbegeter, als beimeinem Vater vorzubitten,“ war die naive Antwort des jungen Gatten. „Ich will fuͤr Dich bitten, lieber Sohn. Ich kann das und werde ſtolz darauf ſein, Dich, ſo viel es in meiner Macht ſteht, zu unterſtuͤtzen. Aber der Gedanke an Deinen Vater— Gott vergeb' es mir, weil er Dein Vater iſt— macht mich ganz verwirrt und zweifelhaft.“ 8 „Ich hoffe, daß wir ihm nicht zur Laſt fallen ſollen,“ erwiederte Karl.„Wir wollen uns moglichſt einſchraͤnken. Nur wuͤnſchte ich, meine Frau ſo in der Familie aufgenommen zu ſehen, wie es ihr gebuͤhrt. Erkennt mein Vater ſie für ſeine Schwiegertochter, ſo be⸗ gehre ich vor der Hand nichts weiter von ihm, und ich will mich beſtreben, mich wie ein ehrlicher Mann durch die Welt zu bringen.“ — 103— Die ernſte und aufrichtige Weiſe, mit welcher Karl dieſes aͤußerte, ruͤhrte das Herz der ehrwuͤrdigen Matrone bis in's Innerſte. Sie verſicherte ihn, ein ſo kluger und beſchei⸗ dener Entſchluß müͤſſe guͤnſtig auf ſeinen Vater wirken und ihn zum Nitleiden be⸗ wegen.„Geh' nach Hauſe zu Deiner Bella,“ fuhr ſie fort,„und bringe ihr Rath und Troſt! Der Tag iſt zwar kalt und windig, aber ich will mich dennoch aufmachen und nach Grippy gehen, um fuͤr Dich zu bitten. In der Daͤmmerung kannſt Du mit Deinem huͤbſchen Weibchen zu mir kommen, und ich hoffe und vertraue, daß ich Euch gute Nach⸗ richten werde mittheilen koͤnnen.“ Karl dankte in den kraͤftigſten und rährend. ſten Ausdruͤcken, zweifelte aber an einem gluůck⸗ lichen Erfolge ihres guͤtigen Unternehmens. Doch floͤßten ihre troͤſtenden Reden ihm neue Hoffnungen ein, die auch Syſbeun mit iym theilt n G. 1 — 104— Sechzehntes Kapitel. Claudius, der eben am Fenſter ſaß, als ſeine Schwiegermutter ſich mit langſamen Schritten dem Hauſe näherte, rief:„Chriſtel! was kann um Gotteswillen Deine Mutter an einem ſolchen Tage hierher bringen?“ „Ich hoffe,“ erwiederte die Leddy von Grippy,„daß nichts mit Karl vorgegangen iſt. Er verſprach am Sabbath raus⸗ 6 kom⸗ men, und blieb aus.“o me mir hi Aat Indem ſie dieſes ſagte, ging⸗ hfe ihrer Mutter, deren Ausſehen ſie noch mehr beun⸗ ruhigte, eilig entgegen. Die alte Dame ſprach beinahe kein Wort zu ihrer Tochter 4 ſondern ſchritt gerade in's Speiſezimmer, in welchem Grippy ſaß, ließ ſich ſtillſchweigend auf einen Stuhl nieder, und legte ihnen Mantei uͤber deſſen Lehne. r e. 3 „Waß geht vor, Großmamaz 244 fraote Claudius auf ſie zugehend.„Was geht vor? Sie ſcheinen betruͤbt.“ hr „Wahrlich, Herr Walkinſhaw, dazu habe ich Urſache.— Der arme Karl!“—, „Was iſt vor mit ihm?“ rief ſeine Mutter. — 13— „Iſt ihm htanusläch bugeſtoßeman chn. der Vater. „Ich hoffe nicht, 305 es ein Unglüͤck⸗ 5," ſagte die Matrone, nachdem ſtie ſich einiger⸗ maßen gefaßt hatte.„Doch fuͤrchte ich, Herr Grippy wird die Nachricht ungern hören.“ „Was iſt's?“ rief der Vater etwas aͤrgerlich. „Hat'r ein Bein u gebrochen6 forſahte die Mutter.. „Halt' Dein Plandermanl, Ebriſteli rief der Laird muͤrriſch.„Mußt auch immer die Naſe in andrer Leute Kram ſtecken.“ nEr hat wohl groͤßeren Schaden genom⸗ men, als ein gebrochenes Bein,“ unterbrach die Großmutter.„Sein Herz brach beinahe.“ „Das muß verzweifelt zerbrechlich ſein,“ ſagte Claudius faſt ſpoͤttiſch.„Aber wozu all das Geplapper uer Sagen Sie uns, was vorging. 941 „Sie ſind Vater, Herr Walkinſhaw,“ er⸗ wiederte die Matrone mit großem Ernſt,„und ich glaube, daß Sie Karl'n wie Ihr Kind lieben. Aber ich muß Ihnen ganz aufrichtig ſagen, daß Sie, wie ich vermuthen muß, das — 106— weiche Gemüth des armen Burſchen nicht ſo recht erkennen; und eben das iſt's, was mich glauben läßt, daß dasjenige, was ich Ihnen zu ſagen habe, nan aicht außenam ein nhen 1 A, An Claudius gab keine Antwort, ſondern ſeht ſich an die rechte Seite ſeiner Schwieger⸗ mutter, waͤhrend ſeine Gattin ſich ihr zur Linken niederließ. Die Matrone fuhr fort: „Bei alle dem halte ich Sie, Herr Walkin⸗ ſhaw, für einen billig denkenden Mann,— auch iſt die Sache zu ertragen. Kurz, ich muß frei heraus ſagen: in Betracht des Un⸗ gluͤcks, welches die Fatherlans betroffen hat, haͤtten Sie zugeben ſollen, daß die jungen Leute einander heirateten; denn die arme Iſa⸗ bella iſt doch wahrlich in eine allzutraurige Lage verſetzt. Das gute, fanfte Geſchupf iſt nicht dazu gemacht, die Launen der hochna⸗ ſigen Glasgower Frauen zu ertragen. In der Erwartung, Claudius wuͤrde ant⸗ worten, hielt ſie inne, aber er fuhr fort zu ſchweigen. Seine Gattin ſagte jedoch:„Das iſt, was ich auch ſage, Maͤnnchen. Es iſt eine — 107— harte Sache, treue Liebe zu plagen. Wahr und wahrhaftig, ſo iſt's, lieber Schatz. Denk⸗ nur, was unſere eigenen zarten Empfindungen muͤßten empfunden haben, wenn Papa unſere Heirat nicht haͤtt' leiden wällemn nachdem Alles richtig war!“ „Dieſe beiden Faͤlle ſind ſeyr verſchieden,“ ſagte Plealands Wittwe zu ihrer Tochter, in etwas trocknem Tone.„Ihr Beide waret da⸗ mals nicht ſo jung, als Karl und Iſabelle, auch ſind Eure Charaͤkter ſehr verſchieden von den ihrigen. Doch, Herr Walkinſhaw, die Ehen werden im Himmel geſchloſſen, und es liegt nicht in der Macht der Menſchen, das Ge⸗ ſchehene ungeſchehen zu machen. Der Schoͤpfer beſtimmte Karl Walkinſhaw und Bella Father⸗ lans zu einem Paare, und es wäre unrecht gehandelt, wenn man ſich ihrer Suuskelieis entgegenſtaͤmmen wollte. f „Man kann doch wahrlich nicht ſagenas entgegnete Claudius,„daß ich einen Schlag⸗ baum machte. Ich wollt' ja nur ein Jaͤhr⸗ chen probiren, obos nicht ſo eine Narrenlies belei waͤr'.“ Ins wi — 108— Frau Hypel ſchuͤttelte das Haupt, indem ſe ſagte:„Das war zwar ganz klug, aber man kann nicht alte Koͤpfe auf junge Schul⸗ tern ſetzen. Kurz, Herr Walkinſhaw, es iſt nicht zu verlangen, daß junge Leute, die ſchon ſo nahe verbunden waren, ſo lange warten ſollten, als Sie es wuͤnſchen. Die Tage von Jakobs Liebſchaft mit der ſchoͤnen Rahel ſund lingſ verſchwunden.“ „Sie ſollten ja nur ein Jaͤhrchen warten, und das iſt bald errichan eiwiedente Claudius.— FEin Jahr ig eine ewigken für die Liebe!“ rief die ehrwuͤrdige Matronc.„Um kurz von der Sache zu reden, will ich nur frei heraus ſagen, daß das, was vorauszuſehen war, ein⸗ getroffen iſt.— Die verliebten jungen Leute haben einander geheiratet.“ „Unmoͤglich!“ rief Elaudius, von ſeinem Sitze aufſpringend, den er aber ſogleich wie⸗ der einnahm. „Hoͤrte man jemals dergleichen!“ ſagte Frau Walkinſhaw.„Unſer Karl ein verheirate⸗ ter Mann! Das Haupt einer Familie!“ — 409— Die Matrone achtete nicht auf die Zwi⸗ ſchenrede ihrer Tochter, ſonderen blickte ihren, wie es ſchien, tiefergriffenen Schwiegerſohn feſt an und angtei. 2Süe ſagen Richa⸗ Dess Watiſbawtehe en 2 an Aen „Was ſoll ich cagen?o war ſeine Ant⸗ wort.—„Ich ſetzte mehr Hoffnung auf Hathe ich glaubte, das Jahr wuͤrd ihn abkühlen.— Jungfer Betty Bodle waͤr' eine beſſere Par⸗ tie geweſen.“) ⸗ Er. 590 „Jungfer Betth Bodle?“ rief die Großmut⸗ ter.„Die iſt ja eine wahrhaft tolle Perſon! „Nun, nun,“ entgegnete Grippy,„das, was ſie iſt, macht keinen Unterſchied. Karl hat ſein Gluͤck mit Füßen getteten und mag'g nun tragen wie er kann.“ „Das wird ſich ſchon durch Ihre hülfreiche Hand machen laſſen.— Er iſt Ihr Erſige⸗ borner, und ein beſſeres Herz lebte nie.“ „Ich koͤnnt' ihm ſchon helfen— daran iſt nicht zu zweifeln. Aber er kann nicht er⸗ warten,— und die Welt kann's auch nicht— daß ich das fuͤr ihn thun ſollt', was ich ge⸗ — 4110— than hatt, waͤr' er nicht ſo⸗ ungehorſam ge- weſen. 2. 6u i 242284. doe, Sehen wahr, here Waltiufhaw)“ſagte diecg vergaügte Marrone, die ſich gluͤcklich waͤhnte, eine ſo ſchnelle Verſoͤhnung herbei⸗ geführt zu haben. Stolz darauf, dem jungen Ehepaare eine ſo freudige Botſchaft bringen zu koͤnnen, eilte ſie, ſo ſchnell als moͤglich, nach Glasgow zuruͤck. Doch kaum hatte ſie das Haus verlaſſen, als Claudius ſchon in großer Gemuͤthsbewegung zu ſeinem Schreib⸗ tiſche eilte, gierig die Kaufbriefe über ſein Gut durchmuſterte, den Schreibtiſch verſchloß, und ſich ſchweigend wieder niederſetzte. „Das fehlt Dir, Männchen?“ ſagte ſeine Gatein.„Du warſt ja nicht ſo melancholiſch, wie meine Mutter hier war.“ 1„Ich will nichts übereilen— ich will nichts uͤbereilen,“ war die geheimnißvolle Antwort. „Mamme! He, Mamme!“ rief Walther ines Zimmer ſtuͤrzend.„Denk' mal, unſer Karl iſt ſo gut'n Ehemann, wie Papa!“ „Geh mir aus den Augen, Du tobendes Mondkalb!“ rief Claudius in ſo zornigem — 4411— Tone, daß der derſchrockene alehes ſoyleich aus dem Zimmer lief ntoasgnn „Iſt's nicht ſchrecklich, in eine doſcheBet⸗ ſuchung gefuͤhrt zu werden,— und daß all⸗ das ſchoͤne Gut an ſo einen Strohkopf kom⸗ men ſoll? fuͤgte Elaudius. hinzu, indem er nach dem Fenſter ginng.— „Ja,“ ſagte ſeine Gattme es wis treilich ein ſchreckliches Ding, daß man hoͤren mußs wie ungehorſam Karle war.“ „Das iſt's, das iſt s,“ erwiederte ihr Gstte „Mancher enteybte ſeinen Gohn um weit ge⸗ zindeee Urſachen.“. 3 „Das muß wahr. ſein,“ ſagte die Edoy von Grippy.„Gab nicht Kilmarkeckle ſeiner Tochter niches als ſeinen Fluch zur Mitgift, wie ſie mir dem Engliſchen Kapitan weglief, und ließ er nicht ſeiner Nichte Benihe Bodle die ganze Beſcherung?“ „Und waͤr; das Ungluͤck nicht, wär' dieſe in unſere Familie gekommen,“ ſiel der Laird ein.„Wenn ich an den Verluſt denke, und wie vergnuͤgt ihr Vater war, wie ich ihm den Karl vorſchlug!— Das bringt mich — 112— noch zu einem verzweifelten Schritte, um den ungehorſamen, widerſpenſtigen Burſchen zu ſtrafen.— Er bricht mir's Herz!”“. „Gott behüt' und bewahre! Du biſt ja erboßter, als ich glaubte, daß Du es jemals werden köonnteſt,“ ſagte die erſtaunke Frau. „Der Schuft! der Schuft!“ rief Claudius, im Zimmer umherlaufend.„Sich nicht rathen zunlaſſen!“ So ein großes Vermögen zu ver⸗ lieren! ein ſo tolles Pferd zu reiten! Ich will ihm aber ſchon das Gewicht meines Zornes fühlen laſſen! Betty Bodle's Mitgift waͤr⸗ mehr werth geweſen, als Grippy.— Aber er ſoll's nicht umſonſt gethan haben!— Ich kann nicht einſehen, warum der Vater nicht eben ſo gut ſeinen eignen Weg gehen koͤnnte, als der Sohn. So laß' ich nicht mit mir ſpielen. Morgen des Kahehe geh ich zu Heren Keelevin.“ „Sei nicht zu ſtatrköpfig, mein Schaß, beruhig' Dich lieber,“ ſagte die Leddy, welche bei Erwähnung des Namens des Gathmaltas e ſchinte u„Sei ruhig, Chriſtel, und bekümmer Dich nicht um mich,“ entgegnete er in einem weniger vertraulichen Tone.„Nie glaubt' ich, daß er mir den Streich ſpielen wuͤrde!— Ich war zu nachſichtig,“ fuͤgte er hinzu. n„Ja, viel zu viel!“ unterbrach Frau Wal⸗ kinſhaw.„Ich ſagt' oft genug, daß es nichts nutz wär', und da haſt Du es nun.“ Claudius warf ihr einen wahrhaft verab⸗ ſcheuenden Blick zuz⸗ denn in dieſem Augen⸗ blicke neigten ſi ſich ſeine beſſeren Gefuͤhle Karl'n zu, und uͤberwanden beinahe den ſchmutzigen Geiz, der ihn dazu trieb, ſeinem Erſtgebornen die Rechte ſeiner Geburt zu rauben, um Grippy mit Plealands, zu Walthers Gunſten, zu ver⸗ einigen: eine Idee, welche er, wie bereits erwaͤhnt, ſchon längſt faßte, deren Ausfuͤhrung er jedoch aus einem Gemiſch von Scham und vaͤterlicher Liebe, wie auch aus einiger Ehrfurcht vor den Rechten der Natur, bisher unterlaſſen hatte. Aber nunmehr glaubte er, der unklugen, gegen ſeinen Willen geſchloſſenen Heirat wegen, ſich vor der Welt und bei ſei⸗ nem Gewiſſen rechtfertigen zu koͤnnen, wenn er dasjenige inis Werk ſetzte, was er ſo lange I. Thl. 8 — 14— ſehnlichſt wunſchte. Anſtatt ſeine Gattin irgend einer Antwort zu wuͤrdigen, begab er ſich in die freie Luft und wandelte, eine halbe Stunde hindurch, den Raſenplatz vor dem Hauſe bald mit langſamen, bald mit kurzen ſchnellen Schhritten auf und nieder; doch nach und nach wurden ſeine Bewegungen gleichfoͤrmiger,— ein ſicheres Zeichen, daß ſeine Gedanken end⸗ lich zu einem feſten Entſchluſſe gediehen waren. 3113 3 Siebzehntes K a pitel.) B Der bodenloſe Abgrund der Auslegung zwei⸗ felhafter Rechtsfäͤlle, Herrn Keelevin's, des Sachwalters, Schreibſtube, beſtand aus zwei finſtern Gemächern auf ebener Flur. Das außere Zimmer war den Schreibern angewie⸗ ſen, und das innere zu den dunkeln Myſterien der Berathungen beſtimmt. Hierher begab ſich Claudius in aller Fruͤhe, verſehen mit ſeinen Kaufbriefen und andern noͤthigen Schriften. Es giebt Viele, welche eben nicht der Mei⸗ nung ſind, daß die Rechtskunde Gutmuͤthigkeit und Menſchenliebe in den Herzen ihrer Prie⸗ ſter befoͤrdere. Aber dieſe Verleumdung ruͤhrt, — 115— ahne Zweifel, von der Bosheit getäuſchter Klien⸗ ten her, welche, um ſich wegen der Folgen ihres eigenen unrechtlichen Beginnens zu recht⸗ fertigen, die Ungerechtigkeiten, deren ſte ſich ſchuldig machen, oder an deren Ausfuͤhrung ſie verhindert werden, den Fehlern oder Schel⸗ mereien ihrer Sachwalter oder der Advokaten ihrer Gegner zuſchreiben. Doch, warum ſoll⸗ ten wir es uͤber uns nehmen wollen, die Sache dieſer Herren zu vertheidigen, da ſie ſelbſt hin⸗ laͤnglich mit ſcharfen Krallen verſehen ſind? Alles, was wir mit dieſer Apologie ſagen woll⸗ ten, ſollte bloß dazu dienen, den Leſer mit Herrn Keelevin's Charakter bekannt zu machen, welchem das aͤtzende Sublimat einer langjaͤh⸗ rigen und tiefen Einſicht in alle Rechtsſchikanen und Ausfluͤchte nicht das Mindeſte von ſeiner angebornen Herzensguͤte und Biederkeit be⸗ nommen hatte. Gerade, als Claudius zu ihm kam, hielt er ſeinen jungen Leuten eine Straf⸗ predigt uͤber die Grauſamkeit einer Liſt, deren ſte ſich bedient hatten, einen Dieb zu fangen, welcher in ein Fenſter zu ſteigen pflegte, um kleine Muͤnze zu ſtehlen, die ſie oft aus Nach⸗ 8 — 116— läſſigkeit auf ihren Pulten liegen ließen. Die jungen Schreiber vertheidigten ſich nicht nur, ſondern beklagten ſich auch, daß der Sachwal⸗ ter ihre Liſt zun hte gemacht habe. Sie hat⸗ ten näͤmlich einen Tiſch ohne feſte Fuͤße vor das Fenſter geſtellt, welchen der Dieb betre⸗ ten mußte, wenn er zu den Pulten gelangen wollte, und unter dieſe Falle hatte Herr Keele⸗ vin ein Kiſſen gelegt, damit der Dieb ſich bei dem Umſchlagen d des Tiſches nicht beſchäͤdigen ſollte. „Guten Morgen, Herr Keelevin! Wie he⸗ finden Sie ſich?“ ſagte Claudius beim Ein⸗ tritte. „Praͤchtig, praͤchtig, Herr Grippy! Wie geht's Ihnen, und wie ſteht's zu Hauſe? Kom⸗ men Sie mit mir in mein geheimes Stuͤb⸗ chen,“ antwortete der Sachwalter, der aus Erfahrung wußte, daß ſo fruͤhe Beſuche nicht aus bloßer Höoͤflichkeit geſchehen. Claudius trat ein und ſetzte ſich einſtwei⸗ len nieder. Herr Keelevin ſagte aber zuvor zu ſeinen Schreibern:„Ich rathe Euch, das, was ich Euch ſagte, zu befolgen, und nicht 1 —— —— — 117— Boͤſes zu thun in der Abſicht, daß Gutes daraus entſpringe. Fallen zu ſtellen iſt ab⸗ ſcheulich! Alles, was Euch erlaubt iſt zu thun, iſt Vorſicht anzuwenden, daß der Dieb nicht in's Fenſter komme. Aber dieſes mit Vorbe⸗ dacht offen zu laſſen, damit er in die Falle gelockt werde, heißt die Urſache ſeiner Suͤnde ſein. Ich ermahne Euch nochmals, dieſes nie wieder zu thun.“ Nachdem er ſolches geſprochen hatte, folgte er ſeinem Klienten, zu dem er ſagte:„Ihr aͤlteſter Sohn hat ſich alſo verheiratet? Ich hoffe, es iſt zu ihrer Zufriedenheit geſchehen.“ .„Hat er ſich gut gebettet, ſo wird er auch gut ſchlafen, Herr Keelevin,“ war die Ant⸗ wort.„Aber ich komme hierher, um mein Teſta⸗ ment ſo ein Bißchen veraͤndern zu laſſen.“. „Das wird keine große Schwierigkeit ha⸗ ben, Laird. Denn ſeitdem wir ausſindig mach⸗ ten, daß das Fideicommiß, welches errichtet wurde, ehe Ihr aͤlteſter Sohn geboren war, nicht guͤltig ſein kann: ſo können Sie anjetzt unbedenklich uͤber Ihre ſaͤmmtliche Habe, be⸗ — 118— wegliche und unbewegliche, nach Gutbünken verfuͤgen.“ „Das war eine glückliche Ertbeckung! 8h trug deßhalb manche ſchwere Sorge in meinem Herzen. Jetzt aber moͤcht; ich mit Ihnen Rath pflegen, Herr Keelevin, denn ich geb⸗ keinen Pappenſtiel fuͤr's Urtheil des alten Ra⸗ buliſten Gilbert Omit, der mir neun Pfund, ſieben Schillinge, ſechs Pence fuͤr's Pergament abnahm; denn eine Urkunde kann man es nimmermehr nennen, da es nicht die Stärke eines Strohhalms hat, um das Gut feſtzu⸗ binden. Ueberdieß liegt der alte Burſche ſchon laͤngſt am Schlagfluſſe d'rnieder, ſo daß ich Ihnen Alles uͤbergeben kann, in der Hoffnung, daß Sie es ſicherer machen werden.“ „Wir wollen unſer Beſtes thun, Herr Wal⸗ kinſhaw. Haben Sie ſchon einen Entwurf von dem, was Sie gethan haben wollen, zu Papier gebracht?“ „Nee, aber ich bracht' die Kaufbriefe und die uͤbrigen Schriften in meiner Taſche mit, und Sie werden ſie wohl vergleichen. Mit dem Bißchen baaren Gelde wollen wir uns jetzt — 419— nicht plagen. Ich will fuͤr dießmal weiter nichts, als zein ſolides, recht ausaungännäßiaee — uͤber“’s Gut.“ 18 „Nichts iſt leichter. Da Sie aus einem alten Geſchlechte ſtammen, ſo iſt es wahrſchein⸗ lich Ihre Abſicht, Grippy auf die maͤnnliche Linie zu vererben; und wenn dieſe erloͤſchen follte, auf die Nachkommen Ihrer Tochter." i„Huſt ſo, jüſt ſo! Ich will keine Verän⸗ derung in meiner erſten Verfuͤgung machen. Ich wollt' nur, daß das, was von meiner Frau herſtammt, mit dem Familiengute zu⸗ ſammengeſchmelzt wuͤrde; und da ihres Va⸗ ters Verfugung zu Gunſten Walthers nicht wohl umgeſtoßen werden kann, wollt' ich auch Grippy gern mit dieſem verbinden.“ „Dagegen ſehe ich kein großes Hinderniß. Sie koͤnnen fuͤr Karl, den aͤlteſten Sohn, eine Leibrente von den Guͤtern bedingen. Und da Walther, um weiter nichts gegen ſeine Faͤhig⸗ keiten zu ſagen, nie heiraten wird: ſo kann man die Sache ſchon auf dieſe zeiſe ein⸗ richten.“ „O, ſo mein; ich's nicht! undn warum ſollr Walther nicht heiraten? Iſt er nicht im Stande eine Urkunde zu unterſchreiben, und aualiſtie ihn das nicht ſchon zum Heiraten? „Aber um Gottes willen, Herr Baltinſhaw! Bedenken Sie denn nicht, welches Unrecht Sie dem praͤchtigen Burſchen, ſeinem ältern Bru⸗ der, zufuͤgen wuͤrden, der jetzt obendrein ver⸗ heiratet und auf dem Wege iſt Kinder zu bekommen? Eine ſolche Verfuͤgung, wie Sie im Sinne haben, wuͤrde ihn ja gänzlich um ſein Erbtheil üringana und dasi waͤre 9 gottlos!“ 1796 A9: „lUnd ſo ſoll's dochn werden, Huer Keelevint Das Gut habe ich ſelbſt erobert, und gefäͤllt's mir, ſo kann ich eine Kirche oder eine Mübi⸗ d'raus machsn. 4 nne biG 1t 12110 „Freilich hat Riemand⸗ das 3 ghecht Ihnen vorzuſchreiben, wie Sie über Ihr Eigenthum verfuͤgen ſollen. Aber ich erſuche Sie zu bedenken, daß ein Fideicommiß der Art, eine ſchmaͤhliche Ungerechtigkeit gegen den armen Karl ſein wuͤrde, den ich ſtets fuͤr einen wacerm jungen Mann hielt.“ „Wacker hin, wacker her! es war ſ nicht meine Schuld⸗ daß'r eine Bettelprinzeß nahm, da er Jungfer Betty Bodle haben konnt'.“ „Es iſt mir ſehr leid, hoͤren zu muͤßen, daß er ſich Ihr Mißfallen zugezogen hat. Aber die Fatherlans ſtanden ſtets in gutem Rufe.“ i, Ja, vor dem Aktienhandel! Aber der alberne Tropf, ihr Vater, hat ſich durch das Wagſtuͤck gaͤnzlich geruinirt.“ „Das ſollte eine zwiefache Urſache ſein, Herr Walkinſhaw, Ihr Gut, den Rechten der Natur gemäß, auf Karl vererben zu laſſen.“ „Das Alles kann ganz richtig ſein, Herr Keelevin. Aber ich kam nicht hierher, um Sie deßhalb um Rath zu fragen, ſondern um zu wiſſen, was das Geſetz ſagt. Ich verlange, daß Sie die Urkunde ſo aufſetzen, wie ich Ihnen ſagte: Zuerſt ſchreiben Sie das Gu⸗, als Fideicommiß, auf Walther und deſſen maͤnn⸗ liche Erben; fehlt's an dieſen, auf George und ſeine maͤnnliche Nachkommen; und hinterlaßt auch dieſer keine, ſo koͤnnen Sie meinethalben auf Karl's maͤnnliche Erben zuruͤckgehen; und ſollten auch dieſe ausbleiben, auf Grethels Er⸗ ben ohne Unterſchied des Geſchlechts. — 122— „Herr Walkinſhaw,“ ſagte der ehrliche Sachwalter nach einigem SBchenten uahleß iſt gegen alle Chriſtenpflicht 1 6 ã☛. „Doch hoffentlich nicht gegen die Gefetze?“ „Lieber, werther Freund! Bedenken Sit wohl, was Sie thun; denn es iſt ein hochſt ungewoͤhnlicher Fall.“.. anülh „Aber Sie wiſſen, Herr Keelevin, daß, wenn Walther ſtirbt, Grippy und Plealands dann in Eins ſchmelzen, und wird das nicht ein herrliches Ding fuͤr meine Familie ſein? Aber warum wollen Sie dem armen Karl ſein rechtmäßiges Erbtheil rauben? net „Ich ihm ſein Erbtheil rauben! Wie mein Großvater Bankrott ſpielte, da verlor er ſein Erbtheil. Er kriegt von mir ſo viel, als ich von unſern Vorvaͤtern erbte, und viel⸗ leicht noch was d'ruͤber. Nur will ich nicht zugeſtehen, daß er rechtmäßige Anſpruͤche auf mich habe, ſondern daß er das, was ich ihm gebe⸗ als ein Almoſen anſehen muß.“ Hr „Aber bedenken Sie, 4* er. Ihr Erſtge⸗ borner iſt!“ aue...2 l „Nun, was liegt daran?“ o — 13— „Die Rechte der Natur verlangen, daß Sie ihm ein Kindestheil von Ihrem Ven moͤgen zuwenden.“ un „Die Rechte der Narne Herr Kalevin⸗ Ein Kleid von Federn oder ein Paar haarige Hoſen ſind das Erbtheil der Natur, wie die Voͤgel unter'm Himmel und die Thiere nuf'm Felde klar beweiſen.— Nee, nee, Herr Keele⸗ vin, wir leben nicht im Stande der Natur, ſondern unter den Geſetzen, und wir wuͤrden Unrecht thun, wollten wir uns nicht dieſes Privilegiums bedienen. Kurz, Sie ſollen die Dokumente ſo geſchwind als moͤglich aufſetzen, denn Sie wiſſen, daß bei ſolchen Dingen keine Zeit zu verlieren iſt. Naͤchſten Markttag komm' ich mit Walther hierher, um an untere ſchkeiben und zu unterſiegeln.“ 4 „Walther iſt dabei nicht nothwenolg, ſagte Herr Keelevin etwas bedenklich.„Es kann auch ohne ihn geſchehen. Ich wuͤnſche recht ſehr, daß Sie ſich eines Beſſern beden⸗ ken moͤgen, ehe wir das Papier verderben.“ „Unter Ihren Haͤnden, Herr Keelevin, fuͤrcht' ich keinen Papierverderb.— Sie thun — 124— gewiß Alles aufrichtig.— Und nehmen Sie in Obacht, daß, wenn ſich's in der Folge finden ſollt', daß in der neuen Urkunde auch wieder ſolche Fehler ſtecken ſollten, wie der Tölpel, der Omit, in der alten machte, Sie mir ſelbſt dafuͤr Haare laſſen muüſſen. Hüten Sie ſich alſo um Ihrer ſelbſt willen, und ſehen Sie zu, daß ſowohl Walthers Urkunde, als auch die meinige ganz geſetzmaͤßig werden.“ „Walthers? Was meinen Sie mit Wai⸗ thers Urkunde?“ „Sagt' ich Ihnen nicht, daß es mein Wunſch iſt, Grippy und Plealands zu Einem Erbtheil zu vereinigen; und iſt nicht Walther compos mentis genug, um in dieſer Sache gemeinſchaftlich mit mir zu handeln? Sie kennen den Fehler in ſeines Großvaters Teſta⸗ ment, und daß, ob ihm ſchon das Gut klar und deutlich zugeſchrieben iſt, es doch nicht ſo feſt gebunden iſt, daß er nicht d'ruͤber ver⸗ fuͤgen konnt', denn er iſt jetzt einundzwanzig vorbei. Deßhalb verlang' ich, daß Sie eine Schrift fuͤr ihn ausfertigen, vermöge welcher er einwilligt, daß Plealands und Grippy mit — 125— einem und demſelben Fideicommiß beſchwert werden koͤnnten.“ „Ich werde,“ erwiederte Herr Keelevin, „Ihren Willen nach Pflicht und Schuldigkeit erfuͤllen. Aber wahrlich, ich wuͤßte nicht, daß mir jemals eine Geſchichte der Art ſo ver⸗ drießlich geweſen waͤre. Es iſt unrecht von Ihnen, Ihre Gewalt uͤber Walther auf eine ſolche Art auszuuͤben. Der junge Menſch iſt in der That nicht im Stande eine Urkunde, wie Sie eine begehren, zu verſtehen und zu unterzeichnen. Man ſollte ihn ſo viel wie moͤglich unbemerkt durch die Welt laufen laſſen.“ „Hoͤren Sie, Herr Keelevin! Ich begreif nicht, wie Sie ſo von dem Burſchen ſprechen koͤnnen, da Sie ſelbſt, als ſein Vater ihm Plealands ſtreitig machte, mit ſchwerer Muͤhe, und zur vollen Genuͤge der funfzehn Lords in Edinburg, bewieſen, er waͤr' ein ganz ver⸗ nuͤnftiger Juͤngling.“ „Ei, ei! Herr Walkinſhaw! wie können Sie mir jetzt dasjenige vorwerfen, was ich damals pflichtgemaͤß fuͤr meinen Klienten — 426— that? Da Sie jedoch nun einmal feſt auf dieſem Geſchaͤft beſtehen, ſo will ich mich enthal⸗ ten fernere Einwuͤrfe zu machen, und vielmehr, Ihren Inſtruktionen gemäß, eine klare und feſtbindende Fideicommiß⸗Urkunde aufſetzen. Doch hoffe ich, daß man mich in der Zukunft bloß fuͤr ein unſchuldiges Werkzeug halten ſoll, bitte aber nochmals und abermals zu be⸗ denken, wie ſchwer Sie ſich an dem armen Karl verſuͤndigen!“ „Na, na, Herr Keelevin, aͤrgern Sie ſich nur nicht weiter, ſondern fertigen Sie nur die Schriften gehoͤrig aus! So übel Sie auch von mir denken, ſo lolhs doch mit Karl nicht ſo ganz ſchlimm ſehen⸗ wenn's einmal 15 kommt.“ 2 Fromm erwiederte der Sachwalter:„Hrei⸗ lich ſteht es noch immer in dem Willen des Herrn, ihm das Ganze zuzuwenden.“ 2 „Auch ſteht's vielleicht noch in dem mei⸗ nigen. Denn wenn dieß abgemacht iſt, ſo werd' ich Ihre Hand noch einmal in Anſpruch nehmen, um uͤber die bewegliche Habe und das baare Geld zu verfuͤgen;— aber dieß da nnis erſt zu Stande kommen.“ „Das freut mich zu horen, lieber Mann! Aber noch im vorigen Jahre, als Sie die Schuld abtrugen, welche noch auf Grippy haftete, ſagten Sie mir, Sie beſaͤßen jetzt nur noch wenig baares Geld.— Doch freut es mich recht ſehr, wenn Sie im Stande ſind, gegen alle Ihre Kinder wie ein liebender Vater zu handeln. Indeſſen kann ich es nimmer billigen, daß Sie Ihr Gut, zum Nachtheil eines braven biedern Sohnes, einem Strohkopf zuſchreiben wollen. Da es aber nun einmal ſo iſt, ſo wollen wir nichts wei⸗ ter daruͤber reden. Mittwoch uber acht Tage ſollen die Schriften bereit liegen, und ich werde Sorge tragen, daß Sie Ihren Waͤnſchen gemaͤß eingerichtet ſein ſollen.“ „Nal wenn das nicht geſchieht, ſo laͤufts auf Ihr Riſtko, denn ich zahl' ſonſt keinen Deut, wenn ich nicht uͤberzeugt bin, daß Alles ſo eingerichtet iſt, wie es ſich gebuͤhrt. Gott befohlen, Herr Keelevin! Mittwochs Punke zehn Uhr bin ich bei Ihnen.“ —— — Mit dieſen Worten verließ Claudius das Zimmer und wanderte durch die Schreibſtube/ wo die Schreiber an ihren Pulten lachend einander zuwinkten, als er, ohne ſie anzu⸗ blicken, ſeinen Stock hinter ſich herſchleifte, wie er vormals als Hauſirer mit der Elle zu thnn gewohnt war. Arat ze Sete Kapitel. Den näͤchſten Samſtag Abends, nachden Grippy die Inſtruktion zur Aufſetzung einer neuen Fideicommiß⸗Urkunde gegeben hatte, ging er, in tiefes Nachſinnen verloren, im Zimmer auf und nieder. Seine Gemuͤthoͤbe⸗ wegung bemerkend, ſagte Frau Walkinſhaw: „Ich denke ſo eben, liebes Maͤnnchen, daß, wenn Du auch keine Urſach' haſt mit Karls Heirat zufrieden zu ſein, ſo koͤnnen wir doch auch nicht helfen und müſieu lieber fünf gerade ſein laſſen.“— 1 Dieſe Bemerkung, die eine der lügfen war, welche die Leddy jemals machte, beant⸗ wortete Claudius mit einem grunzenartigen Seufzer. Sie fuhr fort:„Armer Junge! * — 429— Nackte Beine wollen warme Struͤmpfe haben. Ich hoffe, Du wirſt nicht gar zu unmenſchlich unbarmherzig ſein. Du find'ſt ja wohl noch ein paar verſchimmelte Pfennige in Deiner Geldkiſte, die Du entbehren kannſt.“ ann „Ich hab' auch ſchon d'ran gedacht, Chriſt⸗ liebchen,“ erwiederte er mit groͤßerer Herz⸗ lichkeit, als er ſonſt gewohnt war mit ſeiner Gattin zu reden.„Morgen des Tages woll'’n wirnden Karl aufſuchen. Ich wollt, er waͤr⸗ nicht ſo ſtarrkoͤpſig geweſen, aber es iſt ſeine Schuld. Doch wollen wir nicht mit leerer Hand kommen, und da hab' ich ſo ein Stuͤk⸗ ker fuͤnf Banknotchen, von zwanzig Pfund jede, die ich ihm ſchenken will,. „Fuͤnfmal zwanzig Pfund! Das macht ja wohl beinah' volle hundert! Nee„Maͤnnchen, ich daͤcht;, die Haͤlft' waͤr' ſchon ein ſchoͤnes Almoſen. Ich hoff’ nicht, daß das ein Zeichen vor Deinem Tode iſt. Gott behuͤt' uns! Du biſt ja ganz auf die Liberalitaͤt verſeſſen! Aber Karl wird wohl das Ganze noͤthig genug haben, denn des Fatherlans Kind iſt nicht für einen armen Schelm. Aber es freut I. Thl. 9 — 430)— mich doch, daß Du ſo generös ſein willſt, ob ich mich ſchon nicht d'ruͤber verwundern ſollt⸗, denn Karl war ja immer Dein Lieblings⸗ favorit,— warum, weiß keine Chriſtenſerle, und das arme Dalaherahen abehoſ Du kaum anſehen. 47 R e. 9,Halt Dein uneeniniges Maul, Chri⸗ ſtel! Walther iſt, wie ſeine Mutter, ein Gaͤnſe⸗ kopf, und wärs es nicht um eins oder das andre, ſo ſollt' der Pinſel keinen Heller mehr von mir kriegen, als was ihn gerade vom Betteln abhielte. Aber was das Schickſal be⸗ ſtimmte, muß geſchehen, und es iſt nicht meine Schuld, daß der Strohkopf von Walther nicht Karl war. Doch woll'n wir uns nicht länger d'rum ſtreiten, ſei nur morgen fruͤh bei guter Zeit parat, um mit mir in die Stadt zu⸗ den jungen Leuten zu gehen/. i Zum Erſtaunen ſeiner Hausehre ſchlug E Clau⸗ dinsmunmehr vor, dieſen Abend Familien⸗ Got⸗ tesdienſt zu halten.„Es iſt Zeit, liebe Frau,“ ſagte er,„da wir jetzt auf dem Wege ſind Vorfahren zu werden, d'ran zu denken, was dermaleinſt aus unſ'ren armen Seelen werden — 13t— wird. Ruf' die Dienſtboten herbei, und ich will ihnen und Dir ein Kapitel leſen, um mich ein Bißchen zu zerſtreuen, denn ich weiß nicht, was in mir ſteckt; aber der leichtſinnige Burſche aͤrgert mich, und doch kann ich Kzich anders handeln, als ich that.“ Zufolge dieſes Befehls holte Frau⸗ Bat, kinſhaw die große Hausbibel von dem Geſims, auf welchem ſie, von einer Abendmahlfeier zur andern, ruhig lag. Nachdem ſie den Staub davon abgeblaſen hatte, brachte ſie dieſelbe in die Kuͤche, um ſie noch beſſer abwiſchen zu laſſen; und als dieſes gehoͤrig geſchehen, kehrte ſie, von den Dienſtboten begleitet, in's Wohn⸗ zimmer zurück. Claudius, welcher mittler⸗ weile ſeinen Lehnſeſſel an den Tiſch geruͤckt und ſeine Brille auf die Naſe geſetzt hatte, ſaß ſchon bereit, als ſeine Hausehre die Bibel vor ihn legte. Nach einigem Geraͤuſch, welches von dem Geſinde herruͤhrte, das ſeine Plaͤtze einnahm, ſchlug Claudius zufaͤllig den Deckel des Buches auf und blickte auf das Blatt, auf welches er das Datum ſeines Hochzeits⸗ tages und die Geburtstage ſeiner Kinder eigen⸗ 9* — 13³32— händig verzeichnet hatte. Frau Walkinſhaw, die gleichfalls ihre Augen auf das Verzeich⸗ niß warf, ſagte:„Na, wahr und wahrhaftig, Karl haͤtt⸗ ſich nicht ſo brauchen mit Heiraten zu eilen, noch iſt er nicht alt genug, um ein Familienoberhaupt zu ſein. Wie alt warſt Du, Maͤnnchen, wie wir uns freiten? Aber enn iſt nicht ſo weiſe als Du."„ Aluit „Willſt Dein Zungelchen nie ruhen laſſen, Chriſele⸗ Sei ſtill in der Gegenwart Deines Schoͤpfers und merk' auf, waͤhrend ich ein Rabidet aus ſeinem heiligen Worte leſe. /, „Der Ton, in welchem er dieſes ſprach, bewißkte augenblickliches Schweigen und Ehr⸗ furcht, und als er. hinzuſetzte:„Laßt uns Gott dadurch anbeten, daß wir einen Theil aus ſeinem heiligen Worte leſen,“ ſagte das Ge⸗ ſinde nachher, er habe die Worte„wie ein Leäͤnllher Gottesgelehrter“ geſprochen. Da, wie bereits erwaͤhnt, Claudius eben nicht gewohnt war haͤuslichen Gottesdienſt zu halten, ſo ließ er keine Pſalmen ſingen; kannte auch die heilige Schrift zu wenig, um faͤhig zu ſein, ein heſonderes Kapitel zu wäͤhlen oder — 133— ſich einer paſſenden Stelle zu erinnern; und da er nun nicht recht wußte, welche Wahl er treffen ſollte, ſo oͤffnete er das Buch, mit einer Art abergläubiſcher Unruhe, auf gut Gluͤck. Die erſte Stelle, welche ihm in die Augen ſiel, war, 1. B. Moſes. K. 27. V. 32; aber anſtatt ſeine Vorleſung anzufangen, hielt er ploͤtzlich inne. Die Dienſtboten und die Familie, welche ihre Bibeln gleichfalls ſchon aufgeſchlagen hatten, ſahen nach ihm auf, hoffend, er werde das Kapitel, welches er leſen wollte, nunmehr nennen. Aber ſtatt deſſen klappte er das Buch uͤber ſeine Hand zuſammen, die er unwillkuͤrlich auf den Text gelegt hatte, ließ ſie in der Bibel ſtecken, und legte ſich in ſeinen Stuhl zuruͤk. „Wir ſind Alle parat,“ ſagte Frau Wal⸗ kinſhaw.„Wo iſt die Stelle?“ Durch dieſe Frage aus ſeinem Nachden⸗ ken erweckt, oͤffnete er, ohne zu wiſſen was er that, die Bibel in groͤßter Eile, zog ſeine Hand, welche das Blatt bedeckte, zuruͤck, und ſah und las abermals: „Da antwortete ihm Iſaak, ſein Vater: — 134— Wer biſt Du? Er ſprach: Ich bin Eſau, Dein 1 erſtgeborner Sohn.“ „Da entſatzte iſih Ilnn uͤber die mae ſehr. 77fs. „Was fehlt Dir, Wennhen⸗ 2 Biſt unvaß 2. fragte die Leddy, als ſie ſah, daß er ſich aber⸗ mals in ſeinen Stuhl zuruͤckwarf und das Buch offen vor ſich liegen ließ; aber anſtatt zu antworten, fuhr er mit der Hand nach dem Geſicht und rieb ſich die Stirn. „Ich denke, lieb' Maͤnnchen,“ fuͤgte die Leddy hinzu,„Du biſt die Arbeit nicht ge⸗ wohnt. Es wird wohl eben ſo Gut ſeine m wenn wir ein Kapitel fuͤr uns leſen.“ „„Ich will die Stelle zeichnen,“ rief Wal⸗ ther, welcher ſeinem Vater gegenuͤber ſaß und an einem Staͤbchen nagte, daß er ſchnen in die Bibel legte. Claudius hoͤrte zwar, was ſeine Gattin 1 Venche gab aber eine Weile keine Antwort, und indem er die Bibel ſchloß, ohne Walthers Zeichen zu bemerken, ſagte er endlich:„Ich glaube, Du haſt Recht, liebe Hausfrau. Geht nur wieder in's Haus⸗ ihr Leute, ich will der⸗ — 435— weilen Kapitel mit Andacht fur mich leſen, und morgen Abends, welches der Tag des Herrn iſt, wollen wir Gottesdienſt halten.“ r Die Dienſtboten zogen ſich zuruͤck, und Walther griff uͤber den Tiſch, um ſich der großen Bibel zu bemächtigen und das Kapitel zu leſen, welches er mit dem Staͤbchen be⸗ zeichnet hatte. Aber ſein Vater ſchlug ihn tuͤchtig auf die Finger und rief:„Biſt Du denn ganz von Gott verlaſſen, daß Du Dich unterſtehſt, mir ſein heiliges Wort ſo vom Maul wegzunehmen? Kuck' in Dein eigen 3 Buch und merk', was es Dir ſagt und ob Du den verſtändigen Werſtund haſt, um es in verſtehen.“ ſ9 8 ris Walther zog ſiche erſchreken zurüc, ſette ſich muͤrriſch an das Kaminfeuer, blätterte in ſeiner Handbibel, und murmelte dann und wann einen Vers aus derſelben her. Frau Walkinſhaw und Jungfer Grethel, die nur ein gemeinſchaftliches Buch beſaßen, ruͤckten zuſammen und laſen ein Kapitel, eichedd die letztere gewaͤhlt hatte.. Ob ſi ch zwar Claudius mittierweſtes von 6 — 136— 4 der Gemuͤthsbewegung erholt hatte, in welche das göttliche Orakel ihn verſetzt: ſo fuͤhlte er dennoch eine ehrfurchtsvolle Scheu, als er die Hand abermals nach dem heiligen Buche aus⸗ ſtreckte. Als er es aber aufſchlug, und noch⸗ mals die näͤmlichen Worte erblickte, da be⸗ meiſterte ſich ſeiner ein ſolches Pehtals dds der Tiſch heftig wankte. 2 C. 2 i l „llm Gotteswillen, was iſt da5 27 rief ſeine entſetzte Frau. tup uns 2 Claudius war ſo nußen aller Faſſung, daß ter mit einem wilden, fuͤrchterlichen, aber⸗ glaͤubiſchen Blick hinter ſich ſchaute. Da ihn jedoch die Natur mit vieler Feſtigkeit begabt hatte, dauerte dieſes Entſetzen kaum eine Minute. Aber die frommen Abendunterhal⸗ tungen waren nun einmal geſtoͤrt, und er verlitß onen ds Bitiuner ploͤtzlich. n un 17 39 n 3 819 34 O Muiees Kapitel. Der Sonntagsmoͤrgen war ſtill und ene Die ganze Natur ſchien ſich mit ihren Feier⸗ kleidern geſchmuͤckt zu haben und von Freude erfuͤllt, ja ſelbſt die im Sonnenſchein glän⸗ — 137— zenden Blumen glichen frohen Geſichtern. Sogar die Leddy von Grippy nahm Theil an dem allgemeinen Frohſinn, und waͤhrend ſie den Fußpfad, welcher von dem Hauſe nach der Landſtraße fuͤhrte, vor ihrem Gatten her⸗ ſchritt und ihren Hund munter umherſprin⸗ gen ſah, ſagte ſie:„Sieh' mal den alten Wachtel, macht er nicht Spruͤnge, als wuͤßt⸗ er, was Karl fuͤr eine Freude haben wird? Das Beeſt hing immer an ihm, was mich ſehr Wunder nahm, denn er macht' ihn hunde⸗ müde mit dem ewigen Apportirenlaſſen von Stöcken und Steinen. Aber ich glaub⸗, die Hundẽ ſind-mie die Menſchen, geſaͤuert mit dem Sauerteige eines undankbaren Herzens, wie Herr Kilfuddy ruͤhrend ſagt; denn Wach⸗ tel knurrt und beißt immerfort nach Walther, als waͤr's ſein aͤrgſter Feind, und der hebt ihm doch alle Knochen auf.