◻&ν 7) 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von —. 2 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗„e den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Linterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: u6e —————— 1 MN. Ff. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ r 1I— u 1„ 77„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Ta⸗ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch daſür zu ſtehen haben. ge feſtgeſetzt und wird Der Stranduogt von Jasmund. 1 1, 91 3. Geſehichtliches Jebensbild 4 1 aus der Occupationszeit der Inſel Rügen durch die Franzoſen von 1807— 1813. 1 Von Philipp Galen. Vierter Theil. —.—— Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1860. . ——-— Erſtes Bnpitel. Der Abſchied von Spyker. In den düſteren Räumen des alten Schloſſes zu Spyker herrſchte eine unheimliche und drückende Stille. Kein Franzoſe, kein feindlich geſinnter Menſch athmete mehr innerhalb ſeiner Mauern oder überhaupt in ſei⸗ ner Nähe, es war frei von allem Böſen, was ſo lange darin und darum gehauſt und die Gemüther ſeiner Bewohner in Sorge und Unruhe verſetzt hatte, aber dennoch war es öde und ſtill, kein Menſch wagte ein lautes Wort oder einen ſchallenden Tritt hören zu laſſen, denn— es war der Tag, wo man den einzigen Sohn und Erben des gräflichen Hauſes und Namens, den edlen Magnus Brahe zur Ruhe be⸗ ſtattet hatte. Halb Sagard war in den Vormittagsſtunden die⸗ ſes Tages in Spyker geweſen, die ganze Umgegend Der Strandvogt. IV. —— 2 hatte ihre Bewohner zu Zeugen des traurigſten aller Ereigniſſe geſendet, welches man während der ganzen Kriegszeit in dieſer Gegend zu beklagen gehabt. Der würdige Paſtor von Willich ſelbſt hatte die ergreifende Grabpredigt gehalten und kein Auge war bei ſeinen Worten trocken geblieben, als er der ſtummen Ge⸗ meinde mitgetheilt, daß es in Gottes Rathſchluß ge⸗ legen, die junge Eiche zu fällen, die der Ruhm und Stolz der erhabenen Familie hätte werden ſollen, und daß Gott ſelbſt den Uebelthäter, der dies Unheil über ſie Alle gebracht, vor ſeinen Richterſtuhl fordern möge, da er der irdiſchen Gerechtigkeit leider entronnen ſei. Eine Stunde nach dieſer Ceremonie, bei der man diesmal keine Rückſicht auf die gebräuchlichen Trauer⸗ ſchmauſereien genommen, hatte ſich die große Ver⸗ ſammlung aufgelöſt, alle Nachbarn hatten das Schloß verlaſſen und die Bewohner deſſelben waren allein zu⸗ rückgeblieben, um in der wohlthätigen Stille, die ſie nun umgab, Beruhigung und Troſt für ihren gerech⸗ ten Schmerz zu ſuchen. Unten im Zimmer des Kaſtellans war die ganze Familie Ahlſtröm verſammelt, Einer vor dem Andern erſchreckend, wenn das thränenſchwere Auge auf die in dieſen Räumen lange nicht erblickten Trauerkleider fiel. Alle hatten ſich in ein kleines Häufchen um den hohen Sorgenſtuhl zuſammengedrängt, auf dem der alte Diener des gräflichen Hauſes ſaß und ſeine ſtille Zähren mit dem lauten Schluchzen ſeiner Frau und Töchter vermiſchte. Auch ſämmtliche Diener hatten ſich hier eingefunden und ſtanden in den Ecken und ſchauten die weinende Familie an, von der ſie allein Troſt in dieſen ſchweren Tagen zu hören erwarteten, aber keine Sylbe kam über die Lippen des heimge⸗ ſuchten Hausvaters, denn er ſelbſt war innerlich zer⸗ ſchmettert und die Worte, wenn er welche hätte ſpre⸗ chen wollen, wären ihm im Munde erftickt. Gylfe Torſtenſon, die ihr Zimmer noch nicht wie⸗ der verlaſſen, ſeitdem Major Caillard ſo übereilt aus demſelben entwichen war, um mit Magnus den tödt⸗ lichen Streit zu Ende zu führen, hatte noch Nieman⸗ den geſehn und wollte auch Niemanden ſehen, da ſie wohl fühlen mochte, daß kein freundliches Geſicht ihr begegnen würde; ſelbſt Gyſela, die in dumpfem Schwei⸗ gen, mit geſchwollenen Augen und zeitweilig lebhaft ausbrechendem Schluchzen, die gewöhnlichen Dienſte bei ihr verrichtet, hatte keine Sylbe über ihre Lippen ſchlüpfen laſſen, die ikgend eine Andeutung der im Schloſſe ſtattfindenden Vorgänge enthielt, und ſo hü⸗ tete ſie in ſchauerlicher Einſamkeit ihr Zimmer, in dem ſie nirgends und in nichts einen Anreiz zum 114 4 Troſte fand, und ſeufzte bald laut, bald ſtarrte ſie in gedankenloſer Verſunkenheit vor ſich nieder oder in die öde Winterlandſchaft hinaus. Auch Waldemar Granzow hatte ſich, ſobald die Trauerfeierlichkeit beendet war, in die Einſamkeit des oberſten Thurmzimmers zurückgezogen, welches ſein Freund durch den letzten Aufenthalt darin in ſeinen Augen für ewig geweiht hatte. Von hier aus ſchaute er über das vor ihm liegende Land bis weit auf das Meer hinaus, welches beides, ſo weit ſein Auge reichte, von demſelben ſtarren Leichentuche bedeckt war, das nun auch ſeinen beſten Freund auf dieſer Erde ein⸗ hüllte. O, wie er ſo daſaß und ſeine Gedanken und Blicke über die unabſehliche Ferne ſchweifen ließ, in der auch Magnus mit ſeinen Wünſchen und Hoffnun⸗ gen ſo gern geweilt, da trat ihm noch einmal in ſei⸗ ner ganzen urſprünglichen Milde und Weichherzigkeit der Mann vor Augen, der ſchon als Knabe an ſeiner Seite geſtanden und mit dem er die frohe Jünglings⸗ zeit auf jener blauen See durchlebt hatte, die da fern von ihm gegen die wogenden Eisſchollen tobte und brauſte, welche die ganze Küſte von Rügen wie mit einem ſchützenden Gürtel gegen die tobende Brandung umſchloſſen. Dieſer Knabe, dieſer Jüngling, dieſer Mann war ihm mehr als ein Freund, er war ihm faſt ein Bruder geweſen. Dieſelbe väterliche Hand hatte für Beider Erziehung ſo weiſe wie liebreich ſich aufgethan, Beide mit gleicher Liebe umfaßt und Bei⸗ den ohne irgend eine Parteilichkeit, die doch ſo natür⸗ lich geweſen wäre, ihre fernere Lebensbahn zu ebnen geſucht, indem ſie den Einen wie den Andren mit gleichen Mitteln ausrüſtete, den Kampf des Lebens ſiegteich zu beſtehen. Nun war Der, um deſſenwillen dieſe Liebesquelle ſo reichlich gefloſſen, dahin, für im⸗ mer; der alte biedere Vater war kinderlos zurückge⸗ blieben und hatte alſo mit ſeinem Erben auch alle an ihn geknüpften Hoffnungen verloren. Die vielen zerſtreut liegenden Güter waren nun ihres einſtigen Herrn beraubt, die zahlreichen ſchönen Beſitzthümer aller Art vergebens geſammelt, die reichliche Saat für die Zukunft umſonſt ausgeſäet, denn Niemand war da, der hätte ſagen können: das Alles wird einſt mir gehören und ich werde weiter bauen, was mein Va⸗ ter gebaut, ich werde vollenden, was er in ſeiner Güte und Menſchenfreundlichkeit begonnen hat. So lange Magnus lebte, war auch Waldemar eine beſtimmte und lohnende Lebensbahn vorgezeich⸗ net geweſen, ſein Schiff hatte einen Hafen, in dem es raſten, ſeine Hoffnung einen Anker beſeſſen, an dem ſie haften konnte, denn was der Eine that, that auch der Andere, wohin der Eine ſtrebte, dahin ſtrebte auch der Andere. Nun aber war dieſe Lebensbahn plötz⸗ lich abgeriſſen, der Hafen war verſandet, der Anker hielt nicht mehr, Waldemar war auf ſich ſelbſt, auf ſeine Kräfte allein angewieſen, und zum erſten Mal auf eigenen Füßen ſtehend, mußte er ein neues Leben beginnen, erkämpfen, da ihm das alte an der Seite ſeines Freundes verſchloſſen war. Darüber nun trau⸗ erte und klagte er nicht, wie er überhaupt nie klagte, denn dazu war er zu ſtark, zu willenskräftig, zu gott⸗ ergeben, wie der Mann es ſein ſoll, dem der Schöpfer in ſeiner Güte ſo viele Fähigkeiten verliehen; auch hoffte er ſich allein das Leben unterthänig machen zu können und einen Hafen zu finden, in dem er ſein Schiff ruhig vor Anker legte, wenn der ſtürmende Abend käme; nein, er trauerte vielmehr darüber, daß Magnus Brahe der Boden unter den Füßen ſo raſch weggezogen war, daß das ſchöne Leben ſo früh für ihn geendigt, daß nicht die Freude, nur der Schmerz ſein letzter Begleiter auf Erden geweſen und daß nun durch ſeinen plötzlichen Hintritt eine Lücke in ſeinem eigenen Leben entſtanden war, die kein anderer Menſch jemals wieder würde ausfüllen können. „Ja, ja,“ ſagte er, nachdem er dies Alles im mStil⸗ len bedacht, nun im leiſen Selbſtgeſpräch,„Magnus —— —— hatte Recht, jetzt erkenne auch ich es, aber leider zu ſpät: ſein Stern iſt ganz erloſchen, nicht allein in ſeiner Bruſt, auch auf Erden, ich ſehe nicht den ge⸗ ringſten Schimmer mehr von ihm und niemals mehr wird er Jemandem auf Erden leuchten. Wie wunderbar iſt es, daß er von jeher die Ahnung ſeines frühen Todes gehabt und die düſtren Geſtalten ſeines Schick⸗ ſals vor ſeinen Augen hat ſchweben ſehn; oft genug und ſelbſt mitten im Rauſch der jugendlichſten Freude hat er mir ſeine Gedanken darüber mitgetheilt. Wie ſind doch manche Menſchen auserleſen, im Geheimen und tief im Innern zu fühlen, was in der Zukunft verborgen liegt, und gewiſſermaßen mit einem Fuß auf dieſer Erde und mit dem andern in jener unbe⸗ kannten Welt zu ſtehen. In welcher geheimnißvollen Verbindung ſteht ihr Geiſt mit dem großen Weltgeiſte, aus welchem Stoffe ſind die Kettenglieder gewebt, die zwiſchen beiden herüber und hinüber laufen, auf welche Weiſe die räthſelhafte Sympathie entſtanden, die Beide mit einander verbindet und den Menſchen das mit Geiſt und Gefühl begabte Atom des allmäch⸗ tigen Schöpfers ſein läßt. Wer das ſehen oder nur begreifen könnte! Warum ſind die Wolken nicht durch⸗ dringbar, die zwiſchen der Erde und dem Himmel fliegen, warum trennt ein endloſer Raum die düſteren 8 Schatten der Erde von dem göttlichen Lichte der Alles verklärenden Himmelsſonne? O, ich kann es nicht be⸗ greifen, meine Augen ſehen nur das Sichtbare und meine Ohren hören nur das Hörbare, den Schwung und die Richtung des ſauſenden Rades aber, welches der Weltgeiſt durch das All rollen läßt und an das der Menſchen Schickſal mit unſichtbaren und doch un⸗ zerreißbaren Fäden gebunden iſt, kann ich nicht ver⸗ nehmen und erkennen, wie ſie Magnus ſo oft ver⸗ nommen und erkannt hat. Der gute Magnus! Ob er wohl glücklicher dadurch war? Ich glaube es nicht, im Gegentheil ſogar; aber eben weil er dadurch un⸗ glücklicher war als ich, darum liebte ich ihn ſo, denn ich fühlte immer, was ich vor ihm voraus hatte, und es ſchmerzte mich, daß ich noch in einem Punkte glücklicher war als er. Ob ich ihn wohl ſo liebte, wie er es verdient hat? O welchen Menſchen liebt man, wie er es verdient, wir müßten ſonſt unſre Eltern, alle Die, die uns Gutes thun, auf den Händen tra⸗ gen, und das thun die Menſchen ſo ſelten! Und den⸗ nooch kann ich von mir ſagen, daß ich ihn ſehr ge⸗ liebt habe. Ich kannte Niemand, der mir theurer war, mir näher am Herzen ſtand, und wenn ich einen Bruder gehabt, er hätte wohl mein Bruder heißen, aber nicht mehr geliebt ſein können als er. Und nun liegt er kalt, leblos unter dieſer eiſigen Hülle, welche der Himmel auf die Erde geſandt hat, um ſeinen heißen Schmerz bald zu kühlen, nun ſieht er nicht mehr die blauen Wellen, die ſo fröhlich tanzen und ſpringen, und die goldene Sonne, die ſo lieblich wärmt und ſo herrliche Strahlen wirft. Nein, o nein, er hört auch nicht mehr das ſtolze Wehen und Brauſen des Windes, nicht mehr das ſüße Wort der liebenden Men⸗ ſchen, ſeine Hand drückt nicht mehr die Hand des Braven, Getreuen und Guten, deren Begrüßung einem empfindenden Herzen ſo wohl thut. O, das Alles iſt nun vorbei und wird ihm nicht wieder geboten!— Wunderbar, wie mir jetzt Alles vor die Seele tritt, was er mir ſo oft geſagt! Das Eine klingt mir vor Allem in den Ohren, als hörte ich noch den Ton, womit er es ſprach: Glaube mir, ſagte er, ſo lange ich bei Dir bin, wirſt auch Du nicht froh und heiter werden, nur dann erſt, wenn Du mich aufgegeben, mich verlaſſen haſt, wirſt Du glücklich ſein und das Ziel Deines Daſeins erreichen, denn ich bin der Hemm⸗ ſchuh, der das Rad Deines Lebens aufhält.— Was hat er damit gemeint? Liegt auch dieſer Vorherſagung eine beſtimmte Ahnung zum Grunde? Woher ſoll mir das Glück kommen, wenn mir das an ſeiner Seite nicht mehr erblühen ſoll? Ich weiß es nicht— o 10 was wüßte ich jetzt, denn es ſummt mir noch immer ſein letztes Röcheln in den Ohren und ſein erſterbender Blick dringt noch immer in meine umflorte Seele. Ich vermache Dir meine Rache, ſagte er ſterbend, ich kann ihn nicht mehr ſtrafen, ſtrafe Du ihn? Wie ſoll ich ihn, den er meinte, ſtrafen, wie ihn nur erreichen? O, die Pfade der Menſchen führen weit auseinander und ſelten treffen die wieder zuſammen, die ſich einmal freundlich oder feindlich begegnet ſind. Das wäre alſo das Hauptvermächtniß meines Freundes— die Rache! Ach, das iſt kein angenehmes Geſchenk für mich, deſſen Hand nicht dazu geſchaffen iſt, an dem Leben eines Menſchen zu rütteln; ich liebe die Men⸗ ſchen und leihe nur ungern meine Kraft, das Geſchöpf zu zerſtören, welches Gott in ſeiner Liebe und Güte erſchaffen und unter ſo vielen Mühen hat wachſen und gedeihen laſſen. ꝛAnußer dieſem traurigen Geſchenke aber hat er mir noch ein anderes Vermächtniß hinterlaſſen— die Pa⸗ piere, die er im Gefängniß zu Bergen mit ſeinen Ge⸗ danken gefüllt, vor meinen Augen verſiegelt und mir erſt vor wenigen Tagen übergeben hat. Da liegen ſie vor mir und ich vermag kaum meine Augen da⸗ von abzuwenden, ſo theuer, ſo werthvoll ſind ſie mir. Sende ſie meinem Vater, ſagte er mir mit gewichtiger 11 Miene, und halte nicht für gering und bedeutungs⸗ los, was ich Dir ſage. Es iſt mein Wunſch, daß er ſie gerade durch Dich erhält, damit er ſieht, wie Du bis zum letzten Augenblick an meiner Seite geſtanden und damit den Schwur gelöſt haſt, den Du in ſeine Hand legteſt, als er uns Beide in's Leben ſandte.— Ich werde ſie alſo dem armen alten Vater ſenden, dem ich gern dies bittere Herzeleid erſpart hätte, aber ich muß es ihm verurſachen, ich kann nicht anders. Doch was ſoll ich ihm ſagen, wie ſein einziger Sohn und Erbe geendet, wodurch er den Todesſtoß empfangen hat? Niemand hat es geſehen, Niemand gehört als Gott, denn dieſer Franzoſe iſt auf ſchnellem Roſſe davonge⸗ jagt und Keiner konnte ihn einholen. An Verfolgung war nicht zu denken, er hatte eine ſtählerne Mauer um ſich und ſein Name: Franzoſe! ſchützt ihn vor den Angriffen jedes Geſetzes. Denn wir ſind ſchwach und bedürfen der Hülfe jenem Volke gegenüber, das groß und gewaltig iſt zur Zeit und Andern die Fauſt auf das Herz legen und befehlen kann, daß es zu ſchlagen aufhöre. Welche Schmach, welche Erniedri⸗ gung für jeden Mann, der Kraft in ſeinen Sehnen und feſten Willen in ſeinem Geiſte hat! Doch es iſt nicht anders und wir müſſen es tragen, was Andere einmal verſchuldet haben. Aber für die Franzoſen 12 werden einſt auch bittere Tage kommen, dann werden die Stärkeren über ihnen ſtehen und Gott ſelbſt wird die Vergeltung in ſeine Hand nehmen, die die Men⸗ ſchen jetzt nicht ausführen können. Doch ich muß mich immer wieder fragen, wie wa⸗ ren die Vorfälle hier im Hauſe, die Magnus' Tod zur Folge hatten? Starb er im ehrlichen Kampfe oder ſank er unter dem Streiche eines Meuchelmörders hin? Wer weiß es, wer ſah es? Beinahe glaube ich das Erſtere, denn auch der Flüchtige ſchien verwundet, er blutete an Kopf und Bruſt und Magnus' Hand hatte ein Piſtol abgefeuert, mit dem er ſein Ziel ſtets zu finden wußte, wenn er es ſuchte. Doch darüber ſchwebt ein Dunkel, das uns niemals gelöſt werden wird, und ſo will ich es der Wahrheit gemäß dem Vater berich⸗ ten. Hätten wir doch den Mann ergriffen, der die That verübt und lieber die Schätze eingebüßt, die er räuberiſchen Sinnes auf den Wagen geladen und nun mit ſeinem eigenen Gepäck in unſern Händen gelaſ⸗ ſen hat. Doch was hätte es geholfen? Wir hatten keine Zeugen und wenn wir ſie gehabt, ſo giebt es doch jetzt dem Mächtigen gegenüber kein Recht.“— In ſolch' trauriges Sinnen verloren, was bei dem ſo überaus heiter kräftigen und lebensmuthigen Mann etwas ganz Ungewöhnliches war und ſeinem charak⸗ Plötllich flog ein Reiher mit gewaltigem Gekrächz aus teriſtiſchen Geſicht einen eigenthümlich rührenden Aus⸗ druck verlieh, ſtand er in dieſer einſamen Stunde mit unterſchlagenen Armen am Fenſter und ſchaute im⸗ mer noch in die vor ihm liegende Ferne hinaus. dem ſchneebedeckten Gebüſch des Parks von Norden nach Süden hin und augenblicklich folgten ihm Wal⸗ demars Augen, denen ſo leicht nichts entging, was im Bereich der Natur vor ihnen geſchah. „Ein verſpäteter Gaſt!“ ſagte er, dem raſchen Fluge des großen Vogels folgend.„Er verläßt ſeine nordiſche Heimat und fliegt ſüdlicheren Gegenden zu. Ha! Er erinnert mich an mich ſelber und auch ich werde mich bald auf die Wanderung begeben, um meine alte Heimat aufzuſuchen, denn hier habe ich am längſten geweilt und mich feſſelt nun nichts mehr an das alte Schloß, als die dankbare Geſinnung für meinen edlen Wohlthäter und die Erinnerung an die ſchönen Jugendtage, die ich hier mit ſeinem Sohn verlebt habe. So will ich denn gehen, heute nicht mehr, aber morgen früh und meine alten Eltern auf⸗ ſuchen und ihnen ſagen: hier habt Ihr Euren Sohn ganz wieder, nun ſtützet Euch auf ihn, er iſt ſtark ge⸗ nug dazu. Ha! Ja, das iſt auch eine Aufgabe für mich und ſie ſagt mir zu. Aber ehe ich dieſen Gang 1 antrete, ſteht mir noch ein ſchwerer Abſchied bevor, . ich muß mich von dem alten Ahlſtröm und ſeiner Fa⸗ milie trennen und erſt mit mir werden ſie ihren gu⸗ ten jungen Herrn ganz verloren haben und darum wird ihnen mein Weggehn wehe thun, ich ſehe es ein. Und noch einen ſchwereren Gang habe ich hier zu thun, den ich ſobald wie möglich unternehmen will, damit er gethan iſt. Dieſes Unglücksweib muß ich noch einmal ſprechen, das an allem Kummer in dieſem Hauſe ſchuld iſt, und ich bin neugierig, welche Miene ſie jetzt annehmen wird. Freilich, wenn ich es recht bedenke, habe ich keine Verpflichtung gegen ſie, ich könnte gehen, ohne ſie noch einmal zu ſehen und ihr dadurch meine Verachtung beweiſen, aber ſie war einſt die Geliebte meines Magnus' und ſo will ich in der Erinnerung daran ihr mein Lebewohl ſa⸗ gen. Und das ſoll ſogleich geſchehen, dann liegt das ganze bisherige Leben hinter mir und das neue vor mir. Er verſchloß alle Gegenſtände, die früher Magnus im Gebrauch gehabt und die er, um ſein Herz daran zu weiden, vor ſich auf den Tiſch ausgebreitet hatte, ſorgfältig, vor Allen aber den Brief, der an Graf Brahe gerichtet war, ſtieß einen Seufzer aus, als er den Schlüſſel aus dem Wandſchrank zog, und ſtieg bekümmerten Herzens die Treppe hinab, denn er wußte vorher, daß er bei dem Kaſtellan keinen troſtreichen Anblick haben werde. Als er bei dem Alten eintrat, fand er die ganze Familie noch beiſammen; ſie hatten aufgehört zu wei⸗ nen, als ſie aber Waldemar's anſichtig wurden, brach ihr Kummer wieder hervor und Aller Augen floſſen von Neuem über. Da fühlte der ſtarke Mann ſich ſelbſt zum Trö⸗ ſter berufen und mit warmen und lebhaften Worten ſprach er ſeine Meinung aus, daß auch der Schmerz 8 ſein Ende haben müſſe, wie die Freude ihn habe, und daß es Pflicht ſei, ſich in Gottes Willen zu fügen, da man als Menſch nicht immer die Erfüllung aller Wünſche beanſpruchen dürfe. Alle traten bei dieſen Worten an ihn heran, er⸗ griffen ſeine Hände, als wären ſie ein Theil von dem Hingegangenen und weinten in ſeiner Nähe ſich noch einmal von Herzen aus, bis ſie endlich gefaßter wur⸗ 6 den und ein ruhiges Geſpräch über die vorliegenden Verhältniſſe führen konnten, wonach Waldemar zuletzt ſeinen Entſchluß ausſprach, ſchon am folgenden Tage Spyker verlaſſen und ſich zu ſeinen Eltern nach Saſ⸗ ſenitz begeben zu wollen. ———yyyyjjjjy 16 „Ich kann Dir das nicht verdenken, Waldemar,“ ſagte der alte Ahlſtröm.„Spyker iſt in ſolchen Zei⸗ ten und noch dazu im Winter kein behaglicher Auf⸗ enthaltsort. Hier wird nichts als das Weh zurück⸗ bleiben und ich habe eine wahre Angſt, wenn ich daran denke, daß wir nun mit der Dame oben wie⸗ der allein ſein werden. Was ſollen wir mit ihr be⸗ ginnen, wenn ſie immer nur nach ihrem Buhlen ſeufzt, der in unſern Augen nichts als der Mörder unſers lieben Herrn iſt?“ „Sie wird Euch nicht lange läſtig fallen, denke ich,“ erwiderte Waldemar.„Ihr ſelbſt muß Spyker kein angenehmes Obdach mehr bieten. Sobald man das Stift in Bergen wieder für ſeine Beſtimmung herge⸗ ſtellt hat, wird ſie Euch verlaſſen und unter ihren Da⸗ men ihre Wohnung aufſchlagen, wenn ſie nicht nach Frankreich geht.“ „Gott weiß es, was ſie thut, aber ich ſähe ſie lieber heute als morgen ſcheiden.“ „Da wir gerade von ihr ſprechen, Gyſela,“ fuhr Waldemar fort,„ſo geh' einmal zu ihr hinauf und frage ſie, ob ich ſie ſprechen kann. Ich möchte nicht den Vorwurf auf mich laden, der Pflegetochter meines Pflegevaters auf ewig den Rücken gekehrt, ohne ihr ein Lebewohl geboten zu haben. Am Ende kann ſie — — * 17 nicht für ihre Gefühle und man muß in Beurtthei⸗ lung ſolcher Dinge billig ſein.“ Gyſela entfernte ſich und kam bald darauf mit der Meldung zurück, Gylfe wolle ihn weder ſehen noch ſprechen, ſie habe nichts mehr mit ihm zu theilen und wünſche ihm ſo viel Glück im Leben, wie ſie ſelber in dieſem Augenblick genieße. Als Gyſela dieſe Beſtellung mit aller Ruhe aus⸗ richtete, ſchoß dem Freunde Magnus Brahe’s das Blut in's Geſicht. Sein männlicher Stolz war verletzt und in dieſer Beziehung war ſelbſt der einfache und ru⸗ hige Waldemar empfindlich.„Wie,“ rief er verwun⸗ dert aus,„ſie will mich nicht ſehen? Hat dieſe Dame auch in Bezug auf mich einen ſo feſten Willen? Nun, wohlan denn, der meinige iſt noch feſter, und ſo werde ich gegen ihren Willen vor ihr Auge treten und, wenn ſie mich reizt, ſoll ſie meine ganze Meinung erfahren.“ Nach dieſen Worten verließ er raſch das Zimmer des Kaſtellans und gleich darauf krachten unter ſei⸗ nem wuchtigen Tritt die Stufen, die nach dem oberen Stockwerk führten, dieſelben Stufen, die noch vor we⸗ nigen Tagen das Blut des edlen Grafen erbihet hatte. Ohne irgend eine Rückſicht zu nehmen und auf dem Geſichte noch die Spuren der Erregung tragend, Der Strandvogt. IV. 18 in die ihn ſo eben die unerwartete Abweiſung ſeines Beſuches verſetzt, klopfte er mit feſter Hand an die ihm wohlbekannte Thür, hinter der das Mädchen verbor⸗ gen war, das ſeinem Freunde die Welt zum Para⸗ diefe hätte umgeſtalten können. Als er aber vergeb⸗ lich eine Zeitlang auf einen Hereinruf gewartet hatte, der ihm wahrſcheinlich gar nicht zu Theil geworden wäre, trat er ohne Bedenken ein und hatte ſogleich einen Anblick vor Augen, der ſein Blut noch mehr reizte, als die ſchnöde Antwort vorher, jedoch be⸗ herrſchte er ſich mächtig, trat an die Bewohnerin des Zimmers heran und ſagte einfach:„Guten Abend!“ Gylfe ſaß am Kamin auf einem Seſſel, ſo weit wie möglich vom Fenſter abgewandt, deſſen Vorhänge herabgelaſſen waren, da es draußen bereits zu dun⸗ keln begann; vor ihr ſtand ein Tiſch, auf dem einige Kerzen brannten. Sie ſaß, die gefalteten Hände im Schooße, ſinnend und grübelnd da, in einem dunklen Trauergewande, aber dennoch wie eine Braut mit al⸗ len ihren Koſtbarkeiten geſchmückt, denn ihre Hände funkelten von Ringen und ihre Handgelenke wie ihr Buſen waren mit Armbändern und blitzendem Ge⸗ ſchmeide überladen, was auf Waldemar ſtets einen unangenehmen Eindruck gemacht, da er in dieſem Putze bei Gylfe eine Schauſtellung gewahrte, die — 4 — ——--————— ebenſowohl das Auge eines Fremden beſtechen wie die eigene angeborene Eitelkeit des leichtſinnigen Mäd⸗ chens befriedigen ſollte. Aber nicht Das war es, was Waldemar's Auge an dieſem Abende ſo unheimlich entgegenblitzte und es am meiſten verletzte, es war vielmehr die Haltung der ganzen Geſtalt und der Ausdruck, der auf dem noch ſo jugendlichen Geſichte der Jugendgeſpielin lag. Denn ſie hatte ihre etwas magere Geſtalt mit einem gewiſſen Trotze in den Seſſel zurückgelehnt und in jeder ihrer Bewegungen ſprach ſich ein Stolz, eine vornehme Nachläſſigkeit und erzwungene Würde aus, die ihr nicht eigenthümlich und jetzt am wenigſten am Platze war, da man annehmen mußte, ihr Trotz wäre durch die äußeren Ereigniſſe herabgeſpannt und ihr anmaßender Stolz müſſe tiefer denn je gedemü⸗ thigt ſein. Mit dieſer Haltung ſtimmte vollkommen der Aus⸗ druck ihres Geſichts überein. Es war allerdings un⸗ gewöhnlich blaß, aber mehr ſpitz und eckig, als rund und jugendlich, ſo daß die Lieblichkeit, die ihr früher zu eigen geweſen, zurückgetreten war und den ſchrof⸗ feren Zügen Platz gemacht hatte, die in den geheim⸗ nißvollen Winkeln und Falten dieſes Geſichts gleich⸗ ſam unter der Oberfläche verborgen lagen. In ihren 2* dunklen Augen ſprühte ein unheimliches, dämoniſches Feuer, als ſie den Mann erkannte, der ihrem Gebote zuwider die Ruhe unterbrach, in die ſie ſich zurückge⸗ zogen, und ſie ſchaute ihn damit verwundert und kalt vom Kopfe bis zu den Füßen an, anſtatt beſcheiden vor ihm das Auge zu ſenken, wie es wohl den Um⸗ ſtänden und ihrer eigenthümlichen Lage angemeſſen geweſen wäre. Da ſie auf des Eintretenden Anrede nichts erwi⸗ derte, ſondern fortfuhr, ihn ſcharf und faſt kritiſirend anzuſchauen, ſo wiederholte Waldemar ſeinen Gruß und fügte ihren Namen hinzu, was er ſeit vielen Jahren nicht gethan, aber womit er jetzt unzweifelhaft die lange in ihr erloſchene Vergangenheit aus ihrem Schlummer wecken wollte. „Guten Abend, Gylfe Torſtenſon,“ ſagte er.„Sie kennen mich doch? Ich bin Waldemar Granzow, der einzige Freund Magnus Brahes, des Erben dieſes Hauſes, den wir ſo eben zur Ruhe beſtattet haben, und ich komme von der Gruft zurück, um Ihnen zu ſagen, das die traurige Ceremonie beendet iſt—“ Gylfe hob gebieteriſch die Hand, als wolle ſie dem Redenden Schweigen auferlegen.„Was wollen Sie bei mir,“ ſagte ſie mit einem erzwungenen kalten und trockenen Tone, der dennoch die Bewegung verrieth, 21 die ihr ganzes Weſen durchfluthete.„Warum ſtören Sie meine Ruhe? Kommen Sie hierher, um mich zu tadeln oder zu beſchimpfen?“ Waldemar erhob ſich in ſeiner ganzen Höhe und hatte ſich kaum ſo weit in der Gewalt, daß nicht ein gewiſſer Groll aus ſeinen Augen geſprüht hätte, der jedoch nicht in die Stimme überging, als er zwar milde aber unendlich ernſt ſagte:„Von der Beſchim⸗ pfung, um mich Ihres eigenen Wortes zu bedienen, erlauben Sie mir wohl gänzlich Abſtand zu nehmen, wenn aber in den Thatſachen, die hier vorgefallen ſind, Grund zum Tadel für Sie verborgen liegt, ſo kann ich nichts dafür, ich wenigſtens übernehme hier die Rolle nicht, die Sie mir zumuthen, denn ich trete nicht als das Organ Ihres Gewiſſens, ſondern als mein eigener Anwalt auf. Ich habe Ihnen bereits geſagt, was mich hierhergeführt hat, und füge hinzu, daß ich gekommen bin, von Ihnen Abſchied zu neh⸗ men, da ich, ſo weit meine Wünſche reichen, dieſen Ort nie wieder betreten werde.“ „So gehen Sie, ohne viele Worte zu machen, ich bin fertig mit Ihnen, und Sie, hoffe ich, ſind auch fertig mit mir.“ Waldemar's heißes Blut wallte aus dem Herzen herauf nach ſeinem Geſicht, die ſchnöde Kälte, mit 22 der er ganz ſchuldlos behandelt wurde und die den⸗ noch eine gewiſſe Furcht durchblicken ließ, er werde aus dem Berichterſtatter ein Ankläger und Richter wer⸗ den und als ſolcher die Sache ſeines Freundes füh⸗ ren, empörte ihn, zumal er ſich bewußt war, daß er am wenigſten dieſe übereilte Abfertigung von Seiten einer Perſon verdiente, die nicht frei von traurigen Schwächen und ſchuldiger als irgend ein anderer an den vorliegenden Verhältniſſen war. Dennoch bezwang er ſich noch immer und ſagte nur mit gedämpftem Tone und einem verächtlichen Zucken der Schulter, das ihm eigenthümlich war, wenn er, von Außen ge⸗ reizt, ſich dennoch bemühte, ſo milde Worte wie mög. lich hervorzubringen: „Sie ſpringen gewaltſam mit Ihren ehemaligen Freunden um; den Einen, den das Grab deckt, be⸗ dauern Sie nicht, und den Andern ſchicken Sie fort, ſobald er den Mund aufthut, um eine Erinnerung mindeſtens des Wohlwollens an Jenen hervorzulocken.“ „Wer ſagt Ihnen, daß ich Den, den das Grab deckt, nicht bedaure? Für mich iſt er nicht in den Tod gegangen und meinetwegen hätte er noch lange leben können. Aber er iſt glücklich, denn das rauhe Leben war kein zuträgliches Element für ſein weich⸗ 23 liches Gemüth und ſo hat Gott ihm wohlgethan, in⸗ dem er ihn aus dieſem Leben abrief.“ Kaum hielt Waldemar das bittre Lächeln zurück, das bei dieſen Worten über ſeine ausdrucksvollen Züge flog. Sein Ton nahm etwas Schneidendes an, was durch die Schärfe deſſen, den Gylfe hören ließ, von Minute zu Minute geſteigert wurde.„Wenn Sie damit ſagen wollen, daß Magnus Brahe ein weiches Gemüth hatte, ſo haben Sie Recht. Die Natur hatte ihm Das gegeben, was ſie Ihnen verſagt hat, und wäre ein Austauſch zwiſchen Ihnen und ihm in dieſer Beziehung möglich geweſen, ſo würden Sie Beide Vortheil davon gehabt haben.“ Gylfe hob ſtolz den Kopf in die Höhe und ſah mit ihren blitzenden Augen den gereizten Mann durch⸗ bohrend an, der aber nicht die geringſte Wirkung da⸗ von in Haltung und Miene ſpüren ließ.„Warum ſehen Sie mich ſo ſeltſam an,“ ſagte er ſogar lä⸗ chelnd,„glauben Sie mich mit dieſem Blick einzu⸗ ſchüchtern oder der Wahrheit, die aus mir ſpricht, den Mund zu ſtopfen? Gylfe Torſtenſon, Sie kennen den Mann nicht, der vor Ihnen ſteht, eben ſo wenig wie Sie Den gekannt haben, der nicht mehr vor Ihnen ſtehen kann. Doch Sie haben ihn einen Weichling genannt und damit haben Sie mir die Bahn eröff⸗ — 24 net, die ich vor Ihnen verfolgen muß, um in Ihrem Herzen den Fleck zu berühren, wo hoffentlich noch ein Reſt von Empfindung zurückgeblieben iſt. Ja, ſtau⸗ nen Sie über meine Dreiſtigkeit, zu Ihnen, dem Weibe, mit ſo bitteren Worten zu ſprechen, allein es giebt Weiber, bei denen die Waffen der Milde und Bitte eben ſo wohl angebracht ſind, wie bei Tigern und Wölfen eine ſeidene Schnur, um ſie friedlich und ſanft daran zu leiten. Magnus iſt— um es Ihnen ganz klar auseinanderzuſetzen— kein Weichling geweſen, wenn er ein Mann war und Männern gegenüber⸗ ſtand, ſondern nur wenn er den Verführungen eines Weibes unterlag. Sie haben ihn nicht geſehn in der Schlacht, wenn Flammen und Blitze um ihn ſprühten und er dem Feinde die drohende Stirn zukehrte. Hät⸗ ten Sie ihn als ſolchen geſehn, Sie hätten nie Ihr Auge auf den Fremdling gerichtet, der nur ein Mann war, wenn er einem Weibe gegenüberſtand, und aus dieſem einen Vergleiche können Sie auf den Werth Beider ſchließen, wenn Sie überhaupt den Willen dazu und das Verſtändniß dafür haben.“ Gylfe ſprang von dem Stuhle auf, auf dem ſie unruhig ſaß, und trat mit drohender Geberde auf den warm gewordenen Vertheidiger ſeines Freundes zu, als wolle ſie ihn mit ihrem Blicke niederſchmettern 25 Aber Waldemar war immer ein Mann, dem Feinde und einem Weibe gegenüber, wie das war, welches er in dieſem Augenblick vor ſich hatte. Als Gylfe dieſe Bemerkung machts und ihren Irrthum erkannte, erinnerte ſie ſich, daß ſie eine Künſtlerin war, das heißt, daß ſie es verſtand, wie eine bühnenkundige Perſon aus einer Stimmung und Situation in die andere überzugehen, ohne die Brücke wahrnehmen zu laſſen, auf der ſie dies Kunſtſtück vollführte. Sie ſank plötzlich in ſich zuſammen, nahm eine ergriffene Miene an und die Stirn in die linke Hand legend, ſtreckte ſie die Rechte nach Waldemar's Schulter aus und ließ ſie eine Weile darauf ruhen. „Waldemar Granzow,“ ſagte ſie mit bebender Stimme, die aber zu kalt war, um eindringlich, und zu klanglos, um überzeugend ſein zu können,„laſſen Sie es genug ſein des Kampfes zwiſchen uns. Die Herren der Erde haben den Krieg beendet und ſo wollen auch wir Frieden ſchließen und uns ein freund⸗ liches Lebewohl ſagen. Ach, ich weiß, ich fühle, wel⸗ chen Verluſt Sie erlitten haben, und ein Theil deſ⸗ ſelben drückt auch mein Herz zu Boden. Aber Mag⸗ nus iſt nicht von aller Schuld frei zu ſprechen, ach nein! Er war ſeiner Sache zu gewiß in Bezug auf meine Neigung und glaubte, ich müſſe ſie ihm be⸗ wahren, weil ich ſeinem Vater Dank ſchuldig war. Das war ein Irrthum, der ſchwere und unerwartete Folgen gehabt hat. Die Frauen lieben nicht immer, wo man ihre Liebe verlangt, ſondern leider am häu⸗ figſten da, wo man ſie geringſchätzt. Ach ja, ich habe darin traurige Erfahrungen gemacht und vielleicht noch zu machen. Wäre Ihr Freund weniger ſtürmiſch ge⸗ gen mich zu Werke gegangen, wer weiß, ob mein Herz ſich dennoch nicht wieder zu ihm gewandt und ihn geliebt hätte.“ „Aus Barmherzigkeit vielleicht und weil kein An⸗ derer Ihre Liebe begehrte. O nein, darüber war Magnus weit hinweg, das kann ich Ihnen verſichern. Es iſt überhaupt leicht, dem edlen Verſtorbenen Vor⸗ würfe über ſein Verhalten zu machen. Er hört ſie nicht mehr und kann nicht wieder gut machen, was er verſäumt. Das wiſſen Sie ſehr wohl und dennoch thun Sie es, vielleicht in dem Glauben, den einfachen Seemann, Waldemar Granzow mit Namen, der ſtets ſein Herz auf der Zunge und ſeine Seele im Auge hatte, damit zu berücken, ihn, der nicht die ſchönen Worte im Munde hat, mit denen befähigtere Männer vor Ihnen zu prangen verſtanden. Ach nein, Sie berücken mich durchaus nicht und ich ſage Ihnen of⸗ fen, daß Sie ſich vergeblich damit bemühen. Was 27 ich im Uebrigen von Ihnen glaube und denke, iſt meine Sache und kann Ihnen einerlei ſein. Aber da⸗ mit will ich Ihnen keinen Vorwurf machen— dieſe Mühe wird das Schickſal übernehmen, an das mein Freund ſo beſtimmt glaubte, wie einſt an Ihre Liebe. Sie werden— und das ſei mein letztes an Sie ge⸗ richtetes Wort— genug Zeit zur Reue haben, denn Sie ſind noch jung und eine Vergeltung giebt es ſchon hier auf Erden. Was mich betrifft, ſo habe ich hier meine letzte Schuldigkeit gethan— ich habe mei⸗ nen Freund begraben und ſeinen Anwalt vor Ihnen gemacht, da er nicht ſelbſt mehr mit Ihnen in die Schranken treten konnte. Jetzt gehe ich von hier fort und laſſe dies Schloß zu Ihrer Verfügung. Vergnü⸗ gen Sie ſich mit dem Geiſte des Abgeſchiedenen und mit der Erinnerung an den Feind Ihres Vaterlandes, der Sie— ja Sie— und das Haus Ihres Wohl⸗ thäters zugleich ſeiner einzigen Stütze beraubt hat. Dies Bewußtſein begleite Sie durch Ihr ganzes Le⸗ ben. Leben Sie wohl und ſuchen Sie auch mich zu vergeſſen, wie ich Ihrer vergeſſen haben werde, ſobald die Schwelle dieſes Zimmers hinter mir liegt.“ Er verbeugte ſich tief vor ihr und einen einzigen Blick noch in ihre Augen werfend, der bis in das Innerſte ihrer Seele drang, kehrte er ſich raſch um 28 und ging mit ſchallenden Schritten aus dem Zimmer und die Treppe hinat. Kaum aber war die Thür hinter ihm zugefallen, ſo brach die leidenſchaftliche Wuth des unholden Wei⸗ bes aus, dem die Natur nur das Aeußere eines ſol⸗ chen, aber nicht ſeine innere Zierde gegeben hatte. Kreiſchend, ſchreiend, Waldemar, Magnus, ſich ſelbſt verwünſchend, lief ſie wie eine Raſende im Zimmer auf und ab, rief zehnmal in einem Athem ihren Freund Caillard herbei, auch dieſen Menſchen zu tö⸗ dten, wie er den andern getödtet, der mit ihm faſt nur eine Seele war. Den ganzen Abend tobte ſie ſo mit ſich ſelber, da ſie gegen Niemand ſonſt toben konnte, und erſt als dieſer Paroxismus vorüber ge⸗ rauſcht, trat die Reaction ein und ſie ſchmolz in Thrä⸗ nen hin, die ſie erſt gegen Morgen zur Ruhe kommen ließen, gegen Morgen, der der Anfang eines neuen Gottestages war, der ſtrahlend am Himmel aufſtieg und ſeine göttliche Liebe über Erde und Meer goß, um Schmerzen wenigſtens zu lindern, die er ſo raſch nicht ganz verlöſchen konnte. Waldemar dagegen trat ruhig bei der trauernden Familie Ahlſtröm's ein und nach einer Viertelſtunde traulicher Unterhaltung war der Sturm aus ſeinem Herzen gewichen, der es ſo eben aufgewühlt, und er arm zu ſein. Ich habe viel gelernt in dieſem Raume 25 war wieder der ruhige, gleichmüthige Menſch, der er immer geweſen und jetzt noch mehr ſein konnte, da er fühlte, daß er ſeinem Freunde hier die letzte Pflicht erwieſen die, über ihn ein mildes Urtheil zu ſprechen, denn außer Gylfe Torſtenſon gab es unter ſeinen Be⸗ kannten wohl Niemanden auf der Welt, der dem Ver⸗ ſtorbenen nicht herzlich ergeben geweſen wäre und ihm von ganzer Seele die Schwächen verziehen hätte, die jeder Menſch auf Erden mit ſich als irdiſchen Ballaſt herumträgt. Am nächſten Morgen aber hatte die Scheideſtunde geſchlagen. Der alte Ahlſtröm machte Waldemar den Vorſchlag, ihn nach Saſſenitz fahren zu laſſen, aber dieſer wies lächelnd auf ſeine geſunden Beine und ſagte:„Nein, Alter, ich bin ein guter Fußgänger und freue mich auf den bevorſtehenden Spaziergang an dieſem ſchönen Wintertage. Ich habe Vieles in mir zu ordnen und zurechtzulegen, und das thue ich am liebſten und es gelingt mir am beſten, wenn ich in Gottes freier Natur mich ſelbſtthätig bewege und meine Schritte richten kann, wohin ich will. Sehet, nichts als was ich in meinem Herzen trage, nehme ich aus dem reichen Spyker in mein armes Vater⸗ haus mit hinweg und doch dünke ich mich nicht mehr 30 und im Schooße dieſer Familie, und die Quelle der Dankbarkeit wird in meinem Herzen nie verſiegen. So lebet denn wohl, die Erinnerung an die ſchönen Tage, die ich hier bei Euch verlebt, wird mir die herr⸗ lichſte Mitgift für mein Leben ſein, und auch Euch gebührt mein Dank für Eure Neigung und Euer Wohlwollen. Lebet wohl und ſende Euch Gott die Belohnung für Eure Treue und Liebe gegen Euern Herrn!“ Mit quellenden Augen wandte er ſich darauf von der Familie ab und ſuchte raſch die Thür zu gewin⸗ nen. Aber laut aufſchreiend ſtürzten Alle ihm nach und hingen ſich an ſeinen Hals, an ſeine Arme, als wollten ſie ihn nicht von ſich laſſen, der ihnen ſo theuer, ſo lieb geworden war. Endlich aber beſchwich⸗ tigte er ſie und ſie ließen ihn frei von ihren um⸗ ſchlingenden Armen. Noch einmal:„Lebet wohl!“ rufend und mit der Hand winkend, trat er zur Thür hinaus, von Keinem auch nur einen Schritt begleitet, denn ſo hatte er es ſich ſchon am Abend vorher aus⸗ bedungen. Zwei Minuten ſpäter war er aus dem Hofe ge⸗ treten und unter den ſchneebedeckten Bäumen den Au⸗ gen der liebevoll Nachſchauenden entſchwunden. Als er aber ſo weit vom Schloſſe entfernt war, daß er ** 31 ſich unbemerkt glauben konnte, drehte er ſich noch ein⸗ mal herum, breitete die Arme aus und ſagte mit überfließenden Augen:„Lebe wohl, altes Spyker! Du. haſt mir viel Gutes gethan, aber ich habe dafür meine halbe Seele in Dir zurückgelaſſen, denn einen Magnus Brahe giebt es für mich nicht mehr auf der Welt. Und nun vorwärts in dieſe Welt— und zu⸗ erſt in mein Vaterhaus! Auch da giebt es liebende Herzen, die mich mit Freuden erwarten, und theure Weſen, die mich mit geöffneten Armen empfangen werden— o wie iſt die Welt ſo reich an Liebe, wenn man ſie nur zu finden und zu ſchätzen weiß!“ Sweites Mapitel. Im Kielhauſe. Waldemar wählte auf dem Gange nach dem Kiek⸗ hauſe diesmal nicht den nächſten Weg; er fühlte das Bedürfniß, ſeinen Körper in tüchtige Bewegung zu ſetzen, und da er zugleich ſeinen Geiſt aufheitern und ſein Auge an ſchönen Fernſichten laben, vor allen Dingen aber das hohe Meer ſehen wollte, ſo beſchloß er längs des Klippenufers von Jasmund nach dem Süden zu wandern, auf jenem hochgelegenen Wald⸗ pfade, den noch heutzutage die Reiſenden allen übri⸗ gen vorziehen, wenn ſie zu ihrem Vergnügen die herr⸗ lichſten Punkte des Rügen'ſchen Hochlandes beſuchen. So ſchlug er denn in der Richtung nach Nordoſten den Landweg über Quoltitz, Nipmerow nach Ranzow ein, wo der eigentliche Hochwald. der Stubnitz be⸗ ginnt und von wo man in einer kleinen halben 33 Stunde nach Stubbenkammer, alſo auf den ſchön⸗ ſten Punkt in ganz Rügen gelangt. Es war, wie geſagt, ein prächtiger Wintertag; einige Grade Kälte machten die Luft friſch, doch nicht rauh, und da der Wind unbedeutend wehte und mehr aus Süden als aus Oſten kam, ſo erſchwerte er dem Wanderer das Gehen nicht, belebte vielmehr mit ſei⸗ nem ſtillen Lispeln, womit er den Schnee von den Bäumen ſtreifte, das anmuthige ſtille Landſchaftsbild, welches ihm an dieſem Tage ſein geliebtes Vaterland bot. Es war zehn Uhr Morgens geweſen, als er den Hofraum von Spyker verlaſſen hatte, und ſo ſtand die Sonne, als er aus dem Walde der Beſitzung auf das freie Feld hinaustrat, ſchon hoch über dem Meere und vergoldete See und Land mit ihren purpurnen Strahlen, die bei unbedecktem Himmel und durchſich⸗ tig klarer Luft in ihrer ganzen Pracht herniederfielen. Menſchen begegneten auf dieſem Gange dem ein⸗ ſamen Wanderer nur wenige, die Thiere des Feldes und Waldes aber kamen häufig aus ihren Schlupf⸗ winkeln hervor, um ſich den Wohnungen jener zu nä⸗ hern und in ihren Gärten Nahrung zu ſuchen, die unter dem hochliegenden Schnee im Freien nur ſpar⸗ ſam zu finden war. Namentlich aber trieben ſich große Waldvögel in dichten Schaaren in der kLuf um⸗ Der Strandvogt. IV. 34 her, ihr Aechzen und Kollern begleitete ihn den gan⸗ zen Tag und oft, wenn er in düſtere Gedanken ver⸗ ſunken war, genügte ein ſolcher rauher Ton der Wirk⸗ lichkeit, ihn immer wieder aus den Träumen über Vergangenheit und Zukunft zu wecken und auf die Erde und zur Gegenwart zurückzuführen. In der Nähe von Quoltitz aber erwartete ihn ein lieblicherer und ſein ganzes Gemüth ſtundenlang wahr⸗ haft erhellender Gedanke. Als er mit ringsum ſchwei⸗ fenden Blicken langſam über das wüſte Todtenfeld ſchritt, deſſen zahlloſe Gräber, Steine und Hügel jetzt eine blendende Schneehülle ebnete, bemerkte er ſchon von Weitem den ſogenannten Todtenkranz, in dem er in jener Nacht mit Hille Vangerow verweilt hatte, als ſie ihn dahin beſtellt, um ihn vor äußeren Ge⸗ fährlichkeiten zu warnen, ihm die Kümmerniß ſeiner Eltern zu Gemüthe zu führen und ſchließlich den Rath zu geben, ſich mit ſeinem Freunde auf Pulitz in Si⸗ cherheit zu bringen. So konnte er es ſich denn nicht verſagen, einige hundert Schritte durch den tiefen Schnee zu waten, um in den dunklen Kreis der Wachholder⸗ gebüſche zu treten, die jenen Kranz bilden, und auf demſelben Steine einige Minuten Platz zu nehmen, den damals das ſchöne Mädchen von Saſſenitz mit ihm getheilt hatte. Die Erinnerung an jene nächt⸗ — 2 liche Stunde riß ihn eine Zeitlang aus ſeinem trau⸗ rigen Gedankengange und begleitete ihn bis über Stubbenkammer hinaus. O wie wunderbar lieblich erſchien ihm da mit einem Male die Welt, ſelbſt in dieſer öden Gegend, auf der noch dazu der ſchaurige Winter lagerte, als er dachte, daß auch außer ſeiner Bruſt Freundſchaft und Wohlwollen darin walte und daß es noch andre Menſchen als Gylfe Torſtenſon gäbe, Menſchen, die warm fühlten und edel handelten, nicht aus Egoismus und Selbſtſucht, ſondern aus ur⸗ ſprünglichem Wohlwollen und allgemeiner Menſchen⸗ liebe. O wie labend war es für ſeine ſchmerzerfüllte Seele, daß dieſer Gedanke ihm gerade auf dieſem Wege gekommen war, wie fühlte er ſich plötzlich ge⸗ hoben aus ſeiner tiefen Niedergeſchlagenheit, wie war 3 ihm das Leben wieder wünſchenswerth erſchienen, da es noch Weſen gab, die die Leere auszufüllen vermoch⸗ ten, die durch Magnus' frühen und unerwarteten Tod darin entſtanden war. Von jeher gewohnt, Jeman⸗ den zu lieben, für Jemand zu ſorgen und ſich viel⸗ leicht ſelbſt dabei zu opfern, glaubte er ſchon, durch Magnus' Tod ſei ihm jede Möglichkeit genommen, daſſelbe Gefühl noch einmal zu empfinden und die⸗ ſelben Wünſche noch einmal zu hegen. Und nun trat die ſchöne Geſtalt Hille Vangerow's plötzlich vor ſeine 3* 36 wankende Seele; wie aus der klaren Himmelsluft herangeweht trat ſie ihm in dem blauen Aether ent⸗ gegen, der ihn rings umgab, und alles Einzelne, was er früher an ihr bewundert, ohne es ſich ſelbſt geſtan⸗ den oder in ſeine weſentlichen Beſtandtheile zerlegt zu haben, leuchtete ihm, von einem durchſichtigen Lichte vergoldet, gewiſſermaßen wie eine neue Erdenſonne herunter. Da war es nicht allein ihre herrliche Ge⸗ ſtalt, die ſich in ſeinem Geiſte noch einmal vertraulich und unſchuldsvoll an ſeiner Seite niederließ, er fühlte faſt mit noch ſüßerem Schauer den Druck ihrer Hand wieder und ihr klares blaues Auge ſchaute mit dem ihr eigenthümlichen Seelenblicke tief in ſeine eigene Seele hinein.. „Hille!“ ſagte er leiſe und fühlte ſein Herz dabei in lauteren Pulſen ſchlagen,„da biſt Du, o ja, ich ſehe Dich, wie ich Dich immer geſehn, nur noch ſchö⸗ ner und ſtattlicher faſt erſcheinſt Du mir in der Ein⸗ bildung als im wirklichen Leben. Glaubſt Du, ich habe Dich vergeſſen in der Trübſal und Pein, die mein Herz in den letzten Tagen zerriſſen hat? Ach nein, ich habe ſogar oft an Dich gedacht, aber immer nur im Fluge, wenn mir die eine oder andere von Deinen ſchönen Eigenſchaften vor die Seele trat. Auch bin ich Dir zu tauſendfachem Danke verpflichtet, denn 37 Du haſt mir oft Hülfe geleiſtet und Rath ertheilt, wo kein anderer Menſch in meiner Nähe war, der mich hätte damit beglücken und aufrichten können. Aber wie ſoll ich Dir dieſen Dank abtragen? Ach, auf ge⸗ wöhnliche Weiſe geht das nicht, denn Du biſt mir unterdeß weit entrückt, oder ich bin weit von Dir zu⸗ rückgetreten. Damals war ich noch der Bruder Mag⸗ nus Brahe's, ſein Vater war mein Vater und für meine Zukunft war geſorgt. Jetzt aber bin ich arm und verlaſſen, habe Nichts, was ich noch mein eigen nenne, als dieſe Hände, und kenne den Hafen noch nicht, in welchen ich, wie ich Adam Sturleſon ſagte, einſt mein Schiff einführen und ruhen wollte von der Laſt der Erdenſchmerzen. Du aber, Du biſt ſeit der Zeit aus einer armen Waiſe, die damals für mich paßte, die Erbin von Bakewitz geworden, Du haſt Land und Gut und ragſt an Vermögen und Beſitz weit über meine Kräfte hinaus. Das iſt übel, das iſt de⸗ müthigend, für mich wenigſtens, denn ich bin nicht der Mann, der mit leeren Händen zu einem Weibe tritt und ſagt: Gieb mir, was Dein iſt, ich will mich Dir ſelber geben. Ach nein, ach nein, das brächte ich nicht zu Stande und darum— darum liegt wie⸗ der eine große Kluft zwiſchen Dir und mir und ich muß erſt von Neuem ringen und wagen, ob ich nicht 38 etwas erſchaffe und erraffe, was dieſe Kluft ausfüllt und meinen Muth ſo hoch erhebt, daß ich ohne Er⸗ röthen zu Dir aufblicken kann, wie man zu dem auf⸗ blickt, was dem Menſchen erhaben, ſchön und wün⸗ ſchenswerth erſcheint!— Alſo vorwärts, vorwärts, Waldemar, auch dieſer ſüße Kelch hat für Dich einen bitteren Bodenſatz und Du mußt weiter denken und wandern, um das Ziel Deines Lebens zu erreichen, welches jetzt noch weit von Dir entfernt iſt.“ Er ſtand auf und bewegte ſich träumeriſch auf dem eingeſchlagenen Wege fort; wie ſehr auch die klare Einſicht in ſeine gegenwärtige hülfloſe Lage dazu angethan war, ihn in einige Unruhe zu verſetzen, der einmal geweckte Gedanke an Hille hatte ihn dennoch erhoben und getröſtet, denn er hatte ihm das Gegen⸗ gewicht verliehen, das ſeinem Herzenskummer die Waage hielt. So ſchritt er, ohne weiter zu raſten, den etwa eine gute Meile betragenden Weg über Nipmerow nach Ranzow fort und erſt hier, wo er gegen Mittag eintraf, hielt er ſich eine halbe Stunde im Kruge auf, um ein einfaches Mahl zu genießen. Als er aber nun wieder aufbrach und ſchon von Wei⸗ tem die ſchneeweißen Wälder der Stubnitz vor ſich liegen ſah, ſchlug ihm das Herz höher und höher vor patriotiſcher Wonne, denn er betrat den hehren Wald⸗ 39 tempel, der jedes wackren Rügianers Blut lebhafter kreiſen läßt, wenn er ſeinen naturkräftigen Duft ein⸗ athmet. „Ha,“ ſagte Waldemar wieder zu ſich,„da iſt un⸗ ſer Wald, da ſind unſre Berge, Felſen und Klippen, und dahinter taucht unſer Strand hervor, den die Wogen unſres Meeres beſpülen! O wie ſieht das Alles ganz anders aus, als damals, wo man nur mit Zagen jeden Schritt vorwärts thun mußte! Kein Feind lauert mehr hinter jedem Baume, aus keinem Gebüſch ſtreckt ſich jetzt das blinkende Bajonett her⸗ vor, um die todbringende Kugel zu verſenden, die der Menſch in ſeinem Wahn für ſeine Mitmenſchen er⸗ dacht und geformt hat. O wie friedlich, wie ſtill ra⸗ gen die alten Bäume gegen den zufrieden lächelnden Himmel empor, wie ſäuſelt der Wind ſo traulich durch die ſchneebelaſteten Gebüſche und flüſtert mir Hoff⸗ nung, Muth und Freude entgegen! O— aber wird es ſchon immer ſo bleiben? Iſt das Ungewitter, welches mein Vaterland zu zerſtören gedroht, ſchon ganz vor⸗ übergezogen? Sind keine Wolken mehr an jenem Himmel, die neuen Sturm und Wogendrang verkün⸗ den? Gott gebe es, daß keine da ſind, aber ich glaube es kaum, denn noch iſt der Titane nicht bezwungen, der ſeinen ſtählernen Arm über die ſchlummernde 40 Menſchheit ſtreckt, um auch das Letzte noch an ſich zu reißen, ſo lange nicht ſein iſt, was er in ſeinem Dün⸗ kel für ſich allein erſchaffen wähnt. Es iſt jetzt blos eine Pauſe in dem Kriegsgetümmel eingetreten, die Trompeten ſchweigen und die Trommeln ruhen, aber wie lange wird es dauern, bis die Furie wieder ent⸗ feſſelt iſt und toll und wüthend daherrast über Län⸗ der und Meere, um ihren letzten Reigen zu tanzen, der die Welt in ſeinem Strudel mit fort reißt und eine ganze Generation vernichtet, um die Ruhmſucht eines Einzelnen zu nähren und ſeinen Blutdurſt zu ſättigen! O Herr des Himmels, ſende uns bald Dei⸗ nen Friedensboten, wir bedürfen ſeiner ſehr, denn alle Völker ſind ermattet und möchten ſich ruhen von der jahrelangen Haſt und Qual, die Du in Deiner Weisheit über ſie verhängt haſt, vielleicht weil ſie ih⸗ nen nöthig war, um ſie zu belehren, daß der Menſch nicht träge und ſchlaff nur dem Leibe leben und dabei den Geiſt vergeſſen ſoll, der in ſeinem ewigen Fort⸗ ſchritt allein die Welt regiert und erhält und ohne deſſen Erkenntniß weder ein Fürſt noch ein Volk ſei⸗ ner Pflicht genügen kann.