—-————y Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 4, 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 3 Stun⸗ 5 1 2„—„„—„ 5—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. keuskenoen Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8——— 4 1 — II. — ₰ Inhalt. Drei junge Männer. Die Soirée . Die Wienerin . Eine Maske wird gelüftet . Der Gang um Mitternacht . Die Ohnmacht des Reichthums . Die Diplomaten .Ein Frauengeſtändniß . Erfolge und Niederlagen. . Paul . In der heiligen Stadt. . Hermione und Hector . Der Lombardo . Ueberall Sturm 84 24 Der neue Kreuzritter. Roman von Louiſe von Gall. Berlin. Verlag von Alexander Duncker,. Königl. Hofbuchhändler. 1853. 8 XV. Die Büßende XVI. Pius der Neunte XVII. Eine Hochzeit in Neapel XVIII. Die Egoiſten Erſtes Kapitel. Drei junge Männer. Im Speiſeſaale des Gaſthofes Zum Römiſchen Kaiſer in Frankfurt am Main ſaßen drei junge Männer beim Nachtiſch; da ſie gewohnt waren, ſpäter zu ſpeiſen, als zur gewöhnlichen Eßſtunde, ſo ließen ſie ſich täglich ihre Mahlzeit beſonders auf⸗ tragen,— und dieſes gemeinſchaftliche Mahl war auch die Veranlaſſung ihrer näheren Bekanntſchaft geworden. In dem einen langaufgeſchoſſenen, unbehülflichen, gelangweilt ausſehenden Menſchen erkannte man auf den erſten Blick den Engländer; er war der ſchweig⸗ ſamſte von den Dreien und ſelbſt der Champagner, dem er ziemlich häufig zuſprach, vermochte nicht ſeine trägen Sinne aufzurütteln. Der neue Kreuzritter. 1 Der andere, auffallend bunt und elegant ge⸗ kleidete Mann an ſeiner linken Seite war gerade das Gegentheil von ihm. Mit dem Ausdrucke des höchſten Vergnügens in den offenen Zügen, mit wunderbar beredter Zunge und lebhaften Bewegungen verläugnete er keinen Augenblick den ſüddeutſchen Großſtädter; er war der Neffe und Adoptivſohn eines Wiener Banquiers. Der dritte, entſchieden die bedeutendſte Perſön⸗ lichkeit des Kleeblatts, war ein kurländiſcher Edel⸗ mann. Sein Geſicht gehörte zu den ungewöhnlichen; er hatte dunkelblondes Haar und ſchwarze Augen⸗ brauen, die, breit und ſtark auf der Naſenwurzel zuſammengewachſen, ein Räthſel, wie man es ge⸗ wöhnlich nennt, bildeten; ſeine Augen waren dunkel⸗ blau, weil aber auch ſehr ſtarke, dunkle Wimpern ſie beſchatteten, hielt man ſie gewöhnlich für ſchwarz. Die Naſe gebogen und ziemlich groß; der Mund fein, zurücktretend und geſchweift. Das Schönſte bei ihm war die Stirn, die ungewöhnlich hoch und von gebietendem Ausdruck war. Sein Kopf war der eines Staatsmannes, eines Dichters oder eines 3 2 Künſtlers,— mit einem Worte: er ſchien einem jungen Manne anzugehören, der ſich mit etwas Anderem, als mit ſich ſelbſt beſchäftigte;— ließ man aber den Blick über ſeine Geſtalt und ihre überaus ſorgfältige Bekleidung ſtreifen, dann war man über⸗ zeugt, daß er nichts Beſſeres that, als die Anderen auch. Er war ſehr ſtark parfümirt und trug durch⸗ aus in ſeinem Anzuge die Eitelkeit eines Dandy's, wenn auch von beſſerem Geſchmack als der Wiener, zur Schau. Er hörte mit offenbarer Theilnahme dem„Plau⸗ ſchen“ des Letztern, wie dieſer ſelbſt ſein Schwatzen nannte, zu, und ermunterte ihn von Zeit zu Zeit durch eine Frage, darin fortzufahren, während er ſchon ſeine zweite Cigarre aus dem chineſiſchen Etui hervorgeholt hatte, aber dem Champagner viel mäßiger als ſeine Gefährten zuſprach. Der Wiener vollendete eben eine etwas ſtark aufgetragene Redoutengeſchichte, dann rief er aus: „Nun iſt es aber auch an den beiden Herren, Et⸗ was aus ihrer Lebenschronik preiszugeben. Meine Abenteuer kennen Sie beinahe alle; die Geliebten, 11 *½ 4 die ich beſeſſen, habe ich Ihnen ſo lebhaft geſchildert, daß Sie bei einer Begegnung auf der Straße ſie augenblicklich erkennen würden. Meine übrigen Streiche ſind Ihnen auch bekannt, denn in den acht Tagen, wo wir zuſammen ſpeiſen, habe ich nach und nach mein ganzes Leben vor Ihnen aufgerollt, und von Ihnen weiß ich ſo viel wie Nichts!“ „Von mir,“ ſagte langſam und ſchwerfällig der Engländer,„iſt gar Nichts zu erzählen; ich habe immer nur ein zuhörendes und zuſchauendes Leben geführt.“ Der Wiener konnte ein kleines, krampfhaftes Lachen nicht unterdrücken, während der Kurländer unverändert ſeine Haltung beibehielt. „Die Engländer ſollen doch ſo politiſch angeregt ſein,“ frug mit wiedergewonnener Faſſung der Wiener Banquier, welcher Huber hieß;„haben Sie ſich denn nie in der Arena der Parlamente getummelt oder zu tummeln Luſt gehabt?“ Mr. Heatheote ſtreckte ſich noch länger und ſagte immer in demſelben Naſentone: 5 4 „Meine Partei iſt am Ruder,— alſo wozu ſoll ich mich bemüh'n? Werden die Whigs einmal entthront, dann iſt es noch immer Zeit.“ „Haben Sie ſich nie verliebt?“ „Niemals!“ antwortete Mr. Heathcote und be⸗ mühte ſich die Hand aus der Taſche zu ziehen, um ein allzu indiscretes Gähnen etwas zu maskiren. „Und was iſt der Grund Ihres Aufenthaltes in Frankfurt?“ frug der nicht zu beſchwichtigende Wiener immer weiter, indem er dem Kurländer einen heitern Blick zuwarf. „O, hier bin ich wegen einer Frau!“ „Alſo doch eine Intrigue?“ „Intrigue?— Bah! Nichts Intrigue! Meine Eltern ſind todt, ich habe ihr Vermögen und ihren Landſitz geerbt und mein Vater hat mir in ſeinem Teſtamente den Wunſch hinterlaſſen, daß ich mich baldmöglichſt verheirathen möchte.“ „Und da wollen Sie durchaus eine Frankfurterin zur Frau haben?“ „Frankfurterin oder Berlinerin, das iſt mir gleich! My very intention iſt etwas ganz Anderes! Ich muß Ihnen aber erſt mein Syſtem auseinanderſetzen, ſonſt verſtehen Sie mich nicht.“ Der Kurländer und der Wiener baten um das Syſtem. Der Engländer richtete ſich auf und ſagte etwas lebhafter:„Bei einer Ehe iſt Gleichheit die erſte Bedingung; da ich nun keine einzige Eigenſchaft beſitze, auf die ich eitel ſein könnte, ſo darf meine künftige Gemahlin auch keine ſolche beſitzen, damit ſie nicht eitel ſei,— denn ich will keine eitle Frau.— Meine Landsmänninnen ſind aber alle zu ausge⸗ zeichnete Damen, um nicht eitel zu ſein! Da hat man mir nun geſagt, nirgend anders, als in Deutſchland, und beſonders in Süddeutſchland, fände man Frauenzimmer, die gar keine Anſprüche machten.“ Der Kurländer frug nun auch lächelnd:„Haben Sie noch keine entdeckt?“ „Nein, nein!.... Auch hier ſind die Damen eitel wie in der ganzen Welt. Eine, mit der ich im Begriff war mich zu verloben, ſagte mir noch zu rechter Zeit: Sie ſei eine vortreffliche Hausfrau, und das ſei ihr „ R —+ Stolz, denn darin komme ihr Niemand gleich!— Da habe ich augenblicklich wieder abgebrochen.“ „Das glaube ich,“ ſagte der Wiener laut lachend, „aber hier im Römiſchen Kaiſer werden Sie wohl ihr Ideal am Allerwenigſten treffen.“ „Ohl ich ſalarire mehrere Agenten!“— Nun konnte ſelbſt Felir Walram, ſo hieß der Kur⸗ länder, nicht länger an ſich halten; er lachte laut auf. Der Engländer aber ſagte trocken:„Was iſt da zu lachen? Iſt nicht die Eitelkeit der Frauen ſprüchwörtlich?“ „Haben ſie denn nicht ein kleines Recht dazu?“ frug gutmüthig Joſeph Huber. „Nein, das haben nur Sie!“ ſagte der Eng⸗ länder mit einer Handbewegung nach den beiden jungen Löwen, die mit verſtärktem Lachen dieſen Ausfall hinnahmen. Mr. Heatheote aber bemerkte:„Nun iſt es am Baron Walram, uns das NMotiv ſeines Hierſeins zu erklären.“ „Das kann ich nicht,“ verſetzte ausweichend der Kurländer,„es iſt eine geheime Miſſion.“ „Politik?“ „Nicht doch— darin iſt jetzt Nichts zu thun!“ „O,“ lachte der Wiener,„er wird eine neue Mode hier im kleinen deutſchen Paris, wie man Frankfurt nennt, einführen wollen.“ „Sie haben's getroffen, Herr von Huber!“ rief luſtig Walram.„Es iſt eine neue Mode,— die aber auch ſchon einmal dageweſen iſt,— wenigſtens hoffe ich's!“ „Theilen Sie mir ſie mit, Baron?“ „Noch nicht! dann liefe ich ja Gefahr, daß Sie ſie einführten. Aber nun ſagen Sie uns, was wir trotz aller Ihrer übrigen Erzählungen nicht wiſſen, warum Sie einen längern Aufenthalt hier machen?“ „Ich bin hier,“ antwortete der Wiener,„um für eine unſrer herabgekommenen Größen eine neue Anleihe zu negoeiren. Bei uns iſt der Mann zu bekannt, da borgt ihm Niemand einen Gulden Schein. Aber hier hat ſolch ein ariſtokratiſcher Name noch ſo viel Klang, daß ihm ſogleich ein Goldklang antwortet.“ — „Wenn nun aber die Leute um ihr Geld kom⸗ men?“ frug Felix Walram. Der junge Huber zuckte lachend die Achſeln: „Das geht mich nichts an, ich negocire nur die Anleihe, und wer mir Geld giebt, mag's verant⸗ worten; ich bin nicht der Leute Vormund.“ „Haben Sie denn kein Bedenken dabei?“ „Ah bah,“ rief Huber mit den Fingern ſchnellend, „ſo gewiſſenhaft ſind wir nicht in Wien!“ Jetzt warf der Engländer dem Kurländer einen eben ſo ſpöttiſchen Blick zu, wie vorhin der Wiener über Jenen Walram zugeworfen hatte;— hätte aber Walram ſeine Miſſion enthüllt, dann hätten ſich die Beiden gegen ihn vereinigt und des Spottes wäre gar kein Ende geweſen,— wenn ſie ihn nicht anders als Thoren bemitleidet hätten! Die jungen Männer trennten ſich bald darauf, denn Heatheote und Huber wollten noch in die Oper und Walram eine große Soirée bei dem ruſſiſchen Geſandten beſuchen. Der Engländer, welcher in einem hotel garni wohnte, ging zuerſt, um dort noch ſein Theater⸗ 10 perſpectiv zu holen, und Huber und Walram ſtiegen langſam die breiten Treppen zu ihren Zimmern hinauf. „Sie müſſen ſich bei Ihrer Toilette beeilen, Baron, ſonſt kommen Sie zu ſpät,“ ſagte der Wiener. „Ich werde früher meinen ganzen Anzug be⸗ endigt haben, als Sie eine andere Cravatte und andere Handſchuhe angezogen haben. Wollen wir wetten?“ „Ach,“ ſeufzte der Kleine,„das iſt leicht möglich! Denn mein Stephan iſt nicht zu vergleichen mit Ihrem Stanislaus. Wahrhaftig, wenn Sie nicht mein Freund wären, ich machte Ihnen das Muſter eines Kammerdieners ſtreitig.“ „Verſuchen Sie's,“ ſagte Walram lächelnd. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre ſeines Zimmers aufgeriſſen, denn der vielgerühmte Kammer⸗ diener hatte die Stimme ſeines Herrn vernommen. Huber muſterte mit neidiſchen Blicken den ruſſi⸗ ſchen Diener, wie er mit dem glühenden Brenneiſen in der einen Hand, dem Pudermantel in der anderen daſtand. Hinter ihm ein Tiſch mit unzähligen Töpf⸗ chen, Fläſchchen, Bürſten, Seifen und Kämmen. 1. & „Ja, da iſt es freilich eine Kleinigkeit, alle Frauen zu erobern,“ ſagte er neckend zu Walram,—„wenn man mit ſolchen Waffen in's Feld zieht.“ Walram ſchlüpfte ohne Antwort lachend in ſein Zimmer. „Ich mag nicht in die Oper gehn,“ ſagte Huber, als er allein auf dem Corridor ſtand,—„lieber zu Lori, ſie ſpielt ja heute Abend nicht.“ Und nachdem er raſch ſeinen Mantel und ein Paar wärmere Hand⸗ ſchuhe ſich geholt, verließ er das Hötel und ſchritt durch die hellerleuchteten Straßen dem Mainquai zu. Je näher er dem Waſſer kam, deſto einſamer wurden trotz der frühen Stunde die Straßen, denn es war gewaltig kalt, und Huber's Schritt wurde immer beſchleunigter. Schon hörte er die Eisſchollen im Main brechend an einander ſtoßen, als ihm eine raſch vor ihm her eilende Geſtalt auffiel. Es war ein ſchlankes, jugendliches Weſen, trotz der ſtrengen Kälte mit unbedecktem Kopf, ohne Tuch und Mantel, im dünnen Kattunüberrock; es ſchien eine Arbeiterin der unteren Stände. Als er dicht hinter ihr ging, hörte er deutlich, daß ſie ſchluchzte. 12 Huber war nicht hartherzig, am Allerwenigſten aber einem jungen Mädchen gegenüber. Er beſchloß, dem armen Kinde zu folgen, denn er vermuthete aus ihrem krampfhaften Weinen, ihrem ſonderbaren Anzuge und dem aufgeregten, ſtürmiſchen Gange die Rich⸗ tung ihres Weges.— Er hatte Recht; ſie ſchlug den Weg nach dem verlaſſenen Ufer oberhalb der Stadt ein; dort näherte ſie ſich dem Fluß— ſie wollte ſich in's Waſſer ſtürzen. Huber trat vor, faßte den Arm des Mädchens und frug ernſthaft: „Wo wollen Sie hin, was haben Sie vor?“ „Ach, laſſen Sie mich,“ rief ſie ſchluchzend, indem ſie ihren Arm loszumachen ſtrebte,„laſſen Sie mich,— Sie thun mir einen ſchlechten Gefallen, wenn Sie mich aufhalten.“ „Ich werde Sie gehen laſſen, ſobald Sie mir die Urſache Ihrer Thränen ſagen.“ „Was kann Ihnen daran liegen?“ rief ſie bitter. „Es giebt kein Unglück, das nicht zu mildern, kein Jammer, der nicht einem Troſte zugänglich wäre.“ 13 „Oh,“ ſagte ſie ſtehen bleibend,„mein Unglück könnte auch gemildert, meinem Jammer auch ein Troſt zu Theil werden,— wenn ich auch nie mehr glücklich werden kann!“ „So theilen Sie mir Ihren Kummer mit, denken Sie, ich ſei ein alter Bekannter, ich will dann ſeh'n, wie Ihnen zu helfen iſt;— aber erſt laſſen Sie uns umkehren, nach Ihrer Wohnung.“ Das Mädchen ließ ſich wirklich zur Umkehr bewegen und erzählte dann mit ſchnell erwachtem Vertrauen: „ ‚Ich bin die Tochter einer armen, kranken Frau— der Vater hat die Mutter verlaſſen, und wir Kinder, ich und zwei Brüder, ernähren ſie, ſo gut wir können, durch unſerer Hände Arbeit. Ich bin alle Tage bei einem Damenſchuſter beſchäftigt mit Schuheeinfaſſen. Der Meiſter iſt ein ſehr braver Mann; auch die Frau iſt gut,— aber der Sohn“— „Nun, der Sohn allein iſt böſe?“ frug Huber naiv; glücklicher Weiſe konnte in der Dunkelheit das arme Mädchen das ſpöttiſche Lächeln nicht gewahren, das bei dieſer Frage das Geſicht des jungen Welt⸗ mannes überzog. 4 6 ——— 14 „Nein,“ antwortete ſie leiſe,—„böſe, was man ſo eigentlich böſe nennt, das iſt er doch nicht, wenn er auch an all' meinem Unglücke ſchuld iſt.“ „Armes Mädchen, Du haſt ſeinen Verſicherungen geglaubt—“ „O nein,— das habe ich nicht! Obgleich er ein ſchöner Menſch iſt und mir beſſer gefallen hat, als irgend Einer, ſo habe ich doch immer eingeſehen, daß er viel zu vornehme Gedanken im Kopfe hat und viel zu ſehr den Herrn ſpielen will, um ein armes Nähmädchen zu heirathen. Seinen Liebesver⸗ ſicherungen habe ich eigentlich nie geglaubt!“ „Nun, warum wollteſt Du denn in's Waſſer ſpringen?“ „Sein Unglück konnte ich nicht mit anſehen und— das war das meinige.“ „Ich verſtehe Dich nicht!“ „Das glaube ich wohl. Heinrich, das iſt der Sohn des Meiſters, hatte für ſeinen Vater eine Rechnung eincaſſirt und das Geld verſpielt, ver⸗ trunken, was weiß ich. Mit dem Alten aber war nicht zu ſcherzen, und da kam denn Heinrich eines „. 15 Tages, als ich gerade allein im Hinterſtübchen war, ganz verzweifelt zu mir und ſagte, wenn ihm nicht Jemand beiſpringe und das Geld für die Rechnung leihe, werde er ſich um's Leben bringen, eher als ſeinem Vater die Wahrheit zu geſtehen. Ich ſelbſt hatte kein Geld, aber unglücklicher Weiſe hatte eine Nachbarin, die man nach Sachſenhauſen zu ihrer todtkranken Mutter gerufen, mir ihren kleinen Geld⸗ vorrath zum Aufbewahren gegeben, weil ſie ihn ihrem Manne, der ein Trunkenbold war, nicht zurücklaſſen wollte. Ich war nun thöricht genug, Heinrich von dem Daſein dieſes Geldes zu reden und auf ſeine heiligen Verſicherungen, es binnen zwei Tagen zurück⸗ zuerſtatten, ihm auch wirklich den Sparpfennig der Frau, womit dieſe ihre Hausmiethe decken wollte, zu überantworten. Einige Tage verfloſſen, aber Heinrich ließ ſich nicht ſehen; endlich heute kommt die Frau, die arme Mutter von fünf kleinen Kindern, zu mir und fordert ihr Geld; ich laufe zu Heinrich— finde aber nur ſeinen Vater, der mir erzählt, daß ſein leichtſinniger Sohn mit Hinterlaſſung einer Menge Schulden nach Amerika durchgegangen iſt. Wie ich 16 nun mein Unglück dem Alten vorklagte, hat er mich noch dazu ausgeſcholten und eine gewiſſenloſe Dirne genannt, die Anderer ſauer erworbenes Gut an leichtſinnige, hübſche Jungen wegwerfe, und mir das Haus verboten. Wie ſollte ich nun der Frau unter die Augen treten?— Und meiner Mutter? So lief ich— zum Main!? „Wie viel beträgt denn die Summe?“ frug Huber. Da nannte das Mädchen eine Summe, ſo klein, wie er ſie hundertmal für die Unterhaltung eines einzigen Tages ausgegeben, und lächelnd leerte er ſeinen Beutel in die Hände der erſtaunten Näherin. Sie ſchluchzte laut vor Freude über das uner⸗ hörte Glück und bat ihn um ſeinen Namen; dann ſagte ſie warm:„Ich werde Ihnen das Geld zurück⸗ erſtatten und ſollte ich die Nächte dafür arbeiten.“ Huber verwies ihr lachend dieſen Ehrlichkeitseifer und fragte, ob ihr nicht vielleicht ein anderer Ver⸗ aſt willkommen ſei, da ſie den im Hauſe des Schuſters doch nun verloren; dann wolle er ihr die Adreſſe einer Dame nennen, die ihr Arbeit geben werde. 17 Das Mädchen nahm dieſen Vorſchlag dankbar an; mittlerweile waren ſie an ihrer Wohnung an⸗ gekommen und unter den Verſicherungen der wärmſten und rührendſten Dankbarkeit trennte ſich die arme Näherin von ihrem Wohlthäter. Zweites Kapitel. Die Soirée. Es war eine ſehr glänzende Soirée bei dem ruſſi⸗ ſchen Geſandten. Die ganze brillante Welt der Börſe und Diplomatie war da verſammelt; er ſelbſt, ein kleiner, breiter Mann mit aufrecht ſtehenden weißen Haaren, ſtand geſchäftig in der Nähe des Eingangs, um jeden Ankommenden zu begrüßen und einzuführen. Eben war er beſonders eifrig und freundlich, denn er führte am Arme eine ſchöne, hohe Frau, in weißem Seidenkleide und grünem Blätterkranze, durch i Reihe der Zimmer, um ihr im letzten einen Se el anzubieten. Der neue Krenzritter. 2 18 Eine alte Dame aus dem Frankfurter Stift, die in feierlicher Ordenskleidung erſchienen war, flüſterte, als das ungleiche Paar vorüberſchritt, ihrer Nach⸗ barin, einer Banquiersfrau, in's Ohr: „Iſt denn das Trauerjahr ſchon herum?“ „Es muß wohl ſein, da ſie die Trauer abgelegt hat,“ entgegnete gleichmüthig die Andere. „Aber der Anſtand erfordert doch, bei dem Tode des Mannes ein Jahr und ſechs Wochen lang kein buntes Kleid zu tragen—“ „Sie hat ja auch kein buntes Kleid an.“ „Einen Epheukranz aber in den Haaren— iſt das denn Trauer?“ „Der arme Lord Waterford,“ fuhr redſelig die Stiftsdame fort,„er ahnte nicht, als er die junge, üppige Pflanze in ſeinen Wintergarten verſetzte, daß dieſer Wintergarten bald zum Kirchhof für ihn, und der Kirchhof dann für ſie zum Salon und Tanzſaal werden ſollte, ehe noch ein Jahr verfloſſen.“ „Kennen Sie die Gräfin Waterford genau?“ „Ob ich ſie kenne? Ich habe ſie ſogar aus der Taufe gehoben, ſie iſt das einzige Kind meiner beſten — —* Freundin. Die arme Hammerſtein ſagte immer zu mir: Dina kommt hoffentlich ſpäter ins Stift, da mußt Du Dich ihrer annehmen. Jetzt hat mich die junge Wittwe nicht nöthig und denkt auch nicht an mich,— das iſt ſo der Weltlauf!“ Eben trat eine auffallend bleiche, junge Frau, die wie Lady Waterford ebenfalls allein kam, ein. Die Stiftsdame flüſterte wieder, indem ſie die Vorübergehende muſterte:„Sie ſieht elend aus!“ und auch die Banquiersfrau ſagte diesmal ſehr ſpöttiſch:„Meine theure Eliſe ſcheint an einer un⸗ glücklichen Leidenſchaft zu laboriren, denn als ich ſie letzthin beſuchte,— Sie wiſſen, wir ſind ſehr intim,— ſaß ſie am Klavier und ſang:„Leid⸗ voll und freudvoll.““ Ich bitte Sie! Clärchens Lied von der Mutter von fünf Kindern geſungen, i*ſt das nicht lächerlich?“ „Ich glaube, es iſt Gretchens Lied!“ ſagte die Stiftsdame, die daſſelbe Zimmer bewohnte, welches einſt die Günderrode in ihrem Stifte inne gehabt und die deshalb das Buch von Bettina geleſen hatte und dann um Bettina's willen den ganzen Goethe. 2* 20 „So iſt es Gretchen. Das kann ſein! Ich liebe Goethe nicht,— ſein Hauptwerk, Wilhelm Meiſter, iſt mir zu ſentimental.“ „Sentimental? Wilhelm Meiſter?⸗ „Nun, iſt es denn nicht ſentimental,— wenn ſich Einer aus Liebe erſchießt?“ „Aber Meiſter erſchießt ſich gar nicht— 1„Nein,“ ſagte ein Lieutenant in knapper Uniform, der hinter den beiden Damen ſtehend ihre letzten Erörterungen angehört,—„nein, er erſchießt ſich nicht, er wird erſchoſſen, wie ich mir hab' erzählen laſſen, denn zum Leſen bleibt unſer Einem keine Zeit, aber ich habe gehört, daß Meiſter als Demokrat er⸗ ſchoſſen wird.“ „Du lieber Gott,“ ſagte die Stiftsdame, die Hände mit einem gewiſſen literariſchen Entſetzen faltend,„er kommt ja gar nicht um's Leben.“ „Das iſt ſehr unrecht,“ verſetzte nun laut ein junges, rothwangiges Mädchen, die Tochter der Banquiersfrau, mit einem Blick nach der glänzenden Uniform, denn es wurde eben ein Walzer geſpielt * 21 und ſie hatte keinen Tänzer;—„man ſollte dieſe Demokraten nicht ſchonen!“ Der Lieutenant führte augenblicklich die loyale Dame in das Tanzzimmer, wo man auf dem Klavier ein paar Tänze improviſirte; die Stiftsdame aber konnte ihren literariſchen Schrecken nicht überwinden und ſagte zu ihrer Nachbarin: „Der ſelige Geheimerath wird Ihnen heute Nacht erſcheinen und Ihnen vorhalten, daß Sie Gretchen mit Clärchen und Werther mit Meiſter verwechſelt.“ Die Dame ſchien aber nicht an Geiſter zu glauben, denn ſie ſagte ruhig:„So eine Ver⸗ wechſelung kann jedem paſſiren, und beſonders, ſeitdem wir Goethe hier an ſeinem Geburtstage auf der Bühne geſehen, hat er alle Popularität verloren. Ich bitte Sie, haben Sie je eine ähnliche Geſchmackloſigkeit geſehen, wie die iſt, einen Franzoſen auf der Bühne einen ganzen Abend hindurch deutſch radebrechen zu laſſen? Wir haben genug, wenn wir das den Tag über von unſeren Köchen anhören müſſen!”“ „Aber dafür kann ja Goethe nicht, das Stück „„der Königslieutnant““ iſt ja nicht von ihm,“ ſagte wieder die Stiftsdame, die heute Abend zu einem Blauſtrumpf wurde, ohne daß ſie ſelbſt wußte, wie es zuging,„er kann ſich ja doch nicht ſelbſt auftreten laſſen!“ „So, hat Goethe das Stück nicht geſchrieben?— Sieh', ſieh', das meinten wir Alle!“ Damit ſchloß dieſe Literatur⸗Unterhaltung und die Damen kehrten auf ihnen geläufigere Gegen⸗ ſtände zurück. Die beiden Frauen aber, über die ſie im Anfange ſo liebevolle, wohlwollende Urtheile fallen ließen, die hohe Gräſin Waterford und die bleiche Legationsräthin Lavallon ſaßen Hand in Hand in einem der letzten Zimmer und unterhielten ſich freundlich miteinander, nicht ahnend die boshaften Angriffe, zu denen der Epheukranz der Einen und die blaſſen Wangen der Anderen Veranlaſſung gegeben. Dina Waterford blickte jetzt auf, denn ein un⸗ gewöhnlich ſtarker Parfüm erweckte ihre Aufmerkſam⸗ keit und vor ihr ſtand Felix Walram, unſer Be⸗ kannter aus dem Römiſchen Kaiſer. „Ich höre ſo eben, daß Sie morgen auf dem Ball erſcheinen werden, gnädige Gräfin; darf ich Sie um einen Tanz bitten,“ ſagte er mit einem gewiſſen Eifer. „Morgen,— ach Gott, Baron Walram, ich weiß noch gar nicht, ob ich Morgen erlebe! Heute denk' ich das nie!“ „Und doch,“ ſagte Felix lächelnd,„haben wir Deutſche ſo viel fürſichtige, vortreffliche Sprüch⸗ wörter über den morgenden Tag, die Zukunft, das Ende!“ „Wie kommen Sie darauf?“ „Ich habe zu Hauſe einige Sprüchwörterſamm⸗ lungen durchblättert—“ „Ahl das iſt alſo Ihre Lectüre. Heute Morgen wurde zwiſchen einigen Damen die Frage aufge⸗ worfen, ob Sie ſeit Ihrem Abgang von der Univer⸗ ſität überhaupt ein Buch in die Hand genommen—“ „Was ſagten Sie, gnädige Frau?“ „Ich ſagte, höchſtens in der Oper— den Text!“ „Da brauche ich ſchon nicht mehr zu fragen, was die Andern ſagten.“ „Das ſollen Sie aber dennoch hören.— Die eine, die einmal gehört, Lord Byron ſei ein vor⸗ 24 nehmer Roué geweſen, denn geleſen hat ſie ihn nicht,— meinte, Sie läſen Lord Byron; und die andere meinte gar, Paul de Kock.—“ „Lord Byron und den Operntext will ich nicht er⸗ örtern, aber ich bitte mir doch eine Erklärung aus, wodurch ich verdient habe, daß man mir Paul de Kock als Lieblingslectüre zutraut?“ Die ſchöne Dina zuckte gleichmüthig die weißen Schultern. „Sie ſind mir das wahrhaftig ſchuldig, gnädige Gräfin! Sie müſſen mir wenigſtens die Frage be⸗ antworten, was Sie betrifft.— Habe ich Ihnen je Veranlaſſung gegeben—„ Die junge Wittwe bewegte unmuthig das epheu⸗ umſchlungene dunkle Haupt.„Werden Sie nicht umſtändlich, lieber Baron—“ „Das heißt: langweilig,“ ſchaltete Felix ge⸗ reizt ein. „Oder auch langweilig!“ ſagte mit einem kleinen, geringſchätzigen Gähnen die ſchöne Frau, und hielt, um das zu verdecken, den durchbrochenen chineſiſchen Elfenbeinfächer vor den Mund. 25 „Wo haben Sie dieſen wunderbaren Fächer her?“ frug Felix. „Mein Gemahl hat ihn mir in Paris gekauft! Nicht wahr, er iſt von ſeltener Schönheit?“ „Ja, ja,“ ſagte Felix,„Lord Byron kannte auch dieſe Inſtrumente, die nur erfunden ſind, uns auf alle Weiſe wehe zu thun, ſei es nun, um ein ſpöttiſches Lächeln oder ein kleines Gähnen zu ver⸗ bergen, oder was noch das Beſte, um uns einen ſanften Schlag damit zu verſetzen: Doch oft verletzen Frau'n uns hart damit, Der Fächer wird zum Schwert in ihrer Hand— Warum und wie? Noch Keiner hat's erkannt! Doch ich vergeſſe über Lord Byron Paul de Kock.“ „Ouälen Sie mich nicht mehr!“ ſagte nun wirk⸗ lich etwas geängſtigt die Dame.„Man muß den Frauen nicht jedes Wort auf die Wage legen,— ſonſt revanchiren ſich die Frauen, und dabei würden ſich die Männer ſehr ſchlecht ſtehen!“ „So ſagen Sie mir, ob Sie morgen mit mir tanzen wollen.“ ———— 26 „Ich werde wahrſcheinlich gar nicht tanzen.“ Felix verbeugte ſich und trat, ohne weiter ein Wort zu verlieren, zurück.. „Sie haben ihn gekränkt,“ bemerkte die Lega⸗ tionsräthin, die zugehört.— „Das ſollte mir leid thun,“ ſagte Dina gut⸗ müthig.„Aber er iſt heute ſo unendlich parfümirt, daß ich der Verſuchung, ihn etwas zu mißhandeln, nicht widerſtehen konnte. Sie glauben nicht, wie dieſe„Löwen““ mir zuwider ſind!“ „Aber, mein Gott, Sie ſehen ja gar keine andern Männer?“ „Männer? Bitte, liebſte Freundin, fällt Ihnen je bei dieſen Löwen ein, daß ſie zu dem Geſchlechte gehören, das Gott urſprünglich zuerſt erſchuf? Dem Himmel ſei Dank, ich ſehe zuweilen noch wirkliche Männer, freilich ſelten genug; hingegen jeden mir geſchenkten Tag eine Maſſe parfümirter, pomadirter, wohlgantirter und geſchnürter„„Herren!““ „Gehört Walram nur zu den Letztern?“ „Ich habe mir nie die Mühe gegeben, weiter zu forſchen, obgleich er mich häufig beſucht und auch — 1 öfters mit mir ausreitet. Wir ſprechen dann wie die Andern nur von Pferden, Toiletten und Muſik,— und das geht glatt weg, dabei ziehe ich ihn auf,— denn ſo oft mir ein Parfüm aus den Kleidern eines Mannes entgegenſtrömt, muß ich an den Weihrauch und die Specereien denken, mit welchen die alten Prieſter bei ihren Ceremonien ſich vor den Augen des Volkes umhüllten,— es war doch auch nur, um zu verdecken, daß nichts dahinter ſteckte! So ein Ele⸗ gant iſt auch ein Wunder, das man leicht durch⸗ ſchauen würde, wäre nicht der Dunſt und Wohl⸗ geruch!“ „Sie ſind eigentlich eine undankbare Frau! Das Gros Ihrer Anbeter beſteht doch aus unſern Elegants!“. „Muß man dem Mückenſchwarme, der einem den Genuß der Sonne und Luft verkümmert, dankbar ſein?“ „Dina, Sie ſind bei Gott zu übermüthig!“ Die junge Wittwe lachte laut auf.„Sie haben Recht, ſo ſcheint es,— und um Ihnen zu zeigen, wie viel beſſer ich bin, als Sie glauben, will ich heute Abend noch den Kurländer verſöhnen, der mir am Ende doch noch weniger unangenehm iſt, wie die meiſten Uebrigen,— denn er iſt beſcheidener!“ „Wiſſen Sie überhaupt etwas von ihm? „Nichts, als daß er ſehr reich und ganz unabhüngig ſein ſoll! Aber ein Mann, der ſein vier und zwanzig⸗ ſtes Jahr zu nichts Beſſerem anzuwenden weiß, als alle Abend einen andern Frack anzuziehen, die Morgen bei den Damen zu verplaudern und die Nachmittage mit einem Paar anderen Fainéants todt zu ſchlagen,— der verdient doch eigentlich gar nicht, daß zwei ſo vernünftige Frauen, wie wir ſind, ſo lange von ihm ſprechen.“ „Um Vergebung, Dina, was thun Sie denn den ganzen Tag?“ frug boshaft die Legationsräthin. „Ich! O, das iſt etwas Anderes,— ich gehe mit großen Entwürfen um,— ich will ein Landgut kaufen, eine große Reiſe nach dem Süden machen—!“ „Und einſtweilen ziehen Sie jeden Abend ein anderes Kleid an, empfangen jeden Morgen ein — 29 „Nun ja,“ lachte Dina,„aber Alles nur„„einſt⸗ weilen.““ „Was iſt unſer ganzes Leben denn anders!“ ſagte mit einem Anflug melancholiſcher Schwärmerei die Legationsräthin. Dina ſah ſie verwundert an,— welcher Kummer drückte die Frau, die ſie bisher immer für eine zu⸗ friedene Gattin und ſehr glückliche Mutter gehalten? Als Frau von Lavallon die geſpannten auf ſie gerichteten Blicke ihrer Freundin bemerkte, lenkte ſie mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit deren Aufmerkſam⸗ keit auf etwas Anderes. „Der öſterreichiſche Geſandſchaftsſecretair ſucht ſchon lange einen Blick von Ihnen zu erhaſchen; laſſen Sie ſich endlich rühren, Dina!“ „Nein!“ antwortete die junge Wittwe auf⸗ ſtehend.—„Sie haben mich beunruhigt mit Ihren Vorwürfen, daß ich Herrn von Walram beleidigt,— ich muß erſt meinen Frieden mit ihm machen.“ Sie ging wirklich, um ihn zu ſuchen und hoffte, daß, ſobald er ſie ſähe, er auf ſie zueilen werde und es ihr dann ein Leichtes ſei, durch ein Paar 30 freundliche Worte ihn wieder zu beglücken, denn obgleich er ihr ziemlich gleichgültig war, ſo glaubte ſie ſich doch von ihm geliebt— oder wenigſtens das, was man in der großen Welt angebetet nennt, und was eigentlich ſehr wenig iſt. Ihre Koketterie— denn wir können es nicht verſchweigen, Dina war ein klein wenig kokett— ahnte ſelbſt nicht, daß eben nur der Gedanke ſie beunruhigte, einen der glän⸗ zendſten ihrer Anbeter verſcheucht zu haben. Sie ſah ihn bald in einer eifrigen Unterhaltung mit der verheiratheten ſchönen Tochter des Hauſes begriffen,— ſie trat näher, er bemerkte ſie nicht—; endlich verdroß ſie das ſo ſehr, daß ſie ſich geradezu neben die junge Ruſſin ſetzte und mitten in ihre Unterhaltung mit Walram an ſie die Frage richtete: „Wie ſteht es mit Ihrem Pferde, liebe Baronin, haben Sie ſich beſonnen und wollen Sie mir es verkaufen?“ 4 Die Ruſſin wandte ihr lächelndes Antlitz ihr zu und ſagte freundlich:„Ich kann mich nicht von dem Schimmel trennen, Gräfin; Sie müſſen ſich ein anderes Pferd wählen.“ Dina aber ſagte Walram fixirend:„O, Sie kennen mich nicht, ich bin eigen⸗ ſinnig,— wenn eine meiner Launen auf Etwas ge⸗ richtet iſt, dann laſſe ich nicht nach!“ Walram aber, als ſehe und höre er ſie nicht, ſtand auf und wollte fortgehen. Da rief Dina— er war ſchon beinahe fort—: „Herr von Walram, wollen Sie morgen früh um zwölf Uhr zu mir kommen? Wir wollen ausreiten, es iſt eine große Geſellſchaf! Wünſchen Sie auch daran Theil zu nehmen?“ wandte ſie ſich zur jungen Ruſſin. Die junge Frau lehnte ab, weil ſie vom heutigen Abend zu ſehr ermüdet ſein werde. Walram nahm ſchweigend durch eine Verbeugung ihre Einladung an; doch Dina wollte heute durchaus Frieden mit ihm haben und ſagte nun freundlich, als die andere Dame ſich in ein Geſpräch mit einem alten Herrn verwickelte: „Die Legationsräthin Lavallon behauptet, ich hätte Sie beleidigt, Baron Walram, iſt das wahr?“ Felix ſah ihr lächelnd in die Augen und ſchüttelte den Kopf. * 32 Dina war das nicht ganz recht, aber ſie ſagte heiter:„Nicht wahr, das war wieder ſo eine Phantaſie von meiner guten Freundin?u „Ihre Freundin könnte Recht haben, wenn ich— um meinetwillen in Ihre Nähe mich zu drängen wagte.“ Dina ſah auf, wie aus den Wolken gefallen, Walram war aber fort. Was ſollte das heißen: „Wenn ich um meinetwillen in Ihre Nähe mich zu drängen wagte“? Hieß das nicht deutlich, daß er für einen Andern ſie kennen lernen, ſie gewinnen wollte? Für wen denn? Wer konnte das ſein?— Aber das war doch wohl nur eine Rache? Es war freilich die empfindlichſte, die er hatte wählen können; denn ſagte er damit nicht, daß nicht ſeine Bewunderung, ſein Geſchmack ihn ſo häufig zu ihr führe, ſondern nur das Beſtreben, einem Andern zu dienen? War das nicht geradezu impertinent?— Sie beſchloß, ſich zu rächen, und fuhr bald darauf verſtimmt nach Hauſe. Hatte Walram auch nicht, um ſte zu beſtrafen, dieſe Aeußerung gethan, er hätte nichts Klügeres erdenken können, um ſich ihr intereſſant zu machen. Drittes Kapitel. Die Wienerin. In einem der neuerbauten palaisartigen Häuſer am Mainquai ſaß an einem der tief herabgehenden Fenſter des erſten Stockwerkes ein junges, ſehr hübſches Mädchen. Sie ſah träumeriſch das gelb⸗ liche Mainwaſſer, worauf große Eisſchollen trieben, und beachtete durchaus nicht, daß vor ihr auf einem ſilbernen Teller zwei dampfende Taſſen Chocolade ſtanden. Als die Thür raſch geöffnet wurde und ein junger Mann hereintrat, ſchrak ſie heftig zuſammen. Der Eintretende gewahrte das und ſagte vorwurfsvoll: „Seit wann erſchrickſt Du, Lori, wenn ich zu Dir komme?“ „Guten Morgen, Joſeph!“ ſagte ſtatt aller Ant⸗ wort die Kleine und präſentirte ihm eine der Taſſen, die er ohne Umſtände annahm, während er noch einmal frug:„Seit wann erſchrickſt Du?“ Der neue Kreuzritter. „Ich bin nicht erſchrocken, weil Sie eintraten, ſondern weil die Thüre raſch geöffnet wurde und ich in tiefen Gedanken ſaß.“ „Du erwarteteſt mich doch, denn die Chocolade war ja ſchon eingeſchenkt?“ „Vorhin glaubte ich, Ihren Schritt zu hören, und da goß ich ſie ein,— es war aber Jemand Anderes!“ „Früher irrteſt Du Dich auch nicht in meinem Schritt! Du biſt in Allem verändert!“ „Nein, Joſeph, ich bin dieſelbe geblieben! Glauben Sie mir's!— aber ich habe das Heimweh nach Wien,— Sie hätten mich nicht hierher bringen ſollen. Ich gefalle in keiner Rolle!“ „Das iſt nicht wahr; in allen Rollen, wo Dein wieneriſches Sprechen keinen Anſtoß giebt, ärndteſt Du Applaus;— aber Du haſt halt das Heimweh!“ „Ich habe halt das Heimweh!“ ſagte gedankenlos Lori und ſtrich mit der Hand über ihre runde Kinder⸗ ſtirn, als wären da Falten wegzuwiſchen. „Und warum ſagſt Du jetzt immer„Sie“ zu mir, auch wenn wir allein ſind?“ 35 ——O— „Es iſt mir halt nicht nach„Du“ um's Herz,“ antwortete mit einem gewiſſen Trotz die Kleine und ſtand auf, öffnete ihren Flügel und ſchlug mit ſicherer Hand ein paar Accorde an. „Eine ſchöne Antwort für einen treuen Lieb⸗ haber!“ „Ach, Joſeph, reden Sie mir nicht von Ihrer Treue, ich habe Sie ja nie darnach gefragt!“ „Ich ſoll wohl nicht von meiner Treue reden,“ ſagte gutmüthig lachend Joſeph Huber, unſer zweiter Bekannter aus dem Römiſchen Kaiſer,„weil Du von der Deinigen nicht zu ſprechen wagſt?“ „Sie haben immer viel ſchlechte Eigenſchaften gehabt,— aber eiferſüchtig waren Sie bisher nicht,— fangen Sie das nicht auch noch an!“ „Doch, Lori,— denn ich habe jetzt Urſache dazul⸗ Lori maß ihn vom Scheitel bis zur Sohle, dann ſagte ſie langſam und bitter:„Kein Recht und keine Urſache!“ Der gutmüthige Joſeph ſelbſt wurde aber jetzt ärgerlich.„Dieſe Manieren, Lori, gefallen mir nicht, 4. ich will nach Hauſe gehen und erſt wiederkommen, wenn Du beſſerer Laune biſt.“ „Thun Sie das, Herr von Huber!“ Joſeph hatte ſchon, ohne Abſchied zu nehmen, die Thürklinke in der Hand, aber ſeine freundliche Natur ertrug einen ſolchen Abſchied nicht, er kam noch einmal auf das Mädchen zu und bot ihr die Hand: „Sekire mich nicht, Lori, komm— u Lori ſah aus, als wenn ſie gemartert würde, ſie überwand ſich aber, legte ihre Hand in die ſeine und ſagte leiſe:„Bitte, kommen Sie ein Paar Tage nicht, es iſt Etwas in mir, das ich überwin⸗ den muß, ich weiß ſelbſt nicht, wie ich es nennen ſoll: Heimweh, Unwohlſein, üble Laune, oder Ver⸗ druß, aber ich werde drüber'naus kommen, wenn man mir Zeit läßt.“ „Ein Paar Tage nicht,— das halt' ich nicht aus, Lori!“ „So kommen Sie wenigſtens erſt morgen früh, nicht heute um Ihre gewöhnliche Zeit, nach Tiſch!“ „Gut, Lori, ich will Dir den Gefallen thun, aber überwinde Dein Heimweh, in ein Paar Wochen ſind meine Geſchäfte zu Ende, ich kehre wiederum nach Wien zurück, und Dir auch verſchaffe ich dort ein gutes, neues Engagement, und dann biſt Du wieder mein altes, fröhliches Lorel!