“ 3 „Willſt denn nimmermehr Dein albernes Maul halten? Das unvernuͤnftige Beeſt zeigt, in ſeiner Liebe zu Karl, mehr Verſtand als deſſen eigne Mutter. Armer Schelm!“ ninJa, ja, Maͤnnchen, ſo ſagſt Du wohl, — 138— aber Jedermann kennt Deine anpakatſch Partialitaͤt. „Frau, Deine Zunge geht. wie ein Ente⸗ ſteiß!“ rief ihr Gatte. u „Potz alle Wunder!“ rief die Leddy,„„wer Anpberndn am Hofthore und will's aufſtoßen?“ Claudius blickte vorwaͤrts und erkannte naui Herrn Keelevinn. 334 „Wir wolle mit ihm zuruͤckgehen,“ ſagte Grnuß httlha, als auch ſie ihn erkannke. „Ich laß' mich haͤngen, wenn ich's thu',“ murrte der Laird mit einem Nachdrucke, welcher Schrecken und Beſorgniß verrieth, zugleich aber ſeinen feſten Entſchluß andeutete, auf ſeinem Vorſatze zu beſtehen. Seine Schritte verlaͤngernd, erreichte er das Thor, noch ehe der wuͤrdige Sachwalter in den Hof gelangte. „Guten Morgen, Herks Keelevin!— MWoher ſo fruͤh?“ 1 z„Ich wollte Sie nur auf einen Augen⸗ blick beſuchen und ein paar Worte mit Donen reden.“ „Haben Sie die Schriften ausgeferti⸗ „Es kann ſicher Ihr Ernſt nicht damit —— * — 139— ſein— ich hoffe noch immer— nein wahr⸗ lich, Herr Walktnſhahan Sie koͤnnen es ſo nicht meinen.“ 1 „Lirum, larum! Ich hielt Sie ft nuga Herr Keelevin. Aber es iſt mir leid, daß wir nicht mit Ihnen zuruͤckkoͤnnen, denn wir wollen eben zu Karl aund ſeiner Mhadanne Habenichts.“ 2** „Ja, das wollen wir,“ fuͤgte Irnu Wal⸗ kinſhaw hinzu,„und Sie rathen gewiß nicht, was Maͤnnchen in der Ficke hat, um ihm eine Hochzeitsſchenkage zu machen. Ganzer hundert Pfund, Herr Keelevin!— un was Nagen Sie dazu?“ Der Sachwalter blickte eſen die eedrg dann ihren Gatten an und ſagte:„Herr Walkinſhaw, ich that Ihnen ueauech in mei⸗ nen Gedanken.“. „Sagen Sie nichts weiter t rüber ſandern halten Sie nur die Schriften fuͤr kuͤnftge Mittwoch fein parat,“ erwiederte Claudius.. „Ich hoffe und vertraue, Herr Keelevin, daß er nicht ſeinen letzten Teſtamentswillen machen will,“ ſagte Frau Walkinſt haw.„Thus 4 — 140— er es, ſo rath' ich Ihnen, d'rauf zu ſehen, daß ich nicht negligirt werde, und laſſen Sie ihn keine Ungerechtigkeit gegen die andern Kinder begehen, um Kärl’s willen„der, wie ich ſage, immer ſein Lieblingsfavorit war.“ Herr Keelevin befand ſich in einer Ver⸗ wirrung, in welche wohl noch nie ein Mann ſeines Standes gerieth, doch antwortete er frohſinnig:„Ich werde weder Ihnen noch ſonſt Jemanden von der Familie Unrecht zu⸗ fuͤgen.“ Ihren Gatten anblickend fuͤgte er hinzu:„wenn es mir anders möglich iſt.“ ae„Ree, der Himmel ſei geprieſen! ſo weit ich's Geſetz verſtehe, koͤnnen Sie's auch nicht. Denn mein Ehekontrakt ſichert mir ein Leib⸗ gedinge auf Grippy, und mein Vater ver⸗ ordnete in ſeinem Teſtamentswillen, daß ich hundert Pfund jäͤhrlich aus den Intereſſen ſeines Baaren haben ſollt“, das, wie ich ſelbſt zaͤhlte, Männchen von dem Pfandbriefe, den er auf's Gut Kilmarkeckle hat, mehr als hun⸗ dertſiebenundzwanzig Pfund Zinſenkapital ein⸗ traͤgt. Und ſo moͤgen Sie und er wiſſen, daß ich ihm keine Obligation ſchuldig bin, und — 8 1 — 141— Ihnen, Herr Keelevin, ſag' ich, daß ich mia um keinen Heller betruͤgen laſſe.“ Herrn Keelevin verwirrte dieſe Aeußerung immer mehr und mehr, denn er wußte nichts von der Hypothek auf Kilmarkeckle, da Clau⸗ dius Herrn Omit zu dieſem Geſchaͤft gebraucht hatte; ſo wie es uͤberhaupt ſeine Art war, ſelbſt ſeine vertrauteſten Rechtsfreunde nie zu tief in ſeine Angelegenheiten blicken zu laſſen. Auf dieſe Weiſe ſchien ſich der taͤuſchende Ein⸗ druck bei dem Sachwalter zu beſtaͤtigen, wel⸗ chen Claudius durch ſeine Aeußerungen uͤber ſein baares Vermoͤgen bei ihm erregt hatte, ſo daß Herr Keelevin die Vorſtellungen unter⸗ ließ, wegen welcher er von Glasgow kam, und ſich hoͤchlich uͤber den Reichthum ſeines Klienten verwunderte, den ihm dieſer bisher ſorgfäͤltig verſchwiegen hatte... Mitttlerweile ſetzten Grippy und ſeine Gattin ihren Weg nach Glasgow fort, aber der Sachwalter beſtieg ſein Pferd auf's Neue, bruͤtete uͤber das eben Vernommene, und uͤber⸗ zeugte ſich beinahe, daß Claudius, den er als einen ſchlauen, vorſichtigen Kopf kannte, auch — 142— hier wohl uͤberlegt handle. Er ſchien ihm viel reicher, als man gewoͤhnlich glaubte. Auch mußte er die Geiſtesſchwäche ſeines zweiten Sohnes Walther und deſſen Unfaͤhigkeit, mit Geld umzugehen, läͤngſt kennen gelernt haben; dann aber gebot die Klugheit, ſollte dieſer nicht die Beute jedes Betruͤgers werden, ihm ſein kuͤnftiges Vermoͤgen im Landgut durch das beſchloſſene Fideicommiß anzuweiſen, waͤh⸗ reed Karl durch baares Geld hinläͤnglich ent⸗ ſchaͤdigt werden konnte. So dachte ſich Kee⸗ levin den Plan ſeines Klienten. Der einzige Zweifel, der ihm nicht recht klar werden wollte, lag in dem Umſtande, daß George, der juͤngſte Sohn, dem aͤlteſten Bruder im Genuß der Fideicommißgüter vorgehen ſollte. Doch ließ ſicch auch dieſes einigermaßen als vernuͤnftig erklaͤren, denn nach dem Willen des Groß⸗ vaters ſollte, wenn Walther ohne maͤnnliche Erben ſterben wuͤrde, George Fideicommiß⸗ Erbe von Plealands ſein. Alle dieſe Ueber⸗ legungen bewirkten, im wohlwollenden Ge⸗ muͤthe des Herrn Keelevin eine beſſere Mei⸗ nung von Walkinſhaw, als er bisher hatte; — 143— und nunmehr beinahe voͤllig in Gedanken mit ihm ausgeſöhnt, ſtieg er von ſeinem Pferde, nahm es an die Hand, und ſchritt neben dem Ehepaare auf die Stadt u. Zwn n zig ſtes Ka pitel. Die jungen Eheleute wurden nicht wenig durch den Beſuch ihrer Aeltern überraſcht, denn ob ſie gleich, durch den gluͤcklichen Erfolg der Vermittlung der alten Großmutter, die Hoffnung hegten, man wuͤrde ihnen verzeihen, ſeirdem aber nichts weiter von der Sache horten: ſo brachten ſie die Zwiſchenzeit in ſo bangen Beſorgniſſen zu, daß ihre Gluͤckſelig⸗ keit dadurch weſentlich getrübt wurde. Karl, der die Halsſtarrigkeit ſeines Vaters nur allzu⸗ gut kannte, hatte beinahe alle Hoffnung zu einer Ausſoͤhnung aufgegeben; und ſeine Klein⸗ muͤthiskeit nahm jetzt noch mehr zu, als er bemerkte, welche unſtete und mitunter finſtere Blicke ſein Vater von Zeit zu Zeit auf ihn und ſeine Gattin warf. Doch wurde die Un⸗ terhaltung, welche anfangs alle Parteien in Verlegenheit ſetzte, nach und nach etwas herz⸗ — 144 licher, ſo daß Karl, deſſen großmuͤthige Natur ihn das Beſte von jedem Menſchen denken ließ, bald ſeine Bangigkeit üͤberwand, und ſo⸗ gar Theil an den Scherzen ſeiner Mutter nehmen konnte, die in der roſenfarbenſten Laune war, und ihre ſchamrothe Schwieger⸗ tochter, mit dem ihr igenam Zartgelühle⸗ neckte. 32 Grus „He, Karl!“ kieße ne,„bas heißti in nofew Galopp geheiratet! Das war ein ganz eigen Ding, Bella.— Na, Du brauchſt nicht auf die Erde zu kucken, denn Du kannſt nicht verlangen, daß ich Dich bei dem langen Taufe namen nennen ſoll, da Du jetzt meine Schnur 3 biſt,— denn Zeremonien braucht man nicht unter nahen Freunden.— Aber geſcheidter wär's doch geweſen, Vela, wenn ihr drei Sonntage hinter einander ſo recht ordentlich in der Kirche waͤr't von der Kanzel geworfen woorden, wie ich und Dein Schwiegervater, ſtatt 3 ſo in Nacht und Nebel zuſammenzulaufen wiees Heidenvolk. Na, es iſt nun einmal geſchehen, und Maͤnnchen will generoͤs ſein. Siehnmall er hat hundert Pfund in der Ficke, die er Euch —ÿ—— zur echeche hentsge machen will. Aber Dein Männchen war auch immer ſein Schooßkind⸗ chen, und ſo darf man ſich nicht uͤber die un⸗ ngtuͤrliche parteiiſche Partialität verwundern; die muſſen aber fruͤh aufſtehen„udie ſehen wollen, daß er Waltzechen ſe ein Runaltn reicht. 5 3n Nachdem das alte Pear ſich. etwa ein Stündchen aufgehalten hatte, waͤhrend welches die Leddy von Grippy fortfuhr aͤhnliches Zeug zu ſchwatzen, ermahnte der Laird zum; Aufbruche. Karl bat, ſie moͤchten zum Eſſen bleiben, was ſein Pater zwar enrſchieden abſchlug, doch nicht auf die muͤrriſche Weiſe, mit welcher eer ſich ſonſt zu weigern pflegte; dann Karl'n die Banknoten bei'm Weggehen in die Hand druͤk⸗ kend, ſagte er:„He! da iſt was, um Dir guͤt⸗ lich zu thun. Aber nimm Dich in Acht, Karl, und dreh' den Pfennig zweimal um, eh' Du ihn weggiebſt, da Du jetzt ein Familienva⸗ ten diſt nt raeimn 156— „Es ſind gahee Kehundert pfund!“ raunte die Leddy ihrer Schwiegertochter triumphirend in's Ohr, waͤhrend, der alte Mann ſich ſchnell I. Thl. 10 — 146— nach ſeinem Sahne wendeke, als wolle er deſſen Dankſagungen unterbrechen.„Karl,“ ſagte er,„Du kannſt kuͤnftige Mittwoch mit mir und Walther gehen. Ich will ſo eine kleine Veränderung in meinen Schriften machen, und da man ſo„was nicht gern auf'm Markt auspoſaunt, ſo moͤcht' ich Euch Jgern zu Beun gen haben.“ Karl verſprach, ſich zur gehsr gen geit ein⸗ zufinden, und die alten Leute begaben ſich auf den Ruͤckweg, auf welchem Claudius ſchweig⸗ ſamer und uͤbelgelaunter war, als auf dem Herwege. Aber ſeine Gattin war deſto froh⸗ ſinniger, und ſobald ſie nicht mehr gehörtwer den konnten, ſagte ſt ſe: „Jedermann muß geſtehen, daß das ein anſtändiges Perſonchen iſt, und iſt ſie ſo gut als huͤbſch, ſo hat Karl nicht uͤbel gefreit. Aber, Maͤnnchen, Du thatſt gar zu apart gegen ſte mit Deinen Redensarten; ich daͤchte, Du haͤtteſt mehr Hochzeitoͤſpaͤße machen ſollen, und ich wundere mich uͤber mich ſelbſt, daß ich ſie nicht auf morgen zu Gaſte bat, da doch eine Hammelskeule im Hauſe iſt. Karl konnt⸗ —— — 147— ja doch nichts zu ſeinem dummen Streich, es war ſein Schickſal. Aber, lieb⸗ Männchen, üͤber die hundert Pfund muß ich doch was ſagen. Ich dächt', Du hätt'ſt ihm nur die Haͤlft' geben ſollen oder noch weniger, denn Karl iſt eben kein guter Wirth, das Geld ſchmilzt ihm unter den Fingern wie Schnee; und ſein ſchoͤnes Madamchen erſetzt noch lang⸗ nicht das Klingeln von Betty Bodle's Geld⸗ beutel, mit ſeinem Geklimper auf'm Spinert. Aber da faͤllt mir ſo ein, da Karl nun doch einmal ſein Schaͤtzel gefreit hat, wiess alte Lied ſagt, ſo könntſt Du ja wohl Waltherchen uͤberreden, nach der Betty zu freien, und dann kriegten wir doch ihre Moneten.“ 3 Dieſen Einfall hielt Claudius fuͤr den kluͤgſten, den ſeine Frau jemals gehabt hatte; auch hatte er dieſen Gedanken, ſeitdem er von Karl's Heirat hoͤrte, ſelbſt gehegt. Ueberdieß kannte er den Charakter des alten Bodle viel zu gut, um nicht uͤberzeugt zu ſein, daß dieſem die Verſchreibung Grippys an Walther ein voͤlliger Erſatz fuͤr deſſen Mangel an Geiſtes⸗ gaben ſein wuͤrde. Auch ſein Gewiſſen wurde 10* hierburch, wegen Kar Enterbung, einiger⸗ maßen beſchwichtigt, da er anjetzt mehr qus Familienpolitik, als aus Nachgefahl ſo z9 handeln glaubte. Die Wahrheit zu geſtehen, ſo kam auch die Nache hier wenig in's Spiel, denn da er ſein ganzes Leben hindurch nach nichts Anderm getrachtet hatte, als den Glanz ſeiner Vorväͤter zu erneuern: ſo muͤſſen wir zur Ehre der Menſchheit glauben, daß er das Opfer/ welches er dem Moloch des Ahnen⸗ ſtolzes darbot, mit Widerwillen, ja ſelbſt mit Kummer, brachte. Waͤhrend er nun nach Grippy uraca und unterweges auf obige Weiſe mit ſeiner Frau fortplauderte, wuͤnſchten Karl und Iſa⸗ bella ſich gegenſeitig Gluͤck zu der unerwar⸗ teten Gabe, welche ſie als ein Unterpfand aufrichtiger Verſöoͤhnung betrachteten. Doch war in dem Betragen des alten Mannes etwas ſo Herzloſes geweſen, daß im Buſen der jun⸗ gen Frau, ungeachtet der Hoffnungen, welche ſein Geſchenk erweckte, dennoch, gleichſam als ahne ſie irgend ein Ungluͤck, ein unruhiges, peinliches Gefuͤhl zuruͤckblieb. Um aber die — 449— Freude ihres Gatten uͤber den Befuch ſeiner Aeltern nicht zu truͤben, ließ ſte ihre bänge Beſotgniß nicht laut werden. RlA 50 Die alte Großmutter, welche am Nach⸗ mittage zum Beſuch kam, freute ſich uͤber die Maßen, das junge Paar ſo vergnuͤgt zu ſehen, und war nicht wenig ſtolz darauf, eine ſo vollkommne Ausſöhnung bewirkt zu haben. Ueberdieß glaubte ſie, eben ſo wie ihr Enkel, daß die Schriften, bei welchen dieſer als Jeuge dienen ſollte, keinen andern Zweck haͤtren, als ihm und Jſabellen eine ſtandesmaͤßige Unter⸗ ſtützung zu gewähren. Sie brachten mithint den Abend in einem Gefuͤhle von Glückſelig⸗ keit zu, welches die Menſchenkinder ſo oft mir vollem Vertrauen genießen, waͤhrend die Schlingen des Ungluͤcks um ſie her gelegt ſind, und die Daͤmsnen des Kummers und der Sorge, welche ſie unſichtbar umſchweben, nur auf den Wink des Schickſals harren, um äber ihre blinden, Vetdachtloſen Dufe her⸗ zufalen. 18 i. G AI.A1 A nade — 3 Ie nSft 34 21415. 12170 1z336. - 450— Einundzwanzigſtes Kapitel. 33. Grihuy brachte die Zeit, zwiſchen jenem Beſuche und dem zur Ausfertigung der lr⸗ kunden beſtimmten Tage, in der Gemuͤths⸗ unxuhe zu, welche gewoͤhnlich einen ungerech⸗ ten Vorſatz begleitet. Sehr begierig zu er⸗ fahren, von welcher Art die fraglichen Schrif⸗ ten wohl ſein moͤchten, machte Karl ſich am Mittwoch⸗Morgen, bei fruͤher Tageszeit, auf den Weg nach Grippy, um ſeinem Vater und Bruder entgegenzugehen. Da er aber allzufruh ausgegangen, war und ihnen daher nicht begegnete, ging er bis zu dem Raſen⸗ platze vor dem Wohnhauſe, auf welchem der alte Mann, mit auf den Ruͤcken gelegten Haͤnden und niedergeſentem⸗ Snupße, unbe⸗ weglich ſtand. S Die Ankunft des Sohnes erigechte; den Vater aus ſeinem tiefſinnigen Bruͤten. Schnell ging er auf ihn zu, ſchüttelte ihm herzlich die Hand, und erkundigte ſich, mit mehr als ge⸗ woͤhnlicher Theilnayme, nach dem Beſinden der jungen Frau. Eine ſo ungewoͤhnliche Herzlichkeit beſtaͤrkte den jungen Mann in dem Wahne, zu welchem ihn das Geſchenk der „Baninoten verleitet hatte. Aber der Paroxys⸗ mus von väͤterlicher Zartlichkeit, hinter wel⸗ chen der alte Mann das Gefuͤhl ſeines Unrechts verſtecken wollte, verſchwand bald, ſo daß⸗ mitten iin ſeinen Gluͤckwuͤnſchen, ſein Gewiſſen ihn iin eine ſo große Verlegenheit ſetzte, daß er ¹ gendthigt war ſich abzuwenden, um ſeine Falſch⸗ heit zu verbergen. Der arme Karl wurde zedoch verhindert, die Veraͤnderung im dem Bettagen ſeines Baters wahrzunehmen, da . Walther in dieſem Augenblicke, in vollem Sonntagsſtaate, nebſt ſeiner Mutter, die ihm den Hut nachteug und dieſen mit der Schuͤrze abwiſchte, an der Hausthüͤr erſchien. „Sch rath⸗ Dir, mein Kind,“ ſagte letztere zu Walther, indem ſie ihm den Hut gab, „Dich hübſch in Acht zu nehmen; denn Du weißt, was fuͤr loſes Geſindel an der Mitt⸗ bc in der Trongaſſe iſt. Und was ich Dir eſagt, daß Du die Feder nicht in's Tintenfaß ſſteckſt, bis Herr Keelevin Dir ſagt, es wär⸗ zu Deinem Vortheile; denn Karl iſt Deines Vuaters Lieblingsfavorit, und noch am letzien 5 — 432— Sabbath gab eer ihm, wie ich Dit ſugee, hundert Pfund als Holhgeitoſchankage fuͤr ſeine Fahle Heirat.“: ine hile nao m Karl wurde feuerroth, als er dieſes hoͤrte, und zog ſich, ohne ſeine Mutter zu begruͤßen, zuruͤck. Kaum hatte er ſich aber einige Schritte entfernt, als ſie ihm nachrièf:„He! Karl! Du denkſe wohl ſo viel aun Deine hübſche Frau, daß Du die Mutter d'rüber vergißtet“ ns Den Vorwurf fühlend, kehrte er ſogleich zzuruͤck, um ſich zu entſchuldigen. Die Murter Nieß ihn aber nicht dazu kommen, indein ſte ſchnell ſagte:„Sieh nur zu, Karl, daß bas nicht ſorrine Hiſtorie giebt, wie die mit dem Jakob und dem Eſau, und daß dem armen „Waltherchen kein Tort geſchieht, denn er iſt zein guter Narr und thuch was Du des Denn Vater haben will.“ G,h i dg cne n Karl erwiederte lächelnd:„Jchsiehte, liebe Mutter, Sie ſollten Ihre Ermahnungen lie⸗ ber an Walther richten, als an mich. Si wiſſen ja, daß Jakob der juͤngere war und ſeinem aͤltern Bruder das he oe S burt raubte.“ an 3188 ,11d2 8136 4 1 * * zun Der alte Mann hoͤtte die Bemerkung und fuͤhlte ſie, wie einen geſpitzten Pfeil, in ſeine Seele dringen. Mit einem bittern Gemiſch von Gewiſſensbiſſen und Aerger rief er: „„Haltet die Maͤuler und packt Euch vorwärts! „Glaubt Ihr, Herr Keelevin haͤtt’ nicht mehr zu thun, als auf uns zu watten, waͤhrend „Ihr hier gottloſes Zeug ſchwatzt? Komm, Walther, Du hirnloſer Pinſel, wie jemals rein Vater mite einem geplagt war. Komm, lieber Karl, wir Beide wolyn zuſammen gehen, der Simpler wird ſchon nachtrollen; 3 denn wenn er auch nicht Wachtels Verſtand hat, ſaahnt er voch ſo was von ſeinem Inſtinkt.“ i 19 Dieſes ſprechend, ſchritt er eilig auf das „Hofthor zu, ſchwang ſeinen Stab in der Rech⸗ ken, und ging ſchneller und auffechter, als es feine ſonſtige Gewohnheit war. aunld Die beiden Soͤhne beurlaubten ſich von Iiiner Mutter und folgten dem Vater. Karl lachte herzlich uͤber den Stutzer, welchen Wal⸗ ſer aus ſich gemacht hatte.t Unterweges hielt der alte Mann ſich ent⸗ gena von ihnen, blickte aber zuweilen muͤr⸗ 4 — 154— riſch und unzufrieden zuruͤck, wenn ſie zu laut wurden; denn Karl's frohſinniges Lachen ging ihm durch die Seele, und Walthers Albern⸗ heit war ihm nie ſo widerwaͤrtig, als eben jetzt. Als ſie in Herrn Keelevins Schreibſtube fraten, fanden ſie ihn ſchon, mit den auf dem Pulte liegenden Pergamenten, bereit. Ehe er dieſe aber vorlas, erſuchte er den Laird, mit ihm in ſein inneres Gemach zu gehen⸗⸗ nnbHerr Walkinſhaw,“ ſagte er, nachdem er die Thuͤr ſorgfältig zugemacht, nich hoffe, daß Sie Ihren Schritt nochmals wohl über⸗ legt haben; denn iſt er einmal gethan, ſo kann kein Geſetz in Schottland ihn ruckgaͤngig machen. Ich hoffe daher, daß kein Rachegefuͤhl, wegen der unuͤberlegten Heirat Ihres aͤlteſten 8 Sohnes, Sie zu dieſer Handlung verleitete.“ Claudius verſicherte ihn, daß er keines⸗ weges ein ſolches Gefühl hege, und fuͤgte hinzu:„Aber, Herr Keelevin, ob ich Sie gleich zu meinen Geſchaͤften brauche, ſo will ich doch nicht von Ihnen moraliſirt ſein. Sie ſind, ſo zu ſagen, nur die Feder ein der Sache, das Recht oder Unrecht geht mich an. 44 Ich verlange daher, da die Schriften nun fertig ſind, daß ſie auch rechtskräftig, gemacht werden; und dazu hab' ich meine zwei Söhne mitgebracht, die ſelbſt die Urkunden beglau digen ſollen. z. g Nin 00 65 Hecr Keelevin erhob die Hinde, fuhr, zu⸗ ruͤck, und ſagte tief ſeufzend:„Karl kann un⸗ moͤglich in ſeine Enterbung einwilligen, wenn er nicht ſo ſtumpfſinnig iſt als ſein Bruder! an Einwilligen oder nicht, das gilt gleichviel, Herr Keelevin,“ erwiederte der Vater.„Ho⸗ ſen Sie die Schriften, und leſen Sie ſie mir gllein vor. Hoͤren’s die Burſche, ſo kann's Streit zwiſchen ihnen gehen. „Nun, ſo wahr ich lebe, Herr Waltinſbaw„ rief der ehrliche Sachwalter mit mehr Waͤrme und Biederſinn, als man heutiges Tages bei ſeinen Kollegen zu finden pflegt.„Nun, ſo wahr ich lebe! dieß iſt mehr, als mein Ge⸗ wiſſen mir verſtattet. Die jungen Leute ſind bei dem 3 del betheiligt, und es iſt nicht mehr als icklich und billig, daß ſie wiſſen müſſen,* ſte zu unterſchreiben haben.“ „Herr Keelevin,“ rief der Laird mürriſch — 156— „Sie ſind wahrlich ſelbſt nicht recht klug! Das waͤr' doch ſonderbar, wenn die Zeugen, welche ein Teſtament unterzeichnen, auch ein — Recht haͤtten zu wiſſen, was d'rinnen ſteht. So Gott will, ſoll weder Karl noch Waͤlthet wiſſen, wus heut' vorgeht, 8 lang⸗ achdihen in mir hab'. 71: 331 Ist 12i 01 und,Gut, Herr Wulkinſhaw,“ erwiederte der Sachwälter,„ich ſehe wohl, daß Sie auf Ihrem Kopf beharren wollen. Doch hoffe ich, Ihren eignen Worten zufolge, daß es in Ihrer Macht ſteht, den armen Karl für dieſes höchſt ſeltſame Gideicommiß ſchadlos zu halten, und daß Sie keine Zeit verlieren werdenz dieß zu beſerkſtelligen.4 21 Sei Sa A is 338G Sin Keſen Sie die Schriften, Herr Keelevin,“ antwortete Claudius barſch. Die Pergamente wurden demnach herbeigeholt und vorgeleſen, Waͤhrend des Leſens derſelben wurde Clau⸗ dius haäufig uͤber den lauten Frohfinn ſeines 3 aͤlteſten Sohnes betrübt, welcher im zußeret Zimmer, auf Unkoſten ſeines glücklichen Bru⸗ ders, mit den Schreibern lachte und ſcherzte Nachdem endlich die Sintemal und Der⸗ — weilen zu Ende waren, rief er ſeine beiden Söhne herbei unde befahl ihnen, in einem ſcharfen und muͤrriſchen„Tone, die Urkunden in ſeiner Gegenwart zu unterzeichnen. Karl nahm die Feder aus ſeines Vaters Hand und unterſchrieb ſich als Zeuge, waͤhrend Hery Keelepin wie verſteinert ſtand. Als man aber auch Waltherin die Feder reichte, weigerte ſich dieſer ſie anzunehmen. 4 Eingedenk der muͤtterlichen Lehren, ſagte uh Pinſete„Was ſoll ich dafuͤr haben? das muß ich erſt wiſſen. Niemand ſn be ohne V tlng n 12 31951 1 96s 3 Sl albetner Burſchel⸗ rief der Vater. „Wilſe nicht thun, was ich Dir befehle?⸗ 2 1„Alles will ich thun, was Sie haben wollen, aber auf das Kalbfell da ſchreib⸗ ich nicht, ohne einen Vortheil. Herr Keelevin ſchreibt auch nichts umſonſt, und ſo will jich's auch nicht. Hab'⸗ ich nicht den ſauern Weg von Grippy hierher gemacht; und ich ſoll nicht ein⸗ mal einen Pappenſtiel haben?“ Derr Laird berſluckke den Aerger iber die albernen Reden ſeines erwaͤhlten Erben, waͤh⸗ rend Karl ſich auf einen Stuhl warf und in lautes Gelaͤchter ausbrach. Doch ließ Clau⸗ dius ſich nicht durch den Blödſinn ſeines Sohnes von ſeinem Vorhaben abbringen, ſondern ſuchte im Gegentheil zu verhuͤten, daß die Thorheit des Narren nicht noch weiter gehe. Er rief daher einen der Schreiber herbei und erſuchte dieſen, ſich als Zeuge zu unter⸗ ſchreiben. Walther beklagte ſich jedoch laut, daß man ihn ſo behandle, und ſagte, er habe zum wenigſten eine Guinee fuͤr ſeine Muͤhe erwartet;— denn ſo legte er ſich den Vor⸗ theil aus, auf welchen ſeine Mutter anſpielte. „Gut, gut,“ ſagte ſein Vater, nhalt, nur's Maul, Du ſollſt die Guinee haben, unterſchreib aber nur erſt das andere Pergament.“ Hier⸗ mit legte er ihm die zweite Urkunde vor, vermoͤge welcher Walther, als Eigenthümer von Plealands, dieſes Gut, auf eben die Art wie Grippy, mit Fideitommiß belegte. Die Zuſicherung der Guinee wirkte. Walther un⸗ terzeichnete die Urkunde, welche Karl und de Schreiber gleichfalls als Zeugen unterſchrieben; — 189— und auf dieſe Weiſe war Karls Enterbung nunmehr vollkommen zu Stande gebracht. iwe kunb kwanzigſten Royitet. 1n 8 1 1 3 ¹ als ſe Herrn Keelevin's Wohnung ver⸗ tießen„ bat Karl ſeinen Vater und Bruder, mit ihm in ſeine Wohnung zu gehen, aber der alte Mann wendete ſich ſchnell ab. Walther ſchien jedoch geneigt, der Einladung zu folgen, und wollte mit Karl fortgehen, als ſein Va⸗ ter zuruͤckblickte und ihm ſcheltend wiſ bn zu folgen. 8 Zu jeder andern zeit wuͤrde Karl. dieſen kleinen Vorfall nicht bemerkt haben. Jetzt aber fuͤhlte er ſelbſt, wie ſehr dieſes Betragen mit der väterlichen Liebe in Widerſpruch ſtand, von welcher er ſo eben freigebige Anordnun⸗ gen, fur ihn und ſeine Gattin, erhalten zu haben glaubte. Daher blickte er dem alten Herrn bedenklich nach, waͤhrend dieſer und Walther auf den Marktplatz zuſchritten. Grippy war noch keine dreißig Schritte gegangen, als er ſtill ſtand, ſich umdrehte und * 169— ſeinen aͤltern Sohn herbeirief, uslchern auch ſogleich Folge leiſteteteet. „Karl,“ ſagte er,„ich hoffe, daß Du den Laden nicht über, die Heiratstaͤndeleien und Faſeleien vergeſſen wirſt, denn das Geſchaͤft geht Allem vor. Ich dacht' ſo eben, Du koͤnntſt auch wohl ſo ein Saldo machen, daß! ich ſehen kann, wie wir zuſammen ſtehen.“ Dieß fuͤhrte eine verdrießliche Erinnerung herbei, indem Katl der einſtigen Bemerkung, ſeines Baters gedachte, daß es gefährlich ſei⸗ einen jungen Mann, mit der Ausſicht auf eine zahlreiche Vauilie⸗ 3 zum 4 Smyahun zu ehmennn 86., 3 85 oy Ich hoffe,“ erwiederte er,, hau Sie nicht dir. Abſicht haben, die Mcnuns ganz mit mir abzuſchließen? i a, nu n im „Nee, Karl, nee,“ war die Antwort.„Ich wil- ſchon fuͤr Dich ſorgen, Du ſollſt nicht dirunter leiden. Aber mach' nur ſo unter der Hand ein Suldo, und komm känftigen. Sonnabend mit Deiner Frau nach Grippy⸗ da wollen wir weiter davon ſprechen.“ 6 Mit dieſen Worten ſchritt der Alte, mi b — — 161— Walther, nochmals nach dem Marktplatze zu. Karl ſtand betaͤubt, und konnte die Urſache des ſonderbaren Betragens ſeines Vaters nicht errathen. Es ſchien ihm ſo unerklaͤrbar, daß er einen Augenblick daran dachte, zu Herrn Keelevin zuruͤckzugehen, und dieſen wegen der Urkunden zu befragen; doch hielt ihn ein Gefuͤhl von Schicklichkeit ab, eine Sache er⸗ forſchen zu wollen, die man ihm ſo gefliſſent⸗ lich verheimlichte. Aber der Zwang, den er ſich hierin auflegte, trug nicht das Mindeſte dazu bei, die bange Beſorgniß zu heben, welche das geheimnißvolle Betragen ſeines Vaters in ihm erregte; und als er zu Iſabellen zu⸗ ruͤckkehrte, fand dieſe ihn ſo zerſtreut und tief⸗ ſinnig, daß ſie glaubte, er habe ſich in ſeinen Erwartungen getaͤuſcht gefunden:— ein um ſo mehr natürlicher Gedanke, da ſie ſchon ſeit dem letzten Sonntag Boͤſes ahnte. Karl wollte jedoch, auf die Erkundigungen ſeiner Gattin uͤber die Urſache ſeiner Nieder⸗ geſe lagenheit, keine paſſende Antwort geben. Er erzaͤhlte bloß, was vorgegangen war und was ſein Vater geſagt hatte, und theilte die 3 I. Thl. 11 — 162— Einladung mit. In allem dieſem lag jedoch nichts, was ſeine ſeltſamen Beſorgniſſe recht⸗ fertigen konnte, ſondern, ganz im Gegen⸗ theil, war er ſo entfernt von dem Verdacht, daß man Boͤſes gegen ihn im Schilde fuͤhre, daß er verſichert zu ſein glaubte, ſein Vater ſei darauf bedacht, ſeine Lage baldmͤglichſt zu verbeſſern. Aber bei alle dem lag in dem Betragen des alten Herrn eine gewiſſe Zu⸗ ruͤckhaltung, und in deſſen unbeſtimmten Ver⸗ ſprechungen etwas ſehr Seltſames, welches ſeine Hoffnungen maͤchtig dämpfte. Waͤhrend er und Iſabella ſich uͤber dieſen Gegenſtand beſprachen, trat die alte Leddy Plealands ein, die zwar ſchon von den beab⸗ ſichtigten Verſchreibungen gehoͤrt hatte, aber deren Beſchaffenheit nicht wußte. In ihrem Charakter lag, wie bereits erwaͤhnt, eine ſtarle. Doſis von romantiſchem Gefuͤhle, das man auch wohl kraͤnkelnde Empfindſamkeit nen konnte. Ihr Schwiegerſohn mißſiel ihr vom erſten Augenblick an, in welchem ſie ihn an⸗ ſichtig wurde, und dieſes Mißfallen machte ihr ſeine Geſellſchaft ſo unangenehm, daß, ob 4 — 163— ſie gleich bereits beinahe vierundzwanzig Jahre in Verbindung ſtanden, ihr ſein wahrer Cha⸗ rakter dennoch unbekannt blieb. Sie hielt ihn fuͤr einen Menſchen vom niedrigſten Geize, wußte aber nicht, daß er bloß jenem Phan⸗ kome des Familienſtolzes nachjagte, welches er als das höchſte, ja als das einzige Lebens⸗ gluͤck anbetete. Aus dieſem Grunde konnte ſie ſich keine Urſache denken, daß er, nach vor⸗ hergegangener Verſoͤhnung, ſeinem Erſtgebor⸗ . nen irgend einen Nachtheil haͤtte zufuͤgen ſollen, konnte daher auch nicht mit den Be⸗ ſorgniſſen der jungen Leute ſympathiſtren, ſondern beklagte nur ihre gegemirrige be⸗ ſchraͤnkte Lage. 1 8 Miittlerweile ſchritten Walther und ſein Vater ruſtig auf Grippy zu. Der Alte gab ſich nicht mit ſeinem Sohne ab, außer daß er dann und wann mit ihm ſchmaͤlte, wenn er die Vogel von ihren Neſtern aufſcheuchte, oder den Schmetterlingen nachlief. 3 JIhr Weg fuͤhrte bei dem Fußpfade vorbei, welcher nach Kilmarkeckle leitete, wo Jungfer Bodle, die reiche Erbin, mit ihrem Vater wohnte. 11* S * — 164— „Walther,“ ſagte Grippy zu ſeinem Sohne, „geh' allein nach Haus und ſag' Deiner Mut⸗ ter, ſie ſollt' nicht mit dem Eſſen auf mich warten; ich waͤr' nach Kilmarkeckle gegangen, um mit Herrn Bodle zu ſchwatzen.“ „Sie ſollten lieber mit heim kommen,“ erwiederte Walther,„denn es ſteckt ein Schafs⸗ kopf im Topfe, mit einem Hals, ſo fett und dick, wie der des Richters in Glasgow.— So was kriegen Sie nicht in Kilmarkeckle, da iſt die Suppe ſo duͤnn, daß die Gerſten⸗ koͤrner in der Schuͤſſel'rum laufen und ihrem Nachbar guten Tag bieten.“ 1e Claudius hatte ſchon den Jußpfan einge⸗ ſchlagen, aber in Walthers Geſchwaͤtz lag etwas, das ſeinen hoͤchſten Aerger erregte. Laut und in einem Tone, der furchtbare Bangigkeit andeutete, ſagte er:„Ich hoffe, Gott wird mir das verzeihen, was ich fuͤr dieſen Thoren that!“ 4. n Walther war nicht ganz ſo blödſinnig⸗ um nicht den Sinn dieſes bereuenden Ausrufß zu verſtehen. Er entſann ſich der Ermahnun⸗ gen ſeiner Mutter, auch erwachten zugleich — 165— einige dunkle Begriffe von den Gefahren be⸗ ſiegelter Pergamente in ihm; daher ſagte er weinend und ſchluchzend:„Mein Papa und unſer Karl haben mich angefuͤhrt, und wollen mich um Großpapas Erbſchaft ſchwaͤnzen!“ Grippy war wie vom Donner geruͤhrt. Es duͤnkte ihn, der Himmel habe, ihm zur Strafe, ſeinen Sohn heute bloͤdſinniger als jemals werden laſſen. In der groͤßten Wuth fuhr er auf ihn los und pruͤgelte ihn der⸗ maßen ab, daß er heulend und winſelnd nach dem Hauſe zulief. Doch fühlte Claudius augenblicklich, wie uͤbereilt und ungerecht er geweſen war; und von Reue und Scham uͤber⸗ waͤltigt, ſetzte er ſich auf eine niedrige Mauer, welche den Weg einfaßte, faltete die Hände und fuͤrchtete nun ſelbſt, in bittre Zaͤhren aus⸗ brechend, eine große Suͤnde begangen zu haben. Dieß war jedoth eine ſchnell vorübergehende Reue, denn als er hoͤrte, daß Jemand ſich naäherte, ſtand er plöͤtzlich auf, ergriff den Stock, welchen er hatte fallen laſſen, und ging nach Kilmarkeckle zu. Kaum war er aber wenige Schritte vorwaͤrts gegangen, als ihn * 4 — 166— Jemand an der Schulter ergriff. Er ſah ſich um und erblickte Walther, der ſeinen Hut zugeklappt in der Hand hieltt.. an „Papa!“ rief der Simpler,„da hab' ich eine große Waldbiene gefangen. Halten Sie ſie'nmal feſt, bis h den maponipſaci raus Lab. 2 „Ich will heia gehen. Walcher,— 2.9 4 will heim gehen,“ war die einzige, mit Be⸗ truͤbniß geſprochene Antwort des Vaters.„Ich will heim gehen, ich kann heut' nichts mehr thun.“ Hierauf ſchritt er mit Walther auf ſein Haus zu, bedachte ſich aber bald eines Andern und ſagte:„Ich bin wohl noch toller als Du, ſo fort zu rennen. Thu', was ich Dir befahl, geh' zu Deiner Mutter und ſag' ihr, ſie ſollt' nicht mit dem Eſſen auf mich warten, ich blieb' zu Kilmarkeckle.“ Dieſes ſpre⸗ chend, drehte er ſich kurz um, und ohne hinter ſich zu ſehen, ging er friſch, und ſeinen Stock muthig ſchwingend, auf Kilmarkeckle los, wo Herr Bodle, der ihn den Weg herauf kommen ſat, ihn an der Thuͤr emoſung. 5 eiHe — 167— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Bodle von Kilmarkeckle ſammte, wie alle Lairds ſeines Zeitalters, aus einem alten Ge⸗ ſchlechte, das zwar in gewiſſem Grade mit Adams allgemeiner Nachkommenſchaft verwandt war, vielleicht aber noch uͤber den gemeinſchaft lichen Stammvater hinausreichte, was jedoch bis jetzt noch von keinem Geſchichtſchreiber bewieſen wurde. Gleich allen ſeinen Zeitge⸗ noſſen von gleichem Range, war er ſtolz auf ſeinen Stammbaum, ſchaͤtzte aber ſeine eige⸗ nen perſoͤnlichen Geiſtesgaben noch hoͤher, ob⸗ ſchon dieſe ſich oft auf eine ſeltſame Weiſe äußerten. In jeder andern Hinſicht war je⸗ doch der Laird von Kilmarkeckle ein achtungs⸗ werther Mann, und von ſo ſanfter und nach⸗ giebiger Gemuͤthsart, daß er Alles um ſich her nach Belieben aufwachſen und ſich vermeh⸗ ren ließ. Die Anzahl der Katzen, von jeder Groͤße und jedem Alter, welche in ſeinem Wohnzimmer. umherſprangen, oder ſich vor dem Hauſe ſonn⸗ ten, uberſtieg allen Glauben; und dennoch ver⸗ ſicherten die Nachbarn, die Maͤuſe heckten in Kilmarkeckle zweimal ſo oft als die Katzen. * .. — 168— Am ſtaͤrkſten zeigte ſich die nachgiebige Na⸗ tur des Lairds gegen ſeine Tochter, Jungfer Betty, die ihre Mutter in fruͤher Kindheit verloren hatte, und welcher er ſo lange er⸗ laubte, ſich ungezuͤgelt unter dem Geſinde um⸗ herzutreiben, bis ſie deſſen Sitten dergeſtalt annahm, daß ſie faſt ganz verwilderte. Sie war jetzt zwanzig Jahr alt, und konnte für ſchoͤn gelten. Aber ihre Reize waren von ſo athletiſcher Art, daß ihre offene, friſche Phy⸗ ſiognomie, ihre lachenden Augen, ihre weißen, ſchoͤngereihten Zaͤhne und ihr munterer, kecker Gang, ſie wohl zu dem Scherznamen Jungfer Luſtig berechtigten, den Karl Walkinſhaw ihr beigelegt hatte. Sie liebte Hunde und Pferde, und erlegte einen Haſen beſſer, als der Wildhuͤter des Herzogs von Douglas. Keck und aufbrauſend, trug ſie kein Bedenken, Gebrauch von ihrer Peitſche zu machen, wenn Herr oder Knecht ſich gegen ſie vergeſſen woll⸗ ten; denn aus Mangel an weiblichem Zart⸗ gefuͤhle, ſetzte ſie ſich oft genug den ungezie⸗ menden Freiheiten beider aus. Doch mangelte es ihr nicht gaͤnzlich an den uͤbrigen Tugen⸗ — 169— den ihres Geſchlechtes, und waͤre es ihr Schick⸗ ſal geweſen, die Gattin eines Jaͤgers oder Soldaten zu werden, ſo wuͤrde ſie vermuthlich im Walde oder im Lager ſich vortheilhaft ausgezeichnet haben. Man haͤtte glauben ſollen, ein ſo maͤnn⸗ lich geſinntes Weib werde mit der groͤßten Verachtung auf Walther Walkinſhaw herab⸗ blicken. Aber durch den zufaͤlligen Umſtand, daß er in der Kindheit oft ihr Spielgefäͤhrte und die Zielſcheibe ihrer Ausgelaſſenheiten ge⸗ weſen war, hegte ſie, aus Gewohnheit, eine Art von Vorliebe fuͤr ihn. Dieſe ſeltſame Neigung ging ſo weit, daß, als ihr Vater, nachdem Claudius ſich hinwegbegeben hatte, ihr Walther'n zum Gatten vorſchlug, ſie keine ernſthaften Einwuͤrfe gegen dieſe Verbindung machte, ſondern im Gegentheile lachte und ſich mit der Idee beluſtigte, ihn, wie ehedem, zum Gegenſtande ihrer Neckereien machen zu koͤnnen, und ihn, wie ein Huͤndchen, aufwar⸗ ten und apportiren zu laſſen. Auf dieſe Weiſe ſchien Alles die baldige Vereinigung der Guͦ ter Kilmarkeckle und Grippy zu beguͤnſtigen, w in der That die lebhafteſten Hoffnungen un⸗ ſeres Elaudius uͤbertraf, der ſich ſchon gefaßt machte, eine abſchlaͤgige und vielleicht ſo⸗ gar beleidigende Antwort zu erhalten: als er am folgenden Morgen den Laird von Kil⸗ — bei ſich eintreten ſah, um ihm e Entſcheidung der Jangje Betty zu — „Kommt näher Nachbar!“ nhf er ben Laird ſchon in der Thuͤr zu.„Kommt naͤher!— Was hab't Ihr gut's Neues? Ich hoffe, daß nichts Unrecht’s zu Hauſe vorfiel, da Ihr ſo aärgerlich ausſeht?„) 1 „Freilich mußt⸗ ich mich heut' fruͦh tüͤch⸗ tig ärgern,“ erwiederte der Laird.„Voriges Jahr kauft' ich ſehr guten Schnupfta ck von dem Tabackskraͤmer auf dem Markte, der wie’n Bluͤmchen roch, und riecht nur einmal den da, der ſtinkt wie all' der Teufel. 2 „Habt Ihr mit Eurer Tochter geſorschen? 2 unterbrach ihn Grippy, dem vor einer weit⸗ laͤuftigen Auseinanderſetzung von der Guͤte der verſchiedenen Sorten von Schnupftaback bangte, von welchem Kilmaykeckle ein leihen chnitlicher Liebhaber war.*) 3 „D ja wohl that ich's!“ 3 1 ,Nun, was ſagte Jungfer Betty?“ nn „Ra, es wurd' Euch wohl gethan haben, es mit anzuhoͤren, Herr Waltinſhaw. Ich moͤcht' nur wiſſen, wo's Maͤdel die tolle Laune her hat; denn ihre Mutter war eine ernſte/ kluge Frau, die ich faſt nie lachen ſah.“ .„Das fürchtet⸗ ich, ſagte Claudius, welcher vermuthete, Jungfer Betty habe den Vor. ſchas lächerlich gefunden. 3 Rach einer ſehr langen gelehrten Diſer⸗ tation uͤber die mannigfaltigen Varietäͤten von Schnupftaback, welche Claudius Geduld auf eine harte Probe ſetzte, ſagte Kilmarkeckle endtich: er habe mit ſeiner Tochter geredet, und ſte haͤtte nichts gegen die Heirat einzu⸗ wenden.— „Gott behuͤt, Herr Wodle!“ rief Grippy. „Wie konntet Ihr ſo lange uͤber'n Berg * So wie die alermeiſten ſeiner Landeleute, vom, Hochſten bis zum Aledrigſeen. D. Ueb. — 1722— ſchwatzen, und hattet mir ſo⸗ gute àdanezeihe zu geben?“ iun Nachdem die beiden Lnisds die Mitgift und andere nothwendige Artitel beſprochen hatten, wobei Kilmarkeckle Grippy's Habſucht in allen Stuͤcken nachgab, ſchien die Sache völlig abgemacht, den kleinen Punkt ausge⸗ nommen, ob man auch die Einwilligung des Braͤutigams erlangen werde. Claudius nahm es jedoch auf ſich, ſein Soͤhnchen gehörig zu ſtimmen, und ihm zu befehlen, daß er noch am nämlichen Abend nach Kilmarkeckle gehe, um der bluͤhenden, huͤpfenden und lärmenden Jung⸗ fer Berty Herz und Hand zu bieten. 