“ Mit dieſen Gedanken ſchritt er durch die Waldung fort und bald hatte er die Mündung der Kluft er⸗ reicht, zu der er vor ſieben Monaten in der Nacht 41 heraufgeklettert war, um ſich vor den Feinden zu ret⸗ ten, die ſchon von Deutſchland aus auf ſeiner Ferſe waren und ihn auch am Strande der Heimat erwar⸗ teten. Er trat hinaus unter die hochwipflige Buche auf dem Königsſtuhl, die einzige, welche die ſchände⸗ riſche Hand der Feinde daſelbſt verſchont, und ſchaute hinaus über das weite Meer, das mit ſeiner blauen Spiegelfläche ſich heute leiſe an das ſtille Ufer ſchmiegte, da kein Wind es dagegen aufbäumte. Ach, es war leer von Schiffen, denn um dieſe Zeit, wo das Eis in ſchweren Maſſen einhertrieb und die Häfen ver⸗ ſchloß, waren die kühnen Menſchen noch nicht gekom⸗ men, die ſich ſo gern auf ſeinen klaren Wogen tum⸗ meln; noch hüteten ſie den heimatlichen Heerd der in kalter Winterszeit am wohlthuendſten und einladend⸗ ſten iſt. Aber wie groß und hehr war dennoch der Anblick, den man von dieſer Höhe aus genoß! In unabſeh⸗ bare Ferne miſchte ſich das Waſſer mit dem Aether⸗ blau des Himmels und verſchloß durch die ſcheinbar undurchdringliche Nebelmauer den Horizont der Erde, wie die verſchleierte Zukunft den Horizont der Gegen⸗ wart verſchließt. Ruhig brandete die ſpielende Woge an dem mit Eis belegten Geſtade, nur bisweilen ath⸗ mete eine oder die andre höher auf und fuhr praſſelnd über 42Q die kleinen Steine hin, die den Strand bedecken, als wollte ſie wenigſtens ein ſchwaches Zeichen ihrer ſchlum⸗ mernden Kraft von ſich geben und damit warnen, daß man ſie nicht für immer entſchlafen wähne. Schön, unendlich ſchön war das Meer auch in die⸗ ſer ſtarren und lebloſen Winterszeit, ſchön wie das Bewußtſein eines reinen Gewiſſens in der ſpiegelglat⸗ ten Bruſt des ſtrebenden Menſchen, und mit neuem Muthe erfüllt trat Waldemar endlich wieder zurück, um ſeinen Weg weiter fortzuſetzen. Aber da begegneten ihm auf jedem Schritte die traurigen Spuren der verwüſtenden Hand der jetzt fernen Franzoſen. Gelichtet war überall der ſtolze Forſt, umgeſtürzt lagen die herrlichſten Bäume und hier und da ragte eine zerfallene Bretterwand hervor, die ſie als Wachthütte auf der von den Engländern gefährdeten Küſte, wie ſie meinten, aufgebaut hatten. Wehmüthig über die ſichtbare Zerſtörung ſchritt Wal⸗ demar auf dem Klippenwege weiter den Hochſtrand hinab und ließ einen Felſen nach dem andern zurück, die alle heimatliche Grüße zu ſpenden ſchienen, als wollten ſie ihm ſagen, daß auch ſie wieder frei von dem Feinde ſeien, der überall die Länder verwüſtet und ihn an⸗ klagende Trümmer ſeines zerſtörenden Erdenganges hinter ſich gelaſſen hatte. 43 So durchſchritt er die ganze Stubnitz an ihrem öſtlichſten Rande, einen Hunk nach dem andern ließ er hinter ſich, eine Lithe nach der andern überklomm er und überall lachte ſein Auge und ſein Herz in ſtummem Entzücken auf, wenn er dachte, wie ſchön es ſein müſſe, wenn erſt der Sommer wieder in's Land käme, ſtatt des Schnees die Bäume grüne Blätter auf den Zweigen trügen und ſtatt des ſtarren Eiſes das rieſelnde Waſſer in den moosbedeckten Schluchten und Lithen voller Leben ſprudelte. Endlich hatte er den Lenſcherbach überſchritten und näherte ſich nun, die ihn von ſeiner Heimat trennenden Berge ſchnell überwindend, dem Uscaner Ort, womit der erſte der fünf Hunke beginnt, die wir ſchon früher einmal be⸗ ſchrieben haben. Von hier aus konnte er bis nach dem Kiekhauſe hinabblicken, und als er ſeinen zwiſchen den Bäumen hervorſpringenden Giebel wahrnahm, über dem der Rauch aus dem Schornſtein in die klare Winterluft emporwirbelte, da faßte ihn eine neue wehmüthige Rührung und er blieb eine Weile ſtehen, um ſein Auge daran zu laben und ſein noch immer kindliches Herz die Wolluſt empfinden zu laſſen, die es ergriff, als er nach langer Abweſenheit in trübe verlebten Zeiten die Stätte ſeiner Heimat wieder vor ſich liegen ſah. 44 „Da iſt das Kiekhaus,“ ſagte er und blickte mit weit geöffneten Augen hinüber,„da liegt die ſchnee⸗ bedeckte Warte zwiſchen den alten Bäumen, da iſt das alte Storchneſt, auch mit einem Schneethurme verſehen und da, da ſteigt der Rauch von dem Feuer des Nach⸗ mittagskaffees auf, den die gute Mutter dem Alten bereitet, der noch auf ſeinem Sorgenſtuhle, unter ſeinen Pfeifen, ſeinem Fernglas und Sprachrohr ſitzt und das unvermeidliche Mittagsſchläſchen hält: O, wie lieblich und friedlich iſt das Alles! Ja, dort werde ich wieder ganz geſunden, ich fühle es ſchon jetzt, drauf los alſo und mache ihnen und Dir die Freude, ſie an das dankbare Herz zu drücken.“ Mit eilenden Schritten, aber möglichſt hinter den Bäumen hinſchlüpfend, damit man ihn ſo leicht nicht wahrnehmen könne, näherte er ſich dem freundlichen Landhauſe, öffnete behutſam die unverſchloſſene Sta⸗ cketthür und trat in den Garten ein, deſſen fruchtba⸗ rer Boden unter der ſchützenden Schneedecke ruhte. Von da war er bald in das Haus geſprungen und zuerſt in die Küche eilend, traf er Mutter Ilske, die eben die alte Trude antrieb, ſich mit dem Kaffee zu beeilen, da der Strandvogt ſogleich erwachen und nach ſeinem Labſal verlangen werde. Als Mutter Ilske aber die hohe Geſtalt ihres 45 Sohnes unter der Küchenthür erſcheinen ſah, ſtieß ſie einen lauten Freudenſchrei aus, der aus Tru dens Munde ſein Echo fand und damit den Strandvogt aus dem Schlummer aufſcheuchte, der nun ſelbſt aus der Wohnſtube trat, um zu ſehen, was ſich ereignet habe. Da war denn die Freude groß, als er ſah, was es gab, und die Begrüßungen von allen Seiten woll⸗ ten kein Ende nehmen, bis Trude das Kaffeegeſchirr hereinbrachte und damit den Umarmungen und liebe⸗ vollem Händeſchütteln eine Gränze ſetzte. Da faßen ſie denn alle Drei wieder beiſammen in dem traulichen Wohnzimmer des Strandvogts, das kein Fremdling mehr mit rohen Flüchen und zweideu⸗ tigen Scherzen entweihte. Es war von Neuem weiß getüncht und hatte auch eine breitere Epheuborte un⸗ ter der Decke erhalten, ſeitdem die Franzoſen das Haus verlaſſen, denn der alte Vogt konnte ſich nicht entſchlie⸗ ßen, in einem Zimmer zu wohnen, das ihn noch mit widerwärtigen Spuren an Gäſte erinnerte, die ihm zur Strafe in's Haus gelegt worden waren. Die Möbel aber ſtanden alle wieder auf dem alten Flecke, nur noch ein bequemer Stuhl, der früher nicht darin geſtanden, nahm ſeinen Platz dem Stuhle der Mutter gegenüber am Fenſter ein, war aber jetzt unbeſetzt, denn die freundliche Eigenthümerin deſſelben, Hille Vange⸗ row, weilte dieſen Augenblick nicht mehr im Kiekhauſe, da ſie vor wenigen Tagen erſt nach Bakewitz gefah⸗ ren war, um eine Zeitlang auf ihrem eigenen Grund und Boden zu leben und das Treiben zu beobachten, das der neue Pächter begann, ſeitdem auch aus ſeiner Nähe die böſen Feinde geſchieden waren. Trotzdem der Strandvogt eine außerordentliche Freude empfand, ſeinen Sohn allen Gefahren entronnen zu wiſſen und ihn wieder im Hauſe zu haben, ſo konnte er es doch nicht länger als etwa eine Stunde darin aushalten, denn es drängte ihn, nach Saſſenitz hinabzuſteigen und allen Freunden und Bekannten die Nachricht mitzutheilen, daß ſein Waldemar geſund an Geiſt und Leib wieder bei ihm eingetroffen ſei und nun eine Zeitlang das Kiekhaus mit ihm theilen werde. Nachdem er daher noch eine Viertelſtunde mit Walde⸗ mar über den unerwarteten Hintritt des jungen Gra⸗ fen Brahe geſprochen und ſein tiefes Beileid geäußert, ſtopfte er ſich eine Pfeife, drückte dem Sohne die Hand, küßte wie gewöhnlich Mutter Ilske auf die Stirn und eilte ſchmunzelnd nach Saſſenitz hinab, um Jung und Alt das neuſte Ereigniß ſelbſt zu verkünden. Als er aber das Haus verlaſſen hatte, ſetzte ſich Mutter Ilske an das Fenſter und nöthigte ihren Sohn, den Stuhl einzunehmen, den wir vorher als den neu — 47— hinzugekommenen bezeichnet haben.„So,“ ſagte ſie, „nun iſt der unruhige Alte fort und jetzt, mein Sohn, können wir ein vernünftiges Wort mit einander ſpre⸗ chen. Sage mir“— „Erlaube, liebe Mutter,“ unterbrach ſie der glück⸗ liche Waldemar und legte ſeine Hand ſanft auf die ihrige,„zwei Fragen möchte ich beantwortet haben, ehe ich Dir auf die Deinigen über mein Hierbleiben und meine ferneren Entſchließungen Auskunft gebe— wann und durch Wen habt Ihr zuerſt den Tod Mag⸗ nus Brahe's erfahren?“ „Es war noch am Tage ſeines Todes ſelbſt,“ be⸗ richtete Mutter Ilske,„als Doctor Piper aus Sagard, den Ihr hattet nach Spyker rufen laſſen, ſpät bei uns vorſprach. Er kam ſo eilig geritten, daß wir gleich die Vermuthung von einem ernſten Ereigniß hatten, und Hille erſchrak ſo ſehr“— „Wie? War Hille denn an dem Tage noch hier?“ „Ja wohl, mein Sohn. Erſt vorgeſtern iſt ſie ab⸗ gereiſt.“ „Aber warum das?“ fragte Waldemar, nicht ohne einige Verlegenheit zu verrathen. Die Mutter lächelte, wie eine Mutter nur hoff⸗ nungsvoll lächeln kann, wenn ſie ihren einzigen Sohn lebhaft nach einem Mädchen fragen hört, das ihr ſelbſt 48 in's Herz gewachſen iſt.„Warum?“ fragte ſie.„Ei, das ſollteſt Du ſie einmal ſelbſt fragen, denn ich weiß es ſo genau nicht. Aber ich denke mir, ſie wollte ein⸗ mal zuſehn, wie es in Bakewitz ſteht, und da Dein Vater vorvorgeſtern ſagte: nun, da der Graf Brahe todt ſei, werdeſt Du wohl einmal auf längere Zeit nach Hauſe kommen, da ſprach ſie ſchon am Abend den Entſchluß aus, abzureiſen, und führte ihn auch am nächſten Morgen aus, denn das Mädchen thut, was es will und einmal für das Beſte erkannt hat.“ „So, ſo!“ ſagte Waldemar nachdenklich und ſchaute etwas unbefriedigt zum Fenſter hinaus. „Hoffteſt Du ſie noch hier zu treffen?“ fragte die Mutter, mit neugieriger Theilnahme ihr immer noch lebhaftes Auge auf den geliebten Sohn richtend. „Ja, Mutter, ja, warum ſoll ich Dir das ver⸗ ſchweigen? Ich freute mich ſogar darauf, ſie hier zu treffen, um endlich einmal den Dank von meinem Herzen zu löſen, den ich ihr ſo tauſendfach ſchuldig bin.“ „O, Dank ſind wir ihr Alle ſchuldig, mein Sohn, denn ſie hat ſich in der ſchweren Zeit nicht allein wie eine wirkliche Tochter, ſondern als hülfreicher En⸗ gel gegen uns erwieſen. Aber mit dem Danke wird ſie es nicht ſo eilig haben und willſt Du ſie durch⸗ — 49 aus ſprechen, ehe ſie wieder nach dem Kiekhauſe kommt, ſo kannſt Du ja leicht nach Mönchgut gehen und ihr einen Beſuch abſtatten.“ Waldemar erwiderte nichts auf dieſen mütterlichen Vorſchlag und hämmerte zerſtreut mit den Fingern auf die Fenſterbank. Endlich jedoch ſagte er, zwar laut, aber doch wie in Gedanken zu ſich ſelbſt ſpre⸗ chend:„Nach Bakewitz? Nein, das kann ich nicht.“ „Warum nicht?“ fragte die Mutter mit ernſtem Geſichtsausdruck. „Das will ich Dir ein andermal ſagen, Mutter, — doch Du kannſt es auch gleich hören, wenn Du willſt. Wenn Magnus am Leben geblieben wäre und auch der alte Lachmann noch lebte und Hille auf Bakewitz wohnte, dann wäre ich, wie auch ſchon damals, gleich morgen nach Mönchgut gegangen und hätte ihr einen guten Tag geboten. Nun aber iſt Magnus todt, ich bin nur noch der Sohn des armen Strandvogts Granzow und Hille—“ „Nun, Hille, was denn, Waldemar?“ „Hille hat unterdeß eine große Erbſchaft gemacht und iſt ein— ein reiches Mädchen geworden.“ Die aufmerkſame und verſtändige Mutter, die die Feſtigkeit des Charakters und das uneigennützige Herz ihres Sohnes kannte, ſieß einen langgezogenen Der Straudvogt. IV. 50 Seufzer aus. Sie wußte, was Waldemar von ei⸗ nem Beſuche bei Hille abhielt und eben ſo, daß er keinen Schritt thun würde, der bei Jener den Gedanken erregen könnte, er käme aus einem anderen Grunde, als um ſie einmal wiederzuſehen und ihr ſeinen ſchuldigen Dank zu ſagen. So hoffte ſie denn, daß Hille aus alter Freundſchaft von ſelbſt nach Saſſenitz kommen werde, und dann, meinte ſie, würde ſich die Sache ſchon finden. Unter dieſer Sache aber verſtand ſie in ihrem mütterlichen Sinne nichts Anderes, als eine nähere Verbindung zwiſchen den beiden jungen Leuten, die ſie für einander geſchaffen hielt, und von der ſie ſich ſo viel Glück und Segen verſprach, wie ſie ſelbſt in ihrer Ehe mit dem braven Strandvogte gefunden hatte. Ach ja, wir finden dieſen Gedanken bei der al⸗ ten Matrone ſehr natürlich, aber daß er ſich ſo ſchnell verwirklichen würde, wie ſie ſelbſt hoffte, glauben wir nicht, denn Waldemar war kein gewöhnlicher junger Mann, der ſich ſchnell zu einem ſolchen Schritte ent⸗ ſchloß, und die Zeit, in der er lebte, ſchien ihm nicht geeignet zu ſein, den Gefühlen des Herzens freien Lauf zu laſſen und das Geſchick eines ſo ſchönen und edlen Mädchens mit dem ſeinigen zu verbinden, da er ſelbſt nicht wiſſen konnte, welche Schwierigkeiten 7 . — 51 ihm die Vorſehung in den Weg legen würde, und bevor dieſe nicht alle und für immer, nach Menſchen⸗ gedanken, aus dem Wege geräumt wären, war Wal⸗ demar nicht in der Stimmung, einen Schritt zu thun, der für ein Weib wie für einen Mann von gleich gro⸗ ßer Bedeutung iſt. Nachdem Waldemar am nächſten Morgen einen kurzen Beſuch in Saſſenitz abgeſtattet hatte, um ſeine alten Freunde vorläufig zu begrüßen und ihnen die folgenden Tage längere Beſuche zu verheißen, ſchrieb er fleißig an dem Bericht für den alten Grafen Brahe, in dem er alle mit Magnus ſeit ihrer letzten Tren⸗ nung erlebten Vorfälle auseinanderſetzte und mit Schonung der dabei Betheiligten zuletzt des unerwar⸗ tet frühen Endes gedachte, welches der Erbe von Spy⸗ ker in ſeiner Heimat gefunden hatte. Als er dieſen langen Bericht zu Papiere gebracht und dabei ſeiner⸗ ſeits Alles gethan zu haben glaubte, um den alten Vater zu tröſten, ſiegelte er ſeinen Brief mit Mag⸗ nus Packet zuſammen und legt; das Ganze an einen ſicheren Ort, um es jeden Aagenblick zur Hand zu haben, ſobald eine gute Gelegenheit ſich bieten würde, es nach Stockholm zu befördern. Aber er mußte et⸗ 42 — 52 was lange auf dieſe Gelegenheit warten, denn die Schifffahrt nach Schweden war durch den harten und anhaltenden Winter unterbrochen und erſt im April wurden die regelmäßigen Poſtfahrten von der Buge aus, wie vor Jahren, wieder hergeſtellt. Allein auch da ſollte das Packet noch lange nicht in die Hände des Grafen Brahe gelangen; derſelbe befand ſich zur Zeit auf wichtigen Reiſen in Rußland und ſpäter in England, die mit der politiſchen Lage ſeines Vater⸗ landes in Beziehung ſtanden, und als er endlich im Jahre 1814 nach Schweden zurückkehrte, fühlte er ſich in Folge einer längeren Krankheit und unter der Bürde ſeines großen Herzenskummers außer Stande, ſobald eine Antwort an Waldemar gelangen zu laſſen, wie wir ſeiner Zeit noch genauer erfahren werden. Als nun aber Waldemar dieſe ſeine erſte Pflicht erfüllt hatte, gab er ſich den Beſchäftigungen und Ar⸗ beiten ſeiner Nachbarn in Saſſenitz hin und brachte den größten Theil des Tages in dem kleinen Dorfe zu, wo er den Lootſen und Fiſchern half, theils die Boote auszubeſſern, die ſie vor den Franzoſen verbor⸗ gen gehalten, theils neue zu bauen, da viele derſelben beim alltäglichen Gebrauch und in den Händen des Fein⸗ des zu Grunde gegangen oder von ihnen ausgeführt worden waren. Dieſe Beſchäftigung nahm nicht al⸗ 53 lein einen großen Theil ſeiner Zeit fort, ſondern half ihm auch den Kummer beſchwichtigen, der noch immer ſein Herz erfüllte und zuweilen ſeinen Geiſt in bittere Gedanken verſenkte, die er allen Bekannten nament⸗ lich aber den Eltern zu verbergen trachtete. Nur die Mutter vermochte ſein erkünſtelter Gleichmuth nicht zu täuſchen, ſie ſchaute tiefer als alle Anderen in ſein Herz und glaubte auch die Quelle zu kennen, die ihm dieſen Kummer verurſachte, denn daß er nicht allein um den verſtorbenen Freund trauerte, dem er ein ſo treues Andenken bewahrte, daß auch nicht allein die zweifelhafte Lage ſeines Vaterlandes und die aber⸗ mals in Anſpruch genommene Leiſtungsfähigkeit der Rügianer, wovon wir ſehr bald zu ſprechen haben werden, ſeine ſtillen Seufzer veranlaßte, das glaubte die gute Frau ſehr bald erkundet zu haben, obgleich ſie niemals ein Wort zu unrechter Zeit darüber fallen ließ. Als aber das Ende des März heranrückte, der unternommene Bau der Boote im beſten Gange war und Waldemar, nachdem er weite und einſame Spaziergänge am Strande oder in dem aus dem Winterſchlafe erwachenden Walde unternommen, ſtets ſpäter und ſpäter nach Hauſe kam und auch da noch nichts geſchehen war, was mit ihren eigenen Wün⸗ 54 ſchen und Erwartungen übereinſtimmte, da glaubte ſie die Zeit gekommen, um mit ihrem Sohne ein ernſtliches Wort zu reden; nur hinderte ſie noch im⸗ mer der Strandvogt daran, der ſie zur Geduld mahnte und ſich allein von einer zufälligen Begegnung mit Hille den beſten Erfolg verſprach. Eines Abends aber, als Waldemar ungewöhnlich ſpät nach Hauſe kam und mit ſchweigſamem Ernſte ſein Abendbrod verzehrte, ohne in das ihn beobach⸗ tende Auge der liebevollen Mutter zu blicken, führte das Geſpräch ſie zur Sache ſelbſt und diesmal war es gerade der Strandvogt, der ſie veranlaßte, einen Schritt vorwärts zu thun, den ſie ſchon lange heim⸗ lich beabſichtigt hatte. Doch bevor wir dieſen Schritt und ſeine Veran⸗ laſſung mittheilen, müſſen wir erwähnen, daß Hille noch immer nichts von ſich hatte hören laſſen. Von Woche zu Woche, zuletzt von Tage zu Tage, hatte man ihre Rückkehr nach Saſſenitz erwartet, aber ſie war weder gekommen, noch hatte ſie Botſchaft ge⸗ ſendet, die ihre Freunde über ihr Ausbleiben beruhigt hätte. Endlich nahmen die beiden Alten an, daß ir⸗ gend eine Abſicht hinter dieſem Schweigen ſtecke, und nun hüteten ſie ſich erſt recht, in Waldemar's Gegen⸗ wart davon zu reden, was dieſem gewiß ſehr pein⸗ 55 lich geweſen wäre, da er für ſeine Perſon nur zu ge⸗ neigt war anzunehmen, daß allein ſeine Anweſenheit im Kiekhauſe das gute Mädchen verſcheuche, da ſie ſonſt nie ſo lange davon entfernt geblieben war, ſelbſt nicht zur Zeit der Krankheit des alten Lachmann. Als Waldemar an dem erwähnten Abende ſpäter denn je nach Hauſe kam, fand er ſeine Mutter vor dem gedeckten Tiſche ſitzend und ihn mit einiger Un⸗ geduld erwartend. Der Strandvogt hatte ſchon ge⸗ ſpeiſt und ſaß, etwas mürriſch ſeine Pfeife rauchend, auf dem Sorgenſtuhle hinter dem Ofen, denn das unheimliche und unklare Weſen im Hauſe behagte dem guten Manne nicht, der gewohnt war, ſelbſt in trüben Zeiten, Alles, was ihn bekümmerte, klar vor ſich zu ſehen und den ſeit einigen Tagen eine gewiſſe Unruhe gepackt hatte, als ob die Befürchtung Mutter Ilske's wahr ſein könne und Hille aus einem andren Grunde als aus reinen Geſchäftsrückſichten, abgehalten werde, ſich ihrer Pflegeeltern in Saſſenitz zu erinnern. Waldemar trat in das Zimmer ſeiner Eltern und begrüßte ſie freundlich, aber mit jenem ſchweigſamen Weſen, das ihm jetzt zur zweiten Natur geworden war. Mutter Ilske holte ſogleich das Eſſen herbei und ſetzte es auf den Tiſch, in der Erwartung, ihr 56 Liebling werde eifrig zulangen, da er nach langer Ar⸗ beit wohl Appetit haben müſſe. Allein Waldemar zeigte ſich ſehr wenig geneigt, den Erwartungen der Mutter zu entſprechen, und nach⸗ dem er nur einige Biſſen genoſſen, legte er Meſſer und Gabel nieder und ſetzte ſich ſchweigſam auf Hil⸗ le's Stuhl, den ſeine Mutter ſchon eine Weile vorher an den Tiſch gerückt hatte. Der Alte that einige gewaltige Züge aus der hol⸗ ländiſchen Pfeife und räuſperte ſich auf eine unge⸗ wöhnlich laute Weiſe, was Mutter Ilske die Vorbo⸗ ten zu einem heftigen Ausfall zu ſein ſchienen. Da⸗ her und um jeden Wortwechſel zu vermeiden, warf ſie ihrem Mann einen beſchwichtigenden Blick zu, der aber diesmal nicht die erwünſchte Wirkung, vielmehr einen brummenden Ton zur Folge hatte, der mit einem ge⸗ fahrdrohenden Blicke vergeſellſchaftet war. „Es iſt doch eine ſeltſame Zeit jetzt,“ begann er endlich mit einer gewiſſen Vorſicht zu reden. „Wieſo, Vater?“ fragte Mutter Ilske. „He, wieſo? Welche Frage! Siehſt Du es denn nicht? Alles iſt auf den Kopf geſtellt, ſeitdem die verdammten Franzoſen hier gewirthſchaftet haben, und anſtatt in ruhiger Weiſe leben zu können, wie man 57 hoffte, nachdem ſie das Land verlaſſen, hat man alle Tage neuen Aerger.“ Waldemar hob verwundert den Kopf in die Höhe und ſah den verſtimmten Vater fragend an.„Was giebt es denn,“ fragte er nach einer Weile,„iſt etwas Neues vorgefallen?“ „Ach nein,“ fuhr der Alte noch grimmig fort,„im⸗ mer nur das Alte. Sag mir'mal, Junge, welcher Wind bläſt denn eigentlich jetzt in Dein Segel, denn, Du mußt es mir nicht übel nehmen, ich ſehe an Dir keine einzige Bewegung, die mir kund thäte, wohin Du ſteuerſt?“ Jetzt erſt bemerkte der Angeredete, daß der Aus⸗ fall auf ihn gemünzt ſei, und er zeigte ſich ſofort ge⸗ neigt, den guten Vater aus ſeiner Unruhe zu reißen. „Kann ich Dir irgend womit dienen, mein Vater,“ ſagte er,„ſo ſag es und Du ſollſt mich zu Allem bereit finden.“ „Das wird am beſten die Zukunft lehren, wenn ich Deinen guten Willen die Probe beſtehen ſehe, denke ich mir. Sage mir nur zuerſt, wo Du Deinen ge⸗ ſunden Appetit gelaſſen haſt, das Uebrige wird ſich ſchon finden. Denn wenn ein kräftiger Menſch von Deinen Jahren, der ſich bei Tage müde und matt gearbeitet hat, Abends nichts ißt und trinkt und immer wie eine ſtumme Pagode daſitzt, ſo iſt es ent⸗ weder im Oberſtübchen oder in der Herzkammer nicht richtig, und ich möchte gern wiſſen, wo es bei Dir ſist.. Waldemar erröthete lebhaft bei dieſer unverhüllten Anſpielung und ſah bald den Vater und bald die Mutter an, die ihm einen Wink nach dem andern zu⸗ warf, von denen er aber bei'm beſten Willen keinen einzigen zu enträthſeln im Stande war. Endlich wandte er ſich zum Vater und ſagte mit der ihm eigenthümlichen Milde: „Mein Vater, Du irrſt, wenn Du denkſt, daß ich müde und matt bin. Im Gegentheil, ich könnte gleich jetzt wieder Daſſelbe arbeiten, was ich den ganzen Tag gearbeitet habe, und Du würdeſt keinen Nachlaß in meinem Fleiße verſpüren. Daß ich ſchon ſeit einigen Tagen keinen Appetit habe, iſt wahr, aber ich weiß nicht, woher es kommt, und dafür werde ich ein ander⸗ mal um ſo mehr eſſen, hoffe ich.“ „Biſt Du bis jetzt bei Pieſing geweſen?“ fragte in ſanfterem Tonè der Alte, deſſen Muth die ruhige Entgegnung des Sohnes bedeutend herabgeſtimmt hatte. „Nein, mein Vater, ich habe nur bis fünf Uhr bei ihm geſeſſen und ihm ſeine neue Takelage in Ord⸗ nung bringen helfen.“ 59 „So, und wo biſt Du ſeit fünf Uhr geweſen, da Du erſt nach Acht in's Haus getreten biſt?“ Waldemar mußte bei dieſem Examen unwillkür⸗ lich lächeln. Es erinnerte ihn lebhaft an ſeine Kna⸗ benzeit, wo er auch oft über die gebotene Stunde aus⸗ geblieben war und dann jedesmal einen ähnlichen Ver⸗ weis erhalten hatte.„Ich war im Walde von Sa⸗ gard, Vater,“ ſagte er dann,„und habe mich an dem Erwachen der Natur erfreut, die allmälig aus ihrem Schlummer hervortritt. Auch hoffe ich, daß wir bald Schiffe hier ſehen werden, und dann wird wieder das alte Leben im Kiekhauſe herrſchen, denn Du biſt doch wohl nur unzufrieden, weil Du keine Schiffe beob⸗ achten kannſt.“ „Oho! Davon ſprechen wir nicht, Junge; ich bin nicht gewohnt, daß man mir ausweicht, wenn ich en⸗ tern will. Aber ich meine, wenn Du drei Stunden lang im Walde umherſchweifſt, um im Sagarder Re⸗ vier das Erwachen der Natur zu belauſchen, ſo könn⸗ teſt Du eben ſo gut einmal Deine Schritte wo anders hinlenken, als gerade dahin.“ „Vater!“ rief die gute Mutter, die ihren Liebling nicht gern in Verlegenheit ſetzen ſah, und daß er be⸗ reits darin war, bezeugte ſein ehrliches Geſicht, das ſich mit einer glühenden Röthe bedeckt hatte. 60 „Wohin ſoll ich gehen, Vater? Haſt Du einen Auftrag für mich?“ „Ich dächte doch, Du hätteſt mir das ſchon lange angemerkt. Siehſt Du nicht, das mir Etwas hier im Hauſe fehlt? Etwas, woran ich ſeit Jahren gewöhnt bin?“ „Was wäre das, mein Vater?“ „Aha! Ich merke es, Du willſt meine Flagge vom Hauptmaſt flattern ſehen. Wohlan denn, ſo will ich ſie Dir zeigen: mir fehlt hier ein freundliches Ge⸗ ſicht, das iſt das Ganze.“ „Granzow!“ rief die vorſorgliche Mutter und winkte beſchwichtigend mit der Hand. Waldemar's Röthe verlor ſich, denn er bezog das fehlende freundliche Geſicht auf ſich ſelber, während doch der Vater ein ganz anderes meinte. Er wurde ſogar etwas blaß, als er beſcheiden ſagte:„Es thut mir leid, Vater, daß Dir mein Geſicht nicht gefällt. Aber verzeihe mir, Du weißt ja, ich habe Kummer, und ſo leicht vergißt man nicht, was man ſo lieb ge⸗ habt, wie ich Magnus Brahe hatte.“ „Bah! Das brauchſt Du mir nicht zu ſagen, das weiß ich allein und darin habe ich Dir nicht den ge⸗ ringſten Vorwurf zu machen. Gott behüte mich! Ich meinte aber gar nicht Dein Geſicht, Junge, ſondern 61 ein anderes, ſchöneres, noch friſcher und offener als Deins.“ Jetzt konnte Waldemar ſich nicht länger beherrſchen, oder ſein ſchlagendes Herz vielmehr trieb ihn aus der bisher behauptéten Ruhe. Er ſtand raſch vom Stuhle auf und trat zum Fenſter, um die Bewegung nicht blicken zu laſſen, die ſich auf ſeinem Geſichte noth⸗ wendig ausſprechen mußte, denn die Worte des Va⸗ ters hatten einen wunden Fleck in ihm berührt, der ihn auch ſchon lange, und mehr als man glaubte, ſchmerzte. Hinter ſeinem Rücken aber gab es ein hef⸗ tiges Pantomimenſpiel, das von Mutter Ilske aus⸗ 3 ging und den alten Strandvogt abhalten ſollte, das Geſpräch in der angebahnten Richtung weiter fortzu⸗ ſetzen; aber der Alte war zu eifrig und auf ſein Ziel zu erpicht, um ſich dadurch einen Zügel anlegen zu laſſen. „Was ſollen die Grimaſſen,“ rief er endlich leb⸗ haft ſeiner Frau zu,„laß mich ſprechen, wovon mir das Herz voll iſt. Ich habe Recht mit Dem, was ich ſage. So gut er drei Stunden im Walde herumläuft, kann er auch fünfe oder ſechſe laufen und einmal nach Mönchgut gehen, um zu ſehen, was die Hille macht, die mir hier fehlt wie der Frühling, der das Eis auf⸗ thaut und die Blätter grün macht. Zum Teufel, ich ertrage das Gegrinſe nicht länger, denn ich bin über⸗ zeugt, wie Der hier grinſ't, grinſ't Die dort— und das iſt ein unnützes Stück Arbeit, denn ſie könnten Beide fröhlich und glücklich ſein.“ So offen hatte noch Niemand das Verhältniß be⸗ rührt, welches zwiſchen Waldemar und Hille beſtand oder wenigſtens in Zukunft beſtehen konnte, aber der handgreifliche Ausfall war nicht auf den milden Cha⸗ rakter und das im Stillen ſtrebende Herz des Jüng⸗ lings berechnet, daher verfehlte er ganz und gar ſeine Wirkung. Raſch wie im Fluge durchforſchte er ſein Herz und ging mit ſich zu Rathe und eben ſo raſch (hatte er einen Entſchluß gefaßt, den er ſogleich auszu⸗ ſprechen den Muth beſaß. Er drehte ſich bedächtig nach dem Vater herum, trat dicht an den Tiſch, hinter dem dieſer, furchtbare Rauchwolken ausſtoßend, ſaß, und ſagte mit weichem und warmem Tone: „Was willſt Du von Hille wiſſen, mein Vater?“ „Na, das heiße ich vernünftig geſprochen, mein Junge. So liebe ich es. Was ich von ihr wiſſen will? Wie es ihr geht? Ob ſie geſund iſt? Was ſie ſo eifrig in Bakewitz zu thun hat und warum ſie nicht in's Kiekhaus kommt, wo ſie von ſechs offenen Armen empfangen wird?“ „Ich verſtehe Dich,“ fuhr Waldemar mit gleicher Ruhe und Wärme aber auch mit unbeugſamer Feſtig⸗ keit und Beſtimmtheit fort.„Ich möchte auch wiſſen, wie es ihr geht und warum ſie nicht— zu Euch kommt. Aber ich, mein Vater, ich— kann nicht zu ihr gehen und werde nicht zu ihr gehen“— „Und warum nicht? Soll ſie Dir etwa eine Kutſche ſchicken?“ „Nein, das nicht, Vater, aber es widerſtrebt mei⸗ nen Gefühlen, ſie jetzt zu beſuchen— bitte, quäle mich nicht— ich kann nicht nach Bakewitz gehen.“ Und nach dieſen mit innerer Anſtrengung und in Ab⸗ ſätzen geſprochenen Worten verließ er das Zimmer und ließ ſich den ganzen Abend vor beiden Eltern nicht mehr blicken. „Nun, das heiße ich klar geſprochen!“ fuhr der Alte auf und warf ſeine Pfeife in die Ecke.„Es wi⸗ derſtrebt ſeinen Gefühlen, ſagt er, haſt Du's gehört, Ilske? Bei Gott, jetzt verſtehe ich's! Paß auf, Ilske, paß auf, was ich Dir ſage. Die haben ſich gebiſſen, irgend wo, irgend warum, oder ich heiße nicht Daniel Granzow und bin nicht Strandvogt im Saſſenitzer Bezirk.“ „Nun dann werde ich Dir wohl einen andren Namen geben müſſen und den Herrn Gouverneur bit⸗ ten, daß er Dir auch ein anderes Amt giebt, denn daß Deine Vorſtellungen von unſerm Sohne falſch 64 ſind, grundfalſch wie die von Hille, iſt mir ſo klar, wie das Bewußtſein, daß ich ein Weib bin.— Alter, höre mich an. Ich begreife Hille und ich begreife auch Waldemar. Sie kommt nicht, weil Waldemar hier iſt, denn ſie denkt, daß ein Mann ein Mädchen aufſuchen muß, wenn er ihm danken und ſeine Freude über ihre beiderſeitige Wiedervereinigung an den Tag legen will,— und er denkt, er könne nicht zu ihr gehen, damit ſie nicht glaube, er käme aus eigennü⸗ tzigen Abſichten zu ihr, da ſie jetzt das Gut Bakewitz geerbt hat. So iſt es, und das allein hält ſie aus⸗ einander.“ Der Strandvogt riß beide Augen ſo weit auf, als ſie ſich öffnen ließen, und ſein Mund half ſeinen Au⸗ gen brüderlich dabei.„Na, das muß ich ſagen,“ rief er mit komiſchem Pathos.„Das iſt mir eine ſehr feine Arbeit, die ich mit meinen groben Händen nicht mehr beſchaffen kann. O, wie haben ſich doch die Zeiten geändert! Und das Alles verdanken wir den verfluchten Franzoſen, denn vor ihnen hat noch Nie⸗ mand an ſolche Fineſſen gedacht. Ja, ja doch, Ilske, ich glaube es ja, mach' nur nicht gleich ſolch altklu⸗ ges Geſicht. Begreifen kann ich's, ſo gut wie Du. Aber wie kommen wir denn weiter darin? Ich will nun einmal die Hille hier haben, trotz dem Jungen . 65 und ſeinem feinen Gefühl, oder— oder ich ſetze mei⸗ nen Kopf daran.“ „Ereifere Dich nicht, Alter, das iſt ja ſehr einfach. Geh Du doch morgen ſelber mal nach Bakewitz und ſieh, wie die Sachen ſtehn, Du biſt ja ſo eine Ewigkeit nicht dageweſen.“ „Ich— nach Bakewitz? Warum nicht gar! Ich würde ein ſchönes Gepolter hören laſſen, denn ich fiele gewiß mit beiden Thorflügeln in das Haus. Geh Du doch ſelber, wenn Du was Geſcheidtes ausgerich⸗ tet haben willſt— die Frauen verſtehen es ja vor⸗ trefflich, ſolch feines Gemüſe appetitlich zuzurichten.“ „Das werde ich auch, Alter, und nun iſt es be⸗ ſchloſſen. Morgen bei Tagesanbruch gehe ich nach Crampas und borge mir des Müllers Wagen. So ſoll es ſein!“ „Nun, nun, nur nicht ſo eilig. Warum nicht gar um Mitternacht darum aufſtehen! Fahren kannſt Du, meinetwegen, und auch einen Tag ausbleiben—“ „So— erlaubſt Du es? Ich danke Dir, Alter, komm her und gieb mir einen Kuß— ſo! Das war ein ſchwerer Abend, Mann, nicht wahr? Nun Gott⸗ lob, jetzt iſt er ja vorüber!—“ Der Strandvogt. IV. 8 5 66 Mutter Ilske war in der That am nächſten Mor⸗ ſchon ſehr früh mit ihrer Toilette zu Stande gekom⸗ men und mit einem gewiſſen triumphirenden Blick hatte ſie vom Strandvogt, mit herzlichem Händedruck von Waldemar Abſchied genommen, der ihr noch zu⸗ letzt, nachdem er ſie bis Crampas geleitet und bis der Wagen in Bereitſchaft geſetzt war, wiederholt die freundlichſten Grüße an Hille auftrug und die Ver⸗ ſicherung für ſie hinzufügte, er ſei noch derſelbe Wal⸗ demar, der er früher geweſen und Hille ſolle ſich durch ſeine Anweſenheit im Kiekhauſe von demſelben nicht zurückſchrecken laſſen, ſondern kommen, um den Eltern die Tage angenehm zu machen, wie früher; er ſelbſt wolle ſie nicht im Geringſten ſtören und ſie ſolle ihn nur Morgens, Mittags und Abends auf kurze Zeit ſehen. Die Mutter lächelte innerlich, als ſie dieſe Worte hörte und darin eine ganz andre Bedeutung las, als ſie nach Waldemar's Meinung haben ſollten. Sie verabſchiedete ſich ſodann von ihrem Sohne, verſprach Alles wortgetreu auszurichten und fuhr im ſchönſten Märzwetter auf dem kleinen Wagen des Müllers dem Suden zu. Dieſen und den nächſten Tag nun verlebten der Strandvogt und ſein Sohn anſcheinend in der größ⸗ 67 ten Ruhe, obgleich Beide die Spannung und Erwar⸗ tung, die ſie erfüllte, aus ihren Mienen nicht ganz verbannen konnten. Nur bei Tiſche und Abends ſpät ſprachen ſie ſich, in der übrigen Zeit ging Jeder ſei⸗ ner gewohnten Beſchäftigung nach. Als aber Mut⸗ ter Ilske auch am zweiten Tage, ja ſelbſt am dritten nicht wiederkam, wurden Beide etwas beſorgt und Waldemar ging ihr ſogar, obwohl vergebens, wieder⸗ holt bis Crampas entgegen, wo ihm der Kutſcher, der ſie gefahren, verſicherte, ſie ſei ganz munter nach Bake⸗ witz gekommen und mit großer Freude empfangen wor⸗ den, für die Rückfahrt aber habe die Beſitzerin des Gu⸗ tes zu ſorgen verſprochen und gleich von vornherein nichts von einem nur zweitägigen Beſuch hören wollen. Nach dieſer etwas ſpät eintreffenden Meldung war denn die längere Abweſenheit der guten Mutter Ilske: erklärt und beide Männer ſchickten ſich in das Unab⸗ änderliche, obgleich mit noch größerer Spannung den Dingen entgegenſehend, die da kommen ſollten. Denn wie der Vater hoffte, Hille werde zugleich mit ſeiner Frau in das Kiekhaus zurückkehren, ſo war der Sohn begierig zu erfahren, wie ſie ſeine Botſchaft aufgenommen und was ſie darauf erwidert habe. Endlich am Abend des vierten Tages kehrte Mut⸗ ter Ilske und zwar allein zurück; aber nach ihrem 68 ſeelenvergnügten Ausſehen zu ſchließen, war ſie im innerſten Herzen befriedigt, und eben ſo brachte ſie die günſtigſten Nachrichten mit heim. Allein wenn die Männer geglaubt hatten, ſie werde noch auf der Schwelle ſtehend, gleich Alles haarklein erzählen, was auf Bakewitz vorgefallen war und was Hille geſpro⸗ chen, ſo irrten ſie ſich, denn Mutter Ilske war nie ſo ſchweigſam geweſen wie diesmal, und nie hatte ſie ihren Mann ſo lange auf die Befriedigung ſeiner Neugierde in Betreff des Ausfalls ihrer Reiſe warten laſſen. 3 Der Strandvogt, von etwas unruhigem Tempe⸗ rament merkte ſofort, daß eine gewiſſe Abſicht dieſem Schweigen zu Grunde liege, und er zwang ſich ge⸗ raume Zeit zur muſterhaften Geduld. Als ſie nun aber ſämmtlich nach dem Abendbrot um den Tiſch ſaßen, der Strandvogt unmäßig aus ſeiner Pfeife dampfte und Waldemar ſtill forſchend in das heitere Antlitz der Mutter blickte, glaubte Erſterer, es ſei nun endlich die paſſende Zeit gekommen, wo man ſeine übermäßig gezügelte Neugierde befriedigen müſſe.„Na, Alte,“ ſagte er etwas dringlich,„nun lege endlich Dein Gepäck ab und ſchütte das Waſſer aus Deinem Topfe, ich ſehe, er iſt zum Ueberlaufen voll. Du haſt ge⸗ wiß einen ganzen Sack voller Neuigkeiten mitgebracht!“ 69 „Daß ich nicht wüßte,“ lächelte Mutter Ilske ſtill vor ſich hin.„Wenn Du aber alle Neuigkeiten, die Du erwarteſt, auf einen Strich hätteſt erfahren wol⸗ len, ſo wäre es klug von Dir geweſen, allein nach dem Mönchgut zu gehen, ſtatt mich zu ſchicken, womit ich indeß für meine Perſon ganz zufrieden bin.“ „So, ſo; ja, ja! Nun, wir haben Geduld, Alte, ruhe Dich in Gottes Namen aus. Ich rauche meine Pfeife mit Gleichmuth und der Junge da hat Zeit zu warten, er iſt jung genug dazu.— Daß Dich der Satan!“ brummte er in Gedanken vor ſich hin und qualmte ſo heftig, daß ſeine Frau die Rauchwolken mit beiden Händen aus ihrer Nähe verjagen mußte. „Was macht Hille?“ fragte jetzt Waldemar ernſt und bedächtig, aber nicht ohne einige innere Be⸗ ſorgniß. „Das war eine vernünftige Frage, mein Sohn, und nun will ich erzählen, was ich erzählen kann. Hille iſt ganz geſund, Kinder, und wohnt ganz aller⸗ liebſt in ihrem neu aufgeputzten Zimmer, wozu ſie die Maurer und Maler aus Bergen hat kommen laſ⸗ ſen. Auch gefällt es ihr ganz gut auf Bakewitz, denn ſie liebt nun einmal die grüne Saat, den duftigen Wald und die rauſchende See.“ „Nun ja,“ polterte der Alte heraus,„das wiſſen 70— wir und das lieben wir auch, aber wir können das Alles auch hier haben, wie überall auf Rügen.“ „Nicht ſo wie dort, Daniel. Bakewitz iſt wirklich ein kleines Paradies und es wird dieſen Sommer ſehr hübſch dort unter den Nußbäumen am Waſſer ſein. Natürlich, wenn erſt der Schaden überwunden iſt, den ihr zuguterletzt die Franzoſen zugefügt haben, denn ſie will es nicht leiden, daß der Pächter allein die Koſten trägt, der ſie doch dem Rechte und dem Contrakte nach tragen müßte.“ „Hm! Es iſt ein Wettermädel, ich ſag's ja. Weiter!“ „Was denn weiter? Haſt Du noch nicht genug daran?“ „Nein, Du haſt noch gar nichts geſagt, wenigſtens von der Hauptſache nichts.“ „Ach, ja ſo, die Hauptſache! Da habt Ihr ſie. Ich habe Hille ſehr verändert gefunden.“ „Wie ſo?“ fragte der Alte mit dem Munde und Waldemar mit den Augen. „Sie war ſehr ernſt geſtimmt und viel nachdenk⸗ licher als gewöhnlich. Aber daran waren vielleicht ihre erlittenen Verluſte und der Tod des Grafen Brahe ſchuld.“ „Ha!“ rief Waldemar.„Ging ihr der zu Herzen?“ — 8 9 ——— „So tief wie Dir, mein Sohn, das kannſt Du glauben und ſie hat ſogar geweint, als wir davon ſprachen, daß Deine Ausſichten und Hoffnungen da⸗ durch ſo ſehr gelitten haben. Wie Du aber weißt, weint Hille ſehr ſelten und nur dann, wenn ihr Et⸗ was bis in das Herz geht.“ Waldemar wurde auffallend bleich und von Neuem bekümmert; im Stillen aber dankte er Hillen noch in⸗ niger, als er es je in Worten gethan. Daß ſie auch darin mit ihm ſympathiſirte, war ihm der ſüßeſte Troſt, der ihm bisher noch über den unerſetzlichen Verluſt zu Theil geworden war. „Hat ſie vielleicht noch einen anderen Grund, um traurig zu ſein?“ fragte der Strandvogt mit ſchlauer Zurückhaltung. „Ich wüßte keinen, aber man muß Geduld damit haben. Ich bin in meinem Leben auch oft traurig geweſen und nachher ſind immer wieder heitere Tage gekommen.“ Nach dieſen mit Bedeutung geſprochenen Worten erzählte Mutter Ilske, wie ſie die vier Tage im All⸗ gemeinen auf Bakewitz verlebt und wie ſie nur mit Nühe ihre Rückkehr ſchon ſo bald habe durchſetzen können. Endlich aber gab ſie vor, ermüdet zu ſein, 72 und das hielt Waldemar für ein Zeichen, daß er die Eltern verlaſſen ſolle, was er auch bald darauf that. Kaum aber hatte er die Thür hinter ſich geſchloſſen, ſo fuhr der Alte von ſeinem Stuhle in die Höhe und ſtellte ſich dicht vor ſeine Frau hin.„Na,“ ſagte er, „da werde Einer klug d'raus! Was biſt Du ſo rück⸗ haltig und ſparſam mit Deinen Worten, Ilske? War das etwa die Hauptſache, die Du uns aufgetiſcht haſta— „Daniel! Wie ſprichſt Du ſo voreilig! Wie konnte ich die Hauptſache in Waldemar's Gegenwart erwähnen? Natürlich ſollſt Du ſie jetzt hören. Ich fragte Hille, warum ſie nicht zu uns käme, und da geſtand ſie mir ein, was ich ſchon lange vermuthet und Dir bereits geſagt habe. Waldemar iſt daran ſchuld, daß ſie nicht kommt, und ich gebe ihr voll⸗ kommen Recht darin. Sie hat den Jungen lieb, un⸗ beſchreiblich lieb und ihm ſchon hundert Beweiſe da⸗ von gegeben. Eben darum will ſie nicht kommen. Er muß zu ihr, ſo iſt es Sitte bei wohlerzogenen Leuten.“ „Hm! Dachte ich mir es doch. Alſo ſie hat ihn lieb! Nun, das verdenke ich ihr nicht, ich habe ihn auch lieb, denn er iſt ein braver und ſchmucker Kerl. Wenn er nun aber nicht hin will zu ihr, aus demſelben Grunde ————— oder vielmehr, weil es gegen ſeine einfältige Anſicht iſt, um ein Mädchen zu freien, das reicher iſt als er ſelbſt?“ „Das habe ich mit ihr Alles beſprochen und ihr keinen Gedanken unſres Sohnes verhehlt. Sie ſieht es auch ein und liebt ihn nur um ſo mehr darum. Aber gut Ding will Weile haben, ſie iſt noch nicht neunzehn und er noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt. Habe alſo Geduld, Alter, die Bäume werden auch nicht an einem Tage grün. Hille hat Geduld und ſie wartet die Zeit ab, bis eine günſtige Gelegen⸗ heit Waldemar nach Bakewitz führen wird. Sobald er das Kiekhaus auf längere Zeit verläßt, etwa um wie⸗ der in Dinſt zu gehen, wie er neulich ſagte, ſo kommt ſie wieder zu uns, und das wird dem Jungen wohl endlich die Augen und auch den Mund öffnen.“ „Ja, ja doch, aber es dauert ein bischen lange. Na, ſo viel Zeit habe ich nicht gebraucht, Dir mein Herz auszuſchütten; nicht wahr, Ilske?“ „Das waren andre Zeiten, Daniel, und andere Verhältniſſe. Ich werde morgen ſelbſt noch ein Wort mit Waldemar ſprechen und das wird vielleicht entſchei⸗ dend ſein. Gott gebe es! Na, nun aber bin ich wirk⸗ lich müde und ſehne mich aus den ſteifen Sonntags⸗ kleidern heraus.“— 74 „So lege ſie ab, Alte, das iſt bald gethan. Ja, Du haſt Recht, wir wollen zu Bett gehen, und über⸗ lege Dirs vorm Einſchlafen, wie Du es dem Jungen recht klar eintränkſt.“— Am nächſten Morgen aber, ſobald die Mutter mit dem arbeitſamen Sohne einen Augenblick allein war, wiederholte ſie ihm die herzlichſten Grüße von Hille und fragte ihn dann nebenbei, ob er denn gar keine Neigung ſpüre, ihr einen recht baldigen Beſuch abzu⸗ ſtatten?“ „Ach, Mutter,“ erwiderte Waldemar und— ſeine Au⸗ gen flammten dabei lebhaft auf,„wie gern ginge ich zu ihr, denn ich habe ihr ſo viel zu ſagen, was ich nur ihr allein ſagen kann. Aber ſieh, die Zeit iſt nicht gut dazu angethan, wir haben noch keinen ordentli⸗ chen Frieden und wie man hört, ſoll der Krieg in Deutſchland von Neuem beginnen. Da werden auch wir nicht in ungeſtörter Ruhe ſitzen bleiben. So ver⸗ langt die ernſte Zeit Thaten, nicht aber Gefühle und Worte. Auch iſt, Du weißt es ja, mein Herz zerriſſen von Schmerz und da empfinde ich die Freude nicht ganz, die ich empfinden möchte, wenn ich zu Hille gehe. Laß alſo den Orkan kommen, der über Länder und Menſchen fährt, und er wird mich gerüſtet finden; wenn er aber vorüber iſt und wir Innen und Außen den — ——„+ſfßMfßͤn Frieden haben, dann, dann, Mutter, will ich nach Bake⸗ witz gehen und mein Herz zu bezwingen ſuchen, daß es meinem Munde Worte verleihe. Biſt Du damit ein⸗ verſtanden, meine gute Mutter?“ „Ja, mein Sohn, und Gott gebe den Frieden, dann wird Alles gut werden, unter den Königen und den anderen Menſchen, und auch Du wirſt Deine Ruhe finden.“ Drittes Aupitel. Die Vorboten des Orkans. Waldemar hatte nicht Unrecht gehabt, als er vom nahenden Orkan geſprochen, denn er ſollte in der That bald von Neuem über das kleine Land hereinbrechen. Vor ihm aber liefen verſchiedene Vorboten her, die, 4 wenn man ſie im rechten Lichte ſah und im bedächti⸗ gen Geiſte erwog, ſchon ſchließen ließen, was für ein Dämon in ihrem Gefolge ſein werde, und Waldemar Granzow war bei Weitem nicht der einzige Mann auf Rügen, der die Anzeichen des Unwetters aus der Ferne erkannte. Die im vorigen Kapitel beſchriebenen Vorfälle fan⸗ den in den letzten Tagen des März 1810 ſtatt. Auf den erſten April war das allgemeine öffentliche Dank⸗ feſt im Lande angeſagt, welches die Regierung von Schweden für den mit Frankreich geſchloſſenen Frie⸗ — —— 77 den zu veranſtalten für gut fand. Alle kleinen Kir⸗ chen auf der Inſel waren, nachdem man ſie ihrer heiligen Beſtimmung zurückgegeben, von Menſchen überfüllt, die ihrem Schöpfer aufrichtig für den Frieden dankten und ihn zugleich baten, das grollende Unge⸗ witter, das ſich ſchon wieder in der Ferne hören ließ, von den Ufern der heimatlichen Inſel abzuhalten. Auch auf der Halbinſel Jasmund feierte man die⸗ ſen Tag mit inbrünſtigem Herzen und die ganze Be⸗ wohnerſchaft des ſüdlichen Theils derſelben war nach Sagard geſtrömt, um den verehrten Geiſtlichen da⸗ ſelbſt zu hören, der, wie immer, auch diesmal wun⸗ derbar ermuthigende Worte ſprach und alle Zuhörer mit neuen Hoffnungen erfüllte. Auch der Strand⸗ vogt nahm mit ſeiner Frau und ſeinem Sohne an dieſer Predigt Theil und als er gegen Mittag wieder nach dem Kiekhauſe zurückkehrte, glaubte er ſo feſt an einen ewigen Frieden Schweden's mit ganz Eu⸗ ropa, daß Waldemar es ſchwer gefunden haben würde, ihn vom Gegentheil zu überzeugen. Sechs Tage ſpäter fand ein neue Feierlichkeit in⸗ nerhalb der Gränzen des ſchwediſchen Reiches, alſo auch auf Rügen ſtatt. Man feierte die Huldigung des neuen Königs Karl XIII., wozu Deputirte von allen Ständen nach Stockholm abgeordnet waren, um 78 bei ihrer Rückkehr in die Heimat die Beſchreibung des großen Actes in alle Richtungen des Reichs zu tragen. Allein ſchon dieſe Deputirten, als ſie eine Woche ſpäter wieder in Deutſchland anlangten, brach⸗ ten die wunderbare Meldung mit heim, daß der neue König, in ſeinen hohen Jahren ſich zu ſchwach füh⸗ lend, um die Regierungsgeſchäfte in ſo verhängniß⸗ vollen Zeiten allein zu leiten, dem Entſchluſſe nahe ſtehe, noch bei ſeinen Lebzeiten einen jüngeren und kräftigeren Thronfolger zu wählen, da er ſelbſt leider kinderlos war. Dieſes ſchnell in die Runde laufende Gerücht beſtä⸗ tigte ſich früher, als man es für möglich gehalten, und zufolge der einſtimmigen Wahl des Königs und der Stände ward Herzog Chriſtian Auguſt von Schles⸗ wig⸗Holſtein⸗Auguſtenburg zu ſeinem Nachfolger und Helfer erleſen. Als aber dieſer ſehr bald darauf eines noch nicht hinreichend erklärten Todes ſtarb, wählten König und Stände im Auguſt 1810 den bekannten General Bonaparte's, Bernadotte, zum Kronprinzen des ſchwediſchen Reiches. So kam wider Vermuthen ein franzöſiſcher Gene⸗ ral aus der Schule des Länderverwüſters Napoleon auf den nordiſchen Thron, und obgleich nicht alle Schweden mit ſeiner Wahl einverſtanden waren, da er nur der Sohn eines einfachen Rechtsgelehrten in —— Pau war, ſo fiel ſie doch ſpäter nicht zu Ungunſten des Vaterlandes aus.„ Während der Zeit nun, daß Karl XIII. die Re⸗ gierung führte, erfreute ſich Pommern und Rügen zwar des im April gefeierten Friedens; da aber in Folge dieſes Friedensſchluſſes alle Häfen geſchloſſen, jeglicher Handel mit England den Einwohnern unter⸗ ſagt war und überhaupt die Stipulationen des Napo⸗ leoniſchen Continentalſyſtems ſtrenge durchgeführt wer⸗ den ſollten, ſo konnte das arme Land die Wunden des Krieges nicht ſo leicht verſchmerzen, zumal auch noch bald wieder neue Steuern und Abgaben behufs einer abermaligen Kriegsrüſtung erhoben wurden. Dieſe Kriegsrüſtung fand gegen England ſtatt, zu der der Schwedenkönig von Napoleon gedrängt worden war, um auch dadurch ſeinem unüberwindli⸗ chen Haſſe gegen die ſtolzen Briten, die ihm trotzdem mit ihrer Macht und ihrem Gleichmuth imponirten, Luft zu machen. Schon im Mai verbreitete ſich auf Rügen das Gerücht, es würden Schiffe von Schweden kommen, um die auf der Inſel etwa anſäſſigen Seemänner, die Luſt hätten, ſich am Kriege zu betheiligen, an Bord zu nehmen und nach Schweden zu führen, um ihnen auf verſchiedenen Kriegsſchiffen ihren Kenntniſſen ent⸗ 80 ſprechende Stellungen anzuweiſen. Bald nach dem Gerüchte gingen Landboten hin und her und verkün⸗ deten laut, daß am 15. Mai die Schiffe theils in Stralſund, theils auf der ſüdlichen Spitze der Buge in Wittow, theils auf Groß⸗Zicker in Mönchgut an⸗ legen würden, wohin ſich bis zum 20. Mai alle Die⸗ jenigen begeben ſollten, die Kriegsdienſte zu nehmen geſonnen wären. Als dieſe Nachricht nach Saſſenitz kam, erregte ſie im Hauſe des Strandvogts einen namenloſen Jam⸗ mer, denn die alten Leute konnten den Gedanken kaum ertragen, ihren einzigen Sohn ſchon wieder dem un⸗ geewiſſen Kriegstreiben preisgegeben zu ſehen, und doch wußten ſie, daß Waldemar ſich durch ihre Bitten nicht würde abhalten laſſen, unter die Flagge ſeines Vaterlandes zu eilen. Dennoch aber hegte dieſer ein ernſtes Bedenken, dem Rufe ohne Weiteres Folge zu leiſten. Wäre der Krieg gegen Frankreich gerichtet geweſen, Keiner hätte freudiger die Waffen ergriffen als er; aber gegen England zu kämpfen, auf deſſen Seite er in der glorreichen Schlacht bei Trafalgar ſieg⸗ reich gegen Napoleon gefochten, ſagte ſeinen Gefühlen und politiſchen Anſichten ſehr wenig zu. Von dem Schwanken jedoch, in welches er demnach gerathen war, befreite ihn endlich das ſich wiederum raſch ver⸗ ——— — 81 breitende Gerücht: der Krieg gegen England ſei o⸗ nicht ernſtlich gemeint, Schweden begünſtigten., ae unter der Hand den Verkehr mit den Engindern und es warte nur eine günſtige Gelegenſeit ab, ſich mit Großbritannien gegen Frankreic ſelbſt zu verbünden, und nur für dieſen Fal' wolle es ſeine Flotte in Stand ſetzen, un dazu bedürfe es der kräftigſten und ſeekundigten Männer.. Dieſe Gerücht, an dem Manches wahr ſein mochte, dränge Waldemar zu einem plötzlichen Entſchluſſe und 5 trat er am 18. Mai vor ſeine Eltern und theilte ihnen mit, daß er am folgenden Tage nach Wittow wandern werde, um ſich auf dem an der Buge an⸗ kernden Schiffe einſchreiben zu laſſen. Vergebens floſſen nun die Thränen der herzlich bekümmernden Mutter, vergebens ſank der Vater in ein trübes Schweigen, Waldemar tröſtete ſie, ſo gut er es vermochte, und wies mit ſchlagenden Worten auf ſeine Vorherſagung hin, die ſich nun ſchneller als man gedacht, bewahrheitet hätte. Durch dieſen Krieg aber, ſagte er, werde der künftige wirkliche Friede ein⸗ geleitet werden, und ſomit ſollten die Eltern nicht troſtlos ſein, er werde glücklich vom Felde der Ehre heimkehren, das ſage ihm ein inneres Bewußtſein, und dann werde nur Freude und Glück unter ihnen Der S trandvogt. IV. 6 82 nen, die ja doch aus ihrem Gemüth verbannt den, wenn er zu Hauſe bliebe und nicht „„ den uummreichen Thaten ſeiner Landsleute Theil nehmen woll Durch ſolcherlei Reden wurden die Eltern zur Bil⸗ ligung ſeiner Abſichten vwogen und wieder war die Zeit gekommen, wo Mutter Ilse dem theuren Sohne das Bündel ſchnürte, wo der Vater ihm ſeine beſten Waffen übergab und mit dem väterlichen Segen aus dem ſtillen Hauſe entließ. Als Waldemar Abſchied von den Eltern genomnen und, das Ränzel ſchon auf dem Rücken, vor ihnen ſtand und Beider Hände hielt, da ſie nicht von ihm laſſen wollten, trat endlich arf einen Wink der Mut⸗ ter der Strandvogt bei Seite und verließ ſogar bald darauf das Zimmer. „Waldemar,“ ſagte Mutter Isske, indem ſie mit ihrer ſchneeweißen Schürze die hellen Thränen zu trock⸗ nen bemüht war, die aber immer wieder von Neuem aus ihren alten Augen hervorquollen, welches Schiff wirſt Du aufſuchen, das in Zicker oder das, welches vor Wittow liegt?“ 3 „Ich werde nach Wittow gehen, Mutter, dort bin ich gleich näher an meinem Beſtimmungsorte.“ „Ich dachte,“ ſagte die Mutter mit leiſer und doch 4 — — 83 verſtandener Betonung,„Du würdeſt lieber das in Mönchgut wählen, um— um noch einmal—“ „Mutter,“ unterbrach ſie der ernſte Sohn mit von innerer Gluth ſtrahlendem Geſicht,„nenne ihren Na⸗ men nicht. Ach, jetzt beim Scheiden ſage ich Dir, daß er mir ſo theuer iſt wie der Deine, aber— ſe⸗ hen, noch einmal ſehen und dann gleich verlaſſen kann ich ſie nicht. Ich habe ihr einſt auf ihre Frage: wann ich zurückkehren würde, geſagt: wenn wir Frie⸗ den hätten oder Sieger wären, und das halte ich noch heute feſt. Jetzt haben wir keinen Frieden, aber Sieger werden wir künftig ſein, das ſagt mir mein Herz, dem ich darin vertrauen kann. Gehe Du ſelbſt aber zu ihr und grüße ſie von mir— ja, grüße ſie herz— lich und ſage ihr, daß ich ihrer gedenken werde in Noth und Gefahr, wie in Freude und Glück. Mehr kann ich jetzt nicht ſagen.