“ Lori nickte; er ſchüttelte nochmals ihre Hand und ging. Als er draußen war, ſchob ſie ſchnell den Riegel vor und ſank weinend in einen Seſſel und rang die Hände. Da klopfte es wieder leiſe an die Thüre. Lori ſprang auf, trocknete vor dem Spiegel ihre Thränen und ging dann zu öffnen. Obgleich es bis dahin eine ziemliche Weile gewährt, hatte dennoch das Klopfen ſich nicht wiederholt; es mußte ein beſchei⸗ dener Beſucher ſein. Dem war auch ſo,— vor der nun geöffneten Thür ſtand ein junges, bleiches, ärmlich gekleidetes Mädchen mit dem Ausdruck über⸗ ſtandener Leiden in den regelmäßigen Zügen. „Wohnt hier Fräulein Günther?“ frug ſie ängſtlich. In Lori's abgeſpannten Zügen erwachte Theil⸗ nahme und Freundlichkeit. „Sie heißen Lieschen, nicht wahr, und Herr von Huber ſchickt Sie zu mir?“ — 38 „Ja wohl, er ſagte, Sie würden mir Arbeit geben, da mich der Meiſter, bei dem ich bisher Schuhe einfaßte, entlaſſen hat.“ „Treten Sie ein,— ſetzen Sie ſich!“ Aber das Mädchen blieb an der Thüre ſtehen und betrachtete mit ſcheuem Blick die eleganten Möbel und das ſchwere Atlaskleid der jungen Schau⸗ ſpielerin;— es lag nicht Verwunderung, ſondern Mißtrauen in dem Blicke des armen Mädchens. Lori war an das Fenſter getreten und ſtarrte in die gelben Waſſer des Mainſtroms und jede dahin⸗ gleitende Eisſcholle hätte ſie fragen mögen:„Was ſoll ich thun?“ Endlich blitzte ein Entſchluß in ihrer Seele auf— und jeder Zweifel war in ihrer ſüdlichen, ſanguiniſchen Natur überwunden. Sie drehte ſich raſch zur armen Näherin und ſagte, indem ſie dicht vor ſie trat:„Wiſſen Sie, daß Gott Sie zu mir geſchickt hat— in einem Augenblicke, wo ich ganz rathlos, ganz verlaſſen war?“ „Sie, Sie, rathlos, verlaſſen?“ frug in un⸗ gläubiger Verwunderung Lieschen. 39 „Ja doch! Ich befinde mich in einer unglück⸗ lichen Lage und habe keinen Freund, keinen Diener, dem ich vertrauen könnte— alle ſind an Huber verkauft, ſind ſeine Creaturen!“ Lieschen ſagte nichts, aber ihr Erſtaunen wuchs offenbar mit jeder Minute.— „Sie werden mich verſtehen, Mädchen, wenn ich Ihnen ein Paar Worte ſage: Ich liebe ihn nicht mehr!“ „Sie lieben ihn nicht mehr? Was hat er Ihnen gethan?“ „Nichts,— gar nichts! Er überhäuft mich mit Geſchenken, er kommt jeden Tag zweimal zu mir,— er ſagt mir gar nichts als ſüße Worte,— aber— ich liebe ihn nicht mehr,— und ich will fort,— und das noch heute! Und Sie ſollen mir behülf⸗ lich ſein.“ „Ich? Aber'der Herr iſt mein Wohlthäter. Wie ein Schutzengel iſt er mir erſchienen und hat mir das Leben gerettet und mich zu Ihnen ge⸗ ſchickt, daß Sie mir Arbeit und Troſt ſpenden, und Sie—“ 40 „Ich will, daß Sie ſich mit mir gegen ihn ver⸗ ſchwören. O, fürchten Sie nicht, ihn zu tief zu kränken, indem Sie mir zu meiner Flucht behülflich ſind! Er wird mich bald vergeſſen, denn er iſt grenzenlos leichtſinnig!“ „Aber gut!“ „Gut? Ja, das iſt er und das iſt das Einzige in ihm, was mich immer noch hielt. Für keinen Schmerz hat er ein hartes Wort,— heißt, wenn dieſer Schmerz unmittelbar vor ihn tritt;— auf der andern Seite kann er durch ſeinen Leicht⸗ ſinn Hunderten das Leben rauben, ohne daran zu denken. Für jeden Bettler iſt ſein Beutel offen, und er iſt doch nur nach Frankfurt gekommen, um ehrliche Leute um ihr Geld zu bringen, aber das nennt er negociren!“ „Das verſtehe ich nicht!“ „Das glaube ich wohl! Sieh, komm mit mir, Mädchen, hier an meinen Tiſch; ſieh dieſe Schieb⸗ lade voll Schmuckſachen,—„ „Hat er die alle Ihnen geſchenkt?“ „Beinahe alle!“ 4— — 41 „Und Sie lieben ihn nicht mehr? Heiliger Gott!— ich liebe Heinrich auch nicht mehr, aber der iſt immer leichtſinnig geweſen und hat mich ver⸗ leugnet vor den Menſchen, mich nicht kennen wollen, wenn er im Staat an mir vorüber ging,— hat mich belogen, betrogen und verlaſſen;— aber Ihr Liebhaber—“ „Hat mir all das geſchenkt!“ rief mit einem bittern Lachen die Schauſpielerin und warf verächt⸗ lich Ketten, die Ringe und Berloquen auf den Tiſch. „Nimm das, Mädchen!— Du wirſt mich nicht verrathen, wenn ich Dir ſchwöre, daß Niemand durch untem Durcheinander die Spangen und meine Flucht unglücklich wird. Der Theaterdirector, deſſen Contract mit mir noch drei Monate läuft, findet hundert beſſere Schauſpielerinnen.“ „Aber er?—“ „Und er hundert beſſere Geliebten! Neun und neunzig liebt er vielleicht ſchon jetzt neben mir, es braucht alſo nur die Hundertſte für mich einzutreten. Nun höre mich! Nimm dies hier und trage es zu einem Juwelier und ſage, es gehörte einer ruſſiſchen 42 Gräfin, die in Geldverlegenheit ihren Schmuck ver⸗ kaufen müſſe. Wenn ihre Wechſel früh genug an⸗ langten, werde ſie ihn binnen drei Tagen wieder einlöſen. Sage das, um keinen Verdacht zu er⸗ wecken.“ „Fräulein, ich thue das nicht gern!“ „Das weiß ich,— aber ich will Dir's reich belohnen! Sieh, ſelbſt kann ich dieſe Sachen nicht verkaufen, ich bin zu ſehr bekannt.— Permamn hat mich auf der Bühne geſehen.“ „Ich begreife!“ „Wenn Du die Sachen verkauft haſt,—“ „Soll ich ſie um jeden Preis geben?“ „Gewiß! Mir liegt nichts daran, aber ich muß Reiſegeld haben,— meine Gage iſt längſt ausge⸗ geben, und von Huber mag ich doch zu dieſem Zweck nicht unter falſchem Vorwande mir Etwas geben laſſen. Alſo wenn Du die Sachen verkauft haſt, kommſt Du mit einem großen Carton zu mir; man hält Dich dann für das Mädchen der Putzmacherin, die häufig zu mir ſchickt. Ich muß wegen meiner Hausleute und meines eigenen Stubenmädchens wegen dieſe Vorſicht gebrauchen. Mit dieſem Carton kannſt Du drei⸗, viermal wiederkommen,— man denkt dann, ich habe Etwas ändern laſſen. Ich werde unterdeß das Mädchen entfernt halten und Dir nach und nach alles einpacken, was ich unumgänglich nöthig brauche. In Deiner Wohnung hältſt Du die Sachen bis zum Abend verborgen, Du nimmſt dann einen Fiaker und fährſt damit nach dem Poſthofe, wohin ich von hier aus zu Fuß gehen werde. Willſt Du, liebes, gutes Lieschen, willſt Du?“ „Es iſt ſo ſehr undankbar gegen Herrn von Huber!“ ſagte in offenbarer Pein und von den widerwärtig⸗ ſten Gefühlen beſtürmt das Mädchen. Es war zu natürlich, Lori konnte ihr nicht ge⸗ fallen. Nervenaufgeregt wie ſie war, mit ihrem heftigen, dictatoriſchen Weſen, umgeben und bereichert von Huber's Geſchenken, den ſie ſchmähte, aber auf eine Weiſe, die das einfache Mädchen nicht ver⸗ ſtehen konnte,— mußte ſie Lieschen gegen ſich ein⸗ nehmen, und das geſchah auch; aber dennoch wagte dieſe dem heftigen Eindringen der ſtürmiſchen Lori keinen entſchiedenen Widerſpruch entgegen zu ſetzen. 44 Sie ließ ſich geduldig die Kleinodien in ihr Arbeits⸗ körbchen packen und ging damit fort, Lori aber ganz triumphirend im Zimmer herum, bis wiederum ein Klopfen an der Thüre ſie aufſchreckte. Es war Walram, der eintrat.„Guten Morgen, Fräulein Lori, wie geht es Ihnen? Ich komme, um Ihnen die verlorene Wette zu bringen.“ Und er öffnete noch einmal die Thüre und nahm einem Jungen ein Hündchen vom Arme.„Sehen Sie, daß es noch ächte Bologneſer giebt?“ „Ah, charmant! Wo haben Sie das kleine Prachtexemplar aufgetrieben?“ „O,“ ſagte Walram lachend,„Sie behaupten ja immer, ich habe gute Geiſter im Dienſte,— die haben mir es verſchafft!“ „Ja wohl! Ihr guter Geiſt„Stanislaus“ wird das geweſen ſein, unterſtützt von Ihrem andern guten Geiſt„Geldbeutel.“ „Sein Sie heute nicht ſo proſaiſch, Lori, Sie ſind es ja außerdem nicht, und ich habe oft Huber um eine Freundin beneidet, die das Leben ſo ganz und gar von der lichten Seite nimmt.“ 4⁵ „Sie wollen ſagen, von der leichten! Aber beneiden Sie den guten Joſeph nicht mehr. Ich habe die Abſicht, ihn zu verlaſſen,— wieder nach Wien zurückzukehren. Was ſagen Sie dazu, Herr Baron?“ „Thun Sie das nicht, Lori! Dann iſt Joſeph verloren! Sie müſſen um Seinetwillen hier bleiben!“ „Um Seinetwillen!“ ſagte langſam das Mädchen. Walram aber, ohne ihren Ausruf zu beachten, fuhr fort:„Ich brauche Ihnen Joſeph's Charakter nicht auseinanderzuſetzen, Sie kennen ihn beſſer, länger als ich. Er iſt ein guter, liebenswürdiger, aber grenzenlos leichtſinniger Menſch. Es giebt keine Tollheit, keinen Unſinn, vor dem er zurückweicht; Bedenken kennt er nicht, dem Vergnügen gegenüber, und das, was man Gegwiſſen nennt, hat er auch nicht, aus dem einfachen Grunde, weil er nie an die Vergangenheit denkt, das heißt, an eine Ver⸗ gangenheit, die nicht Vergnügen iſt, und weil er nur dem Augenblicke lebt.“ „Bei einem ſolchen Menſchen bin ich ja auch überflüſſig!“ 46 „Das ſind Sie nicht! Sie ſind die Einzige, die einen Einfluß auf ihn hat! Ich weiß nicht, ſoll ich es Liebe, Gewohnheit, oder einen kleinen Zauber nennen.“ „Das Letztere wird Ihnen wohl ſehr ſchwer bei mir anzunehmen, Herr Baron?“ ſagte Lori, nicht kokett, ſondern mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit. Walram aber entgegnete ruhig:„Durchaus nicht, denn ich finde, daß Sie ein ſehr hübſches, ſehr gutes und ſehr offenes Mädchen ſind; iſt das nicht genug, um zu bezaubern?“ „Nein,“ ſagte Lori trocken,„es gehört noch was Anderes dazu,— ein gewiſſer Reiz!—“ „Der iſt aber für Jeden verſchieden.“ „Wie heißt der, der Ihnen gefährlich wäre, Herr Baron?“ „Ach, liebe Lori,“ ſagte Felix, ihr die Hand reichend,„Sie ſind die Einzige auf der ganzen Welt, der ich das ſagen möchte! Glauben Sie mir, daß. ich noch nie daran gedacht, wie eine Frau beſchaffen ſein müßte, die mir gefährlich würde?“ „So haben Sie ſich alſo unbewußt dem Zauber hingegeben?“ Felix ſchüttelte lächelnd den Kopf. „Sie werden mich doch nicht wollen glauben machen, daß Ihnen ſchöne Frauen gar nicht gefähr⸗ lich ſind?“ „Keine Frau iſt mir gefährlich,“ ſagte Felix auf⸗ ſtehend und im Zimmer auf und abgehend,—„aber ſie ſind mir werth— und ich halte ſie hoch.“ Lori war auch aufgeſtanden, ein heller Zorn malte ſich in ihrem lieblichen Geſichtchen, und ſie murmelte leiſe zwiſchen den Zähnen:„Er iſt doch ein Geck!“ Felix Walram aber, ihrer Gegenwart vergeſſend, ging immer noch geſenkten Hauptes im Zimmer auf und ab. „Wiſſen Sie,“ bemerkte Lori endlich,„daß es keine größere Beleidigung für eine Frau giebt, als wenn ein Mann ihr ſagt: daß ihr Geſchlecht ihm gleichgültig ſei?“ „Das habe ich nicht geſagt!“ rief Felix eifrig und ſtillſtehend in ſeiner Promenade. „Doch etwas Aehnliches! Ja, ja, ich will wieder nach Wien zurückkehren, denn die drei Herren, die hier Zutritt bei mir haben: Sie, Huber und Heatheote ſind mir denn doch zu„ſchlecht geſinnt.“ Huber iſt durch und durch blaſirt, nausverliebt,“ wie ich es nenne, Herr Heathrote hat gar kein Herz, und Sie—“ „Ich habe Anderes zu thun, als mich um dies unbequeme, egoiſtiſche Ding, in der Beziehung, wie Sie es meinen, zu kümmern. Freilich bei uns Dreien kann es einem jungen, ſchönen, anbetung⸗ bedürftigen Mädchen nicht gefallen. Ich ſage aber doch, bleiben Sie hier und halten Sie Ihre Hand über Joſeph!“ „Nein, ich gehe, Herr Baron, und wenn ich fort bin, dann“— ihre Stimme wurde weicher—„dann nehmen Sie ſich ſeiner an, und vor Allem verrathen Sie ihm nie dieſe Unterhaltung!“ Felix ſagte:„Was haben wir denn ſo Wichtiges geſprochen, das er nicht wiſſen dürfte?“ und ver⸗ letzte durch dieſe Worte ein ihm zugethanes Herz auf's Tiefſte. Kalt entließ ihn Lori, und auch der arme, kleiné Bologneſer, den ſie mit ſolchem Entzücken empfangen, 49 mußte ihren Zorn büßen,— ſie würdigte ihn weiter keines Blicks und verließ das Zimmer, und das hülfloſe Thier rannte mit leiſem Wimmern aus einer Ecke des ihm fremden Raumes in die andere. Währenddeß lief Lieschen bei allen Juwelieren Frankfurts herum. Man bot ihr überall eine ſo kleine Summe, daß ſie gar nicht wagte, die ſchönen Juwelen, das funkelnde Geſchmeide dafür herzugeben. Endlich mußte ſie ſich doch dazu entſchließen und unter dem Vorbehalt, es im Laufe der nächſten drei Tage wieder einlöſen zu dürfen, gab ſie es her und brachte mit trauriger Miene die Goldſtücke zu Lori, die aber vollkommen damit zufrieden war, da die Summe mehr betrug, als ſie zu ihrer Reiſe nach Wien bedurfte. Sie packte nun Lori eine Maſſe ihr unentbehrlich ſcheinender Dinge auf und bat ſie, im Laufe des Nachmittags noch einmal wiederzu⸗ kommen. Als Lieschen aber nicht kam und die Uhr ſechs ſchlug,— um ſieben ging der Poſtwagen ab, den ſie benutzen wollte,— nahm ſie von allen ihren zurückbleibenden kleinen Herrlichkeiten mit leichtem Herzen Abſchied, packte den armen Bologneſer, das Der neue Kreuzritter.⸗ 4 50 Geſchenk Walram's, unter den Arm, warf einen dunklen Mantel über, knüpfte, ſtatt des Hutes, ein Tuch über den Kopf, und machte ſich auf den Weg nach dem Poſthofe. Als ſie in den Thorweg eintrat, war das Erſte, was ſie im hellerleuchteten Poſthofe ſtehen ſah,— Joſeph Huber in ſeinem ihr wohlbekannten Ueber⸗ wurf mit der rothen Sammtcapuze. Er erwartete ſie offenbar, denn geſpannten Blickes ſah er nach dem Eingange, konnte ſie aber nicht in ihrem ver⸗ hüllenden Anzug, dem groben Mantel, dem dunklen Kopftuche erkennen. Statt zurückzugehen, ſchritt ſie an ihm vorüber, aber in möglichſter Entfernung, geſenkten Hauptes. Eben ſchlug die Uhr halb ſieben. Ein Poſtillon ſtieß in's Horn, der Conducteur, am Schlage eines fahrfertigen Wagens ſtehend, rief mit lauter Stimme:„Alles complet?“ und wollte eben die Thüre ſchließen, als Lori ſich an ihn drängte und ſagte:„Ich fahre noch mit!“ „Haben Sie Ihr Paſſagierbillet?“ „In der Taſche! Aber laſſen Sie mich hinein, ich gebe es Ihnen ſpäter.“ 51 Der Mann ſah in ein Paar ſehr hübſche Augen und machte weiter keine Einwendungen, und eine Secunde ſpäter rollte der Wagen mit Lori an Joſeph vorüber, der immer noch auf ſie wartend am Thor⸗ wege ſtand. Lori aber legte ſich zurück und ſagte bitter:„Alſo auch ſie hat mich verrathen!— ich habe kein Glück!“ Armes Lieschen! Wie unrecht wurde Dir ge⸗ than! Im nächſten Kapitel werden wir ſehen, wie wenig ſie Lori's Vertrauen getäuſcht, und wie theuer der Aermſten dies Vertrauen zu ſtehen gekommen. Viertes Kapitel. Eine Maske wird gelüftet. In einem kleinen, runden Cabinet, deſſen Wände und Decke mit roſenrothem Papier und darüber mit faltigem, weißem Mouſſelin bekleidet waren, ſaß die ſchöne Dina in einem blaßgrünen Cachemirüberrock. Der Fauteuil, auf welchem ſie ſaß und das kleine Boule⸗Tiſchchen, das vor ihr ſtand, waren die ein⸗ 4 52 zigen Möbel im Zimmer, denn rund um die Wand herum lief ein mit blaßrother Seide bezogener, nie⸗ derer Divan. Die ſchöne Frau mit dem dunklen Haare hätte keinen beſſeren Hintergrund finden können, als dies kleine roſenrothe Gemach, deſſen Friſche nur ihre eigne hob. Vor ihr auf dem Tiſchchen ſtand ein Majolica⸗ Teller mit einer Maſſe Ringe und kleiner Schmuck⸗ ſachen,— es war der Spielteller für die ſie be⸗ ſuchenden Herren, denn ſie unterſtützte die Unart derſelben, immer Etwas zwiſchen den Fingern zu verarbeiten, indem ſie ihnen lächelnd den Teller hinſchob, während ſie ſelbſt ihre ſchönen Arme kreuzte und, in weicher Ruhe auf ihrem Seſſel hingegoſſen, ihre Anbeter ſich bemühen ließ. Heute hatte ſie ein Buch in der Hand, es war die Sprüchwörterſammlung von K. Simrock, und ſie las und blätterte darin, während ſie Felix Walram erwartete, den ſie ja auf heute Morgen beſtellt. Endlich meldete ihn der Diener. Nachdem er aus dem Salon einen Seſſel hereingeſchoben, ent⸗ fernte er ſich wieder und Felix trat ein. Er war 53 heute dunkler und einfacher als gewöhnlich gekleidet 3 und Dina's ſcharfem Blick entging das nicht. „Wie, nicht im Reitcoſtüme, Frau Gräfin?“ „Nein, ich ſehe, Sie ſind geſtiefelt und geſpornt, aber es iſt vergebens, wenigſtens mit mir werden Sie heute nicht reiten, denn ich lerne Lebensweisheit aus dieſem Buche,— und da ſteht drin, daß eine gute Frau ſein ſoll wie ein Ofen und zu Hauſe bleiben— und alſo nicht ausreiten, und da bleibe ich denn zu Hauſe.“ 8 „Sie ſind aber keine Frau, ſondern eine Wittwe, und die kann thun, was ſie will.“ „Gott ſei Dank, ja! Warum waren Sie geſtern Abend nicht auf dem Balle?“ „Weil es mich langweilt, immer dieſelben Men⸗ ſchen mit denſelben Ideen beſchäftigt zu ſehen.“ „Ideen! wirklich Ideen? ich traute den Leuten en masse das nicht einmal zu.“ „Oder Gegenſtänden, um richtiger zu ſprechen.“ „Was meinen Sie denn?“ „Haben Sie je auf allen Bällen, allen Geſell⸗ ſchaften in der ganzen Welt eine einzige Perſon ge⸗ 54 ſeehen, von der Sie hätten glauben können, ſie denke an etwas Anderes, als an— ſich ſelbſt?⸗ Oh,“ lachte Dina ausgelaſſen,„das ergötzt mich über die Maßen! Iſt das wirklich Ihre Anſicht und woraus ſchließen Sie das,— vielleicht aus ſich ſelbſt?“ ſetzte ſie mit einem kleinen, allerliebſten Fingerdrohen hinzu. „Ich, gnädige Frau, mache eine glückliche oder vielmehr unglückliche Ausnahme. Ich komme gar nicht in Betracht, denn ich leide an einer ſixen Ideel“ „Sie erſchrecken mich! Wie heißt die?“ „Noch kann ich 9 das nicht ſagen. Ich weiß nicht, ob ich es Ihn überhaupt ſagen darf. Um eine Verrücktheit zu verſtehen, muß man ſelbſt ein klein wenig den Spleen haben!“ „Sagen Sie, ſagen Sie! Ich werde Sie ver⸗ ſtehen! Ich bin ſo neugierig, was ein ſolcher „Lion“ ambitioniren kann.“ „Herr von Huber behauptete geſtern, ich gehe damit um, eine neue Mode zu gründen,“ ſagte Felix ironiſch. 55 „Ja, etwas Aehnliches denke ich mir auch!— Heraus damit!“ „Sagen Sie mir lieber, was das für ein Buch iſt, in dem Sie da geleſen haben!“ „Eine Sprüchwörterſammlung, die Lectüre, die Sie mir letzthin empfohlen.“ „Es war die Lieblingslectüre meines Vaters,— der ein vollkommenes Original war.“ „Erzählen Sie von ihm,— iſt er todt?“ „Seit mehreren Jahren. Er war der größte Egoiſt, den je die Erde getragen.“ „So liebte er Sie nicht?“ „Außerordentlich, denn ich war ja ſein Sohn und zwar ſein einziger Sohn, ſein einziges Kind. Es ſollte durchaus ein Wunder aus mir werden; den ganzen Tag prägte er mir ſeine Lebensregeln ein, und ſelbſt die Nacht ſorgte er für mein Fort⸗ kommen in der Welt, indem er mich, als kleines Kind, mit Salben für den Haarwuchs beſchmierte und mit Handſchuhen und Hütchen an den Fingern zu Bett bringen ließ, um die Form und die Haut meiner Hände zu verſchönern.“ „Ah! Ich begreife, Ihre Sorge für Ihren „äußeren Menſchen“ iſt alſo eine früheingelernte Tugend,“ lachte Dina ſpöttiſch. Felix gab darauf keine Antwort und fuhr fort, in der Erinnerung an ſeine Kindheit verloren: „Ich wurde behandelt wie ein Mädchen, durfte nichts als Hühnerfleiſch eſſen, weil alles Andere den Teint ruiniren würde, und nie bei Sonnenſchein ausgehen. Mein Vater behauptete, man müſſe ſeine äußere Erſcheinung auf das Sorgfältigſte pflegen, weil es eigentlich nur drei Gewalten gebe: Schönheit, Geburt und Geld! Die Macht des Geiſtes läugnete er ganz und gar, obgleich er ſelbſt unendlich viel Geiſt beſaß. Er meinte, nichts ſei leichter, als Andere zu beherrſchen; man müſſe nur immer feſt auf die Schlechtigkeit der Menſchen und auf— ihre Dumm⸗ heit rechnen.„Du haſt gar keinen Begriff,“ ſagte er oft zu mir,„wie dumm die Maſſe der Menſchen iſt. Sie glauben Alles, Alles imponirt ihnen, wenn eine der drei Mächte im Leben es unterſtützt,— ein ſchöner, noch mehr aber ein vornehmer und ein reicher Menſch kann alle Welt um den Finger 57 wickeln, Geiſt iſt nur eine Einbildung, Niemand hat Reſpect davor, und jeder Dummkopf glaubt ihn ſelbſt zu beſitzen. Etwas Menſchenkenntniß, baſirt auf die Ueberzeugung, daß man nur Schurken und Dummköpfe vor ſich hat, genügt, um Alles zu er⸗ reichen, ſobald man nur die drei Gewalten oder nur eine davon beſitzt.“ „Mir ſchaudert vor Ihnen, Baron Walram,“ ſagte Dina, ihren Seſſel von ihm wegrückend,„Sie ſind in einer fürchterlichen Schule aufgewachſen!“ „Und dennoch galt mein Vater für das Muſter eines Ehrenmannes. Ueberall, wo ich ſeinen Namen nannte, fand ich die größte Achtung, ja, ich kann wohl ſagen, Ehrfurcht für ihn, und ich, ſein einziger Sohn, bin vielleicht der Einzige, der ſich einen Tadel bei ſeinem Andenken erlaubt.“ „War er denn höflich mit den Menſchen?“ „Nicht doch! Er behandelte eigentlich alle Welt äußerſt geringſchätzend. Ich erinnere mich, daß ich oft dabei zugegen war und darüber ganz verlegen wurde. Aber grade dies, ſo ſcheint es, hat den Menſchen imponirt. Außerdem bezahlte er richtig 58 ſeine Steuern, ſeine Rechnungen, ſeine Dienſtboten und Untergebenen,— ſprach aber nie mit ihnen et⸗ was Anderes, als das unumgänglich Nöthigſte, und das auf die barſcheſte Art,— aber alle fürchteten ihn und, glauben Sie mir es,— verehrten ihn.“ „Und Ihre Mutter, was ſagte die dazu?“ „O, das war ein Engel! Ich habe von ihr nur noch eine geiſterhafte, lichte Erinnerung, ſie ſtarb, als ich zehn Jahr alt war. Sie hatte auf meinen Vater nicht den mindeſten Einfluß. Das Frauenzimmer iſt ſchwach! war ſeine einzige Anſicht vom andern Geſchlecht. Unter der Rubrik„Schwach⸗ heit“ rangirte er alle guten und alle ſchlimmen weiblichen Eigenſchaften und beachtete ſie weiter nicht. Im Sommer, wenn wir auf dem Lande waren,— den Winter brachten wir gewöhnlich in Reval zu,— mußte meine Mutter mit den weib⸗ lichen Domeſtiken immer ein abgeſondertes Haus bewohnen, weil er behauptete, ich werde, wenn ich meine Mutter nur ſtundenweiſe im Tage ſehe und nicht immer bei ihr ſei,„vernünftiger“, und was die Dienſtboten betraf, ſo meinte er, die Mägde ver⸗ 57 — 5 9 rückten ſeinen Dienern den Kopf und ihm werde dann nicht ſo muſterhaft aufgewartet, wie er es ver⸗ langte.“ „Liebten Sie ihn?“ „Nein!“ „Bemerkte er das nicht, und verdroß ihn das nicht?“ „Er bemerkte es wohl, aber ihm genügte voll⸗ kommen, daß ich ihn fürchtete, und das geſchah im höchſten Grade. Mein Gefühl für ihn, das in meiner erſten Jugend gereizt war, hat aber jetzt alle Bitterkeit verloren. Ich liebe ihn noch nicht, denn das iſt nicht möglich, einem Manne gegen⸗ über, den man als ſolchen Egoiſten erkannt hat,— aber ich ſchätze ihn, denn er war vollkommen ehrlich, offen und wahr.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Dina lebhaft,„mehr kann man eigentlich von Niemandem verlangen, und wenn jeder das wäre, ſo wäre die Menſchheit ge⸗ rettet.“ „Sie machen das um wohlfeilen Preis ab, gnädige Gräfin.“ 60 „Was meinen Sie denn noch? Mir ſcheint der einzige Feind der Geſellſchaft: die Lüge, die Falſchheit, die Verſtellung.“ „Der Geſellſchaft, ja! aber nicht der Menſchheit!“ „Mein Gott, Baron Walram, denken Sie denn je daran, daß es außerhalb der Geſellſchaft noch Menſchen giebt?“ „Ich denke an weiter nichts, gnädige Gräfin!“ ſagte Felix mit einem ſo durchdringenden Ernſt, daß Dina gar nicht zu antworten wagte und ihn nur mit erſchrockener Verwunderung betrachtete. In dieſem Augenblicke wurde ein Beſuch gemeldet. Felix ſtand auf und nahm ſeinen Hut. „Denken Sie, Sie hätten geträumt, Frau Gräfin!“ ſagte er, indem er mit einer Verbeugung hinter der roſenrothen Portière verſchwand. Und ſo war es auch Dina, es war ihr, als hätte ſie geträumt. Was ſollte das heißen: Ich denke an weiter nichts! Er hatte ſie offenbar zum Beſten gehabt, und ſie erwartete mit Ungeduld den Moment, wo ſie ihn darüber zur Rede ſtellen konnte. Es vergingen aber mehrere Tage, ehe ſie ihn wieder zu ſehen bekam. Endlich, in einer Abendgeſellſchaft, ſah ſie ihn mit Huber eintreten. Er gewahrte ſie ſogleich und kam zu ihr, lächelnd wie immer, ausgeſucht elegant wie immer, parfümirt wie immer. Wie konnte dieſer Dandy jemals an die„Menſchheit“ gedacht haben! Und dennoch fragte ſie ihn:„Sie ſind mir noch eine Erklärung von letzthin ſchuldig, Herr von Walram!“ „Ich hoffte, Sie hätten das vergeſſen,“ ſagte er heiter,„muß Ihnen aber auf jeden Fall Harther⸗ zigkeit vorwerfen, daß Sie eher daran denken, Ihre Neugierde zu befriedigen, als zu bemerken, wie blaß und elend mein armer Huber ausſieht, den ich bei⸗ nahe mit Gewalt heute Abend hierher geſchleppt! Denken Sie, Huber melancholiſch, Huber unglücklich!“ „Wir leben in einer wunderbaren Zeit, Baron Walram! Es giebt jetzt leichtſinnige Roués, die melancholiſch ſind, und in ſich verliebte Dandy's, die Menſchenliebe predigen.“ „Wirklich,“ ſagte Walram, als habe er nichts verſtanden,„aber Sie fragen gar nicht, was dem armen Huber fehlt?“ 62 „Hat er vielleicht ſeinen ganzen Caſſenvorrath im Spiel verloren, oder iſt ihm bei einer Tänzerin irgend ein reicher Ruſſe zuvorgekommen, oder hat ihn ſein Schneider im Stich gelaſſen? In welchem ſeiner drei großen Lebensmotive: Geld, Frauen und Spiel, hat er Havarie gelitten?“ „Seine Geliebte iſt ihm durchgegangen!“ „Ich wollte, ſein Freund ging ihm auch durch!“ „Was heißt das?“ „Daß ich nicht begreife, wie Sie ſich die Freund⸗ ſchaft dieſes Menſchen gefallen laſſen! Er iſt ja gerade⸗ zu um ſeines leichtſinnigen Lebens willen verrufen!“ „Glauben Sie mir, gnädige Frau, er iſt um nichts ſchlimmer, als alle die jungen Leute, die Sie bei ſich ſehen und deren Huldigungen Sie ſich gefallen laſſen. Nur mit dem einzigen Unterſchiede, daß er ſeine Streiche ſelbſt erzählt, während Andere ſie leugnen.“ „Glauben Sie?“ „Gewiß! Und ich möchte Ihre Theilnahme für ihn gewinnen. Das NMädchen, das ihn verlaſſen, hat er wirklich geliebt, das ſehe ich jetzt an der ——-— Apathie, in die er verſunken, ſeit ſie weg iſt. Als ſie hier war, verging freilich kein Tag, an dem er ihr nicht eine Treuloſigkeit beging, aber auch keiner, an dem er nicht zu ihr zurückkehrte.“ „Abſcheulich!“ „Das nannte er höchſt komiſcher Weiſe Treue! Er behauptet, nicht im Feſthalten, ſondern im Wieder⸗ kehren nach der Flucht liege die Treue, und dieſe Treue einzuflößen ſei allein ſchmeichelhaft, eine andere könne nur Faulheit oder Bequemlichkeit des Liebhabers ſein.“ „Abſcheulich! Dreimal abſcheulich!“ „Es war nur vielleicht eine üble Gewohnheit, gnädige Gräfin,“ und mit einer gewiſſen Malice ſetzte Felir hinzu:„So wie oft die edelſten Frauen⸗ naturen aus Gewohnheit die Huldigung eines Jeden annehmen, ſo giebt es auch genug Männer, die, ohne Etwas dabei zu denken, jedem hübſchen Geſicht, das ihnen begegnet, ſo lange nachlaufen, als dies Geſicht es ſich gefallen läßt.“ Dina ſah ihn groß an, ſie verſtand den Stich und war zu ſtolz, dies zu leugnen.„Ihr Vergleich 64 paßt nicht, Herr Baron,“ ſagte ſie kalt,„weil eine Frau nichts thun kann, um einen Ueberläſtigen zu entfernen, während ein Mann ſich noch dazu be⸗ mühen muß, um dieſe„ſchlechte Gewohnheit“, wie Sie es nennen, zu befriedigen; im allerſchlimmſten Falle iſt die Dame paſſiv.“ „Die Dame braucht nur einen ſolchen Blick, wie Sie mir eben zuwerfen, gnädigſte Gräfin, in An⸗ wendung zu bringen, und ſie wird Alle los!“ Er ſtand nun lächelnd auf, verbeugte ſich und wollte gehen. Dina aber rief ihn zurück. „Erſt erzählen Sie mir Huber's unglückliche Liebesgeſchichte.“ „Wie Sie befehlen!“ Und er ſetzte ſich wieder neben ſie. Es war ein von Lauſchern freies Plätz⸗ chen, das die Beiden einnahmen. In der Ecke eines Zimmers zwiſchen Blumentöpfen ſtanden die zwei Fauteuils, durch ein eingelegtes Tiſchchen, das mit Albums bedeckt war, von der Geſellſchaft geſondert. „Huber,“ begann Walram,„hatte ſchon ſeit mehreren Jahren in Wien ein Verhältniß mit einer jungen Schauſpielerin, einer Waiſe aus den unterſten Ständen, aber mit Schönheit und Mutterwitz begabt. Sie war ſeit einigen Monaten hier unter dem Namen„Günther“ engagirt.“ „Ahl ich erinnere mich, ein hübſches Ding, mit ſtark ausgeprägtem Wiener Aeccent, in naiven Rollen durch ihr friſches, unternehmendes Weſen ganz an⸗ ziehend, aber—“ „Nichts Bedeutendes; ſie weiß das ſelbſt. Huber hatte ihr das Engagement hier verſchafft, weil ihm die Trennung von ihr zu ſchwer ſiel, und ſie nicht ihm hatte folgen wollen, bloß als ſeine Geliebte.“ „Und dieſes Mädchen iſt vor einigen Tagen ver⸗ ſchwunden?“ „Ja. Damit hängt aber nun eine andere Ge⸗ ſchichte zuſammen, die ich Ihnen erzählen muß, wäre es auch nur, um Huber einmal in einem guten Lichte zu zeigen.“ Er theilte ihr nun die Rettung Lieschens durch Huber mit, und zugleich die anſpruchloſe Weiſe, in welcher dieſer ſeine Wohlthat gegen ihn erwähnt; dann auch, daß Huber das Mädchen an Lori empfohlen, die ihr Arbeit geben ſollte, damit ſie Der neue Krenzritter. 5 — 66— nicht mehr gezwungen ſei, das Haus des Schuſters zu betreten. „Ich fange wirklich an, Ihren Freund in einem vortheilhafteren Lichte zu ſehen,“ ſagte Dina mit der allen beſſeren Frauen eigenthümlichen Theilnahme am Unglücke einer ihres Geſchlechtes. „Die Prüfungen des armen Mädchens waren noch nicht zu Ende,“ ſagte Felix. „Huber hatte Lori am Morgen beſucht und ſie auffallend kalt und übellaunig gefunden. Ich hatte davon nichts bemerkt, als ich ſie vielleicht eine Stunde ſpäter aufſuchte, um ihr den Gegenſtand einer von ihr gewonnenen Wette, ein kleines Bolo⸗ gneſer Hündchen zu bringen.“ „Um was wetteten Sie denn?“ Felix that, als überhöre er die Frage und fuhr fort: „Sie theilte mir nun mit, daß ſie Huber und 4 Frankfurt zu verlaſſen entſchloſſen ſei. Ich rieth ihr ab, nahm aber die Sache als eine vorübergehende Mädchenlaune, die von einem Zank mit dem Ge⸗ liebten herrührte,— und dachte nicht weiter daran. — Am Abend, als wir, wie gewöhnlich, bei unſerem gemeinſchaftlichen Diner ſitzen, Huber, Heatheote und ich, ſtürzt ein Kellner herein und ſagt, draußen ſei Jemand von der Polizei, der Herrn Huber erſuche, auf das Hauptamt zu kommen. Huber ſieht aus wie ein vollkommen unſchuldiger Menſch— und verſichert uns, daß das ein Irrthum ſein müſſe. Man läßt den Agenten hereinkommen, und da hören wir denn, daß es ſich nur um eine Zeugenausſage handle. Ein des Diebſtahls ver⸗ dächtiges Mädchen habe ſich auf ihn berufen. Huber wirft ſeinen Paletot um und bittet mich, ihn zu begleiten, was ich ihm nicht wohl abſchlagen konnte. Als wir in das Zimmer des Polizeicommiſſars treten, ſehen wir ihn am Tiſche ſitzen und in einer Ecke, auf einem Stuhle, ein blaſſes, ſchluchzendes Mädchen. „Lieschen!“ ruft Huber. Das Mädchen ſpringt auf und wirft ſich ihm zu Füßen. „Retten Sie mich, gnädiger Herr! Retten Sie mich!“ 68 Sie konnte vor Schluchzen nicht weiter reden. Der Commiſſar ſchlug nun ein Papier, das vor ihm lag, auseinander,— eine Maſſe von Schmuck und Juwelen, doch offenbar nicht von einer vornehmen Dame herrührend, lag darin. „Kennen Sie dieſen Schmuck?“ frug er nun. Huber wurde ganz blaß und ſah Lieschen an, aber er ſagte nichts. Das Mädchen aber rief:„Sagen Sie nur, wem er gehört.— Ich habe ihn für ſie verkaufen müſſen.“ Da war es, als bekäme Huber einen Dolchſtich. „Verkaufen? Wozu? Will ſie fort? Mädchen, rede! rede!“ Lieschen wollte offenbar nicht mit der Sprache heraus; ſtatt aller Antwort frug ſie, wie viel Uhr es ſei? Huber aber, dem der Commiſſar einen Wink gab, rief ſchnell:„Es iſt ſieben,“— aber es war kaum ſechſe! Da ſagte das Mädchen:„Dann darf ich reden, ſie iſt in Sicherheit, der Wagen iſt weg!“ „Das gute Kind!“ ſagte Dina,„als wenn man einen Poſtwagen nicht einholen könnte!“ 69 „Das ſchien nicht einmal nöthig. Huber über⸗ ließ es mir, dem Commiſſar Alles zu erklären und ſtürzte nach dem Poſthofe; hier ſtellte er ſich neben den Wagen, den Lori beſteigen mußte, um nach Wien zu kommen; auch ich, als ich ſpäter nachkam, hielt am Thore Wache,— aber vergebens,— Lori kam nicht.— Wir gingen nun nach ihrer Wohnung,— ſie war fort. Nach ſechs Uhr hatte ſie das Haus ver⸗ laſſen,— weiter wußten die Leute nichts, denn ſie hatten nur um dieſe Zeit die Thüre der Schau⸗ ſpielerin ſchließen und ihren wohlbekannten Tritt auf der Treppe gehört.“ „Da konnten Sie Ihr Hündchen wieder mit⸗ nehmen!“ „Das hatte ſie mitgenommen,— es war das Einzige, denn ſogar die Kleider, die ihr Lieschen hatte auf den Poſthof bringen ſollen, waren noch in der Letzteren Wohnung, weil man das arme Kind auf die Anzeige eines Juweliers, dem ſie den Schmuck angeboten, ſchon am Nachmittag verhaftet hatte.“ „Wie kam es denn, daß erſt am Abend Huber gerufen wurde?“ 70 „Das iſt das Rührende bei der Geſchichte. Als Lieschen am Nachmittage um zwei Uhr von der Polizei aus ihrer Wohnung geholt wurde und erſt vor dem Polizeicommiſſar erfuhr, weſſen man ſie beſchuldigte, ſagte ſie:„Die einzige Perſon, die mich rechtfertigen kann, darf ich nicht vor ſieben Uhr holen laſſen. Schicken Sie zu meiner Mutter, Herr Commiſſar, und laſſen Sie ihr ſagen, um ſieben Uhr käme ich frei nach Hauſe.“ Alle Bitten, alles Drohen, um früher Etwas von ihr zu erfahren, waren nun vergebens.— Das gute Kind ſchwieg und ſaß geduldig auf dem Polizeiamt, um Lori Zeit zu laſſen, zu entfliehen. Der Commiſſar, der in ihrem Schwei⸗ gen die Abſicht zu ſehen glaubte, einen Mitſchuldigen entwiſchen zu laſſen, täuſchte ſie über die Zeit und anſtatt um ſieben wurde ſchon um ſechs Uhr zu Huber geſchickt.“ „Dieſes Lieschen war wohl der Schauſpielerin zu Dank verpflichtet?“ „Durchaus nicht, denn ſie ſagte nach ihrer Frei⸗ laſſung zu mir, das Frauenzimmer habe ihr gar nicht gefallen und ihre heimliche Flucht von einem 71 ſolchen Freunde habe ihr ſchwarzer Undank geſchie⸗ nen; ja, es ſei ihr ſelbſt unbeſchreiblich peinlich ge⸗ weſen, in dieſem Complott gegen ihren Lebensretter und Wohlthäter mitzuwirken, aber,— ſagte ſie naiv,— ich hatte mich von ihr überreden laſſen, ſie hatte mir nun einmal vertraut, was war da zu machen? Ein Vertrauen kann man doch nicht täuſchen,— ich weiß zu gut, wie weh das thut, ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu.“ „Schicken Sie mir das Mädchen, Walram, ich will ſie in meine Dienſte nehmen, ſie ſoll es gut bei mir haben.— Das Mädchen iſt ein Juwel, ſie hat noch einen Begriff, daß Vertrauen und Wohlthaten verpflichten.“ „Sie haben Recht, Gräfin! Das Mädchen iſt ein Juwel!“ „Iſt ſie hübſch?“ frug mißtrauiſch, als Felix in ihr Lob ſo begeiſtert einſtimmte, die Dame. „Sie ſieht leidend aus; auch iſt ſie beſchränkten Geiſtes. Sie iſt das Ideal derjenigen, denen einſt das Himmelreich ſein wird!“ 72 „Nun reden Sie auch noch vom Himmelreich, Baron! Je n'en reviens pas! Ein Dandy, der den einen Tag von der Menſchheit und den andern Tag vom Himmelreich ſpricht!“ „Spotten Sie nicht, Frau Gräfin, von Ihnen thut mir das weh, denn gerade auf Sie, auf Ihre große Seele habe ich gerechnet!“ „Zu was?“ frug Dina nun auch ernſt. Felix lächelte aber wieder und ſagte:„Ich bin ja ein Don Quixote,— ſagte ich Ihnen nicht, daß ich an einer fixen Idee leide? Nun wohl, dieſe fixe Idee iſt, einen Lindwurm zu bekämpfen, aber nicht einen Lindwurm, der alle Welt verſchlingen will, ſondern einen, der ſie ſchon verſchlungen hat.“ „Da müſſen Sie ja, ein zweiter Jonas, in den Bauch des Ungeheuers kriechen und die ganze Menſch⸗ heit wieder herausziehen.“— Felix antwortete nichts darauf, denn er ſaß in Gedanken verſunken, wie ihm das zuweilen wider⸗ fuhr; aber Dina weckte ihn auf, indem ſie frug: „Wie heißt der Lindwurm?“ „Egoismus,“ ſagte Felix noch halb in Gedanken. 73 Dina ſah ihn verwundert an, dann ſagte ſie bitter:„Da beklage ich Sie, armer Baron, da iſt keine Siegeshoffnung! Gegen den Egoismus der heutigen Welt würde ſelbſt ein Gott vergebens kämpfen!“. Bei dieſen niederdrückenden Worten aber erfaßte den begeiſterten Schwärmer gerade eine aufſteigende Gluth, und während eine Dame am Clavier im zweiten Zimmer eine franzöſiſche Romanze von Louiſe Puget ſang, während ab⸗ und zugehende Menſchen rings von Nichtigkeiten flüſterten, entfaltete plötzlich hingeriſſen der moderne Apoſtel die Wünſche und die Pläne ſeiner Seele vor der aufmerkſam zuhorchenden Frau, während ſein Auge glühte und ſeine Stimme, obgleich gedämpft, in den tiefſten Tönen vibrirte. „Ich hege keinen Zweifel, deutlich ruft eine Stimme in meiner Bruſt: es muß gelingen, woran ich mein Leben zu ſetzen entſchloſſen bin, worauf jede Faſer meines Daſeins gerichtet iſt! Von Kind auf hatt! ich nur die eine Frage: Warum das Elend, warum keine Hülfe? Was man mir darauf antwortete, dünkte mir ſchaal und ungenügend und herzlos. Es — 74 darf auf Erden unverſchuldetes Unglück geben,— denn das liegt in Gottes Hand,— aber ein un⸗ verſchuldetes Elend iſt ein Schandmal der Menſch⸗ heit!