8 1anng Vietubzmunzigſer Kapitel. „Wltherchen, 1 ſagte: der Laird von 4„ zu ſeinem hoffnungsvollen Erben, den er in Wuner rief, als Kilmarkeckle hinweggegangen war.„Komm her, Waltherchen, und ſet⸗ Dich naseet Ich moͤcht gern einmal ordentlich vernuͤnftig mit Dir ſprechen. Höorſt auch, was ich Dir ſage? Kilmarkeckle war eben bei mir— So hoͤr' doch!— es iſt um's Teu⸗ fels zu werden!— Wohin gaffſt Du?— 1 Wie ich ſagte, Kilmarkeckle war miet und meinte, Du und ſeine Tochter—“ „Na, ſo was ſah ich mein dee noch nicht!“ unterbrach Walther.„Da War eine langbeinige Waſſerjungfer am Fenſter, und da kam eine Spinne, ſo dick wie eine Kroͤte, und klammert ſie in die Arme, und wutſch! 1 in mit'r in ihr Neſt.— So was ſah ich mein Tage nicht!? „Walther Walkinfhawt“ rief ſein Vater aͤrgerlich.„Es iſt doch was ganz Entſetzliches, daß ich nichts Kluges aus Dir'raus kriegen kann, ob ich Dir gleich von dem größten Vor⸗ theile ſprach, der Dir in der Welt werden kann. Willſt Du Jungfer Beery Bodle zur Frau?“ „O, Papa!“ „Wuͤrd' ſie nicht eine kapitale Aeboy von Plealands machen?“. Walther gab keine Antwort, ſondern grinſ'te, rieb ſich die Hände und patſchte ſich vergnuͤgt auf die Schenkel.. „Ich bin gewiß, daß Du keinen Fehler an ihr finden kannſt. Es giebt kein braveres — 114— und reicheres Maͤdel in den drei Graiſchaß ten.— Was haͤltſt Du davon?“ 216, Walther erwachte aus ſeinem Eneaicker ſtäͤmmte die Haͤnde feſt auf ſeine Kniee, beugte ſich vorwaͤrts, blickte ſeinem Vater ernſthaft in's Auge und ſagte:„Aber ſie wird mir doch keine Puͤffe geben? Wiſſen Sie wohl noch, wie ſie mir den Ruͤcken braun und blau puffte?— Ich fuͤrcht; michlzl „Schweig mit Deinen Dummheiten, da⸗ mals war't ihr Kinder. Es giebt kein hül⸗ ſcheres Mäͤdel im Lande.“ „Ja, ſie hat rothe Backen und ein Paar Augen im Kopfe, die glotzen nur ſo, wie Mehlthau auf’m Blumenkohl. Aber Papa!— Ach, Papa! ſie hat eine Fauſt wie'n Dreſcher!“ „Wenn's weiter nichts iſt, damit kann ein geſcheidter Burſch, wie Du biſt, ſchon fuͤrlieb nehmen. Du kannſt von Oſten bis Weſten gehen, und find'ſt ihres Gleichen nicht.— Und dann denk an ihre Mitgift, die findet man nicht alle Tage auf der Gaſſe.“ „Ja, die Leute ſagen, ihr Onkel beſchum⸗ melte ſeine eigne Tochter, und hinterließ' der — 175— Betty einen großen alten Strumpf voll Guineen. Aber läß't ſie mich wohl Halbpare gehen? 2 3 „Das unterliegt keinem Zweifel, und wenn Du ſie huͤbſch ſtreichelſt, ſo ſollt' miches wun⸗ dern, wenn ſie Dir nicht das Ganze gäͤb'. Ich weiß gewiß, Du ſah'ſt nie ein Weib, das Dir beſſer gefallen koͤnnt'.“ „Doch, doch!“ erwiederte Walahete n 7. traulich.—— „Wer iſt ſie?“ rief der erſtaunte und er⸗ kthr cbene Vater. „Meine Mama!“ So ernſt der alte Geizhals auf ſeinen Zweck bedacht war, konnte er ſich doch des Lachens uͤber dieſe feierlich gegebene Antwort nicht enthalten, nahm aber bald ſeine gewohnte Gravitaͤt wieder an und ſagte:„Wahr! ich dacht' nicht gleich an Deine Mutter. Biſt Du aber erſt Betty Bodle's Mann, ſo wirſt Du ſtie doch noch lieber haben, wias Deine Mäareis⸗ „Das vierte Gebot ſagt: Ehre Vater und Marre, damit Dir's wohlgehe auf Erden; — 176— düber daß man die Frau lieb haben ſoll, da⸗ von ſteht nichts geſchrieben.“ „Gut, gut! Aber ich wollt' Dir nur noch ſagen, daß Kilmarkeckle und ich ein Paktum mit einander machten, daß Du ſeine Tochter heiraten ſollſt; und da magſt Du nun heut' Abend hingehen und mit Jungfer Betty ſcharmiren.“ „Aber Papa, ich weiß nicht, wie ich mich d'rzu anſtellen ſoll. Ich that ſo was noch im Leben nicht. Ich ſchaͤm' mich gar zu ſehr.“ „Gott verzeih' m'r!“ ſagte Claudius zu ſich ſelbſt,„aber der Pinſel wird von Tag zu Tag einfäͤltiger.— Ich ſag' Dir, Walther Wallkinſhaw, Du ſollſt Dich einmal als Mann betragen, und noch heut' Abend nach Kil⸗ markeckle gehen, und ſelbſt mit Jungfer Betiy uͤber Eure Heirat ſprechen.“ en „Nun, das kann ich, und will ihr auch helfen die Hochzeitskleider einkaufen.— Am Hochzeitsabend woll'n wir einen prächtigen Aepfelauflauf haben, mit großen Roſinen.”“ Der alte Mann war wie verſteinert. Es ſchien ihm unmöglich, daß die Heirat jemals — — 1— zu Stande kommen koͤnnte, und er ſaß eine Zeitlang da, als ſtockten ſeine Sinne. Aber ſein unbeugſamer Charakter und die Hartnaͤk⸗ kigkeit, mit welcher er jeden Gegenſtand, den er im Auge hatte, verfolgte, erſtickten bald das in ihm aufſteigende Schamgefuͤhl; und da er, wenigſtens in Anſehung Walthers, den Handel ſo gut als abgeſchloſſen betrachtete, rief er ſeine Gattin herbei, um ijn ditedeuige keit kund zu thun. 3 „Chriſtel Hypel,“ ſagke ⸗ er⸗ ale ſſen ein halbgerupftes Huhn in der Hand haltend, in's Zimmer trat,„verwundere Dich nicht, wenn Du hoͤrſt, daß Walther 1nn Bn Bodle bald ein Paͤrchen werden. „Nicht möglich!“ rief die Leddy, ſank uuf einen Stuhl, und ließ vor Erſtaunen das Huhn in ihren Schooß fallen. „Warum ſollt's nicht moͤglich ſein?“ fa der Laird argerlich, indem er alberne Ein⸗ wuͤrfe befuͤrchtete. „Ne, Männchen, wenn das wagr iſ, 5 will ich alle Wunder in der Welt glauben! Denn ob ich's gleich iumer wünſchte,. 1 I. Thl. 5 5 F 12 = 1— dacht' ich doch, Betty Bodle wuͤrd' ihn nim⸗ mermehr nehmen; denn ſte iſt eine tolle Fliege, und er iſt ein ſittſamer, gutmuͤthiger Burſch', Auf mein Parol, Waltherchen„Du haſt ein unmenſchliches Gluͤck,— erſt kriegteſt Du Plea⸗ kands von Deinem Großvater und nun gar—“ Sie wollte hinzufuͤgen,„ſo ein huͤbſches, rei⸗ ches Maͤdel, wie Betty Bodle.“— Aber ihre Bemerkung ſchnitt ihrem Gatten in's Herz; er unterbrach ſie daher und ſagte mit Strenge: „Alles, was das Schickſal beſiehlt, muß ge⸗ ſchehen, und Dir, Chriſtel, will ich nur ſa⸗ gen, daß Du Acht haſt, daß der Burſche hübſch vernünftig, in der Däͤmmerung, nach Kilmar⸗ keckle geht, um mit Jungfer Betty vor der Hochzeit zu ſcharmiren.“ „Wahr und wahrhaftig,“ entgegnete dee Leddy,„ich hab' eben nicht Ueſach', mich über eine Heirat in der Familie zu erfreuen; denn ſtatt daß ſie mir Plaiſtr bringen ſollt“, ſo iſt bei mir der Henker los, mit Brummen und Schelten. Maͤnnchen, da unſere Kinder ſi ich jetzt veraͤndern, ſo ſollteſt Du endlich. lernen, und Belaſſen zu werden und vrventlih Num — 4179— zfprechen. Waltherchen, mein Herzchen, merk, was Deine Mutter Dir ſagt: Der Eheſtand iſt ein ſumpfig Loch, greifſt Du'nein, ſo kannſt Du eben ſo gut eine Schlange erwi⸗ ſchen, als einen Aal. Aber das haͤtt' ich nim⸗ mermthr gedacht, daß Du die Betty Bodle ſo mit einem Griffe packen wuͤrd'ſt; denn ich meinte, die waͤr' viel zu ſchlüpfrig, als daß e ſich ſo keicht greifen ließ. Aber es iſt des Himmels Wille, Waltherchen, und ich offe⸗ viß Du jede Sorte Glück mir ihr genießen kollſt, und daß Ihr Euch einander eben ſo Aum Troſte dienen follt wie Dein Vater und ich, und daß Ihr Eure Kinder in der Furcht des Herrn aufbringen möcht', wie wir Euch, bis ſie dann zur Reife kommen und ſich, dem Laufe der Natur nach, von Euch trennen, wie Ihr von uns.“ Weim Schluſſe dieſer pathetiſch⸗empfind⸗ ſamen Rede erhob die Leddy ibren Schuͤrzen⸗ zipfel, um ſich die Augen zu trocknen. Da rief Walther plöͤtzlich:„e! Mama! es tanzt Ihnen ein Huhnerfederchen vor der aſe 12* F 1 4 1 8 — 180— Auf dieſe Weiſe endete ſich die Ankuͤndi⸗ gung der ehelichen Gluͤckſeligkeit, deren Werk⸗ meiſter der Laird von Grippy war. Nach dem Mittagszeſſen putzte ſich Walther, unter dem Beiſtande ſeiner Mutter, auf s Schönſte heraus und ging, in Begleitung ſei⸗ nes Vaters, nach Kilmarkeckle. Wir wuͤrden ihm Unrecht thun, wollten wir nicht geſtehen, daß, ſeine etwas ſchafsmäͤßige Phyſt ſognomie ab⸗ gerechnet, er nicht ſonſt ein leidlich hübſcher Burſche geweſen waͤre, der allenfalls Gnade vor den Augen eines jungen Mädchens fin⸗ den konnte,— und mit dem, wie ſeine Mut⸗ ter ſagte, als er das Haus verließ. oteins Frar angefuͤhrt werden wuͤrde.“ Fuufansy wansispee: Kapiter. 4 1 Nalhdem Kilmarkeckle ſeine Gaͤſte gehöris bewillkommt hatte, begann er abermals weit⸗ lauftig von ſeinem Taback und der Menge und Schoͤnheit der Doſen, in denen er ihn aufbewahrte, zu reden; aber C Claudius unter⸗ brach ihn, und fluͤſterte ihm in’s Ohr; er moͤge Jungfer Benß in's Zimmer rufen, und ſie mit Walther'n allein laſſen, waͤhrend ſie die Doſen beſt chtigten und die verſchiedenen a bäcksſorten pruͤften. Dieß war bald in's Werk geſetzt. Die Jungfrau erſchien erroͤthend und kichernd, und muſterte ihren langaufgeſchoſſe⸗ nen Liebhaber vom Kopf bis zu den Fuͤßen. „Wir wolln Euch allein laſſen,“ ſagte ihr Vaket⸗ ſcherzend,„und Ihr, Herr Walther, geht nur huͤbſch raſch mit ihr zu Werke; z ſie kann einen Puff vertragen, dafuͤr ſtehs ich Euch.“ Dieſe Ermahnung that jedoch keine augen⸗ 3 nicha⸗ Wirkung; denn bei dem erſten Er⸗ ſcheinen der Schoͤnen ſah Walther ſcheu und . verſchamt aus, ſchwenkte ſeinen Hut zwiſchen den Beinen hin und her, und heftete die Augen auf die meſſingenen Knöpfe der vor dem Ka⸗ mine aufrecht ſtehenden Feuerzange; warf aber dann und wann einen ſchielenden, begehrlichen Blick nach ihr, welcher ſie zwar beluſtigte, aber doch fuͤr einige Zeit abhielt, ihn anzu⸗ reden. Jungfer Bodle war jedoch nichts weniger als ſchuͤchtern„ und ihr Uebergewicht fuͤhlend, überwand ſie bald die kleine Verlegenheit, welche aus der Reuheit ihrer Lage entſtand. = 182— Die Blödigkeit, ihres Liebhabers bemerkend, Thdur ſie ſchnell von ihrem Stuhle auß näͤherte ſich ihm raſch und ſagte:„Walther⸗ chen, ich ſage authern⸗ was wollt n von mir?⸗). —„Gar nichts, Gap dir Antwoxt, b er ihr ſchlau in's Geſicht kuckte. „Wovor fuͤrcht Ihr Euch? Ich, weiß, 4 waxum Ihr kommt. Mein Pater ſagt, mir Alles. n. a Bei dieſen ermunternzen Worten prang er, mit einer bei. ihm ungewöhnlichen Lebhaf⸗ tigkeit, von ſeinem Sitze auf und, verſuchte ſie in die Arme zu ſchließen, aber ſie entzog ſich ihm durch eine geſchickte Wendung und reichte ihm, zu gleicher Zeit, eine derbe Manſs ſchelle. 4 6 iſt nicht ſchön, Betty Bodlo,— der Liebhaber, rieb ſich den Backen und n etwas boͤſe und beleidigt aus. „Wer heißt Euch mich angeeen as wiederte die Amazone, mit einem Geläͤchter, welches ſeine Liehe auf's. Neue erweckte. „Ich wollt Euch kein Leid anthun, geniß — 183— nicht,“ war die Antloort.„Ree, ſo wahr ich's Leben hab', Betty! Ich wollt' mich lieber in Finger ſchneiden, als Dir was Leids thun, denn ich mag Dich gar zu gern leiden!— ich kann gar nicht ſagen, wie gern! Willſt' mich, ſo mach' ich Dich, im Augen⸗ blicke, zur Leddy von Plealands, und Mama ſagt, Papa wollt' mir hundert Pfund geben, unm Dir Hochzeitskleider zu kaufen. 4 Jungfer Bettys kleiner Groll verſchwand uͤber die Art, mit welcher dieſes geſagt wurde. Sie naͤherte ſt ich ihm, und waͤhrend ſi ee that, als ob ihr das Ganze lächerlich vorkomme, bemerkte ſelbſt Walther, daß ſie mit ſeinem raſchen Betragen nicht unzufrieden war. Küͤhn gemacht durch ihr freies Benehmen, faßte er ſte bei der Hand, wendete jedoch das Geſi cht von ihr ab, gleichſam als wiſſ' er nicht, was er thue; und in dieſer Stellung blieben ſie einige Minuten ſprachlos ſtehen. Jungfer Betty brach jedoch das Schweigen zuerſt. „MNun, Waltherchen,“ ſagte ſie, nwas wolltet Ihr mir eigentlich ſagen?“ 8 „Nee,“ erwiederte er in einem beinahe — 184— galanten Tone,„die Reihe zu reden iſt an Euch. Ich hab' meine Meinung geſagt, Betty Bodle.— Ach! das iſt ein hübſches Patſch⸗ chen!— Und was fuͤr ein fettes Speckaͤrm⸗ chen das iſt!— Ich konnt⸗ Dir in die Bak⸗ ken beißen, Betty Bodle!— das könnt⸗ ich 9 „Gott behuͤt', Wättheichen, Itt ſeis 44 wie'n Wehrwolf!“) „Wäͤr⸗ ich's, ſo fraͤß' ich dis mit Haut und Haar!“ war ſeine(lebhafte Autwort, wäͤhrend er ſie mit Kuͤſſen bedecktez eine Frei⸗ heit, welche ſi ſie augenblicklich dadurch beſtrafte, daß ſie ihn kraͤftig rdath ieß und in hat. Wateis Lehnſtuhl warf. e Aber, krotz dieſem männlichen Beweiſe weiblicher Sittſamkeit, freute ſich Jungfer Bodle innerlich uͤber die feurige Kuͤhnheit ihres Liebhabers und ſagte ganz aufgeraͤumt: „Ich rath' Euch, Freund Walther, huͤbſch tig zu ſein. Mann und Weib ſind Mann 8 Weib, aber ich bin nur Betty Boble, und Ihr ſeid nur Walther Walkinſhaw. 4 „Alle Hagel, Betty! 1 erwiederte Walther⸗ ſich den Elbogen reibend, den er im Fallen = 18= beſchädigt hatte,„Ihr ſeid verkeufelt ſtark, und was kann Euch wohl ein Küßchen ver⸗ ſchlagen? Aber, lieb' Schaͤtzchen, wir wollen uns doch nicht d'rum zanken; denn wollt Ihr mich heiraten, und Ihr kriegt Keinen, der Euch halb ſo gut iſt: ſo will ich Alles thun, was Ihr haben wollt, ſo wahr ich's Leben hab', da iſt meine Hand drauf! Und dann will ich Euch den ſchönſten Atlasrock in Glas⸗ gow kaufen, mit Blumen, groͤßer als die der Frau Richterin Nikolaus Jarvie. Und wir wollen in Plealands⸗Haus leben, wie die Vaͤ⸗ gel im Hanfſamen, und vom Morgen bis Abend nichts thun, als uns im Baumgarten ſchaukeln.— Ach, wie lieb will ich Dich ha⸗ ben, Betty Bodle!— Und ich kauf' Dir auch einen Weiberſattel und einen Klepper, um drauf zu reiten; und kommt der Winter mit Froſt und Schnee, ſo woll'n wir im warmen Eckchen ſitzen, und ich leſ' Dir ein ah aus der Bibel vor, oder wir ſchreiben Maria und Schafkopf;— ſo wahr ich's Leben hab⸗ das will ich, Betty Bodle!“ Man ſollte in der That gläuben, daß et⸗ was Erhebendes und Begeiſterndes in den Aeu⸗— berungkn wahrer Liebe liege, ſelbſt dann, wenn men. Denn die ernfte und nachatusßsvoll Arg, mit welcher Walther Obiges ſprach, verſchoͤ⸗ nerte und erhob ihn in den Augen ſeiner Scho⸗ nen, die ſonſt wenig Werth auf geiſtige Vor⸗ zuge kgf. 9— „Ich will auftichtig ſein, Walcher⸗“ antwortete ſie.„Ich hab⸗ nichts dagegen, Euch zum Manne zu nehmen, aber—“ ſie ſtockte. 8„Aber was? 2 fragte der, gegen Gewohn⸗ heit, noch immer exaltirte Walther. —„Sur müßt nicht zu ſchnell mit der Hoch⸗ 4„Du foln die Zeit beſtimmen, Benn Bent das verſprech' ich Dir. Iſt aber'nmal ein Handel gemacht, ſo iſt's beſſer, daß gleich be⸗ zahlt wird; denn die Vorſchriftszeile in der ſchule ſagt: Verzoͤgerung iſt gefͤhrlich.— nd ſo, wenn's Dir recht iſt, Betty, ſo koͤn⸗ nen wir uns Sonnabends einſchreiben und Sonntags aufbieten laſſen, und dann wieder am Tage des Heren, und zum dritten Male den Sonntag Machher, und dann nnDhſan heiraten.“ 1 „Ich ſollt' nicht glauben, Weitheichen, daß wir das Aufbieten ganz und gar brauchten,“ ſagte ſie, die Hand auf ſeine Schulter legend. 1us„Wenn Dus nicht glaubſt, Betty Bodle, ſo glaub⸗ ich's auch nicht. Wir kͤnnen uns an einem Tage aufbieken und am Montag ttauen laſſen, wie Karl und Bella Fatherläns. 2 da ſich die Hichenofn nunmehr zur Genügs Vrtändigt anten, ſo würde es uͤberfluͤſſig ſein, erzaͤhlen zu wollen, was weiter zwiſchen ihnen vorging, zumal. da ihr Zwiegeſpruch durch die Ruͤckkehr der beiden Vaͤter unterbrochen wurde. Um nun unſern Leſern die Zeit nicht mit unnützen Weitlauftigkeiten zu verderben, wollen wir nur kurz ſagen, daß Grippy einige Ein⸗ wendungen gegen den naͤchſten Montag, als allzu frühzeitig, machte, und daß demnach be⸗ ſchloſſen wurde, das Einſchreiben ſollte am naͤchſten Sonnabend geſchehen, und das Auf⸗ gebot am nächſten Sonntag zum erſten Male, und am folgenden zum zweiten⸗ und dritten 34 4 — 188— Male vor ſich gehen, die Hochzeit aber ſolltẽ den 1 Dieuſtnz Senauf geſciers werden. rin Sectunpswanzigſes Kapiten 1ur Ats Karl und Iſabelle hoͤrten, daß Walther und Betty Bodle am naͤchſten Sonnabend im Kirchenbuche eingeſchrieben werden ſollten, ſchien ihnen ein Lichtſtral uͤber das räthſelhafte Be⸗ tragen des alten Mannes aufzugehen. Wal⸗ theres wahrer Charakter war ihnen durchaus bekannt, und daher ſahen Sie wohl ein, ſo wie die uͤbrige Welt, daß dieſe Verbindung lediglich durch den Vater betrieben worden war, und bofften, bei der Bekanntmachung von Wal⸗ ther's Heiratskontrakt, zu erfahren, welche Be⸗ ſtimmungen ruͤckſichtlich ihres Unterhaltes ge⸗ troffen worden waͤren. Mittlerweile zog Karl das Saldo, wie man es von ihm begehrt hatte, und nahm es am Sonnabend mit nach Grippy⸗ wohin er und hne Guttin zum Eſr zae den waren. Das Wetter war an edieſem, Tage mib, aber ein dünner, grauer Rebel truͤbte die Land⸗ ſchaft. Die Vögel ſaßen ſtumm und traurig 2 — 489— auf den Zweigen, und die von Regen affe angeſchwollene Clyde murmelte gleichſam mit heiſerer Winterſtimme. Die Trauer, in welche die außere Natur ſich gehuͤllt hatte, truͤbte gleichfalls die Gemuͤthsſtimmung des jungen Ehepaares, und Karl bemerkte einigemal, er fühle einen Grad von diezerasſchagealsi den er noch nie empfunden.. „ Ich wuͤnſchte, liebe Iſabelle,“— 16 deß unſor Geſchaͤft gluͤcklich beendigt waͤre; denn ich fange an, Deinethalben aͤngſtlich zu werden. Ich bin nicht aberglaͤubiſch, aber ich weiß nicht, wie es mir dann und wann in den Sinn kommt, als lebte ich nur noch kurze Zeit. Ich fuͤhle, daß ein ſchwacher Schlag des Schickſales mich bald aus dem Wege raͤu⸗ men kann..“.. Sanft erwiederte ſeins G Gatzins 3 1„ 30 ge⸗ gehe, daß wir Beide Urſache haben, unſere Uebereilung zu bereuen. Ich haͤtte nicht ſo ſchwach ſein ſollen, die Unannehmlichkeiten mei⸗ nes Gewerbes ſo ſchmerzlich zu fühlen. Da es aber einmal geſchehen iſt, ſo muͤſſen wir gegen die bange Furcht kaͤmpfen, welcher Du DOich alhuſebr hingieöſt Mein Rath iſt, daß wir nicht mehr nach den Geſt innungen Der⸗ nes Vaters fragen, und uns unſern kler⸗ nen mes hheduef ſee n verdienen läche ſollen. „Das iſt peiſe und guͤtig von Der gee. chen, liebe Bella. Aber Du weißt, daß meln Vater nicht fuͤhlt wie wir, und es wuͤrde mich nicht überraſchen, Hen er mir die Compagnon⸗ ſchaft aufkuͤndigte;— und was ſolten dann beginnen?“— ums Unter ſolchen langen Geſptichen ncherhen ſte ſich dem vaͤkerlichen Hauſe, als Margarethe und George, welche ſie feit ihrer Heirat noch nicht geſehen hatten, ihnen entgegenkaten.. Jungfer Grethel, wie man ſie gewoͤhnlich nannte, war damals zu Beſuch bei ihren Ver⸗ wandten, und George auf einer Jagdpartie mit Freunden. Beide empfingen das junge Ehepaar guͤtig und liebevoll, vorzüglich die Schweſter, welche, ob ſie gleich in manchen Stücken ihrer Mutter Mher 3 dennoch ein 9 nhebes„Herz hatte. Nach geendigten Bebürennp und = 11= Glückwünſchen, beſchrieb Jungfer Grethe et die Vorbereitungen zu Walther's Hochzeitsfeier. „Denkt mal!“ ſagte ſie lachend,„apa gab ihm zehn Pfund, zum in Glasgow irgend ein Braitgeſchenk einzukaufen.— Und was ſchickt er ihr?— Eine Wiege— eine Wiege von Mahagony, mit Binſen unterlegt, damiſt das Kind bei'm Wiegen nicht aufiache. „Aber die koſtete doch nicht zehn pfundt Was that er mit dem lbrigen Getde?⸗ fragte Kail. „Er ſah nichts, was ihm gefallen hätte und ſo band er es in einen Zipfel ſeines Tu⸗ ſchentuches, das er auf dem Heimwege unab⸗ läſſig um den Kopf ſchwenkte. Unglücklicher⸗ weiſe traf er aber gegen den krummen Wei⸗ denbaum am Waſſer, und— plumpl da la⸗ gen acht Guineen, drei halbe Kronen und achtzehn Pence in der Elyde. Noch kann er 84 nicht über den Verluſt tröſten ,⸗, CEhe noch Zeit zum Antworten war, erſchien der Braͤutigam ſelbſt an der Thuͤr, und zwar in ſehr guter Laune.„Seht, was ich kriegtlu rief er, eine andere Zehn⸗ Pfund⸗Banknore vor⸗ 5— 4192— zeigend, welche ſein Vater ihm gegeben hatte, um ihn zu beruhigen, ehe Kilmarkeckle und die Braut kamen/ welche man n ebenſals zum Eſſen erwartete. JIſabelle, welche ſich aufs Beſte heraus geputzt hatte, trug ein Paar rothe Saffian⸗ ſchuhe, in ein Papier gewickelt, in der Hand; denn wegen des kothigen Weges war ſie in ſtaͤrkern und dichtern Schuhen gewandelt. Wal⸗ ther erblickte zufällig die rothen Schuhe, nahm ſie, ohne weitere Vorrede, ſeiner Schwäͤgerin aus der Hand, betrachtete ſie ſorgfaͤltig, hielt ſ ee hoch empor und ſagte:„Bell Fatherlans,⸗ was wollen Sie für die huͤbſchen, rothen Din⸗ gerchen haben?— Ich moͤcht ſie der Veic Bodle ſchenken. „Sie werden doch wahrlich Ihrer Praut 1 keine alten Schuhe kaufen wollen? erwie⸗ derte Frau Karl Walkinſhaw.„Ich trug ſie ſchon oft. Es wuͤrde uͤberdieß keine gute Vorbedeutung ſein, wollten Sie ihr eine ge⸗ tragene Sache zum Geſchenk machen, Herr Walther; auch wuͤrden ſt ihr nict einmu paſſen/..J 18 Dieſer kleine Vorfall heiterte das junge Ehe⸗ paar einigermaßen auf, und die ganze Geſell⸗ ſchaft trat lachend und ſcherzend in's Haus. Kaum hatten ſie ſich aber niedergeſetzt, als ihr Vater fragte:„Karl, haſt Du das Saldo mitgebracht, wie ich Dir befahl?“ 3 Karl's und Iſabellens gute Laune ver⸗ ſchwand alsbald; der alte Mann aber bezeigte ſeine Zufriedenheit uͤber den Empfang der Rechnungen, beſonders als er fand, daß der Gewinn nicht geringer war, als er erwartet hatte.. Nachdem er die Berechnungen ſorgfaltig dutchgegängen war, faltete er die Papiere langſam zuſammen, ſteckte ſie in die Taſche, ſtand von ſeinem Sitze auf, und ging einige⸗ mal im Zimmer auf und ab. Sein Sohn 2 und deſſen Gattin ſahen ihm mit klopfenden Herzen nach.— Endlich blieb er ſtehen. ,‚Gut, Karl!“ ſagte er.„Ich will mein Wort halten. Du ſollſt den ganzen Profit 3 haben, ſo lang' wir zuſammen handelten. Das wiird Dir ein Biſſel auf die Beine helfen, ſber fuͤr die Zukunft ſetz' ich Dein Theil 1. Thl. 13 — ¹94— apart. Aber, Karl und Iſabelle, haltet gut Haus! Es wird Kinderchen geben, und be⸗ denkt, daß ich auch noch fuͤr Juͤrgen und Grethel zu ſorgen hab“, umn Der Greis ſprach dieſes in einem väter⸗ lichen Tone; auch waren ſeine Zuſicherungen in vieler Hinſicht ſo angenehm, daß das bise⸗ her ſo aͤngſtliche junge Paar ſich nunmeht ſehr beruhigt fand. Aber Walther, der ſich nicht hatte nennen hoͤren, war nichts weniger als zufrieden und fragte daher:„Will denn Papa gar nichts für mich thunne 8*— — — . Dieſe Vorte drangen dem alten Manne, gleich einem ſchneidenden Schwerte, in's Herz. Mit wuͤchenden Augen blickte er den Pinſel an, und gab keine Antwort. Walther ließ ſich jedoch nicht in Jurcht jagen, ſondern brach in ein ſo entſetzliches heulendes Wehklagen aus, daß ſeine Mutter voll Schrecken aus der Küche herbeieilte, um ſich zu erkundigen, was dem Bräutigam begegnet ſei. Pas 88 „Mamme!“ ſchrie er, der Papa willn Stiefkind aus mir machen, und hat allen 4 — 6 — † Proſit dem Karl gegeben und ſagt, er muͤßt nur fuͤr Juͤrgen und Grethel ſorgen!”“ „Wahrlich, Maͤnnchen,“ ſagte die Leddy, welche einige Augenblicke uͤber dieſe ſchreiende Anklage verwirrt ſtand,„wahrlich, Du wirſt och viel zu viel Natuͤrlichkeit im Leibe ha⸗ ben, um nicht Waltherchen ein Kindestheil zu geben. Hat er nicht ſo. gut Recht, wie die Andern, mit zu theilen, außer dem, was er von meinem Vater erbte? Wenn noch Ge⸗ pechtigkeit und Evangelium im Lande iſt, ſo mußt Du ihm ſein Recht widerfahren laſſen, und ſollt' ich meinen letzten Rock verkaufen!“ Der alte Mann antwortete noch immer nicht, ſo daß ſeine Kinder aus ſeinem Still⸗ ſchweigen ſchloſſen der habe in der That im Sinne, ein Stiefkind aus Walther zu machen. „ Na,“ fuhr die Leddy in noch nachdrucks⸗ vollerem Tone fort;„ich dacht' mir was der⸗ gleichen. Ich wußt, gleich, daß bei dem Ge⸗ munkel mit dem Keelevin nichts Gut's raus⸗ kommen werde. Aber ich will ſchon auf den Grund von der Hiſtorie kommen, Walther⸗ en, und will ihn zwingen, daß er ſagen ſoll, 13* — 196— was in dem infamen Papier ſteckt, das man Dich verfuͤhrte zu unterſchreiben.“ 4 Bei dieſen Worten fuhr Claudius von ſeinem Stuhl auf, ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden, daß das Haus zitterte, und rief:„Unterſteht Euch, die Naſe in das ſteaen zu wollen, was ich that!"“ 38 Nach einem kurzem Beſinnen fuͤgte er ge⸗ laſſener hinzu:„Walther, Du wurdeſt beſſer. bedacht— ich that mehr fuͤr Dich, als ich 1 vor mir ſelbſt entſchuldigen kann.— Bei meinem Fluch und meinem ewigen Zorn ge⸗ biete ich Dir und Deiner Mutter, nie wieder 6 von dergleichen Dingen zu ſprechen!“ „Was haſt Du gethan? Kannſt s uns nis ſagen?“ vief die Leddy. Aber der Zorn ging ei ihm beinahe in Wuth uͤber, und mit einer Stimme, welche alle Gegenwaͤrtige beben machte, ſchrie ett „Still, Weib! Stille! 4* „Ach! da ſtr nd Betty Bodle und ihr Papal rief Walther, der ſie in dieſem Augenblicke aus dem Fenſter ſah, ſchnell aufſptang, ſeinet Braut entgegen lief und auf dieſe Weiſt — 197— einen Auftritt endete, welcher die Freude des Togss truͤben 11 wollen ſahten 8 Bieeundohenznofßee Kagttete en Da Leddy Grippy, nach ihren eignen Wor⸗ de um alle Hochzeitsfeierlichkeiten bei Karl's Winkelheirat betrogen worden war, ſo beſchloß ſie, daß es an Walthers Hochzeitstage deſto herrlicher hergehen ſollte. Dieſem Entſchluſſe zufolge war ſie, von dem Tage des Einſchrei⸗ bens an bis zum Trauungstage, lauter Leben und Thätigkeit. Nicht weniger geſchäͤftig zeigte man ſich in Kilmarkeckle, um die Braut gehoͤrig auszurüſten. Unter andern Dingen waren beide Familien uͤbereingekommen, daß jede eine Kuh ſchlachten ſollte; aber ein un⸗ vermutheter Vorfall machte dieſes in Grippy überfluͤſſig⸗ da der Herdenbulle von Kilmarkeckle, durch die Nachläͤſſigkeit der Hirten, mit dem von Grippy uͤber eine ihrer gehörnten Ful⸗ tauinen in Kampf gerieth, und den letztern todt danieder ſtreckte, deſſen Koͤrper daher die Stelle der zum Opfer beſtimmten Kuh: ver⸗ reten Mußte. * — 198— Dieſen traurigen Vorfall abgerechnet, trug ſich nichts Unangenehmes in den Vorbereitun⸗ gen zu der Hochzeitfeier zu, weder in Kil⸗ markeckle, noch in Grippy. Alle Nachbarn wurden eingeladen, und alle freuten ſich zum Voraus auf die Feſtlichkeiten. Selbſt El dius ſchien ſanfter und umgaͤnglicher als ge woͤhnlich, nahm Theil an der Freude ſeiner Kinder und ſcherzte ſo frohſinnig mit der Leddy, daß ſie ſelbſt ſagte,„es waͤr⸗ ihr, als lig⸗ ſte in der Luft umher.“ Nur der Braͤutigam ließ den Kopf hangen aber nie zeigte ein Liebhaber eine größere Anhanglichkeit an ſeine Geliebte, als er. Vom Morgen bis in die Nacht umſchwebte er das Haus ihres Vaters, und ſo oft er ſie anſich⸗ tig wurde, grinſſte er, verſteckte ſich ſchnell und blickte ſehnſuchtsvoll hinter ſich, als hoffe er ſie ſolle ihm folgen. Zuweilen gelang dieſe ſchlaue Kriegsliſt, und Jungfer Betty erlaubte ihm, ſie an den Arm zu nehmen und die Felder mit ihr zu durchſtreifen. 8. Dbſchon dieſes angenehm fuͤr die glückliche Lage der Liebenden war, ſo fand es doch nicht ½ — 199— immer den Beifall der Nutter, welche Walther'n oft ausſchmaͤlte, daß er ſein Mittagseſſen ver⸗ ſaͤume und, wie ſie ſich ausdrückte,„bis in die ſtockſinſtere Nacht hinein ſcharmire.“ Endlich waren alle Vorbereitungen bis Damit nun dieſer altſchottiſche Gebrauch ge⸗ drig vor ſich gehen ſollte, brachten Karl und George, am Polterabend, eine Menge ihrer Bekannten von Glasgow nach Grippy, um den Braͤutigam nach Wuͤrden bedienen zu helfen, waͤhrend Jungfer Grethel und alle Geſpielinnen der Braut ſich, zu demſelben End⸗ zweecke, in Kilmarkeckle verſammelt hatten. Als aber die beſtimmte Stunde ſchlug, war Walther nicht zu finden. Denn waͤhrend Karl Heine große Bowle Punſch miſchte, entwiſchte der Braͤutigam heimlich; und da er, trotz allem Riufen, nicht wieder zum Vorſchein kam, ſo war man einige Zeit um ihn beſorgt, bis man endlich auf den Gedanken verfiel, er moͤge wohl zu ſeiner Braut gegangen ſein„ wohin man ihm zu folgen beſchloß. Mittlerweile hatten die jungen Maͤdchen *— 3— 200— ihr Geſchäft bei Jungfer Betty bereits be⸗ gonnen. Die Wanne, das heiße Waſſer und der Ring waren in Vereitſchaft. Ihre Struͤmpfe waren abgezogen, lautes, frohes Lachen er⸗ ſchallte, und mancher maͤdchenhafte Scherz ließ ſich hören, waͤhrend man der Braut die Beine rieb und den Gluͤcksring im Waſſer ſuchte: als plötzlich ein freudiges, wieherndes Gelaͤch⸗ ter vor dem Jenſtarn ihuet eenaes ein Ende machte. Die Braut— ihte dugem Dwe Ge⸗ ſpielinnen wendeten ſich von der Wanne und ſahen nach dem Fenſter, vor welchem ſte Wal⸗ ther'n erblickten, deſſen weiße Zähne und große entzuͤckte Augen hinter den Scheiben ſchim⸗ merten. Die Beſtuͤrzung der jungen Maͤdchen, über dieſes profane Eindringen in ihre ge⸗ heimen Myſterien, duldet keine Schilderung. Die Braut war jedoch die erſte, welche wie⸗ der Faſſung gewann. Sie ſprang auf, ſtuͤrzte in ihrer Wuth die Wanne um, rannte zur Thür, faßte Walther'n beim Kragen und ſchuͤttelte ihn, wie eine igenin einen Büha ſehuttein wuͤrde. 1 — 20t— „Reit' Dich der Teufel, Walther Waltin⸗ ſhaw? Ich will Dir helfen in's Fenſter kucken!“ war die zärtliche Begrüßung, welche von einer ſo derben Maulſchelle begleitet wurde, daß der Liebhaber vor Schmerz laut aufſchrie.„Pack⸗ Dich nach Haus, Du bruͤllender Farre von Baßſan, oder ich geb' Dir's noch beſſer!“ Als wüͤrde er mit einem Pruͤgel verfolgt, eutſlch der erſchrockene Braͤutigam. „Hab' ich ihn erſt unter meiner Zucht, ſoll er mir ſchon beſſre Mores lernen,“ ſagte ſie zu ihren Geſpielinnen, helae ährs an die Ehüte gefolgt waren. in „fEs ſollte mich verwundern, wenn er niche ganz abtruͤnnig wuͤrde,“ ſprach ein ſanft⸗ müthiges, blödes Maͤdchen, welches nicht in das Gelaͤchter der uͤbrigen eingeſtimmt, ſon⸗ dern ganz erſchrocken zugeſehen hatte. „Pah!“ rief die Braut,„er abtruͤnnig werden? Walther mir untreu werden? Das darf er ſich nimmermehr unterſtehen! Aber kdamt laßt uns dem Spaß ein Ende machen.“ Der Spaß war aber weſentlich geſtoͤrtz doch hatte Jungfer Grethel Walkinſhaw das 8—** 8 — 20⁰2— Gluͤck, den Ring zu finden; ein ſicheres Zei⸗ chen, daß 4 e die erſte Mßfalgeeit der Brauß 5 werde. 14 an Als mittlerweile der gejlehtkgte Venun gum Hals uͤber Kopf nach Hauſe rannte, begegne⸗ ten ihm ſeine Bruͤder und deren— denen er ſein Schickſal mit großer Aufrichtige keit klagte und dabei feſt erklaͤrte, er wolle lieber auf dem Bußſchemel unter der Kanzel ſitzen, als Betty Bodle heiraten. Karl und ſeine luſtigen Geſellen beſtärkten ihn ſo ſehh in dieſem mannhaften Entſchluß, daß, ehe ſie noch zur Punſchbowle zuruͤckkehrten, Walther ſchwur, weder Vater noch Mutter ſollten ihn zwingen, einen ſolchen weiblichen Dragoner zum Weibe zu nehmen. Der alte Mann war jedoch unruhiger bei der Sache, als er es, bei ſeiner Kenntniß des ſchwachen Charakters ſeines Sohnes, Urſache gehabt hätte, waͤhrend die Leddy, mit dem Stolze, welchen ihr die Schmach einſlößte, die ihr Liebling erduldet hatte, ſagte:„Kratzen und Beißen iſt wohl bei ſchottiſchen Liebeleien gebraͤuchlich; wenn Dich Berty Bodle aber auf eine ſolche Ma⸗ — 203— nier zu traktiren gedenkt, ſo wollt ich lieber 3 ſie und all' die Kilmarkeckles, die je geboren wurden, erſauft oder gehenkt ſehen, ehe ich was mit ihnen zu thun haben wollt;. Ihre Haͤnde gegen ihren Braͤutigam zu erheben!— „ Hoͤrt' man wohl ſo was in der ganzen Chriſten⸗ heit?— Nee, Maͤnnchen, wink' mir nur nicht zu,— ich will abſolut meine Meinung ſagen. Die iſt ein perfekter Regimentspauker,— ddie garſtige Hexe!— Der Henker mag ſie holen,— ich will’s ſihn morgen Sſchon ein⸗ traͤnken!”/“ bert. „Aergern Sie ſich nicht Mamme,“ unter⸗ brach⸗ Walther, deſſen Zorn ſchon nachließ. „Es war kein ſo gar harter Hieb.“ „Du biſt ein alberner Tropf, daß Du nach d'rvon ſchwatzen magſt,“ ſagte Grippy.„Man⸗ chem braven Burſchen ging's noch ſchlimmer, und hätt' Karl Dich nicht aufgehetzt, ſo hät⸗ teſt Du es fuͤr'n Liebesklaͤppchen gehalten.“ „Ei, nee Papa, es war kein Klaͤppchen, es war ein Hieb wie mit einem eichenen arir gel,“ antwortete der Braͤutigau... „Nun, Walther,“ rief Karl,„d n 3 h . „ 1 — 204— eben fůrlieb heh aans du ais Sech der⸗ ſelbe.. Walther beruhigte 7ch endlich uns Saegas 1a in ſein Schiceſel 3e n chtundowoßzloßes Rapitet. 7 Nie glaͤnzte die Natur in ſchoͤnerer Pracht, als an Walther's Hochzeitstage. Die Sonne ſchien hell, warm und belebend. Die Thau⸗ tropfen ſchimmerten gleich Edelſteinen. Die Voͤgel ſangen und zwitſcherten. Das Waſſer und die Fenſter funkelten im Lichtſtrale. Die Haͤhne kraͤhten, als waͤren ſie ſelbſt Brauti⸗ game, und laͤngſt den Ufern der Elyde er⸗ ſchallten freudige Schie und d frohſt hiiiges Lachen. A 1 Es war anfangs die Abſicht, der Prediger ſollte in Kirmarkeckle frühſtuͤcken und die Trau⸗ ung an dieſem Orte vollziehen. Aber obſchon dieſes mehr der neuen Sitte gemaͤß war, ſo widerſetzten ſich dennoch die jungen Freunde des Brautpaares dieſem Plane mit aller Ge⸗ walt, und beſtanden darauf, daß die Hochzeit, nach der Vaͤter Weiſe, mit einem luſtigen — 205— Tanze und einer leckern Abendmahlzeit gefeiert werde.— Daher die großen Vorbereitungen, deren wir im vorigen Kapitel gedachten. Dieſer abgeaͤnderten Anordnung zufolge wurde der Prediger, nebſt ſeiner ganzen Fa⸗ milie, eingeladen, und es wurde beſchloſſen, die Trauung ſolle erſt am Abend vor ſich gehen. Die ſämmtlichen Hochzeitsgäͤſte, mit dem Braut⸗ paare an ihrer Spitze„ſollten alsdann, nach geendigter Zeremonie, in Prozeſſion von dem Pfarrhauſe nach G ippy ziehen, wo Jungfer Grethel und ihre Geſpielinnen die große Scheuer in einen Tanz⸗ und Speiſeſaal um⸗— gewandelt und mit Laub⸗ und Blumengewin⸗ den ausgeſchmuͤckt hatten. Als nun die Trau⸗ ungsſtunde herannahte, verſammelte ſich eine zahlreiche Geſellſchaft ſowohl in Grippy, als in Kilmarkeckle, welche die Braut und den Braͤutigam nach dem Pfarrhauſe fuͤhrten. An der Spitze eines jeden Zuges ſpielte ein Sack⸗ pfeifer den Hochzeitsreigen, und der ehrwuͤr⸗ dige Prediger des Kirchſpieles empfing die Ge⸗ ſellſchaft an der Thuͤr ſeines Hauſes.— Der ehrwuͤrdige Doktor Denholm war ei⸗ 1 ner jener achtungswerthen presbyterianiſchen Geiſtlichen, wie man ſie zu jener Zeit noch zuweilen fand; ein Mann, welcher einen Schatz von Kenntniſſen mit aͤchter Froͤmmigkeit paarte, 9 dabei aber eine unerſchoͤpfliche muntere Laune beſaß. Zwar war er ſchon ſehr bejahrt, aber noch frohſinnig und ruͤſtig, und liebte eine unſchuldige Freude eben ſo ſehr, als die juͤng⸗ ſen ſeiner Pfarrkinder. „Da die heutige Geſellſchaft f03 zahlreic nar, daß kein Zimmer im Pfarrhauſe die Haͤlfte davon faſſen konnte: ſo ſchlug der Prediger vor, die Trauung unter einem gro⸗ ßen Baume, welcher in der Näͤhe ſeiner Woh⸗ nung ſtand, zu verrichten. Aber Walther, der Braͤutigam, ſchien geneigt, einige Einwuͤrfe gegen dieſen Vorſchlag zu machen.„Denn,“ ſagte er,„das iſt wohl ein guter Platz zu einer Feldpredigt oder zu einem Zelte, um's Abend⸗ mahl zu halten, aber daß die Leute unter freiem Himmel Hochzeit machen ſollen, iſt nicht paſſend, und wochem niger unter einem Baume.“ 1 r. Der Doktor entgegnete, Adam und eue — 297— wäͤren auch nunter einem Baume gtkraut worden. n „Gott behuͤt⸗ uns t vor e ſase einer Hochjeit wie die hatten, wo der Teufel der vornehmſte Gaſt war!“ erwiederte Walther.„Da dieß aber kein Apfelbaum iſt, ſo laſſ ich mir's noch gefallen.“ Die Sackpfeifer ſpielten nunmehr auf, und angefuͤhrt von dem wuͤr⸗ digen Prediger, begab ſich die Belelſchait auf die bezeichnete Stelle. 13Ee Ade „Na, Doktor,“ ſagte der Hrzutigam, als die Verſammlung ſich bereitete, den religioͤſen Theil der Zeremonie anzuhoren;— na, Dot⸗ tor, knipſen Sie nur nichts vom Gebete weg⸗ ſondern ſchuͤrzen Sie einen tuͤchtigen Knoten⸗ So eine Heirat von fuͤnf Minuten, wie die Glasgower es halten, gefaͤllt mir nicht. Sie können uns wohl eine halbe Stunde geben, denn der Athem, den Sie dabei zuſetzen, wird Ihnen gut bezahlt. Der Hut und die Hut⸗ ſchnur, die ich Ihnen ſchickte, koſten mich allein vierundzwanzig Schillinge⸗ baares Geld, aus Bruder Karl's Laden, der ſo knickrig war⸗ mir keinen Heller abzulaſſen.“ 3 — 208— Dieſe Anrede verurſachte eine kleine Ver⸗ zoͤgerung; nachdem aber die Ordnung wieder hergeſtellt war, faltete der ehrwuͤrdige Prediger die Haͤnde, ſenkte die Naheniiedsnin und besum das Gebet. 