Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 25 ,— Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſfelteen entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nt. Pf. „ — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſuun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Aleiern urenhien der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——õ— ““ 2 3291/“— — Gegen den Stron. Roman von Louiſe von Gall. Zweiter Band. Bremen, Verlag von Franz Schlodtmann. 1851. III. In Ungarn.. Seite 1 IV. Frauen und Opfer........ ⸗ 121 III. In Ungarn. Gegen den Strom. II. 1 8 —4— * Der Gang unſerer Erzählung führt uns nach Un⸗ garn, und Agnes von Stein, unſere frühere Bekannte, iſt es, an deren Hand wir dieſes wunderbare Land betreten. Ihr Vater war ihr ſchon dorthin voraus⸗ geeilt, ſie aber noch bei Freunden in Wien zurückge⸗ blieben, um ihm, dem ſorgſamſten aller Väter, Zeit zu gönnen, das Haus des neuangekauften Gutes zu ihrem Empfange herzurichten. Die Freunde, unter deren Schutz ſie noch in Wien geweilt, waren Mitglieder einer höchſt liebenswürdigen ungariſchen Familie, deren nähere Bekanntſchaft ihr Vater bei Gelegenheit des Gutsankaufs gemacht, denn eben ſie waren die früheren Beſitzer deſſelben. Solche Kauf⸗ und Verkaufsverhältniſſe ſind beſonders geeig⸗ net, Menſchenkenntniſſe zu ſammeln, wei l, wo es das 1* In Ungarn. Vermögen gilt, die meiſten Menſchen jede andere Rück⸗ ſicht fallen laſſen, der zu Liebe ſie ſonſt die Schatten⸗ ſeiten ihres Characters zu verhüllen pflegen. Aus dieſer Feuerprobe war aben die Familie Serenyi in un⸗ getrübtem Glanze hervor gegangen, und Herr von Stein ließ mit Freuden ſein Kind für einige Tage in ihrer Obhut. Herr von Serenyi, der Vater, hatte Herrn von Stein begleitet, und ſeine beiden jüngſten Kinder, Au⸗ guſt und Eliſabeth, waren mit Agnes zuſammen ge⸗ blieben. Auguſt war ein Mann von ungefähr fünf uld zwanzig Jahren und Advocat, Eliſabeth wohl nur etwas älter als Agnes, die in ihr die erſte Freundin fand. Die drei jungen Leute freuten ſich nun, gemein⸗ ſchaftlich die Reiſe anzutreten, und beſchloſſen, nur bis Preßburg am erſten Tage mit dem Dampfſchiffe zu fahren und dann einen kleinen Abſtecher nach Tyrnau zu machen, wo der älteſte der Serenyi'ſchen Brüder— Auguſt hatte deren fünf— mit einer liebenswürdigen Frau verheirathet lebte; Agnes hatte ihm bei ſeiner Anweſenheit in Wien verſprechen müſſen, ihn auf der Reiſe nach ihrem Gute nicht links liegen laſſen zu wollen. 3 Agnes verließ leichten Herzens die Kaiſerſtadt. In Ungarn. Vor dem Rothenthurmthor, auf der Leopoldſtädter Brücke, ſtand ſte noch einmal im Wagen auf und ſah rückwärts nach der alterthümlichen Stadt, von der ihr ahnte, daß ſie ihre Zinnen nie wieder erblicken werde! „Sonderbar,“ ſagte ſie zu Herrn von Serenyi,„ſo alt dieſes Wien iſt, ſo macht mir doch all ſein Leben und Treiben nur den Eindruck des Lebens und Trei⸗ bens eines Kindes, und drum ſcheide ich auch ohne tieferes Intereſſe davon.“ „Wohl Ihnen,“ ſagte Herr von Serenyi bitter,„daß Sie nur dieſen Eindruck empfangen! Ihnen kommt dieſe Sucht, in ſchalen Vergnügungen, jedes Gedan⸗ kens beraubt, die Zeit zu tödten, nur als beſchränkte kindliche Heiterkeit vor, wir Männer aber erblicken darin den geängſtigten Seelenzuſtand eines ſchlechten Gewiſſens, das durch rauſchende Luſt das Bewußtſein ſeiner Laſter und ſeiner Sünde zu betäuben ſtrebt!“ „Das iſt wieder ſo eine exaltirte, oder wie Sie mir ja ſelbſt erlaubt es zu nennen, eine ungariſche Anſicht. Wie kann man das Treiben von dreimalhunderttauſend Menſchen reſumiren, indem man es mit den Zuckungen des ſchlechten Gewiſſens eines Einzelnen vergleicht! Für ſo ſummariſch grauſam hätte ich ſie nicht ge⸗ halten!“ 4 „Sie mißverſtehen mich, gnädiges Fräulein! Ich * In Ungarn. wollte mit dieſem Vergleiche nicht das Treiben der In⸗ dividuen, ſondern das ſogenannte öffentliche Leben, dasjenige bezeichnen, was die kaiſerlich königliche vä⸗ terliche Regierung ihren folglamen Kindern geſtattet und angiebt!“—— Es war die höchſte Zeit zur Abfahrt, als die Freunde an Bord des Preßburger Dampfers eintrafen. Die Geſchwiſter begrüßten ſchon auf der Landungsbrücke einen alten Bekannten, der mit ihnen reiſen ſollte, einen Landsmann, der, wie ſie, aus der Gegend von Eperies ſtammte, aus dem Lande des feurigen Tokayers. Agnes überflog mit raſchem Blick ihre Rei iſegeſell⸗ ſchaft auf dem Schiff und bemerkte außer ihren unga⸗ riſchen Gefährten kein einziges anziehendes Geſicht. Herr von Serenyi machte ſie ſpöttiſch auf eine außer⸗ ordentlich zahlreiche Judenfamilie aufmerkſam, die wegen der peinlichen Verhältniſſe für Leute ihres Glau⸗ bens nach Ungarn auswanderten.„Die kommen aus dem Regen in die Traufe,“ ſagte er lächelnd;„in Wien da vergeſſen die Leute, wenn man ihnen viel Geld giebt, Alles, was man will, ſogar daß man ein Jude iſt. Wir Ungarn aber— wir vergeſſen nichts— der Preis müßte denn,“ ſetzte er ſehr bitterhinzu,„ein Kam⸗ merherrnſchlüſſel oder der Sternkreuzorden ſein— und a In Ungarn. 7 ſelbſt die ſo Geköderten wagen nicht, ihr Vaterland wieder zu ſehen, weil deſſen Anblick alle alten Wunden aufreißen würde. Ein Ungar kann nur fern von Un⸗ garn vergeſſen, daß er ein Ungar iſt!“ „Und weil das ein ſo ſchmerzenbringendes Bewußt⸗ ſein iſt, drum leben ſo Viele von uns fern von ihrem Vaterlande,“ ſetzte ſein Landsmann düſter hinzu,„denn nicht ein Jeder liebt ſeinen Schmerz, obgleich dieſer Schmerz um's Vaterland das Beſte iſt, was wir armen Ungarn haben!“ Agnes betrachtete mit Theilnahme die bleichen Züge der beiden Magyaren, in denen ſich eben ein tie⸗ fer leidenſchaftlicher Schmerz ausſprach.— Auguſt Serenyi's Geſicht war ſonſt unbeweglich wie Marmor. Er und ſein Freund gehörten zu den ſchweig⸗ ſamen Menſchen, die nur für eine Idee leben und nur, wenn dieſe angeregt wird, Theilnahme und Feuer beur⸗ kunden. Sie waren nur Patrioten, alles Uebrige lag ihnen fern, und jede andere Thätigkeit war bei ihnen nur eine Folge ihres Pflichtgefühls. Zwei ſehr unbedeutend ausſehende Paſſagiere wa⸗ ren den beiden Ungarn beſonders ein Dorn im Auge; zwei Männer mit glattraſirten Geſichtern und zuge⸗ knöpften Oberröcken. Sie wurden Agnes als zwei Spione bezeichnet, die unausbleibliche Zugabe jedes In Ungarn. nach Ungarn ſegelnden Bootes. Agnes lachte über dieſe Vorausſetzung, aber als das Schiff ungefähr eine Stunde lang gefahren und man die ſchwarz gelbe Fahne am Spiegel herunter riß, um ſie mit der grün⸗ roth⸗weißen ungariſchen zu vertauſchen, weil man die Grenze paſſirt, gewahrte ſie auch eine auffallende Ver⸗ änderung im Benehmen der beiden Männer. Sie ſetz⸗ 6 ten ſich ängſtlich in eine Ecke, während die Ungarn ſich als die Herren des Schiffes geberdeten. Dieſe brachten dem Vaterland ein donnerndes Eljen und ſogen mit begeiſterten Zügen die beſſere und freiere Luft ein, von 5 I * „* —— der ſie behaupteten, daß ſtärkendes Leben in ihr enthal⸗ 4 4 ten im Vergleich zu der verſumpften Luft des einge⸗ 1 pferchten Oeſterreichs. 1 Allerdings iſt es wahr, daß unter kenem Himmnels⸗ 1 1 8 ſtriche der Welt ſo nahe zuſammen eine ſolche Verſchie⸗ reichiſch⸗ungariſchen Grenze, man mag nun das Land oder die Menſchen und ihre Sitten ins Auge faſſen! ff In Oeſterreich, das fleißig und mühſam bis in jedes Winkelchen bebaute, mit Obſtbäumen und Blu⸗ menbeeten geſchmückte Land, in Ungarn die fruchtbaren, 5 aber meilenweit brach liegenden Strecken ohne Obſt⸗ cultur, ohne Blumenzier! Dieſſeits die rührigen, un⸗ terſetzten, runden, geſchwätzigen und geputzten Men⸗ denheit zu finden iſt, wie dies⸗ und jenſeits der öſter⸗ 1 —. In Ungarn. 4 9 ſchen mit dem lachenden, ſtarklippigen Munde und den begehrlichen blauen Augen; jenſeits die ſchlanken, ern⸗ 6 ſten Geſtalten mit den feinen, ſchmalen, dunklen Ge⸗ ſichtern, in denen nur die düſter glühenden ſchwarzen Augen Leben verrathen. Sie lachen nicht, ſie reden nicht. Das Treiben der Fremden ſcheint ihrem feinen Munde nur ein ſpöttiſches Lächeln zu entlocken— was ſcheint ihnen überhaupt im Leben Werth zu haben? Sie arbeiten nur ſo viel, wie ſie brauchen, um es noth⸗ dürftig zu friſten; das weiße Fell, worin ſie ihre hohen Geſtalten hüllen, währt ja viele Jahre, und der 1 ſchwarze Schlapphut wird ihnen erſt lieb, wenn er vom langen Gebrauch geknickt ihnen über die düſtern Augen fällt. Zu ihren Wohnungen genügen ihnen die ſtroh⸗ 8 bedeckten Lehmhütten mit ein paar Holzklötzen und einem an der Kette hängenden Keſſel im Innern. Sie brauchen nicht dieſe bemalten öſterreichiſchen Bauern⸗ häuſer mit den runden Fenſterſcheiben— ſie verſchmähen dieſe luſtigen Gärtchen davor! Sowie es einzelne Perſonen giebt, denen ein tiefer Menſchenkenner anſieht, daß ihnen nie ein glückliches Loos zu Theil werden wird, ebenſo giebt es ganze der Trauer geweihte Völker; die ſchlechteſten ſind das nicht, . und die Magyaren ſind ein ſolches Volk! Und dennoch, wie ſchön, wie anziehend iſt dieſes Ungarn mit ſei⸗ 10* In Ungarn. nen kunſtloſen Formen und ſeiner unüberwindlichen Melancholie! Die vorſtehenden Bemerkungen paſſen übrigens nur für das Landvolk, denn in den Städten ſind, wie überall in der Welt, die ſcharfen Kanten durch den häufigen Verkehr mehr oder weniger abgeſchliffen. Noch vor Abend erreichten unſere Reiſenden das maleriſche, von Hügeln umgebene Preßburg. Auf den Straßen wälzten ſich ihnen Maſſen Volkes entgegen. „Was geht hier vor?“ fragte Herr von Serenyi.„Der Zapfenſtreich, wie jeden Abend,“ war die Antwort. Oeſterreichiſche Regimentsmuſiken ſind bekanntlich die beſten der Welt, wie überhaupt die Muſik die ein⸗ zige Kunſt iſt, welche Oeſterreichs Regierung unter⸗ ſtützt, und man könnte wohl eine politiſche Berechnung darin ſehen, daß alle jene durch ſtarke Garniſonen im Zaum gehaltenen Provinzen ſo vollſtändig beſetzte Mu⸗ ſiken erhalten. Bei den ſenſitiven, erregbaren Ungarn machen dieſe ſchönen Melodien vielleicht wirklich Proſelyten! Wem fällt dabei nicht Göthe's Ratten⸗ fänger ein: Und wären Knaben noch ſo trutzig, Und wären Mädchen noch ſo ſtutzig, In meine Saiten greif' ich ein, Sie müſſen alle hinterdrein. * * — — 8* —— In Ungarn. 11 Am andern Tage fuhr die Geſellſchaft zu Wagen nach Tyrnau und wurde dort mit jener ungariſchen Gaſtfreundſchaft aufgenommen, die durch ihre umfaſ⸗ ſende Großartigkeit förmlich in Oeſterreich als Sprich⸗ wort ſich eingebürgert hat. Von dem Tage in Tyrnau behielt Agnes nur einen Eindruck, da das Städtchen ſelbſt ihr wie ein deutſches Landſtädtchen vorkam, den Eindruck eines ungariſchen Tanzes, den ſie am Abend beim Vorübergehen an einer Schenke durch die geöff⸗ neten Fenſter anſah. Ein Zigeuner ſpielte die Geige, und nach den ori⸗ ginellen Tönen dieſes einſamen Inſtrumentes tanzten mehrere Männer, den breitkrämpigen Hut auf dem Kopfe. Es war eigentlich nichts als Springen, denn wer der Decke des niederen Zimmers mit dem Kopfe am näch⸗ ſten kam, erntete den meiſten Beifall. Frauen waren keine zugegen, aber eine Menge von ihnen ſtand vor der Thüre auf der Straße und blickte ſehnſüchtig durch die geöffneten Fenſter, ob keiner der Herren der Welt ſich bewogen fühlen werde, ſie von draußen herein zum Tanze zu holen, wie es die Sitte verlangt; aber die armen Mädchen ſtanden vergeblich in der dunklen Straße. Agnes bemerkte, daß hier die verſchmähten Tänzerinnen eigentlich beſſer dran ſeien, wie auf unſern cultivirten Bällen, wo ſie ihre unbegehrte Perſon 12 In Ungarn. den Augen der boshaften Welt zeigen müſſen, während ſie ſie hier im Düſter der Nacht den ſpöttiſchen Augen entziehen konnten. Da eine drückende Hitze herrſchte und der Weg nach Gran, wo unſer Kleeblatt das Dampſſchiff beſteigen wollte, nach Herrn von Serenyi's Verſicherung nur durch Sandebenen führte, ſo wurde eine Nachtfahrt beſchloſſen und Tyrnau am Abende in einem bequemen Wagen verlaſſen. Agnes fand den Weg ſo einförmig, traurig, ſchlecht und ſandig, wie ſie es gar nicht ihren patriotiſchen Gefährten auszuſprechen wagte; nur Schritt vor Schritt kamen die armen Pferde im tiefen, troſtloſen Sande vorwärts. Nach einigen Stunden ſolcher Fahrt konnte das lebhafte Mädchen es nicht mehr aushalten; da ihre beiden Gefährten zu ſchlafen ſchienen, ſo be⸗ ſchloß ſie, leiſe auszuſteigen und eine Strecke zu Fuß zu gehen. Als ſie aber den Schlag öffnete, erwachte ihr Begleiter und fragte dienſtfertig, ob ſie ausſteigen wolle. Agnes ſchämte ſich zwar ihrer nervöſen Unge⸗ duld, aber ſie geſtand ſie dennoch, indem ſie lächelnd ſagte:„Mir iſt, als verginge ich, wenn ich noch eine Viertelſtunde dieſe langſame Marter ertrüge; mir fehlt ganz und gar der paſſive Muth, das, was man im ge⸗ wöhnlichen Leben Geduld im Leiden nennt!“ In Ungarn. 13 „Aber was wollen Sie thun?“ fragte Herr von Se⸗ renyi, und der Mondſtrahl beleuchtete voll ſein ruhi⸗ ges, kaltes, nur etwas verwundertes Geſicht. „Ich will eine Strecke zu Fuß gehen.“ Statt aller Antwort ließ Herr von Serenyi ſeine Uhr repetiren; es ſchlug Mitternacht. Agnes ſagte auch nichts, aber ſie öffnete den Schlag. „Sehen Sie auch, mein gnädiges Fräulein, daß der Sand kniehoch liegt und Sie bei jedem Schritte ein— ſinken werden?“ „Ich ſehe es.“ Herr von Serenyi ſagte jetzt gar nichts mehr, aber er ſtieg hinter Agnes aus und bot ihr den Arm, den ſie durchaus nicht annehmen wollte. Er ließ ſich aber nicht abweiſen, ſondern ging ohne zu reden ruhig neben ihr her. Zuletzt nahm ſie auch ſeinen Arm, da ſie wirklich zuweilen ſo tief einſank, daß ſie Mühe hatte, die Füße aus dem Sande herauszuziehen. Als Herr von Serenyi ſah, daß ſie ſich nicht abſchrecken ließ, fand er ſich auch in die Sache mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen kalten Gleichmuth, und da ſie in ihrer leb⸗ haften, anregenden Weiſe einige Fragen über eine Reiſe in der Türkei, von der ihr ſeine Schweſter er⸗ zählt, an ihn richtete, begann er ihr darüber in kur⸗ 8 14 In Ungarn. zen, gedrängten, aber anziehenden Schilderungen zu berichten. Sie waren im Geſpräche doch raſcher als der Wa— gen vorwärts gekommen, und Agnes bemerkte plötzlich zu ihrem Schrecken, daß ſie das Knarren der Räder, worin ihre ſchlafende Freundin ſich befand, nicht mehr vernahm. Die Beiden ſtanden ſtill— es war nichts zu hören, nichts zu ſehen! „Mein Gott,“ ſagte Agnes erſchrocken,„wir haben am Ende nicht in dieſer Sandwüſte einen falſchen eingeſchlagen?“ „Das wäre möglich,“ verſetzte ruhig, wie immer, Herr von Serenyi. „Das wäre ja ſchrecklich,“ jammerte Agnes,„wir ſind ja wie in der Sahara!“ Auguſt Serenyi antwortete nicht, auch auf ſeinem Geſichte war nichts zu leſen⸗— ein ſehr aufmerkſamer Beobachter dieſer kalten Züge würde aber vielleicht in den Augenwinkeln einen ganz kleinen Zug von Scha⸗ denfreude entdeckt haben. Agnes ſtand ſtill und hielt den Athem an— kein anderer Ton, als das Rauſchen einiger über die Bei⸗ den Ngedeve Nachtvögel! Ruhig und ſtill lag die unermeßliche Ebene im Mondſchein vor ihnen, — — In Ungarn. 15 einzelne Sandhöhen ließen ſie Agnes wie einen großen Kirchhof erſcheinen. Sie ſchlug Herrn von Serenyi vor, er möge zurückgehen, da der Wagen unmöglich weit ſein könne, weil er ſo langſam fahre. „Das will ich recht gern thun,“ ſagte er bereitwillig; „wie aber Sie wiederfinden, hier wo nicht Weg, nicht Steg, nicht Baum, nicht Stein ein Merkmal bietet?“ Agnes ſchlug nun ihrem Begleiter vor, ſie wolle von Zeit zu Zeit einen hellen Ruf mit ihrer ſtarken Stimme in die Nacht hinein ausſtoßen. Darauf ſolle er immer achten und ſich nie zu weit davon entfernen, dann könne er ſie ja jedenfalls wieder finden. Er billigte dieſen Gedanken vollkommen und ent⸗ fernte ſich mit raſchen Schritten in die Nacht, und Agnes ließ ſich auf einen kleinen Hügel nieder und rief mit heller Stimme in die ſtille, öde Wüſte hinaus. Wenn ihr V Lage wüßte! Sie erſchrak bei dem Gedanken an den Schrecken, welchen er dar⸗ über empfinden würde; als ſie aber an ihre Bekannten in Deutſchland dachte, und was dieſe wohl ſagen wür⸗ den, wenn ſie Fräulein von Stein nach Mitternacht allein in einer ungariſchen Haide ſitzend wüßten— konnte ſie ſich eines lauten Lachens nicht erurbran Sie verblieb wohl eine gute halbe Stun e in die⸗ ſer Situation, furchtlos und geduldig wartend und 16 In Ungarn. rufend. Sie dachte, daß ſie außer ihrem Vater doch keinen Mann kenne, auf den ſie ſich mit ſolcher Ruhe verlaſſen werde, wie auf Herrn von Serenyi, obgleich es viele Männer gab, die ſie unendlich viel länger und beſſer kannte, und von denen ſie auch überzeugt war, daß ſie ihr ein größeres Intereſſe widmeten, denn hier ſagte ihr ihr ſicherer weiblicher Tact, daß ſie dieſem Manne ſo gleichgültig ſei, wie überhaupt einem Ehrenmanne ein ſeinem Schutze liergehens Mädchen ſein kann. Endlich kam Serenyi mit raſchen Schritten wieder und hinter ihm der Wagen, den er auf einer falſchen Richtung gefunden. „Ich hatte Sie ganz richtig geführt, mein Fräulein,“ ſagte er lächelnd zu Agnes.„Ich gehöre überhaupt nicht zu den Glücklichen, die ſi ir. Stunde ſchlägt. Meine lederne Natur fühlt immer ganz genau, wie viel Uhr es iſ und welchen Weg ich einſchlagen muß— ich bin halt zu nüchtern!“ „Bis auf einen Punkt, Herr von Serenyi, und da ſind Sie ein ſo gefährlicher Schwärmer, daß, wenn nur noch einige Ihrer Landsleute Ihnen gleichen, der Kaiſer von Oeſterreich ſich nicht mehr allzulange des Beſitzes der Krone des heiligen Stephan erfreuen wird In Ungarn. 17 — er müßte denn Sie und Ihresgleichen aus der Welt ſchaffen.“ „Dann,“ ſagte der Ungar, indem ſein dunkles, ge⸗ wöhnlich halb geſchloſſenes Auge ſich weit öffnete und Feuer ſprühte,„dann müßte er das ganze Land zu einem großen Kirchhof machen, denn ſo wie ich fühlen die meiſten magyariſchen Herzen.“ In dieſem Augenblick kam der Wagen an und Ag⸗ nes ſtieg wieder ein, fand aber Eliſabeth noch immer ſchlafend, da ihr Bruder es nicht für nöthig gefunden, ſie zu wecken, und wie ein unbewußtes Kind ſie das ganze Abenteuer hatte überſtehen laſſen. Als der Morgen hell und leuchtend herauf ge⸗ ſtiegen, kam der Wagen vor ein paar Hütten vorüber. Agnes, die ſeit Tyrnau kein Auge geſchloſſen, ſprach ihr ſchüchternes Verlangen nach einer Taſſe Milch aus „Unmöglich bis Gran,“ ſagte Herr von Se ich kenne dieſe Dörfer; aber ich will doch fragen. Eli⸗ ſabeth, die mit muntern Augen wieder in die Welt ſah, neckte ihre verwöhnte Freundin und behauptete, ganz gut bis Gran aushalten zu können. Ihrem Bruder konnte man in allen Häuſern nichts als Branntwein anbieten. Agnes war vollſtändig melancholiſch, und ſagte in einem Tone, der ihrem Begleiter ein Lächeln ent⸗ Gegen den Strom. II. 2 18 In Ungarn. lockte:„Wenn man in einem Dorfe keine Milch be⸗ kommt, wozu ſind denn die Dörfer?“ Ein Haus war noch übrig, es lag entfernt von den übrigen, und ſein ganzes freundlicheres Ausſehen, ſo wie ſeine höher gebauten Ställe ließen der Vermu⸗ thung Raum, daß hier noch eine andere Viehzucht als die der Schweine getrieben werde. Der Kutſcher mußte vor die Thüre fahren. Herr von Serenyi fragte ſla⸗ viſch, dann ungariſch und ganz zuletzt erſt deutſch den davorſtehenden Bauer nach Milch— welche Rührung aber befiel Agnes, als der Mann im breiten Schwä⸗ biſch:„Ha g'wiß, Milch können's han!“ antwortete. Der Mann brachte einen ganzen Topf und Schwarz⸗ brod in Menge. Agnes erſchöpfte ſich in Dank und ließ auch ihren Begleiter durchaus nicht für ſie be⸗ zahlen.„Gönnen Sie meinem patriotiſchen Herzen dieſe Genugthuung,“ ſagte ſie, indem ſie in ihrem ele⸗ i Beutelchen nach blanken Zwanzigern ſuchte. ls ſie das ſpöttiſche Geſicht des Ungarn bemerkte, ſage ſie in ihrer freimüthigen Weiſe:„Sie haben Recht, mich auszulachen, und es iſt das Unglück meines Va⸗ terlandes, daß die Frauen ſolche Milchnaturen ſind und die Männer— ſoviel Bier trinken. Uns thäte auch Noth, daß der Tokayer und die Paprika⸗Wurzel den ſanften Gaumen etwas reizten!“ In Ungarn. 19 Wie freute ſich Agnes, als ſie das wunderſchöne Gran vor ſich liegen ſahen, dies Gran, eins der ſchön⸗ ſten Bergſchlöſer des weiten Ungarlandes, deſſen oberſter Prälat eben von ſeinen unermeßlichen Ein⸗ künften eine neue herrliche Kirche auf der höchſten Spitze des Berges erbauen ließ. Da das Dampfſchiff noch nicht eingetroffen, welches die Reiſenden noch vor Abend nach Peſth führen ſollte, ſo beſchloſſen ſte, den Berg zu erſteigen, an deſſen Fuß die Stadt liegt. Oben belohnte ſie die bezauberndſte Ausſicht auf die ſchöne Donau und ihre hügeligen Ufer, und Agnes meinte ſogar, man könne darüber beinahe den Rhein ver⸗ geſſen. Die ſchöne Kirche war im Innern noch ganz durch Baugerüſte entſtellt, nur die unterirdiſchen Grabge⸗ wölbe waren vollendet, und dieſe hohen Gänge mit langen Säulenreihen, deren mittelſtes höchſtes 1 und größtes Gewölbe auch mit einem Altar geſchmückt und vollkommen zum Gottesdienſte eingerichtet war, erregten die lauteſte Bewunderung. Da dies Gewölbe die Gruft für alle Biſchöfe von Ungarn werden ſollte, ſo waren die Seitenwände ganz mit Niſchen bedeckt, beſtimmt zur Aufnahme der todten Prälaten.„Wie be⸗ ruhigend,“ ſagte Eliſabeth ernſt—„jeder Biſchof kann bei Lebzeiten hieher kommen und die Stelle beſehen, 2* 20 In Ungarn. die nach der unabänderlichen Rangordnung ſeinem todten Körper zu Theil wird.“ „Legen Sie darauf Werth?“ fragte die Deutſche lächelnd. „Gewiß,“ ſagte Eliſabeth noch immer ernſt. Bei den Prophezeiungen über die Art meines Todes iſt mein Begräbniß eine ſehr problematiſche Sache.“ Agnes fragte nicht weiter, denn als Eliſabeth ihr eben mittheilen wollte, wie ihrem Bruder, nach der Ausſage der Zigeuner, noch viel Gräßlicheres bevorſtehe, denn ihr, kam dieſer ſelbſt herbeigeeilt mit der Nachricht, daß der Dampfer eben um die Krümmung der Donau wie ein Pfeil einherſchieße. Bald ſahen ſie wirklich, als ſie ins roſige Son⸗ nenlicht zurückgeeilt, wie der Waſſerpalaſt angeſchäumt kam; das ungariſche Wappen, drei Ströme, drei Berge, war weit ſichtbar auf der großen, vom leichten Winde entrollten Flagge, und oben darüber züngelte wie eine ſpitze Schlange der dreifarbige Wimpel in den blauen Himmel hinein. Hätte nicht der Capitain des Schiffes, ein dunkler Venetianer, mit den Leuten der Landungsbrücke einen zornigen Auftritt gehabt, ſo wären unſere Reiſenden zu ſpät gekommen; ſo aber mußte der unerſchöpfliche Schatz eines ſüdlichen Wuthausbruchs ſich erſt völlig — In Ungarn.. 21 entleeren, ehe das Signal zum Weiterfahren gegeben wurde, und Agnes und Eliſabeth konnten ruhig an der Spitze des Schiffes Platz nehmen, während Herr von Serenyi das Gepäck beſorgte. Beim Anblick Peſths und Ofens war Agnes von Bewunderung ergriffen! Voll ſtrömte ſie dahin die breite, majeſtätiſche Donau mit ihrem ſtarken, leiden⸗ ſchaftlichen Wellenſchlage, zu ihrer Linken, mit einer Reihe von Paläſten das Ufer kränzend, Peſth, zu ihrer Rechten das feſtunggekrönte Ofen mit der ſchönen thurmgeſchmückten Citadelle, zu deren Füßen die Stadt ſich auf den Hügeln rings gelagert, wie eine Lämmer⸗ ſchaar im Grünen. Sie ſtiegen ab in einem ſchönen, großen Hauſe, das, in einer ziemlich engen Straße der Stadt gelegen, der Familie Serenyi gehörte.— Am Abend konnte Agnes vor dem Lärm auf der Straße lange nicht einſchlafen. Er war aber nicht, wie in Wien, dem Summen eines Bienenkorbes vergleich⸗ bar, der nur vom ewigen Wagenraſſeln hie und da übertönt wird, nein, es war der tolle Lärm einer freien Jugend: Schreien, Rufen, Raſſeln, Spielen, Singen und zur Abwechſelung ein tüchtiger Zank und Streit; aber Alles übertönt vom Klirren des Nationalſäbels⸗ Im Hauſe gegenüber währte bis zum Morgen Singen 22 In Ungarn. und Spielen und tönte mit grellen Lauten aus den geöffneten Fenſtern auf die Straße.. „Wer ſind dieſe Ruheſtörer?“ fragte Agnes ihre Freundin. 4„Juraten, lauter Juraten.“ „Was iſt das?“ „So nennt man die Legion junger Leute, welche in Ungarn ſich zu Rechtsgelehrten ausbilden.“ „Das ſind eigenthümliche Vorſtudien!“ „Es iſt das tollſte Volk bei uns. Leider laſſen ſie Hes aber nicht beim Singen und Schreien bewenden— ach wie oft, wenn ſie die Nacht mit ihren ſchleppenden Saͤbeln die Straßen durchziehen, bekommen ſie Streit, und man findet dann am Morgen die blutende Leiche eines ſolchen jungen Menſchen auf dem Pflaſter.“ 3 Schon früh am Morgen wurde Agnes wieder von 4 einem vielfachen, aber leiſern Klirren auf dem Straßen⸗ pflaſter geweckt. Waren ſchon ſo zeitig die Juraten wieder da? Ach nein, es waren arme lebenslänglich Verurtheilte, welche von öſterreichiſchen Soldaten be⸗ wacht an jedem Morgen mit Beſen und Schaufel die Straßen Peſths durchziehen mußten, um ſie zu reini⸗ gen, damit die glücklichern freien Menſchen ſie mit blankem Schuh durchſchreiten konnten. Eiiner von den Verurtheilten erregte beſonders In Ungarn. 23 Agnes' Mitleid. Es war ein alter Mann mit weißen Haaren und mühevollem Gang. Wie ſchwer raſſelte die Kette an ſeinem Fuße! Welch ein Contraſt mit dem jungen Juraten, welcher vor ein paar Stun⸗ den an derſelben Stelle ſeinen Säbel klirrend aufs Pflaſter fallen ließ, um die Augen der jungen Mädchen am Fenſter auf ſich zu ziehen! Welch ein Contraſt! Eliſabeth erzählte Agnes, daß derſelbe Alte einſt auch ein junger Jurat geweſen und, weil er in blindem Zorne einen Freund erſchlug, zu lebenslänglichem Eiſen verurtheilt wurde.. Eliſabeth theilte ihrer Freundin alle näheren Um⸗ ſtände dieſer Trauergeſchichte in jenem lebhaften Eifer mit, der ihr immer eigen war, wenn ſie ſprach. Sie konnte tagelang kein Wort ſprechen, aber wenn ſie etwas anregte, dann war ſie auch mit ganzer Seele dabei. Für Agnes war ſie überhaupt eine eigenthümliche Erſcheinung. Die Tochter einer Slavin(oder, wie man dort ſagt, einer Slovakin) und eines ächten Ungarn, waren in ihr die beſten Eigenſchaften der beiden Stämme vereinigt. Selbſt im Aeußern zeigte ſich dieſe Miſchung. Ihre unvergleichlich feingliedrige, ſchlanke Geſtalt, die, wie bei den meiſten Ungarinnen, die na-⸗ türliche Anmuth und Biegſamkeit ſich nicht durch An⸗ wendung eines Schnürleibs verkümmert, ſowie ihre In Ungarn. Perlenzähne waren offenbar magyariſch väterliches Erbtheil; hingegen das reiche hellbraune Haar, die kleine, aufgeſtülpte Naſe, der friſche, volle Mund, ſowie die etwas breite Form des Geſichts, das durch ein paar unendlich gutmüthig blickende braune Augen verſchönert wurde— all das war von der ſlaviſchen Mutter. Sie war auf dem Lande im ſchönſten Theil Ober⸗ ungarns herangewachſen, unweit der Gegend, wo die glühenden Strahlen der Sonne das köſtlichſte Trau⸗ benblut kochen, denn das Gut ihrer Eltern, wo ſie ge⸗. boren, lag zwiſchen Tokay und Eperies. Als Agnes Eliſabeth in Wien kennen lernte und um ihres freundlichen, offenen Benehmens willen ſchätzen und lieben lernte, glaubte ſie einem Weſen ſich 4 anzuſchließen, welches nach derſelben Schablone ge⸗ 5 formt ſei, die in Deutſchland für alle jungen Mädchen höherer Stände herhalten muß. Aber was man bei uns Erziehung nennt, damit war Eliſabeth bis jetzt ganz verſchont geblieben. Ehe ſie nach Peſth und Wien kam, was erſt in ihrem achtzehnten Jahre geſchah, hatte ſie kein anderes Buch als ihr Gebetbuch zu Ge⸗ ſicht bekommen und nichts gelernt, als leſen und ſchrei⸗ 6 ben, und das auch erſt in einem Alter, wo ſie ſelbſt den Impuls dazu geben mußte. Ihre vier Brüder, alle bedeutend älter als ſie, waren früh um ihrer — 8 —— . — In Ungarn. 25⁵ Beſtimmung willen aus dem elterlichen Hauſe entfernt worden. Der Vater hatte über der Verwaltung der Güter, über Jagd und Fiſcherei das ſpätgeborene Töchterlein ganz aus den Augen verloren, während die kränkliche Mutter, die beinahe immerwährend das Bett hüten mußte, nichts für ihren Liebling thun konnte, als ihn von ſich fort in die friſche Luft zu ſchicken, wenn er mit einem Schemelchen ankam, um ſich im düſtern Krankenzimmer an ihrem Bette zu etabliren. Sie war denn das Paradies Oberungarns die ein⸗ zige Bildnerin der kleinen klugen Eva geweſen und hatte milde ihren Segen über ſie ausgeſtreut und ihr die Schlange fern gehalten. Als ſie ihre Mutter mit achtzehn Jahren verlor, war ſie noch daſſelbe harmloſe Kind, das ſie mit acht geweſen. Ihr älteſter Bruder, der mit einer reichen und ſchönen Frau verheirathet in Peſth lebte, rief ſeine einzige Schweſter zu ſich. Er machte ein großes Haus und ſah täglich Gäſte. Eliſabeth blieb deshalb im Anfang immer in ihrem Zimmer. Als ſie aber die tiefe Trauer abgelegt, war ſie zum erſten Male Zuſchauerin eines Geſellſchaftsballes. Sie ſah verwundert den walzen⸗ den und galoppirenden Paaren nach, wie ſie nach der Muſik eines Wiener Flügels ſich drehten. „Wie gefällt Dir das?“ fragte ihr Bruder ſie. 26 In Ungarn. „Wie man ſo tanzen kann, begreif ich nicht— aber ſpielen will ich lernen.“ „Welchen Tanz begreifſt Du denn?“ fragte ihr Bru⸗ der lächelnd. „Den ungariſchen.“ „So, ſo! Aber mit dem Spielen wird es doch ſeine Schwierigkeiten haben, liebe Eliſabeth, in Dei⸗ nem Alter iſt das ſchwer zu lernen, eher, zehnmal eher würdeſt Du dieſen Tanz begreifen.“ Eliſabeth ſchüttekte lächelnd den Kopf und ſagte dann heiter:„Was habe ich nicht von Deiner geſchick⸗ ten Frau Alles gelernt, ſeitdem ich hier bin, ſticken und häkeln und alles Mögliche; zum Clavier werde ich einen guten Lehrer nehmen, und da ſollſt Du ſehen, ob ich's in einem Jahre nicht ſo weit gebracht habe, daß Ihr danach tanzen könnt.“ „Welche Meiſterſchaft willſt du Dir denn im näch⸗ ſten Jahre aneignen?“ fragte ihr Bruder ſie neckend. „Immer was Neues. Hätte ich nur hundert Jahre vor mir— ach Gott, welche Luſt, die recht zu be⸗ nutzen!“ „Schade, daß Du Deine Zeit bisher nicht beſſer benutzteſt.“ Eliſabeth lächelte wieder, aber diesmal mit einem gewiſſen ſchelmiſchen Ausdruck.„Du haſt Recht, Sandor, — —— In Ungarn. 27 ich kann wenig, ſehr wenig für ein neunzehnjähriges Mädchen, aber etwas mehr, als Du und Deine liebe Frau glauben, verſtshe ich doch.“ Herr von Serenyi maß ſeine Schweſter mit einem jener Blicke, die Männer ſo häufig einer weiblichen Thätigkeit gegenüber ſpenden, und die ſte dann für Anerkennung ausgeben— und ſagte darauf mit einer gewiſſen nachſichtigen Gutmüthigkeit:„Nun, und was verſtehſt Du denn?“ „Etwas, zu dem ihr hochweiſen Herren der Welt Jahre des Studiums verwendet, theoretiſch und prak⸗ tiſch, wie Ihr mit unendlichem Scharfſinn es unter⸗ ſcheidet— die Landwirthſchaft.“ „So, Du verſtehſt die Landwirthſchaft?“ „Ja, die verſtehe ich, und zwar aus dem Grunde. Die letzten vier Jahre hat ſich der Vater nichts, gar nichts mehr um die Güter bekümmert, weil er immer in ſein Zimmer eingeſchloſſen war, um das Perpetuum mobile zu erfinden. Da ſah ich der Mutter zu Liebe zuweilen nach, dann begann die Sache mir anziehend zu werden; ich lernte beim Verwalter, von jedem alten Bauer nahm ich eine gute Lehre an, mit Sonnen⸗ aufgang war ich auf den Feldern, im Hühnerhof, in den Scheunen und Kammern— gieb mir das größte Deiner Güter auf ein Jahr zur Probe, und ich will 28 In Ungarn. Dir höhere Einkünfte davon herausſchlagen, als Du je erhalten— wenn der Himmel mir nicht ungnädig einen Strich durch die Rechnung macht.“ „Topp,“ ſagte Herr von Serenyi, dem unwillkühr⸗ lich der Ernſt ſeiner Schweſter imponirte,„Du ſollſt das Gut haben, ſobald Du willſt, mit Knechten und Vieh, ſoviel Du zur Bearbeitung brauchſt.“— „In einem Jahre, wenn ich Clavier gelernt habe.“ Diesmal lächelte Serenyi wieder, aber er ſchwieg. Und dabei blieb es. Ein Jahr darauf wurde wie⸗ der getanzt in dem Hauſe des Herrn von Serenyi, und Eliſabeth ſaß am Clavier und ſpielte— aber lauter ungariſche! und ungariſch konnte, außer ein paar Herren vom Lande, Niemand von der gegenwärtigen Geſellſchaft tanzen— Eliſabeth ließ ſich aber nicht ſtören und ſpielte ihre hinreißenden, Schmerz und Sehnſucht weckenden magyariſchen Melodien ſo ſchön, daß ſogar die jungen Damen das Tanzen darüber ver⸗ gaßen. Ein paar Wochen darauf bezog ſie, eine junge, thätige Verwalterin, das Land, und ihr Bruder kam einen Monat darauf hinaus, denn das Gut lag nur ein paar Meilen hinter Peſth in jener fruchtbaren Ebene, von der man behauptet, ſie dehne ſich bis zur tür⸗ kiſchen Grenze, ohne daß je der Reiſende eine Hügel⸗ In Ungarn. 29 kette gewahre. Es giebt freilich Leute, die meinen, man müſſe dann ſehr kurzſichtig ſein! Was Herr von Serenyi nach ſo kurzer Friſt vom Wirken ſeiner Schweſter gewahrte, war ſchon ſolcher Art, daß, als ihre Schwägerin ſie ein paar Tage ſpä⸗ ter beſuchte, Eliſabeth bemerkte, wie ſie von dieſer mit einer Rückſicht behandelt wurde, wie niemals frü⸗ her, und daß ſie bald darauf durch ihre landwirth⸗ ſchaftlichen Kenntniſſe eine förmliche Stellung in der Familie einnahm; das Gut aber brachte wirklich ſchon in dieſem erſten Jahre mehr ein, als jemals vorher. Da trat ein Ereigniß in ihr Leben, dem zufolge ſie für mehrere Monate mit ihrem jüngſten Bruder nach Wien ging, und das wir weiter unten näher erzählen werden. In Wien ſchloß ſie die Freundſchaft mit Agnes, und der erſte Anlaß ihrer Bekanntſchaft war eben der Umſtand geweſen, daß Herr von Stein gerade jenes Gut durch Vermittelung ihres Bruders kaufte, welches ſie bisher bewirthſchaftet hatte. Eliſabeths Angaben darüber wurden dabei von allen Seiten für maaßgebend gehalten. Sie gewährte Agnes' Bitte, ſie im neuen Beſitzthum einzuführen, herzlich gerne und verſprach ihr auf das Bereitwilligſte ihren nützlichen Rath. . I ——ʒ—— — —— 30 In Ungarn. Wer die beiden jungen Mädchen zuſammen ſah, ahnte ſicher nicht, daß deren Kindheit und erſte Ju⸗ gend unter ſo verſchiedenen Verhältniſſen verfloſſen war, denn Eliſabeth hatte ſich mit wunderbarem Tact alle jene Aeußerlichkeiten angeeignet, ohne welche, wenn ſie nicht auffallen will, eine junge Dame nicht in der Welt erſcheinen kann. Und dennoch blieb ſie, ohne je zu verletzen oder anzuſtoßen, vollkommen wahr und ehrlich. 1 Ohne eigentlich hübſch zu ſein, gefiel ſie aller Welt, ſo gutmüthig, lebhaft, friſch und zierlich war ſie. Sie hatte gewiß nie über ihre Bewegungen nach⸗ gedacht, aber man konnte keinen ſorgfältigeren Gang und keine beſcheidnere Haltung ſehen. Eines Tages gewahrte Agnes überraſcht, daß Eli⸗ ſabeth die lateiniſche Unterredung ihres Bruders und eines andern Rechtsgelehrten verſtand. „O,“ ſagte Eliſabeth lachend,„das habe ich ſpielend gelernt, wir armen Ungarn müſſen ja alle vier Spra⸗ chen verſtehen!“ „Vier Sprachen?“ „Ja, beinahe jeder Mann von einiger Bildung ver⸗ ſteht Ungariſch, Slaviſch, Deutſch und Latein. Ach, hätten wir nur Eine!“ In Ungarn. 31 „Und welcher würden Sie dann den Vorzug geben?“ „O, welcher andern als der magyariſchen,“ ſagte die junge Ungarin, indem ſie die Hand auf das enthu⸗ ſiaſtiſch vaterländiſch geſinnte Herz legte! SZweiles Sapilel. Die beiden Damen ſchoben ihre Abreiſe von Peſth auf das Land noch um einen Tag zu Ehren einer„aka⸗ demiſchen Nationalverſammlung“ auf, und Herr von Se⸗ renyi ſchickte einen reitenden Boten nach dem Gute, um Herrn von Stein davon zu benachrichtigen. Sie erhielten mit Mühe noch einen Platz bei dem Feſte auf der Gallerie unter den anweſenden Damen. Unten am Saale ſtand eine lange grünverhängte Tafel, an ihr ſaßen die Gelehrten, die Profeſſoren der Univer⸗ ſität und mehrere Magnaten, die Anſpruch machten, zu den erſteren zu gehören. Einer davon, ein ſchlanker junger Mann, erhob ſich jetzt, um, das zierliche Heft in der Hand, nachläſſig auf den Säbel geſtützt, einen Vortrag zu halten, dem Alles in geſpannter Stille lauſchte, und der gegen das Ende einen ungeheuer lebhaf⸗ ten Schwung erhielt; mehr verſtand Agnes davon nicht! In Ungarn. 33 Dichtgeſchaart, Kopf an Kopf füllten die Zuhörer den Saal, alle ſtehend, alle in der Nationaltracht, die Bedingung des Eintritts war. Der ſchwarze kurze Rock mit ſtehendem Kragen und einer Reihe Knöpfe, die hohen Stiefeln mit Quaſten am Knie, um den Hals die breite ſchwarze Atlasbinde mit dem langen, auf die Bruſt herabhängenden befranzten Ende und vor Allem der Hauptſchmuck jedes Magyaren, der blanke Säbel am rothen Saffiangurt, kleidete dieſe Männer vortreff⸗ lich. Die ungariſche Mütze ohne Schild hielten ſie in der einen Hand, während ſie mit der andern den ge⸗ wichſten Schnurrbart, ihren höchſten Stolz, von Zeit zu Zeit durch die Finger gleiten ließen. „Es iſt möglich,“ ſagte Agnes lächelnd zu ihrer Freundin,„daß von all dieſen gegenwärtigen Männern keiner eine regelmäßige Schönheit beſitzt, aber mir kommt es vor, als wären es lauter Modellköpfe, und ich meine, nie ſchöner geſchnittene Augen, feinere Naſen und kühnere Stirnen geſehen zu haben. Sie wollte nun mit ihren ächt deutſchen Geſetzlich⸗ keitsſerupeln wiſſen, was in Ungarn dazu gehöre, um zum Tragen eines Säbels berechtigt zu ſein, da man ihr in Wien verſichert, das ſei ein ausſchließliches Recht des ungariſchen Adels. Dieſe harmloſe Frage erregte in ihrer Umgebung, zu welcher ſich einige alte Herren, Gegen den Strom. II. 3 3 34 In Ungarn. Bekannte Eliſabeths, geſellt, die heftigſten Debatten. Der Eine ſagte:„Außer dem Adel auch Gelehrte, Künſt⸗ ler und Profeſſoren der Akademie, denn die Angehö⸗ rigen dieſer Stände ſtehen bei uns dem zahlreichen Adel vollkommen gleich.“„Nicht doch,“rief ein Zweiter, „Jeder, der nicht Handwerker und nicht Bauer iſt, hat das Recht, einen Säbel zu tragen.“ „Laſſen Sie ſich von den jungen Leuten nichts vor⸗ plaudern,“ wandte ſich da lächelnd ein alter weißbar⸗ tiger Ungar zu Agnes.„Ich will Ihnen das wahre Sachverhältniß aufdecken; Jeder, der in Ungarn fünf Gulden hat, um einen Säbel zu kaufen, hat auch das Recht, einen zu tragen.