“ „Sie ſind Communiſt!“ „Ich bin kein Communiſt,— ich bin nur ein Chriſt!“ „O Gott!“ ſagte Dina, denn der Contraſt dieſer Worte mit ihrer Umgebung überwältigte ſie. In dem ganzen Raume war kein Einziger von dieſen vielleicht hundert Menſchen, der ſich nicht Chriſt nannte, und kein Einziger, der es nicht für eine Lächerlichkeit, ja für eine Abſurdität gehalten hätte, das im ernſten Sinne, wie Felix es that, ſelbſt aus⸗ zuſprechen. In dieſem Gefühle ſagte ſie niederge⸗ ſchlagen: „Sie werden keine Proſelyten machen, mein armer Freund!“ „O, ich werde, ich werde! Denn ich will klug und vorſichtig zu Werke gehen. Die Hölle will ich durch den oberſten der Teufel, durch den Egoismus will ich den Egoismus beſiegen! Und es wird die —— 8* Zeit kommen, wo keiner mehr wagen darf, Freuden⸗ thränen zu vergießen, ohne dafür Schmerzensthränen zu trocknen!“ Dina ſah den glühenden Mann mit Staunen an; ihr war wie im Traume, aber begierig empfing ſie jedes ſeiner Worte in ihrem Herzen. „Ich bin nach Frankfurt gekommen,“ fuhr Wal⸗ ram fort,„wo der Mittelpunkt der deutſchen Nation, der geſtorbene und wiedererweckte Bundestag, das Herz meines Volkes ſein ſoll,— armes Herz, noch ärmeres Volk! Sie ſehen mich erſchrocken an,“ ſagte er bitter,„fürchten ſie nichts, Gräfin, ich bin kein Freiheitsheld, und damit Niemand in mir einen ſolchen fürchte, trage ich die Livrée eines„ge⸗ bildeten Menſchen“. Ginge ich im Ueberrock mit langem Haar und Bart, und am Ende gar mit einem bürgerlichen Namen, mit meinem Anliegen zu den Geſandten des Bundestags,— ſie würden mir die Thüre zeigen laſſen! Aber dem Manne, der mit ihnen gegeſſen, Whiſt geſpielt, ihre Töchter zum Tanze aufgezogen, ihren Frauen die Cour gemacht und eine ſiebenſpitzige Krone in ſeinem untadeligen Wappen führt, den werden ſie mindeſtens anhören, und damit iſt ſchon viel gewonnen.“ „Die Geſandten!“ ſagte Dina ſchmerzlich,„keiner von ihnen verſteht Sie nur!“ „Glauben Sie das nicht! Jeder von ihnen fühlt und weiß, daß eine gähnende Kluft oöffen ſteht zwiſchen uns und der Zukunft, jeder ſieht dieſe Kluft, jeder fürchtet, von ihr verſchlungen zu werden, und keiner weiß ſie auszufüllen.“ „Aber wie wollen Sie dieſes unerreichbare Pro⸗ blem löſen,— wer vermag gegen das Ungethüm „Pauperismus“ anzukämpfen!“ „Ich habe Pläne genug,— ganze Bände dar⸗ über geſchrieben, aber Gott ſei dafür, daß ich ſie als unfehlbar anpreiſen werde! Die neuere Zeit hat Erfindungen, wozu wahrhaftig ein größerer Ideenaufwand gehört, als dazu, Mittel zu finden, hungernde Menſchen zu ſpeiſen.“ „Es giebt wohl entſetzlich viel Elend in der Welt?“ frug mit bleichen Wangen die Dame. „O Gräfin! Gott behüte Sie davor, zu ſehen, was ich geſehen habe und was mir ſogar die Frei⸗ 77 heit,— denn früher ſchwärmte ich für ſie,— ver⸗ leidet hat.— In England, im freieſten Lande der Welt, habe ich Menſchenjammer geſehen, für den Ihnen ſelbſt der Begriff mangelt, und hier ſogar, hier in Frankfurt! Glauben Sie mir, gnädige Frau, daß ich vor einigen Tagen durch meinen Kammer⸗ diener zu einer Frau geführt wurde, die buchſtäblich dem Hungertode nahe war.“ „Mein Gott!“ „Iſt das nicht ſchon allein ein Zeichen der Zeit, daß ich nicht ſelbſt bei Tage zu einem armen Menſchen gehen darf, ohne allen Credit in der Ge⸗ ſellſchaft einzubüßen,— würde man mich nicht für einen philantropiſchen Narren erklären und auslachen, während man es im höchſten Grade achtet, daß ich jeden Tag eine Stunde an meiner Toilette zubringe und für Cigarren, Pomaden, Eſſenzen ſo viel aus⸗ gebe, daß eine ganze Familie davon ſorgenlos leben könnte. Und dieſe Narrheiten ſind zu dem Credit nöthig, den ich nicht miſſen kann, wenn ich es an— der Zeit halte, meine Miſſion zu erfüllen und auf die hier verſammelten Staatsmänner zu wirken.“ „Ich will für Sie zu den Armen gehen,“ ſagte mit Thränen im Auge Dina,„mir liegt nichts daran, ob man mich auslacht.“ „Sie können das nicht, Gräfin,— das Elend aufſuchen kann keine vornehme Frau, ſie kann ſich nur ſeiner annehmen, wenn ein Anderer es für ſie hervorgezogen hat aus den ſchmutzigen Winkeln, in die ſie nicht dringen kann, ohne ſich ſelbſt zu beſchmutzen.“ „Sind Sie je ſelbſt gegangen?“ „Ja,— doch durfte ich das immer erſt thun, wenn ich aus der Geſellſchaft kam,— denn wenn ich vorher gegangen, taugte ich für dieſe nicht mehr. Ich würde, ſtatt Höflichkeiten, Lächeln und Compli⸗ mente an die Leute zu verſchwenden, ihnen meine Verachtung in's Angeſicht ſchleudern müſſen!... daß ſie ſo herzlos und egoiſtiſch neben dem Elend ihrer Mitmenſchen das leerſte, nichtigſte Zeug treiben und dafür Summen verſchwenden, die jene ein für alle⸗ mal retten könnten!“ Dina griff in der Bewegung an ihren Buſen; da fühlte ſie ihre Demantnadel, für welche ſie vor wenig Tagen eine große Summe ausgegeben. Sie 49* ſtellte einen Birnenzweig mit Blüthen und Blättern vor. Die Birnen waren ächte Perlen, die Blüthen roſenrothe Diamanten und die Blätter Smaragde. Sie nahm die Nadel von der Bruſt und legte ſie in Felix Hand. 4 „Wenn ſie heute Abend gehen, ſo nehmen Sie dies mit,— nichts von Ihnen! Heute gehen Sie für mich und morgen frühe bringen Sie mir den Dank eines Menſchen und Lieschen,— vergeſſen Sie nicht, mir Lieschen zu ſchicken!“ Sie ſtand raſch auf,— und ehe noch Felix ihr antworten konnte, war ſie davon geeilt,— zum erſten Male in ihrem Leben war die Reue in ihr Herz eingezogen,— zum erſten Male fühlte ſie ſich tief beſchämt! Aber die Thränen der Reue und Beſchä⸗ mung ſollte er nicht ſehen,— Niemand ſollte ſie ſehen. Fünftes Kapitel. Der Gang um Nitternacht. Es war ſchon Mitternacht, als Felix die Geſell⸗ ſchaft verließ, um Dina's Auftrag zu erfüllen. Er that es heute mit einer gewiſſen Beklemmung und nicht mit dem freudigen Gefühl, mit welchem er ſonſt ſolche Gänge antrat. Er richtete ſeine Schritte zuerſt nach einer kleinen Schenke, wo er ſchon mehrere Male ſeine Wohl⸗ thätigkeitscandidaten aufgefunden; den Hut in die Stirne gedrückt, den Mantel feſt um die Schultern geſchlagen, ſchritt er durch die belebten Straßen nach dem armen und einſamen Quartier, wo die Schenke lag, die ſelbſt um dieſe Stunde nicht leer von Gäſten war. Das Haus war niedrig und hatte in der Fronte zwei Fenſter und eine Thüre, aus welcher aber ſchon dem eintretenden Felix ein unerträglicher Tabaks⸗ dampf entgegenqualmte. Der Wirth erkannte ihn und empfing ihn mit einem tiefen Bückling im Flur. „Noch Gäſte da, Herr Hopfner?“ frug Felix an der Thüre zum Gaſtzimmer, deſſen Klinke der Wirth in der Hand hatte, ſtehen bleibend. „Nur wenige noch: der alte Stamm, Wurm⸗ brand und Böckmann. Und dann noch ein junges Individuum, das ich nicht kenne.“ 6 81 „Oeffnen Sie und beſorgen Sie mir ein Glas Grog!⸗ Das Zimmer war ſchlecht beleuchtet von einer einzigen Lampe, die in der Ecke hing. Nur mit Mühe erkannte man am Tiſche vier Geſtalten. Die Decke und die Wände waren ſchwarz geräuchert; auf den ehemals blauen Tapeten hingen ein Paar Lithographien unter Glas: Napoleon, Kaiſer Nico⸗ laus, Koſſuth und Rinaldo Rinaldini! Niemand aber unter den Gäſten hatte, ebenſowenig wie der Wirth, der dieſe ſinnreiche Ausſchmückung beſorgt, hierbei einen ſchlimmen Gedanken gehabt. Die Fenſter waren mit dem ſtehenden Wirthshausſchmuck, rothen baumwollnen Vorhängen, verziert. Das war aber auch Alles außer Tiſchen und Stühlen. Felix ſtieß ſich nicht an dieſe Umgebung, ſondern nahm raſch einen Stuhl am Tiſche, wo die vier Gäſte ſaßen, ein. „Guten Abend, meine Herren!“ ſagte er freund⸗ lich zu den drei älteren Männern; der jüngere ſtarrte von ihm abgewandt mit bleichen Wangen in ſein Glas. Der neue Kreuzritter. 6 82 „Guten Abend, mein Herr!“ ſagte Wurmbrand, der älteſte und raſcheſte im Reden;„Sie haben lange nicht unſere Societät beehrt, mein verehrteſter Herr, und Sie wiſſen doch, wie ſehr wir nur dem feinſten geſellſchaftlichen Tone Spielraum gewähren und rüde Sitten verabſcheuen.“ Felix antwortete nur durch eine Bewegung ſeines Hauptes, denn der junge Mann feſſelte ſeine ganze Aufmerkſamkeit und Wurmbrand kannte er ſchon. Dieſer war ein ausgemacht ſchlechtes Subject, führte aber immer erhabene und feine Redensarten im Munde. Er hatte ſeine Frau beinahe todt ge⸗ prügelt, ſo daß ſeine Kinder ſie weggebracht und, um ihr Leben zu retten, ihm dann ihren Tod vor⸗ geſpiegelt;— jetzt ſprach er nur mit Thränen im Auge von dem ihm vorangeeilten, verklärten Engel;— ſeine Kinder, von ihm verlaſſen, hatten ſich in die weite Welt zerſtreut, um Brod zu finden;— er nannte ſich einen armen, kinderloſen Greis und be⸗ deckte die Augen, wenn man ein Kind hereinbrachte, weil er behauptete, dieſer Anblick ſei zu erſchütternd für ſein verwaiſtes Vaterherz. Früher Schreiber 4 83 bei einem Advocaten hatte er in deſſen Namen Gelder eincaſſirt und dankte es nur ſeiner Güte, daß er nicht gerichtlich deßhalb zur Verantwortung gezogen worden. Er lebte jetzt von den Almoſen einer verheiratheten Schweſter und ſeiner älteſten Tochter, die Näherin war. Er konnte unglaubliche Quantitäten Weins vertragen und vertrug ſie auch, ſprach aber immer nur von ſeinem„Gläschen“ Wein. Stamm, ebenfalls ein alter Trinker, war Jung⸗ geſelle und halb verrückt. Er hatte in ſeiner Jugend ſtudiren ſollen, es aber wegen mangelnder Geiſtes⸗ kräfte nicht durchführen können, wollte aber nun doch in ſeiner Redeweiſe ſtets den gelehrten Anlauf, den er einmal genommen, kund thun und war deshalb beinahe unverſtändlich. Alles, was er ſagte, ſagte er möglichſt langſam, weitſchweifig und unnatürlich, und man mußte ihn lange kennen, um den Sinn ſeiner himmelſtürmenden Worte zu finden. Böckmann war nur dadurch merkwürdig, daß es beinahe gar keine bürgerliche Stellung gab, die er nicht einmal ausgefüllt zu haben behauptete und 6* 84 ſeine Sätze begannen immer: als ich Koch war, als ich Portier war, als ich Schneidermeiſter, als ich Kutſcher, als ich Friſeur war. Wurmbrand behauptete,„ob gleich e er Böckmann ſeit zehn Jahren kenne, wiſſe er noch lange nicht, was für Metiers er alle getrieben.“ Jetzt gehörte Böckmann zur Lumpenſammler⸗Gilde. Wurmbrand nannte das:„Sein Elend mäſten von dem abge⸗ worfenen Elend der Andern.“ Stamm, den man einmal nach dem Metier ſeines Freundes frug, ſagte von ihm:„Er muß ſeinen Kreislauf ausfüllen und ſeine Lebensthätigkeit be⸗ kräftigen, indem er aus contrairen Gegenden das⸗ jenige abſorbirt, was Andere der Straße retour ver⸗ abfolgen als unnütz.“ Dieſes edle Kleeblatt war jeden Abend hier zu finden. Felix frug leiſe Wurmbrand, wer der junge Mann ſei. „Er erregt mein tiefſtes Mitgefühl,“ ſagte mit einem Augenzwinkern, welches Felix glauben machen ſollte, daß er weine, der Alte.„Wer das Unglück ſo kannte, wie ich, vermag nicht ohne tiefe Rührung 85 einen ſolchen Jüngling zu ſehen. Er gemahnt mich an einen meiner lieben Söhne.“ Felix wandte ſich nun geradezu an den Jüng⸗ ling:„Wollen Sie nicht ein Glas mit mir trinken, junger Mann?“ igt „Soll das heißen, daß Sie es bezahlen wollen?“ rief gereizt auffahrend der Fremde.„Steht es mir denn an der Stirne geſchrieben, daß ich ein armer Teufel bin?“ „Sein Sie ruhig!“ ſagte mit ſanftem Tone Wurmbrand und legte ihm die Hand auf den Arm. „Sie ſind hier bei lauter feinfühlenden Männern, die das ſchnöde Metall verachten. Wozu dient es anders, als der Tugend und Unſchuld eine Falle zu ſtellen!“ „Still!“ ſchrie der junge Mann und ſchlug mit der Hand auf den Tiſch, daß die Gläſer klirrten, „wer hat Ihnen denn auch das geſagt?“ Wurmbrand, der nie einen Anſatz zum Helden gehabt, fuhr ſammt ſeinem Stuhle mehrere Schritte vor den wüthenden auf ihn gerichteten Blicken des jungen Mannes zurück; Stamm aber, der keine Gelegenheit verſäumte, um ſeine wohlgeſuchten Reden anzubringen, verſetzte: „Wie Ihnen hier, uns in's Auge faſſend, zu beobachten die Gelegenheit geboten wird, ſo ſind wir vereinigte Genoſſen es auch im Punkte der Ver⸗ achtung deſſen, was im gemeinen Leben den Hebel der niedern Triebe vorſtellt, nämlich Gold!“ Böckmann aber ſagte:„Wäre ich noch Portier bei Rothſchild und gäbe Sie für meinen Freund und einen von„ſeinen Leuten“ aus, vielleicht würde Ihnen geholfen.“ Der junge Mann ſah die drei alten Menſchen der Reihe nach an und wandte ſich dann zu Felix: „Sie ſcheinen dieſe Exemplare zu kennen und vielleicht auch zu verſtehen. Mir iſt es heute zu duſelig im Kopf, als daß ich mir Mühe geben könnte, das Zeug, was ſie vorbringen, zu faſſen. Es wird aber auch kein großes Unglück ſein, denke ich mir,— denn mir helfen ſie doch nicht.— Herr Wirth, eine Flaſche, eine neue Flaſche!“ „Sie ſcheinen ein Schiffer zu ſein,“ frug Felix, den nackten, gebräunten Hals des Jünglings ſehend,—„doch wohl von weiter her, als auf dem Main?“ „O, wäre ich nie weiter gefahren, als das gelbe Waſſer reicht! Aber der verfluchte Golddurſt!.... ich wollte ſie heirathen,— und hatte nichts,— und nun bin ich ein Jahr auf der See geweſen,— und habe doch nichts!“ Felix ſtand auf, ſein Punſchglas zurückſchiebend. „Kommen Sie einen Augenblick mit mir vor die Thüre,— ich will Ihnen einen Vorſchlag machen,“ ſagte er zu dem jungen Manne, deſſen Geſicht ſein Wohlwollen vollkommen gewonnen hatte. Felix, der die Nadel nicht dem Schiffer geben wollte, und den ungefähren Werth davon in Gold bei ſich trug, nahm draußen auf der Straße die Summe heraus und frug den jungen Mann, der ihm zwar gefolgt war, aber mürriſch vor ihm ſtand: „Um des Geldes willen ſind Sie auf der See geweſen, ein Jahr lang und haben nichts heimge⸗ bracht?“ „Warum fragen Sie mich?“ „Weil ich Ihnen helfen will! Hier iſt Gold ſo viel, daß es hinreichen wird,— führen Sie mit dieſen Schätzen ihren Schatz heim, aber Ihren Dank—„ Doch weiter konnte er nicht reden, denn mit wüthender Geberde ſchleuderte der Schiffer das Gold, das er ihm in die Hand gelegt, von ſich. „Wollen Sie mich verſpotten? Oder ſind Sie vielleicht ſelbſt der Elende, der mich um ſie betrog,— und nun mich mit Geld ablohnen will, wie er ſie mit Geld berückt hat? Reden Sie, oder nehmen Sie Ihren Schädel in Acht!“ ſchrie er noch lauter, indem er Felix am Arm faßte. „Wahnſinniger Menſch, ich verſtehe Sie nicht!“ rief Felix, ſich hoch aufrichtend,„aber drohen Sie mir nicht mehr, oder ich will Sie Sitte lehren!“ und er ſchüttelte ihn ab wie ein Kind. In der mondſcheinerleuchteten, öden Straße ſtand der Schiffer, hell blitzte in ſeiner Hand das kurze Meſſer, das er hervorgezogen hatte; aber er ſenkte den Arm und frug nur, düſter auf das zer⸗ ſtreute Gold deutend:„Warum das?“ — „Weil ich Sie für unglücklich hielt und von einer edlen Dame den Auftrag erhalten, mit dieſer Summe einen Glücklichen zu machen!“ Der Schiffer lachte bitter auf.„Einen Glück⸗ lichen! Ja, dieſe vornehmen Leute glauben, wenn ſie nur den Beutel ziehen,— ſo iſt der Canaille geholfen! Geben Sie Ihrer edlen Dame ihr Geld zurück und ſagen Sie ihr, entweder, ſie hätte mir vor einem Jahre dieſe Summe geben ſollen, oder nicht dulden ſollen, daß ihr Vetter oder Bruder oder ihr Mann, oder wer es iſt, mein Mädchen in meiner Abweſenheit zu Grunde richtete!“ Und dann ging er in's Wirthshaus zurück und trank ruhig und ſchweigend ſeine Flaſche aus. Der Wirth aber, der im Schatten des Hauſes die Unterredung belauſcht, trat hervor und hob dienſt⸗ fertig die zu Boden gefallenen Goldſtücke wieder auf und händigte ſie Felix ein, der ſie kaum annehmen mochte und langſam weiter ging in der Gaſſe, betrübt und gedemüthigt von dieſer Scene. Nicht lange, ſo hörte er eilige Schritte hinter ſich. Er blieb ſtehen und ſah ſich um. Mit fliegendem 90 Mantel kam die verödete Gaſſe herab ein weibliches Weſen daher; ſie ſchoß raſch an ihm vorüber und einige Schritte weiter verſchwand ſie in einem der nächſten Häuſer. Als Felix, der ihr folgte, dies Haus erreicht hatte, ſah er, daß ſie die Thüre hinter ſich offen gelaſſen. Er trat ſachte über die Schwelle. Felix ſah auf der Flur eine Oellampe ſtehen, die Frau nahm ſie eben auf und öffnete eine Stuben⸗ thür. Unwillkürlich gefeſſelt blieb Felix ſtehen,— hier— ſagte ihm eine Ahnung— würde er eine Stelle finden für Dina's Geſchenk. Plötzlich erſcholl ein herzzerreißender Aufſchrei aus dem Zimmer,— Feliyx eilte hinein,— er ſah die Frau über ein kleines Bette in einer dunklen Ecke geworfen und hörte ſie Jammertöne ausſtoßen. Dann rief ſie, auf die Kniee fallend: „Du ſtrafſt die Armuth bitter, o großer Gott! weil ich keinen Groſchen hatte, Arzt und Apotheker zu bezahlen und auf Deine Hülfe rechnete, läßt Du mir mein Kind ſterben! O Ihr Reichen! Ihr Reichen!“ Und ſie ſchlug erbarmungslos auf ihre 91 eigene Bruſt. Felix, den dieſer Anblick in tiefſter Seele ergriff, trat vor und mit ſanfter Stimme ſagte er zu ihr: „Verzweifelt nicht, arme Frau!— die Hülfe iſt da!“ und das vom Schifſer verſchmähte Gold hervor⸗ ziehend, reichte er es ihr dar. Die Frau fuhr auf, ſie wandte ſich zu ihm mit ihrem bleichen, vom wildeſten Schmerz entſtellten Geſicht, aber zugleich auch fuhr ſie vor dem hinge⸗ haltenen Gelde wie entſetzt zurück: „Was!“ ſchrie ſie gellend,„auch noch Hohn? Jetzt, wo mein armes, einziges Kind todt iſt, kommſt Du mit„Hülfe“! Weg, höhniſcher Teufel, wenn eine verzweifelnde Mutter Dir nicht die Kehle zu⸗ ſchnüren ſoll!“ Felix Walram ſchauderte vor dieſem Bilde der Leidenſchaft. Da trat ein alter Mann hinter Felix hervor und frug mit ruhiger Stimme die Frau:„Wo iſt das kranke Kind?“ „Hier, Du hülfreicher Doktor!“ rief die Mutter mit gräßlichem Hohngelächter und die Lampe in 92 hocherhobener Hand, zerrte ſie die Decke weg von dem Lager, wo der Leichnam ihres einzigen Kin⸗ des lag. Sechstes Kapitel. Die Ohnmacht des Reichthums. Dina ſaß wieder in ihrem roſenrothen Cabinet und vor ihr ſtand Lieschen, die Näherin. Das Mädchen hatte mit beſonderer Sorgfalt ſein dunkel⸗ blondes Haar geſcheitelt, das ſchwarze Orleanskleid war ſauber, und zierlich ſtand es ihrem ſchlanken Wuchſe.— Man ſah es Dina's Augen an,— das Mädchen machte ihr auch äußerlich mit ſeiner de⸗ müthig beſcheidenen Miene einen angenehmen Ein⸗ druck. „Ich habe geſtern Abend dem Baron Walram geſagt, daß ich Sie in meine Dienſte zu nehmen bereit bin. Es fragt ſich nun, zu welcher Stelle Sie durch Ihre Kenntniſſe ſich beſonders eignen. Was verſtehen Sie?“ 4 1 ——. 93 „Sticken, nähen, bügeln, waſchen, auch friſiren habe ich gelernt und mehrere Jahre bei einer Kleider⸗ macherin gearbeitet.“ „Das iſt ja vortrefflich! So kann ich Sie zu meiner perſönlichen Bedienung verwenden. Können Sie gleich eintreten?“ „Entſchuldigen Sie, gnädige Frau, ganz und gar in Ihr Haus ziehen kann ich nicht! Meine Mutter lebt noch und iſt ſchwach und kränklich,— ſie kann nicht ohne mich beſtehen,— wenigſtens Abends und Morgens muß ich für ſie ſorgen. Aber den ganzen Tag könnte ich hier ſein.“ „Nein, das geht nicht an!“ ſagte Dina, und zog die Stirne in Falten;„Sie müſſen ganz hier ſein. Ich brauche keine Arbeiterin, ſondern eine Dienerin, die Tag und Nacht bereit iſt, auch mich auf Reiſen begleiten kann.“ „Mit Ihnen reiſen, gnädige Gräfin, das könnte ich auch nicht,— ich hätte keine Ruhe! Jeden Morgen muß ich meiner kranken Mutter das Bett machen, jeden Abend ihr ein Kapitel aus der Bibel vorleſen, ſonſt geht's nicht—! 94 „Ich will Jemand zur Aufwartung Ihrer Mutter bezahlen; ein Mädchen, die ſorgſam ihr dieſelben Dienſte leiſtet wie Sie.“ „ gnädige Frau Gräfin, das kann Keine!— Die alte Frau würde kein Auge zuthun, wenn eine Andere, als ich, ſie gebettet! Nein, nein, Frau Gräfin, meine Mutter iſt das Einzige, was ich auf der Welt habe; ich bin ihr Einziges, denn meine Brüder ſind ihr entfremdet, auf langen Reiſen! Und wer ſollte ihr des Morgens ihren Kaffee machen? Wie gut ſchmeckt der ihr, wenn ich ihn ihr einge⸗ ſchenkt habe, und wenn ſie dann ſagt:„Lieschen, nun geh, ſonſt kommſt Du zu ſpät,— Gott behüte Dich!...“ der Tag, an dem ich Morgens das nicht gehört, wäre mir kein guter,— Sie ſehen, Frau Gräſin, es geht nicht!“ „Deine erſte Sorge ſollte aber doch ſein, Geld zu verdienen und Deiner kranken Mutter ein be⸗ quemes Alter zu verſchaffen,— und der Lohn, den ich Dir gebe—0 „Ich weiß, ich weiß, Frau Gräfin; der Herr Baron hat mir's geſagt, Sie wären ſehr gut, ſehr 95 großmüthig und ſehr reich! Aber,— meine arme Mutter braucht nicht viel,— wenn ſie mich hat, iſt ſie zufrieden mit der allerſchlechteſten Koſt. Wir haben viel zuſammen gelitten,— mein Vater, ach, ich mag gar nicht von ihm reden!“ „So lebt er noch?“ „Freilich! und daß meine Mutter noch lebt, das hat ſie allein mir zu danken, weil ich nicht eher geruht habe, bis ſie von ihm ging. Er weiß gar nicht, daß ſie hier in Frankfurt iſt; er glaubt, ſie ſei nach ihrer Heimath, nach Schwaben und dort geſtorben; denn ſonſt würde er zu ihr kommen und ihr Alles nehmen, um es zu vertrinken und zu ver⸗ ſpielen. Ich gehe nie ohne Bangen über die Straße, denn wenn er mich ſähe—“ „Wie heißt er und was iſt er denn?“ „Er heißt Wurmbrand. Und was wird er ſein? Nichts! Er hat eine Schweſter, die ihm hin und wie⸗ der Geld giebt, damit es kein Familienſcandal ſetze, und dann ſchicke ich ihm, was ich miſſen kann.“ „Nun, wie iſt es, Lieschen? Kannſt Du Dich nicht entſchließen, in meine Dienſte zu treten?“ 96 „Von Morgens acht bis Abends acht will ich thun, was Sie wollen!“ „So gehts nicht!“ ſagte Dina kalt.„Ueberlegen Sie es noch einmal, ich werde mit dem Baron darüber ſprechen. Adieu!“. Lieschen verbeugte ſich ſchüchtern, und ohne weiter Etwas zu ſagen, verließ ſie mit ruhigem und entſchloſſenem Herzen dies Haus des Reichthums, um zu ihrer armen, alten, kranken Mutter zurück⸗ zukehren und wußte doch nicht, woher ſie das Geld nehmen ſollte, um morgen den Kaffee für dieſe Mutter zu kochen! Dina blieb in übler Laune ſitzen. Sie begriff nicht, daß der Einfall, Lieschen als Kammerfrau um ſich zu haben, ihr nicht durchgehen ſollte. Sie hatte ſeit Jahren die Anſicht in ſich aufgenommen, daß mit Geld ſich Alles dieſer Art zwingen laſſe. Die Mutter, die ſie erzogen, und die ſchon ſeit mehreren Jahren im Grabe ruhte, hatte im Ganzen keinen guten Einfluß auf Dina's urſprünglich durch⸗ aus reinen und edlen Charakter gehabt,— denn nur einen Fehler hatte ſie, der ihr angeboren war,— 97 die Gefallſucht. Und ſelbſt darüber durfte man nicht den Stab brechen, denn obgleich ſie zwei und zwanzig Jahre zählte, hatte ſie doch den Läuterungs⸗ proceß noch nicht durchgemacht, die Probe, wonach erſt ſich zeigt, ob das Herz eines Weibes von ächtem oder unächtem Metall iſt. Iſt es Gold, ſo fallen dann alle Schlacken von ſelbſt ab; iſt es unächt, dann wird es darnach nur noch kleiner zuſammenſchrumpfen. Daß dieſer Probirſtein die Liebe iſt, braucht wohl nicht erſt geſagt zu werden. Dina aber hatte noch nicht geliebt. Mit ihrer Mutter in ſehr beſchränkten Verhältniſſen lebend, hatte ſie, die eben wegen dieſer kleinen Verhältniſſe noch gar keine Gelegenheit gehabt, die Welt kennen zu lernen, die Hand des alten Earl of Waterford angenommen. Der alte Herr hatte nun neben der jungen, ſchönen Frau den Jugendlichen ſpielen wollen und ſogar noch einmal ſeine alten, ſchwachen Glieder auf's Pferd geſetzt, um mit ihr auszureiten, weil ſie Vergnügen daran fand. Nach einem ſolchen Ritte verſchied er plötzlich an einem Nervenſchlag, und Dina, die um dieſelbe Zeit ihre Mutter verlor, war Der neue Kreuzritter.. 7 nun ganz unabhängig und nach deutſchen Begriffen unermeßlich reich. Das, was ihre Mutter ihr von Kindheit an als die Eſſenz aller Glückſeligkeit ge⸗ prieſen, beſaß ſie nun. Sie kaufte ſich dafür ſchöne Möbel; als die Trauer weniger tief wurde, ſchöne Kleider, und zuletzt ſchöne Gemälde, Kunſtſachen und Bücher. Denn von jeher war ein lebhafter Sinn für Kunſt und Viſeenſchaft bei ihr hervor⸗ getreten, den ſie früher natürlich nicht befriedigen konnte;— ſie hatte mehrere Sprachen erlernt und drückte ſich mit Leichtigkeit darin aus; ihr gutes Engliſch hatte ihr zuerſt das Herz des alten Lords gewonnen. Heute nun, zum erſtenmale ſeit ſo langer Zeit, ſollte ihr ein Wunſch nicht befriedigt werden— ein Wunſch, an deſſen Erfüllung ſie nicht im Traume gezweifelt hatte. Sie ſollte ihre Laune der Laune einer armen Näherin unterordnen! Denn als Laune er⸗ ſchien ihr nur des Mädchens kindliche Liebe. Ihr Groll warf ſich auf Walram, er mußte helfen, er mußte das Mädchen überreden, er mußte ſie dazu zwingen. 99 Da wurde er gemeldet. „Guten Morgen, Baron, nun was bringen Sie mir?“ „Ich will mir nur Etwas ausbitten, nämlich das Etui Ihrer Nadel.“ „Wie? iſt die arme Seele, die damit beglückt worden, ſo pretentiös wie ich, der auch ein Schmuck ohne elegantes Etui gar keine Freude macht?“ „Ach nein! Das Etui bitte ich mir aus, um die Nadel hinein zu legen, und ſie Ihnen dann wieder zu überreichen! Ich habe ſie nicht anbringen können!“ „Wie, Herr Baron? Was ſoll das heißen? Ich will die Nadel nicht mehr! Machen Sie da⸗ mit, was Sie wollen, ich will ſie nicht mehr ſehen!“ „Ach, Gräfin, die arme Nadel hat zwei traurige Scenen mit erleben müſſen, und mir wäre lieb, Sie ſteckten ſie wieder vor, daß ſie Ihnen mittheilte ein Stück von dem Elend der Armuth, vor dem Ihre roſagefütterten Mouſſelinwände Ihnen ein ſo un⸗ durchdringlicher Vorhang ſind! Ich gäbe viel darum, wenn Sie geſtern bei mir geweſen wären!“ 7* „Warum nahmen Sie mich nicht mit? Ich wäre mit Ihnen gegangen.“ „Mit mir allein, um Mitternacht?“? „Sie ſind unerträglich, Baron! Ein Mann, wie alle andern, die immer daran denken, wie gefährlich, wie compromittirend ihr Umgang für eine Frau iſt!“ „Aber, Gräfin! habe ich dieſen Vorwurf von Ihnen verdient? Ich bin kein Geck, aber leider vier und zwanzig Jahre alt, und Sie—“ „Achtzig!“ ſagte Dina und warf ſich zurück und nahm ein Album zur Hand.„Ja, achtzig!“ ſetzte ſie zornig hinzu,„denn ich habe das Leben, die Geſellſchaft und vor Allem die Männer ſo ſatt, wie nur eine achtzigjährige Frau!“ „Und auch mich, Frau Gräfin,“ lächelte Walram, „mich ganz beſonders; und dennoch müſſen Sie aus meiner Hand Ihr Kleinod zurücknehmen.“ „Ich will nicht! Und wenn Sie wagen, es hier zurückzulaſſen, ſchicke ich es in Ihr Hötel.“ „So will ich Ihnen erzählen, wie es mir damit gegangen; da das meine Rechtfertigung iſt, ſo ſind Sie mir ſchuldig, mich in Geduld anzuhören.“ „Ich höre,“ ſagte Dina mit der Miene eines trotzigen Kindes, und Felix ſchilderte ihr nun ſeinen Gang um Mitternacht. Erſt die drei Kumpane, worüber ſie gezwungen wurde, zu lachen, ſo ſehr ſie ſich auch Anfangs ſträubte, dann den Matroſen, worüber ſie wieder ſehr ernſt wurde, und zuletzt die unglückliche Mutter, worüber ſie Thränen vergoß. „Ich habe gethan, was ich konnte, das ſehen Sie, Gräfin!“ ſchloß Felix,„ich hätte Ihnen ſo gern ein dankbar Herz gewonnen!“ „O,“ rief Dina, ihrer Rührung ſich ſchämend,— „Sie müſſen es jetzt gut ſein laſſen,— Sie ſehen, der Himmel will mich nicht die Krone der Wohl⸗ thätigkeit erringen laſſen,— ich habe kein Glück als barmherzige Schweſter! Wenn ich es auch nur durch Ihre Vermittlung verſuchte,— ich bin dazu beſtimmt, im Egoismus zu leben und zu ſterben.“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ „Warum nicht? Auch Lieschen will nicht in meinen Dienſt treten,— mir nicht die Morgen⸗ und Abendſtunden opfern, die ſie gewohnt iſt, bei ihrer Mutter zuzubringen. Ich hatte mir vorge⸗ 102 nommen, dem Mädchen eine recht gute Herrin zu ſein, wie ich es bisher nicht war, denn obgleich ich meinen Leuten ſelten einen Verweis gebe, ſo kümmere ich mich doch auch nicht um ihre Wohlfahrt; freilich, es ſind lauter habſüchtige Geſchöpfe, die mich plün⸗ dern, wo ſie können. Gegen Lieschen wollte ich aber gut ſein, und Ihnen gab ich meinen liebſten Schmuck, um ihn den Armen zu ſchenken. Lieschen, der Matroſe und die Frau werfen mir meine Wohl⸗ thaten vor die Füße,— nun gut, ich gebe es auf, es iſt klar, je n'ai pas la vocation!“ „Als ob irgend ein Menſch auf Erden die nicht hätte!— Gräfin, Sie kommen mir vor, wie ein kleines Kind, dem die Puppe nicht Ordre parirt und das ſie zerſchlägt!“ Dieſe Aeußerung nahm ihm Dina ſehr übel. Thränen traten von Neuem in ihre Augen. „Sie beleidigen mich, Herr von Walram!“ „Da ſei Gott vor!“ ſagte warm Felix,„aber glauben Sie denn, daß es ſo leicht ſei, Verdienſt und Dank ſich zu erwerben, ſeien es auch nur Verdienſte und Dank um die Armuth! Jeder Ruhm, jede 108 Befriedigung will verdient ſein, und das Unglück iſt ſtolzer als das Glück; die Armuth unnahbarer als der Reichthum, denn Dünkel iſt leichter zu ver⸗ drängen, als Selbſtgefühl. Um wohlthätig zu ſein, i*ſt es viel nöthiger, daß man ein reiches Herz, als einen reichen Beutel mitbringe.“ „Warum ſagen Sie mir das Alles, Baron Walram?“ „Weil es mich glücklich machen würde, Sie, die vom erſten Augenblick an, zu meiner Verwunderung, in der Reihe der gewöhnlichen Frauen ſtand, den Thron einnehmen zu ſehen, der Ihnen gebührt!“ „Welchen Thron?“ frug Dina mit blaſſen Lippen. „Den Thron der Barmherzigkeit!“ Dina faßte ſich an die Stirn. Träumte ſie? Wer redete ſo zu ihr, der Weltfrau, hier, in ihrem Boudoir?— War der Apoſtel jener junge Mann im eleganten Anzuge, der vor ihr ſtand, mit ſeinen dunklen Augen ſie durchbohrend? Da trat der Diener ein und meldete den Lega⸗ tionsrath von Lavallon, der eben von einer Reiſe zurückgekehrt ſei. „Der Mann meiner beſten Freundin,“ hauchte Dina, aber Felix hatte ſchon ſeinen Hut ergriffen und mit einer ſtummen Verbeugung ſich entfernt, denn jetzt war es ihm unmöglich, eine gewöhnliche Salon-Unterhaltung zu führen. Lavallon, der den Erhitzten im Vorzimmer bei dem Vorübergehen verwundert betrachtete, trat bei Dina ein. „Wer war der junge Mann?“ frug er neugierig. Sie wollte antworten, aber ihr Mund zitterte; Thränen ſtürzten aus ihren Augen, und Herr von Lavallon wußte nichts Anderes zu thun, als auf ihren Wink zu ſchellen und ſich dann zu entfernen. Siebentes Kapitel. Die Diplomaten. Von allen diplomatiſchen Größen in Frankfurt war es eine, die Felix ganz beſonders anzog. Dieſer Geſandte repräſentirte eine deutſche Großmacht auf — — — eine Weiſe, die dem damaligen Beherrſcher derſelben beſonders zuſagte. Herr von Stolzenfels, obgleich er früher Officier geweſen und jetzt den Rang eines Generals bekleidete, war dennoch nichts weniger als Soldat. Er ſchätzte und pflegte die Künſte des Friedens und ſein feiner Geiſt fand auch Gelegen⸗ heit, ſich in ihnen auszuzeichnen. Die Frauen der Geſellſchaft ſchwärmten für ihn, die Männer aber hatten ihm beinahe alle Etwas vorzuwerfen, meiſtens war es Mangel an Offeenheit und Freimüthigkeit, weſſen ſie ihn beſchuldigten,— als ob jemals ein Träger dieſer Eigenſchaften zum Diplomaten getaugt hätte! Oder die Männer eiferten über ſeine Eitel⸗ keit, als ob nicht jeder von dieſen Eifernden eben ſo eitel geweſen wäre, nur mit dem einzigen Unter⸗ ſchiede, daß ſie weniger Urſache dazu hatten! Die Erfolge des Generals bei den Frauen waren durchaus harmloſer Art, denn er war ein guter Ehemann und ſeine Frau war glücklich. Der General war Schriftſteller, Kunſtkenner, Mathematiker, die ganze Literatur war ihm auf eine fabelhafte Weiſe geläufig, denn ſein unbegreifliches 106 Gedächtniß hielt Alles feſt. Felix hatte ihm, wie die Frauen, ſtundenlang zugehört, wenn er durch ſeine paſſenden Citate, ſeine geiſtreichen Zuſammen⸗ ſtellungen in den Geſellſchaften den Mittelpunkt der Unterhaltung bildete. Auch Herr von Stolzenfels hatte offenbar eine gewiſſe Freundſchaft, wie ſie in der großen Welt üblich iſt, für den jungen Mann gefaßt. Auf den General hoffte und baute Felix für ſeine Pläne nun ganz beſonders. Ihm wollte er ſie zuerſt mittheilen, er ſollte ſeinen Fürſten, der ihn durch ſeine beſondere Freundſchaft auszeichnete, dafür ge⸗ winnen. Stolzenfels war der Einzige von allen Diplomaten, von dem Feliy nicht geradezu ausgelacht zu werden fürchtete, denn in der Seele des Generals klang nicht nur die Saite einer gewiſſen myſtiſchen Romantik, ſondern Felix wußte auch beſtimmt, daß die Seele des Herrn von Stolzenfels tief genug war, die Idee des Chriſtenthums als etwas Leben⸗ diges in ſich aufzufaſſen, ja, daß er ſogar einer ge⸗ wiſſen religiöſen Schwärmerei nicht fremd war. Felix, als er nun ſeine Pläne reif wähnte, und die Zeit herangekommen, bei Andern und durch Andere für ſie zu wirken, verfügte ſich zuerſt zu Herrn von Stolzenfels, der ihn ſehr freundlich em⸗ pfing, wie überhaupt große Höflichkeit und Gefällig⸗ keit des Benehmens zu den vielen ausgezeichneten Eigenſchaften des Generals gehörten. „Ich wünſche, Sie allein und ungeſtört eine Stunde ſprechen zu dürfen, Herr General; haben Sie jetzt Zeit für mich übrig?“ frug etwas befangen Felix. „Ich bin ganz zu Ihren Dienſten, lieber Baron und werde Befehl geben, daß Niemand uns ſtöre.— So,— nun ſagen Sie mir, was Sie wünſchen!“ „Ich muß weit ausholen, Herr General! Vor allen Dingen aber gebe ich Ihnen die Erklärung, daß dasjenige, was ich zu ſagen habe, ebenſowohl dem Freunde Ihres Fürſten als dem Repräſentanten eines großen und intelligenten Theils des deutſchen Volkes gilt. Ich wollte, ich hätte die Gabe Ihres Fürſten, von dem Sie einſt äußerten, daß Sie ihn für den größten Redner ſeiner Zeit hielten,— wäre es auch nur, damit Sie, fortgeriſſen vom Strome meiner Beredſamkeit, mich nicht gleich im 108 Anfange mit der nüchternen Bemerkung nieder⸗ ſchmetterten, daß Sie keinen Schwärmer in mir vermuthet hätten,— ſagen Sie mir nur das nicht, Herr General!“ „Wie ſollte ich dazu kommen,“ lächelte Stolzen⸗ fels;„das iſt das Letzte, was ich in Ihnen ver⸗ muthe! Reden Sie nur unbeſorgt, ineweſſen Namen es auch ſei! Und ſein Sie meiner Aufmerkſam⸗ keit und meines Intereſſe für ihre Clientſchaft ver⸗ ſichert.“ „Ich komme zu Ihnen im Namen der ganzen Menſchheit! Ich komme zu Ihnen, um Sie zu be⸗ wegen, eine Initiative zu ergreifen und zuerſt eine Fahne zu entfalten, um welche ſich dann alle anderen Regierungen ſchaaren müſſen!“ In dem reiherartigen Auge des Generals ſprach ſich lebhafte Theilnahme aus, und er zog ſeinen Seſſel noch näher zu dem des jungen Kurländers hin. „Wie oft habe ich Sie ſelbſt die Haltloſigkeit und Troſtloſigkeit der jetzigen Zuſtände unſeres ge⸗ meinſchaftlichen Vaterlandes, und die Hülfloſigkeit und Rathloſigkeit der Regierungen. dieſen Zuſtänden gegenüber beklagen hören, ohne daß ſelbſt Ihr reicher und tiefer und ernſter Geiſt ein durchgreifendes Mittel zur Hebung dieſer Verhältniſſe zu ergründen vermocht hätte. Ich bin kein großer Politiker, denn dazu bin ich zu jung, aber ich bin ein großer Menſchenfreund, ein begeiſterter Deutſcher und ein wirklicher Ehriſt. Durch dieſe letztere Eigenſchaft glaube ich mich bei einem Manne wie Ihnen legi⸗ timirt, um vor Sie zu treten und Ihre Hülfe für ein leidendes, im Uebermaße leidendes Volk anzurufen.“ „Gehören Sie zu irgend einer Miſſionsgeſell⸗ ſchaft?“ „Sie irren, Herr General! Ich bin ebenſo⸗ wenig Miſſionär wie Communiſt. Ich bin weiter nichts als ein Ariſtokrat, der aber zuerſt ein Menſch iſt, und die Rettung ſeiner Brüder eben durch jene Inſtitutionen zu bewerkſtelligen wünſcht, in deren Sturz die übrigen Heilkünſtler der Zeit die einzige Rettung der leidenden Menſchheit ſehen. Der chriſt⸗ liche Staat ſoll die chriſtliche Nation erretten, ſo lange beide noch kräftig genug dazu ſind!