“ Fünf Minuten darauf war er dem Auge der Mut⸗ ter entſchwunden und zwei Tage ſpäter ſchon war er ein Bewohner des königlichen Schiffes, das ihn nach Schweden trug, wo er, nach abgehaltener Prüfung als dritter Lieutenant auf die Fregatte Ingiald ver⸗ ſetzt wurde, die nach ihrer Ausrüſtung im Monat dar⸗ auf zum Kreuzen in der Oſt⸗und Nordſee beſtimmt ward. Denn bald darauf war der Krieg gegen Eng⸗ 6 84 land erklärt worden, der aber eben ſo wenig ernſtlich gemeint war, wie der Friede, den Napoleon mit Schweden geſchloſſen hatte, wie die folgenden Ereig⸗ niſſe ſehr bald genügend darthun werden. In Hoffen und Bangen verſtrich den Bewohnern des Kiekhauſes raſch die Zeit; der Sommer war dem Frühlinge, der Herbſt dem Sommer gefolgt und nun ging man ſchon wieder dem Winter entgegen. Wäh⸗ rend dieſes Winters hatte das einſame Elternpaar die Freude, öftere Briefſendungen von dem abweſen⸗ den Sohne zu erhalten, der ihnen meldete, daß er geſund und wohl und bereits in Folge einiger Aus⸗ zeichnungen bei verſchiedenen Gelegenheiten zum zwei⸗ ten Lieutenant auf dem Ingiald avaneirt ſei. Dieſe Briefe, die jeden Abend wieder herbeigeholt und laut vorgeleſen wurden, bildeten das Hauptge⸗ ſpräch im Kiekhauſe und trugen viel dazu bei, den al⸗ ten Leuten die Zeit zu vertreiben, die auch für ſie wieder im Frühjahr des Jahres 1811 eine ernſte und ſorgenvolle werden ſollte. Zugleich hatten ſie dabei Gelegenheit, einzuſehen, daß Waldemar's Ent⸗ ſchluß zur guten Stunde gekommen und er noch bei Zeiten ſeinem Berufe gefolgt war, da er, wenn er jetzt noch auf der Inſel verweilt hätte, zu einem an⸗ deren, ihm wahrſcheinlich weniger zuſagenden Dienſte gezwungen worden wäre. Denn am 30. März 1811 erließ das General⸗Gou⸗ vernement zu Stralſund einen Befehl, der die Errich⸗ tung eines allgemeinen Landſturmes aus den Män⸗ nern vom achtzehnten bis zum dreißigſten Jahr betraf, von welchen alle waffenfähige Mannſchaft unter die Fahnen geſtellt werden und nur Sieche und Krüppel ausgenommen ſein ſollten. Man gab vor, daß die⸗ ſer Landſturm zuſammentreten ſolle, um eine etwaige Landung der Engländer in Pommern und Rügen ab⸗ zuwehren, im Grunde aber wollte man Truppen bei der Hand haben, die gegen jeglichen Feind, wer er auch ſei, verwandt werden könnten. Hiermit aber glaubte man noch nicht genug ge⸗ than zu haben, um gegen alle Ereigniſſe gerüſtet zu ſein, denn der franzöſiſche Kaiſer erhob neue Forde⸗ rungen an Schweden und runzelte die Stirn, daß man dem Handel der Engländer, der ſich überall einzu⸗ ſchmuggeln drohte, nicht mit aller Strenge entgegen⸗ trete. So erſchien denn am 25. April 1811 eine weitere Verordnung, wonach aus dem ausgehobenen Landſturme die beiden pommer'ſchen Regimenter, das Engelbrechten'ſche und das Königin⸗Leibregiment, er⸗ 86 ſteres um 800 und letzteres um 300 Mann vermehrt werden ſollten, die jedoch wieder nach Hauſe zu entlaſ⸗ ſen wären, ſobald mit England Friede geſchloſſen ſei, wozu alle Ausſichten vorhanden waren. Aber auch damit war das Ende der für das kleine Land ſo bedeutenden Rüſtungen noch nicht gekommen, denn am 11. Mai 1811 folgte die Verordnung, daß alle waffenfähigen Männer der Inſel bis zum zu⸗ rückgelegten dreißigſten Jahre aus dem aufgezeich⸗ neten Landſturm jene beiden Regimenter bis zu 1200 Mann Stärke zu ergänzen hätten, wozu zwei Wo⸗ chen ſpäter noch der letzte Erlaß kam, daß die wohl⸗ habenderen Bewohner aus ihrer Mitte noch 88 Berit⸗ tene ſtellen ſollten, die ihre Pferde ſelbſt hielten und zu jederlei Dienſt, namentlich aber zu Ordonnanzen innerhalb des Landes zu verwenden wären. Man kann ſich vorſtellen, daß alle dieſe Befehle, die in überſtürzender Eile einer auf den andern folg⸗ ten, die ganze Inſel in Bewegung ſetzten und end⸗ lich dem Blindeſten und Ungläubigſten die Augen öff⸗ neten, daß ein ernſtlicher Zuſammenſtoß unvermeidlich ſei, ſo wie daß man allein gegen Frankreich mit ſolchen Zurüſtungen vorgehe, da England dem ſchwediſchen Lande ſich eher freundlich als feindſelig erwies und alle Conflikte zur See vermied, die ihm bei ſeiner da⸗ 87 mals ungeheuer großen Flotte ſo leicht geworden wa⸗ ren.— Die Hauptlaſten aber hatte das Land ſelbſt und ſeine mehr arme als reiche Bevölkerung zu tragen, denn es war natürlich, daß alle dieſe von Oben herab befohlenen Einrichtungen ſehr koſtſpielig waren und große Summen erforderten, die durch Ausſchreibung nahmhafter Kopfſteuern und andere außerordentliche Auflagen zuſammen gebracht werden mußten. Mit ahnungsvoller Verwunderung und nicht im⸗ mer ohne Murren wurden alle dieſe Neuigkeiten von den Städtern und Landbewohnern aufgenommen, wozu ſehr viel die Unklarheit der ganzen Lage beitrug. Hätte man von vornherein gewußt, daß alle dieſe Rüſtun⸗ gen und Steuern wegen des verhaßten Kaiſers Napo⸗ leon unternommen und auferlegt wurden, ſo würde man freudig das Letzte geopfert haben, um endlich die langentbehrte Ruhe zu erkämpfen, und Männer wie Jünglinge wären ſingend und fröhlich herbeigeeilt, um Spaten und Ruder mit Säbel und Bajonett zu vertauſchen. So aber hatte man immer noch einen Krieg mit dem heimlich befreundeten England in Ausſicht, und dieſe war nicht dazu angethan, den Muth zu ſpornen und die Leiſtungsfähigkeit bis auf den letzten Nerv anzuregen. 88 Darum gab Jeder nur mit innerem Widerſtreben, was er hatte und nicht hatte, denn man ſah leicht voraus, daß die gebrachten Opfer wenig Anerkennung finden würden, da ſie kein wünſchenswerthes Ziel be⸗ trafen. Freilich verließen die jüngeren Männer ihre Höfe und Häuſer und ſtellten ſich ihren Exercirmei⸗ ſtern in den dazu angewieſenen Ortſchaften, aber ein freudiger Wille that ſich nirgends unter ihnen kund, und eben ſo mußte man viele Mühe aufwenden, die ſparſam vorhandenen Mittel zuſammenzubringen, da namentlich die weniger wohlhabenden Leute noch von der, letzten Occupation der Franzoſen her unter der Schul⸗ denlaſt ſeufzten, die ein großer Theil von ihnen noch nicht hatte abtragen können. Einer der Vielen, die ſchwer unter alle dieſen Sorgen zu leiden hatten, war der Strandvogt im Kiekhauſe zu Saſſenitz. Seine kärglichen Mittel wa⸗ ren ſchon ſeit dem Jahre 1809 erſchöpft und er be⸗ ſaß nur gerade ſo viel, um ſich bei ſeinem geringen Gehalte, der durch kein Nebenverdienſt während der Occupation unterſtützt wurde, von einem Tage zum andern durchzuhelfen, obgleich er bei Weitem noch nicht der Aermſte unter allen ſeinen Nachbarn war. Da aber kam ihm eine Hülfe, auf die er diesmal 89 um ſo weniger rechnen konnte, als ſie ihm ſchon frü⸗ her ſo nachhaltig zur Seite geſtanden hatte. Hille war nämlich, ſobald Waldemar nach Schwe⸗ den abgeſegelt war, nach dem Kiekhauſe gekommen und hatte erklärt, ihren Wohnſitz daſelbſt wieder auf längere Zeit aufſchlagen zu wollen. Ein erwünſchterer Troſt konnte den beiden alten Leuten nicht zu Theil werden. Mit offenen Armen empfingen ſie den ge⸗ liebten Gaſt und nun gab es doch wieder einige Freude in der einſamen Strandwohnung, die unverändert Sommer und Winter wechſeln ſah und deren Dach die Störche aus dem Süden ſo gut im Kriege wie im Frieden als ihre gaſtliche Ruheſtätte betrachteten. Als nun aber Hille bei der wachſenden Noth und Anſpannung des verehrten Pflegevaters mit ihrer na⸗ türlichen Freundlichkeit zu ihm trat und bat, er möge ſich nicht ſo ganz und gar der Sorge um das Mate⸗ rielle hingeben, vielmehr vertrauensvoll auf ſeine be⸗ güterten Freunde blicken, da erkannte er erſt vollkom⸗ men, welchen Segen der gütige Gott mit dieſem ſel⸗ tenen Mädchen ihm in's Haus geſandt hatte. Nicht allein brachte Hille eine Kuh, zwei kleine Schweine und einen ganzen Wagen voll nothwendiger Nah⸗ rungsmittel von Bakewitz mit, ſondern ſie eröffnete auch ſogleich ihre Abſicht, dem Strandvogt die baaren ————— 90 4 Gelder vorzuſtrecken, die demſelben als Steuern von den Behörden auferlegt waren. Staunen auf Seiten des Mannes ſowohl wie der Frau folgte dieſem liebevollen Anerbieten und von nun an war Hille die Lebensſonne der Alten gewor⸗ den, um die ſich alle ihre Hoffnungen drehten, zumal ſie mit einer Entſchiedenheit ohne Gleichen fortfuhr, ihre Worte zu Thaten zu machen und nicht allein dem von ferne drohenden Mangel abzuhelfen, ſondern auch einen gewiſſen Wohlſtand in das Kiekhaus zurückzu⸗ führen, der das Leben daſelbſt erträglich und zu Zei⸗ ten ſogar behaglich machte. So fügte ſich denn der Strandvogt in Alles, was Hille anordnete und un⸗ ternahm, und wenn er auch nicht wußte, wie er ihr einſt ihre Liebe vergelten ſollte, ſo war er doch über⸗ zeugt, daß dieſelbe keinen eigennützigen Grund habe, vielmehr der Ausfluß reiner Menſchenfreundlichkeit und perſönlicher Theilnahme ſei, die ſie auch geübt haben würde, wenn er keinen Sohn gehabt hätte, dem ſie von ganzem Herzen ergeben geweſen wäre. Von dieſem Sohne nun wurde in Hilles Gegen⸗ wart wie von einem Menſchen geſprochen, von deſſen Erhaltung die ganze künftige Exiſtenz der Familie ab⸗ hinge, nie aber wurde eine Anſpielung laut, die ſein Verhältniß mit dem ſchönen Mädchen von Saſſenitz — — 91 betraf, denn daß eine ſolche daſſelbe verletzte und ihr im Herzen wehe that, hatte der alte derbe Strandvogt mehrere Male zur Genüge erfahren. So lebten ſie denn ruhig, hoffnungsvoll und in ihr Schickſal erge⸗ ben fort, ein Tag nach dem andern ſchwand, ein Mo⸗ nat folgte dem andern und es näherte ſich allmälig die verhängnißvolle Zeit, die Waldemar mit dem na⸗ henden Orkan verglichen hatte,— ein Vergleich, der für Rügen wenigſtens leider gar zu treffend war, was ſich ſchon im Anfang des nächſten Jahres darthun ſollte, wie der Leſer ſogleich erfahren wird. Aber nicht allein für Rügen, Pommern und Schwe⸗ den, nicht allein für die ganze ſeufzende europäiſche Welt, die von Napoleon mit Füßen getreten wurde, ſollte die heranſchreitende Zeit ein Orkan werden— Gott hatte in ſeiner allmächtigen Weisheit gewollt, daß dieſer Orkan auch über Frankreich ſich ergießen und endlich, nachdem das Maaß ſeiner Langmuth er⸗ ſchöpft war, den Titanen ſelbſt zu Falle bringen ſollte, der den ſchwer athmenden Völkern ſo lange die eiſer⸗ nen Zügel ſeiner Willkürherrſchaft auferlegt hatte. Wie dieſer Orkan in den Eisfeldern Rußland's ge⸗ gen ihn heranbrauſte und wie er ſich zerſtörend und vernichtend von da nach Süden wälzte, Rußland, Deutſchland befreite und endlich das hoch thronende 92 Frankreich in den Abgrund riß, das weiß der Leſer zur Genüge, denn er hat es aus hundert Erzählungen und Berichten erfahren; wie aber dieſer Orkan auch* über Rügen daherzog und dieſe kleine Inſel mit in das Räderwerk verflocht, welches das große Triebad in Paris in Bewegung ſetzte, das weiß er vielleicht nicht und im Verlaufe unſrer Erzählung wird dieſe Darſtellung ihm daher willkommen ſein, zumal der Ausgang derſelben im vollkommenſten Zuſammenhange mit dem Schickſale der Perſonen ſteht, denen er bis jetzt ſeine Aufmerkſamkeit und vielleicht ſeine Neigung geſchenkt hat. Uiertes Bapitel. * Der Orkan 1812 auf Rügen. Das verhängnißvolle Jahr 1812 war angebrochen. Ganz Europa athmete ſchwer und bang, jedes Land hatte ſeine Laſten zu tragen und keine Nation war frei von Befürchtungen allerlei Art, die ſich wie haus⸗ hohe Wogen über ein niedriges Ufer ohne Damm und Schutz daherwälzten. Aber nicht die Fürſten allein waren von dem Kaiſer der Franzoſen über alles Maaß gedemüthigt und gepeinigt, auch die Geduld und Ergebung der Völker hatte er bis zur Gränze des Möglichen angeſpannt, ſo daß endlich der furcht⸗ bare Löwe aus dem Schlummer erwacht war, der im Schooße einer jeden Nation ſo lange gefeſſelt liegt, bis ſie zum Aeußerſten gezwungen und zur Thatkraft ange⸗ ſpornt wird, die Sieg oder Untergang im Gefolge hat. Auf Rügen war man ſpäter als im übrigen, ge⸗ ſchloſſenen Europa zur Einſicht der olitiſchen Vor⸗ gänge gelangt und dennoch ſollte gerade dies kleine Eiland das erſte Ländchen in Europa ſein, auf deſſen Marken die Franzoſen, die jetzt auch Rußland mit ihren Völkerwogen zu überſchwemmen drohten, ihren erſten Trumpf ausſpielten. Kein Menſch auf der abgelegenen Inſel ahnte, was ihm bevorſtand. Schweden lebte mit aller Welt in Frieden, nur mit England walteten ſcheinbare Ver⸗ wicklungen ob, die aber Niemand für ernſtlich und zum wirklichen Kriege führend hielt. Mit Frankreich hatte es ſogar vor zwei Jahren einen Frieden geſe chloſſen, deſſen Bedingungen, ſo weit wie möglich, gehalten wa⸗ ren, denn ohne allen Handel und Wandel nach Außen hin kann kein Volk beſtehen; und da Napoleon wußte, daß Schweden England zu ſeinem Unterhalt gebrau⸗ chen würde, ſo wußte er auch, daß er die Gelegenheit in Händen behielt, Schweden jeden Augenblick des Treubruchs anzuklagen und es von Neuem mit Krieg zu überziehen. Die Zeit dieſes Krieges ſchien ihm aber gekommen, als er ſeine Entwürfe gegen Ruß⸗ land für vollendet hielt, um den großen Schlag zu wagen, an dem er ſchon ſo lange Jahre gearbeitet, und der allein noch übrig war, um ihn zum Herrn des ganzen Feſtlandes von Europa zu machen. 95 Alle Welt auf Rügen alſo hatte ſich bei Ablauf des Jahres 1811 in das Unvermeidliche gefunden und trug ihr Geſchick mit Ergebung und Hoffnung auf einſtiges Beſſerwerden. Man hielt die eiſerne Strenge dieſes Geſchicks für erſchöpft und glaubte den bitteren Kelch des allgemeinen Völkerwehs bis auf die Neige geleert zu haben. Da fiel wie ein Blitz aus heiterer Himmelsbläue die beinahe unglaubliche Nachricht in's Land, ein anſehnliches franzöſiſches Truppencorps unter dem Befehle des Diviſionsgene⸗ rals Friant nähere ſich den Gränzen Pommern's, und kaum hatte dieſe erſchreckende Nachricht die Runde ge⸗ macht, ſo beſtätigte ſie ſich und General Friant rückte wirklich in Stralſund und den andern Hauptſtädten der Provinz ein. Was das bedeutete, wußte kein Menſch und jedes Herz ſchlug in banger Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. Der franzöſiſche Herr General aber ließ nicht lange auf die Erklärung warten. Er kam jedoch diesmal mit lächelnder Miene und verſicherte in einer öffentlichen Bekanntmachung, ſein Einmarſch ſei nur der Beſuch eines Freundes, den der Kaiſer Napoleon auf Grund ſeiner herzlichen Eintracht mit dem König von Schweden ſende, um die brüderlichen Verträge in Ausführung zu bringen, die man 1810 abgeſchloſſen habe. Dieſe Verträge bezögen ſich haupt⸗ ſächlich auf das feindſelige Verhalten der Engländer gegen Pommern und Rügen; gegen dieſe wolle er das Land ſchützen und man müſſe daher das Seinige thun, um den edelmüthigen Freund recht warm zu halten, vor allen Dingen alſo ſorgen, daß die franzö⸗ ſiſchen Truppen während ihres Aufenthalts von dem beſchützten Lande ſelbſt wohl verpflegt und unterhal⸗ ten würden. Dieſe Erzählung goß denn allerdings keinen wohl⸗ thuenden Balſam in die noch friſch blutende Wunde der im Herzen tief verletzten Bewohner der überſtröm⸗ ten Provinz. Daß Frankreich eine Landung der Eng⸗ länder verhindern und dem Handel mit ihnen wehren wolle, war nur ein ſehr matter Vorwand, da, Pom⸗ mern und Rügen gar keinen Handel mit England trieb und dieſes nicht die geringſte Miene gemacht hatte, ein feindliches Corps daſelbſt landen zu laſſen. Daß alſo hinter der geheuchelten Freundſchaft der Franzoſen etwas Anderes verſteckt war, ſah auch der einfachſte Landmann ein, und in dieſer Meinung wurde Jeder beſtärkt, als er das weitere Verhalten der liebe⸗ vollen Schutzmacht mit kritiſchen Blicken betrachtete. Vom Generalcommando in Stralſund wurden ohne Weiteres bedeutende Ausſchreibungen behufs Liefenun⸗ —— —— 97 gen von Kriegsvorräthen, Geldſummen und Pferden erlaſſen. Damit ſich die erſtaunten Inſelbewohner nicht etwa mit ihren Waffen ſelbſt verwundeten, ver⸗ langte man die Auslieferung aller ſpitzen und ſcharfen Inſtrumente. Was aber dem Ganzen die Krone auf⸗ ſetzte, war die planmäßig ſchon entworfene Einſetzung einer öffentlichen und geheimen Polizei, die ſich alle Mühe gab, die genauſten Erkundigungen über die perſönlichen Verhältniſſe verſchiedener Familien einzu⸗ holen und diejenigen Männer an'’s Licht zu ziehen, die etwa in früheren Jahren auf der ſchwarzen Liſte der Franzoſen geſtanden und in irgend einer Weiſe gegen Wunſch und Willen des franzöſiſchen Impera⸗ tors geſprochen und gehandelt hatten. Man zog da⸗ her längſt vergeſſene Dinge aus dem Staube der Ver⸗ gangenheit hervor, ſuchte und forſchte nach dieſem und jenem Parteigänger und erklärte laut, daß man nur dann Ruhe und Zufriedenheit im Lande haben werde, wenn alle dieſe Unruheſtifter für immer zum Schweigen gebracht ſeien. Hiermit aber glaubte man noch nicht genug ge⸗ (han zu haben. Um den Handel und Wandel nach Außen gänzlich abzuſchneiden, gebot man, daß alle in Pommer'’ſchen und Rügianiſchen Häfen liegenden Schiffe entmaſtet werden und ſelbſt kein kleines Boot Der Strandvogt. IV. 7 —-—u— —————— —— 98 den Strand verlaſſen ſollte, wodurch denn die armen Schiffer und Fiſcher gänzlich um ihren dürftigen Brod⸗ erwerb kamen. Außerdem ſtreifte man in wahrhaft räuberartigen Zügen durch die ganze Inſel, forderte überall, wo es beliebt ward, Einlaß oder erzwang ihn, wenn nicht gleich die Thür geöffnet ward, indem man vorgab, die Bewohner hätten heimlich engliſche Contrebande verſteckt. So nahm man fort, was Con⸗ trebande und keine war, und um die Wiedereinfuhr einer ſolchen zu verhindern, zog man eine ſtarke Doua⸗ nenlinie längs der ganzen Seeküſte im Norden und Oſten, ſo daß alſo Rügen wie mit einer eiſernen Mauer franzöſiſcher Bajonette umgeben war. Dieſer freundſchaftliche Einzug der Franzoſen ſollte aber bald noch klarer in ſeiner wahren Geſtalt hervor⸗ treten, und dazu gab die kriegeriſche Miene Veranlaſ⸗ ſung, die der Kaiſer von Rußland gegen Napoleon annahm, deſſen Langmuth endlich erſchöpft war und der es für zeitgemäß hielt, dem Umſichgreifen des fran⸗ zöſiſchen Eroberers und ſeiner wachſenden Macht in Deutſchland einen feſten Damm entgegenzuſetzen. Um dieſen nordiſchen Rieſen nun zu zertrümmern und auf ewige Zeiten in die ſibiriſchen Eisfelder zu⸗ rückzujagen, beſchloß Napoleon, verblendet von ſeinem bisherigen Glück und unerſättlich in Befriedigung ſei⸗ 99 nes Ehrgeizes, ihn in ſeinem eigenen Lande anzugrei⸗ fen, und er bot daher ſeine ganze Heeresmacht und alle ſeine Hülfsvölker auf, um dieſen verhängnißvol⸗ len Plan ſiegreich auszuführen. Zu dieſen Hülfsvöl⸗ kern rechnete er auch die Schweden und forderte ſie deshalb auf, ihm mit ihren Truppen nach Rußland zu folgen. Der König von Schweden aber weigerte ſich recht⸗ ſchaffen, den abenteuerlichen Zug mitzumachen, da er nicht abermals mit Rußland den Streit beginnen wollte, der erſt vor Kurzem mit dem Verluſte Finn⸗ land's für Schweden geendet hatte; er zog es viel⸗ mehr vor, in einer beſchaulichen und abwartenden Neutralität zu verharren. Durch dieſen ſehr weiſen Entſchluß aber hatte er ein für alle Mal mit Napo⸗ leon gebrochen, und dieſer, in der Meinung, als Rä⸗ cher und Beſtrafer aller Handlungen auf Erden, die gegen ihn ſelbſt gerichtet waren und die er ein un⸗ kluges Anſtreben gegen den Strom der Welt nannte, berufen zu ſein, beſchloß nun, ihn dafür zu züchtigen und ſeine bisherige ſcheinbare Freundſchaft in fühl⸗ bare Feindſchaft zu verwandeln. So warfen denn zu⸗ nächſt die in Pommern und Rügen ſtehenden Fran⸗ zoſen die Maske ab und zeigten ſich in ihrer wahren Geſtalt. Bisher hatten die beiden pommer'ſchen Regi⸗ 4. 7* 3 menter, die in Stralſund und Greifswald in Garniſon lagen, noch ihre Waffen behalten und mit den Fran⸗ zoſen gemeinſchaftlich den Dienſt verrichtet. Am 3. Juli 1812 aber zwangen die Franzoſen plötzlich die ſchwediſchen Trommelſchläger, den Generalmarſch zu ſchlagen, während ſie ſelbſt ſchon in weit überlegener Anzahl unter dem Gewehr ſtanden. Bevor nun die pommerſchen Bataillone, ahnungslos, was ſie be⸗ drohte, ſich verſammelt hatten, waren ſchon die Haupt⸗ wachen entwaffnet und ſtarke franzöſiſche Patrouillen ergriffen in den Straßen die einzelnen pommer ſchen Officiere und Soldaten, die, dem Rufe der Trommeln folgend, ihren Sammelplätzen zueilten. Als dies zum Schrecken der Einwohner und zum maaßloſen Staunen der ſchwediſchen Krieger geſchehen war, wurden beide Regimenter, nachdem ſie entwaff⸗ net waren, für franzöſiſche Kriegsgefangene erklärt und einige Tage ſpäter wirklich nach Frankreich ab⸗ geführt. Dieſe Gewaltthat rief einen Weheſchrei hervor, der durch das ganze Land dröhnte und ſelbſt bis nach Schweden hinüber drang. Um ſein ſchutzloſes Land von den umherziehenden franzöſiſchen Marodeurban⸗ den und Streifcolonnen, die überall nach Colonial⸗ waaren ſuchten und unter dieſem Vorwande Dörfer, —— „* —— 101 Höfe und einzelne am Strande liegende Häuſer be⸗ raubten und brandſchatzten, wenigſtens einigermaßen zu ſchützen, ließ der König von Schweden einigen ſtark bemannten Kriegsfahrzeugen den Befehl erthei⸗ len, in unmittelbarer Nähe von Rügen zu kreuzen, ebenfalls als Parteigänger aufzutreten und, wo ihre an's Land geſetzte Mannſchaft es durchführen konnte, ihre Landsleute in Schutz zu nehmen, namentlich aber ſie vor übereilter Bezahlung der geforderten Contri⸗ butionen zu warnen, da ein Umſchwung der Dinge nicht ganz unmöglich ſei, eine weiſe Zögerung darin alſo von großem Nutzen ſein könne. Die ſchwediſchen Schiffsführer, beglückt, nun auch endlich einmal gegen die Franzoſen in Thätigkeit ge⸗ ſetzt zu werden, gehorchten und ſegelten von Schwe⸗ den heran, und zum erſten Male war es den troſtlo⸗ ſen Rügianern vergönnt, ihre Nationalflagge wieder auf offenem Meere flattern zu ſehen, obgleich ſie nicht ahnten, was das Erſcheinen derſelben zu ſo bedräng⸗ ter Zeit zu bedeuten habe. Unterdeß aber hatte Napoleon ſeinen Marſch nach Rußland angetreten und von den drei großen franzö⸗ ſiſchen Colonnen zog die auf dem linken Flügel durch Norddeutſchland ihrem Ziele zu, wodurch es denn kam, daß in Pommern immer ein Regiment dem an⸗ 102 dern auf dem Fuße folgte und ſo die armen ausge⸗ ſogenen Bewohner immer härter bedrückt wurden. So waren denn die Franzoſen wieder in facti⸗ ſchem Beſitz von Pommern und Rügen, weshalb auch auf ihren Befehl am 15. Auguſt die ganze Provinz den Geburtstag Napoleon's durch Illumination und andre Feſtlichkeiten feiern mußte, wobei die Drohung verkündigt ward, daß diejenigen Häuſer bemerkt und ihre Bewohner zur Beſtrafung gezogen werden ſollten, welche dieſem Befehle zuwider handeln würden. Am 14. Septemper 1812 war die franzöſiſche Ar⸗ mee, wie es allgemein hieß, vollkommen ſiegreich bis Moskau vorgedrungen. Auch dieſe Errungenſchaft mußte auf Befehl des franzöſiſchen Gouverneurs Mo⸗ rand in Stralſund am 4. October feſtlich begangen werden, und es ward alſo ein öffentliches Dankfeſt in den Kirchen gehalten und am Abend eine noch glän⸗ zendere Illumination, als die im Auguſt veranſtaltete, angeſagt. Bis zu dieſem Punkte wollen wir einſtweilen dem Laufe der Geſchichte folgen und nun zu unſrer Erzäh⸗ lung auf Rügen ſelbſt zurückkehren, das damals mehr denn je unter der Zuchtruthe ſeines gewaltthätigen Eroberes litt, jedoch müſſen wir vorher noch einige —— Worte über die Truppen ſagen, die zu dieſer Zeit auf Rügen ſelbſt ſtanden und ihre Spionir⸗ und Raubzüge bis an die äußerſten Punkte der Inſel ausdehnten, ſo lange ihre Macht durch den Abzug einer größeren Truppenzahl nach Rußland noch nicht geſchwächt und die ſchwedi⸗ ſchen Seemänner noch nicht gelandet waren, um den feindlichen Unternehmungen Jener mehr oder minder offen entgegen zu arbeiten. Unter General Morand, der ſeine Reſidenz in Stralſund aufgeſchlagen, commandirte einen Theil der Truppen auf Rügen von ſeinem Hauptquartier in Ber⸗ gen aus unſer ehemaliger Bekannter Monsieur de Caillard, der unterdeß den Lohn für ſeine Tapferkeit erhalten hatte und zum Colonel eines reitenden Jä⸗ jerregiments avancirt war. Man hatte abſichtlich die⸗ ſen Herrn auf die Inſel poſtirt, weil er die Verhält⸗ niſſe derſelben genügend aus eigener Anſchauung kannte und mit der Art und Weiſe wie mit den Vermögens⸗ umſtänden der Perſonen beſſer vertraut war als irgend ein Andrer und alſo am beſten ihre Steuer⸗oder viel⸗ mehr Contributionsfähigkeit beurtheilen,— das heißt, ſie bis auf den Grund ausſaugen konnte. Mr. de Cail- lard war der paſſendſte Mann dazu, dieſen Befehlen buchſtäblich Folge zu leiſten, und wenn er ſchon früher Vielen Furcht eingeflößt, ſo machte er ſich jetzt durch 104 die herzloſe Handhabung der ihm aufgetragenen Pflich⸗ ten noch mehr verhaßt. Eine Zeitlang hatte er ſich in Bergen, bis auf die Organiſation und Durchführung der ſchon erwähnten Spionirzüge, ziemlich ruhig verhalten und vor der Hand nur haarſcharfe Erkundigungen über alle dieje⸗ nigen Perſonen eingezogen, mit denen er früher in freundlicher oder feindlicher Weiſe in Berührung ge⸗ kommen war. So hatte er auch erfahren, daß Graf Brahe in Folge jenes Zweikampfs, für den er ſein Zuſcimentreffen mit ihm ſelbſt ausgegeben, geſtorben und Waldemar Granzow auf einem ſchwediſchen Schiffe abweſend ſei. Von dieſen beiden Perſonen alſo hatte er eben ſo wenig zu befürchten, wie er ſie mit ſeinem durch die Zeit geſteigerten Grimme weiter verfolgen konnte. An Gylfe Torſtenſon hatte er kurz nach ſei⸗ nem Einzuge in Bergen einen zärtlichen Brief geſchrie⸗ ben und ihr darin geſagt, daß der Aufbau ſeines ihr verheißenen Paradieſes immer näher rücke, daß er ſich deshalb bemüht habe, wieder in ihre Nähe zu kom⸗ men, und daß er ſie beſuchen werde, ſobald es ſeine Zeit geſtatte, um ſeine Verlobung mit ihr zu feiern und ſie nach dem ſiegreichen Feldzuge in. Rußland nach Frankreich zu führen,— denn nach dieſem Feldzuge, der der ganzen Welt Frieden geben werde, könne er mit Ehren ſeinen Aſchied nehmen, um ihren Reizen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen und ihr ſein gan⸗ zes ferneres Leben zu widmen. Ob dieſes Vorgeben ſein Ernſt war, müſſen wir dahin geſtellt ſein laſſen, wenigſtens hat Gylfe Tor⸗ ſtenſon in ſpäteren Jahren oft genug erzählt und ſo⸗ gar vor ihren Gefährtinnen beſchworen, daß ihre Ver⸗ bindung mit dem Colonel Caillard bereits feſtgeſetzt geweſen ſei, woran zu zweifeln uns kein handgreifli⸗ cher Grund vorliegt. Daß er aber nicht ſo eilig in der Betreibung ſeiner Verlobung war, wie er es mit der Verheirathung werden zu wollen verſprach, wiſſen wir beſtimmt, denn er blieb mehrere Monate in Ber⸗ gen, ohne den ſogenannten Brautzug nach Spyker zu unternehmen. Wahrſcheinlich wollte er erſt eine aus⸗ führliche Nachricht von ſeiner Angebeteten abwarten und aus ihrem eigenen Munde hören, wie es auf Spyker ſtand, um nach dem Ausfall derſelben ſeinen Entſchluß zu gelegener Zeit auszuführen oder ganz fahren zu laſſen. Dieſe Nachricht aber ließ etwas lange auf ſich warten, denn Gylfe, die ſeit ſeiner fluchtartige Ab⸗ reiſe von Spyker keine Zeile von ihm erhalten hatte, trotzdem er ſie ihr mit heiligen Eiden verheißen, war beinahe zwei Jahre lang in einen furienartigen Grimm über dieſe Vergeßlichkeit verfallen und hatte durch ihr herriſches Weſen und ihre ſtete galligte Laune allen Bewohnern von Spyker das Leben daſelbſt zur Hölle gemacht. So beſchloß ſie jetzt, ihren ſaumſeligen An⸗ beter eine Weile ſchmachten zu laſſen, und erſt als ſie zu fürchten begann, ſein Regiment könne wie viele andere in aller Stille nach Rußland geſchickt werden, ließ ſie ſich zu einer Antwort herbei, worin ſie kurz ſagte: Herr von Caillard möge kommen und ſie be⸗ ſuchen, das Uebrige werde ſich finden. Dieſe Antwort ſchien dem eitlen Colonel allerdings ſehr kurz und bündig, aber weniger zärtlich und liebe⸗ voll zu ſein, und nach ihr zu ſchließen, konnte er bei der Schreiberin keine große Sehnſucht nach ſeiner herr⸗ lichen Perſon vorausſetzen. Bevor er ſich daher zu einem Beſuche auf Spyker rüſtete, zu dem ihn noch ein anderer Beweggrund trieb, ſchrieb er noch einmal und erkundigte ſich ſehr ſorfältig nach allen übrigen daſelbſt beſtehenden Verhältniſſen. Auf dieſe Anfrage erfolgte eine ſehr eilige und viel freundlichere Antwort, als die erſte geweſen war, und es hieß darin, die Verhältniſſe auf dem Schloſſe ſeien die alten, ſowohl was die Perſonen als Dinge beträfe, er möge bald kommen, denn man erwarte ihn mit Ungeduld. 107 Jetzt beſchloß der Colonel nicht länger zu zögern, um ſeinem Glücke in die Arme zu eilen. Aber bevor er ſelbſt ging, ſchickte er ein kleines Truppencorps vor⸗ aus, welches das Terrain recognosciren und den oben⸗ erwähnten zweiten Beweggrund vorläufig in nähere Betrachtung ziehen ſollte. Dieſer Beweggrund beſtand in nichts Anderem, als in der Behauptung, man habe ihm bei ſeinem vor zwei Jahren erfolgten Abzuge aus Spyker ſeine Effec⸗ ten vorenthalten. Er habe ſie auf einen Wagen la⸗ den laſſen und man habe verfehlt, ſie ihm nach Ber⸗ gen nachzuſenden. Er werde jetzt kommen, den That⸗ beſtand unterſuchen und den Schuldigen zur Rechen⸗ ſchaft ziehen, jedenfalls aber hoffe er, ſein Eigenthum unverſehrt vorzufinden. Mit dieſem vorläufigen Auftrage nun trafen ſeine Abgeſandten in Spyker ein, ſiedelten ſich feſt im Schloſſe an und begannen daſſelbe herrliche Leben zu führen, was ihre Vorgänger im Jahre 1809 geführt hatten, nur daß man in Anbetracht der günſtigeren Sachlage geſteigerte Anforderungen machte und ſich als ein zwiefach gekränkter und mißhandelter Feind geberdete. Gegen andere Perſonen hatte der Colonel bis jetzt ſeiner oberherrlichen Gewalt noch nicht die Jasel ſchießen laſſen, ſeine Abſicht war vor der Hand auf Spyker und deſſen Reichthümer gerichtet, die er ſich diesmal nicht wieder wollte entſchlüpfen laſſen. So hatte er es auch nicht für rathſam gefunden, gegen den Vater des ſchurkiſchen Granzow beſonders feind⸗ ſelig aufzutreten, einmal, weil er wußte, daß derſelbe genügend durch frühere Einquartierung gezüchtigt war und auch jetzt wieder anſehnliche Contributionen hatte zahlen müſſen, ſodann aber weil er nicht beab⸗ ſichtigte, den Groll der ſchon genug gereizten Leute noch lebhafter gegen ſeine Perſon zu ſtacheln, da er einen unbezwinglichen und mit einiger Beſorgniß ge⸗ paarten Widerwillen gegen den jungen Mann hegte, der ihn ſchon einmal ſo argliſtig getäuſcht hatte und ohne Zweifel geneigt ſein mußte, wegen ſeines gemor⸗ deten beſten Freundes, des Grafen Brahe, an ihm Rache zu nehmen. Sein ferneres Verfahren im Spyker'ſchen Schloſſe intereſſirt uns für jetzt nicht, wir können indeſſen annehmen, daß er, als er bald darauf ſelbſt dort ein⸗ traf, alle Maaßregeln ergriff, um zu ſeinem ihm an⸗ geblich vorenthaltenen Eigenthume zu gelangen, ſo wie daß es ihm glückte, den Zorn der gekränkten Gylfe zu beſchwichtigen, die in ihrem leichtſinnigen Herzen ſehr bald die zwei Jahre vergaß, die ſie einſam ver⸗ 109 trauert hatte, und ſich nur allzubald den heuchleri⸗ ſchen Galantrieen wieder ergab, die der kaiſerliche Of⸗ ficier ſo freigebig in ihre Ohren träufelte. Kehren wir dafür lieber in das ſtille Kiekhaus zurück und ſe⸗ hen wir, was ſich daſelbſt an dem Tage zutrug, als zu der amtlich feſtgeſetzten Stunde am 4. October 1812 auch dort die Einnahme von Moskau durch die befohlene Illumination gefeiert werden mußte. Im Hauſe des Strandvogts war es in dieſen letz⸗ ten Zeiten mitunter ſehr trübſelig hergegangen; und nicht ſowohl waren es die materiellen Verluſte, die man am Ende noch verſchmerzen konnte, als viel⸗ mehr das Bewußtſein des allgemeinen über das Land und ſeine Bewohner hereingebrochenen Elends, welches das Herz der alten Leute ſo tief erſchütterte. Katürlich hatten die Franzoſen gleich anfangs, ſo⸗ bald ſie die Inſel von Neuem in Beſitz genommen und ihre Douanenlinie la, zſt des Strandes aufge⸗ ſtellt, ihr Augenmerk hauptſächlich auf Jasmund und alle Stranddörfer gerichtet, da dieſe nach ihrer Mei⸗ nung dem Schmuggelhandel mit den Engländern überaus günſtig gelegen und ihm alſo ohne allen Zweifel leidenſchaftlich ergeben waren, was indeſſen 110 nur in höchſt ſeltenen Ausnahmen der Fall ſein mochte. So hatten ſie denn eine ſtarke Beſatzung auch nach Saſſenitz gelegt, indem ſie einige Fiſcher⸗ familien gänzlich aus ihren Häuſern vertrieben und ſelbſt darin Platz nahmen; das auf der anmuthigen Höhe belegene Kiekhaus aber hatte ſich ein Officier zur Sommerwohnung auserleſen und darin nach Wohl⸗ gefallen gehaust, als wäre er der alleinige Beſitzer deſ⸗ ſelben und die darin Angeſſenen ſeine Diener und Leibeigenen. Als man ſich aber überzeugt hatte, daß wenig⸗ ſtens in dieſem Hauſe keine Colonialwaaren verſteckt waren, ärgerte man ſich über den Fehlgriff und fing nun ſeine Wuth an verſchiedenen Gegenſtänden da⸗- ſelbſt auszulaſſen an. Vor allen Dingen zerſtörte man die neugebauten Boote des Strandvogts oder brachte ſie an Orte, wo man ſie zu eigenen Zwecken brauchen konnte, vorgeblich, um den Bewohnern jede Möglichkeit des Verkehrs mit den Engländern zu neh⸗ men. Sodann aber, als man ſah, daß auch dadurch der Gleichmuth der ſtillen Inſulaner nicht erſchüttert wurde, ging man zu anderweitigen Quälereien über, tobte und ſchimpfte auf das ſchlechte Eſſen, die vie⸗ len Fiſche, den mangelnden Wein und drohte das Haus in Brand zu ſtecken, wenn es nicht bald anders —— 111 würde. Als es nun aber nicht anders wurde, berich⸗ tete der Officier nach Bergen, daß der Strandvogt Granzow ein ſehr hartnäckiger Querkopf ſei und daß er ohne Zweifel ſein Geld vergraben habe, um es nicht zum Nutzen ſeiner Gäſte zu verwenden, indem aus ſeiner Einrichtung, Kleidung und ſeinem ganzen Gehaben klar hervorgehe, daß er ein bemittelter Mann ſei, man ihn alſo zwingen müſſe, ſeine Einquartie⸗ rung anſtändiger zu bewirthen. In Folge dieſer Anzeige ſchritt man denn zu den ſchon vorher beſchloſſenen Contributionen und Daniel Granzow gehörte mit zu Denen, deren Vermögen man um das Zehnfache zu hoch anſchlug und demge⸗ mäß beſteuerte. Beſchwerden Seitens des Ueberbür⸗ deten wurden von Niemandem angehört, noch weni⸗ ger berückſichtigt, und ſo blieb ihm denn nichts An⸗ deres übrig, als Hille's edelmüthiges Anerbieten an⸗ zunehmen und mit ihrem Gelde die auferlegten Sum⸗ men zu bezahlen. Nachdem nun faſt das ganze Hab und Gut der Familie verſchlungen und auch Hille vorläufig mit ihren baaren Mitteln zu Ende gekommen war, trat eine vergleichsweiſe viel glücklichere Zeit für ſie ein. Das Bataillon Infanterie, zu dem die in Saſſenitz liegenden Truppen gehörten, bekam wie viele andere 122 der in Pommern ſtehenden Regimenter geheime Marſch⸗ ordre nach Rußland und zog eines ſchönen Morgens ab, ohne daß man wußte, warum und wohin es ſich in Bewegung ſetze. Die Zurückbleibenden aber erhiel⸗ ten den Befehl, im Dorfe unmittelbar am Strande Quartier zu nehmen, da ſie von der entfernteren Höhe aus das Treiben der Fiſcher nicht ſo gut überwachen könnten. So wurde denn das Kiekhaus wieder frei und blieb es auch, da nach und nach immer mehr Truppen von der Inſel fortgezogen und anderweitig verwandt wurden, nur die leidigen Abgaben hörten nicht auf, und da man ſie endlich factiſch nicht mehr zahlen konnte, blieben ſie auf dem Papiere ſtehen und ſammelten ſich daſelbſt allmälig bis zu einer Höhe an, die man heute nicht mehr glaubhaft finden würde, wenn man ſie läſe. Durch alle dieſe äußeren Bedrückungen war end⸗ lich der zähe Strandvogt mürbe geworden; wie zer⸗ ſchmettert wankte er im Hauſe hin und her und freute ſich weder über die blauen Meereswellen, noch über den pfeifenden Wind, der ſonſt doch ſeine Lieb⸗ lingsmuſik geweſen war. Ja er hatte ſchon lange das Rauchen vergeſſen, er ließ keinen ächt ſeemänni⸗ ſchen Fluch mehr hören, der doch immer zu der Le⸗ bensnothdurft dieſer natürlich ſich darſtellenden Kern⸗ menſchen gehört, und ſchon in den ſchlaffen Zügen ſeines Geſichts ſprach ſich die Ermattung aus, von der ſein Geiſt und Gemüth ergriffen war. Wenn dann einmal die liebliche Hille an ihn her⸗ antrat, ihre ſüße Stimme ertönen ließ und ihn mit der Zukunft und dem einſtigen Beſſerwerden tröſten wollte, dann ſchüttelte er ſchwermüthig den ſchneeweiß gewordenen Kopf, klopfte ihr leiſe auf die blühende Wange und ſagte wehmüthig:„Du haſt gut reden, mein Kind, Du biſt noch jung und haſt eine Zukunft vor Dir, für uns alte Leute aber giebt es keine künf⸗ tige Zeit auf Erden, die heutigen Tage ſind unſer Alles, und die ſind, Du weißt es wohl, nicht gerade ſegensreich. Doch Du meinſt es gut und ich danke Dir. Ich werde es dem Waldemar ſagen, wenn er wiederkommt, was Du für uns geopfert haſt und ge⸗ weſen biſt, und der, ach ja, nur der wird es Dir dan⸗ ken und lohnen.“ „Du irrſt, lieber Ohm,“ hatte dann wohl Hille geantwortet; dafür will ich von ihm weder Dank noch Lohn, denn was der Menſch dem Menſchen aus freien Stücken und mit warmem Herzen thut, bedarf beides nicht, und Waldemar kann ſeine Mühe auf wichtigere Dinge richten.“ „Nun,“ ſagte dann die Mutter, mit ihren immer Der Strandvogt. IV. 8 114 noch ſtrahlenden Augen lächelnd,„er wird ſchon wiſ⸗ ſen, was er zu thun hat, und wir wollen uns alle Drei darin finden, denn am Ende wird er es doch gut machen, ich kenne meinen Sohn.“ Mit dieſen oder ähnlichen Worten hatte ſie ſtets nicht allein den Alten beruhigt, ſondern auch Hillen unendlich wohlgethan, denn dieſe hörte Waldemar gar zu gern ſelbſt von ſeinen Eltern loben. Sie ging dann gewöhnlich auf die Mutter zu, umfaßte ſie mit ihren ſchönen Armen und küßte ſie herzlich und wiederholt auf beide Wangen, da ſie ja nichts Anderes hatte, was ſie mit ganzer Inbrunſt küſſen und an ihren Buſen drücken konnte. So war auch im Kiekhauſe der 4. October des Jahres 1812 herangekommen und auch hier war die Illumination angeſagt und die allgemeine Strafdro⸗ hung hinzugefügt, für den Fall, daß man dem Be⸗ fehle nicht gebührlich nachkommen werde. Schon am frühen Morgen war deshalb die alte Trude nach Sagard geſandt, um von einigen zurückgelegten Er⸗ ſparniſſen Hille's, die nur zu den nothwendigſten Be⸗ dürfniſſen verwandt werden ſollten, bei einem Krämer die paar Pfunde Lichte zu kaufen, die man zu der befohlenen Freudenerleuchtung gebrauchte. Es war ein windſtiller und ſonnenklarer Tag, ſo 115 lieblich, ſo milde und doch ſo erfriſchend, wie man ſie häufig in dieſer Jahreszeit auf Rügen findet. Ein ſanfter mattblauer Duft lag über dem leiſe athmen⸗ den Meere, das faſt dieſelbe herrliche Farbe zeigte, wie das darüber ſtrahlende Azur des Aethers. Unten am Strande murmelte die Brandung wie gewöhnlich an ſolchen Tagen mit jener ſüßen Muſik, die für ein empfängliches Ohr eine ungemein beſänftigende, bei⸗ nahe einſchläfernde Gewalt hat, und die Seeſchwalben flogen mit den weißen Möwen um die Wette weit auf die See hinaus, ſpielend und ſich jagend, wie die Kinder es thun, wenn ſie recht glücklich und ſee⸗ lenvergnügt ſind.. Aber noch durch eine neue und aufregendere Er⸗ ſcheinung ſollte ſich dieſer wichtige Tag in unſrer Ge⸗ ſchichte auszeichnen und dieſe gehörte zu den in dieſer Zeit nicht alltäglichen, ja faſt ganz vergeſſenen. Schon am Morgen hatten ſich nämlich im Norden, etwa zwei oder drei Seemeilen von Arkona entfernt, einige Se⸗ gel gezeigt, die bei dem ruhigen Waſſer und dem kaum merkbaren Luftzuge langſam und bedächtig auf der blauen Spiegelfläche daherflutheten, und alle in Saſſenitz mit dem Waſſer und den Vorgängen dar⸗ auf vertrauten Augen hatten neugierig Stundenlang ausgeblickt, um ſich klar zu machen, welche Urſache 116 dieſe jetzt ſo ſeltenen Gäſte in das ſtille Gewäſſer führte und was ſie daſelbſt in der Nähe des Landes wohl bezwecken möchten. So auch im Kiekhauſe. Aber ſo ſehr ſich der Strandvogt mit ſeinem Glaſe und Hille mit ihren Falkenaugen auch bemüht hatten, die Flaggen an dem Top oder der Gaffel der Schiffe zu entdecken und dar⸗ aus auf ihre Abſicht zu ſchließen, ſie hatten bisher noch keine wahrnehmen können und waren alſo noch immer im Unklaren geblieben, was man von ihnen zu hoffen oder zu fürchten habe. Endlich war der Strandvogt des langen Ausſchauens müde geworden. Unwillig ſchob er das Glas zuſammen und drehte dem Waſſer den Rücken, um mit Hille, die heute un⸗ ermüdlich an ſeiner Seite ausgehalten, in das Haus zu Mutter Ilske zurückzukehren. „Hol' ſie der Henker!“ ſagte er auf dieſem Gange unwillig,„ich habe das Ding ſatt! Gegen Abend werden ſie ſchon näher kommen und dann will ich an ihrer Takelage bald ihr Vaterland erkennen. Mir gleich, ob es nun Schweden oder Franzoſen ſind, uns können ſie doch nichts mehr nehmen.“ „Aber geben, Ohm;“ ſagte Hille ſanſt und legte ihren ſchönen runden Arm in den ſeinigen,„und gleichgültig iſt es Dir doch nicht, ob es Schweden oder Franzoſen ſind.“ „Du irrſt, Kind. Wenn es Franzoſen ſind, ſo wollen ſie ihre Landsleute nach Rußland oder Preu⸗ ßen holen, denn Rußland verzehrt Menſchen und Frankreich nimmt Alles mit, was es aufraffen kann; man munkelt ſchon lange davon, daß mehr Men⸗ ſchenkinder da oben in einem Tage drauf gehen, als in Jahren geboren werden. Nun ja, und wenn es Schweden ſind, was dann?“ Hille hätte wohl eine Antwort auf dieſe Frage gehabt, aber ſie ließ ſie nicht über ihre Lippen drin⸗ gen. Leiſe ſenkte ſie den anmuthigen Kopf auf die Bruſt, um das Erröthen zu verbergen, das beim Anblick dieſer Schiffe an dieſem Tage ſchon oft ihre Wan⸗ gen überfluthet hatte. Sodann aber ging ſie Mut⸗ ter Ilske zur Hand, um ihr zu helfen, die Lichte an den rechten Ort zu ſtellen und Alles ſo einzurichten, daß jeder Späher der erbitterten Feinde, falls er irgend wo heimlich verborgen wäre, mit der Ausführung der gegebenen Befehle zufrieden ſein konnte. Der Abend mit ſeinen Schatten war gekommen und es nahte die Zeit, wo man die feſtlichen Lichter anzünden mußte. Mutter Ilske und Hille beſorgten die Arbeit und der Strandvogt ging ſehr übelge⸗ launt mit geſenktem Kopfe im Zimmer auf und ab. Es war nun komiſch mit anzuſehen, wie in dieſem wie in allen übrigen Häuſern auf Rügen alle meiſten⸗ theils alten Leute— denn die jüngeren waren ja von den Franzoſen außer Landes geführt— vor den Fenſtern ihrer Zimmer ſaßen und die Lichter in Brand ſetzten, um damit eine Freude an den Tag zu legen, die kein Einziger von ihnen empfand. Ueber⸗ all gab es die nämlichen mürriſchen Geſichter, die⸗ ſelben vor Wuth zuſammengebiſſenen Zähne und die⸗ ſelben hochverrätheriſchen Wünſche, daß dieſe officiell anbefohlene Feſtlichkeit die letzte ſein möge, die man erzwungener Weiſe zur Schau ſtellen müſſe. „Nun, Alter, ſieh, da brennen ſie,“ rief Mutter Ilske, von einem Fenſter zum andern trippelnd und endlich zu ihrem Mann zurückkehrend, der, die düſter aufflackernden Lichter keines Blicks würdigend, ſtill vor ſich her brummend auf und nieder ſchritt. „Laß ſie brennen, in's Teufels Namen!“ lautete die barſche Antwort.„Ich wünſchte, ſie ſteckten die ganze Welt in Brand.“ „Das wünſcheſt Du nicht, Ohm,“ ſohmeichelte Hille, nahe an ihn herantretend und ſeine Schulter mit ihrer Hand berührend,„ohnedieß brennt ſie hell genug.“ „Und doch wünſche ich es, aber nicht unſre Welt will ich in Flammen aufgehen ſehen, ſondern deſſen, der uns die unſrige zur Hölle gemacht hat. Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde ihm noch eine ganz andere Fackel anzünden, um ihm hinaus zu⸗ leuchten, wo der Zimmermann das Loch gelaſſen hat.“ „Alter! warum ſo brummig? Das hilft ja zu nichts. Und laß es ihn ja nicht hören, daß Du ſo unehrerbietig von ihm ſprichſt, denn der Herr hat lange Hände und kann weit damit reichen.“ „Aber keine ſo langen Ohren, daß er meine Worte hören könnte.“ „Nein,“ ſagte Mutter Ilske lächelnd,„in Mos⸗ kau hört er es freilich nicht. Ach, daß auch die alte Czarenſtadt den Jammer hat erleben müſſen!“ „Moskau!“ fuhr der Alte empört auf.„Was geht mich Moskau an! Czarenſtadt! Was iſt Czar? Um die Herren kümmere ich mich nicht, die ſind ſelbſt daran ſchuld, daß der Teufel ſich losgeriſſen hat und mit ſeinen Hörnern unter ſie gefahren iſt, nur um die Menſchen iſt mir's zu thun. Czar hin Czar her! Er hätte ſich auch beſſer halten können hinter ſeinen Feſtungen und mit ſeinen Millionen Rubeln! Nun hat ers davon, nun ſaugen die Franzoſen an ihm wie an uns! Ha, er wird auch bluten müſſen! Ob er wohl auch Contributionen bezahlen muß?“ „Gewiß,“ erwiderte Hille,„und noch viel grö⸗ ßere als wir.“ 3 „Das iſt ihm auch recht. Er hat auch viel mehr Geld als wir!“ „Wo die Franzoſen nur das viele Geld laſſen,“ bemerkte Mutter Ilske,„ich möchte es wohl mal zu⸗ ſammen auf einem Haufen ſehen, was ſie der ganzen Welt abgenommen haben.“ „Da hätteſt Du auch was Rechtes davon! Ich möchte es lieber den armen Leuten zurückgegeben wiſ⸗ ſen, denen ſie es geſtohlen haben.“ „Nun ja, das wäre auch mein Wunſch, aber es iſt ein vergeblicher, denn was ein Wolf erſt in ſei⸗ nem Rachen hat, das giebt er nicht wieder heraus, und dieſe Napoleoniſchen Franzoſen ſind Wölfe von der raubgierigſten Art. Aber wozu das Gewäſch, das uns doch keinen Heller wiederbringt! Alter, weißt Du was? Rauche eine Pfeife, das iſt viel gemüthli⸗ cher als Dein Brummen, und vertreib Dir die Grillen.“ „Grillen? Wo ſollten die noch herkommen? Ich wüßte nicht, um was ich noch Grillen fangen ſollte, denn ich habe nichts mehr auf der Welt.“ 121 „Doch, Ohm, Du haſt Deine gute Mutter Ilske und mich,“ ſagte Hille mit ihren ſanfteſten Schmei⸗ cheltönen und umſchlug mit dem Arm wieder den ſteifen Nacken des alten Seemanns. „Und Waldemar!“ rief bedeutungsvoll die Mut⸗ ter, dicht an die Beiden herantretend. „Ja, Euch habe ich,“ ſagte der Alte, ſchon etwas beſänftigt,„und ſogar hier in der Stube. Waldemar habe ich auch, aber wo? Auf dem Waſſer! Nun ja, Gott im Himmel, das iſt nicht anders, denn das iſt ſein Element und das wird ihn nicht untergehn laſſen. Heda! Nun wird mir wieder wohler, da ich ſehe, daß ich noch ſo Viel habe. Soll ich wirklich einmal rauchen, Kinder, he? Na, da gieb mir mal die Pfeife, Mädchen— ſo! Ei! Sie iſt ja ſchon ge⸗ ſtopft; das iſt hübſch von Dir!“ Mit dieſen Worten trat er an den Tiſch und nahm Hille die lächelnd dargereichte holländiſche Pfeife ab, aus der er am liebſten rauchte. Als das in Rügen eingeſchmuggelte Kraut in Brand geſetzt war und kräf⸗ tig duftende Dampfwolken die kleine Stube erfüllten, nahm ſein leutſeliges Geſicht wieder das alte behag⸗ liche Schmunzeln an und er trat alsbald an das Fen⸗ ſter und ſchaute ſcharf in die mondhelle Nacht hinaus, die lieblich, wie der Tag geweſen war, aber noch un⸗ 122 endlich viel ruhiger und ſüßer auf dem leiſe wogen⸗ den Meere lag. Sogleich war Hille an ſeiner Seite und wie er ſchaute ſie rechts und links ſich um, als wiſſe ſie ſchon, was der alte Strandvogt daſelbſt ſuche und wolle ihn dabei unterſtützen. „Siehſt Du noch die Schiffe?“ fragte er ſie nach einiger Zeit, während welcher er den ganzen vor ihm liegenden Horizont gemuſtert hatte. „Ja, Ohm, eins wenigſtens, dort, etwas ſüdlich von hier liegt es. Es hat aber beigedreht— der Wind iſt todt und die Segel hängen ſchlaff von den Spieren herab. Sie ſind gewiß vor Anker gegangen.“ „Vor Anker? Mit hängenden Segeln? Gott be⸗ wahre mich, dann würden ſie ſie doch erſt beſchlagen haben, ſo iſt es wenigſtens Brauch bei den Seeleuten. Na, warte nur— Deine Zeit kommt auch noch— Du wirſt noch viel zu lernen haben von dem See⸗ brauch, wenn Du erſt“— „Alter!“ warnte Mutter Ilske und ſtieß ihn hef⸗ tig von der Seite mit dem Ellbogen an. „Was denn? Was habe ich denn Uebles geſagt? Sie wird noch viel zu lernen haben vom Seebrauch, ſagte ich, denn der Menſch muß Viel lernen in der Welt, und Hille lebt in der Welt und wird künftig noch mehr darin leben.“ Hille machte ſich während dieſes mit neckiſcher Miene vorgebrachten Geſprächs bei den Lichtern zu ſchaffen und putzte ſie, wobei ſie eins auslöſchte, da ſie ihre Ohren vielleicht mehr bei den Worten der alten Leute als ihre Augen bei der erwähnten Arbeit hatte. Als ſie aber damit zu Stande gekommen war und das er⸗ bärmliche Talglicht wieder brannte, trat ſie zu dem Strandvogt heran, klopfte ihm auf die Schulter und ſagte: „Du haſt Recht, Ohm, ich bin jung und werde noch Viel zu lernen haben, und das will ich von gan⸗ zem Herzen gern, wenn mir die Gelegenheit dazu wird. Aber ſieh, es iſt heute ein ſo ſchöner Abend, der Mond ſcheint prächtig und die Luft iſt ſo warm wie im lieb⸗ lichſten Sommer. Wollen wir vielleicht ein wenig hin⸗ aus gehen und uns auf die Bank unter den Bäumen am Klippenrande ſetzen?“ „Hoho, Ilske, merkſt Du den Braten? Ich ſag's ja! Ha, Kind, Deine Liebhaberei für die See thut ſich in allen Deinen Wünſchen kund. Ich wette, Du willſt doch nur hinaus in's Freie, um nach dem Schiffe zu ſehen, das Du ſchon lange für ein ſchwe⸗ diſches hältſt, und ich vielleicht auch. Na ja, ich bin dabei. Aber wer wird im Zimmer bleiben und die verfluchten Lichter bewachen und putzen, daß ſie uns 124 nicht noch die Gardinen verbrennen und die ganze Stube verſtänkern, he? Hol' der Teufel die ganze Il⸗ lumination um die Affaire bei Moskau! Wer ſieht ſie hier in dem abgelegenen Hauſe? Und wir, denen das Herz beinahe vor Wuth berſtet, müſſen für unſern letzten Groſchen Geld noch die Dinger kaufen, anſtek⸗ ken und obendrein noch den Nachtwächter dabei ſpie⸗ len. Nein, das wird mir denn doch zu arg!“ „»Lieber Ohm,“ beſchwichtigte ihn Hille und holte ſchon den warmen Rock des Alten herbei und den ſchwarzen Mantel der Mutter mit der Kapuze,„das iſt nun nicht anders und alles Lärmen darüber hilft nichts. Uebrigens werde ich der Trude ſagen, daß ſie auf die Lichter Acht giebt, während wir draußen ſind und ein Stündchen friſche Luft ſchöpfen.“ „Dann bin ich zufrieden,“ rief der Alte.„Halloh, Mutter, raſch, tummle Dich, das Mädchen hat uns einen guten Vorſchlag gemacht.“ Fünſtes Vnpitel. Der Orkan beſänftigt ſich. So traten ſie denn aus der Hinterpforte des Hau⸗ ſes in's Freie und ſetzten ſich auf die mehrerwähnte Bank zwiſchen den beiden Buchen, von wo aus ſie das ganze ſchöne Schauſpiel dicht vor Augen hatten, welches ihnen die milde Octobernacht darbot. Der im vollen Glanze am Himmel langſam dahinſegelnde Mond, weder von Wolken noch Dünſten verhüllt, warf ſeinen flimmernden Rieſenſtrahl ungehindert in das klare Meer, auf deſſen Oberfläche er ſich wie ein flüſſiger Silberſtreifen ſpiegelte, der, unabſehbar an Länge, bis an den fernſten Horizont ſtreifte, wo er allmälig blaſſer wurde und zuletzt ſich in lauter kleine Lichtpünktchen auflöſte. Das Meer ſelbſt aber ließ jenes majeſtätiſche Rauſchen vernehmen, das nur die Stille der Nacht durchdringt, dann aber um ſo feier⸗ licher die Seele ſtimmt, deren Ohr geübt iſt, die Stim⸗ mung der Natur ſelbſt im leiſeſten Wehen wahrzu⸗ nehmen. 