“ Als die Andern lachten, ſetzte Herr von Serenyi noch mit ſeinem gewöhnlichen Gleichmuth hinzu:„Oder für fünf Gulden Credit, denn mir wird Niemand leug⸗ nen, daß es bei uns unendlich viel mehr Säbel als Fünfguldennoten giebt.“ Die fragbegierige Agnes wurde überhaupt beim Eintritt in das fremde Land nur ſelten mit einer befrie⸗ digenden Antwort beglückt. Jede ihrer Erkundigungen wurde das Signal zum Streite unter ihrer Umgebung, da der ganze nationale Aufſchwung— es war im Jahre 1843— bis auf die Sprache noch ungeregelt und 4 In Ungarn. 3⁵ formlos war; die nationale Idee lag in der Wiege, aber es war ein Herkules. Fragte Agnes nach der Benennung verſchiedener Gegenſtände, ſo nannte ihr Jeder ein anderes Wort und die alten Herren klagten, daß ſie vor lauter neuer⸗ fundenen und hinzugekommenen Wörtern die Zeitungen ſelbſt nicht mehr verſtehen könnten. Die Damen in den Städten, die ſonſt nur deutſch geſprochen, ließen ſich auch nur noch in ihrer Mutterſprache vernehmen, gut oder ſchlecht, ſie ſprachen ungariſch, und das war frei⸗ lich auch das beſte Mittel, es raſch zu erlernen. Am Nachmittage wurde das ſchöne Ofen gegenüber beſichtigt, dieſe von den Oeſterreichern für uneinnehm⸗ bar erklärte Feſtung. Agnes drang ſogar in den ge⸗ mauerten Bad der von der Spitze der Citadelle unter der Erde nach der Donau führt, um in Bel lagerungs⸗ zeiten die Beanung immer mit Waſſer verſorgen zu können. Der Tag, an welchem Agnes mit Eliſabeth auf das neue Gut fuhr, war ein wunderſchöner Herbſttag, das heißt, es war im September, aber in jenen geſeg⸗ neten Fluren prangte noch der volle Sommer, kein lauer Sonnenſtrahl mahnte noch an den Winter, kein fallendes Blatt an den Tod. Eliſabeth erzählte Agnes vom neuen Hauſe, das 3* 36 In Ungarn. man im angrenzenden Dorfe nur das Caſtell nannte. Es war einſtöckig, wie die meiſten ungariſchen Land⸗ häuſer, aber in ſchönem Style vor ungefähr hundert Jahren von einem aus ruſſiſchen Kriegsdienſten zurück⸗ kehrenden Edelmann gebaut. Das ganze Innere war nach der Mode der damaligen Zeit mit Figuren des Olymps al Fresco bemalt, und die junge Ungarin be⸗ reitete ihre Freundin ſchon jetzt auf den Anblick einer beſonders ſchönen und wohlconſervirten Venus vor, die mit einer unnachahmlichen Grazie und Verſchämtheit die Finger ſpitze, um den Apfel aus Paris Hand ent⸗ gegen zu nehmen. Als Agnes nach wenigen Stunden einer ächt unga⸗ riſchen Sturmfahrt im Caſtell angekommen und das zärtliche Wiederſehen mit dem geliebten Vater gefeiert war, durchſchritt ſie mit unnennbarem Vergnügen die Räume des neuen Eigenthums. Ein Landgut war ſeit ihrer Kindheit einer ihrer liebſten Wünſche geweſen, und das ſchöne geräumige Haus mit ſeinen hohen edlen Gemächern, dem weiten Flur, umgeben von grünen wehenden Bäumen, übertraf alle ihre Erwartungen, wenn ſie das nach deutſchen Begriffen kleine Capital bedachte, welches ihr Vater dafür gezahlt. Wie lieblich wollte ſie es ſich hier einrichten, wie In Ungarn. 37 glücklich und friedlich mit dem theuern, einzig geliebten Vater leben! In Peſth hatte ſie ſich einen Vorrath von Möbeln ausgeſucht, deren Ankunft ſie ſtündlich erwartete, denn noch fand ſich nichts vor, als einige aus Gefälligkeit von Herrn von Serenyi für Herrn von Stein hier ge⸗ gelaſſene Unentbehrlichkeiten. Bald genug riefen ſie denn auch lebhafter Peitſchen⸗ knall und fröhliches Jauchzen ans Fenſter, aber wie er⸗ ſchrak ſie; der Möbelwagen aus Peſth, bei deſſen vor⸗ ſichtiger Bepackung ſie zum Theil ſelbſt gegenwärtig geweſen, kam pleine carrière auf dem Hofe angefahren. Der Kutſcher, den ihr Vater von Herrn von Serenyi übernommen und dem ſie wohl zehnmal anempfohlen, langſam Schritt für Schritt zu fahren, war, mit hoch⸗ geſchwungener Peitſche auf dem Vordertheil des Wa⸗ gens ſtehend und die drei kleinen flinken Pferde zur raſendſten Eile antreibend, den Weg hieher geflogen. Jubelnd ſprangen ihm ſeine und des Verwalters Kin⸗ der auf dem Hofe entgegen, aber als Miſchka endlich ſtille hielt, trat ihm Agnes verweiſend entgegen. „Es wird Alles in Stücken ſein,“ ſagte ſie mißmu⸗ thig,„ich hatte Ihnen doch ſo ſehr anempfohlen, langſam zu fahren, und Sie kommen daher, als gelte es einen Wettlauf.“ In Ungarn. Miſchka's eben noch ſo aufgewecktes heiteres Geſicht legte ſich in melancholiſche, ausdrucksvolle Falten. Un⸗ ter ſeinen langen Wimpern warf er ſeiner neuen Herrin Keinen traurig ernſten Blick zu und verſetzte dann nach einer Pauſe mit langſamer und tiefer Betonung:„Meine Schuld nicht, Gnädige! Nicht zu halten waren Pferde, ungariſch Pferd läßt ſich nicht halten, wenn es frei Weg vor ſich ſteht— ungariſch Pferd iſt nicht deutſch Pferd!“ Agnes mußte trotz ihres Aergers über dieſen Seiten⸗ hieb auf ihre Landsleute lächeln, dieſe Landsleute, welche ſich halten laſſen, wenn ſie auch noch ſo viel freien Weg vor ſich ſehn! Die Möbel wurden nun ausgepackt— es war richtig Alles in Stücken und Miſchka wurde beordert, am folgenden Morgen nach Peſth zurückzufahren und dort einen Wagen voll Tiſchlergeſellen zu holen, um zu leimen und zu ſtücken, was ſich noch leimen und ſtücken ließ. „Ein ſchlimmes Omen,“ ſagte Agnes;„die Einrich⸗ tung zerbrochen, ehe ſie noch in Gebrauch kam!“ Eliſabeth aber lachte.„Glauben Sie nicht an Vor⸗ bedeutungen, ich thue es auch nicht, denn wenn ich daran glauben ſollte, müßte mir dasſchrecklichſte Schick⸗ ſal der Welt bevorſtehen. Alle Prophezeiungen für mich und meinen Bruder Auguſt laufen auf Blut, Schaffot — In Ungarn. 39 und ein gräßliches unnatürliches Ende hinaus. Sogar meine gute Mutter ſah in ihrer Todesſtunde uns Beide mit Märtyrerkronen Arm in Arm ihr folgen.“ „Und das beunruhigt Sie gar nicht?“ fragte Agnes verwundert. „Beunruhigen? Nein.“ Und indem ſie Agnes voll mit ihren braunen Augen anſah, ſagte ſie leidenſchaft⸗ lich:„Ich wünſche nichts Anderes, denn als Märtyrerin ——-— zu ſterben.“ „Märtyrerin für was?“ „Für mein Vaterland! Sie dachten wohl an die Liebe, weil Sie mich fragten? Ach, liebes Fräulein, damit bin ich fertig!“ „Fertig, und noch ſo jung?“ „Ich habe da eine traurige Erfahrung gemacht,“ ſagte Eliſabeth nach einer Pauſe.„In Peſth, im Hauſe . meines älteſten Bruders, machte ich die Bekanntſchaft eines Gutsbeſitzers aus der Nähe von Trentſchin. Es war ein ſchöner, feuriger Mann, voll Vaterlandsliebe — und ritterlicher Geſinnung. Er ſchien mir ein ächter Magyar. Ich hatte ihn zwar nur ein paar Mal geſehn, 1 aber ich ſagte ihm voll und freudig meine Hand zu, 74 als er darum warb. Meine Verwandte billigten meine Wahl vollkommen. Die Hochzeit ſollte bald auf einem 40 3 In Ungarn. Gute meines zweiten Bruders, das auf dem Wege zwiſchen Peſth und Trentſchin liegt, gefeiert werden. Der Hochzeitsmorgen brach an. Wir waren bereits Alle verſammelt und es fehlte nur noch der Bräutigam und meine beiden jüngſten Brüder, die aus Oberungarn, wo ſie ſich ſeit mehreren Monden aufhielten, noch er⸗ wartet wurden. Sie hatten meinen Zukünftigen noch nie geſehn.* Denken Sie ſich mein Erſchrecken, als ich, gerade beſchäftigt, den Brautkranz in meinen Haaren zu be⸗ feſtigen, die beiden jungen Leute plötzlich mit verſtörten, traurigen Geſichtern bei mir eintreten ſehe. Auguſt, den Sie kennen, kam in einer heftigen, auf⸗ geregten Weiſe, die bei ſeiner ſonſtigen Ruhe mich dop⸗ pelt ängſtigte, auf mich zu, nahm den Kranz aus mei⸗ nen Haaren, und indem er ihn weit wegwarf, ſagte er zitternd vor Bewegung:„Jetzt nicht, diesmal nicht, heute ſicher nicht. Dieſer Menſch verdient nicht, daß ein Mädchen wie Du ſich für ihn den Brautkranz in die Haare flicht.“ „Um Gottes willen, was iſt denn geſchehn?“ Mein dritter Bruder, Stephan, der ruhiger war, als Auguſt, legte dieſem Stillſchweigen auf und ſagte: „Laß mich erzählen, Auguſt. Ich bin gefaßter, Du — —————*—————— In Ungarn. 41 erſchreckſt die Schweſter unnöthig.“ Während Auguſt mit ſchnellen Schritten im Zimmer auf⸗ und abging, wandte ich mich zitternd mit gefalteten Händen, denn reden konnte ich nicht, der Schrecken hatte mir die Kehle zu⸗ geſchnürt, zu Stephan, der endlich ziemlich zuſammen⸗ hängend mir Folgendes mittheilte. „Wir konnten Eperies erſt einen Tag ſpäter verlaſ⸗ ſen, als wir beabſichtigt hatten, weil Auguſtmoch einen Termin für einen ſeiner Clienten abwarten mußte, und entſchloſſen uns deshalb, Tag und Nacht zu reiſen, um heute früh hier einzutreffen. Als wir in Trentſchin an⸗ kamen, war es acht Uhr Abends und vor Mitternacht keine Gelegenheit zur Weiterreiſe. Auguſt meinte, in einem Badeorte, wo alle ächten Ungarn zuſammenkom⸗ men, die nicht„draußen“ ihr Geld wegwerfen wollen, müßte man doch vier Stunden angenehm todtſchla⸗ gen können. Wir erkundigten uns nach irgend einem Unterhaltungsort, man wußte uns aber für heute nichts Anderes zu nennen als den Salon, wo man Bank für Hazardſpiele hielt. Auguſt und ich gingen hin, um zu⸗ zuſehen. Es war eine ziemliche Menge Cavaliere da verſammelt, von denen aber nur wenige ſelbſt ſpielten. Einer der Pointeurs zog ſogleich unſere Aufmerkſam⸗ keit auf ſich, ſowohl durch ſeine auffallende Schönheit, als ſein leidenſchaftliches Spielen. Ein alter Herr aus In Ungarn. 43 „Haben Sie ihn auch nicht wiedergeſehn?“ Eliſabeth ſchüttelte mit dem Kopfe. Sie war ſehr blaß geworden. Nach einer Weile ſetzte ſie aber mit gefaßter Stimme hinzu:„So lange ich noch auf dem Gute bei Trentſchin war, brachte er die Nächte klagend unter meinem Fenſter zu. Da ich allein nach dieſer Seite des Hauſes ſchlief, wußte Niemand davon, und obgleich es mir ſehr—— peinlich war, ſagte ich auch nichts, denn meine erzürnten Brüder würden ihn todtgeſchoſſen haben, wie ein tolles Wild auf ihrem Eigenthume“— „Und Sie, gaben Sie ihm gar kein— gar kein Zeichen?“ Eliſabeth ſchüttelte wieder mit dem Kopfe.„Von mir hat er ſeitdem nichts geſehen, gehört, noch er⸗ fahren. Aber ſeine ewigen Verfolgungen, um meine Verzeihung zu erlangen, waren die Urſache, daß ich meinen Bruder nach Wien begleitete, wo ich ja,“ fügte ſie plötzlich lächelnd hinzu, indem ſie über die Stirne ſtrich, wie um alles Unangenehme zu verwi⸗ ſchen,„Ihre liebe ſüße Bekanntſchaft machte.“ Agnes zog ſie an ihr Herz. Durch die Kennt⸗ niß dieſer Begebenheit war ihr Eliſabeth zur Schweſter geworden, und ſie beſchloß, für ihr Theil 42 In Ungarn. Trentſchin ſelbſt, wie er uns ſagte, erzählte uns, der junge Mann ſei der Matador der Spieler, der erſte und der letzte an der Bank, und zwar ſeit mehreren Jahren. Er habe ſeine Mutter gekannt, die eine edle Dame ge⸗ weſen und voriges Jahr aus Gram über dieſe Leiden⸗ ſchaft ihres Sohnes ins Grab geſtiegen.„Das Geld zu dieſem Spiel habe ich zum Theil ſelbſt hergegeben,“ ſagte lächelnd der alte Herr,„mir aber natürlich ein paar ſchöne Güter verpfänden laſſen.“ Wirfragten nach dem Namen, und denke Dir unſern Schrecken, als er uns den Namen Deines Bräutigams, unſers künftigen Schwagers, den Namen Johann von Matuſchka nannte!“ Eliſabeth ſchwieg, Agnes nahm ihre Hand.„Und Sie haben ihm nicht verziehen?“ Die Magyarin ſah ſie groß an.„Einem Spieler? Mein Bräutigam Johann war für mich geſtorben, der Spieler Matuſchka mir ein Fremder. Meine Brüder wußten das auch und hatten ihm ſchon in Trentſchin ſich zu erkennen gegeben und mein Wortzurückverlangt. Er hatte darauf in ihrer Gegenwart einen Anfall wahn⸗ ſinniger Reue gehabt, aber ſie waren abgereiſt mit der Verſicherung, daß ſie nie dulden würden, daß ich ihn wiederſähe.“ 8 44 In Ungarn. Theil Alles dazu beizutragen, daß ſie ſich nicht mehr trennen würden. Da Eliſabeth denſelben Wunſch im Innern hegte und ganz unabhängig war, ſo ſchien auch jede Ausſicht vorhanden, daß die beiden Freun⸗ dinnen vereint blieben. Drilles ITapilel. Eliſabeth war katholiſch, Agnes proteſtantiſch, aber das ſtörte ihr inniges Vernehmen durchaus nicht, ob⸗ gleich Beide ſehr an ihrer Glaubensweiſe hingen; im Gegentheile behauptete Agnes lächelnd, Eines eigänze des Andern Religioſität. Im Dorf waren zwei Kirchen, eine evangeliſche, eine katholiſche, da die Einwohnerſchaft halb dem einen, halb dem andern Bekenntniß angehörte, und am Sonntage beſchloſſen die beiden Mädchen zuſammen ihre beiderſeitigen Geiſtlichen zu beſuchen oder, wie Eliſabeth ſich ausdrückte, das neue Lamm vorzuſtellen, da ſie ſchon von ihrem frühern Aufenthalt mit beiden Pfarrern befreundet war; hatte ſie doch damals als Gutsherrſchaft in beiden Kirchen einen beſondern Stuhl gehabt, der nun auf Agnes und ihren Vater überging. 46 In Ungarn. Obgleich Agnes noch kein Wort ungariſch verſtand, wollte ſie doch am Morgen in ihre Kirche gehen. Eli⸗ ſabeth begleitete ſie bis an die Thüre; dort wies ſie einen Bauer an, ſie in den erſten Stuhl zu führen. Der Mann ging würdevoll vor dem Fräulein her; am Stuhle blieb er ſtehen, öffnete ihr mit leichtem Anſtand die Thüre, wies ihr ihren Platz an und verbeugte ſich dann ſo cavalièrement, daß ihr war, als ſei ſie an einem mittelalterlichen Hofe und dies ein dienſtthuen⸗ der Ritter. Denn ſo ſah er aus und alle die Männer ihr gegenüber mit ihren langen weißen Pelzen; dazu das bis auf die Schultern reichende Haar, die gewichſten Schnurrbärte— wahrhaftig, ſie kamen ihr vor wie eine Verſammlung deutſcher Ordensritter, aber nicht wie ein Trupp Bauern. Am Nachmittage beſuchten die Freundinnen die beiden Geiſtlichen. Jeder bewohnte ganz nahe bei ſei⸗ ner Kirche eine niedere Hüte, mit Stroh gedeckt, wie alle andern. Von außen waren ſie gleich, die beiden Pfarrwohnungen, aber im Innern wie verſchieden!— Der Proteſtant ſaß mit heiterm Antlitz neben ſeiner blühenden jungen Frau, drei liebliche Kinder wälzten ſich in fröhlichem Spiele an der Erde, die Fenſter waren umzogen mit grünen Ranken, und„geſchäftig rannte eine junge Magd mit dem Eßgeräthe durch das Zim⸗ —: In Ungarn. 47 mer, ſo daß ihr mit rothem Band durchflochtener, dicker, herabhängender Zopf auf dem Rücken hin und her hüpfte. Hühner, Enten und Gänſe belebten den Hof, das Feuer knatterte luſtig um das Pfännchen mit Kin⸗ derbrei und nihanr nt unter dem ſchattigen Baum ſtand eine kleine Wiege, die der große Hund mit eiferſüchti— gem Auge bewachte. Bei dem armen Katholiken dagegen war Alles ſtill und öde. Der Hof war leer, und eine alte grämliche Haushälterin öffnete den Mädchen die Thüre. Im erſten Zimmer trafen ſie einen bleichen, ſchmalen Kna⸗ ben mit trüben Augenz es war der Neffe des Geiſt⸗ lichen, den dieſer zu ſich genommen, um ihn ſpäter auch dem geiſtlichen Stande zu widmen. Der Knabe ſah kaum auf von ſeinem Schreibheft und ſagte nur mit leiſer Stimme:„Der Oheim iſt drinnen.“ Der Pfarrer war ein wohlwollender Mann, der ſein Beicht⸗ kind und die Ketzerin gleich freundlich empfing. Er ſprach etwas deutſch, während der Proteſtant nur un⸗ gariſch und lateiniſch verſtand. Wie klein, arm und kahl war aber hier das Gemach! Einige Bücher auf einem Brett, ein gekreuzigter Chriſtus mit ſchrecklichen, ſchmerzentſtellten Zügen, das war der ganze Schmuck der kahlen, weißen Wände, die einzigen Möbeln eine Rohrbank, worauf ein paar alte Kiſſen lagen, zwei F——— —— — 48 In Ungarn. hölzerne Stühle, ein grober Tiſch und ein gebrechliches altes Wandſchränkchen. Todtenſtille herrſchte hier; nur aus dem halbgeöffneten Nebenzimmer hörte man das Rauſchen der Feder auf dem Papier; der fleißige Neffe ſchrieb und ſchrieb. Agnes wurde unbeſchreiblich wehmüthig zu Sinn. Nachdem der alte Mann ſie bewillkommt, begann er Eliſabeth auf ungariſch vorzuklagen, daß der Biſchof in einigen Tagen hier eintreffen werde und nichts zu ſeinem Empfange würdig geſchmückt ſei; in der Kirche fehle ſo Vieles, Teppiche und Vorhänge. Wahrlich, der Mann genoß nichts vom Reichthum der katholi⸗ ſchen Kirche; er war arm im vollen Sinne des Wortes, und wäre doch zufrieden und heiter geweſen, wie Eli⸗ ſabeth ihn immer geſehen zu haben verſicherte, wenn nur nicht die Ankunft ſeines Oberhauptes ihn zum Be⸗ wußtſein ſeiner Entbehrungen gebracht hätte.—„Ich muß ſeine biſchöfliche Gnaden zu Tiſche bitten,“ ſagte er.„Welch großes Glück für mich, wäre ich paſſend eingerichtet für ſolch hohen Gaſt! aber hier in dieſem armen Zimmer”— und dabei ſah er mit troſtloſen Blicken die kahlen Wände an. Warum durfte dieſer arme Mann nicht in ſeiner glücklichen Genügſamkeit beharren!— Ach, Keinem wird die Erkenntniß erſpart! — Etiſabeth tröſtete ihren Beichtvater ſo gut wie mög⸗ 4½ In Ungarn. 49 lich und verſprach ihm, Alles zu ſchicken, was er zur Ausſchmückung wünſche, Möbeln und Teppiche. Sie wußte wohl, daß Agnes ſich eine Freude daraus machen werde, dem armen alten Manne ihres Vaters ganzes Mobiliar zur Dispoſition zu ſtellen. Die Freundinnen machten auf dem Rückweg einen Spaziergang durch die Felder.„Welch ſchönes, frucht⸗ bares Land iſt es doch trotz ſeiner ebenen Fläche,“ ſagte Agnes zu Eliſabeth,„welch warme, himmliſche, ſüße, ſüdliche Luft!“ Und Agnes warf ihr Haupt zurück und trank in vollen Zügen den Aetherbalſam ein. Ihr Weg führte ſie jetzt durch die Weinberge, die ebenfalls zu ihrem neuen Gute gehörten. In einem Weinberge ſtand ein kleines Hüttchen. Eliſabeth ſchlug Agnes vor, da einzutreten. In der Thüre kam ihnen eine junge Frau entgegen, an jeder Hand ein blühendes Kind, einen Knaben und ein Mäd⸗ chen. Die Kleine küßte Agnes freundlich die Hand, was hier im Lande allgemeine Sitte iſt, aber der Junge hatte eine ſo entſetzliche Furcht vor den fremden Da⸗ men, daß er laut aufſchrie. Das Häuschen beſtand nur aus zwei Räumen; die Küche, die den Eingang bil⸗ dete, war weiß getüncht und ſehr reinlich, trotz dem wenigen armen Geſchirr. Ein ziemlich großer Keſſel Gegen den Strom. II. 4 50 In Ungarn. hing an einer Kette über dem Heerde. Das Zimmer war eben ſo reinlich wie die Küche, aber zu ihrer Ver⸗ wunderung bemerkte Agnes, daß der Boden nichts als feſtgeſtampfte Erde war! Keine Diele, kein Stein, nur feuchter ſchwarzer Grund! Ein mächtig hohes Bett, zwei Stühle, ein Tiſch, das war Alles, in einer Ecke die ſpärliche Garderobe der Familie auf einem kleinen Geſtelle. Ueber den Tiſch war ein blendend weißes Tuch gebreitet. Eliſabeth hob es auf und ſchnitt von dem darunter liegenden Brode etwas ab. Der Bauer brachte einige Trauben, die außerordentlich ſüß waren und den Mädchen zu dem Brode vortrefflich mundeten. Auf dem Rückwege über die Felder ſahen ſie viele Ar⸗ beiter beſchäftigt; ſie grüßten mit leichtem Anſtande, nicht ſchwerfällig und treuherzig wie unſere Bauern. Auf einem kleinen Feldwege kamen abenteuerliche Ge⸗ ſtalten den Damen entgegen; ſie traten zur Seite, in⸗ dem ſie demüthig die Hüte zogen. Jeder trug ein In⸗ ſtrument, der Eine eine Art Zither, der Zweite eine Violine, der Dritte einen Baß. Kohlſchwarz funkelten ihre Augen aus den gelben Geſichtern, umweht von ſchwarzen Locken. Es waren Zigeuner; ſie trugen die Landestracht, aber ſie kleidete ſie beſonders maleriſch. Als Agnes zu Hauſe kam, erzählte ſie ihrem Vater in ihrer lebhaften Weiſe von Allem, was ſie geſehen. In Ungarn. 51 „O welch ein merkwürdiges, ſchönes Land, Vater,“ rief ſie ein über das andere Mal.„Denke Dir ein Land, wo jeder Bauer ausſieht wie ein Held, wie ein Künſtler, wie ein Philoſoph! Ein Land, wo einem nie eine gemeine Phyſiognomie, nie eine rohe, plumpe Ge⸗ berde die Phantaſie verdirbt!“ Herr von Stein lächelte und ſah Eliſabeth an. So gerne dieſe auch in Agnes' Seele den übertriebener Glauben an ungariſche N ationalſchönheit und Genit gelaſſen hätte, ſo war ſie doch zu ehrlich dazu. „Ich fürchte, Sie werden noch enttäuſcht werden, liebſte Agnes! Es giebt bei uns auch gemeine Phy⸗ ſiognomien und plumpe Körper! Freilich findet man die häufiger unter den Slovaken, als unter den Magyaren, deren fein organiſirter aſiatiſcher Körperbau ſie Lußer⸗ lich zu einer privilegirten Kaſte macht.“ Agnes wollte an keine Enttäuſchung glauben; auch die Slopaken fand ſie ſchön und edel in ihrer ſonntäg⸗ kracht, wie ſie ſie heute geſehen. Die reich mit bunter Baumwolle geſtickten Hemdärmel und Krägen der Männer, die leicht über die Schulter ge⸗ worfene Jacke, dazu die runden Hüte mit breitem Rand und niederem Kopf, alle mit Perlen und Blumen be⸗ kränzt, die bunten Röcke der Frauen, die hinten lang herabhängenden, mit buntem Band durchflochtenen 4 ½ aken 52 In Ungarn. Zöpfe, und dann die freundlichen, mit glänzenden dunkeln, wenn auch nicht mit langgeſchlitzten orienta⸗ liſchen Augen erleuchteten Geſichter hatten ſie ebenfalls unendlich angeſprochen. Die halbe Einwohnerſchaft des Dorfes beſtand aus Slovaken; freilich hielten die Ungarn ſich auch da immer für die Vornehmeren und hatten wenig Umgang mit ihren ſlaviſchen Nachbarn, ſo wie auch jedes ſeine eigene Sprache redete, obgleich die Meiſten beide Sprachen, ja Viele ſogar Deutſch verſtanden. Eliſabeth behauptete, daß die Slovaken die Fleißi⸗ geren ſeien, obgleich auch ihre Anſtrengungen noch bei Weitem nicht an die der deutſchen Bauern reichten. Herr von Stein und ſeine Tochter hörten ihr gerne zu, wenn ſie von ihrem Land und ihren Landsleuten er⸗ zählte, ſie war dann redſelig und feurig, wie ſonſt nie. Es war ſpät geworden, ſchon nahe an Mitternaht⸗ als man ſich trennte, um ſich zur R Agnes' Gedanken waren noch lebhaft ſie von ihrer Freundin gehört, beſchäft die rohe Romantik dieſes Landes bezauberte ſie, ſie war glück⸗ lich wie ein Kind, hier fern von der geprieſenen, aber ihr langweiligen Cultur zu ſein. Endlich ſchloß ſie die Augen, als ſie mit einem Male wunderbare Töne ver⸗ nahm, wie aus einer andern Welt, aber auch aus einer 8 In Ungarn. 53 Welt der Schmerzen. Tiefe, wehmuthsvolle Klagen trug die ſtille Nachtluft herüber. Schnell die Kleider umwerfend, eilte Agnes an die Thüre der Freundin und fragte, was das bedeute.„Es ſind die Zigeuner, die vor der Schenke ſpielen,“ antwortete dieſe mit ſchläf⸗ riger Stimme. Auf Agnes' Zureden ſtand ſie aber den⸗ noch auf und ging mit ihr in den Garten, der dicht an den Hof der Schenke ſtieß. Agnes lauſchte dort athemlos den Tönen der ſonderbaren Muſik. Welche Sprache war denn dies? So hatte ſie nie etwas gehört. Die ruſſiſchen Volksmelodien, die ſie kannte, waren auch originell, aber doch immer dieſelbe einförmige Klage, wie eines ergebenen, troſtloſen Kindes in der Wüſte, hoffnunglos; aber ſo waren dieſe Töne nicht. Einmal jammerte es leiſe, dann ſprang mit grellem Laut eine andere Tonart hervor und rief drohend und heftig, als wolle ſie reden von ihrer Kraft und Stärke; aber als ſie prahlend ſich auf ihre Macht berief, kam wieder das ganze Bewußtſein ihrer Schmerzen über ſie und entmuthigt ſank ſie herab zur bangen Klage. Da plötz⸗ lich tönte es wie ein Siegesmarſch— doch nein— wieder flehten weiche Molltöne wehmuthsvoll wie ein Kind, dann mit einem Male zuckte ein Laut in gewaltigem Hohn und lachte grell auf— dann war es ſtill. In Ungarn. t ‿ Agnes fühlte Thränen in den Augen und nahm die Hand der Freundin.„Nicht wahr, die Violine ſpielte ſchön? Dieſe Zigeuner ſind alle ſolche Talente,“ ſagte Eliſabeth mit ihrer ſanften Stimme.„Welche Muſik!“ rief Agnes,„welche Erfindung! Aus welchem zerriſſe⸗ nen Menſchenherzen mögen dieſe Töne gefloſſen ſein?“ —„O, ſo ſind alle unſere Melodien— das war ein ächt Ungariſcher,“ ſetzte die junge Magyarin mit trüben Lächeln hinzu. Wir hörten einmal einen tiefen Menſchenkenner äußern, daß er nie eher den Character eines Menſchen beurtheile, bis er ihn beobachtet, in welcher Weiſe er ein Unglück ertrage. Da, ſagte er, ſcheiden ſich die Menſchen ſcharf ab in edle und unedle Naturen. Edle Menſchen ſind im Unglück anmuthig und harmoniſch, die Würde ihres Weſen tritt dann ſichtbar hervor, das Unglück wäſcht die Schlacken ihrer innern Schön⸗ heit ab, während bei unedlen Menſchen die ganze Nich⸗ tigkeit ihres Weſens ebenfalls entſchleiert wird und das, was ſie vielleicht in unſern Augen Liebenswür⸗ diges beſaßen, haltlos zuſammenſinkt, weil die ä re Stütze des Glückes ihnen fehlt. So iſt es auch bei ganzen Völkern und ihrem Na⸗ tionalcharacter. Ungarn zeigte durch die Art, in wel⸗ cher es im Allgemeinen und im Einzelnen das Unglück — In Ungarn. 5⁵ ertrug, daß es zu den edlen Völkern gehörte. Denn f unglücklich, ſehr unglücklich war Ungarn ſeit je unter öſterreichiſchem Scepter, und wer nur ein paar Wochen in dem ſchönen Lande weilte, mußte empört werden über die Art und Weiſe, wie die Regierung mit uner⸗ erhörter Perfidie und Felonie alle jene Conſtitutions⸗ Paragraphen, die ſie nicht offen umzuſtürzen wagte, zum Unglücke des Landes zu verkehren wußte! Es giebt nur ein Beiſpiel in der Geſchichte, welches damit zu vergleichen wäre, die ſpaniſche Herrſchaft in den Niederlanden. Freilich gab es Menſchen in Ungarn, die dabei ganz zufrieden waren. Ungarn hatte aber im Ganzen einen ehrenwerthen Adel, einen eben ſo vaterlandsliebenden, eben ſo auf⸗ opferungsfähigen wie England. Denn ſo gleichgültig, wie im Allgemeinen der deutſche Adel, der dem ruſ⸗ ſiſchen Grafen ſich näher verwandt fühlt, als dem deutſchen Bürgerlichen, ein Adel, dem erſt die Kaſte und dann die Heimath kommt, einen ſolchen giebt es ur in Deutſchland. her ungariſche Edelmann iſt vor Allem Ungar! Magyar zu ſein iſt ſein höchſter Stolz, und ſelbſt die⸗ jenigen, welche Metternichs Politik an Oeſterreich zu feſſeln wußte, verleugneten nie ihr Vaterland, wie ſo 6 In Ungarn. viele entartete Söhne Deutſchlands es in Frankreich, England und Amerika thun! Nie haben wohl in ſo ruhiger Zeit, wie das Jahr 1842 es war, zwei junge anmuthige Mädchen ſo we⸗ nig von Liebe, von Romanen, von Einrichtung und Anzug, und ſo viel von Volkscharacter, Regierungs⸗ formen, Geſchichte und Diplomatie geſprochen, wie Agnes und Eliſabeth im Caſtell bei Peſth es thaten. Wäre Herr von Stein ein gewöhnlicher Mann gewe⸗ ſen, er hätte ein höhniſches Naſerümpfen beim An⸗ hören dieſer Unterhaltungen nicht unterdrücken können! Denn natürlich war, was die Mädchen ſagten, nicht immer richtig, nicht immer logiſch, und ihre Pläne vor Allem beinahe immer unausführbar. Allem, was Eli⸗ ſabeth über Ungarn ſagte, ſtimmte Agnes in freu⸗ digem Glauben, der ihre geringe Kenntniß des Landes erſetzte, zuſtimmend bei. Rühmte ſie aber ihr Vater⸗ land und ihre Landsleute, dann wurde Eliſabeth hef⸗ tig und widerſprach; denn im Grunde der Seele haßte ſie die Deutſchen, ja ſie haßte ſie! Konnte ſie, die von Deutſchland nichts kannte, als Wien, Oerei ihr nächſte deutſche Land von Deutſchland trenne Wenn ſie fühlte, daß ſie in ihren Widerreden gegen Agnes bitter wurde, dann ſtand ſie wohl auf, legte die Arme um den Nacken der Freundin und ſagte — — In Ungarn. 57 weich:„Reden wir nicht mehr von Ihrem Vaterland! Laſſen Sie mich vergeſſen, daß Sie dem Volke ange⸗ hören, welches uns ſo tief niedertritt. Ja, laſſen Sie mich vergeſſen, daß Sie unſchuldiges, liebes, ſanftes Geſchöpf von dieſem entſetzlichen Volke ab⸗ ſtammen!“ „Ich ſtamme auch nicht davon ab,“ ſagte lächelnd Agnes,„ſo wenig wie Sie ſelbſt! Was hat mein Va⸗ terland mit Oeſterreichs Zwingherrn gemein, als die Sprache— und ſelbſt da— welcher Unterſchied!“ Eliſabeth ſchüttelte den Kopf.„Das iſt ſchlimm für Euch Deutſche, daß Ihr kein Vaterland habt!“ „Kein Vaterland?“ „Ja, denn Sie werden mir doch nicht einreden wollen, daß man da von einem Vaterland reden kann, wo jeder Menſch nur Theilnahme für den Lappen Land empfindet, den einſt Napoleon oder vielleicht ſpäter ein paar alterſchwache Diplomaten in Wien ſeinem Für⸗ ſten zugeworfen haben, für das Stück aber, was neben dieſem Lappen liegt, wenn auch beide früher ein einiges Ganze waren, nur als Fremder empfindet! So ein Laftd, wo Jeder für Alle fühlt, das iſt wie das Land, was aus Gottes Händen ſelbſt hervorgegangen iſt, die Natur. Da liegen Wälder und Berge und Wieſen und Seen, Flüſſe und Hügel bunt durch einander und zie⸗ 58 In Ungarn. ren und ſchützen und begrenzen und ſchirmen Eines das Andere, und bilden ein Schönes, ein Ganzes, und der Menſch beugt ſeine Kniee undeſagt:„Welch wunder⸗ herrliches Land! Ihr aber in Eurem Deutſchland, Ihr kommt mir vor, wie der Garten, den ein holländiſcher Kunſtgärtner abgeſchnörkelt hat, alle Sorten in abgeſonderten Bee⸗ ten. Da giebt es wohl Nelken⸗ und Tulpen⸗ und Au⸗ rikel⸗ und Roſenbeete, die wollen nun wohl alle Nelken, Tulpen, Aurikel und Roſen, aber um Gottes⸗ willen keine Blumen ſein; und ſo haben die Deutſchen auch nicht einmal einen kleinen Garten, wie ihn der freie Mann, der Engländer ſich anlegt.“ Herr von Stein und ſeine Tochter hatten die junge Ungarin nicht unterbrochen, ſondern ihr mit der größ⸗ ten Aufmerkſamkeit, ja mit dem größten Vergnügen zu⸗ gehört! Mit glühenden Wangen, hochgehobener Bruſt und tiefer, klangvoller Stimme hatte ſie ihren Unmuth, ihre Verachtung gegen das feindliche Deutſchland von ſich geſchleudert. Plötzlich kam aber wie ein erſchreckendes Beſinnen über ſie, ſie beugte ſich erblaſſend und erſchreckend, mädchenhaft ſchüchtern zuſammen und ſag te leiſe: „O meine lieben, lieben Pnane, Se ſind mir In Ungarn. 59 doch nicht böſe— ich habe Sie doch nicht beleidigt? Schelten Sie mich, daß ich mich meinen gütigen Wir⸗ then gegenüber ſo ſehr vergeſſen!“ „Sie ſchelten?“ ſagte Herr von Stein, herzlich ihre Hand nehmend,„davor bewahre mich Gott, ich habe meine Freude an Ihnen und überdem haben Sie dies⸗ mal vollkommen Recht!“ Agnes nickte mit dem Kopfe.„Ja, bei uns— Herr von Stein legte ihr die Hand auf den Mund. „Nun genug. Laß lieber Eliſabeth uns erzählen von der Nachbarſchaft, die wir hier mit ihr aufſuchen ſollen, von den ungariſchen Familien, bei denen ſie uns verſprochen einzuführen.“ „Die meiſten,“ antwortete Eliſabeth,„ſind Men⸗ ſchen, wie man ſie überall trifft. Sie bringen den Sommer hier auf ihren Gütern zu und ſparen ihr Ein⸗ kommen, um es im Winter in Wien vergeuden zu können. Davon macht eigentlich nur eine Familie eine glorreiche Ausnahme, ſie bewohnt immer, Winter und Sommer, eine Puſta hier ganz in der Nähe. Für Sie, als Fremde, iſt dieſe Familie doppelt intereſſant, weil ſte in ihrer ganzen Lebensweiſe, Dank dem Familien⸗ haupte, der alten Frau von Horvath, der ungariſchen Landesſitte treu geblieben iſt. Frau von Horvath führt mit ihrer Familie ein ächt patriarchaliſches Leben und ——— In Ungarn. i*ſt überhaupt eine merkwürdige Frau. Sie hat drei Söhne und drei Töchter und iſt ſehr reich; die Söhne ſind verheirathet, und jedem hat ſie auf ihrer großen Puſta ein eigenes Haus gebaut und ihm Gärten und Felder dazu gegeben, ſammt ihrem Antheil an baarem Vermögen. Von den drei Töchtern aber iſt keine ver⸗ heirathet, obgleich es ihnen nicht an Freiern gefehlt; denn ſie ſind gut und brav, nicht häßlich, und— reich. So willig ſich die Mutter bei den Heirathen der Söhne hatte finden laſſen, ſo unbeugſam war ſie im ſelben Punkt bei den Töchtern. Für einen Mann, ſagte ſie, iſt es ein Glück, eine Frau zu haben, aber für uns iſt es ein großes Unglück, verheirathet zu ſein, und ich will meine Töchter alle drei lieber im Sarge als am Altare ſehen. Sie ſelbſt ſoll gar nicht unglücklich ver⸗ heirathet geweſen ſein, aber ihren Mann ſchon ver⸗ loren haben, als noch ein Theil der Kinder klein war. Mit eiſerner Feſtigkeit hat ſie die Kinder erzogen, das Gut bewirthſchaftet, das Vermögen verwaltet, und obgleich die Söhne und ſelbſt die Töchter längſt ihr Vermögen in Händen haben, wagt dennoch keines von ihnen, der Mutter auch nur im Geringſten zu wi⸗ derſprechen.“ „Dahin müſſen wir,“ ſagte Herr von Stein leb⸗ haft;„dieſe alte Königin muß ich kennen lernen. Gleich In Ungarn. 61 morgen wollen wir hinfahren; könnten Sie uns nicht anmelden, Fräulein Eliſabeth?“ „Gewiß, Miſchka kann morgen früh hinüberreiten und uns zum Nachmittag anmelden, wir werden dann zur„Jauſſe“ da behalten, und da ſollen Sie einmal ungariſche Gaſterei kennen lernen. Ich werde an Ma⸗ rie, das jüngſte Fräulein, mit welcher ich am meiſten befreundet bin, ein paar Zeilen ſenden.“ Mierles Iapilel. Peei Am andern Morgen kam Miſchka mit der höflich⸗ ſten Einladung für Fräulein von Serenyi und die Fremden von der Puſta zurück. Am Nachmittage, gerade als Herr von Stein mit den beiden jungen Mäͤdchen in den Wagen ſteigen wollte, um zu Frau von Horvath zu fahren, kam ein Bote von Eliſabeths Bruder Auguſt aus Peſth angeritten. Er brachte einen Brief an Herrn von Stein und ſollte auf Antwort warten, denn es handelte ſich um mehrere Unterſchriften des Herrn von Stein, welche für den gerichtlichen Abſchluß des Verkaufs des Gutes noch nöthig waren und die Herr von Serenyi ſchon am an⸗ dern Morgen in Händen haben mußte. „Es bleibt mir nichts Anderes übrig,“ ſagte Herr von Stein ärgerlich,„als zurückzubleiben— dieſe Sachen muß ich durchleſen und abfertigen.“ In Ungarn. 63 Agnes wollte nicht ohfke ihren Vater fahren, des⸗ halb verſprach er denn, binnen einer Stunde nachkom⸗ men zu wollen, wenn ſie ihm ſogleich den Wagen zu⸗ rückſchicke, was leicht zu bewerkſtelligen war, da man in einer halben Stunde auf dem Gute ſein konnte, wie Fräulein von Horvath verſicherte. So ſtiegen denn die beiden jungen Damen ein und Miſchka ſchwang die Peitſche über ſeine drei leichten Pferdchen, die in einer Linie neben einander dahin ſchoſſen, als ginge es durch die Luft. Als die Damen in den Hof der Puſta einfuhren, rrat ihnen in der Thüre des Hauſes eine große Geſtalt mit ſtarken, männlichen Zügen entgegen. Es war eine Frau, nahe den Siebzigen. Sie trug einen blauen faltigen Rock von Baumwolle, ein ſchwarzes Tuchjäck⸗ chen mit Schößen, und um Kopf und Hals hatte ſie ein dunkelbraunes Tuch gewickelt, ſo daß man weder Haube noch Haare ſah. Sie umarmte Eliſabeth zärt⸗ lich; es war Niemand anders als Frau von Horvath. Nun wurde Agnes ebenfalls umarmt und auf beide Wan⸗ gen geküßt; dann wendete die Dame ſich wieder zu Eliſa⸗ beth und dankte dieſer, daß ſie ihr den Gaſt gebracht. Sie ſprach leider nur ungariſch, mit Agnes konnte ſie ſich alſo nur durch die Gefälligkeit eines Dritten unter⸗ halten. An der Thüre des Zimmers ſtanden die drei Fräu⸗ — 64 In Ungarn. lein, eine fünfundvierzig, die andere vierzig, die jüngſte dreißig Jahre alt. Dieſe waren ſtädtiſch, aber äußerſt einfach gekleidet. Es waren drei blaſſe, ſchmale, ver⸗ blichene Geſichter, voll ſtiller Reſignation und Dul⸗ dung; aber was ſie alle drei anziehend machte, war die unendliche Herzensgüte, die aus ihren Zügen ſprach. Auch ſie begrüßten den Beſuch mit Umarmungen. Das Gemach, in das man nun trat, war lang, niedrig und finſter. In der Mitte ſtand ein Tiſch, der beinahe die Länge des ganzen Zimmers einnahm. Er war mit einem weißen Tuche bedeckt, worauf Früchte aller Art, Melonen, Trauben, Pfirſiche, Aepfel, Bir⸗ nen, in altfränkiſchen Schüſſeln und Tellern ſtanden. An den Wänden waren hohe, geſchnitzte Seſſel zu ſehen, in einer Ecke ſtand ein Wandſchrank mit verhangenen Glasthüren, in einer andern ein alterthümliches Kla⸗ vier, kein Kanapee. Die jüngſte Tochter holte ſelbſt den Kaffee. Eliſa⸗ beth und Agnes mußten ſich ſetzen, während keine der Frauen des Hauſes Platz nahm; jede ſtellte ſich an eine Ecke des Tiſches, um den Gäſten aufzuwarten. Agnes war darüber im höchſten Grade betroffen und fragte leiſe ihre Freundin, was das zu bedeuten habe.„Alte Sitte,“ ſagte ſte lächelnd,„jeder Gaſt iſt ihnen ein Ke⸗ nig.“— Mit unglaublichem Eifer wurde in die Damen 65 In Ungarn. gedrungen, zu eſſen und zu trinken, und das Obſt lag gehäuft auf den Tellern; die Wirthinnen waren troſt⸗ los, als der Beſuch erklärte, fertig zu ſein und aufſtehen zu wollen. Eliſabeth bat die Mädchen, zu ſingen und zu ſpie⸗ len. Die Jüngſte ſetzte ſich ſogleich gefällig an das Kla⸗ vier und ſang mit ihrer ſchwachen, ſanften Stimme ein melancholiſches Volkslied.— Eliſabeth verrieth nun, daß Agnes auch ſinge. Ihr war das leid, hier that ſie es nicht gerne, hier wollte ſie nur ſehen und hören. Die Mädchen aber fielen beinahe auf die Kniee vor ihr, ſie beſchworen ſie, ihnen etwas aus einer Oper vorzu⸗ ſingen; ſie hatten nie eine gehört, und ſo ſang ſie denn Casta diva.“ Die drei Fräulein umſtanden ſie auf⸗ merkſum mit weit offenen Augen und ſagten, als ſie geendigt:„Das war eine andere Muſik als unſer ar⸗ mes Spiel.“ Die jüngſte nahm Agnes' Hand und ſagte traurig:„O, bleiben Sie immer bei uns, Sie liebes Weltkind! Aber freilich, Sie ſind noch jung, Sie müſſen wieder hinaus, aber ich muß hier bleiben, bis ich ſterbe, dann iſt ja Alles gut!“ Sie führten Agnes nun im Hauſe herum. Das Zimmer ihres jüngſten Bruders war zu ſeinem Em⸗ pfange eingerichtet, da ſie ihn jeden Augenblick erwar⸗ teten; nachdem er ſeine Frau für einige Zeit zu ihren Gegen den Strom. II. 5 66 In Ungarn. Eltern gebracht, und nach einem kurzen Aufenthalte in Peſth, wollte er hier einige Wochen zubringen. Dies Zimmer erſchien Agnes als das einzige behagliche im Hauſe, es war elegant und modern eingerichtet mit Lehnſtühlen, einem Wiener Flügel und einer ziemlichen Menge großer Bücher. Die Fräulein des Hauſes er⸗ zählten Agnes, daß ihr Bruder ein halber Gelehrter ſei, durch ſeine Kenntniſſe in der Naturwiſſenſchaft ſei ſein Name in halb Ungarn rühmlich bekannt. Agnes unter⸗ drückte ein Lächeln, denn ihr ſchien, als ſei das nicht ſehr ſchwer, da in Ungarn die Gelehrten wohl nicht zu häufig ſein konnten; da gebührte ihrem Vaterlande die Palme! Plötzlich wurden ſie durch einen lauten Lärm im Hauſe unten im Geſpräch unterbrochen. Die Fräulein eilten hinaus, um nachzuſehen, wäh⸗ rend Agnes einſam im Zimmer des jungen Mannes zurückblieb, denn Eliſabeth war unten bei Frau von Horvath geblieben. Endlich kam das jüngſte Fräulein, um Agnes mitzutheilen, daß die beiden Erwarteten, Herr von Stein und der junge Horvath zugleich ein⸗ getroffen. 