“ „Erklären Sie ſich deutlicher, Herr Baron!“ 110 „Die Regierungen ſind bedroht von zwei Be⸗ wegungen, erſtens von der politiſchen, das heißt, dem Drange des Volkes zur Theilnahme an der Regierungsgewalt,— das iſt die ſtärkſte und auch die gefürchtetſte Feindin, denn ihre Conſequenz iſt die Vernichtung der fürſtlichen Autorität, die Er⸗ richtung der Republik!“ „Die zweite und ſchwächere Feindin, wie heißt die, Herr Baron?“ „Ich kann ſie nur mit einem nicht ganz paſſenden Namen nennen, denn ſie iſt nicht in neuerer Zeit ſo verkörpert in's Leben getreten wie die andere. Nennen wir ſie einſtweilen Socialismus, obgleich ſie weiter nichts iſt als der Drang des Volkes nach materiellem Wohlſein. Wie wenig nun freilich dieſem Drange von Oben aus genügt wird,— welche Erndte der — Hunger, das Elend, die Armuth bei dem fleißigſten und genügſamſten Volke der Welt halten, werden Sie zu ignoriren nicht ſtolz und abgeſchloſſen genug ſein.“ „Beruhigen Sie ſich, mein junger Freund!— dieſe Saite kann nie berührt werden, ohne daß mir das Herz blutet; aber reden Sie weiter!“ 3 „Die Conſequenz des Dranges zum Wohlſein, nach meiner Anſicht, und ſelbſt Fourier theilt hierin meine Meinung, iſt nun durchaus nicht der Umſturz der jetzigen Regierungsformen, im Gegentheile, jener Drang, wenn er befriedigt würde, könnte dazu die⸗ nen, den andern, In politiſchen zu erſticken, eben ſo gut wie man Währe 1848 durch Befriedigung des Einheitsdennges das gefährliche demokratiſche Element hätte bajegen und erſticken können.“ „Aber das Wie, mein junger Freund?“ „Kann ich, darf ich Ihnen Das genau formuliren, Heerr General? Laſſen Sie nur ein einziges Mal die Regierung deutlich den Willen ausſprechen, eine wahrhaft väterliche zu ſein,— laſſen Sie nur ein Mal die weiſeſten Männer jedes Staates ſich ver⸗ ſammeln, um zu berathen, wie man gegen Elend und Hunger kämpft,— nur mit demſelben Intereſſe, wie ſie es jetzt thun, um die Mittel zu berathen, eine widerſpänſtige Kammer zu entkräften, ſo wird die Hülfe nicht ausbleiben. Ein Volk, dem alle großen Erfindungen der Erde zu Theil wurden, dem wird es nicht ſchwer werden, voranzugehen mit einer 11¹² Erfindung, die überdem nicht neu iſt. Denn ich verlange nur, daß der Abſolutismus der Mächte zum alten Patriarchenthum werde! Eine ſolche Staats⸗ form, indem ſie mit den Intereſſen des Volkes identiſch wird und die Initiative materiell verbeſſern⸗ der Reformen in den Verhältniſſen der untern Volks⸗ klaſſen ergreift, wird plötzlich ſo felſenfeſt gegründet ſein, wie die Macht Abrahams über ſeine Kameel⸗ treiber und Hirten!“ „Aber das Wie, mein beſter Herr von Walram!“ „Glauben Sie an Radicalmittel, Herr Gene⸗ ral?— Ich mißtraue ihnen nimmer! So wie jeder menſchliche Körper eines beſondern Arztes und eines beſondern Heilreceptes bedarf, ſo auch jedes einzelne Volk! Ueberall entſpringt ſein Leiden aus beſondern Urſachen und die Hülfsquellen ſind auch andere. Intereſſirt es Sie aber, die Theorien eines jungen Mannes, wie ich bin, auch im Detail kennen zu lernen, nachdem Sie im Ganzen meinem An⸗ liegen ſo viel Aufmerkſamkeit geſchenkt haben, ſo will ich Ihnen einige Hefte meiner„Hülfsmittel“ überſchicken. Aber von vorne herein muß ich er⸗ — —. &— klären, daß ich für deren Unfehlbarkeit nicht ein⸗ ſtehe. Die Ideen, die ich in meinen Denkſchriften über die verſchiedenen Fragen, von welchen die Hei⸗ lung der Geſellſchaft abhängt, niedergelegt, ſind die Ergebniſſe eines heiligen Ernſtes, der bereit iſt, ſich, ſein Leben, ſein Alles dem Wohle der Menſchheit zu opfern. Ich glaube an dieſe Ideen, dieſe Ein⸗ gebungen ſo mancher durchwachten Nacht. Aber auch wenn ſie keine Gläubigen finden,— wenn nur Alle meinen Willen, zu helfen, theilen, glauben Sie mir, Herr General, dann kommt die Einſicht, wie dieſe Hülfe geleiſtet werden ſoll, ſchon von ſelbſt.“ „Aber wie Alle zwingen?“ „Zwingen Sie ſie jetzt nicht ſchon, Alles zu thun, was der Staat verlangt? Darf Etwas be⸗ ſtehen, was einmal unter die Rubrik„ungeſetzlich“ eingeſchrieben wurde? Laſſen Sie: Krankheit, unver⸗ ſchuldetes Elend, Alter und Körpergebrechen hülflos zu laſſen, darunter rubriciren und der Menſchheit iſt geholfen. O, Herr General! auf Ihre Theilnahme habe ich ſo ſehr gehofft,— wenn Sie mich ohne Hoffnung gehen laſſen, bleibt mir nichts Anderes übrig, als—“ Der neue Kreuzritter— 8 114 „Ein Egoiſt zu werden, wie es Alle ſind,“ ſagte, ihm herzlich die Hand reichend, der General und fuhr dann fort:„Wahrlich, Sie beſchämen mich, lieber Baron, wie nüchtern, wie kalt, wie herzlos, wie alt komme ich mir vor im Vergleich mit Ihrer warmen Jugend und Ihrem ſchönen Eifer! Ich möchte Sie mit Poſa vergleichen, fiele mir dann nicht unabweisbar die fürchterliche Rolle Philipps zu und das verdiene ich doch nicht! Wäre ich König—“ „Ihr Fürſt iſt aber Ihr Freund,—“ „Ach, lieber Baron! ſolch' eine Freundſchaft giebt unſer Einem keine Rechte,— aber ich werde meinem Herrn gewiß mittheilen, was ſo ſehr ver⸗ dient, von jedes Fürſten Ohr vernommen zu wer⸗ den,— aber ſelbſt das nur als eine Merkwürdig⸗ keit,— im Ernſte könnte ich nicht wagen, davon zu reden. Sie ſehen, ich bin ehrlich, obgleich mir die Welt das nicht zugiebt!“ „Alſo habe ich nichts weiter bei Ihnen erlangt, nichts weiter, als daß ich jetzt ein Menſch bin, deſſen Autograph Sie vielleicht zu Ihrer Sammlung legen, weil— es eine Merkwürdigkeit iſt,“ ſagte Felix ſehr bitter. „Sie thun mir unrecht, mein junger Freund!“ verſetzte mit dem Ton tiefen Gefühls der General; „wenn Sie wüßten, mit welch' warmem Intereſſe ich Ihrem Ideenſchwunge gefolgt bin!“ „Alſo auf ein ander Mal!“ ſagte Felix kalt, ſtand auf und empfahl ſich. Er hatte ſich vorgenommen, heute noch zu dem Geſandten der andern Großmacht zu gehen, und wollte ſich nun ſelbſt das Wort halten, ſo ſchwer ihm das auch wurde. Dieſer Geſandte, Graf Bodendorf, Geheimerath und Großkreuz aller möglichen Orden, war von dem General von Stolzenfels ganz verſchieden. Wenn ſein Staat das hiſtoriſche Recht repräſentirte und an den Grundprincipien deſſelben nicht rütteln ließ, ſo war auch der Geſandte ein entſchiedener Feind alles deſſen, was Conceſſion genannt werden konnte. Er war nicht geiſtreich, nicht kunſtſinnig, nicht romantiſch, weder im Amt, noch in ſeinen freien Stunden, aber er war immer klug, ſcharf, entſchieden 8. und klar. Er liebte Nichts und ſympathiſirte mit Nichts, aber er haßte auch Nichts und verfolgte Nichts, wenn dieſer Haß und dieſe Verfolgung nicht einen ihm nothwendig ſcheinenden Zweck hatten. Er ſchätzte Verſtand in Andern, aber noch unendlich viel mehr Geld, und noch unendlich viel mehr als Geld eine hohe Geburt. Die Geburt iſt das Fundament und der Anfang, pflegte er zu ſagen, und auf ein gutes Fundament und einen guten Anfang kommt bei einem Gebäude und bei einem Menſchen Alles an,— das Uebrige, da kann man nachhelfen, aufbauen und wenn das Alles Nichts hilft,— decoriren! Dieſem Manne, der übrigens Walrams Groß⸗ vater hätte ſein können, ſollte nun Felix ſeine Ge⸗ danken, ſeine Pläne unterbreiten. Er that es mit wahrem Heroismus, unterſtützt von dem aufmuntern⸗ den Lächeln des alten Seigneurs,— aber natürlich mit andern Worten und andern Motiven als bei dem berühmten General. Der Graf hörte ihn ruhig zu Ende und dann ſagte er:„Sie ſind ein ſeltener junger Mann! Denn Sie wollen reformiren und verlangen doch keine Preßfreiheit und keine Redefreiheit.— „Nein, Excellenz, nur Freiheit zum Leben, weiter Nichts!“ „Ich antworte Ihnen nicht, wie jener berühmte Egoiſt: Je n'en vois pas la nécessité, ſondern im Gegentheil, ich ſage Ihnen meinen verbindlichſten Dank für das mir geſchenkte Zutrauen und bitte Sie nur, Ihre ſo ſchön ausgeſprochenen Anſichten in ein möglichſt gedrängtes Memoire zu faſſen, damit ich es meinem Hof überſende und zur Beurtheilung unterbreiten kann.“ „Ach, Herr Graf! Ihr Secretair, Graf Nazy, hat mir erzählt, Sie hätten in Ihrer Kanzlei da⸗ heim ein ganzes Zimmer voll aufgezeichneter, unge⸗ leſener Memoiren, das ſei bei Ihnen Manier, die Leute abzufertigen.“ „Nazy iſt ein mauvais plaisant! Stören Sie ſich nicht an ihn und erfüllen Sie meine Bitte, in einigen Wochen werde ich mir die Ehre geben, lieber Baron, Ihnen das Reſultat mit⸗ zutheilen.“ 118 Felix empfahl ſich weniger verſtimmt und doch eben ſo hoffnungslos wie bei dem erſten Verſuche. Ihm blieb nur noch ein Gang. Er mußte ihn thun, weil ſicher dieſer dritte Geſandte von ſei⸗ nem Schritt bei den beiden andern erfahren und ihm nicht verzeihen würde, wenn er ihn über⸗ gangen. Der Freiherr von Ebernſtein war ein ſehr liebens⸗ würdiger und fein gebildeter Mann, aber weder ein Genie noch ein Ariſtokrat, ſondern einfach ein ſehr pünktlicher Beamte. Der Fürſt, den er repräſen⸗ tirte, war ein Original, aber ein Mann von Ideen, ein begeiſterter Patriot. In fünfzig Jahren werden die Menſchen mit großer Verwunderung vor dieſem Charakter ſtehn, in hundert Jahren mit Bewunde⸗ rung,— ſeine Schwächen wird man vergeſſen haben und ſich nur noch erinnern, was er wirklich ge⸗ leiſtet, wenn er auch mehr dem Ideal als der Wirklichkeit, mehr der Nachwelt als der Mitwelt geopfert und gelebt hat. Ein Hauptvorzug des Fürſten war, daß er wirk⸗ lich den Gedanken, daß er ein deutſch er Fürſt ſei, — 119 eben ſo hoch hielt, als den Gedanken an ſeine hohe Stellung überhaupt, und obgleich er zu einem Hauſe gehörte, das ſich wiederholt an Deutſchland ver⸗ ſündigt— er war nur der ächte Enkel großer Vorfahren, die ihr Leben für den Ruhm und die Macht des Vaterlandes eingeſetzt. Dem Freiherrn, ſeinem Geſandten, theilte Felix nur mit, was er den beiden Andern geſagt und behielt ſich vor, dem genialen Fürſten ſelbſt ſeine Pläne an's Herz zu legen, ohne weiter Herrn von Ebernſtein zu beauftragen, ſeine Bitten und Vor⸗ ſtellungen ſeinem Hofe zu hinterbringen.„Ich hätte nicht ein Mal ein Recht dazu, gehört zu werden,“ ſagte er,„denn ich bin ja ruſſiſcher Unterthan; aber ich weiß, daß ich immer als Deutſcher, für den mich zu halten mein höchſter Stolz iſt, bei dem deutſche⸗ ſten Fürſten wohl ein gnädiges Gehör finden würde,— denn ich bin ein Deutſcher, wenn auch einer leider verlornen Provinz angehörend.“ Herr von Ebernſtein ſchüttelte ihm die Hand, ſagte einige freundliche, anerkennende Worte und Felix war fertig! Er ging nach Hauſe. Nie, ſeitdem er lebte, er⸗ innerte er ſich, in ſo trüber, hoffnungsloſer Stimmung geweſen zu ſein.— Der Gedanke, der ſein Schibo⸗ leth geweſen, ſchien ihm jetzt ſelber unklar, ja ſchien ihm verloren. Wie hatte er gehofft, gebaut auf ſeinen warmen Eifer, ſein redlich Wort!— ach, er fühlte, daß trotz aller Verſicherungen Nichts eingeſchlagen, Nichts angeklungen,— das, wofür er lebte, ſollte ihm nicht gelingen! Sein treuer Kammerdiener empfing den nieder⸗ geſchlagenen Gebieter ganz beſtürzt; er glaubte, ihm ſei irgend ein Unglück zugeſtoßen, und dennoch wagte er nicht zu fragen. „Es iſt ein Billet für Sie gekommen, gnädiger Herr!“ „Ich mag eben Nichts leſen, laß es liegen, Stanislaus.“ „Aber,— es ſcheint von einer Dame zu ſein.“ „Einerlei,— mir iſt jetzt ganz einerlei, was man mir ſchreibt und wer mir ſchreibt.“ Nach einer Viertelſtunde kam Huber, und nach den erſten gleichgültigen Worten fiel er in ſein altes Thema, ſeine Klagen über Lori's Flucht. „Ich habe heute keine Theilnahme für Ihr Un⸗ glück, lieber Freund,“ ſagte Felix,„verzeihen Sie mir, ich bin zu ſehr mit meinen eignen unange⸗ nehmen Gedanken beſchäftigt!“ „Hat vielleicht eine Dame—“ „Lieber Huber, werden Sie nie begreifen,“ ver⸗ ſetzte nun mit der Gereiztheit der Verſtimmung der junge Kurländer,„daß die Damen für mich nicht ſind, was Sie die Leute glauben machen wollen, daß ſie Ihnen ſind,— denn eigentlich ſind ſie Ihnen auch ganz gleichgültig,— Sie ſind doch ganz blaſirt!“ „Ich! Blaſirt! Wie kommen Sie nur darauf? Sie ſehen ja doch die Verzweiflung, in die mich Lori's— „Ach ja, Lori! Das iſt ja auch nur Ihre ge⸗ ſtörte Gewohnheit und Bequemlichkeit! Seit drei Jahren ſind Sie gewohnt, um zwölf Uhr die Cho⸗ colade und um ſechs Uhr den Kaffee bei Lori zu trinken!“ „Baron, das iſt abſcheulich, daß Sie meine treue Liebe zu dem Mädchen ſo auslegen!“ „Wielleicht thue ich Ihnen auch Unrecht,“ ſagte Felix, nur um ihn loszuwerden, denn heute konnte er mit dieſem Menſchen nicht umgehen. Huber merkte nun, daß Felix nicht in ſeiner ſonſt ſo gleichen heiteren Laune war, und da er ohnedem immer eine gewiſſe Scheu vor ihm empfand, ſo empfahl er ſich. Kaum war er draußen, ſo wurde neuer Beſuch gemeldet: der Legationsrath von Lavallon.„Was mag der wollen?“ frug ſich verwundert Felix. Herr von Lavallon war ein ſtarker Mann mit hellblauen, großen, ſehr blöden Augen, man ſagte ihm oft, er gleiche Ludwig dem Sechszehnten, und er war ſchwach genug, ſich Etwas darauf einzubilden, obgleich er für das Verdienſt eines Märtyrers, das einzige des armen Ludwig, durchaus keine Neigung verrieth. Er war eitel und in ſich ſelbſt verliebt, ſchien aber bei der erſten Bekanntſchaft ſchüchtern und be⸗ ſcheiden zu ſein, weil er ſehr leiſe ſprach und ſich ſehr behutſam bewegte. „Ich hatte heute Morgen die Ehre, mit Ihnen in dem Vorzimmer einer Dame zuſammenzutreffen.“— „Ich erinnere mich,“ ſagte Felix mit einer Ver⸗ beugung. „Nun wohl, das Zuſammentreffen iſt die Ver⸗ anlaſſung meines Beſuches.“ „Wollen Sie die Güte haben, mir zu erklären?“ „Sogleich. Als ich bei der Dame, die Sie ſo⸗ eben verlaſſen, eintrat—“ „Sie reden doch von der Frau Gräfin von Waterford?“ „Es iſt nicht nöthig, Namen zu nennen, Herr Baron!“ „Entſchuldigen Sie, aber Sie werden mir immer unverſtändlicher! Warum ſoll ich nicht den Namen nennen?“ „Weil,“ verſetzte Lavallon mit ſehr ſtarker Accen⸗ tuirung,„weil das nicht nöthig iſt. Alſo ich traf die Dame, die Sie unmittelbar verlaſſen, in Thränen und ſo verſtört und außer ſich, daß ſie mir nicht Rede ſtehen konnte und vor mir entfloh.“ „Ich bedaure unendlich!“ 124 „Ich bin nun hier, um Sie zu fragen, ob Sie vielleicht jene Dame beleidigt haben? Ich habe die Ehre, ihr Freund zu ſein und bin entſchloſſen, für ſie in die Schranken zu treten—“ 1 „Aber, mein Herr Legationsrath, ſind Sie nicht vermählt mit einer höchſt liebenswürdigen Dame und Vater von fünf Kindern—“ „Das gehört nicht hierher! Erſt antworten Sie mir!—“ Nun war Felix' ſehr lange ausdauernde Geduld erſchöpft, die Zornader auf ſeiner Stirn ſchwoll an und mit vor Bewegung zitternder Stimme ſagte er: „Wenn es mir gefällig iſt, ſonſt nicht!“ Der Legationsrath wurde aber noch heftiger, und ganz und gar aus ſeiner gewöhnlichen ſüßen Manier fallend und die ſonſt immer halb geſchloſſenen Augen weit öffnend, rief er mit ſtarker Stimme: „Ich werde Sie zu zwingen wiſſen, junger Fant!“ In demſelben Augenblicke trat Huber ein, der, über den Gang gehend, wo auch ſeine Zimmer lagen, und das heftige Sprechen vernehmend, ſeinen Freund —— 125 in Gefahr glaubte. Zu ihm wandte ſich Felix mit den Worten: „Fordern Sie den Herrn in meinem Namen und dann ſchaffen Sie ihn weg!“— und zugleich verließ er das Zimmer. Achtes Kapitel. Ein Frauengeſtändniß. Es war einige Tage ſpäter, als Dina die Legationsräthin von Lavallon zur Spazierfahrt ab⸗ holte. Es wurden auch noch zwei Lavallon'ſche Kinder von drei und von vier Jahren, beſondere Lieblinge Dina's, mit in den Wagen geſteckt. Dieſer rollte langſam auf der Bockenheimer Chauſſee zwiſchen den reizenden Landhäuſern dahin, aber trotz des hellen, ſchönen Wintertages, trotz der Heiterkeit der Kinder und des Weges ſah Dina ſtumm und theil⸗ nahmlos vor ſich hin. Da kam ein Reiter herangeſprengt. Dina wurde roth und nahm die Lorgnette an's Auge, ließ ſie 126 aber ſogleich wieder ſinken; Eliſe hatte den Reiter ſchon von Weitem erkannt, es war Huber. Er ritt an den Wagenſchlag und begrüßte die Damen, die etwas überraſcht ſeinen Gruß erwieder⸗ ten, da er ſowohl von Dina wie von Eliſen nur ein oberflächlicher Bekannter war; aber ſchon nach den erſten Begrüßungsworten ſagte er: „Verzeihen die Damen, daß ich ſo zudringlich bin, doch mir ſcheint es ein Wink des Himmels, daß ich Ihnen hier begegne. Sie können ein großes Unglück verhüten.“ „Was giebt es denn?“ frugen erſchrocken die beiden Damen. „Ihr Herr Gemahl,“ ſagte Huber, ſich zur Legationsräthin wendend,„will ſich morgen früh mit einem Freunde von mir ſchlagen.“ „Wie heißt der Freund?“ frug Dina mit ziem⸗ licher Gleichgültigkeit. „Ich ſollte eigentlich Nichts verrathen, denn ich bin Secundant,— aber die Sache iſt gar zu un⸗ ſinnig; denken Sie ſich, der Herr Legationsrath kommt zu meinem Freunde, dem Baron Walram—“ 1 I1 † „Die Beiden kennen ſich ja gar nicht!“ rief Eliſe, aber Dina hielt ihr die Hand auf den Mund und rief:„Laß ihn reden!“ „Alſo er kommt zu Walram und ſagt ihm Hor⸗ reurs sans rime et sans raison, und Walram beauftragt mich, als ich, durch das Schreien des Le⸗ gationsrathes angelockt, in die Thüre trete, den Herrn von Lavallon in ſeinem Namen zu fordern, und dann entfernt er ſich. Ich thue das und der Herr Legationsrath geht höchſt befriedigt ab, nachdem er die Ausforderung angenommen. Brieflich habe ich nun die Sache für morgen früh feſtſetzen müſſen.“ „Kam Dein Mann von einem Diner?“ frug Dina. Eliſe ſchüttelte ernſthaft den Kopf.„Mein Mann iſt kein Trinker. Er hat noch in ſeinem Leben keinen Rauſch gehabt. Wiſſen Sie denn gar nicht, Herr von Huber, was er als Urſache ſeiner Wuth gegen Baron Walram angab?“ „Ich weiß es wohl,“ ſagte Huber lächelnd,„denn er hat es mir ſelbſt noch geſagt,— ich kann es aber nicht den Damen mittheilen.“ „Es betrifft hier die Gräfin,“ ſagte Eliſe mit einem bedeutenden Blick,„die Hauptſache weiß ich, ſagen Sie alſo!“ „Mich,“ rief Dina,„das iſt unmöglich!“ „Ja wohl! die gnädige Frau hat ganz Recht. Es betrifft die Frau Gräfin. Der Herr Legations⸗ rath hat, nachdem er im Vorzimmer der Frau Gräfin Walram begegnet, die Dame in höchſter Aufregung und in Thränen gefunden und hat aus ihrem ganzen Benehmen geſchloſſen, daß ſie von Walram beleidigt worden,— das will er als ihr Freund nun rächen, hat aber ſeine Forderung einer Erklärung ſo unhöflich vor⸗ getragen, daß Walram ſie ihm gar nicht gewähren und ihm gar nicht ſagen konnte, daß er völlig im Irrthum iſt.“ „Baron Walram hatte mir eine ſehr erſchütternde Geſchichte erzählt!“ ſagte Dina mit niedergeſchla⸗ genen Augen. „So ſagte mir Walram,“ ſiel Huber ein.„Eine Geſchichte, bei welcher keine gefühlvolle Frau ihre Thränen würde zurückzuhalten vermögen.“ „Wie, und ſo ſollte alſo wirklich das Duell vor ſich gehen?“ frug Eliſe. —— 129 „Morgen früh in Wilhelmsbad.“ „Es iſt ſchon gut,“ ſagte lächelnd Dina,— „das Duell wird nicht Statt finden. Ihnen, Herr von Huber, bin ich ſehr dankbar für die Notiz, bitte Sie aber inſtändigſt—“ „Um die ſtrengſte Discretion, bei meiner Ehre! Niemand ſoll eine Sylbe darüber erfahren.“ „Es wäre auch gar zu arg! Wenn ein verhei⸗ ratheter Mann, der Vater von fünf Kindern, ſich für mich ſchlüge, und zwar um einer Einbildung willen, man könnte am Ende glauben, er machte mir die Cour; alſo reinen Mund!“ Huber verbeugte ſich gewandt im Sattel gegen beide Damen und ſprengte davon, Eliſe aber neigte ſich zu Dina und flüſterte leiſe:„So verhält es ſich auch!“ „Was verhält ſich auch ſo?“ „Er macht Dir wirklich die Cour!“ „Wer?“ „Mein Mann!“ „Du ſcherzeſt!“ „Noch mehr, er iſt ſterblich in Dich verliebt!“ Der neue Kreuzritter. 9 130 „Warum nicht gar!“ „Noch mehr! Er glaubt ſich auch von Dir geliebt!“ „Eliſe!!“ „Ereifre Dich nicht! Die Männer ſind eitel,— mein Mann beſonders. Ich habe die Entdeckung ſchon vor mehreren Monaten gemacht. Hätte er nicht die Miſſion bekommen, die ihn die letzten Wochen entfernt hielt, Du würdeſt ſie jetzt auch ſchon ge⸗ macht haben. Ach, liebe Dina, ich habe viel aus⸗ geſtanden in der letzten Zeit!“ — „Mit dieſer Liebe meines Mannes für Dich hat 1.„Liebe, gute Eliſe! und um meinetwillen?“ es eine eigne Bewandtniß, ja, ſie iſt die Quelle b meines Unglücks, die Urſache meiner angegriffenen Geſundheit, meiner bleichen Wangen, die Dich ſo oft beſorgt gemacht haben. Aber ſie iſt es nicht in dem Sinne, wie Du glauben wirſt, wie Jeder glau⸗ ben wird,...“ 1”„Ich verſtehe Dich nicht!“ ſagte Dina verwundert. I„Du weißt, ſeit zehn Jahren bin ich mit La⸗ vallon verheirathet. Ich war zwei und zwanzig 131 Jahre alt, nicht ſchön, nicht reich, nicht aus einer Familie, durch deren Einfluß ein Schwiegerſohn irgendwo pouſſirt werden konnte, hatte drei jüngere Schweſtern, die alle hübſch zu werden verſprachen. Da warb Lavallon um mich, meine Eltern redeten mir zu, und er geſiel mir auch ganz gut. Er galt für einen ſehr ſoliden, gebildeten und talentvollen Mann, und meine Bekannten ſagten mir ſoviel Schönes über meinen Bräutigam, daß ich ſelbſt glaubte, ich habe ein großes Loos gezogen.“ „Du ſiehſt ängſtlich mich an, Dina, aber es hilft Dir nichts, Du mußt mich anhören,— keiner Menſchenſeele kann ich mein Herz ausſchütten, als Dir,— und mein Geheimniß erdrückt mich!“ „Das Verhältniß mit meinem Manne war ein gutes, obgleich wir uns im Ganzen fremd waren; Keiner kannte eigentlich die Gefühle und Geſinnungen des Andern, aber da wir immer in der Geſellſchaft lebten, bemerkte ich das kaum. War ich zu Hauſe, ſo erfüllten meine ſüßen, prächtigen Kinder mein ganzes Herz, und ich war eigentlich eine glückliche Frau.“ 9* „Da verliebte ſich voriges Jahr Lavallon plötzlich in Dich, obgleich er Dich ſeit Deiner Kindheit kennt und früher nie für Dich ſchwärmte;— ich bemerkte voom erſten Augenblicke an dieſe Liebe, und— nun kommt mein Geſtändniß— blieb ganz gleichgültig dabei! Iſt das nicht entſetzlich, Dina?“ Die Gräfin hätte beinahe laut aufgelacht über dieſe naive Erklärung, aber ſie beherrſchte ſich doch und ſagte nur:„So entſetzlich finde ich das nicht!“ „Doch, Dina, es iſt ſchrecklich, wenn es einer Frau ganz einerlei iſt, ob ihr Mann, der Vater ihrer Kinder, eine Andere liebt, oder nicht! Ich komme mir ganz unmoraliſch vor!“ „Liebe, beſte Eliſe, welche eigenthümliche Ge⸗ wiſſenhaftigkeit!“ „Ach, und es iſt nicht bloß meine Gleichgültig⸗ keit, die mich ſchmerzt, es iſt auch noch ſeitdem ein anderes Gefühl in mir wach geworden, das noch viel ſchlimmer iſt. Ich kann mir's nicht verſagen, mich innerlich über meinen Mann luſtig zu machen! Wenn er ſo daſteht und Dich anſieht mit ſeinen halbgeſchloſſenen Augen, und ſeine dicke, unbehülf⸗ liche Figur ſich hin- und herbewegt, um Dir gefällig zu ſein, Dir, der Keiner gut genug iſt, geſchweige denn ein vierzigjähriger, dicker Ehemann— dann möchte ich immer laut auflachen! Ja, glaube mir's, Dina, er iſt mir lächerlich geworden! Und ich bin überzeugt, daß eine Frau, die ihren Mann haßt, zehnmal weniger zu beklagen iſt, als eine, die ſich es nicht verſagen kann, ſich innerlich über ihn luſtig zu machen! Es wäre beſſer, er hätte in meinen Augen ein Laſter, als eine Lächerlichkeit.“ „Mein Gott, Eliſe, Du biſt eine ſo kluge, ver⸗ nünftige, beſonnene Frau, Du wirſt dieſes Gefühl ja in Dir unterdrücken können, um Deinen Mann wieder im früheren guten Lichte zu ſehn.“ „Vielleicht, wenn ich ihn nicht mehr als Seladon ſehe, vielleicht gelingt es mir dann! Ich bete alle Abende zum lieben Gott: Gieb, daß mein Mann nicht mehr meinen Spott erregt! Bis jetzt aber hat es nichts geholfen, der ironiſche Dämon in mir iſt viel ſtär⸗ ker, als der gute Geiſt der ehelichen Bewunderung.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, Eliſe, ob ich über Deine Mittheilung trauern oder lachen ſoll!“ 134 „Du nimmſt die Sache zu leicht, Dina, das habe ich gefürchtet. Ich kann Dir aber verſichern, daß dieſe Geſinnung gegen meinen Mann vollſtän⸗ dig mein Gewiſſen beunruhigt, mir meine Seelen⸗ ruhe raubt!“ „Dein Gewiſſen braucht ſich nicht zu beunruhi⸗ gen um einen Mann, den Du für untreu erklärſt!“ „Dieſe Untreue darf ich ihm nicht zu hoch an⸗ ſchlagen, die Lächerlichkeit iſt dabei größer als die Schuld.“ „Du biſt ſehr nachſichtig, Eliſe!“ „Nein, nein, nur gerecht! Es iſt beinahe un⸗ möglich für einen Mann, längere Zeit in Deiner nähern Umgebung zu leben, ohne ſich in Dich zu verlieben.“ „Welch ein Compliment!“ „Es ſoll keines ſein. Denn ich meine eigentlich nur, daß Deine Coquetterie unwiderſtehlich iſt!“ „Coquetterie? Iſt das Scherz oder Ernſt?“ „Ernſt! Und ich habe Dir das ſchon längſt ſagen wollen,— aber ſo Etwas zu ſagen, fällt ſchwer, doch jetzt bin ich im Zuge.“ 135 „Ich hätte eine ſolche Ungerechtigkeit nicht von meiner liebſten Freundin erwartet,“ ſagte tief gekränkt Dina,„verzeihe ſie Dir aber, weil es Dein Mann iſt, — der die Urſache dieſer Entdeckung an mir iſt!“ „Nein, nein, Dina, dieſe Entdeckung hatte ich ſchon gemacht, als Du erſt zehn Jahre alt warſt, und laß es mich Dir offen geſtehen, ich habe mich daran gefreut; denn Deine Coguetterie iſt angeboren und ganz natürlich, ja ſogar unbewußt, ſoviel als das möglich iſt. Deine Seele hat eben keine Ruhe, bis jeder Mann, der in Deinen Kreis kommt, Dir zu Füßen liegt,— daß Du dazu ſelbſt durch Deine Art, ihm gegenüber zu ſein, Etwas beiträgſt, weißt Du ſelbſt nicht,— und mich hat es immer gefreut, zu ſehen, wie Einer nach dem Andern das Knie beugen mußte, ſie mochten wollen oder nicht,— ich gönne es dieſen üppigen Salonherren, wenn eine ſchöne Frau ſie zur Verzweiflung bringt; ſie haben das um unſer armes Geſchlecht hundertfach ver⸗ dient,— und Du folgſt eben nur Deiner Natur, aber keiner Berechnung,— das Letztere allein iſt fürchterlich, doch davon weiß ich Dich rein.“ 136 „Eliſe,“ ſagte Dina ganz bleich und erſchrocken, „ich weiß wahrhaftig nicht, was ich ſagen ſoll! Eine Rechtfertigung auf dieſe Beſchuldigung kann keine Frau geben!“ „Du haſt es auch nicht nöthig, Dina! wozu Rechtfertigung? Nur da iſt Unrecht, wo Abſicht iſt. Ich habe Dir jetzt die Augen über Dich ſelbſt ge⸗ öffnet, weil es Zeit iſt! Solange kein Dir wür⸗ diger Mann Dir huldigte, konnteſt Du coquett ſein. Solange Dein Herz keinen Einzelnen vorzog, konnteſt Du Alle berücken,— aber jetzt mußt Du Dich ändern!“ Dina preßte das Tuch vor die Augen und ſagte ſchluchzend wie ein Kind:„Das iſt ſchon geſchehen, Eliſe! Eine Umwandlung iſt in meinem Innern vorgegangen, die ich ſelbſt nicht begreife,— es iſt mir Alles gleichgültig.“ „Dieſes aufrichtige Bekenntniß macht dich mir theurer, als Alles, was Du zu Deiner Rechtfer⸗ tigung hätteſt ſagen können,—“ rief Eliſe in war⸗ mer Bewunderung des liebenswürdigen Charakters Dina's, die ihren Tadel ſo ohne Groll aufnahm. — 137 „Schlage meine Demuth und Verſöhnlichkeit nicht zu hoch an, Eliſe! Ich bin jetzt ſo in einem Gedanken befangen, daß ich für gar nichts Anderes Sinn habe, ſelbſt nicht für eine ungerechte Beſchul⸗ digung, oder eine Beleidigung,— denn ich bin ganz eingenommen von einem Gegenſtande.“ Der Wagen, in dem die beiden Frauen ſich bis jetzt ſo ungeſtört unterhalten hatten, rollte nun auf Pflaſter und das Geſpräch mußte aufhören. An Eliſens Thüre, als dort der Wagen hielt und ſie Dina frug, ob ſie nicht mit ihr einen Augenblick hereinkommen wolle, ſagte die Gräfin freundlich: „Nicht doch, Eliſe, ich ſehne mich jetzt nach meinem ſtillen Zimmer,— aber heute Abend bitte ich Dich, mir Deinen Mann unter irgend einem Vorwande zu ſchicken. Gieb ihm ein Buch, oder ſonſt Etwas für mich,— ich muß ihm eine Erklã⸗ rung wegen letzthin geben, und da wird er ja gleich von dem tollen Duell abſtehen.“ „Ich will ihn Dir ſchicken, Dina, das iſt leicht, aber ihn von ſeiner Duellidee abzubringen, wird nicht ſo leicht ſein,— denn er iſt eigenſinnig und unternehmend, er hat Muth!“ „Aber er hat auch fünf Kinder!“ „An die denkt er jetzt nicht,“ ſagte lächelnd Eliſe und verſchwand mit freundlichem Kopfnicken in der Thüre. Der Legationsrath Lavallon kam wirklich am Abend mit einem Auftrage ſeiner Frau zu Dina. Zum Erſtenmale, weil ſeine Frau ſie aufmerkſam gemacht, fiel ihr nun das ſonderbare Benehmen La⸗ vallon's auf. Sie bemerkte nun ſeine ſchmachtenden Blicke, ſeine Unruhe, und leider müſſen wir geſtehen, daß ſie trotz all' ihrem Leid, von dem ſie noch am Morgen ſo herzbrechend geſprochen, ſich daran ergötzte. Nachdem die Unterhaltung eine Zeitlang über gleichgültige Dinge geführt worden, ſagte Dina un⸗ befangen: „Ich bin Ihnen auch noch eine Erklärung ſchuldig, und muß Sie um Verzeihung bitten, daß ich dieſer Tage bei Ihrem Eintritte mich ſo ſonderbar benom⸗ men. Aber Herr von Walram, den Sie noch im 139 Vorſaal getroffen haben müſſen, hatte mir eine Mittheilung gemacht, die mich auf das Tiefſte er⸗ ſchütterte.“ „Wirklich?“ frug mit einer Ironie, die ſie ihm gar nicht zugetraut, der Legationsrath. „Ich hatte ihm ein Geſchenk für eine Unglück⸗ liche mitgegeben,— er brachte es mir zurück, weil es zu ſpät kam,— aber die näheren Umſtände erlaſſen Sie mir.“ Lavallon verbeugte ſich, ohne Etwas zu ſagen, es war offenbar, er ſchenkte Dina's Worten keinen Glauben— und ſcheute ſich auch nicht, ihr das zu zeigen. Sie wußte nun nicht mehr, was ſie ſagen ſollte, um ihn zu überzeugen; doppelt ſchwer wurde ihr, Etwas auszudenken, um das Duell zu verhindern, weil der Legationsrath eigentlich Recht hatte,— denn Dina's Thränen waren nicht dem Elende der armen Frau gefloſſen,— ihre Erſchütterung war die Folge von etwas ganz Anderem. Sie beſchloß endlich, mit Liſt die Sache durchzu⸗ führen; aufgeſchoben iſt hier aufgehoben, dachte ſie, und erſuchte mit ihrem liebenswürdigſten und ſüßeſten Lächeln den Legationsrath, ſie doch morgen früh, um die Zeit, wo ſie wußte, daß das Duell Statt ſinden ſollte, in ein Atelier zu begleiten. „Es iſt mir unausſprechlich leid, meine gnädige Frau, aber ich habe gerade um dieſe Zeit ein un⸗ aufſchiebbares Geſchäft,— eine diplomatiſche Con⸗ ferenz bei dem öſterreichiſchen Geſandten.“ „Täuſchen Sie mich nicht, ich weiß zufällig, daß morgen früh der öſterreichiſche Geſandte nicht beſchäftigt iſt; alſo flunkern Sie mir Etwas vor. Warum wollen Sie nicht mit mir gehen?“ „Weil, ich bleibe dabei, ich ein Geſchäft in der öſterreichiſchen Canzlei habe.— Der Geſandte ſelbſt wird nicht gegenwärtig ſein.“ „Lavallon, Lavallon! Uns Frauen gegenüber kommen die Diplomaten zu kurz! Eure Kunſt taugt nur höchſtens dazu, andere Männer zu betrügen, oder dem großen, vielbeinigen und vielarmigen Un⸗ geheuer, das aber leider ſtatt mehrerer gar keinen Kopf hat und das man deutſches Volk nennt, etwas vorzuflöten, daß es in Schlaf ſinkt. Aber wir Frauen, die wir Alle, und wie die Männer zu ihrem Unglück wiſſen, einen Kopf haben, und zwar jede ihren eigenen, wir ſind nicht zu täuſchen! Noch einmal: warum wollen Sie mich nicht be⸗ gleiten?“ „Sie martern mich!“ ſagte Lavallon und griff nach ihrer Hand, um ſie zu küſſen. Sie entzog ſie ihm aber und ſagte kurz: „Das iſt nicht mehr Mode.“ „Sie ſind die erſte Frau, die dieſe Mode ab⸗ ſchaffen will!“ „Bei jeder Mode war immer eine Erſte, die ſie abſchaffte, ſonſt wäre es nie dazu gekommen.“ „Wenn aber nie eine Zweite nachfolgt?“ „Dafür iſt mir nicht bange! Wir Frauen ſind immer der Vernunft zugänglich geweſen, obgleich es eine Lieblingsidee der Männer iſt, uns für die per⸗ ſonificirte Unvernunft zu halten. Alles geben ſie zu, daß wir beſitzen: Geiſt, Phantaſie, Muth, Ta⸗ lent, Ausdauer, Energie und Klugheit, aber keine Vernunft! Das liebſte Witzwort der Männer iſt Platen's Vers: 142 . Doch dem Himmel ſei's geklagt, Daß dem weiblichen Geſchlechte die Vernunft er hat verſagt! Sehen Sie, Lavallon, Sie lachen auch ganz ſelbſt⸗ gefällig darüber! O Ihr ſtolzen Männer, wenn Ihr doch bedächtet, woher Eure Uebermacht und unſere Unterwerfung ſtammen!“ „Und woher ſtammen ſie?“ frug der Diplomat. „Der Klügſte giebt nach! Wir ſind die Klüg⸗ ſten und haben immer nachgegeben.“ Ueber dieſe Behauptung erlaubte ſich Lavallon von Neuem zu lächeln.„Sie ſind heute beſonders ungnädig auf unſer armes Geſchlecht!“ ſagte er. „Weil Sie nicht mit mir zu Steinle gehen wollen.“ Der Legationsrath ſeufzte tief,— aber er be⸗ harrte bei ſeiner Weigerung. Neuntes Kapitel. Erfolge und Niederlagen. Dina, welche eines der ſchönen, gartenumſchloſ⸗ ſenen Häuſer der neuen Mainzer Straße bewohnte, ſtand am folgenden Morgen ſchon zu ungewöhnlich 1 — —— 148 früher Zeit, es war noch nicht ſieben Uhr, völlig angekleidet am Fenſter. Sie hielt in ihren Händen ein kleines, zierlich gefaltetes Billet. Sie hatte es erſt eben geſchrieben, noch brannte auf ihrem kleinen offenen Schreibtiſche die roſenrothe Kerze, noch duf⸗ tete das wohlriechende Lack, mit dem ſie es geſie⸗ gelt,— aber ſie war noch unentſchloſſen, ob ſie es abſenden ſolle, oder nicht. Da brachte ihr Diener ihr ein eben ſo zierlich gefaltetes Billet herein, ebenfalls auf ſchwerem Velin geſchrieben, mit leuchtendem Goldrande, ja, was das Merkwürdigſte war, mit demſelben Wappen, wie das ihrige, geſiegelt, dem Wappen des Grafen von Waterford. Sie legte ihr eignes Briefchen aus der Hand und erbrach eilig das fremde, von dem der Diener meldete, daß es bereits am geſtrigen Abend abge⸗ geben worden, als die Frau Gräfin ſich ſchon in ihr Schlafzimmer eingeſchloſſen und ihre Kammer⸗ frau fortgeſchickt gehabt. Das Billet war unterzeichnet: Charles Somer⸗ * ville und enthielt die Anfrage, wann es der Gräfin genehm ſei, ihren Vetter, der eben aus England eingetroffen und im Ruſſiſchen Hofe abgeſtiegen, bei ſich zu ſehen. Dieſer Vetter, der jetzige Graf von Waterford, der von Dina's Gatten die Güter und Titel geerbt, war aus einem armen Schiffslieute⸗ nant plötzlich einer der reichſten Peers von England geworden. Dina war nicht begierig auf ſeine Be⸗ kanntſchaft und trug ihrem Diener auf, nach dem Ruſſiſchen Hofe zu gehen und dem Grafen von Wa⸗ terford zu ſagen, daß ſie ſich freuen werde, Seine Herrlichkeit nach zwölf Uhr bei ſich zu ſehen. Der Diener wollte gehen, da rief Dina mit leiſerer Stimme:„Noch Eins, hier dies Billet geben Sie dem Kammerdiener des Baron Walram,— er ſoll es augenblicklich ſeinem Herrn übergeben,— im Nothfalle ihn wecken, es iſt dringend eilig.“ Als ſie allein war, ſchlug es wie helle Flammen in ihrem ſchönen Antlitz auf, es war das erſte Mal in ihrem Leben, daß ſie Etwas that, was der an⸗ genommenen Sitte der großen Welt entgegen war, —— wenn auch ihre Stellung ſie eher als jede Andere dazu berechtigte. — — 145 Ein ſchüchternes Klopfen unterbrach ihr ver⸗ legenes Sinnen, ſchon wollte ſie zur Schelle eilen, um ihren Kammerdiener herbeizurufen,— als ihr einſiel, daß es ein Weſen gebe, welches ſie ſelbſt zu jener einfachen Art des Eintrittes bei ihr be⸗ rechtigt hatte. Und dieſes Weſen war es auch,— Marie,— ihre Hausgenoſſin und Pathe, das lieb⸗ liche ſechszehnjährige Kind, das ſie einſt, ſelbſt noch ein Kind, über die Taufe gehalten. Marie trug einen großen Blumenſtrauß in der Hand, um der Frau Pathe zu gratuliren, deren Geburtstag heute war, was dieſe ſelbſt über die Duell⸗ geſchichte ganz vergeſſen. Das junge Mädchen war ſehr ſtolz, daß ſie es war, die die Frau Pathe daran erinnerte. „Aber Du ſelbſt, Kind, ſiehſt traurig aus,“ ſagte Dina, die Wangen der Kleinen ſtreichelnd,„man ſollte meinen, Du habeſt geweint, ſo roth ſind Deine Augen.“ Des Mädchens Lippen zitterten, ſie wollte reden, aber die Scheu vor der Dame hielt ſie noch zurück. Der neue Kreuzritter 3 10 146 „Sage mir, Kind, was betrübt Dich? bin ich nicht Deine Pathe, habe ich nicht ein Recht, Dein Vertrauen zu fordern?