Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 1 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wir 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ 3„ 2„—„„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Weil man ihr aus übergroßer Nachſicht nie Zwang angethan, hatte ihre Natur ſich frei entwickelt, und ihre kräftige Seele war wie ein unbeſchnittener Baum in einem Urwalde der Tropenländer. Weil ſie keine Brüder beſaß, hatte nie ein roher Knabenſcherz ihr jungfräuliches Ohr entweiht und ihr Gemüth war rein geblieben wie die Perle in der Schaale; weil nie ein anderes Weſen ihr vorgezogen worden, kannte ſie kei⸗ nen Neid, keine Eiſerſucht, und weil man ihr Alles ge⸗ währt hatte war Schenken und Geben ihre Seligkeit. Das ſind die Vorzüge; wir kommen zu den Schwä⸗ chen. Eben auch weil man ihr Alles gewährt, erſchien 1* Agnes. ihr jedes Entſagen als ein Unglück; weil man ihr als Kind Niemand vorgezogen, dachte ſie auch ſpäter nicht an die Möglichkeit zurückgeſetzt werden zu können, und weil ihre Seele ſich frei, ohne gemeiſtert zu werden, ent⸗ wickelt, hatte ſie auch nicht gelernt, ihre Einbildungs⸗ kraft zu zügeln, bei ihren Urtheilen behutſam tiefer zu blicken, als es der erſte Anſchein ihr eingab, und dem verführeriſchen Zuge der Ertreme gegenüber die große Lebenskunſt des Maaßhaltens zu üben: natürlich ent⸗ ſtand daraus, daß ſie trotz ihrer großen Gunmithigkeit oft vollkommen ungerecht ſein konnte. Sie war ohne die Leitung einer Mutter aufgewach⸗ ſen, da ſie dieſelbe bei der Geburt verloren hatte, und allein von einem Vater erzogen worden, der ſie, ſchön, talentvoll und liebenswürdig wie ſte war, vergötterte. Agnes war jetzt, unſere Erzählung beginnt mit dem Jahre 1840, ein und zwanzig Jahre alt, und obgleich ſie ſeit ihrem fünfzehnten Jahre als völlig erwachſen in der Welt erſchienen war und viel mit Männern ver⸗ kehrt hatte, war dennoch ihr Herz von jeder Neigung ganz unberührt geblieben. Der Grund davon lag viel⸗ leicht nur darin, daß man ihr zu viel Huldigungen ent⸗ gegen getragen, zu viel Neigung gezeigt; wohin ſie blickte, war ein Bemühen, ihr Herz zu erlangen, und deshalb ſchloß dies eigenſinnige Herz ſich zu. . —ö— Agnes. 5 Daß man ſich ſo um ſie bemühte, war eigentlich ſehr auffallend; denn es gab in ihrem Lebenskreiſe Viele, die ſchöner waren, Viele, die auch die Tochter eines Geheimenraths oder Freiherrn, und noch unendlich Mehr, die reicher waren als Agnes. Der Grund konnte allein in einem durchaus ungewöhnlichen Weſen liegen, das auch hier jenen Zauber hatte, den es immer aus⸗ übt; und dann in noch etwas: man fühlte nämlich, wenn man Agnes öfter ſah, daß ſie eine große Glücks⸗ und Leidensfähigkeit beſaß; ſie gehörte zu den wenigen Charakteren, die aus einem Uebermaaß an Glück wie an Schmerz ſterben können; dieſe Fähigkeit hat für 5 Fähig 3 fühlende Menſchen, für feurige Seelen etwas ganz Unwiderſtehliches. Sie verrieth ſich aber bei Agnes, wie das immer geſchieht, ganz unbewußt, was ihre ſympathetiſche Kraft noch verſtärkte. Aber nicht nur daß Agnes Alles doppelt ſtark wie gewöhnliche Menſchen fühlte, ſie hatte auch, wenn ſie mit Andern zuſammen war, gar keinen Begriff, daß dieſe nicht eben ſo lebhaft empfänden, dieſe ſich nicht auch im ewigen Wechſel von Ebbe und Fluth der Ge⸗ fühle befänden wie ſie; und dadurch daß ſie jedem An⸗ weſenden ihre eigne Wärme der Empfindung zutraute, erhielten ihre Mittheilungen, ihre einfachſten Erzäh⸗ lungen die anziehendſte Lebensfriſche. Dazu ihre un⸗ 6 Agnes. ſchuldigen belebten Augen, der ewig wechſelnde Aus⸗ druck ihrer Züge, der charaktervolle rothe Mund: wer hätte ihr nicht gerne zugehört, ſtundenlang, wäre es auch nur geweſen, um ihr bewegtes Antlitz anzuſehn! Zu Agnes liebenswürdigſten Eigenſchaften gehörte, daß ſie ganz und gar aller perſönlichen Eitelkeit er⸗ mangelte; ſie dachte nie an ihr Ausſehen— nie mehr an ihren Anzug, wenn ſie ihr Ankleidezimmer einmal verlaſſen. Hörte ſie im Vorübergehn, wie Jemand ſagte: Was das für ein ſchönes Mädchen iſt, ſo freute ſie ſich, aber nur— weil ſie es ihrem Vater erzählen konnte. An dem Abende, an welchem unſere Erzählung be⸗ ginnt, hatte ſie längere Zeit als gewöhnlich zu einem Ballanzuge verwendet, denn ihr Vater hatte ihr em⸗ pfohlen, ſich zu dem großen Hoffeſte beſonders ſchön zu ſchmücken, weil man es ihr verargen könne, wenn ſie ſo einfach wie gewöhnlich erſcheine. Einfach war ſie aber doch, weiß wie immer, einen Kranz von natürlichen Blumen im dunklen Haar, das ſie nach griechiſcher Art in einem ſchweren Knoten am Hinterkopfe aufgeneſtelt trug; nur hatte ſte heute un⸗ gewöhnlich feine und duftige Gewänder und zwar meh⸗ rere über einander wie bei der Antike angelegt, und am Buſen und an den aufgefaßten Aermeln trug ſie drei Agnes. 7 römiſche Cameen, die ihr Vater ihr aus Italien mitge⸗ bracht hatte. „Du ſiehſt ja aus wie eine Veſta, mein Kind,“ ſagte der Geheimerath, als er ſie in ihrem Zimmer abholte. „Das iſt nichts als Zufall, liebſter Vater; die Aer⸗ mel waren zu lang gerathen, da mußte ich ſie auf⸗ neſteln; an eine Göttin habe ich dabei nicht gedacht, wohl aber an einen Gott, einen Gott in einer ganz prächtig geſtickten, blendenden Geheimeraths⸗Uniform!“ Und dabei warf ſie ſich auf ſo lebhafte Art an den Hals ihres Vaters, daß ſeine Orden und ihre Crepp⸗ Aermel in eine unzertrennliche Allianz kamen, welche die alte Kammerfrau endlich kopfſchüttelnd löſen mußte. Ihr Wagen war einer der letzten unter dem Portale des Schloſſes. Sie durchſchritten raſch die Vorgemächer, um dann die Zimmer zu betreten, in welchen ſich die Gäſte nach ihren verſchiedenen Rangclaſſen halten muß⸗ ten. Im erſten bildeten alle Herren, die ſich nicht mit dem Kammerherrnſchlüſſel oder den Oberſtenepaulettes ſchmücken konnten, Spalier; im zweiten ſchon mußte Agnes bleiben, denn hier befanden ſich die rangloſen Fräulein oder wie ſie ſelbſt ſich nannten, die Parias; im dritten Zimmer weilten die verheiratheten Damen und die Stiftsfräulein unter dem Schutze der Kammer⸗ herren und Oberſten. Im vierten und letzten endlich Agnes. hatte der Geheimerath ſeine Stätte gefunden; hier war. in ernſter, vom höchſten Range geſättigter Würde Alles 1 verſammelt, was ſich zur Excellenz aufgeſchwungen oder was als Standesherr geboren war. Die Flügelthüren, welche aus dem vierten Zimmer I nach den„innern Appartements“ führten, ſpangen auf und unter dem Vortritt des Oberhofmarſchalls mit dem Stabe, der mit einer unbeſchreiblich ernſten Miene ſich bewegte, erſchienen„die höchſten und hohen Herrſchaf⸗ ten“ paarweiſe auf der Schwelle. Herrn von Stein, der ganz hinten in einer Ecke bei einem alten Generale ſtand, erſchien plötzlich das Zimmer um einige Fuß höher — das kam einfach daher, weil beim Eintritt der fürſtlichen Familie, die der Geheimerath wegen der* Köpfe der vor ihm Stehenden nicht gewahren konnte, alle Anweſenden ſich um die Hälfte ihrer Körperlänge verkürzten. Die Fürſten ſagten faſt Jedem etwas möglichſt An⸗ genehmes und nahmen dann mit ihrem Gefolge die er⸗ höhten gewöhnlichen Plätze im Tanzſaal ein, während die Muſik ſchon begonnen. WMWunderbarer Weiſe war heute Agnes noch zu kei⸗ nem einzigen Tanze verſagt, denn ſie war zu ſpät ge⸗ kommen, und es ergötzte ihr fröhliches Herz, daß ſie heute den erſten Tanz vielleicht ſchon„pauſiren“ müſſe 4 — Agnes. 9 und alſo allein nach dem Tanzſaal gehen ſollte, wäh⸗ rend alle übrigen jungen Mädchen von ihren Tänzern i geführt ſiegesfroh an ihr vorüber dahin ſchritten. Als ſie ſich eben zu dem ſchweren einſamen Gang, der von allen jungen Mädchen als eine Art Schmach betrachtet wurde, anſchicken wollte, trat ihr Vater zu ihr heran, neben ihm ein junger Mann in der ſchar⸗ lachrothen Uniform der Johanniter. Außer dem weißen geſtickten Kreuz trug er noch einen Stern auf der Bruſt. Es war alſo ein Prinz, denn ſo jung wie dieſer Mann noch war, haben andere Menſchen noch keine Ver⸗ dienſte. „Mein Kind, Seine Durchlaucht der Erbprinz Al⸗ 4 bert von Waldheim wünſcht Dir vorgeſtellt zu werden.“ Agnes ſah auf und wurde dunkelroth, nicht aus Verlegenheit, ſondern nur aus Ueberraſchung plötzlich ein ſo ſchönes Geſicht vor ſich zu ſehen, und der Aus⸗ druck ihrer Augen ſprach dieſen Gedanken ſo naiv aus, daß ihn der Prinz ſogleich herauslas und darüber eben⸗ falls roth wurde, aber mehr aus Freude als aus Ue⸗ berraſchung. „Haben Sie noch einen Tanz frei, mein gnädiges Fräulein?“ Alle, mein Prinz.“ „Darf ich dann um den erſten bitten?“ Agnes. Sie neigte lächelnd ihr roſiges Haupt. „Ich muß Ihnen aber vorher bekennen, daß ich ein ſchlechter Tänzer bin; ich kann nie den rechten Tact treffen, immer zu langſam, immer hinterher.“ „Das iſt ein ächt fürſtlicher Fehler,“ lachte Agnes.— „Ich bin nur ein mediatiſirter Fürſt, habe alſo nicht die Vorrechte— „Das thut nichts; ich meine, es thut nichts, daß Sie langſamer tanzen, ich habe glücklicherweiſe eine chte Unterthanen⸗Natur, nämlich mich in Alles finden zu können— auch in einen falſchen Tact,— es wird ſchon gehen.“ Und es ging vortrefflich; Niemand bemerkte, daß die beiden ein langſameres Tempo durchführten, im Gegentheil, man bewunderte das ſchöne Paar. Am Schluſſe des Balles tanzte Agnes noch einmal mit dem Prinzen, und es machte ihr Vergnügen. Er hatte während einer Pauſe ihr längere Zeit die Unter⸗ haltung gemacht und ihr ins Gedächtniß zurückgeru⸗ fen, daß er ſie als kleines Kind einmal in einem Bade⸗ ort geſehn. Sie erinnerte ſich deſſen und ſetzte ihn etwas in Verlegenheit, indem ſie ihm erzählte, wie hochmüthig er damals geweſen, wovon ſie ihm einige komiſche Bei⸗ ſpiele anführte. Dann ſprachen ſie über Bücher und ſie „ 4 Agnes. 11 wunderte ſich über ſeine Beleſenheit in der deutſchen Literatur. „Ich verſtehe, mein Fräulein, Sie meinen, unſer⸗ eins leſe nur Franzöſiſch. Leider Gottes habe ich das auch ſehr viel gethan, der ſchlechteſte Roman Paul de Kocks war mir nicht zu ſchlecht; aber deshalb eben bin ich jetzt gründlich geheilt zu meinem Vaterland zurück⸗ gekehrt.“ „Alſo Sie leſen viel? „Ich habe weiter nichts zu thun. Mein Vater regiert ſeine anderthalb halben Unterhanen— die andre Hälfte gehört ja dem Landesſouverain— und das füllt kaum ſeine Zeit aus, da er anſtandshalber noch drei Beamte daran muß Theil nehmen laſſen. Sie können ſich den⸗ ken, gnädiges Fräulein, wie man die armen halben Unterthanen breit ſchlägt, damit ſie ausreichen.“ Agnes ſah ihn lachend und verwundert an, dieſe Selbſtironie war ihr bei Männern ſeines Standes noch nicht entgegengetreten und zog ſie ſchon um der Selten⸗ heit willen an. „Sie ſollten in Militairdienſte treten, Prinz.“ „Um mich jetzt im tiefen Frieden der Menſchheit nützlich zu machen?“ fragte er laut lachend.„Ach liebes Fräulein, ich habe eine eigne Anſchauung der Dinge und ich kann mich nicht ſo sans rime et sans raison Agnes. unter beſtimmte Verhältniſſe beugen„ja ſelbſt nicht einmal einen beſtimmten Rock anziehn! Sie ſehen lächelnd auf meinen Johanniterrock; das hat ſeine eigne 99 Bewandtniß! Mein gnädiger Papa will ſonſt durch⸗ 8 aus, daß ich ſeine Hofuniform trage, und da werden Sie doch zugeben, daß dieſe beſſer iſt.“ „Ich? Ich gebe Alles zu; jedes Vorurtheil, jede Manie, jede Eigenheit. Nur muß eine ſolche Eigen⸗ heit nicht die eines Andern durchkreuzen. Jeder hat ein Recht, ein Sonderling auf eigne Koſten zu ſein, aber einzig und allein auf eigne.“ „Halten Sie mich für einen Sonderling?“ „Ja, obgleich ich Sie heute Abend zum erſten Male ſeit unſerer Kindheit ſehe.“ Er fragte weshalb? aber Agnes wollte ſich nicht erklären und zog eine andere Dame in das Geſpräch. Ihre Meinung war, daß des Prinzen Sonderlings⸗ Eigenſchaft darin beſtehe, das Lächerliche eines Erbſen⸗ prinzen(wie man in einem Theile Süddeutſchlands die kleinen mediatiſirten Fürſten nennt) wohl zu fühlen, aber indem er das Lächerliche ſeiner Stellung ſelbſt her⸗ vorhob, ſeine Perſon davon befreien zu wollen, und ferner in dem Streben ſich durch eine vielſeitige Bil⸗ dung eine andere Stellung geben zu wollen. Für einen 3 „ 3 ———‧‧ Agnes. 13 vier und zwanzigjährigen Prinzen war das allerdings eine Sonderlings⸗Eigenſchaft. So gut wie an dieſem Abende hatte ſich übrigens Agnes lange nicht unterhalten. Ihr Vater, der nach jedem Balle noch zu Hauſe mit ihr eine Taſſe Thee zu trinken pflegte, ſprach mit ihr, als ſie zurückgekehrt wa⸗ ren, von dem jungen Prinzen; auch ihm gefiel er. Für einen mediatiſirten Fürſten fand auch er ihn anſpruchs⸗ los, da gewöhnlich, ſagte Herr von Stein, dieſe dop⸗ pelte Forderungen machen zu müſſen glauben, um wenigſtens darin ihre Ebenbürtigkeit mit Kaiſern und Königen zu beweiſen. Bei dem Prinzen Albert ſei die Vernunft beſonders anzuerkennen, weil ſein Vater von Hochmuth ſtrotze. Vielleicht habe aber dieſe Thorheit des Vaters eben dem Sohne die Augen geöffnet. Er erzählte ſeiner Tochter noch viel von den Verhältniſſen des Waldheimiſchen Hofes. Dieſer war übermäßig ver⸗ ſchuldet, ſo ſehr, daß die Hofhaltung ſich die ärgſten Einſchränkungen auflegen mußte. Der regierende Fürſt, Alberts Vater, der durch den unſinnigſten Aufwand dieſe Verhältniſſe herbeigeführt, hatte ſich aber durch⸗ aus nicht dadurch beugen laſſen, er trug ſein Haupt noch eben ſo hoch und nannte mit eben ſo ſtolzer Be⸗ tonung den herbeigerufenen Arzt aus dem nächſten Städtchen: Herr Leibarzt, als ob der ſeinige, der ☛ Agnes. geſtorben und wegen mangelnder Fonds zur Beſoldung nicht wieder erſetzt worden war, noch vor ihm ſtände. An den Hof des Landesfürſten kam er nie, weil er nicht nach„ſeines Gleichen“ rangiren wollte; auch daß ſein Sohn es that, war eigentlich gegen ſeine Grund⸗ ſätze, doch duldete er es:„da dieſer als junger Mann es ſich ſchon eher dem alten Landesfürſten gegenüber gefallen laſſen könne.“ Angres lachte herzlich über dieſe Geſchichten, aber der junge Mann hatte dadurch nichts in ihren Augen verloren, im Gegentheil, die Rococo⸗ ⸗Umgebung ver⸗ lieh dem ihr vielleicht ſonſt zu modernen Prinzen einen romantiſchen Reiz. Sweiles Sbapilel. Von dieſem Tage an traf Agnes den Prinzen Wald⸗ heim oft, ja beinahe überall, wohin ſie ging. Sie konnte zuletzt nicht mehr daran zweifeln, daß er abſicht⸗ lich ihre Wege betrat. Er war immer derſelbe; heiter, ironiſch und zuweilen etwas übermüthig. Da dieſer Uebermuth ſich aber nur am Gefühle ſeiner Jugend und ſeiner Erwartungen vom Leben nährte, ſo hatte ſein Ausdruck nichts Verletzendes. Agnes bemerkte bald eine Eigenſchaft des Prinzen, die ſie ungemein beluſtigte: er war eitel. Ohne Zwei⸗ fel einer der ſchönſten Menſchen, wo er auch auftreten mochte, konnte er bei aller Unbefangenheit ſeines übri⸗ gen Weſens es ſich doch nicht verſagen, das vortheil⸗ hafteſte Erſcheinen ſeines Aeußern zu pflegen, eben ſo wie er unfähig war, längere Zeit an einem Spiegel zu verweilen, ohne wenigſtens einen Blick hineinzuwer⸗ fen. Man verſtehe aber nicht falſch; der junge Prinz war kein Geck. Wenn ihn etwas intereſſirte, war er im Stande, ſeine ſchönen blonden Locken zu zerwühlen, deren anmuthiger Schwung ihn doch zu Hauſe ſo viel Mühe gekoſtet. Ein Geck war er nicht, aber er hatte trotz aller Liebenswürdigkeit zwei feſtgewurzelte Ueber⸗ zeugungen, von denen vor allen andern ſein ganzes Weſen durchtränkt war: die Ueberzeugung, ein Prinz aus einem der älteſten Fürſtengeſchlechter Deutſchlands und einer ſeiner ſchönſten Männer zu ſein. Wie oft hatte man ihm auch Beides geſagt! Jung und Alt, Vornehm und nicht Vornehm hatte ſich bemüht, ihn eitel zu machen; ein Wunder war es wirklich, daß er außerdem noch ſo vernünftig geblieben. Aber wenn Agnes im unbewußten Gefühle ihrer Macht über ihn ſeine Schwächen geißelte, ſchämte er ſich ihrer doch zuweilen. Er hatte ihr eines Tages mit ſeiner eigenthümlichen Naivetät erzählt, daß ſein Vater Iin ſeinem Schloſſe früher ein allerliebſtes Hoftheater rrichten laſſen, und hatte dabei den Geſchmack, der bei 2 der Decorirung der fürſtlichen Loge gewaltet, gerühmt. „Wer kam denn da hinein?“ „Wer ſollte denn anders hineinkommen als wir?⸗ „Wir? Sie allein oder mit Ihnen Ihre hohe Fa⸗ milie?“ 8 — — Agnes. 17 „Ich habe geſagt wir; alſo natürlich die ganze Familie: meine Eltern, meine Schweſtern, meine Brü⸗ der? warum fragen Sie ſo ſonderbar?“ „Wenn eine fürſtliche Perſon wir ſagt, kann man nie wiſſen, ob es die Einzelzahl oder die Mehrzahl be⸗ deutet; ich dachte, Sie probirten einſtweilen den regie⸗ renden Herrn.“ „Wie Sie boshaft ſind, gnädiges Fräulein, und Sie ſehen doch ſo gutmüthig aus!“ „Das bin ich auch, aber ich bin auch luſtig. Zu⸗ weilen wenn ich ſehe, daß es meinem Vater zu viel wird, thut es mir leid, daß ich ſo luſtig bin!“ „Ich bin es eigentlich auch— aber jetzt zuweilen— und er ſeufzte tief auf, indem er die Augen niederſchlug; aber wie erſtaunte er, als Agnes ein ſo unendliches Gelächter erſchallen ließ, daß ſie gar nicht zu Mihem kommen konnte. Mein Gott, gnädiges Fräulein, was habe ich denn geſagt, das Sie ſo außerordentlich beluſtigt?“ „Geſagt? Geſagt haben Sie nichts, aber Sie haben geſeufzt! Bitte, Prinz, ſeufzen Sie nicht mehr! Das bringt den ernſthafteſten Menſchen um die Faſſung, Sie ſeufzen zu ſehn! Dazu hat Gott Sie offenbar nicht be⸗ ſtimmt, ſonſt hätte er Ihnen nicht ſo rothe Wangen, nicht ſo luſtige Augen und keine ſo heitre, ſtrahlende Gegen den Otrom. I. 2 * — ——— 5 18 Agnes. Stirne verliehen! Sie ſehen ja aus wie die Fröhlich⸗ keit und der Uebermuth ſelbſt!“ 4 Albert lachte jetzt mit, aber er grollte ihr doch in ſeinem Innern, daß ſie ihn mit ſeinem Seufzer ſo un⸗ barmherzig ausgelacht. Und dennoch heftete er ſich überall, wo ſie erſchien, an ihre Spur. Er tanzte mit Niemand mehr außer mit ihr, und wenn ſie mit einem Andern tanzte, lehnte er an der Thüre und verfolgte jede ihrer Bewegungen und verwandte kein Auge von ihr, und wenn ſie, von ihrem Tänzer geführt, an ihren Platz zurückkehrte, ſtand er ſchon da, um ſie zu empfangen. Er hatte nur Augen und Ohren für ſie und vernachläſſigte um ihretwillen alle die„hohen Pflichten“ ſeines Standes, als da ſind: eine alte Excellenz zur Abendtafel zu führen und neben ihr Platz zu nehmen; mit einer jüngeren Excellenz zu tanzen, und ſich den größten Theil des Abends in der Nähe der„höchſten Herrſchaften“ aufzuhalten. Der große Kreis von Agnes' früheren Anbetern zerſtob vor dieſem Einzigen; ein Theil, weil es ihm zu beſchwer⸗ lich fiel, einen Wettſtreit mit ihm zu wagen, ein ande⸗ rer, weil er ſich zu ſtolz, ein dritter, weil er ſich ge⸗ kränkt fühlte, und ein vierter endlich in ſeines Nichts durchbohrendem Gefühle dem beſternten Erbprinzen gegenüber. Außer am Hofe, wo, mit Ausnahme des 5. Agnes. 19 Tanzſaales, die Rangordnung undurchdringliche Wände zwiſchen dem jungen Fürſten und ſeiner Dame auf⸗ thürmte, wußte er ſie überall ihre früheren Cavaliere nicht vermiſſen zu laſſen. Auf allen Privatbällen führte er nur ſie zu Tiſch und ſetzte ſich ihr immer gegenüber mitten unter die Lieutenants und Aſſeſſoren, und war immer nur da zu finden, wo ſie war, wenn er ſich auch oft ſtundenlang begnügte, ſie nur anzuſehen— kurz er trieb einen förmlichen Minnedienſt, unbekümmert, was „die Leute“ ſagten. Und die Leute ſagten viel!„Hat man das je an einem Sprößling eines ſolchen Hauſes geſehen! Wäre es noch ein jüngerer Sohn, aber der Erbprinz!“ be⸗ merkte eine alte Hofdame;„er macht ja die Cour wie ein Student, wie ein Gymnaſiaſt) aber wahrhaftig nicht wie ein Prinz! Daß er dem Mädchen gegenüber ſo aller ſeiner Würde vergeſſen kann, ſpricht ſehr gegen ſte. Fräulein von Stein muß entſetzlich kokett ſein!“ „Fräulein von Stein muß entſetzlich kokett ſein!“ ſo ſagten Alle, kein Einziger ſagte:„er muß ſie außeror⸗ dentlich liebenswürdig finden“— wenn es dieſelben Leute auch noch vor wenigen Monden ſelbſt gefunden. ⸗ Und Fräulein von Stein? Eines Tages kam ihr Vater mit feierlicher Miene in ihr Zimmer. 2* 2 20 Agnes. „Mein Kind, ſchließe die Thüre ab, ich habe mit Dir zu reden.“ Agnes that es und ſetzte ſich vor ihren Vater, in⸗ dem ſie ſeine Hand ergriff und ihn ruhig anſchaute. „Man macht mich von allen Seiten darauf auf⸗ merkſam, daß Dir der junge Prinz von Waldheim ſo angelegentlich den Hof mache. Ich hätte es nicht be⸗ merkt, denn ich bemerke nie, wenn man Dir den Hof macht, weil ich das ganz natürlich finde; aber die Leute ſagen, der Prinz treibe es unnatürlich arg— was ſoll daraus werden?“ Fiebſter Vater, nichts ſoll daraus werden, nichts kann daraus werden und nichts wird daraus werden! Siehſt Du denn das nicht klar?“ „Freilich ſehe ich es, liebe Agnes, aber es freut mich, daß du es auch ſiehſt und mit ſo ruhtgem un und heitrem Auge ſiehſt.“ „Warum ſollte ich denn nicht heiter und ruhig ſein? Erſtens, wie Du weißt, Vater, will ich nicht heira⸗ then, ich will immer bei Dir bleiben. Und ſelbſt wenn das nicht wäre, wäre Albert von Waldheim nicht der Mann, dem ich mein Selbſt opfern könnte. Weil er ein Prinz iſt, und zwar aus einem Hauſe, das am meiſten auf ſeine Ebenbürtigkeit hält, kann er mich nicht heirathen— wenn er aber kein Prinz wäre, 4 —— Agnes. 21 würde er mir noch zehnmal weniger gefährlich ſein, denn das iſt ſein einziger Zauber für mich, daß er, obgleich er ein Prinz, doch ſolch ein erträglicher Menſch iſt.“ 1 „Ei, mein Kind, ich wußte icht, daß Du eine ſolche kleine Demagogin ſeiſt!“ „Ich bin es auch nicht. Aber geſtehe ſelbſt, Vater, iſt Dir je ein junger amüſanter, ja nur ein natürlicher Prinz vorgekommen?“ „Doch, doch, denke nur an meinen Freund, den Prinzen Ernſt.“. „Das iſt aber kein junger Prinz; ältere Fürſten giebt es genug, die höchſt liebenswürdig ſind. Aber die jungen leiden alle an der Unverdaulichkeit ihrer Würde. Und es iſt auch ganz natürlich, denn wie kann ein achtzehnjähriges Haupt mit gutem Gewiſſen die Ehrfurcht und unterthänige Ergebenheit des älteſte bedeutendſten Menſchen annehmen, ohne davon ſe chwi lig zu werden und aus dem Tacte zu kommen?“ 8 „Was ſoll aber geſchehen? Sollen die Prinzen bis zum vierzigſten Jahre incognito bleiben?“ Agnes lachte und ſchüttelte den Kopf.„Man ſoll ſie nur etwas anders behandeln, höflich, aber nicht 4 ehrerbietig, dann iſt Alles gut.“ „Die Unbefangenheit, mit welcher Du im Allgemei⸗ Agnes. nen von den Prinzen ſprichſt, beweiſt mir beſſer als Alles, wie unbefangen Du dem Einzelnen, den ich zu⸗ erſt nannte, gegenüber ſein mußt!“ „Wahrhaftig! das bin ich, er iſt mir völlig ge⸗ fahrlos.“. „Was haſt Du eigentlich an ihm auszuſetzen, da Du zugiebſt, daß er die gewöhnlichen Prinzen⸗Fehler nicht hat?“. „Er hat keinen Ernſt.“ 4 „Und das vermiſſeſt Du an ihm? Liebes Kind, welch glorreicher Triumph für die Verfechter der Ergän⸗ zungstheorie in der Liebe!“ MNicht doch, lieber Vater, ich kann ſehr ernſt ſein,“ verſetzte Agnes, und der Ausdruck ihrer veränderten Züge bekräftigte die Wahrheit ihrer Worte.„Ich kann ſehr ernſte Gedanken haben, wenn ich allein bin.“ 4„Das kann Waldheim vielleicht auch, wenn er e in iſt.“ „Nein, das kann er nicht. Denn nicht nur daß ich ſehr ernſte Augenblicke habe, es giebt auch Dinge für mich, die ſo ernſt ſind, daß ich ſie nie im leichten Ge⸗ ſpräch berühren könnte. Waldheim aber ſch 5 über Alles.“ Albs ihr Vater nachdenkend ſchwieg, ſagte ſte nach einer Pauſe:„‚Aber warum nimmſt Du ſeine Parthie? Agnes. 23 Wünſcheſt Du, daß ich ein günſtigeres Urtheil über ihn fälle?“ „Da ſei Gott vor,“ rief der Geheimerath lebhaft, „das könnte zu Unglück führen, denn aus der Sache kann nichts werden! Sein Vater würde Dich eher tödten laſſen, als Dein freifräuliches Wappen unter ſeine Fürſtenkronen in den Stammbaum aufnehmen. Seit dem Verluſt aller Reichthümer iſt die Makelloſig⸗ keit dieſes Stammbaums das einzige Kleinod der Fami⸗ lie. Wenn Du ſehr, ſehr reich wäreſt, wenn Du durch mehrere Millionen die Schulden der fürſtlichen Familie tilgen könnteſt, dann würdeſt Du vielleicht geduldet, aber auf jeden Fall wegen der„Mesalliance“ im Schloſſe eine Hölle haben. Und ſelbſt wenn alles An⸗ dere ſich fügte und erträglich geſtaltete, ſo glaube ich doch nicht an die Möglichkeit eines glücklichen Aus⸗ angs. Ich kenne Albert ſeit lange, habe ich doch re Jahre wochenlang mich bei ſeinem Vater auf⸗ gehalten, um im Auftrage der Regierung die Ablö⸗ ſungsangelegenheiten der Gemeinden ſeiner Standes⸗ herrſchaft ordnen zu helfen. Den Prinzen Albert, der freilich noch ſehr jung war, habe ich damals täglich geſehen, und da mich ſein friſches, gutmüthiges, natür⸗ liches Weſen anzog, auch beobachtet. Nach dieſen Be⸗ obachtungen glaube ich nun, daß Albert ſelbſt nicht Agnes. aufgeklärt genug iſt, um ſich von Vorurtheilen, die ſei⸗ ner Familie die höchſten Geſetze des Lebens ſind, be⸗ freien zu können.“ „Das glaube ich auch nicht, lieber Vater, und— laſſe mich ganz ehrlich Dir mein Herz ausſchütten; eben weil ich glaube, weil ich feſt überzeugt bin, daß Wald⸗ heim, ſo ſehr er ſich über ſein Erbſenprinzenthum luſtig macht, dennoch nicht eine Andere heimführen möchte, als eine Prinzeſſin, und wo möglich eine Erzherzo⸗ gin— eben deshalb laſſe ich mir von ihm den Hof machen!“ „Was heißt das?“ „Iſt er ſo wenig gewiſſenhaft, mir durch ſeine tol⸗ len Huldigungen leichtſinnig den Kopf verdrehen zu wollen, ſo mache ich mir auch kein Gewiſſen daraus, dieſe Huldigungen anzunehmen. Ich muntere ihn nicht dazu auf, aber ich laſſe ſie mir gefallen.“ „Agnes, Agnes! das ſind Sophiſtereien! Lane 4 Dich nicht ſelbſt, mein Kind.“ Agnes ſtützte den Kopf in die Hand, ſie war roth vom vielen Reden, jetzt wurde ſie bleich vom tiefen, ernſten Nachdenken. Ihr Vater beobachtete ſie mit ſtei⸗ gender Theilnahme; endlich legte ſie ſich zurück, ſöloß die Augen und ſagte mit leiſer Stimme: „Ja, ja, Vater, Du haſt Recht, ich täuſchte mich 3 Agnes. 25 ſelbſt. Ich habe mich eben tief innerlich gefragt! Nicht weil ich Vergeltung üben will, nehme ich die Huldi⸗ gungen Waldheims an, ſondern weil es meiner Eitel⸗ keit ſchmeichelt, von dem ſchönſten, vornehmſten und liebenswürdigſten Manne der Geſellſchaft ſo übermäßig ausgezeichnet zu werden. Ich habe nicht geglaubt, daß ich eitel wäre— ich ſehe aber ein, ich bin am Ende eitler als alle die Andern. „Jetzt thuſt Du Dir wieder Unrecht, mein Kind, das biſt Du darum nicht.“ „Aber ich will mich beſſern, ich will einlenken, ich will ihn nach und nach von mir zu entfernen ſuchen, weniger ausgehen, oder wenn ich es thue, mich feſter an ältere Frauen anſchließen; es iſt der Tochter meines Vaters unwürdig, in dieſer Comödie länger eine Rolle zu ſpielen.“ „Comödie? Alſo glaubſt Du nicht, daß er Dich wirklich liebt?“ „Doch, doch; ſo viel er lieben kann. Du weißt aber, Vater, wie ich Dir oft geſagt, es giebt gar zu wenig Menſchen, die die Fähigkeit beſitzen, gründlich zu lieben. Auch Waldheim kann gewiß nur lieben, wenn dieſe Liebe weder ihn noch überhaupt irgend etwas ſtört, das zu ihm gehört. Er liebt mich als etwas, das ihn unterhält und ihm den Winter in un⸗ 4 26 Agnes. ſerer ziemlich langweiligen Reſidenz vertreiben hilft. Du weißt, unſere Bekannten finden, daß ich, ein verzoge⸗ nes Kind, eine widerſpenſtige Natur bin; das macht mich ihm vielleicht gerade piquant!“ „Du biſt bitter und ungerecht, A gnes, wie ſo oft!“ „Anſtatt mich zu ſchelten, Väterchen, ſtehe mir in meinen guten Vorſätzen bei. Du wollteſt ihn auf mor⸗ gen Abend zu unſerer Geſellſchaft einladen— ſtreiche ihn von der Liſte.“ „Aber er hat mich ſchon dreimal beſucht— „Und wie oft hat er mir geſagt, wie ſehr er winn e mich einmal in unſerm Hauſe zu ſehen; und mir Vor⸗ würfe gemacht, daß ich ſo unnahbar ſei und keine Her⸗ renbeſuche annehme, was ja doch ſo natürlich iſt, da ich faſt immer allein bin. Streiche ihn aber dennoch von der Liſte.“ Der Geheimerath umarmte ſeine Tochter, und ſie lehnte in ſchmerzlichen Gedanken ihr Haupt an ſeine treue Bruſt. Sie dachte: So lange mir dieſe Zuflucht bleibt, kümmern mich die Geſinnungen der übrigen Welt nicht. Aber wenn dies Herz mir verloren ginge — der Gedanke nahm ihr den Athem und trieb die Thränen in ihre Augen. Der Geheimerath hob ihren Kopf auf, ſah dieſe Thränen und ſagte erſchrocken: Swnf Du weinſt— um was?“ 3 7 8 — Agnes. 27 „Um Dich, mein Vater, nur um Dich! Weil Du mein Eins und Alles biſt, mein Hort und mein Troſt, mein Schutz und mein Schirm— daran dachte ich und deshalb weinte ich.“ Ihr Vater ſah in ihr leuchtendes Auge; er fühlte es, kein anderer Gedanke als der an ihn hatte eben in dem Herzen ſeines Kindes Platz, und indem er ſie ge⸗ rührt auf die Stirne küßte, verließ er ſie mit dem Ge⸗ bet, daß ſie einander bleiben möchten. Agnes ging traurig zu Bette. Jede Einkehr in uns ſelbſt iſt Trauer erregend. Aber ſie war nicht unglück⸗ lich und fühlte das auch. Niemand iſt unglücklich zu nennen, der ein Herz beſitzt, das ihm allein gehört, ein Herz, an dem er immer und zu jeder Zeit ſich auswei⸗ nen kann! Das erkannte Agnes und betete unter Thränen in⸗ nig und warm zu Gott: Erhalte mir meinen Vater!⸗ Drilles Spapjlel.* Als Agnes am folgenden Morgen aufſtand, war der erſte Schnee gefallen. Die Erinnerungen ihrer Kindheit waren noch ſo lebendig in ihr, daß ſie ſich darüber freute. Dann fiel ihr aber ein, daß nun wohl eine Schlittenparthie ſtattfinden werde, und wer würde ſie dann fahren wollen? und wen mußte ſie abweiſen? Sie wurde verſtimmt, denn ſie war noch zu jung, zu fröhlich und zu lebensluſtig, um nicht in einer aufge⸗ gebenen Schlittenparthie ein kleines Mißgeſchick zu ſehen. Aber ſie hatte ſo viele Vorbereitungen für die Abendgeſellſchaft zu treffen, daß ſie ihren Gedanken nicht Muße laſſen konnte. Kurz vor Tiſch kam ihr Vater zu ihr herüber. 8 „Wer glaubſt Du wohl, daß eben bei mir war?“ „Waldheim.“ „* —— Agnes. 29 Getroffen! Du weißt, daß Prinz Ernſt morgen eine große Jagdparthie giebt. Heute in aller Frühe hat er nun zu den Herren geſchickt, die für morgen be⸗ reits zu ihm geladen ſind, und ſie bitten laſſen, im Schlitten hinauszukommen; Jeder aber ſoll eine Dame fahren, zu welchem Zweck er die Liſte der einzuladenden Damen den Cavalieren zugeſchickt hat. Da Prinz Waldheim, als der vornehmſte der fremden Gäſte, die Liſte zuerſt erhielt, ſo hatte er ganz freie Wahl unter den Damen und hat ſeinen Namen neben den Deinigen geſchrieben. Er iſt nun bei mir geweſen, damit ich ſeine Wahl genehmige“. „Und Du?“ „Ich habe ihm geſagt, Du hätteſt geſtern den gan⸗ zen Tag und die Nacht heftige Zahnſchmerzen gehabt. Ich konnte ihm nicht beſtimmt abſagen, weil Du noch heute bei unſern Gäſten als Hausfrau figuriren mußt. Es war mir ordentlich peinlich, ihn offenbar von un⸗ ſerer heutigen Geſellſchaft unterrichtet zu wiſſen und ihn nicht einladen zu dürfen; aber wir müſſen feſt ſein.“ „Ich muß alſo heute Abend jeden Gaſt mit einer Jeremiade über meine Zahnſchmerzen empfangen,“ lachte Agnes,„und morgen früh dem Prinzen ſagen laſſen: ich habe eine geſchwollene Wange.“ Am Nachmittage kam Agnes' Tante, Frau von 3⁰0 Agnes. Berlep, eine junge Wittwe und der einzige vertraute Umgang von Agnes. „Waldheim iſt eben in Verzweiflung bei mir gewe⸗ ſen,“ ſagte ſie beim Eintritte,„weil Du morgen nicht mit ihm fahren willſt. Er fürchtet, Dich ohne ſeinen Willen beleidigt zu haben, und iſt außer ſich darüber. Was fällt Dir denn auf einmal ein? Warum willſt Du denn Deinen getreuen Anbeter ſo plötzlich heim⸗ ſchicken? „Ich habe Zahnweh, liebe Emma.“ „Ah bah! Und haſt nicht einmal ein Tuch umge⸗ bunden. Das mache eine Andere glauben!“ „Nun denn, ich will es Dir ehrlich ſagen, man ſpricht ſo viel vom Prinzen und von mir, daß ich der Sache ein Ende machen will. Es fängt an, mir unan⸗ genehm zu werden.“ „So plötzlich? Du haſt Dir doch noch vorgeſtern von ihm recht tüchtig den Hof machen laſſen.“ „Was habe ich denn gethan? Biſt Du doch den ganzen Abend an meiner Seite geweſen, ich trenne mich ja in Geſellſchaft nie von Dir; Du weißt alſo am beſten, ob ich ihn bei ſeinen fortwährenden Aufmerk⸗ ſamkeiten aufgemuntert habe.“ „Aufgemuntert? Nein. Aber,“ fügte Frau von Berlep laut lachend hinzu,„Du findeſt Dich mit bewun⸗ Agnes. 31 dernswerther Ergebung in das überaus traurige und ſchreckliche Schickſal, vom ſchönſten und hervorragend⸗ ſten jungen Manne, von einem jungen Prinzen, wie ſie in Mährchen geſchildert werden, rothwangig, blond⸗ lockig, blauäugig und gewachſen wie eine Tanne“, an⸗ gebetet zu werden.“ „Ja, ein Prinz wie in den Mährchen: ohne Thron und ohne Land.“ „Verzeihe, er hat einen Thron, wenn auch nur einen ganz kleinen, und ein Land, wenn auch nur ein noch kleineres. Ich ſage mit unſerer alten Bettlerin, unſerm gemeinſchaftlichen Schützling: Es iſt nicht beſſer, als wenn der Menſch wenig hat, dann kann er's auch überſehen.“ „Du biſt ſehr boshaft, Emma,“ ſagte etwas gereizt Agnes.„Um Dich verdient es der Prinz wahrhaftig nicht, daß Du Dich ſo über ihn luſtig machſt. Welche Aufmerkſamkeiten hat er immer für Dich!“ Liebes, theures Kind— für dieſe Aufmerkſamkei⸗ ten brauche ich ihm wahrhaftig nicht dankbar zu ſein; das geſchieht nur Deinetwegen. Wenn Du mit einem Andern tanzeſt, ſetzt er ſich neben mich und unterhält mich von— Dir. Er hat Aufmerkſamkeiten für mich, um ſie für Dich haben zu können. Ich bin weiter nichts — 23 Agnes. für ihn, als was man in Wien einen Elephanten und in München eine Schnepfe nennt.“ „Du kannſt aber doch gewiß nicht ſagen,“ fragte Agnes noch gereizter,„daß Du das für mich biſt?“ „Wenn ich es auch für Dich wäre, dann, liebſtes Kind, wäre ich es ganz ohne Dein Wiſſen! Ich kenne Dein unſchuldiges und zugleich hochmüthiges Herz, das es verſchmäht, einen Mann contre vent et marée erobern zu wollen, und ſich ſicher keiner Koketterien be⸗ wußt iſt. Aber da wir doch einmal ſo offen darüber reden— gefährlich finde ich die Sache jedenfalls. „Für wen?“ „Für Dich. Denn um ſeine ſelbſt heraufbeſchwo⸗ renen Gefahren kümmere ich mich wahrhaftig nicht, mag er drin zappeln, er verdient es nicht beſſer, und geſtorben iſt noch kein Mann am gebrochenen Herzen. Aber Dir, Dir ſoll kein Leid widerfahren— Du biſt zu gut dazu, um Dich in einen Prinzen zu verlieben.“ „Wenn der Prinz ein Genie wäre, warum nicht? Und wenn es der Kaiſer von Oeſterreich wäre, ich würde ihm huldigen mit allen Faſern meines Herzens— glaube mir, mein Herz beſitzt auch Kraft, um ſo ein Gefühl zu verſchließen!“ Emma brach in ein unauslöſchliches Gelächter aus und Agnes wurde böſe. Agnes. 33 „Was unterhält Dich denn jetzt ſo ſehr?“ „Da aß Si von der Möglichkeit ſprachſt, Dich in den Kaiſer von Oeſterreich zu verlieben! O der gute Ferdinand“— konnte ſie vor Lachen kaum herausbrin⸗ gen,„wenn Du ihn je geſehen hätteſt!“ „Wer denkt denn an den Kaiſer Ferdinand! Höre mich ernſthaft an, liebe Emma, nicht weil Waldheim ein Prinz iſt, werde ich ihn nicht lieben, ſondern weil er nicht ein Mann iſt, wie ich meine, daß ein Mann ſein müßte, dem man ſein eigenſtes Selbſt aufopfert.