2 Agnes ſollte nun auch hinunterkommen. Beim Ein⸗ tritt in den Saal begrüßte ſie ihren Vater, der im Ge⸗ ſpräch mit einem auffallend ſchönen Menſchen, und zwar In Ungarn. von ächt ungariſcher, feiner Schönheit, begriffen war. Ihr Vater ſtellte ihn ihr vor, es war der Sohn des Hauſes. Man ſetzte ſich, der Tiſch wurde von Neuem mit Schüſſeln und Taſſen, Kuchen und Obſt beladen, nur ſetzte ſich diesmal Frau von Horvath mit der älte⸗ ſten Tochter zu ihrem Sohne Lajos, von deſſen leb⸗ haft bewegtem Antlitz ihre Mutteraugen nicht ließen. Jetzt erſt bemerkte Agnes, daß noch ein dritter Herr anweſend ſei; ſie fragte Eliſabeth nach ihm; Herr von Horvath, den auch wir bei ſeinem Taufnamen kurz Lajos nennen wollen, hörte die Frage, ſprang eifrig auf und ſagte, ſich an Agnes wendend:„Bitte tauſendmal um Verzeihung, Fräulein von Stein, daß ich verſäumt, Ihnen meinen Freund vorzuſtellen! Herr Doctor Roſe, ein Landsmann von Ihnen.“ Agnes erhob ſich und verbeugte ſich in ihrer freund⸗ lichen Weiſe, als ſie aber ihr erröthendes Geſicht— ſie erröthete bei jeder ſolchen Gelegenheit— wieder auf⸗ richtete, um den Fremden anzuſehen, ſtand er da mit einem Blick auf ſie, von dem ſie ſelbſt nicht wußte, ob er mehr ihre Ueberraſchung oder ihren Zorn hervorrief. Seine großen, hellen, blauen Augen trugen das deutliche Gepräge ſpöttiſcher Neugier und ſchienen bei⸗ nahe hörbar zu fragen:„Alſo das iſt ſie, um die man ſo viel Umſtände gemacht hat?“ 68 In Ungarn. Agnes war zu ſchön, um nicht, ohne daß ſie ſich ſelbſt deſſen bewußt war, an eine gewiſſe Bewunderung oder doch mindeſtens Ueberraſchung bei jeder männ⸗ lichen neuen Bekanntſchaft gewöhnt zu ſein. In den Zügen dieſes jungen Mannes fand ſie zum erſten Male nichts davon— und was berechtigte ihn, ſie ſo übermüthig anzuſehn? Was konnte er von ihr wiſſen? Nachdem ſie ſich von ihrer Ueberraſchung er⸗ holt, unterwarf ſie ihn einer ſcharfen Prüfung, die er mit dem größten Gleichmuth ertrug, indem ſeine hellen Augen ihren dunkeln, großen, ſtolz auf ihn gerichteten Sternen durchaus nicht aus dem Wege gingen. Sie muſterte ihn genau. Er war nicht, was man ſchön nennt, dazu war er für einen Mann zu fein ge⸗ baut, zu blaß und überhaupt zu wenig in die Augen fallend. Er ſah klug, intelligent, ja er ſah aus wie ein Denker, aber das war auch Alles! Hatte er von ihr reden hören? wo— was hatte er gehört? Ihre gute Laune war dahin; dieſer Doctor Roſe mit ſeinen unausſtehlich klaren Augen war dem reizbaren Mäd⸗ chen der Gifttropfen in ihrer unbefangenen Freude ge⸗ worden. Sie hatte ſeine Stimme noch nicht gehört, als ihr Vater ſich mit der Frage:„In welcher Gegend von 69 In Ungarn. Deutſchland ſind Sie zu Hauſe, Herr Doctor?“ an ihn wandte. Unſer alter Bekannter ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er raſch:„Aus Schwaben, Herr Baron, oder we⸗ nigſtens,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„was man hier zu Lande Schwaben nennt und worunter man ja das ganze ſüdliche Deutſchland außer Oeſterreich und Bayern verſteht.“ Der alte Herr war zu fein, um nicht zu fühlen, daß ihm Roſe abſichtlich eine ausweichende, ungenaue Ant⸗ wort gab. Er ſchloß daraus, daß es dem jungen Mann aus irgend einem Grunde unangenehm ſei, den Ort ſeiner Heimath zu nennen, und drang deshalb nicht weiter in ihn— den wahren Grund konnte er natürlich nicht errathen. Prinz Albert hatte Wilhelm während der gemein⸗ ſchaftlichen Reiſe vollſtändig zum Vertrauten ſeiner Liebe für Agnes gemacht. Wilhelm hatte aus Alberts Erzählungen ſich weder von Agnes' Charakter, noch von dem Grade ihrer Zuneigung für den Prinzen ein klares Bild machen können, und eben, weil ſie ihm räthſelhaft war, hatte ſie in ihm jenes aus Theilnahme und Neu⸗ gierde gemiſchte oberflächliche Gefühl geweckt, wel⸗ ches wir gewöhnlich mit dem Worte„Intereſſe“ be⸗ zeichnen. In Ungarn. Hier lernte er das Mädchen nun durch einen wun⸗ derbaren Zufall kennen, denn nach Alberts Erkun⸗ digungen in Wien mußte er glauben, was dieſem er⸗ zählt worden, Herr von Stein habe ſich nämlich in der Nähe von Ketskemet niedergelaſſen. Herrn von Stein erinnerte er ſich aus ſeiner Knaben⸗ zeit ſehr wohl auf Waldheim geſehen zu haben, Agnes hatte er dadnrch ſofort erkannt. Im erſten Augenblicke fand er ſie nicht ſo ſchön, wie er ſie ſich gedacht. Nicht daß Albert in ſeiner Schilderung übertrieben, aber Wilhelm hatte in ihr eine Art von Schönheit vermu⸗ thet, die ihm mehr zuſagte, weil ſie ſeinem Character angemeſſen war, wie das ja ſo häufig bei Beurtheilungen maaßgebend iſt. Als Herr von Stein ihn nach ſeiner Heimath fragte, hatte er unbefangen Waldheim nen⸗ nen wollen, da fiel ihm ein, daß er von dieſem Augen⸗ blick an für Agnes nur noch ein Appendix von Albert ſein würde; das wollte er nicht und überdem wünſchte er unter vier Augen die Wirkung der Zauberformel: Wald⸗ heim, auf Agnes zu erfahren. An ihrem Benehnem bei ſeiner Erklärung: Ich komme von Waldheim, mußte er deutlich erkennen können, ob ſie Albert liebe, ja ob ſie ihn je geliebt habe. Seine Zauberformel wollte er alſo nicht unnöthig verpuffen, es waren auch zu ſolch einer Beobachtung zu viele Zeugen da. „ In Ungarn. 71 „Wollen Sie ſich als Arzt in Peſth niederlaſſen?“ fragte Herr von Stein wieder nach einer Weile. „Ich habe Luſt dazu,“ ſagte Roſe nachläſſig,„werde aber auf jeden Fall erſt das Land durchſtreifen, denn in Ungarn zieht mich gerade das Land mit ſeiner wil⸗ den Uncultur am meiſten an.“ „Als ob wir Barbaren wären,“ ſagte lächelnd der junge Horvath. 8 „Danken Sie Gott, daß Sie es ſind. Obgleich ich für und durch die Bildung lebe, ſo liebe ich ſie den⸗ noch nicht. Sie verflacht das Leben und die Charactere und raubt ihnen jede Urſprünglichkeit— und Poeſie iſt ja nichts Anderes!“ Er ſah Agnes an mit der feſten Erwartung, daß ſie etwas ſagen würde, denn für ſie und auf ihre Geniali⸗ tät bauend hatte er ja dieſe Worte geſagt, denen ſie beiſtimmen ſollte; aber ſie ſchwieg und ſpielte gleich⸗ gültig mit den Ringen an ihren ſchlanken Fingern. Herr von Stein ſagte lächelnd:„Wenn ein gebil⸗ deter Menſch auf die Cultur ſchilt, ſo kommt mir das immer vor, als wenn ein Naturmenſch auf Eſſen und Trinken ſchilt. Beide können Beides nicht entbehren, möchten es aber gerne, wenn ſie nur ohne daſſelbe leben könnten.“ 72 In Ungarn. „Sie ſagen das und Sie haben ſich doch hier an⸗ geſiedelt, Herr Baron?“ „Erſtens ſind wir hier durchaus nicht ſo außerhalb der Cultur, wie Sie glauben, und dann bin ich ein alter Mann, der von Allem genug hat, und überdem iſt mir hier mein angenehmſter Zeitvertreib, die Geſellſchaft meiner Tochter, geſicherter als„draußen.“ „Aber Ihre Fräulein Tochter?“ „O, die iſt noch jung genug, um ſpäter die Weltmit allen ihren Verfeinerungen genießen zu können, und alt genug, um ſelbſt zu würdigen, was ſie einſetzte, in— dem ſie eine deutſche Reſidenz gegen ein ungariſches Landgut vertauſchte. Nicht wahr, Agnes?“ Agnes nickte freundlich ihrem Vater zu und ſagte mit wieder heiterm Ausdruck:„Ich war es ja, die Dich nach Ungarn verlockte, Väterchen.“ Wilhelm griff dieſe Aeußerung auf, um eine Un⸗ terhaltung mit Agnes daran zu knüpfen. „Auf Ihren Wunſch, gnädiges Fräulein, iſt Ihr Herr Vater in die Landeinſamkeit gezogen? Was kann denn eine ſo junge Dame bewogen haben, alle ihre Anſprüche an die große Welt ſo leicht aufzugeben?“ „Laune, nichts als Laune, Herr Doctor,“ ſagte Agnes ironiſch. Jeder Mann weiß ja, daß Launen das einzig bewegende Princip aller Frauenhandlungen ſind!“ In Ungarn. 73 „Was berechtigt Sie anzunehmen, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte Wilhelm mit komiſch ſanfter und ſüßer Stimme,„daß ich ſo grenzenlos albern bin, eine ſolche Antwort von Ihnen zu verdienen?“ Agnes hätte gern geſagt:„Weil eieN ſo im⸗ pertinent angeſehen haben,“ aber das ging nicht, ſie mußte alſo einen Umweg nehmen, doch ſie nahm den kürzeſten und ſagte, indem ſie lachte, um ihrer Ant⸗ wort einen harmloſen Anſtrich zu geben:„Sie haben mir nur den Eindruck gemacht, den uns Mädchen alle unſere weltbeherrſchenden Zeitgenoſſen machen, den eines ſehr ſelbſtzufriedenen, die Welt und beſonders die Frauen von Oben herab betrachtenden Philoſophen.“ „Lieben Sie die Philoſophen?“ fragte nun Wilhelm ſtatt aller Rechtfertigung. Und Agnes ſchüttelte lachend den Kopf. „Alſo die jungen Männer überhaupt nicht?“ Das war wieder ſehr impertinent, und doch fühlte Agnes, daß ſie dieſe Frage eigentlich hervorgerufen, ſie ergriff daher eine ächte Frauenauskunft, ſie ſprang ab. „Wir wollen nicht unſere abgeſonderte Unterhal⸗ tung zu lange fortführen, Herr Doctor. Sie kennen wohl die alte Behauptung, daß, wenn zwei Deutſche ſogar am Nordpol zuſammentreffen, ſie ſo lange ihre Anſichten erörtern, bis ſie in Streit geratehn. Wir 74 In Ungarn. wollen dieſen einigen Ungarn ſelbſt nicht im Kleinen den Triumph gönnen, die deutſche Uneinigkeit mit Augen zu ſehen.“ „Nur noch ein Wort, gnädiges Fräulein, nur eins, um nämlich auszuſprechen, wie leid es mir thut, daß Ihr Nationalſtolz Sie verhindert, mich zu Ihrem Feinde werden zu laſſen; denn wenn man ſich Jemand beim erſten Zuſammentreffen ohne irgend einen Grund zum Feinde auserſieht, ſo iſt das von einer Dame Ihres⸗ gleichen jedenfalls ein eben ſo hoher Beweis von Ach⸗ tung, als wenn ihn eine Andere ſo ohne Weiteres zum Freunde auserſieht.“ Agnes ärgerte ſich über den jungen Mann immer mehr, ſie fand ihn unerträglich, aber zum erſten Male ſeit langer Zeit wußte ſie nicht einen Vorwitzigen zu⸗ rechtzuweiſen; ſie fühlte, daß ſie in ihrer bisherigen Unterhaltung durch jede Zurechtweiſung, die ſie ihm ertheilt, Grund verloren ſtatt gewonnen hatte. Sie ſchwieg deshalb, indem ſie nur die Hand etwas erhob und lächelnd die Geberde des Abwehrens gegen ihn machte. Für Wilhelm fand ſich keine Gelegenheit mehr, eine Unterhaltung mit ihr anzuknüpfen, weil ſie ſich unabläſſig mit den Damen des Hauſes beſchäftigte; nur beim Abſchied fand er noch einen Augenblick, wo er ihr ſagen konnte:„Nicht wahr, wenn einmal keine In Ungarn. 7⁵ Ungarn zugegen ſind, geben Sie mir die gnädige Er⸗ laubniß, mich zu Ihrem ‚Feinde“ auszubilden?“ Annes erröthete, ihre Oberlippe zuckte mehrmals, ohne daß ſie ſprach, dann rief ſie aber raſch: „Es iſt ein alter Satz: der Menſch lernt nichts, als was er ſchon weiß; vielleicht kann man hinzuſetzen: er bildet ſich zu nichts, als was er ſchon iſt. Denken Sie einmal darüber nach, Herr Doctor.“ Wilhelm verbeugte ſich lächelnd und verbeugte ſich nochmals, als der Wagen abfuhr, und ſein blonder, kluger Kopf war das Letzte, was Agnes ſah, als ſie zum Thore hinausfahrend ſich noch einmal nach der Fa⸗ milie umwandte. Bei der Rückfahrt fragte Herr von Stein ſeine Toch⸗ ter, wie ihr der junge Arzt gefallen; da es aber zu Agnes' Eigenthümlichkeiten gehörte, daß ſie alles Unan⸗ genehme erſt in ſich überwinden mußte, ehe ſie davon ſpre⸗ chen konnte, während das Angenehme, Erfreuliche gar keinen Reiz für ſie hatte, wenn ſie nicht Gelegenheit fand, ſich auszuſprechen— mit Einem Worte, ſie behielt ihren Aerger für ſich und theilte ihre Freude mit— ſo ſprach ſie ſich auch jetzt nicht aus. An Wilhelm vermochte ſie nicht ohne tiefen Groll zu denken. Es war freilich nur ein ganz gewöhnlicher Mädchengroll, aber eben weil ihr dieſer Groll ſelbſt In Ungarn. ohne tiefere Berechtigung erſchien, war er ihr doppelt unangenehm, und ein Theil dieſes Gefühls fiel natür⸗ lich auch auf ſeinen Urheber zurück. Als ihr Vater die Frage wiederholte, antwortete ſte kurz:„O, er ſcheint mir ein geſcheidter Menſch zu ſein.“ „Scheint?“ rief Eliſabeth verwundert.„Er iſt es ganz gewiß.“ Herr von Stein fragte lächelnd die junge Ungarin, welche ſo gar beſondere Weisheit denn der junge Mann entwickelt? „Haben Sie nicht ſeine Augen betrachtet?“ rief leb⸗ haft Eliſabeth;„darin ſteht es ja deutlich geſchrieben. Ich habe noch nie ſo bedeutende, helle Augen geſehn.“ „Dann hat aber Agnes doch Recht, wenn ſie ſagt: er ſcheint. Denn das, was Sie in ſeinen Augen leſen, i*ſt doch offenbar nur der Schein des Verſtandes, der ſich Ihnen zeigt, aber nicht der Geiſt ſelbſt.“ „Sie deutſcher gründlicher Baron,“ lachte Eliſabeth, „iſt nicht, was ich ſehe, eben ſo gut, wie was ich höre? Iſt nicht ein intelligenter ironiſcher Blick oft unendlich ſchlagender, als ein ſchwerfälliges Wort? Kann nicht ein Blick des Einverſtändniſſes uns unendlich mehr von einer Seele erfahren laſſen, als die ausführlichſten Er⸗ klärungen?“ In Ungarn. 77 Herr von Stein hob neckend den Finger.„Fräulein Eliſabeth, Sie reden da von Blicken des Einverſtänd⸗ niſſes“— Eine dunkle Rede bedeckte die hohe Stirne der Un⸗ garin, ſie machte eine abwehrende Bewegung, dann aber überwand ſie ſich ſichtlich und ſagte, indem ein paar Thränen in ihren hellbraunen Augen ſtanden und ſie die Hand des alten Herrn ergriff: Nehmen Sie mir es nicht übel, Herr Baron, wenn ich ganz offen eine Bitte gegen Sie ausſpreche?“ „Liebes, gutes Kind, ſagen Sie, was Sie wün⸗ ſchen.“— „Nun wohl, ſo bitte ich Sie, necken Sie mich nie mehr mit einem jungen Manne in der Weiſe, wie Sie eben gethan. Ich habe das nie gut vertragen können, jeder Gedanke eines näheren Verhältniſſes zu einem Manne iſt mir von jeher ganz fremd geweſen, his— bis dieſer Gedanke eine Geſtalt fand und für lange, lange Zeit mein Herz erfüllte. Ich habe das jetzt über⸗ wunden, Sie wiſſen, nach welch traurigen Erfahrun⸗ gen! Ich denke nie mehr an Liebe, nie mehr an den, der allein einmal mir dies Gefühl einzuflößen wußte, ich halte mich auch für ganz geheilt, bis ein Wort in der Weiſe, wie Sie es eben äußerten, mir entdeckt, daß mein Herz doch nur ein geflicktes, mit Religion In Ungarn. und Selbſtüberwindung zuſammengeleimtes Ding iſt — necken Sie mich nie mehr, denken Sie, ich wäre eine alte Frau!“ Heerr von Stein küßte ihr ſtatt aller Antwort die Hand, und mit einem Druck der Hände ward auch das Gelöbniß gegeben und empfangen, nie mehr die ſchmer⸗ zende Saite zu berühren. Agnes aber betrachtete ihre Freundin mit einigem Erſtaunen, weil ſie einſah, daß ſie nicht bloß ganz anders war, wie alle ihre bisherigen Mädchenbekannt⸗ ſchaften, ſondern auch ganz verſchieden von ihr ſelbſt. Eliſabeth kam ihr eben wie ein Mann vor, ſo klar, ſo offen, ſo ohne eine geheime, ſchüchterne, verſchleierte Neigung; ſie vergaß, daß Eliſabeth ein ganz unver⸗ kümmertes Naturkind war, bei dem jede innere Blüthe ⸗ ſich frei und unbefangen nach Außen hin entwickelt . hatte, daß ſie darum ſo offen war, wie es ſonſt nur Männer ſind— wenn ſie es nämlich nicht der Mühe werth halten, ſich zu verſtellen! (SSr X S. Fünfles Sapilel. Ein paar Tage darauf kam die Familie Horvath angefahren, um ihren Gegenbeſuch abzuſtatten z auch der junge Doctor ritt mit Herrn von Horvath neben dem Wagen, worin die drei Schweſtern ſaßen. Frau von Horvath ging nie aus ihrer Puſta heraus. Agnes ſtand zufällig am Fenſter, als die Geſellſchaft ankam, und ſie konnte nicht umhin zu bemerken, wie vortheil⸗ haft ſich Wilhelms feine Geſtalt in leichter, nachläſſiger Haltung zu Pferde ausnahm. Er grüßte ſie auf das Chrfurchtvollſte, was er jeder Dame gegenüber that, obwohl es für die, die ihn näher kannten, etwas Auf⸗ fallendes hatte, da er außerdem wenig galant und auf⸗ merkſam, ja zuweilen unverantwortlich nachläſſig in ſeinem Benehmen gegen das andere Geſchlecht war. Die Fürſtin Roſalie pflegte oft neckend von ihm zu 8 80 In Ungarn.. ſagen:„Er kann nicht galant und aufmerkſam gegen uns ſein, denn alle in ihm vorräthige Ehrfurcht und Aufmerkſamkeit verſchwendet er ſchon beim Eintritt in ſeinem Compliment.“ Die wahre Urſache aber lag nur in einer ihm in früheſter Kindheit von ſeiner Mutter beigebrachten Gewohnheit, die immer zu ſagen pflegte:„Ein Gruß iſt da, um Achtung oder Ehrfurcht zu bezeugen; wird alſo dieſe Geſinnung nicht dabei an den Tag gelegt, ſo iſt er ein Unſinn oder gar eine Beleidigung, und wer möchte ſich ſo etwas zu Schulden kommen laſſen?, Wilhelm hatte ſeitdem freilich unendlich weiſere, klügere und praktiſchere Auslegungen eines Grußes ge⸗ hört, wie denn überhaupt ein junger Mann beim Ein⸗ tritt in die Welt mit nichts reichlicher empfangen wird, als guten Rathſchlägen, um— ſich möglichſt unange⸗ nehm zu machen. Wilhelm hatte ſich aber nie an dieſe Dinge gekehrt, er hatte immer nur gethan, was ſeine Mutter ihm geſagt und— was ihm ſelbſt angenehm, bequem und unterhaltend war, eine Rückſicht, die frei⸗ lich oft ein gefährlicher Rathgeber und Wegweiſer wurde. Agnes ſagte lächelnd zu Eliſabeth:„Bitte, beſorgen Sie die Erfriſchungen, damit wir nicht zu ſehr hinter dem Empfange der Familie zurückbleiben, denn ſo In Ungarn⸗. 81 auftragen zu laſſen, wie Ihr Ungarn es verſteht, und daß die Tiſche ſich biegen, dazu muß man in Eurem Lande erſt mehr acclimatiſirt ſein als ich.“ Eliſabeth verſprach eine ächt ungariſche Jauſſe zu beſchaffen, und ſchwer beladen mit allen möglichen. Schlüſſeln verließ ſie das Zimmer, während Agnes ihrem Vater folgte, um die Gäſte zu Anpfangen. Ueber die drei Schweſtern konnte ſich Agnes heute nicht genug verwundern; wenn der Ausdruck bei drei ſo blaſſen, ſchüchternen, verkümmerten Mädchen nicht geradezu lächerlich wäre, würde man ſagen können, ſie waren ausgelaſſen. Offenbar wirkte das Gefühl, den Augen der ſtrengen Mutter weit entrückt zu ſein, gleich einem berauſchenden Trank auf ſie. Bei einem Spazier⸗ gange, den die Geſellſchaft in die ausgedehnten Ge⸗ müſegärten(denn alle andern Gartenanlagen waren noch im Werden) unternahm, trat Wilhelm an Agnes' Seite und äußerte gegen ſie eine Bemerkung über die Veränderung ſeiner Hausgenoſſinnen, deren lautes Lachen eben die Luft erfüllte. Er ſchrieb ſie natürlich derſelben Urſache wie Agnes zu. Agnes hörte ſeine Rede freundlich an, denn er war ja heute ihr Gaſt. „Nicht wahr, gnädiges Fräulein,“ fuhr er fort, „dieſe alte Frau iſt Ihnen auch eine überaus merkwür⸗ dige Erſcheinung?“ Gegen den Strom. II. 82 In Ungarn. Und als Angnes bejahte, ſetzte er lachend hinzu: „Schon um ihretwillen allein wäre es der Mühe werth, eine Reiſe nach Ungarn zu unternehmen. Schade, daß ich kein Dichter bin, und Ungarn nicht im Kriege ge⸗ gen Oeſterreich aufſteht, welche Heldin wollten wir zwei, der Krieg und ich, aus dieſer ſteinernen Patrio⸗ tin machen! Ich habe nie bei einer Frau einen ſo fel⸗ ſenfeſten Willen, ein ſo unrührbares Herz geſehen. Sie iſt bewundernswürdig!“ „Bewundern Sie ſolche Eigenſchaften wirklich?“ „Darf ich Ihnen ganz offen meine Meinung über Ihr Geſchlecht ausſprechen? Werde ich nicht in ganz unrettbare Ungnade dadurch bei Ihnen fallen?“ „Nur immer zu,“ lachte Agnes,„ich will en re⸗ vanche eben ſo offen über das Ihrige ſprechen.“ „Nun wohl! Erſtens muß ich Ihnen erklären, daß ich Ihr Geſchlecht ganz nach der Anſicht Lord Cheſter⸗ fields begrenze— nämlich, daß mir nur reizende Frauen als Frauen erſcheinen, während ich die häß⸗ lichen entſchieden zu den Männern zähle, auch eben ſo gerne dieſen vollkommene Emancipation bewilligen würde, da ſie in meinen Augen furchtbar beklagens⸗ werth ſind; nachdem die Natur ihnen keinen einzigen Vortheil ihres Geſchlechts gegeben, laſſen die Menſchen ſie nur die Nachtheile davon empfinden.“ In Ungarn. 83 „Was denken Sie nun von den von Ihnen an⸗ erkannten, nämlich den ſchönen Frauen?“ fragte lachend Agnes. „Da giebt es nun zweierlei. Die Guten leben nur in der Atmoſphäre der äußern Eindrücke. Wer und was ihnen gefällt, wer und was ſie rührt, beſtimmt ihre Handlungsweiſe, ihr Urtheil, ihre momentane Richtung. Was ihnen nicht gefällt und ſie nicht rührt, mag es noch ſo erhaben, zum Erfolge berechtigt, oder noch ſo unglücklich und mitleidswerth ſein, wird von ihnen ignorirt oder ſelbſt, wenn ein Gegner deſſelben ihr Wohlgefallen oder ihr Mitleid zu erringen weiß, verdammt. Das ſind die guten ſchönen Frauen.“ „Ich verſtehe,“ ſagte noch immer lachend Agnes. „Nun aber die böſen?“ „Bös iſt nicht der richtige Ausdruck, bös iſt keine ſchöne Frau, ſie iſt nur nicht gut, und dafür iſt ſie auch nicht verantwortlich, denn ſie hat kein Herz! ſie han⸗ delt alſo nur immer ſo, wie es ihr am bequemſten, am angenehmſten, am unterhaltendſten iſt, ſie kann aber natürlich ſehr viel Böſes ſtiften, weil ſie ganz mitleidslos iſt.“ „Im Grunde iſt dieſe Art,“ ſagte Agnes mit ernſt⸗ haftem Geſicht,„für das allgemeine Menſchenwohl aber doch noch beſſer, denn da die andere ihr Herz nur 84 In Ungarn. hat, um ſich confus machen zu laſſen, ſo kann dieſe mit ihrem Herzen und ihrem falſch angewandten Mit⸗ leid viel größeres Unheil ſtiften, als jene, die nur ihren Egoismus zur Richtſchnur nimmt.“ „In gewiſſen Fällen ja, mein gnädiges Fräulein, im Allgemeinen nein, und überdem hat die Herzloſe den ungeheuren Nachtheil, daß ſie nicht liebenswürdig mehr erſcheint, ſobald man ſie erkannt hat, während die Weiche, Mitleidige, Großherzige, wenn ſie in fal⸗ ſchem Eifer auch noch ſo viel Unglück ſtiftet, doch nie die Krone der Anmuth, jenes koſtbarſte Frauenkleinod, einbüßt.“ „Und woher haben Sie dies Syſtem, mein Herr Doctor?“ 3 Wilhelm wies ſtatt aller Antwort lachend auf ſeine Stirne. Agnes bog ſich näher zu ihm und ſagte ernſt⸗ haft:„Da haben Sie ja eine große, ſenkrecht laufende Falte— die haben Sie wohl von der Anſtrengung beim Ausdenken dieſes ſuperklugen Syſtems bekom⸗ men, denn wo kam ſonſt Ihre Jugend zu ſolch„tiefen Eindrücken?“ „Dieſe Falte ſagte Wilhelm, aus dem leichten Tone, in dem er bisher geſprochen, plötzlich zu einem ernſteren übergehend,„dieſe Falte iſt mir eine liebe Erinnerung. So oft ich ſie fühle beim Berühren meiner Stirne, tritt In Ungarn. 8⁵ mir die Liebe meiner verklärten Mutter vor's Auge, die ſich mir nie ſo lebhaft gezeigt, als da ich durch einen Sturz von der Steintreppe unſeres Hauſes mir hier dieſe tiefe Wunde ſchlug. Ich war damals zehn Jahre alt, aber ich kann noch nicht daran denken ohne Be⸗ wegung— da, an ihrer Verzweiflung wurde mir klar, wie lieb ſie mich hatte, ſie glaubte mich in Gefahr!“ „Sehen Sie, Herr Doctor, der Himmel ſteht mir bei im Kampfe gegen Ihr ungerechtes Männerurtheil. Im Moment, wo Sie unverantwortlich unſer ganzes Geſchlecht verdammen, führt eine zufällige Aeußerung von mir Ihnen das Bild Ihrer verklärten Mutter vor, Ihrer Mutter, die Sie doch unter keine der beiden von Ihnen bezeichneten Rubriken ſtellen.“ Wilhelms Auge leuchtete zornig auf, tiefer noch zog ſich die tiefe Falte auf ſeiner Stirne, und nach einer ziemlich langen Pauſe ſagte er abgebrochen: „Jemand, wie meine Mutter, lebt nicht mehr, ſie war ein Engel— und deshalb iſt ſie auch ſo früh ge⸗ ſtorben! Mein Vater nicht, ich nicht, Niemand ver⸗ diente in ihrer Nähe zu athmen.“ Agnes ſchwieg, aber ſie grollte dem unhöflichen Menſchen nicht, die tiefe, leidenſchaftliche Verehrung ſeiner Mutter hatte ſie ganz mit ihm ausgeſöhnt, er 86 In Ungarn. hatte dadurch, ohne es zu ahnen, alle üblen vorher⸗ gehenden Eindrücke verwiſcht. Die ſtärkſte Saite ihres ſtarken Herzens, die Liebe zu ihrem Vater, ihre Mutter kannte ſie ja nicht, hatte er ſympathetiſch dadurch an⸗ geſchlagen; und machte ſie es ihrem Vater gegenüber nicht gerade ſo, wie Wilhelm? Auf alle Männer ſah ſte mit Gleichgültigkeit, auf die meiſten mit Gering⸗ ſchätzung, während ſie ihren Vater vergötterte. Als Wilhelm gegen Abend mit ſeinen Gaſtfreunden auf die Puſta zurückkehrte, empfing die alte Dame ſie unter dem Thore. „Wie lange ſeid Ihr geblieben! Wer wird bei einem erſten Beſuche ſich ſo verweilen!“ Dann ſagte ſie hart zu ihren Töchtern:„Und Ihr habt keine Män⸗ tel mitgenommen! Meint Ihr, man müſſe immer noch für Euch ſorgen?“ Und damit wendete ſie ihnen grollend den Rücken. Zitternd und blaß ſtiegen die Drei aus, Keine ſuchte in der Andern Blicken Troſt, Jeder war das Weinen näher als das Lachen, welches eben noch vor dem Thore ſo fröhlich von ihrem Munde erſchollen. Der Sohn kümmerte ſich nichts um die Verſtimmung der Mutter, und Wilhelm ergötzte ſich daran. Als ſte Alle beim Schein einer trüben altväteriſchen Lampe im niedern Eßſaale verſammelt waren, ſagte In Ungarn. 87 Frau von Horvath zu Wilhelm, indem ſie ſich bemühte, langſam zu ſprechen, da er nur wenig Ungariſch ver⸗ ſtand:„Lajos' Reitknecht hat von der Stadt einen Brief für Sie mitgebracht. Er trägt den Poſtſtempel von des Königs Reſidenzſtadt.“ Wie alle ächten Ungarn ſprach ſie nie vom Kaiſer, ſondern nur vom König und trieb es ſo weit, das verhaßte Wien nie anders als des„Königs Reſidenz“ zu nennen. Die alte Dame holte dann aus einer großen Taſche ihres weiten Rockes den Brief hervor, und als Wilhelm ihn aus Höflichkeit uneröffnet in der Hand behielt, ſagte ſte kurz: „Leſen Sie, ich erlaube es Ihnen, und vor denen da,“ ſie wies mit nachläſſiger Geberde auf ihre drei erſchrockenen Töchter,„brauchen Sie ſich nicht zu geniren.“ Sie zündete eine kleine Lampe auf einem Ecktiſch⸗ chen an und wies gebieteriſch auf den Stuhl, der davor ſtand, und welchen Wilhelm auch freundlich dan⸗ kend annahm. Der Brief, den er raſch entfaltete, war vom Prin⸗ zen Albert; er war lang, und Wilhelm, der des Prin⸗ zen Widerwillen gegen lange Briefe kannte, ſtaunte, was ihn zu ſolcher Expectoration vermocht. 88 In Ungarn. Kaum hatte der junge Arzt die erſten Zeilen ge⸗ leſen, ſo überflog ein ſpöttiſches Lächeln ſein Geſicht. Sein fürſtlicher Freund ſchrieb: „Was werden Sie dazu ſagen, Wilhelm, wenn ich Ihnen beweiſe, daß Agnes, die von mir ſo hoch ge⸗ ſtellte Agnes, die ich bei Ihren Urtheilen über Frauen immer ausnahm, um kein Haar beſſer iſt, als all die Andern?“ 4 Die„Andern“ ſtehen jetzt offenbar bei ihm noch ſchlechter wie bei mir, dachte Wilhelm. „Ich habe hier zufällig die Bekanntſchaft eines böhmiſchen Edelmanns, eines Barons Wratislaw ge⸗ macht, ein unbedeutender, lügenhafter, geſchnürter Bengel, wahrhaftig, er trägt ein Corſett und färbt ſeine rothen Haare! Von dieſem Menſchen hat ſich nun Agnes während ihrer mehrwöchentlichen Anweſenheit in Wien den Hof machen laſſen, und er hat mir ſein Ehrenwort gegeben, daß Agnes ihm Hoffnung ge⸗ macht, wenn er ſie in Ungarn aufſuche, ihm ihre Hand zu gewähren.“ Wilhelm biß ſich auf die Lippen, um nicht laut auf⸗ zulachen, als er dieſe Stelle las. Dann hieß es weiter: „Täglich iſt er ins Haus gekommen, den alten Herrn hat er überall herunigeführt, im Theatex iſt er mit Va⸗ ter und Tochter geweſen und jedes Mal beim Abſchied hat * In Ungarn. 89 er ihr die Hand geküßt— mit ſeinen breiten böhmiſchen Lippen; dieſe Hand, deren Spitzen ich kaum berührte!“ Und ich bin doch ein Erbprinz aus einem der älte⸗ ſten Häuſer, ſagte leiſe und ſehr ironiſch Wilhelm. „Sie werden ſagen, Wilhelm, ſie habe ihn zum Beſten gehabt. Nein, er hat mir ſichere Beweiſe des Gegen⸗ theils erzählt, den ſicherſten, indem ſie ihn beim Weg⸗ gehen in einem Billet eingeladen, ſie in Ungarn aufzu⸗ ſuchen— ſo weit treibt ſelbſt Agnes nicht den Scherz mit einem harmloſen Menſchen! Er will auch wirklich hin. Mag ſie ihm nun, die ihm gegebenen Hoffnungen verwirklichen“oder nicht, ich gebe ſie auf und gebe mir hiermit Ihnen gegenüber mein Ehrenwort, daß es von nun an ſein wird, als habe ich dieſe Syrene nie geſehen! Wenn Sie ihr einmal be⸗ gegnen, reden Sie nicht von mir, ich will auch für die Unwürdige todt ſein!“ Arme unwürdige Syrene! Wie konnteſt Du es aber auch wagen, einen deutſchen Prinzen in Dich ver⸗ liebt zu machen, und nachher einem böhmiſchen Baron, der ein Corſett trägt und ſich die Haare färbt, daſſelbe erlauben! Unwürdige Syrene! So ſpottete er im Innern über den armen Albert, der trotz all ſeiner Thorheit doch gewiß, als er dieſen Brief ſchrieb, ſich ſehr im Rechte unglücklich zu ſein ge⸗ 90 In Ungarn. fühlt hatte. Kein Funke von Mitleid war in Roſe's Seele für ihn. Ihm erſchien auch der geſchnürte und gefärbte Wratislaw ungeheuer ungefährlich, aber das kam eben daher, weil er nicht in Agnes verliebt war. Einige Tage ſpäter, er hatte des Prinzen Brief noch nicht beantwortet, ritt er nach dem Caſtell, um Herrn von Stein einige Bücher wiederzubringen, die die⸗ ſer ihm beim letzten Beſuche geliehen hatte. Im Salon, wohin er geführt wurde, fand er Herrn von Stein, Agnes, Eliſabeth und einen Herrn, der ihm als— Baron Wratislaw vorgeſtellt wurde. Eben hatte er offenbar kein Corſett, ſondern einen weiten grünen Ueberrock an, auch ſahen ſeine dunkeln gelockten Haare nichts weniger als gefärbt aus. Als Wilhelm eine Weile da geſeſſen— der Böhme trug allein alle Koſten der Unterhaltung— mußte er aber doch dem übrigen Urtheile des Prinzen beipflichten, nämlich daß Wratislaw ein ſehr unbedeutender und nur im Punkte der Wahrheit ein ſehr großartiger Menſch ſei. Ueberdem waren ſeinem jungen bleichen Geſichte die Spuren eines tollen Lebens unzweideutig aufgedrückt. Agnes, die von Wilhelm ſcharf beobach⸗ tet wurde, hörte dem Schwätzer aber offenbar mit Ver⸗ gnügen zu. Sie lachte herzlich über ſeine tollen Ein⸗ fälle; wurden ſeine Erfindungen gar zu übermäßig In Ungarn. 91 kühn, ſo hob ſie höchſtens drohend den Finger und ſagte lächelnd:„Maaß gehalten, Baron, Maaß gehal⸗ ten! Sie wiſſen, wir glauben Ihnen viel, aber doch nicht Alles.“ Wratislaw verbeugte ſich dann recht ritterlich, in⸗ dem er die Hand auf die Bruſt legte, und ließ einige Mäßigung in ſeiner Erzählung eintreten. Er etzählte nichts Geringeres als ſeine Reiſe von Wien bis hie⸗ her und die Abenteuer, die ihm da begegnet— was waren dagegen die Abenteuer eines Bliomberis, eines Amadis von Gallien! Nach einiger Zeit nahm Herr von Stein ihn mit in den Stall, um ihm da ein Paar neu acquirirte Wa⸗ genpferde zu zeigen, da Baron Wratislaw behauptete, er ſei einer der erſten Hippologen der Welt. Wilhelm war nun mit den Mädchen allein. Mit einem gewiſſen Unmuth, den er nicht ganz unterdrücken konnte, fragte er Agnes: „Hat dieſer— junge Baron ſchon lange den Vor⸗ zug, von Ihnen gekannt zu ſein?“ „Während unſeres Aufenthaltes in Wien kam er täglich in unſer Haus; er iſt der Neffe eines alten Be⸗ kannten meines Vaters und führte uns ſtatt ſeines kranken Oheims mit der größten Gefälligkeit überall herum.“ 92 In Ungarn. Es war eine Gefälligkeit von Ihnen, mein gnädi⸗ ges Fräulein, daß Sie ſich von ihm führen ließen!“ MNicht doch, nicht doch! Und dann laſſen Sie mich Ihnen geſtehen, obgleich Ihr ernſter Sinn das vielleicht ſehr tadelnswerth findet, ich habe ihn wirklich gern! Sie haben ihn zwar nur eine halbe Stunde geſehen, aber Sie kennen ihn gewiß ſchon ſo gut, wie ich, wenn er Ihnen auch wohl nicht ſo zuſagt, wie mir! Wilhelm zuckte ſtatt aller Antwort die Achſeln. „Sehen Sie, das paßt wieder prächtig in Ihr Syſtem. Wir Frauen lieben eben Alles, was uns gefällt!“ 9 „Aber wie kann er Ihnen gefallen?“ 4 „Er gefällt mir, weil ich ein junges Mädchen bin, die gern lacht, gern Geſchichten hört, gern mit höf⸗ lichen und beſonders mit muntern Leuten umgeht. Will ich ſingen, ſo accompagnirt er mich, will ich zeichnen, ſo ſpitzt er mir die Bleifeder, corrigirt meine Zeichnung und lobt ſie dann, will ich tanzen, zieht er ſeine Hand⸗ ſchuhe an, und nie hat ein flinkerer Tänzer mich durch einen Saal getragen. Er hat für Alles Talent.“ „Für dieſe Talente,“ ſagte Wilhelm mit einiger Bit⸗ terkeit,„habe ich freilich kein Urtheil, darf keins haben, weil ich weder immer luſtig und höflich⸗ſein und noch viel weniger ſingen, zeichnen oder tanzen kann.“ . In Ungarn. 93 „Das gefällt mir von Ihnen,“ rief Agnes,„denn Ihnen ſtände das Alles auch nicht an. Der Baron iſt dafür auf der Welt und erfüllt eben ſo gut ſeine Be⸗ ſtimmung, wie Sie die Ihrige.“ „Welche Beſtimmung iſt die des Barons, wenn ich fragen darf?“ fragte Wilhelm ſehr ſcharf. „Die eines Spielwerks,“ entgegnete Agnes über— müthig. „Und das nennen Sie eine Beſtimmung?“ „Warum nicht? Der Menſch iſt eben ſo gut im Le⸗ ben, um ſich daran zu freuen, wie daran zu lernen.“ „Allerdings, ſich zu freuen, aber nicht— zu zer⸗ ſtreuen, zu zerſtückeln!“ „Sein Sie nicht ſo pedantiſch, beſter Doctor, und verderben Sie mir meine Freude an dem kleinen Baron nicht. Vielleicht ergötzt er mich auch nur ſo, weil mir Seinesgleichen nie vorgekommen.“ „Nie vorgekommen? Dieſe Gattung Menſchen iſt doch überall vorhanden.“ „Mit Nichten. An dieſer Aeußerung ſieht man, daß Sie das, was man die große Welt nennt, nicht kennen.“ „Mag ſein,“ ſagte Wilhelm ſehr bitter,„aber die große Welt würde mir nicht oder vielmehr ich ihr nicht conveniren.“ 94 In Ungarn. „Wie Sie das Alles ſpitz nehmen! Laſſen Sie uns ernſthaft reden. Jemand wie der Baron iſt mir wirk⸗ lich bisher noch nicht vorgekommen. Alle Leute in mei⸗ ner Heimath, die ihm an Oberflächlichkeit und Leicht⸗ ſinn gleichkommen, ſind blaſirt und langweilig. Um bei ſolchem Mangel an Gründlichkeit nicht langweilig zu werden, muß man gleich Wratislaw in einer großen Stadt wie Wien leben, und um bei ſolchem Leichtſinn nicht blaſtrt zu werden, ſondern immer friſchen und luſtigen Geiſtes zu bleiben, muß man ſlaviſches Blut haben, wie er. Bei uns ſind die Menſchen, die Sie ſeine Gattung nennen, die unerträglichſten!“ „Möge der Baron,“ äußerte Wilhelm mit etwas milderem Tone,„immer ſo gütige Beurtheilerinnen fin⸗ den, wie Sie es ſind, vielleicht gelingt es ihm dann auch noch einmal trotz ſeinem notoriſchen Leichtſinn eine Frau zu finden.“ „Eine Frau! Wratislaw eine Frau! Wie kommen Sie auf dieſen abenteuerlichen Gedanken? Das wäre ja das furchtbarſte Unglück für ihn. Mein armer kleiner Baron mit einer Frau behaftet! Ich wüßte gar nicht, was er mit ihr anfangen ſollte? Wie kamen Sie denn auf dieſen Gedanken?“ Weil mir ein Bekannter aus Wien ſchreibt, Baron In Ungarn. 95 Wratislaw ſei hieher gereiſt mit der Erklärung, er werde ſich um Ihre Hand bewerben.“ Erſt ſah ihn Agnes an, als habe ſie ihn nicht recht verſtanden, dann brach ſie aber in ein ſo kindiſches unaufhörliches Lachen aus, daß Wilhelm zuletzt ſelbſt mit einſtimmen mußte. Eliſabeth hatte das Zimmer verlaſſen, um Einiges im Hausweſen zu beſorgen. Als ſich Agnes endlich erholt, ſagte ſie noch immer lächelnd nach einer Weile:„Wenn das wirklich ſeine Abſicht iſt, ſo kann das keinen andern Grund haben, als daß er augenblicklich unerträgliche Gläubiger hat und, um ſich etwas Luft zu verſchaffen, als letztes Mittel ſeinen Namen für Geld an eine Frau verkaufen will; irgend ein Schalk hat dem gutmüthigen Menſchen weiß gemacht, ich hätte die nöthige Million. Nein, ſonſt würde mein armer kleiner Freund nicht ſo ſchlecht ſein, das Schickſal einer Frau an das löſchpapierne Steuer⸗ ruder ſeines lecken Lebensſchiffes zu feſſeln. Für mich hat das keine Gefahr, mein Vater braucht ihm nur, oder wenn er es lieber von mir hören will, ich ſelbſt brauche ihm nur die Totalſumme meines Vermögens zu nennen, ſo wird er augenblicklich zurücktreten, weil dieſe Summe gewiß nicht die Hälfte ſeines negativen Vermögens beträgt.“ 96 In Ungarn. Herr von Stein kehrte jetzt mit dem jungen Baron zurück, und Wilhelm, obgleich er Agnes'Anſicht durch⸗ aus nicht theilte, konnte es ſich doch nicht verſagen, hie und da über des jungen Böhmen Rodomontaden zu lächeln. Als er wegritt, mußte er ihm ſogar noch ernſt⸗ lich dankbar ſein für die Sorge, womit Wratislaw ihm bei der kühl gewordenen Abendluft ſeinen Paletot auf⸗ drang. Als er darin nach Hauſe ritt, konnte er ſich eines erheiternden Vergleiches nicht erwehren, des Ver⸗ gleiches zwiſchen dem Böhmen und ihm, denn zwei ver⸗ ſchiedenere Menſchen hatte wohl nie ein und derſelbe Rock bekleidet, und doch paßte er der ſchlanken Geſtalt des Einen gerade ſo gut, wie der des Andern. Ein feiner ariſtokratiſcher Parfüm durchdrang aus dem Paletot ſeine Geruchsnerven; das war ihm äußerſt unangenehm, denn er haßte, wie alle Aerzte, jeden Par⸗ füm; dennoch fror er zu ſehr, um den Rock des Barons auszuziehen. Nach einer Weile ſteckte er die Hand, die ihm kalt geworden, in die linke Seitentaſche. Eine Vi⸗ ſitenkarte fiel in ſeine Hand. Er zog ſie heraus, es war die wohlbekannte des Prinzen Albert von Waldheim. Mit Bleiſtift ſtand auf der Rückſeite gekritzelt: „N'oubliez pas Pheure du diner, en tout cas vous trouverez de bon vin de Champagne; et n'oubliez pas d'apporter la lettre en question.“ 4 In Ungarn. „Vortrefflich!“ lachte ſpöttiſch Wilhelm, nachdem er mühſam in der Abenddämmerung die blaſſe Schrift entziffert.„Ein„deutſcher Fürſt“ ſchreibt eine franzö⸗ ſiſche Einladung zu franzöſiſchem Weine an einen böh⸗ miſchen Baron, um von deſſen unſaubern Slavenlippen die Ehre eines deutſchen Mädchens verunglimpfen zu laſſen!“ Daß Albert franzöſiſch geſchrieben, damit Wratis⸗ laws Bedienter es nicht! keane, daß er ihn zu Cham⸗ pagner eingeladen, weil man in Wien keinen guten deutſchen Wein bekommt, da ihn die„haute volée“- wie alles Deutſche verachtet, endlich, daß Albert über⸗ aupt den Böhmen nun berufen, weil er— eiferſüchtig 85 das bedachte Wtherm nicht oder wollte uun 85 daran denken. 