“ Da wollte das Kind reden,— aber in dem⸗ ſelben Augenblicke wurde die Thüre geöffnet und Philipp, der Kammerdiener, trat mit der Meldung ein:„Der Herr Baron von Walram.“ Dina wurde dunkelroth.„Geh' jetzt, mein Kind!“ ſagte ſie zur erſchrockenen Marie,„ich werde Dich ſpäter wieder zu mir rufen laſſen. Ich habe den Baron gebeten, zu mir zu kommen, aber ihn ſo raſch nicht erwartet. Gehe jetzt!“ Marie ging, aber die Unterredung mit Walram, die nun folgte, ließ Dina ihr Verſprechen, die Kleine rufen laſſen zu wollen, ganz vergeſſen, und das arme Kind fand Niemand, dem es ſein bedrängtes Herz ausſchütten konnte. Doch ja, es fand Jemand,— — doch Jemand, den es beſſer nicht gefunden hätte. Dies war Demoiſelle Hermione, des jungen Mäd⸗ chens eigne Gouvernante, eine alte, intriguante Franzöſin, die des harmloſen, geängſtigten und ver⸗ laſſenen Kindes Vertrauen an ſich zog, um— es zu 147 mißbrauchen. Auf welche Weiſe ſie das that, wollen wir ſpäter zeigen; wir müſſen jetzt Mariechen, die von nichts anderem als dem Befehle ihrer Eltern, einem Weinhändler in Mainz, der ihr Großvater hätte ſein können, die Hand zu reichen, auf das Tiefſte gebeugt war, verlaſſen, um zu Dina zurückzukehren, die in ihrer Unabhängigkeit und ihrem aufgeregten Weſen gar nicht begriff, daß ſolche Hülfloſigkeit und Rath⸗ loſigkeit, wie die ihrer armen Pathe, in der Welt ſei. „Verzeihen Sie, Baron,“ ſagte Dina zu dem jetzt eintretenden Walram,„daß ich Sie ſo früh aus Ihrer Ruhe ſtören ließ.“ „Ich bitte recht ſehr, gnädige Frau,“ antwortete er, ſie in der größten Spannung, was ſie von ihm verlangen werde, anſehend,„ich pflege immer früh aufzuſtehen, und freue mich zu ſehr, daß Sie die⸗ ſelbe Regel befolgen, und nicht, wie die übrigen eleganten Damen, die beſte Zeit, die ſchönſte und ruhigſte Zeit des Tages gar nicht kennen.“ „Durch einen höchſt merkwürdigen Zufall, Herr von Walram, bin ich in den Beſitz eines Sie be⸗ treffenden Geheimniſſes gekommen.“ 10* „Es iſt mir ſchmeichelhaft, daß Sie von irgend Etwas Notiz nehmen, was mich betrifft. Aber ich begreife nicht,— „Sie werden ſehr bald begreifen, und“— ſetzte ſie lachend hinzu—„dann ſich auch nicht mehr ſo geſchmeichelt fühlen. Ich weiß, daß Sie um acht Uhr— es iſt jetzt halb acht— nach Wilhelmsbad reiten wollen, um ſich mit dem Manne meiner beſten Freundin zu ſchlagen.“ „Das wiſſen Sie,— ſo hat Lavallon ge⸗ plaudert?“ „Er nicht! Aber nun zur Sache! Das Ganze beruht auf einem höchſt einfältigen Mißverſtändniß. Lavallon glaubt mich von Ihnen beleidigt und will mich rächen. Schreiben Sie ihm eine Zeile: nur daß er ſich irrt, und ich will dann ſchon dafür ſorgen, daß er Sie wegen ſeiner brüsken Anfrage um Verzeihung bittet.“— „Die Anfrage war mehr als brüsk, gnädigſte Fran, ich kann nicht an den Legationsrath ſchreiben, kann unmöglich auf eine Zumuthung, mich zu recht⸗ fertigen, die in dieſer Weiſe geſtellt worden, anders 149 als mit einem Cartel antworten,— ſo leid es mir auch thut, um ſeiner Frau willen, die ich ganz be⸗ ſonders verehre, und dann auch, weil mir Duelle überhaupt verhaßt ſind.“ „Wollen Sie es denn nicht mir zu Gefallen thun?“ ſagte Dina nach einer Pauſe und ſtreckte ihm die Hand entgegen, mit einem Blicke, vor dem er, roth werdend, die Augen niederſchlug. „Ich kann nicht!“ ſtammelte er verlegen. „Walram, mir zu Gefallen!“ „Ich kann Ihren beſten Freund nicht ſchonen, gnädige Frau!“ „O, Walram, Lavallon iſt nicht mein beſter Freund,— obgleich dieſes Duell gerade das Leben meines beſten Freundes bedroht,— verſtehen Sie mich nicht, Walram,— verſtehen Sie nicht, wen ich dafür halte?“ frug ſie ſo leiſe, ſo zitternd— mit beiden weichen Händen ſeine Hand umſchließend, daß Walram überwunden wurde. Er preßte ſeine freie Hand vor die Augen und flüſterte ſo leiſe, daß ſie es kaum verſtehen konnte: „O Gräfin! was beginnen Sie mit mir! Warum zeigen Sie mir ein Glück, das nicht für mich auf Erden beſteht? Warum öffnen Sie mir das Thor des Himmels, da ich doch die Schwelle nicht über⸗ treten darf? O, das iſt grauſam, unmenſchlich von Ihnen!“ Dina ließ ſeine Hand los und trat einen Schritt zurück, ihr ſchönes Antlitz, das eben noch im dun⸗ kelſten Purpur geglüht, bleich von Schrecken. „Ich verſtehe Sie nicht, Baron Walram!“ „Und ich kann mich nicht erklären!“ ſagte er mit tiefem Schmerz. Beide ſchwiegen. Dina ertrug aber dies Schwei⸗ gen nicht länger, und frug beklommen, nur um die Pauſe zu endigen: „Und wie iſt es mit dem Duelle?“ „Ich werde ſogleich an Herrn von Lavallon ſchreiben! Was liegt mir daran, was dieſer Mann von mir denkt,— es iſt die einzige Gelegenheit, wo es mir möglich iſt, Ihnen zu zeigen, daß Sie mir über Alles ſtehen.“ „Ueber Alles?“ ſagte Dina zornig,„pfui, Ba⸗ ron Walram, lügen Sie nicht!“ „Ja, über Alles, was zu überwinden iſt! Ein Wort, das ſich ein Mann ſelber gab, iſt aber etwas Unüberſteigliches.“ „Ich habe Ihnen ſchon einmal geſagt, ich ver⸗ ſtehe Sie nicht,“ ſagte, ſich abwendend, Dina. Walram aber richtete ſich auf und verſetzte mit innigem Ausdruck:„Gott behüte Sie, Gräfin! Leben Sie wohl! Beklagen Sie mich, aber zürnen Sie mir nicht!“ Sie ſagte nichts mehr,— ſie blieb abgewandt von ihm ſtehen,— er wartete und wartete auf ein Wort, auf einen Blick, aber umſonſt, die Frau, die vor ihm ſtand, war zu tief von ihm gekränkt wor⸗ den! Ihre erſte, einzige Liebe hatte ſie ihm ent⸗ gegengetragen und er hatte ſie von ſich geſtoßen,— es war ihr, als ſei ihr das Herz in der Bruſt erſtarrt, als ſei ſie todt. Als ſie immer unbeweglich blieb, drang auch in Felix's Herz die Ahnung, daß hier eines von den Gefühlen rege ſei, die man durch Schweigen ehren müſſe. Er ging leiſe, lautlos. Aber Dina hörte doch i ͤn ſich entfernen, und als er draußen war, 152 fiel ſie in die Kniee, und das Haupt in ihrem Fauteuil vergrabend, blieb ſie liegen.— Walram ſchrieb wirklich an Lavallon, und zwar, daß er heute Morgen plötzlich abreiſen müſſe, aber bei ſeiner Rückkehr zu ſeinen Dienſten ſein werde, wenn der Legationsrath noch immer auf einem Duell beſtehe, zu dem er, Walram, durchaus keine Ver⸗ anlaſſung gegeben, indem er weder ihn, noch die Gräſfin Waterford beleidigt und ſelbſt der allein beleidigte Theil ſei. Wolle ihm aber der Legations⸗ rath eine Entſchuldigung gewähren, ſo ſei er zur Ausſöhnung bereit. Der Legationsrath empfing das Billet, als er gerade in ſeinem Cabinet beſchäftigt war, an ſeine Frau einen ſehr ſalbungsreichen Abſchiedsbrief, für den Fall, daß er im Duell bleibe, zu ſchreiben. Das einzige Bemerkenswerthe und wirklich Naive in dem Briefe war, daß er ſeiner Frau auftrug, der Gräfin Leopoldine von Waterford zu ſagen: daß er für ſie ſein Leben gelaſſen! Man mußte Eliſens harm⸗ loſe Natur kennen, um dieſen Zug ihres Mannes .* * zu begreifen. Glücklicherweiſe hatte ſie aber nicht nöthig, ſo viel Edelmuth an den Tag zu legen. Lavallon wurde eben ſo wenig erſchoſſen, als das Duell Statt fand und der Brief in die Hände ſeiner Frau kam. Er verbrannte ſelbſt dies Prachtſtück von Styliſtik mit einem ſtolzen Blick, indem er vor ſich hin murmelte:„So ſind ſie alle, dieſe Dandy's! Impertinent und feig!“ Uebrigens war er recht froh, mit Ehren aus einer Sache zu kommen, in die ihn doch nur eine augenblickliche Aufwal⸗ lung von Eiferſucht und die Luſt, zu prahlen, geſtürzt. 4 Walram ging wirklich einige Tage nach Straß⸗ burg, wo ein Jugendfreund und Landsmann von ihm ſich den Winter aufhielt. Dann konnte er es eben dieſem Freunde nicht abſchlagen, ihn für kurze Zeit nach Paris zu be⸗ gleiten, und ſo waren vier Wochen verfloſſen, als er nach Frankfurt zurückkehrte. Bei ſeiner Ankunft händigte ihm Huber, der noch immer nicht ſeine Negociation glücklich zu Stande gebracht, ein ſehr künſtlich verfaßtes Ent⸗ ſchuldigungsſchreiben von Lavallon ein. Außerdem fand er noch in ſeinem Höôtel drei Briefe von den drei Geſandten, denen er ſeine Pläne mitgetheilt. Die drei Briefe hatten eine wunderbare Aehnlichkeit des Inhalts bei der verſchiedenſten Form. Keine Zuſage, aber freundliche Vertröſtungen, und— bei zweien lag ein Orden. Er beſchloß nun, Frankfurt zu verlaſſen, da hier keine Ausſicht für ihn und ſeine menſchenfreundlichen Pläne blühte. Aber er konnte ſich nicht entſchließen, es zu thun, ohne wenigſtens ein Wort über Dina gehört zu haben, deren Haus er nicht mehr zu be⸗ treten wagte. Huber verſicherte ihm, er habe ſie die ganze Zeit über nirgends getroffen, ſie müſſe ſich eingeſchloſſen haben. So ging Felix denn zu Eliſen⸗ der Zwiſchenfall mit ihrem Manne kümmerte ihn nicht. Die Lega⸗ tionsräthin empfing ihn mit offenbarer Freude. Als er ſie frug, wie es ihr die Zeit über er⸗ gangen, antwortete ſie:„Traurig und ſchlecht, denn meine liebſte Freundin iſt im Begriff, einen unver⸗ antwortlichen Streich zu begehen. Dina paunnr * 155 ſtein, wie ich ſie aus alter Gewohnheit nenne, will ſich zum zweiten Male vermählen.“ Felix wurde bleich; Eliſen entging das nicht, und ſie bewunderte die Faſſung, mit welcher er frug: „Mit wem denn?“ „Mit dem Vetter und Erben ihres Mannes, dem jetzigen Earl of Waterford, der wahrſcheinlich des⸗ wegen aus England hierher gekommen iſt.“ „Was iſt er für ein Mann?“ „Sein Aeußeres iſt nicht übel, er iſt auch noch jung, aber unbeſchreiblich hochmüthig, egoiſtiſch und ſelbſtgefällig. Er iſt aus einem Schifsslieutenant auf einmal einer der reichſten Pairs von England geworden, hat aber doch wahrſcheinlich immer in dieſer Hoffnung gelebt und gewebt. Man ſieht ihm an, daß er eine Frau nur nimmt aus all den Urſachen, die einer feinfühlenden Frau eine Er⸗ niedrigung ſcheinen müſſen. Nicht bloß, daß er ſie nicht lieben wird, ſondern ich bin auch überzeugt, daß er die Liebe überhaupt nur für ein Trauerſpielmotiv hält. Er gehört zu der fürchterlichen Sorte von Menſchen, die Jedermann lobt und Niemand liebt.“ 8. 8 — 156 „Und was ſagt die Gräfin?“ „Zum erſten Male begreife ich ſie nicht. Noch geſtern ſagte ſie zu mir: Ich halte Ehen zwiſchen Menſchen verſchiedener Nationen immer für ein Un⸗ glück, auch wenn die heftigſte Leidenſchaft ſie ver⸗ eint. Es iſt und bleibt eine Diſſonanz, auch wenn ſie Anfangs vom Sturme der Liebe übertäubt ward. Nur ein deutſcher Mann vermag eine deutſche Frau glücklich zu machen.“ „Und erwähnten Sie da nicht den Lord?“ „Gewiß!“ „Und was antwortete ſie?“ „Es iſt ſchade, liebe Eliſe,“ ſagte ſie,„daß Du immer ſo ſubjectiv biſt,— ja, ſogar meine Objec⸗ tivität gar nicht faſſen kannſt!“ „Um Gotteswillen! Gnädige Frau, wenn Sie ſo überzeugt ſind, daß der Engländer Dina nicht liebt, ſo verhindern Sie dieſe Ehe!“ „Das werde ich!“ „Laſſen Sie mir die Beruhigung, daß Sie als guter Engel ſie bewahren! Ich muß Frankfurt ſchon morgen verlaſſen,— die Erinnerung an die Lie⸗ benswürdigkeit der Gräfin wird mich aber überall hin begleiten.“ „Bis eine andere Erinnerung Sie überall hin begleitet, ich kenne das!“ „Nein, nein, Sie irren ſich, gnädige Frau! Mein Loos iſt ein trauriges,— ich werde immer einſam ſein!“ „Immer einſam? Und weshalb?“ „Ich lebe mir nicht ſelbſt. Ich habe mir das Wort gegeben, mein eignes Glück nicht eher anzu⸗ bauen, nicht eher um die Liebe einer Frau zu wer⸗ ben, bis ich die Aufgabe meines Lebens, die ich mir ſelbſt geſetzt, gelöſ't habe.“ „Und iſt es eine ſchwere Aufgabe, die Sie ſich geſetzt?“ „Ein Ziel, das mir täglich weiter gerückt wird — und das wohl auch weiter liegen wird, als mein Lebensziel!“ „Wiſſen Sie, daß mich das verdrießt?— Ich liebe ſolche Abnormitäten nicht!“ „Warum wollen Sie nicht einem Menſchen ge⸗ ſtatten, einmal ſich ſelbſt zu vergeſſen? Dieſe 158 Schwachheit findet bei der übrigen Welt hinreichen⸗ des Gegengewicht!“ „Wenn es nicht zu gottlos klänge, würde ich ſagen, der Himmel muß die Egoiſten lieber haben, als Diejenigen, die ſich aufopfern, denn der Egois⸗ mus wird gewöhnlich gekrönt,— die Aufopferung kaum anerkannt, ſelten belohnt und nie gekrönt!“ Felix aber ſagte ernſthaft:„Für meinen Begriff giebt es nur eine Belohnung: die Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, und die wird der Aufopferung immer zu Theil!“ „Wie dem Egoismus!“ ſagte lächelnd Eliſe, „und vielleicht iſt ein Egoiſt, der die Andern zu ſeinem Vortheil hinter's Licht geführt, noch zu⸗ friedener mit ſich ſelbſt, als der edelſte Menſchen⸗ freund.“ Felix ſchüttelte den Kopf und ſtand auf. „Haben Sie der Gräſin Waterford ſchon Adieu geſagt?“ frug Eliſe. „Nein, und ich wollte Sie bitten, dies zu über⸗ nehmen.“ „Warum gehen Sie denn nicht ſelbſt?““ 4 159 „Sie kennen meine Paſſion für Sprüchwörter, gnädigſte Frau! Es giebt eins, das heißt: Die Hölle iſt mit guten Vorſätzen gepflaſtert, und noch eins heißt: Hochmuth kommt vor dem Falle!“ „Ich verſtehe Sie nicht!““ „Verſtehen Sie mich auch nicht, wenn ich Ihnen ſage: Gebrannte Kinder ſcheuen das Feuer?“ „Auch nicht, Herr Baron!“ „Dann muß ich verzweifeln!“ Und ohne weiter Etwas zu ſagen, verbeugte er ſich vor Eliſen, die ihm bitterböſe war,— denn das Glück ihrer Freun⸗ din galt ihr höher, als alle Pläne und Entwürfe des ſanguiniſchen Felix. Am Abend theilte ſie ihrer Freundin die Statt gefundene Unterhaltung mit, aber ganz ſchonend und vorſichtig, denn ſie meinte, Felix's Erklärung, daß er die Stimme ſeines Herzens unterdrücken wolle, bis er ſeine Miſſion erfüllt habe, werde ſie verletzen. Aber Eliſe wurde in hohem Grade überraſcht, als ihre Worte eine ſo ganz andere Aufnahme fanden. Dina fiel ihr jubelnd um den Hals und rief: „Iſt es das, weshalb er mich flieht? Dann iſt Alles gut! Ich glaubte ihn an eine Andere gebunden, — mein Herz iſt groß genug, um zurückzutreten, wenn es einer Idee gilt, aber zu ſtolz, wenn es einer Perſon gilt!“ Als Eliſe fort war, eilte ſie an ihren Schreibtiſch. Sie ſchrieb die folgenden Zeilen an Felix nieder: „So eben ſagt mir meine Freundin, daß Sie Frankfurt verlaſſen. Ich kann es mir nicht ver⸗ ſagen, Ihnen ein ſchriftliches Lebewohl mitzugeben für die lange, lange Trennung! So lange wir jung ſind, werden wir uns wohl nicht mehr ſehen, aber wenn wir älter geworden und das Leben in das reine Gold Ihrer Geſinnung einige Schlacken ge⸗ worfen und aus meinem Charakter unbarmherzig die Schwächen entfernt hat, die ihn ſo ſehr ent⸗ ſtellen,— an guten Vorſätzen fehlt es jetzt ſchon nicht,— dann werden wir, auf gleicher Stufe ſtehend, uns, wie ich hoffe und überzeugt bin, in reiner Freundſchaft, Eines würdig des Andern, begrüßen! Leben Sie wohl!“ So ſchrieb eine der ſtolzeſten Frauen an ei⸗* nen jungen Menſchen, den die Welt nur als einen Dandy und einige Wenige als Schwärmer kannten. Sie allein würdigte ſein ſelbſtloſes Herz. Dies Billet war der Talisman, den Felix mit⸗ nahm auf die Reiſe, und die einzige Befriedigung für ſo viel verſchwendete Anſtrengung und verlor⸗ nes Streben. Tief unten in ſeinem Koffer lagen die zwei Orden, das Billet Dina's aber trug er auf ſeinem Herzen. An demſelben Tage, wie er, reiſ'te auch der Graf von Waterford mit einem wohlverbrämten Korbe ſeiner ſchönen Couſine ab,— aber das Billet, worin er enthalten, nahm der Graf nicht mit, die Flamme des Kamins hatte es längſt verzehrt! Zehntes Kapitel. Paul. In einem Dörfchen am Rhein, am Fuße des Drachenfelſes, Schöndorf heißt es, kehrte ein junger Mann im erſten, freundlich gelegenen Wirthshauſe ein. Sein Gepäck hatte er in Königswinter, wo er Der neue Krenzritter. 11 g — 162 mit dem Dampfſchiffe gelandet, zurückgelaſſen, und wie er war, im leichten Sommerrock und breitrandigen Strohhute, imponirte er dem Wirthe nicht beſonders; dieſer wies ihm durch eine läſſige Bewegung der Hand die Thüre der Gaſtſtube. Der junge Mann öffnete und trat ein. Das Zimmer war leer, nur ein weibliches Weſen war in einer düſtern Ecke be⸗ ſchäftigt, einige Gläſer abzuwiſchen. Als aber das Mädchen ſich umwandte und der Fremde ihr Geſicht erblickte, blieb er überraſcht ſtehen. „Lori, iſt's möglich? Sie hier?“ „Baron Walram!“ Da trat der Wirth ein. Lori wandte ſich wie der Blitz wieder nach dem Büffet, und Felix blieb nichts Anderes übrig, als einen Stuhl am Tiſche einzunehmen und eine Flaſche Wein zu be⸗ ſtellen. Auf einen Wink des Alten entfernte ſich Lori, um ſie zu holen. Felix konnte die Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen und frug leichthin:„Ihre Tochter, Herr Wirth?“ 163 Der Wirth, ein gutmüthig ausſehender, alter Mann, zwinkerte pfiffig mit den Augen und ſagte geheimnißvoll:„Noch nicht, aber hoffentlich bald!“ „Wie ſoll ich das verſtehen? Iſt ſie die Braut Ihres Sohnes?“ „Ja wohl, Herr! Mein Sohn will ſie heirathen, und ich gebe ihm auch gern meinen Segen dazu, denn ſie iſt ein wahrer Schatz und mehr werth, als alle Mamſellen hier am Rhein. So häuslich, ſo fleißig, Alles verſteht ſie! Sie iſt eine Wienerin.“ „Und wie kommt ſie denn hierher, denn die Wienerinnen ſind dafür bekannt, daß ſie nicht leicht ihre Heimath verlaſſen.“ Der Wirth war geſprächig, und mit Freuden gab er die Geſchichte, die er ſchon manchem Rei⸗ ſenden preisgegeben, auch Felix zum Beſten. „Es war an einem Abend, wo draußen ein Wetter herrſchte, daß man keinen Hund hätte hin⸗ ausjagen mögen. Die meiſten Gäſte waren ſchon fort; ich, mein Sohn und die Haushälterin, wir ſaßen dort drüben und aßen zu Nacht. Da kommt der Hausknecht herein, und ſagt, es wäre eine fremde . 11* Perſon da, die ein Zimmer verlange. Paul, mein Sohn, ſteht auf und geht hinaus. Als ich mich ſchon eine Weile über ſein langes Ausbleiben ge⸗ wundert, kehrt er zurück. „Nun, wer iſt die Fremde?“ rufe ich ihm ent⸗ gegen. „Ein wunderſchönes Mädchen, ohne Paß!“ ſagt er und ſetzt ſich wieder zum Eſſen. „Ja, aber warum haſt Du ſie aufgenommen?“ frage ich nun verdrießlich,„man hat ohnedem ſchon ſo viel Plackerei mit der Polizei!“ „Das Frauenzimmer giebt an, ihn verloren zu haben,“ lacht mein Sohn,„das kann Jedem paſſiren.“ „Die Fremde hatte am andern Tage Fieber und mußte das Bett hüten. Sie wurde lebensgefährlich krank. Mein Sohn, der zuweilen mit dem Doctor zu ihr ging, um zu ſehen, ob die Mägde ſie auch ordentlich verpflegten,— verliebte ſich in das kranke, beſinnungsloſe Mädchen. „Als ſie wieder beſſer war und herunterkommen konnte, jagte ich eines Morgens die Haushälterin wegen eines Betrugs aus dem Hauſe. Die Fremde übernahm aus Gefälligkeit einſtweilen ihre Stelle, füllt ſie aber ſo vortrefflich aus, daß ich mit dem Gedanken, eine Wiener Putzmacherin zur Schwie⸗ gertochter zu haben, ſchon ganz ausgeſöhnt bin.“ „Eine Wiener Putzmacherin! Wie kommt ſie aber hierher?“ „Wegen der Erbſchaft einer Tante in Cöln. Mit der Erbſchaft war es aber nicht viel, und ſie war wieder auf dem Heimwege begriffen, als—“ Eben trat Lori mit der Flaſche ein. Sie ſah am ſchnellen Abbrechen des Geſpräches, daß die Rede von ihr geweſen. Sie wurde dunkelroth und warf auf Felix einen flehenden Blick. Er verſtand ſie und nickte ihr unmerklich zu,— er würde ſie auch ohnedem nicht verrathen haben. Bald kam auch der Sohn des Wirthes, ein auffallend großer, ſtarker und hübſcher Mann, herein. Er ſetzte ſich neben die ſchweigſam nähende Lori und warf auf Felix einen eiferſüchtigen Blick. „Ich möchte von hier aus den Drachenfels be⸗ ſteigen,“ ſagte Felix nach einer Pauſe.„Der ge⸗ wöhnliche Weg von Königswinter aus iſt mir zu 166 belebt von Menſchen aller Art,— giebt es nicht von hier aus einen Weg?“ „Ich habe zufällig mit dem Wirth auf dem Dra⸗ chenfels wegen einer Weinlieferung zu reden und will Sie begleiten,“ antwortete der Sohn. „Ich möchte gerne mitgehen,“ ſagte Lori ſchüch⸗ tern,„ich bin noch nie oben geweſen. Können Sie mich heute Nachmittag entbehren, Herr Philipps?“ frug ſie, zum Wirthe gewandt. Der nickte und ſagte wohlwollend:„Benutzen Sie nur noch den ſchönen Herbſttag, liebes Lenchen!“ „Lenchen?“ frug ſich Walram;„alſo ſogar um⸗ getauft hat ſie ſich?“ Daß ſie mitgehen wollte, ſchien ihm nur zu geſchehen, um ein längeres Allein⸗ ſein zwiſchen ihm und Paul zu verhindern. Bald nach dem frugalen Mittageſſen, das Felix mit der Familie des Wirthes eingenommen, begaben ſich die drei jungen Leute auf den Weg. Felix entdeckte nach einiger Zeit, daß Paul, für den Wirthsſohn in einem kleinen Dorfe, eine ungewöhn⸗ liche Bildung beſitze. Er gab ihm das auch zu verſtehen, und da ſagte Paul: 167 — „Ja, ſehen Sie, ich habe mehrere Jahre bei der Artillerie geſtanden, und zwar unter einem ganz ausgezeichneten Hauptmann, der ſich meiner annahm und mich in ſeine Geſellſchaft zog. Dem Manne ver⸗ danke ich Alles, was ich bin, denn als ich von hier fortging, wußte ich nicht mehr, als mein Vater,— und daß das nicht viel iſt,“ ſetzte er lachend hinzu, „haben Sie heute Mittag geſehen, wo er durchaus behauptete, das Bild eines Cölniſchen Bürgermei⸗ ſters, mit der gepuderten Perrücke, das auf unſerm Hausflur hängt, ſtelle den Ritter Roland dar!“ „Aber ſind Sie nicht müde, Lenchen, wollen Sie nicht meinen Arm annehmen?“ Lori oder Lenchen dankte. Sie hielt ſich über⸗ haupt ſehr fern von dem jungen Manne, den das offenbar ſchmerzte. „Sie ſind heute nicht gut gelaunt, Lenchen, von Ihrer ſonſt ſo fröhlichen Laune iſt nichts an Ihnen zu bemerken,“ fuhr Paul fort. 8½ „Ich leide,“ ſagte Lori, ohne aufzuſehen. „Mein Gott, warum haben Sie mir das nicht früher geſagt! Was fehlt Ihnen?“ „Ich bin unzufrieden mit mir ſelbſt,“ ſagte Lori und ſah dabei Walram an, der ſie aber eben ſo wenig, wie der ſchlichte Paul, verſtand. Sie waren jetzt oben angekommen, und während Paul zum Wirthe ging, um einige Erfriſchungen zu beſtellen und ſein Geſchäft abzumachen, nahmen Lori und Felix an einem Tiſche Platz und blickten entzückt in das kleine Paradies, das zu ihren Füßen lag. Endlich nahm Lori das Wort.„Was ſagen Sie zu meiner jetzigen Stellung, Baron?“ „Mir ſcheint, Sie ſind ein kluges Mädchen und wiſſen ſich in jede Stellung zu ſchicken; aber be⸗ friedigen Sie zuerſt meine Neugierde, und ſagen Sie mir, wie Sie hierher kamen?“ „Auf die einfachſte Art der Welt. Ich wollte in Frankfurt nach Wien entfliehen, aber ich wurde ver⸗ rathen, denn als ich auf den Poſthof kam, fand ich, ſtatt einer mir ergebenen Perſon, Herrn Joſeph Hu⸗ ber, der offenbar auf mich vigilirte. Ich ſchlich, un⸗ kenntlich durch ein großes Kopftuch, an ihm vorüber, ſchlüpfte in den erſten beſten Poſtwagen und fuhr 169 an ihm vorüber zum Thorweg hinaus. Der Wagen brachte mich, anſtatt nach Oſten, nach Weſten, aber wo ich ausſtieg, wollte man einen Paß von mir haben. Da habe ich denn auf Lügen und Um⸗ wegen mich herumgeſchlagen, bis ich endlich todt⸗ müde hier ankam, immer noch ohne Paß und, was noch ſchlimmer war, auch ohne Geld! „Im Hauſe des alten Philipps wurde aber nach Beidem nie gefragt; wie eine Schweſter gepflegt, verſorgt—“ „Aber nicht wie eine„Schweſter“ geliebt!“ ſagte Felix ſchalkhaft und deutete nach dem Hauſe, wo Paul mit dem Wirth unter der Thüre ſtand. Diesmal wurde Lori nicht roth, ſondern blaß. „Necken Sie mich nicht mit ihm, Baron! Mir iſt heute ein entſetzliches Unglück widerfahren, ich habe plötzlich eingeſehen, daß ich ihn nicht liebe!“ „Heute? Warum heute?“ Lori gab keine Antwort, aber ſie warf einen unausſprechlich ſchmerzlichen Blick in Felix's Augen, — jeder andere junge Mann würde dieſen Blick verſtanden haben, denn er ſagte deutlich: Weil 170 ich einſehe, daß ich noch immer Dich und nur Dich liebe! Aber Felix verſtand ihn nicht. Er frug:„Wie heißen Sie jetzt? Lenchen, nicht wahr?“ „Bin ich denn etwas Anderes, als eine Mag⸗ dalene,“ ſagte Lori bitter,„büße ich nicht für die Thorheiten und Sünden meiner erſten Jugend?“ „Aber Paul und ſein Vater glauben, daß Sie Paul's Weib werden!“ „Das hoffte ich bisher auch,“ ſagte Lori traurig, naber von heute an fürchte ich es! Bisher ſchien es mir ſo herrlich, eines ſo ehrlichen Jungen ehr⸗ liche Frau zu werden, aber heute kommt er mir ſo plump, ſo gewöhnlich vor!“ „Sie ſind ein wetterwendiſches, launiges Mäd⸗ chen,“ ſagte Felix ärgerlich,„eine ächte Wienerin!⸗ „Ja, aber auch ehrlich und offen, wie eine ächte Wienerin!“ „Doch nicht gegen Paul und ſeinen Vater!“ „Nein, gegen die nicht! Denn wenn die ahn⸗ ten, daß ich auf den Brettern geweſen, daß ich,— was noch viel ſchlimmer iſt, Joſeph Huber's Freundin geweſen, ſie hätten mich nie bei ſich behalten! Und ich wollte doch ſo gerne ein ſtilles, einfaches, red⸗ liches, arbeitſames Leben führen, wie die andern Mädchen auch!“ „Aber heute haben Sie die Luſt an dieſem Le⸗ ben verloren?“ „Nicht an dieſem Leben, ſondern an Paul!“ Paul kam jetzt und ſetzte ſich zu ihnen. Jemehr Felix ihn beobachtete, deſto mehr gefiel er ihm. „Sie kennen wohl die Gegend, Herr von Wal⸗ ram?“ frug er beſcheiden,„oder ſoll ich Ihnen die Hauptpunkte nennen?“ „Ich kenne ſie, aber erklären Sie ſie Ihrer Braut!“ Lori wurde wieder blaß und warf Felix einen bit⸗ terböſen Blick zu, aber Paul wurde roth vor Freude und dachte vergnügt:„Sie hat es ihm geſagt!“ „Da der Herr weiß, daß wir verlobt ſind,“ ſagte er,„kann ich Dich ja auch nun Du vor ihm nen⸗ nen; ſiehſt Du, Lenchen, da drüben der grüne Berg mit dem verfallenen Thorbogen oben darauf, das iſt der Rolandseck.“ 172 „Das weiß ich längſt,“ ſagte Lori ſchnippiſch, „als wenn man Rolandseck nicht von Schöndorf aus eben ſo gut und noch beſſer als von hier aus ſähe!“ „Der kegelförmige, ſchloßgekrönte Hügel da unten iſt Godesberg,“ fuhr Paul freundlich fort. „Das weiß ich auch!“ ſagte wieder Lori. „Weißt Du denn auch, daß die Thürme, die Du dort unten im fernen Nebel kaum gewahren kannſt, die Thürme der alten Stadt Cöln ſind?“ Lori gab keine Antwort, blickte aber feſt nach dem Horizonte, wohin Paul's ausgeſtreckte Hand ſie wies; dann ſich plötzlich zu Felix wendend und offenbar Paul's Gegenwart ganz vergeſſend, ſagte ſie mit dem ihr eigenen, kurz abgebrochenen Aus⸗ druck: „Wenn ich dahin in's Kloſter ginge? Nach Cöln in's Kloſter, wie wäre das, was meinen Sie dazu?“ Da legte ihr Bräutigam feſt ſeine Hand auf ihre runde Schulter und ſagte ernſt:„Die Frage geht mich nur an. Was fragſt Du den Herrn?“ „Weil— weil ich ihn länger kenne, als Dich!“ ſagte Lori mit dem Heldenmuthe der Verzweiflung. Paul trat einen Schritt von ihr zurück und ſah mit zornfunkelnden Augen bald ſie, bald Felix fra⸗ gend an. Felix aber ſagte gefaßt:„Laſſen Sie ſich nicht ängſtigen durch das ſonderbare Benehmen des Mäd⸗ chens, ſo iſt ſie immer geweſen,— denn es iſt wahr, ich habe ſie ſchon früher gekannt,— aber— es freut mich, Ihnen gerade deshalb gratuliren zu können. Sie wird eine gute Frau werden!“ „Dafür werde ich ſorgen!“ verſetzte trocken und wieder ganz gefaßt der junge Mann, ergriff Lori's Hand und legte ſie feſt in ſeinen Arm. In dieſer Geberde lag Etwas, das deutlich ſagte: Sie iſt mein Eigenthum und ich werde ſie nicht laſſen. Dann, ſich zu Felix wendend, frug er:„Wollen wir jetzt wieder heimgehen?“ Felix nickte. Das Brautpaar ging voraus, Felix eine Strecke hinterdrein, weil er dachte, ſie würden eine Erklärung haben. Dem war aber nicht ſo, bis an die väterliche Schwelle wechſelten die beiden jungen Leute kein Wort. Paul ſchwieg, weil er ohne Zeugen reden wollte, und Lori halb aus Trotz, 174 halb aus Angſt, denn Paul hatte ihr durch ſein Benehmen wirklich imponirt. Zu Hauſe folgte er ihr auf ihre kleine Man⸗ ſardenſtube und ſchloß die Thüre hinter ſich ab. Sie wollte das verhindern, aber er drängte ſie mit ernſtem Blicke zurück. Sie zitterte ſichtbar und Thränen der Angſt perlten an den Wangen des ſonſt ſo übermüthigen Mädchens. „Es muß klar werden zwiſchen uns, Lenchen,“ begann der junge Mann.„Woher kennſt Du den Herrn?“ „Von Frankfurt her. Er iſt aber nie mein Lieb⸗ haber geweſen!“ „Das ſehe ich ihm an. Aber es mißfällt mir, daß Du das betheuerſt,— als könne man glauben, ein jeder junge Mann Deiner Bekanntſchaft ſei Dein Liebhaber geweſen. Warum habt Ihr Euch nicht als alte Bekannte beim Vater begrüßt?“ „Ich verbot es ihm, weil—“ „Weil er um Dinge weiß,—“ „Nun ja, was liegt mir daran, im Gegentheil, ich kann dieſe Comödie nicht länger ſpielen. Ich bin gar keine Putzmacherin, ſondern eine Schau⸗ ſpielerin, und der Fremde iſt der Freund eines Mannes, vor dem ich geflohen bin, weil ich ihn nicht mehr liebte,— deshalb kam ich ohne Paß und ohne Geld,— aber nicht ohne Stolz hierher!“ ſagte ſie, ihm bleich, aber muthig, unter die Augen tretend.„Mache nun, was Du willſt, Du weißt nun Alles! Jage mich fort,— ich bettle mich durch nach Wien, wo doch noch Einer der armen Lori ein Winkelchen zum Schlafen und ein Stück Brod zur Sättigung geben wird!“ „Alſo Lori heißt Du?“ „Eleonore Günther!“ „Warum nannteſt Du Dich Magdalene Müller?“ „Weil ich ein neues Leben anfangen wollte!“ Paul ſah ſie lange an, ſo lange, daß ihr Stolz brach und ſie weinend in einen Stuhl ſank; da breitete, ſelbſt weinend, der große, ſtarke Mann ſeine Arme aus und rief:„Das ſollſt Du auch! In meinen Armen, an meinem Herzen, als mein liebes, theures Weib, ohne das ich nicht leben mag, ſollſt Du ein neues Leben anfangen!“ 176 und Lori, zerſchmolzen vor Rührung, ſtürzte in dieſe Arme, die ihr für ewig einen Port, eine Heimath boten. „O Paul,“ ſchluchzte ſie,„wenn Du wißteſt! Ich bin nicht ſo rein, wie Du verdienſt, daß Dein Weib es ſei!“ Paul löſ'te ſie ſanft aus ſeinen Armen, führte ſie zum kleinen Ruhebett und ſagte freundlich, indem er ſich neben ſie ſetzte:„Mir ahnte immer, daß Dein Leben ein ſtürmiſches geweſen, aber was willſt Du? Ich habe Dich ſo lieb, daß ich nicht ohne Dich leben kann! Und doch,“ ſagte er mit plötz⸗ lichem Erſchrecken,„wenn der käme, dem Du früher, als mir, Deine Liebe geſchenkt,— wenn Andere kämen, die Dich als die Seinige gekannt und mich nur ſpöttiſch anſähen,— ich ertrüge das nicht!“ „Laß mich gehen, Paul, ich tauge nicht für Dich!“ „Nein, nein! Ich kann Dich nicht laſſen! Aber der gute Gott giebt mir einen Gedanken ein, der alle Noth endet. Die einzige Schweſter meines Vaters iſt an einen reichen Kaufmann in Meſſina 177 verheirathet, der ſie einſt hier aus dem Hauſe ent⸗ führte. Die Leute haben keine Kinder und ſchrei⸗ ben und flehen, daß doch einer von uns hinkommen, ihr Hab und Gut übernehmen und ſie bis zum Ende als Sohn pflegen möge. Dahin wollen wir gehen; da kennt Dich Niemand!“ „Aber Dein Vater, Paul?“ „Den tröſtet mein Bruder, der in einigen Wochen vom Militärdienſte frei wird und ohnedem beſſer zum Wirth paßt, als ich. Da ein Vermögen zu gewinnen iſt, billigt er gewiß meinen Entſchluß, nach Sicilien zu gehen, wohin er nur deshalb mei⸗ nen Bruder ſenden wollte, weil er meinte, mir ſei es unangenehm, zu gehen und weil er mich, als den Aelteren, berechtigt hielt, hier zu bleiben.“ „Paul, um meinetwillen willſt Du Dein Vater⸗ land verlaſſen!“ „Du biſt mir Alles!“ ſagte Paul, ihre beiden Hände faſſend.„Ich bin wie verzaubert, ſeitdem Du im Hauſe biſt!“ „Nun wohl,“ ſagte Lori,„thue mir einen Ge⸗ fallen, Paul! Gehe zum Fremden, den ich nicht Der neue Kreuzritter. 12 mehr ſehen will, ſage ihm, daß Du Alles weißt,— ſage ihm Deinen Entſchluß, aber nenne ihm nicht Meſſina.— Niemand ſoll wiſſen, wo ich Dir, nur Dir fortan leben werde.“ Eilftes Kapitel. In der heiligen Stadt. Felix hatte noch denſelben Tag, als ihm Paul im Auftrage Lori's Alles mitgetheilt, was ſie ihm ſagen ließ, in Königswinter, wo er ſeine Effecten zurückgelaſſen, das Dampfſchiff beſtiegen, um am Abend die heilige Stadt Cöln zu erreichen. In tiefe Gedanken verſunken, ſaß er auf dem Verdeck des Schiffes. Er dachte an Lori. Zweimal war er ohne ſein Wiſſen und Willen in das Schickſal dieſes Mädchens durch ſeine Erſcheinung ſtörend eingetreten, und je mehr er ihr Benehmen über⸗ dachte, deſto unbegreiflicher wurde es ihm; denn es iſt ſchon bemerkt worden, daß Felix des Schlüſſels von Allem entbehrte, er ahnte ja nicht, daß.Lori ihn liebte. Es lag ſo ganz außerhalb ſeines Ideen⸗ kreiſes, an eine Einwirkung auf dieſes Mädchen zu denken; ihre ſinnliche, launiſche und leidenſchaft⸗ liche Natur, deren einziger Reiz ihre Kraft und Friſche war, hatte für einen ſchwärmeriſchen Denker, wie Felix Walram, wenig Anziehendes. Seiner ernſten Natur waren die Frauen bisher nur Werkzeuge für ſeine menſchenfreundlichen Zwecke, weil ihre theil⸗ nehmende, feinorganiſirte Natur mehr zur Auf⸗ opferung und weniger zum Selbſtgenuß ſich neigt, wie die der Männer. Dina hatte freilich einen ſtarken Eindruck auf ſein Herz gemacht, aber ſelbſt dieſer Eindruck war nicht fähig, ihn auch nur auf kurze Zeit in ſeinem Streben zu lähmen. Er be⸗ dauerte weniger, dem Zuge ſeines Herzens nicht haben folgen zu können, als es ihn freute, das Bewußtſein in ſich zu tragen, ſeinem heiligen Zweck einen Wunſch, ein Verlangen geopfert zu haben,— auch die Tugend hat ihren Egoismus! Jetzt wollte er nach Paris. Ein Freund und Landsmann von ihm, Leo von Adlersvill, der ſich dort aufhielt, ſollte auf Felix's Gütern einige Ein⸗ . 12* 180 richtungen beſorgen, wozu er ihn aber durchaus ſelbſt ſprechen mußte. Leo wollie von Paris aus heim⸗ kehren; dorthin eilte jetzt Felix, und von dort wollte er ſich nach Rom begeben, um einen letzten Verſuch zu wagen in der Aufgabe, die er ſelbſt ſich aufer⸗ legt hatte. Da er erſt mit dem nächſten Abendzuge Cöln verlaſſen konnte, ſo blieb ihm ein ganzer Tag zum Beſuche der heiligen Stadt übrig. Sein erſter Gang galt dem deutſchen Meiſterwerke, dem Dom. Dies unvollendete Prachtwerk muß für jeden Deutſchen ein Gegenſtand tiefer Trauer ſein,— unvollendet ſteht es da!— wo ſind die frommen deutſchen Hände, die, in vaterländiſcher Liebe ver⸗ eint, das vollendende Kreuz auf ſeine Thürme pflanzen werden? Wie viele hundertmal iſt dieſer Dom ſchon das verkörperte Deutſchland genannt worden, und immer von Neuem drängt ſich der alte Gedanke un⸗ abweisbar auf. Mit einem Nothdache verſehen, im Innern die freie Durchſicht durch eine Wand verbaut, ohne Spitze, ohne Thurm, und doch das erſte, ſchönſte, ſtärkſte Gebäude der Welt, angeſtaunt und bewun⸗ 181 dert, trotz aller ſeiner ihm grauſam vorenthaltenen Rechte,— wer dächte, wer ſpräche, wer ſchriebe dabei nicht von Deutſchland? Der deutſcheſte Fürſt der Neuzeit, König Ludwig von Baiern, der einzige Fürſt, der zum Dom aus eigenen Mitteln wahrhaft königlich geſteuert, indem er eine Reihe der prachtvollſten Fenſter, Hundert⸗ tauſende an Werth, dort einfügen ließ, hat ſich auch hier ein ewiges Denkmal geſtiftet! Felix ſtand, im Anſchauen verſunken, vor dem Fenſter, wo, in Farbe und Zeichnung unvergleichlich ſchön, die Huldigung der drei Könige zu ſehen iſt. „Wie kann man der Mutter Gottes ſo gleichen, und doch ſo treulos ſein?“ ſagte leiſe eine bekannte Stimme neben ihm. Raſch wandte ſich Felix, um den Sprecher zu ſehen. In tiefe Gedanken ver⸗ ſunken, ſtand neben ihm ein blaſſer Mann in ver⸗ nachläſſigter Kleidung. Unordentlich hingen die lan⸗ gen, blonden Haare um den Kopf;— war es möglich, war das der eitle, elegante, blühende Jo⸗ ſeph Huber?— denn Huber’s Züge trug dieſe melancholiſche Erſcheinung. — „Huber!“ rief Felix leiſe, um ſich zu überzeugen. Der Angerufene zuckte zuſammen, und wie aus einem Traum erwachend, blickte er Felir an. Dann plötzlich ſchrie er auf:„Ein Menſch, endlich ein Menſch!“ und fiel, laut weinend, in Walram's Arme. Leute, die dieſen Ausruf gehört, umſtanden die Beiden; Felix, dem jedes Aufſehen verhaßt war, ſuchte die Arme des ihn umklammernden Mannes loszulöſen; als ihm das endlich gelungen, führte er ihn raſch vor die Thüre der Kirche und beſtieg mit ihm einen dort haltenden Fiaker. „Huber, um Gotteswillen, was iſt mit Ihnen vorgegangen? Was hat Sie ſo verändert?