4 Es war ein ſchoͤner, rußlgee Abend. Es ſchien, als ruhe die Sonne auf ihrem goldenen Throne, um noch einmal auf die Fruͤchte der Erde, welche ihre Kraft hervorbrachte, mit Wohlgefallen herabzublicken. Zufaͤllig gingen wir, der Verfaſſer dieſes Werkes, damals nach Blantyre zu, um den herrlichen, wunderſchönen Herbſtabend zu genießen. Als wir uns dem Fußpfade naͤherten, welcher von dem Dorfe nach dem Pfarrhauſe fuͤhrte, erregte die ſchoͤne, wohltoͤnende Baßſtimme des ehrwuͤrdigen Pre⸗ digers unſere Aufmerkſamkeit auf die Hoch⸗ zeitgeſellſchaft. Wir ſtanden ſtill, entbloͤßten unſer Haupt und näherten uns langſam der Stelle, gerade in dem Augenblicke, in welchem der Doktor den Segen geſprochen hatte. Die Braut erroͤthete und ſchien etwas zu erwarten; aber Walther, anſtatt ſie dem Gebrauche gemaͤß zu kuͤſſen, hielt ſie mit weit ausgeſtrecktem * — 209— Arme an der Hand und ſagte zu dem Doktor: „Bedienen Sie ſich, mein Herr.“ „Sie muͤſſen ſte kuͤſſen, Sie ſind der Weins tigam, erwiederte der Prediger. „Ich weiß es,“ entgegnete Walther,„aber nicht eher, bis Vornehmere bedient ſ Lan⸗ gen Sie zu, Doktor!“ Der Doktor wiſchte ſich den MNund und ahnt wie ihm geboten wurde. „„Das iſt das letzte Maͤulchen, das it das allerleczte, das Du einem ſterblichen Menſchen giebſt, Betty Bodle, ſo lang' ich Deins Mann bin,“ fuügte Walther hinz u. „Ich glaubte nicht,“ fluͤſterte der ehr⸗ wuͤrdige Prediger den Umherſtehenden zu, ndaß der Simplex eine ſo genaue Kenntniß von dem Bande der Gelübde haͤtte..,.,.„ Die Sackpfeifen ertoͤnten auf's Neue, die Gaͤſte folgten den Brautleuten paarweiſe und zogen zu der geſchmuͤckten Scheuer nach Grippy, wohin man auch uns zu folgen bat. Was ſich dort zutrug, verlangt jedo hhein neues Kapitel. 1. hr. 14 Reunundzwanzigſtes Kapitel. Nachdem wir die Einladung, mit der Fa⸗ milie des Predigers zur Hochzeitfeier zu kom⸗ men, angenommen hatten, tranken wir zuvor Thee in dem Pfarrhauſe, indem wir, obgleich erſt im dreiundzwanzigſten Jahre unſeres Al⸗ ters, die ſtille Ruhe, welche in dieſem Hauſe herrſchte, dem Gekreiſch der Sackpfeifen vor⸗ zogen. Sobald aber der Thee getrunken war, begaben wir uns, in Geſellſchaft des Doktors und ſeiner Gattin, auf den Weg nach Grippy. Die Sonne war untergegangen, aber der reine Topas des weſtlichen Horizontes verbrei⸗ tete eine goldene Daͤmmerung, welche jeden Gegenſtand ſanft beleuchtete. Aehnlich dem Trauringe einer verſchaͤmten Braut, zeigte ſich der zarte Kreis des den Wechſellauf ſeiner Geſtalten beginnenden Mondes, und der Stern der Liebe zuͤndete eben ſeine Fackel an, als wit uns der Allee naͤherten, welche zu dem Wohn⸗ hauſe führte, deſſen Fenſter feſtlich erleuchtet waren. Aus der Scheuer erſchallten die krei⸗ ſchenden Toͤne von zwei munter geſtrichenen Geigen, begleitet von dem Schnurren einer kraͤftig behandelten Baßgeige„ in welche ſich das Gelaͤchter, das Gequiek und das Stampfen der Fuͤße der Tanzenden miſchten, ſo daß auch unſer zugendiiches Duur⸗ davon in Waͤrme gerieth. Sobald der eürwürdige Paffor erſchunn ſchwieg die Muſik, und die Taͤnzer ſtanden ſtill⸗ wodurch wir Muße erhielten, die Geſellſchaft einige Minuten zu muſtern. An dem obern Ende der Scheuer ſtanden zwei Lehnſtuͤhle, von denen der dem Braͤutigam beſtimmte leer war. In dem andern ſaß die Braut, ſtark athmend und ſchwitzend von der maͤchtigen Anſtrengung, mit welcher ſie den Reel*) tanzte, den unſere Ankunft unterbrochen hatte. Der Bräutigam ſtand in der Naͤhe der Spielleute, ruͤhrte in einer großen Punſchbowle, und fuͤllte von Zeit zu Zeit die Glaſer. Sein Vater ſaß in einem Winkel allein, mit auf ſeinen Stab gelegten Haͤnden, und betrachtete die vor ihm ſich dar⸗ ſtellende Szene mit ſcharfen, aber nachdenklichen Blicken. Der alte Kilmarkeckle ſaß, eine elfen⸗ 39 Ein 856 Walſeter ſpottiche Rakiönalkans. 8 D. Ueb. 14* beinerne, mit Gold eingelegte Doſe in der Hand haltend, neben Herrn Keelevin, den er wahr⸗ ſcheinlich von den Eigenſchaften der verſchie⸗ denen Gattungen des Schnupftabacks unterhielt. Leddy Grippy ſaß zur Linken der Braut. Sie war in eine funkelneue carmoiſinrothe Robe, mit einer ungeheuern Garnirung von Gaze und Flor, gekleidet; ein eben ſo ungeheueres Convolut von breiten, rothen Baͤndern ſchmückte ihr Haupt, und ein koſtbares, franzoͤſiſches Um⸗ ſchlagetuch, welches aber zuruͤckgeſteckt war, um die Pracht ihres reichgeſtickten Bruſtlatzes zu zeigen, bedeckte ihre Schultern. Ihr zur Seite befand ſich die ſchoͤne, ſanfte Iſabelle, gleich einem Schneeglöͤckchen neben einer Paͤonie. Die⸗ ſer zur Linken ſaß die alte Leddy Plealands, ſehr nett in weiße Seide gekleidet, mit einem kleinen ſchwarzen Spitzenhaͤubchen, ſchwarzen Handſchuhen und einer Schuͤrze von gleicher Farbe. Die Schilderung der uͤbrigen Gaͤſte, deren nahe an hundert waren, wollen wir je⸗ doch unterlaſſen, um unſere Aufmerkſamkeit auf Milrookit, den Laird von Dirdumwhamle zu richten; einen ruͤſtigen Vierziger, der ſchon zum zweiten Male Wittwer war, neben Jungfer Grethel in einer Ecke ſaß⸗ und ihe ſehr eifris den Hof machte. Als nun die gochachtungztepegsgen mit welchen man den Prediger empfangen hatte, voruͤber waren, befahl der Braͤutigam den Spielleuten auf's Neue aufzuſpielen, naͤherte ſich dem Doktor und ſagte:„Riechen Sie was Gutes, mein Herr?“ „DOhne Zweifel, Herr Braͤutigam. Ichk kann nicht unempfindlich gegen die Wohlgeruͤche der Kuche ſein,“ antwortete der Doktor. „So kommen Sie her,“ fuhr Walther fort. „Ich will Ihnen was zeigen, das einem hungri⸗ gen Magen gut thut. Mama hat weder Kunſt noch Gewuͤrz geſpart.“ Dieſes ſprechend, zog er einen Teppich zuruͤck, welcher im Hinter⸗ grunde des Tanzſaales aufgeſpannt war, und zeigte ihm die Tafel, um welche ein Dutzend maͤnnliche und weibliche Dienſtboten beſchaͤftigt waren, die Braten und Paſteten zu ordnen, die dem jährlichen Schmauſe des Magiſtrats voon Glasgow Ehre gemacht haben wuͤrden. „Iſt das nicht ein praͤchtiges Bankett?.“ ſ agte — 214— Walther.„Sehen Sie nur einmal die ſchöne Paſtete mit der Koͤnigskrone oben d'rauf!“ Der ehrwuͤrdige Paſtor erklärte es fuͤr ein ſchoͤnes Kunſtprodukt, und zweifelte nicht, daß es ſo gut ſchmecken werde, als es in die Au⸗ gen leuchte.„Wollews koſten, Doktor? Ich will nur ſo'n Perlchen von der Krone ab⸗ knipſen, daß Sie ſehn, wie's ſchmec Das merkt kein Menſch... 371 r Die Braut, welche dieſes Geſpräͤch hoͤrte, prang plotzlich von ihrem Sitze auf, und als Walther im Begriff war, ſeine Hand nach dem Kronenraub auszuſtrecken, zog ſie ihn am Rockſchooße zuruͤck, zwang ihn, ſich auf den fuͤr ihn beſtimmten Seſſel niederzu⸗ laſſen, ſetzte ſich neben ihn und fluͤſterte ihm zornig zu:„Ruͤttelſt Du, die ganze Racht üͤber, Dich wieder vom Stuhle, ſo will ich Dir die Paſteten und Torten ſo zuwider machen, aals einem Hunde die heiße Suppe iſt!“ Vor dem Abendeſſen trug ſich weiter nichts Bemerkenswerthes zu, und bei der Tafel ſelbſt ging es eben ſo luſtig her, als es bei dergleichen Gelegenheiten zu gehen — 215— pflegt. Nach dem Eſſen begann der Tanz auf's Neue, und waͤhrend des Drehens und Wirbelns der Reels führte man das Braut⸗ paar ganz heimlich in's Woynbaus, um es zu Bett zu bringen. Si5 Als das junge Ehepaar entkleidet wax, Audi de ehe man das Strumpfband Preis gegeben hatte, winkte uns Karl, in’s Braut⸗ gemach zu blicken, wo wir das gluͤckliche Paͤr⸗ chen, mit weißen Tuͤchern uͤber den Haͤuptern, um ſeine Schamrothe zu verbergen, aufrecht im Bette ſitzen ſahen. Ehe wir aber noch ein Wort ſprechen konnten, trat der Prediger⸗ von zwei Sackpfeifern begleitet, in's Zimmer, welchen die vornehmſten Gäͤſte mit Gluͤhwein und Hochzeitkuchen folgten; und waͤhrend letzterer, dem Gebrauche nach, eingeſegnet wurde, tanzte die luſtige Blrlichunt im Zim⸗ mer umher.. — Wie oder warum der n ſo lunge dauerte, wiſſen wir nicht zu ſagen. Kurz, man tanzte ſo toll und luſtig fort, daß man das Brautpaar gänzlich daruͤber vergaß. Aber der Braͤutigam, der es endlich uͤberdruͤſſig war, länger wie eine Mumie zu ſitzen, verlor alle Geduld und befahl, mit donneraͤhnlicher Stimme, jedes Menſchenkind ſolle augen⸗ blicklich das Zimmer raͤumen, wobei er ein Bein aus dem Bette ſteckte und die Fäͤuſte ballte. Die Braut verbarg ſich kichernd unter die Bettdecke, und die muntere Geſellſchaft verließ das Braucgemachi Hals uͤber Kopſan dreiises Napite Die Abſicht der Vaͤter des jungen Paares war Anfangs, daß ihre K Kinder in Plealands wohnen ſollten. Unterdeſſen zeigte ſich aber eine Gelegenheik, die Herr Keelevin herbei⸗ leitete, die beiden Pachthöfe, welche, nebſt Grippy, ehedem die Beſitzungen der Walkin⸗ ſhaws von Kittleſtonheugh ausmachten, gegen Plealands und eine beträͤchtliche Summe baa⸗ ren Geldes auszutauſchen, wozu Herr Auchin⸗ cloß, der jetzige Eigenthümer dieſer Hoͤfe, ſi ſich ſo bereitwillig zeigte, 215 die Siich bald n. Stande kam. Aber bei dieſem Handel zog gGrippn keinen ſeiner Soͤhne zu Rathe. Aus einem Sefüht — 2147— ſeines Unrechts gegen Karl, war es ihm un⸗ angenehm, mit dieſem daruͤber zu reden, und es ware uͤberfluͤſſig zu ſagen, daß, obſchon Walther die eigentliche Hauptperſon in dieſem Geſchaͤfte war, er deſſen Meinung dennoch wenig achten konnte. Die Jolge hiervon war, daß der junge Ehemann, als er ſich an⸗ ſchickte, den Einzug mit ſeiner Gattin in Plealands zu halten, nicht wenig erſtaunt war zu vernehmen, daß Herr Auchincloß dieſes Gut in Beſitz nehmen werde, und für ihn das Haus von Divethill, einem der Pachthofe, in Bereitſchaft geſetzt werden ſolle iwu Sobald Walther dieſes erfahren, entſann er ſich der Pergamente, welche er unterzeich⸗ net hatte, wie auch der Gemuͤthsbewegung ſeines Vaters auf dem Heimwege, und tief weinend und ſchluchzend, ſein Vater und Karl hätten ihn um ſeine Erbſchaft betrogen. Der alte Mann wurde hoͤchlich beſtürzt üͤber die Anſicht des ſonſt ſo geiſtesarmen Men⸗ ſchen; da er aber eifrig darauf bedacht war, ſeinem Erſtgebornen die an ihm veruͤbte Un⸗ gerechtigkeit zu verheimlichen, ſo ſuchte er — 218— Walthern anfaͤnglich durch Drohungen zum Stllſchweigen zu bringen, und als dieſe nicht fruchten wollten, durch Schmeichelworte, die aber eben ſo wenig Wirkung hervor⸗ brachten. Endlich wurde der Streit ſo laut, daß Leddy Grippy und Walthers Gattin da⸗ durch in's Zimmer gelockt wurden. „O, Betty Bodle! was ſollen wir an⸗ fangen?“ rief Walther⸗ ſobald er ſie er⸗ blickte.„Mein Papa hat mich um Plealands betrogen, und ich hab' keine Strohhuͤtte, wo⸗ hin ich Dich führen koͤnnt;! Er hat mich verfuͤhrt, Alles dem Karl zuzuſchreiben, und wir muͤſſen am Hungertuche nagen, ſo lang' Kilmarkeckle lebt! Es iſt nicht meine Schuld⸗ Betty Bodle, daß Du um's taͤgliche Brot wirſt arbeiten muͤſſen, die Suͤnde liegt auf meines Vaters Haupt. Aber ich will Dir helfen, ſo viel ich kann, lieb' Betty; und wenn Du eine Waſchfrau in Glasgow wirſt, ſo will ich Dir die Zuber tragen, und die Waͤſche begießen, und Wacht halten, daß Du ſchlafen kannſt, wenn Du muͤd biſt.— Denn wenn er auch ein falſcer Vate — 200— iſt, ſo will ich doch ein glker Wehenam ſein. 48 Betty Bodle ſatee. ſi e mit dem Räcken gegen das Fenſter, und Walther hing uͤber ihr, mit einem ruͤhrenden Ausdrucke von Guͤte und Zaͤrtlichkeit. Die Leddy Grippy, entſetzt uͤber das, was ſie hoͤrte, ſank gleich⸗ falls auf einen Stuhl, ließ die Arme ſinken und blickte voll Erſtaunen um ſich her. Selbſt Claudins empfand fuͤr einen Augenblick eine Art von Scheu und verlor, uͤber die gerechte Beſchuldigung, ein falſcher Vater zu ſein, beinahe alle Gewalt uüber ſich ſelbſt. Doch erlangte er bald ſeine gewoͤhnliche Standhaf⸗ tigkeit wieder und ſagte:„Ich kann dies nicht von Dir ertragen, Walther. Ich ſicherte Dir weit mehr zu, als Plealands, und nun verwandelſt Du mir die Freude uber die Wiedereroberung des Erbes meiner Baͤker in Truͤbſal und bitteres Leiden!“ „Was haſt Du ihm zugeſichert?“ rief die Leddy Mutter.„Verlangt nicht das Recht der Erſtgeburt, daß Karl die Läͤndereien erbt? Wie haſt Du das machen koͤnnen, daß Du — 220— Waltherchen um ſein Eigenthum brachteſt? Das ſchoͤne Gut, das mein Vater ihm in ſeinem Teſtamentswillen hinterließ! Lebt' er noch, ſo duͤrfteſt Du ſo keinen Hokus Pokus getrieben haben, denn er kannte die Geſetze beſſer wie Du. Deine Elle hätt' ſeinen la⸗ teiniſchen Buͤchern nicht das Waſſer gereicht! Aber, Maͤnnchen, Deinen Willen ſollſt du⸗ doch nicht haben. Ich hol' meinen Mantel, und Du, Betty Bodle, hol' auch Deinen, und Waltherchen, Du ungluͤckſeliges Kind, hol⸗ Deinen Hut. Wir woll'n Kilmarkeckle holen und dann Alle zuſammen zu Herrn Keelevin gehn, der ſoll den anuthauaigae in eſen obſcheutichem Handel machen.“ 31 Der 18 Mann. bebte über und über. Sein Geſiche wurde vor Aerger janan, und ſein Lippen kreideweiß. „Chriſtiane Hypel, fagte er mit fam. melnder Zunge,„wär'ſt Du ein verſtaͤndiges Weib, oder hätt' Dein Strohkopf da ſo viel Grutze im Kopfe, als ein Truthahn: ſo koͤnnt ich reden und Eure Ungewißheit zu Schanden machen, aber ſo muͤßt ich mich— vor mir ſelbſt ſchaͤmen.“— 3 „Aber was ſoll all' der Rumor bedeuten?“ ſagte die junge Frau zu ihrem Schwieger⸗ vater.„Mich werden Sie doch Hüger machen wollen?“ „Ja, liebes Kind,“ erwiederte Claudius, „zu Dir kann ich reden, und hoffen, daß Du mich verſtehſt. Ich hab' einen Tauſch⸗ handel mit Herrn Auchincloß gekroffen, der mir Divethill fuͤr Plealands gegeben hat, wodurch das ganze ehemalige Beſitzthum der Familie wieder vereinigt iſt. Nun wuͤnſch⸗ ich, daß Du und Walther in Divethill, in unſerer und Deines Vaters Nachbarſchaft leben moͤchten.— Das iſt der ganze Spek⸗ takel!“ 4 „Aber wenn Sie einmal todt ſind, bleibt dann Divethill auch noch unſer?“ fragte ſie. „Ohne Zweiſel, mein Schaͤtzchen, und noch viel mehr,“ antworteke der annngehr ver⸗ gnuͤgte Laird. 3 „Nun, was willſt Du denn, n Krake⸗ ler?“ ſagte Betty zu ihrem Gatten.„Dein — 222— Vater iſt ein Biedermann und wird keinem ſeiner Kinder Unrecht thun... e ade „Aber bei alle dem,“ ſagte die Leddy Grippy, welche etwas verwirrt durch die Anſichten ihrer Schwiegertochter gemacht war, zu ihrem Manne—„aber bei alle dem haſt Du doch Waltherchen keine hundert Pfund zur Hochzeitsſchenkage denachten wie dem Karl⸗ 44 8 „Koͤnnt' ich Deine Zunge damit hindigen, Chriſtel, und Dich überzeugen, daß ich meine Pflicht gegen Walther nur zu ſehr erfuͤllte: ſo ſollt' mir's auf hundert Pfund nicht an⸗ kommen.“ „Papa, geben Sie mir die volle hundert Pfund,“ unterbrach Walther,„ſo kommt mir's auch nicht d'rauf an, ob Sie Delland ſieden oder braten.“ „Topp!“ ſagte Elandius, k der froh war, die Ueberlaͤſtigen los zu werden; fuͤgte aber, ſich an Walthers Gattin wendend, mit be⸗ 4 ſonderm Nachdrucke hinzu:„Sorg' nur nicht wegen deſſen, was vorgegangen iſt. Divethill iſt ein guter Tauſch gegen Plealands, und — 223— Walther ſoll's auf Dich und Deine Erben ſo feſt und bindend machen, als es die Geſetze 1 nur vermoͤgen.“ Bis hieher ſegelte Grippy mit de ginigen Winde. Doch welche innern Gefuͤhle ihn peinigten, die er indeſſen ſtets vor der Welt zu verheimlichen ſuchte, wird uns der Aus⸗ gang lehren.— Aber die Begebenheiten fan⸗ gen an ſich zu haͤufen, und noͤthigen uns in der weitern Erzaͤhlung vieſer Baſchiche ſort, zatahren, 84* Einunddreißioſtes Kapiter. Obſchon Claudius den großen Endzweck ſeines lebenslaͤnglichen Beſtrebens nunmehr gluͤcklich erfuͤllt ſah, und ob er gleich, von Divethill aus, wo einſt die kleine feſte Burg ſeiner Vorfahren ſtand, ſein ganzes jetziges Beſitzthum uͤberſehen konnte: ſo herrſchte den⸗ noch eine peinigende Leere in ſeiner Bruſt, welche nach Saͤttigung verlangte. Walther hatte allerdings, durch den Austauſch von Plealands, einen geſetzmaͤßigen Antheil an der ganzen Beſitzung erworben, aber eben wegen — 224— dieſes Umſtandes ſchien ihm die Eroberung, welche er vom Erbe ſeiner Vaͤter gemacht, doch nicht ſo ganz ſein eignes Werk, und leſ Gedanke demuͤthigte ſeinen Stolz. Aber zu dieſem Kummer geſellten ſich noij Vhter Gefühle und unangenehmere Em⸗ pfindungen, die an Reue grenzten, wenn er bpedachte, wie uͤbereilt er jenes unwiderrufliche Fideirommiß errichtet hatte, welches ſeinen Erſtgebornen, den er fruͤherhin mehr liebte, als irgend ein menſchliches Weſen, von der Erbfolge ausſchloß. Wahr iſt es, daß, als er jenen feltſamen Entſchluß faßte, er ſein Gewiſſen durch den Vorſatz zu beſchwichtigen ſuchte, ſeinen ungluͤcklichen aͤlteſten Sohn ſchadlos zu halten; aber er kannte nicht die tiefen Falten ſeines eignen Herzens und die 3 verborgene Triebfeder in ſeiner Bruſt, welche ſo ſtark und kräftig war, als die Quelle jener unermuͤdlichen Thaͤtigkeit und Beharrlichkeit⸗ mit denen er ſo Vieles bewirkte. Die immerwaͤhrenden Vorwuͤrfe ſeiner Gattin, hinſichtlich ſeiner Parteilichkeit füͤr Karl und ſeiner offenbaren Verachtuns A — 225— thers, erweckten zuerſt jene ſchlafenden Ge⸗ fuͤhle, welche ihn ſo unabläſſig an ſeine Un⸗ gerechtigkeit mahnten, daß, um ſeiner Frau keine Urſache zu geben, ihn ferner mit ſeiner Vorliebe für Karl zu plagen, er ſich immer mehr und mehr von dieſem entfernte, und zwar auf eine Weiſe, welche bald in die Augen ſiel und peinlich empfunden wurde. Das Be⸗ wußtſein, dieſem guten Sohne Unrecht ge⸗ than zu haben, und die ſichere Vermuthung, daß dieſe Unbill bald entdeckt werden wuͤrde, wie auch daß ſein kaltes Betragen Verdacht erregen muͤſſe: alles dieſes brachte endlich eine voͤllige Abneigung gegen Karl hervor, von dem er ſogar zu glauben anfing, nicht mehr mit der ſchuldigen Achrung behandelt zu wer⸗ den. Doch behielt die vaͤterliche Liebe noch in ſo fern die Oberhand, daß jene Abneigung nch in eigentlichen Haß ausartete. 7 MNiittlerweile ging Jungfer Grethels Hei⸗ rat mit Herrn Milrookit von Dirdumwhamle, der ſie zu ſeiner dritten Frau machte, vor f ich. Ob wir gleich große Neigung ſpüren, auch ſe Hochzeitfeier zu beſchreiben, ſo laͤßt ſich 1. Thl. 4 15 dooch wenig mehr von derſelben ſagen, als daß ſie ſich zu Walthers Hochzeit etwa ſo ver⸗ hielt, wie aufgewaͤrmte Speiſen zu friſch ge⸗ kochten. Da Herr Milrookit, wie Leddy Grippy ſich ausdruͤckte, ein Weiberverthuer war, indem er ſchon zwei gehabt hatte und vielleicht noch einige nach Jungfer Grethel zu freien gedachte: ſo waͤre es unbillig geweſen, wenn man haͤtte verlangen wollen, daß er ſich in große Unkoſten ſtecke. Ueberdieß war das Leibgedinge, welches er Grippy's Tochter aus⸗ ſetzte, nicht ſo freigebig, als ihr Vater es er⸗ wartet hatte. „Zweihundert Pfund zührlich, Herr Mi⸗ rookit,“ ſagte Claudius, als er mit ſeinem kuͤnftigen Schwiegerſohne um das Leibgedinge handelte,„ſind kaum hinlaͤnglich fuͤr meine Tochter. Da es mir aber jetzt nicht möglich iſt eine ſtarke Ausſteuer zu geben, Sie auch in der Folge nicht viel zu erwarten haben⸗ denn ich mußt' Alles zuſammenraffen, um gh wieder einzuloͤſen, das auf die männliche Lini e fäͤllt: ſo will ich die Saiten nicht zu hoch d hnnnen Wenn aber einmal , — 227— meine drei Soͤhne und ihre Erben mit Tobe abgehen ſollten, ſo faͤllt's Fideicommiß auf Grethels Erben ohne Unterſchied, worauf Sie zu merken haben, da es doch auch was werth iſt. Zweihundert Pfund wuͤrden mir mithin allenfalls genuͤgen, aber ich ſaͤh's doch gern, wenn Sie noch funfzig zulegen wollten, ſe der runden Summe wegen.“ „Ich wuͤrd' nicht darum knauſern,“ erwie⸗ derte der ruͤſtige Wittwer von Dirdumwhamle, „aber Sie wiſſen, daß ich eine kleine Familie hab'. Die erſte Frau Milrookit gebahr mir ſechs Soͤhne, und die zweite ſchenkte mir vier Buben und fuͤnf Maͤdels. Wahr iſt's, daß der Bruder meiner zweiten Frau, der alte podagriſche General in London, fuͤr die letzten Kinderchen ſorgte. Aber die aus der erſten Ehe hangen nur von mir ab, denn ich machte auch ſo eine tolle Winkelheirat, wie Ihr Karl, und mein Vater war nicht ſo guͤtig wie Sie, denn er entzog mir Alles, was'r nur konnt'; und waͤr er nicht, ter enn Streit mit d Kilpatrick, vor Aerger geſtorben, ſo weiß ich nicht, was aus mir und mei⸗ 15* — 228— ner Frau Heushnen waͤr⸗. Sie ehen al, Grippy—"4 2 „Ich wuͤnſcht', Ditoumbane, unter⸗ brach ihn der alte Mann,„Sie wollten mich entweder bei Namen nennen, oder Kittleſton⸗ heugh heißen. Denn Gtippy iſt nur ein Theil des Familienguts; und obſchon die Burg niedergeriſſen wurde, als mein Großvater das Gut veraͤußerte, und wir gezwungen ſind in dieſem Hauſe zu wohnen: ſo ſchreiben wir uns doch noch mit dem alten Namen Wal⸗ kinſhaw von Kittleſtonheugh, und eine Toch⸗ ter aus dieſem Hauſe iſt des beſten Lairds in der Grafſchaft werth, wenn ſie auch nichts weiter ſmiekrlegte, als das Heid duf d dem Leibe.“ 4 „Gut, Kittleſtonhengh⸗“ erwiederte Dir⸗ zumhanile⸗„ich will'’s noch beſſer machen als zweihundertfunfzig,— ich will die drei⸗ hundert voll machen, wenn Sie eine Paktum, mit Ihres älteſten Sohnes Karl Conſens, mit mir errichten vollen, daß Sie Jungfer Grethel oder den Kindern, die ich mit ihr erziele, eine jäͤhrliche Leibrente ausſetzen wollen, — 229— die auf den Güͤtern haften muß, und fuͤr die Sie, ſo lange Sie leben, ſtehen müſſen. Ich bin uͤberzeugt, daß das in Ordnung und von meiner Seite ſehr generos iſt.“ Das Blut des alten Mannes erſtarrte üͤber dieſen Vorſchlag. Es ſchien ihm, als ob bei jeder Gelegenheit die Unbill, welche er Karl zufuͤgte, ſich ihm in der abſchrek⸗ kendſten Geſtalt zeige. Einige Minuten hin⸗ durch blieb er ſprachlos, endlich ſagte er: „Herr Milrookit, mich reu'te nie etwas ſo ſehr in meinem Leben, als die Folgen von ein paar hitzigen Worten, welche zwiſchen mir und meinem Schwiegervater Plealands, wegen unſerer Beſitzthuͤmer, vorſielen, und nooch jetzt bereu' ich meine damalige Hals⸗ ſtarrigkeit. Aus dieſer Urſach' will ich nicht weiter auf einer Vermehrung des Leibgedin⸗ ges beſtehn, ſondern meine Tochter mag mit zweihundert Pfund zufrieden ſeinz doch hoff! ich, daß Sie, wenn Sie es in Zukunft beſ⸗ ſer machen koͤnnen, mein jetziges Vertrauen nicht mißbrauchen werden.“ Alſo wurde Juſtafer Grethel ehandei — 230— und auf dieſe Weiſe wirkte die an einem Kinde begangene Lngerehiideeie nuch nim Nachtheile des andern. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Bald nach Jungfer Grethels Heirat er⸗ hielt George, Grippy's dritter Sohn, eine Stelle auf dem Comptoir eines der vornehm⸗ ſten weſtindiſchen Kaufherren in Glasgow; eine Begebenheit, welche jedoch keinen Ein⸗ fluß auf die Geſchichte der Lairds von Grippy hatte, außer daß George dadurch in eine hoͤhere Lebensſphaͤre verſetzt wurde, als die war, in welcher ſeine Bruͤder ſich bewegten. * GSleich ſeinem Vater war George beharr⸗ lich und unermudet, aber ihm mangelte die Verſchmitztheit des alten Mannes; auch herrſchte mehr eigentlicher Geiz in ſeinem Trachten nach Reichthuͤmern, als in der fil⸗ zigen Sparſamkeit ſeines Vaters, da ihn nicht die naͤmlichen ehrgeizigen Gefuͤhle zur Erwerbung von Schätzen anſpornten. Mit Wahrheit duͤrfen wir behaupten, daß der junge Kaufmann, ungeachtet ſeiner beſſern — 231— Erziehung und anderer Vortheile, dennoch einen weit niedrigern und gemeinern Cha⸗ rakter beſaß, als der ehemalige alte Hauſtrer⸗ Aber dieſe Eigenſchaften thaten ſich erſt lange nach dem Zeitraume kund, von welchem wir jetzt reden. G Unterdeſſen ging es in u dieſer Familie zu, wie in den meiſten andern. Claudius und ſeine Frau ſtritten ſich täglich über haͤusliche Angelegenheiten. Karl und Iſabeile beweg⸗ ten ſich in einem engen geſelligen Kreiſe, in welchem die ehrwuͤrdige, jetzt uͤber achtzig Jahre alte, Leddy Plealands ihre vorzüg⸗ lichſte Freundin war; doch erhöhte die Geburt eines Sohnes ihre eheliche Gluͤckſeligkeit. Walther und Betty Bodle wohnten in Divet⸗ hill, und auch bei ihnen zeigte ſich Hoſſnung auf Nachkommenſchaft. Kilmarkeckle fuhr fort, uͤber die Eigenſchaften des Schnupf⸗ tabacks zu doeiren, wäͤhrend der Laird von Dirdumwhamle und ſeine Leddy das Joch der Ehe ſo gut trugen, als man es von ei⸗ nem Vater und einer Stiefmutter von funf⸗ zehn Kindern billigermaßen erwarten konnte; — 232— zumal da keins von beiden weder mit vor⸗ zuͤglichem Zartgefuͤhl, noch mit Duldung begabt war. Kurz, waͤhrend des erſten Jah⸗ res nach der Errichtung des Fideicommiſſes, trieb die ſaͤmmtliche Familie ihr Weſen gleich der uͤbrigen Welt, ohne daß ſich, außer dem bereits Berichteten, etwas Außerondeurlichas wtrug. as 5 JIetzt aber näͤherte ſich der geityunkt, wo es nothwendig war, daß Frau Walther Wal⸗ kinſhaw ſich zu ihrem Wochenbette vorberei⸗ ten mußte. Ihr Gatte, welchem die Sache eben ſo ſehr am Herzen lag, als ihr ſelbſt, quaͤlte ſie vom Morgen bis zum Abend mit unaufhoͤrlichen Erkundigungen nach ihrem Befinden, und ſann in ſeiner zärtlichen Ein⸗ falt unabläſſig, wie er ihr Vergnuͤgen und Bequemlichkeit verſchaffen koͤnne; doch war meiſtentheils, nach der Laune des Augen⸗ blicks, ein Lachen oder ein Klapps die Ant⸗ wort, welche ſie ihm ertheilte. Zuweilen, wenn ſie, auf ihren Wanderungen nach Grippy oder Kilmarkeckle, trotz ihrer Schwan⸗ gerſchaft, uͤber Graber und Hecken ſpringen 4 — 233— wollte, folgte Walther ihr in der Entfernung und eilte, wenn er irgend eine Schwierigkeit bemerkte, zu ihrem Beiſtande. Mehr als einmal mußte er ſich, ihrem Muthwillen zu Gekfallen, in trockene Graͤben legen, über welche ſie auf ſeinen Ruͤcken tretend ſchritt. Nie beſaß ein Weib einen zaͤrtlichern und gehorſamern Gatten. Nicht nur, daß ſie thun durfte, was ihr beliebte, ſondern er that auch Alles, was ſie ihm befahl. Aber, ungeachtet ihrer eigenſinnigen Launen, war ſie dennoch eine ſo treue und ehrenwerthe Gattin, daß er ſe räglich mahe und mehr liebte. 6 Auch ſeine Mutter war nicht weniger mit Betty Bodle zufrieden, da ihre beiderſeitigen Anſichten von der Fuͤhrung des Hausweſens in vollkommenem Einklange ſtanden; aber Walthers eheliche Gluͤckſeligkeit machte ſei⸗ nem Vater deſto weniger Vergnuͤgen. Die ſchreienden, laͤrmenden Launen ſeiner Schwie⸗ gertochter ſtimmten nicht zu ſeinem ruhigen Weſen, und in ihrem Muthwillen legte ſte die Geiſtesſchwaͤchen ihres Gatten ſo ſcho⸗ . — 234— nungslos an den Tag, daß der alte Mann ſtets daran erinnert wurde, was wohl die Welt dereinſt uͤber ſeine Ungerechtigkeit ge⸗ gen Karl urtheilen wuͤrde. Dieſe unabläͤſ⸗ ſigen Kraͤnkungen brachten ihn nach und nach dahin, daß er ſeine Familie möglichſt zu vermeiden ſuchte; und da er uͤberhaupt kei⸗ nen Hang zum geſelligen Leben hatte, ſo wurde er einſiedleriſch und muͤrriſch. Nur des Mittwochs beſuchte er Glasgow, ſaß etwa eine halbe Stunde in ſeinem Laden und enthielt ſich, einige Geſchaͤftsfragen ab⸗ gerechnet, aller Geſpraͤche mit ſeinem Sohne. Doch ſchien es, als verberge ſich die ehema⸗ lige vaͤterliche Liebe fuͤr Karl hinter dieſem muͤrriſchen Stillſchweigen; denn als er, an dem Morgen, an welchem Iſabelle ihn zum Großvater machte, zufällig in den Laden kam, und man ihm die erfreuliche Begeben⸗ heit kund that: ſchuͤttelte er ſeinen Sohn herzlich bei der Hand und ſagte ernſt und nachdrucksvoll:„Gefaͤllt's Gatt, Dir mehr Kinder zu ſchenken, lieber Karl, ſo rath' ich Dir, als ein wohlmeinender Vater, keinen — 233— Unterſchied zwiſchen ihnen zu machen, ſon⸗ dern zu bedenken, daß Dir Eins ſo lieb ſein muß, als das andere, und daß Du eine große Suͤnde begehſt, wenn Du eins dem andern vorziehſt.“ Dieſer Rath wurde von einem Geſchenke von fünfundzwanzig Wfun begleiter Von dieſem Tagenn an ſprach er jedoch nie wieder mit Karl von ſeiner Familie, wurde auch gegen alle ſeine uͤbrigen Umgebungen immer ſinſterer und rauher. Sein einziger Genuß war, ſich auf einen hinter ſeinem Wohnhauſe gelegenen Hugel zu begeben, dort auf eine hölzerne Bank ſich zu ſetzen, und von da aus die umherliegenden Fluren ſeiner Vor⸗ fahren zu uͤberſchauen. Hier ſaß er ganze Stunden lang allein, das Kinn auf den elfenbeinernen Knopf ſeines Stockes geſtützt, betrachtete die vor ihm liegende Szene einen Augenblick, und heftete dann ins Wlice f den Boden. Schwerlich waren die Betzacheungen, wel⸗ 6 er auf dieſem Flecke anſtellte, die ange⸗ nehmſten. Denn als er eines Abends hier faß, und ſeine Gattin herbeieilte, um ihm zu ſagen, daß man von Divethill aus nach ei⸗ ner Hebamme geſchickt: erſtaunte ſte, ihn in großer Gemuͤthsbewegung und dem Weihe nahe zu finden. „Gott bewahr', lieb' Maͤnnchen!“ ſagte ſie,„was fehlt Dir, daß Du ſo gar arg das Maul haͤngen läßt? Hörſt nicht, daß Betty Bodle's Stuͤndlein ſchlägt? Ich will jetzt hinlaufen, und willſt Du, ſo kannſten Eckchen mit mir gehn. Ich hoff', es ſoll dem armen Dinge gut gehn, und daß wir Alle vergnügt ſein koͤnnen, ehe die Sonne in's Neſt geht.“ „Geh' Deines Weges ohne mich, Chri⸗ ſtiane Hypel, und plag' mich nicht mit Dei⸗ nem Geplapper,“ erwieder te Claudius, das Haupt erhebend. 3 „Ei, Maͤnnchen! Du haſt gewiß Sauer⸗ ampfer ſtatt Blumenkohl gegeſſen,“ entgeg⸗ nete ſie, wandte ſich zornig ab und ging ih⸗ res Weges. 6 Der in ſeinen Grillen Snane Elaudius ſah hinter ihr her, als ſie den Fußpfad hin⸗ 3 abging, und Phiene einige Minuten hindurch — 237— geneigt ihr zu folgen, verſtel aber wieder in tiefes Nachdenken, ehe ſie noch den Fuß des Huͤgels erreicht hatte, und blieb in ſei⸗ ner gewohnten Stellung ſitzen. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Es giebt Zeiten in dieſem muͤhſeligen Erdenleben, in welchen es dem Menſchen duͤnkt, als waͤren alle ſeine Gefuͤhle gleichſam in ihm erſtorben. Dieſe Abſtumpfung der Empfindungen entſteht aus verſchiedenen Ur⸗ ſachen: zuweilen aus verſchlimmerten Gluͤcks⸗ umſtänden, zuweilen aus einem Gefuͤhle von Undankbarkeit, welches, wie der Wurm in einer Roſe, die Bluͤten aller Gutmuͤthigkeit und alles Mitleidens zerſtoͤrt; zuweilen aber auch aus Taͤuſchungen in Herzensangelegen⸗ heiten. Doch am allerhaͤufigſten entſteht dieſe Ertoͤdtung der Gefuͤhle aus dem Bewußtſein, unrecht gehandelt zu haben, wenn uns, wie es gemeiniglich der Fall iſt, unſer Egoismus anſpornt, anſtatt Erſatz zu leiſten, vielmehr die Ungerechtigkeit zu vhederhden a und in ihr zu behanten. Fes A. In eine ſolche Geiſtesſtumpfheit verfiel Claudius, als ſeine Gattin ihn verließ. Un⸗ eipfindlich gegen alle aͤußern Gegenſtäͤnde, und an die Lage ſeiner Kinder denkend, als habe er keinen Antheil an ihrem Schickſale, blieb er, mit niedergeſenktem Haupte, uf ſeiner alten Stelle ſitzen. l4, Aus dieſem Stumpfſinn erweckten ihn die Fußtritte eines Herannahenden. Als er die Augen erhob und den Fußpfad hinab blickte, ſah er, daß es ſein Sohn Wulther war. In Walthers Geberden und ganzem Be⸗ nehmen lag etwas ſo Ungewoͤhnliches, daß die Neugierde des alten Mannes davon rege wurde. In einem Augenblick lief er, mit ſeltſam wildem Weſen, einige Schritte vor⸗ waͤrts; blieb dann wieder eine Weile ſtehen, rang die Haͤnde und blickte aufwaͤrts, als verwundere er ſich uͤber ein außerordentliches Phaͤnomen am Himmel; aber nichts ſehend, ließ er die Häͤnde ſinken und ſtieg endlich, in ſeinem gewöhnlichen S Grints, den Huͤgel langſam herauf. 8 A † — 239— Als er nun vor ſeinem Vater ſtand, blickte er dieſen mit einer ſo einfaͤltig unſchuldi⸗ gen Betruͤbniß an, daß das eben erſt ganz fuͤhlloſe Vaterherz davon bis in's Innerſte geruͤhrt wurde. 9 „Was fehlt Dir, Waltherchen?“ fragte Claudius mit ungewoͤhnlicher Guͤte. Der arme Geiſtesſchwache gab keine Antwort, ſon⸗ dern fuhr fort, ihn mit dem naͤmlichen unaus⸗ ſprechlichen, einfachen Ausdruck des tiefſten Kummers anzublicken. A „Haſt Du etwas verloren, Waltherchen?“ „Ich weiß nicht,“ war die von einer Thraͤnenfluth begleitete Antwort. „Dem Burſchen iſt gewiß etwas Schreck⸗ liches begegnet,“ ſprach Claudius zu ſich ſelbſt. „Kannſt mir nicht ſagen, was vorging, Walther?“ 8 Vealther blickte eine kleine Weile um ſich her, als verfolge er etwas mit den Augen, das ihn mit Furcht und Schrecken erfuͤlle. Dann beſann er ſich plͤtzlich und ſagte:„es iſt nichts,— ſie iſt nicht dort.“ 9 8„Setz. Dich neben mich, guter Walther,“ — 240— rief der beſtuͤrzte Vater.„Setz Dich hier⸗ her und beruhige Dich.4 n— Walther that, wie ihm geboten wurde, ſtreckte die Füße aus und ſenkte den Koͤrper auf eine ſo huͤlfloſe Art, daß es ſchien, als ſei er keiner Bewegung faͤhig.— 85 4 Waͤhnend, ein neuer Anfall von gaͤnzlichem Blödſinne, dcn zer zuweilen unterworfen war, habe ihn befallen, ſtand Claudius auf und wollte ſich eben hinwegbegeben, als Walther aufblickte und rief:„Papa, Betty Bodle iſt⸗ todt!— Mein' Betty Bodle iſt tode!“ 8 „Todt?“ ſagte der entſetzte Vater. 8 „ Ja, Papa, ſie iſt todt!— Mein’ Betty— Bodle iſt todtl „Weißt Du auch, was Du ſprichſt?“4 DOpyhne auf die Frage zu hoͤren, wiederholte Walther in noch einfacherem und rührenderem Tone: Mein, Betty Bodle iſt todt! Sie iſt dorthin gen Himmel geſlogen und ließ mir ein kleines Wickellindchen zurück!“ Gei dieſen Worten brach er auf's Neue in Thraͤnen aus, ſprang eilig von der Bank auf und rannte in wildet Haſt nach Divethilh wohin der alte 5 — 241— Mann ihm folgte, und woſelbſt man dieſem „die traurige Nachricht, beſtaͤtigte, daß die Woͤchnerin während des Gebärens einer To d⸗ terr geſtorben war. 661 buusSotief Claudius ſeinga Gefüble v Ler. den Augen, der Welt zu perhergen wußte, ſo war dieſes doch ein Mißgeſchick, welchem zu widex⸗ ſtehen er nicht vorbepeitetowar. Denn ob er 8leich beindem exſten Eindruck, den daſſelbe auf ihn machte, keine heftige Gemüthsbewe⸗ zgung verrieth: ſo⸗ war es doch bald ſichthar, daß dieſes. Ungluͤck ſeine feſteſten Plane und WVorſatze vernichtet hatte. Daß er den fruͤh⸗ geitigen Tod zeines ſchoͤnen jungen Weibes, din zeiner ſo intereſſanten Lage, ſchon als Mann bedauexte, war ganz natürlich; aber ihm ſchien es mehr zu ſein, als ein großes Un⸗ gluͤck; ihn duͤnkte, als ſtrafe ihn der raͤchende Arm der Vorſehung durch dieſen Todesfall fuͤr ſeine Miſſethaten. Er konnte ſich nicht ver⸗ 3 hehlen, daß ein Erbe. weiblichen Geſchlechts ein Ereigniß war, deſſen Moͤglichteit er nicht vorher bedacht hatte, und daß durch den Tod der Mutter zeſſelen der Anstauſch von 1 39.. 16 — 242— qlealands gegen Divethill nunmehr vetgeblich ward, es ſei denn, daß Walther wieder heirate und einen Sohn zerzeuge; denn außerdem mußte, wenn Divethill das Erbtheil einer Tochter wurde, die wieder vereinigte Beſitzung von Kittleſtonheugh abermals von einander getrennt werden. bAeA T ,s 2ndis „Claudius, der Walthers nachgiebigen Cha⸗ rakter kannte, troͤſtete ſich jedoch mit dem Gedanken, daß er ihn, nach verfloſſener Trauet⸗ zeit, leicht wieder zu einer neuen Heitat wuͤrde bewegen koͤnnen; und beinahe ſcheiut es uns glaublich, daß ſein niedriger Ehrgeiz ihn zu dem heimlichen Wunſche bewog, das zu fruͤh geborne, ſchwächliche Kind möge bäld ſeiner Mutter nachfolgen, damit deſſen Leben ſeine Plane nicht vereitle. Sollten wir ihn indeſſen hierin Unrecht thun, ſo laͤßt ſich doch mit Zuverlaͤſſigkeit behaupten, daß er die Ge⸗ burt einer Tochter fuͤr eine Strafe des Him⸗ melz hielt. Ueberdieß verbitterte noch ein anderer Gedanke ſein Gemuͤth. Er ſah naͤm⸗ lich, daß er, durch ſeine Sparſamkeit, nach einigen Jahren im Stande geweſen ſein känute, Divethill mit baatem Gelde zu er⸗ kaufeng ohne geiwungen zu ſein, es gegen Plealands einzutäuſchen. In dieſem Falle waͤre das ganze Familiengut Kittleſtonheugh ſein eigenthümlicher Erwerb geweſen, und dann haͤtte er das Fideicommiß zuerſt auf Karl's Kopf ſetzen koͤnnen. Kutz, Berty Bodle's Tod und die Geburt einer Tochter verwirrten alte ſeine Plane, und riſſen die Luftſchlöſſer nieder, mit deren Errichtung er ſich ſo lange. und ſo eifrig beſchaftigt hatte. 