4 Das Unangenehmſte war ihm, daß er des Prinzen Brief an ihn ſelbſt beantworten und ihm ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit Agnes mittheilen mußte. Mit ſchwerer Mühe kam die Antwort zu Stande; was ſie eigentlich über Agnes enthielt, war das Unklarſte, das der ſonſt ſo klare Wilhelm je geſchrieben. Er gönnte Agnes dem Prin⸗ zen nicht, den er überhaupt nicht liebte, obgleich Albert ihn von jeher mit der größten Freundſchaft behandelt, beſonders ſeit der Prinz ſich verpflichtet glaubte, den Verrath ſeiner Schweſter an dem jungen Arzte nach Gegen den Strom. II. 7 In Ungarn. ſeinen Kräften ihm durch doppeltes Entgegenkommen vergelten zu müſſen. Daß Albert ihn nach Wien mitgenommen, darin fand er nur die bequemſte Art, ſich ſeiner zu entledigen; daß er ihm ſein Vertrauen ſchenkte, das deutete er nur als das Bedürfniß des vornehmen Mannes, ſich, wenn auch einem Untergeordneten mitzutheilen; daß Albert ihn ⸗ überall empfahl und zu befördern ſuchte, war in ſeinen Augen nichts als die Aſf. du der Großen; ja ſelbſt ſeine freundſchaftlichen Briefe mit ihren rückhaltsloſen Mittheilungen waren nur angeborne Schreibſeligkeit; und ſo war Wilhelm gegen Niemand ungerechter als gegen Albert, in deſſen Herz das reinſte Wohlwollen, die lauterſte Theilnahme für ihn lebte. Als Wilhelm eben den auf Schrauben geſtellten Brief an den Prinzen abſenden wollte, traf eine zweite Zuſchrift von dem letztern ein. Es waren nur wenige Zeilen und ihr Zweck war, Wilhelm mitzutheilen, daß der Prinz ſich einem in Mailand ſtationirten Cavallerie⸗ regimente habe zutheilen laſſen und morgen dahin ab⸗ reiſen werde. Der Brief ſchloß:„Wäre nicht ſchon mein Anſtellungsgeſuch im Cabinet des Kaiſers geweſen, ich hätte Alles rückgängig gemacht, denn die Veranlaſſung meines bleibenden Aufenthalts auf öſterreichiſchem Ge⸗ hiet fällt ja jetzt weg! Ich will von ihr, von der ich — 3 In Ungarn. 99 viel zu viel geſprochen, nie mehr reden und bitte Sie, lieber Wilhelm, bei Ihrer bewährten Freundſchaft, mir darin beizuſtehen, indem Sie ſelbſt den Namen nicht mehr nennen, nicht einmal, um die Leichtſinnige zu ver⸗ theidigen.“ Sehr bitter und ſehr ſpöttiſch warf Wilhelm dieſen zweiten Brief von ſich. „Glückliche Reiſe, mein Prinz. Weder die„Leicht⸗ ſinnige“ noch der„bewährte Freund“ werden Sie in Ihren heroiſchen Vorſätzen ſtören! Es iſt nur ein Glück,“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort,„daß dem Mäd⸗ chen nicht durch dieſe Prinzenlaune die ihrige getrübt worden;“ und indem er der friſchen Fröhlichkeir Agneſens gedachte, erfüllte ihn ein Gefühl der Genugthuung in der Seele des jungen Mädchens, wie es wohl ihr Vater empfunden haben möchte bei dem Gedanken. Es kam ihm vor, als räche ſie ihn, der ſich ſo tief in der Schwe⸗ ſter Fallſtricken verwebt, indem ſie dem Bruder gegen⸗ über kalt geblieben— den wahren Zuſammenhang des Verhältniſſes zwiſchen Albert und Agnes kannte er ja nicht, da Niemand anders als jener mit ihm darüber geſprochen. Daß Albert eigentlich viel unſchuldiger war, als ſelbſt Agnes glaubte, wußte er eben ſo wenig. Jetzt waren ſie aus einander geriſſen und zwar, wie es Wilhelm ſchien, für ewig. Denn was ſollte 7* 100 In Ungarn. das auf einem ungariſchen Landgut vergrabene Mäd⸗ chen mit dem Manne zuſammenführen, der jetzt ſchon nach Mailand unterwegs war, mit ihm, der noch dazu ſie vermied, wie ſie ihn! Unwillkührlich ſummte Wilhelm vor ſich hin: Sie waren längſt geſtorben, Und wußten es ſelber kaum. 2 Wechſtes Iapilel. Einige Tage ſpäter kam ein erhitzter Bote auf wil⸗ dem Roſſe auf der Puſta angeſprengt. Es war Miſchka. Er hielt ein Blättchen mit der Aufſchrift:„An Herrn Doctor Roſe“ in der Hand. Es war von Eliſabeth geſchrieben und enthielt nur in wenigen Worten die Bitte an den jungen Arzt, doch ſogleich herüber zu kom⸗ men, da Herr von Stein gefährlich erkrankt, allem An⸗ ſcheine nach an einem Schlaganfall. Wilhelm nahm ſein kleines Medicamentenkäſtchen, mit dem er ſich auf des jungen Horvath Rath in Peſth verſorgt, und nachdem er es auf Miſchka's Sattel be⸗ feſtigt, ſprengte er auf einem Pferde ſeines Freundes ſelbſt mit ihm nach dem Caſtell— noch keine Viertel⸗ ſtunde war ſeit der Ankunft des Boten verfloſſen. 1⁰² In Ungarn. Eine ungewöhnliche Theilnahme beſeelte den jungen, ſonſt ſo kalten Arzt, er wünſchte ſich ein Magier zu ſein und retten zu können um jeden Preis. Herrn von Steins milder, harmoniſcher Character hatte ihm trotz der kur⸗ zen Bekanntſchaft eine große Verehrung eingeflößt, und dann Agnes— was ſollte aus ihr werden? Ganz allein, ganz verlaſſen im wildfremden Lande! Als er ankam, hatte Herr von Stein die Beſinnung wohl wiedergefunden, aber die Sprache noch nicht, über⸗ dem war die rechte Seite ganz gelähmt. Die Seele Wilhelms erfaßte eine tiefe Trauer, denn er erkannte den Zuſtand des Kranken für hoffnungslos. Noch eine Wiederholung des Anfalls und Herr v. Stein war nicht mehr— daß dieſe Wiederholung nicht lange ausblei⸗ ben werde, mußte er nur zu ſehr fürchten. Er ging nicht nach der Puſta zurück, Tag und Nacht brachte er mit Agnes am Bette des Kranken zu, während Eliſabeth ab⸗ und zuging und Erfriſchungen und Mittel draußen bereitete. Herr von Stein ſchlief wenig, ſein Auge wich nicht von der Tochter, die gewöhnlich auf einem Tabouret vor dem Bette kniete, und das Geſicht auf die geſunde Hand des Vaters gelegt, Stunde um Stunde lautlos dahin rinnen ließ, während ihr Herz vor wilder Angſt zu brechen drohte. In Ungarn. 103 Wenn von einem Troſte in dieſer Lage die Rede ſein konnte, ſo war Wilhelm wirklich ihr einziger Troſt. Seine klare Ruhe, ſeine ſichere, männliche Haltung und vor Allem ſeine treue Ausdauer an ihrer Seite war Alles, was ihr der Himmel bei ſolchem Leid gewähren konnte. Gleich am erſten Tage hatte ſie ihn gefragt: „Kann mein Vater hergeſtellt werden?“ Worauf er den Kopf geſchüttelt und geſagt:„Hergeſtellt nicht!“ „Aber doch noch eine Weile— ein paar Jahre— ein paar Monate— ein paar Wochen leben?“ fragte ſie nun mit einer Stimme, der man die ſteigende Ang — anhörte. „Ein paar Wochen ſicher— ein paar Monate wahr⸗ ſcheinlich— ein paar Jahre— vielleicht; ich bin nur ein Menſch, und Gott wird, wenn auch kein Wun⸗ der, doch eine wunderbare Kur vielleicht begünſtigen! 2 Das war genug, um das arme Mädchen beinahe zu vernichten. Und doch, ſo unermeßlich groß ihre Sorge und Angſt um den Vater war, ſeine Sorge um ſie war dennoch größer! Wie oft ſah Wilhelm des Kranken angſtvolle Blicke verzweifelnd auf das Kind ge⸗ richtet, das er allein und ſchutzlos im fremden Land zurück⸗ laſſen ſollte; wie oft begneten ſich dann die Augen der beiden Männer, und Wilhelm verſtand nur zu gut die beredten Blicke des Vaters, die ihn aufriefen zum 104 In Ungarn. Schutze ſeines Kleinodes, wenn er nicht mehr ſein werde, und Wilhelm legte dann wohlernſt betheuernd die Hand auf die Bruſt als Gelöbniß, daß er dem Fräulein der treueſte Freund ſein werde nach ſeinen Kräften. So ſelbſtlos haben wohl ſelten zwei Menſchen ne⸗ ben einander um einander gelitten, wie Agnes und ihr Vater! Was war ihm der Tod ohne ſie? Was ihr das Leben ohne ihn? Es giebt kein nagenderes, die Geſundheit zerſtören⸗ deres Unglück als die Sorge am Bette eines geliebten Kranken. Es iſt ein Elend, das Körper und Geiſt zu⸗ gleich zerſtört. Bald trat deshalb auch bei Wilhelm Unruhe um Agnes ein; nachdem acht Tage in hoffnungs⸗ loſer Pein verfloſſen, ſah ſie beinahe eben ſo blaß und mager wie ihr Vater aus. Wilhelm drang mit Bit⸗ ten in ſie, ſich zuweilen einige Stunden Nachtruhe zu gönnen. Er ſagte das abſichtlich bei ihrem Vater, weil er wußte, daß dieſer ihn unterſtützen werde. Und ſo geſchah es auch; Hetr von Stein erhob die geſunde Hand vor Angnes und beſchwor ſie mit rührenden Blicken, Wilhelm nachzugeben und die Nächte abwechſelnd mit ihm zu wachen. Dieſem Flehen mußte Agnes nach⸗ geben und ſich ins Nebenzimmer zurückziehn, aber ſie that es mit dem feſten Vorſatz, an der Thüre lauſchend zu verweilen und nicht zu ſchlafen. Was iſt aber ein In Ungarn. 10⁵ ſolcher Vorſatz bei einem jungen Mädchen, in deſſen Augen ſeit einer Woche kein anderer Schlaf als der eines unwillkührlichen minutenlangen Einnickens kam. Als ſie ſich einen Fauteuil in die Nähe der Thüre ge⸗ rückt und ihre müden Glieder darin ruhen ließ, kam ungefragt der Schlummer über ſie. Aber ſogleich begann ſte zu träumen. Sie ſtand auf einem großen, unüberſehbaren Felde, ein Fruchtfeld, wie ſie es nur in Ungarn geſehen; das Korn umwogte ſie bis über die Schultern, ſie ſtellte ſich auf die Fußſpitzen, um mit den Augen irgend einen Gegenſtand zu erfaſſen, aber ſo weit ſie blicken konnte, ſah ſie nichts als volle, nickende Aehren und ermüdet, immer denſelben Gegenſtand zu ſehen, ſchloß ſie die. Augen. Als ſie ſie wieder öffnete, war die Scene um ſie verändert, die vollen Aehren verſchwunden, das Korn niedergetreten— ein wüſtes und verwüſtetes Feld— nur hier und da ragte ein Kreuz hervor, ein ſchwarzes Kreuz mit weißer Inſchrift.— Agnes ſandte die Blicke weit aus, und überall war es wüſt und überall ragten Kreuze empor, und Thränen entſtürzten ihren Augen und ſie rief jammernd:„Das ganze ſchöne Land ein Kirchhof!“ ——— 1⁰⁶ In Ungarn. Und ſie beugte ſich nieder, um den Namen auf dem zunächſtſtehenden Kreuze zu leſen. Mit groben Pinſel⸗ ſtrichen war das ungariſche Wappen, drei Ströme, drei Berge, daneben ein anderes Adelswappen abge⸗ bildet, darunter ſtand:„Für's Vaterland, Eliſabeth!“ Agnes ging weiter. Vom nächſten Kreuze glänzte ein Doppeladler, in ſeinem Schnabel hielt er einen Zettel mit den Worten:„Für mich, Albert!“ Auch auf dieſem Kreuze war noch ein anderes Wappen, das des Todten, aber nicht wie bei dem erſten neben dem Landeswappen, ſondern tief darunter. Agnes ging weiter nach einem andern Kreuze— hier war nur ein Wappen und zwar das ihrige— das Wappen, das nur ihr Vater und ſie noch führten, denn ſie war die Letzte ihres Stammes. Als ſie erwachte, ſtand der ganze Traum ihr noch hell vor den Sinnen und ſie ſah darin nur eine Be⸗ ſtätigung des bevorſtehenden Todes ihres Vaters. Als ſie wieder ins Krankenzimmer trat, ſie mochte ungefähr zwei Stunden geſchlafen haben, ſtand Wil⸗ helm, über ihren Vater gebeugt, an deſſen Lager. Der junge Arzt konnte ihren leichten Schritt auf dem Teppich nicht vernehmen, und ſo beobachtete ſie die Gruppe eine Weile. Das Geſicht ihres Vaters konnte In Ungarn. 107 ſie nicht ſehen, weil Wilhelms Kopf es ihr verbarg. Wilhelm hatte ſeine Augen noch weiter offen als ge⸗ wöhnlich, die Blicke, die er auf des Kranken Antlitz richtete, waren ſo intenſiv aufmerkſam und beobachtend, als wolle er im Hirne ſeines Patienten leſen. Um ſeinen kleinen, wie immer feſt geſchloſſenen Mund lag ein Zug unausſprechlicher Traurigkeit, aber jener Trau⸗ rigkeit, die jeden Troſt verſchmäht, weil ſte zu unver⸗ ſtanden ſich wähnt, jene Traurigkeit, die der Stolz ge⸗ biert und die nachher wieder des Stolzes feſteſte Stütze wird. So wie jetzt war ſeine Seele noch nie in Gegen⸗ wart von Agnes auf ſein Antlitz getreten. Die Krankheit ihres Vaters würde zwiſchen ihr und dem jungen Arzte ein Bündniß der vertraulichſten Freundſchaft geſchloſſen haben, wenn Vertraulichkeit, oder was man gewöhnlich Seneklichiit u nennt, über⸗ haupt im Weſen Wilhelms gelegen hätte. Das Merk⸗ würdige bei ihm war, daß er ſich nie einen Zwang auferlegte aus Rückſicht für Andere, aber Keinem ver⸗ gönnte, in ſeine eigene Freiheit einzugreifen. In ſei⸗ nem Urtheil über Menſchen ſprach er ſich ganz offen über Jeden und bei Jedem aus, ebenſo über Regie⸗ rungen, öffentliche Charactere und politiſche Tendenzen; war aber die Rede von Religioſität, von Liebe, von Freundſchaft, kurz von allem Jenem, was unbedingt 108 In Ungarn. außerhalb der Region des Verſtandes liegt, ſo ſchwieg er ganz ſtill und beobachtete nur, wie die Andern ſich dabei vernehmen ließen. Agnes traute ihm aber tiefes Gefühl zu, weil ſie bei ihm, dem ſonſt ſo ſpöttiſchen und höhniſchen Manne, bei ſolchen Unterhaltungen nie einen Zug dieſer Art in ſeinem Geſichte entdeckte. Viel hatten ſie natürlich in dem Krankenzimmer nicht ge⸗ ſprochen, aber doch zuweilen, als die erſten bangen Tage in des Kranken Zuſtand keine Aenderung hervor⸗ gebracht, hatten Agnes, Eliſabeth und Wilhelm ſich auf ſeinen angedeuteten Wunſch um ſein Bett geſetzt, und da war manchmal trotz der gedrückten Stimmung eine ziemlich lebhafte Unterhaltung zu Stande gekom⸗ men. Wilhelms Urtheil imponirte Agnes in einem Grade, wie bisher Niemandes; die gemeinſchaftlichen Dienſte am Krankenbette, die Dankbarkeit für ſein ununterbrochenes Bleiben und vor Allem ſeine ärztliche Bedeutung beugten Agnes' ſonſt ſo ſprödes Gemüth in tiefer Demuth und kindlichem Vertrauen vor ihm. Sie empfand eine gewiſſe Scheu vor ihm, aber vielleicht auch deſto mehr Ehrerbietung, ſein junger Mund wurde fifk ſie in dieſen traurigen Tagen ein prieſterliches Orakel. Der Arzt, der mit uns einen ge⸗ liebten Kranken pflegt, iſt ja immer der Prophet unſeres höchſten Schickſals. In Ungarn. Am ſechzehnten Tage— es war ein ſonnenheller Morgen, Wilhelm hatte das Fenſter geöffnet, weil der Kranke es wünſchte, die ſchöne unvergleichliche Herbſtluft des ungariſchen Landes wehte wie Wohlge⸗ ruch in das Zimmer— Agnes verließ es auf einen Au⸗ genblick, um ſich umzukleiden, Wilhelm und Eliſabeth waren bei dem Kranken— da wiederholte ſich der Schlaganfall! Als Agnes kam, vernahm ſie nur noch des Vaters letzte Athemzüge, dazu zwitſcherten die Vögel und ferne, ganz ferne vernahm man die Töne des„Debreczin Magyar,“ von einer Zigeunerbande in der letzten Schenke des Dorfes geſpielt. Als Wilhelm leiſe ſagte:„Er hat vollendet,“ er⸗ tönte kein Ruf aus Agnes' Mund, keine Thräne trat in ihr Auge, ſie wandte nicht den Blick von dem Antlitz des Vaters, nur ihre beiden zuſammengepreßten Hände preßten ſich noch feſter. Eliſabeth, die an der andern Seeite des Bettes ſtand, wagte nicht ſich zu rühren, Wilhelm aber, der neben Agnes ſtand, machte eine ihrer Hände los und hauchte leiſe einen Kuß darauf. Dann ließ er ſogleich ihre Hand wieder los, als be⸗ reue er dieſen Ausbruch ſeines ſonſt ſo ſtreng verſchloſ⸗ ſenen Gefühls. Aber dennoch hatte dies Zeichen von Theilnahme von ihm Agnes äußerlich ins Leben zu⸗ anßer Pjn. Sie wandte ſich jetzt aber ab, weil ihre Füße ſie nicht mehr trugen, ſie ließ ſich von Wilhelm an den nächſten Seſſel führen, und da kam denn Eliſabeth und kniete vor ſie hin und weinte und ſchluchzte aus tiefer Bruſt, und Agnes legte ihr die Hand auf den Scheitel und ſtrich ihre Locken aus der Stirne, wie man es einem betrübten Kinde thut, indem ſie keinen Blick von des Todten Antlitz wandte. Ihre Züge waren auch wie die einer Todten, nur die glänzenden Augenſterne verriethen Leben, aber kein Zucken der Wimper, kein Zittern des Mundes kündete von ihrem Unglück. Wilhelm beobachtete ſie eine Weile, dann ſagte er ſo weich und mild, wie der Ton ſeiner Stimme nie geweſen: 4 „Es iſt beſſer, liebes neeulein Sie gehen ein wenig ins andere Zimmer. Soll Eliſabeth Sie begleiten, oder wollen Sie allein ſein?“ „Wie ſie will,“ ſagte Agnes mit einer Stimme, die keiner ihrer Freunde für die ihrige erkannt haben In Ungarn. 111 würde;„wie ſie will— aber— man muß mich nicht verhindern wiederzukommen— wenigſtens noch einmal!“ „Gewiß nicht,“ ſagte Wilhelm und bot ihr den Arm. Sie ſchüttelte den Kopf, auch auf Eliſabeth ſtützte ſte ſich nicht und ging feſt und ſtill dahin, wo man es haben wollte. Eliſabeth blieb aus Beſcheiden⸗ heit zurück, Agnes bemerkte es gar nicht, ſie war ja doch allein auf der Welt! Wiebenles Iapilel. Ein Tag verfloß nach dem andern und endlich ver⸗ goß Agnes die erſten Thränen, aber dann auch ſtrom⸗ weis, daß ihre Augen ganz ſchwach und verſchleiert wurden. Wilhelm wohnte ſeit dem Begräbnißtage wieder auf der Puſta, kam aber täglich herüber gerit⸗ ten, um nach Agnes zu ſehen, deren Zuſtand ihn be⸗ ängſtigte. Solchen tiefen verwüſtenden Schmerz hatte er bisher nicht für möglich gehalten, da ihm all ſolcher Jammer immer nur von Verzweiflung und Wehklagen begleitet entgegen getreten war. Verzweifelt war Agnes nicht. Sie hoffte feſt, bald zu ſterben, um jenſeits zu ſein, und an einer Wieder⸗ vereinigung mit ihrem Vater zweifelte ſie keinen Au⸗ genblick. Dieſer feſte Glaube, ein Erbtheil der tiefen Religioſität ihres Vaters, erhielt die Kraft ihres . In Ungarn. 113 Geiſtes, der außerdem bei ſeiner furchtbar lebhaften Bewegtheit einer Störung nicht entgangen wäre. Die Menſchen bedauern gewöhnlich mehr ein Mädchen, die einen Liebhaber, einen Gatten, der ein theures, ihm kürzlich angetrautes Weib verliert, als eine Mutter, die ihr Kind, ein Kind, das ſeine Mutter oder ſeinen Vater verliert; und doch iſt jede Liebe, die zur Hälfte Leidenſchaft iſt, nicht ſo ſeelendurchdringend und herz⸗ erfüllend. Die Leidenſchaft verbleicht, aber die Liebe bleibt, und eine große Liebe ohne Leidenſchaft iſt im⸗ mer nach Verlauf von Jahren noch unendlich viel grö⸗ ßer, als die größte leidenſchaftliche Liebe. Agnes hatte ſeit ihrem Verluſte Niemand geſehen als Wilhelm und Eliſabeth. Mit Erſterem aber ſprach ſie mehr und offener, als mit der Freundin. Obgleich Beide natürlich ihren Schmerz vollkommen begriffen, ſo begriff doch eigentlich Keines von Beiden ſeine Wir⸗ kung in ihrer Seele; Wilhelms Umgang aber ſagte ihr mehr zu, weil er ſie weniger ſtörte. Eliſabeth war eine durchaus kräftige, geſunde Natur, Hingeben, Ver⸗ ſinken, Schwärmen im Schmerz wie in der Freude war ihrer friſchen Innerlichkeit etwas durchaus Unverſtänd⸗ liches— und da ſie Agnes wie ſich ſelber liebte, meinte ſie fortwährend, ſie erheben und herausreißen zu müſ⸗ ſen, wie ſie es ſelbſt gethan haben würde und auch Gegen den Strom. II. 8 * 114 In Ungarn. öfter gethan hatte. Sie redete ihr nicht zu, aber ſie wollte ſie zerſtreuen, Agnes ſollte mit ihr ſpazieren gehen, nachdem erſt einige Tage verfloſſen, ſollte ſie Herr ihres Schmerzes werden. Da Agnes nun auf Erden nichts mehr liebte als ihren Schmerz, ſo verletzte ſie dies Streben fortwährend. Wilhelm hingegen ließ die Verwaiſte vollkommen gewähren. Wie er ſich ſelbſt und jeder ſeiner Regungen nachgab, dieſelbe Freiheit geſtattete er auch ſeinen Kranken, und das war Agnes im ganzen Sinne des Wortes. Sie genoß beinahe nichts, kein Schlaf kam in ihre Augen und ſie wurde ſo bleich und mager, daß ſie mit dem Schmerzenszug um die Augen in wenig Tagen um Jahre gealtert erſchien. Mit Wilhelm ſprach ſie fortwährend von ihrem Vater; er hörte ihr aufmerkſam zu, wie er überhaupt zu den Menſchen gehörte, die lieber hören als ſelbſt ſprechen. Jeden Nachmittag kam er und dann ſaß er bis zur Dämmerung bei ihr und ließ ſich erzählen, und war immer derſelbe milde, freundliche und theilneh⸗ mende Zuhörer. Kein Zug der Ungeduld, kein Wort des Tadels war bei ihm zu gewahren. Agnes bewun⸗ derte ſeine Geduld, wenn er fort war, ohne zu beden⸗ ken, daß es die Geduld eines Arztes bei einer bemit⸗ leidenswerthen Kranken war. — In Ungarn. 115 So waren vier Wochen verfloſſen, als Wilhelm eines Tages bei Agnes ungewöhnlich ſpät erſchien. Aufgeregt kam ſie ihm entgegen und fragte haſtig: „Warum haben Sie ſo lange auf ſich warten laſſen?“ „Ach, mein gnädiges Fräulein, das iſt mir ſehr leid— aber— ich habe einen Brief erhalten, der mich augenblicklich nach Peſth ruft.“ „Sie gehen?“ fragte Agnes und war ſo erſchrocken, daß ſie ſich ſelbſt nicht begriff. Ueber all ihrem Schmerz hatte ſie gar nicht bemerkt, wie ſehr ihr krankes Herz ſich an Wilhelm angeſchloſſen. „Ich muß wohl. Ehe ich hieher ging, bewarb ich mich in Peſth um eine Stelle bei dem dortigen Hospi⸗ tal. Ich dachte nicht entfernt daran, daß man ſie mir geben werde, weiß Gott, wie es geſchehen— jetzt ſchreiben ſie mir, ich ſolle augenblicklich eintreten.“ Agnes ſagte nichts, ſie trat ans Fenſter, aber Wilhelm, der hinter ihr ſtand, ſah bald am convul⸗ ſiviſchen Zittern ihres ganzen Körpers, daß ſie heftig weinte. Er erſchrak nicht— auch kam kein Zug des Mit⸗ leids auf ſein Antlitz, nein, im Gegentheile, ſeine Augen leuchteten ſtolz und freudig— gerührt war er nicht im Mindeſten. 116 In Ungarn. Nach einer langen Pauſe, in der ſich nichts änderte, ſagte er endlich:„Wenn Sie mich vermiſſen ſollten“⸗— Agnes wandte ſich raſch zu ihm, ihre Augen leuch⸗ teten, ſie weinte nicht mehr, aber ihr Antlitz war noch in Thränen gebadet und ihre Stimme zitterte noch im Nachklange der heftigen Empfindung. „Sie vermiſſen? Sie reden zum erſten Male wie ein gewöhnlicher, ein Alltagsmenſch. Sie ſind mein einziger Troſt geweſen— aber ich habe das bis jetzt ſelbſt nicht überlegt! Doch— auch das muß noch ge⸗ ſchehen! Leben Sie alſo wohl und ſein Sie glücklich!“ Dann aber fügte ſie mit von Neuem ausbrechenden Thränen hinzu, indem ſie ihm die Hand entgegen ſtreckte:„Gott lohne Ihnen, was Sie für ihn und mich gethan! Gott lohne Ihnen!“ Wilhelm hielt ihre Hand feſt. Sein Geſicht wurde ſo bleich, daß Agnes es durch ihre ſtrömenden Thränen gewahrte und erſchrocken den Athem anhielt. „Agnes“— und Wilhelms ſonſt ſo ſtolze Lippen zit⸗ terten, und ſeine Augen bohrten ſich beinahe drohend in die ihren, als er fortfuhr:„Agnes— laſſen Sie mir Ihre Hand, wenn ich Ihr einziger Troſt bin! Geben Sie mir Ihre Hand— folgen Sie mir nach Peſth!“ 5 Agnes ſchlug die Augen nieder, aber ſie entzog ihm In Ungarn. 117 ihre Hand nicht.— Wie er ſo die bleiche, gebeugte Geſtalt in Trauerkleidern anſah, kam ihm ſein Werben um das kranke Herz ſelbſt frevelhaft vor— aber er kehrte nicht um. Mehrere Secunden verfloſſen ſo, dann ſagte Agnes: „Setzen wir uns.“ Und als ſie Beide Platz genommen, legte ſie ſich weit zurück und ſprach leiſe, aber deutlich: Sie hätten noch ein wenig warten ſollen, Roſe— Sie hätten nur dabei gewonnen!“ „Alſo— Sie wollen nicht?“ Agnes ſah ihn mit einem wehmüthigen Lächeln an. „Das iſt wieder ſo eine Frage wie vorhin, als Sie fragten, ob ich Sie vermiſſen werde! Sie ſind mir der liebſte Menſch auf Erden, ja noch mehr, Sie ſind der einzige Menſch, den ich liebe, ſo wie Sie der Ein⸗ zige ſind, der mich liebt!“ Wilhelm unterbrach ſie nicht, in lautloſer Span⸗ nung hing ſein Auge an ihren Lippen. „Wenn ich nach Verfluß der Trauerzeit noch lebe, will ich gern die Ihre ſein, aber“— „Agnes, liebe Agnes, kürzen Sie dieſe Trauerzeit ab— um meinet— um Ihretwillen, da Sie ganz ver⸗ laſſen und ſchutzlos ſind.“ „Das bin ich nicht. Eliſabeth iſt bei mir und Eli⸗ ſabeth iſt wie ein Mann, und jetzt, wenn ſie ſo etwas 118 4 In Ungarn. von mir hört, werden wir auch beſſer mit einander aus⸗ kommen! Sie wird zufrieden mit mir ſein.“ Das war eine ſonderbare Verlobung, Keines von Beiden hatte heute Morgen noch daran gedacht. Wilhelm war ſeit der Krankheit des Herrn von Stein entſchloſſen, um deſſen Tochter zu werben, denn ſte beſaß die Eigenſchaften, auf welche er ſeit Ludmil⸗ lens Täuſchung allein noch Werth legte bei einer Frau— doch nicht ſo ſchnell hatte er gehofft, zum Ziele zu gelangen, und erſt Agnes' Trauer bei der Kunde ſeines Weggangs hatte in ihm den Gedanken ge⸗ weckt, vor ſeiner Abreiſe ihr Jawort zu gewinnen. Er liebte Agnes, aber ſo wie ein Mann ſeines Characters ein Mädchen liebt, nachdem ein anderes ſeine erſten und darum beſten Empfindungen verhöhnt und ver⸗ rathen. Er liebte Ludmillen nicht mehr, aber er hatte ſie doch auch nicht vergeſſen. Agnes hingegen dachte eben nur an ihn. Es kam ihr vor, als ſegne ihr Vater dieſen Bund. Die Er⸗ innerung an Albert war durch den Glauben an ſein leichtſinniges Spiel in ihr zurückgedrängt, ſie war verbleicht. Vor einer Stunde hatte ſie freilich ge⸗ glaubt, ſie liebe auf Erden nur noch diejenigen, welche in der Erde ruhten, aber auch ſie war an In Ungarn. 119 ihrem Erſchrecken bei Wilhelms Abſchiedsworten ge⸗ wahr geworden, was er ihr war. Ihr Herz gehörte ihm, aber freilich war es krank, und wer kann auf die Stimme eines kummerkranken Herzens hören! Doch— nicht unheilbar war es krank, das fühlte ſie ſchon jetzt, denn ſie konnte noch lieben. IV. Frauen und Opfer. —„ WDrſtes Sbapilel. Sechs Jahre ſind verfloſſen und dieſe ſechs Jahre laſſen unſere Erzählung bei einem Zeitpunkte anlangen, wo es, bevor wir dieſelbe fortſetzen, nöthig iſt, den Blick von den Schickſalen unſerer Bekannten in Ungarn zu einer Ueberſchau auf die Schickſale des Landes ſelbſt zu erheben.. Jedermann kennt den letzten Act jenes größten Trauerſpiels unſerer Zeit, das mit dem Untergange Ungarns endete; aber weniger bekannt als die herzzer⸗ reißenden Schlußſcenen ſind die früheren Begebenhei⸗ ten dieſes gewaltigen Dramas, und doch ſind ſie es, welche erſt die ganze Verwerflichkeit des Verfahrens zeigen, mit dem von Neuem der legitime Abſolutismus Oeſterreichs die Geſchichte Europas befleckt hat. Das Königreich Ungarn, das noch unter Ludwig dem Großen beſtimmt ſchien, ſich als ebenbürtige Groß⸗ 124 Frauen und Opfer. macht neben das deutſche Reich zu ſtellen und mit die⸗ ſem verbrüdert dem Oſten die Stirne zu bieten, war nach und nach durch den Mangel an einer feſtgewurzel⸗ ten Thronerbfolge, durch ſeine innern Zwiſte und durch die Türkennoth ſo gebrochen, daß es im Laufe der Zeit zum Schauplatz jener unſeligen Ränke werden konnte, welche man die habsburgiſche Familienpolitik nennt. Dieſe Familienpolitik, deren oberſter Grundſatz lautet: Es giebt keine Völker, ſondern nur Unterthanen, denen Gott die Fürſten als unumſchränkte Herrſcher geſetzt hat, war in allen öſterreichiſchen Landen ſiegreich ge⸗ worden. Sie hielt den Deutſchen in ſeiner gemüthlichen Dienſtbarkeit, den Italiener in zitterndem Gehorſam, den Böhmen in ſtrenger, chineſiſcher Abgeſchloſſenheit. Nur an Ungarn hatte ſie ſich gebrochen. Die Conſtitu⸗ tion des ungariſchen Königthums war ein Bollwerk geblieben gegen die treuloſe und blutgierige Unter⸗ drückungsluſt der Habsburger, deren Windiſchgrätz und Haynau des ſiebzehnten Jahrhunderts, die Henkers⸗ knechte Caraffa, Belgiojoſo, Baſta, ſchon vor vielen Menſchenaltern umſonſt das Blut der Magyaren hatten in Strömen fließen laſſen. Die Ungarn hielten die Ver⸗ faſſung aufrecht, eine Verfaſſung, die mittelalterlich, ohne zeitgemäße Weiterbildung, die monſtrös— aber doch ein Bollwerk war. 4 Frauen und Opfer. 12⁵ So kam es, daß im Oſten Europas bis auf unſere Tage ein Volk lebte, welches beſtimmte Rechte ſich er⸗ halten hatte, das nicht ein willenloſes Spielwerk ſeiner Fürſten geworden, ein Volk endlich, das einen hohen Grad von innerer Unabhängigeit behalten, ein nicht feeies, aber doch Rechte und Freiheiten beſitzendes Volk. Welche Anomalie zwiſchen dem geknuteten Polen, dem in Schlummer gehaltenen, durch Cabinetsordres und Handbillets regierten Deutſchland, der abſterbenden Welt des Osmanenthums! Es ließ ſich vorausſehen, daß der immer ſtolzer vor⸗ gehende Siegesſchritt des Abſolutismus dieſer Anoma⸗ lie ein Ende machen werde, wenn das Schickſal nur noch die Dauer weniger Jahre ihm beſchieden habe. Auch that dieſer Abſolutismus endlich ſein Mög⸗ lichſtes; was Ferdinand II., was Joſeph II., was jener Franz I., der ſich den Gerechten nennen ließ, und der doch zu jenen Fürſten gehörte, die dieſen Namen am wenigſten verdienten, umſonſt verſucht, das nahm der ſpäter in Metternich fortlebende Geiſt jenes abſcheu⸗ lichen Schleichers, Franz II., wieder auf. Die Verfaſ⸗ ſung Ungarns bot, wie erwähnt, große, ja lächerliche Schwächen, unausbleibliche Folgen jeder Veraltung. Das herrſchende Volk der Magyaren übte Unter⸗ drückung und Tyrannei über die andern das Reich be⸗ 126 Frauen und Opfer. wohnenden Stämme. An dieſe Schwächen drängte ſich das Minirſyſtem Metternichs und ſeiner Werkzeuge. Dieſelben Menſchen, die von der Wiener Haus⸗, Hof⸗ und Staatskanzlei aus die Italiener mit brutaler Ge⸗ walt niederhielten und in Deutſchland jeden freien Athemzug verfolgten, waren bis zu Thränen gerührt, wenn ſie von dem Drucke ſprachen, den die Magyaren auf die Slovaken und Croaten ausübten! Dieſelben Menſchen, bei denen der Adelshochmuth bis zu einer titanenhaften Arroganz ſich ausgebildet hatte, waren die philanthropiſchen Fürſprecher des Landvolks, das in Ungarn unter den Privilegien der Edelleute ſeufze! Einem ſolchen heuchleriſchen Miniren folgten bald die directen Angriffe auf die Verfaſſung der Ungarn. Die Legitimität, deren Weſen die Undankbarkeit iſt, lohnte den Ungarn die Rettung des öſterreichiſchen Kaiſerthums unter Maria Thereſia und in dem Coali⸗ tionskriege gegen Frankreich ſchon lange durch das Syſtem der Grenzſperre, die Ungarn in ſeinem eignen Reich⸗ thum erſticken und verarmen ließ, durch die Beförderung Alles deſſen, was zur Entſittlichung der Nation beitra⸗ gen konnte, durch die Verkümmerung des öffentlichen Unterrichts, durch die Verfolgung der erſtehenden Indu⸗ ſtrie. Aber endlich begann ſie zu directen Angriffen und Verletzungen der Verfaſſung überzugehen und ſandte Frauen und Opfer. 127 als Werkzeug zu dieſem Ende den Kanzler Apponyi nach Ungarn. Je weiter jedoch Metternich vorſchritt, deſto weiter war auch in Ungarn der öffentliche Geiſt, die politiſche Bildung vorgeſchritten, deſto größer war die Wachſam⸗ keit der Nation geworden. Das Glück wollte, daß ſich Männer wie Koſſuth und Batthiany im entſcheiden⸗ den Angenblicke fanden, um ſich als eiferſüchtige Hüter vor die bedrohten Rechte der Nation zu ſtellen und in kurzer Zeit aus dem Reiche der Magyaren nichts An⸗ deres zu machen, als ein einziges großes Feldlager der Oppoſition. So kam der letzte ungariſche Reichstag zuſammen, der Reichstag Koſſuths, der Reichstag der Märzrevo⸗ lution. Der Kampf des Volkes wurde über Nacht zum Siege des Volkes. Am 19. April 1848 unter⸗ ſchrieb Kaiſer Ferdinand alle Forderungen der Magya⸗ ren, er ſtellte dem Reiche der Ungarn ſeine volle Unab⸗ hängigkeit zurück. Ein ſelbſtſtändiges Miniſterium un⸗ ter Batthiany, Verlegung des Reichstags nach Peſth, ein ſelbſtſtändiges ungariſches Heer waren die gewähr⸗ ten Hauptgarantien dieſer Unabhängigkeit. Aber jetzt erhob ſich im Innern Ungarns eine ge⸗ waltige Bewegung der ſlaviſchen Stämme, die in der Fortdauer der öſterreichiſchen Regierung eine Bürgſchaft 128 Frauen und Opfer. wider die Uebergriffe der Magyaren gegen ihre Natio⸗ nalität ſahen. Ihre große Verſammlung in Karlowitz eröffnete dieſe Bewegung, welche alsbald in dem neuen Ban von Croatien einen entſchloſſenen und gewandten Führer erhielt. Das ungariſche Miniſterium verſuchte alle Mittel, dieſe ſlaviſch⸗croatiſche Oppoſition friedlich zu verſöh⸗ nen, und würde ſicherlich dieſen Zweck erreicht haben, wenn nicht die habsburgiſche Familienpolitik ſich der⸗ ſelben zu ihren Zwecken bemächtigt und ſie mit aller Macht unterſtützt hätte, während ſie zugleich den Ma⸗ gyaren gegenüber in einen wahrhaft trunkenen Taumel von Geſetzloſigkeit gerieth. Der Ban von Croatien griff zu den Waffen. Vom öſterreichiſchen Hofe war keine Vermittlung zu hoffen, wohl aber jegliche Unterſtützung des rebelliſchen, gegen die Krone Ungarn empörten Jellachich. Das Miniſte⸗ rium Batthiany nahm deshalb ſeine Entlaſſung. Der Palatin von Ungarn, Erzherzog Stephan von Oeſter⸗ reich, entfloh. Koſſuth wurde zum Dictator ernannt. Ungarn bereitete ſich auf einen großen Kampf vor. Die Ständetafel hatte am 13. September die Aufſtel⸗ lung einer Armee, von zweimalhunderttauſend Mann beſchloſſen. Der Ban von Croatien war bereits im Her⸗ zen Ungarns angekommen; daß hinter ihm ein größe⸗ Frauen und Opfer. 129 rer Feind ſtehe als ſeine Croatenhorden, das ahnte ein Jeder. In allen ungariſchen Herzen ſchlug des⸗ halb die freudige Hoffnung Wurzel, daß es jetzt endlich zum entſcheidenden letzten Kampfe zwiſchen den tauſend⸗ jährigen Rechten Ungarns und dem Machiavellismus der Habsburger kommen werde. In keinem Herzen erregte dieſe Hoffnung größeren Jubel als bei unſern ungariſchen Freunden, der Familie Horvath und den Geſchwiſtern Serenyi, Eliſabeth vor Allen, ja auch bei Agnes,— jetzt Roſe's Gattin! Bei Agnes' Verheirathung hatte jene ſich von dieſer die Verwaltung ihres Gutes ſammt dem Wohnſitze auf demſelben erbeten, und als Agnes auf dieſen Wunſch nicht eingehen wollte, weil ſie ſich nicht entſchließen konnte, die praktiſche, heitre Freundin in ihrem neuen Hauſe in Peſth zu miſſen, wurde Eliſabeth ganz traurig. „Es iſt der einzige Wunſch meiner Seele,“ ſagte ſie eifrig,„hier auf dem Caſtell zu bleiben. Ich kenne das Gut und die Menſchen, ſie kennen mich und vertrauen mir, und dabei iſt es die einzige, mir bekannte Gelegen⸗ heit, mich mit allen meinen Kräften recht nützlich zu machen und— laſſen Sie mich es geſtehen— das mir allein zuſagende unabhängige Leben zu führen.“ Dies letzte Argument ſiegte bei der feinfühlenden Agnes und ſie gab nach, und Eliſabeth bewohnte jetzt Gegen den Strom. II 9 130 Frauen und Opfer. ſeit ſechs Jahren das Caſtell. Im Sommer kam Agnes auf Wochen und Monate heraus und im Winter gab Eliſabeth ihren dringenden Bitten nach und beſuchte ſie auf einige Zeit in Peſth. Außerdem gingen mit jeder wöchentlichen Victualienſendung vom Gute nach Peſth noch Briefe her und hin, die Miſchka, der auf dem Gute geblieben, auf's Treueſte beſorgte. Eliſabeth hatte bis vor Kurzem ihr Leben freudlos und reizlos verbracht, weil ſie ſich in ihrer wärmſten „Hoffnung, der Erhebung ihres geliebten Vaterlandes, fortwährend getäuſcht geſehen. Jetzt plötzlich war ſie gehoben, die erſten Schritte zur Vertheidigung, zur Selbſtſtändigkeit waren geſchehen! Eliſabeth ſtrahlte verjüngt und verſchönert! Mit der Familie Horvath kam ſie beinahe täglich zuſammen. Die drei melancholiſchen Fräulein waren auch zum nicht Wiedererkennen veränderk— ſie hatten endlich eine Lebensaufgabe, eine Beſtimmung gefunden — ſich für das erwachende Vaterland zu opfern. Ihr jüngſter Bruder war nach Peſth gegangen, um ſich zum Eintritt in die neue ungariſche Armee zu melden, und mit ſeiner militairiſchen Ausſtattung hatten ſie ſich voll⸗ auf zu thun gemacht, denn ſeine junge Frau war unter⸗ deſſen geſtorben und er lebte ſeit dret. Jahren wieder ganz unter dem mütterlichen Dache. Frauen und Opfer. 13¹ Die Merkwürdigſte der Familie war aber auch jetzt wie immer die alte Mutter, die noch immer miteiſerner, nicht nachlaſſender Hand die Zügel hielt und über das Schickſal ihrer Kinder entſchied. Sie allein, die alte Pythia, blieb ernſt und gehalten, ja ernſter als gewöhn⸗ lich, ſie allein ſah einen blutigen, lange währenden Kampf voraus und traf deshalb die umfaſſendſten und weit⸗ ausſehendſten Vorbereitungen. Sie füllte ihre Ställe mit zahlreichen tüchtigen, ſchnellfüßigen Pferden, und ganze Heerden von Ochſen und Schweinen ließ ſie⸗ 6 ſchlachten und in Fäſſern einpökeln. Dann kaufte ſie Getreide, Branntwein und Früchte, ſo weit nur ihre Kaſſe reichte, und als alle ihre Vorräthe geſammelt und geordnet, ließ ſie durch treue Knechte in der Nacht verborgene tiefe Gruben graben und verwahrte darin die Fülle ihrer für die Kämpfer des Vaterlandes auf⸗ gehäuften Reichthümer. Ihre Kinder erachteten dieſe Vorſichtsmaßregeln als überflüſſig und eines Abends fand ihr Sohn, der ge⸗ rade auf einige Tage von Peſth eingetroffen war, den Muth, ihr dies geradezu zu ſagen, wobei ſeine drei Schweſtern ihn freilich nur mit den Augen zu unter⸗ ſtützen wagten. „Entweder,“ ſchloß er zuverſichtlich,„ſind wir Sie⸗ ger ohne Kampf, weil die Oeſterreicher uns gar nicht 92 —— —õ——ynnſ Frauen und Opfer. in unſerm Lande anzugreifen wagen, oder— wir über⸗ wältigen ihre Söldlinge mit leichter Mühe. Wenn Ungarn aufſteht, iſt es unüberwindlich, denn jeder Ma⸗ gyar, der für ſein Vaterland kämpft, iſt ein Held!“ Die alte Dame entgegnete finſter:„Auch Helden erliegen der Uebermacht. Ich habe für uns keine Sie⸗ gesahnungen, aber eben deshalb bin ich auch bedacht, dem verhaßten Feind den Sieg ſo ſchwer als möglich zu machen, mit allen Mitteln, die mir armen Frau zu Gebote ſtehen, mit dem letzten Blutstropfen meines alten ungariſchen Herzens! Doch glaubt ja nicht, daß meine Zweifel an unſern Erfolgen bloß von trüben Ahnungen ſtammen, ach nein — es giebt eine wirkliche traurige Urſache, weshalb wir unterliegen werden.“ „Und das iſt?“ fragte geſpannt Lajos. „Unſer gutes Recht! Ja ſtaunt nur, das iſt allein die Urſache unſers künftigen Erliegens. Das Einzige, was ich aus Büchern gelernt, iſt die Geſchichte der Völker des Erdballs. Leſt ſie ſelbſt dieſe Geſchichte und ſagt mir, ob nicht von je die edelſten Völker geknechtet, beſtegt, von Tyrannen niedergetreten worden. Die Maſ⸗ ſen ſind immer elend geweſen, nur der Einzelne genießt hin und wieder ein erträglich Loos.“ Frauen und Opfer. 133 „Mutter, Mutter!“ riefen erſchreckt die Töchter, „wie finſter ſchauſt Du die Welt an!“ „Und habe ich etwa nicht Recht? Der alte Gott hat vom Anbeginne der Welt bis zu ihrem Ende ein fürch⸗ terliches Weſen, das wir Schickſal nennen, über uns geſetzt. Einzelne Lieblinge entreißt er dieſem Ungethüm, die Menge läßt er unter ihm verbluten. Nennt mir ein ein einziges edles glückliches Volk! Seht hin nach Spanien, Italien, Frankreich, Polen, Ungarn! Nennt mir nicht England und Amerika— England iſt nicht edel, ſonſt gäbe es kein Irland, und die Amerikaner ſind kein Volk; urſprünglich eine Hand voll zuſammenge⸗ würfelter Abenteurer, von denen die meiſten Krämer waren— deshalb ſind ſie praktiſch!— Die vertriebenen Indianer ſind wie ein Volk von Königen dieſen kunſt⸗ loſen, idealloſen, plebejiſchen Tagelöhnern gegenüber! Und überall, wohin mein Auge ſich kehrt, erliegt immer das Edlere dem Unedlen, nicht nur in der Ge⸗ ſchichte, auch in der Natur! die Taube dem Geier, das Reh dem Wolfe, die Gazelle dem Schakal, das Weib dem Manne!“ „Weil ſie ſchwächer ſind,“ ſagte die jüngſte Tochter. „Warum find ſie ſchwächer? Weil der alte Gott ſte ſchwach in die Hände ihrer Peiniger geliefert, und ſein Statthalter es nicht ändert.