1 Die drei Menſchen, die wir auf ihren Schauplatz begleitet haben, hatten alle offene Sinne für dieſe ih⸗ nen entgegentretenden Erſcheinungen und ſie ſogen mit Wolluſt den lieblichen Anblick und die erhabenen Töne ein, die ſich vor ihnen entwickelten. Aber nach⸗ dem ſie eine Weile gelauſcht und geſchaut hatten, richteten ſich unwillkürlich und wie in Folge einer ge⸗ heimen Verabredung ihre Blicke nach Südoſten hin⸗ über, wo ſie bald auf einem Gegenſtande haften blie⸗ ben, der ihnen unter den Umſtänden, wie er diesmal erſchienen war, von großer Bedeutung ſein mußte. In der angegebenen Richtung nämlich lag unbeweg⸗ lich, wie auf den ſchlafenden Wogen ruhend, ein gro⸗ ßes Schiff, das ohne Zweifel ein Kriegsſchiff war, denn dafür ſprach eben ſeine Größe und die vollkom⸗ mene Takelung, deren Zierlichkeit und Regelmäßigkeit man faſt mit bloßen Augen erkennen konnte. Mit Hülfe eines Fernglaſes aber vermochte man deutlich die zwanzig dunklen Punkte wahrzunehmen, die in zwei Reihen übereinander auf der dem Lande zuge⸗ kehrten Steuerbordſeite an dem Rumpfe hafteten und nichts anderes als eben ſo viele Kanonenluken wa⸗ ren, aus denen die Tod bringenden Röhren ſchauten, die um dieſe Zeit eine ſo traurige wie bedeutungs⸗ volle Rolle in der Geſchichte der Völker ſpielten. Das Schiff war alſo eine Fregatte von vierzig Kanonen, die zu irgend einem Zwecke in dieſe Gewäſſer geſandt war und ſich nur aus dem Grunde der Küſte ſo nahe wie möglich gelegt hatte, um ſie mit Muße und Be⸗ haglichkeit beobachten zu können. Ein Zeichen, woran man die Nationalität des Fahrzeugs hätte erkennen können, war nirgends vor⸗ handen, denn die Farbe des langen vom Hauptmaſt wehenden Wimpels war nicht zu unterſcheiden und die Beſahnruhte zeigte keine Flagge, wahrſcheinlich in der Abſicht, um keinen der am Lande das Schiff beobach⸗ tenden Bewohner den eigentlichen Grund ſeiner An⸗ weſenheit errathen zu laſſen. Nachdem der alte Strandvogt eine lange Zeit damit hingebracht hatte, das ganze Schiff von der Gallion bis zum Spiegel und vom Großtop bis zum Waſſerſpiegel zu muſtern, ſetzte er das Glas vom Auge ab und ſagte ruhig:„Ich weiß nicht, was es für ein Landsmann iſt, doch ſcheint er uns nichts Ueb⸗ les zu verkünden. Ich möchte aber wetten, daß er ein Schwede iſt oder höchſtens ein Engländer, denn die Herren Franzoſen lieben ein höheres Stangenwerk und verſtehen nie eine ſo herrliche Symmetrie in der Takelage hervorzubringen, wie dieſes ſchöne Fahrzeug ſie zeigt.“ „Könnte es nicht auch ein Däne ſein?“ fragte Mutter Ilske, nachdem ſie in aller Ruhe eine Weile nachgedacht hatte. „Bei Gott, Ilske, ja, Du haſt Recht!“ rief der Strandvogt.„Ja, ein Däne kann es auch ſein, denn die verſtehen ſich auf gute Schiffe, das muß man ih⸗ nen laſſen.“ „Es iſt ein Schwede,“ ſagte Hille mit einer in⸗ ſtinctartigen Gewißheit, die manche Frauen auch in Angelegenheiten beſitzen, die eigentlich nicht zu ihrem Wirkungskreiſe gehören.„Ich glaube es wenigſtens.“ „Ich auch,“ rief der Alte beiſtimmend,„und wir Beide bilden die Majorität, Mädchen. Aber was will der nur hier— das iſt die Frage. Ha, ſeht Ihr die Lichter an ſeinem Bord? Wahrhaftig, ſie gehen mit Laternen auf und nieder. Na, iſt den Herren der Mondſchein noch nicht hell genug? Wollen ſie den Fiſchen eine Illumination bereiten?— Ha, am Ende ſind es doch Franzoſen, die die Einnahme von Moskau mit uns zugleich feiern.“ 3 „Nein, nein,“ ſagte Hille beſtimmt,„das iſt keine — 129 Illumination, Ohm. Sie ſetzen vielleicht ein Boot aus und dabei brauchen ſie Licht.“ „Mädchen, was Du klug biſt! Halloh, ich ſehe es durch mein Glas. Wahrhaftig, ſie laſſen ein großes Boot in See— ſie bemannen es— Kinder, was hat das zu bedeuten?“ Der alte Mann, auf das Höchſte geſpannt, war von der Bank aufgeſprungen und hatte ſich dem Berg⸗ abhange ſo nahe wie möglich aufgeſtellt, um dem kommenden Schauſpiele ſeine ganze Sehkraft zuwen⸗ den zu können. Neben ihm auf der einen Seite ſtand ſeine Frau und auf der andern Hille, deren lautes Athmen, als würde ihre Bruſt von einer ungewöhn⸗ lichen Spannung gehoben, ſich in der Stille der Nacht deutlich vernehmen ließ. „Sie kommen!“ ſagte der Alte, nachdem wieder einige Zeit in ſtiller Betrachtung vergangen war.„Ich ſehe es, ſie ſind ſchon am Rudern. Horch! Hört Ihr es? Sie ſtreichen prächtig, die Jungen, und haben ihr Handwerk aus dem Grunde gelernt.“ Er hatte Recht, eine ziemlich große Barke näherte ſich dem Lande und je näher ſie kam, um ſo deutli⸗ cher vernahm man den regelmäßigen und wohllauten⸗ den Schlag, den nur die mit genaueſter Pünktlichkeit geführten Riemen eines Kriegsbootes bei Nlillem Waſ⸗ Der Strandvogt. IV. ——— 130 ſer und namentlich in geräuſchloſer Nacht hören laſſen.. „Bei Gott!“ rief der Alte mit jauchzender Stimme, „ſie kommen auf Saſſenitz los und wollen landen. Soll ich einmal hinunter laufen und ſehen, was es giebt?“ „Das wirſt Du hübſch bleiben laſſen,“ ſagte Mut⸗ ter Ilske und hielt ihren Mann am Arme feſt, als wollte ſie ihn dadurch an ſich feſſeln;„es könnten immerhin trotz Deiner Wiſſenſchaft und Hille's Glau⸗ ben Franzoſen ſein, die an's Land kämen, um die Illumination von Saſſenitz aus der Nähe zu betrachten.“ „Du haſt Recht, Alte, Donnerwetter! Das iſt wahr. Kommt, Kinder, ſetzt Euch nieder, da bleibt uns denn nichts Anderes übrig, als in aller Ruhe abzuwarten, was daraus wird.“ Er ging mit ſeiner Frau nach der Bank zurück, nur Hille blieb wie an den Boden gewurzelt auf der Klippe ſtehen und ſchaute mit wogender Bruſt nach dem Meere hinab, welches das Boot mit ziemlicher Schnelle durchſchnitt, bis es endlich an der gewöhnlichen Landungsſtelle anlangte und, ohne ein Hinderniß zu finden— denn es ſtanden jetzt keine Franzoſen im Dorfe, was ſie zu wiſſen ſchienen— ſeine Beman⸗ nung zum größten Theil an's Ufer ſteigen ließ. 131 Jetzt endlich trat Hille zu den Verwandten zurück, wiewohl in einer Haltung und Spannung, die nur darum den beiden Alten entging, weil ſie zu ſehr mit ihren eigenen Empfindungen beſchäftigt waren, um auf die eines Andren zu achten; mit den Augen im⸗ mer noch den Strand verſchlingend und ihre Ohren der Richtung zuwendend, in welcher der Fußſteig von Saſſenitz auf die Höhe durch die Steinbachſchlucht führte, ſah ſie die beiden Alten weder, noch hörte ſie irgend ein Wort, welches ſie mit einander ſprachen. Nach einer Weile aber, als ſich im Kiekhauſe nichts von den unten am Strande bei Saſſenitz Ge⸗ landeten blicken ließ, hatte der Strandvogt das War⸗ ten ſatt und da er zugleich einigen Appetit verſpürte, ſo forderte er die Seinigen auf, mit ihm in das Haus zurückzukehren und das Abendbrod einzunehmen. Beide Frauen ſtimmten bei und folgten ihm in das Haus, wo man Trude von ihrem Aufſeheramt erlöſte und ihr das Abendeſſen hereinzubringen befahl. Kaum aber hatte ſie das Zimmer verlaſſen, ſo wandte Hille das Ohr nach der Thür, denn es war ihr, als hätte Jemand heftig das Gatterthor zugeſchlagen, das den Garten vor'm Hauſe einfaßte. Sie hatte ſich nicht getäuſcht. Einen Augenblick ſpäter ließen ſich männliche Fußtritte auf dem Flur 132 vernehmen und:„Es iſt Waldemar!“ rufend, ſprang ſie zur Thür, um ſie dem Beſuchenden zu öffnen, denn daß nur dieſer es ſein konnte, der in ſo ſpäter Abendſtunde vom Strande heraufkam, hatte ihr ſchon lange eine innere Stimme verrathen, ohne daß ſie ſich eines beſondern Grundes dieſer Annahme bewußt geweſen wäre. Da gab es denn eine lärmvolle und freudenreiche Scene in dem kleinen Kiekhauſe und lange dauerte es, ehe Waldemar dazu kam, die Urſache ſeines Be⸗ ſuches zu erklären, denn die endloſen Ausrufungen der glücklichen Mutter und das jauchzende Freudenge⸗ ſchrei des Vaters ließen ihn kaum zu Worten kommen, obgleich man ihm anſah, daß er Wichtiges genug zu berichten und nur wenig Zeit dazu übrig habe, da er wiederholt nach der Uhr blickte, die in der Ecke ſtand und ſo eben die neunte Stunde angab. Endlich aber hatten die alten Eltern ſich in ihren freudigen Ausrufungen Genüge gethan und nun traf auch Hille die Reihe der Begrüßung, die ein warmer Händedruck einleitete, der von beiden Seiten etwas ungewöhnlich verlängert und von Blicken begleitet wurde, die ſo gut Gedanken ausſprachen, wie nur Worte es gekonnt hätten. Als aber auch dieſe Be⸗ ———— —— grüßung vorüber war, wandte ſich Waldemar zu al⸗ len Dreien und theilte ihnen Folgendes mit. „Ich habe nur eine Stunde für diesmal geit,“ ſagte er,„um Euch einen kurzen Beſuch abzuſtatten, und muß alſo raſch die Urſache deſſelben erklären. Vier ſchwediſche Schiffe haben den Befehl, ſo dicht wie möglich um Rügen herum zu kreuzen und im Fall der Noth unſern Landsleuten gegen die Franzo⸗ ſen beizuſtehen. Die Politik unſrer Regierung ſcheint ſich wieder gegen Napoleon gewendet zu haben und ein gänzlichee Bruch ſteht nahe in Ausſicht. So iſt man namentlich der maaßloſen Quälereien der Feinde auf der Inſel müde und will vor allen Dingen ihren Raubzügen ſteuern, die ſie unter dem Vorwande, ver⸗ botene Colonialwaaren zu ſuchen, an einzeln liegenden Strandhöfen und Häuſern ausführen. Wenn nun auch von Euch mehr gefordert werden ſollte, als Ihr leiſten könnt, oder ſobald man Euch auf irgend eine Weiſe bedrängt, ſo hißt eine weiße Flagge an irgend einem Orte auf und Ihr werdet ſogleich einige wohl⸗ bemannte Boote mit Bewaffneten zu Eurer Hülfe her⸗ ankommen ſehen. An Geld aber zahlt nichts mehr, wie ſehr man Euch auch bedrohen oder treiben mag. Die commandirenden Generäle und Oberofficiere ver⸗ hängen dieſe Contributionen nur, um ihre eigene 134 Habſucht zu befriedigen, und was Ihr mit Eurem Schweiße erworben oder mit Mühe Jahre lang für den Abend Eures Lebens erſpart habt, das ſtecken ſie lachend in ihre Taſchen und vergeuden es in kürzeſter Zeit. Aber das will unſer König nicht länger ge⸗ duldig mit anſehen und darum hat er ſeine Schiffe hierhergeſandt. Leider habe ich meine Station auf der Südoſtſpitze der Inſel erhalten und ſobald der Wind aufſpringt, werden wir unſre Stelle einnehmen; ſtatt dieſes Schiffes aber wird ein anderes kommen und ſo gern wie wir auf das geringſte Zeichen Euch zu Hülfe eilen.“ „Ja, ja doch, das iſt mir ſchon recht,“ unterbrach ihn der ungeduldige Strandvogt,„aber das klingt ja gerade ſo, als ob Schweden Frankreich wieder den Krieg erklärt hätte oder es wenigſtens bald thun wollte?“ Waldemar lächelte triumphirend.„So ſieht es allerdings aus, mein Vater, und wir Alle hoffen und wünſchen es, da ſich das Verhängniß endlich wider den Allerweltsbedrücker gewandt und ſeiner Macht vor⸗ läufig einen gewaltigen Stoß beigebracht hat.“ „Wie ſo denn, mein Sohn, davon wiſſen wir ja gar nichts.“ „Das glaube ich gern und auch wir haben erſt 3 135 ſeit geſtern eine beſtimmte Kunde davon erhalten. Ich wollte ſie Euch aber als das koſtbarſte Geſchenk, was ich bringe, zuletzt auftiſchen. In Rußland, ſo hieß es beinahe ſchon ſeit einer Woche, ſei dem Kai⸗ ſer Napoleon nicht Alles nach Wunſch gegangen. Er habe allerdings zuerſt einige Siege erfochten, aber da⸗ bei ſo große Verluſte erlitten, daß ſie Niederlagen gleichkommen. Dabei ſoll es den Truppen in den wüſten Haidegegenden an Nahrung fehlen und die Kälte ſo wunderbar früh ausgebrochen ſein, daß die ganze Armee große Noth leidet. Geſtern aber erhiel⸗ ten wir zufällig eine Nachricht, die noch Schlimmeres erzählt und dennoch auf Wahrheit beruht. Wir be⸗ gegneten nämlich zwei ruſſiſchen Courierſchiffen, die nach Stockholm und London ſegelten, und riefen ſie an. Da hörten wir denn, daß die Czarenſtadt Mos⸗ kau in Brand gerathen und der Kaiſer Napoleon da⸗ durch gezwungen ſei, mit großen Verluſten dieſelbe zu verlaſſen und ſeine Armee zurückzuführen, um ſie nicht ganz dem Elende des Hungers und der nagenden Kälte preiszugeben. So ſcheint es denn, als ob eine neue Aera für uns anbrechen ſollte, und wenn man der franzöſiſchen Armee auf ihrem Rückzuge bei Zeiten die Wege ſperrt und die ruſſiſche Armee ihre Pflicht erfüllt, ſo dürfte es bald einen Kaiſer und eine halbe Million Menſchen— ſeine glorreiche Armee— we⸗ niger auf der Welt geben. Daß Schweden aber gegen ihn operirt, iſt ſo gut wie gewiß und davon liefert ja auch ſchon unſre Sendung einen genügenden Be⸗ weis. Alſo Muth, mein Vater, Hoffnung und Gott⸗ vertrauen! Wir gehen einer beſſern Zeit entgegen und bald wird der Kummer, den wir ſo lange getra⸗ gen haben, von unſern Herzen genommen ſein.“ Sprachlos, mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte der Strandvogt den alſo Redenden an; was er da eben hörte, hatte er nicht im Geringſten zu hoffen ge⸗ wagt. Endlich aber ermannte er ſich und, ſeinen Sohn kräftig am Arme ſchüttelnd, ſagte er:„Junge, was Du uns da geſagt haſt, klingt wie die lieblichſte Muſik in meinen Ohren, aber ich glaube es noch nicht recht und muß erſt die Beſtätigung abwarten.“ „Die wird nicht lange ausbleiben, in wenigen Ta⸗ gen wird es England aller Welt verkündigen und auch von Deutſchland her wird das Gerücht durch nähere Berichte beglaubigt werden. Ich möchte wet⸗ ten, daß die Franzoſen in Stralſund und Bergen ſchon mehr davon wiſſen, als ſie laut werden laſſen, doch, das wird ſich ja bald durch ihre Bewegungen verra⸗ then, wie wir ja auch ſchon in Erfahrung gebracht, daß ſie nach und nach die disponiblen Regimenter ganz im Stillen von hier fortgezogen und nach dem Norden geſchickt haben.“ „Aha! Darum auch! Ja, das mag wahr ſein, Junge. Wir haben ſchon ſeit ein paar Tagen keine Truppen mehr geſehen und ſie ſtreifen nur noch ganz einzeln hie und da herum, um zu ſpioniren oder zu ſtehlen, was Eins und Daſſelbe bei ihnen iſt. Hur⸗ rah! Das iſt eine große Freude heute Abend, nun wollen wir die Illumination für uns abbrennen, ſo haben wir die Lichter doch nicht vergeblich gekauft!“— Die kurze Zeit, die Waldemar an dieſem Abend im elterlichen Hauſe verleben konnte, verfloß überaus ſchnell und man hatte ſich noch nicht zur Hälfte das volle Herz frei geſprochen, als die alte Uhr ſchon die geſetzte Friſt für abgelaufen erkennen ließ. So war denn wieder einmal die Trennungsſtunde gekommen und Waldemar ſchied mit dem Verſprechen, ſo bald wie möglich wiederzukehren, und mit dem Wunſche, daß ein glücklicher Friede nicht allzu lange mehr auf ſich warten laſſen möge. Seelenvergnügt brachten die beiden Alten den Reſt dieſes Abends zu, denn ſie hatten einmal unerwartet ihren Liebling wiedergeſehen; Hille dagegen war ſchweig⸗ ſam und ſchien das Glück der Hoffnung auf beſſere Zeiten nur innerlich zu fühlen, wenigſtens ſprach ſie — B4bs 138 es nicht hörbar aus und auch in den nächſten Tagen lebte ſie mehr ſtill für ſich, indem ſie mit ſich zu Rathe ging, ob es unter dieſen Verhältniſſen beſſer für ſie ſei, im Kiekhauſe zu bleiben oder nach Bake⸗ witz zurückzukehren und dort die Entſcheidung abzu⸗ warten, die bald Jedermann auf der Inſel für nahe bevorſtehend hielt. Dieſe Entſcheidung jedoch ſollte noch ziemlich lange auf ſich warten laſſen, obwohl ſie mit entſchiedenen Schritten herannahte, was ſich alle Tage zweifelloſer herausſtellte. Acht Tage nach der feſtlichen Illumina⸗ tion, welches die letzte war, die Napoleon den von ihm beſetzten Ländern aufzwang, war es Niemandem auf Rügen mehr verborgen, daß der Kaiſer in der That große Verluſte in Rußland erlitten habe und daß er allen Ernſtes bemüht ſei, ſeine gelichtete Ar⸗ mee durch die noch in Deutſchland an verſchiedenen Orten ſtehenden Regimenter zu ergänzen. So zog denn auch aus Schwediſch⸗Pommern eine Abtheilung nach der andern fort und zuletzt blieben nur noch ſo viel zurück, als zur Beſitzerhaltung der mit Beſchlag be⸗ legten Landstheile durchaus nothwendig waren. Rü⸗ gen behielt nur noch ein halbes Bataillon Infanterie und ein halbes Regiment Cavallerie, über welche Trup⸗ pen Colonel Caillard in Bergen den Oberbefehl er⸗ rang und nun kraft der in ſeine Hand gelegten Macht nach Belieben an allen Orten ſchalten und walten konnte. Namentlich war er auf das Eifrigſte befliſ⸗ ſen, die rückſtändigen Contributionen zuſammenzutrei⸗ ben, die im November und December von Neuem ausgeſchrieben worden waren, und in Anbetracht der großen Summen, die der Kaiſer beanſpruchte, eine beträchtliche Höhe erreichten. Allein die ſchlauen In⸗ ſulaner hatten ſich die Winke, die ſie von allen Sei⸗ ten erhalten, zu Herzen genommen und ſträubten ſich von Tag zu Tag, indem ſie Mittelloſigkeit vorſchütz⸗ ten und wiederholt durch Rede und Schrift dartha⸗ ten. Die franzöſiſchen Befehlshaber, durch dieſe hart⸗ näckige Weigerung auf's Höchſte erbittert, ſchrieben im⸗ mer höhere Summen aus, die wiederum nicht bezahlt wurden, und ſo zog ſich die unerquickliche Fehde durch den ganzen Winter hin, ohne daß man davon hörte, daß irgend wo fernere Gewaltmaaßregeln gegen das Eigenthum der beſitzenden Klaſſe ergriffen worden wären. So kreuzten denn auch die ſchwediſchen Kriegs⸗ ſchiffe auf und ab, ohne jemals zu einer von ihnen ſehnlichſt erwarteten Landung bewogen zu werden, al⸗ lein ihre Anweſenheit ſchien doch von Einfluß auf die Feinde geweſen zu ſein, denn dieſe ahnten ſonder Zwei⸗ fel, weshalb ſie ihre drohenden Mäuler gegen ſie auf⸗ geſperrt hatten, und hielten ſich von allem gewaltthä⸗ tigen Vorgehen weislich zurück. Unter dieſen Umſtänden war es Waldemar nicht mehr geglückt, ſeine Eltern noch einmal zu beſuchen; die ſchwediſchen Schiffsführer zogen es vor, jeden Zu⸗ ſammenſtoß mit den Franzoſen zu vermeiden, ſo lange es möglich war, und ſo ließen ſie Niemanden an's Land, ſo viele Wünſche dazu auch von Seiten der eingeborenen jungen Männer, die an Bord waren, laut werden mochten. Von Woche zu Woche aber langten, zum Theil auf den größten Umwegen, die Nachrichten von den Ereigniſſen in Rußland an und wiederum waren es die Engländer, die ſich am meiſten bemühten, den wahren Sachverhalt der Vorgänge innerhalb der gro⸗ ßen franzöſiſchen Armee den allmälig aufathmenden Bewohnern des Feſtlandes mitzutheilen. So erfuhr man denn, daß Napoleon am 18. Dezember 1812 in Paris eingetroffen ſei und ſeine Armee hülflos in den Schneefeldern Rußlands zurückgelaſſen habe, aber zu⸗ gleich, daß er von Neuem ungeheure Anſtrengungen mache, den Krieg abermals zu beginnen und es noch einmal mit ſeinen deutſchen und ruſſiſchen Gegnern zu verſuchen. 8 4 Jetzt aber erhob ſich das bisher in Feſſeln gele⸗ gene Volk der Deutſchen wie auf einen Ruf. Auch die Fürſten erwachten zum Bewußtſein ihrer Pflicht und ſo traten die großen antifranzöſiſchen Bewegun⸗ gen des Jahres 1813 ein, die wir Alle kennen und hier alſo nicht weiter zu verfolgen brauchen. Auch auf Rügen war die Stunde der Befreiung von der franzöſiſchen Willkür und Tyrannei nahe. Bereits am Ende des Februar, bevor noch das theilweiſe mit Eis belegte Waſſer der Oſtſee den Schiffen den Eingang geſtattete, zeigten ſich dann und wann auf offener See engliſche Kreuzer, die mit der vorrücken⸗ den Jahreszeit ſich alle Tage vermehrten und um ganz Rügen herum allmälig einen Wald von Segeln emportauchen ließen, wie ihn die erſtaunten Inſelbe⸗ wohner lange nicht oder vielleicht noch nie geſehen hatten. Da regte es ſich denn auch gewaltig im Innern dieſer ſtillen und lange ſo Schweres erduldenden Men⸗ ſchen und auf allen Stationen wehten die weißen Flaggen, die ſchwediſchen Krieger herbeizurufen, nicht um von ihnen in einer noch etwa drohenden Gefahr Beiſtand zu erbitten, ſondern um ſie einzuladen, den alle Tage erwarteten Abzug der Franzoſen mit anzu⸗ ſehen, deren Verbleiben auf der Inſel allmälig un⸗ möglich geworden war, indem ſie befürchten mußten, 142 von ihrer großen Armee gänzlich abgeſchnitten und von den heranſchwärmenden Deutſchen und Englän⸗ dern gefangen genommen zu werden. Waldemar war es in dieſen Tagen geglückt, einige Stunden in Saſſenitz zu landen und ſeine Eltern wiederzuſehen. Zu ſeinem Erſtaunen fand er ſie al⸗ lein, denn Hille war von ihrem Pächter nach Bake⸗ witz berufen worden, um dort ſeine Pläne für den kommenden Frühling zu vernehmen und dem ſorglichen Manne ihren Rath zu ertheilen, der durch die vielen Bedrückungen in ſeinen Vorſätzen ſchwankend gewor⸗ den war und ohne die Zuſtimmung der Herrin des Gutes nicht gern zu neuen Unternehmungen ſchreiten wollte. Als Waldemar am Abend dieſes Tages an Bord des Ingiald zurückkehrte, empfing er von ſeinem Com⸗ mandeur den am wenigſten erwarteten Befehl, mit zehn Marineſoldaten und einer Abtheilung waffenfä⸗ higer Matroſen auf Rügen zu landen und den Ab⸗ zug der Franzoſen zu beobachten, der, wie man an dieſem Tage erfahren, am 8. März ſtattfinden ſollte. Mit dem Ingiald zugleich ſandten auch die andren Schiffe einen Theil ihrer Mannſchaften an's Land, die ſämmtlich den Befehl erhielten, auf den großen Stra⸗ ßen hin und her zu marſchiren und darauf zu achten, — 143 daß die abziehenden Franzoſen dieſelben nicht mit Raub und Plünderung beſudelten. Es war am 6. März 1813, als Waldemar mit ſeiner Abtheilung ſchwediſcher Seeleute bei Zicker lan⸗ dete und ohne Aufenthalt nach Bergen aufbrach, um die ihm ertheilten Befehle auszuführen. In mäßiger Eile bewegte ſich der kleine Schwarm durch Mönch⸗ gut auf der Straße nach Putbus hin, wo ſich um das fürſtliche Schloß her ſeit drei Jahren die kleine Stadt Putbus aus der Erde erhoben hatte. Um die im Schloſſe vorhandenen Schätze zu ſichern, ſollte man daſſelbe umſtreifen und von da aus Abſtecher nach Bergen, Garz und Sagard machen, denen man auch den vaterländiſchen Schutz angedeihen laſſen wollte. In Putbus aber fand Waldemar eine andere ſehr zahlreiche Abtheilung ſchwediſcher Marine vor, ſo daß er ohne Aufenthalt ſeinen Weg fortſetzen konnte, und während er einen Theil ſeiner Leute nach Garz ent⸗ ſendete, marſchirte er ſelbſt nach Bergen, wo ſich um dieſe Zeit Alles concentrirte, was noch von franzöſi⸗ ſcher Macht auf der Inſel vorhanden war. Wie man ſich vorſtellen kann, war die ganze In⸗ ſel in dieſen Tagen in der heftigſten Bewegung. Die Einwohner jubelten vor Freude, und die Leute gerin⸗ geren Standes hatten faſt ſämmtlich ihre kleinen Häu⸗ / 144 ſer verlaſſen, um auf die Straßen zu eilen und die aller Orten abziehenden Feinde mit endloſem Geſchrei zu begleiten, was denſelben allerdings nicht ange⸗ nehm in die Ohren klingen mochte. Die kleinen Häuf⸗ chen Reiterei und Fußvolk, die noch hie und da zu⸗ rückgeblieben waren und gegen die gewaltige Volks⸗ gährung nichts ausrichten konnten, waren dadurch in eine üble Lage verſetzt worden, denn ein ähnliches Gefühl der Demüthigung hatten die ſtolzen und über⸗ müthigen Leute Jahre hindurch nicht empfunden. Voller Angſt, daß man in Städten und Dörfern auf ſie einſchlage, packten ſie ihre Habſeligkeiten haſtig zu⸗ ſammen und eilten Hals über Kopf den allgemeinen Sammelplätzen zu, die ihnen von ihren Befehlsha⸗ bern waren bezeichnet worden, um von Bergen aus auf dem kürzeſten Wege über Stralſund oder die Gle⸗ witzer Fähre das Feſtland zu erreichen, die Hauptſtra⸗ ßen zu gewinnen und ſo mit ihren abermals von Frankreich wieder heranziehenden Landsleuten zuſam⸗ menzutreffen. Hinter ihnen aber, wo ſie ſich auch blicken ließen, liefen Stadt⸗ und Landbewohner her, und ſelbſt Weiber und Kinder, die ihre Züge umga⸗ ben, hielten nicht mit bitterem Spott zurück, um ſo wenigſtens mit dem Munde die Schmach zů vergel⸗ ten, die ihnen die räubgriſchen Franzoſen ſo lange 5 —— 145 durch die That hatten angedeihen laſſen.„Heda! Franzmann!“ riefen die mit Steinen bewaffneten Fi⸗ ſcherbuben, die indeß ſo flüchtig waren, daß kein ab⸗ ziehender Feind, der ſich nicht von ſeiner Truppe tren⸗ nen wollte, ſie einzuholen und zu beſtrafen im Stande war,„Du haſt Deinen Grütztopf vergeſſen! Er ſteht bei meiner Großmutter am Feuer! Soll ich ihn Dir bringen?“ „Lauft, lauft,“ ſchrieen die muthig gewordenen Weiber hinter ihnen her,„Eure Frauen erwarten Euch ſchon zu Hauſe, und wenn Ihr nicht ſchnell macht, kommen die Koſacken und bringen Euch nach Sibi⸗ rien, wo Eure Brüder auf dem Schnee erfroren ſind!“ Schaamroth, vielleicht zum erſten Mal in ihrem Leben, hörten die Franzoſen dieſe Schmähreden an und eilten nun um ſo mehr, dem brennenden Feuer dieſer Geſchütze zu entrinnen, für das ſie Dank ihrer feineren Organiſation ſo empfindlich waren. In Bergen ſelbſt herrſchte ein Leben auf den Stra⸗ ßen wie nie zuvor. Alle Bewohner hatten ihre Häu⸗ ſer verlaſſen und lagerten auf den Wegen, um die Vorbereitungen des Abmarſches ihrer Quälgeiſter aus nächſter Nähe mit anzuſchauen. Aber hier verhielt man ſich am ruhigſten und gemäßigſten, denn hier Der Strandvogt. IV. 10 ſtand das Hauptquartier der Franzoſen, und die rei⸗ tenden Jäger, die Karabiner auf dem Knie und den Hahn geſpannt, ſaßen unbeweglich auf ihren Gäulen, von denen viele auf Rügen geboren waren und nun mit ihren jetzigen Beſitzern das Vaterland für immer verlaſſen ſollten. Worauf warteten ſie und warum marſchirten ſie nicht ab, wie ihre Kameraden, die ſchon lange auf dem Wege nach dem weſtlichen und ſüdlichen Strande der Inſel waren? Niemand wußte es. Wir aber wollen es dem Leſer mit wenigen Worten erzählen. Sie warteten aauf ihren Commandeur, den Colonel Caillard, der mit einer Abtheilung ſeiner beſten Reiter am frühen 1 Morgen nach dem Norden aufgebrochen war, um ir⸗ gend ein Geſchäft zu vollenden, das er nicht ohne Abſicht bis zum letzten Augenblicke verſchoben hatte. Er wollte gleich nach Tiſche in Bergen ſein, hatte er geſagt, und ſeine Untergebenen ſollten ihn marſchfer⸗ tig auf dem Marktplatz aufgſtellt erwarten, um Nach⸗ mittag zu guter Stunde in Stralſund einzutreffen, wo das nächſte Nachtquartier angeſagt war. Aber die guten Leute warteten etwas lange auf ihren Colonel und mußten ſich zuletzt, als gar ein reitender Bote ihnen eine ſchreckenerregende Meldung gebracht hatte, entſchließen, ohne ihn abzureiten, was ſie denn auch ——— in größter Haſt und von einem großen Volkshaufen umdrängt, gegen vier Uhr Nachmittags thaten. Die Meldung aber, die jener Bote dem unter dem Colonel befehligenden Officier überbracht, wollen wir dem Leſer im nächſten Kapitel mittheilen, nachdem wir ihm die Einzelnheiten des Ereigniſſes erzählt ha⸗ ben, welches dieſer Meldung voranging und ſie noth⸗ wendig machte. 10* Serhſtes Anpitel. „Halt vor der Prora!“ Waldemar Granzow, in voller Uniform vor ſei⸗ nen Seeleuten hermarſchirend, war am frühen Mor⸗ gen in Bergen eingetroffen und hatte ohne Verzug die dortigen Verhältniſſe in Augenſchein genommen. Auf dem ganzen Wege, den er von Mönchgut aus über Putbus zurückgelegt, hatte er keine Veranlaſſung gefunden, zur Gewalt ſeine Zuflucht nehmen zu müſſen, denn entweder hatte er die meiſten Ortſchaf⸗ ten von Franzoſen verlaſſen angetroffen, oder die Wenigen, die er hier und da geſehen, waren in ſol⸗ cher Haſt auf ihrem Marſche begriffen und ſchienen von ſo großer Beſorgniß in Bezug auf ihr perſönli⸗ ches Wohl erfüllt, daß ihnen die Luſt verging, an dieſem oder jenem Orte noch irgend eine Beute zu machen oder eine Brutalität auszuüben. 149 Nachdem unſer Freund eine Stunde bei ſeinem Bekannten, dem Müller Dalwitz, ausgeruht und dann das Treiben in dem lärmvollen Städtchen betrachtet hatte, befiel ihn ein eigenthümliches Wehgefühl. Sein warmes Herz empfand plötzlich eine Art Mitleid mit den Leuten, die Napoleon von Ort zu Ort durch alle Welt herumgeſchleppt und die ihrerſeits doch eigent⸗ lich unſchuldig an dem Uebermuth und den Gelüſten ihres nimmerſatten Gebieters waren. Sie hatten ſo oft ihr Leben in die Schanze geſchlagen, um ſeinem Ruhme ein neues Lorbeerreis beizufügen und, immer des Sieges und Triumphes gewohnt, jetzt aber zum erſten Mal in ihrem Kriegerleben von jedem zuver⸗ läſſigen Führer verlaſſen, endete ihre lange Ruhmes⸗ bahn auf ſo klägliche Weiſe, indem ſie nicht einmal wußten, ob dieſer Spott und Hohn der lange unter⸗ drückten Landbewohner das letzte ſchwere Stück Ar⸗ beit ſei, das ſie zu überwinden haben, oder ob ſie abermals einer ungewiſſen Zukunft und einem viel⸗ leicht noch trüberen Schickſal entgegengetrieben würden. MNNiit einer gewiſſen inneren Zufriedenheit, daß vierundzwanzig Stunden ſpäter kein Franzoſe mehr auf dem vaterländiſchen Boden ſtehen werde, ſah Lieutenant Granzow die Vorbereitungen zu ihrem Abmarſche an, als ihm einer ſeiner Leute die Mel⸗ 150 4 dung brachte, daß er eben gehört habe, der Comman⸗ deur der in Bergen ſtationirten Truppen ſei am frühen Morgen dieſes Tages nach dem Norden geritten, und man erzähle ſich, er habe irgend wo eine koſtbare Beute verſteckt, die er jetzt herbeihole, um ſie unter ſicher er Escorte noch an dieſem Tage außer Landes zu führen. „Wohin iſt er geritten?“ fragte der Seeofficier, der nicht die entfernteſte Ahnung hatte, daß dieſer Beute heranbringende Officier der Colonel Caillard ſein könne, da er ſo eben erſt von ſeinem Schiffe ge⸗ kommen war und nicht einmal wußte⸗ daß derſelbe in Bergen befehlige. Der Matroſe, der Waldemar obige Meldung ge⸗ macht, wußte nichts Genaueres über dieſen Beuteritt anzugeben, daher entfernte er ſich, um nähere Erkundi⸗ gungen einzuziehen. Nach einer Stunde aber kam er mit dem Berichte wieder, daß man glaube, der Herr ſei nach Jasmund geritten, und daß er alſo entweder durch die Prora oder auf dem Strandwege längs der ſchmalen Haide nach Bergen zurückkehren müſſe. „Nach Jasmund?“ fragte Waldemar Granzow in nicht geringer Beſtürzung.„Wißt Ihr vielleicht, wie der Commandeur heißt?“ Der Matroſe nannte den erforſchten Namen und da war es, als ob ein Blitzſtrahl vor dem jungen 151 Seeofficiere niederfiele und Gegenwart und Zukunft vor ihm erleuchte, indem er mit jäher Gewalt die Vergangenheit aus ihrem Schlummer vor ſeine Er⸗ innerung riß. „Mein Gott,“ ſagte er zu ſich, nachdem er in ein abgelegenes Zimmer des Müllers getreten war, um ungeſtört mit ſich zu Rathe zu gehen,„iſt es denn möglich? Giebt es vielleicht wirklich eine Ver⸗ geltung auf Erden, wie ich es mir ſo oft gedacht, wie ich es ſogar geſprochen habe, ohne zu glauben, zu ahnen, daß auch mir der Beweis einſt ſichtbar vor Augen gerückt werden würde? Mein Gott, mein Gott, welche Bilder ſteigen plötzlich vor meiner bisher ſo ſorgloſen Seele auf und reißen mich wider meinen Willen in die Vergangenheit zurück, die ich längſt für überwunden hielt? Magnus, mein Freund! Was will Dein blutiger Schatten vor mir? ⸗Will er mich mahnen, ſpornen, ſtacheln, das Vermächtniß zu vollzie⸗ hen, das Du mir wider meinen Wunſch in Deiner Todesſtunde übergeben haſt? Caillard! Welche dü⸗ ſteren Erinnerungen weckt dieſer ſchreckliche Name in mir! Jahre ſind vergangen, ſeitdem ich ihn nicht gehört und mich bemüht habe, ihn ganz zu verga auf Gott weiß welchen blutgetränkten Felda und die Seinigen Felder der Ehre ne 152 wir nur mit dem Gedanken an tauſendfach erlittene Schmach und Knechtſchaft betrachten, glaubte ich ihn begraben und nun tritt mir der Mann, der dieſen unvergeßlichen Namen führt, noch einmal auf mei⸗ nem heimatlichen Boden vor mich hin, und noch dazu in dem Augenblicke, wo er für immer denſelben ver⸗ laſſen und zuletzt noch berauben will? Sollte es wirklich derſelbe ſein, der meinen Magnus erſchlagen? Ha! Welche Leidenſchaft packt mich ſo plötzlich im Herzen und treibt mein ruhiges Blut in wilden Stößen durch meine Adern! Will ich ihn tödten, wenn er mir nahe tritt und vor meinen Augen mit ſeiner Beute zu entfliehen trachtet? Nein, tödten will ich ihn nicht, aber fragen, ob er es iſt, der mei⸗ nen edlen Freund meuchleriſch gemordet hat und — wenn er es bejaht, was dann? O, denke nicht daran Waldemar, denke nicht an ſo Schreckliches! Beruhige Dich, Herz, es wird nicht derſelbe unſelige Mann ſein, der ſchon einmal Dei⸗ nen Pfad gekreuzt hat, nein, nein, es kann und wird ein Anderer ſein, denn er würde es nicht wagen, noch einmal ein Haus zu betreten, das er mit Blut be⸗ und Menſchen in das Geſicht zu blicken, die iner ſchimpflichen Flucht an jenem Tage ge⸗ Wenn er es aber dennoch wäre und noch einmal wagte, ſeine Hand nach dem Hab' und Gut Anderer auszuſtrecken, wie dann? Er ritt nach Jasmund, um Beute zu holen, ſagen die Leute— ha! das ſtimmt wunderbar mit ſeinem Charakter zuſammen. Halt! es iſt meine Pflicht, ihm in den Weg zu tre⸗ ten, wenn er als Räuber das Land verlaſſen will, wo er Alles in Allem, Tyrann, Verführer und zu⸗ letzt auch Mörder geweſen iſt. Wohlan denn! Mein Entſchluß iſt gefaßt und die Ausführung ſoll ihm auf dem Fuße folgen.— Heda, Ihr Leute!“ rief er aus dem geöffneten Fenſter den Matroſen zu, die auf dem Hofe mit der Reinigung ihrer Waffen be⸗ ſchäftigt waren—„macht Euch fertig! Nehmt Eure Piſtolen und Meſſer und auch eine Portion Mundvorrath mit, wir wollen ſogleich einen Streif⸗ zug antreten, um hoffentlich einen Fang zu thun.“ Die kühnen Seeleute, immer und überall zu je⸗ dem Wageſtück aufgelegt, ſprangen in das Hinterge⸗ bäude, wo ſie einquartiert waren, und rüſteten ſich im Fluge zu dem befohlenen Marſche. Waldemar ſelbſt ſah nach ſeinen Piſtolen, ſteckte ſie in den Gürtel und ſchnallte ſein dolchartiges Seitengewehr daran feſt, das er als Seeofficier trug. Dann nahm er von dem Müller, mit dem er erſt wenige Worte geſprochen, 154 Abſchied und ſagte ihm, daß er einen Ausflug nach Jasmund unternehmen müſſe und daß er ohne Sorge um ihn ſein möge, wenn er an dieſem Tage nicht nach Bergen zurückkehren ſollte. Zehn Minuten ſpäter befand er ſich mit ſeiner kleinen Abtheilung, die durch verſchiedene Detache⸗ ments bis auf zehn Mann zuſammengeſchmolzen war, auf dem Wege nach Carow, um von da über Lub⸗ kow die ſchmale Haide zu erreichen, durch die Colo⸗ nel Caillard zurückkehren mußte, wenn er wirklich den Ritt nach Jasmund unternommen hatte. Es war am 8. März 1813, Morgens zehn Uhr, als Waldemar Granzow den Marſch an der Spitze ſeiner kühnen Begleiter antrat, von denen kein Einzi⸗ ger die Empfindungen kannte oder gar theilte, die ſeine Bruſt ſo tief bewegten. An ein Wagniß, welches mit ſeinem Vorhaben verknüpft ſein könnte, dachte er nicht im Entfernteſten, ſeine geiſtige Aufregung war zu groß und ſein Gemüth zu ſtark in Anſpruch ge⸗ nommen, um ihn eine mehr oder minder große per⸗ ſönliche Gefahr befürchten zu laſſen. Aber dus All⸗ gemeinwohl ſeiner Landsleute war bei dieſem Unter⸗ nehmen ſo ſehr mit ſeinen perſönlichen Gefühlen in Einklang, daß er ſich in einer ſeltſam gehobenen Stimmung befand und es ihm ſchien, als führe er heute nicht die Befehle eines irdiſchen Machthabers, ſondern vielmehr die eines göttlichen Willens aus. Es war ein friſchkalter Morgen, der naturgemäß zu einer heftigen körperlichen Bewegung reizt; die Sonne ſtand ſtrahlend am Himmel, deſſen klare Bläue nur einige kleine flatternde Wolken von Zeit zu Zeit trübten. Ein leichter Oſtwind fegte in wechſelnder Stärke über das Meer und zog ſauſend durch die Lüfte, die der nahende Frühling noch nicht mit ſeiner lieblichen Wärme gemildert hatte. Als er ſo in ſchweigender Verſunkenheit dem klei⸗ nen Zuge voranſchritt, die leuchtenden Augen immer vorwärts auf den bisweilen ſich ſchlängelnden Weg gerichtet haltend, überkam ihn ein ſeltſames und in den Zeiten, in denen er lebte, leicht erklärliches, bei⸗ nahe frohlockendes Gefühl, das nur ab und zu durch einen trüben Rückblick in die überwundene Vergangen⸗ heit unterbrochen und gemäßigt wurde. Nie war ihm die Wandelbarkeit aller menſchlichen Dinge ſo nahe vor Augen gerückt, als an dieſem verhängnißvollen Morgen. Sein Leben war in eine wichtige, ereigniß⸗ reiche, erſt nächtlich düſtere und nun plötzlich ſo hell gewordene Zeit gefallen. Der große Mann des Jahr⸗ hunderts, ausgezeichnet durch ſo viele erhabene Eigen⸗ ſchaften, befleckt von ſo unzähligen niedrigen Leiden⸗ 156 ſchaften, Napoleon, der Bezwinger einer blutgierigen Revolution, aber auch der Unterdrücker— nicht allein der Freiheiten ſeines eigenen Volkes, ſondern auch vie⸗ ler anderer Völker und Fürſten, die ihm keinen halt⸗ baren Anlaß zum Zorn und zur Entfeſſelung ſeines gigantiſchen Ehrgeizes geboten hatten, er war vom Throne ſeiner weltbeherrſchenden Macht herabgeſtoßen und ſammelte noch einmal ſeine Völker, um die ver⸗ lorene Höhe wiederzugewinnen und Völker und Für⸗ ſten noch einmal unter ſein bluttriefendes Scepter zu beugen. Aber daß ihm das diesmal nicht gelingen wiürde, flüſterte einem jeden klarblickenden Manne eine ſichere innere Stimme zu, denn die Zeit war im gei⸗ ſtigen Sturmſchritte vorgerückt und das lange unter⸗ drückte Gefühl für Menſchenwürde und Menſchenfrei⸗ heit war aus ſeinem langen Schlummer erwacht. Er⸗ hoben hatte ſich bereits die deutſche, engliſche und ruſſiſche Nation, von der Stimme ihrer Fürſten geru⸗ fen, hatten ſie ſich zuſammengeſchaart, und nun galt es einen großen Kampf; daß dieſer Kampf aber kein ver⸗ geblicher ſein werde, ſagte ſich Jeder ohne Ruhmre⸗ digkeit voraus. Im Vergleich mit dieſen großen un⸗ läugbaren Thatſachen erſchien Waldemar Granzow das Unternehmen, welchem er heute ſeinen Willen und ſeine Kraft geliehen, nur ein ganz kleines, er⸗ 157 bärmliches, es galt nur, einen einzelnen Menſchen zu bezwingen und abzuhalten, ſeine im Kleinen geſam⸗ melte Beute dem ungeheuren Raube, den die Großen zuſammengetrieben, beizufügen und ſo einen Tropfen zu dem unermeßlichen Meere zu tragen, das über ganz Europa ſeine ſchlammigen Wogen wälzte. Zu dieſer ihm gering erſcheinenden That aber ſta⸗ chelte ihn ein perſönliches Wehegefühl an. Denn er gedachte in dieſem Augenblicke ſeines theuren Freun⸗ des Brahe, der nun ſchon lange nicht mehr auf die⸗ ſer Erde weilte. O, wenn es auch ihm vergönnt ge⸗ weſen wäre, den allgemeinen Umſchwung in den Ver⸗ hältniſſen der Welt wahrzunehmen und er nun bald als reicher Erbe ſo ſchöner Güter, im Beſitz ſeiner an⸗ gebeteten Geliebten auf Spyker hätte wohnen können, welch genußreiches Leben wäre ihm da aus dem Wuſt und Trübſal der Vergangenheit aufgeblüht, wie glück⸗ lich könnte er nun mit ſeinen Freunden und wie dank⸗ bar dem Schöpfer ſein, daß ſich mit dem allgemeinen Schickſal auch das ſeinige ſo freundlich geſtaltet habe! O, und wie ſeltſam hatte das Verhängniß mit ihm geſpielt! Gerade durch ſeine Liebe mußte ihm der Untergang kommen! Durch dieſen habſüchtigen, fal⸗ ſchen, gleißneriſchen Franzoſen mußte ihm die letzte Schranke menſchlichen Erdenglücks verſchloſſen werden! — ⁴ypym8-8ͤ — — 158 Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt legte Waldemar 5 Granzow den fünf Viertelmeilen langen Weg bis Lub⸗ kow zurück und nun ſich gegen Norden wendend, ſchritt er bis zu der Stelle vor, wo ſich der Weg rechts nach dem Meere wendet und links nach der Prora abzweigt, dem waldigen Engpaß der dortigen Berge, den wir ihn ſchon einmal betreten ſahen, als er ſein elterliches Haus verließ und nach dem Mönchgut eilte, um in 4½ Bakewitz das liebliche Mädchen aufzuſuchen, von dem in dieſen Blättern ſo oft die Rede geweſen iſt. Der Boden, auf dem man ſich bewegte, war vom geſchmolzenen Schnee und reichlich danach gefallenem Regen tief aufgeweicht und nur langſam und mit Mühe ſchritt man um Mittagszeit weiter. Die See⸗ leute, um eine Stütze auf dem ſchlüpfrigen Wege zu haben, hatten ſich mit ihren Meſſern von den trocke⸗ nen Gebüſchen, durch die ſie drangen, ſchwere Stöcke abgeſchnitten und Waldemar trug einen ſolchen in der Rechten, wie er ſich ſo gern eines ſolchen bei ſei⸗ nen größeren Wanderungen bediente, zumal es zu damaliger Zeit auf Rügen ſo Gebrauch war. Endlich hatte man die Stelle erreicht, wo man auf die Scheidung des Weges ſein Augenmerk richten mußte. Waldemar ſtand geraume Zeit ſtill und über⸗ legte, welchen Weg er ſelbſt einſchlagen ſolle, um ſei⸗ nen Gegner ſicher zu treffen, denn er wollte ihm wo möglich perſönlich entgegentreten und ſeinen diesma⸗ ligen Weg kreuzen, wie ſein eigener von Jenem einſt ſo herbe durchkreuzt worden war. Auf welchem Pfade würde der erwartete Beutejä⸗ ger ihm entgegenziehen? Das war die Frage. Unfehl⸗ bar war der Weg durch die Prora der kürzere, ver⸗ borgenere, der am ſandigen, ſteinigen Strande entlang der weitere, offenere, aber vielleicht doch für ſeinen 8 Zweck wünſchenswerther, da ein ihm in der Prora begegnendes Hinderniß ſeinen Zug ganz aufhalten und unnütz machen konnte. Verharren auch wir einen Augenblick in Gedanken und ruhen wir dabei, bevor wir uns zu dem Wege entſcheiden, den wir mit unſerm Helden zu gehen ge⸗ ſonnen ſind. Waldemar ſtand ſtill und überlegte, ohne einen Blick auf die ihn umgebenden Leute zu richten, die ſeinem Entſchluſſe nicht vorgreifen wollten und ihre Meinung zurückhielten, bis er die ſeinige ihnen vorgelegt haben würde. Aber in ſeinem Innern, ob⸗ wohl er in ihren Augen ruhig erſchien, arbeitete es gewaltig, denn wunderbare Viſionen traten vor ſeinen Geiſt und miſchten die Vergangenheit mit der Gegenwart innig und bedeutungsvoll. Es giebt Augenblicke im menſchlichen Leben, wo⸗ 160 wir uns gewiſſermaßen ſelbſt entrückt ſind und weni⸗ ger in Folge eines innerlichen Bewußtſeins vorwärts gehen, als vielmehr durch den unaufhaltſamen Trieb und Zug eines äußeren Verhängniſſes zu irgend einer That fortgeriſſen werden. Wir wollen dann nicht Dies oder Jenes thun, ſondern wir müſſen es thun, wir gehen nicht, wir handeln nicht, nein, es zwingt uns ein unbegreifliches, unſichtbares Etwas dazu. Vor uns, wie in Nebel gehüllt, ſchwebt dann ein er⸗ reichbarer Gegenſtand und wir ſtrecken unwillkürlich die Hand danach aus, um ihn an uns heranzuziehen, ja, es iſt die Bewegung gegen ihn hin oft ſo ſtark, als ob wir nicht allein zu ihm träten, ſondern als ob er wie durch einen Sturmwind zu uns herangeriſ⸗ ſen würde, ſo daß wir, um nicht gewaltſam mit ihm zuſammenzuſtoßen, unſre Hand erheben und ihn gleich⸗ ſam von uns abwehren müſſen. Welche Gewalt, welche Fügung iſt es, die uns mit dieſem erſtrebten Gegenſtande zuſammenführt, die unſre Kraft an der ſeinen zerſchellen oder die ſeinige an der unſeren in Trümmer gehen läßt? Fürwahr, es iſt keine menſchliche, irdiſche Gewalt und Fügung, denn ſonſt würden wir uns ihr entziehen, ihr aus dem Wege gehen können, vielmehr iſt es eine über⸗ irdiſche, eine göttliche oder dämoniſche, und immer 161 kommen wir dabei wieder auf den Gedanken des Ver⸗ hängniſſes zurück, das wir ſchon ſo oft beſprochen, aber nie erörtert und bewieſen haben. Aber was wol⸗ len wir für eine ſicht⸗ oder fühlbare Aufklärung? Al⸗ les auf der Welt Vorhandene können wir nicht im⸗ mer ſehen, hören und fühlen, wir müſſen es glauben, wie wir Gott glauben, den wir auch nicht mit den Sinnen wahrnehmen und doch von ihm wiſſen, daß er vorhanden iſt, weil er wirkt und ſegnet und ſpendet. In einem ſolchen Augenblicke befand ſich zu jener Zeit auch Waldemar Granzow. Er ging vorwärts, faſt willenlos und doch gewaltſam fortgezogen, wie ein mechaniſches Uhrwerk; er mußte gehen und die Augen erheben auf Das, was an ihn herangewandelt kam, und wenn es mit ihm zuſammenſtieß, mußte er die Hand erheben, um es von ſich abzuwehren, da⸗ mit die ihm entgegenſtrebende Gewalt ihn nicht ſelbſt zerſchmettere. „Hört,“ ſagte er zu ſeinen Leuten, die ihn auf⸗ merkſam umſtanden, um ſeine Befehle zu vernehmen, „hier iſt der Vereinigungspunkt der beiden Wege, die nach Jasmund führen, einen anderen kann kein Menſch betreten. Hier alſo muß der Zug vorüber kommen, den wir erwarten. Dieſen Punkt halten wir daher beſetzt und nur zwei Mann gehen auswärts Der Strandvogt. IV.. 11 162 am Strande entlang und beobachten die Ferne. So⸗ bald ſie ihn ſehen, kehren ſie hierher zurück und be⸗ nachrichtigen die Uebrigen. Ich ſelbſt werde mit Zweien von Euch den Hohlweg hinaufſteigen und auskund⸗ ſchaften. Hört Ihr mich eine Piſtole abfeuern, ſo dringt Ihr mir nach, höre ich aber Euch ſchießen, ſo kehre ich im Fluge zurück und werde Euch beiſtehen. Kommt der Zug eher heran, als ich bei Euch bin, ſo haltet Ihr ihn auf, gleichviel wie. Schießt die Pferde nieder, damit ſie nicht fortkönnen, und wehren ſich die Männer, ſo zeigt ihnen, daß Ihr brave Jungen ſeid und ſo gut mit einigen Jägern zu Pferde fertig wer⸗ den könnt wie mit dem brauſenden Sturme. Wohl⸗ an, Ihr Beide geht langſam auf dem Strandwege vor, und Ihr Beide folgt mir in einiger Entfernung.“ Der Befehl war gegeben und ſchweigend, wie es die ſtrenge Schiffsdisciplin erheiſcht, ward er vollſtreckt. Die bezeichneten zwei Männer ſetzten allein ihren Weg längs des Strandes fort und zwei folgten ihrem Of⸗ ficier, während die anderen Sechs hinter dem dichten Buſchwerk ihre Aufſtellung nahmen, welches die Schei⸗ dewand zwiſchen beiden Wegen bildete. Waldemar ſtieg, um nicht außer Athem zu kom⸗ men, den im Zickzack laufenden Bergpfad langſam hinauf, der im Jahre 1813 noch in ſeiner ganzen ur⸗ 163 ſprünglichen Wildheit und romantiſchen Schauerlich⸗ keit unangetaſtet lag. Zu beiden Seiten erhohen ſich ſteil anſteigende Berglehnen, die mit dem dichteſten Gebüſch von Eichen, Eſchen, Haſelnußſträuchern, Es⸗ pen, Birken, wilden Birnbäumen und Wachholder be⸗ wachſen und durch dornige Ranken und die Schling⸗ wurzeln unzähliger anderer Pflanzen an manchen Stellen ganz unzugänglich und verwickelt waren. Selbſt in dieſer Jahreszeit, wo keine Blätter an den Bäumen und Gebüſchen hafteten und die wuchernden Sträucher ihre neuen Ausläufer noch nicht über den Weg ſenkten, war der bergauf⸗ und bergabführende Pfad ſo eng, ſo daß man oft nur einen kleinen Flecken blauen Himmels über ſich und kaum zwan⸗ zig Schritte vor⸗ oder rückwärts ſehen konnte. Oben auf der Höhe erſt öffnete ſich der nach dem Meere liegende Bergrücken und man erblickte ſtellenweiſe das fluthende Gewäſſer der Oſtſee und ſein ſteinreiches Geſtade, über welches die Wellen faſt unaufhörlich ihren weißen Schaum wälzten. Wegen der Enge des Weges, die an manchen Stellen einem Wagen nur mit knapper Noth die Durchfahrt geſtattete, war es gefährlich, denſelben zu paſſiren, denn wenn man einem Gefährt begegnete, deſſen Ziel in der Richtung lag, woher man ſelbſt 11 11 kam, ſo war ein Ausbiegen unmöglich. Aus dieſem Grunde war es Sitte, daß die Fuhrleute, die ſich in das Wald⸗und Berglabyrinth wagten, etwas raſch fuhren, laut mit der Peitſche knallten und dazwiſchen beſtändig riefen:„Halt vor der Prora!“ was den⸗ noch nicht immer vor einem unangenehmen Zuſam⸗ menſtoß ſchützte und dann beide Theile in die größte Verlegenheit brachte. Waldemar alſo, ſeinen Gefährten einige Schritte voran, bewegte ſich langſam den etwa eine Viertel⸗ ſtunde betragenden Hohlweg hinauf und gebrauchte kräftig ſeinen jungen Eichenſtock, indem hier der Weg ungewöhnlich ſchlüpfrig war. Da die Berge mit ih⸗ rem Geſtrüpp von beiden Seiten den Wind abhiel⸗ ten, ſo war die Luft innerhalb des eingeſchränkten Raumes ohne alle Bewegung, und an den ſteilen Bergwänden hallte jedes in der Ferne auftauchende Geräuſch wieder, wie in einer engen Röhre der leiſeſte Ton ungeſchwächt bis zum Ende fortrollt. Walde⸗ mar war mit dieſer Eigenthümlichkeit des abgelege⸗ nen Ortes vertraut und horchte, von Zeit zu Zeit ſtillſtehend, aufmerkſam nach beiden Richtungen hin, aber nicht der leiſeſte Ton ließ ſich weder vor noch hinter ihm vernehmen. Schon glaubte er den⸗ Aus⸗ gang des ſchauerlichen Weges erreichen zu können, — ohne Jemandem zu begegnen, und darum lag es in ſeiner Abſicht, denſelben zu Ende zu gehen, dann über die freie vor ihm liegende Haide hinwegzublik⸗ ken und endlich, wenn er Niemanden des Weges da⸗ her ziehen ſah, zu ſeinen Gefährten im ſüdlichen Ein⸗ gang der Prora zurückzukehren. Eben war er zu die⸗ ſem Entſchluſſe gelangt, als ſein Ohr von der Land⸗ enge her ein dumpfes Geräuſch wahrzunehmen glaubte, das ſchnell näher zu kommen ſchien, und in der That ließ ſich ſehr bald das Geſtampfe galoppirender Pferde und bald darauf das Geraſſel von Rädern unter⸗ ſcheiden, die heftig über die am Wege liegenden Steine und Wurzelſtöcke fortgeriſſen wurden. Als Waldemar Granzow dieſen Ton vernahm, deſſen Bedeutung und Urſprung er nicht verkennen konnte, ging eine auffallende Veränderung in ſeinem ganzen Aeußeren vor. Mit einem gewaltigen Athem⸗ zuge, als wolle er eine unbeſiegliche Widerſtandskraft in ſich einſaugen, erhob er ſich zu ſeiner ganzen Höhe, bewegte ſeine mächtigen Schultern hin und her, gleich⸗ ſam um zu unterſuchen, ob ſie noch geſchmeidig wä⸗ ren, und erhob dann ſeinen ſchweren Stock, mit glü⸗ henden Augen die kurze Strecke verſchlingend, die er mit einem Blicke überſchauen konnte. „Aufgepaßt!“ rief er den hinter ihm Hergehenden 166 zu, die auch ſchon das Geräuſch des kommenden Wa⸗ gens mit den Ohren aufgefangen hatten. Aber trotz dieſes Warnungsrufes und trotz des be⸗ ſten Willens der drei kräftigen Männer ſollte die Ab⸗ ſicht, die ſie vor Augen hatten, für' Erſte noch nicht erreicht werden. Denn als der Wagen immer näher gekommen war und Waldemar ſich ſchon in Mitte des Weges aufgeſtellt hatte, um ihm den Paß zu vertreten und die Gäule zum Stehen zu bringen, ſo ward doch dies kühne Unternehmen dadurch vereitelt, daß der Weg gerade an dieſer Stelle ſehr eng war und bergab führte, der Lauf der Pferde alſo überaus heftig war und eine ungleich größere Gewalt dazu gehört hätte, das Wageſtück auszuführen, als ſie Waldemar zu Gebote ſtand. Das ſah er auch in demſelben Augenblicke, aber leider zu ſpät ein, als er das Gefährt erblickte, das mit raſender Schnelligkeit um die nächſte vorſpringende Ecke vom Berge herab⸗ gerollt kam und ihn unfehlbar zerſchmettert haben würde, wenn er auf der behaupteten Stelle ſtehenge⸗ blieben wäre. Raſch ſich daher beſinnend, ſprang er wie der Blitz in das Gebüſch zur Seite des Weges auf die ſteil anſteigende Berglehne und mit ihm die bei⸗ den Gefährten, die jeder ſeiner Bewegung init ſchnell lem Auge gefolgt waren. 8 167 Der Wagen ſelbſt aber war ohne Zweifel der ſehn⸗ ſüchtig erwartete, denn er war hoch bepackt und mit einer Leinwanddecke überſpannt, und auf dem Vorder⸗ ſitz ſaßen zwei Franzoſen, während dicht hinterher, einzeln nach einander reitend, zwei Chaſſeure folgten, die wahrſcheinlich die Schutzwache der in Sicherheit zu bringenden Beute bildeten. Ein Officier war nicht unter ihnen geweſen, das hatte ſowohl Waldemar wie ſeine Begleitung bemerkt, und Erſterer ſtand, nachdem der Wagen dicht an ihm vorübergeraſſelt war und ihn über und über mit Koth beſpritzt hatte, unſchlüſſig da, indem er nicht wußte, ob er dem Wagen folgen oder den Hohlweg vollends zu Ende gehen ſollte, um auch den Führer des Zuges zu treffen, der jedenfalls noch kommen mußte, da ihm kein andrer Ausweg üb⸗ rig blieb. Die drei Männer eilten ſofort auf einander zu, um zu berathſchlagen, was unter dieſen Umſtänden zu thun ſei; endlich gab Waldemar dahin den Ausſchlag, daß er rieth, ſchnell nach dem Eingang der Schlucht umzukehren, um den dort Wache haltenden Matroſen zu Hülfe zu eilen, die jedenfalls ſich dem Wagen ent⸗ gegengeworfen hätten. „Herr,“ ſagte der eine Matroſe und faßte reſpect⸗ voll an ſeinen Hut,„wir brauchen uns nicht zu über⸗ — — —— 168. eilen; es ſind ihrer Sechs da vorne und der Weg iſt breit und tief ausgefahren. Dort wird man nicht im Galopp reiten und fahren, und ſechs handfeſte Schweden werden ſchon mit dieſen vier kleinen Fran⸗ zoſen fertig werden.“ „Wohlan denn, ſo geht langſam hinab; ich werde ſogleich nachkommen, ſobald ich dort oben um die Ecke gelugt habe, von der man etwas weiter in die Schlucht hinab ſehen kann.