1 Doch nunmehr muͤſſen wir zu dem armen 8 Walthet zuruͤckkehren, auf welchen der Ver⸗ luſt ſeiner geliebten Betty Bodle einen ſo ungewöhnlichen Eindruck machte, daß ſein ganzer Charakter dadurch verändert wurde, und 3 ſein Vater ihn bei weitem weniger nachgiebig fand⸗ als et 6 83 von ihm erwartete. Kierunbdas isigſtes Kapitel. Walthers Kummer ging, als er in ſeine Wohnung zurückgekehrt war, in eine ſtille, buhs⸗ Wehmuth uͤber. Mit gefalteten Haͤn⸗ den und geſenktem Haupte ſaß er neben dem 16* — 24— Leichnam⸗ und beantworkete keine an ihn ge⸗ ticteteFeage; aber ſo oft er das Kind ſchreien hoͤrte, blickte er nach dem Bette und ſagte mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Betrüͤbniß;„Mein, Betty Bodle!“ 4 Als der Sarg gebracht wurde, wünſchte ſeine Mutter, daß er das Zimmer verlaſſe, indem ſie färchtete, ſein tiefer Gram koͤnne in wilde Ausſchweifungen ausarten. Aber er weigerte ſich deſß en nicht nur ſtandhaft⸗ ſondern half ſogar, mit einer ſeltſamen Ruhe, den Koͤrper einſargen. Doch als man den Deckel aufſetzte, und der Schreiner den Sarg auf ewig zunageln wollte;: da ſchauderte er einen Augenblick vom Kopfe bis zu den Fßen⸗ pob den Deckel wieder auf, zog den Schleier von. dem Geſichte der Todten und berührt⸗ die eingefallene Wange, als haffe er noch einen Lebensfunken zu ſinden,— aber der ſchöne Leichnam blieb kalt und ſteif. „Sie iſt jetzt Erde!“ ſagte er. Mein Betty Bodle iſt nicht mehr da!“ 5 Dieſes ſprechend wendete er ſich ſchein⸗ bar unbekuͤmmert ab, gleichſam ale naͤhme er — 2— keinen Antheil mehr an der ganzen Sache. Aber von diefem Augenblicke au nahm ſeine Zärtlichkeit eine anz andere Richtung. Er verließ ſogleich das Todtenzimmer, ging in die Kinderſtube, in welcher das Kind ſchlafend auf dem Schoße ſeiner Amme lag, bettachtete es einige Zeit und rief dann munter und vergnuͤgt:„Das iſt eime kleine Betty Seae, und ſoll nun auch mein⸗ Bitty Bodle ſein! 12—. Und von nun an widmete er ſeins Zeit und ſeine Gedanken einzig und allein dieſeit ge⸗ liebten Gegenſtande ſo ſehr, daß, als die Be⸗ gräͤbnißſtunde herannahte, und man ihn er⸗ ſuchte, ſich anzukleiden und die Leiche zu be. gleiten, er das Kind durchaus nicht verlaſſ en, und überhaupt mit dem Begräbniſſe vichts in thun baben wollte. „.„Dch) werſtah, nicht, 4 ſagte et,„warum Ihr ſo viel⸗ Fackſen mit einem Klumpen Erde macht? Grabt n in ein i Soch und därgert mich nicht!“ „Es iſt ja Dein Wais, mein Sohn,“ er⸗ wiederte die Mutter.„Du wirſt Dich doch 2 — 246— nicht weigern ihr auf den Kirchhof zu folgen⸗. wie ein guter Ehemann thun muß??“, 5 „Nee, nee, Mama, Betty Bodle iſt mein Weib. Da der Klumpen in dem ſchwarzen Kaſten iſt nur ihr altes Kleid. Wie ſie's abwarf, zog ſie das huͤbſche kleine Kleidchen von ganz friſcher Erde an,“ ſagte er, auf den Saͤugling deutend. Als er nach wiederholtem vergeblichen Zureden unbeugſam blieb,— ging die Leddy, um ihren Gatten zu Huͤlfe zu rufen. 8 „Du mußt dem Walther zureden,“ ſagte ſie.„Wenn nur der arme Menſch nicht ver⸗ růckt worden iſt! Er behauptet, der eichnam waͤr' nicht ſeine Frau, und nennt ihn einen Klumpen Erde und Steins, den wir, Gott 6 behuͤt' und bewahr'n ihm zu Gefallen in's Miſtloch werfen koͤnnten.— Wenn er nicht hinter dem Sarge geht, le uns ein ewiger Schimpf!“ Claudius, welcher hoͤchſt dergeſchsgen am Kamine ſaß, ſtand ſogleich auf und begnh ſich in die Kinderſtube. „Pas ſis ſt Du da wie’n alt Peben — 247— ſagte er.„Steh auf und zieh' Deine Trauer⸗ kleider an, und betrag' Dich vernuͤnftig und: laf das Kind den Weibsleuten!“, „Es iſt mein Kind,“ erwiederte Walther, uund es geht Sie nichts an, Papa.— Soll. ich nicht mein eigen Kind huͤten— mein! huͤbſche kleine Betty Bodle?" 3 9n „„Thu' was ich Dir gebiete, oder ich dins kapahel, Dich das Gewicht meines Stocks. fuͤhlen zu laſſen!“ ſchrie der alte Mann, welcher, wie gewoͤhnlich, augenblicklichen Ge⸗ horfam erwartete. Aber fuͤr dießmal fand er ſich getaͤuſcht, denn der Wittwer blickte ihm ſtarr in's Auge und erwiederte:„Ich bin jetzt auch Vater, und es wuͤrd' einem ehrbaren Graukopfe, wie Sie, Papa, einer ſind, uͤbel anſtehn, das Haupt einer mutter⸗ loſen Familie zu ſchlagen.“ „Claudius wurde von dieſem Blicke— dem Tone, in welchem ſein Sohn Obiges ſprach, ſo ergriffen, daß er einige Zeit die Antwort ſchuldig blieb; ſich aber bald wieder bemeiſternd, ſagte er auf eine ſanfte und uͤbertedende Weiſe:„Lieber Walther, die —— Freunde erwarten, daß Du den Leichnam begleiteſt und hinter dem Sarge gehſt, wie's in jeder reputitlichen Familie gebraͤuchlich iſt.“ „Das iſt ein unnuͤtzer Gebrauch, Papa, und was kuͤmmer' ich mich um die Leichen⸗ kuchen und den Wein? Die koſten Geld, Papa, und ich will meiner Betty Bodle keine Unkoſten fuͤr ihr altes thoͤnernes Kleid ma⸗ chen. Sie moͤgen, weil's ſo Sirte iſt, in Ihren pleureuſen und Uunget ſcharzen Flor⸗ in's Grabloch legen“ aee ich Bebaaäa die kleinen Zehe d'rumre bi „Ich fuͤrcht, Du biſß nicht 8 turirenu erwiederte der Vaker nachdenklith.„Aber, Walther, ich hoff', daß Du hierin mir undd Deiner Mutter was zu Liebe thuſt) und Deine neuen huͤbſchen Traueikleider anziehſt, und den Prediger und die Gäſte oedentlich und vernuͤnftig empfaͤngſt.,⸗ en nien „Nein!“ entgegnete Walther.„Ein? fuͤr allemal, nein! Laß tommend was da nh. ih bleib' dabei!“” eh SGreemas Der alte Mann, welchen dieſe Wider⸗ — ſpenſtigkeit um alle Selbſtbeherrſchung brachte, rieß:„Hier zeigt ſich der Arm der rächenden Gerechtigkeit! Hat aber in Schottland das Geſetz ſeine Kraft noch nicht verloren, ſo ſollſt Du mir Deine Halsſtarrigkeit bereuen*. Stehe auf, ſag⸗ ich Dir, und zieh' Deine Trauerkleider an, oder ich laſſ Dich“ für mente captus erklaͤren und aſchic, Dich in's Tellhinn d s Ar ie har hten 1 n„Weiter erwart' ich auch nichtan von Ih⸗ nen, Papa,“, erwisderte Walther in ſeiner Einfalt.„Denn Mama ſagt' mir oft, wenn Sie ſo duckmaͤuſerig im Eckchen ſaßen, Sie daͤchten nur d'rauf, mich eaptus mentis zu machen, damit der Karl Alles kriegte.“— Das Blut erſtarrts in den Adern des 55 ten Mannes bei dieſem Vorwurfe. ſchwankte und ſank, uͤberwaͤltigt von Sae Mehn und Zorn, auf einen Stuhlhl. „e!“ rief die Leddy, welche eben uhen der in's Zimmer trat,„was hat Dich befal⸗ len, Maͤnnchen 2 Ach, daß Gant erbärn k will er Dir nicht gehorchen? 4ig in e „Chriſtiane 1 ankvortete er mit — 250— heiſerer Stimme, aber in einem nachdrucks⸗ vollen Tone.„Chriſtiane Hypel, Du biſt der Fluch⸗ meines Lebens! Deine angeborne Al⸗ bernheit iſt bei ihm in voͤllige Unvernunft) ausgeartet, und der Zwangn welchen ich mir anthat, Dich zu heiraten, bringt mir in meinen alten Tagen nichts als Kuunmen⸗ Scham und— Sunde! ten Fatenaie „Das iſt mir eine ſchoͤne Borbereitung zu einem Begraͤbniſſe!“ rief die Leddy. 1 „Was giebt's denn Senaun Wulthen Wale kinſhgw?Ä",„,. e eyPapa it biſele. Fugime huns M e Claudius fuhr in voſler Wuth von n ſeie nem Sitze auf, ballte die Fäaͤuſte und lief auf Walther zu, welcher das auf dem Schoße der Amme liegende Kind bewachte. In dem⸗ ſelben Moment ſprang auch der Blödſiunige, im Gefühl väterlicher Zäͤrtlichkeit, auf und ſtellte ſich vor ſein Kind, als wolle er es be⸗ ſchuͤtzen. Der wuͤthende alte Mann wurde beſtuͤrzt, wandte ſich ab und verließ, die Hände ringend, das Zimmer. am „Das iſt mir ein ſchönes Trauerhaus!“ rief die Leddy.„Vater und Sohn wollen ſich ſchlagen, und der Leichnam will auf den Kirchhof. O, Walther Walkinſhaw, wie brichſt Du Deinen Aeltern das Herz Willſt 3 Du denn abſolut unſere grauen Haare mitz Kummer in die Grube bringen? Da iſt Dein⸗ armer Vater ganz muͤrriſch geworden, und ſeine und meine Ruhe iſt dahin, wie wegge⸗ ſpruͤtztes Waſſer. Manchen gluͤcklichen Tag hatten wir, ehe Deine Halsſtarrigkeit ſo arg wurde. Aber geh' nur Deinen eignen Gang, thu was Du willſt. Laß Fremde Dein Weib begraben und ſieh' zu, was d'raus wird!"“ Aber trotz dieſen und aͤhnlichen Vorſtel⸗ lungen war Walther dennoch nicht zu be⸗ wegen, und das Leichenbegangniß mußte dhne ihn vor ſich gehen. Der ſtarrkoͤpſige alte Mann blieb jedoch, ſo ſehr ſein inneres Ge⸗ fuͤhl ihn auch peinigte, bei ſeinem Vorſatze, das von ihm errichtete Fideicommiß unange⸗ taſtet zu laſſen; welches auch in der That ſo feſt gegruͤndet war, daß, wenn er ſich nicht für bankrott erklaͤren wollte⸗ e es nicht aufge⸗ hoben werden konnte.. —— — 252— Fuͤnfunddreißigſtes Kapitell Geahn der Familie Grippy ging, einige Zeit unch dem Leichenbegaͤngniſſe der Frau Walther Walkinſhaw, Alles in dem gewvöhnlichen Ge⸗ leiſe. Die Entfremdung des alten Mannes von ſeinem Erſtgebornen vergräßerte ſich zwar nicht, aber Karl fuͤhlte ſie immer merklicher. Die ulte Leddy hatte mittlerweile alle Hände voll zu⸗ thun, um Walthern, nebſt ſeinem Kinde und ubrigen Hausweſen⸗ von Divethill nach Grippy zu verſetzen. Kanm war ſie hiermit zu Ende, als fie ein Schreiben von ihrer Tochter Milrookit erhielt, in welchem dieſe ihr meldete, ſie hoffe, in einigen Wochen die„kleine Familie“ von Dirdumwhamle zu vermehren, und ihre Mutter erſuchte, ihr in ihrem Stündlein beizuſtehen. ee Nichts war dem Genie und dem Geſamode der Leddy willkommener, als ein Geſchaͤft dieſer Art. Als ſie aber ihren Gatten be⸗ nachrichtigte, daß ſie in Kurzem zu ihrer Tochter zu reiſen gedenke, enkgegnete neſere „Das iſt nicht möglich, Chriſtel, Du weißt, daß Herr und Frau Givan, mit übrer Kochtet Junter Pega, tsfeige Woche hierher kommen wollen, und ich mäͤcht; gern das Midel mit unſerm Jürgen verkuppeln. Er it jetzt in dem Alter, wo er ſich etabliren muß, und mit den Givans moͤcht⸗ ich ihn am liebſten zuſammenbringen, denn die ſi nd von der beſten Herkunft und ſehr reich. „Nee, ſo Einer wie Du, Maͤnnchen, lebt doch nicht mehr!, erwiederte die von der Rachricht entzückte Leddy.„82h glaub', wenn d ne Gans mit einer Sau paaren wolleſſ Du wuͤßteſt das Ding anzugreifen. Wey haͤtt⸗ wohl an den Plan mit den Givans ge⸗ dacht? die allerdings eine ſehr peputirliche Familie ſind; und Jungfer Peggy iſt auch ein huͤbſches Mädel, ob ſie ſchon nicht viel Haubhaltsverſtand hat. Aber ſte iſt doch ein niedlich Spielwerk, und jetzt, da Du dem Wal⸗ ther nichts mehr zu geben brauchſt, kannſt Du den Jürgen wohl etabliren. Denn, Maͤnn⸗ cen, die Zeiten ſind nicht mehr ſo, als wie wir zuſammen kamen; jetzt wollen die Buben alle große Herren ſein und die Mir deſs vornehme Madamen⸗⸗ 1 t h & * — 254— Ctaudius welcher die Plauderſucht feiner Gattin kannte, wollte ihrem Geſchwäͤtz durch die Bemerkung, daß die Heiraten in ihrer Familie bisher nicht ſehr glücklich geweſen waͤren, eine andere Nichtung geben. 3 3„Walthers Heirat,“ ſagte er,„war ſo gat keine, denn Alles, was wir vrvon t ein kränkliches Kind⸗ und der Pin⸗ ſel häͤngt ſo an ihm, daß er ſich halsſtarrig meinem Wunſche widerſetzt, eine andre Frau zu nehmen und der Familie einen maͤnnlichen Lrden zu ſchaffen.“ 5. „Wahr und wahrhaftig,“ erwiederte die Leddy,„das iſt ſpaͤßig, Mäͤnnchen, wenn man Dich von Deinen maͤnnlichen Erben ſprechen hört.„Kannſt nicht mit Katks Buben 65 Feiesen ſein?“ 1 Grippy's Geſtcht verfinſterte ſich augen⸗ blicklich, aber die Wolke verſchwand eben ſo geſchwind, und er antwortete:„Das verſtehſt Du nicht, Chriſtel Hyprl. Iſt nicht Wal⸗ thers Tochter die Erbin von Divethill, da dieß gegen plealands, das hrem Vater ge⸗— hört, eingetauſcht wurde? und wird nicht da⸗ — 255— durch das Herz von Kittieſtonheughe nsgeriſen, und all' mein Beſtreben fruchtlos gemucht? Nun iſt's mein Wunſch, daß Juͤrgen ſo ge⸗ ſchwind als möglich eine Frau fuͤr ſcch ſelbſt nehmen möͤcht⸗; und wenn er, dem Laufe der Natur nach, einen Sohn hat, ſo wird's klug ſein, dieſen bei Zeiten mit. Walrhers Tochter zu verheiraten, um ſo die ganze eſ itung Pauſt zuſammenzuhalten.“— „Na, Männchen, hoͤr' mich huͤbſch an und werd⸗ nicht gteich ͤtgeklich,“ erwiederte die Leddy.„Ich kaͤnn nicht begreifen, daß Du nie d'ran denkſt, daß Karl's Sohn eben ſo gut Walthers Töchter freien koͤnnt⸗ als Jur⸗ gens Sohn, der noch nicht auf der Welk iſt, und mit dem es ſo unſicher ausſiehr, als wie mit einem Fiſche im Waſet; und ſo rath⸗ ich Dir, wohl zu bedenken was Du ithuſt, und den Fiſch nicht eher zu beüeh. bis Du din Befangen haſt.-. Waͤhrend dieſer Rede umwölkte ſich Stau⸗ diuß Antlitz auf's Neue. Sein Grwiſſen mahnte ihn auf's Peinlichſte, wie leicht ſeine Wuͤnſche und Plane, durch die Geburt von eitel Toͤchtern oder pisleichr auch durch den Mangel an⸗ gaͤnzlicher Nachtommenſchaft, ver⸗ eitelt werden koͤnnten. Die Vorſehung ſchien ihm ganz eigen darauf bedacht zu ſein, das Gefühl des Unrechts, welches er ſeinem Erſt⸗ gebornen zugefügt hatte, unablaͤſſig in ihm zu erwecken. Roch war es ihm nicht einmal Angefallen, daß ſelbſt eine Berbindun zmiſchen hegangenen Fehler nicht wieder gut Mächen konnte; denn Georgs männliche Erben hatten den Vorzug vor erſterem, und Kittleſtonheugh wurde auch in dieſem Falle zerriſſen. So ungluͤgklich gber der ehrgeizige alte Mann ſe 9 auch fühlte, ſo woßlte er dennoch keinen Rück. ſchritt thun⸗ ſondern beharrte auf ſeinem erſten Vorſatze, gleichſam gls muͤſſe er das in ſeinem Buſen brennende Feuer mit neuem Stoffe von der naͤmlichen Gattung unterhalten. Die Heirat, welche er für George im Sinne hatte, wurde dennoch eifrig betrieben und glͤcklich zu Stande gebracht.. Denn. Georg, dem eß an wahrem Zartgefuͤhle mangelte, und welcher nur darauf hedacht war reich zu werden, — 257— warb ſogleich um Jungfer Peggy Givans* Hand; und dieſe, welche ganz von dem Willen ihrer Mutter abhing, die eine Verbindung mit der ihr verwandten Familie Grippy für ſehr vareheilhft dielt, willate ohn⸗ writere⸗ Umſtaͤnde ein. 8 Da es aben noch ehe das Busbnis ge⸗ ſchloſſen war, dem weltklugen und vorſichtigen Herrn Givan einfiel, daß George ein juͤngerer Sohn war, und Walthers Tochter zwiſchen* ihm und der Erbfolge ſtand: ſo machte er es ſich zur ausdrücklichen Bedingung, den Braͤu⸗ 4 tigam zuvor als Kaufherrn etablirt zu ſehen, was eine kleine Verzoͤgerung verurſachte. Der alte Mann uͤberwand jeboch dieſe Schwie⸗ rigkeit dadurch, daß er beinahe ſein ganzes vorraͤthiges Geld in das Handelshaus gab, welches ſeinen Sohn zum Compagnon annahm. Häͤtte er es uͤber ſich gewinnen koͤnnen, Herrn Givan die Wahrheit zu geſtehen, ſo wuͤrde er ſtch vielleicht dieſes Opfer h haben; aber das Schamgefühl uͤber ſeine begangene Un⸗ gerechtigkeit lag ſo tief in ſeinem Herzen, daß er oft wuͤnſchte, das Zideisommiß niemals 1. Tht. 17* A E exrichtet zu haben, ja ſich zuweilen von deſſen Nichtexiſtenz zu uͤberreden ſuchte. 6 Unterdeſſen katte Frau Milrookit einen Sohn zur Welt gebracht, die einzige Begeben⸗ heit, welche, ſeit geraumer Zeit, dem Groß⸗ vater einige Freude gewaͤhrte. Aber ſelbſt dieſes Ereigniß ſollte ihm zum Aerger und zur Strafe dienen. Denn eddy Grippy, Walthers zuͤrtliche Mutter, beſchloß, ſobald ſie die Geburt von Walkinſhaw Milrookit— ſo. hatte man das Kind getauft— vernahmn, daß dieſer. und kein anderer Bettys Gatte werden ſollte; dahingegen die bloße Möglich⸗ keit eines folchen Ereigniſſes das Herz ihres Gatten mit Furcht und Sorgen erfuͤllte. Täglicher Streit und bittere Vorwuͤrfe waren die peinigenden Folgen dieſer xnichiedenen Meinungen. Sern S eaunddeiSigften Kapitel. „Karl und Iſabellen wurde unterdeſſen⸗ ein reichliches Maß häuslicher Gluͤckſeligkeit zu Theil. Der Himmel hatte ſie, außer iinrem Sohne Jaunes, noch mit einer Torhter Mari — — 339— genannt, beſchenkt; und obſchon diefe beiden Kinder ihnen Sorge machten, ſo vermehrten ſie doch auch das Gluͤck ihrer Ehe. Die Ein⸗ kuͤnfte des jungen Paares, beſtanden lediglich in dem. Gewinne, welchen der Antheil ab⸗ warf, den der alte Mann ſeinem Sohne an der Handlung gelaſſ en, hatte; und dieſer ge⸗ nuͤgte, die erſten zwei bis drei Jahre hin⸗ durch, ihren mäßigen Beduͤrfniſſen vollkom⸗ men. Nach und nach vermehrten ſich ſedoch die Ausgaben, und am Ende des dritten Jahres fand Karl, daß er einige kleine Schulden, welche er gezwungen war zu ma⸗ cen, nicht abtragen konnte. Dieſe ſtiegen, mit dem Laufe des vierten Jahres, zu einer 66 h en Summe, daß Karl, deſſen Ge⸗ nuͤt gart ohnehin aͤngſtlich war, ſich entſchloß,. ein Anlehen von zweihundert Pfund zu ſuchen, um jene Schulden damit zu decken. Da er in dem Wahne ſtand, der Erbe des groͤßten Theils der Familiengüter zu ſein: ſo glaubte er, es werde nur wenige Schwierigkeiten ko⸗ ſten, dieſe Summe aufzutreiben, indem er den Darleiher auf ſeine dereinſtige Erbſchaft 12* — 0o= * ſicher ſtelen könne. In dieſer Abſicht begab ex ſich eines Morgens zu Herrn Keelevin, um dieſen zu bitten, das Geſchäft einzuleiten. „Ich beklage es, daß Sie ſich in einer ſo unangenehmen Lage befinden,“ ſagte der ehrliche Sachwalter.„Wär es aber nicht beſſer, wenn Sie ſich an Ihren Vater wen⸗ deten? Es moͤchte Ihnen ſein Mißfallen zu⸗ ziehen, wenn er erfahren ſollte, daß Sie Gelder aufnehmen wollten, die nach ſeinem Tode bezahlt werden ſollen. Kein Freund, noch weniger ein Biger⸗ würde les gern ſehen.“ „Wahelich,“ Shhe Karl, Much 89 fühle dieſes lebhaft. Aber, was kann ich thun? Denn ſeit meines Bruders Walther Heirat beträgt ſt ich mein Vater ſo kalt und verſchloſſen gegen mich, daß es ſcheint, als waͤre alles 9 enſeitige Zut utrauen zwiſchen ung verſchwunden.“. Herr Keelevin tützte, waͤhrend dieſer Rede, das Kinn auf ſeine Hand. Sein Ge⸗ ſicht druͤckte zwar ſein inneres Gefuͤhl nicht . — 251— aus, aber ſeine Augen warfen einige mitlei⸗ dige Blicke auf den jungen Mann. „Herr Walkinfhaw 4 ſagte er,„wenn Sie nicht ſelbſt mit Ihrem Vater reden wollen, koͤnnte nicht ein Freund als Vermittler auf⸗ treten? Ueberkaſſen Sie mir das Geſchaͤft.“ „Dieß iſt ſehr freundſchaftlich von Ihnen, Herr Keelevin. Aber, die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, wollte ich doch weit lieber das Geld von einem Fremden borgen, als mich dem Tadel meines Vaters ausſetzen. Um mich kuͤmmere ich mich wenig, aber Sie kennen meines Vaters engherzige Begriffe von der Fuͤhrung eines Hausweſens; und er moͤchte ſich daher Bemerkungen uͤber meine Gattin erlauben, die ich nicht gern anhöten wuͤrde.“ „Aber, lieber Herr, Sie wiſſen, daß man kein Geld ohne Unterpfand borgen kann.“ Das weiß ich, und ben deßhaib erſuche ich Sie um Ihren Beiſtand. Ich ſollte doch glauben, daß die Ausſicht, meinen Vater zu uͤberleben, in Anſchlag gebracht werden könnte.“ „Aber das ganze Gut iſt mit einem feſt⸗ 3 gegruͤndeten dideieommiß belaſtet,“ erwie⸗ 4 derte der Sachwalter aetzamidedignd Blicke. I anuht nas hen e „Doch nicht deſſen Lntbete⸗ hass dee levin 2 „Nein, das ichtn gerrn BWalkinſbaw, aber das Fideicommiß— wiſſn Sie, wie es errichtet iſt? 2 en s. 99. 4 „Nein, aher ich vermuthe, größtentheils nach der gewoͤhnlichen Weiſe.“ 4 „Nein, mein Herr,“ entgegnete der ehr⸗ liche Rechtsfreund, ſein Haupt erhebend, und die Hand mit trauriger Emphaſe auf den Tiſch fallen laſſend.„Nein, Herr Walkin⸗ ſhaw, es iſt nicht auf gewoͤhnliche Weiſe er⸗ richtet, und ich hoffe, daß Sie keine Rechnung darauf machen werden. Es war Unrecht von Ihrem Vater, Sie ſo lange in einer Un⸗ wiſſenheit zu laſſen, durch welche Sie wahr⸗ ſcheinlich verleitet wurden, die Schulden zu machen, die Ihnen jetzt ſo druͤckend ſind.“* „Freilich, Herr Keelevin, wuͤrde ich meine Ausgaben mehr beſchraͤnkt haben, haͤtte ich nicht auf die Rechte meiner Erſtgeburt ge⸗ Sſ. nn m hisseeſt eneianot — 263— „Herr Walkinſhaw, ich beklage Sie von ganzem Herzen, aber ich wuͤrde unfreund⸗ ſchaftlich gegen Sie handeln, wenn ich Ih⸗ nen die Wahrheit länger verhehlen wollte. Ihr Bater iſt ein ehrlicher Mann, aber es iſt uns Allen bekannt, daß er hinſichtlich ſei⸗ nes Stammbaumes einen feltſamen Sporn im Kopfe traͤgt. Ich darf Ihnen nicht ſa⸗ gen, wie muͤhſam er ſich beſtrebte, die Be⸗ ſitzungen ſeiner Vorfahren wieder an ſich zu bringen; aber es thut mir weh, hinzufuͤgen zu muͤſſen, daß er, bei dieſem fonſt ſo ver⸗ dienſtvollen Beſtreben, einen großen Fehler beging. Wahrlich, Herr Walkinſhaw, ich habe kaum den Muth, Ihnen das Ganze zu geſtehen h ,, A ie s ns „Was iſt es?“ rief der beſtürzte zunge „Er fertigte eine Urkunde aus,“ erwie⸗ derte Herr Keelevin,„vermoͤge welcher er Sie von der Erbfolge ausſchloß, damit Ihr Bruder Walther im Stande ſei, Plealands gegen die beiden Pachthoͤfe auszutauſchen, welche ehedem, nebſt Grippy, das alte Fa⸗ — 264— miliengut Kittleſtonheugh ausmachten; und ich fuͤrchte, die Sache iſt ſo buͤndig gemacht, daß er ſie, ſelbſt bei dem beſten Willen, nich wieder umſtoßen kann. Karl gab keine Antwort auf dieſe haup zerreißende Mittheilung. Einige Minuten hindurch ſtand er faſt wie leblos, warf dann einen furchtbar wilden Blick auf Herrn Kee⸗ levin, ſchauderte über und uͤber, und ſürtis aus der Schreibſtube.— Anſtatt ſich nach ſeiner Bohnung zu be⸗ geben, ging er mit ſchnellen, ungleichen Schritten die Straße hinunter, wendete ſich dann zur Linken und raſtete nicht eher, bis er die ſinſtern Tannen erreicht hatte, welche an dem Ufer des kleinen Fluſſes ſtehn, der an der Kathedrale herfließt, und deſſen damals von haͤuſigen Regenguͤſſen angeſchwollenen Gewaͤſſer eben ſo heftig tobten, als die ſtuͤr⸗ miſchen Gefuͤhle in Karls Buſen. DOhne zu wiſſen, was er that, ſtieg er zum uUfer hin⸗ ab und beugte ſich einige Augenblicke uͤber die Felſen da unten, als ſinne er auf einen graͤßlichen Sprung in dee Tiefe. Doch, ſi ch ¹ beſinnend und mit Zittern an ſeine Familie denkend, fuhr er zuruͤck, warf ſich auf die Erde und ſchloß die Augen, als wuͤnſchte er ſich zu überreden, Aless dieſa dfern nur ein Traum. deriels ui Der Ort und der Aaga waren in vollkoms menem Einklang mit dem Sturme„ welcher in ſeiner Seele tobte. Der Himmel war von finſtern, niedrig ſchwebenden Wolken bedeckt, durch welche dann und wann ein Sonnen⸗ ſtral ſiel, der auf einen Augenblick die Zin⸗ nen der Kathedrale und die Monumente auf dem Kirchhof erleuchtete. Dann folgte ein duͤſterer Schatten, und eine weiße, geiſterar⸗ tige Helle ſchwebte an den Ruinen des ehe⸗ maligen biſchoͤflichen Pallaſtes, und warf ei⸗ nen ſtarken Stral auf einen Galgen, welcher unter dieſem auf einer Erhoͤhung ſtand. Der in den Tannen heulende Wind und das Brauſen der Fluten erhoͤhten die Verzweiflung, 3 welche im Buſen des Ungluͤcklichen herrſchte. Ihn dünkte, als habe man ihn truͤgeri⸗ ſcher Weiſe in eine Lage gebracht, welche ihn zwinge, allen ehrenvollen Zwecken ſeines — 266— Lebens zu entſagen, und daß er ſich nicht dagzu entſchließen koͤnnte, was doch nur aus Man⸗ gel an gegenſeitigem Vertrauen zwiſchen Vater und Sohn herruͤhren kann, ſeine uͤbrigen Tage in einem Kampfe mit Armuth und vielleicht ſogar mit Schande und Verbrechen zuzubrin⸗ gen. In einem Moment ballte er die Faͤuſte, knirſchte mit den Zähnen, ſchlug ſich vor die Stirn und uͤberließ ſich einer Wuth, die ihm beinahe Gedanken an Rache eingab; im naͤch⸗ ſten trat jedoch das Bild ſeiner ſanften, un⸗ beſchuͤtzten Gattin vor ſeine Seele, erweichte ſein Gemuͤth und erfüllte es mit unaus⸗ ſprechlichem Kummer. Dann aber erregte der Gedanke an ſeine unſchuldigen Kinder, welche, durch einen Frevel gegen die Natur, zur bitterſten Armuth verdammt waren, neue Stuͤrme in ſeiner Bruſt, die jenes kanfeere Gefuͤhl erſtickten. 4 Dieſe heftigen Empfindungen mußten eine nachtheilige Wirkung hervorbringen. Als der Sturm in ſeinem Inneren einigermaßen nach⸗ ließ, entfernte er ſich von der einſamen, wil⸗ den Stelle, auf welcher er ſich dem Ausbruch ſeiner Leidenſchaften ſo ſehr uͤberlaſſen batte, und kehrte nach ſeiner Wohnung zuruͤck. Aber ſeine Glieder bebten, ſeine Kniee wankten, und ein kalter Schauer durchrieſelte ſeinen ganzen Koͤrper. In ſeinem Kopfe brannte ein wildes Feuer und ein ſtechender Schmerz, ſo daß es ihm ſchien, als ſchwankten alle Gegenſtände um ihn her. Sobald er ſeine Wohnung er⸗ reicht hatte, mußte er ſich ſogleich niederlegen. Noch im Laufe des„Nachmittags begann er zu phantaſiren und ein wuͤthendes Fieber, welches ihn beſiel, ſetzte ſeine ungluͤckliche Gattin in die toͤdtlichſte Angſt. dern an 7 Siebenundbretßigſtes Kapitel. uchett Keelevin blieb, nachdem Karl ihn zelaßfen hatte, einige Zeit in tiefem Nachden⸗ ken ſitzen, beſtellte hierauf ſein Pferd und ritt noch denſelben Nachmittag nach Grippy. Hier fand er den alten Laird, mit einer weißen Nachtmuͤtze auf dem Kopfe und grauen wolle⸗ nen, uͤber die Kniee gezogenen Struͤmpfen, muͤrriſch und allein im Kaminwinkel ſitzen. donnIch beklag' es, 2 Herr Watinſbame ſagee — 268— der ehrliche Sachwalter, als er in's Zimmer trat,„Sie ſo leidend zu finden. Was fehlt Ihnen, und ſeit wie lange ſind Sie unpaͤßlich?“ „Setzen Sie ſich mir gegenüber, Herr Kee⸗ levin,“ erwiederte Claudius, als er ſeinen Rechtsfreund erblickte.„Was bracht' Sie heut' hierher? Das iſt ſchlimmes Wetter fuͤr einen Mann in Ihren Jahten, ſo weit heriu Tommen.“ 1 12. ei Wen: „ Ja, ja,“ entgegnete here Rerleunn,„wir fangen Beide an abſtändig zu werden. Doch erwarkete ich nicht, Sie in dieſem Zuſtande zu finden. Ich hoffe, es 18 weder Podagra, noch Gicht.“ 1 48 Claudius, delcer, wie die meiſten Men⸗ ſchen, einen Abſcheu vor dem Tode hatte, fand wenig Gefallen an dieſen Erkundigungenz doch ſagte er mit erzwungener Gleichguͤltigkeit: „Rein, Gott ſei Dank! weder das eine noch das andere, ſondern nur ein Bißchen Erkäͤl⸗ ung, die nicht der Rede werth iſt.⸗“ „Das freut mich außerordentlich; denn da ich Sie in einem ſo ſchwächlichen Zuſtande ſah, fuͤrchtete ich, Sie koͤnnten nicht von — 269— Geſchäͤften reden. Nicht, daß ich Ihnen ge⸗ rade etwas ſehr Wichtiges zu ſagen haͤtte, aber Sie wiſſen, daß kraͤnkelnde Perſonen ſich leicht uͤber Kieinigkeiten aͤrgern; und ich wuͤnſchte Ihnen nicht eher einige Unruhe zu 8 machen, bis Sie wieder vollkommen herge⸗ ſtellt ſind; denn in Ihren Jahren ſchadet— „In meinen Jahren?“ unterbrach der akte Mann verdrießlich.„Noch bin ich nicht ſo alt, daß Sie noͤthig haͤtten, von meinen Jah⸗ ren zu ſprechen. Aber was wolln Sie von mir, Herr Keelevin?““ D pb jene theilnehmenden Aeußerungen des Sachwalters aufrichtig gemeint waren, 3 oder nur zur Einleitung dienen ſolleen, wollen wir um ſo weniger unterſuchen, da die ſchnelle Frage des Kranken die Sache auf einmal zur Sprache brachte, SaAn d raſhe „Ich kann in der That nicht ſagen, Herr Grippy,“ antwortere Herr Keelevin,„daß ich Ihnen etwas ſeyr Wichtiges mitzutheilen hätte. 3 Ich kam mehr aus Freundſchaft hierher, als eines Geſchaftes wegen. Ihr Sohn Karl, der — 270— ein ſehr feiner junger Mann iſ Bähie mich Peute in der Fruͤhe.“ Khens Vas „Ja, ja, er paſſirt,“ erwiederte der alte Manm mit aufgeworfener Lippe.— Der Sach⸗ walter fuhr fort:„Wahrlich, Herr Walkin⸗ ſhaw, er iſt ein mehr als gewoͤhnlich braver Mann, und es betruͤbte mich, vernehmen zu müſſen, daß Sie nicht auf einem ſo fr eundſchaft⸗ lichen Fuß mit ihm laben, als ich glauhte 4 4„Beklagt er ſich über mich? 2ℳ fragte Clau⸗ dius mit gerunzelter Stirn und ſtechendem Blicke. „Dazu beſitzt* zu giel Berſtand und Be⸗ ſcheidenheit, 41 entgegnets Herr Keelevin.„Aber er zog mich in einem Geſchäfte zu Rath, wo⸗ bei ich ihm meine Verwundetung nicht ber⸗ gen konnte, daß er nicht lieber mit Ihnen über ſeine Angelegenheiten ſprach. Da erfuht ich nun, ſo im Laufe des Geſpraͤchs, daß er dieſes hochſt ungern thun moͤchte, woraus ich natuͤrlich folgerte, daß wenig gegenſeitiges Zu⸗ trauen zwiſchen Ihnen herrſche."⸗ „und was war's?“ fragte Grippy trocken. „Ich zweifle, daß ſeine Einküͤnfte hinrei⸗ 6 kinſhaw.“ — u— chen, ſeine Beduͤrfniſſe zu decken, Herr Wal⸗ „Er iſt ein verſchwenderiſcher Narr, der das Geld wegwirft. Wie ich in die Welt trat, hatt' ich nicht—a eei s i 84„lnmoͤglich koͤnnen Sie verlangen,“ un⸗ terbrach Herr Keelevin,„daß der Sohn eines Mannes in Ihren Umſtaͤnden ſich ſo einſchraͤn⸗ ken ſoll, als Sie genöthigt waren, es in Ih⸗ ren juͤngern Jahren zu thun. Um aber kurz von der Sache zu reden,— Ihr Herr Sohn bedarf einer kleinen Summe, um ſich aus eini⸗ gen Perlegenheiten zu ziehen. Sie wiſſen ja, Herr Walkinſhaw, daß manche Menſchen ein Zlohſtich eben ſo arg ſchmerzt, als ein Peit⸗ ſchenhie 3638 5 48 46 SAe A 8 Der alte Mann gab keine Antwort, ſon⸗ dern runzelte die Stirn und drehte die Dau⸗ men umeinander. Herr Keelevin horchte ge⸗ duldig auf das, was er ſagen wuͤrde. „Ich hielt den Karl wenigſtens fuͤr ehr⸗ lich, ſagte Grippy endlich.„Aber ich muß ½ geſtehen, daß mich das von ihm ärgert. Denn 8 3 wenn er ſo in der Klemme ſteckt, ſo iſt zu — 2722— fuͤrchten, daß er ſich am Ende an meinem Eigenthum im Laden vergreifen koͤnnt'.“r „Herr Keelevin, welcher anfangs aufmerk⸗ ſam zuhoͤrte, wurde von dieſer Schlußfolgerung ſo unangenehm ergriffen, daß er ſich mit aus⸗ gebreiteten Armen auf ſeinen Stuhl zuruͤck⸗ warf. Doch erholte er ſich bald wieder und ſagte mit nachdrucksvollem Eifer:„Herr Wal⸗ kinſhaw, ich erinnere mich noch ſehr gut der Zurechtweiſung, welche Sie mir gaben, als ich Ihnen Ihre Ungerechtigkeit gegen den armen jungen Mann vorhielt; aber nichts in der Welt ſoll mich abhalten, gegen Ihren Irrthum und Ihr Vorurtheil zu⸗ kämpfen. Ihr Sohn iſt ein durchaus rechtſchaffener jun⸗ ger Mann. Ich wuͤnſchte hinzufügen zu koͤn⸗ nen, daß ſein Vater ſeinen Werth erkennen moͤchte oder ſelbſt ſeiner wuͤrdig wäre;— und ich will ihn nicht ungerechter Weiſe aus ſei⸗ nem Vaterhauſe geſtoßen ſehen, ohne ſeine Partie zu ergreifen und der Welt kund zu thun, wie er behandelt ward. Ich will nicht behaupten, daß Sie ihn um ſein Erbe betro⸗ gen Halene denn es iſt Ihr erworbenes Eigen — 273— thum. Vertreiben Sie ihn aber aus der Hand⸗ lung, und uͤberlaſſen Sie ihn und ſeine kleine Familie dem engherzigen Mitleiden fremder Menſchen: ſo wuͤrde ich ein Verbrechen gegen die Natur begehen, wenn ich nicht laut er⸗ klarte, daß Ihr Berfahren abſcheulich iſt, und daß Sie, mit allen Ihren Poſſen von Wal⸗— kinſhaws und Kittleſtonheughs, verdienen, von dem Henker oöͤffentlich ausgepeitſcht werden! Thun Sie nun was Ihnen beliebt, Berr Walkinſhatd, teiten Sie meinetwegen in vollem Galopp zum Teufe, aber gewiß wird jede Chriſtenſeele Ihr Andenken ver⸗ 4 ftuchen! Der Zorn und die Drohungen des redli⸗ chen Sachwalters aͤngſtigten den alten Fitz, mehr aber noch die Vorwürfe ſeines eigenen Gewiſſens. In einem demuͤthigen Tone, der beinah Verachtung einfloͤßte, entgegnete er: „Sie ſind zu hitzig, Herr Keelevin. Ich ſagt' ja kein Wort davon, daß ich ihn aus dem Laden treiben wollt’, Sagt' er Ihnen, wie diel er braucht!)/) „ Nur elende zweihundert Pfund,“ erwie⸗ 1. xhl. 18 6 derte Herr Keelevin, der wieder einige diſius gewonnen hatte. 9 nsweihundert pfund Schulden 1e Claudius. „Ja,“ ſagte Herr Kreledine„und es wun⸗ dert mich, daß es nicht mehr iſt, wenn ich bedenke, wie filzig ſein Vater gegen ihn handelt.“ 3 8„Haͤtt' ich's Geld, Herr Keelevin, ſo wollt⸗ ich's herzlich gern geben, um Sie und ihn zu üͤberzeugen, daß ich nicht der Fitz bin, fuͤr den Sie mich halten. Aber die Ausgabe, welche ich machte, um Juͤrgen zu etabliren, hat mich gaͤnzlich ausgebeutelt.⸗ „Nicht moͤglich! 1“ rief derr Keelevin⸗ von neuem Zorn ergriffen.„Der Himmel ver⸗ hüte, daß Sie von dieſer Welt geriſſen wer⸗ den, ohne zuvor Herrn Karl und Ihre Toch⸗ ter bedacht zu haben!“ Der alte Mann zitterte über und he uußte ſ ſich aber bald wieder zu bemeiſtern und ſagte;„Herr Keelevin, Ihre Bemerkung iſt ſehr richtig, und ich muß auf alle Faͤlle darauf bedacht ſein, etwas fuͤr ſie zu thun. Ich will — 275— Walthern bereden, fuͤr Karl und Grethel ein kleines Etabliſſement zu machen, wenn's dem Himmel gefallen ſollt', mich ploͤtzlich abzuru⸗ fen. Kann ſo ein Dokument ausgefertigt werden?“ 1 1 etb. 3 en „O ja!“ erwiederte der Sachwalter, ſehr vergnügt uͤber den glucklichen Erfolg ſeiner freiwillig uͤbernommenen Unterhandlung.„Es giebt zwei Wege, das Geſchaͤft abzumachen; entweder Walthern zu bereden 4 daß er beine Einwilligung zu einer Alimentation gebe, ſelbſt eine Summe zum Unterhalt Karl's und Frau Milrookits auszuſetzen. Claudius erklaͤrte, er ziehe den erſtern Weg or, denn es ſcheine ihm, als ſei der an⸗ dere eine widerrechtliche Verletzung des Fidei⸗ commiſſes. 82 „Was das betrifft,“ ſagte der Sachwal⸗ ter,„ſo brauchen Sie ſich deßhalb keine Sorge 1 zu machen, wenn Sie nur auf eine recht⸗ ſchaffene Weiſe für ihre Kinder ſorgen wollen./ 3 Dieſem Allem zufolge kam man uͤberein, d — daß Claudius Walthern nach Glasgow brin⸗ gen ſollte, um daſelbſt eine Urkunde errichten 18* 8 — 276— zu laſſen, vermoͤge welcher er ſich verbindlich mache, im Fall er ſeinen Vater uͤberlebe, ſeinem Bruder Karl und ſeiner Schweſter Milrookit, und deren beiderſeitigen Nachkom⸗ men, eine gewiſſe Jalxtiche Leibrente zu zahlen. Tctunddseißigkes Kapitek.— Um die Uebereinkunft, deren wir im vo⸗ eigen Kapitel gedachten, baldmoͤglichſt zu Stande zu bringen, ließ Claudius, ſobald Herr Keelevin ſich entfernt hatte, ſeinen Sohn Walther zu ſich entbieten. Zufaͤlliger⸗ weiſe war die Leddy, waͤhrend des Beſuchs des Sachwalters, in einem andern Theile des Hauſes beſchaͤftigt und wurde daher nichts von der Conferenz gewahr, bis ſie ihn weg⸗ reiten ſah. Da aber gerieth ſie in einige Beſorgniß uͤber den unvermutheten Anblick des Rechtsfreundes, der, ohne ihr Wiſſen, bei ihrem Gatten geweſen war, und in noch groͤßere Furcht, als gleich darauf ihr diebind zu ſeinem Vater gerufen wurde. Mutter und Sohn traten zu gleicher gaͦt irs immer Walther kam aus der Kinder⸗ —,'j,— 27— ſtube, wo er mit ſeinem Säugling getändelt— hatte. Sein Aeußeres war eben nicht ein⸗ nehmend, denn ſeit dem Tode ſeiner Gattin⸗ die ihn zu einiger Reinlichkeit angehalten⸗ barbierte er ſi ch nur am Samſtag Abends und knoͤpfte ſeine Kniegurtel nur am Sonn⸗ tag Morgens zu. Auch Leddy Grippy ſtimmte im Aeußeren völlig mit ihrem hoffnungsvol⸗ len Liebling überein. Ihr alter, geſteppter, tothſeidener Rock war voll Riſſe; ihr dreimal aufgefärbtes, bouteillengruͤnes Obergewand⸗ mit Spitzenmanſchetten, war voll Kuͤchen⸗ ſchmutz; und der ungeheure Kopfputz von Draht, Flor und in Tinte gefaͤrbten Baͤn⸗ dern, welcher ihr umherhaͤngendes Haar be⸗ deckte, hatte eine ſo gelbe Rauchfarbe ange⸗ nommen, daß ſelbſt der geſchickteſte Bleicher nicht im Stande geweſen waͤre, ihm ſeine urſprüngliche Farbe wiederzugeben. „Alſo, Maͤnnchen,“ ſagte ſie beim Ein tritte,„war der alte Schleicher, der Keelevin, bei Dir? Mich wundert nur, was ihr ſo heimlich zuſammen treibt. Gut's kann's nicht ſein, weil die Bea nichts drvon wiſſen ſoll.” „Setz Dich, Chriſtiane Hypel, und halt's Maul,“ war die höfliche Antwort. n ja aus, als waͤr' ich faul, und wär' auch eben nicht fehr proper, denn Du ſi ſtehſt, daß meine Finger ſchmutzig ſi ſind./. „Gut, gut,“ erwiederte der Laird,„ſet Dich nur nieder, und Du, Walther, ſetz; Dich neben ſie; denn ich möcht' gern mit Euch uͤber eine Schrift ſprechen, die ich zu Euer Aller Nutzen will ausfertigen laſſen, lein ſchlaͤgt. 34 „Du ſprachſt Dein gahhes Leben uns recht, daß Du Deinen letzten Teſtaments⸗ willen machen willſt; denn Du weißt, was es für'n Spektakel in der Glongowlmachal⸗ lagan⸗Familie gab, weil der Laird das Co⸗ dicillium nicht unterſchriebz denn dadurch kriegte ſein äͤlteſter Sohn, aus der erſten Ehe, alle beweglichen Guͤter, und ſeine Frau⸗ „Wozu ſoll ich's Maul halten? Das ſäh denn Riemand kann üſſene wenn ſein Gtünde— kein ſo vernuͤnft'ges Wort,“ erwiederte die Leddy, indem ſie Platz nahm.„Es iſt fehr meine Baſe, mußt, ſogar das ſilberne Naͤpf⸗ — 2— chen'rausgeben, das ich ihr zur Saaheits ſchentage machte.