“ 1³4 Frauen und Opfer. „So glaubſt Du wirklich, Mutter, Gott kümmere ſich nicht mehr um uns?“ 4 Die alte Sybille ſchüttelte traurig den Kopf.„‚Nur einmal hatte er Mitleid mit dem grenzenloſen Elend 8 hier unten— als er uns Chriſtum ſandte! Chriſtus, der unvergleichlich Schöne und Reine, er, das Gegen⸗ theil von Allem, was hier lebt, er, der das Gegentheil von Allem lehrte, was die Menſchen bisher getrieben und errungen, er, der ſelbſt ohne ſeine göttliche Abkunft das erſte Wunder der Welt geweſen ſein würde! Seine Erſcheinung iſt das Einzige, was die Ar⸗ men, Elenden und ungerecht Verfolgten zum Troſte, zur Sicherheit haben, daß jenſeits es eine Vergeltung giebt. Seine Worte ſind der einzige Lichtſtrahl im Unglück der Völker, wie des Einzelnen, ſein Leben und ſein Tod ihre einzige Genugthunng! Mag auch ein Volk noch ſo gerecht, noch ſo edel ſein, wie er iſt Niemand, und mag es auch noch ſo ſehr geknechtet, geſchändet und gemordet werden, wie ihm geſchieht keinem!“ So hatte die Alte noch nie zu ihren Kindern ge⸗ redet. Mit bangem Zittern blickten die Töchter, mit Scheu der Sohn nach ihr, die daſtand wie eine Prie⸗ ſterin der Alten. Ihr dunkles Kopftuch hatte ſich zurück⸗ geſchoben und zeigte frei die hohe, gebietende, weiße Stirne, die, von einzelnen ergrauten Löckchen umgeben, Frauen und Opfer. 13⁵ nur um ſo heller leuchtete; dazu die ſchwarzen Augen mit den ſcharfen, pechſchwarzen Brauen und über dem feſtgeſchloſſenen, noch immer edlen Mund die feine aſiatiſche Naſe— zum erſten Male fanden die Mädchen ihre Mutter ſchön, ein Gedanke, der ihnen bisher nie gekommen, was ſich ziemlich leicht erklären läßt, wenn man bedenkt, daß ſie ſie nie anders als im braunen Kopftuch, der Tuchjacke und dem ſchwarzen Flanellrocke geſehen und zwar nie recht angeſehen, weil ſie aus Bangigkeit es nicht gewagt! Ihre Mutter war immer für dieſe ſchuldloſen, gutmüthigen Geſchöpfe der Gegen⸗ ſtand des Schreckens, der Vertreter einer ſtrafenden Macht geweſen. Die alte Frau ſaß in tiefes Sinnen noch verloren, ihre Töchter wagten ſich nicht zu rühren, als die Thüre ſich öffnete und Eliſabeth mit ihrem Bruder eintrat. Frau von Horvath eilte ihnen haſtig entgegen. „Sie kommen von Peſth; was bringen Sie Neues, Herr von Serenyi?“ Serenyi's Augen leuchteten.„O, Alles geht herr⸗ lich! Wir rüſten! Ich habe noch heute Morgen mit dem edlen Ludwig Batthiany geſprochen. Der hofft freilich noch immer auf friedlichem Vergleichungswege mit Oeſterreich fertig zu werden, aber, Gott ſei Dank, er hofft doch nicht zu feſt! 136 Frauen und Opfer. Daß dieſe Oeſterreicher uns ein ſelbſtſtändiges Heer verbürgen mußten, iſt doch trotz allem ſeinem Vertrauen“ hauptſächlich ſein Werk. Koſſuth hingegen vertraut ihnen nicht ſo viel,“ und er ſchnalzte dabei mit den Fin⸗ gern;„der beſte Beweis ihrer hinterliſtigen Geſinnung iſt ja, daß ſte uns einen Croaten entgegen ſchicken.“ Frau von Horvath nickte.„Das iſt die einzige Klugheit der Oeſterreicher. Gute Mittel, um ihre ver⸗ ruchte Despotie zu erhalten, finden ſie nie, aber gute Werkzeuge immer.“ Das kommt daher,“ ſagte Serenyi,„weil ſie nur den Inſtinkt, aber nicht das Genie der Tyrannen beſitzen.“ „Ja, ja,“ ſagte die alte Ungarin lächelnd,„Genie haben ſie wahrhaftig nicht.— Aber was führt Sie heute aus dem ſo ereignißreichen Peſth nach aunſerm ſtillen Lande?“ „Ich will meine Schweſter abholen. Die Doctorin Roſe hat mich dringend in einem Billet darum erſucht, ohne mir den Grund anzugeben, weshalb ich vermuthe, daß es ein wichtiger iſt.“ „Da hört man den Advocaten,“ ſagte Eliſabeth ſpöttiſch. „Oder nur den Mann,“ ſetzte Frau von Horvath hinzu,„weil die Männer immer glauben, die Frauen theilten nur Unwichtiges mit!“ Frauen und Opfer. 137 „Oho, meine gnädige Frau! Sie wiſſen wohl, wie hoch ich Ihr Geſchlecht ſtelle. Aus lauter Verehrung habe ich nicht gewagt, einer davon einen ſo unwürdigen Menſchen, wie ich bin, zum Gemahl aufzudrängen.“ Frau von Horvath bewegte nur abweiſend die Hand gegen Serenyi; auf ſolche„Redensarten“ gab die ſtolze alte Frau nie eine Antwort. Serenyi's Verſicherung imponirte ihr ohnedem ſehr wenig, da ſie nur zu genau wußte, welche Mühe er ſich einſt gegeben, ſie in Be⸗ ziehung auf ihre dritte Tochter von ihrer Nichtverheira⸗ thungsmarime abzubringen. Die Wangen der armen Marie verloren ohnedem noch immer etwas von ihrer gewöhnlichen Bläſſe, wenn Herr von Serenyi gegen⸗ wärtig war. Eliſabeth war nur auf die Puſta gekommen, Ab⸗ ſchied zu nehmen, und ſchied deshalb bald mit ihrem Bruder. Noch denſelben Abend fuhr ſie nach Peſth. Sweiles Sapilel. Agnes bewohnte in Peſth den zweiten Stock eines ohnweit der Donau gelegenen großen Hauſes. Breite ſteinerne Treppen führten zu ihr, hohe, ſchöne Zimmer öffneten ſich vor Eliſabeth und ihrem Bruder, als ſie bei völliger Dunkelheit Abends angekommen waren, aber nirgends ein Laut— Todtenſtille durch die ganze Wohnung. Als der Bediente das dritte Zimmer, wo ſich Agnes gewöhnlich aufhielt, öffnete, herrſchte darin die tiefſte Finſterniß, aber aus der dunkelſten Ecke ertönte Agnes' Stimme, die eben wieder ihrer Gewohnheit, im dunklen Zimmer ihren Gedanken nachzuhängen, ſich hingegeben hatte. Sie umarmte zärtlich die Freun⸗ din und ſtreckte dem Bruder herzlich die Hand ent⸗ gegen. Dann befahl ſte Licht zu bringen. Frauen und Opfer. 139 „Tauſend Dank, Serenyi, daß Sie ſie mir gebracht!“ „Hier iſt doch nichts vorgefallen?“ fragte Eliſabeth. „Vorgefallen nichts. Die beiden Kinder und Wil⸗ helm ſind wohl, aber ſeit ein paar Tagen bin ich wie⸗ der ſo ſehr von trüben Ahnungen gepeinigt— und Du kennſt meine Unart, dieſen Ahnungen nachzuhängen; ich glaube, ich wäre aus Schwermuth geſtorben, wenn ich nicht das zuverſichtliche, troſtbringende, heitere Ge⸗ ſicht meiner Eliſabeth hätte zu ſehen bekommen, das ja, ſeitdem Ungarn ſich erhebt, wie eine Sonne ſtrahlt und funkelt!“ „Führe mich zu meinen Lieblingen,“ bat Eliſabeth, „ich kann es hier im Hauſe nicht ertragen, ſo lange ich die Kinder nicht geſehen.“ Agnes nahm eins der beiden Lichter, und indem ſie Herrn von Serenyi ein noch naſſes Zeitungsblatt zu⸗ ſchob, ergriff ſie der Freundin Arm und ging mit ihr durch das nächſte Zimmer in ein kleineres, grün verhan⸗ genes Cabinet. Da ſtanden zwei weiße Kinderbettchen— in dem einen ruhte ein Knabe von vier, in dem andern ein Mädchen von drei Jahren, zwei roſige Geſichtchen, die langen Wimpern im ſüßen Schlafe auf den vollen Wangen ruhend. Nachdem Eliſabeth einen flüchtigen Liebesblick auf die Kinder geworfen, hob ſie verſtohlen Frauen und Opfer. ihr Auge zur Mutter, und als ſie bemerkte, wie die im Anſchauen ihrer Lieblinge verſunken war, begann ſie genauer die Freundin zu beobachten. Agnes hatte ſich ſeit ihrer Verheirathung außer⸗ ordentlich verändert! Man konnte nicht von ihr ſagen, daß ſie älter oder häßlicher ausſehe, wie als Mädchen, aber ſie ſah ganz anders aus. Aus einer Centifolie war eine Viole geworden. Sie, die früher in Farbe und Fülle geglüht, war jetzt blaß und ſchmal, und der Zug, der früher der characteriſtiſche ihres Geſichtes ge⸗ weſen, der Zug fröhlicher Zuverſicht, war ganz daraus gewichen— ja, es gab Momente, wo ſie ängſtlich und muthlos ausſehen konnte. Vielen gefiel ſie jetzt beſſer wie früher, den Männern beſonders. Herr von Serenyi und Herr von Horvath beſonders prieſen ihre Schönheit als Frau und fanden, daß ſie früher viel zu übermüthig und kühn in die Welt geblickt habe. Ein weibliches Weſen aber, das ſie liebte, wie zum Bei⸗ ſpiel Eliſabeth, bei der mußte die Trauer bei ihrem Anblicke jedes andere Gefühl überwiegen. Weſſen Auge ſo ſtrahlte und jetzt ſo verſchleiert in die Welt blickt, iſt vom angebornen Throne ſeines Glückes ſehr tief herab⸗ geſtiegen. 8 In dieſem Augenblick freilich erinnerte der Ausdruck ihrer Züge an den ihrer Mädchenzeit. Sie war eine Frauen und Opfer. 141 leidenſchaftlich liebende Mutter, ſie hing an ihren Kin⸗ dern mit derſelben anbetenden Zärtlichkeit, wie ſie als Tochter an ihrem Vater gehangen. Jeder Athemzug ihrer Kinder war für ſie das ſüßeſte Wunder! Mit einem Lächeln beſann ſie ſich jetzt auf ihr müt⸗ terliches in Liebe ſich Vergeſſen. „Wir müſſen zu Deinem Bruder zurückkehren, Eli⸗ ſabeth, er wird mit ſeiner kleinen Zeitungsbeilage wohl zu Ende ſein.“ Und ſie gingen zurück in den Salon. Als Agnes, das Licht in der Hand, die Thüre öffnete, trat Wilhelm, den Hut auf dem Kopfe, zur entgegengeſetzten Thüre ein. Auguſt Serenyi hatte das Zimmer verlaſſen, und Eli⸗ ſabeth wurde nicht ſogleich von ihm bemerkt, da ſie hinter ſeiner Frau im Dunkel ſtand. Keine Bewegung ſeiner Hand, keine Miene ſeines Geſichtes begrüßte Agnes, die in der Mitte des Zim⸗ mers ſtehen blieb. „Guten Abend, Wilhelm,“ ſagte ſie, als er nach dem Tiſche ging und die Hand nach der Zeitung aus⸗ ſtreckte. „Guten Abend,“ ſagte er kurz und ohne ſie anzu⸗ ſehen, dann ſetzte er rauh hinzu:„Warum iſt nur ein Licht im Zimmer?“ „Herr von Serenyi hat das andere mit hinaus ge⸗ 8* 142 Frauen und Opfer. nommen, während ich mit ſeiner Schweſter bei den Kindern war!“ Eliſabeth mußte nun vortreten und den Hausherrn begrüßen, ſie that es etwas ſcheu, durch ſeine anſchei⸗ nend üble Laune geängſtigt; denn es war das erſte Mal ſeit Agnes' Verheirathung, daß ſie dem Manne unbewußt Beide ſo beobachtet hatte. Sobald ſte Wilhelm gewahrte, erhellten ſich ſeine finſtern Züge, und indem er raſch den Hut abnahm, ſtreckte er ihr freundlich die Hand entgegen.„O ſchön, daß Sie da ſind, Fräulein! Sie brauchen mir Ihre Empfindungen über die neueſten Ereigniſſe gar nicht mitzutheilen— Sie ſind ja ordentlich gewachſen durch die neue Größe Ungarns!“ Jetzt kam auch Serenyi zurück, der ſich in Wilhelms Bibliothek ein Buch geholt; er wurde vom Hausherrn eben ſo freundlich empfangen wie ſeine Schweſter. Man ſetzte ſich um den runden Tiſch, die beiden Männer politiſirten, Agnes und Eliſabeth ſprachen von den Kindern. Da wandte ſich Auguſt an Agnes: „Eben fällt mir bei, gnädige Frau, daß Sie letzt⸗ hin von mir wiſſen wollten, ob Koſſuth von ſeiner öſterreichiſchen Gefangenſchaft aus mit Fräulein von Weſſelenyi correſpondirte; ich habe ihn ſelbſt gefragt — nein, er that es nicht, durfte überhaupt an Niemand 8 Frauen und Opfer. 143— ſchreiben— ſie iſt ihm aber doch die langen Jahre treu geblieben.“ Agnes ſah nach Wilhelm, als ſie ihn aber, den Kopf auf das Zeitungsblatt gebückt, da ſitzen ſah, wandte ſie ſich dem Bruder der Freundin zu. „Ich habe das auch eigentlich nicht geglaubt,“ ſagte ſie lebhaft.„Es war auch gar nicht nöthig. Koſſuth iſt ein Mann, den man nicht vergißt— und gar eine Frau, die er ausgezeichnet hat! Ich habe ihn nur ein einziges Mal reden hören“— „Und unauslöſchlich ſind ſeine Züge Deinem Her⸗ zen eingegraben,“ fiel Wilhelm ſpöttiſch ein. ‚Sie ſehen, Serenyi, meine Frau ſchwärmt jetzt für Ungarns Stern!“ „Das theilt ſie mit allen unſern Damen!“ „O, lachte Wilhelm noch ſpöttiſcher,„ſagen Sie ihr das nicht, denn meine Frau hat den Ehrgeiz, den leider auch alle Frauen haben, etwas ganz allein thun zu wollen, enlin etwas Beſonderes, eine Ausnahme ſein zu wollen!“ „Du thuſt mir Unrecht,“ verſetzte Agnes ohne alle Bitterkeit, aber doch mit einem Anflug von Gekränkt⸗ ſein.„Ich habe nun ſchon mehrere Male, wenn Du mir vorwarfſt: Du machſt es wie alle Frauen, Du —— 144 Frauen und Opfer. biſt gerade ſo, wie die Andern, Dir geantwortet, daß in meiner Mädchenzeit mir alle Freunde das Gegen⸗ theil zum Vorwurf machten, indem ſie behaupteten, es zieme ſich nicht für eine Frau, ſo wenig mit ihrem gan⸗ zen Geſchlechte übereinzuſtimmen.“ „Dieſen Vorwurf machte Dir Dein Vater, Nie⸗ mand ſonſt,“ ſagte Wilhelm ziemlich wegwerfend,„und dieſer Vorwurf war eigentlich nur ein verſtecktes Com⸗ pliment, das Zeugniß für Deine Originalität ablegen ſollte. Er hat Dich ja überhaupt ſo grenzenlos verwöhnt!“ „Da muß man Dir aber das Zeugniß geben, daß Du in dieſer Beziehung gut machſt, ſo viel in Deinen Kräften ſteht, nicht wahr, Herr von Serenyi?⸗ ſagte Agnes lachend und freundlich, Eliſabeth aber bemerkte recht gut, daß ihrer Augen Glanz zu groß war, um nicht von einer unterdrückten Thräne herzurühren. Auguſt ſagte eifrig:„Ich danke Gott, daß ich nicht verheirathet bin und man mir alſo in dieſem Fache keine Sünden nachweiſen kann— ſo habe ich doch das unumſchränkte Recht, über einen ſo ungalanten, verabſcheuungswürdigen Gatten, wie Wilhel d, zu ſpotten!“ „Agoſton, Agoſton!“ ſagte Roſe,„Sie verſtehen nichts von der Sache, wiſſen nicht, wie knapp eine Frauen und Opfer. 145 Frau gehalten werden muß, damit der Pantoffel uns nicht ganz und gar erdrückt.“ Eliſabeth aber ſagte im hellen Zorne ihres ehr⸗ lichen Gemüthes:„So lügen Sie doch nicht ſo uner⸗ träglich, Doctor Roſe! Wenn ſo ein Tyrann, wie Sie, vom Pantoffel ſpricht— das kann ja ein ehrliches Mädchen gar nicht mit anhören!“ Wilhelm ſah ſie verwundert an. Als er aber ſah, daß ſie im Ernſte ſprach, ſagte er lächelnd:„Sie ſind doch ſonſt eine ſo kluge, vernünftige ame! Und doch ſo im Irrthum über mich und meine Frau!“ Noch zweimal am Abend ließ Agnes, die gewöhn⸗ lich ſtill da ſaß, ſich durch ihre alte, natürlich nur un⸗ terdrückte, aber nicht ausgeſtorbene Lebhaftigkeit fort⸗ reißen, eifrigen Antheil am Geſpräche zu nehmen(oder es an ſich zu reißen, wie Wilhelm ihr immer vorwarf). Aber jedes Mal, wenn ſie im ſtärkſten Feuerſtrom der Rede war, ſiel eine ſpöttiſche, tadelnde Bemerkung Wil⸗ helms wie kaltes Waſſer darauf, und ſie kehrte dann in ihr gewöhnliches ſtilles Weſen zurück. Ihre Lebhaftigkeit, die ihm, als ſie noch nicht ſein Eigenthum war, pikant erſchien, war ihm jetzt ein Greuel. Eine Frau ſollte ruhig, ſchweigſam, ſtill und zurückhaltend mit ihrer Meinung und ihrem Urtheil ſein. Das allein gab ihr Würde und Lieblichkeit! Gegen den Strom. II. 1⁰ 146 Frauen und Opfer. Agnes war nun ihr ganzes Leben das Gegentheil geweſen, nämlich lebhaft, geſprächig und offen in Gedanken und Urtheilen, ja ſogar unvorſichtig offen geweſen. Seit ſechs Jahren wurde nun an ihr curirt, und daß die Cur ſo ſchlecht gelang, das heißt, daß bei jedem entſcheidenden Augenblick nichts davon zu ſehen war, machte den Arzt und die Patientin gleich miß⸗ muthig. Außer dieſer beabſichtigten Umwandlung ihres ganzen Grundcharacters hatte aber die arme Agnes zwei noch viel ſchlimmere Feinde im Herzen ihres Mannes. Erſtens die Erinnerung an Ludmille. Er hatte ſie nicht vergeſſen, er liebte ſie nicht mehr, nein, er haßte ſie, er verabſcheute ſie, aber Alles, was ſie ihm ange⸗ than, war mit Flammenzügen in ſein Gedächtniß ein⸗ gegraben, und dieſe Erfahrungen waren die Grundlagen, worauf er ſeitdem ſeine Anſichten vom ganzen weib⸗ lichen Geſchlecht gebaut. Er ſagte ſich: Sie ſind ſchwach— aber voll böſer Neigungen, ſobald man ihnen Freiheit läßt. Eine Sclavin iſt ſanft, liebend, treu. Eine Herrin iſt despotiſch, gefallſüchtig und wankelmüthig. Nur indem man ihnen die Zügel ſo ſtramm hält, daß ſie nicht zum Bewußtſein ihrer Nei⸗ gungen gelangen, kann man auf ſie bauen. Nach die⸗ Frauen und Opfer. 147 ſem Syſtem wurde Agnes trotz ſechsjähriger Liebe und Treue„behandelt.“ Der zweite Feind der armen Frau war Wilhelms eigener urſprünglicher Character. Er war ſelbſtſüchtig, verſchloſſen, eigenſinnig und zerſtreut bis zur äußer⸗ ſten Grenze. Wenn er eine Frau mit warmem Hingeben auch ge⸗ liebt hätte— vielleicht, wenn Ludmille ihm nicht be— gegnet, wäre das doch geſchehen— ſo würde ſeine Verſchloſſenheit es ihr nie gezeigt haben. Seine Zerſtreuung kam daher, daß ſeine Patien⸗ ten oder vielmehr ihre merkwürdigen Zuſtände ganz und gar ſeinen Kopf einnahmen; kehrte er nach Hauſe, ſo dachte er auch an nichts Anderes, und weckte ihn irgend eine Unbequemlichkeit aus ſeinem Brüten, ſo wurde Agnes durch ſeinen immer wachen Hang zu Kritik und Spott dafür beſtraft. Wenn ſeine Kinder, die er liebte, ſobald ſie ſeiner ärztlichen Pflege bedurf⸗ ten, ihn durch ihre Heiterkeit ſtörten, ſo wurde Agnes geſcholten, daß ſie ſie nicht beſſer erzöge.„Deine Kinder ſind die unartigſten in ganz Peſth,“ hieß es dann. Und eigentlich war er doch kein ſchlimmer Vater, denn er ſorgte für ſte und ſparte und verſagte ſich Manches um ihretwillen, was bei ſeinem Egoismus doppelt hoch anzuſchlagen war. 10* — 148 Frauen und Opfer. Am ſelben Abend ſagte Eliſabeth zu ihrer Freun⸗ din, als ſie allein waren:„Dein Mann iſt nicht lie⸗ benswürdiger während dieſes Sommers geworden— Du biſt zu gut gegen ihn!“ „Liebſte Eliſabeth— wie ſoll ich anders ſein, ich ſehe ihn kaum im Laufe des Tages. Nur Morgens, Mittags und Abends und dann immer in Begleitung eines politiſchen Journals oder einer ärztlichen Bro⸗ ſchüre. Es giebt Tage, wo wir, ohne im Mindeſten zu grollen, kein Wort wechſeln, denn ich erſpare ihm das gern. Bei jeder Frage wegen des Hausweſens oder der Kinder ſagt er gewöhnlich ja, immer aber: „Sage mir ſchnell, was Du willſt, denn ich habe keine Zeit.“ Meine ſchlimmen und zugleich meine guten Tage ſind, wenn Beſuch da iſt, d. h. Herrenbeſuch, denn an Damenbeſuch ſtört er ſich wenig, wie Du weißt. Da wird er durch die Andern aufmerkſam auf mich, und das zieht mir dann immer einen Tadel zu.“ „Ich fand ihn heute Abend unausſtehlich!“ „Ich liebe ihn heute, wie vor dem Altar! Wenn er nur höflicher gegen mich wäre, darin hat mich mein Vater verwöhnt— da hat er Recht! Nie kam jener nach Hauſe, ohne mir die Hand zu geben, nie trennte er ſich von mir ohne Abſchied, nie empfing er etwas aus meiner Hand, ohne mir dafür zu danken— es iſt Frauen und Opfer. 149 lächerlich, aber dieſe Formen vermiſſe ich am ſchmerz⸗ lichſten. Möchte mich Wilhelm verſpotten, ſo viel er wollte, tadeln und corrigiren, thäte er es nur feiner— ich gäbe ihm gern Recht und fügte mich, denn ich weiß, daß ich ſehr der Nachſicht bedarf.“ „Du irrſt Dich in Dir ſelbſt,“ ſagte Eliſabeth lang⸗ ſam.„Du irrſt Dich, indem Du jene Formen beſon⸗ ders zu vermiſſen glaubſt. Von Deinem Vater beglück⸗ ten dieſe Formen Dich ſo ſehr, eben weil es bei ihm keine bloßen Formen waren; in ihnen wohnte der Geiſt der grenzenloſen Liebe, die er Dir weihte. Du vermißt ſte nur ſo ſehr bei Wilhelm, weil ſie bei Deinem Vater die ſichtbaren Zeichen ſeiner unſichtbaren Liebe waren. Es iſt daſſelbe Gefühl, das uns bei dem Tode eines geliebten Menſchen glauben läßt: Wenn ich nur ſein theures Antlitz noch vor mir ſähe und hörte auch nie mehr ein Wort von ſeinen Lippen und träfe mich nie mehr ein Blick ſeiner Augen, nur ihn ſehen noch, ich wäre getröſtet— dieſer Troſt wäre doch nur eine Ver⸗ bitterung unſers Schmerzes.“ Agnes ſchüttelte den Kopf.„Ich bleibe dabei, dieſe Formen würden mich bei Wilhelm vollkommen zufrie⸗ den ſtellen, denn im Grunde weiß ich ja doch, daß er keine Andere über mich ſtellt“— „Seine Mutter, Agnes!“ 150 Frauen und Opfer. „Unter die beuge ich mich gern, denn ſie war ſicher beſſer als ich, aber er liebt doch kein anderes Weib, er geht nirgends hin, als zu ſeinen Patienten; ſeine Mußeſtunden bringt er alle unter unſerm Dache zu. Er theilt mir freilich nichts mit, aber ich weiß auch, daß kein Anderer, nicht einmal ein Mann, ſein Ver⸗ trauen beſitzt. Er iſt ein Ehrenmann in jeder Beziehung, in ſeiner Wiſſenſchaft ausgezeichnet, ein Segen der Armen, von Jedem geachtet, was will ich mehr?“ „Da haſt Du vollkommen Recht, aber ich widerſtreite nur, daß ſeine Formloſigkeit Deinem Glückſolchen Abbruch thut.“ Doch, doch! Legte er ſie ab, dann würde ich mich fröhlichern Hoffnungen hingeben, der Hoffnung, daß er wieder mittheilender gegen mich würde, wie er es zum Beiſpiele während des Winters unſers Brautſtandes war, wo er wöchentlich zu uns hinaus kam und nichts that, als ſich mehrere Stunden lang mit mir beſchäftigte.“ „Das heißt, er ließ ſich von Dir vorerzählen, was Du vortrefflich kannſt, und hörte Dir aufmerkſam zu, weil Du ein junges ſchönes Mädchen warſt, das ihn heirathen wollte, und er ein junger Mann und ſo ſehr in Dich verliebt, wie es eben ein Gelehrter, ein Philo⸗ ſoph und ein Arzt ſein kann.“ „Als ob ich immer erzählt hätte!“ Frauen und Opfer. 151 Das iſt ja gerade Deine ſchönſte Eigenſchaft, Agnes. Nannte Dich nicht oft Dein Vater in meiner Gegen⸗ wart ſeine liebſte Scheherazade? Und haſt Du mir nicht ſelbſt geſagt, daß Doctor Roſe Dir als Bräutigam beinahe nichts von ſeiner Vergangenheit mitgetheilt?“ Agnes wurde roth, denn ſie erinnerte ſich freilich, daßs Wilhelm ihr damals nie von Waldheim geſprochen, daß er erſt, als er ihr Gatte war, ſeines Aufenthaltes dort und ſeiner Bekanntſchaft mit Albert und zwar in einer für ſie kränkenden Weiſe erwähnt, indem er ſie eines„eitlen Vergnügens auf Koſten ihres Rufes be⸗ ſchuldigte.“ Dies hatte ſie aus einer erklärlichen Scheu nun ſelbſt Eliſabeth nicht mitgetheilt, der ſie aber früher in mädchenhafter Vertraulichkeit den kleinen Roman mit dem Prinzen von Waldheim vertraut, als ſie ein⸗ mal an einem ſtillen Winterabende mit ihr zuſammen auf dem Caſtell geſeſſen und Eliſabeth ſie gefragt, ob ſie nie geliebt. ‚Beinahe,“ hatte ſte da geantwortet, und dieſes„beinahe“ dann eine Erläuterung nach ſich gezo⸗ gen. Eliſabeth ahnte nun nicht, daß Wilhelm den Prinzen Albert kenne, und noch weniger, daß er der Vertraute ſeiner Liebe zu Agnes geweſen. Obgleich Eliſabeth Wilhelm im Innern heftig ta⸗ delte wegen ſeines wenig liebenswürdigen Benehmens gegen ſeine Frau, war ſie ihm doch in wahrer Freund⸗ 1 1⁵5². Frauen und Opfer. ſchaft zugethan. Sie hätte auch entſchieden als Frau beſſer für ihn gepaßt als Agnes, obgleich ſie in gei⸗ ſtiger Bildung weit tiefer unter ihm ſtand, als Agnes Stein, denn ihr Character war ſeinem ſtählernen Wil⸗ len näher verwandt. Sie hätte ſich nicht quälen und ſchelten und zum Werkzeug gebrauchen laſſen, um eine üble Laune quitt zu werden. Agnes fand nur Energie— und Muth und Kraft bei wichtigen Lebensfragen. Wenn ſie nicht aufgeregt war, war ſie ängſtlich, wenn nur ſie ſelbſt in Betracht kam, beugte ſie das Haupt und em⸗ pfing lieber den Schlag, als ihn durch ein muthiges Entgegentreten zu pariren. So war nicht Eliſabeth. Vom Scheitel bis zur Sohle war ſie angeregt und muthig, energiſch bei der kleinſten häuslichen Hand⸗ lung, thatkräftig auf ihrem Recht und ihrer Anſicht be⸗ harrend im kleinſten Streit. Durch ihre grenzenloſe Gutmüthigkeit und ihre überwiegende Selbſtkritik, ihren gänzlichen Mangel an Eitelkeit, ſo wie ihre kryſtallklare Vernunft wurde ihr Widerſtand aber nie zum Eigen⸗ ſinn, ihre Thatkraft nie zum Rumorgeiſt. Man behauptet immer, für eine Ehe ſei es am zu⸗ träglichſten, wenn das Paar recht verſchieden ſei. Daran fehlte es bei Roſe und ſeiner Frau wahrhaftig nicht. Zwiſchen ihrem weichen, träumeriſchen, etwas unklaren, aber durchaus offenen, ehrlichen Weſen und ſeinem Frauen und Opfer. 153 ſtahlharten, kritiſchen, klaren und zurückhaltenden Cha⸗ racter herrſchte keine Beziehung, ja nicht einmal das leiſeſte Verſtändniß— verſtand und erkannte er auch einmal ihre Eigenſchaften, ſo war es nur, um ſie zu tadeln. Das Einzige, was er, doch ohne es je gegen ſie zu erwähnen, an ihr genehm fand, war ihr reiner und jedem gemeinen Streben abgewandter Sinn. Aber er wollte, wie ſchon geſagt, eine gemeſſene, ruhige, be⸗ ſonnene, znrückhaltende, ſtille, unermüdlich thätige Frau, und Agnes war eine über alle Maaßen lebhafte, bewegliche, unbeſonnene, rückhaltslos offne, leicht von jeder einförmigen Beſchäftigung abgeſpannte nervöſe träumeriſche Natur! Warum hatte er ſie nun geheirathet— täuſchte er ſich in ihr? Sicher nicht, aber er hatte, nachdem ihn ihre Originalität angezogen, wie alle Männer es für ein Leichtes gehalten, einen Frauencharacter zu formen. Und dennoch wäre wohl trotz ihrer„Unfügſam⸗ keit“ Alles gut gegangen. Ihre Liebe zu ihm und zu ſeinen Kindern, ihr wirklicher Werth, ſowie langjährige Gewohnheit würden ihn ausgeſöhnt haben mit einem Weſen, das dem Ideal ſeiner Erwartung nicht glich; er würde ſie zuletzt geſchätzt haben, wie ſie war, und nicht wie ſie nach der Schablone ſeiner Einbildungs⸗ kraft ſein ſollte, aber— die Erfahrung, wie Ludmille, 154 Frauen und Opfer. die Einzige, die je ſein Herz beſeſſen, mit dieſem ſtolzen Herzen geſpielt und es mit Füßen getreten, dieſe Erin⸗ nerung gab für ſein einſeitiges Urtheil, wie es in Be⸗ ziehung auf Frauen das Urtheil beinahe aller Männer iſt, die Richtſchnur ab. Weil dies Weib ſein Ver⸗ trauen getäuſcht, vertraute er keiner mehr, weil dies Weib characterlos, ſchwach und gefallſüchtig trotz der vortrefflichſten Mutter geworden, wie ſollte nicht Agnes, die ihre Mutter gar nicht gekannt und vom Vater auf's Unverantwortlichſte verzogen war, noch viel ſchlimmere Neigungen in ſich tragen? Ueberdem gab unglücklicherweiſe die Eigenthüm⸗ lichkeit ihres Weſens ihm fortwährend Anlaß, ſolche Eigenſchaften bei ihr vorauszuſetzen; ihre vielſeitige Er⸗ regbarkeit hielt er für Mangel an Character, ihre Weich⸗ heit für Schwäche und ihr lebhaftes Eingehn in jede einen anziehenden Stoff behandelnde Unterhaltung, wenn ihn auch nur Männer in ihrer Gegenwart be⸗ ſprochen, für Oberflächlichkeit und Sucht zu glänzen. Wehe der armen Frau, die einem Manne zu Theil wird, der vor ihr mit einer Unwürdigen in inniger Seelenbeziehung geſtanden! 3 Hätte Agnes aber auch das ganze Verhältniß Wil⸗ helms zu Ludmillen gekannt, von dem ſie natürlich bei ihres Mannes Verſchloſſenheit nichts ahnte, ſo würde —— Frauen und Opfer. 155 das nur in ihren Augen eine Urſache mehr geweſen ſein, ihn zu lieben und ihm anzugehören, denn es würde ihre Theilnahme und den Wunſch in ihr erregt haben, ihm durch Liebe und Treue zu vergelten, was jenes Mädchen an ihm verbrochen. Sie war viel zu edel, um bei einer guten Handlung an die üblen Folgen zu denken, die daraus für ſie ſelbſt erwachſen konnten. Drilles Iapitel. Die beiden Freundinnen ſaßen plaudernd am andern Morgen nach dem Frühſtück zuſammen, die Kinder ſpielten geräuſchlos in einer Ecke des Zimmers, als plötzlich Agnes aufhorchend zuſammenfuhr. „Was hörſt Du?« fragte Eliſabeth. „Wilhelms Schritt! Um dieſe Zeit pflegt er ge⸗ wöhnlich nicht nach Hauſe zu kommen! Es muß irgend ein bedeutender Krankheitsfall, wegen deſſen er viel⸗ leicht in ſeiner Bibliothek nachſchlagen will, ihn um dieſe Zeit nach Hauſe geführt haben!“ Eliſabeth ſprach nun weiter, aber Agnes hörte ihr nicht zu. Sie horchte auf ihres Mannes Schritt, der ſich aber nicht vernehmen ließ. Sie trat an das Fen⸗ ſter, das nach dem Hofe ging, um zu ſehen, ob der Wagen noch unten halte— zu ihrer größten Verwun⸗ 6 Frauen und Opfer. 157 derung ſpannte der Kutſcher die Pferde aus. Sie öff⸗ nete das Fenſter und fragte den Kutſcher, ob ſein Herr ſchon mit den gewöhnlichen Krankenbeſuchen fertig ſei. Der Mann entgegnete, daß noch nicht die Hälfte ab⸗ gethan ſei, aber der Herr Doctor ihm befohlen habe, im Stalle zu warten, bis er ihm den Befehl zum An⸗ ſpannen ſchicke. „Wenn er nur nicht krank iſt,“ ſagte Agnes ganz bleich und geängſtigt. „So gehe zu ihm und frage ihn,“ meinte Eliſabeth. Agnes ſchüttelte ängſtlich den Kopf.„Er mag es nicht, wenn ich ihn in ſeinem Zimmer aufſuche. Er haßt jede Störung und hat mich bei ſich nie mit einem freundlichen Geſicht empfangen.“ Eliſabeth dachte im Stilleu, daß die freundlichen Geſichter Wilhelms auch im Salon ſeiner Frau nicht zum Ueberfluß ihr geſpendet würden, aber ſie ſagte nichts. Nachdem Agnes eine Weile unruhig im Zimmer auf und ab gegangen, hielt es ihre lebhafte Natur nicht länger aus. Sie ging hinüber zu Wilhelm. Er bemerkte ihren Eintritt gar nicht. Den Kopf in beide Hände vergraben, ſaß er vor ſeinem Schreibtiſch. So lange ſie ihn kannte, hatte ſie ihn nie ſo geſehen, Frauen und Opfer. grübelnd zwar oft, aber doch nicht ſo todt und ver⸗ ſunken. Mit zitternder Stimme fragte ſie endlich:„Wil⸗ helm, fehlt Dir etwas?“ Er ſchnellte erſchrocken in die Höhe, und ſein Ge⸗ ſicht, welches Agnes jetzt zu ſehen bekam, war todten⸗ bleich, und die Augen hatten einen erſchreckenden Ausdruck. Seine Frau ging zu ihm und legte ſchüchtern die Hand auf ſeine Schulter:„Du biſt krank, lieber Wil⸗ helm, wünſcheſt Du nichts?“ Wilhelm ſchüttelte mit dem Kopfe, endlich— und man ſah, welche Ueberwindung ihn die wenigen Worte koſteten— ſagte er ungewöhnlich ſanft:„Ich bitte Dich, laß mich allein.“ Er wendete ſich wieder ab von ihr und ſah zur Zimmerdecke auf und beachtete ſie nicht mehr. Agnes ſtand noch hinter ſeinem Stuhle und konnte ſich nicht zum Gehen entſchließen. Jetzt machte ſie ein Geräuſch; da wandte ſich ihr Mann zum zweiten Male um, und in dem Tone, in welchem er ſie fragte:„Biſt Du noch da?“ lag ſo deutlich der Schmerz eines nicht zornigen, aber bis zum Aeußerſten gequälten und ge⸗ peinigten Menſchen, daß Agnes erſchüttert und ihre Frauen und Opfer. 159 Thränen kaum mehr bewältigend raſch das Zimmer verließ. Sie ging nicht zu Eliſabeth, in ihr ſtilles kleines Schlafzimmer ſchloß ſie ſich ein und fiel weinend nieder am leeren Bette ihres jüngſten Kindes. „Ich bin ihm nichts, gar nichts,“ rief ſie leiſe jam⸗ mernd. Seine Freude läßt er mich nicht theilen, und ſei⸗ nen Schmerz verſchließt er ganz vor mir. Nur zu ſeiner Bequemlichkeit bin ich ihm nütze— wenn ein Automat ſein Hausweſen ſo pünklich beſorgte, wie ich, er würde mich nie, nie vermiſſen! O warum bin ich nicht todt!“ Da fiel ihr Blick auf das Bettchen, das ihr weinendes Haupt ſtützte, und mit ihm kam der Gedanke an ihre beiden Kinder, die der Liebe und Pflege der Mutter bei des Vaters kaltem, theilnahmloſen Weſen ſo doppelt bedurften, und zugleich kam ein Troſt in ihr armes, zertretenes Herz. Die Ueberzeugung, wie nothwendig ſie dieſen beiden kleinen ſüßen Weſen ſei, gab ihr wie⸗ der Kraft zu leben, und ihre elaſtiſche Natur erhob ſich über den Bereich des troſtloſeſten Schmerzes im Leben, des Schmerzes, da nicht geliebt zu ſein, wo Herz und Geiſt, wo die Natur und die Verhältniſſe, wo Selbſt⸗ gefühl und Stolz zugleich uns einen Anſpruch darauf geben. Es giebt keine größere Demüthigung, als die einer edlen Frau, die ſich von ihrem Gatten, dem Vater Frauen und Opfer. ihrer Kinder, vernachläſſigt fühlt, und nie ward dieſe Demüthigung Agnes in ſo vollem Maaße zu Theil, wie eben, wo der Mann ihrer Wahl ihr nicht ver⸗ gönnte, von ſeinem Schmerze zu erfahren, ihn zu theilen, ihn zu lindern, kurz, ſie von dem edelſten Vor⸗ rechte des Weibes ausſchloß. Es mochten ungefähr zwei Stunden verfloſſen ſein, als Wilhelm ſein Zimmer wieder verließ und ſeine Droſchke beſtieg, um die unterbrochene Morgenrunde bei ſeinen Patienten zu vollenden. Er hatte wieder ſeine ruhige, klare, entſchloſſene Miene, nur war er noch etwas bläſſer als gewöhnlich und ſeine Augen blickten wo möglich noch kälter und gleichgültiger, als gewöhnlich. Wilhelm hatte an dieſem Morgen eine Prüfung erlebt, von deren möglichem Eintreffen er bisher auch nicht die leiſeſte Ahnung gehabt. Schon in aller Frühe hatte ihn einer ſeiner Collegen aufgeſucht mit der Bitte, ihn zu einer Conſultation zu begleiten. Unterwegs theilte er ihm mit, daß es die Frau eines der erſten öſterreichiſchen Beamten betreffe, die junge Frau eines alten Gemahls, die dieſer aus Eiferſucht nicht fortgeſchickt, wie beinahe alle übrigen Beamten ſchon ſeit längerer Zeit bei der unruhigen Stimmung in Peſth es gethan. Frauen und Opfer. 161 Die junge Frau lag auf den Tod an dem bös⸗ artigſten Typhus, und Wilhelms Freund, ein älterer, ſehr erfahrner Arzt, ſchien wenig Hoffnung zu haben, ſie zu retten. Als Wilhelm mit ihm in das Kranken⸗ zimmer trat, kam ihnen der Gemahl der Dame, ein alter, dürrer Mann mit einer höchſt widerlichen hoch⸗ müthigen Phyſiognomie entgegen. Der ältere Arzt, Doctor Keller, ſtellte ihm Wilhelm vor und fragte dann, wie die Kranke den letzten Theil der Nacht zu⸗ gebracht. „O, die Gräfin iſt um nichts beſſer,“ ſagte achſel⸗ zuckend der alte Herr, ‚„immer daſſelbe Lamento nach ihrer Mutter, immer kein Schlaf, aber geſchloſſene Augen, ſo ſtarkes Fieber, daß man ihre Hand nicht halten kann, und dabei Brauſen in den Ohren, daß man, um ihr etwas zu ſagen, ſchreien muß, als wäre ſie ſtocktaub.“ Dieſen Bericht ſtattete der Graf nicht im Tone eines beſorgten liebenden Gatten, ſondern eines ärger⸗ lichen geplagten Krankenwärters ab, dann bedauerte er noch, daß ſeine Dienſtpflicht ihn abrufe, und empfahl ſich den beiden Aerzten mit der nachläſſig vornehmen Miene eines gnädigen Gönners. „Mich wundert,“ ſagte Wilhelm zu ſeinem ältern Freunde,„daß Sie in dieſem Hauſe Arzt ſein mögen!, Gegen den Strom. II. 41 8 Frauen und Opfer. „Ich würde es ſchon längſt aufgegeben haben, wenn nicht der Graf mir durch ſeine Macht alsdann auch meine ſtädtiſche Anſtellung entziehen würde.“ Sie traten jetzt an das Bett der Kranken. Bei ihrem Anblick war es Wilhelm, als gehe ihm ein Stich mit⸗ ten durch's Herz. Dieſes blaſſe ſchmale Geſicht mit den geſchloſſenen Augen und den wirr es umgebenden dunklen Haaren erinnerte ihn an Jemand, ohne daß er ſich ſelbſt im Augenblick hätte Rechenſe chaft geben können, an wen. Sein Freund befühlte kopfſchüttelnd den Puls der immerwährend zuckenden abgemagerten Hand, dann bog er ſich nieder und rief mit ſtarker Stimme:„Wie geht es heute, Frau Gräfin?“ Die Kranke hob kaum ſichtbar die Lider und machte ſtatt aller Antwort eine troſtloſe Bewegung mit der Hand. „Wenn ſie nur die Augen öffnen wollte,“ ſagte Wilhelm ganz leiſe. Bei den erſten Lauten dieſer Stimme fuhr die Kranke wie von einem electriſchen Schlage berührt in die Höhe. Mit weitgeöffneten Augen, mit flammender Stirne ſaß ſte aufrecht im Bette. Ihre Blicke ſuchten offenbar nach Roſe, der im erſten Schreck über der Kranken Bewegung unwillkührlich zu den Häupten Frauen und Opfer. 163 ihres Bettes zurückgetreten war. Sie wandte den Kopf nach allen Seiten, endlich fand ſie ihn. Sie haſchte nach ſeiner Hand, mit einer Art Ab⸗ ſcheu entzog er ſie ihr, ſie erfaßte einen Zipfel ſeines Gewandes und ihre zitternden Hände brachten ihn an die fieberdunklen, trocknen Lippen! „O Wilhelm, daß Du kommſt! in meiner letzten Stunde kommſt! Es giebt doch einen milden Gott, nicht einen, ver nur ſtraft und rächt.— Denke daran, daß ich an den Grafen L. verheirathet bin! daß ich das Eigenthum, die Beute, das Opfer dieſes alten Unge⸗ heuers bin, und Du wirſt mir verzeihen!“ Wilhelm ſagte nichts— nein, er ſtrebte von der Kranken los zu kommen, aber es war, als verdopple das Fieber ihre Kräfte, ſie hielt ſeinen Arm, den ſie erfaßt, mit übermenſchlicher Gewalt feſt. Der ältere Arzt nahm das Ganze für eine Fieber⸗ phantaſie und glaubte, die Gräfin halte Wilhelm darin für einen Andern. Er trat zu ihm und flüſterte leiſe: „Geben Sie ihr nach, gehen Sie in ihre Ideen ein, ſte könnte uns ſonſt raſend werden.“ Aber Wilhelm war unbeugſam, mit abgewandtem Antlitz blieb er ſo fern als möglich vom Bette ſtehen— er hatte ja Ludmillen erkannt, und Ludmille hatte bei ihm auf keine Verzeihung zu hoffen! 11* 164 Frauen und Opfer. „O Wilhelm,“ flehte ſie wahrhaft herzzerreißend, „o Wilhelm, ſei barmherzig! Ich weiß ja, daß ich ab⸗ ſcheulich an Dir gehandelt, daß ich mit Deinem Her⸗ zen geſpielt, daß ich ein gefallſüchtiges, eitles, hoch⸗ müthiges, herzloſes Weib war! Aber bedenke doch, daß ich an dieſen Mann verheirathet bin, der mich Tag und Nacht nicht aus den Augen läßt! Gezwungen hat mich freilich Niemand zu dieſer Verbindung, aber war nicht mein grenzenloſer Leichtſinn eines Rathge⸗ bers werth?“ Als Wilhelm noch immer ſchwieg, jammerte ſie von Neuem.„Iſt Dein Stolz, Deine Härte nicht zu rühren, wenn ich Dir ſage, daß der ehemals ſo ſtolzen Fürſtin Ludmille jedes freie Slovakenmädchen im Ver⸗ gleich mit ihr ſelbſt als eine Königin erſcheint? O, ich bin ſo tief geſunken, wie ich es nicht verdiente— nein, ſo habe ich ſelbſt nicht an Dir gefrevelt, daß ich ver⸗ dient hätte, dieſem Manne, dieſem Inbegriff aller Laſter in die Arme gegeben zu werden! O Wilhelm!“ Sie ließ ſeinen Arm los, ſie ſank zurück, ihre Kraft war erſchöpft und ſie ſchloß die Augen; in demſelben Moment, ehe der Doctor Keller es noch verhindern konnte, war Wilhelm aus dem Zimmer geeilt. Er war nach Hauſe gefahren, um nach zwei Stun⸗ den wieder bei ſeinen Kranken derſelbe ruhige, auf⸗ Frauen und Opfer. 16⁵ merkſame, beobachtende Arzt zu ſein, wie ſie ihn immer gekannt. Zu Tiſche erſchien er zur gewöhnlichen Zeit, das heißt, als alle Andern ſchon gegeſſen hatten, um ſeine frugale Mahlzeit einzunehmen, die beinahe jeden Tag aus denſelben Schüſſeln beſtand. Mit Herrn von Serenyi ſprach er nur wenige Worte, aber freundlich wie immer, Eliſabeth, die ihn in ihrer muntern Weiſe neckte, gab er ganz heitere Antworten, nur mit ſeiner Frau machte er ſo wenig Umſtände wie gewöhnlich. Als Wilhelm ſich eben vom Tiſche erheben wollte, trat Doctor Keller ein. Wilhelm zog bei ſeinem Anblick die Stirne in tiefe Falten und bewillkommte ihn ſo ſteif, wie ſein alter Freund es nicht v t von ihm gewohnt war. Dieſer ließ ſich aber nicht irre machen. „Ziehen Sie noch ſo ernſte Geſichter, lieber Roſe, Sie müſſen doch mit zur Gräfin. Sie verlangt fort⸗ während nach Ihnen, und daß ſie Sie in ihrem Fieber⸗ parorismus für einen ehemaligen Liebhaber hält, iſt freilich bei einer Kranken nicht ſehr unterhaltend— wer weiß aber, ob ſie die fire Idee nicht mit in den geſunden Zuſtand hinüber nimmt, und dann“— „Sie entſchuldigen, gnädige Frau,“ ſagte er, ſich zu Agnes wendend,„aber ich bin ein Wiener, und Sie Frauen und Opfer. kennen das alte Sprichwort, wonach der Wiener Alles begreift, nur nicht die Moral!