“ Emma war plötzlich eine Andere geworden. Ihr ſprechendes Geſicht, das eben nur Spott und Luſtigkeit ausgedrückt, trug jetzt den Stempel beſonnener Ueber⸗ legung und warmer Theilnahme. Sie ergriff Agnes' Hand. „Verzeihe, Kind, daß ich eben ſo ausgelaſſen war. Ich habe Dir wehe gethan, denn ich ſehe, daß Du wirklich ernſthaft ſprichſt. Doch nun eine Antwort auf Deine Behauptung, daß Waldheim nicht dem Ideal gleichkomme, welches unſereins ſich von einem Manne macht. Weißt Du, daß Du ihm ſehr unrecht thun könnteſt?“ „Wie ſo?“ „Waldheim iſt freilich drei Jahre älter als Du, aber im Vergleiche mit Dir doch ein Kind.“ Gegen den Strom. I. 3 34 Agnes. . 3„Ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich will nur ſagen, daß Waldheims Character, ſein ganzes Weſen noch nicht entwickelt iſt. Er hat viele Fehler: er iſt ſelbſtſüchtig, eitel, unbeſonnen. Das ſind Alles Fehler eines Kindes. Er hat hingegen nicht einen einzigen Fehler, der erſt mit der Entwicklung kommt: er iſt nicht falſch, nicht egoiſtiſch, nicht nach⸗ tragend oder rachſüchtig.“ „Das iſt eine ſonderbare Berechnung!“ „Höre mich an, ich komme zu ſeinen guten Eigen⸗ ſchaften: er iſt ehrlich, offen, jeden Tadel hinnehmend, heiter, unbefangen, entgegenkommend. Das ſind auch lauter angeborne Dinge, nichts Entwickeltes. Daraus ſchließe ich alſo, des Prinzen ganzer Character iſt noch werden, oder— oder er kann ſich auch nie entwickeln. — Es giebt genug begabte Menſchen, die am Ende eines langen Lebens als Kinder in die Grube ſſteigen.“ „Aber warum iſt er noch ein Kind?“ „Ich will es Dir ſagen. Es giebt nur zwei Dinge, die den Character des Menſchen entwickeln, das Un⸗ glück und die Einſamkeit. Nun frage ihn ſelbſt: ſeit ſeiner Geburt iſt er immer umgeben geweſen und ſo glücklich und vergnügt, daß er ſich ſelbſt ſchämt, wie er mir letzthin naiv genug erzählte. Alſo gehſt Du am gar nicht entwickelt und er kann noch ſehr bedeutend Agnes. 3⁵ ſicherſten, wenn Du ihn immer wie ein Kind be⸗ handelſt.“ Agnes hatte ihrer jungen Tante aufmerkſam wie immer zugehört. Es war ein eigenthümliches Ver⸗ hältniß, welches zwiſchen dieſen beiden Frauen beſtand; ſie waren die verſchiedenſten Naturen, die man ſich denken kann, aber Beide hatten die Gabe, ſich voll⸗ ſtändig in das Weſen der Andern zu verſenken. Es gab Augenblicke, wo Agnes beinahe Emma und Emma Agnes wurde, indem eine in der Andern Seele dachte und empfand. Etwas hatten Beide gemein; einen leb⸗ haften, jeden Gegenſtand feurig ergreifenden Geiſt und eine ſtarke, aller ſogenannten Formen ſpottende Ueber⸗ zeugung. Aber Agnes war tief und träumeriſch, Emma entſchloſſen, ſcharf und klar, Agnes ängſtlich und ſchüch⸗ tern, wenn ſie das auch verbarg, Emma ſicher und kühn. Agnes gefiel oft, ohne es zu wollen, ja wo ſie es geradezu nicht wünſchte; Emma nahm nur da, wo es in ihrer Abſicht lag, ein, außerdem ſtieß ſie ſchroff und unzugänglich den Nahenden von ſich ab. Agnes ahnte durch ihr Gefühl den Werth der verſchiedenen Menſchen, Emma ſchätzte ſie mit ihrem Verſtande und irrte deshalb öfter als ihre Nichte, ob⸗ gleich ſie klüger und überdem zehn Jaͤhre älter war. Am Abende war eine ziemlich zahlreiche Geſell⸗ 3⸗ 36 Agnes. ſchaft bei dem Freiherrn von Stein verſammelt und Agnes machte, von ihrer Tante unterſtützt, auf's Lie⸗ benswürdigſte die Honneurs. Ganz ſpät noch kam der Freund des Geheimen⸗ raths, Prinz Ernſt, der einzige Bruder des regierenden Fürſten. Nachdem er den älteren Theil der Geſellſchaft freundlich begrüßt, ſetzte er ſich neben das Fräulein des Hauſes und ſagte ziemlich leiſe: „Ich habe einen Auftrag an Sie, Fräulein Agnes. Ein Unglücklicher, welcher wußte, daß ich heute noch am ſpäten Abend mich des Sonnenſcheins Ihres Ant⸗ litzes erfreuen würde, hat mich beauftragt, eine fle⸗ hentliche Bitte zu Ihren Füßen niederzulegen.“ „Hoheit!“ ſtotterte Agnes mit brennenden Wangen. „Sie haben ein ſchlechtes Gewiſſen, Fräulein Agnes, Sie wiſſen, wen ich meine! Mein armer Vetter hat ſeinen Kopf darauf geſetzt, Sie morgen bei meiner Jagdparthie zu fahren, hat darum von der ganzen ſehr langen Liſte unſerer ſchönen Damen nur Sie gewählt, und ſoll nun zu Hauſe bleiben!“ „Zu Hauſe bleiben?“ „Natürlich, denn ich habe erklärt, ich nehme keinen Herrn ohne Dame an.“ „Hoheit werden nicht ſo grauſam ſein!“ 1 Agnes. 37 „Ganz gewiß werde ich auf meinem Worte be⸗ harren, und grauſam ſind nur Sie! Liebes, beſtes Fräu⸗ lein, was haben Sie denn plötzlich gegen den armen Waldheim? Bisher geruhten Sie doch in Gnaden ſeine allerunterthänigſten Huldigungen anzunehmen.“ „Prinz!“ „Ich will Ihnen durchaus keinen Vorwurf machen; im Gegentheile, ich finde, daß Sie vollkommen recht thaten— Ihnen gebühren die Huldigungen aller Ca⸗ valiere! Aber ich kenne Sie doch ſeit Ihrer Kindheit und habe Sie nie launiſch und eigenſinnig gefunden; warum wollen Sie es gerade jetzt zum erſten Male ſein, nur um mir und meinem armen Vetter die Freude zu verderben!“ „Ihnen, Hoheit? Sagen Sie das nicht!“ „Gewiß ſage ich das. Sie und Waldheim ge⸗ hören zu meinen liebſten Gäſten, wenn Sie beide weg⸗ bleiben, iſt mir das ganze Feſt verdorben.“ Agnes antwortete nichts mehr, aber ſie faltete die Hände und blickte in großer Verlegenheit bittend zu dem Fürſten auf. In dieſem Augenblicke nahte ſich ihr Vater, von einem Bedienten, welcher Erfriſchungen trug, begleitet, die er ſeinem fürſtlichen Gaſte, der Etiquette gemäß, ſelbſt anzubieten kam. Agnes. Der Prinz rief ihm entgegen:„Sie müſſen mir verſprechen, lieber Stein, daß morgen Ihre Tochter kommt.“ Agnes ſah auch ihren Vater bittend an. Offenbar war in ihren Augen der Wunſch zu leſen, ihr Vater möge ihr rathen, des Prinzen Wunſch zu erfüllen. Aber ihr Vater benutzte den Augenblick, wo der Prinz beſchäftigt war, ſich etwas Eis zu nehmen, um ſeiner Tochter mit leiſer, aber ernſter Stimme zu ſagen: „Spiele nicht mit dem Feuer!“ „Nun,“ fragte der Fürſt wiederum,„wie ſteht es, lieber Freund, haben Sie Ihrer ſpröden Tochter zuge⸗ redet?“ 1„Sie leidet jeden Morgen an heftiger Migraine — verzeihen Hoheit— aber ich darf ihr nicht zureden.“ „So muß ich alſo mein ganzes Glück bei der klei⸗ nen Eigenſinnigen ſelbſt verſuchen oder— werde ich vielleicht eine unerwartete Hülfe bei Frau von Berlep finden?“ ſetzte er hinzu, indem er aufſtand, um die Dame zu begrüßen, die bisher in einem Nebenzimmer mit einigen andern Damen eine Armen⸗Collecte gegen die anweſenden Herren conſpirirt hatte. Emma, als ſie erfahren, wovon die Rede war, that wirklich, was der Prinz wünſchte, und zwar ſo er⸗ folgreich, daß Agnes dem Prinzen ihr Wort gab,— 2 —— 3 1 Agnes. 39 freilich unter heftigem Herzklopfen, aber ſie gab es dennoch— daß ſie morgen früh um zehn Uhr, wenn Waldheim mit dem Schlitten komme, bereit ſein wolle. Was ſie hauptſächlich, nächſt der Rückſicht für den von ihr verehrten Prinzen Ernſt und ihrem eignen heim⸗ lichen unbewußten Wunſche, nachzugeben bewog, war, daß ihre Tante ihr zuflüſterte:„Wenn Du wegbliebſt, es würde Aufſehn erregen— Du kannſt ihn nicht ſo plötzlich fallen laſſen, das geht nicht! Die ganze Stadt würde davon reden!“ Als Alles im Hauſe zur Ruhe war und Agnes ſich allein in ihrem Zimmer befand und an ihr dem Prinzen gegebenes Wort ſich erinnerte, wurde ſie von bitterer Reue erfaßt und ſie beſchloß, am folgenden Morgen in aller Frühe ihren Vater zu bitten, dem Prinzen Waldheim unter irgend einem Vorwande ab⸗ zuſchreiben. Durch dieſen Gedanken beruhigt, ſchlief ſie ein, um am folgenden Morgen deſto unruhiger zu erwachen. Sie hatte die ganze Nacht die abſcheulichſten Träume gehabt— einen gräßlicher als den andern. Als ſie in das Arbeitszimmer ihres Vaters trat und ihn bat, das Billet an den Prinzen zu ſchreiben, ſchüttelte er ernſthaft den Kopf. 3„Das geht nicht, mein Kind. Man kann die Menſchen nicht zum Beſten haben. Erſt abſagen, dann 2 4 . 40 Agnes. zuſagen, dann wieder abſagen— das geht nicht. Du haſt trotz meiner Mahnung, nicht mit dem Feuer zu ſpielen, Dich bereden laſſen— nun finde Dich auch darein, Dein Verſprechen zu halten. Sei aber ſo zu⸗ rückhaltend wie möglich, ſo ernſt wie möglich gegen 3 Waldheim. Seitdem Du Dir bewußt biſt, nur ein Spiel mit ihm getrieben zu haben, würde die Fort⸗ ſetzung deſſen, was bisher nur Leichtſinn war, eine Sünde ſein.“ „Sprich nicht ſo hart, Vater,“ ſagte das ver⸗ wöhnte Kind mit Thränen in den Augen.„Kann man — das Leichtſinn nennen, wenn es einem jungen Mädchen einmal Freude macht, ſich recht bewundern und hul⸗ 8 digen zu laſſen? Einmal iſt dies Vergnügen doch wohl Jeder zu gönnen!“ „Agnes! Agnes! Doch wir wollen nicht weiter erörtern, es iſt jetzt die höchſte Zeit zu Deinem Anzug für die Schlittenparthie.“ Sie ging mit niedergeſchlagenen Augen hinaus; ſie zögerte länger als gewöhnlich beim Ankleiden, denn 4 ihres Vaters ungewöhnlich ernſte, und wie ſie fand, 8 ſtrenge Worte nahmen ihre Gedanken in Anſpruch. Da hörte ſie Schellen klingen am Ende der Straße, und raſch ihren Anzug beendigend, eilte ſie aus dem Zimmer nach den Fenſtern des Saals. Agnes. 41 Wirklich, es war Waldheim, der mit Vorreitern und Nachreitern die Straße herab ſtob. Sie eilte an die Treppe, um nicht von ihm im Zimmer abgeholt zu werden, und traf an der Hausthüre mit ihm zuſammen. Sein ſchönes Geſicht ſtrahlte von Vergnügen, als er ſie erblickte, und in dem Augenblick, wo ſie in ſeine freundlichen Augen ſah, vergaß ſie auch alle Anklagen gegen ihn und alle ernſten Vorſtellungen ihres Vaters, die ihr eben doch noch ſo viel zu ſchaffen gemacht. Er reichte ihr die Hand, um ſie in den Schlitten zu heben; ein rieſiger Blumenſtrauß lag an der Stelle, die ſie einnehmen ſollte.„Für mich?“ fragte ſie erfreut, denn ſie liebte Blumen wie ein Kind. Er verbeugte ſich in ſeiner ehrfurchtsvollen Weiſe, nahm dann den Platz hinter ihr ein und ſchwang die Peitſche über den Köpfen der Pferde. Am Fenſter ſtand ihr Vater. Der Prinz grüßte mit der Peitſche, Agnes mit dem Tuch hinauf und der alte Herr lächelte auf Beide auch ziemlich verſöhnt herab. Dies verſöhnte Lächeln war zu entſchuldigen, denn es war wirklich ein ſchöner Anblick. Der Schlit⸗ ten hatte die Form einer Muſchel mit goldnen Streifen auf weißen Grunde. Darinnen ſaß die blühende Agnes im Hermelin und weißem Federhut; auf einer Tiger⸗ ☚ 2 3 — 42 decke ruhte vor ihr der große Blumenſtrauß, hinter ihr ſaß leuchtenden Antlitzes der ſchöne Prinz im dunklen Pelz, und ein Paar reich mit Scharlach und goldnen Schellen behängte mecklenburger Grauſchimmel zogen pfeilſchnell das junge Paar durch den Schnee. Doch ſobald er den heitern Anblick aus den Augen verloren, hob ein Seufzer die Bruſt des Geheimen⸗ raths. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er dort eine trübe Ahnung wegwiſchen, und ging dann in ſein Cabinet, um noch eine Arbeit zu vollenden, ehe er ſelbſt den Wagen beſtieg, um zu rechter Zeit ſammt den andern„Anſtandsperſonen“ im Luſtſchloſſe einzutreffen, während die junge Welt auf Umwegen ſich luſtig voraus bewegte. 8 Mierles Thapilel. Waldheim fuhr ſeine Dame auf den großen Schloßhof, der zum Sammelplatz für alle Schlitten beſtimmt war, und erſt als ſie ihre Nummer erhalten und ſich der langen File der übrigen Schlitten ein⸗ gereiht, die dann zuſammen den Weg nach dem Luſt⸗ ſchloſſe einſchlugen, begann ein Geſpräch zwiſchen ihm und ſeiner Dame. Er ſagte lächelnd: „Wiſſen Sie, mein Fräulein, daß Sie in dieſem Hermelin ausſehn wie eine Königin? Ich habe förm⸗ lichen Reſpect bekommen, als Sie mir ſo angethan in der Thüre entgegen traten.“ „Wenn ich wie eine Königin ausſehe— deſto beſſer, denn mir iſt längſt eine Krone prophezeit.“ Kaum war ihr das Wort entſchlüpft, als ihr ein⸗ fiel, welche Deutung man demſelben in Beziehung auf Waldheims Rang geben könne, und ſie barg ihr er⸗ 44 Agnes. ſchrockenes Geſicht in ihrem großen Blumenſtrauß. Er aber frug eifrig: „Eine Krone? Wie war das? Was denken Sie ſich darunter?“ Sie entgegnete eben ſo ſchnell:„Was anders als eine Königskrone?“ „Und welchem König würden Sie vergönnen, ſie Ihnen anzubieten?“ „Das iſt eine ächte Männerfrage,“ rief Agnes mit dem Uebermuthe, der ſo oft eine Verlegenheit ver⸗ bergen muß.„Welcher König? Als ob alles Glück uns nur aus Männerhänden kommen könnte! Gar kein König; ich will meine mir beſtimmte Krone nur annehmen, wenn ſie mir das Volk ſelbſt überreicht.“ „Alſo eine zweite Victoria.“ „Ja, aber ohne Albert.“ Als Agnes dieſen Scherz machte, hatte ſie wieder nicht im Entfernteſten daran gedacht, daß Waldheim Albert hieß, eben ſo wie ſie ganz und gar vergeſſen, daß ſie zu einem Erbprinzen ſprach, als ſie ihm die Kronenprophezeiung mittheilte; in ſolchen Unbeſonnenheiten excellirte ſie zur großen Betrübniß ihres Vaters. Der Prinz rief laut lachend, denn er hatte ihre Aeußerung natürlich für eine abſichtliche Neckerei ge⸗ halten: Agnes. 45 „Was haben Sie gegen die Alberte einzuwenden? ich meine, das wären ſehr intereſſante Leute.“ 3 „Höchſt intereſſant,“ rief Agnes gezwungen lachend, „ſo lange ſie keine Ehemänner ſind.“ Lieben Sie die Ehemänner im Allgemeinen nicht, oder nur nicht die, die Albert heißen?“ „Im Allgemeinen nicht.“ „Sie wollen alſo gar nicht heirathen?“ „Nein, nie.“ „Ich will auch nicht heirathen.“ „Sie dürfen das nicht ſagen, Prinz. In Ihrer Stellung, wo ein ganzes Land erwartet, daß Sie ihm eine Mutter geben—“ „Spotten Sie nur— ich heirathe doch nicht.“ „Es iſt außerordentlich galant von Ihnen, ſo etwas einer Dame gegenüber zu behaupten. Warum wollen Sie denn nicht heirathen?“ „Warum ich nicht heirathen will,“ ſagte er lang⸗ ſam mit trauriger Betonung,„weiß ich ſelbſt erſt ſeit einer Minute, und zwar aus Ihrem gnädigen Munde.“ Die übermüthige Agnes ſchwieg betroffen ſtill, das war ihr zu viel. Zum erſten Male fühlte ſie eine wirk⸗ liche Erbitterung gegen Waldheim, denn der Gedanke: jetzt iſt er falſch, ſtand klar vor ihr. Und ſie hatte Recht. Er hatte in dieſem Augenblick 46 Agnes. einen Plan der Falſchheit ihr gegenüber aufgebaut. Als ſte in ihrer Aufregung ſo unüberlegt hinausplau⸗ derte und aus einer Uebereilung in die andere gerieth, beſchloß er, was ſie geſagt, zu ſeinem Vortheil auszu⸗ beuten und ſich das Anſehn bei ihr zu geben, als halte er ſich von ihr für zurückgewieſen. Er konnte bei dieſem Plan nur gewinnen— entweder ſie kam ihm entgegen, um ihm ſeinen Irrthum zu benehmen, oder er gewann durch dieſes Mißverſtändniß doch wenig⸗ ſtens den unermeßlichen Vortheil, da er nicht die Frei⸗ heit beſaß, ihr ſeine Hand zu reichen, behaupten zu können, ſie habe ihn ausgeſchlagen. Er hatte mit ächter Mannesklugheit Alles wohl berechnet, aber auch mit ächtem Mannesſtolz Eines außer Acht gelaſſen, das Eine nämlich, daß ihn das Mädchen durchſchauen werde, und zwar bei den erſten Worten, die er, um ſie zu täuſchen, ſprach. Zur Entſchuldigung einer ſolchen Intrigue, die ſeinem offenen Character außerdem ganz fremd war, muß aber Eines angeführt werden— der Mißmuth über ſeine falſche Stellung ihr gegenüber. Er liebte ſie zu ſehr, um ſie aufzugeben, und noch nicht genug, um alles Andere ihretwillen aufzugeben. Sie wechſelten, bis ſte am Luſtſchloſſe ankamen, kein Wort mehr. Er ſchwieg, weil er den Beleidigten ſpielen wollte, und ſie, weil ſie es wirklich war. Agnes. 47 Ihr Vater war eben aus dem Wagen geſtiegen und ſtand, die Ankommenden erwartend, unter dem Portale. Als ſie an ihn herankam, bemerkte er ſogleich ihre Gemüthsbewegung. Seine Vateraugen kannten das geliebte Antlitz zu gut; er konnte ſie aber nicht fragen, denn der Prinz bot ihr den Arm, um ſie die Treppe hinaufzuführen. Oben auf dem Corridor ſtand der fürſtliche Wirth Prinz Ernſt, um die Damen zu empfangen, da er es heute mit der Etiquette nicht ſo ſtrenge nahm wie gewöhnlich und à la campagne den Ritter dem Prinzen voranſetzte. „Nun, meine Damen,“ rief er, ‚„wie war es mit dem Schlittenrecht? Als alter Mann bin ich nicht ge⸗ neigt, etwas von alten Sitten nachzulaſſen.“ Und als ſein Auge auf Agnes traf:„Schön, daß Sie gekommen ſind; da Sie in dem einen Punkt ſo folgſam geweſen, ſo erwarte ich, daß Sie auch in dem andern nicht rebelliren werden!“ Agnes war dieſer Scherz in ihrer jetzigen Stim— mung unerträglich. Sie wurde roth und blaß, ein Zorn, wie ſie ihn nie empfunden, ſtieg gegen dieſe Männer in ihr auf. Ihre Lippen zitterten, aber ſie war unvermögend, eine Silbe zu erwiedern. Prinz Ernſt ſtand in einiger Entfernung von ihr, Agnes. und da er ſehr kurzſichtig war, konnte er den Ausdruck ihrer Züge nicht bemerken, eben ſo wenig wie Wald⸗ heim, der ihr den Arm gab und von dem ſie das Ge⸗ ſicht abgewendet hatte. Beide hielten ihr Stillſchwei⸗ gen für gewöhnliche mädchenhafte Verlegenheit. Eine alte Dame, die Oberhofmeiſterin Gräfin Buchta, trat hervor und ſagte freundlich:„Wir haben ein Auskunftsmittel gefunden; der in Rede ſtehende Kuß wird auf die Hand der Dame angebracht. Dieſer Vorſchlag wird Alle befriedigen.“ „Beſonders den Cayalier der guten Gräfin ſelbſt,“ ziſchelte Waldheim in Agnes' Ohr. Der Vorſchlag wurde angenommen, und mancher Witz über manches Paar drang zu Agnes' Ohren, der ſie in einer Weiſe verletzte, als ſeien dieſe unbedeu⸗ tenden Scherze ſcharfer Eſſig in eine offene Wunde. In ihrer ernſten Stimmung kamen dieſe Leichtfertigg keiten ihr widrig und unanſtändig vor, ſie fühlte zum erſten Male in ihrem Leben, daß ihre gewöhnliche kind⸗ liche Unbefangenheit ſie über manches Anſtößige im Ton der Geſellſchaft bisher in völliger Blindheit ge laſſen. Nachdem die Damen in einigen wohldurchwärmten Zimmern ihre Mäntel und Pelze abgelegt, holten die Herrn ſie zum Frühſtück im Saale ab. 2 5 Agnes. 49 Dieſer Saal war ein merkwürdiges alterthümliches Gemach, im Rococoſtyle, wie das ganze Schloß, ge⸗ baut und meublirt. Eine Art großen Erkers ſchien daran angebracht, der aber eigentlich ein vorgebauter Thurm war und zu dem einige Stufen hinauf führten. Die Wände ſtarrten überall von ſtattlichen Hirſchge⸗ weihen. Agnes hatte Freude an alterthümlichen Din⸗ gen, ihre lebhafte Phantaſte fand da eine Nahrung, welche die glatte Modernität ihr nicht gewährte. „Wie ſchön dieſer Saal iſt,“ ſagte ſie in lebhaftem Selbſtvergeſſen zu Waldheim, als er ſie an ihren Platz führte und ſich neben ſie ſetzte. „In Waldheim, in unſerm Schloſſe, beſitzen wir einen ähnlichen,“ erwiederte er eifrig, denn es freute ihn, ihre Stimme endlich wieder zu vernehmen.„Sind Sie nie als Kind mit Ihrem Herrn Vater dort geweſen?“ „Nein, ich habe den Ort nie berührt.“ „Ort? Warum ſagen Sie Ort, gnädiges Fräu⸗ lein? Waldheim iſt eine Stadt.“ Verzeihen Sie, Prinz,“ antwortete Agnes mit eintöniger Stimme,„ich wollte weder Sie, noch Ihre Stadt beleidigen.“ „Und doch haben Sie Beides gethan. Sie ſind überhaupt heute ſo eigenthümlich verändert, daß ich ganz irre an Ihnen werde!“ Gegen den Strom. I. 4 Agnes. Agnes ſah mit Beſchämung, daß ſie den rechten Ton dem Prinzen gegenüber nicht finden konnte. Sie wunderte ſich darüber und es war doch ſo erklärlich; ſte hatte durch die Geſpräche mit ihrem Vater und ihrer Tante über Waldheim ihre Unbefangenheit ihm gegenüber verloren, und ſie war zu natürlich, um jetzt ſo leicht die Haltung wieder zu finden. Sie fühlte, daß Sie etwas ſagen mußte, und um nicht in einen neuen Fehler zu fallen, ſagte ſie das Ein⸗ fachſte, die Wahrheit.... wenn auch nicht die ganze! „Sie haben Recht, Prinz, es iſt heute nicht viel mit mir anzufangen. Ich bin zerſtreut, und es iſt einer meiner vielen Fehler, daß ich mich, wenn mich lebhaft ein Gegenſtand beſchäftigt, völlig darin ver⸗ liere und dann für alles Andere unbrauchbar bin.“ „Und was abſorbirt Sie heute ſo ſehr?“ „Sie fragen zu viel!“ entgegnete ſte mit einem ſo ruhigen und traurigen Lächeln, daß Waltbein be⸗ troffen ſtille ſchwieg. Verſtimmt und verwirrt wie ſie waren, führten Albert und Agnes, die ſonſt immer die Geſprächigſten der Geſellſchaft waren, keine lebhafte Tiſchunterhal⸗ tung. Agnes war noch beſonders beängſtigt und be⸗ klommen durch die beobachtenden Blicke ihrer Umge⸗ bung, die ſie heute beſonders ſcharf auf ſich und Wald⸗ 8* 8 Agnes. 51 heim gerichtet glaubte— es war eben das erſte Mal, daß ſie darauf achtete. Der Prinz trank in ſeiner Verſtimmung ein Glas Champagner um das andere und ſeine Laune begann auch gegen das Ende der Tafel heiterer zu werden, ohne daß ſie übrigens im Mindeſten„geſteigert“ ge⸗ weſen wäre. Er war nur durch den Champagner wieder ſo heiter, wie er es ſonſt immer von Natur zu ſein pflegte. Nach dem Eſſen ſollten die Damen wieder nach Hauſe fahren, aber diesmal in den Wagen, mit denen ihre älteren Angehörigen hier eingetroffen. Die jun⸗ gen Männer der Geſellſchaft wollten ſie dann noch eine Strecke zu Pferde begleiten, um darauf den Weg nach einem weiter entfernten Jagdſchloſſe des Fürſten ein⸗ zuſchlagen, in deſſen Umgebung den folgenden Tag die große Treibjagd ſtattfinden ſollte. Agnes dankte dem Himmel, als die Tafel aufgehoben wurde und ihr Begleiter ſie an den Wagen führte, an welchem ihr Vater ſie ſchon erwartete. Des Prinzen Reitknecht hielt ſein Pferd am Schlage. Es war ein ſchönes, auffallend ſchlank gebautes Thier. Nachdem er Agnes in den Wagen gehoben, ſchwang ſich der Prinz in den Sattel, und eben wollte der Bediente hinter dem ein⸗ ſteigenden Geheimenrath den Schlag ſchließen, als ein 4* ““ 8— 8 — Agnes. Lakai herbei eilte und„Seine Excellenz“ noch einmal zu Seiner Hoheit zu kommen erſuchte, der eine wichtige Nachricht ſo eben vom Miniſter aus der Stadt erhal⸗ ten und mit der Excellenz noch darüber zu ſprechen wünſche. Der Geheimerath ſtieg wieder aus und ging hinauf, während der Prinz ſein ungeduldiges Pferd um Agnes' Wagen tanzen ließ. Auf dem ganzen Schloßhof war eine große Bewegung, man rannte hin und her, die Damen hatten eine Menge Sachen vergeſſen, und da⸗ zwiſchen tummelten die jungen Männer ihre Pferde. Um nur etwas zu ſagen, fragte Agnes:„Springt Ihr Pferd gut?“ „Befehlen Sie eine Probe ſeiner Kunſt zu ſehen? Hier gleich vor dem Hofthore iſt ein breiter Graben, ich will mit meinem Pferde hinüber ſetzen,“ antwortete eifrig der Prinz. Ein älterer Herr, ein Mann zwiſchen vierzig und fünfzig, der mit ſeinem glatten und farbloſen Geſicht und ſeinen ſtechenden Augen unwillkührlich an ein Reptil erinnerte, kam in dieſem Augenblick herbeige⸗ ritten. Er hörte Waldheims Worte und indem er das Fräulein grüßte, ſagte er höhniſch zum Prinzen:„Das wäre doch ein gewagtes Kunſtſtück von der jungen Durchlaucht!“ 1 Agnes. 5³ „Glauben Sie nicht, Herr Baron, daß ich über den elenden Graben mit dieſem Pferde ſetzen kann?“ Der Baron zuckte die Achſeln mit einem ſpöttiſchen Lächeln und ſah nach Agnes mit einem Blicke, der eine ganze Geſchichte enthüllen konnte. Der junge Prinz hatte den Blick geſehen.„Wetten Sie, Baron? Ich ſetze hinüber, was wetten Sie?“ Er hatte das laut gerufen, eine Menge Reiter drängten ſich heran, Agnes war über alle Maaßen beängſtigt; ſte ſchob Waldheims Thatenluſt auf den reichlich genoſſenen Champagner, und darum war ſie ihr beſonders unangenehm. Die Männer begannen zu ſtreiten, einige ſagten, der Graben ſei zu breit, andere ſagten das Gegentheil. 4 In den Wagen, der unmittelbar neben Agnes hielt, ſtieg eben die Gräfin Buchta. „Was geht hier vor,“ rief ſie neugierig zu dem Fräulein hinüber,„was ſchreien die Herren ſo?“ Ihr Sohn, ein Cavallerielieutenant, ritt zu ihr heran und erkärte ihr den Vorfall, was Agnes ſehr lieb war, da es ihr die Auseinanderſetzung erſparte. Nachdem ſie Alles vernommen, rief die alte Dame: „Baron Brunow, Baron Brunow!“ Der Gerufene, eben jener Herr, mit welchem Waldheim wetten wollte, kam erſt nach einer langen Weile und nachdem man 54 4 Agnes. ihm von allen Seiten geſagt, die Gräfin Buchta rufe nach ihm. Als ſie endlich ſeiner habhaft war, ſchalt ſie ihn, daß er den jungen Prinzen zu einer ſo gefährlichen Sache aufgeſtachelt. „Aufgeſtachelt? Gnädige Gräfin! Verehrungs⸗ würdige Excellenz! Ich habe ihn durchaus nicht auf— geſtachelt! Im Gegentheil, ich habe ihm geſagt, er werde es bleiben laſſen, weil er unfehlbar den Hals brechen müſſe.“ „Und will er dennoch?“ „Freilich will er.“ „Prinz Waldheim, Prinz Albert!“ Auch der Prinz erſchien zuletzt, aber mit finſterm Geſicht, vor dem Tribunal der alten Hofdame. „Schämen Sie ſich, Prinz, daß Sie Ihr Leben in Gefahr ſetzen wollen, denken Sie an Ihre Eltern 1e. „Verzeihen Excellenz, aber ich habe meinen freien Willen und werde—“ 1 „Sie werden nicht! Sein Sie vernünftig! Ich will Ihnen ja nichts befehlen. Ich weiß recht gut, daß ein junger Mann von einer ſechzigjährigen Frau keine Befehle annimmt. Ich will Ihnen eine junge, ſchöne Richterin ſetzen, wollen Sie der gehorchen?“ Waldheims Augen folgten dem Blicke der Gräfin. Agnes. 5⁵ Sie ſah nach Agnes, die in großer Angſt auf das Ge⸗ ſpräch horchte, da ſie ſich als die erſte Urſache des möglichen Unglücks betrachtete. Der Prinz beſann ſich einen Augenblick, ſeine glü⸗ henden Blicke verſchlangen die Geſtalt des jungen Mädchens. „Frau Gräfin,“ rief er dann laut,„ich nehme Ihren Vertrag an. Wenn Fräulein von Stein mir es verbietet, will ich es ſein laſſen. Ihr will ich unbe⸗ dingt gehorchen.“ Agnes fuhr zuſammen, als habe ſte ein Dolchſtich getroffen. Aller Blicke waren auf ſie gerichtet und ver— letzten das erſchrockene Mädchen wie eben ſo viel ſcharfe Meſſer. „Nun, wie iſt es,“ fragte nach einer auf den eben noch herrſchenden Lärm plötzlich folgenden wunderbar tiefen Stille der Baron Brunnow mit einem Tone, dem man ein unterdrücktes Lachen anhörte;„wie iſt es, mein gnädiges Fräulein, werden wir das Kunſt⸗ ſtück ſehen oder nicht?“ „Der Erbprinz von Waldheim,“ ſagte mit einer Stimme, die von aufgeregtem Stolze zitterte, das Fräulein,„der Erbprinz von Waldheim iſt unum⸗ ſchränkter Herr zu thun, was er will; ich maße mir nicht an, ihm irgend einen Rath zu ertheilen.“ Agnes. Des Prinzen Kopf wurde dunkelroth, er ſetzte ſei⸗ nem Pferde die Sporen ein, aber eine Menge Hände hielten ſeine Zügel und von allen Seiten rief man: „Nein, nein, er darf nicht!“ Waldheim bezwang ſich, er ritt noch einmal zurück, dicht an Agnes' Seite, er bog ſein erhitztes Geſicht nahe an ihre blaſſe Wange und flüſterte leiſe:„Ent⸗ ſcheiden Sie ohne Groll, liebes Fräulein, Ihre Worte ſind mir Befehl.“ Aber Agnes war wie im Fieber; dieſe Menſchen mit höhniſchen Geſichtern, denn wenn in Wahrheit auch nur die Minderzahl dieſen Ausdruck trug, ſie las ihn auf allen, beängſtigten ſie über die Maßen. Sie hatte nur einen Gedanken, ihren Ruf, ihre Ehre. In ihrer gemarterten, gepreßten Bruſt fand ſie kaum noch Athem, um zu wiederholen:„Ich habe Ihnen nichts zu ſagen, Prinz, thun Sie, was Sie wollen.“ „Alſo voran,“ rief nun Albert mit vor Zorn blaſſen Wangen. ‚Machen Sie Platz, meine Herren!“ Diesmal ſtob Alles auseinander, aber mehr vor ſeinem Zorn, als vor ſeinem Pferde. Wie ein Pfeil ſchoß er über den Schloßhof dahin. Die übrigen Reiter hinter ihm und die Wagen mit den Damen folgten. Agnes. 57 Auch Agnes' Kutſcher fuhr in toller Eile über den Schloßhof dahin und hörte nicht das ängſtliche Rufen ſeiner Dame, die natürlich zurückbleiben wollte, um ihren Vater zu erwarten. Als ſie, eine der letzten, am Thore ankam, ſah ſie eben noch, wie Alberts Pferd ſich zum Sprunge anſchickte. Sie rief— ſo breit, ſo tief hatte ſie den Graben nicht geglaubt— ſie ſchrie: „Halt, um Gotteswillen, Halt!“ Es war zu ſpät; das Pferd kam mit den Vorderfüßen glücklich auf dem jen⸗ ſeitigen Rande des Grabens an, aber es konnte ſich nicht halten, es glitt zurück— es überſchlug ſich mit dem Reiter, es ſtürzte in die Tiefe. Agnes hielt die Hände auf die Augen gepreßt— dann hörte ſie in halber Ohnmacht die Worte:„Ein Blutſtrom—!“ Ihr Kutſcher fuhr mit den übrigen Wagen ſie wieder in den Schloßhof zurück, Niemand kümmerte ſich um ſie. Alles war um den Prinzen beſchäftigt, den man in das Schloß trug. Die augenblickliche Folge ſeines Falles war ein heftiger Blutſturz geweſen; glück⸗ licherweiſe lag er neben, nicht unter dem Pferde; als man aber zu ihm hinabgeſtiegen war, hatte man ihn in tiefer Ohnmacht gefunden. Es war gut, daß Agnes . ihr Tuch vor die Augen hielt, als man ihn an ihr vorüber trug— wie eine Leiche, mit Schnee und Blut 58 Agnes. bedeckt, das ihm noch immer tropfenweiſe aus dem Munde quoll. Endlich, endlich kam der Geheimerath. Er hatte, in tiefem Geſpräch mit dem Fürſten, von der ganzen Sache natürlich nichts geahnt, bis man Waldheim ins Schloß brachte und dem Prinzen Ernſt den Vorfall meldete.. Auf der Treppe erzählte Herrn von Stein ein ge⸗ fälliger Freund den Hergang des Ganzen und den An⸗ theil ſeiner Tochter bei dem Unglück, welches letztere man ihm natürlich ſo groß als möglich ſchilderte. Als er zu der halb bewußtloſen Agnes an den Wagen trat, ſchlang ſie laut weinend die Arme um ſeinen Hals. „Ich habe ihn gemordet,“ flüſterte ſie ihm ins Ohr,„aber ach, ich wußte ja nicht, wie gefährlich es war!“ Sie zitterte wie Espenlaub. Der Geheimerath, welcher hatte da bleiben wollen, um des Prinzen Rückkehr zur Beſinnung abzuwarten, beſchloß nun, als er den troſtloſen Zuſtand ſeiner Tochter ſah, dieſe zuerſt nach Hauſe zu bringen. Nachdem er einen Lakai beauf⸗ tragt, dem Fürſten zu ſagen, daß er einen Arzt für den Prinzen Waldheim aus der Stadt beſorgen wolle, ſetzte er ſich neben ſeine Tochter, ließ den Wagen Agnes. 59 ſchließen und befahl dem Kutſcher, ſo ſchnell als mög⸗ lich nach Hauſe zu fahren. Weder er noch ſeine Tochter ſprachen ein Wort. Auf dem ganzen Wege, den ſie am Morgen noch ſo übermüthig und ſelbſtbewußt zurückgelegt, lag ſie an ihres Vaters Bruſt und ſchluchzte laut in grenzenloſer Reue über ihren Stolz. Herr von Stein hatte ihr Vorwürfe machen wollen, er ſah aber wohl ein, daß er nichts ſagen könne, das ſo bitter ſei, als was ihr eignes aufgeregtes Herz ihr vorwarf. Als er ſie nach Hauſe gebracht, fuhr er zu dem Leibarzt des Fürſten und mit dieſem wieder nach dem Luſtſchloß zurück. Ihm dünkte es eine Pflicht, den jungen Mann nicht zu verlaſſen, der ein Opfer des zu ſpröden Mädchenſtolzes ſeiner Tochter geworden war. Tünftes Iapilel. Als am Morgen des folgenden Tages der Geheime⸗ rath in das Zimmer ſeiner Tochter trat, es war ſchon ſpät, ſchon beinahe Mittag, wurde ſie bleich aus Angſt vor der Botſchaft, die ſie aus Veinei Munde ver⸗ nehmen ſollte. „Beruhige Dich, mein Kind,“ ſagte er freundlich, „es iſt nicht ſo ſchlimm, wie wir fürchteten. Der Arzt verlangt nur, daß Prinz Waldheim einige Tage in vollkommener Ruhe auf dem Jagdſchloſſe bleibe, dann ſolle ihm erlaubt ſein, zu ſeinen Eltern zu gehen und ſich vollends geſund pflegen zu laſſen, was nicht ſehr lange Zeit erfordern werde. Er ſelbſt hat mir die beſten Em⸗— pfehlungen an Dich aufgetragen: er hoffe früh genug hierher zurückzukehren, um den Kehraus des Faſchings 1 mit Dir zi tanzen. 4 Agnes. 61 „Er zürnt mir alſo nicht?“ „Das ſcheint mir durchaus nicht. Ich ſprach na⸗ türlich nicht von Dir und er erwähnte Deiner nur in der eben geſagten freundlichen Weiſe.“ „Und iſt der Doctor wirklich gar nicht beſorgt?“ „Nicht im Mindeſten. Er ſagt, bei des Prinzen vortrefflicher Natur bedürfe es nur der Ruhe und kalten Waſſers auf den hitzigen Kopf.“ „Lieber Vater!“ „Was willſt Du, mein Kind?“ „Ich habe mir neue Verhaltungsregeln dem Prinzen gegenüber ausgedacht und wollte Dich um Deinen Rath fragen.“ „Nun?“ „Ich habe offenbar eine große Schuld gegen ihn gut zu machen.“ „Das mußt Du am beſten wiſſen.“ „Ja ſicher, Vater. Geſtern warſt Du ja doch auch derſelben Meinung— wenigſtens widerſprachſt Du mir nicht, als ich mir die Schuld ſeines möglichen Todes beimaß?“ „Weiter, ich will Dir ſpäter meine Meinung ſagen.“ „Alſo, ich habe eine große Schuld gegen ihn be⸗ gangen. Ich habe aus Mädchenſtolz und Sprödigkeit ſein Leben in Gefahr geſetzt, oder doch mindeſtens ein 62 Agnes. großes Unglück, das über ihm ſchwebte, nicht verhin⸗ dert. Er hatte nichts, gar nichts gethan, als mir ge⸗ huldigt, weil er mich liebte.“ „Biſt Du davon ſo feſt überzeugt?“ „Ja, Vater. Beſonders ſeitdem Du mir geſagt, daß er mir nicht zürnt.“ „Das fließt mehr aus ſeiner großen Gutmüthigkeit als aus ſeiner Liebe her.“ „Du wollteſt mich erſt ganz zu Ende hören.“ „Ich werde Dich nicht mehr unterbrechen.“ „Siehſt Du, liebſter Vater, wenn ich ihn nun wieder ſehe, kann ich ihm nicht kalt und ſteif entgegen treten, ich will ihn freundſchaftlich und herzlich empfangen, wie es mir zu Muthe iſt. Kurz, ich will natürlich ſein, denn etwas Anderes gelingt mir doch nicht.“ Sie erzählte nun mit der größten Offenheit ihrem Vater die geſtrige Unterhaltung im Schlitten und wie ſte in ihrer anfänglichen Zurückhaltung einer Unbe⸗ ſonnenheit nach der andern ſich ſchuldig gemacht, und ſchloß ihren Bericht mit der wiederholten Bitte, ſie Waldheim gegenüber freundlich und natürlich ſein zu 5 laſſen, da ſie nach dem gegen ihn begangenen Unrecht ihn, ihrem Herzen nach, nicht gut anders empfangen könne. „Das iſt ganz vortrefflich, was Dich betrifft. Du Agnes. 63 liebſt ihn nicht und kannſt alſo ohne Gefahr in ein freundſchaftliches Verhältniß mit ihm treten. Aber er, er liebt Dich nicht nur—, „Du bezweifelteſt es doch ſo eben,“ ſagte die Tochter neckend. aſſe mich jetzt auch ausreden. Al ſſo, er liebt Dich nicht nur, ſondern er ſieht auch an Deinem Benehmen von geſtern, daß Du von ſeiner Liebe überzeugt biſt. Unterbrich mich nicht. Wenn Du ihn nun warm und herzlich empfängſt, ſo denkt er natürlich, Dein Stolz ſei durch Dein Mitleid mit ihm gebrochen und das größte Hinderniß alſo aus dem Wege geräumt. Wenn Du ihn aber gemeſſen und gezwungen behandelſt, wird er eine Zeit lang Dir zürnen, Dich vielleicht verkennen, um dann endlich die Eroberung Deines Herzens auf⸗ zugeben— eine Abſicht, die, ſtreng genommen, doch überhaupt ein großes Unrecht von ihm iſt. Kein Mann hat das Recht, um das Herz eines edlen Mädchens zu werben, wenn er ſeine Hand ihr nicht zu bieten vermag.“ „Nun, liebſter Papa, ſei auch nicht zu ſtrenge. Das Herz verlangt ein Herz— und wozu auch das ewige Heirathen. Die Ehe iſt am Ende ja doch nur das Grab der Liebe, und warum immer bei einem Le⸗ benden an das Grab denken?“ A gnes. „Agnes, Agnes! Ich kenne Dich nicht mehr! Du thuſt mir mit ſolchen Reden im innerſten Herzen wehe. Du kannſt unvermählt bleiben, wenn Du willſt, aber Du ſollſt mir nicht die Ehe ſchmähen! Ich wiederhole es Dir, das thut mir bitter wehe aus Deinem Munde, denn es ziemt nicht einem unſchuldigen weiblichen Weſen, die Ehe zu verſpotten; überlaſſe das ſolchen, die bittere Erfahrungen darin gemacht!“ Agnes warf ſich reuevoll an ſeinen Hals.