“ 1 „Du weißt,“ unterbrach Claudius ihren Redefluß,„daß ich Dir ein moͤblirtes Haus, à funfzehn Pfund, zum Wittwenſitz zuſicherte, und ein Leibgedinge von hundert und zwan⸗ zig Pfund, außer dem, was Dein Vater zu⸗ ſammenſcharrte; und da kannſt Du nicht er⸗ warten, daß ich Deinethalben den Kindern Gehnden thun ſollt'. „Du biſt reicher geworden ne Minnchen, ſeitdem wir zuſammenleben,“ entgegnete die Leddy,„und kein Mann kann Geld machen, wenn's die Frau nicht erlaubt. Das waͤr alſo ein harter Caſus, wenn ich, nach allen meinen Sorgen und Plackereien, nichts mehr kriegen ſollt', als was der Ehekontrakt und meines Vaters letzter Teſtamentswillen be⸗ ſtimmt haben; denn das Letztere war ein freiwilliges Almoſengeſchenk, das ich Dir nicht zu verdanken hab’.— Willſt Du mir mein Recht anthun, Maͤnnchen, ſo mußt Du mir ein Drittel von dem laſſen, was Du — 280— ſeit unſerer Heirat erworben daſie— weni⸗ ger nehm' ich nicht.“ aih nm „Gut, gut, Chriſtel, wir walrn und jett nicht uͤber Dein Witthum ſtreiten.“ 9 S„Das wär' auch was Abſcheuliches! er⸗ wiederte die Leddy.„Wir leben ſeit dreißig IJryren einander zum Troſt, und brachten eine ſo brave Familie mit ſo großer Repu⸗ tation auf. Nee, Mnnchen, da traus i Du Dich jetzt Deinem Ende ſo ſchnell naherſf. daß Du einen letzten Eiſtannendawilein ma⸗ chen willſt elnatkene 4 „Recht, ganz recht, Chriſtet, ſagte Elau⸗ dius.„Aber ehe wir uns recht verſtaͤndigen koͤnnen, muüſſen wir, Walther und ich, erſt uͤber'n Biſſel Schreibens einig werden, daß es einmal in Zukunft uͤber ſeine Rechte an dem Austauſche, den wir gegen Plealands machten, keinen Streit geben kann.”4 „Ich ſchreib' nichtz wieder auf ſo'n Trom⸗ melfell, es moͤcht ſonſt meiner kleinen Belty 5 Bodle Tort thun,“ ſagte Walther. Ob er dieſes gleich auf eine gedankenloſe — 281— Art in den Tag hineinſprach, ſo ſetzte es dennoch ſeinen Vater nicht wenig in Verwirrung. Denn die ſeltſame Hartnaͤckigkeit, mit welcher der Simplex ſich weigerte, ſeiner Frauen Sarge zu folgen, bewies, daß ſein Charakter umlenk⸗ ſamer war, als man jemals haͤtte glauben können. Aber obſchon Claudius ſonſt durch Widerſtand ſtets hartnäckiger wurde, ſo aͤn⸗ derte er doch fuͤr dießmal ſeinen Angriffsplan; denn anſtatt Walthern zu befehlen und zu drohen, rief er, ſchlauer Weiſe ſeine Gattin zu Huͤlfe. E „Fern ſei es von mir, Deinem Vater, ſagte er,„Dir oder den Deinigen Schaden zu⸗ fuͤgen zu wollen. Aber Du weißt, wenn Alles zuſammengeflickt iſt, wie bei uns, daß da Kei⸗ ner in der Familie etwas ohne den Andern ausmachen kann. Da ich nun Deiner Mut⸗ ter was zu Liebe thun ſoll, ſo wirſt Du mir auch Puen helfen, die Urkunde dazu auszufertigen.“ „Ich will meiner Mama Alles gern zu Grfen thun, aber unterſchreiben thu 4 Wicte erwiederte Walther. 81 „Walther Walkinſhaw!“ rief die äber d — 282— dieſe Weigerung entruͤſtete Leddy.„Du wirſt mich doch nicht wollen hungern laſſen und mich zwingen, von Haus zu Haus mit Ehnem Bet⸗ telſack zu gehen? „Nee, lieber geb ich Ihnen meine zwei Thaler und die alte franzöſiſche halbe Krone, die mir Großmama zum Geburtstage gab.“ „Warum willſt Du denn Deinen Vater keinen geſetzmaͤßigen letzten Teſtamentswillen machen laſſen?“ rief die Leddy. „Ich will'n nicht deran hindern. Mir zu Gefallen mag er funfzig Teſtamente machen; ich hab' nichts dagegen.“ „Dann kannſt Du auch nichts gegen ſein vernünft'ges Begehren einwenden,“ ſagte beine Mutter.— „Ich hab' nichts gegen ein hernünftget Begehren. Ich ſag' nur, Mama, daß ich kein Papier unterſchreiben will, es ſei von Perga⸗ ment oder Lumpen gemacht, nun und nim⸗ mermehr und in alle Ewigkeit nicht— und ſo brauchen Sie mich auch nicht laͤnger zu drangſaliren. Ari „Du biſt ein widerſpenſtiger Tuugenichtt, — 283— daß Du ſo zu Deiner Mutter ſprichſt! rief die erboßte Leddy.„Du ſollſt das Papier unterſchreiben, ſo wahr ich's Leben habelnen „Ich thu' weder Vater noch Mutter zu Gefallen meinem eigenen Kinde einen Tort. Ich geh' lieber zu Hans Harrigal, dem Metzger, und geb'm Geld, daß er mir die rechte Hand abhackt, eh' ich wieder ſo eine Advokatenſchrift unterſchreib'.“ 142 Ti Kee „Das iſt der Lohn fuͤr all' meine Liebe und Sorgfalt!“ rief die Leddy, welche in Thrä-⸗ nen ausbrach, waͤhrend ihr faſt eben ſo beweg⸗ ter Gatte in tiefes Nachdenken verſunken war und nicht auf den Streit zu achten ſchien. „Aber,“ fuhr Frau Walkinſhaw fort,„Du reſpektirſt mich nicht, Du unnatuͤrlicher Sohn Abſalon, der Du gegen Deine Aeltern rebellirſt. Ich kann noch immer einen Strumpf mit Geld füllen, und wenn ich ſterb, ſo weiß ich, weer ihn kriegt.— Willſt Du unterſchreiben?ℳ „Ich will gleich meine rechte Hand hier im Feuer verbrennen, damit ich im ganzen Leben nicht wieder ſchreiben kann. Dieſes in einem einfaͤltigen, gelaſſenen Ton ſpre⸗ — 284— 4 chend, ſtand Walther auf und naͤherte ſich in der That dem Kamine, als ein heftiges Klopfen an der Thuͤr den Streit unterbrach. Es war ein von der alten Leddy Plealands geſchickter Bote, welcher ihre Tochter von Karl's Krank⸗ heit benachrichtigen und ihr ſagen ſollte, daß der Vltit ſehe ennhigs uneis ſchene LHaah . 92 9 Neunuahhsetßigſees magitel, a Leddy Grippy gehoͤrte unter die Zahl der Frauen, welche, ohne das mindeſte Gefuͤhl oder die geringſte Theilnahme an einem leidenden Gegenſtande zu beſi ützen, ſich dennoch verpflich⸗ tet glauben, den äußern Schein davon anzu⸗ nehmen. Sobald ſte daher die Botſchaft von dem traurigen Zuſtande ihres Sohnes vernahm, traf ſie auch ſogleich Anſalane um nah Glas⸗ gow zu eilen. 4 S „Ich kann nicht erwarten, Mnnchen, ſagte ſie,„daß Du bei Deinem Huſten nach der Stadt gehen wirſt; und ich hoffe alſo, daß Du Dich huͤbſch in Obacht nimmſt, und Ddir heut' Abend von den Maͤgden Habergrütze mit Tamarinden geben laͤßt, wenn es der Wille —“ 9— 285— vom Schoͤpfer unſeres Karl 66 daß ich zuche heimkommen ſollt'.“ Die erhaltene Hiobspoſt hatte jedoch den alten Mann ſo ſehr angegriffen, daß er⸗ ihre Bemerkungen kaum hoͤrte. Die Krankheit ſeines Sohnes ſchien ihm in irgend einer Verbin⸗ dung mit Herrn Keelevin's Beſuch zu ſtehen, wie es denn auch in der That der Fall war. Waͤhrend ſich nun ſeine Gattin mit vieler Ge⸗ ſchaͤftigkeit zu ihrem Krankenbeſuche vorberei⸗ tete, verlor er ſich, ohne auf ngend etwas Beſtimmtes verfallen zu koͤnnen, gewinde von Muthmaßungen. „Sehr recht, lieb' Chriſtel,“ fagtee er, „daß Du den armen Karl beſuchen willſt. Ich hoffe, daß Du dafuͤr ſorgſt, daß es ihm an nichts mangle. Hoͤr' mal! kuck einmal in die alte Brieftaſche dort in dem Schreibtiſche. 4 Da find'ſt Du eine Fuͤnf⸗Pfund⸗ Note,— die ſteck' ein. Es giebt keine ſchlechtere Waare in eines Mannes Haus, als ein hitziges Fieber.“ „Ha!“ erwiederte die Leddy, ihren undank⸗ haten Liebling anblickend,„da ſießſt Du, was & heißt, einen guͤtigen Vater haben. Aber 5 3 1 Du verdienſt keine Attention, weder von Vater noch Mutter, denn Deine AMwetſpenſigtat brichk uns das Herz.“ „Mama,“ ſagte Walther, Hzilen Sie nicht ſo, ich habe' was, das dem Karl gut thun wird.“ Dieſes ſprechend ſtand er auf, ging in die Kinderſtube und kam ſogleich mit einer Pillenſchachtel zuruͤck. d „Hier Mama! Nehmen Sie das da mit ſich. Das iſt herrlich fuͤr den Huſten und die Erkaͤltung und den kurzen Athem, und auch, mit salvam veniam zu reden, gegen Verſtopfungen. Geben Sie dem Karl zwei beim Schlafengehen und eine des Morgens, und Sie werden Wunder ſehen.“ 8 Leddy Grippy riß die Schachtel aus ſeinet Hand, warf ſie in's Feuer und ſatre ſi 9 ührem Gatten gegenuͤber. „Endlich muß ich doch geſechen, fagte 3 ſie,„daß ich mein Leben lang im Irrthume war, denn ich konnt' nicht glauben, daß Wal⸗ ther ſo'n gar dummer Dorfteufel waͤr', haͤtt 18 4 ich's nicht heut⸗ ſelbſt erlebt. Aber der Wille der Vorſehung geſchehe im Himmel und af — 281— 3 Erden, und laßt unz beten, daß ihm möge vergeben werden, wie wir unſern Schuldnern vergeben. Es nimmt mich aber doch Wun⸗ der, daß meine Mutter nicht ſagen ließ, was dem Karl eigentlich fehlt; aber alles Fleiſch vergeht wie Heu, und Niemand weiß, wo ſein Fuß ruhen wird. Aber eh ich fortgeh', muß ich Dir noch ſagen, daß Du morgen zum Weber ſchickſt und daß Du dem Knechte ſagſt, 1 er ſolle den Raſen nicht umackern, bis die große Waͤſche d'rvon abgenommen iſt. Und Du, Walther, wart' Du nur, bis das Un⸗ gluͤck voruͤber iſt, dann will ich Dir ſchon Reſpekt vor Deinen Aeltern anraͤſonniren. Wahrlich, Maͤnnchen„ bald glaub' ich, was mir die alte Hebamme einmal ſagte, daß er ein Wechſelbalg waͤr'; und es ſollt' mich nicht groß Wunders nehmen, wenn man einmal ſtatt ſeiner einen Strohwiſch im Bette faͤnd' Die wuͤrdige Leddy wuͤrde ihre erbaulichen Ermahnungen noch laͤnger fortgeſetzt haben, waͤre ihr Gatte nicht ungeduldig geworden 44 und haͤtte ſie daran erinnert, daß der Tag — 288— ſich neigte und der Whan kalhis und catiut rig waͤre eH. „Laß' mich ja morgen fri wiſſen,“ fuhr er fort,„wie's mit Karl geht; denn die Sache liegt mir jetzt mehr am Herzen als jemals. Und was wir zu Walther ſagten, ſo wiſſen wir ja, daß er ein guter Junge iſt, und daß er ſich bis morgen beſi unen wird.—. Njch wahr, Walther?“ i i 5 „Ich will mich beſinnen, ſo bung 18 3en beliebt,/ erwiederte der getreue Simßien, „aber unterſchreiben thu' ich nicht, ſo lang⸗ die Welt ſteht. Wozu aͤrgern Sie mich mit Ihren Dokumentsurkunden? Karl und Juͤrgen ſchreiben beſſer wie ich, und die werden nicht geplagt. Aber ich errarh' ſchon die Urſach Hätt' mich Großpapa nicht zum Erben von Ptealands gemacht, ſo könnt' ich jetzt an den Fingern kauen. Wenn wir was in der Ficke haben, ſo meint's die ganze Welt gut mit uns, und davon kommt all' das Plagen und Schelten; aber Sie moͤgen nur fort plagen und ſchelten und zanken, bis eine Kroͤte zum Kieſelſtein wird, eh' ich mich beſchwatzen laſf, — 289— 2 meiner kleinen Betty Bodle Tort zu thun, die Niemand hat, der fuͤr ſie ſorgt, als mich.“ Die Leddy wollte ihre Ermahnungen auf's Neue beginnen, wurdezaber von ihrem Gatten angetrieben, ſich endlich auf den Weg zu machen. 5 Kaum hatte ſie das Haus verlaſſen, als Claudius, trotz ſeiner wahren oder vorgeſchuͤtz⸗ ten Unpaͤßlichkeit, von ſeinem Seſſel aufſtand, die Haͤnde auf den Ruͤcken legte, den Ober⸗ leib ſchwerfällig hin und her bewegte, und langſam im Zimmer auf und nieder ging. Walther, welcher ſitzen geblieben war, ſchien einige Zeit hindurch nicht auf ſeines Vaters Geberden zu achten; als der alte Mann aber ſchneller und immer ſchneller zu gehen anfing, rief er:„Papa, haben Sie Hypocacuanam, oder wie's Zeug heißt, im Leibe? denn gerade ſo mußt' ich gehen, wie ich zuletzt krank war.« „Nein, nein,“ entgegnete der ungluͤckliche Alte,„aber ich trank die bitterſte Arznei des Lebens. Fur eine kranke Seele giebt's kein Brechmittel, und füͤr'n boͤſes Gewiſſen keine Purganz!, e I. Thl. 19 — 290— Dieſes Geſtäͤndniß entſchluͤpfte ihm jedoch wider Willen, denn gleich darauf richtete et ſich ſtandhaft empor, gleichſam als biete er jedem Ungluͤcke Trotz. Aber auch dieſe augen⸗ blickliche Standhaftigkeit ging ſo ſchnell voruͤber, daß er ſich genoͤthigt ſah, ſeinen Sitz wieder einzunehmen, auf welchem er ſich einer gaͤnz⸗ lichen koͤrperlichen und gfiſegen Alipannung uͤberließ. Nachdem er etwa eine halbe Stunde in dieſem Zuſtande zugebracht hatte, rief er einen Diener herbei, welchem er befahl, bei Tages⸗ anbruch nach Glasgow zu gehen und Herrn Keelevin, noch vor dem Fruͤhſtuͤcke, nach Gripphy zu bringen.„Etwas muß geſchehen,“ ſagte. er, nachdem Walther und der Diener das Zimmer verlaſſen hatten.„Der Fluch Gottes iſt auf mein Haupt gefallen! Meine Haͤnde ſind mit furchtbaren Ketten gefeſſelt! Ich habe mich ſelbſt betrogen, und fuͤr den Men⸗ ſchen, welcher ſeine Seele aus eitlem Stolz dahingab, iſt ſelbſt im 1 Wimme kein dail zu finden!“ * — 291—, Wierzigſtes Kapitel. Mittlerweile nahm Karl's Krankheit auf eine furchtbare Weiſe zu. Ehe ſeine Mutter noch das Haus erreichte, phantaſirte er bereits auf's Wildeſte und Ausſchweifendſte. Zuweilen ſank er jedoch in eine augenblickliche Ruhe, und alsdann ſchimmerte ein ſchwacher Stral von Vernunft durch ſeine Phantaſten, ſo wie ein am Ufer voruͤberſchwebendes Licht die ſchwarzen Wogen des ſtuͤrmiſchen Ozeans er⸗ hellt, wenn ein Schiff i in der Mitternacht auf Klippen ſtößt und deſſen Mannſchaft nach Huͤlfe ruft. Aber dieſes kurze Nachlaſſen der Fieberhitze war fuͤrchterlicher als deſſen Hef⸗ tigkeit, indem alsdann die toͤdtliche Angſt wiederkehete, welche ſeine Krankheit verurſacht hatte. So oft er ſein Auge auf die ſanfte, aber verzagende Iſabella warf, machte er eine konvulſiviſche Bewegung, um ſich empor zu richten, verſiel aber alsbald auf's Neue in die wildeſten Phantaſten.— In dieſem ſchreck⸗ lichen Zuſtande brachte er die ganze Nacht zu. Gegen Morgen zeigten ſich guͤnſtigere 1 Eymptome. Das Phantaſtren ließ nach, der 19* Athem ging tegelmäͤßiger, und ſowohl Iſabella, als ſeine Mutter hofften auf Geneſung. Die letztere ſchickte daher gleich beim Anbruch des Tages einen Boten an ſeinen Vater, um dieſem die anſcheinende Beſſerung ihres Soh⸗ nes zu berichten; aber auch der Alte hatte die Nacht in einem noch weniger beneidenswer⸗ then Zuſtande zugebracht, als der Kranke. Wir haben bereits erwaͤhnt, daß Claudius am vorhergehenden Abend beſchloſſen hatte, Herrn Keelevin zu ſich entbieten zu laſſen. Dieſen Befehl nahm er jedoch noch vor dem Schlafengehen zuruͤck, ſo wie er uͤberhaupt in ſeinem ganzen Betragen eine ſeltſame und ungewöͤhnliche Unentſchloſſenheit zeigte. Es war ſichtbar, daß er auf Etwas ſann, vor deſſen Ausfuͤhrung er ſich fuͤrchtete; der Kampf in ſeinem Innern verbannte daher den Schlaf von ſeinem Lager. Als der Bote von Glas⸗ gow anlangte, war er bereits angekleidet; und da die Dienerſchaft noch nicht aus den Betten war, oͤffnete er die Thuͤr ſelbſt. Die günſtige Nachricht machte ihm allerdings Freude, bewirkte aber auch eine Veraͤnderung — 293— in ſeinen geheimen Beſchluͤſſen, welche eben nicht vortheilhaft fuͤr die väͤterlichen Abſich⸗ ten war, die er vermuthlich gefaßt hatte; denn dieſe konnte er nicht in Ausfuͤhrung bringen, ohne den ganzen Zweck ſeines Dich⸗ tens und Trachtens auf einmal zu zerſtoren. So viel iſt ſicher, daß ſeine heftige Gemuͤths⸗ bewegung nachließ, ſobald er die Kunde von Karls Beſſerbeſinden erhalten, und er ſeinen Sitz beim Kamine wieder ſo ruhig einnahm, als ſei nicht das mindeſte Ungewoͤhnliche vor⸗ gefallen. In dieſer Lage uͤberſiel ihn ein ſanfter Schlummer, aber eine neue Botſchaft, welche ihm noch wichtiger war, als die er⸗ ſtere, ſtoͤrte ihn bald in ſeiner Ruhe. Die ungewuhnliche Korpulenz der Frau George Walkinſhaw verkuͤndete ſchon ſeit ei⸗ niger Zeit, daß ſie bald die Erben von Kitt⸗ leſtonheugh vermehren werde. Da ſie aber in Glasgow wohnte und theils wegen ihres jetzi⸗ gen Zuſtandes, theils aus Widerwillen gegen ihre Familie, beſonders ſeitdem Walther wie⸗ der in Grippy hauſete, nur ſelten Umgang mit ihren Verwandten gepflegt: ſo waren — 294— ihre Schwiegeraͤltern weniger mit den Fort⸗ ſchritten ihrer Schwangerſchaft bekannt, als man es, zumal bei der Begierde des alten Mannes nach mannlichen Erben, haͤtte erwarten ſollen. Nun trug es ſich zu, daß waͤhrend des Laufes dieſer intereſſanten Nacht Frau George entbunden wurde, weßhalb ihr Gatte ſich füͤr verpflichtet hielt, am fruͤhen Morgen eine Magd nach Grippy zu ſenden, um ſeinen Aeltern die frohe Kunde zu bringen. 3 Jenny Purdie, die Abgeſandte, hatte ei⸗ uig Jahre zuvor in den Dienſten des Lairds geſtanden. Vorwitzig und ſchlau, wie ſie war, hatte ſie erfahren, wie ſehr es ihren ehema⸗ ligen Gebieter kräͤnke, daß Walthers Tochter kein Sohn war; daher trug ſie kein Beden⸗ ken, ein wenig Liſt bei der Ausrichtung ihres Auftrages zu machen. Als nun der, durch ihren Eintritt, aus ſeinem Schlummer er⸗ weckte Laird ſich erhob und um ſich blickte: rat ſie vor ihn und bewies, durch ihre mit Koth bedeckten, nackten Beine, wie alig ſe den Weg gemacht hatte. 3 „Gratulite von Herzen! Ich beiu Ib. — 295— nen freudige Bokſchaft, Herr Laird! f ſie ihm entgegen. „Was iſt's, Jenny;“ fragte er. „Ich laſſ Sie rathen, wenn Sie mir nicht eine halbe Krone verſprechen, war die Antwort. 6 „du wirſt doch nicht glauben, daß 19 Dir weniger fuͤr eine ſolche Botſchaft geben werde?— Iſt's ein Maͤdel?“ 8 „Beſſer, viel beſſer, mein Herri rief Jenny triumphirend. 88 4 „Sind's Zwillinge?“ rief er mit ber Begeiſterung ſympathiſirende Laird. 6 „Eine halbe Krone, eine halbe Senne Herr Laird! Gleich auf den Vichr Phri war ihre Antwort. „Na wenn K Dus denn ebſolur ſo haben willſt, da nimm ſie nur hin!“ ſagte er, das Geld hinreichend, welches Jenny alsbald ein⸗ ſteckte, eine ernſthafte Miene annahm und ſagte: „Herr Laird, Sie müͤſſen ja nicht boͤſ' ubßer mich werden, aber ich wollt' Sie nicht gleich mit der Nachricht zum Tode erſchrecken. — 296— Unſere Frau iſt allerdings im Rinshan, aber nicht, wie Sie es erwarteten.”“ 41 „So iſt's nur ein Maͤdel?“ erwiederte der beſtürzte Laird. gitni⸗ „Ree, Herr, es iſt nicht ein M deh— es ſind zwei Maͤdels, mein Herr! rief Jenny, die kaum, waͤhrend ſie ihr Bedauern bezeigte, das Lachen unterdruͤcken konnte. 9½ Claudius ſank auf ſeinen Seſſel zurück, ließ den Kopf haͤngen und ſeufzte tief. „Aber,“ fuhr die ſchlaue Jenny fort, nes iſt bei alle dem doch ein gutes Anzeichen. Sein Sie alſo gutes Muths, Herr Laird. Die Reſthaͤlchen werden gewiß Hähnchen, und es giebt keine Gans ohne einen Gaͤnſerich.“ „Pack⸗ Dich aus dem Hauſe und ärger⸗ mich nicht mit Deinem Geſchnatter! Ich ſag' pack Dich gleich aus dem Hauſ'!“ rief der Laird ſo zornig, daß Demnd ſi 16 usenias. Ge entfernte. Nachdem ſie das Zmmer erlefen⸗ blieb— Elaudins in derſelben Stellung ſitzen, in welcher er das Kommandowort ausgeſprochen hatte, naͤmlich mit vorgebeugtem Oberleibe — 297— und ſich auf die Arme des Seſſels ſtützend, als wolle er ſich erheben. Nach und nach lehnte er ſich aber in die Lage zuruͤck, in welcher er einzuſchlummern pflegte, ſchloß die Augen und blieb eine beträchtliche Weile ſo liegen, ohne äͤußere Zeichen von ſeinen ge⸗ kraͤnkten Gefuͤhlen zu geben, welche wie ver⸗ zehrendes Gift in ſeinem Innern nagten. Dieſer letzte Schlag,— die Geburt von Zwillingstoͤchtern,— ſchien zwar die haͤrteſte Strafe, mit welcher ihn die Hand der Vor⸗ ſehung, fuͤr das an ſeinem Erſtgebornen ver⸗ uͤbte Unrecht, zuͤchtigte; aber dennoch mußte man die Staͤrke bewundern, mit welcher er die peinigenden Vorwuͤrfe ſeines Gewiſſens ertrug.— Seinen niedrigen Ehrgeiz kann man freilich nur mit Abſcheu betrachten; aber die Charakterſtaͤrke, welche ihn faͤhig machte, gegen ſeine vaͤterlichen Neigungen zu kaͤmpfen und ſelbſt dem Himmel zum Trotz in ſeiner Ungerechtigkeit zu beharren, muß man mit einem Gemiſch von Verun derung und Snrcht anſtaunen. — 298— gigsaseiesgigſas4 Kapitet. Die truͤgeriſchen Symptome, welche B Gattin und ſeine Mutter irre geführt hat⸗ ten, verwandelten ſich am dritten Tage der Krankheit in eine die höchſte Gefahr dro⸗ hende Kriſis. Herr Keelevin, welcher, ſeit der letzten Zuſammenkunft, den waͤrmſten Antheil an ſeiner Lage nahm, hatte jedoch ſein Uebelbefinden erſt erfahren, nachdem die Aerzte bereits, feſt uͤberzeugt, daß er nicht laͤnger leben koͤnne, einige Zweifel an ſeiner Geneſung zu erkennen gegeben hatten. Aber von dieſer Zeit an erkundigte ſich der recht⸗ ſchaffene Sachwalter faſt ſtuͤndlich nach ihm. Ungeachtet deſſen, was unlängſt zwiſchen ihm und Claudius vorgefallen war, beſchloß er dennoch, einen abermaligen Angriff auf das Baterherz zu wagen. Erfullt von dieſem loblichen Vorſatze, begab er ſich, am Morgen des fuͤnften Tages der Krankheit, welcher ein Sonntag war, nach Karls Wohnung, um ſich, eh' er nach Grippy gehe, nach deſſen Befinden zu erkundigen; aber die Magd, welche ihm die Thuͤr öffnete, ſchvammn in — 299— Thraͤnen und ſagte ihm, ihr Herr einge zeben mit dem Tode. 9 Ohne dem MNaͤdchen zu antworten, zog Herr Keelevin die Schuhe von den Füßen und ging ſo leiſe in das Krankenzimmer, daß die perſonen, welche das Sterbebett Sng ben, ſeiner nicht gewaheten. 2n Dhabelle ſaß an dem obern Ende des s Ber⸗ tes, hielt die Haͤnde ihres Gatten feſt in die ihrigen geſchloſſen und lehnte ſich, beinahe ſo empfindungslos als er ſelbſt, uͤber ihn her. Seine Mutter ſaß nahe an dem Fuße des Bettes, mit einem Arzneiglaſe in der einen Hand und einem Handtuche in der andern, ihren Sohn mit einem Ausdrucke anſtarrend, in welchem Jurcht, Mitleiden und Neugierde ſchnell miteinander abwechſelten. Unfern von ihr ſtanden die beiden kleinen Kinder, voll unſchuldigen Erſtaunens uber die traurige Lage ihres Varers. Mehr noch von ihrer indiſchen Verwunderung geruͤhrt, als ſelbſt von den letzten ſchweren Athemzuͤgen ſeines ſterbenden Freundes, zog Herr Keelevin ſich — 360— in eine entfernte Ecke des Zimmers zurück und ließ ſeinen Thraͤnen vollen Lauſf. Nach drei bis vier Minuten erregte ein Gerzuſch ſeine Aufmerkſomkeit. Iſabelle ſtand aufrecht, und ihre Schwiegermutter hielt die zitternde Rechte, aus welcher das Arzneiglas gefallen war, hoch empor, und warf Blicke des Entſetzens um ſich her. Herr Keelevin näherte ſich dem Bette und ſah, daß Alles voruͤber war. Er wollte Mutter und Gattin anreden, doch eh' er ſich ihnen naͤhern konnte, ſtießen die Kinder einen durchdringenden Schrei aus, liefen auf Iſabellen zu, umſchloſſen ſie mit ihren kleinen Armen) und verbargen die Haͤupter in ihrem Gewande, Der gutmuͤthige Mann verlor einige Mi⸗ nuten hindurch alle Faſſung, aber die junge, ſchoͤne, ſchutzloſe Wittwe ermannte ſich am er⸗ ſten wieder. Eine Thraͤnenflut erleichterte ihr gepreßtes Herz. Niederkniend, ſchloß ſie die Kinder in ihre Arme und rief mit flehendem, aufwaͤrts gerichteten Blickeꝛ Sok wird Euch 3 ſai eus A s ch eet. „Herr Keelevin, noch— amtöbis ei 8 — 301— Wort hervorzubringen, naͤherte ſich Iſabellen, hob ſie ſanft empor und fuͤhrte ſie, nebſt den Kindern, in's Wohnzimmer, in welchem die alte Leddy Plealands, mit einem Pſalmenbuche in der Hand, allein ſaß. Die auf einem ent⸗ fernt ſtehenden Tiſch liegende Btille bewies, daß ſie nicht zu leſen vermochte. Hierauf ging er zuruͤck, um auch die Leddy Grippy von dem Sterbelager zu entfernen, begegnete ihr aber auf dem Gange. Wir ent⸗ halten uns zu wiederholen, was ſte ſprach, denn ſie war Mutter; aber der hauptſächlichſte In⸗ halt ihres Geſpraͤchs war die Bitte, Herr Keele⸗ vin moͤge es über ſich nehmen, ihrem Gatten die Trauerpoſt zu uͤberbringen und ihn zu er⸗ ſuchen, entweder gleich ſelbſt zu kommen, oder ihr einiges Geld zu ſenden.„Denn,“ ſagte ſie,„dieß iſt ein nacktes Haus, Herr Keelevin, und nur Gott weiß, was aus den armen kleinen Waiſen werden ſoll!“ Der gutmuͤthige Mann bedurfte teines e redens, um das ihm nur zu gut bekannte Elend der Familie nach Kraͤften zu erleichtern. Erfuͤllt von Sorgen fuͤr die troſtloſe Wittwe — 302— und ihre Kinder, negat er 9. ſogleich acf den Weg nach Grippy. Das Wetter war einige Tage zuvor Tne miſch und veraͤnderlich geweſen, aber an die⸗ ſem Tage war es, fuͤr die vorgerückte Jah⸗ reszeit, ungewoͤhnlich ſchön. In der ganzen Natur herrſchte eine ſo ſanfte Ruhe, als feiere 1 quch ſie den Tag des Herrn. In tiefe Ge⸗ danken verfunken ſchritt Herr Keelevin vor⸗ wärts, doch milderten ſeine wohlwollenden Ab⸗ ſichten nach und nach den Schmerz, welchen er uͤber die eben erlebte Trauerſzene empfand. Aber er war ein ſchon bejahrter Mann, und die heftigen Gemuͤthsbewegungen, welche in ſeiner Bruſt ſtuͤrmten, ermuͤdeten ihn ſo ſeht, daß, als er den Fußpfad erreichte, der nach Kilmarkeckle fuͤhrte, er genoͤthigt war, ſi ſich auf die naͤmliche Mauer niederzulaſſen, auf welcher Claudius ſaß, als er, nach Errichtung des un⸗ gluͤckſeligen Fideicommiſſes, von der Stadt zu⸗ rͤckkehrte. Einige Zeit hindurch bog er ſich gedankenvoll vorwaͤrts, ſtuͤtzte das Haupt mit ſeiner Hand, und war unempftndlich gegen alle aͤußere Gegenſtände, bis ihn endlich das Gurren 4 1 — 303— einer Waldtaube aus ſeinem Nachſinnen er⸗ weckte. Eben an das harte Herz ſeines Klien⸗ ten denkend, beruhigten jene ſanften, liebe⸗ vollen Toͤne ſein Gemuͤth; und die Augen auf die vor ihm liegende ſchoͤne, ruhige Landſchaft werfend, ſetzte er neues Vertrauen auf den gluͤcklichen Erfolg ſeiner mitleidigen Entwuͤrfe. Die unbewöͤlkte Sonne ſpiegelte ſich hell und rein in dem Fluſſe, und glaͤnzte auf den Gipfeln der entfernten Huͤgel. Die naher liegenden Felder ſchienen im Fruͤhlingsgruͤn zu prangen, und ein Trupp kleiner Buben, in ihren Sonn⸗ tagskleidern, welche, am jenſeitigen Ufer des Fluſſes, mit einem großen Hunde ſpielten, be⸗ lebte den Schauplatz noch mehr, und ſtimmte mit der allgemeinen Zufriedenheit uͤberein, welche ſich uͤber die Bunhe Natur zu verbrei⸗ ten ſchien. Solrbnkeiesaiun.; Kapitel. Der gutmuͤthige Sachwalter fand den alten Mann auf ſeinem gewoͤhnlichen Sitz am Ka⸗ mine. Walther, in ſeinem Sonntagsſtaate und mit ſeinem Kinde taͤndelnd, war bei ihm im * 3 — 304— Zimmer. Nicht gleich mit uch einig, auf welche Weiſe er die Trauerpoſt vorbringen ſollte, fuͤhlte Herr Keelevin anfangs einige Verlegenheit. Da er aber Walther's Beſchaͤf⸗ tigung bemerkte, ergriff er die Veranlaſſung, deſſen vaͤterliche Zaͤrtlichkeit zu preiſen. „Das heißt gleich einem Vater gehandelt, Herr Walther,“ ſagte er.„Denn ein Vater, der mit ſeinem Kindlein ſpielt, iſt ein Anblick, uͤber den ſich die Engel erfreuen. Halten Sie ja das arme kleine Ding recht werth, denn man kann nicht wiſſen, wie lange es Ihnen bleibt. Gewiß, Herr Walkinſhaw,“ fuͤgte er, ſich an Elaudius wendend, hinzu, nauch Sie waren früherhin eben ſo gluͤcklich mit Ihren Kindern?“ Deer alte Miann, welchem die Gegenwart des Sachwalters wenig Vergnuͤgen machte, erwiederte muͤrriſch:„Ich hatt' andere Dinge im Kopf.“ „Freilich, ſagte Herr Keelevin,„fuͤhrten Sie ein arbeitſames, oft mühſeliges Leben, das ſelbſt jetzt noch wenig Ruhe gewaͤhrt. Auch koͤnnen Sie nicht erwarten, daß die Varſehuus — 305— Si mehr begüͤnſtigen: ſollte, als es das altge⸗ meine Loos der Stekblichen iſt.“ Dieſe in einem ſanften und theilnehmen⸗ den Tone geſprochenen Worte ſollten als Ein⸗ leitung zu der traurigen Nachricht dienen; aber. Elaudius, deſſen Herz von Bitterkeit er⸗ fuͤllt war, antwortete ſpitzig:„Was wiſſen Sie, Herr Keelevin, von meinen Muͤhſeligtei⸗ ten und meiner Unruhe? Nur das Innere des Menſchen weiß, ob die Gaben des Glückes ihm Segen vder Unheil bringen. Ich lebte lang⸗ genug, um Bemerkungen uͤber's Gluck; zu ma⸗ chen und zu wiſſen, daß die bethörte Welt oft den erſtickenden Epheu, der einen verdorr⸗ ten Stamm umſchlingt, fuͤr die gruͤnen Zweige kines geſunden, bluͤhenden Baumes hält. 4 et „Wir wollen nicht ferner ſtreiten, Herr Walkinſhaw,“ ſagte der Sachwalter.„Hak⸗ ten Sie heute ſchon Nachchten von Ihrem Sohne Karl?“ „Nein,“ entgegnete Claudius in einem ſönderbar eindringlichen Tone.„Aber g geſtern Abend ſpat ließ meine Frau ſagen, er befand ſich ſehr ſchlecht.“ I. Thl. 20 — 306— „Ich bin ſehr um ihn beſorgt,“ fuhr Herr Keelevin fort,„doch mehr noch um ſeine Kinderz— die werden huͤlfloſe Da ſen ſein, Herr Walkinſhaw!“ „Ich weiß das,“ war die hart nsgeſped⸗ chene und von einem ſo ſinſtern Blick beglei⸗ tete Antwort, daß der Sachwalter beinahe ab⸗ geſchreckt wurde weiter zu reden. „Sie wiſſen das?“ rief Walther, indem er ſein Kind auf den Boden ſetzte und ſich neben ihm niederließ.„Wie können Sie b. wiſſen, Papa?“ Der alte Mann ſah ihn einen n Augenblic mit veraͤchtlichem Abſcheu an, wendete ſich dann zu Herrn Keelevin, ſchuͤttelte das Dauet und gab keine Antwort. „Was geſchehen iſt, kann nicht ungeſche hen gemacht werden,“ ſprach der Sachwalter. „Doch kann man, mit wenigen Koſten und einiger Geſchicklichkeit, Manches wieder gut machen, und ich hoffe, daß Sie, Herr Wal⸗ kinſhaw, nach dem, was vorgefallen iſt, Ihrer Pflicht eingedenk ſein werden.“ „Ich unerſchteſß kein prpier,“ uner- 1 — 307— brach Walther, das Kind uͤrtlich küſſend „Ich thu⸗ meiner kleimen— Vodiasteina Tort. 15 u⸗Herr Heelevin haef einen michedezolln Blick auf den Geiſtesſchwachen, wendete ſich zu deſſen Bater und ſagte:„Ich war heute in der Fruhſtunde bei Herrn Karl.“ nn „Nun, und wie tehes mit ihm 1 rief der Vater eifrig.„ Der Sachwalter z3ͤgerte etwa eine de Migute mit, der Antwort, blickte aber dem alten Manne feſt in's Auge und ſppach dann frierlah: Er iſt in der Ewigkeit! 4 Hioe Anfangs ſchien die Nachricht kgum einige Wirtung nhervorzubringen. Das, eiſenharte Antlitz deß Greiſes veränderte, ſich nicht ſo⸗ gleich, und er blieb wie angefeſſelt auf ſei⸗ nem Stuhle ſtben. Gleich darauf hemerkte aber Herr Keelevin, daß ſein Athem ſtockte, . Peine. Lippen ſich. ſenkten, und ſeine gelben Zäͤhne wie von einem Todtenſchädel ihm ene⸗ gegengrinſtenn. 15„Sott behüͤte uns,„ Herr Waleiſhawe, rief Herr Keelevin, und ſprang auf, um ihm 290* beizuſtehn⸗ Aber in demſelben Augenblick ſtieß der alte Manmeinen zſs tisfen, furcht⸗ baren, unnatuͤrlichen Seufzer aus, daß der enkſetzte Walther ſein Kind vom Boden auf⸗ Aaffte und mit ihm aus dem Zimmer rannte. Nach dieſem ſchrecklichen inneren Kampf er⸗ holte ſich Claudius jedoch wieder einiger⸗ maßen.„Der Sachwalter aber kehrte zu ſei⸗ nem Sitze drüa und verhielt ſich dinis Ba ſſchwoigend. 1, 119, Ich⸗ ffirhtets e) Herr Keelevin) aber 6 war nicht d'rauf vorbeteitet, und jelzt will ich nicht läͤnger gegen den: Stachel lecken,m ſprach endlich der gebeugte Vater. „Wunderbarer Gott! In tiefer Demuth beuge ich mein graurs Haupt vor dem Schemel Deiner Fuͤße! O, lege Deine Händ nicht ſchwerer auf mich', als ich' d 30 ertragen ver⸗ mag! Herr Keelevin, Sie ſagten einſtmals, 1 das Fideicommiß koͤnnt“ aufgeboben werden, wenn ich Bankrott machte. Ich flehe Sie im Namen des Gottes an, dem ich ſo lange widerſtrebte, machen Sie mich zum Bank⸗ rottirer!— Karl todt! getöͤdtet durch meine — 309— unſeligen Plaue! Nur zu erinnerlich iſt's mir, daß ich, als er noch ein kleines Kind war, zuerſt das Gluͤck kennen lernte, Jemand zu lieben.— Wie oft erweichte ſein freund⸗ liches Geſichtchen mein felſenhartes Herz l Aber dann kam der weltliche Stolz und die Geldgier dazwiſchen, und verhaͤrteten es immer mehr und mehr!— Ach, Herr Kerlevin! jetzt iſt der Kampf voruͤber, und Gottes Ge⸗ zachtigtet hat geſiegt l ⸗ 9 8 Herr Keelevin ſaß in ſummem Erſtaunen uͤber die defrigkeit dieſes Kummers. Früher⸗ hin hatte er keinen Begriff von den maͤchti⸗ gen Gefühlen, welche hinter einem undurch⸗ dringlichen Stolz und Geiz bei dieſem Greiſe verborgen lagen, und die jett hervorbrachen, gleich den Gewäaͤſſern, welche die Suͤnden und Miſſethaten der zerſten Menſchen hinweg⸗ ſchwemmten. ene. 1 „Herr Walkinſhaw, ich that, Ihnen uge 4 ſagte der Sachwalter, nachdem exr ſich von ſeinem Erſtaunen und ſeiner⸗Ehr⸗ furcht vor Gottes Gerechtigkeit erholt hatte. — 310— Er wollte weiter reden, faber Claudius unter⸗ brach ihn e Eihl. m „Sie thaten mir Ris Uneche Herr Kee⸗ levin;“ ſagte er.„Aber’ ich ſuͤndigte lange gegen mein beſſeres Bewußtſein, und es iſt an der Zeit, daß lich bereue. Vielleicht folge ich in einigen wenigen kummervollen Tagen dem Lamme, welches ich dem Stolz opferte. Eilen Sie, mir den kurzen Weg zum Grabe ſo eben zu machen als möglich. Ich will Ihnen keine Vorſchriften geben.„Ihre Ge⸗ ſchicklichkeit und Rechtlichkeit werben Ihnen ſagen, was gethan werden muß; und wenn Sie die Schriften geordnet haben, ſ kom⸗ men Sie zu mir. Jetzt aber verlaſſen Sie mich und bitten Sie, auf Ihrem Heimwege den Doktor Denholm, heut Nachmittag pie⸗ her zu kommen.“ „Ich glaube, es wird beſſer ſein,1 erwvie⸗ derte der Rechtsfreund,„wenn ich gleich morgen züruͤckkomme. Dann werden Sie ruhiger ſein und mir Ihre Ahlinſche deut⸗ licher erklaͤren ſtoͤnnen.“ S 1 Mana!“ rief der bußfertige Sünder, — 311— „wie wenig kennen Sie mich! Von meiner zarkeſten Kindheit an bildete ich mir ein Göoͤtzenbild, und als es fertig ſtand, ſahen Sie ſelbſt, wie ich meinen Erſtgebornen auf deſſen gluͤhendem Altar opferte! Aber Sie ſahen nicht, was ich ſah— das Antlitz eines zuͤrnenden Gottes, welches ohne Aufhoͤren aus einer Wolke ſchaut, die, gleich dem Schat⸗ ten des Todes, mir die ganze Welt verfin⸗ ſtert! Sie koͤnnen nicht fuͤhlen, was ich jetzt fuͤhle, ſeitdem ſeine furchtbare Rechte meinen Goͤtzen in den Staub warf! Von dieſem Augenblick an habe ich nichts mehr mit dem Leben zu ſchaffen, als nur irgend eine Schrift von Ihrer Erfindung zu unterzeichnen, durch welche die beiden Kinder, die meine Abgötte⸗ rei zu Waiſen machte, wieder zu ihren Neche ten gelangen koͤnnen.“. „Ich hoffe zu Gott, daß Sie Troſt ſin⸗ den werden, Herr. Walkinſhaw!“ ſagte der geruͤhrte Sachwalter. „Auch ich hoff es, aber ich ſeh⸗ nich ͤt ein, woher er kommen ſoll,“ erwiederte Claudius bitterlich weinend.„Aber,“ fuͤgte er hinzu⸗ — 312— nich moͤcht' gern allein bleiben, Herr Keelevin. Ach! ach! nur zu lang' blieb ich mir ſelbſt uͤberlaſſen. Doch verlaſſen Sie mich jetzt, und ſchicken Sie mir den Doktor Denholm.— Ehe die Schriften fertig ſind und ich ſie un⸗ terſchrieben hab', find' ich keine Ruhe; und ſo bitte ich Sie, ſich zu eilen, denn Sie wer⸗ den dadurch die Barmherzigkeit des Samari⸗ ters an mir ausuͤben.“ 3269 Herr Keelevin ſah ein, daß es 3 jett keine Zeie war, fernern Troſt zu ſpenden, und be⸗ 9a6 ſß ſich daher hinweg. 11 Dreiundvierzigſtes Kapitel. RAS Nachdem Herr Keelevin den tiefgebeugten Greis verlaſſen hatte, blieb dieſer allein ſitze, ohne auf das, was um ihn vorging, zu achten.— Das Mittagseſſen wurde zur gewoͤhnlichen Stunde aufgetragen, aber er geſellte ſich niat zu ſeinem Sohne Walther. „Mich wundert’s, Papa,“ ſagte der Gei⸗ ſtesſchwache, in die Hammelskeule einhauend, „daß Sie heut' nichts eſſen wollen. Sie wiſeen ja, wenn die ganze Welt ausſtuͤrbe bis auf — 313— Einen Menſchen, daß dieſer Menſch doch tlei 8 Mittgsaſen haben maßt..„... Der reuige Graukopf ließ dieſe weiſe We mutung unbeantwortet, und Walther Endere ſeine Mahlzeit ſtillſchweigendn. Am Nachmittag verließ Claudius ſeinen Armſeſſel und ſchlich langſam den Pfad hin⸗ auf, welcher zu der Bank auf dem Huügel fuͤhrte, von dem herab er ſo oft die Beſitzun⸗ gen ſeiner Vorfahren überſchaut hatte. Fuür einen Augenblick ſchien es, als erfreue ein Stral von Zufriedenheit ſein Gemuͤth; aber dieſes war nur ein ſchnell voruͤberſchwindendes Gefuͤhl, welches ſich ſogleich in Abſcheu ver⸗ wandelte. Er kehrte ſich eilig um und ſetzte ſich mit dem Ruͤcken gegen die Ansſicht, die ihm ſonſt ſo vieles Vergnuͤgen gewaͤhrte. Die Stirn auf ſeinen Stab ſtuͤtzend und mit auf den Boden gehefteten Augen, blieb er veinnihe Zeit in dieſer Lage ſitzen. 9948. Mittlerweile war der ehrwuͤrdige Dottor Denholm, welchem Herr Keelevin die Bitte des Greiſes vorgetragen hatte, bereits auf dem Wege nach Grippy. Als er das Wohnhaus„ — 314— erreichte, und ihm eine der Maͤgde ſagte, ihr Herr ſei zu ſeiner Bank auf dem Huͤgel ge⸗ wandelt: folgte er ihm dahin nach und fand den alten Mann noch in ſeinen traurigen Ge⸗ danken verſunken. Claudius blickte bes gennäbergng des Dok⸗ tors auf und deutete ihm ſchweigend an, ſich neben ihm niederzulaſſen. Beide ſaßen einige Zeit ohne zu reden, endlich ſprach der Prediger; „Herr Keelevin ſagte mir, Sie wuͤnſchten mich bei dem traurigen Falle, mit welchem die all⸗ zeit gerechte Vorſehung ihre Familie heim⸗ geſucht hat, zu ſprechen.“ n 9 „Ich bin Herrn Keelevin iel Dank ſchuldig,“ erwiederte Claudius nachdenklich. „Er iſt ein ehrlicher, freundſchaftlicher Mann. Ach, Doktor Denholm! ich wuͤrd' mich heut; ruhiger fühlen, haͤtt' ich mehr Vertrauen in ihn geſetzt. Aber ich fürcht', ich fuͤrcht’, daß ich mein Leben lang ein arger Heuchler war!