“ Agnes machte eine freundliche Bewegung, ſie war verlegen und ängſtlich, weniger durch des ſchwatzhaften Doctors Reden, als durch Wilhelms offenbare Befan⸗ genheit und üble Laune. „Doctor Keller,“ ſagte er endlich kurz,„ein für alle Mal, ich gehe nicht mit! Dasshans der Gräfin betrete ich nie mehr!“ „Aber wenn ſie nun ſirbt a aus Verlunga nach Ihnen?“ „Heute Morgen hatten Sie ſt ſelbſt aufgegeben, da hatte ſie mich noch nicht geſehen! Wenn ſie ſtirbt, ich kann es nicht hindern⸗—— „Doctor Roſe, Doctor Roſe!“ „Mein letztes Wort, ich muß jetzt zu meinen übri⸗ gen Kranken, deren ich heute Morgen mehrere ver⸗ ſäumt.“ Und mit einem kurzen Gruße verließ er das Zimmer. Doctor Keller eilte ihm nach, aber vergeblich, Wilhelm beſtieg allein ſeinen Wagen und fuhr in raſchem Trabe zum Thore hinaus!— Wir wenden uns zu der armen, von Allen ver⸗ laſſenen Ludmille. In ihrem Zuſtand war eine merk⸗ würdige Veränderung eingetreten. Ihr Geiſt war voll⸗ kommen befreit von den Banden der Krankheit, aber Frauen und Opfer. 167 ihr Körper ſchien ihr deſto ſicherer erliegen zu wollen, ſie ſchlief keine Minute mehr, das Fieber erreichte eine fahelhafte Hähe. Ihr Gemahl, den ſie früher doch um ſich geduldet, durfte ſeit Wilhelms Erſcheinen an ihrem Krankenbette ſich nicht mehr daran blicken laſſen. Sobald ſie ihn gewahrte)) fiel ſie in die fürchterlichſten Zuckungen, und Docton Keller mußte ihm zuletzt geradezu erklären, daß ſein Anhlick der Gräfin tüdtlich ſei. Da in dieſen Tagen, den erſten Tagen des Octobers, die eafts Peſth zur höchſten Höhe ſtieg und des Erafen amtliche Wirkſamkeit ſehr in Anſpruch ge⸗ nommen wurde, ſo ließ er es ſich gern gefallen, aus dem Krankenzimmex ſeiner Frau verbannt zu werden; on dem Vorfall mit Wilhelm ahnte er natürlich nichts. Ludmille, die noch vor einem Jahre, als ſie bei ihrer Schweſter, der Fürſtin T„ in Wien ſich aufhielt, die gefeiertſte Dame der Creme der üppigen Stadt geweſen, Ludmille, die ſchöne, ſtylze Princeſſin Waldheim, lag jetzt allein da, auf die Pflege einer leichtfertigen Kam⸗ merfrau beſchränkt, in der ihrem Gemahl ſo feindlich geſinnten ungariſchen Hauptſtadt. Ihr einziger Troſt und Freund war ein alter Arzt, ein zwar gutmüthiger Mann, aber von ſo leichtfertigen Grundſätzen, daß ſeine Jugend den zweideutigen Ruhm eines unwiderſtehlichen 168 Frauen und Opfer. Don Juans genoſſen. Doctor Keller war ein Wiener Arzt, den ein Abenteuer mit einer hochſtehenden Dame hieher verſchlagen hatte. Er hatte den ächten Wiener Character, gutmüthig, intelligent, oberflächzich, und hegte vom eigentlichen Ernſte und Inhalt des Lebens die Anſicht, daß man ihn ſich ſo viel als möglich vom Leibe halten müſſe, denn ernſthaft und traurig war für ihn, was es für die ganze bisherige Wiener Generation war, gleichbedeutend. Den Grafen verachtete er auch innerlich, aber eigentlich doch nur, weil er eine ſchwä⸗ chere Geſundheit gehabt, als er ſelbſt, und ſeine tollen Streiche ihn zum frühen Greiſe gemacht, wäßrend Doctor Keller noch immer wie ein„wohlconſervirter blü⸗ hender Fünfziger“ ausſah und Jedermann den Grafen für einen hohen Sechziger hielt. 9 Ludmille, deren frühe Menſchenkenntniß von ihrer unglücklichen Ehe natürlich nur geſchärft w orden, durch⸗ ſchaute den Doctor vollkommen. Sie war klar darüber, daß die einzige Urſache, warum ſie bei ihrer möglichen Herſtellung nicht auch einen Anbeter in ihm zu befürch⸗ ten hatte, einzig und allein in ſeiner Rückſicht auf die amtliche Stellung ihres Mannes lag. Aber dieſe Rückſtcht beſtand und ſte konnte ihn alſo völlig ſicher zu ihrem Freunde und Vertrauten machen— da ſie Niemand anders hatte! Nur zu wohl war Ludmillen —— Frauen und Opfer. 169 die alberne Behauptung der Welt, daß eine reine Freund⸗ ſchaft zwiſchen Perſonen verſchiedenen Geſchlechts eine Unmöglichkeit ſei, bekannt, und nur zu gut durchſchaute ſie den Grund, weshalb eine ſolche Freundſchaft ſo ſelten vorkommt— er liegt in dem Umſtand, daß keine kluge Frau einem Mann ihr Vertrauen ſchenkt, ohne ſichere Ga⸗ rantien ſeiner uneigennützigen Geſinnung zu beſitzen; und wie und wo ſolche Garantien finden?— Sie wußte wohl, daß ſolche reine Freundſchaften ſelten ſind, nicht weil edle Frauen ſie mißbrauchen laſſen, ſondern weil die Frauen zu klug find, ſie einzugehen— denn die hö⸗ here Klugheit der Frauen wird ſo lange zunehmen, wie ihre Freiheit eine geringere bleibt. Die Unterworfenen und Abhängigen hatten von je ſchärfere Sinne als ihre Meiſter und aus dieſem einzigen Grunde ſind auch die Frauen klüger, als die Männer. Ludmille hatte nur noch einen Gedanken, einen Wunſch, ein Verlangen auf Erden— die Verſöhnung mit Wilhelm; ihr kam es in ihrem geängſtigten Her⸗ zen vor, als entſündige dieſe Verzeihung ihre ganze Vergangenheit. Niemand konnte ihr dazu behülflich ſein, als Doctor Keller und damit er es konnte, mußte ſie ihm rückhaltlos ihr Inneres aufdecken. Es war um Mitternacht, tiefe Stille herrſchte im Palaſt des Grafen, man hörte nichts als die Schritte 170 Frauen und Opfer. der davor langſam auf und ab wandelnden Schild⸗ wacht. Ludmille ſaß, auf ihre Kiſſen geſtützt, aufrecht im Bette. Sie war in dieſem Augenblick, die Todtkranke, vom Arzte Aufgegebene, eigentlich ſchöner als je, denn der geiſtige Ausdruck ihrer Züge hatte ſich zu einer Höhe aufgeſchwungen, wie er das früher nie vermocht, niedergehalten von den Eindrücken der Außenwelt. Der Doctor ſaß vor dem Bette und führte von Zeit zu Zeit ein Glas mit kühlendem Getränk an ihre trocknen Lip⸗ pen, da ihre eignen beſtändig zuckenden Hände das nicht vermochten. Sie begann.„Wiſſen Sie, lieber Doctor, was eigentlich das Unglück meines Lebens war? Jetzt iſt mir das klar, wo mir Alles klar iſt— das war, daß meine Mutter meinen Vater zu ſehr liebte! Ich hätte von frühſter Kindheit einer ſtrengen, aber ſanften und liebevollen Aufſicht bedurft, gerade einer ſolchen, wie meine vortreffliche Mutter ſie mir zu gewähren im Stande geweſen, wenn mein Vater nicht alle ihre In⸗ tereſſen abſorbirt hätte. Sie liebte uns Kinder zärt⸗ 5 lich, ſie hätte für jedes einzelne ihr Leben ohne einen Augenblick Ueberlegung hergegeben, aber wie bei jeder. Leidenſchaft verſchlang die Leidenſchaft für ihren Ge⸗ 1 4 mahl jedes andere Intereſſe bei ihr. Mein Vater— Frauen und Opfer. 171 war ihr nicht immer treu. Daher dieſe immerwährende furchtbare Angſt um ſeine Liebe, die ſie zwar nicht blind machen konnte für ſichtbare Dinge, wie z. B. unſere Erfolge im Lernen, unſer Wohlſein, unſere Kleidung, worüber ſie ſtets mit mütterlichem Auge wachte, aber ihr nicht Ruhe ließ zur Bewachung unſrer Charactere. Wir hatten rothe Backen, der Lehrer lobte unſere Fortſchritte, in ihrer Gegenwart betrugen wir uns anſtändig— ſie war beruhigt, über ihre Kinder doppelt beruhigt, weil ihr edles Herz ſie immer nur das Beſte im Innern des Menſchen vorausſetzen ließ. Da die leidenſchaftliche Aufregung der ſchönen, begabten Frau der Männereitel⸗ keit meines Vaters ſchmeichelte, war er grauſam genug, damit zu ſpielen⸗ Doch genug hiervon, Sie begreifen, warum man meine üblen Anlagen von Kindheit auf nicht bemerkte und ihnen kein Damm entgegen geſetzt wurde. Ich war hochmüthig, eitel, gefallſüchtig, ja eroberungs⸗ ſüchtig bis zum allerhöchſten Grade ſchon in meinem ſechzehnten Jahre. Wilhelm Roſe, Ihr Freund, kam, nachdem er ſeine Studien beendigt, in das Schloß; er war der einzige Sohn des verſtorbenen Freundes einer Tante, die bei uns lebte. Der fein organiſirte, ernſte, zurückhaltende junge Mann gefiel mir. Er war klüger, als alle meine Vet⸗ 172 Frauen und Opfer. tern, und ſah eben ſo vornehm aus wie ſie. Von Unter⸗ würfigkeit, der widerlichſten Eigenſchaft bei einem Mann, war keine Spur in ſeiner ſtählernen, ſtolzen Natur. Er gefiel mir, aber er beachtete mich durchaus nicht, ſo wenig, wie meine Brüder, die dies aber in ihrem Hoch⸗ muth gar nicht bemerkten. Dieſe Nichtachtung reizte mich— ich mußte ihn in mich verliebt machen; ohne irgend die Folgen zu be⸗ denken, im Grunde waren ſie meinem Egoismus auch gleichgültig, ſuchte ich ihn zu gewinnen; es gelang bald und vollkommen! Dieſer Erfolg wurde mir aber bald ſehr unbequem; ſchon— nach ganz kurzer Zeit, ehe noch wirkliche Liebe zu ihm in meinem Herzen Wurzel geſchlagen; denn ich mag noch nicht glauben, was mir damals meine Tante vorwarf: daß nämlich mein Herz jeder wirklichen Liebe unfähig ſei!“ Nach einer langen Pauſe fuhr die Kranke fort:„Um mich ſeiner zu entledigen, bediente ich mich unwürdiger Mittel— erlaſſen Sie mir genauere Details darüber — Roſe entdeckte das, ich wurde grenzenlos beſchämt ——— Roſe ging mit meinem älteſten Bruder nach Wien und etablirte ſich dann durch deſſen Empfehlungen hier. Seitdem hatte ich nichts von ihm vernommen. Mit mir verfuhr man nicht auf die rechte Weiſe. Frauen und Opfer. 173 Anſtatt zu Hauſe unnachſichtig vielleicht noch meine Beſſerung zu verſuchen, verſtieß man mich zu einer al— ten, halb blödſtnnigen Tante, wo ich ein Jahr lang nichts that, als ſchlechte Romane leſen und Fluchtpläne aushecken, die aber nie zur Ausführung kamen. Ich dankte Gott, als mir meine Mutter ſchrieb, daß ſie end⸗ lich dem ſo oft wiederholten Wunſche meiner älteſten Schweſter in Wien nachgegeben und mir erlaube, zu ihr zu reiſen. Zugleich ſchickte ſie mir einen alten Reiſe⸗ wagen und eine noch ältere Steuerräthin als Duenna zur Begleitung. Am Abend vor meiner Abreiſe kam auch noch meine Mutter, um Abſchied von mir zu neh⸗ men und mir ihre Verzeihung zu gewähren unter der Bedingung, daß meine Schweſter aus Wien nur Gutes über mich berichten werde. Wer war glücklicher, als ich! Ich fürchtete nur immer, die Welt gehe aus den Angeln, ehe ich in Wien ankomme. Im Hauſe meiner Schweſter, der Fürſtin T., war ich ein willkommner Gaſt, die Dritte im Bunde von zwei jungen fröhlichen Weltmenſchen, denen die ganze Erde nur wie ein eigens für ſie ausgeſchmückter Ball⸗ ſaal erſchien. Mir wurde ſehr viel gehuldigt. Es gab zwar un⸗ ter den Wiener Comteſſen eben ſo ſchöne und muntere Frauen und Opfer. Mädchen wie ich, aber ich war eine Fremde, war doch anders wie ſie. Meine Schweſter, die keine Kinder hatte, ſchenkte mir, was nur mein Herz begehrte, ich ſchwamm in Reichthum, Vergnügen und Huldigungen aller Art. Den Sommer brachten wir auf den Gütern meines Schwagers in Oberöſterreich eben ſo geſellig und rau⸗— ſchend, wie den Winter in Wien zu. Drei Jahre war ich ſchon bei meiner Schweſter im Hauſe, obne den Wunſch gefühlt zu haben, mich zu verheirathen, ob⸗ gleich es meine Abſicht war, mir unter den Wiener Cavalieren einen Gemahl zu wählen, aber das auch nur, weil meinem leichtſinnigen, vergnügungsſüchtigen Sinne die dortige Lebensweiſe am meiſten behagte. Ich hatte beſchloſſen, meine Hand nur einem der Erſten und der Reichſten zu ſchenken, bei allen Anträgen aber, die mir gemacht wurden, fehlte immer das Eine oder das Andere. Alles Uebrige war mir ziemlich gleichgültig, da mir der Gemahl nur als Mittel erſchien, in einer feſten Stellung meine jetzige Lebensweiſe fortzuſetzen. Verliebt war ich nie— denn ehrlich geſtanden, lie⸗ ber Doctor, hat mir Ihr Geſchlecht nie viel Reſpect einflößen können, wenigſtens nicht diejenigen Männer, mit denen ich in Beziehungen ſtand.. Dieſe Männer, die über jedes rothwangige Mäd⸗ Frauen und Opfer. 175 chen den Kopf verlieren und ſich an ſie wegwerfen, ſo⸗ bald nur die rothwangige es will, dieſe Männer, die nie für eine hübſche Frau, und wäre ſie auch eine Gans oder auch eine Verlorne, ein„Nein“ haben, dieſe Män⸗ ner, denen nichts Achtung einflößt, als Geld und Macht — dieſe Männer verdienen nichts Beſſeres, als daß man heute mit ihnen ſpielt, um— ſie morgen wegzu⸗ werfen!“ „Zählen Sie auch Roſe zu dieſen Männern?“ fragte der Doctor mit eigenthümlichem Tone. „Ich zähle gar Niemand dazu, als die Cavaliere der Wiener Geſellſchaft, mit denen ich zufällig in Be⸗ rührung kam— die Männerwelt im Allgemeinen ken⸗ nen zu lernen, dazu hat ein junges Mädchen von mei⸗ ner Geburt und Lebensweiſe gar keine Gelegenheit.“ Der Doctor nickte etwas ſarkaſtiſch, ſchwieg aber. Ludmille fuhr fort.„Da ſtarben plötzlich die bei⸗ den noch ganz jungen Söhne des ſchon ſehr betagten Fürſten L. Sein Bruder der Graf, mein jetziger Gemahl, war ein fünfzigjähriger Junggeſell, der nicht viel mehr beſaß, als den Gehalt ſeines Poſtens. Er, der ſchon längſt ſein ganzes eignes Vermögen durchgebracht, er⸗ hielt auf einmal und ganz unerwartet dadurch die Aus⸗ ſicht auf den Fürſtentitel und die Güter ſeines alten Bruders. Mein alter, ſe eit Jahren geduldeter, aber immer 176 Frauen und Opfer. von mir verhöhnter und mißhandelter Verehrer wurde plötzlich zum„Epouſeur“! Als er mir ſeine Hand antrug, hatte ich, obgleich ich ihn ſeit Jahren kannte, eigentlich nie über ihn nach⸗ gedacht— er war zu alt, zu häßlich und zu unbedeu⸗ tend, um meine vielbeſchäftigte Aufmerkſamkeit zu feſ⸗ ſeln— ich hielt ihn aus Bequemlichkeit für das, wo⸗ für man ihn mir bei der erſten Bekanntſchaft geſchildert — für einen guten, höflichen alten Herrn, der ſich von einer jungen Dame um den Finger wickeln ließe. Ich theilte lachelnd meiner Schweſter den Antrag mit, ſie und ihr Mann antworteten auch nur durch La⸗ chen über den„kurioſen Schwager.“ Als er am andern Tage die Antwort holen wollte, hatte ich noch gar nicht daran gedacht. Ich ſagte ihm das, worüber er ſehr betroffen war— als ich aber hinzuſetzte: Doch es thut nichts, auch ohne Ueberlegung nehme ich Sie— die Sache iſt ja ſo wichtig nicht! wußte er vor Dankbarkeit ſich kaum zu faſſen und küßte mir immerwährend die Hände, wie ein gerührter Sclave. Ich wurde ihm angetraut. Als ich am Hochzeits⸗ tage erwachte, hatte ich keinen andern Gedanken als bei jedem Cour⸗ oder Balltage— ich dachte bloß an meinen Staat. Frauen und Opfer. 177 Meine neue Kammerfrau kleidete mich zum erſten Male an und ich begriff nicht, warum dieſe Perſon ſo ein mitleidiges Geſicht machte, als der Anzug vollen⸗ det war. Ich war vollkommen zufrieden, denn ich hatte nie beſſer„ausgeſchaut“, wie die Wiener ſagen. Ja hätte ich nur wirklich ausgeſchaut, dann hätte ich Man⸗ ches gewahren können! Die Veränderung meines Innern, als ich ſtatt Für⸗ ſtin Waldheim Gräfin L. war, weiß ich Ihnen kaum verſtändlich zu machen, obgleich mir das Alles ſonnen⸗ klar iſt.“ Verſuchen Sie's,“ ſagte Doctor Keller ernſt mit tiefem Mitleid. „Ich muß ziemlich weit ausholen. Unter meinen Hochzeitsgeſchenken fand ich ein Gedicht, es war von einem armen Muſtkus, den ich protegirte. Er ſtimmte meinen Flügel, ſchrieb mir Noten ab und wurde dafür reichlich von mir bezahlt. Es war ein guter beſchränk⸗ ter Menſch, der aber für alle ſeine„hohen Gönner“ im⸗ mer Verſe in Bereitſchaft hatte. Das Gedicht für mich hatte zwei Abtheilungen und war überſchrieben: Vor und nach der Hochzeit zu leſen. In der erſten dankte die„durchlauchtige fürſtliche Jungfrau' dem Schöpfer für ihre Unſchuld und Reinheit, in der zweiten die„er⸗ Gegen den Strom. II. 12 178 Frauen und Opfer. lauchte gräfliche Frau“ ihm für ihren ihr gnädig ge⸗ ſpendeten Gemahl! Meine Schweſter und ich lachten herzlich über den naiven Poeten— als ich vermählt war, lachte ich nicht mehr! Ich ſagte Ihnen ſchon vorher, daß mir eigentlich vor dem Grafen gar nicht bangte; als er mein Gemahl aber, trat mir in ihm zum erſten Male die Gemeinheit, die Niederträchtigkett, das Laſter unverhüllt entgegen. Vor ſeiner Frau entblödete er ſich nicht, ſich in ſeiner ganzen bodenloſen Schlechtigkeit zu zeigen!“ „Frau Gräfin!“ ſagte ſich erſchrocken umſehend der Doctor. „Ich rede die Wahrheit— und kann von dem Gra⸗ fen ſie ungeſcheut reden, denn der nahende Tod löſt unſere Ehe— ich bin eine Sterbende! Damals aber, als ich ſo unglücklich wurde, war ich noch in vollem Leben und wünſchte mir dennoch ſehnlich den Tod. Das einfältige Hochzeitsgedicht ſchwebte mir immer vor und die einfachen Worte, womit es begann:— Mit hellem Aug' und ſcheueloſem Blick Heb' ich das Antlitz auf vor Deinem Throne—— mußte ich unter Thränen mir hundertmal wiederholen. —— Frauen und Opfer. Mir kam es vor, als habe den erſten Theil mein guter, den zweiten mein böſer Dämon geſprochen. Die ‚„durchlauchtige fürſtliche Jungfrau“ war zwar eine Erzkokette, eine Lügnerin, ein ſpöttiſches, herzloſes Geſchöpf geweſen— trotz Durchlaucht und Fürſtenthum aber doch eine Jungfrau, das heißt ein Weſen, dem nie die Rohheit, die Niederträchtigkeit, mit einem Worte die Gemeinheit genaht! Sie lächeln— Sie mißverſtehen mich, wenn Sie glau⸗ ben, daß in dieſer Bemerkung ein ariſtokratiſcher Dünkel laure, gerade das Gegentheil. Ich verwerfe jetzt die Ariſtokratie der Geburt um der Ariſtokratie der Seele willen, denn ich weiß keinen andern Ausdruck dafür an die Stelle zu ſetzen. Wie die große Welt laut einen Stammbaum für beſudelt erklärt, wenn ein Menſch der Familie vor Jahrhunderten ſich mit einer nicht Eben⸗ bürtigen vermählt, ebenſo erſcheint mir ein einzelner Menſch geſunken, in deſſen Leben eine niedrige Hand⸗ lung, ein gemeines Beſtreben ſich bekundet! Ich hatte alle möglichen üblen Eigenſchaften, aber kein Laſter gehegt, und nur das Laſter beſudelt unrett⸗ bar, unvertilgbar. Als mir nun das Laſter zuerſt nahe trat, ja als ich mir geſtand, daß ich ihm vermählt ſei, kam das, was in jeder unbefleckten, wenn auch noch ſo fehlerhaften 12 180 Frauen und Opfer. Menſchenſeele wohnt und was ich das Vornehme, die Welt im Allgemeinen die Unſchuld nennt, zum erſten Male in mir zum Bewußtſein. Bei dem Anblick, bei der Kenntniß der Schuld, des Laſters, des Verbrechens richtete es ſich aus ſeinem Schlafe hoch auf, und an ihm klammerte ſich Alles in mir empor, was in meiner Seele noch Arme hatte, ſie zum Himmel zu erheben. Seit⸗ dem ich mir eines edlen Beſtandtheiles bewußt wurde, fielen die Schlacken meines Characters ohne jede An⸗ ſtrengung von mir ab— nur Eine Umwandlung war ſchlimm— dieſelbe Welt, die ich bisher zu ſehr geliebt, um derentwillen ich herzlos, leichtſinnig und gefallſüch⸗ tig geweſen, haßte ich von nun an mit unchriſtlicher Bitterkeit! In ihr ſah ich die ganze Urſache meines Unglückes — ſie hatte gebilligt und genehmigt, was mich elend machte; ſte hätte verdammt, was mich vielleicht glück⸗ lich gemacht hätte!“ „Erklären Sie ſich deutlicher, Gräfin,“ſ agte Keller, der aus Neugierde ganz ſeinen ärztlichen Beruf vergaß und die Kranke, ſtatt ihr Stillſchweigen zu gebieten, immer mehr zum Sprechen aufforderte. „Deutlicher erklären ſoll ich mich? Haben Sie denn je einen Tadel in der ſogenannten großen Welt äußern hören, wenn das ſchönſte, jüngſte, unſchuldigſte Mäd⸗ Frauen und Opfer. chen dem älteſten Wüſtling am Altare verkauft wurde? Hat hingegen dieſelbe große Welt nicht jedes Mal Zeter und Mord geſchrien, wenn ein ſolches Mädchen einem begabten, jungen, ehrlichen, aber bürgerlichen Mann in ſein einfaches Haus als Gattin folgte? Hat nicht jene große Welt, deren Regeln für alle jungen gedanken⸗ loſen Geſchöpfe, wie ich es war, als Geſetze gelten, die einzige Schuld an allen den unnatürlichen ſündhaften Ehen, die man Convenienzheirathen nennt?“ Mierles Sapilel. Ludmille war in ſolche Aufregung gerathen, daß es endlich ſelbſt ihrem neugierigen Zuhörer auffiel; er gebot ihr Ruhe, ſie wollte ſich anfangs nicht fügen aber bald folgte eine ſolche Erſchöpfung, daß ſie die Augenlider nicht mehr erheben konnte. Wir aber wollen ihr vorgreifen und das, was ſie am folgenden Morgen dem Doctor noch aus ihrem Leben erzählte, in gedrängter Kürze mittheilen. Sie hatte ſelbſt geſagt, daß von dem Augenblicke an, wo ſie Gräfin L. war, ſie ſich grenzenlos elend fühlte; denn nicht nur die Art, wie ihr Gemahl ſich im In⸗ nern ſeines Hauſes betrug, war ihr zuwider, auch ſein Benehmen in der großen Welt und die Weiſe, in wel⸗ cher er ſeine junge Gemahlin überall aufführte, em⸗ pörte Ludmillens Gefühl. Den Erzherzögen, dem Frauen und Opfer. 183 Staatskanzler und ſeiner hochmüthigen Gemahlin ge⸗ genüber war er kriechend und würdelos, gegen jeden Andern hingegen hochfahrend und impertinent; mit den älteren Damen ſprach er Zweideutigkeiten, mit den jüngeren ſüßliche Albernheiten— Ludmille konnte das nicht mit anſehen— ihr eigener Stolz, ihr Selbſtge⸗ fühl wurde in ihrem Gemahl ſo tief verletzt, daß ſie es vorzog, dieſe Demüthigung ſich zu erſparen, und gar nicht mehr an ſeiner Seite zu erſcheinen beſchloß. Allein ließ er ſie nicht ausgehen, das erlaubte ſeine Eifer⸗ ſucht nicht, und ſo kam ſie denn gar nicht mehr aus ihren Gemächern. Anfangs ſuchten ihre ehemaligen Freunde ſie dort auf; da man aber bald ihre frühere Munterkeit, an deren Stelle ein erbittertes, gedrücktes Weſen getreten war, an ihr vermißte, ſo hörte das auch auf, und ehe einige Monate vergingen, war ſie ganz einſam, denn ſelbſt ihre Schweſter ſah ſie nicht mehr, weil dieſe ſich mit ihr überworfen, als Ludmille ihr erklärt, ſie werde jedenfalls ſich von dem Grafen ſcheiden laſſen, was ſie als Proteſtantin ja durfte— was ihre Schweſter hingegen, die aus ‚Rückſichten für die Familie ihres Gemahls“ katholiſch geworden, auf das Aeußerſte ſchon um des Scandals willen mißbilligte.. Ludmille hatte, obgleich ihr Entſchluß unwider⸗ 184 Frauen und Opfer. ruflich feſt ſtand, noch keine Schritte wegen der Schei⸗ dung gethan, weil es für ſie bis jetzt eine Unmöglich⸗ keit geweſen. Sie hatte keinen Zufluchtsort, keinen Freund, keinen Beſchützer, ſelbſt kein Geld, um irgend etwas zu unternehmen, denn ihr Gemahl, durch ſeinen Schwager gewarnt, bewachte ſie und entzog ihr alle Mittel zum ſelbſtſtändigen Handeln. Das einzige We⸗ ſen, dem ſie bisher ihr Herz erſchließen konnte, ohne mit Vorwürfen, mit Mißtrauen oder mit Gleichgültig⸗ keit empfangen zu werden, war in der Ferne, ihre Tante Roſalie. Der lebhafteſte Briefwechſel mit der geiſtreichen alten Jungfer war der einzige Troſt, die einzige Erholung der ſchönen jungen Frau! Außerdem las ſie ernſte Bücher, zeichnete, ſpielte Clavier, im letzteren war ſie beſonders vorgeſchritten, kurz ſie führte das Leben einer Fran, die von der Welt nichts mehr erwartet. Roſalie konnte ihr leider nur Troſt, weiter nichts ſpenden, wir kennen ja die beſchränkten Verhältniſſe derſelben. Nachdem Ludmille dieſe Skizze ihrer Lebensgeſchichte geſchloſſen, trug ſie dem Arzt den dringenden Wunſch ihrer Seele, den Wunſch, deſſen Erfüllung Alles war, was ſie noch vom Leben verlangte, vor— die Ver⸗ zeihung Wilhelms zu erhalten. — Frauen und Opfer. 185 „Er iſt der einzige Mann von allen Männern, der mich geliebt, deſſen Character mir bei näherer Kennt⸗ niß Achtung eingeflößt hat, und dieſen Einzigen habe ich tödtlich beleidigt! Ich kann nicht mit dieſer Ueber⸗ zeugung aus der Welt gehen— ſchaffen Sie mir ſeine Verzeihung— wenn auch nur ſchriftlich. Wenn ich in den wohlbekannten Zügen ſeiner Hand leſe, daß er mir vergeben hat,“ ſagte ſie weinend,„ſo ſcheide ich be⸗ ruhigt von hinnen.“ Der Doctor ging zu Roſe und hoffte feſt, ihn die⸗ ſem Wunſche der Kranken geneigt zu machen, aber ſelbſt eine ſchriftliche Verzeihung verweigerte Wilhelm. „Ich kann ihr nicht verzeihen,“ ſagte er düſter,„der Gifttropfen, den Sie in mein Leben geworfen, hat ſchlimme Saat getragen— er iſt nicht gut zu machen!“ „Aber doch zu verzeihen— „Auch das nicht— ich kann es nicht, weil ich über⸗ haupt nicht an ihre Reue glauben kann. Es iſt nur eine neue Laune—— ich habe jetzt eine noch ſchlim⸗ mere Meinung von ihr als damals, wo ſie mich betrog — damals habe ich ſie doch für eine zu ſtolze Weib⸗ lichkeit gehalten, um einen Mann zu heirathen, wie dieſen Grafen L.!“ Doctor Keller glaubte ſich nicht berechtigt, Ludmil⸗ lens ihm vertraute Aufſchlüſſe über dieſe Ehe auch Frauen und Opfer. Wilhelm mitzutheilen, und begab ſich zurück zu ihr, um deshalb nachzufragen. Sie billigte ſeine Verſchwie⸗ genheit. „Nicht gut zu machen, was ich an ihm verbrochen,“ ſagte ſie ſinnend,„heißt das, daß er unglücklich verhei⸗ rathet iſt?“ „Im Gegentheil, Frau Gräfin. Er hat eine ſchöne, ſehr gebildete und geachtete Frau aus dem Reich. Eine Dame, von welcher man ſagt, daß ihre Eigenſchaften ihrem Gatten nichts zu wünſchen übrig laſſen.“ Nachdem Ludmille eine Weile geſchwiegen, ſagte ſie plötzlich raſch:„Gehen Sie zu ihr und ihr theilen Sie Alles mit, was Sie von mir erfahren! Die Frauen ſind immer großmüthiger als die Männer, ſie wird mir ver⸗ zeihen, und wenn ſie ſchön und klug iſt, auch Einfluß auf ihren Mann haben. Sie wird ihn bewegen, mir zu vergeben. Gehen Sie zu ihr.“ Und Doctor Keller ging zu ihr. Agnes hörte ihn athemlos bis zu Ende, dann, zu ſeiner größten Ver⸗ wunderung, brach ſie in einen Thränenſtrom aus— und es dauerte lange, ehe ſie ſich hinreichend gefaßt hatte, um ihre Thränen ihm erklären zu können. „Liebſter, beſter Doctor,“ ſagte ſie endlich ſchmerzlich lächelnd,„welchen Aufruhr haben Sie in meinem Her⸗ zen wach gerufen! Seit ſechs Jahren bin ich mit Roſe Frauen und Opfer. 187 verheirathet, und laſſen Sie mich es jetzt geſtehen, nicht glücklich, denn ich habe keinen Blick in ſein Herz gethan! Daß dieſes Herz wirkliche und zwar ſchmerzliche Ge⸗ heimniſſe bewahre, davon hatte ich, wenn auch keine Beweiſe, doch die Ueberzeugung! Roſe iſt hart, ja man könnte zuweilen verſucht wer⸗ den, ihn unbarmherzig zu nennen— aber er iſt durch⸗ aus gerecht! Wie kam es, daß er, ein ſo gerechter Mann, ſeiner Frau kein Vertrauen ſchenkte?“ „Weil eine ihn betrogen, verdammte er das ganze Geſchlecht.“ „Er verdammte es nicht,“ ſagte Agnes eifrig,„er hielt nur als vorſichtiger Mann mit ſeinem Vertrauen zurück, weil er einmal getäuſcht worden— hätte er das Geſchlecht verdammt— er würde ſich nicht vermählt haben—o nein, ſicher nicht! Ich bin ſogar überzeugt, 8* daß er mich ſeines Vertrauens für würdig hält, aber das Herz mancher Menſchen und gerade das der edel⸗ ſten Menſchen, wozu ich mit Stolz meinen Mann rechne, hat die Eigenthümlichkeit, ſich nur einmal zu öffnen; ſchließt es dann der Verrath, dann bleibt es für immer geſchloſſen.“ „Die Frauen ſind doch beſſer als wir,“ ſagte der Doctor gerührt. 188 Frauen und Opfer. „O rechnen Sie mir es nicht zum Verdienſte an, daß ich Roſe vertheidige; obgleich er mich unſäglich vf gekränkt, ſteht er doch ſo weit über mir“— „Durch was? darf ich fragen.“ „Dadurch, daß nur Großartiges ſeinen Geiſt zu be⸗ wegen vermag— wie das Echo kann nur ein ſtarker voller Klang ihn wecken— die Lappalien des Lebens haben kein Intereſſe für ihn. Kunſt, Wiſſenſchaft, die Leiden der Menſchheit vermögen allein ſeine Theilnahme anzuregen, aber keine von all den elenden Triebfedern, die tauſend andere Menſchenleben in Bewegung ſetzen!“ Etwas beſchämt ſagte Doctor Keller:„Das iſt recht ſchön, aber Frau und Kinder zu lieben und glücklich zu machen, iſt, wenn auch gerade kein erhabener, doch jedenfalls ein edler Beruf.“ Wenn er aber nun kein Herz für uns hat— wenn wir nun nicht ſo ſind, wie er uns lieben könnte, iſt das ſeine Schuld?“ „Gnädige Frau! Sie ſagen das in einem Tone, als wären Sie und Ihre ſchönen Kinder—— das, was Sie nicht ſind!“ „Wir ſind keinesfalls, was wir ſein ſollten,“ ſagte Agnes und begrub den Kopf in ihre ſtützenden Hände. Die Kinder ſind unſchuldig, aber ich— und ich hätte doch wiſſen müſſen, wie hart ihn das Schickſal behan⸗ Frauen und Opfer. 189 delt, und hätte Alles, Alles gut machen müſſen— welche andere Aufgabe hat die Frau, als diejenige, gut zu machen, zu heilen, zu ſchlichten, was das Leben an dem Manne ihres Herzens verſchuldet?“ „Und was iſt denn die Aufgabe des Mannes der Frau gegenüber?“ „‚Das müſſen Sie eben ſo gut wiſſen, wie ich— und noch beſſer, denn es iſt Ihre Aufgabe, darüber nach⸗ zudenken; ich brauche mich nur mit unſern Pflichten zu beſchäftigen!“ Der Doctor ſchüttelte den Kopf.„O Frauengroß⸗ muth, die immer zu weit geht— immer ſich ſelbſt vergißt!“ Trotz allem Ernſt mußte Agnes laut auflachen. „Das wäre mir eine ſchöne Großmuth, die an ſich ſelbſt dächte.“ „Sie urtheilen doch zu milde; die heutigen Männer verdienen es nicht. Nein, gnädige Frau, wir älteren Män⸗ ner, wir waren beſſer als die jetzigen, die immer hübſch Al⸗ les beiſammen haben wollen: Großmuth und weiſe Vor⸗ ſicht, hingebende Liebe und ſtolze Zurückhaltung, kindliche Demuth und erhabenen Stolz, häuslichen Fleiß und — ariſtokratiſche Unbekümmertheit, ſtrenge Kindererziehung und immer ſanftes Weſen— und vor Allem ein mei⸗ 190 Frauen und Opfer. ſterhaft gehaltenes Haus, worin aber unſichtbare und unhörbare Geiſter reinigen und ordnen. Hat Ihr Gemahl gar keine dieſer ganz gewöhn⸗ lichen und kleinen jetzigen Männerprätenſionen?“ Agnes hob ihr zur Erde gefallenes Schnupftuch vom Boden auf und gab keine Antwort, ſondern fragte raſch abſpringend nach ächter Frauenart: „Iſt die Gräfin wirklich rettungslos?“ „Eigentlich ſollte ich Ihnen die Antwort ſchuldig bleiben als Revanche, aber ich will Ihnen zeigen, daß Männergroßmuth auch weit gehen kann. Die Gräfin kann gerettet werden, aber ich halte es für unmöglich, wenn Roſe nicht nachgiebt; dieſe Sehnſucht nach der Ausſöhnung mit ihm iſt eine entſchiedene Lebensfrage bei ihr. Reden Sie mit ihm, ſuchen Sie wenigſtens ein paar Zeilen von ihm zu erlangen.“ „Ich? Wo denken Sie hin— er würde mir eine Einmiſchung in dieſe Angelegenheit nie verzeihen.“ „Wenn Sie es nicht vermögen, vermag es Niemand. Ich muß jetzt zur Gräfin zurück, werde ihr aber ſagen müſſen, daß Sie ſich ihrer annehmen wollen— auch ſelbſt, wenn Sie es nicht thun! Sie würde dieſe Wei⸗ gerung bei Ihnen mißdeuten, es für etwas ganz An⸗ deres halten.“ — Frauen und Opfer. 191 Agnes lächelte ſchmerzlich:„Für Eiferſucht, für Rachſucht! Ich verſtehe— eiferſüchtig, rachſüchtig einer Todtkranken gegenüber! Dieſe Frau hat mir mein beſtes Leben vernichtet, aber ich verzeihe ihr; ſie hat gebüßt.“ Als Agnes allein war, kam der Plan, ihren Mann mit Ludmillen zu verſöhnen, ihr immer verführeriſcher vor. Ihr enthuſtaſtiſches, großmüthiges Herz liebte die Aufregungen, die Opfer; wie alle lebhaften Frauen, empfand ſie immer das Bedürfniß zu handeln, zu wir⸗ ken, dies Bedürfniß, was Männer weniger lebhaft fühlen, weil ſie ihm eher genügen können. Als in der Dämmerung Wilhelm bei ihr eintrat, ſagte ſie mit zitternder Stimme:„Wilhelm, ſei nicht böſe, ich habe einen unangenehmen Auftrag an Dich übernommen.“ „Was iſt's? Sag' es nur ſchnell.“ „Doctor Keller war hier——— ſie ſtirbt, wenn Du ihr nicht verzeihſt— ſchreibe nur eine Zeile, dann iſt ſie zufrieden.“ Als Agnes Keller's Namen nannte, hatte ſich Roſe raſch von ihr abgewandt, obgleich es ſchon ſo dunkel war, daß ſie ſeine Züge nicht mehr erkennen konnte. Eine lange Pauſe trat ein, welche ein paar Jura⸗ ten mit ihrem Schreien und Singen auf der Straße 192 Frauen und Opfer. ausfüllten, endlich ſagte Wilhelm mit auffallend trock⸗ ner Stimme: „Keller iſt ein tactloſer Menſch— was geht Dich die Sache an— dieſe Wiener können alle 1 Mand nicht halten, ſie ſind wie die alten Weiber.“ „Du thuſt ihm Unrecht, Wilhelm, die Gräſin hat ihn zu mir geſchickt.“ „Sie weiß nicht, was ſie thut,“ fuhr er heftig fort. „Wenn ein Arzt alle Wünſche einer im Delirium liegen⸗ den Sterbenden erfüllen wollte, welcher Unſinn käme da heraus!“ „Alſo Du hältſt ſie doch ſelbſt für eine Sterbende und dennoch— Wilhelm, gieb nach, um Deiner Mut⸗ ter willen!“ „Agnes!“ und die tiefe Stimme des Mannes zit⸗ terte im Gefühl des herannahenden Zornes,„Agnes, laſſe mich gewähren! Ich thue ihr nicht den Willen! Dieſer fürſtlichen Thörin, die bis zum Grabe jede Laune befriedigt haben will! Und wäre dieſe Erfahrung ihre letzte, ſie ſoll erfahren, daß Geburt, Schönheit und Geld nicht immer hinreichen, um ſeinen Willen durch⸗ zuſetzen. Rede nie mehr von ihr, wenn Du nicht willſt, daß ich um ihretwillen auch Dich meiden ſoll. Ich will nichts mehr von ihr hören.“ Frauen und Opfer. 193 Und er ging mit dröhnenden Schritten. Agnes war ſechs Jahre ſeine Frau und wußte am Tone ſeiner Stimme nur zu gut zu erkennen, daß Ludmille nichts zu hoffen hatte. Am Abend deſſelben Tages fuhr Agnes zu Ludmil⸗ len. Sie hatte den Doctor von der abſchlägigen Ant⸗ wort ihres Gemahls benachrichtigt und darauf von die⸗ ſem den dringenden Wunſch Ludmillens erfahren, doch wenigſtens ſie, die ſich ſo großmüthig ihrer angenom⸗ men, zu ſehen und zu ſprechen. Als ſie am Arme des Doctors die hell erleuchteten breiten Treppen des gräf⸗ lichen Palais hinanſtieg, konnte ſie ſich eines ironiſchen Lächelns über ſich ſelbſt nicht erwehren. War ſie nicht im Begriffe, die ehemalige Geliebte ihres Mannes dar⸗ über zu tröſten, daß er nicht kam? Hätte ſie ſich ſelbſt im glücklichen Beſitze dieſer Liebe gefühlt, ſo wäre das eine Pflicht der Großmuth geweſen, aber litt nicht ihr eignes Herz ſeit ſechs Jahren durch die Schuld dieſer Frau? Als ſie eben das Vorzimmer erreicht, ließen ſich haſtige Schritte hinter ihnen vernehmen. Agnes erſchrak, ſie fürchtete, ihr Mann, dem ſie ihr Vorhaben nicht mitgetheilt, weil ſie ein Verbot von ihm beſorgte, komme, um ſie zurückzuführen. Es war aber eine Dame, die nach ihr eintrat; der Bediente, der ſie hereingeführt Gegen den Strom. II. 13 — 194 Frauen und Opfer. und der ihr kaum folgen konnte, wandte ſich an den Doctor: „Wollen Sie nicht die Güte haben und dieſe Dame bei der Frau Gräfin melden? Sie ſagt, ſie ſei ihre Tante, die Fürſtin Waldheim.“ 2 Der etwas zweifelhafte Ton, womit der Diener dies ſprach, war leicht zu entſchuldigen, denn die Dame ſah durchaus nicht wie eine Verwandte dieſes vorneh⸗ men Hauſes aus. Die ergrauenden Haare hingen verwirrt um die hohe Stirne, das blaſſe, ſcharfgezeich⸗ nete Antlitz war beſtäubt, der Hut gedrückt, der Man⸗ tel von unſcheinbarem Stoff und veraltetem Schnitt. Aber mit raſcher Faſſung wandte ſih die Fremde an den Arzt: „Nehmen Sie keinen Anſtoß an dem Aufzug, in dem ich komme, und ſagen Sie mir vor allen Dingen, wie ſteht es mit der Gräfin?“ Doctor Keller zuckte die Achſeln. „Gott ſei Dank, daß ich ſte nur noch am Leben finde nach dieſer Mühſal. Dem Grafen bringe ich eine Schreckensnachricht. Wien iſt in Aufruhr, der Kaiſer in der Burg eingeſchloſſen, die Studenten Regenten von Wien. Die Straßen ſind mit Flüchtlingen bedeckt, ich ſelbſt bin nur wie durch ein Wunder hier— wo man noch keine K unde zu haben ſcheint.“ Frauen und Opfer. 195 In dieſem Augenblicke ertönte in der Straße ein ſolches Freudengeſchrei, daß Agnes unbewußt faſt des Doctors Arm erfaßte. Aus einer Nebenthüre aber trat der Graf mit bleichem, entſetzten Geſichte.„Doctor, was giebt's?“ Hier die durchlauchtige Tante Ihrer Frau Gemah⸗ lin(der Graf verbeugte ſich nicht, ſondern ſah ſtaunend die fremde Erſcheinung an), die eben flüchtig von Wien kommt, bringt die Nachricht, daß dort die Revolution auf's Furchtbarſte ausgebrochen, der Kaiſer ermordet und die Studenten die Tyrannen von Wien ſind.“ „Ermordet iſt der Kaiſer nicht,“ ſagte die Fremde, „ſo viel ich weiß, aber ohne Zweifel in den Händen der Inſurgenten. Den Ausbruch des Aufſtandes verur⸗ ſachten die Truppen, welche am Rothenthurmthor ſich weigerten, nach Ungarn zu marſchiren, wobei das Volk ihnen beiſprang. So viel iſt gewiß, was man gewöhn⸗ lich unter Autoritäten zu verſtehen pflegt, iſt aus Wien verſchwunden. Geflüchtet, verſteckt, gefangen oder ge⸗ hängt wie Graf Latour, den ich ſelbſt am Pfahle bau⸗ meln ſah.“ Der Graf hielt ſich an die nächſte Stuhllehne.„O heilige Dreifaltigkeit! Jeſus, Maria, Joſeph! Was fang' ich an! Wohin?“ So ſtieß er die Worte kaum vernehmbar heraus, denn das Geſchrei hatte ſich auf 13* 196 Frauen und Opfer. der Straße dermaßen vermehrt, daß die Fenſterſcheiben erklirrten. „Sie ſtürmen mein Haus,“ ächzte der Graf. ‚Jeſus, Maria, Joſeph, ich bin verloren.“ Aber in einem Anfalle plötzlicher Thatkraft riß er dem nächſtſtehenden Bedienten den Bortenrock vom Leib, warf ſeinen eignen ſchwarzen, mit vielen kleinen Kreuz⸗ chen am Knopfloche gezierten Frack hinter einen Stuhl und ſtürzte durch die Seitenthüre hinaus, durch welche er gekommen.. Roſalie, die ihn mit untergeſchlagenen Armen die ganze Zeit über fixirt, ſagte kalt:„In dieſem Hauſe bringt die Revolution die Dinge in die rechte Ordnung. Dieſer Mann hätte nie einen andern Rock tragen ſol⸗ len, er ſteckt nun in ſeiner rechten Tracht. Laſſen Sie uns jetzt zu unſerer Kranken gehn.“ Der Doctor ſtand einen Augenblick wie unſchlüſſig, dann ſagte er ſtotternd:„Ich kann nicht länger meine Hausleute bei ſolchem⸗— in dieſem Augenblicke klirrte eine Fenſterſcheibe—„Aufruhr allein laſſen— es ſind nur hülfloſe Frauen.“ Agnes wollte ſagen:„Was ſind wir denn?“ Sie bezwang ſich aber und verſetzte:„Wenn Sie doch gehen wollen, ſo nehmen Sie mich mit— mein Mann, meine Frauen und Opfer. Kinder, meine Freundin haben das Recht zu verlangen, daß ich in ſolchem Augenblick bei ihnen bin“— „Ich werde Ihrem Gemahl ſagen, wo Sie ſind,“ verſetzte eifrig der Doctor,„aber jetzt dürfen Sie nicht gerade das Haus verlaſſen, deſſen Thorflügel ich befeh⸗ len werde zu ſchließen. Ich werde Ihren Gemahl benachrichtigen, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Wenn Sie mich nicht mitnehmen wollen,“ ſagte Agnes ruhig,„ſo gehe ich allein. Eine einzelne Frau wird kein Ungar ſeinen Deutſchenhaß entgelten laſſen.“ Der Doctor ſagte mit einer Satyrmiene:„Daß Ihnen der Haß jetzt auf der dunkeln Straße gefährlich werden könne, habe ich auch nie geglaubt, ſchöne Frau.