“ Scheinbar ungern gehorchten die beiden Seeleute, denn es widerſtand ihrem Gefühle, ihren kühnen Führer allein vorſchreiten zu laſſen, da ihrer Meinung nach noch Bewaffnete hinter dem Wagen her kommen) konnten. Allein dennoch trennten ſie ſich von ihm und ſchritten raſch dem Wagen nach, den ſie indeſſen ſchon, als ſie den Eingang des Hohlweges erreichten, in den Händen ihrer Gefährten fanden, nachdem die 1 beiden reitenden Jäger, ſobald ſie die Ueberzahl des Hinterhalts erkannt, davon geſprengt waren und die Leute mit den Wagenführern im Stich gelaſſen hatten. Waldemar dagegen ſprang behende den ſteilen Ab⸗. hang hinan und lauſchte mit wachſender Spannung, ob er nicht etwa den Hufſchlag eines Pferdes in der Ferne vernehmen könne. Und in der That, kaum wa⸗ ren wenige Minuten verſtrichen, ſo traf ſeine Erwar⸗ 4169 tung ein und ſogar das Schnauben eines trabenden Pferdes glaubte er zu unterſcheiden. Da gerieth denn des jungen Seemanns Blut wider ſeinen Willen in ungeſtüme Wallung und er mußte mit Gewalt die heftige Leidenſchaft zurückdrängen, die ſich in ſeinem Geiſte Bahn brechen wollte, da er doch jetzt vor allen Dingen der Ruhe und kalten Ueberlegung bedurfte. „Ha!“ rief er ingrimmig mit den Zähnen knir⸗ ſchend aus,„jener Wagen mit ſeinen Reitern war nur der Vortrab des gewiſſenloſen Räubers, mit der Beute beladen, die er dem Grafen in Spyker abge⸗ nommen hat; jetzt aber kommt er ſelber, der edle Herr, wohlweislich im Nachtrab und vor jedem möglichen Angriffe bewahrt, nachdem ihm die gemeinen Leute erſt den Weg frei gemacht haben. Allein er hat ſich verrechnet, diesmal wird ihm das geraubte Gut nicht gedeihen, hoffentlich wird es ſchon jetzt in den Hän⸗ den der Meinigen ſein. Wehe nun ihm ſelber und ſeinen Abſichten! Wir wollen ſehen, ob wir auch ihn faſſen und fangen können; für Mörder und Diebe ha⸗ ben wir Eiſen und Feſſeln, um ſie für uns und die „Unſrigen unſchädlich zu machen.“ Kaum hatte er dieſen Gedanken zu Ende gedacht, ſo zeigte ſich ihm in der Ferne ſchon der erwartete Reiter, der, allzu ſicher und keck in ſeinem ſoldatiſchen —— Trotze, ohne jede Begleitung in glänzender Uniform auf ſchweißbedecktem Pferde dahertrabte und die kleine Anhöhe zu gewinnen trachtete, auf der Waldemar wie eine Säule und mit einer Miene ſtand, als wollte er ſagen:„Halt vor der Prora, mein Lieber! Bis hier⸗ her und nicht weiter, denn hier iſt der Markſtein Dei⸗ ner Erdenlaufbahn gekommen!“ Der Reiter kam näher und erſt jetzt erhob er das düſter glimmende Auge und ſah den Mann ſtehen, der ihm mit ſeinem mächtigen Leibe den ſchmalen Weg vertrat, der allein zum erſtrebten Ziele führte, aber er erkannte ihn noch nicht, denn in der ſchwedi⸗ ſchen Uniform, die er heute trug, hatte er ihn noch nie geſehen, und im Laufe der vier Jahre, die ſeit ih⸗ rem erſten Zuſammentreffen verfloſſen, hatte ſich viel⸗ leicht auch der Eindruck verwiſcht, den er in ſeiner Er⸗ innerung von ihm bewahrte. „Er iſt es,“ ſagte ſich dagegen Waldemar Gran⸗ zow und nahm eine noch feſtere Stellung ein.„Ich kenne ihn an ſeinem Habichtsgeſicht und ſeiner hoch⸗ müthigen Haltung, mit der er ſich brüſtet, als wäre er der Kaiſer ſelber, deſſen Namen er ſo oft gemiß⸗ braucht hat. Halloh! Dich führt Dein böſes Geſchick hierher und ich mache Dir nicht Platz; zurück mußt Du oder der gemordete Brahe hat mir umſonſt ſeine Rache vermacht!“ In dieſem Augenblicke hatte der Reiter ihn erreicht und ſchaute mit grellem und verwundertem Blick auf den kühnen Mann, der ihm den Engpaß vertrat und ſein ſcheues Pferd ſchon zum Stehen gebracht hatte. „Die Hand vom Zügel und Platz gemacht, im Namen des Kaiſers!“ rief der franzöſiſche Colonel wuthſchnaubend dem unerkannten Fremden zu. „Geduld!“ verſetzte mit ruhiger Stimme der See⸗ officier,„Geduld, mein Herr! Hier hat Ihr Kaiſer nichts mehr zu ſagen und ich ſtehe auf meinem Grund und Boden im Namen des Königs von Schweden, der mich hierher befehligt hat, um den Räubern die Beute abzunehmen, die ſie ungerechter Weiſe ſich zu eigen gemacht haben. Begrüßen wir uns aber zuerſt perſönlich und ſo ſage ich: Guten Tag, Monsieur de Caillard— kennen Sie mich nicht?“ Dabei nahm er ſeine goldverbrämte Mütze mit der Linken ab und zeigte dem Colonel ein von innerer Wallung dunkel geröthetes Geſicht und ein paar dü⸗ ſter drohende Augen mit dem Ausdruck eines Willens und einer Kraftfülle, die dem Franzoſen offenbarten, daß er es hier mit einem freien Manne und keinem Knechte zu thun habe. —— —— V n2 „Ha!“ ſchrie er wild und nicht ganz ohne Beſorg⸗ niß,„Was ſehe ich! Den Deſerteur, den Geächteten, den Spion! Bube, mach' Platz, oder auch Deine Stunde iſt endlich gekommen!“ Waldemar hatte ſeine Mütze bei Seite geworfen und ſtand jetzt mit ſprühenden Augen vor dem fran⸗ zöſiſchen Oberſten, wobei er ſchon ſeinen Arm mit dem ſchweren Stocke erhoben hatte. „Geduld, ſage ich, mein Herr! Weſſen Stunde von uns Beiden gekommen iſt, ſteht bei Gott, aber ich weiche Ihnen nicht aus und ſollten mich die Hufe Ihres Pferdes zermalmen. Ziehen Sie alſo die Zü⸗ gel an und ſpornen Sie es nicht auf mich, ſonſt ver⸗ geſſe ich, daß wir jetzt im Frieden leben, und gedenke allein, daß Sie der Mörder eines Mannes ſind, der einſt mein Freund und Bruder war.“. Der Colonel, einſehend, daß er in eine ernſte Läge gerathen, und daß hier keine Zeit zu verlieren ſei, wenn er vorwärts kommen wolle, hatte vorſichtig und leiſe mit der Rechten in ſeine Satteltaſche gegrif⸗ fen und den Hahn der darin ſteckenden Piſtole ge⸗ ſpannt. Aber er hatte dabei nicht auf das ſchnelle und haarſcharfe Auge ſeines Gegners gerechnet, das jeder ſeiner Bewegungen gefolgt war, und deſſen Geiſt inſtinctartig ſeine nächſte Abſicht errieth. Immer noch es Schritt vor Schritt rückwärts den Berg hinab drängend, gab er allein auf die rechte Hand des Geg⸗ ners Acht, der, den Augenblick für günſtig haltend und ſein beliebtes:„En avant!“ rufend, raſch die Piſtole hervorzog und abdrücken wollte. Aber in demſelben Moment fiel mit dem Rufe:„Rückwärts heißt es jetzt bei uns!“ der wuchtige Stock des See⸗ manns über den Hals des Pferdes her auf ſeinen Arm. Hart getroffen ſank er nieder und zugleich ging die Piſtole los, deren Kugel ſchadlos in den weichen Erdboden fuhr. Das triefende Pferd aber, unruhig und zum Vorwärtsdrängen geneigt, empfing den heftigen Schlag mit auf eine empfindliche Stelle und, kerzengerade in die Höhe ſteigend, verlor es auf dem abſchüſſigen Wege das Gleichgewicht, ſtürzte hinten⸗ über in das blattloſe Geſträuch, das hart am Wege ſtand, und begrub unter ſeiner Laſt den Reiter, der, ohne einen Laut von ſich zu geben, bewegungslos unter dem Leibe deſſelben liegen blieb. Jetzt ſprang Waldemar ſchnell zu dem Pferde hin und den Zügel ergreifend und daran zerrend, brachte er es ſchnell auf die Beine, worauf es, nachdem es ſich geſchüttelt, zitternd ſtehen blieb und verwundert den Fremdling anſchaute, der es ſammt ſeinem Herrn 174 zu Falle gebracht. Aber ſich nicht mehr um das Pferd bekümmernd, trat Waldemar an den gefallenen Franzoſen heran und da er ihn ſtill und am Kopfe blutend auf der Erde liegen 6p, bückte er ſich raſch zu ihm nieder. Und merkwürdig, gerade da, wohin der Kopf deſ⸗ ſelben geſchleudert war, lag ein ſcharfgekantetes Fels⸗ ſtück, das ohne Zweifel der Zufall hierhergebracht hatte, das aber dennoch beſtimmt geweſen zu ſein ſchien, die Klippe aller ferneren Entwürfe des beute⸗ ſüchtigen Reiters zu werden. „Colonel!“ rief der Sieger dem Beſiegten zu. „Hören Sie mich? Sehen Sie mich?— Ah, er rö⸗ chelt ſchon— ſollte es ſo raſch mit ihm zu Ende ge⸗ hen? Deine eigene Schuld, Mann, Du haſt Dich ſelbſt zu Falle gebracht. Aber wir wollen ſeben. ob wir Dir noch Hülfe bringen können.“ 3 Und er bückte ſich ganz nieder, faßte den wider⸗ ſtandsloſen Körper unter die Arme und zog ihn auf eine höhere Stelle der Berglehne hinauf, wo er ihm eine bequeme Lage gab, ſein Auge unterſuchte und als er es noch voll Leben fand, raſch das Pferd be⸗ ſtieg, um nach dem Eingang der Prora zu ſprengen, von wo ihm eben einige Leute mit der Kunde entge⸗ 175 gen kamen, daß der Wagen erbeutet und die beiden Franzoſen gefangen genommen wären. „So geht zurück und laßt ſie laufen, damit ſie zu ihren Landsleuten kommen und ihnen erzählen, daß ihr Oberſt bei einem Sturze mit dem Pferde ſich tödtlich beſchädigt hat. Ihr aber kommt bald wieder dort hinauf und helft mir den Verwundeten nach dem Haidekrug bringen, das iſt der nächſte Ort, wo ihm Hülfe oder ein Grab zu Theil werden kann.“ Die Seeleute beeilten ſich, den erhaltenen Befehl auszuführen und in wenigen Minuten fanden ſie ſich wieder bei ihrem Führer ein, während einige von ih⸗ nen den Wagen beſtiegen hatten, um ihn wieder nach Spyker zurückzufahren, woher er mit ſeiner Beute ge⸗ kommen war. Den Verwundeten aber fand man in derſelben Lage vor, wie ihn Waldemar verlaſſen hatte. Man hob ihn auf das Pferd, unterſtützte ihn dabei und führte daſſelbe nach dem Haidekruge, wo der Verwun⸗ dete indeſſen ſchon nach einer halben Stunde ver⸗ ſchied, da nicht allein ſein Kopf geſpalten war, ſon⸗ dern auch die Wucht des Pferdes ſeine Bruſt tödtlich gequetſcht hatte. An derſelben Stelle aber, wo Colonel Caillard fiel, ſieht man noch heute ein kleines ſteinernes Kreuz 176 aus dem Haidekraut ragen, obgleich die verſchönernde Menſchenhand auch dieſen Weg geebnet, erweitert und zu einer chauſſirten Straße umgeſtaltet hat. Alte Leute erzählen gern, wenn man ſie danach fragt, wie an dieſer früher gefährlichſten Stelle der Prora ein franzöſiſcher Officier, der ſich mit großer Beute habe flüchten wollen, von Waldemar Granzow, dem bra⸗ ven Rügianer, ertappt und in Folge des Pferdeſturzes, wie wir es berichtet, ſein Ende gefunden habe. Nachdem Waldemar vom Haidekruge aus das Pferd des Colonels mit einem beſonderen Boten nach Bergen, den eroberten Wagen aber mit zweien ſeiner Leute nach Spyker geſandt und dem Kaſtellan die herzlichſten Grüße hatte ſagen laſſen, folgte er ſeiner Pflicht und kehrte wieder nach Bergen zurück, wo er indeß erſt am ſpäten Abend eintraf und hörte, daß kein Franzoſe mehr in Bergen ſei und daß ſie ſogleich abmarſchirt wären, ſobald die beiden waffenloſen Sol⸗ daten und der Bote mit dem Pferde die Nachricht des Todes ihres Oberſten überbracht und die Meldung hinzugefügt hätten, es ſei eine ganze Armee Schweden gelandet und ſie drängen ſchon heran, um den Fran⸗ zoſen den Rückzug nach Stralſund abzuſchneiden. So war denn Waldemar Granzow's Pflicht auch in Bergen erfüllt; er blieb die nächſte Nacht daſelbſt 177 und kehrte erſt am frühen Morgen des anderen Tages nach Saſſenitz zurück, um ſeinen Eltern mit ergriffe⸗ ner Seele aber ohne Prunk und Ausſchmückung das Erlebte ſowie den Tod des kleinen Lyranuen von Spy⸗ ker mitzutheilen. Der Strandvogt. IV. 12 Siebentes Anpitel. Friede von Außen; Krieg von Innen. Rügen war alſo jetzt von Franzoſen frei; zum letzten Male hatte der Fußtritt der Fremden ſeinen Boden entweiht und wieder lag es in dem alten Frie⸗ den und der von aller Welt abgeſchiedenen Stille da, und ſeine Bewohner hatten Muße und Gelegenheit genug, das von den Feinden verwüſtete Land mit neuer Sorgfalt zu pflegen und Städte und Dörfer, die ſo viel gelitten hatten, allmälig wieder in den früheren Zuſtand zurückzuführen. Aber noch war die vollkommene Ruhe nicht in die Welt, alſo auch nicht auf Rügen zurückgekehrt, der gewaltige Eroberer in Frankreich war erſt, gedemüthigt— bezwungen und vollends zu Boden geworfen war er noch lange nicht, und um auch das zu bewerkſtelligen, wurden ganz 179 Deutſchland, England, Rußland und Schweden in die Schranken gerufen. Alle vier Länder waren im Anfang des Jahres 1813, wie bekannt, in eine enge Verbindung getreten, aus der ſpäter die ſogenannte heilige Alliance hervor⸗ ging, um den in das Herz Deutſchland's wieder vor⸗ gedrungenen Feind gänzlich hinauszuwerfen. Zu die⸗ ſem Zweck landete der Kronprinz von Schweden im März, bald nach Abzug der Franzoſen, mit einem ſchwediſchen Armeecorps von 24,000 Mann in Pom⸗ mern, das ſich mit einem preußiſchen Corps unter Bülow und Tauenzien und einem ruſſiſchen, engliſchen und deutſchen unter Walmoden vereinigte und ſo eine 150,000 Mann ſtarke Armee bildete, die unter den Befehlen Bernadotte's Norddeutſchland gegen alle Angriffe decken ſollte. Da die beiden pommer'ſchen Regimenter, deren wir früher Erwähnung gethan, um dieſe Zeit noch in franzöſiſcher Gefangenſchaft ſchmachteten, ſo befahl die Regierung zu Stralſund am 31. März 1813 die ſchleunige Errichtung einer ſchwediſch⸗pommerſſchen Landwehr, worauf acht Tage ſpäter zwei ſchwediſch⸗ pommer'ſche Legionen gebildet wurden, die größten⸗ theils aus Freiwilligen beſtanden, die ſich ſelbſt aus⸗ rüſteten. Im Lauſe des Monats April wurde die 42* 180 Landwehr ausgehoben und ſo ſtanden zwei Regimen⸗ ter wieder ſchlagfertig da, die der Oberſt der Leibgarde, Graf Ritterſtolpe, befehligte. Sie, wie jene beiden Legionen, ſchloſſen ſich den ſchwediſchen Truppen in dem nun folgenden Befreiungskriege an und theilten ihre Siege und ihren Ruhm, der noch heutzutage un⸗ ter der jüngeren Generation in treuer Erinnerung fortlebt. 6 3 4 Aber noch einmal ſollte Pommern und Rügen in einen unerwarteten Schrecken verſetzt werden, als es hieß, die Franzoſen rückten unter den ſchrecklichen Mar⸗ ſchällen Davouſt und Vandamme mit 14,000 Mann über Mecklenburg gegen Pommern vor, welches da⸗ mals von befreundeten Truppen entblößt war, da der Kronprinz von Schweden mit ſeinem ganzen Corps in der Gegend von Berlin operirte. Schon waren die wenigen Schweden, die unter General Vegeſack zur Deckung Pommern's und Stral⸗ ſund's in Mecklenburg ſtanden, bis Roſtock zurückgedrängt und flüchtende Familien aus Mecklenburg ſetzten ganz Pommern in die heſtigſte Beſtürzung. Da aber ſchreckte die nach Blut und Beute lechzenden franzöſiſchen Marſchälle der bei Großbeeren errungene Sieg nach Hamburg zurück und Pommern wie Rügen waren ſo⸗ 181 mit einer vierten Beſitznahme durch die Franzoſen glücklich entgangen. Wie bekannt, führten nun die raſch auf einander erfochtenen Siege von Großbeeren, Dennewitz, Culm, Leipzig und die in demſelben Jahre in Frankreich ſelbſt errungenen Triumphe im Jahre 1814 den Frieden mit Frankreich herbei, welcher am 30. März in Paris ſei⸗ nen Abſchluß erhielt. Erſt ſechs Wochen ſpäter kehr⸗ ten die 1812 nach Frankreich als Kriegsgefangene ab⸗ geführten beiden pommer'ſchen Regimenter nach ihrem Vaterlande zurück. Auch mit Dänemark endlich, das bis nach der Schlacht bei Leipzig mit Frankreich alliirt blieb, ſchloß Bernadotte am 14. Januar 1814 in Kiel Frieden, zufolge deſſen Dänemark Norwegen an Schweden ab⸗ trat, aber dafür Vorpommern und Rügen erhielt. Dieſen Tauſch hatten die Rügianer am wenigſten erwartet und gewünſcht, denn Dänemark waren ſie von allen Mächten am wenigſten zugethan. Glückli⸗ cherweiſe für ſie wurde das Reſultat des Kieler Frie⸗ dens durch den Wiener Congreß umgeſtaltet, der vom October 1814 bis zum Juni 1815 dauerte und auf welchem man ſich bemühte, die Territorialangelegen⸗ heiten Deutſchland's und die politiſchen Verhältniſſe Europa's in Anweſenheit aller Fürſten der kriegfüh⸗ 182 renden Mächte zu ordnen und für alle Zukunft zu beſtimmen. Auf dieſem Wiener Congreſſe traten die Verhält⸗ niſſe ein, die noch heute beſtehen. Das einſtweilen als Entſchädigung für Norwegen der Krone Däne⸗ mark zugeſprochene ſchwediſche Pommern wurde von Dänemark an Preußen abgetreten und dafür erhielt jenes das an Holſtein gränzende Herzogthum Lauen⸗ burg. So war denn, nachdem auch der letzte Angriff Na⸗ poleon's nach ſeiner Rückkehr von Elba im Juni 1815 bei Belle⸗Alliance ſiegreich zurückgeſchlagen und der ruhmgierige Kaiſer nach St. Helena abgeführt war, der Friede in die hart gedrückte Welt zurückgekehrt und haben wir nun in flüchtig ſkizzirter Darſtellung das Schickſal der kleinen Inſel Rügen von Anfang an bis zu dem Tage verfolgt, wo ſie unter die Herr⸗ ſchaft der preußiſchen Königskrone gelangte. Hoffen wir denn, daß der Friede und Segen, der ſeit jener Zeit mit Gottes Beiſtand auf ihr ruht, dauernd ſein, daß ihr Wohlſtand und ihre Zufriedenheit unter einer einſichtsvollen und gerechten Regierung wachſen und gedeihen und ihre Bevölkerung unter dem Se⸗ gen der Arbeit, des Fleißes und der frommen väterli⸗ chen Sitte in jeder Beziehung ſich glücklich fühlen 183 möge, wie es Gott der Herr gewollt hat, indem er ſie ſo fern von der deutſchen Muttererde auf ihre kleine Heimat verpflanzte und ihr in ſeiner Vatergüte eben ſo viel Genügſamkeit wie Reichthum an irdiſcher Schönheit und Herrlichkeit verlieh. Uns bleibt für jetzt nur noch übrig, mit treuer Hingebung die Ge⸗ ſchicke derjenigen Perſonen zu verfolgen, die wir in dem Rahmen dieſer Erzählung aufgeſtellt haben, und dabei zu erfahren, wie ihr Loos und ihre Verhältniſſe ſich geſtalteten, nachdem die Kriegstrompete ihre Fan⸗ faren ausgeſchmettert und die ſüße Ruhe zu ihnen zurückgekehrt war, die ſie ſo lange Jahre mit bluten⸗ dem Herzen entbehrt hatten. Zu dieſem Zwecke betreten wir noch einmal das ſtille Kiekhaus bei Saſſenitz, in dem wir unſere Er⸗ zählung begonnen haben und in das wir die Haupt⸗ ſcenen des Schluſſes derſelben auch wieder zurückver⸗ legen müſſen. Waldemar Granzow war erſt im Frühſommer des Jahres 1815 zu den Seinigen zurückgekehrt, bis dahin war er auf dem ſchwediſchen Schiffe geblieben und hatte alle Gefahren, denen daſſelbe auf ſeinen Kreuzfahrten gegen Dänemark und Frankreich, ſowohl zwiſchen den däniſchen Inſeln wie ſpäter im britiſchen Canal an der franzöſiſchen Küſte ausgeſetzt geweſen, ——— =————— 184 ſiegreich beſtanden, weshalb er auch zum erſten Lieu⸗ tenant auf demſelben avancirt war. Im Jahre 1815 aber, als Schweden ſeine überzähligen Schiffe demo⸗ bil machte, ſie in die Häfen zog und abtakelte, wurde der größte Theil ihrer Mannſchaften entlaſſen und nur Wenigen freigeſtellt, in der ſchwediſchen Marine wei⸗ terzudienen, falls ſie Neigung dazu hätten. Auch Waldemar gehörte zu dieſen Wenigen, allein da er ſich im Herzen mehr zu Deutſchland als Schweden gezogen fühlte, ſeine alten Eltern auch nicht in ihrem ſtillen Häuschen allein laſſen wollte und von Sehn⸗ ſucht nach ſeiner Heimat verzehrt wurde, ſo zog er es vor, den ſchwediſchen Dienſt zu verlaſſen und einen neuen Wirkungskreis im Vaterlande zu ſuchen. So kehrte er denn Ende Juni nach Rügen zurück und fand ſeine Eltern im beſten Wohlſein vor, zumal die Freude über den endlich errungenen Frieden und die Hoffnung auf ferner ungetrübtes Glück ſie gegen die Stürme des Alters aufrecht erhalten, wozu ihre ge⸗ ſunde Natur unendlich viel beigetragen hatte. Dem alten Strandvogt merkte man kaum an, daß er, ſeitdem wir ihn zum erſten Mal ſahen, ſechs Jahre älter geworden war; zwar hatte ſein Haar völ⸗ lig die Farbe des Schnees angenommen, aber ſeine leibliche und geiſtige Kraft war ungebrochen und ſein b energiſches Geſicht ſtrahlte noch immer die alte Hei⸗ terkeit und Lebensfriſche aus, die er in allen Stür⸗ men ſeines Lebens unverwüſtlich bewahrt hatte. Auch Mutter Ilske zeigte keine äußerliche Spur irgend eines Verfalls; ihr Gang war noch eben ſo raſch und leicht, ihre Haltung noch eben ſo ungebeugt, und ihr ſelbſt im Alter ſchönes Geſicht hatte noch immer die angenehmen Merkzeichen eines früheren ro⸗ ſigen Teints und namentlich die Milde und Ruhe des Blicks bewahrt, was man bei ſchönen nordiſchen blauen Augen ſo oft bis in's ſpäteſte Alter beobachtet. Wenn der Frohſinn der beiden Alten von Zeit zu Zeit verdüſtert wurde, ſo war allein das noch im⸗ mer unklare Geſchick ihres einzigen Sohnes, deſſen Wiederkehr ſie mit unendlicher Freude begrüßt hatten, daran ſchuld, denn daß dieſer in der Tiefe ſeines Her⸗ zens noch nicht vollſtändig beruhigt und beglückt war, ſahen ſie ſehr bald, nachdem er die Schwelle ihres Hauſes wieder betreten hatte. Mit ſtiller Wehmuth unterhielten ſie ſich oft Abends ſpät, wenn ſie al⸗ lein oder ſchon zur Ruhe gegangen waren, von ihm und ſeinen Abſichten, und die Hoffnung wurde im⸗ mer von Neuem in ihnen wach, daß nur eine Verbin⸗ dung mit Hille ihn ganz dem frohen Leben zurückge⸗ ben könne, dem er bisher noch immer entzogen war. 188 Dieſer Verbindung aber ſtellte ſich vor wie nach ſein von edler Geſinnung zeugendes Vorurtheil ent⸗ gegen, nicht um ein Mädchen freien zu wollen, das ihm an äußeren Mitteln ſo weit überlegen war und dem er in der Lage, in welcher er ſich jetzt befand, noch weniger als früher eine heitere Exiſtenz und eine ſorgenfreie Zukunft bieten konnte. Hille Vangerow ſelbſt hatte einen großen Theil der beiden letzten Jahre im Kiekhauſe verlebt, mit Geduld und Ergebung die Zeit erwartend, wo der Friede in das Land und die Ruhe in ihr Gemüth zurückkehren werde. So war ſie den beiden Verwand⸗ ten an jedem Tage ein Troſt, eine Freude und auch eeiin Sporn zur Zufriedenheit mehr geweſen, und nur ungern hatte man ſie im April des Jahres 1815 wie⸗ der von Saſſenitz ſcheiden ſehn, wo ſie erklärte, ſie müſſe jetzt nach Bakewitz wandern, um dort ihre ei⸗ genen Verhältniſſe zu ordnen und zu lichten, da der Pächter des ererbten Gutes die Abſicht verrathen habe, die Pacht aufzugeben, die mit dem Jahir 1815 abgelaufen war. So finden wir denn die beiden Alten im Kiek⸗ hauſe, als Waldemar dahin zurückkehrte, allein, und mit offenen Armen empfingen ſie ihn und hörten fröhlichen Herzens die Erzählungen mit an, die er ih⸗ ————᷑—᷑—x—ꝛ—:—— ——— 187 nen von ſeinen Fahrten und Erlebniſſen zu Theil werden ließ. Erſt mit ihm und dem Friedensfrüh⸗ ling, der ja zugleich mit ihm kam, war Freude und Behagen in das ſtille Häuschen eingezogen, die ſelbſt die neuſten, raſch am Horizont des Lebens vorüber⸗ fliegenden Vorgänge in Frankreich nicht trüben konn⸗ ten. Als man nun aber vernahm, daß Rügen an Preußen gefallen ſei, das durch ſeine großartige Erhe⸗ bung und ſeine ruhmvollen Siege in der Meinung Europa's wieder zu einer Großmacht herangewachſen ar, da fühlte man ſich gegen alle ferneren äußeren Stürme geſchützt und nur die kleinen inneren Kämpfe waren noch zu überwinden, die in dem engen Be⸗ reich der Familie, gleich drohenden Wölkchen am Ho⸗ rizont des Himmels, bald nach Waldemar's Rückkehr auftauchten. Nachdem Dieſer einige Tage im Hauſe ſeiner El⸗ tern zugebracht und den Lauf der dortigen Verhält⸗ niſſe mit zufriedenem Auge betrachtet hatte, fing es plötzlich an in ſeinem Innern zu gähren und zu trei⸗ ben, wie wenn eine Schlacke ſich in ihm abſtoßen und ſein im Stillen nagender Kummer mit Gewalt ſeine Feſſeln ſprengen wolle. Alles um ihn her lachte und glänzte in heiterem Sonnenſcheine der Behaglich⸗ keit und Zufriedenheit, die Eltern waren glücklich, ihn 188 bei ſich zu haben, der Vater förderte ſeine wieder aufgenommene Arbeit auf dem Meere, am Strande, im Kreiſe ſeiner Untergebenen und Freunde, die Fi⸗ ſcher verrichteten ihr Geſchäft auf der See und die großen Schiffe der Engländer, Deutſchen und Schwe⸗ den durchfurchten raſtlos die blaue Fluth, die ſich be⸗ lebter zeigte, als ſie ſeit Menſchengedenken geweſen war. Auch das neu erworbene Vieh tummelte ſich auf den ſo lange öde gelegenen Weiden, und ſo war Alles wieder in das alte, gewohnte Geleiſe zurückge⸗ kehrt, das dem ruhig ſtrebenden Menſchen ſo wohl⸗ thätig iſt, wenn es mit Frieden und Zufriedenheit im Innern gepaart betreten wird. Nur Waldemar ſelbſt nahm an allen dieſen Vor⸗ gängen ſehr wenig Theil. Er, der früher ſo gern un⸗ ter Menſchen geweilt, ihre Freuden durch Mitgenuß erhöht und ihr Weh durch ernſten Zuſpruch gemildert hatte, floh jetzt, ſo oft es ging, den Verkehr mit den⸗ ſelben und zog ſich in die Einſamkeit und in ſich ſelbſt zurück. Den glänzenden Rock ſeines kurzen ſchwediſchen Kriegerlebens hatte er lange abgelegt und wieder ſeine gewöhnliche Seemannstracht hervor⸗ geholt, um nicht Etwas zu ſcheinen, was er ſeiner Meinung nach längſt nicht mehr war. In dieſer ihm bequemen und aus alter Gewohnheit lieb geworde⸗ ——— nen Kleidung ſah man ihn oft ſchon Morgens früh das Kiekhaus verlaſſen und die einſamſte Stelle des Waldes aufſuchen, wo er entweder auf einer Fels⸗ kuppe ſaß, die hoch über das Meer emporragte und ſeiner ſehnenden Seele einen weiten Spielraum ge⸗ ſtattete, oder er begab ſich tief in die nie erhellten Schatten der Stubnitz, wo er auf den moosbewachſe⸗ nen Steinen ruhte, die ſeine Voreltern vor Jahrhun⸗ derten aufgeſtellt hatten, oder ſchwärmte in den Ge⸗ büſchen umher, die nur der Jäger und das flüchtige Thier des Waldes betrat, um vor den blutdürſtigen Menſchen, die ihm nur Unheil und Verderben brin⸗ gen, Schutz zu ſuchen. Wohin ſchaut er von dieſer hohen Strandklippe aus? Nach Norden oder Süden? Denkt er an den lange ruhig ſchlummernden Freund im Norden oder an das holdſelig geſtaltete Mädchen im Süden, das ihm ſo oft ſeine aufopfernde Liebe bewieſen hat? Wohl möglich, daß er an Beide denkt, indem er ſich ſagt:„Wenn Magnus am Leben geblieben wäre, hätte ich Mittel und Wege gefunden, das Mädchen zu gewinnen, welches der Stern meines Lebens ge⸗ worden iſt und das mich mit ſeinem blauen Auge verfolgt in den Träumen bei Nacht und in den Ge⸗ danken bei Tage! O, wie begreife ich jetzt, was ich 190 bei Magnus nie begreifen konnte, daß ein ſolches Weib, wenn es mit der Seele des fühlenden Mannes einmal verwachſen iſt, ſein ganzes Weſen erfüllt, je⸗ den ſeiner Schritte begleitet und allen ſeinen Hand⸗ lungen ein eigenthümliches Gepräge aufdrückt, einen beſtimmten Zweck und eine gewiſſe Abſicht unterlegt. O, aber welch' lähmender, demüthigender Gedanke, daß nur ein Anderer mir den Beſitz dieſer Hille verſchaffen konnte, daß ich nicht ſelbſt Mann genug war, den Platz an ihrer Seite zu gewinnen! Und doch iſt es ſo. Alle meine Hoffnungen, die ich vor Jahren hegte, im Kampfe um das Wohl meines Vaterlandes mir eine Stellung zu erringen, die mir die Mittel böte, ein Haus zu gründen und Hille glücklich zu machen, ſind wieder vernichtet, ſeitdem der Friede in die Welt zu⸗ rückgekehrt iſt und Alles mit Wonne, Zufriedenheit, Arbeit und Segen erfüllt. Wie gern wollte ich auch arbeiten, ſtreben, ringen, ſo weit meine Kräfte reichen, und meine Kräfte ſind nicht gering mit denen andrer Menſchen verglichen, aber der Gedanke lähmt vor al⸗ len meine Zuverſicht, daß es mir ſchwer werden dürfte, eine Stellung zu erobern, die derjenigen entſpräche, die Hille in den Augen der Menſchen einnimmt. Denn ſie iſt wohlhabend, im Beſitz ſchöner Ländereien, von Haus und Hof. Das erobert ſelbſt ein fleißiger und 1191 kluger Mann nicht im Sturmſchritt, das wächſt ihm nur langſam zu nach langer redlicher Arbeit, und bis mir es gelingt, Haus und Hof zu erwerben, ſind wir alte Leute geworden, da ich ihr doch nicht zumu⸗ then kann, mit dem Erwerbe eines Seemanns zufrie⸗ den zu ſein, der für geringen Lohn den Tag über im Dienſte Fremder arbeitet. Nein, das paßt nicht für mich, ich muß an etwas Anderes denken. Hätte ich nur einige Mittel, ich ſchaffte mir ein eigenes Schiff an und führe damit über's Meer, um Schätze zu ge⸗ winnen, nicht um ſie zu haben und darauf wie auf breiten Polſtern zu ruhen, ſondern um ſie vor Hille's ſtrahlenden Augen auszubreiten und ihr zu ſagen: Sieh, ſchönes Mädchen von Saſſenitz, das Alles iſt mein und Du ſollſt es mit mir theilen, denn für Dich allein hab' ich es redlich erworben. O daß mein Herz von Jugend auf gewohnt iſt der Liebe, die von Außen hereinſtrömt und es erfüllt mit dem köſtlichſten Gefühle, welches dem Menſchen auf Erden zu Theil ward! So lange ich Magnus hatte, entbehrte ich dieſe Liebe nicht, als er aber todt war und kalt an meiner Seite vor meinen ſtrömen⸗ den Augen lag, da ward ich mir der Leere bewußt, die er in meinem Gemüthe ließ, und alle meine Ge⸗ danken wandten ſich auf ſie hin, die jetzt der Inbe⸗ 192 griff aller meiner Wünſche und Hoffnungen iſt. Das iſt nun ſchon beinahe fünf Jahre her— und fünf Jahre irre ich ſuchend und hoffend in der Welt von einem Orte zum andern und noch immer nicht habe ich ge⸗ funden, was ich ſuchte, wonach ich ſpähte. Meine armen Eltern ſind auch dabei zu beklagen. Sie ſe⸗ hen durch die Wandung meiner Bruſt und kennen die bittere Fülle, die mein Herz überquellen macht. Faſt ſchäme ich mich vor ihnen, immer wieder Abends an ihre Thür zu klopfen und von ihrem ſchwer erwor⸗ benen Brode zu zehren. Sie geben es mir zwar gern, ich weiß es, ſie wünſchen mir überhaupt das Beſte, aber helfen können ſie mir eben ſo wenig, wie ich mir ſelber, obwohl ich manchmal denke, die Mutter trage ein Geheimniß für mich in ſich, das, wenn ſie es nur ſagen wollte, mir zum Glücke verhelfen könnte. Aber beinahe errathe ich, was das für ein Geheimniß iſt. Geh hin zu Hille, ſagt mir ihr mütterliches Auge, und bekenne ihr Deine Neigung und wirb um ſie, und Hille wird das Ihrige mit Dir theilen, denn ſie iſt gut und brav und hat ein Gefühl für ſo treue Zuneigung. Ach ja, das glaube ich wohl, aber ich kann mich nicht zu dieſem Entſchluſſe bezwingen, die Zunge würde mir ihre Dienſte verſagen, wollte ich ſie zu ſolchem Geſtändniſſe nöthigen. Und doch wird 193 es Zeit, daß ich einen ernſtlichen Schritt thue, oder ich muß mich wieder nach Schweden wenden, um noch einmal den mir angebotenen Dienſt zu verſuchen. Das wäre am Ende das Klügſte und ſoll heute, mor⸗ gen und übermorgen bedacht werden, denn ich bin achtundzwanzig und Hille iſt vierundzwanzig Jahre alt, es wird alſo Zeit, daß wir unſre Zukunft befeſti⸗ gen, ſonſt entſchlüpft ſie mir; geht mir aber auch Hille verloren, ſo habe ich nichts mehr auf dieſer Welt, was mich reizt und ſpornt, und ich könnte mich eben ſo gut neben Magnus betten, den auch nichts reizte und ſpornte, ſeitdem ihm Gylfe abtrünnig gewor⸗ den war. Alſo Schweden! Hm! Ja, das muß bedacht wer⸗ den. Heute will ich noch nicht mit den Eltern dar⸗ über reden, auch morgen und übermorgen noch nicht, aber dann werde ich ſelbſt mit mir einig geworden ſein und ſie ſollen mir ihren letzten Rath ertheilen.“ Mit ſolchen Gedanken trieb ſich Waldemar eines Tages im Walde der Stubnitz um; er machte abſicht⸗ lich weite Wege, um ſich zu ermüden und des Nachts ſchlafen zu können, aber dieſe Gänge erhitzten und regten ihn mehr auf, als ſie ihn abkühlten und be⸗ ruhigten, es war, als ob ſeine phyſiſche Kraft zu⸗ nähme, je mehr er die geiſtige in Thaͤligirit ſebic⸗ und Der Strandvogt. IV. f 194 als ob er nicht mehr des wohlthuenden Schlafes be⸗ dürfe, um ſich zur Abeit des nächſten Tages zu ſtär⸗ ken und ſeine Hoffnungen von Neuem aufleben zu laſſen. Seeine Eltern, die, ohne mit ihm darüber zu ſpre⸗ chen, den ganzen Zwieſpalt ſeiner Seele ſahen und den innigſten Antheil daran nahmen, wußten nicht, wie ſie ihm rathen und beiſtehen ſollten. Wohl wa⸗ ren ſie recht traurig, ſchüttelten die Köpfe und flü⸗ ſterten leiſe unter einander, wenn ſie allein waren, aber in ſeiner Gegenwart ſprachen ſie nichts, ſondern war⸗ teten nur geduldig ihre Zeit ab, denn daß dieſe kom⸗ men und ihnen und ihm helfen würde, das wußten ſie, da ſie ihren Sohn kannten, deſſen Thatkraft end⸗ lich einmal zum Durchbruch kommen mußte, wenn er lange genug nachgedacht und gegrübelt hatte. So ſtanden die Sachen, als Waldemar eines Nach⸗ mittags wiederum vom elterlichen Hauſe entfernt war und einen weiten Spaziergang am Jasmunder Oſt⸗ ſtrande entlang nach Stubbenkammer unternommen hatte, um eine Viertelmeile nördlich hinaus eine Mei⸗ erei zu beſuchen, die dem Grafen Brahe gehörte und auf der er eine Art Muſterwirthſchaft hatte einrichten laſſen, um den Bewohnern des umliegenden Landes in der Bebauung der Felder und der Züchtung des 195 Viehes mit gutem Beiſpiele voranzugehen. Waldemar hatte ſchon in früheren Jahren mit Magnus dieſen Ort— Blankenau war ſein Name— immer gern beſucht und viele ſüße Erinnerungen ſeiner glücklich⸗ ſten Jugendzeit knüpften ſich daran, da namentlich dort die innige Freundſchaft zwiſchen beiden jungen Männern ſich entwickelt hatte oder zum Ausbruch ge⸗ kommen war. Er lag hart am Meere auf dem ho⸗ hen Strande, ungefähr an der Stelle, wo das Krei⸗ defelslager in Lehm⸗ und Sandformation überging, bot eine herrliche Ausſicht auf das weite Meer, hatte herrliche Waldungen um ſich her und Ackerland, Wie⸗ ſen und Viehtrift, ſo ſchön, wie kaum das beſte auf Wittow war. Dicht am hohen Ufer aber erhob ſich das gräfliche Wohnhaus, nicht koſtbar und reich, aber ungemein wohnlich und bequem eingerichtet, denn der alte Graf hatte es für ſich und die Seinigen zum Sommeraufenthalte beſtimmt, wenn er einmal längere Zeit auf ſeinen Gütern in Jasmund zubrachte und, von allem geräuſchvollen Verkehre der Welt zurückge⸗ zogen, ſich und der reizenden Natur leben wollte. Kaum hatte Waldemar den Eltern ſeinen Ent⸗ ſchluß ausgeſprochen und ihnen Lebewohl geſagt, ſo ſollte etwas im Hauſe geſchehen, was weder er noch jene erwartet hatten, und was von der Vorſehung be⸗ 13* 196 ſtimmt war, einen gewaltigen Umſchwung in ihren ſo trüben Verhältniſſen herbeizuführen. Der Strandvogt hatte eben ſein Mittagsſchläfchen begonnen, denn es war ein heißer Tag, und Mutter Ilske ſaß auf ihrem Stuhle am Fenſter, beſſerte Wäſche aus, blickte zuweilen über die See und ſeufzte leiſer oder lauter, je nachdem ihre ſorgende Seele bald mehr oder minder um das Wohl ihres Sohnes in Küm⸗ merniß war. In dieſem Augenblick erklang im Garten vor dem Hauſe eine laute Stimme, welche die alte Trude nach Etwas zu fragen ſchien. Bald darauf ward die Hausthür geöffnet und ein ſchwerer Schritt näherte ſich dem Wohnzimmer. Mutter Ilske, die an dieſem ſchweren Schritte ei⸗ nen der Lootſen vom Strande zu erkennen glaubte und ihren Mann nicht gern aus ſeiner gemüthlichen Mittagsruhe ſtören laſſen wollte, ſtand ſchnell vom Stuhle am Fenſter auf und trippelte zur Thür, um den Beſuch vom Wohnzimmer abzuwehren. Aber da lag ſchon eine feſte Hand auf dem Drücker und drehte ihn ſo kräftig um, daß der Schläfer erwachte und er⸗ ſchrocken emporfuhr, Mutter Ilske dagegen erzürnt dem ſo heftig Eindringenden entgegentrat, um ihm ſeine Störung zu ſo ungelegener Zeit ernſtlich zu ver⸗ weiſen. Aber wie betroffen fuhr ſie zurück und mit wie großen Augen ſtarrte der Strandvogt dieſem Be⸗ ſuche entgegen, als er nun in ganzer Perſon über die Schwelle trat und dabei ſeine rieſige Geſtalt tief beugen mußte, um den kahlen Schädel nicht an den Thürpfoſten zu ſtoßen. „Adam Sturleſon!“ riefen die beiden Alten in einem Athem und ſprangen dem lieben und ſo lange nicht geſehenen Verwandten mit freudig bewegtem Herzen entgegen. „Ja, Adam Sturleſon, der alte Schwede aus Pu⸗ litz iſt es ſelber, Baſe Ilske und Vetter Granzow!“ rief der brave alte Pächter und ſtreckte ſeine Hände dem Ehepaare entgegen.„Grüß' Euch Gott, Kinder, da bin ich, mit Haut und Haaren, wie mich der Schöpfer erſchaffen hat, und ich komme mit einem Gruß von meiner Alten, um einmal zu ſehen, wie es bei Euch ſteht und geht, nachdem wir den Frieden wieder haben, und anzufragen, ob Euch der lange Krieg auch keine ernſtliche Beule geſchlagen hat und Ihr wieder guten Muthes und Gott vertrauenden Herzens ſeid? Heda, alter Knabe Granzow, ich ſehe es, Ihr ſeid ja noch ganz wohl aufgetakelt, und Ihr, Frau Baſe, habt Euch gewiß mit dem franzöſiſchen Firlefanz vor dem großen Spiegel da die Wangen 198 bemalt, denn, ſtraf mich Gott, wenn wir Beide noch ledig wären, könnte ich mich verlieben in Euch, ſo jungwangig und ſtrotzig ſeht Ihr aus!“ Die beiden Bewohner des Kiekhauſes lächelten ſic freudig an bei dieſem Gruße, denn ſie waren es ſchon gewohnt, den alten Freund ſo heiter ſprechen und ſcherzen zu hören, und ſahen ein, daß er unter allen Gefahren und Beſchwerden der vergangenen Zeit noch ganz der Alte geblieben war. Nachdem nun aber der alte Schwede auf dem be⸗ quemſten Sitze im Zimmer Platz genommen und der wieder heimiſch gewordene Kaffee in alter Fülle auf⸗ getragen war, goß Mutter Ilske raſch die altmodiſchen Taſſen mit dem dampfenden Getränke voll und dann ſaßen ſie alle Drei bei einander und erzählten ſich des Breiten und Langen, was ihnen die Zeit hin⸗ durch begegnet war, ſeitdem ſie ſich zum letzten Male geſehen hatten, was vor ungefähr anderthalb Jah⸗ ren geſchehen, als Waldemar noch auf dem Schwe⸗ denſchiffe diente. Sehr bald war daher Vetter Stur⸗ leſon mit dem allgemeinen Gange der Dinge im Kiek⸗ hauſe vertraut und er hörte mit Ruhe zu, bis die gute Baſe mit ihrer Erzählung zu Ende gekommen war; dann aber ſah man ihm an, daß er mit ſeinen Gedanken vorwärts eilte, da ihm offenbar noch ein 199 andrer Zweck, als der des bloßen verwandtſchaftlichen Beſuches, auf der Seele brannte. „Nun ja,“ ſagte er zum Schluß,„da habt Ihr mich alſo wieder, nachdem wir mit Gottes Hülfe den Frieden erlangt, nach dem wir ſo lange geſeufzt, und ich hoffe, nun werden wir uns wieder öfter beſuchen, da Keiner von uns mehr wie ein Knecht eines uner⸗ wünſchten Herrn an ſein Haus gebunden iſt. Ja, Kinder, den großen Kaiſer von Frankreich werden wir nun mit ſeinen Schelmen von Marſchällen und Tra⸗ banten ſo wenig wiederſehen, wie ich meinen kleinen Kaiſer von Pulitz wiedergeſehn habe, denn den Erſten haben ſie auf eine und den Letzten um eine Inſel gebracht, die Beide vorher nicht im Traume erblickt hatten. Das iſt der Humor davon und ſo iſt nun einmal der Welt Lauf. Ha, ja, was waren das für Zeiten, die nun endlich hinter uns liegen! Wie iſt da Alles drunter und drüber gegangen, und was ha⸗ ben wir kleinen Leute im Herzen erduldet! Hol' mich der Geier, es ſtand arg mit der Welt, die Großen haben diesmal auch ihr Theil abgekriegt und die Erde hing nur noch an einem einzigen Faden im Welten⸗ raume, und wenn der geriſſen wäre— gewackelt und ge⸗ kracht hat er ſchoͤn— dann wären wir Alle im leeren Raume herumgezappelt und hätten mit den Vögeln — —eee”dd —— ——,————— 1 um die Wette fliegen oder mit den Fiſchen um die Wette ſchwimmen können! Na, die Furcht ſind wir nun los und noch einmal mit heiler Haut davon ge⸗ kommen. Meine hohe Pacht habe ich auch nur bis Anno Zwölf bezahlt, da nahm der Schwedenkönig Pulitz wieder in Beſitz und der rothnaſige Burgun⸗ derkaiſer hat nichts wieder von ſich hören laſſen. Gott hab' ihn ſelig! Er hat mir doch eigentlich mehr Spaß als Verdruß gemacht!“. „Den Wald von Pulitz abgerechnet!“ ſchaltete der Strandvogt mit bedeutſam aufgehobenem Finger ein. „Vetter!“ rief der alte Schwede entflammt.„Was war das für ein Wort! Von meinem Walde ſprecht mir nicht, ſonſt krampfen ſich meine Eingeweide zuſammen und meine Fäuſte ballen ſich, als woll⸗ ten ſie Alles rings umher in Scherben ſchlagen. Nein, davon ſchweigt mir, wenn Ihr mich bei guter Laune erhalten wollt, laßt mich lieber von Euerm Sohne Waldemar hören, dem ich nun auch ſo lange nicht mehr die Hand geſchüttelt habe. Ha, was macht der Junge, nachdem ihm ſein Freund, der blaſſe Graf, abhanden gekommen iſt? Ich wundere mich ſchon lange, daß ich ihn nicht ſehe, und doch ſoll er wieder hier ſein, wie man mir geſagt hat.“ Mutter Ilske ſtieß einen leiſen Seufzer aus und 201 der Strandvogt kraute ſich mit verblüfftem Geſicht hinter den Ohren, als beſänne er ſich, was er darauf erwidern ſollte. „Nun,“ fing der alte Schwede wieder an, als die beiden Alten verlegen ſchwiegen und ſich fragend anblickten,„Ihr ſprecht ja nicht und ſeht Euch ſo ver⸗ dutzt an. Ihm iſt doch kein Unglück begegnet? Das ſollte mir leid thun, denn ich habe den Jungen ſo lieb, wie mein eigenes Fleiſch,— wie ich es wenig⸗ ſtens haben würde, meine ich, wenn mich Gott da⸗ mit geſegnet hätte. Nun, wird's bald mit der Ant⸗ wort?“ „Ach, Vetter!“ erwiderte die Mutter mit trübſeli⸗ gem Geſicht,„mit unſerm Waldemar geht es uns bei⸗ nahe wie Euch mit Eurem Walde— verzeiht, daß ich Euch noch einmal daran erinnere.“ „Was? Er iſt Euch doch nicht gefällt? Das ver⸗ hüte Gott!“ „Nein, nein doch!“ rief der Alte, mit komiſcher Grimmgeberde gegen ſeine Frau hanthierend.„Die Alte ſpricht, glaube ich, vor Freuden unklug, weil ſie Euch ſo unverhofft ſieht und Ihr ihr eine ſo ſchöne Schmeichelei geſagt habt, die Euch gewiß der Fran⸗ zoſe mit der Burgundernaſe beigebracht. Aber mit meinem Jungen, Sturleſon, iſt es allerdings nicht 202 richtig, er läuft mit geſenkten Ohren mehr im Walde umher, als die Haſen der Stubnitz, und kann das warme Neſt nicht finden, wo er ſich gern niederle⸗ gen und ruhen möchte von der erlebten Angſt und Noth.“ „So— ah! Alſo ſo ſteht die Sache! Und Hille, wo iſt denn die?“ „In Bakewitz, wo ſie immer war, wenn ſie nicht bei uns lebte,“ ſagte die Mutter ſeufzend. „In Bakewitz! So, ſo! Und der Junge iſt noch nicht bei ihr geweſen, wie? Und hat ihr noch nicht ſein Herz und ſeine Hand angetragen, he? Hab'ich Recht oder Unrecht?“ „Ihr habt ſehr Recht, Vetter,“ erwiderte Mutter Ilske,„denn er iſt noch nicht bei ihr geweſen, und das iſt eben unſer Kummer, da wir ihn doch nicht mit Gewalt hinſchicken können. Ach, hätte er ſie erſt einmal beſucht, ſo würde er, ich weiß es gewiß, mit freudigem Geſichte wiederkommen und das Neſt wäre gefunden und ſein unſtätes Umhertreiben würde ein Ende haben, wie der Wind, der ſich immer ein⸗ mal wieder beruhigt, wenn er eine Zeitlang ſtür⸗ miſch genug geweht hat. Aber dahin iſt er nicht mit Güte zu bringen. Er hält es in ſeinem edlen Her⸗ zen für eine Schande, um ein Mädchen zu freien, 203 das ein Gut hat und reich iſt, wogegen er ihr nichts bieten kann, als ſeine ſtarke Hand und ſein redliches Herz.“ „Oho! So, ſo!“ ſagte der alte Schwede ſchmun⸗ zelnd und durch die Zähne pfeifend.„Bläſt der Wind aus der Richtung! Haha, das iſt zum Lachen! Nun freilich iſt mir Alles klar. Alſo hier iſt Krieg, noch immer Krieg, wo rings herum ſchon Friede iſt! Soll das etwa die Feier ſein, die das ganze Land be⸗ geht, daß es nun endlich zu Deutſchland gekommen, wohin es von Gottes und Rechts wegen gehört und was es ſo lange gewünſcht hat? Halloh, auf Eu⸗ ern Poſten, Kinder!„Old England erwartet, daß Jedermann ſeine Schuldigkeit thue,“ hat Nelſon bei Trafalgar geſagt, und Euer Junge hat wacker mit ihm gefochten und damals auch ſeine Schuldigkeit ge⸗ than. So ſoll er ſie jetzt auch thun, dafür laßt den alten Schweden ſorgen. Ha! Wie iſt mir denn mit einem Male ſo ſpaßhaft zu Muthe! Der herrlichſte Wind bläſt mein ganzes Schönfahrſegel auf und alle Wimpel flattern, daß es eine Luſt iſt. Juchei! Don⸗ ner und Wetter! was kommt mir da für ein verteu⸗ felt hübſcher Gedanke!“ Und er ſtand auf und ging eine Weile mit lan⸗ gen und dröhnenden Schritten im Zimmer auf und 204 ab, lächelte dazwiſchen heiter und dann ſtieß er plötz⸗ lich einen fürchterlichen ſchwediſchen Fluch aus, er⸗ griff den Strandvogt am Arme, der ihm zunächſt ſtand, und ſagte mit ſcherzhaft flüſternder Stimme, als ob die Wände nicht einmal hören ſollten, was er ſprach: „Hört mal, Vetter, ich wollte erſt bis morgen oder übermorgen bei Euch bleiben und mir das Herz rein ſprechen von Allem, was ich für Euch darin geſam⸗ melt, und es war ein bischen Viel, denke ich. Nun aber habe ich mich anders beſonnen und werde Euch in einer Stunde etwa verlaſſen. Oder denkt Ihr, daß der Junge noch früher von ſeinem Gange heim⸗ kehrt?“ „D nein, o nein,“ erwiderte ſeufzend der Vater, „der kommt nicht vor ſinkender Nacht, denn das iſt ſo ſeine unglückliche Gewohnheit jetzt.“ „So, ſo, ja, ja! Dann habe ich auch noch eine Stunde länger Zeit. Aber hört, ſagt ihm heute Abend, wenn er kommt, kein Wort, daß ich hier geweſen bin, noch weniger, wovon wir geſprochen haben. Ich will einmal meine Siebenmeilenſtiefel anziehen und noch heute nach Mönchgut wandern, um zu ſehen, wie in dem warmen Neſte da die Sachen ſtehen.“ 1 „Nach Mönchgut? Was wollt Ihr denn da ma⸗ chen, Vetter?“ 205 „Ei, das werdet Ihr ſchon erfahren, wann es an der Zeit iſt. Ich kam, um es Euch offen zu ſagen, nicht um Euch allein hierher, auch Euern Waldemar wollt' ich ſprechen und ihm ein Wörtchen in's Ohr flüſtern, was ihm vielleicht angenehm geklungen hätte. Aber nun, da ich ſehe, wie es in ihm blitzt und don⸗ nert, will ich mir einmal einen Spaß mit ihm ma⸗ chen, einen Spaß, Donner und Wetter! wie er gut thut nach ſo langer Sorge und Noth. Ihr werdet es erleben, das wird helfen und der Sturm in ihm wird ſich zur ſanfteſten Briſe legen, ſein ſchönes Schiff wird wieder unter vollem Winde ſegeln, und er ſoll Euch eine Freude machen, wie ich mir ſelber eine machen will. So ſoll ſich der alte Schwede bewäh⸗ ren, wie er ſich immer bewährt hat, und Ihr ſollt mir nicht ſagen, daß ich Euer Haus über das mei⸗ nige vergeſſen habe.“ Die beiden Alten blickten ganz verwundert ſich und den Vater Sturleſon an, deſſen Geſicht einen wahrhaft triumphirenden Ausdruck angenommen hatte und deſſen Auge blitzte, wie es ehemals in den nor⸗ diſchen Schlachten mochte geblitzt haben. So viel ſie aber auch in ihn drangen und ſeine Abſicht zu erfah⸗ ren trachteten, er war und blieb undurchdringlich wie eine bombenfeſte Mauer, und nachdem er ſich noch ————— —— —ÿÿ— — — 206 weidlich an den nahrhaften Speiſen erquickt, die man ihm vorgeſetzt, zog er, wie er ſagte, ſeine Sie⸗ benmeilenſtiefel an, das heißt, er ſchüttelte den beiden Alten die Hände, daß ihre Gelenke krachten, und ſchritt mit einem heimlichen Lächeln davon, als wüßte er vorher, daß er nur ein leichtes Stück Arbeit vor ſich habe.— Der Strandvogt und Mutter Ilske aber blieben in einer ungewöhnlichen Aufregung zurück, da ſie ſich auf keine Weiſe das Vorhaben des alten Freundes erklären konnten, mochten ſie auch noch ſo viel darüber hin und her denken. Aus dieſem Grunde waren ſie heute auch nur wenig geneigt, mit Waldemar zu re⸗ den, als dieſer am ſpäten Abend von ſeinem Aus⸗ fluge heimkehrte, ſchweigſam wie immer ſein Abend⸗ brod verzehrte und nach wenigen Worten die guten Alten verließ, um auf ſeine Kammer zu gehen, die im öſtlichen Giebelraume lag und die entgegengeſetzte Seeite des Hauſes einnahm, die ſonſt Hille bei ihrer Anweſenheit im Kiekhauſe bewohnt hatte. Aehtes Anpitel. Mönchguter Jagd. Waldemar war, wie geſagt, ſpät am Abend und wortkarger denn je nach Hauſe gekommen, diesmal aber nicht ſowohl weil er wieder ohne Unterlaß ſeinen alten Wünſchen nachgehangen, ſondern weil er über⸗ haupt einen berdegten Tag verlebt hatte, der ihn zu⸗ erſt in die Erinnerung ſeiner glücklichſten Jugendzeit zurückgeführt und dann, wie der Gegenſatz bei der⸗ gleichen Gedanken nie ausbleibt, die ganze Hoffnungs⸗ loſigkeit ſeiner Zukunft hatte überſchauen laſſen. Schon der Spaziergang am hohen Klippenſtrande von Jas⸗ mund entlang, von Saſſenitz bis über Stubbenkam⸗ mer hinaus, hatte ſein für Naturſchönheiten ſo em⸗ pfängliches Herz in eine ungewöhnliche Wallung ver⸗ ſetzt. Das herrliche Wetter der lieblichſten Jahreszeit, die blühende Natur, der über dem blauen Meere gol⸗ 208 den blinkende Sonnenſchein, der Hunderte von Segeln beleuchtete, die ſeine kleine Heimat umſchwärmten und nach allen Weldgegenden ſteuerten, hatte eine unglaub⸗ liche Sehnſucht nach einem auch innerlich ſo wohlthu⸗ enden Zuſtande in ihm erweckt, denn ein denkender und zugleich gefühlvoller Menſch liebt es nicht allein, ſondern hegt auch das Bedürfniß, ſeine Seele ſtets in harmoniſchen Einklang mit den Erſcheinungen der Außenwelt zu ſetzen, und gewöhnlich ruft dieſe, wenn ſie ſchön iſt, das Innere zur Freude wach, nicht ſelten aber auch erweckt der Gegenſatz die traurigſte Stim⸗ mung, wenn das Herz des Menſchen von heißen und ſchwer erreichbaren Wünſchen überfüllt iſt, wie es das unſers wackeren Freundes war. Als er nun aber über Stubbenkammer hinausge⸗ kommen war, die düſtere Stubnitz hinter ſich gelaſſen und die anmuthige nordöſtliche Landſchaft von Jas⸗ mund erreicht hatte, auf deren ſchönſtem Punkte die Meierei Blankenau mit ihren belebten Viehhöfen, ih⸗ ren in regelmäßigen Linien gepflanzten Waldungen und den ſchon in goldener Frucht ſtehenden Ackerfel⸗ dern lag, als er Alles in blühendſter Friſche und nir⸗ gends mehr eine Spur der auf anderen Stellen der Inſel ſo ſichtbaren Verwüſtung aus den vergangenen Kriegsjahren fand, da tauchte vor ſeinem rückwärts 209 ſchauenden Blicke die liebliche Jugendzeit auf, die mit ihren unbezahlbaren Freuden und unvergänglichen Eindrücken, wenn ſie uns in geeigneter Zeit vor die Seele treten, wohl dazu angethan iſt, ein ſanftes und reizbares Gemüth mit linder Wehmuth aber auch mit lebensvollen Wünſchen zu füllen. Als er nun aber die inneren Räume des behaglichen und ſtets in beſter Ordnung gehaltenen Wohnhauſes betreten und auch hier Alles in glänzendſter Friſche gefunden hatte, als wäre es eben erſt aus den Hän⸗ den des Baumeiſters hervorgegangen, da war ihm wie nie der ungeheure Unterſchied zum Bewußtſein gekommen, der zwiſchen einem begüterten und einem mittelloſen Manne beſteht, und der Vorzug, den jener genießt, erſchien ihm als ein beneidenswerthes Glück, das nur wenigen Menſchen auf dieſer Erde beſchieden iſt und von dieſen Wenigen nicht einmal immer auf die rechte Weiſe beherzigt und genoſſen wird. Er war durch das ganze Gehöft geſchritten, ohne den jungen Verwalter anzutreffen, der als eheloſer Mann ein beſcheidenes, von dem Herrenhauſe abge⸗ ſondertes Häuschen bewohnte, und nach ihm fragend, hatte er die Antwort erhalten, er ſei nach dem Strande hinabgeſtiegen, um die Felsſteine maleriſch zu ordnen, die der Zufall dort aufgehäuft, und die, wild und Der Strandvogt. IV. 14 210 wüſt durch einander geworfen, dem mit reicher Vege⸗ tation bedeckten Uferabhange ein unholdes Anſehn ga⸗ ben, das mit der übrigen Symmetrie der Muſterwirth⸗ ſchaft nicht recht ſtimmen wollte. So ſuchte er den fleißigen Mann denn auch hier auf und fand ihn bei einer Arbeit, der er mehr zur Befriedigung ſeines eigenen Schönheitsſinnes als um den Anforderungen des Gutsherrn zu genügen, alle Tage einige Stunden widmete. Er war damit be⸗ ſchäftigt, eine bequeme Treppenſtiege nach dem Außen⸗ ſtrande anzubringen und ſo das Gut ſelbſt mit dem Meere in unmittelbare Verbindung zu ſetzen, an den Seiten dieſer Stiege aber in gefälligen Gruppen junge Cdeltannen zu pflanzen und dazwiſchen mit Moos be⸗ wachſene Steine außzuſtellen, die dem Ganzen das Anſehen einer planmäßigen Anlage gaben, ohne ihm die wohlthuende Phyſiognomie einer von ſelbſt ent⸗ ſtandenen Naturſchöpfung zu nehmen. Waldemar war von dieſem Unternehmen wahrhaft entzückt und mit innerer Genugthuung bemühte er ſich, auf die Ideen des geſchickten Mannes einzugehen und ihn zur Ausführung ſeiner weiteren Pläne auf jede Weiſe zu ermuntern. Ach, wenn er in dieſem Augenblicke ſeinen lieben Magnus zur Seite gehabt hätte, für den der gütige Vater alle dieſe Neuerungen 211 ins Leben gerufen, wie glücklich würde er ſich dann gefühlt haben und wie würde dann auch der andere Kummer leichter zu ertragen geweſen ſein, der außer⸗ dem noch auf ſeinen Schultern laſtete! Mit ſolchen ihn durch und durch erſchütternden Gedanken nahm er am Abend Abſchied von dem Ver⸗ walter, das Verſprechen hinterlaſſend, in den nächſten Tagen wiederzukehren und auch die Verbeſſerungen auf den Feldern und in den Wäldern in Augenſchein zu nehmen, die er ſeit der Anweſenheit der Franzoſen eingeführt, die zwar auch hier zeitweiſe ihr Unweſen getrieben, aber in Folge einer guten Bewirthung keine übertriebenen Anforderungen geltend gemacht hatten. Auf dem ganzen Heimwege ſchwebte ihm nun das an dieſem Tage Erlebte und Genoſſene vor und ſelbſt zu Hauſe noch, als er ſchon lange wieder unter den Eindrücken des engen Haushalts ſeiner Eltern ſich be⸗ fand, tauchten wie mit linder Schmeichelei die reizen⸗ den Gebilde von Blankenau vor ihm auf.