“ „Ich war ſtets verſucht daſſelbe zu glau⸗ ben,“ ſagte der ehrwuͤrdige Doktor, bei wel⸗ chem ein Zweiſel obwaltete, ob die demuͤthig ausgedruͤckte Bußfertigkeit wahr oder verſtellt ſei. Aber der ſanfte, ergebene Blick, mit welchem der gebeugte Greis dieſen bittern Hohn beantwortete, erweichte das Herz des Strafpredigers, der nunmehr in dem ebrzite ſten Tone fort fuhr: mu „Doch hoffe ich, Herr Wrltinſhar, daß ich zu Ihnen ſprechen darf: Bruder, ſei gutes Muths! Denn, wenn Sie dieſen harten Schlag des Schickſals, durch welchen Ihr Erſtgebor⸗ ner in der Bluͤte ſeiner Jahre hinweggerafft wurde, mit Ergebung ertragen und ihn als eine Ermahnung betrachten, Ihr Herz nicht an die Eitelkeiten dieſer Welt zu haͤngen: ſo wird dieſes Mißgeſchick Ihnen in Zutunft zum eigen Heil beförderlich ſein.“ nn. In dieſen Worten und in der Art, wie ſe geſprochen wurden, lag etwas, welches den alten Mann ſchmerzlicher ergriff, als ſelbſt jener Spott. Er brach in Thraͤnen aus, faßte die Hand des Predigers und rief:„Ver⸗ ſchonen Sie mich, Doktor! O, iſt's moͤglich, ſo verſchonen Sie mich!— Denn der Wurm, der nie ſtirbt, herrſcht in meiner Bruſt, und das Feuer, welches nie erloͤſcht, fiammt — 316— rings um mich her!— Wivss ewig ſo teina e ⸗ wee Errſchrocken ülber. die energiſchen ui feier⸗ lich Art, mit welcher der Greis ſprach, erwie⸗ derte der Geiſtliche:„Sie ſollten ſich nicht ſo verzweiflungsvollen Gedanken überlaſſen, ſon⸗ dern Ihre Hoffnung auf beſſere Dinge ſetzen⸗ Denn es iſt eine freudige Ausſicht fuͤr Ihre koſtbare Seele, wenn Sie endlich zur Erkenut⸗ niß Ihrer eignen Unwuͤrdigkeit gelangen.“ „Recht, Doktor!— Aber ach! ich habe ſie ſtets erkannt. Ich ſuͤndigte mit offenen Augen und hoffte, durch genaue Beobachtung der kirchlichen Gebräuche entſuͤndigt zu werden.“ „Wahrlich, Herr Walkinſhaw, es giebt wenig kürzere Wege zum Abgrunde, als den durch die Kirchthuͤr. Mancher Chriſt wurde an den Rand des Verderbens gefuͤhrt, weil er ſich ſtets durch die Stimme des Predigers erbaut und geleitet waͤhnte, waͤhrend ſein Ohr den Lockungen der Suͤnde zugekehrt war.“ „Was kann ich thun, um meine Seele zu tetten?“ ſagte der alte Mann mit demuths⸗ voller Ehrfurcht. nn 1 5 Kie ſelbſt können nichts dazu thun, Hert Walkinfhaw,“ erwiederte der Prediger und ſuhr fort, mit dem Muthe und der Kraft eines Apoſtels, ihm die Verderbtheit des menſch⸗ lichen Herzens begreiflich zu machen, wie auch „ſeine gaͤnzliche Unwuͤrdigkeit in den Augen des Allerhoͤchſten, welcher einzig und allein fähig iſt, die Mohrenſchwaͤrze der Erbſünde abzuwaſchen und die Dndälſeten perſünlichtr Schutd zu vertilgen. n s Waͤhrend dieſer Ntde zog ſch die Bruſt es Greiſes krampfhaft zuſammen. Er athmete ſchwer und tief. Seine funkelnden Augen und zitternden, etwas emporgehaltenen Haͤnde bewieſen, daß ſein ganzes Innere ſo ergriffen war, als ſchwebe ein furchtbareß Bild jaus der er Apoenthypſe vor e ſeiner Phenaſie nüng für mich vorhanden iſt!“ ief er. Der uber dieſen verzweiflungsvollen Aus⸗ tuf eerſchrockne Prediger antwortete nach kur⸗ zem Bedenken:„Verfallen Sie nicht in Kleinmuthigkeit. Troͤſten Sie ſich mit der Gnade Gottes. Ihr Leben wurde doch — 318— ſicher nie durch ein großes Verbrechen beſleckt?“ 9 s Hnan „O, es war eine ganze Reihe von Ver⸗ brechen!“ rief der Reuige. Ach, von der erſten Stunde an, auf welche ich mich beſinnen kann. bis zu dieſer letzten Minute verharrte ich in meiner ſündhaften Herzenstuͤcke. Um das Erbe meiner Vaͤter wieder zu erlangen, verkaufte ich, ſchon in meiner Kindheit, meine Seele dem Urheber alles Boͤſen. O, welch⸗ ein ge⸗ heimer Hochmuth! Die ganze Zeit hindurch herrſchte eine innere Stimme in meiner Bruſt, welche ſich nicht mit dem leeren Verſprechen wollte beruhigen laſſen, dann ein anderer Menſch zu werden, Wenn mein Endzweck 5 reicht waͤre!“ iu e 1n ah 6dG 894 Sanft und aräſtand Krurederge der fromme Doktor:„In allem dieſem ſehe ich nur einen ungebuͤhrlichen Hang zu den Dingen dieſer Welt, und jetzt, da Sie zu dem Gefuhle. der Gefahr, in welcher Sie ſchweben, gekommen ſind, wird auch der Troͤſter bald erſcheinen. Sie ſtehen in dem Rufe, ein ehrlicher Mann — 319— zu ſein und Ihre Pflichten als Gatte, Vater und Freund erfuͤllt zu haben.“ laudius faltete die Haͤnde mit Inbrunſt und rief:„O, gerechter Gott, Du durchſchau⸗ eeſt mein heuchleriſches Herz!“— Die Hand des Predigers feſt in die ſeinige druͤckend, Ahr er fort:„Doktor Denholm! Schon als zZarter Knabe war mir die Herzensunſchuld der Kindheit fremd. Ich pflegte die kleinen Geld⸗ geſchenke, welche ich von Freunden erhielt, ſelbſt dann zu verbergen, wenn Magdalene Dobbie, das gute alte Geſchoͤpf, welches mich aufzog, nicht genug verdienen konnte, um uns eine ſpaͤrliche Mahlzeit zu bereiten. Ich naͤherte mich ihr nicht, als ſie krank und bett⸗ laͤgerig war, weil ich fuͤrchtete, mein Herz wuͤrde ſich erweichen und mich antreiben, ihr erwas von dem Erſparten zu geben, das ich aufſtapelte, um dieſen Kothhaufen wieder zu erlangen, der dankbarer iſt als ich, denn er belohnt die Muͤye des Bebauers mit ſeinen Früchten. Ich erſtickte alle Gefuͤhle des Mit⸗ leidens und der Gutmuͤthigkeit in meiner Bruſt, und um meine Habſucht vollkommen — 320— zu befriedigen, heiratete ich ein Weib— der Himmel mag mir meinen Abſcheu gegen ſie — verzeihen, aber meine eigene Natur kann ihn nie unterdruͤcken!“ 872 Doktor Denholm erhob die e Haͤnde und de eeachter ſtillſchweigend dieſen in den Staub gedemuͤthigten ſtolzen Geiſt, der ein ſo offenes Geſtaͤndniß ſeiner Niengha und Verderbt⸗ veit ablegte.. „Wollte ich,“ rief der Büßende,„Ihum mein mit Schuld belaſtetes Gewiſſen offen an den Tag legen, wahrlich, Sie wuͤrden den An⸗ blick nicht ertragen koͤnnen!— Denn wahrend meiner Ruchloſigkeit glaubte ich das Recht auf meiner Selte zu haben, wenn ich gleich das Unrecht mit der größten Beſonnenheit ausuͤbte. Der Engel des Herrn kaͤmpfte Tag und Nacht fuͤr mich, aber ich hielt feſt an dem Baal und ſtieß den Boten des als und der Gnade von mir!“ Der Greis hielt inne, blickte den voch iunner ſchweigenden und ihn mitleidig betrachten⸗ den Geiſtlichen wehmuͤthig an und fragte: i„doktor, was habe ich zu erwarten ,O, Herr Walkinſhaw, Sie waren ein verſtockter Suͤnder! Aber ich hoffe, daß Ihre aufrichtige Reue Sie endlich auf den rechten Weg fuͤhren wird. Erkennen Sie daher dank⸗ bar dieſen deutlichen Fingerzeig von der All⸗ macht und dem Mißfallen des. Allerhöchſten.“ „Manche Warnungen, ſchmerzlicher noch, als die Plagen Aegyptens waren, welche nur das Fleiſch empfand, erfuhr meine Seele. Aber mein Herz blieb verſtockt, bis der To⸗ desengel meinen Erſtgebornen erſchlug!“ „Ich wiederhole, daß Sie dankbar ſein muͤſſen, Herr Walkinſhaw! Gott gab Ihnen ein eignes Zeichen ſeiner Guͤte. Ihr Sohn iſt, wie wir zu hoffen berechtigt ſind, in eine beſſere Welt hinuͤbergegangen. Er iſt den Verſuchungen dieſer ſchnoͤden Zeitlichkeit ent⸗ ruͤckt— alle Sorgen, aller Kummer ſind von ihm genommen. Sterben iſt kein Ungluͤck, aber gehoren werden iſt ein Wagſtuͤck, und kein Chriſt ſollte ſich uͤber den Tod ſeiner Freunde graͤmen, es ſei denn, daß einer von ihnen in ſeinen Suͤnden dahingerafft wuͤrde. Der Verluſt an ſich bedeutet wenig, Herr 1. Thl. ar * — 322— Walkinſhaw, wenn wir aber durch das Ab⸗ ſcheiden eines unſerer Freunde unſere eignen Irrthuͤmer einſehen lernen,— dann wider⸗ fahrt uns großes Heil. Deßhalb rufe ich nochmals: Bruder, ſei gutes Muthes! denn durch dieſen zeitlichen Tod Ihres Sohnes fuͤhrt der Herr Sie vielleicht qum ewigen Leben!”“ „Und woran erkenne ich, daß ich noch auf Heil hoffen darf?“ „Daruͤber winken Ihnen ſichere Kennzei⸗ chen von oben. Wenn Sie dieſes Leben nur als eine Pilgerreiſe betrachten, ſo koͤnnen Sie ſicher wandeln. Wenn Sie Ihr Geld und Ihre Habe nur fuͤr glaͤnzenden Koth halten, dann koͤnnen Sie verſichert ſein, einen beſſern Schatz erlangt zu haben, als Gold und Sil⸗ ber. Betrachten Sie alles dieſes in ſenen wahren Lichte, ſo werden Sie das bimmii Manna genießen und das Waſſer de 4 8 trinken, ſo lange Sie auf Erden wandeln.“ Der ehrwuͤrdige Prediger hielt plägtich inne; denn Claudius zog in dieſem Augen⸗ blicke den Hut ab, ſiel auf ſeine K Kniee, fal⸗ — 323— tete die Haͤnde, und gen Himmel blickend, ſprach er mit ehrfurchtsvoller Feierlichkeit; „Vater im Himmel, Dein Wille geſchehe!— Mein zerruttetes Herz erkennt Deine Gnade!“ Hierauf erhob er ſich mit heiterer Miene, gleichſam als haͤtten ſeine eiſernen Geſichts⸗ zuͤge eine wohlthaͤtige Verwandlung erlitten. In demſelben Augenblick ertoͤnte ein heili⸗ ger Geſang in der Entfernung, und lenkte die Blicke der beiden Mäͤnner nach einem Waͤldchen von Birken und Haſelſtauden, vor welchem ſie eine Anzahl Glasgower Buͤrger und benachbarter Dörfler ſahen, die ſich dort verſammelt hatten, um das Gedaͤchtniß ihrer Vorfahren, welche fuͤr ihren Glauben ge⸗ litten, auf eine Lotteadſenſtilehe Art zn feierne Nachdem Claudius und Doktor Denholm das Ende des Pſalms abgewarket hatten, kehrten ſie in's Haus zuruͤck, wo ſie die Leddy Grippy antrafen. Um allem unnöthigen Ge⸗ ſpraͤch zu entgehen, ſchlug der Greis vor, die Dienſiboten in’s Zimmer zu rufen, und erſuchte den Doktor, ein Gebet zu ſprechen. 21* Als dieſes geſchehen war, begab ſich dethn wuͤr⸗ digt Geellorge⸗ hinweg. 18. „. Vierundviersigſtes Fapitel. e Am andern Tage ſtand Claudius frübzei⸗ tig auf, und, ohne das Fruͤhſtuͤck abzuwarten oder den Vorſtellungen ſeiner Gattin, daß er⸗ doch nicht nuͤchtern aus dem Hauſe gehen moͤchte, Gehoͤr zu geben, ging er nach Glas⸗ gow zu ſeiner, nunmehr weit uͤber achtzig Jahr alten, Schwiegermutter. Die ohnehin zarte Konſtitution der wuͤrdigen alten Frau war durch Karls Tod ſo erſchuͤttert worden, daß ſie das Zimmer huͤten mußte. Da ſie aber die beiden Waiſen ſo lange zu ſich ge⸗ nommen hatte, bis deren Vater zur Erde be⸗ ſtattet ſein wuͤrde: ſo fand der Großvater die Kinder im Wohnzimmer ſpielend, und war vielleicht mehr erfreut, dieſe hier zu ſehen, als deren alte Urgroßmutter. Obſchon die Kleinen ihn recht gut kann⸗ 1 ten, ſo hatte doch die Entfernung, in wel⸗ cher er ſich ſtets von ihrem Vater hielt, auch die Kinder ſo ſehr von ihm entfremder, daß — 325— ſte, bei ſeinem Eintritte, ſich in eine Ecke des Zimmers zuruͤckzogen und ihn, mit auf den Ruͤcken Le hen Haͤndchen, zaghaft an⸗ blickteen Sich den Schein gebend, als bemerke er ihre unſchuldige Ehrerbietung nicht, ſetzte ſich der Greis nahe an's Fenſter. Sein äͤußeres Benehmen war ſo ruhig als gewoͤhnlich, aber in ſeinen Augen glänzten Thraͤnen, und ver⸗ ſchiedenemal ſtemmte er die Ellenbogen in die Seiten, gleichſam als wolle er eine unge⸗ woͤhnliche Beklemmung ſeines Herzens zuruͤck⸗ drängen. Nach einigen Minuten gewann er jedoch ſeine alte Faſſung wieder, blickte die Kinder einige Zeit mitleidig an und lud ſte ein, ſich ihm zu naͤhern. Maria, das jüngſte, gehorchte der Aufforderung ſogleich, aber James blisb im Hintergtunde ſtehen. 1 „Warum kommſt Du nicht auch 1 mir? 2, fragte Claudius. „Ich will kommen, wenn Du n mir e nichts zu Leide thuſt,“ erwiederte der Knabe.— „Ich ſollte Dir etwas zu Leide thun?“ — 326— forſchte der etwas außer Faſſung geſabes Großvater. 4 „Ich weiß. nicht,“ antwortete Jannss, 6 4 ſtets mehr zuruͤckziehend.„Aber ich fuͤrcht⸗ mich; denn Du ſchlugſt den Papa für nichts und wieder nichts, und Mama weinte immer d' ruͤber.“ Ein kalter Schguder urchrjeſelte dis Glie⸗ der des alten Mannes. In den Anſtrengun⸗ gen, die er machte, ſein Gefuͤhl zu bekämpfen, drüͤckte er unwillkuͤrlich das Haͤndchen des Maͤdchens, welches er zwiſchen den Knieen hielt, ſo ſehr, daß es vor Schmerz laut auf⸗ ſchrie und auf den Bruder zulief, welcher, eben ſo erſchrocken, ſi ch hinter einen Stuul chtete 4* Einige Zeit hindurch war der Greis ſo geruͤhrt, daß er unfäͤhig blieb, die Kinder anzureden; aber zu ſich ſelbſt ſagte er; E; iſt ſchon recht, daß ich dieſes ertragen muß. Ich ſaete Spreu, michin kann ich keinen Weizen aͤraten⸗/) 1 Da die Kinder ſahem, daß zer e nicht zornig verfolgte, ſchoͤpften ſie wieder Muth und blickten ihn an. — 327— „Ich wollte Dir kein Leid zufuͤgen, liebes Mariechen,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe. „Komm, wir wollen gute Freunde ſein.“ Sich zu dem Knaben wendend fuhr er fort: „Es thut mir leid, guter Junge, daß ich Deinem Vater Unrecht that, aber es ſoll nicht wieder geſchehn.“ „Weil Du es nicht mehr kannſt,“ erwie⸗ derte der Knabe keck.„Denn er iſt todt,— er ſchlaͤft feſt,— Niemand, als ein Engel mit einer großen Poſaune, kann ihn aus dem Schlafe wecken,— und Mariechen und ich und Mama müſſen auch ſterben, weil Niemand mehr fuͤr uns ſorgt.“ „Ich will fuͤr Euch ſorgen, meine Läm⸗ mer, und Euch recht lieb baben ſo lieb zals Euch Euer Vater hatte.“ Dieſe Worte wurden in einem ſo lieb⸗ reichen Tone geſprochen, daß das kleine Mäd⸗ chen ſeinen Schmerz vergaß und ſich wieder an den Großvater ſchmiegte; aber der Bru⸗ der blieb in der Entfernung ſtehen. 3„Willſt Du aber auch die Mama lieb haben?“ fragte der Kuabe mit argwoͤhniſchem Blicke. 328— „ Das will ich⸗““ war die Antwort?„Sie ſoll ſich nie wieder üue mirhs isalagene noch uͤber mich trauern.⸗“ en aN. Noch mißtrauiſcher entgegnete das Kind: uuſ Du aber nicht. ſoaſß Kauch Papass Papad K n 2AI S eni Der Greis fühlte die ganze Staͤrke dieſes kindiſchen Vorwurfes, und trocknete die auf⸗ ſteigenden Thraͤnen aus ſeinen Augen.. a„Wilſt Du mir denn gar nicht trauen?2 ³ fragte er das Kind, welches, erweicht durch den traurigen Ton, womit dieſes geſprochen wurde, ſich ihm einige Schritte näherte.. „Ja, wenn Du mir verſprichſt, ſo gewiß Du das Leben haſt⸗ mir nichts zu Leide zu thun.“* „So gewiß ich das Leben habe!“ rief Claux dius inbrünſtig, ſtreckte ſeine Hand nach dem Kinde aus und ſchloß es an ſeinen Buſen. Unterdeſſen hatte man der Leddy Plealands ihren Beſuch gemeldet, und de ſie, aus vielen Gründen, ihren Schwiegerſohn in dieſer Kri⸗ ſis zu ſprechen wuͤnſchte, begab ſie ſich in 8. Wohnzimmer. Als aber die ehrwürdige, bleiche, zaͤrtliche und ſchwache Matrone die Thür öff⸗ nete, fand ſte ſich durch einen Anblick, dan ſie ſo wenig erwartete, ſo überraſcht, daß ſie ei⸗ nige Minuten verwundert ſtehen blieb.. r i„Treten Sie ein,“ ſagte Claudius.„Tre⸗ ten Sie ein!— Ich habe mit Ihnen uͤber die Kinder zu ſprechen.— Es kann Etwas fuͤr ſte und ihre Mutter gethan werden, und dar⸗ uͤber wollt ich Sie zu Rath ziehen. Bella Fatherlans Kummer iſt noch zu neu, als daß ſie den Laͤrm und die Unruhe in unſerem Hauſe vertragen könnte“ ſonſt würde ich ſte mit mir nach Grippy nehmen. Aber Sie koͤn⸗ nen wielleicht erwas erſinne luſt ſo erträglich gemacht w ſtaͤnde und mein Vermoͤgen geſtaktenn Alles, was Sie und Bella hierüber beſchließen, ſoll Bert seleuimi ſogleich in Ordnung bringen!“ n„Sind Sie aifetheia Hecr aleiaſ habee ſe die Matrone. 1 Claudius gab keine Anerart⸗ wnden en eleei traurig das Haupt. eeletrer „Sind Sie es wirklich, ſo iſt dieſes eine Gnade von Gott) die wir nicht erwarteten.“ „Ich meine es aufrichtig und ſpreche mit — 330— Demuth und Reue,“ ſagte der eiſenfeſte Greis mit ſtrenger Betonung.„Ich ertrug die Vor⸗ wurfe dieſer Kinder, und das Mißtrauen, wel⸗ ches ſie gegen mich zeigten, Surchuohtt⸗ mein gedemuthigtes Herz.“ 18 e „Was haben Sie gethan?“ ptſchte die uͤber ſeine Heftigkeit erſtaunte Leddy.„Was haben Sie gethan, da Sie ouf Sfeſe Weiſe reden. Arben „Der Moloch des Stotzes und des Ehr⸗ geizes verführte mich, in einer boſen Stunde, ihren Vater zu enterben, und mein ganzes Ei⸗ genthum meinem Sohne Walther zu verſchrei⸗ ben, weil er Beſitzer von Plealands war. Aber von dieſer Stunde an wichen Ruhe und Troſt aus meiner Seele, und ich konnte keine Hoff⸗ nung mehr in die Barmherzigkeit Gottes ſetzen. Doch jetzt erkenne ich meine ſchwere Sünde und ſchmachte danach; Erſatz zu leiſten. Iſt dieſer geſchehen, ſo hoffe ich, mein Haupt ſanft niederzulegen und meine Augen nsgrieben ihhieten zu duͤrfen.“, 2 6ase Ueberraſcht von dieſem Geftändniſſe, wußte Zian Hypel nicht, welche Antwort ſie geben — 331— ſollte, und blickte ihren Schwiegerſohn an, als zweifle ſie, ob er bei Beſinnung ſei.⸗ „Ich ſehe,“ fuͤgte er hinzu,„daß Sie mir eben ſo wenig glauben, als die Kinder mir glauben wollten. Aber gleich dieſen werden Sie mit der Zeit einem gedemuͤthigten, reue⸗ vollen Herzen Ihr Mitleiden nicht verſagen. Alles, was ich Ihnen fuͤr jetzt ſagen kann, beſteht in der Bitte, ſich mit Bella und Herrn Keelevin zu berathen. Er hat hinlaͤngliche AVDollmacht von mir, alles dasjenige zu thun, was er fuͤx recht und billig hält. Was Sie aber thun wollen, geſchehe bald; denn eine ſchwere Hand liegt auf meinen Schultern, und der abgeſchiedene C Geiſt meines rechtſchaf⸗ fenen Sohnes winkt mir zur baldigen Nach folge./ hhe. Der Kleinmueh, m mit k walchenn dieß Leſpra⸗ chen wurde, uͤberwaͤltigte die Gefüͤhle der Matrone. Selbſt die Kinder waren geruͤhrt, entriſſen ſich ſeinen Armen, zogen ſich zuruͤck unnd blickten ihn mit Erſtaunch und Ehr⸗ faurch gn.. „Wollen Sie zu Ihrer 1chriegertoce — 332— gehen? fragte die Leddy, als er aufſtand Und nach der. Thuͤr zuging. Er ſtand ſtill, dachte Linige Augenblicke nach, erwiederte aber mit gepreßter Stimme:„Nein, ich that ſchon mehr, als ich glaubte thun zu koͤnnen. Aber 6 jetzt vermag ich's nicht— heute nicht— ich kann mich nicht dahin wagen doch ſoll es bald geſchehen. Es iſt eine Buße, die ich mir auferlegen muß, und ich will mich i9e Shseewesſan 1 S 3 Mit dieſen Worten vetließ e er das Haus. unfähig das Geheimniß und die Tiefe ſeines Grames zu begreifen, blickten ihm die Matrone und die Kinder voll Srſbaunin nach. 9 1 271 i.* 1 Sirhftzabuzersiatss Kapitel. 21 der Zeit, welche zwiſchen der im bo⸗ rigen Kapitel berichteten Unterredung und dem Begraͤbnißtage verſloß, ſchien ſich in Claudius aͤußerem Benehmen nichts veraͤndert zu haben. Die Zurückhaltung und das ſchweig⸗ ſame Weſen, in welche er ſeit der Errichtung des Fideicommiſſes verfallen war, ſchienen im Gegentheil erneuert. Doch bemerkten die Dienſtboten, daß, anſtatt der ſtrengen und verächtlichen Sprache, mit welcher er ſonſt. Walthern anzureden pflegte, ſeine jetzige Art, wit dieſem zu ſprechen, einen mitleidigen Ton angenommen hatte, und daß er, den dritten, Tag nach Karl's Tode, der kleinen Betty Bodle zum erſten Male liebkoſete. Man haͤrte glauben ſollen, dieſe kleine Gunſtbezeigung werde dem Vater ſchmeicheln, welcher eben abweſend war, als der Greis ſie aauf den Arm nahm. Aber ganz im Gegen⸗ theil lief dieſer, fobald er in's Zimmer trat, auf ſein Kind 84 und riß es aus den 1Atmen des Großvaterszs. 1eee de ne „Warum entreißeſt Du mir das Kind mit ſo vieler Aengſtlichkeit, Walther? 724 fragte Ckaudius in einem ſanft verweiſenden Tone, der ganz verſchde von ſeinem ſonſt uͤbli⸗ chen war.: Ie Walther gab beine Antwort, ſondern zog 3 ch in einen entfernten Theil des Zimmers zuruͤck, wo er ſorgfaͤltig unterſuchte, ob ſeinem Kinde kein Schaden zugefuͤgt worden ſei, ob⸗ ſchon dieſes lachte und aufjauchzte.. n — 334— in Wie kannſt Du glauben, Walther, daß ich Deinem Kinde Leid lifigen nerde ea fagte Claudiuzs. „Weil ich Sie wuͤnſchen hoͤrt', der er Him⸗ mer möoge die kleine Bekty zu ſe ch nehmten.“ 1 „Wenn ich es that, Walther, ſo war 6s kein boͤſ⸗ gemeinter Wunſch.“„* 1ne „Das weiß ich, ſonſt muͤßt' der Pfarxger luͤgen,“ entgegnete Walther.„Aber ich wollt. bei alle dem, daß ſie bei mir blieb'; und jetzt, da Sie des Karls Kinder ſo lieb haben, fürcht' ich, daß Sie meiner armen kleinen Betty Bodle falſch ſpielen mochten. Ich kann mir aus der neuen Freundſchaft nicht viel machen,— alſo, wenn's beliebt, Papa, ſo wollen wir's beim guten Tag und guten Abend laſſen, wie ſonſt auch.“ 2 Dieſe Worte verwundeten das Zerz des 3 Varters ſchmerzlicher, als ſelbſt das Mißtranen der Waiſen, doch gab er keine Antwort. Walther hoͤrte jedoch, daß Claudius, welcher mit geſchloſſenen Augen in ſeinem Seſſel z ruͤckgelehnt lag, einige Worte zwiſchen de — 335— Zaͤhnen murmelte. Er ſtand daher, mit dem Kinde auf ſeinen Armen, leiſe auf, ſchlich ſich hinter den Stuhl und beugte ſich vor⸗ waͤrts, um zu horchen; aber ſeines Vaters Murmeln blieb ihm unverſtaͤndlich. Waͤhrend er nun in dieſer Stellung ſtand, ſtreckte das kleine Mädchen ſein Händchen ſpielend aus und faßte ſeinen Großvater am Ohrzipfel. Aufgeſchreckt aus ſeinem Gebet oder aus ſei⸗ nem dumpfen Bruͤten, uͤberließ Claudius ſich dem erſten Eindruck, wendete ſich zornig um, und dem Antriebe ſeiner fruhern Verachtung Walthers folgend, ſchlug er ihn heftig in'’s Geſicht. Sich aber auf der Stelle ſeines Jaͤhzorns ſchämend, nefe er lcßäln und bereuend aus: „Vergieb mir, lieber Walther, denn 66 weiß nicht, was ich thue!“— Tief ſeufzend fuhr er fort:„O, Herr! Herr! O, lege die Hand Deines Zornes leichter auf mich! Das Rohr iſt zerknickt.— Ach, kann es mit Dei⸗ nem Willen geſchehen, ſo laſſ' es nicht alſo in den Staub getreten werden!— Aber wie darf ich um eine ſolche Gunſt flehen!— — 336— Herr⸗ der Gerechtigkeit) aber auch der Ber⸗ ackeuna Dein Wille geſchehe! Walther war weniger von dem verhalte nen Schlage betäubt,. alsnvon dieſem Aus⸗ ruf. Ex verließ, mit dem Kinde auf ſeinen Armen, das Zimmer in größter Eile, lief in die Kuͤche zu ſeiner Mutter und rieft „Mama! Mama! mein Papa iſt rein toll geworden! Sein Kopf iſt ganz verdreht, und, denken Sie nur, er Dreitu Gott um n disſe Tagedzeitt!“ 9 Doch, außer dieſem nicht ſehr bedenten⸗ den Porfalle, aͤußerte ſich, waͤhrend des be⸗ reits erwäͤhnten Zeitraums, kein anderes Zei⸗ chen von der wuͤthenden Flamme, welche im Inneren des Reuigen tobte; denn, jenen zornigen Ausfall abgerechnet, ſchien er voll⸗ kommen gefaßt und ruhig. Sein aͤußeres Benehmen ließ ſich dem Aetna an einem Wintertage vergleichen, wenn nefagfante⸗ irdiſche Feuer ſchweigen, und nur dann und wann ſchwarze Rauchſaͤulen aus ihm aufſtei⸗ gen und den Horizont verfinſtern. Aber dieſe teugeriſche Ruhe verkuͤndet keine Sicherheit, 3 — 337— und der Reiſende und die Anwohner des Berges Fäaahtan einen mahen deſto⸗ heftigrem Ausbruhh In einer ſolchen Art von Ruhe und Stille brachte Claudius ſeine Zeit bis zum Samſtag hin, dem Tage, an welchem Karl beerdigt werden ſollte. Am Abend zuvor war ſeine Gattin nach Glasgow gegangen, um die noth⸗ wendigen Vorbereitungen zu treffen. Er ſelbſt olgte ihr gegen Mittag dahin und ſette ſich an die Thuͤr des gräßten Zimmers, mit James auf ſeinem Schoße, um die Leidtragenden; zu enpfängen, welche⸗ er, der Sitte, gemaͤß, bei threm Eintritt mit eitieim Händedruck bewill kommte. Als aber der Doktor Denholm ein⸗ tiat, bemerkte muän, daß Cläludius zitterte und eihn känger bei deß Hand hielt, als die liteigen. Doch, als bald darauf Herr Kee⸗ koin dein ehrwüͤtdigen Prediger folgte, faßtt der Greis ihn bei der Hand, zog ihn an ſeine Seite und fragter„chabin Sie die Urkunde 1 außßgeſetzt 8““ anatan iN aic en Sie iſt noch nicht ganz fertig,“ erwie⸗ . Herr Keelevin.„Doch ich morgen 1. Thl. 4 — 338— fruͤh, ungeachtet es Sonntag iſt, zu Ihnen kommen und Ihnen das bereits Riederge⸗ ſchriebene vorleſen, um zu erfahrene pb es Ihren Beifall hat.“ „Es ſollte ſchon Alles fertig fein⸗, ſngse Claudius etwas ſchmaͤlend. „So ſollte es auch,“ antwortete der Sach⸗* walter.„Aber Sie wiſſen, daß die Lords des Gerichts kuͤnftige Woche zur Stadt kommen, und da mußte ich mich auf die Vertheidigung iniger Unglücklichen vorbereiten.“ e„Ja wohl iſt jetzt eine Zeit des Grrich tes!“ ſagte Claudius. Nach einer, Pauſe fuͤgte er hinzu:„Am Tage des Herrn wollt⸗ ich nicht gern geſtoͤrt ſein. Kommen Sie alſo nicht nach Grippy, aber am Montag Morgens werde ich bei guter Zeit bei Ihnen intreffen. Ich hoffe alsdann Alles fertig zu ſehen, denn mein Gemuͤth ſindet keine Ruhe, bis ich Erſatz geleiſtet Yabe. a. 1i Jetzt traten die Kirchendiener ein, um bas 3 Leichengefolge mit Kuchen und Wein zu be⸗ dienen und d machdem dieſes geſchehen war, .* ſtand einer der Stadtprediger auf und ſprach das uͤbliche Gebet. Als nun die in einem Trauerhaufe ge⸗ wöhnlichen kirchlichen Gebraͤuche geendigt wa⸗ ren, und man waͤhrend dieſer den Sarg auf die Straße gebracht hatte: nahm Claudius ſeinen Enkel bei der Hand und folgte der Leiche mit ernſtem, traurigen Geſichte und mit. ſchwankenden Schritten. Während des Ganges zu dem Gottezacker. aͤußerte Niemand heftige Gefuͤhle. Als aber die erſte Schaufel Erde hohl auf dem Sarge toͤnte, riß der Knabe ſich von der Hand ſeines Großvaters los, ſchrie laut auf und lief auf den Todtengräber zu, um ihm Einhalt zu chun. Der Greis zog ihn jedoch ſanft zuruͤck und ſagte ihm: es ſei Gottes Wille, daß dieſes geſchehe, und das Naͤmliche muͤſſe jedem Sterb⸗ lichen widerfahren. „Auch mir?“ fragte das Kind purchtfam „ Allen Lebenden!“ erwiederte ſein Groß⸗ ater. Als das Grab halb gefuͤllt war, zog er den Hut ab, warf einen Blick in die Grube, 22* — 340— ßufits tief, bedeckte ſich wieder und führte den Anabe nach Hauſe. S Sechsundvierzigſtes Kapitel. 6 Gleich nach dem Leichenbegaͤngniſſe kehrte Claudius nach Grippy zurück, wo er den uͤbrigen Theil des Tages in ſeiner Schlafkammer ein⸗ ſam zubrachte. Am naͤchſten Morgen kleidete er ſich fruͤher als gewoͤhnlich an und ging, nach eingenommenem leichten Feühſtuͤck, zu ſeiner Schwiegertochter. Die Wittwe war noch in ihrem Zimmee und außer Stande ſich ſehen zu laſſen, aber die Kinder waren bereits angekleidet, um zur Kirche zu gehn. Als nun die Glocken laͤuteten, nahm der Großvater ſeine Enkel an die Hand, 1 4 welche, unſchuldig ſtolz auf ihre neuen ſchwarzen Kleider, ihn zum Gotteshauſe begleiteten. Die ganze breite Straße hinauf und den Fußpfad entlang, welcher zur Kathedrale füͤhrt, ſchlug der Greis ſeine Augen nicht auf, und blieb auch während des Gottesdienſtes in dem naͤmlichen Zuſtande de Betaͤubung. Auf dem Ruͤckwege von der Kirche zog der Knahe ih 8 — 341— ſanft von dem Fußpfade, um ſeiner Schwe⸗ ſter die Stelle zu zeigen, wo ihr Vater be⸗ graben lag. Der in tiefe Gedanken verſun⸗ kene Greis war nahe daran, auf das Grab zu tveten, als James 4h mit dem Ausruf zuruͤckhielt: „Es iſt Papa— tritt nicht auf ihn!“ Enntſetzt, als habe ſein Fuß eine Schlange zeruhkt blickte er wild um ſich, athmere ſchwer, ſprach aber kein Wokt. Im naͤmli⸗ chen Moment veranderten ſich ſeine Zuͤge, ſeine Augen wurden glaͤnzend und glaͤſern, ſeine Lippen kreideweiß, und ſein ganzer Koͤr⸗ per zitterte von innerer Gemuͤthobewegung. Doch verließ ihn ſeine Gegenwart des Geiſtes ſo wenig, daß er die Kinder eiligſt nach Hauſe fuͤhrte. Dort angelangt, uͤbergab er ſie ſtillſchweigend der Magd, welche die Thuͤr oͤffnete, und ging ſogleich nach Grippy zu⸗ ruͤck, von wo er, ſobald er ſich in ſeinem Seſſel niedergelaſſen hatte, einen Boten aach ern Keelevin ſendete. „Was fehlt Ihnen, Papa?“ fragte Wal⸗ ter, welcher ſich eben im Zimmer befand. — 32— „Sie ſprechen ja ſo ſchwerfäͤllig— haben Sie ſich auf die Zunge gebiſſen?“ Kaum waren aber dieſe Worte aus ſeinem Munde, als er auch einen wilden, furchtbaren Schrei aus⸗ ſtieß, die Haͤnde uͤber dem Kopf zuſammen⸗ ſchlug und ausrief:„Helft! Helft! Gtwa eeih den Papa in Stuͤcken!“ 3 Der Schrei fuͤhrte die Dienſtboten herbei, Wlche⸗ faſt eben ſo entſetzt, den alten Mann von einem ganzlichen Schlagfluſſe befallen ſahen. Mund und A. gen waren fuͤrchterlich verdreht, und die Arme hingen ſchlaff herab⸗ 3 In der Beſtuͤrzung und Verwirrung des Augenblicks ließ man den Greis beinahe allein, da Jedermann nach aͤrztlicher Huͤlfe lief. Nüt Walther blieb bei ihm und ſtarrte mit furchtbar bloͤdſinniger Miene unverwandt an. Ehe noch Jemand von den Dienſtboten zuruͤckkehrte, ſchien die Heftigkeit des Schlag⸗ fluſſes etwas nachzulaſſen, und der Kranke ſchien die Gefahr ſeiner Lagt zu erkennen. Als er einen der Domeſtiken wieder ein ken ſah, machte er einen Verſuch zu r — 343— ſo deutlich aus, daß ſelbſt Walther ihn ver⸗ ſtand und alshald in wilder Haſt nach Glas⸗ gow lief, um den Sachwalter herbeizuholen. Ein anderer Bote wurde nach der Leddy ge⸗ ſendet, welche am Morgen zu ihrer Schwie⸗ gertochter gegangen war, um den zas bei zuzubringen. Mittlerweile wurde auch ein Arzt herbei⸗ geſchuß, welcher ſogleich den Zuſtand des Poatienten für hoffnungslos erkläͤrte. Doch wendete er alle in dergleichen Faͤllen uͤbliche Reizmittel an, die aber keinen entſcheidenden Erfolg hervorbrachten. „Das Wetter, welches den ganzen Tag uͤber trüͤbe geweſen war, verwandelte ſich jetzt in einen dichten Staubregen, ſo daß Leddy Grippy, welche in möglichſt ſchnellem Laufe nach Hauſe eilte, uͤber und uͤber durchnaͤßt wurde, und einige Zeit hindurch, theils vor Gemuͤthobewegung, theils vor Muͤdigkeit, keinen Antheil an der um ihren Gatten herrſchenden Geſchaͤftigkeit nehmen konnte. Walther kehrte bald nach ſeiner Mutter Jzauruͤck. Der Greis redete ihn ſogleich eifrig — 34— an, aber mit ſo gelaͤhmter Zunge, duß man nur wenig von dem, was er ſprach, verſtehen konnte. Es war jedoch ſichtbar, daß er nach dem Sachwalter fragte, denn er heftete ſeine Augen unaufhoͤrlich auf die Thuͤr und ſtam⸗ melte verſchiedenemal deſſen Namen.. Endlich langte Herr Keelevin zu Pferde an. Sein Geſicht war durch die große Ka⸗ putze ſeines Reitrocks ſo verhuͤllt, daß nur die Spitze ſeiner Adlernaſe etwas hervorragte. Doch, ſein außeres Anſehn vergeſſend, ging er mit ſchnellen Schritten. auf den Kranken zu, zog ein Dokument, welches er zu Gun⸗ ſten der Wittwe und ihrer Kinder, wie auch zum Vortheil der Frau Milrookit aufgeſetzt hatte, unter ſeinem weiten Reitrock hervor, kniete neben Claudius nieder und begann ſeine Schrift mit lauter Stimme ADeshue teſew Ae 12.Eur „Mein Hert,“ Haher Ber Aezt, walche auf. der andern Seite des Patienten ſtand, „Herr Walkinſhaw iſt nicht fibid⸗ Siad verſtehen.“ 8. Deſſenungeachtet ſette Hetr Kachzuim ſeige — 36— Vonleſang: nfort, und als er zu Ende war, rief er nach Feder und Tinte.— 4 nc,Er kann dasataua ſeeeiben brach der Arzt. em nxdzd „Es iſt nicht an Jenen dieſe Demerkunt Rmäsade, ticf der gutmuthige Rechts⸗ freund.„Si ſollten ſchweigen, bis⸗ wir den Verſuch gemaͤcht haben. Iſt denn, um Gbt⸗ tes Barmherzigkeit willen, Niemand hier ün Hnußs, der⸗ Feder und Linte Anes wig!? 724 414 18 Alen Gegenmttigen fiel es in die Augen, daß Claudius volfkommen dasjenige verſtand⸗ was ſein Freund ſprach. Seine Augen ſchie⸗ nen eeifrigen Beifall ausdrücken zu wallen, aber ſeine verzerrten Zuͤge gewäͤhrten einxn gräͤßlichen Anblick. 2in Suene Mit fliegenden grauen Haaren und nur halb angekleidet, ſtürmte Leddy Grippy in dieſem Moment in's Zimmer und rief:„Was geht vor?— Welch ein neues Unglück hat uns befallen?— Welch ein furchtbares Bild, das ausſieht wie ein aus dem Grabe geſtie⸗ genes Geſpenſt, macht all' dieſes Geſchrei nach Feder und Tinte, wenn ein Mann in den letzten Zuͤgen liegt? 4. h inn in ein m's Himmelswillen, Frau Walkinſhaw, bleiben Sie ruhig!“ entgegnete Herr Keele⸗ vin, indem er ſeine Kaputze zuruͤckwarf und den Hut abzog.„Ihr Mann verſteht recht gut, was ich ihm vorgeleſen habe. Es betrifft eine Verſorgung für Karls Wittwe und Kinden u 1 „Steht aber och eine hennäspang fir mis in dem Papiere?“ rief die Leddy. „O!l Frau Walkinſhaw, davon wollen ie nachher ſprechen, laſſen Sie uns nur jetzt fertig werden. Ich ſehe deutlich, daß Ihr lieber Mann uns verſteht und danach ſchmachtet, daß es geſchehe. Verſchafft mir, um Gottes willen, nur ſchnell Feder und Tinte!“ „Sie kriegen nicht eher Feder und Tinte, Herr Keelevin, bis meine Gerechtſame in ei⸗ ner förmlichen Urkunde verſichert ſind“ „Still!“ rief der Arzt.— Jedermann ſchwieg und wendete die A ugen nach dem 7 Leidenden, deſſen Zuͤge ſich abermals fuͤrch⸗ terlich verzogen. Ein unterbrochenes Aechzen — 342— hob fuͤr einen Augenblick ſeine Bruſt, auf welches ein kurzes zu den ganzen Körper er⸗ ſchuͤtterndes Zittern folgte. anitina4 DauEr hat vollender!“ rief der Arzt. Bei dieſem Ausſpruche flog die Leddy zu dem Sef⸗ ſel und warf ſich mit wahnſinnigem Geſchrei nuf den lebloſen Koͤrper. Herr Koelevin ſtand, die Schriften in ſeiner Hand haltend, bewe⸗ gungslos da, betrachtete die vor ihm liegende 3 Trauerſzene einige ninuten, ſchuttelte troſt⸗ los das Haupt, ſetzte ſeinen Hut wieder auf, zog die Kaputze uber feises Sui und verließ d4s: auad Se 8 Ant rn tbn Sichenatbalenigſten Ker atsr. i Sebald die Verfuͤgung, welche Elaudius — Vermöͤgen getroffen harte, bekannt war, nahm Leddy Plealands Karl's Wittwe und Waiſen bei ſich auf ung ermahnte ihre Tochter, die den Haushalt in Grippy wie ge⸗ woͤhnlich fortfuͤhrte/ Walther'n zu bereden, daß er ſeinen ungluͤcklichen Verwandten einige Verſorgung zugeſtehen moͤge. Selbſt Georg, welcher ſich gaͤnzlich ſeinem Geſchaͤfte und der — 348— Sorge fuͤr feine Familie widmete und ſich wenig um das Thun und Treiben Anderer bekümmerte, war ſo beſchämt über das Bey traͤgen ſeines Vaters, daß er, am Sonntag nach der Brerdigung⸗ ſeiner Mutter einen Beileids⸗ beſuch abſtattete und die Ermahnungen der Leddy möglichſt unterſtuͤtzte.— Aber Walcher war und blieb unerbittlich „Wenn mein Papo⸗“ ſagte er,„ein ſo großes lebel an Karl thäi, wie Du behaupteſt, warum ſollt' ich ein Gleiches an meinem Kindlein thun? Iſt nicht die kleine Betty Bodle meine Erſtgeborne, und hat ſie nicht, der Natur und den Geſetzen gemaͤß, ein Recht auf meine ganze Habe? Warum ſollt' ich denn eine Sache verſchenken, die ihr gehoͤrt? Ich will mich keiner ſolchen Suͤnde theilhaftig machen.“ „Aber Du weißt, Walther,“ entgegnete Georg,„daß unſer Vater eine Verſorgung fuͤr Karlis Hinterlaſſene und fuͤr unſere Schwe⸗ ſter ausſetzen wollte, und es wuͤrde uns Allen zur Schande gereichen, wenn es nicht geſchaͤhe. Es war bloßer Zufall l, daß das Dokumenlt nicht unterſchrieben wurde.“ e ucte ¹ — 349— „So kannſt Du wohl in Deinem Klub bei der Punſchbowle ſchwatzen, aber ich denk', daß es der Wille der Vorſehung iſt. Denn häͤtt ſie es ordinirt, daß Bella Fatherlans und ihre Kinder etwas von des Vaters Moneten kriegen ſollten, ſo waͤr's auch geſchehen. Aber Du ſahſt doch, daß der Herr ihn in Abrahams Schoß nahm, ehe die Schrift unterzeichnet war, was mir ein klares Zeugniß und deutlicher Beweis iſt, daß es nicht des Himmels Wile war, ihnen etwas zukommen zu laſſen.— Von mir kriegen ſie nichts.“ „ Aber,“ fiel Georg ein,„wenn Du auch nichts thun willſt, um die Abſichten unſeres Vaters zu erfuͤllen, ſo ſollteſt Du doch Barm⸗ herzigkeit mit ihrer duͤrftigen Lage haben.“ „Barmherzigkeit faͤngt bei ſich ſelbſt an, Juͤrgen, und wer weiß, ob ich nicht ſelbſt darben müßt', wenn ich mich nicht hute! „Manchem wird mehr gegeben, als er ver⸗ dient,“ erwiederte der Kaufmann ſpitzig. „Wie kannſt Du wiſſen, was ich verdiene?“ 1 rief der beleidigte Schwachkopf.„Du ſprichſt ſchlecht von dem Verſtande der Vorſehung, — 350— daß Du ſagſt, ſie gebe mir mehr als ich ver⸗ diene. Die Vorſehung kennt meine Verdienſte beſſen als Du, Bruder Juͤrge.“ 5 Leddy Gripyy⸗ welche wäͤhrend dieſes Zwie⸗ geſprachs an einem Seitentiſche ſaß⸗ auf dem eine große Hausbibel lag, in der ſie das er⸗. bauliche zehnte Kapitel des Nehemia buch⸗ ſtabirte, ſchlug ſich jetzt in's Mittel. „Pſcht! pſcht! Waltherchen,“ rief ſte nſtoß keine Gotteslaͤſterungen aus, und ſei nicht allzu halsſtarrig! Du weißt, daß Dein Vater ein guter Mann war, und daß ihn nur der Pfeil des Todes verhinderte, ſeine ganze Fa⸗ milie, Dich ausgenommen, zu verſorgen. Wenn Du einmal den harten Schlag uͤberwunden haſt, daß der goldene Leuchter ſeines Lebens von uns geriſſen wurde, daan wirſt Du ge⸗ wiß nach Recht und Billigkeit handeln.“ 4 „„Nee, Mama, das thu⸗ ich nicht. Dä will behalten, was ich hab'.