“ Agnes wandte ſich von ihm und er ging wirklich: und ließ die beiden fremden Frauen allein im Vorzim⸗ mer der todtkranken Gräfin ſtehn. Agnes faßte ſich und ſagte lächelnd zur Fürſtin Roſalie:„Ich bin wie Sie zum erſten Male in dieſem Hauſe“— Wenn nur Jemand uns der Kranken melden wollte,“ ſagte Roſalie,„ich fürchte ſie zu erſchrecken, wenn ich ſo plötzlich bei ihr eintrete.“ Eine bange Pauſe erfolgte, auch auf der Straße war eine augenblickliche Stille eingetreten. Ein Redner, deſſen Worte nicht bis zum zweiten Stockwerk dringen 198 Frauen und Opfer. konnten, ließ ſich draußen vernehmen und das Volk auf der Straße war nur noch hörbar, wie ein ferne grollendes Meer. Mitten in dieſem gedämpften Lärm ſchlug ein gel⸗ lender Schrei an das Ohr der beiden Frauen, aber nicht von der Straße erſchallte er, nein, aus dem näch⸗ ſten Zimmer. Unwillkührlich eilten Beide nach der Thüre; als ſie ſie geöffnet, lag eine weiße Geſtalt am Boden. Roſalie hob ſie mit Hülfe von Agnes auf und Beide trugen ſie in das geöffnete Schlafkabinet. Es war die arme Ludmille, die Kranke, die Ver⸗ laſſene, die, als auf ihr Rufen Niemand erſchien, un⸗ beſchreiblich beängſtigt durch den Lärm auf der Straße, von ihrem Bette, ſich mit den Armen an den Wänden haltend, bis ins nächſte Zimmer gelangt und dort zu⸗ ſammengebrochen war. Als ſie im Bette die Augen aufſchlug, fiel ihr erſter Blick auf ihre Tante. Ein urnbeſchreiblicher Freudenſtrahl flog über ihr Ge⸗ ſicht.„O, nun iſt Alles gut,“ hauchte ſie,„nun bin ich nicht mehr allein! O liebe gute Tante Roſalie“— und ſie führte die Hand der zitternden Fürſtin an ihre trock⸗ nen Lippen—„Du wirſt mich vor ihm ſchützen. O, welche immerwährende Angſt, daß er dennoch zu mir —— Frauen und Opfer. dringt, daß ich ſeine gräßlichen Züge dennoch vor mei⸗ nem Tode ſchauen muß!“ „Sei ruhig, Kind, er iſt fort! Er iſt entflohn.“ Ludmillens Geſicht verklärte ſich, ſie ſchlang mit plötzlicher Kraft beide Arme um den Hals Roſaliens und rief unter Lachen und Weinen:„O welch ein Glück, er iſt fort!“ Da fiel ihr Blick auf Agnes, die in einiger Ent⸗ fernung ſich ſtill in einen Fauteuil geſetzt hatte.„Wer iſt das?“ fragte ſie flüſternd ihre Tante. Dieſe zuckte die Achſeln. Da erhob ſich Agnes, welche die Frage gehört, und ſagte ſtockend:„Doctor Keller hat mich hergebracht.“ „O Dank, tauſend Dank, daß Sie meinen Wunſch gewährt!“ Weiter konnte die Kranke nicht ſprechen, denn auf der Straße erhob ſich von Neuem ein ſolcher Lärm, daß ihr das Wort im Munde erſtarb. „In Wien iſt ein Aufſtand ausgebrochen,“ erklärte, als es wieder etwas ruhiger ward, mit gleichgültigem Tone Roſalie,„und dieſe Nachricht entzückt die guten Ungarn!“ „Sie ſtürmen vielleicht unſer Haus,“ entgegnete Ludmille eben ſo gleichgültig,„ich fürchte mich nicht! Deswegen iſt er wohl geflohen?“ſetzte ſie lächelnd hinzu. 200 Frauen und Opfer. Roſalie nickte, aber ohne innerlich die Sicherheit ihrer Nichte zu theilen. Agnes aber war am meiſten zu beklagen.„O wäre Wilhelm nur da,“ ſeufzte ſie aus gepreßter Bruſt, als die tobende Menge von Neuem anfing zu brüllen und von Neuem Fenſterſcheiben klirrten. Laſſen Sie's gut ſein,“ ſagte Roſalie bitter.“ Wer weiß, ob„Wilhelm“ hier bliebe, wenn er hier wäre!“ „Es iſt mein Mann, von dem ich ſpreche, Durch⸗ laucht!“— und Agnes' Stimme zitterte vor tiefer Aufregung! In dieſem Moment wurde die Thüre aufgeriſſen— Wilhelm ſtand auf der Schwelle. Ludmille fuhr hoch im Bette auf, Roſalie trat einen Schritt zurück und traute ihren Augen nicht, als ſie hier den Liebling ihres Herzens ſtehen ſah, den ſie augenblicklich erkannte. Aber er ſah ſie nicht! Wie ein Engel der Rache, der Vergeltung, zornig und ſtrafend ſtand er auf der Schwelle, das Auge nur auf ſeine Frau gerichtet. „Agnes!“ rief er gebietend, als ſie ſich nicht von der Stelle bewegte. Aber auch jetzt folgte ſie nicht! Eine flehende Geberde, indem ihre Hand auf das Bett wies, war ihre ganze Antwort. ——, Frauen und Opfer. 201 Aber kein Blick ſeiner großen flammenden Augen wandte ſich dorthin, und ſeine Stimme klang wahrhaft drohend, als er ſagte:„Agnes! Folge mir zu Deinen Kindern, ich befehle es Dir!“ Da erfaßte das Mitleid ſo gewaltig die großmü⸗ thige Frau, daß ſie zu ihm ſtürzend ſeine Kniee umſchlang und weinend rief:„O ſei ein Menſch dieſen beiden ver⸗ laſſenen Frauen gegenüber! Der Graf, die Diener⸗ ſchaft iſt geflohen! Sie ſind ganz allein in dem der Volkswuth preisgegebenen Palaſte! Wenn Du auch Gräfin Ludmille willſt ſterben laſſen, was hat Dir denn ihre arme Tante gethan?“ „Ihre Tante?“ fragte Wilhelm, plötzlich ein Andrer, „ihre Tante?“ und ſein Blick durchflog das Zimmer und Roſalie ſtürzte an ſeinen Hals und umarmte weinend und ganz aufgelöſt von den verſchiedenſten Empfindungen den lange vermißten Liebling. Ludmille aber kniete im Bette und wurde in dieſem Augenblicke bitter für ihre Vergehungen geſtraft. Wilhelm faßte ſich bald. An einer Hand Roſalien, an der andern Agnes haltend, ſagte er feſt:„Aber nun fort! Jeden Augenblick kann die Rotte ins Haus bre⸗ chen, wir müſſen dem zuvorkommen. Durch den Garten bin ich eingedrungen, aber durch das große Thor führ' ich Euch kühn hinaus. Ich bin zwar kein Redner, aber 202 Frauen und Opfer. ſo viel reden werde ich doch, daß die da draußen erfah⸗ ren, wen ich retten will und wer entflohen iſt!“ Roſalie ſagte weich, auf Ludmillen zeigend:„Ohne dieſe gehe ich nicht.“„Ich auch nicht,“— ſetzte Agnes hinzu, und beide Frauen ſtellten ſich zur Seite des Bettes der Kranken, die nur durch Händefalten ihren Dank auszudrücken vermochte. Wilhelm ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er kalt:„So hüllt ſie in einen Mantel und laßt ſie durch ein paar Bedienten die Treppe hinab tragen.“ Ludmille gab an, wo ein Mantel liege, dann bat ſie ihre Tante, an einer Klingelſchnur heftig zu ziehen, die nach dem Domeſtiken⸗Zimmer führe und mit allen Schlafzimmern der Dienerſchaft in Verbindung ſtehe. Roſalie ſchellte ein, zwei, drei Mal, es kam Nie⸗ mand. Der Lärm auf der Straße nahm immer zu, ſchon vernahm man deutliche Schläge an das Hofthor. „Wenn ſie den Eingang erzwingen, dann iſt Alles verloren,“ ſagte Wilhelm entſchloſſen.„Wir müſſen öffnen“— und er ſchritt dazu, zu thun, was ihm in dieſem Augenblick das Widerwärtigſte auf Erden war. Er umfaßte das zitternde Weib, das er allein auf Erden geliebt und jetzt allein auf Erden haßte, und trug ſie die Stiege hinab. Roſalie öffnete die ſchweren Riegel, Agnes trug auf ihres Mannes Gebot zwei = — Frauen und Opfer. 203 große Armleuchter mit brennenden Lichtern in den Händen. Als die Thorflügel aufſprangen und die dagegen geſtemmte Menge unwillkührlich hereingebrochen war, legte Wilhelm die Kranke in die Arme ihrer Tante, wandte ſich zu den plötzlich verſtummten, verblüfften Patrioten und ſagte in ihrer Sprache, die ihm ſehr ge⸗ läufig war:„Edle Ungarn! Der Graf, dem Euer Zorn gilt, iſt geflohen. Die Dame, die Ihr hier ſeht, iſt ſeine todkranke Gemahlin, dies ihre Tante, Beide keine Oeſterreicherinnen und von ihm in der Gefahr ſchmählich verlaſſen. Ich bin der Arzt und dies iſt meine Frau. Seid mir behülflich, die Kranke in mein Haus zu ſchaffen, ich wohne Hutgaſſe No. 32, und dann durchſucht das Haus nach Männern, denn gegen Frauen führt Ihr ja keinen Krieg!“ Ein Eljen war die Antwort. 4 Schnell organiſirte ſich eine Commiſſion„um das Haus zu durchſuchen, Wachen wurden an allen Aus⸗ gängen aufgeſtellt, für die indeſſen ganz ohnmächtig gewordene Ludmille eine Sänfte, für Agnes und Ro⸗ ſalie ein Wagen geholt— während Wilhelm, der als Arzt von vielen Anweſenden gekannt war, von allen Seiten Freundſchaftsverſicherungen erhielt! Und dennoch, als die Frauen glücklich der Gefahr 204 Frauen und Opfer. entrückt waren und er allein die plötzlich erleuchteten Straßen Peſths durchſchritt, lag tiefe Trauer auf ſei⸗ nen Zügen! Er dachte nicht mehr an Ludmille, nicht mehr an Roſalie, ſelbſt nicht an ſeine gerettete Frau und ſeine Kinder daheim— er dachte des Volkes, das ſo ſieges⸗ froh und trunken ihm aus allen Straßen entgegen⸗ ſtrömte, und unwillkührlich fielen ihm Becks Unheil weiſſagende Worte ein: Auf Farrenkräutern, tief im Haideland, Da ſitzt die Weltgeſchichte, düſter lugend, Da wird der Pflug zum Schwert, in Blut geweidet, Und Herzen ſind die Aehren, die man ſchneidet. WFünfles Sapilel. Agnes hatte alle Hände voll zu thun, ſie mußte Alles der Kranken einrichten, die Kinder über ihre lange Abweſenheit tröſten, Roſalien Muth einſprechen, und dabei ließ Eliſabeth, auf deren Hülfe ſie bei allen dieſen Dingen gerechnet, ſie zum erſten Mal im Stich. Was Unglück, Noth und Elend nicht vermocht, das that die Revolution von Wien— ſie brachte dgs ſtarke Mädchen außer ſich. Wie eine ſelige Braut ging ſie ſtrah⸗ lenden Antlitzes umher, ohne ſich um irgend etwas zu kümmern, und erſt nach ein paar Stunden hatte ſich ihre Extaſe ſo weit gelegt, daß ſie Agnes hülfreiche Hand leiſten konnte. Wilhelm ließ ſich an dieſem Abende nicht mehr ſehen, Doctor Keller kam noch einmal zu Ludmillen und fand ihren Zuſtand über alle Erwartung gut. Daß 206 Frauen und Opfer. ſie unter Wilhelms Dach war, daß er ſie ſelbſt ge⸗ rettet, beglückte ſie unausſprechlich, wenn ſie ſich auch nicht verhehlte, daß das Erſtere nur Duldung des Willens ſeiner Frau, das Zweite nur Menſchenpflicht geweſen— ſie war doch wieder in Verbindung mit ihm getreten„ ja ſie war es noch fortwährend durch das heilige Gaſtrecht. Agnes kamen am folgenden Morgen die Ereigniſſe des geſtrigen Abends wie ein Traum vor! Trotz ihres nicht einnehmenden Aeußern hatte doch Roſalie einen entſchieden angenehmen Eindruck auf ſie gemacht. Sie hatte deren tiefe Innigkeit Wilhelm und Ludmillen gegenüber beobachtet— und dabei ſo viel Ruhe und Klarheit zu bewundern gehabt. Die letzteren Eigenſchaften hatte die arme Roſalie ſich freilich erſt in den letzten Jahren errungen, und zwar mit ſchwerem Opfer, mit der ſchmerzlichen Ueber⸗ zeugung, daß für ſie auf Erden kein Glück mehr zu erwarten, kein Verſtändniß mehr zu hoffen ſei, mit einem Worte, daß ſie alleein ſtehe für immer und ewig! Allein ſtehen! Iſt das nicht der Inbegriff alles Grauenvollen und Schrecklichen für ein weibliches Herz — und das aus keinem andern Grunde, als weil dann alle Fähigkeiten, die gewöhnlich die Natur den Frauen — Frauen und Opfer. 207 verleiht, brach liegen bleiben, die Fähigkeit zu lieben, zu leiden, ſich aufzuopfern? Daher auch die ewig wie⸗ derholte Behauptung, daß die Ehe die Beſtimmung des Weibes ſei, während es doch eben nur das Haus, die Familie, die Kindererziehung iſt, ſei es nun als Mut⸗ ter oder als Pflegerin oder als Lehrerin— die Ehe iſt nur dann Beſtimmung der Frau, wenn ſie liebt; dann iſt die Ehe heilig und ſteht hoch über allen Ver⸗ hältniſſen und Bündniſſen dieſer Welt. Aber ohne Liebe!— Wer einem Mädchen räth, ſich zu vermäh⸗ len— denn wenn ihr eignes Herz ſie treibt, bedarf es keines Rathes— begeht eine größere Sünde als jener, der ſie im Schlafe mordet! An eine Vermählung hatte Roſalie nicht mehr ge⸗ dacht, hatte ſie überhaupt in ihrem Leben nie gedacht, aber ſie hatte doch immer gehofft, in Wilhelms An⸗ hänglichkeit, in dem Zuſammenſein mit ihm das Glück zu finden, für das ſie allein noch ſich zugänglich hielt! Damit war es nun auch nichts! Wilhelm hatte ſie verlaſſen, ohne ihr nur durch ſeine Briefe eine Art von Erſatz zu bieten! Spärlich waren ſeine Mitthei⸗ lungen geweſen. Seine Verheirathung hatte er ihr frei⸗ lich geſchrieben, aber ohne Agnes' Familiennamen zu nen⸗ nen, denn der Gedanke, daß einſt Roſaliens Neffe Albert ſie geliebt, verletzte ſeinen Stolz— die fürſtliche 208 Frauen und Opfer. Familie ſollte das nicht erfahren. Roſalie wußte nur, daß Agnes keine Oeſterreicherin ſei. Seit Ludmillens Vermählung war etwas Neues in ihr Leben getreten. Bisher hatte ſie nur, wie das bei jeder edleren weiblichen Natur der Fall iſt, eine große Sympathie für ihr Geſchlecht empfunden, ohne einer Einzelnen davon einen beſondern Antheil zu wid⸗ men. Wilhelm und ſein Vater waren bis jetzt die ein⸗ zigen Weſen, die ſie eigentlich geliebt. Für Ludmillen hatte ſie aber bisher eine entſchiedene Abneigung em⸗ pfunden; denn außerdem, daß Ludmillens innerſter Character ſie nie hatte anziehen können, war das Leid, welches ihre Nichte dem Liebling ihres Herzens zuge⸗ fügt, ſowie, daß ſie in ihr die Urſache ſah, welche ihn aus ihrer Nähe getrieben, ſchon hinreichend, um Lud⸗ millen das Herz der ſonſt großmüthigen Tante zu ver⸗ ſchließen. Ludmille aber war jetzt gerade diejenige, welche vom Himmel auserwählt war, Roſalien Alles zu ge⸗ währen, was ſie auf Erden noch hoffen konnte, ihr eine vollſtändige Beſtimmung zu geben. Durch ihr Unglück, durch ihre Verlaſſenheit er⸗ weckte ſie ihre Theilnahme, und jetzt war es Roſalien geſtattet, für Jemand, deſſen einzige Stütze ſie war, zu leben, zu leiden und noch überdem dies Weſen zu Frauen und Opfer.. 209 ihrer eigenen Höhe emporzuheben aus dem Schlamme, in dem ſie bisher vegetirt. Der armen Ludmille war Roſalie wie ein Engel des Lichts erſchienen, und ihr Anblick hatte den erſten Impuls zur Beſſerung ihrer Krankheit gegeben. Sie ließ ſie keinen Augenblick von ihrer Seite, die Liebe, welche ſie in den erſten Tägen ihrer Kindheit für ihre Mutter empfunden und die nachher von ſelbſtiſchen Neigungen erſtickt worden war, beſaß nun Roſalie! Roſalie, die um ihretwillen aus Deutſchland gekom⸗ men, Roſalie, die ihr verſprach, ſie nie mehr zu ver⸗ laſſen und nie zu dulden, daß der verhaßte Gemahl wieder in ihre Nähe dringe. Die Herzensfreundſchaft der verlaſſenen Frauen hatte etwas unendlich Rühren⸗ des, durch ihre Schutzloſigkeit ward ihr Band doppelt enge, doppelt feſt. Als Agnes die beiden Frauen beſuchte, war ſie überraſcht von Ludmillens verändertem Weſen, die ihr gar nicht mehr den Eindruck einer gefährlich Kranken machte und mit milder und ſanfter Rede das Herz der Gattin Wilhelms zu gewinnen ſtrebte! Agnes wurde ihr aber bald entzogen, denn Eliſabeth ließ ſie rufen, weil ſie ſie dringend zu ſprechen wünſche. Eli⸗ ſabeth wollte fort und zwar engenbliclich zurück nach dem Caſtell. Gegen den Strom. II. 210 Frauen und Opfer. Auf Agnes' dringende Fragen nach der Urſache dieſer plötzlichen Abreiſe wußte ſie nichts zu erwiedern, als daß ein Brief von Frau von Horvath ſie ſchleunig dahin berufe— was aber Frau von Horvath von ihr verlange, mit welchem Recht die alte Frau Agnes der Freundin Gegenwart gerade jetzt entzog, darüber konnte Agnes nichts von Eliſabeth erfahren. „Fragen Sie mich nicht,“ ſagte ſie traurig,„denn ich darf nichts ſagen, und es iſt mir über alle Maaßen ſchmerzlich, Ihnen gegenüber ohne Antwort dazu⸗ ſtehen!“ Agnes ließ alſo nach mit Fragen und ließ das auf⸗ geregte Mädchen ziehen! Beim Abſchied aber warf ſich die junge Magyarin mit Thränen an ihren Hals und flüſterte: ‚„Ihren Segen, Agnes, und bewahren Sie mir Ihre Liebe, wenn wir uns nicht wiederſehen ſollten!“ Eliſabeths Scheiden war der armen Agnes in die⸗ ſem Augenblick unendlich ſchmerzlich— ſie ſtand ſo ein⸗ ſam zwiſchen dem Gemahl und den beiden fremden Frauen. Gerade jetzt wäre ihr die Freundin, die Stütze ſo nöthig geweſen. Das Schickſal hat aber darin eine eigene Härte, daß es in entſcheidenden Momenten den Menſchen gewöhnlich auf ſich ſelbſt anweiſt und jede ſtützende Hand ihm fern hält. Frauen und Opfer. 211 Wilhelm blieb ſeinem Entſchluß treu und beſuchte Ludmillen auch in ſeinem Hauſe nicht, Roſalien hin⸗ gegen ſah er täglich mehrere Male und ihr Umgang wirkte offenbar wohlthätig auf ihn. Dieſe Frau erin⸗ nerte ihn durch ihren bloßen Anblick ſchon ſo mächtig an die Tage ſeiner Jugend, daß erfolgte, was beim Wiederſehen der Jugendfreunde ſo oft geſchieht: er fühlte ſich verfüngt! Seine Frau bemerkte mit Ver⸗ gnügen, daß er heiterer und weniger hart und unzu⸗ gänglich wurde. Er ſcherzte mehr und länger mit ſei⸗ nen Kindern denn je, er führte nicht immer neben der Cigarre noch ein Buch bei ſich, und wenn Roſalie einen Augenblick bei beiden bleiben konnte, da gewöhnlich Agnes für ſie im Krankenzimmer eintrat, hörte ſie ihn ſogar manchmal ſo herzlich lachen, wie ſie es nie von ihm für möglich gehalten. Roſalie war durch die Krankenpflege zu ſehr in An⸗ ſpruch genommen, um Wilhelms Benehmen gegen ſeine Frau beobachten zu können, und da ſie ſie ſchön, klug und ſanft fand, ſo eifelte ſte auch nicht, daß er ein liebevoller Gatte gegen ſie ſei. Nur einmal wurde ſie förmlich durch einen kleinen ehelichen Auftritt er⸗ ſchreckt. Durch einen Zufall nämlich entdeckte ſie Agnes' Mädchennamen. In ihrer unbefangenen Weiſe fragte ſie nun:„Sind Sie daſſelbe Fräulein von Stein, 14* ——— Frauen und Opfer. welches mein älteſter Neffe Albert ſo ſehr— ver⸗ ehrte?“ Annes wurde roth, dunkelroth; aber nur, weil ſie überhaupt leicht erröthete und auch ein gewiſſer weib⸗ licher Tact ihr ſagte, daß Wilhelm dieſe Frage ſeiner mütterlichen Freundin unangenehm ſei. Einen Augen⸗ blick ſtockte ſie auch mit der Antwort, dann ſagte ſie, aber ohne den Muth zu haben, ihren Mann anzu⸗ ſehen: Verehrung iſt wohl nicht das richtige Wort— es amüſirte den Prinzen, eine Zeit lang die Leute ſagen zu laſſen, er mache mir die Cour! Das war Alles!“ „Etwas Anderes hat auch ſicher Fürſtin Roſalie nicht gemeint mit ihrer Aeußerung,“ verſetzte Wilhelm ſcharf und höhniſch,„und ich bewundere die Naivetät, mit der Du ihren Ausdruck„Verehrung“ au pied de la lettre genommen!“ Agnes war von dieſer rückſichtsloſen Zurechtweiſung ſo verletzt, daß ſie erblaſſend verſtummte. Roſalie aber rief laut lachend, nachdem ſie das erſte Staunen über dieſen Ausfall überwunden: „Wilhelm, um Gotteswillen, was entdecke ich da bei Ihnen— Sie ſind eiferſüchtig— eiferſüchtig auf die unſchuldigſte aller Frauen— denn dieſe Augen Frauen und Opfer. 213 täuſchen nicht“— und ſie ergriff die Hand der jungen Frau mit mütterlicher Liebe. Wilhelm, anſtatt durch dies Zeugniß beſchämt; zu werden und ſein Unrecht einzuſehen, wurde nur noch mehr dadurch erbittert, wie das in ſolchen Fällen ge⸗ wöhnlich iſt. „Eiferſüchtig?“ fragte er gedehnt und eiskalt,„eifer⸗ ſüchtig auf meine Frau?“ Es lag in dem Tone Wilhelms eine ſo grenzenlos geringſchätzende Verachtung, daß Roſalie heftig davor erſchrak, obgleich ſie wußte, daß Roſe zu den Männern gehörte, deren Zorn, wenn er gereizt wird, ſich in kal⸗ ter, verächtlicher Behandlung des Gegners und nicht in Anpoltern und Anſchreien ausſpricht. Agnes wußte das auch, und dennoch fühlte ſie ſich mehr als je be⸗ leidigt. Wilhelm ſah, als er ſich wieder etwas gefaßt, an der wortloſen Stille der Frauen, wie auch an ihren bleichen, veränderten Geſichtern, daß er zu weit gegan⸗ gen.— Dies durch ein freundliches Wort oder ſelbſt durch einen Scherz wieder gut zu machen, litt ſein har⸗ ter Stolz nicht, das hätte er nie gethan, am wenigſten aber ſeiner Frau gegenüber. Er verſuchte alſo einzu⸗ lenken, indem er mit milderem und lächelndem Spotte verſetzte:„Wie kann ein Mann eiferfüchtig ſein, nach⸗ 8 214 Frauen und Opfer. dem er, ehe er ſeine Frau ſah, der intime und einzige Vertraute ihres Liebhabers geweſen?“ „Von wem ſprichſt Du?“ fragte Agnes mit erhobe⸗ ner Stirne und zitternden Lippen. Von Ihrer Hochwohlgeboren, der Frau Doctorin Roſe und Seiner Durchlaucht, dem Erbprinzen von Waldheim,“ ſagte unbarmherzig Wilhelm. Agnes wollte antworten, aber zum erſten Male in ihrem Leben überkam ſie ein ſo heftiger Zorn, daß ihre nervöſe Natur ihm unterlag. Ein krampfhaftes Schluch⸗ zen machte ihr das Sprechen unmöglich, und Roſaliens ſie feſt umſchließende Arme verhinderten, daß ſie vom Stuhle auf den Boden fiel. Nun war doch auch der impaſſible Wilhelm etwas erſchrocken; er eilte aus dem Zimmer, um ein beru⸗ higendes Mittel herbei zu holen, aber als ſei die ſtarke Seele ſeiner Frau nur von ſeiner Gegenwart erdrückt, ſo ſchnellte ſie auf, ſobald ſie davon befreit war. Sie erhob ſich ohne Roſaliens Hülfe und nur raſch die Worte ausſtoßend:„Ich muß allein ſein, aus Barmherzigkeit laſſen Sie mich,“ enteilte ſie nach ihrem Cabinet, wo ſie ſich einſchloß. Dem rückkehrenden Wilhelm erzählte Roſalie dies, indem ſie ihn derb und ungeſcheut tadelte wegen des Benehmens gegen ſeine Frau. — Frauen und Opfer. 215 „Ich weiß recht gut,“ ſetzte ſie hinzu,„daß nur die erbärmlichſte Eiferſucht Sie ſo unverantwortlich handeln ließ, aber iſt denn eben die Eiferſucht in einer 4 Seele, wie der Ihrigen, einer Frau, wie der Ihrigen, gegenüber nicht die elendeſte Schwäche?“ Wilhelm ſchwieg eine Weile, dann legte er die Hand an die Stirne und ſagte langſam:„Es hat für jeden Mann etwas Verletzendes, wenn er denken muß, daß er es nur zufälligen Mißverſtändniſſen verdankt, daß ſeine Frau die Seinige iſt, nicht aber ihrem freien Willen— nicht, weil Agnes mich mehr geliebt hat, ſondern weil ſie ſich vom Prinzen weniger geliebt glaubte, habe ich ihre Hand erhalten.“ „Und warum bemühten Sie ſich dann um dieſe Hand, wenn Sie das wußten und daran ſolchen Anſtoß nehmen?“ Wilhelm ging im Zimmer auf und ab und ant— wortete nicht, endlich ſagte er wie für ſich: „Sie war geiſtreich, ſie war gebildet, ſie war ſtolz und ſchön und ganz anders als Ludmille, die ich haßte, denn ſie war offen und natürlich, durchſichtig wie Kryſtall und unſchuldig wie ein Kind!“ „Und eine ſolche Frau tragen Sie nicht auf den Händen, eine Frau, von der Sie nach ſechsjähriger Ehe all dieſe Eigenſchaften zugeben müſſen?“ „ 216 Frauen und Opfer. „O ſie hat auch viele Fehler! Sie iſt viel zu leb⸗ haft, viel zu beweglich, zu ſanguiniſch, zu vorſchnell und zu oberflächlich in ihrem Urtheil, zu unbedacht in ihren Aeußerungen, zu empfindlich in ihren Stimmun⸗ gen. Aus der heiterſten Laune kann ein einziges miß⸗ liebiges Wort ſie in die hoffnungsloſeſte Apathie ſtürzen!“ „So ſprechen Sie nie ein ſolches Wort.“ Wilhelm lachte hell auf.„Als wenn man das im⸗ mer voraus wiſſen, immer gegenwärtig haben könnte! Welcher Mann kann ſich immer mit Rückſichten auf ſeine eigene Frau plagen! Ich habe genug mit meinen launigen Patientinnen zu thun. Kein Mann der Welt verheirathet ſich, um ſich zu geniren.“ Roſalie ſagte ernſt:„Das iſt die Pflicht jedes Menſchen in jedem Verhältniß. In einer Beziehung haben Sie Recht, auf Albert eiferſüchtig zu ſein— er würde einen beſſern Ehemann wie Sie gegen Agnes abgegeben haben!“ „Das glauben Sie ſelbſt nicht,“ ſagte Wilhelm erbittert.„Was ſoll ich mehr thun? Ich kümmere mich um keine andere Frau, ich beſuche kein Wirthshaus, ich habe keine einzige koſtſpielige Liebhaberei! Alle Welt nennt mich einen guten Ehemann.“ Frauen und Opfer. 217 „Das heißt: Sie haben gute Eigenſchaften für einen Ehemann, aber Sie würden gerade ſo leben, wenn Sie auch gar nicht verheirathet wären, weil weder Frauen, noch Spiel, noch Gelage Ihnen anziehend ſind— nicht Ihrer Frau zu Liebe bleiben Sie zu Hauſe, wenn Sie müde heimgekommen! Ihrer Frau zu Liebe thun Sie nichts!“ Auf Wilhelm, obgleich er ſtillſchweigend den letzten Vorwurf hinnahm, hatte doch dieſe Unterredung keine anhaltend gute Wirkung. Was Roſalie mit ihrem Tadel über ihn ſelbſt bei ihm Gutes gewirkt, hatte ſie durch ihr Lob Alberts wieder verdorben— denn es war wahr— er war eiferſüchtig auf den Prinzen, auf den Prinzen, den Agnes nie in ſeiner Gegenwart ge⸗ nannt, und er auch nicht von ihr den leiſeſten Verdacht hegen konnte, daß ſie noch an ihn denke. Mit Ludmillens Befinden beſſerte es ſich jeden Tag und ſie ließ Wilhelm bitten, ihr einen Paß nach Ve⸗ nedig zu beſorgen, wohin ſie auf Roſaliens Rath gehen wollte. Albert ſtand ſchon ſeit mehreren Jahren dort, und ſeine Tante vertraute ſeinem ritterlichen Sinne genug, um zu glauben, daß er ſeine Schweſter nicht dem unwürdigen Gemahl wieder ausliefern, ſondern im Gegentheil ſie vor ihm ſchützen werde. Aber ganz im Geheim wollte die Gräfin dorthin gehen, um ihren 218 Frauen und Opfer. älteſten Bruder nicht unnöthig in Colliſion mit der übrigen Familie zu bringen; deshalb wollte ſie auch, um ihrem Gatten unmöglich zu machen, ſie zu entdecken, unter fremdem Namen reiſen. Wilhelm erklärte ihr in dieſem Falle nicht dienen zu können, zu keinem falſchen Paß, ja überhaupt zu keinem Betrug biete er die Hand. Die drei Frauen ſtanden alſo wieder allein. Agnes fand einen guten Ausweg. Sie ſchrieb an den Polizei⸗ chef um einen Paß für ſich, weil ihre Geſundheit einer Reiſe nach Süden bedürftig ſei. Sie erhielt ihn und gab ihn Ludmillen. Roſalie hatte ihren eignen. Ohne Wilhelm noch einmal geſehen zu haben, reiſte Ludmille mit Roſalien ab. Als ſie den für ſie be⸗ ſtimmten Paß im Wagen durchlas, erröthete ſie bis über die Stirne und ſagte leiſe und weinend zu ihrer Tante: ‚Unter dem Namen ſeiner Frau ſuche ich eine neue Heimath, eine Stütze, einen Freund— möge keine Vergeltung herrſchen und er mir mehr Glück bringen, als ich ihm!“ Roſalie ſchwieg, ſie dachte an Agnes, die ihr Herz in ſolchem Grade gewonnen, daß ſie nur um ihretwillen auf Wilhelm zürnte ob der Liebloſigkeit ſeines Beneh⸗ mens gegen ſie. Frauen und Opfer. 219 Wilhelm hatte nicht gefragt, auf welche Weiſe Lud⸗ mille einen Paß erhalten; als ſie ſeit einigen Stunden weg war, geſtand ihm Agnes, was ſie gethan. Wilhelm zuckte die Achſeln, aber er antwortete nicht. Offenbar war es ihm lieb, daß Ludmille ſein Haus verlaſſen, und er ſchalt deshalb ſeine Frau nicht wegen der Weiſe, in der es geſchehen. Roſalien würde er vermißt haben, wenn er nicht in der letzten Zeit immer bei ihr einen Tadel ſeines Be⸗ nehmens gegen Agnes gefunden— ſo daß er zuletzt nur noch in ihr eine Beobachterin ſeines häuslichen Lebens ſah; Agnes hingegen vermißte die äͤltere Freun⸗ din ſchmerzlich— ſie fühlte ſich wieder einſamer als je. 0 827 ☚ Wechſles Sapilel. Seit Ludmillens Ankunft im Hauſe des Doctor Roſe bis zu ihrer Abreiſe hatten die öffentlichen Ver⸗ hältniſſe in Peſth einen großen Umſchwung erlitten. Der Bruch mit Oeſterreich lag offen da, man dachte nur noch daran, ſich zu rüſten, um dem Feinde ſchlagfertig gegenüber zu ſtehen. Ein ſo lebendig bewegtes Bild früher auch ſchon die Straßen der ungariſchen Hauptſtadt geboten, im Vergleich mit jetzt konnte man ſie damals ſtill und öde nennen. Tag und Nacht wogten die Pa⸗ trioten lärmend auf und nieder, und da jeder Ungar ein Patriot iſt, ſo kann man ſich wohl einen Begriff von dieſem Treiben machen. So feurig früher die Augen der Ungarn geglüht, jetzt erſt ſchienen ſie den wahren Glanz erhalten zu haben. Die Frauen trugen keine andern Farben mehr, als grün, roth und weiß, und die Frauen und Opfer. 221 Männer ſchienen nichts mehr zu beſitzen, als Unifor⸗ men und Waffen. 1 Der Siegestaumel wich aber wieder einer ernſtern Zeit. Windiſchgrätz rückte in Peſth ein! Koſſuth zog ſich nach Debreczin zurück! Die Tricolore verſchwand im Anzug der Frauen, die Uniformen bei den Männern, aber im Innern blieb Jeder dennoch ruhig der Ueber⸗ zeugung, daß die öſterreichiſchen Occupationstruppen nicht lange in Peſth ſich pflegen würden. Doch gab es auch natürlich noch immer viele öſter⸗ reichiſch Geſinnte, das heißt Leute, die entweder ſelbſt aus den Erzherzogthümern ſtammten, oder ſolche, die durch ihr perſönliches Intereſſe mit der kaiſerlichen Macht in Ungarn zuſammenhingen. Von dieſen Leuten hatten ſich mehrere zu öſterrei⸗ chiſchen Emiſſairen, Spionen und geheimen Boten her⸗ gegeben. Sie trugen Depeſchen hin und her, ſtatteten Berichte ab, ja brachten ſogar Ordres an Jellachich und an die Truppen, welche die Grenze von Siebenbürgen beſetzt hielten; denn auf dem gewöhnlichen militairiſchen Wege war alle Communication im durchaus feindlich geſinnten Lande unmöglich geworden; alle einzelnen Ordonnanzen wurden von den ungariſchen Bauern weg⸗ gefangen. So blieb denn den Kaiſerlichen nichts übrig, als willige Privatperſonen zu ihren Zwecken zu ver⸗ 222 Frauen und Opfer. wenden, die unter dem Scheine von Landkrämern und dergleichen die Depeſchen wohl verborgen, zu Wagen oder zu Pferde, an ihre Beſtimmung zu bringen ſuch⸗ ten. Plötzlich aber waren mehrere dieſer Leute einige Meilen hinter Peſth ſpurlos verſchwunden— nicht ſie, nicht ihr Fuhrwerk, nicht ihre Pferde kamen wieder vor die Augen ihrer Angehörigen zu Peſth oder Ofen. Das Militaircommando, in deſſen Auftrag ſie gereiſt, machte mit ſeinen Nachforſchungen nach ihnen mög⸗ lichſt wenig Lärm, weil es fürchtete, durch ſolches Auf⸗ ſehn vielleicht erſt die Aufmerkſamkeit des Feindes auf die wichtigen Papiere zu lenken, deren Träger die Ver⸗ ſchwundenen waren, und von denen es doch nicht ſicher war, ob ſie in die Hände des Feindes gefallen. Dieſe Papiere aber befanden ſich immer einige Tage nach ihrer Abſendung wohlbehalten in den Händen Koſſuths in Debreczin und der aufmerkſame Dictator wußte nicht geringen Vortheil aus dieſen feindlichen Depeſchen zu ziehen. Sie waren es, die ihm zuerſt die Gewißheit der feindlichen Schwäche gaben. Sie kamen ihm immer im einfachen grauen Couvert mit dem Poſtzeichen Ketskemet zu; nicht die leiſeſte Andeutung befand ſich dabei, wer dem Vaterlande dieſe wichtigen Dienſte leiſte.. Es befanden ſich unter dieſen Depeſchen mehrere — Frauen und Opfer. 223 eigenhändige Briefe des Commandirenden, und hätte Fürſt Alfred die Genugthuung ſehen können, mit wel⸗ cher der Gouverneur von Ungarn dieſe ziemlich troſt⸗ loſen und dennoch pompös klingenden Schilderungen las, deren Schluß regelmäßig die Bemerkung machte, daß, wenn nicht bald Verſtärkung eintreffe, er ſich nicht länger gegen die„Rebellen“ halten könne— Windiſch⸗ grätz würde dann noch ſchmerzlicher die Concentrirungen⸗ und„retrograden Bewegungen“ des öſterreichiſchen Hee⸗ res empfunden haben. Wilhelm Roſe nahm keinen thätigen Antheil an der Politik. Dieſe Potitik hatte ſeine Krankenliſte mit ſo viel Verwundeten und Leidenden vermehrt, daß ſeine körperlichen Kräfte ſeinen ärztlichen Anſtrengungen zu erliegen drohten. Seine Theilnahme gehörte freilich den Siegen der Ungarn, denn Wilhelms feingeiſtige Natur konnte ſich nur mit Ekel von der brutalen Hin⸗ terliſt abwenden, welche er ſeit ſeinem Aufenthalt in Ungarn zu empörend von Seiten der kaiſerlichen Regie⸗ rung gegen das unglückliche Land hatte ausüben ſehen. Dieſe Theilnahme an der ungariſchen Sache fand aber Wilhelm ſich nicht bewogen, offen auszuſprechen, weil ihn als Deutſchen doch manche Bemerkung aus ungariſchem Munde kränkte. Die Magyaren, deren Wunden er heilte, wußten ihm kein beſſeres Compli⸗ 224 Frauen und Opfer. ment zu machen, als daß ihn ſicher Niemand für einen Landsmann der Kaiſerlichen halte. Daß er von„da draußen“ gekommen, war doch etwas, das in ihren Augen der Sühne bedurfte! Agnes hingegen ſchwärmte mit ganzer Seele für die ungariſche Partei und die begeiſterten Briefe Eliſa⸗ beths fanden in ihren Antworten eben ſo feurigen Wie⸗ derſchein. Außerdem floß ihr Leben, trotz dem, daß ſie ſich auf dem erſten Kriegstheater der neueren Zeit befand, ziemlich in gewohntem Gleiſe hin. Die Sorge für ihre lieblichen Kinder verdrängte alle andern, die Freude an ihnen erhob ſie über alles wirkliche Leid. Wilhelm hatte in der letzten Zeit, wenn auch kein aufmerkſame⸗ res, doch ein weniger hofmeiſterndes Benehmen gegen ſie beobachtet, was aber nur daher kam, daß er gewöhn⸗ lich jetzt müder und ruhebedürftiger nach Hauſe kam wie früher. Seine traurigen Ahnungen über Ungarns Schick⸗ ſal ſchienen ſich nicht erfüllen zu wollen. Die Oeſter⸗ reicher zogen aus Peſth— Görgey ſtürmte Ofen— ja eine Zeit trat ein, wo Ungarn mit vollem Rechte die Fahne des unbeſtrittenen Sieges entfalten durfte. Da rief Franz Joſeph die Ruſſen ins Land! Es war am 13. Juli 1849, als die Oeſterreicher ſeit Ungarns —— Frauen und Opfer. 225 Erhebung zum zweiten Male in Peſth einzogen, dies⸗ mal geführt von dem Sieger von Brescia, von Haynau. Agnes ſaß an dieſem Tage wie ein Bild der tiefen Trauer zwiſchen ihren Kindern, die heute nichts durch ihre Scherze über den Schmerz der Mutter um das niedergetretene ſchöne Land, das ein beſſeres Schickſal verdient, vermochten. Endlich kam Wilhelm nach Hauſe. Seine Frau war überraſcht, als ſie aufblickte und ſeine von Zorn ent⸗ ſtellten Züge ſah; ſo viel Sympathie für Ungarn hatte ſie bei ihm nicht vermuthet. Da ſagte er mit dem Tone der Stimme, den ſie nur allzugut kannte und der gewöhnlich der Vorbote eines Ausbruchs ſeines Zornes war:„Ich erſuche Dich, den Domeſtiken zu ſagen, daß Du für Niemand zu Hauſe biſt, hörſt Du, für Niemand!“ „Ich bitte Dich, Wilhelm,“ſagte Agnes ſich erhebend, „ſage mir offen und ehrlich, welcher unangenehme Be⸗ ſuch mir droht.“ „Du brauchſt das nicht zu wiſſen!“ „Wenn ich Dich aber bitte, Wilhelm“— „Nun wohl,“ ſagte er in der höhniſchen Art, die immer ſein Zorn ſeiner Frau gegenüber annahm,„Dich kann es ja nur freuen. Dein ehemaliger Anbeter, der Erbprinz von Waldheim, iſt eben an der Spitze ſeiner Gegen den Strom. II. 15 Frauen und Opfer. Schwadron in Peſth eingeritten. Der beſternte Weiß⸗ rock hofft am Ende in meinem Hauſe dieſelbe Rolle wie die öſterreichiſchen Horden im ganzen Lande zu ſpie⸗ len— ich aber, ich ſchieße ihn nieder wie einen tollen Hund,“ rief er aufflammend,„wenn ich ihn auf meiner Schwelle treffe!“ Agnes zitterte wie Espenlaub. Sie wagte keine Silbe zu erwiedern, weil ſie fühlte, daß jedes Wort die Faſſungsloſigkeit ihres Gemahls vermehren mußte. Erſt am folgenden Morgen wagte ſie es, ihn ſanft zu fragen:„Wilhelm, haſt Du denn gar kein Vertrauen zu mir, weil Du ein Verbot für nöthig hältſt? „Auf was ſpielſt Du an?“ fragte er mit gerunzel⸗ ter Stirne. „Auf Waldheim,“ entgegnete Agnes ſtockend. „Ich habe ſo viel Vertrauen zu Dir, als man zu einer Frau haben kann; ich weiß, daß Du redlichen Willen haſt.“ „Und was habe ich nicht?⸗ „Was keine Frau hat: Vorſicht, Ausdauer, Ener⸗ gie, Zurückhaltung. Ihr könnt nur durch Aufopferung, Hingebung, Begeiſternng, kurz in aufgeregtem Zu⸗ ſtande den Verſuchungen widerſtehen. Aber bei einem Kampf, der ſich täglich erneut, bei dem man außer dem Frauen und Opfer. 227 Muth auch der Geduld und der Beharrlichkeit bedarf, da wird jede Frau ſchwach— und erliegt.“ „Und erliegt!“ ſagte Agnes mit einem leiſen Anklang von Ironie, denn ſie gedachte der täglichen Gedulds— proben, die Wilhelm ihr auferlegte— und denen ſie doch noch nicht erlegen war. Aber ſie ſchwieg dennoch, denn ihr genügte, wenigſtens zu wiſſen, daß ſie un⸗ mittelbar ſeiner Eiferſucht keine Nahrung gegeben, und beſchloß wirklich Waldheim, um keinen Preis zu ſehen, wenn er ſich bei ihr zeigen ſollte. Wie ſtaunten Beide, als der Bediente eintrat und ihnen den Grafen L., Ludmillens Gemahl, meldete. Agnes entfernte ſich auf den Wunſch ihres Mannes. 4 Der Graf, obgleich ſehr gealtert, trat dennoch mit— b der Miene des Gewalthabers ein und begrüßte Wil⸗ helm ziemlich wenig ceremoniös. Mein Beſuch gilt eigentlich Ihrer Frau Gemahlin, ich wollte ihr danken, daß ſie in jener Zeit der Anarchie meiner Gemahlin eine Zuflucht bei ſich gewährt.“ „Meine Frau wird es ſehr bedauern,“ ſagte kalt Wilhelm,„ſte iſt aber verhindert.“ Nachdem der Graf ſich der Länge nach auf einen Seſſel geworfen, ſagte er leichthin:„Haben Sie doch die Freundlichkeit mir anzugeben, wohin die Gräfin von hieraus gereiſt iſt. Es war in dieſen Zeiten bei⸗ 15* Frauen und Opfer. nahe unmöglich, in briefliche Verbindung zu treten. Meine Frau wußte nicht, wohin ich, ich nicht, wohin ſie ſich gewendet. Mein Schwager Albert, den ich vorhin geſprochen und der mit ſeinem Regimente aus den ita⸗ lieniſchen Kämpfen kommt, iſt eben ſo beſorgt um das Schickſal ſeiner Schweſter wie ich. Sie können uns allein aus der Ungewißheit reißen, indem Sie uns auf die richtige Spur leiten. Wohin hat ſich die Gräfin gewendet?“ Wilhelm konnte bei der Behauptung, daß der Prinz um das Schickſal Ludmillens nicht wiſſe, ſich eines ironiſchen Lächelns nicht erwehren, denn Agnes hatte einen Brief Roſaliens erhalten, worin ihr dieſe das Zuſammentreffen der Geſchwiſter und Alberts heiliges Verſprechen, Ludmillens Aufenthalt nie dem Grafen zu verrathen, gemeldet hatte. Wilhelm konnte natürlich nicht weniger thun, im Gegentheile, er that mehr, wenn ihn dazu auch wohl mehr ſein eigner Stolz als die Theilnahme für Ludmille trieb. „Ueber den Aufenthalt der Frau Gräfin kann ich Ihnen durchaus keinen Nachweis geben.“ „Sie haben ihr doch ſicher den Paß beſorgt“— „Auch das nicht.“ „Sie leugnen“— 1 Frauen und Opfer. 229 „Herr Graf! Obgleich ich Ihrer Frau Gemahlin keinen Paß beſorgt, weiß ich dennoch— und nur ich allein weiß es, wohin ſie ſich gewendet, aber Niemand erfährt es.“ 3„So, ſo,“ ſagte der Graf mit kurzem, zornigem Lachen,„höchſt erbaulich! Hat die Gräfin Ihnen ver⸗ boten“— 3 Mir hat Niemand etwas zu verbieten, Herr Graf! Ich ſage Ihnen nicht, wohin Ihre Gemahlin ging, ₰ weil es mir ſo beliebt.“ Der Graf ſtand auf und verließ ohne Gruß das Zimmer. Wilhelm aber ging in das ſeinige, um ſeine Papiere zu ordnen, denn ihm ahnte doch, daß er nicht umſonſt in der unterworfenen Hauptſtadt den öſter⸗ reichiſchen Grafen beleidigt haben könne. Am folgenden Tage ſah Agnes den älteſten Sohn des treuen Miſchka auf triefendem Roſſe in den Hof ſprengen. Das Herz ſchlug ihr aus Angſt um Eliſabeth, die ſie in der letzten Zeit nicht geſehn und die noch im⸗ mer trotz aller Unſicherheit draußen auf dem Caſtell weilte. Der kleine Miſchka brachte wirklich traurige Nach⸗ richt. Eliſabeth war von einem Reitertrupp gefangen genommen und mitgeſchleppt worden. Als ſchon die Soldaten ins Haus drangen, hatte ſie ihm noch zuge⸗ 230 Frauen und Opfer. flüſtert:„In dem Ofen im Saal liegt ein Brief an die Doctorin, den beſorge ſchnell.