“ „O Nichts!“ ſagte Joſeph und ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn,„o Nichts!— denn ich bin ja nicht bankerott, mein Onkel iſt es ja nur!“ „Bankerott? So bleibt Ihnen Nichts?“ „O doch, mir bleibt Viel! Gerade ſo Viel für's ganze Jahr, als ich in Wien im Hauſe meines Oheims in einem Monat brauchte. In Frankfurt aber habe ich nie damit auskommen können. Mir 183 bleiben jährlich tauſend Gulden Münze, die Zinſen meines mütterlichen Vermögens, iſt das nicht Viel? Ha, ha, ha!“ Felix wandte ſich entrüſtet ab.„Wie iſt es möglich, daß ein Menſch ſo ſeinen ganzen mora⸗ liſchen Halt im Gelde finden und mit ihm verlieren kann?“ frug er ſich innerlich. Wie hoch ſtand Lori, an die er eben dachte, doch über ihrem ehe⸗ maligen Geliebten! Als ahnte Joſeph ſeine Gedanken, ſagte er: „Ja, wenn ich ſie noch hätte, dann wäre Alles gut! Sie ſtand über dem Gelde und wußte doch auch mit Wenigem Unglaubliches zu leiſten. Sie würden nie begreifen, mit wie wenig das Mädchen auskam, ehe ich ſie unterſtützte,— und doch ſoll ſie damals immer fröhlich geweſen ſein,— fröhlicher vielleicht, als bei mir! Ja, wäre ſie da, ſie würde mich tröſten, ja, ſie würde mit dem Wenigen, mir gebliebenen, Etwas anfangen,— aber ich,— was ſind mir zwanzig tauſend Gulden? Ein Kapital, das ich in einem halben Jahr aufbrauchen werde, ſobald ich es in Händen habe,— und dann ſchieße ich mich — ̊—— — 184 todt,— ſo iſt's am Beſten! Aber ſie wollen mir's nicht geben, meine Mutter hat das ſo angelegt.—“ „Faſſen Sie ſich, Huber,— dies Unglück iſt nicht der Rede werth für einen jungen und geſun⸗ den Mann!“ „Ich bin nicht geſund! Ich leide an ſo fürch⸗ terlichen Kopfſchmerzen, daß ich bald davon wahn⸗ ſinnig ſein werde! Sehen Sie hier,“ er wies auf ſeine Stirne,„da klopft Nacht und Tag ein ſchwerer Hammer, bald hat er die dünne Hirnſchale durch⸗ geſchlagen; dann ade!“ Felix frug den Unglücklichen, wo ſein Gaſt⸗ hof ſei. „O, ich gehe mit Ihnen, Baron, Sie laſſe ich nicht mehr! Wenn ich Sie aus den Augen ver⸗ liere, bin ich des Todes! Sie glauben nicht, un⸗ ter welchen Leuten ich ſeither geweſen! Sie ſind ſeit meinem Unglück der erſte Menſch, der mir be⸗ gegnet!“ „Wie kommen Sie nach Cöln?“ „In Frankfurt ſagten ſie mir, eine Rheinreiſe würde mir gut thun und brachten mich in Mainz 185 auf ein Dampfſchiff. Das Dampſſchiff brachte mich nach Cöln, und ſo bin ich hierhergekommen!“ „Seit wie lange ſind Sie hier?“ „Das weiß ich nicht. Am erſten Tage führte mich Jemand in den Dom, da bin ich denn jeden Tag wieder hingegangen, weil ich fand, daß Lori der Mutter Gottes im erſten Fenſter glich!“ „Haben Sie nichts von ihr gehört?“ „Nichts! O jetzt wird ſie gewiß auch nichts mehr von mir wiſſen wollen! Wie ich ausſehe!“ Der Unglückliche warf einen unbeſchreiblich bittern Blick auf ſeine verwahrloſ'te Kleidung, knöpfte die Weſte über dem unreinlichen Hemde zu und kreuzte die Enden ſeines beſchmutzten Rockes über den Knieen. Felix erinnerte ſich, niemals im Leben eine Em⸗ pfindung gehabt zu haben, die ihm ſolche Pein verurſacht. Dies Gemiſch von Verachtung und Mitleid kannte er bisher nicht, denn nie hatte Je⸗ mand, der ihm früher ſo nahe geſtanden, wie Huber, ſich ihm in ſolch jammervoller Geſtalt gezeigt. Er nahm ihn mit in ſeinen Gaſthof. Er be⸗ auftragte Stanislaus, andere Kleider für ihn zu ——— beſorgen, während er ſelbſt wieder ausging, um dem Anblicke des Halbverrückten zu entgehen. Als Huber ſich in Walram's eleganten Zimmern ſah, wurde er offenbar ruhiger und zufriedener. Mit einer ge⸗ wiſſen Behaglichkeit ſtreckte er ſich auf dem weich⸗ gepolſterten Ruhebette aus— Gott weiß, wo der arme Schelm bisher gehauſ't!— und ruhig ließ er Felix zur Thüre hinausgehen und erwiederte freund⸗ lich auf deſſen Abſchiedswort:„Ich komme bald wieder!“—„Schon gut, Baron, ich erwarte Sie!“ Felix ſchrieb nun ſogleich nach Frankfurt an das Banquierhaus, bei welchem er accreditirt geweſen, und bat um Auskunft wegen des jungen, unglück⸗ lichen Wieners. Umgehend erhielt er die Beſtä⸗ tigung deſſen, was Joſeph geſagt, ſowie die Zu⸗ ſicherung des Chefs, daß er ſich bemühen werde, für Joſeph den Betrag des kleinen Reſtes ſeines Vermögens zu erfahren und ihm durch ſeine Vermitt⸗ lung die Zinſen aus Wien zu übermachen. Felix's Gegenwart hatte offenbar den wohlthä⸗ tigſten Einfluß auf den Unglücklichen. In den drei Tagen, die er bei ihm zugebracht, hatte ſich⸗das 187 Irre und Krampfhafte ſeines Weſens ſchon ſehr ge⸗ mildert. Das unbegrenzte Zutrauen, welches ihm des Kurländers ruhige und ernſte Perſönlichkeit ein⸗ flößte, wirkte wie Balſam auf ſein zerſtörtes Gemüth. „Wären Sie in Frankfurt geweſen, hätte ich nur einen Menſchen gehabt, ſo wäre es nie ſo weit mit mir gekommen! So aber ſchrie mir Jeder nur in die Ohren, wie viel ich ihm ſchuldig ſei, und meine ganze Umgebung, mein Kammerdiener an der Spitze, hatte gar keinen andern Gedanken, als ſich möglichſt bald bezahlt zu machen,— dann ließen ſie mich im Stich!“ „Und Ihr Geſchäftsfreund?“ „Der verliert große Summen durch den Ban⸗ kerott meines Oheims, und ich wagte gar nicht hin⸗ zugehen, denn der von meinem Onkel für mich aus⸗ geſtellte Creditbrief iſt auch kein kleiner Beitrag zu dieſen Summen!“ „Haben Sie nicht die Gräfin Waterford, nicht Frau von Lavallon mehr geſehen?“ „Niemand, Niemand, als meine Gläubiger! Es waren keine großen Schulden, die ich hatte, nur ——— — O—— — —— — 188 kleine Summen, wie jeder Mann, der im Beſitze eines großen Einkommens ſich wähnt, Ausſtände hat. Aber die Dinge, die ich habe von dieſen Leuten anhören müſſen! Meine Verſchwendung, die ſie früher nur großartige Lebensweiſe nannten und prie⸗ ſen, indem ſie auf die Frankfurter jungen Herren ſchimpften, die nicht ſo viel Geld ausgäben, als ich, — dieſe Verſchwendung konnten ſie nun nicht genug ſchmähen, und ich mußte Alles mit anhören, durfte nicht einmal Einen die Treppe hinabwerfen. Ich glaube, davon allein bin ich halb verrückt geworden!“ Felix wußte nicht, was er mit Joſeph anfangen ſollte. Er wollte jetzt, nachdem er ihm ſchon einige Tage geopfert, nach Paris abreiſen. Als er mit Joſeph von ihrer bevorſtehenden Trennung ſprach, ward dieſer vollſtändig tiefſinnig. Er ſprach kein Wort, er wies Speiſe und Trank von ſich und richtete nur zuweilen ſeine blauen, wirklich ehrlichen Augen mit unausſprechlicher Trauer auf den ihm einzig übrig gebliebenen Freund. Dieſen ſtummen Klagen vermochte der gutmü⸗ thige Felix nicht zu widerſtehen,— er entſchloß — 189 ſich, den Unglücklichen mit nach Paris zu nehmen, hoffend, daß ſich der gebeugte Mann dort eher erholen und im fremden Lande eher ſeine Selb⸗ ſtändigkeit wiederfinden werde, da ihn Niemand in Paris kannte und ſeine verletzte Eitelkeit, die eigentliche Urſache ſeiner Trauer, dort weniger Nah⸗ rung fand. Huber's Dankbarkeit kannte keine Grenzen, als Felix ihm ſeinen Entſchluß mittheilte, und ſo reiſ'ten denn wirklich die beiden jungen Leute, begleitet von dem getreuen Stanislaus, zuſammen nach Paris ab. Zwölftes Kapitel. Hermione und Hector. In einer ziemlich ſchlecht und unordentlich aus⸗ ſehenden Manſardenſtube in der Vorſtadt St. Antoine ſtanden zwei ſehr verſchiedene weibliche Weſen einan⸗ der gegenüber. Die Eine ſchwarz, verblüht, mager und bösartigen Ausdrucks, die Andere blond, jung, ſchön ödT⅞ 190 und gutmüthig, mit einem Worte, ein ächt germa⸗ niſches Blut,— während die Aeltere ihre zaliſehe Abkunft nicht verläugnen konnte. „Sie haben mich offenbar zum Beſten,“ ſagte die Jüngere, weinend und in nicht beſonders rei⸗ nem Franzöſiſch.„Sie denken nicht daran, mir eine Gouvernantenſtelle zu verſchaffen, und hier bleibe ich nicht länger!— Ihr Bruder iſt mir unausſtehlich!“ „Iſt es meine Schuld, wenn Niemand eine deutſche Gouvernante ſucht?“ entgegnete die Andere, mit dem vollen Gewichte einer Pariſerin und einer alten Jungfer,—„iſt es meine Schuld, wenn Ihrem deutſchen Geſchmacke mein Bruder nicht con⸗ venirt, der doch einer der ausgezeichnetſten Virtuoſen von Paris iſt?“ „Wenn er das iſt, warum ſpielt er denn im Orcheſter des Variétés die Baßgeige?“ „Weil in Paris ſo viel bedeutende Leute ſind, ja weil Paris aus weiter gar Nichts beſteht, als aus der Créème aller Künſte und Gewerbe,— ſo können alſo die unbedeutenderen Stellen auch nur von Genies beſetzt werden, weil es in Paris nichts Anderes giebt!“ „Da ich aber kein Genie bin, ſo hätten Sie mich in Frankfurt laſſen ſollen und mich nicht durch allerlei Vorſpiegelungen aus dem Hauſe meiner Eltern locken!“ „Alſo ich habe Sie gelockt? Haben Sie mir nicht mit bitteren Thränen geklagt, daß man Sie gegen Ihren Willen mit dem alten Weinhändler in Mainz verheirathen werde,— haben Sie mir nicht geſagt, daß Sie lieber mit Ihrer Hände Arbeit Ihr Brod verdienen wollten, und iſt nicht meine unſäg⸗ liche Gutmüthigkeit allein daran ſchuld geweſen, daß ich Ihnen anbot, heimlich das Haus Ihrer Eltern zu verlaſſen und mit mir nach Paris zu kommen, da mein Bruder, deſſen Frau geſtorben, mich zur Erziehung ſeiner geliebten Kinder hierher berufen?“ „So verſchaffen Sie mir eine Stelle und ich will Ihnen auch jetzt noch dankbar ſein!“ „Sobald ſich Etwas findet,“ ſagte Mademoiſelle Hermione mit ſtolzer Bewegung und verließ den Salon, wie ſie es nannte, um auf dem Vorplatze 192 der Bereitung des Diners einige Sorgfalt zu, widmen. Das junge Mädchen aber, Marie Wittich, die Pathin der Gräfin Dina Waterford, aus der Mainzer Straße in Frankfurt, ſetzte ſich in eine düſtere Ecke und weinte bitterlich. Nicht lange währte es, ſo kam auch Herr Cou⸗ ture, Bruder Hermionens, nach Hauſe. Couture war das ächte Abbild eines Franzoſen und ganz beſon⸗ ders eines Pariſers: eitel, prahleriſch, geſchwätzig und dabei häßlich und klein, mit einer noch nicht ganz ausgebildeten Anlage zur Corpulenz.— Lä⸗ chelnd und ſeine weißen Zähne zeigend, ging er auf Marien zu und beachtete durchaus nicht ihre Kälte und Zurückhaltung. Er erzählte ihr alles Mögliche, was ſie nicht intereſſirte und wollte dabei immer ihre Hand er⸗ greifen, die ſie aber ängſtlich zurückzog. „Ich werde Sie nach Tiſche ſpazieren füh⸗ ren, nach dem Palais Royal, oder wohin Sie V wünſchen, ich habe mir heute im Theater einen Remplaçant genommen, um Ihnen endlich einen 198 „Abend widmen zu können, belle et cruelle Alle- mande!“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Marie ſchnippiſch, „ich gehe nicht des Abends mit Ihnen ſpazieren!“ „Hermione ſoll mitgehen, wenn Sie finden, daß mit mir allein zu gehen Sie compromittirt.“ Marie gab jetzt ihre Einwilligung, denn das arme Ding, das nun ſchon einige Wochen hier wie im Käſig ſaß, ſehnte ſich wirklich, einmal friſche Luft einzuathmen, ſei es auch ſelbſt am Arme des unausſtehlichen Wittwers. Die liebenswürdigen Kinder, wegen deren Er⸗ ziehung Hermione nach Paris zurückberufen worden, kamen nach Hauſe, das eine mit einer Flaſche Wein, das andere mit etwas Zucker, und Hermione deckte den Tiſch und trug die Speiſen auf. Einen Vor⸗ zug vor ihren Landsleuten mußte Mariechen den 4 Franzoſen nach kurzer Erfahrung ſchon zugeſtehen: ſie waren mäßiger, als die Deutſchen. Das kleine Schüſſelchen Suppe mit Fleiſch, wovon hier fünf Perſonen eſſen ſollten, wäre gerade für ihren Herrn Vater in Frankfurt eine paſſende Portion zum Nacht⸗ Der neue Kreuzritter. 13 194 4 eſſen geweſen. Als dieſes Gericht mit viel Aner⸗ kennung von Seiten des Virtuoſen und der Kinder verzehrt war, holte Hermione aus einem alten Eck⸗ ſchranke Etwas, das zwiſchen deutſchem Zwieback und franzöſiſchem Biscuit die Mitte hielt und das ſo trocken war, daß man die Zähne daran zerbeißen konnte; aber Hermione frug mit viel Pathos:„Ne prenez-vous rien du dessert?“ Der jungen Frank⸗ furterin war dieſe Art von Prahlerei bei dieſer Ar⸗ muth unausſprechlich zuwider.— Dieſe über Lum⸗ pen geworfene Toga ekelte ſie an, aber ſie wußte durchaus keinen Entſchluß zu faſſen, um ſich von dieſer Umgebung zu befreien. An ihre Eltern, denen ſie entflohen, wagte ſie nicht zu ſchreiben, und ihr kleiner Geldvorrath reichte auch nicht mehr zur Rück⸗ reiſe. Es blieb ihr alſo nichts übrig, als die Hoff⸗ nung, daß Hermione ihr Wort halten und ihr eine Gouvernantenſtelle verſchaffen werde. Dazu hatte aber Hermione nicht die mindeſte Luſt; denn ſie hatte Marien nur zum Mitgehen verlockt, damit dieſe ihres Bruders Frau werde, ein Loos, welches ſie übrigens für ſehr beneidenswerth 195 hielt. Als Hermione vor zehn Jahren nach Deutſch⸗ land ging, hatte ſie beſchloſſen gehabt, de s'allier avec un riche Allemand. Da die Ausführung dieſes Vorſatzes auf einige uns unbekannte Schwie⸗ rigkeiten geſtoßen, ſo wollte ſie doch wenigſtens ihrer Familie ein Kleinod dieſer Art mitbringen, und wenn auch keinen reichen Mann für ſich, ſo doch eine reiche Frau für ihren Bruder. Die Vermögensverhältniſſe von Mariens Eltern behagten ihr vollkommen, und daß dieſe nicht der einzigen Tochter ewig zürnen und ſie enterben wür⸗ den, beſonders wenn ſie an der Hand von Monſieur Hector Couture, als deſſen glückliche Gattin, ihre Ver⸗ zeihung erflehte, glaubte ſie wohl annehmen zu dürfen. Hector war entzückt von der Speculation ſeiner Schweſter und zweifelte keinen Augenblick, daß Marie, ſobald er Ernſt mache, mit Freuden die Seinige werden und er aus ihr eine höchſt reizende Pariſerin mit der Zeit heranbilden werde. Als Marie am Abend am Arme von Monſieur Hector Couture die hellerleuchteten Straßen betrat, mußte er mit ihr vor jedem Laden ſtehen bleiben, 13* 2 196 denn was war Frankfurt's glänzendſte Handelsſtraße, die Zeil, gegen dieſe Lädenreihen!— Im Palais Royal angekommen, kannte ihr Entzücken vollends keine Grenzen. Da hörte ſie plötzlich Jemand in ihrer Nähe in deutſcher Sprache ſagen:„Sie iſt es, verlaſſen Sie ſich darauf!“ Sie wandte raſch den Kopf und hinter ihr ſtand der ihr wohlbekannte Kammerdiener der Gräfin Waterford. In einem Entzücken, das zu begreifen man in Mariens Lage geweſen ſein muß, das ihr aber keine Ueberlegung ließ, riß ſie ſich los vom Arme ihres Begleiters und auf Philipp zuſtürzend rief ſie ju⸗ belnd:„Seid Ihr hier? Iſt am Ende auch die Frau Gräfin hier?“ „Ja wohl, Fräulein Mariechen, und bloß wegen Ihnen iſt ſie hier,— ſie will Sie Ihren armen Eltern, die ſchier verzweifeln, wieder bringen,— ich bin nur ausgegangen, um Sie zu ſuchen!“ So viel hatte Hermione doch während ihres zehnjährigen Aufenthaltes in Deutſchland profitirt, daß ſie dieſe Reden verſtehen konnte. Sieüber⸗ 197 ſetzte ſie ihrem Bruder. Hector begriff raſch, daß er jetzt Gefahr laufe, ſeine ſchöne, kleine Beute, die er bereits als ſeine Braut anſah, zu verlieren. Ent⸗ V ſchloſſen ging er auf ſie zu und nahm ihren Arm, mit den Worten:„Kommen Sie jetzt mit uns!“ Aber Mariechen klammerte ſich an Philipp an und rief unter Thränen:„Schützen Sie mich vor dem Ungeheuer, oder ich ſterbe!“ Es bedurfte bei Philipp nicht dieſer Auffor⸗ derung, hatte er doch jetzt Gelegenheit, ſeinen natio⸗ nalen Vortheil, die Körperkraft, geltend zu machen, gegenüber dem ſchwächlichen Franzoſen. Mit einem raſchen Stoße ſchleuderte er ihn weit von ſich, . und währenddem Herr Hector Couture aus Leibes⸗ kräften„Au meurtre, à l'assassin“ ſchrie, eilte er, Mariechen am Arme, zum nächſten Fiaker, ſchob ſie hinein und ſetzte ſich ſelbſt zum Kutſcher auf den Bock. Seine andere Begleiterin, die Kam⸗ merfrau der Gräfin, hatte er ganz und gar ver⸗ geſſen,— die mußte, allein zurückgelaſſen, zu Fuße V den Weg in ihr Hötel ſuchen, was ihr auch nach mannichfachen kleinen, aber glücklich beſtandenen 198 Abenteuern gelang. Dieſe Kammerfrau war Nie⸗ mand anders, als die uns wohlbekannte Näherin Lieschen, der Schützling Huber's. Sie hatte un⸗ mittelbar nach Walram's Abreiſe von Frankfurt ihre Mutter verloren und war nun gerne in Dina's ihr ſo dringend angebotenen Dienſte gegangen,— und Dina hielt ihren Eintritt in ihr Haus für ein Zeichen des Himmels, daß er ihre wohlthätigen Bemühungen nicht ferner vereiteln werde und nahm das arme, tieftrauernde Mädchen mit einer Freude und Güte auf, welche die Verlaſſene mild über die erſte Zeit des Schmerzes hinweghob. Einen größern Contraſt hat wohl kaum je ein Weſen in zwei aufeinanderfolgenden Stunden in der Phyſio⸗ gnomie ſeiner Wohnungen erlebt, als Mariechen. Die Manſarde Couture's und das Zimmer der Gräfin! Dina empfing ſie mit offenen Armen. „Endlich ein gutes Werk, das mir gelingt!“ rief ſie mit kindiſcher Freude. Mariechen war außer ſich, ſie küßte der Gräfin Hände und rief ein um's andere Mal:„Ach, wie glücklich bin ich! wie glücklich!“ 199 Sie mußte nun ihrer Beſchützerin erzählen, wie es ihr ergangen, und Dina konnte nicht, ohne zu lächeln, die Schilderung des Virtuoſen aus dem Munde ihrer kleinen, roſigen Pathe vernehmen. Nach einer Weile begann Mariechen die Gräfin beſchämt nach ihren Eltern auszufragen und erfuhr, daß ſie ſich zwar wohl, aber ſehr betrübt ob ihrer Flucht befänden und mit Recht ſich den größten Be⸗ ſorgniſſen wegen ihres Aufenthaltes in Paris hin⸗ gegeben. „Woher wußten denn meine Eltern, daß ich nach Paris gereiſ't ſei?“ „O mein Kind, das combinirten wir ſchnell genug! Am ſelben Tage, wie Mademoiſelle Cou⸗ ture, warſt Du verſchwunden, man hatte Dich in der letzten Zeit viel mit ihr heimlich reden ſehen.“— „So kommt alſo doch Alles heraus! Aber, Frau Gräfin, darf ich gleich eine recht einfältige Frage an Sie richten?“ „Frage, mein Kind, ich gebe Dir carte blanche!“ „Warum ſind Sie ſo unendlich, ſo ganz unge⸗ wöhnlich einfach gekleidet? Schon im erſten Augen⸗ 200 blicke war ich erſtaunt, Sie in einem dunkeln Thybet⸗ Ueberrocke zu ſehen,— Sie,— der doch Sammt und Atlas ſo wohl kleidet und die nie etwas Anderes trug, als die herrlichſten Stoffe?“ Dina lächelte.„Kindiſches Mädchen, erſcheint Dir das ſo wichtig, daß Du es gleich bemerkteſt?“ „Nicht wahr, Sie putzen ſich wieder? Niemand iſt ſo zu Glanz und Luxus geſchaffen, wie Sie!“ Dina ſchüttelte den Kopf.„Ich habe das ab⸗ geſchworen,— Du wirſt noch Manches bei mir ſehen und hören, was Dich verwundern wird.“ „Sie ſind doch keine Beguine geworden?“ „Nein, für mich hat Louis le Begue keinen Or⸗ den geſtiftet, aber wohl ein Anderer, von dem ich Dir erzählen werde, wenn Du eine Zeitlang bei mir bleibſt. Willſt Du?“ „Mein Leben lang!“ „Auf ein Jahr haben Deine Eltern Dich mir für den Fall, daß ich Dich fände, übergeben. Sie wünſchen, daß man in Frankfurt Deinen tollen Streich vergeſſe und hoffen, daß, wenn Du nach Jahr und Tag als eine große, vernünftige Perſon 201 wiederkehrſt, man es Dir als einen Kinderſtreich anrechnen und verzeihen werde. Mir mußt Du jetzt gehorchen!“ Mariechen jubelte laut auf. Bei Dina zu bleiben, hieß die Erfüllung ihres heißeſten Wun⸗ ſches,— und mit kindlicher Unterwürfigkeit erfüllte ſie am nächſten Morgen deren Begehren, einen Verzeihung flehenden Brief an ihre Eltern zu ſchreiben. Dina ſchlief noch, während ihr Schützling dieſe Pflicht erfüllte. Obgleich ſie die Abende wenig aus⸗ ging, hatte ſie doch ſchon die Pariſer Sitte, lange zu ſchlafen, angenommen. Am Morgen, als ſie erwachte und auf der Uhr neben ihrem Bette nach⸗ ſah, war es ſchon zehn Uhr. „Was wird Mariechen denken, daß ich ſo lange geſchlafen!“ ſagte ſie ganz erſchrocken, und anſtatt ihrer Kammerfrau zu ſchellen, wie ſie gewöhnlich zu thun pflegte, ſtand ſie raſch allein auf, warf ihren türkiſchen Schlafrock um und öffnete die Thüre ihres Salons. Sie hörte lautes Geſpräch und blieb un⸗ willkürlich ſtehen; die Thüre in das Vorzimmer war 202 nur angelehnt, und hier wurde die Unterhaltung zwiſchen Philipp und Lieschen geführt. „Stanislaus? Wer iſt denn das?“ frug Lieschen. „Ja ſo, Sie kennen ihn nicht,“ ſagte Philipp. „Es iſt der Kammerdiener des Herrn von Walram, der in Frankfurt viel in unſer Haus kam. Ich möchte wohl an Stanislaus' Stelle ſein, ſein Herr nimmt ihn mit nach Rom. Am erſten October ſegeln ſie von Marſeille ab. Möchten Sie nicht auch Rom und den Papſt ſehen, Jungfer Lieschen?“ Lieschen ſagte eintönig:„O ja!“ Dina ging eben ſo leiſe, wie ſie gekommen, wieder in ihr Schlafzimmer zurück, ſchloß unhörbar die Thüre und warf ſich zitternd in einen Seſſel. Er war hier, er athmete eine Luft mit ihr. Und nun trat die Verſuchung vor ſie, ſollte ſie ihm fol⸗ gen, ein paar Tage in ſeiner Geſellſchaft glücklich ſein?— Sie konnte es thun, ohne ſich zu compro⸗ mittiren, und ſie widerſtand auch nicht. Binnen einer Viertelſtunde hatte ſie in ihrem energiſchen Sinne Alles geordnet, und als ſie jetzt Lieschen ſchellte, konnte das Mädchen gewiß nicht bemer⸗ ken, welche Gemüthsbewegung ihre Dame eben empfunden.. „Ich habe leider vergeſſen, Dir geſtern Abend zu ſagen, daß Du mich bei Zeiten wecken ſollteſt. Denn wir haben heute wenig Zeit, Lieschen, weil wir noch dieſen Abend mit dem letzten Eiſenbahn⸗ zuge nach Chalons gehen werden.“ Lieschen ſagte weiter nichts, als:„Wie Sie befehlen, gnädige Frau Gräfin.“ „Thut es Dir nicht leid, Paris ſchon ſo bald zu verlaſſen?“ Lieschen ſagte mit einer Ruhe, die manchen Phi⸗ loſophen beſchämt haben würde:„Was liegt mir an Paris!“ Die Gräfin befahl nun, Mariechen zu rufen. Als ſie dem Kinde erklärte, daß ſie ſie mit nach Rom nehmen wolle, wußte dieſe ihre Dankbarkeit gar nicht genug an den Tag zu legen— und Phi⸗ lipp, Philipp konnte es gar nicht begreifen, daß ſein Wunſch von heute Morgen ſchon in Erfüllung gehe. —„Ich bin ein Glückskind!“ ſagte er triumphirend zu Lieschen. Es war zwar erſt der vierte des Monats September und Dina hätte, um mit Felix auf dem Schiffe zuſammenzutreffen, nicht nöthig gehabt, ſo ſchnell Paris zu verlaſſen, aber ſie wollte ihm hier um keinen Preis mehr begegnen und fürchtete, daß ebenſo, wie ſie durch ihren Diener ſeine An⸗ weſenheit in Paris erfahren, ihm durch den ſeinigen die ihrige kund werden möchte. Stanislaus wußte aber nicht, daß die Gräfin Waterford ſeinem Herrn intereſſanter ſei, als jede andere Frau und ſprach nicht von ihr, und ſo er⸗ fuhr Felix nichts von Dina's Anweſenheit in Paris. Er hatte ſeine Abreiſe von dort ſo lange auf⸗ geſchoben, weil er immer noch hoffte, Huber auf irgend eine Weiſe in Paris unterbringen zu können. Aber den Gedanken, den jungen Wiener hier zu verlaſſen, ließ ihn bald ſeine Gutmüthigkeit auf⸗ geben, obgleich er ihm eigentlich fürchterlich zur Laſt war. Denn Joſeph war in Paris wieder viel un⸗ glücklicher und haltloſer, als er in Cöln geweſen. Paris, das er einſt als glänzender, reicher, an die erſten Banquierhäuſer empfohlener, junger Mann 205 geſehen,— da hielt er ſich jetzt als der Begleiter und Geſellſchafter eines Andern auf und konnte an Nichts Theil nehmen, woran früher ſein ganzes Herz gehangen. Denn zu ſeiner Ehre ſei es geſagt, daß er Walram's ihm immer offenen Beutel nur mit der allergrößten Discretion benutzte, und trotz allem Leichtſinn und aller Schwäche doch noch zu viel Stolz beſaß, um ſich auf Koſten ſeines großmüthigen Freundes zu vergnügen. Jeden Abend ließ ihm Felix ein Billet in ein Theater holen, obgleich er ihn nur ſelten begleitete, denn er hatte in Paris zu viele Bekannte, die ihn in Anſpruch nahmen und bei denen er Huber nicht einführen konnte. Felix hatte noch eine letzte Hoffnung für Huber. Joſeph hatte ihm nämlich erzählt, daß eine Tante von ihm in Neapel mit ihrem Manne, der dort eine Fabrik angelegt habe, etablirt ſei und hatte viel von der Liebenswürdigkeit und dem Reichthume dieſer Tante gerühmt. Wenn dieſe Frau ihn in ihr Haus aufnähme, dann konnte Felix über ſein Schickſal ruhig ſein; er beſchloß alſo, ihn erſt dahin zu brin⸗ gen und dann zu Lande nach Rom zu reiſen, denn 206 gerade in Rom, welches er von einem frühern Au⸗ fenthalte her ſchon kannte, war ihm Joſeph beſonders läſtig. Im alten, heiligen Rom konnte er nur ein⸗ ſam oder mit gleichfühlenden Menſchen leben, und es gab keinen größern Contraſt, als Felix und Jo⸗ ſeph, obgleich nur der Erſte das einſah und Joſeph von jeher ſich für einen ganz paſſenden Geſellſchafter des Baron Walram gehalten, wenn er auch Felix' höhere Natur gern anerkannte. Alle Verſuche, die Felix angeſtellt, um dem jungen Wiener eine ernſtere Lebensanſchauung bei⸗ zubringen, waren gänzlich geſcheitert. Als er noch im Beſitze ſeines Vermögens war, hatte er Felix geradezu ausgelacht, wenn dieſer irgend eine ernſte Lebensanſicht, ein religiöſes Bedenken, eine mora⸗ liſche Auffaſſung der geſellſchaftlichen Verhältniſſe verrieth. Jetzt freilich lachte er nicht, aber das ge⸗ ſchah nur, weil er überhaupt nicht mehr lachte und immer in tiefe Melancholie verſunken da ſaß; aber er achtete, ja er hörte es gar nicht, wenn Walram ihm beweiſen wollte, daß man, auch ohne reich zu ſein, das Leben genießen und zwar von einer edlern 207 Seite genießen könne, als dies je durch die Hülfe des Goldes möglich ſei. Seine Auffaſſung war eine ganz gewöhnliche, und dennoch hielt er ſie nicht dafür, denn er ſagte ſehr naiv:„Ich will nicht Geld um des ſchnöden Metalls willen beſitzen, ich bin kein Geizhals, ich möchte es nur beſitzen und betraure nur ſeinen Verluſt, weil es mir jetzt nicht erlaubt iſt, damit mir und Andern das Leben zu verſchönern.“ Felix frug ihn einmal:„Wem haben Sie es denn verſchönert? Doch nicht Lori, die eigentlich nur um Ihres Geldes willen Sie verlaſſen hat?“ „Nur um meines Geldes willen?“ frug Joſeph mit weit aufgeriſſenen Augen. „Ja, denn wären Sie nicht ſo reich geweſen, ſo hätten andere leichtſinnige Frauen Ihnen nicht ſo viel Avancen gemacht, Ihre Feſtigkeit wäre nicht ſo auf die Probe geſtellt worden und Sie wären Lori nicht ſo oft untreu geweſen!“„ „Wegen meiner Untreue hat mich Lori nicht verlaſſen, ſie machte ſich gar Nichts daraus!“ „Glauben Sie das nicht,“ ſagte Felix ernſthaft, „keine Frau, auch die allernachſichtigſte, ja ſelbſt die, 208 die für ſich die größte Freiheit in Anſpruch nimmt, iſt gleichgültig gegen die Untreue ihres Mannes oder ihres Geliebten, denn es verletzt zu ſehr ihren Stolz und ihre Eitelkeit. Der höchſte Ruhm einer Frau beſteht darin, wenn der, den ſie vor Allen erwählt, ihr treu bleibt,— und die größte Schmach iſt es für ſie, wenn er ihr eine andere vorzieht. Für die gewöhnlichen Weltmänner iſt es nur Ehren⸗ ſache, wenn ihre angetraute Frau keinen Andern be⸗ günſtigt, außerdem aber liegt ihnen nicht viel daran.“ „Sie haben ſonderbare Begriffe,“ ſagte Huber kopfſchüttelnd,„Sie, ein Weiberfeind, ſollten eigent⸗ lich gar nicht über die Frauen ſprechen,— was wiſſen Sie denn davon!—“ „Meinen Sie?“ frug Felix. Aber er nahm ſeinen Hut und ging hinaus, denn wie Joſeph ihm nicht geſtatten wollte, von den Frauen zu reden, weil er ſie zu wenig kenne, eben ſo konnte er es nicht ertragen, von Joſeph etwas über das andere Geſchlecht äußern zu hören,— vor Joſeph's Erfah⸗ rungen und Anſichten ſchauderte ihm. Dreizehntes Kapitel. Der Lombardo. Marſeille, die prächtige Hafenſtadt, ſonnte ſich im hellen Glanze eines Septembertages; auf den Straßen das bunte und laute Gewühl des Südens, auf dem Meere die heilige, nie von Menſchen ge⸗ ſtörte Ruhe. Eine Barke, worin eine Dame mit zwei Be⸗ gleiterinnen und einem Diener ſaß, glitt raſch durch die endloſen Schiffsreihen dahin. Wohl eine halbe Stunde mußten die Bootsleute rudern, bis ſie zur Seite des mächtigen Dampfers anlegen konnten, an deſſen Bord die Dame verlangte. Es war der Lombardo, eines der größten und beſten Schiffe der franzöſiſch⸗neapolitaniſchen Geſellſchaft. Der Capi⸗ tän, ein Sicilianer, mit breiter Bruſt und dunklem Teint, empfing oben die Dame und ſagte, daß die Abfahrt des Dampfers ſehr bald bevorſtehe. Sie nahm das eine junge Mädchen unter den Arm und ließ ſich eine beſondere Cajüte zeigen, die ſie oben Der neue Kreuzritter. 14 auf dem Verdeck gemiethet. Es waren deren zwei ſolche beſondere Räume vorhanden. „Iſt die andere Cajüte auch genommen?“ frug ſie den Capitän. „Ja wohl, ein liefländiſcher Baron, der heute Morgen hier war, hat ſie gemiethet.“ Die Dame, von der man wohl erräth, daß es Dina war, mußte den Kopf wegwenden, um die glühende Röthe ihres Geſichts zu verbergen,— ſie wußte nur zu gut, wer ihr Nachbar hier oben ſein werde,— ihn ſollte alſo für die ganze Reiſe nur eine dünne Bretterwand von ihr trennen. Mariechen und Lieschen ſchliefen unten in der großen Damencajüte, und dahin begab ſich auch Dina jetzt mit ihnen, weil die Sonne ihr oben zu glühend auf den Scheitel brannte und ſie auch vor⸗ zog, mit Feliyx erſt zuſammenzutreffen, wenn das Schiff ſchon in Bewegung war. Kurze Zeit nachher kamen wieder Paſſagiere, ein junger, hochgewachſener Mann und ein zierliches Mädchen. Der junge Mann betrachtete mit dem lebhafteſten Intereſſe das Schiff und ſeine Einrich⸗ — tungen, während ſeine Begleiterin auf einem Feld⸗ ſtuhle Platz nahm und in melancholiſchen Gedanken verſunken in den blauen Spiegel ſtarrte, bis ſie auf einmal vor dem Klange einer Stimme, wie elektriſch getroffen, in die Höhe fuhr. „Baron Walram!“ „Lori!“ rief er hinwiederum, ihr herzlich die Hand reichend,„wie kommen Sie hierher?“ „Ich fahre nach Meſſina.“ „Allein?“ „Nein, Paul iſt bei mir.“ „Und bei mir,“ ſagte Felix ſtockend,„rathen Sie nicht, wer bei mir iſt?“ „Wohl eine ſchöne, junge Frau?“ frug Lori mit etwas zitternden Lippen. „Nicht doch, Joſeph Huber!“ „Jeſus Maria!“ „Ja, es iſt ſchlimm! Was ſoll ich nun anfangen? Wenn er Sie ſieht, wird er toll, und wenn Sie ihn ſehen,— nun, freuen werden Sie ſich nicht über ſeinen Anblick,— dort unten ſteht er!“ 212 „Wie!“ rief Lori,„die zuſammengeſunkene Ge⸗ ſtalt mit den bleichen Wangen, die Mütze tief in die Augen gedrückt, das wäre der flotte Seppi?“ „Er iſt's!“ „Mein Gott, was iſt ihm denn?“ „Er hat ſein ganzes Vermögen und ſeine halbe Vernunft verloren,— er iſt ein armer Narr! Ich ſchleppe ihn mit mir herum, weil er mich dauert, wie ein herrenloſer Hund!“ „Spricht er noch von mir?“ frug Lori athemlos. „Jeden Tag, jede Stunde! Ach, Lori, es war doch nicht recht, daß Sie den armen Jungen ver⸗ ließen,— ich weiß nicht, was aus ihm werden ſoll!“ „Hören Sie,— ich darf nicht mit ihm zuſam⸗ mentreffen,— denn er würde gewiß nicht ſchweigen?“ „Es giebt kein Mittel, ihn dazu zu bewegen. Sein Geiſt iſt viel zu ſchwach geworden, um irgend Etwas zu begreifen, was Ueberlegung fordert. So⸗ bald er Sie ſieht, fällt er Ihnen vor der ganzen Schiffsmannſchaft um den Hals. Ich kann weiter Nichts thun, als ihn in die Cabine einſperren, die ich hier auf dem Verdeck gemiethet habe, denn ich 213 mochte nicht immer mit Joſeph zuſammen ſein. Ich wollte ihn mit Stanislaus, für den ich um Huber's willen den erſten Platz genommen, unten in der großen Herren⸗Cajüte ſchlafen laſſen.“ „Nein, nein, er würde mich doch einmal treffen — und Paul, Paul, der ſo eiferſüchtig iſt!“ „Sind Sie ſchon lange verheirathet?“ „Ich bin noch gar nicht verheirathet, denn ich konnte meine Papiere nicht aus Wien kommen laſſen, mein Schwiegervater durfte nicht erfahren, daß ich das uneheliche Kind einer Choriſtin bin. Paul weiß Alles, aber er hat ſeinem Vater geſagt, da die verlangten Papiere nicht eingetroffen, ſo wolle er ohne ſie mit mir abreiſen und der alte Herr ſolle ſie uns nach Meſſina nachſchicken. Er hoffte, dort einen Mönch zu finden, der uns ohne Papiere traute, oder wenn man ſie auch dort verlangte, wollte er ſie ſich dorthin kommen laſſen. Aber das iſt jetzt Alles nicht nöthig! Dies Zuſammentreffen mit Huber iſt mir ein Fingerzeig des Himmels, daß ich niemals Paul's Weib werden kann! Gott ſei Dank, daß ich es noch nicht bin!“ „Was wollen Sie denn thun?“ „Mein unnützes Leben dem armen Joſeph wid⸗ men, der doch nicht ohne mich leben kann! Paul wird ſich tröſten, er iſt ein Mann, Joſeph iſt ein Kind!“ „Ach,“ ſagte Felix,„Sie wiſſen nicht, in wel⸗ chem Grade er es jetzt iſt!“ „Wiſſen Sie kein Mittel, mich mit ihm zu ver⸗ einigen und mich von Paul zu trennen?“ „Bleiben Sie Beide hier zurück, Huber und Sie.“ „Es iſt das Beſte! Rufen Sie Huber, ich will einſtweilen ſchnell in eine der Barken ſteigen, die noch am Schiffe liegen, ſchicken Sie ihn zu mir.“ „Haben Sie denn Geld?“ „Nichts!“ „So nehmen Sie!“ Aber in dieſem Augenblicke ſchrie der Capitän und der Schiffsjunge, der zwiſchen ihm und dem Maſchinenraume über der Luke ſtand, wiederholte: „Avanti!“ Die Räder ſchlugen ein; es war zu ſpät. „Giebt es denn kein Mittel,“ rief Lori hände⸗ ringend,„mich auf dem Schiffe allen Augen zu 2 2— 2 verbergen?— Wenn Joſeph mich ſieht, läßt er nicht von mir, und wenn Paul mich mit ihm ſieht, tödtet er ihn und mich!“ Felix folgte dem erſten Eindrucke des Mitleids mit dem Jammer Lori's, er ergriff des Mädchens Hand, ſie ſtanden vor ſeiner Cabine, er öffnete raſch die Thüre mit dem Schlüſſel, den ihm der Capitän übergeben, und Lori rief ihm zu:„Vergelt es Ih⸗ nen Gott!“ und war verſchwunden. Paul, der offenbar nach Lori ſuchte,— das Schiff und ſeine Einrichtung hatte bisher all ſeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt,— ging, ohne Felix zu er⸗ kennen, an ihm vorüber. Nach einer Weile hörte Felix leiſes Klopfen an der Cabinenthüre, vor welcher er noch immer, in Gedanken über dies Zuſammentreffen verloren, ſtand; er öffnete, Lori reichte ihm einen Zettel heraus und flüſterte:„Laſſen Sie das durch einen Matroſen an Paul geben.“ 4 Felix ging und ſuchte einen Schiffsjungen auf, dem er ein paar Franken in die Hand drückte, und nachdem er ihm Paul gezeigt, gab er ihm auf, jenem 216 Herrn das Billet in einer Viertelſtunde zu über⸗ bringen und zu ſagen, daß eine vom Schiffe ab⸗ fahrende Dame es ihm zur Beſorgung zurückgelaſſen. Joſeph kam jetzt zu Felix; Beide ſtanden vor der Cabine, worin Lori eingeſchloſſen war, und, das Geſicht an den Vorhang des kleinen Fenſters ge⸗ drückt, konnte die Unglückliche Beide ſehen und ver⸗ ſtehen. „Wie geht es Ihnen, Huber?“ frug Felix,„thun Ihnen die Wellen nichts?“ Huber ſchüttelte den Kopf, dann ſagte er ſpöt⸗ tiſch:„Wenn ich nur ſeekrank würde, das wäre doch einmal eine Veränderung in meinem Elende!“ Paul kam jetzt wieder vorüber und ſah ſich nach allen Seiten um. Doch mochte er wohl denken, Lori könne in die Damencajüte gegangen ſein, und ſo nahm er in der Nähe der beiden jungen Männer auf einem Feldſtuhle Platz und rauchte ruhig ſeine Cigarre. Felix konnte ihn nicht ohne tiefes Mit⸗ leid betrachten; dies heitere Antlitz, von dem er wußte, daß es in einigen Minuten unfehlbar von tiefem Schmerz entſtellt ſein werde. 3 —— Als Felix den Schiffsjungen mit dem Billet von Weitem kommen ſah, klopfte ihm das Herz, als ſei er ſelbſt allein am Kummer ſchuld, den der junge Mann empfinden ſollte. Paul nahm betroffen das Billet; als er die Adreſſe, mit Bleiſtift von Lori's Hand geſchrieben, ſah, erſchrak er, aber er frug den Jungen nichts und dieſer entfernte ſich ſchweigend. Das Billet, das Paul raſch von einander riß, enthielt die wenigen Zeilen: „Noch zu rechter Zeit, lieber Paul, kommt mir die klare Einſicht, daß Du eine beſſere Frau ver⸗ dienſt, als ich bin! Ich tauge zu weiter Nichts, als einem Unglücklichen, der mich in ſeinem Glücke geliebt hat, der Troſt zu ſein, der ich ganz allein ihm ſein kann! Vergiß mich!— Du hätteſt mich nie treffen ſollen! Der Himmel ſegne Dein gutes, edles Herz und mache Dich durch eine Andere glücklich!“ Paul wurde todtenblaß, Lori ſah aus ihrem Ver⸗ ſteck, wie er aufſprang und den Schiffsjungen ſuchte, der ihm die Unglückszeilen überbracht hatte. 