„Ver⸗ zeihe mir, liebſter Vater, verzeihe! Ich ſagte das nur, weil Du— ja, es iſt recht lächerlich von mir— davon ſprachſt, der Prinz wolle mir ſeine Hand nicht geben. Das kränkte, das reizte mich, ſelbſt von Dir. Es war ſehr unrecht— doppelt unrecht, da ich ihn nicht liebe! Aber gerade deshalb will ich ihm die Wahrheit ſagen.“ „Und die heißt?“ „Daß wir Freunde ſein wollen und weiter nichts.“ „Das kannſt Du keinem jungen Manne ſagen.“ „Das überlaſſe mir, Väterchen. Ich bin nicht um⸗ ſonſt Deine Tochter und Waldheim iſt auch nicht ver⸗ gebens in einem Kreiſe aufgewachſen, wo man halbe Worte verſteht.“ „Was haſt Du aber eigentlich dabei?“ „Erſtens will ich ihm jede Hoffnung nehmen, zwei⸗ tens mich ſelbſt aus einer falſchen Stellung bringen 4 Agnes. 65⁵ und drittens meinem rektigen Herzen Gel legenheit geben, durch Freundlichkeit gut zu machen, was ich durch Härte verbrochen.“ „Agnes, ich habe Dir ſchon einmal, aber auch ver⸗ gebens, geſagt, ſpiele nicht mit dem Feuer. Der Prinz liebt Dich, und Du willſt mit ihm ein freundſchaft⸗ liches Verhältniß anknüpfen. Das iſt gerade, als wenn ich mich in einen brennenden Wald begebe, um die Quelle zu finden, die meinen Durſt löſchen ſoll— die Flammen würden mich verzehren, ehe mein Mund die kühle Fluth berührt hätte.“ Agnes brach ab, aber nur, um am Abende daſſelbe Thema wieder anſzunehnnen⸗ Sie hatte den raſtloſen Drang, ihres Vaters Einwilli ligung zu erlangen, wie ſie bisher jedes Wunſches Befriedigung erlangt und, um gerecht zu ſein, auch weil ſie wirkl lich ſich Vorwürfe machte des Prinzen wegen. Sie verſprach ihrem Vater, Albert ſolle nie ins Haus geladen werden, nie ſie be— ſuchen dürfen und die Freundſchaft ſolle nur für den kurzen Augenblick gelten, wo ſie mit ihm in Geſellſchaft zuſammen traf. Als ſie nun ihren Vater mit der Lebhaftigkeit be⸗ ſtürmte, die ihr eigen war, und womit ſie jeden Ge⸗ genſtand zu einer Lebensfrage machte, was ſollte er da thun? Zum erſten Male ihr mit einer Weigerung ent⸗ Gegen den Strom. I. 5 Agnes. gegen treten, dazu dünkte es ihm jetzt zu ſpät, nachdem ihr Character einer von denen geworden, die durch Widerſtand entflammt und weit über die Grenze deſſen, was ſie anfänglich gewollt, hinausgeriſſen werden— die häufige Folge einer zu milden oder zu ſtrengen Er⸗ ziehung. Verweigerte er ihr ein freundſchaftliches Ver⸗ nehmen mit dem Prinzen, ſo war ſie in Gefahr, nur dadurch daß ſich an dieſe Weigerung ihre Gedanken fortwährend anklammerten, ſich ernſtlich in ihn zu ver⸗ lieben— und welch größeres Unglück konnte ihr wider⸗ fahren? Die einzige Rettung wäre in ſeinen Augen eine Reiſe mit ſeinem Kinde geweſen; das hätte Alles ſanft und ſpurlos gelöſt, aber— der Landtag war vor der Thüre, das Miniſterium hatte ihm ein wichtiges Referat übertragen, er konnte alſo keinen Urlaub be⸗ kommen, und ſeinen Abſchied zu nehmen, das fiel dem thätigen Geſchäftsmanne ſo wenig ein, wie es ſeiner Tochter einfiel, daß ſie unklug handle, und ſo ging denn Jedes den Weg, den ſein Character ihm anwies. Woche nach Woche war vergangen, Waldheim war noch nicht zurückgekehrt und Agnes hatte beinahe ihr Abenteuer auf dem Jagdſchloſſe vergeſſen. Sie war zu lebhaft, um ſich längere Zeit mit ein und demſelben Gegenſtande zu beſchäftigen, ohne daß dies der Treue ihres Characters geradezu Abbruch gethan hätte. 3 — — — Agnes. 67 Denn ſobald man an ihre früheren Gefühle appellirte, traten dieſelben wieder aus dem Hintergrunde ihres Herzens hervor und hatten wieder die alte Geltung bei ihr. Sie war nicht, was man unter dem Worte veränderlich verſteht, ſie liebte auch den Wechſel nicht; aber ſie konnte ſich ihm eben ſo wenig entziehen, weil ſie zu anregbaren Weſens war, um nicht die Macht der Gegenwart auf ſich einwirken zu laſſen. Wäre Albert ihr Geliebter geweſen, ſie würde ſich nun und nimmer und unter keinen Verhältniſſen während ſeiner Abweſenheit einem andern Manne zugeneigt haben, aber wohl hätte ein anderer Gegenſtand jeden Ge— danken an ihn tagelang entfernt halten können: eine neue Muſik, ein anziehendes Buch oder das Geſchick einer Freundin. Kurz ſie gehörte nicht zu den ſchmach⸗ tenden und ſehnenden Naturen, die ſich abnutzen und verdünnen und aufzehren, wenn ſie nicht von Außen genährt werden, ſondern zu denen, die von Innen ihren Reichthum ſchöpfen, zu denen, die ſind, als ob ſie ſich die Natur ſelbſt zum Vorbild genommen, und die ſich ewig friſch ergänzen und vervollſtändigen, wie der Strom, wie das Meer. „Käme der Prinz doch nie wieder,“ dachte manch⸗ mal in banger Ahnung der Geheimerath, wenn er ſie ſo harmlos und unbefangen fröhlich ſah. Doch * 5 68 Agnes. beſchäftigte er ſich gerade um dieſe Zeit weniger mit ſeiner Tochter, als ſonſt. Die Aufgabe, womit ihn die Regierung für den Landtag betraut und die keine andere war als die, den Finanzetat des laufenden Rechnungsjahres vor den Ständen zu vertreten, machte ihm um ſo mehr Arbeit, als er in der letzten Zeit, das heißt, ſeitdem das jetzige 1 Miniſterium am Ruder war, nur im Departement des Auswärtigen beſchäftigt geweſen. Man ſah in ihm — einen künftigen Miniſter, denn kein anderer Beamter vereinigte ſo viele für den Hof wünſchenswerthe Eigen⸗ 4 ſchaften in ſich wie er, da es ſich um eine Zeit handelt, wo noch der Hof und die Regierung identiſche Begriffe waren, trotz Kammer und Conſtitution. Freiherr von Stein war von vortrefflicher Familie und Erziehung, ein gewandter und talentvoller Beamter und ſtand in gutem Anſehen bei„den Leuten“(denn der Begriff und der Ausdruck„Volk“ lag damals ganz außer dem Ge⸗ ſichtskreiſe der Regierung), wozu wohl ſeine freund⸗ lichen, gegen Jedermann gleich höflichen Manieren, ſowie die allgemeine Ueberzeugung, daß er ein Ehren⸗ mann ſei, das Meiſte beitrugen. Von ſeinen poli⸗ tiſchen Grundſätzen, ſeiner amtlichen Thätigkeit wußte eigentlich die große Menge wenig, da er noch nie bis⸗ her eine ſelbſtſtändige, einflußreiche Stellung einge⸗ — Agnes. 69 nommen hatte, ſondern einmal hier, einmal dort von der Regierung verwendet worden war, wo ſie Jemand gebraucht, auf den ſie ſich in jeder Beziehung verlaſſen konnte. Uebrigens war er auch noch, was man da⸗ mals für einen Staatsdiener jung nannte: er zählte fünf und vierzig Jahre. Seine Ernennung zum wirk⸗ lichen Geheimenrath, womit die Excellenz verbunden war, ſtammte von einer diplomatiſchen Miſſion an einen anſpruchsvollen Hof her, dem man durchaus nur einen Mann ſenden konnte, welcher eine hohe Stellung einnahm. Solche Miſſionen hatten auch ſeine Bruſt mit Orden bedeckt, deren Werth er aber nach den Umſtän⸗ den ihrer Ertheilung vollkommen richtig bemaß; denn wenn man ihn wegen ihrer Menge beglückwünſchte, ſagte er lächelnd:„Ja, zählen Sie nur, dann können Sie genau wiſſen, wie oft ich mein Vaterland gerettet!“ — es waren nämlich lauter ausländiſche Orden, bis auf den heimathlichen Stern, den man in der Reſidenz, weil ihn gewöhnlich nur ganz alte Herren erhielten, den Abendſtern zu nennen pflegte. Wechſtes Toapifel. Der Winter trat ſeinen Rückzug an. Es gab be⸗ reits Tage, an denen es ganz warm und milde war. Der Prinz Waldheim war ſeit ſechs Wochen nach Hauſe gereiſt. Herr von Stein hatte ein paar Mal an Alberts Vater geſchrieben, um ſich nach dem Be— finden des jungen Mannes zu erkundigen, und immer gute Nachrichten erhalten. An einem Tage, wo die Lüfte beſonders mild und frühlingsartig wehten und der Geheimerath den ganzen Morgen auf das Anſtrengendſte gearbeitet, ſchlug er am Nachmittage ſeiner Tochter vor, den Kaffee draußen im Freien zu trinken und zwar in einem öffentlichen Garten, der, reizend gelegen, eine halbe Stunde vor der Stadt ſich befand. Agnes war darüber erfreut und mit dem fröhlich⸗ ſten Geſichte hing ſie ſich an ihres Vaters Arm. Wenn Agnes. 71 die Beiden ſo zuſammen gingen, wurden ſie häufig für ein Ehepaar gehalten. Agnes mit ihrer großen, vollen Geſtalt konnte für eine Frau gelten, wenn man den kindlichen Ausdruck ihres Geſichtes überſah; wäh⸗ rend des Geheimenraths ſchlanke und zierliche Geſtalt ihn hingegen bei Weitem jünger erſcheinen ließ, als er war. Seine lebhaften Augen, ſeine dunklen Haare, ſeine ſchönen Zähne erhöhten nur dieſen Eindruck, und daß er ein paar tiefe Falten auf der Stirne hatte, gab ihm das Anſehn eines Denkers, ohne ihn deshalb zum alten Manne zu machen. Agnes war lange nicht ſo fröhlich geweſen und auch ihr Vater hatte allen Actenſtaub von ſich geſchüt⸗ ttelt, und indem er raſch mit ſeinem Kinde im Früh⸗ lingsſonnenſchein dahin ſch ritt, ſchlug ſein Herz bei⸗ nahe ſo leicht wie das ihre. Es war ihm unangenehm, als ſie in der Nähe des Stadtthores ſeiner Schwägerin begegneten, die eben aus einem Hauſe trat. „Wo wollt Ihr ſo eilig und fröhlich hin, Kinder? denn ſo ſeht Ihr Beide aus mit Eurem vergnügten Lä⸗ cheln,“ fragte Frau von Berlep. „Wir wollen nach dem Weſtenhof, Tantchen, um dort den Kaffee zu nehmen. Willſt Du mit?“ „Gern, gern. Ich dachte eben daran, Dich zu 72 Agnes. einem Spaziergange abzuholen, denn es iſt Sünde, bei ſolchem Wetter zu Hauſe zu bleiben.“ Alnes löſte etwas widerſtrebend, aber doch freund⸗ lich ihre Tante anblickend ihren Arm aus dem ihres Vaters und ließ Frau von Berlep zwiſchen ſie Beide treten. 1.— Der Geheimerath, ſo unterhaltend er immer ſeine Schwägerin fand, konnte doch im Anfange nicht gleich den rechten Ton mit ihr finden, er hatte ſich heute ganz beſonders darauf gefreut, mit ſeinem Kinde allein zu ſein. Als ſie auf dem Weſtenhof ankamen, auf wen traf zuerſt ihr Auge? Auf Prinz Albert Waldheim; er ſaß da, roſenroth, wie er immer ausgeſehen, eine Cigarre im Munde, den beſtellten Kaffee erwartend. Als er die Ankommenden gewahrte, ſprang er fröhlich auf und ihnen entgegen.. Dem Geheimenrath ſchüttelte er herzlich die Hände, die Damen verſicherte er der Sehnſucht, die er gehabt, ſie wieder zu ſehen, kurz er war ganz der Alte. Er er⸗ wähnte ſeines Unfalls mit keinem Worte, wofür ihm Agnes innerlich den größten Dank wußte. Er erzählte, daß er erſt den Abend vorher ange⸗ kommen und nicht hätte früher eintreffen können, trotz ſeinem Verlangen, die letzten Winterfreuden der Re⸗ ———— Agnes. 73 ſidenz zu genießen, weil er„regieren“ müſſen für ſeinen Vater, den ein Unwohlſein ans Bett gefeſſelt. Agnes lachte. „Lachen Sie nur, gnädiges Fräulein, Sie würden aber noch viel mehr gelacht haben, wenn Sie mich in meiner ernſten Amtsmiene auf dem Lehnſtuhle meines Papas in Waldheim hätten ſitzen ſehen. Ich habe mich aber doch ſehr gut aus der Affaire gezogen und der Kammerdirector war ganz entzückt von meiner Staats⸗ weisheit.“ „Wohl dem Lande Waldheim, daß ihm die Re— gierung eines ſolchen Salomo bevorſteht,“ ſcherzte Frau von Berlep. Man nahm Platz, der Geheimerath mußte natür⸗ lich Albert einladen, mit ihnen zu trinken; man ſcherzte, nur Herr von Stein war nicht in ſeiner gewöhnlichen heitern Laune. Als bedächtigem Manne war ihm ein⸗ gefallen, daß der Prinz mit ihnen ſich nach Hauſe be⸗ geben werde; daß er ſelbſt dann mit Frau von Berlep gehen müſſe, während die beiden jungen Leute deshalb ebenfalls zuſammen gehen würden— und das war ihm höchſt unangenehm. So ungeſtört und ungehört hatte Albert bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, ſich eine volle Stunde lang mit ſeiner Angebeteten zu unterhalten; denn daß ſie das noch immer war, blitzte 74 — Agnes. dem jungen Manne aus den Augen. Dennoch konnte der Geheimerath nichts ändern— er konnte ja nicht die Lächerlichkeit begehen, den Arm ſeiner Tochter zu nehmen, und die beiden Fremden, die halb ſeine Gäſte waren, zuſammen gehen laſſen. Was ihn noch beſon⸗ ders beängſtigte, war, daß Agnes ſich heute ſehr leb⸗ haft aufgeregt zeigte. Sie war ſchon durch ihre eigne Fröhlichkeit und die Freude am Sonnenſchein ausge⸗ laſſen, als ſie hinausgingen. Daß nun Waldheim ihr mit keinem Blicke einen Vorwurf gemacht, was ſie doch von ihm zu verdienen glaubte, ſo wie ſeine ſich gleich gebliebene ritterliche Huldigung hatten dieſe Fröhlichkeit in eine Art Aufregung verwandelt, wie junge, lebhafte Menſchen ſie überhaupt häufig em⸗ pfinden. Waren nur wenige wohlwollende Freunde zu⸗ gegen, dann konnte ihr Vater ſich oft an ihrer geſtei⸗ gerten Laune freuen. Er blickte dann mit väterlichem Stolze in ihr glühendes Antlitz und lauſchte dem ſtrö⸗ menden Redeſchwall, der von ihrem begeiſterten Munde tönte. Sie ſprach dann aber immer, ſo wie auch heute, mehr und offener, als es ihr am andern Tage lieb war. In dieſe Aufregung, oder dieſen Rauſch, wie es ihre Tante nannte, konnte ſie übrigens oft die kleinſte, unbedeutendſte Veranlaſſung verſetzen. ——— 4— Agnes. 75 Der Geheimerath zögerte mit dem Aufbruche, weil er immer hoffte, es werde noch Jemand kommen, irgend ein Herr ſeiner Bekanntſchaft, in deſſen Beglei⸗ tung er dann um jeden Preis unter irgend einem Vor⸗ wand voraus gegangen ſein würde, wodurch Frau von Berlep dem Paare als Dritte zugetheilt worden wäre. Es kam aber Niemand, gar Niemand, nicht der beſcheidenſte Aſſeſſor, nicht der harmloſeſte Gensdarme⸗ rie⸗Lieutenant, und der Geheimerath trat mit einem tiefen Seufzer an der Seite der Frau von Berlep den Rückweg an. Er bot ihr aber nicht den Arm, was er ſonſt immer that, damit der Prinz ſeiner Dame gegenüber nicht ſeinem Beiſpiel folge. Frau von Berlep bat ihn jedoch ſelbſt darum, weil ſie von der ungewohnten Frühlings⸗ luft müde war. Er ſah ſich um, der Prinz hatte die . Gelegenheit nicht benutzt oder— hatte Agnes ihm den Arm abgeſchlagen? Sie hatte das nicht nöthig gehabt, denn in Dingen dieſer Art hatte Albert immer die größte Beſcheiden⸗ heit ihr gegenüber beobachtet, ſo daß er beim Tanzen kaum ihre Fingerſpitzen berührte. Aber es war für ihn die feinſte Politik bei einem Mädchen wie Agnes, / und dieſe Zurückhaltung nützte ihm mehr bei ihr als jede Zudringlichkeit. 76 Agnes. Nachdem Waldheim und Agnes eine Zeit lang über ganz gleichgültige Gegenſtände geſprochen, ſagte zer plötzlich:„Ihr Herr Vater und Ihre Frau Tante da vor uns ſind eigentlich ein ſehr paſſendes Paar— warum heirathen ſie ſich nicht?? „Wie naiv, Prinz!“ 5 „Das iſt mein alter Fehler; aber antworten Sie mir, bitte!“ „Ich habe nicht gewußt, daß Sie auch zu jener ent⸗ ſetzlichen Claſſe von Menſchen gehören, die immer, wenn ſie Zwei zuſammen ſehen, fragen: Warum hei⸗ rathen die ſich nicht?“ „Da ich nun aber einmal zu der entſetzlichen Claſſe gehöre?“ „Nun denn, ich weiß es nicht. Oder vielmehr, ich weiß, daß Beide überhaupt nicht mehr heirathen wollen.“ „Wegen Ihrer Tante frage ich Sie nicht, aber was iſt der Grund Ihres Herrn Vaters?“ Agnes brach in ein lautes Gelächter aus, und ohne ein Wort zu ſagen, ſtellte ſie ſich vor den Prinzen und ſah ihm etwas ſpöttiſch ins Geſicht. „Ich verſtehe Sie nicht, gnädiges Fräulein!“ „Sie fragen mich nach dem Grunde, warum mein Vater nicht heirathet; ich meine, der Grund wäre Agnes. 77 groß und deutlich genug, daß Sie ihn längſt hätten gewahren können; da dies aber nicht der Fall zu ſein ſcheint, ſo habe ich ihn vor Sie hingeſtellt.“ „Sie ſelbſt?“ „Iſt das nicht ſehr natürlich?“ „Das iſt es freilich!“ „Was ſagen Sie?“ fragte Agnes, die vorwärts eilte, weil ſie hinter ihrem Vater etwas zurückgeblieben war, und deshalb den Prinzen nicht verſtanden. „Ich ſage, daß ich dieſen Grund ſehr natürlich finde. Aber wenn Sie ſelbſt ſich verheirathen?“ „Beſter Prinz! Sie ſind mein Freund, nicht wahr?“ Waldheim, nachdem er ſie einen Augenblick über⸗ raſcht angeſehen, neigte ſein glühendes Antlitz und legte die Hand betheuernd auf ſeine Bruſt. „Nun wohl,“ fuhr Agnes fort,„ſo thun Sie mir. den Gefallen und ſprechen Sie nicht von meiner Ver⸗ heirathung! Von ſeinen Freunden,“ ſie betonte beſonders dies Wort,„kann man verlangen, daß ſie uns widerwärtige Thema's nicht berühren. Dies Thema iſt mir unangenehm— alſo, Sie ſprechen nie mehr davon?“ Sie ſah dem Prinzen freundlich, offen fragend in die Augen; ſie war nicht ruhig, denn ihre Lippen zit⸗ 78 Agnes. terten und ihr Athem flog, aber ſie war offenbar in freudiger und aufrichtiger Stimmung. Albert firirte ſie nur ganz kurze Zeit, dann ſtieg ihm das Blut bis in die Stirne— er war verlegen, aber er faßte ſich und ſagte leiſe:„Ihre Wünſche ſind mir Befehle.“. Sie ſprach nun lebhaft von andern Dingen. Sie war noch immer in derſelben fieberhaften Lebhaftigkeit. Sie freute ſich innerlich kindiſch, daß ſie endlich ihrem Herzen Genüge gethan und ihm geſagt, was ſie beängſtigt. Sie war ſtolz und glücklich über ihre, wie ſie meinte, vortreffliche That. Daß er ſie verſtanden, das bewies ihr ſeine Ver⸗ ſtimmung, ſein ſchweigſames Weſen, welches mit ſei⸗ nem gewöhnlichen Benehmen ſo ſehr im Widerſpruche ſtand. Sie wußte jetzt, daß es ihm deutlich ſei, daß ſie eine Heirath mit ihm nicht wünſche und ſeine Hul⸗ digung nur als einen Beweis von Freundſchaft auf⸗ nehme und durch Freundſchaft erwiedern wolle. Sie war überzeugt, daß ihm deutlich ſei, wie ſie ihm nicht zürne, daß er nicht als Freier komme, ja daß ſie es ihm ſogar verwehre, und deshalb triumphirte ſie in ihrem Mädchenſtolze. An ſeinen Mannesſtolz dachte ſie nicht, ſie dachte nicht, daß dieſer Mannesſtolz ihn erinnern werde an 4 ——x— Agnes. 79 die Fabel vom Fuchs, dem„die Trauben zu ſauer ſind“, ſie dachte nicht an das franzöſiſche Sprichwort: Qui s'excuse s'accuse; kurz ſie dachte nur daran, daß er eben ihr ſtolzes Wort vekſtanden und empfindlich davon berührt worden, aber nicht, daß morgen auch ein Tag des Stolzes für ihn kommen konnte. Als man am Hauſe des Geheimenraths angekom⸗ men, war es ſchon dunkel; Frau von Berlep ging mit hinauf, um den Thee zu trinken, der Prinz wurde ohne Einladung an der Thüre entlaſſen. Er grüßte aber freundlich wie immer, nur zuletzt hing ſein Blick traurig und vorwurfsvoll an Agnes' Auge. Oben im Zimmer ſagte Emma:„Was haſt Du dem armen Jungen gethan?“ „Ich habe ihm geſagt, daß ich ihn recht gern als Freund betrachten will, weil er nicht die Thorheit oder Herablaſſung hat, wie andere Männer Heirathsge⸗ danken zu hegen!“ ſagte ſie ganz ſtolz und ſieges⸗ trunken. „Agnes, Agnes, ich fürchte, Du führſt dieſen Operationsplan nicht durch, Deine Offenheit und Ehrlichkeit machen, wie einmal die Geſellſchaft be⸗ ſchaffen iſt, entſchieden Fiasco, und wer nicht mit den Wölfen heulen oder falſch ſein will, wie es Alle und 3 80 Agnes. Alle ſind, muß eine andere große Kunſt erlernen, die Kunſt zu ſchweigen— beſonders wir Frauen!“ „Das kann ich nicht, und werde es nie und nim⸗ mer lernen. Ich werde immer reden wie es mir um's Herz iſt!“ Uno dabei hing ſie ſich an den Hals ihres Vaters und ſang leiſe: Was kümmert mich der Menſchen eitles Treiben, Die fremd mir waren und die fremd mir ſind; Ich will das Eine nur auf Erden bleiben, Dein einziges, Dein dankbar treues Kind. Der Geheimerath küßte ſie auf dieStirne, Frau von Berlep ging ans Fenſter und ſah in die Nacht hinaus. Da drüben ſteht er wahrhaftig!“ rief ſie mit einem Male. „Wer?“ „Waldheim! Iſt das nun nicht rührend? Während Ihr ihn nicht einmal zu einer Taſſe Thee gebeten, hält er auf der Straße nächtliche Wacht!“ „Das thut er öfter,“ ſagte Agnes Vater mit fin⸗ ſterer Miene,„ich habe ihn früher nur zu oft da drüben an der Mauer gewahrt!“ „Wußteſt Du es, Agnes?“ fragte Emma. Agnes lachte.„Das iſt ja gar nichts, an einem ſchönen Abend, wenn man nichts Beſſeres zu thun ——— Agnes. 81 hat, auf und ab gehen unter den Fenſtern eines jungen Mädchens, dem man um jeden Preis glauben machen möchte, daß man es ſterblich liebt, ſterblich bis zum letzten; denn beim Stammbaum geht die Unſterblich⸗ keit an.“ „Du biſt bitter, Agnes!“ „Nein, das bin ich nicht. Und wenn ich es werde, ſo ſeid Ihr daran ſchuld, weil Ihr mich quält! Ja, Du und der Vater, Ihr gebt mir immer zu verſtehen, es könne aus dieſen leichtſinnigen Huldigungen Wun⸗ der was für ein Unglück für mich entſtehen; was meint Ihr denn, was geſchehen könnte?“ Als Beide ſchwiegen, ſtand ſie auf. Ihre Wangen glühten, ihr Mund zuckte und ihre Stimme war tief und vibrirend.„O, ich weiß es wohl, was Ihr meint! Ihr meint, ich werde wie ein einfältiges Kind mich in den ſchmucken Prinzen verlieben und mich grämen und ſehnen! Das aber“— und ſie wurde wieder blaß wie der Tod und ihre Stimme war ruhig—„das aber werdet Ihr nicht erleben, ſo wahr ich Agnes heiße und meiner Mutter Tochter bin— das— um keinen Mann in der Welt!“ Gegen den Strom. I. 6 Wiebentes Iapilel. Als die Sonne am andern Tage hell und fröhlich in ihr Zimmer ſchien, konnte Agnes gar nicht begrei⸗ fen, wie ſie geſtern Abend hatte ſo„tragiſch“ ſein önnen. Mit Thränen des gekränkten Stolzes war ſie zu Bette gegangen— ſo daß ihr Vater ganz beängſtigt um ſie geweſen und Emma ſie mit mißtrauiſchen Blicken von der Seite angeſehen und gedacht zei „Sollte ſie doch in ihn verliebt ſein?“ Aber jetzt würde ſelbſt ihre kluge Tante nicht den leiſeſten Grund zum Verdacht einer unglücklichen Liebe bei ihr gefunden haben. Sie ſang laut und ganz un⸗ bewußt, indem ſie ihre langen dunklen Haare in Flechten legte und um ihr roſenrothes, fröhliches Ge⸗ ſicht ſchlang. Dann neckte ſie das Hündchen ihres Vaters und lachte dabei ſo herzlich, als gebe es gar keinen Liebhaber auf der Welt. —õ——————-:xxxꝛ Agnes. 83 Kaum war ſie angekleidet und in ihrem kleinen Schreibzimmer beſchäftigt, als ein Brief von Frau von Berlep eintraf. Er lautete: „Ich habe einen guten Namen für Jemand ge⸗ funden. Ich werde ihn den verwunſchenen Prinzen nennen. Ich verwünſche ihn, weil er Dir Deine ſonſt ſo unvergleichliche Laune ſtört, Dein Vater verwünſcht ihn, weil er ihn beunruhigt, und Du— ja Du verwünſcheſt ihn freilich nicht, aber er iſt verwünſcht, Dich, Grauſame, zu lieben, alſo drei⸗ mal verwunſchen! Nebenbei die Urſache dieſes Zettels. Der Verwunſchene hat ſich in einem blu⸗ 8. menumränderten Billet auf heute Abend bei mir ana geſagt, er will mir das Luſtſpiel eines Freundes vorleſen— auch eines„hohen Herrn“. Dies Ver⸗ gnügen mußt Du und Dein Vater mir tragen helfen — ſagt nicht ab— das geht nicht. Die Deine.“ Sie ſagten denn auch Beide zu, weil ſie fanden, es ginge nicht anders, und fügten ſich thöricht einer ſolchen vorgeblichen Nothwendigkeit, dieſem thörichte⸗ ſten aller Tyrannen, den man nur abzuſ chütteln braucht, um zu ſehen, wie nichtig er iſt. Prinz Waldheim war heute ſtiller als gewöhnlich. 6⸗ Agnes. Als er einmal Agnes unbemerkt ſprechen konnte, ſagte er ziemlich leiſe: „Aus dem Schiffbruch von geſtern habe ich ein Kleinod gerettet, für welches ich Ihnen unausſprechlich dankbar bin— es iſt jetzt mein ganzes Glück, mein ganzer Reichthum.“ Agnes wurde dunkelroth— nicht aus Mitgefühl, ſondern aus mädchenhafter Verlegenheit. Sie ſchwieg. „Sie fragen mich nicht einmal nach dem Kleinod — liegt Ihnen denn gar nichts daran, daß mir noch Etwas geblieben iſt?“ „Ich fragte nicht, weil ich Sie nicht verſtanden habe.“ „Das iſt ſonſt eine Urſache zu Fragen.“ „Bei mir nicht.“ „Nun wohl, ſo will ich es Ihnen denn ungefragt ſagen— ich wollte Ihnen danken, daß Sie mich Ihren Freund genannt, daß Sie mir erlaubt, mich dafür zu halten; laſſen Sie mir dieſen Stolz immer, ewig?“ „Gewiß, recht gern. Was ich freiwillig gegeben, nehme ich nicht zurück. Aber Sie ſelbſt werden bald auf dies Geſchenk keinen Werth mehr legen.“ „Wie abſcheulich! Warum denn?“ „Weil,“ ſagte Agnes mit erhöhter Stimme, indem Agnes. 85 ſie ſich nach ihrer Tante wandte, ‚„weil es überhaupt . keine treuen Freundſchaften mehr giebt.“ „Was ſagſt Du da?“ fragte Emma. „Ich ſage, was wahr iſt; heutzutage ſchließt man nur Freundſchaft mit den Menſchen, die man unum⸗ gänglich nöthig braucht, und ſelbſt dieſe Bündniſſe ſind ſehr ſelten, da die meiſten Leute Niemand nöthig zu haben meinen— Jeder denkt, er kann allein fertig werden. Freundſchaften aber, wie ſie in den Corre⸗ ſpondenzen leben, die in unſerer Literatur aufbewahrt ſind, zum glorreichen Zeugniß jener beſſeren, ſelbſt⸗ loſeren Zeit, ſolche Freundſchaften erxiſtiren jetzt gar nicht mehr.“ .„Mein Fräulein,“ ſagte Waldheim pathetiſch,„ich 8 will Ihnen einen Vorſchlag machen. Laſſen Sie uns eine ſolche freundſchaftliche Correſpondenz anknüpfen, die gleich von Anfang an für den Druck beſtimmt iſt; wir haben dann einen offenbaren Vortheil vor unſern Voreltern, denn wir können ſchon während des Schrei⸗ bens beſonders rührend auf die Leſer wirken; ſpäter verehren wir ein gebundenes Eremplar in Goldſchnitt der hieſigen Bibliothek als bleibendes Zeugniß„aus⸗ nahmsweiſer“ Gefühle in dieſer verderbten, egoiſtiſchen 3 Zeit.“ 1 Man lachte, aber ein altes Stiftsfräulein ziſchelte 86 Agnes. 3 leiſe ihrer Nachbarin ins Ohr:„Wenn die Beiden ſich einmal ſchreiben ſollten, laſſen ſie's gewiß nicht drucken.“. Emma ging in den Scherz ein, offenbar aus Ge⸗ fälligkeit gegen Waldheim. Sie fragte:„Wie werden Sie aber Ihre beiderſeitigen ſchönen Briefe nennen— was ſoll der Titel des Buches ſein? Etwa Brief⸗ wechſel zweier Ausnahmen?“ „MNein,“ ſagte Waldheim,„es muß etwas Frap⸗ panteres ſein: Briefwechſel eines Froſches und einer Nachtigall.“ „Lieber Himmel, Prinz,“ ſagte Agnes,„wollen Sie wppieder ein Compliment und von allen Seiten die Ver⸗ eermn haben, daß Sie nicht einem Froſch gleichen?“ „‚Das glaube ich auch ohne Verſicherung,“ ſagte ernſthaft der Prinz.— „Kommen wir auf den Büchertitel zurück,“ ſagte Agnes;„das Buch kann nur heißen: Das Mittel⸗ alter und die Neuzeit. Perſonifizirt durch einen deut⸗ V ſchen Prinzen und ein—⸗ .„Deutſches Fräulein,“ fügte Albert lachend hinzu. I„Aber um Vergebung, was ſtelle ich denn vor?“ „Das Mittelalter, natürlich. Das Mittelalter mit ſeinen Thürmchen und Ecken, mit ſeinen Kämpfen und Narben, ſeinen Vorurtheilen und ſeinem Despo⸗ 3 tismus.“ Agnes. 87 „Erlauben Sie, wo ſind denn meine Thürmchen und Ecken, meine Kämpfe und meine Narben, und mein Despotismus?“ „Warum haben Sie die Hauptſache ausgelaſſen?“ rief Emma. „Was denn?“ „Die Vorurtheile.“ Der Prinz nahm eine neben ihm liegende Echarpe Emma's von weißem Flor und hing ſie ernſthaft dop⸗ pelt über ſein Geſicht. Dieſe ihm ſehr gewöhnliche Weiſe, einen Streit, wo er ſich nicht mit einem Witz zu helfen wußte, mit. einem Spaße zu beendigen, überraſchte Niemand, Agnes' Vater ſagte leiſe zu ſeiner Tochter:„So ma Tke es alle Leute dieſer Art. Wenn man ſie zu faſſen wähnt, entſchlüpfen ſie einem mit einem Spaß und wiſſen noch dabei einen liebenswürdigen Eindruck zu 2 hinterlaſſen.“ Seit dieſem Abend war das Verhältniß der beiden jungen Leute wieder in ein gutes, natürliches Gleis gekommen. Sie ſcherzten und lachten mit einander, er benahm ſich nach wie vor mit der größten Zurückhal⸗ tung, die mit der hingebendſten Huldigung gepaart war. Wie oft berief er ſich aber bei ihr auf ihre ihm lebenslänglich zugeſicherte Freundſchaft und konnte, ſo 8 Agnes. muthwillig und heiter er außerdem war, bei dieſem Punkte zuweilen ſo ſentimental werden, daß ſich Agnes nicht anders zu helfen wußte, als indem ſie ihn auslachte. Er wurde ihr aber nun nach und nach wirklich ein lieber Freund. Sie fing jetzt zuweilen an mit ihm über ernſtere Dinge zu ſprechen, und gelangte nach einiger Zeit dahin, ganz zu vergeſſen, daß er einſt ihr Courmacher geweſen. Die Welt aber war nicht ſo lie⸗ benswürdig. Sie fand, daß Fräulein Stein höchſt unrecht thue, mit einem jungen Manne, der ſie„ſo ſehr compromittirt“, halbe Stunden lang ernſthaft ſich zu terhalten. Daß Frau von Berlep immer die Dritte ieſen Unterhaltungen war, davon ſprach Niemand, wohl aber, daß Agnes nicht mehr ſo ſpöttiſch und ſchnippiſch, wie früher, den Prinzen behandle, alſo doch am Ende von ſeinen erxaltirten Demonſtrationen gerührt worden ſei; was nun daraus werden ſolle ꝛc. Frau von Berlep hörte das zuweilen mit an, war auch zuweilen grauſam genug, es Agnes mitzutheilen, aber dieſe ließ ſich davon nicht mehr anfechten. „Es iſt mir einerlei, was die Leute reden— näch⸗ ſtens wird ja wohl eine Andere ſtatt meiner ſich ihrem Gerede bieten, und wenn ſie ſehen, daß Alles beim Alten bleibt, Waldheim ſo wie ich, werden ſie ſich wohl beruhigen.“ 3 — -— Agnes. 89 Leider aber blieb keineswegs Alles beim Alten. Der Prinz wurde durch eine leichte Unpäßlichkeit ab⸗ gehalten, in ein paar Häuſern zu erſcheinen, wo Agnes immer gewohnt war, ihn zu treffen, und wo er ihr und ihrer Tante die einzige Unterhaltung bot. Sie war ihrem Grundſatze treu geblieben, ihn nicht in ihrem Hauſe zu empfangen— er hatte weiter keinen Verſuch gemacht, Zutritt bei ihr zu erlangen, wofür ſie ihm im Herzen dankbar war. Sie hatte ihn jetzt längere Zeit nicht geſehen und förmlich vermißt, denn ſie gab nun ihrer Tante Recht, die einſt behauptet hatte, es liege noch das Meiſte und Beſte unentwickelt in ſeiner Bruſt. Sie glaubte nämlich hie und da bei ihm die Entwickelung eines höheren Gefühls zu gewahren. Er war zuweilen nachdenklich und gemeſſen, er bekam in ihren Augen mehr das Anſehn eines zuverläſſigen männlichen Freundes, ſtatt eines galanten jungen Herrn. Selbſt ſeine Liebe zu ihr, über die ſie bisher immer geſpottet, erſchien ihr tiefer und achtungswür⸗ diger, als ſie anfangs angenommen, kurz, ſie gerieth in den Lieblingsglauben aller ſchwärmeriſchen Frauen — den Glauben, auf irgend Jemand einen guten ver⸗ edelnden Einfluß gehabt und Gefühle geweckt zu haben, die dem gewöhnlichen Getriebe der Welt fremd ſind. Eines Abends vermißte ſie Waldheim beſonders * 90 Agnes. ** ſchmerzlich, denn ſelbſt Emma, ihr bisheriger einziger Troſt in ſolchen Kreiſen, war nicht erſchienen. Sie ſaß neben einer alten tauben Dame, war überhaupt die einzige jüngere in der Geſellſchaft und ihr Vater befand ſich am Spieltiſch.„Wäre doch Waldheim da,“ ſeufzte ſie innerlich.— In dieſem Augenblick— es war ſchon ſehr ſpät— öffnete ſich die Thüre und er trat ein. Sie ſaß gerade dem Eingang gegenüber. Von allen Anweſenden ſah ſie ihn zuerſt. Aber auch er ſah ſte zuerſt von allen Anweſenden! Er ſah, wie ſie plötz⸗ lich den Ausdruck ihrer Züge wechſelte, wie ihr offenes ntlitz von tiefem Mißmuth in die höchſte Freund⸗ lichkeit überging— wie ſie roth wurde, wie ihr Auge glänzte— Alles das ſah er, und er zog daraus auf . der Stelle die inhaltreichſten Schlüſſe. 4 Bei dem überaus lebhaften Mädchen war es aber nur die reine und natürliche Freude, ihn zum Troſt in 3 dieſer langweiligen Soirée zu ſehen; ſie verbarg es 1 1 auch gar nicht, ſondern rief ihm fröhlich entgegen: „Wie ſchön, Prinz, daß Sie kommen!“ 3 Er verbeugte ſich tief, tiefer als gewöhnlich, vor 4 ihr— aber nur, um den triumphirenden Ausdruck ſeines Geſichts zu verbergen. Dann ging er raſch zur Hausfrau, die ihm ſchon erwartend entgegen ſah. c„«“ Agnes. 91 Jetzt erſt bemerkte Agnes, daß mit ihm ein älterer Herr in die Geſellſchaft gekommen war. Es war ein Mann mittlerer Größe mit ſchönen, feinen Zügen. Albert trat mit dem Fremden zu ihr. „Erlauben Sie mir, gnädiges Fräulein, Ihnen meinen Vater vorzuſtellen.“— Agnes ſtand auf, was ſie bei der Begrüßung des jungen Mannes natürlich nicht gethan. Fürſt Waldheim maß mit Bewunderung ihre große, gut gebaute Geſtalt und lächelte ſeinem Sohne mit einer Miene zu, die deutlich ſagte:„Du haſt einen guten Geſchmack.“ Agnes ſah dieſen Blick nicht, da ſie vor dem Blicke des Fürſten die Augen erröthend niedergeſchlagen hatte — glücklicherweiſe— denn Agnes war zu klug und zu klar, als daß ſie nicht den Blick des Vaters verſtanden und daraus erſehen hätte, wie er des Sohnes Cour⸗ macherei durchaus en bagatelle behandele, und wie völlig„sans consequence“ ihm ein einfaches Fräu⸗ lein ſei. Dies würde ſie tödtlich beleidigt und gekränkt haben, aber wie geſagt, ſie ſah es glücklicherweiſe nicht. Der Fürſt nahm in einem Fauteuil neben ihr Platz, erzählte ihr, wie er aus Beſorgniß um das Befinden ſeines Sohnes hieher gekommen, wie er dieſen aber 92 Agnes. zu ſeiner Freude wieder hergeſtellt gefunden und ihn dann beredet, die Einladung der Dame des Hauſes, die eine alte Bekannte von ihm ſei, anzunehmen und mit ihm herzukommen. Er fügte hinzu, daß er jedoch nur ganz incognito hier ſei und morgen in aller Frühe wieder abzureiſen gedenke, um ſeiner beſorgten Ge⸗ mahlin die gute Nachricht vom geneſenen Sohne mit⸗ zubringen. Er blieb den ganzen Abend neben Agnes ſitzen, was eben nicht auffiel, da die Geſellſchaft ſo klein war, daß nur wenige der Anweſenden die Plätze wech⸗ ſelten. Er machte ihr auf das Liebenswürdigſte die * Unterhaltung und Agnes begriff nicht, daß man ihr dieſen Mann allgemein als ſo ſtolz und hochmüthig geſchildert. Sie dachte in ihrer Unſchuld nicht daran, daß ſelbſt der älteſte Mann einem jungen, hübſchen, höflichen Mädchen gegenüber nicht den Hochmüthigen zu ſpielen pflegt. 4 Mit dem Sohne ſprach ſie an dieſem Abend unge⸗ wöhnlich wenig, ſein Vater nahm ſie zu ſehr in An⸗ ſpruch. Albert ſtellte ſich nur ein paar Mal hinter ihren Seſſel und ſagte ihr einige Worte. Er begnügte ſich mit dem Vergnügen, ſie anzuſehen und dabei an ihre offenbare Freude bei ſeinem unerwarteten Eintritt denken zu können. Er jubelte innerlich— das leuchtete .——= 1* Agnes. 93 aus ſeinen Augen— auch Agnes mußte ſeine Sieges⸗ trunkenheit ſehen und ſah ſie, aber ohne ſie im Augen⸗ blick zu begreifen. Es fiel ihr nur auf, daß er in den ſeltenen Berührungen mit ihr an dieſem Abende eine Sicherheit und einen Uebermuth entwickelte, der gegen die bisherige unterthänige Ritterlichkeit in ſeinem Weſen gewaltig abſtach. Als die Parthie ihres Vaters, der im andern Zim⸗ mer geſpielt, aufgehoben war und dieſer zu ihr kam, begrüßte ihn der Fürſt auf das Wärmſte und Freund⸗ ſchaftlichſte. Dies und ſeine Aufmerkſamkeit für die Tochter während des ganzen Abends gab den übrigen Perſonen zu denken. „Sollte der alte hochmüthige Fürſt wirklich mit dieſer Schwiegertochter zufrieden ſein?“ flüſterten ſie; ein alter Kammerherr aber, der aus der Jugend⸗ zeit des Fürſten ſtammte, ſagte lächelnd:„Dummes Zeug— der will noch auf eigne Rechnung den Aima⸗ blen machen und er wird der Stein zeigen wollen, daß er ſeinen Sohn noch überall aus dem Sattel heben könnte.“ Wir müſſen leider geſtehen, daß wir die Meinung des alten Kammerherrn theilen. Agnes war aber ungewöhnlich wortkarg, als ſie mit ihrem Vater nach Hauſe fuhr; ſie grübelte darüber nach, was wohl in ihrem Benehmen bei Albert eine 94 Agnes. ſolche Sicherheit hervorgerufen, denn noch beim Ab⸗ ſchiede— er hatte ſie die Treppe herabgeführt und in den Wagen gehoben— ſagten ihr ſeine leuchtenden Augen deutlich:„Nun weiß ich, daß Du mich liebſt!“ Hatte ſie vielleicht ſeinem Vater zu viel zuvorkom⸗ mende Höflichkeit bewieſen und er daraus geſchloſſen, ſie wolle ſich bei dieſem beliebt machen? Gewiß nicht, denn ſie hatte ſich davor ſorglich gehütet, ſchon aus Stolz den übrigen Zeugen gegenüber. Was war es alſo? Plötzlich fiel ihr ihre wirkliche Freude bei ſeinem Eintritt ein— das war es! Das hatte er geſehen und ſich auf das Schmeichelhafteſte ausgelegt. Sie ſah ein, daß ſie dagegen gar nichts Anderes thun konnte, als von der Zeit erwarten, daß ſie den Prinzen eines Beſſeren überführe. „Wie gefällt Dir der Fürſt?