“ Dann hatte ſie die Sol⸗ daten gefragt, wer ihr Rittmeiſter ſei, dieſe aber hatten nur mit Hohngelächter geantwortet, indem ſie das Fräu⸗ lein mit rohen Fäuſten weggeriſſen. „Den Brief, den Brief!“ rief Agnes. Der Junge zog ein zerknittertes Papier aus der Bruſt, es war ein angefangener Brief mit dem Datum des vorigen Tages. „Meine theure Freundin! Alles iſt verloren— und ich möchte gerne zu Ihnen flüchten, wage aber nicht Ihr Haus zu betreten, um nicht Ihren Mann und Sie in mein Verhängniß hin⸗ einzuziehen. Wenn die Schergen erfahren, daß ich das Caſtell in den letzten Wochen nicht verlaſſen und Sie nicht hier geweſen ſind, wird man an Ihre Unſchuld glauben. Ich that, was ich nicht laſſen konnte, und bin bereit, dafür einzuſtehen. Ein entſetzliches Unglück habe ich aber heute erfah⸗ ren! Meine edle Freundin, Frau von Horvath iſt nicht mehr. Sie hat den Tod für's Vaterland erlitten. Schon ſeit vierzehn Tagen vermißten wir ſie und ahnten das Schlimmſte. Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen von dem Heldenmuthe dieſer Frau zu berichten habe. Sie werden gehört haben, daß ſeit dem Anfange des Frauen und Opfer. 231 Krieges Boten, Spione und Ordonnanzen des Feindes in unſerer Gegend ſpurlos verſchwanden und dann die Depeſchen an Koſſuth nach Debreczin geſandt wurden. Man vermuthete, daß Mehrere ſich zu dieſem patrioti⸗ ſchen Zwecke vereinigt. Dieſe Thaten wurden aber nur durch eine Hand ausgeführt, und dieſe Hand war die Hand einer Frau! Als Frau von Horvath ihren dritten Sohn zum Heere entlaſſen, ſagte ſie zu mir:„Jetzt iſt es an uns, zu handeln, Eliſabeth.“ Ich verlangte nichts Beſſeres. Sie theilte mir nun ihren Plan mit. Sie hatte in Peſth patriotiſche Späher, die ihr jedes Mal den Abgang eines Boten mit wichtigen Depeſchen für den Süden mel⸗ deten. In Männerkleidung, bis an die Zähne bewaff⸗ net und gut beritten, lauerte ihnen die heldenmüthige Frau auf— achtzehn wichtige Depeſchen hat Koſſuth durch ihre Hand empfangen— und die unglücklichen Träger, die zum Theile verwundet wurden, zum Theil aber auch ſich gutwillig ergaben, dieſe Träger verbarg ſie in den Kellern ihrer Puſta, und ich allein beſaß das Geheimniß ihrer Gegenwart, denn mein war die Sorge für ihre Pflege und ihre Nahrung. Frau von Horvath aber wollte vor mehreren Wochen, als es eigentlich ſchon unmöglich war, ihre kriegeriſche Thätigkeit von Neuem beginnen, indem ſie einzelne . 1 ————— 232 Frauen und Opfer. militairiſche Ordonnanzen anzugreifen beſchloß. Vor vierzehn Tagen ritt ſie aus in der Nacht— und geſtern erſt erfuhr ich, daß ſie erſchoſſen, beerdigt, aber nicht erkannt ſei! Letzteres wird noch nachträglich geſchehen und dann komme ich an die Reihe, die ſchwarzgelbe Fahne flat⸗ tert ja wieder in Peſth! Ihnen ſchreibe ich nur um der Gefangenen willen; eilen Sie ſchnell hieher, damit dieſe Menſchen nicht in den Kellern der Puſta verſchmachten.“ Agnes befahl ſogleich anzuſpannen, Wilhelm war nicht zu Hauſe, warten konnte ſie aber nicht, ſie nahm ihre beiden Kinder zu ſich in den Wagen, denn ihr ſtar⸗ kes Mutterherz fühlte ſie am ſicherſten bei ſich, und flog auf dem Wege nach der Puſta der Frau v. Horvath fort. Das ganze Haus war voll Soldaten; einen Unter⸗ offizier, einen älteren Mann, den ſie an der Thüre ſtehen ſah, fragte ſie nach Eliſabeth.„Nach Ketskemet zum Regimentsſtab!“ Dann ſagte ſie dem Manne von mehreren Gefangenen in den Kellern des Hauſes— Eliſabeth hatte aber bereits vor ihrem Wegführen das Geheimniß enthüllt, und die Leute waren ſchon in Frei⸗ heit; es blieb nun Agnes nichts Anderes übrig, als nach Ketskemet zu fahren, um dort für ihre Freundin zu ver⸗ ſuchen, was ſich thun ließ. Die Kinder ſchliefen feſt Frauen und Opfer. 233 im Wagen, ſie ſetzte ſich wieder zu ihnen und als ſie ſchon dem Kutſcher zugerufen:„Nach Ketskemet!“ und die Pferde ſchon anzogen, fiel es ihr erſt ein, nach dem Namen des Rittmeiſters zu fragen, zu deſſen Schwa⸗ dron die Soldaten gehört, die Eliſabeth weggeſchleppt; ihr Herz ſtockte, als ſie rufen hörte:„Seine Durchlaucht der Prinz Albert von Waldheim!“ Wiebenles Sapilel. Der Prinz Albert von Waldheim! Vor ihn ſollte ſie ſich führen laſſen? Unmöglich! Und Wilhelms Ver⸗ bot! Unmöglich! Dreifach unmöglich, ſeitdem ſie von Roſalien erfahren, wie ernſt doch ſeine Neigung für ſie geweſen— daß es kein Spiel geweſen— daß er ſeiner Liebe ſeine Vorurtheile opfern wollen und nur an dem unbeugſamen Sinn ſeines Vaters geſcheitert ſei. Und dennoch rollte ihr Wagen fort auf der Straße nach Ketskemet, denn es fehlte ihr an Muth, Eliſa⸗ beth hülflos zu verlaſſen! Gerade daß Albert die Schwadron commandirte, in deren Macht ſich ihre Freundin befand, bot die ſicherſte Garantie ihrer Ret⸗ tung, wenn ſie es unternahm, dieſe Rettung zu be⸗ werkſtelligen. Es galt ein Menſchenleben, und ſie durfte nicht aus Rückſichten hier zaudern! Frauen und Opfer. 23⁵ Ueberdem— trat ſie denn nicht vor Albert mit ihren beiden Kindern, nahm nicht deren Begleitung ihrem Kommen zu ihm jede falſche Deutung? Und Wilhelm, konnte er ſie ſchelten, wenn er vernahm, daß Eliſabeths Leben, die er ſelbſt ſo hoch unter den Frauen ſtellte, auf dem Spiele geweſen? Je weiter ſte ihr Wagen trug, deſto mehr ver⸗ ſchwand jedes Bedenken der ſonſt ſo ängſtlichen Frau, und bald hatte ſie nur noch eine Sorge, die Sorge rechtzeitig einzutreffen; die Pferde ermatteten, ſie mußte unterwegs mehrere Mal in elenden ausgeplünderten Kneipen halbe Tage liegen bleiben— ſie hatte nur einen Troſt, die Kinder blieben wohl und munter, trotz dem, daß ſie für ihre Nahrung nichts vorfand, als Obſt und etwas Brod, was ſie eben von Peſth für ſie nütgenommen. Unter hunderterlei Ungemach erreichte ſie am Abend des vierten Tages erſt Ketskemet, eine Strecke, die man ſonſt mit Leichtigkeit an einem Tage zurücklegt. Gleich am Thore fragte ihr Kutſcher nach dem Quar⸗ tier des Rittmeiſters Prinzen Waldheim. Ein Mann von der am Thore poſtirten Wache ging mit dem Wa⸗ gen und führte ihn vor eines der bokeausſehenden Häu⸗ ſer des Jahrmarktſtädtchens. 1 Als Agnes eine Ordonnanz dem Prinzen 236 Frauen und Opfer. fragte, zuckte der Mann die Achſeln.„Der Herr Ritt⸗ meiſter ſind tödtlich verwundet— die Aerzte ſind eben wieder bei ihm⸗— 4 „Wo iſt er denn im Gefecht geweſen?“ fragte er⸗ ſchrocken Agnes. Der Mann anwortete wieder durch ein unverſtänd⸗ liches Zeichen— ſetzte dann aber doch gutmüthig hinzu:—„Wenn Sie mir Ihren Namen aufgeben wollen, will ich's dem Regimentsdoctor ſagen.“— Rufen Sie mir lieber den Doctor.“— Auch dazu war der Unterofficier bereit. Agnes ſtieg nun mit den beiden Kindern aus, und jedes an einer Hand haltend trat ſie ins Haus. Auf der Flur kam ihr ſchon der Doctor entgegen, ein ältlicher, gut⸗ müthig ausſehender Mann. „Sie wollen zu Sr. Durchlaucht, gnädige Frau?⸗ fragte er höflich. „Was iſt mit ihm? Ich bin eine— alte Bekannte des Prinzen und muß ihn dringend ſprechen in einer Angelegenheit— es gilt ein Menſchenleben!“ „Sprechen könnten Sie ſchon Sr. Durchlaucht— aber eine Gemüthsaffection könnte ihm tödtlich werden bei ſeinem heftigen Wundfieber,“ ſagte bedächtig der Alte.— 1 „Ich werd onen,“ ſagte raſch Agnes, indem Frauen und Opfer. 237 ſte den Schleier herabließ, denn ſie faßte nun den Plan, ſich dem Prinzen nicht zu erkennen zu geben. Sie rechnete dabei auf ſein Fieber, auf ein düſteres Krankenzimmer und auf die Veränderung, welche die Jahre in ihrem Aeußern bewerſtelligt. Der Arzt ging voraus, Agnes folgte mit den Kindern. Auf einem blutigen Bette lag bleich mit halbge⸗ ſchloſſenen Augen Albert, halb angekleidet, mit Stie⸗ feln und Sporen, um die Bruſt weiße, blutbefleckte Tücher geſchlagen, die ſchönen blonden Locken zurück⸗ hängend, ein Bild des Todes. Die Kinder ſchmiegten ſich bei ſeinem Anblick zitternd an die Mutter, welche die eignen Füße kaum zu tragen vermochten— dies Bild ging über die Kräfte der Armen! „Durchlaucht,“ ſagte leiſe der Arzt. Albert ſchlug mit Anſtrengung die Augen auf, die eine Serunde auf der verſchleierten Frau an der Thüre haften blieben; dann machte er dem Arzt ein Zeichen, daß er reden ſolle. Agnes flüſterte ihm zu, ſo leiſe, daß ihre Stimme nicht zu Albert dringen konnte:—„Sagen Sie dem Prinzen, die Schweſter des Fräuleins von Serenyi, A als Gefan⸗ * die ein Theil ſeiner Leute vor vier 238 Frauen und Opfer. gene hieher gebracht, komme, um ſich für ſie zu ver⸗ wenden.“ Als Agnes den Namen Serenyi nannte, erſchrak der Doctor ſichtlich, dann ſagte er ſchüchtern zum Prinzen: „Vergebung, Durchlaucht, daß ich die Dame her⸗ aufgebracht, aber Sie ſelbſt hatten befohlen, keinen Bittenden zurückzuweiſen, um ähnliche Mißbräuche, wie den geſtrigen, zu verhüten.“ „Gut, gut,“ ſagte Albert mit mühevoller, klangloſer Stimme, ‚wer iſt ſie?“ „Die Schweſter der— Unglücklichen!“ Ein unausſprechlich ſchmerzliches Lächeln zog über Alberts Geſicht, dann wandte er die Augen auf Agnes und ſagte mit großer Anſtrengung:„Gehen Sie hinein“ — er wies auf das offenſtehende Nebenzimmer—, und laſſen Sie ſich Alles vom Doctor erzählen. Zürnen Sie mir nicht, ich habe gethan, was ich konnte, ret⸗ ten konnte ich ſie nicht mehr, ich habe ſie gerächt um den Preis meines Lebens; man kann uns zuſammen begraben!“ Das war zu viel für die arme Agnes. Mit einem leifen Schrei ſank ſie in die Kniee zwiſchen ihre Kin⸗ der, ſie war nicht bewußtlos, aber jede Kraft, jede Bewegungsſthigket hatte ihren Körper verlaſſen. Sie Frauen und Opfer. hörte, wie Albert dem Doctor zurief:„Den Schleier zurück, den Schleier zurück!“ und dann, als der Arzt ihm gehorchte, ohne daß ſie's hindern konnte, wie Albert mit einer Stimme, die den alten vollen Klang wieder hatte,„Agnes! Agnes!“ rief. Die Kinder warfen ſich lautweinend auf die todten⸗ ähnliche Mutter; der Arzt brachte ſie, als ſie ſich wieder zu erholen anfing, in das Nebenzimmer, die Kinder liefen ſchreiend neben her, und der geängſtigte Mann ſchloß raſch die Thüre des Krankenzimmers. Drinnen aber ertönte ſchon heftig eine Klingel in der Hand des Verwundeten. Der Doctor ließ Agnes raſch auf einen Stuhl nieder und eilte dann hinein. Albert ſaß halb aufgerichtet im Bette.„Um Got⸗ teswillen, Doctor, ſorgen Sie für ſie auf's Beſte— geben Sie ihr ſtärkende Mittel, entfernen Sie die ſchreienden Kinder von ihr und fragen Sie ſie, was ſie will— o Gott, daß ich es ihr gewähren könnte. Die Serenyi war nicht ihre Schweſter, ſie hat keine Schwe⸗ ſter, fragen Sie, aber ſchnell, ſchnell!“ „Ruhe,“ rief der Arzt,„um Gotteswillen, Ruhe! Sie tödten ſich! Ich will Alles auf's Beſte beſorgen und Ihnen ſogleich Alles melden, aber halten Sie ſich ruhig oder Sie leben keine Stunde mehr!“ Mit einem unausſprechlich ſchmerzlichen Seufzer 240 Frauen und Opfer. legte ſich Albert zurück, ſchloß die Augen und preßte feſt die vom Schmerz verzogenen Lippen zuſammen. Der Doctor ging zurück zu Agnes, die ſich unter⸗ deſſen wieder ermannt und die weinenden Kinder be⸗ ruhigt hatte. „Der Prinz wünſcht zu wiſſen, womit er Ihnen dienen kann, da er behauptet, ſicher zu ſein, daß Fräu⸗ lein von Serenyi nicht Ihre Schweſter geweſen.“ „Und dennoch bin ich nur um ihretwillen hier— ſie war meine Schweſter, wenn auch nicht dem Blute nach— ſie war meine einzige Freundin! Aus Barm⸗ herzigkeit theilen Sie mir ihr Schickſal mit!“ „Erſt will ich den Prinzen beruhigen.“ Und nachdem er in kurzer Friſt zurückgekehrt, theilte er Agnes Fol⸗ gendes über die unglückliche Eliſabeth mit. Als eine Patrouille den vermeintlichen ungariſchen Bauer erſchoſſen und nachher bei ihm die Depeſche ge⸗ funden, die er einer Ordonnanz abgekämpft, ſowie entdeckt, daß die Leiche die einer alten Frau war, hatte man ſie beerdigt und weiter kein Aufheben von der Sache gemacht, weil man ſich wahrſcheinlich ſchämte, daß einer der Feinde, denen man ſo lange nachgeforſcht, ein altes Weib geweſen; daß alle dieſe Feinde in der Perſon dieſer Alten vereinigt geweſen, ahnte Niemand, und von den Soldaten kannte keiner Frau von Howath. Frauen und Opfer. 241 Als aber ihre Mägde— denn ihre Knechte hatte ſie längſt zu Kriegern des Vaterlandes ausgerüſtet— ſich überall nach ihr erkundigten, wurde man aufmerkſam und kam auf die Spur. Das Commando in Ketske⸗ met erfuhr von der Sache und fertigte nun den Befehl aus, alle Angehörigen der alten Dame zu arretiren, nach Ketskemet zu bringen und die Puſta zu durchſuchen und zu beſetzen. Ein Unterlieutenant von Waldheims Schwadron, ein Baron Koffka, wurde mit dieſer Expedition wäh⸗ rend des Prinzen Abweſenheit betraut; dieſer würde es nicht verabſäumt haben, dem rohen Böhmen noch be⸗ ſondere Befehle einzuſchärfen, da er deſſen Brutalität kannte und ſchon oft gerügt hatte. 4 Kofffa fand nur Eliſabeth auf der Puſta und ſie ſchleppte er mit ſich. Es iſt geſagt worden, daß ſie vor ihrem Weggehn dem Officier den Aufenthalt der Ge⸗ fangnen anzeigte; ſie that das aus Menſchlichkeit, da⸗ mit die Armen ohne ihre Pflege, da ſie allein um ſie wußte, nicht verhungern ſollten. Dieſe gute Handlung ſollte ſie ſchwer büßen. Auf der erſten Station wurde ſie vom Pferde losgebunden und vor den Officier ge⸗ führt und von ihm ausgefragt. Als ſie nun mit einer gewiſſen Genugthuung dem übermüthigen Unterlieu⸗ tenant die Heldenthaten der alten Ungarin berichtet Gegen den Strom. II. 16 242 Frauen und Opfer. und er erfahren, daß ſie ſogar mehrere Militairs ver⸗ wundet und entwaffnet, gerieth er in kindiſche Wuth. „Daß Du der alten Megäre bei ſolch niederträch⸗ tigen Handlungen geholfen, ſoll Dir vergolten werden. Gott ſei Dank, daß Du noch lebſt!“ brüllte der Böhme. Eliſabeth aber ſagte mit ſtolzem Lächeln:„Ich bin bereit, einzuſtehen mit meinem Leben, habe aber leider weiter nichts gethan, als die von Frau von Horvath Verwundeten verbunden und ihnen Speiſe und Trank gebracht— aber nebenbei war ich freilich ihr Kerker⸗ meiſter! Dafür könnt Ihr mich tödten!“ „Tödten?“ lachte der Reiter.„Meinſt Du, wir ver⸗ ſchöſſen unſer gutes Pulver an elende meuchleriſche Weiber?“ „So knüpft mich an einen Baum, wenn das Kriegs⸗ gericht meinen Tod verlangt— vielleicht wird dieſer Baum einſt der Freiheitsbaum Ungarns.“ „Kriegsgericht?“ Meinſt Du, ich lieferte Dich an das Commando in Ketskemet ab? Das wäre ſolch hoch⸗ müthiger Dirne gerade recht! Man erführe dann im ganzen Lande die impertinenten Phraſen, dieſie ergrau⸗ ten Kriegsmännern in den Bart geſchleudert— ſo eine Ungarin ſtirbt gerne aus Eitelkeit.“ „Was wollt Ihr denn thun?“fragte Eliſabeth mit einer gewiſſen Beängſtigung. Frauen und Opfer. 243 Der Lieutenant ſagte nichts, ſondern wies nur auf einen Tiſch, wo eine Hetzpeitſche lag, dann ſagte er höhniſch:„Das iſt für Euresgleichen!“ Es war einen Augenblick, als wolle Eliſabeth ſich auf den Lieutenant ſtürzen und ihn erwürgen; dann aber ſchien ein Gedanke ſie zu durchzucken und ſie rich⸗ tete ſich hoch auf und wandte den Kopf zum Fenſter hinaus.— „Glaube ja nicht,“ſagte der Lieutenant höhniſch,„daß ich eigenmächtig handle, wir haben Ordre, rebelliſche Weiber nicht zu tödten, nicht lange einzuſperren, ſondern nach kurzem Proceß auf freiem Felde durchzuprügeln— es wird Dir in Deiner und der großen italieniſchen Nation bald nicht an Schickſalsgefährtinnen fehlen. Wenn Ihr dann frei ſeid, könnt Ihr Euch einen Orden ſtiften— den Peitſchenorden, das klingt gut!“ Eliſabeth antwortete nicht. Er ließ ſie in eine dunkle Kammer bringen und zwei Mann Wache davor poſtiren, dann verſammelte er einen Kriegsrath aus einigen Un⸗ terofficieren, und nachdem alle einſtimmig auf den An⸗ trag des Officiers auf Prügelſtrafe erkannt, wurden vier Mann abgeſchickt, um Eliſabeth zu holen. Sie fanden ſie in einem See von Blut am Boden lie⸗ gend; ſie war in der Agonie. Mit einem Federmeſ⸗ ſer, das ſie in ihren handbreiten, dicken, braunen 16* 244 Frauen und Opfer. Flechten verborgen, hatte ſie ſich die Pulsadern ge⸗ öffnet. Am Abend, als der Officier in Ketskemet eintraf, machte er dem Commando ſeine Meldung. Dann dem Rittmeiſter gegenüber ſchmückte er, um Waldheim zu necken, die Sache mit beinahe noch mehr Rohheit aus, als ſie ſtattgefunden. Albert war ſo empört, daß er ſeinem Lieutenant einen Schlag mit derſelben Peitſche gab, womit Koffka Eliſabeth bedroht und die ihm dieſer höhniſch vorwies. Waldheim bot ſogleich dem faſſungsloſen Lieutenant Satisfaction an. Am folgenden Morgen fand zwiſchen Beiden bei alleiniger Gegenwart des Arztes ein Piſto⸗ lenduell ſtatt; Koffka hatte den erſten Schuß und traf Albert in die Bruſt. Drei Chirurgen hatten ver⸗ gebens nach der Kugel geſucht und ſie hegten wenig Hoffnung, den Prinzen zu retten. Das war, was der Arzt Agnes mittheilte; man kann denken, unter welchen Empfindungen ihm die arme Frau bis zu Ende zuhörte. Alberts Klingel ertönte wieder, er verlangte Agnes zu ſehen; ſie ging zu ihm und ließ die beiden Kin⸗ der zurück, die während der ſchaudervollen Mitthei⸗ lung des Doctors an den Knieen der Mutter liegend eingeſchlummert waren. ——— Frauen und Opfer. 245 Albert ſtreckte Agnes die Hand entgegen.„Tau⸗ ſend Dank, daß Sie kommen! Der Himmel iſt doch unendlich viel gütiger gegen mich, als ich es verdiene. Nach einem Leben voll Thorheiten und Fehler ſchickt er Sie, um mir die Augen zu ſchließen— ich bin kaum dreißig Jahre alt, aber ich freue mich auf den Tod.“ Agnes ſchüttelte mit dem Kopfe, ſie fürchtete ihre hervorbrechenden Thränen, wenn ſie reden würde. „Schütteln Sie mit dem Kopfe, weil Sie nicht hierbleiben bei mir, oder weil Sie meinen nahen Tod bezweifeln?“ „Beides,“ brachte Agnes mühſam hervor. „Nein, Beides wird eintreffen, wir wollen einen Contract machen, meinen letzten,“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Wenn ich in acht Tagen nicht geſtorben bin, dürfen Sie nach Peſth zu dem Doctor Roſe zurück.“ „Sie wiſſen?“ „Tante Roſalie hat mir Alles erzählt. Acht Tage bleiben Sie mit Ihren Kindern bei mir— möchte den Kleinen jedes Wort, was ich zu ihrer Mutter ſpreche, mit Flammenzügen in das Gedächtniß geprägt werden, ſie würden nie ſich einer Silbe erinnern, die einen Makel auf ihre Mutter würfe. Agnes, bleiben Sie bei mir und drücken Sie mir die Augen zu, ich thue Ihnen auch den letzten Gefallen und ſterbe bald.“ * 1 7 246 Frauen und Opfer. Agnes empfand eine Pein wie nie. Weil ſie ſo gerne geblieben wäre, dünkte ſie es Sünde, ſie ſagte weinend:„Ich kann nicht, ich darf nicht.“ „Dann noch einen Vorſchlag. Schreiben Sie an Roſe. Ich ſchicke einen Boten mit dem Briefe nach Peſth. Bis morgen Abend kann er zurück ſein. Roſe iſt hart, aber nicht grauſam; das hat er gegen meine Schweſter, die doch an ihm geſündigt, bewieſen.“ „Er iſt nicht hart,“ ſagte Agnes unbedacht,„aber eiferfüchtig!“ „Auf mich? Und ein ſo grenzenlos ſchmerzlich ironi⸗ ſches Lächeln, ein Lächeln, das ſo ſichere Todesbotſchaft trug, ſchwebte um Alberts Mund, daß Agnes ihm nicht widerſtand und weinend ſagte:„Mag Gott mir verzeihen, ich bleibe bis morgen Abend.“ Sie ſchrieb an Wilhelm, ſie flehte, ſie bat, ſie theilte ihm in kurzen Worten die Urſache von Alberts Ver⸗ wundung mit, aber als der Reiter mit dem Briefe fort⸗ jagte, hatte ſte doch keine Hoffnung, daß ihr Gemahl ihr geſtatten werde, länger als bis morgen Abend hier zu bleiben. Aber ſie war nun ruhig, ſie hatte gethan, was ſie nicht laſſen konnte, und ſchämte ſich deſſen nicht, weil ſie ſich nur der reinſten Theilnahme bewußt war. Sie mußte beinahe immer an Alberts Bett ſitzen, auch die Kinder blieben jetzt ſtill im Zimmer und ſahen Frauen und Opfer. 247 mitleidig den fremden blaſſen Mann an, der beſonders dem kleinen Jungen, er glich Agnes, viel freund⸗ liche Worte ſpendete. Der Arzt verbot dem Prinzen das viele Sprechen, aber der ſagte ruhig:„Wenn ich zu retten wäre, ließ ich mir Alles gefallen, ſo aber fühle ich den Tod ſo beſtimmt mit jeder Stunde mir näher treten, daß ermir wenigſtens jetzt ſchon ein Stück⸗ chen von der Freiheit gewähren ſoll, die wir Alle von ihm hoffen.“ Er ſprach mit Agnes meiſtens von ſeiner Kindheit, von ſeiner Mutter, von ſeinem Aufenthalt in Venedig, einer Reiſe nach Florenz, Rom und Neapel, nie aber von der Zeit ſeines frühern Zuſammenſeins mit ihr. Er bat ſie, ihm von dem Ende ihres Vaters, von ihrem Leben in Peſth, von Eliſabeth Serenyi, der un⸗ ſchuldigen Urſache ſeines Todes, an der er mit dem edelſten Feuer Theil nahm, aber nie bat er ſie, von Wilhelm zu erzählen. Er theilte ihr mit, daß er Roſalie und Ludmille nach Amerika eingeſchifft, wohin ſie dringend nach der Wiedereroberung Oberitaliens verlangt; dann erzählte er Agnes, daß in ſeiner Kindheit eine alte Zigeunerin nach Waldheim gekommen und ihm prophezeit, er möge ſich hüten vor dem Lande, deſſen Fahnen die Farben der Roſe trügen, und wie er ſich plötzlich deſſen 248 Frauen und Opfer. erinnert, als ihm im vorigen Jahre die erſte italieniſche grün roth und weiße Cocarde vor die Augen ge⸗ kommen und er nun gemeint, in jedem Gefecht zu fallen; wie ſich die Weiſſagung aber jetzt erſt erfülle, in Ungarn, deſſen nationale Roſenfarben freilich mit Trauerflor verhüllt ſeien. 4 „Ich ſterbe,“ ſagte er dann traurig,„um den Irr⸗ thum zu ſühnen, daß man einem fremden Unterjochungs⸗ ſyſtem dienen dürfe. Wäre ich ein öſterreichiſcher Fürſt geweſen, ich hätte vielleicht ruhig mein Schwert gegen dieſe Italiener und Ungarn geſchliffen, denn ſie waren die Feinde meines Vaterlandes. So aber ver⸗ ließ mich nie der Gedanke, was ich eigentlich mit dieſen Italienern, dieſen Ungarn zu ſchaffen habe, und welches Intereſſe am Siege über ſie! Aber ich ſcheute mich aus falſchem Ehrgeiz während des Krieges mei⸗ nen Abſchied zu fordern. Wehe Jedem, der eine eigne ungerechte Sache, aber dreimal Wehe dem, der eine fremde ungerechte unterſtützen hilft!“ Wenn man die Lage dieſer beiden Menſchen ins Auge faßt, könnte man denken, dieſe zwei Tage ſeien ihnen trübe und peinvoll verfloſſen. Dem war aber nicht ſo— nie hatte weder Albert noch Agnes zwei ſo friedliche, ſchöne, ſtille Tage verlebt. Sie waren Beide wie im Traum! Albert hatte, als er Agnes als Mäd⸗ Frauen und Opfer. 249 chen kannte, immer in Zweifel und Aufregung gelebt, und deshalb nie in ſeligem Genügen ſich dem Gedanken an ihre geliebte Gegenwart hingeben können. Wir wollen nun nicht behaupten, daß er ſeit den vielen Jahren, wo er ſie nicht mehr geſehen, kein anderes Weib geliebt; nein, ſo etwas behauptet Niemand von einem jungen, ſchönen, lebhaften Manne, der fortwäh⸗ rend in der großen Welt lebt— er hatte gewiß ſeitdem viele geliebt, aber jetzt, wo Agnes vor ihm ſaß, ſie, die bleiche Mutter der beiden blühenden Kinder, die verheirathete Frau, die ernſte, ruhige, zurückhaltende Freundin, jetzt kam es ihm vor, als habe er ſeitdem kein anderes Weib angeſehen, und die ſelige Ueberzeu⸗ gung, daß dieſe Einzige bis zu ſeinem Tode ſeinem Auge ſich nicht entziehen werde, gab ſeiner Liebe die Ruhe des Beſitzes, die ſonſt nur ein feſtes Band gewährt! Sie hingegen hatte die Elaſticität der erſten Jugend beim Anblick dieſes Jugendgefährten wiedergefunden. Sie kam ſich wieder wie ein junges Mädchen vor, der Ernſt ihrer Ehe, die Schmerzen ihrer Mutterliebe lagen wie ein dunkler Traum weit hinter ihr. Albert, deſſen ein⸗ ziger Fehler in ihren Augen ſein Mangel an Ernſt und tiefer männlicher Auffaſſung geweſen, war natürlich in ſeiner jetzigen melancholiſchen Lage wie das Ideal Frauen und Opfer. ihrer erſten Jugend; dazu kam, daß er ihr wie ein ge⸗ liebtes krankes Kind erſchien, das ſie pflegen und lieben müßte mit den beiden Kleinen, die an ſeinem Bette ſpielten. Sie war glücklich, ihm vorwurfsfrei ſeine letzten Stunden durch ihre Gegenwart verſüßen zu können, ſie fühlte, wie glücklich ſie ihn mache, und das beglückte ſie hinwiederum. Trotz allem Abmahnen des Arztes erzählten ſie ſich Beide immer, Keines ſprach laut, denn ſympathetiſch verſtand Eins das Andere leicht. So kam der Abend des zweiten Tages heran und mit der Dämmerung ſenkte ſich auch eine Wolke auf Agnes' Herz. Auch Albert wurde ſtiller, ſeine Schwäche hatte ſchon den ganzen Tag ſich vermehrt und ſeines Arztes Angſt, der ihm ſehr anhänglich ſchien, vermehrte ſich zugleich. Schtes Stapilel. Es war bereits ganz finſter geworden, Agnes' Kinder hatten ſich ſchon auf dem Sopha des zweiten Zimmers zur Ruhe begeben, ſie ſelbſt ſaß an ihres Freundes Bette und die Lampe erhellte kaum ſeine mat⸗ ten Augen, als draußen ein raſcher Hufſchlag ſich ver⸗ nehmen ließ. Die Beiden fuhren auf, Beide ahnten, was es ſei. „Laſſen Sie mich hinausgehen,“ flehte Agnes, vich möchte allein die Antwort entgegennehmen.“ Albert winkte ihr mit der Hand zu gehen, und der Doctor, der eben eingetreten, nahm ihren Platz ein. Draußen auf dem Gange traf ſie ſchon den be⸗ ſtaubten Reiter. Den Brief, den er übergab, hielt ſie ans Licht, das düſter an der Wand brannte. Was * 252 Frauen und Opfer. war das, es war ihr eigner Brief, den ſie geſtern ab⸗ geſchickt! „Der Doctor Roſe war nirgends zu finden,“ be⸗ richtete der Bote.„Seit ſechs Tagen iſt er nicht nach Hauſe zurückgekehrt, ſagten mir ſeine Leute, aber ſie vermutheten, daß er arretirt ſei; ſein Kutſcher meinte, ihn in einem geſchloſſenen Wagen zwiſchen zwei Sol⸗ daten nach dem Neugebäude haben fahren zu ſehen.“ Agnes mußte ſich an die Wand lehnen, um nicht umzuſinken. Während ſie hier in ungeſtörter Ruhe bei 2 dem Freunde weilte, erſchoß man vielleicht in Peſth 4 ihren Gatten, den Vater ihrer Kinder! Der Doctor kam, ſie zu Albert zu rufen, der vor Ungeduld verging: Sie theilte dem Arzt mit wenigen Worten mit, was ſie vom Boten erfahren.„Das dürfen Sie dem Prinzen nicht ſagen— das könnte ihm augenblicklich den Tod geben,“ ſagte er ängſtlich. „Ich will es ihm auch nicht ſagen, ich will ihm nur ſagen, mein Gemahl rufe mich zurück.“ Der Arzt ergriff ihre Hand.„Meine liebe gnädige Frau! Sein ſie barmherzig gegen den armen Prinzen, Gott wird es Ihnen an Ihrem Gemahl vergelten— Waldheim hat vielleicht nur noch ein paar Stunden zu Frauen und Opfer. 253 leben, laſſen Sie dies ſchöne junge Leben harmoniſch entſchwinden! halten Sie hier aus!“ Agnes rang die Hände.„Ich kann nicht, ich kann nicht! Meine Pflicht ruft mich nach Peſth, ach— auch mein Herz, denn jetzt, wo mein Mann mir viel⸗ leicht entriſſen wird, fühle ich, daß alles Andre bei dieſem Gedanken in den Hintergrund tritt— ihn muß ich zu retten verſuchen— denn ſelbſt, wenn ich hier bleiben wollte, hier kann ich Niemand mehr retten, Sie geſtehen ſelbſt, daß Alles verloren iſt!“ „Und was können Sie in Peſth?“ Agnes richtete ſich hoch auf und ſah den Doctor mit ihren großen Augen verwundert an.„Was ich in Peſth kann? Meinen Mann retten. Glauben Sie, ich könne begreifen, daß man, ſo lange man Leben in den Adern fühlt, einen geliebten Gatten unſchuldig zum Tode führen laſſe? Glauben Sie, ich halte meines Gat⸗ ten Recht nicht für höher als die Willkühr dieſes Hay⸗ nau? Glauben Sie, ich zweifle einen Augenblick, daß ich dieſem Ungeheuer gegenüber ſiegen werde? Wenn mein Mann bei meiner Ankunft in Peſth noch am Leben iſt, dann iſt er auch gerettet!“ Der Doctor ſchüttelte den Kopf.„Und dennoch, gnädige Frau, beſchwöre ich Sie, bleiben Sie hier nur 254 Frauen und Opfer. bis zum nächſten Morgen, der Prinz überlebt die Nacht nicht.“ Agnes ging kalt an ihm vorüber nach Alberts Zimmer. Die Größe ihres Unglücks hatte ihr alle Faſſung zurückgegeben, ſie war entſchloſſen, von dem Verwundeten Abſchied zu nehmen. Als ſie aber das Zimmer betrat, blieb ſie erſchrocken auf der Schwelle ſtehen— Albert hatte ſich weit vorgebeugt, ſeine beiden Hände ihr entgegenſtreckend, und ſein Geſicht war jetzt das Geſicht eines Sterbenden. Vielleicht hatte die Angſt bei ihrem langen Ge— ſpräche mit dem Arzt ſeine letzten Stunden beſchleunigt — wer konnte das wiſſen? aber jetzt ſah ſelbſt Agnes, daß ſie hier nicht lange mehr zu verweilen habe— auch wenn ſie ausharre bis zuletzt! „O Agnes— Sie wollen gehen?⸗ „Nein, nein, ich bleibe!? „Und laſſen mich ſo lange in der Höllenqual!“ „Ich bin beſorgt, weil Wilhelm mir nicht ge⸗ ſchrieben— der Bote brachte nur eine mündliche Antwort!“ „Was liegt daran, wenn Sie nur bleiben dürfen! Gott ſei gedankt,“ rief er dem eintretenden Doctor ent⸗ gegen,„ſie bleibt!“ Ja, ſie blieb, ſie blieb und kniete nieder am Bette Frauen und Opfer. 2⁵⁵ des Mannes, der ihr einſt ſo werth, und betete, daß Gott ſie erlöſen möge aus dieſer Qual, ohne in ihres Herzens Pein zu ahnen, daß ſie durch dies Gebet nichts Anderes als Alberts Tod erflehte! Er bat ſie um ihre Hand, die ſie ihm noch nie gegeben— ſie that es— die ſeinige war ſchon eis⸗ kalt; ſo ſchlummerte er ein mit dem ſeligen Lächeln eines Kindes— in beiden kalten Händen ihre lebens⸗ warme; ruhig, ſtill und zufrieden, während das angſt⸗ zerriſſene Weib ſich mit allen Qualen, die das Leben in eine Menſchenbruſt legen kann, vor ſeinem Bette wand. „Er hat vollendet,“ ſagte der Arzt leiſe; in dieſem Augenblick ſchlug die Uhr Mitternacht, und Agnes ſchnellte empor wie von einem electriſchen Schlage ge⸗ troffen. „Nun aus Barmherzigkeit einen Wagen, Doctor!“ „Ich habe das ſchon beſorgt,“ antwortete er traurig, „ſeit einer Stunde hält er unten— Gott ſegne Sie, daß Sie barmherzig waren!“ Agnes warf noch einen Blick auf das Antlitz, das ſie nie mehr ſehen ſollte, und das ihr doch einſt, nach dem ihres Vaters, das liebſte— geweſen, jenes Antlitz, das ſie immer heiter und fröhlich geſehen, und — 256 Frauen und Opfer. das ihr auch jetzt das Lächeln verdankte, mit dem man es in die dunkle Erde legen ſollte! Lebe wohl,“ ſagte ſie leiſe,„Dir iſt wohl, Gott gebe, daß ich einſt auch ſo ruhig ſcheide.“ Der Doctor half ihr die beiden ſchlafenden Kinder in den Wagen tragen, und fort, fort fuhr ſie in die dunkle, lichtloſe Nacht mit ihrem dunklen, lichtloſen Herzen; hätte ſie nicht das Athmen der beiden ſüßen Kinder gefühlt, ſie hätte auch vielleicht nicht Kraft ge⸗ funden, dieſe Nacht ſo zu ertragen. Ueberall fand ſie Vorſpann, der Doctor hatte für Alles geſorgt— und als ſie endlich in Peſth einfuhr und die vielen weißröckigen Soldaten gewahrte, meinte ſie in jedem von ihnen denjenigen zu erblicken, der das Todesblei in das Herz ihres Gatten geſendet! Sie fuhr nach dem Neugebäude. Der wachthabende Officier geſtand auf ihre Fragen, daß Wilhelm ſich da befinde— und lebend da befinde. Dann eilte ſie nach Hauſe und, nachdem ſie die Kinder ihren Leuten über⸗ geben, zu Haynau. Der Feldzeugmeiſter war verreiſt und zwar nach Klagenfurt, um das Gehburtsfeſt ſeiner uennhlin dort zu feiern! Alſo wieder nach dem Neugebude. Man ließ ſie Frauen und Opfer. 257 nur vor den Commandanten, als ſie angab, wichtige Nachricht aus Ketskemet zu bringen. „Was bringen Sie? fragte ſie der Officier bei ihrem Eintritt nicht beſonders höflich. „Ich habe keine Nachrichten— ich gebrauchte nur den Vorwand, um Sie zu ſprechen. Ich bin die Gattin des Doctor Roſe, den man im Anfang dieſer Woche hie— her gebracht hat; ich komme eben von einer Reiſe und erfahre erſt jetzt die Verhaftung meines Mannes. Mein Gatte kann nur durch ein Mißverſtändniß hier ſein, er hat ſich nie in Politik gemiſcht und nur ſeinem Berufe gelebt.“ „Geht mich nichts an!“ „Iſt er ſchon verurtheilt?“. „So viel ich weiß, nicht, ſeine Sache wird erſt nächſte Woche vor's Kriegsgericht kommen, die Herren haben zu viel zu thun. „Herr Obriſt— mein Mann iſt unſchuldig an jeder politiſchen Bewegung; ich gehe jetzt zu Haynau und bringe Ihnen, ſobald es menſchenmöglich iſt, meines Gatten Freilaſſung, meines Gatten, der Hunderten von öſterreichiſchen Soldaten ihre Wunden verbunden und geheilt hat und jetzt zum Lohne dafür von ihnen erſchoſſen werden ſoll! Ich mache Sie verantwortlich für ſein Leben bis dahin!“ Gegen den Strom. II. 4 17 ͤ— — Frauen und Opfer. Sie wandte ſich und ging, und zwar nicht ohne dem alten unhöflichen Soldaten eine gewiſſe Scheu eingeflößt zu haben. 3 Als ſie nach Hauſe kam, fand ſie die drei Fräulein von Howpath. Während der Unruhen von ihrer Mutter in die Stadt geſchickt, weil ſie wegen ihrer Aengſtlichkeit für die Pläne der kühnen Frau nicht zu brauchen waren, kamen ſie jetzt, um Agnes den Tod der Mutter anzuzeigen. Die drei armen Mäͤdchen waren ihr ſehr willkommen, ihnen konnte ſie ſicher die Kinder bis zu ihrer Rückkehr auvertrauen, und ſie bat ſie deshalb, ſo lange in ihr Haus zu ziehen, was ſie ihr denn auch gerne zuſagten, dann ſtieg ſte in den Wagen, der ſie nach Klagenfurt bringen ſollte. Welche Reiſe war das, und als ſi ankam, welche Marter, nach dem Hauſe des Mannes zu gehen, den ſie vor Allen haßte! Sie ließ ſich bei Frau von Haynau melden; man führte ſte in ein freundliches, elegantes Zimmer, und das erſte Geſicht, das ſie ſah, war die Phyſiognomie des alten Tigers, der nur zu ſehr der Familie glich, von der er abſtammte und die die verhaßteſte auf deut⸗ ſchen Fürſtenthronen liſt. — Frauen und Opfer. 259 Sie war gekommen, um zu bitten, beim Anblick des alten Mannes überkam ſie aber ein ſo furchtbarer Groll, daß ihre lebhafte Seele alles Andere vergaß. Sie ging raſch auf ihn zu. „Ich komme, Herr Baron, um zu fragen, weshalb mein Mann, der Arzt Roſe in Peſth, ſeit acht Tagen im Neugebäude ſchmachtet?“ „Kann mich eben des Namens nicht entſinnen,“ ſagte ſanft der Feldzeugmeiſter,„wird aber wohl ſeine Urſachen haben— ich bin hier, um mit meiner Fa⸗ milie ein Feſt zu begehen, in Peſth ſtehe ich aber allen Fragen zu Dienſten.“ „Auch hier, Herr Baron, auch hier müſſen Sie das. Glauben Sie, es gebe einen Ort der Welt, wo Sie geſichert ſeien?“ Der Feldzeugmeiſter faltete fromm die Hände, ohne Antwort zu geben. „Wiſſen Sie, woher ich komme, Herr Baron? Von Ketskemet, wo einer Ihrer Officiere meine Freundin zur Prügelſtrafe verurtheilte, ein Schimpf, dem ſte durch Selbſtmord zuvorkam. Der Tod einer Ungarin wird Sie wenig kümmern, aber daß einer Ihrer beſten Officiere darüber ums Leben kam, wird Ihnen nicht gleichgültig ſein.“ 17 260 Frauen und Opfer. Der Feldzeugmeiſter ſah ſie fragend an. ‚Fürſt Waldheim, empört über dieſe Unmenſchlichkeit, hat ſich mit dem Officier geſchoſſen, der jene Schandthat be⸗ fohlen. Fürſt Waldheim iſt kein Oeſterreicher— frei⸗ lich,“ unterbrach ſie ſich,„Si e ſind auch kein Oeſter⸗ reicher.“ „Nun, und Fürſt Waldheim?“ „Fürſt Waldheim iſt an der Wunde geſtorben; als er todt war, ging ich nach Peſth in mein Haus zurück und finde dort Alles in Zerſtörung. Mein Mann, ein Arzt, der nur ſeinem Berufe gelebt, von allen ver⸗ wundeten Oeſterreichern geſegnet und verehrt, iſt auf Befehl Euer Excellenz ins Neugebäude geſchleppt— wahrſcheinlich auf Angabe des elenden Grafen L., deſſen Gemahlin er das Leben gerettet, den er ſelbſt aber be⸗ leidigt— weil er ihn verachtet!“ Haynau hatte der zornglühenden Frau mit der größten Aufmerkſamkeit zugehört; als ſie erſchöpft inne hielt, ließ er ſich in einen Seſſel ſinken, und indem die Thränen ſtromweis über ſeine hagern Wangen floſſen, rief er jammernd in Einem fort:„Was für Geſchichten muß ich da hören, was für Geſchichten!“ Agnes glaubte zu träumen— dieſe Schwäche hatte ſie hier nicht erwartet—aber ihr Mitleid wurde wahr⸗ haftig nicht davon angeregt! Frauen und Opfer. 261 Der Feldzeugmeiſter fuhr ſchluchzend fort:„Wie man meinen Namen mißbraucht! Hier und überall— in Brescia haben ſie alle Gefangenen niedergeſtochen, und ich hatte doch meinen Soldaten nur geſagt: Kin⸗ der, macht keine Gefangenen! Was ſollen wir nachher mit den vielen Gefangenen anfangen! Jetzt habe ich auch nur befohlen, man ſoll keine Frauen erſchießen und hängen, ſondern ſie nur leicht beſtrafen, wie thö⸗ richte Kinder, die nicht gehorchen wollen, und nun prügelt man ſie, und dafür verfolgt mich der Haß aller Menſchen!“ Agnes wandte ſich ab— war der Alte blödſinnig? Nach einer Weile fragte ſie:„Welche Antwort geben mir Euer Excellenz für meinen Gatten?“ „Kann keine geben,“ ſagte händeringend der Alte, ‚kommt Alles auf die Herren vom Kriegsgericht an!“ Da trat Agnes dicht vor ihn und verſetzte mit flammenden Augen und tiefer, gewaltiger Stimme: „So wie Sie eben ſagen— Ich kann nicht, ſo möge auch der ewige Richter ſprechen: Ich kann nicht, und ſich von Ihnen abwenden, wenn Sie ſich an ſei⸗ nem Throne winden! Dieſen Fluch auf ihr Haupt, grauer, heuchleriſcher Sünder!“ Sie wandte ſich zum Gehen. Bleiben Sie!“ ſagte der Commandirende erſchrocken und leiſe,„bleiben 262 Frauen und Opfer. Sie, bis ich Ihnen einen Zettel für den Commandan⸗ ten des Neugebäudes mitgegeben habe.“ Er ging hinaus, Agnes warf ſich auf die Kniee; nie iſt ein inbrünſtigeres Gebet zu Gott gedrungen! Agnes erhielt in verſiegeltem Couvert die Frei⸗ laſſung ihres Gatten und brauchte nicht einmal dem Feldzeugmeiſter zu danken, da er ihr durch einen Diener den Zettel zuſchickte. Wenige Wochen nach dieſer Scene, und Agnes zog mit ihrem Gatten und ihren Kindern auf dem Wege nach der Heimath zurück. Aus dem armen unglück⸗ lichen Lande, dem ihres Herzens beſte Theilnahme ge⸗ hörte, nahm ſie einen reichen Schatz mit, auf den ſie nicht gehofft und der ihr das Glück ihres Lebens ſichert. Was ſechsjährige Treue, Liebe, Hingebung und Dul⸗ dung nicht vermocht, vollbrachte eine kühne That— ſte gewann ihr dasjenige, deſſen Mangel ihr Unglück geweſen, die Achtung ihres Gatten! 14 15 16