— Der nächſte Tag kam und wieder war es ein kla⸗ rer windſtiller Sommertag, wie ſie auf Rügen nur ſelten in anhaltender Reihe wahrgenommen werden. Am Morgen war Waldemar am Saſſenitzer Strande geweſen, um an dem Boote mit arbeiten zu helfen, welches er von einigen Schiffern, die das Handwerk 14* 1212 — eines Schiffszimmermeiſters aus dem Grunde verſtan⸗ den, für ſich ſelbſt herſtellen ließ. Nach Tiſche war er etwas länger im Hauſe geblieben und hatte ſeinen Eltern von der Meierei des Grafen erzählt und ihnen das Allgemeine und Einzelne mit treuen Zügen vor Augen geführt. So anhaltend wie diesmal hatten ihn die guten Alten lange nicht ſprechen gehört und als er ſich endlich zu einem weiteren Ausfluge an⸗ ſchickte und mit herzlichem Gruße das Kiekhaus ver⸗ ließ, ſagte Mutter Ilske zum Strandvogt:„Na, Da⸗ niel, er fängt ja an, wieder Antheil an den Sorgen und Freuden der Leute zu nehmen, er iſt alſo auf gutem Wege. Hoffen wir denn auch das Beſte und reden wir ihm freundlich zu, es wird am Ende noch Alles beſſer gerathen, als wir ſo oft ſchon gefürchtet haben.“ „Na, nur nicht zu früh frohlockt!“ mahnte der ernſtere Strandvogt,„es kann auch eine Laune ſein, die ihn einmal zufällig angelächelt hat. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber der Spaß, den der alte Schwede vorhat und den ich nicht ergründen kann, wie ſehr ich mir auch darüber den Kopf zerbreche, hilft am Ende mehr als alles Uebrige. Gieb mir doch meinen Hut dort herunter, Ilske, ich will ein⸗ mal den Strand beſchreiten und nach dem Rechten ſe⸗ 213 hen. Die gute Jahreszeit muß man nutzen, damit die ſchlechte uns gerüſtet findet.“ Mutter Ilske langte den Hut und reichte ihn dem biederen Manne dar, wie ſie es ſeit vielen Jahren zu thun gewohnt war, wenn er einen Ausgang beabſich⸗ tigte. Bald darauf hatte er das Kiekhaus verlaſſen und wanderte am Strande auf und ab, mit Dieſem und Jenem der Bewohner von Saſſenitz redend, wie er ihm nun durch Zufall in den Weg geführt ward. Mutter Ilske aber blieb allein bei ihrer häusli⸗ chen Arbeit zurück, die ſie auf ihrem gewöhnlichen Platze am Fenſter verrichtete und hegte dabei ſchon wieder neue Hoffnung, wie ſie das leicht bewegliche Frauenherz glücklicherweiſe ſo oft überſtrömt. Da ward ſie aus ihren Gedanken durch lautes Klopfen an die Hausthür geriſſen und als Trude, die im Garten auf der Strandſeite arbeitete, nicht gleich her⸗ beieilte, um den Kommenden einzulaſſen, ſtand Mut⸗ ter Isske ſelbſt von ihrem Stuhle auf, um nachzuſe⸗ hen, wer da ſei. Zu ihrer Verwunderung ſah ſie den Landpoſtbo⸗ ten vor ſich ſtehen, der ihr einen ziemlich großen Brief überreichte und dafür die kleine Münze in Em⸗ pfang nahm, die er zu beanſpruchen hatte. Mutter Ilske goß ein Glas Milch ein und gab ſie dem 214 Boten zu trinken, denn es war heiß und der Mann war von dem weiten Gange erhitzt. Als er das Ge⸗ botene mit Dank genoſſen und wieder fortgegangen war, trat die alte Hausfrau in ihr Zimmer zurück und ſetzte ſich nach alter Gewohnheit auf ihren Stuhl, immer noch den Brief in der Hand haltend, den ſie von allen Seiten betrachtete und deſſen Aufſchrift ſie wohl zehnmal las. „Was mag wohl in dieſem Briefe ſtehen,“ ſagte ſie mit jener verzeihlichen Neugier, die ſchon Millio⸗ nen Menſchen mit ihr empfunden haben,„er iſt an Waldemar Granzow gerichtet und kommt aus Stock⸗ holm. Aus Stockholm! Das iſt weit her und er iſt gewiß von einem alten Kameraden zur See an meinen Sohn geſchrieben. Doch halt— nein, was ſeh' ich denn da— da hab' ich ja beinahe die Haupt⸗ ſache außer Acht gelaſſen—“ und ſie drehte ihn her⸗ um und blickte auf das rothe Siegel hin, das mit einem ſchönen Wappen bedruckt war.„Bei Gott,“ fuhr ſie erregt fort,„ſeh' ich recht? Iſt das nicht das Brahe'ſche Wappen? Ha, der Brief iſt gewiß von dem Grafen ſelber! Nun, dann bringt er nur etwas Gutes, das kann man ſich denken und Walde⸗ mar wird ſich unendlich freuen, endlich einmal von dem alten Herrn Etwas zu vernehmen, der ſo lange 215 nichts hat von ſich hören laſſen. Ha! da fällt mir ein, morgen iſt Sonntag und ich wollte zur Kirche nach Sagard gehen. An einem ſolchen Tage kann man ſich nicht genug freuen und ich werde den Brief erſt morgen früh bei'm Kaffeetrinken auf Waldemar's Platz legen. Da findet er ihn und wenn was Gu⸗ tes darin iſt, wie ich hoffe, ſo freut er ſich den gan⸗ zen Tag. Ja, ja, ſo ſoll es ſein, und dem Alten ſage ich auch nichts davon. Dem Jungen nun ſchon gar nicht. Denn wenn er wie gewöhnlich ſpät nach Hauſe kommt, iſt er ermüdet und geht gern gleich auf ſeine Kammer. Was nun auch darin enthalten iſt, Gutes oder Schlimmes, er könnte nicht davor ſchla⸗ fen, und junge Leute bedürfen eben ſo gut der Nacht⸗ ruhe, wie wir Alten. Ja! So iſt es abgemacht— weg damit in die Commode— nun liegt er darin und Keiner ſoll mir errathen, was für eine Ueberra⸗ ſchung ich auf morgen habe.“ Wie ſie ſagte, ſo that ſie es, und bald war der Brief in der Commode unter Hauben und Kragen verſteckt und ſie ſaß wieder am Fenſter, diesmal ein Geheimniß mehr auf ihrer Seele als früher, und hof⸗ fentlich ein recht angenehmes, wie ſie ſich immer mehr einredete. 216 Waldemar kam dieſen Abend noch ſpäter als ge⸗ wöhnlich nach Hauſe und erzählte den Eltern, die ſchon lange ihr Abendbrod verzehrt, daß er auf der Förſterei Werder in der Stubnitz geweſen ſei und der Ausgrabung eines alten Hünengrabes beigewohnt habe, was man ſchon lange beabſichtigt, aber wegen der Anweſenheit der räuberiſchen Franzoſen immer hinausgeſchoben hatte. Man war diesmal ſehr glück⸗ lich geweſen und hatte eine Menge alter wohlerhalte⸗ ner Waffen gefunden, die man der Sammlung des Grafen Brahe einverleiben wollte, da ſie auf ſeinem Grund und Boden ausgeſcharrt worden waren. Der Strandvogt, der eben ſo wenig wie ſein Sohn der⸗ gleichen Umwühlungen des vaterländiſchen Bodens liebte, brummte etwas Unverſtändliches vor ſich hin und gab ſeinen Wunſch zu erkennen, zur Ruhe zu gehen, da er den Tag über viel in der freien Luft geweſen war und ſich ermüdet fühlte. Mutter Ilske ſtimmte ihm bei und ſo zog ſich das alte Paar in ſein Schlafgemach zurück, das von Waldemar's Woh⸗ nung ziemlich entfernt und auf der entgegengeſetzten Seite des Hauſes lag. Auch dieſer verließ bald dar⸗ auf das Wohnzimmer und beſtieg ſein Giebelſtübchen, fühlte aber durchaus noch keine Neigung zum Schla⸗ fen und legte ſich daher in ſein kleines Fenſter, um * 217 den Lauf der Geſtirne zu beobachten, die an dieſem windſtillen Abende wunderbar klar am Himmel glänz⸗ ten und mit lieblichem Wiederſcheine ſich in der ruhig wallenden See ſpiegelten. Je mehr Waldemar ſich in den Anblick dieſes herr⸗ lichen Nachtbildes vertiefte und mit ſtillem Behagen dem rauſchenden Pulsſchlage der Brandung lauſchte, um ſo ſanfter ward ſeine Stimmung und um ſo em⸗ pfänglicher ſein Sinn für die unnennbar ſüße Melo⸗ die, die das koſende Wellenſpiel in ſo friedlicher Nacht hören läßt und jedes Menſchen Herz mit linder Weh⸗ muth und ſchwellender Sehnſucht füllt. Ach, und ſein Herz war in dieſer Zeit für dergleichen Empfindungen nur zu weit geöffnet, es war leicht zugänglich für alle menſchlichen Gefühle und nahm mit ganzer Hin⸗ gabe alle von Außen andringenden Regungen auf. Was er in dieſem Augenblicke fühlte und dachte, wir brauchen es nicht mehr zu erörtern, denn wir kennen ſeine Wünſche und Hoffnungen;— wie es aber kam, daß er ſich jetzt weniger unglücklich als an den Abenden zuvor fühlte, das wiſſen wir eben ſo wenig, wie er ſelbſt es wußte, denn wer begreift, wer erräth, wer entziffert die Urſache des Ebbens und Fluthens der menſchlichen Seele, die heute wie ein ruhiger Bach ſanft dahinfließt und morgen wie ein jähzorniger Strom 218 voll heftiger Leidenſchaft über alle Schranken und Hin⸗ derniſſe fortſtürzt? Es mochte etwa elf Uhr ſein und die alten Leute waren ſchon lange in den feſteſten Schlaf geſunken, als Waldemar endlich das Fenſter verließ, um ſein Lager aufzuſuchen. Eben hatte er jenes geſchloſſen und dieſes geöffnet, als er zu hören glaubte, daß Je⸗ mand das Gatterthor des Gärtchens in Bewegung ſetze und in den grünen Raum eintrete, der rings das Kiekhaus umgab. Im Begriffe, ſich zu entkleiden, hielt er inne und neigte ſein Ohr dem Fenſter zu. Da erſchrak er, denn ein hoch erhobener Stab pochte leiſe an dieſes Fen⸗ ſter, als wolle man ihn dadurch bewegen, daſſelbe zu öffnen. Waldemar zog den Rock wieder an, den er ſchon abgeworfen hatte, und trat an das Fenſter, um in den Garten hinunter zu blicken, allein im erſten Augenblick ſah er Niemanden. Als er es jedoch geöff⸗ net hatte und ſich hinaus beugte, nahm er in der ſternenklaren Nacht die Geſtalt eines großen Mannes wahr, der dicht unter dem Fenſter ſtand und in Folge ſeiner Länge und mit Hülfe ſeines Stockes bis zu ihm empor hatte reichen können. Waldemar war über dieſen ſeltſamen Beſuch nicht wenig verwundert und, um alles Geräuſch zu ver⸗ 219 meiden, fragte er mit leiſer Stimme hinunter:„Wer iſt da und was wollt Ihr?“ Da antwortete eine tiefe und nur mit Mühe ihre natürliche Kraft dämpfende Stimme von unten her: „Ich bin es, Waldemar Granzow, kennſt Du mich nicht?“ „Wie!“ rief der Angeredete in der That erſchrok⸗ ken, denn die Stimme kam ihm bekannt vor und weckte ein lange nicht vernommenes Echo in ſeiner Bruſt.„Wer ſeid Ihr, ich ſehe es nicht genau und kenne Euch nicht recht.“ „So will ich es denn ſagen, wer ich bin, wenn Du mich nicht kennſt. Ich bin Deines Vaters und Deiner Mutter Vetter, Adam Sturleſon mit Namen und wohne auf Pulitz; im gewöhnlichen Leben aber nennt man mich den alten Schweden, was mich nicht im Geringſten verdrießt, denn alt bin ich fürwahr und ein ehrlicher Schwede auch!“ Waldemar zitterte vor Freude und kaum hatte er ſo viel Geduld, den alten Freund ausſprechen zu laſ⸗ ſen, der ſeltſamer Weiſe heute in einem wunderbar gemeſſenen und förmlichen Pathos ſprach.„Sturle⸗ ſon!“ rief er etwas lauter als zuvor,„theurer Ohm, wie, Du biſt es? O wie freue ich mich, Dich hier zu ſehen. Aber warum kommſt Du ſo ſpät? Warte einen 220 Augenblick, ich will Dir ſogleich das Haus öffnen, damit Du eintreten kannſt.“ „Halt, junger Mann, es iſt meine Abſicht nicht, ſo ſpät in Deines Vaters Haus zu treten, denn ich will Niemanden ſtören und nur Dich allein ſprechen, da ich einen Gruß und eine Beſtellung an Dich aus⸗ zurichten habe.“ „Mich allein willſt Du ſprechen? Und einen Gruß und eine Beſtellung haſt Du an mich? Wie ſoll ich das verſtehen?“ rief Waldemar hinab und ſeine Stimme zitterte unwillkürlich, als er dies ſagte. „Ja,“ erwiderte der alte Schwede im tiefſten Baſſe und nickte dabei ſichtbar mit ſeinem weißen Kopfe. „So ſprich, was führt Dich hierher, alter und theurer Freund?“ „Ich komme aus dem Mönchgut, von Bakewitz her, und Hille Vangerow iſt es, die mich ſchickt, denn ſie iſt meiner Frau Talke Nichte und ich bin alſo auch ihr Ohm, wie ich der Deinige bin.“ Waldemar glaubte ſeine Sinne ſchwinden zu füh⸗ len, als er dies hörte. Das Firmament mit allen Sternen tanzte wie im Wirbelgewoge vor ihm hin und her und es dauerte eine geraume Zeit, ehe er ſich ſo weit faſſen konnte, daß er weiter zu reden ver⸗ mochte. 221 „Von Hille Vangerow kommſt Du? Es iſt wohl nicht möglich! Aber was bringſt Du zu ſo unge⸗ wöhnlicher Zeit und was will ſie von mir?“ „Die Zeit, in der ich komme, iſt die rechte und was ich bringe, ſollſt Du ſogleich hören. Hille iſt ein ä önchguter Kind und achtet die Rechte und Sitten, hre Väter ſeit undenklichen Zeiten ihr überliefert haben. So macht ſie denn Gebrauch von Dem, was ihr zuſteht und ſie hat mich zu ihrem vertrauten Sendboten erwählt, den ſie an Dich, ihren Liebling, ſchickt.“ „Gott im Himmel, Sturleſon!“ brachte Walde⸗ mar ſtammelnd hervor—„was will ſie von mir?“ „Sie begehrt Dich zum Manne, Waldemar Gran⸗ zow, und trägt Dir Herz und Hand, Haus und Hof zum Beſitz Zeit Lebens an. Du allein ſollſt ihr Herr und ſie will Dein treues Eheweib ſein, wie es Gott angenehm und den Menſchen eine Nothwendigkeit iſt, und Keiner ſoll zwiſchen Euch treten, wenn Ihr Beide einig ſeid, und ſie will glücklich mit Dir leben und Dich auch glücklich mit ihrer Perſon machen, wenn Du ihren Antrag annimmſt.“ Waldemar hatte keine Worte mehr. Er rang die Hände wie in Verzweiflung, und doch war er nie glücklicher geweſen als in dieſem Augenblicke. 222 „Sturleſon, Ohm,“ rief er endlich hinab—„ſprichſt Du wahr? Täuſcheſt Du mich nicht?“ Der alte Schwede würgte einen unverſtändlichen Fluch hinab, ſchüttelte den Kopf und legte die rechte Hand auf ſein Herz.„Wenn ich es Dir ſage, Junge,“ ſagte er mit natürlicher Stimme,„ſo Du es ſchon glauben. Haſt Du mich ſchon je ei⸗ ammte Lüge ſprechen hören?“ Waldemar war überzeugt; o, wer wäre es nicht an ſeiner Stelle geweſen, da ihm hier nur aus freien Stücken angeboten wurde, was er ſchon ſeit langer Zeit mit allen Wünſchen ſeiner Seele erſtrebt und doch nie zu fordern gewagt hatte. „Komm herein, Ohm, ich bitte Dich darum,“ bat er mit weicher Stimme.„O ich habe ſo viel mit Dir zu reden und nach hundert verſchiedenen Dingen zu fragen.“ „Das glaube ich wohl, aber ich will verdammt ſein, wenn ich heute einen Fuß in Deines Vaters Haus ſetze, denn das iſt nicht Brauch bei der Frei⸗ werbung der Mönchguter Mädchen, und ſobald ich meine Pflicht erfüllt habe und Du mir Deine Zu⸗ ſtimmung gegeben, ſo kehre ich noch in dieſer Nacht nach Pulitz zurück und da kannſt Du mich nach den hundert verſchiedenen Dingen an einem andren Tage 223 fragen, wenn es Dir vielleicht ſpäter noch belieben ſollte. Nun habe ich aber lange genug hier unter der Traufe Deiner gottſeligen Augen geſtanden gieb Antwort— nimmſt Du den Antrag der Hille Kℳ Vangerow an?“ „Gott im Himmel, ja!— nicht einmal, zweimal, zehnmal,— ja zehntauſend Mal!“ „Das thut mir leid, zehntauſend Mal kannſt Du ſie nicht freien, nur einmal, ſo viel ich weiß. Sprich alſo deutlich und dann leg' Dich in Deine Koje und träume von den Sternen am Himmel oder— von was Du ſonſt willſt, mir iſt es einerlei.“ „So will ich ſie nur einmal nehmen, wenn Du es nicht anders willſt, ja, ja, ja und im Namen des allmächtigen Gottes will ich ihr ſein, was Du Dei⸗ ner guten Talke biſt, ein ehrlicher, rechtſchaffener Mann und eine Hülfe in aller Noth.“ „So bin ich zufrieden!“ ſagte der alte Schwede, und wenn Waldemar Ohren dafür gehabt, hätte er hören können, wie er aus tiefer Bruſt laut aufſeufzte und damit ein eigenthümliches Gurgeln verband, als bemühe er ſich, die Freudigkeit ſeines Herzens damit zu erſticken.„Aber Du mußt dann morgen ſpäteſtens elf Uhr in Bakewitz ſein und ihr ſelbſt Dein Jawort . überbringen, ſie wartet auf Dich und wenn Du nicht 8 224 zu der beſtimmten Zeit bei ihr biſt, ſo nimmt ſie es für eine abſchlägige Antwort und ſagt ihre kleine Fand und ihren großen Beſitz einem andern Manne 8 zu, der ſie ſchon lange begehrt hat.“ „Gott verhüte es, Sturleſon— theurer Ohm, wollt' ich ſagen. Aber verzeih', ich weiß nicht recht, was ich ſpreche, denn die Freude erſtickt meine Gedanken und meine Zunge ſprudelt wie eine Sturzſee alle Wel⸗ len auf einmal heraus. Gewiß werde ich zur rechten Zeit daſein— alſo um elf Uhr haſt Du geſagt?“ „Ja, um elf und das vergiß nicht.“ „Ei, wie werde ich! Willſt Du wirklich gehen?“ „Auf der Stelle. Nun gute Nacht, mein Junge. Da, ich kann Dir die Hand nicht reichen, aber faſſe den Stock hier an, den ich halte, und ſchüttele ihn, und wenn ich es fühle, ſo werde ich denken, Du biſt es ſelber— he— willſt Du nicht?“ Waldemar hatte ſchon das Ende des hinaufge⸗ eichten Stockes erfaßt und uavegi ihn heftig hin und her. „Na, laß es gut ſein, Knabe, reiße ihn mir nicht aus der Haud— ich verſtehe Dich— gute Nacht! Aber Eins noch— ſage nicht den Alten, was zwi⸗ ſchen uns vorgefallen iſt, ſondern überraſche ſie lie⸗ ber damit, wenn Du aus Bakewitz zurückkommſt, ſie werden ſich dann um ſo mehr freuen.“ „Das will ich, bei Gott und nun lebe wohl— habe tauſend Dank für Deine Mühe und Güte.“ „Stille, mein Herz, mit Einem bin ich auch zu⸗ frieden, und was die Mühe anbelangt, ſo haben ſie blos meine Beine gehabt, mein Herz aber hat um ſo mehr Freude dabei empfunden.“ Mit dieſen Worten trat er vom Hauſe fort und bald war er in den Schatten der Nacht verſchwunden. Waldemar aber taumelte vom Fenſter in das Zim⸗ mer zurück wie ein Betrunkener, er faßte ſich mit bei⸗ den Händen nach der Stirn, fühlte den warmen Schweiß darauf, der aus allen Poren drang, und dann fiel er auf die Kniee und dankte Gott aus vol⸗ lem Herzen für die Gnade, die er ihm in dieſer Stunde gegen alle Erwartung hatte widerfahren laſſen. Um dem Leſer, der mit den Sitten der Mönchgu⸗ ter nicht vertraut iſt, eine Erklärung der eben geſchil⸗ derten Scene zu geben, die er vielleicht nicht für na⸗ tur⸗ und wahrheitsgemäß gehalten hat, ſo wollen wir ihm in kurzen Worten mittheilen, daß die Mönchgu⸗ ter Frauen nach der Landesſitte das Recht haben, den Der Strandvogt. IV. 15 226 Mann anzuſprechen, das heißt zu wählen, der ih⸗ nen am beſten gefällt. Die Anwerbung geſchieht durch einen ſogenannten Freiwerber, der in der Regel ein Pathe oder ein Verwandter iſt, aber gewöhnlich iſt eine ſolche Anwerbung nur eine Förmlichkeit, von der man ſich nicht gern losſagt, da die beiden Per⸗ ſonen oft ſchon vorher wiſſen, wie nahe ſie ſich in Neigung ſtehen und was alſo das Reſultat dieſer Werbung ſein wird. Dieſe Sitte hat ihren Grund*) in Local⸗und Perſonalverhältniſſen, indem theils Witt⸗ wen und Mädchen nach dem Tode ihrer Ehemänner und Eltern die Wirthſchaft als Erbinnen fortſetzen müſſen, theils auch der Herrſchaft die Erhaltung der beſtimmten Anzahl von Wirthſchaften, beſonders der Bauerngehöfte, obliegt. Die Herrſchaft ſorgt daher mit der Mönchguterin, die ſich zum Heirathen bei ihr meldet, dafür, daß ein guter Wirth und Hausvater in die erledigte oder ledige Stelle eintrete und bal⸗ digſt einziehe, damit das Hausweſen nicht darunter leide. Aber weiter unterſucht ſie nicht, ob der Be⸗ gehrte den Antrag anehmen werde oder nicht, nimmt überhaupt auch keinen unmittelbaren Antheil an der Heirathsunterhandlung und erfährt daher, weil ſolche *) Grümbke. 227 oft insgeheim betrieben wird, gewöhnlich erſt nach glücklicher Beendigung derſelben, wer der Erkorene iſt, der dann in dem Bauerweſen beſtätigt wird. Wird die gedachte Anſprache für das Frauenzim⸗ mer durch einen Freiwerber gemacht, ſo iſt der eigent⸗ lich übliche und gewöhnliche Ausdruck dieſer: ſe ſtellt na N. N. ut(ſie ſtellt nach N. N. aus). Ein Ab⸗ ſchlag iſt indeſſen keineswegs beleidigend und enteh rend, oder von anderer nachtheiliger Wirkung, nur pflegt man, wenn der Heirathsantrag von mehreren Männern zurückgewieſen, wohl ſpottweiſe zu ſagen: die macht auch lange Jagd, oder ſie jagt das ganze Land durch, und hieraus iſt das Freiwerben der Wei⸗ ber auf Mönchgut von Fremden mit dem Worte Jagd überhaupt bezeichnet worden. Uebrigens iſt noch zu bemerken, daß junge Erbinnen eines Bauern⸗ gehöfts oder eines Fiſcherkathens ſeltener Körbe da⸗ vontragen, als Wittwen, zumal wenn ſie Kinder ha⸗ ben. Die heirathsluſtigen Mädchen wählen auch meiſtentheils nur ſolche junge Burſchen, die ihnen ſchon längſt gefielen oder ihnen Beweiſe der Zunei⸗ gung gaben. Man hat aber auch Beiſpiele, daß ſelbſt nach zwei oder dreimaliger Ertheilung eines Korbes, entſchloſſene und beredte Freiwerber dennoch den 15* ſpröden Mönchguter durch neue Angriffe, in Verbin⸗ dung mit Beſtürmungen der nächſten Verwandten, erobert haben. Wankelmuth der Verlobten iſt zwar zuweilen die Folge ſolcher Ueberredungen und einſei⸗ tigen Eheverſprechen, iſt aber die Ehe förmlich ge⸗ ſchloſſen und vollzogen, ſo bleibt ſie unauflöslich bis zum Tode und wird mit oft muſterhafter Treue und Einigkeit, ſelbſt unter Ehepaaren von ungleichem Al⸗ ter, geführt.— Waldemar waren die Sitten der Mönchguterinnen, zumal ſeine eigene Mutter eine ſolche war, ſo gut wie jedem auf Rügen geborenen Manne bekannt, daß aber Hille, deren Stand und Bildung die gewöhn⸗ lichen Verhältniſſe ihrer Landsmänninnen ſo weit überwogen, von dieſer Sitte Gebrauch machen werde und könne, hatte er zu allen Zeiten für unmöglich gehalten. Daher war er über die Maaßen erſtaunt, ja beinahe beſtürzt, als er ihre Anwerbung empfing, und es verging eine lange Zeit, ehe er ſich von die⸗ ſer Beſtürzung erholen und in das ruhige Geleiſe be⸗ ſonnener Ueberlegung zurückfinden konnte. Endlich aber, jedoch erſt lange nach Mitternacht, hatte er ſich gefaßt und nun erſt war er in der Stimmung, über ſeine ſonderbare Lage, ſein unver⸗ hofftes Glück und die endliche Erfüllung ſeiner hei⸗ ßeſten Wünſche nachdenken zu können. 229 „Gott im Himmel,“ ſagte er immer wieder,„wer hätte Das gedacht, gehofft, wie iſt es überhaupt nur mög⸗ lich geweſen? Wie hat ſich Hille zu dieſer Werbung ent⸗ ſchließen können? O, ſie muß gewußt haben, wie theuer ſie mir iſt, und die Gründe gekannt haben, die mich allein davon abhielten, ihr meine Liebe zu bekennen, ſonſt würde ſie nicht einen Schritt gewagt haben, der weit unter ihren Verhältniſſen, ihrem Stande und ihrer Erziehung iſt. Ha! Ob etwa der alte Schwede ſeine Hand dabei im Spiele gehabt hat? Gewiß, denn ihm kann man ſchon dergleichen zutrauen. Oder vielleicht hat auch meine Mutter ein Wort fallen laſſen, und da ich immer ſchwieg, mich wie ein Träumender geberdete, ſo hat Hille mir auch diesmal geholfen, mich in Bezug auf ſie ſelber glück⸗ lich zu machen, wie ſie mir ſchon ſo oft in anderen Dingen geholfen hat. O, welches Weib, welches Mäd⸗ chen! Ja, jetzt erkenne ich erſt, was ſie mir immer war, jetzt iſt und ewig ſein muß! Ohne ſie hätte ich niemals glücklich ſein können und mit ihr erſt iſt mein ganzes Leben umgewandelt worden, ich werde ſo glück⸗ lich ſein, wie es mein guter Magnus auch mit Gylfe hätte werden können— doch nein, mit Gylfe nicht, denn Gylfe und Hille laſſen ſich auf keine Weiſe mit einander vergleichen. Aber was werde ich ihr nur ſagen, mit welchem Geſichte zu ihr treten, wenn ich ſie nun vor mir ſehe? O, ich werde ihr ſagen, wie es mir Jahre lang um's Herz geweſen iſt, ſeitdem ich ſie in Bakewitz, auf dem Quoltitzer Todtenfelde, in jener Nacht auf dem Boote im Jasmunder Bodden und in Bergen bei meiner Flucht geſehn habe, ich werde ihr ſagen, wie ich ihrer ſchon liebevoll auf dem Rugard gedacht, in jener un⸗ heilvollen Nacht, als ich Magnus daſelbſt erwartete und er verwundet in Stralſund lag. Ja, das will ich ihr ſagen und ſie wird wiſſen, ob es Liebe oder etwas Anderes war, was mich von ihr fern gehalten, und daß nur die Scheu, aus Eigennutz ihr Werber zu ſcheinen, mich von dem bedeutungsvollen Schritte abgemahnt hat, den ſie nun ſelbſt gethan. O, o, bräche doch erſt der neue Morgen an— es iſt jetzt erſt ein Uhr und ich habe noch drei bis vier lange Stunden vor mir, bevor ich die Sonne wieder ſehe und das Meer wieder rauſchen höre, das mich mit den Flügeln des Windes zu ihr tragen ſoll.“ So plauderte Waldemar noch lange vor ſich hin, als er ſchon im Bette lag, bis ihn endlich ein ſüßer Schlummer umfing und zu dem Unternehmen ſtärkte, welches er vor ſich hatte. Endlich aber brach dieſer Morgen an, die neue Sonne ſtieg ſtrahlend über dem Meeresrande auf und goß ihren Lichtglanz auch in ſein kleines Stübchen aus. Waldemar fuhr empor aus wonnigen Träumen und als er die roſigen Wölk⸗ chen über dem Waſſer heraufziehen ſah, die ihm den erſehnten Tag verkündeten, da ſprang er mit Entzük⸗ ken vom Lager, kleidete ſich mit Sorgfalt an und ſtieg raſch in das Unterhaus hinab, zu einer Zeit, wo ihn die früh thätige Mutter noch nicht in ihrer Stube zu ſehen gewohnt war. Sie hatte eben ihre Morgentoilette beendet und dem Strandvogt, der auch ſchon auf den Beinen war, ihren Morgengruß geboten, als Waldemar in Feier⸗ kleidung mit ſtrahlendem Geſicht und leuchtenden Au⸗ gen bei ihr eintrat und beide Eltern mit warmer Herzlichkeit und faſt überfließenden Worten begrüßte. Beide erhoben erſtaunt ihre Augen und ſchauten erſt ihn und dann ſich höchſt verwundert an. Denn ſo, in dieſer Stimmung, mit dieſem glücklichen Geſichte hatten ſie ihren Sohn lange nicht geſehen und ſie konnten natürlich nicht begreifen, welches Ereigniß ſein ganzes Weſen ſo plötzlich umgewandelt hatte. Faſt glaubten ſie, die früheren Jahre der glücklichſten Ju⸗ gendzeit ſeien durch ein Wunder zurückgekehrt und Waldemar habe alles Trübſelige vergeſſen, was ihm in den letzten Zeiten begegnet war. So lautete denn 232 auch die Anrede, die Mutter Ilske an ihn richtete, ihrer Verwunderung entſprechend, während der Strand⸗ vogt mäuschenſtill daneben ſtand und vor Erſtaunen kein Wort hervorbringen konnte. „Aber mein Gott, Waldemar, was iſt Dir denn begegnet?“ fragte die Mutter, als der Sohn ſie ſtür⸗ miſch in die Arme ſchloß und dann dem Vater mit an Heftigkeit gränzender Wärme beide Hände ſchüt⸗ telte.„Und Du biſt ſchon in Deinen beſten Kleidern? Was ſoll denn das bedeuten und was beabſichtigſt Du, daß Du zwei Stunden früher als gewöhnlich in unſre Mitte trittſt?“ „Mutter, Mutter,“ rief der beglückte Sohn,„frage mich nicht, denn ich kann es Euch doch nicht ſagen. Es hat ſich allerdings Etwas begeben, was mich außerordentlich glücklich ſtimmt. Und was ich zu thun beabſichtige? O, ich will eine kleine Reiſe unterneh⸗ men und bitte Euch, nicht in Sorge zu gerathen, wenn ich einen oder ein paar Tage ausbleibe, denn ſo lange halten mich meine Geſchäfte vielleicht vom Hauſe fern.“ Da blitzte in dem alten Strandvogt ein Gedanke auf, der der Wahrheit ſehr nahe kam, aber ſie den⸗ noch nicht vollſtändig erreichte, denn er glaubte, der Sohn habe ſich beſonnen und endlich den Entſchluß gefaßt, ſein Herz der Geliebten zu offenbaren und ihr 233 ſeine Hand anzutragen. Als er dies im Fluge be⸗ dacht, gab er Mutter Ilske einen verſtändlichen Wink, nicht weiter in den Glücklichen zu dringen, und bat dann, ſchnell das Frühſtück zu beſorgen, damit Wal⸗ demar bald auf den Weg und zu ſeinen Geſchäften käme. Mutter Ilske beeilte ſich natürlich aus allen Kräf⸗ ten und vergaß darüber den Brief aus Schweden, den ſie dem Sohne am Kaffeetiſche hatte überreichen wollen. Endlich um ſechs Uhr Morgens war das Frühſtü bereit und wurde dampfend von der alten Trude in die Stube gebracht. Waldemar aß und trank wie ein Menſch, der mit ſeinen Gedanken nicht bei der Speiſe iſt, und war daher viel ſchneller fertig, als die bedächtiger genießenden Eltern. Als er dieſen aber dann Lebewohl geſagt, nahm er ſeinen Hut und ver⸗ ließ das Kiekhaus, mit einer Eile, als brenne der Bo⸗ den unter ſeinen Füßen, und mit flüchtigem Schritte ſtieg er die Schlucht des Steinbaches hinab, um ſo raſch wie möglich an den Strand zu gelangen. Als er die Stube verlaſſen, blickte der Alte ihm mit offenem Munde nach und richtete dann die ver⸗ wunderten Augen auf ſeine Frau, die der unerwartete Vorgang in eine heftige Gemüthsbewegund verſetzt 234 hatte.„Na, Ilske,“ ſagte er,„was iſt denn nun mit einem Male los, wirſt Du etwa klüger daraus als ich?“ „Weiß es Gott, ich nicht, Alter! Aber wenn Dem in dieſer Nacht kein guter Geiſt erſchienen iſt, ſo ſoll mich Jedermann für dumm ſchelten.“ „Donner und Wetter, Ilske, ich glaube, ich kenne den guten Geiſt, der ihm die Leviten geleſen. Ich wette darauf, er ſegelt nach Mönchgut und trägt ſeine hübſche Perſon einer noch hübſcheren zur Sonntags⸗ morgengabe an.“ „Alter, Du kannſt diesmal wohl Recht haben, das glaube ich auch. Nun, dann ſeien alle guten Geiſter geſegnet, denn ein beſſerer konnte ihm ſo leicht wohl nicht begegnen. Nach Mönchgut! Zu Hille Vange⸗ row, unſerm Liebling! Na, da werden wir bald et⸗ was Herrliches erleben und nun wird es im Kiek⸗ hauſe nicht mehr ſo trübe ſein, wie es die langen Jahre her geweſen iſt.“ „Es war auch Zeit dazu, Mutter. Bis jetzt habe ich darüber geſchwiegen, aber nun iſt meine Geduld zu Ende und ich hätte es nicht lange mehr ſo ausge⸗ halten.“ „Das iſt jetzt bald geſagt, Vater, Du hätteſt nur früher ſprechen ſollen— ah! aber der Brief!“ Und plötzlich fiel ihr derſelbe ein und ſie trippelte an ihre I 235 Commode und holte ihn hervor.„Ich habe ihn ganz und gar über die Freude vergeſſen und nun iſt ihm doch nicht der Kaffee damit verſüßt.“ Der Strandvogt nahm den Brief in die Hand und betrachtete ihn mit großer Aufmerkſamkeit. Plötz⸗ lich wurde ihm der Athem etwas kurz.„Ilske,“ ſagte er vorwurfsvoll,„ich glaube, Deine Vergeßlichkeit hat dem Jungen einen argen Streich geſpielt, denn in dieſem Brief kann leicht Etwas enthalten ſein, was unſerm Sohne ſeinen heutigen Weg um ein Bedeu⸗ tendes erleichtert hätte.“ „Wer weiß es, Alter! Nur heute nicht gebrummt! Es kann auch Unangenehmes darin ſtehen und wir hätten ihm dann nur ſeine Reiſe verbittert.“ „Das iſt freilich auch möglich. Nun, vielleicht war es Gottes Wille ſo, und jedenfalls erhält er ihn noch zeitig genug, wenn er morgen oder übermorgen zu⸗ rückkehrt. Iſt er ſo viele Jahre ausgeblieben, ſo wird es auch nichts ſchaden, wenn er noch zwei Tage länger im Kaſten liegt.“ „So denke ich auch und Gott lenke Alles zum Guten!“ 236 Es war gegen ſieben Uhr Morgens, als Walde⸗ mar Granzow aus der Lithe des Steinbachs hervor⸗ trat und den Strand von Saſſenitz erreichte. Ein lieblicher friſchwarmer Morgen lag auf Land und Meer und eine ſanfte Oſtbriſe kräuſelte die Oberfläche des letzteren und verſetzte ſie in jene ſichtbare, doch gemäßigte Bewegung, die ein Oſtſeeſchiffer ſo gern ſieht, wenn er eine anmuthige Spazierfahrt vor Au⸗ gen hat und die Wichtigkeit ſeines Geſchäfts keinen ſtärkeren Luftſtrom verlangt. Waldemar wußte ſehr wohl, daß er ſich nicht zu übereilen brauchte, denn von ſieben bis elf Uhr— der ihm bezeichneten Stunde— hatte er Zeit genug, von Saſſenitz bis Bakewitz zu gelangen, ſelbſt wenn die Briſe noch et⸗ was ſchwächer werden ſollte. Als er den Strand erreicht und ſich nach der Stelle gewandt hatte, wo damals die Boote der Loot⸗ ſen und Fiſcher lagen, ſtand er ſtill und ließ ſein Auge über den glänzenden blauen Himmel und das im Sonnenſchein blitzende Meer ſchweifen, als be⸗ grüße er Beides mit ächtem Seemannsauge, wie er es in ſeiner geiſtigen Verſunkenheit lange nicht ge⸗ than hatte. Lächelnd betrachtete er dann den Strand, ſah mit Vergnügen die Möven hin und her fliegen und die Schwalben mit pfeilſchnellem Fluge dazwiſchen hindurchſchießen, und begann nun unter den Booten eins zu wählen, wie es ihm für ſeine heutige Fahrt am angemeſſenſten erſchien. In dieſem Augenblicke nahte dem Strande von der Südſeite her die rieſige Geſtalt des älteren Pie⸗ ſing, der an dieſem Tage den Lootſendienſt hatte und immer bereit ſein mußte, in See zu ſtechen, ſobald von irgend einem Schiffe ſeine Hülfe verlangt wer⸗ den ſollte. Waldemar hatte ſich gerade dieſes ihm befreundeten Mannes Privatboot auserleſen, da es nicht zu groß, ſchlank und doch feſt gebaut und da⸗ bei ganz neu getakelt und mit ſchneeweißen Segeln verſehen war, was auf Rügen zu damaliger Zeit nur ſelten gefunden wurde, da man ſich meiſtens der dunkel getheerten Leinwand zu Segeln bediente. „Halloh!“ rief der gute Lootſe ſchon von Weitem Waldemar an,„ich grüße Euch, Herr Granzow. Ha! Ihr ſeid ja ganz neu getakelt, als wolltet Ihr dem Quarterdeck eines Admirals Eure Aufwartung machen. Wollt Ihr wieder nach Schweden, wie Scnals, o— Ihr wißt doch, als Ihr in die Patſche auf Bakewitz geriethet?“ „Gewiß weiß ich das, mein lieber Pieſing,“ er⸗ widerte Waldemar leicht erröthend, als er den eben genannten Namen ausſprechen hörte,„und ich biete Euch einen herzlichen guten Morgen. Ich will aber heute nach Süden ſegeln und bei dem leichten Winde möchte ich auch ein leichtes Boot haben, da die mei⸗ nes Vaters mir zu ſchwer ſind und einem Men⸗ ſchen zu viel Arbeit machen, wenn er es nicht gerade nöthig hat. Und da dachte ich, Ihr würdet mir Eu⸗ ern neuen Pelikan hier leihen, der ſo ſchmuck aus⸗ ſieht, als wäre er zu einer Brautfahrt gerüſtet.“ „Wer weiß, wozu er heute dienen ſoll!“ dachte der alte ſchlaue Lootſe, aber er ließ nichts darüber laut werden, denn er nahm ſich nie heraus, mit dem gewöhnlich ſo ernſten Sohne ſeines Vorgeſetzten zu ſcherzen.„Gern,“ ſagte er gleich darauf,„nehmt es und fahrt damit wohin Ihr wollt; aber Ihr werdet doch einen Mann mitnehmen wollen, der Euch die Segel ſtellt, wenn Ihr am Steuer ſitzet? Ihr ſeid ja heute nicht auf der Flucht wie damals, wo der verwetterte Däne von der Oie her hinter Euch her war— Ihr wißt es doch noch?“ „Ich weiß Alles, Pieſing, ach ja, das waren trübe Zeiten. Aber heute iſt es anders, Freund, und Ihr möchtet Recht haben mit dem Vormann, wenn ich nicht gerade Luſt hätte, allein zu ſegeln, da ich nicht viel reden und lieber meinen Gedanken nachhängen mag.“ 239 „Oho, wenn es weeiter nichts iſt, da kann ich ſchon helfen. Ich will Euch meinen ſchweigſamen Bru⸗ der mitgeben, der jetzt bei mir wohnt, der hat blos Augen und Ohren vom lieben Gott empfangen, aber die Zunge iſt ihm angenagelt, wie der Wimpel am Nothmaſt. Ihr wißt ja, daß er ſich zehnmal beſinnt, ehe er einmal ſpricht, der wird Euch alſo in Euern Gedanken nicht ſtören und Ihr habt doch Jemanden, der Euch die grobe Arbeit aus der Hand nimmt.“ „Wenn das iſt, ſo mag er mich begleiten und Ihr thut mir obendrein einen Gefallen damit, wenn Ihr es erlaubt.“ Der Lootſe nickte beifällig, drehte ſich nach dem Lande um, ſteckte zwei Finger in ſeinen wallfiſcharti⸗ gen Mund und ließ einen ſchrillen Pfiff hören, der mit dreifachem Echo an den vorſpringenden Wänden des Hochſtrandes entlang fuhr und alsbald einen Mann aus einem der Häuſer rief, der ein ſolches Zeichen und ſeine Bedeutung ohne Zweifel kannte. „Da kommt er ſchon,“ ſagte Pieſing;„ſeht Ihr, Ohren hat er und auf ſeine Augen und Hände könnt Ihr Euch verlaſſen.“ In wenigen Minuten war der jüngere Pieſing, derſelbe, der jene verunglückte Reiſe nach Schweden mitgemacht und mit Magnus und Waldemar auf Ba⸗ 240 kewitz von den Franzoſen gefangen worden war, von dem Wunſche des jungen Granzow unterrichtet und wie zu erwarten ſtand, ſtimmte er ſogleich ein und machte das Boot zurecht, das ihn wider Vermuthen noch einmal nach Bakewitz tragen ſollte. So konnte Waldemar denn bald ſeinen gewöhnlichen Platz an der Pinne einnehmen, und er that es mit einem Freu⸗ dengefühl, das wie ein wetterleuchtender Strahl ſein ganzes Geſicht erhellte, was dem älteren Pieſing nicht entging. „Geht mit Gott,“ rief er dem Sohne des Strand⸗ vogts zu,„ich ſehe, Ihr habt etwas Angenehmes vor und der Tag iſt wie geſchaffen dazu; die Briſe wird anhalten, ſo ſicher wie die Sonne bis zum Abend am Himmel bleibt.“ „Ich danke Euch, Pieſing, lebt wohl; heute Abend habt Ihr Euer Boot wieder.“ „S hat keine Eile damit!“ rief der Lootſe ihm nach, indem er mit ſeinen gewaltigen Armen dem Boote einen Stoß gab, der es zehn Ellen weit vom Strande brachte, wo der Wind das leichte Segel faßte und es nun auf ſeinen Fittigen dahin ſchweben ließ. Waldemar hatte kein Auge mehr für das rückwärts Liegende, nur auf das Vorwärts war es gerichtet. Niee in ſeinem Leben, ſo weit ſeine Erinnerung reichte, 241 hatte er eine anmuthigere Fahrt vor ſich gehabt, nie aber auch hatte die Außenwelt ſo harmoniſch mit den Gefühlen ſeines Innern übereingeſtimmt, denn Son⸗ nenſchein war außer ihm und in ihm und ein gleich glücklicher Wind blies ſein Segel wie ſeine Hoffnung auf, ſo daß er voller Frohlocken war und kaum ſeine Freude in der übervollen Bruſt verſchließen konnte, wovon jedoch der ſchweigſame Mann im Buge keine Ahnung hatte, da ihm das tiefſtehende Everſegel den Anblick des Steuernden entzog. Nie war ihm ſeine nordiſche Heimat ſo ſchön vor⸗ gekommen wie an dieſem Tage, als er, in Sehweite der ihm zur Rechten liegenden grünen Küſte Rügen’'s unter leichtem Oſtwinde langſam ſeine Fahrt nach dem Süden der Inſel fortſetzte, und ſchön war der Anblick in der That, der ſich ihm unter dem goldſtrah⸗ lenden Himmel, auf der blau ſchimmernden gekräuſel⸗ ten Fluth darbot, wenn er das Auge nach dem Lande wandte und den ſtolzen Rücken des hügelreichen Jas⸗ mund's allmälig in das Meer abfallen und in den ſchmalen graugelben Sandſtreifen der ſchmalen Haide ſah, die nur an wenigen Orten mit dem te zugänglich iſt, da die einförmigen, höchſtens mit kargem Rietgras bedeckten Dünen oder ſchwere in’s Meer gewälzte Steine dem Kiele keinen uichide Der Strandvogt. IV. 242 ort darbieten. Aber auch ſeewärts lächelte ihn heute die Ferne an, denn niemals, ſelbſt in früheren ruhi⸗ geren Jahren nicht, hatte er das Meer ſo belebt von Schiffen aller Nationen geſehen. Unter ihren ſchneei⸗ gen Schönfahrſegeln friedlich daher ſchwimmend tauch⸗ ten ſtolz die dunklen Rumpfe auf, beladen mit aller⸗ lei Gut, das jetzt von Nah und Fern nach Deutſch⸗ land und Rußland ſtrömte, und wenn ſchon das Auge des Laien an ſolchem Schauſpiel den vollſten Antheil nimmt, wie muß erſt das weiter dringende Auge des Seemanns ſich daran weiden, der jedes Schiffes Bau von Weitem erkennt und an der bloßen Stellung der Segel, dem Laufen der Taue, die wie ſchöne ar⸗ chitektoniſche Linien auf dem mattgoldenen Hinder⸗ grunde des hellen Lufthimmels hervortreten, die Na⸗ tion erräth, die dieſen majeſtätiſchen Bau geſchaffen und dieſe kühnen Linien von einem Maſte zum an⸗ dern gezogen hat. Der Anblick dieſer landwärts und ſeewärts in ſo ganz entgegengeſetzter Weiſe ſich darſtellenden ſchönen Scenerie war von ſo mächtiger und überwältigender Wirkung auf Waldemar an dem ſonnigen Samge tage, daß er ihn beinahe von dem ſtürmiſchen fühle abgezogen hätte, das in ſeinem Innern brauſte, immer wieder aber kehrte er von der Ausflucht in's Weite zu der ſchwellenden Seligkeit dieſes Innern zu⸗ rück und dann war er nahe daran, zu bezweifeln, es nicht begreifen zu können, wie er dazu komme, ſo auserwählt zu einem Glücke zu ſein, wie früher nie⸗ mals eins für ihn auf Erden gelächelt hatte. War aber der Gedanke an dieſes Glück auf der erſten Hälfte ſeiner Tagesfahrt vorherrſchend in ihm, ſo machte, je näher er dem Ende derſelben kam, eine gewiſſe Aengſtlichkeit ſich in ihm geltend, als wäre er noch nicht am Ziele, das ihm bisher ſo glänzend und unvermeidlich vor Augen geſtanden hatte, und als könne noch immer ein unerwartetes Hinderniß zwiſchen ihn und dieſes Ziel treten. Namentlich von dem Augenblicke an, wo die düſtere Waldung der Granitz am Lande auftauchte und der weit in's Meer vorſpringende Granitzer Ort ihn gewiſſermaßen in den näheren Bereich des Landes und der darauf woh⸗ nenden Menſchen zog, ergriff ihn eine Art Beklem⸗ mung, die er nicht im Stande war von ſich abzu⸗ ſchütteln und endlich nur durch ein Geſpräch zu un⸗ terdrücken glaubte, das er mit dem im Buge ſitzen⸗ den Lootſen anzuknüpfen verſuchte. Allein da war er auch auf keine gründliche Abhülfe gerathen, Pie⸗ ſing des Jüngeren Zunge war in Wahrheit wie an⸗ genagelt und nur wenige Sylben kamen über ſeine 16* 244 Lippen, da er gewöhnlich auf Waldemar's Fragen mit „Ja, ja, Herr!“ antwortete und dann alsbald in ſein voriges Schweigen zurückfiel. Als der Pelikan aber am Quitzlaſer Ort ſanft vorbeigeſtrichen war und gerade vor ſeinem Buge jetzt die hohe Vormauer des Göhren ſchen Höwts aufragte, hinter deſſen ſteilem Rücken das Ziel des Tages, das liebliche Bakewitz lag, da fing Waldemar's Herz noch ſtärker an zu klopfen, denn von nun an, glaubte er, könne jeden Augenblick die ſchöne Geſtalt des holden Weſens aus den Bäumen des Ufers hervortreten, die ihn ohne Zweifel mit Sehnſucht an irgend einer Stelle des Strandes erwartete. Allein dieſe Hoffnung wies ſich für jetzt wie auch nachher als eine irrige aus; Niemand ließ ſich we⸗ der auf Peerd noch weiter ſüdlich blicken, denn die meiſten Strandbewohner mochte die Kirche nach dem Innern des Landes gelockt haben, die ja um dieſe Stunde— es war etwa zehn Uhr— der allgemeine Sammelplatz am Sonntage iſt. Nur einmal und zwar dicht am Lande vor Bake⸗ wiß regte ſich Pieſing's ſchwere Zunge, wozu ihm die ſeltſame Steuerung des kleinen Bootes Veranlaſſung gab, die er nicht begreifen konnte, trotzdem ſie ein ſo erfahrener Seemann in Händen hatte. Als nämlich 245 Waldemar dem Lande näher gekommen war, welches ſchon zu Bakewitz gehörte, hinderten ihn die Segel, nach dem Ufer hinüberzublicken und er hielt daher den Schnabel des Schiffs vom Lande abgewandt, um unbehindert die Gebüſche am Strande beſtreichen zu können, hinter denen er nun endlich die geliebte Ge⸗ ſtalt zu erblicken glaubte. „Herr!“ rief ihm Pieſing von vorn zu,„Ihr fahrt ja an der Landeſtelle vorbei. Die Baaken liegen mehr rechts hin. Oder wollt Ihr vielleicht nach Lobberort hinüber, der da drüben mit ſeiner grauen Sandſpitze vorſpringt?“ „Nein, Pieſing,“ erwiderte Waldemar lächelnd und gewiſſermaßen vor ſich ſelber erröthend, da ihm ſein ſehnſüchtiges Herz dieſen Vorwurf zugezogen hatte, „ich will an den gewöhnlichen Landeplatz von Bake⸗ witz anlegen und ſeht, jetzt gebe ich dem Pelikan die rechte Wendung— ſo, nun richtet Eure Segel und Ihr werdet ſehen, daß wir noch leicht genug herum kommen.“ „Ich weiß es doch nicht,“ dachte Pieſing im Stil⸗ len,„und ich verſtehe ihn heute nicht ſo recht; man wählt doch ſonſt nicht den weiteſten Weg, um das Ziel zu erreichen, und diesmal hat er ſich und mir unnöthige Mühe mit dem Wenden gemacht. Na, ich 246 habe Zeit, und er hat ſich vielleicht einen Spaß ma⸗ chen oder eine kleine Uebung anſtellen wollen.“ Jetzt war man dem Lande nahe gekommen und der Pelikan rauſchte mit leichtem Schwunge durch das vorſpringende Schilf, nachdem er die beiden Baaken ſchon lange hinter ſich gelaſſen hatte. Da lag Bake⸗ witz, dicht vor den Augen des Verlangenden; die Nuß⸗ bäume vor der kleinen Laube über der Bank, die die Ausſicht nach dem Meere bot, grünten im vollſten Blätterſchmuck und der kleine Garten, den Hille alle Jahre zu ihrem Vergnügen ſelbſt beſtellte, duftete von Levkojen und anderen Blumen und war ſo zierlich geordnet und von allem Unkraut frei gehalten, daß es eine Freude war, ihn anzuſchauen. Aber die Be⸗ wohnerin und Erhalterin dieſer abgelegenen Zierde war nirgends ſichtbar, wie das ganze Ufer überhaupt leer von Menſchen war. Das Boot fuhr an den halb im Waſſer und halb auf dem Lande liegenden Balken an und Pieſing machte dem Steuernden Platz, daß er bequem aus⸗ ſteigen konnte. „Wollt Ihr vielleicht mit hereinkommen, Pieſing,“ fragte Waldemar mit unſicherer Stimme,„und Euch erfriſchen nach dem langen Faſten, ſo will ich für ei⸗ nen guten Imbiß Sorge tragen; wir werden heute 247 willkommener ſein als vor fünf Jahren, da wir in den Hinterhalt der Franzoſen fielen.“ „Ja, ja, ich weiß es noch recht gut, aber hinein will ich heute nicht, denn ich möchte noch nach Lobbe hinüber, wo ich bei meiner Schweſter, die dort ver⸗ heirathet iſt, eſſen will, bevor ich nach Saſſenitz zu⸗ rückſegle.“ „So danke ich Euch vorläufig und wünſche eine gute Nachhauſekunft.“ Er reichte ihm die Hand und ſtieß nun ſelbſt wie⸗ der das Boot in die See zurück, denn er ſah es dies⸗ mal nicht ungern, wenn keiner ſeiner Bekannten dem Zuſammentreffen mit Hille Vangerow beiwohnte. Aber auch diesmal hatte er umſonſt geſorgt; denn nachdem er den Pelikan eine Weile mit den Augen durch das Schilf verfolgt und ſich dann nach dem Plätzchen unter den Nußbäumen gewandt hatte, kam ihm ein Bewohner von Bakewitz entgegen und auf ſeine Frage, wo die Beſitzerin des Gutes weile, ſagte der Mann, ſie ſei nach Middelhagen zur Kirche ge⸗ gangen und könne vor einer Stunde nicht gut zurück ſein. Waldemar ſchien etwas betroffen und, ſich eine Weile auf der Bank ausruhend, überlegte er, ob er hier warten oder Hille nach Middelhagen entgegen „ gehen ſolle, was etwa eine kleine halbe Stunde von Bakewitz entfernt zwiſchen Reddewitz und Philippsha⸗ gen lag. Endlich entſchied er ſich für den Gang, denn er glaubte durch eine körperliche Bewegung das Klopfen loszuwerden, das ſſich allmälig in ſeiner Bruſt zu regen begonnen hatte und von Minute zu Mi⸗ nute heftiger ward. „Mit welchen Worten wird ſie mich nur zuerſt em⸗ pfangen?“ dachte er.„Wird ſie eine Entſchuldigung vorbringen, daß ſie mich hierher gerufen oder wird ſie mir unbefangen wie immer entgegentreten? Was ſoll aber ich ihr ſagen, wie ihr danken, daß ſie mir das größte Glück des Lebens bereitet? Ach! der Schhritt, den ich heute thue, erſcheint mir ſchwerer als j.e einer, den ich bisher gethan, und wie iſt es ſo ſon⸗ derbar, daß ein Mann, der ſo oft Todesgefahren ent⸗ gegengegangen wie ich, ſich ſcheut, in die lichtvollen Augen eines Mädchens zu ſchauen, die nur Wohl⸗ wollen und Liebe ſtrahlen! Sonderbares Ding das, ich hätte mir nicht gedacht, daß ich je in eine ſo ſelt⸗ ſame und peinliche Lage gerathen könnte!“ Solches denkend ſchritt er langſam durch den Gar⸗ ten, an dem Gehöft vorbei und wandte ſich dann nach Weſten, zuerſt die kleine Birken⸗ und Buchen⸗ waldung erſtrebend, die zu den Bakewitz'ſchen Län⸗ 29 dern gehörte und an das freie Feld gränzte, durch welches der Weg über Wieſen und Ackerland, Torf⸗ und Moorſtriche nach dem Dorfe Middelhagen führte, wo die Filialkirche von Groß⸗Zicker lag. Jene kleine Waldung galt für einen der lieblichſten Plätze auf ganz Mönchgut; die Bäume waren geradlinig ge⸗ pflanzt, von mäßiger Stärke und ſämmtlich reich be⸗ wipfelt und voll belaubt. Der Boden zwiſchen ihnen aber ſtieg wellenförmig auf und ab und war mit einem dichten Moosteppich bedeckt, der jetzt, da die Strahlen der nahenden Mittagsſonne darauf fielen, in ſmaragdgrüner Farbe leuchtete und, wo er hie und dort zerſtreut liegende Steine und Baumſtämme überzog, manchen angenehmen Sitzplatz im Schatten der ſaftigſten Laubkronen darbot. Als Waldemar durch dieſen Wald ſchritt und eine lautloſe Stille ihn umgab, die um dieſe 36 nicht einmal der Geſang eines Vogels unterbrach, kam eine ſanfte und ruhige Stimmung über ihn, wie er ſie den ganzen Morgen noch nicht gehabt, und er ſprach wiederholt im Stillen den Wunſch aus, daß es ihm vergönnt ſein möge, an dieſem Orte das Mäd⸗ chen zu treffen, welches ihn in ſo wichtiger Angele⸗ genheit zu ſich beſchieden hatte.„Wenn ſie doch hier läͤme.“¹I ſagte er leiſe,„hier hätte ich den Muth, den 250 Strauß mit ihr zu beginnen, denn hier ſieht und hört mich Niemand, der mich ſtören und beunruhi⸗ gen könnte, wenn ich ihr in die großen blauen Au⸗ gen ſehe, die immer ſo wunderbar blicken, als woll⸗ ten ſie mir bis auf den Grund meiner Seele ſchauen!“ Aber er hatte das Ende der Waldung erreicht, ohne der Geſuchten zu begegnen, wie ihm überhaupt hier noch kein Menſch zu Geſicht gekommen war. So ſchritt er denn ein Stück auf das Feld hinaus, bis er von Weitem das Dorf Middelhagen liegen ſah, in dem heute der Gottesdienſt abgehalten wurde, was einen Sonntag um den andern abwechſelnd mit Zi⸗ cker geſchah. Als er auf dieſe Weiſe einige hundert Schritte fortgewandert war, blieb er auf dem freien Felde ſtehen; ihn feſſelte das Schmettern der Lerchen, die hoch über ihm in der reinen Sonnenluft wirbel⸗ und auch ihren Gottesdienſt wie die Menſchen, aber wie immer, die freiſte Gemeinde der Welt, auf freiem Felde abhielten. Da aber drang noch ein anderer feierlicher Ton vom Dorfe über die Felder herüber, denn eben fin⸗ gen die Glocken an zu läuten, die das Ende der Pre⸗ digt und den Schluß des Gottesdienſtes verkündeten. „Ha!“ ſagte Waldemar und hielt wieder auf ſeinem Gang inne,„nun iſt die Feierlichkeit vorbei und die 251 Menſchen werden bald nach allen Richtungen in ihre Heimat ſtrömen. Auch Hille wird unter ihnen ſein, nachdem ſie noch einmal mit Gott geredet und ihn um ſeinen Segen in Betreff ihres heutigen Vorha⸗ bens gebeten hat. Wenn ſie doch allein daher käme! Denn wenn ſie andre Begleitung hätte, ſo würde ich es nicht wagen, ihr vor das Angeſicht zu treten.“ Kaum hatte er dies gedacht, ſo ſah ſein ſcharfes Auge von Weitem einige Männer und Frauen, die Kinder an der Hand hielten, über die Felder ſchreiten, aber noch kam ihm Niemand entgegen, Alle wandten ſie ſich nach Norden oder Süden. „Nein,“ ſagte er, indem ihm das Herz immer ungeſtümer ſchlug,„hier auf freiem Felde halte ich es nicht aus, hier ſengt mir die Sonne den Scheitel und ich will lieber den Wald und ſeine Sch aufſuchen, damit ich mich beruhige und ſa Mein Gott, mein Gott, was iſt es für ein ſeltſa Gefühl, das ich heute empfinde! Ich hätte es mir nicht träumen laſſen, daß die ſehnſuchtsvolle Liebe im Herzen und der nahe bevorſtehende Erguß derſel⸗ ben eine ſolche Angſt und Beklommenheit hervorru⸗ fen kann, wie ich es nun an mir ſelbſt erlebe! Bei Gott, eine Werbung iſt doch kein ſo leichtes Ding, wie man es ſich gewöhnlich vorzuſtellen pflegt. Still, 252 ſtill, Herz, was iſt es denn weiter, es iſt ja nur Hille, der Du entgegen ſiehſt und ſie iſt ja ſo ſchreck⸗ lich nicht, daß Du eine ſo bittere Purht vor ihr zu empfinden brauchſt.