21s Währenddeß durchſchnitt der Lombardo mit küh⸗ nem Schaufeln die himmelblaue Bahn; ruhig und ſtolz lag das Meer und ruhig und ſtolz glitt er darüber hin und kümmerte ſich wenig um die ge⸗ brochenen Herzen, die er am Bord mit ſich führte. Felix ſuchte, als es anfing zu dämmern, die große Cajüte auf; Männer und Frauen ſaßen da in buntem Gemiſch, und er nahm mit Huber, der ihm, wie ſein Schatten, überall hin folgte, nahe am Eingange Platz, ohne die Geſellſchaft viel zu mu⸗ ſtern, denn die Begegnung mit Lori hatte ihn tief verſtimmt und erfüllte ihn mit Sorgen. Er über⸗ legte, daß er mit dem Capitän reden müſſe, mit den Kellnern, daß ſie Eſſen dahin brächten, und daß er auch Huber ſagen müſſe, er habe ſeine Cabine an eine kranke Dame abgetreten. Endlich erhob er ſich wieder; Joſeph, ebenfalls aufſtehend, frug:„Wollen Sie hinaufgehen?“ „Ja!“ antwortete er ungeduldig,„doch bleiben Sie hier, ich habe oben mit Jemanden zu ſprechen.“ Joſeph ſetzte ſich wieder; Felix ging hinauf, um Alles, was Lori bedurfte, zu beſorgen; doch kaum — 219 hatte er einen Kellner angeredet, als er ſich am Arme gezupft fühlte und beim Umblicken Huber wie⸗ der neben ſich ſtehen ſah. „Ich habe Sie doch ausdrücklich gebeten, mich endlich einen Augenblick in Ruhe zu laſſen!“ ſagte er jetzt ernſtlich böſe. Joſeph, ohne im Mindeſten gereizt zu werden, denn er ſchien alle Spannkraft verloren zu haben, ſagte trotzdem ganz freundlich:„Ich komme nur, um Sie zu benachrichtigen, daß ſich unten eine gute Bekannte von Ihnen befindet. Die Gräfin von Waterford aus Frankfurt.“ „Dina, Dina unten? Es iſt nicht möglich!“ rief nun Felix in ſo großer Aufregung, daß es ſelbſt den geblendeten Augen des armen Joſeph auffiel. „Kommen Sie nur mit und ſehen Sie ſelbſt!“ Felix ſchob Joſeph auf die Seite und ſtürzte die kleine, gewundene Schiffstreppe hinab. Als er über die Schwelle des Salons trat, ſtand ſie vor ihm, im ganzen Glanze ihrer Schön⸗ heit,— zitternd, erröthend und erbleichend. —— „Iſt es möglich! Sie hier?“ rief er in heller Freude, und Dina wurde ſo gerührt von dieſem rückhaltloſen Jubel, daß ſie kaum ihre Thränen verbergen konnte. „Wohin gehen Sie?“ frug er, an ihrer Seite Platz nehmend. „Nach Rom, mit meiner kleinen Pathe hier, die Sie ja ſchon einmal in Frankfurt bei mir getroffen haben. Sie wiſſen, ich will ein neues Leben an⸗ fangen, aber zuerſt mein altes Leben mit der Er⸗ füllung eines Lieblingswunſches beſchließen, einer Reiſe nach Rom, nach Neapel.“ „Man kann nirgends ein neues Leben beſſer an⸗ fangen, als in Rom, ja man thut das dort unbewußt, wenn man nicht ein rettungslos verkommener Phi⸗ liſter iſt, und das iſt ja die glorreichſte Seite Ih⸗ res Geſchlechts, daß es keine Philiſter unter Ihnen giebt!“ „O doch!“ ſagte Dina lachend,„die Frauen, von deren verwaſchenem, verbügeltem und verkoch⸗ tem Leben Jean Paul ſpricht, das ſind ächte Angehörige des Geſchlechts, welches leider nicht 221 ganz und gar von Simſon unter dem Schutt des Tempels begraben wurde! Wohin reiſen Sie denn jetzt?“ „Nach Rom, um mir den dritten Orden zu holen!“ ſagte Felix mit unausſprechlich bitterer, aber nur ihm ſelbſt verſtändlicher Ironie. Dina frug nicht weiter, denn ſie bemerkte eben Huber, der ſich bisher in beſcheidener Entfernung gehalten und begrüßte ihn ſo freundlich, wie ſie es früher nie gethan. Sie hatte in Frankfurt am Tage ihrer Abreiſe von ſeinem Verluſte gehört, ahnte aber Nichts von dem ſchrecklichen Einfluß, den das Un⸗ glück auf ſeinen Geiſt geübt, und konnte das auch jetzt nicht bemerken, denn als ſie den Aermſten ſo freundlich bewillkommnete, thaute er förmlich an den warmen Strahlen ihrer Augen auf und benahm ſich vollkommen ſo, wie es paſſend war. Er beant⸗ wortete ihre Fragen ruhig und beſcheiden, und die ängſtliche, melancholiſch⸗ſcheue Miene, mit wel⸗ cher er ſonſt dazuſitzen pflegte, ließ ſich dieſen gan⸗ zen Abend nicht wieder bemerken. Es wapgoffenbar, er nahm ſich zuſammen, und als Dina ſich bald zurückzog, frug er Felix ganz ſtolz:„Heute Abend waren Sie doch mit mir zufrieden?“ Felix drückte ihm wehmüthig die Hand; er dachte an die arme Lori, die um dieſes Menſchen willen ein heitres und glückliches Loos von ſich geſtoßen! Paul bekam er erſt ſpät wieder zu Geſichte. Als beinahe alle Männer ſich ſchon in ihren ſchmalen und niedern Betten, unter Fluchen und Schelten und Aechzen und Stöhnen, es möglichſt bequem ge⸗ macht, ſah er Paul's hohe Geſtalt gebückt durch die niedere Thüre eintreten. Sein Haar hing ihm über die Augen und die Bläſſe ſeiner Wangen war zum Erſchrecken. Er blieb nicht im Saale. Nachdem er aus einem klei⸗ nen Neceſſaire, das vor ſeiner Schlafſtelle lag, eine in dunklen Saffian gebundene Brieftaſche genommen, ſtieg er wieder langſam und wortlos auf's Verdeck, um da oben vom Winde, der ſich ziemlich ſtark erhoben, den Sturm in ſeiner ſtarken Bruſt übertäuben zu laſſen. Hätte Lori ihn dieſe Nacht geſehen, wie ſeine große, ſonſt ſo aufrechte Geſtalt über Bord ſich beugte, und Thräne um Thräne im Schutze der —223 dunklen Nacht ſich zu den ſalzigen Wellen da unten miſchte, ſie hätte es nicht in ihrer engen Kammer ausgehalten und wäre zu ihm geſtürzt und hätte ſeine Kniee umklammert und ihm Alles geſtanden und ihr Schickſal in ſeine Hände gelegt. Als aber der Morgen heraufkam und ſie ihn von ihrem Fenſter aus wieder auf⸗ und nieder⸗ wandeln ſehen konnte auf dem Verdeck, hatte ſich der Sturm in ſeinem Innern gelegt. Ein Gemüth, wie das des jungen Paul, kämpft ſeine ſtarken Schmerzen raſch darnieder, nur weich⸗ liche Menſchen finden in der Verlängerung des Gra⸗ mes um unerſetzlich Verlornes(und das war ihm Lori, da ſie ihm ſchrieb, daß ſie ſich von nun an einem Andern weihe) eine Genugthuung. Vierzehntes Kapitel. Ueberall Sturm. Als Marie am erſten Morgen auf dem Schiffe die Augen aufſchlug, ſah ſie ſich mit Verwunderung in dem Gemache um. Die erſte Damencajüte ge⸗ währte einen komiſchen Anblick,— die Wände, nichts als Betten, immer drei übereinander und in jedem dieſer Betten eine verſchieden coſtümirte und drapirte Geſtalt. Auf den Tiſchen und Divans lagen in bunter Unordnung die Garderobeſtücke der achtzehn Damen, die hier übernachtet, und als eine nach der andern in dem Schlafrock oder Ueber⸗ wurfe, Mantel oder Kaſſaweika, alle Damentrachten waren vertreten, ſich aufrichten wollte und nicht konnte und jammernd zurückſank, mußte die junge Frankfurterin das Lachen verbeißen, bis es ihr ſelbſt eben ſo ging. In der Nacht hatte ſich nämlich ein ziemlich ſtarker Sturm erhoben, der alle Damen in tiefen Schlaf geſchaukelt, aber zugleich ſie gerüttelt, bis ſie, ohne es zu ahnen, alle ſteife Glieder davon⸗ getragen. Eine unternehmende Pariſerin war die Erſte, welche die Macht über ihren widerſpenſtigen Rücken wiederfand. Die übrigen Damen folgten, je nach der Stärke ihrer Willenskraft. Die Toilette ging ſehr langſam von Statten, denn da das Schiff noch heftig ſchaukelte, war es höchſt mühſam, ſich auf den Füßen zu erhalten,— die Meiſten gaben es ganz auf, denn ſie wurden darüber ſeekrank und krochen wimmernd zurück in ihre ſchmalen Betten. Marie und Lieschen aber, Eine auf die Andere geſtützt, erſtiegen ſiegreich die Treppe, und oben, wo die friſche Meeresluft ihnen entgegen wehte, fühlten ſie ſich bereits wie halb geneſen. Aus ihrer Cajüte trat Dina ihnen ſtrahlend entgegen,— ſie fühlte kein Leid, keinen Schmerz und ihr heiterer Muth beſchämte die beiden jungen, kleinlauten Mädchen. Felix hatte Paul am Morgen angeredet, um durch offenes Entgegenkommen jeden aufſteigenden Verdacht wegen ſeiner Mitwirkung bei Lori's Ver⸗ ſchwinden im Keime zu erſticken, und war auch herzlich und offen, wie es in der Weiſe des jungen Mannes lag, von ihm begrüßt worden. Bei dem Frühſtück ſtellte Felix der Gräfin und Marie den jungen Rheinländer vor; der gute Tact des jungen Mannes war ihm Bürge, daß er ſelbſt der vornehmen Dame gegenüber ſich richtig zu be⸗ Der neue Kreuzritter. 15 226 nehmen wiſſen werde, und er hoffte ihn durch die Bekanntſchaft dieſer anmuthigen Frauen für die Vereinſamung zu entſchädigen, zu welcher er ſelbſt, wenn auch gegen ſeinen Willen, beigetragen, und ihn von den traurigen Gedanken an Lori zu zer⸗ ſtreuen. Nach dem Frühſtück, deſſen Ende übrigens die wenigſten Damen erlebten, da der Sturm nicht nach⸗ ließ und Eine nach der Andern ſeekrank wurde, blieb Felix mit der einzig verſchonten Dina allein und unterhielt ſich mit ſo ungeſtörtem Vergnügen, wie lange nicht, mit ihr, während Paul die kaum ihm bekannt gewordene Marie in ihrer Hülfloſigkeit auf das Verdeck brachte, und Joſeph das wirklich plötzlich todtkranke Lieschen von einer Stelle zur andern geleitete, da ſie immer meinte, anderswo ſei es beſſer, und überall ſich doch nur immer übler und übler befand. Welche Freude hatte das arme, blaſſe Lieschen gehabt, ſeinen Wohlthäter hier wieder zu finden, der es ihr jetzt in den Qualen der Seekrankheit zunm zweiten Male wurde. 227 Was aber mußte Lori empfinden, als ſie von ihrem Fenſter aus die drei jungen Männer ſo beſchäftigt ſah! Felix führte Dina in heiterm Geſpräche auf den ſchwankenden Brettern auf und ab. Paul hatte Mariechen auf Stühle und Mäntel gebettet und hatte ſich ihr zu Füßen ausgeſtreckt und hielt ihren Schirm, während Huber mit Lieschen die Bank un⸗ mittelbar vor Lori's Cabine eingenommen hatte. Mit dem Arme das leidende Geſchöpf ſtützend, deſſen bleiches Haupt mit geſchloſſenen Augen an ſeiner Schulter ruhte, ſaß er geduldig Stunde um Stunde. Am Abend legte das Schiff vor dem unver⸗ gleichlichen Genua an. Als es in den Hafen ein⸗ lief, den auf grünen Hügeln die città superba um- ſchließt, ſagte Dina zu Felix: „Jedesmal, wenn ich ſolch eine Stadt der Schön⸗ heit ſehe, frage ich mich mit Verwunderung: Warum wohnt hier nicht alle Welt?“ 5 „Weil,“ ſagte Felix lächelnd,„Niemand thut, was gut iſt und Niemand liebt, was ſchön iſt,— es iſt immer etwas Anderes dabei, was den Men⸗ 15* 228 ſchen anzießt, während er glaubt, nur dieſen beiden Mächten zu opfern.“ „Ich liebe das Schöne mit Inbrunſt!“ ſagte Dina warm. „Auch ich!“ ſagte Felix. Dina ſchüttelte den Kopf und ſagte, indem ſie in ihren alten Fehler, die Coquetterie, zurückftel:„Sie ſind viel zu vernünftig, zu tugendhaft, zu überlegt, um ſich um etwas ſo Unnützes, wie die Schönheit, zu kümmern, das thun ſo unnütze Leute wie ich.“ „Ich glaubte,“ ſagte Felix mit einer gewiſſen Härte,„Sie rechneten ſich nicht mehr dazu, zu den unnützen Leuten!“ Dina ſah ihn lange an, dann ſagte ſie bit⸗ ter:„An Ihnen iſt wahrhaftig ein Hofmeiſter ver⸗ dorben.“ „Und an Ihnen eine Königin!“ ſagte nun wie⸗ der heiter Felix, indem er ſich vor ihr verbeugte. Sie wollte von etwas Anderm reden und ſagte nun:„Wiſſen Sie, Herr von Walram, daß ich dieſe Nacht mich ordentlich gefürchtet habe? Ich hatte eine Nachbarin, die unaufhörlich weinte und ſchluchzte.“ 229 „Vielleicht die Seekrankheit!“ ſagte Felix etwas verlegen, was Dina nicht entging. „Nein, nein, es war Kummer, Nichts als Kum⸗ mer. Wiſſen Sie nicht, wer die Dame iſt? Die Thüre und das Fenſter blieben heute den ganzen Tag geſchloſſen.“ „Ich weiß es nicht!“ ſagte Felix gequält und ging weg, denn ihm ſiel ein, daß er, da er mit der übrigen Geſellſchaft die Nacht in Genua zubringen wollte, Lori davon benachrichtigen mußte. Als er von ſeinen Bekannten Niemand in der Nähe ſah, ſchlüpfte er ſchnell in die Cabine. Lori ſaß in ſtummer Verzweiflung da. „Haben Sie's geſehen?“ frug ſie bitter,„Paul hat mich ſchon vergeſſen! Mit dem jungen Dinge iſt er den ganzen Tag herumgezogen und hat ſie geführt, getragen und gehütet, und es ſind kaum vier und zwanzig Stunden, daß er noch mein Bräu⸗ tigam war!“ 5 „Das müſſen Sie nicht ſo ernſthaft nehmen, liebe Lori! Das Kind war ſehr krank und hatte Niemand, der ſich ſeiner annahm. Die Seekrank⸗ 2230 heit macht ſchneller mit einander bekannt, als ein Jahr gewöhnlichen Umgangs.“ „Das ſehe ich! Denn auch Joſeph, um deſſent⸗ willen ich dieſes Opfer gebracht habe, hat ſich mit der Elenden, die mich verrathen hat, auf das In⸗ nigſte zuſammengeſchloſſen. Er, der ehemals ſo hoch⸗ müthige Mann,.... mit einer Kammerjungfer!“ „Lieschen iſt nicht, wofür Sie ſie halten. Sie wiſſen, daß Huber ſie ſchon früher kannte und ſchon in Frankfurt ihr Wohlthäter war. Uebrigens hat Lieschen Sie nicht verrathen, im Gegentheil ſich für Sie aufgeopfert. Das werde ich Ihnen einmal ſpäter erzählen. Aber jetzt komme ich, um Sie zu fragen, ob Sie, da wir Alle für die Nacht und einen halben Tag das Schiff verlaſſen, darauf blei⸗ ben wollen, oder ob ich Ihnen in der Dämme⸗ rung eine Barke ſchicken ſoll, welche Sie an's Land bringt?“ „Was hülfe es mir,“ ſagte Lori bitter,„ich müßte mich dort ja auch einſchließen! Nein, ich will hier bleiben; wenn Ihr alle fort ſeid, kann ich hier frei herumgehen.“ 231 „Das können Sie! So leben Sie wohl bis morgen!“ Lori ſagte trotzig, ohne ihn anzuſehen:„Leben Sie wohl!“ Als Felix heraustrat, ſtand er vor Dina. „Ich meinte,“ ſagte ſie ſehr ſpöttiſch,„Sie wüßten nicht, wer in der Cabine ſei?“ „Der Capitän hat mich gebeten, da er kein Engliſch ſpricht, die kranke Dame zu fragen, ob ſie auf dem Schiffe bleiben will.“ „Iſt die„kranke Dame“ jung?“ frug Dina noch immer in demſelben Tone. „Ich habe das nicht bemerkt, ſie war ſo einge⸗ hüllt.“— „Warum ſchickt denn der Capitän nicht den Kellner, der vortrefflich engliſch ſpricht?“ Felix zuckte die Achſeln. Glücklicherweiſe hielt das Boot an der Seite des Schiffes und die ganze Geſellſchaft wurde aufgefordert, hineinzuſteigen. In Genua wies man unſeren Reiſenden ein ächt italieniſches Wirthshaus an, d. h. einen ehe⸗ maligen Palaſt, worin auch noch die Einrichtung 232 und Möbel aus der Zeit ſeines Glanzes ſich befan⸗ den. In den unendlich hohen Zimmern Damaſt⸗ vorhänge, von Herzogskronen gehalten, und Herzogs⸗ kronen über den Betten, in denen jetzt meiſtens engliſche Plebejer, franzöſiſche Handlungsreiſende oder halbwilde Ruſſen ſchliefen. Welch ein Contraſt zu den edlen Bewohnern von Einſt, jenen königlichen Edelleuten von Genua! „Genua trägt vor allen großen Städten den Stempel des Vornehmen und Romantiſchen,“ ſagte Felix zu Dina, als ſie am folgenden Morgen die Runde in den merkwürdigſten Paläſten machten. Dieſe weißen Marmorpalais, mit den Cypreſſen⸗ wäldchen und Springbrunnen dahinter, in die man aus den rückwärtsgelegenen Zimmern des erſten Stockes tritt, da Genua meiſtens hügeligtes Terrain hat, die vergoldeten Säle, mit unſchätzbaren Gemäl⸗ den geziert, die zu erhalten der höchſte Stolz dieſer alten und edlen Familien iſt,— in welch Entzücken verſetzte das Alles die ſchönheitdurſtige Dina,— und dazu an ſeinem Arme geſehen; ſie hatte die Ueberzeugung, heute den glücklichſten Tag ihres Le⸗ bens zu feiern. Und vielleicht war dem auch ſo, denn das Glück kann ſich ja nur in dem Maße geltend machen, als man für das Glück empfäng⸗ lich iſt. Auch Felix, der ſchon vor mehreren Jahren in Genua geweſen, erſchien heute Alles ganz anders, — es war ihm, als ſei die Sonne über Genua aufgegangen. Nariechen hatte zuweilen vor Freude über die unvergleichliche Natur und die erhabenen Kunſtdenk⸗ mäler und den Zauber der großen Erinnerungen, die an jedem Steine Genua's haften, die hellen Thränen in den Augen, und ihr friſch aufjauchzen⸗ des Entzücken weckte in der Bruſt ihres Begleiters, des ehrlichen Paul, verwandte Klänge. Genua wurde an dem einen, einzigen Tage für ſein verdüſtertes Gemüth die klare Fluth, woraus es ſchlacken⸗ und kummerfrei ſich erhob. Die dunkeln Zauberbande, die Lori um ihn geſchlungen, fielen vor dem hellen Zauber der italieniſchen und einer reinen deutſchen Natur,— Mariechen war die gute Fee, die ihren ehrlichen Landsmann befreite, aber ihr einziger Zauber war ihre Unſchuld,— und es iſt ja von Alters her bei allen Verzauberungen die rührende und ſchöne Regel, daß nur eine unſchuldige Jung⸗ frau oder ein reiner Jüngling die böſen Geiſter bannen kann.. Auch in Genua, wie auf dem Schiffe, ſorgte Joſeph Huber nur für Lieschen und zeigte und er⸗ klärte ihr mit der größten Geduld Alles,— der Contraſt zwiſchen ihren Kenntniſſen war übrigens nicht ſo groß, wie man es von dem Neffen eines reichen Banquiers und der Tochter einer armen Näherin hätte erwarten ſollen.— Der gute Joſeph wußte nicht viel, und Lieschen im Gegentheil hatte Kenntniſſe geſammelt, wo es ſich thun ließ, und wußte unendlich viel mehr, als die Meiſten ihres Standes. Nach einem heitern Mahle, wobei Felix, Paul, Joſeph und Maria Dina's Gäſte waren, brach man auf, um dem„Lombardo“ wieder zuzuſchiffen. Dina und Maria in der heiterſten Laune der Welt, Felix und Paul etwas gedrückt. Felix war der Lombardo durch Lori's verſchleierte Gegenwart und die Lügen, „ in die ſie ihn dort verwickelt, unheimlich geworden; Paul, weil dort der Schauplatz der Kataſtrophe war, welche ihn noch die vorige Nacht hindurch ſo un⸗ glücklich gemacht hatte. Als ſie das Schiff beſtie⸗ gen und es die Anker bei dem letzten Glühen der Sonne gelichtet, ſtand Felix mit Paul im Geſpräche vor Lori's Cabine. Da hörte er klopfen und wurde verlegen. Paul ſagte ruhig einem vorübergehenden Kell⸗ ner, die kranke Dame klopfe, er möge nachſehen. Der Kellner lächelte ſpöttiſch und ging hinein, kam aber gleich wieder heraus und ſagte zu Felix: „Die Dame wünſcht Sie zu ſprechen.“ Felix ging, während Paul mit einem verwun⸗ derten Geſichte ihm nachſah. „Aber Lori!“ rief Walram, ſorgfältig die Thüre hinter ſich ſchließend:„Wie können Sie mich ſo compromittiren!— Ich ſprach ja gerade mit Paul!“ „Niemand kümmert ſich um mich!“ ſagte trotzig die Wienerin.„Mir iſt jetzt Alles einerlei. Mein Edelmuth iſt an Euch verſchleudert, wie das Gold an die Krähen!“ „Aber, liebe Lori, ich habe Ihren Edelmuth für meine Perſon nie in Anſpruch genommen!“ Lori ſagte Nichts auf dieſe milde Zurechtwei⸗ ſung, und es ſchien wirklich, als habe ſie ganz ver⸗ geſſen, daß Felix ihr ein Opfer gebracht, indem er ihr ſeine Cabine abgetreten und ſich um ihretwillen in ein vollſtändiges Lügenſyſtem ſeinen Freunden gegenüber verwickelt hatte. „Wünſchen Sie Etwas, Lori?“ Statt aller Antwort brach das Mädchen in Thränen aus. „Ich bin ein unglückliches Geſchöpf! Aller Welt zur Laſt, von Niemandem, gar Niemandem auf Erden geliebt!“ Felix war hier mit all ſeiner Ruhe und Sicher⸗ heit zu Ende, dieſem leidenſchaftlichen Weibe gegen⸗ über; er wußte in aller Welt nicht, was er thun ſolle, und zum erſten Male jetzt dämmerte ihm die Einſicht, daß ſie ihn liebe, ja ſchon in Frankfurt geliebt habe, auf. Gewöhnliche Männer macht ſolch eine Ent⸗ deckung bei einem ungeliebten Mädchen hart, edle 237 aber weich und mitleidig. Er fühlte wie ein Un⸗ recht gegen ſie. „Nun, Baron Felix, können Sie mir gar Nichts zum Troſte ſagen? Erzählen Sie mir wenigſtens, was Sie am Lande getrieben.“ „Die Gräfin—“ „Ich will von der Gräfin Nichts wiſſen! Nichts von der Gräfin, Nichts von der blonden Kleinen und noch weniger von dem bleichen Scheuſal, das mich verrathen hat.“ „Ich habe Ihnen ſchon ein Mal geſagt, daß Sie Lieschen Unrecht thun. Von wem ſoll ich denn erzählen?“ „Von Ihnen, von Paul, von Joſeph!“ „Von welchem am Meiſten?“ frug mit einem Humor, der ihm ſonſt fremd war, der Liefländer. Lori bedachte ſich eine Weile, und ſagte dann, ihn voll anſehend:„Von Ihnen!“ „Weshalb? Ich ſtehe Ihnen doch am Fernſten, Lori!“ Ohne den Ernſt, mit dem er dieſe Worte ſprach, zu beachten, fuhr Lori fort: 238 „Ja, von Ihnen, denn Sie ſind der Einzige, von dem ich noch Etwas in der Zukunft hoffe. Jo⸗ ſeph, der mich elend gemacht und den ich jetzt im Unglück ſtützen wollte, verliebt ſich am erſten Tage in die erſte Kammerjungfer. Paul— Paul iſt mir langweilig. Er hat mich vom erſten Augenblick an⸗ gebetet, wie eine Heilige, und geliebt, wie ein Kind, aber ein Mann, der mich vom erſten Augenblick an vergöttert, den liebe ich nicht!“ „Sie ſind alſo eine Coquette?“ „Nein, aber ein Mädchen, das einen Mann lieben möchte, den es nicht überſieht!“ „Wir Männer ſind alle dumm!“ ſagte Felix mit heiterem Lachen, indem ihm immer klarer wurde, was der Beweggrund von Lori's ganzem Handeln war. Als er endlich von Lori ſich losmachte und ging, bemerkte er wieder Dina, that aber nicht, als ob er ſie ſehe, während Paul ihn frug:„Wer hat Sie denn rufen laſſen?“ „Eine kranke Dame, welcher ich dieſe Cabine abgetreten habe.“ 3 —2—— 239 Am andern Tage war Livorno erreicht. Wie⸗ der, während der Lombardo Waaren aus⸗ und ein⸗ ſchiffte, beſtiegen die meiſten Paſſagiere eine Barke und ſegelten nach der berühmten Hafenſtadt, wo es aber wenig zu ſehen gab: Grade, ſchmutzige Stra⸗ ßen, unendlich viel Juden, deren Synagoge auch das einzige Gebäude war, von dem man Felix verſicherte, daß es der Mühe werth ſei, es zu beſuchen, und Bettler. Schon nach ein paar Stunden wurde alſo der Lombardo wieder aufgeſucht, der auch alsbald ſeine Schaufeln in Bewegung ſetzte. Je weiter die Reiſe vorſchritt, deſto mehr wurde Dina's Stimmung gedrückt. So gerne Felix bei ihr weilte, ſo klar wurde es ihr doch, daß er noch immer nicht ganz in ihren Feſſeln war. Eines Mor⸗ gens ſagte er ihr ſogar: „Ich wollte urſprünglich die Reiſe bis Neapel ausdehnen, aber ich werde jetzt ſchon in Civita Vecchia das Schiff verlaſſen, da Paul ſo gut ſein will, ſich Huber's anzunehmen, der ohnedem jetzt wieder beinahe ſelbſtändig iſt. Paul hat mir ver⸗ ſprochen, daß er zu Joſeph's Tante gehen und ſie 240 auf ihres Neffen Ankunft vorbereiten will. Iſt ſie und ihr Mann hartherzig gegen ihn und wollen ihn nicht bei ſich aufnehmen, dann bleibt freilich nichts Anderes übrig, als daß er zu mir nach Rom kommt.“ Dina, die Anfangs nur bis Rom gehen wollte, und ſich auf Felix' Zureden entſchloſſen hatte, erſt Neapel zu ſehen, konnte nun doch nicht um ſeinet⸗ willen ihren Plan nochmals ändern, dazu war ſie zu ſtolz. Aber unbeſchreiblich verletzte und kränkte ſie, daß er ſie jetzt ſo allein weiter reiſen ließ und ſich eher von ihr trennte, als es nöthig war. „Ich werde wohl noch das Glück haben, Sie in Rom zu ſehen, Frau Gräfin?“ frug er. „Schwerlich werden wir uns in Rom ſehen, denn ich gehe vielleicht bis Meſſina!“ „Mir liegt jetzt nichts Anderes im Sinne als Rom und die Zwecke, die ich dort verfolgen will. Mir brennt der Boden unter den Füßen, bis ich dort bin,— es iſt meine letzte Hoffnung!“ Eines lag Felix ſchwer auf der Seele: was er mit Lori beginnen ſollte. Er mußte ſie fragen, ob —.ʒ —,—-— ſie in Rom ausſteigen, oder bis Neapel fahren und dort ſich Joſeph zu erkennen geben wollte. Stolz entgegnete ſie:„Ich werde in Neapel ausſteigen und dort von meiner Hände Arbeit mich ernähren; ich habe Putzmachen gelernt.“ „Wie Sie wollen, Lori! Werden Sie ſich denn dem armen Joſeph gar nicht zeigen? Denn Sie thun ihm unrecht, er liebt Sie immer noch.“ „Wir werden das ſehen!“ Und damit war die Unterhaltung zu Ende. Kalt war Lori's Lebewohl, doch Felix konnte nicht ohne tiefe Beſorgniß ſie verlaſſen,— ſein einziger Troſt für das launige Weſen war die Kraft ihrer Seele, er dachte, nur Schwachſinnige könnten untergehen. Civita⸗Vecchia tauchte ſchon von ferne auf, da kam Paul, Marien am Arme, langſam daher ge⸗ wandelt und blieb vor Lori's halbgeöffnetem Fenſter ſtehen. „Bald ſteigen Sie auch vom Schiff und ich muß weiter nach Meſſina,“ ſagte er traurig zu dem Mädchen,„und Sie werden nicht mehr an den Reiſe⸗ gefährten denken, der Ihrer Bekanntſchaft doch ſo Der neue Kreuzritter. 16 242 viel Freude und einen Troſt verdankt, von dem Sie Nichts ahnen!“ „Ich werde Sie gewiß nicht vergeſſen!“ ſagte Marie herzlich und reichte ihm die Hand. Sie ſtanden in der Ecke, welche die Cabine, worin Lori ſich befand, bildete; Niemand, als die Be⸗ wohnerin dieſer Cabine, konnte ihre Züge ſehen, ihre Worte hören. Paul nahm Mariens dargebotene Hand, führte ſie an die Lippen und ſagte weich:„Gott ſegne Sie dafür!“ Ein alter Schriftſteller ſagt:„Frauen ſind immer Engel, oder Teufel!“ In Lori war etwas Dämo⸗ niſches.— Dieſer Zug trieb ſie auch jetzt. Weit riß ſie das Fenſter auf, zeigte dem tödtlich erſchrocke⸗ nen Paul, der ein Geſpenſt zu ſehen glaubte, ihr hohnlachendes Geſicht und rief ihm gellend in die Ohren:„Ich gratulire!“ Dann ſchlug ſie das Fenſter wieder zu. Paul ſtand einen Augenblick wie geblendet. Dann, mit dem Ausrufe:„Teufel! Er ſoll mir's büßen!“ ſtürzte er fort von der entſetzten Marie. 243 Am andern Ende des Schiffes ſtand Felix mit Dina. Auf ihn ſtürzte der wüthende Paul, dem zu beiden Seiten Alles auswich, als er in ſeinem Zorn daherſchoß. Felix hatte den Kopf nach dem Meere gewandt und ſah ihn nicht kommen, und ehe er noch eine Hand heben konnte, hatte Paul ihn mit dem Ausrufe:„Elender Verführer! Erbärm⸗ licher Lügner!“ an der Bruſt gepackt und rücklings über Bord geſchleudert. Dina ſah, wie die weißgepeitſchten Wellen über ihm zuſammenſchlugen, ſie wandte ſich um Hülfe— regungslos ſtanden Alle,— ihr zunächſt Stanis⸗ laus, Felix' getreuer Diener. Den faßte ſie am Arme, und in die Fluth deutend, rief ſie:„Ihr Herr!“ Und als mahne ihn der Engel Gottes, ſo augenblicklich folgte der muthige Mann dem Rufe und ſprang in's Waſſer— zu ſeinem Herrn. Nun gerieth Alles in Bewegung. Die Matroſen kamen mit Tauen herangeſtürzt, das kleine Boot wurde gelöſ't und zwei Leute ſprangen hinein. Da erſcholl ein Jubelruf, denn hinter dem Schiffe, da, wo es ſeine weißen Furchen zurückge⸗ 16*¾ 244 laſſen, ſah man den treuen Diener mit einem Arm rudern, in dem andern hielt er den lebloſen Felix. Pfeilſchnell ſchoß das Boot zu dem erſchöpften Manne, der, als er ſeinen Herrn auf dem Grunde des Bootes niedergelegt, halb leblos neben ihn ſank. Auch auf dem Schiffe gab es Ohnmachten; Dina wurde von ihrem alten Philipp ohnmächtig in ihre Cabine getragen. Felix kam nicht wieder auf's Schiff, denn als ſein Diener ſich etwas gefaßt, gebot er den Matro⸗ ſen, ſchnell an's Land zu rudern, das jetzt beinahe eben ſo nahe wie der Lombardo war. Er bedachte, daß für ſeinen geliebten Herrn, der kein Lebens⸗ zeichen von ſich gab, doch auf jeden Fall in Civita Vecchia's beſtem Gaſthofe mehr gethan werden konnte, als auf dem Schiffe. Tragikomiſch war, daß die Hafenpolizei den leb⸗ loſen Körper nicht einlaſſen wollte, weil er ohne Paß war; nur die Verſicherung eines der Boots⸗ männer, daß der Ertrunkene ein principe russiano ——— 245 ſei, bewog den Commiſſär, bis zum Abende Geduld zu haben mit dem Paß, wo Stanislaus heilig ver⸗ ſprach ihn abzuliefern. Fünfzehntes Kapitel. Die Büßende. In einem wohldurchheizten Zimmer des Albergo dell' Europa in Civita Vecchia lag, umgeben von Aerzten und Dienern, der bleiche Felix,— noch immer kein Lebenszeichen von ſich gebend. Der Lombardo war nach kurzem Halt weiter geſegelt, und Stanislaus, als er ſeines Herrn Ef⸗ fecten holen ging und ihn unter der Obhut des Arztes zurückließ, konnte Dina auch noch keine be⸗ ruhigende Nachricht mitgeben. Paul ſaß in dum⸗ pfem Brüten da. Als er Felix in das Meer geſtürzt, war er zu Lori geeilt und hatte ihr triumphirend den Tod ihres Geliebten verkündigt, aber mit einem Schreckensrufe war ſie aus der Cabine geſtürzt, und ſobald der Lombardo die Anker ſenkte, war ſie die Schiffstreppe hinabgeflogen in das Boot, das einige Paſſagiere nach dem Lande brachte. Und ſo fuhren denn Paul und Dina und ſelbſt Joſeph mit der Ueberzeugung von Felix' Schuld weiter nach Neapel. 1 Paul's That hatte für ihn keine weiteren üblen Folgen. Es wurde ſtillſchweigend als ein unglück⸗ licher Zufall angenommen, daß Felix über Bord geſtürzt, der Capitän inquirirte nicht und die Po⸗ lizei erfuhr Nichts davon. Als der Abend ſich niederſenkte, ſchlich eine kleine, bleiche Geſtalt ſich in das Zimmer des kranken Lief⸗ länders und kniete neben ſeinem Bett und bohrte die großen, dunkeln Augen wie ein Geſpenſt in die Züge des Ertrunkenen, der in heiße Decken gehüllt war, und von dem weiter Nichts ſichtbar geblieben, als das bleiche Geſicht. Der Arzt befreite ſeine Hand und fühlte den Puls.— Nach einer langen Pauſe ſagte er end⸗ lich:„Respira! Er athmet!“ Da liefen dem braunen Stanislaus die Thrä⸗ nen über die Wangen, und jetzt hörte er ein leiſes Schluchzen und bemerkte erſt die Geſtalt am Bette. „Wer ſind Sie?“ frug er auf Franzöſiſch. Das Weib aber ſagte mit tiefer Stimme:„Seine Mörderin, wenn er nicht erwacht!“ Stanislaus, der ſie nicht kannte, hielt ſie für verrückt und bat leiſe die Leute aus dem Hauſe, ſie zu entfernen; aber Lori, denn ſie war es, be⸗ merkte das, ſtand auf und ging zu Stanislaus. „Laſſe mich nicht verjagen, ich gebe mir augen⸗ blicklich den Tod, wenn ich das Zimmer verlaſſen muß,— denn ich bin die Urſache, daß Paul Phi⸗ lipps Deinen Herrn in's Waſſer ſtieß. Hat Dir Niemand von Lori geſprochen?“ „Doch! Ich hörte meinen Herrn und beſonders Herrn Huber öfter dieſen Namen nennen.“ Lori lachte bitter:„Ja, die Lori, die Herr Hu⸗ ber nannte, die bin ich!“ Als Felix das Bewußtſein wieder erlangte, fiel ſein erſter Blick auf Lori. Unwillig wandte er das Geſicht ab, aber Lori rief, auf den Knieen vor ſeinem Bette liegend: „Zürne mir nicht! Mein ganzes Leben will ich büßen, was ich an Dir verſchuldet habe!“ „Entfernen Sie das Mädchen!“ ſagte Felix, ſtatt aller Antwort, zu Stanislaus,„ihr Anblick iſt mir unerträglich!“ Lori ſtand auf, das Haupt geſenkt, und verließ das Krankenzimmer, aber im Vorzimmer holte ſie ſich einen Stuhl an die halboffene Thüre und ſetzte ſich dahin. Felix ſah ſie nicht und war beruhigt. Als er am folgenden Morgen ſich wieder erhob und ankleidete, konnte doch Stanislaus nicht länger ſchweigen:„Da draußen vor der Thüre ſteht das Mädchen!“ Felix ſtampfte mit dem Fuße, ſo zornig hatte ihn ſein Diener noch nicht geſehen. „Du wirſt mich doch von ihr befreien können?“ ſagte er ärgerlich.„Es iſt die erſte Pflicht eines treuen Dieners, ſeinen Herrn von aufdringlichen Menſchen zu befreien!“ „Wenn ich ſie zu gehen bitte, ſagt ſie:„Ich weiche nur der Gewalt, und wenn man mich hin⸗ 229 ausbringt, ſpringe ich ins Meer!“ Was ſoll ich nun mit dem Frauenzimmer thun?“ Felix hatte ſeinen Anzug in Eile vollendet. Mit raſchen Schritten ging er zur Thüre und öffnete ſie weit. Lori ſaß davor, bleich, mit verweinten Augen. „Gehe hinaus, Stanislaus! Nun ſagen Sie mir, was das bedeuten ſoll, Fräulein Lori! Den⸗ ken Sie wirklich, mir Ihre Geſellſchaft fernerhin ganz zuzuwenden, Tag und Nacht?“ Lori war aufgeſtanden. Demüthig die Hände über die Bruſt gekreuzt, ſtand ſie vor ihm. „Laſſen Sie ſich meine arme Gegenwart gefallen, — o laſſen Sie mich Ihre Dienerin ſein!“ „Ein junger Mann kann kein junges Mädchen, ſelbſt nicht als Dienerin, mit ſich führen. Wenn Sie ſich darüber hinausſetzen,— ich thue es nicht!“ „So ſagen Sie, ich ſei die Frau Ihres Be⸗ dienten;— meine Buße ſoll ſein, daß wirklich mich die Welt für das Weib des braunen Menſchen hält, dem ich die Augen auskratzen würde, wenn er mich, nur meine Fingerſpitze anrührte. Um bei Ihnen zu bleiben, will ich aber die Schmach tragen.“ 250 „Lori! Lori! Ich glaube, Ihr altes Metier ſpukt wieder in Ihrem Kopfe und Sie wollen Käth⸗ chen von Heilbronn mit mir ſpielen. Ich bin aber kein Wetter von Strahl.“ „Und ich leider kein Käthchen mehr!“ ſagte Lori mit ſo tiefer, ſchmerzlicher Empfindung, daß Felix, davon überwältigt, ſtillſchwieg. „Hören Sie mich an, Herr Baron!— Ich habe gehört, daß Sie längere Zeit in Rom ver⸗ weilen wollen. Laſſen Sie mich Ihre Küche be⸗ ſorgen,— ich weiß, Sie lieben italieniſche Küche nicht. Ich ſpreche auch etwas Italieniſch und Sta⸗ nislaus verſteht kein Wort;— probiren Sie es ein⸗ mal eine Woche lang,— ich werde Ihnen nie unter die Augen treten, wenn Sie mich nicht rufen laſſen.“ Was ſollte Felix thun? Er gehörte nicht zu den Männern, die ein Weib können mißhandeln ſehen, und noch weit weniger zu denen, die es ſelbſt thun. Er ließ alſo zu dem Poſtwagen, der am Mittage nach Rom abfuhr, drei Billets nehmen und nahm ſelbſt im Cabriolet Platz, während Lori und Stanislaus im Innern fuhren. 251 In ſolchem Geleite langte Felix am Abend in der ewigen Stadt an. In den erſten Tagen, als er im Gaſthofe wohnte, bekam er Lori wirklich gar nicht zu ſehen. Sta⸗ nislaus erzählte ihm, daß ſie häufig ganz allein in der heiligen Stadt herumſtreife und dann bei dem Nachhauſekommen, wenn er ihr im Gange oder auf der Treppe begegne, durch Ausrufungen ihre Be⸗ wunderung dieſer Welt der Schönheit ihm kundthue. Als Felix eine Wohnung nahm, ließ Lori es ſich wirklich nicht nehmen, für ihn zu kochen. So oft dann Stanislaus die Schüſſeln heraustrug, frug ſie ihn:„Hat der Herr Baron Nichts geſagt, daß das Eſſen gut ſei?“ und wenn dann Stanislaus jedesmal ſagte:„Nein!“ wurde ſie immer trauriger und ging oft mit Thränen in den Augen in ihr einſames Manſardenſtübchen, bis dann Stanislaus ſie wieder aufſuchte, um ihrer kleinen Kenntniſſe in der italieniſchen Sprache willen, die ſie auf wun⸗ derbare Weiſe mit ihrer gewöhnlichen Intelligenz binnen acht Tagen in Rom vermehrt hatte. Sechszehntes Kapitel. Pius der Neunte. Felix war währenddem mit ſeinen ernſten, großen Plänen beſchäftigt, und hätte die arme Lori gewußt, wie wenig ſie in ſeinen Ideenkreis trat, ſie wäre noch viel unglücklicher geweſen. Selbſt daß Dina mit dem Verdacht, daß er ein Liebesverhältniß mit Lori gehabt, nach Neapel gegangen, kümmerte ihn wenig, er ſtand eben an der Schwelle, ſeine Lebens⸗ aufgabe zu erreichen, und davor trat bei dem ernſten, ſein Ziel beharrlich verfolgenden Manne alles An⸗ dere in den Schatten. Er hatte durch den ruſſiſchen Geſandten um eine Audienz bei Pius dem Neunten nachſuchen laſſen und auch die Zuſicherung einer ſolchen er⸗ halten. Er ſchrieb an ſeinen Freund in Paris:„Die Politik iſt in meiner Angelegenheit ihrer Religion untreu geworden, laß ſehen, ob die Religion nicht von ihrer Politik dahin getrieben wird, wo ich ſ ſehen möchte.“ 2583 Bei der Audienz rechnete Felix beſonders auf zwei Dinge, auf Pius des Neunten einſt ſo warmes Herz, über das ſich freilich jetzt eine Eisdecke ge⸗ legt haben ſollte, und auf die offenliegende Selbſt⸗ loſigkeit ſeiner Wünſche; denn Felix hörte von Allen, daß ein großes Mißtrauen das Herz des Papſtes jetzt der Menſchheit entfremdet halte. Ueberdem gab ihm ſeine vollkommene Gewandtheit, in fremden Sprachen ſich auszudrücken, ein Talent, was er im höchſten Grade beſaß, einige Sicherheit. Die breiten Treppen des Vaticans ſtieg er ruhig hinauf. Im Vorzimmer der Schweizer konnte er aber doch nicht ohne Gemüthsbewegung die deut⸗ ſchen Laute der Wächter hören, die hier, wie in Neapel, in fremdem Solde ſtehen, weil ihre Treue die erprobteſte iſt. Im zweiten Zimmer waren einige Nobelgar⸗ diſten mit Spielen beſchäftigt: lauter düſter aus⸗ ſehende, bartloſe, hagere Geſichter. 5 Im dritten erſt trat ihm in ſpaniſcher Tracht der Cameriere segreto entgegen, der ihn zum Papſt geleiten ſollte. Er ging mit ihm durch mehrere 254 offen ſtehende Gemächer, dann öffnete er eine angelehnte Thür, deutete mit einer Verbeugung auf eine zweite, verſchloſſene Thüre und zog ſich zurück. Felix dachte, das iſt ſymboliſch, ich muß mir ſelbſt die Thüre öffnen, die zum Papſte führt, Kei⸗ ner thut es für mich. Als die hohe, ſchwere Thüre ſich auf ſeinen Druck in ihren Angeln bewegte, erblickte er in einem kleinen Gemache Pio Nono, das Antlitz ihm zuge⸗ wendet, an einem bis zur Erde mit Schiebfächern ausgefüllten Schreibtiſche ſitzen, ſo daß Felix nur den Oberkörper des Papſtes gewahren konnte und ihm als Proteſtant die Verlegenheit erſpart wurde, den Pantoffel zu küſſen, der ihm verborgen war. Oft hatte er den Papſt geſehen, oft ſein ſchönes, regelmäßiges Proſil, ſeine hohe, edle Geſtalt, ſeine unnachahmliche Würde bewundert, aber nie war ihm ſo, wie heute, in nächſter Nähe das eigentlich Cha⸗ rakteriſtiſche im Antlitz des Kirchenoberhauptes auf⸗ gefallen,— der klare, helle Eindruck dieſes Kopfes, mit den ſchönen blauen Augen, der nordiſch weißen Haut und dem dichten, hellgrauen Haupthaar.