“ fragte ihr Vater. „Ein höchſt angenehmer Mann.“ „Er iſt geiſtreicher als ſein Sohn.“ „Aber weniger natürlich und darum in meinen Augen auch weniger liebenswürdig!“ „Warte, bis Albert ſo alt iſt wie ſein Vater— dann iſt er auch nicht mehr ſo natürlich.“ „Ich will warten,“ ſagte Agnes lächelnd. ( 5 S ſ Ichles Iapilel. Es vergingen mehrere Tage, ohne daß Agnes den Prinzen ſah. Ihr Geburtstag fiel in dieſe Zeit. Sie feierte ihn mit ihrem Vater und ihrer Tante allein, aber ſie war fröhlich dabei wie ein Kind. Ihr Vater hatte ihr ein weißes Cachemirkleid, mit blaßrother Seide und Silber geſtickt, dazu einen Roſenkranz mit ſilbernen Blättern geſchenkt. Aber, liebſter Vater,“ fragte ſie ihn lächelnd, nach⸗ dem ſie ihm in ihrer lebhaften Weiſe gedankt, ‚„wie kommſt Du dazu, mir einen ſo prachtvollen Anzug zu geben, das iſt ja viel zu reich und koſtbar für mich!“ „Ich habe die ganze Zeit in ſo unangenehmen Vor⸗ arbeiten für die Kammerſitzungen zugebracht, verwirrte Rechnungen durchgeſehen, unklare Berxichte leſen müſſen, daß ich mir dafür eine Belohnung gewähren, ein Ver⸗ 96 Agnes. gnügen machen wollte. Und da es nun zu meinen größten Vergnügen gehört, Dich, meine einzige Freude, ſchön geſchmückt zu ſehen, ſo habe ich Dir dies Kleid gekauft, das ich zufällig bei Gräfin Buchta ſah, der man es zur Auswahl geſchickt, die es aber ſeufzend bei Seite legte— weil die roſenrothe Zeit bei ihr vor⸗ über ſei! Das iſt bei Dir nun, Gott ſei Dank, nicht der Fall—“ 4 „Sage nicht, Gott ſei Dank, liebſter Vater, das Roſenroth hat auch ſeine dunkle Schattirung!“ Aber bei Dir ſieht man ſie nicht, glücklicherweiſe,“ ſagte Herr von Stein, indem er einen Kuß auf die glatte, unumwölkte Stirne ſeiner Tochter drückte. „Immer wie ein Liebhaber,“ rief Frau von Berlep, die in dieſem Augenblick eintrat—„immer wie ein Liebhaber.“ „Darum will ich auch keinen andern,“ ſagte Agnes, indem ſie neben ihren Vater kniete und ſeine Hand auf ihren dunkeln Kopf legte.„Das Beſte an einem Lieb⸗ haber iſt doch, daß er einen lieb hat, und wer könnte mich fehlerhaftes, unbeſonnenes, ungezogenes Ding ſo lieb haben, wie dieſer?“ „Du haſt Recht, wie immer,“ ſagte Emma gleich⸗ gültig, indem ſie ihren Hut abnahm.„Aber weißt Du ſchon die große Neuigkeit? Der Prinz Wilhelm Agnes. 97 von P. iſt hier und der Finanzminiſter giebt ihm zu Ehren morgen Abend eine große Soirée.“ „Wir wiſſen das,“ lachte Agnes,„ſiehſt Du hier das Kleid dazu?“ „Süperb, ſüperb!“ Agnes ſah wirklich in dem neuen Kleide am an⸗ dern Abend beſonders ſchön aus. Mit einer gehörigen Doſis väterlicher Eitelkeit, die überhaupt, neben allen andern vortrefflichen Eigenſchaften, ſich bei dem Ge⸗ heimenrathe nicht ableugnen ließ, führte er ſeine Tochter durch die hellen Zimmer, hatte überall ehr⸗ furchtsvolle Grüße zu erwiedern und gewahrte freudig die bewundernden Blicke, die Agnes überall hin folgten. Ganz ſpät, unmittelbar vor dem fremden Prinzen, kam Waldheim im blauen Frack, das weiße Johan⸗ niterkreuz am rothen Bande um ſeinen ſchlanken Hals. Agnes ſtand unter den Damen, die ſich zunächſt an der Thüre befanden. Sie nahm ſich vor, ihn heute kälter als gewöhnlich zu empfangen, weil ſie des üblen Ein⸗ drucks, den ihr letzter zu freudiger Empfang auf ihn gemacht, ſich noch wohl erinnerte. Aber was war das? Er ging an ihr vorüber, ſcheinbar ohne ſie zu bemerken, obgleich er ſie ſehen mußte, da ſie auf der Seite des Zimmers, wo ſich nur Damen befanden, voorn ſtand und zu den größten der anweſenden Frauen Gegen den Strom. I. 7 — 98 Agnes. gehörte. Er redete einen alten Herrn an, der ihr ge⸗ genüber ſtand, drüben wo die Männer ſich gruppirt und nur einen ſchmalen Weg für die ankommenden Gäſte offen gelaſſen hatten. Waldheim ſtand ſo eine Weile, ihr den Rücken zu⸗ kehrend, dann ging er weiter, indem er immer ſorg⸗ fältig vermied, ſeine Augen der Stelle zuzuwenden, wo ſich Agnes befand, aber mehrere andere Damen freundlich begrüßend. Er ſah heiter, wie immer, aus. Agnes fühlte eine plötzliche Kälte durch ihr Herz gehen— in dieſem Augenblicke wurde es ihr klar, daß ſie dieſen Mann lieb gehabt— trotz Allem, was ſie dagegen geſagt; vielleicht nur wie den beſten Freund, aber ein Mädchen wie Agnes würde auch dieſem ihr Leben geopfert haben. Jetzt war das vorüber— ſie hob ihr Haupt, ließ ihre großen Augen über die Ge⸗ ſellſchaft ſtreifen und dachte:„Ich gehöre nicht zu Euch— ich bin frei, ganz frei wieder!“ Es liegt im Stolze des Menſchen der größte Troſt für alle Kränkungen, die ihm widerfahren können, und Jemand, der ſich ſeinen Stolz bewahrt hat, kann nie ganz unglücklich ſein. In dem Augenblicke, wo Agnes einſah, daß Waldheim mit ihr kokettiren wolle, wie ſie mit ſo großer Entrüſtung es von ſo vielen Männern andern Frauen gegenüber geſehen— da war 4. Agnes. er ihrem Herzen ſo fremd, als habe ſie entdeckt, daß er heimlich an eine Andere vermählt ſei. Ihr gegenüber hatte noch nie ein Mann dies er⸗ bärmliche Spiel gewagt, weil nie einer durch eine Be⸗ günſtigung von ihrer Seite Sicherheit genug dazu erlangt hatte. Wenn man mit einem Herzen ſpielen und durch dies Spiel ſeine Macht vergrößern will, muß man erſt Fuß in dieſem Herzen gefaßt, muß man erſt eine Macht darüber erhalten haben. Die Dame des Hauſes forderte Agnes auf, Theil an einigen lebenden Bildern zu nehmen, die man ſtellen wollte, es waren nur Frauen dabei betheiligt— die Findung Moſis von Köhler, die vier Jahreszeiten und ſo weiter. Agnes ſagte gerne zu, war ſie doch froh, auf dieſe Weiſe beſchäftigt zu werden. Sie mußte noch eine Weile im Zimmer bleiben, wohl eine halbe Stunde, weil das Zimmer, wo die Damen ihre Toilette arrangiren ſollten, erſt einge— richtet werden mußte. Prinz Waldheim ließ ſich nicht mehr ſehen. Er blieb in dem Spielzimmer, wohin er ſich im Anfang an Agnes vorbei verfügt— er, der ſonſt immer ſie zuerſt begrüßte und, ſobald er die allernothwendigſten Pflichten der Höflichkeit abgethan, nie mehr von ihrer Seite wich. 1⁰⁰ Agnes. Als ſie nach der Damengarderobe ging, war Agnes ſchon wieder ſo ruhig und gefaßt, daß ſie mit einem Lächeln zu ſich ſelber ſagte:„Er macht es zu arg, zu auffallend, er hat nicht ordentlich gelernt, wie man kokettiren, wie man ein armes Frauenherz zum Aeußer⸗ ſten bringen muß durch Kälte und Wärme— zu ſcharf ſchneidet nicht.“ Sie war heiter und liebenswürdig mit den andern Mädchen. Als die Tableaur über⸗ ſtanden und der gehörige Beifall eingeerntet war, be⸗ gaben ſich die Actricen wieder in die Geſellſchaft. Agnes aber war ſo vorſichtig, gleich im erſten Zimmer einen alten Freund ihres Vaters anzureden und ihn zu bitten, ſie zum Spieltiſch des Geheimenraths zu eskortiren.„Dort,“ ſetzte ſie hinzu,„ geben Sie mir wohl einen Stuhl, denn ich bin von alle dieſem Trei⸗ ben und Ankleiden und Drapiren ſo müde und abge⸗ ſpannt, daß mir die geheiligte Stille eines Whiſttiſches ſehr wohlthun wird.“ Indem ſie am Arme des alten Herrn die Zimmer durchſchritt, begegnete ihr der Prinz. „Endlich, mein Fräulein„treffe ich Sie und kann Ihnen guten Abend ſagen,“ rief er eifrig. ‚Aber be⸗ wundert habe ich Sie doch von Weitem im Tableau.“ „Es war nicht gut!“ ſagte Agnes unbefangen. Agnes. 1⁰¹ „Niemand war vorbereitet; es iſt ſchade, daß nun alle Mühe vergebens war!“ Höflich grüßend ging ſie weiter. Als ſie im Spielzimmer bei ihrem Vater ſaß, er⸗ ſchien Waldheim mehrere Male an der Thüre, er ging aber immer mit einem unglücklichen Geſicht wieder weg, denn ſprechen konnte er nicht mit Agnes, weil in demſelben Zimmer alle die älteren Hoheiten ſpielten, von denen man wußte, daß ſie die unverbrüchlichſte Stille bei ihrer Parthie gewohnt waren— und Wald⸗ heim war ſelbſt zu ſehr Prinz, um ſolche fürſtliche Vorrechte nicht zu achten. Auf dem Heimwege erwartete der Geheimerath immer, daß ſeine Tochter ihm im Wagen etwas ſagen werde, denn lebhaft, wie ſie war, konnte ſie, wenn ſie Jemand eine Mittheilung machen wollte, nicht warten, bis Gelegenheit und Ort ſich boten. Diesmal ſagte ſie aber nichts. Ihr Vater hatte wohl bemerkt, daß 4 ſie ſich unter ſeinen Schutz zum Spieltiſche geflüchtet, wohl bemerkt, wie Waldheim ſo oft ungeduldig in die Thüre trat, aber auch, daß ſie gar nicht nach ihm ge⸗ ſehen, ſondern dem Spiel mit einem Eifer gefolgt war, als handle es ſich dabei um ihr Erbtheil. Er brach zuerſt das Stillſchweigen, als ſie ſich, zu 84 Agnes. Hauſe angekommen, bei einer Taſſe Thee gegenüber ſaßen. „Weißt Du es ſchon, mein Kind, daß morgen dem P..... ſchen Prinzen zu Ehren wieder Hofball iſt?“ „Jetzt noch, wo Frühlingslüfte wehen, ein Ball!“ „Du haſt gewiß keine Balltoilette mehr in Bereit⸗ ſchaft, weil Du Dich darüber entſetzeſt! Du brauchſt ja nicht hinzugehen.“ „‚Doch, Vater, ich werde hingehen. Und eine Toilette habe ich auch— ich ziehe aber ein ſchwarzes Kleid an, als Aushängeſchild, daß ich nicht tanzen will.“ „Und warum willſt Du nicht tanzen?“ „Laune, Väterchen! Die Männer ſprechen ja im⸗ mer von Weiberlaunen; ob es nun gegründet iſt oder nicht, aus einer falſchen Anklage will ich die Sache zu einem wahren Privilegium machen.“ Der Geheimerath durchſchaute es recht gut, wie die Scherze ſeiner Tochter erzwungen waren; da es aber zu ſeinen Grundſätzen gehörte, ihr Vertrauen nicht hervor zu locken, ſondern ſich von ſelbſt entfalten zu laſſen, ſo ſchwieg er. Am Tage des Balles war Agnes vom frühen Morgen an beſchäftigt. Sie wollte wieder in Oel malen, was ſie ſeit mehreren Jahren unterlaſſen. Sie kaufte Farben, Leinwand und Pinſel, ſie ſchnitt ſich — Agnes. 103 kunſtgerecht einen neuen Malerkittel zu, ſie fuhr in die Gallerie, um ſich dort ein gutes Bild zum Copiren auszuſuchen, kurz, ſie benahm ſich, als ſollte ſie von nun an durch Malen ihr Brod gewinnen. Da ſie aber dabei ruhig und unbefangen war, ließ ihr Vater ſie gewähren. Als ſie um halb ſechs Uhr noch immer mit ihren Paletten beſchäftigt war, ſagte der Geheimerath: „Vergiß über der Malerei nicht Deine Balltoilette.“ „O liebſter Vater, die iſt heute ſchnell gemacht, in einer halben Stunde, und ich habe noch anderthalb Stunden Zeit.“ Der Geheimerath holte, wie gewöhnlich, ſeine Schwägerin mit ſeinem Wagen ab. Als ſie neben Agnes Platz genommen, flüſterte dieſe ihr leiſe zu: „Thue mir den Gefallen und laſſe Dir heute recht die Cour machen, liebſte Emma, halte Dir immer einen großen Hof, Du brauchſt ja nur mit den Augen zu winken—“ 2 „Schöne Geſchichten!“ entgegnete Emma.„Ich ſoll mich compromittiren, damit irgend ein Ueberläſtiger nicht zu Dir dringen kann? Iſt's nicht ſo?“ Agnes drückte ihr die Hand. Emma that auch wirklich nach dem Wunſch ihrer Nichte. Obgleich ſie nie geradezu ſchön geweſen, ſo 104 Agnes. hatte ſie doch ein gewinnendes und ausgezei netes Aeußere, das, was man ariſtokratiſch nennt. Sie war ſchlank, groß und blaß; das ſchmale Geſicht zeigte regelmäßige Züge. Dazu hatte ſie den Ruf einer geiſt⸗ reichen, gebildeten Frau und war e Wittwe, Gründe genug in einer Reſidenz, um ihr immer einen Kreis von Verehrern zu ſichern. 8 Sie war heute beſonders heiter geſtimmt— kam es daher, daß ſie ſchon beim Hinaufgehen auf der Schloßtreppe bemerkt, wie Agnes heute ungewöhnlich ernſt und blaß war? Beim Eintritt fiel Agnes' erſter Blick auf Albert Waldheim, der in ſeiner Johanniteruniform förmlich ine noch junge vor Vergnügen zu ſtrahlen anfing, als er ſie ſah. Sie wandte den Blick nicht abſichtlich weg, im Gegentheil, ſie ließ ihn ruhig auf ihm haften und grüßte ihn leicht und höflich im Vorübergehen, gleich den andern Herren. 9 Er ſah ihr verwunder nach, ihr ſchwarzes Kleid ſchien ihm unangenehme Heuude zu erwecken. Alſo ſte wollte nicht tanzen? N Den erſten Augenblick, wo es ihm die Etiquette erlaubte, eilte er zu ihr. Sie ſtand gerade unter einem Lorbeerbaume, ihr ſtilles, ruhiges Geſicht an ſeinen Stamm gelehnt. In nächſter Nähe befand ſich Nie⸗ 4 Agnes. 10⁵ mand, Emma war in eine tiefe Unterhaltung mit dem Prinzen Ernſt verwickelt.. „Mein gnädiges Fräulein, warum in Schwarz und ſo ernſt?“ fragte er theilnehmend im alten herzlichen und ehrerbietigen Tone. „Ich bin in Trauer, Prinz.“ „In Trauer? Um wen?“ Sie ſchwieg und blickte nieder, indem ſie ein Blatt zerriß, dann hob ſie plötzlich ihr Geſicht, das noch bläſſer geworden war, und ſagte mit leiſer Stimme, indem ſie Waldheim feſt, aber ſanft und traurig anſah: „Mir iſt ein lieber Freund geſtorben.“ Er verſtand ſie auf der Stelle und ſagte beklom⸗ 1 men:„Um Gottes Willen, mein Fräulein, begraben Sie keinen Lebendigen!“ 4„Er iſt ſchon begraben und ſo tief verſenkt, daß Niemand und Nichts ihn wieder zur Oberfläche brin⸗ . gen kann.“ „Ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Ehre, er iſt nicht todt— o gnädiges Fräulein—⸗ Da trat Emma hinzu und Waldheim verſtummend zurück. Wie oft hatte er vor dieſer Zeugin der armen Agnes die feinſten Anſpielungen auf ſeine Neigung zu ihr geſagt— jetzt konnte er es nicht. Er war ſelbſt zu ſehr bewegt, ſein Antlitz glühte. 106 Agnes. Agnes legte ruhig ihren Arm in den ihrer Ver⸗ wandten und indem ſie den Prinzen leicht grüßte, ging ſie nach dem Tanzſaal. Er ſah ihr erſchüttert nach. Ein paar unbedeutende Kleinigkeiten, ſo unbedeu⸗ tend, daß ſie kein Dritter geſehen und bemerkt— ein weggewandter Blick und ein paar ruhige Worte hatten hier zwei gute, natürliche Menſchen, die ſich in unge⸗ ſchminkter Neigung zu begegnen anfingen, auf ewig getrennt. Doch das dachte Waldheim in dieſem Augen⸗ blick noch nicht. Er folgte ihr jetzt in den Tanzſaal, wo er ſie aber ſchon förmlich verſchanzt in einer Ecke ſitzen ſah, auf der einen Seite ihre Tante, auf der an⸗ dern ein altes Fräulein, mit dem ſie auch entfernt ver⸗ wandt war. Er tanzte auch nicht, er ſtellte ſich ihr gegenüber und machte übermäßig melancholiſche Ge⸗ ſichter, ſo daß es bald ein großer Theil der Geſell⸗ ſchaft gewahr wurde. Agnes allein ſchien es nicht zu bemerken. Sie ſprach wenig, zuweilen mit ihrer Tante, der ein Paar Herren neben ihr die Unterhal⸗ tung machten. Unglücklicherweiſe erſchien Agnes dem Prinzen in dieſer ernſten Trauer doppelt anziehend, denn ihre laute Luſtigkeit, ihre ungebundene Lebhaftig⸗ keit waren ihm früher oft ſtörend geweſen, weil ſte ihm bewieſen, daß ſie noch nicht aus Liebe zu ihm un⸗ glücklich ſei. Aber daß ſie zu natürlich und zu ſtolz Agnes. 107 war, um ſich, wie jedes andere Mädchen an ihrer Stelle, luſtig zu ſtellen, was er natürlich durchſchaut haben würde— daß ſie um ihn trauerte, offen, ehr⸗ lich, aber unerbittlich— das ließ ihn bald nicht mehr ruhen, und er trat vor ſie hin. „Ich bitte Sie nochmals, Fräulein, begraben Sie keinen Lebendigen!“ ſagte er und faltete flehend die Hände. Sie ſagte nichts, aber ſie machte eine bedeutungs⸗ volle Bewegung mit der Hand, die man nur auf eine Weiſe überſetzen konnte, nämlich: er iſt unwider⸗ bringlich verloren! Emma ſah ſie verwundert und fragend an, erhielt aber nur ein melancholiſches Lä⸗ cheln zur Antwort. Den ganzen Abend ſchloß ſie beharrlich den Prin⸗ zen aus ihrem Kreiſe aus, aber als ſie in den Wagen ſtieg, flüſterte ihr noch etwas ins Ohr:„Um Gottes Willen, begraben Sie keinen Lebendigen!“ —44 g—“ * 4 Meunles Sapilel. Als Vater und Tochter die Treppe ihres Hauſes erſtiegen, ſagte letztere, indem ſte leiſe den Arm ihres einzigen Freundes drückte:„Komme gleich mit in mein Zimmer, ich habe Dir eine lange Geſchichte zu er⸗ zählen.“ Auch den Thee ließ ſie auf ihr Zimmer brin⸗ gen und ſchickte die Domeſtiken zu Bett. Sie wartete geduldig, bis es ſtill im Hauſe war. Dann begann ſie mit leiſer Stimme ihrem Vater Alles zu erzählen, was ſie ſeit geſtern Abend erlebt. Sie ſchloß mit den Worten:„Ich ſagte Dir geſtern Abend nichts aus zwei Gründen: erſtens war ich zu ſehr— und laß es mich Dir geſtehen— zu ſchmerzlich er— griffen, um davon reden zu können— Du kennſt mich, bei ſehr tief mich berührenden Dingen kann ich gar nichts ſagen. Zweitens wünſchte ich auch nicht einmal . 8 Agnes. 109 mit Dir zu ſprechen, ehe ich Alles nach meiner Weiſe beendigt— ich fürchtete Deinen Einfluß gegen meinen Willen— und da ich mir bis jetzt, zum Aergerniß der Welt und auch Dir zum Aergerniß, liebſter Vater, ob⸗ gleich Du es mich in Deiner Güte nicht ſo empfinden ließeſt, wie ſie, in dieſer Angelegenheit getreu geblie⸗ ben, wollte ich es auch bis zum Ende ſein.“ 8„Ich würde Dein ganzes Handeln geſtern und heute vollkommen billigen, wenn—“ „Der Anlaß wichtiger wäre, willſt Du ſagen, lieb⸗ ſter Vater; iſt dem nicht ſo?“ „Ja, mein Kind. Mir ſcheint es übertrieben, den Mann, den man Freund genannt, deshalb vergeſſen und verleugnen zu wollen für immerdar, weil er uns nicht zu rechter Zeit begrüßt hat.“ Agnes ſagte lächelnd:„Ich wußte das im Voraus, denn kein Mann räumt ein, daß zuweilen Kleinig⸗ keiten Hauptſachen, zuweilen Hauptſachen Kleinig⸗ keiten ſind.“ „Weil wir gerechter ſind, als Ihr.“ „Nur ſchwerfälliger, liebſter Vater, nur ſchwerfäl⸗ liger. Ihr geht nicht von der einmal beſtimmten Norm, 62 vom einmal erfaßten Maaßſtabe ab. Es iſt uns Frauen aber außerordentlich ſelten vergönnt, den Character, 110 Agnes. die Abſichten, ja ſelbſt die Meinungen der Menſchen anders als an Kleinigkeiten zu erkennen.“ „Wie meinſt Du das, mein Kind?“ „Ein Egoiſt verräth ſich in Geſellſchaft dadurch, daß er bei Tafel es ſo einzurichten weiß, daß er die . beſten Biſſen bekommt. Ein Geizhals dadurch, daß er, wenn in der Geſellſchaft von einer Collecte die Rede iſt, eine leidenſchaftliche Liebe zu Albums bekommt un in irgend einem entfernten Zimmer darin uun während die Beiträge gezeichnet werden. Ein bösar— tiger Menſch, daß er ſich in die nächſte Nähe ſetzt, wenn voraus zu ſehen iſt, daß Jemand ſich blamiren wird, ſei es nun im Geſange oder beim Tanz oder ſonſt wie.“ „Das iſt, was den Character, aber nun was die Abſichten betrifft?“— „Die ſind auch immer numan Kleinigkeiten zu er⸗. kennen. Wenn mich Jemand ausforſchen oder mir ein Vertrauen machen will, ſo bemerke ich das am erſten, wenn er zu einer ungewöhnlichen Zeit kommt, wo er ſicher iſt, mich allein zu treffen. Oder—⸗ „Genug— wir kommen nun an das Letzte: die Meinung, die Jemand von uns hegt. Sage mir in Beziehung darauf Deine Kleinigkeitstheorie.“ „Wenn Jemand eine hohe Meinung von mir hat, ——— —⁄ Agnes. 111 ſo ſetzt er mich bei Tiſche neben ſeinen liebſten Gaſt— ein ſicheres Zeichen, daß er meine Geſellſchaft ſchätzt. Die Kehrſeite aber nun: wenn mich Jemand für dumm hält, lügt er mir eine unglaubliche Geſchichte vor.— Wer mich für eitel hält, ſpricht mit mir, ſobald er mir gefallen will, geringſchätzend von der Schönheit an⸗ derer Frauen, wenn er mich beleidigen will, über⸗ autrieben lobend— und nun das Letzte— Alles in .— wenn mich Jemand für dumm, eitel und— verliebt hält, fängt er an mit mir zu Setirent 4 „Aber er hat doch nur angefangen— „Und ich habe nur aufgehört! Kann ich weniger thun? O über dieſe unausſtehliche, erbärmliche Män⸗ nerkoketterie! Von der ſpricht Niemand, ſchreibt Nie⸗ 1 mand, während man immer und immer wieder die Koketterie der Frauen hervorhebt! Und das, was die Männer gewöhnlich unter Frauenkoketterie verſtehen, wie harmlos, unſchädlich und unverhüllt iſt das im Vergleich mit dem, was ſich die Männer erlauben. Frauen kokettiren in der Regel nur, ehe ſie ſelbſt lieben und— geliebt werden. Und was thun ſie dann? Sie putzen ſich ein wenig, ſie lächeln ein wenig, ſingen ein wenig bei offenem Fenſter, damit der Vorübergehende ihre ſchöne Stimme hören kann— 112 Agnes. kurz, ſie ſuchen anzuziehen durch Kunſt und Mühe. Gelingt es ihglon, ſo ſind ſie gleich ehrlich und offen, gelingt es ihnen nicht— ſo iſt Niemand ein Leid widerfahren. Die Männer hingegen— omein Vater!“ „Genire Dich nicht, mein Kind!“ „Ich bin ein und zwanzig Jahre alt und ſeit mei⸗ nem ſechzehnten lebe ich in der großen Welt. Mein größtes Intereſſe iſt es von jeher geweſen, die M ſchen zu beobachten. Bei all meiner Lebhaftigkeit 2 es doch häufig Stunden, wo ich keine Silbe rede und nur ſehe und höre.“. „Ich habe Dich öfter ſo ſtill lauſchend ſitzen ſehen.“ „Da habe ich denn meine Erfahrungen über die Koketterie der Männer geſammelt; aber nicht an mir wurde ſie erprobt, Gott ſei Dank. Die Koketterie der Männer fängt erſt an, wenn ſie ſchon ſo ein armes unſchuldiges Mädchenherz halb gewonnen haben. Bis dahin ſind ſie willenloſe, auf den Knieen liegende Sclaven, denen kein Wetter zu ſchlecht, keine Stunde zu ſpät, keine Mühe zu groß iſt, um eine Gelegenheit zu benutzen, den Beweis ihrer ewigen, unvergäng⸗ lichen, unerſchütterlichen Liebe an den Tag zu legen. Haben aber dieſe vielen„Beweiſe“ endlich gewirkt, dann geht das unwürdige Spiel an. Sie gehen vor⸗ über und ſehen das Mädchen nicht an, ſie verſprechen Agnes. 113 zu kommen und bleiben aus, oder ſie kommen und ſind wortkarg, ironiſch oder zürnend. Nun wird es der armen Unſchuld bange. Was habe ich ihm gethan? womit ihn beleidigt? Oder hat mich Jemand bei ihm verläumdet? Sie geräth außer ſich, im Heldenmuth ihrer knospenden Liebe ſetzt ſie den Anſtand bei Seite und fragt ihn zitternd, warum er ſo verändert ſei. Er eiß vortrefflich ſeinen Vortheil zu benutzen, will an⸗ r. nichts ſagen, zweifelt an ihrer Liebe, bis ſie, auf's Aeußerſte getrieben, um ſeine ſcheinbare Ver⸗ zweiflung zu lindern, ihm verſichert, daß ſie ihn mehr liebe als ihr Leben. Nun hängt es von dem gnädigen Herrn ab, ihr ſeine Liebe fortdauernd zu ſchenken, treu zu bleiben, ſie zu heirathen, wenn es geht, oder auch nicht— ihr Geſtändniß hat ſie in ſeine Hände gegeben und er hat ſich zu ihrem Herrn aufgeworfen, ehe ſie noch weiß, ob er es in den Augen der Welt je werden wird.— Dies Mädchen iſt und bleibt gut und ehrbar, aber ſie hat die ungeheure Dummheit gehabt — mit ſich Komödie ſpielen zu laſſen!“ „Agnes! Ich kenne Dich nicht!“ „Du mußt mir Recht geben, Vater— in Einem ſtehen die Frauen himmelhoch über den Männern. Die Frau, ich meine die beſſere, ebenſo wie ich auch bloß die beſſeren Männer, wenn auch nur die Männer der Gegen den Strom. I. 8 114 Agnes. großen Welt, denn das ſind die einzigen, die ich kenne, meine, die Frau iſt und bleibt dankbar für Liebe, ſelbſt wenn ſie ſie nicht erwiedern kann. Der Mann hin⸗ gegen nicht, oder wenigſtens iſt dies Gefühl des Dankes bei ihm nur vorübergehend. Die Frau, die einen Mann liebt, wird, wenn er ſie wieder liebt, ihm ihr edleres Selbſt zeigen. Der Mann, der liebt, wird von dem Augenblicke an, wo er ſich wieder kenagg weiß, in jeder Liebenswürdigkeit nachlaſſen.“ „Woher haſt Du alle dieſe Erfahrungen?“ „Bedenke, daß ſeit meinem Eintritt in die Welt ſich wohl zwölf meiner Freundinnen und Geſpielinnen 1 heirathet— wohl eben ſo viele— nicht verheirathet haben, und an beiden habe ich die beſten und traurig⸗ ſten Studien über die Männer gemacht,— drum kann ich keinen lieben!“ Ihr Vater ſagte nichts, aber er dachte, ſie ſei doch eben ſehr nahe daran geweſen. Er ſchrieb dieſer Ge⸗ fahr auch ihre bitteren Bemerkungen über die Männer⸗ welt zu, that aber unrecht daran, weil Agnes, was ſie eben geäußert, ſchon lange gedacht und geurtheilt hatte — daß ſie dies Urtheil eben ausgeſprochen, daran war freilich ihre Aufregung ſchuld. Solch falſche Beurthei⸗ lung wird aber beinahe jedem Gekränkten zu Theil, wenn er ſich eifrig ausſpricht; dann ſagen immer die Agnes. 115 Andern:„Das ſagen Sie jetzt, weil Sie gereizt ſind.“ Man ſagt es deshalb, ja— aber gedacht hatte man es nichts deſto weniger doch längſt. Agnes begann jetzt ein neues Leben, das einer un⸗ nachlaſſenden Thätigkeit. Sie malte, ſie ſpielte Klavier, ſie überſetzte aus den ihr bekannten Sprachen, kurz ſie beſchäftigte ſich, als wolle ſie nächſtens ihr Brod als Gouvernante verdienen. Nach acht Tagen hatte ſie es aber auch wirklich dahin gebracht, daß ihre Gedanken, denen ſie ſo gar nicht nachgegeben, ihr nachzugeben anfingen und ruhig bei ihren Arbeiten verweilten. Sie ſah Waldheim gar nicht in dieſer Zeit, denn ſie verließ das Haus nur, um mit ihrem Vater einen kurzen Spaziergang zu machen. Emma hatte einen Beſuch auf längere Zeit und war deshalb auch wenig ſichtbar. Vierzehn Tage nach dem Hofball fühlte ſich Agnes ſchon wieder ſo ſicher und ruhig, daß ſie ihren Vater bitten wollte, eine Einladung anzunehmen, die für den fol⸗ genden Tag einlief. Als ſie in ſein Zimmer kam, fand ſie ihn in ungewöhnlicher Aufregung auf⸗ und abgehend. Er fragte nicht, was ſie wünſche, ſie theilte ihm unaufgefordert ihr Anliegen mit. „Ausgehn— in Geſellſchaft— unmöglich, un⸗ möglich!“ rief er abgebrochen.„Laß uns entſchuldigen und dann komme wieder.“ 8* Agnes. Agnes wurde heftig beunruhigt; ſo erinnerte ſie ſich nicht, ihren Vater je geſehn zu haben. Als ſie zurückkam und neben ihm ſaß und ihm in die Augen ſah, erſchrak ſie über den Ausdruck ſeiner Züge. „Liebſter, beſter Vater! was iſt Dir?“ „Mir iſt weiter nichts, mein Kind, als daß man mich mißbraucht hat! Und welch größeren Schmerz, welche größere Demüthigung kann es für einen Mann geben, als mißbraucht worden zu ſein! Im beſten Glauben habe ich mich dem ganzen Lande gegenüber zum Gegenſtande des Spottes, laß mich nicht ſagen der Verachtung, machen laſſen!“ „Du ängſtigſt mich grenzenlos. Was iſt es denn?“ „Du weißt, daß das Finanzminiſterium mir für die zweite Kammer den Bericht über den Staatshaus⸗ halt der letzten Finanzperiode übertragen hat. Vor acht Tagen nun habe ich mich dieſer Pflicht— wie es ſchien, zu allgemeiner Zufriedenheit— entledigt. Unter den Rechnungspoſten war einer von fünfzig tauſend Gulden als: beſondere Ausgaben für das Landesgeut in H. angeſetzt. Heute nun, kaum habe ich den Sitzungsſaal der Kammer betreten, ſo ſteigt der Abgeordnete Schmidt aus L. auf die Tribüne und beweiſt haarklein, daß von Agnes. 117 jener Summe von fünfzig tauſend Gulden nicht ein Pfennig nach H. gewandert, ſondern Alles vom Ober⸗ ſtallmeiſter von Werdegg für den Ankauf unnützer Wett⸗ rennpferde in England, die in den hieſigen fürſtlichen Marſtall gekommen ſind, verausgabt worden ſei. Die Sache wurde durch den Stallmeiſter von Metten, welcher der oberſte Beamte des Landesgeſtütes iſt, verrathen. Metten wollte die im vorigen Jahre erledigte Stallmeiſterſtelle am Hofe haben, wurde aber, weil er von neuem Adel iſt, abgewieſen und Graf Horn dazu ernannt. In ſeinem Zorn über dieſe unverdiente Zurückweiſung(denn er verſteht ſein Fach von Grund aus, während Graf Horn nur zwei Jahre Cavallerie⸗ offizier geweſen iſt und nicht einmal ordentlich reiten kann), erklärte Metten an öffentlichen Orten, nachdem er den Finanzbericht in der Zeitung geleſen, daß jene fünfzig tauſend Gulden ganz dem Oberſtallmeiſter übergeben worden, um auf der Inſel Alſen beim Herzog von Auguſtenburg und in England Rennpferde zu kaufen, während die nothwendigſten Ausgaben ihm nicht gedeckt worden ſeien.“ „Aber der Finanzminiſter hat das melleicht nicht gewußt?“ „Freilich, Metten iſt damals, als er von dem beab⸗ ſichtigten Ankauf für den hieſigen Marſtall hörte, bei . 118 Agnes. ihm geweſen und hat ihn gebeten, die Summe zu thei⸗ len und ihm wenigſtens fünf und zwanzig tauſend Gulden zur Dispoſition zu ſtellen, indem für das ihm anvertraute Landesgeſtüt dringende Ausgaben noth⸗ wendig ſeien, aber er hat zur Antwort erhalten:„Sie können noch warten!“ Dann hat man noch den alten Mann unbeſonnener Weiſe beleidigt und Allem die Krone aufgeſetzt, indem man die Kammer belog und jene Lüge gedruckt ins ganze Land ſchickte— und ich— ich mußte mich für den Hof blamiren!“ Er ſtand auf und die Hand am Kinne ging er heftig auf und nieder. „Willſt Du nicht zum Finanzminiſter gehen, viel⸗ leicht—“ „Ich habe ihn ſchon geſprochen. Ich traf ihn in ſeinem Thorwege, als er gerade zum Fürſten fahren wollte. Weißt Du, was er auf meine dringenden Fragen, auf meine heftigen Beſchwerden geantwortet hat?. Lieber Stein, ſagte er ganz gemüthlich lächelnd, ich habe den Schmidt mit ſeiner Interpellation an Sie, 1s Berichterſtatter, gewieſen. Wer hätte gedacht, daß der Metten ſo giftig wäre!— Nun iſt nichts mehr zu ändern, und ich bitte Sie nur, nach Hauſe zu gehen und zu überlegen, wie man die Schreier XN Agnes. am beſten auf den Mund ſchlägt. Vielleicht, indem man den Metten Lügen ſtraft und penſionirt? Fort muß er auf jeden Fall! Nun, bedenken Sie es ſelbſt und ſagen Sie mir morgen vor der Sitzung, was Sie ausgeheckt; für einen Mann von Geiſt iſt es ja eine Kleinigkeit, eine Hinterthüre zu brechen! Und mit dieſen Worten ſtieg er in ſeine Caroſſe und fuhr davon. Ich kann Dich verſichern, Agnes, ich habe mich geſchämt, über die Straße zu gehen; ich dachte, jedes Kind müßte mich auslachen und jeder Mann— verachten.“. „Vater, mein Vater, mein theurer Vater, ſage ſo etwas nicht! Ich kann das nicht hören!“ Agnes brach in Thränen aus. Bei dieſem Anblicke ſeinen eignen Schmerz ver⸗ geſſend, nahm der Geheimerath ſie in den Arm und küßte ihre Stirne. „Sei ruhig, mein Kind! Morgen, wenn die Sonne ſinkt, iſt Deines Vaters Ehre wieder ſo rein vor dem ganzen Lande wie die Sonne ſelbſt.“ „Was willſt Du thun?“ „Mich zum ehrlichen Manne und um Bettler machen.“. „Vater!“ „Fürchte für Dich nicht.— Mein eigenes Vermö⸗ 120 Agnes. gen habe ich freilich zugeſetzt, aber Dir bleiben Deine zwanzig tauſend Gulden Heirathsgut. Zehntauſend brachte mir Deine Mutter— ich habe nichts davon angerührt, nicht Zinſen, nicht Capital— und ſo haben ſie ſich natürlich verdoppelt; und ſind zwanzigtauſend Gulden nicht ein hübſches Vermögen für die Tochter eines Bettlers?“ Lieber Vater, rede nicht in dieſem bittern, herzzer⸗ reißenden Tone; ſprich in Deiner gewohnten, ſanften, ruhigen Weiſe, oder Du machſt mich verzweifeln.“ „Nein, mein Kind, meine Agnes, mein Alles, das mußt Du nicht. Habe ich nicht Dich? Haſt Du nicht mich? Sind wir nicht Beide geſund und Beide ehr⸗ lich, was auch die Welt von uns ſagen mag?!“ „Alſo auch mich verläumdet die Welt! Was iſt's, was ſie ſagt? Verhehle mir nichts, ich kann jede Wahr⸗ heit ertragen, wenn ſie aus Deinem Munde konmmt.“ „O nichts! Ich hätte Dir nichts verrathen ſollen, aber die Aufregung! Da bleibe einer Herr ſeiner ſelbſt! Es iſt ein elendes Geſch wätz, von einem guten Freund mir hinterbracht. Ich ſoll zum Prinzen Wald⸗ heim geg ſein und ihn zu einer„Erklärung“ in Beziehung auf Dich aufgefordert haben; ich habe aber bei dieſem Beſuche in jeder Taſche ein Piſtol gehabt! Der Prinz ſoll nach langen Ausflüchten ſich anha 8 4. Agnes. 121 haben, eine ſchriftliche Verſicherung zu geben, daß er nach dem Tode ſeines Vaters, früher auf keinen Fall, Dich an die linke Hand ſich antrauen laſſen wolle! Wie findeſt Du das?“ 4 „Was laſſen mich die Leute dann thun?“ „Beleidigt werden.“ „Wirklich! Das hatte ich ihnen nicht zugetraut; für dieſe ehrenvolle Meinung muß ich mich eigentlich beim Publikum bedanken.“ „Warte nur noch. Sie laſſen Dich beleidigt ſein, aber nur zum Schein— zum Schein, um den Prinzen zu zwingen, das Eheverſprechen auf die rechte Hand zu ſtellen— gelingt das nicht, eh bien, bis der alte Fürſt Waldheim ſtirbt, wird auch Fräulein von Stein beſcheidener.“ „O wie ſind die Männer ſo glücklich!“ rief Agnes in einem Ausbruch gekränkten Ehrgefühls.„Sie kön⸗ nen ihre verläumdete Ehre, ihren angetaſteten Ruf rein waſchen, mündlich, ſchriftlich, im Druck, ja wenn es ſein muß, mit Blut! Und wir, was können wir thun? Reden wir nur mit Freunden von ſolch einer Stadt⸗ erfindung, ſo ſagen Alle:„Stille, ſtille, qui s'excuse s'accuse!“ und wo wir hintreten, ſehen wir höhniſche Blicke, hören boshafte Anſpielungen und dürfen nicht einmal blaß und roth werden, ſonſt heißt es:„Sehn 122 Agnes. Sie, wie ihr das Gewiſſen ſchlägt! Sie wird blaß, ſie wird roth— die Sache muß doch arg ſein. Wenn ich die Mutter einer Tochter wäre, ich würde ſie, ſobald ſie erwachſen, in einen Thurm ſperren, oder in einen Urwald verbannen— die Geſellſchaft wilder und gif⸗ tiger Thiere iſt für ein junges Mädchen weniger un⸗ heilbringend als die ſolcher giftiger Menſchen.“ Durch die Heftigkeit ſeiner Tochter war der Ge⸗ heimerath, wie das immer der Fall zu ſein pflegte, ruhig geworden. Er ſagte ſchmerzlich lächelnd, indem er ſie neben ſich niederzog: „Und haſt Du nie darüber nachgedacht, liebe Agnes, woher es kommt, daß ſolche lügenhafte Stadtgeſchich⸗ ten das Licht der Welt erblicken?“ „Nein,“ ſagte ſie ungeduldig. „Daran iſt nichts Anderes ſchuld, als daß die Menſchen ſo überaus klug ſind.“ 8 „Wie ſo?“ fragte Agnes trotz aller Aufregung ge⸗ ſpannt. „Ja, daß ſie ſo überaus klug ſind. Alles müſſen ſte begreifen, Alles verſtehen, Alles erklären, und zwar natürlich immer auf die intereſſanteſte Art. Sie haben geſehen, daß Waldheim in Dich verliebt war, Dir den Hof gemacht hat, auch von Dir freundlich be⸗ handelt wurde. Agnes. 123 Da haben ſie in ihrer Superklugheit gedacht:„Das ſtolze gnädige Fräulein will eine Durchlaucht werden!“ „Darauf haben ſie geſehen, daß Du bei der Schlit⸗ tenparthie ihn aus Stolz in ſein Unglück rennen ließeſt, da haben ſie wieder den Finger an die Naſe gelegt und geſagt:„Er hat ihr noch keinen Heirathsantrag ge⸗ macht und deshalb iſt ſie vorſichtig.“ Darauf haſt Du ihn bei ſeiner Rückkehr freundlich empfangen, weil Du Deinen Stolz bereuteſt, nachdem er ſo üble Folgen ge⸗ habt; ſie aber haben erklärt: Sie iſt ihm freundlich, weil ſie gefürchtet hat, er möchte ihr entwiſchen, wenn ſie die Saiten zu hoch ſpannte— und nun haſt Du mit einem Male die guten Leute, die in Deinem Herzen ſo vortrefflich Beſcheid wußten, durch Dein plötzliches Zurückziehen von Waldheim, ja durch Dein offenbares Brechen mit ihm ganz confus gemacht, indem Du nir⸗ gends mehr in Geſellſchaft erſchienſt, wo er war, und doch alle Tage mit Deinem Vater ſpazieren gingſt. „Wie ſollten ſie ſich das erklären? So kluge Leute konnten doch nicht eingeſtehen, daß ſie etwas nicht be⸗ griffen? Da ſie aber mit den gewöhnlichen Ausle⸗ gungen nicht ausreichten, mußten ſie eine ungewöhn⸗ liche Geſchichte erfinden, und weil man weiß, wie lieb ich Dich habe, mußte ich in der Comodie mitſpielen, das iſt Alles. Siehſt Du, liebe Agnes, wenn man 124 Agnes. eine Zeit lang in der Welt gelebt hat, kann man bei Allem, was ſich ereignet, genau vorausſagen, in wel⸗ cher Weiſe verkleidet es als„Thatſache“ in der chro- nique scandaleuse figuriren wird, wenn die Sache auch an ſich durchaus nicht ſkandalös iſt— alles Außer⸗ gewöhnliche ſtempelt die Welt dazu— das iſt ihre Rache dafür, daß ſie nur die„gewöhnliche Welt“ iſt.“ Der Geheimerath hatte vollkommen erreicht, was er durch ſeine Erklärung bezweckte. Agnes war dabei ruhig geworden und hatte wieder den Standpunkt ein⸗ genommen, zu dem ihre reine Natur ſie berechtigte. Sie ging an ihr Clavier und ihr Vater an ſeinen Schreibtiſch, um die Rede auszuarbeiten, die er morgen vor der Kammer halten wollte. 