“ Dennoch aber ſchien die ſeltſame Furcht in ſeiner Bruſt etwas groß zu ſein, denn er ſchritt viel lebhaf⸗ ter und ſchneller nach dem Walde zurück, als er vor⸗ her auf das Feld hinaus getreten war. Endlich aber hatte er ihn erreicht und nun erſt fühlte er ſich wie⸗ der erfriſcht und zu jedem Unternehmen aufgelegt. Als er aber ungefähr in die Mitte der Waldung ge⸗ langt war, die ein ſchmaler Fußſteig vom Dorfe her nach Bakewitz durchſchnitt, ſetzte er ſich auf einen moosbewachſenen Stein und ſchaute von hier aus durch den Wald zurück, ſo weit ſein Auge reichte. nahe eine Viertelſtunde mochte er ſo geſeſſen ha⸗ als er in der Ferne mehrere Menſchen kommen und als er nach einer Weile genauer hinſchaute, erkannte er den Pächter von Bakewitz, der mit ſeiner ganzen Familie aus der Kirche kam. Hille war nicht dabei, das ſah er wohl und ſo faßte er ſich und ſchritt den Ankommenden langſam entgegen, die ihn auch bald erkannten und auf die gewöhnliche Weiſe mit Wort und Handſchlag begrüßten. „Herr Granzow,“ ſagte der Pächter freudig,„ei, * 253 was führt Sie denn einmal hierher?“ Und dabei konnte er ein unbeſtimmtes Lächeln nicht ganz unter⸗ drücken, das ſchwer auf des Sehnſüchtigen Seele fiel. „Wir haben ja lange nicht das Vergnügen gehabt, Sie zu ſehen!“ „Ich will meine Couſine ſprechen,“ entgegnete Waldemar kurz und mit fliegendem Athem—„kommt ſie bald aus der Kirche?“ „O ja, ſie muß bald heran ſein; ſie wollte nur noch eine arme kranke Frau im Dorfe beſuchen, Ar ſie auf ihrem Kirchgange immer eine kleine Spende bringt.“ „Wird ſie dieſen Weg daher kommen?“ fragte Waldemar weiter, um nur Etwas zu ſagen. „Ei gewiß, Herr, welchen ſollte ſie ſonſt kommen? Es führt kein andrer Weg von Middelhagen nach Bakewitz.“ „So will ich Euch nicht aufhalten und ihr lieber entgegengehen. Lebt wohl, wir ſehen uns nachher wohl noch.“ Der Pächter verabſchiedete ſich mit ſeiner Familie und Waldemar war wieder allein. Er athmete auf, als wäre ihm ein Stein von der Bruſt gewälzt, und erſt, als er die kleine Geſellſchaft jenſeits des Waldes verſchwinden ſah, drehte er wieder nach dem entge⸗ 254 gengeſetzten Ende um und da noch immer Niemand auf dem Feldwege erſcheinen wollte, ſchritt er langſam demſelben von Neuem zu. Da, eben als er aus dem Saume des Waldes her⸗ austreten wollte, war es, als ob ſein Herz ſtill ſtehen müßte, und alle ſeine Gedanken ſchwammen in ein wüſtes Chaos zuſammen, ſo daß er keinen einzigen klar aus ſeinem Hirn entwickeln konnte. Denn in der Ferne, mitten zwiſchen den wogen⸗ den Aehren des Feldes, ſah er eine Geſtalt ſich da⸗ her bewegen, wie es keine zweite mehr auf Rügen gab, ſo viel Weiber und Mädchen auch rings auf der Inſel wohnten. Es war Hille, es mußte Hille ſein, einen ſo leicht ſchwebenden Gang, ſo anmuthig natürliche und doch gleichſam bedachtſam ausgeführte Bewegungen konnte nur ſie allein haben. Sie kam raſch näher, eben ſo raſch aber trat Wal⸗ demar in den Schatten der nächſten Buche zurück, als wolle er ſich verborgen halten, ſo lange es möglich ſei. Von dieſem Hinterhalte aus lugte er mit ſchwim⸗ mendem Auge hervor, das ſonſt die Stärke eines Ad⸗ lerauges hatte, heute aber wie mit einem Flore bedeckt war. Schon ſah er die langen ſeidenen Bänder der golddurchwirkten kleinen Kappe, die ſich bemühte, die Fülle des braunen Haares auf dem Hinterkopfe zu — 2 255 umfaſſen, im leicht ſie umſpielenden Winde flattern. Ueber den linken Arm hatte ſie ihr ſchwarzes Wind⸗ tuch geſchlagen, ohne welches eine Mönchguterin nie ausgeht, in der Rechten hielt ſie einen Strauß Feld⸗ blumen, die ſie im Korne gepflückt, das zu beiden Seiten des Fußpfades ſeiner Reife entgegenſchwoll. Als ſie noch ein Stück näher gekommen war, konnte Waldemar ſchon die Umriſſe ihrer ſchönen und viel voller gewordenen Geſtalt wahrnehmen, die jetzt in der reichſten Lebensblüthe prangte; er glaubte ſogar das Rauſchen ihres ſchweren ſchwarzen Seidenrocks zu hören, der zwei Hände breit bis unter das Knie her⸗ abfiel, in weiten Falten ſich reich um ihren Leib bauſchte und die zierlichen, mit ſchneeweißen Strümpfen bedeck⸗ ten Füße ſich frei bewegen und weithin ſichtbar wer⸗ den ließ. Als er alle dieſe Einzelnheiten wahrgenommen, wagte er endlich auch nach ihrem Geſichte zu blicken, das etwas ſeitwärts gewendet war, um die Aecker zu überſchauen, und dabei heiter ernſt wie gewöhnlich und freundlich ſinnend auf die Saaten niederblickte. Aber wie ſchön und voll war der Hals, der bei die⸗ ſer Wendung ſichtbar wurde und deſſen matte Weiße lieblich gegen die goldgelben Bernſteinkorallen abſtach, deren koſtbare Schnur auch heute denſelben umgab! 256 Auf dem blauatlaſſenen Latze ihres Mieders endlich, das die volle Bruſt eng umſpannte, glitzerten im Son⸗ nenſtrahl die goldenen Zierrathen und ließen bei je⸗ der Bewegung ein leiſes Klingen ertönen, was der ganzen Erſcheinung eine eigenthümliche Lebendigkeit verlieh. Waldemar hatte genug geſehen, er mußte ſich zum Handeln entſchließen. Er raffte ſich daher zuſammen und trat hinter dem Baumſtamme hervor, der ihn bis⸗ her verborgen hatte. Die Kehle war ihm dabei wie zugeſchnürt und Alles, was er fühlte und dachte, prägte ſich nur in ſeinem Auge aus, das in einer Art trun⸗ kener Starrheit dem ſchönen Weſen entgegenſchaute, das ahnungslos, was ihm bevorſtand, raſch auf ihn zutrat. Da erfaßte ihr helles Auge plötzlich die Geſtalt des ihr ſo wohlbekannten Mannes und ſie erſchrak ſichtbar. Denn ſie blieb mitten auf dem Wege ſtehen, drückte den Arm, auf dem ſie das Tuch trug, feſt ge⸗ gen die Bruſt und hob den dunklen Kopf hoch em⸗ por, als wolle ſie ſich vergewiſſern, daß es wirklich Waldemar Granzow ſei, den ſie ſo unverhofft vor ſich ſah, wobei ihre Wangen bis hoch zu den Schlä⸗ fen errötheten und ihr Athem merklich kürzer und ſchneller wurde. 257 Als aber Waldemar ihr mit aufgehobener Rech⸗ ten entgegentrat, ſchritt auch ſie wieder vorwärts, und als ſie in den Schatten der Buche gelangt war, tra⸗ fen ſie ſich und ihre Hände fielen zitternd in ein⸗ ander. „Hille!“ ſagte Waldemar, unvermögend, ein Wort weiter zu ſprechen, und„Waldemar!“ erwiderte ſie, worauf ſie, raſcher gefaßt als er, hinzufügte:„Wie kommſt Du hierher? Dich auf Bakewitz zu ſehen hätte ich am wenigſten an dieſem heiligen Sonntage erwartet.“ Waldemar ſtand bei dieſen Worten wie verſteinert vor ihr, ſeine Augen ſuchten in ihren Augen zu le⸗ ſen, aber er fand keine Spur von Dem darin, was er ſo ſehnſüchtig begehrte. Ach! da erleuchtete plötzlich ein trüber Blitz ſeine Seele und er erkannte die Liſt des trügeriſchen alten Schweden, der ihn hierher ge⸗ ſchickt, ohne daß Hille eine Ahnung davon, noch viel weniger aber ihn zu einer Anwerbung um ſeine Hand abgeſandt hatte. Als Waldemar den unſeligen Irrthum erkannte, in dem er ſeit zwölf wonnigen Stunden befangen geweſen, dunkelte es vor ſeinen Sinnen und er gerieth in eine Aufregung, die er kaum vor Hille bemeiſtern konnte, die mit ihren tief dringenden Blicken ihn durch⸗ Der Strandvogt. IV. 17 4 258 forſchte und ſich eben ſo wenig ſein ſeltſames Beneh⸗ men erklären konnte, zumal ſie nicht im Entfernte⸗ ſten ahnte, in welcher peinlichen Lage ſich ihr armer Freund befand. Um aber endlich der unheimlichen Pauſe ein Ende zu machen, die ſich zwiſchen ihnen eingeſtellt, kam ſie ihm mit einer Frage zu Hülfe, und als Waldemar erſt ihre ſanfte melodiſche Stimme vernahm, kehrte allmälig ſeine Faſſung zurück und in⸗ dem er wiederholt tief Athem ſchöpfte, wagte er es ſogar, in ihr Geſicht zu blicken, das mit ungewöhnli⸗ cher Spannung und doch ſo ſanft und klar wie im⸗ mer ihn mit heimlicher Freude anlächelte. „Biſt Du den weiten Weg zu Fuße gegangen?“ fragte ſie ihn, um ſein und ihre Gedanken auf das Alltägliche zu lenken. „Nein, Hille, ich bin in einem Boote gekommen, das ich aber ſchon wieder zurückgeſchickt habe.“ „Ah, ſo willſt Du den Landweg nach Hauſe ein⸗ ſchlagen?“ „Ja, wenn ich wieder zurückkehre, was, ich weiß noch nicht wann geſchehen wird.“ Hille ſchwieg wieder.“ Die eben vernommene Ant⸗ wort klang ihr etwas wunderlich und in einer Art unwillkürlicher Haſt ausgeſtoßen, deren Bedeutung und Urſache ſie ſich unmöglich ganz erklären konnte. „Wir haben uns lange nicht geſprochen, Walde⸗ mar!“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe wieder fort. „Ach, ſehr lange nicht, Hille, und ja— Du wirſt Dich wundern, mich nach ſo langer Zeit einmal wie⸗ der bei Dir zu ſehen.“ „Freilich wohl, aber die Freude iſt doch größer als die Verwunderung, da Du mir gewiß Viel zu erzählen haben wirſt, denn Du haſt mehr erlebt als ich.“ „Ach ja,“ ſeufzte Waldemar, und indem er an ihrer Seite langſam durch den ſchattigen Wald ſchritt, fing er an, ſich nach und nach zu ſammeln und die Gedanken zu ordnen, die noch immer verworren in ſeinem Kopfe ſchwirrten.„Hille,“ fuhr er fort,„Du kannſt nicht ahnen, was mich eigentlich zu Dir ge⸗ führt hat und vielleicht— vielleicht habe ich nachher den Muth, es Dir ganz offen zu ſagen, da ich ein⸗ mal ſo weit gekommen bin. Aber zuerſt muß ich mich meiner Schuld gegen Dich entledigen, die ſeit Jahren zu einem Berge angewachſen iſt, der überlä⸗ ſtig auf meine Bruſt und mein Gewiſſen drückt.“ „Deiner Schuld? Was willſt Du damit ſagen? Und wie ein Berg drückt ſie überläſtig auf Dein Gewiſſen?“ „Ja, Hille, einmal muß es doch geſagt ſein und 17* 260 da wir glücklicher Weiſe allein in Gottes freiem Walde ſind, ſo will ich es gleich ſagen. Du haſt Jahre lang meinen Eltern Wohlthaten erwieſen und ihnen Opfer gebracht, wie ſie nur ein edler und reich begabter Menſch ſeinen Mitmenſchen erweiſen und bringen kann.“ Hille ſtand ſtill und legte ihre rechte Hand, aus der ihre Linke ſchon lange die Blumen genommen, auf ſeinen Arm.„Waldemar,“ ſagte ſie mit bitten⸗ der Stimme und Miene,„ſchweig davon, oder Du machſt mich vor mir ſelbſt erröthen. Was ich gethan, hätteſt Du hundertmal beſſer und lieber gethan als ich, wenn Du an meiner Stelle und ich an der Dei⸗ ner Eltern geweſen wäre, abgeſehn davon, daß ſie mir unendlich viel Gutes in meiner verwaiſten Ju⸗ gend erwieſen haben.“ „Nein, Hille, ich kann Dir diesmal Deine Bitte nicht erfüllen, ich muß davon ſprechen. Ach, aber wie ſoll ich es ſagen, was ich darüber fühle? Ich bin ſo tief und dankbar ergriffen von der Freundſchaft und Hingebung, die Du an uns Alle ſeit Jahren ge⸗ wandt haſt, daß ich— daß ich unmöglich mit Wor⸗ ten allein es wieder gut machen kann, und Jahre werden vielleicht vergehen, bevor ich die ganze Schuld 261 abzutragen vermag, die Du mit ſeltener Liebe auf uns gehäuft haſt.“ Hille ſchwieg und ſenkte das Kinn auf die Bruſt, die ſich allmälig zu heben begann. Auch Waldemar ſchwieg, in großer Unruhe, denn nun wußte er nicht, was er weiter ſagen, wie er fortfahren ſollte in dem Geſpräche, das ſich ſo glücklich angeſponnen hatte. Da aber, als er mit ſeiner Gefährtin den Ausgang des Waldes erreicht, das in ſtiller ſonntäglicher Feier ru⸗ hende Gehöft links liegen blieb und Beide unwill⸗ kürlich wie auf gegenſeitiges Uebereinkommen der ab⸗ gelegenen Laube unter den Nußbäumen am Strande zuſchritten, kam ihm ein guter Gedanke, und wie er in ſeinem ganzen Leben mit Jedermann offen und ehrlich zu Werke gegangen war, ſo beſchloß er auch diesmal offen und ehrlich zu ſprechen, wie es ſein „Herz verlangte. Als er nun den blauen Spiegel der See vor ſich ſah, die der leiſe Wind noch immer ſpie⸗ lend bewegte, ſchien ihm dieſer Wind einen wunder⸗ baren Muth heranzufächeln, und indem er Hille's Hand ergriff, die ſie ihm willig ließ, ſagte er feſt und freudig, wobei er jedoch nicht wagte, ihr Auge zu ſu⸗ chen, das von Zeit zu Zeit forſchend und Aufſchluß begehrend ſeitwärts auf ihn gerichtet ward: „Hille, ich befinde mich gegenwärtig vor Dir in einer eigenthümlichen Lage, ſo eigenthümlich, daß Du, wenn Du ſie einmal erfährſt, mir gewiß verzeihen wirſt, daß ich mich ſo ſeltſam und linkiſch benehme. Aber ſieh, wir ſind Geſpielen und Freunde ſeit un⸗ ſern Kinderjahren und ich kann, denke ich, immer noch auf Deine Freundſchaft rechnen, obgleich ich die meinige nicht in Worten und Thaten zu Dir habe ſprechen laſſen, woran indeſſen die ſchwierigen Ver⸗ hältniſſe ſchuld waren, in denen ich mich bewegte. So will ich denn auch jetzt auf Deine Freundſchaft bauen und Du wirſt die meine offen erwidern. Sage mir aufrichtig— haſt Du geſtern Beſuch gehabt?“ Hille wandte ſchnell den Kopf nach ihm herum, in den alles Blut ihres glühenden Herzens geſtrömt war. Eine Art Ahnung blitzte auch plötzlich in ih⸗ rem Geiſte auf, doch ſie hielt ſie noch zurück und be⸗ ſchloß, erſt Waldemar weiter reden zu hören.„Ja,“ ſagte ſie,„unſer Beider Ohm, der alte Schwede von Pulitz war hier.“. „Was hat er bei Dir gewollt?“ „Er hat ſich nach meinen Verhältniſſen erkundigt und dabei Alles und Jedes auf Bakewitz in Augen⸗ ſchein genommen.“ „So. Das kann ich mir denken. Wovon hat er mit Dir geſprochen?“ 263 „Von allen möglichen Dingen. Vom Leben und sterben, von Krieg und Frieden, von dem Glück der Fanpen und einem guten Gewiſſen, was dem Menſchen das Leben und Sterben erleichtert und ihn anſtacheln ſollte, mit allen ſeinen Nächſten ſich auf das Herzlichſte zu vertragen.“ „Hm! Sei einmal recht aufrichtig— hat er auch von mir geſprochen?“ „O ja!“ brachte Hille langſam und mit tief ge⸗ ſenktem Kopfe hervor. „Kannſt Du mir wiederholen, was er von mir geſagt?“ Hille ſchwieg. Waldemar wandte ſein Geſicht zu ihr und ſuchte in ihren Augen zu leſen, die ſie ihm aber beharrlich entzog. „Er hat vielleicht Böſes geſagt, daß Du es mir nicht wiederholen kannſt?“ Hille lächelte, auf eine unendlich liebliche und doch verlegene Weiſe.„Nein,“ ſagte ſie, mehr durch das Schütteln ihres reizenden Kopfes als mit den ſtill ſich bewegenden Lippen. „Nun, wenn Du es nicht ſagen kannſt, ſo will ich Dich nicht dazu zwingen, aber ich muß Dir ſa⸗ gen, daß er auch bei mir geweſen iſt, und zwar ge⸗ ſtern Nacht, insgeheim, als meine Eltern ſchon ſchlie⸗ 264 fen, und ich habe ihm das Verſprechen geben müſſen, gegen Niemand von ſeinem geheimen Beſuche reden zu wollen.“ „Aber Du redeſt ja zu mir davon?? „Zu Dir muß ich davon reden, denn Dich betraf ſein nächtlicher Beſuch.“ „Waldemar!“ rief Hille laut auf und eine glühende Röthe überzog nicht allein ihr Geſicht, ſondern auch ihren Hals und verlor ſich in das dunkle Mieder hin⸗ ein, das ihre wundervollen Formen umſchloß. „Ja, Hille, Dich betraf es und mich dabei mit, und wir ſind die beiden Einzigen, die er hintergan⸗ gen hat, vielleicht aus Liebe zu uns, aber doch uns Beiden eine Verlegenheit bereitend, die ich wenigſtens noch nicht überwunden habe.“ Hille ſchwieg wieder, aber athmete laut und ſo heftig, als wollte ihr Herz die Banden ſprengen, die es umſchloſſen. „Kannſt Du Dir denken,“ fuhr Waldemar fort, „was er mir von Dir ſagte?— Du ſchweigſt— o ſprich, Du glaubſt nicht, wie ich mich nach Deiner Antwort ſehne.“ Mit dem Tone, wie Waldemar jetzt zu Hille ſprach, hatte er noch nie zu ihr geſprochen; ſeine ganze Seele lag darin und dieſe Seele war übervoll, 265 darum ging er auch zu Hille's Seele und löſte end⸗ lich ihre Zunge. „War es Dir unangenehm, was er Dir von mir ſagte?“ fragte ſie endlich flüſternd. „Hille! Unangenehm? Wäre ich dann ſo ſchnell nach Bakewitz gekommen? Köſtlich, köſtlich war es für mein Herz, das beinahe vor Sehnſucht nach Dir ſtarb.“ „Waldemar!“ ſchluchzte Hille und lag mit ihrem Kopfe an ſeiner Schulter. „Ja, das iſt die Wahrheit und ſie muß endlich geſagt ſein. Aber ich bin noch lange nicht fertig. Meine Sehnſucht nach Dir war groß, Hille, aber noch größer war mein Kummer.“ „Dein Kummer? Warum denn?“ „Du biſt Hille Vangerow, aber das nicht allein — Du biſt auch Beſitzerin von Bakewitz und ich—“ Jetzt war die Kraft des Widerſtandes, die Hille bisher an den Tag gelegt, erſchöpft und das Maaß ihrer weiblichen Zurückhaltung bis auf den letzten Tropfen gefüllt. Sie vermochte ihr Herz nicht län⸗ ger zu bemeiſtern, es quoll über und ſtrömte gegen Den aus, der ihr in dieſem Augenblicke wie immer der Nächſte war. Sich zu dem Geliebten hinneigend, ſchloß ſie mit der Linken, der lange das Luch und 266 die Blumen entfallen waren, ſeinen Mund und bei dieſer Bewegung näherte ſie ſich ihm ſo ſehr, daß ihr warmer Athem ſeine Wange ſtreifte und ihr Körper ſanft den ſeinigen berührte. Als dieſe Berührung Waldermar mit elektriſcher Wirkung ergriff, erwachte ſein ganzer männlicher Muth und auch er ſtreckte ſei nen linken Arm aus und umfaßte damit ihren Leib. „Waldemar!“ rief ſie wie in Herzensangſt,„ſage nichts weiter, gar nichts, oder etwas Anderes, wo⸗ mit Du mich vielleicht ſehr— ſehr glücklich machſt.“ Waldemar's ganze, übervolle Seele ſchien in ſei⸗ nen Augen zu fluthen, als er ſie nach dieſem Aus⸗ ruf auf das ſchöne Mädchen richtete, das er ſo lange liebte und jetzt zum erſten Male eng an ſeine Bruſt geſchmiegt in den Armen hielt.„Was willſt Du hö⸗ ren?“ fragte er leiſe aber um ſo inniger. „War Dir Sturleſon's Beſuch und Das, was er Dir von mir ſagte, unangenehm?“ widerholte ſie mit ſtarker Betonung. „Nein, Hille, ich dankte ſogar Gott dafür, denn ich nahm es für Wahrheit und hatte lange gewünſcht, daß es auf die eine oder andre Weiſe zu Tage kom⸗ men möchte, ohne daß ich den Muth gehabt hätte, den erſten Schritt dazu zu thun.“ 267 „Dann hat der gute Ohm Dir ja wohl gethan, mein Freund?“ „Unendlich wohl und ich bin ihm dankbar dafür, trotzdem er mich betrogen hat, denn Du— Du haſt ihn ja nicht zu mir geſandt.“ Jetzt weinte Hille wirklich, aber kein Schmerz, kein Wehgefühl preßte ihr dieſe wohlthätigen Tropfen aus, ſondern des Gefühl einer wunderbaren, nie empfun⸗ denen Freude. Als aber Waldemat ſie bat, ihm ein Wort zu ſagen, das ihn beruhige, ihn belebe, da ſchluchzte ſie:„ Nein, ich habe ihn nicht zu Dir mit Worten geſandt, mein Herz aber, mein Herz— o das habe ich alle Tage zu Dir geſchickt und dies Herz hat er wahrſcheinlich verſtanden und ſo hat er Dich hierher beſchieden.“ „Hille! Was muß ich hören! O dann kann ich Dir ſagen, daß Dein Herz nicht zu mir zu ſchicken brauchte, um mich erſt rufen zu laſſen, denn das meine war immer bei Dir— immer— ſeit—“ Er konnte nicht fortfahren; die ſüße Geſtalt, die er liebte, mehr als Alles auf der Welt, lag feſt an ſeiner Bruſt und ihre Lippen ließen den ſeinen kein Wort mehr entſchlüpfen. Der ſeligſte Moment, den Menſchen auf Erden nur erleben können, verband die Glücklichen ziemlich 46 * 268 lange, denn nichts ſtörte ſie, als das Flüſtern des Windes und das ſanfte Rauſchen der im Schilfe ſich wiegenden Wellen. Keins von Beiden konnte ſpre⸗ chen, Keines mochte ſprechen. Worte ſind es auch nicht, deren der Menſch bedarf, wo Thaten reden, und hier redete eine ſüße That mit feurigen Blut⸗ wellen, die, getrennten Urſprungs zwar, doch nach einem Ziele wallten und für einander pochten und ſtürmten. „Es hat lange gedauert, bis wir uns in Liebe gefunden haben,“ ſagte Waldemar endlich. „Lange, ſehr lange, mein theurer Freund, aber ich wußte, daß die Zeit kommen würde, und darum war ich getroſt und geduldete mich.“ „Auch ich, Hille, wußte das— oder glaubte es we⸗ nigſtens zu wiſſen; aber mein Hoffen war mit Ban⸗ gen gemiſcht. O, warum hat Dir der alte Lach⸗ mann ſein Erbe vermacht,— ohne ihn hätten wir ſchon lange glücklich ſein können!“ „Wer weiß es! Wir hatten ja Krieg und es wäre ſchrecklich für mich geweſen, Dich in Gefahr und Noth zu wiſſen und Dir nicht helfen zu können.“ „Du haſt mich ja doch darin gewußt—⸗ „Ja, aber nicht als den Meinen! Jetzt aber, jetzt iſt Friede, Waldemar; und ſieh, wie die Sonne ſo 4 269 heiter auf uns herniederlächelt und das Meer ſeine ſilbernen Wogen ſo traulich an uns heran murmelt — o, mein Gebet iſt erhört, das ich heute zu Gott emporgeſtammelt. Gieb ihn mir, ſagte ich an heili⸗ ger Stätte mit aller Inbrunſt und Sehnſucht, und ſieh, als ich aus der Kirche trat und auf die Felder ſchritt, über denen die Lerchen ſchwirrten und Gott ſeine Sonne ſcheinen ließ, da wareſt Du da—“ „Um Dich wieder zur Kirche zu führen, nicht wahr?“ „Wie und wann Du willſt— ich bin die Deine, ſo lange ich lebe auf Erden und Gott uns in ſei⸗ ner Gnade zuſammen vereinen will!“— Lange ruhten ſie Bruſt an Bruſt auf dieſer Stelle und genoſſen das Glück, das der gütige Himmel auch ihnen aufbewahrt. Als ſie aber endlich in das ſonn⸗ täglich geſchmückte Haus eintraten und allen darin Wohnenden verkündeten, was da draußen geſchehen, da ließ eine Freude ihre heiteren Klänge vernehmen, wie ſie noch nie auf dem ſtillen Gute laut gewor⸗ den war, denn ihre ſchöne und geliebte Herrin mit dem Mann ihrer Liebe— den Alle kannten— mit Waldemar Granzow vereinigt zu ſehen, war der ein⸗ zige Wunſch geweſen, den ſie gehegt hatten, nachdem ihnen Gott den Frieden im Lande gegeben. Neuntes Aapitel. 3 Der Strandvogt von Jasmund. Die beiden Brautleute, im Rauſche ihres jungen Glücks nicht die Anderen vergeſſend, die daran Theil zu nehmen die nächſte Anwartſchaft hatten, waren bei Eiſche übereingekommen, noch an demſelben Tage in den erſten Nachmittagsſtunden Bakewitz zu verlaſſen und, bevor ſie ſich nach Saſſenitz begäben, um den alten Eltern des Bräutigams die frohe Kunde ihrer Vereinigung zu überbringen, erſt den alten Schweden auf Pulitz zu beſuchen und ihm Rechenſchaft von dem Erfolge ſeiner Liſt abzulegen, die ſo gute und ſchnelle Frucht getragen. Waldemar aber hatte ſich vorgeſetzt, den Scherz des Alten durch einen andren zu erwidern und ſo ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Hille, alle Wünſche des Geliebten zu den ihrigen ma⸗ Gend, ſtimmte von ganzem Herzen mit ein, fügte aber 271 die Bitte hinzu, ſie bei dieſer Gelegenheit auf den Ru⸗ gard zu führen, den ſie noch nie beſtiegen, und da⸗ mit ein Verſprechen zu erfüllen, welches er ihr einſt in einer traulichen Stunde, wie wir wiſſen, gegeben hatte. Zu ihrer Ueberkunft nach Pulitz hatten ſie zunächſt den Seeweg bis zur Landungsſtelle an der ſchmalen Haide, dem Haidekrug gegenüber, gewählt; vom Kruge aus wollten ſie ein Boot nehmen, um ganz im Stillen auf Pulitz zu landen und den alten Schweden noch wo⸗ möglich zur Zeit ſeines Mittagſchlafes zu überraſchen. Nachdem Hille nun raſch einen kleinen Koffer gepackt und in das Boot des Pächters von Bakewitz geſandt hatte, ſagten ſie dieſem und ſeiner Familie Lebewohl und begaben ſich an den Strand, wo unweit der Nuß⸗ bäume das zur Ueberfahrt beſtimmte Boot lag. Wohl⸗ wollende Hände hatten es in größter Eile in Bereit⸗ ſchaft geſetzt und ſo weit die vorhandenen; Mittel reich⸗ ten, mit bunten Wimpeln und Flaggen geſchmückt, wogegen weder Waldemar noch Hille etwas einwen⸗ den mochten, da die guten Leute es ſich einmal nicht nehmen ließen, auf dieſe Weiſe wenigſtens ihre Liebe und Freude an den Tag zu legen. Da derſelbe Wind noch wehte, der Waldemar nach Bakewitz gebracht, ja ſogar noch etwas kräftiger ge⸗ 272 worden war, ſo ging ihre Fahrt ziemlich raſch von Statten und ſchon nach zwei Uhr langten ſie an der bezeichneten Stelle der ſchmalen Haide an, wo ſie das Boot verließen, um zu Fuß quer über den ſchma⸗ len Erdgürtel nach dem Haidekruge zu gehen. Bevor ſie jedoch von den Leuten, die ſie gefahren, Abſchied nahmen, bat Waldemar den Steuermann, ihm zu Liebe ſeine Fahrt bis Saſſenitz fortzuſetzen, dort im erſten Häuschen am Strande dem Lootſen Pieſing Hille's Koffer zur Aufbewahrung mit der Bitte zu übergeben, ihm um Mittagszeit des andern Tages ein Boot an dieſelbe Stelle der Haide zu ſenden, um darauf die Ueberfahrt nach ſeiner Heimat zu bewerkſtelligen. Da⸗ bei aber ſprach er den Wunſch aus, noch nichts von den auf Bakewitz vorgefallenen Ereigniſſen verlauten zu laſſen und den Lootſen am Strande zu unterſagen, den Strandvogt von ſeiner Rückkehr mit Hille in Kennt⸗ niß zu ſetzen. 3 Der Mann verſprach es mit lächelndem Munde und ſegelte nach Jasmund ab, während Hille an Wal⸗ demar's Arme die kurze Strecke zum Haidekruge zurück⸗ legte, wo ſie in wenigen Minuten ein Ruderboot er⸗ hielten, das ſie nach Pulitz trug.. Innigſt beglückt im Herzen und Hand in Hand in dem kleinen Boote ſitzend, fuhren die Brautleute über 273 den ſchmalen Waſſerſtreifen, und erſt als ſie dem Strande der kleinen Inſel nahe kamen, fing Waldemar's Herz an zu pochen, da er ſich nun auf die Ausführung eines Scherzes vorbereiten mußte, der ſeinem ernſten Weſen nicht ganz entſprach und deſſen Gelingen daher fraglich erſchien.. Nachdem er aber mit Hille die ganze Scene wie⸗ derholt verabredet, ſtieg er mit ihr an's Land, ſandte das Boot nach dem Kruge zurück und ſchritt nun lang⸗ ſam gegen das Gehöft vor, das, da es Sonntag war, in friedlichſter Stille ruhte, zumal die meiſten Dienſt⸗ leute die Inſel verlaſſen hatten, um auf dem nahege⸗ legenen Rügen bei Verwandten und Freunden ihrem Vergnügen nachzugehen. Es war noch nicht drei Uhr Nachmittags, als ſie geräuſchlos durch die Pforte des Hofes ſchlüpften, wo ſie der erſten Magd deſſelben anſichtig wurden und ihr Stillſchweigen geboten. Ohne ein Wort zu reden, näherten ſie ſich dem Herrenhauſe und während Wal⸗ demar in das Wohnzimmer Adam Sturleſon's eintrat, blieb Hille mit klopfendem Herzen außen an der Thür ſtehen und horchte mit Spannung auf die Entwicke⸗ lung der Scene, die ſogleich ihren Anfang nehmen ſollte. Der alte Schwede ſaß in der Aihe 8 des Oiens Der Strau ldvogt. IWV. 274 auf ſeinem bequemen Sorgenſtuhle und ſchnarchte im glücklichſten Mittagsſchlummer. Mutter Talke hatte die eine Ecke des alten Kanapee's eingenommen, um in einem Geſangbuche zu leſen, das jedoch ihren Hän⸗ den entglitten war, weil auch ſie ein ſanfter Schlaf heimgeſucht. Unter dieſe ſchweigende und friedfertige Gruppe nun, die ſich eines ſolchen Ueberfalls nicht im Gering⸗ ſten verſah, trat plötzlich mit einigem Geräuſche Wal⸗ demar Granzow, auf ſeinen Mienen den Ausdruck des größtmöglichen Kummers tragend, der mit einem geſchickt erheuchelten Grolle gegen den Urheber des geſtrigen Scherzes erkennbar genug gemiſcht war. Kaum hatte Waldemar die Thür hinter ſich zuge⸗ ſchlagen, ſo fuhr zuerſt Mutter Talke aus ihrem Schlummer in die Höhe und ihr lauter Freudenſchrei, dem aber ſogleich eine lebhafte Beſorgniß folgte, als ſie das entſtellte Weſen des befreundeten jungen Man⸗ nes ſah, weckte alsbald auch ihren Mann aus dem Schlafe. Der alte Schwede, ſich raſch in den Vor⸗ gang zurechtfindend, ſprang mit heftiger Bewegung vom Stuhle auf, ſtarrte ſeinen Vetter mit offenem Munde an und konnte anfangs kein Wort finden, um ſeinem Erſtaunen einen Ausdruck zu geben. Waldemar, ohne ein Wort der Begrüßung zu ſpre⸗ chen, ließ ſich auf das Kanapee fallen, bedeckte ſein Geſicht, auf dem er mit Mühe das Lachen beherrſchte, mit der Hand und ſtieß eine ganze Reihe verzweif⸗ lungsvoller Seufzer aus. „Hölle und Teufel!“ brachte endlich der alte Schwede mit ſchallender Stimme hervor,„was ſoll das heißen? Junge, iſt der Blitz in Dich gefahren oder iſt Dein Haus abgebrannt, daß Du ſo kläglich wie eine Unke winſelſt? Heraus mit der Sprache, ich will wiſſen, was vorgegangen iſt.“ „Ach, Ohm,“ jammerte Waldemar,„Du wirſt es wohl wiſſen, ohne daß ich es Dir ſage. Du biſt an dem ganzen Unfalle ſchuld, denn Du haſt mich auf das Aergſte belogen, und nun, da ich mit der Thür in’s Haus gefallen bin, hat ſie mich ſpöttiſch heimge⸗ ſchickt und geſagt, Mutter Talke hätte vielleicht um mich geworben, ihr aber ſei es nicht im Traume ein⸗ gefallen und es betrübe ſie ſehr, daß Du auf Deine alten Tage Dich noch zu ſolchen Narrenſtreichen her⸗ beigelaſſen hätteſt.“ Dem alten Schweden verging beinahe der Athem, was bei ihm etwas Seltenes war, da er ſo leicht nicht aus der Faſſung kam.„Was,“ rief er mit don⸗ nernder Stimme,„Narrenſtreiche! hat ſie geſagt? Ich— auf meine alten Tage? Ei, da ſoll ja gleich 18* 276 ganz Rügen in das Meer verſinken und ich will es ihr anſtreichen, daß ſie mich mit einem Narren ver⸗ gleicht.“ Jetzt war auch Mutter Talke zur völligen Beſin⸗ nung gekommen. Ganz bleich im verſchrumpften Ge⸗ ſichte näherte ſie ſich ihrem Mann, ſtämmte die beiden Hände in die Seiten und ſagte mit weinerlicher Stimme:„Aha! Hab' ich es nicht geſagt? Und nun iſt es eingetroffen! Mit ſolchen Narretheien richtet man nie was Geſcheidtes an! Wenn Du nichts Beſſeres wußteſt, die Jungen zu copuliren, ſo hätteſt Du klü⸗ ger gethan, die Hand ganz aus dem Spiele zu laſ⸗ ſen. Aber das iſt Dir ſchon recht, Alter, nun iß die Suppe aus, die Du eingebrockt, und tröſte den armen Vetter, den Du in die Schlinge geführt wie eine un⸗ ſchuldige Walddroſſel.“ „In die Schlinge geführt!“ tobte der alte Schwede weiter.„Nun ja, ich werde die Suppe ſchon auseſ⸗ ſen, die ich eingebrockt, darauf verlaß Dich. Aber Du, Junge, höre mich einmal an; wenn das Alles ſo iſt, wie Du ſagſt, und kaum glaube ich es anders, da Du wie ein Verzweifelnder dreinſchauſt, ſo gratu⸗ lire ich Dir mehr als ich Dir condolire. Ich habe die Hille für ein wackeres Mädchen gehalten bisher und ſie an die Spitze geſtellt von allen Weibsleuten, 277 die ich kannte, weit und breit. Nun aber, da ſie iſt, wie jede Andere, leicht verletzlich und ſchnippiſch, ſo will ich auch nichts mehr von ihr wiſſen— ja, das will ich, ſo wahr mir Gott helfe! Und da— da, ich will es Dir nur ſagen: ich wollte, wenn ich ein⸗ mal ſterbe, ihr Alles hinterlaſſen, was ich beſitze, denn ich habe außer Dir und ihr keine Kinder, nun aber kriegt ſie nichts, nicht die blaſſe Spur und Du— Du allein ſollſt Alles haben, Geld und Geldeswerth. Ha, biſt Du damit zufrieden, Junge?“ Waldemar wollte etwas antworten, aber es ge⸗ lang ihm nicht; ſeine Kraft, das Lachen zu unterdrük⸗ ken, war erſchöpft und wäre ihm nicht in dieſem Augenblicke eine andere Hülfe zu Theil geworden, ſo hätte ſeine Rolle nur kläglich geendet. Gerade zur rechten Zeit aber öffnete ſich hinter dem alten Schwe⸗ den die Thür und Hille, die jedes Wort gehört, glitt wie eine Elfe herein, ſchlang ihre Arme von hinten um den Hals des guten Ohms und rief:„Ja, ja, alter Schwede, damit iſt nicht allein er, ſondern da⸗ mit bin auch ich zufrieden und nun iſt das Stück aus und wir wollen Alle recht glücklich ſein!“ Da ging denn eine plötzliche Wandelung bei al⸗ len im Zimmer Verſammelten vor. Waldemar ließ ſeine Verzweiflung fallen und zeigte ein heiter lachen⸗ des und glückliches Geſicht, der alte Schwede aber ſtand wie verſteinert mitten zwiſchen den jungen Leu⸗ ten und ſtarrte bald die Eine und bald den Andern an. „Halloh!“ rief er dann laut mit ſeiner Stentor⸗ ſtimme, als er den ihm geſpielten loſen Streich durch⸗ ſchaut,„ſpielt Ihr mir ſo mit für meinen guten Willen? Alſo ich bin der Sündenbock für Eure lange Flenne⸗ rei? Halt, das ſoll nicht ungeſtraft hingehen, gleich jetzt fordre ich dafür ein Verſprechen und ich laſſe Euch nicht eher aus dieſem Zimmer, als bis ich es Schwarz auf Weiß von Euch Beiden in Händen habe.“ „Auch damit ſind wir einverſtanden, mein guter Ohm,“ rief Waldemar fröhlich, aber Hille ließ es für jetzt noch nicht zu dem Ausſpruch der Forderung kom⸗ men, denn ſie umarmte bald Mutter Talke, bald den Ohm Sturleſon und das hatte eine ſo gute Wirkung bei Allen, daß Friede und Zufriedenheit im Hand⸗ umdrehen hergeſtellt war. Einen glücklicheren Tag hatte man ſobald nicht auf Pulitz verlebt und ſelbſt die beiden Alten wur⸗ den wieder in der Erinnerung jung, als ſie die bei⸗ den ſchönen Brautleute nun eng verbunden neben einander ſahen und von ihren Lippen das Geſtänd⸗ niß vernahmen, daß ſie namenlos glücklich ſeien und 279 daß ſie dem alten Schweden allein die gute Wendung verdankten, die die ganze Angelegenheit wider Aller Vermuthen ſo raſch genommen habe. „Nun das heiße ich mir ehrlich und vernünftig geſprochen!“ wiederholte der Alte von ganzem Her⸗ zen mehrere Male.„Ha, ich wußte wohl, wie man einen ſolchen Burſchen aus ſeinem Eigenſinn treibt und wider ſeinen Willen ſo glücklich macht, wie den lieben Gott im Himmel.“ „Du irrſt, lieber Ohm, lächelte Hille;„Walde⸗ mar war nicht eigenſinnig in ſeinem Schweigen—“ „Nun ja, daß Du jetzt ſeine Partei gegen mich nimmſt, wundert mich gar nicht, aber dafür ſage ich Dir noch einmal, Du Schelm, meine Erbſchaft iſt Dir verloren, denn was ich einmal geſagt, hab' ich für immer geſagt, und der da hat ſie, ſo wahr ich Adam Sturleſon heiße, den man den alten Schwe⸗ den nennt.“ Hille warf ſich in ſeine Arme und küßte ihn wie⸗ derholt.„Damit bin ich ganz zufrieden, mein theu⸗ rer Ohm,“ rief ſie fröhlich,„und Niemand wird Dir zuwider ſein. Ich ſelbſt beſitze nichts mehr für mich allein, ſobald ich Hille Granzow heiße, und ſo wird Dein Eigenthum jedenfalls an den rechten Mann 280 kommen, wenn Du es doch einmal in andere Hände übergehen laſſen willſt.“ „Willſt? Ich denke nicht daran, aber, Kinder, der da“— und er ſtreckte mit gläubig ſchimmerndem Geſicht die rechte Hand nach Oben aus—„der allein hat einen Willen und ihm beuge ich mich, wenn er ihn ausſpricht. Ihm aber wollen wir danken, daß er auch dieſen Krieg zu Ende gebracht, und nun wer⸗ det Ihr mir wohl das Verſprechen geben, was ich ſchon vorher von Euch fordern wollte.“ „Welches iſt das?“ fragte Hille und Waldemar zugleich mit Augen und Lippen. „Daß Ihr Eure Hochzeit hier bei mir auf Pulitz feiert, und daß ich das Recht habe, dazu einzuladen wen ich will.“ Hille ſchmiegte ſich ſanft an Waldemar an und blickte ihm, um ſeine Meinung fragend, in die großen blauen Augen.„Was ſagſt Du dazu mein Freund,“ ſagte ſie zärtlich,„darin haſt Du zu beſtimmen.“ „Nein, Du, meine Theure!“ erwiderte Waldemar, ſie auf die reine Stirn küſſend. „Pulver und Blei!“ rief der alte Schwede mit dröhnender Stimme.„Nun zanken ſie ſich ſchon, wer das meiſte Recht in ſolchen Sachen hat. Bah, Ihr jungen Creaturen, Ihr habt Beide kein Recht und ich 281 allein werde das mit den Alten abmachen, ich will und muß nun einmal ein Brautvater ſein und damit baſta für heute!“ Nachdem man am nächſten Morgen gemeinſchaft⸗ lich das Frühſtück eingenommen, erinnerte Hille ihren Geliebten an ſein Verſprechen in Betreff des Rugard. Er war ſogleich bereit und eine Viertelſtunde ſpä⸗ ter ſaßen ſie ſchon in einem Boote, um nach Rügen überzuſetzen und vom Strande aus auf dem nächſten Wege den ſchönen heimatlichen Berg zu beſteigen. Golden ſtand auch an dieſem Tage die Sonne am Him⸗ mel und linde wehte der Wind die Düfte der Wälder und Felder heran, die im vollſten Sommerſchmucke prang⸗ ten. So war denn die Umſchau vom höchſten Punkte des Rugard aus, nachdem der kurze Weg bis zu ſei⸗ nem Gipfel bald zurückgelegt war, eine überaus loh⸗ nende und Hille, dicht an Waldemar geſchmiegt, gab ſich einem Entzücken hin, wie ſie es unter ſolchen Umſtänden noch nie genoſſen hatte. „Sieh,“ ſagte Waldemar, nach Südweſten deu⸗ tend,„da ſpringt die ausgezackte Halbinſel, die Du Deine Heimat nennſt, wie eine rieſige Hand mit ih⸗ ren ausgeſtreckten Fingern, dem Reddewitzer⸗, Göhren⸗ * —————— 282 und Thieſſow'er Höwt in das blaue Meer vor. Dort hinter jenen grünen Waldungen, der Granitz, deſſen höchſten Punkt das fürſtliche alte Jagdſchloß einnimmt, haſt Du die vorige Nacht geſchlafen, noch nicht im Geringſten vorausſehend, daß Du heute ſchon auf dieſem Gipfel ſtehen und mit mir in Gemeinſchaft die Reize Deines Vaterlandes betrachten würdeſt. Aber ſo webt das Schickſal die Fäden des Menſchenlebens ſtets im Geheimen, und mit ſeiner heutigen Arbeit können wir wohl zufrieden ſein. Sieh, dort gerade vor uns taucht das ſchöne Schloß empor, in dem un⸗ ſer gütiger Fürſt, der Herr von Putbus wohnt, um das herum ſich ſeit fünf Jahren eine kleine Stadt aufgebaut hat, die mit ſchnellen Schritten ihrer Voll⸗ endung entgegenreift. Wenn ich nicht irre, wird ſie beſtimmt ſein, einſt den leuchtendſten Stern Rügen's zu bilden und Gott gebe ihr und ihrem edlen Schöpfer das beſte Gedeihen. Jenes breite Waſſerbecken aber, welches die Küſte von Putbus beſpült, iſt der Rügi⸗ aniſche Bodden; ihm gegenüber vor jenem grauen Streifen, der pommer'ſchen Küſte, bildet das Meer, tief in das Land eindringend, den Greifswalder Bod⸗ den, in deſſen tiefſter Bucht dort die Greifswalder Thürme ragen.— Hier zur Rechten hinüber, jenſeits des ſchmalen Waſſergürtels, erblickſt Du die Mauern 283 und Wälle der deutſchen Veſte, das dräuende Stral⸗ ſund, aus deren Mitte ich damals mit dem bluten⸗ den Magnus Brahe dort nordwärts nach jenem ſchma⸗ len Inſelchen Hiddens⸗öe genannt, flüchtete und bei Herrn von Bagewitz auf dem Gute Kloſter eine gaſt⸗ liche Aufnahme fand, wie jeder Andere ſie finden wird, den einmal ſein Weg in Freud oder Leid da⸗ hin führt.— Sieh nun dort hin über Gingſt und Udars hinüber, wo Hunderte von Dörfern, Höfen und Häuſern mitten aus den grünen Fluren und Wäldern hervorragen, in jener Waſſerenge zwiſchen Wittow und Rügen fand der Kampf ſtatt, der uns von unſern feindlichen Nder befreite, als wir nach Schweden flüchten wollten, und aus dem Pie⸗ ſing der Aeltere mit ſeinem eiſernen Büllen und ſei⸗ nem kühnen Muthe uns ſiegreich hervorgehen ließ. Aber jetzt über Wittow fort, fliege mit mir über un ſern großen Bodden nach dem ſchönſten Punkte un⸗ ſers Vaterlandes, nach Jasmund. Sieh ſeine ragen⸗ den Wälder, ſeine hochgethürmten Berggipfel und dort ganz vorn ſeine weißen Klippen, die jäh in das weite Meer hinabſtürzen. Ach, auf dieſem grü⸗ nen Lande habe ich mein Leben begonnen und die herrlichſten Freuden, aber auch die herbſten Leiden er⸗ fahren. Beides zuſammen aber bindet den Menſchen 284 feſt an die Scholle und darum kann ich nur mit Wehmuth meinen Blick davon losreißen, der immer wider meinen Willen nach Spyker zurückkehrt, wo das Grab meines Freundes liegt.“ Hille antwortete ihm nicht, denn ſie theilte ſeine Empfindungen, nur inniger lehnte ſie ſich an ihn an und drückte ſtumm ſeine Hände, dadurch verrathend, daß ſie denke und fühle wie er. Wohl eine Stunde blieben ſie auf der Höhe ſtehen und genoſſen die Aus⸗ ſicht über ihr kleines aber ſchönes Heimatland, und als ſie endlich wieder den Weg nach Buſchwitz hin⸗ abſchritten, waren ſie Beide befriedigt, denn die Wonne, ſich gegenſeitig endlich gef iden und ſo eine Stütze und einen Troſt gegen allerlei Noth und Gefahr zur Hand zu haben, ſtimmte ſi ie glücklich und ließ ſie die Schmerzen und Leiden vergeſſen, die ſie bisher erfah⸗ ren und durchlebt hatten. Auf dem Wege von Buſchwitz nach Pulitz legten ſie eine Viertelſtunde auf dem kleinen Werder All⸗ Rügen an und Waldemar fühete Hille in die geheime Moosgrotte, in der er während der Anweſenheit des Generals Chambertin mit Magnus verborgen gelebt hatte. Als ſie in das Innere derſelben hinabgeſtiegen waren und den Sitz auf dem ſchwellenden Mooſe ein⸗ 285 genommen hatten, war Hille erſtaunt, das Ganze ſo behaglich und lieblich zu finden, und ſie ſprach ihre Meinung darüber in fröhlichen Worten aus. „Ja,“ erwiderte Waldemar,„jetzt ſcheint es Dir wohl angenehm und behaglich, einige Minuten auf dieſem weichen Lager zu ſitzen, aber damals, tagelang hier eingeſperrt und von allen Menſchen ſo weit ent⸗ fernt, war es uns doch peinlich und beſchwerlich ge⸗ nug, namentlich für den armen Magnus, der mit ſei⸗ nen Gedanken immer um Spyker flatterte und an ſei⸗ nen bevorſtehenden Tod dachte. Sieh, hier, wo Du ſitzeſt, hat damals mein armer Freund geſeſſen und geſeufzt, hier hat er noch immer an die leichtſinnige Gylfe gedacht, die ſeinen Edelmuth eben ſo wenig wie ſeine Liebe zu ſchätzen wußte. Ach, ich ſehe ihn hier noch immer ſtumm und ſchmerzvoll brüten und mir ſeine Leiden klagen, die ich doch nicht lindern konnte, und ſo wird er mir überall und immer vor Augen ſchweben.“ Bei dieſen Worten, den erſten traurigen, die Wal⸗ demar ſprach, ſeitdem er in ihren Beſitz gelangt war, umſchloß Hille ihn mit beiden Armen und drückte ihn zärtlich an ſich.„Mein Freund,“ ſagte ſie,„Magnus allerdings iſt nicht mehr hier, aber an ſeine Stelle bin ich getreten und ich will mich auf alle Weiſe be⸗ mühen, ihn Dir in Deinem Herzen zu erſetzen.“ „O Hille, wie ſchön ſprichſt du das aus und wie unendlich dankbar bin ich Dir dafür. Ja, Du, Du allein biſt mir der einzige Troſt, wenn ich an ſeinen Verluſt denke, denn Magnus war mir mehr als ein Freund und Gefährte, er war mir faſt ein Bruder! Und wie wunderbar richtig hat er mir Vieles voraus⸗ geſagt, was ſchon jetzt vollkommen eingetroffen iſt. Erſt wenn ich todt ſein werde, ſagte er mir unter An⸗ derm, wirſt Du ganz glücklich ſein. Und ſieh, Hille, er iſt todt und ich bin, was er mir vorhergeſagt— glücklich, wie es ein Menſch nur ſein kann, ſchon al⸗ lein durch Dich.. Hille drückte ihn noch feſter an ſich und dankte ihm mit Küſſen, denn Worte hatte ſie nicht. Dann aber ſtiegen ſie wieder an die Oberfläche empor, ſchloſ⸗ ſen vorſichtig die Thüren der verborgenen Hütte und beſtiegen ihr Boot, mit welchem ſie bald wieder nach Pulitz gelangten. Bei dem Mittagsmahle, das nun in der Behau⸗ ſung des alten Schweden in der gewohnten reichlichen und förmlichen Weiſe aufgetragen wurde, erfuhren die Brautleute zu ihrer Freude, daß ſowohl Adam Stur⸗ leſon wie Mutter Talke ſie nach Saſſenitz begleiten wollten, um Zeugen der Freude des Strandvogts und ſeiner Frau zu ſein. So wurde denn heute nicht an den Mittagsſchlaf gedacht und ſobald die Tafel auf⸗ gehoben war, rüſtete man ſich, die Reiſe anzutreten, in der Hoffnung, daß der Steuermann aus Bakewitz ſeinen Auftrag vollzogen und Pieſing ein Boot dem Haidekrug gegenüber in die Prorer Wiek geſandt ha⸗ ben werde. Mit raſchem Ruderſchlage flog das Pulitzer Boot quer durch den kleinen Jasmunder Bodden und es war noch nicht zwei Uhr Nachmittags, als man im Haidekrug anlangte und nun zu Fuß über die ſchmale Haide ſchritt, was allerdings ein unbequemer Weg durch die Ueberfülle der kleinen Feuerſteine war. Wie erſtaunten aber alle Vier, als ſie den Strand erreich⸗ ten und an der bezeichneten Landungsſtelle ſtatt des gewöhnlichen Ueberfahrbootes das größte und ſchönſte Lootſenboot von Saſſenitz vorfanden, das Pieſing ſel⸗ ber ſteuerte und außerdem bei dem ſchwachen Winde mit acht kräftigen Ruderern bemannt hatte, die ſämmt⸗ lich in ihre Sonntagstracht gekleidet waren. Sodann aber war das ganze Boot vom Ausleger bis zum Bord herab mit unzähligen bunten und luſtig flattern⸗ den Wimpeln und Flaggen geſchmückt, unter denen hinten über der Ruderpinne zum erſten Male die große preußiſche Flagge ſich entfaltete, unter deren Schutze die Rügianiſchen Schiffer und Lootſen jetzt in See ſtachen. Erſtaunt blieben die vier Reiſenden ſtehen, als ſie ſchon von Weitem das unerwartete Schauſpiel erblick⸗ ten, und eine neue Freude erhob ihre Herzen, daß man ihrer in der Heimat ſo herzlich gedacht und an ihrem Schickſale ſo innigen Antheil genommen hatte. Der Bote aus Bakewitz hatte alſo gegen Walde⸗ mar'’s Wunſch das Geheimniß in Saſſenitz verrathen und wir wollen ihm das nicht verdenken, denn Leute ſeines Herkommens und Standes glauben immer recht zu thun, wenn ſie Andern eine Freude bereiten, ſelbſt wenn ſie dabei einem ausdrücklichen Gebote zuwider handeln. Da das große Boot nicht dicht am Strande an⸗ legen konnte, ſo hatte man noch ein kleines im Schlepp⸗ tau herbeigeführt, das ebenfalls bunt und reich be⸗ flaggt war; in dieſes nun, nachdem es dicht an das Ufer gerudert, ſtiegen die Reiſenden, um bald darauf von Pieſing dem Aelteren an Bord des gro⸗ ßen begrüßt zu werden, der als Führer des Schiffes ſeinen Poſten nicht verlaſſen hatte. Mit feſtem Hand⸗ ſchlag und herzlichen Worten empfing er das Braut⸗ paar und als Alle auf ihren Plätzen ſaßen, ließ er 289 ein donnerndes Hurrah ertönen, das an den Bergen von Jasmund widerhallte und weit über die Wogen der Oſtſee ſcholl. Dann aber gab er ſeinen Ruderern ein Zeichen und auf einen Schlag ſenkten ſie ihre Riemen in das Waſſer und wie ein hurtiger Schwan flog das große Boot durch die Fluthen dem Ufer von Jasmund zu, noch einmal im funkelnden Sonnen⸗ ſchein die ſchönen Küſten der Heimat umſegelnd. Als man aber bald auf die Höhe von Mucran gelangt war, gab Pieſing den Vormännern im Buge ein Zeichen und als ſie dieſes empfangen, zogen ſie ihre Riemen ein und machten ſich mit einem kleinen Böller zu ſchaffen, den ſie bisher mit einer Flagge den Blicken des Brautpaars entzogen hatten. Den entluden ſie nun und Schuß auf Schuß fuhr krachend heraus und begrüßte die Höhen Jasmund's, den Be⸗ wohnern derſelben damit ein Zeichen gebend, daß ſie das Paar glücklich heimbrächten, nach dem ſie ausge⸗ fahren waren. Kaum aber war der erſte Schuß im donnernden Echo an den Bergvorſprüngen der Halbinſel wider⸗ hallt, ſo belebte ſich plötzlich die ſtille See, denn von Saſſenitz und Crampas her ruderten ſo viel bunt be⸗ wimpelte Fahrzeuge heran, als in beiden Dörfern aufzutreiben geweſen waren, und in wenigen Minu⸗ Der Strandvogt. IV. 19 290 ten umringten ſie alle das große Boot und lauter Jrubelruf, bis weit über die Gränzen des langgedehn⸗ ten Strandes tönend, erfüllte die milde Sommerluft. Hille, als ſie dieſes herzliche Entgegenkommen ſah und daraus erkannte, wie lieb man in Saſſenitz ihren Waldemar und ſie ſelbſt habe, vermochte kein Wort zu reden, nur ihre Augen blitzten rings herum und ſtreu⸗ tenüberall hin Winke und Grüße aus, während ſie im Stillen die Freudenperlen trocknete, die wider Willen ihre blühenden Wangen befeuchteten. Waldemar aber ſtand hoch im Boote, ſchwenkte ſeinen Seemannshut und begrüßte mit lautem Zuruf alle die biederen Maänner, die es mit ihm und ſeinem braven Vater ſo herzlich meinten. Als man ſich aber dem Strande von Saſſenitz allmälig näherte, wurden Alle durch einen neuen un⸗ erwarteten Anblick überraſcht. Der ganze Außenſtrand war mit hohen und unabſehbar langen Reihen von Fiſchernetzen umſpannt, in denen bunte Bänder und Tücher eingeknüpft waren, deren Wehen und Fl ttern im Winde einen lieblichen Anblick gewährte. In den von Zeit zu Zeit freigelaſſenen Zwiſchenräumen aber hatten ſich alle Bewohner von Crampas und Saſſenitz aufgeſtellt und Männer und Weiber, Jung und Alt, Alle im Sonntagsſtaate, bemühten ſich um 291 die Wette, mit Freudenruf und Gruß das junge Paar zu empfangen, dem Alle von ganzem Herzen ſo freund⸗ lich gewogen waren. Als Waldemar dieſen unerwar⸗ teten und herzlichen Empfang ſah, da wurden auch ihm die Augen feucht und er vermochte nur noch mit den Armen wiedergrüßend und dankend zu winken, denn Worte hatte er ſchon lange nicht mehr. Endlich war man dem Strande ganz nahe gekom⸗ men und dicht vor dem Eingange von Saſſenitz, wo der Steinbach ſeine Schaumperlen in's Meer ergießt, hatte man ſchnell aus alten Booten und Brettern eine Landungsbrücke zuſammengefügt, die mit Blumen und Blättern beſtreut war und hinter der die jauchzenden Fiſcher mit Weibern und Töchtern in bunten Reihen ſtanden. Kaum aber hatte Waldemar, Hillen an der Hand führend, dieſe Brücke betreten, ſo öffneten ſich die Haufen und der Strandvogt ſelber, Mutter Ilske geleitend, die man erſt vor Kurzem von dem Vorge⸗ henden in Kenntniß geſetzt hatte, trat den Ankommen⸗ den entgegen. Als nun die beiden allgemein verehrten Alten, die an dieſem kleinen Orte die angeſehenſten Leute waren, das Brautpaar in ihrer elterlichen Weiſe herz⸗ ich begrüßt und willkommen geheißen hatten, muß⸗ Hille und Waldemar die Reihen hinuntergehen — 19* 222 und Allen und Jedem die dargebotenen Hände ſchüt⸗ teln, und niemals in ihrem Leben war Hille von ſo vielen bewundernden Augen beſchaut worden, wie an dieſem Tage, denn als hätte noch Niemand vor⸗ her das ſchöne Mädchen von Saſſenitz in der Nähe geſehen, ſo fand man erſt heute ſo vollkommene Reize an ihr, daß Waldemar, wenn er die Ausrufungen gehört, die aller Orten laut wurden, ſich mit einer Prin⸗ zeſſin hätte verbunden wähnen können, was in dem Sinne der einfachen guten Strandbewohner nichts anders hieß, als im Beſitze aller möglichen menſchli⸗ chen Schönheiten und Vollkommenheiten zu ſein. Nachdem nun die Begrüßungen unten am Strande wohl eine Stunde hinweggenommen hatten, ordnete der alte Schwede und Pieſing, der rieſige Lootſe, den Zug, der das Brautpaar durch die Schlucht zur Höhe hinauf nach dem Kiekhauſe begleiten ſollte. Voran ſchritten zwei Fiedler, mit nicht unharmo⸗ niſchen Tönen das Echo der Berglehnen erweckend. Ihnen folgte, immer Paarweiſe gehend, ein Zug der jüngeren Fiſcher und Schiffer; dann kam der d alte Schwede mit Mutter Ilske, dann der Strandvogt mit Mutter Talke und dahinter das Brautpaar, wel⸗ ches man mit grünen Eichenguirlanden faſt übermä⸗ ßig beladen hatte. Hinter ihnen aber folgte die la⸗ chende und ſchwatzende Schaar der jüngeren Fiſcher⸗ mädchen, denen ſich endlich die alten Paare, die Loot⸗ ſen und ganz zuletzt die ſchreiende und radſchlagende junge Welt anſchloſſen. Bis vor das Gartenthor des Kiekhauſes gab man den Bewohnern deſſelben das feſtliche Geleite und unter Hurrahruf und einem endloſen Gejauchze tra⸗ ten ſie in die Thür ein, worauf die Dorfbewohner ſich zurückzogen, um unten am Strande den althergebrach⸗ ten Fiſchertanz aufzuführen und bis zum Abend das Vergnügen fortzuſetzen, da der Feſttag der Einzelnen hier immer ein Feſttag für Alle war. Als nun aber der Strandvogt mit allen Seini⸗ gen in das beſte Zimmer des Kiekhauſes eingetreten war, da begannen noch einmal die Begrüßungen und das Willkommenheißen der beiden Glücklichen und hier empfing auch nochmals der alte Schwede den Dank der Eltern, den er ſo redlich verdiente, da er es ja allein war, der den Frieden nun wirklich in das ſtille Haus eingeführt und Alle glücklich gemacht hatte. Man war mit den Worten zu Ende gekommen und Mutter Ilske hatte den ſchon bereit gehaltenen Kaffee eben herbeibringen laſſen, als Waldemar's Au⸗ gen auf den am vorvergangenen Tage eingelaufenen 294 Brief fielen, den ſeine Mutter, um ihn nicht wieder zu vergeſſen, in ihr Arbeitskörbchen am Fenſter gelegt hatte. „Was iſt das für ein Brief?“ rief er und griff ſchon danach.„Ha, vom alten Grafen Brahe aus Stockholm!“ ſtammelte er plötzlich mit gepreßter Stimme und Alles ſchwieg bei dieſen Worten und richtete erwartungsvoll die Augen auf ihn.„Iſt der in meiner Abweſenheit gekommen, Mutter?“ „Nein, mein Sohn, ach nein, jetzt muß ich mich nur anklagen, und Du, Hille, hilf mir, daß er mich nicht ſchilt. Der Brief, Waldemar, kam ſchon am Sonnabend Abend an, ehe Du zu Hauſe warſt und ich wollte ihn Dir am Sonntagmorgen überreichen, um Dir einen fröhlichen Tag zu machen. Da kamſt Du aber ſo früh herunter und mit ſo entzücktem Geſicht, daß ich ihn vergaß, zumal Du Dich gleich darauf in das Boot ſetzteſt und nach dem Süden fuhrſt. Jetzt aber lies ihn, mein Sohn, wir erlau⸗ ben es Dir Alle gern und wenn etwas Gutes darin ſteht, wird er noch immer zur rechten Zeit geleſen ſein.“ „Und erſt recht, wenn etwas Schlimmes darin ſteht, denn wir ſtehen hier Alle für einen Mann!“ bemerkte der praktiſche alte Schwede. 