“ 342 „Aber Du biſt doch ein Chriſt, Walther,“ entgegnete die Leddy,„und es geziemt Dir zu bedenken, daß Du uͤber Alles, was Du 8. 86 8 A“ I 2* häſt, nur als ein Jerahter Sauuhilten des ſett biſt⸗— „Das brauchen Sie mir nicht zu ſagen. Aber weſſen Haushalter bin ich? Muß ich nicht Alles fuͤr mein Kind aufſparen? Ich bin der kleinen Betty Bodle Haushalter, und kein Menſch ſoll mich der Untreue beſchuldigen.“ g„Ja, ja, Walther,“ erwiederte ſie,„das iſt gewiſſermaßen auch ganz richtig. Aber wer den Armen giebt, leiht es dem Herrn."“ „Das verſteh' ich nicht, denn der Herr hat nicht noͤthig zu borgen. Er kann den Armen einen großen Klumpen Gold geben, und wenn er ſie in der Armuth lißt, ſo hat er ſeine Gruͤnde dazu.“ 333: „O Jammer und Noth!“ rief die Ledoh. „Jetzt find⸗ ich auf meine Koſten, daß mein Vetter, Ringon Gilhaiſe, der Malzhändler, Recht hatt', wie er gegen meine Vaters letz⸗ ten Teſtamentswillen auftrat, weil Du concos mentis wär'ſt; und häͤtt' es der alte Schleicher, der Keelevin, nicht gethan, ſo haͤtt' er da Gut gekriegt, das Du ſo unwuͤrdig beſitzeſt.“ Alles dieſes machte jedoch nicht den min — 352— deſten Eindruck auf Walther, aber einen deſto groͤßern auf Georg. Denn als dieſer nach Glasgow zuruͤckging, dachte er demjenigen nach, was ſeine Mutter hinſichtlich der Aufhebung des Teſtaments ihres Vaters, wegen Walthers Blödſinnes, fallen ließ. Er gerieth auf den Gedanken, daß die Sache ſich noch immer he⸗ werkſtelligen laſſe, und daß ihm, als dem naͤch⸗ ſten Fideicommißerben und naͤchſten maͤnnlichen Verwandten, vielleicht die Verwaltung der Gu⸗ ter koͤnnte aufgetragen werden. Auf dieſe Weiſe ſtreute eine Unterredung zu Gunſten der Enterbten den Samen zu neuen Entwuͤr⸗ fen und Handlungen aus, welche ganz des waͤ⸗ terlichen Geiſtes wuͤrdig waren, der zwiefäl⸗ tig zauf ſeinem juͤngſten Sohne ruhte.. Von dieſer Stunde an nahm Georg kei⸗ nen Antheil mehr an dem Intereſſe ſeiner Schwaͤgerin, ſtellte ſich aber deſto fleißiger in Grippy 39 wohin er ſich ſtets von einem oder dem andern Freunde begleiten ließ, den er in eine Unterredung mit ſeinem Bruder zu verflechten ſuchte, damit daſſen Mangel an Verſtand einem Jeden in die Augen falle. 1 Mochten aber auch ſeine Beweggründe zu dieſen Beſuchen und dieſem Betragen ſein, welche ſie wollten, ſo wußte er doch ſeine Ab⸗ ſichten feſt in ſeine Bruſt zu verſchließen. Nie⸗ mand hielt ihn einer Hinterliſt faͤhig, ſondern Viele zollten, im Gegentheil, ſeiner kindlichen Aufmerkſamkeit gegen ſeine Murter großen Beifall, und zwar um ſo mehr, da ſeine Gattin, ſeit der Geburt der Zwillinge, unaufhoͤrlich kraͤnkelte. Ja, man bekrachtete ihn ſogar mit Mitleiden und Ehrfurcht. Denn Jedermann hatte von dem Eifer gehört, mit welchem er ſich beſtrebte, etwas zur Unterhaltung der Hin⸗ tertaſſenen ſeines Bruders zu bewirken; und man nahm allgemeinen Antheil an dem Kum⸗ mer) welchen er aͤußerte, daß Walther ſo filzig und unlenkſam ſei;— denn uͤber deſſen an⸗ gebornen Blödſinn hutete er ſich ein Wort zu ſagen. Daß er ſeit jener Unterredung faſt ſtets gedankenvoll einhergi 83, u0 ſich beinahe von aller Geſellſchaft abſonderte, ſetzte man folglich auf Rechnung ſeiner traurigen häus⸗ lichen Lage; und das allgemeine Mitleiden wurde noch mehr rege, als, im Laufe des I. Thl. 23 — — 354.— Sterbejahres ſeines Vaters, auch eine ſeiner Töchter der Zeitlichkeit entriſſen wurde. g Doch fanden ſich unter ſeinen Bekannten auch einige ſcharfblickende Maͤnner, die ſeiner Empfindſamkeit nicht ſo allgemeinen Glauben beimeſſen wollten, als der große Haufen ihm zuſchrieb. Sie tadelten im Gegentheil oͤffent⸗ lich den Mangel an Zartgefuͤhl, mit welchem er die Thorheiten ſeines Bruders an's Licht zog; und diejenigen, welche ſeinen ſelbſtſüch⸗ tigen Charakter hinlaͤnglich kannten, verwun⸗ derten ſich, daß er Walthers Erbfolge ſo ruhig angeſehen hatte. Aber entweder blieb es ih⸗ nen unbekannt, oder ſie hatten es außer Acht gelaſſen, daß Gilhaiſe, der Malzhaͤndler, das Teſtament des Lairds von Plealands anfechten wollte, und daß die Gerichte Walthers Ver⸗ ſtandesfaͤhigkeiten bereits gepruͤft, und ihm das Recht zur Erbfolge zugeſprochen hatten. Doch ſollte ihre Verwungerung von kurzer Dauer ſein, denn ein Vorfall, welcher ſich etwa drei Monate nach dem Tode ſeiner Tochter zutrug, endete allen Streit uͤber dieſen Gegenſtand. Sachtl 39 dirs Achtundvierzigſtes KRayitel. 5 n58 Der Tod ſucht⸗ wie man ſagt, ſelten eine Familie heim, ohne ſeinem erſten Opfer noch andere nachzuziehen.„Walthers Tochter, ein zu frühzeitig gebornes Kind, war von ihrer Geburt an ſchwaͤchlich und kraͤnklich. Im Früblinge, nach ihrese Großvaters Ableben⸗ ſchwando ſ e. ſichtlich hin, und gegen das Ende des Sommers prophezeite Jedermann ihre. baldige Aufloͤſung. Die Aengſtlichkeit und Zirelichkeit ihres Baters kannte keine Gren⸗ zen. Sie war der einzige Gegenſtand, fuͤx esen, er wahre Theilnahme fuͤhlte; und als — eutſchlumment war, wollte er weder ben mnoch deufen, daß ſie wirklich todt het hen blieb ſchweigend an ihrem Berte ſitzen und duldete nicht, daß man ſie beruhre, damit man ſie nicht in dem Schlafe ſtoͤre, der ihr ⸗ wie er wähnte, zur Wiederherſtel⸗ lung ihrer Geſundheit dieng. Kein Zureden vermochte ihn von ſeinem Wachpoſten zu entfernen, und keine Vorſtebkungen kounten 1 ihn dahin bringen, daß er den kleinen Leich⸗ nam zum Begräͤbniſſe ankleiden ließ. Georg 23* — 356= ſtattete unterdeſſen manchen Beſuch in Grippy ab, und bewog eines Tages den ehrwüldigen Doktor Denholm; unter dem Vorwande, Walthern bereden zu helfen, daß er die Be⸗ erdigung des in Faͤulniß uͤbergehenden Koͤt⸗ pers endlich geſtatten moͤge, ihn in's Trauerz haus zu begleiten. Als ſie aber das Haus betraten, wurde Walther vermißt. Er hatte ſich heimlich aus dem Zimmer, in welchem der Leichnam lag, entfernt; und ſeine Mur⸗ ter war jetzt aͤmſig beſchaͤftigt, Anſtalken um Begrabniſſe zu treffen. e In der Meinung, er ſei nur in's Frei gewandelt, um dem unertraͤglichen Leichen⸗ geruche zu entgehn, erwarteten ſie ſeine bal⸗ dige Ruckkehr. Da er aber uͤber eine Stunde ausblieb, fing man an beſorgt um ihn zu werden, und ſchickte Dienſtboten aus, die ihn aufſuchen ſollten. Dieſe waren jedoch nicht weit gegangen, als ſie ihm, mit ſeiner klei⸗ nen Nichte Maria auf dem Arm, auf dem Wege nach Glasgow begegneten. Leddy Plealands Magd folgte ihm, laut ſchreiend, daß er das Kind entfuͤhrt habe, auf den Fer⸗ — 357— ſen, und ſuchte es umd dann und wann zu entreißen. „Was treibſt Du wieder fuͤr unfß innigez Zeug?“ rief ſeine Mutter ihm entgegen Er aber ſchwieg, brachte die Kleine in die Kin⸗ derſtube, entkleidete ſie voͤllig, zog ihr die Kleidchen ſeiner Tochter an, betrachtete ſie mit dem Wohlgefallen, mit welchem ein Kind ſeine Spielſachen beſieht, liebkoſ'te ihr auf jede erſinnliche Weiſe und nannte ſis ſeine dritte Betty Bodle. 8 Doktor Denholm gehörte unter die Zahl oerjenigeg⸗n welche ſich verwunderten, daß ſein Bruder ihm ruhig erlaube, die vaͤterliche Erbſchaft anzutreten; und da er nunmehr ei⸗ nen neuen Beweis von Walthers beinahe gaͤnzlichem Bloͤdſinne ſah, ſ ſprach er:„Herr Georg, ich kann mich nicht enthalten, Ihnen zu ſagen, wie ſehr ich es fuͤr Unrecht halte⸗ daß Sie das ſchöne Vermoͤgen, welches Ihr PVater hinterließ, in den Händen eines ſola chen thoͤrichten Menſchen laſſen, der es ſicher zerſplittern wird. Sie laſſen dadurch weder er Welt, noch Ihrer eignen Familie Ge⸗ — 358— bechtigkeit widerfahren. Ich rathe Ihnen düher vorſichtig zu ſein, denn wer naß was er noch fuͤr Unſinn: treiben kann 1u 45 Dieſe Ermahnung fiel nicht auf unfrucht⸗ baren Boden. Georg ſchmachtete in der That ſchon längſt nach ekwas dieſer Art, daher ihm die Meinung des ehrwuͤrdigen Predigers, uͤber Walthers in die Augen fallenden Bloͤd⸗ ſinn, hoͤchſt willkommen war. Mit moͤglith⸗ ſter Behutſamkeit erwiederte er:„Sie iſchei⸗ nen aus der Acht zu laſſen, ehrwürdiger Heer, daß man doch Einiges auf Rechnung feines Kummers ſetzett muß. Auch iſt es Ih⸗ nen bekannt, welch ein kitzlicher Punkt es für den Richter iſt, zu entſcheiden) ob ein Menſch bei vollem Verſtande ſei oden icht.“ „Wahr und waͤhrhaftig, Doktor Denhdlm fügte die Leddy Grippy) welche gecenwaͤktig war, hinzu; was Sie da ſagen, iſt die pure⸗ blanke Wahrheit. Denn ſeitdem Walther ſich weigerte, ſeines ehrlichen Vaters Willen zu erfuͤllen, kann ich ihn unmoͤglich für recht geſcheidt halten. Vom Morgen bis zum Abend placke ich mich hier zu ſeinem Vortheil ab, — 339 ⸗ und werden Sie mir's glauben, Doktor, wenn ich Ihnen ſage, daß er mir auch kein blankes Hellerchen von meinen Auslagen er⸗ ſetzt, und daß ich den ganzen Haushalt von meinem Bißchen Witthum beſtreiten muß?“ Nicht moͤglich!“ rief Georg mit allen Zeichen des aufeichtigſten Erſtaunens. 0 ‚Ob's wahr iſt oder nicht wahr, weiß ich ſelbſt am beſten,“ erwiederte die Leddy.„Abet das weiß ich, daß das, was ich ſage, die pure, blanke Wahrheit iſt. Noch am Montag vor acht Tagen mußt' ich dem Maurermeiſter dreizehn Schillinge, ein und einen halben Pence fuͤr Ausflicken des Hauſes bezahlen; und wollt' ich auch den hautherzigen Ahasverus, der erniſt, wie die Köntgin Eſther auf mei⸗ nen Knieen bitten, ſo ruͤckt' er doch nichts Vaus. Wahrlich, es ſollt’ mich nicht ver⸗ wundern, wenn ich auch die Leichenkoſten fuͤr ſein Kind bezahlen muͤßt', was doche eine Suͤnde und Schande wär“” aani, Dieß kann nitht laͤnger: gedulder werden!“ org,„und es nimmt mich under, * 260— Ich kann nicht geduldig zuſehn, daß man Sie ſo grauſam und unnatürlich behandelt.“” „Das wuͤrde ein Fleck in Ihrem Cha⸗ rakter ſein, Herr Georg, wenn Sie es laͤn⸗ ger zugeben wollten,“ ſiel der Prediger ein. „Ihres Bruders Blödſinn war, von ſeiner Kindheit an, augenfäͤllig, und der wenige Verſtand, den eyanoch beſaß, verringerte. ſich ſeit dem Tode ſeiner Gattin taͤglich."4) „Was Sie da ſagen, Doktor, kann nicht beſtritten werden,“ ſiel die Leddy ein.„Denn der arme Junge fiel ſeit der Zeit in⸗ eine tiefſinnige Melancholie, die er noch nicht uͤber⸗ wunden hat. Ach! er war bis zu der Zeit mein beſtes Kind, aber ſeitdem feine Frau im Kindhatte Abſchied von dieſer ſchnoͤden Welt nahm, iſt er ganz umgedreht. Exinnern Sie ſich nur, wie widerſpenſtig und conſtipirt er beim, Begraͤbniſſe war; und ich muß mit ſchwerem Herzen ſagen, daß er uns dis Hauß uͤber'm Kopf anſtecken wollt', wies ſein Vater den letzten Teſtamentswillen zu anſer Aller Vortheil machen wollte“ n Traa nr „Ich bin vollkommen von der Wahrheit = 86t— deſſen, was Sie uns ſagen, unteyrichtet,“ er⸗ wiederte Georg.„Abernes bleibt immer eine ſchmerzliche Sache fuͤr einen Bruder, wenn er den andern des Bloͤdſenns⸗ vor Gericht, be⸗ ſchuldigen ſoll. Denn gelingt es ihm nicht, ſo ſetzt er ſich boͤſen Nachreden aus; und Sie wiſſen, daß man hinſt chtlich Walihers den Verſuch ſchon einmal machte.,)— allnd Jedermann ſagte,“ rief die Leddy⸗ „daß ohne die Kniffe des alten ſchlauen Kee⸗ levins die Gerichte ihn fuͤr ſpringtoll erklaͤrt haben wuͤrden. Da der alte Schleicher weiß, wie man dem Geſetze eine Naſe drehen kann, ſo kann er wohl behuͤlflich ſein, wenn man das Ding zur Refuſion braͤchte. Nicht daß ich haben wollt', daß man mein Kind, das ich unter dem Herzen trug, in's Tallhaus ſperrte; aber, nicht wahr, Doktor Denholm, es wuͤrde doch uͤbel gegen meine übrige Fa⸗ milie gehandelt ſein, wenn ich anich uiſche Simüſah wollt’ 2 4. 1 „Ich glaube nicht,“ ſagte Georgs i indem er den Prediger forſchend anſah,„daß, wenn auch ein Mann fuͤr unfaͤhig erklaͤrt wird, ſein — 362— Vermoͤgen zu verwalten, es deßhalb noth⸗ wendig iſt ihn einzuſperren.“ As410 „Ol ganz und gar nicht, Herr Georg,“ antwortete der verdachtloſe Geiſtliche.„Ihrem Bruder wuͤrde es keinen Schaden thun, nur Sie wuͤrden die Muͤhe übernehmen müſſen, ſein Vermoͤgen zu verwalten.) „Das wuͤrde mir ſehr laͤſtig werden, denn die Geſchaͤfte unſeres„Hauſes heiſchen meine ganze Aufmerkſamkeit,“ entgegnete Georg. „Sie glauben nicht, Doktor Denholm, welche Sorgen die Empoͤrung Amerika's uns Kauf⸗ leuten macht. Doch wuͤrde ich, auf der andern Seite, alle Pflichten gegen meine Mutter hintenanſetzen, wenn ich laͤnger zugeben wollte, daß ſie in einem ſo unglucklichen Zuſtande bliebe und ſogar ihr eigenes Geld zur Repara⸗ tur des Hauſes hergeben muͤßte.“ mn me Für dießmal wurde wenig mehr uͤber dieſen Gegenſtand geſprochenn Abert Gebrg wurde, auf dem Ruͤckwege nach der Stadt) durch die wohlgemeinten Aeußerungen des Doktors immer mehr und mehr in ſeinem Vorhaben beſtaͤrkt; oder er ſtellte ſich vielmehr 8 = ²636= zweifelhaft und bedenklich, damit der wohls meinende Prediger ihm mit Grüͤnden zuſetzen ſollte, ſein Zartgefühl nicht n weitaun treiben. 4 40 13 SSGern 1 i. 01 6 3* 1 abnnsfnferdioheas Kanitel. Nachdem Georg und der Prediger das Haus verlaſſen hatten, vermehrten ſich zwat die Sörgen, aber auch das Vergnügen der Leddy da nicht nur die Beerdigung der klei⸗ nen Betty, ſondern mehr noch nder neue Zu⸗ wüichs,“ wie ſte das von Walther geraubte Kind nannte, ihre hoͤchſte Thäͤtigkeit in An⸗ ſpruch nahmen. Ihre Befehle erſchallten durch das ganze Haus, und ihre niedergetretenen Schuhe klapperten ſo laut und ſchnell, als ihre Zunge. Aber die Ankunft der Frau Kark Walkinſhaw, welche ihr Kind zuruᷣckfordern wollte, unterbtach auf eine Weile dieſe Gel ſchäftigkeit. Das kleine Maͤdchen war jedoch ſo entzuͤckt von den Liebkoſungen ſeines Oheims⸗ daß es ſh weigerte mit der Mutter Türäc⸗ 4 iutehren. 3 18ℳ mos „Mich nimmt's nur Wunder, u ſagte Leddy Grippy,„wie Jemand in Deinen knappen — 364— Umſtaͤnden, Bella Fatherlans, nicht dankbar fuͤr eine ſo große Wohlthat ſein kann. Wal⸗ ther läßts gewiß dem Kindchen an nichtz fehlen, und ich glaub⸗ immer, daß die Vor⸗ ſehung ihm eingab, das Kind zu ſtehlen, da er durch nichts konnte bewogen werden, Dir eine Verſorgung auszuſetzen dan 1„ch kann ihm jedoch⸗ mein Kind gich laſſ ſeen. Sie wiſſen, daß Herr Walther manche kleine Sonderharkeiten hat, die ſich nicht wohl mit der Erziehung eines Kindes vertragen.“ „Da er aber Mariechens Pflege und Ver⸗ ſrgung uͤber ſich nehmen will,“ entgegnete die Leddy,„ſo ſollteſt Du keine Einwendungen machen, und dieß um ſo weniger, weil ich ja ſelbſt ihre Erziehung übernehme; und Du wirſt ſte doch gewiß nicht beſſer erzogen haben wollen, als unſere Grethel, Frau Milrookit, die ſieben Stuͤckchen und einen Marſch auf dem Spinett ſpielen konntz⸗ und, wie ſie zu Edinburg war, Adam und Eva, wie ſie den verbotnen Apfel aßen, auf Atlas ſtickte: eine Arbeit, dergleichen man hier zu Lande noch nie ſah; Kurz, liebe Bella, ich rath Dit, — 365— Mariechen beir und zu laſſer en; denn Wak⸗ ther iſt knicktig, Und ſchiedt man ihn nicht auf die Seite, ſb legt er gewiß viel Geld A ihrer Ausſteuer zurück.“ u„Was wollen Sie damit ſagen: ehn müs ihn nicht auf die Geite ſchi eber fragte did junge Wittwe eifeig. etcn 49 d95 „lch! Bella Fatherkans, wie wenig weißt Du, welche Sorge eine Familie macht!“ rief die Leddy mit pathss.„Dieſes Haus war heut wahr und wahrhaftig ein Trauethaus, abſchon keine Thetnge de bies Hären* Meinung, daß Walther das Familiengut nicht verwalten koͤnnte; und wie Dein Schwaget hörte, wie ich behandelt werde, fagte er: weder Recht noch Gerechtigkeit ſollte ihn zwingen, 3 ſeine Mutter känger in dieſer aͤgyptiſchen Ge⸗ fangenſchaft und in dieſem Lande der Skla⸗ verei zu kaſſen. Sobald nun das Kind be⸗ graben iſt, ſoll ſogleich eine unterſuchüngsin⸗ terrogation uͤber Walthers Verſtandesunfähige keiten geſchehen, was dem zarten Mutter⸗ herzen wehe thun muß. Abet ich muß mich — 366— dem Willen des Herrn. demuͤthig unterwerfen, denn Walther iſt wahr und wayrhaftig in manchen Diagen unerträglig Doch ſoliteſt Du, liebe Bella, ihm Dein, KRind laſſen, bis wir ſohn, wi i3s weiter geht.„Ich, die ihn unter dem Herjen ftrugf muß zwar ſelhſt ſigey daß er von Natur ein Schefetogf iſt; läbej die. Geſetze unn Fhn doch klug Wachen wolen. 3 germuffer und ihren Schwager Georg u, aut, um ſehr. von, den Mittheilungen der erfferg uberraſcht; zu werdenz z aber eben deßhalb, ſagte ſie:„Was Sie mir da erzäͤhlen, überzeugg mich immer mehr, daß ich mein n ie in Walthers Häͤnden laſſen kann.“ n Walther, der mit Maxiechen an ſeinen Hand in's Zimmef trat, ſtörte ibre Unterxxe⸗ dung.„Sch komme, ſprach er,„Beſla Se⸗ therlans, um Ihnen zu ſagen, daß Sie na Hauſe gehen und den James auch hierher bringen ſollen. Das Haus iſt groß genug fuͤr uns Alle, und meiner Mutter wird's ganz recht ſein; denn die turnirt und ravagirt gern, und tangt mit den Kinderchen; rum und dng; ihnen vor„Blh,2 baͤmmchen, blaͤh! Alſo gehen Siennur heim und holen den Buben her, und wir wollen zuſammen loben und zuſammen gurren, wie die Tauben auf'm Taubenſchlag.“ 6 Obgleich Keddy„Grippy nichts mehr liebte, 4189 Läͤrm und Geräufch, ſo ließ ihr gewohnter Widerſpruchsgeiſt ſie doch ſagen;„Walcher biſt Du denn ganz von Sinnen, daß Du ande⸗ rer Leute Kinder in⸗z Haus bringen widſt?2 „Wenn's Ihnen nicht gefäͤllt,“ entgegnete er:„ſo ſteht's Ihnen frei, Ihr Wittwenhaus zu beziehen und meinetwegen da zu leben, wie eine verwittwete Frau Herzogin. Aber Bella und ihre Kinderchen ſollen hierher kommen, denn das Haus iſt mein, und was mein iſh ſoll mein bleiben.“, t e o n 9 „Wer häͤtt' ſich Femla t von dndr3 ſo über⸗ mäͤßigen Guͤtigkeit traͤumen laſſen?“ erwie⸗ derte die Leddy.„Ich denk', Du kommſt und wohnſt bei uns, Bella Fatherlans.“. „Wenn ſie's nicht thut,“ rief Walthey „ſo nehm' ich Mariechen auf den Buckel und geh' mit ihr in die weite Welt.“. —„⸗Wir wollen eine Uebereinkunft treffen, — 368— Herr Walther,“ erwiederte Frau Karl.„Ich will Mariechen heute Nacht hier laſſen, mor⸗ gen mit James: hi ssanh, und ein baur Dägg bleiben.*B.... nn eie follen Ihe Kben lung bier bleiben,“ rief Walther;„und da Sie mehr Berſtand haben als Mamd, ſo fonen Sie das Kom⸗ mando uber's ganze Haus haben, und Paſtet⸗ chen und Gelees bereiten; denn ſie verſteht boch niehch, als Butter und K Käſe zu machen.⸗ Die Leddy war⸗ ſo zornig, daß ſi ſie einige Zeit ſprachlos blieb. Endlich ſtemmte ſie die Arme in die Seiten und rief:„Du unver⸗ ſchämter Burſche! Aber es iſt nicht der Muͤhe werth, daß ich mich uͤber einen gebornen Dum⸗ median erboße. Herrſcht noch Recht und Ge⸗ rechtigkeit unter den funfzehn Lords, ſo ſoll Dein Reich nicht lange dauern. Deine eigen Mutter ſo zu beſchimpfiren! Mich zu traktiren wie einen alten Bettelſack, und mich, ſo zu ſagen⸗ aus dem Hauſe werfen zu wollen!“. „Aergern Sie ſich nicht, es waren nur leere Worte,“ vermittelte Frau Karl.„Sie — 369— kennen ja ſeine Launen und duͤrfen ſch niche üäber ſeine Reden verwundern.“ zum t Die zornige Mutter ließ ſich jedoch nicht ſaleis beſaͤnftigen, doch gelang es der Schwie⸗ gertochter, den Streit einigermaßen zu mäßigen. Nach vielem Hin⸗ und Herreden kam man endlich uͤberein, daß Mariechen einige Tage im Hauſe bleiben ſollte, um zu pruͤfen, ob Walthers Liebe zu ihr ſich auf Laune oder wirkliche Zuneigung gruͤnde. Um Ruhe zu erhalten und das Kind vor Schaden zu huͤ⸗ ten, beſchloß Iſabelle, gleichfalls einige Wo⸗ hen mit James in Grippy zuzubringen. Tuuri taes ia p i el. 9 Dottor Denholm nnd Georg beurtheilten diefe neue Einrichtung, welche man ihnen am Begräbnißtage kund that, auf ſehr ver⸗ ſchiedene Weiſe. Der gutmuͤthige Prediger laubte, Walthers Wunſch, die Hinterlaſſenen ine Bruders bei ſich aufzunehmen, ent⸗ ſpringe aus einem Gefuͤhle von Pflicht und Religion, und bereute herzlich, ſich ſo heftig uͤber deſſen Geiſtesſchwäche ausgeſprochen zu 1. Thl. 24 — — 4 370= haben., Alle übrige Pekannte der Familie ſtimmten mit der Meinung des Doktors üͤber⸗ ein, und lobten die rohe Gutmüthigkeit des ſo geiſtesſchwachen jungen Mannez. Georg betrachtete jedoch die Sache in ei⸗ nem richtigern Lichte. Aber jene guͤnſtigen Anſichten ſeiner Freunde waren ihm höchſt verdrießlich, und er ſing an, in ſeinem Stre⸗ ben nach der Verwaltung des Gutes ſchwan⸗ kend zu werden. Doch ſetzte er ſeine Beſuche in Grippy fort und ergriff jede Gelegenheit, die Aufmerkſamkeit ſeiner Bekannten auf Walthers Blöͤdſinn zu lenken. Indeſſen trug ſich bis Martini nichts zu, was ſeine Abſich⸗ ten haͤtte befoͤrdern koͤnnen. Um dieſe Zeit aber bezog Walther einen Theil ſeiner Ein⸗ kuͤnfte, und ſchenkte von dieſem Gelde ſeiner Schwägerin ſogleich eine Zehn⸗Pfund⸗ Bank⸗ note. Zugleich berechnete er, bis auf einen Heller, die Summe, welche er ſeiner Mut⸗ ter fuͤr ihren Wittwengehalt zu zahlen ſchul⸗ 3 dig war; weigerte ſich aber hartnaͤckig, ihr die Auslagen zu erſtatten, die ſie fuͤr den Pauzhalt und manche kleine Reparaturen — 1 des Hauſes gemacht hatte, indem er behaup⸗ tete, ſie bleibe ihm noch weit mehr fuͤr Koſt und Wohnung ſchuldig. Dieſes war in der That hoͤchſt ungerecht, denn die Leddy ſchaͤtzte ihre Dienſtleiſtungen, mit vollem Rechte, weit hoͤher, als das Wenige, was ſie ver⸗ zehrte. Ohne ſich weiter uͤber dieſe Behand⸗ lung zu beſchweren, ging ſie jedoch, unter dem Vorwande, ihre jetzt ſehr ſchwaͤchliche Mutter zu beſuchen, nach Glasgow, um Georg aufzuſuchen, bei welchem ſie ſich hoͤch⸗ lichſt uͤber das ihr zugefuͤgte Unrecht beſchwerte, und ihm dringend vorſtellte, wie gaͤnzlich un⸗ fähig ſein Bruder ſei, das ihm zageisan Vermoͤgen zu verwalten. Georg nahm pfiichtſchuldigen Antheil an ihram Kummer und ihren Leiden, und troͤ⸗ ſtete ſie mit der Verſicherung, daß er ſogleich die zweckmaͤßigſten Schritte thun werde, das Vermoͤgen zu erhalten und ſie aus ihrer Noth zu retten. Als nun auch bei Tiſche Vieles daruͤber hin und her geſprochen wurde, daß Walther, wie es ſcheine, geneigt ſei⸗ ſein Geld an ſeine Schwaͤgerin zu Serſchlenden 24* * — 372— ohne Ruͤckſichten auf die uͤbrige Familie zu nehmen: ſo beſchloß man, Herrn Keelevin um Rath zu fragen, wie dieſem wohl am beſten Einhalt zu thun ſein moͤchte. Dieſem Entſchluſſe zufolge wurde der ehrliche Sach⸗ walter eingeladen, ſich am Nachmieage bet Georg einzufinden.. Herr Keelevin erſchien zur beſtimmten Zeit, und die Leddy trug ihm ihre Beſchwer⸗ den mit Feuereifer und weitläuftigem Wort⸗ kram vor. Georg unterbrach ſie jedoch, in⸗ dem er ſagte:„Es ſcheint mir uͤberfluͤſſig, liebe Mutter, Herrn Keelevin mit allen die⸗ ſen Geſchichten zu belaͤſtigen, da Walthers Schwaͤchen ihm eben ſo gut bekannt ſind, als uns ſelbſt.“ Sich zu dem Sachwalter wen⸗ dend fuhr er fort:„Ohne Zweifel hoͤrten Sie von der höͤchſt ſeltſamen Weiſe, mit welcher mein Bruder Karls Wittwe und Kinder nach Grippy brachte?“ 8„ „ Ich konnte es mir in der That kaum denken,“ erwiederte der gutmuͤthige Mann, „ daß er ſo viel Gefuͤhl und geſunden Ver⸗ ſtand beſitze; aber es freut mich ſehr, dieſes 8 3 — 84 * von Ihnen ſelbſt zu hoͤren. Da ſein eignes Kind nicht mehr am Leben iſt, ſo konnte er wahrlich nichts Beſſeres thun, als den ver⸗ laſſenen Waiſen etwas von demjenigen zu⸗ kommen zu laſſen, deſſen man ſie ſo unge⸗ rechter Weiſe beraubt hatte.“ Georg wußte nicht, was er hierauf ant⸗ worten ſollte; aber ſeine Mutter, welche, wie ihr ganzes Geſchlecht, ſtets eine Antwort in Bereitſchaft hatte, ſagte:„Sie moͤgen e5 immerhin Gefuͤhl und Verſtand nennen. Wenn ich aber die Wahrheit ſprechen ſoll, ſo muß ich dem Kinde einen andern Namen geben. Keine menſchliche Zunge vermag's auszuſprechen, Herr Keelevin, was ich ſeit dem Tode Ihres alten Freundes, der dahin gefahren iſt, von dem abſcheulichen Dumme⸗ rian ausſtehn mußt'. Lebte mein gutes Maͤnnchen noch, ſo waͤr' ich keine huͤlfloſe Wirttwe. Aber es giebt gewiß noch einen Weg, um uns aus der Klemme zu helfen. So kann man doch den dummen Walther mnicht länger turniren und ravagiren laſſen; denn ich muß Ihnen ſagen, daß er weder — 324— Rath noch That annimmt. Glauben Sie nun nicht, Herr Keelevin, daß man ihn, durch Ihre Kenntniß der Geſetze, fuͤr concos mon- tes erklaͤren, und ihm die Verwaltung des ſchönen Vermoͤgens aus den Haͤnden ſpielen koͤnnt'?— Denn geht's ſo fort, ſo komm“ ich an den Bettelſtab, und ihm bleibt kein *„Was hat er denn gethan?“ Te ſihte der Sachwalter nachdenklich. „Hethan? Was hat er nicht alles gethan! Gab er nicht der Bella Fatherlans eine Zehn⸗ der Ambog in einer Schmiede, als ich das das ich für den Baushal auslegen mußez, Georg, welcher mittlerweile den Sachwal⸗ ker beobachtet hatte, ſagte:„Ich zweifle, liebe Mutter, ob Andere eben ſo uͤber die Sache urtheilen werden als Sie. Meine Schwaͤgerin 8 ſteigt Ihre Beduͤrfniſſe. Herrn Keelevin zu⸗ läͤchelnd fuͤgte er hinzu:„Trotz Ihren ge⸗ LIhetges Hellerchen übrig.“ e Pfund⸗ Rote, und war er nicht ſo hart wie bedarf ſeiner Guͤte, aber Ihr Witthum uͤbey⸗ —— . — — 375— waltigen Auslagen, legten Sie doch Geld zmrüd. 441 „Was geht das ihn an?“ rief die Leddy. „Bleibt nicht Schuld immer Schuld? Iſt er nicht ſchuldig, mir das zu bezahlen, was ich für ihn auslegte? und iſt er nicht ein Eſel, zu ſagen, er wollt's nicht thun? Ich brauch⸗ Ihnen nicht zu ſagen, Herr Keelevin, daß Walther ſein Lebtage hindurch nicht concos montes war. Wie Sie ihn geſcheidt machten, als der Prozeß mit meinem Vetter Ringhan Gilhaiſe, dem Malzhaͤndler, uͤber meines Va⸗ ters letzten Teſtamentswillen entſtand, muͤſſen Sie ſelbſt am beſten wiſſen. Aber der Spek⸗ takel, der uͤber die Sache entſtand, ſleht mir noch immer vor Augen“ Herr Keelevin ſeufzte kief und erwiederte in einem gewiſſermaben entſchuldigenden Tone: „Kann ſich Walther aber ſeitdem nicht viel veraͤndert haben?“ „Ja wohl,“ antwortete Georg.„Der Gram uͤber den Verluſt ſeiner Gattin kann allerdings Einfluß auf ſeinen Berſtand zehabt haben. lal? Za hin 3148 —. 376— „Damals war er rein tolh,7 rief die Leddy „Er wollt' fuͤr Vater und Mutter, fuͤr Feind und Freund, weder Hand noch Fuß ruͤhren. Die ganze Kriegsmacht des Koͤnigs haͤtt' ihn nicht gezwungen, ſeiner Frau zum Grabe zu folgen.“ „Ich muß Ihnen ehrlich geſtehn,“ erwie⸗ derte Herr Keelevin,„daß ich freilich ſeit einiger Zeit mehr Zeichen, von Geiſteöſchwaͤche an Herrn Walther bemerkte, als ehedem. Was aber ſeine Güte gegen die armen Hin⸗ terlaſſenen ſeines Bruders betrifft, ſo beweiſ't dieſe nichts anders, als einen geſunden Ver⸗ ſtand und ein gutes Herz. Sie, Frau Wal⸗ kinſhaw, mögen daher Ihren Handel mit ihm ausfechten ſo gut Sie können; denn nach Allem, was mir von der Familie bekannt iſt würde ich mein Gewiſſen zu belaſten fuͤrchten, wenn ich dieſer Aeußerung bruͤderlicher Liebe entgegen handeln wollte.“ 1 n „Dieß iſt auch ganz meine Meinung⸗ ſagte Georg.„Auch wurde ich gern meine Mutter, zu uͤberreden ſuchen, das Unrecht) 1 welchas ſie leidet, mit Geduld zu ertragen: fuͤrcht et ich nicht, daß Walther ihr noch * — 377— uͤbler mitſpielen moͤchte, da er ſie nicht nur auf eine niedrige Weiſe behandelt, ſondern auch geneigt ſcheint, Karl's Wittwe an die Spitze des Hausweſens zu ſtellen.“) Bei dieſer liſtigen Erinnerung an das ihr zugefuͤgte Unrecht, entbrannte die Leddy in noch heftigeren Zorn und rhfs„Nel er that noch weit Aergeres an mir,— er warf mich beinahe zum Hauſe hinaus!“ „Legte er die Hand an ſeine Mutter?“ fragte Herr Keelevin mit dem Tone und der Wurde ſeines Standes.— Um jedoch eine Antwort von ihrer Seite zu verhindern, fiel George ein und ſagte, ſeine Mutter muͤſſe ſich doppelt und auf's Bitterſte gekraͤnkt fuͤhlen, da ſie ſtets die hoͤchſte Parteilichkeit gerade fuͤr dieſen ungerathenen Sohn gehabt habe.— Auf dieſe heimtuͤckiſche Weiſe ſuchte er noch mehr die Flamme anzufachen, welche er loͤſchen zu wollen ſich das Anſehn gab. Aber Herr Keelevin, welcher ploͤtzlich ſeine Abſicht zu durchſchauen ſchien, warf ihm einen ſo ver⸗ weiſenden Blick Su⸗s Sd6 ter verwirrt und ver⸗ legen ſchwiegt..er 8 — 378— Der rechtſchaffene Sachwalter beurlaubte ſich hierauf, ſagte aber zu Georg, der ihn zur Thuͤr begleitete:„Will der Satan ſeinen Pferdefuß verbergen, ſo muß er ſich in einen weiten Mantel huͤllen und vorſichtig ſchrei⸗ ten.— Mehr will ich nicht ſagen, Herr Georg!— Aber bringen Sie die armen Kinder Ihres Bruders nicht in noch größeres Ungluͤck, und hetzen Sie Ihre Mutter nicht noch mehr auf, wenn ſie rappelkoͤpfig wird;— denn ſelbſt die kluͤgſten Frauen haben zuweilen arge Launen und beduͤrfen Zaum und Gebiß.“ Einundfunfzigſtes Kapitel. Als Georg von der Begleitung des Rechts⸗ freundes zuruͤckkehrte, ſagte ſeine Mutter: „Ich hoffe und vertraue, daß Du mehr Mit⸗ leiden mit mir haben wirſt, als Dich durch die boͤſen Rathſchlaͤge des alten Schleichers lenken zu laſſen. Ich ſah recht gut ein, daß das wieder ſo eine Spitzbuͤberei von ihm iſt, den Walther geſcheidt machen zu wollen. Aber, Juͤrgen, iſt er denn der einzige Advokat in der Welt? Ich wette, daß mehr als ein Dutzend — — ͦ—r — — 379— das Geſchaͤft herzlich gern uͤbernehmen; und ſollt; in ganz Glasgow keiner geſchickt genug ſein, ſo geh' nach Edinburg, wo, wie mein ehrlicher Vater oft ſagte, es deren ganze Le⸗ gionen giebt, die ſelbſt mit dem Beelzebub anbinden wuͤrden.“ „Ich bin eifrig darauf bedacht, Ihre Ruhe zu befoͤrdern, liebe Mutter,“ war die Ant⸗ wort.„Aber die Welt wird mich beſchuldigen, daß ich aus ſelbſtſüchtigen Grundſätzen handle. Mißglückt mein Unternehmen, ſo wuͤrde es mir zum ewigen Schimpf gereichen.“ „Das wurde ewig Schimpf und Schande fein, wenn wir laͤnger dulden wollten, daß ein Einfaltspinſel uns mit eiſernem Zepter regiert, der mich, ſeine eigne Mutter, die ihn unter ihrem Herzen trug, um mein recht⸗ maͤßiges Witthum und ehrlich Erworbenes betruͤgt, und ſein Erbe verthut, als ſielen die Zehn⸗Pfund⸗Noten von den Bäumen, wie die duͤrren Blaͤtter im Herbſt.“ 8 7„Ich erkenne die Wahrheit und Richtig⸗ 2r deſſen, was Sie ſagen, vollkommen,“ er⸗ wiedete Georg.„Aber Sie kennen die Un⸗ — 380— ſicherheit des richterlichen Verfahrens, und ge⸗ lingt es uns nicht, ſo muß ich dafuͤr buͤßen.“ „Wenn er ſich nun aber wieder verheira⸗ ten wollte, was würde die Folge davon ſein? Er wuͤrde ſich kein Gewiſſen d'raus machen, mich in der erſten Glude aus dem Hauſe zu jagen.“* Dieſe Bemerkung drang Georgen bis in's Innerſte ſeines Herzens; denn vor ſeiner Phan⸗ taſie ſchwebte alsbald eine lange Reihe männ⸗ licher Erben, welche ſich zwiſchen ihn und ſeine Erbfolge draͤngten. Doch gab er ſich das Anſehen, bloß Antheil an den Gefuͤhlen ſeiner Mutter zu nehmen und erwiedertke: „So hart wuͤrde er doch, ſelbſt in dieſem Falle, nimmermehr verfahren. Sie lebten ja ſeit Ihrer Verheiratung in Grippy. Es iſt Ihre Heimat, an der manche angenehme Er⸗ innerung klebt; und es waͤre eine unerhoͤrte Grauſamkeit, wenn man Sie, in Ihrem vor⸗ geruͤckten Alter, zwingen wollte, in der dumpfen, ungeſunden Stadtluft zu leben.“ 914184 „Das wuͤrde mein baldiges Ende herbei⸗ fuͤhren,“ rief die Leddy tief ſeufzend und eine Zaͤhre trocknend.„Kurz, Juͤrgen, machſt Du keine Anſtalten, und ſetzeſt ihn außer Stand wieder zu heiraten: ſo halt' ich Dich fuͤr einen eben ſo außen Dummtopf, als er einer i —— — 381— Aber es iſt Zeit, daß ich mich auf den Weg mache, denn ſie werden ſich wundern, was mich ſo lange hier haͤlt. Doch ſag' um's Himmels willen keiner Chriſtenſeele, was wir mit einander vorhaben; denn wer weiß, wel⸗ chen Tort uns der Simplex anthun koͤnnte, wenn er etwas davon erfahren ſollte, ehe wir ihn ſo weit gebracht haben, daß er gehoͤrig gebaͤndigt iſt. Geh' alſo fein klug und ſchlau zu Werke, damit er nichts merkt.“ Dieſe Ermahnung war zwar hoͤchſt über⸗ fluͤſſig, doch fragte Georg:„Unterſtand er ſich wirklich, nach Ihnen zu ſchlagen?“ „O nein, das nicht,“ erwiederte ſeine Mutter.„Ich muß dem Pinſel nachſagen, daß er gutmuͤthig genug in ſeinem Betragen iſt. Aber er will mir nicht mehr ſo Order pariren wie ſonſt, und das iſt doch eine haur Pruͤfung.“ „Ich fragte bloß deßhalb,“ entgegnete Georg,„weil man deſto weniger Bedenken tragen wuͤrde, gegen ihn zu verfahren, wenn er ſich jemals ſo etwas unterſtanden haͤtte.“ „Na, wenn's nur davon abhaͤngt, ſo koͤn⸗ nen wir ihn leicht reizen, die Hand gegen mich aufzuheben; aber er iſt ein maͤchtiger Goliath, und ich fuͤrcht' mich. Doch Du, Juͤrgen, koͤnn⸗ teſt Dich wohl ſo einer kleinen Ohrfeige aus⸗ — 382— ſetzen. Komm gleich morgen fruüh und pro⸗ bir's einmal, denn lange duͤrfen wir nicht troͤdeln, wenn wir eine rechte, rechimaͤßige Nechtöſache d'raus machen wollen.“ Feigheit iſt die treueſte Bundesgenoſſin der giſt. Georg war klug genug, den ſchlafenden Loͤwen nicht zu wecken, und ſich den herkuli⸗ ſchen Faͤuſten ſeines Bruders nicht auszuſetzen. Aber in jeder andern Hinſicht befolgte er den Rath ſeiner Mutter, und wendete ſich an Gabriel Pitwinnoch, einen Sachwalter, deſſen Gewiſſen nicht ſo zart war, als das des rechre ſchaffenen Keelevin. 15 Die Leddy verſchloß indeſſen ihr Gebeim⸗ niß ſo feſt in ihrem Buſen, und ſpielte ihre Rolle ſo gut, daß ſelbſt ein argwoͤhniſcherer Beobachter, als ihre Schwiegertochter war, kei⸗ nen Verdacht gegen ſie haͤtte hegen konnen. Etwa eine Woche nach der Zuſammenkunft mit Herrn Keelevin reiſ'te Georg, in Geſell⸗ ſchaft des ſchlauen Gabriel Pitwinnoch, nach Edinburg. Was ſich auf dem Wege dahin zwiſchen ihnen zutrug, und mit wem ſie dort Rath pflogen: braucht nicht umſtaͤndlich berich⸗ tet zu werden. Kurz, etwa acht Tage nach ihrer Ruͤckkehr, kam Gabriel nach Grippy, begleitet von einem fremden Manne, von deſſen Ankunft und Wichtigkeit die L eddy be⸗ — 383— reits unterrichtet ſchien, da ſie ſich gegen ihn mit einer bei ihr ſeltenen Hoͤflichkeit betrug. Dieſer Fremde war auch in der That keine geringere Perſon, als der Parlaments⸗Advo⸗ kat Herr Threeper, beruͤhmt wegen ſeiner ge⸗ nauen Kenntniß von den Kunſtgriffen der Rabu⸗ liſten, und ſeiner Fertigkeit in Lenkung jener zar⸗ ten Rechtsfragen, deren Entſcheidung ſo oft mit der aͤchten Gerechtigkeit in Widerſpruch ſteht. Zufälligerweiſe befand ſich Frau Karl, bei der Ankunft des großen Rechtsgelehrten und ſeines Begleiters, eben außer dem Hauſe. Aber ſobald der kleine James, dem die ſeltſame Erſcheinung auffiel, ihrer anſichtig wurde, lief er ſeiner Mutter nach, um ihr die Fremden zu melden. Auch Walther folgte ihm aus dem naͤmlichen Antriebe und aief ſeiner Schwaͤgerin zu; „Kommen Sie, Bella Fatherlans! kom⸗ men Sie geſchwind und ſehen Sie, welch'n Meerwunder der Herr Pitwinnoch in's Haus bracht’! Mama ſpricht, es waͤr' ein Affvokat, und er ging in der Stadt Edinburg in einem großen ſchwarzen Talar und mit einer maͤch⸗ tigen Peruͤcke vor den Lords her. Ich kann nicht begreifen, was er will! Er hat eine ſil⸗ berne Schnupftabacksdoſe in der Hand, auf die er immer patſcht; und wenn Sie ihn ſprechen * hoͤren, ſo muͤſſen Sie glauben, der weiſe Ko⸗ nig Salomon mit ſeinen kauſend Weibern und Kebsweibern waͤr' gegen ihn ein Narr.“ Frau Karl erſchrak nicht wenig uͤber die⸗ ſen Beſuch, da ihr Georgs und Pitwinnochs Reiſe nach Edinburg augenblicklich in den Sinn kam, und warnte daher ſogleich Walther, ja auf ſeiner Hut zu ſein. „Herr Walther,“ ſagte ſie,„ich rathe Ihnen wohlmeinend, nicht in's Haus zu gehen, ſo lange die beiden Rechtsgelehrten ſich in demſelben befinden;— denn wer weiß, was ſte mit Ihnen vorhaben! Eilen Sie lieber, ſo ſchnell als moͤglich, nach Glasgow, und erzaͤh⸗ len Sie Herrn Keelevin, was ſich zugetragen hat, und ſagen Sie ihm, ich haͤtte gute Gruͤnde zu glauben, daß dieſer Beſuch Ihnen Böſes drohe, und Sie daher ſeines Rathes und Bei⸗ ſtandes beduͤrftig ſeien.“ Der Geiſtesſchwache, welcher einen inſtinkt⸗ artigen Abſcheu vor der heiligen Juſtiz hatte, gab keine Antwort, ſondern lief, mit allem Aus⸗ drucke des Entſetzens auf ſeinem Geſichte ſwoenfreic nach Glasgow. 4 8 4 1 ““ 4 K ff ffffffffſnffffſſf 12 13 14 15 16 17 — 8 S 6— 8* 1 85 1“ “ 3