2 Sehnles Sapilel. Mit welchem Herzklopfen erwartete anderen Tages das Kind ſeinen Vater! Sie öffnete wohl zehnmal das Fenſter und ſah die Straße hinunter, denn die Sitzung währte länger als gewöhnlich. Endlich, end⸗ lich kam Herr von Stein. Agnes flog die Treppe hinab und öffnete ihm ſelbſt die Hausthüre. Sein Geſicht ſtrahlte, ſeine Wangen waren geröthet. Er trug das Haupt noch höher als gewöhnlich. „Nun, Vater?“ „Komm mit in mein Zimmer und ich erzähle Dir Alles.“ Sie nahm ihm den Hut aus der Hand, die Hand⸗ ſchuhe, weil ſie glaubte, dann früher etwas zu er⸗ fahren. Jede Fiber in ihr war Erwartung. Endlich begann er: 126 Agnes. eals ich den Sitzungsſaal betrat, empfingen mich 9 höhniſche Blicke und boshaftes Lächeln von Seiten der Oppoſttion, und ſelbſt die Mitglieder der Rechten wagten nicht, mich ſo freundlich zu bewillkommnen, wie ich es von ihnen gewohnt bin. Ich hat um das Wort, ich beſtieg die Tribüne. Aber die Kehle war mir Meinung der Anweſenden über mich durchdrungen, daß ſie mich förmlich niederdrückte, als ſei ich wirklich ſchul⸗ dig. Aber die Nothwendigkeit, meine Gedanken zu ordnen, um meine Rechtfertigung zuſammenhängend, wie ich ſie mir gedacht, vorzutragen, brachte mich von dieſer ſchmerzlichen Ueberzeugung ab. Ich erklärte der 4 Verſammlung, daß ich mich getäuſcht, weil man mir 3 unrichtige Rechnungen zum Vortrage übergeben, und daß ich, da ich bekanntlich erſt ſechs Wochen vor Eröff⸗ nung der Kammer in das Finanzminiſterium getreten, natürlich in blindem Glauben alle mir übergebenen Detailrechnungen habe annehmen müſſen. Der Ab⸗ geordnete Schmidt ſei völlig wahr berichtet. Warum man jenem Poſten von fünzig tauſend Gulden im Fi⸗ nanzminiſterium einen falſchen Namen gegeben, ver⸗ möge ich nicht zu erklären, noch zu rechtfertigen, was man auch um ſo weniger von mir verlangen werde, da 8 ich von heute an mich ſchon nicht mehr als ein Mitglied 8 * wie zugeſchnürt. Ich war ſo lebhaft von der ſchlechten Agnes. 127 der Regierung betrachte, indem ich heute Morgen meine Bitte um Entlaſſung aus dem Staatsdienſte an S. E. den dirigirenden Miniſter geſandt. Du kannſt Dir nicht vorſtellen, welchen Lärm es jetzt gab; ich habe Aehnliches in unſerer„ſtillen Kam⸗ mer“ noch nicht erlebt. Wüthende Demagogen, die mich bisher mit Blicken beinahe vergiftet hatten, drängten ſich zu mir, um mir ‚„ihre Ehrfurcht“ zu be⸗ zeugen. Aber auch mehrere meiner Collegen freuten ſich offenbar meiner Erklärung. Die Wahrheit, mein Kind, hat, was man auch ſagen mag, doch noch viele Freunde auf Erden! Das ſah ich heute zu meiner großen Freude.“ Es wurden Beſuche gemeldet. Die halbe Kammer brachte dem Geheimenrath ihre Huldigung, aber nur die halbe, und zwar gerade diejenige Hälfte, welcher er bisher fern geſtanden. Dieſe energiſchen Geſichter hatte Agnes bisher nie im Hauſe ihres Vaters geſehn.⸗ Einer davon intereſſirte ſie beſonders. Sein Kopf hatte Aehnlichkeit mit dem des alten Socrates. Es war ein noch junger Mann mit röthlichem Bart. Das ſah ſie aus dem Nebenzimmer, deſſen Thüre ſie ange⸗ lehnt gelaſſen. Der Socrates ſprach auch am meiſten von Allen. Obgleich nicht Alles, was er ſagte, lautre Weisheit 128 Agnes. war, ſo frappirte ſie doch eine ſeiner Aeußerungen be⸗ ſonders. „Wiſſen Sie, Herr Geheimerath,“ ſagte er eifrig, „was mich zur Oppoſition geführt hat? Nicht die Tyrannei der Regierungen, nicht die unzeitgemäßen Ideen, die Mißbräuche, wie die Cenſur, die Bevor⸗ zugung des Adels u. dergl.— nein, das verzeihe ich Alles und würde Manches ſelbſt nicht beſſer machen, hätte ich das Schwert in der Hand. Aber Eins würde ich nicht thun— nämlich lügen, und immer und immer wieder lügen. Durch dies Lügenſyſtem untergraben unſere conſtitutionellen und unconſtitutionellen Fürſten allein das Anſehn der Throne. Einen Tyrannen fürchtet man, aber einen Lügner verachtet man! Und dann das Mißtrauen— das Mißtrauen. Dieſe Fürſten, die ewig verſprechen und nie halten! Wer glaubt ihnen noch ein Wort? Sagten ſie ſtatt:„Ich werde jenen Vorſchlag oder jene Bitte in gnädige Erwägung ziehen und ihr möglichſte Berückſichtigung angedeihen laſſen: Gehen Sie nach Hauſe, ich kann Ihre Anſicht nicht theilen, hier haben Sie Ihr Memoire zurück!“— ſo würde man ſie zwar nicht lieben, aber als ehrliche Männer doch reſpektiren. Ich ſetze einen Preis aus für denjenigen, dem bei Ueberreichung eines Geſuches oder eines Vorſchlages nicht die beſte Hoffnung gegeben Agnes. 129 wurde und dem nicht nachher Alles abgeſchlagen wor⸗ den! Nie in meinem Leben habe ich einen Menſchen geſehen, dem von der Regierung Wort gehalten oder etwas bewilligt worden!“ Alle lachten. Der Geheimerath ſagte:„Vielleicht rührt das meiſt von dem ewigen Conflikt zwiſchen Fürſt und Regierung her, vielleicht wollte der Fürſt gewäh⸗ ren, aber die Miniſter weigerten ſich.“ „Das kann ich nicht beantworten, ſo gern ich auch wollte, denn wer könnte noch dieſe beiden von einander unterſcheiden; ſie ſind in einander verſchlungen wie ein gordiſcher Kuoten, und alle Mal, wenn man den einen anzufaſſen meint, hat man den andern erwiſcht.„Seine Hoheit vermögen nicht, weil die Miniſter anderer Meinung ſind!“ und die Miniſter hinwieder bedauern unendlich, daß Seine Hoheit in dieſer Angelegenheit nicht„von einer leider vorgefaßten Meinung abzu⸗ bringen ſind!“ „In Ihren Augen,“ fragte Herr von Stein,„ſind alſo die Conſtitutionen vergeblich verliehen?“ „Die Conſtitutionen,“ ſagte der Socrates lächelnd, indem er den Finger an ſeine aufgeſtülpte Naſe legte, „ſind nur eine Erfindung des Teufels, damit die Re⸗ gierungen, die alle bisher„ſchlecht und recht“ geweſen, nun„ſchlecht und falſch“ werden. Der Lügenvater hat Gegen den Strom. I. 9 8 130 Agnes. offenbar dies Syſtem erfunden, um eine großartige Propaganda ſeiner Wahrheitsliebe auf Erden zu etabliren.“ „So ſind Sie alſo der Meinung des Kaiſers von Rußland: La monarchie absolue ou la republique?“ „Bewahre Gott! Ich bin nicht dieſer Meinung, wäre es auch die richtige, denn ich müßte ſte mit dem Kaiſer von Rußland theilen, und das kann kein deut⸗ ſches Landeskind. Nein, ich will eine Conſtitution, aber eine andere, als wir haben.— Wir müſſen ehrlich und offen regiert werden und uns ehrlich und offen regieren laſſen, dann iſt Alles gut— und kann gehen, wie es will— denn ſelbſt ein Unrecht, wenn es offen⸗ bar iſt, iſt kein Unrecht mehr.“ „Welche Logik!“ ſagte der Geheimerath lächelnd, aber offenbar von der Weiſe des jungen Mannes an⸗ gezogen. Schon nach zwei Tagen erhielt der Geheimerath ſeinen Abſchied und ein Penſionsdecret über zwölf hun⸗ dert Gulden jährlich zugetheilt. Dabei lag ein Schrei⸗ ben des Oberhofmarſchallamtes, welches ihn auffor⸗ derte, ſeinen ihm vom Fürſten gnädigſt verliehenen Kammerherrnſchlüſſel zurückzuſenden. Lächelnd nahm er die Papiere zuſammen und ging damit zu ſeiner Tochter.* Agnes. 131 „Shakespeare ſagt, daß der Tod ein ſchneller Scherge ſei, Ungnade iſt aber eben ſo ſchnell, merke ich! So lange ich dem Lande diene, iſt noch kein Geſuch ſo raſch erpedirt worden.“ Agnes nahm die Schriften zur Hand.„Man for⸗ dert Dir Deinen Kammerherrnſchlüſſel ab? Iſt das möglich, beſter Vater? Kann der Hof es wagen, ſich ſo zu blamiren?“ „Du ſiehſt es. Eine üble Folge hat es aber doch. Ich kann nun auch die Penſton nicht annehmen, die ich außerdem für zwanzigjährige Dienſte verdient zu haben glaube. Du wirſt das einſehen, mein Kind, von einem Fürſten, der mir ſeinen Kammerherrnſchlüſſel abverlangt, kann ich keine Penſion annehmen.“ „Gewiß nicht, gewiß nicht, das wäre unmöglich!“ „Eigentlich zahlt mir zwar die Regierung dieſe Penſton, aber Du haſt vorgeſtern vom jungen Lilien gehört, daß man die beiden nicht von einander unter⸗ ſcheiden und trennen kann.“ Lilien heißt der Mann mit dem Socrateskopf?“ „Ein unpaſſender Name, nicht wahr?— er müßte Diſtel oder Gallapfel heißen. Kein unwahreres Sprich⸗ wort als: nomen est omen.“ Wir führen dies Geſpräch nur an, um zu beweiſen, wie geringen Eindruck der Verluſt ſeiner Stellung, 9* —— ☛ 5 3— — X * Agnes. ſeines Gehaltes und ſeines Ranges auf Herrn von Stein gemacht. Seine edle, unabhängige Natur wurde gar nicht davon berührt. Agnes entwarf ſchon am Abend mit ihrem Vater Pläne für die Zukunft. Sie wollten ſo ſchnell als möglich ihren Lurus an Meublen und dergleichen ver⸗ kaufen und von Agnes' Vermögen ein Gut in Ungarn erſtehen, wo ihr Vater in ſeiner Jugend geweſen und das in der Erinnerung ihn immer noch anzog. Agnes freute ſich wie ein Kind auf das fremde Land; der Ge— heimerath behauptete, etwas von der Landwirthſchaft zu verſtehen, was er im wenig cultivirten Ungarn doppelt brauchen konnte. Er hatte nämlich ſeine Ju⸗ gend auf einem Gute ſeines Vaters, welches ſpäter durch die Kriege der Familie verloren ging, zugebracht. Als Beide eben heiter im beſten Plänemachen wa⸗ ren, öffnete ſich die Thüre und Emma trat herein. Sie flog auf ihren Schwager zu und umarmte ihn. „Beſter, theuerſter Carl! Welche Dinge ſind geſchehen! Und ich wußte von nichts bis heute! Warum hat Agnes mich nicht aufgeſucht, oder durch ein paar Zeilen mich benachrichtigt von Dem, was vorgeht? Bin ich ihr nicht das nächſte weibliche Weſen auf Erden?“ „Ich wußte nicht, wie Deine politiſche Anſicht von * — —— ——’-—; Agnes. 133 der Sache ſein würde— ob Du uns in Zukunft nicht ignoriren würdeſt?“ ſagte Agnes lachend. „Ja, ſo ſeid Ihr!“ rief Emma ärgerlich.„Erſt ver⸗ geßt Ihr unſereins und hinterher macht Ihr ſchlechte Späße darüber. Und ich verdiene es nicht! Wie liebe ich Euch und wie habe ich mich über meinen edlen Schwager gefreut! Wie ſtolz bin ich auf ſeinen Stolz!“ „Unſere beiderſeitigen Stolze werden aber ſehr ge⸗ beugt werden, wenn ich nach mehreren Monaten Sie wiederſehe und Sie mich nicht mehr kennen wollen— dieſe Reaction wird auch bei Ihnen eintreten!“ ſagte Stein lächelnd. „Nie, nie, liebſter Schwager! Dann kennen Sie nicht das alte Sprichwort: Les femmes sont toujours de l'opposition! Alſo ſchon deshalb bleibe ich auf Ihrer Seite! Und alle Frauen! Trotz Ihrer fünf und vierzig Jahre und Ihrer erwachſenen Tochter iſt eben in unſerm ganzen Kreiſe kein einziges freies weibliches Weſen, das Sie nicht mit Vergnügen heirathen würde — denn Sie ſind Phomme du jour ſeit Ihrer Rede in der Kammer.“ „Auch wenn dieſe freien weiblichen Weſen erfahren, daß ich auf eine Penſion von zwölf hundert Gulden reduzirt bin und ſelbſt dieſe ausgeſchlagen habe, und in dieſem Augenblick nichts beſitze, als den Erlös 134 Agnes. meiner verkauften ſieben Orden und das— was meine Tochter mir giebt?“ „Iſt es aber nicht zu ſtolz, daß Sie die Penſion ausſchlagen, da Sie nach Ihrer eigenen Erklärung kein eigenes Vermögen mehr beſitzen?“ „Kann ich ſie annehmen von Jemand, der ſie mir mit der einen Hand giebt und mit der andern meinen Kammerherrnſchlüſſel zurückfordert?“ „Das hat man gewagt? Heiliger Gott— ſo haben alſo dieſe Junker ganz aufgehört, ſich zu ſchämen. Nein, werfen Sie ihnen Alles an den Kopf! Dieſe Elenden dürfen nicht ſagen können, daß ein Mann wie Sie ihnen etwas verdankt!“ Liebſte Emma, ich kenne Sie nicht, ich ſtaune Sie an! Ich habe nie gewußt, daß in Ihrem niedlichen Kopfe ſolche revolutionaire Principien, ſolche Sym⸗ pathien für die Feinde der Regierung wachſen?“ „Sie machen es nicht beſſer als alle Männer, lieber Carl! Sie begreifen Alle nicht, daß wir Frauen keine „Parthei“ kennen, daß wir in der Ariſtokratie Gebornen nur eine Ariſtokratie anerkennen, die Ariſtokratie der guten Erziehung und des guten Geſchmacks. Außer⸗ dem intereſſiren wir uns für Das, was uns eben eine reizende Seite bietet, wir lieben, was ſchön iſt, was uns huldigt und was uns unterhält. Die Freiheit — Agnes. 13⁵ lieben wir natürlich viel mehr, als die Männer ſie lieben, weil wir weniger davon beſitzen, gerade ſo wie ein Bettler mehr Werth auf das Geld legt, als ein Mann, der ſein Auskommen hat.“ „Welche Beiſpiele hat man aber von dem Parthei⸗ nehmen der Frauen, denken Sie nur an Judith bis zu Charlotte Corday.“ „Das kommt nur in Zeiten der Kriſen vor. Wäh⸗ rend einer Revolution oder überhaupt einer Staats⸗ umwälzung nimmt jede Frau Parthei, ſo gut wie bei einer Belagerung jede eine Waffe— da geht es um den Kragen; ſo lange aber ſo friedliche Zeiten ſind, wie die unſrigen, begnügen wir uns, unſern Antheil an der Politik gerade da zu nehmen, wo es uns gefällt. Wir würden uns gewiß alle, ſtatt in die langweiligen Hofherren, in die amüſanten Demagogen verlieben, wenn die Demagogen nur nicht in der Regel ſo ver⸗ zweiflungsvoll ſchlechte Manieren hätten— ein Ca⸗ valier wie Sie in der Oppoſtition iſt unwiderſtehlich!“ „Das will mir noch nicht recht einleuchten, verehr⸗ teſte Frau Schwägerin!“ „Gewiß, gewiß. Denken Sie nur an unſre kleine Hofdame, die Gräfin Uttenhof. Nichts declamirt ſte lieber als Herwegh'ſche Gedichte, und die Fürſtin ſelbſt hört ihr mit ungeheuchelter Freude zu, ſobald der Fürſt 136 Agnes. ſeine Sieſta hält. Sie wiſſen, wie unſere Miniſterin für den langen Nachtwächter ſchwärmte, ſo lange er, mit der Hornlaterne in der Hand, vor ihr ſang, und wie ſie ihm unwiderruflich ihre Gunſt entzog, ſobald er Hofrath wurde. Nein, das iſt unſere beſte Eigen⸗ ſchaft, daß wir die Freiheit lieben, dem Schönen hul⸗ digen, wo wir es finden, und uns den Kukuk um Eure langweiligen politiſchen Kategorien kümmern. Der unliebenswürdigſte Zug der Fürſtin Metternich iſt ent⸗ ſchieden der, daß ſie dieſe ächt weibliche Eigenſchaft nicht beſitzt und in allem Ernſt das ſchauderhafte Sy⸗ ſtem ihres greiſen Pluto anbetet— pfui über eine Frau, die ſo das ſchönſte Vorrecht ihres Geſchlechts wegwirft, um dafür die widerwärtigſte Eigenſchaft der Männer anzunehmen.“ Als Emma weg war, ſagte Agnes ganz verwundert zu ihrem Vater:„Was war denn das? Was dachteſt Du dabei, als Emma Dir förmlich ihre Hand antrug? Sie ſagte ja deutlich, alle noch freien Frauen würden ſich glücklich preiſen, Dir anzugehören— war das nicht ein Antrag in aller Form? Es iſt mir zum erſten Male bei ihr vorgekommen, als ob ihr Verſtand mit ihrem Herzen durchginge.“* „Du irrſt, mein Kind, es war nicht ihr Herz, es war nur ihre Einbildungskraft; die iſt ihr eben ſo ge⸗ . 4 . æs Agnes.. 137 fährlich, wie ſie Dir es iſt; nur währt es kürzer bei ihr, weil ihr Herz den Verſtand ungeſtört dagegen ope⸗ riren läßt, während Dein Herz ſich immer zur Phan⸗ taſte ſchlägt.“ „Das kommt wohl daher,“ ſagte Agnes lachend, „weil mein Verſtand zu ſchwach ſie zu beſiegen iſt.“ „Ja, daher kommt es,“ erwiederte Herr von Stein auch lachend—„und dann— ich muß doch gerechter gegen Dich ſein als Du ſelbſt— dann auch daher, daß überhaupt Dein Herz ſich ſtärker fühlt, als das Deiner Tante, und deshalb es nicht über ſich vermag, neutral zu bleiben.“ Um Mitternacht, Alles im Hauſe des Geheimen⸗ raths war ſchon in tiefe Ruhe verſenkt, ertönte auf der Straße eine liebliche Muſik. Agnes erhob ſich und lauſchte hinter der Gardine verborgen den füßen Tönen. Sie war überzeugt, daß dies eine politiſche Demon⸗ ſtration zu Ehren ihres Vaters ſei— aber dennoch fiel ihr auf, daß alle Nummern klagende Liebeslieder waren. Ihr Vater, die ganze Nachbarſchaft, ja die Muſikanten ſelbſt hielten es für eine Herrn von Stein dargebrachte Huldigung— aber freilich Niemand ging in der ſtillen Nacht ein paar Häuſer weiter und traf da, an ein Portal gelehnt, einen großen blonden jungen Mann, deſſen ernſter Geſichtsausdruckmit ſeinen rothen Wangen 138 Agnes. ſonderbar contraſtirte. Der junge Mann befand ſich in dem ſeltenen Falle, eine Huldigung darzubringen, von der er im Voraus wußte, daß ſie ein Anderer auf ſich bezog— und dieſen Umſtand ſogar benutzte. Einige Tage ſpäter erhielt Herr von Stein einen kleinen Zettel von dem Prinzen Waldheim. Es war ein Abſchiedsbriefchen. Er reiſte nach Hauſe und konnte vorher keine Beſuche machen, da er ſich den Fuß vertreten. Er empfahl ſich„dem gütigen Andenken des Herrn Barons und bat um die Gunſt, ſich dem gnaͤ⸗ digen Fräulein in Gedanken zu Füßen legen zu dürfen.“ Der Geheimerath gab ſeiner Tochter das Billet; ſte wurde bleich, als ſie die Buchſtaben ſah, die der Mann gezeichnet, für den ſie am meiſten Zuneigung empfunden und der— raſch entſchloſſen warf ſie den Zettel in das Kaminfeuer! Ihr Vater erſchrak und fragte:„Zürnſt Du ihm ſo ſehr?“— „Nein, aber ich will ihn um jeden Preis vergeſſen!“ „Sie iſt doch klüger, als ich glaubte,“ dachte Herr von Stein,„denn ſie hat ſchon die erſte Eigenſchaft des Weiſen: ſie mißtraut ſich ſelbſt.“ Agnes ſagte nichts mehr, aber ſie ſchloß die Augen, was ſie oft that, wenn ſie einen beobachtenden Blick— auf ſich ruhen fühlte. War es in ihr vielleicht noch ein * — Agnes. 139 Reſt der Gewohnheit der Kinder, die es im ſüßen 7 Glauben thun, es könne ſie dann Niemand ſehen? Die Vorbereitungen zur Abreiſe nahmen von nun an alle ihre Thätigkeit in Anſpruch; ſie betrieb ſie auch ſo eifrig, daß wirklich binnen ſechs Wochen Alles vollbracht war. Verſteigerungen, Abſchiednehmen, Alles war glücklich überſtanden, und mit einem Her⸗ zen, das nur noch einen Gedanken, den an ihres Va⸗ ters Zufriedenheit, kannte, beſtieg ſie mit ihm den Wagen, um nach Wien zu reiſen, wo ſie vorerſt Er⸗ kundigungen über die Güterverhältniſſe in Ungarn einziehen wollten, ehe ſie ſich dort anſiedelten. II. Ein junges und ein altes Herz. =. 4 WDrſtes Iapilel.. Das fürſtlich Waldheim'ſche Schloß liegt in einem ſchönen und tiefen Gebirgsthale; es iſt ganz von Waſſer umgeben und nur über herabgelaſſene Zug⸗ brücken kann man hinein gelangen. Grau und ver⸗ wittert hat es ein düſteres, aber ehrfurchtgebietendes Ausſehn. Es iſt achteckig und ganz regelmäßig gebaut, an jeder Ecke erhebt ſich ein kleines Thürmchen. Jen⸗ ſeits des Waſſers, welches das Schloß mit ſeinem nicht ſehr großen Garten umgiebt, liegt auf der einen Seite ein ſchöner dunkler Buchenwald, der ſich an einen kleinen Hügel lehnt; von der andern Seite ſind es grüne Wieſen, die den ſchönſten Vordergrund zu dem eigenthümlichen Gebäude bilden. Daß das Schloß ſich in dieſer Umgebung ſo präch⸗ tig ausnahm, darüber freute ſich im Augenblick, wo dieſer Abſchnitt unſerer Erzählung beginnt, der künftige 1 4 — Ein junges und ein altes Herz. Erbe dieſes ſtolzen Fürſtenſitzes, der Prinz Albert von Waldheim, und dieſe Freude verſcheuchte für einen Augenblick die trüben Wolken von ſeiner Stirn. Es überflog ſogar ein Lächeln ſein Antlitz, während eben ſein Wagen über die morſche, krachende Zugbrücke fuhr; denn es kam ihm die Vorſtellung, wie, pittoresk es ſich ausnehmen würde, wenn er ſeine Ankunft mit einem Bade im grünen Schlamme da unten feierte, wozu bei der Baufälligkeit der Brücke für jeden Ankommenden immer die höchſte Gefahr vorhanden war. Diesmal ging ſie aber, wie ſo oft, glücklich vor⸗ über und der Prinz gelangte ins Schloß ſeiner Väter. * Im innern Hofe kam ein alter Diener eilfertig herbei und riß den Wagenſchlag auf.* „Wie geht es dem Fürſten und meiner Mutten?“ 4₰ rief ihm Albert entgegen. 1 „Die beiden Durchlauchten geruhen ſich wohl zu 3 befinden,“ ſagte der Alte mit einer ſo tiefen Verbeugung, 5 daß der Prinz, der vor ihm ſtand, ſeinen Rücken bis an die Taillenknöpfe zu ſehen bekam. Als Albert die breite Schloßtreppe hinan eilen 4 wollte, traf er auf einen jungen Mann in Jagdkleidung, der herab ſtieg. „Grüße Sie Gott, Wilhelm,“ rief er ihm freundlich entgegen. Ein junges und ein altes Herz. 145 Der Jäger lüftete leicht ſein grünes Mützchen und ſagte mit einer etwas förmlichen Freundlichkeit:„Ich danke, Prinz. Bleiben Sie jetzt bei uns?“ Albert zuckte die Achſeln, und indem er den Jäger leicht auf die Schulter klopfte, über welche Vertraulich⸗ keit dieſer erröthete, ſagte er in neckendem Tone:„Soll ich Ihr Wild heute ſein, Wilhelm? Ich glaube, das iſt gefahrloſer, als Ihr Patient zu ſein, wozu ich doch letzthin den Muth hatte.“ „Sie haben gut ſcherzen, Prinz, aus Ihnen ſpricht ſchon wieder der Uebermuth der Geſundheit.“ „Wer Sie reden hörte, ſollte wahohaftig meinen, Sie ſeien auszehrend.“ Der Jäger ſchloß einen Moment die Augen, was offenbar eine Gewohnheit bei ihm war, und ſagte dann ſchmerzlich lächelnd:„Auszehrend hoffentlich nicht, aber doch wahrhaftig nicht von Ihrer Geſundheit.“ Und darin mochte er wohl Recht haben; denn der Prinz mit ſeiner großen kriegeriſchen Geſtalt und ſei⸗ nem vollen, blühend gerötheten Antlitz gehörte offenbar einem ſtärkeren Geſchlechte an, als der ſchlank und zierlich gebäaute Jäger, den er um einen Kopf über⸗ ragte. Das feine Geſicht mit der ſchmalen Naſe, dem kleinen Munde und der weißen durchaderten Stirne hatte nichts Männliches, als den Blick der großen Gegen den Strom. I. 10 146 Ein junges und ein altes Herz. blauen Augen, die reiherartig alle Gegenſtände erfaß⸗ ten und überſchauten. Daß er dieſe Augen oft ſecun⸗ denlang ſchloß, geſchah beinahe im Bewußtſein, daß ſeine Umgebung ihren ſcharfen Blitz nicht lange anhal⸗ tend ertragen könne. „Geben Sie doch heute Ihre Jagd auf,“ ſagte der Prinz freundlich bittend,„meiner Rückkehr zu Ehren!“ Aber der Jäger entgegnete ablehnend:„Ich werde früher nach Hauſe kommen— früher, als Sie noch ver⸗ muthen werden.“ .„Immer derſelbe,“ lachte Albert gutmüthig, indem er dem Fortgehenden nachblickte,„eigenſinnig im Klei⸗ nen, aufopfernd im Großen. Doch jetzt zur Mutter.“ Die Fürſtin ſaß in ihrem Cabinet, noch nicht ge⸗ wärtig der Ankunft ihres älteſten Sohnes, ihres Lieb⸗ lings. Ihr ſchönes, aber bleiches Geſicht hatte offen⸗ bar einige Aehnlichkeit mit dem ſeinigen, auch die hohe Geſtalt ſchien er von ſeiner Mutter geerbt zu haben. Als er eintrat, flog ſie ihm in jugendlicher Freude entgegen und ſchlang beide Arme um ſeinen Hals, wozu ſie ſich trotz ihrer Frauengröße auf die Fußſpitzen ſtellen mußte. Dann nahm ſie ſein Geſicht zwiſchen 1 — —, Ein junges und ein altes Herz. 147 beide Hände, bog es zu ſich nieder und blickte ihm tief in die Augen. „Ja“, rief ſie freudig,„das ſind noch unverſehrt meine beiden Glückslichter.“ „Deine Glückslichter, wie Du meine beiden Augen zu nennen beliebſt, brennen aber doch etwas trübe, liebſte Mutter!“ „Trübe? Wie käme Trübheit in Deine Seele, mein Erſtgeborner?“ Eben wollte Albert antworten, vielleicht ſein gan⸗ zes Herz der Mutter ausſchütten, als ſein Vater ein⸗ trat, der ihn zwar weniger zärtlich als die Mutter, aber doch ſehr freundlich empfing. Nach den erſten Begrüßungen fragte Albert:„Wie geht es der Tante?“ „Roſalie iſt immer noch die Alte. Du findeſt ſie nur in ihrem Thurmzimmer mitten unter ihren Mine⸗ ralien und Pflanzen, ihren ausgeſtopften Vögeln und ihren Münzen. * Ddieſe Tante Roſalie war entſchieden die originellſte Perſon der ganzen fürſtlichen Familie. In ihrer Jugend hatten ſich Mehrere, obgleich ſie immer unſchön geweſen, um ihre Hand beworben. Sie hatte aber ihren Eltern mit der größten Entſchiedenheit erklärt, dieſe Freier ſtünden in geiſtiger Beziehung ſo 10* 148 Ein junges und ein altes Herz. tief unter ihr, daß ſie am Altar bei den Worten des Geiſtlichen:„und er ſoll Dein Herr ſein,“ vor Scham in die Erde ſinken würde. Ihre Mutter, eine gute ſanfte Frau, wußte darauf nichts zu erwiedern, ihrem Vater war es gleichgültig, und da Niemand erſchien, dem die junge Fürſtin an Geiſt den Preis über ſich ſelbſt zuerkannt hätte, blieb ſie unvermählt. denn ihr ganzes Dichten und Trachten war von früheſter Jugend an dasjenige eines Mannes geweſen. Um die alten Claſſiker zu ſtudiren, hatte ſie die griechiſche und lateiniſche Sprache ſich angeeignet, und ihr Hauptver⸗ gnügen beſtand in ihren Kunſtſammlungen, deren Er⸗ werb ſie ſich möglich machte, indem ſie ſich alles Andre verſagte. Sie war jetzt fünf und dreißig Jahre alt und lebte ſeit dem Tode ihrer Eltern unter dem Schutze ihres einzigen Bruders, des regierenden Fürſten. Aber nie A2 * Sie war aber deshalb durchaus nicht unglücklich, Ein junges und ein altes Herz. 149 herüber zu kommen, was dieſe natürlich immer auf das Herzlichſte aufnahm. Dieſe„Toilette“ war auch der Hauptgrund ihres einſamen Mittagseſſens, denn die Etiquette im fürſt⸗ lichen Schloſſe war ſo ſtreng, daß bei Tafel die Da⸗ men immer in„Toillette“ mit kurzen Aermeln erſchie⸗ nen, und dazu konnte Roſalie ſich nicht entſchließen, denn ſie trug nie etwas Anderes, als ein hoch am Halſe ſchließendes dunkelgraues Gewand. Albert ließ ſich bei ihr melden, und nachdem ſie ihn im Vorzimmer ein wenig hatte warten laſſen, em⸗ pfing ſie ihn in ihrem wunderlichen Laboratorium auf das Freundlichſte. Als ſie ſich umarmten, würde für jeden Dritten der Contraſt dieſer beiden Geſtalten etwas höchſt Auffallendes gehabt haben. Roſaliens Geſtalt war von beängſtigender, ganz außerordentlicher Magerkeit. Ihr dunkles Haar, das ſie kurz abgeſchnitten, wie ein Mann, trug, begann erſt oben auf dem Schädel; die hierdurch ungewöhnlich hohe eckige Stirne war glatt und weiß wie Elfenbein, auch die Wangen waren glatt und durchſichtig, nur um die dunklen, ſchmal geſchlitzten Augen zogen ſich kleine Fältchen; die Naſe war grad und ſpitz, aber ſo groß, wie bei einem Manne. Der hübſcheſte Theil ihres Geſichtes war offenbar ihr Mund. Obgleich er 2* 150 Ein junges und ein altes Herz. nicht klein war, war er roth und friſch, mit regel⸗ mäßigen, geſunden, wenn auch etwas großen Zähnen, und überhaupt von nicht unangenehmer Form. Ihre Geſtalt hatte eine auffallend gerade und ſtrenge Haltung, wodurch ſie den Eindruck einer großen Frau machte, obgleich ſie nur etwas über mittlere Größe maß. „Willkommen, willkommen, Albert!“ waren ihre eerſten Worte. ‚Ich habe mich recht nach Dir geſehnt.“ „Weshalb, gnädigſte Tante, ſollte ich Dir irgend ein Ungeheuer ausſtopfen, oder eine unleſerliche Hand⸗ ſchrift herausbuchſtabiren?“ „Unartiger Menſch! Du ſollteſt nichts thun, als uns Geſellſchaft leiſten.“ „Ah, jetzt verſtehe ich! Geſellſchaft leiſten! Dem Herrn Wilhelm natürlich, denn leugne es nicht, Du ziehſt ihn mir bei Weitem vor, obgleich ich nähere Rechte auf Dein Herz hätte!“ Die Tante antwortete nicht, ſie war ans Fenſter getreten, und Albert fürchtete ſchon, ſie durch ſeine etwas plumpe Neckerei beleidigt zu haben. „Tantchen, biſt Du mir böſe?⸗ „Nein,“ ſagte ſte, indem ſie ſich umwandte und ihn groß anſah,„nein, ich bin Dir nicht böſe, aber es thut mir leid, daß Du die unpaſſenden Neckereien, den ſpaß⸗ ——— — — Ein junges und ein altes Herz. 151 haft ſein ſollenden Ton Deines Vaters mir gegenüber geerbt zu haben ſcheinſt. Mein Bruder iſt gegen jeden gebildeten Menſchen achtungsvoll und höflich— nur mir gegenüber nicht. Von ihm bin ich aber daran gewöhnt und finde mich auch darin, weil ich den Grund kenne.“ „Und der iſt?“ „Er verſteht mich nicht. Und da macht er es denn wie die meiſten Menſchen, wenn ſie etwas nicht verſtehn—“ „Nun?“ „Sie machen ſich darüber luſtig. Dieſe Manier iſt wohlfeil und bequem zugleich. Du aber, Albert— ſoll⸗ teſt es Dir Deiner alten Tante gegenüber nicht ſo be⸗ quem machen—“ „Alten Tante! Ich bitte Dich—“ „Dir gegenüber bin ich alt, alſo warum es nicht ſo nennen?“ „Du biſt nur zehn Jahre älter als ich—“ „Freilich, aber ich bin eine alte Jungfer. Wäre ich vermählt und ſchön, ſo gäbe es genug Leute, die ſelbſt in meinem jetzigen Alter die Gefälligkeit haben wür⸗ den, mich eine junge Frau zu nennen— ſo aber!— assez, und kommen wir auf Dich zurück. Alſo ich bitte Dich ernſtlich, ein anderes Benehmen gegen mich zu 15⁵2 Ein junges und ein altes Herz. haben, wie bisher. Du kommſt jetzt auf längere Zeit, vielleicht auf immer zu uns! Während der Ferien Dei⸗„ ner Univerſttätszeit oder der kurzen Pauſen Deiner W Reiſen habe ich Dir gerne das Vergnügen gegönnt, mich zu necken und aufzuziehen und V äuri doch etwas ſchmächtigen Witz an mir zu üben— „Liebſte Tante!“ „Ich bin nicht böſe, aber ich will wahr und ehrlich ſein. Ich bin ohne zuviel Eitelkeit ſicher überzeugt, daß es unendlich viele e Spottes würdigere Gegen⸗ ſtände giebt, als ich— Liebe Tante, wenn mein Vater ahnen würde, daß ſeine unſchuldigen Neckereien Dich ſo tief verletzen, würde er ſie gewiß ſchon längſt aufgeben haben—— ſo wie es mir auch im tiefſten Herzen leid thut!“ „Dir glaube ich, und deshalb bat ich Dich, es zu unterlaſſen. Was Deinen Vater betrifft, ſo iſt er un⸗ verbeſſerlich, und ich habe auch natürlich kein Recht, 4 eine Aenderung von ihm zu verlangen, weil ich von. ihm abhängig bin!“ „Sprich nicht ſo Tante, das thut mir weh!“ „Du haſt das Herz Deiner Mutter! O ſie iſt ein. Engel, und wenn es von ihr abhinge, würde Vieles 1 anders ſein. Wie leidet ihr ſanftes Gemüth mir ge⸗ 1 genüber bei den unzarten Späßen Deines Vaters— S— — Ein junges und ein altes Herz. 153 Du haſt Dich noch mehr über ihn zu beklagen als ich— deshalb brauche ich mich nicht bei Dir zu geniren!“ Albert hatte bei den letzten Worten ſeiner Tante ſeine Mißbilligung gezeigt, es war alſo klar, daß die⸗ ſes Thema ſchon öfter berührt worden— und wie wäre das anders möglich geweſen? Da ſein Vater das ganze ſehr bedeutende Allodial⸗Vermögen verſchwendet und vergeudet hatte, wie konnte da ſein älteſter Sohn, der ſpäter am meiſten durch ein ſolches Verfahren zu leiden hatte, anders als unangenehm berührt und be⸗ ſorgt geworden ſein? Jetzt war freilich dem Fürſten jede Möglichkeit zu verſchwenden abgeſchnitten, denn die Gläubiger h atten ſich zu einem Arrangement unter der Bedingung ent⸗ ſchloſſen, daß er unter eine Art Vormundſchaft ſeines Regierungsdirectors geſtellt werde. Dieſer empfing die Einkünfte, bezahlte davon die Zinſen der Schulden, und der Fürſt erhielt gerade nur, was unentbehrlich war, um ſeine einfache Haushaltung zu beſtreiten, die freilich immer noch den ſtolzen Titel„Hofhaltung“ beibehielt. Die Fürſtin ſelbſt litt durch dieſe Einſchränkungen nur in der Seele ihrer Angehörigen; eigene Entbeh⸗ rungen fühlte ihre Selbſtloſigkeit nicht. Ihre einfache 154 Ein junges und ein altes Herz. Kleidung, ihre einfache Einrichtung waren ihr voll— kommen genügend, wenn ihre Lieben nur um ſte ver⸗ ſammelt waren. Die Fürſtin war in jeder Hinſicht viel bedeutender als ihr Gemahl, obgleich ſte nicht geradezu zu den durch ihren Geiſt hervorragenden Frauen ge⸗ hörte. Sie war eine durchaus geſcheidte und gebildete Frau mit einem Herzen wie Gold— ihr Gemahl hin⸗ gegen nur ein liebenswürdiger Mann, wenn er es ſein wollte— aber jeder tieferen Regung, ſowohl im Geiſte wie im Herzen, rein unfähig, obgleich er vortrefflich verſtand, eine tiefe Empfindung zu fingiren. Die Für⸗ ſtin ſah ihn nur in dem Licht, in welchem er von ihr und zwanzigjähriger Ehe noch leidenſchaftlich! Er war für ſie das Ideal alles Liebenswerthen, und ſeine Feh⸗ ler, die ihr nicht verborgen bleiben konnten, erſchienen ihr nur als übertriebene gute Eigenſchaften. Seine Verſchwendung, ſo ſehr ſie ſie um ihrer Kinder willen beklagte, war in ihren Augen nur großartiger Seelen⸗ adel, der das Gemeine nicht achtet, ſeine Unwahrheiten erfuhr, leidenſchaftliche Bewunderung des Schönen. Der Fürſt war gewiſſenlos genug, dieſe hinge⸗ bende Liebe nicht nur nicht zu verdienen, ſondern er geſehen ſein wollte, denn— ſie liebte ihn nach ſechs und Doppelzüngigkeit poetiſche Spielereien, ja ſelbſt ſeine Untreue, über welche ſie natürlich nur wenig — Ein junges und ein altes Herz. 1⁵5⁵ liebte es auch noch, durch unwürdige Spielereien mit ihrem treuen Herzen ſie zu prüfen und zu ängſtigen. Wie oft machte er einer Dame zum Schein den Hof; ſah er dann die Thränen in den Augen ſeiner Gemahlin, ſo war das ein Triumph für ſeine kleinliche Eitelkeit. Er gehörte zu den Männern, die der liebe Gott nur auf die Welt geſetzt zu haben ſcheint, damit ſie die Ur⸗ ſache ſein ſollen, daß ein Frauenherz vollſtändig zum Märtyrer wird und den Beweis liefert, wie viel es tragen und dennoch ſanfmüthig bleiben kann. Wenn wir nicht fürchten müßten, mißverſtanden zu werden, ſo möchten wir behaupten, daß Chriſtus im Großen war, was ſolche Frauen im Kleinen ſind — er trug ſein Leid um eine Welt und ſtarb, und ſeg⸗ nete und liebte; eine ſolche Frau trägt ihr Leid um einen Einzelnen und ſtirbt, und liebt und ſegnet den⸗ noch mit dem letzten Athemzuge! Roſalie, obgleich ſie durch die Bande des Blutes ihrem Bruder näher ſtand, haßte dieſen förmlich um ihrer Schwägerin willen, der ſie vollkommene Gerechtigkeit widerfahren ließ; und dennoch ſtanden ſich die beiden Frauen fremd gegenüber; ſie ſahen ſich beinahe nie als zuweilen Abends im Familienkreiſe, und daran war ein ſeltſamer Irrthum ſchuld. Roſalie glaubte, ihre Schwägerin ſei unwillkührlich durch den gering⸗ 156 Ein junges und ein altes Herz. ſchätzenden Ton ihres Gemahls zu einer unvortheil⸗ haften Meinung über ſie gelangt und fühle ſich von ihr abgeſtoßen, aber ihr gutes himmliſches Herz laſſe ſie das verbergen. Die Fürſtin hingegen glaubte, Ro⸗ ſalie ſei ein viel zu„hoher Geiſt“, eine zu gelehrte Dame, um ſich von einem ſo unbedeutenden Weſen wie ſie angezogen zu fühlen. Dann glaubte ſie auch wirk⸗ lich, Roſalie habe nur Verſtand und Genie, aber kein Gefühl, ohne ihr jedoch hieraus einen Vorwurf zu machen. Nichts iſt trauriger, als ſo ein Mißverſtänd⸗ niß, das zwei ganze Menſchenleben hindurch währt! Albert bat ſeine Tante von ganzer Seele um Ver⸗ zeihung, wie ihm überhaupt die glückliche Gabe ver⸗ liehen war, ein inniges Gefühl überzeugend äußern zu können— ſo daß Roſalie förmlich gerührt wurde. „Du biſt ſo gut,“ ſagte ſie, als er ſchon an der Thüre war, mit etwas gepreßter Stimme,„daß ich Dir gerne noch eine Bitte ans Herz legen möchte.“ „Du haſt nur über mich zu befehlen“, ſagte Albert, indem er zurückkehrte. „Es betrifft Wilhelm. Sei gut und freundſchaftlich mit ihm.“ „Wie kann ich anders gegen Deinen Liebling ſein?“ „Er iſt es nicht mehr, als Du es biſt, Albert. Aber Ein junges und ein altes Herz. 157 —— er iſt ſo empfindlich, er fürchtet immer Deinen Eltern zur Laſt zu ſein——“ „Wir ſind ihm ja Alle Dank ſchuldig für ſeine ärzt⸗ lichen Bemühungen.“ „Du weißt, wie ſehr Dein Vater ſeine Geſchicklich⸗ keit bezweifelt—“ „Das meint Papa nicht ſo ernſthaft, ſonſt hätte er ihm wahrhaftig nicht ſeine eigene koſtbare Geſundheit anvertraut und ſich wiederholt von ihm behandeln laſſen;— übrigens was mich betrifft, liebe Tante, ſo ſollſt du gewiß mit meinem Benehmen gegen Wilhelm zufrieden ſein.