295 Waldemar wandte den Brief hin und her, als könne er kaum die Zeit erwarten, ihn zu leſen, denn es war dies der erſte, den er ſeit Magnus' Tode, alſo ſeit fünf Jahren, vom Grafen erhielt.„Darf ich ihn leſen, Hille?“ fragte er dann das liebe Mädchen, das wie alle Uebrigen, die Augen voller Spannung auf ihm gerichtet hatte. „Ja, Waldemar, Du mußt es ſogar und thu es geſchwind; wir aber wollen unterdeſſen ganz ſtill ſein und während der Zeit unſern Kaffee trinken.“ Waldemar hatte ſich auf den Stuhl der Mutter an das Fenſter geſetzt und den Brief raſch geöffnet. Mit ruhigem Auge überflog er die erſte Seite, als er aber immer weiter und weiter las, nahm ſeine Miene den Ausdruck einer Aufregung an, die von Minute zu Minute ſichtbar zunahm, bis er endlich ganz bleich wurde und mehrere Male einen tiefen Seufzer ausſtieß. Alle im Zimmer Anweſenden verhielten ſich voll⸗ kommen ſchweigend und hingen erwartungsvoll an dem Geſichte Waldemar'. Auch ihre Aufmerkſamkeit wuchs allmälig, bis ſie ſich Alle wie auf einen Wink erhoben und in die Nähe des Leſenden traten, der plötzlich, als er den Brief zu Ende gebracht, mit hef⸗ tigſter Erregung vom Stuhle aufſprang und ausrief: 296 „Großer Gott! Womit habe ich das verdient! O, wie belohnt ſich die Liebe auf Erden, wenn ſie die wahre, ächte Liebe iſt— und die meine war es, ich kann es vor Jedermann, ſelbſt vor Gott be⸗ haupten!“ „Nun, was iſt's denn, was giebt's denn?“ fragte neugierig der alte Strandvogt und wollte ſchon mit der Hand nach dem Papiere greifen. Waldemar hörte gar nicht, was der Vater zu ihm ſagte. Er kämpfte noch immer mit ſich ſelber, ſtrich ſich wiederholt mit der Hand durch das üppige dunkle Haar und trat dann auf Hille zu, drückte ſie feſt an ſich und ſagte:„O, Hille, wenn dieſer Brief vorge⸗ ſtern in meine Hände gelangt wäre, ſo hätteſt Du einen anderen Bewerber an mir gehabt und ich hätte ohne Herzklopfen nach Bakewitz eilen und mit offner Stirn an Dich herantreten können.“ „Ich wünſche es mir nicht anders, wie es gewe⸗ ſen iſt, denn es war ſchön, herrlich, unvergeßlich ſo,“ erwiderte Hille leiſe, aber da Alles ſchwieg, doch ver⸗ ſtändlich genug.. „Das glauben wir Euch gern,“ nahm der alte Schwede lächelnd das Wort.„Aber dürfen wir nicht erfahren, was in dem Briefe ſteht, mein Junge? Denn wenn Du mit dem Mädchen von Bakewitz fortfährſt zu reden, ſo werden wir es wahrlich noch lange nicht wiſſen.“ „Ja,“ ſagte Waldemar und trat mit feierlicher Miene und gehobener Haltung in die Mitte ſeiner Lieben,„Ihr dürft es nicht allein, ſondern Ihr müßt es erfahren, denn dieſer Brief verändert Euer und mein Verhältniß wie durch einen Zauberſchlag. Hört alſo, was der gute alte Graf mir ſchreibt, und dann dankt Gott noch einmal, daß er meinem Vater einſt die Ge⸗ legenheit gab, den edlen Herrn dem Wellentode zu entreißen, was ja der Anfang unſrer näheren Bekannt⸗ ſchaft und des Glücks war, welches jetzt in übermä⸗ ßiger Fülle auf mich, der es ſo wenig verdient, her⸗ niederſtrömt.“ Darauf nahm er den Brief und las mit klarer Stimme den ganzen Inhalt deſſelben vor. „Mein theurer Sohn!“ hieß es darin.„Ach, ich „nenne Dich meinen Sohn, weil ich keinen anderen „mehr habe, dem ich dieſen Namen beilegen könnte, „und Du haſt ja ſtets gegen mich und meinen Ma⸗ „gnus gehandelt, als wäreſt Du mein Sohn und ſein „Bruder geweſen, das hat er mir in ſeiner letzten Zu⸗ „ſchrift und Willensmeinung zu erkennen gegeben, „die Du ſolbſt mir vor fünf Jahren aus Saſſenitz „überſandt haſt. „Mein langes Schweigen wird Dich in Verwun⸗ „derung geſetzt und Dir vielleicht die Meinung einge⸗ „flößt haben, als hätte ich Dich vergeſſen oder gar „meine Hand von Dir abgezogen, wie es wohl in der „Welt unter Menſchen vorkommen mag, die ein ſchwa⸗ „ches Gedächtniß für erwieſene Wohlthaten und eine nſtarke Neigung haben, nur an ſich ſelbſt und das eigene Wohlſein zu denken. Aber nein, mein theu⸗ „rer Waldemar, das iſt nicht die Urſache meines lan⸗ „gen Schweigens geweſen. Lange Reiſen und wich⸗ „tige Geſchäfte im Auslande haben mir Jahre mei⸗ „nes Lebens fortgenommen, die ich nicht für mich „und die Meinigen, ſondern nur für das höhere Wohl⸗ „ſein meines Vaterlandes verwenden konnte, und als nich endlich in mein heimatliches Haus zurückkehrte, „war der Schmerz, meinen Magnus, den einzigen Er⸗ „ben meines Namens, die ganze Freude und Hoffnung „meines Lebens, verloren zu haben, ſo groß, daß ich „nicht im Stande war, irgend Wem von meinen „Verhältniſſen und Abſichten Kunde zu geben. Auch „wüthete damals der Krieg mit ſeinen Drangſalen „und Kümmerniſſen in Europa, kein Mann war zu „Hauſe und meine Zuſchriften hätten Dich wahrſchein⸗ „lich vergeblich in Deiner Heimat geſucht. Jetzt aber, „mein guter Waldemar, haben wir Frieden und. mit nihm die Ruhe und Muße erhalten, über uns ſelbſt 299 „und Andere nachzudenken und für ihre Zukunft zu „ſorgen. Dieſes Nachdenken aber hat mich zuerſt auf „Dich zurückgeführt und mich gemahnt, Dir zunächſt „auf Dein liebevolles und troſtreiches Schreiben vom „Jahre 1810 Antwort zu geben. Ich richte daher „dieſe Zeilen in das Haus Deines guten Vaters, „weil ich mir denke, daß Dich das in allen Rügia⸗ „nern lebhaft brennende Heimatsgefühl in die Arme „deſſelben zurückgetrieben haben wird, um in ſeiner „Nähe Dein ferneres Leben Deinen und ſeinen Wün⸗ „ſchen entſprechend zu verbringen. „Was ich Dir nun zu ſagen habe, iſt Folgendes, „ich bitte Dich aber, damit nicht die ganze Dankbar⸗ „keit für erſchöpft zu halten, die ich für Dich in An⸗ „betracht des vielen Guten empfinde, welches Du mir „und den Meinigen erwieſen haſt, ſondern es nur als „die Abtragung eines kleinen Theils der unvertilgba⸗ „ren Schuld aufzunehmen, die Dein und Deines bra⸗ „ven Vaters Verhalten in ſchweren Stunden mir auf „die Seele gelegt hat und die ich daſelbſt tragen „werde, bis auch mein Auge ſich ſchließt, um in den „ewigen Oſten einzugehen. „Aus Magnus letztem Willen geht hervor, daß „Du bis an ſein Ende ſein treuer Freund und Ge⸗ „fährte auf allen Wegen geweſen biſt. Er dankt Dir 5⸗ 8 300 „noch einmal durch mich für alle Deine ihm bewie⸗ „ſene Liebe von ganzer Seele und wiederholt Dir „zum letzten Male, daß Du ihm der zuverläſſigſte, „theuerſte Freund und ſorgſamſte Bruder auf Erden „geweſen biſt. Was er Dir nun nicht ſelber ſagen „mochte, ſagt er Dir durch mich, und um Dir auch „ſichtbare Erinnerungen an ſeine Freundſchaft und „Neigung zu hinterlaſſen, ſetzt er Dich zum Erben „aller ſeiner kleinen Beſitzthümer ein, die er an Samm⸗ „lungen, Waffen, Büchern und ſonſtigen Dingen im „Laufe der Zeit von mir, ſeiner früh verſtorbenen Mut⸗ zter und ſeinen übrigen Verwandten erhalten hat, und nich beſtätige das hiermit, indem ich die Bitte hinzu⸗ „füge, Dich in einigen Tagen nach Spyker zu bege⸗ „ben, um dort das Genannte in Empfang zu neh⸗ „men, da ich Alles, was noch nicht daſelbſt iſt, mor⸗ „gen dahin abſenden werde. Wenn Du es vermeiden „kannſt, der leichtfertigen Gylfe Torſtenſon vor Au⸗ „gen zu treten, ſo erfülle meinen Wunſch, ich mag „nicht, daß Deine Erinnerung an Magnus und mich „noch einmal durch den Anblick oder vielleicht gar „ durch eine zu ſpät kommende Erörterung mit dieſem „unglücklichen Mädchen getrübt und aus der ſtillen „Ruhe ſanften Vergeſſens aufgerührt werde. Denke „aber nicht, daß ich meine Hand ganz von ihr abge⸗ . 7 301 „zogen habe, das wäre gegen mein Gewiſſen und „gegen das Verſprechen, welches ich ihr gab, als ſie „als das Kind eines Geächteten und eine von aller „Welt verlaſſene Waiſe in meine Hand gerieth, viel⸗ „mehr habe ich ihr ein Jahrgeld beſtimmt, wovon ſie „neben ihren Einkünſten als Stiftsfräulein in Bergen „bequem leben kann, wohin ſie, wie ich hoffe, ſich be⸗ „geben wird, ſobald das vom Kriege hart mitgenom⸗ „mene Stift wieder in bewohnbaren Zuſtand verſetzt „ſein wird. Dieſe Worte ſollen die letzten ſein, die „ich über ſie fallen laſſe, denn es ſchmerzt mich, von „ihr zu reden, die meinem guten Magnus vielleicht „wider Willen ſo viel Leid und Kummer verurſacht „hat. Gebe ihr Gott ein recht heiteres Leben und „innerliche Zufriedenheit, ſie iſt noch jung und zum „Genuſſe des menſchlichen Daſeins geſchaffen; ſie „würde unglücklich ſein, wenn ſie es einſam verbrin⸗ „gen müßte, und doch hat ſie die Winke der Vorſeh⸗ „ung nicht verſtanden, die ihr ſo oft hülfreich die „Hand bot, als ſie in bedrängter Lage war. „Alles, was ich Dir bis jetzt geſagt habe, berße „aber nur den Dank und die Willensmeinung,— „Magnus für Dich hinterlaſſen hat— ich für meine „Perſon bin Dir zu größerem Danke verpflichtet. Um „wenigſtens einen Theil deſſelben abzutragen, habe „ich hin und her geſonnen, wie ich Dir Deinen fer⸗ „neren Lebenspfad ebnen und angenehm machen „könnte, da mir ſowohl Deine Neigungen wie Be⸗ „ſtrebungen für eine Deiner würdige Zukunft bekannt „ſind, und da habe ich mich erinnert, daß ich Dir „eine kleine Gabe bieten kann, die Dich und die Dei⸗ „nigen vielleicht erfreuen wird. Nimm alſo meine „ſeit Jahren mit großer Vorſicht und Liebe gepflegte „Muſterwirthſchaft Blankenau am Jasmunder Strande „in der Nähe der Stubnitz, zu Deinem Eigenthume „an. Sie hat ein trauliches und geräumiges neu er⸗ „bautes Wohnhaus, hübſche Gärten, eine gute Vieh⸗ „zucht, jagdreiche Waldungen und iſt in der Nähe der „See gelegen, die Dir ja von Jugend auf ein be⸗ „freundetes Element war. Dorthin ziehe Dich von „den Sorgen des Lebens zurück, nimm ein braves „Weib und erziehe Deine Kinder in Gottesfurcht und „Menſchenliebe, wie Dich Deine wackeren Eltern ſelbſt „erzogen haben. „Da Du aber noch jung, voll Feuer, Kraft und * zur Arbeit biſt, alſo einen Lebensberuf brauchſt, „der Deinen Fähigkeiten entſpricht und Dir eine eh⸗ „renvolle Stellung unter Deinen Landsleuten ge⸗ „währt, ſo habe ich mit meinem edlen Freunde, dem „Fürſten von Putbus, Deinetwegen Rückſprache ge⸗ 303 „nommen und er hat meinen Wunſch erfüllt und „mit der neuen Regierung verhandelt, die jetzt über „Rügen gebietet. So wird Dir denn in den näch⸗ „ſten Wochen Deine Beſtallung als Strandvogt der „ganzen Halbinſel Jasmund ausgefertigt werden und „Du wirſt der oberſte Beamte dieſer Art in Deiner „ſchönen Heimat ſein. Das Amt aber, welches Du „hiermit übernimmſt, wird meiner Ueberzeugung nach „in keinen Händen beſſer bewahrt ſein, als in den „Deinen, denn Du beſitzeſt nicht allein die Fähigkei⸗ „ten, ſondern auch den guten Willen dazu, es ſeinen „Erforderniſſen und ſeiner Wichtigkeit gemäß würdig „auszufüllen, wie es einem Ehrenmanne geziemt. Wo „Du alſo kannſt, widme Dein Leben dem Wohle der „Menſchen, die in Stunden der Gefahr hülflos an „Deine Ufer geworfen werden, übe Barmherzigkeit „und wache über alle Diejenigen, die mit der Rettung „von Menſchen und mit der Bergung verunglückter „Ladungen betraut ſind. „Dieſe Stellung bietet Dir aber auch Gelegenheit, „Deiner Liebhaberei, das Meer zu befahren und das „Seeweſen auf Rügen zu fördern, zu genügen, ſodann „aber auch, zum Wohle einer großen Menge von „Menſchen beizutragen, die Deiner Oberleitung unter⸗ „geben ſind. 304 „Nun noch das Letzte, was Dich vielleicht in nicht „geringe Verwunderung ſetzen wird, aber Dich nicht „niederſchlagen darf. Der künftige Beſitzer der Spy⸗ „ker'ſchen Güter, Blankenau ausgenommen, werde „nicht länger ich, ſondern wird der Fürſt von Put⸗ „bus ſein, mit dem ich ſeit einiger Zeit wegen Ver⸗ „kaufs meiner ſämmtlichen Beſitzungen auf Jasmund, „Wittow und Rügen in Unterhandlung ſtehe. Er iſt nein edler Mann, hochbegabt, zu allem Guten geneigt, „weiſe, kunſtſinnig und thätig für das Wohl der Sei⸗ „nigen und aller auf Rügen lebenden Menſchen, na⸗ „mentlich der dienenden und ärmeren Klaſſe. Begieb „Dich nächſtens nach Putbus zu ihm und ſtelle Dich „ihm vor, denn Du biſt durch den Beſitz von Blan⸗ „kenau, ſo wie durch Deine amtliche Stellung in die „Reihe der begüterten und angeſehenſten Bewohner „der Inſel getreten. Du wirſt mit ihm und er wird „mit Dir zufrieden ſein, das ſehe ich voraus. Ich „ſelbſt konnte nach allen Verluſten und da ich— nach „Gottes Willen— keine Familie mehr habe, meine „Güter auf Rügen nicht mehr nach Wunſch benutzen; „jeder alte Baum, jeder zerbröckelnde Fels würde mich „nur an meinen Verluſt erinnert und meinen väterli⸗ „lichen Schmerz erneuert haben. Ich ſcheide ungern „von meiner ſchönen Heimat und dem alten Wohn⸗ 305 „ſitze meiner Väter und ihren großen Beſitzungen, aber „einem Manne von meinen Jahren, der mit allen „Gedanken ſchon bei ſeinem Schöpfer im Himmel „weilt, wird eine ſolche Trennung leichter und mög⸗ ‚licher, als ſie Dir vielleicht erſcheinen mag. „Lebe nun auf Deinem reizenden Beſitze, am „Strande des Oſtſeeſpiegels und in der Nähe der mir „ſo theuren Stubnitz mit ihren unvergänglichen Schön⸗ „heiten in Frieden; genieße das Leben in ſeinen rei⸗ „chen Gaben und weiche nie ab von den Grundſätzen „und Neigungen, die in Dir ſtets vorherrſchend wa⸗ „ren und wegen derer ich Dich ſo lieb gewonnen habe. „Drücke Deinem alten Vater und Deiner guten Mut⸗ „ter in meinem Namen die Hand und erinnere Dich „bisweilen mit herzlicher Neigung, wie Du ſie mir „bisher bewahrteſt, des alten Mannes, der kinderlos „in die Grube ſteigt und Niemanden um ſich hat, „dem er weder ſeinen Namen, noch ſeinen Beſitz hin⸗ „terlaſſen kann. Dein dankbarer Pflegevater Graf Brahe. Stockholm den 24. Juni 1815. Der Strandvogt. IV. 20 306 Als Waldemar mit Leſung des Briefes zu Ende gekommen war, gab ſich die freudige Ueberraſchung der Anweſenden nicht durch laute Ausrufe kund, ſon⸗ dern Alle, von verſchiedenen Gefühlen ergriffen, ſenk⸗ ten die Köpfe und ſchwiegen, ſo tief war der Ein⸗ druck, den das Schreiben des edlen Grafen auf ſie hervorgebracht hatte. Hille aber war die Erſte, die ſich ermannte, indem ſie, auf ihren Bräutigam zutre⸗ tend, ihn innig in die Arme ſchloß und als Beſitzer von Blankenau begrüßte, der nun zehnmal reicher und angeſehener ſei, als ſie es je geweſen war. Dann aber trat der alte Strandvogt heran und ſagte, mit vor Aufregung bleichem Geſicht und doch im Hinterhalt mit ſeinem natürlichen Humor lächelnd: „So alſo hängt es zuſammen! Nun, Ehre Dem, dem Ehre gebührt! Junge, Du biſt jetzt mein Vor⸗ geſetzter und ich bin der Erſte, der Dir ſeine Unter⸗ thänigkeit und ſeinen Reſpect ausſpricht.“ „Nichts von Unterthänigkeit, nichts von Reſpect, mein Vater!“ rief Waldemar und ſchloß auch ihn in die Arme,„Alles aber in Liebe wie bisher und in noch größerer Liebe immerdar!“ Dann aber eilte er zur Mutter, die laut ſchluchzte und kein Wort hervorbrin⸗ gen konnte, da ſie ſich in das große und unverhoffte Glück ihres Sohnes gar nicht zu finden vermochte. — 307 Der alte Schwede, der mit ſeinen Glückwünſchen ſonſt immer zuerſt bei der Hand war, wo Jemandem ein Glücksſtern aufging, war aber jetzt noch ganz ver⸗ blüfft und ſtarrte mit offenem Munde aus dem Fen⸗ ſter auf die See hinaus, bis endlich Mutter Talke, nachdem auch ſie ihren herzlichen Glückwunſch ange⸗ bracht, ihm am Aermel zupfte und fragte, ob er denn dem Strandvogt von Jasmund nicht ſeine Chrerbie⸗ tung erweiſen wolle. „Ja,“ ſchrie er laut auf,„es wird wohl Zeit da⸗ zu ſein. Ha, wo iſt der neue Strandvogt von Jas⸗ mund? Ah, da! Junge, komm einmal her, Du alſo biſt der neue Herr auf dieſem Strande, he? Und vor Dir ſoll ich mich bücken?“ „Alter!“ rief Mutter Talke entrüſtet und ſchüttelte mit kräftigem Rucke einen Arm des Rieſen, der die⸗ ſen aber, da er immer wie eine Eiche ſtand, nicht im Geringſten erſchütterte. „Schweig!“ donnerte der alte Schwede,„ich habe es jetzt mit Dem da zu thun. Nein, Junge, ich bücke mich nicht vor Dir, denn wer vor einem Kaiſer von Pulitz nicht einmal die Kniee gebeugt hat, der wird es vor einem Strandvogt von Jasmund, was auch eine ganz neu gebackene Würde iſt, noch weniger thun, zumal Du der Mann in Würden biſt, den ich noch 20 5 308 in Pumphoſen unter den Gänſen und Hühnern habe herumſtolziren ſehen. Aber, Junge, wenn Du die Hand eines ſchlichten Biedermanns nehmen und ſein Freund bleiben willſt, in Freud und Leid, zu Waſ⸗ ſer und zu Lande— da iſt ſie, nur muß ich Dir ſa⸗ gen, daß es mir faſt leid thut, Dich ſo leichten Kaufs nach Bakewitz geſandt zu haben, denn ein Herr, wie Du jetzt einer geworden biſt, hätte von Gott und Rechtswegen kraft ſeiner eigenen Naſe den Weg da⸗ hin finden können. Doch nichts für ungut und es bleibt zwiſchen uns beim Alten. Deine Hochzeit aber, und das ſoll meine Rache ſein, findet dennoch auf dem kleinen Pulitz ſtatt und ich werde ſie auf eine Weiſe ausrichten, daß ganz Rügen ein Jahr davon ſprechen ſoll.“ Darauf näherte er ſich Waldemar und drückte ihm ſo mächtig die Hand mit ſeiner gewaltigen Rechten, daß ſelbſt er, der ſtarke junge Mann, das Wort fallen ließ, es ſei jetzt genug, ſonſt käme er als Krüppel in ſein neues Amt.— Der übrige Theil des Tages wurde in einer Stim⸗ mung verlebk wie ſie unter den Glücklichen im Kiek⸗ hauſe noch niemals geherrſcht hatte, und bis ſpät in die Nacht hinein blieben ſie zuſammen, immer wieder die ſeltſamen Fügungen der Vorſehung beſprechend 309 und bewundernd, die, hinter dunklen Schleiern ver⸗ borgen, doch ſtets ſo wohl für alle die Ihrigen ſorgt, und dankbar gegen Gott, den Geber alles Guten, gingen ſie endlich zur Ruhe, um im köſtlichen Schlum⸗ mer dem nächſten Tage entgegenzugehen, der wieder ein Freudentag für ſie ſein ſollte, wie ſie jetzt ihrer viele zu erwarten hatten. Am frühen Morgen des folgenden Tages war abermals das große Lootſenboot mit bunten Wimpeln und Flaggen für ſie ausgerüſtet, um den neuen Strandvogt von Jasmund mit allen Seinigen nach Blankenau zu fahren, wo er ihnen ſein ſchönes Gut zeigen und den Bewohnern deſſelben ſich als den je⸗ tzigen Beſitzer vorſtellen wollte. Als die Strandbe⸗ wohner nun hörten, welche Ehre und Auszeichnung ihrem alten Herrn und n Sohne widerfahren war, da begannen die Begrü ſungen und Glückwünſche des vorigen Tages von Neuem und wieder hatte ſich Alt und Jung in feſtlichen Kleidern am Strande ver⸗ ſammelt, um die Glücklichen in das gugße Boot ſtei⸗ gen zu ſehen und ihnen mit ihren klein en Fahrzeu⸗ gen das Geleit bis Stubbenkammer zu geben. Dieſe kurze Meerfahrt ward nun beim herrlichſten Morgenſonnenſchein in der fröhlichſten Stimmung zu⸗ rückgelegt und nie hatten ſich den Augen der doppelt der Höhe empor, 4 310 Beglückten die phantaſtiſchen Formen der im blen⸗ dendſten Weiß erglänzenden Kreidefelſen mit ihren weichen Linien und dunklen Steinklüften ſo maleriſch dargeſtellt, nie hatte das friſche Grün der ſie krönen⸗ den Buchenwälder ſo fröhlich in ihr Auge gelacht; ſtumm vor Entzücken ſchauten alle im Boote Sitzen⸗ den nach den vorüberfliegenden Höhen hinauf, im Herzen es dankbar erkennend, daß ihnen der gütige Vater im Himmel ein ſo ſchönes Vaterland und Ei⸗ nem von ihnen einen ſo herrlichen Wirkungskreis in⸗ nerhalb dieſer Schönheiten gegeben hatte. Als ſie nun aber Stubbenkammer hinter ſich ge⸗ laſſen hatten, die nackten Kreidefelſen mehr und mehr zurücktraten und dafür die dunkelgrünen Wände der hohen Ufer des nördlichen Jasmund's ihren vollen Sommerſchmuck entfalteten, da deutete ihnen Walde⸗ mar an, daß man ſich jetzt ſeiner und Hille's künfti⸗ ger Heimat nähere und Alle ſchauten ſchweigend nach radie ſich allmälig nach dem Meere abſenkte, aber in maleriſchen Geſtaltungen mit den Abhängen brſchmolz, an deren Fuße das felſige Ge⸗ röll der unnahbaren Küſte lagerte. Endlich hatten ſie die Gränze von Blankenau erreicht und Pieſing der Aeltere, der jetzt wieder das Steuer führte, lenkte das Boot in die ſichere Bucht in der Nähe der 311 Steintreppe, die der ämſige Verwalter von Blankenau mit ſo vieler Mühe wie Umſicht zum Gebrauche d3 künftigen Beſitzers aufgebaut hatte. Alle ſtiegen jetzt aus und kletterten nun langſam die Höhe hinan und kein Einziger befand ſich unter ihnen, der nicht bald von Allem, was er auf jedem Schritte vorfand, entzückt geweſen wäre. Die ganze“ Schöpfung des Grafen Brahe, vom Seeſtrande bis an die fernſten waldigen Gränzen des großen Gutes, ſtellte ſich als ein Meiſterſtück ländlichen Kunſtfleißes dar. Alles war neu, glänzend, wie im Frühlings⸗ ſchmuck ſeines Daſeins prangend. Als man ſich aber nun dem ſchönen Wohnhauſe näherte, die be⸗ quemen Räume deſſelben betrachtete und dann die Stallungen mit den herrlichen Pferden, Kühen und ſonſtigen lebendigen Weſen in Augenſchein nahm, da befiel ſie Alle eine dankbare Rührung, denn Keiner von ihnen hatte ſich die Gabe des edlen Grafen ſo reich und vollſtändig vorgeſtellt „Höre einmal, Junge,“ ſagte der alte Schwede, Waldemar bei Seite ziehend,„Du haſt wahrhaftig in den Glückstopf gegriffen bis an den Ellbogen, nein, was ſage ich, bis an die Schulter. Erſt⸗ haſt Du dieſe Hille gekapert, das ſchönſte und beſte Mädchen im ganzen Lande, und nun haſt Du noch dieſes Gut 312 zum Geſchenk erhalten, was wahrlich ſelbſt für einen Fürſten nicht zu ſchlecht wäre. Donnerwetter, ich tauſche gleich mit Dir und gebe Dir meinen ganzen Kram auf Pulitz dafür, ſammt dem geheimen Enten⸗ fang auf All⸗Rügen, ſelbſt wenn der ſchöne Wald noch ſtände, den der ſchuftige Kerl mit der Burgun⸗ der Naſe mir abgehauen hat. Aber Du wirſt Dich bedanken, ich merke es ſchon. Na, ich ſehe Alles, wie es kommen wird. Bakewitz werdet Ihr bald auf ewige Zeiten verpachten und immer in dieſem kleinen Paradieſe wohnen. Nicht wahr, mein Junge?“ „Ja, mein alter Frennd, wenn Hille will wie ich, wird es wohl ſo ſein— was meinſt Du, meine Theure?“ Hille war während der Worte des alten Schwe⸗ den an ihn herangetreten und hatte mit wogender Bruſt, denn ihre wonnigen Gefühle erdrückten ſie bei⸗ nahe, der Rede des wohlmeinenden Freundes zuge⸗ hört; als aber Waldemar die Frage an ſie richtete, ſchlang ſie ihren Arm um ihn und ihre Freudenthrä⸗ nen nicht mehr zurückhaltend, erwiderte ſie ſanft: „Hein Wunſch wird ſtets auch mein Wunſch ſein, mein Waldemar; es wäre undankbar und unchriſtlich von mir, wenn ich mir noch etwas Anderes auf Er⸗. den wünſchen ſollte, denn Gott hat mir mehr gege⸗ 313 ben, als um was ich ihn ſo oft auf meinen Knieen gebeten habe.“ Unterdeſſen blickten ſich die Anderen überall wie in einem Feenreiche um, Alles kam ihnen ſo wunder⸗ bar und ſeltſam vor, daß ſie ganz verdutzt einander anſchauten und kein Wort hervorbringen konnten. Die bisherigen Bewohner von Blankenau aber, als ſie das ſchöne Paar ſahen, das von jetzt an ihre Herr⸗ ſchaft ſein ſollte, was ſich bald kund gethan, fühlten ſich ſo beglückt und befriedigt, als hätten ſie ſelbſt ein großes Geſchenk erhalten, und auch hier wie im Kiekhauſe ward alſo ein feſtlicher Tag begangen. Im Laufe des Morgens nahm Waldemar den Verwalter Hendrichs bei Seite, der ihm lächelnd ſei⸗ nen Glückwunſch abgeſta nach allen das Gut betreffenden Einrichtungen. Da ſtellte es ſich denn herans, daß der gute Mann ſchon ſeit einigen Wochen gewußt, daß Blankenau einen neuen Herrn erhalten würde und daß er ſogleich in Waldemar Granzow denſelben vermuthet habe, als dieſer in ganz anderer Abſicht vor einigen Tagen daſ⸗ ſelbe beſucht hatte. Daß er aber Alles zu ſeinem Empfange bereit gefunden, verdanke er allein dem Grafen, denn dieſer habe dem Verwalter ſchreiben laſſen, Alles im Ganzen und Einzelnen licht und klar t hatte, und fragte ihn 314 zu machen, da der Herr, dem Blankenau von jetzt an gehöre, bald erſcheinen werde und nichts unvollendet und ſchmucklos finden dürfe. „Ich danke Ihnen aufrichtig für alle Ihre Sorg⸗ falt und Mühe,“ erwiderte Waldemar und drückte dem Verwalter herzlich die Hand,„aber haben Sie auch an Ihre eigene Perſon gedacht, da ich nun ſelbſt mein Gut bewirthſchaften werde?“ „Auch dafür hat der gute Herr Graf geſorgt, Herr Strandvogt. Sobald Sie eingezogen ſind und von Allem Kenntniß genommen haben, begebè ich mich nach Spyker, um die Stile des alten Kaſtellans einzunehmen.“ „Ha, was ſagen Si Ahlſtröm?“ 5 „Er bleibt auf den Befehl des Herrn Grafen Zeit Lebens in Spyker wohnen, nur ſoll er keine Mühe⸗ waltung mehr haben und in Ruhe ſeine Tage be⸗ ſchließen.“ „So, alſo das war ſein Plan! O, der Plan war gut und ich freue mich, daß Sie ein ſo angeneh⸗ mes Unterkommen gefunden haben. Auch in Spyker werden Sie ſchaffen und wirken können nach Herzens⸗ luſt.“ Und er lächelte heiter dabei, weil ihm, als er wo bleibt der gute 3¹ʃ⁵ die ſtattliche Geſtalt des neuen Spykerſchen Kaſtel⸗ lans überflog, ein ſehr natürlicher Gedanke einfiel. „Warum lächeln Sie, Herr?“ fragte der ehrliche Mann, der es bemerkt hatte. „Haben Sie ſchon eine Braut, Hendrichs?“ Der alſo Gefragte erröthete und verneinte die Frage. „Nun, ſo gratulire ich im Voraus. Ahlſtröm hat zwei hübſche Töchter und ein ganz anſehnliches Ver⸗ mögen. Vielleicht trifft es ſich, daß Sie den Alten und Mutter Heylike doppelt glücklich machen, indem Sie ſie zur Ruhe ſetzen und zugleich mit einem Schwie⸗ gerſohne beſchenken.“ Dazu kann Rath werden, Herr, die kleine runde Gyſela hat ſich ſchon lange meines Beifalls zu er⸗ freuen.“ „Dachte ich mir es doch! Nun dann wollen wir gute Nachbarſchaft halten, denn zwei junge Ehemän⸗ ner und zwei hübſche Frauen vertragen ſich in der Regel gut und Keiner braucht auf den Andern eifer⸗ ſüchtig zu ſein.“ „Ich danke für die mir zugedachte Ehre im Vor⸗ aus und nehme den Glückwunſch herzlich gern an!e Sehlusskapitel. Abſchied von unſern Freunden. Zwei Wochen ſpäter war die Beſtallung des neuen Strandvogts von Jasmund eingetroffen und Walde⸗ mar hatte die Reiſe nach Putbus in das fürſtliche Schloß angetreten, um ſich dem Fürſten, wie ihm Graf Brahe gerathen, als Denjenigen vorzuſtellen, dem er ſeine hohe Protection geliehen habe, ohne ihn anders als durch die Empfehlung eines edlen Mannes zu kennen. Der Fürſt Malte von Putbus nahm den jungen Mann mit ſeiner gewöhnlichen Leutſeligkeit und Herzlichkeit auf und fand an ihm, was Graf Brahe vorhergeſagt, einen ſchönen und da⸗ bei zuverläſſigen Mann, dem man in allen ſein Amt betreffenden Angelegenheiten das größte Vertrauen ſchenken konnte. Der Fürſt beſtätigte ihm den An⸗ kauf der Spyker'ſchen Güter mit Ausnahme des Gu⸗ 4 — tes Blankenau und behielt ihn einige Tage in Put⸗ bus, um ihm die Anlagen und Pläne behufs des be⸗ abſichtigten Bades und anderer Baulichkeiten zu zei⸗ gen, ihn auch in manchen Dingen, die ſeinen Beruf betrafen, um Rath zu fragen. Gegenſeitig von ein⸗ ander auf das Höchſte befriedigt, ſchieden ſie wieder, und Waldemar, mit vielen Freundlichkeiten und den herzlichſten Grüßen an die Jasmunder beladen, kehrte nach Saſſenitz zurück, wo er damals noch ſeine Woh⸗ nung hatte. Von hier aus aber fuhr er in Begleitung Hille's nach Spyker, um die Hinterlaſſenſchaft Magnus Bra⸗ he's in Beſitz zu nehmen, die nun geſammelt war, wie der alte Ahlſtröm geſchrieben hatte. Es war dies ein ernſter Tag für Waldemar Granzow, der allein durch Hille's Gegenwart ſein trübes Anſehen verlor. Nachdem er die verſchiedenen Gegenſtände hatte ein⸗ packen und auf einen Wagen laden laſſen, um ſie nach Blankenau zu befördern, wo ſie ihre Aufſtellung erhalten ſollten, hielt er ſich noch einen halben Tag bei den guten Leuten auf, die von jeher den innigſten Antheil an ſeinem Glücke genommen hatten und den⸗ ſelben auch jetzt wieder durch ihre herzliche Freude bethätigten. Von Gylfe ſah er nichts, obgleich er Manches hörte, was ihm kein beſonderes Behagen verurſachte. Als er aber mit ſeiner Braut in den Wagen ſteigen wollte, um nach Saſſenitz zurückzukeh⸗ ren, ſagte ihm Gyſela, daß Gylfe im Fenſter liege und ihn und Hille in genauen Augenſchein nehme. Das war die ganze Verbindung, in die er ſchließlich mit ihr trat, und er that wohl daran, ſich nicht wei⸗ ter um ſie zu bemühen, denn die alle Tage böſer werdende Dame hätte ihn bitter beleidigt, wenn er ihr nahe gekommen wäre, da ſie ihn ſeit des Colo⸗ nel Caillard's Tode, den ſie allein der Rachſucht des Freundes des jungen Grafen zuſchrieb, noch viel mehr haßte als früher, und der Anblick der ſchönen Hille, die ſie übermäßig beneidete, nicht allein weil ſie ſchön war, ſondern auch weil ſie einen ſie anbetenden Ge⸗ liebten beſaß, ihr Blut ſo in Wallung gebracht hatte, daß Gyſela acht Tage darunter leiden mußte. Am 30. September des Jahres 1815 fand die Hochzeitsfeierlichkeit des jungen Paares auf Pulitz ſtatt, denn Waldemar ſah eben ſo wenig wie Hille die Nothwendigkeit eines Aufſchubs ein, da durch die hochherzige Fürſorge des Grafen Brahe, wie ſich ſehr bald erwies, die ganze Ausſtattung des Herrenhauſes in Blankenau beſorgt worden war, ſobald er die Kunde von der Verbindung der beiden jungen Leute erhalten hatte. 19 Schon acht Tage vorher hatte der alte Schwede, der eine ſo ſeltene Feier in ſeinem Hauſe mit Glanz begehen wollte, ſechs Hochzeitsbitter auf bunt aus⸗ ſtaffirten Pferden im ganzen Lande umhergeſandt und nicht allein diejenigen Gutsbeſitzer, die früher mit Magnus Brahe und dem Bräutigam in freundſchaft⸗ lichem Verkehr geſtanden, ſondern auch eine große Zahl eingeladen, mit denen er ſelbſt im Laufe der Jahre bekannt geworden war. Es geſchah dies in des Feſt⸗ gebers wohlmeinender Abſicht, den Beſitzer von Blan⸗ kenau, der jetzt mit vollem Recht in die Reihe der begüterten Herren im Lande getreten war, gleich von vornherein mit allen bedeutenderen Perſonen auf der Inſel in nähere Verbindung zu bringen, wobei viel⸗ leicht auch die kleine Eitelkeit mit in's Spiel kam, daß eine Verwandte ſeiner Frau die Gattin deſſelben werden ſollte. Kein Einziger der zahlreich Geladenen hatte abge⸗ ſagt, und ſo ſtrömten an dem feſtgeſetzten Morgen — der in Bezug der Witterung einer der ſchönſten Tage des Jahres war— von allen Seiten zu Wa⸗ gen, zu Roß und zu Waſſer die Gäſte herbei und wurden in den zu dem Feſte ganz neu hergeſtell⸗ ten Herrenzimmer des alten Pachthauſes empfan⸗ gen, wie es die Sitte des Landes erheiſchte und die Gaſtfreiheit des Pächters von Pulitz für unerläßlich hielt. wohlwollenden und mit großer Herzlichkeit ſich geber⸗ denden Hochzeitsgäſte, und da Adam Sturleſon nicht allein den Vornehmen des Landes, ſondern auch den kleineren Leuten ein Freuden⸗ und Friedensfeſt berei⸗ ten wollte, ſo hatte er im Freien ein großes Zelt aufſchlagen und darin einen Tanzplatz anbringen laſ⸗ ſen, um auch dieſem Theile der Bewohner Rügen's das ihnen nach der Landesſitte Zukommende ungeſchmä⸗ lert zu gewähren. Hier im Freien nun wickelte ſich, nachdem die Trauung im Innern des Hauſes durch 8 den ehrwürdigen Paſtor von Willich aus Sagard vollzogen war, das ganze etwas wilde und laute Getümmel einer Rügianiſchen Hochzeit ab und es fehlte keine der ſeltſamen Schauſtellungen, die man bei dergleichen Gelegenheiten zu damaliger Zeit auf⸗ zuführen für angemeſſen hielt, die wir aber den Le⸗ ſern dieſer Erzählung zu ſchildern unterlaſſen, da in vielen andern Büchern dergleichen altväteriſche Scenen bereits weitläufig beſchrieben ſind. Wir begnügen uns damit, zu berichten, daß alle im Laufe der ſechs Jahre, die wir unſern Leſern vorgeführt, handelnd aufgetretenen Perſonen geringeren Standes auf Pu⸗ Kaum faßte das mäßig große Haus die Zahl der — A 321 litz verſammelt waren und bis gegen Morgen bei Sang und Tanz und Gläſerklang zuſammen blieben, nachdem ſie ſich alle Mühe gegeben hatten, die reich⸗ lich herbeigeſchafften Vorräthe des alten Schweden in flüſſiger und feſter Geſtalt in pure Einbildung zu ver⸗ wandeln. Wenn nun hier im Freien das Hochzeitsfeſt auf eine etwas ſtürmiſche Weiſe verlief, ſo ging es im Innern des Hauſes gerade ſo zu, wie es überall un⸗ ter gebildeten und begüterten Leuten herzugehen pflegt, und Niemanden ſtörte es, daß die Braut in ihrer bis⸗ herigen Tracht bei ihrem Ehrenfeſte erſchien, denn theils wußte man, daß ſie von Geburt eine Mönch⸗ guterin war, theils fand man ſie in den koſtbaren Stoffen und in der gewählten, dem beſſeren Geſchmacke gemäß moderniſirten Landestracht ſo wunderbar hold⸗ ſelig und ſchön, daß man keine Zeit zu der Vorſtellung übrig behielt, ſie würde im Kleide einer Großſtädterin vielleicht noch beſſer ausgeſehn haben. 4 Was Waldemar Granzow betraf, ſo erndtete auch er den vollen Beifall aller Gäſte ein, die ſeinen Ehren⸗ tag durch ihre Gegenwart verherrlichten, und von nun an blieb er mit Allen in Freundſchaft und geſelligem Verkehr, wie es das Leben auf jener Inſel, die ſein Vaterland war, mit ſich bringt. Von dieſomn Tage an Der Str. andvogt. IV.. 322 hatte er ſich nicht allein die Achtung, ſondern auch die Liebe aller Derer erworben, die ihm bisher noch nicht nahe geſtanden, und namentlich die Gutsbeſitzer und Pächter Jasmund' freuten ſich wahrhaft, gerade ihn in ihre Mitte eintreten zu ſehen, zumal er für das Wohl der ſchönen Halbinſel gerade durch ſein Amt ſo viel des Guten leiſten konnte und in Zukunft wirklich leiſtete.. Als nun aber der Abend auf Pulitz herabſank und das Feſt im Hauſe ſeinem Ende entgegenging, beeilte ſich Waldemar, mit ſeiner jungen Frau heimlich ein Boot zu beſteigen, das der vorſorgliche Pieſing nach geſchehener Verabredung an einem beſtimmten Orte bereit gehalten hatte. Er ſelbſt, ſein Bruder und noch zwei ältere Lootſen ruderten das neu ver⸗ bundene Paar nach Thieſſow hinüber, wo ein beque⸗ mer Wagen, mit zwei herrlichen Blankenauer Pferden beſpannt, ſie erwartete, um ſie im ſchnellſten Laufe nach der neuen Heimat zu führen, die von den zurück⸗ gebliebenen Dienern auf das Freundlichſte geſchmückt war. Hier auf Blankenau nun war es unſerm Hel⸗ den vom Schickſale gegönnt, an der Seite der ſchönen Hille Tage des reinſten Menſchenglücks auf Erden zu verleben und, geſegnet auch durch äußere Güter, ſich den Seinigen, deren Kreis alle Jahre umfangreicher 323 wurde, ſo dankbar wie liebevoll zu erweiſen, was von allen Inſelbewohnern anerkannt zu ſehen er in ſeinem langen Leben oft genug die Genugthuung hatte. So wollen wir denn hiermit von Beiden Abſchied nehmen, nachdem wir ſie durch mancherlei Gefahren und Sorgen in einer verhängnißvollen Zeit treulich bis in den Hafen der Ruhe begleitet haben, denn was wir von ihnen etwa noch Genaueres erwähnen könn⸗ ten, wird ſich von ſelbſt ergeben, wenn wir das Schick⸗ ſal aller Derer mit kurzem Blick überfliegen, die wir als Hauptträger mit in den Rahmen unſers Lebens⸗ bildes aufgenommen haben. Zu dieſer Vollendung unſrer Aufgabe gehen wir jetzt über und beginnen zuerſt mit der Schilderung des Schickſals einer Perſon, deſſen Entwickelung wir nicht bis in alle Einzelnheiten verfolgt haben, da uns ein näheres Eingehen auf daſſelbe zu weit abſeits ge⸗ führt haben würde. Wir meinen hiermit das Schick⸗ ſal der Gylfe Torſtenſon. Nachdem das Fräuleinſtift in Bergen, ſeit der Oc⸗ cupation durch die Franzoſen von dieſen und ſchon einige Zeit vorher von den Schweden als Hospital benutzt, wieder in bewohnbaren Zuſtand verſetzt und ſeiner uralten Beſtimmung zurückgegeben war, kamen die alten und jungen Fräulein der Inſel von Nah 21* und Fern herbei und richteten ſich wieder wie früher häuslich in demſelben ein. Auch Gylfe Torſtenſon zog es vor, im Frühjahr 1816 Schloß Spyker mit der lebhafteren Stadt zu vertauſchen, da die einſame Waldwohnung, in der ſie bis dahin zur Betrübniß des alten Ahlſtröm's und ſeiner Familie gewohnt hatte, ihren Neigungen in gegenwärtiger Zeit nur wenig entſprach, zumal ſie nicht annehmen konnte, daß ſie dem neuen Beſitzer eine angenehme Beigabe ſeiner erkauften Herrſchaft ſein würde, der ja nicht die Theil⸗ nahme für ſie empfinden konnte, die Graf Brahe ihr ſeit ſo langen Jahren durch unzählige menſchenfreund⸗ liche Handlungen bewieſen hatte. In den erſten Jah⸗ ren ihres Aufenthalts zu Bergen nach ihrer Ueberſie⸗ delung ſpielte ſie noch die junge lebensluſtige und hoffnungsvolle Dame, die auf eine goldene Zukunft rechnete, mit der Zeit aber, und beſonders, da ihre Jugendblüthe auffallend raſch verwelkte, erkannte ſie immer mehr und mehr, daß ſie den Gipfel ihres ir⸗ diſchen Genuſſes und Vergnügens lange überſtiegen habe. Da ſaß ſie nun in dem trüben altväteriſchen Hauſe unter älteren und leider auch jüngeren Damen, denen das Schickſal eben ſo wenig wie ihr ſelber ge⸗ lächelt hatte, aber nicht als die ſo ſchöne, fröhliche. und leichtfertige Gylfe Torſtenſon, die ſie einſt gewe⸗ ——y;— 325 ſen, ſondern als alte Jungfer, die des Lebens ſchim⸗ mernden Lenz hinter ſich hatte, und verbrachte ihre Zeit mit Seufzen und Stöhnen über die Vergänglich⸗ keit alles Schönen auf Erden und mit Erinnerungen, wie ſie wohl nicht geglaubt, ſie jemals bezwingen zu müſſen, als ſie jung, reizend und hoffnungsvoll war. Mit ihrem ſchnell ſich verändernden Aeußern hatte auch ihr Charakter eine Umwandelung erlitten oder wenig⸗ ſtens mehr und mehr die Form ausgeprägt, die er ſchon in früheren Jahren im Keime gezeigt. Wie ihr einſt ſo zierlicher Körper, von weißer und roſiger Haut umſpannt, in allen Reizen des Jugendlenzes geblüht,— ſo war er jetzt welk, zuſammengetrocknet, von einer gelblichen Hülle locker umgeben, auf der keine Spur von der ehemaligen friſchen Blüthe zurückgeblieben war. Ihr braunes Auge allein hatte noch Glanz und Leben behalten, aber es lag tief in dunklen Höhlen und blitzte und flammte mehr, als es leuchtete und wärmte, ja bisweilen hatte es ſogar etwas peinlich Stechendes, Verwundendes, namentlich wenn ſie von dem Glücke Anderer ſprach oder hören mußte und da⸗ bei an das eigene verſcherzte Glück zu denken gezwun⸗ gen ward. Ihr einſt ſo reiches, goldblondes Haar hatte zwar immer noch, wenn die Kunſt es auffriſchte, einen Schimmer des früheren Lichtglanzes bewahrt, 2 aber es war ſparſam, dünn und im Ganzen todt und ſtrohfarben geworden; ihre frühere ſtolze Haltung war einer zuſammengeſunkenen Hinfälligkeit gewichen, die ihr vor Allem ein gebrechliches und alüüngfeuliches Anſehen verlieh. Dabei verfolgte und peinigte ſie eine unaufhör⸗ liche Unruhe, ſo daß ſie nicht lange an einer Stelle ſitzen und am wenigſten mit Sammlung und Beha⸗ gen leſen konnte, da die Gedanken zu heftig in ihr ſtürmten und ſie von einem Orte zum andern jag⸗ ten, um irgend wo, wiewohl vergeblich, die begehrte Ruhe zu gewinnen. Am liebſten ging ſie in Geſell⸗ ſchaften, wo möglich alle Tage in eine andere, weil das am raſcheſten die Zeit tödtet, die für Ihresglei⸗ chen wie eine Schnecke dahin ſchleicht, Geſellſchaften, zu denen man ſie einlud, um Kaffee oder Thee zu trinken und dabei die Stunden mit Klatſchereien zu füllen, denn da hörte ſie am häufigſten Dinge erzäh⸗ len, die den Leumund anderer Perſonen betrafen, und es machte ihr eine eigene Freude, ein liebloſes Ur⸗ theil über Andere zu vernehmen und dann ſelbſt ih⸗ rer lockeren Zunge die Zügel ſchießen zu laſſen. Nie fand ſie eine Frau oder ein Mädchen ſchön und die Tugendhaftigkeit Aller, auch ihr gänzlich Un⸗ bekannter, bezweifelte und begeiferte ſie; überall fand ſie Mängel, Verfall und Häßlichkeit, wo Andere voll Beifall und Sympathie waren. Ganz beſonders red⸗ ſelig aber wurde ſie, wenn von Frankreich und ſeinen Bewohnern die Rede war, was auf Rügen natürlich ſehr oft geſchah, und gar zu gern leitete ſie das Ge⸗ ſpräch auf die Occupationszeit, die ſie mit ſtolzem Selbſtgefühl die große Zeit ihrer Jugend nannte. Alle Franzoſen waren in ihren Augen glorreich, er⸗ haben, klug und geiſtreich, alle Deutſchen und Schwe⸗ den dagegen kleinſtädtiſch, ſtümperhaft gehildet, halb wild und im Ganzen erbärmliche Creakuren. Sie liebte es auch ſehr, mit franzöſiſchen Brocken um ſich zu werfen und mit ihrer Kenntniß dieſer Sprache und Literatur ſich zu brüſten, während ſie eingeſtand, ſeit Jahren kein deutſches Buch mehr geleſen zu haben, noch ferner leſen zu wollen, da ſie alle langweilig, ſchülermäßig und ohne alle geiſtige Würze wären. Von ihrer Jugendliebe ſprach ſie mit feuriger Be⸗ geiſterung, und Colonel Caillard war der einzige Mann, der ihr als das vollkommenſte Muſter cavaliermäßi⸗ ger Größe galt. Er würde ſie geheirathet haben, er⸗ zählte ſie ſehr oft, wenn ihn der ſchändliche Strand⸗ vogt von Jasmund— beiläufig ein Mann, den alle Menſchen in Bergen auf Händen trugen— nicht meuchleriſch im Hohlweg der Prora überfallen und * gemordet hätte, blos um ſeine gemeine Rache zu küh⸗ len und ihn ſeines wohlerworbenen Beſitzes zu be⸗ rauben. Alle Leute, die mit ihr verkehrten, kannten dieſe franzöſiſche Spiegelfechterei, dies Buhlen mit einge⸗ bildeten Phantomen, und hörten ſie ſchweigend an, wenn ſie ihre Erlebniſſe zum hundertſten Male auf⸗ tiſchte und immer mit neuen Zuſätzen ausſchmückte. Aber man vermied ſie, wo man ſie vermeiden konnte, zumal ſie ſtets auf die allgemein geehrte und geliebte Familie Brahe ſchimpfte, der ſie, wie Jedermann wußte, Alles verdankte, was ſie auf Erden beſaß und galt, und von der ſie dennoch behauptete, ſie habe ſie ſchimpflich behandelt, indem ſie ſie in Lumpen gehen und Hungers ſterben laſſe. In ihren letzten Jahren ſtand ſie faſt ganz allein, denn ſie vertrug ſich mit keinem Menſchen und dich⸗ tete Jedem das Aergſte und Schlimmſte an. Jeder Mann war in ihren Augen ein Hahnrei und jede Frau eine Buhlerin. Schönheit gab es auf Erden nicht mehr, ſeitdem ſie jung geweſen war, und alle Tugend war bei den Männern zum Laſter geworden. Wenn ſie in ihrem verjährten Putze, hochroth ge⸗ ſchminkt, mit alten zerdrückten Blumen überladen und mit außer Mode gekommenen Ueberbleibſeln ihrer ehe⸗ 329 maligen Toilette ſich auf der Straße zeigte, gingen ihr ſogar die Kinder aus dem Wege und nannten ſie die alte verrückte Schwedin, die nur Franzöſiſch ſpräche und Deutſch ſchimpfte. Den Namen Spyker durfte Niemand vor ihr nennen, denn das beleidigte ſie, als ob man ſie in das Geſicht ſchlüge; entfuhr Jemandem einmal zufällig das Wort oder irgend eine Andeutung darauf, dann biß ſie wie eine Wüthende um ſich und erklärte die ganze Welt für eine Mörder⸗ grube. Zuletzt wurde ſie lahm und taub; auf einen alten Regenſchirm geſtützt, einen Hut auf dem Kopfe tragend, der vor vierzig Jahren Mode geweſen war, ſchlürfte ſie wie ein dräuendes Geſpenſt durch die Gaſſen, indem ſie den Männern lachende Blicke und jungen Mädchen eine höhniſche Fratze zuwarf. Ihr größtes Labſal war Kaffee, Schnupftabak und — ſüßer Liqueur. In letzterem vergeudete ſie alles Geld, was ſie erübrigen konnte, und endlich kam ſie nur nach Spirituoſen duftend in die Geſellſchaften, wo ſie tolles Zeug redete und Jedermann Aergerniß bereitete. Als ſie endlich, beinahe ſechszig Jahre alt, ſtarb, glich ſie einer ausgetrockkneten Mumie und war ſo klein und dünn geworden, daß ſie ein Knabe hätte zur Gruft tragen können. In ihrer Commode fand man— wer hätte das geglaubt und wer will es ge⸗ 330 nügend erklären!— eine Locke von Magnus Brahe's Haar, den Namen deſſelben auf ein Papier dabei ge⸗ ſchrieben, und alle Briefe der Familie vor, welche die⸗ ſelbe in früheren Zeiten an ſie gerichtet hatte, wo⸗ durch ihre Undankbarkeit erſt recht zu Tage kam und den Glauben veranlaſſen konnte, ſie habe wie mit Anderen, ſo mit ſich ſelbſt Komödie geſpielt und ihre Liebe ſei Haß und ihr zur Schau getragener Haß Liebe geweſen. Die Andenken an Colonel Caillard aber hatte ſie ſämmtlich in einem lichten Augenblicke verbrannt, angeblich, um die rohe und entmenſchte Welt nicht die Koſtbarkeiten ſehen und erben zu laſſen, die ſie von dem großen und geliebten Todten bis an ihr Ende bewahrte. Wenden wir uns von dieſem traurigen Bilde eines verfehlten und durch eigene Schuld verkümmerten Lebens ab und ſuchen wir andere Perſonen aus un⸗ ſerer Erzählung auf, deren Geſchick uns behaglicher ſtimmt und mehr unſre Sympathie erregt. Da wir ſo eben Spyker erwähnt, wollen wir zu⸗ nächſt des alten Ahlſtröm's und ſeiner Familie geden⸗ ken. Alle Mitglieder derſelben waren auf dem Hoch⸗ zeitsfeſte des Strandvogts von Jasmund geweſen und hatten mit ganzer Hingebung an ſeinem Glücke. Theil genommen. Im darauf folgenden December 331 zog der Verwalter Hendrichs von Blankenau nach Spy⸗ ker, lernte daſelbſt Gyſela näher kennen und heirathete ſie im nächſten Frühjahre, während ihre Schweſter Al⸗ heid die Frau des fürſtlichen Förſters auf Werder ward. Der Kaſtellan ſelber und ſeine gute Heylike lebten noch lange in traulicher Ruhe unter ihren Kindern und Kindeskindern und nicht ſelten erhielten ſie von Blan⸗ kenau her Beſuch, was immer einen Freudentag auf dem alten Spyker hervorrief. Im Jahre 1816 ging das Schloß nebſt allen dazu gehörigen Gütern wirk⸗ lich in den Beſitz des Fürſten von Putbus über und Manches änderte ſich ſeit jener Zeit in ſeinem Aeußern und Innern, aber immer noch ſteht es im Ganzen ſo da, wie wir es beſchrieben haben, und dürfte der Le⸗ ſer es lohnend finden, bei einem Beſuche auf Rügen die Gemächer deſſelben zu betrachten und die alten Schätze zu bewundern, die zum großen Theil ſchon zur Zeit unſrer Erzählung an Ort und Stelle waren. Mit am meiſten von allen Perſonen aber intereſ⸗ ſirt uns wohl das alte Ehepaar im Kiekhauſe bei Saſſenitz, deſſen Schickſale wir am genaueſten ent⸗ wickelt haben, und ſo kehren wir noch einmal zum Schluß in daſſelbe zurück. Viele Jahre hindurch ſah dort Alles noch eben ſo aus, wie wir es im Jahre 1815 verließen; kein Stück Möbel war von ſeinem 332 Platze gerückt, kein Baum abgebrochen, kein Garten⸗ fleck umgeändert. Unter den Buchen erhob ſich nach wie vor die alte Warte und bei Regen und Sturm finden wir daſelbſt, in ſeinen Sturmrock gehüllt, das Sprachrohr neben ſich und das Fernglas zur Hand, den ehrwürdigen Strandvogt, der nach gefährdeten Schiffen ausſchaut und Befehle zu ihrer Rettung von oben herab ertheilt. Wenn er dann lange genug draußen geſeſſen hatte, kam, wie ſchon früher, auch Mutter Ilske hereingetrippelt, rief ihrem Alten mit bittenden und, wenn das nicht half, mit drohenden Worten in's Zimmer, wo gewöhnlich der Kaffee, das Mittag⸗ oder Abendbrod bereit ſtand, nach welchem immer noch die holländiſche Pfeife gedampft und ſpät Abends die Bibel geleſen wurde. Ihre Kinder in Blankenau beſuchten ſie faſt alle Sonntage, denn der Strandvogt von Jasmund ver⸗ ſäumte es bei irgend erträglichem Wetter nie, den Eltern einen bequemen Wagen zu ſenden und ſie hin und zurück fahren zu laſſen. Aber die Kinder kamen auch oft zu den Alten und dann wurde gar häufig von den früheren Zeiten geſprochen, die ſo trübe ge⸗ weſen waren und doch, wie es ſo oft im Leben iſt, ſo herrliche Tage in ihrem Gefolge gehabt hatten. Die größte Freude aber hatten die beiden Alten an —— 333 den heranwachſenden Kindern auf Blankenau, mit denen die jungen Leute reichlich geſegnet waren. Der alte Strandvogt ſah ſeine Enkel noch im Boote auf der See das Segeln lernen und Mutter Ilske lehrte ihren Enkelinnen das Stricken. Als ſie endlich hoch betagt ſtarben, gingen ſie gern aus dieſer Welt, denn ſie fühlten ſich ermüdet von der langen Arbeit des Le⸗ bens und ſehnten ſich nach der Ruhe im Himmel, die ja für uns Alle die herrlichſte und lieblichſte iſt, die wir erhoffen können. Darum war der Schmerz der Ueberlebenden auch weniger groß, ſie gönnten den braven Eltern den Frieden, den ſie ſelbſt einſt zu er⸗ ringen hoffen, denn Beide leben, obwohl betagt, noch heute und freuen ſich ihres Daſeins im Gedeihen ihrer Kinder und Kindeskinder, die die Bevölkerung von Rügen um eine erkleckliche Zahl vermehrt haben. Das Kiekhaus ſelber verſchenkte Waldemar, als die Eltern geſtorben waren, an Pieſing den Aelteren, der ihm ſo viele Freundſchaft im Leben erwieſen, und bis in die letzten Tage ſeines Lebens gab es keinen Menſchen auf Rügen, den der rieſige Mann höher ge⸗ achtet und mehr geliebt hätte, als den Sohn ſeines ehemaligen Herrn, den Strandvogt von Jasmund auf Blankenau, wie er ihn ſpäter nannte. Auf Pulitz endlich, denn das müſſen wir doch 334 auch noch einmal betreten, ging es ebenfalls viele Jahre hindurch in althergebrachtem Geleiſe fort. Der alte Schwede blieb bis zu ſeinem Lebensende Pächter da⸗ ſelbſt und gab ſich alle Mühe, den Wald wieder an⸗ zupflanzen, den der Kaiſer von Pulitz mit der rothen Naſe in die Taſche geſteckt hatte, was ihm jedoch nicht vollkommen gelingen wollte. Noch heute erkennt man die Spuren der gewaltigen Lichtung und alte Leute wiſſen noch immer zu erzählen, welchen Schmerz der ehrliche Schwede empfunden habe, als er ſeine Rieſen⸗ garde vom Erdboden verſchwinden ſah. Wenn Adam Sturleſon und Mutter Talke nicht auf Pulitz weilten, fo konnte man ſie entweder im Kiekhauſe oder in Blankenau ſuchen, denn an beiden Orten hielten ſie ſich oft und lange auf und von bei⸗ den trennten ſie ſich immer ſchwerer, je älter und hin⸗ fälliger ſie wurden.„Onkel Schwede“ aber, wie ihn die Kinder Hille's nannten, war auf Blankenau ein hoch angeſehener Mann. Er ſchnitzte den Jungen Boote und Segel, lehrte ſie reiten, ſchwimmen und ſchießen, und Abends ritten ſie auf ihm ſelber in den mit Dek⸗ ken belegten Stuben, bis„das große Pferd“ müde wurde und durchaus„in den Stall“ gebracht werden wollte. Das Fluchen aber konnte er ſich nicht mehr abgewöhnen, darum ward es ihm erlaubt, ſowohl im 335 Kiekhauſe, wie in Blankenau, und wenn er einmal recht tobte und wetterte, dann ſagte wohl Waldemar lächelnd zu der immer ſchön und hold bleibenden Hille: „Hörſt Du, Liebe, es weht ein alter Nordweſter! Gieb mir meine Sturmkappe her, ich muß an den Strand, ſonſt bläſt er uns alle unſre Boote fort.“ „Donner und Wetter!“ ſchrie dann der alte Schwede, „bleibt nur hier und hätſchelt Euch müde an Eurer Frau, der Nordweſter iſt ſchon vorübergezogen und wir haben wieder Sonnenſchein und Windſtille.“ Der Sonnenſchein und die Windſtille aber zeigten ſich dann ſtets wirklich auf dem Geſichte ſeiner jungen Freunde und Beide drückten ihm wohlwollend und dankbar die Hand, da ſie ihm nie vergeſſen konnten, was er in ſchweren Stunden einſt für ſie gethan. So haben wir denn das Hauptſächlichſte aus dem Leben unſerer Lieblinge abgehandelt und können nun ſelbſt von unſern wohlwollenden Leſern Abſchied mehmen. Gehet hin und ſchauet ſelber, rufen wir ihnen am Ende unſers Buches zu, was Rügen für eine ſchöne Schöpfung Gottes iſt, und wenn Ihr keine ſo große Freude daran empfindet wie wir, wenn Ihr ſeine blauen Waſſer, ſeine weißen Kreidefelſen, ſeine Buchenwälder, Gräber und moosbewachſenen Denkſteine ſeht, ſo verzeiht uns, daß wir Euch be⸗ ————yy————— müht, unſrer Erzählung eine ſo lange Aufmerkſamkeit ‚zu ſchenken, aber Ihr hättet ja das Buch aus der Hand legen können, ehe Ihr es beendet, und daß Ihr das nicht gethan, iſt nicht unſere— ſondern al⸗ lein Eure Schuld. Ende. Druck von Philiop Reclam jun. in Leipzig.