— Durchſichtig wie von Wachs waren dieſe Züge, im Vergleiche mit den Bronceköpfen ſeiner Landsleute, mit einem Worte,— Pius' Haupt war wie verklärt. Der Anzug des Papſtes war ganz weiß, der Haus⸗ anzug des ſichtbaren Oberhauptes der Kirche, ein wollenes, bis auf die Füße fallendes Gewand mit rundem Kragen und ein kleines, ebenfalls weißes Käppchen. Felix ließ ſich, von wirklicher Ehrfurcht ergriffen, vor dieſer Lichtgeſtalt halb auf ein Knie nieder, aber Pius winkte ihm ſogleich mit der Hand, ſich zu erheben. Dabei umzog den feſtgeſchloſſenen Mund des einſt ſo vergötterten, ſo leidenſchaftlich geliebten Kirchenfürſten ein ſchmerzliches Lächeln— und die Augen, die einſt die Idole Italiens ge⸗ weſen und Licht und Segen darüber ausgeſtrahlt, ſahen forſchend aus ihren tieferen Höhlen nach dem jugendlichen Fremden.— „Was wünſchen Sie, mein Sohn?“ frug er mit jener Stimme, durch deren Wohlklang er bei ſeinem erſten öffentlichen Erſcheinen alle Herzen an ſich riß. 256 „Nichts für mich, heiliger Vater! Ich komme im Namen der geſammten Menſchheit zu dem ein⸗ zigen ſichtbaren Oberhaupte eines Theiles derſelben. Ich ſelbſt bin Proteſtant, an unſere Fürſten, die auch die Häupter unſerer Kirche ſind, habe ich mich vergebens gewandt! Eure Heiligkeit iſt meine letzte Zuflucht auf Erden!“ „Dann werde ich wohl auch Nichts thun kön⸗ nen!“ ſagte Pius, ihn verwundert anblickend. „O, heiliger Vater, nehmen Sie mir nicht die Hoffnung, ehe Sie mich gehört!“ „So reden Sie!“ ſagte, ſich zurücklehnend, der Papſt. Felix begann, ſein Herz auszuſchütten. Er ſchil⸗ derte mit heißen Farben die traurigen Verhältniſſe der Gegenwart, die alle das Reſultat haben, die Laſt des Bedrückten ſchwerer, die Noth des Dürf⸗ tigen größer, das Elend des Armen unerträglicher zu machen; er ſchilderte, dieſen Thatſachen gegen⸗ über, die eiſerne Härte des Weltlaufs.„Das Elend auf Erden iſt grenzenlos!“ ſchloß er,„Hunger und Kummer bei einer Arbeit, die unabläßiger Pein gleich⸗ 257 kommt, ſind beinahe das einzige Erbtheil der arbei⸗ tenden Claſſen,— o, rufen Sie, heiliger Vater, die katholiſchen Fürſten der Erde auf, ſich ihrer Armen anzunehmen! Auch für das leibliche Wohl der Menſchen zu ſorgen, auf daß die Menſchen wieder mit Ruhe und Dankbarkeit auf das Wohl ihrer Seele achten können, iſt ja des geiſtlichen Vaters der Menſchheit Pflicht! Ein Mann, der täglich fürchten muß, daß Weib und Kinder vor Hunger nicht das Auge ſchließen, kann unmöglich an jedem Abende inbrünſtig beten,— denn aus Ver⸗ zweiflung und Hunger wird er nur einmal,— aber nicht öfter zu Gott rufen! In Frankreich, in Eng⸗ land fängt die Regierung jetzt an, ihre Verpflich⸗ tung gegen ihre Arbeiter einzuſehen. In Deutſch⸗ land denkt Niemand an ſie,— und doch ſind unſere Arbeiter die fleißigſten, nüchternſten und ſittenrein⸗ ſten. Unſere Regierungen geben ſich ja alle als die Väter, die Vormünder, die Herren ihrer Völker. Nun wohl, ſo mögen ſie wie der Vater an ſeinem Kinde, der Vormund an ſeinem Mündel, der Herr an ſeinem Diener handeln,— für ſie ſorgen!“ Der neue Kreuzritter. 17 258 Pius erhob den Finger mit ſchmerzlichem Lächeln, ohne zu ſprechen. „Ich bin kein politiſcher Reformator! Eure Heiligkeit können feſt überzeugt ſein, daß nie dahin mein Streben gegangen,— man muß erſt ſelbſt⸗ ſtändig ſein, ehe man frei ſein will, und Niemand iſt unſelbſtſtändiger, als der Bettler!“ „Aber Deutſchland wird mir ja von allen Sei⸗ ten als ein wohlhabendes Land geſchildert. Alſo auch dort?“ „Auch dort, heiliger Vater, herrſcht das Elend!“ „Aber was kann ich thun, mein junger Freund!“ frug nach einer kleinen Pauſe, melancholiſch mit der Hand die Augen deckend, der Hoheprieſter. „An den Kaiſer, die Könige, die Fürſten Ge⸗ ſandten ſchicken und ſie auffordern laſſen, nur den entſchiedenen Willen zu faſſen, der Armuth in ihren Staaten einen Damm entgegenzuſetzen.“ „Einen Damm entgegenſetzen! Das iſt leicht ausgeſprochen! Wie,— auf welche Weiſe denken Sie ſich das?“ 1 259 „Ich habe in dieſem Memoire verſchiedene Mittel gegen den Pauperismus angegeben; eines der Haupt⸗ mittel iſt Verminderung der ſtehenden Heere.“ „Aber die Revolution?“ „Die kann ein einziges europäiſches Heer, wie wir jetzt deren vielleicht zehn beſitzen, niedertreten, ſobald die Fürſten zum Beſten ihrer darbenden Völker einen unauflöslichen Friedensbund ſchließen, wie ſie jetzt ein Schutz⸗ und Trutzhbündniß zu ihrem eigenen Beſten geſchloſſen haben. Die zahlloſen Eiſenbahnen haben Europa zuſammengezogen zu der Ausdehnung eines einzigen, mäßig großen Landes. Könnte man nicht deshalb mit Leichtigkeit jenes europäiſche Coalitionsheer augenblicklich dahin brin⸗ gen, wo es Noth thut, wenn es an den großen Kno⸗ tenpunkten der Verkehrsſtraßen aufgeſtellt würde?“ „Welch ein Heer müßte das ſein!“ „Wir beſitzen in Europa beinahe drei Millionen Soldaten; ſollte Eine nicht genügen?“ „Und was denken Sie noch?“ frug Pius. „An eine ganz andre Ausbeutung des Staats⸗ eigenthums, um dadurch vor Allem geſunde, billige 17* 260 Wohnungen, wohlfeile Koſt, Gerechtigkeitspflege und Arzt unentgeltlich für den Arbeiter, Fürſorge für Kin⸗ der kranker Eltern, für Verwundete, Leidende und das arbeitsunfähige Alter beſchaffen zu können.— Eure Heiligkeit werden in den Grundzügen und Principien dieſer Schrift Manches vermiſſen, was Ihre höhere Weisheit und Erfahrung Ihnen eingiebt, aber ſicher nicht den guten Willen, das raſtloſe Grübeln über einen Gegenſtand, den ſich ein zwar junges, aber redliches Herz zum Lebensvorwurf genommen.“ „Das iſt Alles recht ſchön,“ ſagte ſanft der Kirchenfürſt,„aber glauben Sie denn, auf meine Aufforderung würden alle die Herrlichkeiten, deren Werth ich durchaus nicht verkenne, aus dem Boden erſtehen?“ Und indem er die Hand nach dem Memoire ausſtreckte, das Felix ihm überreichte, ſetzte er ſchmerzlich hinzu:„Ich habe kein Glück, was Reformen betrifft, wenden Sie ſich an einen Glück⸗ licheren, junger Mann! Ich beneide den Fürſten, dem es von der Vorſehung geſtattet wird, zum ma⸗ teriellen Segen ſeines Volkes wirken zu dürfen,— mir ſind die Hände gebunden,— ich kann Nichts 261 für Sie thun! Es iſt ſo der Wille Gottes! Er hat mir und meinen Brüdern in ſeinem Dienſte eine andere Miſſion gegeben. Die Dürftigkeit der Reichen, die Armuth der Mächtigen, die Gottent⸗ fremdung des ganzen Menſchengeſchlechts dieſer Zeit, die iſt es, welche meine Sorge bilden ſoll, welche dringendere, furchtbarere Mahnungen für mich hat, als die Noth des Leibes!“ Und Pius erhob ſich; Felix war verabſchiedet. Als er ſich tief verbeugte, ſtreckte Pius, wie ſegnend, die Hand gegen den Häretiker aus. War es die alte Gewohnheit, oder hielt er dieſen jungen Ketzer wirklich ſeines apoſtoliſchen Segens werth? Siebzehntes Kapitel. Eine Hochzeit in Neapel. Dina war auf Santa Lucia, dem Fremden⸗ Quartiere Neapels, weil es das ſchönſte iſt, ſchon ganz heimiſch geworden. Sie dachte nicht an die Rückkehr nach Deutſchland; was ſollte ſie dort? 262 Und dennoch war ſie auch hier, unter dieſem be⸗ gnadeten, blauen Himmel, nicht glücklich. Der Schmerz, die Enttäuſchung, die Erfahrung, die ſie an Felix Walram gemacht zu haben glaubte, ver⸗ bitterten ihr das ganze Leben. Er, der Einzige von allen Männern ihres Kreiſes, den ſie geachtet, aus⸗ gezeichnet und— was half es ihr, es ſich ſelbſt zu leugnen— den ſie geliebt, er war im Grunde auch nicht beſſer, als die Andern. Die Geliebte ſeines alten Freundes, die Braut eines ehrlichen, jungen Mannes, hatte er unter lügenhaften Vor⸗ ſpiegelungen gegen die übrige Geſellſchaft in ſeiner Cabine mit über's Meer geführt! Es war empö⸗ rend! Und dennoch war noch immer eine Stimme in ihrem Herzen, die für ihn ſprach, die ihr zurief: „Höre ihn erſt!“ Aber was konnte er ſagen, und wie peinlich mußte es ſelbſt für ihn ſein, jetzt mit ihr, die er ſo ſehr getäuſcht, zuſammenzutreffen. Um ſich von ihrem Kummer zu zerſtreuen, fiel ſie wieder in ihre alte Lebensweiſe zurück. Sie machte wieder täglich drei Mal Toilette, ritt aus, beſuchte die Theater, angeblich Alles, um Marien * die Welt zu zeigen, eigentlich aber, weil ihr die Einſamkeit, welche ſie nach der erſten Trennung von Felix ſo ſehr geliebt, um ſich mit ſeinem vergötter⸗ ten Bilde zu beſchäftigen, nun fürchtete. Joſeph Huber war von ſeinen Verwandten gütig aufgenommen worden und beſuchte ſie öfter. Er hatte, ſeitdem er wieder über ein beſſeres Einkom⸗ men verfügen konnte, auch mehr Selbſtgefühl ge⸗ wonnen und benahm ſich, wie die anderen jungen Leute ſeines Gleichen. Seine Tante hatte Dina verſichert, daß, wenn er nicht wieder ſeinem alten Leichtſinn anheimfalle, deſſen Ruf ſogar bis nach Neapel gedrungen, ihr Mann ihn ſpäter als Correſpon⸗ denten oder in einer andern paſſenden Stellung unter⸗ bringen werde. Dieſelbe Veränderung, die mit Dina in ihrem Aeußern vorgegangen, hatte auch bei Lieschen Statt gefunden; ſie putzte ſich jetzt auch, hatte rothe Wangen bekommen und galt bei Allen, die ſie ſahen, für ein hübſches, muntres Mädchen. Das kam daher, das gute Kind war glücklich! Dieſe genügſame Natur dankte dem lieben Gott 24 264 täglich, daß ſie Jemand gefunden, der ſie liebte. Dieſer Jemand war Niemand anders, als Joſeph Huber, der ihr verſprochen, ſie, ſobald ihm ſein Oheim eine Stelle verſchaffe, zu heirathen. Der ehemals ſo üppige Dandy eine Kammerjungfer! Und dennoch war die Partie eine ganz paſſende, denn Lieschen's milde, beſchränkte, aber harmoniſche Natur war ganz geeignet, dem ſchrankenloſen Leicht⸗ ſinn und gedankenloſen Dahinleben des jungen Wie⸗ ners enge Schranken zu ſetzen. Noch eine andere Hochzeit ſtand in Ausſicht, und zwar zwiſchen Paul und Marien, und das zur größten Freude Dina's. Paul, in Meſſina mit großer Liebe aufgenommen und gefeiert, von den alten, kinderloſen Leuten zum Erben erklärt, denen er ſchon jetzt einen Theil ihrer großen Güter und Weinberge mit rheinländiſcher Kunſt bewirthſchaften ſollte, hatte an Dina geſchrieben, und ihr geſagt, daß an ſeinem Glücke nichts fehle, als ein holdes Weib, und das holdeſte ſtehe ja unter ihrem Schutze. Dina ſchrieb nach Frankfurt.— Die Aeltern mißten freilich nicht gern ihr Kind, waren aber 265 auch bange vor der Rückkehr der„durchgegangenen Tochter“ und den ſpöttiſchen Geſichtern, die ſie empfangen würden,— überdem hatten ſie die Aus⸗ ſicht, daß ja auch Paul wieder einmal die Heimath beſuchen und ihnen die Tochter bringen werde, und dann ſchilderte Dina den jungen Mann als eine ſo gute Partie, daß die Aeltern, die doch immer ſpeculative Kaufleute waren, nichts Anderes als Ja zu ſagen wußten. Als Paul das Jawort der Aeltern empfing, ſegelte er gleich herüber, um die holde Braut zu holen,— da verrieth ſich denn auch, was Dina bisher nicht hatte erforſchen können: daß Mariechen ihm zugethan war, und zwar mit der ganzen Kraft einer erſten Liebe. Als ſie ihn ſah und er die Arme nach ihr ausſtreckte, weinte und lachte ſie abwech⸗ ſelnd an ſeinem Halſe. Dina wandte ſich ab, in ihrem Herzen ſprach eine Stimme:„So wirſt du nie an eines Mannes Halſe hängen!“ Die Hochzeit wurde im Hauſe Dina's fröhlich gefeiert, die Trauung, da Paul katholiſch, von einem neapolitaniſchen Prieſter vollzogen, der nach der Ceremonie Paul, ſobald er ſeiner allein hab⸗ haft werden konnte, höchſt eifrig zuredete, doch ja ſeine kleine, ketzeriſche Frau der einzig allein ſeligmachenden Kirche wieder zuzuführen,„denn es wäre ſchade,“ ſagte er, indem er den Mund ſpitzte, „wenn ſo ein allerliebſtes Engelsgeſichtchen in die Hölle käme.“ Marie wollte, ehe ſie Neapel verließ, noch mit Paul, der es noch nicht kannte, Pompeji ſehen. Es war ein glühend heißer Februartag und die kleine, junge Frau hatte im Uebermuthe des Glückes ihrem Manne ihre Sammetmantille umgehängt und flog in den kleinen Häuſern immer Allen voran und verſteckte ſich, daß Paul ſie ſuchen mußte, und für ihr Verſtecken ſtrafen und ſchelten, und dann konnte ſie bitten und dann konnte er verzeihen; es war das Spiel zweier anmuthigen und glücklichen Kinder, und Dina ſah ihnen mit hellem Wohlwollen zu. In dem berühmten Hauſe des Diomedes ſtießen ſie auf eine andere Geſellſchaft, es war ein Eng⸗ länder, mit einer ſchönen, ſchwarzäugigen Frau am 267 Arme. Dina war es, als habe ſie das langweilige Geſicht des Mannes und auch die feuerſprühenden Augen der Frau ſchon früher geſehen. Da grüßte der Mann und trat auf ſie zu. „Sie erkennen mich wohl nicht mehr, Mylady, obgleich ich in Frankfurt die Ehre genoß, Ihnen vorgeſtellt zu werden. Mein Name iſt Auguſtus Heatheote!“ „Ah! Ich erinnere mich! Es freut mich, Sie hier wiederzuſehen!“ ſagte Dina mit ihrem ge⸗ wöhnlichen verbindlichen Weſen.„Ihre Frau Ge⸗ mahlin?“ „Ja wohl, ja wohl!“ ſagte Mr. Heathcote, etwas verlegen.„Auch eine Frankfurter Bekannt⸗ ſchaft, wir ſahen uns in Rom wieder, und dort feierten wir unſere Vereinigung. Sind Sie allein hier, Mylady?“ „Nicht doch! Ich bin hier mit einem jungen Ehepaar; da kommen ſie ſchon!“ Paul und Marie kamen lachend aus einem Sei⸗ tengange; als aber Paul die Dame am Arme des Engländers gewahrte, ließ er die Hand ſeiner jungen 268 Frau los, und mit dem Rufe:„Lori!“ blieb er blaß und erſchrocken ſtehen. „Lori!“ rief Dina, die ſie jetzt erſt erkannte; „Lori!“ rief Marie und wurde eben ſo blaß, wie ihr junger Gatte. „Ja, Lori!“ ſagte mit ihrer alten Kühnheit die Wienerin und trat zu Paul. „Gott grüße Sie, alter Freund, wir ſind jetzt Beide verheirathet, Sie an eine ſchöne Frau und ich,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„an einen gutmüthigen Narren! Was kann ich dafür, er hat's nicht an⸗ ders gewollt! Seit zwei Jahren ſuchten er und ſeine Agenten, die er beſoldet, in allen Weltgegen⸗ den nach einer muſterhaften Frau, und da heirathet 2 er zuletzt mich! Iſt das nicht zum Todtlachen, Paul?“ Paul begriff nicht, daß er das Mädchen je ge⸗ liebt, ſo ſehr ſtieß ihn jetzt ihr burſchikoſes Weſen, das ihm doch früher gefallen hatte, ab. Er hatte ſeither, ein bildſamer Menſch, im Umgange mit Frauen von feineren Lebensformen einen ganz an⸗ dern Maßſtab anlegen gelernt. 269 Nun wandte ſich Lori wieder zu Dina:„Und Sie, Frau Gräfin, können Sie mir nicht ſagen, was denn aus dem Baron Felix Walram geworden iſt?“ „Das hoffe ich von Ihnen zu erfahren!“ ſagte Dina eiskalt und im Innern empört über die Kühn⸗ heit dieſer Frau. „Ah! Apropos!“ fuhr Lori fort,„es fällt mir ein, ich muß den braven, guten Baron noch von dem Schein einer Schuld reinwaſchen, die er in Paul's Augen hat! Der arme Baron, es hätte ihm beinahe das Leben gekoſtet! Mr. Heathcote, ſehen Sie einſtweilen da die alten Krüge an, ich komme gleich zurück.“ Und Paul'’s etwas widerſtrebenden Arm ergrei⸗ fend, ging ſie allein mit ihm voraus. „Zu welcher Thorheit ließen Sie ſich hinreißen, Paul,“ ſagte ſie.....„und wie waren Sie im Irrthum! Der Baron hat mich nie gemocht, ob⸗ gleich es eine Zeit gab, wo ich ſehr in ihn ge⸗ ſchoſſen war! In die Cabine hatte er mich nur verſteckt, weil ich ihn darum bat, ich fürchtete ein Zuſammentreffen zwiſchen Dir— wollt' ich ſagen zwiſchen Ihnen und dem etwas blödſinnig gewor⸗ denen Joſeph. Wie geht es ihm?“ „Alſo wirklich,— der Baron Felix hat Sie nicht um ſeinetwillen verſteckt?“ „Warum ſollt' ich das läugnen, wenn es der Fall geweſen wäre? Nicht wahr, Paul, es iſt doch beſſer ſo? Du haſt jetzt eine Frau, wie Du eine brauchſt, unſchuldig und etwas dumm!“ „Lori!“ „Nichts für ungut! Und ich bin für den ſtei⸗ fen Engländer noch lange gut genug! Meinſt Du nicht auch, daß er Gott auf den Knieen danken kann für ſolch eine Frau, wie ich bin?“ Dina zog Paul aus der Verlegenheit, auf dieſe Frage antworten zu müſſen. Sie ſagte lächelnd, indem ſie neben Lori trat: „Ihr Gemahl ſcheint eiferſüchtig!“ Wirklich war Mr. Heatheote nicht der Weiſung ſeiner Gemahlin, die alten Krüge zu betrachten, ge⸗ folgt, ſondern ging mit langem Halſe hinter ihnen her und ſuchte zu hören, was die Beiden ſprachen, und Dina hatte in guter Abſicht gewarnt. „Eiferſüchtig?“ rief Lori lachend,„das werde ich ihm abgewöhnen! Alſo Sie wiſſen Nichts von Baron Felix? Ich kann Ihnen nur ſagen, daß er von Rom direct nach Liefland zurückgereiſt iſt, und erklärt hat, es nie wieder verlaſſen zu wollen.“ „So ſind ihm die Pläne, die er für Rom hatte, nicht gelungen?“ Lori zuckte die Achſeln.„Ich weiß nur, daß er ſehr traurig, ſehr blaß und niedergeſchlagen ab⸗ gereiſt iſt, und daß Stanislaus zu mir geſagt hat: „So habe ich meinen Herrn nie geſehn!“ „Und denken Sie, Frau Gräfin,“ ſagte Paul, „wir hatten ihm Unrecht gethan, Mrs. Heatheote's ſchöne Augen ſind für den liefländiſchen Barbaren immer ohne alle Wirkung und allen Eindruck ge⸗ blieben,— und ich hätte beinahe den Tod eines Unſchuldigen auf meiner Seele gehabt.“ d Dina wurde dunkelroth. Sie faßte die vor kaum einer Viertelſtunde noch ſo geringſchätzig be⸗ handelte Lori an der Hand und führte ſie bei Seite und frug mit tiefer, zitternder Stimme:„Reden 272 Sie die Wahrheit? Bei Allem, was Ihnen heilig i*ſt, ſprechen Sie, reden Sie die Wahrheit?“ Diesmal hielt Lori ihren Uebermuth in Schranken. „So wahr ich lebe und ein ehrlich Weib zu werden gedenke,“ ſagte ſie mit dem Tone der Wahr⸗ heit und Treue,„und ſo wahr ich ein leichtſinniges Mädchen geweſen bin, der Baron iſt nie mein Lieb⸗ haber geweſen, ja, er hat nie mit einem ſolchen Gedanken an mich gedacht,— im Gegentheil, ich bin ihm immer zuwider geweſen!“ Daß Lori jetzt nicht log, ſah Dina,— und weil ſie es ſah, nahm ſie die Hand der Wienerin, ſchüttelte ſie warm und ſagte innig:„Gott ſegne Sie für dies Wort!“ Das Heathcote'ſche Ehepaar machte nun mit den Anderen die Runde in Pompeji. Lori erzählte noch der Gräfin, wie ſie Heatheote in Rom getroffen, als ſie gerade ganz ohne Unterhalt und in der höchſten Verlegenheit geweſen ſei. Sie habe ihn um der alten Bekanntſchaft willen, als er ſie angeredet, um ein Darlehn gebeten, was er ihr bereitwillig gegeben. Dann habe ſie endlich eine Stelle bei einer Putzarbeiterin gefunden; da ſei denn Mr. Heathcote beinahe täglich, um ſie zu ſehen, in's Magazin gekommen und habe ſeine Ver⸗ liebtheit dadurch auf die lächerlichſte Weiſe verrathen, daß er eine Menge Damenhauben und Hüte ge⸗ kauft, die ſie jetzt alle ſelber auftragen müſſe, wenn ſie eine gute Wirthin ſein wolle. „Als ich ihm ſein mir geliehenes Geld wieder⸗ brachte,“ ſchloß ſie lachend,„ſagte er:„Behalten Sie es lieber und nehmen Sie mich dazu!“ Ich war doch gar zu ſehr verlaſſen,— und da ich ihn für einen guten Menſchen hielt, was er auch iſt, ſchlug ich ein und bin jetzt froh, daß ich's gethan. In ein paar Jahren bin ich hoffentlich eben ſo ſteif und langweilig wie er, und dann werden mich ſeine Landsleute ſehr bewundern.“ Sie trennten ſich nun; Dina nahm auf der Rückfahrt nach Neapel einen Schatz im Herzen mit, und ſelbſt der ehrliche Paul freute ſich, daß Felix ihn nicht betrogen.„Es iſt jetzt wieder ein guter Menſch mehr für mich auf der Welt!“ ſagte er fröhlich. Der neue Kreuzritter. 18 Als Paul und Marie nach Meſſina abgereiſt waren, ordnete auch Dina ihre Rückreiſe an. Lies⸗ † chen blieb in Neapel, Joſeph's Tante, die das Mäd⸗ chen geſehen, und welcher es durch ſein ſtilles Weſen ſehr gefallen, nahm ſie als Geſellſchafterin zu ſich, wahrſcheinlich, um ſie nach Jahr und Tag als— Nichte zu behalten. Dina, der von allen ihren Begleitern auf der Heimreiſe Niemand geblieben, als ihr getreuer Phi⸗ lipp, kehrte nach Deutſchland zurück. In Frankfurt* war ihr erſter Weg zu ihrer guten Freundin La⸗ vallon; ſie erzählte ihr ohne Rückhalt Alles, was 1 ihr ſeitdem begegnet war. 1 Eliſe ſagte triumphirend:„Was wirſt Du ſagen, wenn ich Dir erzähle, daß ich einen Brief von Felix erhalten habe, und zwar in dieſen Tagen?“ „Nun, und was ſchreibt er denn?“ „Die eigentliche Veranlaſſung iſt eine Wohl⸗ 4 thätigkeitsangelegenheit. Er ſchickt durch mich einer armen Familie Etwas zu. Der Hauptinhalt ſeines Briefes ſind aber traurige Klagen über eine geſchei⸗ terte Lebensaufgabe. Hier iſt der Brief, lies ſelbſt!“ 275 Felix ſchrieb:„Es iſt unendlich traurig, wenn man mit ſieben und zwanzig Jahren gar nichts. Anderes anzufangen weiß, als für ſich ſelbſt zu ſorgen! Es giebt Tage, wo ich wünſche, mein ehr⸗ licher Stanislaus wäre mir nicht in's Meer nach⸗ geſprungen und hätte mich nicht herausgezogen, und wieder Tage, wo ich beklage, in einer Zeit, wie die jetzige, als Mann geboren zu ſein. Die Frau ge⸗ nügt den Forderungen ihres Herzens, dem Rufe ihres Ehrgeizes, wenn ſie für Einen lebt und wirkt,— einem Manne kann das unmöglich die Seele ausfüllen. Ich ſehe Sie ſpöttiſch lächeln und von Männerhochmuth und ſchwärmeriſchem Jüng⸗ lingsehrgeize reden,... nun ja,— vielleicht iſt es wahr, daß das Bedürfniß, in der großen, allge⸗ meinen Welt einen Platz auszufüllen, oder, wie Sie das ironiſch nennen, eine Rolle zu ſpielen, eigentlich ſeinen Urſprung im Stolze und in der Eitelkeit hat! Was ſoll ich nun anfangen? Ich wollte von dem erſparten Vermögen meines Vaters hier eine großartige Anſtalt zur Bildung meiner jungen Lands⸗ leute gründen und dann ſelbſt auswandern in ein 18 276 wärmeres Land, denn mich friert es jetzt hier, ob⸗ gleich es nicht kälter iſt, als bei Ihnen. Aber die Regierung hat mir das nicht bewilligt! Mir bleibt. alſo Nichts übrig, als meine Güter meinem Vetter, der ſie gerne beſitzen möchte, zu verkaufen, und mit dem Gelde, das man nicht hier behalten will, fort⸗ zugehen! Denn fortzugehen bin ich entſchloſſen. Was aber dann? Das weiß ich ſelbſt nicht! An eignes Glück, das, was die Menſchen ſo ſchön einen eignen Herd gründen nennen, darf ich nicht denken, denn ich verehre das weibliche Geſchlecht zu ſehr, — meine Werbung wäre jetzt eine Beleidigung für jede edle Frau, und ſie hätte vollkommen Recht, mir zu ſagen: Alſo Du willſt Dich verheirathen, weil Du nichts Beſſeres mit Dir anzufangen weißt? Ich büße jetzt dafür, daß ich Ihnen damals in Frankfurt geſagt: Ich habe mir gelobt, kein eignes Glück zu ſuchen, mein Leben iſt einer höhern Auf⸗ gabe geweiht!“ „Nun, liebe Dina, iſt das nicht deutlich? Der Weltverbeſſerer kömmt zu mir, damit ich Dir in ſeinem Namen demüthig peccavi ſage!“ 3 Eliſe hatte gemeint, Dina ſolle über den Brief vor Freuden außer ſich ſein, davon war aber gerade das Gegentheil der Fall. Es ſchmerzte ſie unaus⸗ ſprechlich, den Mann, der ihr ſo erhaben über allen Andern geſtanden, von ſeinem Piedeſtal herabge⸗ ſtiegen und in einer Reihe mit ihren andern Freiern ſtehen zu ſehen. Ja, der Gedanke, daß Felix im Unmuthe jede höhere Lebensbeſtimmung aufgegeben, war ihr noch ſchmerzlicher, als damals in Neapel der Glaube an ein vorübergehendes, unreines Ver⸗ hältniß mit Lori. Damals hatte ſie ſich doch ſagen können: Auch die Sonne hat Flecken! Aber jetzt — jetzt war er keine Sonne mehr! Sie ließ ihn aber dennoch grüßen, als Eliſe ihm antwortete und ihm ſagen, Lori, die ſie in Pompeji geſprochen, ſei jetzt Mrs. Heatheote ge⸗ worden und habe alſo den Tugendpreis davonge⸗ tragen, deſſen keine Frankfurterin würdig geweſen! Sie that das, damit er ſehe, daß ſie über ſein Verhältniß zu Lori aufgeklärt ſei. Dann ließ ſie nach kurzem Aufenthalte wieder Reiſezurüſtungen treffen und wieder einpacken, und — 278 zwar, um das Land zu ſehen, nach dem ſo wenige Frauen gelangen: nach Spanien. Achtzehntes Kapitel. Die Egoiſten. Nach mehreren Monaten erhielt eines Tages Eliſe, die treue Frankfurter Freundin, an welche Dina während ihrer langen Reiſe wenigſtens jede Woche einmal ſchrieb, einen Brief aus Cagliari. Dina ſchrieb: „Was ſagſt Du dazu, meine Getreue, daß ich, anſtatt nach Genua zu fahren und zu Euch zurück⸗ zukehren, hier auf der Inſel Sardinien landete? Das kommt daher: ich habe mich verliebt! Ich ſehe Dich erſchrocken die Hände falten und fragen:„Wer mag das ſein?“ Sei ruhig, Eliſe, mein Geliebter wird Dir keine Sorgen machen, obgleich er uns vielleicht auf ewig trennt! Er hat nicht die Dir verhaßteſte Eigenſchaft der Herren unſeres Kreiſes, die Oberflächlichkeit,— denn er 1 279 iſt unergründlich tief, auch nicht zu jung iſt er und doch ewig jung, ewig ſchön, ewig wechſelnd und ewig derſelbe,— es iſt das ewige Meer! Ich trenne mich nie mehr davon, ich habe mir das feſt gelobt! Dein Mann ſagte einmal, als wir bei ihm die Männer ſo ganz unbarmherzig verketzert hatten: „Aber Eines müſſen mir doch die beiden Damen geſtehen, bei allen unſern Fehlern behalten wir doch immer mehr von der höchſten menſchlichen Präro⸗ gative, von der Vernunft, als die Frauen! Auch die tugendhafteſten übertreffen uns an Thorheit. Die Thor⸗ heit einer Frau erreicht nie ein Mann, und ſchon in der Bibel iſt das anerkannt, wo wohl von ſieben thörichten Jungfrauen, doch nicht von einem einzigen thörichten Jüngling die Rede iſt.“ Sage ihm, er hätte Recht, und die Thorheit, ſich in's Meer zu verlieben, könne auch nur eine Frau begehen, und dieſe Frau ſei ich, Dina Hammerſtein, aus Frank⸗ furt, der nüchternſten, altklügſten Stadt Süddeutſch⸗ lands;... freilich zu der ganz gleichen, wenn nicht noch größeren Thorheit, ſich mit dem Meere zu ver⸗ 280 mählen, hat es ſchon vor Jahren ein Mann ge⸗ bracht,— der Doge von Venedig! Meine Liebe iſt auch ſchon durch einen gericht⸗ lichen Act ſanctionirt. Ich habe mir nämlich eine kleine Inſel gekauft,— Ihr in Frankfurt, die Ihr auf Eurem Main die kleinen Tellerchen nur kennt, Ihr würdet ſte unermeßlich groß finden! Hier in meinem azurblauen, geliebten Meere iſt ſie nur ein kleiner, grüner Fleck,— aber ein himmliſch ſchöner! Ich will deutſche Anſiedler hierher kommen laſſen, und zwar nur deutſche,— und mit deutſchem Fleiß und deutſcher Treue ein kleines Paradies hier grün⸗ den, wie es ganz Deutſchland ſein könnte,— wenn ſein Fleiß beſſer beſchützt wäre! Du ſollſt mir aber das Beſte dazu ſchicken, nämlich einen tüchtigen Landwirth. Nicht zu jung, verheirathet und gebildet,— wir haben ja in Deutſchland Muſter in dieſer Art, Leute, die das Vaterland nicht brauchen konnte.— Frage unſern Freund Georg, den vortrefflichen Oeconomen, nach einem ſolchen, und ſchicke mir ihn gleich, ſeine Familie kann ja nachkommen. Dein Mann ſoll 281 ihm das Reiſegeld geben und mir überhaupt Alles von meinem Vermögen und meiner Rente ſchicken, was er mir ſchicken kann. Ich brauche viel Geld und bin unausſprechlich froh, es endlich einmal zu brauchen! Ich gehe jetzt ſchon auf meine Inſel, die ich umtaufen und Germania nennen werde, damit es doch irgendwo eines unter Einem Scepter gebe!“ Ein ausführlicher Brief über geſchäftliche Ange⸗ legenheiten an Herrn von Lavallon lag noch bei. Es mochten ungefähr ſechs Wochen vergangen ſein, ſeitdem Dina dieſen Brief geſchrieben. Sie hatte ein kleines Landhaus bei Cagliari, am Strande des Meeres, gemiethet. Es enthielt nur ein paar Zimmer und war eingerichtet, wie es Orientalen auf der Reiſe zu thun pflegen. Die nackten Wände waren mit Teppichen behängt, die ſie aus Genua hatte kommen laſſen, den Fußboden deckten Tigerfelle, und aufeinandergethürmte Kiſſen bildeten Divans an den Wänden. Dina hatte alle ihre europäiſchen Culturſpitzfindigkeiten aufgegeben. Ein runder Stroh⸗ hut deckte ihr dunkles Haar, wenn ſie ausging,— —— — ——— 1 1 1 1 1 1 — ——— 282 ein weites, feines Wollengewand umſchloß in vielen Falten ihren ſchlanken Leib, und wenn ſie in der Abendkühle fröſtelte, warf ſie den weißen Burnus um, den ſie in Marſeille einem aus Oran⸗ zurück⸗ kehrenden Franzoſen abgekauft hatte. Niemand hätte in ihr die elegante und verwöhnte Gräfin wieder⸗ erkannt. Die Fenſter ihres niedern Zimmers ſtanden offen, ſie lag in angenehmer Müdigkeit auf den Kiſſen des Divans und horchte mit wahrem Entzücken auf das myſtiſche Gemurmel der ewigen See. Ihre Gedanken kehrten zurück in die Kindheit, in Frank⸗ furts enge Gaſſen, in das heſchränkte Haus ihrer Mutter,— welch' ein Contraſt, ſie kam ſich vor, wie eine Königin,— nein, wie ein ſeliger Geiſt, befreit von jeder Erdenlaſt. Die Dämmerung, die im Süden ſo ſchnell zur Dunkelheit wird, war eingetreten. Philipp war nach der Stadt, um einige Einkäufe zu beſorgen, die Frau, welche ihr einfaches Mahl bereitete, in das nächſte Dorf gegangen, um nach Mann und Kindern zu ſehen. Dina war ganz allein,— im 288 Umkreiſe von einer Meile vielleicht kein menſchliches Weſen. Da hörte ſie auf dem Sande des Meeres einen Schritt, der ſich ihrem Häuschen näherte. Es war nicht Philipp,— wer konnte das ſein? Doch keine Furcht beſchlich die Seele der reinen, unerſchrockenen Frau,— nur ein Gefühl des Unmuths, in dieſem Augenblicke der ſüßeſten Einſamkeit geſtört zu werden. Vor dem Fenſter vorbei ſchritt die Geſtalt eines Mannes im Calabreſer Hut und Mantel. Die Gräfin ſprang auf von ihrem Sitze; da ſtand er ſchon an der Thüre, doch Dina konnte Nichts von ſeinen Zügen ſehen, denn das ſchwache Tageslicht ſtand ihm im Rücken. „Wer iſt da?“ frug ſie auf Italieniſch.„Un straniero! ein Fremder!“ antwortete eine Stimme, vor deren Klang ihr Athem ſtockte. Der Fremde ſchwieg und blieb in der Thüre ſtehen; da nahm ſich Dina zuſammen und frug: „Wer iſt der Fremde?“ „Der Landwirth aus Deutſchland!— Mich ſendet Eliſe!“ „Eliſe Lavallon?“ Weiter konnte Dina Nichts ſagen, denn der Fremde trat ins Gemach, nahm den Hut vom Haupte und ſagte weich:„Soll ich wieder gehen? Billigt meine gnädige Gebieterin nicht die Wahl ihrer Freundin?“ Dina zitterte wie Eſpenlaub. Wie ſchwach iſt ſolch ein armes Frauenherz, trotz aller Träume von Heroismus. Noch vor einer Minute hatte ſie ge⸗ wähnt, Nichts als die Natur und die Freiheit zu lieben, und jetzt, nachdem der Klang dieſer Stimme nur in ein Paar Tönen an ihr Herz geklungen, fühlte ſie, daß dies Herz nichts Anderem ſchlug, als ihm,— ihm allein. Aber war es denn möglich?! „Walram?“ frug ſie leiſe. Seine Hand erfaßte die ihre und führte ſie an die heißen Lippen. „Nicht Walram!— Felix! und Du, Du ſollſt mich ſo nennen, damit ich endlich mit Recht dieſen Namen führe!“ 4 Er hatte wohl am zitternden Tone, womit ſie fragend ſeinen Namen ausgeſprochen, erkannt, daß —ͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤſͤſſſſ 285⁵ Eliſe wahr geſprochen, als ſie geſagt:„Gehen Sie nur hin,— Dina liebt Sie noch immer,— dies ſpröde Herz liebt nur einmal und dann ewig!“ Philipp, der Felix auf deſſen Wunſch voraus⸗ gehen laſſen, kam jetzt mit ſchwerem Schritt. Dina trat an's Fenſter und rief ihm zu, Licht zu bringen. Felix ſtand hinter ihr, demüthig auf eine Antwort wartend, die er nicht erhielt. Der Diener brachte Licht,— Dina hatte ihre volle Geiſtesgegenwart wieder erlangt. Freundlich zeigte ſie Felix einen Sitz. „So ſagen Sie mir doch, was Sie hierher⸗ führt?“ „Ich habe es Ihnen geſagt! Ich bin der Land⸗ wirth, den Ihnen Ihre Freundin ſchicken ſoll. Sie ſagt, ich erfülle zwar eine Bedingung nicht, ich ſei nicht verheirathet, aber—“ „Im Ernſt?“ fiel ihm Dina in die Rede,„wollen Sie hier bleiben?“ „So lange Sie hier bleiben ¹“ ſagte Felix und ſeine dunklen Augen bohrten ſich fragend in die ihrigen; aber ſie ſchlug ſie nieder. 286 „Sie haben es aber nie verſucht, Sie wiſ⸗ ſen nicht, was das heißt,— vollſtändige Ein⸗ ſamkeit!“ „Das will ich auch nicht wiſſen!“ ſagte etwas übermüthig Felix,„ich ſage Ihnen ja, mein Ver⸗ trag dauert nur ſo lange, wie Sie hier bleiben!“ Er ſah in dieſem Augenblicke ſo glücklich aus, wie ſie ihn nie geſehen,— aber Dina's gereizte Empfindung verletzte dies ſtrahlende Auge, und der unglückſelige Gedanke, daß er innerlich ihrer ſpotte, und triumphire, ſie immer noch liebend zu finden, obgleich er vor einem Jahre ihr Herz zurückgewie⸗ ſen, rief plötzlich ihren Stolz, ihr Selbſtgefühl wach. Sie ſagte mit traurigem Ernſt: „Wir verſtehen uns nicht, Baron Walram! Sie begreifen nicht, daß ich nicht mehr dieſelbe bin, wie in Frankfurt und auf dem Lombardo. Wir haben die Rollen getauſcht. Früher waren Sie ein einſamer Schwärmer, ich ein Weltkind; jetzt bin ich die einſame Schwärmerin und Sie—“ „Ich bin ein unglücklicher Menſch!“ ſagte Felix⸗ bitter und erhob ſich.„Ich ſehe wohl, es war — Wahnſinn, zu glauben, daß eine Frau, wie Sie, einem Manne angehören könne, bei deſſen Werbung ſie, nach Allem, was zwiſchen uns vorgegangen, denken muß:„Es iſt ein Schiffbrüchiger, deſſen ich mich erbarmen ſoll!“ Nein, Sie haben Recht, Frau Gräftn,— wir verſtehen uns nicht! Frau von Lavallon liebt Sie und mich,— ſie wollte uns Beide glücklich ſehen,— Sie hat ſich geirrt! Sie hat vergeſſen, daß wir Beide zu ſtolz ſind, uns mit dem— Mitleide des Andern zu begnügen,— denn ſo glauben Sie, ſo ich!“ „Haben wir denn Unrecht?“ frug Dina und eilte ihm nach an die Thüre und nahm ſeine Hand und ſagte weich:„Gehen Sie ſo nicht von mir, Walram, nach ſo langer Trennung! Bleiben Sie bei mir, rathen Sie mir, helfen Sie mir, ſein Sie mein Freund, wenn Sie mein—“ Sie ſtockte, ſie erröthete, ſie ließ ſeine Hand los und ging zurück zu ihrem Sitze. Er folgte ihr und ſetzte ſich neben ſie. „Soll ich bleiben, Gräfin, darf ich bleiben?“ Sie nickte. 288 „O, wenn Sie wüßten, welch' Entzücken mich erfaßte, als ich nach Frankfurt kam und Frau von Lavallon mir den Plan ausmalte, den ſie für mich entworfen.„Da haben Sie nun Alles, was Sie wünſchen,“ ſagte ſie eifrig,„ein Stück Erde, eine edle Beſtimmung und— eine ſchöne Frau!“ Dina entzog ihm die Hand, die er ergriffen. „Hatte ſie Unrecht?“ frug er und bog ſich vor, um in ihre Augen zu ſehen,— aber ſie brach in Thränen aus und ſprang auf und wollte fort⸗ eilen. Doch er ließ ſie nicht, ſeine ſtarke Hand hielt ſie feſt. „Ich habe Dich ja immer geliebt,“ ſagte er weich,„nur glaubte ich, ich dürfe dieſer Liebe nicht nachgeben; verzeih' mir dieſen Irrthum, wenn es einer war,— ich gebe Dir ja die glänzende Ge⸗ nugthuung, nun, da alle meine Pläne in einer Welt des Egoismus und der Unbarmherzigkeit geſcheitert, — die Deinigen auszuführen; mein ganzes Leben will ich ja Nichts thun, als Dir und Deinen Plänen leben,— kann ein Nunn nehr?“ „O, Du Heuchler!“ ſagte Dina nach einer Weile, ihr thränengebadetes Antlitz von ſeiner Schulter er⸗ hebend,„Du weißt recht gut, daß, wenn ich Dich nicht getroffen, ich noch in Frankfurt die Moden angäbe und die jungen Leute verſpottete, die mir die Cour machten. Meine Pläne kommen von Dir,— mein Gedanke, hier zu leben und zu ſterben, kommt von Dir,— ich habe nur die Aufgabe des Weibes erfüllt, im Kleinen auszuführen, was ſich vollenden läßt im beſchränkten Kreiſe der Möglichkeit!“ „So weigere Dich denn auch nicht und ſei glücklich mit mir,— Du ſiehſt, trotz allem meinen Sehnen und Streben, meinem Ringen und Schaf⸗ fen habe ich es doch zu weiter Nichts gebracht, als — ein glücklicher Menſch zu werden!—“ „Ja, ja,“ rief Dina mit dem Humor des Glückes, „in der jetzigen Weltordnung heißt das erſte Geſetz: Du ſollſt ein Egoiſt ſein; lerne das begreifen, mein Geliebter, und ich bin Dein!“ Comptoir zu Weimar. 2 — — 2 82 Gedruckt im Landes ——= ͤͤͤſſ—“ 7 ſſſſſſſſſffffffmiff ſſſſſſf 10 11 12 13 14 15 16 17 18