“ Sie drückte ihm dankbar die Hand, er küßte ſie herzlich und dann ging er auf ſeine Zimmer. — f Sweiles Sbapilel. Mit der Sorge Roſaliens, daß Albert Wilhelm freundlich behandeln möge, hatte es ſeine eigene Be⸗ wandtniß. Wilhelm hatte nie über Jenen bei Roſalien etwas geäußert, aber durch hundert Dinge unwillkühr⸗ lich verrathen, daß Albert ihn nicht anzog. Und da Roſalie ihren älteſten Neffen wirklich liebte, ſollte es Wilhelm auch thun, denn jedes Gefühl, das ſie nicht mit Wilhelm theilte, verlor den Werth für ſie. Wilhelm, das einzige Kind des ehemaligen Haus⸗ arztes des Fürſten, war ſeit ſeinem vierzehnten Jahre eine Waiſe. Sein Vater und ſeine Mutter waren die einzigen Freunde der Prinzeſſin Roſalie geweſen. Wil⸗ helms Mutter, die Doctorin Roſe, war eine höchſt liebenswürdige, durch ihre Sanftmuth anziehende Frau, während ſein Vater, der Doctor, ein Original und Ein junges und ein altes Herz. 159 zwar ein ſehr bedeutendes in jeder Beziehung war. Er war ein Mann, der in jeder größeren Stadt ein öffentlicher Charakter geworden wäre. Als Arzt leiſtete er weniger, als man nach ſeinen Geiſtesgaben von ihm erwarten konnte, weil ihm die Heilkunde nur intereſ⸗ ſant war in Beziehung auf neue Entdeckungen, merk⸗ würdige Experimente u. ſ. w.; vielleicht kam es auch 4 daher, daß ſein Geiſt zu vielſeitig war, um ſich einer Wiſſenſchaft ausſchließlich zuzuwenden. Es gab nichts Hervorragendes auf Erden, was ihn nicht auf eine 4 Weiſe anzog, daß er oft in ſeiner Lebhaftigkeit Schlaf und Eſſen darüber vergaß. Ein großes Glück für ihn war, daß ſeine Frau durchaus nichts von ſeiner excentriſchen Natur hatte, ſondern im Gegentheil ſchon durch den Anblick ihres gleichförmigen milden Waltens ſeine oft fieberhaft er⸗ regten Geiſter zur Ruhe brachte. Man hatte ihm öfter vorgeſchlagen, ſeinen Aufent⸗ haltsort zu wechſeln, aber dazu kam es nie, obgleich er es ſich ewig vornahm. Immer hatte er für den Au⸗ genblick etwas vor, das einen Umzug unmöglich machte, ebenſo ſehr hinderte ihn auch der Zuſtand ſeiner Finan⸗ zen, die gewöhnlich etwas in Unordnung waren. Denn wenn er Geld hatte, machte er eine Reiſe und brachte ganze Wagen voll Curioſitäten, aber einen ganz ge⸗ —— 160 Ein junges und ein altes Herz. leerten Beutel mit. Die Doctorin mußte dann ſehen, wie ſie bis zur nächſten Einnahme zurecht kam. Sie machte ihm nie einen Vorwurf wegen ſeinen Unregel⸗ mäßigkeiten, obgleich ſie beinahe allein darunter zu leiden hatte, denn ſelbſt in ſeinem Betragen gegen die ſanfte Frau war er der veränderlichſte aller Menſchen. Es gab Wochen, wo ſie gar nicht für ihn eriſtirte, er ſprach nicht mit ihr, nicht mit ſeinem einzigen Kinde, ja es ſchien, als habe er ganz vergeſſen, daß er eine Familie beſitze. Dann, wenn irgend Jemand, beſon⸗ ders Roſalie, ihm von ſeiner vortrefflichen Gattin ſprach und dadurch ſein eingeſchlummertes Gewiſſen oder ſeine eheliche Eitelkeit weckte, machte er eine Anſtren⸗ gung, ein lebenswürdiger Gatte und Vater zu ſein. Er brachte Geſchenke heim, er nahm ſeine Frau auf kleinen Ausflügen und Parthien mit. Aber lange hielt das nie an, und bald fiel er wieder in ſeine alte Gleichgültigkeit zurück. Er liebte ſeine Frau; ſie war ſchön, aber ſie war keine Merkwürdigkeit; in ihrem klaren Geiſte, in ihrem weichen Herzen war kein Fält⸗ chen, das er nicht kannte; er wußte immer ſchon im Voraus, was ſie ſagen, wie ſie handeln würde— wie konnte ihn Jemand in Anregung erhalten, an dem durchaus keine neue Entdeckung zu machen war! Roſalie hingegen zog ihn immer gleichmäßig an, 1 1 Ein junges und ein altes Herz. 161 und gegen ſie war er auch immer, ſeit ihrer erſten Kindheit, derſelbe geblieben, denn Roſalie war, was man im gewöhnlichen Leben, wenn man Jemand liebt, originell nennt, wenn man haßt, aber lau⸗ nig ſchilt. Ihr ganzes Leben war in einem fortwäh⸗ renden Umſchwung begriffen, und ihre geiſtige Pro⸗ ductivität ſo groß, daß ein und derſelbe Gedanke nie zweimal hinter einander Raum bei ihr faſſen konnte. Sie war immer neu, immer geiſtreich, immer empfäng⸗ lich für das Schöne und Gute, aber— und darin hatte ſie einen unermeßlichen Vorzug vor dem Doctor — ſie war in ihrem Benehmen, ihren Freundſchaften, ihren Liebhabereien, ihren Geſinnungen, ihren Anſich⸗ ten immer dieſelbe, nur ihre Phantaſie war der ewig 4 wechſelnde Blüthenflor auf dem feſten Stamme 2. ihres treuen Characters. Der Doctor Roſe hingegen war im Vergleiche mit ihr wie eine dem Winde preisgegebene Feder. Heute monarchiſch, morgen demokratiſch, heute nur Rubens, morgen nur Raphael, heute nur Byron, morgen nur Shakespeare, oder Goethe, oder Schiller; nur in zwei Dingen blieb er ſich treu, und das bewahrte ihn vor 4 dem ſonſt für ihn unvermeidlichen Schiffbruch des Lebens, er blieb ſich treu in ſeiner Gewiſſenhaftigkeit Gegen den Strom. I. 11 162 Ein junges und ein altes Herz. für ſeine Verpflichtungen und in ſeiner Freundſchaft für Roſalie. Dieſe beiden Menſchen ſchätzten einer das Andere über Alles im Leben, und doch kam nie ein wärmeres Gefühl in ihre Herzen, trotzdem daß ſie ſich täglich ſahen— das hatte wieder eine eigene Urſache— we⸗ nigſtens ſcheint das die einzige mögliche geweſen zu ſein. 2 Es gab keine Menſchen, die der Schönheit in ihrer edelſten Form mehr anhingen, als Roſe und Roſalie, und— Beide waren auffallend häßlich! So ſehr ſie ſich liebten, gab es keinen Tag, wo nicht Roſalie hätte ſagen mögen:„Wenn er nicht ſchielte und nicht den entſetzlichen, wie mit einem Meſ⸗ ſer geſchlitzten Mund hätte;“ und wo nicht Roſe dachte: „Sie wäre ein Engel ohne dieſen abſcheulichen kahlen Hirnſchädel und die ſo ins Unendliche geſpitzte Naſe!“ Und dennoch war Jedes über ſeine eigene Häßlichkeit im Klaren! Wilhelm glich äußerlich nur ſeiner Mutter, und ſie war eine ſchöne Frau geweſen. Innerlich glich er beiden Eltern, und zwar mit einem Gemiſch der ſonder⸗ barſten Art. Er hatte des Vaters lebhaften Geiſt, ſeine Wißbegierde und ausſchließliche Tiefe im Erforſchen und Ergründen, die Gabe, ſich durch nichts von Dem 4 —— n 1 1 * 1 Ein junges und ein altes Herz. 163 abziehen zu laſſen, was er gerade betreiben wollte, hin⸗ gegen von der Mutter die Eigenſchaft, immer gleich ruhig 4 und ſtill und verſchloſſen zu ſein, dabei ſtet und feſt, nicht irrlichtartig wie der Vater. So war er mitfünfzehn Jahren, als in Einem Jahre ihm Vater und Mutter ſtarben. Der Ertrag von dem Verkaufe des Hauſes, das ſeine Eltern beſeſſen, war Alles, was er nach ihrem Tode behielt— dieß und Roſaliens Zuneigung, welche die Stelle, die ſein Va⸗ ter in ihrem Herzen ausgefüllt hatte, ihm augenblick⸗ lich einräumte. Sie war entſchieden, ſich nicht zu ver⸗ heirathen, und beſchloß, von nun an ihr Herz nur mit . 1 dem Gedanken, Wilhelm eine zweite Mutter zu ſein, auszufüllen. Er bezog ein Gymnaſium in der benachbarten Stadt. Die Ferien brachte er immer bei ihr im Schloſſe zu und auch außerdem lief er oft die paar Wegſtunden, um ſeine geliebte„Prinzeß“ zu ſehen. Mit ſtebzehn Jahren bezog er die Univerſität, ſtudirte nach dem Wunſche Roſaliens Medizin und mit ein und 1 zwanzig Jahren kam er eines Tages nach Schloß Waldheim, das Doctordiplom in der Taſche. Roſalie war ſtolz und froh über ihren Pflegling. Err war nicht mehr ſo blendend ſchön, wie er als Kind geweſen, aber dafür ſah er bedeutend und edel aus. 11* 2* 164 Ein junges und ein altes Herz. Wenn er unter den jungen Fürſten Waldheim ſtand, war keiner, der ſo„fürſtlich“ ausſah, wie er. Er wußte viel, er hatte für ſein Alter einen merkwürdig ernſten und tiefen Sinn— das fand Roſalie Alles höchſt er⸗ freulich, aber— was nun beginnen mit ihm? Sein Capital war für ſeine Studien ganz aufge⸗ zehrt, ſo ſehr, daß er noch eine kleine Summe für Wohnung und Collegiengelder bei ſeinem Abgange hatte ſchuldig bleiben müſſen. Roſalie deckte das ohne ſein Wiſſen, indem ſie ein paar alte Diamantohrringe verkaufte. Doctor war er freilich, aber wovon leben, bis er eine Praris ſich errungen? Roſalie beſaß nichts als eine Rente von ein paar hundert Gulden, die eine alte Tante, welche ſie liebte und ihres Bruders gewiſſen⸗ loſe Verſchwendung mit angeſehen, ihr ausgeworfen. Dieſe Rente hatte ſie aber auf mehrere Jahre im Voraus erhoben, um einen Gläubiger des verſtorbenen Doctor Roſe zu befriedigen, der Anſprüche an Wil⸗ helms kleines Erbtheil gemacht. Sie hatte alſo buch⸗ ſtäblich nichts. Sie erſann nun einen Plan. Seit Roſe's Tod war die Stelle eines fürſtlichen Leibarztes unbeſetzt geblieben und bei vorkommenden Krankheits⸗ fällen immer ein Arzt t aus der nächſten Stadt geholt worden, was bei der zahlreichen Familie des Pürſten Ein junges und ein altes Herz. 16⁵ mit viel Mühe und vielen Koſten verbunden war. Sie ſchlug alſo ihrer Schwägerin vor— bei ihrem Bru⸗ der wagte ſie es nicht— Wilhelm als Leibarzt verſuchs⸗ weiſe anzuſtellen. Sie verlangte keinen Gehalt für ihn, nur freie Eriſtenz im Schloſſe. Die Fürſtin war augenblicklich für den Plan, weil auch ſie an dem verlaſſenen, jungen Arzte einen großen Antheil nahm. Aber wie den Fürſten dazu ſtimmen, der ſchon von vornherein gegen Alles war, was man ihm vor⸗ ſchlug, ganz beſonders wenn es ſeine Frau oder ſeine Schweſter that? Auch hier gab Roſalien ihre ſorgende Liebe für den jungen Freund ein Auskunftsmittel ein. Sie ſagte zu ihrer Schwägerin:„Reden wir nicht davon bei ihm. Ueberlaſſen wir Alles dem Zufall. Sobald Jemand krank wird im Schloſſe, ſoll Wilhelm ihn ku⸗ riren, dann kommt die Sache von ſelbſt, und wenn Dein Gemahl ihn erſt einmal als Doctor hat fungiren ſehn, und zwar mit Erfolg, wie ich hoffe, muß es ihm ja ſelbſt angenehm ſein; denn wie oft hat er gewünſcht, wieder einen Arzt hier zu haben, wenn nicht der Ge⸗ halt geweſen wäre, ohne deſſen feſte Zuſicherung kein Fremder in dieſen kleinen Ort zieht.“ Der Himmel war offenbar mit ihr im Bunde, denn er ſchickte ihr bald einen Patienten, und zwar den Für⸗ 166— Ein junges und ein altes Herz. ſten ſelbſt, der ſich den Arm bei der Jagd aus dem Gelenke fiel. Da ſchleunige Hülfe hier die Haupt— ſache war, hatte er nichts dagegen, daß Wilhelm ihm den Arm einrichtete, wobei er natürlich alle Schmerzen, die er litt, der„Grünheit“ des jungen Arztes zuſchob, aber ſich dennoch bald mit der Kur ausſöhnte, weil ſie gelungen war; und als ſeine Frau ihm nun den Leib⸗ arzt vorſchlagen wollte, kam er ihr auf halbem Wege entgegen und ſah ſtolz die Sache als ſeine eigene, von ihm ausgegangene Idee an. „Deſto beſſer,“ ſagte Roſalie, als ihre Schwägerin ihr den guten Erfolg mittheilte,„ſo wird er eher mit ihm zufrieden ſein.“ Als Albert den unglücklichen Sturz mit dem Pferd gethan, war auch er in Waldheim von Wilhelm in die Kur genommen und ebenfalls glücklich geheilt worden. Von dieſer Krankheit aber datirte ſich Wilhelms Anti⸗ pathie gegen den Prinzen. Wilhelm hatte von ſeiner früheſten Kindheit an mit den Kindern im Schloſſe geſpielt. Jedes Mal wenn er zu ihnen ging, hatte ſeine Mutter ihm anempfohlen, im Schloſſe hübſch beſcheiden zu ſein, die jungen Prinzen immer Sie zu nennen, ihre Launen zu ertragen und wenn ſte es zu arg machten, zu ihr nach Hauſe zu kom⸗ men:„Denn Du darfſt Dich nicht rächen für jede Dir ö — Ein junges und ein altes Herz. 167 geſchehene Unbill, ſie ſind vornehmer als Du und ihr Vater iſt der Herr des Deinigen.“ Nun ſah Wilhelm, daß die Kinder um kein Haar beſſer und artiger waren, als ſeine Bauernjungen; dazu hörte er ſeinen Vater hundertmal ſagen:„Wenn die Fürſtin und Roſalie nicht wären, hätte ich ſchon längſt dieſen eingebildeten Thoren, dieſen hochmüthigen egoiſtiſchen Fürſten im Stich gelaſſen.“ Das machte ſchon böſes Blut bei dem nachdenk⸗ lichen Jungen. Als ſeine Eltern ſtarben und er ſich öfter im Schloſſe aufhielt, wurde es nicht beſſer. Er fühlte, daß er hier nicht nur der Geringere, ſondern auch der Abhängige war. Wenn die Kinder oft etwas ganz unabſichtlich ſagten, legte er es ſich als Belei⸗ digung aus. Dann waren ſte aber auch oft wirklich inſolent und hochmüthig gegen ihn, wie es Kinder überhaupt leicht ſind. Das weckte ſeinen Hochmuth. Er war ſich bewußt, viel klüger, vernünftiger und un⸗ terrichteter zu ſein, als dieſe kleinen Prinzen und Prin⸗ zeſſinnen, und ſollte doch ſich ihnen beugen? Roſalien konnte er das nicht klagen, alſo verſchloß er es in ſich; ſo wurde er verſchloſſen, hochmüthig und mißtrauiſch, denn von Jedem der fürſtlichen Familie, der ihn anredete, glaubte er eine Beleidigung gewär⸗ tigen zu müſſen; er war alſo immer auf ſeiner Hut, * 168. Ein junges und ein altes Herz. eine ſolche abzuwehren, gab ſich endlich nie mehr hin und war ſchon, als er die Univerſität bezog, ein fer⸗ tiger, abgeſchloſſener, aber kein glücklicher Character! Bulwer ſagt einmal:„Hütet euch vor den Menſchen, die als Kinder eine zu ſtrenge Erziehung erhalten.“ Er hat Recht, aber ein eben ſo großes Unglück iſt es, als Kind in Verhältniſſe zu gerathen, wo man ſich ſelbſt bewacht und nicht gehen laſſen kann in ſorgloſer Unbe⸗ fangenheit. Nicht umſonſt ſagt der Holländer:„Ju⸗ dgen muß austoben.“ Alle Eigenſchaften Wilhelms, die in einem glück⸗ lichen Familienleben, im Kreiſe liebender Verwandten, wo ihm das ſüße Recht ſich zu freuen und zu genießen unverkümmert zu Theil geworden wäre, ſich auf das Herrlichſte entfaltet hätten, bogen ſich jetzt zurück, wur⸗ den unterdrückt, weil er, bevor noch der Stamm ſeines Lebens ſich kräftig entwickelt, in eine falſche Stel⸗ lung gerieth. Roſalie hatte eine Ahnung, daß ihre Pflegemutterſchaft ihm kein Glück brachte, aber mit welcher andern ſie vertauſchen? Er kam heute ungewöhnlich ſpät nach Hauſe. Viel⸗ leicht nur, weil Albert ihn gebeten, f rüh zu kommen. Sein ſtolzes, mißtrauiſches Herz ſah darin einen Be⸗ fehl des jungen Prinzen. Ein junges und ein altes Herz. 169 Albert empfing ihn freundlicher, als je, im Hin⸗ 5 blick auf ſeine Tante. Wilhelm ging aber auf dieſe Freundlichkeit ſo wenig ein, daß Alberts Zartgefühl G ſich erkältet zurückziehen mußte. Außer dem Schachſpiel war es des Fürſten Lieb⸗ lingsunterhaltung, ſeine Umgebung zu necken und aufzuziehen, nur Albert war davon ausgenommen; warum? wußte eigentlich Niemand; vielleicht kam es nur daher, weil es durchaus unempfindlich für Necke⸗ reien war und er deshalb keinen Genuß bot. Seine hei⸗ tere Unbefangenheit war durch einen Scherz nicht zu trüben, im Gegentheil, er ging auf den derbſten ein. Der Fürſtin, Roſaliens und Wilhelms reizbare Naturen hingegen boten dem fürſtlichen Roué einen größeren Reiz. Die große fürſtliche Familie war für den Augenblick ſehr zuſammengeſchmolzen. Alberts jüngere Brüder 8 waren in Militairdienſte gegangen, zwei ſeiner Schwe⸗ ſttern verheirathet, die eine nach Oeſterreich, die zweite nach Schleſten; nur ein zwölfjähriger Knabe, Rudolph, 4 und eine ſechzehnjährige Prinzeſſin, Ludmille, be⸗ fanden ſich noch im elterlichen Schloſſe. Ludmille war außer Roſalien die einzige Perſon, mit welcher Wilhelm ſich gerne unterhielt. Die ſanfte 170 Ein junges und ein altes Herz. Fürſtin ſelbſt zog ihn nicht an, denn er ſah in ihr zu ſehr die Gemahlin ſeines Herrn, des Fürſten. Ludmille und Roſalie hingegen lebten in offener Oppoſition gegen den Fürſten, unter einander waren ſie ſich übrigens auch fremd. Ludmille war ſchön und klug— der kluge und ſchöne Wilhelm war natürlich für ſie die anziehendſte Perſon der Geſellſchaft, und ſie fand hundert Vorwände, ſich ihm zuzugeſellen. Heute Abend muſteirten ſie zu⸗ ſammen. Er ſpielte ſehr mittelmäßig Klavier, aber ſte behaupteten Niemand d erſtche zu accompagniren, wie er. Sie ſang ein Lied von Schubert. Albert hörtettn tiefen Gedanken verſunken ihr zu, und ſein Auge hing mit ungewöhnlicher Theilnahme an ihrem ſchönen, ſprechenden Geſichte. Als ſie geendigt, fragte ſie ihn:„Warum ſahſt Du mich beim Singen ſo ſonderbar an?“ „Weil Deine Stimme eine merkwürdige Aehnlich⸗ keit mit einer andern Stimme hat.“ „Haſt Du die andere Stimme oft gehört?“ „Beinahe jeden Abend.“ „Wo war das?“ „Ich ſtand auf der Straße. Sie ſang im Zimmer.“ „Wirſt Du die Stimme bald wieder hören?⸗ —. Ein junges und ein altes Herz. 171 „Nie mehr— ſie iſt verklungen!“ Als er das ſagte, ſah er ſo ernſt aus, daß Wil⸗ helm, der in einiger Entfernung von ihm ſtand und ſeine Worte nicht verſtanden, ihn überraſcht anblickte, weil er dem„oberflächlichen Menſchen“ einen ſolchen Ausdruck gar nicht zugetraut. Ludmille aber nahm ſanft die Hand ihres Bruders und ſagte:„Willſt Du mir etwas anvertrauen?“ „Nein, Schweſterchen, das iſt nichts für Dich.“ „Warum nicht?“ „Weil Du meine Geſchichte langweilig finden wür⸗ deſt— und ich will dies Urtheil nicht hören über Das, was mir das Liebſte auf Erden war.“ „War? Alſo iſt es ſchon vorbei?“ Albert zuckte ſtatt aller Antwort die Achſeln. Dann ging er zu ſeiner Mutter und vertiefte ſich mit ihr in ein langes Geſpräch über ſeine beiden Schwäger. Ludmille aber ſah ihm mit einem eigenthümlichen Blick nach und dachte:„Er iſt verändert, das ſah ich beim erſten Blick. Hat die Liebe ihm den Ernſt gebracht, oder hat der Ernſt bei ihm die Liebe verſcheucht?“ Zu Wilhelm aber ſagte ſie:„Finden Sie nicht auch mei⸗ nen Bruder verändert?“ Mit einem ironiſchen Lächeln fragte er:„Wie .172 Ein junges und ein altes Herz. wünſchen Sie, daß ich ihn finden ſoll— beſſer oder ſchlimmer?“ „Beides, beſſer für die Frauen und ſchlimmer für die Männer.“ „Das heißt?“ 3 *„Das heißt, daß er ernſthaft geworden iſt.“ „Warum iſt das beſſer für die Frauen?“ „O, es giebt für uns nichts Unangenehmeres, als einen ſogenannten luſtigen Bruder— wenigſtens ich denke ſo— mir kann nur ein ernſter Mann gefallen! Denn Ernſt gehört zum Manne, wie Anmuth zur Frau.“ „Ich möchte Beides beſtreiten, denn wir haben zwei lebende Beiſpiele, daß das Gegentheil auch anziehend ſein kann, hier im Schloſſe.“ 1 „Das waͤre?“ „Der Fürſt und Prinzeſſin Roſalie.“ „Was meinen Vater betrifft, ſo laſſe ich mich dar⸗ auf nicht ein— Kinder haben kein Geſchick und keinen Beruf, Beobachtungen an ihren Eltern anzuſtellen— aber mit der Tante iſt es etwas Anderes— doch da darf ich freilich Ihnen gegenüber auch nichts ſagen, * denn bei Tante Roſalie ſind Sie auf der Stelle des Sohnes.“ „Nicht doch, nicht doch! Prinzeſſin Roſalie kann mir nie als Mutter erſcheinen, weil ich das Bild mei⸗ 4 Ein junges und ein altes Herz. 173 ner eignen Mutter noch zu lebendig in mir trage, ſie iſt mir nur eine ältere Freundin, und ich kann ſie wohl unbefangen genug beobachten, um zu ſagen, daß bei ihr der gänzliche Mangel an Anmuth nicht ſo ſtörend iſt, um nicht durch ihre übrigen ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften ganz und gar aufgewogen zu werden— ſie iſt nicht anmuthig und doch vollkommen.“ Ludmille lächelte, aber ſie ſchwieg. Man weiß nicht, ſoll man es ein Verdienſt oder einen Fehler der Frauen nennen, daß ſie ſo oft ſchweigen, wenn ſie fühlen, daß ein Ausſprechen ihrer Meinung der Anſicht einer Perſon, die ſie lieben, widerſpricht. Kein Mann thut das, er verſicht ſeine Anſicht bis zum letzten, weiß er auch, daß jedes Wort ihm einen Zoll breit Terrain im Herzensgrund ſeiner Liebſten koſtet. Iſt es, weil den Frauen ihre Neigung höher als ihre Ueberzeugung ſteht, während bei dem Manne es umgekehrt der Fall iſt, oder kommt es blos daher, daß die Frauen gutmüthiger ſind und deshalb lieber ſchweigen als Jemanden, dem ſie wohl wollen, durch eine Behauptung zu verletzen? Driltes Fapilel. Es giebt Träume, die entſcheidend für das ganze Leben ſind; ein Genius zieht da den Schleier ab von Gefühlen und Neigungen, die ſonſt vielleicht in unſerm Innern uns ſelbſt unbewußt abgeblüht ſein würden. Wilhelm träumte von Ludmillen, ihm träumte, was er nie im Leben gedacht, daß das ſchöne Mädchen ihn liebe! Mit glühenden Farben ſchilderte der Traum ihm ihre Leidenſchaft, und als er am Morgen erwachte und mit immer höher klopfendem Herzen ſich des Trau⸗ mes der Nacht entſann— liehte er ſie wirklich. Es war wie ein Zauberſchlag— er wunderte ſich nur über Eines— daß dieſe Liebe zu dem reizenden Geſchöpf nicht früher die Knospe ſeines Herzens geſprengt! An der Mittagstafel pflegte er ſie gewöhnlich zuerſt ³ 4 Ein junges und ein altes Herz. 175 zu ſehn; wie lang wurde ihm heute der Morgen! Ihm ſchien es, als wollte es nie zwei Uhr werden! Endlich, endlich erſchien der Bediente mit der Mel⸗ dung, daß ſervirt ſei. Die jüngere Welt mußte ſich auf dieſen Ruf immer ſogleich in den Speiſeſaal verfügen, während der Fürſt erſt eine Viertelſtunde ſpäter im Frack ſeine ihn erwartende Gemahlin abholte, um ſie am Arme hinüber zu geleiten, wo die Anderen ihn ebenfalls in voller Toilette erwarteten. Ein höchſt einfaches Mittagseſſen wurde auf ſilber⸗ nen Schüſſeln und dem feinſten Damaſt ſervirt, leichter Tiſchwein dazu getrunken und zum Deſſert etwas Obſt und Biscuit aufgetragen. So war es einen Tag wie den andern. Es iſt jetzt Sitte, ſich über alle Formen luſtig zu machen, mit Verachtung davon zu ſprechen, aber grade da, wo man ſie zuerſt über Bord warf, im häuslichen Leben, waren ſie von der wohlthätigſten Wirkung. Und dann noch Eins: dieſe Formen, ſo wie jede Form, ſind dem Schönheitsgedanken entſproſſen. Dürfen wir deshalb über die ſpotten, denen eine einfache Mahlzeit, auf ſchönem geſchmackvollem Service und feinem, leuch⸗ tendem Linnen aufgetragen, beſſer mundet, denn lucul⸗ liſche Speiſen auf groben Schüſſeln und rauhem Zwillich⸗Tiſchtuch? 176 Ein junges und ein altes Herz. Wilhelm, obgleich ſchon durch die Excluſtvität ſeines Umgangs, eine entſchieden ariſtokratiſche Natur hatte es ſich aber einmal vorgenommen, dieſe Formen alle höchſt lächerlich zu finden. Immer ſchwebte ein ſpöttiſches Lächeln um ſeine Lippen, wenn Fürſt Wald⸗ heim, nachdem er mit ſeiner Gemahlin am Arme ein⸗ getreten und ſie an ihren Stuhl geführt, ſich nie ohne eine leichte Verbeugung von ihr entfernte, was ſie mit der größten Anmuth erwiederte. Er nannte das Alles Comödie, bedachte aber nicht, daß dieſe Comödie die Fürſtin vor unendlich viel unangenehmen Dingen be⸗ wahrte. Die Förmlichkeit ſeines Umgangs vor Zeugen mit ihr bewirkte auch, daß der Fürſt ihr eine gewiſſe Rückſicht überhaupt gewährte. Ein hartes Wort fand nicht den Weg über ſeine Lippen, wenn er ſich es auch noch ſo feſt vorgenommen, ihr etwas der Art zu ſagen; nur zu ſticheln und ſie indirect zu quälen vermochte er, ſo ſtark wirkte das Anſehn— nicht ihrer Tugend und Vortrefflichkeit— ſondern das Anſehn, das er ihr ſelbſt verliehen, auf ihn. Wilhelm, der in dieſen ererbten Formen nicht erzo⸗ gen, und der eben dieſe Formen als einen Vorzug hoher Geburt, als ihr nur allein„geziemend“, hier im Hauſe rühmen hörte, als finde man ſie für ihn zu gut, wie ein zu ſchönes Kleid für einen unedlen Körper— Ein junges und ein altes Herz. 177 wurde durch dieſe Auffaſſung der entſchiedenſte Feind jeder Form— aber wie geſagt, nur aus dieſem Grunde, denn ſeine feine, exeluſive, leicht reizbare, ſchönheitverlangende Natur neigte auch natürlich zur feinen Form und wurde gereizt und empört, wenn Andere ſie ihm gegenüber nicht beachteten— nur er ſelbſt wollte ſich davon be⸗ freien— er ſelbſt wollte ſich über dieſen ariſtokratiſchen „Zopf“ hinwegſetzen! In dieſem Hauſe konnte er das freilich nicht voll⸗ ſtändig, weil man ihn ſonſt nicht geduldet haben würde— das ſah er wohl ein— ſo unterwarf er ſich denn ſo wenig als möglich! — Ludmilla mit ihren feinen Fühlhörnern bemerkte ſogleich, daß Wilhelm ſie heute mit andern Augen wie gewöhnlich anſah, kurz, daß ſeine Seele in jener be⸗ wegten Empfänglichkeit war, die liebend aufhorcht, um muſchelgleich im Meere der Alltäglichkeit nur die Perlen aufzufangen, die die Geliebte fallen läßt! daß er nur Augen und Ohren für ſie hatte— daß ſelbſt ſeine Ironie, die ſonſt nie unterdrückte, ſich nicht um ſeinen feinen Mund blicken ließ, als der Fürſt ſeine ariſtokratiſchen Anſichten entwickelte. Ihre Koketterie erwachte auf das Stärkſte, als ſie den jungen Mann in ſolcher Aufregung ſah, ſie ſchürte das Feuer, ſtatt es zu löſchen— geliebt zu werden und Gegen den Strom. I. 12 178 Ein junges und ein altes Herz. zwar wahnſinnig, himmelſtürmend geliebt zu werden, war ja der glühendſte Wunſch ihres eitlen Herzens. Sie hatte nun einen Anbeter und einige Tage ſpäter war aus dem glühenden Anbeter ſchon ein Liebhaber geworden— ſie erleichterte ihm das Geſtändniß ſeiner erſten ſchüchter⸗ nen Liebe auf jede Weiſe, ſie erleichterte es ihm nicht: nur, ſie erwiederte es auch. Niemand bemerkte das neue Verhältniß. Der Fürſt ſah es nicht, weil er überhaupt immer zu ſehr mit ſich beſchäftigt war, die Fürſtin nicht, weil ſie zu jenen Naturen gehörte, deren Fülle von Glauben und Ver⸗ trauen gar nicht die Eigenſchaft der Beobachtung in ſich hat entwickeln laſſen, Roſalie nicht, weil ſie nur ſelten im Salon erſchien und man ſich dann ganz be⸗ ſonders vor ihr in Acht nahm. Nur Einer war nicht zu täuſchen und durchblickte am erſten Tage die neuen Beziehungen ſeiner Schweſter und Wilhelms. Es war Albert. Sein eignes Herz war noch zu ſehr von glei⸗ chen Gefühlen geſchwellt, um nicht ſchon ſympathetiſch das ähnliche in ſeiner Umgebung zu errathen. Er beob⸗ achtete das Paar ſcharf, aber ihnen ſelbſt unbemerkt; ſie glaubten ſich in voller Sicherheit. Wilhelm hatte Ludmille, ſeitdem ſich Beide ihre tig ohne Zeugen geſprochen. Es war Morgens im Neigung geſtanden, nur dreimal und zwar ganz flüch⸗- Ein junges und ein altes Herz. 179 Garten geweſen, unmittelbar unter den Fenſtern der Fürſtin, die auch hinter den Scheiben geſtanden und auf das Paar herabgeſehn. Mit gemeſſener Geberde und ruhigen Zügen wurden da glühende Worte, leidenſchaftliche Verſicherungen geflüſtert, die jungen Hände zitterten, als Ludmille ihr Tuch fallen ließ und Wilhelm es ihr zurück gab, ein flüchtiger Händedruck wurde dabei gewechſelt, ſo flüchtig, daß es die Mutter oben am Fenſter nicht gewahren konnte, eben ſo wenig wie das Zittern der jungen Hände! Wenn zwei Menſchen ſich verſtehen, ſo vermag die Gegenwart der ganzen Welt nicht ſie daran zu hindern. Sie ſagen ſich, was ſie wollen— was bedurften ſie der Worte, ſie hatten Augen, vier junge feurige, ſehr ver⸗ ſtändlich redende Augen. An einem Tage hatten ſie wieder eine Zuſammen⸗ kunft verabredet, aber gerade als Wilhelm zu reden be⸗ ginnen wollte, bog Albert um die Ecke des Gartens. Wilhelm war ſo aufgeregt, daß es ihm unmöglich war, jetzt gleichgültige Worte mit dem läſtigen Dritten zu wechſeln. Ohne Entſchuldigung, nur mit einem flüchtigen Gruße entfernte er ſich. Albert ſah ihm lächelnd nach, dann wandte er ſich zu ſeiner erröthenden Schweſter:„Es ſcheint, ich bin ihm ungelegen gekommen?“ 180 Ein junges und ein altes Herz. „Du kennſt ihn ja ſo gut wie ich, er iſt ein Son⸗ derling!“ Er war es— aber jetzt iſt er es gewiß nicht mehr; verliebte Menſchen ſind keine Sonderlinge mehr— denn ein Sonderling iſt weiter nichts als ein in ſich ſelbſt verliebter Egoiſt, und wenn man in Jemand anders verliebt iſt, hat man keine Zeit für ſich ſelbſt übrig.“ „In wen— in wen glaubſt Du denn, daß Roſe verliebt ſei?“ „Das fragſt Du mich?“— „Wen ſonſt, an wen könnte ich mich beſſer wenden?“ 4 Ludmillens Züge verriethen nichts. Sie hatte jetzt die erſte Ueberraſchung überwunden. Ihres Bruders ſatyriſchen Blicken begegnete ſie mit kaltem Lächeln. Er ſah ſie verwundert an. Sein offenes Männerherz wurde von einem tiefen Zorn über dieſe weibliche Verſtellungskunſt ſeiner ſechzehnzährigen Schweſter erfüllt. Sie antwortete noch immer nicht, ſah ihm noch immer kühn und fragend in die Augen. Uebermannt von Entrüſtung rief er endlich:„Wie iſt es möglich? Wie kannſt Du mich ſo anſehn? Du, die ein erklärtes Liebesverhältniß mit Wilhelm hat!“ Ludmille erröthete nicht. Sie biß ſich nur ein klein 6 Ein junges und ein altes Herz. 181 wenig auf die Lippen und fragte dann, aber doch mit etwas unſicherer Stimme: „Soll das Ernſt oder einer von Euer Durchlaucht gewöhnlichen ſchlechten Späßen ſein?“ „Ernſt, Euer Liebden, Ernſt und noch einmal bit⸗ terer Ernſt!“ „Ich weiß nicht, was ich darauf ſagen ſoll!— „Das glaube ich wohl!“ „Wer hat mich ſo erbärmlich bei Dir verläumdet?“ Meine eigenen Augen, Ludmille, die Eure Augen⸗ ſprache auch verſtehen.“ „Albert, Du beleidigſt mich.“ „Ich ſage Dir nur Eines, Ludmille, gieb Dir keine Mühe zu leugnen.“ „Ich ſage Dir auch nur Eines, Albert, wage nie mehr hiervon mit mir zu reden, oder ich ſage es dem Vater!“ Albert ſtützte beide Hände in die Seiten und ſah ſeiner Schweſter dicht in die Augen, nicht wiſſend, ob er über ihr Pathos lachen oder über ihre Verſtellung empört ſein ſollte. Sie aber wandte ſich raſch und ging ins Schloß. „Ein ſchönes Frauenzimmer das! Ich wußte gar nicht, daß meine Prinzeſſin Schweſter ſo durchtrieben ſei. Wo ſie das her hat? Aber jetzt zu Wilhelm; wir 182 Ein junges und ein altes Herz. wollen ſehen, ob der bürgerliche Stolz des Herrn Roſe nicht doch dem ariſtokratiſchen Hochmuth der Dame vorzuziehen iſt, und ich einen ehrlichen Mann finde, wo ich kein ehrlich Mädchen fand!. Mit einem tiefen Seufzer und langſamen Schritten ging er nun auch dem Schloſſe zu. Wilhelm war in ſeinem Zimmer. Seine geſtörte Zuſammenkunft mit Ludmille hatte die übelſte Laune bei ihm erzeugt; aber er war doch zu ſehr Mann, um nicht bei einer intereſſanten Lectüre jeden Aerger vergeſſen zu können. So hatte er auch jetzt ein Buch zur Hand genommen, als Albert ohne anzuklopfen bei ihm eintrat. Verzeihen Sie, Wilhelm, daß ich ſo ohne Weiteres zu Ihnen komme, aber mich treibt eine Angelegenheit zu Ihnen, die zu ernſt iſt, um noch Formen zu beob⸗ achten. Er ſagte dies ohne alle jene Förmlichkeit, die man ſonſt beim Eintritt in eines andern Menſchen Zimmer beobachtet— ſah aber ſo traurig aus, daß Wilhelm erſchrocken, im Glauben, es ſei Jemand ein Unfall begegnet und Albert komme ſeine ärztliche Hülfe in Anſpruch zu nehmen, ganz eifrig fragte:„Was iſt geſchehen— kann ich Jemand nützlich ſein?“ Albert war dies Mißverſtändniß unangenehm, weil Wilhelms gutmüthige Dienſtfertigkeit unwillkührlich A Ein junges und ein altes Herz. 183 ſeine Dankbarkeit in Anſpruch nahm, und er wollte dieſem Menſchen eben keine wohlwollende Empfindung gönnen, er wollte ihn haſſen, weil er ſeine Schweſter in ein unſeliges Liebesverhältniß verwickelt. Er ſagte kurz, indem er ſich auf das Sopha warf: „Nützen können Sie eben Niemand— ich komme im Gegentheil Ihnen Vorwürfe zu machen wegen des Schadens, den Sie angerichtet— und zwar im Herzen meiner Schweſter!“ . Als Albert ſich ſetzte, hatte Wilhelm, der bei ſei⸗ nem Eintritt aufgeſtanden, ſich ebenfalls wieder nieder⸗ gelaſſen; jetzt ſprang er auf wie vom Blitz gerührt. Seine Wangen glühten, aber mit feſter, wenn auch leiſer Stimme fragte er:„Woher wiſſen Sie?“ „Nicht durch meine Schweſter. Sie, mit der ich natürlich zuerſt ſprach, leugnete hartnäckig, was ich mit eigenen Augen geſehen— ſeit vier Wochen unge⸗ fähr geſehen.“ Weugnen werde ich nichts, mein Prinz, und daß Ihre Schweſter Ihnen gegenüber es thut, gereicht nicht zu ihrem Ruhme!“ „Charmant!— meine Schweſter leugnet, und Sie machen mir Vorwürfe, wirklich ganz charmant!“ „Sagen Sie mir lieber, was Sie von mir wün⸗ ſchen, Prinz!“ 3 „ 184 Ein junges und ein altes Herz. „Was ich von Ihnen wünſche? Ich wünſche nichts von Ihnen, Herr Roſe! Aber ich verlange etwas— und zwar, daß Sie jedes Beſtreben, mit meiner Schwe⸗ ſter Ludmille ein Liebesverhältniß fortzuſetzen, aufgeben — das verlange ich.“— „Und welche verſtärkende Mittel ſtehen im Hinter⸗ grunde Ihres Verlangens?“ fragte Wilhelm in unter⸗ drückter Wuth mit ſatyriſchem Tone. „Gar keine,“ ſagte Albert ruhig.„Ich habe nichts im Hintergrunde, nicht einmal die Drohung, es meinem Vater zu ſagen— das habe ich nicht nöthig, Ihnen gegenüber.“ 3 „Warum nicht?⸗ „Weil Sie ein vernünftiger Menſch ſind und meine guten Gründe anerkennen werden.“. Wilhelm antwortete nicht— er ging mit geſenk⸗ tem Haupte und verſchränkten Armen im Zimmer auf und ab. „Sie fragen mich nicht nach meinen Gründen, dennoch will ich ſie Ihnen mittheilen, auch ungefragt. Erſtens haben Sie noch keine Lebensſtellung, Sie kön⸗ nen überhaupt noch an gar keine Verbindung denken. Zweitens, wenn Sie das auch könnten, paßt meine Schweſter ihres Characters wegen daschaus nicht zu Ihnen. Sie ſind ein ganz innerlicher Menſch— meine 2 — Ein junges und ein altes Herz. 185⁵ Schweſter iſt ganz äußerlich— es wird mir ſchwer zu geſtehen, aber der Wahrheit ihre Ehre— Sie ſind beſſer als Ludmille. Drittens“— „Drittens aber“— fiel Wilhelm mit einem kleinen höhniſchen Lachen ein,„drittens aber, ja im dritten Punkt bin ich nicht beſſer als Ihre Schweſter, habe ich nicht Recht, mein Prinz? Drittens bin ich nur ein bürgerlicher Doctor und Ihre Schweſter iſt die Tochter eines der„älteſten deutſchen Fürſtengeſchlechter?“ „Ganz richtig,“ ſagte Albert kalt,„ſo würde mein Vater ſich ausdrücken, und da Ludmille unglücklicher Weiſe auch ſeine Tochter iſt, ſo kommt ſeine Anſicht allerdings hier in Betracht!“ „Nun erlauben Sie mir aber, mein Prinz, Ihnen zu ſagen, daß ich gar keinen Reſpect vor Ihren Grün⸗ den habe. Eine Lebensſtellung kann ich mir jeden Au⸗ genblick erringen— ich habe ſogar ſchon beſtimmte Ausſichten. Was den Character Ludmillens und den meinigen betrifft— ſo überlaſſen Sie dies unſernk Er⸗ meſſen. Und was Ihren dritten Grund anbelangt, ſo kann ich Sie da in dieſem Augenblick nicht widerlegen, ohne Sie zu beleidigen, und das möchte ich nicht gerne. Ich bin jetzt zu aufgeregt, um eine unpar⸗ theiiſche WürdPng„der Standesunterſchiede“ zu geben.“ 186 Eiinn junges und ein altes Herz. Albert ſchwieg auch eine Weile. Dann fragte er kurz:„Und was gedenken Sie zu thun?“ „Ungeſtört mich um Ihre Schweſter zu bewerben, als ſei dieſe Unterredung gar nicht vorgefallen.“ Einen Augenblick wollte Albert ſein Zorn überman⸗ nen, er war aufgeſprungen, ſeine Lippen zitterten, aber er beherrſchte ſich und ſagte mit einem zornigen Lachen: „Ich bin Ihnen ſehr dankbar für Ihre Aufrichtigkeit, Herr Doctor!“ „Ich hoffe, Sie werden Gleiches mit Gleichem ver⸗ gelten, mein Prinz, weniger kann doch ein Sohn aus einem der älteſten—“ „Keinen Spott, Herr Doctor!“ Der Ton, in welchem Albert dieſe vier Worte ſprach, mußte etwas Abſonderliches gehabt haben, denn Wil⸗ helm hielt in ſeiner Zimmerpromenade plötzlich inne und blieb vor Albert ſtehn, um ihn anzuſehn. Der 4 Prinz war todtenblaß. Zwiſchen ſeinen klaren Augen hatte ſich eine tiefe Zornesfalte gelagert. „Wiſſen Sie, daß Ihnen der Zorn ſehr gut ſteht?⸗ verſetzte Wilhelm ganz ruhig, als ſei nichts vorgefallen. Dieſe harmloſe Bemerkung in dieſem Augenblicke aus dem Munde ſeines Gegners frairte den Prinzen dermaßen, daß er in ein helles Gelächter ausbrach— 8. — — 4 Ein junges und ein altes Herz. 187 wie ſo oft Kinder aus heftigem Weinen in helles Lachen übergehe. Und Wilhelm lachte auch! Der junge Doctor faßte ſich aber zuerſt wieder. „Nun wohl, Prinz Albert, ſagen Sie mir, was Sie gegen mich zu unternehmen denken?“ „O,“ ſagte Albert aufſtehend,„offenen Krieg! Ich werde meine Schweſter bewachen, Sie verläumden und lächerlich machen, und kurz und gut, ich werde Ihnen zu ſchaffen machen, ſo viel ich kann— ich ganz allein!“ „Gut, aber Eines verſprechen Sie mir, daß Ihre Tante Roſalie nichts davon erfährt. Ihre Eltern mö⸗ gen Sie meinetwegen zu Bundesgenoſſen nehmen, wenn Sie ſich zu ſchwach fühlen ſollten— aber ſie— ſie ſoll keinen Kummer, keinen Aerger durch mich haben, bei Gott, das verdient ſie nicht um mich!“ „Roſalie ſoll es nicht erfahren und eben deshalb auch nicht mein Vater, da ich für deſſen Discretion ihr gegenüber nicht einſtehen kann. Meine Mutter hinge⸗ gen wird ſchweigen, und an ſie wende ich mich auch nur als letztes Mittel. 8 Er grüßte leicht mit dem Kopf und verließ dann das Zimmer; Wilhelm geleitete ihn bis zum Corridor. Am Nachmittage deſſelben Tages erhielt Wilhelm einen Brief und zwar aus New⸗York. Sein einziger 188 Ein junges und ein altes Herz. Verwandter, der Bruder ſeiner Mutter, ſchrieb ihm eine Aufforderung, zu ihm nach Amerika zu kommen, da ge⸗ rade junge Aerzte eines guten Fortkommens dort gewiß ſeien. Für den Fall, daß es Wilhelm an Reiſegeld mangle, ſchickte er ihm einen Wechſel auf ein Bremer Haus, mit deſſen Chef er befreundet war. Wilhelm mochte Amerika nicht, ſeine träumeriſche Natur ſchauderte vor der nackten Wirklichkeit eines rein materiellen Lebens. Amerika erſchien ſeinem Geiſte wie ein neuangelegter Park ohne Bäume, ohne Schat⸗ ten. Deutſchland mit ſeinen Wäldern, ſeinen Burgen, ſeiner Geſchichte war ihm ein Paradies im Vergleich mit dieſem wohleingerichteten Staate, obgleich er mit ſeinen politiſchen Grundſätzen viel beſſer dahin paßte, als nach Deutſchland, dem Land der Vorurtheile par préférence. Aber wenn Ludmille mitging, ja mit Ludmillen konnte er auch nach Amerika gehen! Dann aber mußten ihre Eltern getäuſcht werden. Schon am Abend, als er in den Salon trat, wo die fürſtliche Familie verſam⸗ melt ſaß, verkündigte er deßhalb, er habe einen Brief von einem Studiengenoſſen aus Peſth erhalten, der ihm dort eine vortheilhafte Stellung zu verſchaffen wiſſe. „Und was denken Sie zu thun,“ fragte Roſalie und Ein junges und ein altes Herz. 189 ihre Stimme zitterte ſehr merklich, dennoch gewahrte es Niemand als Albert. „Was ich zu thun gedenke? Mit der gütigen Er⸗ laubniß der Anweſenden gedenke ich es anzunehmen.“ „Da haben Sie ganz Recht,“ ſagte Ludmille raſch. Albert lächelte ſehr ſpöttiſch, das ſah aber wiederum Niemand als Wilhelm. Der Fürſt ſagte nachläſſig:„Ein junger Mann muß die Welt kennen lernen. Ungarn iſt intereſſant und für einen Doctor vortrefflich; mit dieſen halbwilden Puſtabewohnern kann er Pferdecuren machen und er⸗ perimentiren wie mit den Katzen.“ Wilhelm wollte in jugendlicher Entrüſtung eine Phraſe über die„Würde der Menſchheit“ dem alten Mann entgegenſchleudern, ſah aber noch zu rechter Zeit ein, daß es hier nur ein ſpöttiſches Lächeln hervorrufen würde. Er wandte ſich zu Roſalien. Große Thränentropfen ſtanden in ihren klugen Augen ob des Verluſts ihres Lieblings. Die Fürſtin drückte ihr die Hand, vielleicht das erſte Zeichen eines Einverſtändniſſes zwiſchen die⸗ ſen beiden Frauen. Dieſes kleine Zeichen der Theil⸗ nahme rührte aber Roſalien ſo ſehr, daß ihre Thränen nun nicht mehr zurückzuhalten waren. Wilhelm war, wie allen verſchloſſenen ſtolzen Men⸗ 19⁰ Ein junges und ein altes Herz. ſchen, dieſe Kundgebung ihres Gefühls höchſt unange⸗ nehm, und er vermochte deshalb auch gar nicht, ihr dankbar dafür zu ſein. In der größten Verlegenheit ſetzte er ſich neben ſie, er wußte nicht, was er ſagen ſollte. Sie faßte ſich aber ſchnell und trocknete ihre Augen und ſagte dann mit muthiger Stimme:„Es iſt recht einfältig von mir, daß ich mich ſo überwältigen ließ! Ich mußte ja längſt darauf gefaßt ſein, mein Pflegkind zu verlieren. Müſſen ja die meiſten Mütter ſogar den eignen Sohn verlieren, wenn ſie gerade einen Freund in ihm gefunden haben!“ „O, und es iſt ja nicht auf immer,“ ſagte Ludmille, „Doctor Roſe kehrt doch wieder nach Deutſchland zurück.“ Die Fürſtin war die Einzige, die in dieſem Augen⸗ blick natürlich blieb. Der Fürſt war verdrießlich, daß Wilhelm ging. Seitdem dieſer Ludmillen liebte, hatte er ſich natürlich auch dem Vater liebenswürdig erwieſen. Der Fürſt wußte wohl, daß ein ſolcher„Leibarzt“ ihm nicht wieder zu Theil wurde. Aber er war zu ſtolz, das zu zeigen, und affectirte eine vollſtändige Gleichgültigkeit über den Abgang des jungen Mannes. Roſalie war vollkommen unglücklich und wagte dies aus Angſt vor dem Spotte ihres Bruders eben⸗ falls nicht zu zeigen. ½ 6 — Ein junges und ein altes Herz. 191 Ludmille, ja Ludmille wußte ſelbſt nicht, was ſie denken ſollte. Daß Albert bei ihrem Geliebten geweſen war, hatte ſie bemerkt— war ſeine Abreiſe die Folge davon? Aber dann hätte er ja müſſen trau⸗ rig ſein, und das war er nicht. Im Gegentheile, er ſah befriedigter aus, als je. Hatte er ſie freiwillig und gerne aufgegeben— warum ſah er ſie dann ſo oft und innig an? Sie war wie im Fieber und redete in ihrem Verlangen, ihre Spannung zu verbergen, tolles Zeug durch einander. Auch Albert, der ſonſt ſo ruhige, klare Albert war geſpannt und neugierig. Daß Wilhelm einen Brief erhalten, wußte er wohl— daß dieſer Brief einen An⸗ trag enthielt, konnte möglich ſein, aber daß Wilhelm ihn annahm, nachdem er noch heute verſichert, er werde Ludmillen um keinen Preis aufgeben, war uner⸗ klärlich! Sollte er ſo kühn ſein, ſich einzubilden, ſie werde mit ihm gehen? Daß das Liebespaar ſich ſeit ſeiner Unterredung mit Wilhelm nicht geſprochen, wußte Albert ſicher, denn Ludmille war vom Spaziergange mit ihrer Mutter eben erſt nach Hauſe zurückgekehrt. Auch ſah er wohl, daß Ludmille ſelbſt auf's Höchſte überraſcht worden war von Wilhelms Erklärung. Nun galt es aufzumerken. Die Schachparthie, welche er jeden Abend mit ſeinem n 5 ——— Ein junges und ein altes Herz. 19²2 Vater ſpielte, konnte er auch heute nicht umgehn, aber er ließ den Tiſch anders placiren als gewöhnlich, ſo daß er fortwährend den ganzen Saal mit allen Perſo⸗ nen im Auge hatte. Seines Vaters Laune wurde da⸗ durch gebeſſert, daß Albert ſich durch ſeine Aufmerkſam⸗ keit auf das Liebespaar dermaßen von der Parthie ab⸗ ziehen ließ, daß er einmal über das andere matt wurde. Wilhelm hatte ein Briefchen für Ludmille im Hand⸗ ſchuh ſtecken, aber keine Möglichkeit, es ihr zu über⸗ geben! Alberts klare Augen waren wie gebannt auf ſte. Es war im Grunde beinahe einerlei, ob er ihr heute oder morgen das Billet übergab, aber ſein Ehr⸗ geiz war angeſtachelt durch den Wettſtreit gegen Albert; ihm kam es beinahe ſchimpflich vor, zu verlieren. Und dennoch mußte er es für heute aufgeben, denn als er wie gewöhnlich Ludmillen den Arm bieten wollte, um ſie zur Abendtafel zu führen— der Fürſt führte immer ſeine Frau, Albert Roſalien— trat Albert auch vor ihn und ſagte ſo laut, daß Alle es hören konnten: „Bitte, lieber Roſe, führen Sie die Tante und machen Sie Ihren Frieden mit ihr, daß Sie ihr ſo unvorbe⸗ reitet Ihren Weggang mitgetheilt haben.“ Wilhelm mußte ſich hier fügen, jede Zögerung würde eine Beleidigung für Roſalien geweſen ſein. Er entſchuldigte ſich jetzt auch bei ihr und verſicherte, er — Ein junges und ein altes Herz. 193 habe es ihr vorher ſagen wollen, ſie aber nicht auf ihrem Zimmer gefunden. „Ich war einen Augenblick in den Garten gegangen,“ ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer, der ihrem Liebling aber kaum in das verliebte Herz drang. Seinen gewöhnlichen Platz neben Ludmille bei Tiſch verlor Wilhelm auch am folgenden Tage durch Alberts diplomatiſche Bemühungen. Dieſer behauptete nämlich plötzlich an den Augen zu leiden und bat deshalb Wil⸗ helm, der auf ſeinem Platz den Fenſtern den Rücken zukehrte, mit ihm zu wechſeln, weil ihn das Licht zu ſehr blende. Der Fürſt und die Fürſtin bemerkten nichts, Roſalie auch nicht, weil ihre ganze Seele mit dem Ge⸗ danken der Trennung von Wilhelm erfüllt war und dieſer ſelbſt ſich zudem vor ihr am meiſten hütete! Gegen den Strom I. Mierles Sapilel. Tag um Tag verging und noch hatte Wilhelm keine Silbe der Verſtändigung mit ſeiner Geliebten wechſeln können. Jeden Tag ſchrieb er ihr ein anderes Brief⸗ chen und jeden Abend legte er es zerknittert auf ſeinen Tiſch, um es ein paar Minuten ſpäter grimmig zu zer⸗ reißen. Dieſe ewige Spannung fing an, eine üble Wirkung auf ſeine Geſundheit zu äußern. Er wurde ſchmal und blaß und ſo nervenaufgeregt, daß ein fallen⸗ des Kartenblatt ihn zuſammenfahren machte. 5 Albert hingegen wurde immer heiterer und trium⸗ phirender. Er fühlte ſich Wilhelm gegenüber ſo ſehr im Rechte, daß er gar nicht einſah, wie er eigentlich die Rolle eines böſen Menſchen ſpielte, der das Glück zweier Liebenden ſtörte— aber was ihn in ſeinen — 3 Ein junges und ein altes Herz. 195 Augen entſchuldigte, er hielt es eben nicht für das Glück der Beiden, wenn ſie ſich fanden. Eines Abends war Wilhelm noch ziemlich ſpät— die Familie wollte ſich gerade zur Abendtafel begeben— zu einer Kranken im Städtchen abgerufen worden. Während ſeiner Abweſenheit ſprach der Fürſt über die Schlacht bei Waterloo, welche er als Cuiraſſierritt⸗ meiſter mitgeſchlagen, und ſtellte einige falſche Behaup⸗ tungen auf. Alberts gutes Gedächtniß war ſprich⸗ wörtlich in der Familie, aber dennoch glaubte nie Der⸗ jenige daran, welchen er eben eines Irrthums überführte. So auch jetzt ſein Vater. „Will wieder das Ei klüger ſein, als die Henne?“ ſagte er ärgerlich, als Albert ſeine falſchen Angaben berichtigte.„Ich bin dabei geweſen und werde es beſſer wiſſen, als Du, der erſt ein Jahr nachher ge⸗ boren wurde. „Soll ich eine Encyclopädie holen, Papa?“ Meinetwegen gewiß, ich binmeiner Angabe ſicher.“ Albert ſtand auf und ging. Kaum war er fort, ſo trat Wilhelm wieder ein. Beim erſten Blick in den Salon ſah er, daß Ludmille ſeit vierzehn Tagen zum erſten Male allein ſaß— daß ihr Wächter und unzer trennlicher Begleiter fort war. Sie lachte eben laut wie ein befreiter Vogel. Kaum nahm ſich Wilhelm 13* 195 Ein junges und ein altes Herz. Zeit, die älteren Perſonen zu begrüßen, und ſchon ging er auf Ludmille zu und zeigte ihr verſtohlen ein Brief⸗ chen. Sie ließ ihr Schnupftuch fallen. Wilhelm hob es auf und überreichte es ihr— aber in demſelben Augenblicke trat auch Albert wieder ein, ſein erſter Blick fiel auf ſeine Schweſter und er ſah nur eben noch, wie ſie ihr Battiſttuch in die Taſche ihres Kleides ſchob— Wilhelm war aber ſo weit von ihr zurückge⸗ treten, daß er keinen beſtimmten Verdacht faßte— über⸗ dem hatte er ja Wilhelm erſt vor einer Minute kommen hören— er glaubte alſo, daß ſeine Abweſenheit von dem Paare noch nicht benutzt worden ſei. „Nun,“ fragte ſein Vater,„was ſteht im Lexicon?“ „Ich konnte es nicht finden, liebſter Vater— weiß der Himmel, wo gerade dieſer Band ſteckt.“ Er konnte natürlich nicht ſagen, daß er Wilhelm zurückkommen hören und deshalb nicht länger habe wegbleiben wol⸗ len. Der Fürſt wurde nun von glänzender Laune, denn er bildete ſich ein, Albert habe gefunden, daß er ſelbſt im Unrecht ſei und deshalb das Buch nicht mitgebracht. Seine Triumphesfreude blühte in liebenswürdigem Benehmen gegen die ganze Geſellſchaft auf; ſogar gegen Wilhelm. „Es iſt doch recht ſchade, liebſter Roſe,“ ſagte er huldreich zu dieſem,„daß Sie uns verlaſſen wollen, und — Ein junges und ein altes Herz. 197 zwar für dies wüſte Ungarn. Wenn Sie denn doch durchaus einmal von uns fort wollen, ſollten Sie ſich doch ein beſſeres Land ausſuchen.“ „Ich habe keine Wahl, Durchlaucht,“ ſagte Wil⸗ helm mit einem bittern Lächeln,„in meiner Stellung muß man nehmen, was ſich bietet.“ „In Ihrer Stellung?“ „Ja, Durchlaucht, warum es nicht ausſprechen, meine Stellung iſt die eines Ueberläſtigen. Ich fühle recht gut, daß Sie mich nur dulden aus Rückſicht für Prinzeſſin Roſalie.“ „Ah bah! Sie ſind unſer lieber Hausarzt und dabei zählt meine Schweſter für gar nichts. Aber ich machte Ihnen nur Vorwürfe, daß Sie nach Ungarn gehn wollten, weil ich eine andere Stellung für Sie weiß, und wenn Sie nicht ſchon Ihrem Freunde zuge⸗ ſagt hätten“— „Wo iſt dieſe Stellung, wenn ich fragen darf?“ „In Schleſten und zwar im ſchönſten Theile Schle⸗ ſtens. Meine Tochter ſchreibt mir, daß in der ganzen Umgegend ihres Wohnſitzes kein Arzt ſich befinde und ob Tante Roſaliens Protegé ſich nicht dazu wolle bereit finden laſſen. Sogar von einem feſten Gehalt ſpricht ſie.“. Albert war es nicht entgangen, daß Wilhelm mit 198 Ein junges und ein altes Herz. einer gewiſſen Haſt gefragt, aber offenbar entmuthigt ſich in ſeinen Seſſel zurückgelehnt hatte, als der Fürſt den Namen ſeiner Tochter nannte. „Alſo feſt gebunden iſt er noch nicht,“ ſchloß er daraus. Ludmille konnte kaum aushalten, bis ihre Mutter das Zeichen zum Aufbruch gab. Sie war ſo ſehr in der Erwartung, das Briefchen ihres Liebſten zu leſen, 2 verſunken, daß ſie gar nicht bemerkte, wie ihre Tante 4 Roſalie ſich entfernt hatte, ohne ihr gute Nacht zu ſagen, was vielleicht noch nie in dieſem förmlichen Hauſe geſchehen war. „ Kaum in ihrem kleinen Zimmer angekommen, ſchloß 5 Ludmille die Thüre mit zwei Riegeln, ſogar die Rou⸗ leaux an den Fenſtern ließ ſie herunter, weil ihr war, als werde ihr unerbittlicher Bruder ſelbſt zum zwei Stock hohen Fenſter hereinſehen. Dann ſetzte ſie ſich in ihrem alten Fauteuil zurecht und zog das kleine Ge⸗ heimniß aus der Taſche. Als ſie das Siegel öffnete, fielen mehrere Blätter dicht beſchriebenes, nebelfeines 4 4 Papier in ihren Schooß. Wilhelm hatte die ganze verfloſſene Nacht daran geſchrieben. Ein Lächeln des Triumphes glitt über das blühende Geſicht ſeiner Ge⸗ liebten beim Anblick ſeiner Bemühungen, ihr ſeine Ge⸗— fühle kund zu thun. Welcher Contraſt mit ſeinem Ge⸗ 6 Ein junges und ein altes Herz. 199 ſicht, als er dieſe Blätter ſchrieb— er hatte blaß und unglücklich ausgeſehn! Je weiter Ludmille las, deſto geſpannter wurde ihre Aufmerkſamkeit, aber auch deſto tiefer die Falte des Unmuths auf ihrer ſchönen Stirne. Als ſie geleſen, ſchob ſie mit haſtiger Geberde die Blätter von ſich. Dann ſtand ſie auf, zog das Rou⸗ leau hinauf, öffnete beide Flügel des Fenſters, legte ſich kühlungdurſtig hinein und gab mit einer Art Ge⸗ nugthuung ihre Locken dem Nachtwind preis, der ſie ihr fortwährend über den Augen zuſammenſchlug. Wenn der Wind die Locken von ihren Augen wegwehte, ſah ſie nur ein Licht im ganzen Gebäude noch, das Licht in dem Thurme, wo ihre Tante Roſalie wohnte. Dies eine Licht aber wurde auch häufig durch eine da⸗ vor hin und her wandelnde Geſtalt verdunkelt. „Tante Roſalie muß eine Gemüthsbewegung ha⸗ ben, daß ſie um Mitternacht ſo raſch auf und ab läuft. Was kann denn ſo eine alte Jungfer beunruhigen? Eine öde, troſtloſe Exiſtenz! Ich möchte ſie nicht— ſo eilig bin ich aber auch nicht, wie Herr Doctor Roſe es zu glauben ſcheint.“ Es erhob ſich draußen ein förmlicher Sturm, Lud⸗ mille blieb aber immer im Fenſter liegen— ihr that das wohl, denn in ihrem Innern war auch kein Friede! * 200 Ein junges und ein altes Herz. Dazwiſchen quälte ſie wie ein Traum der Gedanke, wes⸗ halb wohl Roſalie ſeit einer Stunde ſo heftig auf⸗ und abgehe; ſie nahm ihr Glas ans Auge und meinte deutlich ihre Tante die Hände ringen zu ſehn. Eine peinigende Angſt überfiel ſie, wie ein Blitz kam ihr der Gedanke, daß Roſalie vielleicht geſehn habe, wie Wil⸗ helm ihr jenen Brief in die Hände ſpielte. Jetzt auch fiel ihr der Umſtand ſchwer auf die Seele, daß Roſalie ihr nicht gute Nacht geſagt. Eine fürchterliche Unruhe erfaßte das junge Mädchen— Roſalie war im Stande, aus übertriebenem Zartgefühl ihren Liebling aufzu⸗ opfern und Alles dem Fürſten zu offenbaren! Dem mußte ſie vorbeugen, am beſten jetzt gleich— denn dieſe Angſt ertrug ſie nicht länger. Sie ſchloß das Fenſter, ſie ordnete ihre verwüſteten Locken am Spiegel, hüllte ſich in einen dunklen Ueberwurf und nahm das Licht, um zu Roſalien zu gehn. Schon hatte ihre Hand den Riegel zurückgeſchoben, als ihr plötzlich Al⸗ bert einfiel. An ſeiner Thüre mußte ſie vorüber, wenn ſie zu Roſalien ging— wenn er ſie hörte, wenn er ſie fragte, wohin ſie gehe, was ihm dann ſagen? Denn es war noch nie vorgekommen, daß Ludmille ihre Tante nach dem Nachteſſen aufgeſucht, und jetzt würde er gewiß darunter eine Zuſammenkunft mit Wilhelm vermuthen. 5 Ein junges und ein altes Herz. 201 Was beginnen? Schlich ſie vorüber und er hörte ſie nicht beim Hingehen, ſo konnte er ſie beim Rückweg entdecken und dann würde er ſie auch fragen, wo ſie geweſen, ſie mußte die Tante zum Zeugen nehmen und dadurch konnte wieder Albert erfahren, was, wie ſie befürchtete, die Tante wußte, daß Wilheilm ihr ein Briefchen zugeſteckt. Entdeckte er ſie ſchon beim Hin⸗ gehen, ſo war er im Stande, ſie zur Tante zu beglei⸗ ten, um ſicher zu ſein, daß ſie nicht mit Wilhelm zu⸗ ſammentreffe! Wie hatte ſie nicht in den letzten vier Wochen unter ſeiner unerbittlichen ſatyriſchen Freund⸗ lichkeit gelitten, wie zornig hatte ihr Herz geſchlagen, wenn er ſie immer verſicherte, er ſei ſo ſehr um ihr Wohl beſorgt, daß er ſie keine Secunde außer Augen laſſe. Und dann immer und immer ſchweigen zu müſ⸗ ſen— ſie haßte ihren eignen Bruder unverſöhnlich in ihrem ſechzehnjährigen Herzen! Sie war im Begriff, ihren Gang zu Roſalien auf⸗ zugeben, ihn auf morgen früh aufzuſchieben— aber wenn Roſalie ſchon in aller Frühe es ihrer Mutter ver⸗ rieth— nein, hier durfte nichts aufgeſchoben werden — zu viel ſtand auf dem Spiele! Ihr kluges Köpfchen erſann endlich eine Auskunft. Ihr war eingefallen, daß um dieſe Zeit gewöhnlich ihr Kammermädchen ſie verließ. Albert ſollte das auch 20². Ein junges und ein altes Herz. jetzt glauben. Das Mädchen hatte ſie heute zurück ge⸗ ſchickt, als Albert noch im Saale war, weil ſie unge⸗ ſtört Wilhelms Brief leſen wollte. Sie nahm den Leuchter zur Hand und ahmte, ſo gut es ging, den ſchlürfenden Gang der alten Kammer⸗ jungfer nach, nachdem ſie geräuſchvoll die Thüre geſchloſ⸗ ſen. Das Herz klopfte ihr doch, als ſie an des gefürch⸗ teten Alberts Thüre kam; ſie ſah noch Licht durch die Thürſpalte ſchimmern. Sie kam glücklich vorüber! Die Thüre zu Roſaliens Vorzimmer war geſchloſ⸗ ſen, ſie hörte ſie laut ſchluchzen! Sie klopfte, ſie mußte es noch zweimal wiederholen, ehe es Roſalie im zwei⸗ ten Zimmer vernahm. Endlich hörte ſie ihren Schritt. Eine zitternde Stimme ftägte:„Wer iſt draußen?“ „Mache auf, liebſte Tante, ich bin es, Ludmille.“ Es erfolgte eine tiefe Stille, offenbar war die Tante bei Nennung dieſes Namens ſtutzig geworden. Ludmille klopfte von Neuem.„Ich bitte Dich, Tante, mache auf, es iſt höchſt dringend, was ich Dir zu ſagen habe.“ Noch eine kleine Zögerung und der Riegel wurde zurückgezogen. Als die Thüre ſich öffnete, erſchrak Lud⸗ mille vor ihrer Tante. Sie ſah entſetzlich aus, blaß mit rothgeweinten Augen und einem Zug des Unglücks um die zitternden Lippen, der unbeſchreiblich war. Ein junges und ein altes Herz. 203 „Was wünſcheſt Du?“ ſagte ſie ohne alle Freund⸗ lichkeit. „Ich möchte gerne Dir mein Herz erſchließen,“ ſagte Ludmille, noch immer in der Thüre ſtehend, mit ange⸗ nommener Schüchternheit. Roſalie nahm ſie bei der Hand und zog ſie haſtig herein ins zweite Zimmer. Ludmille wollte das Herz der Tante durch ein offe⸗ nes Geſtändniß gewinnen, aber doch dies Geſtändniß nicht thun, wenn die Tante nicht ſchon ihr Geheimniß wußte. Wie ſollte ſie nun anſcheinend zuerſt davon be⸗ ginnen, und doch erſt die ſichere Beſtätigung ihrer Be⸗ fürchtungen aus der Tante Mund erhalten? Sie mußte etwas wagen. 8 „Ahnſt Du nicht, Tante, von wem ich Dir reden will?“ Von Wilhelm!“ ſagte Roſalie mit brechender Stimme. „So weißt Du?“ Die Tante hatte ſich von der Nichte abgewendet und verhüllte ihr Geſicht. Sie faßte ſich mit über⸗ menſchlicher Gewalt und ſagte kalt: „Ich weiß Alles— denn ich ſah, wie er Dir in offenbarem Einverſtändniß einen Brief zuſchob.“ „Willſt Du dieſen Brief leſen, Tante?“ 204 8 Ein junges und ein altes Herz. Roſalie ſchüttelte erſchrocken den Kopf. „Es iſt nicht der erſte. Und dennoch habe ich ihm nie ein Liebeszeichen gegeben.“ „Du nahmſt aber ſeinen Brief eben ſo heimlich an, wie er ihn Dir zuſteckte.“ „Er iſt ſo ungeſtim, Tante! Wenn ich ihn ganz hoffnungslos zurückſtoße, iſt er im Stande, irgend etwas Entſetzliches zu unternehmen.“ „So ſehr liebt er Dich alſo?“ fragte die Tante, in⸗ dem ſie ſich plötzlich umwandte und das junge Geſchöpf ſcharf anſah. Ludmille antwortete nur durch eine bejahende Be⸗ wegung des Kopfes. „Und Du, Ludmille?“ „Ich bin im vollen Beſitze meiner Vernunft,“ ſagte ſte ruhig, ihre Tante wieder anſehend„Ich ſehe klar die Unmöglichkeit einer glücklichen Löſung ein— und kann. deshalb Wilhelm nur bedauern.“ Der erſte Theil ihrer Rede war wahr, das fühlte Roſalie, und da ſie nicht fähig war, einen Character wie den Ludmillens zu begreifen, glaubte ſie ihr Alles. „Du liebſt ihn alſo nicht?“ Jetzt ſchüttelte Ludmille mit dem Kopfe, aber ohne Roſalien anzuſehen. Was man gerne glaubt, glaubt man leicht, und Ein junges und ein altes Herz. 20⁵ was Ludmille eben für Wilhelm empfand, wäre, wenn 46 Roſalie es auch klar durchſchaut hätte, doch in ihren Augen keine Liebe geweſen. Unter Liebe verſtand ſie etwas Anderes. „Dann iſt wohl das einzige Mittel ihn zu heilen, ihn möglichſt ſchnell zu entfernen.“ „Er will gehen, Tante, aber— ich ſoll mit.“ „O Gott, o Gott, wie iſt das möglich!“ rief Roſalie erſchrocken, ja ſogar empört.„Wie kann er ſo weit gehen, ohne von Dir aufgemuntert zu werden? Wer hätte ihm ſolche zudringliche Leidenſchaftlichkeit zugetraut— aber freilich, ich kenne die Männer wenig!“ 1 Ludmille warf einen ſpöttiſchen Blick auf ihre un⸗ „ ſchuldige Tante. „Alſo nach Ungarn ſollſt Du ihm folgen?“ „Ungarn? das lügt er Euch nur vor. Nein, nach . Amerika will er, dort hat er einen Oheim, der ihn ein⸗ ladet, zu ihm zu kommen, dorthin ſoll ich ihn begleiten und heimlich das Schloß verlaſſen.“ „Das lügt er Euch nur vor,“ dieſe Worte waren 1 Dolchſtiche für Roſalien. Alſo ſte, die ihr Leben für den Liebling ihrer Seele aufgeopfert haben würde, ſie hielt er nicht beſſer als ihre kalten ſtolzen Verwandten, * ſie belog er um dieſes Mädchens willen! Ludmille genoß eben einen Triumph, wie er die 206 Ein junges und ein altes Herz. grauſamſte Genugthuung der Boshafteſten ihres Ge⸗ ſchlechts iſt, ja ſie verrieth den Mann, den ſie nach ihrer Weiſe doch liebte— das heißt, ſo wie ſie lieben konnte— um hier ein Herz zu brechen, gegen welches das ihrige nicht das Gewicht eines Sandkorns in der Schaale des Ewigen hatte. „Ich werde ihm einen langen Brief ſchreiben müſ⸗ ſen, um ihn auf die Tollheit und Unausführbarkeit ſeines Gedankens aufmerkſam zu machen.“ Roſalie entgegnete nichts. „Willſt Du dieſen Brief vielleicht auf ſein Zimmer beſorgen, aber ohne daß er erfährt, daß ich Dir Alles vertraut, denn das würde ihn zu tief kränken. Ich will Dir den Brief offen ſchicken, wenn Du es wün⸗ ſcheſt.“ Schließe ihn ſelbſt,“ ſagte Roſalie mit tonloſer Stimme. Ludmille hatte dieſe Antwort im Voraus gewußt und deshalb nur den Vorſchlag gemacht, eben ſo wie ſie früöher wußte, daß ihre Tante Wilhelms Brief an ſte nicht würde leſen wollen. Sie erhob ſich.„Gute Nacht, Tante,“ ſagte ſie, in— dem ſie Roſaliens Hand ergriff und einen Kuß darauf drückte; die Hand war eiskalt. „Gute Nacht, Ludmille.“ Weiter ſagte ſie nichts, + Ein junges und ein altes Herz. 207 ſondern nahm ihr Licht und ging in ihr Schlafzimmer, riegelte⸗die Thüre zu und fiel dann auf ihr Bett, an⸗ gekleidet wie ſie war— am andern Morgen lag ſie noch ſo da, und doch war kein Schlaf in ihre Augen gekommen und ohnmächtig war ihr kräftiger Körper auch nicht geworden! Ludmille ſtand noch eine Weile ſtill; als ſie die Tante ihr Zimmer ſchließen hörte, lächelte ſie wie mit⸗ leidig, aber es war kein Mitleid, was eben ihre Seele erfüllte! Dann nahm auch ſie ihr Licht und ging leiſe, leiſe wie eine Katze über den Gang nach ihrem Zim⸗ mer, deſſen Thüre ſie offen gelaſſen. Albert mußte wohl ſchon ſchlafen, denn ſein Licht war erloſchen. Sie ſchrieb die ganze Nacht, ſie ſchlug Wilhelms Bitte ab, aber in einer Weiſe, daß er doch die Hoff⸗ nung nicht verlieren, die Liebe nicht beſtegen konnte. Sie ſchrieb, wie es eine Frau von den mannigfaltig⸗ ſten Erfahrungen nicht gekonnt hätte! Wie es Kinder giebt mit alten Geſichtern, ſo giebt es auch Kinder mit alten Herzen! Als Roſalie am andern Morgen den Brief Ludmil⸗ lens erhielt, ſagte ſie zu ihrem Mädchen:„Hier habe ich durch Einſchluß einen Brief an Doctor Roſe be⸗ kommen— er iſt jetzt zu ſeinen Kranken, lege ihn aber nur auf ſein Zimmer.“ ———— * 208 Ein junges und ein altes Herz. Da Roſalie ſelbſt am Morgen Briefe bekommen, ſo konnte das Mädchen auch natürlich bei dem mütter⸗ lichen Verhältniß der Prinzeß zu Wilhelm nichts Auf⸗ fallendes bei der Sache finden. Wilhelm aber wußte es ſich natürlich nicht zu erklären, als er bei ſeiner Nachhauſekunft Ludmillens Brief auf ſeinem Tiſche fand. Mit welchem Beben las er ihn! Er war blaß vor Bewegung, als er ihn hinlegte, aber befriedigt leuch⸗ teten ſeine großen blauen Augen! Ludmillens Weigerung kränkte ihn nicht, er hatte nichts Anderes erwartet— wie konnte ein ſechzehn⸗ jähriges Mädchen auf den erſten Vorſchlag eines Man⸗ nes hin ſich gleich entſchließen, das Elternhaus heim⸗ lich zu verlaſſen! Er war nur froh, daß ſie nicht zor⸗ nig, nicht entrüſtet, nein im Gegentheil liebend und ſehnend und trauernd zu ihm ſprach, trauernd, daß ſie ſeinen Wunſch nicht gewähren könne. Nur Eines machte ihn ſtutzig, ſie bedauerte nicht, daß er allein gehen werde, ſie wünſchte nicht, daß er bleiben ſolle; von ſeinem Bleiben und Gehen ſprach ſie überhaupt nicht— und ihr mußte dieſer Gedanke doch ſo nahe liegen. Dies Eine in ihrem Briefe ſchmerzte ihn tief, wie überhaupt eine Zurückhaltung, eine Verſtellung Ein junges und ein altes Herz. 209 bei denen, die man liebt wie ſich ſelbſt, mehr ſchmerzt, als geradezu eine Härte, eine offene Ungerechtigkeit. So ſehr ihn dies aber im Augenblick verletzte, ſo geneigt war er auch es zu vergeſſen, da er es entſchul⸗ digend als eine Vergeßlichkeit der Aufregung ihres Herzens zuſchrieb. Als er ſeinen gewöhnlichen Morgenbeſuch bei Ro⸗ ſalien abſtatten wollte, wurde er abgewieſen. Sie habe die Nacht nicht geſchlafen und ſchlummre jetzt etwas. Dies beunruhigte ihn, nicht daß er, wie Lud⸗ mille, ſogleich an das Billet von geſtern gedacht hätte, ſondern weil er um Roſaliens Geſundheit beſorgt war. Später ließ ihn das Mädchen auch nicht vor:„die Fürſtin ſchreibe.“ Wilhelm drang aber beinahe mit Gewalt in das Zimmer. Als Roſalie ihn erblickte erhob ſie ſich und trat mit zornigem Antlitz ein paar Schritte zurück. Wilhelm aber, nachdem er geſehen, daß das Mäd⸗ chen das Zimmer verlaſſen, ging auf ſeine treueſte Freundin zu und wollte ihre Hand ergreifen, aber ſie bebte vor ſeiner Berührung wie vor der einer Viper zurück. „Um Gotteswillen, was iſt Ihnen, meine theuerſte, beſte, geliebteſte Freundin?“ Gegen den Strom. I. 14 210. Ein junges und ein altes Herz. „Geliebteſte! Spotten Sie?— das fehlte noch!“ Sie nannte ihn Sie, während ſie immer ſonſt, wenn ſie allein waren, das Du ſeiner Kindheit beibe⸗ halten. Das ſchmerzte ihn tief. Ihm ahnete, was ſie erfahren, er wandte ſich und ging ans Fenſter und drückte ſeine kalte Stirne an die glühenden, von der Nachmittagsſonne beſtrahlten Scheiben. „Weißt Du es jetzt,“ rief ſte, nun wieder in den alten Ton ausbrechend, denn der furchtbare Zorn, der ſich ihrer plötzlich bemächtigte, duldete keinen Zwang. „Weißt Du es nun, was mir iſt? Ich habe erfahren, daß Du mich belogen und betrogen, mißbraucht und beſchimpft haſt!“ „Beſchimpft!“ „Ja— iſt denn das kein Schimpf, wenn Du meine Freundſchaft für Dich zum Deckmantel und Schirm gebrauchſt, um die Tochter des Hauſes zu verführen?“ Er konnte zwiſchen ihrem Zornesausbruch wieder nur das einzige Wort„verführen“ einſchalten. „Willſt Du ſie denn nicht verlocken, Dir nach Ame⸗ rika zu folgen?“ Alſo der Inhalt ſeines Briefes an Ludmille war verrathen! Wer hatte das gethan, und war Roſalie die Einzige, die ihn kannte? Dieſe Frage war ſeinem verliebten Herzen wichtiger als aller Zorn der armen Ein junges und ein altes Herz. 211 Roſalie; er konnte aber nur eine Antwort rlanſgen⸗ wenn dieſer Zorn gedämpft war. Er kniete vor ſie hin, er faltete die Hände und ſagte ein Mal über das andere dringend und flehend: Verzeihen Sie mir!“ Seine großen blauen Augen hatten nie rührender ſie angeblickt— und ſie war groß⸗ müthig und er war ihrem Herzen das Liebſte! „Was kannſt Du zu Dein Bertheidigung an⸗ führen?“ „Nichts, meine zw ſchändlich, unverantwortlich, a handelt— aber nur gegen Siel” „Und womit habe ich das verdient? mit zitternder Stimme, aus ihren Augen Das überwältigte Wilhelm wirklich und er war jetzt ganz aufrichtig in Reue aufgelöſt, als er ein Ende ihres Gewandes erfaßte und es mit bebenden Lippen küßte, indem er flüſterte:„Weil Sie zu gut gegen mich waren!“ Roſaliens edler Zorn wurde von dieſem einen Worte entwaffnet. Sie warf ſich in ihren Seſſel und ſagte ſchmerzlich lächelnd:„Nun vertheidige Dich doch, ich will Dich ruhig ausreden laſſen— Du mußt doch etwas zu Deinen Gunſten zu ſagen wiſſen!“ 14 8 „ fragte Roſalie ind ndem zwei große Thränen . das zarte, ſchützende Blatt, de .e. einpfängt, und das die Frau Lebensgarten, darüber breite. ————————— ——— 8 8 212 Ein junges und ein altes Herz. „Nichts, als daß ich nicht den Muth hatte, ehrlich zu ſein, was mein Herz betraf, wie ich es außerdem in allen Dingen mit Ihnen war.“ „Bin ich Deinem Herzen ſo fremd?“ Er antwortete nicht— er ſah ſie nur bittend und wehmüthig an, dann ſagte er:„Ich bin noch nie ver⸗ liebt geweſe d ich glaube, ein Männerherz iſt mehr etrochn a die Liebe Mihm einzieht, es ſtaunt mehr über d iſt, als das Herz einer Frau, weil er i iin Weib ſteht mit ihrem ſchönen z önen Aeußern ja der Liebe defür geſchaffen; wir Männer ſind in der Li i äume, wenn ſie 38 es fehlt da 1 8 ospe im Schooße f die Blumenbüſche im weil die Blume ihr Höchſtes iſt. Bei uns erſchrickt die Blüthe über die harte Rinde und die Rinde über die Blüthe, und Keines weiß ſich ins Andere zu finden. Wilhelm liebte die Gleichniſſe und verlor ſich leicht 4 Q darin. Roſalie hatte ihm aufmerkſam, wie immer, zu⸗ gehört, ihr poetiſcher Sinn folgte ſelbſt jetzt den Grü⸗ beleien ihres Lieblings. „Ich hatte wirklich nicht den Muth, Ihnen von mei⸗ Ein junges und ein altes Herz. 213 ner Liebe zu reden,“ ſagte er nun ruhiger durch ſeine Abſchweifung—„hat es Ihre Nichte für mich gethan?“ Roſalie empfand, wie jede Frau, die Delicateſſe ſei⸗ nes Benehmens, die ihn ſtatt„Ludmille“„Ihre Nichte“ ſagen ließ, und war ihm ſo dankbar, als habe er etwas Großes gethan. Sie ſagte ohne Groll:„Ich habe ge⸗ ſehen, wie Du Ludmillen den Brief zuſteckteſt.“ Wilhelm, der, wie leicht erklärlich iſt, ſich ein⸗ bildete, Roſalie habe Ludmillen den Brief abver⸗ langt und ſei auf dieſe Weiſe zur Kenntniß des In⸗ halts gekommen, fragte nun nicht weiter, um ſeine Freundin nicht zu beſchämen, und erfuhr ſo nicht, daß Ludmille ihn— zum Theil obendrein freiwillig— ver⸗ rathen. Dadurch, daß er ſeine Freundin einer nnedlen Handlung in ſeinem Inneren beſchuldigte, wurde ſeine Geliebte frei von Fehl; welcher Mann würde nicht eben ſo denken? „Wiſſen es— der Fürſt und die Fürſtin? „Niemand als ich!“ Wilhelm athmete auf. Roſalie aber fragte ernſt⸗ haft:„Willſt Du ſie aufgeben?— ſie liebt Dich nicht.“ „Wenn ich deſſen gewiß bin, will ich jeden Gedan⸗ ken an Sie begraben,“ ſagte aufrichtig der junge Mann. „Hat ſie Dir das heute nicht geſchrieben in der Antwort, die ich zu Dir beſorgte?“ R 214 Ein junges und ein altes Herz. Wilhelm beſann ſich einen Augenblick, dann ſagte er zögernd:„Sie läßt mich das freilich errathen, aber ihr Brief iſt ſo milde, daß ich noch nicht alle Goſfumm aufgeben kann.“ „Ich werde Dich überzeugen!“ „Thun Sie das,“ ſagte Wilhelm, und eben war er zum erſten Male in ſeinem Leben ſeiner Wohlthäterin gegenüber entſchieden falſch. Roſalie ahnte etwas da⸗ von, denn es durchzuckte ſie ſchmerzlich. Sie bat ihn jetzt, ſie zu verlaſſen. Er ſtand auf, aber ſie gab ihm nicht die Hand, wie gewöhnlich, und als er draußen war, fühlte ſie ſich kälter und einſamer als je. Fünftes Sapitel. Wenig Lieb' iſt karg und leer, Wenig Lieb' iſt keine— Viele Lieb' iſt auch nicht mehr, Lieb' iſt die ewig Eine! Lieb' iſt nicht wenig, iſt nicht viel, Denn Lieb' iſt ohne Maaß und Ziel! So flüſterte Albert vor ſich hin, indem er mit er⸗ regten Zügen raſch in ſeinem Zimmer auf⸗ und abging. Unſere meiſten Entſchlüſſe entſpringen äußeren An⸗ regungen und Ereigniſſen; die aber, welche am tief⸗ ſten und gewaltigſten in die Speichen des Schickſals⸗ 5 rades eines Einzelnen eingreifen, ſind zumeiſt aus in⸗ nerem Kampf, aus tiefem Weh hervorgereift. Albert hatte jetzt einen ſolchen Entſchluß gefaßt. Noch einen Blick warf er durch ſein hohes Fenſter nach dem blauen Himmel, als rufe er den da oben zum Zeugen ſeiner That, dann verließ er ſein Zimmer und ging hinüber — — 82 4 216 Ein junges und ein altes Herz. zu ſeinem Vater, den er bei dem Eintritt vor einer Wolke von Tabaksrauch kaum ſehen konnte. „Legen Sie mir zu Gefallen einen Augenblick die Pfeife bei Seite, liebſter Vater, und gehen wir ins andere Zimmer, denn hier beklemmt mir der Dampf den Athem; ich habe Ihnen eine ernſte Eröffnung zu machen.“ 5 Der Fürſt that, wie ſein Sohn wünſchte, und faßte, mit neugierigen Blicken in die abgewendeten Augen des letzteren, dieſen unter den Arm und ging mit ihm, wohin er wünſchte. Albert bat ſeinen Vater Platz zu nehmen, was der unruhige Mann nur ungern that, indem er zum dritten Male fragte:„Was willſt Du denn von mir?“ „Ich will nichts als Ihre Einwilligung für ein Mitglied Ihrer Familie, für eines Ihrer Kinder, zu einer unebenbürtigen Heirath.“ „Du haſt heute Briefe von Max bekommen,“ ſagte der Fürſt gleichgültig,„in wen hat ſich denn der Spring⸗ insfeld verliebt?“ „Ich nenne keinen Namen, bis Sie mir nicht we⸗ nigſtens eine Zuſicherung der möglichen Gewährung gegeben. Aber ich ſage Ihnen nochmals, die Perſon, welche Sie als Ihr Kind aufnehmen ſollen, gehört Ein junges und ein altes Herz. 217 2 weder einer einflußreichen, nicht einmal einer gewöhn⸗ lichen gräflichen Familie an.“ „Alſo gewiß ei e Banquierstochter, eine Geld⸗ ariſtokratin?“ Albert lächelte trotz ſeiner offenbar peinlichen Stim⸗ mung.„Auch das nicht, beſter Vater, die fragliche Perſon gehört nur einer guten und angeſehenen adligen Familie an.“ „Alſo nicht einmal Geld hat die Perſon?“ Albert ſchüttelte mit dem Kopfe. „So wird nichts aus der Sache.“ Albert ſtand auf, und indem er ſich vor ſeinen Va⸗ 3 ter ſtellte und ihn mit der ernſten Innigkeit anſah, die ſonſt nur ſeiner Mutter gegenüber in ſeinen Augen zu finden war, fragte er:„Auch nicht wenn ich Sie dringend 1 darum bitte?“ „Nein, auch nicht wenn Du mich darum bitteſt../ 3 „Auch nicht, wenn ich Ihnen ſage, daß mein gan⸗ zes Lebensglück davon abhängt?“ *„Dein Lebensglück?“ „Ja, ja, ſo iſt es! So und nicht anders! Ich bin das unwürdige Kind meines erlauchten Fürſten, ich der Aelteſte, der Erbprinz, liebe eine nicht Ebenbürtige und 3 will Sie heirathen— um jeden Preis!“ 5 Der Fürſt hatte bis jetzt die Sache mit einer ge⸗ 218⸗ Ein junges und ein altes Herz. wiſſen Nachläſſigkeit behandelt, es war gerade ſeine Verdauungsſtunde und er war gar nicht aufgelegt, ſich tief in etwas einzulaſſen. Ueberde waren ihm die Liebſchaften und Heirathsplaͤnd eeiner abweſenden Söhne, die meiſtens in Oeſterreich dienten, ſehr indif⸗ ferent. Er wollte und konnte ih nen nichts dazu geben, wurden ſie aber ohne ihn fertig, ſo lag ihm nicht viel an dieſen Nebenzweigen. Aber Albert, ſein Erbprinz, ſein Nachfolger, ſein Stolz, derjenige, der den Glanz des uralten Hauſes aufrecht halten ſollte— das änderte die Sache ganz ungeheuer! Seine Wangen rötheten ſich, ſein Auge bekam einen ſtarken Glanz, es war offenbar, der Zorn überwältigte das Staunen in ihm, und er rief mit einer ſelbſt Albert in Verwunderung ſetzenden Stimme: „Biſt Du des Teufels?“ Albert verlor aber durchaus nicht die Faſſung, er ſagte im Gegentheile freundlich:„Vor Allem bleiben Sie ruhig, liebſter Vater, und hören Sie mich an. Ich machte vorigen Winter in der Stadt die Bekannt⸗ ſchaft eines Mädchens—“ „Des Fräuleins Agnes von Stein“—— „Ganz recht, liebſter Vater, des Fräuleins Agnes von Stein; Sie kennen ſie alſo, Sie erinnern ſich ihrer“— „Muthe mir nicht zu,“ ſagte der Fürſt mit erhobener Ein junges und ein altes Herz. 219 Stimme,„nach Deiner wahnſinnigen Heirathsmitthei⸗ lung die Lobeserhebung dieſer Dame anzuhören!“ „Gut, gut, mein Vater, ich will mich kurz faſſen, ich will Ihnen nur ſagen, daß ich ſeit ſechs Monaten weiß, daß meinem innern Glück dies Mädchen über Alles geht— daß ich ſeitdem gekämpft habe um ihretwillen, daß der Stolz eines oft gekränkten Mannes und der Hochmuth eines deutſchen Fürſten mir alle Waffen in dieſem Kampfe geliehen und ich dennoch un⸗ terlag, ja rettungslos unterlag, mein Vater!“ „Und was ſiegte in Dir?“ „Ich könnte ſagen, die Liebe zu Agnes Stein! Aber das iſt es doch eigentlich nicht, denn es giebt Momente, wo ich ſie förmlich haſſe, um der Macht willen, die ſie über mich errungen; ihre Liebenswürdigkeit kommt mir dann wie ein Zauber vor, dem ich nur mit Widerwillen mich unterwerfe— nein, Liebe iſt das nicht mehr, ſeit⸗ dem mich die Liebe beſiegt— es iſt nur das unmäßige, ununterdrückbare Verlangen nach Glück, und da mein thöricht Herz das Glück nur noch in ihrem Beſitze findet, ſo muß ich ſie beſitzen, um glücklich zu ſein, aber nicht, weil ich ſie liebe!“ „Das iſt die ächte Männerliebe,“ ſagte plötzlich eine ſüße, ſanfte Stimme; die beiden Männer, die während der letzten Worte ihrer Unterredung am Fenſter geſtan⸗ 220 Ein junges und ein altes Herz. den, fuhren erſchrocken herum— die Fürſtin ſtand in der offnen Thüre und hatte offenbar die letzten Worte ihres Sohnes gehört. Albert erröthete bis an die Haarwurzeln, es war ihm höchſt unangenehm, daß ſeine Mutter gerade dies gehört— ſo etwas geſteht kein Mann einer Frau, ſelbſt nicht der eigenen Mutter, und wäre er auch von Alberts rückhaltsloſer Offenheit! „Wen liebſt Du denn ſo widerwillig, mein Sohn?“ fragte die Fürſtin lächelnd; der Sohn zögerte zu ant⸗ worten und ſo nahm der Fürſt das Wort und ſagte leichthin:„O, weiter Niemand als ſeine alte Flamme— Fräulein von Stein.“ Die Fürſtin entgegnete nichts, aber ſie ſah forſchend in ihres Mannes Augen, als wolle ſie ihn fragen: „Nun, und was ſagſt Du dazu?“ Ihr Gemahl wandte ſich aber ab und trommelte auf der Fenſterſcheibe; auch Albert ſah in den Hof, als ſeien die beiden Doggen an der Kette da unten ihm das intereſſanteſte Schauſpiel der Welt; es war offenbar, die beiden Männer wollten die Dame los ſein; dieſe aber wollte nicht gehen; deshalb ſchien ſie ihre Ueber⸗ läſtigkeit gar nicht zu bemerken, ihr Herz wollte um je⸗ den Preis noch mehr von dem Herzen ihres Lieblings erfahren. Ein junges und ein altes Herz. 221 „Haſt Du ſie immer ſo widerwillig geliebt?“ fragte ſie. Er ſchwieg; da legte ſie mit leiſem Druck ihre weiche Hand auf den Arm ihres Erſtgebornen. Dieſer ſanften Mahnung widerſtand ſein kindlich Gefühl nicht. Er ſagte leiſe:„Nein, ich habe ſie innig, weich und mit anbetender Rührung geliebt; jeden Stein hätte ich aus ihrem Wege, jedes rauhe Lüftchen aus ihrer Umgebung bannen mögen; wenn ſie ſprach, lauſchte ich gerührt dem Ton ihrer Stimme; ich liebte ſie, aber damals gab das Gefühl, daß ich dieſer Liebe nichts von meinen Vorurtheilen opfern wollte, mir ein Un⸗ recht ihr gegenüber und ich wünſchte oft, daß ſie mir eine Marter auferlegen möge, auf daß ich doch etwas um ihretwillen zu tragen habe! Da marterte ſie mich wirklich, ſie glaubte ſich im Recht, aber ſie war unge⸗ recht und hart— ſie ging ſogar fort, ohne mich noch einmal zu ihrem Anblick gelangen zu laſſen. Seitdem grolle ich ihr, ja ich könnte ſie mitleidslos leiden ſehn, mir iſt es oft, ſeitdem ich hier bin, als liebe ich ſie gar nicht— aber Tag und Nacht martert mich das Verlangen, ſie zu beſitzen, ohne ihre Gegenwart iſt mir kein Glück denkbar— ein Wiederſehn mit ihr iſt mir ſo nothwendig, wie die Luft, die ich athme— und wenn ich ſie wiederſähe, dann möchte ich ſie zwingen, mir anzugehören! Ja, es könnte mich kindiſch freuen, 222 Ein junges und ein altes Herz. wenn ſie mir widerwillig zum Altar folgte— o, ſie hat Strafe um mich verdient!“ Und er preßte das Geſicht in beide Hände und wandte ſich ab und wollte aus dem Zimmer, aber die Gräfin hielt ihn zurück und ſagte, indem große Thrä⸗ nen aus ihren Augen fielen:„Mein armes, armes Kind! Erſchrick nicht vor Dir ſelbſt! Wo die Leidenſchaft aufſchießt, wird immer die Liebe zurückgedrängt, denn Liebe iſt ſanft und ſchüchtern.“ Albert hörte ſie nicht an, und da ſie ſich vor die Thüre ſtellte, ging er wie ein gefangener Löwe im Zim⸗ mer auf und ab, die Zornesader auf der Stirne hoch aufgeſchwollen— Niemand hätte eben in ihm einen unglücklich Liebenden geſehn. Der Fürſt muſterte ihn in großer Befangenheit. Zum erſten Male in ſeinem Leben wußte er nicht, was er ſagen ſollte. Dieſem über ſich ſelbſt erzürnten Sohne konnte er unmöglich tadelnde Worte zurufen, und eben ſo wenig gab es in ſeinem Innern den klein⸗ ſten Winkel, woraus ein Echo für Alberts Verlangen herausgetönt hätte— dieſe Heirath war in ſeinen Augen eine Unmöglichkeit! Eine lange Weile ſchwiegen alle Drei. Albert ging 4 trotzig mit aufgeworfenen Lippen im Saale auf und ab. Seine Mutter ſtand noch immer an der Thüre, die Augen ———— Ein junges und ein altes Herz. 223 mit banger Beſorgniß auf den Liebling gerichtet. Der Fürſt drehte Beiden den Rücken zu und trommelte im⸗ merfort auf den Scheiben. Plötzlich trat Albert zu ſeinem Vater ans Fenſter, ſo plötzlich und heftig, daß dieſer zuſammenfuhr. „Nun, Vater, und was ſagen Sie?“ „Nichts! denn ich weiß Dir gar nichts zu ſagen; mir iſt es unmöglich, Dich mit ihr zu verheirathen, Dir ſcheint es unmöglich, ſie zu vergeſſen, was iſt da zu ſagen?“ „Sie müſſen einwilligen— ich rede Ihnen nicht von Dem, was ſonſt erfolgen könnte— das iſt Ihrer und meiner unwürdig.“. Der Fürſt ſah ſeinem Erbprinzen voll ins Geſicht; ein ſpöttiſches Lächeln zuckte um ſeinen feinen Mund. „Was erfolgen könnte? Liebſter Freund, ich wüßte nicht was! Wenn ich Dir nichts gebe, kannſt Du nicht um das Mädchen anhalten, wenn ich Dir aber auch etwas geben wollte, ſo— könnte ich es nicht! Albert machte eine unwillige Geberde, aber ſein Vater fuhr fort:„Ohne meine Einwilligung giebt Herr von Stein Dir ſeine Tochter nicht, und wenn er es auch thäte, ſie— nimmt Dich nicht!“ Albert legte die Hand an die Stirne und ſagte — 224 Ein junges und ein altes Herz. leiſe— ſeines Vaters Einwürfe hatten ihm den Kopf verwirrt—„Wenn Sie aber nun einwilligen?“ „So kann ich es nicht, weil ich Dir nichts zu ge⸗ ben habe; mein Einkommen reicht kaum für uns aus, wovon ſollte ein erbprinzlicher Hofſtaat ausgerüſtet werden?“ 3 „O, Agnes iſt ſo einfach!“ Der Fürſt lachte laut.„Ich glaube wohl, daß Fräu⸗ lein von Stein einfach iſt, aber ich will keine einfache Schwiegertochter auf Waldheim. Dieſer Ausweg aus Deinen Bekümmerniſſen iſt eine Unmöglichkeit— ehe ich Fräulein von Stein als Deine Gemahlin empfinge, eher würde ich ſterben!“ Albert und ſeine Mutter erſchraken heftig, denn der Fürſt, ſo ſehr er ſonſt in ſeinen Reden übertrieb, liebte ſein Leben ſo übermäßig, daß er noch nie, ſelbſt nicht im Scherze deſſen Verluſt als eine Möglichkeit angedeutet. Bei ihm war das ein hoher, noch nie abgelegter Schwur! Die Fürſtin hatte, wie jede zärtliche Mutter, ſo⸗ gleich im Herzen die Parthie ihres Sohnes ergriffen— ſie litt in ſeiner Seele mit ihm. Albert ging noch einmal auf ſeinen Vater zu, aber die Fürſtin, die Aufregung der beiden Männer bemer⸗ kend, ergriff ſchnell Alberts Arm und ſagte bittend: 3 e. Ein junges und ein altes Herz. 225 „Gehe mit mir, mein Kind, mir iſt unwohl.“ Al⸗ bert gab ſeiner Mutter den Arm und führte ſie weg; der Fürſt aber blieb mit gerunzelter Stirne noch eine Stunde lang am Fenſter ſtehn. Er ſtarrte hinaus, aber er ſah nicht, daß Wilhelm draußen mit Ludmillen auf⸗ und abging und eifrig mit ihr redete. Ludmille ſah von Zeit zu Zeit nach ihrem Vater, es lag in ihrem Geſichte etwas, als wünſche ſie von ihm erblickt zu werden, aber er bemerkte ſie dennoch nicht. Dann blickte ſie wieder nach Alberts Fenſter und beantwortete kaum Wilhelms dringende Worte, der das unverhoffte Glück, mit der Geliebten ungehört und un⸗ geſtört reden zu können, mit vollen Zügen trank. Er beantwortete nicht Ludmillens wiederholte Frage:„Wo bleibt unſer Wächter?“ Zwei Augen nur bemerkten Wilhelms Glück, die Augen Roſaliens! Es war in den folgenden Tagen, als habe Albert keine Aufmerkſamkeit mehr für Wilhelm und Ludmille — er war ſo ſehr mit ſeiner eigenen Liebesgeſchichte be⸗ ſchäftigt, daß er ſie mit voller Gleichgültigkeit in ihrem Liebeshandel gewähren ließ; Roſalien aber kam es zuweilen vor, als ſei Ludmillen ihre Freiheit läſtig, als wünſche ſie ihren Bruder auf ſich aufmerkſam zu Gegen den Strom. I. 1⁵ 226 Ein junges und ein altes Herz. machen. Albert war der frühere nicht mehr. Seitdem er ſeinem Vater gegenüber ſich ausgeſprochen, war alle Theilnahme, alle unbefangene Fröhlichkeit in ihm ver⸗ ſtegt— ſeine Mutter ſah ein, daß er bisher einen ſchwe⸗ ren Kampf gekämpft und ſich lange nicht nachgegeben. Hätte ſie erſt gewußt, wie ausſchließlich errſich ſogar mit Ludmillens und Wilhelms Liebesangelegenheit be⸗ faßt, ſie allein hätte verſtanden, warum er es that— um ſich ſelbſt zu vergeſſen. Willhelm benutzte es, daß er den läſtigen Wächter los war; jede freie Minute beſchäftigte er ſich mit Lud⸗ —— epot ſeinen eigenen Sieg gehabt. Ihre Zuſtimmung war in einem kleinen Billet enthalten. Sie ſchrieb nur: Ein junges und ein altes Herz. 227 „So ſei es denn, weil Sie es nicht anders faſſen und ertragen können. Ich bringe das Opfer. Heute über acht Tage reiſen Sie am Nachmittage ab und erwarten mich an der Weiherwieſe am Ausgang des Wäldchens um 8 Uhr Abends; man wird mich mit einer Geburtstagsarbeit in meinem Zimmer eingeſchloſ⸗ ſen wähnen. Bis dahin keinen Blick, kein Zeichen, nur unter dieſer Bedingung halte ich Wort.“ Wilhelm war wie im Himmel, und ſein ſtrahlen⸗ des Geſicht ſtach unendlich gegen Alberts niederge⸗ drücktes Weſen ab. Er bereitete die Familie auf ſeine Abreiſe vor, er gab an, Briefe aus Ungarn erhalten zu haben, die ihm dort eine Stelle in Ausſicht gäben, aber nur in dem Falle, daß er ſogleich abreiſe. Roſalien entging ſeine Sieges⸗ trunkenheitnicht, aber ſie bemerkte auch eben ſo wohl, daß Ludmille durchaus jedes Einverſtändniß mit ihm ab⸗ gebrochen.— Sie ahnte die Wahrheit, als Wil⸗ helm auch bei ihr vom Abſchied ſprach.— Wie 4 würde er ſonſt ſo glücklich beim Weggehn von einer Geliebten ſein, wenn er nicht gewiß wäre, daß ſie ihm folgen werde? Sie ſuchte ſich ſo viel als möglich ihrem ſcheiden⸗ den Liebling gegenüber zu beherrſchen, aber der gren⸗ zenloſe Schmerz der nun bald ganz Vereinſamten war 15* 228 Ein junges und ein altes Herz. nicht zu verhüllen. Sie ging die letzten Tage wie ein Schatten umher und ihr Anblick wäre beinahe vermö⸗ gend geweſen, Wilhelms ganze Freude zu trüben— aber— die Liebe macht die Männer egoiſtiſch, hatte ja die Fürſtin geſagt,— und ſo war es in der That bei Wilhelm. Statt ſeine arme Pflegemutter zu tröſten und ihr durch doppelte Anhänglichkeit den Schmerz, den er ihr bereitete und durch die Entführung ihrer Nichte noch bereiten wollte, zu verſüßen, mied er ſie, wo er nur konnte, um ihr bleiches Antlitz nicht zu ſehen, weil es mit dem Jubel ſeines verliebten Herzens nicht ſtimmte. Hun⸗ dertmal wollte Roſalie zu ihm ſchicken, um zu verſuchen, ob er ihr in Hinſicht Ludmillens kein Geſtändniß machen werde, und ihn dann warnen. Aber ſie that es nicht, weil eine ihr ſelbſt unerklärliche Scheu ſie davon abhielt. Albert trieb in dieſer Zeit die Iſolirung ſo weit, daß er beinahe immer auf ſeinem Zimmer aß. Er hatte eine furchtbare Scene mit ſeinem Vater gehabt, und da er darnach es nicht mehr im Hauſe aushalten zu können behauptete, machte er täglich mit ſeiner Mutter, ſeiner einzigen Freundin, Pläne, wohin er gehen und womit er ſeine Zeit ausfüllen ſolle. Es war ein trüber, regnichter Tag und dazu ein Freitag, der Tag, an welchem Wilhelm abreiſen und Ludmille ihm folgen ſollte. 4 Ein junges und ein altes Herz. 229 Roſalie lag zu Bett und nahm ſchriftlich von Wil⸗ 1 helm Abſchied. Das Mädchen ſagte ihm, daß Roſalie Fieber habe— er war ihr Arzt und er ging dennoch. — Sein Herz ſagte ihm laut, daß ſie ſeine einzige wahre Freundin geweſen, daß ſie um ihn leide, aber er ging dennoch! Noch einmal klopfte Wilhelm an ihre Thüre, aber vergeblich, ſie ließ ihm nicht öffnen. Sie hörte den Wagen, der ihn entführte, vom Hofe rollen, ihr Kam⸗ mermädchen erzählte ihr, daß der Fürſt und die Fürſtin ihn bis an die Treppe, Albert bis zum Wagen beglei⸗ et, daß dort Albert ihn umarmt, und als der Wagen ſchon im Fortrollen begriffen, mit großer Gemüthsbewe⸗ 7 gung ihm nachgerufen:„Verzeihen Sie mir, Wilhelm!“ worauf Letzterer ſchon unter dem Thorwege ſich noch herausgebogen und kaum noch verſtändlich gerufen: Verzeihen Sie mir, Prinz!“ „O meine Ahnung!“ rief Roſalie, indem ſie ihr Antlitz verhüllte. Dann nach einer Pauſe ſagte ſie zu dem Mädchen: ‚Rufe mir meine Nichte Ludmille!“ Als die Jungfer aber ſchon an der Thüre war, rief ſie ſie wieder zurück, und noch dreimal im Laufe des Tages wiederholte ſie den Auftrag, ihre Nichte zu rufen, um 1 ihn ebenſo oft zurückzunehmen. SWechſles Sapilel. Es war acht Uhr. Wilhelm ſtand ſchon ſeit einer vollen halben Stunde an der Weiherwieſe. Er horchte, ob nicht Fußtritte ſich hören ließen, aber ſein Herz klopfte ſo laut, daß er vermeinte, er könne deshalb nicht das Herankommen der Erwarteten vernehmen. Zwanzigmal war er getäuſcht aus dem Walde heraus⸗ getreten— ſie kam nicht— doch jetzt, ja jetzt ganz ge⸗ wiß täuſchte er ſich nicht— eine Geſtalt kam eilig durch den Baumgang daher— aber— das war Lud⸗ mille nicht! Es war ein kleines Bauermädchen, ein Liebling Wilhelms, und in ihrer Hand hielt ſie ein weißes leuchtendes Zettelchen. „Für Sie von der Princeß,“ ſagte ſie zu Wilhelm, der es ihr ſchon entriſſen. Er konnte die feinen Schrift⸗ — Ein junges und ein altes Herz. 231 züge kaum mehr entziffern. Der Inhalt der wenigen Zei⸗ len war: „Alles iſt verrathen, abſcheulich verrathen! Fliehen Sie ſo heimlich und ſchnell, als wenn ich bei Ihnen wäre, mein Geliebter! Schreiben Sie mir, ſobald Sie in Amerika eingetroffen, und das arme Vögelein, das man jetzt im Käfig doppelt verriegelt hält, fliegt dann über's Meer zu dem, der ſeine Heimath iſt.“ Wilhelm jammerte nicht, er zerdrückte auch nicht das Unglücksbillet, er küßte es auch nicht— nein, er faltete es langſam und ſorgfältig zuſammen, aber ſein Geſicht war entſetzlich blaß und ſeine Augen traten zum Erſchrecken weit unter ihren Wölbungen hervor. Es war ein Gedanke, der ſo überwältigend ſein Gehirn in Beſitz nahm, daß er es beinahe zerſprengte— dieſer Gedanke war ein Zweifel an der, die er über Alles ge⸗ liebt, und daß er dieſen Zweifel hegen konnte, der merkwürdigſte Zug ſeines jungen Characters! Nach einer Weile ſagte er zu dem Kinde, das war⸗ tend vor ihm ſtehen geblieben:„Bleibe noch einen Au⸗ genblick hier.“ Darauf ging er zu ſeinem Wagen, der jenſeits der Wieſe hielt, und befahl dem Kutſcher, nur ohne Weiteres ins nächſte Oertchen zu fahren, er müſſe noch einmal nach dem Schloſſe und könne vor morgen nicht abreiſen. Dann nahm er noch aus dem * 232 Ein junges und ein altes Herz. Wagen eine kleine Taſche, worin ſeine werthvollſten Papiere enthalten— ſo bedachtſam war er ſelbſt in dieſem Augenblicke— und eilte wieder zu dem Kinde. Als er dieſem erklärte, er werde es nach dem Schloſſe begleiten, fragte es ganz verwundert:„So reiſen Sie nicht ab, die Princeß ſagte mir doch, ſte warteten nur auf das Zettelchen, um wegzufahren?“ „So?“ fragte er bitter lächend,„meinte ſie das? Sag' einmal, Aennchen, wie kamſt Du denn heute Abend ins Schloß?⸗ „O, Princeß hat mich ſchon vorige Woche beſtellt; ſonſt komme ich immer Sonntags Morgens, um das wöchentliche Almoſen für meine Mutter von der Fürſtin zu holen, aber Princeß Ludmille ſagte mir, ſie wolle mir, wenn ich heute Abend komme, ein warmes Kleid, das ſie nicht mehr trage, für meine Mutter ſchenken.“ 3. „Nun, und“— „Nun, ſte gab mir das Kllid, 5 aber, Sie hätten das Zettelchen vergeſſen und warteten hier darauf.“ Das klang ganz unverfänglich für Wilhelm; viel— leicht war dennoch Ludmille ſchuldlos und Roſalie hatte ihn den Eltern verrathen. Aber das wollte er aus ihrem eigenen Munde wiſſen, um jeden Preis, an die Wuth des Fürſten, an den Schmerz der Fürſtin, an — Ein junges und ein altes Herz. 233 Alberts getäuſchten Stolz dachte er gar nicht, vor ſei⸗ nem innern Auge ſtanden nur zwei Perſonen, zwei, von denen eine ihn verrathen haben mußte, Ludmille oder Roſalie! Dieſe Verrätherin zu kennen und zu ſtrafen, war das einzige Verlangen ſeiner jungen Seele. Er ging ſo raſch, daß ihm das kleine Mädchen nicht folgen konnte. Endlich blieb er ſtehen und wartete auf das Kind, und dann nahm er es an der Hand und riß es mit ſich fort. Er ging nicht zum großen Hofthore herein. Er ſtieg über eine Hecke des Schloßgartens, er ſchlich an der Mauer des verlaſſenen Faſanenhofs her und öffnete dann eine kleine Thüre, die zu einer Seitentreppe führte. Als er ſo endlich in einen der Gänge des weit⸗ läufigen Schloſſes gelangt war, ſchallte ihm ſchon von Weitem Muſik aus dem Saale, wo gewöhnlich die Familie ſich verſammelte, entgegen. Das änderte ſei⸗ nen Plan, zuerſt zu Roſalien zu gehen, denn er war beinahe jetzt ſchon feſt überzeugt, daß ſie ihn nicht ver⸗ rathen; denn wie wäre es möglich geweſen, in einem Hauſe, wo man eben die beabſichtigte heimliche Flucht der Tochter gehindert, ſich mit Muſik zu beſchäftigen? Kecken Schrittes, mit hochgehobenem Haupte betrat der junge Arzt den Hauptgang, der zum Saale führte. 234 Ein junges und ein altes Herz. Niemand begegnete ihm, matt glimmten die Lampen, aber drinnen war laute Fröhlichkeit, man ſpielte einen Strauß'ſchen Walzer und die Kinder ſprangen und tanzten. Als Wilhelm die Hand auf die Thürklinke legte, zitterte dieſe Hand doch ein klein wenig, aber die Thüre ſprang auf, und wie Banquo's Geiſt ſtand der Abge⸗ reiſte mitten im dunklen Rahmen. 4 Sein Auge ſuchte nur Ludmillen. Sie ſaß am Clavier, ſie ſpielte den Walzer, aber ſie ſah den Ein⸗ tretenden nicht, weil ihre Augen auf das Notenblatt geheftet waren. Die Fürſtin gewahrte ihn zuerſt. Mit dem freund⸗ lichſten Geſichte der Welt ſtand ſie auf und ging ihm entgegen.„Haben Sie etwas vergeſſen, liebſter Wil⸗ helm?“ Auch der Fürſt rief ungewöhnlich zuvorkommend: „Eine charmante Ueberraſchung!“ Aber Wilhelm antwortete ihnen nur durch einen flüchtigen Gruß, ging an ihnen vorüber gerade auf das Clavier zu und ſtellte ſich da der Spielenden ge⸗ genüber. Als ſie ihn auch jetzt noch nicht bemerkte, rief er mit keiner lauten, aber eigenthümlich durchdrin⸗ genden Stimme:„Princeſſin Ludmille!“ Da ſah ſie auf, ſie erhob ſich, aber langſam, wie eine Schlafende, ſie ſtreckte abwehrend die Hände gegen Ein junges und ein altes Herz. 23⁵ ihn aus, als aber ſeine hellen, leuchtenden, drohenden Blicke aus dem bleichen Geſicht ſich immer feſter in die ihrigen bohrten, da ſchlug ſie in unerträglicher Qual die Hände vor's Geſicht und ſtürzte mit einem lauten Schrei ohnmächtig hinten über. Wilhelm eilte ihr nicht zu Hülfe, nur Albert, nachdem er Wilhelm einen fragenden Blick zugewor⸗ fen, trug ſie hinaus. Die Fürſtin ſaß zitternd in einem Seſſel, der Fürſt war in ſein Zimmer geeilt, um Eſſig für die Ohnmächtige zu holen. „Herr Doctor,“ ſagte endlich die Fürſtin zu Wil— helm, der auch kaum ſeiner ſelbſt mächtig in der Ecke lehnte—„was ſoll das heißen?“ „O,“ lachte Wilhelm,„ich hatte nur etwas vergeſſen — etwas, das mir Princeſſin Ludmille„aus gnädigem Scherz“ geſtohlen. Das wollte ich mir wiederholen!“ Nach dieſen Worten erſchallte ein höchſt unangenehmes Lachen aus ſeinem Munde, ein Lachen, wie es die Fürſtin nie von ihm gehört. Der Zorn, den ſie gegen ihn empfunden, als er ihr Kind auf eine ihr unbegreifliche Weiſe ſo erſchreckt, legte ſich augenblicklich, als ihr klar wurde, daß ſie einen Unglücklichen vor ſich ſah. „Hat meine Tochter eine Schuld gegen Sie, lieber Wilhelm?“ ————;’—— 236 Ein junges und ein altes Herz. Er nickte nur mit dem Kopfe, dann ging er lang⸗ ſam zur Thüre hinaus, nachdem er die Fürſtin, die ihn nicht weiter zu fragen wagte, traurig gegrüßt. Er ſtand vor der Thüre des Saales— wo ſollte er jetzt hin! Ein Herz beſaß er nur noch auf Erden, und an dieſem einen Herzen hatte er eben durch den grau⸗ ſamſten Verdacht geſündigt, es drängte ihn, ſein Un⸗ recht ihr abzubitten. Das Kammermädchen wollte ihn nicht einlaſſen, aber er ſchob ſie zurück und drang in das Cabinet. Roſalie ſaß mit gekreuzten Händen, wie im Gebet verſunken, auf ihrem Lehnſeſſel. Ein dunkler mantel⸗ artiger Ueberwurf hüllte die Kranke bis zu den Fuß⸗ ſpitzen ein. Um das Haupt hatte ſie einen weißen Schleier gewickelt, ſo daß man nur wenig von ihrem Geſichte ſah. Es war, als ſolle die Welt nichts von ihr, ſie nichts von der Welt ſehen. Eben ſo wenig wie Ludmille vorhin, gewahrte ſie jetzt Wilhelms Eintritt. Sie war in ſo grenzenloſen innern Schmerz verſunken, daß ſie für äußere Eindrücke ganz unempfänglich ge⸗ worden. Als er ſie aber rief, da traute ſie wirklich ihren Ohren nicht. Nicht gleich erhob ſie ſich, er eilte zu ihr, er kniete neben ihren Seſſel! Da im aus⸗ brechenden Jubel ihrer Seele ſchlang ſie beide Arme um ſeinen Hals, drückte ſein Haupt feſt an ihre Bruſt, und * & Ein junges und ein altes Herz. 237 unter Lachen und Weinen rief ſie ein um das andere Mal:„O Gott, er iſt wieder da! O welch ein Glück, welch ein Glück!“ Wilhelm war von dieſer Liebe, nach⸗ dem ſein Herz eben erſt durch den grauſamſten Verrath zerriſſen worden, ſo tief gerührt, daß er die Faſſung ganz und gar verlor und in Thränen ausbrach. Bei dieſem unerwarteten Anblick erhielt Roſalie ihre Faſſung wieder. Sie holte ſelbſt ihrem Liebling einen Seſſel, ſie zwang ihn förmlich, ſich darauf nie⸗ derzulaſſen, und dann ſetzte ſie ſich neben ihn und war⸗ tete geduldig, bis ſeine Aufregung vorüber ſein werde. Das erfolgte bald, denn er war zu ſtolz, um ſich nicht im Nothfall beherrſchen zu können. Er nahm ihre Hand und küßte ſie.„Was führt Dich zurück, Wilhelm, bleibſt Du nun wieder bei uns?“ fragte ſie endlich nach einer langen Pauſe. „Bleiben? Wo kann ich noch bleiben? Ihr Herz, meine einzige Heimath, habe ich verſcherzt, ich verdiene es nicht mehr, bei Ihnen zu ſein!“ „Wilhelm! Lieber, guter Wilhelm!“ In dieſem Augenblicke hörte man heftiges Pochen an der Thüre. Wilhelm ſtand auf, um nachzuſehen, draußen fand er Albert. Ich bitte Sie, Wilhelm, gehen Sie mit mir und gewähren Sie mir die Aufklärung, deren ich bedarf, 238 Ein junges und ein altes Herz. um meinen Vater Ihrethalben zu beruhigen; meine Mutter iſt bei ihm und weiß nicht, was ſie dem zor⸗ nigen Mann ſagen ſoll. Er iſt außer ſich, daß Sie Ludmillen bis zur Ohnmacht erſchreckt, und wirft da⸗ bei und gewiß ungerechter Weiſe alle Schuld auf Sie. Wilhelm legte mit ſchmerzlichem Ausdruck die Hand an die Stirne und folgte dem Prinzen in ſein Zimmer. Dort zog er Ludmillens Brief aus der Taſche und übergab ihn ihrem Bruder, dann ſuchte er noch in einer andern Taſche, wo er Ludmillens Zeilen, die ihm die Zuſage ihrer Flucht brachten, aufbewahrt;z auch dies Papier übergab er dem Prinzen. Alberts Auge flog raſch über die beiden kleinen Zettelchen.„Wer hätte das von dem ſechzehnjährigen Mädchen gedacht!“ rief er entrüſtet.„Kein wahres Wort an der ganzen Geſchichte, Niemand hat ſie ver⸗ rathen— wer könnte auch anders als ich es gethan haben?“ „Ihre Tante Roſalie hatte ich zuerſt im Ver⸗ dacht!“ „Woher wußte Roſalie um ndas Geheimniß?“ FLudmille ſelbſt hat ſie zur Vertrauten gemacht.“ „In welcher Abſicht ſie das wohl gethan hat?“ — Ein junges und ein altes Herz. 239 „Wer weiß es— o könnte ich ſie ganz aus meinem Gedächtniſſe verwiſchen!“ Albert hatte den Kopf weggewandt. Endlich über⸗ wand ſein beſſeres Selbſt und Wilhelm die Hand rei⸗ chend, ſagte er leiſe:„Ja, es iſt die unerhörteſte Sünde, eine Seele beſitzen zu wollen, ohne ſelbſt eine Seele einzuſetzen, es iſt ein Betrug, bei dem man Juwelen mit falſchem Golde kaufen will, aber— ich ſelbſt habe dieſen Betrug verſucht, und wer weiß, ob ich nicht jetzt nur ein ehrlicher Mann geworden, weil es mir nicht gelang, ein Betrüger zu ſein!“ Wilhelm drückte die Hand des jungen Prinzen und ſagte weich:„Sie ſind der aufrichtigſte Menſch, der mir je vorgekommen! Ich ahnte nicht, daß Sie auch ſolch ein Schickſal gehabt!“ „So unglücklich ich bin,“ ſagte Albert weich,„bin ich doch noch glücklich im Vergleiche mit Ihnen, denn das Mädchen, das ich liebe, iſt makellos! Sie aber, armer Menſch— wie ſind Sie zu beklagen— ich ſehe das ein, wenn es auch meine Schweſter iſt, die Sie betrog.“ Die Fürſtin trat ein und ſie erfuhr aus Alberts Munde die volle Wahrheit. Wilhelm vergaß ſeinen eigenen Schmerz beim Anblick ihres Schmerzes, des Schmerzes, als ſie ſah, welch unwürdig Spiel ihr Kind „. 240 Ein junges und ein altes Herz. getrieben! In dieſem Augenblicke däuchte ihr, die wirk⸗ liche Flucht Ludmillens würde ſie unendlich weniger ge⸗ ſchmerzt haben, als die Lüge dieſer Flucht! Mit Wil⸗ helm hatte ſie das tiefſte Mitleid, und ſie beruhigte ſich ſeinetwegen erſt, als Albert vorſchlug, er wolle mit ihm weggehn. Auch Wilhelm neigte ſich gern dieſem Plane zu, denn ſeitdem er entdeckt, daß auch Albert an einer unglücklichen Liebe litt, ſeitdem fühlte er ſeine Abnei⸗ gung gegen ihn ſchwinden. Den Fürſten wegen des Vorfalls im Saale zu be⸗ ruhigen, das übernahm endlich ſeine Gemahlin. Gegen Ludmillen war ſie trotz allen Kummers, den ihr dies ſo unähnliche Kind verurſacht, noch zu milde geſinnt, um ihrem Vater die ganze Wahrheit zu geſtehen. Sie be⸗ ſchloß deshalb in weiblicher Schlauheit, die ihr für Andere nie abging, ihm eine Geſchichte mitzutheilen, die halb Wahrheit, halb Dichtung, das Ganze zuletzt als einen übermüthigen Scherz, den Ludmille mit dem Jugendfreund getrieben, erſcheinen ließ. Die Schuldige ſollte aber das Schloß verlaſſen, und zwar morgen ſchon wollte ihre Mutter ſie zu einer ihrer Schweſtern ſchicken, einer ſtolzen, verwittweten, kin⸗ derloſen Dame, die in der Nähe wohnte und durch ihr ſtrenges, übertrieben ceremonielles Weſen der Schrecken der Waldheim'ſchen Kinder war. Dahin beſchloß die — ¹ Ein junges und ein altes Herz. 241 Fürſtin ſie zu ſenden, halb zur Strafe und halb, damit ſie aus dem Schloſſe entfernt ſei, ſo lange Wilhelm jetzt noch darin blieb, um Alberts Reiſevorbereitungen abzuwarten. Bei Wilhelm trat jetzt ein Seelenzuſtand ein, der ſeiner Neigung jeden Raum nahm. Keine Faſer ſeines Herzens hing mehr an Ludmillen! Es war, als habe er ſie nie geliebt; die Erfahrung, die er durch ſie ge⸗ macht, hatte er aber in ſich aufgenommen, als ſei ſie einem Freunde widerfahren, er grollte mitleidslos mit ihr, ja er haßte ſie beinahe. Aber eine ſehr üble Folge war, daß er das Frauen⸗Geſchlecht, welches er früher ſeiner Mutter und Roſaliens wegen hatte verehren ler⸗ nen, von nun an unendlich tiefer ſtellte und die beiden Genannten, wie die, welche ihnen ähnlich waren, in ſei⸗ nem Sinne nur noch als Ausnahmen gelten ließ, wäh⸗ rend er diejenigen, die ihm früher als Ausnahmen er⸗ ſchienen, jetzt als Regel betrachtete. Er haßte nicht die Frauen, aber er that das unend⸗ lich Schlimmere, er achtete ſie gering. Endloſe Unter⸗ haltungen hatte er darüber mit Albert, der ihn zum Vertrauten ſeiner Herzensangelegenheiten gemacht. Albert, der ſich nur die Mühe gegeben, in ſeinem Leben zwei Frauencharactere zu ſtudiren, den ſeiner Mutter und Agnes, die gewiß zu den allerdurchſichtigſten ihres Gegen den Strom. I. 1 16 242 Ein junges und ein altes Herz. Geſchlechts gehörten, hatte kein Verſtändniß für Wil⸗ helms traurige Anſichten. Und Wilhelms Behauptungen in dieſem Punkte imponirten ihm auch glücklicherweiſe nicht, da dieſer noch jünger war, als er, und noch weniger die Welt und die Frauen geſehn. Mit Roſalien ſpielte Wilhelm noch eine förmliche Herzensgeſchichte durch. Sie war über ſeine Rückkehr ſo überaus glücklich 1 daß ſie im Alleinſein mit ihm es auch gar nicht mehr verbarg und er daher jetzt entdeckte, was er ſchon längſt hätte entdecken können, daß nämlich Roſalie ihn über alle Maaßen liebte. Da entſtand denn in ihm der Plan, er wolle trotz der Verhältniſſe, trotz Roſaliens vorgerücktem Alter, trotz ihrer Häaͤßlichkeit ihr ſeine Hand antragen und mit ihr in irgend einen ſtillen Erdenwinkel ſich zurückziehen. Es war weniger das Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden, denn dies Bedürfniß empfand eigentlich Wilhelm bei Weitem nicht in dem Grade wie andere Menſchen— als viel⸗ mehr das Bedürfniß, eine Seele zu haben, die für ihn dachte, ordnete, waltete, wenn es ſeiner träumeriſchen Natur gerade beſchwerlich fiel, in das Räderwerk des gewöhnlichen Lebens einzugreifen. Roſalie aber, zu ſeiner unendlichen Verwunderung, wies ihn ab, und zwar mit einer Entſchiedenheit, die ihm keine Hoffnung Ein junges und ein altes Herz. 243 „Ludmille wollte nicht die Deine werden, weil ſie Dich nicht liebte, ich nicht, weil ich Dich über alle Maaßen liebe, ſo wie ich nie Jemand geliebtund nie Je⸗ mand lieben werde. Du willſt jetzt Dein Schickſal an das meine ketten, weil Ludmillens Falſchheit Dich für Schönheit und Jugendreiz augenblicklich unempfindlich gemacht hat. Aber Schönheit und Jugend werden wie⸗ der ihre Rechte bei Dir geltend machen und dann ſollſt Du frei ſein. Mich macht es glücklich, daß Du mich ſo hoch geſtellt, daß meine Maͤngel Dir unſichtbar ge⸗ worden, mich macht es glücklich, daß es in meine Hand gegeben iſt, Dein Schickſal zu lenken.“ Lächelnd wies ſie ihn von ſich— ſie war ſo ruhig, ſo würdevoll, daß Wilhelm des Glaubens wurde, ſie habe nie eine wirkliche Leidenſchaft für ihn empfunden. Er ſah nicht ihre Thränen, wenn ſie allein war, er ahnte nicht, wie groß ihr Edelmuth und ihre aufopfernde Liebe für ihn geweſen. An ihre fürſtliche Geburt hatte ſte dem Lieblinge gegenüber keinen Augenblick gedacht, obgleich es der einzige äußerliche Vorzug war, den ihr das Schickſal verliehen. Wir müſſen noch Einiges über die Waldheim'ſchen Familienmitglieder nachtragen. Das Haupt, der Fürſt, war durch ſeiner Gemahlin Bemühungen vollkommen *16 Eines nur fand er nicht paſſend: daß dem einſamen Waldheim war kein a 4 zu finden. . 244 Ein junges und ein altes Herz. über Wilhelm und Ludmillen beruhigt. Ihre Falſchheit, deren ganzen Umfang ihm natürlich die Fürſtin nicht mitgetheilt, erſchien ihm als„geiſtreiche Malice“, ihre Gefallſucht als„weibliche Fineſſe“, wie er ſich ausdrückte. ſie ihr,gracieuſes Spiel“ an einem Roturier geübt, aber— ffreilich in nderer Gegenſtand S Die Fürſtin hatte ihrer Tochter nicht verziehen, ſelbſt als ſie abreiſte und das weinende Antlitz noch aus dem Wagen ſtreckte, hatte ſie ihr keinen Blick gegönnt. Auch keinen Brief erhielt Ludmille in der Verban⸗ nung von ihrer Mutter, und ſo herzlos ſie eigentlich war, ſo war ihr dies doch beinahe unerträglich, weil die milde Erziehung ihrer Mutter ihr ſolche Strenge als etwas Unerhörtes erſcheinen ließ. Albert fand endlich Klarheit genug in ſch, um einen Plan für ſeine Zukunft zu entwerfen. Daß ſeinem Vater keine Einwilligung zu einer Verbindung mit Agnes abzugewinnen war, ſah er ein, daß Agnes ohne dieſe Einwilligung nicht die Seine würde, darüber war er eben ſo klar. Nichts weiter aber in Ausſicht zu ha⸗ ben als die Lebensaufgabe, Erbprinz von Waldheim auf Waldheim zu ſein, dünkte ihm zu troſtlos; er be⸗ —— Ein junges und ein altes Herz. 245 ſchloß deshalb, Kriegsdienſte zu nehmen, und zwar in demſelben Land, das Agnes bewohnte. Er wußte freilich, daß er ſie nicht ſehen werde, denn er hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Vater eine einſame Puſta in Ungarn angekauft und bezogen, die meilenweit von jeder Stadt entfernt lag; aber er hatte doch die Genugthuung, ihr näher zu ſein, und überdem war Oeſterreich das einzige Land, das ſeinem ariſtokratiſchen Sinne hoch genug ſtand, um dort Dienſte zu nehmen. Gegen dieſen Plan konnte ſein Vater nichts einzuwenden haben und wendete auch nichts dage⸗ gen ein. Wilhelm ſollte ihn begleiten. Albert wollte ihm durch ſeine Connerionen irgend eine ärzt⸗ liche Stellung auswirken und Wilhelm ging auf die⸗ ſen Vorſchlag ein, weil auch er um jeden Preis fort wollte. So war denn Alles geordnet. Der Fürſt ſchrieb nach Wien um eine Offizierſtelle für ſeinen Sohn und erhielt auch ſogleich die Zuſage einer ſolchen in einem nach der Ankunft ſeines Sohnes in Wien noch zu beſtimmenden Regimente. Wilhelm ſtudirte Nacht und Tag, um noch ſo viel Wiſſen als möglich mitzunehmen. Roſalie ſchleppte ihm Bücher herbei, ſchrieb Notizen für 246 Ein junges und ein altes Herz. ühn aus, verbeſſerte ſeine Reiſe⸗Ausrüſtung, kurz, vergaß ſich ſelber— bis er abreiſte, um dann ganz und gar ſich dem Bewußtſein ihrer Eriſtenz hinzu⸗ geben— dem Bewußtſein, was ihr nun noch das Leben zu bieten hatte! 3 Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. ——— — — — daduauuu uaduaxuunuMnnxunxunuu 1 12 13 14 15 16 17 danunuuauaun ſfffffffff 8 9 10 1 7